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Dasselbe erklärt +sich einerseits durch die ungeheuren Fortschritte der wirklichen +Naturerkenntnis in diesem merkwürdigsten Abschnitte der menschlichen +Geschichte, andererseits durch den offenkundigen Widerspruch, in +den dieselbe zur gelehrten Tradition der »=Offenbarung=« geraten +ist, und endlich durch die entsprechende Ausbreitung und Verstärkung +des vernünftigen Bedürfnisses nach Verständnis der unzähligen neu +entdeckten Tatsachen, nach klarer Erkenntnis ihrer Ursachen. + +Den gewaltigen Fortschritten der empirischen Kenntnisse in unserem +»=Jahrhundert der Naturwissenschaft=« entspricht keineswegs eine +gleiche Klärung ihres theoretischen Verständnisses und jene höhere +Erkenntnis des kausalen Zusammenhanges aller einzelnen Erscheinungen, +die wir mit einem Worte =Philosophie= nennen. Vielmehr sehen wir, daß +die abstrakte und größtenteils metaphysische Wissenschaft, welche auf +unseren Universitäten seit Jahrhunderten als »Philosophie« gelehrt +wird, weit davon entfernt ist, jene neu erworbenen Schätze der +Erfahrungswissenschaft in sich aufzunehmen. Und mit gleichem Bedauern +müssen wir auf der anderen Seite zugestehen, daß die meisten Vertreter +der sogenannten »exakten Naturwissenschaft« sich mit der speziellen +Pflege ihres engeren Gebietes der Beobachtung und des Versuchs +begnügen und die tiefere Erkenntnis des allgemeinen Zusammenhanges +der beobachteten Erscheinungen -- d. h. eben Philosophie! -- für +überflüssig halten. Während diese reinen Empiriker »den Wald vor +Bäumen nicht sehen«, begnügen sich jene Metaphysiker mit dem bloßen +Begriffe des Waldes, ohne seine Bäume zu sehen. Der Begriff der +»=Naturphilosophie=«, in welchem ganz naturgemäß jene beiden Wege +der Wahrheitsforschung, die empirische und die spekulative Methode, +zusammenlaufen, wird sogar noch heute in weiten Kreisen beider +Richtungen mit Abscheu zurückgewiesen. + +Dieser unnatürliche und verderbliche Gegensatz zwischen +Naturwissenschaft und Philosophie, zwischen den Ergebnissen der +Erfahrung und des Denkens, wird unstreitig in weiten gebildeten Kreisen +immer lebhafter und schmerzlicher empfunden. Das bezeugt schon der +wachsende Umfang der ungeheuren populären »naturphilosophischen« +Literatur, die im Laufe des letzten halben Jahrhunderts entstanden +ist. Das bezeugt auch die erfreuliche Tatsache, daß trotz jener +gegenseitigen Abneigung der beobachtenden Naturforscher und der +denkenden Philosophen dennoch hervorragende Männer der Wissenschaft aus +beiden Lagern sich gegenseitig die Hand zum Bunde reichen und vereinigt +nach der Lösung jener höchsten Aufgabe der Forschung streben, die wir +kurz mit einem Worte als »=Die Welträtsel=« bezeichnen. + +Die Untersuchungen über diese »Welträtsel«, welche ich in der +vorliegenden Schrift gebe, können vernünftigerweise nicht den Anspruch +erheben, eine vollständige =Lösung= derselben zu bringen; vielmehr +sollen sie nur eine kritische =Beleuchtung= derselben für weitere +gebildete Kreise geben und die Frage zu beantworten suchen, wie weit +wir uns gegenwärtig deren Lösung genähert haben. =Welche Stufe in der +Erkenntnis der Wahrheit haben wir am Ende des 19. Jahrhunderts wirklich +erreicht?= Und welche Fortschritte nach diesem unendlich entfernten +Ziele haben wir im Laufe desselben wirklich gemacht? + +Die Antwort auf diese großen Fragen, die ich hier gebe, kann naturgemäß +nur =subjektiv= und nur teilweise richtig sein; denn meine Kenntnisse +der wirklichen Natur und meine Vernunft zur Beurteilung ihres +objektiven Wesens sind beschränkt, ebenso wie diejenigen aller anderen +Menschen. Das Einzige, was ich für dieselben voll in Anspruch nehme, +und was auch meine entschiedensten Gegner anerkennen müssen, ist, daß +meine monistische Philosophie von Anfang bis zu Ende =ehrlich= ist, +d. h. der vollständige Ausdruck der Überzeugung, welche ich durch +vieljähriges eifriges Forschen in der Natur und durch unablässiges +Nachdenken über den wahren Grund ihrer Erscheinungen erworben habe. +Diese naturphilosophische Gedankenarbeit erstreckt sich jetzt über +ein volles halbes Jahrhundert, und ich darf jetzt, in meinem 66. +Lebensjahre, wohl annehmen, daß sie =reif= im menschlichen Sinne ist; +ich bin auch völlig gewiß, daß diese »=reife Frucht=« vom Baume der +Erkenntnis für die kurze Spanne des Daseins, die mir noch beschieden +ist, keine bedeutende Vervollkommnung und keine prinzipiellen +Veränderungen erfahren wird. + +Alle wesentlichen und entscheidenden Anschauungen meiner monistischen +und genetischen Philosophie habe ich schon vor 33 Jahren in meiner +»=Generellen Morphologie der Organismen=« niedergelegt, einem +weitschweifig und schwerfällig geschriebenen Werke, welches nur +sehr wenig Leser gefunden hat. Es war der erste Versuch, die +neubegründete Entwickelungslehre für das ganze Gebiet der organischen +Formenwissenschaft durchzuführen. Um wenigstens einen Teil der neuen, +darin enthaltenen Gedanken zur Geltung zu bringen und um zugleich einen +weiteren Kreis von Gebildeten für die größten Erkenntnisfortschritte +unseres Jahrhunderts zu interessieren, veröffentlichte ich zwei Jahre +später (1868) meine »=Natürliche Schöpfungsgeschichte=«. Da dieses +leichter geschürzte Werk trotz seiner großen Mängel in neun starken +Auflagen und zwölf verschiedenen Übersetzungen erschien, hat es nicht +wenig zur Verbreitung der monistischen Weltanschauung beigetragen. +Dasselbe gilt auch wohl von der weniger gelesenen »=Anthropogenie=«, +in welcher ich (1874) die schwierige Aufgabe zu lösen versuchte, die +wichtigsten Tatsachen der menschlichen Entwickelungsgeschichte einem +größeren Kreise von Gebildeten zugänglich und verständlich zu machen; +die vierte, umgearbeitete Auflage derselben erschien 1891. Einige +bedeutende und besonders wertvolle Fortschritte, welche neuerdings +dieser wichtigste Teil der Anthropologie gemacht hat, habe ich in +dem Vortrage beleuchtet, den ich 1898 Ȇber unsere gegenwärtige +Kenntnis vom =Ursprung des Menschen=« auf dem vierten internationalen +Zoologenkongreß in Cambridge gehalten habe (siebente Auflage 1899). +Mehrere einzelne Fragen unserer modernen Naturphilosophie, die ein +besonderes Interesse bieten, habe ich behandelt in meinen »Gesammelten +populären Vorträgen aus dem Gebiete der =Entwickelungslehre=« (1878). +Endlich habe ich die allgemeinsten Grundsätze meiner monistischen +Philosophie und ihre besondere Beziehung zu den herrschenden +Glaubenslehren kurz zusammengefaßt in dem »Glaubensbekenntnis eines +Naturforschers: =Der Monismus als Band zwischen Religion und +Wissenschaft=« (1892, achte Auflage 1899). + +Die vorliegende Schrift über die »=Welträtsel=« ist die weitere +Ausführung, Begründung und Ergänzung der Überzeugungen, welche ich in +den vorstehend angeführten Schriften bereits ein Menschenalter hindurch +vertreten habe. Ich gedenke damit meine Studien auf dem Gebiete der +monistischen Weltanschauung abzuschließen. + +Der alte, viele Jahre hindurch gehegte Plan, ein ganzes »=System +der monistischen Philosophie=« auf Grund der Entwickelungslehre +auszubauen, wird nicht mehr zur Ausführung gelangen. Meine Kräfte +reichen dazu nicht mehr aus, und mancherlei Mahnungen des herannahenden +Alters drängen zum Abschluß. Auch bin ich ganz und gar ein Kind des +=neunzehnten Jahrhunderts= und will mit dessen Ende einen Strich unter +meine Lebensarbeit machen. + +Die unermeßliche Ausdehnung, welche das menschliche Wissen infolge +fortgeschrittener Arbeitsteilung in unserem Jahrhundert erlangt hat, +läßt es schon heute unmöglich erscheinen, alle Zweige desselben mit +gleicher Gründlichkeit zu umfassen und ihren inneren Zusammenhang +einheitlich darzustellen. Selbst ein Genius ersten Ranges, der +alle Gebiete der Wissenschaft gleichmäßig beherrschte, und der die +künstlerische Gabe ihrer einheitlichen Darstellung in vollem Maße +besäße, würde doch nicht imstande sein, im Raume eines mäßigen Bandes +ein umfassendes allgemeines Bild des ganzen »Kosmos« auszuführen. +Mir selbst, dessen Kenntnisse in den verschiedenen Gebieten sehr +ungleich und lückenhaft sind, konnte hier nur die Aufgabe zufallen, +den allgemeinen Plan eines solchen Weltbildes zu entwerfen und die +durchgehende =Einheit= seiner Teile nachzuweisen, trotz sehr ungleicher +Ausführung derselben. Das vorliegende Buch über die Welträtsel trägt +daher auch nur den Charakter eines »Skizzenbuches«, in welchem +=Studien= von sehr ungleichem Werte zu einem Ganzen zusammengefügt +sind. Da die Niederschrift derselben zum Teil schon in früheren Jahren, +zum anderen Teil aber erst in der letzten Zeit erfolgte, ist die +Behandlung leider oft ungleichmäßig; auch sind mehrfache Wiederholungen +nicht zu vermeiden gewesen; ich bitte dieselben zu entschuldigen. + +Indem ich hiermit von meinen Lesern mich verabschiede, spreche ich die +Hoffnung aus, daß ich durch meine ehrliche und gewissenhafte Arbeit +-- trotz ihrer mir wohl bewußten Mängel -- ein kleines Scherflein zur +Lösung der »Welträtsel« beigetragen habe, und daß ich im Kampfe der +Weltanschauungen manchem ehrlichen und nach reiner Vernunfterkenntnis +ringenden Leser denjenigen Weg gezeigt habe, der nach meiner festen +Überzeugung allein zur Wahrheit führt, den Weg der =empirischen +Naturforschung= und der darauf gegründeten =monistischen Philosophie=. + + =Jena=, 2. April 1899. + + _Ernst Haeckel._ + + + + +Vorwort zur Taschenausgabe. + + +Auf Anregung des Verlegers der »Welträtsel«, Herrn =Alfred Kröner=, und +auf Wunsch vieler Leser dieses Buches, habe ich mich entschlossen, eine +neue und bequeme =Taschenausgabe= davon zu veranstalten. Es kam dabei +besonders in Betracht, den Inhalt einem größeren Kreise durch leichtere +Darstellung und gefälligere Form zugänglich zu machen, überflüssige +Zugaben zu entfernen und Wiederholungen auszuschalten, sowie viele +Fremdwörter und verwickelte Ausführungen durch leichter verständliche +zu ersetzen. Ferner sind viele Sätze entfernt worden, welche teils +ferner liegende, teils zweifelhafte Fragen behandelten; das Buch +hat dadurch an Klarheit und Sicherheit, wie auch an einheitlicher +Durchführung gewonnen. + +Der Raumersparnis halber sind auch alle Literaturhinweise und +=Anmerkungen= weggefallen, welche in der ersten großen Ausgabe +enthalten sind, sowie das =Nachwort= zu der später erschienenen +Volksausgabe (»Das Glaubensbekenntnis der reinen Vernunft«). Diejenigen +Leser, welche diese weiteren Zusätze und Erläuterungen kennen zu lernen +wünschen, finden sie in der kürzlich erschienenen zehnten Auflage +der =großen Ausgabe=, und teilweise in der »neu durchgesehenen und +verbesserten Auflage der =Volksausgabe=« (240. Tausend). + +Möge auch diese neue =Taschenausgabe= dazu dienen, das Licht der +Aufklärung in immer weitere Kreise zu tragen und viele denkende Leser +anregen, sich selbsttätig an der Lösung der großen »Welträtsel« zu +beteiligen. + + =Jena=, 29. September 1908. + + _Ernst Haeckel._ + + + + +Inhalt + + + ~I~. Anthropologischer Teil + =Der Mensch= + + 1. Stellung der Welträtsel 1 + 2. Unser Körperbau 14 + 3. Unser Leben 24 + 4. Unsere Keimesgeschichte 32 + 5. Unsere Stammesgeschichte 42 + + ~II~. Psychologischer Teil + =Die Seele= + + 6. Das Wesen der Seele 54 + 7. Stufenleiter der Seele 68 + 8. Keimesgeschichte der Seele 80 + 9. Stammesgeschichte der Seele 90 + 10. Bewußtsein der Seele 101 + 11. Unsterblichkeit der Seele 113 + + ~III~. Kosmologischer Teil + =Die Welt= + + 12. Das Substanzgesetz 127 + 13. Entwickelungsgeschichte der Welt 140 + 14. Einheit der Natur 154 + 15. Gott und Welt 168 + + ~IV~. Theologischer Teil + =Der Gott= + + 16. Wissen und Glauben 180 + 17. Wissenschaft und Christentum 191 + 18. Unsere monistische Religion 206 + 19. Unsere monistische Sittenlehre 217 + 20. Lösung der Welträtsel 229 + + + + +=Erstes Kapitel.= + +_Stellung der Welträtsel._ + + + Allgemeines Kulturbild des neunzehnten Jahrhunderts. Der Kampf der + Weltanschauungen. Monismus und Dualismus. + + +Am Schlusse des neunzehnten Jahrhunderts bietet sich dem denkenden +Beobachter eines der merkwürdigsten Schauspiele dar. Alle Gebildeten +sind darüber einig, daß dieses großartige Jahrhundert in vieler +Beziehung alle seine Vorgänger unendlich überflügelt und Aufgaben +gelöst hat, die in seinem Anfange unlösbar erschienen. Die +überraschenden theoretischen Fortschritte in der Naturerkenntnis und +ihre fruchtbare praktische Verwertung in Technik, Industrie, Verkehr +usw. haben unserem modernen Kulturleben ein völlig neues Gepräge +gegeben. Dagegen haben wir auf wichtigen Gebieten des geistigen +Lebens und der Gesellschafts-Beziehungen wenige oder gar keine +Fortschritte gegen frühere Jahrhunderte aufzuweisen, vielfach sogar +leider bedenkliche Rückschritte. Aus diesem offenkundigen Zwiespalt +entspringt nicht nur ein unbehagliches Gefühl innerer Zerrissenheit +und Unwahrheit, sondern auch die Gefahr schwerer Katastrophen auf +politischem und sozialem Gebiete. Es ist daher nicht nur das gute +Recht, sondern auch die heilige Pflicht jedes ehrlichen und von +Menschenliebe beseelten Forschers, nach bestem Wissen zur Aufhebung +jenes Zwiespaltes und zur Vermeidung der daraus entspringenden Gefahren +beizutragen. Dies kann aber nach unserer Überzeugung nur durch mutiges +Streben nach =Erkenntnis der Wahrheit= geschehen und durch Gewinnung +einer klaren, fest gegründeten, =naturgemäßen Weltanschauung=. + +_Fortschritte der Naturerkenntnis._ Wenn wir uns den unvollkommenen +Zustand der Naturerkenntnis im Anfang des 19. Jahrhunderts +vergegenwärtigen und ihn mit der glänzenden Höhe an dessen Schlusse +vergleichen, so muß jedem Sachkundigen der Fortschritt erstaunlich +groß erscheinen. Jeder einzelne Zweig der Naturwissenschaft darf +sich rühmen, daß er innerhalb dieses Jahrhunderts Gewinne von +größter Tragweite erzielt habe. In der mikroskopischen Kenntnis des +Kleinsten wie in der teleskopischen Erforschung des Größten haben +wir unschätzbare Einsichten gewonnen, die noch vor hundert Jahren +undenkbar erschienen. Verbesserte Untersuchungsmethoden haben uns +im Reiche der einzelligen Lebewesen eine »unsichtbare Welt« voll +unendlichen Formenreichtums offenbart, sowie in der winzigen kleinen +Zelle den gemeinsamen »Elementar-Organismus« kennen gelehrt, aus dessen +sozialen Zellverbänden, den Geweben, der Körper aller vielzelligen +Pflanzen und Tiere ebenso wie der des Menschen zusammengesetzt +ist. Diese anatomischen Kenntnisse sind von größter Tragweite; sie +werden ergänzt durch den embryologischen Nachweis, daß jeder höhere +vielzellige Organismus sich aus einer einzigen einfachen Zelle +entwickelt, der »befruchteten Eizelle«. Die bedeutungsvolle, hierauf +gegründete =Zellentheorie= hat uns erst das wahre Verständnis für +die geheimnisvollen Lebenserscheinungen eröffnet, zu deren Erklärung +man früher eine übernatürliche »Lebenskraft« oder ein »unsterbliches +Seelenwesen« annahm. Auch das eigentliche Wesen der Krankheit ist dem +Arzte erst durch die damit verknüpfte Zellularpathologie klar und +verständlich geworden. + +Nicht minder gewaltig sind aber die Entdeckungen des 19. Jahrhunderts +im Bereiche der anorganischen Natur. Die Physik hat in allen Teilen +ihres Gebietes die erstaunlichsten Fortschritte gemacht; und was +wichtiger ist, sie hat die =Einheit der Naturkräfte= im ganzen +Universum nachgewiesen. Die mechanische Wärmetheorie hat gezeigt, wie +eng dieselben zusammenhängen und wie jede unter bestimmten Bedingungen +sich direkt in die andere verwandeln kann. Die Spektralanalyse hat +uns gelehrt, daß dieselben Stoffe, welche unseren Erdkörper und +seine lebendigen Bewohner aufbauen, auch die Masse der übrigen +Planeten, der Sonne und der entferntesten Fixsterne zusammensetzen. +Die Astrophysik hat unsere Weltanschauung im großartigsten Maßstabe +erweitert, indem sie uns im unendlichen Weltraum Millionen von +kreisenden Weltkörpern nachgewiesen hat, größer als unsere Erde, und +gleich dieser in beständiger Umbildung begriffen, in einem ewigen +Wechsel von »Werden und Vergehen«. Die Chemie hat uns mit einer +Menge von neuen, früher unbekannten Stoffen bekannt gemacht, die +alle aus Verbindungen von wenigen unzerlegbaren Elementen (ungefähr +achtzig) bestehen. Sie hat gezeigt, daß eines von diesen Elementen, +der Kohlenstoff, der wunderbare Körper ist, welcher die Bildung der +unendlich mannigfaltigen organischen Verbindungen bewirkt und somit die +»chemische Basis des Lebens« darstellt. Alle einzelnen Fortschritte +der Physik und Chemie stehen jedoch an theoretischer Bedeutung der +Erkenntnis des gewaltigen Gesetzes nach, welches alle in einem +gemeinsamen Brennpunkt vereinigt, des =Substanzgesetzes=. Indem dieses +»=kosmologische Grundgesetz=« die ewige Erhaltung der Kraft und des +Stoffes, die allgemeine Konstanz der Energie und der Materie im ganzen +Weltall nachweist, ist es der sichere Leitstern geworden, der unsere +monistische Philosophie durch das gewaltige Labyrinth der Welträtsel zu +deren Lösung führt. + + * * * * * + +Da es unsere Aufgabe sein wird, in den folgenden Kapiteln eine +allgemeine Übersicht über den jetzigen Stand unserer Naturerkenntnis +und über ihre Fortschritte in unserem Jahrhundert zu gewinnen, wollen +wir hier nicht weiter auf eine Musterung der einzelnen Gebiete +eingehen. Nur einen größten Fortschritt wollen wir noch hervorheben, +der dem Substanzgesetz ebenbürtig ist und der es ergänzt: die +Begründung der =Entwickelungslehre=. Zwar haben einzelne denkende +Forscher schon seit Jahrtausenden von »=Entwickelung=« der Dinge +gesprochen; daß aber dieser Begriff das =Universum= beherrscht, und +daß die Welt selbst weiter nichts ist als eine ewige »Entwickelung der +Substanz«, dieser gewaltige Gedanke ist ein Kind des 19. Jahrhunderts. +Erst in seiner zweiten Hälfte gelangte er zu voller Klarheit und zu +allgemeiner Anwendung. Das unsterbliche Verdienst, diesen höchsten +philosophischen Begriff empirisch begründet und zu umfassender Geltung +gebracht zu haben, gebührt dem großen englischen Naturforscher =Charles +Darwin=; er legte 1859 den festen Grund für jene Abstammungslehre, +welche der geniale französische Naturphilosoph =Jean Lamarck= schon +1809 in ihren Hauptzügen erkannt, und deren Grundgedanken unser größter +deutscher Dichter und Denker, =Wolfgang Goethe=, schon 1790 prophetisch +erfaßt hatte. Damit wurde uns zugleich der Schlüssel zur »Frage aller +Fragen« geschenkt, zu dem großen Welträtsel von der »Stellung des +Menschen in der Natur« und von seiner natürlichen Entstehung. Wenn wir +heute imstande sind, die Herrschaft des =Entwickelungsgesetzes= im +Gesamtgebiete der Natur klar zu erkennen und sie in Verbindung mit dem +=Substanzgesetze= zur einheitlichen Erklärung aller Naturerscheinungen +zu benutzen, so verdanken wir dies in erster Linie jenen drei genialen, +weitblickenden Naturphilosophen, drei Sternen erster Größe unter allen +anderen großen Männern des neunzehnten Jahrhunderts. + +Diesen erstaunlichen Fortschritten unserer =theoretischen= +Naturerkenntnis entspricht deren mannigfaltige =praktische= Anwendung +auf allen Gebieten des menschlichen Kulturlebens. Wenn wir heute +im »Zeitalter des Verkehrs« stehen, wenn der internationale Handel +und das Reisen eine früher nicht geahnte Bedeutung erlangt haben, +wenn wir mittels Telegraph und Telephon die Schranken von Raum und +Zeit überwunden haben, so verdanken wir das in erster Linie den +Fortschritten der technischen Physik, besonders in der Anwendung der +Dampfkraft und der Elektrizität. Wenn wir durch die Photographie das +Sonnenlicht zwingen, uns in einem Augenblick naturgetreue Bilder +von jedem beliebigen Gegenstande zu verschaffen, wenn wir in der +Landwirtschaft und in den verschiedensten Gewerben erstaunliche +praktische Fortschritte gemacht haben, wenn wir in der Medizin durch +Chloroform und Morphium, durch antiseptische und Serumtherapie die +Leiden der Menschheit unendlich gemildert haben, so verdanken wir dies +der angewandten Chemie. Durch diese und andere Erfindungen der Technik +haben wir alle früheren Jahrhunderte weit überflügelt. + +_Fortschritte der sozialen Einrichtungen._ So dürfen wir heute mit +gerechtem Stolze auf die gewaltigen Fortschritte des 19. Jahrhunderts +in der Naturerkenntnis und deren praktische Verwertung zurückblicken. +Leider bietet sich uns ein ganz anderes und wenig erfreuliches +Bild, wenn wir andere, nicht minder wichtige Gebiete des modernen +Kulturlebens ins Auge fassen. Zu unserem Bedauern müssen wir da den +Satz von =Alfred Wallace= unterschreiben: »Verglichen mit unseren +erstaunlichen Fortschritten in den physikalischen Wissenschaften und +ihrer praktischen Anwendung, bleibt unser System der Regierung, der +administrativen Justiz, der Nationalerziehung und unsere ganze soziale +und moralische Organisation in einem =Zustande der Barbarei=.« Um uns +von der Wahrheit dieser schweren Vorwürfe zu überzeugen, brauchen wir +nur einen unbefangenen Blick in unser öffentliches Leben zu werfen, +oder in den Spiegel zu blicken, den uns täglich unsere Zeitung, als das +Organ der öffentlichen Meinung, vorhält. + +_Unsere Rechtspflege._ Beginnen wir unsere Rundschau mit der Justiz, +dem »~Fundamentum regnorum~«. Niemand wird behaupten können, +daß deren heutiger Zustand mit unserer fortgeschrittenen Erkenntnis +des Menschen und der Welt in Einklang sei. Keine Woche vergeht, in +der wir nicht von richterlichen Urteilen lesen, welche dem gesunden +Menschenverstand widersprechen; viele Entscheidungen unserer höheren +und niederen Gerichtshöfe erscheinen geradezu unbegreiflich. Wir +sehen ganz davon ab, daß in vielen modernen Staaten -- trotz der auf +Papier gedruckten Verfassung -- noch tatsächlich der Absolutismus +herrscht und daß manche »Männer des Rechts« nicht nach ehrlicher +Überzeugung urteilen, sondern entsprechend dem »höheren Wunsche von +maßgebender Stelle«. Wir nehmen vielmehr an, daß die meisten Richter +und Staatsanwälte nach bestem Gewissen urteilen und nur menschlich +irren. Dann erklären sich wohl die meisten Irrtümer durch mangelhafte +Vorbildung und durch die veraltete Gesetzgebung. Freilich herrscht +vielfach die Ansicht, daß gerade die Juristen die höchste Bildung +besitzen; gerade sie werden bei der Besetzung der verschiedensten +Ämter vorgezogen. Allein diese vielgerühmte »juristische Bildung« +ist größtenteils eine rein =formale=, keine reale. Den menschlichen +Organismus und seine wichtigste Funktion, die Seele, lernen unsere +Juristen nur oberflächlich kennen; das beweisen z. B. die wunderlichen +Ansichten über »Willensfreiheit, Verantwortung« usw., denen wir täglich +begegnen. Den meisten Studierenden der Jurisprudenz fällt es gar nicht +ein, sich um =Anthropologie, Psychologie= und =Entwickelungsgeschichte= +zu bekümmern, die ersten Vorbedingungen für richtige Beurteilung des +Menschenwesens. Freilich bleibt dazu auch »keine Zeit«; diese wird +leider nur zu sehr durch das gründliche Studium von Bier und Wein in +Anspruch genommen, sowie das »veredelnde« Mensurenwesen; der Rest +der kostbaren Studienzeit aber ist notwendig, um die Hunderte von +Paragraphen der Gesetzbücher zu erlernen, deren Kenntnis den Juristen +zu allen möglichen Stellungen im heutigen Kulturstaate befähigt. + +_Unsere Staatsordnung._ Das leidige Gebiet der Politik wollen wir hier +nur ganz flüchtig streifen. Die unerfreulichen Zustände des modernen +Staatslebens sind ja allbekannt und jedermann täglich fühlbar. Zum +großen Teile erklären sich deren Mängel daraus, daß die meisten +Staatsbeamten eben Juristen sind, Männer von hoher formaler Bildung, +aber ohne jene gründliche Kenntnis der Menschennatur, die nur durch +vergleichende Anthropologie und Psychologie erworben werden kann. +»Bau und Leben des sozialen Körpers«, d. h. des =Staates=, lernen +wir nur dann richtig verstehen, wenn wir naturwissenschaftliche +Kenntnis vom »Bau und Leben« der =Personen= besitzen, welche den Staat +zusammensetzen, und der =Zellen=, welche jene Personen zusammensetzen. +Wenn unsere »Staatslenker« und »Volksvertreter« diese =unschätzbaren +biologischen= und =anthropologischen Vorkenntnisse= besäßen, so +würde unmöglich in den Zeitungen täglich jene entsetzliche Fülle +von soziologischen Irrtümern und von politischer Kannegießerei +zu lesen sein, welche unsere Parlamentsberichte und auch viele +Regierungserlasse nicht gerade erfreulich auszeichnen. Am meisten +zu beklagen ist es, daß der moderne =Kulturstaat= sich der +kulturfeindlichen =Kirche= in die Arme wirft, und daß der bornierte +Egoismus der Parteien, die Verblendung der kurzsichtigen Parteiführer +die Hierarchie unterstützt. Dadurch entstehen so traurige Bilder, wie +sie uns am Schlusse des 19. Jahrhunderts der Deutsche Reichstag vor +Augen führte: die Geschicke des gebildeten deutschen Volkes in der Hand +des ultramontanen Zentrums, unter der Leitung des römischen Papismus, +der sein ärgster und gefährlichster Feind ist. Statt Recht und Vernunft +regiert Aberglaube und Verdummung. Unsere Staatsordnung kann nur dann +besser werden, wenn sie sich von den Fesseln der Kirche befreit und +wenn sie durch allgemeine =naturwissenschaftliche Bildung= die Welt- und +Menschenkenntnis der Staatsbürger auf eine höhere Stufe hebt. Dabei +kommt es gar nicht auf die besondere =Staatsform= an. Ob Monarchie oder +Republik, ob aristokratische oder demokratische Verfassung, das sind +untergeordnete Fragen gegenüber der großen Hauptfrage: Soll der moderne +Kulturstaat geistlich oder weltlich sein? Soll er =theokratisch=, +durch unvernünftige Glaubenssätze und klerikale Willkür, oder soll +er =nomokratisch=, durch vernünftige Gesetze und bürgerliches Recht +geleitet werden? + +_Unsere Schule._ Ebenso wie unsere Rechtspflege und Staatsordnung +entspricht auch unsere Jugenderziehung durchaus nicht den +Anforderungen, welche die wissenschaftlichen Fortschritte des 19. +Jahrhunderts an die moderne Bildung stellen. Die =Naturwissenschaft=, +die alle anderen Wissenschaften so weit überflügelt und welche, bei +Licht betrachtet, auch alle sogenannten Geisteswissenschaften in sich +aufgenommen hat, wird in unseren Schulen immer noch als Aschenbrödel +in die Ecke gestellt. Unseren meisten Lehrern erscheint immer noch als +Hauptaufgabe jene tote Gelehrsamkeit, die aus den Klosterschulen des +Mittelalters übernommen ist; im Vordergrunde steht der grammatikalische +Sport und die zeitraubende »gründliche Kenntnis« der klassischen +Sprachen, sowie der äußerlichen Völkergeschichte. Die Sittenlehre, der +wichtigste Gegenstand der praktischen Philosophie, wird vernachlässigt +und an ihre Stelle die kirchliche Konfession gesetzt. Der Glaube soll +dem Wissen vorangehen; nicht jener wissenschaftliche Glaube, welcher +uns zu einer monistischen Religion führt, sondern jener unvernünftige +Aberglaube, der die Grundlage eines verunstalteten Christentums +bildet. Während die großartigen Erkenntnisse der modernen Kosmologie +und Anthropologie, der heutigen Biologie und Entwickelungslehre auf +unseren höheren Schulen gar keine oder nur ganz ungenügende Verwertung +finden, wird das Gedächtnis mit einer Unmasse von philologischen und +historischen Tatsachen überladen, die weder für die Geistesbildung, +noch für das praktische Leben von Nutzen sind. Auch die veralteten +Einrichtungen und Fakultätsverhältnisse der Universitäten entsprechen +der heutigen Entwickelungsstufe der natürlichen Weltanschauung +ebensowenig wie der Unterricht in den Gymnasien und in den niederen +Schulen. + +_Unsere Kirche._ Im schärfsten Gegensatze zu der modernen Bildung +und zu deren Grundlage, der vorgeschrittenen Naturerkenntnis, steht +unstreitig die Kirche. Wir wollen hier garnicht vom ultramontanen +Papismus sprechen, oder von den orthodoxen evangelischen Richtungen, +welche diesem in bezug auf krassesten Aberglauben und Unkenntnis +der Wirklichkeit nichts nachgeben. Vielmehr versetzen wir uns in +die Predigt eines liberalen protestantischen Pfarrers, der gute +Durchschnittsbildung besitzt und der Vernunft neben dem Glauben ihr +gutes Recht einräumt. Da hören wir neben vortrefflichen Sittenlehren, +die mit unserer monistischen Ethik (im 19. Kapitel) vollkommen +harmonieren, Vorstellungen über das Wesen von Gott und Welt, von +Mensch und Leben, welche allen Erkenntnissen der Naturforschung direkt +widersprechen. Es ist kein Wunder, wenn Techniker und Chemiker, +Ärzte und Philosophen, die gründlich über die Natur beobachtet und +nachgedacht haben, solchen Predigten kein Gehör schenken wollen. +Es fehlt eben unseren Theologen und Philologen, ebenso wie unseren +Politikern und Juristen, an jener =unentbehrlichen Naturerkenntnis=, +auf welche sich die monistische Entwickelungslehre gründet. + +_Konflikt zwischen Vernunft und Dogma._ Aus diesen bedauerlichen +Gegensätzen ergeben sich für unser modernes Kulturleben schwere +Konflikte, deren Gefahr dringend zur Beseitigung auffordert. Unsere +heutige Bildung verlangt ihr gutes Recht auf allen Gebieten des +öffentlichen und privaten Lebens; sie wünscht die Menschheit mittels +der =Vernunft= auf jene höhere Stufe der Erkenntnis und damit zugleich +auf jenen besseren Weg zum Glück erhoben zu sehen, welche wir unserer +hoch entwickelten Naturwissenschaft verdanken. Dagegen sträuben sich +mit aller Macht diejenigen einflußreichen Kreise, welche unsere +Geistesbildung in den überwundenen Anschauungen des Mittelalters +zurückhalten wollen; sie verharren im Banne der traditionellen =Dogmen= +und verlangen, daß die Vernunft sich unter diese »höhere Offenbarung« +beuge. Das ist der Fall in weiten Kreisen der Theologie und Philologie, +der Soziologie und Jurisprudenz. Diese Rückständigkeit beruht zum +größten Teile gewiß nicht auf eigennützigem Streben, sondern teils auf +Unkenntnis der realen Tatsachen, teils auf der bequemen Gewohnheit der +Tradition. Die gefährlichste Feindin der Vernunft und Wissenschaft ist +nicht die Bosheit, sondern die Unwissenheit und vielleicht noch mehr +die Trägheit. Gegen diese beiden Mächte kämpfen die Götter selbst dann +noch vergebens, wenn sie die erstere glücklich überwunden haben. + +_Anthropismus._ Eine der mächtigsten Stützen gewährt jener +rückständigen Weltanschauung der =Anthropismus= oder die +»=Vermenschlichung=«. Unter diesem Begriffe verstehe ich jenen +mächtigen und weit verbreiteten Komplex von irrtümlichen Vorstellungen, +welcher den menschlichen Organismus in Gegensatz zu der ganzen übrigen +Natur stellt, ihn als vorbedachtes Endziel der organischen Schöpfung +und als ein von dieser verschiedenes, gottähnliches Wesen auffaßt. Bei +genauerer Kritik dieses einflußreichen Vorstellungskreises ergibt sich, +daß er eigentlich aus drei verschiedenen Dogmen besteht, die wir als +den =anthropozentrischen, anthropomorphischen= und =anthropolatrischen= +Irrtum unterscheiden. ~I~. Das =anthropozentrische Dogma= ruht +auf der Vorstellung, daß der Mensch der vorbedachte Mittelpunkt und +Endzweck alles Erdenlebens -- oder in weiterer Fassung der ganzen +Welt -- sei. Da dieser Irrtum dem menschlichen Eigendünkel äußerst +erwünscht, und da er mit den Schöpfungsmythen und mit den Dogmen +der =mosaischen, christlichen= und =mohammedanischen= Religion +innig verwachsen ist, beherrscht er auch heute noch den größten +Teil der Kulturwelt. -- ~II~. Das =anthropomorphische Dogma= +knüpft ebenfalls an die Schöpfungssagen der drei genannten, sowie +vieler anderen Religionen an. Es vergleicht die Weltschöpfung und +Weltregierung Gottes mit den Kunstschöpfungen eines sinnreichen +Technikers und mit der Staatsregierung eines weisen Herrschers. »Gott +der Herr« als Schöpfer, Erhalter und Regierer der Welt wird dabei +in seinem Denken und Handeln durchaus menschenähnlich vorgestellt. +Daraus folgt dann wieder umgekehrt, daß der Mensch gottähnlich +ist. »Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde.« Die ältere naive +Mythologie verleiht ihren Göttern Menschengestalt, Fleisch und Blut. +Weniger materialistisch sind die Vorstellungen der neueren mystischen +Theosophie, welche den persönlichen Gott als »unsichtbares« Wesen +verehrt und ihn doch gleichzeitig nach Menschenart denken, sprechen und +handeln läßt. -- ~III~. Das =anthropolatrische Dogma= ergibt sich +aus dieser Vergleichung der menschlichen und göttlichen Seelentätigkeit +von selbst; es führt zu der göttlichen =Verehrung= des menschlichen +Organismus, zum »anthropistischen Größenwahn«. Daraus folgt wieder +der hochgeschätzte »Glaube an die persönliche Unsterblichkeit der +Seele«, sowie das dualistische Dogma von der Doppelnatur des Menschen, +dessen »unsterbliche Seele« den sterblichen Körper nur zeitweise +bewohnt. Diese drei anthropistischen Dogmen, mannigfach ausgebildet und +der wechselnden Glaubensform der verschiedenen Religionen angepaßt, +wurden zur Quelle der gefährlichsten Irrtümer. Die =anthropistische +Weltanschauung=, die daraus entsprang, steht in unversöhnlichem +Gegensatz zu unserer monistischen Naturerkenntnis; sie wird zunächst +schon durch deren kosmologische Perspektive widerlegt. + +_Kosmologische Perspektive._ Die Unhaltbarkeit dieser drei +anthropistischen Dogmen, wie auch vieler anderer Anschauungen der +dualistischen Philosophie und der orthodoxen Religion, offenbart sich, +sobald wir sie aus der =kosmologischen Perspektive= unseres Monismus +kritisch betrachten. Wir verstehen darunter jene umfassende =Anschauung +des Weltganzen=, welche uns der höchste Standpunkt der monistischen +Naturerkenntnis gewährt. Da überzeugen wir uns von der Wahrheit der +folgenden wichtigen »=kosmologischen Lehrsätze=«: + +1. Das Weltall (Universum oder Kosmos) ist ewig, unendlich und +unbegrenzt. 2. Die Substanz desselben mit ihren beiden Attributen +(Materie und Energie) erfüllt den unendlichen Raum und befindet sich +in ewiger Bewegung. 3. Diese Bewegung verläuft in der unendlichen +Zeit als eine einheitliche Entwickelung, mit periodischem Wechsel von +Werden und Vergehen, von Fortbildung und Rückbildung. 4. Die unzähligen +Weltkörper, welche im raumerfüllenden Äther verteilt sind, unterliegen +sämtlich dem Substanzgesetz. 5. Unsere Sonne ist einer von diesen +unzähligen vergänglichen Weltkörpern, und unsere Erde ist einer von den +zahlreichen vergänglichen Planeten, welche diese umkreisen. 6. Unsere +Erde hat einen langen Abkühlungsprozeß durchgemacht, ehe auf derselben +tropfbar flüssiges Wasser und damit die erste Vorbedingung organischen +Lebens entstehen konnte. 7. Der darauf folgende biogenetische Prozeß, +die langsame Entwickelung und Umbildung zahlloser organischer Formen, +hat viele Millionen Jahre (weit über hundert!) in Anspruch genommen. +8. Unter den verschiedenen Tierstämmen, welche sich im späteren +Verlaufe des biogenetischen Prozesses auf unserer Erde entwickelten, +hat der Stamm der Wirbeltiere im Wettlaufe der Entwickelung neuerdings +alle anderen weit überflügelt. 9. Als der bedeutendste Zweig des +Wirbeltierstammes hat sich erst spät (während der Triasperiode) aus +Amphibien die Klasse der Säugetiere entwickelt. 10. Der vollkommenste +und höchst entwickelte Zweig dieser Klasse ist die Ordnung der +Herrentiere oder Primaten, die erst im Beginne der Tertiärzeit durch +Umbildung aus niedersten Zottentieren entstanden ist. 11. Das jüngste +und vollkommenste Ästchen des Primatenzweiges ist der Mensch, der erst +in späterer Tertiärzeit aus einer Reihe von Menschenaffen hervorging. +12. Demnach ist die sogenannte »Weltgeschichte« eine verschwindend +kurze Episode in dem langen Verlaufe der organischen Erdgeschichte, +ebenso wie diese selbst ein kleines Stück von der Geschichte unseres +Planetensystems; und wie unsere Mutter Erde ein vergängliches +Sonnenstäubchen im unendlichen Weltall, so ist der einzelne Mensch eine +vorübergehende Erscheinung in der vergänglichen organischen Natur. + +Nichts scheint mir geeigneter als diese großartige =kosmologische +Perspektive=, um von vornherein den richtigen Maßstab und den +weitsichtigen Standpunkt festzusetzen, welchen wir zur Lösung der +Welträtsel einhalten müssen. Denn dadurch wird nicht nur die maßgebende +»Stellung des Menschen in der Natur« klar bezeichnet, sondern auch +der herrschende =anthropistische Größenwahn= widerlegt, die Anmaßung, +mit welcher der Mensch sich dem unendlichen Universum gegenüberstellt +und als wichtigsten Teil des Weltalls verherrlicht. Diese grenzenlose +Selbstüberhebung des eiteln Menschen hat ihn dazu verführt, sich +als »Ebenbild Gottes« zu betrachten, für seine vergängliche Person +ein »ewiges Leben« in Anspruch zu nehmen und sich einzubilden, daß +er unbeschränkte »Freiheit des Willens« besitzt. Der lächerliche +Cäsarenwahn des Caligula ist eine spezielle Form dieser hochmütigen +Selbstvergötterung des Menschen. Erst wenn wir diesen unhaltbaren +Größenwahn aufgeben und die naturgemäße kosmologische Perspektive +einnehmen, können wir zur Lösung der »Welträtsel« gelangen. + +_Zahl der Welträtsel._ Der ungebildete Kulturmensch ist noch ebenso wie +der rohe Naturmensch auf Schritt und Tritt von unzähligen Welträtseln +umgeben. Je weiter die Kultur fortschreitet und die Wissenschaft sich +entwickelt, desto mehr wird ihre Zahl beschränkt. Die =monistische +Philosophie= wird schließlich nur ein einziges, allumfassendes +Welträtsel anerkennen, das »=Substanzproblem=«. In der berühmten +Rede, welche =Emil du Bois-Reymond= 1880 in der Leibniz-Sitzung der +Berliner Akademie der Wissenschaften hielt, unterscheidet er »=sieben +Welträtsel=«; er führt dieselben in nachstehender Reihenfolge auf: +~I~. das Wesen von Materie und Kraft, ~II~. der Ursprung der +Bewegung, ~III~. die erste Entstehung des Lebens, ~IV~. die +(anscheinend absichtsvoll) zweckmäßige Einrichtung der Natur, ~V~. +das Entstehen der einfachen Sinnesempfindung und des Bewußtseins, +~VI~. das vernünftige Denken und der Ursprung der damit eng +verbundenen Sprache, ~VII~. die Frage nach der Willensfreiheit. +Von diesen sieben Welträtseln erklärt der Rhetor der Berliner Akademie +=drei= für ganz transzendent und unlösbar (das erste, zweite und +fünfte); =drei= andere hält er zwar für schwierig, aber für lösbar +(das dritte, vierte und sechste); bezüglich des siebenten und letzten +»Welträtsels«, welches praktisch das wichtigste ist, nämlich der +Willensfreiheit, verhält er sich unentschieden. + +Nach meiner Ansicht werden die drei »transzendenten« Rätsel (~I, II, +V~) durch unsere Auffassung der =Substanz= erledigt (Kapitel 12); +die drei anderen, schwierigen, aber lösbaren Probleme (~III, IV, +VI~) sind durch unsere moderne =Entwickelungslehre= endgültig gelöst; +das siebente und letzte Welträtsel, die Willensfreiheit, ist gar kein +Objekt kritischer wissenschaftlicher Erklärung, da sie als reines +=Dogma= auf bloßer Täuschung beruht und in Wirklichkeit gar nicht +existiert. + +_Lösung der Welträtsel._ Die Mittel und Wege zur Lösung der Welträtsel +sind diejenigen der reinen wissenschaftlichen Erkenntnis überhaupt: +=Erfahrung= und =Schlußfolgerung=. Die wissenschaftliche Erfahrung +erwerben wir uns durch Beobachtung und Experiment, wobei in erster +Linie unsere Sinnesorgane, in zweiter die »inneren Sinnesherde« +unserer Großhirnrinde tätig sind. Die mikroskopischen Elementarorgane +der ersteren sind die Sinneszellen, die der letzteren Gruppen von +Ganglienzellen. Die Erfahrungen, welche wir von der Außenwelt durch +diese unschätzbarsten Organe unseres Geisteslebens erhalten haben, +werden dann durch andere Gehirnteile in Vorstellungen umgesetzt und +diese wiederum durch Assoziation zu Schlüssen verknüpft. Die Bildung +dieser Schlußfolgerungen erfolgt auf zwei verschiedenen Wegen, die +nach meiner Überzeugung gleich wertvoll und unentbehrlich sind: +=Induktion und Deduktion=. Die weiteren verwickelten Gehirnoperationen, +die Bildung von zusammenhängenden Kettenschlüssen, die Abstraktion +und Begriffsbildung, die Ergänzung des erkennenden Verstandes durch +die plastische Phantasie, schließlich das Bewußtsein, das Denken +und Philosophieren, sind ebenso Funktionen der Ganglienzellen der +Großhirnrinde wie die vorhergehenden einfacheren Seelentätigkeiten. +Alle zusammen vereinigen wir in dem höchsten Begriffe der =Vernunft=. + +_Vernunft, Gemüt und Offenbarung._ Durch die Vernunft allein können +wir zur wahren Naturerkenntnis und zur Lösung der Welträtsel +gelangen. Indessen hat die Vernunft ihren hohen Wert erst durch die +fortschreitende Kultur und Geistesbildung, durch die Entwickelung +der =Wissenschaft= erhalten. Der ungebildete Mensch und der rohe +Naturmensch sind ebensowenig (oder ebensosehr) »vernünftig« wie die +nächstverwandten Säugetiere (Affen, Hunde, Elefanten usw.). Nun ist +noch heute in weiten Kreisen die Ansicht verbreitet, daß es außer +der Vernunft noch zwei weitere (ja sogar wichtigere!) Erkenntniswege +gebe: Gemüt und Offenbarung. Diesem gefährlichen Irrtum müssen wir +entschieden entgegentreten. =Das Gemüt hat mit der Erkenntnis der +Wahrheit garnichts zu tun.= Was wir »Gemüt« nennen und hochschätzen, +ist eine verwickelte Tätigkeit des Gehirns, welche sich aus Gefühlen +der Lust und Unlust, aus Vorstellungen der Zuneigung und Abneigung, +aus Strebungen des Begehrens und Fliehens zusammensetzt. Dabei +können die verschiedensten anderen Tätigkeiten des Organismus +mitspielen, Bedürfnisse der Sinne und der Muskeln, des Magens und +der Geschlechtsorgane usw. Die Erkenntnis der Wahrheit fördern +alle diese Gemütszustände und Gemütsbewegungen in keiner Weise; im +Gegenteil stören sie oft die allein dazu befähigte Vernunft. Noch +kein »Welträtsel« ist durch die Gehirnfunktion des Gemüts gelöst +oder auch nur gefördert worden. Dasselbe gilt aber auch von der +sogenannten »=Offenbarung=« und den angeblichen, dadurch erreichten +»=Glaubenswahrheiten=«; diese beruhen sämtlich auf bewußter oder +unbewußter Täuschung (vergl. das 16. Kapitel). + +_Philosophie und Naturwissenschaft._ Als einen der erfreulichsten +Fortschritte zur Lösung der Welträtsel müssen wir es begrüßen, +daß in neuerer Zeit immer mehr die beiden einzigen dazu führenden +Wege: =Erfahrung und Denken= (oder =Empirie und Spekulation=) als +gleichberechtigte und sich gegenseitig ergänzende Erkenntnismethoden +anerkannt worden sind. Die Philosophen haben allmählich eingesehen, +daß die reine Spekulation zur wahren Erkenntnis nicht ausreicht. Und +ebenso haben sich anderseits die Naturforscher überzeugt, daß die +bloße Erfahrung für die Bildung einer realen Weltanschauung ungenügend +ist. Die zwei großen Erkenntniswege, die sinnliche Erfahrung und das +vernünftige Denken, sind =zwei verschiedene Gehirnfunktionen=; die +erstere wird durch die Sinnesorgane und die zentralen Sinnesherde, +die letztere durch die dazwischen liegenden Denkherde, die großen +»Assozionszentren der Großhirnrinde« vermittelt. (Vergl. Kapitel 7 +und 10.) Erst durch die vereinigte Tätigkeit beider entsteht wahre +Erkenntnis. Allerdings gibt es auch heute noch Philosophen, welche +die Welt bloß aus ihrem Kopfe konstruieren wollen, und welche die +empirische Naturerkenntnis schon deshalb verschmähen, weil sie die +wirkliche Welt nicht kennen. Anderseits behaupten auch heute noch +manche Naturforscher, daß die einzige Aufgabe der Wissenschaft +das »tatsächliche Wissen, die objektive Erforschung der einzelnen +Naturerscheinungen sei«; das »Zeitalter der Philosophie« sei vorüber, +und an ihre Stelle sei die Naturwissenschaft getreten (=Virchow= 1893). +Diese einseitige Überschätzung der Empirie ist ein ebenso gefährlicher +Irrtum wie jene entgegengesetzte der Spekulation. Beide Erkenntniswege +sind sich gegenseitig unentbehrlich. Die größten Triumphe der +modernen Naturforschung, die Zellentheorie und die Wärmetheorie, die +Entwickelungstheorie und das Substanzgesetz, sind =philosophische +Taten=, aber nicht Ergebnisse der reinen =Spekulation=, sondern der +vorausgegangenen, ausgedehntesten und gründlichsten =Empirie=. + +_Dualismus und Monismus._ Alle verschiedenen Richtungen der Philosophie +lassen sich, vom heutigen Standpunkte der Naturwissenschaft beurteilt, +in zwei entgegengesetzte Reihen bringen, einerseits die =dualistische= +oder zwiespältige, anderseits die =monistische= oder einheitliche +Weltanschauung. Der =Dualismus= (im weitesten Sinne!) zerlegt das +Universum in zwei ganz verschiedene Substanzen, die materielle Welt und +den immateriellen Gott, der ihr als Schöpfer, Erhalter und Regierer +gegenübersteht. Der =Monismus= hingegen (ebenfalls im weitesten Sinne +begriffen!) erkennt im Universum nur eine einzige Substanz, die »Gott +und Natur« zugleich ist; Körper und Geist (oder Materie und Energie) +sind für sie untrennbar verbunden. Der außerweltliche »persönliche« +Gott des Dualismus führt zum =Theismus=, der innerweltliche Gott des +Monismus zum =Pantheismus=. + +_Materialismus und Spiritualismus._ Sehr häufig werden auch heute +noch die verschiedenen Begriffe =Monismus= und =Materialismus= und +ebenso die wesentlich verschiedenen Richtungen des theoretischen und +des praktischen Materialismus verwechselt. Da diese und ähnliche +Begriffsverwirrungen zahlreiche Irrtümer veranlassen, wollen wir zur +Vermeidung aller Mißverständnisse nur kurz noch folgendes bemerken: +~I~. Unser =reiner Monismus= ist weder mit jenem =Materialismus= +identisch, welcher den Geist leugnet und die Welt in eine Summe von +toten Atomen auflöst, noch mit dem theoretischen =Spiritualismus= +(neuerdings als =Energetik= bezeichnet), welcher die Materie leugnet +und die Welt nur als eine räumlich geordnete Gruppe von bloßen +Empfindungen und Vorstellungen (oder von Energien oder immateriellen +Naturkräften) betrachtet. ~II~. Vielmehr sind wir mit =Goethe= der +festen Überzeugung, daß »die Materie nie ohne Geist, der Geist nie +ohne Materie existiert und wirksam sein kann«. Wir halten fest an +der monistischen Auffassung von =Spinoza=: =Die Materie=, als die +unendlich ausgedehnte Substanz, und der =Geist= (oder die Energie), als +die empfindende oder denkende Substanz, sind die beiden =Attribute= +oder Grundeigenschaften des allumfassenden göttlichen Weltwesens, der +universalen =Substanz=. (Vergl. Kapitel 12.) + + + + +=Zweites Kapitel.= + +_Unser Körperbau._ + + Monistische Studien über menschliche und vergleichende Anatomie. + Übereinstimmung in der gröberen und feineren Organisation des Menschen + und der Säugetiere. + + +Alle biologischen Untersuchungen, alle Forschungen über die Gestaltung +und Lebenstätigkeit der Organismen haben zunächst den sichtbaren Körper +ins Auge zu fassen, an welchem uns die betreffenden morphologischen und +physiologischen Erscheinungen entgegentreten. Dieser Grundsatz gilt +ebenso für den =Menschen= wie für alle anderen belebten Naturkörper. +Dabei darf sich die Untersuchung nicht mit der Betrachtung der äußeren +Gestalt begnügen, sondern sie muß in das Innere derselben eindringen +und ihre Zusammensetzung aus den gröberen und feineren Bestandteilen +erforschen. Die Wissenschaft, welche diese grundlegende Untersuchung im +weitesten Umfange auszuführen hat, ist die =Anatomie=. + +_Menschliche Anatomie._ Die erste Anregung zur Erkenntnis des +menschlichen Körperbaues ging naturgemäß von der Heilkunde aus. Da +diese bei den ältesten Kulturvölkern gewöhnlich von den Priestern +ausgeübt wurde, dürfen wir annehmen, daß diese höchsten Vertreter der +damaligen Bildung schon im zweiten Jahrtausend vor Christo und früher +über ein gewisses Maß von anatomischen Kenntnissen verfügten. Aber +genauere Erfahrungen, gewonnen durch die Zergliederung von Säugetieren +und von diesen übertragen auf den Menschen, finden wir erst bei den +Griechen, von denen =Hippokrates= lange als vorzüglichste Autorität +galt. Nach ihm erscheint nur noch ein bedeutender Anatom im Altertum, +der Arzt =Claudius Galenus=. Alle diese älteren Anatomen erwarben +ihre Kenntnisse zum größten Teile nicht durch die Untersuchung des +menschlichen Körpers selbst -- die damals noch streng verboten war! --, +sondern durch diejenige der menschenähnlichsten Säugetiere, besonders +der =Affen=; sie waren also alle eigentlich schon »=vergleichende= +Anatomen«. + +Das Emporblühen des =Christentums= und der damit verknüpften +mystischen Weltanschauung bereitete der Anatomie, wie allen anderen +Naturwissenschaften, den Niedergang. Die römischen =Päpste= waren +vor allem bestrebt, die Menschheit in =Unwissenheit= und in blindem +Aberglauben zu erhalten; sie hielten die Kenntnis des menschlichen +Organismus mit Recht für ein gefährliches Mittel der Aufklärung +über unser wahres Wesen. Während des langen Zeitraums von dreizehn +Jahrhunderten blieben die Schriften des =Galenus= fast die einzige +Quelle für die menschliche Anatomie, ebenso wie diejenigen des +=Aristoteles= für die gesamte Naturgeschichte. Erst als im sechzehnten +Jahrhundert n. Chr. durch die =Reformation= die geistige Weltherrschaft +des Papismus gebrochen und durch das neue Weltsystem des =Kopernikus= +die eng damit verknüpfte geozentrische Weltanschauung zerstört wurde, +begann auch für die Erkenntnis des menschlichen Körpers eine neue +Periode des Aufschwungs. Die großen Anatomen =Vesalius=, =Eustachius= +und =Fallopius= förderten durch eigene gründliche Untersuchungen die +genaue Kenntnis unseres Körperbaues so sehr, daß ihren zahlreichen +Nachfolgern bezüglich der gröberen Verhältnisse hauptsächlich nur +Einzelheiten festzustellen übrigblieben. Der ebenso kühne wie +geistreiche =Andreas Vesalius= ging bahnbrechend allen voran; er +vollendete schon in seinem 28. Lebensjahre das große, einheitlich +durchgeführte Werk »~De humani corporis fabrica~« (1543) und gab +der ganzen menschlichen Anatomie eine neue, selbständige Richtung und +sichere Grundlage. + +_Vergleichende Anatomie._ Die Verdienste, welche das neunzehnte +Jahrhundert sich um die Erkenntnis des menschlichen Körperbaues +erworben hat, bestehen vor allem in dem Ausbau von zwei neuen, überaus +wichtigen Forschungsrichtungen, der »=vergleichenden Anatomie=« und +der »=Gewebelehre=« oder der »mikroskopischen Anatomie«. Die erstere +war allerdings schon von Anfang an mit der menschlichen Anatomie +eng verknüpft gewesen; denn diese wurde solange durch die erstere +ersetzt, als die Sektion menschlicher Leichen für ein todeswürdiges +Verbrechen galt -- und das war selbst noch im 15. Jahrhundert der +Fall! Aber die zahlreichen Anatomen der folgenden drei Jahrhunderte +beschränkten sich größtenteils auf die genaue Untersuchung des +menschlichen Organismus. Diejenige hochentwickelte Disziplin, die wir +heute vergleichende Anatomie nennen, wurde erst im Jahre 1803 geboren, +als der große französische Zoologe =George Cuvier= seine grundlegenden +»~Leçons sur l'Anatomie comparée~« herausgab und darin zum ersten +Male bestimmte Gesetze über den Körperbau des Menschen und der Tiere +festzustellen suchte. Während seine Vorläufer -- unter ihnen auch +=Goethe= 1790 -- hauptsächlich nur das Knochengerüst des Menschen mit +demjenigen der übrigen Säugetiere eingehend verglichen hatten, umfaßte +=Cuviers= weiter Blick die Gesamtheit der tierischen Organisation; +er unterschied in derselben vier große, voneinander unabhängige +Hauptformen oder =Typen=: Wirbeltiere, Gliedertiere, Weichtiere und +Strahltiere. Für die »Frage aller Fragen« war dieser Fortschritt +insofern epochemachend, als damit klar die Zugehörigkeit des Menschen +zum Typus der =Wirbeltiere= -- sowie seine Grundverschiedenheit von +allen anderen Typen -- ausgesprochen war. Allerdings hatte schon der +scharfblickende Linné in seinem ersten »~Systema naturae~« (1735) +dem Menschen definitiv seinen Platz in der Klasse der =Säugetiere= +angewiesen; er vereinigte sogar in der Ordnung der =Herrentiere= die +drei Gruppen der Halbaffen, Affen und Menschen. Aber es fehlte diesem +kühnen systematischen Griffe noch jene tiefere empirische Begründung +durch die vergleichende Anatomie, die erst =Cuvier= herbeiführte. +Diese fand ihre weitere Ausführung durch die großen vergleichenden +Anatomen des 19. Jahrhunderts, durch =Friedrich Meckel=, =Johannes +Müller=, =Richard Owen=, =Thomas Huxley= und =Carl Gegenbaur=. Indem +dieser letztere in seinen Grundzügen der vergleichenden Anatomie (1870) +zum ersten Male die durch =Darwin= neu begründete Abstammungslehre +auf jene Wissenschaft anwandte, erhob er sie zum ersten Range unter +den biologischen Disziplinen. Seine »Vergleichende Anatomie der +Wirbeltiere« (1898) legte den unerschütterlichen Grund fest, auf +welchem sich unsere Überzeugung von der Wirbeltiernatur des Menschen +nach allen Richtungen hin klar beweisen läßt. + +=Gewebelehre= (~Histologie~) und =Zellenlehre= (~Cytologie~). In +ganz anderer Richtung als die vergleichende entwickelte sich im Laufe +des 19. Jahrhunderts die =mikroskopische Anatomie=. Schon im Anfange +desselben (1802) unternahm ein französischer Arzt, =Bichat=, den +Versuch, mittels des Mikroskops die Organe des menschlichen Körpers in +ihre einzelnen feineren Bestandteile zu zerlegen und die Beziehungen +dieser verschiedenen =Gewebe= festzustellen. Aber dieser erste Versuch +führte nicht weit, da ihm das gemeinsame Element für die zahlreichen, +verschiedenen Gewebe unbekannt blieb. Dies wurde erst 1838 für die +Pflanzen in der =Zelle= von =Matthias Schleiden= entdeckt und gleich +darauf auch für die Tiere von =Theodor Schwann= nachgewiesen. =Albert +Kölliker= und =Rudolf Virchow= führten dann im sechsten Dezennium +des 19. Jahrhunderts die =Zellentheorie= und die darauf gegründete +Gewebelehre für den gesunden und kranken Organismus des Menschen im +einzelnen durch; sie wiesen nach, daß auch im Menschen, wie in allen +anderen Tieren, alle Gewebe sich aus den gleichen mikroskopischen +Formbestandteilen, den einfachen =Zellen=, zusammensetzen, und daß +diese »Elementar-Organismen« die wahren, selbsttätigen Staatsbürger +sind, die, zu Milliarden vereinigt, unseren Körper, den »Zellenstaat«, +aufbauen. Alle diese Zellen entstehen durch oft wiederholte Teilung +aus einer einzigen, einfachen Zelle, aus der »=Stammzelle=« oder +»befruchteten Eizelle« (~Cytula~). Die allgemeine Struktur und +Zusammensetzung der Gewebe ist beim Menschen dieselbe wie bei den +übrigen Wirbeltieren. Unter diesen zeichnen sich die Säugetiere, die +jüngste und höchst entwickelte Klasse, durch gewisse besondere, spät +erworbene Eigentümlichkeiten aus. So ist z. B. die mikroskopische +Bildung der Haare, der Hautdrüsen, der Milchdrüsen, der Blutzellen bei +den Säugetieren ganz eigentümlich und verschieden von derjenigen der +übrigen Wirbeltiere; der =Mensch= ist auch in allen diesen feinsten +histologischen Beziehungen ein =echtes Säugetier=. + +_Wirbeltiernatur des Menschen._ Unser gesamter Körperbau zeigt +sowohl in der gröberen als in der feineren Zusammensetzung den +charakteristischen Typus der =Wirbeltiere= (~Vertebrata~). Diese +höchst entwickelte Hauptgruppe des Tierreichs wurde in ihrer +natürlichen Einheit zuerst 1801 von dem großen =Lamarck= erkannt; er +faßte unter diesem Begriffe die vier höheren Tierklassen von =Linné= +zusammen: Säugetiere, Vögel, Amphibien und Fische. Die beiden niederen +Klassen: Insekten und Würmer, stellte er jenen als »=Wirbellose=« +(~Invertebrata~) gegenüber. =Cuvier= bestätigte (1812) die +Einheit des Vertebratentypus und begründete sie fester durch seine +vergleichende Anatomie. In der Tat stimmen alle Wirbeltiere, von den +Fischen aufwärts bis zum Menschen, in allen wesentlichen Hauptmerkmalen +überein; sie besitzen alle ein festes inneres Skelett, Knorpel- und +Knochengerüst, und dieses besteht überall aus einer Wirbelsäule und +einem Schädel; die verwickelte Zusammensetzung des letzteren ist zwar +im einzelnen sehr mannigfaltig, aber im allgemeinen stets auf dieselbe +Urform zurückzuführen. Ferner liegt bei allen Wirbeltieren auf der +Rückenseite dieses Achsenskeletts das »Seelenorgan«, das zentrale +Nervensystem, in Gestalt eines Rückenmarks und eines Gehirns. Auch von +diesem wichtigen =Gehirn= gilt dasselbe wie von der es umschließenden +Knochenkapsel, dem =Schädel=; im einzelnen ist seine Ausbildung und +Größe höchst mannigfaltig abgestuft; im großen und ganzen bleibt die +charakteristische Zusammensetzung dieselbe. + +Die gleiche Erscheinung zeigt sich auch, wenn wir die übrigen Organe +unseres Körpers mit denen der anderen Wirbeltiere vergleichen: +überall bleibt infolge von =Vererbung= die ursprüngliche Anlage und +die relative Lagerung der Organe dieselbe, obgleich die Größe und +Ausbildung der einzelnen Teile höchst mannigfaltig sich sondert, +entsprechend der =Anpassung= an sehr verschiedene Lebensbedingungen. +So sehen wir, daß überall das Blut in zwei Hauptröhren kreist, von +denen die eine (Aorta) über dem Darm, die andere (Prinzipalvene) unter +dem Darm verläuft, und daß durch Erweiterung der letzteren an einer +ganz bestimmten Stelle das =Herz= entsteht; dieses »Ventralherz« +ist für alle Wirbeltiere ebenso charakteristisch wie umgekehrt das +Rückengefäß oder »Dorsalherz« für die Gliedertiere und Weichtiere. +Nicht minder eigentümlich ist bei allen Vertebraten die frühzeitige +Scheidung des Darmrohres in einen zur Atmung dienenden =Kopfdarm= (oder +»Kiemendarm«) und einen die Verdauung bewirkenden =Rumpfdarm= mit der +Leber (daher »Leberdarm«); ferner die Gliederung des Muskelsystems, die +besondere Bildung der Harn- und Geschlechtsorgane usw. In allen diesen +anatomischen Beziehungen ist =der Mensch ein echtes Wirbeltier=. + +_Tetrapodennatur des Menschen._ Mit der Bezeichnung =Vierfüßler= +(~Tetrapoda~) hatte schon =Aristoteles= alle jene höheren, +blutführenden Tiere belegt, welche sich durch den Besitz von zwei +Beinpaaren auszeichnen. Später wurde dieser Begriff erweitert, nachdem +=Cuvier= gezeigt hatte, daß auch die »zweibeinigen« Vögel und Menschen +eigentlich Vierfüßler sind; er wies nach, daß das innere Knochengerüst +der vier Beine bei allen höheren landbewohnenden Wirbeltieren, von den +Amphibien aufwärts bis zum Menschen, ursprünglich in gleicher Weise aus +einer bestimmten Zahl von Gliedern zusammengesetzt ist. Auch die »Arme« +des Menschen, die »Flügel« der Fledermäuse und Vögel zeigen denselben +typischen Skelettbau wie die »Vorderbeine« der laufenden, eigentlich +vierfüßigen Tiere. + +Diese =anatomische Einheit= des verwickelten Knochengerüstes in den +vier Gliedmaßen aller Tetrapoden ist =sehr wichtig=. Um sich wirklich +davon zu überzeugen, braucht man bloß das Skelett eines Salamanders +oder Frosches mit demjenigen eines Affen oder Menschen aufmerksam zu +vergleichen. Da sieht man sofort, daß vorn der Schultergürtel und +hinten der Beckengürtel aus denselben Hauptstücken zusammengesetzt +ist wie bei den übrigen »Vierfüßlern«. Überall sehen wir, daß das erste +Glied des eigentlichen Beines nur einen einzigen starken Röhrenknochen +enthält (vorn den Oberarm, hinten den Oberschenkel); dagegen wird das +zweite Glied ursprünglich stets durch zwei Knochen gestützt (vorn +Ellbogen und Speiche, hinten Wadenbein und Schienbein). Vergleichen wir +dann weiter den verwickelten Bau des eigentlichen Fußes, so überrascht +uns die Wahrnehmung, daß die zahlreichen, denselben zusammensetzenden, +kleinen Knochen ebenfalls überall ähnlich angeordnet und gesondert +sind; vorn entsprechen sich in allen Klassen der Tetrapoden die drei +Knochengruppen des Vorderfußes (oder der »Hand«): ~I~. Handwurzel, +~II~. Mittelhand und ~III~. fünf Finger; ebenso hinten die drei +Knochengruppen des Hinterfußes: ~I~. Fußwurzel, ~II~. Mittelfuß +und ~III~. fünf Zehen. Sehr schwierig war die Aufgabe, alte diese +zahlreichen kleinen Knochen, die im einzelnen höchst mannigfaltig +gestaltet und umgebildet, teilweise oft verschmolzen oder verschwunden +sind, auf eine und dieselbe Urform zurückzuführen, sowie die +Gleichwertigkeit der einzelnen Teile überall festzustellen. Diese +wichtige Aufgabe wurde erst vollständig von =Carl Gegenbaur= gelöst. +Er zeigte in seinen »Untersuchungen zur vergleichenden Anatomie +der Wirbeltiere« (1864), wie diese charakteristische »fünfzehige +Beinform« der landbewohnenden Vierfüßler ursprünglich (erst in der +Steinkohlenperiode) aus der vielstrahligen »Flosse« (Brustflosse +oder Bauchflosse) der älteren, wasserbewohnenden Fische entstanden +ist. In gleicher Weise leitete er in seinen »Untersuchungen über das +Kopfskelett der Wirbeltiere« (1872) den jüngeren Schädel der Tetrapoden +aus der älteren Schädelform der Fische ab. + +Besonders bemerkenswert ist noch, daß die ursprüngliche, zuerst bei +den alten Amphibien der Steinkohlenzeit entstandene =Fünfzahl der +Zehen= an allen vier Füßen sich infolge strenger =Vererbung= noch beim +Menschen bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Selbstverständlich +ist dementsprechend auch die typische Bildung der Gelenke und Bänder, +der Muskeln und Nerven der zwei Beinpaare, in der Hauptsache dieselbe +geblieben wie bei den übrigen »Vierfüßlern«; auch in diesen =wichtigen +Beziehungen ist der Mensch ein echter Tetrapode=. + +_Säugetiernatur des Menschen._ Die Säugetiere (~Mammalia~) bilden +die jüngste und höchst entwickelte Klasse der Wirbeltiere. Sie sind +zwar ebenso wie die Vögel und Reptilien aus der älteren Klasse der +=Amphibien= abzuleiten; sie unterscheiden sich aber von allen diesen +anderen Tetrapoden durch eine Anzahl von sehr auffallenden anatomischen +Merkmalen. Äußerlich tritt vor allem die =Haarbedeckung= der Haut +hervor, sowie der Besitz von zweierlei Hautdrüsen: Schweißdrüsen +und Talgdrüsen. Aus einer lokalen Umbildung dieser Drüsen an der +Bauchhaut entstand dasjenige Organ, welches für die Klasse besonders +charakteristisch ist und ihr den Namen gegeben hat, das »=Gesäuge=«. +Dieses wichtige Werkzeug der Brutpflege ist zusammengesetzt aus +den =Milchdrüsen= (~Mammae~) und den »Mammar-Taschen« (Falten +der Bauchhaut); durch ihre Fortbildung entstanden die Zitzen oder +»=Milchwarzen=« aus denen das junge Säugetier die Milch seiner Mutter +saugt. Im inneren Körperbau ist besonders bemerkenswert der Besitz +eines vollständigen =Zwerchfells=, einer muskulösen Scheidewand, welche +bei allen Säugetieren die Brusthöhle von der Bauchhöhle gänzlich +abschließt; bei allen übrigen Wirbeltieren fehlt diese Trennung. +Durch eine Anzahl von merkwürdigen Umbildungen zeichnet sich auch der +=Schädel= der Mammalien aus, besonders der Bau des Kieferapparates +(Oberkiefer, Unterkiefer und Gehörknochen). Aber auch das Gehirn, +das Geruchsorgan, das Herz, die Lungen, die inneren und äußeren +Geschlechtsorgane, die Nieren und andere Körperteile zeigen bei den +Säugetieren besondere Eigentümlichkeiten im gröberen und feineren Bau; +diese alle vereinigt weisen unzweideutig auf eine frühzeitige Trennung +derselben von den älteren Stammgruppen der Reptilien und Amphibien hin, +welche =spätestens in der Trias-Periode= stattgefunden hat. In allen +diesen wichtigen Beziehungen ist =der Mensch ein echtes Säugetier=. + +_Plazentaliennatur des Menschen._ Die zahlreichen Ordnungen, welche +die moderne systematische Zoologie in der Klasse der Säugetiere +unterscheidet, werden schon seit 1816 in drei natürliche Hauptgruppen +geordnet, welchen man den Wert von Unterklassen zuspricht: ~I~. +=Gabeltiere= (~Monotrema~), ~II~. =Beuteltiere= (~Marsupialia~) +und ~III~. =Zottentiere= (~Placentalia~). Diese drei Unterklassen +unterscheiden sich nicht nur in wichtigen Verhältnissen des Körperbaues +und der Entwickelung, sondern entsprechen auch drei verschiedenen +=historischen Bildungsstufen= der Klasse, wie wir später sehen werden. +Auf die älteste Gruppe, die =Monotremen= der Triasperiode, sind in +der Jurazeit die =Marsupialien= gefolgt, und auf diese erst in der +Kreideperiode die =Plazentalien=. Zu dieser jüngsten Unterklasse +gehört auch der Mensch; denn er zeigt in seiner Organisation alle +die Eigentümlichkeiten, durch welche sich sämtliche Zottentiere von +den Beuteltieren und den noch älteren Gabeltieren unterscheiden. +In erster Linie gehört dahin das eigentümliche Organ, welches der +Plazentaliengruppe ihren Namen gegeben hat, der =Mutterkuchen= +(~Placenta~). Dasselbe dient dem jungen, im Mutterleibe noch +eingeschlossenen Säugetier-Embryo längere Zeit zur Ernährung; es +besteht in blutführenden =Zotten=, welche von der Zottenhaut der +Keimhülle auswachsen und in entsprechende Grübchen der Schleimhaut +des mütterlichen Fruchtbehälters eindringen; hier wird die zarte +Haut zwischen beiden Gebilden so sehr verdünnt, daß unmittelbar die +ernährenden Stoffe aus dem mütterlichen Blute durch dieselbe hindurch +in das kindliche Blut übertreten können. Diese vortreffliche, erst +spät entstandene Ernährungsart des Keimes ermöglicht demselben einen +längeren Aufenthalt und eine weitere Ausbildung in der schützenden +Gebärmutter; sie fehlt noch den beiden älteren Unterklassen der +Beuteltiere und Gabeltiere. Aber auch durch andere anatomische +Merkmale, insbesondere die höhere Ausbildung des Gehirns und den +Verlust der Beutelknochen, erheben sich die Zottentiere über die +letzteren. In allen diesen wichtigen Beziehungen ist =der Mensch ein +echtes Zottentier=. + +_Primatennatur des Menschen._ Die formenreiche Subklasse der +Placentaltiere wird neuerdings in eine große Zahl von =Ordnungen= +geteilt. Als ihre wichtigsten Vertreter in der Gegenwart führen wir +hier nur die Nagetiere, Huftiere, Raubtiere und Herrentiere an. Zur +Legion der =Herrentiere= (~Primates~) gehören die drei Ordnungen +der Halbaffen, der echten Affen und der Menschen. Alle Angehörigen +dieser drei Ordnungen stimmen in vielen wichtigen Eigentümlichkeiten +überein und unterscheiden sich dadurch von den übrigen Ordnungen +der Zottentiere. Besonders zeichnen sie sich durch lange Beine aus, +welche ursprünglich der kletternden Lebensweise auf Bäumen angepaßt +sind. Hände und Füße sind fünfzehig und die langen Finger vortrefflich +zum Greifen und zum Umfassen der Baumzweige geeignet; sie tragen +entweder teilweise oder sämtlich Nägel (keine Krallen). Das Gebiß ist +vollständig, aus allen vier Zahngruppen zusammengesetzt (Schneidezähne, +Eckzähne, Lückenzähne, Backenzähne). Auch durch wichtige +Eigentümlichkeiten im besonderen Bau des Schädels und des Gehirns +unterscheiden sich die Herrentiere von den übrigen Zottentieren, und +zwar um so auffälliger, je höher sie ausgebildet, je später sie in der +Erdgeschichte aufgetreten sind. In allen diesen wichtigen anatomischen +Beziehungen stimmt unser menschlicher Organismus mit demjenigen der +übrigen =Primaten= überein: =der Mensch ist ein echtes Herrentier.= + +_Affennatur des Menschen._ Eine unbefangene gründliche Vergleichung +des Körperbaues der Primaten läßt zunächst in dieser höchst +entwickelten Säugetierlegion zwei Ordnungen unterscheiden: =Halbaffen= +(~Prosimiae~) und =Affen= (~Simiae~). Die ersteren erscheinen +in jeder Beziehung als die niedere und ältere, die letzteren als +die höhere und jüngere Ordnung. Die Gebärmutter der Halbaffen ist +noch doppelt oder zweihörnig, wie bei allen übrigen Säugetieren; +bei den Affen dagegen sind rechter und linker Fruchtbehälter völlig +verschmolzen; sie bilden einen =birnförmigen Uterus=, wie ihn außerdem +nur der Mensch besitzt. Wie bei diesem, so ist auch bei den Affen am +Schädel die Augenhöhle von der Schläfengrube durch eine knöcherne +Scheidewand vollständig getrennt; bei den Halbaffen ist diese noch +gar nicht oder nur unvollständig ausgebildet. Endlich ist bei den +Halbaffen das große Gehirn noch glatt oder nur schwach gefurcht und +verhältnismäßig klein; bei den Affen ist es viel größer, und besonders +der graue Hirnmantel, das Organ der höheren Seelentätigkeiten, ist viel +besser entwickelt; an seiner Oberfläche sind die charakteristischen +Windungen und Furchen um so mehr ausgeprägt, je mehr er sich dem +Menschen nähert. In diesen und anderen wichtigen Beziehungen, besonders +auch in der Bildung des Gesichts und der Hände, zeigt der =Mensch alle +anatomischen Merkmale der echten Affen=. + +_Katarrhinennatur des Menschen._ Die formenreiche Ordnung der Affen +wurde schon 1812 von =Géoffroy= in zwei natürliche Unterordnungen +geteilt, die noch heute allgemein in der systematischen Zoologie +angenommen sind: Westaffen und Ostaffen; erstere bewohnen +ausschließlich die westliche, letztere die östliche Erdhälfte. Die +amerikanischen =Westaffen= heißen »=Plattnasen=« (~Platyrrhinae~), +weil ihre Nase plattgedrückt, die Nasenlöcher seitlich gerichtet und +deren Scheidewand breit ist. Dagegen sind die =Ostaffen=, welche +die Alte Welt bewohnen, sämtlich »=Schmalnasen=« (~Catarrhinae~); +ihre Nasenlöcher sind wie beim Menschen nach unten gerichtet, da +ihre Scheidewand schmal ist. Ein weiterer Unterschied beider Gruppen +besteht darin, daß das Trommelfell bei den Westaffen oberflächlich, +dagegen bei den Ostaffen tiefer, im Innern des Felsenbeins liegt; +hier hat sich ein langer und enger knöcherner Gehörgang entwickelt, +während dieser bei den Westaffen noch kurz und weit ist oder selbst +ganz fehlt. Endlich zeigt sich ein sehr wichtiger und durchgreifender +Gegensatz beider Gruppen darin, daß alle Katarrhinen die Gebißbildung +des Menschen besitzen, nämlich 20 Milchzähne und 32 bleibende Zähne +(in jeder Kieferhälfte 2 Schneidezähne, 1 Eckzahn, 2 Lückenzähne und +3 Mahlzähne). Die Platyrrhinen dagegen zeigen in jeder Kieferhälfte +einen Lückenzahn mehr, also im ganzen 36 Zähne. Da diese anatomischen +Unterschiede beider Affengruppen ganz allgemein und durchgreifend sind, +und da sie mit der geographischen Verbreitung in den beiden getrennten +Hemisphären der Erde zusammenstimmen, ergibt sich daraus die +Berechtigung ihrer scharfen systematischen Trennung; weiterhin knüpft +sich daran die phylogenetische Folgerung, daß seit sehr langer +Zeit sich beide Unterordnungen in der westlichen und östlichen +Hemisphäre getrennt von einander entwickelt haben. Das ist für die +Stammesgeschichte unsere Geschlechts überaus wichtig; denn der Mensch +teilt alle Merkmale der =echten Katarrhinen=; er hat sich aus älteren +ausgestorbenen Affen dieser Unterordnung in der Alten Welt entwickelt. + +_Anthropomorphengruppe._ Die zahlreichen Formen der Ostaffen, +welche noch heute in Asien und Afrika leben, werden schon seit +langer Zeit in zwei natürliche Sektionen geteilt: die geschwänzten +=Hundsaffen= (~Cynopitheca~) und die schwanzlosen =Menschenaffen= +(~Anthropomorpha~). Diese letzteren stehen dem Menschen viel näher +als die ersteren, nicht nur in dem Mangel des Schwanzes und in der +allgemeinen Gestaltung des Körpers (besonders des Kopfes), sondern auch +durch besondere Merkmale, die an sich unbedeutend, aber wegen ihrer +Beständigkeit wichtig sind. Das Kreuzbein ist bei den Menschenaffen, +wie beim Menschen, aus fünf verschmolzenen Wirbeln zusammengesetzt, +dagegen bei den Hundsaffen nur aus drei (seltener vier) Kreuzwirbeln. +Im Gebiß der =Cynopitheken= sind die Lückenzähne länger als breit, +in demjenigen der =Anthropomorphen= breiter als lang; und der erste +Mahlzahn zeigt bei den ersteren vier, bei den letzteren dagegen fünf +Höcker. Ferner ist im Unterkiefer jederseits bei den Menschenaffen, wie +beim Menschen, der äußere Schneidezahn breiter als der innere, bei den +Hundsaffen umgekehrt schmäler. Endlich ist von besonderer Bedeutung +die wichtige Tatsache, daß die Menschenaffen mit dem Menschen auch die +eigentümlichen feineren Bildungsverhältnisse seiner scheibenförmigen +~Placenta~, der ~Docidua reflexa~ und des Bauchstiels teilen +(vergl. Kap. 4). Übrigens ergibt schon die oberflächliche Vergleichung +der Körperform der heute noch lebenden Menschenaffen, daß sowohl +die asiatischen Vertreter dieser Gruppe (Orang und Gibbon), als +die afrikanischen Vertreter (Gorilla und Schimpanse) dem Menschen +im gesamten Körperbau näher stehen als sämtliche Hundsaffen. Unter +diesen letzteren stehen namentlich die hundsköpfigen =Papstaffen= +(~Papiomorpha~), die Paviane und Meerkatzen, auf einer sehr tiefen +Bildungsstufe. Der anatomische Unterschied zwischen diesen rohen +Papstaffen und den höchst entwickelten Menschenaffen ist in jeder +Beziehung größer als derjenige zwischen den letzteren und dem Menschen. + +Die vergleichende Anatomie ergibt somit für den unbefangenen und +kritischen Forscher die bedeutungsvolle Tatsache, daß der Körperbau des +Menschen und der Menschenaffen nicht nur im höchsten Grade ähnlich, +sondern in allen wesentlichen Beziehungen derselbe ist. Dieselben +200 Knochen, in der gleichen Anordnung und Zusammensetzung, bilden +unser inneres Knochengerüst; dieselben 300 Muskeln bewirken unsere +Bewegungen; dieselben Haare bedecken unsere Haut; dieselben Gruppen +von Seelenzellen setzen den kunstvollen Wunderbau unseres Gehirns +zusammen; dasselbe vierkammerige Herz ist das zentrale Pumpwerk unseres +Blutkreislaufs; dieselben 32 Zähne setzen in der gleichen Anordnung +unser Gebiß zusammen; dieselben Speicheldrüsen, Leber- und Darmdrüsen +vermitteln unsere Verdauung; dieselben Organe der Fortpflanzung +ermöglichen die Erhaltung unseres Geschlechts. + +Allerdings finden wir bei genauer Vergleichung gewisse Unterschiede in +der =Größe= und =Gestalt= der meisten Organe zwischen dem Menschen und +Menschenaffen; allein dieselben oder ähnliche Unterschiede entdecken +wir auch bei der sorgfältigen Vergleichung der höheren und niederen +Menschenrassen, ja sogar bei der exakten Vergleichung aller einzelnen +Individuen unserer eigenen Rasse. Wir finden nicht zwei Personen, +welche ganz genau dieselbe Größe und Form der Nase, der Ohren, der +Augen usw. haben. Man braucht bloß aufmerksam in einer größeren +Gesellschaft diese einzelnen Teile der menschlichen =Gesichtsbildung= +bei zahlreichen Personen zu vergleichen, um sich von der erstaunlichen +Mannigfaltigkeit in deren spezieller Gestaltung zu überzeugen. Oft sind +ja bekanntlich selbst Geschwister von so verschiedener Körperbildung, +daß ihre Abstammung von einem und demselben Elternpaare kaum glaublich +erscheint. Alle diese =individuellen= Unterschiede beeinträchtigen aber +nicht das Gewicht der =fundamentalen Gleichheit im Körperbau=; denn +sie sind nur bedingt durch geringe Verschiedenheiten im Wachstum der +einzelnen Teile. + + + + +=Drittes Kapitel.= + +_Unser Leben._ + + Monistische Studien über menschliche und vergleichende Physiologie. + Übereinstimmung in allen Lebensfunktionen des Menschen und der + Säugetiere. + + +Unsere Kenntnis vom menschlichen Leben hat sich erst innerhalb des 19. +Jahrhunderts zum Range einer selbständigen, wirklichen =Wissenschaft= +erhoben. Diese »Lehre von den Lebenstätigkeiten«, die =Physiologie=, +hat sich zwar frühzeitig der Heilkunde als eine wünschenswerte, ja +notwendige Vorbedingung für erfolgreiche ärztliche Tätigkeit fühlbar +gemacht, in engem Zusammenhang mit der Anatomie, der Lehre vom +Körperbau. Aber sie konnte erst viel später und langsamer als letztere +gründlich erforscht werden, da sie auf viel größere Schwierigkeiten +stieß. + +Der Begriff des Lebens, im Gegensatz zum Tode, ist natürlich schon +sehr frühzeitig Gegenstand des Nachdenkens gewesen. Man beobachtete +am lebenden Menschen wie an den lebendigen Tieren eine Anzahl von +eigentümlichen Veränderungen, vorzugsweise =Bewegungen=, welche den +»toten« Naturkörpern fehlten: selbständige Ortsbewegung, Herzklopfen, +Atemzüge, Sprache usw. Allein die Unterscheidung solcher »organischen +Bewegungen« von ähnlichen Erscheinungen bei anorganischen Naturkörpern +war nicht leicht und oft verfehlt; das fließende Wasser, die +flackernde Flamme, der wehende Wind, der stürzende Fels zeigten dem +Menschen ganz ähnliche Veränderungen, und es war sehr natürlich, daß +der naive Naturmensch auch diesen »toten Körpern« ein selbständiges +Leben zuschrieb. Von den bewirkenden Ursachen konnte man sich bei den +letzteren ebensowenig befriedigende Rechenschaft geben als bei den +ersteren. + +_Menschliche Physiologie._ Die ältesten wissenschaftlichen +Betrachtungen über das Wesen der menschlichen Lebenstätigkeiten treffen +wir (ebenso wie diejenigen über den Körperbau des Menschen) bei den +griechischen Naturphilosophen und Ärzten im sechsten und fünften +Jahrhundert v. Chr. Die reichste Sammlung von bezüglichen, damals +bekannten Tatsachen finden wir in der Naturgeschichte des =Aristoteles=. + +Der Ruhm, die vorhandenen Kenntnisse einheitlich zusammengefaßt und +den ersten Versuch zu einem System der Physiologie gemacht zu haben, +gebührt dem großen griechischen Arzte =Galenus=, den wir auch als den +ersten großen Anatomen des Altertums kennen gelernt haben. Bei seinen +Untersuchungen über die =Organe= des menschlichen Körpers stellte +er sich beständig auch die Frage nach ihren Lebenstätigkeiten oder +=Funktionen=, und auch hierbei verfuhr er vergleichend und untersuchte +vor allem die menschenähnlichsten Tiere, die =Affen=. Die Erfahrungen, +die er hier gewonnen, übertrug er direkt auf den Menschen. Er erkannte +auch bereits den hohen Wert des physiologischen =Experimentes=: bei +Vivisektion von Affen, Hunden und Schweinen stellte er verschiedene +interessante Versuche an. Die =Vivisektionen= sind neuerdings nicht +nur von unwissenden und beschränkten Leuten, sondern auch von +wissensfeindlichen Theologen und von gefühlsseligen Gemütsmenschen +vielfach auf das heftigste angegriffen worden; sie gehören aber zu +den =unentbehrlichen Methoden= der Lebensforschung und haben uns +unschätzbare Aufschlüsse über die wichtigsten Fragen gegeben. + +Ebenso wie für die Anatomie des Menschen, so blieb auch für seine +Physiologie das System des =Galenus= während des langen Zeitraums +von dreizehn Jahrhunderten die unantastbare Quelle aller Kenntnisse. +Der kulturfeindliche Einfluß des Christentums bereitete auch auf +diesem, wie auf allen anderen Gebieten, der Naturerkenntnis die +unüberwindlichsten Hindernisse. Vom dritten bis zum sechzehnten +Jahrhundert trat kein einziger Forscher auf, der gewagt hätte, +selbständig wieder die Lebenstätigkeiten der Menschen zu untersuchen +und über das System von =Galenus= hinauszugehen. Erst im 16. +Jahrhundert wurden dazu mehrere bescheidene Versuche von angesehenen +Ärzten und Anatomen gemacht. Aber erst im Jahre 1628 veröffentlichte +der englische Arzt =Harvey= seine große Entdeckung des =Blutkreislaufs= +und wies nach, daß das Herz ein Pumpwerk ist, welches durch +regelmäßige, unbewußte Zusammenziehung seiner Muskeln die Blutwelle +unablässig durch das kommunizierende Röhrensystem der Adern oder +Blutgefäße treibt. Nicht minder wichtig waren =Harveys= Untersuchungen +über die Zeugung der Tiere, infolge deren er den berühmten Satz +aufstellte: »Alles Lebendige entwickelt sich aus einem Ei« (~omne +vivum ex ovo~). + +Die mächtige Anregung zu physiologischen Beobachtungen und Versuchen, +welche =Harvey= gegeben hatte, führte im 16. und 17. Jahrhundert +zu einer großen Anzahl von Entdeckungen. Diese faßte der Gelehrte +=Albrecht Haller= um die Mitte des 18. Jahrhunderts zum ersten Male +zusammen; in seinem großen Werke »~Elementa physiologiae~« begründete +er den selbständigen Wert dieser Wissenschaft und nicht nur in ihrer +Beziehung zur praktischen Medizin. Indem aber =Haller= für die +Nerventätigkeit eine besondere »Empfindungskraft oder Sensibilität« +und ebenso für die Muskelbewegung eine besondere »Reizbarkeit oder +Irritabilität« als Ursache annahm, lieferte er mächtige Stützen für die +irrtümliche Lehre von einer eigentümlichen »=Lebenskraft=«. + +_Lebenskraft (Vitalismus)._ Über ein volles Jahrhundert hindurch, +von der Mitte des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, blieb in +der Medizin, und speziell in der Physiologie, die alte Anschauung +herrschend, daß zwar ein Teil der Lebenserscheinungen auf physikalische +und chemische Vorgänge zurückzuführen sei, daß aber ein anderer Teil +derselben durch eine besondere, davon unabhängige =Lebenskraft= +(~Vis vitalis~) bewirkt werde. So verschiedenartig auch die +besonderen Vorstellungen vom Wesen derselben und besonders von ihrem +Zusammenhang mit der »Seele« sich ausbildeten, so stimmten doch alle +darin überein, daß die Lebenskraft von den physikalisch-chemischen +Kräften der gewöhnlichen »Materie« unabhängig und wesentlich +verschieden sei; als eine selbständige, der anorganischen Natur +fehlende »=Urkraft=« sollte sie die ersteren in ihren Dienst nehmen. +Nicht allein die Seelentätigkeit selbst, die Sensibilität der Nerven +und die Irritabilität der Muskeln, sondern auch die Vorgänge der +Sinnestätigkeit, der Fortpflanzung und Entwickelung erschienen +allgemein so wunderbar und in ihren Ursachen so rätselhaft, daß +es unmöglich sei, sie auf einfache physikalische und chemische +Naturprozesse zurückzuführen. + +_Der Mechanismus des Lebens (Monistische Physiologie)._ Schon in +der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts hatte der berühmte Philosoph +=Descartes=, fußend auf =Harveys= Entdeckung des Blutkreislaufs, den +Gedanken ausgesprochen, daß der Körper des Menschen ebenso wie der +Tiere eine komplizierte =Maschine= sei, und daß ihre Bewegungen nach +denselben mechanischen Gesetzen erfolgen wie bei den künstlichen, vom +Menschen für einen bestimmten Zweck gebauten Maschinen. Allerdings +nahm =Descartes= trotzdem für den Menschen allein eine vollkommene +Selbständigkeit der immateriellen Seele an und erklärte sogar deren +subjektive Empfindung, das Denken, für das einzige in der Welt, von +dem wir unmittelbar ganz sichere Kenntnis besitzen (»~Cogito, ergo +sum~!«). Allein dieser Dualismus hinderte ihn nicht, im einzelnen die +Erkenntnis der mechanischen Lebenstätigkeiten vielseitig zu fördern. Im +Anschluß daran führte =Borelli= (1660) die Bewegungen des Tierkörpers +auf rein physikalische Gesetze zurück, und gleichzeitig versuchte +=Sylvius=, die Vorgänge bei der Verdauung und Atmung als rein chemische +Prozesse zu erklären. Allein diese vernünftigen Ansätze zu einer +naturgemäßen, mechanischen Erklärung der Lebenserscheinungen vermochten +keine allgemeine Anwendung und Geltung zu erringen; und im Laufe des +18. Jahrhunderts traten sie ganz zurück, je mehr sich der Vitalismus +entwickelte. Eine endgültige Widerlegung des letzteren und Rückkehr +zur ersteren wurde erst vorbereitet, als im vierten Dezennium des 19. +Jahrhunderts die neue =vergleichende= Physiologie sich zu fruchtbarer +Geltung erhob. + +_Vergleichende Physiologie._ Wie unsere Kenntnisse vom Körperbau +des Menschen, so wurden auch diejenigen von seiner Lebenstätigkeit +ursprünglich größtenteils nicht durch direkte Beobachtung +am menschlichen Organismus selbst gewonnen, sondern an den +nächstverwandten höheren Wirbeltieren, vor allem den =Säugetieren=. +Aber die eigentliche »vergleichende Physiologie«, welche das ganze +Gebiet der Lebenserscheinungen von den niedersten Tieren bis zum +Menschen hinauf im Zusammenhang erfaßt, ist erst eine Errungenschaft +des 19. Jahrhunderts; ihr großer Schöpfer war =Johannes Müller= in +Berlin (1801-1858). Ursprünglich ausgehend von der Anatomie und +Physiologie des Menschen, zog derselbe bald alle Hauptgruppen der +höheren und niederen Tiere in den Kreis seiner Vergleichung. Indem +er zugleich die Bildung der ausgestorbenen Tiere mit den lebenden, +den gesunden Organismus des Menschen mit dem kranken verglich, indem +er wahrhaft philosophisch alle Erscheinungen des organischen Lebens +zusammenzufassen strebte, erhob er sich zu einer bis dahin unerreichten +Höhe der biologischen Erkenntnis. + +Allerdings war =Müller= ursprünglich, gleich allen Physiologen seiner +Zeit, Vitalist. Allein die herrschende Lehre von der Lebenskraft nahm +bei ihm eine neue Form an und verwandelte sich allmählich in ihr +prinzipielles Gegenteil. Denn auf allen Gebieten der Physiologie war +=Müller= bestrebt, die Lebenserscheinungen mechanisch zu erklären; +seine reformierte Lebenskraft steht nicht über den physikalischen +und chemischen Gesetzen der übrigen Natur, sondern sie ist streng +an dieselben =gebunden=; sie ist schließlich weiter nichts als das +»=Leben=« selbst, d. h. die Summe aller Bewegungserscheinungen, die +wir am lebendigen Organismus wahrnehmen. Überall war er bestrebt, +dieselben mechanisch zu erklären, in dem Sinnes- und Seelenleben wie in +der Tätigkeit der Muskeln, in den Vorgängen des Blutkreislaufs, der +Atmung und Verdauung wie in den Erscheinungen der Fortpflanzung und +Entwickelung. Die größten Fortschritte führte hier =Müller= dadurch +herbei, daß er überall von den einfachsten Lebenserscheinungen der +niederen Tiere ausging und Schritt für Schritt ihre allmähliche +Ausbildung zu den höheren, bis zum höchsten, zum Menschen, hinauf +verfolgte. Hier bewährte sich seine Methode der =kritischen +Vergleichung= ebenso in der Physiologie, wie in der Anatomie. + +_Zellularphysiologie._ Unter den zahlreichen Schülern von =Johannes +Müller=, welche teils schon bei seinen Lebzeiten, teils nach seinem +Tode die verschiedenen Zweige der Biologie mächtig förderten, war einer +der glücklichsten =Theodor Schwann=. Als 1838 der geniale Botaniker +=Schleiden= in Jena die =Zelle= als das gemeinsame Elementarorgan der +Pflanzen erkannt und alle verschiedenen Gewebe des Pflanzenkörpers +als zusammengesetzt aus Zellen nachgewiesen hatte, erkannte =Johannes +Müller= sofort die außerordentliche Tragweite dieser bedeutungsvollen +Entdeckung; er versuchte selbst, in verschiedenen Geweben des +Tierkörpers die gleiche Zusammensetzung nachzuweisen, und +veranlaßte sodann seinen Schüler =Schwann=, diesen Nachweis auf alle +tierischen Gewebe auszudehnen. Diese schwierige Aufgabe löste der +letztere glücklich in seinen »Mikroskopischen Untersuchungen über +die Übereinstimmung in der Struktur und dem Wachstum der Tiere und +Pflanzen« (1839). Damit war der Grundstein für die =Zellentheorie= +gelegt, deren Bedeutung ebenso für die Physiologie wie für die Anatomie +seitdem von Jahr zu Jahr zugenommen und sich immer allgemeiner bewährt +hat. Daß auch die Lebenstätigkeit aller Organismen auf diejenige ihrer +Gewebeteile, der mikroskopischen Zellen, zurückgeführt werden müsse, +führten namentlich zwei andere Schüler von =Johannes Müller= aus, +der scharfsinnige Physiologe =Ernst Brücke= in Wien und der berühmte +Histologe =Albert Kölliker= in Würzburg. Der erstere bezeichnete die +Zellen richtig als »=Elementar-Organismen=« und zeigte, daß sie ebenso +im Körper des Menschen wie aller anderen Tiere die selbständig tätigen +Faktoren des Lebens sind. =Kölliker= erwarb sich besondere Verdienste +nicht nur um die Ausbildung der gesamten Gewebelehre, sondern auch +durch den Nachweis, daß das Ei der Tiere, sowie die daraus entstehenden +»Furchungskugeln« einfache Zellen sind. + +So allgemein aber auch die hohe Bedeutung der Zellentheorie für +alle biologischen Aufgaben erkannt wurde, so wurde doch die +darauf gegründete =Zellular-Physiologie= erst in neuester Zeit +selbständig ausgebaut. Hier hat namentlich =Max Verworn= sich ein +doppeltes Verdienst erworben. In seinen »Psychophysiologischen +Protisten-Studien« (1889) hat derselbe auf Grund sinnreicher +experimenteller Untersuchungen gezeigt, daß die von mir (1866) +aufgestellte »=Theorie der Zellseele=« durch das genaue Studium der +einzelligen Protozoen vollkommen gerechtfertigt wird, und daß »die +psychischen Vorgänge im Protistenreiche die Brücke bilden, welche die +chemischen Prozesse in der unorganischen Natur mit dem Seelenleben +der höchsten Tiere verbindet«. Weiter ausgeführt und gestützt auf +die moderne Entwickelungslehre hat =Verworn= diese Ansichten in +seiner »Allgemeinen Physiologie«. Dieses ausgezeichnete Werk geht +zum ersten Male wieder auf den umfassenden Standpunkt von =Johannes +Müller= zurück, im Gegensatze zu den einseitigen und beschränkten +Methoden jener modernen Physiologen, welche glauben, ausschließlich +durch physikalische und chemische Experimente das Wesen der +Lebenserscheinungen ergründen zu können. =Verworn= zeigte, daß nur +durch die =vergleichende= Methode =Müllers= und durch das Vertiefen in +die Physiologie der =Zelle= jener höhere Standpunkt gewonnen werden +kann, der uns einen einheitlichen Überblick über das wundervolle +Gesamtgebiet der Lebenserscheinungen gewährt; nur dadurch gelangen +wir zu der Überzeugung, daß auch die sämtlichen Lebenstätigkeiten des +Menschen denselben Gesetzen der Physik und Chemie unterliegen, wie +diejenigen aller anderen Tiere. + +_Zellularpathologie._ Die grundlegende Bedeutung der Zellentheorie +für alle Zweige der Biologie bewährte sich in der zweiten Hälfte des +19. Jahrhunderts nicht allein in den großartigen Fortschritten der +gesamten Morphologie und Physiologie, sondern auch besonders in der +totalen Reform derjenigen biologischen Wissenschaft, welche vermöge +ihrer Beziehungen zur praktischen Heilkunst von jeher die größte +Bedeutung in Anspruch nahm, der =Pathologie= oder Krankheitslehre. +Daß die Krankheiten des Menschen wie aller übrigen Lebewesen +=Natur=erscheinungen sind und also gleich den übrigen Lebensfunktionen +nur naturwissenschaftlich erforscht werden können, war ja schon vielen +älteren Ärzten zur festen Überzeugung geworden. Auch hatten schon im +17. Jahrhundert einzelne medizinische Schulen den Versuch gemacht, die +Ursachen der Krankheiten auf bestimmte physikalische oder chemische +Veränderungen zurückzuführen. Allein der damalige niedere Zustand +der Naturwissenschaften verhinderte einen bleibenden Erfolg dieser +berechtigten Bestrebungen. Daher blieben mehrere ältere Theorien, die +das Wesen der Krankheit in übernatürlichen oder mystischen Ursachen +suchten, bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts in fast allgemeiner Geltung. + +Erst um diese Zeit hatte =Rudolf Virchow=, ebenfalls ein Schüler +von =Johannes Müller=, den glücklichen Gedanken, die Zellentheorie +vom gesunden auch auf den kranken Organismus zu übertragen; er +suchte in den feinen Veränderungen der kranken Zellen und der aus +ihnen zusammengesetzten Gewebe die wahre Ursache jener gröberen +Veränderungen, welche als bestimmte »Krankheitsbilder« den lebenden +Organismus mit Gefahr und Tod bedrohen. Besonders während der sieben +Jahre seiner Lehrtätigkeit in Würzburg (1849-1856) führte =Virchow= +diese große Aufgabe mit so glänzendem Erfolge durch, daß seine +=Zellularpathologie= mit einem Schlage die ganze Pathologie und +die von ihr gestützte praktische Medizin in neue, höchst fruchtbare +Bahnen lenkte. Für unsere Aufgabe ist diese Reform der Medizin +deshalb so bedeutungsvoll, weil sie uns zu einer monistischen, rein +wissenschaftlichen Beurteilung der Krankheit führt. Auch der kranke +Mensch, ebenso wie der gesunde, unterliegt denselben »ewigen ehernen +Gesetzen«, wie die ganze übrige organische Welt. + +_Physiologie der Säugetiere._ Unter den zahlreichen Tierklassen, +welche die neuere Zoologie unterscheidet, nehmen die =Säugetiere= +nicht allein in morphologischer, sondern auch in physiologischer +Beziehung eine ganz besondere Stellung ein. Da nun auch der Mensch +seinem ganzen Körperbau nach zur Klasse der Säugetiere gehört, muß +er auch den besonderen Charakter seiner Lebenstätigkeiten mit den +übrigen Säugetieren teilen. Der Blutkreislauf und die Atmung vollziehen +sich beim Menschen genau nach denselben Gesetzen und in derselben +eigentümlichen Form, welche auch allen anderen Säugetieren zukommt; +sie ist bedingt durch den besonderen, feineren Bau ihres Herzens und +ihrer Lungen. Nur bei den Säugetieren wird alles Arterienblut aus der +linken Herzkammer durch den linken Aortenbogen in den Körper geführt, +während dies bei den Vögeln durch den rechten und bei den Reptilien +durch beide Aortenbogen bewirkt wird. Das Blut der Säugetiere zeichnet +sich vor demjenigen aller anderen Wirbeltiere dadurch aus, daß aus +ihren roten Blutzellen der Kern verschwunden ist. Die Atembewegungen +werden nur in dieser Tierklasse vorzugsweise durch das =Zwerchfell= +vermittelt, weil dasselbe nur hier eine vollständige Scheidewand +zwischen Brusthöhle und Bauchhöhle bildet. Ganz besonders wichtig aber +ist für diese höchst entwickelte Tierklasse die Produktion der Milch +in den Brustdrüsen (~Mammae~) und die besondere Form der Brutpflege, +welche die Ernährung des Jungen durch die Milch der Mutter mit sich +bringt. Da dieses Säugegeschäft auch andere Lebenstätigkeiten in der +eingreifendsten Weise beeinflußt, da die Mutterliebe der Säugetiere +aus dieser innigen Form der Brutpflege ihren Ursprung genommen hat, +erinnert uns der Name der Klasse mit Recht an ihre hohe Bedeutung. In +Millionen von Bildern, zum großen Teil von Künstlern ersten Ranges, +wird »=die Madonna= mit dem Christuskinde« verherrlicht als das reinste +und erhabenste Urbild der Mutterliebe; desselben Instinktes, dessen +extremste Form die übertriebene Zärtlichkeit der Affenmutter darstellt. + +_Physiologie der Affen._ Da unter allen Säugetieren die Affen +im gesamten Körperbau dem Menschen am nächsten stehen, läßt +sich von vornherein erwarten, daß dasselbe auch von ihren +Lebenstätigkeiten gilt; und das ist in Wahrheit der Fall. Wie sehr +die Lebensgewohnheiten, die Bewegungen, die Sinnesfunktionen, das +Seelenleben, die Brutpflege der Affen sich denjenigen des Menschen +nähern, weiß jedermann. Aber die wissenschaftliche Physiologie weist +dieselbe bedeutungsvolle Übereinstimmung auch für andere, weniger +bekannte Erscheinungen nach, besonders die Herztätigkeit, die +Drüsenabsonderung und das Geschlechtsleben. In letzterer Beziehung +ist besonders merkwürdig, daß die geschlechtsreifen Weibchen bei +vielen Affenarten einen regelmäßigen Blutabgang aus dem Fruchtbehälter +erleiden, entsprechend der Menstruation (oder »Monatsregel«) des +menschlichen Weibes. Auch die Milchabsonderung aus der Brustdrüse und +das Säugegeschäft geschieht bei den weiblichen Affen genau ebenso wie +bei den Frauen. + +Besonders interessant ist endlich die Tatsache, daß die =Lautsprache +der Affen=, physiologisch verglichen, als Vorstufe zu der artikulierten +menschlichen Sprache erscheint. Unter den heute noch lebenden +Menschenaffen gibt es eine indische Art, welche musikalisch ist: der +~Hylobates syndactylus~ auf Sumatra singt in vollkommen reinen und +klangvollen, halben Tönen eine ganze Oktave. Für den unbefangenen +Sprachforscher kann es heute keinem Zweifel mehr unterliegen, daß +unsere hochentwickelte Begriffssprache sich langsam und stufenweise aus +der unvollkommenen Lautsprache unserer Affenahnen entwickelt hat. + + + + +=Viertes Kapitel.= + +_Unsere Keimesgeschichte._ + + Monistische Studien über menschliche und vergleichende Ontogenie. + Übereinstimmung in der Keimbildung und Entwickelung des Menschen und + der Wirbeltiere. + + +In noch höherem Maße als die vergleichende Anatomie und Physiologie +ist die =vergleichende Ontogenie=, =die Entwickelungsgeschichte des +Einzeltieres= oder Individuums, ein Kind des neunzehnten Jahrhunderts. +Wie entsteht der Mensch im Mutterleibe? Wie entstehen die Tiere aus den +Eiern? Wie entsteht die Pflanze aus dem Samenkorn? Diese inhaltsschwere +Frage hat auch schon seit Jahrtausenden den denkenden Menschengeist +beschäftigt; aber erst sehr spät, 1828, zeigte uns der Embryologe +=Baer= die rechten Mittel und Wege, um tiefer in die Kenntnis der +geheimnisvollen Tatsachen der Keimesgeschichte einzudringen; und erst +1859 lieferte uns =Darwin= durch seine Reform der Deszendenztheorie den +Schlüssel, mit dessen Hülfe wir zur Erkenntnis ihrer Ursachen gelangen +können. Da ich diese hochinteressanten, aber schwierig zu verstehenden +Verhältnisse in meiner =Keimesgeschichte des Menschen= (im ersten Teile +der Anthropogenie) einer ausführlichen, populär-wissenschaftlichen +Darstellung unterzogen habe, beschränke ich mich hier auf eine kurze +Zusammenfassung und Deutung der wichtigsten Erscheinungen. Wir wollen +dabei zunächst einen historischen Rückblick auf die ältere =Ontogenie= +werfen. + +_Präformationslehre._ =Ältere Keimesgeschichte.= (Vergl. den 2. +Vortrag meiner »Anthropogenie«.) Wie für die vergleichende Anatomie, +so sind auch für die Entwickelungsgeschichte die klassischen Werke des +=Aristoteles=, des vielseitigen »Vaters der Naturgeschichte«, die +älteste uns bekannte wissenschaftliche Quelle (im 4. Jahrhundert v. +Chr.). Nicht allein in seiner großen Tiergeschichte, sondern auch in +einer besonderen kleinen Schrift: »Fünf Bücher von der Zeugung und +Entwickelung der Tiere« erzählt uns der große Philosoph eine Menge +von interessanten Tatsachen und stellt Betrachtungen über deren +Bedeutung an; viele davon sind erst in unserer Zeit wieder zur Geltung +gekommen und eigentlich erst wieder neu entdeckt worden. Natürlich +sind aber daneben auch viele Fabeln und Irrtümer zu finden, und von +der verborgenen Entstehung des Menschenkeimes war noch nichts Näheres +bekannt. Auch in dem langen folgenden Zeitraume von zwei Jahrtausenden +machte die schlummernde Wissenschaft keine weiteren Fortschritte. +Erst im Anfange des 17. Jahrhunderts fing man wieder an, sich damit +zu beschäftigen; der italienische Anatom =Fabricius ab Aquapendente= +veröffentlichte 1600 die ältesten Abbildungen und Beschreibungen von +Embryonen des Menschen und einiger höheren Tiere; und der berühmte +=Marcello Malpighi= in Bologna, gleich bahnbrechend in der Zoologie wie +in der Botanik, gab 1687 die erste zusammenhängende Darstellung von der +Entstehung des Hühnchens im bebrüteten Ei. + +Alle diese älteren Beobachter waren von der Vorstellung beherrscht, +daß im Ei der Tiere, ähnlich wie im Samen der höheren Pflanzen, der +ganze Körper mit allen seinen Teilen bereits fertig vorhanden sei, nur +in einem so feinen und so durchsichtigen Zustande, daß man sie nicht +erkennen könne; die ganze Entwickelung sei demnach nichts weiter, als +Wachstum oder »=Auswickelung=« (~Evolutio~) der eingewickelten Teile. +Diese falsche Lehre, die bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts fast +allgemein in Geltung blieb, nennen wir am besten die Vorbildungslehre +oder =Präformationstheorie=. + +=Einschachtelungslehre.= In engem Zusammenhange mit der +Präformationslehre entstand im 17. Jahrhundert eine weitere Theorie, +welche die denkenden Biologen lebhaft beschäftigte: die sonderbare +»Einschachtelungslehre«. Da man annahm, daß im Ei bereits die Anlage +des ganzen Organismus mit allen seinen Teilen vorhanden sei, mußte +auch der Eierstock des jungen Keimes mit den Eiern der folgenden +Generation darin vorgebildet sein, und in diesen wiederum die Eier +der nächstfolgenden, usw. ~in infinitum~! Daraufhin berechnete der +berühmte Physiologe =Haller=, daß der liebe Gott vor 6000 Jahren -- +am sechsten Tage seines Schöpfungswerkes -- die Keime von 200 000 +Millionen Menschen gleichzeitig erschaffen und sie im Eierstock der +ehrwürdigen Urmutter Eva kunstgerecht eingeschachtelt habe. Kein +Geringerer als der hochangesehene Philosoph =Leibniz= schloß sich +diesen Ausführungen an und verwertete sie für seine Monadenlehre; +und da dieser zufolge sich Seele und Leib in ewig unzertrennlicher +Gemeinschaft befinden, übertrug er sie auch auf die Seele; -- »die +Seelen der Menschen haben in deren Voreltern bis auf Adam, also seit +dem Anfang der Dinge(!!), immer in der Form organisierter Körper +existiert«. + +_Epigenesislehre._ Im November 1759 verteidigte in Halle ein +junger, 26jähriger Mediziner, =Kaspar Friedrich Wolff=, seine +Doktordissertation unter dem Titel: ~»Theoria generationis«~. +Gestützt auf eine Reihe der mühsamsten und sorgfältigsten Beobachtungen +wies er nach, daß die ganze herrschende Präformationstheorie falsch +sei. Im bebrüteten Hühnerei ist anfangs noch keine Spur vom späteren +Vogelkörper und seinen Teilen vorhanden; vielmehr finden wir statt +dessen oben auf der bekannten gelben Dotterkugel eine kleine, +kreisrunde, weiße Scheibe. Diese dünne »=Keimscheibe=« wird länglich +rund und zerfällt dann in vier übereinanderliegende Schichten, die +Anlagen der vier wichtigsten Organsysteme: zuerst die oberste, das +Nervensystem, darunter die Fleischmasse (Muskelsystem), dann das +Gefäßsystem mit dem Herzen und zuletzt der Darmkanal. Also, sagt +Wolff richtig, besteht die Keimbildung nicht in einer Auswickelung +vorgebildeter Organe, sondern in einer =Kette von Neubildungen=, +einer wahren ~»Epigenesis«~; ein Teil entsteht nach dem andern, +und alle erscheinen zuerst in einer einfachen Form, welche von der +später ausgebildeten ganz verschieden ist; diese entsteht erst durch +eine Reihe der merkwürdigsten Umbildungen. Obgleich nun diese große +Entdeckung sich unmittelbar durch Nachuntersuchung der beobachteten +Tatsachen hätte bestätigen lassen, und obgleich die darauf gegründete +»=Theorie der Generation=« eigentlich gar keine Theorie, sondern eine +nackte Tatsache war, fand sie dennoch ein halbes Jahrhundert hindurch +nicht die mindeste Anerkennung. Besonders hinderlich war die mächtige +Autorität von =Haller=, der sie hartnäckig bekämpfte mit dem Dogma: +»Es gibt kein Werden! Kein Teil im Tierkörper ist vor dem anderen +gemacht worden, und alle sind zugleich erschaffen.« =Wolff=, der nach +Petersburg gehen mußte, war schon lange tot, als die vergessenen, von +ihm beobachteten Tatsachen von =Lorenz Oken= in Jena (1806) aufs neue +entdeckt und richtig gedeutet wurden. + +_Keimblätterlehre._ Nachdem durch =Oken= die =Epigenesistheorie= +von =Wolff= bestätigt worden war, warfen sich in Deutschland +mehrere junge Naturforscher mit großem Eifer auf die genauere +Untersuchung der Keimesgeschichte. Der bedeutendste war =Karl Ernst +Baer=; sein berühmtes Hauptwerk erschien 1828 unter dem Titel: +»Entwickelungsgeschichte der Tiere, Beobachtung und Reflexion«. Nicht +allein sind darin die Vorgänge der Keimbildung ausgezeichnet klar +und vollständig beschrieben, sondern auch zahlreiche geistvolle +Spekulationen daran geknüpft. Die zwei blattförmigen Schichten, welche +in der runden Keimscheibe der höheren Wirbeltiere zuerst auftreten, +zerfallen nach =Baer= zunächst in je zwei =Blätter=, und diese vier +Keimblätter verwandeln sich in vier =Röhren=. Durch sehr verwickelte +Prozesse der Epigenesis entstehen daraus die späteren Organe, und zwar +bei dem Menschen und bei allen Wirbeltieren in wesentlich gleicher +Weise. Unter den vielen einzelnen Entdeckungen von =Baer= war eine der +wichtigsten das menschliche Ei. Bis dahin hatte man beim Menschen, +wie bei allen anderen Säugetieren, für Eier kleine Bläschen gehalten, +die sich zahlreich im Eierstock finden. Erst =Baer= zeigte (1827), +daß die wahren Eier in diesen Bläschen, den »Graafschen Follikeln«, +eingeschlossen und viel kleiner sind, Kügelchen von nur 0,2 mm +Durchmesser, unter günstigen Verhältnissen eben als Pünktchen mit +bloßem Auge zu sehen. Auch entdeckte er zuerst, daß aus dieser kleinen +Eizelle der Säugetiere sich zunächst eine charakteristische Keimblase +entwickelt, eine =Hohlkugel= mit flüssigem Inhalt, deren Wand die dünne +Keimhaut bildet. + +_Eizelle und Samenzelle._ Zehn Jahre, nachdem =Baer= der Embryologie +durch seine Keimblätterlehre eine feste Grundlage gegeben, entstand +für dieselbe eine neue wichtige Aufgabe durch die Begründung der +=Zellentheorie= (1838). Wie verhalten sich das Ei der Tiere und die +daraus entstehenden Keimblätter zu den Geweben und Zellen, welche den +entwickelten Tierkörper zusammensetzen? Die richtige Beantwortung +dieser inhaltschweren Frage gelang um die Mitte des 19. Jahrhunderts +zwei Schülern von =Johannes Müller=: =Robert Remak= und =Albert +Kölliker=. Sie wiesen nach, daß das Ei ursprünglich nichts anderes ist +als eine einfache =Zelle=, und daß auch die zahlreichen Keimkörper oder +»Furchungskugeln«, welche durch wiederholte Teilung daraus entstehen, +einfache Zellen sind. Aus diesen »Furchungzellen« bauen sich +zunächst die Keimblätter auf, und weiterhin durch Arbeitsteilung oder +Differenzierung derselben die verschiedenen Organe. =Kölliker= erwarb +sich das große Verdienst, auch die schleimartige Samenflüssigkeit der +männlichen Tiere als Anhäufung von mikroskopischen kleinen Zellen +nachzuweisen. Die beweglichen stecknadelförmigen »Samentierchen« +(~Spermatozoen~) sind nichts anderes als eigentümliche +»=Geißelzellen=«, wie ich (1866) zuerst an den Samenfäden der Schwämme +nachgewiesen habe. Damit war für =beide= wichtige Zeugungsstoffe der +Tiere, das männliche Sperma und das weibliche Ei, bewiesen, daß auch +sie der Zellentheorie sich fügen. + +_Gasträatheorie._ Alle älteren Untersuchungen über Keimbildung betrafen +den Menschen und die höheren =Wirbeltiere=, vor allem aber den +Vogelkeim: denn das Hühnerei ist das größte und bequemste Objekt dafür +und steht jederzeit in beliebiger Menge zur Verfügung; man kann in +der Brutmaschine sehr bequem das Ei ausbrüten und dabei stündlich die +ganze Reihe der Umbildungen, von der einfachen Eizelle bis zum fertigen +Vogelkörper innerhalb dreier Wochen beobachten. Auch =Baer= hatte nur +für die verschiedenen Klassen der Wirbeltiere die Übereinstimmung in +der charakteristischen Bildung der Keimblätter und in der Entstehung +der einzelnen Organe aus derselben nachweisen können. Dagegen in den +zahlreichen Klassen der =Wirbellosen= -- also der großen Mehrzahl +der Tiere -- schien die Keimung in wesentlich verschiedener Weise +abzulaufen, und den meisten schienen wirkliche Keimblätter ganz zu +fehlen. Erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden solche auch bei +einzelnen Wirbellosen nachgewiesen, so von =Kölliker= 1844 bei den +Cephalopoden und von =Huxley= 1849 bei den Medusen. Besonders wichtig +wurde sodann die Entdeckung von =Kowalevsky= (1866), daß das niederste +Wirbeltier, der Lanzelot oder ~Amphioxus~, sich genau in derselben, +und zwar in einer sehr ursprünglichen Weise entwickelt wie ein +wirbelloses, anscheinend ganz entferntes Manteltier, die =Seescheide= +oder ~Ascidia~. Auch bei verschiedenen Würmern, Sterntieren und +Gliedertieren wies Kowalevsky eine ähnliche Bildung der Keimblätter +nach. Ich selbst war damals (seit 1866) mit der Entwickelungsgeschichte +der Spongien, Korallen, Medusen und Siphonophoren beschäftigt, und da +ich auch bei diesen niedersten Klassen der vielzelligen Tiere überall +dieselbe Bildung von zwei primären Keimblättern fand, gelangte ich zu +der Überzeugung, daß dieser bedeutungsvolle Keimungsvorgang im ganzen +Tierreiche derselbe ist. + +Besonders wichtig erschien mir dabei der Umstand, daß bei den +Schwammtieren und bei den niederen Nesseltieren (Polypen, Medusen) +der Körper lange Zeit hindurch oder selbst zeitlebens nur aus zwei +einfachen Zellenschichten besteht. Schon =Huxley= hatte sie bei +den Medusen mit den beiden primären Keimblättern der Wirbeltiere +verglichen. Gestützt auf diese Beobachtungen und Vergleichungen, +stellte ich dann 1872 in meiner »Biologie der Kalkschwämme« die +»=Gasträatheorie=« auf, deren wesentlichste Lehrsätze folgende sind: +~I~. Das ganze Tierreich zerfällt in zwei wesentlich verschiedene +Hauptgruppen: die einzelligen =Urtiere= (~Protozoa~) und die +vielzelligen =Gewebtiere= (~Metazoa~); der ganze Organismus +der =Protozoen= bleibt zeitlebens eine einfache Zelle (seltener +ein lockerer Zellverein ohne Gewebebildung, ein ~Coenobium~). +~II~. Dagegen ist der Organismus der =Metazoen= nur im ersten +Beginn einzellig, später aus vielen Zellen zusammengesetzt, welche +=Gewebe= bilden. ~III~. Nur bei den Metazoen entstehen wirkliche +=Keimblätter=, und aus diesen =Gewebe=, die den Protozoen noch ganz +fehlen. ~IV~. Bei allen Metazoen entstehen zunächst nur =zwei= +primäre Keimblätter, die überall dieselbe wesentliche Bedeutung haben: +aus dem äußeren =Hautblatt= entwickelt sich die äußere Hautdecke und +das Nervensystem, aus dem inneren =Darmblatt= hingegen der Darmkanal +und alle übrigen Organe. ~V~. Die Keimform, welche überall zunächst +aus dem befruchteten Ei hervorgeht, und welche allein aus diesen +beiden primären Keimblättern besteht, ist die =Darmlarve= oder der +Becherkeim (~Gastrula~); ihr becherförmiger, zweischichtiger Körper +umschließt ursprünglich eine einfache verdauende Höhle, den =Urdarm=, +und dessen einfache Öffnung ist der =Urmund=. Dies sind die ältesten +Organe des vielzelligen Tierkörpers, und die beiden Zellenschichten +seiner Wand sind seine ältesten Gewebe; alle anderen Organe und Gewebe +sind erst später (sekundär) daraus hervorgegangen. ~VI~. Aus dieser +Gleichartigkeit oder =Homologie der Gastrula= in sämtlichen Stämmen und +Klassen der Gewebtiere zog ich nach dem Biogenetischen Grundgesetze den +Schluß, daß =alle Metazoen ursprünglich von einer gemeinsamen Stammform +abstammen, Gasträa=, und daß diese uralte, längst ausgestorbene +Stammform im wesentlichen die Körperform und Zusammensetzung der +heutigen, durch =Vererbung= erhaltenen Gastrula besaß. ~VII~. Dieser +phylogenetische Schluß aus der Vergleichung der ontogenetischen +Tatsachen wird auch dadurch gerechtfertigt, daß noch heute einzelne +=Gasträaden= existieren, sowie älteste Formen anderer Tierstämme, +deren Organisation sich nur sehr wenig über diese letzteren erhebt. +~VIII~. Bei der weiteren Entwickelung der verschiedenen Gewebtiere +aus der Gastrula sind zwei verschiedene Hauptgruppen zu unterscheiden: +Die älteren =Niedertiere= (~Coelenteria~) bilden noch keine +Leibeshöhle und besitzen weder Blut noch After; das ist der Fall bei +den Gasträaden, Spongien, Nesseltieren und Plattentieren. Die jüngeren +=Obertiere= (~Coelomaria~) hingegen besitzen eine echte Leibeshöhle +und meistens auch Blut und After; dahin gehören die =Wurmtiere= +(~Vermalia~) und die höheren typischen Tierstämme, welche sich aus +diesen entwickelt haben, die Sterntiere, Weichtiere, Gliedertiere, +Manteltiere und Wirbeltiere. + +_Eizelle und Samenzelle des Menschen._ Das Ei des Menschen ist, +wie das aller anderen Gewebtiere, eine einfache Zelle, und diese +kleine kugelige Eizelle (von nur 0,2 mm Durchmesser) hat dieselbe +charakteristische Beschaffenheit wie die aller anderen, lebendig +gebärenden Säugetiere. Dasselbe gilt von den beweglichen =Spermien= +oder Samenfäden des Mannes, den winzig kleinen, fadenförmigen +Geißelzellen, welche sich zu Millionen in jedem Tröpfchen des +schleimartigen =männlichen Samens= (~Sperma~) finden; sie wurden +früher wegen ihrer lebhaften Bewegung für besondere »=Samentierchen=« +(~Spermatozoa~) gehalten. Auch die Entstehung dieser beiden wichtigen +Geschlechtszellen in der =Geschlechtsdrüse= ist dieselbe beim +Menschen und den übrigen Säugetieren; sowohl die Eier im Eierstock +des Weibes, als die Samenfäden im Hoden oder Samenstock des Mannes +entstehen überall auf dieselbe Weise, aus der Zellenschicht, welche die +Leibeshöhle auskleidet. + +_Empfängnis oder Befruchtung._ Der wichtigste Augenblick im Leben +eines jeden Menschen, wie jedes anderen Gewebtieres, ist der Moment, +in welchem seine individuelle Existenz beginnt; es ist der Augenblick, +in welchem die Geschlechtszellen der beiden Eltern zusammentreffen und +zur Bildung einer einzigen, einfachen Zelle verschmelzen. Diese neue +Zelle, die »befruchtete Eizelle«, ist die individuelle =Stammzelle= +(~Cytula~), aus deren wiederholter Teilung die Zellen der Keimblätter +und die Gastrula hervorgehen. Erst mit der Bildung dieser Stammzelle, +also mit dem Vorgange der =Befruchtung= selbst, beginnt die =Existenz +der Person,= des selbständigen Einzelwesens. Diese ontogenetische +Tatsache ist =überaus wichtig=, denn aus ihr allein schon lassen sich +die weitestreichenden Schlüsse ableiten. Zunächst folgt daraus die +klare Erkenntnis, daß der Mensch, gleich allen anderen Gewebtieren, +alle persönlichen Eigenschaften, körperliche und geistige, von +seinen beiden Eltern durch =Vererbung= erhalten hat; und weiterhin +die inhaltschwere Überzeugung, daß die neue, so entstandene Person +unmöglich Anspruch haben kann, »=unsterblich=« zu sein. + +Die feineren Vorgänge bei der Empfängnis und der geschlechtlichen +Zeugung überhaupt sind daher von allerhöchster Wichtigkeit; sie sind +uns in ihren Einzelheiten erst seit 1875 bekannt geworden. Das einzige +wesentliche Ereignis bei der Befruchtung ist die Verschmelzung der +beiden Geschlechtszellen und ihrer Kerne. Von den Millionen männlicher +Geißelzellen, welche die weibliche Eizelle umschwärmen, dringt nur +eine einzige in deren Plasmakörper ein. Die Kerne beider Zellen, der +Spermakern und der Eikern, verschmelzen miteinander. So entsteht eine +neue Zelle, welche die erblichen Eigenschaften beider Eltern in sich +vereinigt; der Spermakern überträgt die väterlichen, der Eikern die +mütterlichen Charakterzüge auf die =Stammzelle=, aus der sich nun das +Kind entwickelt; das gilt ebenso von den körperlichen wie von den +geistigen Eigenschaften. + +_Keimanlage des Menschen._ Die Bildung der Keimblätter durch +wiederholte Teilung der Stammzelle, die Entstehung der Gastrula +und der weiterhin aus ihr hervorgehenden Keimformen geschieht beim +Menschen genau so wie bei den übrigen höheren Säugetieren, unter +denselben eigentümlichen Besonderheiten, welche diese Gruppe vor +den niederen Wirbeltieren auszeichnen. Die bedeutungsvolle Keimform +der =Chordula= oder »Chordalarve«, die zunächst aus der Gastrula +entsteht, zeigt bei allen Wirbeltieren im wesentlichen die gleiche +Bildung: ein einfacher gerader Achsenstab, die Chorda, geht der +Länge nach durch die Hauptachse des länglich-runden, schildförmigen +Körpers (des »Keimschildes«); oberhalb der Chorda entwickelt sich aus +dem äußeren Keimblatt das Rückenmark, unterhalb das Darmrohr. Dann +erst erscheinen zu beiden Seiten, rechts und links vom Achsenstab, +die Ketten der »Urwirbel«, die Anlagen der Muskelplatten, mit denen +die Gliederung des Wirbeltierkörpers beginnt. Vorn am Darm treten +beiderseits die Kiemenspalten auf, die Öffnungen des Schlundes, durch +welche ursprünglich bei unseren Fischahnen das vom Munde aufgenommene +Atemwasser an den Seiten des Kopfes nach außen trat. In zäher +=Vererbung= treten diese =Kiemenspalten=, die nur bei den fischartigen, +im Wasser lebenden Vorfahren von Bedeutung waren, auch heute noch beim +Menschen wie bei allen übrigen Wirbeltieren auf; sie verschwinden +später. Selbst nachdem schon am Kopfe die fünf Hirnblasen, seitlich die +Anfänge der Augen und Ohren sichtbar geworden, nachdem am Rumpfe die +Anlagen der beiden Beinpaare in Form rundlicher platter Knospen aus +dem fischartigen Menschenkeim hervorgesproßt sind, ist dessen Bildung +derjenigen anderer Wirbeltiere noch so ähnlich, daß man sie nicht +unterscheiden kann. + +_Ähnlichkeit der Wirbeltierkeime._ Die wesentliche Übereinstimmung in +der äußeren Körperform und dem inneren Bau, welche die Embryonen des +Menschen und der übrigen Wirbeltiere in dieser früheren Bildungsperiode +zeigen, ist eine =embryologische Tatsache ersten Ranges=; aus ihr +lassen sich nach dem Biogenetischen Grundgesetze die wichtigsten +Schlüsse ableiten. Denn es gibt dafür keine andere Erklärung als +die Annahme einer =Vererbung= von einer gemeinsamen Stammform. Wenn +wir sehen, daß in einem bestimmten Stadium die Keime des Menschen +und des Affen, des Hundes und des Kaninchens, des Schweines und des +Schafes zwar als höhere Wirbeltiere erkennbar, aber sonst nicht zu +unterscheiden sind, so kann diese Tatsache nur durch gemeinsame +Abstammung erklärt werden. Diese Erklärung erscheint um so sicherer, +wenn wir die später eintretende Sonderung oder Divergenz jener +Keimformen verfolgen. Je näher sich zwei Tierformen in der gesamten +Körperbildung stehen, desto länger bleiben sich auch ihre Embryonen +ähnlich, und desto enger hängen sie auch im Stammbaum der betreffenden +Gruppe zusammen, desto näher sind sie »stammverwandt«. Daher erscheinen +die Embryonen des Menschen und der Menschenaffen auch später noch +höchst ähnlich, auf einer hoch entwickelten Bildungsstufe, auf welcher +ihre Unterschiede von den Embryonen anderer Säugetiere sofort erkennbar +sind. + +_Die Keimhüllen des Menschen._ Die hohe Bedeutung der eben besprochenen +Ähnlichkeit tritt nicht nur bei Vergleichung der Wirbeltier-Embryonen +selbst hervor, sondern auch bei derjenigen ihrer Keimhüllen. Es +zeichnen sich nämlich alle Wirbeltiere der drei höheren Klassen, +Reptilien, Vögel und Säugetiere, vor den niederen Klassen durch die +Bildung eigentümlicher Embryonalhüllen aus, des ~Amnion~ (Wasserhaut) +und des ~Serolemma~ (seröse Haut). In diesen mit Wasser gefüllten +Säcken liegt der Embryo eingeschlossen und ist dadurch gegen Druck und +Stoß geschützt. Diese zweckmäßige Schutzeinrichtung ist wahrscheinlich +erst entstanden, als die ältesten Reptilien (Proreptilien), die +gemeinsamen Stammformen aller =Amniontiere=, vollständig an das +Landleben sich anpaßten. Bei ihren direkten Vorfahren, den Amphibien, +=fehlt= diese Hüllenbildung noch ebenso wie bei den Fischen; sie war +bei diesen Wasserbewohnern überflüssig. Mit der Erwerbung dieser +Schutzhüllen stehen bei allen Amnioten noch zwei andere Veränderungen +in engem Zusammenhang, erstens der gänzliche Verlust der Kiemen +(während die Kiemenbogen und die Spalten dazwischen als »rudimentäre +Organe« sich forterben), und zweitens die Bildung der =Allantois=. +Dieser blasenförmige, mit Wasser gefüllte Sack wächst bei dem Embryo +aller Amniontiere aus dem Enddarm hervor und ist nichts anderes als +die vergrößerte Harnblase der Amphibien-Ahnen. Aus ihrem innersten +und untersten Teile bildet sich später die bleibende Harnblase der +Amnioten, während der größere äußere Teil rückgebildet wird. Gewöhnlich +spielt dieser eine Zeitlang eine wichtige Rolle als Atmungsorgan des +Embryo, indem sich mächtige Blutgefäße auf seiner Wand ausbreiten. +Sowohl die Entstehung der Keimhüllen, als auch der Allantois geschieht +beim Menschen genau ebenso wie bei allen anderen Amnioten und durch +dieselben verwickelten Prozesse des Wachstums; =der Mensch ist ein +echtes Amniontier.= + +_Die Placenta des Menschen._ Die Ernährung des menschlichen +Keimes im Mutterleibe geschieht durch ein eigentümliches, äußerst +blutreiches Organ, die sogenannte ~Placenta~, den =Aderkuchen= oder +Blutgefäßkuchen. Sie wird nach erfolgter Geburt des Kindes abgelöst und +als sogenannte »Nachgeburt« ausgestoßen. Die Placenta besteht aus zwei +wesentlich verschiedenen Teilen, dem =Fruchtkuchen= oder der kindlichen +Placenta und dem =Mutterkuchen= oder dem mütterlichen Gefäßkuchen. +Dieser letztere enthält reich entwickelte Bluträume, welche ihr Blut +durch die Gefäße der Gebärmutter zugeführt erhalten. Der Fruchtkuchen +dagegen wird aus zahlreichen verästelten Zotten gebildet, welche von +der Außenfläche der kindlichen Allantois hervorwachsen und ihr Blut +von deren Nabelgefäßen beziehen. Die hohlen, blutgefüllten Zotten +des Fruchtkuchens wachsen in die Bluträume des Mutterkuchens hinein, +und die zarte Scheidewand zwischen beiden wird so sehr verdünnt, daß +durch sie hindurch ein unmittelbarer Stoffaustausch der ernährenden +Blutflüssigkeit erfolgen kann. + +In den einzelnen Gruppen der Zottentiere ist die Ausbildung des +Mutterkuchens wesentlich verschieden. Höchst wichtig ist nun die +erst 1890 von =Emil Selenka= entdeckte Tatsache, daß gerade die +=Menschenaffen=, besonders der Orang (~Satyrus~), mit dem Menschen +gewisse Eigentümlichkeiten, die sich sonst nirgends finden, gemeinsam +haben (Siehe den 23. Vortrag meiner Anthropogenie). Also bestätigt +sich auch hier wieder der =Pithecometrasatz= von =Huxley=: »Die +Unterschiede zwischen dem Menschen und den Menschenaffen sind geringer +als diejenigen zwischen den letzteren und den niederen Affen.« Die +angeblichen »Beweise =gegen= die nahe Blutsverwandtschaft des Menschen +und der Affen« ergaben sich bei genauer Untersuchung der tatsächlichen +Verhältnisse auch hier wieder umgekehrt als wichtige Gründe =zugunsten= +derselben. + +Jeder Naturforscher, der mit offenen Augen in diese dunkeln, aber +höchst interessanten Labyrinthgänge unserer Keimesgeschichte eindringt, +und der imstande ist, sie kritisch mit derjenigen der übrigen +Säugetiere zu vergleichen, wird in denselben die bedeutungsvollsten +Lichtträger für das Verständnis unserer Stammesgeschichte +finden. Denn die verschiedenen Stufen der Keimbildung werfen als +Vererbungs-Phänomene ein helles Licht auf die entsprechenden Stufen +unserer Ahnenreihe, gemäß dem Biogenetischen Grundgesetze. (Kap. 5.) +Aber auch die Anpassungserscheinungen, die Bildung der vergänglichen +Embryonalorgane -- der charakteristischen Keimhüllen, und vor allem +der Placenta -- geben uns ganz bestimmte Aufschlüsse über unsere nahe +=Stammverwandtschaft mit den Primaten=. + + + + +=Fünftes Kapitel.= + +_Unsere Stammesgeschichte._ + + Monistische Studien über Ursprung und Abstammung des Menschen von den + Wirbeltieren, zunächst von den Herrentieren. + + +Der jüngste unter den großen Zweigen am lebendigen Baume der Biologie +ist diejenige Naturwissenschaft, welche wir =Stammesgeschichte= oder +=Phylogenie= nennen. Sie hat sich noch weit später und unter viel +größeren Schwierigkeiten entwickelt als ihre natürliche Schwester, die +Keimesgeschichte oder Ontogenie. Diese hatte zur Aufgabe die Erkenntnis +der geheimnisvollen Vorgänge, durch welche sich die organischen +=Individuen=, die Einzelwesen der Tiere und Pflanzen, aus dem Ei +entwickeln. Die Stammesgeschichte hingegen hat die viel dunklere und +schwierigere Frage zu beantworten: »Wie sind die organischen =Spezies= +entstanden, die einzelnen Arten der Tiere und Pflanzen?« + +Die =Ontogenie= konnte zur Lösung ihrer nahe liegenden Aufgabe +zunächst unmittelbar den empirischen Weg der =Beobachtung= betreten; +sie brauchte nur Tag für Tag und Stunde für Stunde die sichtbaren +Umbildungen zu verfolgen, welche der organische Keim innerhalb kurzer +Zeit während der Entwickelung aus dem Ei erfährt. Viel schwieriger +war von vornherein die Aufgabe der =Phylogenie=; denn die langsamen +Prozesse der allmählichen Umbildung, welche die Entstehung der Tier- und +Pflanzenarten bewirken, vollziehen sich unmerklich im Verlaufe +von Jahrtausenden und Jahrmillionen; ihre unmittelbare Beobachtung +ist nur in sehr engen Grenzen möglich, und der weitaus größte Teil +dieser historischen Vorgänge kann nur indirekt erschlossen werden: +durch vergleichende Benutzung von empirischen Urkunden, die sehr +verschiedenen Gebieten angehören, der Paläontologie, Ontogenie +und Morphologie. Dazu kam noch das gewaltige Hindernis, welches +der natürlichen Stammesgeschichte durch die enge Verknüpfung der +»Schöpfungsgeschichte« mit übernatürlichen Mythen und religiösen Dogmen +bereitet wurde; es ist daher begreiflich, daß die wissenschaftliche +Existenz der wahren Stammesgeschichte erst unter vielen Mühen und +schweren Kämpfen errungen und gesichert werden mußte. + +_Mythische Schöpfungsgeschichte._ Alle ernstlichen Versuche, welche +bis zum Beginne des 19. Jahrhunderts zur Beantwortung des Problems +von der Entstehung der Organismen unternommen wurden, blieben in dem +mythologischen Labyrinthe der übernatürlichen Schöpfungssagen stecken. +Einzelne Bemühungen hervorragender Denker, sich von diesem zu befreien +und zu einer natürlichen Auffassung zu gelangen, blieben erfolglos. +Die mannigfaltigsten Schöpfungsmythen entwickelten sich bei allen +älteren Kulturvölkern im Zusammenhang mit der Religion, und während des +Mittelalters war es naturgemäß das zur Herrschaft gelangte Christentum, +welches die Beantwortung der Schöpfungsfrage für sich in Anspruch nahm. +Da die Bibel als die unerschütterliche Grundlage des christlichen +Religionsgebäudes galt, wurde die ganze Schöpfungsgeschichte dem +ersten Buche Moses entnommen. Auf dieses stützte sich auch noch der +große schwedische Naturforscher =Carl Linné=, als er 1735 in seinem +grundlegenden »~Systema Naturae~« den ersten Versuch zu einer +systematischen Ordnung, Benennung und Klassifikation der unzähligen +verschiedenen Naturkörper unternahm. Als bestes, praktisches +Hilfsmittel derselben führte er die bekannte doppelte Namengebung ein; +jeder einzelnen Art von Tieren und Pflanzen gab er einen besonderen +Artnamen und stellte diesem einen allgemeinen Gattungsnamen voran. +In einer =Gattung= (~Genus~) wurden die nächstverwandten =Arten= +(~Species~) zusammengestellt. + +Höchst verhängnisvoll wurde für die Wissenschaft das theoretische +=Dogma=, welches schon von =Linné= selbst mit seinem praktischen +Speziesbegriffe verknüpft wurde. Die erste Frage, welche sich dem +denkenden Systematiker aufdrängen mußte, war natürlich die Frage nach +dem eigentlichen Wesen des Spezies-=Begriffes=, nach Inhalt und Umfang +desselben. Und gerade diese Grundfrage beantwortete sein Schöpfer in +naivster Weise, in Anlehnung an den allgemein gültigen Mosaischen +Schöpfungsmythus: »Es gibt so viel verschiedene Arten, als im Anfange +vom unendlichen Wesen verschiedene Formen erschaffen worden sind«. +Mit diesem Dogma war jede natürliche Erklärung der Artentstehung +abgeschnitten. =Linné= kannte nur die gegenwärtig existierende Tier- und +Pflanzenwelt; er hatte keine Ahnung von den viel zahlreicheren +ausgestorbenen Arten, welche in den früheren Perioden der Erdgeschichte +unseren Erdball in wechselnder Gestaltung bevölkert haben. + +Erst im Anfange des 19. Jahrhunderts wurden diese fossilen Tiere durch +=Cuvier= näher bekannt. Er gab in seinem berühmten Werke über die +fossilen Knochen der vierfüßigen Wirbeltiere (1812) die erste genaue +Beschreibung und richtige Deutung zahlreicher Versteinerungen. Zugleich +wies er nach, daß in den verschiedenen Perioden der Erdgeschichte eine +Reihe von ganz verschiedenen Tierbevölkerungen aufeinander gefolgt +war. Da nun =Cuvier= hartnäckig an =Linnés= Lehre von der absoluten +Beständigkeit der Spezies festhielt, glaubte er ihre Entstehung nur +durch die Annahme erklären zu können, daß eine Reihe von großen +Katastrophen und von wiederholten Neuschöpfungen in der Erdgeschichte +auf einander gefolgt sei; im Beginne jeder großen Erdrevolution sollten +alle lebenden Geschöpfe vernichtet und am Ende derselben eine neue +Bevölkerung erschaffen worden sein. Obgleich diese Katastrophentheorie +von =Cuvier= zu den absurdesten Folgerungen führte und auf den nackten +Wunderglauben hinauslief, gewann sie doch bald allgemeine Geltung und +blieb bis auf =Darwin= (1859) herrschend. + +_Transformismus._ =Goethe.= Daß die herrschenden Vorstellungen +von der absoluten Beständigkeit und übernatürlichen Schöpfung der +organischen Arten tiefer denkende Forscher nicht befriedigen konnten, +ist leicht einzusehen. Daher finden wir denn schon in der zweiten +Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts einzelne hervorragende Geister +mit Versuchen beschäftigt, zu einer naturgemäßen Lösung des großen +»Schöpfungsproblems« zu gelangen. Allen voran war unser größter Dichter +und Denker =Wolfgang Goethe= durch seine vieljährigen und eifrigen +morphologischen Studien schon am Ende des 18. Jahrhunderts zu der +klaren Einsicht in den inneren Zusammenhang aller organischen Formen +und zu der festen Überzeugung eines gemeinsamen natürlichen Ursprungs +gelangt. In seiner berühmten »Metamorphose der Pflanzen« (1790) +leitete er alle verschiedenen Formen der Gewächse von einer Urpflanze +ab, und alle verschiedenen Organe derselben von einem Urorgane, dem +Blatt. In seiner Wirbeltheorie des Schädels versuchte er zu zeigen, +daß die Schädel aller verschiedenen Wirbeltiere -- mit Inbegriff des +Menschen! -- in gleicher Weise aus bestimmt geordneten Knochengruppen +zusammengesetzt seien, und daß diese letzteren nichts anderes seien als +umgebildete Wirbel. Grade seine eingehenden Studien über vergleichende +Knochenlehre hatten =Goethe= zu der festen Überzeugung von der Einheit +der Organisation geführt; er hatte erkannt, daß das Knochengerüst +des Menschen nach demselben Typus zusammengesetzt sei wie das aller +übrigen Wirbeltiere -- »geformt nach einem Urbilde, das nur in seinen +sehr beständigen Teilen mehr oder weniger hin- und herweicht und +sich noch täglich durch Fortpflanzung aus- und umbildet« --. Diese +Umbildung oder Transformation läßt =Goethe= durch die beständige +Wechselwirkung von zwei gestaltenden Bildungskräften geschehen, einer +inneren Zentripetalkraft des Organismus, dem »Spezifikationstrieb«, +und einer äußeren Zentrifugalkraft, dem Variationstrieb oder der »Idee +der Metamorphose«; erstere entspricht dem, was wir heute =Vererbung=, +letztere dem, was wir =Anpassung= nennen. Wie tief =Goethe= durch +diese naturphilosophischen Studien über »Bildung und Umbildung +organischer Naturen« in deren Wesen eingedrungen war, und inwiefern +er demnach als der bedeutendste Vorläufer von =Darwin= und =Lamarck= +betrachtet werden kann, ist aus den interessanten Stellen seiner +Werke zu ersehen, welche ich im vierten Vortrage meiner Natürlichen +Schöpfungsgeschichte zusammengestellt habe. In meinem Vortrage über +»Die Naturanschauung von =Darwin=, =Goethe= und =Lamarck=« (Eisenach +1882) habe ich dies näher begründet. Doch kamen diese naturgemäßen +Entwickelungsideen von =Goethe= ebenso wie ähnliche Vorstellungen von +=Kant=, =Oken=, =Treviranus= und anderen Naturphilosophen im Beginne +des 19. Jahrhunderts nicht über gewisse allgemeine Überzeugungen +hinaus. Es fehlte ihnen noch der große Hebel, dessen die »natürliche +Schöpfungsgeschichte« zu ihrer Begründung durch die Kritik des +=Speziesdogma= bedurfte, und diese verdanken wir erst =Lamarck=. + +_Deszendenztheorie oder Abstammungslehre._ =Lamarck= (1809). Den +ersten eingehenden Versuch zu einer wissenschaftlichen Begründung des +Transformismus unternahm im Beginne des 19. Jahrhunderts der große +französische Naturphilosoph =Jean Lamarck=, der bedeutendste Gegner +seines Kollegen =Cuvier= in Paris. Schon 1802 hatte derselbe in seinen +»Betrachtungen über die lebenden Naturkörper« die bahnbrechenden Ideen +über die Unbeständigkeit und Umbildung der Arten ausgesprochen, die +er dann 1809 in den zwei Bänden seines tiefsinnigsten Werkes, der +~Philosophie zoologique~, eingehend begründete. Hier führte =Lamarck= +zum ersten Male -- gegenüber dem herrschenden Spezies-Dogma -- den +richtigen Gedanken aus, daß die organische »=Art= oder =Spezies=« eine +=künstliche Abstraktion= sei, ein Begriff von relativem Werte, ebenso +wie die übergeordneten Begriffe der Gattung, Familie, Ordnung und +Klasse. Er behauptete ferner, daß alle Arten veränderlich und im Laufe +sehr langer Zeiträume aus älteren Arten durch Umbildung entstanden +seien. Die gemeinsamen Stammformen, von denen dieselben abstammen, +waren ursprünglich ganz einfache und niedere Organismen; die ersten +und ältesten entstanden durch Urzeugung. Während durch =Vererbung= der +Typus sich beständig erhält, werden anderseits durch =Anpassung=, durch +Gewohnheit und Übung der Organe, die Arten allmählich umgebildet. Auch +unser menschlicher Organismus ist auf dieselbe natürliche Weise durch +Umbildung aus einer Reihe von affenartigen Säugetieren entstanden. Für +all diese Vorgänge, wie überhaupt für alle Erscheinungen in der Natur +und im Geistesleben, nimmt =Lamarck= ausschließlich =mechanische=, +physikalische und chemische Vorgänge als wahre, bewirkende Ursachen an. +Sein Werk enthält die Elemente für ein rein monistisches Natursystem +auf Grund der Entwickelungslehre. + +Man hätte erwarten sollen, daß dieser großartige Versuch, die +Abstammungslehre oder Deszendenztheorie wissenschaftlich zu begründen, +alsbald den herrschenden Mythus von der Speziesschöpfung erschüttert +und einer natürlichen Entwickelungslehre Bahn gebrochen hätte. Indessen +vermochte =Lamarck= gegenüber der konservativen Autorität seines +großen Gegners =Cuvier= ebensowenig durchzudringen, wie zwanzig Jahre +später sein Kollege und Gesinnungsgenosse =Géoffroy St. Hilaire=. Die +berühmten Kämpfe, welcher dieser Naturphilosoph 1830 im Schoße der +Pariser Akademie mit =Cuvier= zu bestehen hatte, endigten mit einem +vollständigen Siege des letzteren. Die mächtige Entfaltung, welche zu +jener Zeit das empirische Studium der Biologie fand, die Fülle von +interessanten Entdeckungen auf dem Gebiete der vergleichenden Anatomie +und Physiologie, die Begründung der Zellentheorie und die Fortschritte +der Ontogenie gaben den Zoologen und Botanikern einen solchen +Überfluß von dankbarem Arbeitsmaterial, daß darüber die schwierige +und dunkle Frage nach der Entstehung der Arten ganz vergessen wurde. +Man beruhigte sich bei dem althergebrachten Schöpfungs-Dogma. Selbst +nachdem der große englische Naturforscher =Charles Lyell= 1830 in +seinen Prinzipien der Geologie die abenteuerliche Katastrophentheorie +von =Cuvier= widerlegt und für die anorganische Natur unseres Planeten +einen natürlichen und kontinuierlichen Entwickelungsgang nachgewiesen +hatte, fand sein einfaches Kontinuitätsprinzip keine Anwendung auf +die organische Natur. Die Anfänge der natürlichen Phylogenie, welche +in =Lamarcks= Werke verborgen lagen, wurden ebenso vergessen, wie die +Keime zu ihrer natürlichen Ontogenie, welche 50 Jahre früher (1759) +=Caspar Friedrich Wolff= in seiner Theorie der Generation gegeben +hatte. Hier wie dort verfloß ein volles halbes Jahrhundert, ehe die +bedeutendsten Ideen über natürliche Entwickelung die gebührende +Anerkennung fanden. Erst nachdem =Darwin= 1859 die Lösung des +Schöpfungsproblems von einer ganz anderen Seite angefaßt und den +reichen, inzwischen angesammelten Schatz von empirischen Kenntnissen +glücklich dazu verwertet hatte, fing man an, sich auf =Lamarck=, als +seinen bedeutendsten Vorgänger, wieder zu besinnen. + +_Selektionstheorie._ =Darwin= (1859). Der beispiellose Erfolg von +=Charles Darwin= ist allbekannt. Kein anderer von den zahlreichen +großen Geisteshelden unserer Zeit hat mit einem einzigen klassischen +Werke einen so gewaltigen, so tiefgehenden und so umfassenden +Erfolg erzielt, wie =Darwin= 1859 mit seinem berühmten Hauptwerk: +Ȇber die Entstehung der Arten im Tier- und Pflanzenreich durch +natürliche Züchtung oder Erhaltung der vervollkommneten Rassen im +Kampfe ums Dasein.« Gewiß hat die Reform der vergleichenden Anatomie +und Physiologie durch =Johannes Müller= der ganzen Biologie eine +neue, fruchtbare Epoche eröffnet, gewiß waren die Begründung der +Zellentheorie durch =Schleiden= und =Schwann=, die Reform der Ontogenie +durch =Baer=, die Begründung des Substanzgesetzes durch =Robert Mayer= +und =Helmholtz= wissenschaftliche Großtaten ersten Ranges; aber keine +von ihnen hat nach Tiefe und Ausdehnung eine so gewaltige, unser ganzes +menschliches Wissen umgestaltende Wirkung ausgeübt, wie =Darwins= +Theorie von der natürlichen Entstehung der Arten. Denn damit war ja das +mystische »=Schöpfungsproblem=« gelöst, und mit ihm die inhaltsschwere +»Frage aller Fragen«, das Problem vom wahren Wesen und von der +Entstehung des Menschen selbst. + +Vergleichen wir die beiden großen Begründer des Transformismus, so +finden wir bei =Lamarck= überwiegende Neigung zur =Deduktion= und +zum Entwurfe eines vollständigen Naturbildes, bei =Darwin= hingegen +vorherrschende Anwendung der =Induktion= und das vorsichtige Bemühen, +die einzelnen Teile der Deszendenztheorie durch Beobachtung und +Experiment möglichst sicher zu begründen. Während der französische +Naturphilosoph den damaligen Kreis des empirischen Wissens weit +überschritt und eigentlich das Programm der zukünftigen Forschung +entwarf, hatte der englische Experimentator umgekehrt den großen +Vorteil, das einigende Erklärungsprinzip für eine Masse von empirischen +Kenntnissen zu begründen, die bis dahin unverstanden sich angehäuft +hatten. So erklärt es sich, daß der Erfolg von =Darwin= ebenso +überwältigend, wie derjenige von =Lamarck= verschwindend war. =Darwin= +hatte aber nicht allein das große Verdienst, die allgemeinen Ergebnisse +der verschiedenen biologischen Forschungskreise in dem gemeinsamen +Brennpunkte des Deszendenzprinzips zu sammeln und dadurch einheitlich +zu erklären, sondern er entdeckte auch in dem =Selektionsprinzip= +jenen wichtigen Faktor der Umbildung, welcher =Lamarck= noch gefehlt +hatte. Indem =Darwin= als praktischer Tierzüchter die Erfahrungen +der künstlichen Zuchtwahl auf die Organismen im freien Naturzustande +anwendete und in dem »=Kampf ums Dasein=« das auslesende Prinzip +der natürlichen Zuchtwahl entdeckte, schuf er seine bedeutungsvolle +Selektionstheorie, den eigentlichen =Darwinismus=. + +_Stammesgeschichte (Phylogenie)_ (1866). Unter den zahlreichen und +wichtigen Aufgaben, welche =Darwin= der modernen Biologie stellte, +erschien als eine der nächsten die Reform des zoologischen und +botanischen =Systems=. Wenn die unzähligen Tier- und Pflanzenarten nicht +durch übernatürliche Wunder »erschaffen«, sondern durch natürliche +Umbildung »entwickelt« waren, so ergab sich das »=natürliche System=« +derselben als ihr =Stammbaum=. Den ersten Versuch, das System in +diesem Sinne umzugestalten, unternahm ich selbst (1866) in meiner +»=Generellen Morphologie der Organismen=«. Bis dahin hatte man unter +»=Entwickelungsgeschichte=« sowohl in der Zoologie als in der Botanik +ausschließlich diejenige der organischen =Individuen= verstanden. +Ich begründete dagegen die Ansicht, daß dieser =Keimesgeschichte= +(~Ontogenie~) als zweiter, gleichberechtigter und eng verbundener +Zweig die =Stammesgeschichte= (~Phylogenie~) gegenüberstehe. Beide +Zweige der Entwickelungsgeschichte stehen nach meiner Auffassung im +engsten kausalen Zusammenhang; dieser beruht auf der Wechselwirkung +der Vererbungs- und Anpassungsgesetze; er fand seinen präzisen und +umfassenden Ausdruck in meinem allgemein gültigen »=Biogenetischen +Grundgesetz=«. + +_Natürliche Schöpfungsgeschichte_ (1868). Da die neuen, in der +»Generellen Morphologie« niedergelegten Anschauungen trotz ihrer +streng wissenschaftlichen Fassung bei den sachkundigen Fachgenossen +sehr wenig Beachtung und noch weniger Beifall fanden, versuchte ich, +den wichtigsten Teil derselben in einem kleineren, mehr populär +gehaltenen Werke einem größeren, gebildeten Leserkreise zugänglich zu +machen. Dies geschah 1868 in der »Natürlichen Schöpfungsgeschichte« +(Gemeinverständliche wissenschaftliche Vorträge über die +Entwickelungslehre im allgemeinen und diejenige von Darwin, Goethe und +Lamarck im besonderen). Wenn der gehoffte Erfolg der »Generellen +Morphologie« weit unter meiner berechtigten Erwartung blieb, so ging +umgekehrt derjenige der »Natürlichen Schöpfungsgeschichte« weit über +dieselbe hinaus. Trotz seiner großen Mängel hat dieses Buch doch viel +dazu beigetragen, die Grundgedanken unserer modernen Entwickelungslehre +in weiteren Kreisen zu verbreiten. Allerdings konnte ich meinen +Hauptzweck, die phylogenetische Umbildung des natürlichen Systems, +dort nur in allgemeinen Umrissen andeuten. Indessen habe ich die +ausführliche, dort vermißte Begründung des phylogenetischen Systems +später in einem größeren Werke nachgeholt, in der »=Systematischen +Phylogenie=« (Entwurf eines natürlichen Systems der Organismen auf +Grund ihrer Stammesgeschichte). Der erste Band derselben (1894) +behandelt die Protisten und Pflanzen, der zweite (1896) die wirbellosen +Tiere, der dritte (1895) die Wirbeltiere. Die =Stammbäume= der +kleineren und größeren Gruppen sind hier so weit ausgeführt, als es +mir meine Kenntnis der drei großen »Stammesurkunden« gestattete, der +Paläontologie, Ontogenie und Morphologie. + +_Biogenetisches Grundgesetz._ Den engen, ursächlichen Zusammenhang, +welcher nach meiner Überzeugung zwischen beiden Zweigen der organischen +Entwickelungsgeschichte besteht, hatte ich schon in der Generellen +Morphologie als einen der wichtigsten Begriffe des Transformismus +hervorgehoben und einen präzisen Ausdruck dafür in mehreren »Thesen +von dem Kausalnexus der biontischen und der phyletischen Entwickelung« +gegeben: »=Die Ontogenesis ist eine kurze und schnelle Rekapitulation +der Phylogenesis=, bedingt durch die physiologischen Funktionen der +Vererbung (Fortpflanzung) und Anpassung (Ernährung)«. Schon =Darwin= +hatte (1859) die große Bedeutung seiner Theorie für die Erklärung der +Embryologie betont, und =Fritz Müller= hatte dieselbe (1864) an dem +Beispiele einer einzelnen Tierklasse, der Krebstiere, erläutert, in +der geistvollen kleinen Schrift: »=Für Darwin=« (1864). Ich selbst +habe dann die allgemeine Geltung und die fundamentale Bedeutung jenes +Biogenetischen Grundgesetzes in einer Reihe von Arbeiten nachzuweisen +versucht, insbesondere in der Biologie der Kalkschwämme (1872) und in +den »Studien zur Gasträatheorie« (1873-1884). Die dort aufgestellte +Lehre von der Homologie der Keimblätter, sowie von den Verhältnissen +der _Palingenie_ (=Auszugsgeschichte=) und der _Zenogenie_ +(=Störungsgeschichte=) ist seitdem durch zahlreiche Arbeiten anderer +Zoologen bestätigt worden; durch sie ist es möglich geworden, die +natürlichen Gesetze der Einheit in der mannigfaltigen Keimesgeschichte +der Tiere nachzuweisen; für ihre Stammesgeschichte ergibt sich daraus +die gemeinsame Ableitung von einer einfachsten ursprünglichen Stammform. + +_Anthropogenie_ (1874). Der weitschauende Begründer der +Abstammungslehre, =Lamarck=, hatte schon 1809 richtig erkannt, daß sie +allgemeine Geltung besitze, und daß also auch der =Mensch=, als das +höchst entwickelte Säugetier, von demselben Stamme abzuleiten sei, +wie alle anderen Säugetiere, und diese weiter hinauf von demselben +älteren Zweige des Stammbaums, wie die übrigen Wirbeltiere. Er hatte +auch schon auf die Vorgänge hingewiesen, durch welche die =Abstammung +des Menschen vom Affen=, als dem nächstverwandten Säugetiere, +wissenschaftlich erklärt werden könne. =Darwin=, der naturgemäß zu +derselben Überzeugung gelangt war, ging in seinem Hauptwerk (1859) +über diese anstößigste Folgerung seiner Lehre absichtlich hinweg +und hat dieselbe erst später (1871) in seinem Werke über »Die +Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl« geistreich +ausgeführt. Inzwischen hatte aber schon sein Freund =Huxley= (1863) +jenen wichtigsten Folgeschluß der Abstammungslehre sehr scharfsinnig +erörtert in seiner berühmten kleinen Schrift über die »Zeugnisse für +die Stellung des Menschen in der Natur«. An der Hand der vergleichenden +Anatomie und Ontogenie und gestützt auf die Tatsachen der Paläontologie +zeigte =Huxley=, daß die »Abstammung des Menschen vom Affen« eine +notwendige Konsequenz des Darwinismus sei, und daß eine andere +wissenschaftliche Erklärung von der Entstehung des Menschengeschlechts +überhaupt nicht gegeben werden könne. + +Als weitere Folgerung dieser wichtigen Erkenntnis ergab sich die +schwierige Aufgabe, nicht nur die nächstverwandten Säugetier-=Ahnen +des Menschen= in der Tertiärzeit zu erforschen, sondern auch die lange +Reihe der älteren tierischen Vorfahren, welche in früheren Zeiträumen +der Erdgeschichte gelebt und während ungezählter Jahrmillionen sich +entwickelt hatten. Die hypothetische Lösung dieser großen historischen +Aufgabe hatte ich schon 1866 in der Generellen Morphologie versucht; +weiter ausgeführt habe ich dieselbe 1874 in meiner =Anthropogenie= +(~I~. Teil: Keimesgeschichte; ~II~. Teil: Stammesgeschichte). Die +fünfte umgearbeitete Auflage dieses Buches (1903) enthält diejenige +Darstellung der Entwickelungsgeschichte des Menschen, welche bei dem +gegenwärtigen Zustande unserer Urkundenkenntnis sich dem fernen Ziele +der Wahrheit nach meiner persönlichen Auffassung am meisten nähert; +ich war dabei stets bemüht, alle drei empirischen Urkunden, die +=Paläontologie=, =Ontogenie= und =Morphologie= (oder vergleichende +Anatomie), möglichst gleichmäßig und im Zusammenhange zu benutzen. +Sicher werden die hier gegebenen Deszendenz-Hypothesen im einzelnen +durch spätere phylogenetische Forschungen vielfach ergänzt und +berichtigt werden; aber eben so sicher steht für mich die Überzeugung, +daß der dort entworfene Stufengang der menschlichen Stammesgeschichte +im großen und ganzen der Wahrheit entspricht. Denn die =historische +Reihenfolge der Wirbeltierversteinerungen= entspricht vollständig +der morphologischen Entwickelungsreihe, welche uns die vergleichende +Anatomie und Ontogenie enthüllt: auf die silurischen Fische folgen die +devonischen Lurchfische, die karbonischen Amphibien, die permischen +Reptilien und die mesozoischen Säugetiere; von diesen erscheinen +wiederum zunächst in der Trias die niedersten Formen, die Gabeltiere +(~Monotremen~), dann im Jura die Beuteltiere (~Marsupialien~) und +darauf in der Kreide die ältesten Zottentiere (~Plazentalien~). Von +diesen letzteren treten wieder zunächst in der ältesten Tertiärzeit +die niedersten Primatenahnen auf, die Halbaffen, darauf die echten +Affen, und zwar von den ~Catarrhinen~ zuerst die Hundsaffen +(~Cynopitheken~), später die Menschenaffen (~Anthropomorphen~); +aus einem Zweige dieser letzteren ist während der Pliozänzeit der +sprachlose =Affenmensch= entstanden (~Pithecanthropus alalus~), und +aus diesem endlich der sprechende Mensch. + +Viel schwieriger und unsicherer als diese Kette unserer +=Wirbeltier-Ahnen= ist diejenige der vorhergehenden wirbellosen Ahnen +zu erforschen; denn von ihren weichen skelettlosen Körpern kennen +wir keine versteinerten Überreste; die Paläontologie kann uns hier +keinerlei Zeugnis liefern. Um so wichtiger werden hier die Urkunden +der vergleichenden Anatomie und Ontogenie. Da der menschliche Keim +denselben ~Chordula~-Zustand durchläuft wie der Embryo aller anderen +Wirbeltiere, da er sich ebenso aus zwei Keimblättern einer ~Gastrula~ +entwickelt, schließen wir nach dem Biogenetischen Grundgesetze auf +die frühere Existenz entsprechender Ahnenformen (~Vermalien~, +~Gastraeaden~). Vor allem wichtig aber ist die fundamentale Tatsache, +daß auch der Keim des Menschen, gleich demjenigen aller anderen +Tiere, sich ursprünglich aus einer einfachen Zelle entwickelt; denn +diese =Stammzelle= (~Cytula~) -- die »befruchtete Eizelle« -- weist +zweifellos auf eine entsprechende einzellige Stammform hin, ein uraltes +=Protozoon=. + +Für unsere =monistische Philosophie= ist es übrigens zunächst ziemlich +gleichgültig, wie sich im einzelnen die Stufenreihe unserer Vorfahren +noch sicherer feststellen lassen wird. Für sie bleibt als =sichere +historische Tatsache= die folgenschwere Erkenntnis bestehen, daß der +=Mensch zunächst vom Affen abstammt=, weiterhin von einer langen Reihe +niederer Wirbeltiere. Die logische Begründung dieses Satzes habe ich +schon 1866 im siebenten Buche der »Generellen =Morphologie«= betont +(S. 427): »Der Satz, daß der Mensch sich aus niederen Wirbeltieren, +und zwar zunächst aus echten Affen, entwickelt hat, ist ein spezieller +Deduktionsschluß, der sich aus dem generellen Induktionsgesetze der +Deszendenztheorie mit absoluter Notwendigkeit ergibt.« + +Von größter Bedeutung für die definitive Feststellung und +Anerkennung dieses fundamentalen Satzes sind die =paläontologischen +Entdeckungen= der letzten Dezennien geworden; insbesondere haben uns +die überraschenden Funde von zahlreichen ausgestorbenen Säugetieren +der Tertiärzeit in den Stand gesetzt, die Stammesgeschichte dieser +wichtigsten Tierklasse, von den niedersten, eierlegenden Monotremen +bis zum Menschen hinauf, in ihren Grundzügen klarzulegen. Die vier +Hauptgruppen der =Zottentiere=, die formenreichen Legionen der +Raubtiere, Nagetiere, Huftiere und Herrentiere, erscheinen durch +tiefe Klüfte getrennt, wenn wir nur die heute noch lebenden Epigonen +als Vertreter derselben ins Auge fassen. Diese Klüfte werden aber +vollkommen ausgefüllt und die scharfen Unterschiede der vier Legionen +gänzlich verwischt, wenn wir ihre tertiären, ausgestorbenen Vorfahren +vergleichen, und wenn wir bis in die eozäne Geschichtsdämmerung der +ältesten Tertiärzeit hinabsteigen. Da finden wir die große Unterklasse +der Zottentiere, die heute mehr als 2500 Arten umfaßt, nur durch +eine geringe Zahl von kleinen und unbedeutenden »Urzottentieren« +vertreten; und in diesen ~Prochoriaten~ erscheinen die Charaktere +jener vier divergenten Legionen so gemischt und verwischt, daß wir +sie vernünftigerweise nur als =gemeinsame Vorfahren= derselben +deuten können. Sie besitzen alle im wesentlichen dieselbe Bildung +des Knochengerüstes und dasselbe =typische Gebiß= der ursprünglichen +Plazentalien mit 44 Zähnen; sie zeichnen sich alle durch die geringe +Größe und die unvollkommene Bildung ihres Gehirns aus; sie haben alle +kurze Beine und fünfzehige Füße, die mit der flachen Sohle auftreten. +Bei manchen dieser ältesten Zottentiere der Eozänzeit war es anfangs +zweifelhaft, ob man sie zu den Raubtieren oder Nagetieren, zu den +Huftieren oder Herrentieren stellen sollte; so sehr nähern sich hier +unten diese vier großen, später so sehr verschiedenen Legionen der +Plazentalien. Unzweifelhaft folgt daraus ihr gemeinsamer Ursprung aus +einer einzigen Stammgruppe. Diese Urzottentiere lebten schon in der +vorhergehenden Kreideperiode und sind wahrscheinlich aus einer Gruppe +von insektenfressenden =Beuteltieren= hervorgegangen. + +Die wichtigsten von allen neueren paläontologischen Entdeckungen, +welche die Stammesgeschichte der Zottentiere aufgeklärt haben, +betreffen unseren eigenen Stamm, die Legion der Herrentiere +(~Primates~). Früher waren versteinerte Reste derselben äußerst +selten. Noch =Cuvier=, der große Gründer der Paläontologie, behauptete +bis zu seinem Tode (1832), daß es keine Versteinerungen von Primaten +gäbe; zwar hatte er selbst schon den Schädel eines eozänen Halbaffen +(~Adapis~) beschrieben, ihn aber irrtümlich für ein Huftier gehalten. +In den letzten Dezennien sind aber gut erhaltene, versteinerte +Skelette von Halbaffen und Affen in ziemlicher Zahl entdeckt worden; +darunter befinden sich alle die wichtigen Zwischenglieder, welche eine +zusammenhängende Ahnenkette von den ältesten Halbaffen bis zum Menschen +hinauf darstellen. + +Der berühmteste und interessanteste von diesen fossilen Funden ist +=der versteinerte Affenmensch von Java=, welchen der holländische +Militärarzt =Eugen Dubois= 1891 entdeckt hat, der vielbesprochene +~Pithecanthropus erectus~. Er ist in der Tat das vielgesuchte +»~Missing link~«, das angeblich »fehlende Glied« in der +Primatenkette, welche sich ununterbrochen vom niedersten Affen bis zum +höchst entwickelten Menschen hinaufzieht. Ich habe die hohe Bedeutung, +welche dieser merkwürdige Fund besitzt, ausführlich erörtert in dem +Vortrage Ȇber unsere gegenwärtige Kenntnis vom Ursprung des Menschen«, +welchen ich am 26. August 1898 auf dem vierten internationalen +Zoologenkongreß in Cambridge gehalten habe. Der Paläontologe, welcher +die Bedingungen für Bildung und Erhaltung von Versteinerungen kennt, +wird die Entdeckung des Pithecanthropus als einen besonders glücklichen +Zufall betrachten. Denn als Baumbewohner kommen die Affen nach +ihrem Tode (wenn sie nicht zufällig ins Wasser fallen) nur selten +unter Verhältnisse, welche die Erhaltung und Versteinerung ihres +Knochengerüstes gestatten. Durch den Fund dieses fossilen Affenmenschen +von Java ist also auch von seiten der =Paläontologie= die »Abstammung +des Menschen vom Affen« ebenso klar und sicher bewiesen, wie es früher +schon durch die Urkunden der =vergleichenden Anatomie und Ontogenie= +geschehen war; wir besitzen jetzt in der Tat alle wesentlichen Urkunden +unserer Stammesgeschichte. + +=Zusatz= (1908). Die dreißig Hauptstufen, die sich gegenwärtig in der +Stammeskette unserer tierischen Vorfahren unterscheiden und auf sechs +Strecken verteilen lassen, habe ich übersichtlich zusammengestellt in +meiner Festschrift über: »Unsere Ahnenreihe (~Prognotaxis hominis~)«. +Jena 1908. + + + + +=Sechstes Kapitel.= + +_Das Wesen der Seele._ + + Monistische Studien über den Begriff der Psyche. Aufgaben und Methoden + der wissenschaftlichen Psychologie. Psychologische Metamorphosen. + + +Die Lebenstätigkeiten, welche man allgemein unter dem Begriffe des +=Seelenlebens= oder der psychischen Funktionen zusammenfaßt, sind +unter allen uns bekannten Erscheinungen einerseits die wichtigsten und +interessantesten, andererseits die verwickeltsten und rätselhaftesten. +Da die Naturerkenntnis selbst ein Teil des Seelenlebens ist, und da +mithin auch die Anthropologie, ebenso wie die Kosmologie, eine richtige +Erkenntnis der =»Psyche«= zur Voraussetzung hat, so kann man die +=Psychologie=, die wirklich wissenschaftliche Seelenlehre, auch als +das Fundament und als die Voraussetzung aller anderen Wissenschaften +ansehen; von der anderen Seite betrachtet, ist sie wieder ein Teil der +Philosophie, oder der Physiologie, oder der Anthropologie. + +Die große Schwierigkeit ihrer naturgemäßen Begründung liegt nun +aber darin, daß die Psychologie wiederum die genaue Kenntnis des +menschlichen Organismus voraussetzt und vor allem des =Gehirns=, als +des wichtigsten =Organs= des Seelenlebens. Die große Mehrzahl der +sogenannten »Psychologen« besitzt jedoch von diesen anatomischen +Grundlagen der Psyche nur sehr unvollständige oder gar keine Kenntnis, +und so erklärt sich die bedauerliche Tatsache, daß in keiner anderen +Wissenschaft so widersprechende und unhaltbare Vorstellungen über +ihren eigenen Begriff und ihre wesentliche Aufgabe herrschen, wie in +der Psychologie. Diese Verwirrung ist in den letzten Dezennien um so +fühlbarer hervorgetreten, je mehr die großartigen Fortschritte der +Anatomie und Physiologie unsere Kenntnis vom Bau und von den Funktionen +des wichtigsten Seelenorgans erweitert haben. + +_Methoden der Seelenforschung._ Nach meiner Überzeugung ist das, was +man die =»Seele«= nennt, in Wahrheit eine =Naturerscheinung=; ich +betrachte daher die Psychologie als einen Zweig der Naturwissenschaft +-- und zwar der =Physiologie=. Demzufolge muß ich von vornherein +betonen, daß wir für dieselbe keine anderen Forschungswege zulassen +können als in allen übrigen Naturwissenschaften; d. h. in erster +Linie die =Beobachtung= und das =Experiment=, in zweiter Linie die +=Entwickelungsgeschichte= und in dritter Linie die theoretische +=Spekulation=, welche durch induktive und deduktive Schlüsse möglichst +dem unbekannten »=Wesen=« der Erscheinung sich zu nähern sucht. Mit +Bezug auf seine prinzipielle Beurteilung aber müssen wir zunächst +gerade hier den Gegensatz der dualistischen und der monistischen +Ansicht scharf ins Auge fassen. + +_Dualistische Psychologie._ Die allgemein herrschende Auffassung des +Seelenlebens, welche wir bekämpfen, betrachtet Seele und Leib als +zwei verschiedene =»Wesen«=. Diese beiden Wesen können unabhängig +voneinander existieren und sind nicht notwendig aneinander gebunden. +Der organische =Leib= ist ein sterbliches =materielles= Wesen, +chemisch zusammengesetzt aus lebendigem Plasma und den von diesem +erzeugten Verbindungen. Die =Seele= hingegen ist ein unsterbliches, +=immaterielles= Wesen, ein spirituelles Agens, dessen rätselhafte +Tätigkeit uns völlig unbekannt ist. Diese übliche Auffassung ist +als solche rein spiritualistisch und ihr prinzipielles Gegenteil im +gewissen Sinne materialistisch. Sie ist zugleich transzendent und +=supranaturalistisch=; denn sie behauptet die Existenz von Kräften, +welche ohne materielle Basis existieren und wirksam sind; sie fußt auf +der Annahme, daß außer und über der Natur noch eine »geistige Welt« +existiert, eine immaterielle Welt, von der wir durch Erfahrung nichts +wissen und unserer Natur nach nichts wissen können. + +Diese hypothetische »=Geisteswelt=«, die von der materiellen Körperwelt +ganz unabhängig sein soll, und auf deren Annahme das ganze künstliche +Gebäude der dualistischen Weltanschauung ruht, ist lediglich ein +Produkt der dichtenden Phantasie; und dasselbe gilt von dem mystischen, +eng mit ihr verknüpften Glauben an die »Unsterblichkeit der Seele«, +dessen wissenschaftliche Unhaltbarkeit wir nachher noch besonders +dartun müssen (im 11. Kapitel). Wenn die in diesem Sagenkreise +herrschenden Glaubensvorstellungen wirklich begründet wären, so müßten +die betreffenden Erscheinungen =nicht dem Substanzgesetze= unterworfen +sein; diese einzige Ausnahme von dem höchsten kosmologischen +Grundgesetze müßte aber erst sehr spät im Laufe der organischen +Erdgeschichte eingetreten sein, da sie nur die »Seele« des Menschen und +der höheren Tiere betrifft. Auch das Dogma des »freien Willens«, ein +anderes wesentliches Stück der dualistischen Psychologie, ist mit dem +Substanzgesetze ganz unvereinbar. + +_Monistische Psychologie._ Unsere natürliche Auffassung +des Seelenlebens erblickt dagegen in ihm eine Summe von +Lebenserscheinungen, welche gleich allen anderen an ein bestimmtes +materielles Substrat gebunden sind. Wir wollen diese materielle Basis +aller psychischen Tätigkeit, ohne welche dieselbe nicht denkbar ist, +vorläufig als =Psychoplasma= bezeichnen, und zwar deshalb, weil sie +durch die chemische Analyse überall als ein Körper nachgewiesen ist, +welcher zur Gruppe der =Plasmakörper= gehört, d. h. jener eiweißartigen +Kohlenstoff-Verbindungen, welche sämtlichen Lebensvorgängen zugrunde +liegen. Bei den höheren Tieren, welche ein Nervensystem und +Sinnesorgane besitzen, ist aus dem =Psychoplasma= durch Differenzierung +das =Neuroplasma=, die Nervensubstanz, entstanden. Unsere Auffassung +ist in =diesem= Sinne =materialistisch=. Sie ist aber zugleich +=empiristisch= und =naturalistisch=; denn unsere wissenschaftliche +Erfahrung hat uns noch keine Kräfte kennen gelehrt, welche der +materiellen Grundlage entbehren, und keine »geistige Welt«, welche +außer der Natur und über der Natur stünde. + +Gleich allen anderen Naturerscheinungen sind auch diejenigen des +Seelenlebens dem alles beherrschenden =Substanzgesetze= unterworfen; +es gibt auch in diesem Gebiete keine Ausnahme von diesem höchsten +kosmologischen Grundgesetze. Die Erscheinungen des niederen +Seelenlebens bei den einzelligen Protisten und bei den Pflanzen -- +aber ebenso auch bei den niederen Tieren --, ihre Reizbarkeit, +ihre Reflexbewegungen, ihre Empfindlichkeit und ihr Streben nach +Selbsterhaltung beruhen auf physiologischen Vorgängen im =Plasma= +ihrer Zellen, auf physikalischen und chemischen Veränderungen, welche +teils auf =Vererbung=, teils auf =Anpassung= zurückzuführen sind. +Aber ganz dasselbe müssen wir auch für die höheren Seelentätigkeiten +der höheren Tiere und des Menschen behaupten, für die Bildung der +Vorstellungen und Begriffe, für die wunderbaren Phänomene der Vernunft +und des Bewußtseins; denn diese haben sich phylogenetisch aus jenen +entwickelt, und nur der höhere Grad der Zentralisation, durch innige +und mannigfaltige Verbindung der einzelnen Funktionen, erhebt sie zu +dieser erstaunlichen Höhe. + +_Begriffe der Psychologie._ In jeder Wissenschaft gilt mit Recht als +erste Aufgabe die klare =Begriffsbestimmung= des Gegenstandes, den +sie zu erforschen hat. In keiner Wissenschaft aber ist die Lösung +dieser ersten Aufgabe so schwierig als in der Seelenlehre, und diese +Tatsache ist um so merkwürdiger, als die =Logik=, die Lehre von der +Begriffsbildung, selbst nur ein Teil der Psychologie ist. Wenn wir +alles vergleichen, was über die Grundbegriffe der Seelenkunde von +den angesehensten Philosophen und Naturforschern aller Zeiten gesagt +worden ist, so ersticken wir in einem Chaos der widersprechendsten +Ansichten. Was ist denn eigentlich die »=Seele=«? Wie verhält sie sich +zum »=Geist=«? Welche Bedeutung hat eigentlich das »=Bewußtsein=«? +Wie unterscheiden sich »=Empfindung=« und »=Gefühl=«? Was ist +der »=Instinkt=«? Wie verhält sich der »=freie Wille=«? Was ist +»=Vorstellung=«? Welcher Unterschied besteht zwischen »=Verstand= und +=Vernunft=«? Und was ist eigentlich »=Gemüt=«? Welche Beziehung besteht +zwischen allen diesen »Seelenerscheinungen und dem =Körper=«? Die +Antworten auf diese und viele andere, sich daran anschließenden Fragen +lauten so verschieden als möglich; nicht allein gehen die Ansichten +der angesehensten Autoritäten darüber weit auseinander, sondern auch +eine und dieselbe =wissenschaftliche= Autorität hat oft im Laufe ihrer +eigenen psychologischen Entwickelung ihre Ansichten völlig verändert. +Sicher hat diese »=psychologische= Metamorphose« vieler Denker (die +wir noch am Schlusse dieses 6. Kapitels beleuchten wollen) nicht wenig +zu der =kolossalen Konfusion der Begriffe= beigetragen, welche in der +Seelenlehre mehr als in jedem anderen Gebiete der Erkenntnis herrscht. + +_Objektive und subjektive Psychologie._ Die ganz eigentümliche Natur +vieler Seelenerscheinungen, und vor allem des Bewußtseins bedingt +gewisse Abänderungen und Modifikationen unserer naturwissenschaftlichen +Untersuchungsmethoden. Besonders wichtig ist hier der Umstand, daß +zu der gewöhnlichen, =objektiven=, =äußern= Beobachtung noch die +=introspektive Methode= treten muß, die =subjektive=, =innere= +Beobachtung, welche die Spiegelung unseres »Ich« im Bewußtsein bedingt. +Von dieser »unmittelbaren Gewißheit des Ich« gingen die meisten +Psychologen aus: »~Cogito, ergo sum!~« »=Ich denke, also bin ich.=« +Wir werden daher zunächst auf diesen Erkenntnisweg und dann erst auf +die anderen, ihn ergänzenden Methoden einen Blick werfen. + +_Introspektive Psychologie (Selbstbeobachtung der Seele)._ Der weitaus +größte Teil aller derjenigen Kenntnisse, welche seit Jahrtausenden in +unzähligen Schriften über das menschliche Seelenleben niedergelegt +sind, beruht auf introspektiver Seelenforschung, d. h. auf +=Selbstbeobachtung=, und auf Schlüssen, welche wir aus der Assozion +und Kritik dieser subjektiven, »inneren Erfahrungen« ziehen. Für einen +wichtigen Teil der Seelenlehre ist dieser introspektive Weg überhaupt +der einzig mögliche, vor allem für die Erforschung des =Bewußtseins=; +diese Gehirnfunktion nimmt daher eine ganz eigentümliche Stellung ein +und ist mehr als jede andere die Quelle unzähliger philosophischer +Irrtümer geworden (vergl. Kap. 10). Es ist aber ganz ungenügend und +führt zu ganz unvollkommenen und falschen Vorstellungen, wenn man +diese Selbstbeobachtung unseres Geistes als die wichtigste oder +überhaupt als die einzige Quelle seiner Erkenntnis betrachtet, wie +es von zahlreichen und angesehenen Philosophen geschehen ist. Denn +ein großer Teil der wichtigsten Erscheinungen im Seelenleben, vor +allem die =Sinnesfunktionen= (Sehen, Hören, Riechen usw.), ferner +die =Sprache=, kann nur auf demselben Wege erforscht werden wie jede +andere Lebenstätigkeit des Organismus, nämlich erstens durch gründliche +anatomische Untersuchung ihrer =Organe=, und zweitens durch exakte +physiologische Analyse der davon abhängigen =Funktionen=. Um diese +Ȋußere Beobachtung« der Seelentätigkeit auszuführen und dadurch die +Ergebnisse der »inneren Beobachtung« zu ergänzen, bedarf es aber +gründlicher Kenntnisse in Anatomie und Histologie, Ontogenie und +Physiologie des Menschen. Von diesen unentbehrlichen Grundlagen der +Anthropologie haben nun die meisten sogenannten »=Psychologen=« gar +keine oder nur höchst unvollkommene Kenntnis; sie sind daher nicht +imstande, auch nur von ihrer eigenen Seele eine genügende Vorstellung +zu erwerben. Dazu kommt noch der schlimme Umstand, daß die eigene +Seele dieser Psychologen gewöhnlich die einseitig ausgebildete (wenn +auch in ihrem spekulativen Sport sehr hoch entwickelte!) Psyche eines +=Kulturmenschen= höchster Rasse darstellt, also das letzte =Endglied= +einer langen phyletischen Entwickelungsreihe, deren zahlreiche ältere +und niedere Vorläufer für ihr richtiges Verständnis unentbehrlich sind. +So erklärt es sich, daß der größte Teil der gewaltigen psychologischen +Literatur heute wertlose Makulatur ist. Die introspektive Methode ist +gewiß höchst wertvoll und unentbehrlich, sie bedarf aber durchaus der +Mitwirkung und Ergänzung durch die übrigen Methoden. + +_Exakte Psychologie._ Je reicher im Laufe des 19. Jahrhunderts sich +die verschiedenen Zweige des menschlichen Erkenntnisbaumes entwickelt, +je mehr sich die verschiedenen Methoden der einzelnen Wissenschaften +vervollkommnet haben, desto mehr ist das Bestreben gewachsen, dieselben +=exakt= zu gestalten, d. h. die Erscheinungen möglichst =genau= +empirisch zu untersuchen und die daraus abzuleitenden Gesetze tunlichst +scharf, womöglich =mathematisch= zu formulieren. Letzteres ist aber +nur bei einem kleinen Teile des menschlichen Wissens erreichbar, +vorzüglich in jenen Wissenschaften, bei denen es sich in der Hauptsache +um meßbare Größenbestimmungen handelt: in erster Linie der Mathematik, +sodann der Astronomie, der Mechanik, überhaupt einem großen Teile der +Physik und Chemie. Diese Wissenschaften werden daher auch als =exakte +Disziplinen= im engeren Sinne bezeichnet. Dagegen ist es nicht richtig +und führt nur irre, wenn man oft =alle= Naturwissenschaften als +»exakte« betrachtet und anderen, namentlich den historischen und den +»Geisteswissenschaften« gegenüberstellt. Denn ebensowenig als diese +letzteren kann auch der größere Teil der Naturwissenschaft wirklich +exakt behandelt werden; ganz besonders gilt dies von der Biologie +und in dieser wieder von der Psychologie. Da diese letztere nur ein +Teil der Physiologie ist, muß sie im allgemeinen deren fundamentale +Erkenntniswege teilen. Sie muß die tatsächlichen Erscheinungen des +Seelenlebens möglichst genau =empirisch= ergründen, durch Beobachtung +und durch Experiment; und sie muß dann die Gesetze der Psyche aus +diesen durch induktive und deduktive Schlüsse ableiten und möglichst +scharf formulieren. Allein ihre =mathematische= Formulierung ist aus +leicht begreiflichen Gründen nur sehr selten möglich; sie ist mit +großem Erfolge nur bei einem Teile der Sinnesphysiologie ausgeführt; +für den weitaus größten Teil der Gehirnphysiologie ist sie dagegen +nicht anwendbar. + +_Psychophysik._ Ein kleiner Teil der Psychologie, welcher der +erstrebten »exakten« Untersuchung zugänglich erscheint, ist seit +Jahren mit großer Sorgfalt studiert und zum Range einer besonderen +Disziplin erhoben worden unter der Bezeichnung =Psychophysik=. Die +Begründer derselben, die Physiologen =Theodor Fechner= und =Ernst +Heinrich Weber=, untersuchten zunächst genau die Abhängigkeit der +Empfindungen von den äußeren, auf die Sinnesorgane wirkenden Reizen +und besonders das quantitative Verhältnis zwischen Reizstärke +und Empfindungsintensität. Sie fanden, daß zur Erregung einer +Empfindung eine bestimmte minimale Reizstärke erforderlich ist +(die »Reizschwelle«), und daß ein gegebener Reiz immer um einen +gewissen Betrag (die »Unterschiedsschwelle«) geändert werden muß, +ehe die Empfindung sich merklich verändert. Für die wichtigsten +Sinnesempfindungen (Gesicht, Gehör, Druckempfindung) gilt das Gesetz, +daß ihre Änderung derjenigen der Reizstärke proportional ist. Aus +diesem empirischen »Weberschen Gesetz« leitete =Fechner= sein +»psycho-physisches Grundgesetz« ab, wonach die Empfindungsintensitäten +in arithmetischer Progression wachsen sollen, hingegen die Reizstärken +in geometrischer Progression. Indessen haben spätere Forscher gezeigt, +daß dieses Fechnersche Gesetz exakt nur für mittlere Intensitäten gilt, +also nicht die allgemeine Bedeutung hat, die man ihm früher zuschrieb. + +_Vergleichende Psychologie._ Die auffällige Ähnlichkeit, welche +im Seelenleben des Menschen und der höheren Tiere -- besonders +der nächstverwandten Säugetiere -- besteht, ist eine altbekannte +Tatsache. Die meisten Naturvölker machen noch heute zwischen beiden +psychischen Erscheinungsreihen keinen wesentlichen Unterschied, +wie schon die allgemein verbreiteten Tierfabeln, die alten Sagen +und die Vorstellungen von der Seelenwanderung beweisen. Auch die +meisten Philosophen des klassischen Altertums waren davon überzeugt +und entdeckten zwischen der menschlichen und tierischen Psyche +keine wesentlichen Unterschiede. Selbst =Plato=, der zuerst den +fundamentalen Unterschied von Leib und Seele behauptete, ließ in +seiner Seelenwanderung eine und dieselbe Seele (oder »Idee«) durch +verschiedene Tier- und Menschenleiber hindurchwandern. Erst das +Christentum, das den Unsterblichkeitsglauben auf das engste mit dem +Gottesglauben verknüpfte, führte die prinzipielle Scheidung zwischen +der unsterblichen Menschenseele und der sterblichen Tierseele durch. In +der dualistischen Philosophie gelangte sie vor allem durch den Einfluß +von =Descartes= (1643) zur Geltung; er behauptete, daß nur der Mensch +eine wahre »Seele« und somit Empfindung und freien Willen besitze, daß +hingegen die Tiere Automaten, Maschinen ohne Willen und Empfindung +seien. Seitdem wurde von den meisten Psychologen -- namentlich auch +von =Kant= -- das Seelenleben der Tiere ganz vernachlässigt und das +psychologische Studium auf den Menschen beschränkt; die menschliche, +meistens rein introspektive Psychologie entbehrte der befruchtenden +Vergleichung und blieb daher auf demselben niederen Standpunkt stehen, +welchen die menschliche Morphologie einnahm, ehe sie =Cuvier= durch die +Begründung der vergleichenden Anatomie zur Höhe einer philosophischen +Naturwissenschaft erhob. + +_Tierpsychologie._ Das wissenschaftliche Interesse für das Seelenleben +der Tiere wurde erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts neu +belebt, im Zusammenhang mit den Fortschritten der systematischen +Zoologie und Physiologie. Besonders anregend wirkte die Schrift von +=Reimarus=: Allgemeine Betrachtungen über die Triebe der Thiere +(Hamburg 1760). Eine tiefere wissenschaftliche Erforschung wurde +erst möglich durch =Johannes Müllers= Reform der Physiologie. Dieser +geistvolle Biologe, das ganze Gebiet der organischen Natur, Morphologie +und Physiologie, gleichmäßig umfassend, führte zuerst die =exakten +Methoden= der Beobachtung und des Versuchs im gesamten Gebiete der +Physiologie durch und verknüpfte sie zugleich in genialer Weise mit den +=vergleichenden Methoden=; er wendete sie ebenso auf das Seelenleben +im weitesten Sinne an (auf Sprache, Sinne, Gehirntätigkeit) wie auf +alle übrigen Lebenserscheinungen. Das sechste Buch seines »Handbuchs +der Physiologie des Menschen« (1840) handelt speziell »Vom Seelenleben« +und enthält auf 80 Seiten eine Fülle der wichtigsten psychologischen +Betrachtungen. + +_Völkerpsychologie._ Für die fruchtbare Ausbildung der vergleichenden +Seelenlehre ist es höchst wichtig, die kritische Vergleichung nicht +auf Tier und Mensch im allgemeinen zu beschränken, sondern auch die +mannigfaltigen =Abstufungen= in ihrem Seelenleben nebeneinander zu +stellen. Erst dadurch gelangen wir zur klaren Erkenntnis der langen +=Stufenleiter= psychischer Entwickelung, welche ununterbrochen von +den niedersten, einzelligen Lebensformen bis zu den Säugetieren und +an deren Spitze bis zum Menschen hinauf führt. Auch innerhalb des +Menschengeschlechts selbst sind jene Abstufungen sehr beträchtlich +und die Verzweigungen des »Seelenstammbaums« höchst mannigfaltig. +Der psychische Unterschied zwischen dem rohesten Naturmenschen der +niedersten Stufe und dem vollkommensten Kulturmenschen der höchsten +Stufe ist kolossal, viel größer, als gemeinhin angenommen wird. In +der richtigen Erkenntnis dieser Tatsache hat besonders in der zweiten +Hälfte des 19. Jahrhunderts die »=Anthropologie der Naturvölker=« +(=Waitz=) einen lebhaften Aufschwung genommen und die vergleichende +Ethnographie eine hohe Bedeutung für die Psychologie gewonnen. Leider +ist nur das massenhaft gesammelte Rohmaterial dieser Wissenschaft noch +nicht genügend kritisch durchgearbeitet. + +_Ontogenetische Psychologie._ Am meisten vernachlässigt und am +wenigsten angewendet unter allen Methoden der Seelenforschung war bis +auf die letzte Zeit die =Entwickelungsgeschichte der Seele=; und doch +ist gerade dieser selten betretene Pfad derjenige, der uns am kürzesten +und sichersten durch den dunklen Urwald der psychologischen Vorurteile, +Dogmen und Irrtümer zu der klaren Einsicht in viele der wichtigsten +»Seelenfragen« führt. Wie in jedem anderen Gebiete der organischen +Entwickelungsgeschichte, so stelle ich auch hier zunächst die beiden +Hauptzweige derselben gegenüber, die ich zuerst 1866 unterschieden +habe: die Keimesgeschichte (~Ontogenie~) und die Stammesgeschichte +(~Phylogenie~). Die =Keimesgeschichte der Seele= untersucht die +allmähliche und stufenweise Entwickelung der Seele in der einzelnen +Person und strebt nach Erkenntnis der Gesetze, welche sie ursächlich +bedingen. Für einen wichtigen Abschnitt des menschlichen Seelenlebens +ist hier schon seit Jahrtausenden sehr viel geschehen; denn die +rationelle =Pädagogik= mußte sich ja schon frühzeitig die Aufgabe +stellen, theoretisch die stufenweise Entwickelung und Bildungsfähigkeit +der kindlichen Seele kennen zu lernen, deren harmonische Ausbildung +und Leitung sie praktisch durchzuführen hatte. Allein die meisten +Pädagogen waren idealistische und dualistische Philosophen und +gingen daher an ihre Aufgabe von vornherein mit den althergebrachten +Vorurteilen der spiritualistischen Psychologie. Erst seit wenigen +Dezennien ist dieser dogmatischen Richtung gegenüber auch in der +Schule die naturwissenschaftliche Methode zu größerer Geltung gelangt; +man bemüht sich jetzt mehr, auch in der Beurteilung der Kindesseele +die Grundsätze der Entwickelungslehre zur Anwendung zu bringen. Das +individuelle Rohmaterial der kindlichen Seele ist ja bereits durch +=Vererbung= von Eltern und Voreltern von vornherein gegeben; die +Erziehung hat die schöne Aufgabe, dasselbe durch intellektuelle +Belehrung und moralische Erziehung, also durch =Anpassung=, zur reichen +Blüte zu entwickeln. Für die Kenntnis unserer frühesten psychischen +Entwickelung hat erst =Wilhelm Preyer= (1882) den Grund gelegt in +seiner interessanten Schrift »Die Seele des Kindes, Beobachtungen über +die geistige Entwickelung des Menschen in den ersten Lebensjahren«. Für +die Erkenntnis der späteren Stufen und Metamorphosen der individuellen +Psyche bleibt noch sehr viel zu tun; die richtige, kritische Anwendung +des Biogenetischen Grundgesetzes beginnt auch hier sich als klarer +Leitstern des wissenschaftlichen Verständnisses zu bewähren. (Vergl. +=Hermann Kroell=, Der Aufbau der menschlichen Seele, 1900.) + +_Phylogenetische Psychologie._ Eine neue, fruchtbare Periode höherer +Entwickelung begann für die Psychologie, wie für alle anderen +biologischen Wissenschaften, als =Charles Darwin= die Grundsätze der +Entwickelungslehre auf sie anwendete. Das siebente Kapitel seines +epochemachenden Werkes über die Entstehung der Arten (1859) ist dem +=Instinkt= gewidmet; es enthält den wertvollen Nachweis, daß die +Instinkte der Tiere, gleich allen anderen Lebenstätigkeiten, den +allgemeinen Gesetzen der historischen Entwickelung unterliegen. Die +speziellen Instinkte der einzelnen Tierarten werden durch =Anpassung= +umgebildet, und diese »erworbenen Abänderungen« werden durch +=Vererbung= auf die Nachkommen übertragen; bei ihrer Erhaltung und +Ausbildung spielt die natürliche =Selektion= durch den »Kampf ums +Dasein« ebenso eine züchtende Rolle wie bei der Transformation jeder +anderen physiologischen Tätigkeit. Später hat =Darwin= in mehreren +Werken diese fundamentale Ansicht weiter ausgeführt und gezeigt, daß +dieselben Gesetze »geistiger Entwickelung« durch die ganze organische +Welt hindurch walten, beim Menschen ebenso wie bei den Tieren und bei +diesen ebenso wie bei den Pflanzen. =Die Einheit der organischen Welt=, +die sich aus ihrem gemeinsamen Ursprung erklärt, gilt also auch +für das gesamte Gebiet des Seelenlebens, vom einfachsten, einzelligen +Organismus bis hinauf zum Menschen. + +Die weitere Ausführung von =Darwins= Psychologie und ihre besondere +Anwendung auf alle einzelnen Gebiete des Seelenlebens verdanken wir +einem ausgezeichneten englischen Naturforscher, =George Romanes=. +Leider wurde er durch seinen allzu frühen Tod an der Vollendung +des großen Werkes gehindert, welches alle Teile der vergleichenden +Seelenkunde gleichmäßig im Sinne der monistischen Entwickelungslehre +ausbauen sollte. Die beiden Teile dieses Werkes, welche erschienen +sind, gehören zu den wertvollsten Erzeugnissen der gesamten +psychologischen Literatur. Denn getreu den Prinzipien unserer modernen +monistischen Naturforschung sind darin erstens die wichtigsten +=Tatsachen= zusammengefaßt und geordnet, welche seit Jahrtausenden +durch Beobachtung und Experiment auf dem Gebiete der vergleichenden +Seelenlehre empirisch festgestellt wurden; zweitens sind dieselbe mit +=objektiver Kritik= geprüft und zweckmäßig gruppiert; und drittens +ergeben sich daraus diejenigen =Vernunftschlüsse= über die wichtigsten +allgemeinen Fragen der Psychologie, welche allein mit den Grundsätzen +unserer modernen monistischen Weltanschauung vereinbar sind. Der erste +Band von =Romanes=' Werk (Leipzig 1885) führt den Titel: »Die geistige +Entwickelung im Tierreich« und stellt die ganze lange Stufenreihe der +psychischen Entwickelung im Tierreiche von den einfachsten Empfindungen +und Instinkten der niedersten Tiere bis zu den vollkommensten +Erscheinungen des Bewußtseins und der Vernunft bei den höchststehenden +Tieren im natürlichen Zusammenhang dar. Es sind darin auch viele +Mitteilungen aus hinterlassenen Manuskripten ȟber den Instinkt« von +Darwin mitgeteilt, und zugleich ist eine »vollständige Sammlung von +allem, was er auf dem Gebiete der Psychologie geschrieben hat«, gegeben. + +Der zweite Teil von =Romanes=' Werk behandelt »die geistige +Entwickelung beim Menschen und den Ursprung der menschlichen +Befähigung« (Leipzig 1893). Der scharfsinnige Psychologe führt +darin den überzeugenden Beweis, »=daß die psychologische Schranke +zwischen Tier und Mensch überwunden ist=«; das begriffliche Denken +und Abstraktionsvermögen des Menschen hat sich allmählich aus +den nicht begrifflichen Vorstufen des Denkens und Vorstellens +bei den nächstverwandten Säugetieren entwickelt. Die höchsten +Geistestätigkeiten des Menschen, =Vernunft=, =Sprache und Bewußtsein=, +sind aus den niederen Vorstufen derselben in der Reihe der +=Primatenahnen= (Affen und Halbaffen) hervorgegangen. Der Mensch +besitzt keine einzige »Geistestätigkeit«, welche ihm ausschließlich +eigentümlich ist; sein ganzes Seelenleben ist von demjenigen der +nächstverwandten Säugetiere nur dem =Grade=, nicht der =Art= nach, nur +quantitativ, nicht qualitativ verschieden. + +_Psychologische Metamorphosen._ Nicht unerwähnt soll eine merkwürdige +Erscheinung bleiben, die uns manche bedeutende Naturforscher und +Philosophen wahrzunehmen Gelegenheit gaben. Sie besteht in einem +eigentümlichen philosophischen Prinzipienwechsel, in der Vertauschung +des ursprünglichen =monistischen= Standpunktes mit einem späteren +=dualistischen=. Das interessanteste Beispiel solcher Verwandlung +liefert =Immanuel Kant=. Als kritischer Philosoph war er zur +Überzeugung gelangt, daß die drei =Großmächte des Mystizismus=: »Gott, +Freiheit und Unsterblichkeit« -- als Dogmen der »=reinen= Vernunft« +-- unhaltbar erscheinen. Der =dogmatische Kant= dagegen fand später, +daß diese drei Hauptgespenster »Postulate der =praktischen= Vernunft« +und als solche unentbehrlich seien. Je mehr neuerdings die angesehene +Schule der =Neokantianer= den »Rückgang auf =Kant=« als einzige Rettung +aus dem entsetzlichen Wirrwarr der modernen Metaphysik predigt, desto +klarer offenbart sich der unleugbare und unheilvolle Widerspruch der +beiden Grundanschauungen, zwischen denen =Kant= hin und her schwankte. + +In Deutschland gilt gegenwärtig als einer der bedeutendsten Psychologen +=Wilhelm Wundt= in Leipzig; er besitzt vor den meisten anderen +Philosophen den unschätzbaren Vorzug einer gründlichen =zoologischen=, +=anatomischen= und =physiologischen= Bildung. Früher Assistent +und Schüler von =Helmholtz=, hatte sich =Wundt= frühzeitig daran +gewöhnt, die Grundgesetze der Physik und Chemie im gesamten Gebiete +der Physiologie geltend zu machen, also auch (im Sinne von =Johannes +Müller=) in der Psychologie, als einem Teilgebiete der letzteren. Von +diesen Gesichtspunkten geleitet, veröffentlichte =Wundt= 1863 wertvolle +»Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele«. Er liefert darin, wie +er selbst in der Vorrede sagt, den =Nachweis=, daß der Schauplatz der +wichtigsten Seelenvorgänge in der =unbewußten Seele= liegt, und er +eröffnet uns »einen Einblick in jenen =Mechanismus=, der im unbewußten +Hintergrund der Seele die Anregungen verarbeitet, die aus den äußeren +Eindrücken stammen«. Was mir aber besonders wichtig und wertvoll an +=Wundts= Werk erscheint, ist, daß er »hier zum ersten Male das =Gesetz +der Erhaltung der Kraft auf das psychische Gebiet ausdehnt= und dabei +eine Reihe von Tatsachen der Elektrophysiologie zur Beweisführung +benutzt« (a. a. O. S. ~VIII~). + +Dreißig Jahre später veröffentlichte =Wundt= (1892) eine zweite, +wesentlich verkürzte und gänzlich umgearbeitete Auflage seiner +»Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele«. Die wichtigsten +Prinzipien der ersten Auflage sind in dieser zweiten völlig +aufgegeben, und der =monistische= Standpunkt der ersteren ist mit +einem rein =dualistischen= vertauscht. =Wundt= selbst sagt in der +Vorrede zur zweiten Auflage, daß er sich erst allmählich von den +fundamentalen Irrtümern der ersten befreit habe, und daß er »diese +Arbeit schon seit Jahren als eine =Jugendsünde= betrachten lernte«; +sie »lastete auf ihm als eine Art =Schuld=, der er, so gut es gehen +mochte, ledig zu werden wünschte«. In der Tat sind die wichtigsten +Grundanschauungen der Seelenlehre in den beiden Auflagen von =Wundts= +weit verbreiteten »Vorlesungen« völlig entgegengesetzte; in der ersten +Auflage rein monistisch und materialistisch, in der zweiten Auflage +rein dualistisch und spiritualistisch. Dort wird die =Psychologie= +als =Naturwissenschaft= behandelt, nach denselben Grundsätzen wie die +gesamte Physiologie, von der sie nur ein Teil ist; dreißig Jahre später +ist für ihn die Seelenlehre eine reine =Geisteswissenschaft= geworden, +deren Prinzipien und Objekte von denjenigen der Naturwissenschaft +völlig verschieden sind. Den schärfsten Ausdruck findet diese +Bekehrung in seinem Prinzip des =psychophysischen Parallelismus=, +wonach zwar einem »jeden psychischen Geschehen irgendwelche physische +Vorgänge entsprechen«, beide aber völlig unabhängig voneinander +sind und =nicht in natürlichem Kausalzusammenhang stehen=. Dieser +vollkommene =Dualismus= von Leib und Seele, von Natur und Geist +hat begreiflicherweise den lebhaften Beifall der herrschenden +Schulphilosophie gefunden und wird von ihr als ein bedeutungsvoller +Fortschritt gepriesen, um so mehr, als er von einem angesehenen +Naturforscher bekannt wird, der früher die entgegengesetzten +Anschauungen unseres modernen =Monismus= vertrat. Da ich selbst auf +diesem letzteren, »beschränkten« Standpunkt seit mehr als fünfzig +Jahren stehe und mich trotz aller bestgemeinten Anstrengungen nicht von +ihm habe losmachen können, muß ich natürlich die »Jugendsünden« des +jungen Physiologen =Wundt= für die richtige Naturerkenntnis halten und +sie gegen die entgegengesetzten Grundanschauungen des alten Philosophen +=Wundt= energisch verteidigen. + +Ein interessantes Beispiel ähnlicher tiefgehender Wandlung bieten zwei +der berühmtesten Naturforscher, R. =Virchow= und E. =Du Bois-Reymond=; +die Metamorphose ihrer psychologischen Grundanschauungen darf um so +weniger übersehen werden, als beide Berliner Biologen mehr als 40 Jahre +hindurch an der größten Universität Deutschlands eine höchst bedeutende +Rolle gespielt und sowohl direkt wie indirekt einen tiefgreifenden +Einfluß auf das moderne Geistesleben geübt haben. =Rudolf Virchow=, der +verdienstvolle Begründer der Zellularpathologie, war in der besten Zeit +seiner wissenschaftlichen Tätigkeit, um die Mitte des 19. Jahrhunderts +(und besonders während seines Würzburger Aufenthalts, von 1849 1856) +reiner =Monist=; er galt damals als einer der hervorragendsten +Vertreter jenes neu erwachenden »=Materialismus=«, der im Jahre +1855 besonders durch zwei berühmte, fast gleichzeitig erschienene +Werke eingeführt wurde: =Ludwig Büchners= Kraft und Stoff, und =Carl +Vogts= Köhlerglaube und Wissenschaft. Seine allgemeinen biologischen +Anschauungen von den Lebensvorgängen im Menschen -- sämtlich als +mechanische Naturerscheinungen aufgefaßt! -- legte damals =Virchow= +in einer Reihe ausgezeichneter Artikel in den ersten Bänden des von +ihm herausgegebenen Archivs für pathologische Anatomie nieder. Wohl +die bedeutendste unter diesen Abhandlungen und diejenige, in der er +seine damalige =monistische Weltanschauung= am klarsten zusammenfaßte, +ist die Rede über »Die Einheitsbestrebungen in der wissenschaftlichen +Medizin« (1849). Es geschah gewiß mit Bedacht und mit der Überzeugung +ihres philosophischen Wertes, daß =Virchow= 1856 dieses »medizinische +Glaubensbekenntnis« an die Spitze seiner »Gesammelten Abhandlungen zur +wissenschaftlichen Medizin« stellte. Er vertritt darin ebenso klar als +bestimmt die fundamentalen Prinzipien unseres heutigen Monismus, wie +ich sie hier mit bezug auf die Lösung der »Welträtsel« darstelle; er +verteidigt die alleinige Berechtigung der Erfahrungswissenschaft, deren +einzige zuverlässige Quellen Sinnestätigkeit und Gehirnfunktion sind; +er bekämpft ebenso entschieden den anthropologischen Dualismus, jede +sogenannte Offenbarung und jede »Transzendenz« mit ihren zwei Wegen: +»Glauben und Anthropomorphismus«. Vor allem betont er den monistischen +Charakter der Anthropologie, den untrennbaren Zusammenhang von Geist +und Körper, von Kraft und Materie; am Schlusse seines Vorworts spricht +er (S. 4) den Satz aus: »Ich habe die Überzeugung, daß ich mich +niemals in der Lage befinden werde, den Satz von der =Einheit des +menschlichen Wesens= und seine Konsequenzen zu verleugnen.« Leider war +diese Ȇberzeugung« ein schwerer Irrtum; denn 28 Jahre später vertrat +Virchow ganz entgegengesetzte prinzipielle Anschauungen; es geschah +dies in jener vielbesprochenen Rede über »Die Freiheit der Wissenschaft +im modernen Staate«, die er 1877 auf der Naturforscherversammlung +in München hielt, und deren Angriffe ich in meiner Schrift »Freie +Wissenschaft und freie Lehre« (1878) zurückgewiesen habe. + +Ähnliche Widersprüche in bezug auf die wichtigsten philosophischen +Grundsätze wie =Virchow= hat auch =Emil Du Bois-Reymond= gezeigt und +damit den lauten Beifall der dualistischen Schulen und vor allem der +~Ecclesia militans~ errungen. Je mehr dieser berühmte Rhetor der +Berliner Akademie im allgemeinen die Grundsätze unseres Monismus +vertrat, je mehr er selbst zur Widerlegung des Vitalismus und der +transzendenten Lebensauffassung beigetragen hatte, desto lauter war +das Triumphgeschrei der Gegner, als er 1872 in seiner wirkungsvollen +=Ignorabimus-Rede= das »Bewußtsein« als ein unlösbares Welträtsel +hingestellt und als eine übernatürliche Erscheinung den anderen +Gehirnfunktionen gegenübergestellt hatte. + +Der totale philosophische Prinzipienwechsel, der uns in den +»psychologischen Metamorphosen« dieser und anderer berühmter Denker +entgegentritt, ist sehr merkwürdig. In ihrer Jugend umfassen diese +kühnen und talentvollen Naturforscher das ganze Gebiet ihrer +biologischen Forschung mit weitem Blick und streben eifrig nach +einem einheitlichen, natürlichen Erkenntnisgrunde; in ihrem Alter +haben sie eingesehen, daß dieser nicht vollkommen erreichbar ist, +und deshalb geben sie ihn lieber ganz auf. Zur Entschuldigung dieser +psychologischen Metamorphose können sie natürlich anführen, daß sie +in der Jugend die Schwierigkeiten der großen Aufgabe übersehen und +die wahren Ziele verkannt hätten; erst mit der reiferen Einsicht +des Alters und der Sammlung vieler Erfahrungen hätten sie sich von +ihren Irrtümern überzeugt und den wahren Weg zur Quelle der Wahrheit +gefunden. Man kann aber auch umgekehrt behaupten, daß die großen +Männer der Wissenschaft in jüngeren Jahren unbefangener und mutiger +an ihre schwierige Aufgabe herantreten, daß ihr Blick freier und ihre +Urteilskraft reiner ist; die Erfahrungen späterer Jahre führen vielfach +nicht nur zur Bereicherung, sondern auch zur Trübung der Einsicht, und +mit dem Greisenalter tritt allmähliche Rückbildung ebenso im Gehirn wie +in anderen Organen ein. Jedenfalls ist diese Metamorphose an sich eine +lehrreiche psychologische Tatsache; denn sie beweist mit vielen anderen +Formen des »Gesinnungswechsels«, daß die höchsten Seelenfunktionen +ebenso wesentlichen individuellen Veränderungen im Laufe des Lebens +unterliegen wie alle anderen Lebenstätigkeiten. + + + + +=Siebentes Kapitel.= + +_Stufenleiter der Seele._ + + Monistische Studien über vergleichende Psychologie. Psychologische + Stufenleiter. Instinkt und Vernunft. + + +Die großartigen Fortschritte, welche die Psychologie in der zweiten +Hälfte des 19. Jahrhunderts mit Hilfe der Entwickelungslehre +gemacht hat, gipfeln in der Anerkennung der =psychologischen +Einheit der organischen Welt.= Die vergleichende Seelenlehre, im +Vereine mit der Ontogenie und Phylogenie der Psyche, hat uns zu der +Überzeugung geführt, daß das organische Leben in allen Abstufungen, +vom einfachsten, einzelligen Protisten bis zum Menschen hinauf, +aus denselben elementaren Naturkräften sich entwickelt, aus den +Funktionen der Empfindung und Bewegung. Die Hauptaufgabe der +wissenschaftlichen Psychologie wird daher künftig nicht, wie bisher, +die ausschließlich subjektive und introspektive Zergliederung der +höchstentwickelten Philosophenseele sein, sondern die objektive und +vergleichende Untersuchung der langen Stufenleiter, auf welcher sich +der menschliche Geist allmählich aus einer langen Reihe von niederen +tierischen Zuständen entwickelt hat. Die schöne Aufgabe, die einzelnen +Stufen dieser psychologischen Kette zu unterscheiden und ihren +ununterbrochenen phylogenetischen Zusammenhang nachzuweisen, ist erst +in den letzten Dezennien des 19. Jahrhunderts ernstlich in Angriff +genommen worden. + +_Materielle Basis der Psyche._ Alle Erscheinungen des Seelenlebens ohne +Ausnahme sind verknüpft mit materiellen Vorgängen in der lebendigen +Substanz des Körpers, im =Plasma= oder =Protoplasma=. Wir haben +jenen Teil des letzteren, der als der Träger der Psyche erscheint, +als =Psychoplasma= bezeichnet; wir erblicken darin kein besonderes +»Wesen«, sondern wir betrachten die =Psyche als Kollektivbegriff +für die gesamten psychischen Funktionen des Plasma.= »Seele« ist in +diesem Sinne ebenso eine physiologische Abstraktion wie der Begriff +»Stoffwechsel« oder »Zeugung«. Beim Menschen und den höheren Tieren +ist das Psychoplasma, zufolge der vorgeschrittenen Arbeitsteilung der +Organe und Gewebe, ein differenzierter Bestandteil des Nervensystems, +das =Neuroplasma= der Ganglienzellen und ihrer leitenden +Ausläufer, der Nervenfasern. Bei den niederen Tieren dagegen, die +noch keine gesonderten Nerven und Sinnesorgane besitzen, ist das +Psychoplasma noch nicht zur selbständigen Differenzierung gelangt, +ebensowenig bei den Pflanzen. Bei den einzelligen Protisten ist +das Psychoplasma identisch mit dem ganzen lebendigen =Protoplasma= +desselben. In allen Fällen, ebenso auf dieser niedersten wie auf +jener höchsten =Stufe= der psychologischen Entwickelungsreihe, ist +eine gewisse =chemische= Zusammensetzung des Psychoplasma und eine +gewisse =physikalische= Beschaffenheit desselben unentbehrlich, +wenn die »Seele« arbeiten soll. Das gilt ebenso von der elementaren +Seelentätigkeit der plasmatischen Empfindung und Bewegung bei den +Protozoen, wie von den zusammengesetzten Funktionen der Sinnesorgane +und des Gehirns bei den höheren Tieren und dem Menschen. Die Arbeit +des Psychoplasma, die wir »Seele« nennen, ist stets mit Stoffwechsel +verknüpft. + +_Stufenleiter der Empfindungen._ Alle lebendigen Naturkörper ohne +Ausnahme sind empfindlich; sie unterscheiden die Zustände der +umgebenden Außenwelt und reagieren darauf durch gewisse Veränderungen +in ihrem Innern. Licht und Wärme, Schwerkraft und Elektrizität, +mechanische Prozesse und chemische Vorgänge in der Umgebung wirken als +»=Reize=« auf das empfindliche =Psychoplasma= und rufen Veränderungen +in seiner molekularen Zusammensetzung hervor. Als Hauptstufen seiner +=Empfindlichkeit= unterscheiden wir folgende fünf Grade: + +~I~. Auf den untersten Stufen der Organisation ist das ganze +=Psychoplasma= als solches empfindlich und reagiert auf die +einwirkenden Reize, so bei den niederen Protisten, bei vielen +Pflanzen und einem Teile der unvollkommensten Tiere. ~II~. Auf der +zweiten Stufe beginnen sich an der Oberfläche des Körpers einfachste +=Sinneswerkzeuge= zu entwickeln, in Form von Plasmahaaren und +Pigmentflecken, als Vorläufer von Tastorganen und Augen; so bei einem +Teile der höheren Protisten, aber auch bei vielen niederen Tieren +und Pflanzen. ~III~. Auf der dritten Stufe haben sich aus diesen +einfachen Grundlagen durch =Differenzierung spezifische Sinnesorgane= +entwickelt, mit eigentümlicher Anpassung: die chemischen Werkzeuge des +Geruchs und Geschmacks, die physikalischen Organe des Tastsinnes und +Wärmesinnes, des Gehörs und Gesichts. Die »spezifische Energie« dieser +höheren Sinnesorgane ist keine ursprüngliche Eigenschaft, sondern durch +funktionelle Anpassung und progressive Vererbung erworben. ~IV~. +Auf der vierten Stufe tritt die =Zentralisation des Nervensystems= +und damit zugleich diejenige der Empfindung ein, durch Assozion +der früheren isolierten oder lokalisierten Empfindungen entstehen +Vorstellungen, die zunächst noch unbewußt bleiben, so bei vielen +niederen und höheren Tieren. ~V~. Auf der fünften Stufe bildet sich +im Zentralteil des Nervensystems eine besondere Sammelstelle für die +empfangenen Eindrücke und die aus ihnen zusammengesetzten Erlebnisse +aus. Ihre Funktion kennen wir bei uns selbst als bewußte Empfindung; +ähnliche Organe besitzen alle höheren Wirbeltiere und unter den +Wirbellosen sind sie besonders bei den Gliedertieren bekannt. + +_Stufenleiter der Bewegungen._ Alle lebendigen Naturkörper ohne +Ausnahme sind =spontan= beweglich, im Gegensatze zu den starren und +unbeweglichen Anorganen (Krystallen), d. h. es finden im lebendigen +=Psychoplasma= Lageveränderungen der Teilchen aus inneren Ursachen +statt, welche in dessen chemischer Konstitution selbst begründet sind. +Diese aktiven vitalen Bewegungen sind zum Teil direkt durch Beobachtung +wahrzunehmen, zum anderen Teil aber nur indirekt aus ihren Wirkungen zu +erschließen. Wir unterscheiden fünf Abstufungen derselben. + +~I~. Auf der untersten Stufe des organischen Lebens nehmen wir nur +jene =Wachstums=bewegungen wahr, welche allen Organismen gemeinsam +zukommen. Sie geschehen gewöhnlich so langsam, daß man sie nicht +unmittelbar beobachten, sondern nur indirekt aus ihrem Resultate +erschließen kann, aus der Veränderung in Größe und Gestalt des +wachsenden Körpers. ~II~. Viele Protisten, namentlich einzellige +Algen aus den Gruppen der Diatomeen und Desmidiaceen, bewegen sich +kriechend oder schwimmend durch =Sekretion= fort, durch einseitige +Ausscheidung einer schleimigen Masse. ~III~. Andere, im Wasser +schwebende Organismen, z. B. viele Radiolarien, Siphonophoren, +Ktenophoren u. a., steigen auf und nieder, indem sie ihr =spezifisches +Gewicht= verändern, bald durch Osmose, bald durch Absonderung +oder Ausstoßung von Luft. ~IV~. Viele Pflanzen, besonders die +empfindlichen Sinnpflanzen (Mimosen) und andere Papilionaceen, führen +Bewegungen von Blättern oder anderen Teilen mittels =Turgorwechsels= +aus, d. h. es verändert sich die Spannung des Protoplasmas und damit +auch dessen Druck auf die umschließende elastische Zellenwand. +~V~. Die wichtigsten von allen organischen Bewegungen sind die +=Kontraktionserscheinungen=, d. h. Gestaltsveränderungen der +Körperoberfläche, welche mit gegenseitigen Lageverschiebungen ihrer +Teilchen verbunden sind; sie verlaufen stets in zwei verschiedenen +Zuständen oder Phasen der Bewegung: der =Kontraktionsphase= +(Zusammenziehung) und der =Expansionsphase= (Ausdehnung). Als vier +verschiedene Formen der Plasmakontraktion werden unterschieden +~Va~: die =amöboiden= Bewegungen (bei Rhizopoden, Blutzellen, +Pigmentzellen usw.); ~Vb~: die ähnlichen =Plasmaströmungen= im +Innern von abgeschlossenen Zellen; ~Vc~: die =Flimmerbewegung= +(Geißelbewegung und Wimperbewegung) bei Infusorien, Samenzellen, +Flimmerepithelzellen, und endlich ~Vd~: die Muskelbewegung (bei den +meisten Tieren). + +_Reflexe._ Die elementare Seelentätigkeit, welche durch die Verknüpfung +von Empfindung und Bewegung entsteht, nennen wir =Reflex=. Die Bewegung +-- gleichviel welcher Art -- erscheint hier als die unmittelbare +Folge des =Reizes=, welcher die Empfindung hervorgerufen hat; man +hat sie daher auch im einfachsten Falle (bei Protisten) kurz als +»=Reizbewegung=« bezeichnet. Alles lebende Plasma besitzt Reizbarkeit +(Irritabilität). Jede physikalische oder chemische Veränderung der +umgebenden Außenwelt kann unter Umständen auf das Psychoplasma als Reiz +wirken und eine Bewegung hervorrufen oder »auslösen«. Wir werden später +sehen, wie der wichtige physikalische Begriff der =Auslösung= die +einfachsten organischen Reflextaten unmittelbar anschließt an ähnliche +mechanische Bewegungsvorgänge in der anorganischen Natur (z. B. bei der +Explosion von Pulver durch einen Funken, von Dynamit durch einen Stoß). + +_Einfache und zusammengesetzte Reflexe._ Der wichtige Unterschied, +den wir in morphologischer und physiologischer Hinsicht zwischen +den einzelligen Organismen (~Protisten~) und den vielzelligen +(~Histonen~) machen, gilt auch für deren elementare Seelentätigkeit, +für die Reflextat. Bei den =einzelligen Protisten= läuft der ganze +Prozeß des Reflexes innerhalb des Protoplasma einer einzigen Zelle +ab; die »=Zellseele=« derselben erscheint noch als eine einheitliche +Funktion des Psychoplasma, deren einzelne Phasen sich erst mit der +Differenzierung besonderer Organe zu sondern beginnen. Schon bei +=Zellvereinen= beginnt die zweite Stufe der Seelentätigkeit, der +=zusammengesetzte Reflex=. Die zahlreichen sozialen Zellen, welche +diese Zellvereine zusammensetzen, stehen immer in mehr oder weniger +enger Verbindung, oft direkt durch fadenförmige Plasmabrücken. Ein +Reiz, welcher eine oder mehrere Zellen des Verbandes trifft, wird +durch die Verbindungsbrücken den übrigen mitgeteilt und kann alle +zu gemeinsamer Kontraktion veranlassen. Dieser Zusammenhang besteht +auch in den Geweben der vielzelligen Pflanzen und Tiere. Während man +früher irrtümlich annahm, daß die Zellen der Pflanzengewebe ganz +isoliert nebeneinander stehen, sind jetzt überall feine Plasmafäden +nachgewiesen, welche die dicken Zellmembranen durchsetzen und ihre +lebendigen Plasmakörper in materiellem und psychologischem Zusammenhang +erhalten. So erklärt es sich, daß die Erschütterung der empfindlichen +Wurzel von ~Mimosa~, welche der Tritt des Wanderers auf den Boden +verursacht, sofort den Reiz auf alle Zellen des Pflanzenstockes +überträgt und ihre zarten Fiederblätter zum Zusammenlegen, die +Blattstiele zum Herabsinken veranlaßt. + +_Reflex und Bewußtsein._ Auf die Frage, inwieweit dem Organismus +seine Reaktionen auf die Reize der Umwelt bewußt werden, kann eine +allgemeine Antwort nicht gegeben werden. Vom Bewußtsein wissen wir +eigentlich nur insofern, als es die unmittelbare Erfahrung unseres +eigenen Erlebens ist. Vergleichende Betrachtung der Reflexe selbst +und besonders auch ihrer anatomischen Grundlagen berechtigen uns +aber zu der Annahme, daß diejenigen Tiere, die einen ähnlichen +Assozionsapparat in ihren Reflexbogen eingeschaltet haben wie wir, auch +in ähnlicher Weise erleben, also ein dem unseren analoges Bewußtwerden +ihrer psychischen Funktionen besitzen. Als solche Tiere kommen die +uns stammesgeschichtlich nahe stehenden Wirbeltiere und von den +Wirbellosen vielleicht die sozialen Gliedertiere und die Kopffüßer +(~Cephalopoden~) in Betracht. + +_Stufenleiter der Vorstellungen._ Der Schauplatz klaren Bewußtseins +sind beim Menschen vor allem die Vorstellungen. Doch ist das Bewußtsein +kein wesentliches Merkmal der Vorstellungen; wir nehmen solche vielmehr +bei allen Organismen an, ohne daß wir ihnen ein dem unseren ähnliches +klar bewußtes Erleben zuschreiben. Im allgemeinen erscheint die +Vorstellung als das =innere Bild= des äußeren Objektes, welches durch +die Empfindung übermittelt ist. + +~I~. =Zellulare Vorstellung.= Auf den niedersten Stufen begegnet +uns die Vorstellung als eine allgemeine physiologische Funktion des +Psychoplasma; schon bei den einfachsten einzelligen Protisten können +Empfindungen bleibende Spuren im Psychoplasma hinterlassen, und diese +können vom Gedächtnis reproduziert werden. Bei mehr als viertausend +Radiolarienarten, welche ich beschrieben habe, ist jede einzelne +Spezies durch eine besondere erbliche Skelettform ausgezeichnet. +Die Produktion dieses spezifischen, oft höchst verwickelt gebauten +Skeletts durch eine höchst einfach gestaltete (meist kugelige) Zelle +ist nur dann erklärlich, wenn wir dem bauenden Plasma die Fähigkeit +der Vorstellung zuschreiben, und zwar der besonderen Reproduktion +des »plastischen Distanzgefühls«, wie ich in meiner Psychologie der +Radiolarien gezeigt habe (1887, S. 121). + +~II~. =Histonale Vorstellung.= Schon bei den Zönobien oder +Zellvereinen der geselligen Protisten, noch mehr aber in den Geweben +der Pflanzen und der niederen, nervenlosen Tiere (Spongien, Polypen) +begegnen wir der zweiten Stufe der Vorstellung, welche auf dem +gemeinsamen Seelenleben zahlreicher, eng verbundener Zellen beruht. +Da einmalige Reize nicht bloß eine vorübergehende Bewegung eines +Organes (z. B. eines Pflanzenblattes, eines Polypenarmes) auslösen, +sondern einen bleibenden Eindruck hinterlassen, der von diesem +später reproduziert werden kann, so müssen wir zur Erklärung dieser +Erscheinung eine Histonal-Vorstellung annehmen, gebunden an das +Psychoplasma der assoziierten Gewebezellen. + +~III~. =Unbewußte Vorstellung der Ganglienzellen.= Die dritte, höhere +Stufe der Vorstellung ist die häufigste Form dieser Seelentätigkeit +im Tierreich; sie erscheint als eine Lokalisation des Vorstellens +auf bestimmte »Seelenzellen« oder Gruppen von Nervenzellen. Mit der +aufsteigenden Entwickelung des Zentralnervensystems im Tierreich, +seiner zunehmenden Differenzierung und Integration erhebt sich auch die +Ausbildung dieser Vorstellungen zu immer höheren Stufen. + +~IV~. =Bewußte Vorstellung der Gehirnzellen.= Erst auf den +höchsten Entwickelungsstufen der tierischen Organisation entwickelt +sich das Bewußtsein als eine besondere Funktion eines bestimmten +Zentralorgans des Nervensystems. Indem die Vorstellungen bewußte +werden, und indem besondere Gehirnteile sich zur =Assozion= der +bewußten Vorstellungen reich entfalten, wird der Organismus zu jenen +höchsten psychischen Funktionen befähigt, welche wir als =Denken= +und Überlegen, als Verstand und =Vernunft= bezeichnen. Obgleich die +Absteckung der phyletischen Grenze zwischen den älteren, unbewußten +und den jüngeren, bewußten Vorstellungen höchst schwierig ist, +können wir doch mit Wahrscheinlichkeit annehmen, daß die letzteren +aus den ersteren =polyphyletisch= entstanden sind. Denn wir dürfen +bewußtes und vernünftiges Denken nicht nur bei den höchsten Formen des +Wirbeltierstammes annehmen (Mensch, Säugetiere, ein Teil der niederen +Vertebraten), sondern auch bei den höchstentwickelten Vertretern +anderer Tierstämme (Ameisen und andere Insekten, Spinnen und höhere +Krebse unter den Gliedertieren, Cephalopoden unter den Weichtieren). + +_Stufenleiter des Gedächtnisses._ Eng verknüpft mit der Stufenleiter +in der Entwickelung der Vorstellungen ist diejenige des Gedächtnisses; +diese höchst wichtige Funktion des Psychoplasma -- die Bedingung +aller fortschreitenden Seelenentwickelung -- ist ja im wesentlichen +=Reproduktion von Vorstellungen=. Die Eindrücke im Plasma, welche der +Reiz als Empfindung bewirkt hatte, und welche bleibend zu Vorstellungen +geworden waren, werden neu belebt; sie gehen aus dem =potentiellen= +in den =aktuellen= Zustand über. Entsprechend den vier Stufen der +Vorstellung können wir auch beim Gedächtnis vier Hauptstufen der +aufsteigenden Entwickelung unterscheiden. + +~I~. _Zellulargedächtnis._ Mit Recht hatte der Physiologe =Ewald +Hering= in einer gedankenreichen Abhandlung »das Gedächtnis als eine +allgemeine Funktion der organisierten Materie« bezeichnet und die +hohe Bedeutung dieser Seelentätigkeit hervorgehoben, »der wir fast +alles verdanken, was wir sind und haben« (1870). Ich habe später +(1876) diesen Gedanken weiter ausgeführt und in seiner fruchtbaren +Anwendung auf die Entwickelungslehre zu begründen versucht, in +meiner Abhandlung über »Die Perigenesis der Plastidule oder die +Wellenzeugung der Lebensteilchen; ein Versuch zur mechanischen +Erklärung der elementaren Entwickelungsvorgänge«. Ich habe dort das +»unbewußte Gedächtnis« als eine allgemeine, höchst wichtige Funktion +aller =Plastidule= nachzuweisen gesucht, d. h. jener hypothetischen +Moleküle oder Molekülgruppen, welche von =Naegeli= als =Micellen=, +von anderen als =Bioplasten= usw. bezeichnet worden sind. Nur die +=lebendigen= Plastidule, als die individuellen Molekeln des aktiven +Plasma, sind reproduktiv und besitzen somit Gedächtnis; das ist der +Hauptunterschied der organischen Natur von der anorganischen. Man kann +sagen: »=Die Erblichkeit ist das Gedächtnis der Plastidule=, hingegen +die Variabilität ist die Fassungskraft der Plastidule«. Das elementare +Gedächtnis der einzelligen Protisten setzt sich zusammen aus dem +molekularen Gedächtnis der Plastidule oder Micellen, aus welchen ihr +lebendiger Zellenleib sich aufbaut. Für die erstaunlichen Leistungen +des unbewußten Gedächtnisses bei diesen einzelligen Protisten ist +wohl keine Tatsache lehrreicher als die unendlich mannigfaltige und +regelmäßige Bildung ihrer Schutzapparate, der Schalen und Skelette; +besonders die Diatomeen unter den Protophyten, die Radiolarien unter +den Protozoen liefern dafür eine Fülle von interessanten Beispielen. +In vielen tausend Arten dieser Protisten vererbt sich die spezifische +Skelettform =relativ konstant=. (Vergl. die wichtige Schrift von +=Richard Semon=, 1904: »Die Mneme als erhaltendes Prinzip im Wechsel +des organischen Geschehens«). + +~II~. _Histonalgedächtnis._ Ebenso interessante Beweise für die +zweite Stufe der Erinnerung, für das unbewußte Gedächtnis der =Gewebe=, +liefert die Vererbung der einzelnen Organe und Gewebe im Körper der +Pflanzen und der niederen, nervenlosen Tiere (Spongien usw.). Diese +zweite Stufe erscheint als =Reproduktion der Histonalvorstellungen=, +jener Assozion von Zellularvorstellungen, die schon mit der Bildung von +Zönobien bei den sozialen Protisten beginnt. + +~III~. Gleicherweise ist die dritte Stufe, das »=unbewußte +Gedächtnis=« derjenigen Tiere, die bereits ein Nervensystem besitzen, +als Reproduktion der entsprechenden »unbewußten Vorstellungen« zu +betrachten, welche in gewissen Ganglienzellen aufgespeichert sind. +Bei den meisten niederen Tieren ist wohl alles Gedächtnis unbewußt. +Aber auch beim Menschen und den höheren Tieren, denen wir Bewußtsein +zuschreiben müssen, sind die täglichen Funktionen des unbewußten +Gedächtnisses ungleich häufiger und mannigfaltiger als diejenigen des +bewußten; davon überzeugt uns leicht eine unbefangene Prüfung von +tausend unbewußten Tätigkeiten, die wir aus Gewohnheit, ohne daran zu +denken, beim Gehen, Sprechen, Schreiben, Essen usw., täglich vollziehen. + +~IV~. Das =bewußte Gedächtnis=, welches durch bestimmte Gehirnzellen +beim Menschen und den höheren Tieren vermittelt wird, erscheint daher +nur als eine spät entstandene »=innere Spiegelung=«, als die höchste +Blüte derselben psychischen Vorstellungs-Reproduktionen, welche bei +unseren niederen tierischen Vorfahren sich als unbewußte Vorgänge in +den Ganglienzellen abspielten. + +_Assozion der Vorstellungen._ Die =Verkettung= der Vorstellungen, +welche man gewöhnlich als Assoziation der Ideen (oder kürzer Assozion) +bezeichnet, durchläuft ebenfalls eine lange Stufenleiter von den +niedersten bis zu den höchsten Stufen. Die Erzeugnisse dieser +»Ideenassozion« sind äußerst mannigfaltig; trotzdem aber führt eine +sehr lange, ununterbrochene Stufenleiter allmählicher Entwickelung +von den einfachsten Assozionen der niedersten Protisten bis zu +den vollkommensten Ideenverkettungen des Kulturmenschen hinauf. +Alles höhere Seelenleben wird um so vollkommener, je mehr sich die +normale Assozion unendlich zahlreicher Vorstellungen ausdehnt, und +je naturgemäßer dieselben durch die kritische Vernunft geordnet +werden. Im =Traume=, wo diese Kritik fehlt, erfolgt oft die Assozion +der reproduzierten Vorstellungen in der konfusesten Form. Aber auch +im Schaffen der =Phantasie=, welche durch mannigfaltige Verkettung +vorhandener Vorstellungen ganz neue Gruppen derselben produziert, +ebenso in den Halluzinationen usw. werden dieselben oft ganz +naturwidrig geordnet und erscheinen daher bei nüchterner Betrachtung +=unvernünftig=. Ganz besonders gilt dies von den übernatürlichen +»=Gestalten des Glaubens=«, dem Geisterspuk des Spiritismus und +Okkultismus. Aber gerade diese =abnormen Assozionen= des »Glaubens« +und der angeblichen »Offenbarung« werden vielfach als die wertvollsten +»Geistesgüter« des Menschen hochgeschätzt. + +_Instinkte._ Die veraltete Psychologie des Mittelalters, die allerdings +auch heute noch viele Anhänger besitzt, betrachtete das Seelenleben +des Menschen und der Tiere als gänzlich verschiedene Erscheinungen; +sie leitete das erstere von der »=Vernunft=«, das letztere von dem +»=Instinkt=« ab. Der traditionellen Schöpfungsgeschichte entsprechend +nahm man an, daß jeder Tierart bei ihrer Schöpfung eine bestimmte, +unbewußte Seelenqualität vom Schöpfer eingepflanzt sei, und daß +dieser »=Naturtrieb=« (~Instinctus~) einer jeden ~Species~ ebenso +unveränderlich sei wie deren körperliche Organisation. Nachdem schon +=Lamarck= (1809) bei Begründung seiner Deszendenztheorie diesen Irrtum +als unhaltbar erwiesen, wurde er durch =Darwin= (1859) vollständig +widerlegt; er bewies an der Hand seiner Selektionstheorie folgende +wichtige Lehrsätze: ~I~. Die Instinkte der Spezies sind individuell +verschieden und ebenso der Abänderung durch =Anpassung= unterworfen +wie die morphologischen Merkmale der Körperbildung. ~II~. Diese +Variationen (großenteils durch veränderte Gewohnheiten entstanden) +werden durch =Vererbung= teilweise auf die Nachkommen übertragen und im +Laufe der Generationen gehäuft und befestigt. ~III~. =Die Selektion= +(ebenso die künstliche wie die natürliche) trifft unter diesen +erblichen Abänderungen der Seelentätigkeit eine Auswahl, sie erhält +die zweckmäßigsten und entfernt die weniger passenden Modifikationen. +~IV~. Die dadurch bedingte =Divergenz= des psychischen Charakters +führt so im Laufe der Generationsfolgen ebenso zur Entstehung neuer +Instinkte, wie die Divergenz des morphologischen Charakters zur +Entstehung neuer Spezies. Dies gilt für sämtliche Protisten und +Pflanzen ebenso wie für sämtliche Tiere und Menschen. Die Instinkte +treten aber bei letzteren um so mehr zurück, je mehr sich auf ihre +Kosten die =Vernunft= entwickelt. + +_Stufenleiter der Vernunft._ In jenen oberflächlichen, mit dem +Seelenleben der Tiere unbekannten psychologischen Betrachtungen, welche +nur im Menschen eine »wahre Seele« anerkennen, wird auch ihm allein +als höchstes Gut die »=Vernunft=« und das Bewußtsein zugeschrieben. +Auch dieser Irrtum ist durch die vergleichende Psychologie der letzten +Jahrzehnte gründlich widerlegt. Die höheren Wirbeltiere besitzen +ebensogut Vernunft wie der Mensch selbst, und innerhalb der Tierreihe +zeigt sich ebenso eine lange Stufenleiter in der allmählichen +Entwickelung der Vernunft wie innerhalb der Menschenreihe. Der +Unterschied zwischen der Vernunft eines =Goethe=, =Kant=, =Lamarck=, +=Darwin= und derjenigen des niedersten Naturmenschen, eines Wedda, +Akka, Australnegers und Patagoniers, ist viel größer als die Differenz +zwischen der Vernunft dieser letzteren und der »vernünftigsten« +Säugetiere, der Menschenaffen, Hunde, Elefanten usw. + +_Sprache._ Der höhere Grad von Entwickelung der Begriffe, von Verstand +und Vernunft, welcher den Menschen so hoch über die Tiere erhebt, +ist eng verknüpft mit der Ausbildung seiner Sprache. Aber auch hier, +wie dort, ist eine lange Stufenleiter der Entwickelung nachweisbar, +welche ununterbrochen von den niedersten zu den höchsten Bildungsstufen +hinaufführt. Sprache ist ebensowenig als Vernunft ein ausschließliches +Eigentum des Menschen. Vielmehr ist Sprache im weiteren Sinne ein +gemeinsamer Vorzug aller höheren =sozialen Tiere=, mindestens aller +Gliedertiere und Wirbeltiere, welche in Gesellschaften und Herden +vereinigt leben; sie ist ihnen notwendig zur Verständigung, zur +Mitteilung ihrer Vorstellungen. Diese kann nun entweder durch Berührung +oder durch Zeichengebung geschehen, oder durch Töne, welche bestimmte +Begriffe bezeichnen. Auch der Gesang der Singvögel und der singenden +Menschenaffen (~Hylobates~) gehört zur Lautsprache, ebenso wie das +Bellen der Hunde und das Wiehern der Pferde; ferner das Zirpen der +Grillen und das Geschrei der Zikaden. Aber nur beim Menschen hat +sich jene =artikulierte Begriffssprache= entwickelt, welche seine +Vernunft zu so viel höheren Leistungen befähigt. Die =vergleichende +Sprachforschung= hat gelehrt, wie die zahlreichen hochentwickelten +Sprachen der verschiedenen Völker sich aus wenigen einfachen Ursprachen +langsam und allmählich entwickelt haben. =Romanes= (1893) hat +überzeugend dargetan, daß die Sprache des Menschen nur dem =Grade= der +Entwickelung nach, nicht dem Wesen und der =Art= nach von derjenigen +der höheren Tiere verschieden ist. + +_Stufenleiter der Gemütsbewegungen_ oder Affekte. Die wichtige Gruppe +von Seelentätigkeiten, welche wir unter dem Begriffe »=Gemüt=« +zusammenfassen, spielt eine große Rolle ebenso in der theoretischen +wie in der praktischen Vernunftlehre. Für unsere Betrachtungsweise +sind sie deshalb besonders wichtig, weil hier der direkte Zusammenhang +der Gehirnfunktion mit anderen physiologischen Funktionen (Herzschlag, +Sinnestätigkeit, Muskelbewegung) unmittelbar einleuchtet; dadurch wird +hier besonders das Widernatürliche und Unhaltbare jener Philosophie +klar, welche die Psychologie prinzipiell von der Physiologie trennen +will. Alle die zahlreichen Äußerungen des Gemütslebens, welche wir beim +Menschen finden, kommen auch bei den höheren Tieren vor (besonders +bei den Menschenaffen und Hunden); so verschiedenartig sie auch +entwickelt sind, so lassen sich doch alle wieder auf die beiden +=Elementarfunktionen der Psyche= zurückführen, auf Empfindung und +Bewegung, und auf deren Verbindung im Reflex und in der Vorstellung. +Zum Gebiete der Empfindung im weiteren Sinne gehört das =Gefühl von +Lust und Unlust=, welches das Gemüt bestimmt, und ebenso gehört auf der +anderen Seite zum Gebiete der Bewegung die entsprechende =Zuneigung und +Abneigung= (»Liebe und Haß«), das Streben nach Erlangen der Lust und +nach Vermeiden der Unlust. »Anziehung und Abstoßung« erscheinen hier +zugleich als die Urquelle des Willens. =Die Leidenschaften=, welche +eine so große Rolle im höheren Seelenleben des Menschen spielen, sind +nur Steigerungen der »Gemütsbewegungen« und Affekte. Daß auch diese +den Menschen und Tieren gemeinsam sind, hat =Romanes= einleuchtend +gezeigt. Auf der tiefsten Stufe des organischen Lebens schon finden +wir bei allen Protisten jene elementaren Gefühle von Lust und Unlust, +welche sich in ihren sogenannten =Tropismen= äußern, in dem =Streben= +nach Licht oder Dunkelheit, nach Wärme oder Kälte, in dem verschiedenen +Verhalten gegen positive und negative Elektrizität. Auf der höchsten +Stufe des Seelenlebens dagegen treffen wir beim Kulturmenschen jene +feinsten Gefühlstöne und Abstufungen von Entzücken und Abscheu, von +Liebe und Haß, welche die Triebfedern der Kulturgeschichte und die +unerschöpfliche Fundgrube der Poesie sind. Und doch verbindet eine +zusammenhängende Kette von allen denkbaren Übergangsstufen jene +primitivsten Urzustände des Gemüts im =Psychoplasma= der einzelligen +Protisten mit diesen höchsten Entwickelungsformen der Leidenschaften +beim Menschen, welche sich in den Ganglienzellen der Großhirnrinde +abspielen. + +_Stufenleiter des Willens._ Der Begriff des =Willens= unterliegt +gleich anderen psychologischen Grundbegriffen den verschiedensten +Deutungen und Definitionen. Bald wird der Wille im weitesten Sinne +als =kosmologisches= Attribut betrachtet: »die =Welt= als Wille +und Vorstellung« (=Schopenhauer=), bald im engsten Sinne als ein +=anthropologisches= Attribut, als eine ausschließliche Eigenschaft +des Menschen; letzteres gilt z. B. für =Descartes=, für welchen die +Tiere willenlose und empfindungslose Maschinen sind. Im gewöhnlichen +Sprachgebrauch wird der Wille von der Erscheinung der willkürlichen +Bewegung abgeleitet und somit als eine Seelentätigkeit der meisten +Tiere betrachtet. Wenn wir den Willen im Lichte der vergleichenden +Physiologie und Entwickelungsgeschichte untersuchen, so kommen wir +-- ebenso wie bei der Empfindung -- zur Überzeugung, daß er eine +allgemeine Eigenschaft des lebenden =Psychoplasma= ist. + +_Willensfreiheit._ Das Problem von der Freiheit des menschlichen +Willens ist unter allen Welträtseln dasjenige, welches den denkenden +Menschen von jeher am meisten beschäftigt hat, und zwar deshalb, +weil sich hier mit dem hohen philosophischen Interesse der Frage +zugleich die wichtigsten Folgerungen für die praktische Philosophie +verknüpfen, für die Moral, die Erziehung, die Rechtspflege usw. E. +=Du Bois-Reymond=, welcher dasselbe als das siebente und letzte unter +seinen »sieben Welträtseln« behandelt, sagt daher von dem Problem +der Willensfreiheit mit Recht: »Jeden berührend, scheinbar jedem +zugänglich, innig verflochten mit den Grundbedingungen der menschlichen +Gesellschaft, auf das tiefste eingreifend in die religiösen +Überzeugungen, hat diese Frage in der Geistes- und Kulturgeschichte eine +Rolle von unermeßlicher Wichtigkeit gespielt, und in ihrer Behandlung +spiegeln sich die Entwickelungsstadien des Menschengeistes deutlich ab. +-- Vielleicht gibt es keinen Gegenstand menschlichen Nachdenkens, über +welchen längere Reihen nie mehr aufgeschlagener Folianten im Staube +der Bibliotheken modern.« -- Diese Wichtigkeit der Frage tritt auch +darin klar zutage, daß =Kant= die Überzeugung von der »Willensfreiheit« +unmittelbar neben diejenige von der »Unsterblichkeit der Seele« und +neben den »Glauben an Gott« stellte. Er bezeichnete diese drei großen +Fragen als die drei unentbehrlichen »=Postulate der praktischen +Vernunft=«, nachdem er vorher in der »=Kritik der reinen Vernunft=« +klar dargelegt hatte, daß ihre Annahme völlig unbegründet ist. + +Das Merkwürdigste in dem großartigen und höchst verworrenen Streite +über die Willensfreiheit ist vielleicht die Tatsache, daß dieselbe +theoretisch nicht nur von höchst kritischen Philosophen, sondern auch +von den extremsten Gegensätzen verneint und trotzdem von den meisten +Menschen als selbstverständlich noch heute bejaht wird. Hervorragende +Lehrer der christlichen Kirche, wie der Kirchenvater =Augustin= und +der Reformator =Calvin=, leugnen die Willensfreiheit ebenso bestimmt +wie die bekanntesten Führer des reinen Materialismus, =Holbach= im +18. und =Büchner= im 19. Jahrhundert. Die christlichen Theologen +verneinen sie, weil sie mit ihrem festen Glauben an die Allmacht Gottes +und die Prädestination unvereinbar ist; Gott, der Allmächtige und +Allwissende, sah und wollte alles von Ewigkeit voraus; also bestimmte +er auch das Handeln der Menschen. Wenn der Mensch nach freiem Willen +handelte, anders, als es Gott vorausbestimmt hatte, so wäre Gott +nicht allmächtig und allwissend gewesen. In demselben Sinne war auch +=Leibniz= unbedingter =Determinist=. Die monistischen Naturforscher +des 18. Jahrhunderts, allen voran =Laplace=, verteidigten den +Determinismus wieder auf Grund ihrer einheitlichen mechanischen +Weltanschauung. + +Der gewaltige Kampf zwischen den =Deterministen= und =Indeterministen=, +zwischen den Gegnern und den Anhängern der Willensfreiheit, ist +heute, nach mehr als zwei Jahrtausenden, endgültig zugunsten der +ersteren entschieden. Der menschliche Wille ist ebensowenig frei +als derjenige der höheren Tiere, von welchem er sich nur dem Grade, +nicht der Art nach unterscheidet. Während noch im 18. Jahrhundert +das alte Dogma von der Willensfreiheit wesentlich mit allgemeinen, +philosophischen und kosmologischen Gründen bestritten wurde, hat uns +dagegen das 19. Jahrhundert ganz andere Waffen zu dessen definitiver +Widerlegung geschenkt, die gewaltigen Waffen, welche wir dem Arsenal +der =vergleichenden Physiologie und Entwickelungsgeschichte= verdanken. +Wir wissen jetzt, daß jeder Willensakt ebenso durch die Organisation +des wollenden Individuums bestimmt und ebenso von den jeweiligen +Bedingungen der umgebenden Außenwelt abhängig ist wie jede andere +Seelentätigkeit. Der Charakter des Strebens ist von vornherein durch +die =Vererbung= von Eltern und Voreltern bedingt; der Entschluß zum +jedesmaligen Handeln wird durch die =Anpassung= an die momentanen +Umstände gegeben, wobei das stärkste Motiv den Ausschlag gibt, +entsprechend den Gesetzen, welche die Statik der Gemütsbewegungen +bestimmen. Die =Ontogenie= lehrt uns die individuelle Entwickelung des +Willens beim Kinde verstehen, die =Phylogenie= aber die historische +Ausbildung des Willens innerhalb der Reihe unserer Wirbeltier-Ahnen. + + + + +=Achtes Kapitel.= + +_Keimesgeschichte der Seele._ + + Monistische Studien über ontogenetische Psychologie. Entwickelung + des Seelenlebens im individuellen Leben der Person. + + +Unsere menschliche Seele -- gleichviel, wie man ihr Wesen auffaßt +-- unterliegt im Laufe unseres individuellen Lebens einer stetigen +Entwickelung. Diese =ontogenetische Tatsache= ist für unsere +monistische Psychologie von fundamentaler Bedeutung, obwohl +die meisten »Psychologen von Fach« ihr teils nur geringe, teils +gar keine Berücksichtigung schenken. Wie nun die individuelle +Entwickelungsgeschichte der »wahre Lichtträger für alle Untersuchungen +über organische Körper ist«, so wird sie auch über die wichtigsten +Geheimnisse des Seelenlebens uns erst das wahre Licht anzünden. + +Obgleich nun diese »Keimesgeschichte der Menschenseele« äußerst wichtig +und interessant ist, hat sie doch bisher nur in sehr beschränktem +Umfange die verdiente Berücksichtigung gefunden. Es waren bisher fast +ausschließlich die =Pädagogen=, welche sich mit einem Teile derselben +beschäftigten; durch ihren praktischen Beruf darauf angewiesen, die +Ausbildung der Seelentätigkeit beim Kinde zu leiten und zu überwachen, +mußten sie auch theoretisches Interesse an den dabei beobachteten +psychogenetischen Tatsachen finden. Indessen standen die Pädagogen in +der Neuzeit wie im Altertum größtenteils im Banne der herrschenden +dualistischen Psychologie; dagegen waren sie mit den wichtigsten +Tatsachen der vergleichenden Psychologie, sowie mit der Organisation +und Funktion des Gehirns meistens nicht bekannt. Außerdem aber betrafen +ihre Beobachtungen größtenteils erst die Kinder in schulpflichtigem +Alter oder in den unmittelbar vorhergehenden Lebensjahren. Die +merkwürdigen Erscheinungen, welche die individuelle Psychogenie des +Kindes gerade in den ersten Lebensjahren darbietet, und welche alle +denkenden Eltern freudig bewundern, wurden fast niemals Gegenstand +eingehender wissenschaftlicher Studien. Hier hat erst =Wilhelm Preyer= +(1881) Bahn gebrochen, in seiner Schrift über »Die Seele des Kindes; +Beobachtungen über die geistige Entwickelung des Menschen in den ersten +Lebensjahren«. Indessen müssen wir, um volle Klarheit zu gewinnen, +noch weiter zurückgehen, bis auf die erste Entstehung der Seele im +befruchteten Ei. + +_Entstehung der individuellen Seele._ Der Ursprung und die erste +Entstehung des menschlichen =Individuums= galt noch im Anfange des 19. +Jahrhunderts für ein vollkommenes Geheimnis. Allerdings hatte =Caspar +Friedrich Wolff= schon 1759 in seiner ~Theoria generationis~ das +wahre Wesen der embryonalen Entwickelung aufgedeckt und an der sicheren +Hand kritischer Beobachtung gezeigt, daß bei der Entwickelung des +Keimes aus dem einfachen Ei eine wahre =Epigenesis=, d. h. eine Reihe +der merkwürdigsten Neubildungsprozesse stattfinde. Allein die damalige +Physiologie lehnte diese =empirischen=, unmittelbar mikroskopisch zu +demonstrierenden Erkenntnisse rundweg ab und hielt an dem hergebrachten +Dogma der embryonalen =Präformation= fest. Nach diesem nahm man an, +daß im Ei der Organismus mit allen seinen Teilen vorgebildet oder +präformiert sei; die »Entwickelung« des Keimes bestehe eigentlich nur +in einer »Auswickelung« der eingewickelten Teile (~Evolutio~). Als +notwendiger Folgeschluß dieses Irrtums ergab sich daraus weiterhin +die oben erwähnte Einschachtelungstheorie (S. 33). Diesem Dogma der +»=Ovulisten=«schule stand gegenüber eine andere, ebenso irrtümliche +Ansicht, die der »=Animalkulisten=«; diese glaubten, daß der +eigentliche Keim nicht in der weiblichen Eizelle der Mutter, sondern +in der männlichen Spermazelle des Vaters liege, und daß in diesem +»Samentierchen« die Einschachtelung der Generationsreihen zu suchen sei. + +=Leibniz= übertrug diese Einschachtelungslehre ganz folgerichtig +auch auf die menschliche =Seele=; er leugnete für sie eine wahre +Entwickelung (Epigenesis) ebenso wie für den Körper und sagte in seiner +Theodicee: »So sollte ich meinen, daß die Seelen, welche eines Tages +menschliche Seelen sein werden, im Samen, wie jene von anderen Spezies, +dagewesen sind; daß sie in den Voreltern bis auf Adam, also seit dem +Anfang der Dinge, immer in der Form organisierter Körper existiert +haben.« Ähnliche Vorstellungen erhielten sich sowohl in der Biologie +wie in der Philosophie noch bis in das dritte Dezennium des 19. +Jahrhunderts, wo ihnen die Reform der Keimesgeschichte durch =Baer= den +Todesstoß versetzte. + +_Mythologie des Seelenursprungs._ Die näheren Aufschlüsse, welche wir +durch die vergleichende Ethnologie neuerdings über die mannigfaltigen +Mythenbildungen der älteren Kulturvölker sowohl als der heutigen +Naturvölker gewonnen haben, sind auch für die Psychogenie von großem +Interesse. Betreffs ihres wissenschaftlichen oder poetischen Gehaltes +können die Mythen über den Seelenursprung etwa folgendermaßen in +fünf Gruppen geordnet werden: ~I~. Mythus der =Seelenwanderung=: +die Seele lebte früher im Körper eines anderen Tieres und ist erst +aus diesem in den menschlichen Körper übergetreten; die ägyptischen +Priester z. B. behaupteten, daß die menschliche Seele nach dem Tode +des Leibes durch alle Tiergattungen hindurchwandere, nach 3000 Jahren +aber wieder in einen Menschenleib zurückkehre. ~II~. Mythus der +=Seeleneinpflanzung=: die Seele existierte selbständig an einem anderen +Orte, in einer Seelen-Vorratskammer (etwa in einer Art von =Keimschlaf= +oder latentem Leben); sie wird von einem Vogel (bisweilen als Adler, +oft als »Klapperstorch« gedacht) geholt und in den menschlichen Körper +eingesetzt. ~III~. Mythus der =Seelenschöpfung=: der göttliche +Schöpfer, als persönlicher »Gott-Vater« gedacht, erschafft die +Seelen, hält sie vorrätig -- bald in einem Seelenteich, bald an einem +Seelenbaum; der Schöpfer nimmt dieselben heraus und setzt sie (während +des Zeugungsaktes) dem menschlichen Keime ein. ~IV~. Mythus der +=Seeleneinschachtelung= (von =Leibniz=, vorher erwähnt). ~V~. Mythus +der =Seelenteilung= (von =Rudolf Wagner=, 1855); im Zeugungsakte +spaltet sich ein Teil von beiden (immateriellen!) Seelen ab, die den +Körper der beiden kopulierenden Eltern bewohnen; der mütterliche +Seelenkeim lebt in der Eizelle, der väterliche in dem beweglichen +Samentierchen; indem diese beiden Keimzellen verschmelzen, wachsen +auch die beiden sie begleitenden Seelen zur Bildung einer neuen +immateriellen Seele zusammen. + +_Physiologie des Seelenursprungs._ Obwohl die angeführten +Dichtungen über die Entstehung der einzelnen Menschenseele heute +noch sehr weite Verbreitung und Anerkennung besitzen, ist dennoch +ihr rein mythologischer Charakter jetzt sicher nachgewiesen. Die +bewunderungswürdigen Untersuchungen, welche im Laufe der letzten +Dezennien über die feineren Vorgänge bei der Befruchtung und Keimung +des Eies ausgeführt worden sind, haben ergeben, daß diese mysteriösen +Erscheinungen sämtlich in das Gebiet der =Zellenphysiologie= +gehören. Sowohl die weibliche Keimanlage, das Ei, als der männliche +Befruchtungskörper, das Spermium oder Samentierchen, sind +=einfache Zellen=. Diese lebendigen Zellen besitzen eine Summe von +physiologischen Eigenschaften, welche wir unter dem Begriff der +=Zellseele= zusammenfassen, ebenso wie bei den permanent einzelligen +Protisten (vergl. S. 92). Beiderlei Geschlechtszellen besitzen das +Vermögen der Bewegung und Empfindung. Die jugendliche Eizelle oder +das »Urei« bewegt sich nach Art einer =Amöbe=; die sehr kleinen +Samenkörperchen oder Spermien, von welchen Millionen in jedem Tropfen +des schleimartigen, männlichen Samens sich finden, sind Geißelzellen +und bewegen sich mittels ihrer schwingenden Geißel ebenso lebhaft +schwimmend im Sperma umher wie die gewöhnlichen =Geißelinfusorien= +(~=Flagellaten=~). + +Wenn nun die beiderlei Zellen bei der Begattung zusammentreffen, +oder wenn sie durch künstliche Befruchtung (z. B. bei Fischen) in +Berührung gebracht werden, ziehen sie sich gegenseitig an und legen +sich fest aneinander. Die Ursache dieser zellularen Attraktion ist +eine chemische, dem Geruche oder Geschmacke verwandte Sinnestätigkeit +des Plasma, die wir als »=erotischen Chemotropismus=« bezeichnen. Man +kann sie auch geradezu (sowohl im Sinne der Chemie als im Sinne der +Romanliebe) »Zellenwahlverwandtschaft« oder »sexuelle =Zellenliebe=« +nennen. Zahlreiche Geißelzellen des Sperma schwimmen auf die ruhige +Eizelle lebhaft hin und versuchen in deren Körper einzudringen. Es +gelingt aber normalerweise nur einem einzigen glücklichen Bewerber, +das ersehnte Ziel wirklich zu erreichen. Sobald sich dieses bevorzugte +»Samentierchen« mit seinem »Kopfe« (d. h. dem Zellenkern) in den +Leib der Eizelle eingebohrt hat, wird von der Eizelle eine dünne +Schleimschicht abgesondert, welche das Eindringen anderer männlicher +Zellen verhindert. Nur wenn man durch niedere Temperatur die +Eizelle in Kältestarre versetzt oder sie durch narkotische Mittel +(Chloroform, Morphium, Nikotin) betäubt, unterbleibt die Bildung dieser +Schutzhülle; dann tritt »=Überfruchtung oder Polyspermie=« ein, und +zahlreiche Samenfäden bohren sich in den Leib der bewußtlosen Zelle +ein. Diese merkwürdige Tatsache bezeugt ebenso einen niederen Grad +von spezifischer, sinnlicher, lebhafter Empfindung in den beiderlei +Geschlechtszellen wie die wichtigen Vorgänge, die gleich darauf sich +in ihrem Innern abspielen. Die beiderlei Zellenkerne, der weibliche +Eikern und der männliche Spermakern, ziehen sich gegenseitig an, nähern +sich und verschmelzen bei der Berührung vollständig miteinander. So ist +denn aus der befruchteten Eizelle jene wichtige neue Zelle entstanden, +welche wir =Stamm=zelle nennen, und aus deren wiederholter Teilung der +ganze vielzellige Organismus hervorgeht. + +Die psychologischen Erkenntnisse, welche sich aus diesen merkwürdigen +=Tatsachen= der Befruchtung ergeben, sind überaus wichtig und bisher +nicht entfernt in ihrer allgemeinen Bedeutung gewürdigt. Wir fassen +die wesentlichsten Folgerungen in folgenden fünf Sätzen zusammen: +~I~. Jedes menschliche Individuum ist, wie jedes andere höhere +Tier, im Beginne seiner Existenz eine einfache Zelle. ~II~. Diese +Stammzelle entsteht überall auf dieselbe Weise, durch Verschmelzung +oder Kopulation von zwei getrennten Zellen verschiedenen Ursprungs, +der weiblichen Eizelle und der männlichen Spermazelle. ~III~. Beide +Geschlechtszellen besitzen eine verschiedene »Zellseele«, d. h. +beide sind durch eine besondere Form von Empfindung und von Bewegung +ausgezeichnet. ~IV~. In dem Momente der Befruchtung oder Empfängnis +verschmelzen nicht nur die Plasmakörper der beiden Geschlechtszellen +und ihre Kerne, sondern auch ihre »Seelen«; d. h. die in ihnen +enthaltenen psychischen Anlagen (oder »Spannkräfte«) vereinigen sich +zum »Seelenkeim« der neugebildeten Stammzelle. ~V~. Daher besitzt +jede Person leibliche und geistige Eigenschaften von beiden Eltern; der +Kern der Eizelle überträgt einen Teil der mütterlichen, der Kern der +Spermazelle einen Teil der väterlichen Eigenschaften. + +Durch diese empirisch erkannten Erscheinungen der »Empfängnis« oder +Konzeption wird ferner die höchst wichtige Tatsache festgestellt, daß +jeder Mensch, wie jedes andere Tier, einen =Beginn der individuellen +Existenz= hat; die völlige Kopulation der beiden sexuellen Zellkerne +bezeichnet haarscharf den Augenblick, in welchem nicht nur der Körper +der neuen =Stammzelle= entsteht, sondern auch ihre »Seele«. Durch diese +Tatsache allein schon wird der alte Mythus von der =Unsterblichkeit +der Seele= widerlegt, auf den wir später zurückkommen. Ferner wird +dadurch der noch sehr verbreitete Aberglaube widerlegt, daß der +Mensch seine individuelle Existenz der »Gnade des liebenden Gottes« +verdankt. Die Ursache derselben beruht vielmehr einzig und allein +auf dem »=Eros=« seiner beiden Eltern, auf jenem mächtigen, allen +vielzelligen Tieren und Pflanzen gemeinsamen Geschlechtstriebe, welcher +zu deren Begattung führt. Das Wesentliche bei diesem physiologischen +Prozesse ist aber nicht, wie man früher annahm, die »Umarmung« oder +die damit verknüpften Liebesspiele, sondern einzig und allein die +Einführung des männlichen Sperma in die weiblichen Geschlechtskanäle. +Nur dadurch wird es bei den landbewohnenden Tieren möglich, daß der +befruchtende Samen mit der abgelösten Eizelle zusammenkommt (was beim +Menschen gewöhnlich innerhalb des Uterus geschieht). Bei niederen, +wasserbewohnenden Tieren (z. B. Fischen, Muscheln, Medusen) werden +beiderlei reife Geschlechtsprodukte einfach in das Wasser entleert, +und hier bleibt ihr Zusammentreffen dem Zufall überlassen; dann +fehlt eine eigentliche Begattung, und damit fallen zugleich jene +zusammengesetzten psychischen Funktionen des »Liebeslebens« hinweg, die +bei höheren Tieren eine so große Rolle spielen. Daher fehlen auch allen +niederen, nicht kopulierenden Tieren jene interessanten Organe, die +=Darwin= als »sekundäre Sexualcharaktere« bezeichnet hat, die Produkte +der geschlechtlichen Zuchtwahl: der Bart des Mannes, das Geweih des +Hirsches, das prachtvolle Gefieder der Paradiesvögel und vieler +Hühnervögel, sowie viele andere Auszeichnungen der Männchen, welche den +Weibchen fehlen. (Vergl. =Wilhelm Bölsche=, Liebesleben der Natur, 3 +Bände, 1901.) + +_Vererbung der Seele._ Unter den angeführten Folgeschlüssen der +=Konzeptionsphysiologie= ist für die Psychologie ganz besonders +wichtig die =Vererbung der Seelenqualitäten von beiden Eltern.= Daß +jedes Kind besondere Eigentümlichkeiten des Charakters, Temperament, +Talent, Sinnesschärfe, Willensenergie von =beiden= Eltern erbt, ist +allgemein bekannt. Ebenso bekannt ist die Tatsache, daß auch psychische +Eigenschaften von beiderlei Großeltern durch Vererbung übertragen +werden; ja, häufig stimmt in einzelnen Beziehungen der Mensch mehr +mit den Großeltern als mit den Eltern überein. Alle die merkwürdigen +=Gesetze der Vererbung= besitzen ebenso allgemeine Gültigkeit für die +besonderen Erscheinungen der Seelentätigkeit wie der Körperbildung; ja, +sie treten uns häufig an der ersteren noch viel auffallender und klarer +entgegen, als an der letzteren. + +Nun ist ja an sich das große Gebiet der =Vererbung=, für dessen +ungeheuere Bedeutung uns erst =Darwin= das wissenschaftliche +Verständnis eröffnet hat, reich an dunkeln Rätseln und physiologischen +Schwierigkeiten; wir dürfen nicht beanspruchen, daß uns schon jetzt +alle Seiten desselben klar vor Augen liegen. Aber so viel haben +wir doch schon sicher gewonnen, daß wir die =Vererbung als eine +physiologische Funktion= des Organismus betrachten, die mit der +Tätigkeit seiner Fortpflanzung unmittelbar verknüpft ist; und wie +alle anderen Lebenstätigkeiten müssen wir auch diese schließlich +auf physikalische und chemische Prozesse, auf =Mechanik des Plasma= +zurückführen. Nun kennen wir aber jetzt den Vorgang der Befruchtung +selbst genau; wir wissen, daß dabei ebenso der Spermakern die +väterlichen, wie der Eikern die mütterlichen Eigenschaften auf die +neugebildete Stammzelle überträgt. Die Vermischung beider Zellkerne +ist das eigentliche Hauptmoment der Vererbung; durch sie werden ebenso +die individuellen Eigenschaften der Seele wie des Leibes auf das +neugebildete Individuum übertragen. Diesen ontogenetischen Tatsachen +steht die dualistische und mystische Psychologie der noch heute +herrschenden Schulen ratlos gegenüber, während sie sich durch unsere +monistische Psychogenie in einfachster Weise erklären. + +_Seelenmischung (Psychische Amphigonie)._ Die physiologische Tatsache, +auf welche es für die richtige Beurteilung der individuellen +Psychogenie vor allem ankommt, ist die =Kontinuität der Psyche= in der +Generationsreihe. Wenn im Moment der Empfängnis auch tatsächlich ein +neues Individuum entsteht, so ist dasselbe doch weder hinsichtlich +seiner geistigen noch leiblichen Qualität eine unabhängige Neubildung, +sondern lediglich das Produkt aus der Verschmelzung der beiden +elterlichen Faktoren. Die Zellseelen beider Geschlechtszellen +verschmelzen im Befruchtungsakte ebenso vollständig zur Bildung einer +neuen =Zellseele=, wie die beiden Zellkerne, welche die materiellen +Träger dieser psychischen Spannkräfte sind, zu einem neuen =Zellkern= +sich verbinden. Da wir nun sehen, daß die Individuen einer und +derselben Art stets gewisse, wenn auch geringfügige Unterschiede +zeigen, so müssen wir annehmen, daß solche auch schon in der chemischen +Beschaffenheit der kopulierenden Keimzellen selbst vorhanden sind. + +_Psychologischer Atavismus._ Wenn bei der Seelenmischung im Augenblicke +der Empfängnis zunächst auch nur die besonderen Eigenschaften der +beiden Elternseelen mittels Verschmelzung der beiden erotischen +Zellkerne erblich übertragen werden, so kann damit doch zugleich +der erbliche psychische Einfluß älterer, oft weit zurückliegender +Generationen mit fortgepflanzt werden. Denn auch die Gesetze der +=latenten Vererbung= oder des =Atavismus= gelten ebenso für die +Psyche wie für die anatomische Organisation. Gerade in feineren Zügen +des Seelenlebens, im Besitze bestimmter künstlerischer Talente oder +Neigungen, in der Energie des Charakters, in der Leidenschaft des +Temperamentes gleichen oft hervorragende Menschen mehr ihren Großeltern +als den Eltern; nicht selten tritt auch ein auffälliger Charakterzug +hervor, den weder diese noch jene besaßen, der aber in einem älteren +Gliede der Ahnenreihe vor langer Zeit sich offenbart hatte. Auch in +diesen merkwürdigen Atavismen gelten dieselben Vererbungsgesetze +für die Psyche wie für die Physiognomie, für die individuelle +Qualität der Sinnesorgane, wie für die der Muskeln, des Skeletts +und anderer Körperteile. Am auffälligsten können wir dieselben in +regierenden Dynastien und in alten Adelsgeschlechtern verfolgen, deren +hervorragende Tätigkeit im Staatsleben zur genaueren historischen +Darstellung der Individuen in der Generationskette Veranlassung gegeben +hat, so z. B. bei den Hohenzollern, Hohenstaufen, Oraniern, Bourbonen +usw., und nicht minder bei den römischen Zäsaren. + +_Das Biogenetische Grundgesetz in der Psychologie_ (1866). Der +=Kausalzusammenhang= der =biontischen= (individuellen) und der +=phyletischen= (historischen) Entwickelung, den ich schon in der +Generellen Morphologie als oberstes Gesetz an die Spitze aller +biogenetischen Untersuchungen gestellt hatte, besitzt ebenso allgemeine +Geltung für die =Psychologie= wie für die =Morphologie=. Wie bei allen +anderen Organismen, so ist auch beim Menschen »=die Keimesgeschichte +ein Auszug der Stammesgeschichte=«. Diese gedrängte und abgekürzte +Rekapitulation ist um so vollständiger, je mehr durch beständige +Vererbung die ursprüngliche =Auszugsentwickelung= (~Palingenesis~) +beibehalten wird; hingegen wird sie um so unvollständiger, je mehr +durch wechselnde Anpassung die spätere =Störungsentwickelung= +(~Cenogenesis~) eingeführt wird (Anthropogenie, 1. Vortrag). + +Indem wir dieses Grundgesetz auf die Entwickelungsgeschichte der Seele +anwenden, müssen wir ganz besonderen Nachdruck darauf legen, daß +stets =beide= Seiten desselben kritisch im Auge zu behalten sind. +Denn beim Menschen wie bei allen höheren Tieren und Pflanzen haben im +Laufe der phyletischen Jahrmillionen so beträchtliche Störungen oder +=Zenogenesen= sich ausgebildet, daß dadurch das ursprüngliche reine +Bild der =Palingenese= oder des »Geschichtsauszuges« stark getrübt +und verändert erscheint. Während einerseits durch die Gesetze der +gleichzeitigen und gleichörtlichen Vererbung die =palingenetische= +Rekapitulation erhalten bleibt, wird sie andererseits durch die Gesetze +der abgekürzten und vereinfachten Vererbung wesentlich =zenogenetisch= +verändert. Zunächst ist das deutlich erkennbar in der Keimesgeschichte +der Seelenorgane, des Nervensystems, der Muskeln und Sinnesorgane. In +ganz gleicher Weise gilt dasselbe aber auch von der Seelentätigkeit, +die untrennbar an die normale Ausbildung dieser Organe gebunden ist. +Ihre Keimesgeschichte ist beim Menschen, wie bei allen anderen lebendig +gebärenden Tieren, schon deshalb stark zenogenetisch abgeändert, +weil die volle Ausbildung des Keimes hier längere Zeit innerhalb +des mütterlichen Körpers stattfindet. Wir müssen daher als zwei +Hauptperioden der individuellen Psychogenie unterscheiden: ~I~. die +embryonale und ~II~. die post-embryonale Entwickelungsgeschichte der +Seele. + +_Embryonale Psychogenie._ Der menschliche Keim oder Embryo entwickelt +sich normalerweise im Mutterleibe während des Zeitraumes von neun +Monaten. Während dieser Zeit ist er vollkommen von der Außenwelt +abgeschlossen und nicht allein durch die dicke Muskelwand des +mütterlichen Fruchtbehälters (~Uterus~) geschützt, sondern auch durch +die besonderen Fruchthüllen (~Amnion~ und ~Serolemma~) welche allen +drei höheren Wirbeltierklassen gemeinsam zukommen, den Reptilien, +Vögeln und Säugetieren. Es sind das Schutzeinrichtungen, welche von den +ältesten Reptilien, den gemeinsamen Stammformen aller Amnioten, erst +in der Permperiode (gegen Ende des paläozoischen Zeitalters) erworben +wurden, als diese höheren Wirbeltiere sich an das beständige Landleben +und die Luftatmung gewöhnten. Ihre vorhergehenden Ahnen, die Amphibien +der Steinkohlenperiode, lebten und atmeten noch im Wasser, wie ihre +älteren Vorfahren, die Fische. + +Bei diesen älteren und niederen wasserbewohnenden Wirbeltieren besaß +die Keimesgeschichte noch in viel höherem Grade den palingenetischen +Charakter, wie es auch noch bei den meisten Fischen und Amphibien der +Gegenwart der Fall ist. Die bekannten Kaulquappen, die Larven der +Salamander und Frösche, bewahren noch heute in der ersten Zeit ihres +freien Wasserlebens den Körperbau ihrer Fischahnen; sie gleichen ihnen +auch in der Lebensweise, in der Kiemenatmung, in der Funktion ihrer +Sinnesorgane und ihrer anderen Seelenorgane. Erst wenn die interessante +Metamorphose der schwimmenden Kaulquappen eintritt, und wenn sie sich +an das Landleben gewöhnen, verwandelt sich ihr fischähnlicher Körper in +das vierfüßige, kriechende Amphibium; an die Stelle der Kiemenatmung +im Wasser tritt die ausschließliche Luftatmung durch Lungen, und +mit der veränderten Lebensweise erlangt auch der Seelenapparat, +Nervensystem und Sinnesorgane, einen höheren Grad der Ausbildung. Die +schwimmende Kaulquappe besitzt nicht nur die Organisation, sondern auch +die Lebensweise und Seelentätigkeit des Fisches und erlangt erst durch +ihre Verwandlung diejenige des Frosches. + +Beim Menschen wie bei allen anderen Amniontieren ist das nicht der +Fall; ihr Embryo ist schon durch den Einschluß in die schützenden +Eihüllen dem direkten Einflusse der Außenwelt ganz entzogen und jeder +Wechselwirkung mit derselben entwöhnt. Außerdem aber bietet die +besondere =Brutpflege= der Amniontiere ihrem Keime viel günstigere +Bedingungen für zenogenetische Abkürzung der palingenetischen +Entwickelung. Vor allem gehört dahin die vortreffliche Ernährung des +Keims; sie geschieht bei den Reptilien, Vögeln und Monotremen (den +eierlegenden Säugetieren) durch den großen gelben Nahrungsdotter, +welcher dem Ei beigegeben ist, bei den übrigen Säugetieren hingegen +(den lebendig gebärenden Beuteltieren und Zottentieren) durch das +Blut der Mutter, welches durch die Blutgefäße des Dottersackes und +der Allantois dem Keime zugeführt wird. Bei den höchstentwickelten +=Zottentieren= (~Placentalia~) hat diese zweckmäßige Ernährungsform +durch Ausbildung des Mutterkuchens (~Placenta~) den höchsten Grad +der Vollkommenheit erreicht; daher ist der Embryo schon vor der +Geburt hier vollkommen ausgebildet. Seine Seele aber befindet sich +während dieser ganzen Zeit im Zustande des =Keimschlafes=, einem +Ruhezustande, welchen =Preyer= mit Recht dem Winterschlafe der Tiere +verglichen hat. Einen gleichen, lange dauernden Schlaf finden wir auch +im Puppenzustande jener Insekten, welche eine vollkommene Verwandlung +durchmachen (Schmetterlinge, Immen, Fliegen, Käfer usw.). Hier ist der +=Puppenschlaf=, während dessen die wichtigsten Umbildungen der Organe +und Gewebe vor sich gehen, um so interessanter, als der vorhergehende +Zustand der frei lebenden Larve (Raupe, Engerling oder Made) ein sehr +entwickeltes Seelenleben besitzt, und als dieses bedeutend unter +derjenigen Stufe steht, welche später (nach dem Puppenschlaf) das +vollendete, geflügelte und geschlechtsreife Insekt zeigt. + +_Postembryonale Psychogenie._ Die Seelentätigkeit des Menschen +durchläuft während seines individuellen Lebens, ebenso wie bei den +meisten höheren Tieren, eine Reihe von Entwickelungsstufen; als die +wichtigsten derselben können wir wohl folgende fünf Hauptabschnitte +unterscheiden: 1. die Seele des Neugeborenen bis zum Erwachen +des Selbstbewußtseins und zum Erlernen der Sprache, 2. die Seele +des Knaben und des Mädchens bis zur Pubertät (zum Erwachen des +Geschlechtstriebes), 3. die Seele des Jünglings und der Jungfrau bis +zum Eintritt der sexuellen Verbindung (die Periode der »Ideale«), 4. +die Seele des erwachsenen Mannes und der reifen Frau (Periode der +vollen Reife und der Familiengründung), 5. die Seele des Greises und +der Greisin (Periode der Rückbildung). Das Seelenleben des Menschen +durchläuft also dieselben Entwickelungsstufen der aufsteigenden +Fortbildung, der vollen Reife und der absteigenden Rückbildung wie jede +andere Lebenstätigkeit des Organismus. + + + + +=Neuntes Kapitel.= + +_Stammesgeschichte der Seele._ + + Monistische Studien über phylogenetische Psychologie. Entwickelung + des Seelenlebens in der tierischen Ahnenreihe des Menschen. + + +Die Deszendenztheorie in Verbindung mit der Anthropologie hat uns +überzeugt, daß unser menschlicher Organismus aus einer langen Reihe +tierischer Vorfahren durch allmähliche Umbildung im Laufe vieler +Jahrmillionen langsam und stufenweise sich entwickelt hat. Da wir nun +das Seelenleben des Menschen von seinen übrigen Lebenstätigkeiten nicht +trennen können, vielmehr zu der Überzeugung von der einheitlichen +Entwickelung unseres ganzen Körpers und Geistes gelangt sind, so ergibt +sich auch für die moderne =monistische Psychologie= die Aufgabe, +die historische Entwickelung der Menschenseele aus der Tierseele +stufenweise zu verfolgen. Die Lösung dieser Aufgabe versucht unsere +»Stammesgeschichte der Seele« oder die =Phylogenie der Psyche=. +Obgleich diese neue Wissenschaft noch kaum ernstlich in Angriff +genommen ist, obgleich selbst ihre Existenzberechtigung von den meisten +Fachpsychologen bestritten wird, müssen wir für sie dennoch die +allerhöchste Wichtigkeit und das größte Interesse in Anspruch nehmen. +Denn nach unserer festen Überzeugung ist die =phyletische= Psychologie +vor allem berufen, uns das große »Welträtsel« vom Wesen und der +Entstehung unserer Seele zu lösen. + +_Methoden der poetischen Psychogenie._ Die Mittel und Wege, welche +zu dem weit entfernten, im Nebel der Zukunft für viele noch kaum +erkennbaren Ziele der =phylogenetischen Psychologie= hinführen sollen, +sind von denjenigen anderer stammesgeschichtlicher Forschungen +nicht verschieden. Vor allem ist auch hier die vergleichende +Anatomie, Physiologie und Ontogenie von höchstem Werte. Aber auch +die Paläontologie liefert uns eine Anzahl von sicheren Stützpunkten; +denn die Reihenfolge, in welcher die versteinerten Überreste der +Wirbeltierklassen nacheinander in den Perioden der organischen +Erdgeschichte auftreten, offenbart uns teilweise, zugleich mit +deren phyletischem Zusammenhang, auch die stufenweise Ausbildung +ihrer Seelentätigkeit. Freilich sind wir hier, wie überall bei +phylogenetischen Untersuchungen, zur Bildung zahlreicher Hypothesen +gezwungen, um die Lücken der empirischen Stammesurkunden auszufüllen; +aber dennoch werfen die letzteren ein so helles und bedeutungsvolles +Licht auf die wichtigsten Abstufungen der geschichtlichen Entwickelung, +daß wir eine befriedigende Einsicht in deren allgemeinen Verlauf +gewinnen können. + +_Hauptstufen der phyletischen Psychogenie._ Die vergleichende +Psychologie des Menschen und der höheren Tiere läßt uns zunächst in +den höchsten Gruppen der Säugetiere, bei den =Herrentieren=, die +wichtigsten Fortschritte erkennen, durch welche die Menschenseele +aus der Psyche der Menschenaffen hervorgegangen ist. Die Phylogenie +der =Säugetiere= und weiterhin der niederen Wirbeltiere zeigt uns +die lange Reihe der älteren Vorfahren der Primaten, welche innerhalb +dieses Stammes seit der Silurzeit sich entwickelt haben. Alle diese +Wirbeltiere stimmen überein in der Struktur und Entwickelung ihres +charakteristischen Seelenorgans, des =Markrohrs=. Daß dieses sich aus +einem dorsalen =Scheitelhirn= wirbelloser Vorfahren hervorgebildet +hat, scheint die vergleichende Anatomie der Wurmtiere oder =Vermalien= +zu lehren. Weiter zurückgehend erfahren wir durch die vergleichende +Ontogenie, daß dieses einfache Seelenorgan aus der Zellenschicht des +äußeren Keimblattes, aus dem Ektoderm von =Platodarien= entstanden +ist; bei diesen ältesten Plattentieren, die noch kein gesondertes +Nervensystem besaßen, wirkt die äußere Hautdecke als universales +Sinnes- und Seelenorgan. Durch die vergleichende Keimesgeschichte +überzeugen wir uns endlich, daß diese einfachsten Metazoen durch +Gastrulation aus =Blastäaden= entstanden sind, aus =Hohlkugeln=, deren +Wand eine einfache Zellenschicht bildete, das =Blastoderm=. Zugleich +lernen wir durch dieselbe mit Hilfe des Biogenetischen Grundgesetzes +verstehen, wie diese vielzelligen Gebilde einfachster Art ursprünglich +aus einzelligen Urtieren hervorgegangen sind. + +~I.~ _Zellseele (Zytopsyche);_ =erste Hauptstufe der phyletischen +Psychogenesis.= Die ältesten Vorfahren des Menschen, wie aller übrigen +Tiere, waren einzellige =Protisten=. Diese Fundamental-Hypothese der +Phylogenie ergibt sich nach dem Biogenetischen Grundgesetze aus der +embryologischen =Tatsache=, daß jeder Mensch, wie jedes andere Tier, +im Beginne seiner individuellen Existenz eine einfache Zelle ist, die +»=Stammzelle=«. Wie diese schon von Anfang an »=beseelt=« war, so auch +jene entsprechende =einzellige Stammform=, welche in der ältesten +Ahnenreihe des Menschen durch eine Kette von verschiedenen Protisten +vertreten war. + +Über die Seelentätigkeit dieser einzelligen Organismen unterrichtet +uns die vergleichende Physiologie der heute noch lebenden Protisten; +sowohl genaue Beobachtung als sinnreiches Experiment haben uns hier +ein neues Gebiet voll höchst interessanter Erscheinungen eröffnet. +Die beste Darstellung derselben hat 1889 =Max Verworn= gegeben, in +seinen gedankenreichen, auf eigene originelle Versuche gestützten +»=Psychophysiologischen Protistenstudien=«. Auch die wenigen älteren +Beobachtungen über »das Seelenleben der Protisten« sind darin +zusammengestellt. =Verworn= gelangte zu der festen Überzeugung, +daß bei allen Protisten die unbewußten Vorgänge der Empfindung und +Bewegung noch mit den molekularen Lebensprozessen im Plasma selbst +zusammenfallen, und daß ihre letzten Ursachen in den Eigenschaften der +=Plasmamoleküle= (der Plastidule) zu suchen sind. »Die psychischen +Vorgänge im Protistenreich sind daher die Brücke, welche die chemischen +Prozesse in der unorganischen Natur mit dem Seelenleben der höchsten +Tiere verbindet; sie repräsentieren den Keim der höchsten psychischen +Erscheinungen bei den Metazoen und dem Menschen.« + +Die sorgfältigen Beobachtungen und zahlreichen Experimente von +=Verworn=, im Verein mit denjenigen von =Wilhelm Engelmann=, =Wilhelm +Preyer=, =Richard Hertwig= und anderen neueren Protistenforschern, +liefern die bündigen Beweise für meine monistische »=Theorie der +Zellseele=« (1866). Gestützt auf eigene langjährige Untersuchungen +von verschiedenen Protisten, besonders von Rhizopoden und Infusorien, +hatte ich den Satz aufgestellt, daß jede lebendige Zelle psychische +Eigenschaften besitzt, und daß also auch das Seelenleben der +vielzelligen Tiere und Pflanzen nichts anderes ist als das Resultat +der psychischen Funktionen der ihren Leib zusammensetzenden Zellen. +Bei den niederen Gruppen (z. B. Algen und Spongien) sind =alle= +Zellen des Körpers gleichmäßig (oder mit geringen Unterschieden) +daran beteiligt; in den höheren Gruppen dagegen, entsprechend den +Gesetzen der Arbeitsteilung, nur ein auserlesener Teil derselben, +die »Seelenzellen«. Die bedeutungsvollen Konsequenzen dieser +»=Zellular-Psychologie=« hatte ich teils 1876 in meiner Schrift über +die »Perigenesis der Plastidule« erörtert, teils 1877 in meiner +Münchner Rede ȟber die heutige Entwickelungslehre im Verhältnis zur +Gesamtwissenschaft«. Eine mehr populäre Darstellung enthalten meine +beiden Wiener Vorträge (1878) ȟber Ursprung und Entwickelung der +Sinneswerkzeuge« und ȟber Zellseelen und Seelenzellen«. + +Die einfache =Zellseele= zeigt übrigens schon innerhalb des +Protistenreiches eine lange Reihe von Entwickelungsstufen, von +ganz einfachen, primitiven bis zu sehr vollkommenen und hohen +Seelenzuständen. Bei den ältesten und einfachsten Protisten ist +das Vermögen der Empfindung und Bewegung gleichmäßig auf das ganze +Plasma des homogenen Körperchens verteilt; bei den höheren Formen +dagegen sondern sich als physiologische Organe derselben besondere +»Zellwerkzeuge« oder =Organelle=. Derartige motorische Zellteile sind +die Pseudopodien der Rhizopoden, die Flimmerhaare, Geißeln und Wimpern +der Infusorien. Als ein inneres Zentralorgan des Zellenlebens wird der +Zellkern betrachtet, welcher den ältesten und niedersten Protisten +noch fehlt. In physiologisch-chemischer Beziehung ist besonders +hervorzuheben, daß die ursprünglichsten und ältesten Protisten +=Plasmodomen= waren, mit pflanzlichem Stoffwechsel, also =Protophyten= +oder Urpflanzen; aus ihnen entstanden sekundär, durch Metasitismus, die +ersten =Plasmophagen= mit tierischem Stoffwechsel, also =Protozoen= +oder Urtiere. Dieser =Metasitismus=, die »Umkehrung des Stoffwechsels«, +bedeutete einen wichtigen psychologischen Fortschritt; denn damit +begann die Entwickelung jener charakteristischen Vorzüge der Tierseele, +welche der Pflanzenseele noch fehlen. + +~II~. _Zellvereinsseele_ oder Zönobial-Seele (~Coenopsyche~); +=zweite Hauptstufe der phyletischen Psychogenesis.= Die individuelle +Entwickelung beginnt beim Menschen wie bei allen anderen vielzelligen +Tieren mit der wiederholten Teilung einer einfachen Zelle. Die +=Stammzelle= (~Cytula~) zerfällt dadurch in einen maulbeerähnlichen +Zellhaufen, den Maulbeerkeim (~Morula~). Indem sich im Inneren dieses +soliden Körpers Flüssigkeit ansammelt, verwandelt er sich in ein +kugeliges Bläschen; alle Zellen treten an dessen Oberfläche und ordnen +sich in eine einfache Zellenschicht, die =Keimhaut= (~Blastoderma~). +Die so entstandene =Hohlkugel= ist der bedeutungsvolle Zustand der +=Keimblase= (~Blastula~). + +Die =Bewegungen=, die wir unmittelbar bei der Bildung der Blastula +beobachten können, sind ohne entsprechende =Empfindungen= nicht zu +denken. Die =Bewegungen= zerfallen in zwei Gruppen: 1. die inneren +Bewegungen, welche überall in wesentlich gleicher Weise beim Vorgange +der gewöhnlichen (indirekten) Zellteilung sich wiederholen (Bildung +der Kernspindel, Mitose, Karyokinese usw.); 2. die äußeren Bewegungen, +welche in der gesetzmäßigen Lageveränderung der geselligen Zellen +und ihrer Gruppierung bei Bildung des Blastoderms zutage treten. +Wir fassen diese Bewegungen als ererbte auf, weil sie überall in +prinzipiell gleicher Weise von den Ahnen übernommen worden sind. Die +=Empfindungen= können ebenfalls in zwei Gruppen unterschieden werden: +1. die Empfindungen der einzelnen Zellen, welche sich in der Behauptung +ihrer individuellen Selbständigkeit und ihrem Verhalten gegen die +Nachbarzellen äußern (mit denen sie in Berührung und teilweise durch +Plasmabrücken in direkter Verbindung stehen); 2. die einheitliche +Empfindung des ganzen Zellvereins oder =Zönobiums=, welche in der +individuellen Gestaltung der =Blastula= als =Hohlkugel= zutage tritt. + +Das kausale Verständnis der =Blastula=bildung liefert uns das +=Biogenetische Grundgesetz=, indem es die unmittelbar zu beobachtenden +Erscheinungen derselben durch die =Vererbung= erklärt und auf +entsprechende historische Vorgänge zurückführt, welche sich +ursprünglich bei der Entstehung der ältesten Protisten-Zönobien, der +=Blastäaden=, vollzogen haben. Die physiologische und psychologische +Einsicht in diese wichtigen Prozesse der ältesten =Zellen-Assozion= +gewinnen wir aber durch Beobachtung und Experiment an den heute noch +lebenden Zönobien. Solche beständige =Zellvereine= der Gegenwart sind +z. B. die bekannten »Kugeltierchen« (~Volvocina~). Ihre schwimmende +Ortsbewegung wird durch schwingende Geißeln vermittelt, die von den +einzelnen Zellen an der Oberfläche der »Flimmerkugel« ausgehen. +In allen diesen Zönobien können wir bereits neben einander zwei +verschiedene Stufen der psychischen Tätigkeit unterscheiden: ~I~. die +=Zellseele= der einzelnen Zellindividuen (als »Elementar-Organismen«) +und ~II~. die =Zönobialseele= des ganzen Zellvereins. + +~III~. _Gewebeseele (Histopsyche);_ =dritte Hauptstufe der +phyletischen Psychogenesis.= Bei allen vielzelligen und gewebebildenden +Pflanzen (~Metaphyten~) und ebenso bei den niedersten, nervenlosen +Klassen der =Gewebetiere= (~Metazoen~) haben wir zunächst zwei +verschiedene Formen der Seelentätigkeit zu unterscheiden, nämlich +~A~. die Psyche der einzelnen =Zellen=, welche die Gewebe +zusammensetzen, und ~B~. die Psyche der =Gewebe= selbst oder des +»Zellenstaates«, welcher von diesen gebildet wird. Diese =Gewebeseele= +ist überall die höhere psychologische Funktion, welche den +zusammengesetzten vielzelligen Organismus als einheitliches Lebewesen +oder »=physiologisches Individuum=«, als wirklichen »Zellenstaat« +erscheinen läßt. Sie beherrscht alle die einzelnen »Zellseelen« der +sozialen Zellen, welche als abhängige »Staatsbürger« den einheitlichen +Zellenstaat konstituieren. + +~III. A.~ _Die Pflanzenseele (Phytopsyche)_ ist für uns der Inbegriff +der gesamten psychischen Tätigkeit der gewebebildenden, =vielzelligen +Pflanzen= (~Metaphyten~); sie ist Gegenstand der verschiedensten +Beurteilung bis auf den heutigen Tag geblieben. Früher fand man +gewöhnlich einen Hauptunterschied zwischen Pflanzen und Tieren darin, +daß man den letzteren allgemein eine »Seele« zuschrieb, den ersteren +dagegen nicht. Indessen führte unbefangene Vergleichung der Reizbarkeit +und der Bewegungen bei verschiedenen höheren Pflanzen und niederen +Tieren schon im Anfange des 19. Jahrhunderts einzelne Forscher zu +der Überzeugung, daß beide gleichmäßig beseelt sein müßten. Später +traten namentlich =Fechner=, =Leitgeb= u. a., neuerdings besonders +=Francé=, lebhaft für die Annahme einer »=Pflanzenseele=« ein. +Tieferes Verständnis derselben wurde erst erworben, nachdem durch die +=Zellentheorie= (1838) die gleiche Elementarstruktur in Pflanzen und +Tieren nachgewiesen, und besonders seitdem durch die =Plasmatheorie= +von =Max Schultze= (1859) das gleiche Verhalten des aktiven, lebendigen +Protoplasma in beiden erkannt worden war. Die neuere vergleichende +Physiologie zeigte sodann, daß das physiologische Verhalten gegen +verschiedene Reize (Licht, Elektrizität, Wärme, Schwere, Reibung, +chemische Einflüsse usw.) in den »=empfindlichen=« Körperteilen +vieler Pflanzen und Tiere ganz ähnlich ist, und daß auch die +=Reflexbewegungen=, die jene Reize hervorrufen, ganz ähnlichen Verlauf +haben. Wenn man daher diese Tätigkeiten bei niederen, nervenlosen +Metazoen (Schwämmen, Polypen) einer besonderen »Seele« zuschrieb, +so war man berechtigt, diese auch bei den Metaphyten anzunehmen, +besonders bei den sehr »empfindlichen« Sinnpflanzen (~Mimosa~), den +Fliegenfallen (~Dionaea~, ~Drosera~) und den zahlreichen rankenden +Kletter- und Schlingpflanzen. + +~III. B.~ _Die Seele nervenloser Metazoen._ Von ganz besonderem +Interesse für die vergleichende Physiologie im allgemeinen und für die +Phylogenie der Tierseele im besonderen ist die Seelentätigkeit jener +=niederen Metazoen=, welche zwar Gewebe und oft bereits differenzierte +Organe besitzen, aber weder Nerven noch spezifische Sinnesorgane. Dahin +gehören vier verschiedene Gruppen von ältesten =Zölenterien= oder +Niedertieren, nämlich: 1. die =Gasträaden=, 2. die =Platodarien=, 3. +die =Spongien= und 4. die =Hydropolypen=, die niedersten Formen der +Nesseltiere. + +_Die Gasträaden oder Urdarmtiere_ bilden jene kleine Gruppe von +niedersten Zölenterien, welche als die gemeinsame Stammgruppe aller +Metazoen von höchster Wichtigkeit ist. Der Körper dieser kleinen, +schwimmenden Tierchen erscheint als ein kleines (meist eiförmiges) +Bläschen, welche eine einfache Höhle mit einer Öffnung enthält +(Urdarm und Urmund). Die Wand der verdauenden Höhle wird aus zwei +einfachen Zellenschichten oder Epithelien gebildet, von denen die +innere (Darmblatt) die Tätigkeiten der Ernährung, und die äußere +(Hautblatt) die Funktionen der Bewegung und Empfindung vermittelt. Die +gleichartigen sensiblen Zellen dieses Hautblattes tragen zarte Geißeln, +lange Flimmerhaare, deren Schwingungen die willkürliche Schwimmbewegung +bewirken. Die wenigen noch lebenden Formen der Gasträaden sind deshalb +so interessant, weil sie zeitlebens auf derselben Bildungsstufe stehen +bleiben, welche die Keime aller übrigen Metazoen (von den Spongien bis +zum Menschen hinauf) im Beginne ihrer Keimesentwickelung durchlaufen. +Wie ich in meiner =Gasträatheorie= (1872) gezeigt habe, entsteht bei +sämtlichen Gewebetieren zunächst aus der vorher betrachteten =Blastula= +eine höchst charakteristische Keimform, die =Gastrula=. Die Keimhaut +(~Blastoderma~), welche die Wand der Hohlkugel darstellt, bildet +an einer Seite eine grubenförmige Vertiefung, und diese wird bald zu +einer so tiefen Einstülpung, daß der innere Hohlraum der Keimblase +verschwindet. Die eingestülpte (innere) Hälfte der Keimhaut legt sich +an die äußere (nicht eingestülpte) Hälfte innen an; letztere bildet das +=Hautblatt= oder äußere Keimblatt (~Ektoderm~), erstere dagegen das +=Darmblatt= oder innere Keimblatt (~Entoderm~). Der neu entstandene +Hohlraum des becherförmigen Körpers ist die verdauende Magenhöhle, +der =Urdarm=, seine Öffnung der =Urmund=. Das Hautblatt oder Ektoderm +ist bei allen Metazoen das ursprüngliche »=Seelenorgan=«; denn aus +ihm entwickeln sich bei sämtlichen Nerventieren nicht nur die äußere +Hautdecke und die Sinnesorgane, sondern auch das Nervensystem. Bei den +Gasträaden, welche letzteres noch nicht besitzen, sind alle Zellen, +welche die einfache Epithelschicht des Ektoderm zusammensetzen, +gleichmäßig Organe der Empfindung und Bewegung; die Gewebeseele zeigt +sich hier in einfachster Form. + +_Die Spongien oder Schwammtiere_ stellen einen selbständigen Stamm +des Tierreichs dar, der sich von allen anderen Metazoen durch seine +eigentümliche Organisation unterscheidet; die zahlreichen Arten +desselben sitzen meistens auf dem Meeresboden angewachsen. Die +einfachste Form der Schwämme, ~Olynthus~, ist eigentlich nichts +weiter als eine ~Gastraea~, deren Körperwand siebförmig von feinen +Poren durchbrochen ist, zum Eintritt des ernährenden Wasserstromes. +Bei den meisten Spongien (auch beim bekanntesten, dem Badeschwamm) +bildet der knollenförmige Körper einen Stock, welcher aus Tausenden +oder Millionen solcher Gasträaden (»Geißelkammern«) zusammengesetzt +und von einem ernährenden Kanalsystem durchzogen ist. Empfindung und +Bewegung sind bei den Schwammtieren nur in äußerst geringem Grade +entwickelt; Nerven, Sinnesorgane und Muskeln fehlen. Es war daher sehr +natürlich, daß man diese festsitzenden, unförmigen und unempfindlichen +Tiere früher allgemein als »Gewächse« betrachtete. Ihr Seelenleben (für +welches keine besonderen Organe differenziert sind) steht tief unter +demjenigen der Mimosen und anderer empfindlicher Pflanzen. + +_Die Seele der Nesseltiere_ (~Cnidaria~) ist für die vergleichende +und phylogenetische Psychologie von hervorragender Bedeutung. Denn +in diesem formenreichen Stamm der Zölenterien vollzieht sich vor +unseren Augen die historische Entstehung der =Nervenseele= aus der +=Gewebeseele=. Es gehören zu diesem Stamme die vielgestaltigen Klassen +der festsitzenden Polypen und Korallen, der schwimmenden Medusen +und Siphonophoren. Als gemeinsame hypothetische Stammform aller +Nesseltiere läßt sich mit voller Sicherheit ein einfachster =Polyp= +erkennen, welcher dem gemeinen, heute noch lebenden Süßwasserpolypen +(~Hydra~) im wesentlichen gleich gebaut war. Nun besitzen aber diese +Hydra und ebenso die festsitzenden, nahe verwandten Hydropolypen +noch keine gesonderten Nerven und höheren Sinnesorgane, obgleich +sie sehr empfindlich sind. Dagegen die frei schwimmenden =Medusen=, +welche sich aus letzteren entwickeln (und noch heute mit ihnen durch +Generationswechsel verknüpft sind), besitzen bereits ein selbständiges +Nervensystem und gesonderte Sinnesorgane. Wir können also hier +den historischen Ursprung der =Nervenseele= aus der Gewebeseele +unmittelbar ontogenetisch beobachten und phylogenetisch verstehen +lernen. Sehr interessant ist für die Psychologie auch die Klasse +der =Staatsquallen= (~Siphonophorae~). An diesen prächtigen, +freischwimmenden Tierstöcken, welche von Hydromedusen abstammen, können +wir eine =Doppelseele= beobachten: die Einzelseele (=Personalseele=) +der zahlreichen Personen, die ihn zusammensetzen, und die gemeinsame, +einheitlich tätige Psyche des ganzen Stockes (=Kormalseele=). + +~IV~. _Die Nervenseele (Neuropsyche)_; =vierte Hauptstufe= der +=phyletischen Psychogenesis=. Das Seelenleben aller höheren Tiere wird, +ebenso wie beim Menschen, durch einen mehr oder minder komplizierten +»=Seelenapparat=« vermittelt, und dieser besteht immer aus drei +Hauptbestandteilen: die =Sinnesorgane= bewirken die verschiedenen +Empfindungen, die =Muskeln= dagegen die Bewegungen; die =Nerven= +stellen die Verbindung zwischen ersteren und letzteren durch ein +besonderes Zentralorgan her: =Gehirn= oder ~Ganglion~ (Nervenknoten). +Die Einrichtung und Tätigkeit dieses Seelenapparates pflegt man mit +einem elektrischen Telegraphensystem zu vergleichen; die Nerven +sind die Leitungsdrähte, das Gehirn die Zentralstation, die Muskeln +und Sensillen die untergeordneten Lokalstationen. Die motorischen +Nervenfasern leiten die Willensbefehle oder Impulse zentrifugal +von diesem Nervenzentrum zu den Muskeln und bewirken durch deren +Kontraktion Bewegungen; die sensiblen Nervenfasern dagegen leiten die +verschiedenen Empfindungen zentripetal von den peripheren Sinnesorganen +zum Gehirn und statten Bericht ab von den empfangenen Eindrücken +der Außenwelt. Die Ganglienzellen oder »Seelenzellen«, welche das +nervöse Zentralorgan zusammensetzen, sind die vollkommensten von allen +organischen Elementarteilen; denn sie vermitteln nicht nur den Verkehr +zwischen den Muskeln und Sinnesorganen, sondern auch die höchsten von +allen Leistungen der Tierseele, die Bildung von Vorstellungen und +Gedanken, an der Spitze von allem das Bewußtsein. + +Die großen Fortschritte der Anatomie und Physiologie, der Histologie +und Ontogenie haben in der Neuzeit unsere tiefere Kenntnis des +Seelenapparates mit einer Fülle der interessantesten Entdeckungen +bereichert. Wenn die spekulative Philosophie auch nur die wichtigsten +von diesen bedeutungsvollen Erwerbungen der empirischen Biologie +in sich aufgenommen hätte, müßte sie heute schon eine ganz andere +Physiognomie zeigen, als es leider der Fall ist. + +Jeder der höheren Tierstämme besitzt sein eigentümliches Seelenorgan; +in jedem ist das Zentralnervensystem durch seine besondere Gestalt, +Lage und Zusammensetzung ausgezeichnet. Unter den strahlig gebauten +=Nesseltieren= (~Cnidaria~) zeigen die Medusen einen Nervenring am +Schirmrande, meistens mit vier oder acht Ganglien ausgestattet. Bei +den fünfstrahligen =Sterntieren= (~Echinoderma~) ist der Mund von +einem Nervenring umgeben, von welchem fünf Nervenstämme ausstrahlen. +Die zweiseitig-symmetrischen =Plattentiere= (~Platodes~) und +=Wurmtiere= (~Vermalia~) besitzen ein Scheitelhirn oder Akroganglion, +zusammengesetzt aus ein paar dorsalen, oberhalb des Mundes gelegenen +Ganglien; von diesen »oberen Schlundknoten« gehen zwei seitliche +Nervenstämme an die Haut und die Muskeln. Bei einem Teile der Vermalien +und bei den =Weichtieren= (~Mollusca~) treten dazu noch ein paar +ventrale »untere Schlundknoten«, welche sich mit den ersteren durch +einen den Schlund umfassenden Ring verbinden. Dieser »Schlundring« +kehrt auch bei den =Gliedertieren= (~Articulata~) wieder, setzt +sich aber hier auf der Bauchseite des langgestreckten Körpers in ein +»Bauchmark« fort, einen strickleiterförmigen Doppelstrang, welcher in +jedem Gliede zu einem Doppelganglion anschwillt. Ganz entgegengesetzte +Bildung des Seelenorgans zeigen die =Wirbeltiere= (~Vertebrata~); +hier findet sich allgemein auf der Rückenseite des innerlich +gegliederten Körpers ein Rückenmark entwickelt; aus einer Anschwellung +seines vorderen Teiles entsteht später das charakteristische +blasenförmige Gehirn. + +Obgleich nun so die Seelenorgane der höheren Tierstämme in Lage, Form +und Zusammensetzung sehr charakteristische Verschiedenheiten zeigen, +ist doch die vergleichende Anatomie imstande gewesen, für die meisten +einen gemeinsamen Ursprung nachzuweisen, aus dem =Scheitelhirn= der +=Platoden= und =Vermalien=; und allen gemeinsam ist die Entstehung aus +der äußersten Zellenschicht des Keimes, aus dem »=Hautsinnesblatt=« +(~Ektoderm~). Ebenso finden wir in allen Formen der nervösen +Zentralorgane dieselbe wesentliche Struktur wieder, die Zusammensetzung +aus Ganglienzellen oder »=Seelenzellen=« (den eigentlichen aktiven +Elementarorganen der =Psyche=) und aus =Nervenfasern=, welche den +Zusammenhang und die Leitung der Aktion vermitteln. + +_Seelenorgan der Wirbeltiere._ Die erste Tatsache, welche uns in der +vergleichenden Psychologie der Wirbeltiere entgegentritt, und welche +der empirische Ausgangspunkt jeder wissenschaftlichen Seelenlehre +des Menschen sein sollte, ist der charakteristische Bau ihres +Zentralnervensystems. Wie dieses zentrale Seelenorgan in jedem der +höheren Tierstämme eine besondere, diesem eigentümliche Lage, Gestalt +und Zusammensetzung zeigt, so ist es auch bei den Wirbeltieren der +Fall. Überall finden wir hier ein =Rückenmark= vor, einen starken +zylindrischen Nervenstrang, welcher in der Mittellinie des Rückens +verläuft, oberhalb der Wirbelsäule (oder der sie vertretenden Chorda). +Überall gehen von diesem Rückenmark zahlreiche Nervenstämme in +regelmäßiger, segmentaler Verteilung ab, je ein Paar an jedem Segment +oder Wirbelgliede. Überall entsteht dieses »Medullarrohr« im Embryo +auf gleiche Weise: in der Mittellinie der Rückenhaut bildet sich eine +feine Furche oder Rinne; die beiden parallelen Ränder dieser Markrinne +oder =Medullarrinne= erheben sich, krümmen sich gegen einander und +verwachsen in der Mittellinie zu einem Rohre. + +Das lange dorsale, so entstandene, zylindrische Nervenrohr oder +Medullarrohr ist durchaus für die =Wirbeltiere= charakteristisch, +in der früheren Embryonalanlage überall dasselbe und die gemeinsame +Grundlage aller der verschiedenen Formen des Seelenorgans, die sich +später daraus entwickeln. Nur eine einzige Gruppe von wirbellosen +Tieren zeigt eine ähnliche Bildung; das sind die seltsamen +meerbewohnenden =Manteltiere= (~Tunicata~). Sie gleichen den +Wirbeltieren auch im Besitze von anderen charakteristischen Organen +(Chorda, Kiemendarm usw.). Wir nehmen daher an, daß die ungegliederten +Manteltiere und die innerlich gegliederten Wirbeltiere aus einer +gemeinsamen älteren Stammgruppe von Wurmtieren hervorgegangen sind +(~Prochordonia~). + +_Phyletische Bildungsstufen des Medullarrohrs._ Die lange +Stammesgeschichte unserer »Wirbeltierseele« beginnt mit der Bildung des +einfachsten Medullarrohrs bei den ältesten Schädellosen; sie führt uns +durch einen Zeitraum von vielen Millionen Jahren langsam und allmählich +bis zu jenem komplizierten Wunderbau des menschlichen Gehirns hinauf, +welcher diese höchst entwickelte Primatenform zu einer Ausnahmestellung +in der Natur zu berechtigen scheint. Da eine klare Vorstellung von +diesem langsamen und stetigen Gange unserer phyletischen Psychogenie +die erste Vorbedingung einer wirklich =naturgemäßen Psychologie= ist, +erscheint es zweckmäßig, jenen gewaltigen Zeitraum in eine Anzahl +von Stufen oder Hauptabschnitten einzuteilen; in jedem derselben +hat sich gleichmäßig mit der Struktur des Nervenzentrums auch seine +Funktion, die »Psyche«, vervollkommnet. Ich unterscheide acht solche +=Perioden in der Phylogenie des Medullarrohrs= und in der stufenweisen +Vervollkommnung seines vordersten Teiles, des Gehirns; sie sind +charakterisiert durch acht verschiedene Hauptgruppen der Wirbeltiere; +nämlich ~I~. die Schädellosen (~Acrania~), ~II~. die Rundmäuler +(~Cyclostoma~), ~III~. die Fische (~Pisces~), ~IV~. die Lurche +(~Amphibia~), ~V~. die implacentalen Säugetiere (~Monotrema~ und +~Marsupialia~), ~VI~. die älteren plazentalen Säugetiere, besonders +die Halbaffen (~Prosimiae~), ~VII~. die jüngeren Herrentiere, die +echten Affen (~Simiae~), ~VIII~. die Menschenaffen und der Mensch +(~Anthropomorpha~). + +_Seelengeschichte der Säugetiere._ Der wichtigste Folgeschluß, +welcher sich aus dem monophyletischen Ursprung der Säugetiere ergibt, +ist die notwendige Ableitung der =Menschenseele= aus einer langen +Entwickelungsreihe von anderen =Mammalienseelen=. Eine gewaltige +anatomische und physiologische Kraft trennt den Gehirnbau und das davon +abhängige Seelenleben der höchsten und der niedersten Säugetiere, +und dennoch wird diese tiefe Kluft durch eine lange Reihe von +vermittelnden Zwischenstufen vollständig ausgefüllt. Die allgemeinsten +Ergebnisse der wichtigen, neuerdings hier tief eingedrungenen +Forschungen sind folgende: + +~I~. Das Gehirn der Säugetiere entwickelt sich zwar in gleicher +Weise, wie das der anderen Wirbeltiere, aus drei hintereinander +gelegenen Blasen, die durch zweifache Einschnürung der anfangs +einfachen Hirnblase entstehen; es unterscheidet sich von demjenigen +der übrigen Vertebraten durch gewisse Eigentümlichkeiten, welche +allen Gliedern der Klasse gemeinsam sind, vor allem die überwiegende +Ausbildung der ersten und dritten Blase, des Großhirns und Kleinhirns, +während die zweite Blase, das Mittelhirn, ganz zurücktritt. ~II~. +Trotzdem schließt sich die Hirnbildung der niedersten und ältesten +Mammalien noch eng an diejenige ihrer paläozoischen Vorfahren an, +der Amphibien in der Steinkohlenperiode. ~III~. Erst während der +Tertiärzeit erfolgt die typische volle Ausbildung des Großhirns, welche +die jüngeren Säugetiere so auffallend vor den älteren auszeichnet. +~IV~. Die besondere (quantitative und qualitative) Ausbildung des +Großhirns, welche den Menschen so hoch erhebt, und welche ihn zu seinen +vorzüglichen psychischen Leistungen befähigt, findet sich außerdem +nur bei einem Teile der höchstentwickelten Säugetiere der jüngeren +Tertiärzeit, vor allen bei den Menschenaffen. ~V~. Die Unterschiede, +welche im Gehirnbau und Seelenleben des Menschen und der Menschenaffen +existieren, sind geringer als die entsprechenden Unterschiede zwischen +diesen letzteren und den niederen Primaten (den ältesten Affen und +den Halbaffen). ~VI~. Demnach muß die historische stufenweise +Entwickelung der Menschenseele aus einer langen Kette von höheren und +niederen Säugetierseelen als eine fundamentale, durch die vergleichende +Anatomie und Ontogenie wissenschaftlich bewiesene =Tatsache= gelten. + + + + +=Zehntes Kapitel.= + +_Bewußtsein._ + + Monistische Studien über bewußtes und unbewußtes Seelenleben. + Entwickelungsgeschichte und Theorie des Bewußtseins. + + +Unter allen Äußerungen des Seelenlebens gibt es keine, die so wunderbar +erscheint und so verschieden beurteilt wird wie das =Bewußtsein=. Nicht +allein über das eigentliche Wesen dieser Seelentätigkeit und über +ihr Verhältnis zum Körper, sondern auch über ihre Verbreitung in der +organischen Welt, über ihre Entstehung und Entwickelung stehen sich +noch heute, wie seit Jahrtausenden, die widersprechendsten Ansichten +gegenüber. Mehr als jede andere psychische Funktion hat das Bewußtsein +zu der irrtümlichen Vorstellung eines »immateriellen Seelenwesens« und +im Anschluß daran zu dem Aberglauben der »persönlichen Unsterblichkeit« +Veranlassung gegeben; viele der schwersten Irrtümer, die unser modernes +Kulturleben noch heute beherrschen, sind darauf zurückzuführen. Ich +habe daher schon früher das Bewußtsein als das »=psychologische +Zentralmysterium=« bezeichnet; es ist die feste Zitadelle aller +mystischen und dualistischen Irrtümer, an deren gewaltigen Wällen alle +Angriffe der bestgerüsteten Vernunft zu scheitern drohen. Schon diese +Tatsache allein rechtfertigt es, daß wir hier dem Bewußtsein eine +besondere kritische Betrachtung von unserem monistischen Standpunkte +aus widmen. Wir werden sehen, daß das Bewußtsein nicht mehr und nicht +minder wie jede andere Seelentätigkeit eine =Naturerscheinung= ist, und +daß es gleich allen anderen Naturerscheinungen dem =Substanzgesetz= +unterworfen ist. + +_Begriff des Bewußtseins._ Schon über den elementaren Begriff dieser +Seelentätigkeit, über seinen Inhalt und Umfang, gehen die Ansichten +der angesehensten Philosophen und Naturforscher weit auseinander. +Vielleicht am besten bezeichnet man den Inhalt des Bewußtseins als +=innere Anschauung= und vergleicht diese einer =Spiegelung=. Als +zwei Hauptbezirke desselben unterscheidet man häufig das objektive +und subjektive Bewußtsein, das Weltbewußtsein und Selbstbewußtsein. +Bei weitem der größte Teil aller bewußten Seelentätigkeit betrifft, +wie schon =Schopenhauer= hervorhob, das Bewußtsein der Außenwelt, +der »=anderen Dinge=«; dieses =Weltbewußtsein= umfaßt alle möglichen +Erscheinungen der Außenwelt, welche überhaupt unserer Erkenntnis +zugänglich sind. Viel beschränkter ist unser =Selbstbewußtsein=, die +innere Spiegelung unserer eigenen gesamten Seelentätigkeit, aller +Vorstellungen, Empfindungen und Strebungen oder Willenstätigkeiten. + +_Bewußtsein und Seelenleben._ Viele und angesehene Denker, namentlich +unter den Physiologen (z. B. =Wundt= und =Ziehen=), halten die Begriffe +des Bewußtseins und der psychischen Funktionen für identisch: »=alle +Seelentätigkeit ist bewußte=«; das Gebiet der Psychologie reicht nur +so weit als dasjenige des Bewußtseins. Nach unserer Ansicht erweitert +diese Definition die Bedeutung des letzteren in ungebührlicher Weise +und gibt Veranlassung zu zahlreichen Irrtümern und Mißverständnissen. +Wir teilen vielmehr die Ansicht anderer Philosophen (z. B. =Romanes= +und =Fritz Schultze=), daß auch die unbewußten Vorstellungen, +Empfindungen und Strebungen zum Seelenleben gehören; in der Tat +ist sogar das Gebiet dieser unbewußten psychischen Aktionen (der +Reflextätigkeit usw.) viel ausgedehnter als dasjenige der bewußten. +Beide Gebiete stehen übrigens im engsten Zusammenhang und sind durch +keine scharfe Grenze getrennt; jederzeit kann uns eine unbewußte +Vorstellung plötzlich bewußt werden; wird unsere Aufmerksamkeit darauf +durch ein anderes Objekt gefesselt, so kann sie ebenso rasch wieder +unserem Bewußtsein völlig entschwinden. + +_Bewußtsein des Menschen._ Die einzige Quelle unserer Erkenntnis des +Bewußtseins ist dieses selbst, und hierin liegt in erster Linie die +außerordentliche Schwierigkeit seiner wissenschaftlichen Untersuchung +und Deutung. =Subjekt= und =Objekt= fallen hier in eins zusammen; das +erkennende Subjekt spiegelt sich in seinem eigenen inneren Wesen, +welches Objekt der Erkenntnis sein soll. Auf das Bewußtsein anderer +Wesen können wir also niemals mit voller objektiver Sicherheit +schließen, sondern immer nur durch Vergleichung seiner Äußerungen +mit unseren eigenen. Soweit diese Vergleichung sich nur auf =normale +Menschen= erstreckt, können wir allerdings auf deren Bewußtsein +gewisse Schlüsse ziehen, deren Richtigkeit niemand bezweifelt. Aber +schon bei =abnormen= Persönlichkeiten (bei genialen und exzentrischen, +stumpfsinnigen und geisteskranken Menschen) sind diese Analogieschlüsse +entweder unsicher oder falsch. In noch höherem Grade gilt das, wenn +wir das Bewußtsein des Menschen mit demjenigen der Tiere in Vergleich +stellen. Da ergeben sich alsbald so große tatsächliche Schwierigkeiten, +daß die Ansichten der hervorragendsten Physiologen und Philosophen +himmelweit auseinander gehen. Wir wollen hier nur die wichtigsten +Anschauungen darüber kurz einander gegenüberstellen. + +~I~. _Anthropistische Theorie des Bewußtseins:_ =es ist dem Menschen +eigentümlich.= Die weitverbreitete Anschauung, daß Bewußtsein und +Denken ausschließliches Eigentum des Menschen seien, und daß auch +ihm allein eine »unsterbliche Seele« zukomme, ist auf =Descartes= +zurückzuführen (1643). Dieser geistreiche französische Philosoph und +Mathematiker errichtete eine vollkommene Scheidewand zwischen der +Seelentätigkeit des Menschen und der Tiere. Die Seele des Menschen, +als denkendes, immaterielles Wesen, ist nach ihm vom Körper, als +ausgedehntem, materiellem Wesen, vollständig getrennt. Trotzdem soll +sie an einem Punkte des Gehirns (an der Zirbeldrüse!) mit dem Körper +verbunden sein, um hier Einwirkungen der Außenwelt aufzunehmen und +ihrerseits auf den Körper auszuüben. Die =Tiere= dagegen, als nicht +denkende Wesen, sollen keine Seele besitzen und reine =Automaten= +sein, kunstvoll gebaute Maschinen, deren Empfinden, Vorstellen +und Wollen rein mechanisch zustande kommt und nach physikalischen +Gesetzen verläuft. Für die Psychologie des =Menschen= vertrat demnach +=Descartes= den =Dualismus=, für diejenige der =Tiere= den =Monismus=. +Dieser offenkundige Widerspruch bei einem so klaren und scharfsinnigen +Denker muß höchst auffallend erscheinen; zu Erklärung desselben darf +man wohl mit Recht annehmen, daß er seine wahre Überzeugung verschwieg +und deren Erkenntnis den selbständigen Denkern überließ. Als Zögling +der Jesuiten war =Descartes= schon frühzeitig dazu erzogen, wider +bessere Einsicht die Wahrheit zu verleugnen; vielleicht fürchtete er +auch die Macht der Kirche und ihre Scheiterhaufen. Ohnehin hatte ihm +seine skeptische Forderung, daß jedes reine Erkenntnisstreben vom +Zweifel am überlieferten Dogma ausgehen müsse, fanatische Anklagen +wegen Skeptizismus und Atheismus zugezogen. Die mächtige Wirkung, +welche =Descartes= auf die nachfolgende Philosophie ausübte, war +sehr merkwürdig und seiner »doppelten Buchführung« entsprechend. +Die =Materialisten= des 17. und 18. Jahrhunderts beriefen sich +für ihre monistische Psychologie auf die kartesianische Theorie +von der Tierseele und ihrer mechanischen Maschinentätigkeit. Die +=Spiritualisten= umgekehrt behaupteten, daß ihr Dogma von der +Unsterblichkeit der Seele und ihrer Unabhängigkeit vom Körper durch +die kartesianische Theorie der Menschenseele unwiderleglich begründet +sei. Diese Ansicht ist auch heute noch im Lager der Theologen und der +dualistischen Metaphysiker die herrschende. Die naturwissenschaftliche +Anschauung des 19. Jahrhunderts hat sie mit Hülfe der empirischen +Fortschritte im Gebiete der physiologischen, pathologischen und +vergleichenden Psychologie völlig überwunden. + +~II~. _Neurologische Theorie des Bewußtseins:_ es =kommt nur dem +Menschen und jenen höheren Tieren= zu, welche ein zentralisiertes +Nervensystem und Sinnesorgane besitzen. Die Überzeugung, daß ein +großer Teil der Tiere -- zum mindesten die höheren Säugetiere -- +ebenso eine denkende Seele und also auch Bewußtsein besitzt, wie der +Mensch, beherrscht die Kreise der modernen Zoologie, Physiologie und +monistischen Psychologie. Die großartigen Fortschritte der Neuzeit +in mehreren Gebieten der Biologie haben uns übereinstimmend zu der +Anerkennung dieser bedeutungsvollen Erkenntnis geführt. Wir beschränken +uns bei ihrer Würdigung zunächst auf die höheren =Wirbeltiere= +und vor allem die Säugetiere. Daß die intelligentesten Vertreter +dieser höchst entwickelten Wirbeltiere -- allen voran die Affen und +Hunde -- in ihrer gesamten Seelentätigkeit sich dem Menschen höchst +ähnlich verhalten, ist seit Jahrtausenden bekannt und bewundert. +Ihre Vorstellungs- und Sinnestätigkeit, ihr Empfinden und Begehren +ist dem Menschen so ähnlich, daß wir keine Beweise dafür anzuführen +brauchen. Aber auch die höhere Assoziationstätigkeit ihres Gehirns, +die Bildung von Urteilen und deren Verbindung zu Schlüssen, das +Denken und das Bewußtsein im engeren Sinne, sind bei ihnen ähnlich +entwickelt wie beim Menschen -- nur dem Grade, nicht der Art nach +davon verschieden. Überdies lehrt uns die vergleichende Anatomie und +Histologie, daß die verwickelte Zusammensetzung des Gehirns (sowohl +die feinere als die gröbere Struktur) bei diesen höheren =Säugetieren= +im wesentlichen dieselbe wie beim Menschen ist. Dasselbe zeigt uns die +vergleichende Ontogenie bezüglich der Entstehung dieser Seelenorgane. +Die vergleichende Physiologie lehrt, daß die verschiedenen Zustände des +Bewußtseins sich bei diesen höchst entwickelten Plazentaltieren ganz +ähnlich wie beim Menschen verhalten, und das Experiment beweist, daß +sie auch auf äußere Eingriffe ebenso reagieren. Man kann höhere Tiere +durch Alkohol, Chloroform, Äther usw. ebenso betäuben, durch geeignete +Behandlung ebenso hypnotisieren usw. wie den Menschen. Dagegen ist es +nicht möglich, die =Grenze= scharf zu bestimmen, wo auf den niederen +Stufen des Tierlebens das Bewußtsein zuerst als solches erkennbar wird. +Die einen Zoologen setzen dieselbe sehr hoch oben an, die anderen +sehr tief unten. =Darwin=, der die verschiedenen Abstufungen des +Bewußtseins, der Intelligenz und des Gemüts bei den höheren Tieren sehr +genau unterscheidet und durch zunehmende Entwickelung erklärt, weist +zugleich darauf hin, wie schwer oder eigentlich wie unmöglich es ist, +die ersten Anfänge dieser höchsten Seelentätigkeiten bei den niederen +Tieren zu bestimmen. Am wahrscheinlichsten ist die Annahme, daß +diejenigen Tiere ein unserem eigenen ähnliches bewußtes Erleben haben, +die ein Nervensystem von annähernd so feiner Struktur, histologischer +Differenzierung und Zentralisation besitzen. + +~III~. _Animalische Theorie des Bewußtseins:_ =es findet sich +bei allen Tieren und nur bei diesen.= Hiernach würde ein scharfer +Unterschied im Seelenleben der Tiere und Pflanzen bestehen; ein solcher +wurde schon von vielen alten Autoren angenommen und von =Linné= scharf +formuliert in seinem grundlegenden »~Systema naturae~« (1735); +die beiden großen Reiche der organischen Natur unterscheiden sich +nach ihm dadurch, daß die Tiere Empfindung und Bewußtsein haben, +die Pflanzen nicht. Später hat besonders =Schopenhauer= diesen +Unterschied scharf betont: »Das Bewußtsein ist uns schlechthin nur +als Eigenschaft =animaler= Wesen bekannt. Auch nachdem es sich durch +die ganze Tierreihe, bis zum Menschen und seiner Vernunft, gesteigert +hat, bleibt die Bewußtlosigkeit der Pflanze, von der es ausging, noch +immer die Grundlage. Die untersten Tiere haben bloß eine Dämmerung +desselben.« Die Unhaltbarkeit dieser Ansicht wurde schon um die Mitte +des neunzehnten Jahrhunderts klar, als man das Seelenleben der niederen +Tierstämme, besonders der Schwämme und Nesseltiere, näher kennen +lernte: echte Tiere, die ebenso wenig Spuren von klarem Bewußtsein +besitzen, wie die meisten Pflanzen. Noch mehr wurde der Unterschied +zwischen beiden Reichen verwischt, als man die einzelligen Lebensformen +derselben genauer untersuchte. Die =Urtiere= und die =Urpflanzen= +zeigen keine psychologischen Unterschiede, auch nicht in Beziehung auf +ihr fragliches Bewußtsein. + +~IV~. _Biologische Theorie des Bewußtseins:_ =es ist allen Organismen +gemeinsam=, es findet sich bei allen Tieren und Pflanzen, während es +den anorganischen Naturkörpern (Krystallen usw.) fehlt. Diese Annahme +wird gewöhnlich mit der Ansicht verknüpft, daß alle Organismen (im +Gegensatze zu den Anorganen) beseelt sind; die drei Begriffe: Leben, +Seele und Bewußtsein, fließen dann gewöhnlich zusammen. Eine andere +Modifikation dieser Anschauung ist, daß diese drei Grunderscheinungen +des organischen Lebens zwar unzertrennbar verknüpft sind, daß aber das +Bewußtsein nur ein =Teil= der psychischen Tätigkeit ist, wie diese +selbst ein =Teil= der Lebenstätigkeit. Daß die Pflanzen in demselben +Sinne wie die Tiere eine »Seele« besitzen, hat namentlich =Fechner= +sich zu zeigen bemüht, und manche schreiben der Pflanzenseele ein +Bewußtsein von ähnlicher Art zu wie der Tierseele. In der Tat sind +ja bei sehr empfindlichen »=Sinnpflanzen=« (~Mimosa~, ~Drosera~, +~Dionaea~) die auffallenden Reizbewegungen der Blätter, bei manchen +anderen (Klee und Sauerklee, besonders aber ~Hedysarum~) die +autonomen Bewegungen, bei »schlafenden Pflanzen« (auch vorzugsweise +~Papilionaceen~) die Schlafbewegungen usw. auffallend ähnlich +denjenigen vieler niederen Tiere; wer den letzteren Bewußtsein +zuschreibt, darf es ganz gewiß auch den ersteren nicht absprechen. + +~V~. _Zellulare Theorie des Bewußtseins:_ =es ist eine +Lebenseigenschaft jeder Zelle.= Die Anwendung der Zellentheorie auf +alle Zweige der Biologie verlangt auch ihre Verknüpfung mit der +Psychologie. Mit demselben Rechte, mit dem man in der Anatomie und +Physiologie die lebendige Zelle als den »Elementarorganismus« +behandelt und das ganze Verständnis des höheren, vielzelligen +Tier- und Pflanzenkörpers daraus ableitet, mit demselben Rechte kann +man auch die »=Zellseele=« als das psychologische Element betrachten +und die zusammengesetzte Seelentätigkeit der höheren Organismen als +das Resultat aus dem vereinigten Seelenleben der Zellen, die sie +zusammensetzen. Ich habe die Grundzüge dieser =Zellular-Psychologie= +schon 1866 in meiner »Generellen Morphologie« entworfen und sie später +weiter ausgeführt in meinem Aufsatz über »Zellseelen und Seelenzellen«. +Zum tieferen Eindringen in diese »Elementarpsychologie« wurde ich +durch meine langjährige Beschäftigung mit den einzelligen Lebensformen +geführt. Viele von diesen kleinen (meist mikroskopischen) Protisten +zeigen ähnliche Äußerungen von Empfindung und Willen, ähnliche +Instinkte und Bewegungen wie höhere Tiere; besonders gilt das von den +sehr empfindlichen und lebhaft beweglichen Infusorien. Sowohl in dem +Verhalten dieser reizbaren Zellinge gegenüber der Außenwelt, wie in +vielen anderen Lebensäußerungen derselben, z. B. in dem wunderbaren +Gehäusebau der Rhizopoden, (Thalamophoren und Radiolarien) könnte man +deutliche Spuren bewußter Seelentätigkeit zu erkennen glauben. Wenn man +nun die biologische Theorie des Bewußtseins akzeptiert (Nr. ~IV~), +und wenn man jede psychische Funktion mit einem Bewußtseinsanteil +ausstattet, dann wird man auch jeder selbständigen Protistenzelle +Bewußtsein zuschreiben müssen. Die materielle Grundlage desselben wäre +dann entweder das ganze =Plasma= der Zelle, oder deren Kern, oder +ein Teil desselben. Definitiv widerlegen läßt sich diese Annahme, +die ich früher vertrat, nicht. Ich muß aber jetzt =Max Verworn= +zustimmen, welcher in seinen ausgezeichneten »Psychophysiologischen +Protistenstudien« annimmt, daß wohl sämtlichen Protisten ein +entwickeltes »Ichbewußtsein« fehlt, und daß ihre Empfindungen und +Bewegungen durchweg den Charakter des »=Unbewußten=« tragen. + +~VI~. _Atomistische Theorie des Bewußtseins:_ =es ist eine +Elementareigenschaft aller Atome.= Unter allen verschiedenen +Anschauungen über die Verbreitung des Bewußtseins geht diese +aromatische Hypothese am weitesten. Sie ist wohl hauptsächlich der +Schwierigkeit entsprungen, welche manche Philosophen und Biologen bei +der Frage nach der ersten Entstehung des =Bewußtseins= empfinden. +Diese Erscheinung trägt ja einen so eigenartigen Charakter, daß +ihre Ableitung aus anderen psychischen Funktionen höchst bedenklich +erscheint; man glaubte daher dieses Hindernis am leichtesten +dadurch zu überwinden, daß man sie als eine Elementareigenschaft +aller Materie annahm, gleich der Massenanziehung oder der +chemischen Wahlverwandtschaft. Es würde danach so viele Formen des +Elementarbewußtseins geben, als es chemische Elemente gibt; jedes +Atom Wasserstoff würde sein hydrogenes Bewußtsein haben, jedes Atom +Kohlenstoff sein karbonisches Bewußtsein usw. + +Ich halte diese Hypothese für unbegründet und beharre in der +Überzeugung, daß das Bewußtsein an einen hohen Grad von Differenzierung +und Zentralisation des Nervensystems gebunden ist, wie beim Menschen +und einem Teile der höheren Wirbeltiere. + +_Monistische und dualistische Theorie des Bewußtseins._ Soweit +auch die verschiedenen Ansichten über die Natur und die Entstehung +des Bewußtseins auseinander gehen, so lassen sich doch alle +schließlich -- bei klarer und konsequenter logischer Behandlung +-- auf zwei entgegengesetzte Grundanschauungen zurückführen, auf +die =transzendente= (übernatürliche, =dualistische=) und die +=physiologische= (natürliche, =monistische=). Ich selbst habe von jeher +diese letztere Auffassung, und zwar auf Grund der =Entwickelungslehre=, +vertreten, und sie wird gegenwärtig von einer großen Anzahl +hervorragender Naturforscher geteilt. + +_Transzendenz des Bewußtseins._ In dem berühmten Vortrag ȟber +die Grenzen des Naturerkennens«, welchen =E. Du Bois-Reymond= +am 14. August 1872 auf der Naturforscherversammlung in Leipzig +hielt, stellte derselbe zwei verschiedene »=unbedingte Grenzen=« +unseres Naturerkennens auf, welche der menschliche Geist auch bei +vorgeschrittenster Naturerkenntnis niemals überschreiten werde -- +=niemals=, wie das oft zitierte Schlußwort des Vortrags emphatisch +betont: »~Ignorabimus~!« Das eine absolut unlösbare »Welträtsel« +ist der »Zusammenhang von Materie und Kraft« und das eigentliche +Wesen dieser fundamentalen Naturerscheinungen; wir werden dieses +»=Substanzproblem=« im zwölften Kapitel eingehend behandeln. Das +zweite unübersteigliche Hindernis der Philosophie soll das Problem +des =Bewußtseins= bilden, die Frage: wie unsere Geistestätigkeit aus +materiellen Bedingungen, bezüglich Bewegungen zu erklären ist, wie die +(der Materie und Kraft zugrunde liegende) »Substanz unter bestimmten +Bedingungen empfindet, begehrt und denkt«. + +Wenn man diese vielbesprochene »Ignorabimusrede« unbefangen auf +ihren Kern untersucht, so muß man darin das entschiedene Programm +des =methaphysischen Dualismus= finden; die Welt ist »=doppelt= +unbegreiflich«: einmal die materielle Welt, in welcher »Materie +und Kraft« ihr Wesen treiben, und gegenüber, ganz getrennt, die +immaterielle Welt des »Geistes«, in welcher »Denken und Bewußtsein +nicht aus materiellen Bedingungen erklärbar sind«, wie bei der +ersteren. Es war ganz naturgemäß, daß der herrschende Dualismus und +Mystizismus diese Anerkennung der zwei verschiedenen Welten mit +Begierde ergriff, um damit die Doppelnatur des Menschen und die +Unsterblichkeit der Seele zu beweisen. Der Jubel der Spiritualisten +darüber war um so heller und berechtigter, als =E. Du Bois-Reymond= +bis dahin als ein bedeutender prinzipieller Vertreter des +wissenschaftlichen Materialismus gegolten hatte; und das war und blieb +er auch (trotz seiner »schönen Reden«!), ebenso wie alle anderen +sachkundigen, klaren und =konsequent denkenden= Naturforscher der +Gegenwart. + +Allerdings hat der Verfasser der Ignorabimusrede am Schlusse derselben +kurz auf die Frage hingewiesen, ob nicht jene beiden gegenüberstehenden +»Welträtsel«, das allgemeine Substanzproblem und das besondere +Bewußtseinsproblem, zusammenfallen. Er sagt: »Freilich ist diese +Vorstellung die einfachste und der vorzuziehen, wonach die Welt doppelt +unbegreiflich erscheint. Aber es liegt in der Natur der Dinge, daß wir +auch in diesem Punkte nicht zur Klarheit kommen, und alles weitere +Reden darüber bleibt müßig.« -- Dieser letzteren Ansicht bin ich von +Anfang an entschieden entgegengetreten und habe mich zu zeigen bemüht, +daß jene beiden großen Fragen nicht zwei verschiedene Welträtsel sind. +»=Das neurologische Problem des Bewußtseins ist nur ein besonderer Fall +von dem allumfassenden kosmologischen Problem, der Substanzfrage.=« +(Monismus, 1892, S. 23.) + +_Physiologie des Bewußtseins._ Die eigenartige Naturerscheinung +des Bewußtseins ist nicht, wie =Du Bois-Reymond= und mit ihm die +dualistische Philosophie behauptet, ein völlig und »durchaus +transzendentes Problem«; sondern sie ist, wie ich schon seit 1866 +behauptet habe, ein =physiologisches Problem=, und als solches auf +die Erscheinungen im Gebiete der Physik und Chemie zurückzuführen. +Ich habe es später noch bestimmter als ein =neurologisches Problem= +bezeichnet, auf der Annahme fußend, daß ein dem menschlichen analoges +Bewußtsein nur bei den höheren Tieren mit stark zentralisiertem +Nervensystem zu suchen ist. Mit voller Sicherheit läßt sich das für +die höheren Wirbeltiere behaupten, und vor allem für die plazentalen +Säugetiere, aus deren Stamm das Menschengeschlecht selbst entsprossen +ist. Das Bewußtsein der höchstentwickelten Affen, Hunde, Elephanten +usw. ist von demjenigen des Menschen nur dem Grade, nicht der Art nach +verschieden, und die graduellen Unterschiede im Bewußtsein dieser +»vernünftigsten« Zottentiere und der niedersten Menschenrassen (Weddas, +Australneger usw.) sind geringer als die entsprechenden Unterschiede +zwischen diesen letzteren und den höchst entwickelten Vernunftmenschen +(=Spinoza=, =Goethe=, =Lamarck=, =Darwin= usw.). Das Bewußtsein ist +mithin nur =ein Teil der höheren Seelentätigkeit=, und als solche +abhängig von der normalen Struktur des betreffenden Seelenorgans, des +=Gehirns=. + +Physiologische Beobachtung und Experiment haben seit zwanzig Jahren +den sicheren Beweis geführt, daß derjenige engere Bezirk des +Säugetiergehirns, den man in diesem Sinne als =Organ= des Bewußtseins +bezeichnet, ein Teil des =Großhirns= ist, und zwar der spät +entstandene »graue Mantel« oder die »Großhirnrinde«. Aber auch die +=morphologische= Begründung dieser physiologischen Erkenntnis ist den +bewunderungswürdigen Fortschritten der =mikroskopischen Gehirnanatomie= +gelungen, welche wir den vervollkommneten Forschungsmethoden der +neuesten Zeit verdanken. + +Wohl die wichtigste von diesen Erkenntnissen ist die Entdeckung +der =Denkorgane= durch =Paul Flechsig= in Leipzig; er wies 1894 +nach, daß in der grauen Rindenzone des Hirnmantels vier Gebiete +der zentralen Sinnesorgane oder vier »innere Empfindungssphären« +liegen, die Körperfühlsphäre im Scheitellappen, die Riechsphäre im +Stirnlappen, die Sehsphäre im Hinterhauptslappen, die Hörsphäre im +Schläfenlappen. Zwischen diesen vier »=Sinnesherden=« liegen die vier +großen »=Denkherde=« oder Assozionszentren, die realen =Organe des +Geisteslebens=; sie sind jene höchsten Werkzeuge der Seelentätigkeit, +welche das =Denken= und das =Bewußtsein= vermitteln: vorn das Stirnhirn +oder das frontale Assozionszentrum, hinten oben das Scheitelhirn +oder parietale Assozionszentrum, hinten unten das Prinzipalhirn oder +das »große occipito-temporale Assozionszentrum« (das wichtigste von +allen!) und endlich tief unten, im Innern versteckt, das Inselhirn +oder »die Reilsche Insel«, das insulare Assozionszentrum. Diese vier +Denkherde, durch eigentümliche und höchst verwickelte Nervenstruktur +vor den zwischenliegenden Sinnesherden ausgezeichnet, sind die wahren +»=Denkorgane=«, die einzigen Organe unseres Bewußtseins. In neuester +Zeit hat =Flechsig= nachgewiesen, daß in einem Teile derselben sich +beim Menschen noch ganz besonders verwickelte Strukturen finden, welche +den übrigen Säugetieren fehlen, und welche die Überlegenheit des +menschlichen Bewußtseins erklären. + +_Pathologie des Bewußtseins._ Die bedeutungsvolle Erkenntnis der +modernen Physiologie, daß das Großhirn beim Menschen und den höheren +Säugetieren das Organ des Geisteslebens und des Bewußtseins ist, wird +einleuchtend bestätigt durch die Pathologie, durch die Kenntnis seiner +=Erkrankungen=. Wenn die betreffenden Teile der Großhirnrinde durch +Krankheit zerstört werden, erlischt ihre Funktion, und zwar läßt sich +hier die =Lokalisation= der Gehirnfunktionen sogar partiell nachweisen; +wenn einzelne Stellen jenes Gebietes erkranken, verschwindet auch der +Teil des Denkens und des Bewußtseins, welcher an die betreffende Stelle +gebunden ist. Dasselbe Ergebnis liefert das pathologische Experiment; +Zerstörung einer solchen bekannten Stelle (z. B. im Sprachzentrum) +vernichtet deren Funktion (die Sprache). Übrigens genügt ja der +Hinweis auf die bekanntesten alltäglichen Erscheinungen im Gebiete des +Bewußtseins, um die völlige Abhängigkeit desselben von den =chemischen= +Veränderungen der Gehirnsubstanz zu beweisen. Viele Genußmittel +(Kaffee, Tee) regen unser Denkvermögen an; andere (Wein, Bier) stimmen +unser Gemüt heiter; Moschus und Kampher als »~Excitantia~« beleben +das erlöschende Bewußtsein; Äther und Chloroform betäuben dasselbe +usw. Wie wäre das alles möglich, wenn das Bewußtsein ein immaterielles +Wesen, unabhängig von jenen anatomisch nachgewiesenen Organen wäre? Und +worin besteht das Bewußtsein der »unsterblichen Seele«, wenn sie nicht +mehr jene Organe besitzt. + +Alle diese und andere bekannte Tatsachen beweisen, daß das Bewußtsein +beim Menschen (genau ebenso wie bei den nächstverwandten Säugetieren) +=veränderlich= ist, und daß seine Tätigkeit jederzeit abgeändert werden +kann durch innere Ursachen (Stoffwechsel, Blutkreislauf) und äußere +Ursachen (Verletzung des Gehirns, Reizung usw.). Sehr lehrreich sind +auch die merkwürdigen Zustände des alternierenden oder =doppelten +Bewußtseins=; derselbe Mensch zeigt an verschiedenen Tagen, unter +veränderten Umständen, ein ganz verschiedenes Bewußtsein; er weiß heute +nicht mehr, was er gestern getan hat, gestern konnte er sagen: Ich bin +ich; -- heute muß er sagen: Ich bin ein anderer. Solche Intermissionen +des Bewußtseins können nicht bloß Tage, sondern Monate und Jahre +dauern; sie können selbst bleibend werden. + +_Ontogenie des Bewußtseins._ Wie jedermann weiß, ist das neugeborene +Kind noch ganz ohne Bewußtsein, und wie =Preyer= gezeigt hat, +entwickelt sich dasselbe erst spät, nachdem das kleine Kind zu sprechen +angefangen hat; es spricht von sich lange Zeit in der dritten Person. +Erst in dem bedeutungsvollen Momente, in welchem es zum ersten Male +»Ich« sagt, in welchem das »=Ichgefühl=« klar wird, beginnt sein +Selbstbewußtsein zu keimen und damit auch der Gegensatz zur Außenwelt. +Die schnellen und tiefgreifenden Fortschritte der Erkenntnis, welche +das Kind durch den Unterricht der Eltern und der Schule in den ersten +zehn Lebensjahren macht, und später langsamer im zweiten Dezennium +bis zur vollendeten geistigen Reife, sind eng verknüpft mit unzähligen +Fortschritten im Wachstum und in der Entwickelung des =Bewußtseins= +und mit derjenigen seines Organs, des =Gehirns=. Aber auch, wenn der +Schüler das »Zeugnis der Reife« erlangt hat, ist in Wahrheit sein +Bewußtsein noch lange nicht reif, und jetzt beginnt erst recht, in +vielseitiger Berührung mit der Außenwelt, das »=Weltbewußtsein=« +sich zu entwickeln. Jetzt erst reift im dritten Dezennium jene volle +Ausbildung des vernünftigen Denkens und damit des Bewußtseins, welche +dann bei normaler Entwickelung in den folgenden drei Jahrzehnten ihre +reifen Früchte trägt. Gewöhnlich mit Beginn des siebenten Dezennium +(bald früher, bald später) beginnt dann jene langsame und allmähliche +Rückbildung der höheren Geistestätigkeit, welche das Greisenalter +charakterisiert. Gedächtnis, Rezeptionsfähigkeit und Interesse an +speziellen Objekten nehmen mehr und mehr ab; dagegen bleibt die +Produktionsfähigkeit, das gereifte Bewußtsein und das philosophische +Interesse an allgemeinen Beziehungen oft noch lange erhalten. Die +individuelle Entwickelung des Bewußtseins in früher Jugend beweist +die allgemeine Geltung des =Biogenetischen Grundgesetzes=; aber auch +in späteren Jahren ist dieselbe noch vielfach erkennbar. Jedenfalls +überzeugt uns die Ontogenese des Bewußtseins aufs klarste von der +Tatsache, daß dasselbe kein »immaterielles Wesen«, sondern eine +physiologische Funktion des Gehirns ist, und daß es also auch keine +Ausnahme vom Substanzgesetze bildet. + +_Phylogenie des Bewußtseins._ Die Tatsache, daß das Bewußtsein, gleich +allen anderen Seelentätigkeiten, an die normale Ausbildung bestimmter +Organe gebunden ist, und daß es sich beim Kinde, in Zusammenhang mit +diesen Gehirnorganen, allmählich entwickelt, läßt schon von vornherein +schließen, daß es auch innerhalb der Tierreihe sich stufenweise +historisch entwickelt hat. So sicher wir aber auch eine solche +natürliche =Stammesgeschichte des Bewußtseins= im Prinzip behaupten +müssen, so wenig sind wir doch leider imstande, tiefer in dieselbe +einzudringen und spezielle Hypothesen darüber aufzustellen. Indessen +liefert uns die Paläontologie doch einige interessante Anhaltspunkte, +die nicht ohne Bedeutung sind. Auffallend ist z. B. die bedeutende, +quantitative und qualitative Entwickelung des Gehirns der plazentalen +Säugetiere innerhalb der =Tertiärzeit=. An vielen fossilen Schädeln +derselben ist die innere Schädelhöhle genau bekannt und liefert uns +sichere Aufschlüsse über die Größe und teilweise auch über den Bau des +davon umschlossenen Gehirns. Da zeigt sich denn innerhalb einer und +derselben Legion (z. B. der Huftiere, der Raubtiere, der Herrentiere) +ein gewaltiger Fortschritt von den älteren eozänen und oligozänen zu +den jüngeren miozänen und pliozänen Vertretern desselben Stammes; bei +den letzteren ist das Gehirn (im Verhältnis zur Körpergröße) 6-8 mal so +groß als bei den ersteren. + +Auch jene höchste Entwickelungsstufe des Bewußtseins, welche nur der +=Kulturmensch= erreicht, hat sich erst allmählich und stufenweise -- +eben durch den Fortschritt der Kultur selbst -- aus niederen Zuständen +entwickelt, wie wir sie noch heute bei primitiven Naturvölkern +antreffen. Das zeigt uns schon die Vergleichung ihrer =Sprachen=, +welche mit derjenigen der =Begriffe= eng verknüpft ist. Je höher sich +beim denkenden Kulturmenschen die Begriffsbildung entwickelt, je +mehr er fähig wird, aus zahlreichen verschiedenen Einzelheiten die +gemeinsamen Merkmale zusammenzufassen und unter allgemeine Begriffe zu +bringen, desto klarer und tiefer wird damit sein Bewußtsein. + + + + +=Elftes Kapitel.= + +_Unsterblichkeit der Seele._ + + Monistische Studien über Fanatismus und Athanismus. Kosmische und + persönliche Unsterblichkeit. Seelen-Substanz. + + +Indem wir uns von der genetischen Betrachtung der Seele zu der großen +Frage ihrer »Unsterblichkeit« wenden, betreten wir jenes höchste Gebiet +des Aberglaubens, welches gewissermaßen die unzerstörbare Zitadelle +aller mystischen und dualistischen Vorstellungskreise bildet. Denn +bei dieser Kardinalfrage knüpft sich an die rein philosophischen +Vorstellungen mehr als bei jedem anderen Problem das egoistische +Interesse der menschlichen Person, welche um jeden Preis ihre +individuelle Fortdauer über den Tod hinaus garantiert haben will. +Dieses »höhere Gemütsbedürfnis« ist so mächtig, daß es alle logischen +Schlüsse der kritischen Vernunft über den Haufen wirft. Bewußt oder +unbewußt werden bei den meisten Menschen alle übrigen allgemeinen +Ansichten, also auch die ganze Weltanschauung, von dem Dogma der +persönlichen Unsterblichkeit beeinflußt, und an diesen theoretischen +Irrtum knüpfen sich praktische Folgerungen von weitestreichender +Wirkung. Es wird daher unsere Aufgabe sein, alle Seiten dieses +wichtigen Dogmas kritisch zu prüfen und seine Unhaltbarkeit gegenüber +den empirischen Erkenntnissen der modernen Biologie nachzuweisen. + +_Athanismus und Thanatismus._ Um einen kurzen und bequemen Ausdruck +für die beiden entgegengesetzten Grundanschauungen über die +Unsterblichkeitsfrage zu haben, bezeichnen wir den Glauben an die +»persönliche Unsterblichkeit des Menschen« als =Athanismus=. Dagegen +nennen wir =Thanatismus= die Überzeugung, daß mit dem Tode des +Menschen nicht nur alle übrigen physiologischen Lebenstätigkeiten +erlöschen, sondern auch die »=Seele=« verschwindet, d. h. jene Summe +von Gehirnfunktionen, welche der psychische Dualismus als ein eigenes +»Wesen«, unabhängig von den übrigen Lebensäußerungen des lebendigen +Körpers, betrachtet. + +Indem wir hier das physiologische Problem des =Todes= berühren, +betonen wir nochmals den =individuellen= Charakter dieser organischen +Naturerscheinung. Wir verstehen unter Tod ausschließlich das definitive +Aufhören der Lebenstätigkeit des organischen =Individuums=, gleichviel +welcher Kategorie oder welcher Stufenfolge der Individualität das +betreffende Einzelwesen angehört. Der Mensch ist tot, wenn seine Person +stirbt, gleichviel, ob er gar keine Nachkommenschaft hinterlassen +hat, oder ob er Kinder erzeugt hat, deren Nachkommen sich durch viele +Generationen fruchtbar fortpflanzen. Man sagt ja in gewissem Sinne, +daß der »Geist« großer Männer (z. B. in einer Dynastie hervorragender +Herrscher, in einer Familie talentvoller Künstler) durch Generationen +fortlebt; und ebenso sagt man, daß die »Seele« ausgezeichneter Frauen +oft in den Kindern und Kindeskindern sich forterhält. Allein in diesen +Fällen handelt es sich stets um verwickelte Vorgänge der =Vererbung=, +bei welchen eine abgelöste mikroskopische Zelle (die Spermazelle des +Vaters, die Eizelle der Mutter) gewisse Eigenschaften der Substanz +auf die Nachkommen überträgt. Die einzelnen =Personen=, welche jene +Geschlechtszellen zu Tausenden produzieren, bleiben trotzdem sterblich, +und mit ihrem Tode erlischt ihre individuelle Seelentätigkeit ebenso +wie jede andere physiologische Funktion. + +_Kosmische und persönliche Unsterblichkeit._ Wenn man den Begriff der +Unsterblichkeit ganz allgemein auffaßt und auf die Gesamtheit der +erkennbaren Natur ausdehnt, so gewinnt er wissenschaftliche Bedeutung; +er erscheint dann der monistischen Philosophie nicht nur annehmbar, +sondern selbstverständlich. Denn die These von der Unzerstörbarkeit +und ewigen Dauer alles Seienden fällt dann zusammen mit unserem +höchsten Naturgesetze, dem =Substanzgesetz= (12. Kapitel). Wir werden +diese kosmische Unsterblichkeit später, bei Begründung der Lehre von +der Erhaltung der Kraft und des Stoffes, ausführlich erörtern; jetzt +wenden wir uns sogleich zur Kritik jenes »Unsterblichkeitsglaubens«, +der gewöhnlich allein unter diesem Begriffe verstanden wird, der +Immortalität der =persönlichen Seele=. Wir untersuchen zunächst +die Verbreitung und Entstehung dieser mystischen und dualistischen +Vorstellung und betonen dabei besonders die weite Verbreitung ihres +Gegenteils, des =monistischen=, empirisch begründeten =Thanatismus=. +Ich unterscheide hier als zwei wesentlich verschiedene Erscheinungen +desselben den =primären= und den =sekundären= Thanatismus; bei ersterem +ist der Mangel des Unsterblichkeitsdogmas ein ursprünglicher (bei +primitiven Naturvölkern); der sekundäre Thanatismus dagegen ist das +späte Erzeugnis vernunftgemäßer Naturerkenntnis bei hoch entwickelten +Kulturvölkern. + +_Primärer Thanatismus (Ursprünglicher Mangel der +Unsterblichkeitsidee)._ In vielen philosophischen und besonders +theologischen Schriften lesen wir noch heute die Behauptung, daß der +Glaube an die persönliche Unsterblichkeit der menschlichen Seele allen +Menschen ursprünglich gemeinsam sei. Das ist falsch. Dieses Dogma ist +weder eine ursprüngliche Vorstellung der menschlichen Vernunft, noch +hat es jemals allgemeine Verbreitung gehabt. In dieser Beziehung ist +vor allem wichtig die sichere, erst neuerdings durch die vergleichende +Ethnologie festgestellte Tatsache, daß mehrere Naturvölker der ältesten +und primitivsten Stufe ebensowenig von einer Unsterblichkeit als von +einem Gotte irgend eine Vorstellung haben. Das gilt namentlich von den +Weddas auf Ceylon, jenen primitiven Pygmäen, die wir auf Grund der +ausgezeichneten Forschungen der Herren =Sarasin= für einen Überrest der +ältesten indischen »Urmenschen« halten; ferner von mehreren ältesten +Stämmen der nächstverwandten Dravidas, von den indischen Seelongs +und einigen Stämmen der Australneger. Ebenso kennen mehrere der +primitivsten Urvölker der amerikanischen Rasse, im inneren Brasilien, +am oberen Amazonenstrom usw., weder Götter noch Unsterblichkeit. + +_Sekundärer Thanatismus (Erworbener Mangel der Unsterblichkeitsidee)._ +Im Gegensatze zu dem primären Thanatismus, der sicher bei den ältesten +Urmenschen ursprünglich bestand und noch heute besteht, ist der +sekundäre Mangel des Unsterblichkeitsglaubens erst spät entstanden; er +ist erst die reife Frucht eingehenden Nachdenkens über »Leben und Tod«, +also ein Produkt echter und unabhängiger philosophischer Reflexion. +Als solcher tritt er uns schon im sechsten Jahrhundert v. Chr. bei +einem Teile der ionischen Naturphilosophen entgegen, später bei den +Gründern der alten materialistischen Philosophie, bei =Demokritos= und +=Empedokles=, aber auch bei =Simonides= und =Epikur=, bei =Seneca= +und =Plinius=, am meisten durchgebildet bei =Lucretius Carus=. Als +dann nach dem Untergange des klassischen Altertums das Christentum +sich ausbreitete, gewann mit ihm der Athanismus, als einer seiner +wichtigsten Glaubensartikel, die höchste Bedeutung. + +Während der langen Geistesnacht des christlichen Mittelalters +wagte begreiflicherweise nur selten ein kühner Freidenker, seine +abweichende Überzeugung zu äußern; die Beispiele von =Galilei=, von +=Giordano Bruno= und anderen unabhängigen Philosophen, welche von den +»Nachfolgern Christi« der Tortur und dem Scheiterhaufen überliefert +wurden, schreckten genügend jedes freie Bekenntnis ab. Dieses wurde +erst wieder möglich, nachdem die Reformation und die Renaissance +die Allmacht des Papismus gebrochen hatten. Die Geschichte der +neueren Philosophie zeigt die mannigfaltigen Wege, auf denen die +gereifte menschliche Vernunft dem Aberglauben der Unsterblichkeit +zu entrinnen versuchte. Immerhin verlieh ihm die enge Verknüpfung +mit dem christlichen Dogma auch in den freieren protestantischen +Kreisen solche Macht, daß selbst die meisten überzeugten Freidenker +ihre Meinung still für sich behielten. Nur selten wagten einzelne +hervorragende Männer, ihre Überzeugung von der Unmöglichkeit der +Seelenfortdauer nach dem Tode frei zu bekennen. Besonders geschah dies +in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts in Frankreich von +=Voltaire=, =Danton=, =Mirabeau= u. a., ferner von den Hauptvertretern +des damaligen Materialismus, =Holbach=, =Lamettrie= u. a. Dieselbe +Überzeugung vertrat auch der geistreiche Freund der letzteren, der +größte der Hohenzollernfürsten, der »Philosoph von Sanssouci«. +Was würde =Friedrich der Große=, dieser =gekrönte Thanatist und +Atheist=, sagen, wenn er heute seine monistischen Überzeugungen mit +den mittelalterlich-dualistischen Kundgebungen seiner Nachfolger +vergleichen könnte! + +Unter den =denkenden Ärzten= ist die Überzeugung, daß mit dem Tode +des Menschen auch die Existenz seiner Seele aufhöre, wohl seit +Jahrhunderten sehr verbreitet gewesen; aber auch sie hüteten sich +meistens wohl, dieselbe auszusprechen. Auch blieb immerhin noch im +18. Jahrhundert die empirische Kenntnis des Gehirns so unvollkommen, +daß die »Seele« als ein rätselhafter Bewohner desselben ihre freie +Existenz fortfristen konnte. Endgültig beseitigt wurde sie erst +durch die Fortschritte der Biologie in der zweiten Hälfte des +19. Jahrhunderts. Die Begründung der Deszendenztheorie und der +Zellentheorie, die überraschenden Entdeckungen der Ontogenie und +der Experimentalphysiologie, vor allem aber die bewundernswürdigen +Fortschritte der mikroskopischen Gehirnanatomie entzogen dem Athanismus +allmählich jeden Boden, so daß jetzt nur selten ein sachkundiger und +ehrlicher Biologe noch für die Unsterblichkeit der Seele eintritt. Die +monistischen Philosophen des 19. Jahrhunderts (=Strauß=, =Feuerbach=, +=Büchner=, =Rau=, =Spencer= usw.) sind sämtlich =Thanatisten=. + +_Athanismus und Religion._ Die weiteste Verbreitung und die höchste +Bedeutung hat das Dogma der persönlichen Unsterblichkeit erst durch +seine innige Verbindung mit den Glaubenslehren des =Christentums= +gefunden; und diese hat auch zu der irrtümlichen, heute noch sehr +verbreiteten Ansicht geführt, daß jenes Dogma überhaupt einen +wesentlichen Grundbestandteil jeder geläuterten =Religion= bilde. Das +ist durchaus nicht der Fall! Der Glaube an die Unsterblichkeit der +Seele fehlt vollständig den meisten höher entwickelten orientalischen +Religionen; er fehlt dem =Buddhismus=, der noch heute über 30 Prozent +der gesamten menschlichen Bevölkerung der Erde beherrscht; er fehlt +ebenso der alten Volksreligion der Chinesen wie der reformierten, +später an deren Stelle getretenen Religion des =Confucius=; und, +was das Wichtigste ist, er fehlt der älteren und reineren jüdischen +Religion; weder in den fünf Büchern =Moses=' noch in jenen älteren +Schriften des Alten Testamentes, welche vor dem babylonischen Exil +geschrieben wurden, ist die Lehre von der individuellen Fortdauer nach +dem Tode zu finden. + +_Entstehung des Unsterblichkeitsglaubens._ Die mystische Vorstellung, +daß die Seele des Menschen nach seinem Tode fortdauere und unsterblich +weiterlebe, fehlte dem ältesten, schon mit Sprache begabten +=Urmenschen= gewiß ebenso wie seinen Vorfahren und wie seinen modernen, +wenig entwickelten Nachkommen, den Weddas von Ceylon, den Seelongs +von Indien und anderen primitiven Naturvölkern. Erst bei zunehmender +Vernunft, bei eingehenderem Nachdenken über Leben und Tod, über Schlaf +und Traum, entwickelten sich bei verschiedenen älteren Menschenrassen +-- unabhängig voneinander -- mystische Vorstellungen über die +dualistische Zusammensetzung unseres Organismus. Sehr verschiedene +Motive werden bei diesem Vorgange zusammengewirkt haben: Ahnenkultus, +Verwandtenliebe, Lebenslust und Wunsch der Lebensverlängerung, Hoffnung +auf bessere Lebensverhältnisse im Jenseits, Hoffnung auf Belohnung +der guten und Bestrafung der schlechten Taten usw. Die vergleichende +Physiologie hat uns neuerdings eine große Anzahl von sehr verschiedenen +derartigen Glaubensdichtungen kennen gelehrt; großenteils hängen +sie eng zusammen mit den ältesten Formen des Gottesglaubens und +der Religion überhaupt. In den meisten modernen Religionen ist der +=Athanismus= eng verknüpft mit dem =Theismus=. Die Vorstellung, welche +sich die meisten Gläubigen von ihrer »persönlichen unsterblichen Seele« +bilden, ist ebenso materialistisch, wie das individuelle Bild von ihrem +»persönlichen lieben Gott«. + +_Christlicher Unsterblichkeitsglaube._ Wie allgemein bekannt, hat +das Dogma von der Unsterblichkeit der Seele in der christlichen +Religion schon lange diejenige feste Form angenommen, welche sich in +dem Glaubensartikel ausspricht: »Ich glaube an die Auferstehung des +Fleisches und ein ewiges Leben.« Wie am Osterfest Christus selbst +von den Toten auferstanden ist und nun in Ewigkeit als »Gottes +Sohn, sitzend zur rechten Hand Gottes«, gedacht wird, versinnlichen +uns unzählige Bilder und Legenden. In gleicher Weise wird auch der +Mensch »am jüngsten Tage auferstehen« und seinen Lohn für die Führung +seines einstigen Erdenlebens empfangen. Dieser ganze christliche +Vorstellungskreis ist durch und durch =materialistisch= und +anthropistisch; er erhebt sich nicht viel über die entsprechenden rohen +Vorstellungen vieler niederer Naturvölker. Daß die »Auferstehung des +Fleisches« unmöglich ist, weiß eigentlich jeder, der einige Kenntnisse +in Anatomie und Physiologie besitzt. Die materielle Auferstehung +Christi, welche von Millionen gläubiger Christen an jedem Osterfeste +gefeiert wird, ist ebenso ein reiner Mythus wie die »Auferweckung von +den Toten«, welche er mehrfach ausgeführt haben soll. Für die reine +Vernunft sind diese mystischen Glaubensartikel ebenso unannehmbar wie +die damit verknüpfte Hypothese eines »ewigen Lebens«. + +_Metaphysischer Unsterblichkeitsglaube._ Gegenüber dem +materialistischen Athanismus, welcher in der christlichen und +mohammedanischen Kirche herrschend ist, vertritt scheinbar eine reinere +und höhere Glaubensform der =metaphysische Athanismus=, wie ihn die +meisten dualistischen und spiritualistischen Philosophen lehren. Als +der bedeutendste Begründer desselben ist Plato zu betrachten; er lehrte +schon im vierten Jahrhundert vor Chr. jenen vollkommenen Dualismus +zwischen Leib und Seele, welcher dann in der christlichen Glaubenslehre +zu einem der theoretisch wichtigsten und praktisch wirkungsvollsten +Artikel wurde. Der Leib ist sterblich, materiell (physisch); die Seele +ist unsterblich, immateriell (metaphysisch). Beide sind nur während des +individuellen Lebens vorübergehend verbunden. Da =Plato= ein ewiges +Leben der selbständigen Seele sowohl vor als nach dieser zeitweiligen +Verbindung annimmt, ist er auch Anhänger der »=Seelenwanderung=«; die +Seelen existierten als solche, als »ewige Ideen«, schon bevor sie in +den menschlichen Körper eintraten. Nachdem sie denselben verlassen, +suchen sie sich als Wohnort einen anderen Körper aus, der ihrer +Beschaffenheit am meisten angemessen ist; die Seelen von grausamen +Tyrannen schlüpfen in den Körper von Wölfen und Geiern, diejenigen von +tugendhaften Arbeitern in den Leib von Bienen und Ameisen usw. Die +kindlichen und naiven Anschauungen dieser platonischen Seelenlehre +liegen auf der Hand; bei weiterem Eindringen erscheinen sie völlig +unvereinbar mit unseren festgegründeten physiologischen Erkenntnissen. +Wir erwähnen sie hier nur, weil sie trotz ihrer Absurdität den größten +kulturhistorischen Einfluß erlangten. Denn einerseits knüpfte an die +platonische Seelenlehre die Mystik der Neuplatoniker an, welche in das +Christentum Eingang gewann; andererseits wurde sie später zu einem +Hauptpfeiler der spiritualistischen und idealistischen Philosophie. +Die platonische »=Idee=« verwandelte sich später in den Begriff der +=Seelensubstanz=, die allerdings ebenso unfaßbar und metaphysisch ist, +aber doch oft einen physikalischen Anschein gewann. + +_Seelensubstanz._ Die Auffassung der Seele als »=Substanz=« ist bei +vielen Psychologen sehr unklar; bald wird dieselbe in abstraktem +und idealistischem Sinne als ein »immaterielles Wesen« von ganz +eigentümlicher Art betrachtet, bald in konkretem und realistischem +Sinne, bald als ein unklares Mittelding zwischen beiden. Halten wir an +dem monistischen Substanzbegriffe fest, wie wir ihn (im 12. Kapitel) +als einfachste Grundlage unserer gesamten Weltanschauung entwickeln, +so ist in demselben =Energie= und =Materie= untrennbar verbunden. +Dann müssen wir an der »Seelensubstanz« die eigentliche, uns allein +bekannte =psychische Energie= unterscheiden (Empfinden, Vorstellen, +Wollen) und die =psychische Materie=, durch welche allein dieselbe zur +Wirkung gelangen kann, also das lebendige =Plasma=. Bei den höheren +Tieren bildet dann der »Seelenstoff« einen Teil des Nervensystems, bei +den niederen, nervenlosen Tieren und den Pflanzen einen Teil ihres +vielzelligen Plasmakörpers, bei den einzelligen Protisten einen Teil +ihres plasmatischen Zellenkörpers. Somit kommen wir wieder auf die +=Seelenorgane= und gelangen zu der naturgemäßen Erkenntnis, daß diese +materiellen Organe für die Seelentätigkeit unentbehrlich sind; die +Seele selbst aber ist =aktuell=, ist die Summe ihrer physiologischen +Funktionen. + +Anders gestaltet sich der Begriff der spezifischen Seelensubstanz +bei vielen dualistischen Philosophen und Theologen. Die unsterbliche +»Seele« soll dann zwar materiell sein, aber doch unsichtbar und +ganz verschieden von dem sichtbaren Körper, in welchem sie wohnt. +Die =Unsichtbarkeit= der Seele wird dabei als ein sehr wesentliches +Attribut derselben betrachtet. Einige vergleichen dabei die Seele +mit dem Äther und betrachten sie gleich diesem als einen äußerst +feinen und leichten, höchst beweglichen Stoff oder ein imponderables +Agens, welches überall zwischen den wägbaren Teilchen des lebendigen +Organismus schwebt. Andere hingegen vergleichen die Seele mit dem +wehenden Winde und schreiben ihr also einen gasförmigen Zustand zu; +und dieser Vergleich ist ja auch derjenige, welcher zuerst bei den +Naturvölkern zu der später so allgemein gewordenen dualistischen +Auffassung führte. Wenn der Mensch starb, blieb der Körper als Leiche +zurück; die unsterbliche Seele aber »entfloh aus ihm mit dem letzten +Atemzuge«. + +_Ätherseele._ Die Vergleichung der menschlichen Seele mit dem +physikalischen Äther als qualitativ ähnlichem Gebilde hat in +neuerer Zeit eine konkretere Gestalt gewonnen durch die großartigen +Fortschritte der Optik und der Elektrizität (besonders in den letzten +Dezennien). Diese haben uns mit der Energie des Äthers bekannt gemacht +und damit zugleich gewisse Schlüsse auf die materielle Natur dieses +raumerfüllenden Wesens gestattet. Da ich diese wichtigen Verhältnisse +später (im 12. Kapitel) besprechen werde, will ich nur kurz darauf +hinweisen, daß dadurch die Annahme einer =Ätherseele= vollkommen +unhaltbar geworden ist. Eine solche »=ätherische Seele=«, d. h. eine +Seelensubstanz, welche dem physikalischen Äther ähnlich ist und +gleich ihm zwischen den wägbaren Teilchen des lebendigen Plasma oder +den Gehirnmolekeln schwebt, kann unmöglich individuelles Seelenleben +hervorbringen. Weder die mystischen Anschauungen, welche darüber um +die Mitte unseres Jahrhunderts lebhaft diskutiert wurden, noch die +Versuche des modernen =Neovitalismus=, die mystische »Lebenskraft« mit +dem physikalischen Äther in Beziehung zu setzen, sind heute mehr der +Widerlegung bedürftig. + +_Luftseele._ Viel allgemeiner verbreitet und auch heute noch in +hohem Ansehen steht jene Anschauung, welche der Seelensubstanz eine +=gasförmige= Beschaffenheit zuschreibt. Uralt ist die Vergleichung +des menschlichen Atemzuges mit dem wehenden Windhauche; beide wurden +ursprünglich für identisch gehalten und mit demselben Namen belegt. +=Anemos= und =Psyche= der Griechen, =Anima= und =Spiritus= der +Römer sind ursprünglich Bezeichnungen für den Lufthauch des Windes; +sie wurden von diesem auf den Atemhauch des Menschen übertragen. +Später wurde dann dieser »lebendige Odem« mit der »Lebenskraft« +identifiziert und zuletzt als das Wesen der Seele selbst angesehen +oder in engerem Sinne als deren höchste Äußerung, der »Geist«. Davon +leitete dann weiterhin wieder die Phantasie die mystische Vorstellung +der individuellen Geister ab, der »=Gespenster=« (»~Spirits~«); +auch diese werden ja heute noch meistens als »luftförmige Wesen« -- +aber begabt mit den physiologischen Funktionen des Organismus! -- +vorgestellt; in manchen berühmten Spiritistenkreisen werden dieselben +freilich trotzdem photographiert! + +_Flüssige und feste Seele._ Der Experimentalphysik ist es in den +letzten Dezennien des 19. Jahrhunderts gelungen, alle gasförmigen +Körper in den tropfbar-flüssigen -- und die meisten auch in den +festen -- Aggregatzustand überzuführen. Es bedarf dazu weiter nichts +als geeigneter Apparate, welche unter sehr hohem Druck und bei sehr +niedriger Temperatur die Gase sehr stark komprimieren. Nicht allein die +luftförmigen Elemente, Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff, sondern +auch zusammengesetzte Gase (Kohlensäure) und Gasgemenge (atmosphärische +Luft) sind so aus dem luftförmigen in den flüssigen Zustand versetzt +worden. Dadurch sind aber jene =unsichtbaren= Körper für jedermann +=sichtbar= und in gewissem Sinne »handgreiflich« geworden. Mit dieser +Änderung der Dichtigkeit ist der mystische Nimbus verschwunden, welcher +früher das Wesen der Gase in der gemeinen Anschauung verschleierte, +als unsichtbare Körper, die doch sichtbare Wirkungen ausüben. Wenn nun +die Seelensubstanz wirklich, wie viele »Gebildete« noch heute glauben, +gasförmig wäre, so müßte man auch imstande sein, sie durch Anwendung +von hohem Druck und sehr niederer Temperatur in den flüssigen Zustand +überzuführen. Man könnte dann die Seele, welche im Momente des Todes +»ausgehaucht« wird, auffangen, unter sehr hohem Druck bei niederer +Temperatur kondensieren und in einer Glasflasche als »=unsterbliche +Flüssigkeit=« aufbewahren (~Fluidum animae immortale~). Durch weitere +Abkühlung und Kondensation müßte es dann auch gelingen, die flüssige +Seele in den festen Zustand überzuführen (»Seelenschnee«). Bis jetzt +ist das Experiment noch nicht gelungen. + +_Unsterblichkeit der Tierseele._ Wenn der Athanismus wahr wäre, +wenn wirklich die »Seele« des Menschen in alle Ewigkeit fortlebte, +so müßte man ganz dasselbe auch für die Seele der höheren Tiere +behaupten, mindestens für diejenige der ihm am nächsten stehenden +Säugetiere (Affen, Hunde usw.). Denn der Mensch zeichnet sich vor +diesen letzteren nicht durch eine besondere neue =Art= oder eine +eigentümliche, nur ihm zukommende Funktion der Psyche aus, sondern +lediglich durch einen höheren =Grad= der psychischen Tätigkeit, durch +eine vollkommenere Stufe ihrer Entwickelung. Besonders ist bei vielen +Menschen das =Bewußtsein= höher entwickelt als bei den meisten Tieren, +die Fähigkeit der Ideenassoziation, des Denkens und der Vernunft. +Indessen ist dieser Unterschied bei weitem nicht so groß, als man +gewöhnlich annimmt; und er ist in jeder Beziehung viel geringer als der +entsprechende Unterschied zwischen den höheren und niederen Tierseelen +oder selbst als der Unterschied zwischen den höchsten und tiefsten +Stufen der Menschenseele. Wenn man also der letzteren »persönliche +Unsterblichkeit« zuschreibt, so muß man sie auch den höheren Tieren +zugestehen. Diese Überzeugung von der individuellen Unsterblichkeit der +Tiere ist denn auch ganz naturgemäß bei vielen Völkern alter und neuer +Zeit zu finden. + +_Beweise für den Athanismus._ Die Gründe, welche man seit zweitausend +Jahren für die Unsterblichkeit der Seele anführt, und welche auch +heute noch dafür geltend gemacht werden, entspringen zum größten Teile +nicht dem Streben nach Erkenntnis der Wahrheit, sondern vielmehr dem +sogenannten »Bedürfnis des Gemütes«, d. h. dem Phantasieleben und der +Dichtung. Um mit =Kant= zu reden, ist die Unsterblichkeit der Seele +ein unbegründetes Dogma für die =reine= Vernunft, ein bloßes »Postulat +für die =praktische= Vernunft«. Diese letztere und die mit ihr +zusammenhängenden »Bedürfnisse des Gemütes, der moralischen Erziehung +usw.« müssen wir aber ganz aus dem Spiele lassen, wenn wir ehrlich und +unbefangen zur reinen Erkenntnis der =Wahrheit= gelangen wollen; denn +diese ist einzig und allein durch empirisch begründete und logisch +klare Schlüsse der reinen Vernunft möglich. Es gilt also hier vom +=Athanismus= dasselbe, wie vom =Theismus=; beide sind nur Gegenstände +der mystischen Dichtung, des transzendenten »Glaubens«, nicht der +vernünftig schließenden Wissenschaft. + +Wollten wir alle die einzelnen Gründe analysieren, welche für den +Unsterblichkeitsglauben geltend gemacht worden sind, so würde sich +ergeben, daß nicht ein einziger derselben wirklich =wissenschaftlich= +ist; kein einziger verträgt sich mit den klaren Erkenntnissen, welche +wir durch die physiologische Psychologie und die Entwickelungstheorie +in den letzten Dezennien gewonnen haben. Der =theologische= Beweis, +daß ein persönlicher Schöpfer dem Menschen eine unsterbliche Seele +eingehaucht habe, ist reiner Mythus. Der =kosmologische= Beweis, daß +die »sittliche Weltordnung« die ewige Fortdauer der menschlichen Seele +erfordere, ist unbegründetes Dogma. Der =teleologische= Beweis, daß +die »höhere Bestimmung« des Menschen eine volle Ausbildung seiner +mangelhaften irdischen Seele im Jenseits erfordere, beruht auf einem +falschen Anthropismus. Der =moralische= Beweis, daß die Mängel und die +unbefriedigten Wünsche des irdischen Daseins durch eine »ausgleichende +Gerechtigkeit« im Jenseits befriedigt werden müssen, ist ein frommer +Wunsch, weiter nichts. Der =ethnologische= Beweis, daß der Glaube an +die Unsterblichkeit ebenso wie an Gott eine angeborene, allen Menschen +gemeinsame Wahrheit sei, ist tatsächlicher Irrtum. Der =ontologische= +Beweis, daß die Seele als ein »einfaches, immaterielles und unteilbares +Wesen« unmöglich mit dem Tode verschwinden könne, beruht auf einer +ganz falschen Auffassung der psychischen Erscheinungen; sie ist ein +spiritualistischer Irrtum. Alle diese und andere ähnliche »Beweise +für den Athanismus« sind hinfällig geworden; sie sind durch die +wissenschaftliche Kritik jetzt =definitiv widerlegt=. + +_Beweise gegen den Athanismus._ Gegenüber den angeführten, sämtlich +unhaltbaren Gründen =für= die Unsterblichkeit der Seele ist es bei der +hohen Bedeutung dieser Frage wohl zweckmäßig, die wohlbegründeten, +wissenschaftlichen Beweise =gegen= dieselbe hier kurz zusammenzufassen. +Der =physiologische= Beweis lehrt uns, daß die menschliche Seele +ebenso wie die der höheren Tiere kein selbständiges, immaterielles +Wesen ist, sondern der Kollektivbegriff für eine Summe von +Gehirnfunktionen; diese sind ebenso wie alle anderen Lebenstätigkeiten +durch physikalische und chemische Prozesse bedingt, also auch dem +Substanzgesetz unterworfen. Der =histologische= Beweis gründet sich +auf den höchst verwickelten mikroskopischen Bau des Gehirns und lehrt +uns in den Ganglienzellen desselben die wahren »Elementarorgane +der Seele« kennen. Der =experimentelle= Beweis überzeugt uns, daß +die einzelnen Seelentätigkeiten an einzelne Bezirke des Gehirns +gebunden und ohne deren normale Beschaffenheit unmöglich sind; werden +diese Bezirke zerstört, so erlischt damit auch deren Funktion; +insbesondere gilt dies von den »Denkorganen«, den einzigen zentralen +Werkzeugen des »Geisteslebens«. Der =pathologische= Beweis ergänzt +den physiologischen; wenn bestimmte Gehirnbezirke (Sprachzentrum, +Sehsphäre, Hörsphäre) durch Krankheit zerstört werden, so verschwindet +auch deren Arbeit (Sprechen, Sehen, Hören); die Natur selbst führt hier +das entscheidende physiologische Experiment aus. Der =ontogenetische= +Beweis führt uns unmittelbar die Tatsachen der individuellen +Entwickelung der Seele vor Augen; wir sehen, wie die Kindesseele ihre +einzelnen Fähigkeiten nach und nach entwickelt; der Jüngling bildet +sich zur vollen Blüte, der Mann zur reifen Frucht aus; im Greisenalter +findet allmähliche Rückbildung der Seele statt, entsprechend der +senilen Degeneration des Gehirns. Der =phylogenetische= Beweis +stützt sich auf die Paläontologie, die vergleichende Anatomie und +Physiologie des Gehirns; in ihrer gegenseitigen Ergänzung begründen +diese Wissenschaften die Gewißheit, daß das Gehirn des Menschen (und +also auch dessen Funktion, die Seele) sich stufenweise und allmählich +aus demjenigen der Säugetiere und weiterhin der niederen Wirbeltiere +entwickelt hat. + +_Athanistische Illusionen._ Die vorhergehenden Untersuchungen, die +durch viele andere Ergebnisse der modernen Wissenschaft ergänzt werden +könnten, haben das alte Dogma von der »Unsterblichkeit der Seele« +als völlig unhaltbar nachgewiesen; dasselbe kann im 20. Jahrhundert +nicht mehr Gegenstand ernster wissenschaftlicher Forschung, sondern +nur noch des transzendenten =Glaubens= sein. Die »Kritik der reinen +Vernunft« weist aber nach, daß dieser hochgeschätzte Glaube, bei +Licht betrachtet, der reine =Aberglaube= ist, ebenso wie der oft +damit verknüpfte Glaube an den »persönlichen Gott«. Nun halten aber +noch heute Millionen von »Gläubigen« -- nicht nur aus den niederen, +ungebildeten Volksmassen, sondern aus den höheren und höchsten +Bildungskreisen -- diesen Aberglauben für ihr teuerstes Besitztum, +für ihren »kostbarsten Schatz«. Es wird daher nötig sein, in den +damit verknüpften Vorstellungskreis noch etwas tiefer einzugehen +und seinen wirklichen Wert einer kritischen Prüfung zu unterziehen. +Da ergibt sich denn für den objektiven Kritiker die Einsicht, daß +jener Wert zum größten Teile auf Einbildung beruht, auf Mangel an +klarem Urteil und an folgerichtigem Denken. Der definitive Verzicht +auf diese »=athanistischen Illusionen=« würde nach meiner festen und +ehrlichen Überzeugung für die Menschheit nicht nur keinen schmerzlichen +=Verlust=, sondern einen unschätzbaren positiven Gewinn bedeuten. + +Das menschliche »=Gemütsbedürfnis=« hält den Unsterblichkeitsglauben +besonders aus zwei Gründen fest, erstens in der Hoffnung auf ein +besseres zukünftiges Leben im Jenseits, und zweitens in der Hoffnung +auf Wiedersehen der teuren Lieben und Freunde, welche uns der Tod +hier entrissen hat. Die erste Hoffnung entspricht einem natürlichen +Vergeltungsgefühl, das zwar subjektiv berechtigt, aber objektiv ohne +jeden Anhalt ist. Wir erheben Ansprüche auf Entschädigung für die +zahllosen Mängel und traurigen Erfahrungen dieses irdischen Daseins, +ohne irgend eine reale Aussicht oder Garantie dafür zu besitzen. Wir +verlangen eine unbegrenzte Dauer eines ewigen Lebens, in welchem +wir nur Lust und Freude, keine Unlust und keinen Schmerz erfahren +wollen. Die Vorstellungen der meisten Menschen über dieses »selige +Leben im Jenseits« sind höchst seltsam und um so sonderbarer, als +darin die »immaterielle Seele« sich an höchst materiellen Genüssen +erfreut. Die Phantasie jeder gläubigen Person gestaltet sich diese +fortdauernde Herrlichkeit entsprechend ihren persönlichen Wünschen. +Der amerikanische Indianer, dessen Athanismus =Schiller= in seiner +nadowessischen Totenklage so anschaulich schildert, hofft in seinem +Paradiese die herrlichsten Jagdgründe zu finden, mit unermeßlich vielen +Büffeln und Bären; der Eskimo erwartet dort sonnenbestrahlte Eisflächen +mit einer unerschöpflichen Fülle von Eisbären, Robben und anderen +Polartieren; der sanfte Singhalese gestaltet sich sein jenseitiges +Paradies entsprechend dem wunderbaren Inselparadiese Ceylon mit seinen +herrlichen Gärten und Wäldern; nur setzt er voraus, daß jederzeit +unbegrenzte Mengen von Reis und Curry, von Kokosnüssen und anderen +Früchten bereit stehen; der mohammedanische Araber ist überzeugt, daß +in seinem Paradiese blumenreiche, schattige Gärten sich ausdehnen, +durchrauscht von kühlen Quellen und bevölkert mit den schönsten +Mädchen; der katholische Fischer in Sizilien erwartet dort täglich +einen Überfluß der köstlichsten Fische und der feinsten Makkaroni, +und ewigen Ablaß für alle Sünden, die er auch im ewigen Leben noch +täglich zu begehen hofft; der evangelische Nordeuropäer hofft auf +einen unermeßlichen gothischen Dom, in welchem »ewige Lobgesänge auf +den Herrn der Heerscharen« ertönen. Kurz, jeder Gläubige erwartet +von seinem ewigen Leben in Wahrheit eine direkte Fortsetzung seines +individuellen Erdendaseins, nur in einer bedeutend »vermehrten und +verbesserten Auflage«. + +Besonders muß hier noch die durchaus =materialistische= Grundanschauung +des =christlichen Athanismus= betont werden, die mit dem absurden +Dogma von der »Auferstehung des Fleisches« eng zusammenhängt. Wie uns +Tausende von Ölgemälden berühmter Meister versinnlichen, gehen die +»auferstandenen Leiber« mit ihren »wiedergeborenen Seelen« droben +im Himmel gerade so spazieren, wie hier im Jammerthal der Erde; sie +schauen Gott mit ihren Augen, sie hören seine Stimme mit ihren Ohren, +sie singen Lieder zu seinen Ehren mit ihrem Kehlkopf usw. Kurz, die +modernen Bewohner des christlichen Paradieses sind ebenso Doppelwesen +von Leib und Seele, ebenso mit allen Organen des irdischen Leibes +ausgestattet, wie unsere Altvordern in Odins Saal zu Walhalla, +wie die »unsterblichen« Türken und Araber in Mohammeds lieblichen +Paradiesgärten, wie die altgriechischen Halbgötter und Helden an Zeus' +Tafel im Olymp, im Genusse von Nektar und Ambrosia. + +Mag man sich dieses »ewige Leben« im Paradiese aber noch so herrlich +ausmalen, so muß dasselbe auf die Dauer unendlich langweilig werden. +Und nun gar: »=Ewig=!« Ohne Unterbrechung, ohne Weiterentwickelung +diese ewige individuelle Existenz fortführen! Der tiefsinnige Mythus +vom »=Ewigen Juden=«, das vergebliche Ruhesuchen des unseligen +Ahasverus sollte uns über den Wert eines solchen »ewigen Lebens« +aufklären! Das beste, was wir uns nach einem tüchtigen, nach unserm +besten Gewissen gut angewandten Leben wünschen können, ist der ewige +Friede des Grabes: »=Herr, schenke ihnen die ewige Ruhe!=« + +Jeder vernünftige Gebildete, der die =geologische Zeitrechnung= kennt, +und der über die lange Reihe der Jahrmillionen in der organischen +Erdgeschichte nachgedacht hat, muß bei unbefangenem Urteil zugeben, daß +der banale Gedanke des »ewigen Lebens« auch für den besten Menschen +kein herrlicher =Trost,= sondern eine furchtbare =Drohung= ist. Nur +Mangel an klarem Urteil und folgerichtigem Denken kann dies bestreiten. + +Den besten und den am meisten berechtigten Grund für den Athanismus +gibt die Hoffnung, im »ewigen Leben« die teueren Angehörigen und +Freunde wieder zu sehen, von denen uns hier auf Erden ein grausames +Schicksal früh getrennt hat. Aber auch dieses vermeintliche Glück +erweist sich bei näherer Betrachtung als Illusion; und jedenfalls +würde es stark durch die Aussicht getrübt, dort auch allen den weniger +angenehmen Bekannten und den widerwärtigen Feinden zu begegnen, die +hier unser Dasein getrübt haben. + +Unlösbare Schwierigkeiten bereitet auch den gläubigen Athanisten die +Frage, in welchem =Stadium ihrer individuellen Entwickelung= die +abgeschiedene Seele ihr »ewiges Leben« fortführen soll? Sollen die +Neugeborenen erst im Himmel ihre Seele entwickeln, unter demselben +harten »Kampf ums Dasein«, der den Menschen hier auf der Erde erzieht? +Soll der talentvolle Jüngling, der dem Massenmorde des Krieges zum +Opfer fällt, erst in Walhalla seine reichen, ungenutzten Geistesgaben +entwickeln? Soll der altersschwache, kindisch gewordene Greis, der +als reifer Mann die Welt mit dem Ruhm seiner Taten erfüllte, ewig als +rückgebildeter Geist fortleben? Oder soll er sich gar in ein früheres +Blütestadium zurück entwickeln? Wenn aber die unsterblichen Seelen +im Olymp als =vollkommene= Wesen verjüngt fortleben sollen, dann ist +auch der Reiz und das Interesse der =Persönlichkeit= für sie ganz +verschwunden. + +Ebenso unhaltbar erscheint uns heute im Lichte der reinen Vernunft der +anthropistische Mythus vom »=jüngsten Gericht=«, von der Scheidung +aller Menschenseelen in zwei große Haufen, von denen der eine zu den +=ewigen= Freuden des Paradieses, der andere zu den =ewigen= Qualen der +Hölle bestimmt ist -- und das von einem persönlichen Gott, welcher +»der Vater der Liebe« ist! Hat doch dieser liebende Allvater selbst +die Bedingungen der Vererbung und Anpassung »geschaffen«, unter denen +sich einerseits die bevorzugten Glücklichen =notwendig= zu straflosen +Seligen, andererseits die unglücklichen Armen und Elenden ebenso +=notwendig= zu strafwürdigen Verdammten entwickeln mußten. + +Eine kritische Vergleichung der unzähligen bunten Phantasiegebilde, +welche der Unsterblichkeitsglaube der verschiedenen Völker und +Religionen seit Jahrtausenden erzeugt hat, gewährt das merkwürdigste +Bild; eine hochinteressante, auf ausgedehnte Quellenstudien +gegründete Darstellung derselben hat =Adalbert Svoboda= gegeben in +seinen ausgezeichneten Werken: »Seelenwahn« (1886) und »Gestalten +des Glaubens« (1897). Wie absurd uns auch die meisten dieser Mythen +erscheinen mögen, wie unvereinbar sie sämtlich mit der vorgeschrittenen +Naturerkenntnis der Gegenwart sind, so spielen sie dennoch auch heute +eine höchst wichtige Rolle und üben trotzdem als »Postulate der +praktischen Vernunft« den größten Einfluß auf die Lebensanschauungen +der Individuen und die Geschicke der Völker. + +Die idealistische und spiritualistische Philosophie der Gegenwart wird +nun freilich zugeben, daß diese herrschenden materialistischen Formen +des Unsterblichkeitsglaubens unhaltbar seien, und sie wird behaupten, +daß an ihre Stelle die geläuterte Vorstellung von einem immateriellen +Seelenwesen, von einer platonischen Idee oder einer transzendenten +Seelensubstanz treten müsse. Allein mit diesen unfaßbaren Vorstellungen +kann die realistische Naturanschauung der Gegenwart absolut nichts +anfangen; sie befriedigen weder das Kausalitätsbedürfnis unseres +Verstandes, noch die Wünsche unseres Gemütes. Fassen wir alles +zusammen, was vorgeschrittene Anthropologie, Psychologie und Kosmologie +der Gegenwart über den Athanismus ergründet haben, so müssen wir zu +dem bestimmten Schlusse kommen: »Der Glaube an die Unsterblichkeit +der menschlichen Seele ist ein Dogma, welches den sichersten +Erfahrungssätzen der modernen Naturwissenschaft völlig widerspricht.« + + + + +=Zwölftes Kapitel.= + +_Das Substanzgesetz._ + + Monistische Studien über das kosmologische Grundgesetz. Erhaltung der + Materie und der Energie. Einheit und Trinität der Substanz. + + +Als das oberste und allumfassende Naturgesetz betrachte ich das +=Substanzgesetz=, das wahre und einzige =kosmologische Grundgesetz=; +seine Entdeckung und Feststellung ist die größte Geistestat des 19. +Jahrhunderts, insofern alle anderen erkannten Naturgesetze sich +ihm unterordnen. Unter dem Begriffe »=Substanzgesetz=« fasse ich +zwei höchste allgemeine Gesetze verschiedenen Ursprungs und Alters +zusammen, das ältere =chemische= Gesetz von der »Erhaltung des Stoffes« +und das jüngere =physikalische= Gesetz von der »Erhaltung der Kraft«. +Daß diese beiden Grundgesetze der exakten Naturwissenschaft im Wesen +unzertrennlich sind, wird vielen Lesern wohl selbstverständlich +erscheinen und ist von den meisten Naturforschern der Gegenwart +anerkannt. Indessen wird diese fundamentale Überzeugung doch von +anderer Seite noch heute vielfach bestritten und muß jedenfalls erst +bewiesen werden. Wir müssen daher zunächst einen kurzen Blick auf beide +Gesetze gesondert werfen. + +_Gesetz von der Erhaltung des Stoffes_ (oder der »Konstanz der +Materie«, =Lavoisier=, 1789). =Die Summe des Stoffes, welcher den +Weltraum erfüllt, ist unveränderlich.= Wenn ein Körper zu verschwinden +scheint, wechselt er nur seine Form; wenn die Kohle verbrennt, +verwandelt sie sich durch Verbindung mit dem Sauerstoff der Luft +in gasförmige Kohlensäure; wenn ein Zuckerstück sich im Wasser +löst, geht seine feste Form in die tropfbar flüssige über. Ebenso +wechselt die Materie nur ihre Form, wenn ein neuer Naturkörper zu +entstehen scheint; wenn es regnet, wird der Wasserdampf der Luft in +Tropfenform niedergeschlagen; wenn das Eisen rostet, verbindet sich +die oberflächliche Schicht des Metalles mit Wasser und dem Sauerstoff +der Luft und bildet so Rost. Nirgends in der Natur sehen wir, daß +neue Materie entsteht oder »geschaffen« wird; nirgends finden wir, +daß vorhandene Materie verschwindet oder in Nichts zerfällt. Dieser +Erfahrungssatz gilt heute als erster und unerschütterlicher Grundsatz +der Chemie und kann jederzeit mittels der Wage unmittelbar bewiesen +werden. Es war aber das unsterbliche Verdienst des großen französischen +Chemikers =Lavoisier=, diesen Beweis durch die Wage zuerst geführt zu +haben. Heute sind alle Naturforscher, welche sich jahrelang mit dem +denkenden Studium der Naturerscheinungen beschäftigt haben, so fest +von der absoluten Konstanz der Materie überzeugt, daß sie sich das +Gegenteil gar nicht mehr vorstellen können. + +_Gesetz von der Erhaltung der Kraft_ (oder der »Konstanz der Energie«, +=Robert Mayer=, 1842.) =Die Summe der Kraft oder Energie, welche im +Weltraum alle Erscheinungen bewirkt, ist unveränderlich.= Wenn die +Lokomotive den Eisenbahnzug fortführt, verwandelt sich die Spannkraft +des erhitzten Wasserdampfes in die lebendige Kraft der mechanischen +Bewegung; wenn wir die Pfeife der Lokomotive hören, werden die +Schallschwingungen der bewegten Luft durch unser Trommelfell und die +Kette der Gehörknochen zum Labyrinth unseres inneren Ohres fortgeleitet +und von da durch den Hörnerv zu den akustischen Ganglienzellen, +welche die Hörsphäre im Schläfenlappen unserer Großhirnrinde bilden. +Die ganze wunderbare Gestaltenfülle, welche unseren Erdball belebt, +ist in letzter Instanz umgewandeltes Sonnenlicht. Allbekannt ist, wie +gegenwärtig die bewunderungswürdigen Fortschritte der Technik dazu +geführt haben, die verschiedenen Naturkräfte ineinander zu verwandeln: +Wärme wird in Massenbewegung, diese wieder in Licht oder Schall, +diese wiederum in Elektrizität übergeführt oder umgekehrt. Die genaue +=Messung= der Kraftmenge, welche bei dieser Verwandlung tätig ist, hat +ergeben, daß auch sie konstant bleibt. Der großen Entdeckung dieser +fundamentalen Tatsache hatte sich schon 1837 =Friedrich Mohr= in Bonn +sehr genähert; sie erfolgte 1842 durch den geistreichen schwäbischen +Arzt =Robert Mayer= in Heilbronn; unabhängig von ihm kam =Hermann +Helmholtz= auf die Erkenntnis desselben Prinzips; er wies fünf Jahre +später seine allgemeine Anwendbarkeit und Fruchtbarkeit auf allen +Gebieten der =Physik= nach. Wir würden heute sagen müssen, daß es +auch das gesamte Gebiet der =Physiologie= -- d. h. der »organischen +Physik!« -- beherrsche, wenn dagegen nicht entschiedener Widerspruch +von seiten der vitalistischen Biologen, sowie der dualistischen und +spiritualistischen Philosophen erhoben würde. Diese erblicken in den +eigentümlichen »Geisteskräften« des Menschen eine Gruppe von »freien«, +dem Energiegesetz nicht unterworfenen Krafterscheinungen; besonders +gestützt wird diese dualistische Auffassung durch das Dogma von der +Willensfreiheit. Wir haben schon bei deren Besprechung gesehen, daß +ihre Annahme unhaltbar ist. In neuester Zeit hat die Physik den Begriff +der »=Kraft=« und der »=Energie=« getrennt; für unsere vorliegende +allgemeine Betrachtung ist diese Unterscheidung gleichgültig. + +_Einheit des Substanzgesetzes._ Von größter Wichtigkeit für unsere +monistische Weltanschauung ist die feste Überzeugung, daß die beiden +großen kosmologischen Grundlehren, das chemische Grundgesetz von +der Erhaltung des Stoffes und das physikalische Grundgesetz von der +Erhaltung der Kraft, untrennbar zusammengehören; beide Theorien sind +ebenso innig verknüpft, wie ihre beiden Objekte, =Stoff= und =Kraft= +(oder Materie und Energie). Vielen monistisch denkenden Naturforschern +und Philosophen wird diese =fundamentale Einheit= beider Gesetze +selbstverständlich erscheinen, da ja beide nur zwei verschiedene Seiten +eines und demselben Objektes, des »=Kosmos=«, betreffen; indessen +ist diese naturgemäße Überzeugung weit entfernt, sich allgemeiner +Anerkennung zu erfreuen. Sie wird vielmehr energisch bekämpft von +der gesamten dualistischen Philosophie, von der vitalistischen +Biologie, der parallelistischen Psychologie; ja sogar von vielen +(inkonsequenten!) Monisten, welche im »Bewußtsein« oder in der höheren +Geistestätigkeit des Menschen, oder auch in anderen Erscheinungen des +»freien Geisteslebens« einen Gegenbeweis zu finden glauben. + +Ich betone daher ganz besonders die fundamentale Bedeutung des +=einheitlichen= Substanzgesetzes als Ausdruck des untrennbaren +Zusammenhanges jener beiden begrifflich getrennten Gesetze. Daß +dieselben ursprünglich nicht zusammengefaßt und nicht in dieser +Einheit erkannt wurden, ergibt sich ja schon aus der Tatsache ihrer +verschiedenen Entdeckungszeit. Die Einheit beider Grundgesetze, +welche noch heute vielfach bestritten wird, drücken viele überzeugte +Naturforscher in der Benennung aus: »Gesetz von der Erhaltung der +Kraft und des Stoffes«. Um einen kürzeren und bequemeren Ausdruck für +diesen fundamentalen, aus neun Worten zusammengesetzten Begriff zu +haben, habe ich schon vor längerer Zeit vorgeschlagen, dasselbe das +»=Substanzgesetz=« oder das »kosmologische Grundgesetz« zu nennen +(Monismus, 1892, S. 14, 39). + +_Substanzbegriff._ Der erste Denker, der den reinen =monistischen= +»Substanzbegriff« in die Wissenschaft einführte und seine fundamentale +Bedeutung erkannte, war der große Philosoph =Baruch Spinoza=; sein +Hauptwerk erschien kurz nach seinem frühzeitigen Tode, 1677. In seiner +großartigen pantheistischen Weltanschauung fällt der Begriff der Welt +(Universum, Kosmos) zusammen mit dem allumfassenden Begriff =Gott=; +sie ist gleichzeitig der reinste und vernünftigste =Monismus=, und der +geklärteste und abstrakteste =Monotheismus=. Diese =Universalsubstanz= +oder dieses göttliche Weltwesen zeigt uns zwei verschiedene Seiten +seines wahren Wesens, zwei fundamentale =Attribute=: die =Materie= +(den unendlichen =ausgedehnten= Substanzstoff) und den =Geist= (die +allumfassende =denkende= Substanzenergie). Alle Wandelungen, die später +der Substanzbegriff gemacht hat, kommen bei konsequenter Analyse auf +diesen höchsten Grundbegriff von =Spinoza= zurück, den ich mit =Goethe= +für einen der erhabensten und wahrsten Gedanken aller Zeiten halte. +Alle einzelnen Objekte der Welt, die unserer Erkenntnis zugänglich +sind, alle individuellen Formen des Daseins, sind nur besondere +vergängliche Formen der Substanz, =Akzidenzen= oder =Moden=. Diese +=Modi= sind körperliche Dinge, materielle Körper, wenn wir sie unter +dem Attribut der =Ausdehnung= (der »Raumerfüllung«) betrachten, dagegen +Kräfte oder Ideen, wenn wir sie unter dem Attribut des =Denkens= (der +»Energie«) betrachten. Auf diese Grundvorstellung von =Spinoza= kommt +auch unser =Monismus= jetzt zurück; auch für uns sind =Materie= (der +raumerfüllende Stoff) und =Energie= (die bewegende Kraft) nur zwei +untrennbare Attribute des einheitlichen Weltwesens, der einen Substanz. + +_Der kinetische Substanzbegriff._ (Urprinzip der Schwingung oder +Vibration.) Unter den verschiedenen Formen, welche der fundamentale +Substanzbegriff in der neueren Physik, in Verbindung mit der +herrschenden Atomistik, angenommen hat, überwog bisher die Annahme, +daß allen Erscheinungen eine schwingende Bewegung der kleinsten +Massenteilchen zugrunde liege, eine =Vibration der Atome=. Die Atome +selbst sind dem gewöhnlichen »kinetischen Substanzbegriff« zufolge +tote diskrete Körperteilchen, welche im leeren Raum schwingen und +in die Ferne wirken. Der eigentliche Begründer und angesehenste +Vertreter dieser kinetischen Substanztheorie ist der große Mathematiker +=Newton=, der berühmte Entdecker des =Gravitationsgesetzes=. In seinem +Hauptwerke »~Principia philosophiae naturalis mathematica~« (1687) +wies er nach, daß im ganzen Weltall ein und dasselbe Grundgesetz der +=Massenanziehung=, dieselbe unveränderliche Gravitationskonstante +herrscht; die Anziehung von je zwei Massenteilchen steht im geraden +Verhältnis ihrer Massen und im umgekehrten Verhältnis des Quadrats +ihrer Entfernungen. Diese allgemeine »=Schwerkraft=« bewirkt ebenso +die Bewegung des fallenden Apfels und die Flutwelle des Meeres, wie +den Umlauf der Planeten um die Sonne und die kosmischen Bewegungen +aller Weltkörper. Das unsterbliche Verdienst von =Newton= war, +dieses Gravitationsgesetz endgültig festzustellen und dafür eine +unanfechtbare mathematische Formel zu finden. Aber diese =tote +mathematische Formel=, auf welche die meisten Naturforscher hier, wie +in vielen anderen Fällen, das größte Gewicht legen, gibt uns nur die +=quantitative= Beweisführung für die Theorie, sie gewährt uns nicht +die mindeste Einsicht in das =qualitative= Wesen der Erscheinungen. +Die unvermittelte =Fernwirkung=, welche =Newton= aus seinem +Gravitationsgesetz ableitete und welche zu einem der wichtigsten und +gefährlichsten Dogmen der späteren Physik wurde, gibt uns nicht den +mindesten Aufschluß über die eigentlichen Ursachen der Massenanziehung; +vielmehr versperrt sie uns den Weg zu deren Erkenntnis. + +_Der trinitäre Substanzbegriff._ Die tiefer liegenden Ursachen der +Massenanziehung werden klar, und zugleich werden manche Einwände gegen +unsere monistische Substanztheorie hinfällig, wenn wir den beiden +Substanzattributen von Spinoza noch ein drittes, davon untrennbares +Attribut hinzufügen, die unbewußte =Empfindung= (~Psychoma~). Die +wahren »inneren Ursachen« der mechanischen Bewegungen, welche die +dualistische Metaphysik als immaterielle Kräfte, als Geisteskräfte +oder psychische Energieformen den materiellen Energieformen der +Physik gegenüberstellt, sind gleich den letzteren untrennbar +an die raumerfüllende Materie gebunden. Gewöhnlich wird ja von +der neueren monistischen Philosophie die Empfindung selbst als +eine Form der Energie aufgefaßt; das geschieht sowohl von deren +materialistischer Richtung (»Stoff und Kraft« von =Büchner=), +als von der spiritualistischen, ihr entgegengesetzten Richtung +(»Energetik« als Ȇberwindung des Materialismus« von =Ostwald=). Die +Einseitigkeit beider Richtungen wird vermieden, und zugleich werden +manche irreführende Mißverständnisse beseitigt, wenn wir den bisher +vorherrschenden Begriff der »Energie« in zwei gleichwertige Attribute +zerlegen, in »aktive Energie« -- =Mechanik= (»Wille« im Sinne von +Schopenhauer) und in »passive Energie« -- =Psychoma= (»unbewußte +Empfindung« im weitesten Sinne). Ich habe diese Theorie von der +»=Dreieinigkeit der Substanz=« (oder »Trinität des Kosmos«) im 19. +Kapitel meiner »=Lebenswunder=« näher erläutert. (Ergänzungsband zu +den »Welträtseln«, 1904; -- Volksausgabe 1906, S. 184-188.) Dabei habe +ich mich besonders auf die gleichgerichteten Ansichten von mehreren +unserer hervorragendsten modernen Naturphilosophen bezogen, =Carl +Naegeli= (1877), =Albrecht Rau= (1896) und =Ernst Mach= (1901). Die +drei fundamentalen Attribute der Substanz: ~A~. =Raumerfüllung= oder +»Ausdehnung«, Stoff, (= =Materie=), ~B~. =Bewegung= oder »Mechanik«, +Kraft (= =Energie=), und ~C~. =Empfindung= oder »Weltseele«, Geist (= +=Psychom=) sind demnach ganz allgemeine Grundeigenschaften aller Körper. + +_Gesetz von der Erhaltung der Empfindung._ Wenn diese »Trinitärtheorie« +der Substanz richtig ist, dann muß auch das große Konstanzgesetz, +die Lehre von der »=Erhaltung=« der unzerstörbaren Substanz, ebenso +auf die Empfindung, wie auf »Stoff und Kraft« Anwendung finden. Die +niedersten und einfachsten Psychomformen (Massenanziehung in der +Physik, Wahlverwandtschaft in der Chemie) sind dann nur stufenweise +verschieden von den niederen und höheren Formen des organischen +Seelenlebens, von der Sinnestätigkeit der niederen Organismen, von der +Geistestätigkeit des Menschen (»Denken«). Jede Psychomform kann in die +andere übergeführt werden. =Die Summe der Empfindung im unendlichen +Weltraum ist unveränderlich.= + +_Der dualistische Substanzbegriff._ Die beiden Substanztheorien, die +wir vorstehend einander gegenübergestellt haben, sind im Prinzip +=monistisch=; beide betrachten »Stoff und Kraft« als untrennbar, +die ganze Welt als =einheitliche= Substanz. Ganz anders verhält es +sich mit den =dualistischen= Substanztheorien, welche noch heute +in der idealistischen und spiritualistischen Philosophie herrschend +sind; diese werden auch von der einflußreichen Theologie gestützt, +soweit sich dieselbe überhaupt auf solche metaphysische Spekulationen +einläßt. Hiernach sind zwei ganz verschiedene Hauptbestandteile der +Substanz zu unterscheiden, =materielle= und =immaterielle=. Die +=materielle Substanz= bildet die »=Körperwelt=«, deren Erforschung +Objekt der Physik und Chemie ist; hier allein gilt das Gesetz von +der Erhaltung der Materie und Energie (soweit man nicht überhaupt +an deren »Erschaffung aus Nichts« und andere Wunder glaubt!). Die +=immaterielle Substanz= hingegen bildet die »=Geisterwelt=«, in welcher +jenes Gesetz nicht gilt; hier gelten die Gesetze der Physik und Chemie +entweder gar nicht, oder sie sind der »Lebenskraft« unterworfen, oder +dem »freien Willen«, oder der »göttlichen Allmacht«, oder anderen +solchen Gespenstern, von denen die kritische Wissenschaft nichts +weiß. Eigentlich bedürfen diese prinzipiellen Irrtümer heute keiner +Widerlegung mehr; denn die Erfahrung hat uns bis auf den heutigen Tag +keine einzige =immaterielle Substanz= kennen gelehrt, keine einzige +Kraft, welche nicht an den Stoff gebunden ist. + +_Masse oder Körperstoff_ (=Ponderable Materie=). Die Erkenntnis dieses +=wägbaren= Teiles der Materie ist in erster Linie Gegenstand der +=Chemie=. Allbekannt sind die erstaunlichen theoretischen Fortschritte, +welche diese Wissenschaft im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts +gemacht hat, und der ungeheuere Einfluß, welchen sie auf alle Seiten +des praktischen Kulturlebens gewonnen hat. Wir begnügen uns daher mit +wenigen Bemerkungen über die wichtigsten prinzipiellen Fragen von der +Natur der Masse. Der analytischen Chemie ist es bekanntlich gelungen, +alle die unzähligen verschiedenen Naturkörper durch Zerlegung auf +eine geringe Anzahl von Urstoffen oder =Elementen= zurückzuführen, +d. h. auf einfache Körper, welche nicht weiter zerlegt werden können. +Die Zahl dieser Elemente beträgt ungefähr achtzig. Nur der kleinere +Teil derselben (eigentlich nur vierzehn) ist allgemein auf der Erde +verbreitet und von hoher Bedeutung; die größere Hälfte besteht aus +seltenen und weniger wichtigen Elementen (meistens Metallen). Die +=gruppenweise Verwandtschaft= dieser Elemente und die merkwürdigen +Beziehungen ihrer Atomgewichte, welche =Lothar Meyer= und =Mendelejeff= +in ihrem »=Periodischen System der Elemente=« nachgewiesen haben, +machen es sehr wahrscheinlich, daß dieselben keine =absoluten Spezies +der Masse=, keine ewig unveränderlichen Größen sind. Man hat nach +jenem System die 80 Elemente auf acht Hauptgruppen verteilt und +innerhalb derselben nach der Größe ihrer Atomgewichte geordnet, so +daß die chemisch ähnlichen Elemente Familienreihen bilden. Die +gruppenweisen Beziehungen im natürlichen System der Elemente erinnern +einerseits an ähnliche Verhältnisse der mannigfach zusammengesetzten +Kohlenstoff-Verbindungen, andererseits an die Beziehungen paralleler +Gruppen, wie sie im natürlichen System der Tier- und Pflanzenarten sich +zeigen. Wie nun bei diesen die »Verwandtschaft« der ähnlichen Gestalten +auf Abstammung von gemeinsamen einfachen Stammformen beruht, so ist es +sehr wahrscheinlich, daß auch dasselbe für die Familien und Ordnungen +der Elemente gilt. Wir dürfen daher annehmen, daß die jetzigen +»empirischen Elemente« keine wirklich einfachen und unveränderlichen +»=Spezies der Masse=« sind, sondern ursprünglich zusammengesetzt aus +gleichartigen einfachen Uratomen in verschiedener Zahl und Lagerung. +Neuerdings soll es tatsächlich gelungen sein, ein Element in ein +anderes zu verwandeln, so z. B. Radium in Helium. Der alte Traum der +Alchymisten scheint dadurch teilweise in Erfüllung zu gehen. + +_Atome und Elemente._ Die moderne =Atomlehre=, wie sie heute der +Chemie als unentbehrliches Hilfsmittel erscheint, ist wohl zu +unterscheiden von dem alten philosophischen =Atomismus=, wie er schon +vor mehr als zweitausend Jahren von hervorragenden monistischen +Philosophen des Altertums gelehrt wurde, von =Leukippos=, =Demokritos= +und =Lukretius=; später fand derselbe eine weitere und mannigfach +verschiedene Ausbildung durch =Descartes=, =Hobbes=, =Leibniz= und +andere hervorragende Philosophen. Eine bestimmte annehmbare Fassung +und =empirische Begründung= fand aber der =moderne Atomismus= erst +1808 durch den englischen Chemiker =Dalton=, welcher das »Gesetz der +einfachen und multiplen Proportionen« bei der Bildung chemischer +Verbindungen aufstellte. Er bestimmte zuerst die =Atomgewichte der +einzelnen Elemente= und schuf damit die unerschütterliche =exakte +Basis=, auf welcher die neueren chemischen Theorien ruhen; diese sind +sämtlich =atomistisch=, insofern sie die Elemente aus gleichartigen, +kleinsten, diskreten Teilchen zusammengesetzt annehmen, die nicht +weiter zerlegt werden können. Jedoch haben die gewaltigen Fortschritte +der neueren Physik (besonders der Elektrik) dazu geführt, die Atome +wieder in viel kleinere (hypothetische!) Bestandteile theoretisch zu +zerlegen, die =Elektronen= (Ionentheorie). Dabei bleibt die Frage nach +dem eigentlichen =Wesen= der Atome, ihrer Gestalt, Größe, Beseelung +usw. ganz außer Spiele; denn diese Qualitäten sind hypothetisch; +empirisch dagegen ist der =Chemismus= der Atome oder ihre »chemische +Affinität«, d. h. die konstante Proportion, in der sie sich mit den +Atomen anderer Elemente verbinden (Monismus, 1892, S. 17, 41). + +_Wahlverwandtschaft der Elemente._ Das verschiedene Verhalten der +einzelnen Elemente gegeneinander, das die Chemie als »Affinität oder +Verwandtschaft« bezeichnet, ist eine der wichtigsten Eigenschaften +der Masse und äußert sich in den verschiedenen Mengenverhältnissen +oder Proportionen, in denen ihre Verbindung stattfindet, und in der +Intensität, mit der dieselbe erfolgt. Alle Grade der Zuneigung, von +der vollkommenen Gleichgültigkeit bis zur heftigsten Leidenschaft, +finden sich in dem chemischen Verhalten der verschiedenen Elemente +gegeneinander ebenso wieder, wie sie in der Psychologie des Menschen +und namentlich in der Zuneigung der beiden Geschlechter die größte +Rolle spielen. =Goethe= hat bekanntlich in seinem klassischen Roman +»=Die Wahlverwandtschaften=« die Verhältnisse der Liebespaare in eine +Reihe gestellt mit der gleichnamigen Erscheinung bei Bildung chemischer +Verbindungen. Die unwiderstehliche Leidenschaft, welche Eduard zu der +sympathischen Ottilie, Paris zu Helena hinzieht und alle Hindernisse +der Vernunft und Moral überwindet, ist dieselbe mächtige »unbewußte« +Attraktionskraft, welche bei der Befruchtung der Tier- und Pflanzeneier +den lebendigen Samenfaden zum Eindringen in die Eizelle (aber auch +zur Apfelsäure!) antreibt; dieselbe heftige Bewegung, durch welche +zwei Atome Wasserstoff und ein Atom Sauerstoff sich zur Bildung von +einem Molekül Wasser vereinigen. Diese prinzipielle =Einheit der +Wahlverwandtschaft in der ganzen Natur=, vom einfachsten chemischen +Prozeß bis zu dem verwickeltsten Liebesroman hinauf, hat schon der +griechische Naturphilosoph =Empedokles= im fünften Jahrhundert v. Chr. +erkannt, in seiner Lehre vom »=Lieben und Hassen der Elemente=«. Sie +findet ihre empirische Bestätigung durch die interessanten Fortschritte +der =Zellularpsychologie=, deren hohe Bedeutung wir erst im letzten +Drittel des 19. Jahrhunderts gewürdigt haben. Wir gründen darauf +unsere Überzeugung, daß auch schon den =Atomen= die einfachste Form +der Empfindung und des Willens innewohnt -- oder besser gesagt: der +=Fühlung= (~Aesthesis~) und der =Strebung= (~Tropesis~) --, also +eine universale »=Seele=« von primitivster Art, das »Elementarpsychom«. +Dasselbe gilt aber auch von den Molekülen oder Massenteilchen, welche +aus zwei oder mehreren Atomen sich zusammensetzen. Aus der weiteren +Verbindung verschiedener solcher Moleküle entstehen dann die einfachen +und weiterhin die zusammengesetzten chemischen Verbindungen, in deren +Aktion sich dasselbe Spiel in verwickelterer Form wiederholt. + +_Äther_ (=Imponderable Materie=). Die Erkenntnis dieses =unwägbaren= +Teiles der Materie ist in erster Linie Gegenstand der =Physik=. +Nachdem man schon lange die Existenz eines äußerst feinen, den +Raum außerhalb der Masse erfüllenden Mediums angenommen und diesen +Ȁther« zur Erklärung verschiedener Erscheinungen (vor allem des +=Lichtes=) verwendet hatte, ist uns die nähere Bekanntschaft mit +diesem wunderbaren Stoffe erst in der zweiten Hälfte des neunzehnten +Jahrhunderts gelungen, und zwar im Zusammenhang mit den erstaunlichen +empirischen Entdeckungen auf dem Gebiete der =Elektrizität=, mit ihrer +experimentellen Erkenntnis, ihrem theoretischen Verständnis und ihrer +praktischen Verwertung. Vor allem sind hier bahnbrechend geworden die +berühmten Untersuchungen von =Heinrich Hertz= in Bonn (1888); der +frühzeitige Tod dieses genialen jungen Physikers, der das Größte zu +erreichen versprach, ist nicht genug zu beklagen; er gehört ebenso wie +der allzu frühe Tod von =Spinoza=, von =Raffael=, von =Schubert= und +vielen anderen genialen Jünglingen zu jenen =brutalen Tatsachen= der +menschlichen Geschichte, welche für sich allein schon den unhaltbaren +Mythus von einer »weisen Vorsehung« und von einem »alliebenden Vater im +Himmel« gründlich widerlegen. + +_Die Existenz des Äthers_ oder »Weltäthers«, als realer »Materie«, kann +seit 1888 als =Tatsache= angesehen werden. Man kann allerdings auch +heute noch vielfach lesen, daß der Äther eine »bloße Hypothese« sei; +diese irrtümliche Behauptung wird nicht nur von unkundigen Philosophen +und populären Schriftstellern wiederholt, sondern auch von einzelnen +»vorsichtigen exakten Physikern«. Mit demselben Rechte müßte man aber +auch die Existenz der ponderablen Materie, der Masse, leugnen. Freilich +gibt es heute noch Metaphysiker, die auch dieses Kunststück zustande +bringen, und deren höchste Weisheit darin besteht, die Realität der +Außenwelt zu leugnen oder doch zu bezweifeln; nach ihnen existiert +eigentlich nur ein einziges reales Wesen, nämlich ihre eigene teure +Person, oder vielmehr deren unsterbliche Seele. + +_Wesen des Äthers._ Wenn nun auch heute von fast allen Physikern die +reale Existenz des Äthers als eine positive Tatsache betrachtet wird, +und wenn uns auch viele Wirkungen dieser wunderbaren Materie durch +unzählige Erfahrungen, besonders optisch und elektrische Versuche, +genau bekannt sind, so ist es doch bisher nicht gelungen, Klarheit und +Sicherheit über ihr eigentliches =Wesen= zu gewinnen. Vielmehr gehen +auch heute noch die Ansichten der hervorragendsten Physiker, die sie +speziell studiert haben, sehr weit auseinander; ja sie widersprechen +sich sogar in den wichtigsten Punkten. Es steht daher jedem frei, sich +bei der Wahl zwischen den widersprechenden Hypothesen seine eigene +Meinung zu bilden, entsprechend dem Grade seiner Sachkenntnis und +Urteilskraft (die ja beide immer unvollkommen bleiben!). Die Meinung, +die ich persönlich (als bloßer =Dilettant= auf diesem Gebiete!) mir +durch reifliches Nachdenken gebildet habe, fasse ich in folgenden acht +Sätzen zusammen: + +~I~. Der Äther erfüllt als eine =kontinuierliche Materie= den ganzen +Weltraum, soweit dieser nicht von der Masse (oder der ponderablen +Materie) eingenommen ist; er füllt auch alle Zwischenräume zwischen +den Atomen der letzteren vollständig aus. ~II~. Der Äther besitzt +wahrscheinlich noch =keinen Chemismus= und ist noch nicht aus Atomen +zusammengesetzt wie die Masse; (wenn man annimmt, derselbe sei +aus äußerst kleinen, gleichartigen Atomen zusammengesetzt [z. B. +unteilbaren Ätherkugeln von gleicher Größen], so muß man weiterhin auch +annehmen, daß zwischen denselben noch etwas anderes existiert, entweder +der »leere Raum« oder ein drittes, ganz unbekanntes Medium, ein +völlig hypothetischer »=Interäther=«; bei der Frage nach dessen Wesen +würde sich dann dieselbe Schwierigkeit, wie beim Äther erheben [~in +infinitum!~].)' ~III~. Da die Annahme des leeren Raumes und der +unvermittelten Fernwirkung beim jetzigen Stande unseres Naturkennens +kaum mehr möglich ist (wenigstens zu keiner klaren Vorstellung führt), +so nehme ich eine eigentümliche =Struktur des Äthers= an, die nicht +atomistisch ist, wie diejenige der ponderablen Masse, und die man +vorläufig (ohne weitere Bestimmung) als =ätherische= oder =dynamische= +Struktur bezeichnen kann. ~IV~. Der =Aggregatzustand= des Äthers ist, +dieser Hypothese zufolge, ebenfalls eigentümlich und von demjenigen +der Masse verschieden; er ist weder gasförmig, noch fest; die beste +Vorstellung gewinnt man vielleicht durch den Vergleich mit einer +äußerst feinen elastischen und leichten Gallerte. ~V~. Der Äther ist +=imponderable Materie= in dem Sinne, daß wir kein Mittel besitzen, sein +Gewicht experimentell zu bestimmen; wenn er wirklich Gewicht besitzt, +was sehr wahrscheinlich ist, so ist dasselbe äußerst gering und für +unsere feinsten Wagen unwägbar. ~VI~. Der ätherische Aggregatzustand +kann wahrscheinlich unter bestimmten Bedingungen durch fortschreitende +Verdichtung in den gasförmigen Zustand der Masse übergehen, ebenso wie +dieser letztere durch Abkühlung in den flüssigen und weiterhin in den +festen übergeht. ~VII~. Diese =Aggregatzustände der Materie= ordnen +sich demnach (was für die monistische =Kosmogenie= sehr wichtig ist) in +eine genetische, kontinuierliche Reihe; wir unterscheiden fünf Stufen +derselben: 1. der ätherische, 2. der gasförmige, 3. der flüssige, 4. +der festflüssige (im lebenden Plasma), 5. der feste Zustand. ~VIII~. +Der Äther ist ebenso unendlich und unermeßlich wie der Raum selbst; er +befindet sich ewig in ununterbrochener Bewegung. + +_Äther und Masse._ »Die gewaltige Hauptfrage nach dem Wesen des +Äthers«, wie sie =Hertz= mit Recht nennt, schließt auch diejenige +seiner Beziehungen zur Masse ein; denn beide Hauptbestandteile +der Materie befinden sich nicht nur überall in innigster äußerer +Berührung, sondern auch in ewiger dynamischer =Wechselwirkung=. Man +kann die allgemeinsten Naturerscheinungen, welche die Physik als +Naturkräfte oder als »Funktionen der Materie« unterscheidet, in +zwei Gruppen teilen, von denen die eine =vorzugsweise= (aber nicht +ausschließlich) Funktion des =Äthers=, die andere ebenso Funktion +der Masse ist. Die Erscheinungen des Lichtes, der strahlenden Wärme, +der Elektrizität und des Magnetismus werden überwiegend durch den +imponderablen Äther vermittelt; dagegen die Erscheinungen der Schwere, +der Trägheit, der Wasserwärme und des Chemismus durch die ponderable +=Masse=. Diese Unterscheidung bedeutet aber keine absolute Trennung +der beiden entgegengesetzten Energiegruppen; vielmehr bleiben beide +trotzdem vereinigt, behalten ihren Zusammenhang und stehen überall in +beständiger Wechselwirkung. Wie bekannt, sind optische und elektrische +Vorgänge des Äthers eng verknüpft mit mechanischen und chemischen +Veränderungen der Masse; die strahlende Wärme des ersteren geht direkt +über in die Massenwärme oder mechanische Wärme der letzteren; die +Gravitation kann nicht wirken, ohne daß der Äther die Massenanziehung +der getrennten Atome vermittelt, da wir keine Fernwirkung annehmen +können. Die Verwandlung einer Energieform in die andere, wie sie das +Gesetz von der Erhaltung der Kraft nachweist, bestätigt zugleich die +beständige Wechselwirkung zwischen den beiden Hauptteilen der Substanz, +zwischen =Äther= und =Masse=. + +_Kraft und Energie._ Das große Grundgesetz der Natur, welches wir +als Substanzgesetz an die Spitze aller physikalischen Betrachtungen +stellen, wurde ursprünglich von =Robert Mayer=, der es aufstellte +(1842), und von =Helmholtz=, der es ausführte (1847), als das Gesetz +von der =Erhaltung der Kraft= bezeichnet. Schon zehn Jahre früher +hatte ein anderer deutscher Naturforscher, =Friedrich Mohr= in Bonn, +die wesentlichen Grundgedanken desselben klar entwickelt (1837). +Später wurde der alte Begriff der =Kraft= durch die moderne Physik von +demjenigen der =Energie= getrennt, der ursprünglich gleichbedeutend +war. Demnach wird jetzt dasselbe Gesetz gewöhnlich als das »Gesetz +von der =Konstanz der Energie=« bezeichnet. Für die allgemeine +Betrachtung desselben, mit der ich mich hier begnügen muß, und für das +große Prinzip von der »Erhaltung der Substanz« kommt dieser feinere +Unterschied nicht in Betracht. Der Leser, der sich dafür interessiert, +findet eine sehr klare Auseinandersetzung darüber z. B. in dem +ausgezeichneten Aufsatz des englischen Physikers =Tyndall= über »das +Grundgesetz der Natur« (Braunschweig 1898). Dort ist auch eingehend die +universale Bedeutung dieses kosmologischen Grundgesetzes erläutert, +sowie seine Anwendung auf die wichtigsten Probleme sehr verschiedener +Gebiete. Wir begnügen uns hier mit der wichtigen Tatsache, daß +gegenwärtig das »Energieprinzip« und die damit verknüpfte Überzeugung +von der Einheit der Naturkräfte, von ihrem gemeinsamen Ursprung, durch +alle kompetenten Physiker anerkannt und als der wichtigste Fortschritt +der Physik im 19. Jahrhundert gewürdigt wird. Wir wissen jetzt, daß +Wärme ebensogut eine Form der =Bewegung= ist, wie Schall, Elektrizität +ebenso wie Licht, Chemismus ebenso wie Magnetismus. Wir können durch +geeignete Vorrichtungen eine dieser Kräfte in die andere verwandeln, +und überzeugen uns dabei durch genaueste Messung, daß von ihrer +Gesamtsumme niemals das kleinste Teilchen verloren geht. + +_Spannkraft und Triebkraft_ (=potentielle und aktuelle Energie=). +Die Gesamtsumme der Kraft oder Energie im Weltall bleibt beständig, +gleichviel, welche Veränderungen uns erscheinen; sie ist ewig und +unendlich, wie die Materie, an die sie untrennbar gebunden ist. Das +ganze Spiel der Natur beruht auf dem Wechsel von scheinbarer Ruhe und +Bewegung; die ruhenden Körper besitzen aber ebenso eine unverlierbare +Größe von Kraft, wie die bewegten. Bei der Bewegung selbst verwandelt +sich die Spannkraft der ersteren in die Triebkraft der letzteren. +»Indem das Prinzip der Erhaltung der Kraft sowohl die Abstoßung als +die Anziehung in Betracht zieht, behauptet es, daß der mechanische +Wert der Spannkräfte und der lebendigen Kräfte in der materiellen Welt +eine konstante Quantität ist. Kurz gesagt, zerfällt der Kraftbesitz +des Universums in zwei Teile, die nach einem bestimmten Wertverhältnis +ineinander verwandelt werden können. Die Verminderung des einen bringt +die Vergrößerung des anderen mit sich; der Gesamtwert seines Besitzes +bleibt jedoch unverändert.« =Die Spannkraft= oder die =potentielle +Energie= und die =lebendige Kraft= oder die aktuelle Energie (= +Triebkraft) werden beständig ineinander umgewandelt, ohne daß die +unendliche Gesamtsumme der Kraft im unendlichen Weltall jemals den +geringsten Verlust erleidet. + +_Einheit der Naturkräfte._ Nachdem die moderne Physik das +Substanzgesetz zunächst für die einfacheren Beziehungen der +anorganischen Körper festgestellt hatte, wies die Physiologie dessen +allgemeine Geltung auch im Gesamtbereiche der organischen Natur +nach. Sie zeigte, daß alle Lebenstätigkeiten der Organismen ebenso +auf einem beständigen »=Kraftwechsel=« und einem damit verknüpften +»Stoffwechsel« beruhen wie die einfachsten Vorgänge in der sogenannten +»leblosen Natur«. Nicht nur das Wachstum und die Ernährung der +Pflanzen und Tiere, sondern auch die Funktionen ihrer Empfindung und +Bewegung, ihrer Sinnestätigkeit und ihres Seelenlebens beruhen auf der +Verwandlung von Spannkraft in lebendige Kraft und umgekehrt. Dieses +höchste Gesetz beherrscht auch diejenigen vollkommensten Leistungen +des Nervensystems, welche man bei den höheren Tieren und beim Menschen +als das »=Geistesleben=« bezeichnet. Somit gilt dasselbe auch für die +gesamte Psychologie. Wir kennen nur =einerlei Art= von Naturkräften in +allen Naturerscheinungen. + +_Allmacht des Substanzgesetzes._ Unsere feste monistische Überzeugung, +daß das kosmologische Grundgesetz allgemeine Geltung für die =gesamte +Natur= besitzt, nimmt die höchste Bedeutung in Anspruch. Denn dadurch +wird nicht nur =positiv= die prinzipielle Einheit des Kosmos und der +kausale Zusammenhang aller uns erkennbaren Erscheinungen bewiesen, +sondern es wird dadurch zugleich =negativ= der höchste intellektuelle +Fortschritt erzielt, der definitive Sturz der =drei Zentraldogmen +der Metaphysik=: »Gott, Freiheit und Unsterblichkeit«. Indem das +Substanzgesetz überall mechanische Ursachen in den Erscheinungen +nachweist, verknüpft es sich mit dem »=allgemeinen Kausalgesetz=«. + + + + +=Dreizehntes Kapitel.= + +_Entwickelungsgeschichte der Welt._ + + Monistische Studien über die ewige Entwickelung des Universum. + Schöpfung, Anfang und Ende der Welt. Entropie. + + +Unter allen Welträtseln das größte, umfassendste und schwerste ist +dasjenige von der Entstehung und Entwickelung der Welt, kurz gewöhnlich +die »=Schöpfungsfrage=« genannt. Auch zur Lösung dieses schwierigsten +Welträtsels hat das 19. Jahrhundert mehr beigetragen als alle früheren, +ja sie ist ihm sogar bis zu einem gewissen Grade gelungen. Wenigstens +sind wir zu der klaren Einsicht gelangt, daß alle verschiedenen +einzelnen Schöpfungsfragen untrennbar verknüpft sind, daß sie alle +nur ein einziges, allumfassendes »=kosmisches Universalproblem=« +bilden, und den Schlüssel zur Lösung dieser »Weltfrage« gibt uns +das eine Zauberwort: »=Entwickelung=«! Die großen Fragen von der +Schöpfung des Menschen, von der Schöpfung der Tiere und Pflanzen, von +der Schöpfung der Erde und der Sonne usw., sie alle sind nur Teile +jener Universalfrage: Wie ist die ganze Welt entstanden? Ist sie auf +übernatürlichem Wege »=erschaffen=«, oder hat sie sich auf natürlichem +Wege »=entwickelt=«? Welcher Art sind die Ursachen und die Wege dieser +Entwickelung? Gelingt es uns, eine sichere Antwort auf diese Fragen +für eines jener =Teil=-Probleme zu finden, so haben wir nach unserer +einheitlichen Naturauffassung damit zugleich ein erhellendes Licht auf +deren Beantwortung für das =ganze= Weltproblem geworfen. + +_Schöpfung (~Creatio~)._ Die herrschende Ansicht über die Entstehung +der Welt war in früheren Jahrhunderten fast überall, wo denkende +Menschen wohnten, der =Glaube an die Schöpfung=. In Tausenden von +interessanten, mehr oder weniger fabelhaften Sagen und Dichtungen, +=Kosmogonien= und =Schöpfungsmythen= hat dieser Schöpfungsglaube seinen +mannigfaltigen Ausdruck gefunden. Frei davon blieben nur wenige große +Philosophen und besonders jene bewunderungswürdigen freien Denker +des klassischen Altertums, die zuerst den Gedanken der natürlichen +=Entwickelung= erfaßten. Im Gegensatz zu diesem letzteren trugen alle +jene Schöpfungsmythen den Charakter des =Übernatürlichen=, Wunderbaren +oder Transzendenten. Unfähig, das Wesen der Welt selbst zu erkennen +und ihre Entstehung durch natürliche Ursachen zu erklären, mußte +die unentwickelte Vernunft selbstverständlich zum =Wunder= greifen. +In den meisten Schöpfungssagen verknüpfte sich mit dem Wunder die +Vermenschlichung (der =Anthropismus=). Wie der Mensch mit Absicht +und durch Kunst seine Werke schafft, so sollte der bildende »Gott« +planmäßig die Welt erschaffen haben; die Vorstellung dieses Schöpfers +war meistens ganz menschenähnlich (anthropomorph). Der »allmächtige +Schöpfer Himmels und der Erden«, wie er im ersten Buch Moses und in +unserem heute noch gültigen Katechismus schafft, ist ebenso ganz +menschlich gedacht wie der moderne Schöpfer von =Agassiz= und =Reinke=. + +_Schöpfung des Weltalls und der Einzeldinge_ (=Kreation der Substanz +und der Akzidenzen=). Bei tieferem Eingehen in den Wunderbegriff der +=Kreation= können wir als zwei wesentlich verschiedene Akte die totale +Schöpfung des Weltalls und die partielle Schöpfung der einzelnen +Dinge unterscheiden, entsprechend dem Begriffe =Spinozas= von der +=Substanz= (dem ~Universum~) und den =Akzidenzen= (oder ~Modi~, +den einzelnen »Erscheinungsformen der Substanz«). Diese Unterscheidung +ist prinzipiell wichtig; denn es hat viele und angesehene Philosophen +gegeben (und es gibt noch heute solche), welche die erstere annehmen, +die letztere dagegen verwerfen. + +_Schöpfung der Substanz_ (=Kosmologischer Kreatismus=). Nach dieser +Schöpfungslehre hat »Gott die Welt aus dem Nichts geschaffen«. +Man stellt sich vor, daß der »ewige Gott« (als vernünftiges, aber +immaterielles Wesen!) für sich allein von Ewigkeit her (im leeren +Raum) ohne Welt existierte, bis er dann einmal auf den Gedanken kam, +»die Welt zu schaffen«. Viele Anhänger dieses Glaubens beschränken +die Schöpfungstätigkeit Gottes aufs Äußerste, auf einen einzigen Akt; +sie nehmen an, daß der außerweltliche Gott (dessen übrige Tätigkeit +rätselhaft bleibt!) in einem Augenblick die Substanz erschaffen, ihr +die Fähigkeit zur weitergehenden Entwickelung beigelegt und sich dann +nie weiter um sie bekümmert habe. Diese weit verbreitete Ansicht ist +namentlich im englischen =Deismus= vielfach ausgebildet worden; sie +nähert sich unserer monistischen Entwickelungslehre und gibt sie nur +in dem einen Momente preis, in welchem Gott auf den Schöpfungsgedanken +kam. Andere Anhänger des kosmologischen Kreatismus nehmen dagegen +an, daß »Gott der Herr« die Substanz nicht nur einmal erschaffen +habe, sondern als bewußter »Erhalter und Regierer der Welt« in deren +Geschichte fortwirke. Viele Variationen dieses Glaubens nähern sich +bald dem =Pantheismus=, bald dem konsequenten =Theismus=. Alle diese +und ähnliche Formen des Schöpfungsglaubens sind unvereinbar mit dem +Gesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffs; dieses kennt keinen +»Anfang der Welt«. + +_Schöpfung der Einzeldinge_ (=Ontologischer Kreatismus=). Nach dieser +individuellen, noch jetzt herrschenden Schöpfungslehre hat Gott +der Herr nicht nur die Welt im Ganzen (»aus Nichts«) geschaffen, +sondern auch alle einzelnen Dinge. In der christlichen Kulturwelt +besitzt noch heute die uralte semitische, aus dem ersten Buch Moses +herübergenommene Schöpfungssage die weiteste Geltung; selbst unter +den modernen Naturforschern findet sie noch hier und da gläubige +Anhänger. Ich habe meine kritische Auffassung derselben im ersten +Kapitel meiner »Natürlichen Schöpfungsgeschichte« eingehend dargelegt. +Als interessante Modifikationen dieses ontologischen Kreatismus +dürften folgende Theorien zu unterscheiden sein: ~I~. =Dualistische +Kreation=: Gott hat sich auf =zwei Schöpfungsakte= beschränkt; zuerst +schuf er die anorganische Welt, die tote Substanz, für die allein +das Gesetz der Energie gilt, blind und ziellos wirkend im Mechanismus +der Weltkörper und der Gebirgsbildung; später erwarb Gott Intelligenz +und teilte diese den Dominanten mit, den zielstrebigen, intelligenten +Kräften, welche die Entwickelung der Organismen bewirken und leiten +(Reinke). ~II~. =Trialistische Kreation=: Gott hat die Welt in +=drei Hauptakten= geschaffen: ~A~. Schöpfung des Himmels (d. h. der +außerirdischen Welt); ~B~. Schöpfung der Erde (als Mittelpunkt der +Welt) und ihrer Organismen; ~C~. Schöpfung des Menschen (als Ebenbild +Gottes): dieses Dogma ist noch heute weit verbreitet unter christlichen +Theologen und anderen »Gebildeten«; es wird in vielen Schulen als +Wahrheit gelehrt. ~III~. =Hexamerale Kreation=: die Schöpfung in +sechs Tagen (nach =Moses=). Obgleich nur wenige Gebildete heute noch +wirklich an diesen mosaischen Mythus glauben, wird er dennoch unseren +Kindern schon in der frühesten Jugend mit dem Bibelunterricht fest +eingeprägt. Die vielfachen, namentlich in England gemachten Versuche, +denselben mit der modernen Entwickelungslehre in Einklang zu bringen, +sind völlig fehlgeschlagen. Für die Naturwissenschaft gewann derselbe +dadurch große Bedeutung, daß =Linné= bei Begründung seines Natursystems +(1735) ihn annahm und zur Begriffsbestimmung der organischen (von +ihm für beständig gehaltenen) =Spezies= benutzte: »Es gibt so viele +verschiedene Arten von Tieren und Pflanzen, als im Anfang verschiedene +Formen von dem unendlichen Wesen erschaffen worden sind.« Dieses Dogma +wurde ziemlich allgemein bis auf =Darwin= (1859) festgehalten, obgleich +=Lamarck= schon 1809 seine Unhaltbarkeit dargelegt hatte. ~IV~. +=Periodische Kreation=: im Anfang jeder Periode der Erdgeschichte +wurde die ganze Tier- und Pflanzenbevölkerung neu geschaffen und am +Ende derselben durch eine allgemeine Katastrophe vernichtet; es gibt +so viele General-Schöpfungsakte, als getrennte geologische Perioden +aufeinander folgten (die Katastrophentheorie von =Cuvier=, 1818, +und von =Louis Agassiz=, 1858). Die Paläontologie, welche in ihren +unvollkommenen Anfängen diese Lehre von den wiederholten Neuschöpfungen +der organischen Welt zu stützen schien, hat dieselbe später vollständig +widerlegt. ~V~. =Individuelle Kreation=: jeder einzelne Mensch -- +ebenso wie jedes einzelne Tier und jedes Pflanzenindividuum -- ist +nicht durch einen natürlichen Fortpflanzungsakt entstanden, sondern +durch die Gnade Gottes geschaffen (»der alle Dinge kennt und die +Haare auf unserem Haupte gezählt hat«). Man liest diese christliche +Schöpfungsansicht noch heute oft in den Zeitungen, besonders bei +Geburtsanzeigen (»Gestern schenkte uns der gnädige Gott einen gesunden +Knaben« usw.). Auch die individuellen Talente und Vorzüge unserer +Kinder werden oft als »besondere Gaben Gottes« dankbar anerkannt (die +erblichen Fehler gewöhnlich nicht!). + +_Entwickelung (~Genesis~, ~Evolutio~)._ Die Unhaltbarkeit der +Schöpfungssagen und des damit verknüpften Wunderglaubens mußte sich +schon frühzeitig denkenden Menschen aufdrängen; wir finden daher +schon vor mehr als zweitausend Jahren zahlreiche Versuche, dieselben +durch eine vernünftige Theorie zu ersetzen und die Entstehung der +Welt mittels natürlicher Ursachen zu erklären. Allen voran stehen +hierin wieder die großen Denker der ionischen Naturphilosophie, +ferner Demokritos, Heraklitos, Empedokles, Aristoteles, Lukretius +und andere Philosophen des Altertums. Die ersten unvollkommenen +Versuche, welche sie unternahmen, überraschen uns zum Teil durch +strahlende Lichtblicke des Geistes, die als Vorläufer moderner Ideen +erscheinen. Indessen fehlte dem klassischen Altertum jener sichere +Boden der naturphilosophischen Spekulation, der erst durch unzählige +Beobachtungen und Versuche der Neuzeit gewonnen wurde. Während des +Mittelalters -- und besonders während der Gewaltherrschaft des +Papismus -- ruhte die wissenschaftliche Forschung auf diesem Gebiete +ganz. Die Tortur und die Scheiterhaufen der Inquisition sorgten +dafür, daß der unbedingte Glaube an die hebräische Mythologie des +Moses als definitive Antwort auf alle Schöpfungsfragen galt. Selbst +diejenigen Erscheinungen, die unmittelbar zur Beobachtung der +Entwickelungs-=Tatsachen= aufforderten, die Keimesgeschichte der +Tiere und Pflanzen, die Embryologie des Menschen, blieben unbeachtet +oder erregten nur hie und da das Interesse einzelner wißbegieriger +Beobachter; aber ihre Entdeckungen wurden ignoriert und vergessen. +Außerdem wurde der wahren Erkenntnis der natürlichen Entwickelung +ihr Weg von vornherein durch die herrschende =Präformationslehre= +versperrt, durch das Dogma, daß die charakteristische Form und Struktur +jeder Tier- und Pflanzenart schon im Keime vorgebildet sei (vergl. +S. 33). + +_Entwickelungslehre_ (=Evolutismus=, =Evolutionismus=). Die +Wissenschaft, die wir heute Entwickelungslehre (im weitesten Sinne) +nennen, ist sowohl im ganzen als in ihren einzelnen Teilen ein Kind des +19. Jahrhunderts; sie gehört zu seinen wichtigsten und glänzendsten +Erzeugnissen. Tatsächlich ist dieser Begriff, der noch im 18. +Jahrhundert fast unbekannt war, heute bereits ein fester Grundstein +unserer ganzen Weltanschauung geworden. Ich habe die Grundzüge +derselben in früheren Schriften ausführlich behandelt, am eingehendsten +in der »Generellen Morphologie« (1866), sodann mehr populär in der +»Natürlichen Schöpfungsgeschichte« (1868, elfte Auflage 1908) und mit +besonderer Beziehung auf den Menschen in der »Anthropogenie« (1874, +fünfte Auflage 1903). Ich beschränke mich daher hier auf eine kurze +Übersicht der wichtigsten Fortschritte, welche die Entwickelungslehre +im Laufe des 19. Jahrhunderts gemacht hat; sie zerfällt nach ihren +Objekten in vier Hauptteile: die natürliche Entstehung 1. des Kosmos, +2. der Erde, 3. der irdischen Organismen und 4. des Menschen. + +~I~. _Monistische Kosmogenie._ Den ersten »Versuch«, die +Verfassung und den mechanischen Ursprung des ganzen Weltgebäudes +nach »=Newton=schen Grundsätzen« -- d. h. durch mathematische und +physikalische Gesetze -- in einfachster Weise zu erklären, unternahm +=Immanuel Kant= in seinem berühmten Jugendwerke, der »Allgemeinen +Naturgeschichte und Theorie des Himmels« (1755). Leider blieb dieses +großartige und kühne Werk 90 Jahre hindurch fast unbekannt; es wurde +erst 1845 durch =Alexander von Humboldt= wieder hervorgezogen, +im ersten Bande seines »Kosmos«. Inzwischen war aber der große +französische Mathematiker =Pierre Laplace= selbständig auf ähnliche +Theorien wie =Kant= gekommen und führte sie mit mathematischer +Begründung weiter aus in seiner »~Exposition du système du monde~« +(1796). Sein Hauptwerk »~Mécanique céleste~« erschien im Jahre +1799. Die übereinstimmenden Grundzüge der Kosmogenie von =Kant= +und =Laplace= beruhen bekanntlich auf einer mechanischen Erklärung +der Planetenbewegungen und der daraus abgeleiteten Annahme, daß +alle Weltkörper ursprünglich aus rotierenden Nebelbällen durch +Verdichtung entstanden sind. Diese »=Nebularhypothese=« ist zwar später +vielfach verbessert und ergänzt worden, sie gilt aber noch heute +als der beste von allen Versuchen, die Entstehung des Weltgebäudes +einheitlich und mechanisch zu erklären (vergl. =Wilhelm Bölsche=, +Entwickelungsgeschichte der Natur. ~I~. Bd. 1894). In späterer Zeit +hat sie eine bedeutungsvolle Ergänzung und zugleich Verstärkung +durch die Annahme gewonnen, daß dieser =kosmogonische Prozeß= nicht +nur einmal stattgefunden, sondern sich periodisch wiederholt hat. +Während in gewissen Teilen des unendlichen Weltraums aus rotierenden +Nebelbällen neue Weltkörper entstehen und sich entwickeln, werden in +anderen Teilen desselben umgekehrt alte, erkaltete und abgestorbene +Weltkörper durch Zusammenstoß wieder zerstäubt und in diffuse +Nebelmassen aufgelöst. + +_Anfang und Ende der Welt._ Fast alle älteren und neueren Kosmogenien +und so auch die meisten, die sich an =Kant= und =Laplace= anschlossen, +gingen von der herrschenden Ansicht aus, daß die Welt einen =Anfang= +gehabt habe. So hätte sich »im Anfang« nach einer vielverbreiteten +Form der »Nebularhypothese« ursprünglich ein ungeheurer Nebelball +aus äußerst dünner und leichter Materie gebildet, und in einem +bestimmten Zeitpunkte (»vor undenklich langer Zeit«) habe in diesem +eine Rotationsbewegung angefangen. Ist der »erste Anfang« dieser +kosmogenen Bewegung erst einmal gegeben, so lassen sich dann nach +jenen mechanischen Prinzipien die weiteren Vorgänge in der Bildung der +Weltkörper, der Sonderung der Planetensysteme usw. sicher ableiten +und mathematisch begründen. Dieser erste »=Ursprung der Bewegung=« +ist das zweite »Welträtsel« von =Du Bois-Reymond=; er erklärt es für +=transzendent=. Auch viele andere Naturforscher und Philosophen kommen +um diese Schwierigkeit nicht herum und resignieren mit dem Geständnis, +daß man hier einen ersten ȟbernatürlichen Anstoß«, also ein »Wunder«, +annehmen müsse. + +Nach unserer Ansicht wird dieses »zweite Welträtsel« durch die Annahme +gelöst, daß die =Bewegung= ebenso eine immanente und =ursprüngliche= +Eigenschaft der Substanz ist wie die =Empfindung= (Kap. 12). Die +Berechtigung zu dieser monistischen Annahme finden wir erstens im +Substanzgesetz und zweitens in den großen Fortschritten, welche die +Astronomie und Physik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts +gemacht haben. Durch die =Spektralanalyse= von =Bunsen= und =Kirchhoff= +(1860) haben wir nicht nur erfahren, daß die Millionen Weltkörper, +welche den unendlichen Weltraum erfüllen, aus denselben Materien +bestehen wie unsere Sonne und Erde, sondern auch, daß sie sich in +verschiedenen Zuständen der Entwickelung befinden; wir haben sogar +mit ihrer Hilfe Kenntnisse über die Bewegungen und Entfernungen der +Fixsterne gewonnen, welche durch das Fernrohr allein nicht erkannt +werden konnten. Ferner ist das =Teleskop= selbst sehr bedeutend +verbessert worden und hat uns mit Hilfe der =Photographie= eine Fülle +von astronomischen Entdeckungen geschenkt, welche im Beginne des 19. +Jahrhunderts noch nicht geahnt werden konnten. Insbesondere hat die +bessere Kenntnis der Kometen und Sternschnuppen, der Sternhaufen und +Nebelflecke, uns die große Bedeutung der kleinen Weltkörper kennen +gelehrt, welche zu Milliarden zwischen den größeren Sternen im Weltraum +verteilt sind. + +Wir wissen jetzt auch, daß die =Bahnen= der Millionen von Weltkörpern +=veränderlich= und zum Teil unregelmäßig sind, während man früher die +Planetensysteme als beständig betrachtete und die rotierenden Bälle +in ewiger Gleichmäßigkeit ihre Kreise beschreiben ließ. Wichtige +Aufschlüsse verdankt die Astrophysik auch den gewaltigen Fortschritten +in anderen Gebieten der Physik, vor allem in der Optik und Elektrik, +sowie in der dadurch geförderten Äthertheorie. Endlich erweist sich +auch hier wieder als größter Fortschritt unserer Naturerkenntnis das +=universale Substanzgesetz=. Wir wissen jetzt, daß es ebenso überall +in den fernsten Welträumen unbedingte Geltung hat wie in unserem +Planetensystem, ebenso in dem kleinsten Teilchen unserer Erde wie in +der kleinsten Zelle unseres menschlichen Körpers. Wir sind aber auch +zu der wichtigen Annahme berechtigt und logisch gezwungen, daß die +Erhaltung der Materie und der Energie zu allen Zeiten ebenso allgemein +bestanden hat, wie sie heute ohne Ausnahme besteht. =In alle Ewigkeit +war, ist und bleibt das unendliche Universum dem Substanzgesetz +unterworfen.= + +Aus diesen gewaltigen Fortschritten der Astronomie und Physik, die +sich gegenseitig erläutern und ergänzen, ergibt sich eine Reihe von +überaus wichtigen Schlüssen über die Zusammensetzung und Entwickelung +des Kosmos, über die Beharrung und Umbildung der Substanz. Wir +fassen dieselben kurz in folgenden Thesen zusammen: ~I~. Der +=Weltraum= ist unendlich groß und unbegrenzt; er ist nirgends leer, +sondern allenthalben mit Substanz erfüllt. ~II~. Die =Weltzeit= +ist ebenfalls unendlich und unbegrenzt; sie hat keinen Anfang und +kein Ende, sie ist Ewigkeit. ~III~. Die =Substanz= befindet sich +überall und jeder Zeit in ununterbrochener Bewegung und Veränderung; +nirgends herrscht vollkommene Ruhe und Starre; dabei bleibt aber die +unendliche Quantität der Materie ebenso unverändert wie diejenige +der ewig wechselnden Energie. ~IV~. Die Universalbewegung der +Substanz im Weltraum ist ein ewiger Kreislauf mit =periodisch= sich +wiederholenden Entwickelungszuständen. ~V~. Diese Phasen bestehen in +einem periodischen Wechsel der Temperatur und der dadurch bedingten +Dichtigkeitsverhältnisse (=Aggregatzustände=). ~VI~. Während in einem +Teile des Weltraums durch fortschreitende Verdichtung neue Weltkörper +entstehen, erfolgt gleichzeitig in anderen Teilen der entgegengesetzte +Prozeß, die Zerstörung von Weltkörpern, die aufeinander stoßen. +~VII~. Die ungeheuren Wärmequantitäten, welche durch diese +mechanischen Prozesse bei den Zusammenstößen der rotierenden Weltkörper +erzeugt werden, stellen die neuen lebendigen Kräfte dar, welche +die Bewegung der dabei gebildeten kosmischen Staubmassen und die +=Neubildung= rotierender Bälle bewirken: das ewige Spiel beginnt wieder +von neuem. Auch unsere Mutter Erde, die vor Millionen von Jahrtausenden +aus einem Teile des rotierenden Sonnensystems entstanden ist, wird nach +Verfluß weiterer Millionen erstarren und, nachdem ihre Bahn immer +kleiner geworden, in die Sonne stürzen. + +Besonders wichtig für die klare Einsicht in den universalen +kosmischen Entwickelunsprozeß sind diese modernen Vorstellungen über +periodisch wechselnden Untergang und Neubildung der Weltkörper. +Unsere Mutter »=Erde=« schrumpft dabei auf den Wert eines winzigen +»Sonnenstäubchens« zusammen, wie deren ungezählte Millionen im +unendlichen Weltenraum umherjagen. Unser eigenes »=Menschenwesen=«, +welches in seinem anthropistischen Größenwahn sich als »Ebenbild +Gottes« verherrlicht, sinkt zur Bedeutung eines plazentalen +Säugetieres hinab, welches nicht mehr Wert für das ganze Universum +besitzt als die Ameise und die Eintagsfliege, als das mikroskopische +Infusorium und der winzigste Bazillus. Auch wir Menschen sind nur +vorübergehende Entwickelungszustände der ewigen Substanz, individuelle +Erscheinungsformen der Materie und Energie, deren Nichtigkeit wir +begreifen, wenn wir sie dem unendlichen Raum und der ewigen Zeit +gegenüberstellen. + +_Raum und Zeit._ Seitdem =Kant= die Begriffe von Raum und Zeit als +bloße »Formen der Anschauung« erklärt hat -- den Raum als Form der +äußeren, die Zeit als Form der inneren Anschauung -- hat sich über +diese wichtigen Probleme der Erkenntnis ein Streit erhoben, der +auch heute noch fortdauert. Bei einem großen Teile der modernen +Metaphysiker hat sich die Ansicht befestigt, daß dieser »kritischen +Tat« als Ausgangspunkt einer »rein idealistischen Erkenntnistheorie« +die größte Bedeutung beizulegen sei, und daß damit die natürliche +Ansicht des gesunden Menschenverstandes von der =Realität des Raumes +und der Zeit= widerlegt sei. Diese einseitige Auffassung jener beiden +Grundbegriffe ist die Quelle der größten Irrtümer geworden; sie +übersieht, daß =Kant= mit jenem Satze nur die eine Seite des Problems, +die =subjektive=, streifte, daneben aber die andere, die =objektive=, +als gleichberechtigt anerkannte; er sagte: »Raum und Zeit haben +=empirische Realität=, aber =transzendentale Idealität=.« Mit diesem +Satze =Kants= kann sich unser moderner Monismus wohl einverstanden +erklären, nicht aber mit jener einseitigen Geltendmachung der +subjektiven Seite des Problems; denn diese führt in ihrer Konsequenz zu +jenem absurden Idealismus, der in =Berkeleys= Satze gipfelt: »Körper +sind nur Vorstellungen, ihr Dasein besteht im Wahrgenommenwerden«. +Dieser Satz sollte heißen: »Körper sind für mein persönliches +Bewußtsein nur Vorstellungen; ihr Dasein ist ebenso real wie dasjenige +meiner Denkorgane, nämlich der Ganglienzellen des Großhirns, welche +die Eindrücke der Körper auf meine Sinnesorgane aufnehmen und durch +Assozion derselben jene Vorstellung bilden.« Ebenso gut, wie ich die +»Realität von Raum und Zeit« bezweifle, oder gar leugne, kann ich +auch diejenige meines eigenen Bewußtseins leugnen; im Fieberdelirium, +in Halluzinationen, im Traum, im Doppelbewußtsein halte ich +Vorstellungen für wahr, welche nicht real, sondern »Einbildungen« +sind; ich halte sogar meine eigene Person für eine andere (S. 111); +das berühmte »~Cogito ergo sum~« gilt hier nicht mehr. Dagegen ist +die =Realität von Raum und Zeit= jetzt endgültig bewiesen durch die +Erweiterung unserer Weltanschauung, welche wir dem Substanzgesetz und +der monistischen Kosmogenie verdanken. Nachdem wir die unhaltbare +Vorstellung vom »leeren Raum« glücklich abgestreift haben, bleibt uns +als das unendliche, »=raumerfüllende= Medium« die =Materie=, und zwar +in ihren beiden Formen: =Äther= und =Masse=. Und ebenso betrachten wir +auf der anderen Seite als das »=zeiterfüllende= Geschehen« die ewige +Bewegung oder genetische =Energie=, welche sich in der ununterbrochenen +=Entwickelung= der Substanz äußert. + +_~Universum perpetuum mobile~._ Da jeder bewegte Körper seine +Bewegung so lange fortsetzt, als ihn nicht äußere Umstände daran +hindern, kam der Mensch schon vor Jahrtausenden auf den Gedanken, +Apparate zu bauen, die sich, einmal in Bewegung gesetzt, immerfort +in derselben Weise weiter bewegen. Man übersah dabei, daß jede +Bewegung auf äußere Hindernisse stößt und allmählich aufhört, wenn +nicht ein neuer Anstoß von außen erfolgt, wenn nicht eine neue Kraft +zugeführt wird, die jene Hindernisse überwindet. So würde z. B. ein +schwingendes Pendel in Ewigkeit mit derselben Geschwindigkeit sich +hin und her bewegen, wenn nicht der Widerstand der Luft und die +Reibung im Aufhängungspunkte die mechanische lebendige Kraft seiner +Bewegung allmählich aufhöben und in Wärme verwandelten. Wir müssen ihm +durch einen neuen Anstoß (oder bei der Pendeluhr durch Aufziehen des +Gewichtes) neue mechanische Kraft zuführen. Daher ist die Konstruktion +einer Maschine, welche ohne äußere Hilfe einen Arbeitsüberschuß +erzeugt, durch den sie sich selbst immerfort im Gang erhält, unmöglich. +Alle Versuche, ein solches ~Perpetuum mobile~ zu bauen, mußten +fehlschlagen; die Erkenntnis des Substanzgesetzes bewies sodann auch +theoretisch die Unmöglichkeit desselben. + +Anders verhält es sich aber, wenn wir den =Kosmos= als Ganzes ins Auge +fassen, das unendliche Weltall, welches nach unserer Anschauung in +ewiger Bewegung begriffen ist. Damit ist aber zugleich gesagt, daß das +ganze =Universum= selbst ein allumfassendes ~Perpetuum mobile~ ist. +Diese unendliche und ewige »Maschine des Weltalls« erhält sich selbst +in ewiger und ununterbrochener Bewegung, wobei die unendlich große +=Summe= der aktuellen und potentiellen Energie ewig dieselbe bleibt. +Nach unserer Auffassung ist also die Vorstellung des ~Perpetuum +mobile~ für den =ganzen= Kosmos ebenso wahr und fundamental bedeutend +wie sie für die isolierte Aktion eines =Teiles= desselben unmöglich +ist. Damit werden auch die Schlußfolgerungen abgelehnt, die aus der +Lehre von der =Entropie= gezogen worden sind. + +_Entropie des Weltalls._ Der scharfsinnige Begründer der =mechanischen +Wärmetheorie= (1850), =Clausius=, faßte den wichtigsten Inhalt dieser +bedeutungsvollen Lehre in zwei Hauptsätzen zusammen. Der erste +Hauptsatz lautet: »=Die Energie des Weltalls ist konstant=«; er bildet +die eine Hälfte unseres Substanzgesetzes, das »Energieprinzip« (S. +28). Der zweite Hauptsatz behauptet: »=Die Entropie des Weltalls +strebt einem Maximum zu.=« Nach der Ansicht von =Clausius= zerfällt +die Gesamtenergie des Weltalls in zwei Teile, von denen der eine +(als Wärme von höherer Temperatur, als mechanische, elektrische, +chemische Energie usw.) noch teilweise in Arbeit umsetzbar ist, +der andere dagegen nicht; diese letztere, die bereits in Wärme +verwandelte und in kälteren Körpern angesammelte Energie, ist für +weitere Arbeitsleistung unwiederbringlich verloren. Diesen gleichsam +»verbrauchten« Energieteil, der nicht mehr in mechanische Arbeit +umgesetzt werden kann, nennt =Clausius Entropie= (d. h. die nach +innen gewendete Kraft); er wächst beständig auf Kosten des ersten +Teiles. Da nun tagtäglich immer mehr mechanische Energie des Weltalls +in Wärme übergeht und diese nicht in die erstere zurückverwandelt +werden kann, muß die gesamte Quantität der arbeitsfähigen Energie immer +mehr zerstreut und herabgesetzt werden. Alle Temperaturunterschiede +müßten zuletzt verschwinden und die völlig gebundene Wärme gleichmäßig +in einem einzigen trägen Klumpen von starrer Materie verbreitet sein; +alles organische Leben und alle organische Bewegung würde aufgehört +haben, wenn dieses =Maximum der Entropie= erreicht wäre; das wahre +»Ende der Welt« wäre da. (Vergl. =Felix Auerbach=, Die Weltherrin und +ihr Schatten, 1902.) + +Wenn diese Anwendung der Lehre von der Entropie richtig wäre, so +müßte dem angenommenen »=Ende= der Welt« auch ein ursprünglicher +»=Anfang=« derselben entsprechen; beide Vorstellungen sind nach unserer +monistischen und konsequenten Auffassung des ewigen kosmogenetischen +Prozesses gleich unhaltbar. Es gibt einen Anfang der Welt ebensowenig +als ein Ende derselben. Wie das Universum unendlich ist, so bleibt es +auch ewig in Bewegung; ununterbrochen findet eine Verwandlung der +lebendigen Kraft in Spannkraft statt und umgekehrt; und die Summe +dieser aktuellen und potentiellen Energie bleibt immer dieselbe. + +Die Verteidiger der Entropie behaupten dieselbe mit Recht, sobald +sie Prozesse ins Auge fassen, die in einem geschlossenen System +ablaufen. Im großen =Ganzen= des Weltalls, worauf wir den Begriff +eines »geschlossenen Systems« nicht anwenden können, herrschen +aber jedenfalls Verhältnisse, die eine Umkehrung des energetischen +Ablaufs möglich machen. So werden z. B. beim Zusammenstoße von zwei +Weltkörpern, die mit ungeheurer Geschwindigkeit aufeinander treffen, +kolossale Wärmemengen frei, während die zerstäubten Massen in den +Weltraum hinausgeschleudert und zerstreut werden. Das ewige Spiel der +rotierenden Massen mit Verdichtung der Teile, Ballung neuer kleiner +Meteoriten, Vereinigung derselben zu größeren usw. beginnt dann von +neuem. + +=Herbert Spencer= hat in seinen »Grundprinzipien« überzeugend +dargelegt, daß selbst für ein =geschlossenes= Universum der Schluß +unerlaubt wäre, es müsse, einmal in Ruhe, auch unendliche Zeit in Ruhe +bleiben. Man könne sagen, der jetzige Zustand habe mit dem Ende einer +früheren Entwickelung begonnen, und das Ende der gegenwärtigen sei +zugleich der Anfang einer neuen; in dem Augenblick, wo das Maximum +der Entropie erreicht sei, setze gerade eine langsame Entwickelung im +entgegengesetzten Sinne ein, und so würde sich das Leben des Universums +unaufhörlich fortsetzen. Wie =Poincaré= (Die moderne Physik, 1908) +bemerkt, stimmt diese Auffassung mit der vieler Physiker überein, +welche z. B. nach der kinetischen Gastheorie annehmen, daß man bei +genügend langer Beobachtung die verschiedenen Zustände wiederkehren +sehen kann, wenn eine Gasmasse eine Reihe von Veränderungen +durchgemacht hat. + +~II~. _Monistische Geogenie._ Die Entwickelungsgeschichte der Erde, +auf die wir jetzt noch einen flüchtigen Blick werfen, bildet nur einen +winzig kleinen Teil von derjenigen des Kosmos. Sie ist zwar auch gleich +dieser seit mehreren Jahrtausenden Gegenstand der philosophischen +Spekulation und noch mehr der mythologischen Dichtung gewesen; aber +ihre wirklich wissenschaftliche Erkenntnis ist viel jünger und stammt +zum weitaus größten Teile aus dem 19. Jahrhundert. Im Prinzip war die +Natur der Erde, als eines Planeten, der um die Sonne kreist, schon +durch das Weltsystem des =Kopernikus= (1543) bestimmt; durch =Galilei=, +=Kepler= und andere große Astronomen war ihr Abstand von der Sonne, ihr +Bewegungsgesetz usw. mathematisch festgestellt. Auch war bereits durch +die Kosmogenie von =Kant= und =Laplace= der Weg gezeigt, auf welchem +sich die Erde aus der Mutter Sonne entwickelt hatte. Aber die spätere +Geschichte unseres Planeten, die Umbildung seiner Oberfläche, die +Entstehung der Kontinente und Meere, der Gebirge und Wüsten war noch zu +Ende des 18. und in den ersten beiden Dezennien des 19. Jahrhunderts +nur wenig Gegenstand ernster wissenschaftlicher Untersuchungen gewesen; +meistens begnügte man sich mit ziemlich unsicheren Vermutungen oder +mit der Annahme der traditionellen Schöpfungssagen; insbesondere +war es auch hier wieder der überlieferte Glaube an die mosaische +Schöpfungsgeschichte, welcher der selbständigen Forschung von +vornherein den Weg zur wahren Erkenntnis verlegte. + +Erst im Jahre 1822 erschien ein bedeutendes Werk, welches zur +wissenschaftlichen Erforschung der Erdgeschichte diejenige Methode +einschlug, die sich bald als die weitaus fruchtbarste erwies, die +=ontologische Methode= oder das =Prinzip des Aktualismus=. Sie besteht +darin, daß wir die Erscheinungen der =Gegenwart= genau studieren +und benutzen, um dadurch die ähnlichen geschichtlichen Vorgänge der +=Vergangenheit= zu erklären. Nachdem zuerst =Karl Hoff= (Gotha) in +seiner »Geschichte der durch Überlieferung nachgewiesenen natürlichen +Veränderungen der Erdoberfläche« diese ontologische Methode (1822) +begründet hatte, wurde sie bald (1830) von dem großen englischen +Geologen =Charles Lyell= in seinen »Prinzipien der Geologie« auf die +ganze Geschichte der Erde erfolgreich angewendet. In neuester Zeit +hat =Johannes Walther= in seiner gedankenreichen »Geschichte der Erde +und des Lebens« (1908) eine lichtvolle populäre Darstellung derselben +gegeben. + +Als zwei Hauptabschnitte der Erdgeschichte müssen wir vor allem +die =anorganische und organische Geogenie= unterscheiden; die +letztere beginnt mit dem ersten Auftreten lebender Wesen auf +unserem Erdball. Die =anorganische Geschichte= der Erde, der ältere +Abschnitt, verlief in derselben Weise wie diejenige der übrigen +Planeten unseres Sonnensystems; sie alle lösten sich vom Äquator des +rotierenden Sonnenkörpers als Nebelringe ab, welche sich allmählich zu +selbständigen Weltkörpern verdichteten. Aus dem gasförmigen Nebelball +wurde durch Abkühlung der glutflüssige Erdball, und weiterhin entstand +an dessen Oberfläche durch fortschreitende Wärmeausstrahlung die +dünne feste Rinde, welche wir bewohnen. Erst nachdem die Temperatur +an der Oberfläche bis zu einem gewissen Grade gesunken war, konnte +sich aus der umgebenden Dampfhülle das erste tropfbar-flüssige +Wasser niederschlagen, und damit war die wichtigste Vorbedingung +für die Entstehung des organischen Lebens gegeben. Viele Millionen +Jahre sind verflossen, seitdem dieser bedeutungsvolle Vorgang, die +erste Wasserbildung, eintrat und damit die Einleitung zum dritten +Hauptabschnitt der Kosmogenie, zur =Biogenie=. + +~III~. _Monistische Biogenie._ Der dritte Hauptabschnitt der +Weltentwickelung beginnt mit der ersten Entstehung der Organismen auf +unserem Erdball und dauert seitdem ununterbrochen bis zur Gegenwart +fort. Die großen Welträtsel, welche dieser interessanteste Teil der +Erdgeschichte uns vorlegt, galten noch im Anfange des 19. Jahrhunderts +allgemein für unlösbar oder doch für so schwierig, daß ihre Lösung in +weitester Ferne zu liegen schien; am Ende desselben durften wir mit +berechtigtem Stolze sagen, daß sie durch die moderne =Biologie= und +ihren =Transformismus im Prinzip= gelöst sind. Zuerst stellte (1809) +=Jean Lamarck= die Lehre fest, daß alle die unzähligen Formen des +Tier- und Pflanzenreiches durch allmähliche Umbildung aus gemeinsamen +einfachsten Stammformen hervorgegangen sind, und daß die allmähliche +Veränderung der Gestalten durch =Anpassung=, in Wechselwirkung mit +=Vererbung=, diese langsame Transmutation bewirkt hat. Fünfzig +Jahre später führte =Charles Darwin= die einzelnen Teile dieser +»Deszendenztheorie«, gestützt auf die großartigen, inzwischen erfolgten +Fortschritte der Biologie, weiter aus und füllte zugleich durch seine +neue »Selektionstheorie« die bedenklichste Lücke der ersteren aus. +Er zeigte, wie »die natürliche Zuchtwahl im Kampf ums Dasein« der +unbewußte Schöpfer ist, welcher die zweckmäßige Organisation der +Lebensformen ohne vorbedachten Zweck und Schöpfungsplan hervorbringt. +Dadurch ist =Darwin= der »Kopernikus der organischen Welt« geworden. + +~IV~. _Monistische Anthropogenie._ Als vierter und letzter +Hauptabschnitt der Weltentwickelung kann für uns Menschen derjenige +jüngste Zeitraum gelten, innerhalb dessen sich unser eigenes +Geschlecht entwickelt hat. Schon =Lamarck= (1809) hatte klar +erkannt, daß diese Entwickelung vernünftigerweise nur auf =einem= +natürlichen Wege denkbar sei, durch »=Abstammung vom Affen=«, als von +dem nächstverwandten Säugetiere. =Huxley= zeigte sodann (1863) in +seiner berühmten Abhandlung über »die Stellung des Menschen in der +Natur«, daß diese bedeutungsvolle Annahme ein notwendiger Folgeschluß +der Deszendenztheorie und durch anatomische, embryologische und +paläontologische Tatsachen wohlbegründet sei; er erklärte diese +»Frage aller Fragen« im Prinzip für gelöst. =Darwin= behandelte sie +in geistreicher Weise von verschiedenen Seiten in seinem Werke über +»die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl« +(1871). Ich selbst hatte schon in meiner Generellen Morphologie (1866) +diesem wichtigsten Spezialproblem der Abstammungslehre ein besonderes +Kapitel gewidmet. 1874 veröffentlichte ich meine =Anthropogenie=, +als ersten Versuch, die Abstammung des Menschen durch seine ganze +Ahnenreihe bis zur ältesten archigonen Monerenform hinauf zu verfolgen; +ich stützte mich dabei gleichmäßig auf die drei großen Urkunden der +Stammesgeschichte, auf die vergleichende Anatomie, Ontogenie und +Paläontologie (Fünfte umgearbeitete Auflage 1903). Wie weit wir +seitdem durch zahlreiche wichtige Fortschritte der anthropogenetischen +Forschung gekommen sind, habe ich in dem Vortrag gezeigt, den ich 1898 +auf dem internationalen Zoologenkongresse in Cambridge ȟber unsere +gegenwärtige Kenntnis vom Ursprung des Menschen« gehalten habe. Die +ausführlichste Darstellung derselben, unter Benutzung der neuesten +Fortschritte der Anthropogenie, habe ich in meiner letzten Abhandlung +gegeben: »=Unsere Ahnenreihe= (~Progonotaxis hominis~), Festschrift +zur 350jährigen Jubelfeier der Universität Jena, am 30. Juli 1908.« + + + + +=Vierzehntes Kapitel.= + +_Einheit der Natur._ + + Monistische Studien über die materielle und energetische Einheit des + Kosmos. -- Mechanismus und Vitalismus. -- Ziel, Zweck und Zufall. + + +Durch das Substanzgesetz ist zunächst die fundamentale Tatsache +erwiesen, daß jede Naturkraft mittelbar oder unmittelbar in jede +andere umgewandelt werden kann. Mechanische und chemische Energie, +Schall und Wärme, Licht und Elektrizität können ineinander übergeführt +werden und erweisen sich nur als verschiedene Erscheinungsformen +einer und derselben Urkraft, der =Energie=. Daraus ergibt sich der +bedeutungsvolle Satz von der =Einheit aller Naturkräfte= oder, wie wir +auch sagen können, dem »=Monismus der Energie=«. Im gesamten Gebiete +der Physik und Chemie ist dieser Fundamentalsatz jetzt allgemein +anerkannt, soweit er die anorganischen Naturkörper betrifft. + +Anders verhält sich scheinbar die organische Welt, das bunte und +formenreiche Gebiet des Lebens. Zwar liegt es auch hier auf der +Hand, daß ein =großer Teil= der Lebenserscheinungen unmittelbar auf +mechanische und chemische Energie, auf elektrische und Lichtwirkungen +zurückzuführen ist. Für einen anderen Teil aber wird das auch heute +noch bestritten, so vor allem für das Welträtsel des =Seelenlebens=, +insbesondere des Bewußtseins. Hier ist es nun das hohe Verdienst der +modernen =Entwickelungslehre=, die Brücke zwischen den beiden, scheinbar +getrennten Gebieten geschlagen zu haben. Wir sind jetzt zu der klaren +Überzeugung gelangt, daß auch alle Erscheinungen des =organischen= +Lebens ebenso dem universalen Substanzgesetz unterworfen sind wie die +=anorganischen= Phänomene im unendlichen Kosmos. + +_Die Einheit der Natur,_ die hieraus folgt, die Überwindung des +früheren Dualismus, ist sicher eines der wertvollsten Ergebnisse +unserer modernen Entwickelungslehre. Ich habe diesen »=Monismus des +Kosmos=«, die prinzipielle »Einheit der organischen und anorganischen +Natur« schon 1866 sehr eingehend zu begründen versucht, indem ich die +Übereinstimmung der beiden großen Naturreiche in Beziehung auf Stoffe, +Formen und Kräfte einer eingehenden kritischen Prüfung und Vergleichung +unterzog (Generelle Morphologie, 5. Kap.). Einen kurzen Auszug +ihrer Ergebnisse enthält der fünfzehnte Vortrag meiner »Natürlichen +Schöpfungsgeschichte«. Während die hier entwickelten Anschauungen von +der großen Mehrzahl der Naturforscher gegenwärtig angenommen sind, +ist doch neuerdings von mehreren Seiten der Versuch gemacht worden, +sie zu bekämpfen und den alten Gegensatz von zwei ganz verschiedenen +Naturgebieten aufrecht zu erhalten. In der Hauptsache handelt es sich +auch hier wieder um den uralten Gegensatz der =mechanischen= und der +=teleologischen= Weltanschauung. Bevor wir auf denselben eingehen, +wollen wir kurz auf zwei andere Theorien hinweisen, welche nach meiner +Überzeugung für die Entscheidung dieser wichtigen Probleme sehr +wertvoll sind, die Kohlenstofftheorie und die Urzeugungslehre. + +_Kohlenstofftheorie._ Die physiologische Chemie hat im Laufe der +letzten Dezennien durch unzählige Analysen folgende fünf Tatsachen +festgestellt: ~I~. In den organischen Naturkörpern kommen keine +anderen Elemente vor als in den anorganischen. ~II~. Diejenigen +Verbindungen der Elemente, welche dem Organismus eigentümlich sind, +und welche ihre »Lebenserscheinungen« bewirken, sind zusammengesetzte +Plasmakörper, aus der Gruppe der Albuminate oder Eiweißverbindungen. +~III~. Das organische Leben selbst ist ein chemisch-physikalischer +Prozeß, der auf dem Stoffwechsel dieser Albuminate beruht. ~IV~. +Dasjenige Element, welches allein imstande ist, diese zusammengesetzten +Eiweißkörper in Verbindung mit anderen Elementen (Sauerstoff, +Wasserstoff, Stickstoff, Schwefel) aufzubauen, ist der Kohlenstoff. +~V~. Diese plasmatischen Kohlenstoff-Verbindungen zeichnen sich +vor den meisten anderen chemischen Verbindungen durch ihre sehr +komplizierte Molekularstruktur aus, durch ihre Unbeständigkeit und +ihren gequollenen Aggregatzustand. Auf Grund dieser fünf fundamentalen +Tatsachen stellte ich im Jahre 1866 folgende =Theorie= auf: »Lediglich +die eigentümlichen, chemisch-physikalischen Eigenschaften des +Kohlenstoffes -- und namentlich der festflüssige Aggregatzustand und +die leichte Zersetzbarkeit der höchst zusammengesetzten, eiweißartigen +Kohlenstoff-Verbindungen -- sind die mechanischen Ursachen jener +eigentümlichen Bewegungs-Erscheinungen, durch welche sich die +Organismen von den Anorganen unterscheiden, und die man im engeren +Sinne das Leben nennt.« Obwohl diese »Kohlenstofftheorie« von mehreren +Biologen heftig angegriffen worden ist, hat doch bisher keiner eine +bessere monistische Theorie an deren Stelle gesetzt. Heute, wo wir die +physiologischen Verhältnisse des Zellenlebens, die Chemie und Physik +des lebendigen Plasma viel besser und gründlicher kennen als um die +Mitte des 19. Jahrhunderts, läßt sich unsere Theorie eingehender und +sicherer begründen, als es damals möglich war. + +_Achigonie oder Urzeugung._ Der alte Begriff der =Urzeugung= +(~Generatio spontanea~ oder ~aequivoca~) wird heute noch in +sehr verschiedenem Sinne verwendet; gerade die Unklarheit über +diesen =Begriff= und die widersprechende Anwendung desselben auf +ganz verschiedene, alte und neue Hypothesen sind schuld daran, +daß dieses wichtige Problem zu den bestrittensten und konfusesten +Fragen der ganzen Naturwissenschaft bis auf den heutigen Tag gehört. +Ich beschränke den Begriff der Urzeugung auf die erste Entstehung +von lebendem Plasma aus anorganischen Kohlenstoff-Verbindungen +und unterscheide als zwei Hauptperioden in diesem »=Beginn der +Biogenesis=«: ~I~. die Entstehung von einfachsten Plasmakörpern +in einer anorganischen Bildungsflüssigkeit, und ~II~. die +Individualisierung von primitivsten Organismen aus jenen +Plasmaverbindungen, in Form von =Moneren=. Ich habe diese wichtigen, +aber auch sehr schwierigen Probleme im 15. Kapitel meiner Natürlichen +Schöpfungsgeschichte so eingehend behandelt, daß ich hier darauf +verweisen kann. Eine sehr ausführliche und streng wissenschaftliche +Erörterung derselben habe ich bereits 1866 in der »Generellen +Morphologie« gegeben (Bd. ~I~, S. 167-190); später hat =Naegeli= in +seiner Mechanisch-physiologischen Theorie der Abstammungslehre (1884) +die Hypothese der Urzeugung ganz in demselben Sinne sehr eingehend +behandelt und als eine =unentbehrliche Annahme= der natürlichen +Entwickelungstheorie bezeichnet. Ich stimme vollkommen seinem Satze bei: +»Die Urzeugung leugnen heißt das Wunder verkünden.« Eine kritische +Auseinandersetzung der verschiedenartigen Hypothesen, welche neuerdings +über »Urzeugung« aufgestellt worden sind, enthält das 15. Kapitel +(»Lebensursprung«) meines Buches über die »Lebenswunder« (Volksausgabe +1906). + +_Teleologie und Mechanik._ Sowohl die Hypothese der Urzeugung als die +eng damit verknüpfte Kohlenstofftheorie besitzen die größte Bedeutung +für die Entscheidung des alten Kampfes zwischen der =teleologischen= +(=dualistischen=) und der =mechanischen= (=monistischen=) Beurteilung +der Erscheinungen. Seit =Darwin= uns vor fünfzig Jahren durch seine +=Selektionstheorie= den Schlüssel zur monistischen Erklärung der +Organisation in die Hand gab, sind wir in den Stand gesetzt, die bunte +Mannigfaltigkeit der zweckmäßigen Einrichtungen in der lebendigen +Körperwelt ebenso auf natürliche mechanische Ursachen zurückzuführen, +wie dies vorher nur in der anorganischen Natur möglich war. Die +übernatürlichen zwecktätigen Ursachen, zu welchen man früher seine +Zuflucht hatte nehmen müssen, sind dadurch überflüssig geworden. + +_Werkursachen_ (~Causae efficientes~) und _Endursachen_ (~Causae +finales~). Den tiefen Gegensatz zwischen den bewirkenden Ursachen +(oder Werkursachen) und den zwecktätigen Ursachen (oder Endursachen) +hat mit Bezug auf die Erklärung der Gesamtnatur kein neuerer Philosoph +schärfer hervorgehoben, als =Immanuel Kant=. In seinem berühmten +Jugendwerke, der »Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels«, +hatte er 1755 den kühnen Versuch unternommen, »die Verfassung und +den mechanischen Ursprung des ganzen Weltgebäudes nach =Newton=schen +Grundsätzen abzuhandeln«. Er stützte sich dabei ganz auf die +mechanischen Bewegungserscheinungen der Gravitation; sie wurde später +von =Laplace= weiter ausgebildet und mathematisch begründet. Als dieser +von Napoleon ~I~. gefragt wurde, welche Stelle in seinem System Gott, +der Schöpfer und Erhalter des Weltalls, einnehme, antwortete er klar +und ehrlich: »Sire, ich bedarf dieser Hypothese nicht.« Damit war der +=atheistische Charakter= dieser =mechanischen Kosmogenie=, den sie mit +allen anorganischen Wissenschaften teilt, offen anerkannt. Dies muß um +so mehr hervorgehoben werden, als die =Kant-Laplace=sche Theorie noch +heute in fast allgemeiner Geltung steht. Wenn man den =Atheismus= +noch heute in weiten Kreisen als einen schweren Vorwurf betrachtet, so +trifft dieser die gesamte moderne Naturwissenschaft, insofern sie die +=anorganische= Welt unbedingt mechanisch erklärt. + +Der Mechanismus =allein= gibt uns eine =wirkliche Erklärung= der +Naturerscheinungen, indem er dieselben auf reale Werkursachen +zurückführt, auf Bewegungen, welche durch die materielle Konstitution +der betreffenden Naturkörper selbst bedingt sind. =Kant= selbst betont, +daß es »ohne diesen Mechanismus der Natur keine Naturwissenschaft +geben kann«, und daß die =Befugnis= der menschlichen Vernunft zur +mechanischen Erklärung =aller= Erscheinungen unbeschränkt sei. Als +er aber später in seiner Kritik der ideologischen Urteilskraft die +Erklärung der verwickelten Erscheinungen in der =organischen= Natur +besprach, behauptete er, daß dafür jene mechanischen Ursachen nicht +ausreichend seien; hier müsse man zweckmäßig wirkende Endursachen +zu Hilfe nehmen. Zwar sei auch hier die Befugnis unserer Vernunft +zur mechanischen Erklärung anzuerkennen, aber ihr =Vermögen= sei +begrenzt. Allerdings gestand er ihr teilweise dieses Vermögen zu, aber +für den größten Teil der Lebenserscheinungen (und besonders für die +Seelentätigkeit des Menschen) hielt er die Annahme von Endursachen +unentbehrlich. Der merkwürdige § 79 der Kritik der Urteilskraft trägt +die charakteristische Überschrift: »Von der notwendigen Unterordnung +des Prinzips des Mechanismus unter das teleologische in Erklärung eines +Dinges als Naturzweck«. Die zweckmäßigen Einrichtungen im Körperbau +der organischen Wesen schienen =Kant= ohne Annahme übernatürlicher +Endursachen (d. h. also einer planmäßig wirkenden Schöpferkraft) +so unerklärlich, daß er sagte: »Es ist ganz gewiß, daß wir die +organisierten Wesen und deren innere Möglichkeit nach bloß mechanischen +Prinzipien der Natur nicht einmal zureichend kennen, viel weniger uns +erklären können, und zwar so gewiß, daß man dreist sagen kann: Es ist +für Menschen ungereimt, auch nur einen solchen Anschlag zu fassen oder +zu hoffen, daß noch etwa dereinst ein Newton aufstehen könne, der auch +nur die Erzeugung eines Grashalms nach Naturgesetzen, die keine Absicht +geordnet hat, begreiflich machen werde, sondern man muß diese Einsicht +dem Menschen schlechterdings absprechen.« Siebzig Jahre später ist +dieser unmögliche »=Newton= der organischen Natur« in =Darwin= wirklich +erschienen und hat die große Aufgabe gelöst, die =Kant= für unlösbar +erklärt hatte. + +_Der Zweck in der anorganischen Natur_ (=Anorganische Teleologie=). +Seitdem =Newton= (1682) das Gravitationsgesetz aufgestellt, und +seitdem =Kant= (1755) »die Verfassung und den =mechanischen= +Ursprung des ganzen Weltgeldes nach =Newton=schen Grundsätzen« +festgestellt -- seitdem endlich =Laplace= (1796) dieses =Grundgesetz +des Weltmechanismus= mathematisch begründet hatte, sind die sämtlichen +anorganischen Naturwissenschaften rein =mechanisch= und damit zugleich +rein =atheistisch= geworden. In der Astronomie und Kosmogenie, in der +Geologie und Meteorologie, in der anorganischen Physik und Chemie gilt +seitdem die absolute Herrschaft mechanischer Gesetze auf mathematischer +Grundlage als unbedingt feststehend. Seitdem ist aber auch der +=Zweckbegriff= aus diesem ganzen großen Gebiete =verschwunden=. Jetzt +ist diese monistische Betrachtung nach harten Kämpfen zu allgemeiner +Geltung gelangt, und kein Naturforscher fragt mehr im Ernste nach +dem Zweck irgendeiner Erscheinung in diesem ganzen unermeßlichen +Gebiete. Oder sollte wirklich noch heute im Ernste ein Astronom nach +dem Zwecke der Planetenbewegungen oder ein Mineraloge nach dem Zwecke +der einzelnen Kristallformen fragen? Oder sollte ein Physiker über den +Zweck der elektrischen Kräfte oder ein Chemiker über den Zweck der +Atomgewichte grübeln? Wir dürfen getrost antworten: =Nein=! Sicher +nicht in dem Sinne, daß der »liebe Gott« oder eine zielstrebige +Naturkraft diese Grundgesetze des Weltmechanismus einmal plötzlich »aus +nichts« zu einem bestimmten Zweck erschaffen hat, und daß er sie nach +seinem vernünftigen Willen tagtäglich wirken läßt. Diese anthropomorphe +Vorstellung von einem zwecktätigen Weltbaumeister und Weltherrscher +ist hier völlig überwunden; an seine Stelle sind die »ewigen, ehernen, +großen Naturgesetze« getreten. + +_Der Zweck in der organischen Natur_ (=Biologische Teleologie=). Eine +ganz andere Bedeutung und Geltung als in der anorganischen besitzt der +=Zweckbegriff= noch heute in der organischen Natur. Im Körperbau und +in der Lebenstätigkeit aller Organismen tritt uns die Zwecktätigkeit +unleugbar entgegen. Jede Pflanze und jedes Tier erscheinen in der +Zusammensetzung aus einzelnen Teilen ebenso für einen bestimmten +Lebenszweck eingerichtet wie die künstlichen, vom Menschen erfundenen +und konstruierten Maschinen; und solange ihr Leben fortdauert, ist +auch die Funktion der einzelnen Organe ebenso auf bestimmte Zwecke +gerichtet wie die Arbeit in den einzelnen Teilen der Maschine. Es +war daher ganz naturgemäß, daß die ältere naive Naturbetrachtung für +die Entstehung und die Lebenstätigkeit der organischen Wesen einen +Schöpfer in Anspruch nahm, der mit »Weisheit und Verstand alle Dinge +geordnet« hatte, und der jedes Tier und jede Pflanze ihrem besonderen +Lebenszweck entsprechend organisiert hatte. Gewöhnlich wurde dieser +»allmächtige Schöpfer Himmels und der Erden« durchaus anthropomorph +gedacht; er schuf »jegliches Wesen nach seiner Art«. Solange dabei dem +Menschen der Schöpfer noch in menschlicher Gestalt erschien, denkend +mit seinem Gehirn, sehend mit seinen Augen, formend mit seinen Händen, +konnte man sich von diesem »göttlichen Maschinenbauer« und von seiner +künstlerischen Arbeit in der großen Schöpfungswerkstätte noch eine +anschauliche Vorstellung machen. Viel schwieriger wurde dies, als sich +der Gottesbegriff läuterte und man in dem »unsichtbaren Gott« einen +immateriellen Schöpfer ohne Organe erblickte. Noch unbegreiflicher +endlich wurden diese anthropistischen Vorstellungen, als die +Physiologie an die Stelle des bewußt bauenden Gottes die unbewußt +schaffende »=Lebenskraft=« setzte -- eine unbekannte, zweckmäßig tätige +Naturkraft, welche von den bekannten physikalischen und chemischen +Kräften verschieden war und diese nur zeitweise -- auf Lebenszeit -- +in Dienst nahm. Dieser =Vitalismus= blieb noch bis um die Mitte des +19. Jahrhunderts herrschend; er fand seine tatsächliche Widerlegung +erst durch den großen Physiologen =Johannes Müller=. Zwar war auch +dieser geistreiche Biologe im Glauben an die Lebenskraft aufgewachsen +und hielt sie für die Erklärung der »letzten Lebensursachen« für +unentbehrlich, aber er führte zugleich in seinem klassischen, noch +heute unübertroffenen Lehrbuch der Physiologie (1833) den Beweis, daß +eigentlich nichts mit ihr anzufangen ist. =Müller= selbst zeigte in +einer langen Reihe von ausgezeichneten Beobachtungen und scharfsinnigen +Experimenten, daß die meisten Lebenstätigkeiten im Organismus des +Menschen ebenso wie der übrigen Tiere nach physikalischen und +chemischen Gesetzen geschehen, daß viele von ihnen sogar mathematisch +bestimmbar sind. Das gilt ebensowohl von den Funktionen der Muskeln +und Nerven, der niederen und höheren Sinnesorgane, wie von den +Vorgängen bei der Ernährung und dem Stoffwechsel, der Verdauung und +dem Blutkreislauf. Rätselhaft und ohne die Annahme einer Lebenskraft +nicht erklärbar blieben eigentlich nur zwei Gebiete, das der höheren +Seelentätigkeit (Geistesleben) und das der Fortpflanzung (Zeugung). +Aber auch auf diesen Gebieten wurden unmittelbar nach =Müllers= Tode so +bedeutende Entdeckungen und Fortschritte gemacht, daß das unheimliche +»Gespenst der Lebenskraft« auch aus diesen letzten Schlupfwinkeln +verschwand. Es war ein merkwürdiger chronologischer Zufall, daß +=Johannes Müller= 1858 in demselben Jahre starb, in welchem =Charles +Darwin= die ersten Mitteilungen über seine epochemachende Theorie +veröffentlichte. Die =Selektionstheorie= des letzteren beantwortete +das große Rätsel, vor welchem der erstere stehen geblieben war: die +Frage von der Entstehung zweckmäßiger Einrichtungen durch rein +mechanische Ursachen, ohne vorbedachten Plan. + +_Der Zweck in der Selektionstheorie_ (=Darwin= 1859). Das unsterbliche +philosophische Verdienst =Darwins= bleibt, wie wir schon oft +betont haben, ein doppeltes: erstens die Reform der älteren, 1809 +von =Lamarck= begründeten =Deszendenztheorie=, ihre Begründung +durch das gewaltige, im Laufe dieses halben Jahrhunderts +angesammelte Tatsachenmaterial -- und zweitens die Aufstellung der +=Selektionstheorie=, jener Zuchtwahllehre, welche uns erst eigentlich +die wahren bewirkenden Ursachen der allmählichen Artumbildung enthüllt. +=Darwin= zeigte zuerst, wie der unerbittliche »=Kampf ums Dasein=« +der unbewußt wirkende Regulator ist, welcher die Wechselwirkung der +Vererbung und Anpassung bei der allmählichen Transformation der Spezies +leitet; er ist der große »=züchtende Gott=«, welcher ohne Absicht neue +Formen ebenso durch »natürliche Auslese« bewirkt, wie der züchtende +Mensch neue Formen mit Absicht durch »künstliche Auslese« hervorbringt. +Damit wurde das große philosophische Rätsel gelöst: »Wie können +zweckmäßige Einrichtungen rein mechanisch entstehen, ohne zwecktätige +Ursachen?« Neuerdings hat sich daraus das Prinzip der »=teleologischen +Mechanik=« zu immer größerer Geltung entwickelt und hat auch die +feinsten und verborgensten Einrichtungen der organischen Wesen uns +durch die »funktionelle Selbstgestaltung der zweckmäßigen Struktur« +mechanisch erklärt. Damit ist aber der transzendente Zweckbegriff +unserer teleologischen Schulphilosophie beseitigt, das größte Hindernis +einer vernünftigen und einheitlichen Naturauffassung. + +_Neovitalismus._ In neuerer Zeit ist das alte Gespenst der mystischen +Lebenskraft, das gründlich getötet schien, wieder aufgelebt; +verschiedene Biologen haben versucht, dasselbe unter neuem Namen zur +Geltung zu bringen. Die konsequenteste Darstellung desselben hat der +Kieler Botaniker =Johannes Reinke= in zwei Büchern gegeben: »Die Welt +als Tat« (1899) und »Einleitung in die theoretische Biologie« (1901). +Er nennt sie »Umrisse einer Weltansicht auf naturwissenschaftlicher +Grundlage«; tatsächlich ist aber diese Grundlage der christliche +Kirchenglaube. Indem er von den Offenbarungen der Bibel ausgeht +und =Moses= als höchste wissenschaftliche Autorität betrachtet, +verteidigt er zugleich den Wunderglauben und den =Theismus=, die +Mosaische =Schöpfungsgeschichte= und die Konstanz der Arten; er +nennt die »Lebenskräfte«, im Gegensatze zu den physikalischen +Kräften, Richtkräfte, Oberkräfte oder =Dominanten=. =Reinke= wendet +vergeblich alle Mittel auf, um die herrschenden Glaubenslehren der +christlichen Kirche mit den direkt widersprechenden Erfahrungssätzen +der Entwickelungslehre in Einklang zu bringen. Diesen Widerspruch wird +auch der neue sogenannte »Keplerbund« nicht lösen, den er 1908 zur +Bekämpfung und Vernichtung des 1905 gegründeten »Monistenbundes« ins +Leben gerufen hat. Das Widersinnige und Unhaltbare dieses Neovitalismus +(der in den mystischen Kreisen der Spiritisten und Okkultisten, +Theosophen und Metaphysiker viel Anklang findet), habe ich im 2. und 3. +Kapitel meiner »Lebenswunder« eingehend nachgewiesen. + +_Unzweckmäßigkeitslehre_ (=Dysteleologie=). Unter diesem Begriffe +habe ich schon im Jahre 1866 die Wissenschaft von den überaus +interessanten und wichtigen biologischen Tatsachen begründet, welche +in handgreiflichster Weise die hergebrachte teleologische Auffassung +von der »zweckmäßigen Einrichtung der lebendigen Naturkörper« direkt +widerlegen. Diese Wissenschaft von den »rudimentären, abortiven, +verkümmerten, fehlgeschlagenen, atrophischen oder kataplastischen +Individuen« stützt sich auf eine unermeßliche Fülle der merkwürdigsten +Erscheinungen, welche zwar den Zoologen und Botanikern längst bekannt +waren, aber erst durch Darwin ursächlich erklärt und in ihrer hohen +philosophischen Bedeutung vollständig gewürdigt worden sind. + +Alle höheren Tiere und Pflanzen, überhaupt alle diejenigen Organismen, +deren Körper nicht ganz einfach gebaut, sondern aus mehreren, +zweckmäßig zusammenwirkenden Organen zusammengesetzt ist, lassen bei +aufmerksamer Untersuchung eine Anzahl von nutzlosen oder unwirksamen, +ja zum Teil sogar gefährlichen und schädlichen Einrichtungen erkennen. +In den Blüten der meisten Pflanzen finden sich neben den wirksamen +Geschlechtsblättern, welche die Fortpflanzung vermitteln, einzelne +nutzlose Blattorgane ohne Bedeutung (verkümmerte oder »fehlgeschlagene« +Staubfäden, Fruchtblätter, Kronen-, Kelchblätter usw.). In den +beiden großen und formenreichen Klassen der fliegenden Tiere, Vögel +und Insekten, gibt es neben den gewöhnlichen, ihre Flügel täglich +gebrauchenden Arten eine Anzahl von Formen, deren Flügel verkümmert +sind, und die nicht fliegen können. Fast in allen Klassen der höheren +Tiere, die ihre Augen zum Sehen gebrauchen, existieren einzelne +Arten, welche im Dunkeln leben und nicht sehen; trotzdem besitzen +auch diese meistens noch Augen; nur sind sie verkümmert, zum Sehen +nicht mehr tauglich. An unserem eigenen menschlichen Körper besitzen +wir solche nutzlose Rudimente in den Muskeln unseres Ohres, in der +Nickhaut unseres Auges, in der Brustwarze und Milchdrüse des Mannes +und in anderen Körperteilen; ja der gefürchtete Wurmfortsatz unseres +Blinddarmes ist nicht nur unnütz, sondern sogar gefährlich, und +alljährlich geht eine Anzahl Menschen durch seine Entzündung zugrunde. + +Die =Erklärung= dieser und vieler anderer zweckloser Einrichtungen +im Körperbau der Tiere und Pflanzen vermag weder der alte noch der +neue =Vitalismus= zu geben; dagegen finden wir sie sehr einfach durch +die =Deszendenztheorie=. Sie zeigt, daß diese rudimentären Organe +=verkümmert= sind, und zwar durch Nichtgebrauch. Ebenso, wie die +Muskeln, die Nerven, die Sinnesorgane durch Übung und häufigeren +Gebrauch gestärkt werden, ebenso erleiden sie umgekehrt durch +Untätigkeit und unterlassenen Gebrauch mehr oder weniger Rückbildung. +Aber obgleich so durch Übung und Anpassung die höhere Entwickelung +der Organe gefördert wird, so verschwinden sie doch keineswegs sofort +spurlos durch Nichtübung; vielmehr werden sie durch die Macht der +Vererbung noch während vieler Generationen erhalten und verschwinden +erst allmählich nach längerer Zeit. Der blinde »Kampf ums Dasein +zwischen den Organen« bedingt ebenso ihren historischen Untergang, +wie er ursprünglich ihre Entstehung und Ausbildung verursachte. Ein +immanenter »Zweck« spielt dabei überhaupt keine Rolle. + +_Unvollkommenheit der Natur._ Wie das Menschenleben so bleibt auch das +Tier- und Pflanzenleben immer und überall unvollkommen. Diese Tatsache +ergibt sich einfach aus der Erkenntnis, daß die ganze Natur in einem +beständigen Flusse der =Entwickelung=, der Veränderung und Umbildung +begriffen ist. Diese Entwickelung erscheint uns im großen und ganzen +-- wenigstens soweit wir die Stammesgeschichte der organischen Natur +auf unserem Planeten übersehen können -- als eine fortschreitende +Umbildung, als ein historischer Fortschritt vom Einfachen zum +Zusammengesetzten, vom Niederen zum Höheren, vom Unvollkommenen zum +Vollkommneren. Ich habe schon in der Generellen Morphologie (1866) den +Nachweis geführt, daß dieser historische =Fortschritt= -- oder die +allmähliche =Vervollkommnung= -- die =notwendige Wirkung der Selektion= +ist, nicht aber die Folge eines vorbedachten Zweckes. Das ergibt sich +auch daraus, daß kein Organismus ganz vollkommen ist; selbst wenn er +in einem gegebenen Augenblicke den Umständen vollkommen angepaßt wäre, +würde dieser Zustand nicht lange dauern; denn die Existenzbedingungen +der Außenwelt sind selbst einem beständigen Wechsel unterworfen und +bedingen damit eine ununterbrochene Anpassung der Organismen. + +_Sittliche Weltordnung._ In der Philosophie der Geschichte, in +den allgemeinen Betrachtungen, welche die Geschichtschreiber über +die Schicksale der Völker und über den verschlungenen Gang der +Staatenentwickelung anstellen, herrscht noch heute die Annahme einer +»sittlichen Weltordnung«. Die Historiker suchen in dem bunten Wechsel +der Völkergeschicke einen leitenden Zweck, eine ideale Absicht, +welche diese oder jene Rasse, diesen oder jenen Staat zu besonderem +Gedeihen auserlesen und zur Herrschaft über die anderen bestimmt +hat. Diese teleologische und dualistische Geschichtsbetrachtung ist +neuerdings um so schärfer in prinzipiellen Gegensatz zu unserer +monistischen Weltanschauung getreten, je sicherer sich diese letztere +im gesamten Gebiete der anorganischen Natur als die allem berechtigte +herausgestellt hat. In der gesamten Astronomie und Geologie, in dem +weiten Gebiete der Physik und Chemie spricht heute niemand mehr von +einer sittlichen Weltordnung, ebensowenig als von einem persönlichen +Gotte, dessen »Hand mit Weisheit und Verstand alle Dinge geordnet hat«. +Dieser ist aber auch in dem gesamten Gebiete der Biologie nicht zu +finden, in der ganzen Verfassung und Geschichte der organischen Natur. +=Darwin= hat uns in seiner Selektionstheorie nicht nur gezeigt, wie +die zweckmäßigen Einrichtungen im Leben und im Körperbau der Tiere und +Pflanzen ohne vorbedachten Zweck mechanisch entstanden sind, sondern er +hat uns auch in seinem »=Kampf ums Dasein=« die gewaltige Naturmacht +erkennen gelehrt, welche den ganzen Entwickelungsgang der organischen +Welt seit vielen Jahrmillionen ununterbrochen beherrscht und regelt. +Man könnte freilich sagen: Der »Kampf ums Dasein« ist das Ȇberleben +des Passendsten« oder der »Sieg des Besten«; das kann man aber nur, +wenn man das Stärkere stets als das beste (in moralischem Sinne!) +betrachtet; und überdies zeigt uns die ganze Geschichte der organischen +Welt, daß neben dem überwiegenden Fortschritt zum Vollkommenen +jederzeit auch einzelne Rückschritte zu niederen Zuständen vorkommen. + +Verhält es sich nun in der Völkergeschichte, die der Mensch in seinem +anthropozentrischen Größenwahn die »Weltgeschichte« zu nennen liebt, +etwa anders? Ist da überall und jederzeit ein höchstes moralisches +Prinzip oder ein weiser Weltregent zu entdecken, der die Geschicke +der Völker leitet? Die unbefangene Antwort kann heute, bei dem +vorgeschrittenen Zustande unserer Naturgeschichte und Völkergeschichte, +nur lauten: =Nein!= Die Geschicke der Zweige des Menschengeschlechts, +die als Rassen und Nationen seit Jahrtausenden um ihre Existenz und +ihre Fortbildung gerungen haben, unterliegen genau denselben »ewigen, +ehernen, großen Gesetzen« wie die Geschichte der ganzen organischen +Welt, die seit vielen Jahrmillionen die Erde bevölkert. + +Die Geologen unterscheiden in der »organischen Erdgeschichte«, soweit +sie uns durch die Denkmäler der Versteinerungskunde bekannt ist, drei +große Perioden: das primäre, sekundäre und tertiäre Zeitalter. Ihre +Zeitdauer ist schwer abzuschätzen, beträgt aber (zusammengenommen) +jedenfalls mehr als hundert Millionen Jahre. Die Geschichte des +Wirbeltierstammes, aus dem unser eigenes Geschlecht entsprossen ist, +liegt innerhalb dieses langen Zeitraumes klar vor unseren Augen; drei +verschiedene Entwickelungsstufen der Vertebraten waren in jenen drei +großen Perioden nacheinander entwickelt; in der primären Periode +die =Fische=, in der sekundären die =Reptilien=, in der tertiären +die =Säugetiere=. Von diesen drei Hauptgruppen der Wirbeltiere +nehmen die Fische den niedersten, die Reptilien einen mittleren, die +Säugetiere den höchsten Rang der Vollkommenheit ein. Bei tieferem +Eingehen in die Geschichte der drei Klassen finden wir, daß auch +die einzelnen Ordnungen und Familien derselben innerhalb der drei +Zeiträume sich fortschreitend zu höherer Vollkommenheit entwickelten. +Kann man nun diesen fortschreitenden Entwickelungsgang als Ausfluß +einer bewußten zweckmäßigen Zielstrebigkeit oder einer sittlichen +Weltordnung bezeichnen? Durchaus nicht! Denn die Selektionstheorie +lehrt uns, daß der organische =Fortschritt=, ebenso wie die organische +Differenzierung, eine =notwendige Folge= des Kampfes ums Dasein ist. +Tausende von bewunderungswürdigen Arten des Tier- und Pflanzenreiches +sind im Laufe jener hundert Millionen Jahre zugrunde gegangen, weil sie +anderen, stärkeren, Platz machen mußten, und diese Sieger im Kampfe +ums Dasein waren nicht immer die edleren oder im moralischen Sinne +vollkommneren Formen. + +Genau dasselbe gilt von der =Völkergeschichte=. Die bewunderungswürdige +Kultur des klassischen Altertums ist zugrunde gegangen, weil das +Christentum dem ringenden Menschengeiste damals durch den Glauben an +einen liebenden Gott und die Hoffnung auf ein besseres jenseitiges +Leben einen gewaltigen neuen Aufschwung verlieh. Der Papismus wurde +zwar bald zur schamlosen Karikatur des reinen Christentums und zertrat +schonungslos die Schätze der Erkenntnis, welche die hellenische +Philosophie schon erworben hatte; aber er gewann die Weltherrschaft +durch die Unwissenheit der blindgläubigen =Massen=. Erst die +Renaissance zerriß die Ketten dieser Geistesknechtschaft und verhalf +wieder den Ansprüchen der Vernunft zu ihrem Rechte. Aber auch in dieser +neuen, wie in jenen früheren Perioden der Kulturgeschichte, wogt ewig +der große Kampf ums Dasein hin und her, ohne jede moralische Ordnung. + +_Vorsehung._ So wenig bei unbefangener und kritischer Betrachtung +eine »moralische Weltordnung« im Gange der Völkergeschichte +nachzuweisen ist, ebensowenig können wir eine »weise Vorsehung« im +Schicksal der einzelnen Menschen anerkennen. Dieses wie jener wird +mit eiserner Notwendigkeit durch die mechanische Kausalität bestimmt, +welche jede Erscheinung aus einer oder mehreren vorhergehenden Ursachen +ableitet. Schon die alten Hellenen erkannten als höchstes Weltprinzip +das blinde =Fatum= (die Anangke), das »Götter und Menschen beherrscht«. +An ihre Stelle trat im Christentum die bewußte Vorsehung eines Gottes, +welcher nicht blind, sondern sehend ist, und welcher die Weltregierung +als patriarchalischer Herrscher führt. Der anthropomorphe Charakter +dieser Vorstellung liegt auf der Hand. Der Glaube an einen »liebenden +Vater«, der die Geschicke von 1500 Millionen Menschen auf unserem +Planeten unablässig lenkt und dabei die millionenfach sich kreuzenden +Gebete und »frommen Wünsche« derselben jederzeit berücksichtigt, ist +vollkommen unhaltbar: das ergibt sich sofort, wenn die Vernunft beim +Nachdenken darüber die farbige Brille des »Glaubens« ablegt. + +Bei dem ungeheuren Aufschwung des Verkehrs im 19. Jahrhundert hat +notwendig die Zahl der Verbrechen und Unglücksfälle in einem früher +nicht geahnten Maße zugenommen; das erfahren wir tagtäglich durch +die Zeitungen. In jedem Jahre gehen Tausende von Menschen zugrunde +durch Schiffbrüche, Tausende durch Eisenbahnunglücke, Tausende durch +Bergwerkskatastrophen usw. Viele Tausende töten sich alle Jahre +gegenseitig im Kriege, und die Zurüstung für diesen Massenmord +nimmt bei den höchstentwickelten, die christliche Liebe bekennenden +Kulturnationen den weitaus größten Teil des Nationalvermögens in +Anspruch. Und unter jenen Hunderttausenden, die alljährlich als +Opfer der modernen Zivilisation fallen, befinden sich überwiegend +tüchtige, tatkräftige, arbeitsame Menschen. Dabei redet man noch von +sittlicher Weltordnung! Es soll durchaus nicht bestritten werden, daß +der heute noch herrschende und in den Schulen gelehrte Glaube an eine +»sittliche Weltordnung« -- ebenso wie an eine »liebevolle Vorsehung« +-- einen hohen =Idealwert= besitzt. Er tröstet die Leidenden, stärkt +die Schwachen, erhebt im Unglück; er befriedigt unser zweifelndes +Gemüt und versetzt uns in eine Idealwelt des »Jenseits«, in welcher +die Mängel des irdischen Daseins im »Diesseits« überwunden sind. So +lange der Mensch kindlich und unerfahren genug bleibt, mag er sich mit +diesen Gebilden der Dichtung begnügen. Allein das fortgeschrittene +Kulturleben der Gegenwart reißt ihn gewaltsam aus jener schönen +Idealwelt heraus und stellt ihn vor Aufgaben, zu deren Lösung ihn nur +die vernünftige Erkenntnis der =Wirklichkeit= befähigt. Unzweifelhaft +wird die frühzeitige Anpassung an diese =Realwelt=, zweckmäßig in den +Unterricht eingeführt und auf die moderne Entwickelungslehre gestützt, +den höher gebildeten Menschen der Zukunft nicht allein vernünftiger und +vorurteilsfreier, sondern auch besser und glücklicher machen. + +_Ziel, Zweck und Zufall._ Wenn uns unbefangene Prüfung der +Weltentwickelung lehrt, daß dabei weder ein bestimmtes Ziel noch ein +besonderer Zweck (im Sinne der menschlichen Vernunft!) nachzuweisen +ist, so scheint nichts übrig zu bleiben, als alles dem »=blinden +Zufall=« zu überlassen. Dieser Vorwurf ist in der Tat ebenso +dem =Transformismus= von =Lamarck= und =Darwin=, wie früher der +=Kosmogenie= von =Kant= und =Laplace= entgegengehalten worden; viele +dualistische Philosophen legen gerade hierauf besonderes Gewicht. Es +verlohnt sich daher wohl der Mühe, hier noch einen flüchtigen Blick +darauf zu werfen. + +Die eine Gruppe der Philosophen behauptet nach ihrer =teleologischen= +Auffassung: die ganze Welt ist ein geordneter Kosmos, in dem alle +Erscheinungen Ziel und Zweck haben; es gibt =keinen Zufall!= Die +andere Gruppe dagegen meint gemäß ihrer =mechanistischen= Auffassung: +Die Entwickelung der ganzen Welt ist ein einheitlich mechanischer +Prozeß, in dem wir nirgends Ziel und Zweck entdecken können; was +wir im organischen Leben so nennen, ist eine besondere Folge der +biologischen Verhältnisse; weder in der Entwickelung der Weltkörper, +noch in derjenigen unserer organischen Erdrinde ist ein leitender Zweck +nachzuweisen; hier ist =alles Zufall!= Beide Parteien haben recht, je +nach der Definition des »Zufalls«. Das allgemeine =Kausalgesetz=, in +Verbindung mit dem Substanzgesetz, überzeugt uns, daß jede Erscheinung +ihre mechanische Ursache hat; in diesem Sinne gibt es keinen Zufall. +Wohl aber können und müssen wir diesen unentbehrlichen Begriff +beibehalten, um damit das =Zusammentreffen= von zwei Erscheinungen +zu bezeichnen, die nicht unter sich kausal verknüpft sind, von denen +aber natürlich jede ihre Ursache hat, unabhängig von der anderen. Wie +jedermann weiß, spielt der Zufall in diesem monistischen Sinne die +größte Rolle im Leben des Menschen wie in demjenigen aller anderen +Naturkörper. Die wichtigsten Entscheidungen im bunten Wechsel unserer +persönlichen Schicksale werden oft durch zufällige Begegnung mit +anderen Personen bestimmt. Das hindert aber nicht, daß wir in jedem +einzelnen »=Zufall=« wie in der Entwickelung des Weltganzen die +universale Herrschaft des umfassendsten Naturgesetzes anerkennen, des +=Substanzgesetzes=. + + + + +=Fünfzehntes Kapitel.= + +_Gott und Welt._ + + Monistische Studien über Theismus und Pantheismus. Der anthropistische + Monotheismus der drei großen Mediterran-Religionen. Extramundaner und + intramundaner Gott. + + +Als letzten und höchsten Urgrund aller Erscheinungen betrachtet +die Menschheit seit Jahrtausenden eine bewirkende Ursache unter +dem Begriffe =Gott= (~Deus~, ~Theos~). Wie alle anderen +allgemeinen Begriffe, so ist auch dieser höchste Grundbegriff im +Laufe der Vernunftentwickelung den bedeutendsten Umbildungen und den +mannigfaltigsten Abartungen unterworfen gewesen. Ja man kann sagen, daß +kein anderer Begriff so sehr umgestaltet und abgeändert worden ist; +denn kein anderer berührt in gleich hohem Maße sowohl die höchsten +Aufgaben des erkennenden Verstandes und der vernünftigen Wissenschaft +als auch zugleich die tiefsten Interessen des gläubigen Gemütes und der +dichtenden Phantasie. + +Eine vergleichende Kritik der zahlreichen verschiedenen Hauptformen +der Gottesvorstellung ist zwar höchst interessant und lehrreich, würde +uns hier aber viel zu weit führen; wir müssen uns damit begnügen, nur +auf die wichtigsten Gestaltungen der Gottesidee und auf ihre Beziehung +zu unserer heutigen, durch die reine Naturerkenntnis bedingten +Weltanschauung einen flüchtigen Blick zu werfen. + +Wenn wir von allen feineren Abtönungen und bunten Gewandungen des +Gottesbildes absehen, können wir füglich -- mit Beschränkung auf den +tiefsten Inhalt desselben -- alle verschiedenen Vorstellungen darüber +in zwei entgegengesetzte Hauptgruppen ordnen, in die =theistische= und +die =pantheistische= Gruppe. Die letztere ist eng verknüpft mit der +=monistischen= oder rationellen, die erstere mit der =dualistischen= +oder mystischen Weltanschauung. + +~I~. _Theismus: Gott und Welt sind zwei verschiedene Wesen._ Gott +steht der Welt gegenüber als deren Schöpfer, Erhalter und Regierer. +Dabei wird Gott stets mehr oder weniger menschenähnlich gedacht, als +ein Organismus, welcher dem Menschen ähnlich (wenn auch in höchst +vollkommener Form) denkt und handelt. Dieser =anthropomorphe Gott=, +den die verschiedenen Naturvölker offenbar unabhängig voneinander +mehrmals erdacht haben, unterliegt in ihrer Phantasie bereits den +mannigfaltigsten Abstufungen, vom Fetischismus aufwärts bis zu den +geläuterten monotheistischen Religionen der Gegenwart. Als wichtigste +Unterarten der theistischen Begriffsbildung unterscheiden wir +Polytheismus, Triplotheismus, Amphitheismus und Monotheismus. + +_Polytheismus_ (Vielgötterei). Die Welt ist von vielen verschiedenen +Göttern bevölkert, welche mehr oder weniger selbständig in deren +Getriebe eingreifen. Der =Fetischismus= findet dergleichen +untergeordnete Götter in den verschiedensten leblosen Naturkörpern, in +den Steinen, im Wasser, in der Luft, in menschlichen Kunstprodukten +einfachster Art. Der =Dämonismus= erblickt Götter in lebendigen +Organismen, in Bäumen, Tieren und Menschen. Diese Vielgötterei nimmt +schon in den niedersten Religionsformen der rohen Naturvölker sehr +mannigfaltige Formen an. Sie erscheint auf der höchsten Stufe geläutert +im =hellenischen Polytheismus=, in jenen herrlichen Göttersagen des +alten Griechenlands, welche noch heute unserer modernen Kunst die +schönsten Vorbilder für Poesie und Bildnerei liefern. Auf viel tieferer +Stufe steht der =katholische Polytheismus=, in dem zahlreiche »Heilige« +als untergeordnete Gottheiten angebetet und um gütige Vermittelung beim +obersten Gott oder bei der »Jungfrau Maria« ersucht werden. + +_Triplotheismus_ (Dreigötterei, Trinitätslehre). Die Lehre von der +»=Dreieinigkeit Gottes=«, welche heute noch im Glaubensbekenntnis der +christlichen Kulturvölker die grundlegenden »drei Glaubensartikel« +bildet, gipfelt bekanntlich in der Vorstellung, daß der =Eine Gott= +des Christentums eigentlich in Wahrheit aus =drei Personen= von +verschiedenem Wesen sich zusammensetzt: ~I~. =Gott der Vater= ist der +»allmächtige Schöpfer Himmels und der Erde« (dieser unhaltbare Mythus +ist durch die wissenschaftliche Kosmogenie, Astronomie und Geologie +längst widerlegt). =II=. =Jesus Christus= ist der »eingeborene Sohn +Gottes des Vaters« (und zugleich der dritten Person, des »Heiligen +Geistes«!!), erzeugt durch unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria. +~III~. Der =Heilige Geist=, ein mystisches Wesen, über dessen +unbegreifliches Verhältnis zum »Sohne« und zum Vater sich viele +christliche Theologen seit 1900 Jahren den Kopf ganz umsonst zerbrochen +haben. Die Evangelien, die doch die einzigen lauteren Quellen dieses +=christlichen Triplotheismus= sind, lassen uns über die eigentlichen +Beziehungen dieser drei Personen zu einander völlig im Dunkeln und +geben auf die Frage nach ihrer rätselhaften Einheit keine irgendwie +befriedigende Antwort. Dagegen müssen wir besonders darauf hinweisen, +welche Verwirrung diese unklare und mystische Trinitätslehre in den +Köpfen unserer Kinder schon beim ersten Schulunterricht notwendig +anrichten muß. Montag morgens in der ersten Unterrichtsstunde +(Religion) lernen sie: Dreimal eins ist eins! -- und gleich darauf +in der zweiten Stunde (Rechnen): Dreimal eins ist drei! Ich erinnere +mich selbst sehr wohl noch der Bedenken, welche dieser auffällige +Widerspruch in mir selbst beim ersten Unterricht erregte. -- Übrigens +ist die »=Dreieinigkeit=« im Christentum keineswegs originell, sondern +gleich den meisten anderen Lehren desselben aus älteren Religionen +übernommen. Aus dem Sonnendienste der chaldäischen Magier entwickelt +sich die Trinität der =Ilu=, der geheimnisvollen Urquelle der Welt; +ihre drei Offenbarungen waren =Anu=, das ursprüngliche Chaos, =Bel=, +der Ordner der Welt, und =Ao=, das himmlische Licht, die alles +erleuchtende Weisheit. -- In der Brahmanenreligion wird die =Trimurti= +als »Gotteseinheit« ebenfalls aus drei Personen zusammengesetzt, aus +=Brahma= (dem Schöpfer), =Wischnu= (dem Erhalter) und =Schiwa= (dem +Zerstörer). + +_Amphitheismus_ (Zweigötterei). Die Welt wird von zwei verschiedenen +Göttern regiert, einem guten und einem bösen Wesen, =Gott= und +=Teufel=. Beide Weltregenten befinden sich in einem beständigen Kampfe, +wie Kaiser und Gegenkaiser, Papst und Gegenpapst. Das Ergebnis dieses +Kampfes ist jederzeit der gegenwärtige Zustand der Welt. Der liebe +=Gott=, als das gute Wesen, ist der Urquell des Guten und Schönen, der +Lust und Freude. Die Welt würde vollkommen sein, wenn sein Wirken nicht +beständig durchkreuzt würde von dem bösen Wesen, dem =Teufel=; dieser +schlimme Satanas ist die Ursache alles Bösen und Häßlichen, der Unlust +und des Schmerzes. + +Dieser =Amphitheismus= ist unter allen verschiedenen Formen des +Götterglaubens insofern der vernünftigste, als sich seine Theorie am +ersten mit einer wissenschaftlichen Welterklärung verträgt. Wir finden +ihn daher schon mehrere Jahrtausende vor Christus bei verschiedenen +Kulturvölkern des Altertums ausgebildet. Im alten Indien kämpft +=Wischnu=, der Erhalter, mit =Schiwa=, dem Zerstörer. Im alten +Ägypten steht dem guten =Osiris= der böse =Typhon= gegenüber. In der +Zendreligion der alten Perser, von Zoroaster 2000 Jahre vor Christus +gegründet, herrscht beständiger Kampf zwischen =Ormudz=, dem guten Gott +des Lichtes, und =Ahriman=, dem bösen Gott der Finsternis. + +Keine geringere Rolle spielt der Teufel als Gegner des guten Gottes in +der Mythologie des Christentums als der Versucher und Verführer, der +Fürst der Hölle und Herr der Finsternis. Als persönlicher =Satanas= war +er auch noch im Anfange des 19. Jahrhunderts ein wesentliches Element +im Glauben der meisten Christen; erst gegen die Mitte desselben wurde +er mit zunehmender Aufklärung allmählich abgesetzt, oder er mußte sich +mit jener Rolle begnügen, welche ihm =Goethe= in der größten aller +dramatischen Dichtungen, im »Faust«, als =Mephistopheles= zuteilt. +Gegenwärtig gilt in den besseren gebildeten Kreisen der »Glaube an den +persönlichen Teufel« als ein überwundener Aberglaube des Mittelalters, +während gleichzeitig der »Glaube an Gott« (d. h. den persönlichen, +guten und lieben Gott) als ein unentbehrlicher Bestandteil der Religion +festgehalten wird. Und doch ist der erstere Glaube ebenso voll +berechtigt (vielmehr ebenso haltlos!) wie der letztere! Jedenfalls +erklärt sich die vielbeklagte »Unvollkommenheit des Erdenlebens« viel +einfacher und natürlicher durch diesen Kampf des guten und bösen Gottes +als durch irgend welche andere Form des Gottesglaubens. + +_Monotheismus_ (Eingötterei). Die Lehre von der Einheit Gottes kann +in vieler Beziehung als die einfachste und natürlichste Form der +Gottesverehrung gelten. Nach der allgemeinen Meinung ist sie die +weitest verbreitete Grundlage der Religion und beherrscht namentlich +den Kirchenglauben der Kulturvölker. Tatsächlich ist dies jedoch +nicht der Fall; denn der angebliche =Monotheismus= erweist sich bei +näherer Betrachtung meistens als eine der vorher angeführten Formen +des Theismus, indem neben dem obersten »Hauptgotte« noch einer oder +mehrere Nebengötter angebetet werden. Auch sind die meisten Religionen, +welche einen rein monotheistischen Ausgangspunkt haben, im Laufe der +Zeit mehr oder minder polytheistisch geworden. Allerdings behauptet die +moderne Statistik, daß unter den 1500 Millionen Menschen, welche unsere +Erde bevölkern, die große Mehrzahl =Monotheisten= seien; =angeblich= +sollen davon =ungefähr= 600 Millionen Brahma-Buddhisten sein, 500 +Millionen (sogenannte!) Christen, 200 Millionen Heiden (verschiedenster +Sorte), 180 Millionen Mohammedaner, 10 Millionen Israeliten und 10 +Millionen ganz religionslos. Allein die große Mehrzahl der angeblichen +Monotheisten hat ganz unklare Gottesvorstellungen oder glaubt neben +dem einen Hauptgott auch noch an viele Nebengötter, als da sind: +Engel, Teufel, Dämonen usw. Die verschiedenen Formen, in denen sich +der Monotheismus =polyphyletisch= entwickelt hat, können wir in zwei +Hauptgruppen bringen: naturalistische und anthropistische Eingötterei. + +_Naturalistischer Monotheismus._ Diese alte Form der Religion erblickt +die Verkörperung Gottes in einer erhabenen, alles beherrschenden +Naturerscheinung. Als solche imponierte schon vor vielen Jahrtausenden +den Menschen vor allem die =Sonne=, die leuchtende und erwärmende +Gottheit, von deren Einfluß sichtlich alles organische Leben +unmittelbar abhängig ist. Der =Sonnenkultus= oder Solarismus kann für +den modernen Naturforscher wohl unter allen theistischen Glaubensformen +als die würdigste erscheinen. Denn unsere moderne Astrophysik und +Geogenie hat uns überzeugt, daß die Erde ein abgelöster Teil der Sonne +ist und später wieder in ihren Schoß zurückkehren wird. Die moderne +Physiologie lehrt uns, daß der erste Urquell des organischen Lebens auf +der Erde die Plasmabildung ist und daß diese Synthese von einfachen +anorganischen Verbindungen, von Wasser, Kohlensäure und Ammoniak nur +unter dem Einflusse des =Sonnenlichtes= erfolgt. Auf die primäre +Entwickelung der =Pflanzen= ist erst nachträglich, sekundär, diejenige +der =Tiere= gefolgt, die sich direkt oder indirekt von ihnen nähren; +und die Entstehung des Menschengeschlechtes selbst ist wiederum nur ein +späterer Vorgang in der Stammesgeschichte des Tierreichs. Auch unser +gesamtes körperliches und geistiges Menschenleben ist ebenso wie alles +andere organische Leben im letzten Grunde auf die strahlende, Licht +und Wärme spendende Sonne zurückzuführen. Unbefangen und vernünftig +betrachtet, erscheint daher der =Sonnenkultus= als =naturalistischer +Monotheismus= besser begründet als der anthropistische Gottesdienst +der Christen und anderer Kulturvölker, welche Gott in Menschengestalt +sich vorstellen. Tatsächlich haben auch schon vor Jahrtausenden die +Sonnenanbeter sich auf eine höhere intellektuelle und moralische +Bildungsstufe erhoben als die meisten anderen Theisten. Als ich +im November 1881 in Bombay war, betrachtete ich mit der größten +Teilnahme die erhebenden Andachtsübungen der frommen Parsi, welche +beim Aufgang und Untergang der Sonne, am Meeresstrande stehend oder +auf ausgebreitetem Teppich kniend, dem kommenden und scheidenden +Tagesgestirn ihre Verehrung bezeugten (Indische Reisebriefe, ~IV~. +Aufl., S. 56). + +_Anthropistischer Monotheismus._ Die Vermenschlichung Gottes, +die Vorstellung, daß das »höchste Wesen« dem Menschen gleich +empfindet, denkt und handelt (wenn auch in erhabenster Form), +spielt als =anthropomorpher Monotheismus= die größte Rolle in der +Kulturgeschichte. Vor allen anderen treten hier in den Vordergrund +die drei großen Religionen der mediterranen Menschenart, die ältere +mosaische, die mittlere christliche und die jüngere mohammedanische. +Diese =drei großen Mittelmeer-Religionen=, alle drei an der gesegneten +Ostküste des interessantesten aller Meere entstanden, alle drei in +ähnlicher Weise von einem phantasiereichen Schwärmer semitischer +Rasse gestiftet, hängen nicht nur äußerlich durch diesen gemeinsamen +Ursprung innig zusammen, sondern auch durch zahlreiche gemeinsame Züge +ihrer inneren Glaubensvorstellungen. Wie das Christentum einen großen +Teil seiner Mythologie aus dem älteren Judentum direkt übernommen +hat, so hat der jüngere Islam wiederum von diesen beiden Religionen +viele Erbschaften beibehalten. Alle drei Mediterran-Religionen waren +ursprünglich rein =monotheistisch=; alle drei sind späterhin den +mannigfaltigsten =polytheistischen= Umbildungen unterlegen, je weiter +sie sich zunächst an den vielteiligen Küsten des mannigfach bevölkerten +Mittelmeers und sodann in den übrigen Erdteilen ausbreiteten. + +_Der Mosaismus._ Der jüdische Monotheismus, wie ihn =Moses= (1600 +vor Chr.) begründete, gilt gewöhnlich als diejenige Glaubensform des +Altertums, welche die höchste Bedeutung für die weitere ethische und +religiöse Entwickelung der Menschheit besitzt. Unzweifelhaft ist +ihr dieser hohe historische Wert schon deshalb zuzugestehen, weil +die beiden anderen weltbeherrschenden Mediterran-Religionen aus ihr +hervorgegangen sind; Christus steht ebenso auf den Schultern von Moses, +wie später Mohammed auf den Schultern von beiden. Ebenso ruht das +Neue Testament, welches in der kurzen Zeitspanne von 1900 Jahren das +Glaubens-Fundament der höchstentwickelten Kulturvölker gebildet hat, +auf der Basis des Alten Testaments. Beide zusammengenommen haben als +=Bibel= einen Einfluß und eine Verbreitung gewonnen wie kein anderes +Buch in der Welt. Wenn wir aber diese merkwürdige Geschichtsquelle +unbefangen und vorurteilslos prüfen, so stellen sich viele wichtige +Beziehungen ganz anders dar, als gelehrt wird. Auch hier hat die tiefer +eindringende moderne Kritik und Kulturgeschichte wichtige Aufschlüsse +geliefert, welche die geltende Tradition in ihren Fundamenten +erschüttern. + +Der Monotheismus, wie ihn Moses im Jehovahdienste zu begründen suchte, +und wie ihn später mit großem Erfolge die =Propheten= ausbildeten, +hatte ursprünglich harte und lange Kämpfe mit dem herrschenden älteren +Polytheismus zu bestehen. Ursprünglich war =Jehovah= oder Japheh aus +jenem Himmelsgotte abgeleitet, der als Moloch oder Baal eine der +meistverehrten orientalischen Gottheiten war. Die vielbesprochenen +Forschungen der modernen Assyriologen über »=Bibel und Babel=« +(Delitzsch u. a.) haben gelehrt, daß der monotheistische Japhehglaube +schon lange vor Moses in Babylon heimisch war. Daneben aber blieben +andere Götter vielfach in hohem Ansehen, und der Kampf mit der +»Abgötterei« bestand im jüdischen Volke immer fort. Trotzdem blieb im +Prinzipe Jehovah der alleinige Gott, der im ersten der zehn Gebote +Mosis ausdrücklich sagt: »Ich bin der Herr dein Gott, du sollst nicht +andere Götter haben neben mir.« + +_Das Christentum._ Der christliche Monotheismus teilte das Schicksal +seiner Mutter, des Mosaismus, und blieb wahre Eingötterei meistens nur +theoretisch im Prinzip, während er praktisch in die mannigfaltigsten +Formen des Polytheismus sich verwandelte. Eigentlich war ja schon in +der Trinitätslehre selbst, die doch als ein unentbehrliches Fundament +der christlichen Religion gilt, der Monotheismus logischerweise +aufgegeben. Die =drei Personen=, die als Vater, Sohn und Heiliger +Geist unterschieden werden, sind und bleiben ebenso drei verschiedene +=Individuen= (und zwar anthropomorphe Personen!) wie die drei indischen +Gottheiten der Trimurti (Brahma, Wischnu, Schiwa). Dazu kommt noch, +daß in den weiterverbreiteten Abarten des Christianismus als vierte +Gottheit die Jungfrau Maria, als unbefleckte Mutter Christi, eine +große Rolle spielt; in weiten katholischen Kreisen gilt sie sogar als +viel wichtiger und einflußreicher als die drei männlichen Personen der +Himmelsregierung. Der =Madonnenkultus= hat hier tatsächlich eine solche +Bedeutung gewonnen, daß man ihn als einen =weiblichen Monotheismus= +der gewöhnlichen männlichen Form der Eingötterei gegenüberstellen +kann. Die »hehre Himmelskönigin« erscheint hier so sehr im Vordergrund +aller Vorstellungen (wie es auch unzählige Madonnenbilder und Sagen +bezeugen), daß die drei männlichen Personen dagegen ganz zurücktreten. + +Nun hat sich aber außerdem schon frühzeitig in der Phantasie der +gläubigen Christen eine zahlreiche Gesellschaft von »=Heiligen=« aller +Art zu dieser obersten Himmelsregierung gesellt, und musikalische +Engel sorgen dafür, daß es im »ewigen Leben« an Konzertgenüssen nicht +fehlt. Die römischen Päpste -- die größten Charlatans, die jemals eine +Religion hervorgebracht hat! -- sind beständig beflissen, durch neue +Heiligsprechungen die Zahl dieser anthropomorphen Himmelstrabanten +zu vermehren. Den reichsten und interessantesten Zuwachs hat aber +diese seltsame Paradiesgesellschaft am 13. Juli 1870 dadurch +bekommen, daß das vatikanische Konzil die Päpste als Stellvertreter +Christi für =unfehlbar= erklärt und sie damit selbst zum Range von +=Göttern= erhoben hat. Nimmt man dazu noch den von ihnen anerkannten +»persönlichen Teufel« und die »bösen Engel«, welche seinen Hofstaat +bilden, so gewährt uns der =Papismus=, die heute noch meistverbreitete +Form des modernen Christentums, ein so buntes Bild des reichsten +anthropistischen =Polytheismus=, daß der hellenische Olymp im +Vergleiche dazu klein und dürftig erscheint. + +_Der Islam_ (oder der =mohammedanische Monotheismus=) ist die jüngste +Form der Eingötterei. Als der junge Mohammed (geb. 570) frühzeitig +den polytheistischen Götzendienst seiner arabischen Stammesgenossen +verachten und das Christentum der Nestorianer kennen lernte, eignete +er sich zwar ihre Grundlehren im allgemeinen an; er konnte sich aber +nicht entschließen, in Christus etwas anderes zu erblicken als einen +Propheten, gleich Moses. Im Dogma der Dreieinigkeit fand er das, was +bei unbefangenem Nachdenken jeder vorurteilsfreie Mensch darin finden +muß, einen widersinnigen Glaubenssatz, der weder mit den Grundsätzen +unserer Vernunft vereinbar noch für unsere religiöse Erhebung von +irgend welchem Werte ist. Die Anbetung der unbefleckten Jungfrau Maria +als der »Mutter Gottes« betrachtete er ebenso als eitle Götzendienerei +wie die Verehrung von Bildern und Bildsäulen. Je länger er darüber +nachdachte, und je mehr er nach einer reineren Gottesvorstellung +hinstrebte, desto klarer wurde ihm die Gewißheit seines Hauptsatzes: +»Gott ist der alleinige Gott«; es gibt keine anderen Götter neben ihm. + +Allerdings konnte auch Mohammed sich von dem Anthropomorphismus der +Gottesvorstellung nicht frei machen. Auch sein alleiniger Gott blieb +ein idealisierter, allmächtiger Mensch, ebenso wie der strenge, +strafende Gott des Moses, ebenso wie der milde, liebende Gott des +Christus. Aber trotzdem kann man der mohammedanischen Religion den +Vorzug lassen, daß sie auch im Verlaufe ihrer historischen Entwickelung +und unvermeidlichen Abartung den ursprünglichen reinen Charakter +strenger bewahrte als die mosaische und die christliche Religion. +Das zeigt sich auch heute noch äußerlich in den Gebetsformen und +Predigtweisen ihres Kultus, wie in der Architektur und Ausschmückung +ihrer Gotteshäuser. Als ich 1873 zum ersten Male den Orient besuchte +und die herrlichen Moscheen in Kairo und Smyrna, in Brussa und +Konstantinopel bewunderte, erfüllten mich mit wahrer Andacht die +einfache und geschmackvolle Dekoration des Innern, der erhabene +und zugleich prächtige architektonische Schmuck des Äußern. Wie +edel und erhaben erscheinen diese Moscheen im Vergleiche zu der +Mehrzahl der katholischen Kirchen, welche innen mit bunten Bildern +und goldenem Flitterkram überladen, außen durch übermäßige Fülle +von Menschen- und Tierfiguren verunstaltet sind! Nicht minder schön +erscheinen die stillen Gebete und die einfachen Andachtsübungen des +Koran im Vergleiche mit dem lauten, unverstandenen Wortgeplapper der +katholischen Messen und der lärmenden Musik ihrer theatralischen +Prozessionen. + +_Mixotheismus_ (Mischgötterei). Unter diesem Begriffe kann man füglich +alle diejenigen Formen des Götterglaubens zusammenfassen, welche +=Mischungen= von religiösen Vorstellungen verschiedener und zum +Teil direkt widersprechender Art enthalten. Theoretisch ist diese +weitestverbreitete Religionsform bisher nirgends anerkannt. Praktisch +aber ist sie die wichtigste und merkwürdigste von allen. Denn die große +Mehrzahl der Menschen, die sich überhaupt religiöse Vorstellungen +bildeten, waren von jeher und sind noch heute =Mixotheisten=; ihre +Gottesvorstellung ist bunt gemischt aus den frühzeitig in der Kindheit +eingeprägten Glaubenssätzen ihrer speziellen Konfession und aus +vielen verschiedenen Eindrücken, welche später bei der Berührung mit +anderen Glaubensformen empfangen werden, und welche die ersteren +modifizieren. Bei vielen Gebildeten kommen dazu noch der umgestaltende +Einfluß philosophischer Studien im reiferen Alter und vor allem die +unbefangene Beschäftigung mit den Erscheinungen der Natur, welche die +Nichtigkeit der theistischen Glaubensbilder dartun. Der Kampf dieser +widersprechenden Vorstellungen, welcher für feiner empfindende Gemüter +äußerst schmerzlich ist und oft das ganze Leben hindurch unentschieden +bleibt, offenbart klar die ungeheure Macht der =Vererbung= alter +Glaubenssätze einerseits und der frühzeitigen =Anpassung= an +irrtümliche Lehren andererseits. Die besondere Konfession, in welche +das Kind von frühester Jugend an durch die Eltern eingezwängt wurde, +bleibt meistens in der Hauptsache maßgebend, falls nicht später +durch den stärkeren Einfluß eines anderen Glaubensbekenntnisses +eine Konversion eintritt. Aber auch bei diesem Übertritt von einer +Glaubensform zur anderen ist oft der neue Name, ebenso wie der alte +aufgegebene, nur eine äußere Etikette, unter welcher bei näherer +Untersuchung die allerverschiedensten Überzeugungen und Irrtümer sich +bunt gemischt verstecken. Die große Mehrzahl der sogenannten Christen +sind nicht Monotheisten (wie sie glauben), sondern Amphitheisten, +Triplotheisten oder Polytheisten. Dasselbe gilt aber auch von den +Bekennern des Islam und des Mosaismus, wie von anderen monotheistischen +Religionen. Überall gesellen sich zu der ursprünglichen Vorstellung des +»alleinigen oder dreieinigen Gottes« später erworbene Glaubensbilder +von untergeordneten Gottheiten: Engeln, Teufeln, Heiligen und anderen +Dämonen, eine bunte Mischung der verschiedensten theistischen Gestalten. + +_Wesen des Theismus._ Alle hier angeführten Formen des Theismus +im eigentlichen Sinne haben gemeinsam die Vorstellung Gottes als +des =Außerweltlichen= oder =Übernatürlichen=. Immer steht Gott als +selbständiges Wesen der Welt oder der Natur gegenüber, meistens +als Schöpfer, Erhalter und Regierer der Welt. In den allermeisten +Religionen kommt dazu noch der Charakter des =Persönlichen= und +bestimmter noch die Vorstellung, daß Gott als Person dem Menschen +ähnlich ist. »In seinen Göttern malet sich der Mensch.« Dieser +=Anthropomorphismus Gottes=, die Vorstellung eines Wesens, welches +gleich dem Menschen denkt, empfindet und handelt, ist bei der großen +Mehrzahl der Gottesgläubigen maßgebend, bald in mehr roher und +naiver, bald in mehr feiner und abstrakter Form. Allerdings wird +die fortgeschrittenste Form der Theosophie behaupten, daß Gott als +höchstes Wesen von absoluter Vollkommenheit und daher gänzlich von dem +unvollkommenen Wesen des Menschen verschieden sei. Allein bei genauerer +Untersuchung bleibt immer das Gemeinsame beider ihre Seelen-oder +Geistestätigkeit. + +_Der persönliche Anthropismus Gottes_ ist bei der großen Mehrzahl der +Gläubigen zu einer so geläufigen Vorstellung geworden, daß sie keinen +Anstoß an der menschlichen Personifikation Gottes in Bildern und +Statuen nehmen, und an den mannigfaltigen Dichtungen der Phantasie, in +welchen Gott menschliche Gestalt annimmt. In vielen Mythen erscheint +die Person Gottes auch in Gestalt anderer Säugetiere (Affen, Löwen, +Stiere usw.), seltener in Gestalt von Vögeln (Adler, Tauben, Schwäne) +oder in Form von anderen Wirbeltieren (Schlangen, Krokodile, Drachen). + +In den höheren und abstrakteren Religionsformen wird diese körperliche +Erscheinung aufgegeben und Gott nur als »=reiner Geist=« ohne Körper +verehrt. »Gott ist ein Geist, und wer ihn anbetet, soll ihn im Geist +und in der Wahrheit anbeten.« Trotzdem bleibt aber die Seelentätigkeit +dieses reinen Geistes ganz dieselbe wie diejenige der anthropomorphen +Gottesperson. In Wirklichkeit wird auch dieser immaterielle Geist nicht +unkörperlich, sondern unsichtbar gedacht, gasförmig. + +~II~. _Pantheismus_ (All-Eins-Lehre): =Gott und Welt sind ein +einziges Wesen.= Der Begriff Gottes fällt mit demjenigen der =Natur= +oder der =Substanz= zusammen. Diese pantheistische Weltanschauung steht +im Prinzip sämtlichen angeführten und allen sonst noch möglichen Formen +des =Theismus= schroff gegenüber, wenngleich man durch Entgegenkommen +von beiden Seiten die tiefe Kluft zwischen beiden zu überbrücken, sich +vielfach bemüht hat. Immer bleibt zwischen beiden der fundamentale +Gegensatz bestehen, daß im =Theismus= Gott als außerweltliches oder +=extramundanes= Wesen der Natur schaffend und erhaltend gegenübersteht +und =von außen= auf sie einwirkt, während im =Pantheismus= Gott als +innerweltliches oder =intramundanes= Wesen allenthalben die Natur +selbst ist und als denkende Substanz, als »Kraft oder Energie« +tätig ist. Diese letztere Ansicht allein ist vereinbar mit dem +=Substanzgesetze=. Daher ist notwendigerweise =der Pantheismus die +Weltanschauung unserer modernen Naturwissenschaft=. + +Da der =Pantheismus= erst aus der geläuterten Naturbetrachtung des +denkenden Kulturmenschen hervorgehen konnte, ist er begreiflicherweise +viel jünger als der =Theismus=, dessen roheste Formen sicher schon +vor mehr als zehntausend Jahren bei den primitiven Naturvölkern in +mannigfaltigen Variationen ausgebildet wurden. Wenn auch in den ersten +Anfängen der Philosophie bei den ältesten Kulturvölkern (in Indien und +Ägypten, in China und Japan) schon mehrere Jahrtausende vor Christus +Keime des Pantheismus in verschiedenen Religionsformen eingestreut +sich finden, so tritt doch eine bestimmte philosophische Fassung +desselben erst in dem =Hylozoismus der ionischen Naturphilosophen= +auf, in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts vor Chr. Alle großen +Denker dieser Blüteperiode des hellenischen Geistes überragt der +gewaltige =Anaximander= von Milet, der die prinzipielle Einheit des +=unendlichen Weltganzen= tief und klar erfaßte. Nicht nur den großen +Gedanken der ursprünglichen =Einheit= des Kosmos, der =Entwickelung= +aller Erscheinungen aus der alles durchdringenden =Urmaterie=, hatte +=Anaximander= bereits ausgesprochen, sondern auch die kühne Vorstellung +von zahllosen, in periodischem =Wechsel= entstehenden und vergehenden +Weltbildungen. + +Auch viele von den folgenden großen Philosophen des klassischen +Altertums, vor allen =Demokritos=, =Heraklitos= und =Empedokles=, +hatten in gleichem oder ähnlichem Sinne tief eindringend bereits +jene Einheit von Natur und Gott, von Körper und Geist erfaßt, welche +im Substanzgesetze unseres heutigen =Monismus= den bestimmtesten +Ausdruck gewonnen hat. Der große römische Dichter und Naturphilosoph +=Lucretius Carus= hat ihn in seinem berühmten Lehrgedichte »~De rerum +natura~« in hochpoetischer Form dargestellt. Allein dieser naturwahre +pantheistische Monismus wurde bald ganz zurückgedrängt durch den +mystischen Dualismus von =Plato= und besonders durch den gewaltigen +Einfluß, den seine idealistische Philosophie durch die Verschmelzung +mit den christlichen Glaubenslehren gewann. Als sodann deren +mächtigster Anwalt, der römische Papst, die geistige Weltherrschaft +gewann, wurde der Pantheismus gewaltsam unterdrückt; =Giordano Bruno=, +sein geistvollster Vertreter, wurde am 17. Februar 1600 auf dem Campo +Fiori in Rom von dem »Stellvertreter Gottes« lebendig verbrannt. + +Erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde durch den +großen =Baruch Spinoza= das System des Pantheismus in reinster Form +ausgebildet; er stellte für die Gesamtheit der Dinge den reinen +=Substanzbegriff= auf, in welchem »Gott und Welt« untrennbar vereinigt +sind. Wir müssen die Klarheit, Sicherheit und Folgerichtigkeit des +monistischen Systems von =Spinoza= heute um so mehr bewundern, als +diesem gewaltigen Denker vor 250 Jahren noch alle die sicheren +empirischen Fundamente fehlten, die wir erst in der zweiten Hälfte +des 19. Jahrhunderts gewonnen haben. Das Verhältnis von =Spinoza= zum +späteren =Materialismus= im 18. und zu unserem heutigen =Monismus= im +19. Jahrhundert haben wir bereits im ersten Kapitel besprochen. Zur +weiteren Verbreitung desselben, besonders im deutschen Geistesleben, +haben vor allem die unsterblichen Werke unseres größten Dichters und +Denkers beigetragen, =Wolfgang Goethe=. Seine herrlichen Dichtungen +»Gott und Welt«, »Prometheus«, »Faust« usw. hüllen die Grundgedanken +des Pantheismus in die vollkommenste und schönste dichterische Form. + +Die Beziehungen unseres heutigen Monismus zu den früheren +philosophischen Systemen, sowie die wichtigsten Grundzüge von deren +historischer Entwickelung, sind in dem »Grundriß der Geschichte der +Philosophie« von =Friedrich Überweg= eingehend dargestellt (10. +Auflage, bearbeitet von =Max Heinze=, Berlin 1906). Eine vortreffliche +klare Übersicht derselben -- gewissermaßen eine »Stammesgeschichte der +Welträtsel und der Versuche zu ihrer Lösung« -- hat =Fritz Schultze= +(Dresden) in seinem »=Stammbaum der Philosophie=« gegeben; ein +»Tabellarisch-Schematischer Grundriß der Geschichte der Philosophie von +den Griechen bis zur Gegenwart« (Leipzig, 2. Auflage, 1899). + +_Atheismus_ (»Die entgötterte Weltanschauung«). Es =gibt keinen= Gott +und keine Götter, falls man unter diesem Begriff persönliche, außerhalb +der Natur stehende Wesen versteht. Diese »=gottlose Weltanschauung=« +fällt im wesentlichen mit dem =Monismus= oder =Pantheismus= unserer +modernen Naturwissenschaft zusammen; sie gibt nur einen anderen +Ausdruck dafür, indem sie eine negative Seite desselben hervorhebt, die +Nichtexistenz einer außerweltlichen und übernatürlichen Gottheit. In +diesem Sinne sagt =Schopenhauer= ganz richtig: »=Pantheismus= ist nur +ein höflicher Atheismus. Die Wahrheit des Pantheismus besteht in der +Aufhebung des dualistischen Gegensatzes zwischen Gott und Welt, in der +Erkenntnis, daß die Welt aus ihrer inneren Kraft und durch sich selbst +da ist. Der Satz des Pantheismus: 'Gott und die Welt ist eins' ist +bloß eine höfliche Wendung, dem Herrgott den Abschied zu geben.« + +Während des ganzen Mittelalters, unter der blutigen Tyrannei des +Papismus, wurde der =Atheismus= als die entsetzlichste Form der +Weltanschauung mit Feuer und Schwert verfolgt. Da der »Gottlose« im +Evangelium mit dem »Bösen« schlechtweg identifiziert und ihm im ewigen +Leben die Höllenstrafe der ewigen Verdammnis angedroht wird, ist es +begreiflich, daß jeder gute Christ selbst den entfernten Verdacht +des Atheismus ängstlich mied. Leider besteht auch heute noch diese +Auffassung in weiten Kreisen fort. Dem =atheistischen= Naturforscher, +der seine Kraft und sein Leben der Erforschung der =Wahrheit= widmet, +traut man von vornherein alles Böse zu; der =theistische= Kirchgänger +dagegen, der die leeren Zeremonien des papistischen Kultus gedankenlos +mitmacht, gilt schon deswegen als guter Staatsbürger, auch wenn er sich +bei seinem =Glauben= gar nichts denkt und nebenher der verwerflichsten +Moral huldigt. Dieser Irrtum wird sich erst klären, wenn im 20. +Jahrhundert der herrschende Aberglaube mehr der vernünftigen +Naturerkenntnis weicht und der monistischen Überzeugung der =Einheit +von Gott und Welt=. + + + + +=Sechzehntes Kapitel.= + +_Wissen und Glauben._ + + Monistische Studien über Erkenntnis der Wahrheit. Sinnestätigkeit + und Vernunfttätigkeit. Glauben und Aberglauben Erfahrung und + Offenbarung. + + +Alle Arbeit wahrer Wissenschaft geht auf Erkenntnis der =Wahrheit=. +Unser echtes und wertvolles Wissen ist realer Natur und besteht aus +Vorstellungen, welche wirklich existierenden Dingen entsprechen. Wir +sind zwar unfähig, das innerste Wesen dieser realen Welt -- »das Ding +an sich« -- zu erkennen; aber unbefangene und kritische Beobachtung und +Vergleichung überzeugt uns, daß bei normaler Beschaffenheit des Gehirns +und der Sinnesorgane die Eindrücke der Außenwelt auf diese bei allen +vernünftigen Menschen dieselben sind, und daß bei normaler Funktion +der Denkorgane bestimmte, überall gleiche Vorstellungen gebildet +werden; diese nennen wir wahr und sind dabei überzeugt, daß ihr Inhalt +dem erkennbaren Teile der Dinge entspricht. Wir =wissen=, daß diese +Tatsachen nicht eingebildet, sondern wirklich sind. + +_Erkenntnisquellen._ Alle Erkenntnis der Wahrheit beruht auf zwei +verschiedenen, aber innig zusammenhängenden Gruppen von physiologischen +Funktionen des Menschen; erstens auf der =Empfindung= der Objekte +mittels der Sinnestätigkeit, und zweitens auf der Verbindung der so +gewonnenen Eindrücke durch Assozion zur =Vorstellung= im Subjekt. Die +Werkzeuge der Empfindung sind die =Sinnesorgane=; die Werkzeuge, welche +die Vorstellungen bilden und verknüpfen, sind die =Denkorgane=. Diese +letzteren sind Teile des zentralen, die ersteren Teile des peripheren +=Nervensystems=, jenes wichtigsten und höchstentwickelten Organsystems +der höheren Tiere, dessen Funktion einzig und allein die gesamte +Seelentätigkeit ist. + +_Sinnesorgane_ (~Sensilla~). Die Sinnestätigkeit des Menschen, +welche der =erste Ausgangspunkt aller Erkenntnis= ist, hat sich +langsam und allmählich aus derjenigen der nächstverwandten Säugetiere, +der Primaten, entwickelt. Die Organe derselben sind in dieser +höchstentwickelten Tierklasse überall von wesentlich gleichem Bau, +und ihre Funktion erfolgt überall nach denselben physikalischen +und chemischen Gesetzen. Sie haben sich allenthalben in derselben +historischen Weise entwickelt. Wie bei allen anderen Tieren, so +sind auch bei den Säugetieren alle Sensillen ursprünglich Teile der +Hautdecke, und die empfindlichen Zellen der =Oberhaut= sind die +Ureltern aller der verschiedenen Sinnesorgane, welche durch Anpassung +an verschiedene Reize (Licht, Wärme, Schall, chemische Reize) ihre +spezifische Energie erlangt haben. Sowohl die Stäbchenzellen der Retina +in unserem Auge und die Hörzellen in der Schnecke unseres Ohres, als +auch die Riechzellen in der Nase und die Schmeckzellen auf unserer +Zunge stammen ursprünglich von jenen einfachen indifferenten Zellen der +Oberhaut ab, welche die ganze Oberfläche unseres Körpers überziehen. +Diese bedeutungsvolle Tatsache wird durch die unmittelbare Beobachtung +am Embryo des Menschen ebenso wie aller anderen Tiere direkt bewiesen. +Aus dieser ontogenetischen Tatsache folgt aber nach dem Biogenetischen +Grundgesetz mit Sicherheit der phylogenetische Schluß, daß auch in der +langen Stammesgeschichte unserer Vorfahren die höheren Sinnesorgane mit +ihren speziellen Energien ursprünglich aus der Oberhaut niederer Tiere +entstanden sind, aus einer einfachen Zellenschicht, die noch keine +solchen gesonderten Sensillen enthielt. + +_Spezifische Energie der Sensillen._ Von größter Bedeutung für die +menschliche Erkenntnis ist die Tatsache, daß verschiedene Nerven +unseres Körpers imstande sind, ganz verschiedene Qualitäten der +Außenwelt und nur diese wahrzunehmen. Der Sehnerv des Auges vermittelt +nur Lichtempfindung, der Hörnerv des Ohres nur Schallempfindung, der +Riechnerv der Nase nur Geruchsempfindung usw. Gleichviel, welche Reize +das einzelne Sinneswerkzeug treffen und erregen, ihre Reaktion behält +dieselbe Qualität. Aus dieser =spezifischen Energie= der Sinnesnerven, +welche von =Johannes Müller= zuerst in ihrer weitreichenden +Bedeutung gewürdigt wurde, sind sehr irrtümliche Schlüsse gezogen +worden, besonders zugunsten einer dualistischen und apriorischen +Erkenntnistheorie. Man behauptete, daß das Gehirn oder die Seele nur +einen gewissen Zustand des erregten Nerven wahrnehme, und daß daraus +nichts auf die Existenz und Beschaffenheit der erregenden Außenwelt +geschlossen werden könne. Die skeptische Philosophie zog daraus den +Schluß, daß diese letztere selbst zweifelhaft sei, und der extreme +Idealismus bezweifelte nicht nur diese Realität, sondern er negierte +sie einfach; er behauptete, daß die Welt nur in unserer Vorstellung +existiere. + +Diesen Irrtümern gegenüber müssen wir daran erinnern, daß die +»spezifische Energie« ursprünglich nicht eine anerschaffene +besondere Qualität einzelner Nerven, sondern durch =Anpassung= +an die besondere Tätigkeit der Oberhautzellen entstanden ist, in +welchen sie enden. Nach den großen Gesetzen der Arbeitsteilung nahmen +die ursprünglich indifferenten »=Hautsinneszellen=« verschiedene +Aufgaben in Angriff, indem die einen den Reiz der Lichtstrahlen, +die anderen den Eindruck der Schallwellen, eine dritte Gruppe die +chemische Einwirkung riechender Substanzen usw. aufnahmen. Im +Laufe langer Zeiträume bewirkten diese äußeren Sinnesreize eine +allmähliche Veränderung der physiologischen und weiterhin auch der +morphologischen Eigenschaften dieser Oberhautstellen, und damit +zugleich veränderten sich die sensiblen Nerven, welche die von ihnen +aufgenommenen Eindrücke zum Gehirn leiteten. Die Selektion verbesserte +Schritt für Schritt die besonderen Umbildungen derselben, welche +sich als nützlich erwiesen; sie schuf so zuletzt im Laufe vieler +Jahrmillionen jene bewunderungswürdigen Instrumente, welche als =Auge= +und =Ohr= unsere teuersten Güter darstellen. Ihre Einrichtung ist so +wunderbar zweckmäßig, daß sie uns zu der irrtümlichen Annahme einer +»Schöpfung nach vorbedachtem Bauplan« führen könnte. Die besondere +Eigentümlichkeit jedes Sinnesorganes und seiner spezifischen Nerven hat +sich aber erst durch Gewohnheit und Übung -- d. h. durch =Anpassung= -- +allmählich entwickelt und ist dann durch =Vererbung= von Generation zu +Generation übertragen worden. + +_Grenzen der Sinneswahrnehmung._ Die kritische Vergleichung der +Sinnestätigkeit beim Menschen und bei den übrigen Wirbeltieren ergibt +eine Anzahl überaus wichtiger Tatsachen. Ganz besonders gilt dies von +den beiden höchstentwickelten, den Ȋsthetischen Sinneswerkzeugen«, +Auge und Ohr. Sie zeigen im Stamme der Wirbeltiere einen anderen und +verwinkelteren Bau als bei den übrigen Tieren und entwickeln sich +auch im Embryo derselben auf eigentümliche Weise. Diese typische +Ontogenese und Struktur der Sensillen bei sämtlichen Wirbeltieren +erklärt sich durch =Vererbung= von einer gemeinsamen Stammform. +Innerhalb des Stammes aber zeigt sich eine große Mannigfaltigkeit der +Ausbildung im einzelnen, und diese ist bedingt durch die =Anpassung= +an die Lebensweise der einzelnen Arten, durch den gesteigerten oder +geminderten Gebrauch der einzelnen Teile. + +Der Mensch erscheint nun in bezug auf die Ausbildung seiner Sinne +keineswegs als das vollkommenste und höchstentwickelte Wirbeltier. Das +Auge der Vögel ist viel schärfer und unterscheidet kleine Gegenstände +auf weite Entfernung viel deutlicher als das menschliche Auge. Das +Gehör vieler Säugetiere, besonders der in Wüsten lebenden Raubtiere, +Huftiere, Nagetiere usw., ist viel empfindlicher als das menschliche +und nimmt leise Geräusche auf viel weitere Entfernungen wahr; darauf +weist schon ihre große und sehr bewegliche Ohrmuschel hin. Die +Singvögel offenbaren selbst in bezug auf musikalische Begabung eine +höhere Entwickelungsstufe als viele Menschen. Der Geruchssinn ist +bei den meisten Säugetieren, namentlich Raubtieren und Huftieren, +viel mehr ausgebildet als beim Menschen; wenn der Hund seine eigene +feine Spürnase mit der des Menschen vergleichen könnte, würde er +mitleidig auf letztere herabsehen. Auch in bezug auf die niederen +Sinne, den Geschmackssinn, den Geschlechtssinn, den Tastsinn und den +Temperatursinn, behauptet der Mensch keineswegs in jeder Beziehung die +höchste Entwickelungsstufe. + +Wir selbst können natürlich nur über diejenigen Sinnesempfindungen +urteilen, die wir selbst besitzen. Nun weist uns aber die Anatomie +im Körper vieler Tiere noch andere als unsere bekannten Sinnesorgane +nach. So besitzen die Fische und andere niedere, im Wasser lebende +Wirbeltiere eigentümliche Sensillen in der Haut, welche mit besonderen +Sinnesorganen in Verbindung stehen. In den Seiten des Fischkörpers +verläuft rechts und links ein langer Kanal, der vorn am Kopfe in +mehrere verzweigte Kanäle übergeht. In diesen »Schleimkanälen« +liegen Nerven mit zahlreichen Ästen, deren Enden mit eigentümlichen +Nervenhügeln verbunden sind. Wahrscheinlich dient dieses ausgedehnte +»Hautsinnesorgan« zur Wahrnehmung von Unterschieden im Wasserdruck +oder in chemischen Eigenschaften des Wassers. Einige Gruppen sind noch +durch den Besitz anderer eigentümlicher Sensillen ausgezeichnet, deren +Bedeutung uns unbekannt ist. + +Schon aus diesen Tatsachen ergibt sich, daß unsere menschliche +Sinnestätigkeit beschränkt ist, und zwar sowohl in quantitativer +als in qualitativer Hinsicht. Wir können also mit unseren Sinnen, +vor allem dem Auge und dem Tastsinn, immer nur einen Teil der +Eigenschaften erkennen, welche die Objekte der Außenwelt besitzen. Aber +auch diese partielle Wahrnehmung ist unvollständig, insofern unsere +Sinneswerkzeuge unvollkommen sind und die Sinnesnerven als Dolmetscher +dem Gehirn nur die Übersetzung der empfangenen Eindrücke mitteilen. + +Diese anerkannte Unvollkommenheit unserer Sinnestätigkeit darf uns +aber nicht hindern, in ihren Werkzeugen, und vor allem im Auge, die +edelsten Organe zu erblicken; im Vereine mit den Denkorganen des +Gehirns sind sie das wertvollste Geschenk der Natur für den Menschen. +In voller Wahrheit sagt =Albrecht Rau= (a. a. O.): »=Alle Wissenschaft +ist in letzter Linie Sinneserkenntnis=; die Data der Sinne werden darin +nicht negiert, sondern interpretiert. Die Sinne sind unsere ersten und +besten Freunde; lange bevor sich der Verstand entwickelt, sagen die +Sinne dem Menschen, was er tun und lassen soll. Wer die =Sinnlichkeit= +überhaupt verneint, um ihren Gefahren zu entgehen, der handelt ebenso +unbesonnen und töricht als der, welcher seine Augen ausreißt, weil +sie einmal auch schändliche Dinge sehen könnten; oder der, welcher +seine Hand abhaut, weil er fürchtet, sie könnte einmal auch nach +fremdem Gute langen.« Mit vollem Rechte nennt deshalb =Feuerbach= alle +Philosophen, alle Religionen, alle Institute, die dem Prinzipe der +=Sinnlichkeit= widersprechen, nicht nur irrtümliche, sondern sogar +=grundverderbliche=. Ohne Sinne keine Erkenntnis! »~Nihil est in +intellectu, quod non fuerit in sensu!~« (=Locke=.) + +_Hypothese und Glaube._ Der Erkenntnistrieb des hochentwickelten +Kulturmenschen begnügt sich nicht mit jener lückenhaften Kenntnis +der Außenwelt, welche er durch seine unvollkommenen Sinnesorgane +gewinnt. Er bemüht sich vielmehr, die sinnlichen Eindrücke, welche +er durch dieselben gewonnen hat, in Erkenntniswerte umzusetzen; er +verwandelt sie in den Sinnesherden der Großhirnrinde in spezifische +Sinnesempfindungen und verbindet diese durch =Assozion= in +deren Denkherden zu Vorstellungen; durch weitere Verkettung der +Vorstellungsgruppen gelangt er endlich zu zusammenhängendem Wissen. +Aber dieses Wissen bleibt immer lückenhaft und unbefriedigend, wenn +nicht die =Phantasie= die ungenügende Kombinationskraft des erkennenden +Verstandes ergänzt und durch Assozion von Gedächtnisbildern entfernt +liegende Erkenntnisse zu einem zusammenhängenden Ganzen verknüpft. +Dabei entstehen neue allgemeine Vorstellungsgebilde, welche erst die +wahrgenommenen Tatsachen erklären und das »Kausalitätsbedürfnis der +Vernunft befriedigen«. + +Die Vorstellungen, welche die Lücken des Wissens ausfüllen oder an +dessen Stelle treten, kann man im weiteren Sinne als »=Glauben=« +bezeichnen. So geschieht es fortwährend im alltäglichen Leben. Wenn wir +irgend eine Tatsache nicht sicher wissen, so sagen wir: Ich glaube sie. +In diesem Sinne sind wir auch in der Wissenschaft selbst zum Glauben +gezwungen; wir vermuten oder nehmen an, daß ein bestimmtes Verhältnis +zwischen zwei Erscheinungen besteht, obwohl wir es nicht sicher kennen. +Wir bilden eine =Hypothese=. Indessen dürfen in der Wissenschaft nur +solche Hypothesen zugelassen werden, die innerhalb des menschlichen +Erkenntnisvermögens liegen, und die nicht bekannten Tatsachen +widersprechen. Solche Hypothesen sind z. B. in der Physik die Lehre von +Schwingungen des Äthers, in der Chemie die Annahme der Atome und deren +Wahlverwandtschaft, in der Biologie die Lehre von der Molekularstruktur +des lebendigen Plasmas usw. + +_Theorie und Glaube._ Die Erklärung einer größeren Reihe von +zusammenhängenden Erscheinungen durch Annahme einer gemeinsamen Ursache +nennen wir =Theorie=. Auch bei der Theorie, wie bei der Hypothese, +ist der =Glaube= (in wissenschaftlichem Sinne!) unentbehrlich; denn +auch hier ergänzt die dichtende Phantasie die Lücke, welche der +Verstand in der Erkenntnis des Zusammenhangs der Dinge offen läßt. +Die Theorie kann daher immer nur als eine Annäherung an die Wahrheit +betrachtet werden; es muß zugestanden werden, daß sie später durch +eine andere, besser begründete Theorie verdrängt werden kann. Trotz +dieser eingestandenen Unsicherheit bleibt die Theorie für jede wahre +Wissenschaft unentbehrlich; denn sie =erklärt= erst die Tatsachen +durch Annahme von Ursachen. Wer auf die Theorie ganz verzichten +und reine Wissenschaft bloß aus »sicheren Tatsachen« aufbauen will +(wie es oft von beschränkten Köpfen in der modernen sogenannten +»exakten Naturwissenschaft« geschieht), der verzichtet damit auf die +Erkenntnis der Ursachen überhaupt und somit auf die Befriedigung des +Kausalitätsbedürfnisses der Vernunft. + +Die Gravitationstheorie in der Astronomie (=Newton=), die +Nebulartheorie in der Kosmogenie (=Kant= und =Laplace=), das +Energieprinzip in der Physik (=Mayer= und =Helmholtz=), die +Atomtheorie in der Chemie (=Dalton=), die Zellentheorie in der +Gewebelehre (=Schleiden= und =Schwann=), die Deszendenztheorie in +der Biologie (=Lamarck= und =Darwin=) sind gewaltige Theorien ersten +Ranges; sie erklären eine ganze Welt von großen Naturerscheinungen +durch Annahme =einer gemeinsamen Ursache= für alle einzelnen Tatsachen +ihres Gebietes und durch den Nachweis, daß alle Erscheinungen in +demselben zusammenhängen und durch feste, von dieser einen Ursache +ausgehende Gesetze geregelt werden. Dabei kann aber diese Ursache +selbst ihrem Wesen nach unbekannt oder nur eine »provisorische +Hypothese« sein. Die »=Schwerkraft=« in der Gravitationstheorie und +in der Kosmogenie, die »=Energie=« selbst in ihrem Verhältnis zur +Materie, das »=Atom=« in der Chemie, das lebendige »=Plasma=« in der +Zellenlehre, die »=Vererbung=« in der Abstammungslehre -- diese und +ähnliche Grundbegriffe in anderen großen Theorien können von der +skeptischen Philosophie als »bloße Hypothesen«, als Erzeugnisse des +wissenschaftlichen =Glaubens= betrachtet werden, aber sie bleiben +uns als solche =unentbehrlich=, so lange, bis sie durch eine bessere +Hypothese ersetzt werden. + +_Glaube und Aberglaube._ Ganz anderer Natur als diese Formen des +wissenschaftlichen Glaubens sind diejenigen Vorstellungen, welche in +den verschiedenen =Religionen= zur Erklärung der Erscheinungen benutzt +und schlechtweg als =Glaube= im engeren Sinne bezeichnet werden. +Da aber diese beiden Glaubensformen, der »natürliche Glaube« der +Wissenschaft und der ȟbernatürliche Glaube« der Religion, nicht selten +verwechselt werden und so Verwirrung entsteht, ist es zweckmäßig, ja +notwendig, ihren =prinzipiellen Gegensatz= scharf zu betonen. Der +»religiöse« Glaube ist stets =Wunderglaube= und steht als solcher mit +dem natürlichen Glauben der Vernunft in unversöhnlichem Widerspruch. Im +Gegensatz zu letzterem behauptet er übernatürliche Vorgänge und kann +somit als »=Überglaube=« oder »=Oberglaube=« bezeichnet werden, die +ursprüngliche Form des Wortes =Aberglaube=. Der wesentliche Unterschied +dieses Aberglaubens von dem »vernünftigen Glauben« besteht eben darin, +daß er übernatürliche Kräfte und Erscheinungen annimmt, welche die +Wissenschaft nicht kennt und nicht zuläßt, welche durch irrtümliche +Wahrnehmungen und falsche Phantasiedichtungen erzeugt sind; der +Aberglaube widerspricht mithin den klar erkannten Naturgesetzen und ist +als solcher =unvernünftig=. + +_Aberglaube der Naturvölker._ Durch die moderne Ethnologie ist uns +eine erstaunliche Fülle von mannigfaltigen Formen und Erzeugnissen +des Aberglaubens bekannt geworden, wie sie noch heute unter den rohen +Naturvölkern existieren. Vergleicht man dieselben untereinander und +mit den entsprechenden mythologischen Vorstellungen früherer Zeiten, +so ergibt sich eine vielfache Analogie, oft ein gemeinsamer Ursprung +und schließlich eine einfache Urquelle für alle. Diese finden wir +in dem natürlichen =Kausalitätsbedürfnisse der Vernunft=, in dem +Suchen nach Erklärung unbekannter Erscheinungen durch Auffinden ihrer +Ursachen. Besonders gilt das von solchen Bewegungserscheinungen, die +Gefahr drohen und Furcht erregen, wie Blitz und Donner, Erdbeben, +Mondfinsternis usw. Das Bedürfnis nach kausaler Erklärung solcher +Naturerscheinungen besteht schon bei den Naturvölkern der niedersten +Stufe und ist bereits von ihren Primatenahnen durch Vererbung +übertragen. Es besteht ebenso bei vielen anderen Wirbeltieren. Wenn ein +Hund den Vollmond anbellt oder eine tönende Glocke, deren Klöppel er +sich bewegen sieht, oder eine Fahne, die im Winde weht, so äußert er +dabei nicht nur Furcht, sondern auch den dunklen Drang nach Erkenntnis +der Ursache dieser unbekannten Erscheinung. Die rohen Religionsanfänge +der primitiven Naturvölker haben ihre Wurzeln teilweise in solchem +erblichen Aberglauben ihrer Primatenahnen, teilweise im Ahnenkultus, +in verschiedenen Gemütsbedürfnissen und in traditionell gewordenen +Gewohnheiten. + +_Aberglaube der Kulturvölker._ Die religiösen Glaubensvorstellungen +der modernen Kulturvölker, die ihnen als wertvollster geistiger Besitz +gelten, pflegen von ihnen hoch über den »rohen Aberglauben« der +Naturvölker gestellt zu werden; man preist den großen Fortschritt, +welchen die aufklärende Kultur durch Beseitigung des letzteren +herbeigeführt habe. Das ist ein großer Irrtum! Bei unbefangener +kritischer Prüfung und Vergleichung zeigt sich, daß beide nur durch +die besondere »Gestalt des Glaubens« und durch die äußere Hülle +der Konfession voneinander verschieden sind. Im klaren Lichte der +=Vernunft= erscheint der destillierte Wunderglaube der freisinnigsten +Kirchenreligionen -- insofern er klar erkannten und festen +Naturgesetzen widerspricht -- genau so als unvernünftiger Aberglaube, +wie der rohe Gespensterglaube der primitiven Fetischreligionen, auf +welchen jene stolz herabsehen. + +Werfen wir von diesem unbefangenen Standpunkte einen kritischen +Blick auf die gegenwärtig noch herrschenden Glaubensvorstellungen +der heutigen Kulturvölker, so finden wir sie allenthalben von +traditionellem Aberglauben durchdrungen. Der christliche Glaube an die +Schöpfung, die Dreieinigkeit Gottes, an die unbefleckte Empfängnis +Mariä, an die Erlösung, die Auferstehung und Himmelfahrt Christi usw. +ist ebenso =reine Dichtung= und kann ebensowenig mit der vernünftigen +Naturerkenntnis in Einklang gebracht werden, als die verschiedenen +Dogmen der mohammedanischen und mosaischen, der buddhistischen und +brahmanischen Religion. Jede von diesen Religionen ist für den wahrhaft +»=Gläubigen=« eine zweifellose Wahrheit, und jede von ihnen betrachtet +jede andere Glaubenslehre als Ketzerei und verderblichen Irrtum. Je +mehr eine bestimmte Konfession sich für die »allein seligmachende« +hält -- für die »=katholische=« --, und je inniger diese Überzeugung +als heiligste Herzenssache verteidigt wird, desto eifriger muß +sie naturgemäß alle anderen Konfessionen bekämpfen, und desto +fanatischer gestalten sich die fürchterlichen Glaubenskriege, welche +die traurigsten Blätter im Buche der Kulturgeschichte bilden. Und +doch überzeugt uns die unparteiische »=Kritik der reinen Vernunft=«, +daß alle diese verschiedenen Glaubensformen in gleichem Maße unwahr +und unvernünftig sind, Produkte der dichtenden Phantasie und der +unkritischen Tradition. Die vernünftige Wissenschaft muß sie samt und +sonders als Erzeugnisse des Aberglaubens verwerfen. + +_Glaubensbekenntnis (Konfession)._ Der unermeßliche Schaden, welchen +der unvernünftige Aberglaube seit Jahrtausenden in der gläubigen +Menschheit angerichtet hat, offenbart sich wohl nirgends auffälliger +als in dem unaufhörlichen »Kampfe der Glaubensbekenntnisse«. Unter +allen Kriegen, welche die Völker mit Feuer und Schwert gegeneinander +geführt haben, sind die Religionskriege die blutigsten gewesen; +unter allen Formen der Zwietracht, welche das Glück der Familien +und der einzelnen Personen zerstört haben, sind die religiösen, dem +Glaubensunterschiede entsprungenen, noch heute die gehässigsten. +Man denke nur an die vielen Millionen Menschen, welche in den +Christenbekehrungen und -Verfolgungen, in den Glaubenskämpfen des +Islam und der Reformation, durch die Inquisition und die Hexenprozesse +ihr Leben verloren haben. Oder man denke an die noch größere Zahl der +Unglücklichen, welche wegen Glaubensverschiedenheiten in Familienzwist +geraten, ihr Ansehen bei den gläubigen Mitbürgern und ihre Stellung +im Staate verloren oder aus dem Vaterlande haben auswandern müssen. +Die verderblichste Wirkung übt das offizielle Glaubensbekenntnis dann, +wenn es mit den politischen Zwecken des Kulturstaates verknüpft und +als »konfessioneller Religionsunterricht« in den Schulen zwangsweise +gelehrt wird. Die Vernunft der Kinder wird dadurch schon frühzeitig von +der Erkenntnis der Wahrheit abgelenkt und dem Aberglauben zugeführt. +Jeder Menschenfreund sollte daher die =konfessionslose Schule=, als +eine der wertvollsten Institutionen des modernen Vernunftstaates, mit +allen Mitteln zu fördern suchen. + +_Der Glaube unserer Väter._ Der hohe Wert, welcher trotzdem noch heute +in den weitesten Kreisen dem konfessionellen Religionsunterricht +beigelegt wird, ist nicht allein durch den Konfessionszwang des +rückständigen Kulturstaates und dessen Abhängigkeit von klerikaler +Herrschaft bedingt, sondern auch durch das Gewicht von alten +Traditionen und von »Gemütsbedürfnissen« verschiedener Art. Unter +diesen ist besonders wirkungsvoll die andächtige Verehrung, welche in +weitesten Kreisen der =konfessionellen Tradition= gezollt wird, dem +»heiligen Glauben unserer Väter«. In Tausenden von Erzählungen und +Gedichten wird das Festhalten an demselben als ein geistiger Schatz +und als eine heilige Pflicht gepriesen. Und doch genügt unbefangenes +Nachdenken über die =Geschichte des Glaubens=, um uns von der völligen +Ungereimtheit jener einflußreichen Vorstellung zu überzeugen. Der +herrschende evangelische Kirchenglaube in der zweiten Hälfte des +aufgeklärten 19. Jahrhunderts ist wesentlich verschieden von dem in +der ersten Hälfte, und dieser wieder von dem des 18. Jahrhunderts. Der +letztere weicht sehr ab von dem »Glauben unserer Väter« im 17. und +noch mehr im 16. Jahrhundert. Die Reformation, welche die geknechtete +Vernunft von der Tyrannei des Papismus befreite, wird natürlich von +dieser als ärgste Ketzerei verfolgt; aber auch der Glaube des Papismus +selbst hatte sich im Laufe eines Jahrtausends völlig verändert. Und +wie verschieden ist der Glaube der getauften Christen von dem ihrer +heidnischen Väter! Jeder selbständig denkende Mensch bildet sich eben +seinen eigenen, mehr oder weniger »persönlichen Glauben«, und immer +ist dieser verschieden von dem seiner Väter; denn er ist abhängig +von dem gesamten Bildungszustande seiner Zeit. Je weiter wir in der +Kulturgeschichte zurückgehen, desto mehr erscheint uns der gepriesene +»Glaube unserer Väter« als unhaltbarer Aberglaube, dessen Formen sich +beständig umbilden. + +_Spiritismus._ Eine der merkwürdigsten Formen des Aberglaubens ist +diejenige, welche noch heutzutage in unserer modernen Kulturwelt +eine erstaunliche Rolle spielt, der Spiritismus und Okkultismus, +der moderne =Geisterglaube=. Es ist eine ebenso befremdende wie +betrübende Tatsache, daß noch heute Millionen gebildeter Kulturmenschen +von diesem finsteren Aberglauben völlig beherrscht sind; ja sogar +einzelne berühmte Naturforscher haben sich von ihm nicht losmachen +können. Zahlreiche spiritistische Zeitschriften verbreiten diesen +Gespensterglauben in weitesten Kreisen, und unsere »feinsten +Gesellschaftskreise« schämen sich nicht, »Geister« erscheinen zu +lassen, welche klopfen, schreiben, »Mitteilungen aus dem Jenseits« +machen usw. Man beruft sich in den Kreisen der Spiritisten oft darauf, +daß selbst angesehene Naturforscher diesem Aberglauben huldigen. +Die bedauerliche Tatsache, daß selbst hervorragende Physiker und +Biologen sich dadurch haben irre führen lassen, erklärt sich teils aus +ihrem Übermaß an Phantasie und Kritikmangel, teils aus dem mächtigen +Einfluß starrer Dogmen, welche religiöse Verziehung dem kindlichen +Gehirn in frühester Jugend schon einprägt. Übrigens ist gerade bei +den berühmten spiritistischen Vorstellungen in Leipzig, in welchen +die Physiker =Zöllner=, =Fechner= und =Wilhelm Weber= durch den +schlauen Taschenspieler =Slade= irre geführt wurden, dessen Schwindel +nachträglich klar zutage gekommen; er wurde als gemeiner Betrüger +entlarvt und bestraft. Auch in allen anderen Fällen, in welchen die +angeblichen »Wunder des Spiritismus« gründlich untersucht werden +konnten, hat sich als Ursache eine gröbere oder feinere Täuschung +herausgestellt; die sogenannten »Medien« (meist weiblichen Geschlechts) +sind teils als schlaue Schwindler entlarvt, teils als nervöse Personen +von ungewöhnlicher Reizbarkeit erkannt worden. Ihre angebliche +=Telepathie= (oder »Fernwirkung des Gedankens ohne materielle +Vermittelung«) existiert ebensowenig als die »Stimmen der Geister«, die +»Seufzer der Gespenster« usw. Die lebhaften Schilderungen, welche =Carl +du Prel= und andere Spiritisten von solchen »Geistererscheinungen« +geben, beruhen auf Tätigkeit der freien Phantasie, verbunden mit Mangel +an Kritik und an physiologischen Kenntnissen. + +_Offenbarung._ Die meisten Religionen haben trotz ihrer mannigfaltigen +Verschiedenheit einen gemeinsamen Grundzug, der zugleich eine ihrer +mächtigsten Stützen in weiten Kreisen bildet; sie behaupten, die Rätsel +des Daseins, deren Lösung auf natürlichem Wege durch die Vernunft +nicht möglich ist, auf übernatürlichem Wege durch Offenbarung geben +zu können; zugleich leiten sie daraus die Geltung der Dogmen oder +Glaubenssätze ab, welche als »göttliche Gesetze« die Sittenlehre +ordnen und die Lebensführung bestimmen sollen. Derartige göttliche +Inspirationen bilden die Grundlage zahlreicher Mythen und Legenden, +deren anthropistischer Ursprung auf der Hand liegt. Zwar erscheint der +Gott, der »sich offenbart«, oft nicht direkt in menschlicher Gestalt, +sondern im Donner und Blitz, im Sturm und Erdbeben, im feurigen Busch +oder der drohenden Wolke. Aber die Offenbarung selbst, welche er dem +gläubigen Menschenkinde gibt, wird in allen Fällen anthropistisch +gedacht, als Mitteilung von Vorstellungen oder Befehlen, welche genau +so formuliert und ausgesprochen werden, wie es normalerweise nur durch +die Großhirnrinde und durch den Kehlkopf des Menschen geschieht. In +den indischen und ägyptischen Religionen, in der hellenischen und +römischen Mythologie, im Talmud wie im Koran, im Alten wie im Neuen +Testament -- denken, sprechen und handeln die Götter ganz wie die +Menschen, und die Offenbarungen, in denen sie uns die Geheimnisse +des Daseins enthüllen, die dunkeln Welträtsel lösen wollen, sind +=Dichtungen= der menschlichen Phantasie. Die =Wahrheit=, welche der +Gläubige darin findet, ist menschliche Erfindung, und der »kindliche +Glaube« an diese unvernünftigen Offenbarungen ist Aberglaube. + +Die =wahre Offenbarung=, d. h. die wahre Quelle vernünftiger +Erkenntnis, ist nur in der =Natur= zu finden. Der reiche Schatz +wahren Wissens, der den wertvollsten Teil der menschlichen Kultur +darstellt, ist einzig und allein den Erfahrungen entsprungen, welche +der forschende Verstand durch =Naturerkenntnis= gewonnen hat, und +den =Vernunft=schlüssen, welche er durch richtige Assozion dieser +empirischen Vorstellungen gebildet hat. Jeder vernünftige Mensch +mit normalem Gehirn und normalen Sinnen schöpft bei unbefangener +Betrachtung aus der Natur diese wahre Offenbarung und befreit sich +damit von dem Aberglauben, welchen ihm die Offenbarungen der Religion +aufgebürdet haben. + + + + +=Siebzehntes Kapitel.= + +_Wissenschaft und Christentum._ + + Monistische Studien über den Kampf zwischen der wissenschaftlichen + Erfahrung und der christlichen Offenbarung. Vier Perioden in der + historischen Metamorphose der christlichen Religion. Vernunft und + Dogma. + + +Zu den hervorragenden Charakterzügen des 19. Jahrhunderts gehört +die wachsende Schärfe des Gegensatzes zwischen Wissenschaft +und Christentum. Das ist ganz natürlich und notwendig; denn in +demselben Maße, in welchem die siegreichen Fortschritte der modernen +=Naturerkenntnis= alle wissenschaftlichen Eroberungen früherer +Jahrhunderte überflügeln, ist zugleich die Unhaltbarkeit aller jener +mystischen Weltanschauungen offenbar geworden, welche die Vernunft +unter das Joch der sogenannten »=Offenbarung=« beugen wollten, und +dazu gehört auch die christliche Religion. Je sicherer durch die +moderne Astronomie, Physik und Chemie die Alleinherrschaft unbeugsamer +Naturgesetze im Universum, durch die moderne Botanik, Zoologie und +Anthropologie die Gültigkeit derselben Gesetze im Gesamtbereiche der +organischen Natur nachgewiesen ist, desto heftiger sträubt sich die +christliche Religion, im Vereine mit der dualistischen Metaphysik, +die Geltung dieser Naturgesetze im Bereiche des sogenannten +»=Geisteslebens=« anzuerkennen, d. h. in einem Teilgebiete der +Gehirnphysiologie. + +Diesen offenkundigen und unversöhnlichen Gegensatz zwischen der +modernen wissenschaftlichen und der überlebten christlichen +Weltanschauung hat niemand klarer, mutiger und unwiderleglicher +bewiesen, als der größte Theologe des 19. Jahrhunderts, =David +Friedrich Strauß=. Sein letztes Bekenntnis: »=Der alte und der neue +Glaube=« 1872, (14. Auflage 1900) ist der allgemein gültige Ausdruck +der ehrlichen Überzeugung aller derjenigen Gebildeten der Gegenwart, +welche den unvermeidlichen Konflikt zwischen den anerzogenen, +herrschenden Glaubenslehren des Christentums und den einleuchtenden, +vernunftgemäßen Offenbarungen der modernen Naturwissenschaft einsehen; +aller derjenigen, welche den Mut finden, das Recht der =Vernunft= +gegenüber den Ansprüchen des =Aberglaubens= zu wahren, und welche das +philosophische Bedürfnis nach einer einheitlichen Naturanschauung +empfinden. =Strauß= hat als ehrlicher und mutiger Freidenker weit +besser, als ich es vermag, die wichtigsten Gegensätze zwischen »altem +und neuem Glauben« klargelegt. Die volle Unversöhnlichkeit zwischen +beiden Gegensätzen, die Unvermeidlichkeit des Entscheidungskampfes +zwischen beiden -- »auf Tod und Leben« -- hat von philosophischer Seite +namentlich =Eduard Hartmann= nachgewiesen in seiner interessanten +Schrift über die Selbstzersetzung des Christentums (1874). + +Unter den zahlreichen Werken, die im Laufe des 19. Jahrhunderts +die wissenschaftliche Kritik des Christentums, seines Wesens und +seiner Lehre gefördert haben, sind außerdem namentlich folgende +hervorzuheben: =David Strauß=, Das Leben Jesu für das deutsche Volk. +1864 (11. Auflage, Bonn 1890). =Ludwig Feuerbach=, Das Wesen des +Christentums. 1841 (4. Aufl. 1883). =Paul de Regla= (P. Desjardin), +Jesus von Nazareth, vom wissenschaftlichen, geschichtlichen und +gesellschaftlichen Standpunkte dargestellt. Leipzig 1894. =S. E. +Verus=, Vergleichende Übersicht der vier Evangelien. Leipzig 1897. + +Wenn man die Werke von =Strauß= und =Feuerbach=, sowie die »Geschichte +der Konflikte zwischen Religion und Wissenschaft« von =John William +Draper= (1875) gelesen hat, könnte es überflüssig erscheinen, diesem +Gegenstande hier ein besonderes Kapitel zu widmen. Trotzdem wird es +nützlich und notwendig sein, hier einen kritischen Blick auf den +historischen Verlauf dieses großen Kampfes zu werfen, und zwar deshalb, +weil die =Angriffe= der streitenden Kirche auf die Wissenschaft im +allgemeinen und auf die Entwickelungslehre im besonderen in neuester +Zeit besonders scharf und gefahrdrohend geworden sind. Auch ist leider +die geistige Erschlaffung, welche sich neuerdings geltend macht, +sowie die steigende Flut der Reaktion auf politischem, sozialem und +kirchlichem Gebiete nur zu sehr geeignet, jene Gefahren zu verschärfen. +Wollte jemand daran zweifeln, so braucht er nur die Verhandlungen der +christlichen Synoden und des Deutschen Reichstags in den letzten Jahren +zu lesen. Im Einklang damit stehen die Bemühungen vieler weltlicher +Regierungen, sich mit dem geistlichen Regimente, ihrem natürlichen +Todfeinde, auf möglichst guten Fuß zu setzen, d. h. sich dessen +Joche zu unterwerfen; als gemeinsames Ziel schwebt dabei den beiden +Verbündeten die Unterdrückung des freien Gedankens und der freien +wissenschaftlichen Forschung vor, mit dem Zwecke, sich auf diese Weise +am leichtesten die =absolute Herrschaft= zu sichern. + +Wir müssen ausdrücklich betonen, daß es sich hier um notgedrungene +=Verteidigung= der Wissenschaft und der Vernunft gegen die scharfen +Angriffe der christlichen Kirche und ihrer gewaltigen Heerscharen +handelt, und nicht etwa um unberechtigte =Angriffe= der ersteren gegen +die letzteren. In erster Linie muß dabei unsere Abwehr gegen den +=Papismus= oder =Ultramontanismus= gerichtet sein; denn diese »allein +seligmachende« und »für alle bestimmte« katholische Kirche ist nicht +allein weit größer und weit mächtiger als die anderen christlichen +Konfessionen, sondern sie besitzt vor allem den Vorzug einer +großartigen, zentralisierten Organisation und einer unübertroffenen +politischen Schlauheit. Man hört allerdings oft von Naturforschern +und von anderen Männern der Wissenschaft die Ansicht äußern, daß der +katholische Aberglaube nicht schlimmer sei als die anderen Formen des +übernatürlichen Glaubens, und daß diese trügerischen »Gestalten des +Glaubens« alle in gleichem Maße die natürlichen Feinde der Vernunft +und Wissenschaft seien. Im allgemeinen theoretischen Prinzip ist +diese Behauptung richtig, aber in bezug auf die praktischen Folgen +irrtümlich; denn die zielbewußten und rücksichtslosen Angriffe der +ultramontanen Kirche auf die Wissenschaft, gestützt auf die Trägheit +und Dummheit der Volksmassen, sind vermöge ihrer mächtigen Organisation +ungleich schwerer und gefährlicher als diejenigen aller anderen +Religionen. + +_Entwickelung des Christentums._ Um die ungeheure Bedeutung des +Christentums für die ganze Kulturgeschichte, besonders aber +seinen prinzipiellen Gegensatz gegen Vernunft und Wissenschaft +richtig zu würdigen, müssen wir einen flüchtigen Blick auf die +wichtigsten Abschnitte seiner geschichtlichen Entwickelung werfen. +Wir unterscheiden in derselben vier Hauptperioden: ~I.~ das +=Urchristentum= (die drei ersten Jahrhunderte), ~II.~ den =Papismus= +(zwölf Jahrhunderte, vom vierten bis fünfzehnten), ~III.~ die +=Reformation= (drei Jahrhunderte, vom sechzehnten bis achtzehnten), +~IV.~ das moderne =Scheinchristentum= (im neunzehnten Jahrhundert). + +~I.~ =Das Urchristentum= umfaßt die ersten drei Jahrhunderte. +Christus selbst, der edle, ganz von Menschenliebe erfüllte Prophet und +Schwärmer, stand tief unter dem Niveau der klassischen Kulturbildung; +er kannte nur jüdische Tradition; er hat selbst keine einzige Zeile +hinterlassen. Auch hatte er von dem hohen Zustande der Welterkenntnis, +zu dem griechische Philosophie und Naturforschung schon ein halbes +Jahrtausend früher sich erhoben hatten, keine Ahnung. Alles, was +wir von ihm und seinen ursprünglichen Lehren wissen, ist den +Hauptdokumenten des Neuen Testamentes entnommen -- den vier Evangelien +und den Episteln des Paulus. Was die vier kanonischen Evangelien +betrifft, so wissen wir, daß sie ausgewählt sind aus einem Haufen +von sich widersprechenden und gefälschten Manuskripten aus dem 2. +Jahrhundert. Der gültige Kanon scheint vor dem Ende des 2. Jahrhunderts +festgesetzt zu sein, obwohl Zweifel und Meinungsverschiedenheiten +bis weit ins 4. Jahrhundert hineinreichen. Das Konzilium von Nicäa, +325, fügt nach dem hl. Hieronymus ein gewisses Buch in den Kanon ein, +was auf eine Ungewißheit bis zu diesem Datum schließen läßt. Neuere +Gelehrsamkeit setzt den Zeitpunkt der Abfassung der drei synoptischen +Evangelien (Matthäus, Markus und Lukas -- die anerkanntermaßen nach +und nicht von diesen Männern geschrieben worden sind) auf 65-100 n. +Chr. und das Evangelium von Johannes auf einige Zeit vor 125 fest. +Aber es kommt dabei in Betracht, daß, wenn die biblischen Gelehrten +von diesen Daten sprechen (im einzelnen -- 65-70 für Markus, 70-75 +für Matthäus, 80-98 für Lukas, 80-120 für Johannes), sie nicht an +die Evangelien denken, wie wir sie heute haben. Bis zum Hl. Justinus +mindestens (und selbst er kann nicht als Zeuge des wirklichen +Evangeliums von Johannes angeführt werden), das ist also bis zur Mitte +des 2. Jahrhunderts, finden wir nur Erwähnungen (oft sehr fragliche) +von Sagen angeführt, die in den Evangelien zu finden sind. Mit andern +Worten, wir haben keinerlei authentischen Beweis für die Echtheit +irgend einer der Evangelienerzählungen, bis mehr als ein Jahrhundert +nach dem Tode Christi. Niemand, der weiß, in welchem Grade Legenden +in der orientalischen Atmosphäre anwachsen, kann Dokumenten solch +späten Datums nur den geringsten Glauben schenken. Selbst wenn das +früheste synoptische Evangelium 70 n. Chr. datiert wäre (wir müssen +immer bedenken, daß sich das nur auf »die Aussagen Jesu« bezieht), so +wäre noch der weite Spielraum von vierzig Jahren für die Mythenbildung +gegeben. + +Die dreizehn Episteln des Apostels =Paulus=, von denen nur vier +Anspruch auf Echtheit machen können (Römer, Korinther 2, Galater), +vermehren unsere Kenntnis über die Begebenheiten im Leben Jesu nur +sehr wenig. So bleiben wir beschränkt auf sehr kärgliche und unsichere +Nachforschungen über die Handlungen und die Persönlichkeit des +Gründers des Christentums. Der Glaube an die tief eingewurzelten und +beliebtesten Traditionen muß gänzlich verlassen werden. Die Geschichte +von der wunderbaren Geburt Christi wird verworfen; dieser Mythus wird +sowohl von den führenden christlichen Gelehrten Deutschlands als +auch Englands für eine der spätesten und der wenigst glaubwürdigen +»biblischen Geschichten« erklärt, mit anderen Worten: für eine später +eingeschobene wertlose Fälschung. Die Sagen von der Auferstehung und +von der Himmelfahrt Christi erfahren jetzt ein gleiches Schicksal. Das +Neue Testament wird zerstört wie das Alte, und die schöne Figur von +Jesus löst sich zusehends in ein Nebelbild auf. + +Die unbefangenen und scharfsinnigen Forschungen der deutschen +Theologen (=Strauß=, =Feuerbach=, =Baur= u. a.), denen sich +später auch englische, französische und italienische Philosophen +anschlossen, hatten schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts gezeigt, +daß das »Leben Jesu« zum größten Teile ein Erzeugnis der religiösen +=Dichtung=, ähnlich der von Buddha ist, und daß keine zuverlässigen +historischen Quellen darüber existieren. Viel klarer ergibt sich das +aus den überraschenden kritischen Forschungen der vergleichenden +Religionsgeschichte im Beginne des 20. Jahrhunderts. Danach bleibt +weder von den einzelnen Wundergeschichten und Sagen, noch von dem +ganzen dogmatischen Lehrgebäude des Christentums etwas Originelles +von Bedeutung mehr bestehen. Denn fast alles, was uns die Evangelien +davon erzählen, ist aus älteren orientalischen Quellen zusammengetragen +und entstammt den babylonischen und assyrischen, den indischen und +hellenischen Sagenkreisen. Hervorragende Kritiker gehen noch weiter +und führen mit großer Wahrscheinlichkeit den Beweis, daß der Jesus +des Evangeliums überhaupt niemals gelebt hat, sondern ein reines +=Idealbild der Dichtung= ist. Vergl. die interessanten Schriften von +=Kalthoff= und =Promus= über »die Entstehung des Christentums« (1904) +und von =Karl Vollers=: »Die Weltreligionen in ihrem geschichtlichen +Zusammenhange« (1907), ferner die sehr scharfe Kritik des englischen +Theologen =Saladin= (Stewart Roß): »Jehovahs gesammelte Werke, eine +kritische Untersuchung des christlichen Religionsgebäudes auf Grund der +Bibelforschung« (Leipzig 1896). + +~II.~ _Der Papismus,_ das »=lateinische Christentum=« oder +=Papsttum=. Der Papismus oder die »römisch-katholische Kirche«, oft +auch =Ultramontanismus= oder nach ihrer Residenz =Vatikanismus= +genannt, ist unter allen Erscheinungen der menschlichen +Kulturgeschichte eine der großartigsten und merkwürdigsten, eine +»welthistorische Größe« ersten Ranges. Trotz aller Stürme der Zeit +erfreut sie sich noch heute des mächtigsten Einflusses. Von den 500 +Millionen Christen, welche die Erde gegenwärtig bewohnen, bekennt +die größere Hälfte, nämlich über 250 Millionen, den römischen, nur +75 Millionen den griechischen Katholizismus, und 120 Millionen sind +Protestanten. Während eines Zeitraumes von 1200 Jahren, vom vierten +bis zum sechzehnten Jahrhundert, hat der Papismus das geistige Leben +Europas fast vollkommen beherrscht; dagegen hat er den großen alten +Religionssystemen in Asien und Afrika nur sehr wenig Boden abgewonnen. +In Asien zählt der Buddhismus heute noch ungefähr 503 Millionen, die +Brahmareligion 140 Millionen, der stetig vordringende Islam mehr als +120 Millionen Anhänger. Die Weltherrschaft des Papismus prägt vor allem +dem =Mittelalter= seinen finsteren Charakter auf; sie bedeutet den Tod +alles freien Geisteslebens, den Rückgang aller wahren Wissenschaft, +den Verfall aller reinen Sittlichkeit. Von der glänzenden Blüte, zu +welcher sich das menschliche Geistesleben im klassischen Altertum +erhoben hatte, im ersten Jahrtausend vor Christus und in den ersten +Jahrhunderten nach demselben, sank dasselbe unter der Herrschaft des +Papsttums bald zu einem Niveau herab, das mit Bezug auf die =Erkenntnis +der Wahrheit= nur als =Barbarei= bezeichnet werden kann. Man rühmt wohl +am Mittelalter, daß andere Seiten des Geisteslebens darin zu reicher +Entfaltung gekommen seien, Dichtkunst und bildende Kunst, scholastische +Gelehrsamkeit und patristische Philosophie. Aber diese Kulturtätigkeit +befand sich im Dienste der herrschenden Kirche und wurde nicht zur +Hebung, sondern zur Unterdrückung der freien Geistesforschung verwandt. +Die ausschließliche Vorbereitung für ein unbekanntes »ewiges Leben im +Jenseits«, die Verachtung der Natur, die Abwendung von ihrem Studium, +welche im Prinzip der christlichen Religion innewohnt, wurde von der +römischen Hierarchie zur heiligen Pflicht gemacht. Eine durchgreifende +Wandlung zum Besseren brachte erst im Beginn des 16. Jahrhunderts die +=Reformation=. + +_Rückschritte der Kultur im Mittelalter._ Es würde uns viel zu weit +führen, wenn wir hier die jammervollen Rückschritte schildern wollten, +welche menschliche Kultur und Gesittung während zwölf Jahrhunderte +unter der geistigen Gewaltherrschaft des Papismus erlitten. Am +prägnantesten sind sie wohl durch einen einzigen Satz des größten +und geistreichsten =Hohenzollern=fürsten illustriert; =Friedrich +der Große= faßte sein Urteil in dem Satze zusammen, man werde durch +das =Studium der Geschichte= zu der Überzeugung geführt, daß von +Konstantin dem Großen bis auf die Zeit der Reformation =die ganze Welt +wahnsinnig= gewesen sei. Eine vortreffliche kurze Schilderung dieser +»Wahnsinnsperiode« hat (1887) =L. Büchner= gegeben in seiner Schrift +Ȇber religiöse und wissenschaftliche Weltanschauung«. + +Unter den historischen Tatsachen, welche am einleuchtendsten +die Verwerflichkeit der ultramontanen Geistestyrannei beweisen, +interessiert uns vor allem ihre energische und konsequente Bekämpfung +der wahren =Wissenschaft= als solcher. Diese war zwar schon von +Anfang an prinzipiell im Christentum dadurch bestimmt, daß dasselbe +den Glauben über die Vernunft stellte und die blinde Unterwerfung +der letzteren unter den ersteren forderte; nicht minder dadurch, daß +es das ganze Erdenleben nur als eine Vorbereitung für das erdichtete +»Jenseits« betrachtete, also auch der wissenschaftlichen Forschung +an sich jeden Wert absprach. Allein die planmäßige und erfolgreiche +Bekämpfung der letzteren begann doch erst im Anfange des vierten +Jahrhunderts, besonders seit dem berüchtigten Konzil von Nicäa (325), +welchem Kaiser =Konstantin= präsidierte, -- »=der Große=« genannt, +weil er das Christentum zur Staatsreligion erhob und Konstantinopel +gründete, dabei ein nichtswürdiger Charakter, ein falscher Heuchler +und vielfacher Mörder. Wie erfolgreich der Papismus in seinem Kampfe +gegen jedes selbständige wissenschaftliche Denken und Forschen war, +beweist am besten der jammervolle Zustand der Naturerkenntnis und ihrer +Literatur im Mittelalter. Nicht nur wurden die reichen Geistesschätze, +welche das klassische Altertum hinterlassen hatte, zum größten Teile +vernichtet oder der Verbreitung entzogen, sondern Folterknechte +und Scheiterhaufen sorgten dafür, daß jeder »Ketzer«, d. h. jeder +selbständige Denker, seine vernünftigen Gedanken für sich behielt. Tat +er das nicht, so mußte er sich darauf gefaßt machen, lebendig verbrannt +zu werden, wie es dem großen monistischen Philosophen =Giordano Bruno=, +dem Reformator =Johann Hus= und mehr als hunderttausend anderen +»Zeugen der Wahrheit« geschah. Die Geschichte der Wissenschaften im +Mittelalter belehrt uns auf jeder Seite, daß das selbständige Denken +und die empirische wissenschaftliche Forschung unter dem Drucke des +allmächtigen Papismus durch zwölf traurige Jahrhunderte wirklich völlig +begraben blieben. + +_Papismus und Christentum._ Alles das, was wir am wahren Christentum +im Sinne seines Stifters und seiner edelsten Nachfolger hochschätzen, +und was wir aus dem unausbleiblichen Untergange dieser »Weltreligion« +in unsere neue, monistische Religion hinüber zu retten suchen +müssen, liegt auf seiner =ethischen= und =sozialen= Seite. Die +Prinzipien der wahren Humanität, der goldenen Regel, der Toleranz, +der Menschenliebe im besten und höchsten Sinne des Wortes, alle diese +wahren Lichtseiten des Christentums sind zwar nicht von ihm zuerst +erfunden und aufgestellt, aber doch erfolgreich in jener kritischen +Periode zur Geltung gebracht worden, in der das klassische Altertum +seiner Auflösung entgegenging. Der Papismus aber hat es verstanden, +alle jene Tugenden in ihr direktes =Gegenteil= zu verkehren und dabei +doch die =alte Firma= als Aushängeschild zu bewahren. An die Stelle der +christlichen Liebe trat der fanatische Haß gegen alle Andersgläubigen; +mit Feuer und Schwert wurden nicht allein die Heiden ausgerottet, +sondern auch jene christlichen Sekten, welche in besserer Erkenntnis +Einwendungen gegen die aufgezwungenen Lehrsätze des ultramontanen +Aberglaubens zu erheben wagten. Überall in Europa blühten die +Ketzergerichte und forderten unzählige Opfer, deren Folterqualen ihren +frommen, von »christlicher Bruderliebe« erfüllten Peinigern besonderes +Vergnügen bereiteten. Die Papstmacht wütete auf ihrer Höhe durch +Jahrhunderte erbarmungslos gegen alles, was ihrer Herrschaft im Wege +stand. Unter dem berüchtigten Großinquisitor Torquemada (1481-1498) +wurden in Spanien allein achttausend Ketzer lebendig verbrannt, +neunzigtausend mit Einziehung des Vermögens und den empfindlichsten +Kirchenbußen bestraft, während in den Niederlanden unter der Herrschaft +Karl des Fünften dem klerikalen Blutdurst mindestens fünfzigtausend +Menschen zum Opfer fielen. Und während das Geheul gemarterter Menschen +die Luft erfüllte, strömten in Rom, dem die ganze christliche Welt +tributpflichtig war, die Reichtümer der halben Welt zusammen, und +wälzten sich die angeblichen Stellvertreter Gottes auf Erden und ihre +Helfershelfer in Lüsten und Lastern jeder Art. »Welche Vorteile,« sagte +der frivole und syphilitische Papst =Leo= ~X~. ironisch, »hat uns +doch diese =Fabel von Jesus Christus= gebracht!« Dabei war der Zustand +der europäischen Gesellschaft trotz Kirchenzucht und Gottesfurcht +von der allerschlimmsten Art. Feudalismus, Leibeigenschaft, +Gottesgnadentum und Mönchtum beherrschten das Land, und die armen +Heloten waren froh, wenn sie ihre elenden Hütten im Machtbereiche der +Schlösser oder Klöster ihrer geistlichen und weltlichen Unterdrücker +und Ausbeuter errichten durften. Heutzutage noch leiden wir unter den +Nachwehen und Überbleibseln dieser traurigen Zustände und Zeiten, in +welchen von Pflege der Wissenschaft und höherer Geistesbildung nur +ausnahmsweise und im Verborgenen die Rede sein konnte. »Unwissenheit, +Armut und Aberglaube vereinigten sich mit der entsittlichenden Wirkung +des im elften Jahrhundert eingeführten =Zölibats=, um die absolute +Papstmacht immer stärker werden zu lassen« (=Büchner= a. a. O.). Man +hat berechnet, daß während dieser Glanzperiode des Papismus über zehn +Millionen Menschen dem fanatischen Glaubenshaß der »=christlichen +Liebe=« zum Opfer fielen; und wie viel mehr Millionen betrugen die +geheimen Menschenopfer, welche das =Zölibat=, die =Ohrenbeichte= +und der =Gewissenszwang= erforderten, die gemeinschädlichsten und +fluchwürdigsten Institutionen des päpstlichen Absolutismus! Die +»ungläubigen« Philosophen, welche Beweise =gegen= das Dasein Gottes +sammelten, haben einen der stärksten Beweise dagegen übersehen, die +Tatsache, daß die römischen »=Statthalter Christi= zwölf Jahrhunderte« +hindurch ungestraft die greulichsten Verbrechen und Schandtaten »=im +Namen Gottes=« verüben durften. + +~III.~ _Die Reformation._ Die Geschichte der Kulturvölker, welche +wir »die Weltgeschichte« zu nennen belieben, läßt deren dritten +Hauptabschnitt, die »Neuzeit«, mit der Reformation der christlichen +Kirche beginnen, ebenso wie den zweiten, das Mittelalter, mit der +Gründung des Christentums, und sie tut recht daran. Denn mit der +Reformation beginnt die =Wiedergeburt der gefesselten Vernunft=, +das Wiedererwachen der Wissenschaft, welche die eiserne Faust des +christlichen Papismus durch 1200 Jahre gewaltsam niedergehalten +hatte. Allerdings hatte die Verbreitung allgemeiner Bildung durch +die Buchdruckerkunst schon um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts +begonnen, und gegen Ende desselben traten mehrere große Ereignisse +ein, welche im Verein mit der »=Renaissance=« der Kunst auch +diejenige der Wissenschaft vorbereiteten, vor allem die Entdeckung +von Amerika (1492). Auch wurden in der ersten Hälfte des sechzehnten +Jahrhunderts mehrere höchst wichtige Fortschritte in der Erkenntnis +der Natur gemacht, welche die bestehende Weltanschauung in ihren +Grundfesten erschütterten; so die erste Umschiffung der Erde durch +=Magellan=, welche den empirischen Beweis für ihre Kugelgestalt +lieferte (1522); die Gründung des neuen Weltsystems durch =Kopernikus= +(1543). Aber der 31. Oktober 1517, an welchem =Martin Luther= +seine 95 Thesen an die hölzerne Tür der Schloßkirche zu Wittenberg +nagelte, bleibt daneben ein weltgeschichtlicher Tag; denn damit +wurde die eiserne Tür des Kerkers gesprengt, in dem der päpstliche +Absolutismus durch 1200 Jahre die gefesselte Vernunft eingeschlossen +gehalten hatte. Man hat die Verdienste des großen Reformators, der +auf der Wartburg die Bibel übersetzte, teils übertrieben, teils +unterschätzt; man hat auch mit Recht darauf hingewiesen, wie er +gleich den anderen Reformatoren noch vielfach im tiefsten Aberglauben +befangen blieb. So konnte sich =Luther= zeitlebens nicht von dem +starren Buchstabenglauben der Bibel befreien; er verteidigte eifrig +die Lehre von der Auferstehung, der Erbsünde und Prädestination, +der Rechtfertigung durch den Glauben usw. Die gewaltige Geistestat +des =Kopernikus= verwarf er als Narrheit, weil in der Bibel »Josua +die Sonne stillstehen hieß und nicht das Erdreich«. Für die großen +politischen Umwälzungen seiner Zeit, besonders die großartige und +vollberechtigte Bauernbewegung, hatte er kein Verständnis. Schlimmer +noch war der fanatische Reformator =Calvin= in Genf, welcher (1553) den +geistreichen spanischen Arzt =Serveto= lebendig verbrennen ließ, weil +er den unsinnigen Glauben an die Dreieinigkeit bekämpfte. Überhaupt +traten die fanatischen »Rechtgläubigen« der reformierten Kirche nur +zu oft in die blutbefleckten Fußtapfen ihrer papistischen Todfeinde, +wie sie es auch heute noch tun. Leider folgten auch ungeheure +Greueltaten der Reformation auf dem Fuße: die Bartholomäusnacht und +die Hugenottenverfolgung in Frankreich, blutige Ketzerjagden in +Italien, lange Bürgerkriege in England, der Dreißigjährige Krieg in +Deutschland. Aber trotz alledem bleibt dem sechzehnten und siebzehnten +Jahrhundert der Ruhm, dem denkenden Menschengeiste zuerst wieder +freie Bahn geschaffen und die Vernunft von dem erstickenden Drucke +der papistischen Herrschaft befreit zu haben. Erst dadurch wurde die +mächtige Entfaltung verschiedener Richtungen der kritischen Philosophie +und neuer Bahnen der Naturforschung möglich, welche dann dem folgenden +achtzehnten Jahrhundert den Ehrentitel des »=Jahrhunderts der +Aufklärung=« erwarb. + +~IV.~ _Das Scheinchristentum des neunzehnten Jahrhunderts._ Als +vierten und letzten Hauptabschnitt in der Geschichte des Christentums +stellen wir das 19. Jahrhundert seinen Vorgängern gegenüber. Wenn in +diesen letzteren bereits die »=Aufklärung=« nach allen Richtungen +hin die kritische Philosophie gefördert, und wenn ihr das Aufblühen +der Naturwissenschaften die stärksten empirischen Waffen in die +Hände gegeben hatte, so erscheint uns doch der Fortschritt nach +beiden Richtungen hin in unserem 19. Jahrhundert ganz gewaltig; +es beginnt damit wiederum eine ganz neue Periode in der Geschichte +des Menschengeistes, charakterisiert durch die Entwickelung der +=monistischen Naturphilosophie=. Schon im Beginne desselben wurde der +Grund zu einer neuen Anthropologie gelegt (durch die vergleichende +Anatomie von =Cuvier=) und zu einer neuen Biologie (durch die +~Philosophie zoologique~ von =Lamarck=). Bald folgten diesen beiden +großen Franzosen zwei ebenbürtige Deutsche, =Baer= als Begründer der +Entwickelungsgeschichte (1828) und =Johannes Müller= (1834) als der der +vergleichenden Morphologie und Physiologie. Ein Schüler des letzteren, +=Theodor Schwann=, schuf 1838, im Verein mit =Matthias Schleiden=, +die grundlegende Zellentheorie. Schon vorher hatte =Lyell= (1830) die +Entwickelungsgeschichte der Erde auf natürliche Ursachen zurückgeführt +und damit auch für unseren Planeten die Geltung der mechanischen +Kosmogenie bestätigt, welche =Kant= bereits 1755 mit kühner Hand +entworfen hatte. Endlich wurde durch =Robert Mayer= und =Helmholtz= +(1842) das Energieprinzip festgestellt und damit die zweite, ergänzende +Hälfte des großen Substanzgesetzes gegeben, dessen erste Hälfte die +Konstanz der Materie, schon =Lavoisier= 1789 entdeckt hatte. Allen +diesen tiefen Einblicken in das innere Wesen der Natur setzte dann 1859 +=Charles Darwin= die Krone auf durch seine neue Entwickelungslehre, das +größte naturphilosophische Ereignis des 19. Jahrhunderts. + +Wie verhält sich nun zu diesen gewaltigen Fortschritten der +Naturerkenntnis das =moderne Christentum=? Zunächst wurde naturgemäß +die tiefe Kluft zwischen seinen beiden Hauptrichtungen immer +größer, zwischen dem konservativen =Papismus= und dem progressiven +Protestantismus. Der ultramontane Klerus ( -- und im Verein mit +ihm die orthodoxe »Evangelische Allianz« -- ) mußten naturgemäß +jenen mächtigen Eroberungen des freien Geistes den heftigsten +Widerstand entgegensetzen; sie verharrten unbeirrt auf ihrem strengen +Buchstabenglauben und verlangten die unbedingte Unterwerfung der +Vernunft unter das Dogma. Der liberale =Protestantismus= hingegen +verflüchtigte sich immer mehr zu einem monistischen Pantheismus und +strebte nach Versöhnung der beiden entgegengesetzten Prinzipien; +er suchte die unvermeidliche Anerkennung der empirisch bewiesenen +Naturgesetze und der daraus gefolgerten philosophischen Schlüsse mit +einer geläuterten Religionsform zu verbinden, in der freilich von der +eigentlichen Glaubenslehre fast nichts mehr übrig blieb. Zwischen +beiden Extremen bewegten sich zahlreiche Kompromißversuche; darüber +hinaus aber drang in immer weitere Kreise die Überzeugung, daß das +dogmatische Christentum überhaupt jeden Boden verloren habe, und daß +man nur seinen wertvollen ethischen Inhalt in die neue, monistische +Religion des 20. Jahrhunderts hinüberretten könne. Da jedoch +gleichzeitig die gegebenen äußeren Formen der herrschenden christlichen +Religion fortbestanden, da sie sogar trotz der fortgeschrittenen +politischen Entwickelung mit den praktischen Bedürfnissen des Staates +immer enger verknüpft wurden, entwickelte sich jene weitverbreitete +religiöse Weltanschauung der gebildeten Kreise, die wir nur als +=Scheinchristentum= bezeichnen können -- im Grunde eine »religiöse +Lüge« bedenklichster Art. Die großen Gefahren, welche dieser tiefe +Konflikt zwischen der wahren Überzeugung und dem falschen Bekenntnis +der modernen Scheinchristen mit sich bringt, hat u. a. trefflich +=Max Nordau= geschildert in seinem interessanten Werke: »=Die +konventionellen Lügen der Kulturmenschheit.=« + +Inmitten dieser offenkundigen Unwahrhaftigkeit des herrschenden +Scheinchristentums ist es für den Fortschritt der vernunftgemäßen +Naturerkenntnis sehr wertvoll, daß dessen mächtigster und +entschiedenster Gegner, der =Papismus=, um die Mitte des 19. +Jahrhunderts die alte Maske angeblicher höherer Geistesbildung +abgeworfen und der selbständigen =Wissenschaft= als solcher den +entscheidenden »Kampf auf Tod und Leben« angekündigt hat. Es geschah +dies in drei bedeutungsvollen Kriegserklärungen gegen die Vernunft, für +deren Unzweideutigkeit und Entschiedenheit die moderne Wissenschaft +und Kultur dem römischen »Statthalter Christi« nur dankbar sein +kann: ~I~. Im Dezember 1854 verkündete der Papst das Dogma von der +=unbefleckten Empfängnis Mariä=. ~II~. Zehn Jahre später, im Dezember +1864, sprach der »heilige Vater« in der berüchtigten =Enzyklika= +das =absolute Verdammungsurteil über die ganze moderne Zivilisation +und Geistesbildung= aus; in dem begleitenden =Syllabus= gab er +eine Aufzählung und Verfluchung aller einzelnen Vernunftsätze und +philosophischen Prinzipien, welche von unserer modernen Wissenschaft +als sonnenklare Wahrheit anerkannt sind. ~III~. Endlich setzte +sechs Jahre später, am 13. Juli 1870, der streitbare Kirchenfürst im +Vatikan seinem Aberwitz die Krone auf, indem er für sich und alle seine +Vorgänger in der Papstwürde die =Unfehlbarkeit= in Anspruch nahm. + +_Unfehlbarkeit des Papstes._ Diese drei wichtigsten Akte des Papismus +im 19. Jahrhundert waren so offenkundige Faustschläge in das Antlitz +der Vernunft, daß sie selbst innerhalb der orthodoxen katholischen +Kreise von Anfang an das höchste Bedenken erregten. Als man im +vatikanischen Konzil am 13. Juli 1870 zur Abstimmung über das Dogma +von der =Unfehlbarkeit= schritt, erklärten sich nur drei Viertel der +Kirchenfürsten zugunsten desselben, nämlich 451 von 601 Abstimmenden; +dazu fehlten noch zahlreiche andere Bischöfe, welche sich der +gefährlichen Abstimmung enthalten wollten. Indessen zeigte sich bald, +daß der kluge und menschenkundige Papst richtiger gerechnet hatte als +die zaghaften »besonnenen Katholiken«; denn in den leichtgläubigen und +ungebildeten Massen fand auch dieses ungeheuerliche Dogma trotz aller +Bedenken blinde Annahme. + +Die ganze =Geschichte des Papsttums=, wie sie von zuverlässigen +Quellen und handgreiflichen historischen Dokumenten unwiderleglich +festgenagelt ist, erscheint für den unbefangenen Kenner als ein +gewissenloses Gewebe von Lug und Trug, als ein rücksichtsloses Streben +nach absoluter geistlicher Herrschaft und weltlicher Macht, als eine +frivole Verleugnung aller der hohen sittlichen Gebote, welche das +wahre Christentum predigt: Menschenliebe, und Duldung, Wahrheit und +Keuschheit, Armut und Entsagung. Wenn man die lange Reihe der Päpste +und der römischen Kirchenfürsten, aus denen sie gewählt wurden, nach +dem Maßstabe der reinen christlichen Moral mustert, ergibt sich klar, +daß die große Mehrzahl derselben schamlose Gaukler und Betrüger +waren, viele von ihnen nichtswürdige Verbrecher. Diese allbekannten +=historischen Tatsachen= hindern aber nicht, daß noch heute Millionen +von »gebildeten« gläubigen Katholiken an die »Unfehlbarkeit« dieses +»heiligen Vaters« glauben und durch Spenden von »Peterspfennigen« sein +Regiment stützen; sie hindern nicht, daß noch heute protestantische +Fürsten nach Rom fahren und dem »heiligen Vater« (ihrem gefährlichsten +Feinde!) ihre Verehrung bezeugen. + +_Enzyklika und Syllabus._ Unter den angeführten drei großen +Gewalttaten, durch welche der moderne Papismus in der zweiten Hälfte +des 19. Jahrhunderts seine absolute Herrschaft zu retten und zu +befestigen suchte, ist für uns am interessantesten die Verkündigung +der =Enzyklika= und des =Syllabus= im Dezember 1864; denn in diesen +denkwürdigen Aktenstücken wird der Vernunft und Wissenschaft überhaupt +jede selbständige Tätigkeit abgesprochen und ihre absolute Unterwerfung +unter den »alleinseligmachenden Glauben«, d. h. unter die Dekrete des +»unfehlbaren Papstes«, gefordert. Die ungeheure Erregung, welche diese +maßlose Frechheit in allen gebildeten und unabhängig denkenden Kreisen +hervorrief, entsprach dem ungeheuerlichen Inhalte der Enzyklika; eine +vortreffliche Erörterung ihrer kulturellen und politischen Bedeutung +hat u. a. =Draper= in seiner Geschichte der Konflikte zwischen Religion +und Wissenschaft gegeben (1875). + +_Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria._ Weniger einschneidend und +bedeutungsvoll als die Enzyklika und als das Dogma der Infallibilität +des Papstes erscheint vielleicht das Dogma von der unbefleckten +Empfängnis. Indessen legt nicht nur die römische Hierarchie auf diesen +Glaubenssatz das höchste Gewicht, sondern auch ein Teil der orthodoxen +Protestanten (z. B. die Evangelische Allianz). Der sogenannte +»=Immakulateid=«, d. h. die =eidliche= Versicherung des Glaubens an die +unbefleckte Empfängnis Mariä, gilt noch heute Millionen von Christen +als heilige Pflicht. Viele Gläubige verbinden damit einen doppelten +Begriff; sie behaupten, daß die Mutter der Jungfrau Maria ebenso durch +den »Heiligen Geist« befruchtet worden sei wie diese selbst. Jedoch +soll ursprünglich das Dogma der unbefleckten Empfängnis nur bedeuten, +daß Maria selbst eine Tochter des heiligen Geistes, und daher frei von +Erbsünde sei. Die vergleichende und kritische Theologie hat neuerdings +nachgewiesen, daß auch dieser Mythus, gleich den meisten anderen +Legenden der christlichen Mythologie, keineswegs originell, sondern +aus älteren orientalischen Religionen, besonders dem =Buddhismus=, +übernommen ist. Ähnliche Sagen hatten schon mehrere Jahrhunderte vor +Christi Geburt eine weite Verbreitung in Indien, Persien, Kleinasien +und Griechenland. Wenn Königstöchter oder andere Jungfrauen aus +höheren Ständen, ohne legitim verheiratet zu sein, durch die Geburt +eines Kindes erfreut wurden, so wurde als der Vater dieses illegitimen +Sprößlings meistens ein »Gott« oder »Halbgott« ausgegeben, in diesem +Falle der mysteriöse »Heilige Geist«. + +Die Erzählung der beiden Evangelisten Matthäus und Lukas, daß auch +Maria selbst vom heiligen Geiste befruchtet und demnach dieser +rätselhafte Gott der wahre Vater von Christus sei, wird gegenwärtig +von den meisten Theologen als eine später entstandene Sage angesehen; +sie behaupten, daß der jüdische Zimmermann Joseph der wirkliche Vater +gewesen sei. Andere wieder erklären die uneheliche Geburt Christi +durch folgende Angabe eines apokryphen Evangeliums, auf welche sich +auch =Celsus= (178 n. Chr.) bezieht: »=Josephus Pandera=, der römische +Hauptmann einer kalabresischen Legion, welche in Judäa stand, verführte +=Mirjam= von Bethlehem, ein hebräisches Mädchen, und wurde der =Vater +von Jesus=.« Diese Legende fand besonders bei jenen Theologen Beifall, +welche die übernatürliche Erzeugung Christi (durch den heiligen Geist) +leugneten, aber als seinen natürlichen Vater nicht einen =Juden= (den +Zimmermann Joseph), sondern einen =Griechen= (den Hauptmann Pandera +oder Pantheras) anerkannt zu sehen wünschten. Historische Zeugnisse, +die wissenschaftliche Bedeutung beanspruchen, können weder für die +Wahrheit der einen noch der anderen Sage gefunden werden. + +Interessant ist übrigens die verschiedene Auffassung und Beurteilung, +welche dieser angebliche Liebesroman der Mirjam von seiten der vier +großen christlichen Kulturnationen Europas erfahren hat. Nach den +strengeren Moralbegriffen der =germanischen= Rassen wird derselbe +schlechtweg verworfen; lieber glaubt der ehrliche Deutsche und der +prüde Brite blind an die unmögliche Sage von der Erzeugung durch den +»Heiligen Geist«. Wie bekannt, entspricht diese strenge, sorgfältig +zur Schau getragene Prüderie der feineren Gesellschaft (besonders in +England!) keineswegs dem wahren Zustande der sexuellen Sittlichkeit in +dem dortigen »~High life~«. Die Enthüllungen z. B., welche darüber +vor einigen Jahren die »Pall Mall Gazette« brachte, erinnerten sehr an +die Zustände von =Babylon= und an das Rom der Kaiserzeit. + +Die =romanischen= Rassen, welche diese Prüderie verlachen und die +sexuellen Verhältnisse leichtfertiger beurteilen, finden jenen »=Roman +der Maria=« recht anziehend, und der besondere Kultus, dessen gerade +in Frankreich und Italien »Unsere liebe Frau« sich erfreut, ist oft in +merkwürdiger Naivetät mit jener Liebesgeschichte verknüpft. So findet +z. B. =Paul de Regla= (~Dr.~ =Desjardin=), welcher (1894) »Jesus von +Nazareth vom wissenschaftlichen, geschichtlichen und gesellschaftlichen +Standpunkte aus dargestellt« hat, gerade in der =unehelichen Geburt +Christi= ein besonderes »Anrecht auf den =Heiligenschein=, der seine +herrliche Gestalt umstrahlt«! + +Der Streit über diese drei verschiedenen Mythen von der Vaterschaft +Christi, der noch zu Ende des 19. Jahrhunderts die Theologen lebhaft +erregte, hat gegenwärtig an Interesse sehr verloren. Denn die +überraschenden Fortschritte der vergleichenden Religionsgeschichte +haben das ganze orientalische Prachtgebäude der =christlichen +Mythologie= in seinen Grundfesten erschüttert. Das reine =Idealbild= +von Jesus Christus, dessen erhabene Züge der Gläubige aus dem +Neuen Testament sich zusammensetzt, hat als wirklicher Mensch +(oder »Gottmensch«) in dieser Vollkommenheit niemals auf unserem +Planeten existiert. Der hohe ethische Wert des ursprünglichen reinen +Christentums, der veredelnde Einfluß dieser »Religion der Liebe« auf +die Kulturgeschichte, ist ganz unabhängig von jenen mythologischen +Dogmen. Die angeblichen »=Offenbarungen=«, auf welche sich diese Mythen +stützen, sind dagegen ( -- ebenso wie sämtliche Wundergeschichten +des Alten und des Neuen Testaments -- ) Erzeugnisse der dichtenden +Phantasie; sie bleiben unvereinbar mit den sichersten Ergebnissen +unserer modernen =Naturerkenntnis=. + + + + +=Achtzehntes Kapitel.= + +_Unsere monistische Religion._ + + Monistische Studien über die Religion der Vernunft und ihre Harmonie + mit der Wissenschaft. Die drei Kultusideale des Wahren, Guten und + Schönen. + + +Viele und sehr angesehene Naturforscher und Philosophen der Gegenwart, +welche unsere monistischen Überzeugungen teilen, halten die Religion +überhaupt für eine abgetane Sache. Sie meinen, daß die klare Einsicht +in die Weltentwickelung, die wir den gewaltigen Erkenntnisfortschritten +des 19. Jahrhunderts verdanken, nicht bloß das Kausalitätsbedürfnis +unserer =Vernunft= vollkommen befriedige, sondern auch die höchsten +Gefühlsbedürfnisse unseres =Gemütes=. Diese Ansicht ist in gewissem +Sinne richtig, insofern bei einer vollkommen klaren und folgerichtigen +Auffassung des Monismus tatsächlich die beiden Begriffe von Religion +und Wissenschaft zu einem mit einander verschmelzen. Indessen nur +wenige entschlossene Denker ringen sich zu dieser höchsten und reinsten +Auffassung von =Spinoza= und =Goethe= empor; vielmehr verharren die +meisten Gebildeten unserer Zeit bei der Überzeugung, daß die Religion +ein selbständiges, von der Wissenschaft unabhängiges Gebiet unseres +Geisteslebens darstelle, nicht minder wertvoll und unentbehrlich als +die letztere. + +Wenn wir diesen Standpunkt einnehmen, können wir eine Versöhnung +zwischen jenen beiden großen, anscheinend getrennten Gebieten +in der Auffassung finden, welche ich 1892 in meinem Altenburger +Vortrage niedergelegt habe: »Der Monismus als Band zwischen Religion +und Wissenschaft« (14. Aufl. 1908). In dem Vorwort zu diesem +»Glaubensbekenntnis eines Naturforschers« habe ich mich über dessen +doppelten Zweck mit folgenden Worten geäußert: »Erstens möchte ich +damit derjenigen =vernünftigen Weltanschauung= Ausdruck geben, welche +uns durch die neueren Fortschritte der einheitlichen Naturerkenntnis +mit logischer Notwendigkeit aufgedrungen wird; sie wohnt im Innersten +von fast allen unbefangenen und denkenden Naturforschern, wenn +auch nur wenige den Mut oder das Bedürfnis haben, sie offen zu +bekennen. Zweitens möchte ich dadurch ein =Band zwischen Religion und +Wissenschaft= knüpfen und somit zur Ausgleichung des Gegensatzes +beitragen, welcher zwischen diesen beiden Gebieten der höchsten +menschlichen Geistestätigkeit unnötigerweise aufrecht erhalten wird; +das ethische Bedürfnis unseres =Gemütes= wird durch den Monismus ebenso +befriedigt wie das logische Kausalitätsbedürfnis unseres =Verstandes=.« + +Die starke Wirkung, welche dieser Altenburger Vortrag hatte, beweist, +daß ich mit diesem monistischen Glaubensbekenntnis nicht nur das +vieler Naturforscher, sondern auch zahlreicher gebildeter Männer +und Frauen aus verschiedenen Berufskreisen ausgesprochen hatte. Ich +durfte diesen unerwarteten Erfolg um so höher anschlagen, als jenes +Glaubensbekenntnis ursprünglich eine freie Gelegenheitsrede war, die +unvorbereitet am 9. Oktober 1892 in Altenburg während des Jubiläums +der Naturforschenden Gesellschaft des Osterlandes entstand. Natürlich +erfolgte auch bald die notwendige Gegenwirkung nach der anderen Seite; +ich wurde nicht nur von der ultramontanen Presse des =Papismus= +auf das Heftigste angegriffen, von den geschworenen Verteidigern +des Aberglaubens, sondern auch von »liberalen« Kriegsmännern des +evangelischen Christentums, welche sowohl die wissenschaftliche +Wahrheit als auch den aufgeklärten Glauben zu vertreten behaupten. Nun +hat sich aber der große Kampf zwischen der modernen Naturwissenschaft +und dem orthodoxen Christentum seitdem immer drohender gestaltet; +er ist für die erstere um so gefährlicher geworden, je mächtigere +Unterstützung das letztere durch die wachsende geistige und +politische Reaktion gefunden hat. Diese ist in manchen Ländern schon +so weit vorgeschritten, daß die gesetzlich garantierte Denk- und +Gewissensfreiheit praktisch schwer gefährdet wird. In der Tat hat +der große weltgeschichtliche Geisteskampf, welchen =John Draper= in +seiner »Geschichte der Konflikte zwischen Religion und Wissenschaft« +vortrefflich schildert, heute eine Schärfe und Bedeutung erlangt +wie nie zuvor; man bezeichnet ihn deshalb seit 1872 mit Recht als +»=Kulturkampf=«. + +_Der Kulturkampf._ Die berühmte =Enzyklika= nebst =Syllabus=, +welche der streitbare Papst Pius ~IX.~ 1864 in alle Welt gesandt +hatte, erklärte in der Hauptsache der ganzen modernen Wissenschaft +den Krieg; sie forderte blinde Unterwerfung der Vernunft unter die +Dogmen des »unfehlbaren Statthalters Christi«. Das Ungeheuerliche und +Unerhörte dieses brutalen Attentates gegen die höchsten Güter der +Kulturmenschheit rüttelte selbst viele träge und indolente Gemüter +aus ihrem gewohnten Glaubensschlafe. Im Vereine mit der nachfolgenden +Verkündung der päpstlichen Unfehlbarkeit (1870) rief die Enzyklika +eine weitgehende Erregung hervor und eine energische Abwehr, welche +zu den besten Hoffnungen berechtigte. In dem neuen Deutschen Reiche, +das in den Kämpfen von 1866 und 1871 unter schweren Opfern seine +nationale Einheit errungen hatte, wurden die frechen Attentate des +Papismus besonders schwer empfunden; denn einerseits ist Deutschland +die Geburtsstätte der Reformation und der modernen Geistesbefreiung; +andererseits aber besitzt es leider in seinen 20 Millionen Katholiken +ein mächtiges Heer von streitbaren Gläubigen, welches an blindem +Gehorsam gegen die Befehle seines Oberhirten von keinem anderen +Kulturvolke übertroffen wird. =Christus= sagt zu =Petrus=: »Weide meine +Schafe!« Die Nachkommen auf dem Stuhle Petri haben das »=Weiden=« in +»=Scheeren=« übersetzt. Die hieraus entspringenden Gefahren erkannte +mit klarem Blick der gewaltige Staatsmann, der das »politische +Welträtsel« der deutschen Nationalzerrissenheit gelöst und uns durch +seine bewunderungswürdige Staatskunst zu dem ersehnten Ziele nationaler +Einheit und Macht geführt hatte. Fürst Bismarck begann 1872 jenen +denkwürdigen, vom Vatikan aufgedrungenen =Kulturkampf=, der von dem +ausgezeichneten Kultusminister =Falk= durch die »Maigesetzgebung« +(1873) ebenso klug als energisch geführt wurde. Leider mußte er schon +sechs Jahre später aufgegeben werden. Obwohl unser größter Staatsmann +ein ausgezeichneter Menschenkenner und kluger Realpolitiker war, hatte +er doch die Macht von drei gewaltigen Hindernissen unterschätzt: +erstens die unübertroffene Schlauheit und gewissenlose Perfidie der +römischen Kurie, zweitens die entsprechende Gedankenlosigkeit und +Leichtgläubigkeit der ungebildeten katholischen Massen, auf welche +sich die erstere stützte, und drittens die Macht der Trägheit, des +Fortbestehens des Unvernünftigen, bloß weil es da ist. So mußte denn +schon 1878, nachdem der klügere Papst Leo ~XIII.~ seine Regierung +angetreten hatte, der schwere »Gang nach Canossa« wiederholt werden. +Die neu gestärkte Macht des Vatikans nahm seitdem wieder mächtig +zu, einerseits durch die gewissenlosen Ränke und Schlangenwindungen +seiner aalglatten Jesuitenpolitik, andererseits durch die falsche +Kirchenpolitik der deutschen Reichsregierung und die merkwürdige +politische Unfähigkeit des deutschen Volkes. So mußten wir denn am +Schlusse des 19. Jahrhunderts das beschämende Schauspiel erleben, daß +das sogenannte »Zentrum im Deutschen Reichstage Trumpf« war, und daß +die Geschicke unseres gedemütigten Vaterlandes von einer papistischen +Partei geleitet wurden, deren Kopfzahl noch nicht den dritten Teil der +ganzen Bevölkerung beträgt. + +Als der deutsche Kulturkampf 1872 begann, wurde er =mit vollem Rechte= +von allen frei denkenden Männern als eine politische Erneuerung der +Reformation begrüßt, als ein energischer Versuch, die moderne Kultur +von dem Joche der papistischen Geistestyrannei zu befreien; die gesamte +liberale Presse feierte Fürst Bismarck als »politischen Luther«, als +den gewaltigen Helden, der nicht nur die nationale Einigung, sondern +auch die geistige Befreiung Deutschlands erringe. Zehn Jahre später, +nachdem der Papismus gesiegt hatte, behauptete dieselbe »liberale +Presse« das Gegenteil und erklärte den Kulturkampf für einen großen +Fehler; und dasselbe tut sie noch heute. Diese Tatsache beweist nur, +wie kurz das Gedächtnis unserer Zeitungsschreiber, wie mangelhaft +ihre Kenntnis der Geschichte und wie unvollkommen ihre philosophische +Bildung ist. Der sogenannte »Friedensschluß zwischen Staat und +Kirche« ist immer nur ein Waffenstillstand. Der moderne Papismus, +getreu den absolutistischen, seit 1600 Jahren befolgten Prinzipien, +will und muß die =Alleinherrschaft= über die leichtgläubigen Seelen +behaupten; er muß die absolute Unterwerfung des Kulturstaates +fordern, der als solcher die Rechte der Vernunft und Wissenschaft +vertritt. Wirklicher Friede kann erst eintreten, wenn einer der +beiden ringenden Kämpfer bewältigt am Boden liegt. Entweder siegt die +»alleinseligmachende Kirche«, und dann hört »freie Wissenschaft und +freie Lehre« überhaupt auf; dann werden sich unsere Universitäten in +Konvikte, unsere Gymnasien in Klosterschulen verwandeln. Oder es siegt +der moderne Vernunftstaat, und dann wird sich im 20. Jahrhundert die +menschliche Bildung, Freiheit und Wohlstand in noch weit höherem Maße +fortschreitend entwickeln, als es im 19. erfreulicherweise der Fall +gewesen ist. (Vergl. hierüber =Eduard Hartmann=, Die Selbstzersetzung +des Christentums, 1874.) + +Gerade zur Förderung dieser hohen Ziele erscheint es höchst wichtig, +daß die moderne Naturwissenschaft nicht bloß die Wahngebilde des +Aberglaubens zertrümmert und deren wüsten Schutt aus dem Wege räumt, +sondern daß sie auch auf dem frei gewordenen Bauplatze ein neues +wohnliches Gebäude für das menschliche Gemüt herrichtet; einen +=Palast der Vernunft=, in welchem wir mittels unserer neu gewonnenen +monistischen Weltanschauung die wahre »Dreieinigkeit« des 19. +Jahrhunderts andächtig verehren, die =Trinität des Wahren=, =Guten +und Schönen=. Um den Kultus dieser göttlichen Ideale greifbar zu +gestalten, erscheint es vor allem notwendig, uns mit den herrschenden +Religionsformen des Christentums auseinanderzusetzen und die +Veränderungen ins Auge zu fassen, welche bei deren Ersetzung durch +erstere zu erstreben sind. Denn die christliche Religion besitzt +(in ihrer =ursprünglichen=, reinen Form!) trotz aller Irrtümer +und Mängel einen so hohen sittlichen Wert, sie ist vor allem seit +anderthalb Jahrtausenden so eng mit den wichtigsten sozialen und +politischen Einrichtungen unseres Kulturlebens verwachsen, daß +wir uns bei Begründung unserer monistischen Religion möglichst an die +bestehenden Institutionen anlehnen müssen. Wir wollen keine gewaltsame +=Revolution=, sondern eine vernünftige =Reformation= unseres religiösen +Geisteslebens. + +~I.~ _Das Ideal der Wahrheit._ Wir haben uns durch die vorhergehenden +Betrachtungen (besonders im ersten und dritten Abschnitt) überzeugt, +daß die reine Wahrheit nur in dem Tempel der =Naturerkenntnis= zu +finden ist, und daß die einzigen brauchbaren Wege zu demselben die +kritische »Beobachtung und Reflexion« sind, die empirische Erforschung +der Tatsachen und die vernunftgemäße Erkenntnis ihrer bewirkenden +Ursachen. So gelangen wir mittels der =reinen Vernunft= zur wahren +Wissenschaft, dem kostbarsten Schatze der Kulturmenschheit. Dagegen +müssen wir aus den gewichtigen, im 16. Kapitel erörterten Ursachen +jede sogenannte »=Offenbarung=« ablehnen, jede Glaubensdichtung, +welche behauptet, auf übernatürlichem Wege Wahrheiten zu erkennen, zu +deren Entdeckung unsere Vernunft nicht ausreicht. Da nun das ganze +Glaubensgebäude der jüdisch-christlichen Religion, ebenso wie das +islamitische und muhamedanische, auf solchen angeblichen Offenbarungen +beruht, da ferner diese mystischen Phantasieprodukte direkt der +klaren empirischen Naturerkenntnis widersprechen, so ist es sicher, +daß wir die Wahrheit nur mittels der Vernunfttätigkeit der echten +=Wissenschaft= finden können, nicht mittels der Phantasiedichtung des +mystischen Glaubens. + +Die Göttin der =Wahrheit= wohnt im Tempel der Natur, im grünen Walde, +auf dem blauen Meere, auf den schneebedeckten Gebirgshöhen; -- aber +nicht in den dumpfen Hallen der Klöster, in den engen Kerkern der +Konviktschulen und nicht in den weihrauchduftenden christlichen +Kirchen. Die Wege, auf denen wir uns dieser herrlichen Göttin der +Wahrheit und Erkenntnis nähern, sind die liebevolle Erforschung +der Natur und ihrer Gesetze, die Beobachtung der unendlich großen +Sternenwelt mittels des Teleskops, der unendlich kleinen Zellenwelt +mittels des Mikroskops; -- aber nicht sinnlose Andachtsübungen +und gedankenlose Gebete, nicht die Opfergaben des Ablasses und +der Peterspfennige. Die kostbaren Gaben, mit denen uns die Göttin +der Wahrheit beschenkt, sind die herrlichen Früchte vom Baume der +Erkenntnis und der unschätzbare Gewinn einer klaren, einheitlichen +Weltanschauung, -- aber nicht der Glaube an übernatürliche »Wunder« und +das Wahngebilde eines »ewigen Lebens«. + +~II.~ _Das Ideal der Tugend._ Anders als mit dem ewig Wahren verhält +es sich mit dem Gottesideal des ewig Guten. Während bei der Erkenntnis +der Wahrheit die Offenbarung der Kirche völlig auszuschließen und +allein die Erforschung der Natur zu befragen ist, fällt dagegen der +Inbegriff des =Guten=, den wir Tugend nennen, in unserer monistischen +Religion größtenteils mit der christlichen Tugend zusammen; natürlich +gilt das nur von dem ursprünglichen, reinen Christentum der drei ersten +Jahrhunderte, wie dessen Tugendlehren in den Evangelien und in den +paulinischen Briefen niedergelegt sind; -- es gilt aber nicht von der +vatikanischen Karikatur jener reinen Lehre, welche die europäische +Kultur zu ihrem unendlichen Schaden durch zwölf Jahrhunderte beherrscht +hat. Den besten Teil der christlichen Moral, an dem wir festhalten, +bilden die Humanitätsgebote der Liebe und Duldung, des Mitleids und der +Hilfe. Nur sind diese edlen Pflichtgebote, die man als »christliche +Moral« (im besten Sinne!) zusammenfaßt, keine neuen Erfindungen des +Christentums, sondern sie sind von diesem aus älteren Religionsformen +herübergenommen. In der Tat ist ja die »=Goldene Regel=«, welche +diese Gebote in einem Satze zusammenfaßt, Jahrhunderte älter als das +Christentum. In der Praxis des Lebens aber wurde dieses natürliche +Sittengesetz ebenso oft von Atheisten und Nichtchristen sorgsam befolgt +als von frommen, gläubigen Christen außer acht gelassen. Auch beging +die christliche Tugendlehre einen großen Fehler, indem sie einseitig +den =Altruismus= zum Gebote erhob, den =Egoismus= dagegen verwarf. +=Unsere monistische Ethik legt beiden gleichen Wert= bei und findet die +vollkommene Tugend in dem richtigen Gleichgewicht von Nächstenliebe und +Eigenliebe. (Vergl. Kapitel 19. Das ethische Grundgesetz.) + +~III~. _Das Ideal der Schönheit._ In vielfachen Gegensatz zum +Christentum tritt unser Monismus auf dem Gebiete der Schönheit. Das +ursprüngliche, reine Christentum predigte die Wertlosigkeit des +irdischen Lebens und betrachtete dasselbe bloß als eine Vorbereitung +für das ewige Leben im »=Jenseits=«. Daraus folgt unmittelbar, daß +alles, was das menschliche Leben im »=Diesseits=« darbietet, alles +Schöne in Kunst und Wissenschaft, im öffentlichen und privaten Leben, +keinen Wert besitzt. Der wahre Christ muß sich von ihm abwenden und +nur daran denken, sich für das Jenseits würdig vorzubereiten. Die +Verachtung der Natur, die Abwendung von allen ihren unerschöpflichen +Reizen, die Verwerfung jeder Art von schöner Kunst sind echte +Christenpflichten; diese würden am vollkommensten erfüllt, wenn der +Mensch sich von seinen Mitmenschen absonderte, sich kasteite und in +Klöstern oder Einsiedeleien ausschließlich mit der »Anbetung Gottes« +beschäftigte. + +Nun lehrt uns freilich die Naturgeschichte, daß diese asketische +Christenmoral, die aller Natur Hohn sprach, als natürliche Folge +das Gegenteil bewirkte. Die Klöster, die Asyle der Keuschheit und +Zucht, wurden bald die Brutstätten der tollsten Orgien. Der Kultus +der »Schönheit«, der hier getrieben wurde, stand mit der gepredigten +»Weltentsagung« in schneidendem Widerspruch. Dasselbe gilt von dem +Luxus und der Pracht, welche sich bald in dem sittenlosen Privatleben +des höheren katholischen Klerus und in der künstlerischen Ausschmückung +der christlichen Kirchen und Klöster entwickelten. + +_Christliche Kunst._ Man wird hier einwenden, daß unsere Ansicht durch +die Schönheitsfülle der christlichen Kunst widerlegt werde, welche +besonders in der Blütezeit des Mittelalters so unvergängliche Werke +schuf. Die prachtvollen gotischen Dome und byzantinischen Basiliken, +die Hunderte von prächtigen Kapellen, die Tausende von Marmorstatuen +christlicher Heiliger und Märtyrer, die Millionen von schönen +Heiligenbildern, von tiefempfundenen Darstellungen von Christus und der +Madonna -- sie zeugen alle von einer Entwickelung der schönen Künste +im Mittelalter, die in ihrer Art einzig ist. Alle diese herrlichen +Denkmäler der bildenden Kunst, ebenso wie die der Dichtkunst, behalten +ihren hohen ästhetischen Wert, gleichviel, wie wir die darin enthaltene +Mischung von »Wahrheit und Dichtung« beurteilen. Aber was hat das alles +mit der reinen Christenlehre zu tun, mit jener Religion der Entsagung, +welche von allem irdischen Prunk und Glanz, von aller materiellen +Schönheit und Kunst sich abwendete, welche das Familienleben und +die Frauenliebe gering schätzte, welche allein die Sorge um die +immateriellen Güter des »ewigen Lebens« predigte? Der Begriff der +»christlichen Kunst« ist eigentlich ein Widerspruch in sich. Die +reichen Kirchenfürsten freilich, welche dieselben pflegten, verfolgten +damit ganz andere Zwecke, und sie erreichten sie auch vollständig. +Indem sie das ganze Interesse und Streben des menschlichen Geistes +im Mittelalter auf die christliche =Kirche= und deren eigentümliche +=Kunst= lenkten, wendeten sie dasselbe von der =Natur= ab und von +der Erkenntnis der hier verborgenen Schätze, die zu selbständiger +=Wissenschaft= geführt hätten. Außerdem aber erinnerte der tägliche +Anblick der überall massenhaft ausgestellten Heiligenbilder, der +Darstellungen aus der »heiligen Geschichte«, den gläubigen Christen +jederzeit an den reichen Sagenschatz, den die Phantasie der Kirche +angesammelt hatte. Die Legenden derselben wurden für wahre Erzählungen, +die Wundergeschichten für wirkliche Ereignisse ausgegeben und geglaubt. +Unzweifelhaft hat in dieser Beziehung die christliche Kunst einen +ungeheuren Einfluß auf die allgemeine Bildung und ganz besonders auf +die Festigung des Glaubens geübt, einen Einfluß, der sich in der ganzen +Kulturwelt bis auf den heutigen Tag geltend macht. + +_Monistische Kunst._ Den schärfsten Gegensatz zu dieser herrschenden +christlichen Kunst bildet diejenige neue Form der bildenden +Kunst, die sich erst im 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit der +=Naturwissenschaft= entwickelt hat. Die überraschende Erweiterung +unserer Weltkenntnis, die Entdeckung von unzähligen schönen +Lebensformen, die wir der letzteren verdanken, hat in unserer +Zeit einen ganz anderen ästhetischen Sinn geweckt und damit +auch der bildenden Kunst eine neue Richtung gegeben. Zahlreiche +wissenschaftliche Reisen und große Expeditionen zur Erforschung +unbekannter Länder und Meere förderten schon im 18., noch viel +mehr aber im 19. Jahrhundert eine ungeahnte Fülle von unbekannten +organischen Formen zutage. Die Zahl der neuen Tier- und Pflanzenarten +wuchs bald ins Unermeßliche, und unter diesen (besonders unter den +früher vernachlässigten niederen Gruppen) fanden sich Tausende +schöner und interessanter Gestalten, ganz neue Motive für Malerei und +Bildhauerei, für Architektur und Kunstgewerbe. Eine neue Welt erschloß +in dieser Beziehung besonders die ausgedehntere =mikroskopische= +Forschung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und namentlich die +Entdeckung der fabelhaften Tiefseebewohner, die erst durch die berühmte +Challenger-Expedition (1872-1876) ans Licht gezogen wurden. Tausende +von zierlichen Radiolarien und Thalamophoren, von prächtigen Medusen +und Korallen, von abenteuerlichen Mollusken und Krebsen eröffneten uns +da mit einem Male eine ungeahnte Fülle von verborgenen Formen, deren +eigenartige Schönheit und Mannigfaltigkeit alle von der menschlichen +Phantasie geschaffenen Kunstprodukte weitaus übertrifft. Allein schon +in den fünfzig großen Bänden des Challengerwerkes ist auf 3000 Tafeln +eine Masse solcher schöner Gestalten abgebildet; aber auch in vielen +anderen großen Prachtwerken, welche die mächtig wachsende zoologische +und botanische Literatur der letzten Dezennien enthält, sind Millionen +reizender Formen dargestellt. Ich habe versucht, in meinen »Kunstformen +der Natur« eine Auswahl von solchen schönen und reizvollen Gestalten +weiteren Kreisen zugänglich zu machen. (100 Tafeln in 10 Heften. +Leipzig 1899-1903.) + +Indessen bedarf es nicht weiter Reisen und kostspieliger Werke, um +jedem Menschen die Herrlichkeiten dieser Welt zu erschließen. Vielmehr +müssen dafür nur seine Augen geöffnet und sein Sinn geübt werden. +Überall bietet die umgebende Natur eine überreiche Fülle von schönen +und interessanten Objekten aller Art. In jedem Moose und Grashalme, +in jedem Käfer und Schmetterling finden wir bei genauer Untersuchung +Schönheiten, an denen der Mensch gewöhnlich achtlos vorübergeht. +Vollends wenn wir dieselben mit einer Lupe bei schwacher Vergrößerung +betrachten, oder noch mehr, wenn wir die stärkere Vergrößerung eines +guten Mikroskopes anwenden, entdecken wir überall in der organischen +Natur eine neue Welt voll unerschöpflicher Reize. + +Aber nicht nur für diese ästhetische Betrachtung des Kleinen und +Kleinsten, sondern auch für diejenige des Großen und Größten in der +Natur hat uns erst das 19. Jahrhundert die Augen geöffnet. Noch im +Beginne desselben war die Ansicht herrschend, daß die Hochgebirgsnatur +zwar großartig, aber abschreckend, das Meer zwar gewaltig, aber +furchtbar sei. Jetzt, am Ende desselben, sind die meisten Gebildeten +-- und besonders die Bewohner der Großstädte -- glücklich, wenn sie +jährlich auf ein paar Wochen die Herrlichkeit der Alpen und die +Kristallpracht der Gletscher genießen können; oder wenn sie sich an der +Majestät des blauen Meeres, an den reizenden Landschaftsbildern seiner +Küsten erfreuen können. Alle diese Quellen des edelsten Naturgenusses +sind uns erst neuerdings in ihrer ganzen Herrlichkeit offenbar und +verständlich geworden, und die erstaunlich gesteigerte Leichtigkeit +und Schnelligkeit des Verkehrs hat selbst den Unbemittelteren die +Gelegenheit zu ihrer Kenntnis verschafft. Alle diese Fortschritte im +ästhetischen Naturgenusse -- und damit zugleich im wissenschaftlichen +Naturverständnis -- bedeuten ebenso viele Fortschritte in der höheren +menschlichen Geistesbildung und damit zugleich in unserer monistischen +Religion. + +_Landschaftsmalerei und Illustrationswerke._ Der Gegensatz, in +welchem unser =naturalistisches= Jahrhundert zu den vorhergehenden +=anthropistischen= steht, prägt sich besonders in der verschiedenen +Wertschätzung und Verbreitung von Illustrationen der mannigfaltigsten +Naturobjekte aus. Es hat sich in unserer Zeit ein lebhaftes Interesse +für ihre bildlichen Darstellungen entwickelt das früheren Zeiten +unbekannt war; es wird unterstützt durch die erstaunlichen Fortschritte +der Technik und des Verkehrs, welche eine allgemeine Verbreitung +derselben in weitesten Kreisen gestatten. Zahlreiche illustrierte +Zeitschriften verbreiten mit der allgemeinen Bildung zugleich den Sinn +für die unendliche Schönheit der Natur in allen Gebieten. Besonders +ist es die =Landschaftsmalerei=, die hier eine früher nicht geahnte +Bedeutung gewonnen hat. Schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts +hatte einer unserer größten und vielseitigsten Naturforscher, +=Alexander von Humboldt=, darauf hingewiesen, wie die Entwickelung +der modernen Landschaftsmalerei nicht nur als »Anregungsmittel zum +Naturstudium« und als geographisches Anschauungsmittel von hoher +Bedeutung sei, sondern wie sie auch in anderer Beziehung als ein edles +Bildungsmittel hochzuschätzen sei. Seitdem ist der Sinn dafür noch +bedeutend weiter entwickelt. Es sollte Aufgabe jeder Schule sein, die +Kinder frühzeitig zum Genusse der =Landschaft= anzuleiten und zu der +höchst dankbaren Kunst, sie durch Zeichnen und Aquarellmalen ihrem +Gedächtnis einzuprägen. + +_Moderner Naturgenuß._ Der unendliche Reichtum der Natur an Schönem +und Erhabenem bietet jedem Menschen, der offene Augen und ästhetischen +Sinn besitzt, eine unerschöpfliche Fülle der herrlichsten Gaben. +So wertvoll und beglückend aber auch der unmittelbare Genuß jeder +einzelnen Gabe ist, so wird deren Wert doch noch hoch gesteigert durch +die Erkenntnis ihrer Bedeutung und ihres Zusammenhanges mit der übrigen +Natur. Als =Alexander von Humboldt= (1845) in seinem großartigen +»=Kosmos=« den »Entwurf einer physischen Weltbeschreibung« gab, als +er in seinen mustergültigen »Ansichten der Natur« wissenschaftliche +und ästhetische Betrachtung in glücklichster Weise verband, da hat +er mit Recht hervorgehoben, wie eng der veredelte Naturgenuß mit der +»wissenschaftlichen Ergründung der Weltgesetze«, verknüpft ist, und wie +beide vereinigt dazu dienen, das Menschenwesen auf eine höhere Stufe +der Vollendung zu erheben. Die staunende Bewunderung, mit der wir den +gestirnten Himmel und das mikroskopische Leben in einem Wassertropfen +betrachten, die Ehrfurcht, mit der wir das wunderbare Wirken der +Energie in der bewegten Materie untersuchen, die Andacht, mit welcher +wir die Geltung des allumfassenden Substanzgesetzes im Universum +verehren, -- sie alle sind Bestandteile unseres =Gemütslebens=, die +unter den Begriff der »=natürlichen Religion=« fallen. + +_Diesseits und Jenseits._ Die angedeuteten Fortschritte der Neuzeit +in der Erkenntnis des Wahren und im Genusse des Schönen bilden ebenso +einerseits einen wertvollen Inhalt unserer monistischen Religion, als +sie andererseits in feindlichem Gegensatze zum Christentum stehen. +Denn der menschliche Geist lebt dort in dem bekannten »=Diesseits=«, +hier in einem unbekannten »=Jenseits=«. Unser Monismus lehrt, daß +wir sterbliche Kinder der Erde sind, die ein oder zwei, höchstens +drei »Menschenalter« hindurch das Glück haben, im Diesseits die +Herrlichkeiten dieses Planeten zu genießen, die unerschöpfliche +Fülle seiner Schönheit zu schauen und die wunderbaren Spiele seiner +Naturkräfte zu erkennen. Das Christentum dagegen lehrt, daß die Erde +ein elendes Jammerthal ist, auf welchem wir bloß eine kurze Zeitlang uns +zu kasteien und abzuquälen brauchen, um sodann im »Jenseits« ein ewiges +Leben voller Wonne zu genießen. Wo dieses »Jenseits« liegt, und wie +diese Herrlichkeit des ewigen Lebens eigentlich beschaffen sein soll, +das hat uns noch keine »Offenbarung« gesagt. Solange der »Himmel« für +den Menschen ein blaues Zelt war, ausgespannt über der scheibenförmigen +Erde und erleuchtet durch das blinkende Lampenlicht einiger tausend +Sterne, konnte sich die menschliche Phantasie oben in diesem +Himmelssaal allenfalls das ambrosische Gastmahl der olympischen Götter +oder die Tafelfreuden der Walhallabewohner vorstellen. Nun ist aber für +alle diese Gottheiten und für die mit ihnen tafelnden »unsterblichen +Seelen« die offenkundige =Wohnungsnot= eingetreten. »Himmelsbild und +Weltanschauung«, wie sie =Troels-Lund= in ihrem tiefen Zusammenhange +historisch dargestellt hat, haben durch die bewunderungswürdigen +Fortschritte der modernen Kosmologie eine völlige Umwandlung erfahren. +Wir wissen jetzt durch die =Astrophysik=, daß der unendliche Raum mit +schwingendem Äther erfüllt ist, und daß Millionen von Weltkörpern, nach +ewigen ehernen Gesetzen bewegt, sich rastlos darin umhertreiben, alle +im ewigen großen »Werden und Vergehen« begriffen. + +_Monistische Kirchen._ Die Stätten der Andacht, in denen der Mensch +sein religiöses Gemütsbedürfnis befriedigt und die Gegenstände seiner +Anbetung verehrt, betrachtet er als seine geheiligten »Kirchen«. Die +Pagoden im buddhistischen Asien, die griechischen Tempel im klassischen +Altertum, die Synagogen in Palästina, die Moscheen in Ägypten, die +katholischen Dome im südlichen und die evangelischen Kathedralen im +nördlichen Europa -- alle diese »Gotteshäuser« sollen dazu dienen, +den Menschen über die Misere und Prosa des realen Alltagslebens zu +erheben; sie sollen ihn in die Weihe und die Poesie einer höheren, +idealen Welt versetzen. Sie erfüllen diesen Zweck in vielen tausend +verschiedenen Formen, entsprechend den verschiedenen Kulturformen +und Zeitverhältnissen. Der moderne Mensch, welcher »Wissenschaft und +Kunst« besitzt -- und damit zugleich auch Religion --, bedarf keiner +besonderen Kirche, keines engen, eingeschlossenen Raumes. Denn überall +in der freien Natur, wo er seine Blicke auf das unendliche Universum +oder auf einen Teil desselben richtet, überall findet er zwar den +harten »Kampf ums Dasein«, aber daneben auch das »Wahre, Schöne und +Gute«; überall findet er seine »=Kirche=« in der herrlichen =Natur= +selbst. + + + + +=Neunzehntes Kapitel.= + +_Unsere monistische Sittenlehre._ + + Gleichgewicht zwischen Selbstliebe und Nächstenliebe. + Gleichberechtigung des Egoismus und Altruismus. Fehler der + christlichen Moral. Staat, Schule und Kirche. + + +Das praktische Leben stellt an den Menschen eine Reihe von ganz +bestimmten sittlichen Anforderungen, die nur dann richtig erfüllt +werden können, wenn sie in reinem Einklang mit seiner vernünftigen +Weltanschauung stehen. Diesem Grundsatze unserer monistischen +Philosophie zufolge muß unsere gesamte =Sittenlehre= oder Ethik +in vernünftigem Zusammenhang mit der einheitlichen Auffassung des +»Kosmos« stehen, welche wir durch unsere fortgeschrittene Erkenntnis +der Naturgesetze gewonnen haben. Wie das ganze unendliche Universum im +Lichte unseres Monismus ein einziges großes Ganzes darstellt, so bildet +auch das geistige und sittliche Leben des Menschen nur einen Teil +dieses »=Kosmos=«, und so kann auch seine naturgemäße Ordnung nur eine +einheitliche sein. =Es gibt nicht zwei verschiedene, getrennte Welten=: +eine =physische, materielle= und eine =moralische, immaterielle= Welt. + +Ganz entgegengesetzter Ansicht ist die große Mehrzahl der Philosophen +und Theologen noch heute; sie behaupten mit =Immanuel Kant=, daß +die sittliche Welt von der physischen ganz unabhängig sei und ganz +anderen Gesetzen gehorche; also müsse auch das =sittliche Bewußtsein +des Menschen=, als die Basis des moralischen Lebens, ganz unabhängig +von der =wissenschaftlichen Welterkenntnis= sein und sich vielmehr +auf den religiösen Glauben stützen. Die Erkenntnis der sittlichen +Welt soll danach durch die gläubige =praktische Vernunft= geschehen, +hingegen die der Natur oder der physischen Welt durch die =theoretische +Vernunft=. Dieser unzweifelhafte und bewußte =Dualismus= in =Kants= +Philosophie war ihr größter und =schwerster Fehler=; er hat unendliches +Unheil angerichtet und wirkt noch heute mächtig fort. Zuerst hatte +der =kritische Kant= in der großartigen und bewunderungswürdigen +Kritik der reinen Vernunft einleuchtend gezeigt, daß die drei großen +=Zentraldogmen der Metaphysik=: der persönliche Gott, der freie +Wille und die unsterbliche Seele völlig unbegründet sind und immer +unbegründet bleiben werden. Später aber führte der =dogmatische Kant= +das schimmernde ideale Luftschloß der praktischen Vernunft auf, in +welchem drei imposante Kirchenschiffe zur Wohnstätte jener drei +mystischen Gottheiten hergerichtet wurden. Nachdem sie durch die +Vordertür mittels des vernünftigen Wissens hinausgeschafft waren, +kehrten sie nun durch die Hintertür mittels des unvernünftigen Glaubens +wieder zurück. + +Obgleich nun der offenkundige Gegensatz der beiden Vernünfte +von =Kant=, der prinzipielle Antagonismus der =reinen= und der +=praktischen= Vernunft, schon im Anfange des 19. Jahrhunderts erkannt +und widerlegt wurde, blieb er doch bis heute in weiten Kreisen +herrschend. Die moderne Schule der =Neokantianer= predigt noch +heute den »Rückgang auf Kant« so eindringlich gerade =wegen= dieses +willkommenen =Dualismus=, und die streitende Kirche unterstützt +sie dabei aufs wärmste, weil ihr eigener mystischer Glaube dazu +vortrefflich paßt. Eine wirksame Niederlage bereitete demselben +erst die moderne Naturwissenschaft in der zweiten Hälfte des 19. +Jahrhunderts; die Voraussetzungen der praktischen Vernunftlehre wurden +dadurch hinfällig. Kosmologie und Biologie, die auf dem Substanzgesetz +ruhen, bedürfen keines »persönlichen Gottes« mehr; die vergleichende +und genetische Psychologie zeigte, daß eine »unsterbliche Seele« nicht +existieren kann, und die Physiologie wies nach, daß die Annahme des +»freien Willens« auf Täuschung beruht. Die Entwickelungslehre endlich +machte klar, daß die »=ewigen, ehernen Naturgesetze=« der anorganischen +Welt auch in der organischen und moralischen Welt Geltung haben. + +Unsere moderne Naturerkenntnis wirkt aber für die praktische +Philosophie und Ethik nicht nur =negativ=, indem sie den Kantischen +Dualismus zertrümmert, sondern auch =positiv=, indem sie an dessen +Stelle das neue Gebäude des =ethischen Monismus= setzt. Sie zeigt, +daß das =Pflichtgefühl= des Menschen nicht auf einem eingeimpften +»=kategorischen Imperativ=« beruht, sondern auf dem =realen Boden +der sozialen Instinkte=, die wir bei allen gesellig lebenden höheren +Tieren finden. Sie erkennt als höchstes Ziel der Moral die Herstellung +einer gesunden Harmonie zwischen =Egoismus= und =Altruismus=, zwischen +Selbstliebe und Nächstenliebe. Vor allen anderen war es der große +englische Philosoph =Herbert Spencer=, dem wir die Begründung dieser +monistischen Ethik durch die Entwickelungslehre verdanken. + +_Egoismus und Altruismus._ Der Mensch gehört zu den =sozialen +Wirbeltieren= und hat daher, wie alle sozialen Tiere, zweierlei +verschiedene Pflichten, erstens gegen sich selbst und zweitens +gegen die Gesellschaft, der er angehört. Erstere sind Gebote der +=Selbstliebe= (Egoismus), letztere Gebote der =Nächstenliebe= +(Altruismus). Beide Gebote sind gleich berechtigt, gleich natürlich +und gleich unentbehrlich. Will der Mensch in geordneter Gesellschaft +existieren und sich wohl befinden, so muß er nicht nur sein eigenes +Glück anstreben, sondern auch dasjenige der Gemeinschaft, der er +angehört, und der »Nächsten«, welche diesen sozialen Verein bilden. +Er muß erkennen, daß ihr Gedeihen sein Gedeihen ist und ihr Leiden +sein Leiden. Diese sozialen Grundgesetze sind so einfach und so +naturnotwendig, daß man schwer begreift, wie ihnen theoretisch und +praktisch widersprochen werden kann; und doch geschieht das noch heute, +wie es seit Jahrtausenden geschehen ist. + +_Gleichgewicht des Egoismus und Altruismus._ Die gleiche Berechtigung +dieser beiden Naturtriebe, die moralische Gleichwertigkeit +der Selbstliebe und der Nächstenliebe ist das wichtigste +=Fundamentalprinzip unserer Moral=. Das höchste Ziel aller +vernünftigen Sittenlehre ist demnach sehr einfach, die Herstellung des +»=naturgemäßen Gleichgewichts zwischen Eigenliebe und Nächstenliebe=«. +Das Goldene Sittengesetz sagt: »Was du willst, daß dir die Leute +tun sollen, das tue du ihnen auch.« Aus diesem höchsten Gebot des +Christentums folgt von selbst, daß wir ebenso heilige Pflichten +gegen uns selbst wie gegen unsere Mitmenschen haben. Ich habe meine +Auffassung dieses Grundprinzips bereits 1892 in meinem »=Monismus=« +auseinandergesetzt (S. 29, 45) und dabei besonders drei wichtige +Sätze betont: ~I~. Beide konkurrierende Triebe sind =Naturgesetze=, +die zum Bestehen der Familie und der Gesellschaft gleich wichtig und +gleich notwendig sind; der Egoismus ermöglicht die Selbsterhaltung des +=Individuums=, der Altruismus diejenige der Gattung und =Spezies=, +die sich aus der Kette der vergänglichen Individuen zusammensetzt. +~II~. =Die sozialen Pflichten=, welche die Gesellschaftsbildung den +assoziierten Menschen auferlegt, und durch welche sich diese erhält, +sind nur höhere Entwickelungsformen der =sozialen Instinkte=, welche +wir bei allen höheren, gesellig lebenden Tieren finden. ~III~. Beim +Kulturmenschen steht alle Ethik, sowohl die theoretische wie die +praktische Sittenlehre, als »Normwissenschaft« in Zusammenhang mit der +=Weltanschauung= und demnach auch mit der =Religion=. + +_Das ethische Grundgesetz._ (=Das Goldene Sittengesetz.=) Aus der +Anerkennung unseres Fundamentalprinzips der Moral ergibt sich +unmittelbar das höchste Gebot derselben, jenes Pflichtgebot, das +man jetzt oft als das =Goldene Sittengesetz= oder kurz als die +»Goldene Regel« bezeichnet. =Christus= sprach dasselbe wiederholt +in dem einfachen Satze aus: »=Du sollst deinen Nächsten lieben +wie dich selbst=« (Matth. 19, 19; 22, 39, 40; Römer 13, 9 usw.). In +diesem wichtigsten und höchsten Gebote stimmt unsere =monistische +Ethik= vollkommen mit der =christlichen= überein. Nur müssen wir +gleich die historische Tatsache hinzufügen, daß die Aufstellung +dieses obersten Grundgesetzes nicht ein Verdienst Christi ist, wie +die meisten christlichen Theologen behaupten und ihre unkritischen +Gläubigen unbesehen annehmen. Vielmehr ist diese =Goldene Regel= +mehr als fünfhundert Jahre älter als Christus und von vielen +verschiedenen Weisen Griechenlands und des Orients als wichtigstes +Sittengesetz anerkannt. =Pittakos= von Mytilene, einer der sieben +Weisen Griechenlands, sagte 620 Jahre vor Christus: »Tue deinem +Nächsten nicht, was du ihm verübeln würdest.« -- =Konfutse=, der große +chinesische Philosoph und Religionsstifter (der die Unsterblichkeit +der Seele und den persönlichen Gott leugnete), sagte 500 Jahre vor +Chr.: »Tue jedem anderen, was du willst, daß er dir tun soll; und tue +keinem anderen, was du willst, daß er dir nicht tun soll. Du brauchst +nur dieses Gebot allein; es ist =die Grundlage aller anderen Gebote=.« +=Aristoteles= lehrte um die Mitte des vierten Jahrhunderts vor Chr.: +»Wir sollen uns gegen andere so benehmen, als wir wünschen, daß +andere gegen uns handeln sollen.« In gleichem Sinne und zum Teil mit +denselben Worten wird auch die goldene Regel von =Thales=, =Isokrates=, +=Aristippus=, dem Pythagoräer =Sextus= und anderen Philosophen des +klassischen Altertums -- =mehrere Jahrhunderte vor Christus=! -- +ausgesprochen. Aus dieser Zusammenstellung geht hervor, daß das +Goldene Grundgesetz zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenem Orten +von mehreren Philosophen -- unabhängig voneinander -- aufgestellt +worden ist. Anderenfalls müßte man annehmen, daß Jesus es aus +anderen orientalischen Quellen (aus älteren semitischen, indischen, +chinesischen Traditionen, besonders buddhistischen Lehren) übernommen +habe, wie es jetzt für die meisten anderen christlichen Glaubenslehren +nachgewiesen ist. + +_Christliche Sittenlehre._ Da das ethische Grundgesetz demnach +bereits seit 2500 Jahren besteht, und da das Christentum dasselbe +ausdrücklich als höchstes, alle anderen umfassendes Gebot an die +Spitze seiner Sittenlehre stellt, würde unsere =monistische Ethik= +in diesem wichtigsten Punkte nicht nur mit jenen älteren heidnischen +Sittenlehren, sondern auch mit den christlichen in vollkommenem +Einklang sein. Leider wird aber diese erfreuliche Harmonie dadurch +gestört, daß die Evangelien und die paulinischen Episteln viele andere +Sittenlehren enthalten, die jenem ersten und obersten Gebote geradezu +widersprechen. Wir müssen daher kurz jene bedauerlichen Seiten der +christlichen Lehre andeuten, welche mit der besseren Weltanschauung +der Neuzeit unverträglich und bezüglich ihrer praktischen Konsequenzen +geradezu schädlich sind. Dahin gehört die Verachtung der christlichen +Moral gegen das eigene Individuum, gegen den Leib, die Natur, die +Kultur, die Familie und die Frau. + +~I~. =Die Selbstverachtung des Christentums.= Als obersten und +wichtigsten Mißgriff der christlichen Ethik, welcher die Goldene Regel +geradezu aufhebt, müssen wir die =Übertreibung= der Nächstenliebe +auf Kosten der Selbstliebe betrachten. Das Christentum bekämpft und +verwirft den =Egoismus= im Prinzip, und doch ist dieser Naturtrieb +zur Selbsterhaltung absolut unentbehrlich; ja, man kann sagen, daß +auch der =Altruismus=, sein scheinbares Gegenteil, im Grunde ein +verfeinerter Egoismus ist. Nichts Großes, nichts Erhabenes ist jemals +ohne Egoismus geschehen und ohne die =Leidenschaft=, welche uns zu +großen Opfern befähigt. Nur die =Ausschreitungen= dieser Triebe +sind verwerflich. Zu denjenigen christlichen Geboten, welche uns in +frühester Jugend als wichtigste eingeprägt und welche in Millionen +von Predigten verherrlicht werden, gehört der Satz (Matthäus 5, 44): +»Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die +euch hassen, bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen.« Dieses +ideale Gebot ist praktisch von sehr bedenklichem Werte. Ebenso verhält +es sich mit der Anweisung: »Wenn dir jemand den Rock nimmt, dem gib +auch den Mantel«; d. h. in das moderne Leben übersetzt: »Wenn dich +ein gewissenloser Schuft um die eine Hälfte deines Vermögens betrügt, +dann schenke ihm auch noch die andere Hälfte.« Die vielbewunderte +Weltmachtspolitik der modernen Kulturstaaten steht in =schneidendem +Widerspruch= zu allen Grundlehren der christlichen Liebe, welche +von ihnen =im Munde= geführt wird. Übrigens ist ja der offenkundige +Widerspruch zwischen der empfohlenen =idealen=, altruistischen Moral +des =einzelnen= Menschen und der =realen=, rein egoistischen Moral der +menschlichen =Gemeinden=, und besonders der christlichen Kulturstaaten, +eine allbekannte Tatsache. Es wäre interessant, mathematisch +festzustellen, bei welcher =Zahl= von vereinigten Menschen das +=altruistische= Sittenideal der einzelnen Person sich in sein Gegenteil +verwandelt, in die rein =egoistische= »Realpolitik« der Staaten und +Nationen. + +~II~. =Die Leibesverachtung des Christentums.= Da der christliche +Glaube den Organismus des Menschen ganz dualistisch beurteilt und der +unsterblichen Seele nur einen vorübergehenden Aufenthalt im sterblichen +Leibe anweist, ist es ganz natürlich, daß der ersteren ein viel +höherer Wert beigemessen wird als dem letzteren. Daraus folgt jene +Vernachlässigung der Leibespflege, der körperlichen Ausbildung und +Reinlichkeit, welche das Kulturleben des christlichen Mittelalters sehr +unvorteilhaft vor demjenigen des heidnischen klassischen Altertums +auszeichnet. In der christlichen Sittenlehre fehlen jene strengen +Gebote der täglichen Waschungen und der sorgfältigen Körperpflege, die +wir in der mohammedanischen, den indischen und anderen Religionen nicht +nur theoretisch festgesetzt, sondern auch praktisch ausgeführt sehen. +Das Ideal des frommen Christen ist in vielen Klöstern der Mensch, +der sich niemals ordentlich wäscht und kleidet, der seine schmutzige +Kutte niemals wechselt, und der statt ordentlicher Arbeit sein faules +Leben mit gedankenlosen Betübungen, sinnlosem Fasten usw. zubringt. +Als Auswüchse dieser Leibesverachtung möge noch an die widerwärtigen +Bußübungen der Geißler und anderer Asketiker erinnert werden. + +=III.= =Die Naturverachtung des Christentums.= Eine Quelle von +unzähligen theoretischen Irrtümern und praktischen Fehlern, von +geduldeten Rohheiten und bedauerlichen Entbehrungen liegt in dem +falschen =Anthropismus des Christentums=, in der exklusiven Stellung, +welche es dem Menschen als »Ebenbild Gottes« anweist, im Gegensatze +zu der übrigen Natur. Dadurch hat es nicht allein zu einer höchst +schädlichen Entfremdung von unserer herrlichen Mutter »Natur« +beigetragen, sondern auch zu einer bedauernswerten Verachtung der +übrigen Organismen. Das Christentum kennt nicht jene rühmliche +=Liebe zu den Tieren=, jenes Mitleid mit den nächststehenden, uns +befreundeten Säugetieren (Hunden, Pferden, Rindern usw.), welche zu den +Sittengesetzen vieler anderer älterer Religionen gehören, vor allem der +weitestverbreiteten, des =Buddhismus=. Wer längere Zeit im katholischen +Südeuropa gelebt hat, ist oftmals Zeuge jener abscheulichen +Tierquälereien gewesen, die uns Tierfreunden sowohl das tiefste Mitleid +als den höchsten Zorn erregen; und wenn er dann jenen rohen »Christen« +Vorwürfe über ihre Grausamkeit macht, erhält er zur lachenden Antwort: +»Ja, die Tiere sind doch keine Christen!« Leider wurde dieser Irrtum +auch durch =Descartes= befestigt, der nur dem Menschen eine fühlende +Seele zuschrieb, nicht aber den Tieren. Wie erhaben steht in dieser +Beziehung unsere monistische Ethik über der christlichen! Der +=Darwinismus= lehrt uns, daß wir zunächst von Primaten und weiterhin +von einer Reihe älterer Säugetiere abstammen, und daß diese »=unsere +Brüder=« sind; die Physiologie beweist uns, daß diese Tiere dieselben +Nerven und Sinnesorgane haben wie wir, daß sie ähnlich Lust und Schmerz +empfinden wie wir. Kein mitfühlender monistischer Naturforscher wird +sich jemals jener rohen Mißhandlung der Tiere schuldig machen, die der +gläubige Christ in seinem anthropistischen Größenwahn -- als »Kind des +Gottes der Liebe!« -- gedankenlos begeht. -- Außerdem aber entzieht die +prinzipielle Naturverachtung des Christentums dem Menschen eine Fülle +der edelsten irdischen Freuden, vor allem den herrlichen, wahrhaft +erhebenden =Naturgenuß=. + +~IV~. =Die Kulturverachtung des Christentums.= Da nach Christi Lehre +unsere Erde ein Jammerthal ist, unser irdisches Leben wertlos und +nur eine Vorbereitung auf das »ewige Leben« im besseren Jenseits, so +verlangt sie folgerichtig, daß demgemäß der Mensch auf alles Glück im +Diesseits zu verzichten und alle dazu erforderlichen =irdischen Güter= +gering zu achten hat. Zu diesen »irdischen Gütern« gehören aber für den +modernen Kulturmenschen die unzähligen kleinen und großen Hilfsmittel +der Technik, der Hygiene, des Verkehrs, welche unser heutiges +Kulturleben angenehm gestalten; -- zu diesen »irdischen Gütern« gehören +alle die hohen Genüsse der bildenden Kunst, der Tonkunst, der Poesie, +welche schon während des christlichen Mittelalters (trotz seiner +Prinzipien!) sich zu hoher Blüte entwickelten, und welche wir als +»ideale Güter« hochschätzen; -- zu diesen »irdischen Gütern« gehören +die unschätzbaren Fortschritte der Wissenschaft und vor allem der +Naturerkenntnis. Alle diese »irdischen Güter« der verfeinerten Kultur, +welche nach unserer monistischen Weltanschauung den höchsten Wert +besitzen, sind nach der christlichen Lehre wertlos, ja großenteils +verwerflich, und die strenge christliche Moral muß das Streben nach +diesen Gütern mißbilligen. Das Christentum zeigt sich also auch auf +diesem praktischen Gebiete kulturfeindlich; der Kampf, welchen die +moderne Bildung und Wissenschaft dagegen zu führen gezwungen sind, ist +auch in diesem Sinne ein wirklicher »=Kulturkampf=«. + +~V~. =Die Familienverachtung des Christentums.= Zu den +bedauerlichsten Seiten der christlichen Moral gehört die +Geringschätzung, welche dasselbe gegen das =Familienleben= besitzt, +d. h. gegen jenes naturgemäße Zusammenleben mit den nächsten +Blutsverwandten, welches für den normalen Menschen ebenso unentbehrlich +ist wie für alle höheren sozialen Tiere. Die »Familie« gilt uns +ja mit Recht als die »Grundlage der Gesellschaft« und das gesunde +Familienleben als Vorbedingung für ein blühendes Staatsleben. Ganz +anderer Ansicht war Christus, dessen nach dem »Jenseits« gerichteter +Blick die Frau und die Familie ebenso gering schätzte wie alle anderen +Güter des »Diesseits«. Von den seltenen Berührungen mit seinen Eltern +und Geschwistern wissen die Evangelien nur sehr wenig zu erzählen; +das Verhältnis zu seiner Mutter Maria war danach keineswegs so zart +und innig, wie es uns Tausende von schönen Bildern in =poetischer +Verklärung= vorführen; er selbst war nicht verheiratet. Die +Geschlechtsliebe, die doch die erste Grundlage der Familienbildung ist, +erschien Jesus eher wie ein notwendiges Übel. Noch weiter ging darin +sein eifrigster Apostel, =Paulus=, der es für besser erklärte, nicht +zu heiraten, als zu heiraten. »Es ist dem Menschen gut, daß er kein +Weib berühre« (1. Korinther 7, 1, 28-38). Wenn die Menschheit diesen +guten Rat befolgte, würde sie damit allerdings bald alles irdische Leid +und Elend loswerden; sie würde durch diese Radikalkur innerhalb eines +Jahrhunderts aussterben. + +~VI.~ =Die Frauenverachtung des Christentums.= Da Christus selbst +die Frauenliebe nicht kannte, blieb ihm persönlich jene feine +Veredelung des wahren Menschenwesens fremd, welche erst aus dem innigen +Zusammenleben des Mannes mit dem Weibe entspringt. Der intime sexuelle +Verkehr, auf welchem allein die Erhaltung des Menschengeschlechts +beruht, ist dafür ebenso wichtig wie die geistige Durchdringung +beider Geschlechter und die gegenseitige Ergänzung, die sich beide +gleicherweise in den praktischen Bedürfnissen des täglichen Lebens wie +in den höchsten idealen Funktionen der Seelentätigkeit gewähren. Denn +Mann und Weib sind zwei verschiedene, aber gleichwertige Organismen, +jeder mit seinen Eigentümlichkeiten, Vorzügen und Mängeln. Je höher +sich die Kultur entwickelte, desto mehr wurde dieser ideale Wert der +sexuellen Liebe erkannt, und desto höher stieg die Achtung der Frau, +besonders in der germanischen Rasse; ist sie doch die Quelle, aus +welcher die herrlichsten Blüten der Poesie und der Kunst entsprossen +sind. Christus dagegen lag diese Anschauung ebenso fern wie fast dem +ganzen Altertum; er teilte die allgemein herrschende Anschauung des +=Orients=, daß das Weib dem Manne untergeordnet und der Verkehr mit +ihm »unrein« sei. Die beleidigte Natur hat sich für diese Mißachtung +furchtbar gerächt; ihre traurigen Folgen sind namentlich in der +Kulturgeschichte des papistischen Mittelalters mit blutiger Schrift +verzeichnet. + +_Papistische Moral._ Die bewunderungswürdige Hierarchie des römischen +Papismus, die kein Mittel zur absoluten Beherrschung der Geister +verschmähte, fand ein ausgezeichnetes Instrument in der Fortbildung +jener »unreinen« Anschauung und in der Pflege der asketischen +Vorstellung, daß die Enthaltung vom Frauenverkehr an sich eine Tugend +sei. Schon in den ersten Jahrhunderten nach Christus enthielten sich +viele Priester freiwillig der Ehe, und bald stieg der vermeintliche +Wert dieses =Zölibats= so hoch, daß dasselbe für obligatorisch erklärt +wurde. Die Sittenlosigkeit, die infolge dessen einriß, ist durch die +Forschungen der neueren Kulturgeschichte allbekannt geworden. Schon +im Mittelalter wurde die Verführung ehrbarer Frauen und Töchter durch +katholische Geistliche (wobei der Beichtstuhl eine wichtige Rolle +spielte) ein öffentliches Ärgernis; viele Gemeinden drangen darauf, +daß zur Verhütung derselben den »keuschen« Priestern das =Konkubinat= +gestattet werde! Auf den christlichen Konzilien, auf welchen ungläubige +Ketzer lebendig verbrannt wurden, tafelten die versammelten Kardinäle +und Bischöfe mit ganzen Scharen von Freudenmädchen. Die geheimen +und öffentlichen Ausschweifungen des katholischen Klerus wurden so +schamlos und gemeingefährlich, daß schon vor =Luther= die Empörung +darüber allgemein und der Ruf nach einer »Reformation der Kirche an +Haupt und Gliedern« überall laut wurde. Daß trotzdem diese unsittlichen +Verhältnisse in katholischen Ländern noch heute fortbestehen (wenn auch +mehr im Geheimen), ist bekannt. Früher wiederholten sich noch immer +von Zeit zu Zeit die Anträge auf definitive Aufhebung des Zölibats, +so in den Kammern von Baden, Bayern, Hessen, Sachsen und anderen +Ländern. Leider bisher vergebens! Im Deutschen Reichstage, in welchem +das ultramontane Zentrum die lächerlichsten Mittel zur Vermeidung der +sexuellen Unsittlichkeit vorschlägt, denkt noch heute keine Partei +daran, die Abschaffung des Zölibats im Interesse der öffentlichen Moral +zu beantragen. (Vergl. =Hoensbroech=, Das Papsttum, Leipzig 1901). + +Der moderne Kulturstaat, der nicht bloß das praktische, sondern auch +das moralische Volksleben auf eine höhere Stufe heben soll, hat das +Recht und die Pflicht, solche unwürdige und gemeinschädliche Zustände +aufzuheben. Das =obligatorische Zölibat= der katholischen Geistlichen +ist ebenso verderblich und unsittlich wie die =Ohrenbeichte= und der +=Ablaßkram=; alle drei Einrichtungen haben mit dem =ursprünglichen +Christentum nichts= zu tun; alle drei schlagen der reinen Christenmoral +ins Gesicht; alle drei sind nichtswürdige Erfindungen des =Papismus=, +darauf berechnet, die absolute Herrschaft über die leichtgläubigen +Volksmassen aufrecht zu erhalten und sie nach Kräften materiell +auszubeuten. + +Die Nemesis der Geschichte wird früher oder später über den römischen +Papismus ein furchtbares Strafgericht halten, und die Millionen +Menschen, die durch diese entartete Religion um ihr Lebensglück +gebracht wurden, werden dazu dienen, ihr im zwanzigsten Jahrhundert den +Todesstoß zu versetzen -- wenigstens in den wahren »Kulturstaaten«. +Man hat neuerdings berechnet, daß die Zahl der Menschen, welche durch +die papistischen Ketzerverfolgungen, die Inquisition, die christlichen +Glaubenskriege usw. ums Leben kamen, weit über zehn Millionen beträgt. +Aber was bedeutet diese Zahl gegen die zehnfach größere Zahl der +Unglücklichen, welche den Satzungen und der Priesterherrschaft der +entarteten christlichen Kirche =moralisch= zum Opfer fielen? -- gegen +die Unzahl derjenigen, deren höheres Geistesleben durch sie getötet, +deren naives Gewissen gequält, deren Familienleben vernichtet wurde? +Hier gilt das wahre Wort aus =Goethes= Gedicht »Die Braut von Korinth«: + + »Opfer fallen hier, weder Lamm noch Stier, + =Aber Menschenopfer unerhört=!« + +_Staat und Kirche._ In dem großen »=Kulturkampfe=«, der infolge +dieser traurigen Verhältnisse noch immer geführt werden muß, sollte +das erste Ziel die vollständige =Trennung von Staat und Kirche= sein. +Die »freie Kirche soll im freien Staate« bestehen, d. h. jede Kirche +soll frei sein in voller Ausübung ihres Kultus und ihrer Zeremonien, +auch im Ausbau ihrer phantastischen Dichtungen und abergläubigen +Dogmen -- jedoch unter der =Voraussetzung=, daß sie dadurch nicht die +öffentliche Ordnung und Sittlichkeit gefährdet. Und dann soll gleiches +Recht für alle gelten! Die freien Gemeinden und die monistischen +Religions-Gesellschaften sollen ebenso geduldet und ebenso frei in +ihren Bewegungen sein wie die liberalen Protestantenvereine und die +orthodoxen ultramontanen Gemeinden. Aber für alle diese »Gläubigen« der +verschiedensten Konfessionen soll =die Religion Privatsache= bleiben; +der Staat soll sie nur beaufsichtigen und etwaige Ausschreitungen +verhüten, sie aber weder unterdrücken, noch unterstützen. Auch +sollen die Steuerzahler nicht mehr gehalten werden, ihr Geld für die +Aufrechterhaltung und Förderung eines fremden »=Glaubens=« herzugeben, +der nach ihrer ehrlichen Überzeugung ein schädlicher =Aberglaube= ist. +In den Vereinigten Staaten von Nordamerika, in Holland und einigen +kleineren Ländern ist in diesem Sinne die vollständige »Trennung von +Staat und Kirche« längst durchgeführt, und zwar zur Zufriedenheit aller +Beteiligten, ebenso neuerdings in Frankreich. Damit ist dort zugleich +die ebenso wichtige Trennung von der Schule bestimmt, unzweifelhaft ein +wesentlicher Grund für den Aufschwung der Wissenschaft und des höheren +Geisteslebens überhaupt. + +_Kirche und Schule._ Es ist selbstverständlich, daß die Entfernung der +Kirche aus der Schule sich bloß auf die =Konfession= bezieht, auf die +besondere Glaubensform, welche der Sagenkreis jeder einzelnen Kirche im +Laufe der Zeit entwickelt hat. Dieser »konfessionelle Unterricht« ist +reine Privatsache und Aufgabe der Eltern und Vormünder, oder derjeniger +Priester oder Lehrer, denen diese ihr persönliches Vertrauen schenken. +Dagegen treten an Stelle der ausgeschiedenen »Konfession« zwei +verschiedene wichtige Unterrichtsgegenstände: erstens die monistische +Sittenlehre und zweitens die vergleichende Religionsgeschichte. Über +die neue =monistische Ethik=, welche sich auf der festen Basis der +modernen Naturerkenntnis -- vor allem der =Entwickelungslehre= -- +erhebt, ist im Laufe der letzten Jahrzehnte eine umfangreiche Literatur +erschienen. Unsere neue =vergleichende Religionsgeschichte= knüpft +naturgemäß an den bestehenden Elementarunterricht in »biblischer +Geschichte« und in der Sagenwelt des griechischen und römischen +Altertums an. Beide bleiben wie bisher wesentliche Bildungselemente. +Das ist schon deshalb selbstverständlich, weil unsere ganze =bildende +Kunst= auf das Innigste mit der jüdischen und christlichen, der +hellenischen und römischen Mythologie verwachsen ist. Ein wesentlicher +Unterschied im Unterricht wird nur da eintreten, daß die israelitischen +und christlichen Sagen und Legenden nicht als »=Wahrheit=« gelehrt +werden, sondern gleich den griechischen und römischen als =Dichtungen=; +was sie an ethischen und ästhetischen Werten enthalten, wird dadurch +nicht vermindert, sondern erhöht. -- Was die =Bibel= betrifft, so +sollte dieses »Buch der Bücher« den Kindern nur in sorgfältig gewähltem +Auszuge in die Hand gegeben werden (als »Schulbibel«); dadurch würde +die Befleckung der kindlichen Phantasie mit den zahlreichen unsauberen +Geschichten und unmoralischen Erzählungen verhütet werden, an denen +namentlich das Alte Testament so reich ist. + +_Staat und Schule._ Nachdem unser moderner Kulturstaat sich und die +Schule von den Sklavenfesseln der Kirche befreit hat, wird er um so +mehr seine Kraft und Fürsorge der Pflege der =Schule= widmen können. +Der unschätzbare Wert eines guten Schulunterrichts ist uns um so mehr +zum Bewußtsein gekommen, je reicher sich im Laufe des 19. Jahrhunderts +alle Zweige des modernen Kulturlebens entfaltet haben. Aber die +Entwickelung der Unterrichtsmethoden hat damit keineswegs gleichen +Schritt gehalten. Die Notwendigkeit einer umfassenden =Schulreform= +drängt sich uns immer entschiedener auf. Besonders dürften dabei +folgende Fortschritte zu berücksichtigen sein: 1. Im bisherigen +Unterricht spielte allgemein der =Mensch= die Hauptrolle und besonders +das grammatische Studium seiner =Sprache=; die Naturkunde wurde darüber +ganz vernachlässigt. 2. In der neueren Schule muß die =Natur= das +Hauptobjekt werden; der Mensch soll eine richtige Vorstellung von +der Welt gewinnen, in der er lebt; er soll nicht außerhalb der Natur +stehen oder gar im Gegensatz zu ihr, sondern soll als ihr höchstes +und edelstes Erzeugnis erscheinen. 3. Das Studium der =klassischen +Sprachen= (Lateinisch und Griechisch), das bisher den größten Teil +der Zeit und Arbeit in Anspruch nahm, bleibt zwar sehr wertvoll, muß +aber stark beschränkt und auf die Elemente reduziert werden (das +Griechische nur fakultativ, das Lateinisch obligatorisch). 4. Dafür +müssen die =modernen Kultursprachen= auf allen höheren Schulen um so +mehr gepflegt werden (Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch). +5. Der Unterricht in der Geschichte muß mehr das innere Geistesleben, +die Kulturgeschichte berücksichtigen, weniger die äußerliche +Völkergeschichte (die Schicksale der Dynastien, Kriege usw.). 6. Die +Grundzüge der =Entwickelungslehre= sind im Zusammenhange mit denjenigen +der =Kosmologie= zu lehren, Geologie im Anschluß an die Geographie, +Anthropologie im Anschluß an die Biologie. 7. Die Grundzüge der +=Biologie= müssen Gemeingut jedes gebildeten Menschen werden; der +moderne »Anschauungsunterricht« fördert die anziehende Einführung in +die biologischen Wissenschaften (Anthropologie, Zoologie, Botanik). +Im Beginne ist von der beschreibenden Systematik auszugehen (im +Zusammenhang mit Ökologie oder Bionomie); später sind die Elemente der +Anatomie und Physiologie anzuschließen. 8. Ebenso muß von =Physik= +und =Chemie= jeder Gebildete die Grundzüge kennen lernen. 9. Jeder +Schüler muß gut =zeichnen= lernen, und zwar nach der Natur; womöglich +auch aquarellieren. Das Entwerfen von Zeichnungen und Aquarellskizzen +nach der Natur (von Blumen, Tieren, Landschaften, Wolken usw.) weckt +nicht nur das Interesse an der Natur und erhält die Erinnerung an +ihren Genuß, sondern die Schüler lernen dadurch überhaupt erst richtig +=sehen= und das Gesehene =verstehen=. 10. Viel mehr Sorgfalt und Zeit +als bisher ist auf die =körperliche Ausbildung= zu verwenden, auf +Turnen und Schwimmen; vorzüglich aber sind wöchentlich gemeinsame +=Spaziergänge= und jährlich in den Ferien mehrere =Fußreisen= zu +unternehmen; der hier gebotene Anschauungsunterricht ist von höchstem +Wert. + +Das Hauptziel der höheren Schulbildung blieb bisher in den meisten +Kulturstaaten die Vorbildung für den späteren Beruf, Erwerbung eines +gewissen Maßes von Kenntnissen und Abrichtung für die Pflichten des +Staatsbürgers. Die Schule des 20. Jahrhunderts wird dagegen als +Hauptziel die Ausbildung des =selbständigen Denkens= verfolgen, das +klare Verständnis der erworbenen Kenntnisse und die Einsicht in +den natürlichen Zusammenhang der Erscheinungen. Wenn der moderne +Kulturstaat jedem Bürger das allgemeine gleiche Wahlrecht zugesteht, +muß er ihm auch die Mittel gewähren, durch gute Schulbildung seinen +Verstand zu entwickeln, um davon zum allgemeinen Besten eine +vernünftige Anwendung zu machen. + + + + +=Zwanzigstes Kapitel.= + +_Lösung der Welträtsel._ + + Rückblick auf die Fortschritte der wissenschaftlichen Welterkenntnis + im neunzehnten Jahrhundert. Beantwortung der Welträtsel durch die + monistische Naturphilosophie. + + +Am Ende unserer philosophischen Studien über die Welträtsel +angelangt, dürfen wir getrost zur Beantwortung der schwerwiegenden +Frage schreiten: Wie weit ist uns ihre Lösung gelungen? Welchen Wert +besitzen die ungeheuren Fortschritte, welche das verflossene 19. +Jahrhundert in der wahren Naturerkenntnis gemacht hat? Und welche +Aussicht eröffnen sie uns für die Zukunft, für die weitere Entwickelung +unserer Weltanschauung im 20. Jahrhundert? Jeder unbefangene Denker, +der die tatsächlichen Fortschritte unserer empirischen Kenntnisse +und die einheitliche Klärung unseres philosophischen Verständnisses +einigermaßen übersehen kann, wird unsere Ansicht teilen: das 19. +Jahrhundert hat größere Fortschritte in der Kenntnis der Natur und im +Verständnis ihres Wesens herbeigeführt als alle früheren Jahrhunderte; +es hat viele große »Welträtsel« gelöst, die an seinem Beginne für +unlösbar galten; es hat uns neue Gebiete des Wissens und Erkennens +aufgeschlossen, von deren Existenz der Mensch vor hundert Jahren +noch keine Ahnung hatte. Vor allem aber hat es uns das erhabene Ziel +der =monistischen Kosmologie= klar vor Augen gestellt und den Weg +gezeigt, auf welchem allein wir uns ihm nähern können, den Weg der +exakten empirischen Erforschung der =Tatsachen= und der kritischen +genetischen Erkenntnis ihrer =Ursachen=. Das abstrakte große Gesetz der +=mechanischen Kausalität=, für das unser =kosmologisches Grundgesetz=, +das =Substanzgesetz=, nur ein anderer konkreter Ausdruck ist, +beherrscht jetzt das Universum ebenso wie den Menschengeist; es ist +der sichere, unverrückbare Leitstern geworden, dessen klares Licht uns +durch das dunkle Labyrinth der unzähligen einzelnen Erscheinungen den +Pfad zeigt. Um uns davon zu überzeugen, wollen wir einen flüchtigen +Rückblick auf die erstaunlichen Fortschritte werfen, welche die +Hauptzweige der Naturwissenschaft in diesem denkwürdigen Zeitraum +gemacht haben. + +~I~. _Fortschritte der Astronomie._ Die Himmelskunde ist die älteste, +die Menschenkunde die jüngste Naturwissenschaft. Über sich selbst und +sein eigenes Wesen kam der Mensch erst in der zweiten Hälfte des 19. +Jahrhunderts zur Klarheit, während er in der Kenntnis des gestirnten +Himmels, der Planetenbewegungen usw. schon vor 5000 Jahren viele +Kenntnisse besaß. Die alten Chinesen, Inder, Ägypter und Chaldäer +kannten im fernen Morgenlande schon damals die sphärische Astronomie +genauer als die meisten »gebildeten« Christen des Abendlandes +viertausend Jahre später. Schon im Jahre 2697 vor Chr. wurde in +China eine Sonnenfinsternis astronomisch berechnet und 1100 Jahre +vor Chr. mittels eines Gnomons die Schiefe der Ekliptik bestimmt; +hingegen besaß Christus selbst (der »Sohn Gottes!«) bekanntlich +gar keine astronomischen Kenntnisse; er beurteilte vielmehr Himmel +und Erde, Natur und Mensch von dem beschränktesten geozentrischen +und anthropozentrischen Standpunkte aus. Als größter Fortschritt +der Astronomie wird allgemein und mit Recht das heliozentrische +Weltsystem des Kopernikus betrachtet, dessen großartiges Werk: »~=De +revolutionibus orbium coelestium=~« (1543) selbst die größte Revolution +in den Köpfen der denkenden Menschen hervorrief. Indem er das +herrschende geozentrische Weltsystem des =Ptolemäus= stürzte, entzog er +zugleich der herrschenden christlichen Weltanschauung den Boden, welche +die Erde als Mittelpunkt der Welt und den Menschen als gottgleichen +Beherrscher der Erde betrachtete. Es war daher nur folgerichtig, daß +der christliche Klerus, an seiner Spitze der römische Papst, die neue +Entdeckung des =Kopernikus= aufs heftigste bekämpfte. Trotzdem brach +sie sich bald vollständig Bahn, nachdem =Kepler= und =Galilei= darauf +die wahre »Mechanik des Himmels« gegründet und =Newton= ihr durch seine +Gravitationstheorie die unerschütterliche mathematische Basis gegeben +hatte (1686). + +Ein weiterer gewaltiger und das ganze Universum umfassender Fortschritt +war die Einführung der Entwickelungsidee in die Himmelskunde; er +geschah 1755 durch den jugendlichen =Kant=, der in seiner kühnen +Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels nicht nur die +»=Verfassung=«, sondern auch den »=mechanischen Ursprung= des ganzen +Weltgebäudes nach Newtons Grundsätzen« abzuhandeln unternahm. Durch das +großartige »=~Système du monde=~« von =Laplace=, der unabhängig von +=Kant= auf dieselben Vorstellungen von der Weltbildung gekommen war, +wurde dann 1796 diese neue »=~Mécanique céleste=~« so fest begründet, +daß es scheinen konnte, unserem 19. Jahrhundert sei auf diesem größten +Erkenntnisgebiete nichts wesentlich Neues von gleicher Bedeutung +mehr vorbehalten. Und doch bleibt ihm der Ruhm, auch hier ganz neue +Bahnen eröffnet und unseren Blick ins Universum unendlich erweitert +zu haben. Durch die Erfindung der Photographie und Photometrie, vor +allem aber der Spektralanalyse (durch =Bunsen= und =Kirchhoff=, 1860) +wurden die Physik und Chemie in die Astronomie eingeführt und dadurch +kosmologische Aufschlüsse von größter Tragweite gewonnen. Es ergab sich +nun mit Sicherheit, daß die =Materie= im ganzen Weltall wesentlich +dieselbe ist, und daß ihre physikalischen und chemischen Eigenschaften +auf den fernsten Fixsternen nicht verschieden sind von denjenigen +unserer Erde. + +Die monistische Überzeugung von der =physikalischen= und =chemischen +Einheit des unendlichen Kosmos=, die wir dadurch gewonnen haben, gehört +sicherlich zu den wertvollsten allgemeinen Erkenntnissen, welche wir +der =Astrophysik= verdanken, einem neuen höchst interessanten Zweige +der Astronomie. Nicht minder wichtig ist die klare, mit Hilfe jener +gewonnene Erkenntnis, daß auch dieselben Gesetze der mechanischen +Entwickelung im unendlichen Universum ebenso überall herrschen wie auf +unserer Erde; eine gewaltige allumfassende =Metamorphose des Kosmos= +vollzieht sich ebenso ununterbrochen in allen Teilen des unendlichen +Universums wie in der geologischen Geschichte unserer Erde; ebenso in +der Stammesgeschichte ihrer Bewohner wie in der Völkergeschichte und +im Leben jedes einzelnen Menschen. In einem Teile des Kosmos erblicken +wir mit unserem vervollkommneten Fernrohre gewaltige Nebelflecke, +die aus glühenden, äußerst dünnen Gasmassen bestehen; wir deuten sie +als Keime von Weltkörpern, die Milliarden von Meilen entfernt und +im ersten Stadium der Entwickelung begriffen sind. Bei einem Teile +dieser »Sternkeime« sind wahrscheinlich die chemischen Elemente noch +nicht getrennt, sondern bei ungeheuer hoher Temperatur =im Urelement= +vereinigt. In anderen Teilen des Universums begegnen wir Sternen, +die bereits durch Abkühlung glutflüssig geworden, anderen, die schon +erstarrt sind; wir können ihre Entwickelungsstufe annähernd aus ihrer +verschiedenen Farbe bestimmen. Dann wieder sehen wir Sterne, die +von Ringen und Monden umgeben sind wie unser Saturn; wir erkennen +in dem leuchtenden Nebelring den Keim eines neuen Mondes, der sich +vom Mutterplaneten ebenso abgelöst hat wie dieser von der Sonne. +Die moderne Himmelsphotographie hat uns in den Stand gesetzt, mit +Hilfe der mächtigen, sehr vervollkommneten Riesenfernrohre, die Zahl +der sichtbaren Weltkörper in den einzelnen Himmelsbezirken genau zu +bestimmen; schon jetzt sind mehr als hundert Millionen Sterne wirklich +gezählt worden, die meisten wahrscheinlich viel größer als unsere Erde. + +Von vielen »Fixsternen«, deren Licht Jahrtausende braucht, um zu uns +zu gelangen, dürfen wir mit Sicherheit annehmen, daß sie =Sonnen= +sind, ähnlich unserer Mutter Sonne, und daß sie von Planeten und Monden +umkreist werden, ähnlich denen unseres eigenen Sonnensystems. Wir +dürfen auch weiterhin vermuten, daß sich Tausende von diesen Planeten +auf einer ähnlichen Entwickelungsstufe wie unsere Erde befinden, d. h. +in einem Lebensalter, in dem die Temperatur der Oberfläche zwischen dem +Gefrier- und Siedepunkt des Wassers liegt, also die Existenz tropfbaren +flüssigen Wassers gestattet. Damit ist die Möglichkeit gegeben, daß der +=Kohlenstoff= auch hier, wie auf der Erde, mit anderen Elementen sehr +verwickelte Verbindungen eingeht, und daß aus seinen stickstoffhaltigen +Verbindungen sich =Plasma= entwickelt hat, jene wunderbare »=lebendige +Substanz=«, die wir als alleinigen Eigentümer des organischen +Lebens kennen. Die =Moneren=, die nur aus solchem primitiven +=Protoplasma= bestehen, und die durch =Urzeugung= (=Archigonie=) +aus jenen anorganischen Kohlenstoff-Verbindungen entstanden, können +nun denselben Entwickelungsgang auf vielen anderen, wie auf unserem +eigenen Planeten, eingeschlagen haben; zunächst bildeten sich aus +ihrem homogenen Plasmakörper durch Sonderung eines inneren =Kerns= +vom äußeren =Zellkörper= einfachste lebendige =Zellen=. Die Analogie +im Leben aller Zellen aber berechtigt uns zu dem Schlusse, daß auch +die weitere Stammesgeschichte sich auf vielen Sternen ähnlich wie auf +unserer Erde abspielt -- immer natürlich die gleichen engen Grenzen der +Temperatur vorausgesetzt, in denen das Wasser tropfbar-flüssig bleibt; +für glühendflüssige Weltkörper, auf denen das Wasser nur in Dampfform, +und für erstarrte, auf denen es nur in Eisform besteht, ist organisches +Leben in gleicher Weise unmöglich. + +_Die Ähnlichkeit der Phylogenie_, die Analogie der +stammesgeschichtlichen Entwickelung, die wir demnach bei vielen +Sternen auf gleicher biogenetischer Entwickelungsstufe annehmen dürfen, +bietet natürlich der konstruktiven Phantasie ein weites Feld für +farbenreiche Spekulationen. Ein Lieblingsgegenstand derselben ist +seit alter Zeit die Frage, ob auch =Menschen= oder uns ähnliche, +vielleicht höher entwickelte Organismen auf anderen Sternen wohnen? +Soweit wir gegenwärtig zur Beantwortung dieser Frage befähigt +erscheinen, können wir uns etwa Folgendes vorstellen: ~I~. Es ist +sehr wahrscheinlich, daß auf einigen Planeten unseres Systems (Mars +und Venus) und vielen Planeten anderer Sonnensysteme der biogenetische +Prozeß sich ähnlich wie auf unserer Erde abspielt; zuerst entstanden +durch Archigonie einfache Moneren und aus diesen einzellige Protisten. +~II~. Es ist sehr wahrscheinlich, daß aus solchen einzelligen +Urwesen sich im weiteren Verlauf der Entwickelung zunächst soziale +Zellvereine bildeten, später gewebebildende Pflanzen und Tiere. +~III~. Es ist auch fernerhin wahrscheinlich, daß im Pflanzenreiche +sich zunächst Moose und Farne, später Algen, zuletzt Blumenpflanzen +entwickelten. ~IV~. Es ist ebenso wahrscheinlich, daß auch im +Tierreiche der biogenetische Prozeß einen ähnlichen Verlauf nahm, daß +aus Blastäaden sich zunächst Gasträaden entwickelten, und aus diesen +Niedertieren später Obertiere. ~V~. Dagegen ist es sehr fraglich, +ob die einzelnen Stämme dieser höheren Tiere (und ebenso der höheren +Pflanzen) denselben oder einen ähnlichen Entwickelungsgang auf anderen +Planeten durchlaufen wie auf unserer Erde. ~VI~. Insbesondere ist +es unsicher, ob Wirbeltiere auch außerhalb der Erde existieren, und +ob aus deren phyletischer Metamorphose sich im Laufe vieler Millionen +Jahre ebenso Säugetiere und an deren Spitze der Mensch entwickelt haben +wie auf unserer Erde; es müßten dann Millionen von Transformationen +sich dort ganz ebenso wie hier wiederholt haben. ~VII~. Dagegen +ist es wahrscheinlicher, daß auf anderen Planeten sich andere Typen +von höheren Pflanzen und Tieren entwickelt haben, die unserer Erde +fremd sind; vielleicht auch aus einem höheren Tierstamme, der den +Wirbeltieren an Bildungsfähigkeit überlegen ist, höhere Wesen, die uns +irdische Menschen an Intelligenz und Denkvermögen weit übertreffen. +~VIII~. Die Möglichkeit, daß wir Menschen mit solchen Bewohnern +anderer Planeten jemals in direkten Verkehr treten könnten, erscheint +ausgeschlossen durch die weite Entfernung unserer Erde von anderen +Weltkörpern und die Abwesenheit der atmosphärischen Luft in dem +ungeheuren, nur von Äther erfüllten Zwischenraum. + +Während nun viele Sterne sich wahrscheinlich in einem ähnlichen +biogenetischen Entwickelungsstadium befinden wie unsere Erde, sind +andere schon weiter vorgeschritten und gehen im »planetarischen +Greisenalter« ihrem Ende entgegen, demselben Ende, das auch unserer +Erde sicher bevorsteht. Durch Ausstrahlung der Wärme in den kalten +Weltraum wird die Temperatur allmählich so herabgesetzt, daß alles +tropfbar flüssige Wasser zu Eis erstarrt; damit hört die Möglichkeit +organischen Lebens auf. Zugleich zieht sich die Masse der rotierenden +Weltkörper immer stärker zusammen; ihre Umlaufsgeschwindigkeit ändert +sich langsam. Die Bahnen der kreisenden Planeten werden immer enger, +ebenso diejenigen der sie umgebenden Monde. Zuletzt stürzen die +Monde in die Planeten und diese in die Sonnen, aus denen sie geboren +sind. Durch diesen Zusammenstoß werden wieder ungeheure Wärmemengen +erzeugt. Die zerstäubte Masse der zerstoßenen kollidierten Weltkörper +verteilt sich frei im unendlichen Weltraum, und das ewige Spiel der +Sonnenbildung beginnt von neuem. + +Das großartige Bild, welches so vor unseren geistigen Augen die moderne +Astrophysik aufrollt, offenbart uns ein ewiges Entstehen und Vergehen +der unzähligen Weltkörper, einen periodischen Wechsel der verschiedenen +kosmogenetischen Zustände, welche wir im Universum nebeneinander +beobachten. Während an einem Orte des unendlichen Weltraums aus einem +diffusen Nebelfleck ein neuer Weltkeim sich entwickelt, hat ein anderer +an einem weit entfernten Orte sich bereits zu einem rotierenden Balle +von glutflüssiger Materie verdichtet; ein dritter hat bereits an +seinem Äquator Ringe abgeschleudert, die sich zu Planeten ballen; +ein vierter ist schon zur mächtigen Sonne geworden, deren Planeten +sich mit sekundären Trabanten umgeben haben, den Monden usw. usw. +Und dazwischen treiben sich im Weltraum Milliarden von kleineren +Weltkörpern umher, von Meteoriten und Sternschnuppen, die als scheinbar +gesetzlose Vagabunden die Bahn der größeren durchkreuzen, und von denen +täglich ein großer Teil in die letzteren hineinstürzt. Dabei ändern +sich beständig langsam die Umlaufszeiten und die Bahnen der jagenden +Weltkörper. Die erkalteten Monde stürzen in ihre Planeten wie diese in +ihre Sonnen. Zwei entfernte Sonnen, vielleicht schon erstarrt, stoßen +mit ungeheurer Kraft aufeinander und zerstäuben in nebelartige Massen. +Dabei entwickeln sie so kolossale Wärmemengen, daß der Nebelfleck +wieder glühend wird, und nun wiederholt sich das alte Spiel von neuem. +Bei dieser beständigen Umbildung bleibt aber die unendliche Substanz +des Universums, die Summe ihrer Materie und Energie, ewig unverändert, +und ewig wiederholt sich in der unendlichen Zeit der =periodische +Wechsel der Weltbildung=, die in sich selbst zurücklaufende +=Metamorphose des Kosmos=, das »~Perpetuum mobile~« des Universums. +Allgewaltig herrscht das =Substanzgesetz=. + +~II~. _Fortschritte der Geologie._ Viel später als der Himmel +wurde die Erde und ihre Entstehung Gegenstand wissenschaftlicher +Forschung. Die zahlreichen Kosmogenien alter und neuer Zeit wollten +zwar über die Entstehung der Erde ebensogut Auskunft geben wie über +die des Himmels; allein das mythologische Gewand, in das sie sich +sämtlich hüllten, verriet sofort ihren Ursprung aus der dichtenden +Phantasie. Unter all den zahlreichen Schöpfungssagen, von denen uns +die Religions- und Kulturgeschichte Kunde gibt, gewann eine einzige +bald allen übrigen den Rang ab, die Schöpfungsgeschichte des =Moses=, +wie sie im ersten Buche des Pentateuch (~Genesis~) erzählt wird. +Sie entstand in der bekannten Fassung erst lange nach dem Tode +des Moses; ihre Quellen sind aber größtenteils viel älter und auf +assyrische, babylonische und indische Sagen zurückzuführen. Den +größten Einfluß gewann diese jüdische Schöpfungssage dadurch, daß sie +in das christliche Glaubensbekenntnis hinübergenommen und als »Wort +Gottes« geheiligt wurde. Zwar hatten schon 500 Jahre vor Chr. die +griechischen Naturphilosophen die natürliche Entstehung der Erde auf +dieselbe Weise wie die der anderen Weltkörper erklärt. Auch hatte schon +damals =Xenophanes= von Kolophon die =Versteinerungen=, die später so +große Bedeutung erlangten, in ihrer wahren Natur erkannt; der große +Maler =Leonardo da Vinci= hatte im 15. Jahrhundert ebenfalls diese +Petrefakten für die fossilen Überreste von Tieren erklärt, die in +früheren Zeiten der Erdgeschichte gelebt hatten. Allein die Autorität +der Bibel, insbesondere der Mythus von der Sintflut, verhinderte jeden +weiteren Fortschritt der wahren Erkenntnis und sorgte dafür, daß die +mosaischen Schöpfungssagen noch bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts +in Geltung blieben. In den Kreisen der orthodoxen Theologen besitzen +sie dieselbe noch bis auf den heutigen Tag. Erst in der zweiten Hälfte +des 18. Jahrhunderts begannen unabhängig davon wissenschaftliche +Forschungen über den Bau der Erdrinde, und wurden daraus Schlüsse auf +ihre Entstehung abgeleitet. Der Begründer der Geognosie, Werner in +Freiberg, ließ alle Gesteine aus dem Wasser entstehen, während =Voigt= +und =Hutton= (1788) richtig erkannten, daß nur die sedimentären, +Petrefakten führenden Gesteine diesen Ursprung haben, die vulkanischen +und plutonischen Gebirgsmassen dagegen durch Erstarrung feurigflüssiger +Massen entstanden sind. + +Der heftige Kampf, der zwischen jener =neptunistischen= und dieser +=plutonistischen= Schule entstand, dauerte noch während der ersten +drei Dezennien des 19. Jahrhunderts fort; er wurde erst geschlichtet, +nachdem =Karl Hoff= (1822) das Prinzip des Aktualismus begründet und +=Charles Lyell= dasselbe mit größtem Erfolge für die ganze natürliche +Entwickelung der Erde durchgeführt hatte. Durch seine »Prinzipien +der Geologie« (1830) wurde die überaus wichtige Lehre von der +=Kontinuität= der Erdumbildung endgültig zur Anerkennung gebracht, +gegenüber der Katastrophentheorie von =Cuvier=. Die =Paläontologie=, +welche letzterer durch sein Werk über die fossilen Knochen (1812) +begründet hatte, wurde nun bald zur wichtigsten Hilfswissenschaft der +Geologie, und schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sie sich +so weit entwickelt, daß die Hauptperioden in der Geschichte der Erde +und ihrer Bewohner festgelegt waren. Die dünne Rindenschicht der Erde +war nun mit Sicherheit als die Erstarrungskruste des feurigflüssigen +Planeten erkannt, dessen langsame Abkühlung und Zusammenziehung +sich ununterbrochen fortsetzt. Die Faltung der erstarrenden Rinde, +die »Reaktion des feurigflüssigen Erdinnern gegen die erkaltete +Oberfläche«, und vor allem die ununterbrochene geologische Tätigkeit +des Wassers sind die natürlich wirkenden Ursachen, welche tagtäglich an +der langsamen Umbildung der Erdrinde und ihrer Gebirge mächtig arbeiten. + +Drei überaus wichtige Ergebnisse von allgemeiner Bedeutung verdanken +wir den glänzenden Fortschritten der neueren Geologie. Erstens wurden +damit aus der Erdgeschichte alle =Wunder= ausgeschlossen, alle +übernatürlichen Ursachen beim Aufbau der Gebirge und der Umbildung der +Kontinente. Zweitens wurde unser Begriff von der Länge der ungeheuren +Zeiträume, die seit deren Bildung verflossen sind, erstaunlich +erweitert. Wir wissen jetzt, daß die ungeheuren Gebirgsmassen der +paläozoischen, mesozoischen und zänozoischen Formationen nicht viele +Jahrtausende, sondern viele Jahrmillionen zu ihrem Aufbau brauchten. +Drittens wissen wir jetzt, daß alle die zahlreichen, in diesen +Formationen eingeschlossenen =Versteinerungen= nicht wunderbare +»Naturspiele« sind, wie man noch vor 150 Jahren glaubte, sondern die +versteinerten Überreste von Organismen, welche in früheren Perioden der +Erdgeschichte wirklich lebten, und welche durch langsame Umbildung aus +vorhergegangenen Ahnenreihen entstanden sind. + +~III~. _Fortschritte der Physik und Chemie._ Die zahllosen wichtigen +Entdeckungen, welche diese fundamentalen Wissenschaften im 19. +Jahrhundert gemacht haben, sind so allbekannt und ihre praktische +Anwendung in allen Zweigen des menschlichen Kulturlebens liegt so klar +vor aller Augen, daß wir hier nicht Einzelnes hervorzuheben brauchen. +Allen voran hat die Anwendung der Dampfkraft und Elektrizität dem 19. +Jahrhundert den charakteristischen »Maschinenstempel« aufgedrückt. +Aber nicht minder wertvoll sind die kolossalen Fortschritte der +anorganischen und organischen Chemie. Alle Gebiete unserer modernen +Kultur, Medizin und Technologie, Industrie und Landwirtschaft, +Bergbau und Forstwirtschaft, Landtransport und Wasserverkehr, sind +bekanntlich im Laufe des 19. Jahrhunderts -- und besonders in dessen +zweiter Hälfte -- dadurch so gefördert worden, daß unsere Großväter +aus dem 18. Jahrhundert sich in dieser fremden Welt nicht auskennen +würden. Aber wertvoller und tiefgreifender noch ist die ungeheure +theoretische Erweiterung unserer Naturerkenntnis, welche wir der +Begründung des =Substanzgesetzes= verdanken. Nachdem =Lavoisier= (1789) +das Gesetz von der Erhaltung der Materie aufgestellt und =Dalton= +(1808) mittels desselben die Atomtheorie neu begründet hatte, war der +modernen =Chemie= die Bahn eröffnet, auf der sie in rapidem Siegeslauf +eine früher nicht geahnte Bedeutung gewann. Dasselbe gilt für die +=Physik= betreffend das Gesetz von der Erhaltung der Energie. Seine +Entdeckung durch =Robert Mayer= (1842) und =Hermann Helmholtz= (1847) +bedeutet auch für diese Wissenschaft eine neue Periode fruchtbarster +Entwickelung; denn nun erst war die Physik imstande, die =universale +Einheit der Naturkräfte= zu begreifen, und das ewige Spiel der +unzähligen Naturprozesse, bei welchen in jedem Augenblick eine Kraft in +die andere umgesetzt werden kann. + +~IV~. _Fortschritte der Biologie._ Die großartigen und für unsere +ganze Weltanschauung bedeutsamen Entdeckungen, welche die =Astronomie= +und =Geologie= im 19. Jahrhundert gemacht haben, werden noch weit +übertroffen von denjenigen der =Biologie=; ja, wir dürfen sagen, daß +von den zahlreichen Zweigen, in welchen diese umfassende Wissenschaft +vom organischen Leben sich neuerdings entfaltet hat, der größere Teil +überhaupt erst im Laufe des 19. Jahrhunderts entstanden ist. Wie wir im +ersten Abschnitte gesehen haben, sind innerhalb desselben alle Zweige +der Anatomie und Physiologie, der Botanik und Zoologie, der Ontogenie +und Phylogenie, durch unzählige Entdeckungen und Erfindungen so sehr +bereichert worden, daß der heutige Zustand unseres biologischen Wissens +denjenigen vor hundert Jahren um das Vielfache übertrifft. Das gilt +zunächst =quantitativ= von dem kolossalen Wachstum unseres positiven +Wissens auf allen jenen Gebieten und ihren einzelnen Teilen. Es gilt +aber ebenso und noch mehr =qualitativ= von der Vertiefung unseres +Verständnisses der biologischen Erscheinungen, von unserer Erkenntnis +ihrer bewirkenden Ursachen. Hier hat vor allen anderen =Charles +Darwin= (1859) die Palme des Sieges errungen; er hat durch seine +Selektionstheorie das große Welträtsel von der »organischen Schöpfung« +gelöst, von der natürlichen Entstehung der unzähligen Lebensformen +durch allmähliche Umbildung. Zwar hatte schon fünfzig Jahre früher +der große =Lamarck= (1809) erkannt, daß der Weg dieser Transformation +auf der Wechselwirkung von Vererbung und Anpassung beruhe; allein es +fehlte ihm damals noch das Selektionsprinzip, und es fehlte ihm vor +allem die tiefere Einsicht in das wahre Wesen der Organisation, welche +erst später durch die Begründung der Entwickelungsgeschichte und der +Zellentheorie gewonnen wurde. Indem wir allgemein die Ergebnisse dieser +und anderer Disziplinen zusammenfaßten und in der Stammesgeschichte der +Organismen den Schlüssel zu ihrem einheitlichen Verständnis fanden, +gelangten wir zur Begründung jener =monistischen Biologie=, deren +Prinzipien ich (1866) in meiner »Generellen Morphologie« festzulegen +versucht habe. (Vergl. meine »Natürliche Schöpfungsgeschichte«, +11. Auflage, 1908). Die Anwendung der Entwickelungslehre auf die +allgemeinen Fragen der Physiologie habe ich 1904 in meinem Buche +über die »=Lebenswunder=« versucht. (Gemeinverständliche Studien +über Biologische Philosophie, Ergänzungsband zu dem Buche über die +»Welträtsel«.) + +~V~. _Fortschritte der Anthropologie._ Allen anderen Wissenschaften +voran steht in gewissem Sinne die wahre =Menschenkunde=, die wirklich +vernünftige Anthropologie. Das Wort des alten Weisen: »=Mensch, erkenne +dich selbst=« und das andere berühmte Wort: »Der Mensch ist das Maß +aller Dinge« sind ja von Alters her anerkannt und angewendet. Und +dennoch hat diese Wissenschaft -- im weitesten Sinne genommen -- länger +als alle anderen in den Ketten der Tradition und des Aberglaubens +geschmachtet. Wir haben im ersten Abschnitt gesehen, wie langsam und +spät sich erst die Kenntnis vom menschlichen Organismus entwickelt +hat. Einer ihrer wichtigsten Zweige, die Keimesgeschichte, wurde +erst 1828 (durch =Baer=) und ein anderer, nicht minder wichtiger, +die Zellenlehre, erst 1838 (durch =Schwann=) sicher begründet. Noch +später aber wurde die »Frage aller Fragen« gelöst, das gewaltige Rätsel +vom »=Ursprung des Menschen=«. Obgleich =Lamarck= schon 1809 den +einzigen Weg zu seiner richtigen Lösung gezeigt und »die Abstammung +des Menschen vom Affen« behauptet hatte, gelang es doch =Darwin= erst +fünfzig Jahre später, diese Behauptung sicher zu begründen, und erst +1863 stellte =Huxley= in seinen »Zeugnissen für die Stellung des +Menschen in der Natur« die gewichtigsten Beweise hierfür zusammen. Ich +selbst habe sodann in meiner Anthropogenie (1874) den ersten Versuch +gemacht, die ganze Reihe der Ahnen, durch welche sich unser Geschlecht +im Laufe vieler Jahrmillionen aus dem Tierreich langsam entwickelt +hat, im historischen Zusammenhang darzustellen. Eine ausführliche +Begründung der ganzen Stammesgeschichte und ihre Anwendung auf das +natürliche System der Organismen habe ich in den drei Bänden meiner +»Systematischen Phylogenie« gegeben (1894). Die schärfere kritische +Unterscheidung der sechs Strecken und dreißig Hauptstufen unserer +menschlichen Stammesgeschichte enthält meine Festschrift über »Unsere +Ahnenreihe« (~Progonotoxis hominis~, Jena, 30. Juli 1908). + + + + +_Schlußbetrachtung._ + + +Die Zahl der Welträtsel hat sich durch die angeführten Fortschritte der +wahren Naturerkenntnis im Laufe des 19. Jahrhunderts stetig vermindert; +sie ist schließlich auf ein einziges allumfassendes Universalrätsel +zurückgeführt, auf das =Substanzproblem=. Was ist denn nun eigentlich +im tiefsten Grunde dieses allgewaltige Weltwunder, welches der +realistische Naturforscher als =Natur= oder Universum verherrlicht, +der idealistische Philosoph als =Substanz= oder Kosmos, der fromme +Gläubige als Weltgeist oder =Gott=? Können wir heute behaupten, daß +die wunderbaren Fortschritte unserer modernen Kosmologie dieses +»Substanzrätsel« gelöst oder auch nur, daß sie uns dessen Lösung sehr +viel näher gebracht haben? + +Die Antwort auf diese Schlußfrage fällt natürlich sehr verschieden +aus, entsprechend dem Standpunkte des fragenden Philosophen und seiner +empirischen Kenntnis der wirklichen Welt. Wir geben von vornherein +zu, daß wir dem innersten Wesen der Natur heute vielleicht noch +ebenso fremd und verständnislos gegenüberstehen, wie =Anaximander= +und =Empedokles= vor 2400 Jahren, wie =Spinoza= und =Newton= vor 200 +Jahren, wie =Kant= und =Goethe= vor 100 Jahren. Ja, wir müssen sogar +eingestehen, daß uns dieses eigentliche Wesen der Substanz immer +wunderbarer und rätselhafter wird, je tiefer wir in die Erkenntnis +ihrer Attribute, der Materie und Energie, eindringen, je gründlicher +wir ihre unzähligen Erscheinungsformen und deren Entwickelung kennen +lernen. Was als »=Ding an sich=« hinter den erkennbaren Erscheinungen +steckt, das wissen wir auch heute noch nicht. Aber was geht uns dieses +mystische »Ding an sich« überhaupt an, wenn wir keine Mittel zu +seiner Erforschung besitzen, wenn wir nicht einmal klar wissen, ob es +existiert oder nicht? Überlassen wir daher das unfruchtbare Grübeln +über dieses ideale Gespenst den »reinen Metaphysikern« und erfreuen +wir uns statt dessen als »echte Physiker« an den gewaltigen realen +Fortschritten, welche unsere monistische Naturphilosophie tatsächlich +errungen hat. + +Da überragt alle anderen Fortschritte und Entdeckungen des +verflossenen »großen Jahrhunderts« das allumfassende =Substanzgesetz=, +das »Grundgesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes«. +Die Tatsache, daß die Substanz überall einer ewigen Bewegung und +Umbildung unterworfen ist, stempelt es zugleich zum universalen +=Entwickelungsgesetz=. Indem dieses höchste Naturgesetz festgestellt und +alle anderen ihm untergeordnet wurden, gelangten wir zu der Überzeugung +von der universalen =Einheit der Natur= und der ewigen Geltung +der Naturgesetze. Aus dem dunklen Substanz-=Problem= entwickelte sich +das klare Substanz-=Gesetz=. Der Monismus des Kosmos, den wir darauf +begründen, lehrt uns die ausnahmslose Geltung der »ewigen, ehernen, +großen Gesetze« im ganzen Universum. Damit vernichtet er aber zugleich +die drei großen Zentraldogmen der bisherigen dualistischen Philosophie, +den persönlichen Gott, die Unsterblichkeit der Seele und die Freiheit +des Willens. + +In der vorliegenden Behandlung der Welträtsel habe ich meinen +konsequenten monistischen Standpunkt scharf betont und den Gegensatz +zu der dualistischen, heute noch herrschenden Weltanschauung klar +hervorgehoben. Ich stütze mich dabei auf die Zustimmung von fast +allen modernen Naturforschern, welche überhaupt Neigung und Mut zum +Bekenntnis einer abgerundeten philosophischen Überzeugung besitzen. Ich +möchte aber von meinen Lesern nicht Abschied nehmen, ohne versöhnlich +darauf hinzuweisen, daß dieser schroffe Gegensatz bei konsequentem +und klarem Denken sich bis zu einem gewissen Grade mildert, ja selbst +bis zu einer erfreulichen Harmonie gelöst werden kann. Bei völlig +folgerichtigem Denken, bei gleichmäßiger Anwendung der höchsten +Prinzipien auf das =Gesamtgebiet= des Kosmos -- der organischen und +anorganischen Natur --, nähern sich die Gegensätze des Theismus und +Pantheismus, des Vitalismus und Mechanismus bis zur Berührung. Aber +freilich, konsequentes Denken bleibt eine seltene Naturerscheinung! Die +große Mehrzahl aller Philosophen möchte mit der rechten Hand das reine, +auf Erfahrung begründete =Wissen= ergreifen, kann aber gleichzeitig +nicht den mystischen, auf Offenbarung gestützten =Glauben= entbehren, +den sie mit der linken Hand festhält. + +Die alte Weltanschauung des =Idealdualismus= mit ihren mystischen +und anthropistischen Dogmen versinkt in Trümmer; aber über diesem +gewaltigen Trümmerfelde steigt hehr und herrlich die neue Sonne unseres +=Realmonismus= auf, welche uns den wundervollen Tempel der Natur in +seiner ganzen Pracht erkennen läßt. In dem reinen Kultus des »Wahren, +Guten und Schönen«, welcher den Kern unserer neuen =monistischen +Religion= bildet, finden wir reichen Ersatz für die verlorenen +anthropistischen Ideale von »Gott, Freiheit und Unsterblichkeit«. + + + + +Anmerkungen des Bearbeiters + + +Fettschrift markiert durch _ ... _ + +Gesperrter Text markiert durch = ... = + +Antiqua-Text markiert durch ~ ... ~ + +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. + +Inkonsistente Schreibweisen wurden korrigiert. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Welträtsel, by Ernst Haeckel + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 59547 *** diff --git a/59547-8.txt b/59547-8.txt deleted file mode 100644 index 0502562..0000000 --- a/59547-8.txt +++ /dev/null @@ -1,10731 +0,0 @@ -The Project Gutenberg EBook of Die Welträtsel, by Ernst Haeckel - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Die Welträtsel - Gemeinverständliche Studien über Monistische Philosophie - -Author: Ernst Haeckel - -Release Date: May 19, 2019 [EBook #59547] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE WELTRÄTSEL *** - - - - -Produced by Ralph Janke, Matthias Grammel, Marilynda -Fraser-Cunliffe and the Online Distributed Proofreading -Team at http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - =Die Welträtsel= - - * * * * * - - Gemeinverständliche Studien - über Monistische Philosophie - - von - - =Ernst Haeckel= - - * * * * * - - Neu bearbeitete - =Taschenausgabe= - - * * * * * - - Leipzig - =Alfred Kröner Verlag= - 1909 - - - - - Druck von Ernst Hedrich Nachf., G. m. b. H., Leipzig - - - - -Vorwort zur ersten Auflage. - -(1899). - - -Die vorliegenden Studien über =monistische Philosophie= sind für die -denkenden, ehrlich die Wahrheit suchenden Gebildeten aller Stände -bestimmt. Zu den hervorragenden Merkmalen des 19. Jahrhunderts, an -dessen Ende wir stehen, gehört das lebendige Wachstum des Strebens -nach =Erkenntnis der Wahrheit= in weitesten Kreisen. Dasselbe erklärt -sich einerseits durch die ungeheuren Fortschritte der wirklichen -Naturerkenntnis in diesem merkwürdigsten Abschnitte der menschlichen -Geschichte, andererseits durch den offenkundigen Widerspruch, in -den dieselbe zur gelehrten Tradition der »=Offenbarung=« geraten -ist, und endlich durch die entsprechende Ausbreitung und Verstärkung -des vernünftigen Bedürfnisses nach Verständnis der unzähligen neu -entdeckten Tatsachen, nach klarer Erkenntnis ihrer Ursachen. - -Den gewaltigen Fortschritten der empirischen Kenntnisse in unserem -»=Jahrhundert der Naturwissenschaft=« entspricht keineswegs eine -gleiche Klärung ihres theoretischen Verständnisses und jene höhere -Erkenntnis des kausalen Zusammenhanges aller einzelnen Erscheinungen, -die wir mit einem Worte =Philosophie= nennen. Vielmehr sehen wir, daß -die abstrakte und größtenteils metaphysische Wissenschaft, welche auf -unseren Universitäten seit Jahrhunderten als »Philosophie« gelehrt -wird, weit davon entfernt ist, jene neu erworbenen Schätze der -Erfahrungswissenschaft in sich aufzunehmen. Und mit gleichem Bedauern -müssen wir auf der anderen Seite zugestehen, daß die meisten Vertreter -der sogenannten »exakten Naturwissenschaft« sich mit der speziellen -Pflege ihres engeren Gebietes der Beobachtung und des Versuchs -begnügen und die tiefere Erkenntnis des allgemeinen Zusammenhanges -der beobachteten Erscheinungen -- d. h. eben Philosophie! -- für -überflüssig halten. Während diese reinen Empiriker »den Wald vor -Bäumen nicht sehen«, begnügen sich jene Metaphysiker mit dem bloßen -Begriffe des Waldes, ohne seine Bäume zu sehen. Der Begriff der -»=Naturphilosophie=«, in welchem ganz naturgemäß jene beiden Wege -der Wahrheitsforschung, die empirische und die spekulative Methode, -zusammenlaufen, wird sogar noch heute in weiten Kreisen beider -Richtungen mit Abscheu zurückgewiesen. - -Dieser unnatürliche und verderbliche Gegensatz zwischen -Naturwissenschaft und Philosophie, zwischen den Ergebnissen der -Erfahrung und des Denkens, wird unstreitig in weiten gebildeten Kreisen -immer lebhafter und schmerzlicher empfunden. Das bezeugt schon der -wachsende Umfang der ungeheuren populären »naturphilosophischen« -Literatur, die im Laufe des letzten halben Jahrhunderts entstanden -ist. Das bezeugt auch die erfreuliche Tatsache, daß trotz jener -gegenseitigen Abneigung der beobachtenden Naturforscher und der -denkenden Philosophen dennoch hervorragende Männer der Wissenschaft aus -beiden Lagern sich gegenseitig die Hand zum Bunde reichen und vereinigt -nach der Lösung jener höchsten Aufgabe der Forschung streben, die wir -kurz mit einem Worte als »=Die Welträtsel=« bezeichnen. - -Die Untersuchungen über diese »Welträtsel«, welche ich in der -vorliegenden Schrift gebe, können vernünftigerweise nicht den Anspruch -erheben, eine vollständige =Lösung= derselben zu bringen; vielmehr -sollen sie nur eine kritische =Beleuchtung= derselben für weitere -gebildete Kreise geben und die Frage zu beantworten suchen, wie weit -wir uns gegenwärtig deren Lösung genähert haben. =Welche Stufe in der -Erkenntnis der Wahrheit haben wir am Ende des 19. Jahrhunderts wirklich -erreicht?= Und welche Fortschritte nach diesem unendlich entfernten -Ziele haben wir im Laufe desselben wirklich gemacht? - -Die Antwort auf diese großen Fragen, die ich hier gebe, kann naturgemäß -nur =subjektiv= und nur teilweise richtig sein; denn meine Kenntnisse -der wirklichen Natur und meine Vernunft zur Beurteilung ihres -objektiven Wesens sind beschränkt, ebenso wie diejenigen aller anderen -Menschen. Das Einzige, was ich für dieselben voll in Anspruch nehme, -und was auch meine entschiedensten Gegner anerkennen müssen, ist, daß -meine monistische Philosophie von Anfang bis zu Ende =ehrlich= ist, -d. h. der vollständige Ausdruck der Überzeugung, welche ich durch -vieljähriges eifriges Forschen in der Natur und durch unablässiges -Nachdenken über den wahren Grund ihrer Erscheinungen erworben habe. -Diese naturphilosophische Gedankenarbeit erstreckt sich jetzt über -ein volles halbes Jahrhundert, und ich darf jetzt, in meinem 66. -Lebensjahre, wohl annehmen, daß sie =reif= im menschlichen Sinne ist; -ich bin auch völlig gewiß, daß diese »=reife Frucht=« vom Baume der -Erkenntnis für die kurze Spanne des Daseins, die mir noch beschieden -ist, keine bedeutende Vervollkommnung und keine prinzipiellen -Veränderungen erfahren wird. - -Alle wesentlichen und entscheidenden Anschauungen meiner monistischen -und genetischen Philosophie habe ich schon vor 33 Jahren in meiner -»=Generellen Morphologie der Organismen=« niedergelegt, einem -weitschweifig und schwerfällig geschriebenen Werke, welches nur -sehr wenig Leser gefunden hat. Es war der erste Versuch, die -neubegründete Entwickelungslehre für das ganze Gebiet der organischen -Formenwissenschaft durchzuführen. Um wenigstens einen Teil der neuen, -darin enthaltenen Gedanken zur Geltung zu bringen und um zugleich einen -weiteren Kreis von Gebildeten für die größten Erkenntnisfortschritte -unseres Jahrhunderts zu interessieren, veröffentlichte ich zwei Jahre -später (1868) meine »=Natürliche Schöpfungsgeschichte=«. Da dieses -leichter geschürzte Werk trotz seiner großen Mängel in neun starken -Auflagen und zwölf verschiedenen Übersetzungen erschien, hat es nicht -wenig zur Verbreitung der monistischen Weltanschauung beigetragen. -Dasselbe gilt auch wohl von der weniger gelesenen »=Anthropogenie=«, -in welcher ich (1874) die schwierige Aufgabe zu lösen versuchte, die -wichtigsten Tatsachen der menschlichen Entwickelungsgeschichte einem -größeren Kreise von Gebildeten zugänglich und verständlich zu machen; -die vierte, umgearbeitete Auflage derselben erschien 1891. Einige -bedeutende und besonders wertvolle Fortschritte, welche neuerdings -dieser wichtigste Teil der Anthropologie gemacht hat, habe ich in -dem Vortrage beleuchtet, den ich 1898 »Über unsere gegenwärtige -Kenntnis vom =Ursprung des Menschen=« auf dem vierten internationalen -Zoologenkongreß in Cambridge gehalten habe (siebente Auflage 1899). -Mehrere einzelne Fragen unserer modernen Naturphilosophie, die ein -besonderes Interesse bieten, habe ich behandelt in meinen »Gesammelten -populären Vorträgen aus dem Gebiete der =Entwickelungslehre=« (1878). -Endlich habe ich die allgemeinsten Grundsätze meiner monistischen -Philosophie und ihre besondere Beziehung zu den herrschenden -Glaubenslehren kurz zusammengefaßt in dem »Glaubensbekenntnis eines -Naturforschers: =Der Monismus als Band zwischen Religion und -Wissenschaft=« (1892, achte Auflage 1899). - -Die vorliegende Schrift über die »=Welträtsel=« ist die weitere -Ausführung, Begründung und Ergänzung der Überzeugungen, welche ich in -den vorstehend angeführten Schriften bereits ein Menschenalter hindurch -vertreten habe. Ich gedenke damit meine Studien auf dem Gebiete der -monistischen Weltanschauung abzuschließen. - -Der alte, viele Jahre hindurch gehegte Plan, ein ganzes »=System -der monistischen Philosophie=« auf Grund der Entwickelungslehre -auszubauen, wird nicht mehr zur Ausführung gelangen. Meine Kräfte -reichen dazu nicht mehr aus, und mancherlei Mahnungen des herannahenden -Alters drängen zum Abschluß. Auch bin ich ganz und gar ein Kind des -=neunzehnten Jahrhunderts= und will mit dessen Ende einen Strich unter -meine Lebensarbeit machen. - -Die unermeßliche Ausdehnung, welche das menschliche Wissen infolge -fortgeschrittener Arbeitsteilung in unserem Jahrhundert erlangt hat, -läßt es schon heute unmöglich erscheinen, alle Zweige desselben mit -gleicher Gründlichkeit zu umfassen und ihren inneren Zusammenhang -einheitlich darzustellen. Selbst ein Genius ersten Ranges, der -alle Gebiete der Wissenschaft gleichmäßig beherrschte, und der die -künstlerische Gabe ihrer einheitlichen Darstellung in vollem Maße -besäße, würde doch nicht imstande sein, im Raume eines mäßigen Bandes -ein umfassendes allgemeines Bild des ganzen »Kosmos« auszuführen. -Mir selbst, dessen Kenntnisse in den verschiedenen Gebieten sehr -ungleich und lückenhaft sind, konnte hier nur die Aufgabe zufallen, -den allgemeinen Plan eines solchen Weltbildes zu entwerfen und die -durchgehende =Einheit= seiner Teile nachzuweisen, trotz sehr ungleicher -Ausführung derselben. Das vorliegende Buch über die Welträtsel trägt -daher auch nur den Charakter eines »Skizzenbuches«, in welchem -=Studien= von sehr ungleichem Werte zu einem Ganzen zusammengefügt -sind. Da die Niederschrift derselben zum Teil schon in früheren Jahren, -zum anderen Teil aber erst in der letzten Zeit erfolgte, ist die -Behandlung leider oft ungleichmäßig; auch sind mehrfache Wiederholungen -nicht zu vermeiden gewesen; ich bitte dieselben zu entschuldigen. - -Indem ich hiermit von meinen Lesern mich verabschiede, spreche ich die -Hoffnung aus, daß ich durch meine ehrliche und gewissenhafte Arbeit --- trotz ihrer mir wohl bewußten Mängel -- ein kleines Scherflein zur -Lösung der »Welträtsel« beigetragen habe, und daß ich im Kampfe der -Weltanschauungen manchem ehrlichen und nach reiner Vernunfterkenntnis -ringenden Leser denjenigen Weg gezeigt habe, der nach meiner festen -Überzeugung allein zur Wahrheit führt, den Weg der =empirischen -Naturforschung= und der darauf gegründeten =monistischen Philosophie=. - - =Jena=, 2. April 1899. - - _Ernst Haeckel._ - - - - -Vorwort zur Taschenausgabe. - - -Auf Anregung des Verlegers der »Welträtsel«, Herrn =Alfred Kröner=, und -auf Wunsch vieler Leser dieses Buches, habe ich mich entschlossen, eine -neue und bequeme =Taschenausgabe= davon zu veranstalten. Es kam dabei -besonders in Betracht, den Inhalt einem größeren Kreise durch leichtere -Darstellung und gefälligere Form zugänglich zu machen, überflüssige -Zugaben zu entfernen und Wiederholungen auszuschalten, sowie viele -Fremdwörter und verwickelte Ausführungen durch leichter verständliche -zu ersetzen. Ferner sind viele Sätze entfernt worden, welche teils -ferner liegende, teils zweifelhafte Fragen behandelten; das Buch -hat dadurch an Klarheit und Sicherheit, wie auch an einheitlicher -Durchführung gewonnen. - -Der Raumersparnis halber sind auch alle Literaturhinweise und -=Anmerkungen= weggefallen, welche in der ersten großen Ausgabe -enthalten sind, sowie das =Nachwort= zu der später erschienenen -Volksausgabe (»Das Glaubensbekenntnis der reinen Vernunft«). Diejenigen -Leser, welche diese weiteren Zusätze und Erläuterungen kennen zu lernen -wünschen, finden sie in der kürzlich erschienenen zehnten Auflage -der =großen Ausgabe=, und teilweise in der »neu durchgesehenen und -verbesserten Auflage der =Volksausgabe=« (240. Tausend). - -Möge auch diese neue =Taschenausgabe= dazu dienen, das Licht der -Aufklärung in immer weitere Kreise zu tragen und viele denkende Leser -anregen, sich selbsttätig an der Lösung der großen »Welträtsel« zu -beteiligen. - - =Jena=, 29. September 1908. - - _Ernst Haeckel._ - - - - -Inhalt - - - ~I~. Anthropologischer Teil - =Der Mensch= - - 1. Stellung der Welträtsel 1 - 2. Unser Körperbau 14 - 3. Unser Leben 24 - 4. Unsere Keimesgeschichte 32 - 5. Unsere Stammesgeschichte 42 - - ~II~. Psychologischer Teil - =Die Seele= - - 6. Das Wesen der Seele 54 - 7. Stufenleiter der Seele 68 - 8. Keimesgeschichte der Seele 80 - 9. Stammesgeschichte der Seele 90 - 10. Bewußtsein der Seele 101 - 11. Unsterblichkeit der Seele 113 - - ~III~. Kosmologischer Teil - =Die Welt= - - 12. Das Substanzgesetz 127 - 13. Entwickelungsgeschichte der Welt 140 - 14. Einheit der Natur 154 - 15. Gott und Welt 168 - - ~IV~. Theologischer Teil - =Der Gott= - - 16. Wissen und Glauben 180 - 17. Wissenschaft und Christentum 191 - 18. Unsere monistische Religion 206 - 19. Unsere monistische Sittenlehre 217 - 20. Lösung der Welträtsel 229 - - - - -=Erstes Kapitel.= - -_Stellung der Welträtsel._ - - - Allgemeines Kulturbild des neunzehnten Jahrhunderts. Der Kampf der - Weltanschauungen. Monismus und Dualismus. - - -Am Schlusse des neunzehnten Jahrhunderts bietet sich dem denkenden -Beobachter eines der merkwürdigsten Schauspiele dar. Alle Gebildeten -sind darüber einig, daß dieses großartige Jahrhundert in vieler -Beziehung alle seine Vorgänger unendlich überflügelt und Aufgaben -gelöst hat, die in seinem Anfange unlösbar erschienen. Die -überraschenden theoretischen Fortschritte in der Naturerkenntnis und -ihre fruchtbare praktische Verwertung in Technik, Industrie, Verkehr -usw. haben unserem modernen Kulturleben ein völlig neues Gepräge -gegeben. Dagegen haben wir auf wichtigen Gebieten des geistigen -Lebens und der Gesellschafts-Beziehungen wenige oder gar keine -Fortschritte gegen frühere Jahrhunderte aufzuweisen, vielfach sogar -leider bedenkliche Rückschritte. Aus diesem offenkundigen Zwiespalt -entspringt nicht nur ein unbehagliches Gefühl innerer Zerrissenheit -und Unwahrheit, sondern auch die Gefahr schwerer Katastrophen auf -politischem und sozialem Gebiete. Es ist daher nicht nur das gute -Recht, sondern auch die heilige Pflicht jedes ehrlichen und von -Menschenliebe beseelten Forschers, nach bestem Wissen zur Aufhebung -jenes Zwiespaltes und zur Vermeidung der daraus entspringenden Gefahren -beizutragen. Dies kann aber nach unserer Überzeugung nur durch mutiges -Streben nach =Erkenntnis der Wahrheit= geschehen und durch Gewinnung -einer klaren, fest gegründeten, =naturgemäßen Weltanschauung=. - -_Fortschritte der Naturerkenntnis._ Wenn wir uns den unvollkommenen -Zustand der Naturerkenntnis im Anfang des 19. Jahrhunderts -vergegenwärtigen und ihn mit der glänzenden Höhe an dessen Schlusse -vergleichen, so muß jedem Sachkundigen der Fortschritt erstaunlich -groß erscheinen. Jeder einzelne Zweig der Naturwissenschaft darf -sich rühmen, daß er innerhalb dieses Jahrhunderts Gewinne von -größter Tragweite erzielt habe. In der mikroskopischen Kenntnis des -Kleinsten wie in der teleskopischen Erforschung des Größten haben -wir unschätzbare Einsichten gewonnen, die noch vor hundert Jahren -undenkbar erschienen. Verbesserte Untersuchungsmethoden haben uns -im Reiche der einzelligen Lebewesen eine »unsichtbare Welt« voll -unendlichen Formenreichtums offenbart, sowie in der winzigen kleinen -Zelle den gemeinsamen »Elementar-Organismus« kennen gelehrt, aus dessen -sozialen Zellverbänden, den Geweben, der Körper aller vielzelligen -Pflanzen und Tiere ebenso wie der des Menschen zusammengesetzt -ist. Diese anatomischen Kenntnisse sind von größter Tragweite; sie -werden ergänzt durch den embryologischen Nachweis, daß jeder höhere -vielzellige Organismus sich aus einer einzigen einfachen Zelle -entwickelt, der »befruchteten Eizelle«. Die bedeutungsvolle, hierauf -gegründete =Zellentheorie= hat uns erst das wahre Verständnis für -die geheimnisvollen Lebenserscheinungen eröffnet, zu deren Erklärung -man früher eine übernatürliche »Lebenskraft« oder ein »unsterbliches -Seelenwesen« annahm. Auch das eigentliche Wesen der Krankheit ist dem -Arzte erst durch die damit verknüpfte Zellularpathologie klar und -verständlich geworden. - -Nicht minder gewaltig sind aber die Entdeckungen des 19. Jahrhunderts -im Bereiche der anorganischen Natur. Die Physik hat in allen Teilen -ihres Gebietes die erstaunlichsten Fortschritte gemacht; und was -wichtiger ist, sie hat die =Einheit der Naturkräfte= im ganzen -Universum nachgewiesen. Die mechanische Wärmetheorie hat gezeigt, wie -eng dieselben zusammenhängen und wie jede unter bestimmten Bedingungen -sich direkt in die andere verwandeln kann. Die Spektralanalyse hat -uns gelehrt, daß dieselben Stoffe, welche unseren Erdkörper und -seine lebendigen Bewohner aufbauen, auch die Masse der übrigen -Planeten, der Sonne und der entferntesten Fixsterne zusammensetzen. -Die Astrophysik hat unsere Weltanschauung im großartigsten Maßstabe -erweitert, indem sie uns im unendlichen Weltraum Millionen von -kreisenden Weltkörpern nachgewiesen hat, größer als unsere Erde, und -gleich dieser in beständiger Umbildung begriffen, in einem ewigen -Wechsel von »Werden und Vergehen«. Die Chemie hat uns mit einer -Menge von neuen, früher unbekannten Stoffen bekannt gemacht, die -alle aus Verbindungen von wenigen unzerlegbaren Elementen (ungefähr -achtzig) bestehen. Sie hat gezeigt, daß eines von diesen Elementen, -der Kohlenstoff, der wunderbare Körper ist, welcher die Bildung der -unendlich mannigfaltigen organischen Verbindungen bewirkt und somit die -»chemische Basis des Lebens« darstellt. Alle einzelnen Fortschritte -der Physik und Chemie stehen jedoch an theoretischer Bedeutung der -Erkenntnis des gewaltigen Gesetzes nach, welches alle in einem -gemeinsamen Brennpunkt vereinigt, des =Substanzgesetzes=. Indem dieses -»=kosmologische Grundgesetz=« die ewige Erhaltung der Kraft und des -Stoffes, die allgemeine Konstanz der Energie und der Materie im ganzen -Weltall nachweist, ist es der sichere Leitstern geworden, der unsere -monistische Philosophie durch das gewaltige Labyrinth der Welträtsel zu -deren Lösung führt. - - * * * * * - -Da es unsere Aufgabe sein wird, in den folgenden Kapiteln eine -allgemeine Übersicht über den jetzigen Stand unserer Naturerkenntnis -und über ihre Fortschritte in unserem Jahrhundert zu gewinnen, wollen -wir hier nicht weiter auf eine Musterung der einzelnen Gebiete -eingehen. Nur einen größten Fortschritt wollen wir noch hervorheben, -der dem Substanzgesetz ebenbürtig ist und der es ergänzt: die -Begründung der =Entwickelungslehre=. Zwar haben einzelne denkende -Forscher schon seit Jahrtausenden von »=Entwickelung=« der Dinge -gesprochen; daß aber dieser Begriff das =Universum= beherrscht, und -daß die Welt selbst weiter nichts ist als eine ewige »Entwickelung der -Substanz«, dieser gewaltige Gedanke ist ein Kind des 19. Jahrhunderts. -Erst in seiner zweiten Hälfte gelangte er zu voller Klarheit und zu -allgemeiner Anwendung. Das unsterbliche Verdienst, diesen höchsten -philosophischen Begriff empirisch begründet und zu umfassender Geltung -gebracht zu haben, gebührt dem großen englischen Naturforscher =Charles -Darwin=; er legte 1859 den festen Grund für jene Abstammungslehre, -welche der geniale französische Naturphilosoph =Jean Lamarck= schon -1809 in ihren Hauptzügen erkannt, und deren Grundgedanken unser größter -deutscher Dichter und Denker, =Wolfgang Goethe=, schon 1790 prophetisch -erfaßt hatte. Damit wurde uns zugleich der Schlüssel zur »Frage aller -Fragen« geschenkt, zu dem großen Welträtsel von der »Stellung des -Menschen in der Natur« und von seiner natürlichen Entstehung. Wenn wir -heute imstande sind, die Herrschaft des =Entwickelungsgesetzes= im -Gesamtgebiete der Natur klar zu erkennen und sie in Verbindung mit dem -=Substanzgesetze= zur einheitlichen Erklärung aller Naturerscheinungen -zu benutzen, so verdanken wir dies in erster Linie jenen drei genialen, -weitblickenden Naturphilosophen, drei Sternen erster Größe unter allen -anderen großen Männern des neunzehnten Jahrhunderts. - -Diesen erstaunlichen Fortschritten unserer =theoretischen= -Naturerkenntnis entspricht deren mannigfaltige =praktische= Anwendung -auf allen Gebieten des menschlichen Kulturlebens. Wenn wir heute -im »Zeitalter des Verkehrs« stehen, wenn der internationale Handel -und das Reisen eine früher nicht geahnte Bedeutung erlangt haben, -wenn wir mittels Telegraph und Telephon die Schranken von Raum und -Zeit überwunden haben, so verdanken wir das in erster Linie den -Fortschritten der technischen Physik, besonders in der Anwendung der -Dampfkraft und der Elektrizität. Wenn wir durch die Photographie das -Sonnenlicht zwingen, uns in einem Augenblick naturgetreue Bilder -von jedem beliebigen Gegenstande zu verschaffen, wenn wir in der -Landwirtschaft und in den verschiedensten Gewerben erstaunliche -praktische Fortschritte gemacht haben, wenn wir in der Medizin durch -Chloroform und Morphium, durch antiseptische und Serumtherapie die -Leiden der Menschheit unendlich gemildert haben, so verdanken wir dies -der angewandten Chemie. Durch diese und andere Erfindungen der Technik -haben wir alle früheren Jahrhunderte weit überflügelt. - -_Fortschritte der sozialen Einrichtungen._ So dürfen wir heute mit -gerechtem Stolze auf die gewaltigen Fortschritte des 19. Jahrhunderts -in der Naturerkenntnis und deren praktische Verwertung zurückblicken. -Leider bietet sich uns ein ganz anderes und wenig erfreuliches -Bild, wenn wir andere, nicht minder wichtige Gebiete des modernen -Kulturlebens ins Auge fassen. Zu unserem Bedauern müssen wir da den -Satz von =Alfred Wallace= unterschreiben: »Verglichen mit unseren -erstaunlichen Fortschritten in den physikalischen Wissenschaften und -ihrer praktischen Anwendung, bleibt unser System der Regierung, der -administrativen Justiz, der Nationalerziehung und unsere ganze soziale -und moralische Organisation in einem =Zustande der Barbarei=.« Um uns -von der Wahrheit dieser schweren Vorwürfe zu überzeugen, brauchen wir -nur einen unbefangenen Blick in unser öffentliches Leben zu werfen, -oder in den Spiegel zu blicken, den uns täglich unsere Zeitung, als das -Organ der öffentlichen Meinung, vorhält. - -_Unsere Rechtspflege._ Beginnen wir unsere Rundschau mit der Justiz, -dem »~Fundamentum regnorum~«. Niemand wird behaupten können, -daß deren heutiger Zustand mit unserer fortgeschrittenen Erkenntnis -des Menschen und der Welt in Einklang sei. Keine Woche vergeht, in -der wir nicht von richterlichen Urteilen lesen, welche dem gesunden -Menschenverstand widersprechen; viele Entscheidungen unserer höheren -und niederen Gerichtshöfe erscheinen geradezu unbegreiflich. Wir -sehen ganz davon ab, daß in vielen modernen Staaten -- trotz der auf -Papier gedruckten Verfassung -- noch tatsächlich der Absolutismus -herrscht und daß manche »Männer des Rechts« nicht nach ehrlicher -Überzeugung urteilen, sondern entsprechend dem »höheren Wunsche von -maßgebender Stelle«. Wir nehmen vielmehr an, daß die meisten Richter -und Staatsanwälte nach bestem Gewissen urteilen und nur menschlich -irren. Dann erklären sich wohl die meisten Irrtümer durch mangelhafte -Vorbildung und durch die veraltete Gesetzgebung. Freilich herrscht -vielfach die Ansicht, daß gerade die Juristen die höchste Bildung -besitzen; gerade sie werden bei der Besetzung der verschiedensten -Ämter vorgezogen. Allein diese vielgerühmte »juristische Bildung« -ist größtenteils eine rein =formale=, keine reale. Den menschlichen -Organismus und seine wichtigste Funktion, die Seele, lernen unsere -Juristen nur oberflächlich kennen; das beweisen z. B. die wunderlichen -Ansichten über »Willensfreiheit, Verantwortung« usw., denen wir täglich -begegnen. Den meisten Studierenden der Jurisprudenz fällt es gar nicht -ein, sich um =Anthropologie, Psychologie= und =Entwickelungsgeschichte= -zu bekümmern, die ersten Vorbedingungen für richtige Beurteilung des -Menschenwesens. Freilich bleibt dazu auch »keine Zeit«; diese wird -leider nur zu sehr durch das gründliche Studium von Bier und Wein in -Anspruch genommen, sowie das »veredelnde« Mensurenwesen; der Rest -der kostbaren Studienzeit aber ist notwendig, um die Hunderte von -Paragraphen der Gesetzbücher zu erlernen, deren Kenntnis den Juristen -zu allen möglichen Stellungen im heutigen Kulturstaate befähigt. - -_Unsere Staatsordnung._ Das leidige Gebiet der Politik wollen wir hier -nur ganz flüchtig streifen. Die unerfreulichen Zustände des modernen -Staatslebens sind ja allbekannt und jedermann täglich fühlbar. Zum -großen Teile erklären sich deren Mängel daraus, daß die meisten -Staatsbeamten eben Juristen sind, Männer von hoher formaler Bildung, -aber ohne jene gründliche Kenntnis der Menschennatur, die nur durch -vergleichende Anthropologie und Psychologie erworben werden kann. -»Bau und Leben des sozialen Körpers«, d. h. des =Staates=, lernen -wir nur dann richtig verstehen, wenn wir naturwissenschaftliche -Kenntnis vom »Bau und Leben« der =Personen= besitzen, welche den Staat -zusammensetzen, und der =Zellen=, welche jene Personen zusammensetzen. -Wenn unsere »Staatslenker« und »Volksvertreter« diese =unschätzbaren -biologischen= und =anthropologischen Vorkenntnisse= besäßen, so -würde unmöglich in den Zeitungen täglich jene entsetzliche Fülle -von soziologischen Irrtümern und von politischer Kannegießerei -zu lesen sein, welche unsere Parlamentsberichte und auch viele -Regierungserlasse nicht gerade erfreulich auszeichnen. Am meisten -zu beklagen ist es, daß der moderne =Kulturstaat= sich der -kulturfeindlichen =Kirche= in die Arme wirft, und daß der bornierte -Egoismus der Parteien, die Verblendung der kurzsichtigen Parteiführer -die Hierarchie unterstützt. Dadurch entstehen so traurige Bilder, wie -sie uns am Schlusse des 19. Jahrhunderts der Deutsche Reichstag vor -Augen führte: die Geschicke des gebildeten deutschen Volkes in der Hand -des ultramontanen Zentrums, unter der Leitung des römischen Papismus, -der sein ärgster und gefährlichster Feind ist. Statt Recht und Vernunft -regiert Aberglaube und Verdummung. Unsere Staatsordnung kann nur dann -besser werden, wenn sie sich von den Fesseln der Kirche befreit und -wenn sie durch allgemeine =naturwissenschaftliche Bildung= die Welt- und -Menschenkenntnis der Staatsbürger auf eine höhere Stufe hebt. Dabei -kommt es gar nicht auf die besondere =Staatsform= an. Ob Monarchie oder -Republik, ob aristokratische oder demokratische Verfassung, das sind -untergeordnete Fragen gegenüber der großen Hauptfrage: Soll der moderne -Kulturstaat geistlich oder weltlich sein? Soll er =theokratisch=, -durch unvernünftige Glaubenssätze und klerikale Willkür, oder soll -er =nomokratisch=, durch vernünftige Gesetze und bürgerliches Recht -geleitet werden? - -_Unsere Schule._ Ebenso wie unsere Rechtspflege und Staatsordnung -entspricht auch unsere Jugenderziehung durchaus nicht den -Anforderungen, welche die wissenschaftlichen Fortschritte des 19. -Jahrhunderts an die moderne Bildung stellen. Die =Naturwissenschaft=, -die alle anderen Wissenschaften so weit überflügelt und welche, bei -Licht betrachtet, auch alle sogenannten Geisteswissenschaften in sich -aufgenommen hat, wird in unseren Schulen immer noch als Aschenbrödel -in die Ecke gestellt. Unseren meisten Lehrern erscheint immer noch als -Hauptaufgabe jene tote Gelehrsamkeit, die aus den Klosterschulen des -Mittelalters übernommen ist; im Vordergrunde steht der grammatikalische -Sport und die zeitraubende »gründliche Kenntnis« der klassischen -Sprachen, sowie der äußerlichen Völkergeschichte. Die Sittenlehre, der -wichtigste Gegenstand der praktischen Philosophie, wird vernachlässigt -und an ihre Stelle die kirchliche Konfession gesetzt. Der Glaube soll -dem Wissen vorangehen; nicht jener wissenschaftliche Glaube, welcher -uns zu einer monistischen Religion führt, sondern jener unvernünftige -Aberglaube, der die Grundlage eines verunstalteten Christentums -bildet. Während die großartigen Erkenntnisse der modernen Kosmologie -und Anthropologie, der heutigen Biologie und Entwickelungslehre auf -unseren höheren Schulen gar keine oder nur ganz ungenügende Verwertung -finden, wird das Gedächtnis mit einer Unmasse von philologischen und -historischen Tatsachen überladen, die weder für die Geistesbildung, -noch für das praktische Leben von Nutzen sind. Auch die veralteten -Einrichtungen und Fakultätsverhältnisse der Universitäten entsprechen -der heutigen Entwickelungsstufe der natürlichen Weltanschauung -ebensowenig wie der Unterricht in den Gymnasien und in den niederen -Schulen. - -_Unsere Kirche._ Im schärfsten Gegensatze zu der modernen Bildung -und zu deren Grundlage, der vorgeschrittenen Naturerkenntnis, steht -unstreitig die Kirche. Wir wollen hier garnicht vom ultramontanen -Papismus sprechen, oder von den orthodoxen evangelischen Richtungen, -welche diesem in bezug auf krassesten Aberglauben und Unkenntnis -der Wirklichkeit nichts nachgeben. Vielmehr versetzen wir uns in -die Predigt eines liberalen protestantischen Pfarrers, der gute -Durchschnittsbildung besitzt und der Vernunft neben dem Glauben ihr -gutes Recht einräumt. Da hören wir neben vortrefflichen Sittenlehren, -die mit unserer monistischen Ethik (im 19. Kapitel) vollkommen -harmonieren, Vorstellungen über das Wesen von Gott und Welt, von -Mensch und Leben, welche allen Erkenntnissen der Naturforschung direkt -widersprechen. Es ist kein Wunder, wenn Techniker und Chemiker, -Ärzte und Philosophen, die gründlich über die Natur beobachtet und -nachgedacht haben, solchen Predigten kein Gehör schenken wollen. -Es fehlt eben unseren Theologen und Philologen, ebenso wie unseren -Politikern und Juristen, an jener =unentbehrlichen Naturerkenntnis=, -auf welche sich die monistische Entwickelungslehre gründet. - -_Konflikt zwischen Vernunft und Dogma._ Aus diesen bedauerlichen -Gegensätzen ergeben sich für unser modernes Kulturleben schwere -Konflikte, deren Gefahr dringend zur Beseitigung auffordert. Unsere -heutige Bildung verlangt ihr gutes Recht auf allen Gebieten des -öffentlichen und privaten Lebens; sie wünscht die Menschheit mittels -der =Vernunft= auf jene höhere Stufe der Erkenntnis und damit zugleich -auf jenen besseren Weg zum Glück erhoben zu sehen, welche wir unserer -hoch entwickelten Naturwissenschaft verdanken. Dagegen sträuben sich -mit aller Macht diejenigen einflußreichen Kreise, welche unsere -Geistesbildung in den überwundenen Anschauungen des Mittelalters -zurückhalten wollen; sie verharren im Banne der traditionellen =Dogmen= -und verlangen, daß die Vernunft sich unter diese »höhere Offenbarung« -beuge. Das ist der Fall in weiten Kreisen der Theologie und Philologie, -der Soziologie und Jurisprudenz. Diese Rückständigkeit beruht zum -größten Teile gewiß nicht auf eigennützigem Streben, sondern teils auf -Unkenntnis der realen Tatsachen, teils auf der bequemen Gewohnheit der -Tradition. Die gefährlichste Feindin der Vernunft und Wissenschaft ist -nicht die Bosheit, sondern die Unwissenheit und vielleicht noch mehr -die Trägheit. Gegen diese beiden Mächte kämpfen die Götter selbst dann -noch vergebens, wenn sie die erstere glücklich überwunden haben. - -_Anthropismus._ Eine der mächtigsten Stützen gewährt jener -rückständigen Weltanschauung der =Anthropismus= oder die -»=Vermenschlichung=«. Unter diesem Begriffe verstehe ich jenen -mächtigen und weit verbreiteten Komplex von irrtümlichen Vorstellungen, -welcher den menschlichen Organismus in Gegensatz zu der ganzen übrigen -Natur stellt, ihn als vorbedachtes Endziel der organischen Schöpfung -und als ein von dieser verschiedenes, gottähnliches Wesen auffaßt. Bei -genauerer Kritik dieses einflußreichen Vorstellungskreises ergibt sich, -daß er eigentlich aus drei verschiedenen Dogmen besteht, die wir als -den =anthropozentrischen, anthropomorphischen= und =anthropolatrischen= -Irrtum unterscheiden. ~I~. Das =anthropozentrische Dogma= ruht -auf der Vorstellung, daß der Mensch der vorbedachte Mittelpunkt und -Endzweck alles Erdenlebens -- oder in weiterer Fassung der ganzen -Welt -- sei. Da dieser Irrtum dem menschlichen Eigendünkel äußerst -erwünscht, und da er mit den Schöpfungsmythen und mit den Dogmen -der =mosaischen, christlichen= und =mohammedanischen= Religion -innig verwachsen ist, beherrscht er auch heute noch den größten -Teil der Kulturwelt. -- ~II~. Das =anthropomorphische Dogma= -knüpft ebenfalls an die Schöpfungssagen der drei genannten, sowie -vieler anderen Religionen an. Es vergleicht die Weltschöpfung und -Weltregierung Gottes mit den Kunstschöpfungen eines sinnreichen -Technikers und mit der Staatsregierung eines weisen Herrschers. »Gott -der Herr« als Schöpfer, Erhalter und Regierer der Welt wird dabei -in seinem Denken und Handeln durchaus menschenähnlich vorgestellt. -Daraus folgt dann wieder umgekehrt, daß der Mensch gottähnlich -ist. »Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde.« Die ältere naive -Mythologie verleiht ihren Göttern Menschengestalt, Fleisch und Blut. -Weniger materialistisch sind die Vorstellungen der neueren mystischen -Theosophie, welche den persönlichen Gott als »unsichtbares« Wesen -verehrt und ihn doch gleichzeitig nach Menschenart denken, sprechen und -handeln läßt. -- ~III~. Das =anthropolatrische Dogma= ergibt sich -aus dieser Vergleichung der menschlichen und göttlichen Seelentätigkeit -von selbst; es führt zu der göttlichen =Verehrung= des menschlichen -Organismus, zum »anthropistischen Größenwahn«. Daraus folgt wieder -der hochgeschätzte »Glaube an die persönliche Unsterblichkeit der -Seele«, sowie das dualistische Dogma von der Doppelnatur des Menschen, -dessen »unsterbliche Seele« den sterblichen Körper nur zeitweise -bewohnt. Diese drei anthropistischen Dogmen, mannigfach ausgebildet und -der wechselnden Glaubensform der verschiedenen Religionen angepaßt, -wurden zur Quelle der gefährlichsten Irrtümer. Die =anthropistische -Weltanschauung=, die daraus entsprang, steht in unversöhnlichem -Gegensatz zu unserer monistischen Naturerkenntnis; sie wird zunächst -schon durch deren kosmologische Perspektive widerlegt. - -_Kosmologische Perspektive._ Die Unhaltbarkeit dieser drei -anthropistischen Dogmen, wie auch vieler anderer Anschauungen der -dualistischen Philosophie und der orthodoxen Religion, offenbart sich, -sobald wir sie aus der =kosmologischen Perspektive= unseres Monismus -kritisch betrachten. Wir verstehen darunter jene umfassende =Anschauung -des Weltganzen=, welche uns der höchste Standpunkt der monistischen -Naturerkenntnis gewährt. Da überzeugen wir uns von der Wahrheit der -folgenden wichtigen »=kosmologischen Lehrsätze=«: - -1. Das Weltall (Universum oder Kosmos) ist ewig, unendlich und -unbegrenzt. 2. Die Substanz desselben mit ihren beiden Attributen -(Materie und Energie) erfüllt den unendlichen Raum und befindet sich -in ewiger Bewegung. 3. Diese Bewegung verläuft in der unendlichen -Zeit als eine einheitliche Entwickelung, mit periodischem Wechsel von -Werden und Vergehen, von Fortbildung und Rückbildung. 4. Die unzähligen -Weltkörper, welche im raumerfüllenden Äther verteilt sind, unterliegen -sämtlich dem Substanzgesetz. 5. Unsere Sonne ist einer von diesen -unzähligen vergänglichen Weltkörpern, und unsere Erde ist einer von den -zahlreichen vergänglichen Planeten, welche diese umkreisen. 6. Unsere -Erde hat einen langen Abkühlungsprozeß durchgemacht, ehe auf derselben -tropfbar flüssiges Wasser und damit die erste Vorbedingung organischen -Lebens entstehen konnte. 7. Der darauf folgende biogenetische Prozeß, -die langsame Entwickelung und Umbildung zahlloser organischer Formen, -hat viele Millionen Jahre (weit über hundert!) in Anspruch genommen. -8. Unter den verschiedenen Tierstämmen, welche sich im späteren -Verlaufe des biogenetischen Prozesses auf unserer Erde entwickelten, -hat der Stamm der Wirbeltiere im Wettlaufe der Entwickelung neuerdings -alle anderen weit überflügelt. 9. Als der bedeutendste Zweig des -Wirbeltierstammes hat sich erst spät (während der Triasperiode) aus -Amphibien die Klasse der Säugetiere entwickelt. 10. Der vollkommenste -und höchst entwickelte Zweig dieser Klasse ist die Ordnung der -Herrentiere oder Primaten, die erst im Beginne der Tertiärzeit durch -Umbildung aus niedersten Zottentieren entstanden ist. 11. Das jüngste -und vollkommenste Ästchen des Primatenzweiges ist der Mensch, der erst -in späterer Tertiärzeit aus einer Reihe von Menschenaffen hervorging. -12. Demnach ist die sogenannte »Weltgeschichte« eine verschwindend -kurze Episode in dem langen Verlaufe der organischen Erdgeschichte, -ebenso wie diese selbst ein kleines Stück von der Geschichte unseres -Planetensystems; und wie unsere Mutter Erde ein vergängliches -Sonnenstäubchen im unendlichen Weltall, so ist der einzelne Mensch eine -vorübergehende Erscheinung in der vergänglichen organischen Natur. - -Nichts scheint mir geeigneter als diese großartige =kosmologische -Perspektive=, um von vornherein den richtigen Maßstab und den -weitsichtigen Standpunkt festzusetzen, welchen wir zur Lösung der -Welträtsel einhalten müssen. Denn dadurch wird nicht nur die maßgebende -»Stellung des Menschen in der Natur« klar bezeichnet, sondern auch -der herrschende =anthropistische Größenwahn= widerlegt, die Anmaßung, -mit welcher der Mensch sich dem unendlichen Universum gegenüberstellt -und als wichtigsten Teil des Weltalls verherrlicht. Diese grenzenlose -Selbstüberhebung des eiteln Menschen hat ihn dazu verführt, sich -als »Ebenbild Gottes« zu betrachten, für seine vergängliche Person -ein »ewiges Leben« in Anspruch zu nehmen und sich einzubilden, daß -er unbeschränkte »Freiheit des Willens« besitzt. Der lächerliche -Cäsarenwahn des Caligula ist eine spezielle Form dieser hochmütigen -Selbstvergötterung des Menschen. Erst wenn wir diesen unhaltbaren -Größenwahn aufgeben und die naturgemäße kosmologische Perspektive -einnehmen, können wir zur Lösung der »Welträtsel« gelangen. - -_Zahl der Welträtsel._ Der ungebildete Kulturmensch ist noch ebenso wie -der rohe Naturmensch auf Schritt und Tritt von unzähligen Welträtseln -umgeben. Je weiter die Kultur fortschreitet und die Wissenschaft sich -entwickelt, desto mehr wird ihre Zahl beschränkt. Die =monistische -Philosophie= wird schließlich nur ein einziges, allumfassendes -Welträtsel anerkennen, das »=Substanzproblem=«. In der berühmten -Rede, welche =Emil du Bois-Reymond= 1880 in der Leibniz-Sitzung der -Berliner Akademie der Wissenschaften hielt, unterscheidet er »=sieben -Welträtsel=«; er führt dieselben in nachstehender Reihenfolge auf: -~I~. das Wesen von Materie und Kraft, ~II~. der Ursprung der -Bewegung, ~III~. die erste Entstehung des Lebens, ~IV~. die -(anscheinend absichtsvoll) zweckmäßige Einrichtung der Natur, ~V~. -das Entstehen der einfachen Sinnesempfindung und des Bewußtseins, -~VI~. das vernünftige Denken und der Ursprung der damit eng -verbundenen Sprache, ~VII~. die Frage nach der Willensfreiheit. -Von diesen sieben Welträtseln erklärt der Rhetor der Berliner Akademie -=drei= für ganz transzendent und unlösbar (das erste, zweite und -fünfte); =drei= andere hält er zwar für schwierig, aber für lösbar -(das dritte, vierte und sechste); bezüglich des siebenten und letzten -»Welträtsels«, welches praktisch das wichtigste ist, nämlich der -Willensfreiheit, verhält er sich unentschieden. - -Nach meiner Ansicht werden die drei »transzendenten« Rätsel (~I, II, -V~) durch unsere Auffassung der =Substanz= erledigt (Kapitel 12); -die drei anderen, schwierigen, aber lösbaren Probleme (~III, IV, -VI~) sind durch unsere moderne =Entwickelungslehre= endgültig gelöst; -das siebente und letzte Welträtsel, die Willensfreiheit, ist gar kein -Objekt kritischer wissenschaftlicher Erklärung, da sie als reines -=Dogma= auf bloßer Täuschung beruht und in Wirklichkeit gar nicht -existiert. - -_Lösung der Welträtsel._ Die Mittel und Wege zur Lösung der Welträtsel -sind diejenigen der reinen wissenschaftlichen Erkenntnis überhaupt: -=Erfahrung= und =Schlußfolgerung=. Die wissenschaftliche Erfahrung -erwerben wir uns durch Beobachtung und Experiment, wobei in erster -Linie unsere Sinnesorgane, in zweiter die »inneren Sinnesherde« -unserer Großhirnrinde tätig sind. Die mikroskopischen Elementarorgane -der ersteren sind die Sinneszellen, die der letzteren Gruppen von -Ganglienzellen. Die Erfahrungen, welche wir von der Außenwelt durch -diese unschätzbarsten Organe unseres Geisteslebens erhalten haben, -werden dann durch andere Gehirnteile in Vorstellungen umgesetzt und -diese wiederum durch Assoziation zu Schlüssen verknüpft. Die Bildung -dieser Schlußfolgerungen erfolgt auf zwei verschiedenen Wegen, die -nach meiner Überzeugung gleich wertvoll und unentbehrlich sind: -=Induktion und Deduktion=. Die weiteren verwickelten Gehirnoperationen, -die Bildung von zusammenhängenden Kettenschlüssen, die Abstraktion -und Begriffsbildung, die Ergänzung des erkennenden Verstandes durch -die plastische Phantasie, schließlich das Bewußtsein, das Denken -und Philosophieren, sind ebenso Funktionen der Ganglienzellen der -Großhirnrinde wie die vorhergehenden einfacheren Seelentätigkeiten. -Alle zusammen vereinigen wir in dem höchsten Begriffe der =Vernunft=. - -_Vernunft, Gemüt und Offenbarung._ Durch die Vernunft allein können -wir zur wahren Naturerkenntnis und zur Lösung der Welträtsel -gelangen. Indessen hat die Vernunft ihren hohen Wert erst durch die -fortschreitende Kultur und Geistesbildung, durch die Entwickelung -der =Wissenschaft= erhalten. Der ungebildete Mensch und der rohe -Naturmensch sind ebensowenig (oder ebensosehr) »vernünftig« wie die -nächstverwandten Säugetiere (Affen, Hunde, Elefanten usw.). Nun ist -noch heute in weiten Kreisen die Ansicht verbreitet, daß es außer -der Vernunft noch zwei weitere (ja sogar wichtigere!) Erkenntniswege -gebe: Gemüt und Offenbarung. Diesem gefährlichen Irrtum müssen wir -entschieden entgegentreten. =Das Gemüt hat mit der Erkenntnis der -Wahrheit garnichts zu tun.= Was wir »Gemüt« nennen und hochschätzen, -ist eine verwickelte Tätigkeit des Gehirns, welche sich aus Gefühlen -der Lust und Unlust, aus Vorstellungen der Zuneigung und Abneigung, -aus Strebungen des Begehrens und Fliehens zusammensetzt. Dabei -können die verschiedensten anderen Tätigkeiten des Organismus -mitspielen, Bedürfnisse der Sinne und der Muskeln, des Magens und -der Geschlechtsorgane usw. Die Erkenntnis der Wahrheit fördern -alle diese Gemütszustände und Gemütsbewegungen in keiner Weise; im -Gegenteil stören sie oft die allein dazu befähigte Vernunft. Noch -kein »Welträtsel« ist durch die Gehirnfunktion des Gemüts gelöst -oder auch nur gefördert worden. Dasselbe gilt aber auch von der -sogenannten »=Offenbarung=« und den angeblichen, dadurch erreichten -»=Glaubenswahrheiten=«; diese beruhen sämtlich auf bewußter oder -unbewußter Täuschung (vergl. das 16. Kapitel). - -_Philosophie und Naturwissenschaft._ Als einen der erfreulichsten -Fortschritte zur Lösung der Welträtsel müssen wir es begrüßen, -daß in neuerer Zeit immer mehr die beiden einzigen dazu führenden -Wege: =Erfahrung und Denken= (oder =Empirie und Spekulation=) als -gleichberechtigte und sich gegenseitig ergänzende Erkenntnismethoden -anerkannt worden sind. Die Philosophen haben allmählich eingesehen, -daß die reine Spekulation zur wahren Erkenntnis nicht ausreicht. Und -ebenso haben sich anderseits die Naturforscher überzeugt, daß die -bloße Erfahrung für die Bildung einer realen Weltanschauung ungenügend -ist. Die zwei großen Erkenntniswege, die sinnliche Erfahrung und das -vernünftige Denken, sind =zwei verschiedene Gehirnfunktionen=; die -erstere wird durch die Sinnesorgane und die zentralen Sinnesherde, -die letztere durch die dazwischen liegenden Denkherde, die großen -»Assozionszentren der Großhirnrinde« vermittelt. (Vergl. Kapitel 7 -und 10.) Erst durch die vereinigte Tätigkeit beider entsteht wahre -Erkenntnis. Allerdings gibt es auch heute noch Philosophen, welche -die Welt bloß aus ihrem Kopfe konstruieren wollen, und welche die -empirische Naturerkenntnis schon deshalb verschmähen, weil sie die -wirkliche Welt nicht kennen. Anderseits behaupten auch heute noch -manche Naturforscher, daß die einzige Aufgabe der Wissenschaft -das »tatsächliche Wissen, die objektive Erforschung der einzelnen -Naturerscheinungen sei«; das »Zeitalter der Philosophie« sei vorüber, -und an ihre Stelle sei die Naturwissenschaft getreten (=Virchow= 1893). -Diese einseitige Überschätzung der Empirie ist ein ebenso gefährlicher -Irrtum wie jene entgegengesetzte der Spekulation. Beide Erkenntniswege -sind sich gegenseitig unentbehrlich. Die größten Triumphe der -modernen Naturforschung, die Zellentheorie und die Wärmetheorie, die -Entwickelungstheorie und das Substanzgesetz, sind =philosophische -Taten=, aber nicht Ergebnisse der reinen =Spekulation=, sondern der -vorausgegangenen, ausgedehntesten und gründlichsten =Empirie=. - -_Dualismus und Monismus._ Alle verschiedenen Richtungen der Philosophie -lassen sich, vom heutigen Standpunkte der Naturwissenschaft beurteilt, -in zwei entgegengesetzte Reihen bringen, einerseits die =dualistische= -oder zwiespältige, anderseits die =monistische= oder einheitliche -Weltanschauung. Der =Dualismus= (im weitesten Sinne!) zerlegt das -Universum in zwei ganz verschiedene Substanzen, die materielle Welt und -den immateriellen Gott, der ihr als Schöpfer, Erhalter und Regierer -gegenübersteht. Der =Monismus= hingegen (ebenfalls im weitesten Sinne -begriffen!) erkennt im Universum nur eine einzige Substanz, die »Gott -und Natur« zugleich ist; Körper und Geist (oder Materie und Energie) -sind für sie untrennbar verbunden. Der außerweltliche »persönliche« -Gott des Dualismus führt zum =Theismus=, der innerweltliche Gott des -Monismus zum =Pantheismus=. - -_Materialismus und Spiritualismus._ Sehr häufig werden auch heute -noch die verschiedenen Begriffe =Monismus= und =Materialismus= und -ebenso die wesentlich verschiedenen Richtungen des theoretischen und -des praktischen Materialismus verwechselt. Da diese und ähnliche -Begriffsverwirrungen zahlreiche Irrtümer veranlassen, wollen wir zur -Vermeidung aller Mißverständnisse nur kurz noch folgendes bemerken: -~I~. Unser =reiner Monismus= ist weder mit jenem =Materialismus= -identisch, welcher den Geist leugnet und die Welt in eine Summe von -toten Atomen auflöst, noch mit dem theoretischen =Spiritualismus= -(neuerdings als =Energetik= bezeichnet), welcher die Materie leugnet -und die Welt nur als eine räumlich geordnete Gruppe von bloßen -Empfindungen und Vorstellungen (oder von Energien oder immateriellen -Naturkräften) betrachtet. ~II~. Vielmehr sind wir mit =Goethe= der -festen Überzeugung, daß »die Materie nie ohne Geist, der Geist nie -ohne Materie existiert und wirksam sein kann«. Wir halten fest an -der monistischen Auffassung von =Spinoza=: =Die Materie=, als die -unendlich ausgedehnte Substanz, und der =Geist= (oder die Energie), als -die empfindende oder denkende Substanz, sind die beiden =Attribute= -oder Grundeigenschaften des allumfassenden göttlichen Weltwesens, der -universalen =Substanz=. (Vergl. Kapitel 12.) - - - - -=Zweites Kapitel.= - -_Unser Körperbau._ - - Monistische Studien über menschliche und vergleichende Anatomie. - Übereinstimmung in der gröberen und feineren Organisation des Menschen - und der Säugetiere. - - -Alle biologischen Untersuchungen, alle Forschungen über die Gestaltung -und Lebenstätigkeit der Organismen haben zunächst den sichtbaren Körper -ins Auge zu fassen, an welchem uns die betreffenden morphologischen und -physiologischen Erscheinungen entgegentreten. Dieser Grundsatz gilt -ebenso für den =Menschen= wie für alle anderen belebten Naturkörper. -Dabei darf sich die Untersuchung nicht mit der Betrachtung der äußeren -Gestalt begnügen, sondern sie muß in das Innere derselben eindringen -und ihre Zusammensetzung aus den gröberen und feineren Bestandteilen -erforschen. Die Wissenschaft, welche diese grundlegende Untersuchung im -weitesten Umfange auszuführen hat, ist die =Anatomie=. - -_Menschliche Anatomie._ Die erste Anregung zur Erkenntnis des -menschlichen Körperbaues ging naturgemäß von der Heilkunde aus. Da -diese bei den ältesten Kulturvölkern gewöhnlich von den Priestern -ausgeübt wurde, dürfen wir annehmen, daß diese höchsten Vertreter der -damaligen Bildung schon im zweiten Jahrtausend vor Christo und früher -über ein gewisses Maß von anatomischen Kenntnissen verfügten. Aber -genauere Erfahrungen, gewonnen durch die Zergliederung von Säugetieren -und von diesen übertragen auf den Menschen, finden wir erst bei den -Griechen, von denen =Hippokrates= lange als vorzüglichste Autorität -galt. Nach ihm erscheint nur noch ein bedeutender Anatom im Altertum, -der Arzt =Claudius Galenus=. Alle diese älteren Anatomen erwarben -ihre Kenntnisse zum größten Teile nicht durch die Untersuchung des -menschlichen Körpers selbst -- die damals noch streng verboten war! --, -sondern durch diejenige der menschenähnlichsten Säugetiere, besonders -der =Affen=; sie waren also alle eigentlich schon »=vergleichende= -Anatomen«. - -Das Emporblühen des =Christentums= und der damit verknüpften -mystischen Weltanschauung bereitete der Anatomie, wie allen anderen -Naturwissenschaften, den Niedergang. Die römischen =Päpste= waren -vor allem bestrebt, die Menschheit in =Unwissenheit= und in blindem -Aberglauben zu erhalten; sie hielten die Kenntnis des menschlichen -Organismus mit Recht für ein gefährliches Mittel der Aufklärung -über unser wahres Wesen. Während des langen Zeitraums von dreizehn -Jahrhunderten blieben die Schriften des =Galenus= fast die einzige -Quelle für die menschliche Anatomie, ebenso wie diejenigen des -=Aristoteles= für die gesamte Naturgeschichte. Erst als im sechzehnten -Jahrhundert n. Chr. durch die =Reformation= die geistige Weltherrschaft -des Papismus gebrochen und durch das neue Weltsystem des =Kopernikus= -die eng damit verknüpfte geozentrische Weltanschauung zerstört wurde, -begann auch für die Erkenntnis des menschlichen Körpers eine neue -Periode des Aufschwungs. Die großen Anatomen =Vesalius=, =Eustachius= -und =Fallopius= förderten durch eigene gründliche Untersuchungen die -genaue Kenntnis unseres Körperbaues so sehr, daß ihren zahlreichen -Nachfolgern bezüglich der gröberen Verhältnisse hauptsächlich nur -Einzelheiten festzustellen übrigblieben. Der ebenso kühne wie -geistreiche =Andreas Vesalius= ging bahnbrechend allen voran; er -vollendete schon in seinem 28. Lebensjahre das große, einheitlich -durchgeführte Werk »~De humani corporis fabrica~« (1543) und gab -der ganzen menschlichen Anatomie eine neue, selbständige Richtung und -sichere Grundlage. - -_Vergleichende Anatomie._ Die Verdienste, welche das neunzehnte -Jahrhundert sich um die Erkenntnis des menschlichen Körperbaues -erworben hat, bestehen vor allem in dem Ausbau von zwei neuen, überaus -wichtigen Forschungsrichtungen, der »=vergleichenden Anatomie=« und -der »=Gewebelehre=« oder der »mikroskopischen Anatomie«. Die erstere -war allerdings schon von Anfang an mit der menschlichen Anatomie -eng verknüpft gewesen; denn diese wurde solange durch die erstere -ersetzt, als die Sektion menschlicher Leichen für ein todeswürdiges -Verbrechen galt -- und das war selbst noch im 15. Jahrhundert der -Fall! Aber die zahlreichen Anatomen der folgenden drei Jahrhunderte -beschränkten sich größtenteils auf die genaue Untersuchung des -menschlichen Organismus. Diejenige hochentwickelte Disziplin, die wir -heute vergleichende Anatomie nennen, wurde erst im Jahre 1803 geboren, -als der große französische Zoologe =George Cuvier= seine grundlegenden -»~Leçons sur l'Anatomie comparée~« herausgab und darin zum ersten -Male bestimmte Gesetze über den Körperbau des Menschen und der Tiere -festzustellen suchte. Während seine Vorläufer -- unter ihnen auch -=Goethe= 1790 -- hauptsächlich nur das Knochengerüst des Menschen mit -demjenigen der übrigen Säugetiere eingehend verglichen hatten, umfaßte -=Cuviers= weiter Blick die Gesamtheit der tierischen Organisation; -er unterschied in derselben vier große, voneinander unabhängige -Hauptformen oder =Typen=: Wirbeltiere, Gliedertiere, Weichtiere und -Strahltiere. Für die »Frage aller Fragen« war dieser Fortschritt -insofern epochemachend, als damit klar die Zugehörigkeit des Menschen -zum Typus der =Wirbeltiere= -- sowie seine Grundverschiedenheit von -allen anderen Typen -- ausgesprochen war. Allerdings hatte schon der -scharfblickende Linné in seinem ersten »~Systema naturae~« (1735) -dem Menschen definitiv seinen Platz in der Klasse der =Säugetiere= -angewiesen; er vereinigte sogar in der Ordnung der =Herrentiere= die -drei Gruppen der Halbaffen, Affen und Menschen. Aber es fehlte diesem -kühnen systematischen Griffe noch jene tiefere empirische Begründung -durch die vergleichende Anatomie, die erst =Cuvier= herbeiführte. -Diese fand ihre weitere Ausführung durch die großen vergleichenden -Anatomen des 19. Jahrhunderts, durch =Friedrich Meckel=, =Johannes -Müller=, =Richard Owen=, =Thomas Huxley= und =Carl Gegenbaur=. Indem -dieser letztere in seinen Grundzügen der vergleichenden Anatomie (1870) -zum ersten Male die durch =Darwin= neu begründete Abstammungslehre -auf jene Wissenschaft anwandte, erhob er sie zum ersten Range unter -den biologischen Disziplinen. Seine »Vergleichende Anatomie der -Wirbeltiere« (1898) legte den unerschütterlichen Grund fest, auf -welchem sich unsere Überzeugung von der Wirbeltiernatur des Menschen -nach allen Richtungen hin klar beweisen läßt. - -=Gewebelehre= (~Histologie~) und =Zellenlehre= (~Cytologie~). In -ganz anderer Richtung als die vergleichende entwickelte sich im Laufe -des 19. Jahrhunderts die =mikroskopische Anatomie=. Schon im Anfange -desselben (1802) unternahm ein französischer Arzt, =Bichat=, den -Versuch, mittels des Mikroskops die Organe des menschlichen Körpers in -ihre einzelnen feineren Bestandteile zu zerlegen und die Beziehungen -dieser verschiedenen =Gewebe= festzustellen. Aber dieser erste Versuch -führte nicht weit, da ihm das gemeinsame Element für die zahlreichen, -verschiedenen Gewebe unbekannt blieb. Dies wurde erst 1838 für die -Pflanzen in der =Zelle= von =Matthias Schleiden= entdeckt und gleich -darauf auch für die Tiere von =Theodor Schwann= nachgewiesen. =Albert -Kölliker= und =Rudolf Virchow= führten dann im sechsten Dezennium -des 19. Jahrhunderts die =Zellentheorie= und die darauf gegründete -Gewebelehre für den gesunden und kranken Organismus des Menschen im -einzelnen durch; sie wiesen nach, daß auch im Menschen, wie in allen -anderen Tieren, alle Gewebe sich aus den gleichen mikroskopischen -Formbestandteilen, den einfachen =Zellen=, zusammensetzen, und daß -diese »Elementar-Organismen« die wahren, selbsttätigen Staatsbürger -sind, die, zu Milliarden vereinigt, unseren Körper, den »Zellenstaat«, -aufbauen. Alle diese Zellen entstehen durch oft wiederholte Teilung -aus einer einzigen, einfachen Zelle, aus der »=Stammzelle=« oder -»befruchteten Eizelle« (~Cytula~). Die allgemeine Struktur und -Zusammensetzung der Gewebe ist beim Menschen dieselbe wie bei den -übrigen Wirbeltieren. Unter diesen zeichnen sich die Säugetiere, die -jüngste und höchst entwickelte Klasse, durch gewisse besondere, spät -erworbene Eigentümlichkeiten aus. So ist z. B. die mikroskopische -Bildung der Haare, der Hautdrüsen, der Milchdrüsen, der Blutzellen bei -den Säugetieren ganz eigentümlich und verschieden von derjenigen der -übrigen Wirbeltiere; der =Mensch= ist auch in allen diesen feinsten -histologischen Beziehungen ein =echtes Säugetier=. - -_Wirbeltiernatur des Menschen._ Unser gesamter Körperbau zeigt -sowohl in der gröberen als in der feineren Zusammensetzung den -charakteristischen Typus der =Wirbeltiere= (~Vertebrata~). Diese -höchst entwickelte Hauptgruppe des Tierreichs wurde in ihrer -natürlichen Einheit zuerst 1801 von dem großen =Lamarck= erkannt; er -faßte unter diesem Begriffe die vier höheren Tierklassen von =Linné= -zusammen: Säugetiere, Vögel, Amphibien und Fische. Die beiden niederen -Klassen: Insekten und Würmer, stellte er jenen als »=Wirbellose=« -(~Invertebrata~) gegenüber. =Cuvier= bestätigte (1812) die -Einheit des Vertebratentypus und begründete sie fester durch seine -vergleichende Anatomie. In der Tat stimmen alle Wirbeltiere, von den -Fischen aufwärts bis zum Menschen, in allen wesentlichen Hauptmerkmalen -überein; sie besitzen alle ein festes inneres Skelett, Knorpel- und -Knochengerüst, und dieses besteht überall aus einer Wirbelsäule und -einem Schädel; die verwickelte Zusammensetzung des letzteren ist zwar -im einzelnen sehr mannigfaltig, aber im allgemeinen stets auf dieselbe -Urform zurückzuführen. Ferner liegt bei allen Wirbeltieren auf der -Rückenseite dieses Achsenskeletts das »Seelenorgan«, das zentrale -Nervensystem, in Gestalt eines Rückenmarks und eines Gehirns. Auch von -diesem wichtigen =Gehirn= gilt dasselbe wie von der es umschließenden -Knochenkapsel, dem =Schädel=; im einzelnen ist seine Ausbildung und -Größe höchst mannigfaltig abgestuft; im großen und ganzen bleibt die -charakteristische Zusammensetzung dieselbe. - -Die gleiche Erscheinung zeigt sich auch, wenn wir die übrigen Organe -unseres Körpers mit denen der anderen Wirbeltiere vergleichen: -überall bleibt infolge von =Vererbung= die ursprüngliche Anlage und -die relative Lagerung der Organe dieselbe, obgleich die Größe und -Ausbildung der einzelnen Teile höchst mannigfaltig sich sondert, -entsprechend der =Anpassung= an sehr verschiedene Lebensbedingungen. -So sehen wir, daß überall das Blut in zwei Hauptröhren kreist, von -denen die eine (Aorta) über dem Darm, die andere (Prinzipalvene) unter -dem Darm verläuft, und daß durch Erweiterung der letzteren an einer -ganz bestimmten Stelle das =Herz= entsteht; dieses »Ventralherz« -ist für alle Wirbeltiere ebenso charakteristisch wie umgekehrt das -Rückengefäß oder »Dorsalherz« für die Gliedertiere und Weichtiere. -Nicht minder eigentümlich ist bei allen Vertebraten die frühzeitige -Scheidung des Darmrohres in einen zur Atmung dienenden =Kopfdarm= (oder -»Kiemendarm«) und einen die Verdauung bewirkenden =Rumpfdarm= mit der -Leber (daher »Leberdarm«); ferner die Gliederung des Muskelsystems, die -besondere Bildung der Harn- und Geschlechtsorgane usw. In allen diesen -anatomischen Beziehungen ist =der Mensch ein echtes Wirbeltier=. - -_Tetrapodennatur des Menschen._ Mit der Bezeichnung =Vierfüßler= -(~Tetrapoda~) hatte schon =Aristoteles= alle jene höheren, -blutführenden Tiere belegt, welche sich durch den Besitz von zwei -Beinpaaren auszeichnen. Später wurde dieser Begriff erweitert, nachdem -=Cuvier= gezeigt hatte, daß auch die »zweibeinigen« Vögel und Menschen -eigentlich Vierfüßler sind; er wies nach, daß das innere Knochengerüst -der vier Beine bei allen höheren landbewohnenden Wirbeltieren, von den -Amphibien aufwärts bis zum Menschen, ursprünglich in gleicher Weise aus -einer bestimmten Zahl von Gliedern zusammengesetzt ist. Auch die »Arme« -des Menschen, die »Flügel« der Fledermäuse und Vögel zeigen denselben -typischen Skelettbau wie die »Vorderbeine« der laufenden, eigentlich -vierfüßigen Tiere. - -Diese =anatomische Einheit= des verwickelten Knochengerüstes in den -vier Gliedmaßen aller Tetrapoden ist =sehr wichtig=. Um sich wirklich -davon zu überzeugen, braucht man bloß das Skelett eines Salamanders -oder Frosches mit demjenigen eines Affen oder Menschen aufmerksam zu -vergleichen. Da sieht man sofort, daß vorn der Schultergürtel und -hinten der Beckengürtel aus denselben Hauptstücken zusammengesetzt -ist wie bei den übrigen »Vierfüßlern«. Überall sehen wir, daß das erste -Glied des eigentlichen Beines nur einen einzigen starken Röhrenknochen -enthält (vorn den Oberarm, hinten den Oberschenkel); dagegen wird das -zweite Glied ursprünglich stets durch zwei Knochen gestützt (vorn -Ellbogen und Speiche, hinten Wadenbein und Schienbein). Vergleichen wir -dann weiter den verwickelten Bau des eigentlichen Fußes, so überrascht -uns die Wahrnehmung, daß die zahlreichen, denselben zusammensetzenden, -kleinen Knochen ebenfalls überall ähnlich angeordnet und gesondert -sind; vorn entsprechen sich in allen Klassen der Tetrapoden die drei -Knochengruppen des Vorderfußes (oder der »Hand«): ~I~. Handwurzel, -~II~. Mittelhand und ~III~. fünf Finger; ebenso hinten die drei -Knochengruppen des Hinterfußes: ~I~. Fußwurzel, ~II~. Mittelfuß -und ~III~. fünf Zehen. Sehr schwierig war die Aufgabe, alte diese -zahlreichen kleinen Knochen, die im einzelnen höchst mannigfaltig -gestaltet und umgebildet, teilweise oft verschmolzen oder verschwunden -sind, auf eine und dieselbe Urform zurückzuführen, sowie die -Gleichwertigkeit der einzelnen Teile überall festzustellen. Diese -wichtige Aufgabe wurde erst vollständig von =Carl Gegenbaur= gelöst. -Er zeigte in seinen »Untersuchungen zur vergleichenden Anatomie -der Wirbeltiere« (1864), wie diese charakteristische »fünfzehige -Beinform« der landbewohnenden Vierfüßler ursprünglich (erst in der -Steinkohlenperiode) aus der vielstrahligen »Flosse« (Brustflosse -oder Bauchflosse) der älteren, wasserbewohnenden Fische entstanden -ist. In gleicher Weise leitete er in seinen »Untersuchungen über das -Kopfskelett der Wirbeltiere« (1872) den jüngeren Schädel der Tetrapoden -aus der älteren Schädelform der Fische ab. - -Besonders bemerkenswert ist noch, daß die ursprüngliche, zuerst bei -den alten Amphibien der Steinkohlenzeit entstandene =Fünfzahl der -Zehen= an allen vier Füßen sich infolge strenger =Vererbung= noch beim -Menschen bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Selbstverständlich -ist dementsprechend auch die typische Bildung der Gelenke und Bänder, -der Muskeln und Nerven der zwei Beinpaare, in der Hauptsache dieselbe -geblieben wie bei den übrigen »Vierfüßlern«; auch in diesen =wichtigen -Beziehungen ist der Mensch ein echter Tetrapode=. - -_Säugetiernatur des Menschen._ Die Säugetiere (~Mammalia~) bilden -die jüngste und höchst entwickelte Klasse der Wirbeltiere. Sie sind -zwar ebenso wie die Vögel und Reptilien aus der älteren Klasse der -=Amphibien= abzuleiten; sie unterscheiden sich aber von allen diesen -anderen Tetrapoden durch eine Anzahl von sehr auffallenden anatomischen -Merkmalen. Äußerlich tritt vor allem die =Haarbedeckung= der Haut -hervor, sowie der Besitz von zweierlei Hautdrüsen: Schweißdrüsen -und Talgdrüsen. Aus einer lokalen Umbildung dieser Drüsen an der -Bauchhaut entstand dasjenige Organ, welches für die Klasse besonders -charakteristisch ist und ihr den Namen gegeben hat, das »=Gesäuge=«. -Dieses wichtige Werkzeug der Brutpflege ist zusammengesetzt aus -den =Milchdrüsen= (~Mammae~) und den »Mammar-Taschen« (Falten -der Bauchhaut); durch ihre Fortbildung entstanden die Zitzen oder -»=Milchwarzen=« aus denen das junge Säugetier die Milch seiner Mutter -saugt. Im inneren Körperbau ist besonders bemerkenswert der Besitz -eines vollständigen =Zwerchfells=, einer muskulösen Scheidewand, welche -bei allen Säugetieren die Brusthöhle von der Bauchhöhle gänzlich -abschließt; bei allen übrigen Wirbeltieren fehlt diese Trennung. -Durch eine Anzahl von merkwürdigen Umbildungen zeichnet sich auch der -=Schädel= der Mammalien aus, besonders der Bau des Kieferapparates -(Oberkiefer, Unterkiefer und Gehörknochen). Aber auch das Gehirn, -das Geruchsorgan, das Herz, die Lungen, die inneren und äußeren -Geschlechtsorgane, die Nieren und andere Körperteile zeigen bei den -Säugetieren besondere Eigentümlichkeiten im gröberen und feineren Bau; -diese alle vereinigt weisen unzweideutig auf eine frühzeitige Trennung -derselben von den älteren Stammgruppen der Reptilien und Amphibien hin, -welche =spätestens in der Trias-Periode= stattgefunden hat. In allen -diesen wichtigen Beziehungen ist =der Mensch ein echtes Säugetier=. - -_Plazentaliennatur des Menschen._ Die zahlreichen Ordnungen, welche -die moderne systematische Zoologie in der Klasse der Säugetiere -unterscheidet, werden schon seit 1816 in drei natürliche Hauptgruppen -geordnet, welchen man den Wert von Unterklassen zuspricht: ~I~. -=Gabeltiere= (~Monotrema~), ~II~. =Beuteltiere= (~Marsupialia~) -und ~III~. =Zottentiere= (~Placentalia~). Diese drei Unterklassen -unterscheiden sich nicht nur in wichtigen Verhältnissen des Körperbaues -und der Entwickelung, sondern entsprechen auch drei verschiedenen -=historischen Bildungsstufen= der Klasse, wie wir später sehen werden. -Auf die älteste Gruppe, die =Monotremen= der Triasperiode, sind in -der Jurazeit die =Marsupialien= gefolgt, und auf diese erst in der -Kreideperiode die =Plazentalien=. Zu dieser jüngsten Unterklasse -gehört auch der Mensch; denn er zeigt in seiner Organisation alle -die Eigentümlichkeiten, durch welche sich sämtliche Zottentiere von -den Beuteltieren und den noch älteren Gabeltieren unterscheiden. -In erster Linie gehört dahin das eigentümliche Organ, welches der -Plazentaliengruppe ihren Namen gegeben hat, der =Mutterkuchen= -(~Placenta~). Dasselbe dient dem jungen, im Mutterleibe noch -eingeschlossenen Säugetier-Embryo längere Zeit zur Ernährung; es -besteht in blutführenden =Zotten=, welche von der Zottenhaut der -Keimhülle auswachsen und in entsprechende Grübchen der Schleimhaut -des mütterlichen Fruchtbehälters eindringen; hier wird die zarte -Haut zwischen beiden Gebilden so sehr verdünnt, daß unmittelbar die -ernährenden Stoffe aus dem mütterlichen Blute durch dieselbe hindurch -in das kindliche Blut übertreten können. Diese vortreffliche, erst -spät entstandene Ernährungsart des Keimes ermöglicht demselben einen -längeren Aufenthalt und eine weitere Ausbildung in der schützenden -Gebärmutter; sie fehlt noch den beiden älteren Unterklassen der -Beuteltiere und Gabeltiere. Aber auch durch andere anatomische -Merkmale, insbesondere die höhere Ausbildung des Gehirns und den -Verlust der Beutelknochen, erheben sich die Zottentiere über die -letzteren. In allen diesen wichtigen Beziehungen ist =der Mensch ein -echtes Zottentier=. - -_Primatennatur des Menschen._ Die formenreiche Subklasse der -Placentaltiere wird neuerdings in eine große Zahl von =Ordnungen= -geteilt. Als ihre wichtigsten Vertreter in der Gegenwart führen wir -hier nur die Nagetiere, Huftiere, Raubtiere und Herrentiere an. Zur -Legion der =Herrentiere= (~Primates~) gehören die drei Ordnungen -der Halbaffen, der echten Affen und der Menschen. Alle Angehörigen -dieser drei Ordnungen stimmen in vielen wichtigen Eigentümlichkeiten -überein und unterscheiden sich dadurch von den übrigen Ordnungen -der Zottentiere. Besonders zeichnen sie sich durch lange Beine aus, -welche ursprünglich der kletternden Lebensweise auf Bäumen angepaßt -sind. Hände und Füße sind fünfzehig und die langen Finger vortrefflich -zum Greifen und zum Umfassen der Baumzweige geeignet; sie tragen -entweder teilweise oder sämtlich Nägel (keine Krallen). Das Gebiß ist -vollständig, aus allen vier Zahngruppen zusammengesetzt (Schneidezähne, -Eckzähne, Lückenzähne, Backenzähne). Auch durch wichtige -Eigentümlichkeiten im besonderen Bau des Schädels und des Gehirns -unterscheiden sich die Herrentiere von den übrigen Zottentieren, und -zwar um so auffälliger, je höher sie ausgebildet, je später sie in der -Erdgeschichte aufgetreten sind. In allen diesen wichtigen anatomischen -Beziehungen stimmt unser menschlicher Organismus mit demjenigen der -übrigen =Primaten= überein: =der Mensch ist ein echtes Herrentier.= - -_Affennatur des Menschen._ Eine unbefangene gründliche Vergleichung -des Körperbaues der Primaten läßt zunächst in dieser höchst -entwickelten Säugetierlegion zwei Ordnungen unterscheiden: =Halbaffen= -(~Prosimiae~) und =Affen= (~Simiae~). Die ersteren erscheinen -in jeder Beziehung als die niedere und ältere, die letzteren als -die höhere und jüngere Ordnung. Die Gebärmutter der Halbaffen ist -noch doppelt oder zweihörnig, wie bei allen übrigen Säugetieren; -bei den Affen dagegen sind rechter und linker Fruchtbehälter völlig -verschmolzen; sie bilden einen =birnförmigen Uterus=, wie ihn außerdem -nur der Mensch besitzt. Wie bei diesem, so ist auch bei den Affen am -Schädel die Augenhöhle von der Schläfengrube durch eine knöcherne -Scheidewand vollständig getrennt; bei den Halbaffen ist diese noch -gar nicht oder nur unvollständig ausgebildet. Endlich ist bei den -Halbaffen das große Gehirn noch glatt oder nur schwach gefurcht und -verhältnismäßig klein; bei den Affen ist es viel größer, und besonders -der graue Hirnmantel, das Organ der höheren Seelentätigkeiten, ist viel -besser entwickelt; an seiner Oberfläche sind die charakteristischen -Windungen und Furchen um so mehr ausgeprägt, je mehr er sich dem -Menschen nähert. In diesen und anderen wichtigen Beziehungen, besonders -auch in der Bildung des Gesichts und der Hände, zeigt der =Mensch alle -anatomischen Merkmale der echten Affen=. - -_Katarrhinennatur des Menschen._ Die formenreiche Ordnung der Affen -wurde schon 1812 von =Géoffroy= in zwei natürliche Unterordnungen -geteilt, die noch heute allgemein in der systematischen Zoologie -angenommen sind: Westaffen und Ostaffen; erstere bewohnen -ausschließlich die westliche, letztere die östliche Erdhälfte. Die -amerikanischen =Westaffen= heißen »=Plattnasen=« (~Platyrrhinae~), -weil ihre Nase plattgedrückt, die Nasenlöcher seitlich gerichtet und -deren Scheidewand breit ist. Dagegen sind die =Ostaffen=, welche -die Alte Welt bewohnen, sämtlich »=Schmalnasen=« (~Catarrhinae~); -ihre Nasenlöcher sind wie beim Menschen nach unten gerichtet, da -ihre Scheidewand schmal ist. Ein weiterer Unterschied beider Gruppen -besteht darin, daß das Trommelfell bei den Westaffen oberflächlich, -dagegen bei den Ostaffen tiefer, im Innern des Felsenbeins liegt; -hier hat sich ein langer und enger knöcherner Gehörgang entwickelt, -während dieser bei den Westaffen noch kurz und weit ist oder selbst -ganz fehlt. Endlich zeigt sich ein sehr wichtiger und durchgreifender -Gegensatz beider Gruppen darin, daß alle Katarrhinen die Gebißbildung -des Menschen besitzen, nämlich 20 Milchzähne und 32 bleibende Zähne -(in jeder Kieferhälfte 2 Schneidezähne, 1 Eckzahn, 2 Lückenzähne und -3 Mahlzähne). Die Platyrrhinen dagegen zeigen in jeder Kieferhälfte -einen Lückenzahn mehr, also im ganzen 36 Zähne. Da diese anatomischen -Unterschiede beider Affengruppen ganz allgemein und durchgreifend sind, -und da sie mit der geographischen Verbreitung in den beiden getrennten -Hemisphären der Erde zusammenstimmen, ergibt sich daraus die -Berechtigung ihrer scharfen systematischen Trennung; weiterhin knüpft -sich daran die phylogenetische Folgerung, daß seit sehr langer -Zeit sich beide Unterordnungen in der westlichen und östlichen -Hemisphäre getrennt von einander entwickelt haben. Das ist für die -Stammesgeschichte unsere Geschlechts überaus wichtig; denn der Mensch -teilt alle Merkmale der =echten Katarrhinen=; er hat sich aus älteren -ausgestorbenen Affen dieser Unterordnung in der Alten Welt entwickelt. - -_Anthropomorphengruppe._ Die zahlreichen Formen der Ostaffen, -welche noch heute in Asien und Afrika leben, werden schon seit -langer Zeit in zwei natürliche Sektionen geteilt: die geschwänzten -=Hundsaffen= (~Cynopitheca~) und die schwanzlosen =Menschenaffen= -(~Anthropomorpha~). Diese letzteren stehen dem Menschen viel näher -als die ersteren, nicht nur in dem Mangel des Schwanzes und in der -allgemeinen Gestaltung des Körpers (besonders des Kopfes), sondern auch -durch besondere Merkmale, die an sich unbedeutend, aber wegen ihrer -Beständigkeit wichtig sind. Das Kreuzbein ist bei den Menschenaffen, -wie beim Menschen, aus fünf verschmolzenen Wirbeln zusammengesetzt, -dagegen bei den Hundsaffen nur aus drei (seltener vier) Kreuzwirbeln. -Im Gebiß der =Cynopitheken= sind die Lückenzähne länger als breit, -in demjenigen der =Anthropomorphen= breiter als lang; und der erste -Mahlzahn zeigt bei den ersteren vier, bei den letzteren dagegen fünf -Höcker. Ferner ist im Unterkiefer jederseits bei den Menschenaffen, wie -beim Menschen, der äußere Schneidezahn breiter als der innere, bei den -Hundsaffen umgekehrt schmäler. Endlich ist von besonderer Bedeutung -die wichtige Tatsache, daß die Menschenaffen mit dem Menschen auch die -eigentümlichen feineren Bildungsverhältnisse seiner scheibenförmigen -~Placenta~, der ~Docidua reflexa~ und des Bauchstiels teilen -(vergl. Kap. 4). Übrigens ergibt schon die oberflächliche Vergleichung -der Körperform der heute noch lebenden Menschenaffen, daß sowohl -die asiatischen Vertreter dieser Gruppe (Orang und Gibbon), als -die afrikanischen Vertreter (Gorilla und Schimpanse) dem Menschen -im gesamten Körperbau näher stehen als sämtliche Hundsaffen. Unter -diesen letzteren stehen namentlich die hundsköpfigen =Papstaffen= -(~Papiomorpha~), die Paviane und Meerkatzen, auf einer sehr tiefen -Bildungsstufe. Der anatomische Unterschied zwischen diesen rohen -Papstaffen und den höchst entwickelten Menschenaffen ist in jeder -Beziehung größer als derjenige zwischen den letzteren und dem Menschen. - -Die vergleichende Anatomie ergibt somit für den unbefangenen und -kritischen Forscher die bedeutungsvolle Tatsache, daß der Körperbau des -Menschen und der Menschenaffen nicht nur im höchsten Grade ähnlich, -sondern in allen wesentlichen Beziehungen derselbe ist. Dieselben -200 Knochen, in der gleichen Anordnung und Zusammensetzung, bilden -unser inneres Knochengerüst; dieselben 300 Muskeln bewirken unsere -Bewegungen; dieselben Haare bedecken unsere Haut; dieselben Gruppen -von Seelenzellen setzen den kunstvollen Wunderbau unseres Gehirns -zusammen; dasselbe vierkammerige Herz ist das zentrale Pumpwerk unseres -Blutkreislaufs; dieselben 32 Zähne setzen in der gleichen Anordnung -unser Gebiß zusammen; dieselben Speicheldrüsen, Leber- und Darmdrüsen -vermitteln unsere Verdauung; dieselben Organe der Fortpflanzung -ermöglichen die Erhaltung unseres Geschlechts. - -Allerdings finden wir bei genauer Vergleichung gewisse Unterschiede in -der =Größe= und =Gestalt= der meisten Organe zwischen dem Menschen und -Menschenaffen; allein dieselben oder ähnliche Unterschiede entdecken -wir auch bei der sorgfältigen Vergleichung der höheren und niederen -Menschenrassen, ja sogar bei der exakten Vergleichung aller einzelnen -Individuen unserer eigenen Rasse. Wir finden nicht zwei Personen, -welche ganz genau dieselbe Größe und Form der Nase, der Ohren, der -Augen usw. haben. Man braucht bloß aufmerksam in einer größeren -Gesellschaft diese einzelnen Teile der menschlichen =Gesichtsbildung= -bei zahlreichen Personen zu vergleichen, um sich von der erstaunlichen -Mannigfaltigkeit in deren spezieller Gestaltung zu überzeugen. Oft sind -ja bekanntlich selbst Geschwister von so verschiedener Körperbildung, -daß ihre Abstammung von einem und demselben Elternpaare kaum glaublich -erscheint. Alle diese =individuellen= Unterschiede beeinträchtigen aber -nicht das Gewicht der =fundamentalen Gleichheit im Körperbau=; denn -sie sind nur bedingt durch geringe Verschiedenheiten im Wachstum der -einzelnen Teile. - - - - -=Drittes Kapitel.= - -_Unser Leben._ - - Monistische Studien über menschliche und vergleichende Physiologie. - Übereinstimmung in allen Lebensfunktionen des Menschen und der - Säugetiere. - - -Unsere Kenntnis vom menschlichen Leben hat sich erst innerhalb des 19. -Jahrhunderts zum Range einer selbständigen, wirklichen =Wissenschaft= -erhoben. Diese »Lehre von den Lebenstätigkeiten«, die =Physiologie=, -hat sich zwar frühzeitig der Heilkunde als eine wünschenswerte, ja -notwendige Vorbedingung für erfolgreiche ärztliche Tätigkeit fühlbar -gemacht, in engem Zusammenhang mit der Anatomie, der Lehre vom -Körperbau. Aber sie konnte erst viel später und langsamer als letztere -gründlich erforscht werden, da sie auf viel größere Schwierigkeiten -stieß. - -Der Begriff des Lebens, im Gegensatz zum Tode, ist natürlich schon -sehr frühzeitig Gegenstand des Nachdenkens gewesen. Man beobachtete -am lebenden Menschen wie an den lebendigen Tieren eine Anzahl von -eigentümlichen Veränderungen, vorzugsweise =Bewegungen=, welche den -»toten« Naturkörpern fehlten: selbständige Ortsbewegung, Herzklopfen, -Atemzüge, Sprache usw. Allein die Unterscheidung solcher »organischen -Bewegungen« von ähnlichen Erscheinungen bei anorganischen Naturkörpern -war nicht leicht und oft verfehlt; das fließende Wasser, die -flackernde Flamme, der wehende Wind, der stürzende Fels zeigten dem -Menschen ganz ähnliche Veränderungen, und es war sehr natürlich, daß -der naive Naturmensch auch diesen »toten Körpern« ein selbständiges -Leben zuschrieb. Von den bewirkenden Ursachen konnte man sich bei den -letzteren ebensowenig befriedigende Rechenschaft geben als bei den -ersteren. - -_Menschliche Physiologie._ Die ältesten wissenschaftlichen -Betrachtungen über das Wesen der menschlichen Lebenstätigkeiten treffen -wir (ebenso wie diejenigen über den Körperbau des Menschen) bei den -griechischen Naturphilosophen und Ärzten im sechsten und fünften -Jahrhundert v. Chr. Die reichste Sammlung von bezüglichen, damals -bekannten Tatsachen finden wir in der Naturgeschichte des =Aristoteles=. - -Der Ruhm, die vorhandenen Kenntnisse einheitlich zusammengefaßt und -den ersten Versuch zu einem System der Physiologie gemacht zu haben, -gebührt dem großen griechischen Arzte =Galenus=, den wir auch als den -ersten großen Anatomen des Altertums kennen gelernt haben. Bei seinen -Untersuchungen über die =Organe= des menschlichen Körpers stellte -er sich beständig auch die Frage nach ihren Lebenstätigkeiten oder -=Funktionen=, und auch hierbei verfuhr er vergleichend und untersuchte -vor allem die menschenähnlichsten Tiere, die =Affen=. Die Erfahrungen, -die er hier gewonnen, übertrug er direkt auf den Menschen. Er erkannte -auch bereits den hohen Wert des physiologischen =Experimentes=: bei -Vivisektion von Affen, Hunden und Schweinen stellte er verschiedene -interessante Versuche an. Die =Vivisektionen= sind neuerdings nicht -nur von unwissenden und beschränkten Leuten, sondern auch von -wissensfeindlichen Theologen und von gefühlsseligen Gemütsmenschen -vielfach auf das heftigste angegriffen worden; sie gehören aber zu -den =unentbehrlichen Methoden= der Lebensforschung und haben uns -unschätzbare Aufschlüsse über die wichtigsten Fragen gegeben. - -Ebenso wie für die Anatomie des Menschen, so blieb auch für seine -Physiologie das System des =Galenus= während des langen Zeitraums -von dreizehn Jahrhunderten die unantastbare Quelle aller Kenntnisse. -Der kulturfeindliche Einfluß des Christentums bereitete auch auf -diesem, wie auf allen anderen Gebieten, der Naturerkenntnis die -unüberwindlichsten Hindernisse. Vom dritten bis zum sechzehnten -Jahrhundert trat kein einziger Forscher auf, der gewagt hätte, -selbständig wieder die Lebenstätigkeiten der Menschen zu untersuchen -und über das System von =Galenus= hinauszugehen. Erst im 16. -Jahrhundert wurden dazu mehrere bescheidene Versuche von angesehenen -Ärzten und Anatomen gemacht. Aber erst im Jahre 1628 veröffentlichte -der englische Arzt =Harvey= seine große Entdeckung des =Blutkreislaufs= -und wies nach, daß das Herz ein Pumpwerk ist, welches durch -regelmäßige, unbewußte Zusammenziehung seiner Muskeln die Blutwelle -unablässig durch das kommunizierende Röhrensystem der Adern oder -Blutgefäße treibt. Nicht minder wichtig waren =Harveys= Untersuchungen -über die Zeugung der Tiere, infolge deren er den berühmten Satz -aufstellte: »Alles Lebendige entwickelt sich aus einem Ei« (~omne -vivum ex ovo~). - -Die mächtige Anregung zu physiologischen Beobachtungen und Versuchen, -welche =Harvey= gegeben hatte, führte im 16. und 17. Jahrhundert -zu einer großen Anzahl von Entdeckungen. Diese faßte der Gelehrte -=Albrecht Haller= um die Mitte des 18. Jahrhunderts zum ersten Male -zusammen; in seinem großen Werke »~Elementa physiologiae~« begründete -er den selbständigen Wert dieser Wissenschaft und nicht nur in ihrer -Beziehung zur praktischen Medizin. Indem aber =Haller= für die -Nerventätigkeit eine besondere »Empfindungskraft oder Sensibilität« -und ebenso für die Muskelbewegung eine besondere »Reizbarkeit oder -Irritabilität« als Ursache annahm, lieferte er mächtige Stützen für die -irrtümliche Lehre von einer eigentümlichen »=Lebenskraft=«. - -_Lebenskraft (Vitalismus)._ Über ein volles Jahrhundert hindurch, -von der Mitte des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, blieb in -der Medizin, und speziell in der Physiologie, die alte Anschauung -herrschend, daß zwar ein Teil der Lebenserscheinungen auf physikalische -und chemische Vorgänge zurückzuführen sei, daß aber ein anderer Teil -derselben durch eine besondere, davon unabhängige =Lebenskraft= -(~Vis vitalis~) bewirkt werde. So verschiedenartig auch die -besonderen Vorstellungen vom Wesen derselben und besonders von ihrem -Zusammenhang mit der »Seele« sich ausbildeten, so stimmten doch alle -darin überein, daß die Lebenskraft von den physikalisch-chemischen -Kräften der gewöhnlichen »Materie« unabhängig und wesentlich -verschieden sei; als eine selbständige, der anorganischen Natur -fehlende »=Urkraft=« sollte sie die ersteren in ihren Dienst nehmen. -Nicht allein die Seelentätigkeit selbst, die Sensibilität der Nerven -und die Irritabilität der Muskeln, sondern auch die Vorgänge der -Sinnestätigkeit, der Fortpflanzung und Entwickelung erschienen -allgemein so wunderbar und in ihren Ursachen so rätselhaft, daß -es unmöglich sei, sie auf einfache physikalische und chemische -Naturprozesse zurückzuführen. - -_Der Mechanismus des Lebens (Monistische Physiologie)._ Schon in -der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts hatte der berühmte Philosoph -=Descartes=, fußend auf =Harveys= Entdeckung des Blutkreislaufs, den -Gedanken ausgesprochen, daß der Körper des Menschen ebenso wie der -Tiere eine komplizierte =Maschine= sei, und daß ihre Bewegungen nach -denselben mechanischen Gesetzen erfolgen wie bei den künstlichen, vom -Menschen für einen bestimmten Zweck gebauten Maschinen. Allerdings -nahm =Descartes= trotzdem für den Menschen allein eine vollkommene -Selbständigkeit der immateriellen Seele an und erklärte sogar deren -subjektive Empfindung, das Denken, für das einzige in der Welt, von -dem wir unmittelbar ganz sichere Kenntnis besitzen (»~Cogito, ergo -sum~!«). Allein dieser Dualismus hinderte ihn nicht, im einzelnen die -Erkenntnis der mechanischen Lebenstätigkeiten vielseitig zu fördern. Im -Anschluß daran führte =Borelli= (1660) die Bewegungen des Tierkörpers -auf rein physikalische Gesetze zurück, und gleichzeitig versuchte -=Sylvius=, die Vorgänge bei der Verdauung und Atmung als rein chemische -Prozesse zu erklären. Allein diese vernünftigen Ansätze zu einer -naturgemäßen, mechanischen Erklärung der Lebenserscheinungen vermochten -keine allgemeine Anwendung und Geltung zu erringen; und im Laufe des -18. Jahrhunderts traten sie ganz zurück, je mehr sich der Vitalismus -entwickelte. Eine endgültige Widerlegung des letzteren und Rückkehr -zur ersteren wurde erst vorbereitet, als im vierten Dezennium des 19. -Jahrhunderts die neue =vergleichende= Physiologie sich zu fruchtbarer -Geltung erhob. - -_Vergleichende Physiologie._ Wie unsere Kenntnisse vom Körperbau -des Menschen, so wurden auch diejenigen von seiner Lebenstätigkeit -ursprünglich größtenteils nicht durch direkte Beobachtung -am menschlichen Organismus selbst gewonnen, sondern an den -nächstverwandten höheren Wirbeltieren, vor allem den =Säugetieren=. -Aber die eigentliche »vergleichende Physiologie«, welche das ganze -Gebiet der Lebenserscheinungen von den niedersten Tieren bis zum -Menschen hinauf im Zusammenhang erfaßt, ist erst eine Errungenschaft -des 19. Jahrhunderts; ihr großer Schöpfer war =Johannes Müller= in -Berlin (1801-1858). Ursprünglich ausgehend von der Anatomie und -Physiologie des Menschen, zog derselbe bald alle Hauptgruppen der -höheren und niederen Tiere in den Kreis seiner Vergleichung. Indem -er zugleich die Bildung der ausgestorbenen Tiere mit den lebenden, -den gesunden Organismus des Menschen mit dem kranken verglich, indem -er wahrhaft philosophisch alle Erscheinungen des organischen Lebens -zusammenzufassen strebte, erhob er sich zu einer bis dahin unerreichten -Höhe der biologischen Erkenntnis. - -Allerdings war =Müller= ursprünglich, gleich allen Physiologen seiner -Zeit, Vitalist. Allein die herrschende Lehre von der Lebenskraft nahm -bei ihm eine neue Form an und verwandelte sich allmählich in ihr -prinzipielles Gegenteil. Denn auf allen Gebieten der Physiologie war -=Müller= bestrebt, die Lebenserscheinungen mechanisch zu erklären; -seine reformierte Lebenskraft steht nicht über den physikalischen -und chemischen Gesetzen der übrigen Natur, sondern sie ist streng -an dieselben =gebunden=; sie ist schließlich weiter nichts als das -»=Leben=« selbst, d. h. die Summe aller Bewegungserscheinungen, die -wir am lebendigen Organismus wahrnehmen. Überall war er bestrebt, -dieselben mechanisch zu erklären, in dem Sinnes- und Seelenleben wie in -der Tätigkeit der Muskeln, in den Vorgängen des Blutkreislaufs, der -Atmung und Verdauung wie in den Erscheinungen der Fortpflanzung und -Entwickelung. Die größten Fortschritte führte hier =Müller= dadurch -herbei, daß er überall von den einfachsten Lebenserscheinungen der -niederen Tiere ausging und Schritt für Schritt ihre allmähliche -Ausbildung zu den höheren, bis zum höchsten, zum Menschen, hinauf -verfolgte. Hier bewährte sich seine Methode der =kritischen -Vergleichung= ebenso in der Physiologie, wie in der Anatomie. - -_Zellularphysiologie._ Unter den zahlreichen Schülern von =Johannes -Müller=, welche teils schon bei seinen Lebzeiten, teils nach seinem -Tode die verschiedenen Zweige der Biologie mächtig förderten, war einer -der glücklichsten =Theodor Schwann=. Als 1838 der geniale Botaniker -=Schleiden= in Jena die =Zelle= als das gemeinsame Elementarorgan der -Pflanzen erkannt und alle verschiedenen Gewebe des Pflanzenkörpers -als zusammengesetzt aus Zellen nachgewiesen hatte, erkannte =Johannes -Müller= sofort die außerordentliche Tragweite dieser bedeutungsvollen -Entdeckung; er versuchte selbst, in verschiedenen Geweben des -Tierkörpers die gleiche Zusammensetzung nachzuweisen, und -veranlaßte sodann seinen Schüler =Schwann=, diesen Nachweis auf alle -tierischen Gewebe auszudehnen. Diese schwierige Aufgabe löste der -letztere glücklich in seinen »Mikroskopischen Untersuchungen über -die Übereinstimmung in der Struktur und dem Wachstum der Tiere und -Pflanzen« (1839). Damit war der Grundstein für die =Zellentheorie= -gelegt, deren Bedeutung ebenso für die Physiologie wie für die Anatomie -seitdem von Jahr zu Jahr zugenommen und sich immer allgemeiner bewährt -hat. Daß auch die Lebenstätigkeit aller Organismen auf diejenige ihrer -Gewebeteile, der mikroskopischen Zellen, zurückgeführt werden müsse, -führten namentlich zwei andere Schüler von =Johannes Müller= aus, -der scharfsinnige Physiologe =Ernst Brücke= in Wien und der berühmte -Histologe =Albert Kölliker= in Würzburg. Der erstere bezeichnete die -Zellen richtig als »=Elementar-Organismen=« und zeigte, daß sie ebenso -im Körper des Menschen wie aller anderen Tiere die selbständig tätigen -Faktoren des Lebens sind. =Kölliker= erwarb sich besondere Verdienste -nicht nur um die Ausbildung der gesamten Gewebelehre, sondern auch -durch den Nachweis, daß das Ei der Tiere, sowie die daraus entstehenden -»Furchungskugeln« einfache Zellen sind. - -So allgemein aber auch die hohe Bedeutung der Zellentheorie für -alle biologischen Aufgaben erkannt wurde, so wurde doch die -darauf gegründete =Zellular-Physiologie= erst in neuester Zeit -selbständig ausgebaut. Hier hat namentlich =Max Verworn= sich ein -doppeltes Verdienst erworben. In seinen »Psychophysiologischen -Protisten-Studien« (1889) hat derselbe auf Grund sinnreicher -experimenteller Untersuchungen gezeigt, daß die von mir (1866) -aufgestellte »=Theorie der Zellseele=« durch das genaue Studium der -einzelligen Protozoen vollkommen gerechtfertigt wird, und daß »die -psychischen Vorgänge im Protistenreiche die Brücke bilden, welche die -chemischen Prozesse in der unorganischen Natur mit dem Seelenleben -der höchsten Tiere verbindet«. Weiter ausgeführt und gestützt auf -die moderne Entwickelungslehre hat =Verworn= diese Ansichten in -seiner »Allgemeinen Physiologie«. Dieses ausgezeichnete Werk geht -zum ersten Male wieder auf den umfassenden Standpunkt von =Johannes -Müller= zurück, im Gegensatze zu den einseitigen und beschränkten -Methoden jener modernen Physiologen, welche glauben, ausschließlich -durch physikalische und chemische Experimente das Wesen der -Lebenserscheinungen ergründen zu können. =Verworn= zeigte, daß nur -durch die =vergleichende= Methode =Müllers= und durch das Vertiefen in -die Physiologie der =Zelle= jener höhere Standpunkt gewonnen werden -kann, der uns einen einheitlichen Überblick über das wundervolle -Gesamtgebiet der Lebenserscheinungen gewährt; nur dadurch gelangen -wir zu der Überzeugung, daß auch die sämtlichen Lebenstätigkeiten des -Menschen denselben Gesetzen der Physik und Chemie unterliegen, wie -diejenigen aller anderen Tiere. - -_Zellularpathologie._ Die grundlegende Bedeutung der Zellentheorie -für alle Zweige der Biologie bewährte sich in der zweiten Hälfte des -19. Jahrhunderts nicht allein in den großartigen Fortschritten der -gesamten Morphologie und Physiologie, sondern auch besonders in der -totalen Reform derjenigen biologischen Wissenschaft, welche vermöge -ihrer Beziehungen zur praktischen Heilkunst von jeher die größte -Bedeutung in Anspruch nahm, der =Pathologie= oder Krankheitslehre. -Daß die Krankheiten des Menschen wie aller übrigen Lebewesen -=Natur=erscheinungen sind und also gleich den übrigen Lebensfunktionen -nur naturwissenschaftlich erforscht werden können, war ja schon vielen -älteren Ärzten zur festen Überzeugung geworden. Auch hatten schon im -17. Jahrhundert einzelne medizinische Schulen den Versuch gemacht, die -Ursachen der Krankheiten auf bestimmte physikalische oder chemische -Veränderungen zurückzuführen. Allein der damalige niedere Zustand -der Naturwissenschaften verhinderte einen bleibenden Erfolg dieser -berechtigten Bestrebungen. Daher blieben mehrere ältere Theorien, die -das Wesen der Krankheit in übernatürlichen oder mystischen Ursachen -suchten, bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts in fast allgemeiner Geltung. - -Erst um diese Zeit hatte =Rudolf Virchow=, ebenfalls ein Schüler -von =Johannes Müller=, den glücklichen Gedanken, die Zellentheorie -vom gesunden auch auf den kranken Organismus zu übertragen; er -suchte in den feinen Veränderungen der kranken Zellen und der aus -ihnen zusammengesetzten Gewebe die wahre Ursache jener gröberen -Veränderungen, welche als bestimmte »Krankheitsbilder« den lebenden -Organismus mit Gefahr und Tod bedrohen. Besonders während der sieben -Jahre seiner Lehrtätigkeit in Würzburg (1849-1856) führte =Virchow= -diese große Aufgabe mit so glänzendem Erfolge durch, daß seine -=Zellularpathologie= mit einem Schlage die ganze Pathologie und -die von ihr gestützte praktische Medizin in neue, höchst fruchtbare -Bahnen lenkte. Für unsere Aufgabe ist diese Reform der Medizin -deshalb so bedeutungsvoll, weil sie uns zu einer monistischen, rein -wissenschaftlichen Beurteilung der Krankheit führt. Auch der kranke -Mensch, ebenso wie der gesunde, unterliegt denselben »ewigen ehernen -Gesetzen«, wie die ganze übrige organische Welt. - -_Physiologie der Säugetiere._ Unter den zahlreichen Tierklassen, -welche die neuere Zoologie unterscheidet, nehmen die =Säugetiere= -nicht allein in morphologischer, sondern auch in physiologischer -Beziehung eine ganz besondere Stellung ein. Da nun auch der Mensch -seinem ganzen Körperbau nach zur Klasse der Säugetiere gehört, muß -er auch den besonderen Charakter seiner Lebenstätigkeiten mit den -übrigen Säugetieren teilen. Der Blutkreislauf und die Atmung vollziehen -sich beim Menschen genau nach denselben Gesetzen und in derselben -eigentümlichen Form, welche auch allen anderen Säugetieren zukommt; -sie ist bedingt durch den besonderen, feineren Bau ihres Herzens und -ihrer Lungen. Nur bei den Säugetieren wird alles Arterienblut aus der -linken Herzkammer durch den linken Aortenbogen in den Körper geführt, -während dies bei den Vögeln durch den rechten und bei den Reptilien -durch beide Aortenbogen bewirkt wird. Das Blut der Säugetiere zeichnet -sich vor demjenigen aller anderen Wirbeltiere dadurch aus, daß aus -ihren roten Blutzellen der Kern verschwunden ist. Die Atembewegungen -werden nur in dieser Tierklasse vorzugsweise durch das =Zwerchfell= -vermittelt, weil dasselbe nur hier eine vollständige Scheidewand -zwischen Brusthöhle und Bauchhöhle bildet. Ganz besonders wichtig aber -ist für diese höchst entwickelte Tierklasse die Produktion der Milch -in den Brustdrüsen (~Mammae~) und die besondere Form der Brutpflege, -welche die Ernährung des Jungen durch die Milch der Mutter mit sich -bringt. Da dieses Säugegeschäft auch andere Lebenstätigkeiten in der -eingreifendsten Weise beeinflußt, da die Mutterliebe der Säugetiere -aus dieser innigen Form der Brutpflege ihren Ursprung genommen hat, -erinnert uns der Name der Klasse mit Recht an ihre hohe Bedeutung. In -Millionen von Bildern, zum großen Teil von Künstlern ersten Ranges, -wird »=die Madonna= mit dem Christuskinde« verherrlicht als das reinste -und erhabenste Urbild der Mutterliebe; desselben Instinktes, dessen -extremste Form die übertriebene Zärtlichkeit der Affenmutter darstellt. - -_Physiologie der Affen._ Da unter allen Säugetieren die Affen -im gesamten Körperbau dem Menschen am nächsten stehen, läßt -sich von vornherein erwarten, daß dasselbe auch von ihren -Lebenstätigkeiten gilt; und das ist in Wahrheit der Fall. Wie sehr -die Lebensgewohnheiten, die Bewegungen, die Sinnesfunktionen, das -Seelenleben, die Brutpflege der Affen sich denjenigen des Menschen -nähern, weiß jedermann. Aber die wissenschaftliche Physiologie weist -dieselbe bedeutungsvolle Übereinstimmung auch für andere, weniger -bekannte Erscheinungen nach, besonders die Herztätigkeit, die -Drüsenabsonderung und das Geschlechtsleben. In letzterer Beziehung -ist besonders merkwürdig, daß die geschlechtsreifen Weibchen bei -vielen Affenarten einen regelmäßigen Blutabgang aus dem Fruchtbehälter -erleiden, entsprechend der Menstruation (oder »Monatsregel«) des -menschlichen Weibes. Auch die Milchabsonderung aus der Brustdrüse und -das Säugegeschäft geschieht bei den weiblichen Affen genau ebenso wie -bei den Frauen. - -Besonders interessant ist endlich die Tatsache, daß die =Lautsprache -der Affen=, physiologisch verglichen, als Vorstufe zu der artikulierten -menschlichen Sprache erscheint. Unter den heute noch lebenden -Menschenaffen gibt es eine indische Art, welche musikalisch ist: der -~Hylobates syndactylus~ auf Sumatra singt in vollkommen reinen und -klangvollen, halben Tönen eine ganze Oktave. Für den unbefangenen -Sprachforscher kann es heute keinem Zweifel mehr unterliegen, daß -unsere hochentwickelte Begriffssprache sich langsam und stufenweise aus -der unvollkommenen Lautsprache unserer Affenahnen entwickelt hat. - - - - -=Viertes Kapitel.= - -_Unsere Keimesgeschichte._ - - Monistische Studien über menschliche und vergleichende Ontogenie. - Übereinstimmung in der Keimbildung und Entwickelung des Menschen und - der Wirbeltiere. - - -In noch höherem Maße als die vergleichende Anatomie und Physiologie -ist die =vergleichende Ontogenie=, =die Entwickelungsgeschichte des -Einzeltieres= oder Individuums, ein Kind des neunzehnten Jahrhunderts. -Wie entsteht der Mensch im Mutterleibe? Wie entstehen die Tiere aus den -Eiern? Wie entsteht die Pflanze aus dem Samenkorn? Diese inhaltsschwere -Frage hat auch schon seit Jahrtausenden den denkenden Menschengeist -beschäftigt; aber erst sehr spät, 1828, zeigte uns der Embryologe -=Baer= die rechten Mittel und Wege, um tiefer in die Kenntnis der -geheimnisvollen Tatsachen der Keimesgeschichte einzudringen; und erst -1859 lieferte uns =Darwin= durch seine Reform der Deszendenztheorie den -Schlüssel, mit dessen Hülfe wir zur Erkenntnis ihrer Ursachen gelangen -können. Da ich diese hochinteressanten, aber schwierig zu verstehenden -Verhältnisse in meiner =Keimesgeschichte des Menschen= (im ersten Teile -der Anthropogenie) einer ausführlichen, populär-wissenschaftlichen -Darstellung unterzogen habe, beschränke ich mich hier auf eine kurze -Zusammenfassung und Deutung der wichtigsten Erscheinungen. Wir wollen -dabei zunächst einen historischen Rückblick auf die ältere =Ontogenie= -werfen. - -_Präformationslehre._ =Ältere Keimesgeschichte.= (Vergl. den 2. -Vortrag meiner »Anthropogenie«.) Wie für die vergleichende Anatomie, -so sind auch für die Entwickelungsgeschichte die klassischen Werke des -=Aristoteles=, des vielseitigen »Vaters der Naturgeschichte«, die -älteste uns bekannte wissenschaftliche Quelle (im 4. Jahrhundert v. -Chr.). Nicht allein in seiner großen Tiergeschichte, sondern auch in -einer besonderen kleinen Schrift: »Fünf Bücher von der Zeugung und -Entwickelung der Tiere« erzählt uns der große Philosoph eine Menge -von interessanten Tatsachen und stellt Betrachtungen über deren -Bedeutung an; viele davon sind erst in unserer Zeit wieder zur Geltung -gekommen und eigentlich erst wieder neu entdeckt worden. Natürlich -sind aber daneben auch viele Fabeln und Irrtümer zu finden, und von -der verborgenen Entstehung des Menschenkeimes war noch nichts Näheres -bekannt. Auch in dem langen folgenden Zeitraume von zwei Jahrtausenden -machte die schlummernde Wissenschaft keine weiteren Fortschritte. -Erst im Anfange des 17. Jahrhunderts fing man wieder an, sich damit -zu beschäftigen; der italienische Anatom =Fabricius ab Aquapendente= -veröffentlichte 1600 die ältesten Abbildungen und Beschreibungen von -Embryonen des Menschen und einiger höheren Tiere; und der berühmte -=Marcello Malpighi= in Bologna, gleich bahnbrechend in der Zoologie wie -in der Botanik, gab 1687 die erste zusammenhängende Darstellung von der -Entstehung des Hühnchens im bebrüteten Ei. - -Alle diese älteren Beobachter waren von der Vorstellung beherrscht, -daß im Ei der Tiere, ähnlich wie im Samen der höheren Pflanzen, der -ganze Körper mit allen seinen Teilen bereits fertig vorhanden sei, nur -in einem so feinen und so durchsichtigen Zustande, daß man sie nicht -erkennen könne; die ganze Entwickelung sei demnach nichts weiter, als -Wachstum oder »=Auswickelung=« (~Evolutio~) der eingewickelten Teile. -Diese falsche Lehre, die bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts fast -allgemein in Geltung blieb, nennen wir am besten die Vorbildungslehre -oder =Präformationstheorie=. - -=Einschachtelungslehre.= In engem Zusammenhange mit der -Präformationslehre entstand im 17. Jahrhundert eine weitere Theorie, -welche die denkenden Biologen lebhaft beschäftigte: die sonderbare -»Einschachtelungslehre«. Da man annahm, daß im Ei bereits die Anlage -des ganzen Organismus mit allen seinen Teilen vorhanden sei, mußte -auch der Eierstock des jungen Keimes mit den Eiern der folgenden -Generation darin vorgebildet sein, und in diesen wiederum die Eier -der nächstfolgenden, usw. ~in infinitum~! Daraufhin berechnete der -berühmte Physiologe =Haller=, daß der liebe Gott vor 6000 Jahren -- -am sechsten Tage seines Schöpfungswerkes -- die Keime von 200 000 -Millionen Menschen gleichzeitig erschaffen und sie im Eierstock der -ehrwürdigen Urmutter Eva kunstgerecht eingeschachtelt habe. Kein -Geringerer als der hochangesehene Philosoph =Leibniz= schloß sich -diesen Ausführungen an und verwertete sie für seine Monadenlehre; -und da dieser zufolge sich Seele und Leib in ewig unzertrennlicher -Gemeinschaft befinden, übertrug er sie auch auf die Seele; -- »die -Seelen der Menschen haben in deren Voreltern bis auf Adam, also seit -dem Anfang der Dinge(!!), immer in der Form organisierter Körper -existiert«. - -_Epigenesislehre._ Im November 1759 verteidigte in Halle ein -junger, 26jähriger Mediziner, =Kaspar Friedrich Wolff=, seine -Doktordissertation unter dem Titel: ~»Theoria generationis«~. -Gestützt auf eine Reihe der mühsamsten und sorgfältigsten Beobachtungen -wies er nach, daß die ganze herrschende Präformationstheorie falsch -sei. Im bebrüteten Hühnerei ist anfangs noch keine Spur vom späteren -Vogelkörper und seinen Teilen vorhanden; vielmehr finden wir statt -dessen oben auf der bekannten gelben Dotterkugel eine kleine, -kreisrunde, weiße Scheibe. Diese dünne »=Keimscheibe=« wird länglich -rund und zerfällt dann in vier übereinanderliegende Schichten, die -Anlagen der vier wichtigsten Organsysteme: zuerst die oberste, das -Nervensystem, darunter die Fleischmasse (Muskelsystem), dann das -Gefäßsystem mit dem Herzen und zuletzt der Darmkanal. Also, sagt -Wolff richtig, besteht die Keimbildung nicht in einer Auswickelung -vorgebildeter Organe, sondern in einer =Kette von Neubildungen=, -einer wahren ~»Epigenesis«~; ein Teil entsteht nach dem andern, -und alle erscheinen zuerst in einer einfachen Form, welche von der -später ausgebildeten ganz verschieden ist; diese entsteht erst durch -eine Reihe der merkwürdigsten Umbildungen. Obgleich nun diese große -Entdeckung sich unmittelbar durch Nachuntersuchung der beobachteten -Tatsachen hätte bestätigen lassen, und obgleich die darauf gegründete -»=Theorie der Generation=« eigentlich gar keine Theorie, sondern eine -nackte Tatsache war, fand sie dennoch ein halbes Jahrhundert hindurch -nicht die mindeste Anerkennung. Besonders hinderlich war die mächtige -Autorität von =Haller=, der sie hartnäckig bekämpfte mit dem Dogma: -»Es gibt kein Werden! Kein Teil im Tierkörper ist vor dem anderen -gemacht worden, und alle sind zugleich erschaffen.« =Wolff=, der nach -Petersburg gehen mußte, war schon lange tot, als die vergessenen, von -ihm beobachteten Tatsachen von =Lorenz Oken= in Jena (1806) aufs neue -entdeckt und richtig gedeutet wurden. - -_Keimblätterlehre._ Nachdem durch =Oken= die =Epigenesistheorie= -von =Wolff= bestätigt worden war, warfen sich in Deutschland -mehrere junge Naturforscher mit großem Eifer auf die genauere -Untersuchung der Keimesgeschichte. Der bedeutendste war =Karl Ernst -Baer=; sein berühmtes Hauptwerk erschien 1828 unter dem Titel: -»Entwickelungsgeschichte der Tiere, Beobachtung und Reflexion«. Nicht -allein sind darin die Vorgänge der Keimbildung ausgezeichnet klar -und vollständig beschrieben, sondern auch zahlreiche geistvolle -Spekulationen daran geknüpft. Die zwei blattförmigen Schichten, welche -in der runden Keimscheibe der höheren Wirbeltiere zuerst auftreten, -zerfallen nach =Baer= zunächst in je zwei =Blätter=, und diese vier -Keimblätter verwandeln sich in vier =Röhren=. Durch sehr verwickelte -Prozesse der Epigenesis entstehen daraus die späteren Organe, und zwar -bei dem Menschen und bei allen Wirbeltieren in wesentlich gleicher -Weise. Unter den vielen einzelnen Entdeckungen von =Baer= war eine der -wichtigsten das menschliche Ei. Bis dahin hatte man beim Menschen, -wie bei allen anderen Säugetieren, für Eier kleine Bläschen gehalten, -die sich zahlreich im Eierstock finden. Erst =Baer= zeigte (1827), -daß die wahren Eier in diesen Bläschen, den »Graafschen Follikeln«, -eingeschlossen und viel kleiner sind, Kügelchen von nur 0,2 mm -Durchmesser, unter günstigen Verhältnissen eben als Pünktchen mit -bloßem Auge zu sehen. Auch entdeckte er zuerst, daß aus dieser kleinen -Eizelle der Säugetiere sich zunächst eine charakteristische Keimblase -entwickelt, eine =Hohlkugel= mit flüssigem Inhalt, deren Wand die dünne -Keimhaut bildet. - -_Eizelle und Samenzelle._ Zehn Jahre, nachdem =Baer= der Embryologie -durch seine Keimblätterlehre eine feste Grundlage gegeben, entstand -für dieselbe eine neue wichtige Aufgabe durch die Begründung der -=Zellentheorie= (1838). Wie verhalten sich das Ei der Tiere und die -daraus entstehenden Keimblätter zu den Geweben und Zellen, welche den -entwickelten Tierkörper zusammensetzen? Die richtige Beantwortung -dieser inhaltschweren Frage gelang um die Mitte des 19. Jahrhunderts -zwei Schülern von =Johannes Müller=: =Robert Remak= und =Albert -Kölliker=. Sie wiesen nach, daß das Ei ursprünglich nichts anderes ist -als eine einfache =Zelle=, und daß auch die zahlreichen Keimkörper oder -»Furchungskugeln«, welche durch wiederholte Teilung daraus entstehen, -einfache Zellen sind. Aus diesen »Furchungzellen« bauen sich -zunächst die Keimblätter auf, und weiterhin durch Arbeitsteilung oder -Differenzierung derselben die verschiedenen Organe. =Kölliker= erwarb -sich das große Verdienst, auch die schleimartige Samenflüssigkeit der -männlichen Tiere als Anhäufung von mikroskopischen kleinen Zellen -nachzuweisen. Die beweglichen stecknadelförmigen »Samentierchen« -(~Spermatozoen~) sind nichts anderes als eigentümliche -»=Geißelzellen=«, wie ich (1866) zuerst an den Samenfäden der Schwämme -nachgewiesen habe. Damit war für =beide= wichtige Zeugungsstoffe der -Tiere, das männliche Sperma und das weibliche Ei, bewiesen, daß auch -sie der Zellentheorie sich fügen. - -_Gasträatheorie._ Alle älteren Untersuchungen über Keimbildung betrafen -den Menschen und die höheren =Wirbeltiere=, vor allem aber den -Vogelkeim: denn das Hühnerei ist das größte und bequemste Objekt dafür -und steht jederzeit in beliebiger Menge zur Verfügung; man kann in -der Brutmaschine sehr bequem das Ei ausbrüten und dabei stündlich die -ganze Reihe der Umbildungen, von der einfachen Eizelle bis zum fertigen -Vogelkörper innerhalb dreier Wochen beobachten. Auch =Baer= hatte nur -für die verschiedenen Klassen der Wirbeltiere die Übereinstimmung in -der charakteristischen Bildung der Keimblätter und in der Entstehung -der einzelnen Organe aus derselben nachweisen können. Dagegen in den -zahlreichen Klassen der =Wirbellosen= -- also der großen Mehrzahl -der Tiere -- schien die Keimung in wesentlich verschiedener Weise -abzulaufen, und den meisten schienen wirkliche Keimblätter ganz zu -fehlen. Erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden solche auch bei -einzelnen Wirbellosen nachgewiesen, so von =Kölliker= 1844 bei den -Cephalopoden und von =Huxley= 1849 bei den Medusen. Besonders wichtig -wurde sodann die Entdeckung von =Kowalevsky= (1866), daß das niederste -Wirbeltier, der Lanzelot oder ~Amphioxus~, sich genau in derselben, -und zwar in einer sehr ursprünglichen Weise entwickelt wie ein -wirbelloses, anscheinend ganz entferntes Manteltier, die =Seescheide= -oder ~Ascidia~. Auch bei verschiedenen Würmern, Sterntieren und -Gliedertieren wies Kowalevsky eine ähnliche Bildung der Keimblätter -nach. Ich selbst war damals (seit 1866) mit der Entwickelungsgeschichte -der Spongien, Korallen, Medusen und Siphonophoren beschäftigt, und da -ich auch bei diesen niedersten Klassen der vielzelligen Tiere überall -dieselbe Bildung von zwei primären Keimblättern fand, gelangte ich zu -der Überzeugung, daß dieser bedeutungsvolle Keimungsvorgang im ganzen -Tierreiche derselbe ist. - -Besonders wichtig erschien mir dabei der Umstand, daß bei den -Schwammtieren und bei den niederen Nesseltieren (Polypen, Medusen) -der Körper lange Zeit hindurch oder selbst zeitlebens nur aus zwei -einfachen Zellenschichten besteht. Schon =Huxley= hatte sie bei -den Medusen mit den beiden primären Keimblättern der Wirbeltiere -verglichen. Gestützt auf diese Beobachtungen und Vergleichungen, -stellte ich dann 1872 in meiner »Biologie der Kalkschwämme« die -»=Gasträatheorie=« auf, deren wesentlichste Lehrsätze folgende sind: -~I~. Das ganze Tierreich zerfällt in zwei wesentlich verschiedene -Hauptgruppen: die einzelligen =Urtiere= (~Protozoa~) und die -vielzelligen =Gewebtiere= (~Metazoa~); der ganze Organismus -der =Protozoen= bleibt zeitlebens eine einfache Zelle (seltener -ein lockerer Zellverein ohne Gewebebildung, ein ~Coenobium~). -~II~. Dagegen ist der Organismus der =Metazoen= nur im ersten -Beginn einzellig, später aus vielen Zellen zusammengesetzt, welche -=Gewebe= bilden. ~III~. Nur bei den Metazoen entstehen wirkliche -=Keimblätter=, und aus diesen =Gewebe=, die den Protozoen noch ganz -fehlen. ~IV~. Bei allen Metazoen entstehen zunächst nur =zwei= -primäre Keimblätter, die überall dieselbe wesentliche Bedeutung haben: -aus dem äußeren =Hautblatt= entwickelt sich die äußere Hautdecke und -das Nervensystem, aus dem inneren =Darmblatt= hingegen der Darmkanal -und alle übrigen Organe. ~V~. Die Keimform, welche überall zunächst -aus dem befruchteten Ei hervorgeht, und welche allein aus diesen -beiden primären Keimblättern besteht, ist die =Darmlarve= oder der -Becherkeim (~Gastrula~); ihr becherförmiger, zweischichtiger Körper -umschließt ursprünglich eine einfache verdauende Höhle, den =Urdarm=, -und dessen einfache Öffnung ist der =Urmund=. Dies sind die ältesten -Organe des vielzelligen Tierkörpers, und die beiden Zellenschichten -seiner Wand sind seine ältesten Gewebe; alle anderen Organe und Gewebe -sind erst später (sekundär) daraus hervorgegangen. ~VI~. Aus dieser -Gleichartigkeit oder =Homologie der Gastrula= in sämtlichen Stämmen und -Klassen der Gewebtiere zog ich nach dem Biogenetischen Grundgesetze den -Schluß, daß =alle Metazoen ursprünglich von einer gemeinsamen Stammform -abstammen, Gasträa=, und daß diese uralte, längst ausgestorbene -Stammform im wesentlichen die Körperform und Zusammensetzung der -heutigen, durch =Vererbung= erhaltenen Gastrula besaß. ~VII~. Dieser -phylogenetische Schluß aus der Vergleichung der ontogenetischen -Tatsachen wird auch dadurch gerechtfertigt, daß noch heute einzelne -=Gasträaden= existieren, sowie älteste Formen anderer Tierstämme, -deren Organisation sich nur sehr wenig über diese letzteren erhebt. -~VIII~. Bei der weiteren Entwickelung der verschiedenen Gewebtiere -aus der Gastrula sind zwei verschiedene Hauptgruppen zu unterscheiden: -Die älteren =Niedertiere= (~Coelenteria~) bilden noch keine -Leibeshöhle und besitzen weder Blut noch After; das ist der Fall bei -den Gasträaden, Spongien, Nesseltieren und Plattentieren. Die jüngeren -=Obertiere= (~Coelomaria~) hingegen besitzen eine echte Leibeshöhle -und meistens auch Blut und After; dahin gehören die =Wurmtiere= -(~Vermalia~) und die höheren typischen Tierstämme, welche sich aus -diesen entwickelt haben, die Sterntiere, Weichtiere, Gliedertiere, -Manteltiere und Wirbeltiere. - -_Eizelle und Samenzelle des Menschen._ Das Ei des Menschen ist, -wie das aller anderen Gewebtiere, eine einfache Zelle, und diese -kleine kugelige Eizelle (von nur 0,2 mm Durchmesser) hat dieselbe -charakteristische Beschaffenheit wie die aller anderen, lebendig -gebärenden Säugetiere. Dasselbe gilt von den beweglichen =Spermien= -oder Samenfäden des Mannes, den winzig kleinen, fadenförmigen -Geißelzellen, welche sich zu Millionen in jedem Tröpfchen des -schleimartigen =männlichen Samens= (~Sperma~) finden; sie wurden -früher wegen ihrer lebhaften Bewegung für besondere »=Samentierchen=« -(~Spermatozoa~) gehalten. Auch die Entstehung dieser beiden wichtigen -Geschlechtszellen in der =Geschlechtsdrüse= ist dieselbe beim -Menschen und den übrigen Säugetieren; sowohl die Eier im Eierstock -des Weibes, als die Samenfäden im Hoden oder Samenstock des Mannes -entstehen überall auf dieselbe Weise, aus der Zellenschicht, welche die -Leibeshöhle auskleidet. - -_Empfängnis oder Befruchtung._ Der wichtigste Augenblick im Leben -eines jeden Menschen, wie jedes anderen Gewebtieres, ist der Moment, -in welchem seine individuelle Existenz beginnt; es ist der Augenblick, -in welchem die Geschlechtszellen der beiden Eltern zusammentreffen und -zur Bildung einer einzigen, einfachen Zelle verschmelzen. Diese neue -Zelle, die »befruchtete Eizelle«, ist die individuelle =Stammzelle= -(~Cytula~), aus deren wiederholter Teilung die Zellen der Keimblätter -und die Gastrula hervorgehen. Erst mit der Bildung dieser Stammzelle, -also mit dem Vorgange der =Befruchtung= selbst, beginnt die =Existenz -der Person,= des selbständigen Einzelwesens. Diese ontogenetische -Tatsache ist =überaus wichtig=, denn aus ihr allein schon lassen sich -die weitestreichenden Schlüsse ableiten. Zunächst folgt daraus die -klare Erkenntnis, daß der Mensch, gleich allen anderen Gewebtieren, -alle persönlichen Eigenschaften, körperliche und geistige, von -seinen beiden Eltern durch =Vererbung= erhalten hat; und weiterhin -die inhaltschwere Überzeugung, daß die neue, so entstandene Person -unmöglich Anspruch haben kann, »=unsterblich=« zu sein. - -Die feineren Vorgänge bei der Empfängnis und der geschlechtlichen -Zeugung überhaupt sind daher von allerhöchster Wichtigkeit; sie sind -uns in ihren Einzelheiten erst seit 1875 bekannt geworden. Das einzige -wesentliche Ereignis bei der Befruchtung ist die Verschmelzung der -beiden Geschlechtszellen und ihrer Kerne. Von den Millionen männlicher -Geißelzellen, welche die weibliche Eizelle umschwärmen, dringt nur -eine einzige in deren Plasmakörper ein. Die Kerne beider Zellen, der -Spermakern und der Eikern, verschmelzen miteinander. So entsteht eine -neue Zelle, welche die erblichen Eigenschaften beider Eltern in sich -vereinigt; der Spermakern überträgt die väterlichen, der Eikern die -mütterlichen Charakterzüge auf die =Stammzelle=, aus der sich nun das -Kind entwickelt; das gilt ebenso von den körperlichen wie von den -geistigen Eigenschaften. - -_Keimanlage des Menschen._ Die Bildung der Keimblätter durch -wiederholte Teilung der Stammzelle, die Entstehung der Gastrula -und der weiterhin aus ihr hervorgehenden Keimformen geschieht beim -Menschen genau so wie bei den übrigen höheren Säugetieren, unter -denselben eigentümlichen Besonderheiten, welche diese Gruppe vor -den niederen Wirbeltieren auszeichnen. Die bedeutungsvolle Keimform -der =Chordula= oder »Chordalarve«, die zunächst aus der Gastrula -entsteht, zeigt bei allen Wirbeltieren im wesentlichen die gleiche -Bildung: ein einfacher gerader Achsenstab, die Chorda, geht der -Länge nach durch die Hauptachse des länglich-runden, schildförmigen -Körpers (des »Keimschildes«); oberhalb der Chorda entwickelt sich aus -dem äußeren Keimblatt das Rückenmark, unterhalb das Darmrohr. Dann -erst erscheinen zu beiden Seiten, rechts und links vom Achsenstab, -die Ketten der »Urwirbel«, die Anlagen der Muskelplatten, mit denen -die Gliederung des Wirbeltierkörpers beginnt. Vorn am Darm treten -beiderseits die Kiemenspalten auf, die Öffnungen des Schlundes, durch -welche ursprünglich bei unseren Fischahnen das vom Munde aufgenommene -Atemwasser an den Seiten des Kopfes nach außen trat. In zäher -=Vererbung= treten diese =Kiemenspalten=, die nur bei den fischartigen, -im Wasser lebenden Vorfahren von Bedeutung waren, auch heute noch beim -Menschen wie bei allen übrigen Wirbeltieren auf; sie verschwinden -später. Selbst nachdem schon am Kopfe die fünf Hirnblasen, seitlich die -Anfänge der Augen und Ohren sichtbar geworden, nachdem am Rumpfe die -Anlagen der beiden Beinpaare in Form rundlicher platter Knospen aus -dem fischartigen Menschenkeim hervorgesproßt sind, ist dessen Bildung -derjenigen anderer Wirbeltiere noch so ähnlich, daß man sie nicht -unterscheiden kann. - -_Ähnlichkeit der Wirbeltierkeime._ Die wesentliche Übereinstimmung in -der äußeren Körperform und dem inneren Bau, welche die Embryonen des -Menschen und der übrigen Wirbeltiere in dieser früheren Bildungsperiode -zeigen, ist eine =embryologische Tatsache ersten Ranges=; aus ihr -lassen sich nach dem Biogenetischen Grundgesetze die wichtigsten -Schlüsse ableiten. Denn es gibt dafür keine andere Erklärung als -die Annahme einer =Vererbung= von einer gemeinsamen Stammform. Wenn -wir sehen, daß in einem bestimmten Stadium die Keime des Menschen -und des Affen, des Hundes und des Kaninchens, des Schweines und des -Schafes zwar als höhere Wirbeltiere erkennbar, aber sonst nicht zu -unterscheiden sind, so kann diese Tatsache nur durch gemeinsame -Abstammung erklärt werden. Diese Erklärung erscheint um so sicherer, -wenn wir die später eintretende Sonderung oder Divergenz jener -Keimformen verfolgen. Je näher sich zwei Tierformen in der gesamten -Körperbildung stehen, desto länger bleiben sich auch ihre Embryonen -ähnlich, und desto enger hängen sie auch im Stammbaum der betreffenden -Gruppe zusammen, desto näher sind sie »stammverwandt«. Daher erscheinen -die Embryonen des Menschen und der Menschenaffen auch später noch -höchst ähnlich, auf einer hoch entwickelten Bildungsstufe, auf welcher -ihre Unterschiede von den Embryonen anderer Säugetiere sofort erkennbar -sind. - -_Die Keimhüllen des Menschen._ Die hohe Bedeutung der eben besprochenen -Ähnlichkeit tritt nicht nur bei Vergleichung der Wirbeltier-Embryonen -selbst hervor, sondern auch bei derjenigen ihrer Keimhüllen. Es -zeichnen sich nämlich alle Wirbeltiere der drei höheren Klassen, -Reptilien, Vögel und Säugetiere, vor den niederen Klassen durch die -Bildung eigentümlicher Embryonalhüllen aus, des ~Amnion~ (Wasserhaut) -und des ~Serolemma~ (seröse Haut). In diesen mit Wasser gefüllten -Säcken liegt der Embryo eingeschlossen und ist dadurch gegen Druck und -Stoß geschützt. Diese zweckmäßige Schutzeinrichtung ist wahrscheinlich -erst entstanden, als die ältesten Reptilien (Proreptilien), die -gemeinsamen Stammformen aller =Amniontiere=, vollständig an das -Landleben sich anpaßten. Bei ihren direkten Vorfahren, den Amphibien, -=fehlt= diese Hüllenbildung noch ebenso wie bei den Fischen; sie war -bei diesen Wasserbewohnern überflüssig. Mit der Erwerbung dieser -Schutzhüllen stehen bei allen Amnioten noch zwei andere Veränderungen -in engem Zusammenhang, erstens der gänzliche Verlust der Kiemen -(während die Kiemenbogen und die Spalten dazwischen als »rudimentäre -Organe« sich forterben), und zweitens die Bildung der =Allantois=. -Dieser blasenförmige, mit Wasser gefüllte Sack wächst bei dem Embryo -aller Amniontiere aus dem Enddarm hervor und ist nichts anderes als -die vergrößerte Harnblase der Amphibien-Ahnen. Aus ihrem innersten -und untersten Teile bildet sich später die bleibende Harnblase der -Amnioten, während der größere äußere Teil rückgebildet wird. Gewöhnlich -spielt dieser eine Zeitlang eine wichtige Rolle als Atmungsorgan des -Embryo, indem sich mächtige Blutgefäße auf seiner Wand ausbreiten. -Sowohl die Entstehung der Keimhüllen, als auch der Allantois geschieht -beim Menschen genau ebenso wie bei allen anderen Amnioten und durch -dieselben verwickelten Prozesse des Wachstums; =der Mensch ist ein -echtes Amniontier.= - -_Die Placenta des Menschen._ Die Ernährung des menschlichen -Keimes im Mutterleibe geschieht durch ein eigentümliches, äußerst -blutreiches Organ, die sogenannte ~Placenta~, den =Aderkuchen= oder -Blutgefäßkuchen. Sie wird nach erfolgter Geburt des Kindes abgelöst und -als sogenannte »Nachgeburt« ausgestoßen. Die Placenta besteht aus zwei -wesentlich verschiedenen Teilen, dem =Fruchtkuchen= oder der kindlichen -Placenta und dem =Mutterkuchen= oder dem mütterlichen Gefäßkuchen. -Dieser letztere enthält reich entwickelte Bluträume, welche ihr Blut -durch die Gefäße der Gebärmutter zugeführt erhalten. Der Fruchtkuchen -dagegen wird aus zahlreichen verästelten Zotten gebildet, welche von -der Außenfläche der kindlichen Allantois hervorwachsen und ihr Blut -von deren Nabelgefäßen beziehen. Die hohlen, blutgefüllten Zotten -des Fruchtkuchens wachsen in die Bluträume des Mutterkuchens hinein, -und die zarte Scheidewand zwischen beiden wird so sehr verdünnt, daß -durch sie hindurch ein unmittelbarer Stoffaustausch der ernährenden -Blutflüssigkeit erfolgen kann. - -In den einzelnen Gruppen der Zottentiere ist die Ausbildung des -Mutterkuchens wesentlich verschieden. Höchst wichtig ist nun die -erst 1890 von =Emil Selenka= entdeckte Tatsache, daß gerade die -=Menschenaffen=, besonders der Orang (~Satyrus~), mit dem Menschen -gewisse Eigentümlichkeiten, die sich sonst nirgends finden, gemeinsam -haben (Siehe den 23. Vortrag meiner Anthropogenie). Also bestätigt -sich auch hier wieder der =Pithecometrasatz= von =Huxley=: »Die -Unterschiede zwischen dem Menschen und den Menschenaffen sind geringer -als diejenigen zwischen den letzteren und den niederen Affen.« Die -angeblichen »Beweise =gegen= die nahe Blutsverwandtschaft des Menschen -und der Affen« ergaben sich bei genauer Untersuchung der tatsächlichen -Verhältnisse auch hier wieder umgekehrt als wichtige Gründe =zugunsten= -derselben. - -Jeder Naturforscher, der mit offenen Augen in diese dunkeln, aber -höchst interessanten Labyrinthgänge unserer Keimesgeschichte eindringt, -und der imstande ist, sie kritisch mit derjenigen der übrigen -Säugetiere zu vergleichen, wird in denselben die bedeutungsvollsten -Lichtträger für das Verständnis unserer Stammesgeschichte -finden. Denn die verschiedenen Stufen der Keimbildung werfen als -Vererbungs-Phänomene ein helles Licht auf die entsprechenden Stufen -unserer Ahnenreihe, gemäß dem Biogenetischen Grundgesetze. (Kap. 5.) -Aber auch die Anpassungserscheinungen, die Bildung der vergänglichen -Embryonalorgane -- der charakteristischen Keimhüllen, und vor allem -der Placenta -- geben uns ganz bestimmte Aufschlüsse über unsere nahe -=Stammverwandtschaft mit den Primaten=. - - - - -=Fünftes Kapitel.= - -_Unsere Stammesgeschichte._ - - Monistische Studien über Ursprung und Abstammung des Menschen von den - Wirbeltieren, zunächst von den Herrentieren. - - -Der jüngste unter den großen Zweigen am lebendigen Baume der Biologie -ist diejenige Naturwissenschaft, welche wir =Stammesgeschichte= oder -=Phylogenie= nennen. Sie hat sich noch weit später und unter viel -größeren Schwierigkeiten entwickelt als ihre natürliche Schwester, die -Keimesgeschichte oder Ontogenie. Diese hatte zur Aufgabe die Erkenntnis -der geheimnisvollen Vorgänge, durch welche sich die organischen -=Individuen=, die Einzelwesen der Tiere und Pflanzen, aus dem Ei -entwickeln. Die Stammesgeschichte hingegen hat die viel dunklere und -schwierigere Frage zu beantworten: »Wie sind die organischen =Spezies= -entstanden, die einzelnen Arten der Tiere und Pflanzen?« - -Die =Ontogenie= konnte zur Lösung ihrer nahe liegenden Aufgabe -zunächst unmittelbar den empirischen Weg der =Beobachtung= betreten; -sie brauchte nur Tag für Tag und Stunde für Stunde die sichtbaren -Umbildungen zu verfolgen, welche der organische Keim innerhalb kurzer -Zeit während der Entwickelung aus dem Ei erfährt. Viel schwieriger -war von vornherein die Aufgabe der =Phylogenie=; denn die langsamen -Prozesse der allmählichen Umbildung, welche die Entstehung der Tier- und -Pflanzenarten bewirken, vollziehen sich unmerklich im Verlaufe -von Jahrtausenden und Jahrmillionen; ihre unmittelbare Beobachtung -ist nur in sehr engen Grenzen möglich, und der weitaus größte Teil -dieser historischen Vorgänge kann nur indirekt erschlossen werden: -durch vergleichende Benutzung von empirischen Urkunden, die sehr -verschiedenen Gebieten angehören, der Paläontologie, Ontogenie -und Morphologie. Dazu kam noch das gewaltige Hindernis, welches -der natürlichen Stammesgeschichte durch die enge Verknüpfung der -»Schöpfungsgeschichte« mit übernatürlichen Mythen und religiösen Dogmen -bereitet wurde; es ist daher begreiflich, daß die wissenschaftliche -Existenz der wahren Stammesgeschichte erst unter vielen Mühen und -schweren Kämpfen errungen und gesichert werden mußte. - -_Mythische Schöpfungsgeschichte._ Alle ernstlichen Versuche, welche -bis zum Beginne des 19. Jahrhunderts zur Beantwortung des Problems -von der Entstehung der Organismen unternommen wurden, blieben in dem -mythologischen Labyrinthe der übernatürlichen Schöpfungssagen stecken. -Einzelne Bemühungen hervorragender Denker, sich von diesem zu befreien -und zu einer natürlichen Auffassung zu gelangen, blieben erfolglos. -Die mannigfaltigsten Schöpfungsmythen entwickelten sich bei allen -älteren Kulturvölkern im Zusammenhang mit der Religion, und während des -Mittelalters war es naturgemäß das zur Herrschaft gelangte Christentum, -welches die Beantwortung der Schöpfungsfrage für sich in Anspruch nahm. -Da die Bibel als die unerschütterliche Grundlage des christlichen -Religionsgebäudes galt, wurde die ganze Schöpfungsgeschichte dem -ersten Buche Moses entnommen. Auf dieses stützte sich auch noch der -große schwedische Naturforscher =Carl Linné=, als er 1735 in seinem -grundlegenden »~Systema Naturae~« den ersten Versuch zu einer -systematischen Ordnung, Benennung und Klassifikation der unzähligen -verschiedenen Naturkörper unternahm. Als bestes, praktisches -Hilfsmittel derselben führte er die bekannte doppelte Namengebung ein; -jeder einzelnen Art von Tieren und Pflanzen gab er einen besonderen -Artnamen und stellte diesem einen allgemeinen Gattungsnamen voran. -In einer =Gattung= (~Genus~) wurden die nächstverwandten =Arten= -(~Species~) zusammengestellt. - -Höchst verhängnisvoll wurde für die Wissenschaft das theoretische -=Dogma=, welches schon von =Linné= selbst mit seinem praktischen -Speziesbegriffe verknüpft wurde. Die erste Frage, welche sich dem -denkenden Systematiker aufdrängen mußte, war natürlich die Frage nach -dem eigentlichen Wesen des Spezies-=Begriffes=, nach Inhalt und Umfang -desselben. Und gerade diese Grundfrage beantwortete sein Schöpfer in -naivster Weise, in Anlehnung an den allgemein gültigen Mosaischen -Schöpfungsmythus: »Es gibt so viel verschiedene Arten, als im Anfange -vom unendlichen Wesen verschiedene Formen erschaffen worden sind«. -Mit diesem Dogma war jede natürliche Erklärung der Artentstehung -abgeschnitten. =Linné= kannte nur die gegenwärtig existierende Tier- und -Pflanzenwelt; er hatte keine Ahnung von den viel zahlreicheren -ausgestorbenen Arten, welche in den früheren Perioden der Erdgeschichte -unseren Erdball in wechselnder Gestaltung bevölkert haben. - -Erst im Anfange des 19. Jahrhunderts wurden diese fossilen Tiere durch -=Cuvier= näher bekannt. Er gab in seinem berühmten Werke über die -fossilen Knochen der vierfüßigen Wirbeltiere (1812) die erste genaue -Beschreibung und richtige Deutung zahlreicher Versteinerungen. Zugleich -wies er nach, daß in den verschiedenen Perioden der Erdgeschichte eine -Reihe von ganz verschiedenen Tierbevölkerungen aufeinander gefolgt -war. Da nun =Cuvier= hartnäckig an =Linnés= Lehre von der absoluten -Beständigkeit der Spezies festhielt, glaubte er ihre Entstehung nur -durch die Annahme erklären zu können, daß eine Reihe von großen -Katastrophen und von wiederholten Neuschöpfungen in der Erdgeschichte -auf einander gefolgt sei; im Beginne jeder großen Erdrevolution sollten -alle lebenden Geschöpfe vernichtet und am Ende derselben eine neue -Bevölkerung erschaffen worden sein. Obgleich diese Katastrophentheorie -von =Cuvier= zu den absurdesten Folgerungen führte und auf den nackten -Wunderglauben hinauslief, gewann sie doch bald allgemeine Geltung und -blieb bis auf =Darwin= (1859) herrschend. - -_Transformismus._ =Goethe.= Daß die herrschenden Vorstellungen -von der absoluten Beständigkeit und übernatürlichen Schöpfung der -organischen Arten tiefer denkende Forscher nicht befriedigen konnten, -ist leicht einzusehen. Daher finden wir denn schon in der zweiten -Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts einzelne hervorragende Geister -mit Versuchen beschäftigt, zu einer naturgemäßen Lösung des großen -»Schöpfungsproblems« zu gelangen. Allen voran war unser größter Dichter -und Denker =Wolfgang Goethe= durch seine vieljährigen und eifrigen -morphologischen Studien schon am Ende des 18. Jahrhunderts zu der -klaren Einsicht in den inneren Zusammenhang aller organischen Formen -und zu der festen Überzeugung eines gemeinsamen natürlichen Ursprungs -gelangt. In seiner berühmten »Metamorphose der Pflanzen« (1790) -leitete er alle verschiedenen Formen der Gewächse von einer Urpflanze -ab, und alle verschiedenen Organe derselben von einem Urorgane, dem -Blatt. In seiner Wirbeltheorie des Schädels versuchte er zu zeigen, -daß die Schädel aller verschiedenen Wirbeltiere -- mit Inbegriff des -Menschen! -- in gleicher Weise aus bestimmt geordneten Knochengruppen -zusammengesetzt seien, und daß diese letzteren nichts anderes seien als -umgebildete Wirbel. Grade seine eingehenden Studien über vergleichende -Knochenlehre hatten =Goethe= zu der festen Überzeugung von der Einheit -der Organisation geführt; er hatte erkannt, daß das Knochengerüst -des Menschen nach demselben Typus zusammengesetzt sei wie das aller -übrigen Wirbeltiere -- »geformt nach einem Urbilde, das nur in seinen -sehr beständigen Teilen mehr oder weniger hin- und herweicht und -sich noch täglich durch Fortpflanzung aus- und umbildet« --. Diese -Umbildung oder Transformation läßt =Goethe= durch die beständige -Wechselwirkung von zwei gestaltenden Bildungskräften geschehen, einer -inneren Zentripetalkraft des Organismus, dem »Spezifikationstrieb«, -und einer äußeren Zentrifugalkraft, dem Variationstrieb oder der »Idee -der Metamorphose«; erstere entspricht dem, was wir heute =Vererbung=, -letztere dem, was wir =Anpassung= nennen. Wie tief =Goethe= durch -diese naturphilosophischen Studien über »Bildung und Umbildung -organischer Naturen« in deren Wesen eingedrungen war, und inwiefern -er demnach als der bedeutendste Vorläufer von =Darwin= und =Lamarck= -betrachtet werden kann, ist aus den interessanten Stellen seiner -Werke zu ersehen, welche ich im vierten Vortrage meiner Natürlichen -Schöpfungsgeschichte zusammengestellt habe. In meinem Vortrage über -»Die Naturanschauung von =Darwin=, =Goethe= und =Lamarck=« (Eisenach -1882) habe ich dies näher begründet. Doch kamen diese naturgemäßen -Entwickelungsideen von =Goethe= ebenso wie ähnliche Vorstellungen von -=Kant=, =Oken=, =Treviranus= und anderen Naturphilosophen im Beginne -des 19. Jahrhunderts nicht über gewisse allgemeine Überzeugungen -hinaus. Es fehlte ihnen noch der große Hebel, dessen die »natürliche -Schöpfungsgeschichte« zu ihrer Begründung durch die Kritik des -=Speziesdogma= bedurfte, und diese verdanken wir erst =Lamarck=. - -_Deszendenztheorie oder Abstammungslehre._ =Lamarck= (1809). Den -ersten eingehenden Versuch zu einer wissenschaftlichen Begründung des -Transformismus unternahm im Beginne des 19. Jahrhunderts der große -französische Naturphilosoph =Jean Lamarck=, der bedeutendste Gegner -seines Kollegen =Cuvier= in Paris. Schon 1802 hatte derselbe in seinen -»Betrachtungen über die lebenden Naturkörper« die bahnbrechenden Ideen -über die Unbeständigkeit und Umbildung der Arten ausgesprochen, die -er dann 1809 in den zwei Bänden seines tiefsinnigsten Werkes, der -~Philosophie zoologique~, eingehend begründete. Hier führte =Lamarck= -zum ersten Male -- gegenüber dem herrschenden Spezies-Dogma -- den -richtigen Gedanken aus, daß die organische »=Art= oder =Spezies=« eine -=künstliche Abstraktion= sei, ein Begriff von relativem Werte, ebenso -wie die übergeordneten Begriffe der Gattung, Familie, Ordnung und -Klasse. Er behauptete ferner, daß alle Arten veränderlich und im Laufe -sehr langer Zeiträume aus älteren Arten durch Umbildung entstanden -seien. Die gemeinsamen Stammformen, von denen dieselben abstammen, -waren ursprünglich ganz einfache und niedere Organismen; die ersten -und ältesten entstanden durch Urzeugung. Während durch =Vererbung= der -Typus sich beständig erhält, werden anderseits durch =Anpassung=, durch -Gewohnheit und Übung der Organe, die Arten allmählich umgebildet. Auch -unser menschlicher Organismus ist auf dieselbe natürliche Weise durch -Umbildung aus einer Reihe von affenartigen Säugetieren entstanden. Für -all diese Vorgänge, wie überhaupt für alle Erscheinungen in der Natur -und im Geistesleben, nimmt =Lamarck= ausschließlich =mechanische=, -physikalische und chemische Vorgänge als wahre, bewirkende Ursachen an. -Sein Werk enthält die Elemente für ein rein monistisches Natursystem -auf Grund der Entwickelungslehre. - -Man hätte erwarten sollen, daß dieser großartige Versuch, die -Abstammungslehre oder Deszendenztheorie wissenschaftlich zu begründen, -alsbald den herrschenden Mythus von der Speziesschöpfung erschüttert -und einer natürlichen Entwickelungslehre Bahn gebrochen hätte. Indessen -vermochte =Lamarck= gegenüber der konservativen Autorität seines -großen Gegners =Cuvier= ebensowenig durchzudringen, wie zwanzig Jahre -später sein Kollege und Gesinnungsgenosse =Géoffroy St. Hilaire=. Die -berühmten Kämpfe, welcher dieser Naturphilosoph 1830 im Schoße der -Pariser Akademie mit =Cuvier= zu bestehen hatte, endigten mit einem -vollständigen Siege des letzteren. Die mächtige Entfaltung, welche zu -jener Zeit das empirische Studium der Biologie fand, die Fülle von -interessanten Entdeckungen auf dem Gebiete der vergleichenden Anatomie -und Physiologie, die Begründung der Zellentheorie und die Fortschritte -der Ontogenie gaben den Zoologen und Botanikern einen solchen -Überfluß von dankbarem Arbeitsmaterial, daß darüber die schwierige -und dunkle Frage nach der Entstehung der Arten ganz vergessen wurde. -Man beruhigte sich bei dem althergebrachten Schöpfungs-Dogma. Selbst -nachdem der große englische Naturforscher =Charles Lyell= 1830 in -seinen Prinzipien der Geologie die abenteuerliche Katastrophentheorie -von =Cuvier= widerlegt und für die anorganische Natur unseres Planeten -einen natürlichen und kontinuierlichen Entwickelungsgang nachgewiesen -hatte, fand sein einfaches Kontinuitätsprinzip keine Anwendung auf -die organische Natur. Die Anfänge der natürlichen Phylogenie, welche -in =Lamarcks= Werke verborgen lagen, wurden ebenso vergessen, wie die -Keime zu ihrer natürlichen Ontogenie, welche 50 Jahre früher (1759) -=Caspar Friedrich Wolff= in seiner Theorie der Generation gegeben -hatte. Hier wie dort verfloß ein volles halbes Jahrhundert, ehe die -bedeutendsten Ideen über natürliche Entwickelung die gebührende -Anerkennung fanden. Erst nachdem =Darwin= 1859 die Lösung des -Schöpfungsproblems von einer ganz anderen Seite angefaßt und den -reichen, inzwischen angesammelten Schatz von empirischen Kenntnissen -glücklich dazu verwertet hatte, fing man an, sich auf =Lamarck=, als -seinen bedeutendsten Vorgänger, wieder zu besinnen. - -_Selektionstheorie._ =Darwin= (1859). Der beispiellose Erfolg von -=Charles Darwin= ist allbekannt. Kein anderer von den zahlreichen -großen Geisteshelden unserer Zeit hat mit einem einzigen klassischen -Werke einen so gewaltigen, so tiefgehenden und so umfassenden -Erfolg erzielt, wie =Darwin= 1859 mit seinem berühmten Hauptwerk: -»Über die Entstehung der Arten im Tier- und Pflanzenreich durch -natürliche Züchtung oder Erhaltung der vervollkommneten Rassen im -Kampfe ums Dasein.« Gewiß hat die Reform der vergleichenden Anatomie -und Physiologie durch =Johannes Müller= der ganzen Biologie eine -neue, fruchtbare Epoche eröffnet, gewiß waren die Begründung der -Zellentheorie durch =Schleiden= und =Schwann=, die Reform der Ontogenie -durch =Baer=, die Begründung des Substanzgesetzes durch =Robert Mayer= -und =Helmholtz= wissenschaftliche Großtaten ersten Ranges; aber keine -von ihnen hat nach Tiefe und Ausdehnung eine so gewaltige, unser ganzes -menschliches Wissen umgestaltende Wirkung ausgeübt, wie =Darwins= -Theorie von der natürlichen Entstehung der Arten. Denn damit war ja das -mystische »=Schöpfungsproblem=« gelöst, und mit ihm die inhaltsschwere -»Frage aller Fragen«, das Problem vom wahren Wesen und von der -Entstehung des Menschen selbst. - -Vergleichen wir die beiden großen Begründer des Transformismus, so -finden wir bei =Lamarck= überwiegende Neigung zur =Deduktion= und -zum Entwurfe eines vollständigen Naturbildes, bei =Darwin= hingegen -vorherrschende Anwendung der =Induktion= und das vorsichtige Bemühen, -die einzelnen Teile der Deszendenztheorie durch Beobachtung und -Experiment möglichst sicher zu begründen. Während der französische -Naturphilosoph den damaligen Kreis des empirischen Wissens weit -überschritt und eigentlich das Programm der zukünftigen Forschung -entwarf, hatte der englische Experimentator umgekehrt den großen -Vorteil, das einigende Erklärungsprinzip für eine Masse von empirischen -Kenntnissen zu begründen, die bis dahin unverstanden sich angehäuft -hatten. So erklärt es sich, daß der Erfolg von =Darwin= ebenso -überwältigend, wie derjenige von =Lamarck= verschwindend war. =Darwin= -hatte aber nicht allein das große Verdienst, die allgemeinen Ergebnisse -der verschiedenen biologischen Forschungskreise in dem gemeinsamen -Brennpunkte des Deszendenzprinzips zu sammeln und dadurch einheitlich -zu erklären, sondern er entdeckte auch in dem =Selektionsprinzip= -jenen wichtigen Faktor der Umbildung, welcher =Lamarck= noch gefehlt -hatte. Indem =Darwin= als praktischer Tierzüchter die Erfahrungen -der künstlichen Zuchtwahl auf die Organismen im freien Naturzustande -anwendete und in dem »=Kampf ums Dasein=« das auslesende Prinzip -der natürlichen Zuchtwahl entdeckte, schuf er seine bedeutungsvolle -Selektionstheorie, den eigentlichen =Darwinismus=. - -_Stammesgeschichte (Phylogenie)_ (1866). Unter den zahlreichen und -wichtigen Aufgaben, welche =Darwin= der modernen Biologie stellte, -erschien als eine der nächsten die Reform des zoologischen und -botanischen =Systems=. Wenn die unzähligen Tier- und Pflanzenarten nicht -durch übernatürliche Wunder »erschaffen«, sondern durch natürliche -Umbildung »entwickelt« waren, so ergab sich das »=natürliche System=« -derselben als ihr =Stammbaum=. Den ersten Versuch, das System in -diesem Sinne umzugestalten, unternahm ich selbst (1866) in meiner -»=Generellen Morphologie der Organismen=«. Bis dahin hatte man unter -»=Entwickelungsgeschichte=« sowohl in der Zoologie als in der Botanik -ausschließlich diejenige der organischen =Individuen= verstanden. -Ich begründete dagegen die Ansicht, daß dieser =Keimesgeschichte= -(~Ontogenie~) als zweiter, gleichberechtigter und eng verbundener -Zweig die =Stammesgeschichte= (~Phylogenie~) gegenüberstehe. Beide -Zweige der Entwickelungsgeschichte stehen nach meiner Auffassung im -engsten kausalen Zusammenhang; dieser beruht auf der Wechselwirkung -der Vererbungs- und Anpassungsgesetze; er fand seinen präzisen und -umfassenden Ausdruck in meinem allgemein gültigen »=Biogenetischen -Grundgesetz=«. - -_Natürliche Schöpfungsgeschichte_ (1868). Da die neuen, in der -»Generellen Morphologie« niedergelegten Anschauungen trotz ihrer -streng wissenschaftlichen Fassung bei den sachkundigen Fachgenossen -sehr wenig Beachtung und noch weniger Beifall fanden, versuchte ich, -den wichtigsten Teil derselben in einem kleineren, mehr populär -gehaltenen Werke einem größeren, gebildeten Leserkreise zugänglich zu -machen. Dies geschah 1868 in der »Natürlichen Schöpfungsgeschichte« -(Gemeinverständliche wissenschaftliche Vorträge über die -Entwickelungslehre im allgemeinen und diejenige von Darwin, Goethe und -Lamarck im besonderen). Wenn der gehoffte Erfolg der »Generellen -Morphologie« weit unter meiner berechtigten Erwartung blieb, so ging -umgekehrt derjenige der »Natürlichen Schöpfungsgeschichte« weit über -dieselbe hinaus. Trotz seiner großen Mängel hat dieses Buch doch viel -dazu beigetragen, die Grundgedanken unserer modernen Entwickelungslehre -in weiteren Kreisen zu verbreiten. Allerdings konnte ich meinen -Hauptzweck, die phylogenetische Umbildung des natürlichen Systems, -dort nur in allgemeinen Umrissen andeuten. Indessen habe ich die -ausführliche, dort vermißte Begründung des phylogenetischen Systems -später in einem größeren Werke nachgeholt, in der »=Systematischen -Phylogenie=« (Entwurf eines natürlichen Systems der Organismen auf -Grund ihrer Stammesgeschichte). Der erste Band derselben (1894) -behandelt die Protisten und Pflanzen, der zweite (1896) die wirbellosen -Tiere, der dritte (1895) die Wirbeltiere. Die =Stammbäume= der -kleineren und größeren Gruppen sind hier so weit ausgeführt, als es -mir meine Kenntnis der drei großen »Stammesurkunden« gestattete, der -Paläontologie, Ontogenie und Morphologie. - -_Biogenetisches Grundgesetz._ Den engen, ursächlichen Zusammenhang, -welcher nach meiner Überzeugung zwischen beiden Zweigen der organischen -Entwickelungsgeschichte besteht, hatte ich schon in der Generellen -Morphologie als einen der wichtigsten Begriffe des Transformismus -hervorgehoben und einen präzisen Ausdruck dafür in mehreren »Thesen -von dem Kausalnexus der biontischen und der phyletischen Entwickelung« -gegeben: »=Die Ontogenesis ist eine kurze und schnelle Rekapitulation -der Phylogenesis=, bedingt durch die physiologischen Funktionen der -Vererbung (Fortpflanzung) und Anpassung (Ernährung)«. Schon =Darwin= -hatte (1859) die große Bedeutung seiner Theorie für die Erklärung der -Embryologie betont, und =Fritz Müller= hatte dieselbe (1864) an dem -Beispiele einer einzelnen Tierklasse, der Krebstiere, erläutert, in -der geistvollen kleinen Schrift: »=Für Darwin=« (1864). Ich selbst -habe dann die allgemeine Geltung und die fundamentale Bedeutung jenes -Biogenetischen Grundgesetzes in einer Reihe von Arbeiten nachzuweisen -versucht, insbesondere in der Biologie der Kalkschwämme (1872) und in -den »Studien zur Gasträatheorie« (1873-1884). Die dort aufgestellte -Lehre von der Homologie der Keimblätter, sowie von den Verhältnissen -der _Palingenie_ (=Auszugsgeschichte=) und der _Zenogenie_ -(=Störungsgeschichte=) ist seitdem durch zahlreiche Arbeiten anderer -Zoologen bestätigt worden; durch sie ist es möglich geworden, die -natürlichen Gesetze der Einheit in der mannigfaltigen Keimesgeschichte -der Tiere nachzuweisen; für ihre Stammesgeschichte ergibt sich daraus -die gemeinsame Ableitung von einer einfachsten ursprünglichen Stammform. - -_Anthropogenie_ (1874). Der weitschauende Begründer der -Abstammungslehre, =Lamarck=, hatte schon 1809 richtig erkannt, daß sie -allgemeine Geltung besitze, und daß also auch der =Mensch=, als das -höchst entwickelte Säugetier, von demselben Stamme abzuleiten sei, -wie alle anderen Säugetiere, und diese weiter hinauf von demselben -älteren Zweige des Stammbaums, wie die übrigen Wirbeltiere. Er hatte -auch schon auf die Vorgänge hingewiesen, durch welche die =Abstammung -des Menschen vom Affen=, als dem nächstverwandten Säugetiere, -wissenschaftlich erklärt werden könne. =Darwin=, der naturgemäß zu -derselben Überzeugung gelangt war, ging in seinem Hauptwerk (1859) -über diese anstößigste Folgerung seiner Lehre absichtlich hinweg -und hat dieselbe erst später (1871) in seinem Werke über »Die -Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl« geistreich -ausgeführt. Inzwischen hatte aber schon sein Freund =Huxley= (1863) -jenen wichtigsten Folgeschluß der Abstammungslehre sehr scharfsinnig -erörtert in seiner berühmten kleinen Schrift über die »Zeugnisse für -die Stellung des Menschen in der Natur«. An der Hand der vergleichenden -Anatomie und Ontogenie und gestützt auf die Tatsachen der Paläontologie -zeigte =Huxley=, daß die »Abstammung des Menschen vom Affen« eine -notwendige Konsequenz des Darwinismus sei, und daß eine andere -wissenschaftliche Erklärung von der Entstehung des Menschengeschlechts -überhaupt nicht gegeben werden könne. - -Als weitere Folgerung dieser wichtigen Erkenntnis ergab sich die -schwierige Aufgabe, nicht nur die nächstverwandten Säugetier-=Ahnen -des Menschen= in der Tertiärzeit zu erforschen, sondern auch die lange -Reihe der älteren tierischen Vorfahren, welche in früheren Zeiträumen -der Erdgeschichte gelebt und während ungezählter Jahrmillionen sich -entwickelt hatten. Die hypothetische Lösung dieser großen historischen -Aufgabe hatte ich schon 1866 in der Generellen Morphologie versucht; -weiter ausgeführt habe ich dieselbe 1874 in meiner =Anthropogenie= -(~I~. Teil: Keimesgeschichte; ~II~. Teil: Stammesgeschichte). Die -fünfte umgearbeitete Auflage dieses Buches (1903) enthält diejenige -Darstellung der Entwickelungsgeschichte des Menschen, welche bei dem -gegenwärtigen Zustande unserer Urkundenkenntnis sich dem fernen Ziele -der Wahrheit nach meiner persönlichen Auffassung am meisten nähert; -ich war dabei stets bemüht, alle drei empirischen Urkunden, die -=Paläontologie=, =Ontogenie= und =Morphologie= (oder vergleichende -Anatomie), möglichst gleichmäßig und im Zusammenhange zu benutzen. -Sicher werden die hier gegebenen Deszendenz-Hypothesen im einzelnen -durch spätere phylogenetische Forschungen vielfach ergänzt und -berichtigt werden; aber eben so sicher steht für mich die Überzeugung, -daß der dort entworfene Stufengang der menschlichen Stammesgeschichte -im großen und ganzen der Wahrheit entspricht. Denn die =historische -Reihenfolge der Wirbeltierversteinerungen= entspricht vollständig -der morphologischen Entwickelungsreihe, welche uns die vergleichende -Anatomie und Ontogenie enthüllt: auf die silurischen Fische folgen die -devonischen Lurchfische, die karbonischen Amphibien, die permischen -Reptilien und die mesozoischen Säugetiere; von diesen erscheinen -wiederum zunächst in der Trias die niedersten Formen, die Gabeltiere -(~Monotremen~), dann im Jura die Beuteltiere (~Marsupialien~) und -darauf in der Kreide die ältesten Zottentiere (~Plazentalien~). Von -diesen letzteren treten wieder zunächst in der ältesten Tertiärzeit -die niedersten Primatenahnen auf, die Halbaffen, darauf die echten -Affen, und zwar von den ~Catarrhinen~ zuerst die Hundsaffen -(~Cynopitheken~), später die Menschenaffen (~Anthropomorphen~); -aus einem Zweige dieser letzteren ist während der Pliozänzeit der -sprachlose =Affenmensch= entstanden (~Pithecanthropus alalus~), und -aus diesem endlich der sprechende Mensch. - -Viel schwieriger und unsicherer als diese Kette unserer -=Wirbeltier-Ahnen= ist diejenige der vorhergehenden wirbellosen Ahnen -zu erforschen; denn von ihren weichen skelettlosen Körpern kennen -wir keine versteinerten Überreste; die Paläontologie kann uns hier -keinerlei Zeugnis liefern. Um so wichtiger werden hier die Urkunden -der vergleichenden Anatomie und Ontogenie. Da der menschliche Keim -denselben ~Chordula~-Zustand durchläuft wie der Embryo aller anderen -Wirbeltiere, da er sich ebenso aus zwei Keimblättern einer ~Gastrula~ -entwickelt, schließen wir nach dem Biogenetischen Grundgesetze auf -die frühere Existenz entsprechender Ahnenformen (~Vermalien~, -~Gastraeaden~). Vor allem wichtig aber ist die fundamentale Tatsache, -daß auch der Keim des Menschen, gleich demjenigen aller anderen -Tiere, sich ursprünglich aus einer einfachen Zelle entwickelt; denn -diese =Stammzelle= (~Cytula~) -- die »befruchtete Eizelle« -- weist -zweifellos auf eine entsprechende einzellige Stammform hin, ein uraltes -=Protozoon=. - -Für unsere =monistische Philosophie= ist es übrigens zunächst ziemlich -gleichgültig, wie sich im einzelnen die Stufenreihe unserer Vorfahren -noch sicherer feststellen lassen wird. Für sie bleibt als =sichere -historische Tatsache= die folgenschwere Erkenntnis bestehen, daß der -=Mensch zunächst vom Affen abstammt=, weiterhin von einer langen Reihe -niederer Wirbeltiere. Die logische Begründung dieses Satzes habe ich -schon 1866 im siebenten Buche der »Generellen =Morphologie«= betont -(S. 427): »Der Satz, daß der Mensch sich aus niederen Wirbeltieren, -und zwar zunächst aus echten Affen, entwickelt hat, ist ein spezieller -Deduktionsschluß, der sich aus dem generellen Induktionsgesetze der -Deszendenztheorie mit absoluter Notwendigkeit ergibt.« - -Von größter Bedeutung für die definitive Feststellung und -Anerkennung dieses fundamentalen Satzes sind die =paläontologischen -Entdeckungen= der letzten Dezennien geworden; insbesondere haben uns -die überraschenden Funde von zahlreichen ausgestorbenen Säugetieren -der Tertiärzeit in den Stand gesetzt, die Stammesgeschichte dieser -wichtigsten Tierklasse, von den niedersten, eierlegenden Monotremen -bis zum Menschen hinauf, in ihren Grundzügen klarzulegen. Die vier -Hauptgruppen der =Zottentiere=, die formenreichen Legionen der -Raubtiere, Nagetiere, Huftiere und Herrentiere, erscheinen durch -tiefe Klüfte getrennt, wenn wir nur die heute noch lebenden Epigonen -als Vertreter derselben ins Auge fassen. Diese Klüfte werden aber -vollkommen ausgefüllt und die scharfen Unterschiede der vier Legionen -gänzlich verwischt, wenn wir ihre tertiären, ausgestorbenen Vorfahren -vergleichen, und wenn wir bis in die eozäne Geschichtsdämmerung der -ältesten Tertiärzeit hinabsteigen. Da finden wir die große Unterklasse -der Zottentiere, die heute mehr als 2500 Arten umfaßt, nur durch -eine geringe Zahl von kleinen und unbedeutenden »Urzottentieren« -vertreten; und in diesen ~Prochoriaten~ erscheinen die Charaktere -jener vier divergenten Legionen so gemischt und verwischt, daß wir -sie vernünftigerweise nur als =gemeinsame Vorfahren= derselben -deuten können. Sie besitzen alle im wesentlichen dieselbe Bildung -des Knochengerüstes und dasselbe =typische Gebiß= der ursprünglichen -Plazentalien mit 44 Zähnen; sie zeichnen sich alle durch die geringe -Größe und die unvollkommene Bildung ihres Gehirns aus; sie haben alle -kurze Beine und fünfzehige Füße, die mit der flachen Sohle auftreten. -Bei manchen dieser ältesten Zottentiere der Eozänzeit war es anfangs -zweifelhaft, ob man sie zu den Raubtieren oder Nagetieren, zu den -Huftieren oder Herrentieren stellen sollte; so sehr nähern sich hier -unten diese vier großen, später so sehr verschiedenen Legionen der -Plazentalien. Unzweifelhaft folgt daraus ihr gemeinsamer Ursprung aus -einer einzigen Stammgruppe. Diese Urzottentiere lebten schon in der -vorhergehenden Kreideperiode und sind wahrscheinlich aus einer Gruppe -von insektenfressenden =Beuteltieren= hervorgegangen. - -Die wichtigsten von allen neueren paläontologischen Entdeckungen, -welche die Stammesgeschichte der Zottentiere aufgeklärt haben, -betreffen unseren eigenen Stamm, die Legion der Herrentiere -(~Primates~). Früher waren versteinerte Reste derselben äußerst -selten. Noch =Cuvier=, der große Gründer der Paläontologie, behauptete -bis zu seinem Tode (1832), daß es keine Versteinerungen von Primaten -gäbe; zwar hatte er selbst schon den Schädel eines eozänen Halbaffen -(~Adapis~) beschrieben, ihn aber irrtümlich für ein Huftier gehalten. -In den letzten Dezennien sind aber gut erhaltene, versteinerte -Skelette von Halbaffen und Affen in ziemlicher Zahl entdeckt worden; -darunter befinden sich alle die wichtigen Zwischenglieder, welche eine -zusammenhängende Ahnenkette von den ältesten Halbaffen bis zum Menschen -hinauf darstellen. - -Der berühmteste und interessanteste von diesen fossilen Funden ist -=der versteinerte Affenmensch von Java=, welchen der holländische -Militärarzt =Eugen Dubois= 1891 entdeckt hat, der vielbesprochene -~Pithecanthropus erectus~. Er ist in der Tat das vielgesuchte -»~Missing link~«, das angeblich »fehlende Glied« in der -Primatenkette, welche sich ununterbrochen vom niedersten Affen bis zum -höchst entwickelten Menschen hinaufzieht. Ich habe die hohe Bedeutung, -welche dieser merkwürdige Fund besitzt, ausführlich erörtert in dem -Vortrage »Über unsere gegenwärtige Kenntnis vom Ursprung des Menschen«, -welchen ich am 26. August 1898 auf dem vierten internationalen -Zoologenkongreß in Cambridge gehalten habe. Der Paläontologe, welcher -die Bedingungen für Bildung und Erhaltung von Versteinerungen kennt, -wird die Entdeckung des Pithecanthropus als einen besonders glücklichen -Zufall betrachten. Denn als Baumbewohner kommen die Affen nach -ihrem Tode (wenn sie nicht zufällig ins Wasser fallen) nur selten -unter Verhältnisse, welche die Erhaltung und Versteinerung ihres -Knochengerüstes gestatten. Durch den Fund dieses fossilen Affenmenschen -von Java ist also auch von seiten der =Paläontologie= die »Abstammung -des Menschen vom Affen« ebenso klar und sicher bewiesen, wie es früher -schon durch die Urkunden der =vergleichenden Anatomie und Ontogenie= -geschehen war; wir besitzen jetzt in der Tat alle wesentlichen Urkunden -unserer Stammesgeschichte. - -=Zusatz= (1908). Die dreißig Hauptstufen, die sich gegenwärtig in der -Stammeskette unserer tierischen Vorfahren unterscheiden und auf sechs -Strecken verteilen lassen, habe ich übersichtlich zusammengestellt in -meiner Festschrift über: »Unsere Ahnenreihe (~Prognotaxis hominis~)«. -Jena 1908. - - - - -=Sechstes Kapitel.= - -_Das Wesen der Seele._ - - Monistische Studien über den Begriff der Psyche. Aufgaben und Methoden - der wissenschaftlichen Psychologie. Psychologische Metamorphosen. - - -Die Lebenstätigkeiten, welche man allgemein unter dem Begriffe des -=Seelenlebens= oder der psychischen Funktionen zusammenfaßt, sind -unter allen uns bekannten Erscheinungen einerseits die wichtigsten und -interessantesten, andererseits die verwickeltsten und rätselhaftesten. -Da die Naturerkenntnis selbst ein Teil des Seelenlebens ist, und da -mithin auch die Anthropologie, ebenso wie die Kosmologie, eine richtige -Erkenntnis der =»Psyche«= zur Voraussetzung hat, so kann man die -=Psychologie=, die wirklich wissenschaftliche Seelenlehre, auch als -das Fundament und als die Voraussetzung aller anderen Wissenschaften -ansehen; von der anderen Seite betrachtet, ist sie wieder ein Teil der -Philosophie, oder der Physiologie, oder der Anthropologie. - -Die große Schwierigkeit ihrer naturgemäßen Begründung liegt nun -aber darin, daß die Psychologie wiederum die genaue Kenntnis des -menschlichen Organismus voraussetzt und vor allem des =Gehirns=, als -des wichtigsten =Organs= des Seelenlebens. Die große Mehrzahl der -sogenannten »Psychologen« besitzt jedoch von diesen anatomischen -Grundlagen der Psyche nur sehr unvollständige oder gar keine Kenntnis, -und so erklärt sich die bedauerliche Tatsache, daß in keiner anderen -Wissenschaft so widersprechende und unhaltbare Vorstellungen über -ihren eigenen Begriff und ihre wesentliche Aufgabe herrschen, wie in -der Psychologie. Diese Verwirrung ist in den letzten Dezennien um so -fühlbarer hervorgetreten, je mehr die großartigen Fortschritte der -Anatomie und Physiologie unsere Kenntnis vom Bau und von den Funktionen -des wichtigsten Seelenorgans erweitert haben. - -_Methoden der Seelenforschung._ Nach meiner Überzeugung ist das, was -man die =»Seele«= nennt, in Wahrheit eine =Naturerscheinung=; ich -betrachte daher die Psychologie als einen Zweig der Naturwissenschaft --- und zwar der =Physiologie=. Demzufolge muß ich von vornherein -betonen, daß wir für dieselbe keine anderen Forschungswege zulassen -können als in allen übrigen Naturwissenschaften; d. h. in erster -Linie die =Beobachtung= und das =Experiment=, in zweiter Linie die -=Entwickelungsgeschichte= und in dritter Linie die theoretische -=Spekulation=, welche durch induktive und deduktive Schlüsse möglichst -dem unbekannten »=Wesen=« der Erscheinung sich zu nähern sucht. Mit -Bezug auf seine prinzipielle Beurteilung aber müssen wir zunächst -gerade hier den Gegensatz der dualistischen und der monistischen -Ansicht scharf ins Auge fassen. - -_Dualistische Psychologie._ Die allgemein herrschende Auffassung des -Seelenlebens, welche wir bekämpfen, betrachtet Seele und Leib als -zwei verschiedene =»Wesen«=. Diese beiden Wesen können unabhängig -voneinander existieren und sind nicht notwendig aneinander gebunden. -Der organische =Leib= ist ein sterbliches =materielles= Wesen, -chemisch zusammengesetzt aus lebendigem Plasma und den von diesem -erzeugten Verbindungen. Die =Seele= hingegen ist ein unsterbliches, -=immaterielles= Wesen, ein spirituelles Agens, dessen rätselhafte -Tätigkeit uns völlig unbekannt ist. Diese übliche Auffassung ist -als solche rein spiritualistisch und ihr prinzipielles Gegenteil im -gewissen Sinne materialistisch. Sie ist zugleich transzendent und -=supranaturalistisch=; denn sie behauptet die Existenz von Kräften, -welche ohne materielle Basis existieren und wirksam sind; sie fußt auf -der Annahme, daß außer und über der Natur noch eine »geistige Welt« -existiert, eine immaterielle Welt, von der wir durch Erfahrung nichts -wissen und unserer Natur nach nichts wissen können. - -Diese hypothetische »=Geisteswelt=«, die von der materiellen Körperwelt -ganz unabhängig sein soll, und auf deren Annahme das ganze künstliche -Gebäude der dualistischen Weltanschauung ruht, ist lediglich ein -Produkt der dichtenden Phantasie; und dasselbe gilt von dem mystischen, -eng mit ihr verknüpften Glauben an die »Unsterblichkeit der Seele«, -dessen wissenschaftliche Unhaltbarkeit wir nachher noch besonders -dartun müssen (im 11. Kapitel). Wenn die in diesem Sagenkreise -herrschenden Glaubensvorstellungen wirklich begründet wären, so müßten -die betreffenden Erscheinungen =nicht dem Substanzgesetze= unterworfen -sein; diese einzige Ausnahme von dem höchsten kosmologischen -Grundgesetze müßte aber erst sehr spät im Laufe der organischen -Erdgeschichte eingetreten sein, da sie nur die »Seele« des Menschen und -der höheren Tiere betrifft. Auch das Dogma des »freien Willens«, ein -anderes wesentliches Stück der dualistischen Psychologie, ist mit dem -Substanzgesetze ganz unvereinbar. - -_Monistische Psychologie._ Unsere natürliche Auffassung -des Seelenlebens erblickt dagegen in ihm eine Summe von -Lebenserscheinungen, welche gleich allen anderen an ein bestimmtes -materielles Substrat gebunden sind. Wir wollen diese materielle Basis -aller psychischen Tätigkeit, ohne welche dieselbe nicht denkbar ist, -vorläufig als =Psychoplasma= bezeichnen, und zwar deshalb, weil sie -durch die chemische Analyse überall als ein Körper nachgewiesen ist, -welcher zur Gruppe der =Plasmakörper= gehört, d. h. jener eiweißartigen -Kohlenstoff-Verbindungen, welche sämtlichen Lebensvorgängen zugrunde -liegen. Bei den höheren Tieren, welche ein Nervensystem und -Sinnesorgane besitzen, ist aus dem =Psychoplasma= durch Differenzierung -das =Neuroplasma=, die Nervensubstanz, entstanden. Unsere Auffassung -ist in =diesem= Sinne =materialistisch=. Sie ist aber zugleich -=empiristisch= und =naturalistisch=; denn unsere wissenschaftliche -Erfahrung hat uns noch keine Kräfte kennen gelehrt, welche der -materiellen Grundlage entbehren, und keine »geistige Welt«, welche -außer der Natur und über der Natur stünde. - -Gleich allen anderen Naturerscheinungen sind auch diejenigen des -Seelenlebens dem alles beherrschenden =Substanzgesetze= unterworfen; -es gibt auch in diesem Gebiete keine Ausnahme von diesem höchsten -kosmologischen Grundgesetze. Die Erscheinungen des niederen -Seelenlebens bei den einzelligen Protisten und bei den Pflanzen -- -aber ebenso auch bei den niederen Tieren --, ihre Reizbarkeit, -ihre Reflexbewegungen, ihre Empfindlichkeit und ihr Streben nach -Selbsterhaltung beruhen auf physiologischen Vorgängen im =Plasma= -ihrer Zellen, auf physikalischen und chemischen Veränderungen, welche -teils auf =Vererbung=, teils auf =Anpassung= zurückzuführen sind. -Aber ganz dasselbe müssen wir auch für die höheren Seelentätigkeiten -der höheren Tiere und des Menschen behaupten, für die Bildung der -Vorstellungen und Begriffe, für die wunderbaren Phänomene der Vernunft -und des Bewußtseins; denn diese haben sich phylogenetisch aus jenen -entwickelt, und nur der höhere Grad der Zentralisation, durch innige -und mannigfaltige Verbindung der einzelnen Funktionen, erhebt sie zu -dieser erstaunlichen Höhe. - -_Begriffe der Psychologie._ In jeder Wissenschaft gilt mit Recht als -erste Aufgabe die klare =Begriffsbestimmung= des Gegenstandes, den -sie zu erforschen hat. In keiner Wissenschaft aber ist die Lösung -dieser ersten Aufgabe so schwierig als in der Seelenlehre, und diese -Tatsache ist um so merkwürdiger, als die =Logik=, die Lehre von der -Begriffsbildung, selbst nur ein Teil der Psychologie ist. Wenn wir -alles vergleichen, was über die Grundbegriffe der Seelenkunde von -den angesehensten Philosophen und Naturforschern aller Zeiten gesagt -worden ist, so ersticken wir in einem Chaos der widersprechendsten -Ansichten. Was ist denn eigentlich die »=Seele=«? Wie verhält sie sich -zum »=Geist=«? Welche Bedeutung hat eigentlich das »=Bewußtsein=«? -Wie unterscheiden sich »=Empfindung=« und »=Gefühl=«? Was ist -der »=Instinkt=«? Wie verhält sich der »=freie Wille=«? Was ist -»=Vorstellung=«? Welcher Unterschied besteht zwischen »=Verstand= und -=Vernunft=«? Und was ist eigentlich »=Gemüt=«? Welche Beziehung besteht -zwischen allen diesen »Seelenerscheinungen und dem =Körper=«? Die -Antworten auf diese und viele andere, sich daran anschließenden Fragen -lauten so verschieden als möglich; nicht allein gehen die Ansichten -der angesehensten Autoritäten darüber weit auseinander, sondern auch -eine und dieselbe =wissenschaftliche= Autorität hat oft im Laufe ihrer -eigenen psychologischen Entwickelung ihre Ansichten völlig verändert. -Sicher hat diese »=psychologische= Metamorphose« vieler Denker (die -wir noch am Schlusse dieses 6. Kapitels beleuchten wollen) nicht wenig -zu der =kolossalen Konfusion der Begriffe= beigetragen, welche in der -Seelenlehre mehr als in jedem anderen Gebiete der Erkenntnis herrscht. - -_Objektive und subjektive Psychologie._ Die ganz eigentümliche Natur -vieler Seelenerscheinungen, und vor allem des Bewußtseins bedingt -gewisse Abänderungen und Modifikationen unserer naturwissenschaftlichen -Untersuchungsmethoden. Besonders wichtig ist hier der Umstand, daß -zu der gewöhnlichen, =objektiven=, =äußern= Beobachtung noch die -=introspektive Methode= treten muß, die =subjektive=, =innere= -Beobachtung, welche die Spiegelung unseres »Ich« im Bewußtsein bedingt. -Von dieser »unmittelbaren Gewißheit des Ich« gingen die meisten -Psychologen aus: »~Cogito, ergo sum!~« »=Ich denke, also bin ich.=« -Wir werden daher zunächst auf diesen Erkenntnisweg und dann erst auf -die anderen, ihn ergänzenden Methoden einen Blick werfen. - -_Introspektive Psychologie (Selbstbeobachtung der Seele)._ Der weitaus -größte Teil aller derjenigen Kenntnisse, welche seit Jahrtausenden in -unzähligen Schriften über das menschliche Seelenleben niedergelegt -sind, beruht auf introspektiver Seelenforschung, d. h. auf -=Selbstbeobachtung=, und auf Schlüssen, welche wir aus der Assozion -und Kritik dieser subjektiven, »inneren Erfahrungen« ziehen. Für einen -wichtigen Teil der Seelenlehre ist dieser introspektive Weg überhaupt -der einzig mögliche, vor allem für die Erforschung des =Bewußtseins=; -diese Gehirnfunktion nimmt daher eine ganz eigentümliche Stellung ein -und ist mehr als jede andere die Quelle unzähliger philosophischer -Irrtümer geworden (vergl. Kap. 10). Es ist aber ganz ungenügend und -führt zu ganz unvollkommenen und falschen Vorstellungen, wenn man -diese Selbstbeobachtung unseres Geistes als die wichtigste oder -überhaupt als die einzige Quelle seiner Erkenntnis betrachtet, wie -es von zahlreichen und angesehenen Philosophen geschehen ist. Denn -ein großer Teil der wichtigsten Erscheinungen im Seelenleben, vor -allem die =Sinnesfunktionen= (Sehen, Hören, Riechen usw.), ferner -die =Sprache=, kann nur auf demselben Wege erforscht werden wie jede -andere Lebenstätigkeit des Organismus, nämlich erstens durch gründliche -anatomische Untersuchung ihrer =Organe=, und zweitens durch exakte -physiologische Analyse der davon abhängigen =Funktionen=. Um diese -»äußere Beobachtung« der Seelentätigkeit auszuführen und dadurch die -Ergebnisse der »inneren Beobachtung« zu ergänzen, bedarf es aber -gründlicher Kenntnisse in Anatomie und Histologie, Ontogenie und -Physiologie des Menschen. Von diesen unentbehrlichen Grundlagen der -Anthropologie haben nun die meisten sogenannten »=Psychologen=« gar -keine oder nur höchst unvollkommene Kenntnis; sie sind daher nicht -imstande, auch nur von ihrer eigenen Seele eine genügende Vorstellung -zu erwerben. Dazu kommt noch der schlimme Umstand, daß die eigene -Seele dieser Psychologen gewöhnlich die einseitig ausgebildete (wenn -auch in ihrem spekulativen Sport sehr hoch entwickelte!) Psyche eines -=Kulturmenschen= höchster Rasse darstellt, also das letzte =Endglied= -einer langen phyletischen Entwickelungsreihe, deren zahlreiche ältere -und niedere Vorläufer für ihr richtiges Verständnis unentbehrlich sind. -So erklärt es sich, daß der größte Teil der gewaltigen psychologischen -Literatur heute wertlose Makulatur ist. Die introspektive Methode ist -gewiß höchst wertvoll und unentbehrlich, sie bedarf aber durchaus der -Mitwirkung und Ergänzung durch die übrigen Methoden. - -_Exakte Psychologie._ Je reicher im Laufe des 19. Jahrhunderts sich -die verschiedenen Zweige des menschlichen Erkenntnisbaumes entwickelt, -je mehr sich die verschiedenen Methoden der einzelnen Wissenschaften -vervollkommnet haben, desto mehr ist das Bestreben gewachsen, dieselben -=exakt= zu gestalten, d. h. die Erscheinungen möglichst =genau= -empirisch zu untersuchen und die daraus abzuleitenden Gesetze tunlichst -scharf, womöglich =mathematisch= zu formulieren. Letzteres ist aber -nur bei einem kleinen Teile des menschlichen Wissens erreichbar, -vorzüglich in jenen Wissenschaften, bei denen es sich in der Hauptsache -um meßbare Größenbestimmungen handelt: in erster Linie der Mathematik, -sodann der Astronomie, der Mechanik, überhaupt einem großen Teile der -Physik und Chemie. Diese Wissenschaften werden daher auch als =exakte -Disziplinen= im engeren Sinne bezeichnet. Dagegen ist es nicht richtig -und führt nur irre, wenn man oft =alle= Naturwissenschaften als -»exakte« betrachtet und anderen, namentlich den historischen und den -»Geisteswissenschaften« gegenüberstellt. Denn ebensowenig als diese -letzteren kann auch der größere Teil der Naturwissenschaft wirklich -exakt behandelt werden; ganz besonders gilt dies von der Biologie -und in dieser wieder von der Psychologie. Da diese letztere nur ein -Teil der Physiologie ist, muß sie im allgemeinen deren fundamentale -Erkenntniswege teilen. Sie muß die tatsächlichen Erscheinungen des -Seelenlebens möglichst genau =empirisch= ergründen, durch Beobachtung -und durch Experiment; und sie muß dann die Gesetze der Psyche aus -diesen durch induktive und deduktive Schlüsse ableiten und möglichst -scharf formulieren. Allein ihre =mathematische= Formulierung ist aus -leicht begreiflichen Gründen nur sehr selten möglich; sie ist mit -großem Erfolge nur bei einem Teile der Sinnesphysiologie ausgeführt; -für den weitaus größten Teil der Gehirnphysiologie ist sie dagegen -nicht anwendbar. - -_Psychophysik._ Ein kleiner Teil der Psychologie, welcher der -erstrebten »exakten« Untersuchung zugänglich erscheint, ist seit -Jahren mit großer Sorgfalt studiert und zum Range einer besonderen -Disziplin erhoben worden unter der Bezeichnung =Psychophysik=. Die -Begründer derselben, die Physiologen =Theodor Fechner= und =Ernst -Heinrich Weber=, untersuchten zunächst genau die Abhängigkeit der -Empfindungen von den äußeren, auf die Sinnesorgane wirkenden Reizen -und besonders das quantitative Verhältnis zwischen Reizstärke -und Empfindungsintensität. Sie fanden, daß zur Erregung einer -Empfindung eine bestimmte minimale Reizstärke erforderlich ist -(die »Reizschwelle«), und daß ein gegebener Reiz immer um einen -gewissen Betrag (die »Unterschiedsschwelle«) geändert werden muß, -ehe die Empfindung sich merklich verändert. Für die wichtigsten -Sinnesempfindungen (Gesicht, Gehör, Druckempfindung) gilt das Gesetz, -daß ihre Änderung derjenigen der Reizstärke proportional ist. Aus -diesem empirischen »Weberschen Gesetz« leitete =Fechner= sein -»psycho-physisches Grundgesetz« ab, wonach die Empfindungsintensitäten -in arithmetischer Progression wachsen sollen, hingegen die Reizstärken -in geometrischer Progression. Indessen haben spätere Forscher gezeigt, -daß dieses Fechnersche Gesetz exakt nur für mittlere Intensitäten gilt, -also nicht die allgemeine Bedeutung hat, die man ihm früher zuschrieb. - -_Vergleichende Psychologie._ Die auffällige Ähnlichkeit, welche -im Seelenleben des Menschen und der höheren Tiere -- besonders -der nächstverwandten Säugetiere -- besteht, ist eine altbekannte -Tatsache. Die meisten Naturvölker machen noch heute zwischen beiden -psychischen Erscheinungsreihen keinen wesentlichen Unterschied, -wie schon die allgemein verbreiteten Tierfabeln, die alten Sagen -und die Vorstellungen von der Seelenwanderung beweisen. Auch die -meisten Philosophen des klassischen Altertums waren davon überzeugt -und entdeckten zwischen der menschlichen und tierischen Psyche -keine wesentlichen Unterschiede. Selbst =Plato=, der zuerst den -fundamentalen Unterschied von Leib und Seele behauptete, ließ in -seiner Seelenwanderung eine und dieselbe Seele (oder »Idee«) durch -verschiedene Tier- und Menschenleiber hindurchwandern. Erst das -Christentum, das den Unsterblichkeitsglauben auf das engste mit dem -Gottesglauben verknüpfte, führte die prinzipielle Scheidung zwischen -der unsterblichen Menschenseele und der sterblichen Tierseele durch. In -der dualistischen Philosophie gelangte sie vor allem durch den Einfluß -von =Descartes= (1643) zur Geltung; er behauptete, daß nur der Mensch -eine wahre »Seele« und somit Empfindung und freien Willen besitze, daß -hingegen die Tiere Automaten, Maschinen ohne Willen und Empfindung -seien. Seitdem wurde von den meisten Psychologen -- namentlich auch -von =Kant= -- das Seelenleben der Tiere ganz vernachlässigt und das -psychologische Studium auf den Menschen beschränkt; die menschliche, -meistens rein introspektive Psychologie entbehrte der befruchtenden -Vergleichung und blieb daher auf demselben niederen Standpunkt stehen, -welchen die menschliche Morphologie einnahm, ehe sie =Cuvier= durch die -Begründung der vergleichenden Anatomie zur Höhe einer philosophischen -Naturwissenschaft erhob. - -_Tierpsychologie._ Das wissenschaftliche Interesse für das Seelenleben -der Tiere wurde erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts neu -belebt, im Zusammenhang mit den Fortschritten der systematischen -Zoologie und Physiologie. Besonders anregend wirkte die Schrift von -=Reimarus=: Allgemeine Betrachtungen über die Triebe der Thiere -(Hamburg 1760). Eine tiefere wissenschaftliche Erforschung wurde -erst möglich durch =Johannes Müllers= Reform der Physiologie. Dieser -geistvolle Biologe, das ganze Gebiet der organischen Natur, Morphologie -und Physiologie, gleichmäßig umfassend, führte zuerst die =exakten -Methoden= der Beobachtung und des Versuchs im gesamten Gebiete der -Physiologie durch und verknüpfte sie zugleich in genialer Weise mit den -=vergleichenden Methoden=; er wendete sie ebenso auf das Seelenleben -im weitesten Sinne an (auf Sprache, Sinne, Gehirntätigkeit) wie auf -alle übrigen Lebenserscheinungen. Das sechste Buch seines »Handbuchs -der Physiologie des Menschen« (1840) handelt speziell »Vom Seelenleben« -und enthält auf 80 Seiten eine Fülle der wichtigsten psychologischen -Betrachtungen. - -_Völkerpsychologie._ Für die fruchtbare Ausbildung der vergleichenden -Seelenlehre ist es höchst wichtig, die kritische Vergleichung nicht -auf Tier und Mensch im allgemeinen zu beschränken, sondern auch die -mannigfaltigen =Abstufungen= in ihrem Seelenleben nebeneinander zu -stellen. Erst dadurch gelangen wir zur klaren Erkenntnis der langen -=Stufenleiter= psychischer Entwickelung, welche ununterbrochen von -den niedersten, einzelligen Lebensformen bis zu den Säugetieren und -an deren Spitze bis zum Menschen hinauf führt. Auch innerhalb des -Menschengeschlechts selbst sind jene Abstufungen sehr beträchtlich -und die Verzweigungen des »Seelenstammbaums« höchst mannigfaltig. -Der psychische Unterschied zwischen dem rohesten Naturmenschen der -niedersten Stufe und dem vollkommensten Kulturmenschen der höchsten -Stufe ist kolossal, viel größer, als gemeinhin angenommen wird. In -der richtigen Erkenntnis dieser Tatsache hat besonders in der zweiten -Hälfte des 19. Jahrhunderts die »=Anthropologie der Naturvölker=« -(=Waitz=) einen lebhaften Aufschwung genommen und die vergleichende -Ethnographie eine hohe Bedeutung für die Psychologie gewonnen. Leider -ist nur das massenhaft gesammelte Rohmaterial dieser Wissenschaft noch -nicht genügend kritisch durchgearbeitet. - -_Ontogenetische Psychologie._ Am meisten vernachlässigt und am -wenigsten angewendet unter allen Methoden der Seelenforschung war bis -auf die letzte Zeit die =Entwickelungsgeschichte der Seele=; und doch -ist gerade dieser selten betretene Pfad derjenige, der uns am kürzesten -und sichersten durch den dunklen Urwald der psychologischen Vorurteile, -Dogmen und Irrtümer zu der klaren Einsicht in viele der wichtigsten -»Seelenfragen« führt. Wie in jedem anderen Gebiete der organischen -Entwickelungsgeschichte, so stelle ich auch hier zunächst die beiden -Hauptzweige derselben gegenüber, die ich zuerst 1866 unterschieden -habe: die Keimesgeschichte (~Ontogenie~) und die Stammesgeschichte -(~Phylogenie~). Die =Keimesgeschichte der Seele= untersucht die -allmähliche und stufenweise Entwickelung der Seele in der einzelnen -Person und strebt nach Erkenntnis der Gesetze, welche sie ursächlich -bedingen. Für einen wichtigen Abschnitt des menschlichen Seelenlebens -ist hier schon seit Jahrtausenden sehr viel geschehen; denn die -rationelle =Pädagogik= mußte sich ja schon frühzeitig die Aufgabe -stellen, theoretisch die stufenweise Entwickelung und Bildungsfähigkeit -der kindlichen Seele kennen zu lernen, deren harmonische Ausbildung -und Leitung sie praktisch durchzuführen hatte. Allein die meisten -Pädagogen waren idealistische und dualistische Philosophen und -gingen daher an ihre Aufgabe von vornherein mit den althergebrachten -Vorurteilen der spiritualistischen Psychologie. Erst seit wenigen -Dezennien ist dieser dogmatischen Richtung gegenüber auch in der -Schule die naturwissenschaftliche Methode zu größerer Geltung gelangt; -man bemüht sich jetzt mehr, auch in der Beurteilung der Kindesseele -die Grundsätze der Entwickelungslehre zur Anwendung zu bringen. Das -individuelle Rohmaterial der kindlichen Seele ist ja bereits durch -=Vererbung= von Eltern und Voreltern von vornherein gegeben; die -Erziehung hat die schöne Aufgabe, dasselbe durch intellektuelle -Belehrung und moralische Erziehung, also durch =Anpassung=, zur reichen -Blüte zu entwickeln. Für die Kenntnis unserer frühesten psychischen -Entwickelung hat erst =Wilhelm Preyer= (1882) den Grund gelegt in -seiner interessanten Schrift »Die Seele des Kindes, Beobachtungen über -die geistige Entwickelung des Menschen in den ersten Lebensjahren«. Für -die Erkenntnis der späteren Stufen und Metamorphosen der individuellen -Psyche bleibt noch sehr viel zu tun; die richtige, kritische Anwendung -des Biogenetischen Grundgesetzes beginnt auch hier sich als klarer -Leitstern des wissenschaftlichen Verständnisses zu bewähren. (Vergl. -=Hermann Kroell=, Der Aufbau der menschlichen Seele, 1900.) - -_Phylogenetische Psychologie._ Eine neue, fruchtbare Periode höherer -Entwickelung begann für die Psychologie, wie für alle anderen -biologischen Wissenschaften, als =Charles Darwin= die Grundsätze der -Entwickelungslehre auf sie anwendete. Das siebente Kapitel seines -epochemachenden Werkes über die Entstehung der Arten (1859) ist dem -=Instinkt= gewidmet; es enthält den wertvollen Nachweis, daß die -Instinkte der Tiere, gleich allen anderen Lebenstätigkeiten, den -allgemeinen Gesetzen der historischen Entwickelung unterliegen. Die -speziellen Instinkte der einzelnen Tierarten werden durch =Anpassung= -umgebildet, und diese »erworbenen Abänderungen« werden durch -=Vererbung= auf die Nachkommen übertragen; bei ihrer Erhaltung und -Ausbildung spielt die natürliche =Selektion= durch den »Kampf ums -Dasein« ebenso eine züchtende Rolle wie bei der Transformation jeder -anderen physiologischen Tätigkeit. Später hat =Darwin= in mehreren -Werken diese fundamentale Ansicht weiter ausgeführt und gezeigt, daß -dieselben Gesetze »geistiger Entwickelung« durch die ganze organische -Welt hindurch walten, beim Menschen ebenso wie bei den Tieren und bei -diesen ebenso wie bei den Pflanzen. =Die Einheit der organischen Welt=, -die sich aus ihrem gemeinsamen Ursprung erklärt, gilt also auch -für das gesamte Gebiet des Seelenlebens, vom einfachsten, einzelligen -Organismus bis hinauf zum Menschen. - -Die weitere Ausführung von =Darwins= Psychologie und ihre besondere -Anwendung auf alle einzelnen Gebiete des Seelenlebens verdanken wir -einem ausgezeichneten englischen Naturforscher, =George Romanes=. -Leider wurde er durch seinen allzu frühen Tod an der Vollendung -des großen Werkes gehindert, welches alle Teile der vergleichenden -Seelenkunde gleichmäßig im Sinne der monistischen Entwickelungslehre -ausbauen sollte. Die beiden Teile dieses Werkes, welche erschienen -sind, gehören zu den wertvollsten Erzeugnissen der gesamten -psychologischen Literatur. Denn getreu den Prinzipien unserer modernen -monistischen Naturforschung sind darin erstens die wichtigsten -=Tatsachen= zusammengefaßt und geordnet, welche seit Jahrtausenden -durch Beobachtung und Experiment auf dem Gebiete der vergleichenden -Seelenlehre empirisch festgestellt wurden; zweitens sind dieselbe mit -=objektiver Kritik= geprüft und zweckmäßig gruppiert; und drittens -ergeben sich daraus diejenigen =Vernunftschlüsse= über die wichtigsten -allgemeinen Fragen der Psychologie, welche allein mit den Grundsätzen -unserer modernen monistischen Weltanschauung vereinbar sind. Der erste -Band von =Romanes=' Werk (Leipzig 1885) führt den Titel: »Die geistige -Entwickelung im Tierreich« und stellt die ganze lange Stufenreihe der -psychischen Entwickelung im Tierreiche von den einfachsten Empfindungen -und Instinkten der niedersten Tiere bis zu den vollkommensten -Erscheinungen des Bewußtseins und der Vernunft bei den höchststehenden -Tieren im natürlichen Zusammenhang dar. Es sind darin auch viele -Mitteilungen aus hinterlassenen Manuskripten »über den Instinkt« von -Darwin mitgeteilt, und zugleich ist eine »vollständige Sammlung von -allem, was er auf dem Gebiete der Psychologie geschrieben hat«, gegeben. - -Der zweite Teil von =Romanes=' Werk behandelt »die geistige -Entwickelung beim Menschen und den Ursprung der menschlichen -Befähigung« (Leipzig 1893). Der scharfsinnige Psychologe führt -darin den überzeugenden Beweis, »=daß die psychologische Schranke -zwischen Tier und Mensch überwunden ist=«; das begriffliche Denken -und Abstraktionsvermögen des Menschen hat sich allmählich aus -den nicht begrifflichen Vorstufen des Denkens und Vorstellens -bei den nächstverwandten Säugetieren entwickelt. Die höchsten -Geistestätigkeiten des Menschen, =Vernunft=, =Sprache und Bewußtsein=, -sind aus den niederen Vorstufen derselben in der Reihe der -=Primatenahnen= (Affen und Halbaffen) hervorgegangen. Der Mensch -besitzt keine einzige »Geistestätigkeit«, welche ihm ausschließlich -eigentümlich ist; sein ganzes Seelenleben ist von demjenigen der -nächstverwandten Säugetiere nur dem =Grade=, nicht der =Art= nach, nur -quantitativ, nicht qualitativ verschieden. - -_Psychologische Metamorphosen._ Nicht unerwähnt soll eine merkwürdige -Erscheinung bleiben, die uns manche bedeutende Naturforscher und -Philosophen wahrzunehmen Gelegenheit gaben. Sie besteht in einem -eigentümlichen philosophischen Prinzipienwechsel, in der Vertauschung -des ursprünglichen =monistischen= Standpunktes mit einem späteren -=dualistischen=. Das interessanteste Beispiel solcher Verwandlung -liefert =Immanuel Kant=. Als kritischer Philosoph war er zur -Überzeugung gelangt, daß die drei =Großmächte des Mystizismus=: »Gott, -Freiheit und Unsterblichkeit« -- als Dogmen der »=reinen= Vernunft« --- unhaltbar erscheinen. Der =dogmatische Kant= dagegen fand später, -daß diese drei Hauptgespenster »Postulate der =praktischen= Vernunft« -und als solche unentbehrlich seien. Je mehr neuerdings die angesehene -Schule der =Neokantianer= den »Rückgang auf =Kant=« als einzige Rettung -aus dem entsetzlichen Wirrwarr der modernen Metaphysik predigt, desto -klarer offenbart sich der unleugbare und unheilvolle Widerspruch der -beiden Grundanschauungen, zwischen denen =Kant= hin und her schwankte. - -In Deutschland gilt gegenwärtig als einer der bedeutendsten Psychologen -=Wilhelm Wundt= in Leipzig; er besitzt vor den meisten anderen -Philosophen den unschätzbaren Vorzug einer gründlichen =zoologischen=, -=anatomischen= und =physiologischen= Bildung. Früher Assistent -und Schüler von =Helmholtz=, hatte sich =Wundt= frühzeitig daran -gewöhnt, die Grundgesetze der Physik und Chemie im gesamten Gebiete -der Physiologie geltend zu machen, also auch (im Sinne von =Johannes -Müller=) in der Psychologie, als einem Teilgebiete der letzteren. Von -diesen Gesichtspunkten geleitet, veröffentlichte =Wundt= 1863 wertvolle -»Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele«. Er liefert darin, wie -er selbst in der Vorrede sagt, den =Nachweis=, daß der Schauplatz der -wichtigsten Seelenvorgänge in der =unbewußten Seele= liegt, und er -eröffnet uns »einen Einblick in jenen =Mechanismus=, der im unbewußten -Hintergrund der Seele die Anregungen verarbeitet, die aus den äußeren -Eindrücken stammen«. Was mir aber besonders wichtig und wertvoll an -=Wundts= Werk erscheint, ist, daß er »hier zum ersten Male das =Gesetz -der Erhaltung der Kraft auf das psychische Gebiet ausdehnt= und dabei -eine Reihe von Tatsachen der Elektrophysiologie zur Beweisführung -benutzt« (a. a. O. S. ~VIII~). - -Dreißig Jahre später veröffentlichte =Wundt= (1892) eine zweite, -wesentlich verkürzte und gänzlich umgearbeitete Auflage seiner -»Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele«. Die wichtigsten -Prinzipien der ersten Auflage sind in dieser zweiten völlig -aufgegeben, und der =monistische= Standpunkt der ersteren ist mit -einem rein =dualistischen= vertauscht. =Wundt= selbst sagt in der -Vorrede zur zweiten Auflage, daß er sich erst allmählich von den -fundamentalen Irrtümern der ersten befreit habe, und daß er »diese -Arbeit schon seit Jahren als eine =Jugendsünde= betrachten lernte«; -sie »lastete auf ihm als eine Art =Schuld=, der er, so gut es gehen -mochte, ledig zu werden wünschte«. In der Tat sind die wichtigsten -Grundanschauungen der Seelenlehre in den beiden Auflagen von =Wundts= -weit verbreiteten »Vorlesungen« völlig entgegengesetzte; in der ersten -Auflage rein monistisch und materialistisch, in der zweiten Auflage -rein dualistisch und spiritualistisch. Dort wird die =Psychologie= -als =Naturwissenschaft= behandelt, nach denselben Grundsätzen wie die -gesamte Physiologie, von der sie nur ein Teil ist; dreißig Jahre später -ist für ihn die Seelenlehre eine reine =Geisteswissenschaft= geworden, -deren Prinzipien und Objekte von denjenigen der Naturwissenschaft -völlig verschieden sind. Den schärfsten Ausdruck findet diese -Bekehrung in seinem Prinzip des =psychophysischen Parallelismus=, -wonach zwar einem »jeden psychischen Geschehen irgendwelche physische -Vorgänge entsprechen«, beide aber völlig unabhängig voneinander -sind und =nicht in natürlichem Kausalzusammenhang stehen=. Dieser -vollkommene =Dualismus= von Leib und Seele, von Natur und Geist -hat begreiflicherweise den lebhaften Beifall der herrschenden -Schulphilosophie gefunden und wird von ihr als ein bedeutungsvoller -Fortschritt gepriesen, um so mehr, als er von einem angesehenen -Naturforscher bekannt wird, der früher die entgegengesetzten -Anschauungen unseres modernen =Monismus= vertrat. Da ich selbst auf -diesem letzteren, »beschränkten« Standpunkt seit mehr als fünfzig -Jahren stehe und mich trotz aller bestgemeinten Anstrengungen nicht von -ihm habe losmachen können, muß ich natürlich die »Jugendsünden« des -jungen Physiologen =Wundt= für die richtige Naturerkenntnis halten und -sie gegen die entgegengesetzten Grundanschauungen des alten Philosophen -=Wundt= energisch verteidigen. - -Ein interessantes Beispiel ähnlicher tiefgehender Wandlung bieten zwei -der berühmtesten Naturforscher, R. =Virchow= und E. =Du Bois-Reymond=; -die Metamorphose ihrer psychologischen Grundanschauungen darf um so -weniger übersehen werden, als beide Berliner Biologen mehr als 40 Jahre -hindurch an der größten Universität Deutschlands eine höchst bedeutende -Rolle gespielt und sowohl direkt wie indirekt einen tiefgreifenden -Einfluß auf das moderne Geistesleben geübt haben. =Rudolf Virchow=, der -verdienstvolle Begründer der Zellularpathologie, war in der besten Zeit -seiner wissenschaftlichen Tätigkeit, um die Mitte des 19. Jahrhunderts -(und besonders während seines Würzburger Aufenthalts, von 1849 1856) -reiner =Monist=; er galt damals als einer der hervorragendsten -Vertreter jenes neu erwachenden »=Materialismus=«, der im Jahre -1855 besonders durch zwei berühmte, fast gleichzeitig erschienene -Werke eingeführt wurde: =Ludwig Büchners= Kraft und Stoff, und =Carl -Vogts= Köhlerglaube und Wissenschaft. Seine allgemeinen biologischen -Anschauungen von den Lebensvorgängen im Menschen -- sämtlich als -mechanische Naturerscheinungen aufgefaßt! -- legte damals =Virchow= -in einer Reihe ausgezeichneter Artikel in den ersten Bänden des von -ihm herausgegebenen Archivs für pathologische Anatomie nieder. Wohl -die bedeutendste unter diesen Abhandlungen und diejenige, in der er -seine damalige =monistische Weltanschauung= am klarsten zusammenfaßte, -ist die Rede über »Die Einheitsbestrebungen in der wissenschaftlichen -Medizin« (1849). Es geschah gewiß mit Bedacht und mit der Überzeugung -ihres philosophischen Wertes, daß =Virchow= 1856 dieses »medizinische -Glaubensbekenntnis« an die Spitze seiner »Gesammelten Abhandlungen zur -wissenschaftlichen Medizin« stellte. Er vertritt darin ebenso klar als -bestimmt die fundamentalen Prinzipien unseres heutigen Monismus, wie -ich sie hier mit bezug auf die Lösung der »Welträtsel« darstelle; er -verteidigt die alleinige Berechtigung der Erfahrungswissenschaft, deren -einzige zuverlässige Quellen Sinnestätigkeit und Gehirnfunktion sind; -er bekämpft ebenso entschieden den anthropologischen Dualismus, jede -sogenannte Offenbarung und jede »Transzendenz« mit ihren zwei Wegen: -»Glauben und Anthropomorphismus«. Vor allem betont er den monistischen -Charakter der Anthropologie, den untrennbaren Zusammenhang von Geist -und Körper, von Kraft und Materie; am Schlusse seines Vorworts spricht -er (S. 4) den Satz aus: »Ich habe die Überzeugung, daß ich mich -niemals in der Lage befinden werde, den Satz von der =Einheit des -menschlichen Wesens= und seine Konsequenzen zu verleugnen.« Leider war -diese »Überzeugung« ein schwerer Irrtum; denn 28 Jahre später vertrat -Virchow ganz entgegengesetzte prinzipielle Anschauungen; es geschah -dies in jener vielbesprochenen Rede über »Die Freiheit der Wissenschaft -im modernen Staate«, die er 1877 auf der Naturforscherversammlung -in München hielt, und deren Angriffe ich in meiner Schrift »Freie -Wissenschaft und freie Lehre« (1878) zurückgewiesen habe. - -Ähnliche Widersprüche in bezug auf die wichtigsten philosophischen -Grundsätze wie =Virchow= hat auch =Emil Du Bois-Reymond= gezeigt und -damit den lauten Beifall der dualistischen Schulen und vor allem der -~Ecclesia militans~ errungen. Je mehr dieser berühmte Rhetor der -Berliner Akademie im allgemeinen die Grundsätze unseres Monismus -vertrat, je mehr er selbst zur Widerlegung des Vitalismus und der -transzendenten Lebensauffassung beigetragen hatte, desto lauter war -das Triumphgeschrei der Gegner, als er 1872 in seiner wirkungsvollen -=Ignorabimus-Rede= das »Bewußtsein« als ein unlösbares Welträtsel -hingestellt und als eine übernatürliche Erscheinung den anderen -Gehirnfunktionen gegenübergestellt hatte. - -Der totale philosophische Prinzipienwechsel, der uns in den -»psychologischen Metamorphosen« dieser und anderer berühmter Denker -entgegentritt, ist sehr merkwürdig. In ihrer Jugend umfassen diese -kühnen und talentvollen Naturforscher das ganze Gebiet ihrer -biologischen Forschung mit weitem Blick und streben eifrig nach -einem einheitlichen, natürlichen Erkenntnisgrunde; in ihrem Alter -haben sie eingesehen, daß dieser nicht vollkommen erreichbar ist, -und deshalb geben sie ihn lieber ganz auf. Zur Entschuldigung dieser -psychologischen Metamorphose können sie natürlich anführen, daß sie -in der Jugend die Schwierigkeiten der großen Aufgabe übersehen und -die wahren Ziele verkannt hätten; erst mit der reiferen Einsicht -des Alters und der Sammlung vieler Erfahrungen hätten sie sich von -ihren Irrtümern überzeugt und den wahren Weg zur Quelle der Wahrheit -gefunden. Man kann aber auch umgekehrt behaupten, daß die großen -Männer der Wissenschaft in jüngeren Jahren unbefangener und mutiger -an ihre schwierige Aufgabe herantreten, daß ihr Blick freier und ihre -Urteilskraft reiner ist; die Erfahrungen späterer Jahre führen vielfach -nicht nur zur Bereicherung, sondern auch zur Trübung der Einsicht, und -mit dem Greisenalter tritt allmähliche Rückbildung ebenso im Gehirn wie -in anderen Organen ein. Jedenfalls ist diese Metamorphose an sich eine -lehrreiche psychologische Tatsache; denn sie beweist mit vielen anderen -Formen des »Gesinnungswechsels«, daß die höchsten Seelenfunktionen -ebenso wesentlichen individuellen Veränderungen im Laufe des Lebens -unterliegen wie alle anderen Lebenstätigkeiten. - - - - -=Siebentes Kapitel.= - -_Stufenleiter der Seele._ - - Monistische Studien über vergleichende Psychologie. Psychologische - Stufenleiter. Instinkt und Vernunft. - - -Die großartigen Fortschritte, welche die Psychologie in der zweiten -Hälfte des 19. Jahrhunderts mit Hilfe der Entwickelungslehre -gemacht hat, gipfeln in der Anerkennung der =psychologischen -Einheit der organischen Welt.= Die vergleichende Seelenlehre, im -Vereine mit der Ontogenie und Phylogenie der Psyche, hat uns zu der -Überzeugung geführt, daß das organische Leben in allen Abstufungen, -vom einfachsten, einzelligen Protisten bis zum Menschen hinauf, -aus denselben elementaren Naturkräften sich entwickelt, aus den -Funktionen der Empfindung und Bewegung. Die Hauptaufgabe der -wissenschaftlichen Psychologie wird daher künftig nicht, wie bisher, -die ausschließlich subjektive und introspektive Zergliederung der -höchstentwickelten Philosophenseele sein, sondern die objektive und -vergleichende Untersuchung der langen Stufenleiter, auf welcher sich -der menschliche Geist allmählich aus einer langen Reihe von niederen -tierischen Zuständen entwickelt hat. Die schöne Aufgabe, die einzelnen -Stufen dieser psychologischen Kette zu unterscheiden und ihren -ununterbrochenen phylogenetischen Zusammenhang nachzuweisen, ist erst -in den letzten Dezennien des 19. Jahrhunderts ernstlich in Angriff -genommen worden. - -_Materielle Basis der Psyche._ Alle Erscheinungen des Seelenlebens ohne -Ausnahme sind verknüpft mit materiellen Vorgängen in der lebendigen -Substanz des Körpers, im =Plasma= oder =Protoplasma=. Wir haben -jenen Teil des letzteren, der als der Träger der Psyche erscheint, -als =Psychoplasma= bezeichnet; wir erblicken darin kein besonderes -»Wesen«, sondern wir betrachten die =Psyche als Kollektivbegriff -für die gesamten psychischen Funktionen des Plasma.= »Seele« ist in -diesem Sinne ebenso eine physiologische Abstraktion wie der Begriff -»Stoffwechsel« oder »Zeugung«. Beim Menschen und den höheren Tieren -ist das Psychoplasma, zufolge der vorgeschrittenen Arbeitsteilung der -Organe und Gewebe, ein differenzierter Bestandteil des Nervensystems, -das =Neuroplasma= der Ganglienzellen und ihrer leitenden -Ausläufer, der Nervenfasern. Bei den niederen Tieren dagegen, die -noch keine gesonderten Nerven und Sinnesorgane besitzen, ist das -Psychoplasma noch nicht zur selbständigen Differenzierung gelangt, -ebensowenig bei den Pflanzen. Bei den einzelligen Protisten ist -das Psychoplasma identisch mit dem ganzen lebendigen =Protoplasma= -desselben. In allen Fällen, ebenso auf dieser niedersten wie auf -jener höchsten =Stufe= der psychologischen Entwickelungsreihe, ist -eine gewisse =chemische= Zusammensetzung des Psychoplasma und eine -gewisse =physikalische= Beschaffenheit desselben unentbehrlich, -wenn die »Seele« arbeiten soll. Das gilt ebenso von der elementaren -Seelentätigkeit der plasmatischen Empfindung und Bewegung bei den -Protozoen, wie von den zusammengesetzten Funktionen der Sinnesorgane -und des Gehirns bei den höheren Tieren und dem Menschen. Die Arbeit -des Psychoplasma, die wir »Seele« nennen, ist stets mit Stoffwechsel -verknüpft. - -_Stufenleiter der Empfindungen._ Alle lebendigen Naturkörper ohne -Ausnahme sind empfindlich; sie unterscheiden die Zustände der -umgebenden Außenwelt und reagieren darauf durch gewisse Veränderungen -in ihrem Innern. Licht und Wärme, Schwerkraft und Elektrizität, -mechanische Prozesse und chemische Vorgänge in der Umgebung wirken als -»=Reize=« auf das empfindliche =Psychoplasma= und rufen Veränderungen -in seiner molekularen Zusammensetzung hervor. Als Hauptstufen seiner -=Empfindlichkeit= unterscheiden wir folgende fünf Grade: - -~I~. Auf den untersten Stufen der Organisation ist das ganze -=Psychoplasma= als solches empfindlich und reagiert auf die -einwirkenden Reize, so bei den niederen Protisten, bei vielen -Pflanzen und einem Teile der unvollkommensten Tiere. ~II~. Auf der -zweiten Stufe beginnen sich an der Oberfläche des Körpers einfachste -=Sinneswerkzeuge= zu entwickeln, in Form von Plasmahaaren und -Pigmentflecken, als Vorläufer von Tastorganen und Augen; so bei einem -Teile der höheren Protisten, aber auch bei vielen niederen Tieren -und Pflanzen. ~III~. Auf der dritten Stufe haben sich aus diesen -einfachen Grundlagen durch =Differenzierung spezifische Sinnesorgane= -entwickelt, mit eigentümlicher Anpassung: die chemischen Werkzeuge des -Geruchs und Geschmacks, die physikalischen Organe des Tastsinnes und -Wärmesinnes, des Gehörs und Gesichts. Die »spezifische Energie« dieser -höheren Sinnesorgane ist keine ursprüngliche Eigenschaft, sondern durch -funktionelle Anpassung und progressive Vererbung erworben. ~IV~. -Auf der vierten Stufe tritt die =Zentralisation des Nervensystems= -und damit zugleich diejenige der Empfindung ein, durch Assozion -der früheren isolierten oder lokalisierten Empfindungen entstehen -Vorstellungen, die zunächst noch unbewußt bleiben, so bei vielen -niederen und höheren Tieren. ~V~. Auf der fünften Stufe bildet sich -im Zentralteil des Nervensystems eine besondere Sammelstelle für die -empfangenen Eindrücke und die aus ihnen zusammengesetzten Erlebnisse -aus. Ihre Funktion kennen wir bei uns selbst als bewußte Empfindung; -ähnliche Organe besitzen alle höheren Wirbeltiere und unter den -Wirbellosen sind sie besonders bei den Gliedertieren bekannt. - -_Stufenleiter der Bewegungen._ Alle lebendigen Naturkörper ohne -Ausnahme sind =spontan= beweglich, im Gegensatze zu den starren und -unbeweglichen Anorganen (Krystallen), d. h. es finden im lebendigen -=Psychoplasma= Lageveränderungen der Teilchen aus inneren Ursachen -statt, welche in dessen chemischer Konstitution selbst begründet sind. -Diese aktiven vitalen Bewegungen sind zum Teil direkt durch Beobachtung -wahrzunehmen, zum anderen Teil aber nur indirekt aus ihren Wirkungen zu -erschließen. Wir unterscheiden fünf Abstufungen derselben. - -~I~. Auf der untersten Stufe des organischen Lebens nehmen wir nur -jene =Wachstums=bewegungen wahr, welche allen Organismen gemeinsam -zukommen. Sie geschehen gewöhnlich so langsam, daß man sie nicht -unmittelbar beobachten, sondern nur indirekt aus ihrem Resultate -erschließen kann, aus der Veränderung in Größe und Gestalt des -wachsenden Körpers. ~II~. Viele Protisten, namentlich einzellige -Algen aus den Gruppen der Diatomeen und Desmidiaceen, bewegen sich -kriechend oder schwimmend durch =Sekretion= fort, durch einseitige -Ausscheidung einer schleimigen Masse. ~III~. Andere, im Wasser -schwebende Organismen, z. B. viele Radiolarien, Siphonophoren, -Ktenophoren u. a., steigen auf und nieder, indem sie ihr =spezifisches -Gewicht= verändern, bald durch Osmose, bald durch Absonderung -oder Ausstoßung von Luft. ~IV~. Viele Pflanzen, besonders die -empfindlichen Sinnpflanzen (Mimosen) und andere Papilionaceen, führen -Bewegungen von Blättern oder anderen Teilen mittels =Turgorwechsels= -aus, d. h. es verändert sich die Spannung des Protoplasmas und damit -auch dessen Druck auf die umschließende elastische Zellenwand. -~V~. Die wichtigsten von allen organischen Bewegungen sind die -=Kontraktionserscheinungen=, d. h. Gestaltsveränderungen der -Körperoberfläche, welche mit gegenseitigen Lageverschiebungen ihrer -Teilchen verbunden sind; sie verlaufen stets in zwei verschiedenen -Zuständen oder Phasen der Bewegung: der =Kontraktionsphase= -(Zusammenziehung) und der =Expansionsphase= (Ausdehnung). Als vier -verschiedene Formen der Plasmakontraktion werden unterschieden -~Va~: die =amöboiden= Bewegungen (bei Rhizopoden, Blutzellen, -Pigmentzellen usw.); ~Vb~: die ähnlichen =Plasmaströmungen= im -Innern von abgeschlossenen Zellen; ~Vc~: die =Flimmerbewegung= -(Geißelbewegung und Wimperbewegung) bei Infusorien, Samenzellen, -Flimmerepithelzellen, und endlich ~Vd~: die Muskelbewegung (bei den -meisten Tieren). - -_Reflexe._ Die elementare Seelentätigkeit, welche durch die Verknüpfung -von Empfindung und Bewegung entsteht, nennen wir =Reflex=. Die Bewegung --- gleichviel welcher Art -- erscheint hier als die unmittelbare -Folge des =Reizes=, welcher die Empfindung hervorgerufen hat; man -hat sie daher auch im einfachsten Falle (bei Protisten) kurz als -»=Reizbewegung=« bezeichnet. Alles lebende Plasma besitzt Reizbarkeit -(Irritabilität). Jede physikalische oder chemische Veränderung der -umgebenden Außenwelt kann unter Umständen auf das Psychoplasma als Reiz -wirken und eine Bewegung hervorrufen oder »auslösen«. Wir werden später -sehen, wie der wichtige physikalische Begriff der =Auslösung= die -einfachsten organischen Reflextaten unmittelbar anschließt an ähnliche -mechanische Bewegungsvorgänge in der anorganischen Natur (z. B. bei der -Explosion von Pulver durch einen Funken, von Dynamit durch einen Stoß). - -_Einfache und zusammengesetzte Reflexe._ Der wichtige Unterschied, -den wir in morphologischer und physiologischer Hinsicht zwischen -den einzelligen Organismen (~Protisten~) und den vielzelligen -(~Histonen~) machen, gilt auch für deren elementare Seelentätigkeit, -für die Reflextat. Bei den =einzelligen Protisten= läuft der ganze -Prozeß des Reflexes innerhalb des Protoplasma einer einzigen Zelle -ab; die »=Zellseele=« derselben erscheint noch als eine einheitliche -Funktion des Psychoplasma, deren einzelne Phasen sich erst mit der -Differenzierung besonderer Organe zu sondern beginnen. Schon bei -=Zellvereinen= beginnt die zweite Stufe der Seelentätigkeit, der -=zusammengesetzte Reflex=. Die zahlreichen sozialen Zellen, welche -diese Zellvereine zusammensetzen, stehen immer in mehr oder weniger -enger Verbindung, oft direkt durch fadenförmige Plasmabrücken. Ein -Reiz, welcher eine oder mehrere Zellen des Verbandes trifft, wird -durch die Verbindungsbrücken den übrigen mitgeteilt und kann alle -zu gemeinsamer Kontraktion veranlassen. Dieser Zusammenhang besteht -auch in den Geweben der vielzelligen Pflanzen und Tiere. Während man -früher irrtümlich annahm, daß die Zellen der Pflanzengewebe ganz -isoliert nebeneinander stehen, sind jetzt überall feine Plasmafäden -nachgewiesen, welche die dicken Zellmembranen durchsetzen und ihre -lebendigen Plasmakörper in materiellem und psychologischem Zusammenhang -erhalten. So erklärt es sich, daß die Erschütterung der empfindlichen -Wurzel von ~Mimosa~, welche der Tritt des Wanderers auf den Boden -verursacht, sofort den Reiz auf alle Zellen des Pflanzenstockes -überträgt und ihre zarten Fiederblätter zum Zusammenlegen, die -Blattstiele zum Herabsinken veranlaßt. - -_Reflex und Bewußtsein._ Auf die Frage, inwieweit dem Organismus -seine Reaktionen auf die Reize der Umwelt bewußt werden, kann eine -allgemeine Antwort nicht gegeben werden. Vom Bewußtsein wissen wir -eigentlich nur insofern, als es die unmittelbare Erfahrung unseres -eigenen Erlebens ist. Vergleichende Betrachtung der Reflexe selbst -und besonders auch ihrer anatomischen Grundlagen berechtigen uns -aber zu der Annahme, daß diejenigen Tiere, die einen ähnlichen -Assozionsapparat in ihren Reflexbogen eingeschaltet haben wie wir, auch -in ähnlicher Weise erleben, also ein dem unseren analoges Bewußtwerden -ihrer psychischen Funktionen besitzen. Als solche Tiere kommen die -uns stammesgeschichtlich nahe stehenden Wirbeltiere und von den -Wirbellosen vielleicht die sozialen Gliedertiere und die Kopffüßer -(~Cephalopoden~) in Betracht. - -_Stufenleiter der Vorstellungen._ Der Schauplatz klaren Bewußtseins -sind beim Menschen vor allem die Vorstellungen. Doch ist das Bewußtsein -kein wesentliches Merkmal der Vorstellungen; wir nehmen solche vielmehr -bei allen Organismen an, ohne daß wir ihnen ein dem unseren ähnliches -klar bewußtes Erleben zuschreiben. Im allgemeinen erscheint die -Vorstellung als das =innere Bild= des äußeren Objektes, welches durch -die Empfindung übermittelt ist. - -~I~. =Zellulare Vorstellung.= Auf den niedersten Stufen begegnet -uns die Vorstellung als eine allgemeine physiologische Funktion des -Psychoplasma; schon bei den einfachsten einzelligen Protisten können -Empfindungen bleibende Spuren im Psychoplasma hinterlassen, und diese -können vom Gedächtnis reproduziert werden. Bei mehr als viertausend -Radiolarienarten, welche ich beschrieben habe, ist jede einzelne -Spezies durch eine besondere erbliche Skelettform ausgezeichnet. -Die Produktion dieses spezifischen, oft höchst verwickelt gebauten -Skeletts durch eine höchst einfach gestaltete (meist kugelige) Zelle -ist nur dann erklärlich, wenn wir dem bauenden Plasma die Fähigkeit -der Vorstellung zuschreiben, und zwar der besonderen Reproduktion -des »plastischen Distanzgefühls«, wie ich in meiner Psychologie der -Radiolarien gezeigt habe (1887, S. 121). - -~II~. =Histonale Vorstellung.= Schon bei den Zönobien oder -Zellvereinen der geselligen Protisten, noch mehr aber in den Geweben -der Pflanzen und der niederen, nervenlosen Tiere (Spongien, Polypen) -begegnen wir der zweiten Stufe der Vorstellung, welche auf dem -gemeinsamen Seelenleben zahlreicher, eng verbundener Zellen beruht. -Da einmalige Reize nicht bloß eine vorübergehende Bewegung eines -Organes (z. B. eines Pflanzenblattes, eines Polypenarmes) auslösen, -sondern einen bleibenden Eindruck hinterlassen, der von diesem -später reproduziert werden kann, so müssen wir zur Erklärung dieser -Erscheinung eine Histonal-Vorstellung annehmen, gebunden an das -Psychoplasma der assoziierten Gewebezellen. - -~III~. =Unbewußte Vorstellung der Ganglienzellen.= Die dritte, höhere -Stufe der Vorstellung ist die häufigste Form dieser Seelentätigkeit -im Tierreich; sie erscheint als eine Lokalisation des Vorstellens -auf bestimmte »Seelenzellen« oder Gruppen von Nervenzellen. Mit der -aufsteigenden Entwickelung des Zentralnervensystems im Tierreich, -seiner zunehmenden Differenzierung und Integration erhebt sich auch die -Ausbildung dieser Vorstellungen zu immer höheren Stufen. - -~IV~. =Bewußte Vorstellung der Gehirnzellen.= Erst auf den -höchsten Entwickelungsstufen der tierischen Organisation entwickelt -sich das Bewußtsein als eine besondere Funktion eines bestimmten -Zentralorgans des Nervensystems. Indem die Vorstellungen bewußte -werden, und indem besondere Gehirnteile sich zur =Assozion= der -bewußten Vorstellungen reich entfalten, wird der Organismus zu jenen -höchsten psychischen Funktionen befähigt, welche wir als =Denken= -und Überlegen, als Verstand und =Vernunft= bezeichnen. Obgleich die -Absteckung der phyletischen Grenze zwischen den älteren, unbewußten -und den jüngeren, bewußten Vorstellungen höchst schwierig ist, -können wir doch mit Wahrscheinlichkeit annehmen, daß die letzteren -aus den ersteren =polyphyletisch= entstanden sind. Denn wir dürfen -bewußtes und vernünftiges Denken nicht nur bei den höchsten Formen des -Wirbeltierstammes annehmen (Mensch, Säugetiere, ein Teil der niederen -Vertebraten), sondern auch bei den höchstentwickelten Vertretern -anderer Tierstämme (Ameisen und andere Insekten, Spinnen und höhere -Krebse unter den Gliedertieren, Cephalopoden unter den Weichtieren). - -_Stufenleiter des Gedächtnisses._ Eng verknüpft mit der Stufenleiter -in der Entwickelung der Vorstellungen ist diejenige des Gedächtnisses; -diese höchst wichtige Funktion des Psychoplasma -- die Bedingung -aller fortschreitenden Seelenentwickelung -- ist ja im wesentlichen -=Reproduktion von Vorstellungen=. Die Eindrücke im Plasma, welche der -Reiz als Empfindung bewirkt hatte, und welche bleibend zu Vorstellungen -geworden waren, werden neu belebt; sie gehen aus dem =potentiellen= -in den =aktuellen= Zustand über. Entsprechend den vier Stufen der -Vorstellung können wir auch beim Gedächtnis vier Hauptstufen der -aufsteigenden Entwickelung unterscheiden. - -~I~. _Zellulargedächtnis._ Mit Recht hatte der Physiologe =Ewald -Hering= in einer gedankenreichen Abhandlung »das Gedächtnis als eine -allgemeine Funktion der organisierten Materie« bezeichnet und die -hohe Bedeutung dieser Seelentätigkeit hervorgehoben, »der wir fast -alles verdanken, was wir sind und haben« (1870). Ich habe später -(1876) diesen Gedanken weiter ausgeführt und in seiner fruchtbaren -Anwendung auf die Entwickelungslehre zu begründen versucht, in -meiner Abhandlung über »Die Perigenesis der Plastidule oder die -Wellenzeugung der Lebensteilchen; ein Versuch zur mechanischen -Erklärung der elementaren Entwickelungsvorgänge«. Ich habe dort das -»unbewußte Gedächtnis« als eine allgemeine, höchst wichtige Funktion -aller =Plastidule= nachzuweisen gesucht, d. h. jener hypothetischen -Moleküle oder Molekülgruppen, welche von =Naegeli= als =Micellen=, -von anderen als =Bioplasten= usw. bezeichnet worden sind. Nur die -=lebendigen= Plastidule, als die individuellen Molekeln des aktiven -Plasma, sind reproduktiv und besitzen somit Gedächtnis; das ist der -Hauptunterschied der organischen Natur von der anorganischen. Man kann -sagen: »=Die Erblichkeit ist das Gedächtnis der Plastidule=, hingegen -die Variabilität ist die Fassungskraft der Plastidule«. Das elementare -Gedächtnis der einzelligen Protisten setzt sich zusammen aus dem -molekularen Gedächtnis der Plastidule oder Micellen, aus welchen ihr -lebendiger Zellenleib sich aufbaut. Für die erstaunlichen Leistungen -des unbewußten Gedächtnisses bei diesen einzelligen Protisten ist -wohl keine Tatsache lehrreicher als die unendlich mannigfaltige und -regelmäßige Bildung ihrer Schutzapparate, der Schalen und Skelette; -besonders die Diatomeen unter den Protophyten, die Radiolarien unter -den Protozoen liefern dafür eine Fülle von interessanten Beispielen. -In vielen tausend Arten dieser Protisten vererbt sich die spezifische -Skelettform =relativ konstant=. (Vergl. die wichtige Schrift von -=Richard Semon=, 1904: »Die Mneme als erhaltendes Prinzip im Wechsel -des organischen Geschehens«). - -~II~. _Histonalgedächtnis._ Ebenso interessante Beweise für die -zweite Stufe der Erinnerung, für das unbewußte Gedächtnis der =Gewebe=, -liefert die Vererbung der einzelnen Organe und Gewebe im Körper der -Pflanzen und der niederen, nervenlosen Tiere (Spongien usw.). Diese -zweite Stufe erscheint als =Reproduktion der Histonalvorstellungen=, -jener Assozion von Zellularvorstellungen, die schon mit der Bildung von -Zönobien bei den sozialen Protisten beginnt. - -~III~. Gleicherweise ist die dritte Stufe, das »=unbewußte -Gedächtnis=« derjenigen Tiere, die bereits ein Nervensystem besitzen, -als Reproduktion der entsprechenden »unbewußten Vorstellungen« zu -betrachten, welche in gewissen Ganglienzellen aufgespeichert sind. -Bei den meisten niederen Tieren ist wohl alles Gedächtnis unbewußt. -Aber auch beim Menschen und den höheren Tieren, denen wir Bewußtsein -zuschreiben müssen, sind die täglichen Funktionen des unbewußten -Gedächtnisses ungleich häufiger und mannigfaltiger als diejenigen des -bewußten; davon überzeugt uns leicht eine unbefangene Prüfung von -tausend unbewußten Tätigkeiten, die wir aus Gewohnheit, ohne daran zu -denken, beim Gehen, Sprechen, Schreiben, Essen usw., täglich vollziehen. - -~IV~. Das =bewußte Gedächtnis=, welches durch bestimmte Gehirnzellen -beim Menschen und den höheren Tieren vermittelt wird, erscheint daher -nur als eine spät entstandene »=innere Spiegelung=«, als die höchste -Blüte derselben psychischen Vorstellungs-Reproduktionen, welche bei -unseren niederen tierischen Vorfahren sich als unbewußte Vorgänge in -den Ganglienzellen abspielten. - -_Assozion der Vorstellungen._ Die =Verkettung= der Vorstellungen, -welche man gewöhnlich als Assoziation der Ideen (oder kürzer Assozion) -bezeichnet, durchläuft ebenfalls eine lange Stufenleiter von den -niedersten bis zu den höchsten Stufen. Die Erzeugnisse dieser -»Ideenassozion« sind äußerst mannigfaltig; trotzdem aber führt eine -sehr lange, ununterbrochene Stufenleiter allmählicher Entwickelung -von den einfachsten Assozionen der niedersten Protisten bis zu -den vollkommensten Ideenverkettungen des Kulturmenschen hinauf. -Alles höhere Seelenleben wird um so vollkommener, je mehr sich die -normale Assozion unendlich zahlreicher Vorstellungen ausdehnt, und -je naturgemäßer dieselben durch die kritische Vernunft geordnet -werden. Im =Traume=, wo diese Kritik fehlt, erfolgt oft die Assozion -der reproduzierten Vorstellungen in der konfusesten Form. Aber auch -im Schaffen der =Phantasie=, welche durch mannigfaltige Verkettung -vorhandener Vorstellungen ganz neue Gruppen derselben produziert, -ebenso in den Halluzinationen usw. werden dieselben oft ganz -naturwidrig geordnet und erscheinen daher bei nüchterner Betrachtung -=unvernünftig=. Ganz besonders gilt dies von den übernatürlichen -»=Gestalten des Glaubens=«, dem Geisterspuk des Spiritismus und -Okkultismus. Aber gerade diese =abnormen Assozionen= des »Glaubens« -und der angeblichen »Offenbarung« werden vielfach als die wertvollsten -»Geistesgüter« des Menschen hochgeschätzt. - -_Instinkte._ Die veraltete Psychologie des Mittelalters, die allerdings -auch heute noch viele Anhänger besitzt, betrachtete das Seelenleben -des Menschen und der Tiere als gänzlich verschiedene Erscheinungen; -sie leitete das erstere von der »=Vernunft=«, das letztere von dem -»=Instinkt=« ab. Der traditionellen Schöpfungsgeschichte entsprechend -nahm man an, daß jeder Tierart bei ihrer Schöpfung eine bestimmte, -unbewußte Seelenqualität vom Schöpfer eingepflanzt sei, und daß -dieser »=Naturtrieb=« (~Instinctus~) einer jeden ~Species~ ebenso -unveränderlich sei wie deren körperliche Organisation. Nachdem schon -=Lamarck= (1809) bei Begründung seiner Deszendenztheorie diesen Irrtum -als unhaltbar erwiesen, wurde er durch =Darwin= (1859) vollständig -widerlegt; er bewies an der Hand seiner Selektionstheorie folgende -wichtige Lehrsätze: ~I~. Die Instinkte der Spezies sind individuell -verschieden und ebenso der Abänderung durch =Anpassung= unterworfen -wie die morphologischen Merkmale der Körperbildung. ~II~. Diese -Variationen (großenteils durch veränderte Gewohnheiten entstanden) -werden durch =Vererbung= teilweise auf die Nachkommen übertragen und im -Laufe der Generationen gehäuft und befestigt. ~III~. =Die Selektion= -(ebenso die künstliche wie die natürliche) trifft unter diesen -erblichen Abänderungen der Seelentätigkeit eine Auswahl, sie erhält -die zweckmäßigsten und entfernt die weniger passenden Modifikationen. -~IV~. Die dadurch bedingte =Divergenz= des psychischen Charakters -führt so im Laufe der Generationsfolgen ebenso zur Entstehung neuer -Instinkte, wie die Divergenz des morphologischen Charakters zur -Entstehung neuer Spezies. Dies gilt für sämtliche Protisten und -Pflanzen ebenso wie für sämtliche Tiere und Menschen. Die Instinkte -treten aber bei letzteren um so mehr zurück, je mehr sich auf ihre -Kosten die =Vernunft= entwickelt. - -_Stufenleiter der Vernunft._ In jenen oberflächlichen, mit dem -Seelenleben der Tiere unbekannten psychologischen Betrachtungen, welche -nur im Menschen eine »wahre Seele« anerkennen, wird auch ihm allein -als höchstes Gut die »=Vernunft=« und das Bewußtsein zugeschrieben. -Auch dieser Irrtum ist durch die vergleichende Psychologie der letzten -Jahrzehnte gründlich widerlegt. Die höheren Wirbeltiere besitzen -ebensogut Vernunft wie der Mensch selbst, und innerhalb der Tierreihe -zeigt sich ebenso eine lange Stufenleiter in der allmählichen -Entwickelung der Vernunft wie innerhalb der Menschenreihe. Der -Unterschied zwischen der Vernunft eines =Goethe=, =Kant=, =Lamarck=, -=Darwin= und derjenigen des niedersten Naturmenschen, eines Wedda, -Akka, Australnegers und Patagoniers, ist viel größer als die Differenz -zwischen der Vernunft dieser letzteren und der »vernünftigsten« -Säugetiere, der Menschenaffen, Hunde, Elefanten usw. - -_Sprache._ Der höhere Grad von Entwickelung der Begriffe, von Verstand -und Vernunft, welcher den Menschen so hoch über die Tiere erhebt, -ist eng verknüpft mit der Ausbildung seiner Sprache. Aber auch hier, -wie dort, ist eine lange Stufenleiter der Entwickelung nachweisbar, -welche ununterbrochen von den niedersten zu den höchsten Bildungsstufen -hinaufführt. Sprache ist ebensowenig als Vernunft ein ausschließliches -Eigentum des Menschen. Vielmehr ist Sprache im weiteren Sinne ein -gemeinsamer Vorzug aller höheren =sozialen Tiere=, mindestens aller -Gliedertiere und Wirbeltiere, welche in Gesellschaften und Herden -vereinigt leben; sie ist ihnen notwendig zur Verständigung, zur -Mitteilung ihrer Vorstellungen. Diese kann nun entweder durch Berührung -oder durch Zeichengebung geschehen, oder durch Töne, welche bestimmte -Begriffe bezeichnen. Auch der Gesang der Singvögel und der singenden -Menschenaffen (~Hylobates~) gehört zur Lautsprache, ebenso wie das -Bellen der Hunde und das Wiehern der Pferde; ferner das Zirpen der -Grillen und das Geschrei der Zikaden. Aber nur beim Menschen hat -sich jene =artikulierte Begriffssprache= entwickelt, welche seine -Vernunft zu so viel höheren Leistungen befähigt. Die =vergleichende -Sprachforschung= hat gelehrt, wie die zahlreichen hochentwickelten -Sprachen der verschiedenen Völker sich aus wenigen einfachen Ursprachen -langsam und allmählich entwickelt haben. =Romanes= (1893) hat -überzeugend dargetan, daß die Sprache des Menschen nur dem =Grade= der -Entwickelung nach, nicht dem Wesen und der =Art= nach von derjenigen -der höheren Tiere verschieden ist. - -_Stufenleiter der Gemütsbewegungen_ oder Affekte. Die wichtige Gruppe -von Seelentätigkeiten, welche wir unter dem Begriffe »=Gemüt=« -zusammenfassen, spielt eine große Rolle ebenso in der theoretischen -wie in der praktischen Vernunftlehre. Für unsere Betrachtungsweise -sind sie deshalb besonders wichtig, weil hier der direkte Zusammenhang -der Gehirnfunktion mit anderen physiologischen Funktionen (Herzschlag, -Sinnestätigkeit, Muskelbewegung) unmittelbar einleuchtet; dadurch wird -hier besonders das Widernatürliche und Unhaltbare jener Philosophie -klar, welche die Psychologie prinzipiell von der Physiologie trennen -will. Alle die zahlreichen Äußerungen des Gemütslebens, welche wir beim -Menschen finden, kommen auch bei den höheren Tieren vor (besonders -bei den Menschenaffen und Hunden); so verschiedenartig sie auch -entwickelt sind, so lassen sich doch alle wieder auf die beiden -=Elementarfunktionen der Psyche= zurückführen, auf Empfindung und -Bewegung, und auf deren Verbindung im Reflex und in der Vorstellung. -Zum Gebiete der Empfindung im weiteren Sinne gehört das =Gefühl von -Lust und Unlust=, welches das Gemüt bestimmt, und ebenso gehört auf der -anderen Seite zum Gebiete der Bewegung die entsprechende =Zuneigung und -Abneigung= (»Liebe und Haß«), das Streben nach Erlangen der Lust und -nach Vermeiden der Unlust. »Anziehung und Abstoßung« erscheinen hier -zugleich als die Urquelle des Willens. =Die Leidenschaften=, welche -eine so große Rolle im höheren Seelenleben des Menschen spielen, sind -nur Steigerungen der »Gemütsbewegungen« und Affekte. Daß auch diese -den Menschen und Tieren gemeinsam sind, hat =Romanes= einleuchtend -gezeigt. Auf der tiefsten Stufe des organischen Lebens schon finden -wir bei allen Protisten jene elementaren Gefühle von Lust und Unlust, -welche sich in ihren sogenannten =Tropismen= äußern, in dem =Streben= -nach Licht oder Dunkelheit, nach Wärme oder Kälte, in dem verschiedenen -Verhalten gegen positive und negative Elektrizität. Auf der höchsten -Stufe des Seelenlebens dagegen treffen wir beim Kulturmenschen jene -feinsten Gefühlstöne und Abstufungen von Entzücken und Abscheu, von -Liebe und Haß, welche die Triebfedern der Kulturgeschichte und die -unerschöpfliche Fundgrube der Poesie sind. Und doch verbindet eine -zusammenhängende Kette von allen denkbaren Übergangsstufen jene -primitivsten Urzustände des Gemüts im =Psychoplasma= der einzelligen -Protisten mit diesen höchsten Entwickelungsformen der Leidenschaften -beim Menschen, welche sich in den Ganglienzellen der Großhirnrinde -abspielen. - -_Stufenleiter des Willens._ Der Begriff des =Willens= unterliegt -gleich anderen psychologischen Grundbegriffen den verschiedensten -Deutungen und Definitionen. Bald wird der Wille im weitesten Sinne -als =kosmologisches= Attribut betrachtet: »die =Welt= als Wille -und Vorstellung« (=Schopenhauer=), bald im engsten Sinne als ein -=anthropologisches= Attribut, als eine ausschließliche Eigenschaft -des Menschen; letzteres gilt z. B. für =Descartes=, für welchen die -Tiere willenlose und empfindungslose Maschinen sind. Im gewöhnlichen -Sprachgebrauch wird der Wille von der Erscheinung der willkürlichen -Bewegung abgeleitet und somit als eine Seelentätigkeit der meisten -Tiere betrachtet. Wenn wir den Willen im Lichte der vergleichenden -Physiologie und Entwickelungsgeschichte untersuchen, so kommen wir --- ebenso wie bei der Empfindung -- zur Überzeugung, daß er eine -allgemeine Eigenschaft des lebenden =Psychoplasma= ist. - -_Willensfreiheit._ Das Problem von der Freiheit des menschlichen -Willens ist unter allen Welträtseln dasjenige, welches den denkenden -Menschen von jeher am meisten beschäftigt hat, und zwar deshalb, -weil sich hier mit dem hohen philosophischen Interesse der Frage -zugleich die wichtigsten Folgerungen für die praktische Philosophie -verknüpfen, für die Moral, die Erziehung, die Rechtspflege usw. E. -=Du Bois-Reymond=, welcher dasselbe als das siebente und letzte unter -seinen »sieben Welträtseln« behandelt, sagt daher von dem Problem -der Willensfreiheit mit Recht: »Jeden berührend, scheinbar jedem -zugänglich, innig verflochten mit den Grundbedingungen der menschlichen -Gesellschaft, auf das tiefste eingreifend in die religiösen -Überzeugungen, hat diese Frage in der Geistes- und Kulturgeschichte eine -Rolle von unermeßlicher Wichtigkeit gespielt, und in ihrer Behandlung -spiegeln sich die Entwickelungsstadien des Menschengeistes deutlich ab. --- Vielleicht gibt es keinen Gegenstand menschlichen Nachdenkens, über -welchen längere Reihen nie mehr aufgeschlagener Folianten im Staube -der Bibliotheken modern.« -- Diese Wichtigkeit der Frage tritt auch -darin klar zutage, daß =Kant= die Überzeugung von der »Willensfreiheit« -unmittelbar neben diejenige von der »Unsterblichkeit der Seele« und -neben den »Glauben an Gott« stellte. Er bezeichnete diese drei großen -Fragen als die drei unentbehrlichen »=Postulate der praktischen -Vernunft=«, nachdem er vorher in der »=Kritik der reinen Vernunft=« -klar dargelegt hatte, daß ihre Annahme völlig unbegründet ist. - -Das Merkwürdigste in dem großartigen und höchst verworrenen Streite -über die Willensfreiheit ist vielleicht die Tatsache, daß dieselbe -theoretisch nicht nur von höchst kritischen Philosophen, sondern auch -von den extremsten Gegensätzen verneint und trotzdem von den meisten -Menschen als selbstverständlich noch heute bejaht wird. Hervorragende -Lehrer der christlichen Kirche, wie der Kirchenvater =Augustin= und -der Reformator =Calvin=, leugnen die Willensfreiheit ebenso bestimmt -wie die bekanntesten Führer des reinen Materialismus, =Holbach= im -18. und =Büchner= im 19. Jahrhundert. Die christlichen Theologen -verneinen sie, weil sie mit ihrem festen Glauben an die Allmacht Gottes -und die Prädestination unvereinbar ist; Gott, der Allmächtige und -Allwissende, sah und wollte alles von Ewigkeit voraus; also bestimmte -er auch das Handeln der Menschen. Wenn der Mensch nach freiem Willen -handelte, anders, als es Gott vorausbestimmt hatte, so wäre Gott -nicht allmächtig und allwissend gewesen. In demselben Sinne war auch -=Leibniz= unbedingter =Determinist=. Die monistischen Naturforscher -des 18. Jahrhunderts, allen voran =Laplace=, verteidigten den -Determinismus wieder auf Grund ihrer einheitlichen mechanischen -Weltanschauung. - -Der gewaltige Kampf zwischen den =Deterministen= und =Indeterministen=, -zwischen den Gegnern und den Anhängern der Willensfreiheit, ist -heute, nach mehr als zwei Jahrtausenden, endgültig zugunsten der -ersteren entschieden. Der menschliche Wille ist ebensowenig frei -als derjenige der höheren Tiere, von welchem er sich nur dem Grade, -nicht der Art nach unterscheidet. Während noch im 18. Jahrhundert -das alte Dogma von der Willensfreiheit wesentlich mit allgemeinen, -philosophischen und kosmologischen Gründen bestritten wurde, hat uns -dagegen das 19. Jahrhundert ganz andere Waffen zu dessen definitiver -Widerlegung geschenkt, die gewaltigen Waffen, welche wir dem Arsenal -der =vergleichenden Physiologie und Entwickelungsgeschichte= verdanken. -Wir wissen jetzt, daß jeder Willensakt ebenso durch die Organisation -des wollenden Individuums bestimmt und ebenso von den jeweiligen -Bedingungen der umgebenden Außenwelt abhängig ist wie jede andere -Seelentätigkeit. Der Charakter des Strebens ist von vornherein durch -die =Vererbung= von Eltern und Voreltern bedingt; der Entschluß zum -jedesmaligen Handeln wird durch die =Anpassung= an die momentanen -Umstände gegeben, wobei das stärkste Motiv den Ausschlag gibt, -entsprechend den Gesetzen, welche die Statik der Gemütsbewegungen -bestimmen. Die =Ontogenie= lehrt uns die individuelle Entwickelung des -Willens beim Kinde verstehen, die =Phylogenie= aber die historische -Ausbildung des Willens innerhalb der Reihe unserer Wirbeltier-Ahnen. - - - - -=Achtes Kapitel.= - -_Keimesgeschichte der Seele._ - - Monistische Studien über ontogenetische Psychologie. Entwickelung - des Seelenlebens im individuellen Leben der Person. - - -Unsere menschliche Seele -- gleichviel, wie man ihr Wesen auffaßt --- unterliegt im Laufe unseres individuellen Lebens einer stetigen -Entwickelung. Diese =ontogenetische Tatsache= ist für unsere -monistische Psychologie von fundamentaler Bedeutung, obwohl -die meisten »Psychologen von Fach« ihr teils nur geringe, teils -gar keine Berücksichtigung schenken. Wie nun die individuelle -Entwickelungsgeschichte der »wahre Lichtträger für alle Untersuchungen -über organische Körper ist«, so wird sie auch über die wichtigsten -Geheimnisse des Seelenlebens uns erst das wahre Licht anzünden. - -Obgleich nun diese »Keimesgeschichte der Menschenseele« äußerst wichtig -und interessant ist, hat sie doch bisher nur in sehr beschränktem -Umfange die verdiente Berücksichtigung gefunden. Es waren bisher fast -ausschließlich die =Pädagogen=, welche sich mit einem Teile derselben -beschäftigten; durch ihren praktischen Beruf darauf angewiesen, die -Ausbildung der Seelentätigkeit beim Kinde zu leiten und zu überwachen, -mußten sie auch theoretisches Interesse an den dabei beobachteten -psychogenetischen Tatsachen finden. Indessen standen die Pädagogen in -der Neuzeit wie im Altertum größtenteils im Banne der herrschenden -dualistischen Psychologie; dagegen waren sie mit den wichtigsten -Tatsachen der vergleichenden Psychologie, sowie mit der Organisation -und Funktion des Gehirns meistens nicht bekannt. Außerdem aber betrafen -ihre Beobachtungen größtenteils erst die Kinder in schulpflichtigem -Alter oder in den unmittelbar vorhergehenden Lebensjahren. Die -merkwürdigen Erscheinungen, welche die individuelle Psychogenie des -Kindes gerade in den ersten Lebensjahren darbietet, und welche alle -denkenden Eltern freudig bewundern, wurden fast niemals Gegenstand -eingehender wissenschaftlicher Studien. Hier hat erst =Wilhelm Preyer= -(1881) Bahn gebrochen, in seiner Schrift über »Die Seele des Kindes; -Beobachtungen über die geistige Entwickelung des Menschen in den ersten -Lebensjahren«. Indessen müssen wir, um volle Klarheit zu gewinnen, -noch weiter zurückgehen, bis auf die erste Entstehung der Seele im -befruchteten Ei. - -_Entstehung der individuellen Seele._ Der Ursprung und die erste -Entstehung des menschlichen =Individuums= galt noch im Anfange des 19. -Jahrhunderts für ein vollkommenes Geheimnis. Allerdings hatte =Caspar -Friedrich Wolff= schon 1759 in seiner ~Theoria generationis~ das -wahre Wesen der embryonalen Entwickelung aufgedeckt und an der sicheren -Hand kritischer Beobachtung gezeigt, daß bei der Entwickelung des -Keimes aus dem einfachen Ei eine wahre =Epigenesis=, d. h. eine Reihe -der merkwürdigsten Neubildungsprozesse stattfinde. Allein die damalige -Physiologie lehnte diese =empirischen=, unmittelbar mikroskopisch zu -demonstrierenden Erkenntnisse rundweg ab und hielt an dem hergebrachten -Dogma der embryonalen =Präformation= fest. Nach diesem nahm man an, -daß im Ei der Organismus mit allen seinen Teilen vorgebildet oder -präformiert sei; die »Entwickelung« des Keimes bestehe eigentlich nur -in einer »Auswickelung« der eingewickelten Teile (~Evolutio~). Als -notwendiger Folgeschluß dieses Irrtums ergab sich daraus weiterhin -die oben erwähnte Einschachtelungstheorie (S. 33). Diesem Dogma der -»=Ovulisten=«schule stand gegenüber eine andere, ebenso irrtümliche -Ansicht, die der »=Animalkulisten=«; diese glaubten, daß der -eigentliche Keim nicht in der weiblichen Eizelle der Mutter, sondern -in der männlichen Spermazelle des Vaters liege, und daß in diesem -»Samentierchen« die Einschachtelung der Generationsreihen zu suchen sei. - -=Leibniz= übertrug diese Einschachtelungslehre ganz folgerichtig -auch auf die menschliche =Seele=; er leugnete für sie eine wahre -Entwickelung (Epigenesis) ebenso wie für den Körper und sagte in seiner -Theodicee: »So sollte ich meinen, daß die Seelen, welche eines Tages -menschliche Seelen sein werden, im Samen, wie jene von anderen Spezies, -dagewesen sind; daß sie in den Voreltern bis auf Adam, also seit dem -Anfang der Dinge, immer in der Form organisierter Körper existiert -haben.« Ähnliche Vorstellungen erhielten sich sowohl in der Biologie -wie in der Philosophie noch bis in das dritte Dezennium des 19. -Jahrhunderts, wo ihnen die Reform der Keimesgeschichte durch =Baer= den -Todesstoß versetzte. - -_Mythologie des Seelenursprungs._ Die näheren Aufschlüsse, welche wir -durch die vergleichende Ethnologie neuerdings über die mannigfaltigen -Mythenbildungen der älteren Kulturvölker sowohl als der heutigen -Naturvölker gewonnen haben, sind auch für die Psychogenie von großem -Interesse. Betreffs ihres wissenschaftlichen oder poetischen Gehaltes -können die Mythen über den Seelenursprung etwa folgendermaßen in -fünf Gruppen geordnet werden: ~I~. Mythus der =Seelenwanderung=: -die Seele lebte früher im Körper eines anderen Tieres und ist erst -aus diesem in den menschlichen Körper übergetreten; die ägyptischen -Priester z. B. behaupteten, daß die menschliche Seele nach dem Tode -des Leibes durch alle Tiergattungen hindurchwandere, nach 3000 Jahren -aber wieder in einen Menschenleib zurückkehre. ~II~. Mythus der -=Seeleneinpflanzung=: die Seele existierte selbständig an einem anderen -Orte, in einer Seelen-Vorratskammer (etwa in einer Art von =Keimschlaf= -oder latentem Leben); sie wird von einem Vogel (bisweilen als Adler, -oft als »Klapperstorch« gedacht) geholt und in den menschlichen Körper -eingesetzt. ~III~. Mythus der =Seelenschöpfung=: der göttliche -Schöpfer, als persönlicher »Gott-Vater« gedacht, erschafft die -Seelen, hält sie vorrätig -- bald in einem Seelenteich, bald an einem -Seelenbaum; der Schöpfer nimmt dieselben heraus und setzt sie (während -des Zeugungsaktes) dem menschlichen Keime ein. ~IV~. Mythus der -=Seeleneinschachtelung= (von =Leibniz=, vorher erwähnt). ~V~. Mythus -der =Seelenteilung= (von =Rudolf Wagner=, 1855); im Zeugungsakte -spaltet sich ein Teil von beiden (immateriellen!) Seelen ab, die den -Körper der beiden kopulierenden Eltern bewohnen; der mütterliche -Seelenkeim lebt in der Eizelle, der väterliche in dem beweglichen -Samentierchen; indem diese beiden Keimzellen verschmelzen, wachsen -auch die beiden sie begleitenden Seelen zur Bildung einer neuen -immateriellen Seele zusammen. - -_Physiologie des Seelenursprungs._ Obwohl die angeführten -Dichtungen über die Entstehung der einzelnen Menschenseele heute -noch sehr weite Verbreitung und Anerkennung besitzen, ist dennoch -ihr rein mythologischer Charakter jetzt sicher nachgewiesen. Die -bewunderungswürdigen Untersuchungen, welche im Laufe der letzten -Dezennien über die feineren Vorgänge bei der Befruchtung und Keimung -des Eies ausgeführt worden sind, haben ergeben, daß diese mysteriösen -Erscheinungen sämtlich in das Gebiet der =Zellenphysiologie= -gehören. Sowohl die weibliche Keimanlage, das Ei, als der männliche -Befruchtungskörper, das Spermium oder Samentierchen, sind -=einfache Zellen=. Diese lebendigen Zellen besitzen eine Summe von -physiologischen Eigenschaften, welche wir unter dem Begriff der -=Zellseele= zusammenfassen, ebenso wie bei den permanent einzelligen -Protisten (vergl. S. 92). Beiderlei Geschlechtszellen besitzen das -Vermögen der Bewegung und Empfindung. Die jugendliche Eizelle oder -das »Urei« bewegt sich nach Art einer =Amöbe=; die sehr kleinen -Samenkörperchen oder Spermien, von welchen Millionen in jedem Tropfen -des schleimartigen, männlichen Samens sich finden, sind Geißelzellen -und bewegen sich mittels ihrer schwingenden Geißel ebenso lebhaft -schwimmend im Sperma umher wie die gewöhnlichen =Geißelinfusorien= -(~=Flagellaten=~). - -Wenn nun die beiderlei Zellen bei der Begattung zusammentreffen, -oder wenn sie durch künstliche Befruchtung (z. B. bei Fischen) in -Berührung gebracht werden, ziehen sie sich gegenseitig an und legen -sich fest aneinander. Die Ursache dieser zellularen Attraktion ist -eine chemische, dem Geruche oder Geschmacke verwandte Sinnestätigkeit -des Plasma, die wir als »=erotischen Chemotropismus=« bezeichnen. Man -kann sie auch geradezu (sowohl im Sinne der Chemie als im Sinne der -Romanliebe) »Zellenwahlverwandtschaft« oder »sexuelle =Zellenliebe=« -nennen. Zahlreiche Geißelzellen des Sperma schwimmen auf die ruhige -Eizelle lebhaft hin und versuchen in deren Körper einzudringen. Es -gelingt aber normalerweise nur einem einzigen glücklichen Bewerber, -das ersehnte Ziel wirklich zu erreichen. Sobald sich dieses bevorzugte -»Samentierchen« mit seinem »Kopfe« (d. h. dem Zellenkern) in den -Leib der Eizelle eingebohrt hat, wird von der Eizelle eine dünne -Schleimschicht abgesondert, welche das Eindringen anderer männlicher -Zellen verhindert. Nur wenn man durch niedere Temperatur die -Eizelle in Kältestarre versetzt oder sie durch narkotische Mittel -(Chloroform, Morphium, Nikotin) betäubt, unterbleibt die Bildung dieser -Schutzhülle; dann tritt »=Überfruchtung oder Polyspermie=« ein, und -zahlreiche Samenfäden bohren sich in den Leib der bewußtlosen Zelle -ein. Diese merkwürdige Tatsache bezeugt ebenso einen niederen Grad -von spezifischer, sinnlicher, lebhafter Empfindung in den beiderlei -Geschlechtszellen wie die wichtigen Vorgänge, die gleich darauf sich -in ihrem Innern abspielen. Die beiderlei Zellenkerne, der weibliche -Eikern und der männliche Spermakern, ziehen sich gegenseitig an, nähern -sich und verschmelzen bei der Berührung vollständig miteinander. So ist -denn aus der befruchteten Eizelle jene wichtige neue Zelle entstanden, -welche wir =Stamm=zelle nennen, und aus deren wiederholter Teilung der -ganze vielzellige Organismus hervorgeht. - -Die psychologischen Erkenntnisse, welche sich aus diesen merkwürdigen -=Tatsachen= der Befruchtung ergeben, sind überaus wichtig und bisher -nicht entfernt in ihrer allgemeinen Bedeutung gewürdigt. Wir fassen -die wesentlichsten Folgerungen in folgenden fünf Sätzen zusammen: -~I~. Jedes menschliche Individuum ist, wie jedes andere höhere -Tier, im Beginne seiner Existenz eine einfache Zelle. ~II~. Diese -Stammzelle entsteht überall auf dieselbe Weise, durch Verschmelzung -oder Kopulation von zwei getrennten Zellen verschiedenen Ursprungs, -der weiblichen Eizelle und der männlichen Spermazelle. ~III~. Beide -Geschlechtszellen besitzen eine verschiedene »Zellseele«, d. h. -beide sind durch eine besondere Form von Empfindung und von Bewegung -ausgezeichnet. ~IV~. In dem Momente der Befruchtung oder Empfängnis -verschmelzen nicht nur die Plasmakörper der beiden Geschlechtszellen -und ihre Kerne, sondern auch ihre »Seelen«; d. h. die in ihnen -enthaltenen psychischen Anlagen (oder »Spannkräfte«) vereinigen sich -zum »Seelenkeim« der neugebildeten Stammzelle. ~V~. Daher besitzt -jede Person leibliche und geistige Eigenschaften von beiden Eltern; der -Kern der Eizelle überträgt einen Teil der mütterlichen, der Kern der -Spermazelle einen Teil der väterlichen Eigenschaften. - -Durch diese empirisch erkannten Erscheinungen der »Empfängnis« oder -Konzeption wird ferner die höchst wichtige Tatsache festgestellt, daß -jeder Mensch, wie jedes andere Tier, einen =Beginn der individuellen -Existenz= hat; die völlige Kopulation der beiden sexuellen Zellkerne -bezeichnet haarscharf den Augenblick, in welchem nicht nur der Körper -der neuen =Stammzelle= entsteht, sondern auch ihre »Seele«. Durch diese -Tatsache allein schon wird der alte Mythus von der =Unsterblichkeit -der Seele= widerlegt, auf den wir später zurückkommen. Ferner wird -dadurch der noch sehr verbreitete Aberglaube widerlegt, daß der -Mensch seine individuelle Existenz der »Gnade des liebenden Gottes« -verdankt. Die Ursache derselben beruht vielmehr einzig und allein -auf dem »=Eros=« seiner beiden Eltern, auf jenem mächtigen, allen -vielzelligen Tieren und Pflanzen gemeinsamen Geschlechtstriebe, welcher -zu deren Begattung führt. Das Wesentliche bei diesem physiologischen -Prozesse ist aber nicht, wie man früher annahm, die »Umarmung« oder -die damit verknüpften Liebesspiele, sondern einzig und allein die -Einführung des männlichen Sperma in die weiblichen Geschlechtskanäle. -Nur dadurch wird es bei den landbewohnenden Tieren möglich, daß der -befruchtende Samen mit der abgelösten Eizelle zusammenkommt (was beim -Menschen gewöhnlich innerhalb des Uterus geschieht). Bei niederen, -wasserbewohnenden Tieren (z. B. Fischen, Muscheln, Medusen) werden -beiderlei reife Geschlechtsprodukte einfach in das Wasser entleert, -und hier bleibt ihr Zusammentreffen dem Zufall überlassen; dann -fehlt eine eigentliche Begattung, und damit fallen zugleich jene -zusammengesetzten psychischen Funktionen des »Liebeslebens« hinweg, die -bei höheren Tieren eine so große Rolle spielen. Daher fehlen auch allen -niederen, nicht kopulierenden Tieren jene interessanten Organe, die -=Darwin= als »sekundäre Sexualcharaktere« bezeichnet hat, die Produkte -der geschlechtlichen Zuchtwahl: der Bart des Mannes, das Geweih des -Hirsches, das prachtvolle Gefieder der Paradiesvögel und vieler -Hühnervögel, sowie viele andere Auszeichnungen der Männchen, welche den -Weibchen fehlen. (Vergl. =Wilhelm Bölsche=, Liebesleben der Natur, 3 -Bände, 1901.) - -_Vererbung der Seele._ Unter den angeführten Folgeschlüssen der -=Konzeptionsphysiologie= ist für die Psychologie ganz besonders -wichtig die =Vererbung der Seelenqualitäten von beiden Eltern.= Daß -jedes Kind besondere Eigentümlichkeiten des Charakters, Temperament, -Talent, Sinnesschärfe, Willensenergie von =beiden= Eltern erbt, ist -allgemein bekannt. Ebenso bekannt ist die Tatsache, daß auch psychische -Eigenschaften von beiderlei Großeltern durch Vererbung übertragen -werden; ja, häufig stimmt in einzelnen Beziehungen der Mensch mehr -mit den Großeltern als mit den Eltern überein. Alle die merkwürdigen -=Gesetze der Vererbung= besitzen ebenso allgemeine Gültigkeit für die -besonderen Erscheinungen der Seelentätigkeit wie der Körperbildung; ja, -sie treten uns häufig an der ersteren noch viel auffallender und klarer -entgegen, als an der letzteren. - -Nun ist ja an sich das große Gebiet der =Vererbung=, für dessen -ungeheuere Bedeutung uns erst =Darwin= das wissenschaftliche -Verständnis eröffnet hat, reich an dunkeln Rätseln und physiologischen -Schwierigkeiten; wir dürfen nicht beanspruchen, daß uns schon jetzt -alle Seiten desselben klar vor Augen liegen. Aber so viel haben -wir doch schon sicher gewonnen, daß wir die =Vererbung als eine -physiologische Funktion= des Organismus betrachten, die mit der -Tätigkeit seiner Fortpflanzung unmittelbar verknüpft ist; und wie -alle anderen Lebenstätigkeiten müssen wir auch diese schließlich -auf physikalische und chemische Prozesse, auf =Mechanik des Plasma= -zurückführen. Nun kennen wir aber jetzt den Vorgang der Befruchtung -selbst genau; wir wissen, daß dabei ebenso der Spermakern die -väterlichen, wie der Eikern die mütterlichen Eigenschaften auf die -neugebildete Stammzelle überträgt. Die Vermischung beider Zellkerne -ist das eigentliche Hauptmoment der Vererbung; durch sie werden ebenso -die individuellen Eigenschaften der Seele wie des Leibes auf das -neugebildete Individuum übertragen. Diesen ontogenetischen Tatsachen -steht die dualistische und mystische Psychologie der noch heute -herrschenden Schulen ratlos gegenüber, während sie sich durch unsere -monistische Psychogenie in einfachster Weise erklären. - -_Seelenmischung (Psychische Amphigonie)._ Die physiologische Tatsache, -auf welche es für die richtige Beurteilung der individuellen -Psychogenie vor allem ankommt, ist die =Kontinuität der Psyche= in der -Generationsreihe. Wenn im Moment der Empfängnis auch tatsächlich ein -neues Individuum entsteht, so ist dasselbe doch weder hinsichtlich -seiner geistigen noch leiblichen Qualität eine unabhängige Neubildung, -sondern lediglich das Produkt aus der Verschmelzung der beiden -elterlichen Faktoren. Die Zellseelen beider Geschlechtszellen -verschmelzen im Befruchtungsakte ebenso vollständig zur Bildung einer -neuen =Zellseele=, wie die beiden Zellkerne, welche die materiellen -Träger dieser psychischen Spannkräfte sind, zu einem neuen =Zellkern= -sich verbinden. Da wir nun sehen, daß die Individuen einer und -derselben Art stets gewisse, wenn auch geringfügige Unterschiede -zeigen, so müssen wir annehmen, daß solche auch schon in der chemischen -Beschaffenheit der kopulierenden Keimzellen selbst vorhanden sind. - -_Psychologischer Atavismus._ Wenn bei der Seelenmischung im Augenblicke -der Empfängnis zunächst auch nur die besonderen Eigenschaften der -beiden Elternseelen mittels Verschmelzung der beiden erotischen -Zellkerne erblich übertragen werden, so kann damit doch zugleich -der erbliche psychische Einfluß älterer, oft weit zurückliegender -Generationen mit fortgepflanzt werden. Denn auch die Gesetze der -=latenten Vererbung= oder des =Atavismus= gelten ebenso für die -Psyche wie für die anatomische Organisation. Gerade in feineren Zügen -des Seelenlebens, im Besitze bestimmter künstlerischer Talente oder -Neigungen, in der Energie des Charakters, in der Leidenschaft des -Temperamentes gleichen oft hervorragende Menschen mehr ihren Großeltern -als den Eltern; nicht selten tritt auch ein auffälliger Charakterzug -hervor, den weder diese noch jene besaßen, der aber in einem älteren -Gliede der Ahnenreihe vor langer Zeit sich offenbart hatte. Auch in -diesen merkwürdigen Atavismen gelten dieselben Vererbungsgesetze -für die Psyche wie für die Physiognomie, für die individuelle -Qualität der Sinnesorgane, wie für die der Muskeln, des Skeletts -und anderer Körperteile. Am auffälligsten können wir dieselben in -regierenden Dynastien und in alten Adelsgeschlechtern verfolgen, deren -hervorragende Tätigkeit im Staatsleben zur genaueren historischen -Darstellung der Individuen in der Generationskette Veranlassung gegeben -hat, so z. B. bei den Hohenzollern, Hohenstaufen, Oraniern, Bourbonen -usw., und nicht minder bei den römischen Zäsaren. - -_Das Biogenetische Grundgesetz in der Psychologie_ (1866). Der -=Kausalzusammenhang= der =biontischen= (individuellen) und der -=phyletischen= (historischen) Entwickelung, den ich schon in der -Generellen Morphologie als oberstes Gesetz an die Spitze aller -biogenetischen Untersuchungen gestellt hatte, besitzt ebenso allgemeine -Geltung für die =Psychologie= wie für die =Morphologie=. Wie bei allen -anderen Organismen, so ist auch beim Menschen »=die Keimesgeschichte -ein Auszug der Stammesgeschichte=«. Diese gedrängte und abgekürzte -Rekapitulation ist um so vollständiger, je mehr durch beständige -Vererbung die ursprüngliche =Auszugsentwickelung= (~Palingenesis~) -beibehalten wird; hingegen wird sie um so unvollständiger, je mehr -durch wechselnde Anpassung die spätere =Störungsentwickelung= -(~Cenogenesis~) eingeführt wird (Anthropogenie, 1. Vortrag). - -Indem wir dieses Grundgesetz auf die Entwickelungsgeschichte der Seele -anwenden, müssen wir ganz besonderen Nachdruck darauf legen, daß -stets =beide= Seiten desselben kritisch im Auge zu behalten sind. -Denn beim Menschen wie bei allen höheren Tieren und Pflanzen haben im -Laufe der phyletischen Jahrmillionen so beträchtliche Störungen oder -=Zenogenesen= sich ausgebildet, daß dadurch das ursprüngliche reine -Bild der =Palingenese= oder des »Geschichtsauszuges« stark getrübt -und verändert erscheint. Während einerseits durch die Gesetze der -gleichzeitigen und gleichörtlichen Vererbung die =palingenetische= -Rekapitulation erhalten bleibt, wird sie andererseits durch die Gesetze -der abgekürzten und vereinfachten Vererbung wesentlich =zenogenetisch= -verändert. Zunächst ist das deutlich erkennbar in der Keimesgeschichte -der Seelenorgane, des Nervensystems, der Muskeln und Sinnesorgane. In -ganz gleicher Weise gilt dasselbe aber auch von der Seelentätigkeit, -die untrennbar an die normale Ausbildung dieser Organe gebunden ist. -Ihre Keimesgeschichte ist beim Menschen, wie bei allen anderen lebendig -gebärenden Tieren, schon deshalb stark zenogenetisch abgeändert, -weil die volle Ausbildung des Keimes hier längere Zeit innerhalb -des mütterlichen Körpers stattfindet. Wir müssen daher als zwei -Hauptperioden der individuellen Psychogenie unterscheiden: ~I~. die -embryonale und ~II~. die post-embryonale Entwickelungsgeschichte der -Seele. - -_Embryonale Psychogenie._ Der menschliche Keim oder Embryo entwickelt -sich normalerweise im Mutterleibe während des Zeitraumes von neun -Monaten. Während dieser Zeit ist er vollkommen von der Außenwelt -abgeschlossen und nicht allein durch die dicke Muskelwand des -mütterlichen Fruchtbehälters (~Uterus~) geschützt, sondern auch durch -die besonderen Fruchthüllen (~Amnion~ und ~Serolemma~) welche allen -drei höheren Wirbeltierklassen gemeinsam zukommen, den Reptilien, -Vögeln und Säugetieren. Es sind das Schutzeinrichtungen, welche von den -ältesten Reptilien, den gemeinsamen Stammformen aller Amnioten, erst -in der Permperiode (gegen Ende des paläozoischen Zeitalters) erworben -wurden, als diese höheren Wirbeltiere sich an das beständige Landleben -und die Luftatmung gewöhnten. Ihre vorhergehenden Ahnen, die Amphibien -der Steinkohlenperiode, lebten und atmeten noch im Wasser, wie ihre -älteren Vorfahren, die Fische. - -Bei diesen älteren und niederen wasserbewohnenden Wirbeltieren besaß -die Keimesgeschichte noch in viel höherem Grade den palingenetischen -Charakter, wie es auch noch bei den meisten Fischen und Amphibien der -Gegenwart der Fall ist. Die bekannten Kaulquappen, die Larven der -Salamander und Frösche, bewahren noch heute in der ersten Zeit ihres -freien Wasserlebens den Körperbau ihrer Fischahnen; sie gleichen ihnen -auch in der Lebensweise, in der Kiemenatmung, in der Funktion ihrer -Sinnesorgane und ihrer anderen Seelenorgane. Erst wenn die interessante -Metamorphose der schwimmenden Kaulquappen eintritt, und wenn sie sich -an das Landleben gewöhnen, verwandelt sich ihr fischähnlicher Körper in -das vierfüßige, kriechende Amphibium; an die Stelle der Kiemenatmung -im Wasser tritt die ausschließliche Luftatmung durch Lungen, und -mit der veränderten Lebensweise erlangt auch der Seelenapparat, -Nervensystem und Sinnesorgane, einen höheren Grad der Ausbildung. Die -schwimmende Kaulquappe besitzt nicht nur die Organisation, sondern auch -die Lebensweise und Seelentätigkeit des Fisches und erlangt erst durch -ihre Verwandlung diejenige des Frosches. - -Beim Menschen wie bei allen anderen Amniontieren ist das nicht der -Fall; ihr Embryo ist schon durch den Einschluß in die schützenden -Eihüllen dem direkten Einflusse der Außenwelt ganz entzogen und jeder -Wechselwirkung mit derselben entwöhnt. Außerdem aber bietet die -besondere =Brutpflege= der Amniontiere ihrem Keime viel günstigere -Bedingungen für zenogenetische Abkürzung der palingenetischen -Entwickelung. Vor allem gehört dahin die vortreffliche Ernährung des -Keims; sie geschieht bei den Reptilien, Vögeln und Monotremen (den -eierlegenden Säugetieren) durch den großen gelben Nahrungsdotter, -welcher dem Ei beigegeben ist, bei den übrigen Säugetieren hingegen -(den lebendig gebärenden Beuteltieren und Zottentieren) durch das -Blut der Mutter, welches durch die Blutgefäße des Dottersackes und -der Allantois dem Keime zugeführt wird. Bei den höchstentwickelten -=Zottentieren= (~Placentalia~) hat diese zweckmäßige Ernährungsform -durch Ausbildung des Mutterkuchens (~Placenta~) den höchsten Grad -der Vollkommenheit erreicht; daher ist der Embryo schon vor der -Geburt hier vollkommen ausgebildet. Seine Seele aber befindet sich -während dieser ganzen Zeit im Zustande des =Keimschlafes=, einem -Ruhezustande, welchen =Preyer= mit Recht dem Winterschlafe der Tiere -verglichen hat. Einen gleichen, lange dauernden Schlaf finden wir auch -im Puppenzustande jener Insekten, welche eine vollkommene Verwandlung -durchmachen (Schmetterlinge, Immen, Fliegen, Käfer usw.). Hier ist der -=Puppenschlaf=, während dessen die wichtigsten Umbildungen der Organe -und Gewebe vor sich gehen, um so interessanter, als der vorhergehende -Zustand der frei lebenden Larve (Raupe, Engerling oder Made) ein sehr -entwickeltes Seelenleben besitzt, und als dieses bedeutend unter -derjenigen Stufe steht, welche später (nach dem Puppenschlaf) das -vollendete, geflügelte und geschlechtsreife Insekt zeigt. - -_Postembryonale Psychogenie._ Die Seelentätigkeit des Menschen -durchläuft während seines individuellen Lebens, ebenso wie bei den -meisten höheren Tieren, eine Reihe von Entwickelungsstufen; als die -wichtigsten derselben können wir wohl folgende fünf Hauptabschnitte -unterscheiden: 1. die Seele des Neugeborenen bis zum Erwachen -des Selbstbewußtseins und zum Erlernen der Sprache, 2. die Seele -des Knaben und des Mädchens bis zur Pubertät (zum Erwachen des -Geschlechtstriebes), 3. die Seele des Jünglings und der Jungfrau bis -zum Eintritt der sexuellen Verbindung (die Periode der »Ideale«), 4. -die Seele des erwachsenen Mannes und der reifen Frau (Periode der -vollen Reife und der Familiengründung), 5. die Seele des Greises und -der Greisin (Periode der Rückbildung). Das Seelenleben des Menschen -durchläuft also dieselben Entwickelungsstufen der aufsteigenden -Fortbildung, der vollen Reife und der absteigenden Rückbildung wie jede -andere Lebenstätigkeit des Organismus. - - - - -=Neuntes Kapitel.= - -_Stammesgeschichte der Seele._ - - Monistische Studien über phylogenetische Psychologie. Entwickelung - des Seelenlebens in der tierischen Ahnenreihe des Menschen. - - -Die Deszendenztheorie in Verbindung mit der Anthropologie hat uns -überzeugt, daß unser menschlicher Organismus aus einer langen Reihe -tierischer Vorfahren durch allmähliche Umbildung im Laufe vieler -Jahrmillionen langsam und stufenweise sich entwickelt hat. Da wir nun -das Seelenleben des Menschen von seinen übrigen Lebenstätigkeiten nicht -trennen können, vielmehr zu der Überzeugung von der einheitlichen -Entwickelung unseres ganzen Körpers und Geistes gelangt sind, so ergibt -sich auch für die moderne =monistische Psychologie= die Aufgabe, -die historische Entwickelung der Menschenseele aus der Tierseele -stufenweise zu verfolgen. Die Lösung dieser Aufgabe versucht unsere -»Stammesgeschichte der Seele« oder die =Phylogenie der Psyche=. -Obgleich diese neue Wissenschaft noch kaum ernstlich in Angriff -genommen ist, obgleich selbst ihre Existenzberechtigung von den meisten -Fachpsychologen bestritten wird, müssen wir für sie dennoch die -allerhöchste Wichtigkeit und das größte Interesse in Anspruch nehmen. -Denn nach unserer festen Überzeugung ist die =phyletische= Psychologie -vor allem berufen, uns das große »Welträtsel« vom Wesen und der -Entstehung unserer Seele zu lösen. - -_Methoden der poetischen Psychogenie._ Die Mittel und Wege, welche -zu dem weit entfernten, im Nebel der Zukunft für viele noch kaum -erkennbaren Ziele der =phylogenetischen Psychologie= hinführen sollen, -sind von denjenigen anderer stammesgeschichtlicher Forschungen -nicht verschieden. Vor allem ist auch hier die vergleichende -Anatomie, Physiologie und Ontogenie von höchstem Werte. Aber auch -die Paläontologie liefert uns eine Anzahl von sicheren Stützpunkten; -denn die Reihenfolge, in welcher die versteinerten Überreste der -Wirbeltierklassen nacheinander in den Perioden der organischen -Erdgeschichte auftreten, offenbart uns teilweise, zugleich mit -deren phyletischem Zusammenhang, auch die stufenweise Ausbildung -ihrer Seelentätigkeit. Freilich sind wir hier, wie überall bei -phylogenetischen Untersuchungen, zur Bildung zahlreicher Hypothesen -gezwungen, um die Lücken der empirischen Stammesurkunden auszufüllen; -aber dennoch werfen die letzteren ein so helles und bedeutungsvolles -Licht auf die wichtigsten Abstufungen der geschichtlichen Entwickelung, -daß wir eine befriedigende Einsicht in deren allgemeinen Verlauf -gewinnen können. - -_Hauptstufen der phyletischen Psychogenie._ Die vergleichende -Psychologie des Menschen und der höheren Tiere läßt uns zunächst in -den höchsten Gruppen der Säugetiere, bei den =Herrentieren=, die -wichtigsten Fortschritte erkennen, durch welche die Menschenseele -aus der Psyche der Menschenaffen hervorgegangen ist. Die Phylogenie -der =Säugetiere= und weiterhin der niederen Wirbeltiere zeigt uns -die lange Reihe der älteren Vorfahren der Primaten, welche innerhalb -dieses Stammes seit der Silurzeit sich entwickelt haben. Alle diese -Wirbeltiere stimmen überein in der Struktur und Entwickelung ihres -charakteristischen Seelenorgans, des =Markrohrs=. Daß dieses sich aus -einem dorsalen =Scheitelhirn= wirbelloser Vorfahren hervorgebildet -hat, scheint die vergleichende Anatomie der Wurmtiere oder =Vermalien= -zu lehren. Weiter zurückgehend erfahren wir durch die vergleichende -Ontogenie, daß dieses einfache Seelenorgan aus der Zellenschicht des -äußeren Keimblattes, aus dem Ektoderm von =Platodarien= entstanden -ist; bei diesen ältesten Plattentieren, die noch kein gesondertes -Nervensystem besaßen, wirkt die äußere Hautdecke als universales -Sinnes- und Seelenorgan. Durch die vergleichende Keimesgeschichte -überzeugen wir uns endlich, daß diese einfachsten Metazoen durch -Gastrulation aus =Blastäaden= entstanden sind, aus =Hohlkugeln=, deren -Wand eine einfache Zellenschicht bildete, das =Blastoderm=. Zugleich -lernen wir durch dieselbe mit Hilfe des Biogenetischen Grundgesetzes -verstehen, wie diese vielzelligen Gebilde einfachster Art ursprünglich -aus einzelligen Urtieren hervorgegangen sind. - -~I.~ _Zellseele (Zytopsyche);_ =erste Hauptstufe der phyletischen -Psychogenesis.= Die ältesten Vorfahren des Menschen, wie aller übrigen -Tiere, waren einzellige =Protisten=. Diese Fundamental-Hypothese der -Phylogenie ergibt sich nach dem Biogenetischen Grundgesetze aus der -embryologischen =Tatsache=, daß jeder Mensch, wie jedes andere Tier, -im Beginne seiner individuellen Existenz eine einfache Zelle ist, die -»=Stammzelle=«. Wie diese schon von Anfang an »=beseelt=« war, so auch -jene entsprechende =einzellige Stammform=, welche in der ältesten -Ahnenreihe des Menschen durch eine Kette von verschiedenen Protisten -vertreten war. - -Über die Seelentätigkeit dieser einzelligen Organismen unterrichtet -uns die vergleichende Physiologie der heute noch lebenden Protisten; -sowohl genaue Beobachtung als sinnreiches Experiment haben uns hier -ein neues Gebiet voll höchst interessanter Erscheinungen eröffnet. -Die beste Darstellung derselben hat 1889 =Max Verworn= gegeben, in -seinen gedankenreichen, auf eigene originelle Versuche gestützten -»=Psychophysiologischen Protistenstudien=«. Auch die wenigen älteren -Beobachtungen über »das Seelenleben der Protisten« sind darin -zusammengestellt. =Verworn= gelangte zu der festen Überzeugung, -daß bei allen Protisten die unbewußten Vorgänge der Empfindung und -Bewegung noch mit den molekularen Lebensprozessen im Plasma selbst -zusammenfallen, und daß ihre letzten Ursachen in den Eigenschaften der -=Plasmamoleküle= (der Plastidule) zu suchen sind. »Die psychischen -Vorgänge im Protistenreich sind daher die Brücke, welche die chemischen -Prozesse in der unorganischen Natur mit dem Seelenleben der höchsten -Tiere verbindet; sie repräsentieren den Keim der höchsten psychischen -Erscheinungen bei den Metazoen und dem Menschen.« - -Die sorgfältigen Beobachtungen und zahlreichen Experimente von -=Verworn=, im Verein mit denjenigen von =Wilhelm Engelmann=, =Wilhelm -Preyer=, =Richard Hertwig= und anderen neueren Protistenforschern, -liefern die bündigen Beweise für meine monistische »=Theorie der -Zellseele=« (1866). Gestützt auf eigene langjährige Untersuchungen -von verschiedenen Protisten, besonders von Rhizopoden und Infusorien, -hatte ich den Satz aufgestellt, daß jede lebendige Zelle psychische -Eigenschaften besitzt, und daß also auch das Seelenleben der -vielzelligen Tiere und Pflanzen nichts anderes ist als das Resultat -der psychischen Funktionen der ihren Leib zusammensetzenden Zellen. -Bei den niederen Gruppen (z. B. Algen und Spongien) sind =alle= -Zellen des Körpers gleichmäßig (oder mit geringen Unterschieden) -daran beteiligt; in den höheren Gruppen dagegen, entsprechend den -Gesetzen der Arbeitsteilung, nur ein auserlesener Teil derselben, -die »Seelenzellen«. Die bedeutungsvollen Konsequenzen dieser -»=Zellular-Psychologie=« hatte ich teils 1876 in meiner Schrift über -die »Perigenesis der Plastidule« erörtert, teils 1877 in meiner -Münchner Rede »über die heutige Entwickelungslehre im Verhältnis zur -Gesamtwissenschaft«. Eine mehr populäre Darstellung enthalten meine -beiden Wiener Vorträge (1878) »über Ursprung und Entwickelung der -Sinneswerkzeuge« und »über Zellseelen und Seelenzellen«. - -Die einfache =Zellseele= zeigt übrigens schon innerhalb des -Protistenreiches eine lange Reihe von Entwickelungsstufen, von -ganz einfachen, primitiven bis zu sehr vollkommenen und hohen -Seelenzuständen. Bei den ältesten und einfachsten Protisten ist -das Vermögen der Empfindung und Bewegung gleichmäßig auf das ganze -Plasma des homogenen Körperchens verteilt; bei den höheren Formen -dagegen sondern sich als physiologische Organe derselben besondere -»Zellwerkzeuge« oder =Organelle=. Derartige motorische Zellteile sind -die Pseudopodien der Rhizopoden, die Flimmerhaare, Geißeln und Wimpern -der Infusorien. Als ein inneres Zentralorgan des Zellenlebens wird der -Zellkern betrachtet, welcher den ältesten und niedersten Protisten -noch fehlt. In physiologisch-chemischer Beziehung ist besonders -hervorzuheben, daß die ursprünglichsten und ältesten Protisten -=Plasmodomen= waren, mit pflanzlichem Stoffwechsel, also =Protophyten= -oder Urpflanzen; aus ihnen entstanden sekundär, durch Metasitismus, die -ersten =Plasmophagen= mit tierischem Stoffwechsel, also =Protozoen= -oder Urtiere. Dieser =Metasitismus=, die »Umkehrung des Stoffwechsels«, -bedeutete einen wichtigen psychologischen Fortschritt; denn damit -begann die Entwickelung jener charakteristischen Vorzüge der Tierseele, -welche der Pflanzenseele noch fehlen. - -~II~. _Zellvereinsseele_ oder Zönobial-Seele (~Coenopsyche~); -=zweite Hauptstufe der phyletischen Psychogenesis.= Die individuelle -Entwickelung beginnt beim Menschen wie bei allen anderen vielzelligen -Tieren mit der wiederholten Teilung einer einfachen Zelle. Die -=Stammzelle= (~Cytula~) zerfällt dadurch in einen maulbeerähnlichen -Zellhaufen, den Maulbeerkeim (~Morula~). Indem sich im Inneren dieses -soliden Körpers Flüssigkeit ansammelt, verwandelt er sich in ein -kugeliges Bläschen; alle Zellen treten an dessen Oberfläche und ordnen -sich in eine einfache Zellenschicht, die =Keimhaut= (~Blastoderma~). -Die so entstandene =Hohlkugel= ist der bedeutungsvolle Zustand der -=Keimblase= (~Blastula~). - -Die =Bewegungen=, die wir unmittelbar bei der Bildung der Blastula -beobachten können, sind ohne entsprechende =Empfindungen= nicht zu -denken. Die =Bewegungen= zerfallen in zwei Gruppen: 1. die inneren -Bewegungen, welche überall in wesentlich gleicher Weise beim Vorgange -der gewöhnlichen (indirekten) Zellteilung sich wiederholen (Bildung -der Kernspindel, Mitose, Karyokinese usw.); 2. die äußeren Bewegungen, -welche in der gesetzmäßigen Lageveränderung der geselligen Zellen -und ihrer Gruppierung bei Bildung des Blastoderms zutage treten. -Wir fassen diese Bewegungen als ererbte auf, weil sie überall in -prinzipiell gleicher Weise von den Ahnen übernommen worden sind. Die -=Empfindungen= können ebenfalls in zwei Gruppen unterschieden werden: -1. die Empfindungen der einzelnen Zellen, welche sich in der Behauptung -ihrer individuellen Selbständigkeit und ihrem Verhalten gegen die -Nachbarzellen äußern (mit denen sie in Berührung und teilweise durch -Plasmabrücken in direkter Verbindung stehen); 2. die einheitliche -Empfindung des ganzen Zellvereins oder =Zönobiums=, welche in der -individuellen Gestaltung der =Blastula= als =Hohlkugel= zutage tritt. - -Das kausale Verständnis der =Blastula=bildung liefert uns das -=Biogenetische Grundgesetz=, indem es die unmittelbar zu beobachtenden -Erscheinungen derselben durch die =Vererbung= erklärt und auf -entsprechende historische Vorgänge zurückführt, welche sich -ursprünglich bei der Entstehung der ältesten Protisten-Zönobien, der -=Blastäaden=, vollzogen haben. Die physiologische und psychologische -Einsicht in diese wichtigen Prozesse der ältesten =Zellen-Assozion= -gewinnen wir aber durch Beobachtung und Experiment an den heute noch -lebenden Zönobien. Solche beständige =Zellvereine= der Gegenwart sind -z. B. die bekannten »Kugeltierchen« (~Volvocina~). Ihre schwimmende -Ortsbewegung wird durch schwingende Geißeln vermittelt, die von den -einzelnen Zellen an der Oberfläche der »Flimmerkugel« ausgehen. -In allen diesen Zönobien können wir bereits neben einander zwei -verschiedene Stufen der psychischen Tätigkeit unterscheiden: ~I~. die -=Zellseele= der einzelnen Zellindividuen (als »Elementar-Organismen«) -und ~II~. die =Zönobialseele= des ganzen Zellvereins. - -~III~. _Gewebeseele (Histopsyche);_ =dritte Hauptstufe der -phyletischen Psychogenesis.= Bei allen vielzelligen und gewebebildenden -Pflanzen (~Metaphyten~) und ebenso bei den niedersten, nervenlosen -Klassen der =Gewebetiere= (~Metazoen~) haben wir zunächst zwei -verschiedene Formen der Seelentätigkeit zu unterscheiden, nämlich -~A~. die Psyche der einzelnen =Zellen=, welche die Gewebe -zusammensetzen, und ~B~. die Psyche der =Gewebe= selbst oder des -»Zellenstaates«, welcher von diesen gebildet wird. Diese =Gewebeseele= -ist überall die höhere psychologische Funktion, welche den -zusammengesetzten vielzelligen Organismus als einheitliches Lebewesen -oder »=physiologisches Individuum=«, als wirklichen »Zellenstaat« -erscheinen läßt. Sie beherrscht alle die einzelnen »Zellseelen« der -sozialen Zellen, welche als abhängige »Staatsbürger« den einheitlichen -Zellenstaat konstituieren. - -~III. A.~ _Die Pflanzenseele (Phytopsyche)_ ist für uns der Inbegriff -der gesamten psychischen Tätigkeit der gewebebildenden, =vielzelligen -Pflanzen= (~Metaphyten~); sie ist Gegenstand der verschiedensten -Beurteilung bis auf den heutigen Tag geblieben. Früher fand man -gewöhnlich einen Hauptunterschied zwischen Pflanzen und Tieren darin, -daß man den letzteren allgemein eine »Seele« zuschrieb, den ersteren -dagegen nicht. Indessen führte unbefangene Vergleichung der Reizbarkeit -und der Bewegungen bei verschiedenen höheren Pflanzen und niederen -Tieren schon im Anfange des 19. Jahrhunderts einzelne Forscher zu -der Überzeugung, daß beide gleichmäßig beseelt sein müßten. Später -traten namentlich =Fechner=, =Leitgeb= u. a., neuerdings besonders -=Francé=, lebhaft für die Annahme einer »=Pflanzenseele=« ein. -Tieferes Verständnis derselben wurde erst erworben, nachdem durch die -=Zellentheorie= (1838) die gleiche Elementarstruktur in Pflanzen und -Tieren nachgewiesen, und besonders seitdem durch die =Plasmatheorie= -von =Max Schultze= (1859) das gleiche Verhalten des aktiven, lebendigen -Protoplasma in beiden erkannt worden war. Die neuere vergleichende -Physiologie zeigte sodann, daß das physiologische Verhalten gegen -verschiedene Reize (Licht, Elektrizität, Wärme, Schwere, Reibung, -chemische Einflüsse usw.) in den »=empfindlichen=« Körperteilen -vieler Pflanzen und Tiere ganz ähnlich ist, und daß auch die -=Reflexbewegungen=, die jene Reize hervorrufen, ganz ähnlichen Verlauf -haben. Wenn man daher diese Tätigkeiten bei niederen, nervenlosen -Metazoen (Schwämmen, Polypen) einer besonderen »Seele« zuschrieb, -so war man berechtigt, diese auch bei den Metaphyten anzunehmen, -besonders bei den sehr »empfindlichen« Sinnpflanzen (~Mimosa~), den -Fliegenfallen (~Dionaea~, ~Drosera~) und den zahlreichen rankenden -Kletter- und Schlingpflanzen. - -~III. B.~ _Die Seele nervenloser Metazoen._ Von ganz besonderem -Interesse für die vergleichende Physiologie im allgemeinen und für die -Phylogenie der Tierseele im besonderen ist die Seelentätigkeit jener -=niederen Metazoen=, welche zwar Gewebe und oft bereits differenzierte -Organe besitzen, aber weder Nerven noch spezifische Sinnesorgane. Dahin -gehören vier verschiedene Gruppen von ältesten =Zölenterien= oder -Niedertieren, nämlich: 1. die =Gasträaden=, 2. die =Platodarien=, 3. -die =Spongien= und 4. die =Hydropolypen=, die niedersten Formen der -Nesseltiere. - -_Die Gasträaden oder Urdarmtiere_ bilden jene kleine Gruppe von -niedersten Zölenterien, welche als die gemeinsame Stammgruppe aller -Metazoen von höchster Wichtigkeit ist. Der Körper dieser kleinen, -schwimmenden Tierchen erscheint als ein kleines (meist eiförmiges) -Bläschen, welche eine einfache Höhle mit einer Öffnung enthält -(Urdarm und Urmund). Die Wand der verdauenden Höhle wird aus zwei -einfachen Zellenschichten oder Epithelien gebildet, von denen die -innere (Darmblatt) die Tätigkeiten der Ernährung, und die äußere -(Hautblatt) die Funktionen der Bewegung und Empfindung vermittelt. Die -gleichartigen sensiblen Zellen dieses Hautblattes tragen zarte Geißeln, -lange Flimmerhaare, deren Schwingungen die willkürliche Schwimmbewegung -bewirken. Die wenigen noch lebenden Formen der Gasträaden sind deshalb -so interessant, weil sie zeitlebens auf derselben Bildungsstufe stehen -bleiben, welche die Keime aller übrigen Metazoen (von den Spongien bis -zum Menschen hinauf) im Beginne ihrer Keimesentwickelung durchlaufen. -Wie ich in meiner =Gasträatheorie= (1872) gezeigt habe, entsteht bei -sämtlichen Gewebetieren zunächst aus der vorher betrachteten =Blastula= -eine höchst charakteristische Keimform, die =Gastrula=. Die Keimhaut -(~Blastoderma~), welche die Wand der Hohlkugel darstellt, bildet -an einer Seite eine grubenförmige Vertiefung, und diese wird bald zu -einer so tiefen Einstülpung, daß der innere Hohlraum der Keimblase -verschwindet. Die eingestülpte (innere) Hälfte der Keimhaut legt sich -an die äußere (nicht eingestülpte) Hälfte innen an; letztere bildet das -=Hautblatt= oder äußere Keimblatt (~Ektoderm~), erstere dagegen das -=Darmblatt= oder innere Keimblatt (~Entoderm~). Der neu entstandene -Hohlraum des becherförmigen Körpers ist die verdauende Magenhöhle, -der =Urdarm=, seine Öffnung der =Urmund=. Das Hautblatt oder Ektoderm -ist bei allen Metazoen das ursprüngliche »=Seelenorgan=«; denn aus -ihm entwickeln sich bei sämtlichen Nerventieren nicht nur die äußere -Hautdecke und die Sinnesorgane, sondern auch das Nervensystem. Bei den -Gasträaden, welche letzteres noch nicht besitzen, sind alle Zellen, -welche die einfache Epithelschicht des Ektoderm zusammensetzen, -gleichmäßig Organe der Empfindung und Bewegung; die Gewebeseele zeigt -sich hier in einfachster Form. - -_Die Spongien oder Schwammtiere_ stellen einen selbständigen Stamm -des Tierreichs dar, der sich von allen anderen Metazoen durch seine -eigentümliche Organisation unterscheidet; die zahlreichen Arten -desselben sitzen meistens auf dem Meeresboden angewachsen. Die -einfachste Form der Schwämme, ~Olynthus~, ist eigentlich nichts -weiter als eine ~Gastraea~, deren Körperwand siebförmig von feinen -Poren durchbrochen ist, zum Eintritt des ernährenden Wasserstromes. -Bei den meisten Spongien (auch beim bekanntesten, dem Badeschwamm) -bildet der knollenförmige Körper einen Stock, welcher aus Tausenden -oder Millionen solcher Gasträaden (»Geißelkammern«) zusammengesetzt -und von einem ernährenden Kanalsystem durchzogen ist. Empfindung und -Bewegung sind bei den Schwammtieren nur in äußerst geringem Grade -entwickelt; Nerven, Sinnesorgane und Muskeln fehlen. Es war daher sehr -natürlich, daß man diese festsitzenden, unförmigen und unempfindlichen -Tiere früher allgemein als »Gewächse« betrachtete. Ihr Seelenleben (für -welches keine besonderen Organe differenziert sind) steht tief unter -demjenigen der Mimosen und anderer empfindlicher Pflanzen. - -_Die Seele der Nesseltiere_ (~Cnidaria~) ist für die vergleichende -und phylogenetische Psychologie von hervorragender Bedeutung. Denn -in diesem formenreichen Stamm der Zölenterien vollzieht sich vor -unseren Augen die historische Entstehung der =Nervenseele= aus der -=Gewebeseele=. Es gehören zu diesem Stamme die vielgestaltigen Klassen -der festsitzenden Polypen und Korallen, der schwimmenden Medusen -und Siphonophoren. Als gemeinsame hypothetische Stammform aller -Nesseltiere läßt sich mit voller Sicherheit ein einfachster =Polyp= -erkennen, welcher dem gemeinen, heute noch lebenden Süßwasserpolypen -(~Hydra~) im wesentlichen gleich gebaut war. Nun besitzen aber diese -Hydra und ebenso die festsitzenden, nahe verwandten Hydropolypen -noch keine gesonderten Nerven und höheren Sinnesorgane, obgleich -sie sehr empfindlich sind. Dagegen die frei schwimmenden =Medusen=, -welche sich aus letzteren entwickeln (und noch heute mit ihnen durch -Generationswechsel verknüpft sind), besitzen bereits ein selbständiges -Nervensystem und gesonderte Sinnesorgane. Wir können also hier -den historischen Ursprung der =Nervenseele= aus der Gewebeseele -unmittelbar ontogenetisch beobachten und phylogenetisch verstehen -lernen. Sehr interessant ist für die Psychologie auch die Klasse -der =Staatsquallen= (~Siphonophorae~). An diesen prächtigen, -freischwimmenden Tierstöcken, welche von Hydromedusen abstammen, können -wir eine =Doppelseele= beobachten: die Einzelseele (=Personalseele=) -der zahlreichen Personen, die ihn zusammensetzen, und die gemeinsame, -einheitlich tätige Psyche des ganzen Stockes (=Kormalseele=). - -~IV~. _Die Nervenseele (Neuropsyche)_; =vierte Hauptstufe= der -=phyletischen Psychogenesis=. Das Seelenleben aller höheren Tiere wird, -ebenso wie beim Menschen, durch einen mehr oder minder komplizierten -»=Seelenapparat=« vermittelt, und dieser besteht immer aus drei -Hauptbestandteilen: die =Sinnesorgane= bewirken die verschiedenen -Empfindungen, die =Muskeln= dagegen die Bewegungen; die =Nerven= -stellen die Verbindung zwischen ersteren und letzteren durch ein -besonderes Zentralorgan her: =Gehirn= oder ~Ganglion~ (Nervenknoten). -Die Einrichtung und Tätigkeit dieses Seelenapparates pflegt man mit -einem elektrischen Telegraphensystem zu vergleichen; die Nerven -sind die Leitungsdrähte, das Gehirn die Zentralstation, die Muskeln -und Sensillen die untergeordneten Lokalstationen. Die motorischen -Nervenfasern leiten die Willensbefehle oder Impulse zentrifugal -von diesem Nervenzentrum zu den Muskeln und bewirken durch deren -Kontraktion Bewegungen; die sensiblen Nervenfasern dagegen leiten die -verschiedenen Empfindungen zentripetal von den peripheren Sinnesorganen -zum Gehirn und statten Bericht ab von den empfangenen Eindrücken -der Außenwelt. Die Ganglienzellen oder »Seelenzellen«, welche das -nervöse Zentralorgan zusammensetzen, sind die vollkommensten von allen -organischen Elementarteilen; denn sie vermitteln nicht nur den Verkehr -zwischen den Muskeln und Sinnesorganen, sondern auch die höchsten von -allen Leistungen der Tierseele, die Bildung von Vorstellungen und -Gedanken, an der Spitze von allem das Bewußtsein. - -Die großen Fortschritte der Anatomie und Physiologie, der Histologie -und Ontogenie haben in der Neuzeit unsere tiefere Kenntnis des -Seelenapparates mit einer Fülle der interessantesten Entdeckungen -bereichert. Wenn die spekulative Philosophie auch nur die wichtigsten -von diesen bedeutungsvollen Erwerbungen der empirischen Biologie -in sich aufgenommen hätte, müßte sie heute schon eine ganz andere -Physiognomie zeigen, als es leider der Fall ist. - -Jeder der höheren Tierstämme besitzt sein eigentümliches Seelenorgan; -in jedem ist das Zentralnervensystem durch seine besondere Gestalt, -Lage und Zusammensetzung ausgezeichnet. Unter den strahlig gebauten -=Nesseltieren= (~Cnidaria~) zeigen die Medusen einen Nervenring am -Schirmrande, meistens mit vier oder acht Ganglien ausgestattet. Bei -den fünfstrahligen =Sterntieren= (~Echinoderma~) ist der Mund von -einem Nervenring umgeben, von welchem fünf Nervenstämme ausstrahlen. -Die zweiseitig-symmetrischen =Plattentiere= (~Platodes~) und -=Wurmtiere= (~Vermalia~) besitzen ein Scheitelhirn oder Akroganglion, -zusammengesetzt aus ein paar dorsalen, oberhalb des Mundes gelegenen -Ganglien; von diesen »oberen Schlundknoten« gehen zwei seitliche -Nervenstämme an die Haut und die Muskeln. Bei einem Teile der Vermalien -und bei den =Weichtieren= (~Mollusca~) treten dazu noch ein paar -ventrale »untere Schlundknoten«, welche sich mit den ersteren durch -einen den Schlund umfassenden Ring verbinden. Dieser »Schlundring« -kehrt auch bei den =Gliedertieren= (~Articulata~) wieder, setzt -sich aber hier auf der Bauchseite des langgestreckten Körpers in ein -»Bauchmark« fort, einen strickleiterförmigen Doppelstrang, welcher in -jedem Gliede zu einem Doppelganglion anschwillt. Ganz entgegengesetzte -Bildung des Seelenorgans zeigen die =Wirbeltiere= (~Vertebrata~); -hier findet sich allgemein auf der Rückenseite des innerlich -gegliederten Körpers ein Rückenmark entwickelt; aus einer Anschwellung -seines vorderen Teiles entsteht später das charakteristische -blasenförmige Gehirn. - -Obgleich nun so die Seelenorgane der höheren Tierstämme in Lage, Form -und Zusammensetzung sehr charakteristische Verschiedenheiten zeigen, -ist doch die vergleichende Anatomie imstande gewesen, für die meisten -einen gemeinsamen Ursprung nachzuweisen, aus dem =Scheitelhirn= der -=Platoden= und =Vermalien=; und allen gemeinsam ist die Entstehung aus -der äußersten Zellenschicht des Keimes, aus dem »=Hautsinnesblatt=« -(~Ektoderm~). Ebenso finden wir in allen Formen der nervösen -Zentralorgane dieselbe wesentliche Struktur wieder, die Zusammensetzung -aus Ganglienzellen oder »=Seelenzellen=« (den eigentlichen aktiven -Elementarorganen der =Psyche=) und aus =Nervenfasern=, welche den -Zusammenhang und die Leitung der Aktion vermitteln. - -_Seelenorgan der Wirbeltiere._ Die erste Tatsache, welche uns in der -vergleichenden Psychologie der Wirbeltiere entgegentritt, und welche -der empirische Ausgangspunkt jeder wissenschaftlichen Seelenlehre -des Menschen sein sollte, ist der charakteristische Bau ihres -Zentralnervensystems. Wie dieses zentrale Seelenorgan in jedem der -höheren Tierstämme eine besondere, diesem eigentümliche Lage, Gestalt -und Zusammensetzung zeigt, so ist es auch bei den Wirbeltieren der -Fall. Überall finden wir hier ein =Rückenmark= vor, einen starken -zylindrischen Nervenstrang, welcher in der Mittellinie des Rückens -verläuft, oberhalb der Wirbelsäule (oder der sie vertretenden Chorda). -Überall gehen von diesem Rückenmark zahlreiche Nervenstämme in -regelmäßiger, segmentaler Verteilung ab, je ein Paar an jedem Segment -oder Wirbelgliede. Überall entsteht dieses »Medullarrohr« im Embryo -auf gleiche Weise: in der Mittellinie der Rückenhaut bildet sich eine -feine Furche oder Rinne; die beiden parallelen Ränder dieser Markrinne -oder =Medullarrinne= erheben sich, krümmen sich gegen einander und -verwachsen in der Mittellinie zu einem Rohre. - -Das lange dorsale, so entstandene, zylindrische Nervenrohr oder -Medullarrohr ist durchaus für die =Wirbeltiere= charakteristisch, -in der früheren Embryonalanlage überall dasselbe und die gemeinsame -Grundlage aller der verschiedenen Formen des Seelenorgans, die sich -später daraus entwickeln. Nur eine einzige Gruppe von wirbellosen -Tieren zeigt eine ähnliche Bildung; das sind die seltsamen -meerbewohnenden =Manteltiere= (~Tunicata~). Sie gleichen den -Wirbeltieren auch im Besitze von anderen charakteristischen Organen -(Chorda, Kiemendarm usw.). Wir nehmen daher an, daß die ungegliederten -Manteltiere und die innerlich gegliederten Wirbeltiere aus einer -gemeinsamen älteren Stammgruppe von Wurmtieren hervorgegangen sind -(~Prochordonia~). - -_Phyletische Bildungsstufen des Medullarrohrs._ Die lange -Stammesgeschichte unserer »Wirbeltierseele« beginnt mit der Bildung des -einfachsten Medullarrohrs bei den ältesten Schädellosen; sie führt uns -durch einen Zeitraum von vielen Millionen Jahren langsam und allmählich -bis zu jenem komplizierten Wunderbau des menschlichen Gehirns hinauf, -welcher diese höchst entwickelte Primatenform zu einer Ausnahmestellung -in der Natur zu berechtigen scheint. Da eine klare Vorstellung von -diesem langsamen und stetigen Gange unserer phyletischen Psychogenie -die erste Vorbedingung einer wirklich =naturgemäßen Psychologie= ist, -erscheint es zweckmäßig, jenen gewaltigen Zeitraum in eine Anzahl -von Stufen oder Hauptabschnitten einzuteilen; in jedem derselben -hat sich gleichmäßig mit der Struktur des Nervenzentrums auch seine -Funktion, die »Psyche«, vervollkommnet. Ich unterscheide acht solche -=Perioden in der Phylogenie des Medullarrohrs= und in der stufenweisen -Vervollkommnung seines vordersten Teiles, des Gehirns; sie sind -charakterisiert durch acht verschiedene Hauptgruppen der Wirbeltiere; -nämlich ~I~. die Schädellosen (~Acrania~), ~II~. die Rundmäuler -(~Cyclostoma~), ~III~. die Fische (~Pisces~), ~IV~. die Lurche -(~Amphibia~), ~V~. die implacentalen Säugetiere (~Monotrema~ und -~Marsupialia~), ~VI~. die älteren plazentalen Säugetiere, besonders -die Halbaffen (~Prosimiae~), ~VII~. die jüngeren Herrentiere, die -echten Affen (~Simiae~), ~VIII~. die Menschenaffen und der Mensch -(~Anthropomorpha~). - -_Seelengeschichte der Säugetiere._ Der wichtigste Folgeschluß, -welcher sich aus dem monophyletischen Ursprung der Säugetiere ergibt, -ist die notwendige Ableitung der =Menschenseele= aus einer langen -Entwickelungsreihe von anderen =Mammalienseelen=. Eine gewaltige -anatomische und physiologische Kraft trennt den Gehirnbau und das davon -abhängige Seelenleben der höchsten und der niedersten Säugetiere, -und dennoch wird diese tiefe Kluft durch eine lange Reihe von -vermittelnden Zwischenstufen vollständig ausgefüllt. Die allgemeinsten -Ergebnisse der wichtigen, neuerdings hier tief eingedrungenen -Forschungen sind folgende: - -~I~. Das Gehirn der Säugetiere entwickelt sich zwar in gleicher -Weise, wie das der anderen Wirbeltiere, aus drei hintereinander -gelegenen Blasen, die durch zweifache Einschnürung der anfangs -einfachen Hirnblase entstehen; es unterscheidet sich von demjenigen -der übrigen Vertebraten durch gewisse Eigentümlichkeiten, welche -allen Gliedern der Klasse gemeinsam sind, vor allem die überwiegende -Ausbildung der ersten und dritten Blase, des Großhirns und Kleinhirns, -während die zweite Blase, das Mittelhirn, ganz zurücktritt. ~II~. -Trotzdem schließt sich die Hirnbildung der niedersten und ältesten -Mammalien noch eng an diejenige ihrer paläozoischen Vorfahren an, -der Amphibien in der Steinkohlenperiode. ~III~. Erst während der -Tertiärzeit erfolgt die typische volle Ausbildung des Großhirns, welche -die jüngeren Säugetiere so auffallend vor den älteren auszeichnet. -~IV~. Die besondere (quantitative und qualitative) Ausbildung des -Großhirns, welche den Menschen so hoch erhebt, und welche ihn zu seinen -vorzüglichen psychischen Leistungen befähigt, findet sich außerdem -nur bei einem Teile der höchstentwickelten Säugetiere der jüngeren -Tertiärzeit, vor allen bei den Menschenaffen. ~V~. Die Unterschiede, -welche im Gehirnbau und Seelenleben des Menschen und der Menschenaffen -existieren, sind geringer als die entsprechenden Unterschiede zwischen -diesen letzteren und den niederen Primaten (den ältesten Affen und -den Halbaffen). ~VI~. Demnach muß die historische stufenweise -Entwickelung der Menschenseele aus einer langen Kette von höheren und -niederen Säugetierseelen als eine fundamentale, durch die vergleichende -Anatomie und Ontogenie wissenschaftlich bewiesene =Tatsache= gelten. - - - - -=Zehntes Kapitel.= - -_Bewußtsein._ - - Monistische Studien über bewußtes und unbewußtes Seelenleben. - Entwickelungsgeschichte und Theorie des Bewußtseins. - - -Unter allen Äußerungen des Seelenlebens gibt es keine, die so wunderbar -erscheint und so verschieden beurteilt wird wie das =Bewußtsein=. Nicht -allein über das eigentliche Wesen dieser Seelentätigkeit und über -ihr Verhältnis zum Körper, sondern auch über ihre Verbreitung in der -organischen Welt, über ihre Entstehung und Entwickelung stehen sich -noch heute, wie seit Jahrtausenden, die widersprechendsten Ansichten -gegenüber. Mehr als jede andere psychische Funktion hat das Bewußtsein -zu der irrtümlichen Vorstellung eines »immateriellen Seelenwesens« und -im Anschluß daran zu dem Aberglauben der »persönlichen Unsterblichkeit« -Veranlassung gegeben; viele der schwersten Irrtümer, die unser modernes -Kulturleben noch heute beherrschen, sind darauf zurückzuführen. Ich -habe daher schon früher das Bewußtsein als das »=psychologische -Zentralmysterium=« bezeichnet; es ist die feste Zitadelle aller -mystischen und dualistischen Irrtümer, an deren gewaltigen Wällen alle -Angriffe der bestgerüsteten Vernunft zu scheitern drohen. Schon diese -Tatsache allein rechtfertigt es, daß wir hier dem Bewußtsein eine -besondere kritische Betrachtung von unserem monistischen Standpunkte -aus widmen. Wir werden sehen, daß das Bewußtsein nicht mehr und nicht -minder wie jede andere Seelentätigkeit eine =Naturerscheinung= ist, und -daß es gleich allen anderen Naturerscheinungen dem =Substanzgesetz= -unterworfen ist. - -_Begriff des Bewußtseins._ Schon über den elementaren Begriff dieser -Seelentätigkeit, über seinen Inhalt und Umfang, gehen die Ansichten -der angesehensten Philosophen und Naturforscher weit auseinander. -Vielleicht am besten bezeichnet man den Inhalt des Bewußtseins als -=innere Anschauung= und vergleicht diese einer =Spiegelung=. Als -zwei Hauptbezirke desselben unterscheidet man häufig das objektive -und subjektive Bewußtsein, das Weltbewußtsein und Selbstbewußtsein. -Bei weitem der größte Teil aller bewußten Seelentätigkeit betrifft, -wie schon =Schopenhauer= hervorhob, das Bewußtsein der Außenwelt, -der »=anderen Dinge=«; dieses =Weltbewußtsein= umfaßt alle möglichen -Erscheinungen der Außenwelt, welche überhaupt unserer Erkenntnis -zugänglich sind. Viel beschränkter ist unser =Selbstbewußtsein=, die -innere Spiegelung unserer eigenen gesamten Seelentätigkeit, aller -Vorstellungen, Empfindungen und Strebungen oder Willenstätigkeiten. - -_Bewußtsein und Seelenleben._ Viele und angesehene Denker, namentlich -unter den Physiologen (z. B. =Wundt= und =Ziehen=), halten die Begriffe -des Bewußtseins und der psychischen Funktionen für identisch: »=alle -Seelentätigkeit ist bewußte=«; das Gebiet der Psychologie reicht nur -so weit als dasjenige des Bewußtseins. Nach unserer Ansicht erweitert -diese Definition die Bedeutung des letzteren in ungebührlicher Weise -und gibt Veranlassung zu zahlreichen Irrtümern und Mißverständnissen. -Wir teilen vielmehr die Ansicht anderer Philosophen (z. B. =Romanes= -und =Fritz Schultze=), daß auch die unbewußten Vorstellungen, -Empfindungen und Strebungen zum Seelenleben gehören; in der Tat -ist sogar das Gebiet dieser unbewußten psychischen Aktionen (der -Reflextätigkeit usw.) viel ausgedehnter als dasjenige der bewußten. -Beide Gebiete stehen übrigens im engsten Zusammenhang und sind durch -keine scharfe Grenze getrennt; jederzeit kann uns eine unbewußte -Vorstellung plötzlich bewußt werden; wird unsere Aufmerksamkeit darauf -durch ein anderes Objekt gefesselt, so kann sie ebenso rasch wieder -unserem Bewußtsein völlig entschwinden. - -_Bewußtsein des Menschen._ Die einzige Quelle unserer Erkenntnis des -Bewußtseins ist dieses selbst, und hierin liegt in erster Linie die -außerordentliche Schwierigkeit seiner wissenschaftlichen Untersuchung -und Deutung. =Subjekt= und =Objekt= fallen hier in eins zusammen; das -erkennende Subjekt spiegelt sich in seinem eigenen inneren Wesen, -welches Objekt der Erkenntnis sein soll. Auf das Bewußtsein anderer -Wesen können wir also niemals mit voller objektiver Sicherheit -schließen, sondern immer nur durch Vergleichung seiner Äußerungen -mit unseren eigenen. Soweit diese Vergleichung sich nur auf =normale -Menschen= erstreckt, können wir allerdings auf deren Bewußtsein -gewisse Schlüsse ziehen, deren Richtigkeit niemand bezweifelt. Aber -schon bei =abnormen= Persönlichkeiten (bei genialen und exzentrischen, -stumpfsinnigen und geisteskranken Menschen) sind diese Analogieschlüsse -entweder unsicher oder falsch. In noch höherem Grade gilt das, wenn -wir das Bewußtsein des Menschen mit demjenigen der Tiere in Vergleich -stellen. Da ergeben sich alsbald so große tatsächliche Schwierigkeiten, -daß die Ansichten der hervorragendsten Physiologen und Philosophen -himmelweit auseinander gehen. Wir wollen hier nur die wichtigsten -Anschauungen darüber kurz einander gegenüberstellen. - -~I~. _Anthropistische Theorie des Bewußtseins:_ =es ist dem Menschen -eigentümlich.= Die weitverbreitete Anschauung, daß Bewußtsein und -Denken ausschließliches Eigentum des Menschen seien, und daß auch -ihm allein eine »unsterbliche Seele« zukomme, ist auf =Descartes= -zurückzuführen (1643). Dieser geistreiche französische Philosoph und -Mathematiker errichtete eine vollkommene Scheidewand zwischen der -Seelentätigkeit des Menschen und der Tiere. Die Seele des Menschen, -als denkendes, immaterielles Wesen, ist nach ihm vom Körper, als -ausgedehntem, materiellem Wesen, vollständig getrennt. Trotzdem soll -sie an einem Punkte des Gehirns (an der Zirbeldrüse!) mit dem Körper -verbunden sein, um hier Einwirkungen der Außenwelt aufzunehmen und -ihrerseits auf den Körper auszuüben. Die =Tiere= dagegen, als nicht -denkende Wesen, sollen keine Seele besitzen und reine =Automaten= -sein, kunstvoll gebaute Maschinen, deren Empfinden, Vorstellen -und Wollen rein mechanisch zustande kommt und nach physikalischen -Gesetzen verläuft. Für die Psychologie des =Menschen= vertrat demnach -=Descartes= den =Dualismus=, für diejenige der =Tiere= den =Monismus=. -Dieser offenkundige Widerspruch bei einem so klaren und scharfsinnigen -Denker muß höchst auffallend erscheinen; zu Erklärung desselben darf -man wohl mit Recht annehmen, daß er seine wahre Überzeugung verschwieg -und deren Erkenntnis den selbständigen Denkern überließ. Als Zögling -der Jesuiten war =Descartes= schon frühzeitig dazu erzogen, wider -bessere Einsicht die Wahrheit zu verleugnen; vielleicht fürchtete er -auch die Macht der Kirche und ihre Scheiterhaufen. Ohnehin hatte ihm -seine skeptische Forderung, daß jedes reine Erkenntnisstreben vom -Zweifel am überlieferten Dogma ausgehen müsse, fanatische Anklagen -wegen Skeptizismus und Atheismus zugezogen. Die mächtige Wirkung, -welche =Descartes= auf die nachfolgende Philosophie ausübte, war -sehr merkwürdig und seiner »doppelten Buchführung« entsprechend. -Die =Materialisten= des 17. und 18. Jahrhunderts beriefen sich -für ihre monistische Psychologie auf die kartesianische Theorie -von der Tierseele und ihrer mechanischen Maschinentätigkeit. Die -=Spiritualisten= umgekehrt behaupteten, daß ihr Dogma von der -Unsterblichkeit der Seele und ihrer Unabhängigkeit vom Körper durch -die kartesianische Theorie der Menschenseele unwiderleglich begründet -sei. Diese Ansicht ist auch heute noch im Lager der Theologen und der -dualistischen Metaphysiker die herrschende. Die naturwissenschaftliche -Anschauung des 19. Jahrhunderts hat sie mit Hülfe der empirischen -Fortschritte im Gebiete der physiologischen, pathologischen und -vergleichenden Psychologie völlig überwunden. - -~II~. _Neurologische Theorie des Bewußtseins:_ es =kommt nur dem -Menschen und jenen höheren Tieren= zu, welche ein zentralisiertes -Nervensystem und Sinnesorgane besitzen. Die Überzeugung, daß ein -großer Teil der Tiere -- zum mindesten die höheren Säugetiere -- -ebenso eine denkende Seele und also auch Bewußtsein besitzt, wie der -Mensch, beherrscht die Kreise der modernen Zoologie, Physiologie und -monistischen Psychologie. Die großartigen Fortschritte der Neuzeit -in mehreren Gebieten der Biologie haben uns übereinstimmend zu der -Anerkennung dieser bedeutungsvollen Erkenntnis geführt. Wir beschränken -uns bei ihrer Würdigung zunächst auf die höheren =Wirbeltiere= -und vor allem die Säugetiere. Daß die intelligentesten Vertreter -dieser höchst entwickelten Wirbeltiere -- allen voran die Affen und -Hunde -- in ihrer gesamten Seelentätigkeit sich dem Menschen höchst -ähnlich verhalten, ist seit Jahrtausenden bekannt und bewundert. -Ihre Vorstellungs- und Sinnestätigkeit, ihr Empfinden und Begehren -ist dem Menschen so ähnlich, daß wir keine Beweise dafür anzuführen -brauchen. Aber auch die höhere Assoziationstätigkeit ihres Gehirns, -die Bildung von Urteilen und deren Verbindung zu Schlüssen, das -Denken und das Bewußtsein im engeren Sinne, sind bei ihnen ähnlich -entwickelt wie beim Menschen -- nur dem Grade, nicht der Art nach -davon verschieden. Überdies lehrt uns die vergleichende Anatomie und -Histologie, daß die verwickelte Zusammensetzung des Gehirns (sowohl -die feinere als die gröbere Struktur) bei diesen höheren =Säugetieren= -im wesentlichen dieselbe wie beim Menschen ist. Dasselbe zeigt uns die -vergleichende Ontogenie bezüglich der Entstehung dieser Seelenorgane. -Die vergleichende Physiologie lehrt, daß die verschiedenen Zustände des -Bewußtseins sich bei diesen höchst entwickelten Plazentaltieren ganz -ähnlich wie beim Menschen verhalten, und das Experiment beweist, daß -sie auch auf äußere Eingriffe ebenso reagieren. Man kann höhere Tiere -durch Alkohol, Chloroform, Äther usw. ebenso betäuben, durch geeignete -Behandlung ebenso hypnotisieren usw. wie den Menschen. Dagegen ist es -nicht möglich, die =Grenze= scharf zu bestimmen, wo auf den niederen -Stufen des Tierlebens das Bewußtsein zuerst als solches erkennbar wird. -Die einen Zoologen setzen dieselbe sehr hoch oben an, die anderen -sehr tief unten. =Darwin=, der die verschiedenen Abstufungen des -Bewußtseins, der Intelligenz und des Gemüts bei den höheren Tieren sehr -genau unterscheidet und durch zunehmende Entwickelung erklärt, weist -zugleich darauf hin, wie schwer oder eigentlich wie unmöglich es ist, -die ersten Anfänge dieser höchsten Seelentätigkeiten bei den niederen -Tieren zu bestimmen. Am wahrscheinlichsten ist die Annahme, daß -diejenigen Tiere ein unserem eigenen ähnliches bewußtes Erleben haben, -die ein Nervensystem von annähernd so feiner Struktur, histologischer -Differenzierung und Zentralisation besitzen. - -~III~. _Animalische Theorie des Bewußtseins:_ =es findet sich -bei allen Tieren und nur bei diesen.= Hiernach würde ein scharfer -Unterschied im Seelenleben der Tiere und Pflanzen bestehen; ein solcher -wurde schon von vielen alten Autoren angenommen und von =Linné= scharf -formuliert in seinem grundlegenden »~Systema naturae~« (1735); -die beiden großen Reiche der organischen Natur unterscheiden sich -nach ihm dadurch, daß die Tiere Empfindung und Bewußtsein haben, -die Pflanzen nicht. Später hat besonders =Schopenhauer= diesen -Unterschied scharf betont: »Das Bewußtsein ist uns schlechthin nur -als Eigenschaft =animaler= Wesen bekannt. Auch nachdem es sich durch -die ganze Tierreihe, bis zum Menschen und seiner Vernunft, gesteigert -hat, bleibt die Bewußtlosigkeit der Pflanze, von der es ausging, noch -immer die Grundlage. Die untersten Tiere haben bloß eine Dämmerung -desselben.« Die Unhaltbarkeit dieser Ansicht wurde schon um die Mitte -des neunzehnten Jahrhunderts klar, als man das Seelenleben der niederen -Tierstämme, besonders der Schwämme und Nesseltiere, näher kennen -lernte: echte Tiere, die ebenso wenig Spuren von klarem Bewußtsein -besitzen, wie die meisten Pflanzen. Noch mehr wurde der Unterschied -zwischen beiden Reichen verwischt, als man die einzelligen Lebensformen -derselben genauer untersuchte. Die =Urtiere= und die =Urpflanzen= -zeigen keine psychologischen Unterschiede, auch nicht in Beziehung auf -ihr fragliches Bewußtsein. - -~IV~. _Biologische Theorie des Bewußtseins:_ =es ist allen Organismen -gemeinsam=, es findet sich bei allen Tieren und Pflanzen, während es -den anorganischen Naturkörpern (Krystallen usw.) fehlt. Diese Annahme -wird gewöhnlich mit der Ansicht verknüpft, daß alle Organismen (im -Gegensatze zu den Anorganen) beseelt sind; die drei Begriffe: Leben, -Seele und Bewußtsein, fließen dann gewöhnlich zusammen. Eine andere -Modifikation dieser Anschauung ist, daß diese drei Grunderscheinungen -des organischen Lebens zwar unzertrennbar verknüpft sind, daß aber das -Bewußtsein nur ein =Teil= der psychischen Tätigkeit ist, wie diese -selbst ein =Teil= der Lebenstätigkeit. Daß die Pflanzen in demselben -Sinne wie die Tiere eine »Seele« besitzen, hat namentlich =Fechner= -sich zu zeigen bemüht, und manche schreiben der Pflanzenseele ein -Bewußtsein von ähnlicher Art zu wie der Tierseele. In der Tat sind -ja bei sehr empfindlichen »=Sinnpflanzen=« (~Mimosa~, ~Drosera~, -~Dionaea~) die auffallenden Reizbewegungen der Blätter, bei manchen -anderen (Klee und Sauerklee, besonders aber ~Hedysarum~) die -autonomen Bewegungen, bei »schlafenden Pflanzen« (auch vorzugsweise -~Papilionaceen~) die Schlafbewegungen usw. auffallend ähnlich -denjenigen vieler niederen Tiere; wer den letzteren Bewußtsein -zuschreibt, darf es ganz gewiß auch den ersteren nicht absprechen. - -~V~. _Zellulare Theorie des Bewußtseins:_ =es ist eine -Lebenseigenschaft jeder Zelle.= Die Anwendung der Zellentheorie auf -alle Zweige der Biologie verlangt auch ihre Verknüpfung mit der -Psychologie. Mit demselben Rechte, mit dem man in der Anatomie und -Physiologie die lebendige Zelle als den »Elementarorganismus« -behandelt und das ganze Verständnis des höheren, vielzelligen -Tier- und Pflanzenkörpers daraus ableitet, mit demselben Rechte kann -man auch die »=Zellseele=« als das psychologische Element betrachten -und die zusammengesetzte Seelentätigkeit der höheren Organismen als -das Resultat aus dem vereinigten Seelenleben der Zellen, die sie -zusammensetzen. Ich habe die Grundzüge dieser =Zellular-Psychologie= -schon 1866 in meiner »Generellen Morphologie« entworfen und sie später -weiter ausgeführt in meinem Aufsatz über »Zellseelen und Seelenzellen«. -Zum tieferen Eindringen in diese »Elementarpsychologie« wurde ich -durch meine langjährige Beschäftigung mit den einzelligen Lebensformen -geführt. Viele von diesen kleinen (meist mikroskopischen) Protisten -zeigen ähnliche Äußerungen von Empfindung und Willen, ähnliche -Instinkte und Bewegungen wie höhere Tiere; besonders gilt das von den -sehr empfindlichen und lebhaft beweglichen Infusorien. Sowohl in dem -Verhalten dieser reizbaren Zellinge gegenüber der Außenwelt, wie in -vielen anderen Lebensäußerungen derselben, z. B. in dem wunderbaren -Gehäusebau der Rhizopoden, (Thalamophoren und Radiolarien) könnte man -deutliche Spuren bewußter Seelentätigkeit zu erkennen glauben. Wenn man -nun die biologische Theorie des Bewußtseins akzeptiert (Nr. ~IV~), -und wenn man jede psychische Funktion mit einem Bewußtseinsanteil -ausstattet, dann wird man auch jeder selbständigen Protistenzelle -Bewußtsein zuschreiben müssen. Die materielle Grundlage desselben wäre -dann entweder das ganze =Plasma= der Zelle, oder deren Kern, oder -ein Teil desselben. Definitiv widerlegen läßt sich diese Annahme, -die ich früher vertrat, nicht. Ich muß aber jetzt =Max Verworn= -zustimmen, welcher in seinen ausgezeichneten »Psychophysiologischen -Protistenstudien« annimmt, daß wohl sämtlichen Protisten ein -entwickeltes »Ichbewußtsein« fehlt, und daß ihre Empfindungen und -Bewegungen durchweg den Charakter des »=Unbewußten=« tragen. - -~VI~. _Atomistische Theorie des Bewußtseins:_ =es ist eine -Elementareigenschaft aller Atome.= Unter allen verschiedenen -Anschauungen über die Verbreitung des Bewußtseins geht diese -aromatische Hypothese am weitesten. Sie ist wohl hauptsächlich der -Schwierigkeit entsprungen, welche manche Philosophen und Biologen bei -der Frage nach der ersten Entstehung des =Bewußtseins= empfinden. -Diese Erscheinung trägt ja einen so eigenartigen Charakter, daß -ihre Ableitung aus anderen psychischen Funktionen höchst bedenklich -erscheint; man glaubte daher dieses Hindernis am leichtesten -dadurch zu überwinden, daß man sie als eine Elementareigenschaft -aller Materie annahm, gleich der Massenanziehung oder der -chemischen Wahlverwandtschaft. Es würde danach so viele Formen des -Elementarbewußtseins geben, als es chemische Elemente gibt; jedes -Atom Wasserstoff würde sein hydrogenes Bewußtsein haben, jedes Atom -Kohlenstoff sein karbonisches Bewußtsein usw. - -Ich halte diese Hypothese für unbegründet und beharre in der -Überzeugung, daß das Bewußtsein an einen hohen Grad von Differenzierung -und Zentralisation des Nervensystems gebunden ist, wie beim Menschen -und einem Teile der höheren Wirbeltiere. - -_Monistische und dualistische Theorie des Bewußtseins._ Soweit -auch die verschiedenen Ansichten über die Natur und die Entstehung -des Bewußtseins auseinander gehen, so lassen sich doch alle -schließlich -- bei klarer und konsequenter logischer Behandlung --- auf zwei entgegengesetzte Grundanschauungen zurückführen, auf -die =transzendente= (übernatürliche, =dualistische=) und die -=physiologische= (natürliche, =monistische=). Ich selbst habe von jeher -diese letztere Auffassung, und zwar auf Grund der =Entwickelungslehre=, -vertreten, und sie wird gegenwärtig von einer großen Anzahl -hervorragender Naturforscher geteilt. - -_Transzendenz des Bewußtseins._ In dem berühmten Vortrag »über -die Grenzen des Naturerkennens«, welchen =E. Du Bois-Reymond= -am 14. August 1872 auf der Naturforscherversammlung in Leipzig -hielt, stellte derselbe zwei verschiedene »=unbedingte Grenzen=« -unseres Naturerkennens auf, welche der menschliche Geist auch bei -vorgeschrittenster Naturerkenntnis niemals überschreiten werde -- -=niemals=, wie das oft zitierte Schlußwort des Vortrags emphatisch -betont: »~Ignorabimus~!« Das eine absolut unlösbare »Welträtsel« -ist der »Zusammenhang von Materie und Kraft« und das eigentliche -Wesen dieser fundamentalen Naturerscheinungen; wir werden dieses -»=Substanzproblem=« im zwölften Kapitel eingehend behandeln. Das -zweite unübersteigliche Hindernis der Philosophie soll das Problem -des =Bewußtseins= bilden, die Frage: wie unsere Geistestätigkeit aus -materiellen Bedingungen, bezüglich Bewegungen zu erklären ist, wie die -(der Materie und Kraft zugrunde liegende) »Substanz unter bestimmten -Bedingungen empfindet, begehrt und denkt«. - -Wenn man diese vielbesprochene »Ignorabimusrede« unbefangen auf -ihren Kern untersucht, so muß man darin das entschiedene Programm -des =methaphysischen Dualismus= finden; die Welt ist »=doppelt= -unbegreiflich«: einmal die materielle Welt, in welcher »Materie -und Kraft« ihr Wesen treiben, und gegenüber, ganz getrennt, die -immaterielle Welt des »Geistes«, in welcher »Denken und Bewußtsein -nicht aus materiellen Bedingungen erklärbar sind«, wie bei der -ersteren. Es war ganz naturgemäß, daß der herrschende Dualismus und -Mystizismus diese Anerkennung der zwei verschiedenen Welten mit -Begierde ergriff, um damit die Doppelnatur des Menschen und die -Unsterblichkeit der Seele zu beweisen. Der Jubel der Spiritualisten -darüber war um so heller und berechtigter, als =E. Du Bois-Reymond= -bis dahin als ein bedeutender prinzipieller Vertreter des -wissenschaftlichen Materialismus gegolten hatte; und das war und blieb -er auch (trotz seiner »schönen Reden«!), ebenso wie alle anderen -sachkundigen, klaren und =konsequent denkenden= Naturforscher der -Gegenwart. - -Allerdings hat der Verfasser der Ignorabimusrede am Schlusse derselben -kurz auf die Frage hingewiesen, ob nicht jene beiden gegenüberstehenden -»Welträtsel«, das allgemeine Substanzproblem und das besondere -Bewußtseinsproblem, zusammenfallen. Er sagt: »Freilich ist diese -Vorstellung die einfachste und der vorzuziehen, wonach die Welt doppelt -unbegreiflich erscheint. Aber es liegt in der Natur der Dinge, daß wir -auch in diesem Punkte nicht zur Klarheit kommen, und alles weitere -Reden darüber bleibt müßig.« -- Dieser letzteren Ansicht bin ich von -Anfang an entschieden entgegengetreten und habe mich zu zeigen bemüht, -daß jene beiden großen Fragen nicht zwei verschiedene Welträtsel sind. -»=Das neurologische Problem des Bewußtseins ist nur ein besonderer Fall -von dem allumfassenden kosmologischen Problem, der Substanzfrage.=« -(Monismus, 1892, S. 23.) - -_Physiologie des Bewußtseins._ Die eigenartige Naturerscheinung -des Bewußtseins ist nicht, wie =Du Bois-Reymond= und mit ihm die -dualistische Philosophie behauptet, ein völlig und »durchaus -transzendentes Problem«; sondern sie ist, wie ich schon seit 1866 -behauptet habe, ein =physiologisches Problem=, und als solches auf -die Erscheinungen im Gebiete der Physik und Chemie zurückzuführen. -Ich habe es später noch bestimmter als ein =neurologisches Problem= -bezeichnet, auf der Annahme fußend, daß ein dem menschlichen analoges -Bewußtsein nur bei den höheren Tieren mit stark zentralisiertem -Nervensystem zu suchen ist. Mit voller Sicherheit läßt sich das für -die höheren Wirbeltiere behaupten, und vor allem für die plazentalen -Säugetiere, aus deren Stamm das Menschengeschlecht selbst entsprossen -ist. Das Bewußtsein der höchstentwickelten Affen, Hunde, Elephanten -usw. ist von demjenigen des Menschen nur dem Grade, nicht der Art nach -verschieden, und die graduellen Unterschiede im Bewußtsein dieser -»vernünftigsten« Zottentiere und der niedersten Menschenrassen (Weddas, -Australneger usw.) sind geringer als die entsprechenden Unterschiede -zwischen diesen letzteren und den höchst entwickelten Vernunftmenschen -(=Spinoza=, =Goethe=, =Lamarck=, =Darwin= usw.). Das Bewußtsein ist -mithin nur =ein Teil der höheren Seelentätigkeit=, und als solche -abhängig von der normalen Struktur des betreffenden Seelenorgans, des -=Gehirns=. - -Physiologische Beobachtung und Experiment haben seit zwanzig Jahren -den sicheren Beweis geführt, daß derjenige engere Bezirk des -Säugetiergehirns, den man in diesem Sinne als =Organ= des Bewußtseins -bezeichnet, ein Teil des =Großhirns= ist, und zwar der spät -entstandene »graue Mantel« oder die »Großhirnrinde«. Aber auch die -=morphologische= Begründung dieser physiologischen Erkenntnis ist den -bewunderungswürdigen Fortschritten der =mikroskopischen Gehirnanatomie= -gelungen, welche wir den vervollkommneten Forschungsmethoden der -neuesten Zeit verdanken. - -Wohl die wichtigste von diesen Erkenntnissen ist die Entdeckung -der =Denkorgane= durch =Paul Flechsig= in Leipzig; er wies 1894 -nach, daß in der grauen Rindenzone des Hirnmantels vier Gebiete -der zentralen Sinnesorgane oder vier »innere Empfindungssphären« -liegen, die Körperfühlsphäre im Scheitellappen, die Riechsphäre im -Stirnlappen, die Sehsphäre im Hinterhauptslappen, die Hörsphäre im -Schläfenlappen. Zwischen diesen vier »=Sinnesherden=« liegen die vier -großen »=Denkherde=« oder Assozionszentren, die realen =Organe des -Geisteslebens=; sie sind jene höchsten Werkzeuge der Seelentätigkeit, -welche das =Denken= und das =Bewußtsein= vermitteln: vorn das Stirnhirn -oder das frontale Assozionszentrum, hinten oben das Scheitelhirn -oder parietale Assozionszentrum, hinten unten das Prinzipalhirn oder -das »große occipito-temporale Assozionszentrum« (das wichtigste von -allen!) und endlich tief unten, im Innern versteckt, das Inselhirn -oder »die Reilsche Insel«, das insulare Assozionszentrum. Diese vier -Denkherde, durch eigentümliche und höchst verwickelte Nervenstruktur -vor den zwischenliegenden Sinnesherden ausgezeichnet, sind die wahren -»=Denkorgane=«, die einzigen Organe unseres Bewußtseins. In neuester -Zeit hat =Flechsig= nachgewiesen, daß in einem Teile derselben sich -beim Menschen noch ganz besonders verwickelte Strukturen finden, welche -den übrigen Säugetieren fehlen, und welche die Überlegenheit des -menschlichen Bewußtseins erklären. - -_Pathologie des Bewußtseins._ Die bedeutungsvolle Erkenntnis der -modernen Physiologie, daß das Großhirn beim Menschen und den höheren -Säugetieren das Organ des Geisteslebens und des Bewußtseins ist, wird -einleuchtend bestätigt durch die Pathologie, durch die Kenntnis seiner -=Erkrankungen=. Wenn die betreffenden Teile der Großhirnrinde durch -Krankheit zerstört werden, erlischt ihre Funktion, und zwar läßt sich -hier die =Lokalisation= der Gehirnfunktionen sogar partiell nachweisen; -wenn einzelne Stellen jenes Gebietes erkranken, verschwindet auch der -Teil des Denkens und des Bewußtseins, welcher an die betreffende Stelle -gebunden ist. Dasselbe Ergebnis liefert das pathologische Experiment; -Zerstörung einer solchen bekannten Stelle (z. B. im Sprachzentrum) -vernichtet deren Funktion (die Sprache). Übrigens genügt ja der -Hinweis auf die bekanntesten alltäglichen Erscheinungen im Gebiete des -Bewußtseins, um die völlige Abhängigkeit desselben von den =chemischen= -Veränderungen der Gehirnsubstanz zu beweisen. Viele Genußmittel -(Kaffee, Tee) regen unser Denkvermögen an; andere (Wein, Bier) stimmen -unser Gemüt heiter; Moschus und Kampher als »~Excitantia~« beleben -das erlöschende Bewußtsein; Äther und Chloroform betäuben dasselbe -usw. Wie wäre das alles möglich, wenn das Bewußtsein ein immaterielles -Wesen, unabhängig von jenen anatomisch nachgewiesenen Organen wäre? Und -worin besteht das Bewußtsein der »unsterblichen Seele«, wenn sie nicht -mehr jene Organe besitzt. - -Alle diese und andere bekannte Tatsachen beweisen, daß das Bewußtsein -beim Menschen (genau ebenso wie bei den nächstverwandten Säugetieren) -=veränderlich= ist, und daß seine Tätigkeit jederzeit abgeändert werden -kann durch innere Ursachen (Stoffwechsel, Blutkreislauf) und äußere -Ursachen (Verletzung des Gehirns, Reizung usw.). Sehr lehrreich sind -auch die merkwürdigen Zustände des alternierenden oder =doppelten -Bewußtseins=; derselbe Mensch zeigt an verschiedenen Tagen, unter -veränderten Umständen, ein ganz verschiedenes Bewußtsein; er weiß heute -nicht mehr, was er gestern getan hat, gestern konnte er sagen: Ich bin -ich; -- heute muß er sagen: Ich bin ein anderer. Solche Intermissionen -des Bewußtseins können nicht bloß Tage, sondern Monate und Jahre -dauern; sie können selbst bleibend werden. - -_Ontogenie des Bewußtseins._ Wie jedermann weiß, ist das neugeborene -Kind noch ganz ohne Bewußtsein, und wie =Preyer= gezeigt hat, -entwickelt sich dasselbe erst spät, nachdem das kleine Kind zu sprechen -angefangen hat; es spricht von sich lange Zeit in der dritten Person. -Erst in dem bedeutungsvollen Momente, in welchem es zum ersten Male -»Ich« sagt, in welchem das »=Ichgefühl=« klar wird, beginnt sein -Selbstbewußtsein zu keimen und damit auch der Gegensatz zur Außenwelt. -Die schnellen und tiefgreifenden Fortschritte der Erkenntnis, welche -das Kind durch den Unterricht der Eltern und der Schule in den ersten -zehn Lebensjahren macht, und später langsamer im zweiten Dezennium -bis zur vollendeten geistigen Reife, sind eng verknüpft mit unzähligen -Fortschritten im Wachstum und in der Entwickelung des =Bewußtseins= -und mit derjenigen seines Organs, des =Gehirns=. Aber auch, wenn der -Schüler das »Zeugnis der Reife« erlangt hat, ist in Wahrheit sein -Bewußtsein noch lange nicht reif, und jetzt beginnt erst recht, in -vielseitiger Berührung mit der Außenwelt, das »=Weltbewußtsein=« -sich zu entwickeln. Jetzt erst reift im dritten Dezennium jene volle -Ausbildung des vernünftigen Denkens und damit des Bewußtseins, welche -dann bei normaler Entwickelung in den folgenden drei Jahrzehnten ihre -reifen Früchte trägt. Gewöhnlich mit Beginn des siebenten Dezennium -(bald früher, bald später) beginnt dann jene langsame und allmähliche -Rückbildung der höheren Geistestätigkeit, welche das Greisenalter -charakterisiert. Gedächtnis, Rezeptionsfähigkeit und Interesse an -speziellen Objekten nehmen mehr und mehr ab; dagegen bleibt die -Produktionsfähigkeit, das gereifte Bewußtsein und das philosophische -Interesse an allgemeinen Beziehungen oft noch lange erhalten. Die -individuelle Entwickelung des Bewußtseins in früher Jugend beweist -die allgemeine Geltung des =Biogenetischen Grundgesetzes=; aber auch -in späteren Jahren ist dieselbe noch vielfach erkennbar. Jedenfalls -überzeugt uns die Ontogenese des Bewußtseins aufs klarste von der -Tatsache, daß dasselbe kein »immaterielles Wesen«, sondern eine -physiologische Funktion des Gehirns ist, und daß es also auch keine -Ausnahme vom Substanzgesetze bildet. - -_Phylogenie des Bewußtseins._ Die Tatsache, daß das Bewußtsein, gleich -allen anderen Seelentätigkeiten, an die normale Ausbildung bestimmter -Organe gebunden ist, und daß es sich beim Kinde, in Zusammenhang mit -diesen Gehirnorganen, allmählich entwickelt, läßt schon von vornherein -schließen, daß es auch innerhalb der Tierreihe sich stufenweise -historisch entwickelt hat. So sicher wir aber auch eine solche -natürliche =Stammesgeschichte des Bewußtseins= im Prinzip behaupten -müssen, so wenig sind wir doch leider imstande, tiefer in dieselbe -einzudringen und spezielle Hypothesen darüber aufzustellen. Indessen -liefert uns die Paläontologie doch einige interessante Anhaltspunkte, -die nicht ohne Bedeutung sind. Auffallend ist z. B. die bedeutende, -quantitative und qualitative Entwickelung des Gehirns der plazentalen -Säugetiere innerhalb der =Tertiärzeit=. An vielen fossilen Schädeln -derselben ist die innere Schädelhöhle genau bekannt und liefert uns -sichere Aufschlüsse über die Größe und teilweise auch über den Bau des -davon umschlossenen Gehirns. Da zeigt sich denn innerhalb einer und -derselben Legion (z. B. der Huftiere, der Raubtiere, der Herrentiere) -ein gewaltiger Fortschritt von den älteren eozänen und oligozänen zu -den jüngeren miozänen und pliozänen Vertretern desselben Stammes; bei -den letzteren ist das Gehirn (im Verhältnis zur Körpergröße) 6-8 mal so -groß als bei den ersteren. - -Auch jene höchste Entwickelungsstufe des Bewußtseins, welche nur der -=Kulturmensch= erreicht, hat sich erst allmählich und stufenweise -- -eben durch den Fortschritt der Kultur selbst -- aus niederen Zuständen -entwickelt, wie wir sie noch heute bei primitiven Naturvölkern -antreffen. Das zeigt uns schon die Vergleichung ihrer =Sprachen=, -welche mit derjenigen der =Begriffe= eng verknüpft ist. Je höher sich -beim denkenden Kulturmenschen die Begriffsbildung entwickelt, je -mehr er fähig wird, aus zahlreichen verschiedenen Einzelheiten die -gemeinsamen Merkmale zusammenzufassen und unter allgemeine Begriffe zu -bringen, desto klarer und tiefer wird damit sein Bewußtsein. - - - - -=Elftes Kapitel.= - -_Unsterblichkeit der Seele._ - - Monistische Studien über Fanatismus und Athanismus. Kosmische und - persönliche Unsterblichkeit. Seelen-Substanz. - - -Indem wir uns von der genetischen Betrachtung der Seele zu der großen -Frage ihrer »Unsterblichkeit« wenden, betreten wir jenes höchste Gebiet -des Aberglaubens, welches gewissermaßen die unzerstörbare Zitadelle -aller mystischen und dualistischen Vorstellungskreise bildet. Denn -bei dieser Kardinalfrage knüpft sich an die rein philosophischen -Vorstellungen mehr als bei jedem anderen Problem das egoistische -Interesse der menschlichen Person, welche um jeden Preis ihre -individuelle Fortdauer über den Tod hinaus garantiert haben will. -Dieses »höhere Gemütsbedürfnis« ist so mächtig, daß es alle logischen -Schlüsse der kritischen Vernunft über den Haufen wirft. Bewußt oder -unbewußt werden bei den meisten Menschen alle übrigen allgemeinen -Ansichten, also auch die ganze Weltanschauung, von dem Dogma der -persönlichen Unsterblichkeit beeinflußt, und an diesen theoretischen -Irrtum knüpfen sich praktische Folgerungen von weitestreichender -Wirkung. Es wird daher unsere Aufgabe sein, alle Seiten dieses -wichtigen Dogmas kritisch zu prüfen und seine Unhaltbarkeit gegenüber -den empirischen Erkenntnissen der modernen Biologie nachzuweisen. - -_Athanismus und Thanatismus._ Um einen kurzen und bequemen Ausdruck -für die beiden entgegengesetzten Grundanschauungen über die -Unsterblichkeitsfrage zu haben, bezeichnen wir den Glauben an die -»persönliche Unsterblichkeit des Menschen« als =Athanismus=. Dagegen -nennen wir =Thanatismus= die Überzeugung, daß mit dem Tode des -Menschen nicht nur alle übrigen physiologischen Lebenstätigkeiten -erlöschen, sondern auch die »=Seele=« verschwindet, d. h. jene Summe -von Gehirnfunktionen, welche der psychische Dualismus als ein eigenes -»Wesen«, unabhängig von den übrigen Lebensäußerungen des lebendigen -Körpers, betrachtet. - -Indem wir hier das physiologische Problem des =Todes= berühren, -betonen wir nochmals den =individuellen= Charakter dieser organischen -Naturerscheinung. Wir verstehen unter Tod ausschließlich das definitive -Aufhören der Lebenstätigkeit des organischen =Individuums=, gleichviel -welcher Kategorie oder welcher Stufenfolge der Individualität das -betreffende Einzelwesen angehört. Der Mensch ist tot, wenn seine Person -stirbt, gleichviel, ob er gar keine Nachkommenschaft hinterlassen -hat, oder ob er Kinder erzeugt hat, deren Nachkommen sich durch viele -Generationen fruchtbar fortpflanzen. Man sagt ja in gewissem Sinne, -daß der »Geist« großer Männer (z. B. in einer Dynastie hervorragender -Herrscher, in einer Familie talentvoller Künstler) durch Generationen -fortlebt; und ebenso sagt man, daß die »Seele« ausgezeichneter Frauen -oft in den Kindern und Kindeskindern sich forterhält. Allein in diesen -Fällen handelt es sich stets um verwickelte Vorgänge der =Vererbung=, -bei welchen eine abgelöste mikroskopische Zelle (die Spermazelle des -Vaters, die Eizelle der Mutter) gewisse Eigenschaften der Substanz -auf die Nachkommen überträgt. Die einzelnen =Personen=, welche jene -Geschlechtszellen zu Tausenden produzieren, bleiben trotzdem sterblich, -und mit ihrem Tode erlischt ihre individuelle Seelentätigkeit ebenso -wie jede andere physiologische Funktion. - -_Kosmische und persönliche Unsterblichkeit._ Wenn man den Begriff der -Unsterblichkeit ganz allgemein auffaßt und auf die Gesamtheit der -erkennbaren Natur ausdehnt, so gewinnt er wissenschaftliche Bedeutung; -er erscheint dann der monistischen Philosophie nicht nur annehmbar, -sondern selbstverständlich. Denn die These von der Unzerstörbarkeit -und ewigen Dauer alles Seienden fällt dann zusammen mit unserem -höchsten Naturgesetze, dem =Substanzgesetz= (12. Kapitel). Wir werden -diese kosmische Unsterblichkeit später, bei Begründung der Lehre von -der Erhaltung der Kraft und des Stoffes, ausführlich erörtern; jetzt -wenden wir uns sogleich zur Kritik jenes »Unsterblichkeitsglaubens«, -der gewöhnlich allein unter diesem Begriffe verstanden wird, der -Immortalität der =persönlichen Seele=. Wir untersuchen zunächst -die Verbreitung und Entstehung dieser mystischen und dualistischen -Vorstellung und betonen dabei besonders die weite Verbreitung ihres -Gegenteils, des =monistischen=, empirisch begründeten =Thanatismus=. -Ich unterscheide hier als zwei wesentlich verschiedene Erscheinungen -desselben den =primären= und den =sekundären= Thanatismus; bei ersterem -ist der Mangel des Unsterblichkeitsdogmas ein ursprünglicher (bei -primitiven Naturvölkern); der sekundäre Thanatismus dagegen ist das -späte Erzeugnis vernunftgemäßer Naturerkenntnis bei hoch entwickelten -Kulturvölkern. - -_Primärer Thanatismus (Ursprünglicher Mangel der -Unsterblichkeitsidee)._ In vielen philosophischen und besonders -theologischen Schriften lesen wir noch heute die Behauptung, daß der -Glaube an die persönliche Unsterblichkeit der menschlichen Seele allen -Menschen ursprünglich gemeinsam sei. Das ist falsch. Dieses Dogma ist -weder eine ursprüngliche Vorstellung der menschlichen Vernunft, noch -hat es jemals allgemeine Verbreitung gehabt. In dieser Beziehung ist -vor allem wichtig die sichere, erst neuerdings durch die vergleichende -Ethnologie festgestellte Tatsache, daß mehrere Naturvölker der ältesten -und primitivsten Stufe ebensowenig von einer Unsterblichkeit als von -einem Gotte irgend eine Vorstellung haben. Das gilt namentlich von den -Weddas auf Ceylon, jenen primitiven Pygmäen, die wir auf Grund der -ausgezeichneten Forschungen der Herren =Sarasin= für einen Überrest der -ältesten indischen »Urmenschen« halten; ferner von mehreren ältesten -Stämmen der nächstverwandten Dravidas, von den indischen Seelongs -und einigen Stämmen der Australneger. Ebenso kennen mehrere der -primitivsten Urvölker der amerikanischen Rasse, im inneren Brasilien, -am oberen Amazonenstrom usw., weder Götter noch Unsterblichkeit. - -_Sekundärer Thanatismus (Erworbener Mangel der Unsterblichkeitsidee)._ -Im Gegensatze zu dem primären Thanatismus, der sicher bei den ältesten -Urmenschen ursprünglich bestand und noch heute besteht, ist der -sekundäre Mangel des Unsterblichkeitsglaubens erst spät entstanden; er -ist erst die reife Frucht eingehenden Nachdenkens über »Leben und Tod«, -also ein Produkt echter und unabhängiger philosophischer Reflexion. -Als solcher tritt er uns schon im sechsten Jahrhundert v. Chr. bei -einem Teile der ionischen Naturphilosophen entgegen, später bei den -Gründern der alten materialistischen Philosophie, bei =Demokritos= und -=Empedokles=, aber auch bei =Simonides= und =Epikur=, bei =Seneca= -und =Plinius=, am meisten durchgebildet bei =Lucretius Carus=. Als -dann nach dem Untergange des klassischen Altertums das Christentum -sich ausbreitete, gewann mit ihm der Athanismus, als einer seiner -wichtigsten Glaubensartikel, die höchste Bedeutung. - -Während der langen Geistesnacht des christlichen Mittelalters -wagte begreiflicherweise nur selten ein kühner Freidenker, seine -abweichende Überzeugung zu äußern; die Beispiele von =Galilei=, von -=Giordano Bruno= und anderen unabhängigen Philosophen, welche von den -»Nachfolgern Christi« der Tortur und dem Scheiterhaufen überliefert -wurden, schreckten genügend jedes freie Bekenntnis ab. Dieses wurde -erst wieder möglich, nachdem die Reformation und die Renaissance -die Allmacht des Papismus gebrochen hatten. Die Geschichte der -neueren Philosophie zeigt die mannigfaltigen Wege, auf denen die -gereifte menschliche Vernunft dem Aberglauben der Unsterblichkeit -zu entrinnen versuchte. Immerhin verlieh ihm die enge Verknüpfung -mit dem christlichen Dogma auch in den freieren protestantischen -Kreisen solche Macht, daß selbst die meisten überzeugten Freidenker -ihre Meinung still für sich behielten. Nur selten wagten einzelne -hervorragende Männer, ihre Überzeugung von der Unmöglichkeit der -Seelenfortdauer nach dem Tode frei zu bekennen. Besonders geschah dies -in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts in Frankreich von -=Voltaire=, =Danton=, =Mirabeau= u. a., ferner von den Hauptvertretern -des damaligen Materialismus, =Holbach=, =Lamettrie= u. a. Dieselbe -Überzeugung vertrat auch der geistreiche Freund der letzteren, der -größte der Hohenzollernfürsten, der »Philosoph von Sanssouci«. -Was würde =Friedrich der Große=, dieser =gekrönte Thanatist und -Atheist=, sagen, wenn er heute seine monistischen Überzeugungen mit -den mittelalterlich-dualistischen Kundgebungen seiner Nachfolger -vergleichen könnte! - -Unter den =denkenden Ärzten= ist die Überzeugung, daß mit dem Tode -des Menschen auch die Existenz seiner Seele aufhöre, wohl seit -Jahrhunderten sehr verbreitet gewesen; aber auch sie hüteten sich -meistens wohl, dieselbe auszusprechen. Auch blieb immerhin noch im -18. Jahrhundert die empirische Kenntnis des Gehirns so unvollkommen, -daß die »Seele« als ein rätselhafter Bewohner desselben ihre freie -Existenz fortfristen konnte. Endgültig beseitigt wurde sie erst -durch die Fortschritte der Biologie in der zweiten Hälfte des -19. Jahrhunderts. Die Begründung der Deszendenztheorie und der -Zellentheorie, die überraschenden Entdeckungen der Ontogenie und -der Experimentalphysiologie, vor allem aber die bewundernswürdigen -Fortschritte der mikroskopischen Gehirnanatomie entzogen dem Athanismus -allmählich jeden Boden, so daß jetzt nur selten ein sachkundiger und -ehrlicher Biologe noch für die Unsterblichkeit der Seele eintritt. Die -monistischen Philosophen des 19. Jahrhunderts (=Strauß=, =Feuerbach=, -=Büchner=, =Rau=, =Spencer= usw.) sind sämtlich =Thanatisten=. - -_Athanismus und Religion._ Die weiteste Verbreitung und die höchste -Bedeutung hat das Dogma der persönlichen Unsterblichkeit erst durch -seine innige Verbindung mit den Glaubenslehren des =Christentums= -gefunden; und diese hat auch zu der irrtümlichen, heute noch sehr -verbreiteten Ansicht geführt, daß jenes Dogma überhaupt einen -wesentlichen Grundbestandteil jeder geläuterten =Religion= bilde. Das -ist durchaus nicht der Fall! Der Glaube an die Unsterblichkeit der -Seele fehlt vollständig den meisten höher entwickelten orientalischen -Religionen; er fehlt dem =Buddhismus=, der noch heute über 30 Prozent -der gesamten menschlichen Bevölkerung der Erde beherrscht; er fehlt -ebenso der alten Volksreligion der Chinesen wie der reformierten, -später an deren Stelle getretenen Religion des =Confucius=; und, -was das Wichtigste ist, er fehlt der älteren und reineren jüdischen -Religion; weder in den fünf Büchern =Moses=' noch in jenen älteren -Schriften des Alten Testamentes, welche vor dem babylonischen Exil -geschrieben wurden, ist die Lehre von der individuellen Fortdauer nach -dem Tode zu finden. - -_Entstehung des Unsterblichkeitsglaubens._ Die mystische Vorstellung, -daß die Seele des Menschen nach seinem Tode fortdauere und unsterblich -weiterlebe, fehlte dem ältesten, schon mit Sprache begabten -=Urmenschen= gewiß ebenso wie seinen Vorfahren und wie seinen modernen, -wenig entwickelten Nachkommen, den Weddas von Ceylon, den Seelongs -von Indien und anderen primitiven Naturvölkern. Erst bei zunehmender -Vernunft, bei eingehenderem Nachdenken über Leben und Tod, über Schlaf -und Traum, entwickelten sich bei verschiedenen älteren Menschenrassen --- unabhängig voneinander -- mystische Vorstellungen über die -dualistische Zusammensetzung unseres Organismus. Sehr verschiedene -Motive werden bei diesem Vorgange zusammengewirkt haben: Ahnenkultus, -Verwandtenliebe, Lebenslust und Wunsch der Lebensverlängerung, Hoffnung -auf bessere Lebensverhältnisse im Jenseits, Hoffnung auf Belohnung -der guten und Bestrafung der schlechten Taten usw. Die vergleichende -Physiologie hat uns neuerdings eine große Anzahl von sehr verschiedenen -derartigen Glaubensdichtungen kennen gelehrt; großenteils hängen -sie eng zusammen mit den ältesten Formen des Gottesglaubens und -der Religion überhaupt. In den meisten modernen Religionen ist der -=Athanismus= eng verknüpft mit dem =Theismus=. Die Vorstellung, welche -sich die meisten Gläubigen von ihrer »persönlichen unsterblichen Seele« -bilden, ist ebenso materialistisch, wie das individuelle Bild von ihrem -»persönlichen lieben Gott«. - -_Christlicher Unsterblichkeitsglaube._ Wie allgemein bekannt, hat -das Dogma von der Unsterblichkeit der Seele in der christlichen -Religion schon lange diejenige feste Form angenommen, welche sich in -dem Glaubensartikel ausspricht: »Ich glaube an die Auferstehung des -Fleisches und ein ewiges Leben.« Wie am Osterfest Christus selbst -von den Toten auferstanden ist und nun in Ewigkeit als »Gottes -Sohn, sitzend zur rechten Hand Gottes«, gedacht wird, versinnlichen -uns unzählige Bilder und Legenden. In gleicher Weise wird auch der -Mensch »am jüngsten Tage auferstehen« und seinen Lohn für die Führung -seines einstigen Erdenlebens empfangen. Dieser ganze christliche -Vorstellungskreis ist durch und durch =materialistisch= und -anthropistisch; er erhebt sich nicht viel über die entsprechenden rohen -Vorstellungen vieler niederer Naturvölker. Daß die »Auferstehung des -Fleisches« unmöglich ist, weiß eigentlich jeder, der einige Kenntnisse -in Anatomie und Physiologie besitzt. Die materielle Auferstehung -Christi, welche von Millionen gläubiger Christen an jedem Osterfeste -gefeiert wird, ist ebenso ein reiner Mythus wie die »Auferweckung von -den Toten«, welche er mehrfach ausgeführt haben soll. Für die reine -Vernunft sind diese mystischen Glaubensartikel ebenso unannehmbar wie -die damit verknüpfte Hypothese eines »ewigen Lebens«. - -_Metaphysischer Unsterblichkeitsglaube._ Gegenüber dem -materialistischen Athanismus, welcher in der christlichen und -mohammedanischen Kirche herrschend ist, vertritt scheinbar eine reinere -und höhere Glaubensform der =metaphysische Athanismus=, wie ihn die -meisten dualistischen und spiritualistischen Philosophen lehren. Als -der bedeutendste Begründer desselben ist Plato zu betrachten; er lehrte -schon im vierten Jahrhundert vor Chr. jenen vollkommenen Dualismus -zwischen Leib und Seele, welcher dann in der christlichen Glaubenslehre -zu einem der theoretisch wichtigsten und praktisch wirkungsvollsten -Artikel wurde. Der Leib ist sterblich, materiell (physisch); die Seele -ist unsterblich, immateriell (metaphysisch). Beide sind nur während des -individuellen Lebens vorübergehend verbunden. Da =Plato= ein ewiges -Leben der selbständigen Seele sowohl vor als nach dieser zeitweiligen -Verbindung annimmt, ist er auch Anhänger der »=Seelenwanderung=«; die -Seelen existierten als solche, als »ewige Ideen«, schon bevor sie in -den menschlichen Körper eintraten. Nachdem sie denselben verlassen, -suchen sie sich als Wohnort einen anderen Körper aus, der ihrer -Beschaffenheit am meisten angemessen ist; die Seelen von grausamen -Tyrannen schlüpfen in den Körper von Wölfen und Geiern, diejenigen von -tugendhaften Arbeitern in den Leib von Bienen und Ameisen usw. Die -kindlichen und naiven Anschauungen dieser platonischen Seelenlehre -liegen auf der Hand; bei weiterem Eindringen erscheinen sie völlig -unvereinbar mit unseren festgegründeten physiologischen Erkenntnissen. -Wir erwähnen sie hier nur, weil sie trotz ihrer Absurdität den größten -kulturhistorischen Einfluß erlangten. Denn einerseits knüpfte an die -platonische Seelenlehre die Mystik der Neuplatoniker an, welche in das -Christentum Eingang gewann; andererseits wurde sie später zu einem -Hauptpfeiler der spiritualistischen und idealistischen Philosophie. -Die platonische »=Idee=« verwandelte sich später in den Begriff der -=Seelensubstanz=, die allerdings ebenso unfaßbar und metaphysisch ist, -aber doch oft einen physikalischen Anschein gewann. - -_Seelensubstanz._ Die Auffassung der Seele als »=Substanz=« ist bei -vielen Psychologen sehr unklar; bald wird dieselbe in abstraktem -und idealistischem Sinne als ein »immaterielles Wesen« von ganz -eigentümlicher Art betrachtet, bald in konkretem und realistischem -Sinne, bald als ein unklares Mittelding zwischen beiden. Halten wir an -dem monistischen Substanzbegriffe fest, wie wir ihn (im 12. Kapitel) -als einfachste Grundlage unserer gesamten Weltanschauung entwickeln, -so ist in demselben =Energie= und =Materie= untrennbar verbunden. -Dann müssen wir an der »Seelensubstanz« die eigentliche, uns allein -bekannte =psychische Energie= unterscheiden (Empfinden, Vorstellen, -Wollen) und die =psychische Materie=, durch welche allein dieselbe zur -Wirkung gelangen kann, also das lebendige =Plasma=. Bei den höheren -Tieren bildet dann der »Seelenstoff« einen Teil des Nervensystems, bei -den niederen, nervenlosen Tieren und den Pflanzen einen Teil ihres -vielzelligen Plasmakörpers, bei den einzelligen Protisten einen Teil -ihres plasmatischen Zellenkörpers. Somit kommen wir wieder auf die -=Seelenorgane= und gelangen zu der naturgemäßen Erkenntnis, daß diese -materiellen Organe für die Seelentätigkeit unentbehrlich sind; die -Seele selbst aber ist =aktuell=, ist die Summe ihrer physiologischen -Funktionen. - -Anders gestaltet sich der Begriff der spezifischen Seelensubstanz -bei vielen dualistischen Philosophen und Theologen. Die unsterbliche -»Seele« soll dann zwar materiell sein, aber doch unsichtbar und -ganz verschieden von dem sichtbaren Körper, in welchem sie wohnt. -Die =Unsichtbarkeit= der Seele wird dabei als ein sehr wesentliches -Attribut derselben betrachtet. Einige vergleichen dabei die Seele -mit dem Äther und betrachten sie gleich diesem als einen äußerst -feinen und leichten, höchst beweglichen Stoff oder ein imponderables -Agens, welches überall zwischen den wägbaren Teilchen des lebendigen -Organismus schwebt. Andere hingegen vergleichen die Seele mit dem -wehenden Winde und schreiben ihr also einen gasförmigen Zustand zu; -und dieser Vergleich ist ja auch derjenige, welcher zuerst bei den -Naturvölkern zu der später so allgemein gewordenen dualistischen -Auffassung führte. Wenn der Mensch starb, blieb der Körper als Leiche -zurück; die unsterbliche Seele aber »entfloh aus ihm mit dem letzten -Atemzuge«. - -_Ätherseele._ Die Vergleichung der menschlichen Seele mit dem -physikalischen Äther als qualitativ ähnlichem Gebilde hat in -neuerer Zeit eine konkretere Gestalt gewonnen durch die großartigen -Fortschritte der Optik und der Elektrizität (besonders in den letzten -Dezennien). Diese haben uns mit der Energie des Äthers bekannt gemacht -und damit zugleich gewisse Schlüsse auf die materielle Natur dieses -raumerfüllenden Wesens gestattet. Da ich diese wichtigen Verhältnisse -später (im 12. Kapitel) besprechen werde, will ich nur kurz darauf -hinweisen, daß dadurch die Annahme einer =Ätherseele= vollkommen -unhaltbar geworden ist. Eine solche »=ätherische Seele=«, d. h. eine -Seelensubstanz, welche dem physikalischen Äther ähnlich ist und -gleich ihm zwischen den wägbaren Teilchen des lebendigen Plasma oder -den Gehirnmolekeln schwebt, kann unmöglich individuelles Seelenleben -hervorbringen. Weder die mystischen Anschauungen, welche darüber um -die Mitte unseres Jahrhunderts lebhaft diskutiert wurden, noch die -Versuche des modernen =Neovitalismus=, die mystische »Lebenskraft« mit -dem physikalischen Äther in Beziehung zu setzen, sind heute mehr der -Widerlegung bedürftig. - -_Luftseele._ Viel allgemeiner verbreitet und auch heute noch in -hohem Ansehen steht jene Anschauung, welche der Seelensubstanz eine -=gasförmige= Beschaffenheit zuschreibt. Uralt ist die Vergleichung -des menschlichen Atemzuges mit dem wehenden Windhauche; beide wurden -ursprünglich für identisch gehalten und mit demselben Namen belegt. -=Anemos= und =Psyche= der Griechen, =Anima= und =Spiritus= der -Römer sind ursprünglich Bezeichnungen für den Lufthauch des Windes; -sie wurden von diesem auf den Atemhauch des Menschen übertragen. -Später wurde dann dieser »lebendige Odem« mit der »Lebenskraft« -identifiziert und zuletzt als das Wesen der Seele selbst angesehen -oder in engerem Sinne als deren höchste Äußerung, der »Geist«. Davon -leitete dann weiterhin wieder die Phantasie die mystische Vorstellung -der individuellen Geister ab, der »=Gespenster=« (»~Spirits~«); -auch diese werden ja heute noch meistens als »luftförmige Wesen« -- -aber begabt mit den physiologischen Funktionen des Organismus! -- -vorgestellt; in manchen berühmten Spiritistenkreisen werden dieselben -freilich trotzdem photographiert! - -_Flüssige und feste Seele._ Der Experimentalphysik ist es in den -letzten Dezennien des 19. Jahrhunderts gelungen, alle gasförmigen -Körper in den tropfbar-flüssigen -- und die meisten auch in den -festen -- Aggregatzustand überzuführen. Es bedarf dazu weiter nichts -als geeigneter Apparate, welche unter sehr hohem Druck und bei sehr -niedriger Temperatur die Gase sehr stark komprimieren. Nicht allein die -luftförmigen Elemente, Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff, sondern -auch zusammengesetzte Gase (Kohlensäure) und Gasgemenge (atmosphärische -Luft) sind so aus dem luftförmigen in den flüssigen Zustand versetzt -worden. Dadurch sind aber jene =unsichtbaren= Körper für jedermann -=sichtbar= und in gewissem Sinne »handgreiflich« geworden. Mit dieser -Änderung der Dichtigkeit ist der mystische Nimbus verschwunden, welcher -früher das Wesen der Gase in der gemeinen Anschauung verschleierte, -als unsichtbare Körper, die doch sichtbare Wirkungen ausüben. Wenn nun -die Seelensubstanz wirklich, wie viele »Gebildete« noch heute glauben, -gasförmig wäre, so müßte man auch imstande sein, sie durch Anwendung -von hohem Druck und sehr niederer Temperatur in den flüssigen Zustand -überzuführen. Man könnte dann die Seele, welche im Momente des Todes -»ausgehaucht« wird, auffangen, unter sehr hohem Druck bei niederer -Temperatur kondensieren und in einer Glasflasche als »=unsterbliche -Flüssigkeit=« aufbewahren (~Fluidum animae immortale~). Durch weitere -Abkühlung und Kondensation müßte es dann auch gelingen, die flüssige -Seele in den festen Zustand überzuführen (»Seelenschnee«). Bis jetzt -ist das Experiment noch nicht gelungen. - -_Unsterblichkeit der Tierseele._ Wenn der Athanismus wahr wäre, -wenn wirklich die »Seele« des Menschen in alle Ewigkeit fortlebte, -so müßte man ganz dasselbe auch für die Seele der höheren Tiere -behaupten, mindestens für diejenige der ihm am nächsten stehenden -Säugetiere (Affen, Hunde usw.). Denn der Mensch zeichnet sich vor -diesen letzteren nicht durch eine besondere neue =Art= oder eine -eigentümliche, nur ihm zukommende Funktion der Psyche aus, sondern -lediglich durch einen höheren =Grad= der psychischen Tätigkeit, durch -eine vollkommenere Stufe ihrer Entwickelung. Besonders ist bei vielen -Menschen das =Bewußtsein= höher entwickelt als bei den meisten Tieren, -die Fähigkeit der Ideenassoziation, des Denkens und der Vernunft. -Indessen ist dieser Unterschied bei weitem nicht so groß, als man -gewöhnlich annimmt; und er ist in jeder Beziehung viel geringer als der -entsprechende Unterschied zwischen den höheren und niederen Tierseelen -oder selbst als der Unterschied zwischen den höchsten und tiefsten -Stufen der Menschenseele. Wenn man also der letzteren »persönliche -Unsterblichkeit« zuschreibt, so muß man sie auch den höheren Tieren -zugestehen. Diese Überzeugung von der individuellen Unsterblichkeit der -Tiere ist denn auch ganz naturgemäß bei vielen Völkern alter und neuer -Zeit zu finden. - -_Beweise für den Athanismus._ Die Gründe, welche man seit zweitausend -Jahren für die Unsterblichkeit der Seele anführt, und welche auch -heute noch dafür geltend gemacht werden, entspringen zum größten Teile -nicht dem Streben nach Erkenntnis der Wahrheit, sondern vielmehr dem -sogenannten »Bedürfnis des Gemütes«, d. h. dem Phantasieleben und der -Dichtung. Um mit =Kant= zu reden, ist die Unsterblichkeit der Seele -ein unbegründetes Dogma für die =reine= Vernunft, ein bloßes »Postulat -für die =praktische= Vernunft«. Diese letztere und die mit ihr -zusammenhängenden »Bedürfnisse des Gemütes, der moralischen Erziehung -usw.« müssen wir aber ganz aus dem Spiele lassen, wenn wir ehrlich und -unbefangen zur reinen Erkenntnis der =Wahrheit= gelangen wollen; denn -diese ist einzig und allein durch empirisch begründete und logisch -klare Schlüsse der reinen Vernunft möglich. Es gilt also hier vom -=Athanismus= dasselbe, wie vom =Theismus=; beide sind nur Gegenstände -der mystischen Dichtung, des transzendenten »Glaubens«, nicht der -vernünftig schließenden Wissenschaft. - -Wollten wir alle die einzelnen Gründe analysieren, welche für den -Unsterblichkeitsglauben geltend gemacht worden sind, so würde sich -ergeben, daß nicht ein einziger derselben wirklich =wissenschaftlich= -ist; kein einziger verträgt sich mit den klaren Erkenntnissen, welche -wir durch die physiologische Psychologie und die Entwickelungstheorie -in den letzten Dezennien gewonnen haben. Der =theologische= Beweis, -daß ein persönlicher Schöpfer dem Menschen eine unsterbliche Seele -eingehaucht habe, ist reiner Mythus. Der =kosmologische= Beweis, daß -die »sittliche Weltordnung« die ewige Fortdauer der menschlichen Seele -erfordere, ist unbegründetes Dogma. Der =teleologische= Beweis, daß -die »höhere Bestimmung« des Menschen eine volle Ausbildung seiner -mangelhaften irdischen Seele im Jenseits erfordere, beruht auf einem -falschen Anthropismus. Der =moralische= Beweis, daß die Mängel und die -unbefriedigten Wünsche des irdischen Daseins durch eine »ausgleichende -Gerechtigkeit« im Jenseits befriedigt werden müssen, ist ein frommer -Wunsch, weiter nichts. Der =ethnologische= Beweis, daß der Glaube an -die Unsterblichkeit ebenso wie an Gott eine angeborene, allen Menschen -gemeinsame Wahrheit sei, ist tatsächlicher Irrtum. Der =ontologische= -Beweis, daß die Seele als ein »einfaches, immaterielles und unteilbares -Wesen« unmöglich mit dem Tode verschwinden könne, beruht auf einer -ganz falschen Auffassung der psychischen Erscheinungen; sie ist ein -spiritualistischer Irrtum. Alle diese und andere ähnliche »Beweise -für den Athanismus« sind hinfällig geworden; sie sind durch die -wissenschaftliche Kritik jetzt =definitiv widerlegt=. - -_Beweise gegen den Athanismus._ Gegenüber den angeführten, sämtlich -unhaltbaren Gründen =für= die Unsterblichkeit der Seele ist es bei der -hohen Bedeutung dieser Frage wohl zweckmäßig, die wohlbegründeten, -wissenschaftlichen Beweise =gegen= dieselbe hier kurz zusammenzufassen. -Der =physiologische= Beweis lehrt uns, daß die menschliche Seele -ebenso wie die der höheren Tiere kein selbständiges, immaterielles -Wesen ist, sondern der Kollektivbegriff für eine Summe von -Gehirnfunktionen; diese sind ebenso wie alle anderen Lebenstätigkeiten -durch physikalische und chemische Prozesse bedingt, also auch dem -Substanzgesetz unterworfen. Der =histologische= Beweis gründet sich -auf den höchst verwickelten mikroskopischen Bau des Gehirns und lehrt -uns in den Ganglienzellen desselben die wahren »Elementarorgane -der Seele« kennen. Der =experimentelle= Beweis überzeugt uns, daß -die einzelnen Seelentätigkeiten an einzelne Bezirke des Gehirns -gebunden und ohne deren normale Beschaffenheit unmöglich sind; werden -diese Bezirke zerstört, so erlischt damit auch deren Funktion; -insbesondere gilt dies von den »Denkorganen«, den einzigen zentralen -Werkzeugen des »Geisteslebens«. Der =pathologische= Beweis ergänzt -den physiologischen; wenn bestimmte Gehirnbezirke (Sprachzentrum, -Sehsphäre, Hörsphäre) durch Krankheit zerstört werden, so verschwindet -auch deren Arbeit (Sprechen, Sehen, Hören); die Natur selbst führt hier -das entscheidende physiologische Experiment aus. Der =ontogenetische= -Beweis führt uns unmittelbar die Tatsachen der individuellen -Entwickelung der Seele vor Augen; wir sehen, wie die Kindesseele ihre -einzelnen Fähigkeiten nach und nach entwickelt; der Jüngling bildet -sich zur vollen Blüte, der Mann zur reifen Frucht aus; im Greisenalter -findet allmähliche Rückbildung der Seele statt, entsprechend der -senilen Degeneration des Gehirns. Der =phylogenetische= Beweis -stützt sich auf die Paläontologie, die vergleichende Anatomie und -Physiologie des Gehirns; in ihrer gegenseitigen Ergänzung begründen -diese Wissenschaften die Gewißheit, daß das Gehirn des Menschen (und -also auch dessen Funktion, die Seele) sich stufenweise und allmählich -aus demjenigen der Säugetiere und weiterhin der niederen Wirbeltiere -entwickelt hat. - -_Athanistische Illusionen._ Die vorhergehenden Untersuchungen, die -durch viele andere Ergebnisse der modernen Wissenschaft ergänzt werden -könnten, haben das alte Dogma von der »Unsterblichkeit der Seele« -als völlig unhaltbar nachgewiesen; dasselbe kann im 20. Jahrhundert -nicht mehr Gegenstand ernster wissenschaftlicher Forschung, sondern -nur noch des transzendenten =Glaubens= sein. Die »Kritik der reinen -Vernunft« weist aber nach, daß dieser hochgeschätzte Glaube, bei -Licht betrachtet, der reine =Aberglaube= ist, ebenso wie der oft -damit verknüpfte Glaube an den »persönlichen Gott«. Nun halten aber -noch heute Millionen von »Gläubigen« -- nicht nur aus den niederen, -ungebildeten Volksmassen, sondern aus den höheren und höchsten -Bildungskreisen -- diesen Aberglauben für ihr teuerstes Besitztum, -für ihren »kostbarsten Schatz«. Es wird daher nötig sein, in den -damit verknüpften Vorstellungskreis noch etwas tiefer einzugehen -und seinen wirklichen Wert einer kritischen Prüfung zu unterziehen. -Da ergibt sich denn für den objektiven Kritiker die Einsicht, daß -jener Wert zum größten Teile auf Einbildung beruht, auf Mangel an -klarem Urteil und an folgerichtigem Denken. Der definitive Verzicht -auf diese »=athanistischen Illusionen=« würde nach meiner festen und -ehrlichen Überzeugung für die Menschheit nicht nur keinen schmerzlichen -=Verlust=, sondern einen unschätzbaren positiven Gewinn bedeuten. - -Das menschliche »=Gemütsbedürfnis=« hält den Unsterblichkeitsglauben -besonders aus zwei Gründen fest, erstens in der Hoffnung auf ein -besseres zukünftiges Leben im Jenseits, und zweitens in der Hoffnung -auf Wiedersehen der teuren Lieben und Freunde, welche uns der Tod -hier entrissen hat. Die erste Hoffnung entspricht einem natürlichen -Vergeltungsgefühl, das zwar subjektiv berechtigt, aber objektiv ohne -jeden Anhalt ist. Wir erheben Ansprüche auf Entschädigung für die -zahllosen Mängel und traurigen Erfahrungen dieses irdischen Daseins, -ohne irgend eine reale Aussicht oder Garantie dafür zu besitzen. Wir -verlangen eine unbegrenzte Dauer eines ewigen Lebens, in welchem -wir nur Lust und Freude, keine Unlust und keinen Schmerz erfahren -wollen. Die Vorstellungen der meisten Menschen über dieses »selige -Leben im Jenseits« sind höchst seltsam und um so sonderbarer, als -darin die »immaterielle Seele« sich an höchst materiellen Genüssen -erfreut. Die Phantasie jeder gläubigen Person gestaltet sich diese -fortdauernde Herrlichkeit entsprechend ihren persönlichen Wünschen. -Der amerikanische Indianer, dessen Athanismus =Schiller= in seiner -nadowessischen Totenklage so anschaulich schildert, hofft in seinem -Paradiese die herrlichsten Jagdgründe zu finden, mit unermeßlich vielen -Büffeln und Bären; der Eskimo erwartet dort sonnenbestrahlte Eisflächen -mit einer unerschöpflichen Fülle von Eisbären, Robben und anderen -Polartieren; der sanfte Singhalese gestaltet sich sein jenseitiges -Paradies entsprechend dem wunderbaren Inselparadiese Ceylon mit seinen -herrlichen Gärten und Wäldern; nur setzt er voraus, daß jederzeit -unbegrenzte Mengen von Reis und Curry, von Kokosnüssen und anderen -Früchten bereit stehen; der mohammedanische Araber ist überzeugt, daß -in seinem Paradiese blumenreiche, schattige Gärten sich ausdehnen, -durchrauscht von kühlen Quellen und bevölkert mit den schönsten -Mädchen; der katholische Fischer in Sizilien erwartet dort täglich -einen Überfluß der köstlichsten Fische und der feinsten Makkaroni, -und ewigen Ablaß für alle Sünden, die er auch im ewigen Leben noch -täglich zu begehen hofft; der evangelische Nordeuropäer hofft auf -einen unermeßlichen gothischen Dom, in welchem »ewige Lobgesänge auf -den Herrn der Heerscharen« ertönen. Kurz, jeder Gläubige erwartet -von seinem ewigen Leben in Wahrheit eine direkte Fortsetzung seines -individuellen Erdendaseins, nur in einer bedeutend »vermehrten und -verbesserten Auflage«. - -Besonders muß hier noch die durchaus =materialistische= Grundanschauung -des =christlichen Athanismus= betont werden, die mit dem absurden -Dogma von der »Auferstehung des Fleisches« eng zusammenhängt. Wie uns -Tausende von Ölgemälden berühmter Meister versinnlichen, gehen die -»auferstandenen Leiber« mit ihren »wiedergeborenen Seelen« droben -im Himmel gerade so spazieren, wie hier im Jammerthal der Erde; sie -schauen Gott mit ihren Augen, sie hören seine Stimme mit ihren Ohren, -sie singen Lieder zu seinen Ehren mit ihrem Kehlkopf usw. Kurz, die -modernen Bewohner des christlichen Paradieses sind ebenso Doppelwesen -von Leib und Seele, ebenso mit allen Organen des irdischen Leibes -ausgestattet, wie unsere Altvordern in Odins Saal zu Walhalla, -wie die »unsterblichen« Türken und Araber in Mohammeds lieblichen -Paradiesgärten, wie die altgriechischen Halbgötter und Helden an Zeus' -Tafel im Olymp, im Genusse von Nektar und Ambrosia. - -Mag man sich dieses »ewige Leben« im Paradiese aber noch so herrlich -ausmalen, so muß dasselbe auf die Dauer unendlich langweilig werden. -Und nun gar: »=Ewig=!« Ohne Unterbrechung, ohne Weiterentwickelung -diese ewige individuelle Existenz fortführen! Der tiefsinnige Mythus -vom »=Ewigen Juden=«, das vergebliche Ruhesuchen des unseligen -Ahasverus sollte uns über den Wert eines solchen »ewigen Lebens« -aufklären! Das beste, was wir uns nach einem tüchtigen, nach unserm -besten Gewissen gut angewandten Leben wünschen können, ist der ewige -Friede des Grabes: »=Herr, schenke ihnen die ewige Ruhe!=« - -Jeder vernünftige Gebildete, der die =geologische Zeitrechnung= kennt, -und der über die lange Reihe der Jahrmillionen in der organischen -Erdgeschichte nachgedacht hat, muß bei unbefangenem Urteil zugeben, daß -der banale Gedanke des »ewigen Lebens« auch für den besten Menschen -kein herrlicher =Trost,= sondern eine furchtbare =Drohung= ist. Nur -Mangel an klarem Urteil und folgerichtigem Denken kann dies bestreiten. - -Den besten und den am meisten berechtigten Grund für den Athanismus -gibt die Hoffnung, im »ewigen Leben« die teueren Angehörigen und -Freunde wieder zu sehen, von denen uns hier auf Erden ein grausames -Schicksal früh getrennt hat. Aber auch dieses vermeintliche Glück -erweist sich bei näherer Betrachtung als Illusion; und jedenfalls -würde es stark durch die Aussicht getrübt, dort auch allen den weniger -angenehmen Bekannten und den widerwärtigen Feinden zu begegnen, die -hier unser Dasein getrübt haben. - -Unlösbare Schwierigkeiten bereitet auch den gläubigen Athanisten die -Frage, in welchem =Stadium ihrer individuellen Entwickelung= die -abgeschiedene Seele ihr »ewiges Leben« fortführen soll? Sollen die -Neugeborenen erst im Himmel ihre Seele entwickeln, unter demselben -harten »Kampf ums Dasein«, der den Menschen hier auf der Erde erzieht? -Soll der talentvolle Jüngling, der dem Massenmorde des Krieges zum -Opfer fällt, erst in Walhalla seine reichen, ungenutzten Geistesgaben -entwickeln? Soll der altersschwache, kindisch gewordene Greis, der -als reifer Mann die Welt mit dem Ruhm seiner Taten erfüllte, ewig als -rückgebildeter Geist fortleben? Oder soll er sich gar in ein früheres -Blütestadium zurück entwickeln? Wenn aber die unsterblichen Seelen -im Olymp als =vollkommene= Wesen verjüngt fortleben sollen, dann ist -auch der Reiz und das Interesse der =Persönlichkeit= für sie ganz -verschwunden. - -Ebenso unhaltbar erscheint uns heute im Lichte der reinen Vernunft der -anthropistische Mythus vom »=jüngsten Gericht=«, von der Scheidung -aller Menschenseelen in zwei große Haufen, von denen der eine zu den -=ewigen= Freuden des Paradieses, der andere zu den =ewigen= Qualen der -Hölle bestimmt ist -- und das von einem persönlichen Gott, welcher -»der Vater der Liebe« ist! Hat doch dieser liebende Allvater selbst -die Bedingungen der Vererbung und Anpassung »geschaffen«, unter denen -sich einerseits die bevorzugten Glücklichen =notwendig= zu straflosen -Seligen, andererseits die unglücklichen Armen und Elenden ebenso -=notwendig= zu strafwürdigen Verdammten entwickeln mußten. - -Eine kritische Vergleichung der unzähligen bunten Phantasiegebilde, -welche der Unsterblichkeitsglaube der verschiedenen Völker und -Religionen seit Jahrtausenden erzeugt hat, gewährt das merkwürdigste -Bild; eine hochinteressante, auf ausgedehnte Quellenstudien -gegründete Darstellung derselben hat =Adalbert Svoboda= gegeben in -seinen ausgezeichneten Werken: »Seelenwahn« (1886) und »Gestalten -des Glaubens« (1897). Wie absurd uns auch die meisten dieser Mythen -erscheinen mögen, wie unvereinbar sie sämtlich mit der vorgeschrittenen -Naturerkenntnis der Gegenwart sind, so spielen sie dennoch auch heute -eine höchst wichtige Rolle und üben trotzdem als »Postulate der -praktischen Vernunft« den größten Einfluß auf die Lebensanschauungen -der Individuen und die Geschicke der Völker. - -Die idealistische und spiritualistische Philosophie der Gegenwart wird -nun freilich zugeben, daß diese herrschenden materialistischen Formen -des Unsterblichkeitsglaubens unhaltbar seien, und sie wird behaupten, -daß an ihre Stelle die geläuterte Vorstellung von einem immateriellen -Seelenwesen, von einer platonischen Idee oder einer transzendenten -Seelensubstanz treten müsse. Allein mit diesen unfaßbaren Vorstellungen -kann die realistische Naturanschauung der Gegenwart absolut nichts -anfangen; sie befriedigen weder das Kausalitätsbedürfnis unseres -Verstandes, noch die Wünsche unseres Gemütes. Fassen wir alles -zusammen, was vorgeschrittene Anthropologie, Psychologie und Kosmologie -der Gegenwart über den Athanismus ergründet haben, so müssen wir zu -dem bestimmten Schlusse kommen: »Der Glaube an die Unsterblichkeit -der menschlichen Seele ist ein Dogma, welches den sichersten -Erfahrungssätzen der modernen Naturwissenschaft völlig widerspricht.« - - - - -=Zwölftes Kapitel.= - -_Das Substanzgesetz._ - - Monistische Studien über das kosmologische Grundgesetz. Erhaltung der - Materie und der Energie. Einheit und Trinität der Substanz. - - -Als das oberste und allumfassende Naturgesetz betrachte ich das -=Substanzgesetz=, das wahre und einzige =kosmologische Grundgesetz=; -seine Entdeckung und Feststellung ist die größte Geistestat des 19. -Jahrhunderts, insofern alle anderen erkannten Naturgesetze sich -ihm unterordnen. Unter dem Begriffe »=Substanzgesetz=« fasse ich -zwei höchste allgemeine Gesetze verschiedenen Ursprungs und Alters -zusammen, das ältere =chemische= Gesetz von der »Erhaltung des Stoffes« -und das jüngere =physikalische= Gesetz von der »Erhaltung der Kraft«. -Daß diese beiden Grundgesetze der exakten Naturwissenschaft im Wesen -unzertrennlich sind, wird vielen Lesern wohl selbstverständlich -erscheinen und ist von den meisten Naturforschern der Gegenwart -anerkannt. Indessen wird diese fundamentale Überzeugung doch von -anderer Seite noch heute vielfach bestritten und muß jedenfalls erst -bewiesen werden. Wir müssen daher zunächst einen kurzen Blick auf beide -Gesetze gesondert werfen. - -_Gesetz von der Erhaltung des Stoffes_ (oder der »Konstanz der -Materie«, =Lavoisier=, 1789). =Die Summe des Stoffes, welcher den -Weltraum erfüllt, ist unveränderlich.= Wenn ein Körper zu verschwinden -scheint, wechselt er nur seine Form; wenn die Kohle verbrennt, -verwandelt sie sich durch Verbindung mit dem Sauerstoff der Luft -in gasförmige Kohlensäure; wenn ein Zuckerstück sich im Wasser -löst, geht seine feste Form in die tropfbar flüssige über. Ebenso -wechselt die Materie nur ihre Form, wenn ein neuer Naturkörper zu -entstehen scheint; wenn es regnet, wird der Wasserdampf der Luft in -Tropfenform niedergeschlagen; wenn das Eisen rostet, verbindet sich -die oberflächliche Schicht des Metalles mit Wasser und dem Sauerstoff -der Luft und bildet so Rost. Nirgends in der Natur sehen wir, daß -neue Materie entsteht oder »geschaffen« wird; nirgends finden wir, -daß vorhandene Materie verschwindet oder in Nichts zerfällt. Dieser -Erfahrungssatz gilt heute als erster und unerschütterlicher Grundsatz -der Chemie und kann jederzeit mittels der Wage unmittelbar bewiesen -werden. Es war aber das unsterbliche Verdienst des großen französischen -Chemikers =Lavoisier=, diesen Beweis durch die Wage zuerst geführt zu -haben. Heute sind alle Naturforscher, welche sich jahrelang mit dem -denkenden Studium der Naturerscheinungen beschäftigt haben, so fest -von der absoluten Konstanz der Materie überzeugt, daß sie sich das -Gegenteil gar nicht mehr vorstellen können. - -_Gesetz von der Erhaltung der Kraft_ (oder der »Konstanz der Energie«, -=Robert Mayer=, 1842.) =Die Summe der Kraft oder Energie, welche im -Weltraum alle Erscheinungen bewirkt, ist unveränderlich.= Wenn die -Lokomotive den Eisenbahnzug fortführt, verwandelt sich die Spannkraft -des erhitzten Wasserdampfes in die lebendige Kraft der mechanischen -Bewegung; wenn wir die Pfeife der Lokomotive hören, werden die -Schallschwingungen der bewegten Luft durch unser Trommelfell und die -Kette der Gehörknochen zum Labyrinth unseres inneren Ohres fortgeleitet -und von da durch den Hörnerv zu den akustischen Ganglienzellen, -welche die Hörsphäre im Schläfenlappen unserer Großhirnrinde bilden. -Die ganze wunderbare Gestaltenfülle, welche unseren Erdball belebt, -ist in letzter Instanz umgewandeltes Sonnenlicht. Allbekannt ist, wie -gegenwärtig die bewunderungswürdigen Fortschritte der Technik dazu -geführt haben, die verschiedenen Naturkräfte ineinander zu verwandeln: -Wärme wird in Massenbewegung, diese wieder in Licht oder Schall, -diese wiederum in Elektrizität übergeführt oder umgekehrt. Die genaue -=Messung= der Kraftmenge, welche bei dieser Verwandlung tätig ist, hat -ergeben, daß auch sie konstant bleibt. Der großen Entdeckung dieser -fundamentalen Tatsache hatte sich schon 1837 =Friedrich Mohr= in Bonn -sehr genähert; sie erfolgte 1842 durch den geistreichen schwäbischen -Arzt =Robert Mayer= in Heilbronn; unabhängig von ihm kam =Hermann -Helmholtz= auf die Erkenntnis desselben Prinzips; er wies fünf Jahre -später seine allgemeine Anwendbarkeit und Fruchtbarkeit auf allen -Gebieten der =Physik= nach. Wir würden heute sagen müssen, daß es -auch das gesamte Gebiet der =Physiologie= -- d. h. der »organischen -Physik!« -- beherrsche, wenn dagegen nicht entschiedener Widerspruch -von seiten der vitalistischen Biologen, sowie der dualistischen und -spiritualistischen Philosophen erhoben würde. Diese erblicken in den -eigentümlichen »Geisteskräften« des Menschen eine Gruppe von »freien«, -dem Energiegesetz nicht unterworfenen Krafterscheinungen; besonders -gestützt wird diese dualistische Auffassung durch das Dogma von der -Willensfreiheit. Wir haben schon bei deren Besprechung gesehen, daß -ihre Annahme unhaltbar ist. In neuester Zeit hat die Physik den Begriff -der »=Kraft=« und der »=Energie=« getrennt; für unsere vorliegende -allgemeine Betrachtung ist diese Unterscheidung gleichgültig. - -_Einheit des Substanzgesetzes._ Von größter Wichtigkeit für unsere -monistische Weltanschauung ist die feste Überzeugung, daß die beiden -großen kosmologischen Grundlehren, das chemische Grundgesetz von -der Erhaltung des Stoffes und das physikalische Grundgesetz von der -Erhaltung der Kraft, untrennbar zusammengehören; beide Theorien sind -ebenso innig verknüpft, wie ihre beiden Objekte, =Stoff= und =Kraft= -(oder Materie und Energie). Vielen monistisch denkenden Naturforschern -und Philosophen wird diese =fundamentale Einheit= beider Gesetze -selbstverständlich erscheinen, da ja beide nur zwei verschiedene Seiten -eines und demselben Objektes, des »=Kosmos=«, betreffen; indessen -ist diese naturgemäße Überzeugung weit entfernt, sich allgemeiner -Anerkennung zu erfreuen. Sie wird vielmehr energisch bekämpft von -der gesamten dualistischen Philosophie, von der vitalistischen -Biologie, der parallelistischen Psychologie; ja sogar von vielen -(inkonsequenten!) Monisten, welche im »Bewußtsein« oder in der höheren -Geistestätigkeit des Menschen, oder auch in anderen Erscheinungen des -»freien Geisteslebens« einen Gegenbeweis zu finden glauben. - -Ich betone daher ganz besonders die fundamentale Bedeutung des -=einheitlichen= Substanzgesetzes als Ausdruck des untrennbaren -Zusammenhanges jener beiden begrifflich getrennten Gesetze. Daß -dieselben ursprünglich nicht zusammengefaßt und nicht in dieser -Einheit erkannt wurden, ergibt sich ja schon aus der Tatsache ihrer -verschiedenen Entdeckungszeit. Die Einheit beider Grundgesetze, -welche noch heute vielfach bestritten wird, drücken viele überzeugte -Naturforscher in der Benennung aus: »Gesetz von der Erhaltung der -Kraft und des Stoffes«. Um einen kürzeren und bequemeren Ausdruck für -diesen fundamentalen, aus neun Worten zusammengesetzten Begriff zu -haben, habe ich schon vor längerer Zeit vorgeschlagen, dasselbe das -»=Substanzgesetz=« oder das »kosmologische Grundgesetz« zu nennen -(Monismus, 1892, S. 14, 39). - -_Substanzbegriff._ Der erste Denker, der den reinen =monistischen= -»Substanzbegriff« in die Wissenschaft einführte und seine fundamentale -Bedeutung erkannte, war der große Philosoph =Baruch Spinoza=; sein -Hauptwerk erschien kurz nach seinem frühzeitigen Tode, 1677. In seiner -großartigen pantheistischen Weltanschauung fällt der Begriff der Welt -(Universum, Kosmos) zusammen mit dem allumfassenden Begriff =Gott=; -sie ist gleichzeitig der reinste und vernünftigste =Monismus=, und der -geklärteste und abstrakteste =Monotheismus=. Diese =Universalsubstanz= -oder dieses göttliche Weltwesen zeigt uns zwei verschiedene Seiten -seines wahren Wesens, zwei fundamentale =Attribute=: die =Materie= -(den unendlichen =ausgedehnten= Substanzstoff) und den =Geist= (die -allumfassende =denkende= Substanzenergie). Alle Wandelungen, die später -der Substanzbegriff gemacht hat, kommen bei konsequenter Analyse auf -diesen höchsten Grundbegriff von =Spinoza= zurück, den ich mit =Goethe= -für einen der erhabensten und wahrsten Gedanken aller Zeiten halte. -Alle einzelnen Objekte der Welt, die unserer Erkenntnis zugänglich -sind, alle individuellen Formen des Daseins, sind nur besondere -vergängliche Formen der Substanz, =Akzidenzen= oder =Moden=. Diese -=Modi= sind körperliche Dinge, materielle Körper, wenn wir sie unter -dem Attribut der =Ausdehnung= (der »Raumerfüllung«) betrachten, dagegen -Kräfte oder Ideen, wenn wir sie unter dem Attribut des =Denkens= (der -»Energie«) betrachten. Auf diese Grundvorstellung von =Spinoza= kommt -auch unser =Monismus= jetzt zurück; auch für uns sind =Materie= (der -raumerfüllende Stoff) und =Energie= (die bewegende Kraft) nur zwei -untrennbare Attribute des einheitlichen Weltwesens, der einen Substanz. - -_Der kinetische Substanzbegriff._ (Urprinzip der Schwingung oder -Vibration.) Unter den verschiedenen Formen, welche der fundamentale -Substanzbegriff in der neueren Physik, in Verbindung mit der -herrschenden Atomistik, angenommen hat, überwog bisher die Annahme, -daß allen Erscheinungen eine schwingende Bewegung der kleinsten -Massenteilchen zugrunde liege, eine =Vibration der Atome=. Die Atome -selbst sind dem gewöhnlichen »kinetischen Substanzbegriff« zufolge -tote diskrete Körperteilchen, welche im leeren Raum schwingen und -in die Ferne wirken. Der eigentliche Begründer und angesehenste -Vertreter dieser kinetischen Substanztheorie ist der große Mathematiker -=Newton=, der berühmte Entdecker des =Gravitationsgesetzes=. In seinem -Hauptwerke »~Principia philosophiae naturalis mathematica~« (1687) -wies er nach, daß im ganzen Weltall ein und dasselbe Grundgesetz der -=Massenanziehung=, dieselbe unveränderliche Gravitationskonstante -herrscht; die Anziehung von je zwei Massenteilchen steht im geraden -Verhältnis ihrer Massen und im umgekehrten Verhältnis des Quadrats -ihrer Entfernungen. Diese allgemeine »=Schwerkraft=« bewirkt ebenso -die Bewegung des fallenden Apfels und die Flutwelle des Meeres, wie -den Umlauf der Planeten um die Sonne und die kosmischen Bewegungen -aller Weltkörper. Das unsterbliche Verdienst von =Newton= war, -dieses Gravitationsgesetz endgültig festzustellen und dafür eine -unanfechtbare mathematische Formel zu finden. Aber diese =tote -mathematische Formel=, auf welche die meisten Naturforscher hier, wie -in vielen anderen Fällen, das größte Gewicht legen, gibt uns nur die -=quantitative= Beweisführung für die Theorie, sie gewährt uns nicht -die mindeste Einsicht in das =qualitative= Wesen der Erscheinungen. -Die unvermittelte =Fernwirkung=, welche =Newton= aus seinem -Gravitationsgesetz ableitete und welche zu einem der wichtigsten und -gefährlichsten Dogmen der späteren Physik wurde, gibt uns nicht den -mindesten Aufschluß über die eigentlichen Ursachen der Massenanziehung; -vielmehr versperrt sie uns den Weg zu deren Erkenntnis. - -_Der trinitäre Substanzbegriff._ Die tiefer liegenden Ursachen der -Massenanziehung werden klar, und zugleich werden manche Einwände gegen -unsere monistische Substanztheorie hinfällig, wenn wir den beiden -Substanzattributen von Spinoza noch ein drittes, davon untrennbares -Attribut hinzufügen, die unbewußte =Empfindung= (~Psychoma~). Die -wahren »inneren Ursachen« der mechanischen Bewegungen, welche die -dualistische Metaphysik als immaterielle Kräfte, als Geisteskräfte -oder psychische Energieformen den materiellen Energieformen der -Physik gegenüberstellt, sind gleich den letzteren untrennbar -an die raumerfüllende Materie gebunden. Gewöhnlich wird ja von -der neueren monistischen Philosophie die Empfindung selbst als -eine Form der Energie aufgefaßt; das geschieht sowohl von deren -materialistischer Richtung (»Stoff und Kraft« von =Büchner=), -als von der spiritualistischen, ihr entgegengesetzten Richtung -(»Energetik« als »Überwindung des Materialismus« von =Ostwald=). Die -Einseitigkeit beider Richtungen wird vermieden, und zugleich werden -manche irreführende Mißverständnisse beseitigt, wenn wir den bisher -vorherrschenden Begriff der »Energie« in zwei gleichwertige Attribute -zerlegen, in »aktive Energie« -- =Mechanik= (»Wille« im Sinne von -Schopenhauer) und in »passive Energie« -- =Psychoma= (»unbewußte -Empfindung« im weitesten Sinne). Ich habe diese Theorie von der -»=Dreieinigkeit der Substanz=« (oder »Trinität des Kosmos«) im 19. -Kapitel meiner »=Lebenswunder=« näher erläutert. (Ergänzungsband zu -den »Welträtseln«, 1904; -- Volksausgabe 1906, S. 184-188.) Dabei habe -ich mich besonders auf die gleichgerichteten Ansichten von mehreren -unserer hervorragendsten modernen Naturphilosophen bezogen, =Carl -Naegeli= (1877), =Albrecht Rau= (1896) und =Ernst Mach= (1901). Die -drei fundamentalen Attribute der Substanz: ~A~. =Raumerfüllung= oder -»Ausdehnung«, Stoff, (= =Materie=), ~B~. =Bewegung= oder »Mechanik«, -Kraft (= =Energie=), und ~C~. =Empfindung= oder »Weltseele«, Geist (= -=Psychom=) sind demnach ganz allgemeine Grundeigenschaften aller Körper. - -_Gesetz von der Erhaltung der Empfindung._ Wenn diese »Trinitärtheorie« -der Substanz richtig ist, dann muß auch das große Konstanzgesetz, -die Lehre von der »=Erhaltung=« der unzerstörbaren Substanz, ebenso -auf die Empfindung, wie auf »Stoff und Kraft« Anwendung finden. Die -niedersten und einfachsten Psychomformen (Massenanziehung in der -Physik, Wahlverwandtschaft in der Chemie) sind dann nur stufenweise -verschieden von den niederen und höheren Formen des organischen -Seelenlebens, von der Sinnestätigkeit der niederen Organismen, von der -Geistestätigkeit des Menschen (»Denken«). Jede Psychomform kann in die -andere übergeführt werden. =Die Summe der Empfindung im unendlichen -Weltraum ist unveränderlich.= - -_Der dualistische Substanzbegriff._ Die beiden Substanztheorien, die -wir vorstehend einander gegenübergestellt haben, sind im Prinzip -=monistisch=; beide betrachten »Stoff und Kraft« als untrennbar, -die ganze Welt als =einheitliche= Substanz. Ganz anders verhält es -sich mit den =dualistischen= Substanztheorien, welche noch heute -in der idealistischen und spiritualistischen Philosophie herrschend -sind; diese werden auch von der einflußreichen Theologie gestützt, -soweit sich dieselbe überhaupt auf solche metaphysische Spekulationen -einläßt. Hiernach sind zwei ganz verschiedene Hauptbestandteile der -Substanz zu unterscheiden, =materielle= und =immaterielle=. Die -=materielle Substanz= bildet die »=Körperwelt=«, deren Erforschung -Objekt der Physik und Chemie ist; hier allein gilt das Gesetz von -der Erhaltung der Materie und Energie (soweit man nicht überhaupt -an deren »Erschaffung aus Nichts« und andere Wunder glaubt!). Die -=immaterielle Substanz= hingegen bildet die »=Geisterwelt=«, in welcher -jenes Gesetz nicht gilt; hier gelten die Gesetze der Physik und Chemie -entweder gar nicht, oder sie sind der »Lebenskraft« unterworfen, oder -dem »freien Willen«, oder der »göttlichen Allmacht«, oder anderen -solchen Gespenstern, von denen die kritische Wissenschaft nichts -weiß. Eigentlich bedürfen diese prinzipiellen Irrtümer heute keiner -Widerlegung mehr; denn die Erfahrung hat uns bis auf den heutigen Tag -keine einzige =immaterielle Substanz= kennen gelehrt, keine einzige -Kraft, welche nicht an den Stoff gebunden ist. - -_Masse oder Körperstoff_ (=Ponderable Materie=). Die Erkenntnis dieses -=wägbaren= Teiles der Materie ist in erster Linie Gegenstand der -=Chemie=. Allbekannt sind die erstaunlichen theoretischen Fortschritte, -welche diese Wissenschaft im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts -gemacht hat, und der ungeheuere Einfluß, welchen sie auf alle Seiten -des praktischen Kulturlebens gewonnen hat. Wir begnügen uns daher mit -wenigen Bemerkungen über die wichtigsten prinzipiellen Fragen von der -Natur der Masse. Der analytischen Chemie ist es bekanntlich gelungen, -alle die unzähligen verschiedenen Naturkörper durch Zerlegung auf -eine geringe Anzahl von Urstoffen oder =Elementen= zurückzuführen, -d. h. auf einfache Körper, welche nicht weiter zerlegt werden können. -Die Zahl dieser Elemente beträgt ungefähr achtzig. Nur der kleinere -Teil derselben (eigentlich nur vierzehn) ist allgemein auf der Erde -verbreitet und von hoher Bedeutung; die größere Hälfte besteht aus -seltenen und weniger wichtigen Elementen (meistens Metallen). Die -=gruppenweise Verwandtschaft= dieser Elemente und die merkwürdigen -Beziehungen ihrer Atomgewichte, welche =Lothar Meyer= und =Mendelejeff= -in ihrem »=Periodischen System der Elemente=« nachgewiesen haben, -machen es sehr wahrscheinlich, daß dieselben keine =absoluten Spezies -der Masse=, keine ewig unveränderlichen Größen sind. Man hat nach -jenem System die 80 Elemente auf acht Hauptgruppen verteilt und -innerhalb derselben nach der Größe ihrer Atomgewichte geordnet, so -daß die chemisch ähnlichen Elemente Familienreihen bilden. Die -gruppenweisen Beziehungen im natürlichen System der Elemente erinnern -einerseits an ähnliche Verhältnisse der mannigfach zusammengesetzten -Kohlenstoff-Verbindungen, andererseits an die Beziehungen paralleler -Gruppen, wie sie im natürlichen System der Tier- und Pflanzenarten sich -zeigen. Wie nun bei diesen die »Verwandtschaft« der ähnlichen Gestalten -auf Abstammung von gemeinsamen einfachen Stammformen beruht, so ist es -sehr wahrscheinlich, daß auch dasselbe für die Familien und Ordnungen -der Elemente gilt. Wir dürfen daher annehmen, daß die jetzigen -»empirischen Elemente« keine wirklich einfachen und unveränderlichen -»=Spezies der Masse=« sind, sondern ursprünglich zusammengesetzt aus -gleichartigen einfachen Uratomen in verschiedener Zahl und Lagerung. -Neuerdings soll es tatsächlich gelungen sein, ein Element in ein -anderes zu verwandeln, so z. B. Radium in Helium. Der alte Traum der -Alchymisten scheint dadurch teilweise in Erfüllung zu gehen. - -_Atome und Elemente._ Die moderne =Atomlehre=, wie sie heute der -Chemie als unentbehrliches Hilfsmittel erscheint, ist wohl zu -unterscheiden von dem alten philosophischen =Atomismus=, wie er schon -vor mehr als zweitausend Jahren von hervorragenden monistischen -Philosophen des Altertums gelehrt wurde, von =Leukippos=, =Demokritos= -und =Lukretius=; später fand derselbe eine weitere und mannigfach -verschiedene Ausbildung durch =Descartes=, =Hobbes=, =Leibniz= und -andere hervorragende Philosophen. Eine bestimmte annehmbare Fassung -und =empirische Begründung= fand aber der =moderne Atomismus= erst -1808 durch den englischen Chemiker =Dalton=, welcher das »Gesetz der -einfachen und multiplen Proportionen« bei der Bildung chemischer -Verbindungen aufstellte. Er bestimmte zuerst die =Atomgewichte der -einzelnen Elemente= und schuf damit die unerschütterliche =exakte -Basis=, auf welcher die neueren chemischen Theorien ruhen; diese sind -sämtlich =atomistisch=, insofern sie die Elemente aus gleichartigen, -kleinsten, diskreten Teilchen zusammengesetzt annehmen, die nicht -weiter zerlegt werden können. Jedoch haben die gewaltigen Fortschritte -der neueren Physik (besonders der Elektrik) dazu geführt, die Atome -wieder in viel kleinere (hypothetische!) Bestandteile theoretisch zu -zerlegen, die =Elektronen= (Ionentheorie). Dabei bleibt die Frage nach -dem eigentlichen =Wesen= der Atome, ihrer Gestalt, Größe, Beseelung -usw. ganz außer Spiele; denn diese Qualitäten sind hypothetisch; -empirisch dagegen ist der =Chemismus= der Atome oder ihre »chemische -Affinität«, d. h. die konstante Proportion, in der sie sich mit den -Atomen anderer Elemente verbinden (Monismus, 1892, S. 17, 41). - -_Wahlverwandtschaft der Elemente._ Das verschiedene Verhalten der -einzelnen Elemente gegeneinander, das die Chemie als »Affinität oder -Verwandtschaft« bezeichnet, ist eine der wichtigsten Eigenschaften -der Masse und äußert sich in den verschiedenen Mengenverhältnissen -oder Proportionen, in denen ihre Verbindung stattfindet, und in der -Intensität, mit der dieselbe erfolgt. Alle Grade der Zuneigung, von -der vollkommenen Gleichgültigkeit bis zur heftigsten Leidenschaft, -finden sich in dem chemischen Verhalten der verschiedenen Elemente -gegeneinander ebenso wieder, wie sie in der Psychologie des Menschen -und namentlich in der Zuneigung der beiden Geschlechter die größte -Rolle spielen. =Goethe= hat bekanntlich in seinem klassischen Roman -»=Die Wahlverwandtschaften=« die Verhältnisse der Liebespaare in eine -Reihe gestellt mit der gleichnamigen Erscheinung bei Bildung chemischer -Verbindungen. Die unwiderstehliche Leidenschaft, welche Eduard zu der -sympathischen Ottilie, Paris zu Helena hinzieht und alle Hindernisse -der Vernunft und Moral überwindet, ist dieselbe mächtige »unbewußte« -Attraktionskraft, welche bei der Befruchtung der Tier- und Pflanzeneier -den lebendigen Samenfaden zum Eindringen in die Eizelle (aber auch -zur Apfelsäure!) antreibt; dieselbe heftige Bewegung, durch welche -zwei Atome Wasserstoff und ein Atom Sauerstoff sich zur Bildung von -einem Molekül Wasser vereinigen. Diese prinzipielle =Einheit der -Wahlverwandtschaft in der ganzen Natur=, vom einfachsten chemischen -Prozeß bis zu dem verwickeltsten Liebesroman hinauf, hat schon der -griechische Naturphilosoph =Empedokles= im fünften Jahrhundert v. Chr. -erkannt, in seiner Lehre vom »=Lieben und Hassen der Elemente=«. Sie -findet ihre empirische Bestätigung durch die interessanten Fortschritte -der =Zellularpsychologie=, deren hohe Bedeutung wir erst im letzten -Drittel des 19. Jahrhunderts gewürdigt haben. Wir gründen darauf -unsere Überzeugung, daß auch schon den =Atomen= die einfachste Form -der Empfindung und des Willens innewohnt -- oder besser gesagt: der -=Fühlung= (~Aesthesis~) und der =Strebung= (~Tropesis~) --, also -eine universale »=Seele=« von primitivster Art, das »Elementarpsychom«. -Dasselbe gilt aber auch von den Molekülen oder Massenteilchen, welche -aus zwei oder mehreren Atomen sich zusammensetzen. Aus der weiteren -Verbindung verschiedener solcher Moleküle entstehen dann die einfachen -und weiterhin die zusammengesetzten chemischen Verbindungen, in deren -Aktion sich dasselbe Spiel in verwickelterer Form wiederholt. - -_Äther_ (=Imponderable Materie=). Die Erkenntnis dieses =unwägbaren= -Teiles der Materie ist in erster Linie Gegenstand der =Physik=. -Nachdem man schon lange die Existenz eines äußerst feinen, den -Raum außerhalb der Masse erfüllenden Mediums angenommen und diesen -»Äther« zur Erklärung verschiedener Erscheinungen (vor allem des -=Lichtes=) verwendet hatte, ist uns die nähere Bekanntschaft mit -diesem wunderbaren Stoffe erst in der zweiten Hälfte des neunzehnten -Jahrhunderts gelungen, und zwar im Zusammenhang mit den erstaunlichen -empirischen Entdeckungen auf dem Gebiete der =Elektrizität=, mit ihrer -experimentellen Erkenntnis, ihrem theoretischen Verständnis und ihrer -praktischen Verwertung. Vor allem sind hier bahnbrechend geworden die -berühmten Untersuchungen von =Heinrich Hertz= in Bonn (1888); der -frühzeitige Tod dieses genialen jungen Physikers, der das Größte zu -erreichen versprach, ist nicht genug zu beklagen; er gehört ebenso wie -der allzu frühe Tod von =Spinoza=, von =Raffael=, von =Schubert= und -vielen anderen genialen Jünglingen zu jenen =brutalen Tatsachen= der -menschlichen Geschichte, welche für sich allein schon den unhaltbaren -Mythus von einer »weisen Vorsehung« und von einem »alliebenden Vater im -Himmel« gründlich widerlegen. - -_Die Existenz des Äthers_ oder »Weltäthers«, als realer »Materie«, kann -seit 1888 als =Tatsache= angesehen werden. Man kann allerdings auch -heute noch vielfach lesen, daß der Äther eine »bloße Hypothese« sei; -diese irrtümliche Behauptung wird nicht nur von unkundigen Philosophen -und populären Schriftstellern wiederholt, sondern auch von einzelnen -»vorsichtigen exakten Physikern«. Mit demselben Rechte müßte man aber -auch die Existenz der ponderablen Materie, der Masse, leugnen. Freilich -gibt es heute noch Metaphysiker, die auch dieses Kunststück zustande -bringen, und deren höchste Weisheit darin besteht, die Realität der -Außenwelt zu leugnen oder doch zu bezweifeln; nach ihnen existiert -eigentlich nur ein einziges reales Wesen, nämlich ihre eigene teure -Person, oder vielmehr deren unsterbliche Seele. - -_Wesen des Äthers._ Wenn nun auch heute von fast allen Physikern die -reale Existenz des Äthers als eine positive Tatsache betrachtet wird, -und wenn uns auch viele Wirkungen dieser wunderbaren Materie durch -unzählige Erfahrungen, besonders optisch und elektrische Versuche, -genau bekannt sind, so ist es doch bisher nicht gelungen, Klarheit und -Sicherheit über ihr eigentliches =Wesen= zu gewinnen. Vielmehr gehen -auch heute noch die Ansichten der hervorragendsten Physiker, die sie -speziell studiert haben, sehr weit auseinander; ja sie widersprechen -sich sogar in den wichtigsten Punkten. Es steht daher jedem frei, sich -bei der Wahl zwischen den widersprechenden Hypothesen seine eigene -Meinung zu bilden, entsprechend dem Grade seiner Sachkenntnis und -Urteilskraft (die ja beide immer unvollkommen bleiben!). Die Meinung, -die ich persönlich (als bloßer =Dilettant= auf diesem Gebiete!) mir -durch reifliches Nachdenken gebildet habe, fasse ich in folgenden acht -Sätzen zusammen: - -~I~. Der Äther erfüllt als eine =kontinuierliche Materie= den ganzen -Weltraum, soweit dieser nicht von der Masse (oder der ponderablen -Materie) eingenommen ist; er füllt auch alle Zwischenräume zwischen -den Atomen der letzteren vollständig aus. ~II~. Der Äther besitzt -wahrscheinlich noch =keinen Chemismus= und ist noch nicht aus Atomen -zusammengesetzt wie die Masse; (wenn man annimmt, derselbe sei -aus äußerst kleinen, gleichartigen Atomen zusammengesetzt [z. B. -unteilbaren Ätherkugeln von gleicher Größen], so muß man weiterhin auch -annehmen, daß zwischen denselben noch etwas anderes existiert, entweder -der »leere Raum« oder ein drittes, ganz unbekanntes Medium, ein -völlig hypothetischer »=Interäther=«; bei der Frage nach dessen Wesen -würde sich dann dieselbe Schwierigkeit, wie beim Äther erheben [~in -infinitum!~].)' ~III~. Da die Annahme des leeren Raumes und der -unvermittelten Fernwirkung beim jetzigen Stande unseres Naturkennens -kaum mehr möglich ist (wenigstens zu keiner klaren Vorstellung führt), -so nehme ich eine eigentümliche =Struktur des Äthers= an, die nicht -atomistisch ist, wie diejenige der ponderablen Masse, und die man -vorläufig (ohne weitere Bestimmung) als =ätherische= oder =dynamische= -Struktur bezeichnen kann. ~IV~. Der =Aggregatzustand= des Äthers ist, -dieser Hypothese zufolge, ebenfalls eigentümlich und von demjenigen -der Masse verschieden; er ist weder gasförmig, noch fest; die beste -Vorstellung gewinnt man vielleicht durch den Vergleich mit einer -äußerst feinen elastischen und leichten Gallerte. ~V~. Der Äther ist -=imponderable Materie= in dem Sinne, daß wir kein Mittel besitzen, sein -Gewicht experimentell zu bestimmen; wenn er wirklich Gewicht besitzt, -was sehr wahrscheinlich ist, so ist dasselbe äußerst gering und für -unsere feinsten Wagen unwägbar. ~VI~. Der ätherische Aggregatzustand -kann wahrscheinlich unter bestimmten Bedingungen durch fortschreitende -Verdichtung in den gasförmigen Zustand der Masse übergehen, ebenso wie -dieser letztere durch Abkühlung in den flüssigen und weiterhin in den -festen übergeht. ~VII~. Diese =Aggregatzustände der Materie= ordnen -sich demnach (was für die monistische =Kosmogenie= sehr wichtig ist) in -eine genetische, kontinuierliche Reihe; wir unterscheiden fünf Stufen -derselben: 1. der ätherische, 2. der gasförmige, 3. der flüssige, 4. -der festflüssige (im lebenden Plasma), 5. der feste Zustand. ~VIII~. -Der Äther ist ebenso unendlich und unermeßlich wie der Raum selbst; er -befindet sich ewig in ununterbrochener Bewegung. - -_Äther und Masse._ »Die gewaltige Hauptfrage nach dem Wesen des -Äthers«, wie sie =Hertz= mit Recht nennt, schließt auch diejenige -seiner Beziehungen zur Masse ein; denn beide Hauptbestandteile -der Materie befinden sich nicht nur überall in innigster äußerer -Berührung, sondern auch in ewiger dynamischer =Wechselwirkung=. Man -kann die allgemeinsten Naturerscheinungen, welche die Physik als -Naturkräfte oder als »Funktionen der Materie« unterscheidet, in -zwei Gruppen teilen, von denen die eine =vorzugsweise= (aber nicht -ausschließlich) Funktion des =Äthers=, die andere ebenso Funktion -der Masse ist. Die Erscheinungen des Lichtes, der strahlenden Wärme, -der Elektrizität und des Magnetismus werden überwiegend durch den -imponderablen Äther vermittelt; dagegen die Erscheinungen der Schwere, -der Trägheit, der Wasserwärme und des Chemismus durch die ponderable -=Masse=. Diese Unterscheidung bedeutet aber keine absolute Trennung -der beiden entgegengesetzten Energiegruppen; vielmehr bleiben beide -trotzdem vereinigt, behalten ihren Zusammenhang und stehen überall in -beständiger Wechselwirkung. Wie bekannt, sind optische und elektrische -Vorgänge des Äthers eng verknüpft mit mechanischen und chemischen -Veränderungen der Masse; die strahlende Wärme des ersteren geht direkt -über in die Massenwärme oder mechanische Wärme der letzteren; die -Gravitation kann nicht wirken, ohne daß der Äther die Massenanziehung -der getrennten Atome vermittelt, da wir keine Fernwirkung annehmen -können. Die Verwandlung einer Energieform in die andere, wie sie das -Gesetz von der Erhaltung der Kraft nachweist, bestätigt zugleich die -beständige Wechselwirkung zwischen den beiden Hauptteilen der Substanz, -zwischen =Äther= und =Masse=. - -_Kraft und Energie._ Das große Grundgesetz der Natur, welches wir -als Substanzgesetz an die Spitze aller physikalischen Betrachtungen -stellen, wurde ursprünglich von =Robert Mayer=, der es aufstellte -(1842), und von =Helmholtz=, der es ausführte (1847), als das Gesetz -von der =Erhaltung der Kraft= bezeichnet. Schon zehn Jahre früher -hatte ein anderer deutscher Naturforscher, =Friedrich Mohr= in Bonn, -die wesentlichen Grundgedanken desselben klar entwickelt (1837). -Später wurde der alte Begriff der =Kraft= durch die moderne Physik von -demjenigen der =Energie= getrennt, der ursprünglich gleichbedeutend -war. Demnach wird jetzt dasselbe Gesetz gewöhnlich als das »Gesetz -von der =Konstanz der Energie=« bezeichnet. Für die allgemeine -Betrachtung desselben, mit der ich mich hier begnügen muß, und für das -große Prinzip von der »Erhaltung der Substanz« kommt dieser feinere -Unterschied nicht in Betracht. Der Leser, der sich dafür interessiert, -findet eine sehr klare Auseinandersetzung darüber z. B. in dem -ausgezeichneten Aufsatz des englischen Physikers =Tyndall= über »das -Grundgesetz der Natur« (Braunschweig 1898). Dort ist auch eingehend die -universale Bedeutung dieses kosmologischen Grundgesetzes erläutert, -sowie seine Anwendung auf die wichtigsten Probleme sehr verschiedener -Gebiete. Wir begnügen uns hier mit der wichtigen Tatsache, daß -gegenwärtig das »Energieprinzip« und die damit verknüpfte Überzeugung -von der Einheit der Naturkräfte, von ihrem gemeinsamen Ursprung, durch -alle kompetenten Physiker anerkannt und als der wichtigste Fortschritt -der Physik im 19. Jahrhundert gewürdigt wird. Wir wissen jetzt, daß -Wärme ebensogut eine Form der =Bewegung= ist, wie Schall, Elektrizität -ebenso wie Licht, Chemismus ebenso wie Magnetismus. Wir können durch -geeignete Vorrichtungen eine dieser Kräfte in die andere verwandeln, -und überzeugen uns dabei durch genaueste Messung, daß von ihrer -Gesamtsumme niemals das kleinste Teilchen verloren geht. - -_Spannkraft und Triebkraft_ (=potentielle und aktuelle Energie=). -Die Gesamtsumme der Kraft oder Energie im Weltall bleibt beständig, -gleichviel, welche Veränderungen uns erscheinen; sie ist ewig und -unendlich, wie die Materie, an die sie untrennbar gebunden ist. Das -ganze Spiel der Natur beruht auf dem Wechsel von scheinbarer Ruhe und -Bewegung; die ruhenden Körper besitzen aber ebenso eine unverlierbare -Größe von Kraft, wie die bewegten. Bei der Bewegung selbst verwandelt -sich die Spannkraft der ersteren in die Triebkraft der letzteren. -»Indem das Prinzip der Erhaltung der Kraft sowohl die Abstoßung als -die Anziehung in Betracht zieht, behauptet es, daß der mechanische -Wert der Spannkräfte und der lebendigen Kräfte in der materiellen Welt -eine konstante Quantität ist. Kurz gesagt, zerfällt der Kraftbesitz -des Universums in zwei Teile, die nach einem bestimmten Wertverhältnis -ineinander verwandelt werden können. Die Verminderung des einen bringt -die Vergrößerung des anderen mit sich; der Gesamtwert seines Besitzes -bleibt jedoch unverändert.« =Die Spannkraft= oder die =potentielle -Energie= und die =lebendige Kraft= oder die aktuelle Energie (= -Triebkraft) werden beständig ineinander umgewandelt, ohne daß die -unendliche Gesamtsumme der Kraft im unendlichen Weltall jemals den -geringsten Verlust erleidet. - -_Einheit der Naturkräfte._ Nachdem die moderne Physik das -Substanzgesetz zunächst für die einfacheren Beziehungen der -anorganischen Körper festgestellt hatte, wies die Physiologie dessen -allgemeine Geltung auch im Gesamtbereiche der organischen Natur -nach. Sie zeigte, daß alle Lebenstätigkeiten der Organismen ebenso -auf einem beständigen »=Kraftwechsel=« und einem damit verknüpften -»Stoffwechsel« beruhen wie die einfachsten Vorgänge in der sogenannten -»leblosen Natur«. Nicht nur das Wachstum und die Ernährung der -Pflanzen und Tiere, sondern auch die Funktionen ihrer Empfindung und -Bewegung, ihrer Sinnestätigkeit und ihres Seelenlebens beruhen auf der -Verwandlung von Spannkraft in lebendige Kraft und umgekehrt. Dieses -höchste Gesetz beherrscht auch diejenigen vollkommensten Leistungen -des Nervensystems, welche man bei den höheren Tieren und beim Menschen -als das »=Geistesleben=« bezeichnet. Somit gilt dasselbe auch für die -gesamte Psychologie. Wir kennen nur =einerlei Art= von Naturkräften in -allen Naturerscheinungen. - -_Allmacht des Substanzgesetzes._ Unsere feste monistische Überzeugung, -daß das kosmologische Grundgesetz allgemeine Geltung für die =gesamte -Natur= besitzt, nimmt die höchste Bedeutung in Anspruch. Denn dadurch -wird nicht nur =positiv= die prinzipielle Einheit des Kosmos und der -kausale Zusammenhang aller uns erkennbaren Erscheinungen bewiesen, -sondern es wird dadurch zugleich =negativ= der höchste intellektuelle -Fortschritt erzielt, der definitive Sturz der =drei Zentraldogmen -der Metaphysik=: »Gott, Freiheit und Unsterblichkeit«. Indem das -Substanzgesetz überall mechanische Ursachen in den Erscheinungen -nachweist, verknüpft es sich mit dem »=allgemeinen Kausalgesetz=«. - - - - -=Dreizehntes Kapitel.= - -_Entwickelungsgeschichte der Welt._ - - Monistische Studien über die ewige Entwickelung des Universum. - Schöpfung, Anfang und Ende der Welt. Entropie. - - -Unter allen Welträtseln das größte, umfassendste und schwerste ist -dasjenige von der Entstehung und Entwickelung der Welt, kurz gewöhnlich -die »=Schöpfungsfrage=« genannt. Auch zur Lösung dieses schwierigsten -Welträtsels hat das 19. Jahrhundert mehr beigetragen als alle früheren, -ja sie ist ihm sogar bis zu einem gewissen Grade gelungen. Wenigstens -sind wir zu der klaren Einsicht gelangt, daß alle verschiedenen -einzelnen Schöpfungsfragen untrennbar verknüpft sind, daß sie alle -nur ein einziges, allumfassendes »=kosmisches Universalproblem=« -bilden, und den Schlüssel zur Lösung dieser »Weltfrage« gibt uns -das eine Zauberwort: »=Entwickelung=«! Die großen Fragen von der -Schöpfung des Menschen, von der Schöpfung der Tiere und Pflanzen, von -der Schöpfung der Erde und der Sonne usw., sie alle sind nur Teile -jener Universalfrage: Wie ist die ganze Welt entstanden? Ist sie auf -übernatürlichem Wege »=erschaffen=«, oder hat sie sich auf natürlichem -Wege »=entwickelt=«? Welcher Art sind die Ursachen und die Wege dieser -Entwickelung? Gelingt es uns, eine sichere Antwort auf diese Fragen -für eines jener =Teil=-Probleme zu finden, so haben wir nach unserer -einheitlichen Naturauffassung damit zugleich ein erhellendes Licht auf -deren Beantwortung für das =ganze= Weltproblem geworfen. - -_Schöpfung (~Creatio~)._ Die herrschende Ansicht über die Entstehung -der Welt war in früheren Jahrhunderten fast überall, wo denkende -Menschen wohnten, der =Glaube an die Schöpfung=. In Tausenden von -interessanten, mehr oder weniger fabelhaften Sagen und Dichtungen, -=Kosmogonien= und =Schöpfungsmythen= hat dieser Schöpfungsglaube seinen -mannigfaltigen Ausdruck gefunden. Frei davon blieben nur wenige große -Philosophen und besonders jene bewunderungswürdigen freien Denker -des klassischen Altertums, die zuerst den Gedanken der natürlichen -=Entwickelung= erfaßten. Im Gegensatz zu diesem letzteren trugen alle -jene Schöpfungsmythen den Charakter des =Übernatürlichen=, Wunderbaren -oder Transzendenten. Unfähig, das Wesen der Welt selbst zu erkennen -und ihre Entstehung durch natürliche Ursachen zu erklären, mußte -die unentwickelte Vernunft selbstverständlich zum =Wunder= greifen. -In den meisten Schöpfungssagen verknüpfte sich mit dem Wunder die -Vermenschlichung (der =Anthropismus=). Wie der Mensch mit Absicht -und durch Kunst seine Werke schafft, so sollte der bildende »Gott« -planmäßig die Welt erschaffen haben; die Vorstellung dieses Schöpfers -war meistens ganz menschenähnlich (anthropomorph). Der »allmächtige -Schöpfer Himmels und der Erden«, wie er im ersten Buch Moses und in -unserem heute noch gültigen Katechismus schafft, ist ebenso ganz -menschlich gedacht wie der moderne Schöpfer von =Agassiz= und =Reinke=. - -_Schöpfung des Weltalls und der Einzeldinge_ (=Kreation der Substanz -und der Akzidenzen=). Bei tieferem Eingehen in den Wunderbegriff der -=Kreation= können wir als zwei wesentlich verschiedene Akte die totale -Schöpfung des Weltalls und die partielle Schöpfung der einzelnen -Dinge unterscheiden, entsprechend dem Begriffe =Spinozas= von der -=Substanz= (dem ~Universum~) und den =Akzidenzen= (oder ~Modi~, -den einzelnen »Erscheinungsformen der Substanz«). Diese Unterscheidung -ist prinzipiell wichtig; denn es hat viele und angesehene Philosophen -gegeben (und es gibt noch heute solche), welche die erstere annehmen, -die letztere dagegen verwerfen. - -_Schöpfung der Substanz_ (=Kosmologischer Kreatismus=). Nach dieser -Schöpfungslehre hat »Gott die Welt aus dem Nichts geschaffen«. -Man stellt sich vor, daß der »ewige Gott« (als vernünftiges, aber -immaterielles Wesen!) für sich allein von Ewigkeit her (im leeren -Raum) ohne Welt existierte, bis er dann einmal auf den Gedanken kam, -»die Welt zu schaffen«. Viele Anhänger dieses Glaubens beschränken -die Schöpfungstätigkeit Gottes aufs Äußerste, auf einen einzigen Akt; -sie nehmen an, daß der außerweltliche Gott (dessen übrige Tätigkeit -rätselhaft bleibt!) in einem Augenblick die Substanz erschaffen, ihr -die Fähigkeit zur weitergehenden Entwickelung beigelegt und sich dann -nie weiter um sie bekümmert habe. Diese weit verbreitete Ansicht ist -namentlich im englischen =Deismus= vielfach ausgebildet worden; sie -nähert sich unserer monistischen Entwickelungslehre und gibt sie nur -in dem einen Momente preis, in welchem Gott auf den Schöpfungsgedanken -kam. Andere Anhänger des kosmologischen Kreatismus nehmen dagegen -an, daß »Gott der Herr« die Substanz nicht nur einmal erschaffen -habe, sondern als bewußter »Erhalter und Regierer der Welt« in deren -Geschichte fortwirke. Viele Variationen dieses Glaubens nähern sich -bald dem =Pantheismus=, bald dem konsequenten =Theismus=. Alle diese -und ähnliche Formen des Schöpfungsglaubens sind unvereinbar mit dem -Gesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffs; dieses kennt keinen -»Anfang der Welt«. - -_Schöpfung der Einzeldinge_ (=Ontologischer Kreatismus=). Nach dieser -individuellen, noch jetzt herrschenden Schöpfungslehre hat Gott -der Herr nicht nur die Welt im Ganzen (»aus Nichts«) geschaffen, -sondern auch alle einzelnen Dinge. In der christlichen Kulturwelt -besitzt noch heute die uralte semitische, aus dem ersten Buch Moses -herübergenommene Schöpfungssage die weiteste Geltung; selbst unter -den modernen Naturforschern findet sie noch hier und da gläubige -Anhänger. Ich habe meine kritische Auffassung derselben im ersten -Kapitel meiner »Natürlichen Schöpfungsgeschichte« eingehend dargelegt. -Als interessante Modifikationen dieses ontologischen Kreatismus -dürften folgende Theorien zu unterscheiden sein: ~I~. =Dualistische -Kreation=: Gott hat sich auf =zwei Schöpfungsakte= beschränkt; zuerst -schuf er die anorganische Welt, die tote Substanz, für die allein -das Gesetz der Energie gilt, blind und ziellos wirkend im Mechanismus -der Weltkörper und der Gebirgsbildung; später erwarb Gott Intelligenz -und teilte diese den Dominanten mit, den zielstrebigen, intelligenten -Kräften, welche die Entwickelung der Organismen bewirken und leiten -(Reinke). ~II~. =Trialistische Kreation=: Gott hat die Welt in -=drei Hauptakten= geschaffen: ~A~. Schöpfung des Himmels (d. h. der -außerirdischen Welt); ~B~. Schöpfung der Erde (als Mittelpunkt der -Welt) und ihrer Organismen; ~C~. Schöpfung des Menschen (als Ebenbild -Gottes): dieses Dogma ist noch heute weit verbreitet unter christlichen -Theologen und anderen »Gebildeten«; es wird in vielen Schulen als -Wahrheit gelehrt. ~III~. =Hexamerale Kreation=: die Schöpfung in -sechs Tagen (nach =Moses=). Obgleich nur wenige Gebildete heute noch -wirklich an diesen mosaischen Mythus glauben, wird er dennoch unseren -Kindern schon in der frühesten Jugend mit dem Bibelunterricht fest -eingeprägt. Die vielfachen, namentlich in England gemachten Versuche, -denselben mit der modernen Entwickelungslehre in Einklang zu bringen, -sind völlig fehlgeschlagen. Für die Naturwissenschaft gewann derselbe -dadurch große Bedeutung, daß =Linné= bei Begründung seines Natursystems -(1735) ihn annahm und zur Begriffsbestimmung der organischen (von -ihm für beständig gehaltenen) =Spezies= benutzte: »Es gibt so viele -verschiedene Arten von Tieren und Pflanzen, als im Anfang verschiedene -Formen von dem unendlichen Wesen erschaffen worden sind.« Dieses Dogma -wurde ziemlich allgemein bis auf =Darwin= (1859) festgehalten, obgleich -=Lamarck= schon 1809 seine Unhaltbarkeit dargelegt hatte. ~IV~. -=Periodische Kreation=: im Anfang jeder Periode der Erdgeschichte -wurde die ganze Tier- und Pflanzenbevölkerung neu geschaffen und am -Ende derselben durch eine allgemeine Katastrophe vernichtet; es gibt -so viele General-Schöpfungsakte, als getrennte geologische Perioden -aufeinander folgten (die Katastrophentheorie von =Cuvier=, 1818, -und von =Louis Agassiz=, 1858). Die Paläontologie, welche in ihren -unvollkommenen Anfängen diese Lehre von den wiederholten Neuschöpfungen -der organischen Welt zu stützen schien, hat dieselbe später vollständig -widerlegt. ~V~. =Individuelle Kreation=: jeder einzelne Mensch -- -ebenso wie jedes einzelne Tier und jedes Pflanzenindividuum -- ist -nicht durch einen natürlichen Fortpflanzungsakt entstanden, sondern -durch die Gnade Gottes geschaffen (»der alle Dinge kennt und die -Haare auf unserem Haupte gezählt hat«). Man liest diese christliche -Schöpfungsansicht noch heute oft in den Zeitungen, besonders bei -Geburtsanzeigen (»Gestern schenkte uns der gnädige Gott einen gesunden -Knaben« usw.). Auch die individuellen Talente und Vorzüge unserer -Kinder werden oft als »besondere Gaben Gottes« dankbar anerkannt (die -erblichen Fehler gewöhnlich nicht!). - -_Entwickelung (~Genesis~, ~Evolutio~)._ Die Unhaltbarkeit der -Schöpfungssagen und des damit verknüpften Wunderglaubens mußte sich -schon frühzeitig denkenden Menschen aufdrängen; wir finden daher -schon vor mehr als zweitausend Jahren zahlreiche Versuche, dieselben -durch eine vernünftige Theorie zu ersetzen und die Entstehung der -Welt mittels natürlicher Ursachen zu erklären. Allen voran stehen -hierin wieder die großen Denker der ionischen Naturphilosophie, -ferner Demokritos, Heraklitos, Empedokles, Aristoteles, Lukretius -und andere Philosophen des Altertums. Die ersten unvollkommenen -Versuche, welche sie unternahmen, überraschen uns zum Teil durch -strahlende Lichtblicke des Geistes, die als Vorläufer moderner Ideen -erscheinen. Indessen fehlte dem klassischen Altertum jener sichere -Boden der naturphilosophischen Spekulation, der erst durch unzählige -Beobachtungen und Versuche der Neuzeit gewonnen wurde. Während des -Mittelalters -- und besonders während der Gewaltherrschaft des -Papismus -- ruhte die wissenschaftliche Forschung auf diesem Gebiete -ganz. Die Tortur und die Scheiterhaufen der Inquisition sorgten -dafür, daß der unbedingte Glaube an die hebräische Mythologie des -Moses als definitive Antwort auf alle Schöpfungsfragen galt. Selbst -diejenigen Erscheinungen, die unmittelbar zur Beobachtung der -Entwickelungs-=Tatsachen= aufforderten, die Keimesgeschichte der -Tiere und Pflanzen, die Embryologie des Menschen, blieben unbeachtet -oder erregten nur hie und da das Interesse einzelner wißbegieriger -Beobachter; aber ihre Entdeckungen wurden ignoriert und vergessen. -Außerdem wurde der wahren Erkenntnis der natürlichen Entwickelung -ihr Weg von vornherein durch die herrschende =Präformationslehre= -versperrt, durch das Dogma, daß die charakteristische Form und Struktur -jeder Tier- und Pflanzenart schon im Keime vorgebildet sei (vergl. -S. 33). - -_Entwickelungslehre_ (=Evolutismus=, =Evolutionismus=). Die -Wissenschaft, die wir heute Entwickelungslehre (im weitesten Sinne) -nennen, ist sowohl im ganzen als in ihren einzelnen Teilen ein Kind des -19. Jahrhunderts; sie gehört zu seinen wichtigsten und glänzendsten -Erzeugnissen. Tatsächlich ist dieser Begriff, der noch im 18. -Jahrhundert fast unbekannt war, heute bereits ein fester Grundstein -unserer ganzen Weltanschauung geworden. Ich habe die Grundzüge -derselben in früheren Schriften ausführlich behandelt, am eingehendsten -in der »Generellen Morphologie« (1866), sodann mehr populär in der -»Natürlichen Schöpfungsgeschichte« (1868, elfte Auflage 1908) und mit -besonderer Beziehung auf den Menschen in der »Anthropogenie« (1874, -fünfte Auflage 1903). Ich beschränke mich daher hier auf eine kurze -Übersicht der wichtigsten Fortschritte, welche die Entwickelungslehre -im Laufe des 19. Jahrhunderts gemacht hat; sie zerfällt nach ihren -Objekten in vier Hauptteile: die natürliche Entstehung 1. des Kosmos, -2. der Erde, 3. der irdischen Organismen und 4. des Menschen. - -~I~. _Monistische Kosmogenie._ Den ersten »Versuch«, die -Verfassung und den mechanischen Ursprung des ganzen Weltgebäudes -nach »=Newton=schen Grundsätzen« -- d. h. durch mathematische und -physikalische Gesetze -- in einfachster Weise zu erklären, unternahm -=Immanuel Kant= in seinem berühmten Jugendwerke, der »Allgemeinen -Naturgeschichte und Theorie des Himmels« (1755). Leider blieb dieses -großartige und kühne Werk 90 Jahre hindurch fast unbekannt; es wurde -erst 1845 durch =Alexander von Humboldt= wieder hervorgezogen, -im ersten Bande seines »Kosmos«. Inzwischen war aber der große -französische Mathematiker =Pierre Laplace= selbständig auf ähnliche -Theorien wie =Kant= gekommen und führte sie mit mathematischer -Begründung weiter aus in seiner »~Exposition du système du monde~« -(1796). Sein Hauptwerk »~Mécanique céleste~« erschien im Jahre -1799. Die übereinstimmenden Grundzüge der Kosmogenie von =Kant= -und =Laplace= beruhen bekanntlich auf einer mechanischen Erklärung -der Planetenbewegungen und der daraus abgeleiteten Annahme, daß -alle Weltkörper ursprünglich aus rotierenden Nebelbällen durch -Verdichtung entstanden sind. Diese »=Nebularhypothese=« ist zwar später -vielfach verbessert und ergänzt worden, sie gilt aber noch heute -als der beste von allen Versuchen, die Entstehung des Weltgebäudes -einheitlich und mechanisch zu erklären (vergl. =Wilhelm Bölsche=, -Entwickelungsgeschichte der Natur. ~I~. Bd. 1894). In späterer Zeit -hat sie eine bedeutungsvolle Ergänzung und zugleich Verstärkung -durch die Annahme gewonnen, daß dieser =kosmogonische Prozeß= nicht -nur einmal stattgefunden, sondern sich periodisch wiederholt hat. -Während in gewissen Teilen des unendlichen Weltraums aus rotierenden -Nebelbällen neue Weltkörper entstehen und sich entwickeln, werden in -anderen Teilen desselben umgekehrt alte, erkaltete und abgestorbene -Weltkörper durch Zusammenstoß wieder zerstäubt und in diffuse -Nebelmassen aufgelöst. - -_Anfang und Ende der Welt._ Fast alle älteren und neueren Kosmogenien -und so auch die meisten, die sich an =Kant= und =Laplace= anschlossen, -gingen von der herrschenden Ansicht aus, daß die Welt einen =Anfang= -gehabt habe. So hätte sich »im Anfang« nach einer vielverbreiteten -Form der »Nebularhypothese« ursprünglich ein ungeheurer Nebelball -aus äußerst dünner und leichter Materie gebildet, und in einem -bestimmten Zeitpunkte (»vor undenklich langer Zeit«) habe in diesem -eine Rotationsbewegung angefangen. Ist der »erste Anfang« dieser -kosmogenen Bewegung erst einmal gegeben, so lassen sich dann nach -jenen mechanischen Prinzipien die weiteren Vorgänge in der Bildung der -Weltkörper, der Sonderung der Planetensysteme usw. sicher ableiten -und mathematisch begründen. Dieser erste »=Ursprung der Bewegung=« -ist das zweite »Welträtsel« von =Du Bois-Reymond=; er erklärt es für -=transzendent=. Auch viele andere Naturforscher und Philosophen kommen -um diese Schwierigkeit nicht herum und resignieren mit dem Geständnis, -daß man hier einen ersten »übernatürlichen Anstoß«, also ein »Wunder«, -annehmen müsse. - -Nach unserer Ansicht wird dieses »zweite Welträtsel« durch die Annahme -gelöst, daß die =Bewegung= ebenso eine immanente und =ursprüngliche= -Eigenschaft der Substanz ist wie die =Empfindung= (Kap. 12). Die -Berechtigung zu dieser monistischen Annahme finden wir erstens im -Substanzgesetz und zweitens in den großen Fortschritten, welche die -Astronomie und Physik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts -gemacht haben. Durch die =Spektralanalyse= von =Bunsen= und =Kirchhoff= -(1860) haben wir nicht nur erfahren, daß die Millionen Weltkörper, -welche den unendlichen Weltraum erfüllen, aus denselben Materien -bestehen wie unsere Sonne und Erde, sondern auch, daß sie sich in -verschiedenen Zuständen der Entwickelung befinden; wir haben sogar -mit ihrer Hilfe Kenntnisse über die Bewegungen und Entfernungen der -Fixsterne gewonnen, welche durch das Fernrohr allein nicht erkannt -werden konnten. Ferner ist das =Teleskop= selbst sehr bedeutend -verbessert worden und hat uns mit Hilfe der =Photographie= eine Fülle -von astronomischen Entdeckungen geschenkt, welche im Beginne des 19. -Jahrhunderts noch nicht geahnt werden konnten. Insbesondere hat die -bessere Kenntnis der Kometen und Sternschnuppen, der Sternhaufen und -Nebelflecke, uns die große Bedeutung der kleinen Weltkörper kennen -gelehrt, welche zu Milliarden zwischen den größeren Sternen im Weltraum -verteilt sind. - -Wir wissen jetzt auch, daß die =Bahnen= der Millionen von Weltkörpern -=veränderlich= und zum Teil unregelmäßig sind, während man früher die -Planetensysteme als beständig betrachtete und die rotierenden Bälle -in ewiger Gleichmäßigkeit ihre Kreise beschreiben ließ. Wichtige -Aufschlüsse verdankt die Astrophysik auch den gewaltigen Fortschritten -in anderen Gebieten der Physik, vor allem in der Optik und Elektrik, -sowie in der dadurch geförderten Äthertheorie. Endlich erweist sich -auch hier wieder als größter Fortschritt unserer Naturerkenntnis das -=universale Substanzgesetz=. Wir wissen jetzt, daß es ebenso überall -in den fernsten Welträumen unbedingte Geltung hat wie in unserem -Planetensystem, ebenso in dem kleinsten Teilchen unserer Erde wie in -der kleinsten Zelle unseres menschlichen Körpers. Wir sind aber auch -zu der wichtigen Annahme berechtigt und logisch gezwungen, daß die -Erhaltung der Materie und der Energie zu allen Zeiten ebenso allgemein -bestanden hat, wie sie heute ohne Ausnahme besteht. =In alle Ewigkeit -war, ist und bleibt das unendliche Universum dem Substanzgesetz -unterworfen.= - -Aus diesen gewaltigen Fortschritten der Astronomie und Physik, die -sich gegenseitig erläutern und ergänzen, ergibt sich eine Reihe von -überaus wichtigen Schlüssen über die Zusammensetzung und Entwickelung -des Kosmos, über die Beharrung und Umbildung der Substanz. Wir -fassen dieselben kurz in folgenden Thesen zusammen: ~I~. Der -=Weltraum= ist unendlich groß und unbegrenzt; er ist nirgends leer, -sondern allenthalben mit Substanz erfüllt. ~II~. Die =Weltzeit= -ist ebenfalls unendlich und unbegrenzt; sie hat keinen Anfang und -kein Ende, sie ist Ewigkeit. ~III~. Die =Substanz= befindet sich -überall und jeder Zeit in ununterbrochener Bewegung und Veränderung; -nirgends herrscht vollkommene Ruhe und Starre; dabei bleibt aber die -unendliche Quantität der Materie ebenso unverändert wie diejenige -der ewig wechselnden Energie. ~IV~. Die Universalbewegung der -Substanz im Weltraum ist ein ewiger Kreislauf mit =periodisch= sich -wiederholenden Entwickelungszuständen. ~V~. Diese Phasen bestehen in -einem periodischen Wechsel der Temperatur und der dadurch bedingten -Dichtigkeitsverhältnisse (=Aggregatzustände=). ~VI~. Während in einem -Teile des Weltraums durch fortschreitende Verdichtung neue Weltkörper -entstehen, erfolgt gleichzeitig in anderen Teilen der entgegengesetzte -Prozeß, die Zerstörung von Weltkörpern, die aufeinander stoßen. -~VII~. Die ungeheuren Wärmequantitäten, welche durch diese -mechanischen Prozesse bei den Zusammenstößen der rotierenden Weltkörper -erzeugt werden, stellen die neuen lebendigen Kräfte dar, welche -die Bewegung der dabei gebildeten kosmischen Staubmassen und die -=Neubildung= rotierender Bälle bewirken: das ewige Spiel beginnt wieder -von neuem. Auch unsere Mutter Erde, die vor Millionen von Jahrtausenden -aus einem Teile des rotierenden Sonnensystems entstanden ist, wird nach -Verfluß weiterer Millionen erstarren und, nachdem ihre Bahn immer -kleiner geworden, in die Sonne stürzen. - -Besonders wichtig für die klare Einsicht in den universalen -kosmischen Entwickelunsprozeß sind diese modernen Vorstellungen über -periodisch wechselnden Untergang und Neubildung der Weltkörper. -Unsere Mutter »=Erde=« schrumpft dabei auf den Wert eines winzigen -»Sonnenstäubchens« zusammen, wie deren ungezählte Millionen im -unendlichen Weltenraum umherjagen. Unser eigenes »=Menschenwesen=«, -welches in seinem anthropistischen Größenwahn sich als »Ebenbild -Gottes« verherrlicht, sinkt zur Bedeutung eines plazentalen -Säugetieres hinab, welches nicht mehr Wert für das ganze Universum -besitzt als die Ameise und die Eintagsfliege, als das mikroskopische -Infusorium und der winzigste Bazillus. Auch wir Menschen sind nur -vorübergehende Entwickelungszustände der ewigen Substanz, individuelle -Erscheinungsformen der Materie und Energie, deren Nichtigkeit wir -begreifen, wenn wir sie dem unendlichen Raum und der ewigen Zeit -gegenüberstellen. - -_Raum und Zeit._ Seitdem =Kant= die Begriffe von Raum und Zeit als -bloße »Formen der Anschauung« erklärt hat -- den Raum als Form der -äußeren, die Zeit als Form der inneren Anschauung -- hat sich über -diese wichtigen Probleme der Erkenntnis ein Streit erhoben, der -auch heute noch fortdauert. Bei einem großen Teile der modernen -Metaphysiker hat sich die Ansicht befestigt, daß dieser »kritischen -Tat« als Ausgangspunkt einer »rein idealistischen Erkenntnistheorie« -die größte Bedeutung beizulegen sei, und daß damit die natürliche -Ansicht des gesunden Menschenverstandes von der =Realität des Raumes -und der Zeit= widerlegt sei. Diese einseitige Auffassung jener beiden -Grundbegriffe ist die Quelle der größten Irrtümer geworden; sie -übersieht, daß =Kant= mit jenem Satze nur die eine Seite des Problems, -die =subjektive=, streifte, daneben aber die andere, die =objektive=, -als gleichberechtigt anerkannte; er sagte: »Raum und Zeit haben -=empirische Realität=, aber =transzendentale Idealität=.« Mit diesem -Satze =Kants= kann sich unser moderner Monismus wohl einverstanden -erklären, nicht aber mit jener einseitigen Geltendmachung der -subjektiven Seite des Problems; denn diese führt in ihrer Konsequenz zu -jenem absurden Idealismus, der in =Berkeleys= Satze gipfelt: »Körper -sind nur Vorstellungen, ihr Dasein besteht im Wahrgenommenwerden«. -Dieser Satz sollte heißen: »Körper sind für mein persönliches -Bewußtsein nur Vorstellungen; ihr Dasein ist ebenso real wie dasjenige -meiner Denkorgane, nämlich der Ganglienzellen des Großhirns, welche -die Eindrücke der Körper auf meine Sinnesorgane aufnehmen und durch -Assozion derselben jene Vorstellung bilden.« Ebenso gut, wie ich die -»Realität von Raum und Zeit« bezweifle, oder gar leugne, kann ich -auch diejenige meines eigenen Bewußtseins leugnen; im Fieberdelirium, -in Halluzinationen, im Traum, im Doppelbewußtsein halte ich -Vorstellungen für wahr, welche nicht real, sondern »Einbildungen« -sind; ich halte sogar meine eigene Person für eine andere (S. 111); -das berühmte »~Cogito ergo sum~« gilt hier nicht mehr. Dagegen ist -die =Realität von Raum und Zeit= jetzt endgültig bewiesen durch die -Erweiterung unserer Weltanschauung, welche wir dem Substanzgesetz und -der monistischen Kosmogenie verdanken. Nachdem wir die unhaltbare -Vorstellung vom »leeren Raum« glücklich abgestreift haben, bleibt uns -als das unendliche, »=raumerfüllende= Medium« die =Materie=, und zwar -in ihren beiden Formen: =Äther= und =Masse=. Und ebenso betrachten wir -auf der anderen Seite als das »=zeiterfüllende= Geschehen« die ewige -Bewegung oder genetische =Energie=, welche sich in der ununterbrochenen -=Entwickelung= der Substanz äußert. - -_~Universum perpetuum mobile~._ Da jeder bewegte Körper seine -Bewegung so lange fortsetzt, als ihn nicht äußere Umstände daran -hindern, kam der Mensch schon vor Jahrtausenden auf den Gedanken, -Apparate zu bauen, die sich, einmal in Bewegung gesetzt, immerfort -in derselben Weise weiter bewegen. Man übersah dabei, daß jede -Bewegung auf äußere Hindernisse stößt und allmählich aufhört, wenn -nicht ein neuer Anstoß von außen erfolgt, wenn nicht eine neue Kraft -zugeführt wird, die jene Hindernisse überwindet. So würde z. B. ein -schwingendes Pendel in Ewigkeit mit derselben Geschwindigkeit sich -hin und her bewegen, wenn nicht der Widerstand der Luft und die -Reibung im Aufhängungspunkte die mechanische lebendige Kraft seiner -Bewegung allmählich aufhöben und in Wärme verwandelten. Wir müssen ihm -durch einen neuen Anstoß (oder bei der Pendeluhr durch Aufziehen des -Gewichtes) neue mechanische Kraft zuführen. Daher ist die Konstruktion -einer Maschine, welche ohne äußere Hilfe einen Arbeitsüberschuß -erzeugt, durch den sie sich selbst immerfort im Gang erhält, unmöglich. -Alle Versuche, ein solches ~Perpetuum mobile~ zu bauen, mußten -fehlschlagen; die Erkenntnis des Substanzgesetzes bewies sodann auch -theoretisch die Unmöglichkeit desselben. - -Anders verhält es sich aber, wenn wir den =Kosmos= als Ganzes ins Auge -fassen, das unendliche Weltall, welches nach unserer Anschauung in -ewiger Bewegung begriffen ist. Damit ist aber zugleich gesagt, daß das -ganze =Universum= selbst ein allumfassendes ~Perpetuum mobile~ ist. -Diese unendliche und ewige »Maschine des Weltalls« erhält sich selbst -in ewiger und ununterbrochener Bewegung, wobei die unendlich große -=Summe= der aktuellen und potentiellen Energie ewig dieselbe bleibt. -Nach unserer Auffassung ist also die Vorstellung des ~Perpetuum -mobile~ für den =ganzen= Kosmos ebenso wahr und fundamental bedeutend -wie sie für die isolierte Aktion eines =Teiles= desselben unmöglich -ist. Damit werden auch die Schlußfolgerungen abgelehnt, die aus der -Lehre von der =Entropie= gezogen worden sind. - -_Entropie des Weltalls._ Der scharfsinnige Begründer der =mechanischen -Wärmetheorie= (1850), =Clausius=, faßte den wichtigsten Inhalt dieser -bedeutungsvollen Lehre in zwei Hauptsätzen zusammen. Der erste -Hauptsatz lautet: »=Die Energie des Weltalls ist konstant=«; er bildet -die eine Hälfte unseres Substanzgesetzes, das »Energieprinzip« (S. -28). Der zweite Hauptsatz behauptet: »=Die Entropie des Weltalls -strebt einem Maximum zu.=« Nach der Ansicht von =Clausius= zerfällt -die Gesamtenergie des Weltalls in zwei Teile, von denen der eine -(als Wärme von höherer Temperatur, als mechanische, elektrische, -chemische Energie usw.) noch teilweise in Arbeit umsetzbar ist, -der andere dagegen nicht; diese letztere, die bereits in Wärme -verwandelte und in kälteren Körpern angesammelte Energie, ist für -weitere Arbeitsleistung unwiederbringlich verloren. Diesen gleichsam -»verbrauchten« Energieteil, der nicht mehr in mechanische Arbeit -umgesetzt werden kann, nennt =Clausius Entropie= (d. h. die nach -innen gewendete Kraft); er wächst beständig auf Kosten des ersten -Teiles. Da nun tagtäglich immer mehr mechanische Energie des Weltalls -in Wärme übergeht und diese nicht in die erstere zurückverwandelt -werden kann, muß die gesamte Quantität der arbeitsfähigen Energie immer -mehr zerstreut und herabgesetzt werden. Alle Temperaturunterschiede -müßten zuletzt verschwinden und die völlig gebundene Wärme gleichmäßig -in einem einzigen trägen Klumpen von starrer Materie verbreitet sein; -alles organische Leben und alle organische Bewegung würde aufgehört -haben, wenn dieses =Maximum der Entropie= erreicht wäre; das wahre -»Ende der Welt« wäre da. (Vergl. =Felix Auerbach=, Die Weltherrin und -ihr Schatten, 1902.) - -Wenn diese Anwendung der Lehre von der Entropie richtig wäre, so -müßte dem angenommenen »=Ende= der Welt« auch ein ursprünglicher -»=Anfang=« derselben entsprechen; beide Vorstellungen sind nach unserer -monistischen und konsequenten Auffassung des ewigen kosmogenetischen -Prozesses gleich unhaltbar. Es gibt einen Anfang der Welt ebensowenig -als ein Ende derselben. Wie das Universum unendlich ist, so bleibt es -auch ewig in Bewegung; ununterbrochen findet eine Verwandlung der -lebendigen Kraft in Spannkraft statt und umgekehrt; und die Summe -dieser aktuellen und potentiellen Energie bleibt immer dieselbe. - -Die Verteidiger der Entropie behaupten dieselbe mit Recht, sobald -sie Prozesse ins Auge fassen, die in einem geschlossenen System -ablaufen. Im großen =Ganzen= des Weltalls, worauf wir den Begriff -eines »geschlossenen Systems« nicht anwenden können, herrschen -aber jedenfalls Verhältnisse, die eine Umkehrung des energetischen -Ablaufs möglich machen. So werden z. B. beim Zusammenstoße von zwei -Weltkörpern, die mit ungeheurer Geschwindigkeit aufeinander treffen, -kolossale Wärmemengen frei, während die zerstäubten Massen in den -Weltraum hinausgeschleudert und zerstreut werden. Das ewige Spiel der -rotierenden Massen mit Verdichtung der Teile, Ballung neuer kleiner -Meteoriten, Vereinigung derselben zu größeren usw. beginnt dann von -neuem. - -=Herbert Spencer= hat in seinen »Grundprinzipien« überzeugend -dargelegt, daß selbst für ein =geschlossenes= Universum der Schluß -unerlaubt wäre, es müsse, einmal in Ruhe, auch unendliche Zeit in Ruhe -bleiben. Man könne sagen, der jetzige Zustand habe mit dem Ende einer -früheren Entwickelung begonnen, und das Ende der gegenwärtigen sei -zugleich der Anfang einer neuen; in dem Augenblick, wo das Maximum -der Entropie erreicht sei, setze gerade eine langsame Entwickelung im -entgegengesetzten Sinne ein, und so würde sich das Leben des Universums -unaufhörlich fortsetzen. Wie =Poincaré= (Die moderne Physik, 1908) -bemerkt, stimmt diese Auffassung mit der vieler Physiker überein, -welche z. B. nach der kinetischen Gastheorie annehmen, daß man bei -genügend langer Beobachtung die verschiedenen Zustände wiederkehren -sehen kann, wenn eine Gasmasse eine Reihe von Veränderungen -durchgemacht hat. - -~II~. _Monistische Geogenie._ Die Entwickelungsgeschichte der Erde, -auf die wir jetzt noch einen flüchtigen Blick werfen, bildet nur einen -winzig kleinen Teil von derjenigen des Kosmos. Sie ist zwar auch gleich -dieser seit mehreren Jahrtausenden Gegenstand der philosophischen -Spekulation und noch mehr der mythologischen Dichtung gewesen; aber -ihre wirklich wissenschaftliche Erkenntnis ist viel jünger und stammt -zum weitaus größten Teile aus dem 19. Jahrhundert. Im Prinzip war die -Natur der Erde, als eines Planeten, der um die Sonne kreist, schon -durch das Weltsystem des =Kopernikus= (1543) bestimmt; durch =Galilei=, -=Kepler= und andere große Astronomen war ihr Abstand von der Sonne, ihr -Bewegungsgesetz usw. mathematisch festgestellt. Auch war bereits durch -die Kosmogenie von =Kant= und =Laplace= der Weg gezeigt, auf welchem -sich die Erde aus der Mutter Sonne entwickelt hatte. Aber die spätere -Geschichte unseres Planeten, die Umbildung seiner Oberfläche, die -Entstehung der Kontinente und Meere, der Gebirge und Wüsten war noch zu -Ende des 18. und in den ersten beiden Dezennien des 19. Jahrhunderts -nur wenig Gegenstand ernster wissenschaftlicher Untersuchungen gewesen; -meistens begnügte man sich mit ziemlich unsicheren Vermutungen oder -mit der Annahme der traditionellen Schöpfungssagen; insbesondere -war es auch hier wieder der überlieferte Glaube an die mosaische -Schöpfungsgeschichte, welcher der selbständigen Forschung von -vornherein den Weg zur wahren Erkenntnis verlegte. - -Erst im Jahre 1822 erschien ein bedeutendes Werk, welches zur -wissenschaftlichen Erforschung der Erdgeschichte diejenige Methode -einschlug, die sich bald als die weitaus fruchtbarste erwies, die -=ontologische Methode= oder das =Prinzip des Aktualismus=. Sie besteht -darin, daß wir die Erscheinungen der =Gegenwart= genau studieren -und benutzen, um dadurch die ähnlichen geschichtlichen Vorgänge der -=Vergangenheit= zu erklären. Nachdem zuerst =Karl Hoff= (Gotha) in -seiner »Geschichte der durch Überlieferung nachgewiesenen natürlichen -Veränderungen der Erdoberfläche« diese ontologische Methode (1822) -begründet hatte, wurde sie bald (1830) von dem großen englischen -Geologen =Charles Lyell= in seinen »Prinzipien der Geologie« auf die -ganze Geschichte der Erde erfolgreich angewendet. In neuester Zeit -hat =Johannes Walther= in seiner gedankenreichen »Geschichte der Erde -und des Lebens« (1908) eine lichtvolle populäre Darstellung derselben -gegeben. - -Als zwei Hauptabschnitte der Erdgeschichte müssen wir vor allem -die =anorganische und organische Geogenie= unterscheiden; die -letztere beginnt mit dem ersten Auftreten lebender Wesen auf -unserem Erdball. Die =anorganische Geschichte= der Erde, der ältere -Abschnitt, verlief in derselben Weise wie diejenige der übrigen -Planeten unseres Sonnensystems; sie alle lösten sich vom Äquator des -rotierenden Sonnenkörpers als Nebelringe ab, welche sich allmählich zu -selbständigen Weltkörpern verdichteten. Aus dem gasförmigen Nebelball -wurde durch Abkühlung der glutflüssige Erdball, und weiterhin entstand -an dessen Oberfläche durch fortschreitende Wärmeausstrahlung die -dünne feste Rinde, welche wir bewohnen. Erst nachdem die Temperatur -an der Oberfläche bis zu einem gewissen Grade gesunken war, konnte -sich aus der umgebenden Dampfhülle das erste tropfbar-flüssige -Wasser niederschlagen, und damit war die wichtigste Vorbedingung -für die Entstehung des organischen Lebens gegeben. Viele Millionen -Jahre sind verflossen, seitdem dieser bedeutungsvolle Vorgang, die -erste Wasserbildung, eintrat und damit die Einleitung zum dritten -Hauptabschnitt der Kosmogenie, zur =Biogenie=. - -~III~. _Monistische Biogenie._ Der dritte Hauptabschnitt der -Weltentwickelung beginnt mit der ersten Entstehung der Organismen auf -unserem Erdball und dauert seitdem ununterbrochen bis zur Gegenwart -fort. Die großen Welträtsel, welche dieser interessanteste Teil der -Erdgeschichte uns vorlegt, galten noch im Anfange des 19. Jahrhunderts -allgemein für unlösbar oder doch für so schwierig, daß ihre Lösung in -weitester Ferne zu liegen schien; am Ende desselben durften wir mit -berechtigtem Stolze sagen, daß sie durch die moderne =Biologie= und -ihren =Transformismus im Prinzip= gelöst sind. Zuerst stellte (1809) -=Jean Lamarck= die Lehre fest, daß alle die unzähligen Formen des -Tier- und Pflanzenreiches durch allmähliche Umbildung aus gemeinsamen -einfachsten Stammformen hervorgegangen sind, und daß die allmähliche -Veränderung der Gestalten durch =Anpassung=, in Wechselwirkung mit -=Vererbung=, diese langsame Transmutation bewirkt hat. Fünfzig -Jahre später führte =Charles Darwin= die einzelnen Teile dieser -»Deszendenztheorie«, gestützt auf die großartigen, inzwischen erfolgten -Fortschritte der Biologie, weiter aus und füllte zugleich durch seine -neue »Selektionstheorie« die bedenklichste Lücke der ersteren aus. -Er zeigte, wie »die natürliche Zuchtwahl im Kampf ums Dasein« der -unbewußte Schöpfer ist, welcher die zweckmäßige Organisation der -Lebensformen ohne vorbedachten Zweck und Schöpfungsplan hervorbringt. -Dadurch ist =Darwin= der »Kopernikus der organischen Welt« geworden. - -~IV~. _Monistische Anthropogenie._ Als vierter und letzter -Hauptabschnitt der Weltentwickelung kann für uns Menschen derjenige -jüngste Zeitraum gelten, innerhalb dessen sich unser eigenes -Geschlecht entwickelt hat. Schon =Lamarck= (1809) hatte klar -erkannt, daß diese Entwickelung vernünftigerweise nur auf =einem= -natürlichen Wege denkbar sei, durch »=Abstammung vom Affen=«, als von -dem nächstverwandten Säugetiere. =Huxley= zeigte sodann (1863) in -seiner berühmten Abhandlung über »die Stellung des Menschen in der -Natur«, daß diese bedeutungsvolle Annahme ein notwendiger Folgeschluß -der Deszendenztheorie und durch anatomische, embryologische und -paläontologische Tatsachen wohlbegründet sei; er erklärte diese -»Frage aller Fragen« im Prinzip für gelöst. =Darwin= behandelte sie -in geistreicher Weise von verschiedenen Seiten in seinem Werke über -»die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl« -(1871). Ich selbst hatte schon in meiner Generellen Morphologie (1866) -diesem wichtigsten Spezialproblem der Abstammungslehre ein besonderes -Kapitel gewidmet. 1874 veröffentlichte ich meine =Anthropogenie=, -als ersten Versuch, die Abstammung des Menschen durch seine ganze -Ahnenreihe bis zur ältesten archigonen Monerenform hinauf zu verfolgen; -ich stützte mich dabei gleichmäßig auf die drei großen Urkunden der -Stammesgeschichte, auf die vergleichende Anatomie, Ontogenie und -Paläontologie (Fünfte umgearbeitete Auflage 1903). Wie weit wir -seitdem durch zahlreiche wichtige Fortschritte der anthropogenetischen -Forschung gekommen sind, habe ich in dem Vortrag gezeigt, den ich 1898 -auf dem internationalen Zoologenkongresse in Cambridge »über unsere -gegenwärtige Kenntnis vom Ursprung des Menschen« gehalten habe. Die -ausführlichste Darstellung derselben, unter Benutzung der neuesten -Fortschritte der Anthropogenie, habe ich in meiner letzten Abhandlung -gegeben: »=Unsere Ahnenreihe= (~Progonotaxis hominis~), Festschrift -zur 350jährigen Jubelfeier der Universität Jena, am 30. Juli 1908.« - - - - -=Vierzehntes Kapitel.= - -_Einheit der Natur._ - - Monistische Studien über die materielle und energetische Einheit des - Kosmos. -- Mechanismus und Vitalismus. -- Ziel, Zweck und Zufall. - - -Durch das Substanzgesetz ist zunächst die fundamentale Tatsache -erwiesen, daß jede Naturkraft mittelbar oder unmittelbar in jede -andere umgewandelt werden kann. Mechanische und chemische Energie, -Schall und Wärme, Licht und Elektrizität können ineinander übergeführt -werden und erweisen sich nur als verschiedene Erscheinungsformen -einer und derselben Urkraft, der =Energie=. Daraus ergibt sich der -bedeutungsvolle Satz von der =Einheit aller Naturkräfte= oder, wie wir -auch sagen können, dem »=Monismus der Energie=«. Im gesamten Gebiete -der Physik und Chemie ist dieser Fundamentalsatz jetzt allgemein -anerkannt, soweit er die anorganischen Naturkörper betrifft. - -Anders verhält sich scheinbar die organische Welt, das bunte und -formenreiche Gebiet des Lebens. Zwar liegt es auch hier auf der -Hand, daß ein =großer Teil= der Lebenserscheinungen unmittelbar auf -mechanische und chemische Energie, auf elektrische und Lichtwirkungen -zurückzuführen ist. Für einen anderen Teil aber wird das auch heute -noch bestritten, so vor allem für das Welträtsel des =Seelenlebens=, -insbesondere des Bewußtseins. Hier ist es nun das hohe Verdienst der -modernen =Entwickelungslehre=, die Brücke zwischen den beiden, scheinbar -getrennten Gebieten geschlagen zu haben. Wir sind jetzt zu der klaren -Überzeugung gelangt, daß auch alle Erscheinungen des =organischen= -Lebens ebenso dem universalen Substanzgesetz unterworfen sind wie die -=anorganischen= Phänomene im unendlichen Kosmos. - -_Die Einheit der Natur,_ die hieraus folgt, die Überwindung des -früheren Dualismus, ist sicher eines der wertvollsten Ergebnisse -unserer modernen Entwickelungslehre. Ich habe diesen »=Monismus des -Kosmos=«, die prinzipielle »Einheit der organischen und anorganischen -Natur« schon 1866 sehr eingehend zu begründen versucht, indem ich die -Übereinstimmung der beiden großen Naturreiche in Beziehung auf Stoffe, -Formen und Kräfte einer eingehenden kritischen Prüfung und Vergleichung -unterzog (Generelle Morphologie, 5. Kap.). Einen kurzen Auszug -ihrer Ergebnisse enthält der fünfzehnte Vortrag meiner »Natürlichen -Schöpfungsgeschichte«. Während die hier entwickelten Anschauungen von -der großen Mehrzahl der Naturforscher gegenwärtig angenommen sind, -ist doch neuerdings von mehreren Seiten der Versuch gemacht worden, -sie zu bekämpfen und den alten Gegensatz von zwei ganz verschiedenen -Naturgebieten aufrecht zu erhalten. In der Hauptsache handelt es sich -auch hier wieder um den uralten Gegensatz der =mechanischen= und der -=teleologischen= Weltanschauung. Bevor wir auf denselben eingehen, -wollen wir kurz auf zwei andere Theorien hinweisen, welche nach meiner -Überzeugung für die Entscheidung dieser wichtigen Probleme sehr -wertvoll sind, die Kohlenstofftheorie und die Urzeugungslehre. - -_Kohlenstofftheorie._ Die physiologische Chemie hat im Laufe der -letzten Dezennien durch unzählige Analysen folgende fünf Tatsachen -festgestellt: ~I~. In den organischen Naturkörpern kommen keine -anderen Elemente vor als in den anorganischen. ~II~. Diejenigen -Verbindungen der Elemente, welche dem Organismus eigentümlich sind, -und welche ihre »Lebenserscheinungen« bewirken, sind zusammengesetzte -Plasmakörper, aus der Gruppe der Albuminate oder Eiweißverbindungen. -~III~. Das organische Leben selbst ist ein chemisch-physikalischer -Prozeß, der auf dem Stoffwechsel dieser Albuminate beruht. ~IV~. -Dasjenige Element, welches allein imstande ist, diese zusammengesetzten -Eiweißkörper in Verbindung mit anderen Elementen (Sauerstoff, -Wasserstoff, Stickstoff, Schwefel) aufzubauen, ist der Kohlenstoff. -~V~. Diese plasmatischen Kohlenstoff-Verbindungen zeichnen sich -vor den meisten anderen chemischen Verbindungen durch ihre sehr -komplizierte Molekularstruktur aus, durch ihre Unbeständigkeit und -ihren gequollenen Aggregatzustand. Auf Grund dieser fünf fundamentalen -Tatsachen stellte ich im Jahre 1866 folgende =Theorie= auf: »Lediglich -die eigentümlichen, chemisch-physikalischen Eigenschaften des -Kohlenstoffes -- und namentlich der festflüssige Aggregatzustand und -die leichte Zersetzbarkeit der höchst zusammengesetzten, eiweißartigen -Kohlenstoff-Verbindungen -- sind die mechanischen Ursachen jener -eigentümlichen Bewegungs-Erscheinungen, durch welche sich die -Organismen von den Anorganen unterscheiden, und die man im engeren -Sinne das Leben nennt.« Obwohl diese »Kohlenstofftheorie« von mehreren -Biologen heftig angegriffen worden ist, hat doch bisher keiner eine -bessere monistische Theorie an deren Stelle gesetzt. Heute, wo wir die -physiologischen Verhältnisse des Zellenlebens, die Chemie und Physik -des lebendigen Plasma viel besser und gründlicher kennen als um die -Mitte des 19. Jahrhunderts, läßt sich unsere Theorie eingehender und -sicherer begründen, als es damals möglich war. - -_Achigonie oder Urzeugung._ Der alte Begriff der =Urzeugung= -(~Generatio spontanea~ oder ~aequivoca~) wird heute noch in -sehr verschiedenem Sinne verwendet; gerade die Unklarheit über -diesen =Begriff= und die widersprechende Anwendung desselben auf -ganz verschiedene, alte und neue Hypothesen sind schuld daran, -daß dieses wichtige Problem zu den bestrittensten und konfusesten -Fragen der ganzen Naturwissenschaft bis auf den heutigen Tag gehört. -Ich beschränke den Begriff der Urzeugung auf die erste Entstehung -von lebendem Plasma aus anorganischen Kohlenstoff-Verbindungen -und unterscheide als zwei Hauptperioden in diesem »=Beginn der -Biogenesis=«: ~I~. die Entstehung von einfachsten Plasmakörpern -in einer anorganischen Bildungsflüssigkeit, und ~II~. die -Individualisierung von primitivsten Organismen aus jenen -Plasmaverbindungen, in Form von =Moneren=. Ich habe diese wichtigen, -aber auch sehr schwierigen Probleme im 15. Kapitel meiner Natürlichen -Schöpfungsgeschichte so eingehend behandelt, daß ich hier darauf -verweisen kann. Eine sehr ausführliche und streng wissenschaftliche -Erörterung derselben habe ich bereits 1866 in der »Generellen -Morphologie« gegeben (Bd. ~I~, S. 167-190); später hat =Naegeli= in -seiner Mechanisch-physiologischen Theorie der Abstammungslehre (1884) -die Hypothese der Urzeugung ganz in demselben Sinne sehr eingehend -behandelt und als eine =unentbehrliche Annahme= der natürlichen -Entwickelungstheorie bezeichnet. Ich stimme vollkommen seinem Satze bei: -»Die Urzeugung leugnen heißt das Wunder verkünden.« Eine kritische -Auseinandersetzung der verschiedenartigen Hypothesen, welche neuerdings -über »Urzeugung« aufgestellt worden sind, enthält das 15. Kapitel -(»Lebensursprung«) meines Buches über die »Lebenswunder« (Volksausgabe -1906). - -_Teleologie und Mechanik._ Sowohl die Hypothese der Urzeugung als die -eng damit verknüpfte Kohlenstofftheorie besitzen die größte Bedeutung -für die Entscheidung des alten Kampfes zwischen der =teleologischen= -(=dualistischen=) und der =mechanischen= (=monistischen=) Beurteilung -der Erscheinungen. Seit =Darwin= uns vor fünfzig Jahren durch seine -=Selektionstheorie= den Schlüssel zur monistischen Erklärung der -Organisation in die Hand gab, sind wir in den Stand gesetzt, die bunte -Mannigfaltigkeit der zweckmäßigen Einrichtungen in der lebendigen -Körperwelt ebenso auf natürliche mechanische Ursachen zurückzuführen, -wie dies vorher nur in der anorganischen Natur möglich war. Die -übernatürlichen zwecktätigen Ursachen, zu welchen man früher seine -Zuflucht hatte nehmen müssen, sind dadurch überflüssig geworden. - -_Werkursachen_ (~Causae efficientes~) und _Endursachen_ (~Causae -finales~). Den tiefen Gegensatz zwischen den bewirkenden Ursachen -(oder Werkursachen) und den zwecktätigen Ursachen (oder Endursachen) -hat mit Bezug auf die Erklärung der Gesamtnatur kein neuerer Philosoph -schärfer hervorgehoben, als =Immanuel Kant=. In seinem berühmten -Jugendwerke, der »Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels«, -hatte er 1755 den kühnen Versuch unternommen, »die Verfassung und -den mechanischen Ursprung des ganzen Weltgebäudes nach =Newton=schen -Grundsätzen abzuhandeln«. Er stützte sich dabei ganz auf die -mechanischen Bewegungserscheinungen der Gravitation; sie wurde später -von =Laplace= weiter ausgebildet und mathematisch begründet. Als dieser -von Napoleon ~I~. gefragt wurde, welche Stelle in seinem System Gott, -der Schöpfer und Erhalter des Weltalls, einnehme, antwortete er klar -und ehrlich: »Sire, ich bedarf dieser Hypothese nicht.« Damit war der -=atheistische Charakter= dieser =mechanischen Kosmogenie=, den sie mit -allen anorganischen Wissenschaften teilt, offen anerkannt. Dies muß um -so mehr hervorgehoben werden, als die =Kant-Laplace=sche Theorie noch -heute in fast allgemeiner Geltung steht. Wenn man den =Atheismus= -noch heute in weiten Kreisen als einen schweren Vorwurf betrachtet, so -trifft dieser die gesamte moderne Naturwissenschaft, insofern sie die -=anorganische= Welt unbedingt mechanisch erklärt. - -Der Mechanismus =allein= gibt uns eine =wirkliche Erklärung= der -Naturerscheinungen, indem er dieselben auf reale Werkursachen -zurückführt, auf Bewegungen, welche durch die materielle Konstitution -der betreffenden Naturkörper selbst bedingt sind. =Kant= selbst betont, -daß es »ohne diesen Mechanismus der Natur keine Naturwissenschaft -geben kann«, und daß die =Befugnis= der menschlichen Vernunft zur -mechanischen Erklärung =aller= Erscheinungen unbeschränkt sei. Als -er aber später in seiner Kritik der ideologischen Urteilskraft die -Erklärung der verwickelten Erscheinungen in der =organischen= Natur -besprach, behauptete er, daß dafür jene mechanischen Ursachen nicht -ausreichend seien; hier müsse man zweckmäßig wirkende Endursachen -zu Hilfe nehmen. Zwar sei auch hier die Befugnis unserer Vernunft -zur mechanischen Erklärung anzuerkennen, aber ihr =Vermögen= sei -begrenzt. Allerdings gestand er ihr teilweise dieses Vermögen zu, aber -für den größten Teil der Lebenserscheinungen (und besonders für die -Seelentätigkeit des Menschen) hielt er die Annahme von Endursachen -unentbehrlich. Der merkwürdige § 79 der Kritik der Urteilskraft trägt -die charakteristische Überschrift: »Von der notwendigen Unterordnung -des Prinzips des Mechanismus unter das teleologische in Erklärung eines -Dinges als Naturzweck«. Die zweckmäßigen Einrichtungen im Körperbau -der organischen Wesen schienen =Kant= ohne Annahme übernatürlicher -Endursachen (d. h. also einer planmäßig wirkenden Schöpferkraft) -so unerklärlich, daß er sagte: »Es ist ganz gewiß, daß wir die -organisierten Wesen und deren innere Möglichkeit nach bloß mechanischen -Prinzipien der Natur nicht einmal zureichend kennen, viel weniger uns -erklären können, und zwar so gewiß, daß man dreist sagen kann: Es ist -für Menschen ungereimt, auch nur einen solchen Anschlag zu fassen oder -zu hoffen, daß noch etwa dereinst ein Newton aufstehen könne, der auch -nur die Erzeugung eines Grashalms nach Naturgesetzen, die keine Absicht -geordnet hat, begreiflich machen werde, sondern man muß diese Einsicht -dem Menschen schlechterdings absprechen.« Siebzig Jahre später ist -dieser unmögliche »=Newton= der organischen Natur« in =Darwin= wirklich -erschienen und hat die große Aufgabe gelöst, die =Kant= für unlösbar -erklärt hatte. - -_Der Zweck in der anorganischen Natur_ (=Anorganische Teleologie=). -Seitdem =Newton= (1682) das Gravitationsgesetz aufgestellt, und -seitdem =Kant= (1755) »die Verfassung und den =mechanischen= -Ursprung des ganzen Weltgeldes nach =Newton=schen Grundsätzen« -festgestellt -- seitdem endlich =Laplace= (1796) dieses =Grundgesetz -des Weltmechanismus= mathematisch begründet hatte, sind die sämtlichen -anorganischen Naturwissenschaften rein =mechanisch= und damit zugleich -rein =atheistisch= geworden. In der Astronomie und Kosmogenie, in der -Geologie und Meteorologie, in der anorganischen Physik und Chemie gilt -seitdem die absolute Herrschaft mechanischer Gesetze auf mathematischer -Grundlage als unbedingt feststehend. Seitdem ist aber auch der -=Zweckbegriff= aus diesem ganzen großen Gebiete =verschwunden=. Jetzt -ist diese monistische Betrachtung nach harten Kämpfen zu allgemeiner -Geltung gelangt, und kein Naturforscher fragt mehr im Ernste nach -dem Zweck irgendeiner Erscheinung in diesem ganzen unermeßlichen -Gebiete. Oder sollte wirklich noch heute im Ernste ein Astronom nach -dem Zwecke der Planetenbewegungen oder ein Mineraloge nach dem Zwecke -der einzelnen Kristallformen fragen? Oder sollte ein Physiker über den -Zweck der elektrischen Kräfte oder ein Chemiker über den Zweck der -Atomgewichte grübeln? Wir dürfen getrost antworten: =Nein=! Sicher -nicht in dem Sinne, daß der »liebe Gott« oder eine zielstrebige -Naturkraft diese Grundgesetze des Weltmechanismus einmal plötzlich »aus -nichts« zu einem bestimmten Zweck erschaffen hat, und daß er sie nach -seinem vernünftigen Willen tagtäglich wirken läßt. Diese anthropomorphe -Vorstellung von einem zwecktätigen Weltbaumeister und Weltherrscher -ist hier völlig überwunden; an seine Stelle sind die »ewigen, ehernen, -großen Naturgesetze« getreten. - -_Der Zweck in der organischen Natur_ (=Biologische Teleologie=). Eine -ganz andere Bedeutung und Geltung als in der anorganischen besitzt der -=Zweckbegriff= noch heute in der organischen Natur. Im Körperbau und -in der Lebenstätigkeit aller Organismen tritt uns die Zwecktätigkeit -unleugbar entgegen. Jede Pflanze und jedes Tier erscheinen in der -Zusammensetzung aus einzelnen Teilen ebenso für einen bestimmten -Lebenszweck eingerichtet wie die künstlichen, vom Menschen erfundenen -und konstruierten Maschinen; und solange ihr Leben fortdauert, ist -auch die Funktion der einzelnen Organe ebenso auf bestimmte Zwecke -gerichtet wie die Arbeit in den einzelnen Teilen der Maschine. Es -war daher ganz naturgemäß, daß die ältere naive Naturbetrachtung für -die Entstehung und die Lebenstätigkeit der organischen Wesen einen -Schöpfer in Anspruch nahm, der mit »Weisheit und Verstand alle Dinge -geordnet« hatte, und der jedes Tier und jede Pflanze ihrem besonderen -Lebenszweck entsprechend organisiert hatte. Gewöhnlich wurde dieser -»allmächtige Schöpfer Himmels und der Erden« durchaus anthropomorph -gedacht; er schuf »jegliches Wesen nach seiner Art«. Solange dabei dem -Menschen der Schöpfer noch in menschlicher Gestalt erschien, denkend -mit seinem Gehirn, sehend mit seinen Augen, formend mit seinen Händen, -konnte man sich von diesem »göttlichen Maschinenbauer« und von seiner -künstlerischen Arbeit in der großen Schöpfungswerkstätte noch eine -anschauliche Vorstellung machen. Viel schwieriger wurde dies, als sich -der Gottesbegriff läuterte und man in dem »unsichtbaren Gott« einen -immateriellen Schöpfer ohne Organe erblickte. Noch unbegreiflicher -endlich wurden diese anthropistischen Vorstellungen, als die -Physiologie an die Stelle des bewußt bauenden Gottes die unbewußt -schaffende »=Lebenskraft=« setzte -- eine unbekannte, zweckmäßig tätige -Naturkraft, welche von den bekannten physikalischen und chemischen -Kräften verschieden war und diese nur zeitweise -- auf Lebenszeit -- -in Dienst nahm. Dieser =Vitalismus= blieb noch bis um die Mitte des -19. Jahrhunderts herrschend; er fand seine tatsächliche Widerlegung -erst durch den großen Physiologen =Johannes Müller=. Zwar war auch -dieser geistreiche Biologe im Glauben an die Lebenskraft aufgewachsen -und hielt sie für die Erklärung der »letzten Lebensursachen« für -unentbehrlich, aber er führte zugleich in seinem klassischen, noch -heute unübertroffenen Lehrbuch der Physiologie (1833) den Beweis, daß -eigentlich nichts mit ihr anzufangen ist. =Müller= selbst zeigte in -einer langen Reihe von ausgezeichneten Beobachtungen und scharfsinnigen -Experimenten, daß die meisten Lebenstätigkeiten im Organismus des -Menschen ebenso wie der übrigen Tiere nach physikalischen und -chemischen Gesetzen geschehen, daß viele von ihnen sogar mathematisch -bestimmbar sind. Das gilt ebensowohl von den Funktionen der Muskeln -und Nerven, der niederen und höheren Sinnesorgane, wie von den -Vorgängen bei der Ernährung und dem Stoffwechsel, der Verdauung und -dem Blutkreislauf. Rätselhaft und ohne die Annahme einer Lebenskraft -nicht erklärbar blieben eigentlich nur zwei Gebiete, das der höheren -Seelentätigkeit (Geistesleben) und das der Fortpflanzung (Zeugung). -Aber auch auf diesen Gebieten wurden unmittelbar nach =Müllers= Tode so -bedeutende Entdeckungen und Fortschritte gemacht, daß das unheimliche -»Gespenst der Lebenskraft« auch aus diesen letzten Schlupfwinkeln -verschwand. Es war ein merkwürdiger chronologischer Zufall, daß -=Johannes Müller= 1858 in demselben Jahre starb, in welchem =Charles -Darwin= die ersten Mitteilungen über seine epochemachende Theorie -veröffentlichte. Die =Selektionstheorie= des letzteren beantwortete -das große Rätsel, vor welchem der erstere stehen geblieben war: die -Frage von der Entstehung zweckmäßiger Einrichtungen durch rein -mechanische Ursachen, ohne vorbedachten Plan. - -_Der Zweck in der Selektionstheorie_ (=Darwin= 1859). Das unsterbliche -philosophische Verdienst =Darwins= bleibt, wie wir schon oft -betont haben, ein doppeltes: erstens die Reform der älteren, 1809 -von =Lamarck= begründeten =Deszendenztheorie=, ihre Begründung -durch das gewaltige, im Laufe dieses halben Jahrhunderts -angesammelte Tatsachenmaterial -- und zweitens die Aufstellung der -=Selektionstheorie=, jener Zuchtwahllehre, welche uns erst eigentlich -die wahren bewirkenden Ursachen der allmählichen Artumbildung enthüllt. -=Darwin= zeigte zuerst, wie der unerbittliche »=Kampf ums Dasein=« -der unbewußt wirkende Regulator ist, welcher die Wechselwirkung der -Vererbung und Anpassung bei der allmählichen Transformation der Spezies -leitet; er ist der große »=züchtende Gott=«, welcher ohne Absicht neue -Formen ebenso durch »natürliche Auslese« bewirkt, wie der züchtende -Mensch neue Formen mit Absicht durch »künstliche Auslese« hervorbringt. -Damit wurde das große philosophische Rätsel gelöst: »Wie können -zweckmäßige Einrichtungen rein mechanisch entstehen, ohne zwecktätige -Ursachen?« Neuerdings hat sich daraus das Prinzip der »=teleologischen -Mechanik=« zu immer größerer Geltung entwickelt und hat auch die -feinsten und verborgensten Einrichtungen der organischen Wesen uns -durch die »funktionelle Selbstgestaltung der zweckmäßigen Struktur« -mechanisch erklärt. Damit ist aber der transzendente Zweckbegriff -unserer teleologischen Schulphilosophie beseitigt, das größte Hindernis -einer vernünftigen und einheitlichen Naturauffassung. - -_Neovitalismus._ In neuerer Zeit ist das alte Gespenst der mystischen -Lebenskraft, das gründlich getötet schien, wieder aufgelebt; -verschiedene Biologen haben versucht, dasselbe unter neuem Namen zur -Geltung zu bringen. Die konsequenteste Darstellung desselben hat der -Kieler Botaniker =Johannes Reinke= in zwei Büchern gegeben: »Die Welt -als Tat« (1899) und »Einleitung in die theoretische Biologie« (1901). -Er nennt sie »Umrisse einer Weltansicht auf naturwissenschaftlicher -Grundlage«; tatsächlich ist aber diese Grundlage der christliche -Kirchenglaube. Indem er von den Offenbarungen der Bibel ausgeht -und =Moses= als höchste wissenschaftliche Autorität betrachtet, -verteidigt er zugleich den Wunderglauben und den =Theismus=, die -Mosaische =Schöpfungsgeschichte= und die Konstanz der Arten; er -nennt die »Lebenskräfte«, im Gegensatze zu den physikalischen -Kräften, Richtkräfte, Oberkräfte oder =Dominanten=. =Reinke= wendet -vergeblich alle Mittel auf, um die herrschenden Glaubenslehren der -christlichen Kirche mit den direkt widersprechenden Erfahrungssätzen -der Entwickelungslehre in Einklang zu bringen. Diesen Widerspruch wird -auch der neue sogenannte »Keplerbund« nicht lösen, den er 1908 zur -Bekämpfung und Vernichtung des 1905 gegründeten »Monistenbundes« ins -Leben gerufen hat. Das Widersinnige und Unhaltbare dieses Neovitalismus -(der in den mystischen Kreisen der Spiritisten und Okkultisten, -Theosophen und Metaphysiker viel Anklang findet), habe ich im 2. und 3. -Kapitel meiner »Lebenswunder« eingehend nachgewiesen. - -_Unzweckmäßigkeitslehre_ (=Dysteleologie=). Unter diesem Begriffe -habe ich schon im Jahre 1866 die Wissenschaft von den überaus -interessanten und wichtigen biologischen Tatsachen begründet, welche -in handgreiflichster Weise die hergebrachte teleologische Auffassung -von der »zweckmäßigen Einrichtung der lebendigen Naturkörper« direkt -widerlegen. Diese Wissenschaft von den »rudimentären, abortiven, -verkümmerten, fehlgeschlagenen, atrophischen oder kataplastischen -Individuen« stützt sich auf eine unermeßliche Fülle der merkwürdigsten -Erscheinungen, welche zwar den Zoologen und Botanikern längst bekannt -waren, aber erst durch Darwin ursächlich erklärt und in ihrer hohen -philosophischen Bedeutung vollständig gewürdigt worden sind. - -Alle höheren Tiere und Pflanzen, überhaupt alle diejenigen Organismen, -deren Körper nicht ganz einfach gebaut, sondern aus mehreren, -zweckmäßig zusammenwirkenden Organen zusammengesetzt ist, lassen bei -aufmerksamer Untersuchung eine Anzahl von nutzlosen oder unwirksamen, -ja zum Teil sogar gefährlichen und schädlichen Einrichtungen erkennen. -In den Blüten der meisten Pflanzen finden sich neben den wirksamen -Geschlechtsblättern, welche die Fortpflanzung vermitteln, einzelne -nutzlose Blattorgane ohne Bedeutung (verkümmerte oder »fehlgeschlagene« -Staubfäden, Fruchtblätter, Kronen-, Kelchblätter usw.). In den -beiden großen und formenreichen Klassen der fliegenden Tiere, Vögel -und Insekten, gibt es neben den gewöhnlichen, ihre Flügel täglich -gebrauchenden Arten eine Anzahl von Formen, deren Flügel verkümmert -sind, und die nicht fliegen können. Fast in allen Klassen der höheren -Tiere, die ihre Augen zum Sehen gebrauchen, existieren einzelne -Arten, welche im Dunkeln leben und nicht sehen; trotzdem besitzen -auch diese meistens noch Augen; nur sind sie verkümmert, zum Sehen -nicht mehr tauglich. An unserem eigenen menschlichen Körper besitzen -wir solche nutzlose Rudimente in den Muskeln unseres Ohres, in der -Nickhaut unseres Auges, in der Brustwarze und Milchdrüse des Mannes -und in anderen Körperteilen; ja der gefürchtete Wurmfortsatz unseres -Blinddarmes ist nicht nur unnütz, sondern sogar gefährlich, und -alljährlich geht eine Anzahl Menschen durch seine Entzündung zugrunde. - -Die =Erklärung= dieser und vieler anderer zweckloser Einrichtungen -im Körperbau der Tiere und Pflanzen vermag weder der alte noch der -neue =Vitalismus= zu geben; dagegen finden wir sie sehr einfach durch -die =Deszendenztheorie=. Sie zeigt, daß diese rudimentären Organe -=verkümmert= sind, und zwar durch Nichtgebrauch. Ebenso, wie die -Muskeln, die Nerven, die Sinnesorgane durch Übung und häufigeren -Gebrauch gestärkt werden, ebenso erleiden sie umgekehrt durch -Untätigkeit und unterlassenen Gebrauch mehr oder weniger Rückbildung. -Aber obgleich so durch Übung und Anpassung die höhere Entwickelung -der Organe gefördert wird, so verschwinden sie doch keineswegs sofort -spurlos durch Nichtübung; vielmehr werden sie durch die Macht der -Vererbung noch während vieler Generationen erhalten und verschwinden -erst allmählich nach längerer Zeit. Der blinde »Kampf ums Dasein -zwischen den Organen« bedingt ebenso ihren historischen Untergang, -wie er ursprünglich ihre Entstehung und Ausbildung verursachte. Ein -immanenter »Zweck« spielt dabei überhaupt keine Rolle. - -_Unvollkommenheit der Natur._ Wie das Menschenleben so bleibt auch das -Tier- und Pflanzenleben immer und überall unvollkommen. Diese Tatsache -ergibt sich einfach aus der Erkenntnis, daß die ganze Natur in einem -beständigen Flusse der =Entwickelung=, der Veränderung und Umbildung -begriffen ist. Diese Entwickelung erscheint uns im großen und ganzen --- wenigstens soweit wir die Stammesgeschichte der organischen Natur -auf unserem Planeten übersehen können -- als eine fortschreitende -Umbildung, als ein historischer Fortschritt vom Einfachen zum -Zusammengesetzten, vom Niederen zum Höheren, vom Unvollkommenen zum -Vollkommneren. Ich habe schon in der Generellen Morphologie (1866) den -Nachweis geführt, daß dieser historische =Fortschritt= -- oder die -allmähliche =Vervollkommnung= -- die =notwendige Wirkung der Selektion= -ist, nicht aber die Folge eines vorbedachten Zweckes. Das ergibt sich -auch daraus, daß kein Organismus ganz vollkommen ist; selbst wenn er -in einem gegebenen Augenblicke den Umständen vollkommen angepaßt wäre, -würde dieser Zustand nicht lange dauern; denn die Existenzbedingungen -der Außenwelt sind selbst einem beständigen Wechsel unterworfen und -bedingen damit eine ununterbrochene Anpassung der Organismen. - -_Sittliche Weltordnung._ In der Philosophie der Geschichte, in -den allgemeinen Betrachtungen, welche die Geschichtschreiber über -die Schicksale der Völker und über den verschlungenen Gang der -Staatenentwickelung anstellen, herrscht noch heute die Annahme einer -»sittlichen Weltordnung«. Die Historiker suchen in dem bunten Wechsel -der Völkergeschicke einen leitenden Zweck, eine ideale Absicht, -welche diese oder jene Rasse, diesen oder jenen Staat zu besonderem -Gedeihen auserlesen und zur Herrschaft über die anderen bestimmt -hat. Diese teleologische und dualistische Geschichtsbetrachtung ist -neuerdings um so schärfer in prinzipiellen Gegensatz zu unserer -monistischen Weltanschauung getreten, je sicherer sich diese letztere -im gesamten Gebiete der anorganischen Natur als die allem berechtigte -herausgestellt hat. In der gesamten Astronomie und Geologie, in dem -weiten Gebiete der Physik und Chemie spricht heute niemand mehr von -einer sittlichen Weltordnung, ebensowenig als von einem persönlichen -Gotte, dessen »Hand mit Weisheit und Verstand alle Dinge geordnet hat«. -Dieser ist aber auch in dem gesamten Gebiete der Biologie nicht zu -finden, in der ganzen Verfassung und Geschichte der organischen Natur. -=Darwin= hat uns in seiner Selektionstheorie nicht nur gezeigt, wie -die zweckmäßigen Einrichtungen im Leben und im Körperbau der Tiere und -Pflanzen ohne vorbedachten Zweck mechanisch entstanden sind, sondern er -hat uns auch in seinem »=Kampf ums Dasein=« die gewaltige Naturmacht -erkennen gelehrt, welche den ganzen Entwickelungsgang der organischen -Welt seit vielen Jahrmillionen ununterbrochen beherrscht und regelt. -Man könnte freilich sagen: Der »Kampf ums Dasein« ist das »Überleben -des Passendsten« oder der »Sieg des Besten«; das kann man aber nur, -wenn man das Stärkere stets als das beste (in moralischem Sinne!) -betrachtet; und überdies zeigt uns die ganze Geschichte der organischen -Welt, daß neben dem überwiegenden Fortschritt zum Vollkommenen -jederzeit auch einzelne Rückschritte zu niederen Zuständen vorkommen. - -Verhält es sich nun in der Völkergeschichte, die der Mensch in seinem -anthropozentrischen Größenwahn die »Weltgeschichte« zu nennen liebt, -etwa anders? Ist da überall und jederzeit ein höchstes moralisches -Prinzip oder ein weiser Weltregent zu entdecken, der die Geschicke -der Völker leitet? Die unbefangene Antwort kann heute, bei dem -vorgeschrittenen Zustande unserer Naturgeschichte und Völkergeschichte, -nur lauten: =Nein!= Die Geschicke der Zweige des Menschengeschlechts, -die als Rassen und Nationen seit Jahrtausenden um ihre Existenz und -ihre Fortbildung gerungen haben, unterliegen genau denselben »ewigen, -ehernen, großen Gesetzen« wie die Geschichte der ganzen organischen -Welt, die seit vielen Jahrmillionen die Erde bevölkert. - -Die Geologen unterscheiden in der »organischen Erdgeschichte«, soweit -sie uns durch die Denkmäler der Versteinerungskunde bekannt ist, drei -große Perioden: das primäre, sekundäre und tertiäre Zeitalter. Ihre -Zeitdauer ist schwer abzuschätzen, beträgt aber (zusammengenommen) -jedenfalls mehr als hundert Millionen Jahre. Die Geschichte des -Wirbeltierstammes, aus dem unser eigenes Geschlecht entsprossen ist, -liegt innerhalb dieses langen Zeitraumes klar vor unseren Augen; drei -verschiedene Entwickelungsstufen der Vertebraten waren in jenen drei -großen Perioden nacheinander entwickelt; in der primären Periode -die =Fische=, in der sekundären die =Reptilien=, in der tertiären -die =Säugetiere=. Von diesen drei Hauptgruppen der Wirbeltiere -nehmen die Fische den niedersten, die Reptilien einen mittleren, die -Säugetiere den höchsten Rang der Vollkommenheit ein. Bei tieferem -Eingehen in die Geschichte der drei Klassen finden wir, daß auch -die einzelnen Ordnungen und Familien derselben innerhalb der drei -Zeiträume sich fortschreitend zu höherer Vollkommenheit entwickelten. -Kann man nun diesen fortschreitenden Entwickelungsgang als Ausfluß -einer bewußten zweckmäßigen Zielstrebigkeit oder einer sittlichen -Weltordnung bezeichnen? Durchaus nicht! Denn die Selektionstheorie -lehrt uns, daß der organische =Fortschritt=, ebenso wie die organische -Differenzierung, eine =notwendige Folge= des Kampfes ums Dasein ist. -Tausende von bewunderungswürdigen Arten des Tier- und Pflanzenreiches -sind im Laufe jener hundert Millionen Jahre zugrunde gegangen, weil sie -anderen, stärkeren, Platz machen mußten, und diese Sieger im Kampfe -ums Dasein waren nicht immer die edleren oder im moralischen Sinne -vollkommneren Formen. - -Genau dasselbe gilt von der =Völkergeschichte=. Die bewunderungswürdige -Kultur des klassischen Altertums ist zugrunde gegangen, weil das -Christentum dem ringenden Menschengeiste damals durch den Glauben an -einen liebenden Gott und die Hoffnung auf ein besseres jenseitiges -Leben einen gewaltigen neuen Aufschwung verlieh. Der Papismus wurde -zwar bald zur schamlosen Karikatur des reinen Christentums und zertrat -schonungslos die Schätze der Erkenntnis, welche die hellenische -Philosophie schon erworben hatte; aber er gewann die Weltherrschaft -durch die Unwissenheit der blindgläubigen =Massen=. Erst die -Renaissance zerriß die Ketten dieser Geistesknechtschaft und verhalf -wieder den Ansprüchen der Vernunft zu ihrem Rechte. Aber auch in dieser -neuen, wie in jenen früheren Perioden der Kulturgeschichte, wogt ewig -der große Kampf ums Dasein hin und her, ohne jede moralische Ordnung. - -_Vorsehung._ So wenig bei unbefangener und kritischer Betrachtung -eine »moralische Weltordnung« im Gange der Völkergeschichte -nachzuweisen ist, ebensowenig können wir eine »weise Vorsehung« im -Schicksal der einzelnen Menschen anerkennen. Dieses wie jener wird -mit eiserner Notwendigkeit durch die mechanische Kausalität bestimmt, -welche jede Erscheinung aus einer oder mehreren vorhergehenden Ursachen -ableitet. Schon die alten Hellenen erkannten als höchstes Weltprinzip -das blinde =Fatum= (die Anangke), das »Götter und Menschen beherrscht«. -An ihre Stelle trat im Christentum die bewußte Vorsehung eines Gottes, -welcher nicht blind, sondern sehend ist, und welcher die Weltregierung -als patriarchalischer Herrscher führt. Der anthropomorphe Charakter -dieser Vorstellung liegt auf der Hand. Der Glaube an einen »liebenden -Vater«, der die Geschicke von 1500 Millionen Menschen auf unserem -Planeten unablässig lenkt und dabei die millionenfach sich kreuzenden -Gebete und »frommen Wünsche« derselben jederzeit berücksichtigt, ist -vollkommen unhaltbar: das ergibt sich sofort, wenn die Vernunft beim -Nachdenken darüber die farbige Brille des »Glaubens« ablegt. - -Bei dem ungeheuren Aufschwung des Verkehrs im 19. Jahrhundert hat -notwendig die Zahl der Verbrechen und Unglücksfälle in einem früher -nicht geahnten Maße zugenommen; das erfahren wir tagtäglich durch -die Zeitungen. In jedem Jahre gehen Tausende von Menschen zugrunde -durch Schiffbrüche, Tausende durch Eisenbahnunglücke, Tausende durch -Bergwerkskatastrophen usw. Viele Tausende töten sich alle Jahre -gegenseitig im Kriege, und die Zurüstung für diesen Massenmord -nimmt bei den höchstentwickelten, die christliche Liebe bekennenden -Kulturnationen den weitaus größten Teil des Nationalvermögens in -Anspruch. Und unter jenen Hunderttausenden, die alljährlich als -Opfer der modernen Zivilisation fallen, befinden sich überwiegend -tüchtige, tatkräftige, arbeitsame Menschen. Dabei redet man noch von -sittlicher Weltordnung! Es soll durchaus nicht bestritten werden, daß -der heute noch herrschende und in den Schulen gelehrte Glaube an eine -»sittliche Weltordnung« -- ebenso wie an eine »liebevolle Vorsehung« --- einen hohen =Idealwert= besitzt. Er tröstet die Leidenden, stärkt -die Schwachen, erhebt im Unglück; er befriedigt unser zweifelndes -Gemüt und versetzt uns in eine Idealwelt des »Jenseits«, in welcher -die Mängel des irdischen Daseins im »Diesseits« überwunden sind. So -lange der Mensch kindlich und unerfahren genug bleibt, mag er sich mit -diesen Gebilden der Dichtung begnügen. Allein das fortgeschrittene -Kulturleben der Gegenwart reißt ihn gewaltsam aus jener schönen -Idealwelt heraus und stellt ihn vor Aufgaben, zu deren Lösung ihn nur -die vernünftige Erkenntnis der =Wirklichkeit= befähigt. Unzweifelhaft -wird die frühzeitige Anpassung an diese =Realwelt=, zweckmäßig in den -Unterricht eingeführt und auf die moderne Entwickelungslehre gestützt, -den höher gebildeten Menschen der Zukunft nicht allein vernünftiger und -vorurteilsfreier, sondern auch besser und glücklicher machen. - -_Ziel, Zweck und Zufall._ Wenn uns unbefangene Prüfung der -Weltentwickelung lehrt, daß dabei weder ein bestimmtes Ziel noch ein -besonderer Zweck (im Sinne der menschlichen Vernunft!) nachzuweisen -ist, so scheint nichts übrig zu bleiben, als alles dem »=blinden -Zufall=« zu überlassen. Dieser Vorwurf ist in der Tat ebenso -dem =Transformismus= von =Lamarck= und =Darwin=, wie früher der -=Kosmogenie= von =Kant= und =Laplace= entgegengehalten worden; viele -dualistische Philosophen legen gerade hierauf besonderes Gewicht. Es -verlohnt sich daher wohl der Mühe, hier noch einen flüchtigen Blick -darauf zu werfen. - -Die eine Gruppe der Philosophen behauptet nach ihrer =teleologischen= -Auffassung: die ganze Welt ist ein geordneter Kosmos, in dem alle -Erscheinungen Ziel und Zweck haben; es gibt =keinen Zufall!= Die -andere Gruppe dagegen meint gemäß ihrer =mechanistischen= Auffassung: -Die Entwickelung der ganzen Welt ist ein einheitlich mechanischer -Prozeß, in dem wir nirgends Ziel und Zweck entdecken können; was -wir im organischen Leben so nennen, ist eine besondere Folge der -biologischen Verhältnisse; weder in der Entwickelung der Weltkörper, -noch in derjenigen unserer organischen Erdrinde ist ein leitender Zweck -nachzuweisen; hier ist =alles Zufall!= Beide Parteien haben recht, je -nach der Definition des »Zufalls«. Das allgemeine =Kausalgesetz=, in -Verbindung mit dem Substanzgesetz, überzeugt uns, daß jede Erscheinung -ihre mechanische Ursache hat; in diesem Sinne gibt es keinen Zufall. -Wohl aber können und müssen wir diesen unentbehrlichen Begriff -beibehalten, um damit das =Zusammentreffen= von zwei Erscheinungen -zu bezeichnen, die nicht unter sich kausal verknüpft sind, von denen -aber natürlich jede ihre Ursache hat, unabhängig von der anderen. Wie -jedermann weiß, spielt der Zufall in diesem monistischen Sinne die -größte Rolle im Leben des Menschen wie in demjenigen aller anderen -Naturkörper. Die wichtigsten Entscheidungen im bunten Wechsel unserer -persönlichen Schicksale werden oft durch zufällige Begegnung mit -anderen Personen bestimmt. Das hindert aber nicht, daß wir in jedem -einzelnen »=Zufall=« wie in der Entwickelung des Weltganzen die -universale Herrschaft des umfassendsten Naturgesetzes anerkennen, des -=Substanzgesetzes=. - - - - -=Fünfzehntes Kapitel.= - -_Gott und Welt._ - - Monistische Studien über Theismus und Pantheismus. Der anthropistische - Monotheismus der drei großen Mediterran-Religionen. Extramundaner und - intramundaner Gott. - - -Als letzten und höchsten Urgrund aller Erscheinungen betrachtet -die Menschheit seit Jahrtausenden eine bewirkende Ursache unter -dem Begriffe =Gott= (~Deus~, ~Theos~). Wie alle anderen -allgemeinen Begriffe, so ist auch dieser höchste Grundbegriff im -Laufe der Vernunftentwickelung den bedeutendsten Umbildungen und den -mannigfaltigsten Abartungen unterworfen gewesen. Ja man kann sagen, daß -kein anderer Begriff so sehr umgestaltet und abgeändert worden ist; -denn kein anderer berührt in gleich hohem Maße sowohl die höchsten -Aufgaben des erkennenden Verstandes und der vernünftigen Wissenschaft -als auch zugleich die tiefsten Interessen des gläubigen Gemütes und der -dichtenden Phantasie. - -Eine vergleichende Kritik der zahlreichen verschiedenen Hauptformen -der Gottesvorstellung ist zwar höchst interessant und lehrreich, würde -uns hier aber viel zu weit führen; wir müssen uns damit begnügen, nur -auf die wichtigsten Gestaltungen der Gottesidee und auf ihre Beziehung -zu unserer heutigen, durch die reine Naturerkenntnis bedingten -Weltanschauung einen flüchtigen Blick zu werfen. - -Wenn wir von allen feineren Abtönungen und bunten Gewandungen des -Gottesbildes absehen, können wir füglich -- mit Beschränkung auf den -tiefsten Inhalt desselben -- alle verschiedenen Vorstellungen darüber -in zwei entgegengesetzte Hauptgruppen ordnen, in die =theistische= und -die =pantheistische= Gruppe. Die letztere ist eng verknüpft mit der -=monistischen= oder rationellen, die erstere mit der =dualistischen= -oder mystischen Weltanschauung. - -~I~. _Theismus: Gott und Welt sind zwei verschiedene Wesen._ Gott -steht der Welt gegenüber als deren Schöpfer, Erhalter und Regierer. -Dabei wird Gott stets mehr oder weniger menschenähnlich gedacht, als -ein Organismus, welcher dem Menschen ähnlich (wenn auch in höchst -vollkommener Form) denkt und handelt. Dieser =anthropomorphe Gott=, -den die verschiedenen Naturvölker offenbar unabhängig voneinander -mehrmals erdacht haben, unterliegt in ihrer Phantasie bereits den -mannigfaltigsten Abstufungen, vom Fetischismus aufwärts bis zu den -geläuterten monotheistischen Religionen der Gegenwart. Als wichtigste -Unterarten der theistischen Begriffsbildung unterscheiden wir -Polytheismus, Triplotheismus, Amphitheismus und Monotheismus. - -_Polytheismus_ (Vielgötterei). Die Welt ist von vielen verschiedenen -Göttern bevölkert, welche mehr oder weniger selbständig in deren -Getriebe eingreifen. Der =Fetischismus= findet dergleichen -untergeordnete Götter in den verschiedensten leblosen Naturkörpern, in -den Steinen, im Wasser, in der Luft, in menschlichen Kunstprodukten -einfachster Art. Der =Dämonismus= erblickt Götter in lebendigen -Organismen, in Bäumen, Tieren und Menschen. Diese Vielgötterei nimmt -schon in den niedersten Religionsformen der rohen Naturvölker sehr -mannigfaltige Formen an. Sie erscheint auf der höchsten Stufe geläutert -im =hellenischen Polytheismus=, in jenen herrlichen Göttersagen des -alten Griechenlands, welche noch heute unserer modernen Kunst die -schönsten Vorbilder für Poesie und Bildnerei liefern. Auf viel tieferer -Stufe steht der =katholische Polytheismus=, in dem zahlreiche »Heilige« -als untergeordnete Gottheiten angebetet und um gütige Vermittelung beim -obersten Gott oder bei der »Jungfrau Maria« ersucht werden. - -_Triplotheismus_ (Dreigötterei, Trinitätslehre). Die Lehre von der -»=Dreieinigkeit Gottes=«, welche heute noch im Glaubensbekenntnis der -christlichen Kulturvölker die grundlegenden »drei Glaubensartikel« -bildet, gipfelt bekanntlich in der Vorstellung, daß der =Eine Gott= -des Christentums eigentlich in Wahrheit aus =drei Personen= von -verschiedenem Wesen sich zusammensetzt: ~I~. =Gott der Vater= ist der -»allmächtige Schöpfer Himmels und der Erde« (dieser unhaltbare Mythus -ist durch die wissenschaftliche Kosmogenie, Astronomie und Geologie -längst widerlegt). =II=. =Jesus Christus= ist der »eingeborene Sohn -Gottes des Vaters« (und zugleich der dritten Person, des »Heiligen -Geistes«!!), erzeugt durch unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria. -~III~. Der =Heilige Geist=, ein mystisches Wesen, über dessen -unbegreifliches Verhältnis zum »Sohne« und zum Vater sich viele -christliche Theologen seit 1900 Jahren den Kopf ganz umsonst zerbrochen -haben. Die Evangelien, die doch die einzigen lauteren Quellen dieses -=christlichen Triplotheismus= sind, lassen uns über die eigentlichen -Beziehungen dieser drei Personen zu einander völlig im Dunkeln und -geben auf die Frage nach ihrer rätselhaften Einheit keine irgendwie -befriedigende Antwort. Dagegen müssen wir besonders darauf hinweisen, -welche Verwirrung diese unklare und mystische Trinitätslehre in den -Köpfen unserer Kinder schon beim ersten Schulunterricht notwendig -anrichten muß. Montag morgens in der ersten Unterrichtsstunde -(Religion) lernen sie: Dreimal eins ist eins! -- und gleich darauf -in der zweiten Stunde (Rechnen): Dreimal eins ist drei! Ich erinnere -mich selbst sehr wohl noch der Bedenken, welche dieser auffällige -Widerspruch in mir selbst beim ersten Unterricht erregte. -- Übrigens -ist die »=Dreieinigkeit=« im Christentum keineswegs originell, sondern -gleich den meisten anderen Lehren desselben aus älteren Religionen -übernommen. Aus dem Sonnendienste der chaldäischen Magier entwickelt -sich die Trinität der =Ilu=, der geheimnisvollen Urquelle der Welt; -ihre drei Offenbarungen waren =Anu=, das ursprüngliche Chaos, =Bel=, -der Ordner der Welt, und =Ao=, das himmlische Licht, die alles -erleuchtende Weisheit. -- In der Brahmanenreligion wird die =Trimurti= -als »Gotteseinheit« ebenfalls aus drei Personen zusammengesetzt, aus -=Brahma= (dem Schöpfer), =Wischnu= (dem Erhalter) und =Schiwa= (dem -Zerstörer). - -_Amphitheismus_ (Zweigötterei). Die Welt wird von zwei verschiedenen -Göttern regiert, einem guten und einem bösen Wesen, =Gott= und -=Teufel=. Beide Weltregenten befinden sich in einem beständigen Kampfe, -wie Kaiser und Gegenkaiser, Papst und Gegenpapst. Das Ergebnis dieses -Kampfes ist jederzeit der gegenwärtige Zustand der Welt. Der liebe -=Gott=, als das gute Wesen, ist der Urquell des Guten und Schönen, der -Lust und Freude. Die Welt würde vollkommen sein, wenn sein Wirken nicht -beständig durchkreuzt würde von dem bösen Wesen, dem =Teufel=; dieser -schlimme Satanas ist die Ursache alles Bösen und Häßlichen, der Unlust -und des Schmerzes. - -Dieser =Amphitheismus= ist unter allen verschiedenen Formen des -Götterglaubens insofern der vernünftigste, als sich seine Theorie am -ersten mit einer wissenschaftlichen Welterklärung verträgt. Wir finden -ihn daher schon mehrere Jahrtausende vor Christus bei verschiedenen -Kulturvölkern des Altertums ausgebildet. Im alten Indien kämpft -=Wischnu=, der Erhalter, mit =Schiwa=, dem Zerstörer. Im alten -Ägypten steht dem guten =Osiris= der böse =Typhon= gegenüber. In der -Zendreligion der alten Perser, von Zoroaster 2000 Jahre vor Christus -gegründet, herrscht beständiger Kampf zwischen =Ormudz=, dem guten Gott -des Lichtes, und =Ahriman=, dem bösen Gott der Finsternis. - -Keine geringere Rolle spielt der Teufel als Gegner des guten Gottes in -der Mythologie des Christentums als der Versucher und Verführer, der -Fürst der Hölle und Herr der Finsternis. Als persönlicher =Satanas= war -er auch noch im Anfange des 19. Jahrhunderts ein wesentliches Element -im Glauben der meisten Christen; erst gegen die Mitte desselben wurde -er mit zunehmender Aufklärung allmählich abgesetzt, oder er mußte sich -mit jener Rolle begnügen, welche ihm =Goethe= in der größten aller -dramatischen Dichtungen, im »Faust«, als =Mephistopheles= zuteilt. -Gegenwärtig gilt in den besseren gebildeten Kreisen der »Glaube an den -persönlichen Teufel« als ein überwundener Aberglaube des Mittelalters, -während gleichzeitig der »Glaube an Gott« (d. h. den persönlichen, -guten und lieben Gott) als ein unentbehrlicher Bestandteil der Religion -festgehalten wird. Und doch ist der erstere Glaube ebenso voll -berechtigt (vielmehr ebenso haltlos!) wie der letztere! Jedenfalls -erklärt sich die vielbeklagte »Unvollkommenheit des Erdenlebens« viel -einfacher und natürlicher durch diesen Kampf des guten und bösen Gottes -als durch irgend welche andere Form des Gottesglaubens. - -_Monotheismus_ (Eingötterei). Die Lehre von der Einheit Gottes kann -in vieler Beziehung als die einfachste und natürlichste Form der -Gottesverehrung gelten. Nach der allgemeinen Meinung ist sie die -weitest verbreitete Grundlage der Religion und beherrscht namentlich -den Kirchenglauben der Kulturvölker. Tatsächlich ist dies jedoch -nicht der Fall; denn der angebliche =Monotheismus= erweist sich bei -näherer Betrachtung meistens als eine der vorher angeführten Formen -des Theismus, indem neben dem obersten »Hauptgotte« noch einer oder -mehrere Nebengötter angebetet werden. Auch sind die meisten Religionen, -welche einen rein monotheistischen Ausgangspunkt haben, im Laufe der -Zeit mehr oder minder polytheistisch geworden. Allerdings behauptet die -moderne Statistik, daß unter den 1500 Millionen Menschen, welche unsere -Erde bevölkern, die große Mehrzahl =Monotheisten= seien; =angeblich= -sollen davon =ungefähr= 600 Millionen Brahma-Buddhisten sein, 500 -Millionen (sogenannte!) Christen, 200 Millionen Heiden (verschiedenster -Sorte), 180 Millionen Mohammedaner, 10 Millionen Israeliten und 10 -Millionen ganz religionslos. Allein die große Mehrzahl der angeblichen -Monotheisten hat ganz unklare Gottesvorstellungen oder glaubt neben -dem einen Hauptgott auch noch an viele Nebengötter, als da sind: -Engel, Teufel, Dämonen usw. Die verschiedenen Formen, in denen sich -der Monotheismus =polyphyletisch= entwickelt hat, können wir in zwei -Hauptgruppen bringen: naturalistische und anthropistische Eingötterei. - -_Naturalistischer Monotheismus._ Diese alte Form der Religion erblickt -die Verkörperung Gottes in einer erhabenen, alles beherrschenden -Naturerscheinung. Als solche imponierte schon vor vielen Jahrtausenden -den Menschen vor allem die =Sonne=, die leuchtende und erwärmende -Gottheit, von deren Einfluß sichtlich alles organische Leben -unmittelbar abhängig ist. Der =Sonnenkultus= oder Solarismus kann für -den modernen Naturforscher wohl unter allen theistischen Glaubensformen -als die würdigste erscheinen. Denn unsere moderne Astrophysik und -Geogenie hat uns überzeugt, daß die Erde ein abgelöster Teil der Sonne -ist und später wieder in ihren Schoß zurückkehren wird. Die moderne -Physiologie lehrt uns, daß der erste Urquell des organischen Lebens auf -der Erde die Plasmabildung ist und daß diese Synthese von einfachen -anorganischen Verbindungen, von Wasser, Kohlensäure und Ammoniak nur -unter dem Einflusse des =Sonnenlichtes= erfolgt. Auf die primäre -Entwickelung der =Pflanzen= ist erst nachträglich, sekundär, diejenige -der =Tiere= gefolgt, die sich direkt oder indirekt von ihnen nähren; -und die Entstehung des Menschengeschlechtes selbst ist wiederum nur ein -späterer Vorgang in der Stammesgeschichte des Tierreichs. Auch unser -gesamtes körperliches und geistiges Menschenleben ist ebenso wie alles -andere organische Leben im letzten Grunde auf die strahlende, Licht -und Wärme spendende Sonne zurückzuführen. Unbefangen und vernünftig -betrachtet, erscheint daher der =Sonnenkultus= als =naturalistischer -Monotheismus= besser begründet als der anthropistische Gottesdienst -der Christen und anderer Kulturvölker, welche Gott in Menschengestalt -sich vorstellen. Tatsächlich haben auch schon vor Jahrtausenden die -Sonnenanbeter sich auf eine höhere intellektuelle und moralische -Bildungsstufe erhoben als die meisten anderen Theisten. Als ich -im November 1881 in Bombay war, betrachtete ich mit der größten -Teilnahme die erhebenden Andachtsübungen der frommen Parsi, welche -beim Aufgang und Untergang der Sonne, am Meeresstrande stehend oder -auf ausgebreitetem Teppich kniend, dem kommenden und scheidenden -Tagesgestirn ihre Verehrung bezeugten (Indische Reisebriefe, ~IV~. -Aufl., S. 56). - -_Anthropistischer Monotheismus._ Die Vermenschlichung Gottes, -die Vorstellung, daß das »höchste Wesen« dem Menschen gleich -empfindet, denkt und handelt (wenn auch in erhabenster Form), -spielt als =anthropomorpher Monotheismus= die größte Rolle in der -Kulturgeschichte. Vor allen anderen treten hier in den Vordergrund -die drei großen Religionen der mediterranen Menschenart, die ältere -mosaische, die mittlere christliche und die jüngere mohammedanische. -Diese =drei großen Mittelmeer-Religionen=, alle drei an der gesegneten -Ostküste des interessantesten aller Meere entstanden, alle drei in -ähnlicher Weise von einem phantasiereichen Schwärmer semitischer -Rasse gestiftet, hängen nicht nur äußerlich durch diesen gemeinsamen -Ursprung innig zusammen, sondern auch durch zahlreiche gemeinsame Züge -ihrer inneren Glaubensvorstellungen. Wie das Christentum einen großen -Teil seiner Mythologie aus dem älteren Judentum direkt übernommen -hat, so hat der jüngere Islam wiederum von diesen beiden Religionen -viele Erbschaften beibehalten. Alle drei Mediterran-Religionen waren -ursprünglich rein =monotheistisch=; alle drei sind späterhin den -mannigfaltigsten =polytheistischen= Umbildungen unterlegen, je weiter -sie sich zunächst an den vielteiligen Küsten des mannigfach bevölkerten -Mittelmeers und sodann in den übrigen Erdteilen ausbreiteten. - -_Der Mosaismus._ Der jüdische Monotheismus, wie ihn =Moses= (1600 -vor Chr.) begründete, gilt gewöhnlich als diejenige Glaubensform des -Altertums, welche die höchste Bedeutung für die weitere ethische und -religiöse Entwickelung der Menschheit besitzt. Unzweifelhaft ist -ihr dieser hohe historische Wert schon deshalb zuzugestehen, weil -die beiden anderen weltbeherrschenden Mediterran-Religionen aus ihr -hervorgegangen sind; Christus steht ebenso auf den Schultern von Moses, -wie später Mohammed auf den Schultern von beiden. Ebenso ruht das -Neue Testament, welches in der kurzen Zeitspanne von 1900 Jahren das -Glaubens-Fundament der höchstentwickelten Kulturvölker gebildet hat, -auf der Basis des Alten Testaments. Beide zusammengenommen haben als -=Bibel= einen Einfluß und eine Verbreitung gewonnen wie kein anderes -Buch in der Welt. Wenn wir aber diese merkwürdige Geschichtsquelle -unbefangen und vorurteilslos prüfen, so stellen sich viele wichtige -Beziehungen ganz anders dar, als gelehrt wird. Auch hier hat die tiefer -eindringende moderne Kritik und Kulturgeschichte wichtige Aufschlüsse -geliefert, welche die geltende Tradition in ihren Fundamenten -erschüttern. - -Der Monotheismus, wie ihn Moses im Jehovahdienste zu begründen suchte, -und wie ihn später mit großem Erfolge die =Propheten= ausbildeten, -hatte ursprünglich harte und lange Kämpfe mit dem herrschenden älteren -Polytheismus zu bestehen. Ursprünglich war =Jehovah= oder Japheh aus -jenem Himmelsgotte abgeleitet, der als Moloch oder Baal eine der -meistverehrten orientalischen Gottheiten war. Die vielbesprochenen -Forschungen der modernen Assyriologen über »=Bibel und Babel=« -(Delitzsch u. a.) haben gelehrt, daß der monotheistische Japhehglaube -schon lange vor Moses in Babylon heimisch war. Daneben aber blieben -andere Götter vielfach in hohem Ansehen, und der Kampf mit der -»Abgötterei« bestand im jüdischen Volke immer fort. Trotzdem blieb im -Prinzipe Jehovah der alleinige Gott, der im ersten der zehn Gebote -Mosis ausdrücklich sagt: »Ich bin der Herr dein Gott, du sollst nicht -andere Götter haben neben mir.« - -_Das Christentum._ Der christliche Monotheismus teilte das Schicksal -seiner Mutter, des Mosaismus, und blieb wahre Eingötterei meistens nur -theoretisch im Prinzip, während er praktisch in die mannigfaltigsten -Formen des Polytheismus sich verwandelte. Eigentlich war ja schon in -der Trinitätslehre selbst, die doch als ein unentbehrliches Fundament -der christlichen Religion gilt, der Monotheismus logischerweise -aufgegeben. Die =drei Personen=, die als Vater, Sohn und Heiliger -Geist unterschieden werden, sind und bleiben ebenso drei verschiedene -=Individuen= (und zwar anthropomorphe Personen!) wie die drei indischen -Gottheiten der Trimurti (Brahma, Wischnu, Schiwa). Dazu kommt noch, -daß in den weiterverbreiteten Abarten des Christianismus als vierte -Gottheit die Jungfrau Maria, als unbefleckte Mutter Christi, eine -große Rolle spielt; in weiten katholischen Kreisen gilt sie sogar als -viel wichtiger und einflußreicher als die drei männlichen Personen der -Himmelsregierung. Der =Madonnenkultus= hat hier tatsächlich eine solche -Bedeutung gewonnen, daß man ihn als einen =weiblichen Monotheismus= -der gewöhnlichen männlichen Form der Eingötterei gegenüberstellen -kann. Die »hehre Himmelskönigin« erscheint hier so sehr im Vordergrund -aller Vorstellungen (wie es auch unzählige Madonnenbilder und Sagen -bezeugen), daß die drei männlichen Personen dagegen ganz zurücktreten. - -Nun hat sich aber außerdem schon frühzeitig in der Phantasie der -gläubigen Christen eine zahlreiche Gesellschaft von »=Heiligen=« aller -Art zu dieser obersten Himmelsregierung gesellt, und musikalische -Engel sorgen dafür, daß es im »ewigen Leben« an Konzertgenüssen nicht -fehlt. Die römischen Päpste -- die größten Charlatans, die jemals eine -Religion hervorgebracht hat! -- sind beständig beflissen, durch neue -Heiligsprechungen die Zahl dieser anthropomorphen Himmelstrabanten -zu vermehren. Den reichsten und interessantesten Zuwachs hat aber -diese seltsame Paradiesgesellschaft am 13. Juli 1870 dadurch -bekommen, daß das vatikanische Konzil die Päpste als Stellvertreter -Christi für =unfehlbar= erklärt und sie damit selbst zum Range von -=Göttern= erhoben hat. Nimmt man dazu noch den von ihnen anerkannten -»persönlichen Teufel« und die »bösen Engel«, welche seinen Hofstaat -bilden, so gewährt uns der =Papismus=, die heute noch meistverbreitete -Form des modernen Christentums, ein so buntes Bild des reichsten -anthropistischen =Polytheismus=, daß der hellenische Olymp im -Vergleiche dazu klein und dürftig erscheint. - -_Der Islam_ (oder der =mohammedanische Monotheismus=) ist die jüngste -Form der Eingötterei. Als der junge Mohammed (geb. 570) frühzeitig -den polytheistischen Götzendienst seiner arabischen Stammesgenossen -verachten und das Christentum der Nestorianer kennen lernte, eignete -er sich zwar ihre Grundlehren im allgemeinen an; er konnte sich aber -nicht entschließen, in Christus etwas anderes zu erblicken als einen -Propheten, gleich Moses. Im Dogma der Dreieinigkeit fand er das, was -bei unbefangenem Nachdenken jeder vorurteilsfreie Mensch darin finden -muß, einen widersinnigen Glaubenssatz, der weder mit den Grundsätzen -unserer Vernunft vereinbar noch für unsere religiöse Erhebung von -irgend welchem Werte ist. Die Anbetung der unbefleckten Jungfrau Maria -als der »Mutter Gottes« betrachtete er ebenso als eitle Götzendienerei -wie die Verehrung von Bildern und Bildsäulen. Je länger er darüber -nachdachte, und je mehr er nach einer reineren Gottesvorstellung -hinstrebte, desto klarer wurde ihm die Gewißheit seines Hauptsatzes: -»Gott ist der alleinige Gott«; es gibt keine anderen Götter neben ihm. - -Allerdings konnte auch Mohammed sich von dem Anthropomorphismus der -Gottesvorstellung nicht frei machen. Auch sein alleiniger Gott blieb -ein idealisierter, allmächtiger Mensch, ebenso wie der strenge, -strafende Gott des Moses, ebenso wie der milde, liebende Gott des -Christus. Aber trotzdem kann man der mohammedanischen Religion den -Vorzug lassen, daß sie auch im Verlaufe ihrer historischen Entwickelung -und unvermeidlichen Abartung den ursprünglichen reinen Charakter -strenger bewahrte als die mosaische und die christliche Religion. -Das zeigt sich auch heute noch äußerlich in den Gebetsformen und -Predigtweisen ihres Kultus, wie in der Architektur und Ausschmückung -ihrer Gotteshäuser. Als ich 1873 zum ersten Male den Orient besuchte -und die herrlichen Moscheen in Kairo und Smyrna, in Brussa und -Konstantinopel bewunderte, erfüllten mich mit wahrer Andacht die -einfache und geschmackvolle Dekoration des Innern, der erhabene -und zugleich prächtige architektonische Schmuck des Äußern. Wie -edel und erhaben erscheinen diese Moscheen im Vergleiche zu der -Mehrzahl der katholischen Kirchen, welche innen mit bunten Bildern -und goldenem Flitterkram überladen, außen durch übermäßige Fülle -von Menschen- und Tierfiguren verunstaltet sind! Nicht minder schön -erscheinen die stillen Gebete und die einfachen Andachtsübungen des -Koran im Vergleiche mit dem lauten, unverstandenen Wortgeplapper der -katholischen Messen und der lärmenden Musik ihrer theatralischen -Prozessionen. - -_Mixotheismus_ (Mischgötterei). Unter diesem Begriffe kann man füglich -alle diejenigen Formen des Götterglaubens zusammenfassen, welche -=Mischungen= von religiösen Vorstellungen verschiedener und zum -Teil direkt widersprechender Art enthalten. Theoretisch ist diese -weitestverbreitete Religionsform bisher nirgends anerkannt. Praktisch -aber ist sie die wichtigste und merkwürdigste von allen. Denn die große -Mehrzahl der Menschen, die sich überhaupt religiöse Vorstellungen -bildeten, waren von jeher und sind noch heute =Mixotheisten=; ihre -Gottesvorstellung ist bunt gemischt aus den frühzeitig in der Kindheit -eingeprägten Glaubenssätzen ihrer speziellen Konfession und aus -vielen verschiedenen Eindrücken, welche später bei der Berührung mit -anderen Glaubensformen empfangen werden, und welche die ersteren -modifizieren. Bei vielen Gebildeten kommen dazu noch der umgestaltende -Einfluß philosophischer Studien im reiferen Alter und vor allem die -unbefangene Beschäftigung mit den Erscheinungen der Natur, welche die -Nichtigkeit der theistischen Glaubensbilder dartun. Der Kampf dieser -widersprechenden Vorstellungen, welcher für feiner empfindende Gemüter -äußerst schmerzlich ist und oft das ganze Leben hindurch unentschieden -bleibt, offenbart klar die ungeheure Macht der =Vererbung= alter -Glaubenssätze einerseits und der frühzeitigen =Anpassung= an -irrtümliche Lehren andererseits. Die besondere Konfession, in welche -das Kind von frühester Jugend an durch die Eltern eingezwängt wurde, -bleibt meistens in der Hauptsache maßgebend, falls nicht später -durch den stärkeren Einfluß eines anderen Glaubensbekenntnisses -eine Konversion eintritt. Aber auch bei diesem Übertritt von einer -Glaubensform zur anderen ist oft der neue Name, ebenso wie der alte -aufgegebene, nur eine äußere Etikette, unter welcher bei näherer -Untersuchung die allerverschiedensten Überzeugungen und Irrtümer sich -bunt gemischt verstecken. Die große Mehrzahl der sogenannten Christen -sind nicht Monotheisten (wie sie glauben), sondern Amphitheisten, -Triplotheisten oder Polytheisten. Dasselbe gilt aber auch von den -Bekennern des Islam und des Mosaismus, wie von anderen monotheistischen -Religionen. Überall gesellen sich zu der ursprünglichen Vorstellung des -»alleinigen oder dreieinigen Gottes« später erworbene Glaubensbilder -von untergeordneten Gottheiten: Engeln, Teufeln, Heiligen und anderen -Dämonen, eine bunte Mischung der verschiedensten theistischen Gestalten. - -_Wesen des Theismus._ Alle hier angeführten Formen des Theismus -im eigentlichen Sinne haben gemeinsam die Vorstellung Gottes als -des =Außerweltlichen= oder =Übernatürlichen=. Immer steht Gott als -selbständiges Wesen der Welt oder der Natur gegenüber, meistens -als Schöpfer, Erhalter und Regierer der Welt. In den allermeisten -Religionen kommt dazu noch der Charakter des =Persönlichen= und -bestimmter noch die Vorstellung, daß Gott als Person dem Menschen -ähnlich ist. »In seinen Göttern malet sich der Mensch.« Dieser -=Anthropomorphismus Gottes=, die Vorstellung eines Wesens, welches -gleich dem Menschen denkt, empfindet und handelt, ist bei der großen -Mehrzahl der Gottesgläubigen maßgebend, bald in mehr roher und -naiver, bald in mehr feiner und abstrakter Form. Allerdings wird -die fortgeschrittenste Form der Theosophie behaupten, daß Gott als -höchstes Wesen von absoluter Vollkommenheit und daher gänzlich von dem -unvollkommenen Wesen des Menschen verschieden sei. Allein bei genauerer -Untersuchung bleibt immer das Gemeinsame beider ihre Seelen-oder -Geistestätigkeit. - -_Der persönliche Anthropismus Gottes_ ist bei der großen Mehrzahl der -Gläubigen zu einer so geläufigen Vorstellung geworden, daß sie keinen -Anstoß an der menschlichen Personifikation Gottes in Bildern und -Statuen nehmen, und an den mannigfaltigen Dichtungen der Phantasie, in -welchen Gott menschliche Gestalt annimmt. In vielen Mythen erscheint -die Person Gottes auch in Gestalt anderer Säugetiere (Affen, Löwen, -Stiere usw.), seltener in Gestalt von Vögeln (Adler, Tauben, Schwäne) -oder in Form von anderen Wirbeltieren (Schlangen, Krokodile, Drachen). - -In den höheren und abstrakteren Religionsformen wird diese körperliche -Erscheinung aufgegeben und Gott nur als »=reiner Geist=« ohne Körper -verehrt. »Gott ist ein Geist, und wer ihn anbetet, soll ihn im Geist -und in der Wahrheit anbeten.« Trotzdem bleibt aber die Seelentätigkeit -dieses reinen Geistes ganz dieselbe wie diejenige der anthropomorphen -Gottesperson. In Wirklichkeit wird auch dieser immaterielle Geist nicht -unkörperlich, sondern unsichtbar gedacht, gasförmig. - -~II~. _Pantheismus_ (All-Eins-Lehre): =Gott und Welt sind ein -einziges Wesen.= Der Begriff Gottes fällt mit demjenigen der =Natur= -oder der =Substanz= zusammen. Diese pantheistische Weltanschauung steht -im Prinzip sämtlichen angeführten und allen sonst noch möglichen Formen -des =Theismus= schroff gegenüber, wenngleich man durch Entgegenkommen -von beiden Seiten die tiefe Kluft zwischen beiden zu überbrücken, sich -vielfach bemüht hat. Immer bleibt zwischen beiden der fundamentale -Gegensatz bestehen, daß im =Theismus= Gott als außerweltliches oder -=extramundanes= Wesen der Natur schaffend und erhaltend gegenübersteht -und =von außen= auf sie einwirkt, während im =Pantheismus= Gott als -innerweltliches oder =intramundanes= Wesen allenthalben die Natur -selbst ist und als denkende Substanz, als »Kraft oder Energie« -tätig ist. Diese letztere Ansicht allein ist vereinbar mit dem -=Substanzgesetze=. Daher ist notwendigerweise =der Pantheismus die -Weltanschauung unserer modernen Naturwissenschaft=. - -Da der =Pantheismus= erst aus der geläuterten Naturbetrachtung des -denkenden Kulturmenschen hervorgehen konnte, ist er begreiflicherweise -viel jünger als der =Theismus=, dessen roheste Formen sicher schon -vor mehr als zehntausend Jahren bei den primitiven Naturvölkern in -mannigfaltigen Variationen ausgebildet wurden. Wenn auch in den ersten -Anfängen der Philosophie bei den ältesten Kulturvölkern (in Indien und -Ägypten, in China und Japan) schon mehrere Jahrtausende vor Christus -Keime des Pantheismus in verschiedenen Religionsformen eingestreut -sich finden, so tritt doch eine bestimmte philosophische Fassung -desselben erst in dem =Hylozoismus der ionischen Naturphilosophen= -auf, in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts vor Chr. Alle großen -Denker dieser Blüteperiode des hellenischen Geistes überragt der -gewaltige =Anaximander= von Milet, der die prinzipielle Einheit des -=unendlichen Weltganzen= tief und klar erfaßte. Nicht nur den großen -Gedanken der ursprünglichen =Einheit= des Kosmos, der =Entwickelung= -aller Erscheinungen aus der alles durchdringenden =Urmaterie=, hatte -=Anaximander= bereits ausgesprochen, sondern auch die kühne Vorstellung -von zahllosen, in periodischem =Wechsel= entstehenden und vergehenden -Weltbildungen. - -Auch viele von den folgenden großen Philosophen des klassischen -Altertums, vor allen =Demokritos=, =Heraklitos= und =Empedokles=, -hatten in gleichem oder ähnlichem Sinne tief eindringend bereits -jene Einheit von Natur und Gott, von Körper und Geist erfaßt, welche -im Substanzgesetze unseres heutigen =Monismus= den bestimmtesten -Ausdruck gewonnen hat. Der große römische Dichter und Naturphilosoph -=Lucretius Carus= hat ihn in seinem berühmten Lehrgedichte »~De rerum -natura~« in hochpoetischer Form dargestellt. Allein dieser naturwahre -pantheistische Monismus wurde bald ganz zurückgedrängt durch den -mystischen Dualismus von =Plato= und besonders durch den gewaltigen -Einfluß, den seine idealistische Philosophie durch die Verschmelzung -mit den christlichen Glaubenslehren gewann. Als sodann deren -mächtigster Anwalt, der römische Papst, die geistige Weltherrschaft -gewann, wurde der Pantheismus gewaltsam unterdrückt; =Giordano Bruno=, -sein geistvollster Vertreter, wurde am 17. Februar 1600 auf dem Campo -Fiori in Rom von dem »Stellvertreter Gottes« lebendig verbrannt. - -Erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde durch den -großen =Baruch Spinoza= das System des Pantheismus in reinster Form -ausgebildet; er stellte für die Gesamtheit der Dinge den reinen -=Substanzbegriff= auf, in welchem »Gott und Welt« untrennbar vereinigt -sind. Wir müssen die Klarheit, Sicherheit und Folgerichtigkeit des -monistischen Systems von =Spinoza= heute um so mehr bewundern, als -diesem gewaltigen Denker vor 250 Jahren noch alle die sicheren -empirischen Fundamente fehlten, die wir erst in der zweiten Hälfte -des 19. Jahrhunderts gewonnen haben. Das Verhältnis von =Spinoza= zum -späteren =Materialismus= im 18. und zu unserem heutigen =Monismus= im -19. Jahrhundert haben wir bereits im ersten Kapitel besprochen. Zur -weiteren Verbreitung desselben, besonders im deutschen Geistesleben, -haben vor allem die unsterblichen Werke unseres größten Dichters und -Denkers beigetragen, =Wolfgang Goethe=. Seine herrlichen Dichtungen -»Gott und Welt«, »Prometheus«, »Faust« usw. hüllen die Grundgedanken -des Pantheismus in die vollkommenste und schönste dichterische Form. - -Die Beziehungen unseres heutigen Monismus zu den früheren -philosophischen Systemen, sowie die wichtigsten Grundzüge von deren -historischer Entwickelung, sind in dem »Grundriß der Geschichte der -Philosophie« von =Friedrich Überweg= eingehend dargestellt (10. -Auflage, bearbeitet von =Max Heinze=, Berlin 1906). Eine vortreffliche -klare Übersicht derselben -- gewissermaßen eine »Stammesgeschichte der -Welträtsel und der Versuche zu ihrer Lösung« -- hat =Fritz Schultze= -(Dresden) in seinem »=Stammbaum der Philosophie=« gegeben; ein -»Tabellarisch-Schematischer Grundriß der Geschichte der Philosophie von -den Griechen bis zur Gegenwart« (Leipzig, 2. Auflage, 1899). - -_Atheismus_ (»Die entgötterte Weltanschauung«). Es =gibt keinen= Gott -und keine Götter, falls man unter diesem Begriff persönliche, außerhalb -der Natur stehende Wesen versteht. Diese »=gottlose Weltanschauung=« -fällt im wesentlichen mit dem =Monismus= oder =Pantheismus= unserer -modernen Naturwissenschaft zusammen; sie gibt nur einen anderen -Ausdruck dafür, indem sie eine negative Seite desselben hervorhebt, die -Nichtexistenz einer außerweltlichen und übernatürlichen Gottheit. In -diesem Sinne sagt =Schopenhauer= ganz richtig: »=Pantheismus= ist nur -ein höflicher Atheismus. Die Wahrheit des Pantheismus besteht in der -Aufhebung des dualistischen Gegensatzes zwischen Gott und Welt, in der -Erkenntnis, daß die Welt aus ihrer inneren Kraft und durch sich selbst -da ist. Der Satz des Pantheismus: 'Gott und die Welt ist eins' ist -bloß eine höfliche Wendung, dem Herrgott den Abschied zu geben.« - -Während des ganzen Mittelalters, unter der blutigen Tyrannei des -Papismus, wurde der =Atheismus= als die entsetzlichste Form der -Weltanschauung mit Feuer und Schwert verfolgt. Da der »Gottlose« im -Evangelium mit dem »Bösen« schlechtweg identifiziert und ihm im ewigen -Leben die Höllenstrafe der ewigen Verdammnis angedroht wird, ist es -begreiflich, daß jeder gute Christ selbst den entfernten Verdacht -des Atheismus ängstlich mied. Leider besteht auch heute noch diese -Auffassung in weiten Kreisen fort. Dem =atheistischen= Naturforscher, -der seine Kraft und sein Leben der Erforschung der =Wahrheit= widmet, -traut man von vornherein alles Böse zu; der =theistische= Kirchgänger -dagegen, der die leeren Zeremonien des papistischen Kultus gedankenlos -mitmacht, gilt schon deswegen als guter Staatsbürger, auch wenn er sich -bei seinem =Glauben= gar nichts denkt und nebenher der verwerflichsten -Moral huldigt. Dieser Irrtum wird sich erst klären, wenn im 20. -Jahrhundert der herrschende Aberglaube mehr der vernünftigen -Naturerkenntnis weicht und der monistischen Überzeugung der =Einheit -von Gott und Welt=. - - - - -=Sechzehntes Kapitel.= - -_Wissen und Glauben._ - - Monistische Studien über Erkenntnis der Wahrheit. Sinnestätigkeit - und Vernunfttätigkeit. Glauben und Aberglauben Erfahrung und - Offenbarung. - - -Alle Arbeit wahrer Wissenschaft geht auf Erkenntnis der =Wahrheit=. -Unser echtes und wertvolles Wissen ist realer Natur und besteht aus -Vorstellungen, welche wirklich existierenden Dingen entsprechen. Wir -sind zwar unfähig, das innerste Wesen dieser realen Welt -- »das Ding -an sich« -- zu erkennen; aber unbefangene und kritische Beobachtung und -Vergleichung überzeugt uns, daß bei normaler Beschaffenheit des Gehirns -und der Sinnesorgane die Eindrücke der Außenwelt auf diese bei allen -vernünftigen Menschen dieselben sind, und daß bei normaler Funktion -der Denkorgane bestimmte, überall gleiche Vorstellungen gebildet -werden; diese nennen wir wahr und sind dabei überzeugt, daß ihr Inhalt -dem erkennbaren Teile der Dinge entspricht. Wir =wissen=, daß diese -Tatsachen nicht eingebildet, sondern wirklich sind. - -_Erkenntnisquellen._ Alle Erkenntnis der Wahrheit beruht auf zwei -verschiedenen, aber innig zusammenhängenden Gruppen von physiologischen -Funktionen des Menschen; erstens auf der =Empfindung= der Objekte -mittels der Sinnestätigkeit, und zweitens auf der Verbindung der so -gewonnenen Eindrücke durch Assozion zur =Vorstellung= im Subjekt. Die -Werkzeuge der Empfindung sind die =Sinnesorgane=; die Werkzeuge, welche -die Vorstellungen bilden und verknüpfen, sind die =Denkorgane=. Diese -letzteren sind Teile des zentralen, die ersteren Teile des peripheren -=Nervensystems=, jenes wichtigsten und höchstentwickelten Organsystems -der höheren Tiere, dessen Funktion einzig und allein die gesamte -Seelentätigkeit ist. - -_Sinnesorgane_ (~Sensilla~). Die Sinnestätigkeit des Menschen, -welche der =erste Ausgangspunkt aller Erkenntnis= ist, hat sich -langsam und allmählich aus derjenigen der nächstverwandten Säugetiere, -der Primaten, entwickelt. Die Organe derselben sind in dieser -höchstentwickelten Tierklasse überall von wesentlich gleichem Bau, -und ihre Funktion erfolgt überall nach denselben physikalischen -und chemischen Gesetzen. Sie haben sich allenthalben in derselben -historischen Weise entwickelt. Wie bei allen anderen Tieren, so -sind auch bei den Säugetieren alle Sensillen ursprünglich Teile der -Hautdecke, und die empfindlichen Zellen der =Oberhaut= sind die -Ureltern aller der verschiedenen Sinnesorgane, welche durch Anpassung -an verschiedene Reize (Licht, Wärme, Schall, chemische Reize) ihre -spezifische Energie erlangt haben. Sowohl die Stäbchenzellen der Retina -in unserem Auge und die Hörzellen in der Schnecke unseres Ohres, als -auch die Riechzellen in der Nase und die Schmeckzellen auf unserer -Zunge stammen ursprünglich von jenen einfachen indifferenten Zellen der -Oberhaut ab, welche die ganze Oberfläche unseres Körpers überziehen. -Diese bedeutungsvolle Tatsache wird durch die unmittelbare Beobachtung -am Embryo des Menschen ebenso wie aller anderen Tiere direkt bewiesen. -Aus dieser ontogenetischen Tatsache folgt aber nach dem Biogenetischen -Grundgesetz mit Sicherheit der phylogenetische Schluß, daß auch in der -langen Stammesgeschichte unserer Vorfahren die höheren Sinnesorgane mit -ihren speziellen Energien ursprünglich aus der Oberhaut niederer Tiere -entstanden sind, aus einer einfachen Zellenschicht, die noch keine -solchen gesonderten Sensillen enthielt. - -_Spezifische Energie der Sensillen._ Von größter Bedeutung für die -menschliche Erkenntnis ist die Tatsache, daß verschiedene Nerven -unseres Körpers imstande sind, ganz verschiedene Qualitäten der -Außenwelt und nur diese wahrzunehmen. Der Sehnerv des Auges vermittelt -nur Lichtempfindung, der Hörnerv des Ohres nur Schallempfindung, der -Riechnerv der Nase nur Geruchsempfindung usw. Gleichviel, welche Reize -das einzelne Sinneswerkzeug treffen und erregen, ihre Reaktion behält -dieselbe Qualität. Aus dieser =spezifischen Energie= der Sinnesnerven, -welche von =Johannes Müller= zuerst in ihrer weitreichenden -Bedeutung gewürdigt wurde, sind sehr irrtümliche Schlüsse gezogen -worden, besonders zugunsten einer dualistischen und apriorischen -Erkenntnistheorie. Man behauptete, daß das Gehirn oder die Seele nur -einen gewissen Zustand des erregten Nerven wahrnehme, und daß daraus -nichts auf die Existenz und Beschaffenheit der erregenden Außenwelt -geschlossen werden könne. Die skeptische Philosophie zog daraus den -Schluß, daß diese letztere selbst zweifelhaft sei, und der extreme -Idealismus bezweifelte nicht nur diese Realität, sondern er negierte -sie einfach; er behauptete, daß die Welt nur in unserer Vorstellung -existiere. - -Diesen Irrtümern gegenüber müssen wir daran erinnern, daß die -»spezifische Energie« ursprünglich nicht eine anerschaffene -besondere Qualität einzelner Nerven, sondern durch =Anpassung= -an die besondere Tätigkeit der Oberhautzellen entstanden ist, in -welchen sie enden. Nach den großen Gesetzen der Arbeitsteilung nahmen -die ursprünglich indifferenten »=Hautsinneszellen=« verschiedene -Aufgaben in Angriff, indem die einen den Reiz der Lichtstrahlen, -die anderen den Eindruck der Schallwellen, eine dritte Gruppe die -chemische Einwirkung riechender Substanzen usw. aufnahmen. Im -Laufe langer Zeiträume bewirkten diese äußeren Sinnesreize eine -allmähliche Veränderung der physiologischen und weiterhin auch der -morphologischen Eigenschaften dieser Oberhautstellen, und damit -zugleich veränderten sich die sensiblen Nerven, welche die von ihnen -aufgenommenen Eindrücke zum Gehirn leiteten. Die Selektion verbesserte -Schritt für Schritt die besonderen Umbildungen derselben, welche -sich als nützlich erwiesen; sie schuf so zuletzt im Laufe vieler -Jahrmillionen jene bewunderungswürdigen Instrumente, welche als =Auge= -und =Ohr= unsere teuersten Güter darstellen. Ihre Einrichtung ist so -wunderbar zweckmäßig, daß sie uns zu der irrtümlichen Annahme einer -»Schöpfung nach vorbedachtem Bauplan« führen könnte. Die besondere -Eigentümlichkeit jedes Sinnesorganes und seiner spezifischen Nerven hat -sich aber erst durch Gewohnheit und Übung -- d. h. durch =Anpassung= -- -allmählich entwickelt und ist dann durch =Vererbung= von Generation zu -Generation übertragen worden. - -_Grenzen der Sinneswahrnehmung._ Die kritische Vergleichung der -Sinnestätigkeit beim Menschen und bei den übrigen Wirbeltieren ergibt -eine Anzahl überaus wichtiger Tatsachen. Ganz besonders gilt dies von -den beiden höchstentwickelten, den »ästhetischen Sinneswerkzeugen«, -Auge und Ohr. Sie zeigen im Stamme der Wirbeltiere einen anderen und -verwinkelteren Bau als bei den übrigen Tieren und entwickeln sich -auch im Embryo derselben auf eigentümliche Weise. Diese typische -Ontogenese und Struktur der Sensillen bei sämtlichen Wirbeltieren -erklärt sich durch =Vererbung= von einer gemeinsamen Stammform. -Innerhalb des Stammes aber zeigt sich eine große Mannigfaltigkeit der -Ausbildung im einzelnen, und diese ist bedingt durch die =Anpassung= -an die Lebensweise der einzelnen Arten, durch den gesteigerten oder -geminderten Gebrauch der einzelnen Teile. - -Der Mensch erscheint nun in bezug auf die Ausbildung seiner Sinne -keineswegs als das vollkommenste und höchstentwickelte Wirbeltier. Das -Auge der Vögel ist viel schärfer und unterscheidet kleine Gegenstände -auf weite Entfernung viel deutlicher als das menschliche Auge. Das -Gehör vieler Säugetiere, besonders der in Wüsten lebenden Raubtiere, -Huftiere, Nagetiere usw., ist viel empfindlicher als das menschliche -und nimmt leise Geräusche auf viel weitere Entfernungen wahr; darauf -weist schon ihre große und sehr bewegliche Ohrmuschel hin. Die -Singvögel offenbaren selbst in bezug auf musikalische Begabung eine -höhere Entwickelungsstufe als viele Menschen. Der Geruchssinn ist -bei den meisten Säugetieren, namentlich Raubtieren und Huftieren, -viel mehr ausgebildet als beim Menschen; wenn der Hund seine eigene -feine Spürnase mit der des Menschen vergleichen könnte, würde er -mitleidig auf letztere herabsehen. Auch in bezug auf die niederen -Sinne, den Geschmackssinn, den Geschlechtssinn, den Tastsinn und den -Temperatursinn, behauptet der Mensch keineswegs in jeder Beziehung die -höchste Entwickelungsstufe. - -Wir selbst können natürlich nur über diejenigen Sinnesempfindungen -urteilen, die wir selbst besitzen. Nun weist uns aber die Anatomie -im Körper vieler Tiere noch andere als unsere bekannten Sinnesorgane -nach. So besitzen die Fische und andere niedere, im Wasser lebende -Wirbeltiere eigentümliche Sensillen in der Haut, welche mit besonderen -Sinnesorganen in Verbindung stehen. In den Seiten des Fischkörpers -verläuft rechts und links ein langer Kanal, der vorn am Kopfe in -mehrere verzweigte Kanäle übergeht. In diesen »Schleimkanälen« -liegen Nerven mit zahlreichen Ästen, deren Enden mit eigentümlichen -Nervenhügeln verbunden sind. Wahrscheinlich dient dieses ausgedehnte -»Hautsinnesorgan« zur Wahrnehmung von Unterschieden im Wasserdruck -oder in chemischen Eigenschaften des Wassers. Einige Gruppen sind noch -durch den Besitz anderer eigentümlicher Sensillen ausgezeichnet, deren -Bedeutung uns unbekannt ist. - -Schon aus diesen Tatsachen ergibt sich, daß unsere menschliche -Sinnestätigkeit beschränkt ist, und zwar sowohl in quantitativer -als in qualitativer Hinsicht. Wir können also mit unseren Sinnen, -vor allem dem Auge und dem Tastsinn, immer nur einen Teil der -Eigenschaften erkennen, welche die Objekte der Außenwelt besitzen. Aber -auch diese partielle Wahrnehmung ist unvollständig, insofern unsere -Sinneswerkzeuge unvollkommen sind und die Sinnesnerven als Dolmetscher -dem Gehirn nur die Übersetzung der empfangenen Eindrücke mitteilen. - -Diese anerkannte Unvollkommenheit unserer Sinnestätigkeit darf uns -aber nicht hindern, in ihren Werkzeugen, und vor allem im Auge, die -edelsten Organe zu erblicken; im Vereine mit den Denkorganen des -Gehirns sind sie das wertvollste Geschenk der Natur für den Menschen. -In voller Wahrheit sagt =Albrecht Rau= (a. a. O.): »=Alle Wissenschaft -ist in letzter Linie Sinneserkenntnis=; die Data der Sinne werden darin -nicht negiert, sondern interpretiert. Die Sinne sind unsere ersten und -besten Freunde; lange bevor sich der Verstand entwickelt, sagen die -Sinne dem Menschen, was er tun und lassen soll. Wer die =Sinnlichkeit= -überhaupt verneint, um ihren Gefahren zu entgehen, der handelt ebenso -unbesonnen und töricht als der, welcher seine Augen ausreißt, weil -sie einmal auch schändliche Dinge sehen könnten; oder der, welcher -seine Hand abhaut, weil er fürchtet, sie könnte einmal auch nach -fremdem Gute langen.« Mit vollem Rechte nennt deshalb =Feuerbach= alle -Philosophen, alle Religionen, alle Institute, die dem Prinzipe der -=Sinnlichkeit= widersprechen, nicht nur irrtümliche, sondern sogar -=grundverderbliche=. Ohne Sinne keine Erkenntnis! »~Nihil est in -intellectu, quod non fuerit in sensu!~« (=Locke=.) - -_Hypothese und Glaube._ Der Erkenntnistrieb des hochentwickelten -Kulturmenschen begnügt sich nicht mit jener lückenhaften Kenntnis -der Außenwelt, welche er durch seine unvollkommenen Sinnesorgane -gewinnt. Er bemüht sich vielmehr, die sinnlichen Eindrücke, welche -er durch dieselben gewonnen hat, in Erkenntniswerte umzusetzen; er -verwandelt sie in den Sinnesherden der Großhirnrinde in spezifische -Sinnesempfindungen und verbindet diese durch =Assozion= in -deren Denkherden zu Vorstellungen; durch weitere Verkettung der -Vorstellungsgruppen gelangt er endlich zu zusammenhängendem Wissen. -Aber dieses Wissen bleibt immer lückenhaft und unbefriedigend, wenn -nicht die =Phantasie= die ungenügende Kombinationskraft des erkennenden -Verstandes ergänzt und durch Assozion von Gedächtnisbildern entfernt -liegende Erkenntnisse zu einem zusammenhängenden Ganzen verknüpft. -Dabei entstehen neue allgemeine Vorstellungsgebilde, welche erst die -wahrgenommenen Tatsachen erklären und das »Kausalitätsbedürfnis der -Vernunft befriedigen«. - -Die Vorstellungen, welche die Lücken des Wissens ausfüllen oder an -dessen Stelle treten, kann man im weiteren Sinne als »=Glauben=« -bezeichnen. So geschieht es fortwährend im alltäglichen Leben. Wenn wir -irgend eine Tatsache nicht sicher wissen, so sagen wir: Ich glaube sie. -In diesem Sinne sind wir auch in der Wissenschaft selbst zum Glauben -gezwungen; wir vermuten oder nehmen an, daß ein bestimmtes Verhältnis -zwischen zwei Erscheinungen besteht, obwohl wir es nicht sicher kennen. -Wir bilden eine =Hypothese=. Indessen dürfen in der Wissenschaft nur -solche Hypothesen zugelassen werden, die innerhalb des menschlichen -Erkenntnisvermögens liegen, und die nicht bekannten Tatsachen -widersprechen. Solche Hypothesen sind z. B. in der Physik die Lehre von -Schwingungen des Äthers, in der Chemie die Annahme der Atome und deren -Wahlverwandtschaft, in der Biologie die Lehre von der Molekularstruktur -des lebendigen Plasmas usw. - -_Theorie und Glaube._ Die Erklärung einer größeren Reihe von -zusammenhängenden Erscheinungen durch Annahme einer gemeinsamen Ursache -nennen wir =Theorie=. Auch bei der Theorie, wie bei der Hypothese, -ist der =Glaube= (in wissenschaftlichem Sinne!) unentbehrlich; denn -auch hier ergänzt die dichtende Phantasie die Lücke, welche der -Verstand in der Erkenntnis des Zusammenhangs der Dinge offen läßt. -Die Theorie kann daher immer nur als eine Annäherung an die Wahrheit -betrachtet werden; es muß zugestanden werden, daß sie später durch -eine andere, besser begründete Theorie verdrängt werden kann. Trotz -dieser eingestandenen Unsicherheit bleibt die Theorie für jede wahre -Wissenschaft unentbehrlich; denn sie =erklärt= erst die Tatsachen -durch Annahme von Ursachen. Wer auf die Theorie ganz verzichten -und reine Wissenschaft bloß aus »sicheren Tatsachen« aufbauen will -(wie es oft von beschränkten Köpfen in der modernen sogenannten -»exakten Naturwissenschaft« geschieht), der verzichtet damit auf die -Erkenntnis der Ursachen überhaupt und somit auf die Befriedigung des -Kausalitätsbedürfnisses der Vernunft. - -Die Gravitationstheorie in der Astronomie (=Newton=), die -Nebulartheorie in der Kosmogenie (=Kant= und =Laplace=), das -Energieprinzip in der Physik (=Mayer= und =Helmholtz=), die -Atomtheorie in der Chemie (=Dalton=), die Zellentheorie in der -Gewebelehre (=Schleiden= und =Schwann=), die Deszendenztheorie in -der Biologie (=Lamarck= und =Darwin=) sind gewaltige Theorien ersten -Ranges; sie erklären eine ganze Welt von großen Naturerscheinungen -durch Annahme =einer gemeinsamen Ursache= für alle einzelnen Tatsachen -ihres Gebietes und durch den Nachweis, daß alle Erscheinungen in -demselben zusammenhängen und durch feste, von dieser einen Ursache -ausgehende Gesetze geregelt werden. Dabei kann aber diese Ursache -selbst ihrem Wesen nach unbekannt oder nur eine »provisorische -Hypothese« sein. Die »=Schwerkraft=« in der Gravitationstheorie und -in der Kosmogenie, die »=Energie=« selbst in ihrem Verhältnis zur -Materie, das »=Atom=« in der Chemie, das lebendige »=Plasma=« in der -Zellenlehre, die »=Vererbung=« in der Abstammungslehre -- diese und -ähnliche Grundbegriffe in anderen großen Theorien können von der -skeptischen Philosophie als »bloße Hypothesen«, als Erzeugnisse des -wissenschaftlichen =Glaubens= betrachtet werden, aber sie bleiben -uns als solche =unentbehrlich=, so lange, bis sie durch eine bessere -Hypothese ersetzt werden. - -_Glaube und Aberglaube._ Ganz anderer Natur als diese Formen des -wissenschaftlichen Glaubens sind diejenigen Vorstellungen, welche in -den verschiedenen =Religionen= zur Erklärung der Erscheinungen benutzt -und schlechtweg als =Glaube= im engeren Sinne bezeichnet werden. -Da aber diese beiden Glaubensformen, der »natürliche Glaube« der -Wissenschaft und der »übernatürliche Glaube« der Religion, nicht selten -verwechselt werden und so Verwirrung entsteht, ist es zweckmäßig, ja -notwendig, ihren =prinzipiellen Gegensatz= scharf zu betonen. Der -»religiöse« Glaube ist stets =Wunderglaube= und steht als solcher mit -dem natürlichen Glauben der Vernunft in unversöhnlichem Widerspruch. Im -Gegensatz zu letzterem behauptet er übernatürliche Vorgänge und kann -somit als »=Überglaube=« oder »=Oberglaube=« bezeichnet werden, die -ursprüngliche Form des Wortes =Aberglaube=. Der wesentliche Unterschied -dieses Aberglaubens von dem »vernünftigen Glauben« besteht eben darin, -daß er übernatürliche Kräfte und Erscheinungen annimmt, welche die -Wissenschaft nicht kennt und nicht zuläßt, welche durch irrtümliche -Wahrnehmungen und falsche Phantasiedichtungen erzeugt sind; der -Aberglaube widerspricht mithin den klar erkannten Naturgesetzen und ist -als solcher =unvernünftig=. - -_Aberglaube der Naturvölker._ Durch die moderne Ethnologie ist uns -eine erstaunliche Fülle von mannigfaltigen Formen und Erzeugnissen -des Aberglaubens bekannt geworden, wie sie noch heute unter den rohen -Naturvölkern existieren. Vergleicht man dieselben untereinander und -mit den entsprechenden mythologischen Vorstellungen früherer Zeiten, -so ergibt sich eine vielfache Analogie, oft ein gemeinsamer Ursprung -und schließlich eine einfache Urquelle für alle. Diese finden wir -in dem natürlichen =Kausalitätsbedürfnisse der Vernunft=, in dem -Suchen nach Erklärung unbekannter Erscheinungen durch Auffinden ihrer -Ursachen. Besonders gilt das von solchen Bewegungserscheinungen, die -Gefahr drohen und Furcht erregen, wie Blitz und Donner, Erdbeben, -Mondfinsternis usw. Das Bedürfnis nach kausaler Erklärung solcher -Naturerscheinungen besteht schon bei den Naturvölkern der niedersten -Stufe und ist bereits von ihren Primatenahnen durch Vererbung -übertragen. Es besteht ebenso bei vielen anderen Wirbeltieren. Wenn ein -Hund den Vollmond anbellt oder eine tönende Glocke, deren Klöppel er -sich bewegen sieht, oder eine Fahne, die im Winde weht, so äußert er -dabei nicht nur Furcht, sondern auch den dunklen Drang nach Erkenntnis -der Ursache dieser unbekannten Erscheinung. Die rohen Religionsanfänge -der primitiven Naturvölker haben ihre Wurzeln teilweise in solchem -erblichen Aberglauben ihrer Primatenahnen, teilweise im Ahnenkultus, -in verschiedenen Gemütsbedürfnissen und in traditionell gewordenen -Gewohnheiten. - -_Aberglaube der Kulturvölker._ Die religiösen Glaubensvorstellungen -der modernen Kulturvölker, die ihnen als wertvollster geistiger Besitz -gelten, pflegen von ihnen hoch über den »rohen Aberglauben« der -Naturvölker gestellt zu werden; man preist den großen Fortschritt, -welchen die aufklärende Kultur durch Beseitigung des letzteren -herbeigeführt habe. Das ist ein großer Irrtum! Bei unbefangener -kritischer Prüfung und Vergleichung zeigt sich, daß beide nur durch -die besondere »Gestalt des Glaubens« und durch die äußere Hülle -der Konfession voneinander verschieden sind. Im klaren Lichte der -=Vernunft= erscheint der destillierte Wunderglaube der freisinnigsten -Kirchenreligionen -- insofern er klar erkannten und festen -Naturgesetzen widerspricht -- genau so als unvernünftiger Aberglaube, -wie der rohe Gespensterglaube der primitiven Fetischreligionen, auf -welchen jene stolz herabsehen. - -Werfen wir von diesem unbefangenen Standpunkte einen kritischen -Blick auf die gegenwärtig noch herrschenden Glaubensvorstellungen -der heutigen Kulturvölker, so finden wir sie allenthalben von -traditionellem Aberglauben durchdrungen. Der christliche Glaube an die -Schöpfung, die Dreieinigkeit Gottes, an die unbefleckte Empfängnis -Mariä, an die Erlösung, die Auferstehung und Himmelfahrt Christi usw. -ist ebenso =reine Dichtung= und kann ebensowenig mit der vernünftigen -Naturerkenntnis in Einklang gebracht werden, als die verschiedenen -Dogmen der mohammedanischen und mosaischen, der buddhistischen und -brahmanischen Religion. Jede von diesen Religionen ist für den wahrhaft -»=Gläubigen=« eine zweifellose Wahrheit, und jede von ihnen betrachtet -jede andere Glaubenslehre als Ketzerei und verderblichen Irrtum. Je -mehr eine bestimmte Konfession sich für die »allein seligmachende« -hält -- für die »=katholische=« --, und je inniger diese Überzeugung -als heiligste Herzenssache verteidigt wird, desto eifriger muß -sie naturgemäß alle anderen Konfessionen bekämpfen, und desto -fanatischer gestalten sich die fürchterlichen Glaubenskriege, welche -die traurigsten Blätter im Buche der Kulturgeschichte bilden. Und -doch überzeugt uns die unparteiische »=Kritik der reinen Vernunft=«, -daß alle diese verschiedenen Glaubensformen in gleichem Maße unwahr -und unvernünftig sind, Produkte der dichtenden Phantasie und der -unkritischen Tradition. Die vernünftige Wissenschaft muß sie samt und -sonders als Erzeugnisse des Aberglaubens verwerfen. - -_Glaubensbekenntnis (Konfession)._ Der unermeßliche Schaden, welchen -der unvernünftige Aberglaube seit Jahrtausenden in der gläubigen -Menschheit angerichtet hat, offenbart sich wohl nirgends auffälliger -als in dem unaufhörlichen »Kampfe der Glaubensbekenntnisse«. Unter -allen Kriegen, welche die Völker mit Feuer und Schwert gegeneinander -geführt haben, sind die Religionskriege die blutigsten gewesen; -unter allen Formen der Zwietracht, welche das Glück der Familien -und der einzelnen Personen zerstört haben, sind die religiösen, dem -Glaubensunterschiede entsprungenen, noch heute die gehässigsten. -Man denke nur an die vielen Millionen Menschen, welche in den -Christenbekehrungen und -Verfolgungen, in den Glaubenskämpfen des -Islam und der Reformation, durch die Inquisition und die Hexenprozesse -ihr Leben verloren haben. Oder man denke an die noch größere Zahl der -Unglücklichen, welche wegen Glaubensverschiedenheiten in Familienzwist -geraten, ihr Ansehen bei den gläubigen Mitbürgern und ihre Stellung -im Staate verloren oder aus dem Vaterlande haben auswandern müssen. -Die verderblichste Wirkung übt das offizielle Glaubensbekenntnis dann, -wenn es mit den politischen Zwecken des Kulturstaates verknüpft und -als »konfessioneller Religionsunterricht« in den Schulen zwangsweise -gelehrt wird. Die Vernunft der Kinder wird dadurch schon frühzeitig von -der Erkenntnis der Wahrheit abgelenkt und dem Aberglauben zugeführt. -Jeder Menschenfreund sollte daher die =konfessionslose Schule=, als -eine der wertvollsten Institutionen des modernen Vernunftstaates, mit -allen Mitteln zu fördern suchen. - -_Der Glaube unserer Väter._ Der hohe Wert, welcher trotzdem noch heute -in den weitesten Kreisen dem konfessionellen Religionsunterricht -beigelegt wird, ist nicht allein durch den Konfessionszwang des -rückständigen Kulturstaates und dessen Abhängigkeit von klerikaler -Herrschaft bedingt, sondern auch durch das Gewicht von alten -Traditionen und von »Gemütsbedürfnissen« verschiedener Art. Unter -diesen ist besonders wirkungsvoll die andächtige Verehrung, welche in -weitesten Kreisen der =konfessionellen Tradition= gezollt wird, dem -»heiligen Glauben unserer Väter«. In Tausenden von Erzählungen und -Gedichten wird das Festhalten an demselben als ein geistiger Schatz -und als eine heilige Pflicht gepriesen. Und doch genügt unbefangenes -Nachdenken über die =Geschichte des Glaubens=, um uns von der völligen -Ungereimtheit jener einflußreichen Vorstellung zu überzeugen. Der -herrschende evangelische Kirchenglaube in der zweiten Hälfte des -aufgeklärten 19. Jahrhunderts ist wesentlich verschieden von dem in -der ersten Hälfte, und dieser wieder von dem des 18. Jahrhunderts. Der -letztere weicht sehr ab von dem »Glauben unserer Väter« im 17. und -noch mehr im 16. Jahrhundert. Die Reformation, welche die geknechtete -Vernunft von der Tyrannei des Papismus befreite, wird natürlich von -dieser als ärgste Ketzerei verfolgt; aber auch der Glaube des Papismus -selbst hatte sich im Laufe eines Jahrtausends völlig verändert. Und -wie verschieden ist der Glaube der getauften Christen von dem ihrer -heidnischen Väter! Jeder selbständig denkende Mensch bildet sich eben -seinen eigenen, mehr oder weniger »persönlichen Glauben«, und immer -ist dieser verschieden von dem seiner Väter; denn er ist abhängig -von dem gesamten Bildungszustande seiner Zeit. Je weiter wir in der -Kulturgeschichte zurückgehen, desto mehr erscheint uns der gepriesene -»Glaube unserer Väter« als unhaltbarer Aberglaube, dessen Formen sich -beständig umbilden. - -_Spiritismus._ Eine der merkwürdigsten Formen des Aberglaubens ist -diejenige, welche noch heutzutage in unserer modernen Kulturwelt -eine erstaunliche Rolle spielt, der Spiritismus und Okkultismus, -der moderne =Geisterglaube=. Es ist eine ebenso befremdende wie -betrübende Tatsache, daß noch heute Millionen gebildeter Kulturmenschen -von diesem finsteren Aberglauben völlig beherrscht sind; ja sogar -einzelne berühmte Naturforscher haben sich von ihm nicht losmachen -können. Zahlreiche spiritistische Zeitschriften verbreiten diesen -Gespensterglauben in weitesten Kreisen, und unsere »feinsten -Gesellschaftskreise« schämen sich nicht, »Geister« erscheinen zu -lassen, welche klopfen, schreiben, »Mitteilungen aus dem Jenseits« -machen usw. Man beruft sich in den Kreisen der Spiritisten oft darauf, -daß selbst angesehene Naturforscher diesem Aberglauben huldigen. -Die bedauerliche Tatsache, daß selbst hervorragende Physiker und -Biologen sich dadurch haben irre führen lassen, erklärt sich teils aus -ihrem Übermaß an Phantasie und Kritikmangel, teils aus dem mächtigen -Einfluß starrer Dogmen, welche religiöse Verziehung dem kindlichen -Gehirn in frühester Jugend schon einprägt. Übrigens ist gerade bei -den berühmten spiritistischen Vorstellungen in Leipzig, in welchen -die Physiker =Zöllner=, =Fechner= und =Wilhelm Weber= durch den -schlauen Taschenspieler =Slade= irre geführt wurden, dessen Schwindel -nachträglich klar zutage gekommen; er wurde als gemeiner Betrüger -entlarvt und bestraft. Auch in allen anderen Fällen, in welchen die -angeblichen »Wunder des Spiritismus« gründlich untersucht werden -konnten, hat sich als Ursache eine gröbere oder feinere Täuschung -herausgestellt; die sogenannten »Medien« (meist weiblichen Geschlechts) -sind teils als schlaue Schwindler entlarvt, teils als nervöse Personen -von ungewöhnlicher Reizbarkeit erkannt worden. Ihre angebliche -=Telepathie= (oder »Fernwirkung des Gedankens ohne materielle -Vermittelung«) existiert ebensowenig als die »Stimmen der Geister«, die -»Seufzer der Gespenster« usw. Die lebhaften Schilderungen, welche =Carl -du Prel= und andere Spiritisten von solchen »Geistererscheinungen« -geben, beruhen auf Tätigkeit der freien Phantasie, verbunden mit Mangel -an Kritik und an physiologischen Kenntnissen. - -_Offenbarung._ Die meisten Religionen haben trotz ihrer mannigfaltigen -Verschiedenheit einen gemeinsamen Grundzug, der zugleich eine ihrer -mächtigsten Stützen in weiten Kreisen bildet; sie behaupten, die Rätsel -des Daseins, deren Lösung auf natürlichem Wege durch die Vernunft -nicht möglich ist, auf übernatürlichem Wege durch Offenbarung geben -zu können; zugleich leiten sie daraus die Geltung der Dogmen oder -Glaubenssätze ab, welche als »göttliche Gesetze« die Sittenlehre -ordnen und die Lebensführung bestimmen sollen. Derartige göttliche -Inspirationen bilden die Grundlage zahlreicher Mythen und Legenden, -deren anthropistischer Ursprung auf der Hand liegt. Zwar erscheint der -Gott, der »sich offenbart«, oft nicht direkt in menschlicher Gestalt, -sondern im Donner und Blitz, im Sturm und Erdbeben, im feurigen Busch -oder der drohenden Wolke. Aber die Offenbarung selbst, welche er dem -gläubigen Menschenkinde gibt, wird in allen Fällen anthropistisch -gedacht, als Mitteilung von Vorstellungen oder Befehlen, welche genau -so formuliert und ausgesprochen werden, wie es normalerweise nur durch -die Großhirnrinde und durch den Kehlkopf des Menschen geschieht. In -den indischen und ägyptischen Religionen, in der hellenischen und -römischen Mythologie, im Talmud wie im Koran, im Alten wie im Neuen -Testament -- denken, sprechen und handeln die Götter ganz wie die -Menschen, und die Offenbarungen, in denen sie uns die Geheimnisse -des Daseins enthüllen, die dunkeln Welträtsel lösen wollen, sind -=Dichtungen= der menschlichen Phantasie. Die =Wahrheit=, welche der -Gläubige darin findet, ist menschliche Erfindung, und der »kindliche -Glaube« an diese unvernünftigen Offenbarungen ist Aberglaube. - -Die =wahre Offenbarung=, d. h. die wahre Quelle vernünftiger -Erkenntnis, ist nur in der =Natur= zu finden. Der reiche Schatz -wahren Wissens, der den wertvollsten Teil der menschlichen Kultur -darstellt, ist einzig und allein den Erfahrungen entsprungen, welche -der forschende Verstand durch =Naturerkenntnis= gewonnen hat, und -den =Vernunft=schlüssen, welche er durch richtige Assozion dieser -empirischen Vorstellungen gebildet hat. Jeder vernünftige Mensch -mit normalem Gehirn und normalen Sinnen schöpft bei unbefangener -Betrachtung aus der Natur diese wahre Offenbarung und befreit sich -damit von dem Aberglauben, welchen ihm die Offenbarungen der Religion -aufgebürdet haben. - - - - -=Siebzehntes Kapitel.= - -_Wissenschaft und Christentum._ - - Monistische Studien über den Kampf zwischen der wissenschaftlichen - Erfahrung und der christlichen Offenbarung. Vier Perioden in der - historischen Metamorphose der christlichen Religion. Vernunft und - Dogma. - - -Zu den hervorragenden Charakterzügen des 19. Jahrhunderts gehört -die wachsende Schärfe des Gegensatzes zwischen Wissenschaft -und Christentum. Das ist ganz natürlich und notwendig; denn in -demselben Maße, in welchem die siegreichen Fortschritte der modernen -=Naturerkenntnis= alle wissenschaftlichen Eroberungen früherer -Jahrhunderte überflügeln, ist zugleich die Unhaltbarkeit aller jener -mystischen Weltanschauungen offenbar geworden, welche die Vernunft -unter das Joch der sogenannten »=Offenbarung=« beugen wollten, und -dazu gehört auch die christliche Religion. Je sicherer durch die -moderne Astronomie, Physik und Chemie die Alleinherrschaft unbeugsamer -Naturgesetze im Universum, durch die moderne Botanik, Zoologie und -Anthropologie die Gültigkeit derselben Gesetze im Gesamtbereiche der -organischen Natur nachgewiesen ist, desto heftiger sträubt sich die -christliche Religion, im Vereine mit der dualistischen Metaphysik, -die Geltung dieser Naturgesetze im Bereiche des sogenannten -»=Geisteslebens=« anzuerkennen, d. h. in einem Teilgebiete der -Gehirnphysiologie. - -Diesen offenkundigen und unversöhnlichen Gegensatz zwischen der -modernen wissenschaftlichen und der überlebten christlichen -Weltanschauung hat niemand klarer, mutiger und unwiderleglicher -bewiesen, als der größte Theologe des 19. Jahrhunderts, =David -Friedrich Strauß=. Sein letztes Bekenntnis: »=Der alte und der neue -Glaube=« 1872, (14. Auflage 1900) ist der allgemein gültige Ausdruck -der ehrlichen Überzeugung aller derjenigen Gebildeten der Gegenwart, -welche den unvermeidlichen Konflikt zwischen den anerzogenen, -herrschenden Glaubenslehren des Christentums und den einleuchtenden, -vernunftgemäßen Offenbarungen der modernen Naturwissenschaft einsehen; -aller derjenigen, welche den Mut finden, das Recht der =Vernunft= -gegenüber den Ansprüchen des =Aberglaubens= zu wahren, und welche das -philosophische Bedürfnis nach einer einheitlichen Naturanschauung -empfinden. =Strauß= hat als ehrlicher und mutiger Freidenker weit -besser, als ich es vermag, die wichtigsten Gegensätze zwischen »altem -und neuem Glauben« klargelegt. Die volle Unversöhnlichkeit zwischen -beiden Gegensätzen, die Unvermeidlichkeit des Entscheidungskampfes -zwischen beiden -- »auf Tod und Leben« -- hat von philosophischer Seite -namentlich =Eduard Hartmann= nachgewiesen in seiner interessanten -Schrift über die Selbstzersetzung des Christentums (1874). - -Unter den zahlreichen Werken, die im Laufe des 19. Jahrhunderts -die wissenschaftliche Kritik des Christentums, seines Wesens und -seiner Lehre gefördert haben, sind außerdem namentlich folgende -hervorzuheben: =David Strauß=, Das Leben Jesu für das deutsche Volk. -1864 (11. Auflage, Bonn 1890). =Ludwig Feuerbach=, Das Wesen des -Christentums. 1841 (4. Aufl. 1883). =Paul de Regla= (P. Desjardin), -Jesus von Nazareth, vom wissenschaftlichen, geschichtlichen und -gesellschaftlichen Standpunkte dargestellt. Leipzig 1894. =S. E. -Verus=, Vergleichende Übersicht der vier Evangelien. Leipzig 1897. - -Wenn man die Werke von =Strauß= und =Feuerbach=, sowie die »Geschichte -der Konflikte zwischen Religion und Wissenschaft« von =John William -Draper= (1875) gelesen hat, könnte es überflüssig erscheinen, diesem -Gegenstande hier ein besonderes Kapitel zu widmen. Trotzdem wird es -nützlich und notwendig sein, hier einen kritischen Blick auf den -historischen Verlauf dieses großen Kampfes zu werfen, und zwar deshalb, -weil die =Angriffe= der streitenden Kirche auf die Wissenschaft im -allgemeinen und auf die Entwickelungslehre im besonderen in neuester -Zeit besonders scharf und gefahrdrohend geworden sind. Auch ist leider -die geistige Erschlaffung, welche sich neuerdings geltend macht, -sowie die steigende Flut der Reaktion auf politischem, sozialem und -kirchlichem Gebiete nur zu sehr geeignet, jene Gefahren zu verschärfen. -Wollte jemand daran zweifeln, so braucht er nur die Verhandlungen der -christlichen Synoden und des Deutschen Reichstags in den letzten Jahren -zu lesen. Im Einklang damit stehen die Bemühungen vieler weltlicher -Regierungen, sich mit dem geistlichen Regimente, ihrem natürlichen -Todfeinde, auf möglichst guten Fuß zu setzen, d. h. sich dessen -Joche zu unterwerfen; als gemeinsames Ziel schwebt dabei den beiden -Verbündeten die Unterdrückung des freien Gedankens und der freien -wissenschaftlichen Forschung vor, mit dem Zwecke, sich auf diese Weise -am leichtesten die =absolute Herrschaft= zu sichern. - -Wir müssen ausdrücklich betonen, daß es sich hier um notgedrungene -=Verteidigung= der Wissenschaft und der Vernunft gegen die scharfen -Angriffe der christlichen Kirche und ihrer gewaltigen Heerscharen -handelt, und nicht etwa um unberechtigte =Angriffe= der ersteren gegen -die letzteren. In erster Linie muß dabei unsere Abwehr gegen den -=Papismus= oder =Ultramontanismus= gerichtet sein; denn diese »allein -seligmachende« und »für alle bestimmte« katholische Kirche ist nicht -allein weit größer und weit mächtiger als die anderen christlichen -Konfessionen, sondern sie besitzt vor allem den Vorzug einer -großartigen, zentralisierten Organisation und einer unübertroffenen -politischen Schlauheit. Man hört allerdings oft von Naturforschern -und von anderen Männern der Wissenschaft die Ansicht äußern, daß der -katholische Aberglaube nicht schlimmer sei als die anderen Formen des -übernatürlichen Glaubens, und daß diese trügerischen »Gestalten des -Glaubens« alle in gleichem Maße die natürlichen Feinde der Vernunft -und Wissenschaft seien. Im allgemeinen theoretischen Prinzip ist -diese Behauptung richtig, aber in bezug auf die praktischen Folgen -irrtümlich; denn die zielbewußten und rücksichtslosen Angriffe der -ultramontanen Kirche auf die Wissenschaft, gestützt auf die Trägheit -und Dummheit der Volksmassen, sind vermöge ihrer mächtigen Organisation -ungleich schwerer und gefährlicher als diejenigen aller anderen -Religionen. - -_Entwickelung des Christentums._ Um die ungeheure Bedeutung des -Christentums für die ganze Kulturgeschichte, besonders aber -seinen prinzipiellen Gegensatz gegen Vernunft und Wissenschaft -richtig zu würdigen, müssen wir einen flüchtigen Blick auf die -wichtigsten Abschnitte seiner geschichtlichen Entwickelung werfen. -Wir unterscheiden in derselben vier Hauptperioden: ~I.~ das -=Urchristentum= (die drei ersten Jahrhunderte), ~II.~ den =Papismus= -(zwölf Jahrhunderte, vom vierten bis fünfzehnten), ~III.~ die -=Reformation= (drei Jahrhunderte, vom sechzehnten bis achtzehnten), -~IV.~ das moderne =Scheinchristentum= (im neunzehnten Jahrhundert). - -~I.~ =Das Urchristentum= umfaßt die ersten drei Jahrhunderte. -Christus selbst, der edle, ganz von Menschenliebe erfüllte Prophet und -Schwärmer, stand tief unter dem Niveau der klassischen Kulturbildung; -er kannte nur jüdische Tradition; er hat selbst keine einzige Zeile -hinterlassen. Auch hatte er von dem hohen Zustande der Welterkenntnis, -zu dem griechische Philosophie und Naturforschung schon ein halbes -Jahrtausend früher sich erhoben hatten, keine Ahnung. Alles, was -wir von ihm und seinen ursprünglichen Lehren wissen, ist den -Hauptdokumenten des Neuen Testamentes entnommen -- den vier Evangelien -und den Episteln des Paulus. Was die vier kanonischen Evangelien -betrifft, so wissen wir, daß sie ausgewählt sind aus einem Haufen -von sich widersprechenden und gefälschten Manuskripten aus dem 2. -Jahrhundert. Der gültige Kanon scheint vor dem Ende des 2. Jahrhunderts -festgesetzt zu sein, obwohl Zweifel und Meinungsverschiedenheiten -bis weit ins 4. Jahrhundert hineinreichen. Das Konzilium von Nicäa, -325, fügt nach dem hl. Hieronymus ein gewisses Buch in den Kanon ein, -was auf eine Ungewißheit bis zu diesem Datum schließen läßt. Neuere -Gelehrsamkeit setzt den Zeitpunkt der Abfassung der drei synoptischen -Evangelien (Matthäus, Markus und Lukas -- die anerkanntermaßen nach -und nicht von diesen Männern geschrieben worden sind) auf 65-100 n. -Chr. und das Evangelium von Johannes auf einige Zeit vor 125 fest. -Aber es kommt dabei in Betracht, daß, wenn die biblischen Gelehrten -von diesen Daten sprechen (im einzelnen -- 65-70 für Markus, 70-75 -für Matthäus, 80-98 für Lukas, 80-120 für Johannes), sie nicht an -die Evangelien denken, wie wir sie heute haben. Bis zum Hl. Justinus -mindestens (und selbst er kann nicht als Zeuge des wirklichen -Evangeliums von Johannes angeführt werden), das ist also bis zur Mitte -des 2. Jahrhunderts, finden wir nur Erwähnungen (oft sehr fragliche) -von Sagen angeführt, die in den Evangelien zu finden sind. Mit andern -Worten, wir haben keinerlei authentischen Beweis für die Echtheit -irgend einer der Evangelienerzählungen, bis mehr als ein Jahrhundert -nach dem Tode Christi. Niemand, der weiß, in welchem Grade Legenden -in der orientalischen Atmosphäre anwachsen, kann Dokumenten solch -späten Datums nur den geringsten Glauben schenken. Selbst wenn das -früheste synoptische Evangelium 70 n. Chr. datiert wäre (wir müssen -immer bedenken, daß sich das nur auf »die Aussagen Jesu« bezieht), so -wäre noch der weite Spielraum von vierzig Jahren für die Mythenbildung -gegeben. - -Die dreizehn Episteln des Apostels =Paulus=, von denen nur vier -Anspruch auf Echtheit machen können (Römer, Korinther 2, Galater), -vermehren unsere Kenntnis über die Begebenheiten im Leben Jesu nur -sehr wenig. So bleiben wir beschränkt auf sehr kärgliche und unsichere -Nachforschungen über die Handlungen und die Persönlichkeit des -Gründers des Christentums. Der Glaube an die tief eingewurzelten und -beliebtesten Traditionen muß gänzlich verlassen werden. Die Geschichte -von der wunderbaren Geburt Christi wird verworfen; dieser Mythus wird -sowohl von den führenden christlichen Gelehrten Deutschlands als -auch Englands für eine der spätesten und der wenigst glaubwürdigen -»biblischen Geschichten« erklärt, mit anderen Worten: für eine später -eingeschobene wertlose Fälschung. Die Sagen von der Auferstehung und -von der Himmelfahrt Christi erfahren jetzt ein gleiches Schicksal. Das -Neue Testament wird zerstört wie das Alte, und die schöne Figur von -Jesus löst sich zusehends in ein Nebelbild auf. - -Die unbefangenen und scharfsinnigen Forschungen der deutschen -Theologen (=Strauß=, =Feuerbach=, =Baur= u. a.), denen sich -später auch englische, französische und italienische Philosophen -anschlossen, hatten schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts gezeigt, -daß das »Leben Jesu« zum größten Teile ein Erzeugnis der religiösen -=Dichtung=, ähnlich der von Buddha ist, und daß keine zuverlässigen -historischen Quellen darüber existieren. Viel klarer ergibt sich das -aus den überraschenden kritischen Forschungen der vergleichenden -Religionsgeschichte im Beginne des 20. Jahrhunderts. Danach bleibt -weder von den einzelnen Wundergeschichten und Sagen, noch von dem -ganzen dogmatischen Lehrgebäude des Christentums etwas Originelles -von Bedeutung mehr bestehen. Denn fast alles, was uns die Evangelien -davon erzählen, ist aus älteren orientalischen Quellen zusammengetragen -und entstammt den babylonischen und assyrischen, den indischen und -hellenischen Sagenkreisen. Hervorragende Kritiker gehen noch weiter -und führen mit großer Wahrscheinlichkeit den Beweis, daß der Jesus -des Evangeliums überhaupt niemals gelebt hat, sondern ein reines -=Idealbild der Dichtung= ist. Vergl. die interessanten Schriften von -=Kalthoff= und =Promus= über »die Entstehung des Christentums« (1904) -und von =Karl Vollers=: »Die Weltreligionen in ihrem geschichtlichen -Zusammenhange« (1907), ferner die sehr scharfe Kritik des englischen -Theologen =Saladin= (Stewart Roß): »Jehovahs gesammelte Werke, eine -kritische Untersuchung des christlichen Religionsgebäudes auf Grund der -Bibelforschung« (Leipzig 1896). - -~II.~ _Der Papismus,_ das »=lateinische Christentum=« oder -=Papsttum=. Der Papismus oder die »römisch-katholische Kirche«, oft -auch =Ultramontanismus= oder nach ihrer Residenz =Vatikanismus= -genannt, ist unter allen Erscheinungen der menschlichen -Kulturgeschichte eine der großartigsten und merkwürdigsten, eine -»welthistorische Größe« ersten Ranges. Trotz aller Stürme der Zeit -erfreut sie sich noch heute des mächtigsten Einflusses. Von den 500 -Millionen Christen, welche die Erde gegenwärtig bewohnen, bekennt -die größere Hälfte, nämlich über 250 Millionen, den römischen, nur -75 Millionen den griechischen Katholizismus, und 120 Millionen sind -Protestanten. Während eines Zeitraumes von 1200 Jahren, vom vierten -bis zum sechzehnten Jahrhundert, hat der Papismus das geistige Leben -Europas fast vollkommen beherrscht; dagegen hat er den großen alten -Religionssystemen in Asien und Afrika nur sehr wenig Boden abgewonnen. -In Asien zählt der Buddhismus heute noch ungefähr 503 Millionen, die -Brahmareligion 140 Millionen, der stetig vordringende Islam mehr als -120 Millionen Anhänger. Die Weltherrschaft des Papismus prägt vor allem -dem =Mittelalter= seinen finsteren Charakter auf; sie bedeutet den Tod -alles freien Geisteslebens, den Rückgang aller wahren Wissenschaft, -den Verfall aller reinen Sittlichkeit. Von der glänzenden Blüte, zu -welcher sich das menschliche Geistesleben im klassischen Altertum -erhoben hatte, im ersten Jahrtausend vor Christus und in den ersten -Jahrhunderten nach demselben, sank dasselbe unter der Herrschaft des -Papsttums bald zu einem Niveau herab, das mit Bezug auf die =Erkenntnis -der Wahrheit= nur als =Barbarei= bezeichnet werden kann. Man rühmt wohl -am Mittelalter, daß andere Seiten des Geisteslebens darin zu reicher -Entfaltung gekommen seien, Dichtkunst und bildende Kunst, scholastische -Gelehrsamkeit und patristische Philosophie. Aber diese Kulturtätigkeit -befand sich im Dienste der herrschenden Kirche und wurde nicht zur -Hebung, sondern zur Unterdrückung der freien Geistesforschung verwandt. -Die ausschließliche Vorbereitung für ein unbekanntes »ewiges Leben im -Jenseits«, die Verachtung der Natur, die Abwendung von ihrem Studium, -welche im Prinzip der christlichen Religion innewohnt, wurde von der -römischen Hierarchie zur heiligen Pflicht gemacht. Eine durchgreifende -Wandlung zum Besseren brachte erst im Beginn des 16. Jahrhunderts die -=Reformation=. - -_Rückschritte der Kultur im Mittelalter._ Es würde uns viel zu weit -führen, wenn wir hier die jammervollen Rückschritte schildern wollten, -welche menschliche Kultur und Gesittung während zwölf Jahrhunderte -unter der geistigen Gewaltherrschaft des Papismus erlitten. Am -prägnantesten sind sie wohl durch einen einzigen Satz des größten -und geistreichsten =Hohenzollern=fürsten illustriert; =Friedrich -der Große= faßte sein Urteil in dem Satze zusammen, man werde durch -das =Studium der Geschichte= zu der Überzeugung geführt, daß von -Konstantin dem Großen bis auf die Zeit der Reformation =die ganze Welt -wahnsinnig= gewesen sei. Eine vortreffliche kurze Schilderung dieser -»Wahnsinnsperiode« hat (1887) =L. Büchner= gegeben in seiner Schrift -»Über religiöse und wissenschaftliche Weltanschauung«. - -Unter den historischen Tatsachen, welche am einleuchtendsten -die Verwerflichkeit der ultramontanen Geistestyrannei beweisen, -interessiert uns vor allem ihre energische und konsequente Bekämpfung -der wahren =Wissenschaft= als solcher. Diese war zwar schon von -Anfang an prinzipiell im Christentum dadurch bestimmt, daß dasselbe -den Glauben über die Vernunft stellte und die blinde Unterwerfung -der letzteren unter den ersteren forderte; nicht minder dadurch, daß -es das ganze Erdenleben nur als eine Vorbereitung für das erdichtete -»Jenseits« betrachtete, also auch der wissenschaftlichen Forschung -an sich jeden Wert absprach. Allein die planmäßige und erfolgreiche -Bekämpfung der letzteren begann doch erst im Anfange des vierten -Jahrhunderts, besonders seit dem berüchtigten Konzil von Nicäa (325), -welchem Kaiser =Konstantin= präsidierte, -- »=der Große=« genannt, -weil er das Christentum zur Staatsreligion erhob und Konstantinopel -gründete, dabei ein nichtswürdiger Charakter, ein falscher Heuchler -und vielfacher Mörder. Wie erfolgreich der Papismus in seinem Kampfe -gegen jedes selbständige wissenschaftliche Denken und Forschen war, -beweist am besten der jammervolle Zustand der Naturerkenntnis und ihrer -Literatur im Mittelalter. Nicht nur wurden die reichen Geistesschätze, -welche das klassische Altertum hinterlassen hatte, zum größten Teile -vernichtet oder der Verbreitung entzogen, sondern Folterknechte -und Scheiterhaufen sorgten dafür, daß jeder »Ketzer«, d. h. jeder -selbständige Denker, seine vernünftigen Gedanken für sich behielt. Tat -er das nicht, so mußte er sich darauf gefaßt machen, lebendig verbrannt -zu werden, wie es dem großen monistischen Philosophen =Giordano Bruno=, -dem Reformator =Johann Hus= und mehr als hunderttausend anderen -»Zeugen der Wahrheit« geschah. Die Geschichte der Wissenschaften im -Mittelalter belehrt uns auf jeder Seite, daß das selbständige Denken -und die empirische wissenschaftliche Forschung unter dem Drucke des -allmächtigen Papismus durch zwölf traurige Jahrhunderte wirklich völlig -begraben blieben. - -_Papismus und Christentum._ Alles das, was wir am wahren Christentum -im Sinne seines Stifters und seiner edelsten Nachfolger hochschätzen, -und was wir aus dem unausbleiblichen Untergange dieser »Weltreligion« -in unsere neue, monistische Religion hinüber zu retten suchen -müssen, liegt auf seiner =ethischen= und =sozialen= Seite. Die -Prinzipien der wahren Humanität, der goldenen Regel, der Toleranz, -der Menschenliebe im besten und höchsten Sinne des Wortes, alle diese -wahren Lichtseiten des Christentums sind zwar nicht von ihm zuerst -erfunden und aufgestellt, aber doch erfolgreich in jener kritischen -Periode zur Geltung gebracht worden, in der das klassische Altertum -seiner Auflösung entgegenging. Der Papismus aber hat es verstanden, -alle jene Tugenden in ihr direktes =Gegenteil= zu verkehren und dabei -doch die =alte Firma= als Aushängeschild zu bewahren. An die Stelle der -christlichen Liebe trat der fanatische Haß gegen alle Andersgläubigen; -mit Feuer und Schwert wurden nicht allein die Heiden ausgerottet, -sondern auch jene christlichen Sekten, welche in besserer Erkenntnis -Einwendungen gegen die aufgezwungenen Lehrsätze des ultramontanen -Aberglaubens zu erheben wagten. Überall in Europa blühten die -Ketzergerichte und forderten unzählige Opfer, deren Folterqualen ihren -frommen, von »christlicher Bruderliebe« erfüllten Peinigern besonderes -Vergnügen bereiteten. Die Papstmacht wütete auf ihrer Höhe durch -Jahrhunderte erbarmungslos gegen alles, was ihrer Herrschaft im Wege -stand. Unter dem berüchtigten Großinquisitor Torquemada (1481-1498) -wurden in Spanien allein achttausend Ketzer lebendig verbrannt, -neunzigtausend mit Einziehung des Vermögens und den empfindlichsten -Kirchenbußen bestraft, während in den Niederlanden unter der Herrschaft -Karl des Fünften dem klerikalen Blutdurst mindestens fünfzigtausend -Menschen zum Opfer fielen. Und während das Geheul gemarterter Menschen -die Luft erfüllte, strömten in Rom, dem die ganze christliche Welt -tributpflichtig war, die Reichtümer der halben Welt zusammen, und -wälzten sich die angeblichen Stellvertreter Gottes auf Erden und ihre -Helfershelfer in Lüsten und Lastern jeder Art. »Welche Vorteile,« sagte -der frivole und syphilitische Papst =Leo= ~X~. ironisch, »hat uns -doch diese =Fabel von Jesus Christus= gebracht!« Dabei war der Zustand -der europäischen Gesellschaft trotz Kirchenzucht und Gottesfurcht -von der allerschlimmsten Art. Feudalismus, Leibeigenschaft, -Gottesgnadentum und Mönchtum beherrschten das Land, und die armen -Heloten waren froh, wenn sie ihre elenden Hütten im Machtbereiche der -Schlösser oder Klöster ihrer geistlichen und weltlichen Unterdrücker -und Ausbeuter errichten durften. Heutzutage noch leiden wir unter den -Nachwehen und Überbleibseln dieser traurigen Zustände und Zeiten, in -welchen von Pflege der Wissenschaft und höherer Geistesbildung nur -ausnahmsweise und im Verborgenen die Rede sein konnte. »Unwissenheit, -Armut und Aberglaube vereinigten sich mit der entsittlichenden Wirkung -des im elften Jahrhundert eingeführten =Zölibats=, um die absolute -Papstmacht immer stärker werden zu lassen« (=Büchner= a. a. O.). Man -hat berechnet, daß während dieser Glanzperiode des Papismus über zehn -Millionen Menschen dem fanatischen Glaubenshaß der »=christlichen -Liebe=« zum Opfer fielen; und wie viel mehr Millionen betrugen die -geheimen Menschenopfer, welche das =Zölibat=, die =Ohrenbeichte= -und der =Gewissenszwang= erforderten, die gemeinschädlichsten und -fluchwürdigsten Institutionen des päpstlichen Absolutismus! Die -»ungläubigen« Philosophen, welche Beweise =gegen= das Dasein Gottes -sammelten, haben einen der stärksten Beweise dagegen übersehen, die -Tatsache, daß die römischen »=Statthalter Christi= zwölf Jahrhunderte« -hindurch ungestraft die greulichsten Verbrechen und Schandtaten »=im -Namen Gottes=« verüben durften. - -~III.~ _Die Reformation._ Die Geschichte der Kulturvölker, welche -wir »die Weltgeschichte« zu nennen belieben, läßt deren dritten -Hauptabschnitt, die »Neuzeit«, mit der Reformation der christlichen -Kirche beginnen, ebenso wie den zweiten, das Mittelalter, mit der -Gründung des Christentums, und sie tut recht daran. Denn mit der -Reformation beginnt die =Wiedergeburt der gefesselten Vernunft=, -das Wiedererwachen der Wissenschaft, welche die eiserne Faust des -christlichen Papismus durch 1200 Jahre gewaltsam niedergehalten -hatte. Allerdings hatte die Verbreitung allgemeiner Bildung durch -die Buchdruckerkunst schon um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts -begonnen, und gegen Ende desselben traten mehrere große Ereignisse -ein, welche im Verein mit der »=Renaissance=« der Kunst auch -diejenige der Wissenschaft vorbereiteten, vor allem die Entdeckung -von Amerika (1492). Auch wurden in der ersten Hälfte des sechzehnten -Jahrhunderts mehrere höchst wichtige Fortschritte in der Erkenntnis -der Natur gemacht, welche die bestehende Weltanschauung in ihren -Grundfesten erschütterten; so die erste Umschiffung der Erde durch -=Magellan=, welche den empirischen Beweis für ihre Kugelgestalt -lieferte (1522); die Gründung des neuen Weltsystems durch =Kopernikus= -(1543). Aber der 31. Oktober 1517, an welchem =Martin Luther= -seine 95 Thesen an die hölzerne Tür der Schloßkirche zu Wittenberg -nagelte, bleibt daneben ein weltgeschichtlicher Tag; denn damit -wurde die eiserne Tür des Kerkers gesprengt, in dem der päpstliche -Absolutismus durch 1200 Jahre die gefesselte Vernunft eingeschlossen -gehalten hatte. Man hat die Verdienste des großen Reformators, der -auf der Wartburg die Bibel übersetzte, teils übertrieben, teils -unterschätzt; man hat auch mit Recht darauf hingewiesen, wie er -gleich den anderen Reformatoren noch vielfach im tiefsten Aberglauben -befangen blieb. So konnte sich =Luther= zeitlebens nicht von dem -starren Buchstabenglauben der Bibel befreien; er verteidigte eifrig -die Lehre von der Auferstehung, der Erbsünde und Prädestination, -der Rechtfertigung durch den Glauben usw. Die gewaltige Geistestat -des =Kopernikus= verwarf er als Narrheit, weil in der Bibel »Josua -die Sonne stillstehen hieß und nicht das Erdreich«. Für die großen -politischen Umwälzungen seiner Zeit, besonders die großartige und -vollberechtigte Bauernbewegung, hatte er kein Verständnis. Schlimmer -noch war der fanatische Reformator =Calvin= in Genf, welcher (1553) den -geistreichen spanischen Arzt =Serveto= lebendig verbrennen ließ, weil -er den unsinnigen Glauben an die Dreieinigkeit bekämpfte. Überhaupt -traten die fanatischen »Rechtgläubigen« der reformierten Kirche nur -zu oft in die blutbefleckten Fußtapfen ihrer papistischen Todfeinde, -wie sie es auch heute noch tun. Leider folgten auch ungeheure -Greueltaten der Reformation auf dem Fuße: die Bartholomäusnacht und -die Hugenottenverfolgung in Frankreich, blutige Ketzerjagden in -Italien, lange Bürgerkriege in England, der Dreißigjährige Krieg in -Deutschland. Aber trotz alledem bleibt dem sechzehnten und siebzehnten -Jahrhundert der Ruhm, dem denkenden Menschengeiste zuerst wieder -freie Bahn geschaffen und die Vernunft von dem erstickenden Drucke -der papistischen Herrschaft befreit zu haben. Erst dadurch wurde die -mächtige Entfaltung verschiedener Richtungen der kritischen Philosophie -und neuer Bahnen der Naturforschung möglich, welche dann dem folgenden -achtzehnten Jahrhundert den Ehrentitel des »=Jahrhunderts der -Aufklärung=« erwarb. - -~IV.~ _Das Scheinchristentum des neunzehnten Jahrhunderts._ Als -vierten und letzten Hauptabschnitt in der Geschichte des Christentums -stellen wir das 19. Jahrhundert seinen Vorgängern gegenüber. Wenn in -diesen letzteren bereits die »=Aufklärung=« nach allen Richtungen -hin die kritische Philosophie gefördert, und wenn ihr das Aufblühen -der Naturwissenschaften die stärksten empirischen Waffen in die -Hände gegeben hatte, so erscheint uns doch der Fortschritt nach -beiden Richtungen hin in unserem 19. Jahrhundert ganz gewaltig; -es beginnt damit wiederum eine ganz neue Periode in der Geschichte -des Menschengeistes, charakterisiert durch die Entwickelung der -=monistischen Naturphilosophie=. Schon im Beginne desselben wurde der -Grund zu einer neuen Anthropologie gelegt (durch die vergleichende -Anatomie von =Cuvier=) und zu einer neuen Biologie (durch die -~Philosophie zoologique~ von =Lamarck=). Bald folgten diesen beiden -großen Franzosen zwei ebenbürtige Deutsche, =Baer= als Begründer der -Entwickelungsgeschichte (1828) und =Johannes Müller= (1834) als der der -vergleichenden Morphologie und Physiologie. Ein Schüler des letzteren, -=Theodor Schwann=, schuf 1838, im Verein mit =Matthias Schleiden=, -die grundlegende Zellentheorie. Schon vorher hatte =Lyell= (1830) die -Entwickelungsgeschichte der Erde auf natürliche Ursachen zurückgeführt -und damit auch für unseren Planeten die Geltung der mechanischen -Kosmogenie bestätigt, welche =Kant= bereits 1755 mit kühner Hand -entworfen hatte. Endlich wurde durch =Robert Mayer= und =Helmholtz= -(1842) das Energieprinzip festgestellt und damit die zweite, ergänzende -Hälfte des großen Substanzgesetzes gegeben, dessen erste Hälfte die -Konstanz der Materie, schon =Lavoisier= 1789 entdeckt hatte. Allen -diesen tiefen Einblicken in das innere Wesen der Natur setzte dann 1859 -=Charles Darwin= die Krone auf durch seine neue Entwickelungslehre, das -größte naturphilosophische Ereignis des 19. Jahrhunderts. - -Wie verhält sich nun zu diesen gewaltigen Fortschritten der -Naturerkenntnis das =moderne Christentum=? Zunächst wurde naturgemäß -die tiefe Kluft zwischen seinen beiden Hauptrichtungen immer -größer, zwischen dem konservativen =Papismus= und dem progressiven -Protestantismus. Der ultramontane Klerus ( -- und im Verein mit -ihm die orthodoxe »Evangelische Allianz« -- ) mußten naturgemäß -jenen mächtigen Eroberungen des freien Geistes den heftigsten -Widerstand entgegensetzen; sie verharrten unbeirrt auf ihrem strengen -Buchstabenglauben und verlangten die unbedingte Unterwerfung der -Vernunft unter das Dogma. Der liberale =Protestantismus= hingegen -verflüchtigte sich immer mehr zu einem monistischen Pantheismus und -strebte nach Versöhnung der beiden entgegengesetzten Prinzipien; -er suchte die unvermeidliche Anerkennung der empirisch bewiesenen -Naturgesetze und der daraus gefolgerten philosophischen Schlüsse mit -einer geläuterten Religionsform zu verbinden, in der freilich von der -eigentlichen Glaubenslehre fast nichts mehr übrig blieb. Zwischen -beiden Extremen bewegten sich zahlreiche Kompromißversuche; darüber -hinaus aber drang in immer weitere Kreise die Überzeugung, daß das -dogmatische Christentum überhaupt jeden Boden verloren habe, und daß -man nur seinen wertvollen ethischen Inhalt in die neue, monistische -Religion des 20. Jahrhunderts hinüberretten könne. Da jedoch -gleichzeitig die gegebenen äußeren Formen der herrschenden christlichen -Religion fortbestanden, da sie sogar trotz der fortgeschrittenen -politischen Entwickelung mit den praktischen Bedürfnissen des Staates -immer enger verknüpft wurden, entwickelte sich jene weitverbreitete -religiöse Weltanschauung der gebildeten Kreise, die wir nur als -=Scheinchristentum= bezeichnen können -- im Grunde eine »religiöse -Lüge« bedenklichster Art. Die großen Gefahren, welche dieser tiefe -Konflikt zwischen der wahren Überzeugung und dem falschen Bekenntnis -der modernen Scheinchristen mit sich bringt, hat u. a. trefflich -=Max Nordau= geschildert in seinem interessanten Werke: »=Die -konventionellen Lügen der Kulturmenschheit.=« - -Inmitten dieser offenkundigen Unwahrhaftigkeit des herrschenden -Scheinchristentums ist es für den Fortschritt der vernunftgemäßen -Naturerkenntnis sehr wertvoll, daß dessen mächtigster und -entschiedenster Gegner, der =Papismus=, um die Mitte des 19. -Jahrhunderts die alte Maske angeblicher höherer Geistesbildung -abgeworfen und der selbständigen =Wissenschaft= als solcher den -entscheidenden »Kampf auf Tod und Leben« angekündigt hat. Es geschah -dies in drei bedeutungsvollen Kriegserklärungen gegen die Vernunft, für -deren Unzweideutigkeit und Entschiedenheit die moderne Wissenschaft -und Kultur dem römischen »Statthalter Christi« nur dankbar sein -kann: ~I~. Im Dezember 1854 verkündete der Papst das Dogma von der -=unbefleckten Empfängnis Mariä=. ~II~. Zehn Jahre später, im Dezember -1864, sprach der »heilige Vater« in der berüchtigten =Enzyklika= -das =absolute Verdammungsurteil über die ganze moderne Zivilisation -und Geistesbildung= aus; in dem begleitenden =Syllabus= gab er -eine Aufzählung und Verfluchung aller einzelnen Vernunftsätze und -philosophischen Prinzipien, welche von unserer modernen Wissenschaft -als sonnenklare Wahrheit anerkannt sind. ~III~. Endlich setzte -sechs Jahre später, am 13. Juli 1870, der streitbare Kirchenfürst im -Vatikan seinem Aberwitz die Krone auf, indem er für sich und alle seine -Vorgänger in der Papstwürde die =Unfehlbarkeit= in Anspruch nahm. - -_Unfehlbarkeit des Papstes._ Diese drei wichtigsten Akte des Papismus -im 19. Jahrhundert waren so offenkundige Faustschläge in das Antlitz -der Vernunft, daß sie selbst innerhalb der orthodoxen katholischen -Kreise von Anfang an das höchste Bedenken erregten. Als man im -vatikanischen Konzil am 13. Juli 1870 zur Abstimmung über das Dogma -von der =Unfehlbarkeit= schritt, erklärten sich nur drei Viertel der -Kirchenfürsten zugunsten desselben, nämlich 451 von 601 Abstimmenden; -dazu fehlten noch zahlreiche andere Bischöfe, welche sich der -gefährlichen Abstimmung enthalten wollten. Indessen zeigte sich bald, -daß der kluge und menschenkundige Papst richtiger gerechnet hatte als -die zaghaften »besonnenen Katholiken«; denn in den leichtgläubigen und -ungebildeten Massen fand auch dieses ungeheuerliche Dogma trotz aller -Bedenken blinde Annahme. - -Die ganze =Geschichte des Papsttums=, wie sie von zuverlässigen -Quellen und handgreiflichen historischen Dokumenten unwiderleglich -festgenagelt ist, erscheint für den unbefangenen Kenner als ein -gewissenloses Gewebe von Lug und Trug, als ein rücksichtsloses Streben -nach absoluter geistlicher Herrschaft und weltlicher Macht, als eine -frivole Verleugnung aller der hohen sittlichen Gebote, welche das -wahre Christentum predigt: Menschenliebe, und Duldung, Wahrheit und -Keuschheit, Armut und Entsagung. Wenn man die lange Reihe der Päpste -und der römischen Kirchenfürsten, aus denen sie gewählt wurden, nach -dem Maßstabe der reinen christlichen Moral mustert, ergibt sich klar, -daß die große Mehrzahl derselben schamlose Gaukler und Betrüger -waren, viele von ihnen nichtswürdige Verbrecher. Diese allbekannten -=historischen Tatsachen= hindern aber nicht, daß noch heute Millionen -von »gebildeten« gläubigen Katholiken an die »Unfehlbarkeit« dieses -»heiligen Vaters« glauben und durch Spenden von »Peterspfennigen« sein -Regiment stützen; sie hindern nicht, daß noch heute protestantische -Fürsten nach Rom fahren und dem »heiligen Vater« (ihrem gefährlichsten -Feinde!) ihre Verehrung bezeugen. - -_Enzyklika und Syllabus._ Unter den angeführten drei großen -Gewalttaten, durch welche der moderne Papismus in der zweiten Hälfte -des 19. Jahrhunderts seine absolute Herrschaft zu retten und zu -befestigen suchte, ist für uns am interessantesten die Verkündigung -der =Enzyklika= und des =Syllabus= im Dezember 1864; denn in diesen -denkwürdigen Aktenstücken wird der Vernunft und Wissenschaft überhaupt -jede selbständige Tätigkeit abgesprochen und ihre absolute Unterwerfung -unter den »alleinseligmachenden Glauben«, d. h. unter die Dekrete des -»unfehlbaren Papstes«, gefordert. Die ungeheure Erregung, welche diese -maßlose Frechheit in allen gebildeten und unabhängig denkenden Kreisen -hervorrief, entsprach dem ungeheuerlichen Inhalte der Enzyklika; eine -vortreffliche Erörterung ihrer kulturellen und politischen Bedeutung -hat u. a. =Draper= in seiner Geschichte der Konflikte zwischen Religion -und Wissenschaft gegeben (1875). - -_Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria._ Weniger einschneidend und -bedeutungsvoll als die Enzyklika und als das Dogma der Infallibilität -des Papstes erscheint vielleicht das Dogma von der unbefleckten -Empfängnis. Indessen legt nicht nur die römische Hierarchie auf diesen -Glaubenssatz das höchste Gewicht, sondern auch ein Teil der orthodoxen -Protestanten (z. B. die Evangelische Allianz). Der sogenannte -»=Immakulateid=«, d. h. die =eidliche= Versicherung des Glaubens an die -unbefleckte Empfängnis Mariä, gilt noch heute Millionen von Christen -als heilige Pflicht. Viele Gläubige verbinden damit einen doppelten -Begriff; sie behaupten, daß die Mutter der Jungfrau Maria ebenso durch -den »Heiligen Geist« befruchtet worden sei wie diese selbst. Jedoch -soll ursprünglich das Dogma der unbefleckten Empfängnis nur bedeuten, -daß Maria selbst eine Tochter des heiligen Geistes, und daher frei von -Erbsünde sei. Die vergleichende und kritische Theologie hat neuerdings -nachgewiesen, daß auch dieser Mythus, gleich den meisten anderen -Legenden der christlichen Mythologie, keineswegs originell, sondern -aus älteren orientalischen Religionen, besonders dem =Buddhismus=, -übernommen ist. Ähnliche Sagen hatten schon mehrere Jahrhunderte vor -Christi Geburt eine weite Verbreitung in Indien, Persien, Kleinasien -und Griechenland. Wenn Königstöchter oder andere Jungfrauen aus -höheren Ständen, ohne legitim verheiratet zu sein, durch die Geburt -eines Kindes erfreut wurden, so wurde als der Vater dieses illegitimen -Sprößlings meistens ein »Gott« oder »Halbgott« ausgegeben, in diesem -Falle der mysteriöse »Heilige Geist«. - -Die Erzählung der beiden Evangelisten Matthäus und Lukas, daß auch -Maria selbst vom heiligen Geiste befruchtet und demnach dieser -rätselhafte Gott der wahre Vater von Christus sei, wird gegenwärtig -von den meisten Theologen als eine später entstandene Sage angesehen; -sie behaupten, daß der jüdische Zimmermann Joseph der wirkliche Vater -gewesen sei. Andere wieder erklären die uneheliche Geburt Christi -durch folgende Angabe eines apokryphen Evangeliums, auf welche sich -auch =Celsus= (178 n. Chr.) bezieht: »=Josephus Pandera=, der römische -Hauptmann einer kalabresischen Legion, welche in Judäa stand, verführte -=Mirjam= von Bethlehem, ein hebräisches Mädchen, und wurde der =Vater -von Jesus=.« Diese Legende fand besonders bei jenen Theologen Beifall, -welche die übernatürliche Erzeugung Christi (durch den heiligen Geist) -leugneten, aber als seinen natürlichen Vater nicht einen =Juden= (den -Zimmermann Joseph), sondern einen =Griechen= (den Hauptmann Pandera -oder Pantheras) anerkannt zu sehen wünschten. Historische Zeugnisse, -die wissenschaftliche Bedeutung beanspruchen, können weder für die -Wahrheit der einen noch der anderen Sage gefunden werden. - -Interessant ist übrigens die verschiedene Auffassung und Beurteilung, -welche dieser angebliche Liebesroman der Mirjam von seiten der vier -großen christlichen Kulturnationen Europas erfahren hat. Nach den -strengeren Moralbegriffen der =germanischen= Rassen wird derselbe -schlechtweg verworfen; lieber glaubt der ehrliche Deutsche und der -prüde Brite blind an die unmögliche Sage von der Erzeugung durch den -»Heiligen Geist«. Wie bekannt, entspricht diese strenge, sorgfältig -zur Schau getragene Prüderie der feineren Gesellschaft (besonders in -England!) keineswegs dem wahren Zustande der sexuellen Sittlichkeit in -dem dortigen »~High life~«. Die Enthüllungen z. B., welche darüber -vor einigen Jahren die »Pall Mall Gazette« brachte, erinnerten sehr an -die Zustände von =Babylon= und an das Rom der Kaiserzeit. - -Die =romanischen= Rassen, welche diese Prüderie verlachen und die -sexuellen Verhältnisse leichtfertiger beurteilen, finden jenen »=Roman -der Maria=« recht anziehend, und der besondere Kultus, dessen gerade -in Frankreich und Italien »Unsere liebe Frau« sich erfreut, ist oft in -merkwürdiger Naivetät mit jener Liebesgeschichte verknüpft. So findet -z. B. =Paul de Regla= (~Dr.~ =Desjardin=), welcher (1894) »Jesus von -Nazareth vom wissenschaftlichen, geschichtlichen und gesellschaftlichen -Standpunkte aus dargestellt« hat, gerade in der =unehelichen Geburt -Christi= ein besonderes »Anrecht auf den =Heiligenschein=, der seine -herrliche Gestalt umstrahlt«! - -Der Streit über diese drei verschiedenen Mythen von der Vaterschaft -Christi, der noch zu Ende des 19. Jahrhunderts die Theologen lebhaft -erregte, hat gegenwärtig an Interesse sehr verloren. Denn die -überraschenden Fortschritte der vergleichenden Religionsgeschichte -haben das ganze orientalische Prachtgebäude der =christlichen -Mythologie= in seinen Grundfesten erschüttert. Das reine =Idealbild= -von Jesus Christus, dessen erhabene Züge der Gläubige aus dem -Neuen Testament sich zusammensetzt, hat als wirklicher Mensch -(oder »Gottmensch«) in dieser Vollkommenheit niemals auf unserem -Planeten existiert. Der hohe ethische Wert des ursprünglichen reinen -Christentums, der veredelnde Einfluß dieser »Religion der Liebe« auf -die Kulturgeschichte, ist ganz unabhängig von jenen mythologischen -Dogmen. Die angeblichen »=Offenbarungen=«, auf welche sich diese Mythen -stützen, sind dagegen ( -- ebenso wie sämtliche Wundergeschichten -des Alten und des Neuen Testaments -- ) Erzeugnisse der dichtenden -Phantasie; sie bleiben unvereinbar mit den sichersten Ergebnissen -unserer modernen =Naturerkenntnis=. - - - - -=Achtzehntes Kapitel.= - -_Unsere monistische Religion._ - - Monistische Studien über die Religion der Vernunft und ihre Harmonie - mit der Wissenschaft. Die drei Kultusideale des Wahren, Guten und - Schönen. - - -Viele und sehr angesehene Naturforscher und Philosophen der Gegenwart, -welche unsere monistischen Überzeugungen teilen, halten die Religion -überhaupt für eine abgetane Sache. Sie meinen, daß die klare Einsicht -in die Weltentwickelung, die wir den gewaltigen Erkenntnisfortschritten -des 19. Jahrhunderts verdanken, nicht bloß das Kausalitätsbedürfnis -unserer =Vernunft= vollkommen befriedige, sondern auch die höchsten -Gefühlsbedürfnisse unseres =Gemütes=. Diese Ansicht ist in gewissem -Sinne richtig, insofern bei einer vollkommen klaren und folgerichtigen -Auffassung des Monismus tatsächlich die beiden Begriffe von Religion -und Wissenschaft zu einem mit einander verschmelzen. Indessen nur -wenige entschlossene Denker ringen sich zu dieser höchsten und reinsten -Auffassung von =Spinoza= und =Goethe= empor; vielmehr verharren die -meisten Gebildeten unserer Zeit bei der Überzeugung, daß die Religion -ein selbständiges, von der Wissenschaft unabhängiges Gebiet unseres -Geisteslebens darstelle, nicht minder wertvoll und unentbehrlich als -die letztere. - -Wenn wir diesen Standpunkt einnehmen, können wir eine Versöhnung -zwischen jenen beiden großen, anscheinend getrennten Gebieten -in der Auffassung finden, welche ich 1892 in meinem Altenburger -Vortrage niedergelegt habe: »Der Monismus als Band zwischen Religion -und Wissenschaft« (14. Aufl. 1908). In dem Vorwort zu diesem -»Glaubensbekenntnis eines Naturforschers« habe ich mich über dessen -doppelten Zweck mit folgenden Worten geäußert: »Erstens möchte ich -damit derjenigen =vernünftigen Weltanschauung= Ausdruck geben, welche -uns durch die neueren Fortschritte der einheitlichen Naturerkenntnis -mit logischer Notwendigkeit aufgedrungen wird; sie wohnt im Innersten -von fast allen unbefangenen und denkenden Naturforschern, wenn -auch nur wenige den Mut oder das Bedürfnis haben, sie offen zu -bekennen. Zweitens möchte ich dadurch ein =Band zwischen Religion und -Wissenschaft= knüpfen und somit zur Ausgleichung des Gegensatzes -beitragen, welcher zwischen diesen beiden Gebieten der höchsten -menschlichen Geistestätigkeit unnötigerweise aufrecht erhalten wird; -das ethische Bedürfnis unseres =Gemütes= wird durch den Monismus ebenso -befriedigt wie das logische Kausalitätsbedürfnis unseres =Verstandes=.« - -Die starke Wirkung, welche dieser Altenburger Vortrag hatte, beweist, -daß ich mit diesem monistischen Glaubensbekenntnis nicht nur das -vieler Naturforscher, sondern auch zahlreicher gebildeter Männer -und Frauen aus verschiedenen Berufskreisen ausgesprochen hatte. Ich -durfte diesen unerwarteten Erfolg um so höher anschlagen, als jenes -Glaubensbekenntnis ursprünglich eine freie Gelegenheitsrede war, die -unvorbereitet am 9. Oktober 1892 in Altenburg während des Jubiläums -der Naturforschenden Gesellschaft des Osterlandes entstand. Natürlich -erfolgte auch bald die notwendige Gegenwirkung nach der anderen Seite; -ich wurde nicht nur von der ultramontanen Presse des =Papismus= -auf das Heftigste angegriffen, von den geschworenen Verteidigern -des Aberglaubens, sondern auch von »liberalen« Kriegsmännern des -evangelischen Christentums, welche sowohl die wissenschaftliche -Wahrheit als auch den aufgeklärten Glauben zu vertreten behaupten. Nun -hat sich aber der große Kampf zwischen der modernen Naturwissenschaft -und dem orthodoxen Christentum seitdem immer drohender gestaltet; -er ist für die erstere um so gefährlicher geworden, je mächtigere -Unterstützung das letztere durch die wachsende geistige und -politische Reaktion gefunden hat. Diese ist in manchen Ländern schon -so weit vorgeschritten, daß die gesetzlich garantierte Denk- und -Gewissensfreiheit praktisch schwer gefährdet wird. In der Tat hat -der große weltgeschichtliche Geisteskampf, welchen =John Draper= in -seiner »Geschichte der Konflikte zwischen Religion und Wissenschaft« -vortrefflich schildert, heute eine Schärfe und Bedeutung erlangt -wie nie zuvor; man bezeichnet ihn deshalb seit 1872 mit Recht als -»=Kulturkampf=«. - -_Der Kulturkampf._ Die berühmte =Enzyklika= nebst =Syllabus=, -welche der streitbare Papst Pius ~IX.~ 1864 in alle Welt gesandt -hatte, erklärte in der Hauptsache der ganzen modernen Wissenschaft -den Krieg; sie forderte blinde Unterwerfung der Vernunft unter die -Dogmen des »unfehlbaren Statthalters Christi«. Das Ungeheuerliche und -Unerhörte dieses brutalen Attentates gegen die höchsten Güter der -Kulturmenschheit rüttelte selbst viele träge und indolente Gemüter -aus ihrem gewohnten Glaubensschlafe. Im Vereine mit der nachfolgenden -Verkündung der päpstlichen Unfehlbarkeit (1870) rief die Enzyklika -eine weitgehende Erregung hervor und eine energische Abwehr, welche -zu den besten Hoffnungen berechtigte. In dem neuen Deutschen Reiche, -das in den Kämpfen von 1866 und 1871 unter schweren Opfern seine -nationale Einheit errungen hatte, wurden die frechen Attentate des -Papismus besonders schwer empfunden; denn einerseits ist Deutschland -die Geburtsstätte der Reformation und der modernen Geistesbefreiung; -andererseits aber besitzt es leider in seinen 20 Millionen Katholiken -ein mächtiges Heer von streitbaren Gläubigen, welches an blindem -Gehorsam gegen die Befehle seines Oberhirten von keinem anderen -Kulturvolke übertroffen wird. =Christus= sagt zu =Petrus=: »Weide meine -Schafe!« Die Nachkommen auf dem Stuhle Petri haben das »=Weiden=« in -»=Scheeren=« übersetzt. Die hieraus entspringenden Gefahren erkannte -mit klarem Blick der gewaltige Staatsmann, der das »politische -Welträtsel« der deutschen Nationalzerrissenheit gelöst und uns durch -seine bewunderungswürdige Staatskunst zu dem ersehnten Ziele nationaler -Einheit und Macht geführt hatte. Fürst Bismarck begann 1872 jenen -denkwürdigen, vom Vatikan aufgedrungenen =Kulturkampf=, der von dem -ausgezeichneten Kultusminister =Falk= durch die »Maigesetzgebung« -(1873) ebenso klug als energisch geführt wurde. Leider mußte er schon -sechs Jahre später aufgegeben werden. Obwohl unser größter Staatsmann -ein ausgezeichneter Menschenkenner und kluger Realpolitiker war, hatte -er doch die Macht von drei gewaltigen Hindernissen unterschätzt: -erstens die unübertroffene Schlauheit und gewissenlose Perfidie der -römischen Kurie, zweitens die entsprechende Gedankenlosigkeit und -Leichtgläubigkeit der ungebildeten katholischen Massen, auf welche -sich die erstere stützte, und drittens die Macht der Trägheit, des -Fortbestehens des Unvernünftigen, bloß weil es da ist. So mußte denn -schon 1878, nachdem der klügere Papst Leo ~XIII.~ seine Regierung -angetreten hatte, der schwere »Gang nach Canossa« wiederholt werden. -Die neu gestärkte Macht des Vatikans nahm seitdem wieder mächtig -zu, einerseits durch die gewissenlosen Ränke und Schlangenwindungen -seiner aalglatten Jesuitenpolitik, andererseits durch die falsche -Kirchenpolitik der deutschen Reichsregierung und die merkwürdige -politische Unfähigkeit des deutschen Volkes. So mußten wir denn am -Schlusse des 19. Jahrhunderts das beschämende Schauspiel erleben, daß -das sogenannte »Zentrum im Deutschen Reichstage Trumpf« war, und daß -die Geschicke unseres gedemütigten Vaterlandes von einer papistischen -Partei geleitet wurden, deren Kopfzahl noch nicht den dritten Teil der -ganzen Bevölkerung beträgt. - -Als der deutsche Kulturkampf 1872 begann, wurde er =mit vollem Rechte= -von allen frei denkenden Männern als eine politische Erneuerung der -Reformation begrüßt, als ein energischer Versuch, die moderne Kultur -von dem Joche der papistischen Geistestyrannei zu befreien; die gesamte -liberale Presse feierte Fürst Bismarck als »politischen Luther«, als -den gewaltigen Helden, der nicht nur die nationale Einigung, sondern -auch die geistige Befreiung Deutschlands erringe. Zehn Jahre später, -nachdem der Papismus gesiegt hatte, behauptete dieselbe »liberale -Presse« das Gegenteil und erklärte den Kulturkampf für einen großen -Fehler; und dasselbe tut sie noch heute. Diese Tatsache beweist nur, -wie kurz das Gedächtnis unserer Zeitungsschreiber, wie mangelhaft -ihre Kenntnis der Geschichte und wie unvollkommen ihre philosophische -Bildung ist. Der sogenannte »Friedensschluß zwischen Staat und -Kirche« ist immer nur ein Waffenstillstand. Der moderne Papismus, -getreu den absolutistischen, seit 1600 Jahren befolgten Prinzipien, -will und muß die =Alleinherrschaft= über die leichtgläubigen Seelen -behaupten; er muß die absolute Unterwerfung des Kulturstaates -fordern, der als solcher die Rechte der Vernunft und Wissenschaft -vertritt. Wirklicher Friede kann erst eintreten, wenn einer der -beiden ringenden Kämpfer bewältigt am Boden liegt. Entweder siegt die -»alleinseligmachende Kirche«, und dann hört »freie Wissenschaft und -freie Lehre« überhaupt auf; dann werden sich unsere Universitäten in -Konvikte, unsere Gymnasien in Klosterschulen verwandeln. Oder es siegt -der moderne Vernunftstaat, und dann wird sich im 20. Jahrhundert die -menschliche Bildung, Freiheit und Wohlstand in noch weit höherem Maße -fortschreitend entwickeln, als es im 19. erfreulicherweise der Fall -gewesen ist. (Vergl. hierüber =Eduard Hartmann=, Die Selbstzersetzung -des Christentums, 1874.) - -Gerade zur Förderung dieser hohen Ziele erscheint es höchst wichtig, -daß die moderne Naturwissenschaft nicht bloß die Wahngebilde des -Aberglaubens zertrümmert und deren wüsten Schutt aus dem Wege räumt, -sondern daß sie auch auf dem frei gewordenen Bauplatze ein neues -wohnliches Gebäude für das menschliche Gemüt herrichtet; einen -=Palast der Vernunft=, in welchem wir mittels unserer neu gewonnenen -monistischen Weltanschauung die wahre »Dreieinigkeit« des 19. -Jahrhunderts andächtig verehren, die =Trinität des Wahren=, =Guten -und Schönen=. Um den Kultus dieser göttlichen Ideale greifbar zu -gestalten, erscheint es vor allem notwendig, uns mit den herrschenden -Religionsformen des Christentums auseinanderzusetzen und die -Veränderungen ins Auge zu fassen, welche bei deren Ersetzung durch -erstere zu erstreben sind. Denn die christliche Religion besitzt -(in ihrer =ursprünglichen=, reinen Form!) trotz aller Irrtümer -und Mängel einen so hohen sittlichen Wert, sie ist vor allem seit -anderthalb Jahrtausenden so eng mit den wichtigsten sozialen und -politischen Einrichtungen unseres Kulturlebens verwachsen, daß -wir uns bei Begründung unserer monistischen Religion möglichst an die -bestehenden Institutionen anlehnen müssen. Wir wollen keine gewaltsame -=Revolution=, sondern eine vernünftige =Reformation= unseres religiösen -Geisteslebens. - -~I.~ _Das Ideal der Wahrheit._ Wir haben uns durch die vorhergehenden -Betrachtungen (besonders im ersten und dritten Abschnitt) überzeugt, -daß die reine Wahrheit nur in dem Tempel der =Naturerkenntnis= zu -finden ist, und daß die einzigen brauchbaren Wege zu demselben die -kritische »Beobachtung und Reflexion« sind, die empirische Erforschung -der Tatsachen und die vernunftgemäße Erkenntnis ihrer bewirkenden -Ursachen. So gelangen wir mittels der =reinen Vernunft= zur wahren -Wissenschaft, dem kostbarsten Schatze der Kulturmenschheit. Dagegen -müssen wir aus den gewichtigen, im 16. Kapitel erörterten Ursachen -jede sogenannte »=Offenbarung=« ablehnen, jede Glaubensdichtung, -welche behauptet, auf übernatürlichem Wege Wahrheiten zu erkennen, zu -deren Entdeckung unsere Vernunft nicht ausreicht. Da nun das ganze -Glaubensgebäude der jüdisch-christlichen Religion, ebenso wie das -islamitische und muhamedanische, auf solchen angeblichen Offenbarungen -beruht, da ferner diese mystischen Phantasieprodukte direkt der -klaren empirischen Naturerkenntnis widersprechen, so ist es sicher, -daß wir die Wahrheit nur mittels der Vernunfttätigkeit der echten -=Wissenschaft= finden können, nicht mittels der Phantasiedichtung des -mystischen Glaubens. - -Die Göttin der =Wahrheit= wohnt im Tempel der Natur, im grünen Walde, -auf dem blauen Meere, auf den schneebedeckten Gebirgshöhen; -- aber -nicht in den dumpfen Hallen der Klöster, in den engen Kerkern der -Konviktschulen und nicht in den weihrauchduftenden christlichen -Kirchen. Die Wege, auf denen wir uns dieser herrlichen Göttin der -Wahrheit und Erkenntnis nähern, sind die liebevolle Erforschung -der Natur und ihrer Gesetze, die Beobachtung der unendlich großen -Sternenwelt mittels des Teleskops, der unendlich kleinen Zellenwelt -mittels des Mikroskops; -- aber nicht sinnlose Andachtsübungen -und gedankenlose Gebete, nicht die Opfergaben des Ablasses und -der Peterspfennige. Die kostbaren Gaben, mit denen uns die Göttin -der Wahrheit beschenkt, sind die herrlichen Früchte vom Baume der -Erkenntnis und der unschätzbare Gewinn einer klaren, einheitlichen -Weltanschauung, -- aber nicht der Glaube an übernatürliche »Wunder« und -das Wahngebilde eines »ewigen Lebens«. - -~II.~ _Das Ideal der Tugend._ Anders als mit dem ewig Wahren verhält -es sich mit dem Gottesideal des ewig Guten. Während bei der Erkenntnis -der Wahrheit die Offenbarung der Kirche völlig auszuschließen und -allein die Erforschung der Natur zu befragen ist, fällt dagegen der -Inbegriff des =Guten=, den wir Tugend nennen, in unserer monistischen -Religion größtenteils mit der christlichen Tugend zusammen; natürlich -gilt das nur von dem ursprünglichen, reinen Christentum der drei ersten -Jahrhunderte, wie dessen Tugendlehren in den Evangelien und in den -paulinischen Briefen niedergelegt sind; -- es gilt aber nicht von der -vatikanischen Karikatur jener reinen Lehre, welche die europäische -Kultur zu ihrem unendlichen Schaden durch zwölf Jahrhunderte beherrscht -hat. Den besten Teil der christlichen Moral, an dem wir festhalten, -bilden die Humanitätsgebote der Liebe und Duldung, des Mitleids und der -Hilfe. Nur sind diese edlen Pflichtgebote, die man als »christliche -Moral« (im besten Sinne!) zusammenfaßt, keine neuen Erfindungen des -Christentums, sondern sie sind von diesem aus älteren Religionsformen -herübergenommen. In der Tat ist ja die »=Goldene Regel=«, welche -diese Gebote in einem Satze zusammenfaßt, Jahrhunderte älter als das -Christentum. In der Praxis des Lebens aber wurde dieses natürliche -Sittengesetz ebenso oft von Atheisten und Nichtchristen sorgsam befolgt -als von frommen, gläubigen Christen außer acht gelassen. Auch beging -die christliche Tugendlehre einen großen Fehler, indem sie einseitig -den =Altruismus= zum Gebote erhob, den =Egoismus= dagegen verwarf. -=Unsere monistische Ethik legt beiden gleichen Wert= bei und findet die -vollkommene Tugend in dem richtigen Gleichgewicht von Nächstenliebe und -Eigenliebe. (Vergl. Kapitel 19. Das ethische Grundgesetz.) - -~III~. _Das Ideal der Schönheit._ In vielfachen Gegensatz zum -Christentum tritt unser Monismus auf dem Gebiete der Schönheit. Das -ursprüngliche, reine Christentum predigte die Wertlosigkeit des -irdischen Lebens und betrachtete dasselbe bloß als eine Vorbereitung -für das ewige Leben im »=Jenseits=«. Daraus folgt unmittelbar, daß -alles, was das menschliche Leben im »=Diesseits=« darbietet, alles -Schöne in Kunst und Wissenschaft, im öffentlichen und privaten Leben, -keinen Wert besitzt. Der wahre Christ muß sich von ihm abwenden und -nur daran denken, sich für das Jenseits würdig vorzubereiten. Die -Verachtung der Natur, die Abwendung von allen ihren unerschöpflichen -Reizen, die Verwerfung jeder Art von schöner Kunst sind echte -Christenpflichten; diese würden am vollkommensten erfüllt, wenn der -Mensch sich von seinen Mitmenschen absonderte, sich kasteite und in -Klöstern oder Einsiedeleien ausschließlich mit der »Anbetung Gottes« -beschäftigte. - -Nun lehrt uns freilich die Naturgeschichte, daß diese asketische -Christenmoral, die aller Natur Hohn sprach, als natürliche Folge -das Gegenteil bewirkte. Die Klöster, die Asyle der Keuschheit und -Zucht, wurden bald die Brutstätten der tollsten Orgien. Der Kultus -der »Schönheit«, der hier getrieben wurde, stand mit der gepredigten -»Weltentsagung« in schneidendem Widerspruch. Dasselbe gilt von dem -Luxus und der Pracht, welche sich bald in dem sittenlosen Privatleben -des höheren katholischen Klerus und in der künstlerischen Ausschmückung -der christlichen Kirchen und Klöster entwickelten. - -_Christliche Kunst._ Man wird hier einwenden, daß unsere Ansicht durch -die Schönheitsfülle der christlichen Kunst widerlegt werde, welche -besonders in der Blütezeit des Mittelalters so unvergängliche Werke -schuf. Die prachtvollen gotischen Dome und byzantinischen Basiliken, -die Hunderte von prächtigen Kapellen, die Tausende von Marmorstatuen -christlicher Heiliger und Märtyrer, die Millionen von schönen -Heiligenbildern, von tiefempfundenen Darstellungen von Christus und der -Madonna -- sie zeugen alle von einer Entwickelung der schönen Künste -im Mittelalter, die in ihrer Art einzig ist. Alle diese herrlichen -Denkmäler der bildenden Kunst, ebenso wie die der Dichtkunst, behalten -ihren hohen ästhetischen Wert, gleichviel, wie wir die darin enthaltene -Mischung von »Wahrheit und Dichtung« beurteilen. Aber was hat das alles -mit der reinen Christenlehre zu tun, mit jener Religion der Entsagung, -welche von allem irdischen Prunk und Glanz, von aller materiellen -Schönheit und Kunst sich abwendete, welche das Familienleben und -die Frauenliebe gering schätzte, welche allein die Sorge um die -immateriellen Güter des »ewigen Lebens« predigte? Der Begriff der -»christlichen Kunst« ist eigentlich ein Widerspruch in sich. Die -reichen Kirchenfürsten freilich, welche dieselben pflegten, verfolgten -damit ganz andere Zwecke, und sie erreichten sie auch vollständig. -Indem sie das ganze Interesse und Streben des menschlichen Geistes -im Mittelalter auf die christliche =Kirche= und deren eigentümliche -=Kunst= lenkten, wendeten sie dasselbe von der =Natur= ab und von -der Erkenntnis der hier verborgenen Schätze, die zu selbständiger -=Wissenschaft= geführt hätten. Außerdem aber erinnerte der tägliche -Anblick der überall massenhaft ausgestellten Heiligenbilder, der -Darstellungen aus der »heiligen Geschichte«, den gläubigen Christen -jederzeit an den reichen Sagenschatz, den die Phantasie der Kirche -angesammelt hatte. Die Legenden derselben wurden für wahre Erzählungen, -die Wundergeschichten für wirkliche Ereignisse ausgegeben und geglaubt. -Unzweifelhaft hat in dieser Beziehung die christliche Kunst einen -ungeheuren Einfluß auf die allgemeine Bildung und ganz besonders auf -die Festigung des Glaubens geübt, einen Einfluß, der sich in der ganzen -Kulturwelt bis auf den heutigen Tag geltend macht. - -_Monistische Kunst._ Den schärfsten Gegensatz zu dieser herrschenden -christlichen Kunst bildet diejenige neue Form der bildenden -Kunst, die sich erst im 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit der -=Naturwissenschaft= entwickelt hat. Die überraschende Erweiterung -unserer Weltkenntnis, die Entdeckung von unzähligen schönen -Lebensformen, die wir der letzteren verdanken, hat in unserer -Zeit einen ganz anderen ästhetischen Sinn geweckt und damit -auch der bildenden Kunst eine neue Richtung gegeben. Zahlreiche -wissenschaftliche Reisen und große Expeditionen zur Erforschung -unbekannter Länder und Meere förderten schon im 18., noch viel -mehr aber im 19. Jahrhundert eine ungeahnte Fülle von unbekannten -organischen Formen zutage. Die Zahl der neuen Tier- und Pflanzenarten -wuchs bald ins Unermeßliche, und unter diesen (besonders unter den -früher vernachlässigten niederen Gruppen) fanden sich Tausende -schöner und interessanter Gestalten, ganz neue Motive für Malerei und -Bildhauerei, für Architektur und Kunstgewerbe. Eine neue Welt erschloß -in dieser Beziehung besonders die ausgedehntere =mikroskopische= -Forschung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und namentlich die -Entdeckung der fabelhaften Tiefseebewohner, die erst durch die berühmte -Challenger-Expedition (1872-1876) ans Licht gezogen wurden. Tausende -von zierlichen Radiolarien und Thalamophoren, von prächtigen Medusen -und Korallen, von abenteuerlichen Mollusken und Krebsen eröffneten uns -da mit einem Male eine ungeahnte Fülle von verborgenen Formen, deren -eigenartige Schönheit und Mannigfaltigkeit alle von der menschlichen -Phantasie geschaffenen Kunstprodukte weitaus übertrifft. Allein schon -in den fünfzig großen Bänden des Challengerwerkes ist auf 3000 Tafeln -eine Masse solcher schöner Gestalten abgebildet; aber auch in vielen -anderen großen Prachtwerken, welche die mächtig wachsende zoologische -und botanische Literatur der letzten Dezennien enthält, sind Millionen -reizender Formen dargestellt. Ich habe versucht, in meinen »Kunstformen -der Natur« eine Auswahl von solchen schönen und reizvollen Gestalten -weiteren Kreisen zugänglich zu machen. (100 Tafeln in 10 Heften. -Leipzig 1899-1903.) - -Indessen bedarf es nicht weiter Reisen und kostspieliger Werke, um -jedem Menschen die Herrlichkeiten dieser Welt zu erschließen. Vielmehr -müssen dafür nur seine Augen geöffnet und sein Sinn geübt werden. -Überall bietet die umgebende Natur eine überreiche Fülle von schönen -und interessanten Objekten aller Art. In jedem Moose und Grashalme, -in jedem Käfer und Schmetterling finden wir bei genauer Untersuchung -Schönheiten, an denen der Mensch gewöhnlich achtlos vorübergeht. -Vollends wenn wir dieselben mit einer Lupe bei schwacher Vergrößerung -betrachten, oder noch mehr, wenn wir die stärkere Vergrößerung eines -guten Mikroskopes anwenden, entdecken wir überall in der organischen -Natur eine neue Welt voll unerschöpflicher Reize. - -Aber nicht nur für diese ästhetische Betrachtung des Kleinen und -Kleinsten, sondern auch für diejenige des Großen und Größten in der -Natur hat uns erst das 19. Jahrhundert die Augen geöffnet. Noch im -Beginne desselben war die Ansicht herrschend, daß die Hochgebirgsnatur -zwar großartig, aber abschreckend, das Meer zwar gewaltig, aber -furchtbar sei. Jetzt, am Ende desselben, sind die meisten Gebildeten --- und besonders die Bewohner der Großstädte -- glücklich, wenn sie -jährlich auf ein paar Wochen die Herrlichkeit der Alpen und die -Kristallpracht der Gletscher genießen können; oder wenn sie sich an der -Majestät des blauen Meeres, an den reizenden Landschaftsbildern seiner -Küsten erfreuen können. Alle diese Quellen des edelsten Naturgenusses -sind uns erst neuerdings in ihrer ganzen Herrlichkeit offenbar und -verständlich geworden, und die erstaunlich gesteigerte Leichtigkeit -und Schnelligkeit des Verkehrs hat selbst den Unbemittelteren die -Gelegenheit zu ihrer Kenntnis verschafft. Alle diese Fortschritte im -ästhetischen Naturgenusse -- und damit zugleich im wissenschaftlichen -Naturverständnis -- bedeuten ebenso viele Fortschritte in der höheren -menschlichen Geistesbildung und damit zugleich in unserer monistischen -Religion. - -_Landschaftsmalerei und Illustrationswerke._ Der Gegensatz, in -welchem unser =naturalistisches= Jahrhundert zu den vorhergehenden -=anthropistischen= steht, prägt sich besonders in der verschiedenen -Wertschätzung und Verbreitung von Illustrationen der mannigfaltigsten -Naturobjekte aus. Es hat sich in unserer Zeit ein lebhaftes Interesse -für ihre bildlichen Darstellungen entwickelt das früheren Zeiten -unbekannt war; es wird unterstützt durch die erstaunlichen Fortschritte -der Technik und des Verkehrs, welche eine allgemeine Verbreitung -derselben in weitesten Kreisen gestatten. Zahlreiche illustrierte -Zeitschriften verbreiten mit der allgemeinen Bildung zugleich den Sinn -für die unendliche Schönheit der Natur in allen Gebieten. Besonders -ist es die =Landschaftsmalerei=, die hier eine früher nicht geahnte -Bedeutung gewonnen hat. Schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts -hatte einer unserer größten und vielseitigsten Naturforscher, -=Alexander von Humboldt=, darauf hingewiesen, wie die Entwickelung -der modernen Landschaftsmalerei nicht nur als »Anregungsmittel zum -Naturstudium« und als geographisches Anschauungsmittel von hoher -Bedeutung sei, sondern wie sie auch in anderer Beziehung als ein edles -Bildungsmittel hochzuschätzen sei. Seitdem ist der Sinn dafür noch -bedeutend weiter entwickelt. Es sollte Aufgabe jeder Schule sein, die -Kinder frühzeitig zum Genusse der =Landschaft= anzuleiten und zu der -höchst dankbaren Kunst, sie durch Zeichnen und Aquarellmalen ihrem -Gedächtnis einzuprägen. - -_Moderner Naturgenuß._ Der unendliche Reichtum der Natur an Schönem -und Erhabenem bietet jedem Menschen, der offene Augen und ästhetischen -Sinn besitzt, eine unerschöpfliche Fülle der herrlichsten Gaben. -So wertvoll und beglückend aber auch der unmittelbare Genuß jeder -einzelnen Gabe ist, so wird deren Wert doch noch hoch gesteigert durch -die Erkenntnis ihrer Bedeutung und ihres Zusammenhanges mit der übrigen -Natur. Als =Alexander von Humboldt= (1845) in seinem großartigen -»=Kosmos=« den »Entwurf einer physischen Weltbeschreibung« gab, als -er in seinen mustergültigen »Ansichten der Natur« wissenschaftliche -und ästhetische Betrachtung in glücklichster Weise verband, da hat -er mit Recht hervorgehoben, wie eng der veredelte Naturgenuß mit der -»wissenschaftlichen Ergründung der Weltgesetze«, verknüpft ist, und wie -beide vereinigt dazu dienen, das Menschenwesen auf eine höhere Stufe -der Vollendung zu erheben. Die staunende Bewunderung, mit der wir den -gestirnten Himmel und das mikroskopische Leben in einem Wassertropfen -betrachten, die Ehrfurcht, mit der wir das wunderbare Wirken der -Energie in der bewegten Materie untersuchen, die Andacht, mit welcher -wir die Geltung des allumfassenden Substanzgesetzes im Universum -verehren, -- sie alle sind Bestandteile unseres =Gemütslebens=, die -unter den Begriff der »=natürlichen Religion=« fallen. - -_Diesseits und Jenseits._ Die angedeuteten Fortschritte der Neuzeit -in der Erkenntnis des Wahren und im Genusse des Schönen bilden ebenso -einerseits einen wertvollen Inhalt unserer monistischen Religion, als -sie andererseits in feindlichem Gegensatze zum Christentum stehen. -Denn der menschliche Geist lebt dort in dem bekannten »=Diesseits=«, -hier in einem unbekannten »=Jenseits=«. Unser Monismus lehrt, daß -wir sterbliche Kinder der Erde sind, die ein oder zwei, höchstens -drei »Menschenalter« hindurch das Glück haben, im Diesseits die -Herrlichkeiten dieses Planeten zu genießen, die unerschöpfliche -Fülle seiner Schönheit zu schauen und die wunderbaren Spiele seiner -Naturkräfte zu erkennen. Das Christentum dagegen lehrt, daß die Erde -ein elendes Jammerthal ist, auf welchem wir bloß eine kurze Zeitlang uns -zu kasteien und abzuquälen brauchen, um sodann im »Jenseits« ein ewiges -Leben voller Wonne zu genießen. Wo dieses »Jenseits« liegt, und wie -diese Herrlichkeit des ewigen Lebens eigentlich beschaffen sein soll, -das hat uns noch keine »Offenbarung« gesagt. Solange der »Himmel« für -den Menschen ein blaues Zelt war, ausgespannt über der scheibenförmigen -Erde und erleuchtet durch das blinkende Lampenlicht einiger tausend -Sterne, konnte sich die menschliche Phantasie oben in diesem -Himmelssaal allenfalls das ambrosische Gastmahl der olympischen Götter -oder die Tafelfreuden der Walhallabewohner vorstellen. Nun ist aber für -alle diese Gottheiten und für die mit ihnen tafelnden »unsterblichen -Seelen« die offenkundige =Wohnungsnot= eingetreten. »Himmelsbild und -Weltanschauung«, wie sie =Troels-Lund= in ihrem tiefen Zusammenhange -historisch dargestellt hat, haben durch die bewunderungswürdigen -Fortschritte der modernen Kosmologie eine völlige Umwandlung erfahren. -Wir wissen jetzt durch die =Astrophysik=, daß der unendliche Raum mit -schwingendem Äther erfüllt ist, und daß Millionen von Weltkörpern, nach -ewigen ehernen Gesetzen bewegt, sich rastlos darin umhertreiben, alle -im ewigen großen »Werden und Vergehen« begriffen. - -_Monistische Kirchen._ Die Stätten der Andacht, in denen der Mensch -sein religiöses Gemütsbedürfnis befriedigt und die Gegenstände seiner -Anbetung verehrt, betrachtet er als seine geheiligten »Kirchen«. Die -Pagoden im buddhistischen Asien, die griechischen Tempel im klassischen -Altertum, die Synagogen in Palästina, die Moscheen in Ägypten, die -katholischen Dome im südlichen und die evangelischen Kathedralen im -nördlichen Europa -- alle diese »Gotteshäuser« sollen dazu dienen, -den Menschen über die Misere und Prosa des realen Alltagslebens zu -erheben; sie sollen ihn in die Weihe und die Poesie einer höheren, -idealen Welt versetzen. Sie erfüllen diesen Zweck in vielen tausend -verschiedenen Formen, entsprechend den verschiedenen Kulturformen -und Zeitverhältnissen. Der moderne Mensch, welcher »Wissenschaft und -Kunst« besitzt -- und damit zugleich auch Religion --, bedarf keiner -besonderen Kirche, keines engen, eingeschlossenen Raumes. Denn überall -in der freien Natur, wo er seine Blicke auf das unendliche Universum -oder auf einen Teil desselben richtet, überall findet er zwar den -harten »Kampf ums Dasein«, aber daneben auch das »Wahre, Schöne und -Gute«; überall findet er seine »=Kirche=« in der herrlichen =Natur= -selbst. - - - - -=Neunzehntes Kapitel.= - -_Unsere monistische Sittenlehre._ - - Gleichgewicht zwischen Selbstliebe und Nächstenliebe. - Gleichberechtigung des Egoismus und Altruismus. Fehler der - christlichen Moral. Staat, Schule und Kirche. - - -Das praktische Leben stellt an den Menschen eine Reihe von ganz -bestimmten sittlichen Anforderungen, die nur dann richtig erfüllt -werden können, wenn sie in reinem Einklang mit seiner vernünftigen -Weltanschauung stehen. Diesem Grundsatze unserer monistischen -Philosophie zufolge muß unsere gesamte =Sittenlehre= oder Ethik -in vernünftigem Zusammenhang mit der einheitlichen Auffassung des -»Kosmos« stehen, welche wir durch unsere fortgeschrittene Erkenntnis -der Naturgesetze gewonnen haben. Wie das ganze unendliche Universum im -Lichte unseres Monismus ein einziges großes Ganzes darstellt, so bildet -auch das geistige und sittliche Leben des Menschen nur einen Teil -dieses »=Kosmos=«, und so kann auch seine naturgemäße Ordnung nur eine -einheitliche sein. =Es gibt nicht zwei verschiedene, getrennte Welten=: -eine =physische, materielle= und eine =moralische, immaterielle= Welt. - -Ganz entgegengesetzter Ansicht ist die große Mehrzahl der Philosophen -und Theologen noch heute; sie behaupten mit =Immanuel Kant=, daß -die sittliche Welt von der physischen ganz unabhängig sei und ganz -anderen Gesetzen gehorche; also müsse auch das =sittliche Bewußtsein -des Menschen=, als die Basis des moralischen Lebens, ganz unabhängig -von der =wissenschaftlichen Welterkenntnis= sein und sich vielmehr -auf den religiösen Glauben stützen. Die Erkenntnis der sittlichen -Welt soll danach durch die gläubige =praktische Vernunft= geschehen, -hingegen die der Natur oder der physischen Welt durch die =theoretische -Vernunft=. Dieser unzweifelhafte und bewußte =Dualismus= in =Kants= -Philosophie war ihr größter und =schwerster Fehler=; er hat unendliches -Unheil angerichtet und wirkt noch heute mächtig fort. Zuerst hatte -der =kritische Kant= in der großartigen und bewunderungswürdigen -Kritik der reinen Vernunft einleuchtend gezeigt, daß die drei großen -=Zentraldogmen der Metaphysik=: der persönliche Gott, der freie -Wille und die unsterbliche Seele völlig unbegründet sind und immer -unbegründet bleiben werden. Später aber führte der =dogmatische Kant= -das schimmernde ideale Luftschloß der praktischen Vernunft auf, in -welchem drei imposante Kirchenschiffe zur Wohnstätte jener drei -mystischen Gottheiten hergerichtet wurden. Nachdem sie durch die -Vordertür mittels des vernünftigen Wissens hinausgeschafft waren, -kehrten sie nun durch die Hintertür mittels des unvernünftigen Glaubens -wieder zurück. - -Obgleich nun der offenkundige Gegensatz der beiden Vernünfte -von =Kant=, der prinzipielle Antagonismus der =reinen= und der -=praktischen= Vernunft, schon im Anfange des 19. Jahrhunderts erkannt -und widerlegt wurde, blieb er doch bis heute in weiten Kreisen -herrschend. Die moderne Schule der =Neokantianer= predigt noch -heute den »Rückgang auf Kant« so eindringlich gerade =wegen= dieses -willkommenen =Dualismus=, und die streitende Kirche unterstützt -sie dabei aufs wärmste, weil ihr eigener mystischer Glaube dazu -vortrefflich paßt. Eine wirksame Niederlage bereitete demselben -erst die moderne Naturwissenschaft in der zweiten Hälfte des 19. -Jahrhunderts; die Voraussetzungen der praktischen Vernunftlehre wurden -dadurch hinfällig. Kosmologie und Biologie, die auf dem Substanzgesetz -ruhen, bedürfen keines »persönlichen Gottes« mehr; die vergleichende -und genetische Psychologie zeigte, daß eine »unsterbliche Seele« nicht -existieren kann, und die Physiologie wies nach, daß die Annahme des -»freien Willens« auf Täuschung beruht. Die Entwickelungslehre endlich -machte klar, daß die »=ewigen, ehernen Naturgesetze=« der anorganischen -Welt auch in der organischen und moralischen Welt Geltung haben. - -Unsere moderne Naturerkenntnis wirkt aber für die praktische -Philosophie und Ethik nicht nur =negativ=, indem sie den Kantischen -Dualismus zertrümmert, sondern auch =positiv=, indem sie an dessen -Stelle das neue Gebäude des =ethischen Monismus= setzt. Sie zeigt, -daß das =Pflichtgefühl= des Menschen nicht auf einem eingeimpften -»=kategorischen Imperativ=« beruht, sondern auf dem =realen Boden -der sozialen Instinkte=, die wir bei allen gesellig lebenden höheren -Tieren finden. Sie erkennt als höchstes Ziel der Moral die Herstellung -einer gesunden Harmonie zwischen =Egoismus= und =Altruismus=, zwischen -Selbstliebe und Nächstenliebe. Vor allen anderen war es der große -englische Philosoph =Herbert Spencer=, dem wir die Begründung dieser -monistischen Ethik durch die Entwickelungslehre verdanken. - -_Egoismus und Altruismus._ Der Mensch gehört zu den =sozialen -Wirbeltieren= und hat daher, wie alle sozialen Tiere, zweierlei -verschiedene Pflichten, erstens gegen sich selbst und zweitens -gegen die Gesellschaft, der er angehört. Erstere sind Gebote der -=Selbstliebe= (Egoismus), letztere Gebote der =Nächstenliebe= -(Altruismus). Beide Gebote sind gleich berechtigt, gleich natürlich -und gleich unentbehrlich. Will der Mensch in geordneter Gesellschaft -existieren und sich wohl befinden, so muß er nicht nur sein eigenes -Glück anstreben, sondern auch dasjenige der Gemeinschaft, der er -angehört, und der »Nächsten«, welche diesen sozialen Verein bilden. -Er muß erkennen, daß ihr Gedeihen sein Gedeihen ist und ihr Leiden -sein Leiden. Diese sozialen Grundgesetze sind so einfach und so -naturnotwendig, daß man schwer begreift, wie ihnen theoretisch und -praktisch widersprochen werden kann; und doch geschieht das noch heute, -wie es seit Jahrtausenden geschehen ist. - -_Gleichgewicht des Egoismus und Altruismus._ Die gleiche Berechtigung -dieser beiden Naturtriebe, die moralische Gleichwertigkeit -der Selbstliebe und der Nächstenliebe ist das wichtigste -=Fundamentalprinzip unserer Moral=. Das höchste Ziel aller -vernünftigen Sittenlehre ist demnach sehr einfach, die Herstellung des -»=naturgemäßen Gleichgewichts zwischen Eigenliebe und Nächstenliebe=«. -Das Goldene Sittengesetz sagt: »Was du willst, daß dir die Leute -tun sollen, das tue du ihnen auch.« Aus diesem höchsten Gebot des -Christentums folgt von selbst, daß wir ebenso heilige Pflichten -gegen uns selbst wie gegen unsere Mitmenschen haben. Ich habe meine -Auffassung dieses Grundprinzips bereits 1892 in meinem »=Monismus=« -auseinandergesetzt (S. 29, 45) und dabei besonders drei wichtige -Sätze betont: ~I~. Beide konkurrierende Triebe sind =Naturgesetze=, -die zum Bestehen der Familie und der Gesellschaft gleich wichtig und -gleich notwendig sind; der Egoismus ermöglicht die Selbsterhaltung des -=Individuums=, der Altruismus diejenige der Gattung und =Spezies=, -die sich aus der Kette der vergänglichen Individuen zusammensetzt. -~II~. =Die sozialen Pflichten=, welche die Gesellschaftsbildung den -assoziierten Menschen auferlegt, und durch welche sich diese erhält, -sind nur höhere Entwickelungsformen der =sozialen Instinkte=, welche -wir bei allen höheren, gesellig lebenden Tieren finden. ~III~. Beim -Kulturmenschen steht alle Ethik, sowohl die theoretische wie die -praktische Sittenlehre, als »Normwissenschaft« in Zusammenhang mit der -=Weltanschauung= und demnach auch mit der =Religion=. - -_Das ethische Grundgesetz._ (=Das Goldene Sittengesetz.=) Aus der -Anerkennung unseres Fundamentalprinzips der Moral ergibt sich -unmittelbar das höchste Gebot derselben, jenes Pflichtgebot, das -man jetzt oft als das =Goldene Sittengesetz= oder kurz als die -»Goldene Regel« bezeichnet. =Christus= sprach dasselbe wiederholt -in dem einfachen Satze aus: »=Du sollst deinen Nächsten lieben -wie dich selbst=« (Matth. 19, 19; 22, 39, 40; Römer 13, 9 usw.). In -diesem wichtigsten und höchsten Gebote stimmt unsere =monistische -Ethik= vollkommen mit der =christlichen= überein. Nur müssen wir -gleich die historische Tatsache hinzufügen, daß die Aufstellung -dieses obersten Grundgesetzes nicht ein Verdienst Christi ist, wie -die meisten christlichen Theologen behaupten und ihre unkritischen -Gläubigen unbesehen annehmen. Vielmehr ist diese =Goldene Regel= -mehr als fünfhundert Jahre älter als Christus und von vielen -verschiedenen Weisen Griechenlands und des Orients als wichtigstes -Sittengesetz anerkannt. =Pittakos= von Mytilene, einer der sieben -Weisen Griechenlands, sagte 620 Jahre vor Christus: »Tue deinem -Nächsten nicht, was du ihm verübeln würdest.« -- =Konfutse=, der große -chinesische Philosoph und Religionsstifter (der die Unsterblichkeit -der Seele und den persönlichen Gott leugnete), sagte 500 Jahre vor -Chr.: »Tue jedem anderen, was du willst, daß er dir tun soll; und tue -keinem anderen, was du willst, daß er dir nicht tun soll. Du brauchst -nur dieses Gebot allein; es ist =die Grundlage aller anderen Gebote=.« -=Aristoteles= lehrte um die Mitte des vierten Jahrhunderts vor Chr.: -»Wir sollen uns gegen andere so benehmen, als wir wünschen, daß -andere gegen uns handeln sollen.« In gleichem Sinne und zum Teil mit -denselben Worten wird auch die goldene Regel von =Thales=, =Isokrates=, -=Aristippus=, dem Pythagoräer =Sextus= und anderen Philosophen des -klassischen Altertums -- =mehrere Jahrhunderte vor Christus=! -- -ausgesprochen. Aus dieser Zusammenstellung geht hervor, daß das -Goldene Grundgesetz zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenem Orten -von mehreren Philosophen -- unabhängig voneinander -- aufgestellt -worden ist. Anderenfalls müßte man annehmen, daß Jesus es aus -anderen orientalischen Quellen (aus älteren semitischen, indischen, -chinesischen Traditionen, besonders buddhistischen Lehren) übernommen -habe, wie es jetzt für die meisten anderen christlichen Glaubenslehren -nachgewiesen ist. - -_Christliche Sittenlehre._ Da das ethische Grundgesetz demnach -bereits seit 2500 Jahren besteht, und da das Christentum dasselbe -ausdrücklich als höchstes, alle anderen umfassendes Gebot an die -Spitze seiner Sittenlehre stellt, würde unsere =monistische Ethik= -in diesem wichtigsten Punkte nicht nur mit jenen älteren heidnischen -Sittenlehren, sondern auch mit den christlichen in vollkommenem -Einklang sein. Leider wird aber diese erfreuliche Harmonie dadurch -gestört, daß die Evangelien und die paulinischen Episteln viele andere -Sittenlehren enthalten, die jenem ersten und obersten Gebote geradezu -widersprechen. Wir müssen daher kurz jene bedauerlichen Seiten der -christlichen Lehre andeuten, welche mit der besseren Weltanschauung -der Neuzeit unverträglich und bezüglich ihrer praktischen Konsequenzen -geradezu schädlich sind. Dahin gehört die Verachtung der christlichen -Moral gegen das eigene Individuum, gegen den Leib, die Natur, die -Kultur, die Familie und die Frau. - -~I~. =Die Selbstverachtung des Christentums.= Als obersten und -wichtigsten Mißgriff der christlichen Ethik, welcher die Goldene Regel -geradezu aufhebt, müssen wir die =Übertreibung= der Nächstenliebe -auf Kosten der Selbstliebe betrachten. Das Christentum bekämpft und -verwirft den =Egoismus= im Prinzip, und doch ist dieser Naturtrieb -zur Selbsterhaltung absolut unentbehrlich; ja, man kann sagen, daß -auch der =Altruismus=, sein scheinbares Gegenteil, im Grunde ein -verfeinerter Egoismus ist. Nichts Großes, nichts Erhabenes ist jemals -ohne Egoismus geschehen und ohne die =Leidenschaft=, welche uns zu -großen Opfern befähigt. Nur die =Ausschreitungen= dieser Triebe -sind verwerflich. Zu denjenigen christlichen Geboten, welche uns in -frühester Jugend als wichtigste eingeprägt und welche in Millionen -von Predigten verherrlicht werden, gehört der Satz (Matthäus 5, 44): -»Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die -euch hassen, bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen.« Dieses -ideale Gebot ist praktisch von sehr bedenklichem Werte. Ebenso verhält -es sich mit der Anweisung: »Wenn dir jemand den Rock nimmt, dem gib -auch den Mantel«; d. h. in das moderne Leben übersetzt: »Wenn dich -ein gewissenloser Schuft um die eine Hälfte deines Vermögens betrügt, -dann schenke ihm auch noch die andere Hälfte.« Die vielbewunderte -Weltmachtspolitik der modernen Kulturstaaten steht in =schneidendem -Widerspruch= zu allen Grundlehren der christlichen Liebe, welche -von ihnen =im Munde= geführt wird. Übrigens ist ja der offenkundige -Widerspruch zwischen der empfohlenen =idealen=, altruistischen Moral -des =einzelnen= Menschen und der =realen=, rein egoistischen Moral der -menschlichen =Gemeinden=, und besonders der christlichen Kulturstaaten, -eine allbekannte Tatsache. Es wäre interessant, mathematisch -festzustellen, bei welcher =Zahl= von vereinigten Menschen das -=altruistische= Sittenideal der einzelnen Person sich in sein Gegenteil -verwandelt, in die rein =egoistische= »Realpolitik« der Staaten und -Nationen. - -~II~. =Die Leibesverachtung des Christentums.= Da der christliche -Glaube den Organismus des Menschen ganz dualistisch beurteilt und der -unsterblichen Seele nur einen vorübergehenden Aufenthalt im sterblichen -Leibe anweist, ist es ganz natürlich, daß der ersteren ein viel -höherer Wert beigemessen wird als dem letzteren. Daraus folgt jene -Vernachlässigung der Leibespflege, der körperlichen Ausbildung und -Reinlichkeit, welche das Kulturleben des christlichen Mittelalters sehr -unvorteilhaft vor demjenigen des heidnischen klassischen Altertums -auszeichnet. In der christlichen Sittenlehre fehlen jene strengen -Gebote der täglichen Waschungen und der sorgfältigen Körperpflege, die -wir in der mohammedanischen, den indischen und anderen Religionen nicht -nur theoretisch festgesetzt, sondern auch praktisch ausgeführt sehen. -Das Ideal des frommen Christen ist in vielen Klöstern der Mensch, -der sich niemals ordentlich wäscht und kleidet, der seine schmutzige -Kutte niemals wechselt, und der statt ordentlicher Arbeit sein faules -Leben mit gedankenlosen Betübungen, sinnlosem Fasten usw. zubringt. -Als Auswüchse dieser Leibesverachtung möge noch an die widerwärtigen -Bußübungen der Geißler und anderer Asketiker erinnert werden. - -=III.= =Die Naturverachtung des Christentums.= Eine Quelle von -unzähligen theoretischen Irrtümern und praktischen Fehlern, von -geduldeten Rohheiten und bedauerlichen Entbehrungen liegt in dem -falschen =Anthropismus des Christentums=, in der exklusiven Stellung, -welche es dem Menschen als »Ebenbild Gottes« anweist, im Gegensatze -zu der übrigen Natur. Dadurch hat es nicht allein zu einer höchst -schädlichen Entfremdung von unserer herrlichen Mutter »Natur« -beigetragen, sondern auch zu einer bedauernswerten Verachtung der -übrigen Organismen. Das Christentum kennt nicht jene rühmliche -=Liebe zu den Tieren=, jenes Mitleid mit den nächststehenden, uns -befreundeten Säugetieren (Hunden, Pferden, Rindern usw.), welche zu den -Sittengesetzen vieler anderer älterer Religionen gehören, vor allem der -weitestverbreiteten, des =Buddhismus=. Wer längere Zeit im katholischen -Südeuropa gelebt hat, ist oftmals Zeuge jener abscheulichen -Tierquälereien gewesen, die uns Tierfreunden sowohl das tiefste Mitleid -als den höchsten Zorn erregen; und wenn er dann jenen rohen »Christen« -Vorwürfe über ihre Grausamkeit macht, erhält er zur lachenden Antwort: -»Ja, die Tiere sind doch keine Christen!« Leider wurde dieser Irrtum -auch durch =Descartes= befestigt, der nur dem Menschen eine fühlende -Seele zuschrieb, nicht aber den Tieren. Wie erhaben steht in dieser -Beziehung unsere monistische Ethik über der christlichen! Der -=Darwinismus= lehrt uns, daß wir zunächst von Primaten und weiterhin -von einer Reihe älterer Säugetiere abstammen, und daß diese »=unsere -Brüder=« sind; die Physiologie beweist uns, daß diese Tiere dieselben -Nerven und Sinnesorgane haben wie wir, daß sie ähnlich Lust und Schmerz -empfinden wie wir. Kein mitfühlender monistischer Naturforscher wird -sich jemals jener rohen Mißhandlung der Tiere schuldig machen, die der -gläubige Christ in seinem anthropistischen Größenwahn -- als »Kind des -Gottes der Liebe!« -- gedankenlos begeht. -- Außerdem aber entzieht die -prinzipielle Naturverachtung des Christentums dem Menschen eine Fülle -der edelsten irdischen Freuden, vor allem den herrlichen, wahrhaft -erhebenden =Naturgenuß=. - -~IV~. =Die Kulturverachtung des Christentums.= Da nach Christi Lehre -unsere Erde ein Jammerthal ist, unser irdisches Leben wertlos und -nur eine Vorbereitung auf das »ewige Leben« im besseren Jenseits, so -verlangt sie folgerichtig, daß demgemäß der Mensch auf alles Glück im -Diesseits zu verzichten und alle dazu erforderlichen =irdischen Güter= -gering zu achten hat. Zu diesen »irdischen Gütern« gehören aber für den -modernen Kulturmenschen die unzähligen kleinen und großen Hilfsmittel -der Technik, der Hygiene, des Verkehrs, welche unser heutiges -Kulturleben angenehm gestalten; -- zu diesen »irdischen Gütern« gehören -alle die hohen Genüsse der bildenden Kunst, der Tonkunst, der Poesie, -welche schon während des christlichen Mittelalters (trotz seiner -Prinzipien!) sich zu hoher Blüte entwickelten, und welche wir als -»ideale Güter« hochschätzen; -- zu diesen »irdischen Gütern« gehören -die unschätzbaren Fortschritte der Wissenschaft und vor allem der -Naturerkenntnis. Alle diese »irdischen Güter« der verfeinerten Kultur, -welche nach unserer monistischen Weltanschauung den höchsten Wert -besitzen, sind nach der christlichen Lehre wertlos, ja großenteils -verwerflich, und die strenge christliche Moral muß das Streben nach -diesen Gütern mißbilligen. Das Christentum zeigt sich also auch auf -diesem praktischen Gebiete kulturfeindlich; der Kampf, welchen die -moderne Bildung und Wissenschaft dagegen zu führen gezwungen sind, ist -auch in diesem Sinne ein wirklicher »=Kulturkampf=«. - -~V~. =Die Familienverachtung des Christentums.= Zu den -bedauerlichsten Seiten der christlichen Moral gehört die -Geringschätzung, welche dasselbe gegen das =Familienleben= besitzt, -d. h. gegen jenes naturgemäße Zusammenleben mit den nächsten -Blutsverwandten, welches für den normalen Menschen ebenso unentbehrlich -ist wie für alle höheren sozialen Tiere. Die »Familie« gilt uns -ja mit Recht als die »Grundlage der Gesellschaft« und das gesunde -Familienleben als Vorbedingung für ein blühendes Staatsleben. Ganz -anderer Ansicht war Christus, dessen nach dem »Jenseits« gerichteter -Blick die Frau und die Familie ebenso gering schätzte wie alle anderen -Güter des »Diesseits«. Von den seltenen Berührungen mit seinen Eltern -und Geschwistern wissen die Evangelien nur sehr wenig zu erzählen; -das Verhältnis zu seiner Mutter Maria war danach keineswegs so zart -und innig, wie es uns Tausende von schönen Bildern in =poetischer -Verklärung= vorführen; er selbst war nicht verheiratet. Die -Geschlechtsliebe, die doch die erste Grundlage der Familienbildung ist, -erschien Jesus eher wie ein notwendiges Übel. Noch weiter ging darin -sein eifrigster Apostel, =Paulus=, der es für besser erklärte, nicht -zu heiraten, als zu heiraten. »Es ist dem Menschen gut, daß er kein -Weib berühre« (1. Korinther 7, 1, 28-38). Wenn die Menschheit diesen -guten Rat befolgte, würde sie damit allerdings bald alles irdische Leid -und Elend loswerden; sie würde durch diese Radikalkur innerhalb eines -Jahrhunderts aussterben. - -~VI.~ =Die Frauenverachtung des Christentums.= Da Christus selbst -die Frauenliebe nicht kannte, blieb ihm persönlich jene feine -Veredelung des wahren Menschenwesens fremd, welche erst aus dem innigen -Zusammenleben des Mannes mit dem Weibe entspringt. Der intime sexuelle -Verkehr, auf welchem allein die Erhaltung des Menschengeschlechts -beruht, ist dafür ebenso wichtig wie die geistige Durchdringung -beider Geschlechter und die gegenseitige Ergänzung, die sich beide -gleicherweise in den praktischen Bedürfnissen des täglichen Lebens wie -in den höchsten idealen Funktionen der Seelentätigkeit gewähren. Denn -Mann und Weib sind zwei verschiedene, aber gleichwertige Organismen, -jeder mit seinen Eigentümlichkeiten, Vorzügen und Mängeln. Je höher -sich die Kultur entwickelte, desto mehr wurde dieser ideale Wert der -sexuellen Liebe erkannt, und desto höher stieg die Achtung der Frau, -besonders in der germanischen Rasse; ist sie doch die Quelle, aus -welcher die herrlichsten Blüten der Poesie und der Kunst entsprossen -sind. Christus dagegen lag diese Anschauung ebenso fern wie fast dem -ganzen Altertum; er teilte die allgemein herrschende Anschauung des -=Orients=, daß das Weib dem Manne untergeordnet und der Verkehr mit -ihm »unrein« sei. Die beleidigte Natur hat sich für diese Mißachtung -furchtbar gerächt; ihre traurigen Folgen sind namentlich in der -Kulturgeschichte des papistischen Mittelalters mit blutiger Schrift -verzeichnet. - -_Papistische Moral._ Die bewunderungswürdige Hierarchie des römischen -Papismus, die kein Mittel zur absoluten Beherrschung der Geister -verschmähte, fand ein ausgezeichnetes Instrument in der Fortbildung -jener »unreinen« Anschauung und in der Pflege der asketischen -Vorstellung, daß die Enthaltung vom Frauenverkehr an sich eine Tugend -sei. Schon in den ersten Jahrhunderten nach Christus enthielten sich -viele Priester freiwillig der Ehe, und bald stieg der vermeintliche -Wert dieses =Zölibats= so hoch, daß dasselbe für obligatorisch erklärt -wurde. Die Sittenlosigkeit, die infolge dessen einriß, ist durch die -Forschungen der neueren Kulturgeschichte allbekannt geworden. Schon -im Mittelalter wurde die Verführung ehrbarer Frauen und Töchter durch -katholische Geistliche (wobei der Beichtstuhl eine wichtige Rolle -spielte) ein öffentliches Ärgernis; viele Gemeinden drangen darauf, -daß zur Verhütung derselben den »keuschen« Priestern das =Konkubinat= -gestattet werde! Auf den christlichen Konzilien, auf welchen ungläubige -Ketzer lebendig verbrannt wurden, tafelten die versammelten Kardinäle -und Bischöfe mit ganzen Scharen von Freudenmädchen. Die geheimen -und öffentlichen Ausschweifungen des katholischen Klerus wurden so -schamlos und gemeingefährlich, daß schon vor =Luther= die Empörung -darüber allgemein und der Ruf nach einer »Reformation der Kirche an -Haupt und Gliedern« überall laut wurde. Daß trotzdem diese unsittlichen -Verhältnisse in katholischen Ländern noch heute fortbestehen (wenn auch -mehr im Geheimen), ist bekannt. Früher wiederholten sich noch immer -von Zeit zu Zeit die Anträge auf definitive Aufhebung des Zölibats, -so in den Kammern von Baden, Bayern, Hessen, Sachsen und anderen -Ländern. Leider bisher vergebens! Im Deutschen Reichstage, in welchem -das ultramontane Zentrum die lächerlichsten Mittel zur Vermeidung der -sexuellen Unsittlichkeit vorschlägt, denkt noch heute keine Partei -daran, die Abschaffung des Zölibats im Interesse der öffentlichen Moral -zu beantragen. (Vergl. =Hoensbroech=, Das Papsttum, Leipzig 1901). - -Der moderne Kulturstaat, der nicht bloß das praktische, sondern auch -das moralische Volksleben auf eine höhere Stufe heben soll, hat das -Recht und die Pflicht, solche unwürdige und gemeinschädliche Zustände -aufzuheben. Das =obligatorische Zölibat= der katholischen Geistlichen -ist ebenso verderblich und unsittlich wie die =Ohrenbeichte= und der -=Ablaßkram=; alle drei Einrichtungen haben mit dem =ursprünglichen -Christentum nichts= zu tun; alle drei schlagen der reinen Christenmoral -ins Gesicht; alle drei sind nichtswürdige Erfindungen des =Papismus=, -darauf berechnet, die absolute Herrschaft über die leichtgläubigen -Volksmassen aufrecht zu erhalten und sie nach Kräften materiell -auszubeuten. - -Die Nemesis der Geschichte wird früher oder später über den römischen -Papismus ein furchtbares Strafgericht halten, und die Millionen -Menschen, die durch diese entartete Religion um ihr Lebensglück -gebracht wurden, werden dazu dienen, ihr im zwanzigsten Jahrhundert den -Todesstoß zu versetzen -- wenigstens in den wahren »Kulturstaaten«. -Man hat neuerdings berechnet, daß die Zahl der Menschen, welche durch -die papistischen Ketzerverfolgungen, die Inquisition, die christlichen -Glaubenskriege usw. ums Leben kamen, weit über zehn Millionen beträgt. -Aber was bedeutet diese Zahl gegen die zehnfach größere Zahl der -Unglücklichen, welche den Satzungen und der Priesterherrschaft der -entarteten christlichen Kirche =moralisch= zum Opfer fielen? -- gegen -die Unzahl derjenigen, deren höheres Geistesleben durch sie getötet, -deren naives Gewissen gequält, deren Familienleben vernichtet wurde? -Hier gilt das wahre Wort aus =Goethes= Gedicht »Die Braut von Korinth«: - - »Opfer fallen hier, weder Lamm noch Stier, - =Aber Menschenopfer unerhört=!« - -_Staat und Kirche._ In dem großen »=Kulturkampfe=«, der infolge -dieser traurigen Verhältnisse noch immer geführt werden muß, sollte -das erste Ziel die vollständige =Trennung von Staat und Kirche= sein. -Die »freie Kirche soll im freien Staate« bestehen, d. h. jede Kirche -soll frei sein in voller Ausübung ihres Kultus und ihrer Zeremonien, -auch im Ausbau ihrer phantastischen Dichtungen und abergläubigen -Dogmen -- jedoch unter der =Voraussetzung=, daß sie dadurch nicht die -öffentliche Ordnung und Sittlichkeit gefährdet. Und dann soll gleiches -Recht für alle gelten! Die freien Gemeinden und die monistischen -Religions-Gesellschaften sollen ebenso geduldet und ebenso frei in -ihren Bewegungen sein wie die liberalen Protestantenvereine und die -orthodoxen ultramontanen Gemeinden. Aber für alle diese »Gläubigen« der -verschiedensten Konfessionen soll =die Religion Privatsache= bleiben; -der Staat soll sie nur beaufsichtigen und etwaige Ausschreitungen -verhüten, sie aber weder unterdrücken, noch unterstützen. Auch -sollen die Steuerzahler nicht mehr gehalten werden, ihr Geld für die -Aufrechterhaltung und Förderung eines fremden »=Glaubens=« herzugeben, -der nach ihrer ehrlichen Überzeugung ein schädlicher =Aberglaube= ist. -In den Vereinigten Staaten von Nordamerika, in Holland und einigen -kleineren Ländern ist in diesem Sinne die vollständige »Trennung von -Staat und Kirche« längst durchgeführt, und zwar zur Zufriedenheit aller -Beteiligten, ebenso neuerdings in Frankreich. Damit ist dort zugleich -die ebenso wichtige Trennung von der Schule bestimmt, unzweifelhaft ein -wesentlicher Grund für den Aufschwung der Wissenschaft und des höheren -Geisteslebens überhaupt. - -_Kirche und Schule._ Es ist selbstverständlich, daß die Entfernung der -Kirche aus der Schule sich bloß auf die =Konfession= bezieht, auf die -besondere Glaubensform, welche der Sagenkreis jeder einzelnen Kirche im -Laufe der Zeit entwickelt hat. Dieser »konfessionelle Unterricht« ist -reine Privatsache und Aufgabe der Eltern und Vormünder, oder derjeniger -Priester oder Lehrer, denen diese ihr persönliches Vertrauen schenken. -Dagegen treten an Stelle der ausgeschiedenen »Konfession« zwei -verschiedene wichtige Unterrichtsgegenstände: erstens die monistische -Sittenlehre und zweitens die vergleichende Religionsgeschichte. Über -die neue =monistische Ethik=, welche sich auf der festen Basis der -modernen Naturerkenntnis -- vor allem der =Entwickelungslehre= -- -erhebt, ist im Laufe der letzten Jahrzehnte eine umfangreiche Literatur -erschienen. Unsere neue =vergleichende Religionsgeschichte= knüpft -naturgemäß an den bestehenden Elementarunterricht in »biblischer -Geschichte« und in der Sagenwelt des griechischen und römischen -Altertums an. Beide bleiben wie bisher wesentliche Bildungselemente. -Das ist schon deshalb selbstverständlich, weil unsere ganze =bildende -Kunst= auf das Innigste mit der jüdischen und christlichen, der -hellenischen und römischen Mythologie verwachsen ist. Ein wesentlicher -Unterschied im Unterricht wird nur da eintreten, daß die israelitischen -und christlichen Sagen und Legenden nicht als »=Wahrheit=« gelehrt -werden, sondern gleich den griechischen und römischen als =Dichtungen=; -was sie an ethischen und ästhetischen Werten enthalten, wird dadurch -nicht vermindert, sondern erhöht. -- Was die =Bibel= betrifft, so -sollte dieses »Buch der Bücher« den Kindern nur in sorgfältig gewähltem -Auszuge in die Hand gegeben werden (als »Schulbibel«); dadurch würde -die Befleckung der kindlichen Phantasie mit den zahlreichen unsauberen -Geschichten und unmoralischen Erzählungen verhütet werden, an denen -namentlich das Alte Testament so reich ist. - -_Staat und Schule._ Nachdem unser moderner Kulturstaat sich und die -Schule von den Sklavenfesseln der Kirche befreit hat, wird er um so -mehr seine Kraft und Fürsorge der Pflege der =Schule= widmen können. -Der unschätzbare Wert eines guten Schulunterrichts ist uns um so mehr -zum Bewußtsein gekommen, je reicher sich im Laufe des 19. Jahrhunderts -alle Zweige des modernen Kulturlebens entfaltet haben. Aber die -Entwickelung der Unterrichtsmethoden hat damit keineswegs gleichen -Schritt gehalten. Die Notwendigkeit einer umfassenden =Schulreform= -drängt sich uns immer entschiedener auf. Besonders dürften dabei -folgende Fortschritte zu berücksichtigen sein: 1. Im bisherigen -Unterricht spielte allgemein der =Mensch= die Hauptrolle und besonders -das grammatische Studium seiner =Sprache=; die Naturkunde wurde darüber -ganz vernachlässigt. 2. In der neueren Schule muß die =Natur= das -Hauptobjekt werden; der Mensch soll eine richtige Vorstellung von -der Welt gewinnen, in der er lebt; er soll nicht außerhalb der Natur -stehen oder gar im Gegensatz zu ihr, sondern soll als ihr höchstes -und edelstes Erzeugnis erscheinen. 3. Das Studium der =klassischen -Sprachen= (Lateinisch und Griechisch), das bisher den größten Teil -der Zeit und Arbeit in Anspruch nahm, bleibt zwar sehr wertvoll, muß -aber stark beschränkt und auf die Elemente reduziert werden (das -Griechische nur fakultativ, das Lateinisch obligatorisch). 4. Dafür -müssen die =modernen Kultursprachen= auf allen höheren Schulen um so -mehr gepflegt werden (Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch). -5. Der Unterricht in der Geschichte muß mehr das innere Geistesleben, -die Kulturgeschichte berücksichtigen, weniger die äußerliche -Völkergeschichte (die Schicksale der Dynastien, Kriege usw.). 6. Die -Grundzüge der =Entwickelungslehre= sind im Zusammenhange mit denjenigen -der =Kosmologie= zu lehren, Geologie im Anschluß an die Geographie, -Anthropologie im Anschluß an die Biologie. 7. Die Grundzüge der -=Biologie= müssen Gemeingut jedes gebildeten Menschen werden; der -moderne »Anschauungsunterricht« fördert die anziehende Einführung in -die biologischen Wissenschaften (Anthropologie, Zoologie, Botanik). -Im Beginne ist von der beschreibenden Systematik auszugehen (im -Zusammenhang mit Ökologie oder Bionomie); später sind die Elemente der -Anatomie und Physiologie anzuschließen. 8. Ebenso muß von =Physik= -und =Chemie= jeder Gebildete die Grundzüge kennen lernen. 9. Jeder -Schüler muß gut =zeichnen= lernen, und zwar nach der Natur; womöglich -auch aquarellieren. Das Entwerfen von Zeichnungen und Aquarellskizzen -nach der Natur (von Blumen, Tieren, Landschaften, Wolken usw.) weckt -nicht nur das Interesse an der Natur und erhält die Erinnerung an -ihren Genuß, sondern die Schüler lernen dadurch überhaupt erst richtig -=sehen= und das Gesehene =verstehen=. 10. Viel mehr Sorgfalt und Zeit -als bisher ist auf die =körperliche Ausbildung= zu verwenden, auf -Turnen und Schwimmen; vorzüglich aber sind wöchentlich gemeinsame -=Spaziergänge= und jährlich in den Ferien mehrere =Fußreisen= zu -unternehmen; der hier gebotene Anschauungsunterricht ist von höchstem -Wert. - -Das Hauptziel der höheren Schulbildung blieb bisher in den meisten -Kulturstaaten die Vorbildung für den späteren Beruf, Erwerbung eines -gewissen Maßes von Kenntnissen und Abrichtung für die Pflichten des -Staatsbürgers. Die Schule des 20. Jahrhunderts wird dagegen als -Hauptziel die Ausbildung des =selbständigen Denkens= verfolgen, das -klare Verständnis der erworbenen Kenntnisse und die Einsicht in -den natürlichen Zusammenhang der Erscheinungen. Wenn der moderne -Kulturstaat jedem Bürger das allgemeine gleiche Wahlrecht zugesteht, -muß er ihm auch die Mittel gewähren, durch gute Schulbildung seinen -Verstand zu entwickeln, um davon zum allgemeinen Besten eine -vernünftige Anwendung zu machen. - - - - -=Zwanzigstes Kapitel.= - -_Lösung der Welträtsel._ - - Rückblick auf die Fortschritte der wissenschaftlichen Welterkenntnis - im neunzehnten Jahrhundert. Beantwortung der Welträtsel durch die - monistische Naturphilosophie. - - -Am Ende unserer philosophischen Studien über die Welträtsel -angelangt, dürfen wir getrost zur Beantwortung der schwerwiegenden -Frage schreiten: Wie weit ist uns ihre Lösung gelungen? Welchen Wert -besitzen die ungeheuren Fortschritte, welche das verflossene 19. -Jahrhundert in der wahren Naturerkenntnis gemacht hat? Und welche -Aussicht eröffnen sie uns für die Zukunft, für die weitere Entwickelung -unserer Weltanschauung im 20. Jahrhundert? Jeder unbefangene Denker, -der die tatsächlichen Fortschritte unserer empirischen Kenntnisse -und die einheitliche Klärung unseres philosophischen Verständnisses -einigermaßen übersehen kann, wird unsere Ansicht teilen: das 19. -Jahrhundert hat größere Fortschritte in der Kenntnis der Natur und im -Verständnis ihres Wesens herbeigeführt als alle früheren Jahrhunderte; -es hat viele große »Welträtsel« gelöst, die an seinem Beginne für -unlösbar galten; es hat uns neue Gebiete des Wissens und Erkennens -aufgeschlossen, von deren Existenz der Mensch vor hundert Jahren -noch keine Ahnung hatte. Vor allem aber hat es uns das erhabene Ziel -der =monistischen Kosmologie= klar vor Augen gestellt und den Weg -gezeigt, auf welchem allein wir uns ihm nähern können, den Weg der -exakten empirischen Erforschung der =Tatsachen= und der kritischen -genetischen Erkenntnis ihrer =Ursachen=. Das abstrakte große Gesetz der -=mechanischen Kausalität=, für das unser =kosmologisches Grundgesetz=, -das =Substanzgesetz=, nur ein anderer konkreter Ausdruck ist, -beherrscht jetzt das Universum ebenso wie den Menschengeist; es ist -der sichere, unverrückbare Leitstern geworden, dessen klares Licht uns -durch das dunkle Labyrinth der unzähligen einzelnen Erscheinungen den -Pfad zeigt. Um uns davon zu überzeugen, wollen wir einen flüchtigen -Rückblick auf die erstaunlichen Fortschritte werfen, welche die -Hauptzweige der Naturwissenschaft in diesem denkwürdigen Zeitraum -gemacht haben. - -~I~. _Fortschritte der Astronomie._ Die Himmelskunde ist die älteste, -die Menschenkunde die jüngste Naturwissenschaft. Über sich selbst und -sein eigenes Wesen kam der Mensch erst in der zweiten Hälfte des 19. -Jahrhunderts zur Klarheit, während er in der Kenntnis des gestirnten -Himmels, der Planetenbewegungen usw. schon vor 5000 Jahren viele -Kenntnisse besaß. Die alten Chinesen, Inder, Ägypter und Chaldäer -kannten im fernen Morgenlande schon damals die sphärische Astronomie -genauer als die meisten »gebildeten« Christen des Abendlandes -viertausend Jahre später. Schon im Jahre 2697 vor Chr. wurde in -China eine Sonnenfinsternis astronomisch berechnet und 1100 Jahre -vor Chr. mittels eines Gnomons die Schiefe der Ekliptik bestimmt; -hingegen besaß Christus selbst (der »Sohn Gottes!«) bekanntlich -gar keine astronomischen Kenntnisse; er beurteilte vielmehr Himmel -und Erde, Natur und Mensch von dem beschränktesten geozentrischen -und anthropozentrischen Standpunkte aus. Als größter Fortschritt -der Astronomie wird allgemein und mit Recht das heliozentrische -Weltsystem des Kopernikus betrachtet, dessen großartiges Werk: »~=De -revolutionibus orbium coelestium=~« (1543) selbst die größte Revolution -in den Köpfen der denkenden Menschen hervorrief. Indem er das -herrschende geozentrische Weltsystem des =Ptolemäus= stürzte, entzog er -zugleich der herrschenden christlichen Weltanschauung den Boden, welche -die Erde als Mittelpunkt der Welt und den Menschen als gottgleichen -Beherrscher der Erde betrachtete. Es war daher nur folgerichtig, daß -der christliche Klerus, an seiner Spitze der römische Papst, die neue -Entdeckung des =Kopernikus= aufs heftigste bekämpfte. Trotzdem brach -sie sich bald vollständig Bahn, nachdem =Kepler= und =Galilei= darauf -die wahre »Mechanik des Himmels« gegründet und =Newton= ihr durch seine -Gravitationstheorie die unerschütterliche mathematische Basis gegeben -hatte (1686). - -Ein weiterer gewaltiger und das ganze Universum umfassender Fortschritt -war die Einführung der Entwickelungsidee in die Himmelskunde; er -geschah 1755 durch den jugendlichen =Kant=, der in seiner kühnen -Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels nicht nur die -»=Verfassung=«, sondern auch den »=mechanischen Ursprung= des ganzen -Weltgebäudes nach Newtons Grundsätzen« abzuhandeln unternahm. Durch das -großartige »=~Système du monde=~« von =Laplace=, der unabhängig von -=Kant= auf dieselben Vorstellungen von der Weltbildung gekommen war, -wurde dann 1796 diese neue »=~Mécanique céleste=~« so fest begründet, -daß es scheinen konnte, unserem 19. Jahrhundert sei auf diesem größten -Erkenntnisgebiete nichts wesentlich Neues von gleicher Bedeutung -mehr vorbehalten. Und doch bleibt ihm der Ruhm, auch hier ganz neue -Bahnen eröffnet und unseren Blick ins Universum unendlich erweitert -zu haben. Durch die Erfindung der Photographie und Photometrie, vor -allem aber der Spektralanalyse (durch =Bunsen= und =Kirchhoff=, 1860) -wurden die Physik und Chemie in die Astronomie eingeführt und dadurch -kosmologische Aufschlüsse von größter Tragweite gewonnen. Es ergab sich -nun mit Sicherheit, daß die =Materie= im ganzen Weltall wesentlich -dieselbe ist, und daß ihre physikalischen und chemischen Eigenschaften -auf den fernsten Fixsternen nicht verschieden sind von denjenigen -unserer Erde. - -Die monistische Überzeugung von der =physikalischen= und =chemischen -Einheit des unendlichen Kosmos=, die wir dadurch gewonnen haben, gehört -sicherlich zu den wertvollsten allgemeinen Erkenntnissen, welche wir -der =Astrophysik= verdanken, einem neuen höchst interessanten Zweige -der Astronomie. Nicht minder wichtig ist die klare, mit Hilfe jener -gewonnene Erkenntnis, daß auch dieselben Gesetze der mechanischen -Entwickelung im unendlichen Universum ebenso überall herrschen wie auf -unserer Erde; eine gewaltige allumfassende =Metamorphose des Kosmos= -vollzieht sich ebenso ununterbrochen in allen Teilen des unendlichen -Universums wie in der geologischen Geschichte unserer Erde; ebenso in -der Stammesgeschichte ihrer Bewohner wie in der Völkergeschichte und -im Leben jedes einzelnen Menschen. In einem Teile des Kosmos erblicken -wir mit unserem vervollkommneten Fernrohre gewaltige Nebelflecke, -die aus glühenden, äußerst dünnen Gasmassen bestehen; wir deuten sie -als Keime von Weltkörpern, die Milliarden von Meilen entfernt und -im ersten Stadium der Entwickelung begriffen sind. Bei einem Teile -dieser »Sternkeime« sind wahrscheinlich die chemischen Elemente noch -nicht getrennt, sondern bei ungeheuer hoher Temperatur =im Urelement= -vereinigt. In anderen Teilen des Universums begegnen wir Sternen, -die bereits durch Abkühlung glutflüssig geworden, anderen, die schon -erstarrt sind; wir können ihre Entwickelungsstufe annähernd aus ihrer -verschiedenen Farbe bestimmen. Dann wieder sehen wir Sterne, die -von Ringen und Monden umgeben sind wie unser Saturn; wir erkennen -in dem leuchtenden Nebelring den Keim eines neuen Mondes, der sich -vom Mutterplaneten ebenso abgelöst hat wie dieser von der Sonne. -Die moderne Himmelsphotographie hat uns in den Stand gesetzt, mit -Hilfe der mächtigen, sehr vervollkommneten Riesenfernrohre, die Zahl -der sichtbaren Weltkörper in den einzelnen Himmelsbezirken genau zu -bestimmen; schon jetzt sind mehr als hundert Millionen Sterne wirklich -gezählt worden, die meisten wahrscheinlich viel größer als unsere Erde. - -Von vielen »Fixsternen«, deren Licht Jahrtausende braucht, um zu uns -zu gelangen, dürfen wir mit Sicherheit annehmen, daß sie =Sonnen= -sind, ähnlich unserer Mutter Sonne, und daß sie von Planeten und Monden -umkreist werden, ähnlich denen unseres eigenen Sonnensystems. Wir -dürfen auch weiterhin vermuten, daß sich Tausende von diesen Planeten -auf einer ähnlichen Entwickelungsstufe wie unsere Erde befinden, d. h. -in einem Lebensalter, in dem die Temperatur der Oberfläche zwischen dem -Gefrier- und Siedepunkt des Wassers liegt, also die Existenz tropfbaren -flüssigen Wassers gestattet. Damit ist die Möglichkeit gegeben, daß der -=Kohlenstoff= auch hier, wie auf der Erde, mit anderen Elementen sehr -verwickelte Verbindungen eingeht, und daß aus seinen stickstoffhaltigen -Verbindungen sich =Plasma= entwickelt hat, jene wunderbare »=lebendige -Substanz=«, die wir als alleinigen Eigentümer des organischen -Lebens kennen. Die =Moneren=, die nur aus solchem primitiven -=Protoplasma= bestehen, und die durch =Urzeugung= (=Archigonie=) -aus jenen anorganischen Kohlenstoff-Verbindungen entstanden, können -nun denselben Entwickelungsgang auf vielen anderen, wie auf unserem -eigenen Planeten, eingeschlagen haben; zunächst bildeten sich aus -ihrem homogenen Plasmakörper durch Sonderung eines inneren =Kerns= -vom äußeren =Zellkörper= einfachste lebendige =Zellen=. Die Analogie -im Leben aller Zellen aber berechtigt uns zu dem Schlusse, daß auch -die weitere Stammesgeschichte sich auf vielen Sternen ähnlich wie auf -unserer Erde abspielt -- immer natürlich die gleichen engen Grenzen der -Temperatur vorausgesetzt, in denen das Wasser tropfbar-flüssig bleibt; -für glühendflüssige Weltkörper, auf denen das Wasser nur in Dampfform, -und für erstarrte, auf denen es nur in Eisform besteht, ist organisches -Leben in gleicher Weise unmöglich. - -_Die Ähnlichkeit der Phylogenie_, die Analogie der -stammesgeschichtlichen Entwickelung, die wir demnach bei vielen -Sternen auf gleicher biogenetischer Entwickelungsstufe annehmen dürfen, -bietet natürlich der konstruktiven Phantasie ein weites Feld für -farbenreiche Spekulationen. Ein Lieblingsgegenstand derselben ist -seit alter Zeit die Frage, ob auch =Menschen= oder uns ähnliche, -vielleicht höher entwickelte Organismen auf anderen Sternen wohnen? -Soweit wir gegenwärtig zur Beantwortung dieser Frage befähigt -erscheinen, können wir uns etwa Folgendes vorstellen: ~I~. Es ist -sehr wahrscheinlich, daß auf einigen Planeten unseres Systems (Mars -und Venus) und vielen Planeten anderer Sonnensysteme der biogenetische -Prozeß sich ähnlich wie auf unserer Erde abspielt; zuerst entstanden -durch Archigonie einfache Moneren und aus diesen einzellige Protisten. -~II~. Es ist sehr wahrscheinlich, daß aus solchen einzelligen -Urwesen sich im weiteren Verlauf der Entwickelung zunächst soziale -Zellvereine bildeten, später gewebebildende Pflanzen und Tiere. -~III~. Es ist auch fernerhin wahrscheinlich, daß im Pflanzenreiche -sich zunächst Moose und Farne, später Algen, zuletzt Blumenpflanzen -entwickelten. ~IV~. Es ist ebenso wahrscheinlich, daß auch im -Tierreiche der biogenetische Prozeß einen ähnlichen Verlauf nahm, daß -aus Blastäaden sich zunächst Gasträaden entwickelten, und aus diesen -Niedertieren später Obertiere. ~V~. Dagegen ist es sehr fraglich, -ob die einzelnen Stämme dieser höheren Tiere (und ebenso der höheren -Pflanzen) denselben oder einen ähnlichen Entwickelungsgang auf anderen -Planeten durchlaufen wie auf unserer Erde. ~VI~. Insbesondere ist -es unsicher, ob Wirbeltiere auch außerhalb der Erde existieren, und -ob aus deren phyletischer Metamorphose sich im Laufe vieler Millionen -Jahre ebenso Säugetiere und an deren Spitze der Mensch entwickelt haben -wie auf unserer Erde; es müßten dann Millionen von Transformationen -sich dort ganz ebenso wie hier wiederholt haben. ~VII~. Dagegen -ist es wahrscheinlicher, daß auf anderen Planeten sich andere Typen -von höheren Pflanzen und Tieren entwickelt haben, die unserer Erde -fremd sind; vielleicht auch aus einem höheren Tierstamme, der den -Wirbeltieren an Bildungsfähigkeit überlegen ist, höhere Wesen, die uns -irdische Menschen an Intelligenz und Denkvermögen weit übertreffen. -~VIII~. Die Möglichkeit, daß wir Menschen mit solchen Bewohnern -anderer Planeten jemals in direkten Verkehr treten könnten, erscheint -ausgeschlossen durch die weite Entfernung unserer Erde von anderen -Weltkörpern und die Abwesenheit der atmosphärischen Luft in dem -ungeheuren, nur von Äther erfüllten Zwischenraum. - -Während nun viele Sterne sich wahrscheinlich in einem ähnlichen -biogenetischen Entwickelungsstadium befinden wie unsere Erde, sind -andere schon weiter vorgeschritten und gehen im »planetarischen -Greisenalter« ihrem Ende entgegen, demselben Ende, das auch unserer -Erde sicher bevorsteht. Durch Ausstrahlung der Wärme in den kalten -Weltraum wird die Temperatur allmählich so herabgesetzt, daß alles -tropfbar flüssige Wasser zu Eis erstarrt; damit hört die Möglichkeit -organischen Lebens auf. Zugleich zieht sich die Masse der rotierenden -Weltkörper immer stärker zusammen; ihre Umlaufsgeschwindigkeit ändert -sich langsam. Die Bahnen der kreisenden Planeten werden immer enger, -ebenso diejenigen der sie umgebenden Monde. Zuletzt stürzen die -Monde in die Planeten und diese in die Sonnen, aus denen sie geboren -sind. Durch diesen Zusammenstoß werden wieder ungeheure Wärmemengen -erzeugt. Die zerstäubte Masse der zerstoßenen kollidierten Weltkörper -verteilt sich frei im unendlichen Weltraum, und das ewige Spiel der -Sonnenbildung beginnt von neuem. - -Das großartige Bild, welches so vor unseren geistigen Augen die moderne -Astrophysik aufrollt, offenbart uns ein ewiges Entstehen und Vergehen -der unzähligen Weltkörper, einen periodischen Wechsel der verschiedenen -kosmogenetischen Zustände, welche wir im Universum nebeneinander -beobachten. Während an einem Orte des unendlichen Weltraums aus einem -diffusen Nebelfleck ein neuer Weltkeim sich entwickelt, hat ein anderer -an einem weit entfernten Orte sich bereits zu einem rotierenden Balle -von glutflüssiger Materie verdichtet; ein dritter hat bereits an -seinem Äquator Ringe abgeschleudert, die sich zu Planeten ballen; -ein vierter ist schon zur mächtigen Sonne geworden, deren Planeten -sich mit sekundären Trabanten umgeben haben, den Monden usw. usw. -Und dazwischen treiben sich im Weltraum Milliarden von kleineren -Weltkörpern umher, von Meteoriten und Sternschnuppen, die als scheinbar -gesetzlose Vagabunden die Bahn der größeren durchkreuzen, und von denen -täglich ein großer Teil in die letzteren hineinstürzt. Dabei ändern -sich beständig langsam die Umlaufszeiten und die Bahnen der jagenden -Weltkörper. Die erkalteten Monde stürzen in ihre Planeten wie diese in -ihre Sonnen. Zwei entfernte Sonnen, vielleicht schon erstarrt, stoßen -mit ungeheurer Kraft aufeinander und zerstäuben in nebelartige Massen. -Dabei entwickeln sie so kolossale Wärmemengen, daß der Nebelfleck -wieder glühend wird, und nun wiederholt sich das alte Spiel von neuem. -Bei dieser beständigen Umbildung bleibt aber die unendliche Substanz -des Universums, die Summe ihrer Materie und Energie, ewig unverändert, -und ewig wiederholt sich in der unendlichen Zeit der =periodische -Wechsel der Weltbildung=, die in sich selbst zurücklaufende -=Metamorphose des Kosmos=, das »~Perpetuum mobile~« des Universums. -Allgewaltig herrscht das =Substanzgesetz=. - -~II~. _Fortschritte der Geologie._ Viel später als der Himmel -wurde die Erde und ihre Entstehung Gegenstand wissenschaftlicher -Forschung. Die zahlreichen Kosmogenien alter und neuer Zeit wollten -zwar über die Entstehung der Erde ebensogut Auskunft geben wie über -die des Himmels; allein das mythologische Gewand, in das sie sich -sämtlich hüllten, verriet sofort ihren Ursprung aus der dichtenden -Phantasie. Unter all den zahlreichen Schöpfungssagen, von denen uns -die Religions- und Kulturgeschichte Kunde gibt, gewann eine einzige -bald allen übrigen den Rang ab, die Schöpfungsgeschichte des =Moses=, -wie sie im ersten Buche des Pentateuch (~Genesis~) erzählt wird. -Sie entstand in der bekannten Fassung erst lange nach dem Tode -des Moses; ihre Quellen sind aber größtenteils viel älter und auf -assyrische, babylonische und indische Sagen zurückzuführen. Den -größten Einfluß gewann diese jüdische Schöpfungssage dadurch, daß sie -in das christliche Glaubensbekenntnis hinübergenommen und als »Wort -Gottes« geheiligt wurde. Zwar hatten schon 500 Jahre vor Chr. die -griechischen Naturphilosophen die natürliche Entstehung der Erde auf -dieselbe Weise wie die der anderen Weltkörper erklärt. Auch hatte schon -damals =Xenophanes= von Kolophon die =Versteinerungen=, die später so -große Bedeutung erlangten, in ihrer wahren Natur erkannt; der große -Maler =Leonardo da Vinci= hatte im 15. Jahrhundert ebenfalls diese -Petrefakten für die fossilen Überreste von Tieren erklärt, die in -früheren Zeiten der Erdgeschichte gelebt hatten. Allein die Autorität -der Bibel, insbesondere der Mythus von der Sintflut, verhinderte jeden -weiteren Fortschritt der wahren Erkenntnis und sorgte dafür, daß die -mosaischen Schöpfungssagen noch bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts -in Geltung blieben. In den Kreisen der orthodoxen Theologen besitzen -sie dieselbe noch bis auf den heutigen Tag. Erst in der zweiten Hälfte -des 18. Jahrhunderts begannen unabhängig davon wissenschaftliche -Forschungen über den Bau der Erdrinde, und wurden daraus Schlüsse auf -ihre Entstehung abgeleitet. Der Begründer der Geognosie, Werner in -Freiberg, ließ alle Gesteine aus dem Wasser entstehen, während =Voigt= -und =Hutton= (1788) richtig erkannten, daß nur die sedimentären, -Petrefakten führenden Gesteine diesen Ursprung haben, die vulkanischen -und plutonischen Gebirgsmassen dagegen durch Erstarrung feurigflüssiger -Massen entstanden sind. - -Der heftige Kampf, der zwischen jener =neptunistischen= und dieser -=plutonistischen= Schule entstand, dauerte noch während der ersten -drei Dezennien des 19. Jahrhunderts fort; er wurde erst geschlichtet, -nachdem =Karl Hoff= (1822) das Prinzip des Aktualismus begründet und -=Charles Lyell= dasselbe mit größtem Erfolge für die ganze natürliche -Entwickelung der Erde durchgeführt hatte. Durch seine »Prinzipien -der Geologie« (1830) wurde die überaus wichtige Lehre von der -=Kontinuität= der Erdumbildung endgültig zur Anerkennung gebracht, -gegenüber der Katastrophentheorie von =Cuvier=. Die =Paläontologie=, -welche letzterer durch sein Werk über die fossilen Knochen (1812) -begründet hatte, wurde nun bald zur wichtigsten Hilfswissenschaft der -Geologie, und schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sie sich -so weit entwickelt, daß die Hauptperioden in der Geschichte der Erde -und ihrer Bewohner festgelegt waren. Die dünne Rindenschicht der Erde -war nun mit Sicherheit als die Erstarrungskruste des feurigflüssigen -Planeten erkannt, dessen langsame Abkühlung und Zusammenziehung -sich ununterbrochen fortsetzt. Die Faltung der erstarrenden Rinde, -die »Reaktion des feurigflüssigen Erdinnern gegen die erkaltete -Oberfläche«, und vor allem die ununterbrochene geologische Tätigkeit -des Wassers sind die natürlich wirkenden Ursachen, welche tagtäglich an -der langsamen Umbildung der Erdrinde und ihrer Gebirge mächtig arbeiten. - -Drei überaus wichtige Ergebnisse von allgemeiner Bedeutung verdanken -wir den glänzenden Fortschritten der neueren Geologie. Erstens wurden -damit aus der Erdgeschichte alle =Wunder= ausgeschlossen, alle -übernatürlichen Ursachen beim Aufbau der Gebirge und der Umbildung der -Kontinente. Zweitens wurde unser Begriff von der Länge der ungeheuren -Zeiträume, die seit deren Bildung verflossen sind, erstaunlich -erweitert. Wir wissen jetzt, daß die ungeheuren Gebirgsmassen der -paläozoischen, mesozoischen und zänozoischen Formationen nicht viele -Jahrtausende, sondern viele Jahrmillionen zu ihrem Aufbau brauchten. -Drittens wissen wir jetzt, daß alle die zahlreichen, in diesen -Formationen eingeschlossenen =Versteinerungen= nicht wunderbare -»Naturspiele« sind, wie man noch vor 150 Jahren glaubte, sondern die -versteinerten Überreste von Organismen, welche in früheren Perioden der -Erdgeschichte wirklich lebten, und welche durch langsame Umbildung aus -vorhergegangenen Ahnenreihen entstanden sind. - -~III~. _Fortschritte der Physik und Chemie._ Die zahllosen wichtigen -Entdeckungen, welche diese fundamentalen Wissenschaften im 19. -Jahrhundert gemacht haben, sind so allbekannt und ihre praktische -Anwendung in allen Zweigen des menschlichen Kulturlebens liegt so klar -vor aller Augen, daß wir hier nicht Einzelnes hervorzuheben brauchen. -Allen voran hat die Anwendung der Dampfkraft und Elektrizität dem 19. -Jahrhundert den charakteristischen »Maschinenstempel« aufgedrückt. -Aber nicht minder wertvoll sind die kolossalen Fortschritte der -anorganischen und organischen Chemie. Alle Gebiete unserer modernen -Kultur, Medizin und Technologie, Industrie und Landwirtschaft, -Bergbau und Forstwirtschaft, Landtransport und Wasserverkehr, sind -bekanntlich im Laufe des 19. Jahrhunderts -- und besonders in dessen -zweiter Hälfte -- dadurch so gefördert worden, daß unsere Großväter -aus dem 18. Jahrhundert sich in dieser fremden Welt nicht auskennen -würden. Aber wertvoller und tiefgreifender noch ist die ungeheure -theoretische Erweiterung unserer Naturerkenntnis, welche wir der -Begründung des =Substanzgesetzes= verdanken. Nachdem =Lavoisier= (1789) -das Gesetz von der Erhaltung der Materie aufgestellt und =Dalton= -(1808) mittels desselben die Atomtheorie neu begründet hatte, war der -modernen =Chemie= die Bahn eröffnet, auf der sie in rapidem Siegeslauf -eine früher nicht geahnte Bedeutung gewann. Dasselbe gilt für die -=Physik= betreffend das Gesetz von der Erhaltung der Energie. Seine -Entdeckung durch =Robert Mayer= (1842) und =Hermann Helmholtz= (1847) -bedeutet auch für diese Wissenschaft eine neue Periode fruchtbarster -Entwickelung; denn nun erst war die Physik imstande, die =universale -Einheit der Naturkräfte= zu begreifen, und das ewige Spiel der -unzähligen Naturprozesse, bei welchen in jedem Augenblick eine Kraft in -die andere umgesetzt werden kann. - -~IV~. _Fortschritte der Biologie._ Die großartigen und für unsere -ganze Weltanschauung bedeutsamen Entdeckungen, welche die =Astronomie= -und =Geologie= im 19. Jahrhundert gemacht haben, werden noch weit -übertroffen von denjenigen der =Biologie=; ja, wir dürfen sagen, daß -von den zahlreichen Zweigen, in welchen diese umfassende Wissenschaft -vom organischen Leben sich neuerdings entfaltet hat, der größere Teil -überhaupt erst im Laufe des 19. Jahrhunderts entstanden ist. Wie wir im -ersten Abschnitte gesehen haben, sind innerhalb desselben alle Zweige -der Anatomie und Physiologie, der Botanik und Zoologie, der Ontogenie -und Phylogenie, durch unzählige Entdeckungen und Erfindungen so sehr -bereichert worden, daß der heutige Zustand unseres biologischen Wissens -denjenigen vor hundert Jahren um das Vielfache übertrifft. Das gilt -zunächst =quantitativ= von dem kolossalen Wachstum unseres positiven -Wissens auf allen jenen Gebieten und ihren einzelnen Teilen. Es gilt -aber ebenso und noch mehr =qualitativ= von der Vertiefung unseres -Verständnisses der biologischen Erscheinungen, von unserer Erkenntnis -ihrer bewirkenden Ursachen. Hier hat vor allen anderen =Charles -Darwin= (1859) die Palme des Sieges errungen; er hat durch seine -Selektionstheorie das große Welträtsel von der »organischen Schöpfung« -gelöst, von der natürlichen Entstehung der unzähligen Lebensformen -durch allmähliche Umbildung. Zwar hatte schon fünfzig Jahre früher -der große =Lamarck= (1809) erkannt, daß der Weg dieser Transformation -auf der Wechselwirkung von Vererbung und Anpassung beruhe; allein es -fehlte ihm damals noch das Selektionsprinzip, und es fehlte ihm vor -allem die tiefere Einsicht in das wahre Wesen der Organisation, welche -erst später durch die Begründung der Entwickelungsgeschichte und der -Zellentheorie gewonnen wurde. Indem wir allgemein die Ergebnisse dieser -und anderer Disziplinen zusammenfaßten und in der Stammesgeschichte der -Organismen den Schlüssel zu ihrem einheitlichen Verständnis fanden, -gelangten wir zur Begründung jener =monistischen Biologie=, deren -Prinzipien ich (1866) in meiner »Generellen Morphologie« festzulegen -versucht habe. (Vergl. meine »Natürliche Schöpfungsgeschichte«, -11. Auflage, 1908). Die Anwendung der Entwickelungslehre auf die -allgemeinen Fragen der Physiologie habe ich 1904 in meinem Buche -über die »=Lebenswunder=« versucht. (Gemeinverständliche Studien -über Biologische Philosophie, Ergänzungsband zu dem Buche über die -»Welträtsel«.) - -~V~. _Fortschritte der Anthropologie._ Allen anderen Wissenschaften -voran steht in gewissem Sinne die wahre =Menschenkunde=, die wirklich -vernünftige Anthropologie. Das Wort des alten Weisen: »=Mensch, erkenne -dich selbst=« und das andere berühmte Wort: »Der Mensch ist das Maß -aller Dinge« sind ja von Alters her anerkannt und angewendet. Und -dennoch hat diese Wissenschaft -- im weitesten Sinne genommen -- länger -als alle anderen in den Ketten der Tradition und des Aberglaubens -geschmachtet. Wir haben im ersten Abschnitt gesehen, wie langsam und -spät sich erst die Kenntnis vom menschlichen Organismus entwickelt -hat. Einer ihrer wichtigsten Zweige, die Keimesgeschichte, wurde -erst 1828 (durch =Baer=) und ein anderer, nicht minder wichtiger, -die Zellenlehre, erst 1838 (durch =Schwann=) sicher begründet. Noch -später aber wurde die »Frage aller Fragen« gelöst, das gewaltige Rätsel -vom »=Ursprung des Menschen=«. Obgleich =Lamarck= schon 1809 den -einzigen Weg zu seiner richtigen Lösung gezeigt und »die Abstammung -des Menschen vom Affen« behauptet hatte, gelang es doch =Darwin= erst -fünfzig Jahre später, diese Behauptung sicher zu begründen, und erst -1863 stellte =Huxley= in seinen »Zeugnissen für die Stellung des -Menschen in der Natur« die gewichtigsten Beweise hierfür zusammen. Ich -selbst habe sodann in meiner Anthropogenie (1874) den ersten Versuch -gemacht, die ganze Reihe der Ahnen, durch welche sich unser Geschlecht -im Laufe vieler Jahrmillionen aus dem Tierreich langsam entwickelt -hat, im historischen Zusammenhang darzustellen. Eine ausführliche -Begründung der ganzen Stammesgeschichte und ihre Anwendung auf das -natürliche System der Organismen habe ich in den drei Bänden meiner -»Systematischen Phylogenie« gegeben (1894). Die schärfere kritische -Unterscheidung der sechs Strecken und dreißig Hauptstufen unserer -menschlichen Stammesgeschichte enthält meine Festschrift über »Unsere -Ahnenreihe« (~Progonotoxis hominis~, Jena, 30. Juli 1908). - - - - -_Schlußbetrachtung._ - - -Die Zahl der Welträtsel hat sich durch die angeführten Fortschritte der -wahren Naturerkenntnis im Laufe des 19. Jahrhunderts stetig vermindert; -sie ist schließlich auf ein einziges allumfassendes Universalrätsel -zurückgeführt, auf das =Substanzproblem=. Was ist denn nun eigentlich -im tiefsten Grunde dieses allgewaltige Weltwunder, welches der -realistische Naturforscher als =Natur= oder Universum verherrlicht, -der idealistische Philosoph als =Substanz= oder Kosmos, der fromme -Gläubige als Weltgeist oder =Gott=? Können wir heute behaupten, daß -die wunderbaren Fortschritte unserer modernen Kosmologie dieses -»Substanzrätsel« gelöst oder auch nur, daß sie uns dessen Lösung sehr -viel näher gebracht haben? - -Die Antwort auf diese Schlußfrage fällt natürlich sehr verschieden -aus, entsprechend dem Standpunkte des fragenden Philosophen und seiner -empirischen Kenntnis der wirklichen Welt. Wir geben von vornherein -zu, daß wir dem innersten Wesen der Natur heute vielleicht noch -ebenso fremd und verständnislos gegenüberstehen, wie =Anaximander= -und =Empedokles= vor 2400 Jahren, wie =Spinoza= und =Newton= vor 200 -Jahren, wie =Kant= und =Goethe= vor 100 Jahren. Ja, wir müssen sogar -eingestehen, daß uns dieses eigentliche Wesen der Substanz immer -wunderbarer und rätselhafter wird, je tiefer wir in die Erkenntnis -ihrer Attribute, der Materie und Energie, eindringen, je gründlicher -wir ihre unzähligen Erscheinungsformen und deren Entwickelung kennen -lernen. Was als »=Ding an sich=« hinter den erkennbaren Erscheinungen -steckt, das wissen wir auch heute noch nicht. Aber was geht uns dieses -mystische »Ding an sich« überhaupt an, wenn wir keine Mittel zu -seiner Erforschung besitzen, wenn wir nicht einmal klar wissen, ob es -existiert oder nicht? Überlassen wir daher das unfruchtbare Grübeln -über dieses ideale Gespenst den »reinen Metaphysikern« und erfreuen -wir uns statt dessen als »echte Physiker« an den gewaltigen realen -Fortschritten, welche unsere monistische Naturphilosophie tatsächlich -errungen hat. - -Da überragt alle anderen Fortschritte und Entdeckungen des -verflossenen »großen Jahrhunderts« das allumfassende =Substanzgesetz=, -das »Grundgesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes«. -Die Tatsache, daß die Substanz überall einer ewigen Bewegung und -Umbildung unterworfen ist, stempelt es zugleich zum universalen -=Entwickelungsgesetz=. Indem dieses höchste Naturgesetz festgestellt und -alle anderen ihm untergeordnet wurden, gelangten wir zu der Überzeugung -von der universalen =Einheit der Natur= und der ewigen Geltung -der Naturgesetze. Aus dem dunklen Substanz-=Problem= entwickelte sich -das klare Substanz-=Gesetz=. Der Monismus des Kosmos, den wir darauf -begründen, lehrt uns die ausnahmslose Geltung der »ewigen, ehernen, -großen Gesetze« im ganzen Universum. Damit vernichtet er aber zugleich -die drei großen Zentraldogmen der bisherigen dualistischen Philosophie, -den persönlichen Gott, die Unsterblichkeit der Seele und die Freiheit -des Willens. - -In der vorliegenden Behandlung der Welträtsel habe ich meinen -konsequenten monistischen Standpunkt scharf betont und den Gegensatz -zu der dualistischen, heute noch herrschenden Weltanschauung klar -hervorgehoben. Ich stütze mich dabei auf die Zustimmung von fast -allen modernen Naturforschern, welche überhaupt Neigung und Mut zum -Bekenntnis einer abgerundeten philosophischen Überzeugung besitzen. Ich -möchte aber von meinen Lesern nicht Abschied nehmen, ohne versöhnlich -darauf hinzuweisen, daß dieser schroffe Gegensatz bei konsequentem -und klarem Denken sich bis zu einem gewissen Grade mildert, ja selbst -bis zu einer erfreulichen Harmonie gelöst werden kann. Bei völlig -folgerichtigem Denken, bei gleichmäßiger Anwendung der höchsten -Prinzipien auf das =Gesamtgebiet= des Kosmos -- der organischen und -anorganischen Natur --, nähern sich die Gegensätze des Theismus und -Pantheismus, des Vitalismus und Mechanismus bis zur Berührung. Aber -freilich, konsequentes Denken bleibt eine seltene Naturerscheinung! Die -große Mehrzahl aller Philosophen möchte mit der rechten Hand das reine, -auf Erfahrung begründete =Wissen= ergreifen, kann aber gleichzeitig -nicht den mystischen, auf Offenbarung gestützten =Glauben= entbehren, -den sie mit der linken Hand festhält. - -Die alte Weltanschauung des =Idealdualismus= mit ihren mystischen -und anthropistischen Dogmen versinkt in Trümmer; aber über diesem -gewaltigen Trümmerfelde steigt hehr und herrlich die neue Sonne unseres -=Realmonismus= auf, welche uns den wundervollen Tempel der Natur in -seiner ganzen Pracht erkennen läßt. In dem reinen Kultus des »Wahren, -Guten und Schönen«, welcher den Kern unserer neuen =monistischen -Religion= bildet, finden wir reichen Ersatz für die verlorenen -anthropistischen Ideale von »Gott, Freiheit und Unsterblichkeit«. - - - - -Anmerkungen des Bearbeiters - - -Fettschrift markiert durch _ ... _ - -Gesperrter Text markiert durch = ... = - -Antiqua-Text markiert durch ~ ... ~ - -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. - -Inkonsistente Schreibweisen wurden korrigiert. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die Welträtsel, by Ernst Haeckel - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE WELTRÄTSEL *** - -***** This file should be named 59547-8.txt or 59547-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/9/5/4/59547/ - -Produced by Ralph Janke, Matthias Grammel, Marilynda -Fraser-Cunliffe and the Online Distributed Proofreading -Team at http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Die Welträtsel - Gemeinverständliche Studien über Monistische Philosophie - -Author: Ernst Haeckel - -Release Date: May 19, 2019 [EBook #59547] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE WELTRÄTSEL *** - - - - -Produced by Ralph Janke, Matthias Grammel, Marilynda -Fraser-Cunliffe and the Online Distributed Proofreading -Team at http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> +<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 59547 ***</div> @@ -11738,380 +11702,7 @@ von »Gott, Freiheit und Unsterblichkeit«.</p> -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die Welträtsel, by Ernst Haeckel - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE WELTRÄTSEL *** - -***** This file should be named 59547-h.htm or 59547-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/9/5/4/59547/ - -Produced by Ralph Janke, Matthias Grammel, Marilynda -Fraser-Cunliffe and the Online Distributed Proofreading -Team at http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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