diff options
Diffstat (limited to '59374-8.txt')
| -rw-r--r-- | 59374-8.txt | 6038 |
1 files changed, 0 insertions, 6038 deletions
diff --git a/59374-8.txt b/59374-8.txt deleted file mode 100644 index a90ad7e..0000000 --- a/59374-8.txt +++ /dev/null @@ -1,6038 +0,0 @@ -The Project Gutenberg EBook of Die Steinbergs, by Josephine Siebe - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Die Steinbergs - Eine Erzählung aus der Zeit der Befreiungskriege - -Author: Josephine Siebe - -Illustrator: Wilhelm Roegge - -Release Date: April 27, 2019 [EBook #59374] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE STEINBERGS *** - - - - -Produced by Norbert H. Langkau, Matthias Grammel and the -Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - - - - -[Illustration: Ex libris] - - - - -Die Steinbergs - - - - -[Illustration: Die Steinbergs. (Seite 4.)] - - - - - Die Steinbergs - - Eine Erzählung aus der Zeit der Befreiungskriege - - von - - Josephine Siebe - - Mit sechs farbigen Vollbildern von Wilhelm Roegge - - [Illustration: Dekoration] - - Stuttgart - - Verlag von Levy & Müller - - - - -Nachdruck verboten. - -=Alle Rechte=, insbesondere das Uebersetzungsrecht, vorbehalten. - - -Druck: Chr. Verlagshaus, Stuttgart. - - - - -Inhalt - - - Seite - - Erstes Kapitel. Gute Hausgenossen 1 - - Zweites Kapitel. Das Schreiberlein des Herrn Advokaten - Schnabel 18 - - Drittes Kapitel. Abschiedsstunden 37 - - Viertes Kapitel. Auf Hohensteinberg 55 - - Fünftes Kapitel. Als Fremdling in des Vaters Heimat 66 - - Sechstes Kapitel. Der Tugendbund wird gegründet 81 - - Siebentes Kapitel. Der Tugendbund nimmt ein jähes - Ende 101 - - Achtes Kapitel. Einem traurigen Morgen folgen - schwere Tage 115 - - Neuntes Kapitel. Auf weiten Wegen ins alte Nest - zurück 126 - - Zehntes Kapitel. Nach langer Not zum heiligen Krieg 141 - - Elftes Kapitel. Fürs Vaterland was es auch 161 - - Zwölftes Kapitel. Ausklang 175 - -[Illustration: Dekoration Blatt] - -[Illustration: Dekoration] - - - - -[Illustration: Ansicht, Titel 1. Kapitel] - - - - -Erstes Kapitel. - -Gute Hausgenossen. - - -»Richtig ist das nicht mit dem Bengel,« schalt der dicke Bäckermeister -Käsmodel und schlurrte aufgeregt in dem kleinen Laden auf und ab, der -ein Schiebefenster nach dem Hausflur hin hatte, durch das die Backware -verkauft wurde. »Allweil, wenn ich'n brauche, hat er zu lernen, immer -zu lernen. Das Gymnasium, scheint's mir, hat ihm den Kopf verdreht.« - -»Aber Christian,« beschwichtigte die Frau Bäckermeisterin, die gerade -dabei war, Backware in die Körbe zu zählen, »hast es ja selbst gewollt, -daß Gottlieb auf die hohe Schule kommt!« - -»Na, ja,« murrte der Bäckermeister, »hast allweil recht. Wenn man von -drei Jungen nur einen übrig behält, will man an den auch was wenden. -Aber mein Herr Vater selig hätte mir schön heimgeleuchtet, wenn ich -beim Austragen und Helfen nicht gleich wie der Blitz zur Hand gewesen -wäre. Aber unserer, daß Gott erbarm!« - -»Mann, Mann, er tut doch nichts Schlimmes,« mahnte die Frau freundlich, -»und zum Austragen ist ja Raoul immer bereit.« - -»Na freilich,« spottete der Bäcker, »'s ist gut, einen Boten bezahlen -bei den schlechten Zeiten, nur weil der Musjeh Sohn nicht mag. Und -warum mag er nicht? Weil er sich schämt, Laufjunge für seinen Vater zu -sein, seit er auf der Lateinschule mit den feinen Herrchens verkehrt. -Solche Alfanzereien hätte mir mein Vater selig kräftig mit dem -Stock -- --« - -»So ist's nicht, Vater, das müssen Sie nicht denken!« -- Aus einem -dunklen Winkel des Lädchens, hinter Mehlsäcken schaute in diesem -Augenblick zur grenzenlosen Überraschung seiner Eltern ein keckes, -rundes Bubengesicht hervor. - -»Daß dich das Mäuschen beißt!« schrie der dicke Bäckermeister wütend, -ergriff im Eifer einen langen Holzlöffel, der ihm gerade zur Hand lag, -und wollte damit seinem Sohne etwas unsanft um die Ohren fahren. - -»Christian,« bat die Frau etwas ängstlich und hielt ihren Mann am -weißen Kittel fest, »hör' doch den Jungen erst an!« - -Der war furchtlos aus seinem Versteck hervorgekrochen; er sah weiß und -bemehlt aus, wie ein rechter Bäckerbub, selbst die Wimpern, die die -trotzigen, ehrlichen Blauaugen überschatteten, schimmerten weiß. - -»Ich will's dem Herrn Vater bekennen, warum ich nicht Austräger sein -mag,« rief der kräftige, stämmige Bursche unerschrocken, »es ist wegen -dem Raoul, nicht wegen der feinen Mitschüler, wie's der Herr Vater -denkt. Der Raoul ist über jeden Groschen glücklich, den er seiner -Mutter bringen kann; schenken läßt er sich nichts, aber verdienen ist -was anders, und darum --« - -»Siehst du, Christian,« sagte die Bäckermeisterin, und ein -Freudenschein lag auf ihrem Gesicht, »unser Junge meint's gut.« - -»Na freilich, der reine Engel ist's, nur schade, daß man's so selten -merkt, ist aus seines Vaters Tasche heraus großmütig, faulenzt aus -lauter Freundschaft,« brummelte Meister Käsmodel, der es nicht zeigen -wollte, wie weich es ihm eigentlich ums Herz war. - -Gottlieb aber kannte seinen Vater und wußte schon, daß der Zorn -verraucht war, und so rief er vergnügt: »Ich denke, den Herrn Vater -machen die paar Groschen nicht zum armen Mann, und er gönnt Raoul schon -den kleinen Verdienst.« - -»Na ja, na ja, meinetwegen. Ein Jammer ist's ja, so eine feine, -vornehme Frau, der's wahrhaftig anders an der Wiege gesungen wurde, und -muß sich so kümmerlich durchs Leben bringen. Na ja, ja, meinetwegen, -lauf, Gottlieb, und hol' deinen Freund. Nee nee, 's soll keiner vom -Meister Käsmodel sagen, daß er nicht gern hilft, wenn er kann!« - -Gottlieb war schon, ehe der Vater noch recht seine Rede beendet hatte, -durch die Tür aus den Hausflur geschlüpft, und mit einer Schnelligkeit, -die wohl niemand seiner kurzen, gedrungenen Gestalt zugetraut hätte, -stürmte er die Treppen in dem alten, himmelhohen Haus empor. Oben gab -es zuletzt nur eine Leitertreppe, auch sie kletterte er mit Windeseile -hinan. Vor einer niedrigen Türe blieb er aber dann einige Sekunden -pustend stehen und klopfte nun leise und vorsichtig. Doppelstimmig -klang es von drinnen »herein«, und als Gottlieb rasch eintrat, scholl -es ihm entgegen. »Gottlieb ist's, ich dachte es mir schon!« - -Ein schlanker, etwa dreizehnjähriger Knabe, der den Bäckerssohn um -einen Kopf überragte und in seiner ärmlichen, abgetragenen Kleidung -fast wie ein verwunschener Prinz aussah, kam eilig herbei, und in -seinen dunklen Augen blitzte es wie Hoffnung auf: »Soll ich kommen?« - -Gottlieb nickte und sagte, verlegen sich durch seinen Strubbelkopf -fahrend: »Es ist schon nötig, bist nicht böse drüber, nein?« - -Und ohne eine Antwort abzuwarten, ging Gottlieb Käsmodel rasch durch -das Zimmer und verbeugte sich, so gut er es zuwege brachte, und so -tief, daß sein dichter, blonder Haarschopf beinahe den Boden fegte, -vor einer Dame, die an einem der beiden kleinen Fenster saß und das -verdämmernde Licht des kurzen Wintertages noch emsig zu ihrer Näharbeit -ausnützte. - -Trotzdem auch sie schlicht, ja ärmlich gekleidet war, würde jeder in -dieser schlanken Frau die vornehme Dame erkannt haben. Sie, der Knabe -und ein paar von blitzenden Goldrahmen umfaßte Ölbilder nahmen sich -ganz fremd in der Stube mit den schiefen Wänden, den kleinen Fenstern -und dem ärmlichen Hausrat aus. - -»Darf Raoul kommen?« fragte Gottlieb, der ganz unwillkürlich hier immer -etwas seine laute Stimme dämpfte. - -Über das sehr blasse Gesicht der Frau, auf dem Kummer und Sorge noch -nicht die einstige strahlende Schönheit verwischt hatten, glitt ein -wehes Lächeln. »Gewiß gern, lieber Gottlieb,« sagte sie unendlich -sanft, »und grüße die Eltern!« - -Gottlieb Käsmodel verneigte sich noch einmal so tief, daß er nun -beinahe nicht wieder in die Höhe gekommen wäre, Raoul von Steinberg -küßte seiner Mutter ehrfurchtsvoll die Hand, und dann eilten die Knaben -hinaus, leise und gemessen durch das Zimmer, die Treppen aber polterten -sie gar geschwind hinab. - -»Wenn du fertig bist, kommst du in meine Kammer,« bat Gottlieb, »ich -warte mit den Aufgaben.« - -Raoul nickte nur und schlüpfte eilfertig durch den Hausflur in das -Lädchen. Dort hatte die Bäckermeisterin zwei große Körbe mit Backwaren -gefüllt, und Raoul bekam die Weisung, dahin und dorthin dies und das zu -tragen. »Ein Bäckerjunge muß aber zeigen, daß die Ware gut ist, und was -essen,« sagte die Frau gutmütig und steckte dem schlanken Knaben ein -paar recht große Wecken zu. Einer hätte wohl genügt, um einen gesunden -Bubenappetit zu stillen, aber die Meisterin wußte, daß der andere -hinauf wanderte in das Dachzimmer und dort eine Mahlzeit der Frau von -Steinberg bildete. Raoul teilte immer mit der Mutter, mochten die -Bissen noch so klein und der Hunger noch so groß sein. - -Während Raoul von Steinberg an diesem etwas trüben Januartag des Jahres -1811 durch die engen Straßen der alten Stadt Leipzig lief und die -bestellte Ware Meister Käsmodels Kunden zutrug, vollendete seine Mutter -eine vielfach gefältelte Frauenhaube. So mühsam die Arbeit war, sie -ließ ihr doch Zeit genug, mit ihren Gedanken in die Vergangenheit zu -eilen. Die Gegenwart war so trübe, und die Zukunft lag so schwer und -hoffnungslos vor der Frau, daß ihr die glückliche Vergangenheit wie ein -blumenreiches Gärtlein war, in dem sie nach des Tages Last und Mühe -still einherging. - -Frau Madeleine von Steinberg war eine Französin von Geburt. Sie -entstammte einer sehr vornehmen Emigrantenfamilie, die sich vor den -Schrecken der Revolution erst in eine kleine rheinische Stadt, dann -nach Dresden geflüchtet hatte. In dieser schönen, heiteren Stadt -verlebte Madeleine ihre Mädchenjahre. Ihr Vater hatte wenigstens einen -Teil seines Vermögens gerettet, und zwar so viel, daß die Familie -ohne Sorgen leben konnte. Ein Vetter der Gräfin hatte ein hohes Amt -am sächsischen Hofe inne. In seinem Hause und durch seine Vermittlung -wurde Madeleine in die Gesellschaft eingeführt, und auf einem Balle -lernte sie auch ihren nachherigen Gatten, Georg Wilhelm von Steinberg, -kennen. Dieser, Ostpreuße von Geburt, hielt sich nur kurze Zeit in -Dresden auf; als er ging, bat er Madeleines Vater um die Hand seiner -Tochter. Doch der wies ihn ab, er sagte, er wolle keinen Preußen zum -Schwiegersohn. Die Mutter, der das feste, ehrenhafte Wesen dieses -preußischen Junkers gut gefiel, tröstete: »Abwarten! Die Zeit mildert -wohl des Vaters Sinn!« Aber ehe dies geschah, starb der Graf, gerade -als sich sein Sohn nach Frankreich begeben hatte, um dort zu versuchen, -die reichen Güter der Familie zurückzugewinnen, denn der wilde Brand -der Revolution war im Erlöschen. Die Gräfin, eine zarte, schwächliche -Frau, war müde von allem Leid, sie wollte ihre junge Tochter in gutem -Schutz wissen, und so durfte diese dem abgewiesenen Freier schreiben, -daß einer Heirat nichts mehr im Wege stand. Nach wenigen Wochen schon -wurde Madeleine Georg Wilhelm von Steinbergs Gattin, und wieder nach -wenigen Wochen stand sie am Sarge der Mutter. - -Das junge Ehepaar siedelte nach Berlin über; Herr von Steinberg war -preußischer Offizier und stand in der Hauptstadt. Madeleine hatte -nicht geahnt, daß gleich ihrem Vater auch die Familie ihres Mannes die -Heirat ungern gesehen hatte. In diese alte preußische Familie passe -keine Französin hinein, hatte die Mutter ihres Mannes geschrieben. -Diese, eine stolze, durch ein schweres Leben herb und verschlossen -gewordene Frau, hatte den herzlichen, um Liebe bittenden Brief -der Schwiegertochter nur kühl erwidert. Vielleicht wäre es Frau -Madeleine gelungen, nach und nach die Liebe und das Vertrauen der -neuen Verwandten zu erringen, sie war aber scheu, und ein hartes Wort -schreckte sie gleich zurück. Ihr Gatte zürnte den Verwandten, er bat -auch nicht weiter, ja die Vorwürfe der Mutter verletzten ihn so, daß er -zuletzt gar nicht mehr schrieb, und zu einer Fahrt in die Heimat kam es -auch nicht. Doch auch Madeleines eigener Bruder zürnte ihr: er wieder -haßte den Preußen, und sein Haß ging so weit, daß er der Schwester das -Erbteil entzog. - -Mit Sorge und Leid begann die junge Ehe, und doch war sie unendlich -glücklich; die Jahre, die Madeleine an der Seite ihres Mannes verlebt -hatte, waren für sie der reiche, köstliche Blumengarten, in den ihre -Seele immer wieder zurückkehrte. Dann kam der Krieg von 1806/1807. Bei -Saalfeld wurde Rittmeister von Steinberg schwer verwundet. Einem Freund -von ihm gelang es, den Verwundeten zu retten und ihn nach Leipzig zu -schaffen. Dort fand Frau Madeleine den Gatten, dort pflegte sie ihn die -letzten schweren Monate seines Lebens, dort starb er, und nach seinem -Tode blieb die Witwe mit ihrem einzigen Kinde, einem Knaben, in der -Stadt. - -Die Krankheit, der Krieg und eigenes schweres Leiden raubten der Witwe -das geringe Vermögen, und zwei Jahre nach dem Tode ihres Mannes befand -sie sich in den ärmlichsten Verhältnissen. Sie wandte sich mit der -Bitte um Hilfe an ihren Bruder, der inzwischen in Napoleons Dienst -getreten war und alle seine Güter zurückerhalten hatte. Ein hartes -Nein war die Antwort. »Ich will dir nur helfen, wenn du hier in dein -Vaterland zurückkehrst und deinen Sohn als Franzosen erziehst,« -schrieb er, doch Frau Madeleine hatte dem Gatten gelobt, den Sohn in -der Heimat zu erziehen, und sie hielt ihr Wort. - -Die Verwandten ihres Mannes um Hilfe zu bitten, wagte sie nach dieser -harten Abweisung des einzigen Bruders gar nicht mehr, dazu war sie zu -scheu und zaghaft, so nahm sie tapfer allein den Kampf mit dem Leben -auf. Sie blieb in Leipzig, bezog mit ihrem Sohne eine Mansardenstube -im Hause des Bäckermeisters Käsmodel und versuchte sich mit feinen -Putzarbeiten zu ernähren. Es wäre ihr wohl auch ganz gut gegangen, denn -sie war geschickt und erwarb sich bald einige Kunden, doch die Zeiten -waren schlecht, und dazu kamen wochenlange Krankheiten, die sie oft -arbeitsunfähig machten. Das wenige Geld, das sie besaß, mußte nach und -nach verbraucht werden, und mit heißer Angst dachte sie manchmal an -die Zukunft. Was sollte aus ihrem Sohn werden? Sie erzog den Knaben, -dem Wort getreu, das sie ihrem sterbenden Manne gegeben hatte, im -Sinne seines Vaters. Sie selbst besaß nur noch eine blasse Erinnerung -an ihr schönes Heimatland, an das Schloß ihres Vaters an den Ufern -der Loire und das Palais in Paris. Die neue Herrschaft in Frankreich, -Napoleons Eroberungszüge erfüllten ihre sanfte Seele mit Schrecken. -Ihr Mann war im Kampf gegen den unersättlichen Eroberer gefallen, -sie sah, welch namenloses Leid dieser gewissenlose Emporkömmling -über die Länder brachte, und ihr Herz blutete vor Mitgefühl mit den -gepeinigten, zertretenen Völkern. Napoleon war für sie nicht der Kaiser -von Frankreich, dieses schönen, anmutigen Landes, das ihr wie ein -Märchenland in der Erinnerung lebte, er war ihr ein böser Dämon, der -Not, namenloses Leiden über die Menschen brachte. In dieser Anschauung -wuchs Raoul auf; ein tiefer Haß gegen den Völkervernichter, ein heißes -Mitleid mit denen, die unter seiner Tyrannei litten, wurde groß in dem -Herzen des Knaben. -- - -Die Dämmerung hatte nach und nach das Mansardenzimmer Frau von -Steinbergs in Dunkel gehüllt, nur am Fenster hing noch ein matter -Lichtschein, zu schwach aber, um bei ihm weiter arbeiten zu können. -Erschöpft ließ die Frau die Arbeit sinken; Brust und Rücken taten ihr -weh, und fröstelnd zog sie das dünne Tuch um ihre Schultern. Es war -kalt im Zimmer, in dem Öfchen war das Feuer ausgegangen, und draußen -wehte ein scharfer, harter Nordwind. Doch Brennholz kostete Geld, -Nahrung, Kleidung, alles kostete Geld, und der Verdienst war gering. -Ein paar Goldstücke lagen freilich noch in dem Kasten, in dem Frau -Madeleine den Trauring ihres Mannes, sein Bild, eine Haarlocke von ihm -und ähnliche Erinnerungen aufbewahrte, aber dieser Notgroschen sollte, -mußte für Raoul bleiben. »Wenn ich nicht mehr lebe,« dachte die Frau -müde. - -Draußen polterte wieder jemand die Stiegen herauf, es klopfte, und -einen Augenblick später trat breit und behaglich, ein bammelndes -Laternchen in der Hand, die Bäckermeisterin Käsmodel in das Zimmer. -»Nichts für ungut, wenn ich störe,« sagte sie freundlich, »ich wollte -nur sagen, daß es in unserer Backstube kuchenwarm ist, und daß es -eigentlich jammerschade ist, daß Feuer und Licht nicht genug ausgenutzt -werden. Na, und dann, Frau von Steinberg wissen, wie himmelgern ich so -'n kleinen Tratsch mache. 'n bißchen was von Dresden hören, darüber -geht nur nichts. Wär's gar so unbescheiden, wenn ich bitten tät, auf -ein Stündchen herunterzukommen?« - -Madeleine von Steinberg sah die Bäckermeisterin dankbar an, die im -Lichtschein ihres Laternchens an der Türe stand und die blasse -Frau anschaute, just als möchte sie sagen: Komm, du armes, krankes -Menschenkind, laß dich lieb haben von mir und dir was Gutes tun! - -Diese Szene wiederholte sich allabendlich: immer wenn es dunkel und -kalt in der Kammer wurde, holte die Meisterin ihre Hausgenossin in die -warme Stube hinab, in der es so kräftig nach Mehl und nach frischem -Brot roch. Dann saßen die Frauen bis zum Nachtmahl zusammen, wohl -noch darüber hinaus, denn oft baten die Bäckersleute, es sei doch -gerade so gemütlich, da könnte Frau von Steinberg doch ein Häppchen -mitessen, es sei ihnen dies eine besondere Ehre. Anfangs hatte sich -die Frau gegen diese stille, versteckte Wohltätigkeit gewehrt, hatte -nichts, auch gar nichts annehmen wollen, aber jetzt war sie so müde und -niedergeschlagen; die Einsamkeit lastete so schwer auf ihr, daß sie -aufatmete, wenn die Meisterin Käsmodel mit ihrem Laternchen erschien. - -Auch heute raffte Madeleine von Steinberg hastig ihre Näherei zusammen -und folgte der freundlichen Hausgenossin die steilen Treppen hinab -in das durch das Ofenfeuer und eine Unschlittkerze traulich erhellte -Stübchen. Die Meisterin strickte und bewunderte dazwischen höchlichst -die Fältchen, Tollen und Schleifen, die unter Frau von Steinbergs -geschickten Händen entstanden. »'s ist wirklich zum Anbeißen adrett, -was Sie da nähen, aber freilich, die Lust vergeht einem schon an -solchen Dingen, eine gar so böse Zeit ist's.« Die Bäckermeisterin -seufzte tief. »Wohin man hört, gibt's Kummer. Draußen auf den -Landstraßen soll man seines Lebens nicht mehr sicher sein.« - -Am Schiebefensterchen nach dem Hausflur hin bimmelte die Klingel, und -ein von der Luft gerötetes Mädchengesicht erschien daran. Ein Brot -wurde verlangt, die Meisterin reichte es hinaus und erkundigte sich -dabei gleich, ob die Madame Preußer wieder wohlauf sei. - -»Die Madame ist wieder beisammen,« erzählte die Magd, »aber der Herr, -der Herr! Gestern hab' ich ihn sagen hören, an nichts hätt' er mehr -Freude, seit die Franzosenbagasch« -- - -»Halt Sie das Maul,« fuhr die sonst so sanftmütige Meisterin Käsmodel -die Magd heftig an, »so was hört mer nicht, und wenn mer's hört, sagt -mersch nicht! Verstanden?« - -Die Magd riß ihre großen wasserblauen Augen weit auf vor Schreck, und -ganz kleinlaut versicherte sie: »Ich sag nischte mehr, nie nich.« - -»Das ist auch am besten,« brummte die Bäckermeisterin und wandte sich -einer neuen Kundin zu, einem schmächtigen, verhutzelten Weiblein, das -ganz scheu in eine Ecke gedrückt im dunklen Flur stand und kaum an das -Schiebefensterchen zu treten wagte. »Na, was gibt's, Schmidten, soll's -ein Brot sein?« - -Die Frau wartete erst, bis die stattliche Magd gegangen war, dann trat -sie vor und flüsterte mit heiserer, ängstlicher Stimme: »Wenn Se mer's -borgen täten, Frau Meistern, nich en Groschen hab' ich im Haus!« - -Die Bäckerin seufzte, und ihr Blick überflog die auf den Ständern -aufgereihten Brote. Wie manches ging davon weg ohne Bezahlung. -Ihr Mann schalt oft, sie sei zu weichherzig, bringe sie alle noch -an den Bettelstab, aber was sollte sie tun? Die Frau dort am -Schiebefensterchen hatte fünf Kinder daheim. Wo ihr Mann geblieben war, -wußte niemand; er war in die Fremde gezogen, um einen Verdienst zu -finden, als die harten Zeiten anfingen, und dort war er verschollen, -vielleicht gestorben. - -»Da, Schmidten, Gott segne es ihr und den Kindern,« sagte die Meisterin -und legte rasch eins der Brote in die verlangend ausgestreckte Hand der -Frau. Dann schloß sie, da keine Kunden mehr draußen standen, geschwind -das Schiebefensterchen und kehrte zu ihrem Gast zurück. - -Die beiden Frauen waren nach Stand und Bildung sehr verschieden -voneinander, denn als Madeleine von Steinberg noch in Dresden die -glänzenden Feste der Hofgesellschaft mitgemacht hatte, war Frau -Käsmodel eine flinke, fröhliche Magd im Pfarrhause an der Kirche von -St. Thomä gewesen, aber trotzdem verstanden sie sich gut mitsammen. -Frau von Steinberg kannte Not und Entbehrung aus Erfahrung. Die -Bäckermeisterin hatte zwar noch nie um ihr tägliches Brot gebangt, -aber sie sah, wie ringsum die Armut wuchs, wie die Zeiten schlechter -und schlechter wurden. Sie hatte auch tiefes Mutterleid erfahren: -zwei Kinder waren ihr gestorben, und so wußten sich die beiden Frauen -mancherlei zu sagen. Der Meisterin Käsmodel konnte die zarte, langsam -dahinsiechende Bewohnerin aus der Mansarde auch von ihrer Sorge um -ihres einzigen Kindes Zukunft sprechen. - -Während die Mütter mal wieder über ihre Kinder sprachen, -- die -Bäckersleute besaßen noch zwei dralle runde Mädels von drei und -vier Jahren, -- saßen die beiden Buben zusammen auf einem Bänkchen -im Backofenwinkel und lernten, daß ihnen die Köpfe rauchten. Seit -einem Jahre besuchte Gottlieb das Gymnasium. Meister Käsmodel wollte -seinem Buben eine gute Bildung geben lassen, er pflegte zu sagen: »Du -mußt ebenso gescheit werden wie drei!« Zu dieser großen Gescheitheit -verspürte Gottlieb nun freilich keine allzu große Lust, und er wäre -vielleicht etwas schwer über die Anfänge der lateinischen Sprache -hinweggekommen, wenn Raoul nicht gewesen wäre. Frau von Steinberg, die -selbst eine sehr gute Bildung genossen hatte, unterrichtete ihren Sohn -selbst; es war ihr unmöglich, ihn auf eine höhere Schule zu schicken. -Als der Sohn heranwuchs, sah sie freilich, daß es zu wenig war, was -sie den glänzend begabten Knaben lehren konnte, allein Raoul war so -lerneifrig, daß er selbst voll Eifer aus den wenigen Büchern, die er -besaß, lernte, was er vermochte. »Ich wollte, du könntest statt meiner -dies alberne Latein lernen!« murrte Gottlieb einmal, als er seufzend -und stöhnend die ersten Gymnasiumstage hinter sich hatte. - -»Ich will mit dir lernen,« sagte Raoul dienstwillig, »vielleicht wird -es dir dann leichter!« - -Gottlieb hatte das Anerbieten gern angenommen, und seitdem arbeiteten -die Knaben zusammen und merkten bald, daß sie beide Vorteil davon -hatten. Was der Bäckerssohn in der Schule gelernt hatte, teilte er dem -Freunde mit. Dabei wurde ihm selbst manchmal erst klar, was er nicht -verstanden hatte; er paßte auch besser auf, um sich seiner Dummheit -nicht schämen zu müssen, und wußte er einmal gar nicht weiter, dann -fand sicher Raoul aus den Büchern den richtigen Weg, und so umschifften -beide gemeinsam manche Klippe der lateinischen Grammatik und der andern -Lehrbücher. Raoul sagte oft sehr vergnügt zu seiner Mutter: »Es ist -beinahe so gut, als ob ich selbst auf das Gymnasium ginge.« - -An diesem Abend hatten sich die Buben beide in die Geheimnisse der -römischen Geschichte vertieft. Gottlieb ein wenig unlustig, er sah -nämlich nicht ein, warum ein zukünftiger ehrsamer Bäckermeister die -römischen Könige, Volkstribunen und Kaiser mit Namen kennen mußte, und -daß er einmal Vater Käsmodels Beruf ergreifen würde, stand bei ihm -fest. »Du,« brummte er und stieß den Kameraden an, »die kaufen doch mal -keine Brote und Wecken bei mir, warum soll ich sie nun alle kennen?« - -Raoul sah mit seinen ernsten Augen nachdenklich auf den Freund und -sagte träumerisch: »Ich wollte, ich wär' ein Römer!« - -»Nee,« rief Gottlieb verdutzt, »das hab' ich mir noch nie gewünscht, -aber weißte, Soldat möchte ich werden und dem Napoljong feste de Jacke -verhauen; dazu brauch' ich doch aber nicht alle diese eklichen Namen zu -wissen.« - -Das stimmte nun freilich, und der sonst so lerneifrige Raoul ließ -auch für ein Weilchen das Buch sinken, denn jetzt waren die Knaben -wieder mal bei dem allerbeliebtesten Gespräch angelangt: Napoleon -und seine Kriege. Im Hause Meister Käsmodels war man alleweg gut -deutsch gesinnt. Das Kriechen und Katzbuckeln vor Frankreich, das -Verherrlichen des gewissenlosen Eroberers, das auch in Leipzig leider -in manchen guten Bürgersfamilien geübt wurde, war dem ehrlichen, -aufrichtigen Bäckermeister in der Seele zuwider. Er war zwar ein -schlichter, ungelehrter Mann, aber er hatte einen hellen, klaren -Verstand, und voll Schmerz sah er, wie tief der deutsche Stolz, das -deutsche Vaterlandsgefühl am Boden lag; nach den Reden mancher Bürger -hätte man meinen müssen, Sachsen gehöre von Gottes und Rechts wegen -zu Frankreich. In widerlich schmeichelnden Lobeshymnen sang man -Bonapartes Lob, und man hatte ganz vergessen, daß es Deutsche waren, -Stammesgenossen, die von Napoleon geknechtet wurden. Der Kaiserhaß, der -Abscheu vor dem französischen Übermut hinderte dabei die Bäckersleute -nicht, ihrer Hausgenossin, der Französin, in Treue hilfreich -beizustehen. »Denn,« pflegte der Meister Käsmodel zu sagen, »der -einzelne Mensch, der meine Hilfe braucht, ist alleweil mein Nächster, -und wenn man über ein Volk auch gerade vor Wut bersten möchte, kommt -uns einer davon in die Quere, so ist es eben Christenpflicht zu helfen, -wenn man kann. Na, und so'n armes Weiberseelchen hat in der lieben -Gotteswelt noch keinem ein Unrecht getan. Pfui Teufel, wäre das ruppig, -der nicht beizustehen!« - -In diesem Geist wuchsen die Kinder auf, und sie vertrugen sich so -gut zusammen, daß nie ein Streit die Freundschaft trübte. Gottlieb -bewunderte Raoul restlos. Der war ein Idealist, ein Feuerkopf, der von -hohen Taten träumte, und manchmal staunte der praktische, ein bißchen -schwerfällige Bäckerssohn über des Freundes kühne, hochfliegende -Zukunftspläne. - -»Warum ist man nur noch so jung!« schrie Raoul plötzlich in -hellflammender Tatensehnsucht auf. - -»Allweil nu möcht ich wissen, warum der Musjeh zu jung ist?« fragte -Meister Käsmodel, der gerade wieder eintrat. »Jugend ist alleweil der -einzige Fehler, von dem man jeden Tag 'n Linschen ablegt.« - -»Ich möchte groß sein, Soldat sein und in den Kampf gegen Napoleon -ziehen können!« rief Raoul. - -»Jetzt ist Frieden,« brummte der Meister, »Frieden, ihr Bengels, -aber merkt's: alleweil ist's mit dem Frieden jetzt so wie mit meiner -Backofenglut. Wenn ich nicht backe, decke ich Asche drauf, viel Asche, -und nachher, wenn ich wieder Feuer brauche, stöbere ich die Asche weg, -ein paar Scheite drauf, und heissa, das Feuer brennt!« - -»Das Feuer brennt!« schrieen die Knaben unwillkürlich mit, die Frauen -aber schraken zusammen, und die Bäckermeisterin bat ängstlich: »Mann, -Käsmodel, setz den Jungens doch nicht solche Gedanken in'n Kopf, man -weiß heute nie, was draus wird.« Sie sah sich scheu um. »Man muß -vorsichtig sein.« - -»Ih was,« knurrte der Meister, »Glut muß bleiben -- bis die Zeit zum -Backen kommt! Hab' ich nicht recht, Frau Nachbarin?« - -Frau von Steinberg schloß sekundenlang die Augen; sie sah sich wieder -am Sterbebett ihres Mannes stehen und hörte ihn mit versagender Stimme -rufen: »Die Schmach muß ausgewetzt werden, vergiß es nicht, vergiß es -nie!« -- und ganz leise sagte sie: »Sie haben recht, Meister, die Glut -muß bleiben -- bis die Zeit kommt.« - -Dann legte sie ihre Arbeit zusammen und nahm Abschied von ihren -freundlichen Wirtsleuten, es war Zeit zur Nachtruhe. Raoul folgte -bereitwillig der Mutter. Er hoffte noch auf ein Plauderstündchen, um -ihr von allem zu erzählen, was er auf seinem Botengange gesehen und was -er mit Gottlieb gelernt hatte, aber oben sagte die Mutter sanft, und -ihre Stimme klang unendlich müde: »Erzähl mir morgen alles, Raoul, ich -brauche heute Ruhe.« - -Es dauerte nicht lange, und der Bube lag im Bett und schlief auf dem -harten Strohsack fest wie ein Murmeltier. Seine Mutter aber fand keinen -Schlaf. Brust und Rücken schmerzten, sie fror, und quälender noch als -Schmerzen und Kälte peinigte sie der Gedanke an die Zukunft. Wieder wie -so oft in den langen Wochen, da sie fühlte, daß ihre Kräfte mehr und -mehr abnahmen, dachte sie an die Verwandten ihres Mannes, an seinen -Bruder auf Hohensteinberg und -- an seine Mutter. Sie hatte, seit sie -selbst Mutter war, oft gedacht, daß sie und ihr Mann damals wohl zu -rasch das Werben um die Verzeihung der alten Frau aufgegeben. Die hatte -sie ja nicht gekannt, nichts von ihr gewußt, fremd war sie ihr, -- wie -durfte sie da gleich Liebe fordern! Vielleicht hätte die Mutter ihr -gern geholfen, sie verstanden. Und wieder rang sie mit ihrem Stolz und -nahm sich vor, an die Mutter, den Schwager zu schreiben und um Hilfe -zu bitten, nicht mehr für sich, aber für ihren Sohn, damit er nicht -verlassen und schutzlos war, wenn sie von ihm gehen mußte -- vielleicht -würde das bald sein, sehr bald. - -Ein tiefes Stöhnen entrang sich der schmerzenden Brust der armen Frau, -und Raoul, der im Winkel unter dem schrägen Dach schlief, wachte auf. -»Riefst du mich, Mama?« Doch alles blieb still, vom Bett der Mutter kam -keine Antwort, und so huschelte sich Raoul beruhigt wieder in seine -Decke ein und schlief seinen festen, gesunden Jugendschlaf weiter. - -Die Frau preßte die Lippen fest zusammen, damit kein Klagelaut wieder -den Schlaf ihres Kindes stören sollte, über ihr Gesicht aber rannen -Tränen, bittere, schwere Tränen. Draußen hatte sich der Wind erhoben, -er sauste und brauste um die hohen, spitzgiebligen Häuser herum, drehte -knarrend die Wetterfahne auf dem Dach und klapperte an der Dachrinne. -Die Frau hörte das wilde Lied und dachte an den Sturm, der ihr Glück -vernichtet hatte. Jetzt schwieg er, Friede herrschte, aber wie lange -noch? Erst gegen Morgen, als sich auch draußen der Sturm legte, schloß -der Schlaf für wenige Stunden die müden Augen, und ein heiterer Traum -entführte ihre Seele für kurze Zeit der trüben, schweren Gegenwart. - -[Illustration: Dekoration Ende 1. Kapitel] - - - - -[Illustration: Dekoration Titel 2. Kapitel] - - - - -Zweites Kapitel. - -Das Schreiberlein des Herrn Advokaten Schnabel. - - -»Mit der Frau von Steinberg steht's nicht gut, Mann,« sagte die -Meisterin ein paar Tage später, als ihre Hausgenossin gerade von einem -Ausgang zurückkehrte und langsam, die schlanke Gestalt vornübergeneigt, -den dämmrigen, schmalen Flur durchschritt. - -»Ach, Unsinn! Weiberleut müssen sich allweil ängstigen,« knurrte der -behäbige Bäcker, aber auch er sah der bleichen Frau ernst nach. Stufe -auf Stufe stieg diese die Treppe empor. So himmelhoch und endlos wie -heut waren sie ihr noch nie erschienen. Sie hatte an diesem Tage selbst -eine Haube forttragen müssen zu einer wohlhabenden Kaufmannsfrau, die -verlangt hatte, sie solle ihr das Kunstwerk gleich einmal aufsetzen. - -Der Weg bei dem rauhen, unwirtlichen Wetter war Madeleine von Steinberg -sehr schwer geworden, und als sie auf der zweiten Treppe angelangt war, -mußte sie sich einen Augenblick an die Wand lehnen; fast unmöglich -erschien es ihr, hinaufzukommen, noch so viele Stufen, noch die mühsame -Leiter gab es zu erklimmen. - -»Mama, was fehlt dir?« Raoul von Steinberg fuhr ein paar Minuten später -erschrocken auf und ließ das Buch, in dem er gelernt hatte, zu Boden -fallen. »Um Gotteswillen, Mama, Mutter!« - -»Ich -- es ist nichts, mein Junge, mein -- armer Junge!« Die Frau -taumelte und wäre zu Boden gefallen, wenn nicht des Knaben starke junge -Arme sie gehalten hätten. - -Ein Hilferuf gellte durch das Haus, ein weher, verzweifelter Angstruf. -Er drang auch hinunter in das warme Bäckerlädchen, schreckte die -Meisterin auf und trieb Gottlieb aus seinem Ofenwinkel heraus. Der -Meister kam auch, die Magd mit den beiden Kleinen lief herzu, oben -im Hause, in dem ein Warenlager untergebracht war, wurden Türen -geschlagen, man hörte rufen, und dann stand von allen Hausgenossen -doch die rundliche Bäckermeisterin zuerst oben im Mansardenstübchen, -hinter ihr tauchte Gottlieb auf, und beide sahen Frau von Steinberg -wachsbleich, mit blutbeflecktem Kleid in Raouls Armen liegen. - -»Die Mutter stirbt,« schrie der Knabe verzweifelt, und seine heißen -Tränen mischten sich mit dem roten Blut der Mutter, das tropfenweise -dem blassen Munde entströmte. - -Die Meisterin griff herzhaft zu, und als nach wenigen Minuten auch -die andern Hausgenossen im Zimmer erschienen, trieb sie alle hinaus, -nur die Magd durfte bleiben und die Kranke in ihr Bett legen helfen. -Gottlieb rannte zu einem Arzt, der in der nahen Nikolaistraße wohnte, -und Raoul saß im Winkel und sah mit heißer Angst zu, wie die Meisterin -die Mutter bettete, sie rieb und mit warmen Tüchern umwickelte. Auf -seinem Herzen lag dumpf und schwer die Ahnung kommenden Leides. - -Bange Tage folgten, lange Wochen des Leidens kamen, Frau von Steinberg -siechte langsam dahin. Wohl stand sie nach etlichen Tagen wieder -auf und machte den Versuch, wenigstens die bestellten Arbeiten zu -vollenden, aber es war nur ein mühsames Ringen mit versagenden Kräften. -Immer wieder entsank die Nadel ihren müden Händen, immer wieder mußte -sie stundenlang still auf ihrem Lager ruhen, unfähig, auch nur etwas zu -tun. - -Raoul pflegte, von der Meisterin Käsmodel tatkräftig unterstützt, -seine Mutter, so gut er nur konnte. »Du mußt ihr eine Stütze sein, -darfst selbst nicht klagen und nicht trübselig dreinschauen,« hatte -die Meisterin zu ihm am ersten Tage der Krankheit gesagt, und danach -richtete sich der Knabe, wenn es ihm auch noch so schwer fiel. Er nahm -seiner Mutter alle Arbeit in der kleinen Wirtschaft ab, er kehrte, -wusch und kochte wie eine Dienstmagd, und dann rannte er draußen noch -stundenlang herum und tat Botengänge für kargen Lohn. Die Geschäfte -gingen schlecht, die Not der Zeit drückte alles nieder, jeder sparte, -wo er konnte, und recht gering war das, was da ein halbwüchsiger Junge -verdienen konnte. Er brachte jeden Pfennig mit strahlendem Gesicht -heim, noch ahnte er ja nicht, wie schwer die Sorge auf der Mutter -lag. Aber dann, an einem hellen, sonnigen Februartag war es, der wie -ein erster heiterer Frühlingsgruß über die Erde ging, mußte Frau von -Steinberg doch das erste Goldstück ihres heimlichen kleinen Schatzes -nehmen. Sie konnte ihren Sohn nicht hungern lassen, sie wollte aber -auch nicht von den gutherzig gegebenen Gaben der Bäckersleute leben, -dazu war sie zu stolz. - -»Zahl' unten die Miete und das Brotgeld! Käsmodels wollen es nicht, -ich will aber nichts schuldig bleiben, Raoul,« sagte sie leise, und -eine Träne fiel brennend auf die ausgestreckte Hand des Sohnes. - -Tief erschrocken sah der Knabe aus, und in diesem Augenblick verstand -er voll die Sorge der Mutter. In wild ausbrechendem Schmerz schlang -er seine Arme um sie und flehte: »Weine nicht, ach, weine nicht! Im -Frühling wird alles gut, du wirst gesund, und ich finde schon einen -Verdienst.« - -»Im Frühling -- ja,« flüsterte die Mutter und küßte zärtlich ihr Kind, -»du hast recht, dann wird alles gut.« - -Ach, sie fühlte es ja gerade an diesem sonnigen Tage, der von dem -kommenden Lenz zu erzählen wußte, daß ihre Stunden auf der Erde gezählt -waren, und daß sie nicht mehr lange über ihrem Kinde wachen konnte. Und -als Raoul gegangen war, überwand sie endlich ihren Stolz und schrieb an -den Bruder ihres Mannes, an den Freiherrn Wolf-Friedrich von Steinberg -auf Hohensteinberg, schilderte ihm ihre Lage und bat ihn, sich ihres -Kindes anzunehmen, wenn sie tot sei. Sie schloß auch ein Brieflein für -die Mutter mit ein. Für sich bat sie um nichts, nur Hilfe für den Sohn -wollte sie. Den Brief trug die Meisterin Käsmodel selbst auf die Post, -zahlte das Porto und sandte dem Schreiben ihre guten Wünsche nach, denn -sie billigte im innersten Herzen den Schritt, den ihre Mieterin getan -hatte. Sie ahnte nicht, daß ein böses Geschick den Brief tief im Grunde -eines Postsackes festhielt, viele, viele Wochen lang. - -Ein paar Tage später stürmte Raoul am Nachmittag hastig und aufgeregt -in das Zimmer. »Mama,« rief er, »Herzensmama, denke doch, ach denke -doch, welch ein Glück mir widerfahren ist!« Er umschlang stürmisch -die bleiche Mutter, und an ihr vorbeisehend, damit sie ihm nicht in -die Augen blicken konnte, denn die sahen gar nicht glücklich aus, -erzählte er hastig: »Der Meister war mit mir beim Advokaten Schnabel -in der Burgstraße; dem ist sein junger Schreiber davongelaufen, und -der Meister meinte, schreiben könnte ich so gut wie er backen. Wir -sind also hingegangen, und der Herr Advokat hat uns vorgelassen. Der -hat gleich geschrieen: >Das ist ein Kind, der ist zu jung, zu jung, zu -jung, 's ist nichts damit!<« - -Bei der Erinnerung an diese Szene kam in Raouls Augen nun doch das -Lachen. Er blickte seine Mutter froh an, als er fortfuhr: »Meister -Käsmodel hat sich einfach auf einen Stuhl gesetzt, und allemal, wenn -der Herr Advokat schrie: >Zu jung, zu jung,< hat er genickt, und -endlich hat er gesagt: >Alleweil jetzt, Herr Advokat, ist der Junge -schon etwas älter geworden, und Jugend hat noch nie jemanden geärgert, -höchstens das Altwerden.< Erst machte der Herr Advokat ein ganz -bitterböses Gesicht, dann fing er an zu lachen. Ich mußte schreiben, -das gefiel ihm, und nun, Mama, bin ich angestellter Schreiber und -bekomme -- zwei Taler vorläufig auf den Monat. Ist das nicht schön? -freust du dich auch?« - -»Sehr schön,« flüsterte Frau von Steinberg, »ich freue mich sehr, -mein guter Junge du.« Sie kämpfte krampfhaft die aufsteigenden Tränen -zurück, und Mutter und Sohn hielten sich lange umschlungen. Sie sahen -sich nicht in die Augen, denn jedes fürchtete den heimlich getragenen -Schmerz sehen zu lassen. Ein Freiherr von Steinberg, Enkel des Grafen -Turaillon, eines der vornehmsten Würdenträger am Hofe Ludwigs _XVI._, -ein Schreiberlein mit zwei Talern Monatsgeld. Der Mutter zog sich -das Herz zusammen, wenn sie daran dachte, und sie sah sich im Geist -mit dem geliebten Gatten an der Wiege ihres Kindes sitzen und hörte -wieder die so früh verklungene Stimme: »Mein Sohn soll einmal dem -Namen Steinberg Ehre machen,« und nun mußte dieser Sohn als armes -Schreiberlein ein kümmerliches Brot verdienen. - -Raoul sollte am nächsten Morgen bereits seine Stellung antreten. Die -Meisterin hatte ihm versprochen, sie wollte für seine Mutter sorgen, -aber er stand doch noch früher als sonst auf und fegte erst die Stube -aus, kochte fürsorglich die Morgensuppe für die Mutter und sich, und -dann eilte er rasch nach kurzem Abschied davon. Er hatte es nicht weit, -und geschwind lief er über den Marktplatz, bog in ein schmales Gäßchen -ein und langte bald in der Burggasse an. Dort kletterte er eilfertig -in einem uralten Hause zwei enge Treppen empor und zog die Klingel an -Advokat Schnabels Wohnung. Eine Magd öffnete und brummte unwirsch: -»Jemineh, der neue Schreibbursche! Nee, so'n Dreikäsehoch aber auch! Da -hast'n Besen, nun kehre mal flink die Schreibstube aus. Rasch, rasch, -tummle dich, sieh nicht erst 'n Loch in die Türe!« - -Raoul stieg das Blut in das Gesicht. Er war ein stolzer, kleiner -Bursche, und es demütigte ihn tief, daß er solche Dienste verrichten -sollte und sich von der Magd so grob anfahren lassen mußte. Am liebsten -wäre er gleich umgekehrt, aber er preßte die Lippen fest aufeinander, -um nicht eine patzige Antwort zu geben. Das Zimmer, das er betrat, -lag nach dem Hof hinaus, die graue Rückwand eines Hauses nahm jede -Aussicht, nur wer sich weit aus dem Fenster bog, der konnte den Turm -der nahen Thomaskirche aufragen sehen. Einen Augenblick blieb Raoul -unschlüssig an der Türe stehen und überschaute den Raum, der ihm -fortan tagaus, tagein Aufenthaltsort sein sollte. Bis zur Decke hinauf -krochen die Ständer, angefüllt mit dicken Aktenbündeln, ein paar von -Tintenflecken übersäte Tische standen dicht an den Fenstern, deren -Scheiben gewiß lange nicht geputzt waren. Seufzend begann Raoul mit dem -Auskehren, er dachte dabei immer nur: Zwei Taler, zwei Taler, wie wird -sich die Mutter freuen! - -Er war noch nicht mit seiner Arbeit fertig, denn Staub und Schmutz -lagen dick in allen Winkeln, als die Türe mit einem lauten Krach -geöffnet wurde und zwei noch junge Männer hereinkamen. Der eine war -lang und dünn, sein Gesicht, seine Hände, sein Anzug sahen grau, -ungewaschen und ungebürstet aus; der andere war klein, verwachsen, er -hatte etwas Zartes, Sanftes in seiner ganzen Erscheinung. Der Lange -schaute Raoul von oben bis unten an; er kniff dabei die Augen zusammen, -und der Knabe erschrak vor dem unangenehmen Ausdruck des Gesichtes. -»He, ist er der Neue, wie heißt er denn?« - -Raoul sagte ruhig seinen Namen, ohne den Adel, den er auf Wunsch des -Advokaten selbst nicht nannte, und sah dabei mit seinen schönen, -dunklen Augen offen zu dem langen Schreiber empor. Der grinste und -schrie dem Verwachsenen zu: »Ein halber Franzos! Du Napoleonfresser, -das ist was für dich, hihihi! Da, junger Dachs, nehm er meinen Rock, -mein Schreibkittel hängt dort im Schrank. Flink, er weiß wohl gar -nicht, was sich gehört?« - -Der Verwachsene war still an den Schrank getreten, hatte einen -abgeschabten, zerflederten Rock herausgenommen, der so schmutzig -war, daß Raoul sich ekelte, ihn anzugreifen. Den reichte er dem -Knaben, damit er ihn dem Langen brächte, er selbst zog sich ein paar -Schreibärmel über, und da gleichzeitig im Nebenzimmer Schritte laut -wurden, eilten die Schreiber an ihre Plätze. Der Lange, der Paul -Neumann hieß, wies Raoul grob einen Platz neben sich an, aber kaum -saß der Knabe und hatte begonnen, mit dem Gänsekiel ein Aktenstück -zu kopieren, als ihn sein Nachbar anfuhr: »Trag das hinüber, flink, -marsch! Er schläft wohl?« - -Da schrak Raoul so zusammen, daß ein dicker Klecks auf sein Papier -tropfte, und ein Hagel von Scheltworten brauste auf ihn herab. Er hörte -Worte, die er noch gar nicht kannte, die roh und gemein in seinen Ohren -gellten. Er war froh, als ein paar Leute kamen und der lange Schreiber -in das Nebenzimmer gerufen wurde. Den ganzen Vormittag ging das so -fort: einer nach dem andern kam, und Paul Neumann lief wichtig hin und -her, er war einmal von unterwürfiger Höflichkeit zu den Klienten seines -Herrn, das andere Mal grob und hochfahrend, dann wieder vertraulich, -machte alberne Späße, je nach Rang und Stellung der Kommenden. - -Der kleine Verwachsene, Karl Wagner genannt, blieb immer ruhig an -seinem Tisch sitzen und schrieb emsig. Raoul, der die Arbeit des andern -übersehen konnte, staunte, wie schnell sich in schöner, klarer Schrift -Wort an Wort reihte. Der Verwachsene sprach nichts, nur ein paarmal -warf er seinem jungen Genossen einen guten, freundlichen Blick zu, -einen, der zu trösten und aufzumuntern schien. Aber dennoch war es dem -Knaben, als schlichen an diesem Tage die Stunden unendlich langsam -dahin, und er atmete erleichert auf, als mit tiefem Dröhnen der Schall -der Mittagsglocke in die Schreibstube hineintönte. - -Raoul hatte gemeint, er würde nun eilig davonlaufen können und mit -der Mutter die karge Freistunde genießen; das gab es aber nicht. Erst -mußte er noch für Paul Neumann einen Gang tun, und es waren schon zehn -Minuten seiner Freizeit verronnen, ehe er heimwärts laufen konnte. -Dann rannte er freilich wie der Wind, und heiß und atemlos kam er oben -im Mansardenstübchen an. Kaum sah er der Mutter in das liebe, sanfte -Gesicht, da wurde es ihm auch wieder leicht ums Herz, und ganz heiter -erzählte er von seinem ersten Vormittag als Schreiberlein. Ja, nun er -nicht mehr in der Schreibstube saß, erschien ihm alles, was er gesehen -und erlebt hatte, recht lustig und abwechslungsvoll zu sein, und er -schwatzte so munter drauf los, daß ein Lächeln das Gesicht der Mutter -verklärte. - -Aber waren die Vormittagsstunden wie Schnecken dahingeschlichen, so -raste die Freistunde vorbei wie ein wild gewordenes Pferd. Es hieß -wieder scheiden, und Raoul nahm zärtlich Abschied. Er rannte zurück, -und als er das graue Haus in der Burgstraße wieder betrat, war es ihm, -als sinke eine schwere, schwere Last auf ihn herab. - -Mit der Arbeit schien es am Nachmittag, solange der Advokat selbst -nicht in seinem Zimmer war, gar nicht eilig zu sein. Karl Wagner -schrieb zwar still und unverdrossen weiter, aber der lange Neumann -hatte die Feder hinters Ohr gesteckt und redete laut von allerlei, -und Raoul mußte ihm zuhören und antworten. Der Schreiber gehörte zu -jenen, die in kriechender Schmeichelei Napoleon huldigten; er hatte -sogar ein Gedicht angefangen, in dem er seinen Helden verherrlichte, -zu seiner großen Betrübnis wollte ihm aber das Dichten nicht gelingen. -»Kannst von Glück sagen, Bursche,« meinte er an diesem Nachmittag mit -herablassendem Grinsen, »daß du einen französischen Vornamen hast. Ist -doch was Feines! Aber ich, wenn ich auch nur einen elenden deutschen -Namen führe, habe doch einmal den Kaiser gesehen, habe ihn gegrüßt und -er hat mir gedankt! He, was sagt er zu der Ehre, Musjeh? Bewunderst ihn -auch, gelt?« - -»Ich? Nein,« schrie Raoul. Er war jung und unbesonnen und wollte gerade -rasch und heiß seine Verachtung aussprechen, als ihn Karl Wagner ganz -scharf anrief: »Reich mir dort den Aktenstoß her! Schnell, scheinst mir -ein rechter Faulpelz zu sein!« - -Erschrocken sprang Raoul auf, von dem sanften Genossen hatte er einen -so groben Anruf nicht erwartet, und holte hastig das Gewünschte herbei. -In diesem Augenblick ertönte nebenan eine Stimme, und der Advokat rief: -»Neumann, die Akten Müller gegen Hohmann!« - -Der Lange raffte geschwind ein Aktenbündel zusammen und entschwand -im Nebenzimmer, Karl Wagner aber zog Raouls Kopf zu sich herab und -flüsterte: »Halt deinen Mund, Junge, und hüte dich vor dem Neumann, -sag' nichts gegen Napoleon!« - -»Aber ich hasse ihn doch, er ist ein Tyrann, er --« Raouls Augen -flammten; er war es nicht gewöhnt, seine Gedanken und Gefühle zu -verschweigen. Daheim und bei Meister Käsmodel durfte man schon ein -freies Wort sagen. Aber der Verwachsene legte ihm rasch die Hand auf -den Mund: »Schweig, mein Kind, wir müssen stille sein und warten, bis -die Zeit kommt. Und sie kommt,« fügte er hinzu; seine graublauen Augen -leuchteten begeistert, das blasse kümmerliche Gesicht erstrahlte und -schien dem Knaben auf einmal seltsam schön und anziehend zu sein. Er -hätte gern noch mehr mit Karl Wagner gesprochen, aber der lauschte eine -Sekunde nach dem Nebenzimmer hin und sagte dann leise: »Geh an deine -Arbeit.« - -Als kurze Zeit darauf der lange Neumann in das Zimmer trat, herrschte -tiefe Stille. Die beiden schrieben eifrig, und Karl Wagner schien seine -mißtrauischen Blicke nicht zu merken. Da der Advokat nebenan blieb und -die Türe offen stand, konnte das Gespräch nicht fortgesetzt werden, -denn Paul Neumann war immer dann fleißig, wenn es sein Herr sah, war -der nicht daheim, rührte er keine Feder. - -Wieder schlichen die Stunden langsam, träge dahin, und Raoul sehnte den -Abend herbei. Dieser erste Arbeitstag war ihm bitterschwer geworden, -aber dennoch trat er auch am Abend heiter bei der Mutter ein. Er -schwatzte ein bißchen lauter und aufgeregter als sonst und ahnte -nicht, daß die Mutteraugen tief in sein Herz hineinsahen und hinter -aller erzwungenen Fröhlichkeit doch die Last sahen, die auf den jungen -Schultern ihres Kindes ruhte. - -Raoul dachte jetzt oft: Sind die Tage lang, und sind die Sonntage und -Abende kurz! Wenn er bei der Mutter saß und die fiebrige Röte aus -den eingefallenen Wangen kindlich für ein Zeichen wiederkehrender -Gesundheit nahm, oder wenn er mit Gottlieb lernte und sie sich -gegenseitig ihre Erlebnisse erzählten, dann war er glücklich und vergaß -die düstere Schreibstube und seines langen Genossen Quälereien. - -Paul Neumann hatte es, trotzdem Raoul schwieg, doch bald -herausbekommen, daß der Bube kein Kaiserbewunderer war. Seitdem quälte -und peinigte er ihn noch mehr, als er es sonst getan hätte. Der lange -Schreiber war wohl unendlich demütig zu denen, die über ihm standen, -aber er ließ gleich alle seine Roheit aus an denen, über die er Gewalt -hatte, denen er befehlen durfte. Er war in der Schreibstube der Erste, -und es half Karl Wagner nicht viel, wenn er Raoul in Schutz nahm; -nur ganz heimlich durfte er dem Knaben helfen. Sah Paul Neumann das -Einverständnis, dann rächte er sich und jagte Raoul hin und her, -namentlich in der Mittagsstunde, und es kam oft genug vor, daß dem -Knaben nicht einmal so viel Zeit blieb, zur Mutter zu laufen und sein -Mittagbrot zu essen. - -Endlich kam aber doch der Tag, an dem Raoul seine ersten zwei Taler -nach Hause tragen konnte. Aber gerade an diesem Abend hielt ihn -Neumann mit allerlei Aufträgen zurück, und Minute auf Minute verrann. -Raoul zitterte vor Ungeduld heimzukommen, und er atmete erlöst auf, -als der Advokat selbst kam und noch einmal seinen ersten Schreiber -sprechen wollte. Da entwischte Raoul, obwohl er wußte, daß er es -morgen doppelt schwer haben würde. Wie der Wind jagte er die steilen -Treppen hinunter, die Burgstraße entlang, durch die Gäßchen über den -Marktplatz. Er jagte so, die beiden Taler krampfhaft in der Hand, daß -er den dicken Metzgermeister Mayer, der just zu einem Abendschöpplein -gehen wollte, beinahe über den Haufen rannte. Bums! stieß er an dessen -Bauch, es dröhnte ordentlich, und wütend holte der Meister zu einer -gewaltigen Ohrfeige aus, aber hui, ging die in die Luft, denn Raoul -war schon fort, die dunklen Laubengänge des Rathauses verbargen ihn -den zornigen Blicken des Meisters. Atemlos kam er oben an. Die letzten -Stufen der steilen Treppe hastete er so empor, daß er beinahe wieder -hinuntergefallen wäre, und dann stand er vor seiner Mutter und hielt -ihr stumm, glückstrahlend die beiden Taler hin. - -Frau von Steinberg nahm sie wortlos, und wortlos umschlang sie -ihr Kind, und Raoul fühlte, wie heiße Tropfen auf seine Stirne -niederrannen. »Mama,« flehte er bang, »Mama, freue dich doch!« - -»Ich freue mich, mein lieber, tapferer Junge du,« hauchte die Frau, -kaum fähig, sich noch aufrecht zu halten. Ein Schwindel überfiel sie, -und der Knabe mußte sie stützen und auf ihren Stuhl zurückleiten. »Bist -du wieder krank?« forschte er angstvoll, »soll ich die Frau Meisterin -heraufholen?« - -»Nein, nein, ich bin gesund, ganz gesund, nur die Freude war es -- -allein die Freude,« murmelte die Mutter und strich liebkosend über -ihres Kindes braunes Gelock. »Gott segne dich, mein Sohn, du mein -Glück!« - -Viel später dachte Raoul noch oft an diese Stunde zurück, an diesem -Abend ließ die Freude, daß der erste Monat vorbei war, die ersten zwei -Taler errungen waren, keine trüben Gedanken in ihm aufkommen. Er war -sehr vergnügt, vergaß alle Quälereien des langen Schreibers und brachte -mit seiner Heiterkeit zuletzt auch die Mutter zum Lachen. -- - -Weil es Frau von Steinberg jetzt so schwer fiel, die Treppen zu -steigen, kam nach dem Abendbrot noch oft die Meisterin hinauf, -mit einem Eimerchen glühender Holzkohlen beladen. »Weil es unten -sonst unnütz verbrennt,« sagte sie jedesmal entschuldigend, damit -die Hausgenossin nur ja nicht merken sollte, daß sie immer darnach -trachtete, ihr eine warme Stube zu verschaffen. Auch Gottlieb folgte -der Mutter an diesem Abend, und nach einem Weilchen tappte selbst -Meister Käsmodel die Stiege herauf, und alle drei bewunderten ehrlich -und herzlich den verdienten Reichtum. - -»Aus dem wird allweil noch mal was,« sagte der Meister schmunzelnd zu -Frau von Steinberg, »das ist gute Art.« - -Dankbar sah die Mutter zu dem biederen Manne auf; die Freude über ihren -Sohn, die feste Zuversicht, daß er eines tüchtigen Vaters Ebenbild -werden würde, ließ sie an diesem Abend heiterer in die Zukunft sehen. -Ein heller Glanz kam in ihre Augen, ihr Lachen mischte sich leise und -froh in das der anderen, und die Meisterin sagte nachher zu ihrem Mann: -»Vielleicht irrt der Doktor sich doch, und Frau von Steinberg wird -gesund.« - -Daß nach einem frohen Abend nicht immer ein heiterer Morgen folgt, -merkte Raoul am andern Tag. Als er ging, schien ihm die Mutter wieder -schwächer und matter als sonst zu sein, und als er das Schreibzimmer -betrat, kam es ihm auch noch düsterer und dumpfiger vor als sonst, -denn draußen braute ein dicker Nebel, und nur karges Licht fiel in -das Gemach. Grau wie der Nebel draußen war auch Herrn Paul Neumanns -Laune: er war an diesem Morgen entschieden mit dem linken Fuß zuerst -aufgestanden. Die Magd, zu deren Tugenden die Ordnung nicht gehörte, -hatte vor der Türe einen Wischlappen liegen lassen, über den stolperte -der lange Schreiber in das Zimmer hinein, und bei dem Versuch, sich -an einem Stuhl festzuhalten, plumpste er mit samt dem Stuhl um und -rutschte, so lang er war, in das Zimmer hinein. - -Diesem bösen Anfang folgte eine Flut von Schimpfworten, die alle Raoul -galten. »He, er spitznasiger, eingebildeter Zierbengel er, warum ist -er gestern abend weggelaufen, he? Er hat wohl die Faulkrankheit, was? -Denkt wohl, so ein Sündengeld verdient man mit Herumvagabondieren?« - -Raoul sagte kein Wort, er wußte genau, daß eine Widerrede oder der -leiseste Versuch, sich zu verteidigen, nur die Sache verschlimmern -würde. - -»Laß ihn sich austoben,« hatte einmal Karl Wagner geraten, aber an -diesem Morgen dauerte das Toben recht lange. Zum Unglück war der Herr -Advokat selbst nicht da, so konnte der lange Schreiber schimpfen und -schreien nach Herzenslust, und Raoul bekam so viele Schelte, so viele -harte Worte zu hören, daß es ihm war, als prassele ein Hagelwetter auf -ihn herab. - -Endlich, endlich, nachdem er dies hatte tun müssen und jenes holen, -konnte er sich an seinen Arbeitsplatz setzen. Eben setzte er an, -um zierlich und fein geschnörkelt einen Satz zu beginnen, als Paul -Neumann ihn unsanft an den Arm stieß. Ein Schrei, und über den großen -Aktenbogen rann eine dunkle Tintenflut. - -»Was hat er da wieder angerichtet, er Dummerjan?« schrie der Schreiber -wütend, aber da klang plötzlich ganz ruhig in das Schreien hinein Karl -Wagners Stimme: »Du hast ihn gestoßen, er kann nichts dafür!« - -Der kleine Verwachsene hatte zwar schon oft die Erfahrung gemacht, daß -seine Verteidigung dem armen Schreiberlein wenig nützte, er brachte es -aber nicht fertig, zu dieser Ungerechtigkeit zu schweigen, und just -wollte er noch etwas sagen, als eine mächtige Ohrfeige auf Raouls Wange -herniedersauste. »Will doch sehen, ob der nicht Strafe bekommt, der sie -verdient,« rief der Lange zornig. - -Mit einem Schrei war Raoul emporgefahren, Tränen der Wut und Scham -entstürzten seinen Augen. »Ich lasse mich nicht schlagen,« schrie -er, »ein Steinberg läßt sich nicht schlagen!« In leidenschaftlichem -Zorn wollte er sich auf seinen Peiniger stürzen, aber da fühlte er -sich von hinten festgehalten, und Karl Wagners ernste, graue Augen -sahen ihn mahnend, liebevoll an. »Sei ruhig!« und ganz leise, nur ihm -verständlich, klang es an sein Ohr: »Denk an deine Mutter!« - -Stumm senkte Raoul den Kopf. Die Mutter, ihre Freude gestern, sein -Stolz, seine Hoffnung, ihr immer mehr eine Stütze werden zu können, -- -alles fiel ihm ein. Er mußte still sein, aushalten, sein Amt durfte er -nicht verlieren. - -»Die Madame läßt sagen, das wär'n Lärm wie auf der Messe und nicht wie -in 'ne anständige Schreibstube, und sie würd's dem Herrn berichten,« -kreischte mit einemmal die Magd in das Zimmer hinein, und schwapp -krachte sie die Türe mit solcher Gewalt wieder zu, daß leise der Kalk -von den Wänden herabrieselte. - -»Da sieht er's, was er angerichtet hat,« knurrte Neumann, dem es sehr -unangenehm war, daß man drinnen in der Wohnung des Advokaten den Lärm -gehört hatte. Herr Schnabel pflegte in solchen Fällen nicht ihn allein -nach dem Grund zu fragen, und daß Karl Wagner nicht auf seiner Seite -stand, fühlte er. Darum hielt er es für besser zu schweigen, der Blick -aber, den er Raoul zuwarf, verhieß nichts Gutes für die Zukunft. - -Als der arme, kleine Schreiber zu Mittag heimeilen wollte, -- die -Schreibstube war trotz des Langen Zorn zu rechter Zeit geschlossen -worden, -- hielt Karl Wagner ihn fest. »Komm mit mir,« sagte er -freundlich. »Hast du ein paar Minuten Zeit?« - -Raoul nickte nur, er konnte nicht sprechen, die gewaltsam unterdrückten -Tränen erstickten ihn fast, und der Gedanke, so niedergeschlagen und -gedemütigt vor seine Mutter treten zu müssen, lastete schwer auf ihm. -Er war zum erstenmal froh, daß der Heimweg hinausgeschoben wurde, und -willig folgte er Karl Wagner in die nahe Thomaskirche, die dieser durch -eine Seitenpforte betrat. - -Die Kirche war völlig leer. Das trübe Licht des Nebeltages fiel nur -matt durch die bunten Fenster in den gewölbten Raum, den ein schönes, -sanftes Klingen durchrauschte. Jemand spielte die Orgel, der Kantor -von Sankt Thomas, Herr Müller, war es, wie Karl Wagner leise seinem -Schützling zuflüsterte. Vorsichtig, den Schall der Schritte dämpfend, -gingen die beiden bis in das Mittelschiff und setzten sich dort nieder. - -Raoul war noch nie in einer leeren Kirche gewesen, er hatte auch noch -nie ein so wundervolles Orgelspiel gehört. - -»Den Anfang, Mitt' und Ende, ach Herr, zum besten wende,« sang Karl -Wagner ganz leise die Worte des Liedes nach, das oben der Kantor -spielte. - -Immer rauschender und voller, wie Bittgesang und Dankesjauchzen -tönte es durch die Kirche, und ganz wundersam feierlich wurde es dem -armen, geplagten Schreiberlein ums Herz. Sein Kopf sank leise an die -Schulter des Verwachsenen, und die schmerzlichen Tränen, die er vorher -krampfhaft herabgeschluckt hatte, rannen und rannen, und als sie -endlich versiegt waren, da konnte er den Kopf wieder heben und wieder -frei und mutig um sich schauen. Er dachte an seine Mutter, an ihre -Freude gestern abend, und auf einmal schien ihm alles nicht mehr so -schwer zu sein. Ich ertrag's schon, dachte er mutig, es muß gehen, Mama -darf nichts merken! - -Ein Weilchen saßen die beiden Schreibgenossen noch still zusammen, bis -die letzten Töne verhallt waren und ein Klappen und Schließen oben -anzeigte, daß auch der fromme Spieler heimging. »Vielen Dank,« sagte -Raoul draußen und schüttelte herzhaft Karl Wagner die Hand, »es war -schön!« - -»Kannst du nun zur Mutter gehen?« fragte der Schreiber freundlich. - -Raoul nickte froh. »Sie soll nichts merken, bestimmt nicht. Ich -schluck's hinunter!« - -»So ist's recht, immer tapfer voran! Nach bösen Stunden kommen auch -gute. Nun Gott befohlen! Am Nachmittag sind wir allein, da wollen wir -zusammen fleißig sein und nachholen, was wir am bösen Morgen versäumt -haben,« sagte Karl Wagner und wandte sich rasch dem kleinen Haus im -Winkel des Thomaskirchhofes zu, in dem er wohnte. - -Einen Herzschlag lang sah Raoul ihm noch dankbar nach, dann lief er -eilig den vertrauten Weg entlang. Er flog fast, so geschwind ging es, -und die frische Luft kühlte ihm die heißen Wangen und Augen. Er kam -sehr vergnügt bei seiner Mutter an, und diese merkte nicht, wie schwer -der Morgen gewesen war. Nur Gottlieb erfuhr am Abend den Auftritt -in der Schreiberstube, und er geriet darüber in einen solchen Zorn, -daß er seine lateinische Grammatik aus den Boden warf. »Man muß ihn -verdreschen, aber feste,« schrie er. - -»Den langen Neumann?« Raoul mußte doch lachen; sein kleiner, stämmiger -Freund und der lange dünne Schreiber schienen ihm auch ein zu -ungleiches Paar zu sein. »Wie wolltest du das anfangen?« - -»Ach was, das krieg' ich schon fertig,« brummte Gottlieb, »David ist -mit dem Goliath auch fertig geworden. Freilich, merken dürft' er's -nicht, von wem die Dresche stammt, sonst geht dir's schlecht. Vater -sagt, Lehrjahre sind nicht Herrenjahre, und Ohrfeigen gehören dazu, die -müssen sein!« - -»Wenn's aber ungerecht ist,« rief Raoul finster, »nur aus Niedertracht, -dann« -- er seufzte, »ich muß doch still halten, um der Mutter willen!« - -»Ja freilich,« stimmte Gottlieb kleinlaut zu, »aber -- seine Dresche -kriegt er noch. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, sagte unser Geselle -immer, wenn er nicht alles auf einmal essen konnte. Er kriegt sie noch, -aber feste!« - -Mit dieser düsteren Prophezeiung trennte sich Gottlieb Käsmodel von -seinem bewunderten Freund. Wer dem was tat, dem war er gram, der sollte -sich vor ihm in acht nehmen. - -[Illustration: Dekoration Ende 2. Kapitel] - - - - -[Illustration: Dekoration Titel 3. Kapitel] - - - - -Drittes Kapitel. - -Abschiedsstunden. - - -Leicht hatte es Raoul von Steinberg wirklich nicht als Schreiberlein -mit zwei Talern Monatsgehalt im Dienst des Advokaten Schnabel. Es gab -Arbeit in Hülle und Fülle und Plackerei und Quälerei Tag für Tag. Der -lange Neumann suchte alles heraus, womit er den Knaben peinigen konnte, -und es kamen immer und immer wieder Stunden, in denen Raouls Mut zu -sinken drohte. Dann redete ihm Karl Wagner gut zu, und daheim tröstete -die Mutter zart und lind, denn es gelang dem Knaben doch nicht, ihr -all seine Kümmernisse zu verbergen. Mutteraugen sehen zu tief und -scharf, und Frau von Steinberg hatte lange gemerkt, ehe es ihr der -Sohn gestand, daß er kein leichtes Amt übernommen hatte. Ihr einziger -Trost war, daß es nur eine kurze Zeit dauern würde; sie meinte, die -Verwandten würden und müßten ihr doch antworten, ihr ihre Bitte -erfüllen. - -Doch die Tage wurden länger, der Frühlingssturm raste über das Land, -und schon hingen zarte, grüne Schleier über Busch und Baum, und so -sehnsüchtig Frau von Steinberg auch hoffte und harrte, kein Brief, -keine Antwort kam. Als der Sommer ins Land ging, erstarb endlich die -Hoffnung. »Man will meinem Kinde nicht helfen,« dachte sie bitter. In -dieser Zeit sprach sie einmal mit Meister Käsmodel, und nach dieser -Unterredung wurde sie ruhiger; der treue Mann hatte ihr das Versprechen -gegeben, nie ihren Sohn zu verlassen, wenn sich die Verwandten seiner -nicht annahmen. -- - -Es war an einem milden, warmen Sommertag, als Raoul von Steinberg -noch schwereren Herzens als sonst die Treppe hinabstieg, um nach -der Schreibstube zu wandern. Die Mutter war heute so seltsam bleich -gewesen, und so trat er, ehe er ging, noch an das Schiebefensterchen -und bat die Frau Meisterin, doch recht bald einmal nach ihr zu sehen. -Dabei huschte Gottlieb aus der Ladenstube heraus und schloß sich ihm -an. »Ich begleite dich,« sagte er kurz. - -»Hast du denn heute keine Schule?« fragte Raoul. - -»Nee, noch nicht, unser Lateiner ist krank, da fallen ein paar Stunden -aus,« gab Gottlieb sehr vergnügt zur Antwort. »Du, ich muß dir aber ein -Rätsel ausgeben: Wer ist der frechste Pferdedieb von Berlin?« - -Raoul sah etwas verdutzt drein, und Gottlieb prustete vor Lachen, dann -neigte er sich an das Ohr des Freundes und flüsterte: »Napoleon.« - -»Aber Gottlieb!« - -»Ja, det stimmt, sagt unser neuer Geselle, der ein Berliner ist, er hat -mir's gestern erzählt; sie nennen ihn so, weil er die Siegesgöttin samt -ihrem Wagen vom Brandenburger Tor weggemaust hat. Fein, was?« - -»Sehr fein,« lobte Raoul anerkennend, »den Gesellen muß ich sehen!« - -»Komm nur heute abend, der schimpft ordentlich auf den Pferdedieb.« -Gottlieb quiekte vor Lachen. »Wenn ich Pferdedieb sage, weiß keiner, -wen ich meine.« - -»Tu's lieber nicht,« riet Raoul. »Karl Wagner sagt, es sei -vernünftiger, seinen Mund zu halten, die Zeit sei noch nicht da.« - -»Ist auch gut,« brummte Gottlieb und reckte seine Gestalt, »ich will -erst so weit sein, um mal mitgehen zu können, denn wenn sie erst mal -den Pferdedieb verhauen, dann lauf' ich nach Preußen rüber, wenn es -hier stille bleibt.« - -Da waren sie beide am Haus in der Burgstraße angelangt, und Raoul lief -nach kurzem Abschied hastig hinauf, denn die Zeit war knapp, und wehe -ihm, wenn er noch nicht ausgeräumt hatte, wenn der lange Neumann kam. - -Gottlieb blieb vor dem Hause stehen. Er steckte die Hände in die -Hosentaschen und summte leise, ganz leise den Anfang eines Verses vor -sich hin, den ihm sein neuer Freund, der Berliner Geselle, beigebracht -hatte: »Warte, warte, Bonaparte!« Eigentlich meinte er just aber nicht -den Kaiser der Franzosen mit seinem: »Warte, warte!« sondern vielmehr -den langen Schreiber, seines Freundes Quälgeist. Als er den die Straße -entlang kommen sah, verschwand er geschwind im dunklen Hausflur, -drückte sich fest in eine Nische an der Haustüre und schob gerade in -dem Augenblick, in dem Paul Neumann die Stufen überschreiten wollte, -einen Stock vor. Der Lange stolpert, rutschte aus und fiel die Treppe -mit ziemlichem Gekrach hinauf. - -»Das bedeutet Glück,« schrie Gottlieb unten und entwischte so eilig, -daß der lange Schreiber nicht einmal mehr sehen konnte, wer ihn zu -Fall gebracht hatte. Der Bäckerbube ging sehr befriedigt zur Schule. -Strafe muß sein, dachte er, und mußte dann seufzend diese Erfahrung -an sich selbst machen, denn seinem Lehrer rutschte an diesem Tage beim -zweiundzwanzigsten Fehler die Hand einmal ordentlich aus und klatschte -derb auf Gottliebs Wange nieder. Das war bös und trübte beträchtlich -die Morgenfreude. - -Gottlieb Käsmodel ahnte nicht, daß er seinem Freund einen schlechten -Streich gespielt hatte, denn der Fall auf der Treppe hatte Neumann -ordentlich in Wut gebracht, und diese Wut mußte das jüngste -Schreiberlein büßen. Beim Eintritt schalt er gleich, es sei nicht -ordentlich aufgeräumt worden, dies sei nicht recht und das. Raoul mußte -noch einmal kehren, dann mußte er auf alle Aktenschränke klettern und -Staub wischen, und er atmete auf, als nebenan der Advokat eintrat. -Da wurde es stiller, und er konnte sich endlich an das Pult setzen -und schreiben. Er hatte ein endloses Aktenstück zu kopieren: zwei -Nachbarn hatten sich um einen Apfelbaum gezankt, von dem jeder glaubte, -er sei sein Eigentum. Nun waren die Männer alt und grau geworden, -wußten aber immer noch nicht, wem der Apfelbaum gehörte. Der Knabe -fand die ganze Sache herzlich langweilig, und trotz aller Mühe, die -er sich gab, machten seine Gedanken allerhand Kreuz- und Quersprünge. -Gottliebs Erzählung und seine Tat, denn er hatte schnell erraten, -daß der Missetäter unten im Hausflur sein Freund gewesen war, hatten -seine Gedanken abgelenkt; nun kehrten sie zur Mutter zurück, und eine -bange Angst quälte ihn. Es war ihm so seltsam unruhig zumute, daß er -unwillkürlich auf seinem Sessel hin und her rutschte. - -»An was denkt er denn? Kann er nicht ruhig sitzen?« schrie Paul Neumann -ihn plötzlich an. »So'n Trantiegel, so'n Tagedieb! Er schreibt ja, als -wär' er 'ne Schnecke. Zeige er mal her, gewiß hat er hundert Fehler -gemacht, und ich hab' nachher den Ärger.« - -Paul Neumann schrie absichtlich laut, damit es der Advokat nebenan -hören sollte, welchen Ärger ihm der Schreibbursche bereitete. Und -da er wirklich in der Abschrift einen Fehler entdeckte, brüllte er, -am liebsten möchte er die Arbeit dem Jungen um die Ohren schlagen; -zur Strafe müsse er über Mittag dableiben und die Sache noch einmal -abschreiben. - -Raoul zuckte zusammen. Heute, gerade heute, wo die Mutter so gebeten -hatte: »Komm schnell heim!« Er warf einen hilfesuchenden Blick auf -Karl Wagner, und der nickte ihm ermunternd zu. Wieder wie damals -in der Kirche, und seitdem oft in den Wochen, die vorübergegangen -waren, fühlte sich Raoul durch den ernsten, stillen Blick des kleinen -Verwachsenen getröstet. Der war ihm längst ein guter Freund geworden, -dem er all seine Sorgen anvertraute. Etlichemal war Karl Wagner auch -Sonntags bei Frau von Steinberg gewesen, und er, der einst ein Arzt -hatte werden wollen, aber um seiner Armut willen das Studium hatte -aufgeben müssen, wußte bald, daß seines kleinen Freundes Mutter kränker -war, als alle ahnten. Er fragte darum besorgt, als der Lange nach einem -Weilchen in das Zimmer des Advokaten gerufen wurde: »Was ist heute?« - -»Mama geht es nicht gut, sie bat so sehr, ich möchte heimkommen,« -flüsterte Raoul zurück. - -»Es wird schon gehen,« tröstete der Freund, und dann stand er auf, als -Neumann zurückkehrte, und klopfte an die Tür des Advokaten. - -»Was soll's?« schrie der Lange, »was will er drinnen?« - -Er erhielt keine Antwort auf seine grobe Frage. Still schloß sich -die Tür hinter Karl Wagner, und nach einigen Minuten kam er heraus -und sagte sanft: »Du sollst heimgehen, Raoul, hast heute frei, Herr -Schnabel hat es erlaubt.« - -»Da hört doch alles auf!« schrie Neumann empört. »Der faule Strick, -der Trantiegel soll frei haben? Nein, das leid' ich nicht!« Er -sprang wütend auf, aber Raoul hatte schon seine Sachen genommen -und war blitzschnell, mit einem dankbaren Gruß für seinen Helfer, -hinausgeflitzt. Er ahnte nicht, daß der kleine Schreiber es übernommen -hatte, auch noch seine Arbeit auszuführen, und ihm seine knappen -Freistunden opferte. - -Raoul überlegte überhaupt nicht viel an diesem Vormittag. Eine -unerklärliche Unruhe trieb ihn vorwärts, und auf seinem kurzen Weg, den -er wie immer im Trab zurücklegte, hatte er nur den einen Gedanken: Wie -froh wird Mutter sein, daß ich komme! - -Einen raschen Blick warf er unten durch das Schiebefensterchen in die -Ladenstube. Niemand war drin, und eilig hastete er die Treppe hinauf. -Oben wollte er stürmisch die Türe aufreißen mit dem Freudenruf: »Ich -bin da!« aber dann öffnete er sie doch ganz zaghaft und leise; wieder -war jene unerklärliche Angst über ihn gekommen. - -Als er eintrat, sah er die Meisterin am Bett sitzen. Die wandte sich -um, und nun sah er die Mutter. - -Mit einem Schrei stürzte der Knabe vorwärts, so bleich, so verändert -sah die Mutter aus. »Mama, o Gott, Mama,« flehte er, »was fehlt dir?« - -»Mein Junge!« Weit öffneten sich die Augen der bleichen Frau, und ein -Blick unendlicher Liebe, unendlichen Schmerzes traf den Knaben, der -an ihrem Bett niedergesunken war. »Du kommst -- gottlob!« Zitternd -tastete die Hand der Mutter nach ihres Kindes Haupt, schwer und kühl -sank sie darauf nieder: »Werde wie dein Vater! Gott -- segne dich!« - -Die letzten Worte klangen nur noch wie ein Hauch, aber Raoul hatte sie -doch verstanden. Angstvoll umschlang er die Mutter und flehte jammernd: -»Mama, Mama, ach, was fehlt dir?« - -»Mußt nicht so schreien, mein armer Junge,« sagte die brave Meisterin, -der dicke, dicke Tränen über die Wangen liefen, »sei tapfer und mach's -deiner Mutter nicht so schwer!« - -Raoul verstand nicht, was die Meisterin meinte, er hörte nur die -Mahnung, tapfer zu sein um seiner Mutter willen, da bezwang er sich -und streichelte nur zärtlich die weißen Hände. Unter diesem Streicheln -schlief die Mutter sanft ein, um nicht mehr zu erwachen, sie war -tot. -- -- -- - -Im dumpfen Schmerz der ersten Tage dachte Raoul gar nicht darüber nach, -wie einsam und verlassen er nun auf der Welt war. Er saß unten im -Bäckerstübchen. Gottlieb suchte ihn in seiner rauhen Art zu trösten, -die Meisterin war gut zu ihm wie eine rechte Mutter, und dem Meister -Käsmodel konnte es jeder, der ihn kannte, ansehen, daß er nur so -ein grimmiges Gesicht machte, um nicht zu zeigen, wie leid ihm sein -kleiner Hausgenosse tat. Er sorgte väterlich für den Knaben, ging -selbst zu Herrn Schnabel und sprach mit diesem, und die beiden Männer -kamen überein, es sei wohl am besten, wenn Raoul vorläufig weiter als -Schreiber arbeitete, bis von den Verwandten eine Antwort gekommen sei. - -»Ich schreib' selbst, schreib' ihnen aber mal richtig, wie sich die -arme Frau gequält hat,« sagte der brave Meister. Er grollte dem Herrn -von Steinberg von Herzen, weil er den Brief unbeantwortet gelassen, -den ihm seine Schwägerin in ihrer Not geschrieben hatte. - -Nach dem Begräbnis sprach Meister Käsmodel mit Raoul über seine -Zukunft. »Du bleibst bei uns, bis eine Antwort von deinem Oheim kommt, -und kommt keine, na, dann bleibst du alleweil erst recht, bleibst immer -bei uns. Ich habe deiner Frau Mutter selig versprochen, dich nie zu -verlassen, aber erst noch einmal an deinen Oheim zu schreiben. Sein -Versprechen muß man halten, sonst hätte ich wahrhaftig kein Wort an die -hochmütige Verwandtschaft da oben, wo sich die Füchse Gutenacht sagen, -geschrieben. So, und nun beiß die Zähne zusammen, zeige, daß du ein -Mann werden willst, so einer, wie dein Vater selig einer gewesen ist.« - -Da biß Raoul wirklich die Zähne zusammen und half am nächsten Tage -selbst die liebe, freundliche Mansardenstube räumen. Andere Mieter -sollten hinaufziehen, er kam zu Gottlieb in die Kammer. Die Bilder und -die wenigen Andenken an die Mutter verwahrte der Meister getreulich mit -dem Rest des Geldes für seinen Pflegling. Der stieg am nächsten Morgen -mit schwerem Herzen wieder zu der Schreibstube empor. Nun ihn nicht -mehr der Gedanke bewegte, er könnte mit dem verdienten Gelde seiner -Mutter die Sorgen erleichtern, erschien es ihm fast unerträglich, -weiter in dieser düsteren Schreibstube seine Tage zu verbringen. An -diesem ersten Morgen erlebte er aber eine große Überraschung: Paul -Neumann war kriechend freundlich gegen ihn, er tat, als wären sie -zusammen stets die allerbesten Freunde gewesen. - -Was hat er? dachte Karl Wagner, der erstaunt den Gefährten beobachtete, -Mitleid ist das nicht bei ihm! - -Daß es nicht Mitleid war, erfuhr er bald genug. Der lange Schreiber -hatte nun erfahren, woher Raouls Mutter gestammt hatte, und auf einmal -erschien ihm der bisher so verächtlich behandelte Knabe ein anderer -zu sein. Vielleicht lohnte es sich, dessen Vertrauen zu gewinnen, -vielleicht hatte er noch einflußreiche Verwandte in Frankreich, und -klug forschte und fragte er, wenn Karl Wagner nicht da war, nach den -französischen Verwandten. - -Raoul dachte: Ich tu ihm leid, weil meine Mutter gestorben ist, und so -wenig er auch den langen Gesellen leiden konnte, so erzählte er ihm -doch alles, was er wissen wollte. Er nannte den Namen seines Oheims -und sagte, daß dieser am Hofe des Kaisers zu Paris eine hohe Stellung -inne hätte. Als er später Karl Wagner sein Gespräch mitteilte, lachte -der und sagte: »Nun wirst du wenigstens nicht gequält werden. Vor einem -französischen Adelsnamen hat er Respekt; jetzt sieht er dich mit ganz -andern Augen an.« - -Da lächelte auch Raoul zum erstenmal wieder ein wenig und erzählte -seinem Freund Gottlieb die Geschichte. »Feiger Kriecher,« rief er -verächtlich, »er muß doch noch mal Dresche haben!« - -Weiter sprachen die Knaben nicht darüber, sie ahnten nicht, welchem -Plan der lange Schreiber nachhing. - -Jedesmal, wenn Raoul von seiner Arbeit zurückkehrte, zuckte es ihm in -den Füßen, in die Mansarde hinaufzusteigen. Dann stand er ein paar -Minuten still an der Treppe, und immer wieder überkam ihn von neuem -heiß die Sehnsucht nach der Mutter, und manche Nacht, wenn Gottlieb -schon schlief, lag er wach und weinte heiße Tränen. Er wurde immer -stiller und bleicher, und die Meisterin Käsmodel sagte manchmal -seufzend: »Der paßt nicht zu einem Schreiber, ganz sicher nicht.« - -»Allweil das tut er auch nicht,« rief Meister Käsmodel, »und wenn sich -die Verwandtschaft nicht bald rappelt, dann geh' ich aufs Gericht und -verlang' den Raoul für uns. Nachher mag er die leidige Schreiberei an -den Nagel hängen!« - -Doch dazu kam's nicht. An einem Spätsommertag erhielt Meister -Käsmodel einen dicken Brief von Herrn Wolf-Friedrich von Steinberg -auf Hohensteinberg. Der Freiherr schrieb selbst, und er schrieb so -herzlich, daß die Meisterin Käsmodel vor Rührung in eine Tränenflut -ausbrach und der Meister einmal über das andere schrie: »Allweil ein -nobler, guter Mann muß das sein, aber allweil die Knochen möcht' man -den Postleuten einschlagen, daß sie just so einen Brief verloren gehen -ließen.« - -Der Freiherr schrieb, er hätte den Brief seiner Schwägerin nie -bekommen. Auf seine schon vor Jahren, eingezogene Erkundigung nach dem -Tode seines Bruders habe er die Auskunft erhalten, seine Schwägerin -sei mit ihrem Kinde nach Frankreich gezogen. Er bedaure es tief, daß -er der armen Frau keine Stütze hätte sein können, ihr Sohn aber solle -in seinem Hause eine Heimat finden. Wenn es möglich sei, möchte der -Meister den Knaben jemand übergeben, der die Reise bis Berlin mache, -von dort würde ein Freund ihn in wenigen Wochen mit nach Hohensteinberg -bringen. - -»Na, dann ist's bald zu Ende mit dem Musjeh und uns,« brummelte der -Meister, »in drei Wochen muß er reisen.« - -»Ich wollte, ich könnte ihn behalten,« sagte die Meisterin leise, »aber -freilich, für ihn mag's besser sein. Wenn er doch bald heimkäme und die -Sache erführe!« - -Dieser Wunsch ging früher in Erfüllung, als sie ahnte, denn noch war -sie dabei, mit ihrem Manne die Sache zu bereden, als plötzlich Raoul -aufgeregt in die Ladenstube stürmte und schrie: »Frau Meisterin, mein -Onkel hat geschrieben, ich soll nach Paris kommen!« - -»Ja, biste allweil übergeschnappt? Nach Paris sollst du doch nicht -kommen, Junge; Junge, wo haste deine Gedanken?« fuhr ihn der Meister an. - -»Doch nach Paris und gleich!« - -»Aber Raoul, nach Hohensteinberg, das liegt da oben bei Rußland herum,« -rief die Meisterin nun auch. - -»Nach Hohensteinberg? Aber es steht doch in dem Briefe nach Paris, ich -hab' doch gelesen!« - -»Daß dich das Mäuschen beißt,« schrie der Meister verdutzt, »wie kann -er denn den Brief gelesen haben, wenn er ihn doch gar nicht gesehen -hat? Das ist allweil eine kuriose Sache!« - -»Aber, aber der Herr Advokat hat doch den Brief bekommen, von dem -französischen Gesandten in Dresden und --« - -»Nun schlägt's dreizehn!« Der dicke Bäckermeister fiel fast mit seinem -Stuhl um, so heftig setzte er sich nieder, und die Frau Meisterin sank -stöhnend auf einen Mehlsack. »Junge, Junge, was redest du da? Woher ist -der Brief?« - -Und Raoul erzählte. Von dem Bruder seiner Mutter war eine Anfrage nach -ihm gekommen. Der Onkel wollte ihn zu sich nehmen und ihn als seinen -Sohn erziehen lassen; morgen schon sollte ein Begleiter aus Dresden -eintreffen, der ihn nach Paris geleiten würde. - -»So,« murrte Meister Käsmodel, »na, da hat ja der Musjeh die Auswahl, -ob er in Deutschland bleiben will oder nach Frankreich gehen und -vielleicht um den Bonaparte herumscharwenzeln.« Dabei warf er dem -Knaben den Brief höchst unwirsch zu. Der las erstaunt. Eine tiefe Glut -überzog dabei langsam sein Gesicht. Da stand er am Scheidewege: des -Vaters und der Mutter Heimat, sie standen ihm beide offen, und größerer -Reichtum, höherer Rang, sie lockten aus Paris, denn Graf Turaillon -besaß keine Kinder, er hatte sich bereit erklärt, den Neffen als seinen -Erben zu erziehen. - -Aber gab es denn noch ein Besinnen da, wo die Mutter ihm selbst -den Weg gewiesen hatte? Raoul richtete sich auf, und seine dunklen -Augen blitzten. »Nein, Herr Meister, ich werde nie um den Bonaparte -herumscharwenzeln. Mein Vater fiel im Kampf gegen ihn, das vergesse ich -nicht: ich bin ein Steinberg und will ein Steinberg bleiben.« - -»Warte, warte, Bonaparte,« summte Gottlieb und schob sich in die Türe -herein, gerade als Raoul seine Antwort gab. Heisa, was war das? Er -drängte sich vor und schrie: »Soll's losgehen?« - -»Verflixter Bengel, muß er denn seine Nase allweil in alles stecken?« -schnauzte ihn der Vater an. Er sah aber nicht böse aus; sein finstres -Gesicht hatte sich aufgehellt, und er streckte Raoul froh die Hand -hin. »So ist's recht! Deine Frau Mutter selig hätte nicht anders -entschieden. Da heißt's nun freilich, sich zur Reise rüsten, hm, -allweil -- da hilft nichts.« - -Ein Besinnen kam Raoul. Der Brief, den ihm der Advokat vorgelesen -hatte, fiel ihm ein: morgen schon sollte der Begleiter kommen, der ihn -nach Frankreich bringen wollte, und hastig sprach er es aus. »Was wird -er sagen, wenn ich nicht mitgehen will?« - -»Na, wer nicht will, der will nicht,« entschied Gottlieb kaltblütig und -reckte kühn seine freche, kleine Stubsnase hoch. - -Dem Meister schien die Sache aber doch nicht so einfach zu sein, er -machte ein bedenkliches Gesicht und murmelte: »Dresden ist nahe, und -wenn der Herr Graf dort gute Freunde hat, dann könnte es sein, daß sie -den Raoul nach Frankreich schaffen, ob er allweil will oder nicht.« - -»Dann reiße ich lieber aus,« rief der Knabe empört, »mit Gewalt lasse -ich mich nicht nach Frankreich schaffen, nein, nein, nie!« - -»Ich reiß' mit aus, hurra, das --« klatsch fuhr die väterliche Hand -Gottlieb etwas unsanft auf den Mund, und der Schluß seiner Rede blieb -ungesagt. Da ihn die Mutter auch noch vorwurfsvoll ansah und leise -fragte: »Ja, hast du denn einen Grund zum Ausreißen?« zog sich der Bube -lieber etwas in den Hintergrund der Ladenstube zurück, die Sache mit -dem Ausreißen konnte er sich ja noch überlegen. - -Meister Käsmodel saß in tiefes Nachdenken versunken da. Vielleicht war -es am besten, er ging zu Herrn Schnabel und fragte den um Rat; aber -freilich, der Advokat war auch einer von denen, die sich ängstlich -hüteten, es mit einem Franzosen zu verderben. Und ein Zögern erschien -ihm, je mehr er die Sache überdachte, immer gefährlicher. - -»Ich setze mich in die Post und fahre geschwind fort,« drängte Raoul; -»ich will nicht nach Frankreich.« - -»Die Post nach Berlin fährt morgen früh, und erfährt es der Herr, dann -kann man dich im Preußischen allweil aufgreifen,« sagte der Meister -nachdenklich. Doch plötzlich fuhr er auf: »Potzwetter, jetzt fällt mir -etwas ein: Nachbar Koch fährt heute mittag nach Halle mit seinem Wagen, -der nimmt dich schon mit, und von Halle aus fährst du mit der Post -weiter, da merkt man's hier nicht; na, und nachher weiß ich ja nicht, -wo du gerade bist. Flink, Frau, tummle dich, rüste die Sachen, in einer -Stunde muß der Junge aus dem Hause sein.« - -»So schnell, du meine Güte, so schnell?« rief die Meisterin -erschrocken, und da kam es Raoul erst recht zum Bewußtsein, daß er -scheiden mußte von den Menschen, die ihm doch auf der weiten Welt am -liebsten waren. Die Verwandten, zu denen er reisen sollte, waren ihm ja -so fremd wie die Gegend, in der sie wohnten. Es war gut, daß alles so -schnell gehen mußte, da gab es keine Zeit zu Abschiedsgedanken; und daß -es recht war, wie es der Meister vorgeschlagen hatte, bestätigte Karl -Wagner, der kurz vor seines jungen Freundes Abreise in das Bäckerhaus -kam. Herr Schnabel hielt es für Raoul für ein großes Glück, daß sein -Onkel ihn zu sich nehmen wollte; er würde gewiß eine schnelle Abreise -verhindert haben, hätte man ihn darum gefragt. - -»Allweil, jetzt möcht' ich nur wissen, woher der gräfliche Onkel in -Paris auf einmal darauf kommt, um den Jungen zu schreiben,« fragte der -Meister. - -Karl Wagner lächelte ein wenig: »Neumann hat nach Paris geschrieben. Er -hat Raoul den Freundschaftsdienst erwiesen, weil er meint, es sei für -jeden Menschen am besten, ein Franzose zu sein.« - -»O, jetzt verstehe ich's,« rief Raoul, »er hat mich so genau um alles -gefragt, und darum war er gewiß auch so freundlich in der letzten Zeit. -Gestern sagte er auf einmal, er wolle mein Freund sein.« - -»Der muß noch mal Dresche haben,« knurrte Gottlieb wütend, »der ist so -falsch wie -- wie --« - -»Deine Rechenexempel, die stimmen auch nie,« sagte Meister Käsmodel -lachend. »Na, ich gönn' dem Musjeh die Enttäuschung. Aber nun los, -sonst fährt Nachbar Koch ab. Geschwind, zum Abschied ist allweil keine -Zeit mehr, kommt auch nichts dabei raus. Zieh mit Gott, Junge, und -vergiß nicht, was du deiner Frau Mutter selig gelobt hast, und vergiß -auch nicht, daß die Käsmodels dir allweil gute Freunde sind und bleiben -werden. Hier findest du immer einen Platz, eine Heimat, wenn du mal -nicht aus noch ein wissen solltest.« - -Draußen knallte eine Peitsche, ein langgezogenes Hoiho ertönte, Nachbar -Koch wartete vor seinem Hause. Da mußte nun wirklich eins, zwei, drei -Abschied genommen werden. Niemand kam mit vor das Haus, der Meister -meinte, es sei besser, nicht erst die Neugier der Nachbarschaft zu -erregen. Still huschte Raoul mit seinem Bündel hinaus, kletterte auf -den Wagen, und fort ging es durch die in mittäglicher Glut und Stille -liegenden Straßen. Noch einmal sah sich der Knabe um: da oben, da -waren die Mansardenfenster, da hatte die Mutter so oft gesessen. Ein -Schluchzen stieg in ihm auf, ein heißer, würgender Schmerz preßte ihm -das Herz zusammen, und einen Augenblick war es ihm, als müßte er vom -Wagen herabspringen und zurückeilen in das alte Haus, das ihm bis -dahin eine Heimat gewesen war. Aber er bezwang sich und schluckte -tapfer die Tränen hinab. Mama würde sich freuen, dachte er, sie hat -es sich so gewünscht. Er versuchte an die neuen Verwandten zu denken, -aber er konnte sich kein rechtes Bild von ihnen machen; seine Gedanken -wirrten durcheinander und kehrten immer, immer wieder in das verlassene -Bäckerhaus zurück. - -Mit finsterem Blick hatte Gottlieb den Freund scheiden sehen. Er zog -die Stirn ganz kraus und schob die Unterlippe trotzig vor, damit nur -niemand merken sollte, daß ihm der Abschied bitter schwer wurde. Dann, -als der Wagen nicht mehr auf der Straße zu hören war, entschlüpfte -er und eilte in die Burgstraße; dort in des Advokaten Schnabel Haus -stellte er sich wieder in den dunklen Flurwinkel und wartete, bis Paul -Neumann kam. - -»Schockschwerebrett!« schimpfte der, als er mit einem lauten Plumps -wieder die Treppe hinauffiel. Oben in der Schreibstube zeterte er sich -seine Wut vom Herzen herunter: »Ich möchte nur wissen, was das für ein -infamer Bengel ist, der mir im Hausflur immer ein Bein stellt. Na wehe, -wenn ich den erwische! Übrigens, wer weiß, wie lange es noch dauert, -dann bin ich die Sache los. Der Graf Turaillon wird mir schon Dank -wissen. Vielleicht, vielleicht reise ich auch nach Paris, dort werde -ich mehr werden als ein simpler Schreiber!« - -Während Paul Neumann so von seinem Ärger und seinen Luftschlössern -redete, schlenderte Gottlieb pfeifend und gemütsruhig über den -Marktplatz nach Hause. Er spürte gar keine Reue über seine Tat, leid -tat ihm nur, daß er Raoul nicht mehr den wohlgelungenen Streich -erzählen konnte. Brummig saß er dann lange in seinem Winkel, der Freund -fehlte ihm überall, und zuletzt spielte er sogar in der Verzweiflung -seines Herzens mit den beiden kleinen Schwestern, etwas, was er sonst -sehr unter seiner Würde hielt. Als aber das vierjährige Lottchen -fragte: »Kommt Raoul bald?« da warf er unsanft die Puppe hinweg und -stürzte davon. Er verkroch sich in der dunkelsten Ecke der Mehlkammer, -und dort heulte er so lange, bis der Schmerz von Hunger und Müdigkeit -abgelöst wurde und er einschlief. - -Am nächsten Tag, so um die dritte Nachmittagsstunde herum, sah -Gottlieb endlich, er lag schon lange auf der Lauer, einen feinen -Herrn das Haus betreten. Der ist's, dachte er, und schlüpfte eilig in -seinen Horcherwinkel hinterm Ofen. Es war auch wirklich der erwartete -Begleiter, ein eleganter, geschniegelter Herr. Mit unsäglichem Hochmut -schaute er sich in der Ladenstube um, und ein Mehlstäubchen, das auf -seinen Rock gekommen war, tupfte er hinweg, als hätte ein giftiges -Insekt da Platz genommen. Breitbeinig und fest stand Meister Käsmodel -vor dem jungen Mann und erzählte, Raoul sei als Wanderbursch nach -Ostpreußen gezogen; von dem Umweg über Halle sagte er freilich nichts. - -»Was?« schrie der Fremde, »der Neffe des Grafen Turaillon ist als -Wanderbursch davongezogen? Das ist ja empörend! Wie konnten Sie -das dulden? Sie werden es büßen müssen! Graf Turaillon wird sich -beschweren, daß man seinen Enkelsohn entführt hat. Sie sind ein Räuber, -ein Betrüger, ein -- --« - -»Allweil jetzt halten Sie den Mund,« sagte der Bäcker gelassen, aber -seine Augen blitzten drohend, und der schlanke, feine, junge Herr -wich unwillkürlich zurück. »Ich hab' der Frau von Steinberg mein Wort -gegeben, für ihren Sohn zu sorgen nach ihrem Willen, das hab' ich -gehalten, und von Ihrem Herrn Grafen ist nie die Rede gewesen. Was ich -getan habe, kann ich verantworten, und nun wär's nur recht, wenn Sie -sich mal mein Haus von draußen ansehen möchten, es nimmt sich ganz -stattlich aus. Ich muß in die Backstube, und allweil muß erst die -Arbeit kommen und dann das Vergnügen.« - -»Sie werden noch daran denken müssen,« schrie der junge Mann wütend und -verließ das Haus, aber Meister Käsmodel sah ihm ruhig nach. »Ich habe -allweil nur meine Pflicht getan, mag kommen, was kommen will!« - -Es kam aber nichts danach, nur ein paar Verhöre auf dem Rathaus, -bei denen Meister Käsmodel klipp und klar seine Tat verantwortete, -und ehe ein neuer Befehl aus Paris eintraf, war Raoul von Steinberg -längst in der Heimat seines Vaters angelangt. Paul Neumann aber saß in -grimmigster Laune an seinem Schreibpult, -- die schöne Hoffnung, nach -Paris zu kommen, war zerflossen wie eine Schneeflocke im Frühling. - -[Illustration: Dekoration Ende 3. Kapitel] - - - - -[Illustration: Dekoration Titel 4. Kapitel] - - - - -Viertes Kapitel. - -Auf Hohensteinberg. - - -Der Sommer rüstete sich bereits zum Abschiednehmen, weil er schon -überall an Hecken und Hängen, im Garten, auf den Feldern und im Walde -den Boten seines Bruders Herbst begegnete. Und weil die Sonne in -Freundschaft von dem ihr so lieben Sommer scheiden wollte und auch -dem Herbst einen guten Willkomm zu bereiten trachtete, strahlte sie -in allerbester Laune auf die Erde herab, und es gab warme, schöne -Tage. Am späten Nachmittag eines solchen sonnenhellen Tages rasselte -über den Marktplatz der kleinen ostpreußischen Stadt Langenstein eine -herrschaftliche Kutsche. Ein paar Kinder, die auf der Straße spielten, -starrten mit offenem Munde dem Wagen nach, und die Postmeisterin -Lebrecht schob neugierig das Schiebefensterchen in ihrer Wohnstube hoch -und sah hinaus. - -»Minettchen, sieh nur, die Frau Kammerherrin ist's wahrhaftig, die da -gefahren kommt. Rasch, Mariell, sieh nach, ob meine Haube sitzt, ich -muß dero doch meine Reverenz machen!« - -Die kleine, rundliche Frau eilte aus dem Zimmer, noch ehe Minettchen, -das blonde Postmeistertöchterlein, Zeit gefunden hatte, ihr Urteil -über den Sitz der mütterlichen Haube abzugeben. Draußen hielt auch -schon das Gefährt, neben seiner Gattin erschien der Herr Postmeister, -und ehrerbietig verneigte sich das Ehepaar vor den Insassen des -Wagens. Drinnen im Zimmer drückte Minettchen ihr Stumpfnäschen an -die Fensterscheiben und blickte voll Bewunderung auf die gnädigen -Fräuleins, die mit der Kammerherrin von Steinberg fuhren. Diese -selbst, eine große, stattliche Frau, saß kerzengrade aufrecht auf -dem Vordersitze des Wagens; ihr braunes Taftkleid, das, entgegen der -herrschenden Mode, noch von recht beträchtlicher Weite war, bedeckte -den ganzen Sitz. Der Großmutter gegenüber saßen schlank und jung, -eng aneinander geschmiegt, ihre drei Enkelinnen. Es wäre gegen alle -Schicklichkeit gewesen, hätte eines der jungen Mädchen neben der -Großmutter auf dem Vordersitz gesessen. Die Schwestern Gottliebe und -Gottlobe von Steinberg hatten ihre Base Karoline von Prillwitz zärtlich -in die Mitte genommen, denn das Bäslein war Gast und genoß alle -Vorteile eines gern gesehenen Besuches. - -»Hat er Postsachen für mich?« fragte die Kammerherrin den Postmeister -mit herablassender Freundlichkeit, der sich von der alten Dame noch das -»Er« gefallen ließ, das er so leicht keinem andern verziehen hätte. - -»Ei gewiß, Ihro Gnaden, aus Leipzig ist ein Päckchen gekommen, -spekuliere, es wird ein Buch sein,« gab der Postmeister zur Antwort und -begab sich eilfertig in die Schreibstube, das Gewünschte zu holen. - -Bei dem Wort »aus Leipzig« schauten die drei Mädels neugierig auf, und -über das Gesicht der alten Dame lief ein Schatten. Ihre Hände, die auf -dem Schoß gefaltet lagen, zitterten leise, aber sie beherrschte sich, -und die Postmeisterin bekam eine gnädige Nachfrage, wie es ihr gehe, -und ob ihr der Tee, den sie jüngst vom Gute geholt, auch gegen den -Brustkrampf geholfen habe. - -Die Auskunft lautete befriedigend, die dicke Frau Postmeisterin sah -auch blühend und gesund aus, trotzdem seufzte sie herzbrechend, als die -Kammerherrin sie fragte, wie es sonst noch gehe. - -»Unsereins kann ja nicht klagen,« sagte sie mit ehrlicher Betrübnis, -»bisher hat's immer noch in unserem Hause zugelangt, aber bei den armen -Leuten und draußen auf dem Lande, wie es da im Winter werden soll, das -weiß unser lieber Herrgott!« - -Ihr Mann, der wieder aus dem Hause trat, hatte die letzten Worte -gehört, und sein sonst so freundliches Gesicht verdüsterte sich. »Der -gnädigen Frau Kammerherrin braucht man nichts zu klagen, sie weiß, wie -groß die Not im Lande ist,« sagte er bitter, »und ehe wir nicht die -Franzosenwirtschaft los werden, gibt's keine Besserung.« - -»Mann,« schrie seine Frau erschrocken, »du redest dich noch um Kopf und -Amt.« - -Frau von Steinberg aber reichte dem Postmeister die Hand. »Wie er, -denkt heute jeder ehrliche deutsche Mann, ob er es sagt oder bei sich -behält.« - -Das Schelmenlächeln auf den Gesichtern der drei Basen, die mit dem -Minettchen Blicke getauscht hatten, erstarb jäh bei diesem ernsten -Gespräch, und alle drei schauten den Postmeister ehrfürchtig an: ein -Lob aus Großmutters Munde, das bedeutete noch etwas. - -Der Postmeister hatte die Blicke der jungen Mädchen bemerkt; er -räusperte sich ein wenig verlegen und reichte mit einer abermaligen -Verbeugung das vielfach versiegelte Päckchen in den Wagen hinein. - -»Vielleicht ist es ein Almanach, der etliche neue Modekupfer bringt, -an denen die gnädigen Demoiselles die neuen Moden, die man jetzo -trägt, adorieren können,« sagte er mit verschnörkelter, altmodischer -Höflichkeit. Er meinte, diese Art sei gar fein den vornehmen Damen -gegenüber, aber grob schnitt ihm die Kammerherrin die Rede ab: »Halt -er den Mund! Red er doch Deutsch, wie sein Schnabel gewachsen ist, und -setz' er den drei Gänsen, meinen Enkeltöchtern, nicht Flausen in die -Köpfe; sie sind schon eitel genug und denken mehr an Putz und Tand, als -es sich für die heutige Zeit gebührt. Und sie, Frau Postmeisterin, lebe -sie wohl; wenn sie Wurstgewürze braucht, dann kann sie sich welches -holen lassen. Schick' sie mir ihr Minettchen, sie soll sich aber ja -nicht wieder so aufputzen wie das vorige Mal; sie sah aus, als ginge -sie zum Erntekranz. Putz und Tanz sind unserer Zeit unwürdig. Und nun -Gott befohlen!« - -Die Pferde zogen an, und der Wagen rasselte davon; etwas verdutzt -sahen die Eheleute ihm nach. »Ja, ja, so ist sie einmal, immer rasch -und streng; aber gut ist sie doch dabei, und in der Not kann man sich -immer an die Steinbergs wenden, das ist was wert. Das Minettchen aber -soll mir nicht mehr mit den vielen Firlefanzbändern herumlaufen, -ich leid's nicht,« brummte der Herr Postmeister und ging wieder in -seine Schreibstube. Seine Frau kehrte in das Wohnzimmer zurück, und -das ahnungslose Minettchen bekam dort brühwarm die Schelte der Frau -Kammerherrin zu hören. Sehr beschämt beugte es sich über seine -Näharbeit und schickte dem verbotenen Putz manch heimlichen Seufzer -nach. - -Der Wagen rollte unterdessen auf dem Landwege dahin, der das Rittergut -Hohensteinberg mit dem Städtchen Langenstein verband. Hell strahlte -die Sonne auf kahle Felder herab, und der links an der Straße sich -hinziehende Laubwald schillerte in lichtem Goldgelb. - -In dem Wagen herrschte Schweigen, und die Großmutter sah düster auf -die Stoppelfelder am Wegrand; ach, sie hatten nur spärliche Frucht -in diesem Jahre getragen, so spärlich, daß das Gespenst des Hungers -schon vor vielen Türen stand, um sich mit dem Winter zugleich -einzuschleichen. Die drei Enkelinnen aber kämpften noch mit ihrem Ärger -über die großmütterlichen »Gänse«. - -Karoline von Prillwitz, deren Eltern in Königsberg lebten, -- -ihre Mutter war die einzige Tochter der Kammerherrin, -- verstand -weniger die Gedanken, die die Großmutter bewegten, als Gottliebe und -Gottlobe, die tagtäglich all das bittere Klagen um den ausgebliebenen -Erntesegen angehört hatten. Sie fand darum das tiefe Schweigen auch -recht langweilig. Sie seufzte einigemal, nicht zu sehr, damit es die -Großmutter nicht hörte, und spähte eifrig die Straße entlang. Kam -denn nichts und niemand des Weges daher? Als ein Bauer ankam und -ehrfurchtsvoll grüßte, schaute sich die neugierige kleine Städterin -so lange nach ihm um, als sie seine Gestalt noch verfolgen konnte: -dabei übersah sie fast einen schlanken, blassen Jungen, der an einer -Wegbiegung stand und träumend in die Weite blickte. - -»Heda,« rief der Kutscher, »aus dem Wege!« - -Der Knabe sprang zur Seite, er grüßte höflich, und in dem Blick seiner -Augen lag eine Frage: es war, als wollte er vortreten und sprechen. - -Die alte Frau von Steinberg war durch den Zuruf des Kutschers aus ihren -Gedanken aufgeschreckt. Auch sie sah nun den Knaben und verstand seine -stumme Frage. Da sie auch fast jedes Gesicht in der Gegend kannte, -fiel ihr ein Fremder sofort aus. Sie rief dem Kutscher ein Halt zu und -winkte gebieterisch den Knaben zu sich heran. - -Der folgte der Aufforderung. Unerschrocken sah er zu der alten Dame -auf, die ihn fragte: »Wohin will er?« - -»Nach Hohensteinberg.« - -Ein scharfer, prüfender Blick ans den hellen, klugen Augen überflog -das Gesicht des Knaben, und eine leise Unruhe trat in die Züge der -Kammerherrin. Etwas zögernd fast fragte sie weiter: »Zu wem will er da?« - -»Zu dem Freiherrn von Steinberg.« - -Sechs Mädchenaugen schauten neugierig, erwartungsvoll den kleinen -Fremdling an, und Gottliebes Lippen öffneten sich; aber das vorschnelle -Wort blieb ungesprochen, denn die Großmutter sprach wieder, und ihre -sonst so herbe Stimme schwankte ein wenig: »Wie heißt er?« - -Der Knabe wurde rot. Diesmal kam seine Antwort nicht so rasch, er -zögerte, aber dann sagte er doch so freimütig wie vorher: »Ich heiße -Raoul von Steinberg!« - -Ein dreifacher Aufschrei erfolgte, die blonden Mädels hopsten auf ihrem -schmalen Sitz hoch, und der Kutscher vergaß allen sonstigen Respekt vor -seiner Herrin. Er drehte sich um und rief mit breitem Grinsen: »Ne--in, -is doch nich meechlich, das Jungchen will --« - -[Illustration: Die Steinbergs. (Seite 60.)] - -»Halt er den Mund,« wies ihn die Kammerherrin zurecht, und zu dem -Knaben gewandt, sagte sie: »Steig er ein, er kann mitfahren. Rückt -zusammen, Mariellen, er hat noch Platz zwischen euch. Das Bündel nimmt -Heinrich auf den Bock.« - -Aber Raoul folgte der Aufforderung nicht, so verlockend es für ihn war, -seine müden Füße ausruhen zu können; die hochmütige Art verdroß ihn. So -verneigte er sich nur mit dem feinen, zierlichen Anstand, den er der -Erziehung seiner Mutter verdankte, und sagte höflich: »Ich danke sehr, -gnädige Frau, aber ich kann noch gehen!« Und ohne Besinnen nahm er -wieder sein Bündel über die Schulter und trabte die Landstraße entlang. - -Die Augen der alten Frau blitzten. Wie ein Wetterleuchten zog es über -das alte, herbe Gesicht, und ohne sich noch weiter um den Knaben zu -kümmern, rief sie: »Fahr er zu, rasch, laß er die Pferde laufen!« - -Heinrich folgte dem Befehl, und eine Minute später rollte das Gefährt -an Raoul vorbei. Eine Staubwolke umhüllte den Jungen, der noch einmal -stehen blieb und wartete, bis der Wagen einen weiten Vorsprung hatte, -dann schritt er weiter, nicht schnell, denn das Wandern fiel ihm -schwer, es war ihm ungewohnt, und ein Fuß war schon wund gelaufen. -- - -Raoul von Steinberg war glücklich mit Meister Koch nach Halle gekommen -und von da in tagelanger Postfahrt über Berlin bis nach Thorn. Von -hier aus war das Vorwärtskommen beschwerlicher gewesen. Er selbst -wußte nicht die rechte Richtung, die Posten gingen seltener und waren -besetzt, auch war seine Barschaft sehr zusammengeschmolzen. Meister -Käsmodel hatte selbst noch nie eine so weite Reise gemacht und hatte -gemeint, gar gut und reichlich für seinen Schützling gesorgt zu haben, -und es wäre ihm selbst wohl bitter leid gewesen, wenn er gewußt hätte, -wie mühselig dessen Reise war. Aber Raoul hatte sich schon in seiner -Jugend in mancherlei Widerwärtigkeiten schicken müssen, er kam durch, -lebte einfach, schlief in Scheunen und sah sich endlich dem Ziel seiner -Reise nahe. Etlichemal hatten Bauern ihn ein Stück des Weges für einen -freundlichen Dank mitgenommen, und er war gern gefahren; die stattliche -Dame aber in dem wohlhäbigen Wagen hatte ihm das Mitfahren doch zu sehr -als ein Almosen angeboten, und eine solche Behandlung wollte er sich -nicht gefallen lassen. - -»Ich komme schon hin,« dachte der Knabe mutig und schritt weiter, »lang -kann's nicht sein!« Und wieder wie in all den vergangenen Reisetagen -suchte er sich seine neue Heimat vorzustellen, und wie man ihn wohl -empfangen würde, und ob der Oheim dem Vater ähnlich sah. - -Endlich sah er das Gutshaus am Ende einer langen, schattigen -Lindenallee auftauchen: ein schlichtes, zweistöckiges, aber -umfangreiches Gebäude, an das sich links der Gutshof mit Scheunen und -Stallungen anschloß, rechts dehnte sich weit, von einer niedrigen -Lehmmauer umgeben, ein großer Park aus. An der Haustüre standen -der Freiherr von Steinberg, neben ihm seine Frau Maria, und beide -umdrängten die drei blonden Bäslein, die seit der Begegnung auf der -Landstraße es vor Neugier einfach nicht mehr aushielten, sich den neuen -Vetter näher anzuschauen. Joachim, der noch nicht ganz fünfzehnjährige -Sohn des Hauses, stand etwas zurück in dem weiten Hausflur. Er -wollte es nicht zeigen, daß auch ihn der unbekannte Vetter lebhaft -beschäftigte, denn er hatte es den beiden Schwestern und der Base mehr -als einmal gesagt, daß es ihm lieber wäre, wenn der Halbfranzose gar -nicht käme; eine rechte Sache würde das doch nicht mit ihm. - -»Die Großmutter tat recht, daß sie ihn auf der Landstraße stehen -ließ,« hatte er erklärt, als die Mädels sehr lebhaft ihre Begegnung -schilderten. - -Darüber waren die Schwestern tief entrüstet gewesen, denn sie empfanden -inniges Mitleid mit dem blassen Knaben. »Die Großmutter hätte ihn doch -mitnehmen sollen, ihm sagen, wer wir waren,« grollte Gottliebe. Sie -ahnte nicht, daß der alten Frau selbst schon ihr rasches Davonfahren -leid tat. - -»Wäre er doch endlich da, der arme Junge!« sagte die Hausfrau gerade -leise, als Raoul am Anfang der Allee auftauchte. - -»Dort kommt er,« riefen die Mädels, und als sie sahen, daß Vater und -Mutter schnell dem Ankommenden entgegengingen, taten sie es ihnen nach, -und so sah sich Raoul auf einmal von den neuen Verwandten umringt: man -hatte ihn erwartet, wußte von seinem Kommen. Er sah die Bäschen an -und errötete heiß, denn er erkannte sie gleich wieder, und zugleich -wußte er auch, ohne daß es ihm jemand sagte, daß die alte Dame seine -Großmutter gewesen war. Seines Vater Mutter! Er senkte stumm den Kopf, -und in die tiefe Freude, die ihn erfüllt hatte, als er endlich das -Heimatshaus seines Vaters erblickte, endlich am Ziel war, fiel der -erste bittere Tropfen. - -»Willkommen, mein Junge!« sagte der Oheim herzlich und hob das Gesicht -des Knaben zu sich empor. Ernst, traurig sah dieser ihn an, und das -gleiche Gefühl der Reue, das ihn ergriffen hatte, als Meister Käsmodels -Brief eingetroffen war, bewegte wieder des Freiherrn Herz. Er zog den -Knaben an seine Brust und sagte warm: »Gott segne deinen Eingang.« - -Frau Maria empfing den Neffen mit gleicher Herzlichkeit. Auch die -blonden Bäslein grüßten ihn froh, und schon wollte ein Gefühl der -Befreiung über Raoul kommen, als Joachim hinzutrat. Dieser, der ihn ein -beträchtliches Stück überragte, sah hochmütig, ja fast verächtlich auf -den in abgetragenen, verstaubten Kleidern steckenden Vetter herab. Wie -ein Betteljunge sieht er aus, dachte er, und dieser Gedanke stand so -deutlich auf seinem Gesicht, daß Raoul rasch die schon ausgestreckte -Hand sinken ließ. Vor ihm tauchte das derbe, gutmütige Gesicht seines -Freundes Gottlieb Käsmodel auf, und eine heiße Sehnsucht nach dem -Bäckerhaus wallte in ihm empor. - -»Nun, da ist ja der Wanderbursch, der das Fußlaufen angenehmer findet -als das Wagenfahren,« rief die Kammerherrin durch den Flur. Vor innerer -Bewegung klang die Stimme der alten Frau härter und herber als sonst; -sie mußte an sich halten, um das Kind ihres Sohnes, dieses Sohnes, um -den sie zahllose Tränen geweint und tausend Schmerzen gelitten hatte, -nicht weinend an ihr Herz zu ziehen. Raoul hörte nur die Härte, die -Herbheit heraus; er dachte nur daran, daß es die Großmutter gewesen -war, die ihn auf der Landstraße hatte stehen lassen. Unwillkürlich -raffte er sich zusammen und verbeugte sich dann höflich und küßte die -Hand der alten Frau, aber seine Lippen blieben fest geschlossen, und in -seine sonnenverbrannte Stirn zog sich eine tiefe, senkrechte Falte, die -seinem Gesicht etwas unendlich Hochmütiges, Trotziges gab. - -Genau so hatte sein Vater einst die Stirn gezogen, und in diesem -Augenblick glich er trotz den dunklen Augen und den dunklen Locken dem -Vater so auffallend, daß die Kammerherrin diesen zu sehen vermeinte. -Fast entsetzt starrte sie den Enkelsohn an, dann wandte sie sich stumm -ab und verließ wortlos, nicht so aufrecht als sonst die Halle, -- die -alten Wunden waren von neuem aufgebrochen. - -Frau Maria tat der arme, blasse Knabe leid. Sie zog ihn mütterlich -liebevoll an sich und sagte herzlich: »Nun komm aber erst in deine -Kammer, mein Kind, du wirst müde und hungrig sein. Heute sollst du Ruhe -haben, morgen erzählst du uns dann von deiner Reise und siehst dich in -deiner neuen Heimat um!« - -»Morgen soll er erst erzählen?« rief Gottliebe namenlos enttäuscht, die -schon immer vor Ungeduld von einem Bein auf das andere getreten war, -»ich platze ja vor Neugier!« - -»Dann wirst du wieder zusammengenäht, Mariell,« tröstete der Vater, -und das heitere Lachen, in das alle einstimmten, fand nun selbst -auf Raouls Gesicht einen schwachen Widerschein. Zum Erzählen war er -aber doch zu müde, und er war froh, als er im Bett lag und schlafen -durfte. Er schaute sich auch kaum noch in der freundlichen Stube um, -in die ihn Frau Maria führte, und deren sanfte Stimme sowie Gottliebes -zwitscherndes Lachen draußen aus dem Flur waren das letzte, was er noch -mit wachen Sinnen hörte, dann schlief er ein. Tief und fest schlief er -einem neuen Tage, einem neuen Leben entgegen. - -[Illustration: Dekoration Ende 4. Kapitel] - - - - -[Illustration: Dekoration Titel 5. Kapitel] - - - - -Fünftes Kapitel. - -Als Fremdling in des Vaters Heimat. - - -Als Raoul am nächsten Morgen spät erwachte, schien die Sonne hell in -sein Stübchen; in allen Winkeln lag das goldene Licht, und von seinem -Bett aus konnte der Knabe noch in die Krone einer dicken Kastanie -hineinsehen. Er lag ein Weilchen blinzelnd still, er mußte es sich -erst überlegen, daß er nun wirklich in Hohensteinberg, der Heimat -seines Vaters war. Dann aber sprang er eilig aus dem Bett, zog sich -den Sonntagsanzug an, den ihm Meister Käsmodel noch gekauft hatte, und -eilte die Treppe hinab. Er hatte es sich nicht recht gemerkt, wo das -Wohnzimmer lag, und als er Stimmen hörte, ging er dem Schall nach und -stand unversehens vor einer offenen Tür. In dem Gemach, das ganz wie -sein Stübchen von Sonnenlicht durchflutet war, saßen die Kinder des -Hauses beisammen mit ein paar jungen Gästen, die eben eingetroffen -waren: Arnold und Fritz von Berkow, deren Vater der nächste Nachbar -von Hohensteinberg war. Am Fenster saß die Großmutter, und neben ihr -stand ein großer überschlanker Mann, Pfarrer Josua Buschmann. Dieser -lebte auch auf dem Schlosse und versah zugleich neben seinem Pfarramt -das eines Lehrers der Steinbergschen Kinder. Das Pfarrhaus im Dorf -war 1807 in dem trübseligen, schweren Kriegswinter abgebrannt, und des -Pfarrers Weib war wenige Wochen später gestorben. Da war der einsame -Mann ins Schloß gezogen, um der Gemeinde nicht die Last aufzubürden, -ein neues Pfarrhaus bauen zu müssen. Er war mit den Berkows zusammen -gekommen, da er am Tage vorher über Land gewesen war. - -Niemand hatte Raoul kommen hören, und einige Sekunden stand er zögernd -und verlegen an der Türe, unschlüssig, was er tun sollte, als die -Stimme Arnolds von Berkow sich laut aus den andern hervorhob: »Sagt, -was ihr wollt, seine Mutter war doch eine Französin. Also ein halber -Franzose ist euer Vetter doch und kein Verlaß auf ihn!« - -Ein Schrei entrang sich Raouls Lippen, und plötzlich stand er mitten -im Zimmer, stand vor dem langen Jungen, der ihn um einen halben Kopf -überragte, und streckte ihm die drohend geballte Faust entgegen. »Meine -Mutter, meine Mutter« -- er konnte vor Empörung nicht sprechen, nur -seine Augen blitzten in wildem Zorn. - -Josua Buschmann sprang hinzu und zog den leidenschaftlich erregten -Knaben fort, die Großmutter gebot scharf: »Geht hinaus, ihr Buben!« und -einige Augenblicke später war Raoul allein mit der Großmutter, seiner -Tante und dem Pfarrer. Die Buben und die Bäslein hatten alle zusammen -das Zimmer verlassen. - -Frau Maria sprach freundlich zu ihm, auch die Großmutter sagte ein paar -Worte, aber Raoul war es doch, als hätte sich der helle Sommermorgen -auf einmal in einen grauen, trüben Regentag verwandelt, und nur mühsam -gab er auf alle Fragen Antwort. -- - -Raoul war mit einem Herzen voll Sehnsucht nach Liebe hergekommen, und -auf der langen, beschwerlichen Reise hatte er sich die heitersten -Bilder ausgemalt. Er hatte eine tiefe Dankbarkeit empfunden, daß er -kommen durfte, und dabei hatte er auch wieder mit ein bißchen Stolz -gedacht, daß die Verwandten sich gewiß recht freuen würden, daß er -Hohensteinberg gewählt hatte und nicht nach Paris gezogen war. Ein -grenzenloses Vertrauen zu der Mutter, dem Bruder seines Vaters war -in ihm aufgeblüht; alles wollte er ihnen sagen, sein ganzes Leben -schildern, und nun war es plötzlich, als habe sich da in seinem -Herzen eine Türe geschlossen. Wie zugeschüttet war alles durch das -eine unbedachte Wort. Er hatte es in seinem jungen Leben gelernt sich -zu beherrschen, und so gab er sich auch alle Mühe, niemand merken -zu lassen, wie es in seinem Herzen aussah. Kein Wort kam über seine -Lippen, wenn er nicht gefragt wurde, und wenn er antwortete, tat er es -so knapp und kurz, daß seine Verwandten wenig genug von seinem Leben -erfuhren. Warum er eigentlich so rasch von Leipzig abgereist war, ahnte -niemand in Hohensteinberg, niemand, wie tapfer Raoul für seine Mutter -gearbeitet hatte, und wie lieb ihm die Bäckerfamilie war. - -Nach ein paar Tagen hatten sich alle im Hause daran gewöhnt, daß -Raoul da war, daß er schweigsam am Tisch saß, und daß er arbeitete -und lernte. Kam er, merkte man es kaum, ging er, vermißte ihn -niemand. »Er ist langweilig,« sagten die Basen; Joachim nannte ihn -»verstockt, falsch, einen Franzosenfreund«, denn er grollte ihm, daß -um seinetwillen sein Freund Arnold eine derbe Rüge empfangen hatte. Er -ist wohl nur scheu, dachte Frau Maria, aber ihr Mann und seine Mutter -empfanden es bitter, daß der Knabe so anders war als sein Vater; sie -beide hätten so gern gut gemacht, was sie an Unversöhnlichkeit und -Härte an seinen Eltern verschuldet hatten. Er ist von anderer Art, -dachte die Großmutter schmerzvoll und verschloß auch ihr Herz vor ihm, -wenn ihr gegenüber der Enkelsohn immer stumm blieb, ja ihr sichtlich -aus dem Wege ging. - -Nur der Pfarrer Josua Buschmann ahnte etwas von dem stillen Leiden des -blassen Knaben. Er hatte ihn auf den Wunsch seines Onkels hin geprüft, -und er war erstaunt gewesen, wie viel Raoul wußte, obgleich er doch, -wie er selbst sagte, nie auf einer Schule gewesen war. Von dem Lernen -mit dem Bäckerbuben zusammen erzählte Raoul nie. In den ersten Tagen -nur hatte er einmal geantwortet: »Gottlieb hat mir das gesagt.« - -Man hatte im Garten zusammengesessen, und Gottliebe rief verwundert: -»Gottlieb, mein Namensvetter, wer ist das?« - -»Mein Freund,« gab Raoul kurz zur Antwort. - -»Wie heißt er denn weiter?« forschte Gottliebe neugierig, »erzähl doch!« - -»Er heißt Käsmodel, sein Vater ist Bäcker,« sagte Raoul mit leisem -Zögern. Er hätte gern noch mehr gesagt, denn auf einmal sah er deutlich -Gottliebs gutes, treues Gesicht vor sich, und die Sehnsucht, von ihm -sprechen zu können, erwachte jäh. - -»Käsmodel,« schrie aber Karoline, »Käsmodel, nein, so ein Name! Und -mit einem Bäckersohn hast du verkehrt?« Sie war ein etwas hochmütiges -Jüngferlein und schnell und unbedacht in ihrer Rede; der Name erschien -ihr auch so lächerlich, daß sie kichernd ihre kleine Nase hinter einem -Buch verbarg. Auch Lobe lachte laut: »Käsmodel, nein, Käsmodel! Wie -drollig!«-- »Käsmodel!« rief auch Joachim spöttisch, »und von dem hast -du was gelernt, von dem stammt deine Weisheit?« - -»Er ist mein Freund,« erwiderte Raoul herb, und wieder grub sich auf -seiner Stirn die senkrechte Falte ein, die ihn seinem Vater so ähnlich -machte. - -»Er ist gewiß sehr nett,« sagte Gottliebe schnell, der der Vetter leid -tat, und auch Pfarrer Buschmann fragte freundlich nach dem Freunde -und warf den Spöttern einen mahnenden, zürnenden Blick zu. Später -fragte auch Frau Maria, und selbst der Oheim erkundigte sich nach den -Bäckersleuten, aber Raoul gab immer nur kurze, ausweichende Antworten. -Sie spotten doch nur über meine Freunde, dachte er bitter. - -Er war durch diese Erfahrung noch scheuer geworden und fühlte sich bei -den Verwandten durch Worte verletzt, die er früher kaum beachtet hätte. - -Meister Käsmodel hatte oft herzhaft über die Franzosenwirtschaft -geschimpft, und nie hatten Raoul und seine Mutter sich gekränkt -gefühlt; jetzt auf einmal spürte der Knabe überall eine Feindseligkeit -heraus. - -Es wurde auf Hohensteinberg, als der Winter näher kam, viel von dem -kommenden Krieg zwischen Rußland und Frankreich gesprochen, der drohte, -und vor dem die Länder zitterten. An seinem Geburtstag, den 15. August, -hatte Napoleon dem russischen Gesandten so scharfe Worte gesagt, daß -alle den Krieg ahnten. Für Preußen war es durch die Mißernte des Jahres -ohnehin eine harte Zeit, wie würde es werden, wenn der Zug Napoleons -nach Rußland zur Wahrheit würde! Da ballte sich manche Faust heimlich -in der Tasche, und mancher tapfere Mann hätte lieber dreingeschlagen -als von einem Bündnis mit dem Eroberer gesprochen. Der König von -Preußen Napoleons Verbündeter! Wie ein Hohn erschien das vielen, und zu -denen, die des Landes Schmach mitfühlten, gehörte auch der Freiherr -von Steinberg. - -In der Wohnstube von Hohensteinberg wurde manches freie, kühne -Wort gesprochen, wenn die Berkows da waren und _Dr._ Martinsen aus -Langenstein, des Hauses alter Freund. Die Jugend des Hauses durfte -zuhören. »Sie müssen die Not unserer Zeit erkennen lernen, sie müssen -aufwachsen in der Sehnsucht nach Freiheit,« pflegte der Freiherr zu -sagen. - -Da war es Raoul aber manchmal, als stocke die Rede, wenn er dabei war; -und wenn ihm zuweilen in heißem Mitgefühl das Blut in die Wangen stieg -und er an seinen für das Vaterland gefallenen Vater dachte, da fühlte -er, wie die Großmutter oder der Oheim ihn prüfend ansahen. Warum wurde -er rot? Kränkten ihn die freien Worte? - -Und warum schweigt er immer? dachte Joachim und sagte es dann zu seinen -Freunden. - -»Er ist für die Franzosen, natürlich!« spottete Arnold. - -Den drei Knaben wäre es am liebsten gewesen, sie hätten gleich in den -Kampf ziehen können. Was die Väter sprachen, erschien ihnen zu kühl und -besonnen, und die Schwestern waren auf ihrer Seite. Die hatten auch die -Köpfe voller Kriegsgedanken, am meisten Gottliebe, die war ungeduldiger -und feuriger beinahe als die Buben. - -Gottliebe war Joachims Lieblingsschwester, sie genoß sein volles -Vertrauen, und die beiden hingen wie die Kletten zusammen. Die -sanftere, ein Jahr jüngere Gottlobe pflegte eine zärtliche, -schwärmerische Freundschaft mit Helene von Berkow, und seit Karoline -auf Hohensteinberg weilte, auch mit dieser. - -Seit Raoul gekommen war, gab es aber manchmal Streit zwischen Bruder -und Schwester. Gottliebe tat der Vetter oft leid, sie konnte keine -traurigen Menschen sehen. Weil sie wie der ferne Freund hieß, ruhten -Raouls schöne, dunkle Augen oft, ihm selbst unbewußt, voll Traurigkeit -gerade auf ihr, und Gottliebe fühlte, daß er litt, fühlte es wie -Pfarrer Buschmann, und sie versuchte es auch wie der Geistliche immer -wieder, des Vetters Vertrauen zu gewinnen. Sie suchte ihm kleine -Gefälligkeiten zu erweisen; gab er eine gute Antwort in den Stunden, -die sie gemeinsam hatten, dann rief sie wohl bewundernd: »Aber Raoul -ist klug!« - -Das verdroß Joachim. Der war begabt, aber er liebte es, mehr in Wald -und Feld herumzustreifen oder mit den Berkows kühne Luftschlösser zu -bauen, als eifrig zu lernen. Da mußte er dann sehen, daß der jüngere -Vetter ihn, trotzdem er viel weniger Unterricht in seinem Leben -empfangen hatte, manchmal überflügelte. »Natürlich, er ist ein Streber -und Heimlichtuer,« sagte er, aber daß die Schwester den Verhaßten -bewunderte, kränkte ihn tief, und manches scharfe Wort fiel darum -zwischen den Geschwistern. Es gab Streit und Tränen, und die schöne -Einigkeit war gestört. - -Pfarrer Buschmann hörte das Streiten. Er sah, wie die Geschwister -auseinanderkamen und Raoul doch einsam blieb, und versuchte zu -versöhnen, aber Joachim besaß einen echten Steinbergschen Trotzkopf, -der nicht so leicht zu brechen war. Je mehr der Pfarrer zum Guten -sprach, desto mehr fühlte sich Joachim auch von dem so geliebten -Lehrer zurückgesetzt und wurde auch gegen diesen mißtrauisch, sah mit -Eifersucht auf Raouls rasches Vorwärtskommen und zeigte dem immer -unverhohlener seine Abneigung. - -So gärte und brodelte es im engen Kreise wie draußen in der weiten -Welt, und darüber gingen die Tage dahin, und der Winter kam mit leisen -Schritten gegangen. Er kam hier in Ostpreußen früher als in Sachsen, -und er war schöner auf dem weiten, flachen Lande als drinnen in der -engen Stadt. Der Schnee fiel schmeichelnd weich, weiß und still. Er -lag bald in dicken Polstern auf den Dächern und Mauern, die Bäume -neigten ihre Äste unter der weißen Last, und bald mußten die Wege zu -den Scheunen und Stallungen und ins Dorf hinein geschaufelt werden. -In dieser Zeit wuchs aber auch die Not im Lande. Auf Hohensteinberg -freilich brauchte niemand Hunger zu leiden, und auch für die -Dorfbewohner sorgten der Gutsherr und seine Frau, so gut sie es nur -konnten. Doch der Klang der Not tönte auch von fern kommend in diese -friedsame Stille hinein, und Raoul dachte in dieser Zeit oft daran, wie -noch vor einem Jahr die Mutter gebangt und gesorgt hatte. Gar manchmal -mußten in dieser Zeit die Töchter des Hauses in das Dorf gehen und -den Kranken und Armen Speise aus der Schloßküche hintragen. An einem -Dezembertag rüstete sich Gottliebe zu einem solchen Gang. Sie tat es -gern, und die Dorfleute sahen sie gern kommen, denn wie ein lachender -Sonnenschein kam sie in die niedrigen Stuben. Als Gottliebe durch den -Hausflur ging, sah sie Raoul, und rasch bat sie: »Komm mit ins Dorf.« - -»Mit dir allein?« - -»Herr Pfarrer geht mit,« sagte Gottliebe und stellte ihren Korb an die -Haustüre, »er kommt gleich, wir müssen nur ein Weilchen warten. Kommst -du?« - -Raoul nickte und trat neben die Base, und diese, die nicht gerade zu -den Schweigsamen gehörte, erzählte ihm gleich: »Mutter schickt den -alten, kranken Jakobsleuten Essen. Dort hinten im letzten Haus beinahe -wohnen sie.« Da Raoul stumm blieb, fuhr sie lebhaft fort: »Ach, es muß -schrecklich sein, arm zu sein, Hunger zu haben!« - -»Sehr schrecklich ist's,« sagte Raoul, und die Falte grub sich in seine -Stirn. - -Gottliebe, der es plötzlich einfiel, daß Raoul und seine Mutter ja arm -gewesen waren, sagte schnell, aus tiefstem Herzen heraus: »Armer Raoul!« - -Das klang so kindlich lieb und herzlich, daß zum erstenmal wieder seit -langer Zeit über Raoul der Wunsch kam, von der Mutter, von Leipzig und -seinem Leben dort zu erzählen, aber es war, als wären ihm die Worte im -Munde eingefroren: er, der sonst so lustig hatte plaudern können, wußte -jetzt kaum noch etwas zu sagen. Doch Gottliebe schien seinen Wunsch zu -ahnen, und herzlich bat sie: »Sag mir doch was von deinem Gottlieb! War -er lustig?« - -»Sehr,« gab Raoul zur Antwort, »und gut und tapfer.« Da kam ihm aus -einmal das Erinnern an Gottliebs Zorn über den langen Schreiber, und er -lächelte in den Gedanken daran ein wenig. - -»Du lachst,« schrie Gottliebe erfreut, »dir ist was Vergnügtes -eingefallen. Ach, und so was höre ich doch furchtbar gern. Bitte, los, -erzähle, ich glaube, dein Gottlieb würde mir gefallen!« - -»Natürlich, Gottlieb und Gottliebe, der Bäckerssohn paßt gut zu dir,« -ertönte hinter den beiden auf einmal spöttisch Joachims Stimme, er war -lautlos im Schnee am Hause entlang gekommen. - -Ein heftiges Wort kam Raoul auf die Lippen, aber noch ehe er es -ausgesprochen hatte, rief Gottliebe schon empört: »Pfui, wie du bist, -Achim, wie hochmütig! Der Bäckerjunge, der ist gewiß sehr nett, -vielleicht viel, viel netter und besser als du! Ja gewiß, er ist -besser,« trumpfte Gottliebe noch auf, der im Zorn auch leicht Worte -entfuhren, die ihr nachher selbst bitter leid taten. - -Wortlos, blaß vor Wut drehte sich Joachim um und ließ die beiden -stehen, und als er gegangen war, kam Gottliebe die Besinnung, daß sie -mit ihrer Heftigkeit alles noch schlimmer gemacht hatte. »Ich bin zu -dumm!« klagte sie. »Nun ist Achim fuchswild, und dabei will er immer -recht sanft sein und alles gut machen und Frieden stiften und -- --« - -»Der Mund geht uns immer durch,« sagte Pfarrer Buschmann, der den -letzten Ausruf gehört hatte, »was hat's denn gegeben?« - -Treuherzig schilderte Gottliebe den Vorgang und stellte sich dabei -noch einmal das Zeugnis aus, daß sie sehr dumm sei. »Manchmal stimmt -es, aber nicht immer,« sagte der Pfarrer lächelnd und strich über die -glühenden Wangen des Mädchens, und dann ging sein Blick von dieser -hinweg zu Raoul, der finster in das weiße Land hinausstarrte. »Mußt es -nicht zu schwer nehmen, mein Junge. Joachim ist ein Sprudelkopf, aber -er kommt schon noch zur Besinnung.« - -»Wär' ich doch nie hergekommen!« rief Raoul. »Es wäre schon besser -gewesen, ich wäre nach .....« Er stockte, die Tränen stiegen ihm heiß in -die Augen; in diesem Augenblick fühlte er tiefer noch als sonst seine -Verlassenheit, und hastig drehte er sich um und eilte hinweg. - -Traurig sah ihm der Pfarrer nach. »Armer Junge!« sagte er, dann nahm -er Gottliebes Hand und schritt mit ihr dem Dorfe zu, und unterwegs -sprach er mit dieser von Raoul, und daß der so einsam sei. »Du willst -immer eine große Tat vollbringen, Gottliebe,« sagte er milde, »nun -sieh einmal, hier könntest du es vielleicht, du könntest mit Geduld -und Liebe Raouls Vertrauen zu gewinnen suchen und ihn mit deinen -Geschwistern, mit den Berkows versöhnen. Da mußt du freilich dich -selbst erst recht beherrschen lernen und darfst nicht verzagen, wenn es -nicht gleich geht. Willst du das?« - -Über Gottliebes Gesichtchen purzelten die Tränen nur so. »Ich will,« -rief sie schluchzend, »ach ja, ich will ja ganz gewiß ein leibhaftiger -Friedensengel werden, wenn's nur nicht so gräßlich schwer wäre. Hops! -habe ich immer alles vergessen, und ich glaube, ich platze, wenn ich -nicht sage, was ich denke.« - -Pfarrer Buschmann lächelte linde, der kleine, zukünftige Friedensengel -hatte doch noch recht viel zu lernen für sein Amt. »Mir scheint, -Mariellchen,« sagte er, »du platzt recht oft, mal vor Wut, mal vor -Neugier, mal vor Ungeduld, und schließlich werden wir doch einmal zu -Meister Schramm nach Langenstein fahren müssen und dir einen Reifen -umlegen lassen, oder die Flickmareike muß dich zusammennähen. Nimm dich -nur in acht, sonst sehen wir alle nie etwas von dem Friedensengel.« - -Halb lachend, halb weinend gelobte Gottliebe Besserung. »Ich geh -nachher gleich zu Achim und bitte ihn, er soll gut sein,« sagte sie, -»denn wenn er brummt, kann ich ihn doch nicht versöhnen, und zu Raoul -will ich schrecklich nett sein.« - -Nach ihrer Heimkehr fing Gottliebe gleich mit der Nettigkeit an, sie -raste in Joachims Zimmer und fand dort die Berkows. Das kümmerte -sie wenig. Mit einem lauten Schrei fiel sie dem Bruder um den Hals -und bettelte: »Sei wieder gut, ich hab's ja nicht böse gemeint, und -natürlich bist du viel, viel besser als alle andern.« - -Joachim wollte zwar brummen, es tat ihm aber doch sehr wohl, daß -ihn die Schwester in Gegenwart der Freunde so leidenschaftlich -um Verzeihung bat. Er vergaß rasch, daß er eigentlich den Zank -hervorgerufen hatte und die Hauptschuld trug, und sagte gnädig: »Na, -laß nur, Liebe, es ist schon alles wieder gut. Aber nun geh, wir haben -etwas zu besprechen. Vielleicht bekommt ihr Mariellen es auch bald zu -erfahren, es ist etwas sehr Schönes, sehr Hohes, sehr Wichtiges. Erst -müssen wir Männer es aber allein bereden.« - -Beinahe wäre Gottliebe nun vor Lachen über die »Männer« geplatzt, aber -sie bezwang sich, dachte an Pfarrer Buschmanns Mahnung und schlüpfte, -die Schürze vor dem Gesicht haltend, hinaus. Draußen kicherte sie -vergnügt hinter der Schürze und raste die Treppe hinab, dabei rannte -sie beinahe Jungfer Rosalie um. Die Jungfer war eine wichtige Person -in Hohensteinberg; sie waltete neben der Hausfrau in Haus und Hof und -nichts entging leicht ihren scharfen Blicken, keine Unordnung, keine -Nachlässigkeit blieb ungerügt. - -»Hui,« brummte diese, »verdreht!« Die ältere, sehr hagere Person -richtete sich nach dem Sprichwort: Reden ist Silber, Schweigen ist -Gold, und schien eine wahre Abneigung gegen Silber zu haben. Wenn sie -einmal mehr als zehn Worte hintereinander sagte, staunte das ganze -Haus. Trotzdem führte sie in der Küche ein scharfes Regiment, und wenn -sie ein Wort sagte, so war das oft so gut wie eine lange Strafpredigt. -Auch Gottliebe entfloh ihr heute eilig, die Jungfer hatte so grimmig -dreingesehen, daß es wohl besser war, nicht in ihre Nähe zu kommen. -Doch kaum war sie ein paar Schritte gelaufen, da fiel ihr ein, Jungfer -Rosalie könnte ihr doch einen Apfel geben. Diesen Apfel könnte sie -Raoul bringen, und Raoul würde sich darüber freuen, und dann würden sie -zusammen plaudern. Sie lief also hinter der Jungfer her, faßte sie am -Rockzipfel und bettelte: »Schenk mir einen Apfel!« - -»Jetzt?« Die Jungfer sah Gottliebe nur an, und hinter dem »Jetzt« -meinte diese zu hören: »Jetzt ist es gar keine Zeit, Äpfel zu fordern. -Äpfel sind Leckerbissen in dieser Zeit, und es ist sehr viel verlangt -und sehr unbescheiden, so mitten am Tage einen Leckerbissen zu -verlangen.« - -»Ach Jungfer Rosalie, zuckersüße Jungfer Rosalie,« flehte Gottliebe, -»es ist ja für Raoul, weißt du. Der arme Raoul ist traurig; Achim -war so garstig zu ihm, und ich glaube, der arme, arme Raoul ist sehr -unglücklich bei uns, und Herr Pfarrer Buschmann hat gesagt, ich möchte -doch ein Friedensengel sein.« - -»Schnapp!« knurrte die Jungfer, der die Rede viel zu lang war, aber -dann nahm sie ihr Schlüsselbund und suchte sehr nachdrücklich einen -Schlüssel, in dem Gottliebe sofort den zur Apfelkammer erkannte. Sie -lief, selbst erstaunt über ihren schnellen Erfolg, vergnügt hinter der -Jungfer her und erhielt auch wirklich den gewünschten Apfel, sogar -einen besonders schönen roten. Sie ahnte nicht, daß Jungfer Rosalie ein -tiefes Mitleid für den blassen Fremdling im Herzen trug. Sie bewohnte -nämlich die Kammer neben Raouls Stube, und schon manche Nacht war das -heiße, sehnsüchtige Schluchzen des Knaben an ihr Ohr gedrungen. Man muß -ihm gut tun, dachte sie, und sie war froh, daß Gottliebe den gleichen -Wunsch hegte. Sie drehte sich daher an der Tür noch einmal um und -sagte: »Recht, daß d' gut bist!« - -Zur selben Stunde sprach auch Josua Buschmann der Kammerherrin davon, -daß man Raoul gut tun müsse. Die alte Dame hörte ihn schweigsam an, -aber der herbe Ausdruck ihres Gesichts milderte sich nicht. Endlich -sagte sie kühl: »Ich glaube, Sie irren sich, lieber Buschmann. Der -Junge ist von anderer Art; er mag im Herzen doch mehr der Nation seiner -Mutter angehören und fühlt sich darum fremd hier. Das macht ihn still -und verschlossen.« - -Der Pfarrer schüttelte den Kopf und erzählte wieder, was Raoul -ausgerufen hatte. »Da klang ein tiefes Leid heraus. Ich weiß es nicht, -aber mir ist es schon manchmal seltsam vorgekommen, daß Raoul damals so -schnell kam, sich gar nicht nach der Anordnung seines Oheims gerichtet -hat. Vielleicht hatte er einen Grund.« - -Ein feines, kühles Lächeln umspielte die Lippen der alten Frau. »Lieber -Buschmann, Sie sind ein Idealist und sehen mehr in dem Jungen, als in -ihm steckt. Er ist ein Trotzkopf, das habe ich schon damals auf der -Landstraße gemerkt. Darin gleicht er seinem Vater, aber freilich,« sie -seufzte tief, »der war ehrlich und offen, und Raoul ist hinterhältig -und verstockt. Vielleicht hat die Umgebung, in der er gelebt hat, -auch einen schlechten Einfluß auf ihn gehabt, obgleich dieser Meister -Käsmodel in Leipzig brav und ehrlich nach seinen Briefen schien. -Ich will aber an Ihre Worte denken und mich meines Enkelsohnes mehr -annehmen. Vielleicht gelingt es doch, ihn mehr zu einem Steinberg zu -erziehen, zu einem echten deutschen Mann.« - -Der Pfarrer neigte still das Haupt. »Solche brauchen wir in dieser -Zeit, und vielleicht steckt in manchem ein Held, der stille seines -Weges geht, und die Zeit enthüllt wohl das Gute, das verborgen ist.« - -[Illustration: Dekoration Ende 5. Kapitel] - - - - -[Illustration: Dekoration Titel 6. Kapitel] - - - - -Sechstes Kapitel. - -Der Tugendbund wird gegründet. - - -Weihnachten kam und ging vorbei. Es war ein stilles Fest in diesem -Jahr, an dem die Sorgen nicht schwiegen. Teuerung im Lande und der -Krieg in Aussicht. Was sollte da erst werden, wenn die französische -Armee nach Rußland zog, wenn all die Tausende den Weg durch Deutschland -nahmen? Immer lauter klang die Frage, immer fühlbarer wurde allen die -Schmach, immer drückender empfand man das Joch der Fremdherrschaft. - -Hohensteinberg lag im Winterschlaf, und im Hause ging alles seinen -stillen Gang weiter. Raoul war noch immer ein Fremdling im Hause, -nur mit Gottliebe sprach er manchmal vertraulicher. Ihr hatte er von -Gottlieb erzählt und von der Mutter. Da hatte Gottliebe plötzlich ihre -Arme um seinen Hals geschlungen und gerufen: »Wie lieb muß die gewesen -sein!« Seitdem war Raoul dem Bäslein im innersten Herzen zugetan, und -wenn er es auch noch nicht fertig brachte, ihr von allem zu erzählen, -so gab es doch manche heimliche Plauderstunde zwischen beiden, und -Raoul empfand Gottliebes Freundschaft als besonderes Glück, und seitdem -ertrug er die offene Feindschaft Joachims etwas leichter. Auch zu -seiner Tante Maria und zu dem Pfarrer trug er eine stille Zuneigung im -Herzen, aber immer wieder verschloß ihm eine unerklärliche Scheu den -Mund, und die Großmutter sagte manchmal zürnend, wenn sie es in ihrer -herben Art wieder versucht hatte, Raouls Vertrauen zu gewinnen: »Der -ist doch von anderer Art.« Dann war sie so schroff und abweisend gegen -den Knaben, konnte ihn so hart anlassen, daß sie wieder zerstörte, -was Frau Marias Milde, Gottliebes zärtliche Freundschaft und Pfarrer -Buschmanns klare Güte nach und nach aufgeweckt hatten. Und wie die -Mutter dachte der Sohn; auch er wurde kühler und kühler gegen den -Neffen, auch er sagte oft. »Er ist von anderer Art.« - -Von Leipzig hatte Raoul noch keine Nachricht wieder. Er hatte -einmal an Gottlieb und Karl Wagner geschrieben, sein Brief hatte -traurig geklungen, und er hatte ihn lange liegen lassen, ehe er ihn -absandte. Als er dann fort war, dachte er freilich oft: Wenn sie doch -antworteten, mir erzählten, wie dort alles ist! Aber die Zeit verrann, -der Brief kam noch immer nicht. - -An einem Januartag war die Großmutter mit ihren Enkelinnen wieder -einmal in Langenstein gewesen, und sie kehrten von der Fahrt zurück, -als das erste leise Dämmern begann. Der Gutsherr kam eilig herbei, -um seiner Mutter ritterlich beim Aussteigen zu helfen. An seinem Arm -führte er sie in das Haus. Es waren Gäste gekommen, und die Erwachsenen -saßen in dem Staatszimmer des Hauses. - -In der Halle kam Joachim seinen Schwestern entgegen. »Kommt nach oben,« -sagte er mit gedämpfter Stimme zu ihnen und Karoline, »ich habe mit -euch zu reden.« Ein mißtrauischer Blick streifte dabei Raoul, der -gerade dazukam. - -Hurtig sprangen die drei Mädchen die breite Holztreppe hinauf, die in -das erste Stockwerk führte, und langsam folgte ihnen Joachim. - -Raoul starrte ihnen nach. Immer blieb er doch ausgeschlossen, immer -allein. Jetzt hatten die andern wieder ein Geheimnis vor ihm, er merkte -es an ihrem Flüstern und Tuscheln, an ihren verlegenen Mienen, wenn er -plötzlich zu ihnen trat. Und wieder dachte er, wie er so verlassen in -der Halle stand: Ich könnte weit weggehen, weit weg, und niemand würde -mich vermissen. - -Während sich Raoul in seinem Zimmer in ein Buch vertiefte, saßen in -Joachims Kammer die andern Kinder mit den drei Berkows zusammen, -denn auch Helene von Berkow, ein kräftiges, frohes Mädel von -dreizehn Jahren, war mitgekommen. Die vier Mädchen hockten eng -aneinandergeschmiegt wie drei Spätzlein auf dem Dachfirst auf einer -großen, buntbemalten Truhe; Joachim selbst hatte seinen Platz aus dem -einzigen Stuhl, der sich in dem Zimmer befand, während seine Freunde -auf dem Bett saßen. - -»Hiermit haben wir also heute den Tugendbund gegründet,« sagte Joachim -und schlug kräftig auf ein kleines, grünes Buch, das vor ihm auf dem -Tische lag. Auf der ersten Seite des Buches stand: »Gut preußisch -alleweg,« darunter: »Heute wurde allhier der Tugendbund gegründet. -Hohensteinberg, am 17. Januar 1812.« Auf der nächsten Seite stand: »Wir -geloben alles, was in unserer Kraft steht, zum Wohle des Vaterlandes zu -tun.« Arnold von Berkow hatte noch trotz des allgemeinen Widerspruchs -darunter geschrieben: »Fluch Bonaparte, und Verderben allen Feinden des -Vaterlandes!« Zuletzt kamen die Namen, und wohlgefällig besahen sich -nun alle das Buch. - -»Und es ist doch unrecht, daß wir Raoul nicht mit dazu nehmen,« sagte -Gottliebe plötzlich, nachdem sie eine Weile schweigsam dagesessen hatte. - -»Es geht nicht,« rief Joachim heftig, »er ist doch ein halber Franzose -und ein Schleicher und Heimlichtuer dazu! Der gehört nicht in unsere -Gesellschaft.« - -Gottliebe stieß mit ihren Füßchen, die in schwarzen Kreuzbänderschuhen -und weißen Zwickelstrümpfen steckten, nachdrücklich an die Truhenwand. -»Er ist ein Steinberg wie wir, und ein Schleicher ist er nicht, und es -ist abscheulich, daß wir ihn nicht in den Tugendbund aufgenommen haben. -Wir behandeln ihn alle schlecht, und du bist am allerschlechtesten zu -ihm.« - -»Aber Liebe!« sagte die sanftere Gottlobe erschrocken, und Joachim warf -der Schwester einen strafenden Blick zu. - -»Frauenzimmer haben zu schweigen, wenn Männer reden,« rief Arnold von -Berkow mit dem ganzen Stolz seiner fünfzehn Jahre. Gottliebe lachte -hell auf. »Zwei Jahre bist du älter und redest wie ein Uralter; dabei -sagt der Herr Pfarrer, deine Exerzitien wären voller Fehler,« spottete -sie. Das Lachen steckte an, Karoline hielt sich kichernd ihre schwarze -Taftschürze vor das Gesicht, und Gottlobe quiekte vor Vergnügen. - -»Siehst du, Joachim,« rief Arnold erbost, »ich habe es immer gesagt: -die Mariellen stören unsern ganzen Bund.« - -»Sei doch nicht so ungalant,« sagte Karoline schmollend und verzog -ihr hübsches Gesicht. Gottliebe aber sprang lachend auf. Schlank und -feingliedrig stand sie da, wie goldene Fäden schimmerten ihre blonden -Haare, ihre blauen Augen blitzten übermütig, und mit einem tiefen -Knicks verneigte sie sich schelmisch vor Arnold von Berkow und sagte -neckend: »Ich, ein Frauenzimmer, bitte um Verzeihung, daß ich hier bin -und Luft schnappe, happ, happ!« machte sie dazu. - -Arnold sah sie halb lachend, halb ärgerlich an, aber Joachim rief -drohend: »Du bist ein Irrwisch, Liebe. Wenn du nicht still bist, wirst -du hinausgesteckt!« - -»Pah, du Brummbär!« sagte Gottliebe leichthin. - -»Geh lieber hinaus -- geh doch zu Raoul!« schrie der Bruder heftig. -Blitzschnell verschwand bei diesen Worten der Ausdruck heiterer -Schelmerei aus Gottliebes Gesicht; mit zornsprühenden Augen maß sie den -Bruder, und wie sie beide so nebeneinander standen, da glichen sie sich -Zug um Zug, beider Augen schimmerten fast schwarz vor Zorn. - -»Liebe, aber Liebe, Joachim, zankt euch doch nicht!« rief Gottlobe -ängstlich. Sie wußte schon, wenn Bruder und Schwester aneinander -gerieten, gab es, trotz aller Liebe, heftige Worte. Doch Gottliebe warf -den Kopf zurück und sagte trotzig: »Ich gehe. Gründet ihr alleine euren -Tugendbund. Es ist doch Kinderei -- ihr wißt ja gar nicht, was ihr -wollt!« - -»Ja geh, geh nur schnell, geh zu Raoul, du -- du Franzosenfreundin du!« -rief Joachim empört. - -Einen Augenblick starrte Gottliebe den Bruder an, als wollte sie -auf ihn losspringen, dann warf sie die blonden Locken in den Nacken -und verließ lachend das Zimmer. Draußen aber stürzten ihr jäh die -Tränen aus den Augen, und ein paar Sekunden lehnte sie fassungslos -an der Wand. Dann eilte sie in das obere Stockwerk; dort gab es ein -Kämmerchen, das nur zum Aufbewahren getrockneter Kräuter gebraucht -wurde. Gottliebe hatte hier schon manchen Kummer verweint, und das -dämmrige Kräuterkämmerchen war ein rechter Schmoll- und Trostwinkel -für sie geworden. Sie weinte sich auch an diesem Tage die Last vom -Herzen, und als sie genug geweint hatte, schüttelte sie sich wie -ein ins Wasser gefallenes Kätzchen und sagte, überzeugt, daß bald -alles wieder gut sein werde, ein paarmal in die kräuterduftende -Stille hinein: »Der dumme Tugendbund ist an allem schuld, der dumme -Tugendbund!« - -»Wir wollen Gottliebes Namen ausstreichen,« sagte Joachim bedrückt, als -die Schwester das Zimmer verlassen hatte. Er ergriff den Gänsekiel und -strich den Namen aus, und dabei klangen in ihm die Worte nach: »Es ist -ja Kinderei!« Hatte die Schwester vielleicht recht? - -Joachim hatte viel durch einen Oheim von dem Königsberger Tugendbund -gehört, dessen Auslösung König Friedrich Wilhelm _III._, dem -französischen Drucke nachgebend, im Dezember 1809 verfügt hatte. Alle -echten Vaterlandsfreunde waren durch diese Auflösung schmerzlich -betroffen worden, auch in Hohensteinberg hatte man bitter darüber -geklagt. Joachim sah auch die Not des Vaterlandes. Fest wurzelten in -seiner Erinnerung noch die Schrecken des Kriegswinters von 1806/07, -und in seinem jungen, feurigen Herzen reifte so der Plan, etwas zur -Befreiung des Vaterlandes zu tun, irgend eine stolze, mutige Tat -auszuführen. In den beiden Berkows fand er Gesinnungsgenossen. Alle -drei schmiedeten schon lange abenteuerliche Pläne und gründeten endlich -zusammen einen Bund, den sie mit einem gewissen Trotz den »Tugendbund« -nannten, und für den sie eine glänzende Zukunft träumten. Weil Fritz -von Berkow gemeint hatte, ein Bund müßte viele Mitglieder haben, und -es auf den umliegenden Gütern wenig Altersgenossen gab, hatten die -Brüder mit viel gnädiger Herablassung die Schwestern zum Beitritt -aufgefordert, obgleich Helene von Berkow gleich sagte, die Sache wäre -doch ein wenig unheimlich und vielleicht auch unrecht. - -»Was sollen wir nun eigentlich tun?« fragte Karoline plötzlich -gelangweilt; sie fand, Joachim brauche recht viel Zeit, Gottliebes -Namen auszustreichen. - -»Warten, bis die Zeit kommt. Ihr Frauenzimmer seid auch immer -ungeduldig!« rief Arnold von Berkow ärgerlich. - -»Ja, wir wollen etwas tun,« rief Fritz, dem die lange Pause auch -nicht gefiel. »Joachim, mache einen Vorschlag, was wollen wir zuerst -beginnen? Auch ein Freikorps bilden wie der Schill? Heisa, das sollte -ein Kämpfen werden!« - -Joachim klappte langsam das Buch zu und starrte den Freund an. Das -war ein schmalbrüstiger, überlanger Junge, dessen wasserblaue Augen -nicht gerade geistreich dreinsahen. Der ein zweiter Schill! Er hätte -lachen mögen, so töricht kam ihm auf einmal die Sache vor, und dabei -rötete sich doch seine Stirn vor Scham und Ärger. Hastig warf er das -Buch in seine Truhe und rief ungeduldig: »Für heute ist's genug, ich -schließe die Versammlung! Am Mittwoch treffen wir uns des Nachmittags -im Freundschaftstempel, da sind wir ungestört.« - -Die andern stimmten Joachims Vorschlag zu, Gottlobe und Karoline zwar -etwas verstimmt über Gottliebes Austritt, sie wagten aber nicht recht, -ihre Partei zu nehmen, und so verließen sie alle die Stube -- die erste -Sitzung des Tugendbundes hatte ihr Ende erreicht. - -Nach einem Streit hatten sich sonst die Geschwister wohl noch -ein bißchen angeknurrt oder waren ein paar Stunden um einander -herumgegangen wie Muja, die Hauskatze, um ihre Suppenschüssel, wenn -ihr der Dampf zu heiß ins Näschen stieg, aber dann hatte Liebe ein -wenig geblinzelt, Joachim hatte irgend etwas Unverständliches geknurrt, -und auf einmal hatten dann beide gelacht, herzlich befreiend, und die -Schwester war wohl dem Bruder um den Hals gefallen, oder der hatte -lachend die blonden Locken gezaust. - -Diesmal war es anders, und die Versöhnung kam nicht mit solcher -Windeseile, wie Gottliebe es gemeint hatte. Tage kamen, Tage gingen, -und immer wich Joachim in stummem Trotz der Schwester aus. Er tat -es, weil er sich schämte, und dieses Gefühl verbarg er hinter einer -beleidigten Miene. - -Er hatte rasch alle Lust an dem Tugendbund verloren, aber er wagte es -nicht einzugestehen, daß er sich selbst mit seinen Ideen auf einmal -sehr kindisch und unreif vorkam. Als das nächste Mal die Verbündeten -zusammenkamen, hielt er dann die wildesten, blutdürstigsten Reden, -sprach von Freischaren, und daß man, wenn die Franzosen nach Rußland -ziehen würden, diese angreifen müßte; er betäubte die mahnende Stimme -in seinem Herzen selbst durch seine wilden Worte. - -Ich bitt' ihn nicht, wenn er nicht will, dachte Gottliebe, wenn -ihr stummes Werben, ihr versöhnliches Entgegenkommen immer wieder -zurückgewiesen wurde. Sie litt aber schwer unter dem Zwist mit dem -Bruder. Sie wurde darüber still und nachdenklich, und nicht mehr wie -sonst schallte ihre Stimme unter denen der Geschwister in hellster -Fröhlichkeit heraus. Und weil sie selbst litt, begann sie immer besser -zu verstehen, wie einsam und verlassen sich Raoul fühlen mußte. Sie -suchte darum immer mehr, dem Vetter Freundlichkeiten zu erweisen, und -ließ diesen nicht mehr so allein seines Weges gehen. - -Pfarrer Buschmann, der viel in der Welt seiner Bücher lebte, freute -sich darüber. Der sanfte, stille Mann ahnte nichts von dem unter den -Geschwistern ausgebrochenen Streit, er dachte, nun würde Joachim -bald dem Beispiel seiner Schwester folgen. Er lächelte darum auch -nachsichtig und milde, als Gottliebe an einem sonnenhellen Nachmittag -ziemlich ungestüm in die Bücherstube eindrang mit dem Ruf: »Kommst du -mit nach Langenstein, Raoul?« - -»Warum willst du denn so eilig dorthin, Liebe?« fragte Josua Buschmann -und sah das errötende Mädel freundlich an. - -Gottliebe hatte nicht gewußt, daß der Pfarrer anwesend war, und sie -erzählte etwas verlegen: »Großmutter möchte von Jungfer Mahdissen -allerlei haben, und weil Heinrich gerade nach Langenstein fährt, soll -ich selbst mitfahren und alles holen.« - -Jungfer Mahdissen war ein kleines, ältliches Persönchen. Sie besaß ein -Lädchen, in dem es Zwirn, Nadeln, Wolle, auch allerlei Stoffe, Bänder -und Perlen gab. Zu ihr gingen die Steinbergschen Mädchen himmelgern, -der Laden -- es war eine kleine Stube mit einer Türe nach dem Flur, -an der ein Glöckchen bimmelte, wenn jemand kam -- barg so viele -Herrlichkeiten, alles darin erschien den jungen Dingern wundervoll, und -Liebe in ihrer stürmischen Art hatte schon oft gewünscht: »Ich möchte -einen Laden haben wie Jungfer Mahdissen!« - -Seit Karoline von Prillwitz einmal die Kostbarkeiten des Lädchens ein -wenig naserümpfend betrachtet hatte, meinte auch Gottlobe, es sei nicht -mehr so reizvoll, zu Jungfer Mahdissen zu gehen, und so hatte sich -Gottliebe allein erboten, für die Großmutter einzukaufen. Nachher hatte -es den andern freilich leid getan, und sie wären gern mitgefahren, -obgleich nur der alte Kastenschlitten benutzt wurde, aber Liebe, -ärgerlich über Karolines Putenhaftigkeit, wie sie das Urteil der Base -nannte, erklärte schnippisch: »Großmutter hat mir den Auftrag gegeben, -nicht euch!« - -»Ist auch besser,« spottete Line, »wir haben wichtigere Dinge vor.« -Sie meinte damit eine Sitzung des Tugendbundes, die am Nachmittag -stattfinden sollte, und Liebe, die sie wohl verstand, wurde blutrot -und lief wütend hinaus. Sie ärgerte sich jedesmal, wenn sie an den -Tugendbund dachte, und daß sie nicht dabei sein durfte, und vor lauter -Schmerz und Ärger, und weil sie sich ganz verlassen fühlte, rannte sie, -um Raoul zu holen. - -»Also zu Jungfer Mahdissen,« sagte der Pfarrer schelmisch, »da fahre -nur mit, Raoul, und sieh dir das Zauberreich an. So etwas Schönes hast -du gewiß noch nie gesehen. Vergiß nur das Wiederkommen nicht, Liebe, -und grüß mir die Jungfer auch.« - -Liebe dankte und knickste und lief dann mit Raoul hinaus. Der -Kastenschlitten stand schon zur Abfahrt bereit, und Heinrich brummelte -bereits über die »Nölerei«. Geschwind stiegen die beiden hinein, -wickelten sich in ein paar dicke Wolldecken, und fort ging es auf -glatter, schimmernder Schneebahn dem Städtchen zu. - -Joachim hatte die beiden fahren sehen, auch Lobe und Line, und alle -drei fanden es empörend von der Schwester und Base, daß sie Raoul ihnen -so vorzog, und alle drei gestanden sich die eigene Schuld nicht ein. - -Auch die Kammerherrin hatte von ihrem Fenster aus die Abfahrt -beobachtet, aber sie hatte sich darüber ein wenig gefreut, es war schon -besser, die Kinder vertrugen sich zusammen. - -»Wer ist denn Jungfer Mahdissen?« fragte Raoul das Bäslein. - -[Illustration: Die Steinbergs. (Seite 91.)] - -Etwas Besseres, um ein Gespräch in Gang zu bringen, hätte Raoul nicht -fragen können. Liebes Zünglein kläpperte förmlich, und mit bewundernder -Begeisterung schilderte sie den kleinen Laden; dazwischen sagte sie -immer wieder: »Wirst schon sehen!« - -»Wie bei Käsmodels,« sagte Raoul sinnend, als Liebe sogar die bimmelnde -Ladentür erwähnte, und auf der Base Gegenfrage erzählte er wieder von -dem Bäckerhaus. Darüber verging den beiden die Zeit fast zu schnell, -sie hatten beide kaum einen Blick für die weiße, im Sonnenglanz so -schöne Landschaft. Wie eine tiefblaue Wand begrenzte fern der Nadelwald -den Horizont. Sie waren der Stadt schon nahe gekommen, als über ihnen -ein Krähenzug mit lautem Gekrächz hinwegzog, dem fernen Walde zu. - -»Wohin geht es dort?« fragte Raoul, dessen Blicke den schwarzen Vögeln -folgten. - -»In einem weg nach Rußland, ein gut Stück bis hin ist's freilich noch,« -sagte Kutscher Heinrich, der die Frage gehört hatte; er drehte sich um -und wies mit dem Peitschenstiel nach Osten: »Dorthin will der Bonaparte -ziehen, sagen jetzt alle. Einen weiten Weg hat er, wird manchem jungen -Kerl das Leben kosten.« - -Liebe schauerte zusammen und schmiegte sich unwillkürlich fester an den -Vetter an. »Wenn die Franzosen nach Rußland ziehen, dann -- dann --« -sie stockte und sah in hilfloser Angst zu dem Knecht auf. - -Der verstand die unausgesprochene Frage. Er nickte, und sein ehrliches -Gesicht verfinsterte sich. »Dann kommen sie hier durch, und wir haben -den schönsten Kladderadatsch. Gnade uns Gott, wenn das geschieht! Sie -sagen zwar, unser König wollte jetzt dem Bonaparte sein Freund und -Verbündeter werden, -- na, den als Freund haben, da kommt doch eine -böse Sache heraus.« Er drehte sich wieder um, knallte mit der Peitsche, -und schneller holten die Pferde aus. Näher und näher kam das Städtchen. - -»Wenn die Franzosen kommen,« flüsterte Gottliebe, »dann -- nützt doch -der Tugendbund auch nichts?« - -»Was?« fragte Raoul erstaunt zurück. - -»Leise,« bat Liebe, und tuschelnd vertraute sie dem Gefährten die -Geschichte vom Tugendbund an. Auf einmal bedrückte sie die Sache, die -sie vorher als Kinderei angesehen hatte: das Heimliche, Verborgene -wollte ihr daran nicht recht gefallen, die Eltern hätten es doch wissen -müssen. »Es ist vielleicht nicht recht, daß ich dir das verrate, aber --- aber mir ist so bange!« - -»Es ist nur eine Kinderei,« dachte Raoul, »und doch -- es wäre besser, -Joachim ließe solche Sachen,« sagte er nachdenklich. »Meister Käsmodel -hat zwar oft auf Napoleon geschimpft, er hat uns aber oft gesagt, man -müßte vorsichtig sein, und die Zeit sei noch nicht gekommen.« - -»Meinst du, daß der Tugendbund eine -- eine Verschwörung ist?« fragte -Liebe angstvoll. - -Da mußte Raoul doch lachen; so gefährlich erschien ihm der Bund nicht, -und er tröstete das Bäslein und hatte es gerade erreicht, daß Liebe -wieder vergnügt um sich blickte, als der Wagen vor Jungfer Mahdissens -Lädchen hielt. - -Raoul fand freilich die Herrlichkeiten der kleinen Ladenstube nicht -so überwältigend, aber Gottliebe schaute sich einmal wieder in hellem -Entzücken in dem Raume um, sie wurde auch von der Besitzerin mit sehr -viel Freude begrüßt. »Ne--in, trautstes Mariellchen, Demoisellchen, -ist das ein Freudchen!« rief Jungfer Mahdissen, die vielleicht um -der eigenen Kleinheit willen die Gewohnheit hatte, allen Wörtern ein -»chen« anzuhängen. So brachte sie denn Wollchen, Zwirnchen, Nadelchen, -Stoffchen und allerlei herbei, pries wortreich die Güte ihrer Ware, -nannte Raoul ein allerbastes Junkerchen, weil der Liebe an die Äpfel -erinnerte, die die Mutter der Jungfer schickte. - -»Nein, so ein Freudchen! Nun ist mir's ganze Tagchen lieb!« schrie -die kleine Jungfer und warf vor lauter Freude erst ihr Ellenmaßchen, -dann ihr Scherchen und zuletzt das ganze Bandchen unter das Tischchen. -Nachher öffnete sie noch auf Gottliebes Bitten allerlei Kästen, zeigte -Perlen und Bänder, angefangene spinnwebfeine Stickereien und behauptete -kühn, »in ganz Parischen gäbe es nicht solche Sachchen,« was Liebe -glaubte, aber Raoul etwas bezweifelte. - -»Und so wundervolle Hauben kann Jungfer Mahdissen nähen,« rühmte Liebe -deren Kunst dem Freund. - -Eine tiefe Glut färbte jäh das Gesicht des Knaben, dann strömte das -Blut schnell zurück, und Raoul sah noch bleicher und ernster aus als -sonst. Die Erinnerung an die Mutter war ihm gekommen, wie sie -- krank --- Haube um Haube zierlich fein genäht und gefältelt hatte. Hastig bat -er: »Wir sollten noch zum Posthalter gehen. Liebe, komm!« - -Jungfer Mahdissen hätte die beiden gewiß nicht fortgelassen, wenn nicht -eine Magd gekommen wäre, um für einen Groschen Zwirn zu kaufen; da -nahm sie wortreich, mit sehr vielen »chens« Abschied von den Kindern. -Draußen fragte Liebe: »Gefiel's dir nicht bei der Jungfer Mahdissen?« - -»Doch!« sagte Raoul, und während sie beide den Weg aus dem schmalen -Gäßlein, das den wunderlichen Namen »Katzenwinkel« trug, nach dem -Marktplatz antraten, erzählte Raoul, wie fein und fleißig seine Mutter -Hauben genäht hatte. - -»Oh, du,« rief Gottliebe in ihrer warmherzigen Art, »wie gut, wie -schrecklich gut muß deine Mutter gewesen sein! Weißt du, ich habe sie -lieb. Ach, lebte sie doch noch, könnte ich sie einmal sehen!« - -Raoul blieb stehen und sah das Bäslein dankbar an: »Du bist auch gut, -Gottliebe, du und Pfarrer Buschmann, ihr seid gut zu mir.« - -»Doch auch die Eltern, die doch auch!« - -»Ja,« sagte Raoul mit leisem Zögern, »aber -- dein Vater mag mich nicht -leiden und die Großmutter auch nicht; von Joachim und Lobe sag ich erst -gar nichts, und weißt du, es wäre viel, viel besser, ich ginge wieder -fort.« - -»Aber Raoul,« rief Liebe entsetzt. So hatte der Vetter ihr noch -nie gezeigt, wie tief er litt, und ihr Herz floß über von innigem -Mitleiden. Sie faßte Raouls Hand und gelobte, während ihr die hellen -Tränen über die Wangen liefen: »Ich behalte dich immer, immer lieb, -Raoul, du bist mein Bruder, und paß auf, die andern gewinnen dich auch -lieb. Der Herr Pfarrer sagt es auch. Aber du darfst nie weggehen, nie! -Versprich mir das, bitte, bitte!« - -»Nein,« sagte Raoul leise, aber fest, »das kann ich dir nicht -versprechen,« und sehnsüchtig sahen seine Augen die schmale Straße -entlang, durch die sie schritten. Könnte er sie doch hinab gehen, zur -Stadt hinaus, immer westwärts, Leipzig zu! Er schwieg aber davon, sagte -jedoch tröstend: »Liebe, ich bin ja noch da, aber wenn du weinst, reiße -ich gleich aus!« - -Husch kam gleich das Lachen, wie Sonnenschein flog es über Gottliebes -bewegliches Gesichtchen. Sie ergriff die Hand des Vetters und eilte -lachend mit ihm schnell die Straße hinab über den Marktplatz hin. - -Postmeisters Minettchen sah die beiden vom Fenster aus kommen. »Frau -Mutter,« rief sie, »Gottliebe von Steinberg kommt, und sie lacht -wieder, daß ich's beinahe höre!« - -»Ei, sieh da, und der Französische ist auch dabei,« sagte der Herr -Rentmeister Meldeling, der gerade bei Postmeisters einen Besuch -abstattete. - -In der Stadt war dieser kleine, immer lächelnde Mann nicht sehr -beliebt; niemand hatte rechtes Zutrauen zu ihm, da er allgemein -als Franzosenfreund galt. Er kniff die Augen zusammen und lächelte -höhnisch: »Ja, ja, die vornehmen Herrschaften sind alle Tage lustig, -Sorgen kennen die nicht!« - -»Da ist Er schief gewickelt, -- Er -- --« Grasaffe -- -- wollte die -Frau Postmeisterin sagen, sie schluckte aber das letzte Wort noch -rechtzeitig herunter. »Die Steinberger Herrschaften leben nicht lustig, -wenn es andern Leuten schlecht geht; sie haben ein Herz für die armen -Leute, und -- gut deutsch sind sie auch gesinnt.« - -Das Wort klang dem Rentmeister übel in den Ohren, denn er war auch -einer von denen, die sich der deutschen Art schämten. Er verabschiedete -sich darum sehr eilig, aber an der Türe traf er doch noch mit den -jungen Steinbergs zusammen. Er grüßte Gottliebe übertrieben höflich und -schaute Raoul forschend und prüfend an. - -»Der Mensch ist mir doch in der Seele zuwider,« rief die Frau -Postmeisterin, nachdem sie die Eintretenden begrüßt hatte, »rein -schlimm kann mir von seinem dummen Lächeln werden. Immer fragt er nach -tausend Dingen, die ihn den Kuckuck was angehen. Mein Mann traut ihm -auch nicht über den Weg, er sagt, er hält es mit den Franzosen. Und das -ist einmal wahr: im schlimmen Jahr, als die Franzosen hier in Haufen -durchzogen, da katzbuckelte er nur immer um sie herum und bonjourierte -und dienerte in einem fort. Der stiftet noch mal ein Unheil an, das -sage ich und --,« da brach die redselige Frau jäh ab, denn ihr fiel -ein, daß ihr Mann sie immer ermahnte, nicht alles zu sagen, was sie -dachte. - -»Man könnte sich ordentlich fürchten,« sagte Gottliebe nachdenklich: -»Mein Vater sagte erst neulich, der Rentmeister habe einen besonderen -Haß auf ihn; ob das wahr ist, Frau Postmeisterin?« - -»Hassen, das ist schon möglich, aber was kann das schaden?« meinte -die Postmeisterin. »Dem gnädigen Herrn von Steinberg kann der falsche -Mensch ja doch nichts anhaben; auf Hohensteinberg geschieht nichts, was -nicht jeder wissen kann.« - -Sekundenlang sahen sich Vetter und Base an, beide dachten bei diesen -Worten: der »Tugendbund,« und beide durchrieselte eine leichte Angst. -War es doch vielleicht mehr als eine Torheit? - -Da kam der Postmeister in das Zimmer und brachte einige Postsachen. -»Ein Brief für den Herrn Vater ist dabei,« sagte er, »aus Frankreich -kommt er, es steht aber dabei, daß er nur dem Herrn Vater selbst -ausgeliefert werden darf. Da will ich heute selbst noch hinauskommen; -es muß alles seine Richtigkeit haben, alles hübsch nach der Ordnung!« - -»Aber mein Vater ist in Königsberg, er kommt wohl erst morgen zurück,« -rief Gottliebe und schaute neugierig auf den Brief. »Aus Frankreich? -Ach, Herr Postmeister, ich graule mich.« - -Der dicke Postmeister lachte: »Ich glaube gar, das gnädige -Demoisellchen denkt, der Brief kommt von Napoleon selbst. Es sind ja -viele gute Deutsche drüben, warum soll's davon nicht einem einfallen, -an den Herrn Vater zu schreiben? Spekuliere, gar so wichtig wird die -Sache nicht sein. Aber vielleicht sagen Sie daheim nichts, die Frau -Mutter könnte sonst auch gleich Gespenster sehen. Weiberleut haben das -so an sich.« - -»Mann,« rief die Postmeisterin empört, »wie kannst du nur so -despektierlich von der gnädigen Frau von Steinberg reden!« - -»Na, na,« brummelte ihr Mann ein wenig verlegen, »eigentlich meinte -ich ja dich. Du witterst ja überall eine Verschwörung und denkst, der -Napoleon steckt hinter jeder Türe. Aber halt, da ist auch ein Brief für -den Junker, aus Leipzig kommt er.« - -Ein Brief aus Leipzig! Raouls Augen blitzten, und verlangend streckte -er die Hand nach dem dicken Schreiben aus. Die Adresse da hatte Karl -Wagner geschrieben, die klare, feste Schrift kannte er gut. Und wie -er den Brief in der Hand hielt, kam die Sehnsucht wieder über ihn -nach denen, die ihn lieb hatten, die ihn verstanden. Er konnte es -kaum erwarten, den Brief zu lesen, aber trotzdem riß er ihn zu Liebes -grenzenlosem Erstaunen nicht gleich auf; er behielt ihn in der Hand, -auch als sie beide draußen wieder im Schlitten saßen und im ersten -matten Abenddämmern Hohensteinberg entgegenfuhren. »Warum liest du -den Brief nicht?« tuschelte Gottliebe dem Vetter zu. »Ich wäre schon -geplatzt vor Neugier.« - -»Erst versprich mir etwas, Liebe, gute Liebe,« bat Raoul, den Brief -noch immer uneröffnet in der Hand haltend. »Erzähl' es niemand, daß -ich einen Brief bekommen habe -- sonst lachen sie wieder über meine -Freunde, über den drolligen Namen, über --« Er zögerte und bat noch -einmal: »Sag's niemand!« - -»Ich bin stumm wie ein Fisch,« gelobte Gottliebe. »Es ist so fein, -daß wir auch ein Geheimnis haben!« Und vor lauter Freude hopste und -zappelte sie auf dem harten Sitz des schwerfälligen Schlittens hin und -her, und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre sie hinausgefallen. »Aber -nun lies nur, lies, und dann, -- bitte, bitte, mir sagst du doch, was -drin steht?« - -Raoul erbrach den Brief und las, während ein tiefrotes Glühen, der -Widerschein der sinkenden Sonne, auf den Schneefeldern lag. Karl -Wagner hatte geschrieben, einen klugen, herzlichen Brief, daß es nun -ganz anders in der Schreibstube sei, der lange Neumann sei auf und -davon gezogen. Er schrieb auch, er habe das Grab von Raouls Mutter -manchmal aufgesucht und zuletzt Tannenzweige aus dem Universitätswald -hingetragen; daneben sei ein frisches Grab: das kleine Lottchen von -Meister Käsmodels sei gestorben, und die Eltern seien gar traurig um -den Verlust des lieben Kindes. Der Schluß lautete: »Dein Brief klang -nicht froh, Raoul, er klang nach Heimweh und Einsamkeit. Verzage nicht, -wenn Dir die Heimat Deines Vaters nicht gleich Heimat wird, sondern -Dir noch eine Weile fremd bleibt, eine Heimat gewinnt man nicht im -Sturm. In Deiner Mutter Heimatland wärest Du vielleicht noch weniger -glücklich gewesen, und der äußere Glanz hätte Dich auch nicht beglückt. -Du tatest nach dem Willen Deiner Mutter: der Gedanke muß Dich trösten -und aufrichten. Kopf hoch und mutig voran!« - -»Wie gut er schreibt, dein Freund!« flüsterte Liebe. »Aber was meint er -damit, von der Heimat deiner Mutter und dem äußeren Glanz?« - -»Ich erzähle es dir später einmal,« sagte Raoul und schob den Brief -in seine Tasche. Es war noch einer darin, und er ahnte, daß der von -Gottlieb kam, und eine ihn wieder ergreifende Scheu hielt ihn ab, auch -diesen Brief der neuen Freundin zu zeigen. - -»Na, wenn ich nicht platze, so voll von Geheimnissen wie ich bin!« -sagte Liebe nachdenklich, als der Schlitten sich wieder dem Schlosse -näherte. »Es ist wirklich schwer. Bitte, Raoul, knuffe mich immer, -wenn ich den Mund auftue, weißt du, sonst fährt mal was raus, ich weiß -hinterher nicht wie!« - -Der Knabe versprach das Knuffen gern, er hatte es aber nicht nötig: -Gottliebe hielt an diesem Abend ihren Mund ängstlich geschlossen, sie -war so schweigsam, daß es selbst der Großmutter auffiel; nicht einmal -eine begeisterte Schilderung von Jungfer Mahdissens wundervollem Laden -erfolgte. Und da auch Raoul schwieg, selbst mit Liebe nicht sprach, -erklärte Joachim nachher den beiden anderen Mädchen mit grimmiger -Freude: »Sie haben sich miteinander gezankt.« - -Raoul aber las am Abend in der Stille seiner Kammer Gottliebs Brief, -der nun nicht gerade ein Muster von Orthographie und Schönschrift war. -»Lieber Raoul,« schrieb der Freund, »es ist fürchderliche Lankeweile -seidtem daß Du fohrt bist und auch trauhrich denn unser Lottchen ist -gestorben und wir sind alle trauhrich. Ich heuhle auch Mannichmal und -habe keine Luhst mehr Lateinisch zu lernen, ich pleibe auch sihtzen. -Raoul, komme doch nur wieder dann geht es allmahl besser. Vater sagt -daß auch, reiße nur aus wenn sie Dich schlecht behanteln, den Weg weist -Du ja schon und ich schicke Dir einen Thaler damit Du essen kannst. -Reiße aus, reiße aus. Der lange Neumann ist fohrt und kann nicht mehr -die Trepe rauf fallen. Reiße aus und alle grühsen Dich fielemahl. - - Dein gantz getreuer liehber Freund Gottlieb. - -Ich habe auch immer lauder Viehren und sie sagen ich bin am faulsten, -aber es ist nicht war, Berger ist fiel fauhler und schreibt noch -schlechter und macht noch mer Pfehler, wenn du komst geht es gewiehs -besser.« - -Raoul atmete tief auf und verbarg den Brief in seiner Tasche. -Ausreißen, -- vielleicht wäre es am besten! - -[Illustration: Dekoration Ende 6. Kapitel] - - - - -[Illustration: Dekoration Titel 7. Kapitel] - - - - -Siebentes Kapitel. - -Der Tugendbund nimmt ein jähes Ende. - - -Am nächsten Tag wurde der Hausherr zurückerwartet, und da man die -Stunde seiner Ankunft nicht genau bestimmen konnte, entlief immer mal -eines der Kinder der Stunde bei dem Pfarrer, und der ließ sie laufen -und den Weg entlang spähen, ob der Vater noch immer nicht kam. - -Auch seine Frau und seine Mutter sahen öfters hinaus, Frau Maria in -doppelter Sorge: sie besaß einen Bruder, der um einiger Schriften -willen das Land hatte verlassen müssen. Er war nach England gegangen, -um dort zu warten, bis es Zeit war, in sein Vaterland zurückzukehren. -Von diesem Bruder sollte auf dem Seewege nach Königsberg eine Nachricht -kommen. Seit vielen Wochen hatten die Verwandten nichts von ihm gehört, -und nun hoffte Frau Maria, ihr Mann werde einen Brief mitbringen. - -Auch Joachim dachte an diesen Onkel Wolfgang, den er sehr bewunderte, -und mitten in der Stunde -- er war mit Raoul und Arnold von Berkow -allein beim Pfarrer -- sagte er plötzlich: »Ist's nicht eine Schande, -daß der Oheim außer Landes gehen mußte?« - -Pfarrer Josua Buschmann nickte trübe: »Das ist's, mein Sohn. Er war -aber auch recht unvorsichtig in seinem Tun!« - -»Pah,« rief Joachim, »soll ein Preuße nicht sagen dürfen, was er -denkt? Was hat denn der Oheim getan? Dem Tugendbund hat er angehört -und nachher nur seine Meinung gesagt, daß es ein Unrecht sei, den Bund -aufzulösen.« - -Raoul horchte auf. Das hatte er noch nicht gewußt; von dem Bruder -Frau Marias war selten gesprochen worden. Hatte Joachim vielleicht in -Gedanken an den Oheim den Tugendbund gegründet? Und wenn dieser hatte -fliehen müssen, war die heimliche Sache nicht doch gefährlich? Recht -lebhaft war Raoul dem Gespräche gefolgt, und als Pfarrer Buschmann -antwortete, horchte er so aufmerksam zu, daß er nicht bemerkte, wie -Joachim ihn beobachtete. In dem stieg die Wut heiß empor, und plötzlich -sprang er auf. Seine blauen Augen waren fast schwarz vor Zorn, und -den Stuhl heftig zurückschiebend, schrie er: »Wie er horcht, der -Schleicher, der -- der -- Franzose -- wie --« - -»Achim!« Schwer fiel des Pfarrers Hand auf des unbändigen Schülers -Arm, und die milden Augen des alten Mannes schauten mit einem so -unaussprechlich leidvollen Ausdruck in das erregte Gesicht, daß -Joachim sein Haupt senkte. Er fühlte, wieder hatte er sich von seinem -ungerechten Zorn übermannen lassen, aber wieder hatte er nicht die -Kraft, seine Schuld einzugestehen, und bissig grollte er: »Ich kann ihn -nicht leiden!« - -»Ich ihn auch nicht,« murmelte Arnold von Berkow leise nach, aber Raoul -hatte auch das Wort gehört. Seine Brust hob und senkte sich, einen -Augenblick war es, als wollte er sich auf die beiden Knaben stürzen, -doch des Pfarrers Gegenwart bannte ihn. Er drehte sich um, verließ -hastig das Zimmer und rannte den Flur entlang seiner Stube zu. Unten -hörte er lautes Rufen, Hundegebell, -- der Oheim war angekommen, Freude -war im Haus. - -Und über dieser Freude merkte es niemand recht, daß Joachim beim -Mittagessen still war. Arnold von Berkow gab sich Mühe, laut und -lustig zu antworten, wenn er gefragt wurde, er vermied es aber, Raoul -anzusehen. Pfarrer Buschmann hatte von den Knaben gefordert, sie -sollten dem gekränkten Kameraden Abbitte leisten. Noch nie hatte der -gütige Mann so hart, so streng mit seinen Schülern gesprochen, noch -nie ihnen so das Unedle, Niedrige ihrer Handlungsweise klar gemacht. -Es hatte Joachim tief getroffen, und tief bohrte und nagte die Scham -über sein Tun in dem Knaben. Arnold nahm es leichter; er wäre auch eher -bereit gewesen, das Versprechen der Abbitte zu geben, aber Joachim -hatte es nicht getan, und so hatte der Pfarrer seine Zöglinge entlassen -mit den Worten, er würde ihren Eltern Mitteilung machen und eine -Trennung bewirken, wenn sie seinen Willen nicht erfüllten. - -Nach Tisch sprach Josua Buschmann auch mit Raoul, aber es schien, -als hätte sich die Seele des Knaben, die sich dem Lehrer schon -etwas geöffnet hatte, wieder geschlossen. Still, blaß, mit fest -zusammengepreßten Lippen hörte er die gütigen Worte an. Er klagte -nicht, er sprach den Namen seiner Gegner gar nicht aus, nur als der -Pfarrer ihn entließ, drehte sich Raoul plötzlich auf der Schwelle -wieder um, kehrte zurück und küßte rasch, wie bittend, die Hand des -alten Mannes, und ein paar Sekunden sahen die beiden sich an. »Mein -Junge, mein armer Junge!« rief der Pfarrer tief bewegt und zog Raoul -an sich, denn ein so wilder Schmerz hatte ihm aus den dunklen Augen -entgegengeblickt, daß er fühlte, hier war ein Leid, das über den Kummer -eines Kindes hinausging. Es darf nicht so weiter gehen, dachte er, -sonst geht an kindischem Trotz, an unvernünftiger Torheit eine junge -Seele zugrunde. -- - -Gottliebe merkte nichts von der neuen Kränkung, die dem Freunde -widerfahren war, sie hatte sich für den Nachmittag etwas ausgesonnen, -was sie ganz allein ausführen wollte. Niemand im Hause ahnte etwas -von dem Tugendbund, der allwöchentlich zweimal in einem kleinen -Freundschaftstempel am Parkende tagte. Pfarrer Buschmann pflegte um -die Nachmittagszeit in das Dorf zu wandern, und den andern fiel es -nicht auf, daß die Kinder in den Freundschaftstempel gingen. Die beiden -Berkows und Oswald Hippel, der Sohn des Marienfelder Amtmannes, der -auch in den Bund eingetreten war, kamen auf heimlichen Waldwegen und -fanden dies heimliche Kommen ungemein romantisch. - -Seit ihrem stürmischen Austritt hatte Gottliebe kein Wort mehr über den -Tugendbund von den Geschwistern gehört; sie war zu stolz und trotzig, -um darnach zu fragen, aber sie war die einzige, die die heimlichen -Zusammenkünfte merkte. Deshalb war sie auch brennend neugierig, einmal -dabei zu sein, und so beschloß sie, es heimlich zu tun. Und dieser -Nachmittag erschien ihr wundervoll geeignet, ihren Plan auszuführen. - -Im Schatten hochstämmiger Ulmen lag am Ende des Gartens der -Freundschaftstempel. Er war von einem Urgroßvater der Kinder erbaut, -und manch heiteres Fest war einst darin gefeiert worden. Die Wände -des Tempels waren mit Malereien bedeckt. Da wandelten zierliche -Schäferinnen in Reifrock und hoher gepuderter Frisur einher und führten -weiße Lämmchen an rosenfarbenen Bändern. Wohl waren die Malereien zum -Teil zerstört, aber die Kinder betrachteten immer wieder die anmutigen -Bilder mit neuem Entzücken. Über dem Eingang standen, ein wenig -verwischt zwar, aber noch leserlich, die Worte: - - Freundschaft hege, - Freundschaft pflege, - Freundschaft ist ein Himmelslicht, - Wehe dem, der Freundschaft bricht. - -Gartengeräte und allerlei altes Gerümpel wurden in dem Tempelchen -aufbewahrt, das von den Erwachsenen nur selten noch betreten wurde, -denn die ernste Gegenwart hatte keine Zeit mehr für die lustigen -Gartengesellschaften vergangener Tage. - -In ein dickes, graues Tuch gehüllt, huschte Gottliebe an diesem -Nachmittag durch den Gartenausgang des Schlosses hinaus und eilte nach -dem Tempelchen. So sehr war das lebhafte Jüngferlein von ihrem Vorhaben -erfüllt, daß sie nicht merkte, wie Raoul den Versuch machte, mit ihr zu -sprechen. Er hatte an der Haustüre auf sie gewartet, nun sie so rasch -davonlief, kehrte er still und traurig in das Haus zurück. Sie purzelte -fast hin vor Eile, und im Tempelchen angekommen, versteckte sie sich -eilig hinter einer im Winkel stehenden mächtigen Wassertonne und -kicherte übermütig vor sich hin, als nach einer Weile die Geschwister -mit den Freunden den Raum betraten. Gottliebe lauschte gespannt, aber -irgend etwas Neues, etwas Besonderes hörte sie nicht. Die Berkows, -besonders Fritz, hielten wilde Reden gegen den Feind, und Karoline und -Gottlobe, die auf einer umgestürzten Schiebkarre saßen, quietschten -manchmal laut auf, wenn einer der Knaben gar zu heftige Worte sagte. -Joachim saß schweigend und finster da, er schien kaum zuzuhören. -Gottliebe konnte gerade sein Gesicht sehen, und sie dachte: Ihm ist -die Geschichte nicht recht. Doch sie hatte die Gedanken des Bruders nur -halb erraten: der Auftritt des Morgens, des Pfarrers Worte hallten in -ihm nach, und noch törichter, kindischer als sonst fand er der Freunde -Reden. »Es ist langweilig, albern!« sagte er plötzlich hart. - -In diesem Augenblick hörte Gottliebe neben sich ein Knistern, sie sah -auf und erblickte auf dem Deckel der Wassertonne -- eine Ratte, die -dort vergnügt auf und ab spazierte. Vor Ratten und Mäusen aber hatte -Gottliebe eine schreckliche Furcht, und voller Grauen sah sie auf das -Tierchen, dem es ganz behaglich zu sein schien. - -Ich darf nicht schreien, dachte sie und preßte ihr Tuch fest vor den -Mund; ach, wäre ich doch nur erst draußen! Die Ratte lief hin und her, -dann versuchte sie an der Außenwand der Tonne herunterzuklettern. - -»Sie kommt, sie kommt!« Gottliebe kroch immer mehr auf ihrem Platz -zusammen. »Der dumme Tugendbund,« schalt sie wütend, »wäre ich nur -nicht hierher gekommen!« Der Angstschweiß trat ihr auf die Stirn, und -sie bebte vor Furcht: das wildeste Raubtier der Wüste hätte ihr keinen -größeren Schrecken einjagen können. »Wenn sie mir ins Gesicht springt, -sich in meine Haare verwickelt, wenn -- wenn --« Tausend Fährnisse -fielen ihr ein, und ihre Augen ruhten immer starrer, immer entsetzter -auf dem Tiere, das sein Dasein ganz behaglich zu finden schien. Das -lief nach rechts, nach links, und auf einmal schien es sich nach -Abwechslung zu sehnen. Plumps, sprang es von der Tonne herunter, und -Gottlobe und Karoline kreischten. »Hier sind Mäuse!« - -»Nein, Ratten!« brüllte Gottliebe, der plötzlich die Ratte auf den -Schoß hopste. Mit einem gellenden Schrei sprang sie auf und stieß an -die Wassertonne, die ins Wanken geriet, und es rasselte und polterte -laut. An den erschrockenen Tugendbundgenossen vorbei raste Gottliebe -und stürmte in den Garten hinaus. Draußen stieß sie unversehens an eine -dunkle Gestalt an; ein unterdrückter Aufschrei wurde laut, und kollernd -wälzte sich ein Mann auf dem Rasen. - -Verdutzt blieb Gottliebe einige Sekunden stehen, der Mann richtete sich -auf, und das Mädchen erkannte in ihm einen ehemaligen Gärtner, den -der Hofverwalter vor einiger Zeit wegen Untreue entlassen hatte. »Ach -gnädigstes Fräulein,« stammelte der Mann, »ich wollte -- ich dachte --!« - -Da kamen die Tugendbündler schon aus dem Tempelchen heraus. -Blitzschnell entschwand der Mann in dem nahen Gebüsch, dort duckte er -sich nieder, und Gottliebe raste, von den andern verfolgt, dem Hause -zu. »Haltet die Spionin, haltet sie auf!« schrie Joachim dicht hinter -ihr. - -Doch auf einmal stutzten alle und drängten verlegen rückwärts, -- -Raoul stand vor ihnen. Er hielt Gottliebe fest, trotzdem sie flehte: -»Laß mich los, die andern -- und in der Regentonne ist -- die Ratte -auf mich gehopst.« Der Knabe achtete gar nicht auf die verwirrte Rede. -»Bleibt,« sagte er schroff, aber leise, »ich glaube, ihr seid verraten. -Der Rentamtmann, Liebe, von dem du gestern gesagt hast, er haßt deinen -Vater, ist bei ihm, ich sah ihn kommen. Ein Mann ist mit ihm gewesen, -der lief nach dem Park, und ich sah von meinem Fenster aus, wie er an -der Türe des Tempelchens horchte!« Kurz, stoßweise hatte der Knabe die -Worte hervorgebracht, sie waren ihm sichtlich schwer geworden, aber -plötzlich warf er einen schnellen Blick in das Dickicht neben dem Weg, -rief nur noch: »Haltet ihn!« und setzte einem davoneilenden Manne nach. - -»Er ist's,« rief Liebe, und einige Sekunden später raste auch sie dem -Lauscher nach. - -Doch Raoul hatte ihn schon gefaßt, und blitzschnell ersah er ein -kleines, grünes Buch in seiner Hand. Von dem Buche hatte doch Gottliebe -gesprochen. Mit einem Ruck entriß er es dem Manne, der wollte es wieder -an sich reißen und versetzte Raoul einen Faustschlag, aber schon hatten -die vier andern Knaben die beiden umringt, und der Lauscher dachte nur -noch daran, sich in Sicherheit zu bringen. Er war ein starker Mann -und warf erst Arnold, dann Fritz von Berkow in den Schnee, und ehe -noch Joachim ihn halten konnte, war er fort und über die Gartenmauer -gesprungen. - -Wenige Minuten nur hatte das Schreien und Toben den Garten durchgellt, -dann war eine tiefe Stille eingetreten, und die Verschwörer sahen alle -verlegen, beschämt und ruhig auf Raoul, dem das Blut aus der Nase rann, --- der Faustschlag hatte gut getroffen. - -Gottliebe fand zuerst Worte. »Er blutet,« jammerte sie und hielt dem -Vetter gleich hilfbereit die Schürze hin. - -»Es ist nicht schlimm,« sagte der, »hier ist das Buch!« Er warf Joachim -das Buch zu, drehte sich um und eilte in das Haus zurück. Er lief dort -gerade Frau Maria in die Arme, die von dem Lärm herbeigelockt worden -war und sich nun erschrocken liebevoll des Neffen annahm. Als sie beide -durch den Hausflur gingen, schlüpfte ihnen Gottliebe nach, und alle -drei hörten aus des Hausherrn Zimmer heraus heftige Stimmen klingen. -Gottliebe schaute so entsetzt zur Mutter auf, daß diese sagte: »Es -ist nicht schlimm: der Rentamtmann hat allerlei Klagen, brauchst keine -Sorgen zu haben!« - -Gottliebe atmete auf, aber dann dachte sie wieder an den entlassenen -Gärtnerburschen, der das Buch gefunden hatte, und Raoul mußte von den -gleichen Gedanken bewegt werden; er beugte sich vor und flüsterte so -leise, daß es die Tante nicht hören konnte: »Sie sollten es verbrennen!« - -»Lauf mal in die Küche und sage Jungfer Rosalie, sie solle Leinwand -und Essig bringen,« gebot Frau Maria da, und eilig lief Gottliebe, -den Auftrag auszurichten. Atemlos bestellte sie der Jungfer Rosalie, -was die Mutter gesagt hatte, und just war sie fertig, als Joachim mit -seinen langen Beinen durch das offene Fenster in die zu ebener Erde -liegende Küche einstieg und zu Jungfer Rosalies grenzenlosem Erstaunen -ein grünes Etwas in das hellbrennende Feuer warf. - -»Na?« rief die treue Hüterin der Küche verdutzt. - -»Ja,« brummte Joachim nicht minder lakonisch und starrte in die -Flammen. Das Büchlein wandte und drehte sich, es sperrte seine Deckel -weit auseinander, und dann -- war es zu einem Häuflein glühender Asche -verwandelt. - -Gottliebe hatte mit der gleichen gespannten Aufmerksamkeit zugesehen, -und als nichts mehr von dem unseligen Buch zu sehen war, schaute sie -zu dem Bruder auf, und sekundenlang blickten die Geschwister sich -wie befreit an. »Es war dumm,« murmelte Joachim und stieg dann eilig -wieder zum Fenster hinaus, um den ziemlich verwirrten und verängstigten -Tugendbündlern zu melden, daß das Werk vollbracht sei. - -Gottliebe kehrte zur Mutter zurück. Sie sollte Raoul pflegen helfen. -Es gab aber nicht viel zu pflegen, der Knabe bat nur, man möchte -ihn allein lassen, schlafen lassen, er sei so müde. Und weil er so -blaß aussah und jedes Wort ihm schwer zu fallen schien, willfahrte -Frau Maria gern dem Wunsch und ließ den Neffen allein. Einigemal noch -sah sie an dem Nachmittag in das Stübchen, und immer fand sie Raoul -anscheinend in tiefem, festem Schlafe liegen. Still, wie sie gekommen -war, verließ sie wieder das Zimmer und ahnte nicht, welche schwere, -unruhige Gedanken den Knaben bewegten, wie er rang, um den rechten Weg -für sein Tun zu finden. - -»Der Raoul ist doch ein anständiger Kerl! Brav, wie er uns geholfen -hat! Aber Liebe ist eine Klatschbase und Horcherin,« hatte Arnold von -Berkow im Kreise der Tugendbündler erklärt, die noch immer mitten -im Schnee des Parkes standen und gar nicht wußten, was sie beginnen -sollten. - -»Sie war vernünftiger als wir,« grollte Joachim. »Wißt ihr,« wandte -er sich an die Freunde, »ihr geht nach Hause, und ich begleite euch. -Vielleicht ist es jetzt am besten, wir sind nicht zu finden.« - -Der Vorschlag wurde einstimmig angenommen, die Mädels meinten, sie -wollten in das Dorf gehen und einen Krankenbesuch machen, und die -Knaben schlugen im Geschwindschritt den Heimweg an. Joachim ging -eigentlich nur mit, weil er eine Frage des Vaters fürchtete. Zu feige, -eine Schuld zu leugnen, war er nicht, aber es trieb ihn hinaus, weil -Raoul im Hause war, Raoul, dem er so schweres Unrecht zugefügt hatte. -Er fühlte, er mußte den Vetter um Verzeihung bitten, das war seine -Pflicht, aber der harte Steinbergtrotz in ihm lehnte sich noch immer -gegen die Demütigung auf. »Ich hasse ihn,« dachte er, und dabei sah -er immer noch das blasse, blutige Gesicht vor sich, die schönen, -traurigen Augen, und er fühlte dumpf und unklar, daß auch sein Haß nur -Trotz war. - -Schweigsam schritt er neben den Freunden hin, die noch laut und -aufgeregt den Fall besprachen, und was hätte geschehen können, wenn -das Buch mit all den wilden Schmähworten wirklich in die Hände des -Gärtnerburschen gefallen wäre. »Es wäre uns schlimm ergangen,« meinte -Fritz von Berkow kleinlaut, und Oswald Hippel rief immer wieder in -ehrlicher Selbsterkenntnis: »Eigentlich war's doch eine dämliche -Kinderei!« - -Als Joachim von den Freunden Abschied nahm, bat Arnold: »Grüße Raoul. -Ich sag's ihm morgen, daß mir die Geschichte leid tut.« - -»Morgen, morgen ist Zeit genug,« dachte Joachim, »ja, morgen, da will -ich's ihm auch sagen.« Und als er heimkam, atmete er erleichtert auf, -als er hörte, daß Raoul schlief, da rückte doch auch die bittere Stunde -für ihn in die Ferne. - -Gottliebe hatte den Geschwistern gleich mitgeteilt, was die Mutter -von dem Besuch des Rentamtmannes gesagt hatte, also wußte der Vater -nichts davon, und der Sturm war an ihnen vorübergebraust. Sie -hatten aber doch sein Sausen gehört, und sie saßen alle wie Vögel -nach einem Gewittersturm am Abend am Familientisch. Auch Liebe war -niedergeschlagen, obgleich weder Bruder noch Schwester und Base sie um -des Horchens willen geneckt hatten. Zwischen ihnen waren auf einmal -alle bitteren Worte vergessen, die gemeinsame Angst hatte sie wieder -vereinigt. - -Der Eltern Augen aber ruhten forschend auf den Kindern, und der -Großmutter Blick haftete immer an Raouls leerem Platz. Nach dem -Abendessen, als Jungfer Rosalie und der Vogt, die nach altem Brauch -am Herrentisch aßen, gegangen waren, rief Herr von Steinberg: »Kinder -bleibt! Joachim, erzähl' mal, wer hat Raoul geschlagen?« - -»Der Jakeit,« gab Joachim zur Antwort, während eine heiße Röte über -sein Gesicht lief, lügen konnte er nicht. - -»Der Jakeit?« fragte der Vater erstaunt, »wie kam er dazu? wo war er?« - -»Er trieb sich -- im Park herum. Wir wollten ihn halten, da schlug er -Raoul, warf Arnold und Fritz hin und riß aus!« - -»Wie ist der Jakeit wieder in den Park gekommen?« - -»Jungfer Rosalie sagt, er wäre als Begleiter des Rentamtmannes -gekommen,« mischte sich Frau Maria ein. - -»Was steckt aber dahinter? Ihr seid so verstört!« fragte die Großmutter -scharf, und ihre Augen suchten prüfend die Gesichter der Enkelkinder. -Die schwiegen, eins sah das andere an, sie wurden alle rot und wagten -doch nichts zu sagen. - -»Wieder ein Streit mit Raoul!« rief Pfarrer Buschmann traurig. »Wie -junge Raben hacken sie auf den armen Burschen ein, es ist kein -Vertragen, keine Liebe zwischen ihnen.« - -»Die andere Art!« Die Kammerherrin murmelte es nur leise, aber -Frau Maria hatte das Wort vernommen, und sie sagte sanft: »Und -Raoul ist doch ein Steinberg, ist manchmal ganz sein Vater, so wie -mir Georg-Wilhelm in der Erinnerung lebt, nur weicher, ernster, -verschlossener ist er. Ich denke immer, wir tun allesamt dem armen -Jungen unrecht und bringen ihm nicht genug Liebe entgegen!« - -»Bei Gott, Maria,« rief der Freiherr, »du hast recht. Ein echter -Steinberg ist der Raoul, und wir haben ihn alle verkannt. Hört, was ich -heute erfahren habe.« Und bewegt erzählte er, daß Graf Turaillon an -ihn geschrieben und ihm mitgeteilt habe, daß Raoul damals in Leipzig -unauffindbar gewesen wäre. Bäckermeister Käsmodel hätte erklärt, auf -Wunsch seiner Mutter hätte der Knabe sich zu den Verwandten seines -Vaters begeben. Noch einmal bot der Graf dem Neffen an, er wolle ihn -zum einzigen Erben seiner Reichtümer einsetzen, und bat den Freiherrn, -der doch Kinder hatte, ihm den Knaben auszuliefern. »Darum ist der -Junge damals so eilig gekommen! Er hat uns gewählt, hat sich zu uns -Steinbergs gehalten,« rief der Vater, »aber er mag wohl nicht das -rechte Zutrauen haben fassen können, sonst hätte er uns alles erzählt.« - -»Jetzt versteh' ich's,« rief Liebe plötzlich und wurde dann namenlos -verlegen, weil es nicht Sitte war, daß eins der Kinder ungefragt sich -in das Gespräch der Erwachsenen einmischte. - -Doch diesmal blieb ihre Vorwitzigkeit ungerügt, und der Vater fragte: -»Was verstehst du jetzt?« - -»Karl Wagners Brief,« stammelte Liebe, und dann erzählte sie sehr -geschwinde, sehr kraus mit allerlei Abschweifungen, wer Karl Wagner -sei, was er geschrieben habe, und daß Raoul nichts mehr von seinen -Freunden sagen wollte, weil -- weil -- hier stockte sie und fuhr dann -fort, tapfer die Schuld der Geschwister mit auf ihre Schultern nehmend, -»wir so über den komischen Namen und die Bäckersleute gelacht haben. -Aber sie sind gewiß alle gut, und sie können alle Napoleon nicht -leiden, und Gottlieb singt immer: Warte, warte, Bonaparte, und --« -Gottliebe mußte einmal nach Luft schnappen, die Rede war zu lang und -eilig gewesen, und sanft strich die Mutter, neben der sie saß, über das -heiße Gesicht des Kindes. »Wir haben Raoul wohl alle nicht verstanden, -haben uns beeinflussen lassen, weil -- seine Mutter eine Französin -gewesen ist!« - -»Ach, und sie muß himmlisch gut gewesen sein, und Hauben hat sie -genäht, und Raoul hat sie so viel von der Großmutter und unserem Vater -erzählt.« Wieder rügte an diesem Abend niemand Gottliebes lebhaften -Zwischenruf, und wieder strich die Mutter liebkosend die blühende Wange -ihres Kindes und dachte still: Du gutes Herzlein, du! - -»Wer gefehlt hat, soll trachten, es gut zu machen, damit Raoul in -diesem Hause auch die Heimat findet, die er gesucht hat,« sagte der -Freiherr ernst, tauschte einen Blick mit seiner Mutter und sah dann auf -Joachim. Der senkte den Kopf. Morgen, morgen, klang's in ihm. - -Nachher ging Frau Maria noch einmal in des Neffen Zimmer, und da lag -der still und gab keine Antwort auf den leisen Ruf. Morgen, morgen, -dachte auch die Frau und klinkte die Türe ein und ermahnte dann ihre -Kinder: »Geht leise, stört Raoul nicht, er schläft.« - -»Wie dumm,« seufzte Gottliebe, »nun muß ich bis morgen warten, um ihm -alles zu erzählen. Warum muß er auch heute so müde sein!« - -[Illustration: Dekoration Ende 7. Kapitel] - - - - -[Illustration: Dekoration Titel 8. Kapitel] - - - - -Achtes Kapitel. - -Einem traurigen Morgen folgen schwere Tage. - - -Im Hause verloschen allgemach die Lichter, und ganz Hohensteinberg -versank in tiefe, nächtliche Stille, nur aus dem Fenster der -Kammerherrin fiel noch lange ein heller Schein in die Nacht hinaus. -Zum zweitenmal in ihrem Leben beklagte die alte Frau, daß sie zu hart, -zu streng gewesen war, aber diesmal konnte sie noch sühnen, konnte -gutmachen, was sie einst nicht mehr gekonnt hatte. Damals, als sie -die Nachricht von dem Tode ihres Sohnes erhalten hatte und die Witwe -und sein Kind unauffindbar gewesen waren, hatte sie es nicht mehr -können. Nun lebte des Sohnes Sohn in ihrem Hause, und wie hatte sie -bisher die seinem Vater erwiesene Härte gesühnt? Die stolze Frau litt -namenlos in dieser Stunde, als sie sich wieder einmal sagen mußte: Du -tatest unrecht! Aber doch klang es auch in ihrem Herzen hoffnungsvoll: -»Morgen, morgen.« - -»Morgen soll ein neues Leben für den armen Jungen beginnen,« hatte auch -der Freiherr zu seiner Frau gesagt. »Wie konnte ich nur bisher so wenig -erkennen, daß das Fremde in seiner Art gut ist! Eine Prachtfrau muß die -Mutter gewesen sein.« - -Morgen, morgen, dachte auch Joachim unablässig; er, der sonst einen -Bärenschlaf hatte, warf sich in dieser Nacht unruhig auf seinem Lager -hin und her. Er rang immer noch mit seinem Trotz, und dazu hatte sich -die Eifersucht gesellt: nun würden auf einmal alle Raoul lieben, er -würde beiseite geschoben werden von den andern, wie es schon Gottliebe -mit ihm getan hatte. - -Draußen hatte sich der Wind erhoben; er sauste und brauste um das Haus -herum, es knisterte und raschelte in dem alten Gebälk, ganz unheimlich -klang es. Einmal fuhr Joachim empor, es war ihm, als hätte er tastende -Schritte gehört. Aber nein, es war doch wohl nur der Sturm gewesen. Die -Wetterfahne auf dem Dache drehte sich gerade knarrend, und irgendwo -klappte ein Fenster -- oder war es eine Tür? - -»Unsinn!« murmelte Joachim und grub den Kopf tief in die Kissen hinein. -Da schlug draußen ein Hund an, kurz, und er verstummte gleich wieder, -und wieder war allein das Brausen des Windes hörbar. Noch eine Weile -lauschte der Knabe, aber nichts, gar nichts war zu hören, und doch -preßte eine seltsame, beklemmende Angst ihm das Herz zusammen. Und -wieder sagte er »Unsinn!« zu sich und versuchte zu schlafen, aber es -dauerte noch lange, ehe ihn der Schlaf übermannte. Er schlief so fest, -daß er das laute Klopfen, mit dem Jungfer Rosalie morgens die Kinder -zu wecken pflegte, überhörte und weiter schlief. Erst der Jammerruf: -»Joachim, Joachim!« den Gottliebe ausstieß, ermunterte ihn völlig. Die -Schwester stand in der offenen Türe, ihr liebes Gesichtchen war ganz -von Tränen überflutet. »Raoul ist fort,« schluchzte sie, »Raoul ist -fort!« - -»Raoul -- fort?« stammelte Joachim, »wie denn fort?« - -»Fort ist er, seine Sachen hat er mitgenommen, er -- ach Raoul, Raoul!« -jammerte das Mädel. - -Hinter Gottliebe trat rasch Pfarrer Buschmann in das Zimmer. Er schob -das Mädel sanft hinaus, ihr über die verwirrten Locken streichend. »Geh -zu deiner Mutter, Kind, sie verlangt nach dir,« sagte er milde, und -dann wandte er sich an Joachim: »Steh auf, eile dich und hilf deinem -Vater suchen; oder -- weißt du etwa um seine Flucht?« - -Joachim schüttelte verstört den Kopf. »Warum -- warum nur?« stammelte -er. - -»Das fragst du noch?« - -»Ich -- ich wollte ihm abbitten -- heute!« - -»Warum tatest du es nicht gestern, warum verschobst du es?« fragte -der alte Mann und sah traurig seinen trotzigen Schüler an. »Es kommt -oft ein Morgen, an dem ein gutes Wort zu spät kommt. Raoul muß in der -Nacht geflohen sein, er hat nur ein kleines Bündel Sachen mitgenommen, -nur -- was er hergebracht hat. Dein Vater ist schon unterwegs. Nach -Langenstein ist geschickt worden, wir hoffen alle, den armen, lieben -Jungen zu finden.« - -»Ich finde ihn, ich muß ihn finden,« rief Joachim heftig. Er zog sich -in zitternder Eile an und wollte hinaus. - -»Halt, sachte, nicht so stürmisch!« Pfarrer Buschmann hielt ihn fest. -»Willst du ohne Sinn und Verstand drauf los rennen, Wege, die schon -andere abgesucht haben? Das nützt wenig. Du sollst zu Berkows reiten -und von dort aus nachforschen. Es ist nicht unmöglich, daß Raoul den -Waldweg eingeschlagen hat und dann --« Der alte Mann vollendete nicht, -aber Joachim wußte genau, was er meinte. Den Waldweg, der ein großes -Stück nach der nächsten Poststation hinter Langenstein abkürzte, -konnten nur Kundige gehen, namentlich im Schnee konnte man sich leicht -verirren. War Raoul ihn gegangen in der Sturmnacht? Wer weiß, in -welcher weglosen Einsamkeit er sich schon verirrt hatte. - -Raoul mußte sich von seinem Fenster aus an der Kastanie herabgelassen -haben, abgebrochene Zweige deuteten darauf hin. Sonst hatte der -Schneesturm in dieser Nacht jede Fußspur verweht. Jungfer Rosalie -klagte mit einem ihr sonst fremden Wortreichtum: »Daß ich's nicht -gehört habe, immer nur gemeint, der Sturm sei's, und das Fenster hat -doch geklappt!« - -An die Knie der Großmutter geschmiegt, weinte Gottliebe in -fassungslosem Schmerz, und jedes Aufschluchzen fand in der Ecke des -Zimmers ein leises Echo. Dort saßen Gottlobe und Karoline, und beide -zuckten immer wieder zusammen und fühlten jedes ihr Teilchen Schuld, -wenn die Schwester klagte: »Wir waren nicht gut genug zu ihm.« Ihr, die -dem Entflohenen am meisten Liebe von den Kindern erwiesen hatte, fiel -immer wieder etwas ein, was sie hätte tun können, und alles sagte sie -und ahnte nicht, daß jeder Vorwurf, den sie gegen sich selbst erhob, -die Großmutter bitter traf. Die sagte mit einer seltsam schweren, -weichen Stimme: »Sei ruhig, mein Kind, Raoul kommt schon wieder, heute -abend ist er wieder da. Sicher, er kommt wieder.« Und mit diesem Trost -versuchte die Kammerherrin sich selbst zu trösten, versuchte sie ihre -schwere Sorge zu bannen. - -»Wir werden ihn schon finden,« hatte der Freiherr, der über des Neffen -Flucht tief betroffen war, die Seinen getröstet, »er ist doch nur zu -Fuß gegangen, unsere Pferde holen ihn schon ein!« Aber als der Abend -kam, war noch keine Spur von dem Vermißten gefunden. Niemand hatte ihn -gesehen, durch kein Dorf schien er gekommen zu sein! Auf allen Wegen, -die süd- und westwärts führten, waren die Boten weit ins Land hinein -gefahren und geritten, denn alle nahmen an, der Knabe habe nach Leipzig -zurückkehren wollen, um vielleicht von dort aus zu seinem Onkel nach -Paris zu wandern. - -»Ich muß ihn finden, ich muß ihn finden,« dachte Joachim verzweifelt, -und nur die ernsten Ermahnungen seiner Eltern und des Pfarrers konnten -ihn nach dem Tage vergeblichen Suchens abhalten, ins Blaue hinein dem -Vetter nachzuziehen. Wie eine schwere Last lag die Schuld gegen den -Vetter auf seiner Seele, und als der Vater näher forschte und fragte, -um den wahren Grund zur Flucht zu erkennen, da erzählte Joachim -selbst die Geschichte des Tugendbundes, und wie sie Raoul von allem -ausgeschlossen hätten. Er verschwieg nicht dessen tapferes Eintreten -für die Tugendbündler, und während der Knabe dies alles bekannte, wurde -ihm sein Unrecht immer klarer. »Ich bin schuld,« murmelte er, »ich -allein!« - -Die Kammerherrin sah von ihrem Enkelsohn zu ihrem Sohn, und der -Freiherr nickte ihr trübe zu. »Wir wollen nicht untersuchen und -fragen, wo die meiste Schuld liegt,« sagte er mit schwerem Ernst. -»Euer Tugendbund war freilich eine Torheit, eine Kinderei: ihr paar -Jungen und Mädels werdet das Vaterland nicht aus seiner tiefen Not -befreien. Kindereien sind nicht am Platz in einer so schweren Zeit, -das merkt euch alle, wir brauchen den Ernst und die Tat. Aber euch -allen sei diese Torheit nicht angerechnet, weil diese Torheit aus Liebe -zum Vaterland erwachsen ist. Diese Liebe haltet fest und erstarket -in ihr, damit ihr dereinst fähig seid, wenn die Stunde kommt, in der -das Vaterland euch braucht, Opfer zu bringen. Einen Tugendbund dürft -ihr untereinander schließen, aber dazu braucht es keiner geheimen -Versammlungen und törichter Bücher, euer Tun soll Zeuge sein von eurer -Liebe zum Vaterland und eurer Liebe untereinander.« - -Bei dem letzten Wort des Vaters sahen sich Joachim und Gottliebe -unwillkürlich an, und mit einem Schrei flog das lebhafte Mädel auf den -Bruder zu, hing an seinem Hals und rief schluchzend: »Wir wollen uns -wieder lieb haben, und wenn Raoul -- wiederkommt, dann haben wir ihn -alle, alle lieb!« - -»Ich will ihn suchen,« murmelte Joachim, und nicht mehr, wie so -manchmal in der letzten Zeit, stieß er die Schwester unwirsch fort. Er -hielt ihre Hand fest, fest in der seinen, und Liebe verstand den Bruder -auch ohne Worte. - -Joachim hielt Wort. Er suchte fieberhaft nach einer Spur des -Verlorenen, er fragte da und dort, aber keine Spur fand sich, auch die -Nachforschungen des Freiherrn blieben erfolglos. Der schrieb an den -Grafen Turaillon, schrieb, daß der Neffe entflohen sei; wie er vermute, -habe er sich nach Paris gewandt. Auch an den Bäckermeister Käsmodel -schrieb er, und dieser Brief wurde ihm herzlich schwer; aus Leipzig kam -rasch Antwort, Raoul sei nicht dort eingetroffen, und nach Wochen kam -die gleiche, in einem scharfen, beleidigenden Tone abgefaßte Antwort -aus Paris. Der Graf nahm an, man hätte den Neffen absichtlich entfernt, -um ihn vor seinen Nachforschungen zu verbergen. - -»Das wußte ich,« frohlockte Gottliebe, »nach Paris ist Raoul nicht -gegangen, er haßt den Bonaparte.« Sie wurde aber gleich wieder traurig. -»Aber wo mag er sein?« - -Ja, wo war der Knabe? War er gestorben und verdorben in dem großen -Wirrsal, in der tiefen Not, die von neuem über das deutsche Vaterland -hereinbrach? - -Mit dem Frühling kam von Westen her das Unheil. Napoleon zog wirklich -nach Rußland, des Zaren Macht wollte er brechen. Wie ein Märchenland -lockte und lockte den Eroberer das unermeßliche Reich des Ostens mit -seinen endlosen Steppen und weiten Wäldern. Aber Deutschland, Preußen, -lag zwischen ihm und seinem Ziel, und so zwang er dem Könige von -Preußen ein Bündnis auf, das das arme Land förmlich der Plünderung -der großen Armee preisgab. Und manche deutsche Mutter sah weinend den -Sohn in die Ferne ziehen, denn zu Tausenden mußten deutsche Söhne -den französischen Fahnen folgen, und zu denen gesellten sich noch -manche, die freiwillig mitzogen, weil sie den Glauben an des eigenen -Vaterlandes Kraft verloren hatten. - -Als von eines solchen freiwilligen Kämpfers Mitzug, der ein Sohn alter -Freunde war, die Kunde nach Hohensteinberg kam, schrie Joachim aus vor -Empörung: »Ein Vaterlandsverräter!« - -»Ein Armer, ein Unseliger,« sagte die Kammerherrin; die alte Frau war -sehr milde geworden in dem Leid der letzten Wochen. »Wehe ihm, wehe -uns! Wehe dem, der den Glauben an sein Vaterland verliert, und wehe -uns, daß wir nicht mehr stolz auf unseres Vaterlandes Stärke sein -können!« - -Da schwieg Joachim, er schwieg jetzt oft und sann stille den Worten der -Erwachsenen nach. Er, der Trotzige, Ungebärdige war in der Zeit des -werdenden Frühlings zu einem ernsten Jüngling herangereift. Die Schuld, -die ihn quälte, des Vaterlandes Not wandelte sein Wesen und machte ihn -über seine Jahre hinaus ernst. - -Es war überhaupt keine rechte Zeit für Jugendlust und Jugendübermut, -und wenn die Steinbergschen Kinder mit ihren Freunden und Freundinnen -zusammenkamen, dann gab es oft gar ernste, nachdenkliche Gespräche. -Sie nannten sich untereinander Tugendbündler, die Eltern wußten es und -widerstrebten nicht, nur mußte der Name verschwiegen bleiben, auch -durfte kein Wort niedergeschrieben werden. Wohl war ringsum alles gut -preußisch gesinnt, aber es gab doch etliche solcher Kreaturen im Land, -wie der Rentamtmann Meldeling, und in Pillau saß eine französische -Besatzung wie in manchen andern Festungen des Landes. Napoleon bewachte -auch seine Bundesgenossen gut, er ahnte, daß niedergehalten in der -Tiefe der Haß schlummerte. - -Nur Gottliebes unverwüstliche Fröhlichkeit brach immer wieder durch, -und so sehr sie sich um Raoul grämte, es kamen doch immer wieder -Stunden, in denen ihr Lachen das Haus durchschallte, und einen -Widerschein auf allen Gesichtern fand. Selbst Jungfer Rosalies -mürrische Miene hellte sich dann ein wenig auf. Gottlobe hatte sich -auch verändert. Sie schwärmte nicht mehr so überschwenglich mit ihren -Freundinnen, sie hielt sich jetzt mehr zu Bruder und Schwester, und -als eines Tages Karoline heimgeholt wurde, denn die Eltern wollten -ihr Kind lieber bei sich in der Stadt haben in dieser Zeit, da weinte -sich Lobe nicht, wie Liebe prophezeit hatte, die Augen aus dem Kopf. -Ja sie lehnte sogar das Anerbieten, mit nach Königsberg zu kommen, -ab; die Eltern hatten es ihr freigestellt, weil es Lobe sich immer so -sehnlichst gewünscht hatte, in Königsberg sein zu dürfen. - -»Sie bleibt bei uns,« schrie Gottliebe begeistert, als die Schwester -ihr »Nein« sagte, »Achim, hörst du?« - -In Joachims Augen leuchtete es auch freudig auf, er rief halb -zweifelnd: »Bleibst du wirklich?« - -»Ich bin doch eine Steinberg und gehöre hierher,« sagte Gottlobe -ein wenig gekränkt, daß die Geschwister ihren Entschluß gar so -verwunderlich fanden. Die sichtbare Freude stimmte sie aber froh, -und von dieser Stunde an gab es eine schöne Dreisamkeit unter den -Geschwistern, und in allen Sorgen erstarkte die Geschwisterliebe mehr -und mehr. - -»Die Franzosen kommen!« Unzähligemal ertönte in dem Frühling und Sommer -des Jahres 1812 dies Wort im preußischen Land. Erst war es nur ein Ruf -der Angst, der bangen Ahnung, bis dann eines Tages von Ort zu Ort die -unheilschwere Kunde flog: »Sie kommen wirklich.« - -Sie kamen als Freunde, Bundesgenossen und hausten wie Feinde, sie -leerten die Kornkammern, trieben das Vieh aus den Ställen und -zerstampften die blühenden Saaten. - -Eines Tages hieß es auch in Hohensteinberg: »Sie kommen!« Und wie -überall mußten es die Bewohner vom Schloß und Dorf mit ansehen, wie -die Abteilung, die hier durchkam, »ihre Vorräte ergänzte«, so nannte -es der führende Offizier, ein sehr höflicher Italiener. Er nahm, was -er nur irgend an Lebensmitteln erhalten konnte, aber er war doch so -menschlich, nicht den ärmsten Dorfleuten das letzte Stück Vieh aus den -Ställen zu treiben. »Glauben Sie mir, mein Err,« versicherte er dem -Freiherrn, »mir mackt dies Krieg kein Spaß, und es mackt viele keine -Spaß. Dies Land da,« und er deutete mit der Hand finster in die Ferne, -»ist wie der Maul von eine große Tier, er verschlingt uns! Sicker -- er -verschlingt uns!« - -Nach diesen kamen noch andere, und Jungfer Rosalie schloß diesen -bereitwillig die Speisekammer auf, stemmte die Hände in die Seiten und -sagte kaltblütig. »Da!« Eine einzige Wurst bammelte an einem Faden, -und ein paar Brocken lagen auf dem Brotschrank, sonst war die Kammer -leer. - -Die Soldaten schimpften und drohten, aber Jungfer Rosalie wischte sich -mit der Hand über den Mund und zeigte kläglich auf den Magen, als -wollte sie den eigenen Hunger andeuten. Dabei hatte sie selbst alle -Vorräte in einen gut verborgenen Keller geschafft, den nicht einmal -alle Bewohner des Hauses kannten. In dem dunklen Keller lagerte auch -mancher Notgroschen, manche Wurst und manches Mehlsäcklein, das die -Dorfbewohner vertrauensvoll ihrem Gutsherrn gebracht hatten. - -Und als zum drittenmal Soldaten kamen, bammelte wieder nur eine Wurst -in der Speisekammer, und wieder gab es nur dürftige Reste, und wieder -schalten und drohten die Soldaten, und wieder blieb Jungfer Rosalie -ungerührt mit in die Seite gestemmten Armen stehen. Als es aber einer -der Leute gar zu schlimm machte und ihr mit dem Gewehr vor der Nase -herumfuchtelte, da ergriff sie kurz entschlossen den Mann und stülpte -ihn kopfüber in das leere Mehlfaß. »Sucht selbst!« sagte sie mürrisch. - -Die Sache hätte freilich für die tapfere Jungfer recht übel ablaufen -können, wenn sich nicht ein Offizier ihrer angenommen hätte. Er -beruhigte den Soldaten, der in einem fürchterlichen Kauderwälsch -Bestrafung der Untäterin verlangte, als er endlich wieder Augen und -Mund von dem Mehlstaub frei hatte. Dem Offizier, einem Rheinländer -von Geburt, schien der Zug nach dem weiten Rußland auch wenig Spaß zu -machen, desto besser gefiel ihm die tapfere Jungfer. Er sagte beim -Abschied lachend zu ihr: »Schade, daß sie kein Mann ist, sie hätte -einen guten Gardisten abgegeben und gewiß tapfer gefochten!« - -»Ja, wenn's gegen die Franzosen ginge,« sagte Jungfer Rosalie gelassen. -Da schwieg der Offizier und nickte nur noch einmal grüßend zurück, -- -vielleicht hätte er auch lieber sein Leben für des Vaterlandes Freiheit -eingesetzt! - -Und als die Durchzüge beendet waren, die letzten Nachzügler der -großen Armee den Niemen überschritten hatten, da war es, als wäre -ein verheerendes Unwetter mit Hagel und Sturmflut über die Gegenden -dahingebraust, die an der großen Landstraße lagen, und dem Heere -folgten die Flüche, folgte das Jammern des gequälten Volkes nach. - -[Illustration: Dekoration Ende 8. Kapitel] - - - - -[Illustration: Dekoration Titel 9. Kapitel] - - - - -Neuntes Kapitel. - -Auf weiten Wegen ins alte Nest zurück. - - -In dieser Zeit, da die Frühlingsstürme den Winter vertrieben, und -da über die deutschen Lande eine neue Not kam, wanderte Raoul von -Steinberg durch viele Wirrsale in der Fremde herum. Er hatte gemeint, -es sei am besten, das Haus zu verlassen, in dem ihm so wenig Liebe -geworden war, und als er an jenem verhängnisvollen Tage stumm auf -seinem Lager lag, so still, daß Frau Maria ihn schlafend wähnte, da -hatte er nichts mehr von all den guten Vorsätzen vernommen, die im -Familienzimmer laut wurden. Um Mitternacht war er aufgestanden, hatte -sein Bündel gepackt und war durch das Fenster entflohen. Unten hatte er -ein paar Minuten gezögert. Tat er recht? Da oben schliefen Frau Maria, -Pfarrer Buschmann und Gottliebe, die hatten ihn doch lieb, waren gut -zu ihm, ihnen würde seine Flucht vielleicht wehe tun. Er hätte ihnen -schreiben mögen, sagen, daß er sie nie vergessen würde, aber dazu war -es zu spät. Kehrte er in das Haus zurück, dann hörte ihn wohl jemand, -man würde seine Absicht erraten, und Joachim würde lachen, spöttisch, -verächtlich, wie er es so oft getan hatte. Nein, nur das nicht. Die -Verachtung, mit der man auf ihn um der Mutter willen, der guten, -geliebten Mutter willen herabsah, die konnte er nicht ertragen, lieber -wollte er wieder Schreiber werden oder sonst eine Arbeit tun. Und ohne -rechtes Ziel war er in das Schneewehen hinausgetrabt, nur die Straße -mied er, die er gekommen war. Auf einem ihm unbekannten Pfade war er -weiter und weiter geschritten, und der Wille, fortzukommen, hatte seine -Kraft gestärkt. - -Im Morgengrauen traf er einen Wagen, einen, der mit grauer Leinwand -rund überdacht war, und den ein mageres Pferd nur mühsam durch -den Schnee zog. Jahrmarktsleute waren es, die, von der russischen -Grenze kommend, durch die winterliche Einsamkeit zogen. Hoch oben im -Thüringerwalde war ihre Heimat, von da aus zogen sie mit Holzgeräten, -Spielsachen und Topfwaren, mit Quirlen, Löffeln, Brettern, Butterformen -und allerlei solchen Dingen in der Welt herum, von Markt zu Markt. -Raoul stand erschöpft an einen Baum gelehnt, als die Leute an ihm -vorbeikamen, und der Knabe, der so allein in dieser grauen Morgenstille -war, fiel ihnen auf. Der Mann hielt an und forschte nach dem Weg. »Ich -habe keine Heimat,« sagte Raoul traurig, »meine Eltern sind tot, in -Leipzig leben gute Freunde, zu ihnen will ich.« - -»Nach Leipzig kommen wir auch, aber erst im Frühling,« sagte die Frau, -und über ihr blasses Gesicht ging ein Freudenschein. Von Leipzig aus -nach dem Thüringerwald war es schon näher, und sie sehnte sich nach der -Heimat. - -»Willst en Linschen mitfohre jo--e? Dann kumm ruff,« sagte der Mann -gutmütig in seinem Thüringerdialekt. »Es gäht uff Marienburg, jo--e, 's -ist noch sähre weit!« - -Raoul überlegte nicht lange. Konnte er ein Stück mit den Leuten fahren, -dann verwischte sich am besten seine Spur, der Oheim fand ihn, wenn er -wirklich nach ihm suchen ließ, nicht so leicht, und er kam wohl auch -nach Leipzig. - -So zog er mit den Händlersleuten. Als die sahen, daß der fremde Knabe -etwas Geld besaß, -- es war wenig genug, -- willigten sie gern ein, ihn -in ihrem Wagen mitzunehmen. »Dos Foahre hoaste for nischt,« sagte der -Mann, »abersch 's Ässen mußte alleene kofen.« - -Brot und Wasser reichen aus, dachte Raoul, und dafür langte seine -Barschaft schon ein Weilchen, und seine Hoffnung wuchs, das ersehnte -Ziel zu erreichen. In den ersten Tagen der gemeinsamen Wanderschaft -hielt sich der Knabe immer fern, wenn man in ein Dorf, an ein Gutshaus -kam und die Händlersleute versuchten, ihren Kram loszuwerden. Als aber -nach einigen Tagen eine kleine Stadt erreicht wurde, bot Raoul der -Frau an, er wolle ihr verkaufen helfen. Es wurde ihm nicht leicht, -aber er mochte auch nicht gern ganz umsonst seine Mitfahrt genießen. -Mit einem Bündel Holzlöffeln und Quirlen, ein paar Brettern und Töpfen -trat er seinen Weg an, und er hatte Glück: sein sanftes, feines Wesen, -der traurige Blick seiner schönen Augen bestimmten die Hausfrauen, -dem kleinen Händler doch etwas abzukaufen, und als Raoul zum Wagen -zurückkehrte, hatte er ein besseres Geschäft als die Frau gemacht. -»Dich hat der Himmel geschickt!« rief sie. »So--e Glicke! Du mußt bei -uns bleiben, gelle Mann?« - -Auch der Mann freute sich über den jungen Gehilfen und teilte an diesem -Tage seine Mahlzeit mit ihm: »Das haste verdient, und wenn de bleiben -willst, mir is 's racht!« - -Und wieder überlegte Raoul nicht lange, sondern sagte zu, bis Leipzig -die Händlersleute zu begleiten. Die erzählten ihm viel von ihrem -Leben. Im Winter lebten sie meist eine Zeitlang in ihrem Dörfchen im -Thüringerwald, und sonst war nur immer der Mann mit dem Beginn des -Frühlings ausgezogen, die im Winter geschnitzte Ware zu verkaufen. -Doch der älteste Bube, der den Vater zu begleiten pflegte, war -krank geworden im letzten Frühling, und da hatte die Frau ihre vier -Kinder der Sorge der Großmutter anvertraut und hatte selbst den Mann -begleitet. Weil die Geschäfte gar so schlecht gegangen waren, -- in -diesen Zeiten bedeutete in gar manchem Haushalt schon ein neuer Quirl -eine Ausgabe, die man sich zehnmal überlegte, -- waren die Leute weiter -ostwärts gezogen. Im Herbst war der Mann erkrankt, er hatte sich einen -Fuß gebrochen, und das Ehepaar hatte eine Zeitlang in Königsberg -bleiben müssen. Dort hatten beide die Zeit benutzt und neue Geräte -geschnitzt, und nun zogen sie mit vollem Wagen wieder von Stadt zu -Stadt, hoffend, endlich im Frühling heimzukommen. - -Die Frau sorgte sich um die Kinder, von denen sie nun fast das ganze -Jahr getrennt gewesen war, und sie war froh, daß sie ihrem jungen -Begleiter von ihrem Konrad, ihrer Rose, Liese und dem kleinen Peter -erzählen konnte. Sie fragte gutmütig auch nach Raouls Leben, und der -erzählte von der Mutter, von den Bäckersleuten, aber von Hohensteinberg -nichts. Dahin kehrten aber seine Gedanken desto öfter zurück, und -manchmal war's ihm, als flüstere leise, leise eine Stimme in seinem -Herzen: Du hättest bleiben sollen. - -Ein langes Wandern durch deutsche Gaue, deutsche Dörfer und Städte -war es. Die alte Stadt Marienburg war der erste Ort, wo sie länger -rasteten. Es war gerade Markt, und Raoul suchte eifrig zu verkaufen. -Hier hörten die Händlersleute aber auch, daß die Franzosen wirklich -bald kommen sollten, und sie beschlossen, auf den nächsten Wegen, -jedoch abseits von der großen Heerstraße, heimzukehren. Um Berlin -herum wollten sie einen großen Bogen machen, sie waren von namenloser -Furcht vor den Franzosen erfüllt. 1806 hatte der Kriegslärm bis in -ihr einsames Walddorf hinauf geschallt, und sie erzählten Raoul beide -allerlei aus jener Zeit, erzählten, was Verwandte unten im Saaletal -erlebt hatten. - -Da sprach auch Raoul von seinem Vater, der bei Saalfeld gefallen war. -Die Leute wunderten sich nicht, daß er ein Offizier gewesen war; sie -hatten es bald gemerkt, daß ihr kleiner Begleiter aus gutem Hause war, -aber sie forschten nicht weiter, sie hatten am eigenen Sorgenbündel -genug zu tragen. - -Und wohin auch die Wanderer kamen, überall sprachen die Leute von der -neuen Not, dem neuen Krieg. Denn wie die Schrecken des Krieges selbst -sahen alle den drohenden Durchzug der Franzosen an. Das Bündnis mit -Frankreich, das nun wirklich der König von Preußen abgeschlossen hatte, -gab ja das arme Land dem Eroberer förmlich preis. Jammer, Angst und -glimmenden Haß sahen die drei, wohin sie kamen, und dabei hub sachte -ein erstes, zartes Frühlingsgrünen an, und hier und da standen schon -Büsche mit feinen, grünen Schleiern überhangen, und manchmal pflückte -Raoul blaue Osterblumen und Himmelsschlüssel, steckte sie an seine -vertragene Kappe und rief wohl froh: »Hier ist es schön!« - -»Bei uns ist's scheener,« erwiderte immer die Frau, und der Mann nickte -jedesmal zustimmend: »Da haste was Richtiges gesagt.« - -Die Leute sehnten sich immer stärker danach, heimzukommen, es wurde -ihnen zu unsicher auf den Straßen, und der Handel wurde auch immer -kärglicher. Die Frau steckte jedesmal ein Sträußchen vertrockneten -Quendel zu sich, wenn sie ging, nach dem alten Spruch: »Quendel, -Quandel, mach mir Handel,« aber es nutzte nicht viel. Raoul lachte -zwar über den Aberglauben, aber er nahm gutwillig doch auch immer das -Quendelsträußchen mit. Einmal verlor er es, und um die Frau nicht zu -kränken, steckte er rasch ein paar trockene, vorjährige Grashalme vom -Wege in das Papiertütchen. Sie rasteten gerade in einem Dorf, und -Raoul kam zu einer Bauersfrau, der war in diesen Tagen ihre Küche -ausgebrannt, und die Handelsleute kamen zu guter Stunde. Raoul mußte -noch mehr Ware bringen, und als am Abend der Verdienst überzählt wurde -und das erlöste Sümmchen ihnen allen dreien fast märchenhaft erschien, -rief die Frau froh: »Sihst de nu -- e, Quendel, Quandel, mach mir -Handel, jetzund hast de's erfoahren.« - -Über Raoul kam ein fröhlicher Übermut wie seit langem nicht, er lachte -aus vollem Halse, und lachend gestand er der Frau, daß er den Quendel -verloren und dürres Gras genommen habe. - -Aber so ein echtes Thüringer Waldfrauchen ließ nicht so rasch vom -gewohnten Aberglauben, sie meinte nachdenklich: »Dann mag do -- e was -Gutes drunter gewesen sein. Gib mir 's Kraut.« - -»Sin Faxen,« brummelte der Mann lachend, aber die Frau nahm doch das -Grasbüschlein und verwahrte es sorgsam an ihrer Brust, man konnte doch -nicht wissen! Am nächsten Tag ging sie dann mit sehr viel Mut aus den -Handel und kehrte mit aller Ware heim, nur einen einzigen kleinen Quirl -war sie los geworden. Gutmütig lachte sie dann sich selbst aus, und der -Quendel verlor etwas sein Ansehen bei ihr. - -Endlich langten die drei an einem Tage, früh im April, der sich aber -ganz wie ein schöner, sonnenheller Maitag aufspielte, in Halle an. Hier -wollte Raoul von seinen Gefährten Abschied nehmen, die nicht erst den -kleinen Umweg über Leipzig machen wollten. »Sie kommen, sie kommen!« -klang überall der Angstruf, und alles zitterte und zagte vor dem -gewaltigen Heere, das seinen Marsch durch Deutschland schon angetreten -hatte. - -In einer Ausspannung am Roßmarkt, der außerhalb der Stadt lag, rasteten -die Handelsleute. Sie wären am liebsten gleich weiter gezogen, doch das -Pferdchen brauchte Ruhe. Raoul wollte bis zum nächsten Morgen warten -und dann in aller Frühe seine Wanderung nach Leipzig antreten. Er lief -rasch einmal durch die Straßen der Stadt, um das Wirtshaus zu suchen, -in dem damals Meister Koch abgestiegen war. Vielleicht wußten die Leute -was von ihm, der öfter hin und her fuhr, und vielleicht auch etwas von -Käsmodels. Nun er Leipzig so nahe war, hatte ihn eine heftige Unruhe -erfaßt, ob sie noch alle lebten, ob das Haus noch stand, und ob sie -sich auch freuen würden, daß er so unerwartet kam. - -Er lief und lief, dort mußte es doch sein, nein dort! Auf einmal blieb -er mitten auf der Straße stehen und überlegte, er wußte ja gar nicht -mehr den Namen des Wirtshauses. Es war ein Roß, dachte er, nein, ein -Hirsch -- und weil gerade ein Mann vorbeikam, fragte er hastig: »Ach, -bitte, sagen Sie mir, ist hier ein goldenes Roß, nein, ein weißes Roß --- nein, ein Schwan oder eine Gans -- nein, ich glaube, es war ein --« - -»Dummkopf!« schrie der Mann, »hältst mich wohl zum Narren!« -Fuchsteufelswild drehte er sich um und rannte einem dicken Mann etwas -unsanft gegen den Bauch, aber der schien das gar nicht zu spüren, er -starrte nur Raoul an und rief: »Daß dich das Mäuschen beißt, das ist ja -allweil unser Raoul!« - -»Herr Meister -- ich!« Mit einem Schrei hing Raoul an des dicken -Meisters Hals, ein Tränenstrom brach aus seinen Augen, und fassungslos -vor Freude umklammerte er den dicken Mann. - -Der schluckte, prustete, brummelte, wischte sich die Augen und -schneuzte sich laut, endlich brüllte er, daß es die Straße entlang -schallte: »Da ist er ja, der Musjeh Raoul, allweil, nee so was! Junge, -Junge, heule doch nicht so! Du bist da und bleibst da, und alleweil -wieder fort, das gibt's nicht. Aber jetzt sag', wie du hergekommen -bist!« - -Doch Raoul konnte noch nicht sprechen, er hielt die Hand des Meisters -so fest, als wollte ihn jemand mit Gewalt von dem Manne wieder trennen. -»Na sachte, alleweil sachte,« brummte der, »ich nehm' dich gleich mit. -Wärst du eine halbe Stunde später gekommen, dann hättest du laufen -müssen. Zu uns willst du doch, oder bist du etwa auf dem Wege zu deinem -französischen Onkel?« - -»Nein!« rief Raoul, und ein Lachen flog nun über sein Gesicht, und dann -sagte er ausatmend: »Ich bin ausgerissen!« - -»Das wissen wir schon!« Der Meister schmunzelte so, daß sich sein -rundes Gesicht in lauter Falten zog. »Dein Oheim hat's schon -geschrieben, und danach tut es ihnen allen furchtbar leid. Ich habe -geschwind geantwortet, daß ich nichts von dir wüßte, ich dachte aber -doch, alleweil kommt er schon, wenn er noch 's Leben hat. Der Gottlieb, -der verflixte Bengel, hat sich schon beinahe die Augen aus dem Kopf -nach dir ausgeguckt. Daß die teuren Bücher auch zum Hineinsehen sind, -das vergißt er alleweil. Doch nun komm, unterwegs erzählst du mir, -warum du's mit dem Ausreißen so eilig hattest!« - -Jetzt erst fielen dem Knaben wieder seine Weggenossen ein, und er -erzählte eifrig und ein bißchen kraus durcheinander, auf welche Art er -die Reise gemacht habe, und ein paarmal nickte der Meister anerkennend -dazu. Nach kurzem Nachdenken wurde beschlossen, den kleinen Umweg zu -machen und an der Ausspannung vorbeizufahren, wo die Handelsleute -weilten. Es dauerte nicht lange, da saß Raoul neben seinem Beschützer, -und mit Hühhott ging es durch die Stadt, und die braven Thüringer -staunten nicht wenig, wie stattlich ihr junger Genosse auf einmal -daherkam. Der Leipziger Bürger und Meister flößte ihnen gewaltigen -Respekt ein, und da er ihnen noch als Mitbringsel für ihre Kinder ein -kleines Geldgeschenk gab, sagte die Frau wieder zu Raoul: »Du hast uns -Glicke gebracht!« - -Es gab einen sehr herzlichen Abschied. Der Meister riet den Leuten -dringend, möglichst schnell auf Nebenwegen in ihren Wald zurückzugehen. -»Sie ziehen daher wie ein Heuschreckenschwarm,« sagte er finster. -Der Händler nickte trübe: »Iche wollte meine Schecke und den Wagen -verkaufen und zu Fuße ziehen, aber jetzund kauft das Pferd niemand; sie -sagen alle, die Franzosen nehmen's uns vielleicht weg, jo--e es will -jeder sein Geld im Sacke behalten.« - -Noch einmal rief Raoul den Genossen ein Lebewohl und gute Heimkehr zu, -dann zog der Meister die Zügel an, und fort ging die Fahrt, auf Leipzig -zu. - -Unterwegs erzählte Raoul dem Meister getreulich und ausführlich alles, -was er erlebt hatte, er verschwieg nichts, auch nicht die erfahrene -Güte, aber zu seiner Verwunderung schwieg der nachdenklich und sah -sinnend auf den braunen Pferderücken vor sich, als gefiele ihm der -ganz besonders. Da begann Raoul das Herz zu schlagen, und leise, scheu -fragte er: »War's recht?« - -»Alleweil nee, mein Junge,« rief der biedere Meister. »Sie haben dir -übel mitgespielt, aber nicht alle; weil's doch deine Frau Mutter selig -gewollt hat, darum hättest du noch etwas aushalten, lieber mal dem -Hochhinaus, dem Joachim, ordentlich die Jacke vollhauen sollen. Na ja,« -beschwichtigte er, als er Raouls erschrockenen Blick sah, »du bist von -anderer Art als wir Käsmodels, und ich glaube beinahe, darin gleichst -du deiner Frau Mutter selig. Schlecht behandeln, nee, das ließ die sich -nicht, lieber arbeitete sie über ihre Kräfte und hungerte dazu. Einzig -schade ist's, daß deine Verwandten nicht deine Mutter gekannt haben, -alleweil, das war ihr größtes Unrecht, daß sie gleich nichts Gutes -von ihr dachten, bloß weil sie eine Französin war. Aber wie es ist, so -ist's, ich habe deiner Frau Mutter selig gelobt, dir ein Freund zu -bleiben, und das halte ich. Du hast ihren Willen erfüllt, bist zu den -Verwandten gereist und bist freiwillig wiedergekommen, und nun bleibst -du bei uns und gehst mit dem Bengel, dem Gottlieb, auch aufs Gymnasium, -'s wird euch beiden gut sein. Uff!« Der dicke Meister atmete tief nach -dieser langen Rede, und Raoul schmiegte sich fest an ihn an. Er fühlte -wohl, daß sein Beschützer recht hatte, daß er zu vorschnell gewesen -war, aber die Freude, wieder in der alten Heimat zu sein, war doch -größer als die Reue. - -Die Nacht war schon heraufgekommen, als Meister Käsmodel mit seinem -Schützling durch das Hallesche Tor in Leipzig einfuhr. Zum Ärger -manches braven Bürgers rasselte das Wäglein laut durch die stillen, -dunklen Gassen, und aus manchem Federbett heraus kam brummend das -scheltende Wort: »Es ist unerhört, daß zu nachtschlafender Zeit wieder -ein Wagen fährt. Nicht einmal in der Nacht hat man seine Ruhe.« - -Als die Meisterin Käsmodel aber in der Backstube das Rollen vernahm, -horchte sie freudig auf: ihr Mann kehrte zurück, um den sie schon sehr -gebangt hatte, denn eine Fahrt auf der Landstraße bei Dunkelheit war in -den unruhigen Zeiten nicht ungefährlich. - -Sie eilte selbst, die Haustür zu öffnen, und mit einem Laternchen -beleuchtete sie die Heimkehrenden. Es war aber gut, daß der Meister -geschwind zusprang, sonst wäre das Laternchen hingefallen, so -überrascht war die Frau, als sie Raoul erblickte. Sie zog den Knaben -rasch gar liebevoll in die Arme, streichelte ihn mütterlich und sagte: -»Nun sind's wieder drei!« - -»Das Lottchen,« flüsterte Raoul, er wußte nicht viel zu sagen, aber -die Meisterin verstand ihn: »Es hat eben jeder sein Kreuz zu tragen in -der Welt,« sagte sie sanft. »Nun komm aber hinein, Gott segne deinem -Einzug!« - -»Und der Gottlieb, der Racker, schläft alleweil wie ein Bär,« rief der -Meister. »Na, der wird morgen Augen machen. Kannst dich übrigens gleich -in das Bett in seine Kammer legen. Der verflixte Bengel hat doch nicht -geruht, das Bett mußte aufgestellt werden, noch an dem Tage, an dem der -Herr Oheim geschrieben hat.« - -Mit strahlenden Augen sah sich Raoul in der Backstube um. Der warme, -kräftige Brotgeruch mutete ihn so heimatlich an, und daneben in dem -Stübchen hatte er so oft mit der Mutter gesessen, wenn es oben in der -Mansarde kalt gewesen war, und unwillkürlich sagte er laut: »Ich bin so -froh, so froh!« - -»Ist recht,« sagte der Meister, »und nun, Mutter, gib ihm mal was zu -essen, und dann in die Federn. Den Gottlieb wecken wir heute nicht, der -schreit uns sonst alleweil die ganze Nachbarschaft zusammen vor Freude.« - -Ganz still kroch Raoul dann in des Freundes Kammer in das -bereitstehende Bett, und Gottlob pustete und schnarchte und merkte -nicht, daß der Ersehnte heimgekommen war. Der konnte freilich trotz -seiner Müdigkeit nicht gleich einschlafen; wie ein wunderlich wirrer -Traum lagen die letzten Wochen hinter ihm, und in alle Freude, endlich -am Ziel zu sein, tönten ihm aber doch immer des Meisters Worte hinein, -daß er es noch hätte aushalten sollen. Er meinte Gottliebes helles -Lachen zu hören, ihr liebliches Gesicht zu sehen; vielleicht weinte sie -um ihn, und die Tante war traurig, und Pfarrer Buschmann schüttelte -bekümmert das Haupt über den entlaufenen Schüler. Aushalten, aushalten, -nicht heimlich davonlaufen! klang es immer in ihm. Nun werden sie dich -feige schelten und erst recht nicht für einen echten Steinberg halten. -Da ballte er die Hände zur Faust in seinem Bett und sagte ganz leise zu -sich wie ein festes, schweres Gelöbnis: »Sie sollen doch noch sehen, -daß ich ein Steinberg bin.« Und in dem Schlummer, der nun endlich -über ihn kam, sah er plötzlich Joachim vor sich stehen, der lachte -spöttisch: »Bist doch kein echter Steinberg!« Halbwach fuhr Raoul noch -einmal empor und murmelte drohend: »Warte nur, ich werde dir's doch -beweisen!« -- -- - -Als Gottlieb Käsmodel am nächsten Morgen erwachte, reckte und dehnte er -sich gähnend in seinem Bett herum und schaute erst die Wand an, dann -in das Zimmer hinein. Da fuhr er plötzlich mit einem gellenden Schrei -in seinem Bett empor. Mit einem Sprung war er drüben am andern Bett -und zog Raoul mit einer solchen Kraft aus dem Bett, daß im nächsten -Augenblick beide Jungen auf der Erde lagen. - -»Er ist da, er ist da,« brüllte Gottlieb, sprang auf, setzte über Raoul -hinweg, riß die Türe auf und brüllte wie besessen die Treppe hinab: »Er -ist da, er ist da, huuh, huuh!« Ein wildes, schauerliches Freudengeheul -erfolgte, und im Nu öffneten sich Türen, man hörte ängstliche Stimmen, -jemand schrie: »Es brennt, es brennt!« und dann klappten Schritte, -oben, unten, überall waren die Bewohner aufgeschreckt. - -Raoul aber saß auf seinem Bett und lachte, lachte, und Gottlieb tanzte -im Hemd im Zimmer herum und stieß solche Siegesschreie aus, daß selbst -Bonaparte vor diesem Gebrüll vielleicht auf und davon gelaufen wäre. - -»Donnerwetter, ja!« mit diesem Ruf war Meister Käsmodel aus seinem -süßen Morgenschlummer aufgefahren. Er wollte hinaus, aber dann besann -er sich noch zur rechten Zeit und rief nur: »Mutter, halt doch dem -Bengel, unserem Gottlieb, mal den Schnabel zu; der Junge bringt ja -die Nachbarschaft in Aufregung. Nee, wenn der mal so backen kann wie -schreien, dann wird er Obermeister oder gar Hofbäcker.« - -Oben legte sich schon der Lärm, denn Gottlieb war von der -unbezwinglichen Sehnsucht erfaßt worden, des Freundes Schicksale zu -hören, und an diesem Tage verwünschte er die Schule noch mehr als -sonst, und nur der Gedanke vermochte ihn zu trösten, daß künftig der -Freund mit ihm die Plage teilen würde. - -In der Mittagsstunde stand dann Raoul wie einst in der Burggasse, -stand und wartete auf Karl Wagner, dessen Freude beim Anblick seines -ehemaligen Schreibgenossen freilich nicht so laut und stürmisch war wie -die von Gottlieb Käsmodel. - -Die klaren Augen ruhten aber so warm und doch so ernst fragend auf dem -Knaben, daß der den Kopf senkte. Es war ihm, als schaute der kleine -Schreiber ihm tief auf den Grund der Seele. »Ich bin ausgerissen,« -sagte er leise, »es war nicht recht, ich hätte aushalten sollen, -aber --« - -»Du bist froh, daß du hier bist, mein Junge. Nun, wir begehen alle -Torheiten im Leben, und es kommen auch schon Stunden, in denen man gut -machen und Fehler sühnen kann. Doch Gott zum Gruß, daß du wieder da -bist, daran wollen wir uns heute freuen. Ich hab' es erwartet. Gottlieb -hat mir erst gestern gesagt, du kämst so gewiß wie seine Vier in der -nächsten lateinischen Arbeit!« - -»Das stimmt,« rief Raoul, »er hat sie heute bekommen,« und mit einem -strahlenden Lachen sah er zu Karl Wagner auf: »Ich bin so froh, so -froh!« -- - -Das Bäckerhaus, das sich dem heimatlosen Knaben so bereitwillig -geöffnet hatte, wurde ihm bald wieder eine liebe Heimat. Jetzt, da er -freiwillig die Verwandten verlassen hatte, betrachtete ihn Meister -Käsmodel als seinen Sohn und handelte wie ein guter, treuer Vater an -ihm. Mit Gottlieb besuchte Raoul zusammen das Gymnasium, und mit seiner -Hilfe umschiffte Gottlieb die Klippen der lateinischen Sprache, nahm -sicherer die bösen Gräben der Orthographie, und schaute fortan die -Schule nicht mehr wie einen Käfig an, in dem ein Raubtier eingesperrt -werden soll. - -Raoul hatte den Adel ablegen müssen, Meister Käsmodel meinte, es -würde zu viel Gefrage drum geben. »Bleib nur adlig im Herzen, mein -Junge, das ist die Hauptsache. Nachher, wenn du was Rechtes geworden -bist, allweil kannst du dich wieder mit dem alten Namen nennen.« Der -biedere Meister fürchtete immer, Graf Turaillon könnte doch wieder dem -Neffen nachforschen, und nach Frankreich hätte er den Pflegesohn nur -bitter schwer ziehen lassen. Zu seiner großen Beruhigung war der lange -Schreiber Neumann aber wirklich aus Leipzig fortgezogen, der konnte -also Raouls Anwesenheit nicht mehr verraten. - -Es kam in diesem ersten Sommer aber noch einmal ein Briefchen aus -Hohensteinberg ins Bäckerhaus, Gottliebe hatte es geschrieben. Sie -schrieb darin, sie glaube bestimmt, daß Raoul da ist, und sie bat -gar lieb und herzlich, der Vetter möchte zurückkehren. Da wurde dem -Knaben das Herz doch schwer, und wenn er jetzt an alles dachte, -was er in Hohensteinberg erlebt hatte, da fühlte er immer mehr und -mehr, daß seine Flucht zu rasch, zu unüberlegt gewesen war. Aber -zurückkehren wollte er doch nicht, und so schwer es ihm auch wurde, -er ließ Gottliebes Brief unbeantwortet. Das Bäslein im fernen Osten -weinte manche Träne darum, als der Brief, auf den sie gewartet hatte, -ausblieb; sie hoffte und hoffte, und erst als der Winter kam, schwand -ihre Hoffnung, und sie dachte nun auch wie die andern, Raoul sei -untergegangen oder nach Frankreich zu seiner Mutter Bruder entwichen. - -[Illustration: Dekoration Ende 9. Kapitel] - - - - -[Illustration: Dekoration Titel 10. Kapitel] - - - - -Zehntes Kapitel. - -Nach langer Not zum heiligen Krieg. - - -In dem Sommer von 1812 hatte in Preußen keiner die rechte Freude an -aller Sommerlust, an Sonnenglanz, blühenden, grünenden Wiesen und -kühlem Waldesschatten gehabt, und als sich der Winter früh meldete, da -klagte niemand dem Sommer nach. Mit Schnee und Eis, mit frostklaren -Tagen und Nächten kamen zugleich über die Grenze Nachrichten geflogen, -die jedes vaterlandstreue Herz erbeben ließen. Napoleon sei geschlagen, -raunte es erst leise, bis dann die gewisse Kunde kam von dem Untergang -der großen Armee. Im Wintersturm flohen die letzten Reste des einst so -glanzvollen Heeres aus dem unbesiegten Lande. - -Da hob ein Singen und Klingen in viel tausend deutschen Herzen an, und -überall blühte die Hoffnung empor, daß der Freiheitskampf, nach dem -sich alle sehnten, der sie vom Joch der Fremdherrschaft erlösen sollte, -nun beginnen würde. Wie ein Gottesgericht erschien ihnen allen der -furchtbare Schlag, der die übermütigen Eroberer getroffen hatte, aber -die Freude zeigte sich nicht, als in kleineren Trupps, manchmal gar nur -zu zweien und dreien, die letzten Überlebenden der großen Armee über -die russische Grenze kamen. »Man muß sie vernichten,« hatte mancher -gerufen, wenn er an die Härten des Sommers dachte, der mancher Familie -den letzten Wohlstand geraubt hatte. Doch als die Flüchtlinge kamen, -wahre Jammergestalten, da schwieg der Haß, und das Mitleid regte sich. - -Durch Hohensteinberg kam an einem der ersten Tage des Jahres auch ein -Trupp Flüchtlinge, und Joachim in seinem überschäumenden Knabenhaß -rief, als er von ihrem Nahen hörte: »Man darf sie nicht aufnehmen, es -sind Feinde!« - -Nachher stand er neben seinem Vater auf dem Hof und sah das Trüpplein -vor sich. Wohl fünfzehn Männer waren es; von Hunger, Kälte, dem langen -Marsch und Krankheiten waren sie so erschöpft, daß nur ein paar noch -klare Antwort geben konnten über ihre Schicksale, die andern starrten -dumpf vor sich nieder, ein paar waren kraftlos in den Schnee gesunken. -Die Knechte, Mägde, die Dorfleute, alle waren herbeigeeilt und -umstanden in finsterem Schweigen die Unglücklichen, und der Freiherr -fragte nach den Namen, der Herkunft. Da klang ein deutscher Name nach -dem andern an sein Ohr: die Leute waren alle Süddeutsche, sie alle -hatten den französischen Fahnen folgen müssen. - -Die Hausfrau hatte die Flüchtlinge kommen sehen. Sie hatte nicht viel -geforscht und überlegt, nicht viel nach Namen und Art gefragt, sondern -sie war selbst in die Küche gegangen und hatte mit Jungfer Rosalie eine -kräftige Mehlsuppe gekocht, und bald kamen aus dem Haus die Hausfrau -mit ihren Töchtern und Mägden, und alle trugen Töpfe voll dampfender -Suppe und Körbe voll Brot. - -Ein Schreien, ein gieriges Schreien gellte auf, die erloschenen Augen -der Flüchtlinge blitzten, zitternd streckten sie die Hände aus: Essen, -warmes Essen nach so vielen langen, langen Tagen wieder! - -Die Frauen mußten mahnen: »Ihr verbrennt euch, nicht so hastig!« Doch -die Flüchtlinge rissen ihnen die heißen Töpfe fast aus den Händen, sie -schluchzten, schlangen, und manch einem Mann rannen die Tränen über das -hohlwangige Gesicht. Essen, Essen, eine warme Suppe, wie wohl das tat! - -In tiefem Schweigen sahen die Männer und Frauen zu. Kein Schmähwort -wurde laut, keine Hand ballte sich mehr zur Faust, vor diesem Jammer -schwieg der Haß. Und als der Freiherr sich zu seinen Knechten wandte: -»Räumt eine große Stube für die Leute aus, ihr könnt in den leeren -Gastzimmern wohnen,« da boten sich eilig ein paar Bauern zur Hilfe an, -und ein paar Frauen sagten, sie könnten wohl noch allerlei Sachen aus -ihrem Vorrat hergeben. - -Schweigend folgte auch Joachim den Knechten und half räumen und -Strohlager herrichten, und manchmal streifte sein Blick die Flüchtlinge -voll tiefen Mitleids, die, in Lumpen gehüllt, die Beine mit alten -Fellen und Stroh umwickelt, auf dem Kopfe wohl Frauentücher und Hauben, -in nichts mehr den siegesfrohen Kriegern des Sommers glichen. Und alle -waren Deutsche. Des Jünglings Herz krampfte sich zusammen, und in -dieser Stunde begriff er völlig die Schmach seines Vaterlandes. - -Man hatte auf Hohensteinberg noch manchmal Gelegenheit, den -Flüchtlingen zu helfen, und alle auf dem Schloß und im Dorfe taten es -mit christlichem Erbarmen. Ein paar der Leute starben, andere wurden -gesund, einige kehrten in die Heimat zurück, andere aber blieben, -blieben, um in das preußische Heer einzutreten und für ihrer Brüder -Freiheit zu kämpfen. - -Es regte sich überall. Laut sprachen die, die bisher hatten schweigen -müssen, von dem bevorstehenden Freiheitskampf, und keinem Krieg hatte -man in Preußen so entgegengejubelt wie diesem, den der Frühling von -1813 bringen sollte und dessen Ausbruch man kaum erwarten konnte. - -An einem Märztag, an dem es schon lenzlich sproßte und Büsche und -Bäume im jungen Safte schwollen, gab es in Hohensteinberg eine bittere -Abschiedsstunde. Vater und Sohn zogen beide in den heiligen Kampf, und -aus dem Dorfe folgten ihnen alle Männer, die noch die Kraft in sich -fühlten, mitzustreiten und mitzusiegen, denn Sieg war aller Gebet und -Hoffnung. - -Joachim wollte mit seinen Freunden, den Tugendbündlern, in das ganz -aus Freiwilligen gebildete Reiterregiment, das Graf Lehndorf in -Königsberg sammelte, eintreten. Daß nur Arnold von Berkow gerade die -vorgeschriebenen siebzehn Jahre zählte, kümmerte sie alle nicht, sie -hofften, niemand werde es so genau damit nehmen. - -Es hatte in Hohensteinberg auch niemand daran gezweifelt, daß Joachim -mitziehen würde, und Frau Maria, die bei aller Sanftmut doch eine -starke, tapfere Frau war, brachte ohne Klagen das schwere Opfer. Die -Frauen des Hauses trugen in dieser Zeit eine stille, gefaßte Miene zur -Schau, keine wollte es den Scheidenden schwer machen. Als Gottlobe -zuerst in Strömen von Tränen Trost suchte, hatte die Großmutter sie -in der alten herben Art, von der seit Raouls Flucht nur wenig noch -zu spüren war, angerufen: »Schweig! Eine Steinberg heult nicht.« Da -war Gottlobe jäh verstummt, und nur der Schwester klagte sie. »O der -furchtbare Krieg! Wenn doch kein Krieg käme!« - -»Bist dumm,« erklärte Gottliebe, und in ihr weiches Gesichtchen grub -sich die feste, harte Steinbergfalte, »ich wollte nur, ich könnte mit -wie Joachim!« Gottlobes Entsetzen ließ die Schwester ungerührt, und es -ahnte niemand, wie oft Gottliebe es wünschte, ein Junge zu sein. - -Wenige Tage vor dem Aufbruch trat sie zu dem Vater in das Zimmer. Zu -ungewohnter Zeit und ohne Erlaubnis wagten es die Kinder selten, des -Vaters Zimmer zu betreten, und der Freiherr, der über Büchern und -Rechnungen saß, schaute erstaunt auf sein Mädel. »Was willst du?« - -»Vater!« Gottliebe preßte beide Hände an die Brust, und wie sie so vor -dem Vater stand im schlichten, dunklen Kleid, ein weißes, feines Tuch -um Hals und Brust geschlungen, das junge Gesicht von den blonden Locken -umrahmt, sah sie unendlich lieblich aus, und des Vaters Augen freuten -sich an der jungen Schönheit seines Kindes. »Nun,« fragte er noch -einmal freundlich, als Gottliebe stockte, »was will mein Mariellchen?« - -»Vater -- ich --« Purpurglut lief über das Gesichtchen, »ich -- will -mich als Achims Bruder verkleiden, weißt du, als ob ich sein Bruder -wäre und nicht seine Schwester, und mitziehen in den Krieg. Ich kann's, -Vater, gewiß! Bitte, bitte, lachen Sie nicht, ich habe die Kraft und --- ich schäme mich, daß ich nichts, gar nichts für mein Vaterland tun -kann, nur ein Mädchen bin.« - -»Nur ein Mädchen!« Der Freiherr zog sein Kind an sich. »Meine Liebe, -mein tapferes Kind, was sagst du da? Nur ein Mädchen -- ist es denn -nicht etwas Schönes, ein Mädchen zu sein, eine Frau zu werden, zu -sorgen und zu schaffen für der anderen Wohl? Ei, Liebe, was sollten wir -Männer tun, wenn wir in den Krieg ziehen müssen und daheim nicht unsere -Mütter, Frauen und Schwestern unsere Arbeit täten?« - -»Es ist so wenig,« flüsterte Gottliebe, »es sind -- keine großen -Taten.« - -Ein ernstes Lächeln glitt über des Freiherrn Gesicht. »Keine großen -Taten? Du Kind du! Auch wir, die wir in den Kampf ziehen, wissen nicht, -ob uns das Schicksal für große Taten bestimmt hat. Es wird mancher -an einem Zaun verbluten und sein Leben lassen, der ein Held war, und -dessen Name nie jemand nennt. Sieh hinaus, meine Mariell, dort grünen -die Saaten, dort wächst die Ernte des Jahres heran, und es würde -schlimm darum bestellt sein, wenn die Frauen nicht den goldenen Segen -hüten wollten, und unsere Ställe und Kornkammern würden leer sein ohne -der Frauen Arbeit, und wer diese Arbeit leistet, der tut auch etwas für -sein Vaterland. Ich ziehe fort und Joachim, und wir wissen nicht, wann -wir wiederkehren, und ob wir noch einmal die Heimat sehen. Da lege ich -denn auf deine Schultern einen Teil meiner Sorge und Last: du sollst -deiner Mutter ein Segen, ein Trost sein, ihre Helferin in den Tagen der -Mühe, die kommen werden. Es wird dir wenig Zeit für heitere Jugendlust -bleiben, aber ich weiß, daß du treu an deiner Stelle stehen wirst, -und an der Liebe für die Deinen, für das Vaterland wird deine Kraft, -dein Wille erstarken. Gott hat jeden an seinen Platz gestellt, und es -braucht keiner zu sagen: Ich bin nur dies, nur das! der seine Pflichten -in Treue erfüllt. Die Frauen unseres Geschlechts waren immer tapfer und -treu und verloren nicht ihren Mut in den Zeiten der Not. Sei auch du -eine Steinberg, mein Kind, und draußen im Wirrsal des Krieges will ich -froh denken: Meine Liebe schafft daheim, meine Tochter. Gott sei Dank, -daß mir der Himmel zum Sohne auch Töchter gab!« - -Gottliebe schmiegte sich bebend an den Vater an, sie fand keine Worte. -Erst als der Vater sie prüfend anschauend fragte: »Willst du noch -verkleidet mitziehen, und bist du nun noch traurig, nur ein Mädchen -zu sein, meine kleine Tugendbündlerin?« da sagte sie leise, mit einem -feierlichen, frommen Klang in der jungen Stimme: »Ich will daheim -bleiben!« - -Es wurde nicht viel geweint und keine Klagen ertönten, als ein paar -Tage später die freiwilligen Kämpfer Abschied nahmen. Alle waren -ernst und gefaßt, selbst die weichmütige Gottlobe versuchte, tapfer -ihre Tränen zurückzudrängen; Gottliebe aber stand dabei mit einem so -ernsten, reifen Ausdruck in dem Gesicht, daß der Vater diese Tochter -noch einmal mit besonderer Liebe umfaßte. »Ich weiß, daß ich mich auf -dich verlassen kann, mein Mädel,« sagte er ernst. - -Und die Zurückgebliebenen nahmen tapfer und willig die vermehrte -Arbeitslast auf sich, und so emsig auch jeder schaffte, sie staunten -in Hohensteinberg doch alle über Gottliebe. Mit einem Ernst, der ihre -Jahre weit überragte, suchte sie sich selbst ihre Arbeit. Pfarrer -Buschmann willigte ein, daß vorläufig die Stunden ausgesetzt wurden, -und Gottliebe packte die Bücher fort, die sie so liebte; auch für -heitere Mädchenlust und zärtliche Freundschaftsbriefe fand sie -keine Zeit mehr. Schon nach etlichen Wochen nannte Frau Maria ihre -älteste Tochter ihren kleinen Minister, und Jungfer Rosalie wollte -fast eifersüchtig werden, aber die Freude über des jungen Mädchens -ernsten Fleiß war größer als das kleinliche Gefühl der Eifersucht. -Die weichere, schwärmerische Gottlobe ließ sich von der Schwester -fortreißen, aber wenn Liebe schon vor Tau und Tag aufstand, um -auf dem Hof nach dem Rechten zu sehen, dehnte sie sich doch noch -oft im Schlafe, und sie konnte auch das Seufzen und Klagen nicht -ganz unterlassen; trotzdem wurde sie in dieser Zeit doch auch ein -tüchtiges, pflichtgetreues Mädchen, eine rechte Tugendbündlerin, wie es -die Schwester nannte. -- - -Und es wurde manche in dieser harten, schweren Zeit zur Heldin, manche -Frau lernte das tapfere Aushalten, und für manches Mädchen gingen -Jugendlust und Freude unter in dem ernsten Alltag. Das Gefühl, in einer -großen, gewaltigen Zeit zu stehen, befreite viele von kleinlichem -Kummer, kleinen Fehlern, kleinen Gedanken. - -Eine große, eine wunderbare Zeit war es. Als Herr von Steinberg mit -seinem Sohne, Freunden und Heimatgenossen nach Königsberg zog, da -hatte der König von Preußen sein Volk noch gar nicht gerufen, aber -doch strömten von überall her die Freiwilligen zu den Fahnen. Das Volk -selbst forderte den heiligen Krieg, es forderte ihn so einmütig, mit -solcher Opferwilligkeit, daß die meisten fühlten, nur Sieg oder ein -völliger Untergang konnte das Ende sein. In Ostpreußen aber fühlte man -es vielleicht am tiefsten, daß das herrliche, tapfere Preußenvolk nicht -untergehen konnte. - -Aber auch aus den andern Ländern deutscher Zunge außerhalb Preußens -strömte die Jugend herbei, um dem Bruderlande zu helfen. Da litt -mancher schwer, weil das engere Vaterland sich noch zu Frankreichs -Bundesgenossen rechnete, und mancher kehrte dem kleinen Vaterland den -Rücken und eilte über die Grenze nach Breslau, wo König Friedrich -Wilhelm weilte, um unter dem preußischen Adler zu fechten. Sie fühlten, -daß es diesmal für Preußen kämpfen für die deutsche Sache überhaupt -kämpfen hieß. - - * * * * * - -Raoul von Steinberg träumte mit seinem Freunde Gottlieb auch viel von -Kampf und Sieg, und in dem Ofenwinkel schmiedeten die zwei in den -ersten Monaten des Jahres 1813 manchen kühnen Plan. Meister Käsmodel -sagte nichts dagegen, wenn die Jungen laut von Kampf und Sieg sprachen; -er war auch einer von denen, die voll Hoffnung auf den kommenden Sieg -sahen, auch ihn bedrückte schwer die Schmach der deutschen Uneinigkeit, -und er sagte manchmal: »Es ist wider die Natur, daß wir Sachsen -Bonapartes Bundesgenossen sind. Herrgott, ich wollte, wir alle, die wir -deutsch sprechen, hätten einen Kaiser, es wäre ein Reich.« - -Das milde Klima des Pleißentales hatte in Leipzig schon im Februar hier -und dort grüne Spitzen hervorgebracht, und es gab schon frühlingswarme -Tage. Statt Schnee rann wohl auch der Regen in Strömen vom Himmel -herunter, und an einem solchen platschenden, warmen Regentag kamen -Raoul und Gottlieb mit einer solchen Eile, mit so viel Geschrei aus der -Schule heim, daß ihr Rufen selbst das kleine blonde Minchen aus dem -Puppenwinkel hervorlockte. Die Meisterin ließ den Kochherd im Stich, -und der Meister kam mehlbestaubt aus der Backstube herbei. »Alleweil -jetzt möcht' ich wissen, was das Geschrei soll, Bengels! Nächstens -fällt noch unser guter, dicker Thomasturm um von eurem Geschrei.« - -»Sie ziehen nach Breslau,« schrie Gottlieb und fuchtelte mit den Armen -in der Luft herum, »und wir woll'n mit.« - -»Wer -- was zieht nach Breslau? Junge, rede doch vernünftig!« brummte -der Meister. - -»Die Hallenser Studenten ziehen nach Breslau, um dort als Soldaten -einzutreten,« sagte Raoul heiß und erregt. »Sie sagen alle, dort würden -neue Regimenter gebildet, und der Herr Konrektor hat's selbst erzählt, -in einigen Tagen schon reisen die Studenten ab, sein Neffe ist auch -dabei, und da -- da -- wollen wir mit.« - -»Seid doch keine Studenten,« rief die Meisterin ärgerlich, die um -ihren Sohn bangte, -- »euch nehmen sie ja gar nicht, und die Studenten -möchten sich schön umschauen, wenn so'n paar Dreikäsehochs mitwollten.« - -»Hoho,« schrie Gottlieb empört, »wir sind fünfzehn Jahre, 'n paar Tage -fehlen mir nur noch, sie nehmen uns schon.« - -»Sie nehmen euch nicht! Mann, rede du doch etwas!« Die Meisterin sah -bittend zu ihrem Manne hin. Sagte der denn kein Wort, redete der nicht -den Buben den Unsinn aus? - -Doch der Meister schwieg. Er sah von einem zum andern, und das Herz tat -ihm weh, daß er die beiden Jungens aus dem Hause lassen sollte, aber -- -er selbst hätte es wohl verlangt, wenn er in ihrem Alter gewesen wäre, -er verstand, daß die Jugend vor Kampfeslust glühte. »Du bist unser -Einziger,« sagte er zögernd, »da ist's wohl allweil besser --« - -»Das sagt Raoul auch,« schrie Gottlieb, und sein Gesicht flammte, »aber -ich bleib' nicht hinterm Ofen sitzen, ich schäm' mich halbtot.« - -»Mein Himmel,« stammelte die Meisterin entsetzt, »der Junge ist -ja außer Rand und Band und soll nun mal ein richtiger, gesetzter -Bäckermeister werden! Mann, schaff Ordnung!« - -Doch dem Meister gelang es nicht, Ordnung nach dem Sinne des zagenden, -sorgenden Mutterherzens zu schaffen. Er redete den Knaben gütlich und -ernst zu, aber Gottlieb merkte wohl das heimliche Zögern des Vaters, -und daß der im Herzen ihm recht gab, und er bat, flehte, trotzte auf, -und im Bäckerhaus gab es ein paar stürmische, tränenvolle Tage. Die -Meisterin wollte und wollte nicht einsehen, daß gerade sie ihren Sohn -ziehen lassen müßte, und dabei schaute sie doch immer mit heimlichem -Stolz auf Gottlieb. Es war, als wüchse der in diesen Tagen; er streifte -viel Kindisches, Törichtes von sich ab, sein heißes Wollen, die -brennende Sehnsucht, die in ihm gärte, reifte ihn, und endlich gab die -Mutter nach und fügte sich mit blutendem Herzen darein, den Sohn ziehen -zu lassen. Um des Vaters Einwilligung brauchte Gottlieb nicht zu ringen. - -»Wartet es doch wenigstens ab, bis man wirklich weiß, ob es losgeht,« -bat die Meisterin, der jeder Tag Aufschub ein Geschenk schien; aber -dann brachte Meister Koch eines Tages die Nachricht, daß die Hallenser -Studenten wirklich nach Breslau zu ziehen gedächten. Da gab es kein -Halten mehr. Gottlieb und Raoul eilten zu ihrem Konrektor und erbaten -sich einen Empfehlungsbrief an dessen Neffen, und der redete nichts -dagegen, sondern gab ihnen das Schreiben. Beim Abschied sagte er dann: -»Ich glaube, Gottlieb, du wirst ein besserer Soldat als Lateiner -werden, trotz deiner Jugend. Nun, Gott befohlen, ihr Jungen! Es wird -eine heiße Zeit werden, und ich wollte, ich könnte euch erst wieder -auf der Schulbank sehen, dann freute ich mich wohl selbst an deinem -Fehlergewimmel, Gottlieb!« - -Auch Meister Käsmodel hatte sich ein paar Empfehlungsschreiben -verschafft, und so fuhr er selbst eines Morgens die beiden Knaben -heimlich nach Halle. Es schien ihm gut und vernünftig, wenn die beiden -sich den Hallenser Studenten anschlossen. Das war eine bitterschwere -Abschiedsstunde in der kleinen Ladenstube. Die Meisterin hielt ihr -Minchen an der Hand und schluchzte herzbrechend: »Nun bleibt mir nur -das eine von meinen Kindern.« - -»Ich komme wieder, Mutter, haben Sie keine Sorge,« flüsterte -Gottlieb, dem nun doch der Abschied so schwer wurde, daß er die Zähne -zusammenbeißen mußte, um nicht laut zu heulen. Er starrte immer -geradeaus an der Mutter vorbei. Da lagen die Brote auf dem Schrank, -eins, zwei, drei, vier, fünf, zählte er in Gedanken, eins, zwei, drei, -vier -- er schluchzte auf und rannte plötzlich hinaus und kletterte auf -den Wagen. Herrgott, das hätte er nicht gedacht, daß ein Abschied eine -so schlimme Sache war! - -Raoul war gefaßter, doch als er des Freundes Kampf, der Mutter -Jammer sah, dachte er an die bitteren Abschiedsstunden, die er schon -durchlitten hatte. »Frau Meisterin,« sagte er rasch und faßte die Hand -der Frau, »ich halt' zu Gottlieb, wie's auch kommt!« - -Da war's, als glitte ein schwaches Leuchten über das vergrämte Gesicht -der guten Frau, und sie strich über des Knaben Haupt. »'s ist mir ein -rechter Trost, daß du dabei bist,« murmelte sie. »Fahrt mit Gott!« - -Ein letztes Winken und Grüßen, und wie damals, als er nach -Hohensteinberg gefahren war, rasselte das Wäglein die Straße entlang, -und Raoul warf einen letzten Blick auf das spitzgieblige Haus; nun eine -Biegung, es war nicht mehr zu sehen. Gottlieb schaute sich nicht einmal -um; er saß ganz zusammengekauert da, und erst als Leipzig weit, weit -hinter ihm lag, richtete er sich auf und fragte ein wenig unsicher: -»Glaubst du, Raoul, daß uns die Studenten auch mitnehmen?« - -»Freilich,« antwortete der Freund sorglos, und auch der Meister meinte -gewichtig: »Warum denn nicht? Ich habe gute Empfehlungsschreiben.« - -[Illustration: Die Steinbergs. (Seite 153.)] - -Es gab auf dem Marktplatz zu Halle aber ein lautes Hallo und Geschrei, -als der Leipziger Bäckermeister auf ein dort versammeltes Häuflein -Studenten zutrat und sein Anliegen vorbrachte. »Sind wir Kindermuhmen, -sind wir Magister, die kleine Buben in Zucht und Lehre nehmen?« schrie -ein baumlanger Kerl in Samtrock, der aus einer Pfeife rauchte, die -beinahe so lang wie Meister Käsmodel selbst war. - -»Euer Brot ist noch zu frischgebacken, wohllöblicher Bäckermeister,« -spottete ein anderer und schaute lachend auf Gottlieb. Und ein dritter -höhnte: »Schick den Backofen mit auf die Reise, damit die Büblein es -gut warm haben.« - -Heisa, da fuhr der Meister aus! Sein Gesicht glühte ihm wie ein -gutgeheizter Backofen selbst, und seine Stimme dröhnte laut über die -anderen hinweg. »Was schert es euch, ihr Herren, wenn den Buben ein -paar Jährlein fehlen? Seid ihr der König von Preußen selbst? Sollte -meinen, lang ist das allweil noch nicht her, als ihr selbst die -Schulbänke drücktet! Nennt ihr das Vaterlandsliebe, aus langen Pfeifen -schmauchen, in Samtkitteln einherlaufen und über ehrsame Bürgersleute -spotten? Ein Paar junge Arme sind viel wert in dieser Zeit, und mein -Gottlieb tut seine Sache vielleicht besser als so ein Bücherschnüffel, -und mein Pflegesohn da, -- dem sein Vater selig, der ist bei Saalfeld -gefallen, und sein Sohn wird ihm Ehre machen. Gehabt euch wohl, ich -meinte, in der Zeit müßte einer wie'n Bruder zum andern stehen, aber -mir scheint, ihr zieht auf den Tanzsaal mit Lust und Übermut und -allweil nicht in den heiligen Krieg fürs Vaterland.« - -Der dicke Meister wischte sich danach den Schweiß von der Stirn, die -Rede war kein leichtes Stück gewesen, aber sie hatte eine gute Wirkung -getan. Die Studenten sahen einander betroffen an, dann trat einer vor -und sagte höflich: »Nichts für ungut, so arg war's nicht gemeint, und -wenn der Herr Meister uns die Söhne anvertrauen will, ich will sie wohl -mitnehmen.« - -Die andern fielen ein, so sei es recht, und nach ein paar Minuten -war der Friede geschlossen, und es wurde abgemacht, daß Raoul und -Gottlieb mit ungefähr zwanzig Studenten am nächsten Morgen die Fahrt -nach Breslau antreten sollten. Mit festem Handschlag wurde brüderliche -Treue gelobt, und Gottlieb, der schlechte Lateiner, der unerbittliche -Feind aller Grammatik und Orthographie, hatte in dieser Minute beinahe -Respekt vor sich selbst, vor diesem Gottlieb Käsmodel, der ein Genosse -der Studenten geworden war. »Raoul,« flüsterte er, »von der Schule aus -brächte ich's nie so weit, wenn -- die nur nicht lateinisch reden.« - -Aber daran dachten die Musensöhne nicht, sie redeten ein kräftiges, -kernfestes Deutsch in dieser Zeit, und es zeigte sich bald, daß sie -wirklich mit heiligem Ernst in den Krieg zogen. Der Meister wurde rasch -gut Freund mit ihnen, und etliche versprachen ihm: »Wenn wir nach -Frankreich marschieren und durch Leipzig kommen, dann vergessen wir es -nicht, Meister, bei Ihnen Einkehr zu halten.« - -»Das ist ein Wort,« rief der Meister, »aber so weit sind wir allweil -noch nicht, und ehe ihr den Musjeh Bonaparte in seinem Frankreich -selbst aufsuchen könnt, mag noch viel Wasser die Berge herabrennen.« - -Mit schmetterndem Gesang ging es am nächsten Morgen frohgemut mit -der Extrapost zur Stadt hinaus. Meister Käsmodel sah das Trüpplein -davonfahren, und er lüftete ehrerbietig seine Kappe, als es stolz und -froh in den kühlen Vorfrühlingsmorgen hinausschallte: - - »Eine Ernte ist getreten - Von dem Feinde in den Kot, - Eh' ihn unsre Schwerter mähten, - Doch wir wuchsen auch in Not. - Eine Saat ist aufgestiegen, - Drachenzähne setzt die Brut; - Mag es brechen, will's nicht biegen, - Jugend hat ein heißes Blut.« -- - -Schon von Mitte Februar an zogen in Breslau die ersten freiwilligen -Kämpfer ein, und als nach einer Fahrt, mit mancherlei List und -Vorsicht, denn noch gab es überall französische Besatzungen, die -Hallenser mit Raoul und Gottlieb an einem Märztage ihr Ziel erreichten, -da herrschte auf den engen Straßen schon ein ungewöhnliches Leben. -In Scharen kamen die Freiwilligen an, jeder hatte sich ausstaffiert, -wie es gerade ging, und manch einer trug noch einen alten Säbel, -den sein Vorfahre schon unter des großen Fritzen siegreichen Fahnen -geschwungen hatte. Die Uniformen waren wunderlich zusammengestoppelt: -ein bunter Kragen auf dem Alltagsrock -- das war manchmal das einzige -Zeichen, welchem Regiment einer zugehörte. Auch Gottlieb und Raoul -waren noch nicht ausgerüstet, sie liefen in ihren Schulkleidern mit, -als die Studenten sich einschreiben ließen. In dem großen Saal, in der -Menschenmasse, den vielen höheren Offizieren gegenüber wurde es den -Buben dann seltsam beklommen zumute. »Sie nehmen uns nicht,« flüsterte -Gottlieb entmutigt, aber Raoul beharrte: »Sie müssen uns nehmen, ich -muß mitziehen.« - -In einer Ecke des großen Saales standen einige ältere Offiziere -zusammen in eifrigem Gespräch. Ein hochgewachsener Mann in der Uniform -der preußischen Landwehr erzählte lebhaft, wie es droben in Ostpreußen -aussehe, und die andern lauschten aufmerksam seinen Schilderungen. Nur -manchmal warf einer einen Blick auf die Schar der eben angekommenen -Freiwilligen, von denen einer nach dem andern vortrat und seinen Namen -und Stand nannte. Doch plötzlich horchten alle auf, das Stimmengewirr -hatte sich jäh gelegt, und in die Stille hinein gellte eine helle -Knabenstimme: »Ich muß mit, ich muß mit! Nehmen Sie mich doch, ich bin -stark genug! Ich heiße Steinberg, und mein Vater fiel bei Saalfeld.« - -»Steinberg, hören Sie, da ist einer Ihres Namens,« wandte sich ein -General an den stattlichen Mann in preußischer Landwehruniform, und der -drehte sich blitzschnell um. »Ein Steinberg, wo?« Da traf sein Blick -Raoul, der blaß, hochaufgerichtet vor dem Tisch stand, auf dem die -Listen der Eingeschriebenen lagen. Senkrecht grub sich in die Stirn des -Knaben die tiefe Falte, und seine Augen sprühten und blitzten, eine -so feste Entschlossenheit lag in dem jungen Gesicht, daß der General -unwillkürlich sagte: »Donnerwetter, um den wär's schade!« - -»Raoul!« Der Freiherr von Steinberg war rasch vorgetreten, da stand er, -der verlorene Neffe, der Knabe, der so eigenmächtig sein Schicksal in -die Hand genommen hatte. »Raoul, du hier?« - -O diese Stimme! Raoul wandte sich jäh um und stand nun seinem Oheim -Auge in Auge gegenüber. Eine tiefe Glut überflog sein Gesicht, aber -seine Augen hielten doch den Blick des Oheims aus, und dem war es, -als schaute er durch diese dunklen, ernsten Augen hindurch auf einen -lichten, reinen Grund. Er legte seine Hand auf des Knaben Haupt: »Was -ist's denn mit dir?« - -»Ich bin zu jung, Gottlieb und ich sind zu jung,« rief Raoul, der jetzt -nur an die Gegenwart dachte, rasch des Freundes Hand ergreifend, der -einen Schritt hinter ihm stand. - -»Zu jung, zu jung! Erst fünfzehn Jahre. Siebzehn müssen es sein,« sagte -der Protokollführer und wiegte bedauernd den Kopf. - -»Tretet zurück,« sagte Herr von Steinberg, »ich werde sehen, was sich -tun läßt,« und ohne ein Wort weiter zu sagen, schob er Raoul vor sich -her, stellte ihn vor den General hin und sagte: »Mein Neffe, der Sohn -meines Bruders, der bei Saalfeld fiel, und noch ein Steinberg, der mit -will. Mein Sohn, der auch noch nicht seine siebzehn hat, zieht auch -mit. Ein Steinberg kann nicht daheim bleiben in dieser Zeit.« - -Der General musterte Raoul von Kopf bis zu Füßen. »Ein wackerer -Bursche,« sagte er anerkennend, »und ein Steinberg, das ist ein guter -Empfehlungsbrief. Ich denke, wir können hier auch über die fünfzehn -hinwegkommen. Aber was ist der andere?« - -»Mein Freund Gottlieb Käsmodel aus Leipzig,« sagte Raoul, denn Gottlieb -war ganz verstummt. »Wir sind zusammen gekommen.« - -»Auch nicht älter?« - -»Nein!« - -»Na, dann muß der schon heimziehen, nur Jungen können wir doch nicht -gebrauchen. Ist er ein einziger Sohn? Was ist sein Vater?« - -»Ja, sein Vater ist Bäckermeister in Leipzig.« - -»Ein gutes Gewerbe! Zieh heim, mein Sohn, und hilf dem Vater -ordentlich,« sagte der General freundlich. - -Raoul atmete tief auf, dann trat er einen Schritt vor, und seine -dunklen Augen unverwandt auf den General gerichtet, rief er: »Wir -müssen beide mit. Der Gottlieb ist mein Freund, ich hab's ihm gelobt, -zusammen oder -- nicht.« Seine Stimme schwankte. »Er hat noch mehr -Kräfte als ich, wir halten's beide ganz bestimmt gut aus!« - -Nun irrte sein flehender Blick zu seinem Oheim hin, und dessen Herz -schlug. - -So war seines Bruders Sohn, so treu, so tapfer! Er trat an den General -heran und erzählte ihm leise kurz des Neffen Geschichte, und immer -wohlwollender ruhten die hellen Reiteraugen des Generals auf den -beiden Knaben. »Uns wird's nicht fehlen, Kameraden,« sagte er zu -den umstehenden Offizieren, »wenn solche Jugend für des Vaterlandes -Freiheit ficht. Tretet jetzt zurück und wartet draußen, ihr beiden, ich -werde an eure Sache denken.« - -Und nebeneinander, Raoul größer, schlanker, Gottlieb kleiner und -untersetzter, mit brennenden Wangen und strahlenden Augen gingen beide -durch den Saal und harrten dann vor der Türe in Zuversicht, daß sich -ihr Schicksal entscheiden werde. »Der Oheim zürnt nicht,« sagte Raoul -leise, froh. - -»Jetzt begreif' ich's allweil nicht,« flüsterte Gottlieb, des Vaters -Lieblingswort unwillkürlich gebrauchend, »warum du da ausgerissen bist. -Aber gut war's, denn ohne dich schickten sie mich heim.« - -Sie saßen beide auf einem Holzbänkchen im Winkel, und es dauerte lange, -ehe der Freiherr herauskam. »Das ist er,« flüsterte Raoul und schnellte -in die Höhe, und kerzengerade, viel größer geworden in dem einen Jahr -der Trennung, stand er vor seinem Oheim. »Junge, Junge,« rief der mit -bewegter Stimme, »weißt du denn nicht, welche Sorge du uns gemacht -hast? Ahnst du nicht, wie wir uns gegrämt haben um dich?« - -»Es war eine Dummheit,« bekannte Raoul offenherzig, »es war unrecht.« - -Da zog der Mann ihn an seine Brust. »Sieh von jetzt ab deinen Vater in -mir, und wenn wir heimkehren, dann soll dir Hohensteinberg wirklich -eine Heimat sein!« - -Raoul drückte nur fest des Oheims Hand, er konnte nicht sprechen, und -Gottlieb zog ein Gesicht, als wäre er dabei, eine Literflasche voll -Essig auszutrinken. Da wandte sich der Freiherr zu ihm: »Du bist also -der Gottlieb, von dem meine Mariell, deine Namensschwester, mir so viel -erzählt hat! Schau nicht so finster drein, ich will dir den Freund -nicht nehmen, so gute Freundschaft hält, meine ich, das ganze Leben. -Gib mir die Hand, Gottlieb, auf gute Freundschaft auch zwischen uns -zweien. Deinen Eltern und dir bin ich viel Dank schuldig für das, was -ihr an meines Bruders Sohn getan habt!« - -Gottlieb war puterrot geworden. Er hätte gern etwas recht Kluges, -Feierliches gesagt, aber eine große Verlegenheit schnürte ihm fast -die Kehle zusammen. Er trat von einem Bein auf das andere und platzte -endlich heraus: »Raoul, warst du'n Esel! Vor so'nem Oheim wär' ich doch -nicht davongelaufen!« - -Der Freiherr lachte, daß ihm die Tränen über die Backen liefen, und -herzhaft schüttelte er immer wieder die feste Bubenhand. »Du bist ein -Prachtkerl, Junge!« sagte er. »Nun aber kommt noch hinein, es ist mir -gelungen, eure Aufnahme durchzusetzen, da es euer Wille ist und deine -Eltern, Gottlieb, doch einverstanden sind?« - -»Freilich,« rief der und gab Raoul einen Puff. »Erzähl, wie's war!« -Und Raoul erzählte dem Oheim kurz, wie sie hergekommen waren, und daß -Meister Käsmodel sie selbst nach Halle gebracht hatte. - -»Na, dann kommt!« sagte der Freiherr und betrat mit den beiden nochmals -den Saal. Sie wurden eingeschrieben, und mancher wohlwollende Blick -traf die beiden Jungen, und mancher dachte auch wie Herr von Steinberg: -»Wie wird ihr Schicksal sein? Werden sie heimkommen aus diesem harten -Kampf, der vor uns steht?« - -Am nächsten Tage schon trennte die Unruhe der Zeit den Freiherrn von -den beiden Knaben: er mußte nach Ostpreußen zurück, die Jungen aber -blieben in Breslau. Es war ein kurzer Abschied. Auf Wiedersehen riefen -die Knaben hoffnungsfroh, aber der besonnene Mann setzte ernst hinzu: -»Gott gebe es uns, daß wir uns als Sieger wiedersehen.« - -[Illustration: Dekoration Ende 10. Kapitel] - - - - -[Illustration: Dekoration Titel 11. Kapitel] - - - - -Elftes Kapitel. - -Fürs Vaterland war es auch. - - -Der Sturm, der am Ende des Jahres 1812 durch Deutschland zu brausen -begann, wurde stärker, sein Tosen gellte lauter und lauter, und immer -höher schlugen die Flammen der Begeisterung. Als am 17. März König -Friedrich Wilhelms »Aufruf an mein Volk« erschien, da strömten die -Freiwilligen in immer größeren Scharen dem preußischen Adler zu, und -es gab wohl kaum eine Familie, die nicht an Blut und Gut ihr Opfer dem -Vaterland darbrachte. Und ein hartes, schweres Ringen um die Freiheit -hub an. Die Völker vereinten sich, um Napoleons Joch abzuschütteln, -doch der hatte nach der russischen Niederlage rasch neue Kräfte -gesammelt. Ihn kümmerte es wenig, daß Frankreich selbst kriegsmüde und -tief erschöpft war, er wollte nur seinen maßlosen Ehrgeiz befriedigen. -Überall ließ er neue Soldaten ausheben, blutjunge Burschen mußten -eintreten, und viele, viele Deutsche wurden wieder zum Kampf gegen -die deutschen Brüder gezwungen. Das unglückliche Sachsen wurde zum -Schauplatz des Krieges, sein König mußte Napoleons Bundesgenosse -bleiben, der in Dresden residierte. Das Volk mußte namenlose Opfer -aufbringen, das Landvolk namentlich war ganz der Willkür der Franzosen -preisgegeben, und in Dresden und Leipzig lagen nach den Schlachten bei -Großgörschen und Bautzen Tausende von Verwundeten. Die Lebensmittel -wurden immer knapper, immer teurer, und in vielen Häusern, in denen -einst blühender Wohlstand geherrscht hatte, war bittere Not eingekehrt. - -Auch in dem Hause Meister Käsmodels sah es trübselig genug aus, und -der Meister sagte manchmal: »Es ist keine Freude, Bäcker zu sein, wenn -das Brot so sündhaft teuer ist.« Die Meisterin ging still und bedrückt -einher. Sie zagte und bangte um den fernen Sohn. »Er steht bei den -Feinden,« klagte sie oft. - -»Er kämpft für die gerechte Sache,« sagte der Mann dagegen. Dieser -einfache, schlichte Mann erkannte in dieser Zeit klarer als mancher -gelehrte Würdenträger, wo das Heil für Deutschland lag, und so -sorgenbeschwert ihm auch das Herz war, er hoffte doch unverzagt und -gläubig, daß es den Verbündeten gelingen würde, das Land von der -Fremdherrschaft zu erlösen. - -Freilich der Sommer 1813 ging ins Land und wandelte sich zum Herbst, -und noch immer schwankte die Wage hin und her. In einem langen -Waffenstillstand suchte Napoleon von Dresden aus sein Heer zum -entscheidenden Kampfe zu rüsten, aber seine Gegner waren in dieser -Zeit nicht müßig gewesen: dem russisch preußischen Bündnis hatten sich -Österreich und Schweden zugesellt. England gab Gelder her, und als -sich im Oktober auf den weiten Ebenen um Leipzig herum die Völker zur -entscheidenden Schlacht sammelten, da beseelte eine stolze Zuversicht -die Führer der verbündeten Armeen. - -Im grauen, feinen Regendunst sah Gottlieb Käsmodel seine Vaterstadt am -Morgen des 16. Oktober zum erstenmal wieder. Als Feind stand er draußen -vor den Toren, und wie er, so fragten sich zitternd die Bewohner der -bedrohten Stadt: »Was wird unser Schicksal sein?« - -Nebeneinander standen die Freunde an diesem Morgen. Der Frühling und -Sommer dieses harten Jahres hatte in ihre jungen Gesichter tiefe Spuren -gegraben, sie hatten im Schlachtenlärm gestanden, hatten Kameraden -fallen sehen, hatten allen Jammer des Kriegs erlebt. Das hatte Gottlieb -Käsmodels Knabenübermut gedämpft und Raoul noch stiller und ernster -gemacht. »Wenn's zu einem Sturm auf Leipzig kommt!« murmelte Gottlieb -und starrte in die Ferne, wo er ganz zart im Grau die vieltürmige Stadt -liegen sah. - -Raoul atmete schwer, auch seine Gedanken kreisten in dieser Stunde um -das Bäckerhaus, in dem es ihm so wohl gewesen war. »Wir müssen unsere -Pflicht tun,« sagte er herb und sah den Freund an. Der nickte: »Wir -müssen durch -- wenn ich nur wüßte, wie's drinnen aussieht!« - -Seit Wochen fehlte den beiden jede Nachricht von dort, und drinnen -weinte um diese Stunde die Meisterin in nicht enden wollendem Leid. -»Mein Gottlieb, mein Gottlieb, wie mag's ihm ergehen! Nun steht er wohl -draußen als Feind.« - -Das kleine Minchen, das mit seinen fünf Jahren noch nicht den Ernst der -Stunden erfaßte, hob plötzlich sein Fingerchen: »Mutter, das bummst so! -Der liebe Gott donnert.« - -Dumpf dröhnte und hallte der Kanonendonner über Leipzig hin, und im -weiten Kreis um die Stadt herum raste der Kampf. Am Mittag wurde es -stiller, und dann plötzlich fingen von den Türmen die Glocken zu läuten -an, Sieg, Sieg! - -»Herrgott,« schrie der Meister Käsmodel verzweifelt auf, »der Bonaparte -hat wieder gesiegt! Verloren die gerechte Sache!« - -Doch das Siegesläuten verstummte; nur ein Scheinsieg war es gewesen, -den die Franzosen allzu schnell verkündet hatten: der alte Löwe Blücher -hatte Bonaparte seine Klauen gezeigt und ihm schwere Wunden beigebracht. - -Es waren fürchterliche Tage für Leipzig. Blutrot flammte der Himmel -über der Stadt: es war der Widerschein der brennenden Dörfer ringsum. -Die Straßen hallten wider vom Wehgeschrei der Verwundeten, die in -Scharen in die Stadt hineinströmten, und Geschützwagen rasselten eilig -dazwischen. Die öffentlichen Gebäude und Kirchen waren in Spitäler -verwandelt worden. Am 17. Oktober, einem Sonntag, riefen die Glocken -nicht wie sonst die Bewohner zur Kirche. In dumpfer Angst blieben alle -in ihren Häusern. Wer nicht mußte, wagte sich nicht auf die Straße -hinaus, viele verkrochen sich in die Keller und verrammelten Türen -und Fenster ihrer Häuser. Am 18. Oktober stieg die Sonne in feuriger -Glut über der Stadt und der weiten Ebene empor und bestrahlte den -mörderischen Kampf dieses Tages. Zu Tausenden bedeckten Sterbende, -Tote, Verwundete die Felder um Leipzig, wie Fackeln brannten die -Dörfer, das Rollen und Donnern der Geschütze tönte unablässig fort, und -die Bewohner von Leipzig sahen in dumpfer Verzweiflung ihrem völligen -Untergang entgegen. - -»Die Stadt wird gestürmt, die Stadt wird geplündert! Nun müssen wir das -Bündnis mit Frankreich büßen, an dem wir schon so viel gelitten haben,« -klagten die Bürger. - -Dann flog plötzlich der Ruf durch die Stadt, wie ein Erlösungsschrei -klang es: »Die Sachsen sind zu den verbündeten Heeren übergegangen.« -Und als der Abend kam, drängten die fliehenden Franzosen in Scharen -in die Stadt hinein und flohen in wilder Hast dem Ranstädter Tore -zu, und Napoleon ließ die andern Tore noch verteidigen, um den Resten -seiner Armee den Rückzug zu decken. - -[Illustration: Die Steinbergs. (Seite 164.)] - -Doch schon am nächsten Morgen drangen die Verbündeten von drei Seiten -auf die Stadt ein. Laut brauste der Jubel der Einwohner ihnen entgegen. -»Sieg, Sieg, Sieg!« hallte es durch die Straßen, jeder fühlte, daß -der Sieg der Franzosen nur neues Leid, neue Schmerzen bedeutet hätte. -»Sieg, Sieg, Sieg!« läuteten die Glocken und übertönten das Stöhnen und -Ächzen der vielen Verwundeten, die, ein Obdach suchend, durch die Stadt -irrten. - -An alle Türen klopften Hilfesuchende, und bald war alles überfüllt. -Auf den Straßen, den Friedhöfen lagerten die Unglücklichen, frierend, -hungernd in der rauhen Luft des Oktobertages. Die Bürger nahmen auf, so -viele sie konnten, aber Mangel und Not waren so groß, daß selbst die -wohlhabenden Leute nur knapp zu essen hatten. Auch Meister Käsmodel -hatte das Backen einstellen müssen; er war ein Bäcker ohne Mehl, nur -für das eigene Hans gab es noch einen kümmerlichen Vorrat. Dafür lagen -in den Stuben Verwundete, und die braven Meistersleute sorgten, so gut -sie es vermochten, für die Unglücklichen. Nur Gottliebs und Raouls -Kammer war unbesetzt, die Betten standen bereit. »Wenn die Jungen -heimkommen, sollen sie doch ihr Unterkommen haben,« hatte die Meisterin -gesagt. - -Und bei jedem Klopfen an der Türe schraken Mann und Frau zusammen und -liefen hinaus, und immer wieder kehrten sie enttäuscht zurück, -- die -Erwarteten kamen nicht. - -Gegen Abend des 19. Oktober klopfte es wieder laut an die Haustüre, und -als der Meister hinauseilte, sah er einen hochgewachsenen preußischen -Offizier draußen stehen. Er leuchtete ihm mit seinem Laternchen -forschend ins Gesicht, der Offizier fragte: »Bin ich hier recht bei -Meister Käsmodel?« - -»Das stimmt,« sagte der Meister. »Wenn ich nur wüßte, wo ich das -Gesicht schon sah!« - -»Steinberg ist mein Name,« erwiderte der Fremde, »ich --« - -»Daß mich das Mäuschen beißt, das ist doch alleweil der Oheim von -unserm Raoul!« - -»Sie haben mich also doch erkannt?« fragte Herr von Steinberg, der war -es wirklich. - -»Treten Sie ein, Herr Baron,« sagte der Meister. »Unsere Frau von -Steinberg, Gott hab' sie selig, hatte ein Bild von ihrem Manne, dem -gleichen Sie aufs Haar.« Er ließ den Gast vorangehen und schloß dann -eilig wieder die Türe, denn schon drängten andere in den Lichtschimmer -des Laternchens. Rasch prüfte des Meisters Blick den Freiherrn, der -bleich und erschöpft aussah. »Mir scheint's, Sie brauchen Ruhe!« - -Herr von Steinberg nickte. »Die brauchen wir wohl alle. Ich bin auch -verwundet an der Schulter, es ist nicht arg; doch darum kam ich nicht. -Ihr Sohn Gottlieb liegt verwundet in einer Scheune bei Gohlis, ich -komme, Sie zur Hilfe holen.« - -»Mein Junge,« schrie der Meister, »er ist verwundet, aber er lebt? -Sagen Sie mir, daß er lebt!« - -»Ich hoffe, er lebt,« sagte der Freiherr ernst. »Ich sah ihn selbst -nicht. Heute in der Frühe erhielt ich Botschaft: mein Neffe Raoul -hatte gestern schon einen Ordonnanzoffizier gebeten, wenn er mich -treffen sollte, mir diesen Zettel zu bringen.« Herr von Steinberg gab -dem Meister einen Zettel, auf dem stand in eiliger Schrift: »Gottlieb -Käsmodel liegt in einer Scheune links von Gohlis, drei Bäume stehen -rechts, in der Nähe ist ein Wassertümpel. Wenn Sie nach Leipzig -kommen, sagen Sie es, bitte, Meister Käsmodel, lieber Onkel. Raoul.« - -»Und Raoul?« fragte der Meister zurück. - -Der Freiherr zuckte die Achseln. »Ich habe nichts mehr von ihm gehört, -der Zettel kam nur durch einen glücklichen Zufall in meine Hände. Sein -Regiment soll große Verluste gehabt haben. Wer kann in diesem Wirrsal -wissen, wo der ist und jener! Ich weiß auch nichts von meinem Sohn.« - -»Einen Wagen kann ich wohl beschaffen,« sagte der Meister hastig, »aber -werde ich hinauskommen?« - -»Ich werde Sie begleiten, vielleicht gelingt es mir, uns Durchfahrt zu -verschaffen.« - -»Aber Sie sind verwundet, Herr Baron!« - -»Was schadet das! Ein Streifschuß nur. Es war eine böse Sache heute am -Grimmaischen Tor, nur« -- der Freiherr stockte -- »Hunger habe ich!« - -»Hunger? Kommen Sie herein, schnell, schnell,« drängte der Meister, -»meine Frau soll für Sie sorgen, und allweil schaffe ich einen Wagen -herbei.« - -Nach wenigen Minuten saß der Freiherr in der Backstube, in dem Raum, in -dem seine Schwägerin so oft mit ihrem Sohn sich an kalten Winterabenden -erwärmt hatte, und die Meisterin gab ihrem Gast, was sie nur hatte. -Ihr flossen die Tränen im Leid um ihren Sohn, und die gemeinsame Sorge -knüpfte rasch ein festes Band um die einfache Frau und ihren vornehmen -Gast. Der sagte: »Ich kann's Raoul nicht verdenken, daß es ihm hier -wohl war,« und die Meisterin gab schlicht zur Antwort: »Wir haben ihn -alle lieb.« - -»Is Raoul totgeschoßt?« fragte Minchen weinerlich am Knie der Mutter, -und die seufzte schwer: »Wo mag er sein? Und wird mein Gottlieb noch -leben?« - -Nach einer Stunde kehrte der Meister zurück, es war ihm nicht leicht -geworden, einen Wagen aufzutreiben, und als er ihn hatte, wäre er ihm -noch beinahe auf der Straße von preußischen Soldaten fortgenommen -worden; nur der Hinweis, der Wagen solle Verwundete holen, hatte -geholfen. - -Ein mühsames Fahren war es durch die überfüllten, schlecht beleuchteten -Straßen. Am Halleschen Tor staute sich wieder die Menge, und wäre -Herr von Steinberg nicht mit gewesen, dann hätte der Meister nie das -Ziel erreicht. Endlich, die Nacht war schon hereingebrochen, gelang -es den beiden, mit ihrem Wäglein hinauszukommen, und der Meister, -der wegkundig war, fuhr in einem Bogen nach Gohlis hin. Es war eine -schauervolle Fahrt. Noch glühte der Himmel rot, da und dort brannte -es noch in weitem Umkreis in den Dörfern. Überall lagen Verwundete, -Sterbende, Tote, Jammerrufe durchhallten die Nacht, und dann huschten -Lichtlein hin und her, Wagen rasselten dumpf über die Felder, die -Verwundeten wurden geborgen. Es war auch schwer, die Scheune nach -Raouls Angaben zu finden in der Nacht: da war eine und da drei und da -ein Trümmerhaufen, auch Bäume standen da und dort, und Verwundete lagen -unter jedem Dach, und alle flehten um Wasser, baten mitgenommen zu -werden. - -Der Meister hatte vorsorglich die letzten zwei Flaschen Wein, die er -besaß, und Brot mitgenommen, und er teilte aus bis auf einen Rest. »Der -muß für meinen Jungen bleiben, aber die da jammern, haben's allweil so -nötig,« meinte er. - -Schon graute leise der Morgen, als die beiden endlich die Scheune -entdeckten, die drei Bäume daneben und ein paar Schritte weiter -einen schmutzigen, kleinen Tümpel. »Dort ist's,« riefen beide zu -gleicher Zeit, lenkten den Wagen darauf zu und sprangen ab. Seltsame -Töne klangen ihnen entgegen, als sie die Scheune erreicht hatten, und -unwillkürlich blieben beide stehen. Drinnen sangen zwei, eine helle, -durchdringende Stimme war es und eine, die tiefer klang, und in den -grauenden Tag hinaus tönte es: - - »Doch Brüder sind wir allzusamm', - Und das schwellt unsern Mut, - Uns knüpft der Sprache heilig Band, - Uns knüpft ein Gott, ein Vaterland, - Ein treues deutsches Blut!« - -»Das ist allweil mein Gottlieb, der singt,« schrie der Meister und -stürzte voran. »Gottlieb, Junge, bist du's?« rief er in die dunkle -Scheune hinein, und jubelnd klang es zurück: »Vater, Vater, hier!« Dann -brach die Stimme jäh, und viel matter tönte es nach: »Wir versingen uns -Schmerzen und Hunger!« - -Mit seinem Laternchen leuchtete der Meister voran. Da kauerten zwei im -Winkel, und einer lag stöhnend daneben. »Ist Raoul dabei?« rief Meister -Käsmodel. - -»Nein!« antwortete Gottlieb und richtete sich etwas auf, »der hat -mich nur herausgehauen, aber feste! Vater, wär' ich der König, -dreimal kriegte er das eiserne Kreuz. Am Abend hat er mich dann -hierhergeschleppt, aber wo er jetzt ist, das weiß ich nicht,« fügte er -leiser hinzu. - -»Die Unseren sind weiter gezogen,« sagte der zweite, der im Winkel -kauerte, und als der Meister ihm ins Gesicht leuchtete, erkannte er in -ihm den einen der Hallenser Studenten. »Ich bin's, Herr Meister, und -mein Bein ist zerschossen, aber Viktoria, wir haben gesiegt!« - -»Das stimmt allweil,« brummte der Meister und hob sacht seinen Sohn -auf, »aber jetzt gilt's die Glieder zusammenflicken. Komm, Junge, ich -trag dich, Mutter wartet schon auf dich.« - -»Aber meine Kameraden müssen mit,« bat Gottlieb ächzend, dem das -Aufheben bittere Schmerzen bereitete, »zwei Tage und Nächte liegen wir -schon zusammen, wir müssen zusammen bleiben.« - -»Allweil, das versteht sich, Junge,« sagte der Meister und biß die -Zähne zusammen, um seinem Sohn nicht zu zeigen, wie sehr der ihn -jammerte. - -Herr von Steinberg half, und bald lagen die drei im Wagen, und die -beiden Männer schritten nebenher; das magere Pferdchen hatte schwer -genug an den Verwundeten zu ziehen. - -Der Rückweg über das Schlachtfeld und durch das erstürmte Tor war -im Morgengrauen noch fürchterlicher, aber es ging nun schneller -vorwärts, und ernst und schweigsam langte der Zug noch am Vormittag -am Bäckerhause an. Die Mutter unterdrückte tapfer jede Klage, als sie -ihren Sohn wiedersah. Der lachte sie aber trotz aller Schmerzen an: -»Mutter, wir haben gesiegt, und das da heilt schon. Wenn ich nur wüßte, -wo Raoul wäre!« - -Vorläufig kam der lange Student in die Kammer und in Raouls Bett, der -dritte wurde noch unten untergebracht; es war auch ein junger Bursch, -doch ihn hatten die feindlichen Kugeln zu schwer getroffen, er war nur -in das Haus gekommen zu einem friedlichen Sterben. - -Herr von Steinberg mußte, so voll das Haus schon war, im Bäckerhause -im Quartier bleiben, bis seine leichte Wunde geheilt war. Er war froh -darüber, denn alles war überfüllt, und es war schwer, nur ein Bett -zu finden. Er benutzte die Zeit, um nach seinem Sohn und nach Raoul -zu forschen. Joachim sei gefallen, sagten ihm seine Kameraden; das -Regiment aber, bei dem Raoul stand, war wirklich, wie der Student -gesagt hatte, weitergezogen. Jemand in den Lazaretten während dieser -schlimmen Tage zu suchen, war fast unmöglich, Meister Käsmodel aber -wußte einen guten Führer. Karl Wagner, der um seines Gebrechens willen -nicht hatte mitziehen können, hatte sich als Pfleger gemeldet. Der -kleine Schreiber war auch einer von jenen, deren stilles Heldentum -unbemerkt bleibt; ihm dankte nur mancher erlöste Blick der Verwundeten, -deren Leiden er nach Kräften milderte. Mit Hilfe dieses treuen Freundes -von Raoul gelang es dem Freiherrn wirklich, seinen Sohn zu finden. Er -lag mit vielen andern in der Kirche von St. Nikolai, er hatte eine -schwere Wunde im Rücken erhalten. Mit einer kleinen Abteilung war er -bereits am Morgen des 16. Oktober in einen Hinterhalt gefallen und von -rücklings niedergeschossen worden, die große Schlacht war dann an ihm -vorübergerauscht, er war gar nicht zum Kampf gekommen. - -»Ich habe nicht einmal meinen Säbel gezogen, Vater,« klagte er -bitter, als der Freiherr ihn fand, »so mußte ich fallen, so, ich, ein -Steinberg, so ruhmlos untergehen.« - -»Es kann in dieser Zeit nicht jeder sich als Held hervortun, mein -Junge,« tröstete ihn der Vater, »du hast deine Pflicht getan, was -willst du mehr? Bist du ausgezogen um des Ruhmes willen, oder weil des -Vaterlandes Not dich bewegte?« - -Da schwieg Joachim, nur sein schweres Stöhnen verriet dem Vater, wie -sehr doch das heiße, junge, ehrgeizige Herz litt. - -Im Bäckerhause war inzwischen Platz geworden, und Meister Käsmodel -holte sich eines Tages selbst Joachim aus dem Spital, und Herr von -Steinberg dankte es ihm warm, denn in den Spitälern rafften Fieber und -andere ansteckende Krankheiten viele hinweg, und Joachims Wunde war -schwer, sie bedurfte langer, sorgsamer Pflege. Joachim sträubte sich -nicht, er fühlte wohl, wie gut es ihm war, daß er aus der kalten, von -Fieberdünsten erfüllten Kirche herauskam, aber als er dann in Raouls -Kammer, in des Vetters Bett lag, Gottlieb Käsmodel als Stubengenossen, -da brach er in ein wildes Weinen aus. Er kam sich auf einmal tief, tief -gedemütigt vor: er, der von Heldentaten geträumt hatte, mußte hier in -dem Hause liegen, über dessen Bewohner er oft so hochmütig gespottet -hatte, und die ihm nun so viel Liebe und Güte erwiesen. - -Die Meisterin wollte mitleidig trösten, der Freiherr bat sie aber: -»Lassen Sie ihn jetzt allein, er wird schon zu sich kommen.« Das klang -schmerzlich, und Joachim hörte es wohl, und er schämte sich seiner -kleinlichen Empfindungen, er wurde aber wieder einmal nicht Herr über -sich selbst. - -Man ließ ihn allein, nur Gottlieb schaute von seinem Bett aus -unverwandt zu dem neuen Kameraden hinüber. Also das war der Joachim, -auf den er aus lauter Freundschaft für Raoul oft heftig gescholten -hatte! Jetzt fühlte er aber gar keinen Groll gegen ihn, und so sagte er -aus tiefstem Herzen heraus: »Heul' nur feste weiter! Als Raoul mich in -die Scheune geschleppt hatte, und ich von drinnen das Geknatter hörte, -da habe ich auch geheult vor lauter Wut, weil ich nicht mehr dabei sein -konnte, nachher habe ich aber gesungen!« - -Joachim hob ein wenig den Kopf, ganz jäh überkam ihn plötzlich das -Bewußtsein, daß er nur einer unter vielen war, daß Tausende litten wie -er. »Du bist Gottlieb,« murmelte er und fand das brüderliche Du, das -Gottlieb angeschlagen hatte, selbstverständlich. »Wie bist du verwundet -worden?« - -Gottlieb stützte sich ein wenig auf seinen Arm und erzählte. »Ich hatte -ja gedacht, mich würde der Blücher mindestens selbst loben; aber weißt -du, ich hab's schon in Breslau gemerkt, daß man auch nicht mehr ist wie --- wie 'n einzelnes Brot im vollen Backofen.« - -Ein Lächeln ging über Joachims bleiches Gesicht, dann schloß er -aufseufzend die Augen: der andere hatte recht, aber ja, er hatte auch -gedacht, Blücher selbst oder York der Eiserne müßten seinen Heldenmut -anerkennen. - -Da klang wieder Gottliebs Stimme zu ihm herüber: »Erzähl' doch, wie -war's bei dir, oder bist du zu schwach?« - -»Nein,« murmelte Joachim sich zusammennehmend, »aber ich habe nicht -viel zu erzählen. Immer habe ich einen Posten auf verlorener Stelle -gehabt, habe Wache stehen müssen und dergleichen, habe alles nur von -ferne gesehen. Nun sollten wir drankommen, hier bei Leipzig, sollten -einen gefährlichen Ritt machen und einen wichtigen Punkt besetzen. Kaum -sind wir ausgeritten, da fühle ich ein Sausen, einen heftigen Schmerz --- und schon lag ich am Boden; ich hörte nur Schreien, Schießen, dann -verlor ich die Besinnung, auf einem Karren erwachte ich wieder. Das war -alles!« - -»Na, ich danke,« rief Gottlieb, »Wache stehen während einer Schlacht -ist kein Zuckerbrot, und fallen muß jemand; wärst du's nicht gewesen, -hätte es einen andern getroffen. Weißt du, als ich so fuchswild -und wütend in der Scheune lag und mich nicht rühren konnte, da -habe ich gedacht: Na, all die Wut, all die langen, langen Stunden, --- schließlich einer muß es leiden, da war ich es eben, und fürs -Vaterland war es auch. Gesiegt haben wir doch, und dabei waren wir!« - -»Erzähl mir von Raoul,« bat Joachim plötzlich, und dann lag er still -mit geschlossenen Augen und ließ sich von dem Vetter erzählen, wie sich -der so tapfer durchgeschlagen hatte als Schreiberlein und dann nicht -nach Paris gewollt hatte. Wenn Gottlieb auf Raoul kam, dann fand er so -leicht kein Ende, und er hätte wohl noch lange erzählt, wenn die Mutter -nicht gekommen wäre und Ruhe geboten hätte. - -»Kranke brauchen Schlaf,« sagte sie. Und Gottlieb schloß auch gehorsam -die Augen. Er fand trotz der Wunde bald Ruhe; es lag sich so gut nach -all den harten Kriegslagern in der stillen Kammer des Vaterhauses. Aber -Joachim lag lange, lange noch wach; Fieber und Schmerzen peinigten ihn -qualvoll, und doch dachte er zum erstenmal nicht an sein Leid, sondern -an den großen errungenen Sieg, und eine tiefe, heilige Freude kam über -ihn, und Gottliebs Wort klang in ihm nach: »Fürs Vaterland war es auch!« - -[Illustration: Dekoration Ende 11. Kapitel] - - - - -[Illustration: Dekoration Titel 12. Kapitel] - - - - -Zwölftes Kapitel. - -Ausklang. - - -Nach der großen, blutigen Schlacht auf Leipzigs Feldern kam der -ersehnte Friede immer noch nicht über die Lande, nur zog sich der -Krieg nach Frankreich hin. Der Marschall Vorwärts überschritt in der -Neujahrsnacht den Rhein, und am 31. März zogen, nach mancher blutigen -Schlacht auf Frankreichs Boden, die verbündeten Heere in Paris ein, -und auch dort begrüßte das Volk den Kaiser von Rußland und den König -von Preußen als seinen Befreier. Napoleon wurde seines Thrones für -verlustig erklärt, nach Elba gebracht, und am 30. Mai kam der erste -Friede von Paris zum Abschluß. Die Völker atmeten auf; für eine Weile -war Ruhe eingekehrt, und niemand ahnte, daß noch ein schweres Ringen -bevorstand, ehe sich für viele Jahre der Friede über die Lande breiten -konnte. - -Von den Steinbergs kam nur Raoul nach Paris. Sein Oheim blieb bei den -Truppen im Lande, und Joachim konnte nicht mehr mitziehen. Raoul hatte -sich tapfer geschlagen, hatte einige leichte Wunden davongetragen und -war auf dem Schlachtfeld zum Leutnant befördert worden. Trotz allem -Siegesjubel ringsum war ihm das Herz aber doch schwer, als er an einem -der ersten Apriltage durch die Straßen von Paris ritt. Ihm fehlte jede -Nachricht von den Freunden daheim, er wußte nicht, was aus Gottlieb -geworden war, nichts von allem, was nach den heißen Tagen bei Leipzig -geschehen war. Er hatte sich nach dem Palais des Grafen Turaillon, -seines Oheims, erkundigt, denn auf einmal sehnte er sich darnach, das -Haus zu sehen, in dem seine Mutter ein paar Kinderjahre verbracht -hatte. Vor dem zierlichen, im Rokokostil erbauten Schlößchen, das -inmitten eines weiten Gartens lag, dessen Wege von hohen Taxuswänden -begrenzt wurden, stand ein preußischer Soldat Wache; ein paar hohe -Offiziere bewohnten jetzt das Haus. Als Raoul einen vorbeieilenden -Diener nach dem Besitzer fragte, erhielt er zur Antwort, daß der Graf -schon lange auf dem Lande weile, er sei im Groll vom Hofe Napoleons -geschieden. - -Träumerisch schaute Raoul durch das offenstehende Tor in den Garten -hinein und dachte: Ich könnte jetzt der Erbe von allem sein! Aber kein -Bedauern überkam ihn, daß er es nicht war, und seine Armut dünkte ihn -nicht schwer zu tragen. Er freute sich aber über des Onkels Scheiden -von Napoleons Hof, und fast bedauerte er, daß er ihn nun nicht sehen -konnte: er war doch der geliebten Mutter Bruder. Wie er so in Sinnen -verloren stand, kamen zwei junge Offiziere aus dem Haus heraus. Sie -schauten ihn prüfend an, und der eine rief überrascht: »Da ist er doch, -wir haben hier doch recht gesucht!« - -Erstaunt sah Raoul auf, und er mußte erst ein paar Sekunden -nachsinnen, ehe er in dem langen, blonden Menschen Arnold von Berkow -wiedererkannte. Er wich unwillkürlich zurück, ihm kam der Gedanke an -die erlittenen Kränkungen, und sein Gesicht wurde finster. Doch der -andere kümmerte sich nicht darum, er streckte ihm freimütig die Hand -hin: »Wir haben dich gesucht, Raoul, wie eine Stecknadel, den ganzen -Feldzug durch. Vor ein paar Tagen hatte ich von Achim einen --« - -»Lebt er?« rief Raoul rasch. - -»Ja, er lebt,« sagte Arnold von Berkow und schob seinen Arm in -den Raouls. »Komm mit, ich erzähle dir alles. Laß die alte, dumme -Feindschaft ruhen, wir Tugendbündler waren damals recht dumme Jungen, -und Gottliebe hatte recht: du warst der Verständigste von uns allen, du -wärst der beste Tugendbündler gewesen. Übrigens, ich trage seit Wochen -einen Brief von Gottliebe an dich in der Tasche; die Mariellen denken, -im Krieg trifft man sich wie auf den Gassen von Langenstein.« - -»Und mich kennst du wohl gar nicht mehr?« fragte der andere, »war doch -auch ein Tugendbündler!« - -»Oswald Hippel,« rief Raoul, »doch wo ist Fritz --?« - -»Der blieb bei Leipzig,« sagte Arnold trübe, »da sind so viele -geblieben. Es ist fast ein Wunder, wenn man noch jemand wiederfindet. -Aber dein Gottlieb lebt!« - -»Er lebt?« Raouls Augen leuchteten. »Sag, woher du es weißt!« - -»Kommt alles nach und nach, und Gottliebes Brief bekommst du auch. Die -hat geschrieben, sie ist mir ewig böse, wenn ich dich nicht ausfindig -mache. Aber was will der Kerl da?« - -Ein hagerer, verkommen aussehender, zerlumpter Mensch drängte sich -an die jungen Leute heran und flehte: »Ein armer Landsmann bin ich, -halbverhungert.« - -»Neumann,« rief Raoul von Steinberg und starrte dem Bettler ins -Gesicht. Eine fliegende Röte huschte über dessen Wangen, scheu sah er -den fremden Offizier an, es war ihm wohl nicht angenehm, bei seinem -Namen genannt zu werden. »Paul Neumann,« sagte Raoul noch einmal, der -seinen einstigen Peiniger gleich erkannt hatte. - -Auch der hatte nun Raoul erkannt. Erschrocken taumelte er zurück, und -ganz plötzlich kehrte er sich um und rannte mit schnellen Schritten -wie gejagt davon, die Straße entlang, um eine Ecke herum, und noch -ehe die drei die Sache recht erfaßt hatten, war er verschwunden. »Ich -erzähl' euch auch nachher von ihm,« sagte Raoul, »ihn trieb wohl sein -schlechtes Gewissen weg. Er war einer von Napoleons Bewunderern, das -scheint ihm aber nicht gut bekommen zu sein.« - -»Nein,« meinte Oswald Hippel, »jämmerlich genug sah er aus!« - -Die drei sprachen aber nicht weiter von der Begegnung, sie hatten sich -Wichtigeres zu erzählen, und bald saßen sie so einträchtig wie nie -vorher in Arnolds Quartier, und der berichtete, daß sie das Palais des -Grafen bereits zum drittenmal aufgesucht hätten, weil sie hofften, -Raoul würde sich dort nach seinem Oheim erkundigen. »So wunderbar ist -unser Zusammentreffen also nicht,« sagte Arnold, »viel wunderbarer -ist's, daß die Steinbergs und Käsmodels sich zusammengefunden haben, -und daß Joachim in deinem Bett gesund geworden ist.« - -»Joachim?« fragte Raoul überrascht, »ist er bei Leipzig verwundet -worden?« - -Arnold erzählte, in dem großen Wirrsal nach der Schlacht habe er -Joachim nicht gesehen, aber später in Frankfurt Herrn von Steinberg -getroffen und von diesem alles erfahren. Er habe auch vor kurzem erst -Briefe aus der Heimat erhalten. Joachim war wieder in Hohensteinberg -und Gottlieb mit ihm, sie mußten sich beide noch von einem sehr -langen, schweren Siechtum erholen und hatten beide nicht mehr zu ihren -Regimentern zurückkehren können. - -Gottlieb in Hohensteinberg! Es kam Raoul fast wie ein Traum vor, und -dann ergriff ihn eine solche Sehnsucht, alles zu wissen, von allem -einzeln zu hören, daß er Arnold mit einer förmlichen Flut von Fragen -überschüttete. Der rief in heller Verwunderung: »O Raoul, so hast du -früher nie reden können!« - -»Habt ihr mich denn reden lassen?« antwortete der halb lachend, halb -traurig, »aber nun laß mich dafür nicht warten, erzähle, erzähle!« - -»Ich glaube, du sagst wie Gottliebe, du platzt vor Neugier,« erwiderte -Arnold und begann ausführlich zu erzählen, was er von den Steinbergs -wußte, von Joachims Verwundung, auch wie Gottlieb aufgefunden wurde. - -»Armer Joachim,« sagte Raoul ernst, »er ersehnte den Ruhm und ist nun -nie so recht dabei gewesen! Doch was schreibt Gottliebe? Du sagtest -doch, es wäre ein Brief von ihr für mich da?« - -»Da, du Nimmersatt!« Arnold reichte ihm den Brief, und Raoul erbrach -ihn rasch und las: »Lieber, böser Raoul, das ist nun der dritte Brief, -den ich an dich schreibe, immer denke ich, einen mußt du doch erhalten, -und einmal mußt du mir antworten. Wir haben alle viel Sorge um dich, -und Großmutter sagte oft, als sie jetzt krank war: Könnte ich Raoul -nur einmal noch sehen! Jetzt reden wir noch mehr von dir, seit Joachim -wieder da ist und Gottlieb mitgebracht hat. Achim sagte gestern zu mir: -Ich wollte jetzt, Raoul wäre mein Freund. Es war sehr schlimm bei uns, -weil alle Leute so arm sind und wir so viele, viele Sorgen hatten, aber -als wir von den Siegen hörten, da wurden wir alle froh. Ich wollte -aber doch, der Krieg wäre bald zu Ende und der Vater käme heim und -du, Raoul, und es würde nie, nie mehr Krieg. Wenn Achim und Gottlieb -davon erzählen, muß ich immer weinen, und weißt du, ich war einmal so -dumm und wollte mitziehen, das hätte ich doch nicht fertig gebracht. -Hier sind alle gesund, nur die Großmutter ist viel krank gewesen. Sie -lassen dich alle grüßen, sie sehnen sich alle nach dir. Ich bete jeden -Abend für dich. Ach Raoul, möchtest du doch gesund bleiben und bald -wiederkommen! - - Deine Base Gottliebe.« - -Raoul war beim Lesen an das Fenster getreten, nun ließ er den Brief -sinken und starrte auf die belebte Straße von Paris hinab. Er sah aber -nichts von all dem bunten, fremdartigen Leben da unten, er war mit -seinen Gedanken weit, weit weg, und eine große Sehnsucht überkam ihn -nach dem Vaterland, nach den Menschen, die er lieb hatte. Er reckte -sich und breitete die Arme aus: »Ach ja, es wäre gut, wenn es erst -Frieden würde!« - -»Und wir daheim,« rief Arnold von Berkow, und Oswald nickte: »Ich wär's -zufrieden, bei Gott, es wäre gut.« - -Die drei verlebten als gute Kameraden in Paris viele Stunden -miteinander, bis endlich der Tag kam, da auch sie heimwärts ziehen -konnten, zurück in das befreite Vaterland. - - * * * * * - -In Hohensteinberg war mit der Nachricht, daß endlich Friede geschlossen -war, die rechte Sommerfreude eingekehrt. Endlich hatten sie alle wieder -einmal Zeit, sich an dem Blühen, Wachsen und Reifen ringsum zu freuen, -und auf den Feldern, über die vor zwei Jahren die Heere gestampft -waren, wogte jetzt das Korn, und an den Rändern blühten rot und blau -friedlich die Sommerblumen. - -»Die Ernte steht gut,« sagte Herr von Steinberg froh, als er an einem -sonnenhellen Junitag vom Felde heimkam, »es wird hoffentlich ein gutes -Jahr werden.« - -Die Seinen saßen alle vor dem Schloß und schauten, wie so oft in diesen -Tagen, die schattige Allee entlang, und Gottliebe, die auf den Stufen -vor dem Hause saß und mit nimmermüden Händen die ersten Frühbohnen -schnitzte, sagte einmal wieder: »Ich könnte platzen vor Ungeduld. Warum -Raoul nur noch immer nicht kommt!« - -Arnold von Berkow und Oswald Hippel waren bereits heimgekehrt, Raoul -aber war noch in Leipzig geblieben, und wurde nun jeden Tag auf -Hohensteinberg erwartet. Des Posthalters Wäglein stand immer bereit, -ihn gleich nach dem Gute hinauszufahren. - -Gottlieb Käsmodel lachte. »Ja, mein Leipzig, das zieht halt den Raoul -an sich!« - -»Du mit deinem Leipzig,« rief Gottliebe schmollend, »sag es doch -endlich einmal, daß es in Hohensteinberg schöner ist.« - -»Nun geht der Streit schon wieder los. Ihr seid ja schlimmer als -Bonaparte,« rief Joachim lachend. Der saß neben der Großmutter auf der -Bank. Er war noch immer bleich, war noch immer nicht im Vollbesitz -seiner Jugendkraft, aber seine Augen schauten viel heiterer drein, und -nicht mehr wie einst überschattete so oft finstrer Trotz sein hübsches -Gesicht. - -Die andern lachten auch; der Streit zwischen Gottliebe und Gottlieb -über die Vorzüge von Stadt und Land wollte nie ruhen, es gab immer -wieder ein lustiges, neckendes Wortgeplänkel zwischen den beiden, das -ihrer Freundschaft aber nie Abbruch tat. - -»Ich bleib' dabei,« rief Liebe schelmisch und warf ihrem guten -Kameraden und Namensvetter eine Bohne an die Nase, »daß es auf dem -Lande am schönsten ist. Puh, gräßlich muß es sein, in einer dunklen -Stadt zu wohnen. Da rennt man immer an die Häuser an, sieht nie Feld -und Wald, und wenn man Brot essen will, muß man erst zu Herrn Meister -Käsmodel gehen und eins kaufen; wir backen es uns allein!« - -»Das ist gerade fein,« rief Gottlobe, »da kann man nicht unversehens -einen Scheffel Mehl über den Kopf bekommen, wie ihn mir neulich Jungfer -Rosalie übergestülpt hatte. Ich möchte gleich in einer Stadt wohnen.« - -»Der Herr Pfarrer soll entscheiden, ob es in der Stadt besser ist -als auf dem Lande,« rief Gottliebe und wandte sich bittend dem alten -Freunde und Lehrer zu, der just zu ihnen trat. Ihm war das Haar völlig -gebleicht in den letzten Jahren, wie Silber lag es aus seinem Haupt, -seine Augen blickten mild und gütig wie immer auf die Jugend, die so -heiter, den blühenden Blumen gleich, im Sommersonnenglanz dreinsah. -»Ich werde nichts vom Lande und nichts von der Stadt sagen,« antwortete -der Pfarrer fröhlich, »denn in einer Minute würdet ihr mir doch alle -nicht mehr zuhören. Wollt ihr nicht sehen, wer dort kommt?« - -Aller Blicke wandten sich der Allee zu. »Raoul!« schrie Gottliebe auf, -und die Bohnenschüssel fiel krachend zu Boden, und »Raoul!« tönte -es vielstimmig nach. Gottliebe aber raste dem jungen Offizier, der -mit raschen Schritten den schattigen Weg entlang kam, entgegen. Doch -plötzlich blieb sie betroffen stehen und fragte fast zaghaft: »Bist du -das wirklich, Raoul?« - -[Illustration: Die Steinbergs. (Seite 182.)] - -Der ergriff lachend des Bäsleins beide Hände. »Ich bin's, aber fast -möchte ich fragen, bist du's, Gottliebe? Du siehst ja beinahe wie -- -eine junge Dame aus.« - -Da hing sich Gottliebe lachend an seinen Arm. »Damit hat's noch gute -Wege, aber weißt du, ich freue mich zum Platzen, daß du da bist.« - -Raoul kam nicht dazu, ihr eine Antwort zu geben, die andern umdrängten -ihn. Der Onkel zog ihn in seine Arme, Frau Maria küßte ihn liebevoll -wie einen Sohn, Pfarrer Buschmann schüttelte ihm die Hand, Gottlobe -wollte es auch tun, und Gottlieb schrie jauchzend: »Viktoria, Viktoria, -er ist da, der Sieger ist da!« - -Die Großmutter war still auf der Bank sitzen geblieben. Joachim stand -neben ihr, und beide dachten unwillkürlich: Er muß erst die anderen -begrüßen. Doch Raoul hatte die Großmutter schon von weitem gesehen, sie -zuerst; sie war viel älter geworden und saß nicht mehr so aufrecht wie -früher da, und es trieb ihn zu ihr hin. »Großmutter,« sagte er rasch -und kniete neben ihr nieder, »verzeihen Sie mir!« - -»Raoul, mein Kind, mein liebes, liebes Kind!« Die alte Frau zog des -Enkels Kopf an sich. »O, daß ich dich wiedersehen kann, daß mir Gott -diese Freude noch gab!« Und ganz leise, nur dem Jüngling verständlich, -flüsterte sie: »Verzeih du mir, ich tat unrecht.« - -»Das ist ja wie in der Kirche,« brummte Gottlieb vor sich hin. Er -schnitt ein wütendes Gesicht vor lauter Rührung und wäre am liebsten -davongelaufen, doch etwas hielt ihn, eine Art von Bangigkeit war's: Wie -wird er Joachim begrüßen? Er hatte den einstigen Feind seines Freundes -so lieb gewonnen, daß er den Gedanken schon unerträglich fand, die -beiden könnten sich nicht verstehen. - -Es war, als hätte die Großmutter seine Sehnsucht geahnt, sie ergriff -Joachims Hand und legte die Hände der Enkelsöhne ineinander. »Ihr habt -als Brüder für das Vaterland gekämpft, seid nun auch Brüder im Frieden!« - -Raoul sprang auf, und sekundenlang standen die Jünglinge sich Auge in -Auge gegenüber. Nur ein kurzes, stummes Zögern und Fragen war's nach -alter Feindschaft, altem Haß, dann lagen sie sich in den Armen, und -jeder rief froh des andern Namen, daß beide zusammenklangen wie ein -Wort. - -»Viktoria!« schrie Gottlieb wieder, und Liebe und Lobe fielen jauchzend -ein. Aber trotz des Freudenrufes war Gottlieb das Herz auf einmal -zentnerschwer geworden: nun gehörte Raoul, sein Raoul, ganz den -Steinbergs an, und er hatte ihn verloren. Er wollte sich heimlich -davonschleichen, aber Gottliebe sah es und hielt ihn fest. »Lauf doch -nicht fort, du gehörst doch jetzt hierher. Was soll denn Raoul denken, -wenn du nicht dabei bist?« - -Da blieb Gottlieb und merkte es dann bald, daß er den Freund nicht -verloren hatte, und daß der mit alter Liebe und Treue an ihm hing. Er -brachte ihm Grüße von seinen Eltern und der kleinen Schwester, von Karl -Wagner und etlichen Schulgenossen. Meister Käsmodel hatte es schwer in -dieser Zeit. Auch ihn hatte der Krieg fast zum armen Manne gemacht, -aber er sah darum doch unverzagt und froh der Zukunft entgegen. »Die -Hauptsache ist, daß wir frei sind von all der Fremdherrschaft,« hatte -er gesagt. - -Das sagten viele mit dem braven Meister, wenn auch die fröhlichen, -heiteren Friedenspläne, die an dem Tage von Raouls Heimkehr in -Hohensteinberg geschmiedet wurden, nicht so bald in Erfüllung gingen. -An diesem Tage wollte das Erzählen, Fragen, das Erinnern an vergangene -Tage, das Pläneschmieden für künftige Zeiten kein Ende nehmen. Manchmal -mahnten die Älteren: »Nun ist's genug! Alles muß nicht an einem Tage -erzählt sein,« aber die Jugend fing immer wieder von neuem an mit -»Weißt du noch?« und »Wie war dies und das?« So jubelnd, so herzenswarm -hatte sich Raoul die Freude über seine Heimkehr nicht vorgestellt. Das -Gefühl, so willkommen zu sein, tilgte an diesem Tage auch noch das -letzte Restchen Bitterkeit aus seinem Herzen, und zuletzt erzählte er -selbst mit lachendem Munde und strahlenden Augen die Geschichte seiner -Flucht. - -»Aber nun ist alles gut,« sagte Gottliebe leise, froh, »und nun ist -Friede, und hoffentlich kommt nie, nie mehr Krieg!« - -Doch Gottliebe mußte es erleben, daß noch einmal die Sturmglocken -läuteten, daß noch einmal die Völker gegen Napoleon ziehen mußten. -Wieder waren zwei Steinbergs dabei und kämpften tapfer. Raoul kehrte -bald zurück, da er schon im ersten Gefecht verwundet wurde, Joachim -aber konnte diesmal im siegreichen Heere mit in Paris einziehen und als -Sieger heimkommen. - -Raoul blieb nicht Offizier, wie es sein Oheim gedacht hatte. In dem -harten, schweren Krieg, dem furchtbaren Ringen war er zur Erkenntnis -gekommen, daß er besser für ein stilles Studium geeignet sei, daß es -seiner Neigung mehr entsprach, Wunden zu heilen als Wunden zu schlagen. -Er wurde Arzt, der erste der Steinbergs, der diesen Beruf erwählte, -und obgleich des Neffen Studium ihm neue Sorgen aufbürdete, ließ ihn -der Oheim gewähren. Die Steinbergs gehörten auch zu denen, die um -vieles ärmer geworden waren in den langen Kriegsjahren, aber das -störte nicht den fröhlichen Mut, mit dem alle schafften. Joachim blieb -dem Lande treu. Ein Jahr nur studierte er in Berlin, und die beiden -Vettern verlebten eine arbeitsfrohe, freudenreiche Zeit zusammen. -Dann kehrte Joachim nach Hohensteinberg zurück. Raoul aber zog wieder -einmal in das trauliche Bäckerhaus als willkommener Pflegesohn, um ein -paar Semester an der Leipziger Universität zu studieren. Sein Freund -Gottlieb schaffte schon tüchtig in der Backstube, und der rastlosen -Arbeit von Vater und Sohn gelang es wieder zu erwerben, was der -Krieg ihnen genommen hatte. Die verschiedenen Berufe trübten nicht -die Freundschaft der beiden, sie blieben Zeit ihres Lebens in treuer -Zuneigung verbunden, und als dritter im Bunde gesellte sich immer Karl -Wagner zu ihnen, der neidlos sah, daß sein einstiger Schreibgenosse den -Beruf erwählen konnte, auf den ^er^ hatte verzichten müssen. - -Die Ferien verbrachte Raoul dann immer in Hohensteinberg, »zu Hause,« -wie er oft dankbar sagte, wenn er wieder mit der Postkutsche über den -Langensteiner Markt rollte und mit rüstigem Schritt den wohlbekannten -Weg entlang lief. - -Dann gab es auch einmal eine Hochzeit auf Hohensteinberg: Lobe -wurde Oswald Hippels Frau und eine tüchtige, tätige Landwirtin. Sie -behauptete nun kühnlich, auf dem Lande sei es doch am schönsten, sie -hatte alle Stadtsehnsucht verloren. Liebe flocht der jüngeren Schwester -frohgemut den Brautkranz, sie sah Helene von Berkow Joachims Braut -werden und las voll Freude, daß der junge Meister Käsmodel in Leipzig -sich eine junge Meisterin gesucht hatte. - -Sie selbst blieb noch manches Jahr daheim, war des Hauses -Sonnenstrahl, der Mutter erster Minister, des Vaters kluger kleiner Rat -und der Geschwister treueste Freundin. Aber dann kam eines Tages Raoul -und holte sich Gottliebe zur Frau, holte sie fort von Hohensteinberg -gleich in die allergrößte Stadt Deutschlands, nach Berlin. Er hatte es -mit unermüdlichem Eifer und Fleiß zu einem tüchtigen Arzt gebracht, -sein Name wurde später weit über den Kreis seines Vaterlandes hinaus -in hohen Ehren genannt. Doch weil Raoul sie holte, weil sie an Raouls -Seite ging, erschien Gottliebe auch die fremde, große Stadt wie eine -Heimat. - -»Eine rechte Tugendbündlerin fürchtet sich auch nicht vor der Fremde,« -sagte sie heiter. Und als Eltern und Geschwister sie fragten: »Wirst du -denn wo anders als in Hohensteinberg glücklich sein?« erwiderte sie: -»Mit Raoul immer und überall!« - -»Raoul ist auch der einzige, dem ich dich gönne,« sagte Joachim am -Hochzeitstag, und die Großmutter legte segnend die Hände auf der -Enkelin blonden Scheitel: »Einen Besseren konntest du nicht finden!« - -[Illustration: Dekoration ENDE des Buches] - - - - -Notizen des Bearbeiters - -Eingefügt: Hinweise auf Illustrationen am Ende des jew. Kapitels -und am Anfang jeden Kapitels. - -Gesperrter Text markiert durch: ^gesperrt^ - -Antiqua-Text markiert durch: _Antiqua_ - -Fett gedruckter Text markiert durch: =fett= - -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die Steinbergs, by Josephine Siebe - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE STEINBERGS *** - -***** This file should be named 59374-8.txt or 59374-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/9/3/7/59374/ - -Produced by Norbert H. Langkau, Matthias Grammel and the -Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project -Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you -charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you -do not charge anything for copies of this eBook, complying with the -rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose -such as creation of derivative works, reports, performances and -research. They may be modified and printed and given away--you may do -practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License (available with this file or online at -http://gutenberg.org/license). - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy -all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. -If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project -Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the -terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or -entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement -and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic -works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" -or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project -Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the -collection are in the public domain in the United States. If an -individual work is in the public domain in the United States and you are -located in the United States, we do not claim a right to prevent you from -copying, distributing, performing, displaying or creating derivative -works based on the work as long as all references to Project Gutenberg -are removed. Of course, we hope that you will support the Project -Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by -freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of -this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with -the work. You can easily comply with the terms of this agreement by -keeping this work in the same format with its attached full Project -Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in -a constant state of change. If you are outside the United States, check -the laws of your country in addition to the terms of this agreement -before downloading, copying, displaying, performing, distributing or -creating derivative works based on this work or any other Project -Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning -the copyright status of any work in any country outside the United -States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate -access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently -whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the -phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project -Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, -copied or distributed: - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived -from the public domain (does not contain a notice indicating that it is -posted with permission of the copyright holder), the work can be copied -and distributed to anyone in the United States without paying any fees -or charges. If you are redistributing or providing access to a work -with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the -work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 -through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the -Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or -1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional -terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked -to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the -permission of the copyright holder found at the beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any -word processing or hypertext form. However, if you provide access to or -distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than -"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version -posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), -you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a -copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon -request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other -form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm -License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided -that - -- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is - owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he - has agreed to donate royalties under this paragraph to the - Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments - must be paid within 60 days following each date on which you - prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax - returns. Royalty payments should be clearly marked as such and - sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the - address specified in Section 4, "Information about donations to - the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." - -- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or - destroy all copies of the works possessed in a physical medium - and discontinue all use of and all access to other copies of - Project Gutenberg-tm works. - -- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any - money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days - of receipt of the work. - -- You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm -electronic work or group of works on different terms than are set -forth in this agreement, you must obtain permission in writing from -both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael -Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the -Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -public domain works in creating the Project Gutenberg-tm -collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic -works, and the medium on which they may be stored, may contain -"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or -corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual -property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a -computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by -your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium with -your written explanation. The person or entity that provided you with -the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a -refund. If you received the work electronically, the person or entity -providing it to you may choose to give you a second opportunity to -receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy -is also defective, you may demand a refund in writing without further -opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER -WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO -WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. -If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the -law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be -interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by -the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any -provision of this agreement shall not void the remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance -with this agreement, and any volunteers associated with the production, -promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, -harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, -that arise directly or indirectly from any of the following which you do -or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm -work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any -Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. - - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of computers -including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at -http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at -809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email -business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact -information can be found at the Foundation's web site and official -page at http://pglaf.org - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To -SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any -particular state visit http://pglaf.org - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. -To donate, please visit: http://pglaf.org/donate - - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic -works. - -Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm -concept of a library of electronic works that could be freely shared -with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project -Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. - - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. -unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - http://www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. |
