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Langkau, Matthias Grammel and the -Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - [Illustration] - - - - - Memoiren Bibliothek - - IV. Serie - - Siebter Band - - - Der Deutsche Lausbub in Amerika - - * 2ter Teil * - - von - - Erwin Rosen - - [Illustration] - - - - - Der - Deutsche Lausbub - in Amerika - - Erinnerungen - und Eindrücke - von Erwin Rosen - - Zweiter Teil - - - Dritte Auflage - - Verlag -- Robert Lutz -- Stuttgart - - - - - Alle Rechte vorbehalten. - Druck von A. Bonz' Erben in Stuttgart. - - - Copyright 1912 - by Robert Lutz, Stuttgart. - - - - -Inhalt - - - Seite - - Bei der amerikanischen Zeitung. - - Bob bei den Münchner Neuesten Nachrichten. -- Die armen - Teufel von deutschen Journalisten. -- Ein Münchner - Zeitungspalast. -- Im amerikanischen Reporterzimmer. - -- Wie das Zeitungsbaby sein Handwerk erlernte. -- - Das Geheimnis der Presse. -- Im Presidio. -- Ich - lerne telegraphieren. -- Die Sprache des Kupferdrahts. - -- Telegraphisches Lachen. -- Vom großen Lebenswert 21 - - - Reporterdienst. - - Was der Amerikaner von seiner Zeitung verlangt. -- Der - scoop. -- Der verunglückte Dampfer Hongkong. -- Die - Männer der schnellen Entschlüsse. -- Wie ein Reporterstück - inszeniert wird. -- Auf der Jagd nach der Sensation. - -- Im Maschinenraum. -- Wie ich die Kunst des Zuhörens - ausübte. -- Der Dämon im Stahl. -- Zeitungskönig Hearst. - -- Eine Anekdote von der gelben Gefahr des Kaisers und - der Hearstschen Gelben Presse. -- Ein schwarzer Tag 38 - - - Das Kommen des Krieges. - - Vorgeschichte des spanisch-amerikanischen Krieges. -- Die - Guerillakämpfe zwischen Spaniern und kubanischen - Insurgenten. -- Die Glückssoldaten der Virginia. -- - Gespannte Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten - und Spanien. -- Grausamkeiten. -- Die kubanische Junta - in New-York. -- Der Untergang der Maine. -- Der - Racheschrei. -- Kriegserklärung. -- Meine große Idee! - -- Die große Idee funktioniert nicht! -- Aber ich muß - unbedingt nach Kuba 56 - - - Der Lausbub wird Soldat. - - Die verbogene Lebenslinie. -- Ein schneller Entschluß. -- - Beim Oberleutnant Green vom Signaldienst. -- Ich werde - angeworben! -- Abschied von Allan McGrady. -- =B - Company= des 1. Infanterieregiments. -- Korporal - Jameson. -- Wiggelwaggeln. -- Der sprechende Sonnenspiegel. - -- »Ich gehe nach Kuba!« 66 - - - Das Sternenbanner auf dem Wege nach Kuba. - - Der Krieg des Leichtsinns. -- Aus Leutnants werden - Majore. -- Eine kleine Vergeßlichkeit. -- Segenswünsche - und Vorschußlorbeer. -- Von lieben diebischen Mägdelein. -- - Die Armee in Hemdärmeln. -- Das militärische - Telegraphenbureau in Tampa. -- Die spanische - Gespensterflotte. -- Admiral Cervera in der Falle von - Santiago de Cuba. -- Die Depeschenhölle. -- Roosevelts - Rauhe Reiter ohne Gäule! -- Auf dem Meer. -- Eine - schwäbische Ueberraschung. -- Von redenden Tuchfetzen - und sprechenden Wolken. -- Nachtalarm. -- Beginn des - Bombardements von Baiquiri 77 - - - Auf kubanischem Boden. - - Die Küste wird bombardiert. -- Theodore Roosevelt und - seine Zahnbürste. -- Die Landung. -- Ein Tag ungeduldigen - Fluchens. -- Die Arbeit beginnt. -- Tropenregen. - -- Meine Hängematte. -- Nachtruhe =à deux=. -- Hunger - und Arbeit -- aber ach, was waren das für schöne Zeiten! - -- Der Major stiehlt einen Karren. -- Telegraphenbau-Arbeit. - -- Palmen und Kletterei. -- Bei den toten rauhen Reitern - von =La Quasina=. -- Im Insurgentenlager. -- Der - Mangobauch. -- Der Jesus-Christus-General 94 - - - Beim Jesus-Christus-General. - - Das Hauptquartier in der Vorpostenlinie. -- General Shafter, - Höchstkommandierender. -- Die Trumpfkarte im - Spiel. -- Proviant her! -- Ein sogenannter Spaziergang. - -- Die spanische Verteidigungslinie. -- Die Nacht - vor der Schlacht. -- Das Telegramm nach Washington. - -- Die Regimenter ziehen dem Feind entgegen. 121 - - - Die Schlacht vom San Juan Hügel. - - Der Morgen vor der Schlacht. -- Ein Schattenspiel im - Nebel. -- Die Schlacht beginnt. -- Wir legen die Linie - nach der Front. -- Meine erste Granate. -- Wie ich das - Gruseln lernte. -- Wie andere das Gruseln lernten. - -- Auf dem Weg zur Feuerlinie. -- Die Furt. -- Die - Panik des 71. Regiments. -- In der Feuerlinie am - Waldrand. -- Wir schießen mit. -- Die Schützengräben - im San Juan Hügel. -- Der Gnadenschuß. -- Der Angriff - ohne Befehl. -- Der San Juan Hügel wird im Sturm - genommen. -- Zusammenhänge der Schlacht. -- Bei den - spanischen Gefangenen. -- Rum und Zigaretten. -- Am - Lagerfeuer. -- Sie begraben die Toten. 136 - - - Der Tag nach der Schlacht. - - Am Lagerfeuer. -- Vom Arbeiten in den Schützengräben. - -- Nächtlicher Tropenregen. -- Auf dem Weg zur - Front. -- Die spanischen Scharfschützen. -- Der stille - Wald. -- Verwesungsgeruch. -- Das Tal der Toten. -- - Der Kopf. -- Bloßgelegte Gräber. -- Das Kommen des - Grauens. -- Das Leichenfeld. -- Im Hauptquartier des - linken Flügels. -- Die Schützengräben auf dem Hügel. - -- Heftiges Gewehrfeuer in der Sternennacht. -- Mein - Maultierritt. -- Vom Feuerschein beim Feind und dem - Rätsel der Nachtattacke 169 - - - Der Untergang der spanischen Flotte. - - Jubel in den Schützengräben. -- Der Hafen von Santiago - de Cuba. -- Das Felsentor. -- Castillo del Morro. -- - Das Warten, das Lauern! -- Die Heldentat des Leutnants - Hobson. -- Durchbruch des spanischen Geschwaders. - -- Die Seeschlacht. -- Die Hölle der fünfunddreißig - Minuten. -- Eine kleine Yacht schießt zwei Zerstörer - in den Grund. -- Eine Merkwürdigkeit in der Geschichte - des Seekriegs. -- Der Mann im Kommandoturm und der - Mann hinter der Kanone. -- Was von der Gespensterflotte - übrig blieb 193 - - - In den Schützengräben. - - Von Siegesberichten und Sorgen. -- Ein Murren geht durch - die Schützengräben. -- Die Meinung des alten Sergeanten. - -- Ungeduld! -- Der Humor der Front. -- Krankheit und - Schwäche. -- Die berühmten kubanischen Leibschmerzen. - -- Fieber und Ruhr. -- Stimmungen und Verstimmungen. - -- Ein Freudentag. -- Freund Billy aus Wanderzeit und - Eisenbahnfahrt. -- Zwei Gefechtstage. -- Wie ich ein - Held sein wollte. -- Der Friedensbaum. -- Die - Kapitulation von Santiago de Cuba 207 - - - Nach Santiago de Cuba. - - Das Hauptquartier wird energisch. -- Die Enttäuschung - der Männer in den Schützengräben. -- Die verbotene - Stadt. -- Wir werden nach Santiago beordert. -- Das - Legen der Linie. -- In den spanischen Schützengräben. - -- Ein Tauschgeschäft mit den hungrigen Spaniern. -- - In der Stadt. -- Die toten Gäßchen. -- Von Licht - und Schatten. -- Das Hauptquartier des Siegers 226 - - - Im Kabelbureau. - - Der spanische Telegraphendirektor. -- Unter Dach und Fach. - -- Wir requirieren Wäsche. -- Der wundersame Patio. - -- Das große Baden. -- Der brauchbare Antonio. -- - Wir rüsten ein Mahl. -- =»Caballeros - telegraphistas!«= -- »Oh, der verdammte Speck!« -- - »Man muß ein Loch in die Uhr schießen!« -- Das - Feuerrad. -- Im Dunkel 239 - - - Auf der Insel des gelben Fiebers. - - »Ich bin gar nicht tot.« -- Im Hafenhospital von Santiago. - -- Die gelbe Flagge im Boot. -- Die Schmerzen im Leib. - -- Der sterbende Trompeter. -- Warum ich den Neger - erschießen wollte. -- Schlafen, nur schlafen! -- Das - Dunkel zwischen Tod und Leben. -- Dr. Gonzales. -- Ich - bin Sergeant geworden. -- Das Haus des Elends. -- - Krankenpfleger und Totengräber. -- Wie der Rauhe Reiter - Himmelsblumen pflückte. -- Eine nächtliche Schreckensszene. - -- Der Insel der Verdammten wird Hilfe. -- Die - Krankenschwestern 255 - - - In der Zeltstadt von Montauk Point. - - Die Friedensbotschaft. -- Ein brutaler Krieg. -- Die böse - Lage der amerikanischen Invasionsarmee. -- Auf den - General folgt der kaufmännische Organisator. -- Wie - die Zeltstadt von Montauk Point erstand. -- Mein - letzter Tag in Santiago de Cuba. -- Im Gesundheitslager. - -- Die Komplimente des Trusts. -- Wie mir ein Vermögen - entging. -- Die New Yorker Invasion. -- Von begeisterten - =ladies=. -- Das Sicherheitsventil. -- Wie Leutnant - Hobson in der Welle der Hysterie ertrank 287 - - - - -Vorwort - - -Ich bin der glückliche Besitzer eines kleinen Neffen, der sich bestimmt -schon den Ehrentitel eines Lausbuben erobert hätte, verlebte er sein -junges Leben in süddeutschen Landen. Da er das aber nicht tut und -ein Hamburger Jung' ist, so dünkt ihm der Begriff Lausbub fremd. -Bald großartig und erstrebenswert, bald verächtlich und gemein. Es -ist mir passiert, daß ein Haufen von Schulkindern mich achtungsvoll -anstarrte, während mein Herr Neffe ihnen erklärte, das sei ein -famoser Lausbubenonkel. Ich mußte es aber auch erleben, daß dieser -Neffe mir bei passendem Anlaß feindselig entgegendonnerte: »Lausbub -aus Amerika!« Nicht anders ist es mir ergangen mit großen Leuten. Da -meinten die einen, dieser Lausbub sei etwas gar Lustiges. Die andern -aber schüttelten die Köpfe: Wie kann man so geschmacklos sein und sich -selber einen Lausbuben nennen! - -So sei mir gestattet, ein Wörtchen dreinzureden. Wir alle kleben -an der heimatlichen Scholle, seien wir nun Weltenwanderer oder -niemals hinausgekommen über den Bannkreis der Vaterstadt; an jener -Scholle, auf der wir als Kinder spielten. Und mir klingt es aus -meiner Münchner Jugendzeit herüber: »Du ganz verflixter Lausbub!« -»A solchener Lausbub!!« Wie lustig das tönt, weiß kein Mensch außer -mir. So lustig kann es keinem sein, so viele auch gelacht haben mögen -über das Wörtchen mit den verschiedenen Gesichtern. »Oh du herzig's -Lausbüble,« kost die süddeutsche Mutter. »Lausbub!« sagt der Vater, und -der Ton bedeutet den Stock. Entrüstung kann in dem Wort liegen oder -verblüffte Anerkennung einer besonderen Leistung jungenhaften Tobens -oder ein Schelten oder eine Resignation. Auf gar keinen Fall aber ist -ein Lausbub ein Musterknabe. Sondern einer, der eine tiefgewurzelte -Vorliebe für dumme Streiche hat und einen dicken Schädel und rührige -Ellbogen. - -Lausbub! klingt es herüber aus meiner Jugend. - -Und weil das Wörtchen noch ein weites Stück ins Leben hinein auch den -Mann kennzeichnet, so sonderbar das klingen mag -- dumme Streiche, -dicken Schädel, rührige Ellbogen! -- so gab es diesen Büchern ihren -Titel. - - * * * * * - -An einem sonnigen Novemberabend im Jahre 1897 saß ich auf der Terrasse -des Golden Gate Parks in San Franzisko, starrte aufs Meer hinaus, -träumte von meiner Arbeit, wie das junge Menschen tun, denen die Arbeit -noch andere Dinge ersetzt, und war stolz wie ein König als jüngster -Reporter einer großen Zeitung. So unverrückbar stand es fest, das -Große, das Bleibende: die Zeitung und ich -- ich und die Zeitung -- -das war die Lebenslinie. Sie war es und sie blieb es. Wie krumm sie -sich aber gestaltete, diese Lebenslinie, wie wackelig, wie verbogen und -schief, das ist eines der humorvollsten Dinge in einem Leben reich an -freiwilligem und unfreiwilligem Humor. Wenige Monate darauf war ja die -Lebenslinie schon vergessen, und der überstolze Reporter steckte im -blauen Rock der regulären Armee Onkel Sams. Es sollte ihm öfters noch -ähnlich ergehen mit dieser Lebenslinie ... - -Der Lausbub, Farmer, Apotheker, Arbeiter, Fischpökler, Professor, -Reporter wurde also Soldat und machte den spanisch-amerikanischen Krieg -auf Kuba mit. Was er dort erlebte und sah, schildert dieses Buch; so -wie er es damals erlebte und damals sah im Zeichen junger Männlichkeit, -überschäumend in der Begeisterung, ein Mann zu sein im Krieg. - - Hamburg, im Sommer 1912. - - Erwin Rosen. - (Erwin Carlé). - - - - -Zweiter Teil - - - - -Bei der amerikanischen Zeitung. - - Bob bei den Münchner Neuesten Nachrichten. -- Die armen Teufel von - deutschen Journalisten. -- Ein Münchner Zeitungspalast. -- Im - amerikanischen Reporterzimmer. -- Wie das Zeitungsbaby sein - Handwerk erlernte. -- Das Geheimnis der Presse. -- Im Presidio. -- - Ich lerne telegraphieren. --- Die Sprache des Kupferdrahts. -- - Telegraphisches Lachen. -- Vom großen Lebenswert. - - -Ein Jahr mag es her sein oder zwei, als ich in meiner Vaterstadt -München einen alten amerikanischen Zeitungsfreund auf der Straße -traf. Wir gingen zunächst zum Frühschoppen ins Hofbräuhaus, und gegen -Ende der zweiten Maß weinte Bob beinahe. Zu traurig fand er es, daß -einer, dem es einmal vergönnt gewesen war, die Nase in die Welt der -amerikanischen Zeitung zu stecken, sich nun für deutsche Zeitungen -plagen und schinden mußte! - -Er nahm die Münchner Neuesten Nachrichten vom Tisch und zerknüllte sie. - -=»You poor devil!«= sagte er. »Du armer Teufel -- du ganz armer Teufel. -Euer Bier ist ein Wunder! Eure Gemütlichkeit ist prachtvoll! Eure Kunst -ist grandios! Aber eure Zeitungen -- großer Gott, Mann, das ist doch -keine Zeitung -- das ist ja ein Miniaturblättchen -- =damn it=, das -ganze Dings da, das sich eine Zeitung nennt, hat nicht einmal Raum -genug für einen einzigen anständigen Prozeßbericht!« - -Worauf er des weiteren ausführte, daß es ihm ja an und für sich schon -unverständlich sei, wie irgend jemand irgend wo anders leben könne als -in =God's Country=, im Lande Gottes, in den gottbegnadeten Vereinigten -Staaten, denen zur absoluten Vollkommenheit nichts, aber auch nichts -fehle, als das nicht weniger gottbegnadete Bier der Kunststadt München. -Ein ewiges, mit sieben zolldicken Brettern vernageltes Geheimnis jedoch -sei und bleibe es ihm, daß einer, dem es vergönnt gewesen sei ---- usw. -usw. - -Ich lachte und führte ihn in das Gebäude der Münchner Neuesten -Nachrichten. - -Die Männer der Münchnerin sind allezeit gastfreundlich und gar -liebenswürdig gegen ihre Mitarbeiter, wovon der, der dieses Buch -schrieb, ein dankbar Lied zu singen weiß. Bob bekam manches zu sehen -und manches zu hören. Wir plauderten mit dem Feuilletonredakteur über -das Wesen des künstlerischen Feuilletons (das dem amerikanischen -Journalisten ein Buch mit sieben Siegeln ist) -- wir unterhielten -uns mit dem Mann der inneren Politik über den Leitartikel (der den -Zeitungen Amerikas etwas völlig Nebensächliches bedeutet) -- wir -suchten die Lokalredaktion heim, und ihr Schriftleiter benutzte -natürlich die gute Gelegenheit, ein nettes Interview über die Münchner -Eindrücke des amerikanischen Journalisten herauszuschinden. - -»Gut!« sagte Bob draußen auf dem Korridor. »Verdammt gut! Die Leute -verstehen ihr Geschäft. Sie haben ihre Arbeit lieb. Schade nur, daß den -armen Teufeln so lächerlich wenig Zeilenraum zur Verfügung steht.« -Dann blieb er kopfschüttelnd stehen. »Da sagt man immer, in =Germany= -seien die Leute so überaus vorsichtig mit ihren Dollars!« brummte er. -»Aber ich will gehängt werden, wenn's bei uns eine einzige Zeitung -gibt, die ihre Leute auch nur annähernd so luxuriös beherbergt wie das -Blättchen da! =It's remarkable!=« - -Immer erstaunter wurde sein Kopfschütteln, je mehr der Räume der -Redaktion er sah. Da waren Möbel, deren jedes Stück ein großer Künstler -entworfen hatte, und Wunder von künstlerischen Schreibtischen und -Beleuchtungskörper aus Bronze und kostbare Klubsessel und zauberhafte -Tapeten und Perserteppiche und Jugendoriginale an den Wänden, und von -der Hast und der Hetze des Zeitungslebens war äußerlich aber auch -gar nichts zu sehen. Leise nur wie ein Summen drang das Dröhnen und -Stampfen der riesigen Rotationsmaschinen aus dem betonumpanzerten -Erdgeschoß. Dann plauderten wir wieder mit anderen Männern, und Bob -sah, daß der Zeitungsgeist ein Weltgeist ist und die Zeitungsarbeit -überall die gleiche, gewaltige, gigantische trotz aller Unterschiede -der Art und des Formats. Er gluckste vor Wonne, als wir hinübergingen -in das Reich der »Jugend« und Saal auf Saal der wundervollsten -Kunstdruckmaschinen durchschritten, der vielen Dutzende stählerner -Bilderzauberer, die noch viel wunderbarer sind als das größte -Rotationsungetüm. - -»Gut -- gut -- verdammt gut!« sagte Bob. »Aber wenn ich mich nicht sehr -irre, so habt ihr doch eins nicht: Unseren amerikanischen Reporter ...« - -Da lachte ich und gab keine Antwort. - -Denn meine Zeiten amerikanischen Reportertums sind mir wie ein liebes -Märchen erster Jugendliebe, und ein gar verknöcherter Kritikus muß der -sein, der Zeiten erster Liebe kritisch urteilend betrachtet. Ich glaube -nicht, daß wir in der deutschen Zeitungswelt gerade amerikanische -Reporterart haben. Ich weiß nicht einmal, ob es wünschenswert -wäre, hätten wir sie. Ich weiß nur, daß mein eigenes Erleben als -zwanzigjähriger Lausbub im amerikanischen Zeitungsdienst mir eines der -Jugendmärchen bedeutet, von denen man zehrt in den Tagen der Reife. - - * * * * * - -Äußerlich war nichts Märchenhaftes daran. - -Der Tag eines Reporters beim =San Francisco Examiner= begann mit -Arbeit, war ausgefüllt mit Arbeit, endete mit Arbeit, und des Nachts -träumte man von der Arbeit. - -Als ich zum erstenmal meinen Platz an einem Ecktisch im Reporterzimmer -einnahm, kam ich mir so unendlich hilflos, so geistesarm, so über alle -Maßen unfähig vor, daß ich am liebsten wieder davongelaufen wäre. -Ich starrte auf das weiße Papier, das vor mir lag, betrachtete das -Tintenfaß, sah mißtrauisch auf die Schreibmaschine auf dem kleinen -Tischchen neben mir und wunderte mich, was in Dreikuckucksnamen ich nun -eigentlich anfangen sollte. Zwölf Männern, dem gesamten Reporterstab -der Zeitung, war ich hintereinander vorgestellt worden, und ein jeder -hatte gelächelt und ein jeder irgend etwas Liebenswürdiges gesagt, um -sich dann in keiner Weise mehr um meine gräßlich verlegene Wenigkeit -zu bekümmern. So saß ich da, mit dem krampfhaften Gefühl, daß es die -Aufgabe eines Reporters war, irgend etwas zu schreiben. Aber was, zum -Teufel? - -Ueberall um mich klapperten Schreibmaschinen. Die Türe wurde -fortwährend aufgerissen, und Leute kamen herein und gingen hinaus. -Meine neuen Kollegen schwatzten und lachten -- mitten in ihrer Arbeit. -Wie es möglich sein konnte, in diesem Höllenlärm einen vernünftigen -Gedanken zu Papier zu bringen, war mir vorläufig ein Rätsel. - -Es roch nach frischer Druckerschwärze. Papier bedeckte knöcheltief -den Boden, allerlei Papier, handbeschrieben, maschinenbeschrieben, -bedruckt. Die Wände entlang standen zerschnitzelte und -tintenbeschmierte Pulte und kleine Tischchen, auf denen blanke -Schreibmaschinen thronten. Die eine Schmalseite des Zimmers nahm der -Bücherständer ein mit seinen unzähligen Nachschlagewerken. Eine Notiz -in roter Tinte besagte, daß der Sünder, der dabei ertappt würde, ein -Buch nicht an seinen richtigen Platz zurückzustellen, zu Pön und Strafe -jedem Anwesenden ein Glas Bier zu stiften habe. Da waren Telephone -an den Wänden und der elektrische Meldeapparat der Feuerwehr und -das Spezialtelephon zum Polizeihauptquartier und eine Karte von San -Franzisko und ein Tisch stand in der Zimmermitte, fußhoch mit den -neuesten Zeitungen bedeckt. Ueberall glitzerten elektrische Glühbirnen, -denn der Raum war zu groß, als daß das einzige Fenster selbst am -hellsten Sonnentag ihn hätte erleuchten können. Die geweißten Wände -waren dicht bekritzelt. Gegenüber der Eingangstüre stand in großen -Lettern: - -»Fremdling, der du hier eintrittst, mach schleunigst, daß du wieder -hinauskommst, denn unsere Zeit brauchen wir selber!« - -Und darunter deutete eine roh hingezeichnete Hand auf den großen -Schreibtisch in der Ecke beim Fenster: - -»Allan McGrady, Lokalredakteur, Oberbonze, Hohepriester! Achtung, der -Kerl beißt!!« - -Und mit einemmal waren alle die Männer verschwunden und der Raum leer. -Nur der Mann, der biß, war noch da. Er sah von seiner Arbeit auf und -rief mich beim Namen. - -»Mr. McGrady?« - -Allan McGradys scharfe Augen blinzelten vergnügt über die -Ränder der goldenen Brille hinweg. Ein Lächeln huschte über das -scharfgeschnittene, glattrasierte Gesicht. »Sagen Sie lieber gleich Mac -zu mir, mein Sohn,« meinte er grinsend, »denn in ein paar Tagen tun -Sie es doch. Hier hat jeder seinen Spitznamen, und ich werde wohl Mac -genannt werden bis zu meinem seligen Ende. Ihren Spitznamen kann ich -Ihnen übrigens prophezeien: als jüngster Reporter sind Sie und bleiben -Sie das =baby= bis Einer kommt, der noch jünger und noch dümmer ist wie -Sie!« - -Ich muß ein sehr verblüfftes Gesicht gemacht haben -- - -»Wenn ich sage dumm, so meine ich das natürlich nur im Reportersinn, -und hoffentlich werden Sie auch in diesem Sinne in etlichen Monaten -nicht mehr dumm sein. Und nun will ich Sie ein bißchen orientieren, -mein Sohn. Hier gibt's keine Herren und keine Knechte. Wir sind alle -zusammen Arbeiter im Dienste der Zeitung, und in unserem Leben darf -und kann es nichts Wichtigeres geben als die Zeitung. Sie ist es, die -uns vereint. Wir sind eine große Familie. Wir teilen unsere Zigarren -und unseren Whisky, manchmal sogar unser Geld -- nun, Sie werden das -sehr bald herausbekommen. Wir sind alle Blutsbrüder. Wenn Sie etwas -nicht wissen, fragen Sie Ihren Nachbar. Wenn Sie etwas bedrückt, kommen -Sie zu mir ... Halten Sie vor allem den Kopf hoch und lassen Sie sich -nicht verblüffen! Sie werden ganz von selber sehen und hören und lernen --- und weder ich noch irgend jemand kann Ihnen da viel helfen. Der -Journalist muß einem im Blut stecken, und wer's nicht in sich hat, -wird's nie! Und nun --« - -Er teilte mir meine erste Arbeit beim Examiner zu. - - * * * * * - -Um neun Uhr morgens versammelte sich die Reporterschar im -Reporterzimmer, während Mac schon eine Viertelstunde vorher sich -an seinem Schreibtisch eingefunden hatte. Eine selbstverständliche -Voraussetzung war natürlich, daß jeder der »Herren des Stabes« nicht -nur das eigene Blatt, sondern auch die anderen Morgenzeitungen San -Franziskos beim Frühstück gründlich gelesen hatte. Diese morgendliche -Konferenz hatte immer eine lustige und eine etwas weniger lustige -Seite. Man lachte und plauderte und spielte allerlei Schabernack, Mac -so gut wie wir alle, bis er auf einmal zu Mr. Allan McGrady wurde und -seine berühmte Geste der Ernsthaftigkeit annahm. Er pflegte dann die -Hände in die Hosentaschen zu stecken. - -Kurz, scharf, sacksiedegrob war seine Rede -- - -»=Baby=!« (Das war ich!) der »=Call=« (das war eine Morgenzeitung San -Franziskos) hat Ihre Geschichte über den Mann, der total betrunken -im Citygefängnis eingeliefert wurde und in dessen Taschen man 15 -000 Dollars fand, ebenfalls gebracht. Das ist traurig und von Ihnen -unrecht. Wenn Ihnen ein Polizeisergeant -- welcher war es?« - -»McBride.« - -»Aha -- McBride. Wenn Ihnen McBride guten Stoff erzählt, so sorgen Sie -gefälligst dafür, daß er von da ab seinen Mund hält und vor allem den -Call-Leuten gegenüber nichts ausplaudert. Wie Sie das machen, ist mir -egal!« - -»Aber Mac, Sie haben neulich doch geschimpft wie unsinnig, als ich dem -andern Sergeanten fünf Dollars gab, damit ---- « - -»Ganz richtig, mein Sohn! Das macht man auch nicht mit Geld, denn Geld -ist rar, sondern mit Liebenswürdigkeit und Schlauheit. Mann, strengen -Sie ihren Witz an! Bin ich vielleicht eine Amme und in alle Ewigkeit -verdammt, Sie an dem Quell der simpelsten Weisheit lutschen zu lassen?« - -Ich war tief beschämt. - -»Na, die Sache ist übrigens bei uns besser als im =Call=. Johnny (das -war Chefredakteur Lascelles) läßt Ihnen sagen, die Geschichte sei fidel -und nicht übel ...« - -Das war McGradys Art der Anerkennung. - -So wurde allmorgendlich Spalte für Spalte der Arbeit des vorhergehenden -Tages durchbesprochen und einem immer wieder eingehämmert, daß es für -den, der im Reporterzimmer hausen wollte, nichts auf der Welt gab -und geben durfte als ein einziges Interesse und eine einzige Liebe: -Die Zeitung und die Interessen der Zeitung. Erstens die Zeitung und -zweitens die Zeitung und drittens überhaupt nichts als die Zeitung! - -Der Lausbub fühlte sich in der Luft des Reporterzimmers bald so wohl -wie ein Fisch im Wasser. Weil er jung war und einen Schuß Enthusiasmus -im Blut hatte, schien ihm das, was in Wirklichkeit ernstes und hartes -Schaffen war, ein lustiges, kinderleichtes Spiel. Immer neu und -eigenartig. Immer lockend. Immer aufregend. Holtergepolter ging's mit -der Arbeit den ganzen Tag hindurch bis spät in die Nacht hinein. Das -Zimmerchen in der Donnellystreet bei Madame Legrange sah mich nur zum -Schlafen. Im Eifer merkte ich gar nicht, daß ich ein »hart gerittener -Gaul« war und beim Examiner in einem einzigen Tag mehr lernen mußte, -als das anspruchsvollste Professorenkollegium eines Gymnasiums in einem -ganzen Wochenpensum verlangt hätte ... - -Denn der gute Wille und das bißchen Talent taten's noch lange nicht. -Eine ungeheure Menge von Material mußte ich verdauen und einen Wust -faktischen Wissens mir aneignen, vor dem ich entsetzt zurückgefahren -wäre, hätte ich auch nur eine Ahnung gehabt, daß ich ja gar nicht -spielte, sondern »büffelte«. Aber die Zeitung hatte ihre eigene -Art, zu lehren und lernen zu lassen. Sie appellierte an Ehrgeiz und -Ehrgefühl und Kraft, indem sie Vertrauen schenkte. McGrady ließ es -mich nie fühlen, daß ich Anfänger und Lehrling war, und seine leitende -Hand führte weiche Zügel. Vom ersten Tag an bekam ich wie alle -anderen meine Aufgaben zugeteilt und arbeitete in allen Abteilungen -des Nachrichtendienstes. Ich wurde aufs Polizeihauptquartier -geschickt und zu den einzelnen Polizeisergeanten, assistierte bei der -Berichterstattung in großen Kriminalfällen, wurde bei den lokalen -politischen Größen eingeführt und im Hafendienst verwendet. Ein -lächelnd gegebener Rat, wie von Gleichstehendem zu Gleichstehendem, als -wortkarge Selbstverständlichkeit hingeworfen, eine lustige Derbheit, -die niemals etwas Verletzendes hatte, ein Wort hier, ein Wink dort, -die stete Fühlung vor allem mit Männern, die ihre Arbeit kannten und -liebten und gute Kameraden waren, wie ich sie im Leben selten gefunden, -zeigten mir bald die richtigen Wege. - -Das Problem war einfach genug. Wer Nachrichten einholen wollte, durfte -sich nicht auf Auge und Ohr verlassen, sondern mußte sehr genau wissen, -wer die Männer waren, die Nachrichten geben konnten, und was die -Nachrichten selbst bedeuteten. - -»Die Hauptsache müssen wir immer schon wissen, ehe wir zu fragen -beginnen,« pflegte McGrady trocken zu sagen. - -Das war das Grundprinzip und leicht zu begreifen. Wenn ich zum -erstenmal zu einem hohen Beamten der Stadt geschickt wurde, um eine -wichtige Auskunft einzuholen, so mußte ich wissen, wer der Mann war, -was er geleistet hatte, welche Tragweite die Angelegenheit in Frage -hatte. Das Wissen lieferte die Zeitung selbst. Man drückte auf einen -elektrischen Knopf, und einer der Pagen erschien. Der bekam einen -Zettel. Auf diesen Zettel hatte man zum Beispiel geschrieben: John -McAllister, Schatzmeister San Franziskos. Neubau der Wasserwerke. In -wenigen Minuten kam der Page zurück, mit zwei blauen Aktenmappen, -numeriert und überschrieben: Schatzmeister McAllister -- Wasserwerke. -Ihr Inhalt waren die Ausschnitte aus dem Examiner aus allen Nummern, in -denen Artikel oder Notizen über McAllister und die Wasserwerke gebracht -worden waren. Die überflog man und wußte nun über den Mann und die -Sache, was zu wissen war. Ein Hilfsmittel von unschätzbarem Wert war -diese ausgezeichnete Registratur, ein wahres Tischlein-deck-dich für -den Zeitungsmann. Ein Redaktionssekretär hatte tagaus tagein nichts zu -tun, als jede Zeitungsausgabe in ihren einzelnen Artikeln und Notizen -zu klassifizieren, zu registrieren, und die Akten in musterhafter -Ordnung zu halten. Nichts fehlte, von der großen Politik bis zu einer -Statistik aller Großfeuer. So wurde jede einzelne Arbeitsaufgabe zu -einer Quelle des Wissens. Man lernte jeden Tag, jede Stunde im Tag. - -Die vielen Menschen, mit denen ich zusammenkam, und die vielen -Dinge, mit denen ich mich beschäftigen mußte, waren wie immer neu -vorbeihuschende, farbenbunte, lebenspackende Bilder. Die Zeitung wurde -zum Götzen; das Reporterzimmer zum Heim, in dem man oft aß, immer sein -Glas Bier trank, wo man sich wohl fühlte wie nirgends. Ich würde jeden -ausgelacht haben damals, der mir gesagt hätte, daß ich Zeitungsleben -und Zeitungsarbeit auch nur auf eine kurze Spanne Zeit freiwillig -aufgeben könnte. Und tat es bald darauf doch ... Es gibt noch stärkere -Reize. Aber sie sind selten. Wenige Arten tätigen Schaffens wohl -vermögen einen Menschen so mit Leib und Seele einzufangen wie der -Zeitungsdienst. Ein Wirbel tollen Lebens war es, in dem ich stand. -Wenn man arbeitete, hatte man die Wirklichkeit unter den Fingern; die -Menschen, wie sie lebten, und die Dinge, wie sie sich zutrugen; immer -neue Menschen und immer andere Dinge. Das Schauen und Erleben, das -andere Männer der Arbeit in kargen Freistunden suchen mußten, gab die -Zeitung im Dienst. - -Das war das Geheimnis des =San Francisco Examiners=, und es ist und -bleibt das Geheimnis der Presse -- aller großen Zeitungen aller Länder -und Sprachen. Die Zeitung bannt die Männer, die ihr dienen, in einen -Zauberkreis. Sie verlangt Unerhörtes an Arbeitskraft und Hingebung, -aber Unerhörtes gibt sie auch. Sie schenkt ihren Männern brausendes -Leben und gewaltige Macht. Das flüchtig hingeschriebene Wort eines -Zeitungsmannes spricht zu Hunderttausenden. Es vermag hunderttausend -Meinungen zu beeinflussen, vermag Großes in Gutem und Bösem. Wem -ihre Spalten offenstehen, der ist Führer und Lenker und Erzieher von -Tausenden, ohne daß diese Tausende auch nur seinen Namen kennen -- - -»Wir sind Männer ohne Namen,« sagte Allan McGrady einmal lächelnd -in einer abendlichen Plauderstunde. »In jedem von uns steckt ein -Stückchen romantischen Narrentums. Wer kennt uns? Einige Verleger, -einige Redakteure, einige Freunde vom Bau. Die große Masse, zu der -wir sprechen, kennt uns nicht. Ob ich unter einen Artikel Allan -McGrady schreibe oder Hans Jakob Ypsilon, ist ganz gleichgültig -- von -tausend Lesern sieht kaum einer nach dem Namen. Wir könnten ebensogut -Nummern tragen. Die Zeitung verschluckt uns mit Haut und Haaren und -Persönlichkeit.« Er lachte. »Und das bißchen Geld? Du lieber Gott, -der Mann im Wolkenkratzer da drüben, der altes Eisen billig kauft und -teuer verkauft, verdient zehnmal mehr als wir alle zusammen. Und wenn -wir einmal alt werden und nicht mehr können, dann wirft man uns aus -dem Zeitungstempel und setzt uns auf die Straße. Deswegen sind wir im -Grunde alle Narren, liebe Kinder. Ich bin ein Narr, und du bist ein -Narr, Jack Ferguson, und du bist auch ein Narr, =baby=!« - -»Würdest du deine Arbeit an der Zeitung aufgeben, Mac, wenn du eine -Million erbtest?« fragte grinsend Jack Ferguson, der älteste Reporter. - -»Nein, natürlich nicht!« - -»Siehst du!« - -»=Well=, das ist eben das Narrentum!« brummte Allan McGrady. - -»Oh nein,« sagte Jack Ferguson fast feierlich. »Es ist mehr. Es ist das -kuriose Etwas, das den Soldaten vorwärtstreibt. Es ist jenes sonderbare -Etwas, das hoch über Geld und Geldeswert steht ------ « - -»Schrumm, schrumm,« sagte Allan McGrady. »Prosit Kinder!« - -Das kuriose Etwas war die Begeisterung. In ihr wurde die Arbeit zum -Spiel. Zum Sport. Man tat eigentlich nichts anderes den ganzen lieben -Tag, als nach Arbeit zu suchen und sich der Arbeit zu freuen. Unser -Vergnügen sogar hing sicherlich irgendwie mit der Zeitung zusammen. -Wenn man im Reporterzimmer plauderte, unterhielt man sich über die -neueste Wendung in den politischen Verhältnissen oder über den letzten -Kriminalfall oder den schwebenden, noch nicht ganz aufgedeckten -Spitzbubenstreich der Stadtväter San Franziskos. Es war einem eben zur -Manie geworden, sich nur für das zu interessieren, was die Zeitung -interessierte. - - * * * * * - -Zu all der Arbeit in den Babyzeiten kam noch besonderes technisches -Lernen, das in sonderbarer Zufälligkeit meine nächste Zukunft stark -beeinflussen sollte. Ich lernte telegraphieren. Die Examinerleute -hatten damals die Marotte, die Sprache des Kupferdrahtes gründlich -zu erlernen, denn das konnte für die Zeitung sehr wichtig sein. -Unser Lehrmeister war ein liebenswürdiger amerikanischer Offizier, -Oberleutnant Green, der Chef des militärischen Signaldienstes im -Departement von Kalifornien. Drei, viermal in der Woche fuhren wir -zum Presidio, dem Fort beim Goldenen Tor, und arbeiteten dort im -Signalbureau, bald mit dem Leutnant selbst, bald mit Mr. Hastings, -einem alten Signalkorpssergeanten. - -Nach den ersten Lektionen schon fesselten mich die Geheimnisse der -Teufelei elektrischen Stromes gewaltig. Der Mechanismus der Instrumente -war zwar sehr einfach. Die Wechselwirkung zwischen Taster, Strom und -Magnet hatte nichts besonders Wunderbares. Das mühselige Formen von -Buchstaben durch Punkte und Striche schien zuerst sogar langweilig. -Aber sobald ich eine gewisse Fertigkeit erreicht hatte, übte das -Telegrapheninstrument eine ganz merkwürdige Lockung auf mich aus. Denn -nun wurde aus den toten Punkten und Strichen lebendige Sprache. - -Im Gegensatz zu der in Europa üblichen Art des Telegrammlesens vom -Papierstreifen oder durch Druckmaschine liest der amerikanische -Telegraphist fast nur durch Gehör. Das Klicken des Magneten spricht zu -ihm. Er schreibt das Gehörte nieder wie nach Diktat. Er erreicht dabei -eine Geschwindigkeit von durchschnittlich 30 Worten in der Minute, die -sich bei Benutzung der Schreibmaschine auf vierzig, ja sogar fünfzig -Worte steigern läßt. Mein Ohr gewöhnte sich sehr rasch an die Sprache -des Telegraphen. Was zuerst ein mühsames Zählen der Punkte und Striche -gewesen war, um die einzelnen Buchstaben herauszuhören, wurde bald zum -Begeistertsein über eine neue, klare, deutliche Schrift. Ich hörte, wie -ein Telegraphist das lernen muß, nicht mehr die einzelnen Buchstaben, -sondern deutlich erklang das ganze Wort. Es war genau so wie Lesen -lernen. Zuerst mußte man sich um den Buchstaben mühen, um dann später -eine ganze Zeile in einem einzigen Bild in sich aufzunehmen. Ein -kleines Beispiel: - -Wenn ein Telegraphist mit einem andern sich über den Draht hinweg -unterhält und lachen will, dann klickt er: ha -- ha -- ha. Im -Morsealphabet sieht das so aus -- - - -.... .--ha .... .--ha. - - -Auf dem Papier sind die vier Punkte des h und der Punkt, Strich des -a etwas Totes und Nichtssagendes. Sobald wir sie aber im Instrument -erblicken, werden sie lebendig, sind charakteristisch, lösen sofort das -antwortende Gelächter aus. - -Das Telegraphieren war ein famoses neues Spiel. Der empfindliche -Magnet reagierte so blitzschnell auf jeden Fingerdruck, daß sich -die anscheinend so komplizierten Morsebuchstaben schneller formen -ließen als auf dem Papier mit Tinte und Feder. Der Name Erwin in -Telegraphenschrift sieht sehr verzwickt aus: - - -.Pause . .. Pause .-- -- Pause .. Pause --. Wortpause - - -Telegraphieren läßt er sich in drei Sekunden!! - -Nach drei Wochen bereits erwies mir der alte Sergeant Hastings das -Kompliment, mir lachend zu sagen, daß ich mich jetzt schon bald um eine -Anstellung bei der =Western Union= (das war die große amerikanische -Telegraphen-Kompagnie) bewerben könne. So vergnügt war er über seinen -Lehrmeister-Erfolg, daß er mich dann in die unterirdischen Kasematten -des Küstenforts führte. - -»Aber 's ist strikt privatim!« mahnte er. - -So sah ich den berühmten Minentisch der Küstenverteidigung San -Franziskos. Es war eine =camera obscura=. Auf eine ungeheure, in -winzige Quadrate eingeteilte Tischplatte in der Kasemattenkammer -reflektierten die Kameraspiegel ein Stück Meer. Es sah fast unheimlich -aus, wenn die Segler und die Dampfer im Spiegelbild über die schwarzen -Linien der Quadrate huschten, die alle Nummern trugen. Es _war_ -unheimlich! Denn in Kriegszeiten bedeutete jedes Quadrat entweder eine -Torpedomine oder ein Schußfeld, auf das mehrere Geschütze sorgfältig -einvisiert waren. Glitt nun ein feindliches Schiff über Quadrat 39, so -drückte der Minenoffizier auf den elektrischen Knopf Nummer 39, und das -feindliche Schiff flog in die Luft, von einer Mine in Stücke gerissen -oder von riesigen Sprenggranaten zerfetzt. Theoretisch. Es sah sehr -schön aus. - -Und dann gingen wir in die Kantine. - - * * * * * - -Das Zeitungsbaby lernte die ersten Griffe seines neuen Handwerks ... -Aber weit wichtiger als all das Praktische war der große Lebenswert, -den die Zeitung wie im Spiel schenkte: Die Begeisterung für die Arbeit! - - - - -Reporterdienst. - - Was der Amerikaner von seiner Zeitung verlangt. -- Der =scoop=. -- - Der verunglückte Dampfer Hongkong. -- Die Männer der schnellen - Entschlüsse. -- Wie ein Reporterstück inszeniert wird. -- Auf der - Jagd nach der Sensation. -- Im Maschinenraum. -- Wie ich die Kunst - des Zuhörens ausübte. -- Der Dämon im Stahl. -- Zeitungskönig - Hearst. -- Eine Anekdote von der gelben Gefahr des Kaisers und der - Hearstschen Gelben Presse. -- Ein schwarzer Tag. - - -Das Leben des Amerikaners ist Hast und Hetze, nicht aus der -Lebensnotwendigkeit der Jagd nach dem Dollar nur, sondern weil Hasten -und Hetzen ihm von Kindesbeinen an gar nichts zu Beklagendes, sondern -etwas Wunderschönes bedeuten. =Hustle!= ist sein Motto -- rühr' dich, -rege dich, nütze die Zeit! Und =hustling= verlangt er auch von der -Zeitung. Der Mann, dem riesige Wolkenkratzer, donnernder Straßenlärm, -jagende Eile im Stadtbild eine Art Kulturbedürfnis sind, verlangt von -seiner Zeitung viel Lärm und gewaltigen Spektakel, und die grellen -Farben, die sein Auge im Tagesleben überall erblickt. Zwei Zoll hoch -müssen die Ueberschriften sein und gepfeffert in kräftigen Worten, -so wie seine eigene Ausdrucksweise es ist; übertrieben, wie er gern -übertreibt, der Mann, der sein Land das Land Gottes nennt, anstatt -bescheidentlich vom Vaterland zu sprechen wie andere Leute. Die -Eile, den raschen Entschluß, das schnelle Schaffen, die in seinem -persönlichen Leben rumoren, will er auch in seiner Zeitung sehen. Ihm -imponiert das Bild, die Tat, die große Schilderung, das Verblüffende; -weise Worte möchte er nur gelegentlich und dann mit Vorsicht genießen! -Rauschendes Leben muß an seinem inneren Ohr vorbeifließen, wenn er in -den weichen Polstern der Hochbahn New Yorks die Zeitung überfliegt, auf -daß seine Lektüre im Einklang mit dem Taktschlag seines Tages klinge. -So ist aus dem hastenden Amerikaner heraus und seiner Liebe für grelle -Lichter und lauten Lärm die amerikanische Zeitung entstanden. - -Ihre Dollarjagd, ihre Hetzerei, ihr Sensationsdrang. - -Sieht man aber näher zu und wühlt man sich durch den -marktschreierischen Wortkram der Ueberschriften und der Floskeln in den -Aufsätzen, so entdeckt man erstaunt, daß hinter der brutalen Sensation -eine gründliche, ehrliche, bewunderungswürdige Arbeitsleistung von -ganz gewaltigen Verhältnissen steckt und zwar häufig gerade da, wo -der als so leichtsinnig verschrieene Reporter gearbeitet hat. Dieser -Reporter, der so gut wie die Besten die jungfrische Kraft und den -Unternehmungsgeist und den Bienenfleiß des Dollarlandes repräsentiert. -Er ist es, der seiner Zeitung die großen Erfolge verschaffen muß, die -man in der Zeitungssprache =scoops= nennt. Sie allein machen Eindruck -auf den modernen Amerikaner; sie allein sichern dem Blatt ein rasches -Emporschnellen der Zirkulation, ein Wachsen im Ansehen. - -=Scoop= heißt wörtlich eine große Schaufel. =To scoop in= bedeutet -einheimsen, einschaufeln, einsacken, und im übertragenen Sinne will -der spöttische Zeitungsausdruck besagen: Daß man eine hochwichtige -Neuigkeit ganz für sich allein, ganz zu allererst eingeheimst, -eingeschaufelt hat, während die betrübte Konkurrenz wehmütig dasteht -und den kahlen Boden vierundzwanzig Stunden später nach schäbigen -Resten absucht. Ich erlebte einen prachtvollen =scoop= beim Examiner. -Und half mit dabei. - - * * * * * - -Frühmorgens war es. Noch hatte die Arbeit nicht begonnen und die -Reporterfamilie auf der Jagd nach den Ereignissen des Tages sich -über die Stadt zerstreut, als McGradys Telephon, das von der -Examinerzentrale nur dann eingeschaltet wurde, wenn es sich um eine -sehr wichtige Mitteilung handelte, rasselnd erklingelte. Mac nahm den -Hörer ab: - -»Examiner -- Nachrichtendienst.« - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -»Jawohl -- Leuchtturmwärter -- Station Goldenes Tor -- ja -- _wie_ -heißt der Dampfer -- die Hongkong? -- jawohl! Anscheinend verunglückt, -jawohl Wird von einem Trampdampfer eingeschleppt?« - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Pause, lange Pause. Wir alle lauschten in atemloser Spannung. Dann -fragte Mac weiter: - -»Der Dampfer ist nur durch ein gutes Fernrohr sichtbar, sagen Sie?« - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -»Haben Sie die Nachricht einer anderen Zeitung gegeben? -- Nein? --- Schön. Erstatten Sie nur die Ihnen dienstlich vorgeschriebenen -Meldungen an die Behörden und benachrichtigen Sie keine andere Zeitung. -Ja? Danke. Sie erhalten von uns fünfundzwanzig Dollars. -- Schluß.« - -Das Telephon klingelte ab. - -Allan McGrady hängte langsam und bedächtig den Hörer auf, ging -zu seinem Schreibtisch, nahm sich eine Zigarette und zündete sie -umständlich an, während wir schweigend dastanden. Dann wandte er sich -um. - -»Hayes! Telephonieren Sie doch, bitte, an die -Schleppdampfergesellschaft. Wir brauchen den schnellsten Schlepper, den -sie haben. Muß in einer halben Stunde unter Dampf sein. Examinerdienst, -üblicher Charter für einen Tag. Nein -- warten Sie. Nicht einen, -sondern zwei Schlepper brauchen wir.« - -»Zwei Schlepper -- in einer halben Stunde!« wiederholte Hayes. - -»Richtig.« Hayes ging zum Telephon und McGrady klingelte. »Ich lasse -Mr. Lascelles bitten,« befahl er dem eintretenden Pagen. - -Von uns sagte keiner ein Wort, denn jeder wußte, daß es sich um etwas -Großes handelte; um rasches Denken, um schnelles Disponieren. Daß jede -Minute und jeder gesprochene Satz kostbar waren. Der Chefredakteur -kam augenblicklich. Wenn ein Redakteur den andern oder gar den Chef -»bitten« ließ, anstatt sich selbst zu bemühen, so bedeutete das: Eile, -Dringend, Expreß! - -Die beiden Herren schüttelten sich die Hände. - -»Guten Morgen, Lascelles,« sagte McGrady, der nie ruhiger und kühler -sprach, als wenn er sehr aufgeregt war. »Verzeihen Sie, aber wir haben -hier eine Sache, die keinen Aufschub duldet.« - -Lascelles nickte nur. McGrady fuhr fort: - -»Der Leuchtturmwärter von der Goldenen-Tor-Station telephoniert, -er habe soeben den Dampfer Hongkong der San Franzisko-China-Linie -gesichtet. Der Dampfer werde von einem kleinen Honolulu-Trampdampfer -eingeschleppt. Sie alle wissen, daß die Hongkong überfällig ist. Um -was es sich handelt, läßt sich ja allerdings noch nicht sagen. Mr. -Lascelles, ich habe zwei Schleppdampfer beordert --« - -»Weshalb zwei?« - -»Wir haben Eile. Ich möchte vorschlagen, daß wir die Nachmittagsausgabe -zwei Stunden früher erscheinen lassen mit zwölf bis zwanzig Spalten -Hongkong an erster Stelle. Ich persönlich bin dafür, alles andere -Lokale hinauszuwerfen. Nur Hongkong, wichtige Politik, Börse, -Vermischtes. In zwei Stunden frühestens hat der »=Call=« die Nachricht -von den Behörden, auf jeden Fall aber nach uns. Selbst wenn es sich nur -um eine Stunde oder auch eine halbe Stunde Differenz handeln sollte, so -haben wir doch Vorsprung, und die Leute vom =Call= kommen sicher nicht -auf den Gedanken, daß wir zwei Stunden früher erscheinen könnten!« - -»Teufel -- das können wir aber doch nicht, Mac!« - -»Ich meine, es müßte eben gehen,« sagte Allan McGrady nachdenklich. -»Wir lassen die Setzer und die Maschinenleute der Nachtschicht holen. -Was Manuskript anbetrifft, so soll der zweite Schlepper die ersten -Nachrichten übermitteln, sobald es nur irgendwie geht, und der Rest -muß eben auch im Handumdrehen da sein -- ich kann mich auf meine Leute -verlassen.« (Es geschah sehr selten, daß McGrady dergleichen sagte, -aber wenn es geschah, so hätten wir uns in Stücke zerreißen lassen für -ihn!!) - -»Die Möglichkeit des Gelingens ist da,« antwortete Lascelles rasch. -»=Allright=, Mac. Disponieren Sie. Sie wissen, daß wir gute tausend -Dollars Extraausgaben riskieren und der alte Mann uns die Hölle heiß -machen wird, wenn die Sache schief geht. Verfrühte Ausgabe also. Wissen -Sie was? Es ist neuneinhalb Uhr. Um zwölf Uhr, oder sagen wir halbeins, -lassen wir ein Extra verteilen: Die Hongkong hilflos eingeschleppt. -Eines der größten Schiffe der kalifornischen Chinalinie mit knapper Not -dem Untergang entgangen. Eine Tragödie der See. Siehe ersten Bericht im -Nachmittags-Examiner. Oder so ähnlich ...« - -»Ausgezeichnet!« sagte Mc Grady. »Wenn wir den Anschluß erwischen, -ist es eine große Sache. Meine Herren, der gesamte Stab geht auf den -Schleppdampfer mit Ausnahme von Hayes. Hayes -- weinen Sie nicht, Sie -haben schwierige und verantwortungsvolle Arbeit genug; Sie müssen auf -die Frisco-China-Linie und zu den Versicherungsgesellschaften. Orders -kann ich Ihnen kaum geben, meine Herren. Ferguson als der Aelteste wird -disponieren. Nur ganz allgemein: Wir wenden die natürliche Methode an. -Die Ereignisse werden photographisch geschildert. Die Schilderung -beginnt von dem Augenblick an, in dem Sie den Schleppdampfer betreten. -Diesen ersten Teil soll Ferguson machen. Hetzfahrt und so weiter. Die -Hongkong wird gesichtet -- Beschreibung, bitte, wie der Kasten aussieht --- man klettert an Bord« -- (er lachte) »und wenn einer der Herren -dabei ins Wasser fallen sollte, wär' das eine schöne Sache --« - -Schallendes Gelächter. - -»-- und wenn einer der Herren so gütig sein würde, dabei im -Dienste des Examiners zu ertrinken, so wär' das noch viel schöner -vom Zeitungsstandpunkt aus!« (Das war Macs gruselige Art von -Humor.)»Passagiere schildern also -- sie interviewen -- Kapitän, -Offiziere interviewen -- sehen, was los ist -- sperrt sich der -Kapitän, so wird ihm unter die Nase gerieben, daß der Examiner und die -Öffentlichkeit sich nicht bluffen lassen -- die Wahrheit kommt doch an -den Tag. Los, meine Herren! Ich bitte mir aus, daß flott gearbeitet und -beim Schreiben auf der Heimfahrt keine Zeit an stilistische Künsteleien -verplempert wird. Das nötige Zurechtdeichseln besorgen Lascelles und -ich hier auf der Redaktion. Los!« - -»Einen Augenblick!« rief Lascelles. »Zeitungen mitnehmen! Ist gute -Reklame. Die Passagiere werden sich freuen, nach sechzehn Tagen wieder -eine Zeitung aus dem Lande Gottes zu sehen!« - -Eine Minute später stürmten in Holtergepoltereile zehn Zeitungsmänner -zum Hafen, und fünfundzwanzig Minuten darauf jagten in sausender -Fahrt die Hochseeschlepper Furor und Golden Gate durch das -Schiffahrtsgewimmel der inneren Bai dem Goldenen Tore zu. An den -Flaggenstangen im Heck flatterten die Hausflaggen der Zeitung -mit ihrer grellroten Inschrift auf weißem Grund: =San Francisco -Examiner=. Das Fahrttempo war viel zu schnell für die innere Bai, -aber der Examiner durfte bei seinen Beziehungen zur Hafenpolizei eine -kleine Gesetzesübertretung schon riskieren. Die Schiffe, denen wir -begegneten, wurden aufmerksam, und mehr als einmal schallten brüllende -Megaphonfragen zu uns herüber, was in Dreikuckucksnamen denn eigentlich -los sei. Unser Kapitän antwortete gewöhnlich: »Erkundigt euch beim -nächsten Polizisten!« Oder grimmiger: - -»Sind -- in Eile -- haben ---- keine Zeit ---- euch -- was vorzulügen! -=Goodbye=!!« - -Alcatras Island, die winzige, mit Kanonen gespickte Felseninsel im -Zentrum des Hafens, huschte vorbei; die schmale Bai wurde breiter, -die Wogen gingen höher. Das Häusermeer verschwand im Dunstkreis. Die -Fischerflottillen in der äußeren Bai waren bald überholt. Die nackten, -felsigen Ufer schoben sich näher zusammen. - -Wir dampften durch das Goldene Tor. Ferguson hatte, auf einen -Decksessel hingekauert, schon längst zu schreiben begonnen. Nun sah er -auf und gab uns seine Instruktionen, die auf eine genaue Verteilung -der Arbeit hinausliefen. Mir wurde die Beschreibung des Maschinenraums -zugeteilt, während Ferguson selbst das Interview mit dem Chefingenieur -der Hongkong übernahm. Aber der blinde Glückszufall hatte mir, dem -Jüngsten, eine lohnendere Aufgabe gegeben als ihm, dem Alterfahrenen -... In einer Viertelstunde wurden Rauchwolken sichtbar am Horizont, -und bald darauf tauchte die schwarze Masse eines Riesenschiffes -auf, geschleppt von einem winzigen Dampfer. Das war die fünf Tage -überfällige Hongkong. - - * * * * * - -Die elektrischen Lampen glühten im Maschinenraum, aber die gewaltigen -Feuerlöcher der Kessel lagen grau und leblos da und Stille herrschte. -Ich kletterte mühselig von Plattform zu Plattform auf den schmalen -stählernen Leitern. - -»'n Morgen,« sagte unten ein alter Mann mit weißen Haaren im blauen -Maschinistenkittel. Er betrachtete mich vergnügt aus blinzelnden Augen -und schob bedächtig den Pfeifenstummel aus dem linken Mundwinkel in den -rechten, während er mit der einen Hand die Lagerung eines sausenden -Dynamos prüfend betastete und mit der andern ein frischgewaschenes Hemd -näher an die Feuerung des kleinen Hilfskessels hielt. »Guten Morgen!« - -»Erzählen Sie mir alles!« sagte ich. - -»Zeitung?« - -»Ja -- Examiner.« - -»Dacht' ich mir,« grinste der Alte. »Ich bin der dritte Ingenieur -dieses gesegneten Schiffes, und wie Sie sehen, beschäftige ich -mich damit, ein bißchen elektrische Kraft zu fabrizieren und die -Familienwäsche zu trocknen. Mann, hier ist nichts los! Der Laden ist -zu. Wir haben das Geschäft aus Mangel an Betriebskapital aufgegeben.« - -»Weiter!« bat ich geduldig. - -»Weiter nichts.« - -»Propellerbruch, wie ich höre, nicht wahr?« - -»Propellerschaftbruch, junger Mann, fachmännisch ausgedrückt,« sagte -der Alte und drehte seine trocknende Familienwäsche nach der anderen -Seite. »Das heißt, daß ungefähr in der Mitte zwischen hier und Honolulu -in zweitausend bis dreitausend Meter Tiefe auf dem Grunde des Meeres -ein Propeller, ein drei Meter langes Stück Propellerschaft, ungefähr -sechs Heckplatten mit Zubehör, dreiviertel eines Steuerruders und noch -verschiedene andere belanglose Kleinigkeiten liegen, alles zusammen -etwa achtzigtausend Pfund schwer und etliche hunderttausend Dollars -wert. Das is' alles!« - --- -- -- -- -- -- -- - -»Wie das passiert ist?« Er spuckte kräftig auf den Boden. »Junger Mann, -ich bin siebenundzwanzig Jahre lang Maschinist, und trotzdem weiß ich -das ebensowenig wie Sie. Sehen Sie, ein Propellerschaft ist sozusagen -'n Luder! 'n dickes, langes Stück Stahl, das vor jeder Ausreise von -einem halben Dutzend Ingenieuren und mindestens drei Behörden Zoll für -Zoll abgeklopft und untersucht und begutachtet wird. Das wir während -der Fahrt pflegen und hätscheln, ölen und salben, als wär's 'n Baby. 'n -Stück Stahl, das eine Krafteinwirkung von sechstausend Pferdekräften -und Wasserwiderstände von achtzehntausend Pferdekräften auf seinem -runden Buckel aushalten muß. 'n Stück Stahl, dem die Kräfte und die -Widerstände hie und da -- es kommt nicht häufig vor, dem lieben Gott -sei Dank -- zu viel werden. Dann geht's knax, und der Teufel ist los!« - -»Was passiert dann?« - -»Oh, nichts von Bedeutung.« Er lachte schallend auf und schlug sich -aufs Knie. »Es passiert das, was uns passiert ist. Ungefähr das, -was geschieht, wenn man einer kleinen Katze plötzlich den Schwanz -abschneidet -- der Schwanz fällt herunter, nicht wahr, und die kleine -Katze gebärdet sich ungewöhnlich lebendig und aufgeregt. Na, unser -Propellerschwanz mit einigem Zubehör, das er im Vorbeigehen mitnahm, -liegt -- =well=, zwischen hier und Honolulu. Die Katze ---- « - -»Die Maschinen?« - -»-- jawohl -- die Maschinen! -- die Maschinen wurden aufgeregt. Das ist -ungefähr so, als wenn vier Pferde aus Leibeskräften an einem schweren -Sandwagen zerrten und plötzlich rissen sämtliche Stränge. Worauf die -vier Gäule übereinanderpurzeln und mit den Beinen strampeln würden ... -Um drei Uhr nachts ist es passiert. Ich hatte die Wache, Hand an der -Drosselung. Drei Sekunden nach dem großen Krach hatte ich abgedrosselt -und fünfzig Sekunden später das hintere mechanische Sicherheitsschott -geschlossen. Die drei Sekunden jedoch genügten den Maschinen -vollkommen, um übereinanderzupurzeln -- Lagerungen verballert, -Hochdruckzylinder verbogen, Kolben schief, als wären sie besoffen, alle -Verbindungen gelockert, alle Schrauben heidi -- ein Jammer, junger -Mann, ein trauriger Jammer. Zum Weinen! Aber das verstehen Sie nicht -- -sind ja kein Maschinenmensch ...« - -»Und dann?« - -»Schloßen wir den Laden. Ließen Dampf ab, dichteten das -Kollisionsschott, pumpten das Stück pazifischen Ozean aus, das in den -Maschinenraum gedrungen war, und stützten unsere armen Maschinen mit -allerlei Gebälk. Mann, sehen Sie nur hin! Der Hochdruckzylinder sieht -aus wie 'n Baugerüst -- pfui Deibel! Das erledigt, warteten wir auf -die göttliche Vorsehung und den dreckigen Trampdampfer, der mit seinem -bißchen Schleppen ein Riesenvermögen an uns verdient.« - -»Darf ich den Maschinenraum ansehen?« - -»Kommen Sie! Sie werden sich wundern! Er sieht ungefähr so aus wie ein -Zwischendeck mit siebenhundert seekranken Chinesen am dritten Tag der -Ausreise von Hongkong. To -- tal ver -- saut!!« - -Seufzend hing er das schon beinahe getrocknete Hemd über eine blanke -Kupferröhre und führte mich in das Allerinnerste der Hongkong. Ein -beschwerliches Kriechen war es, schmale Gänge entlang und unter den -Leibern stählerner Ungeheuer durch. Ein Gewirr von Balken stützte -die einzelnen Teile der Riesenmaschinen, die der furchtbare Stoß der -im Augenblick des Bruchs entfesselten widerstandslosen Kräfte völlig -unbrauchbar gemacht hatte; zerbrochene, verbogene Röhren, geknicktes -Gestänge, schiefe Stahlsäulen, abgesprungene Harteisenstücke, weißgrau -an den Bruchrändern, lagen umher. - -»Hübsch, nicht?« sagte der alte Mann. »Nun stellen Sie sich, bitte, -vor, daß ein winzig kleiner Fehler, ein völlig unsichtbarer, -unentdeckbarer Riß in einem runden Stück Stahl von zwanzig Zoll -Durchmesser ausreichte, um für eine halbe Million Dollars Maschinen in -drei Sekunden über den Haufen zu werfen!!« - -Da beschloß der Lausbub, seinem Teil des Berichts die Überschrift zu -geben: Der Dämon im Stahl! - -Er fand das sehr schön!! - -Während der Furor in einer Wolke von schwarzquellendem Rauch hafenwärts -sauste, schrieb ich und schrieb und schrieb, denn es war ja so -leicht. Hatte mir doch das Glück das Schönste und Packendste in einem -großen Zeitungsereignis bescheert -- den grimmigen düsteren Humor der -Wirklichkeit ... - -Unser =scoop= gelang glänzend. Mit flammenden Überschriften und -sechzehn Spalten Hongkong erschien der =Examiner= zwei Stunden vor -dem =Call=. In einer Gesamtzeit von sieben Stunden vom Einlaufen der -Meldung bis zur Ausgabe der fertigen Zeitung war ein für die Hafenstadt -unendlich interessantes Ereignis lebendig und exakt geschildert -worden, in der Ausführlichkeit einer graphischen Darstellung von -über dreitausend Zeilen Länge. Nichts fehlte. Das Aussehen der -Hongkong -- der Bericht des Kapitäns -- die Schilderung der Leute des -Schleppdampfers -- die Szenen des Schreckens der Unglücksnacht. - -Es war einer der großen Tage der Zeitung gewesen. - - * * * * * - -Der Hongkongbericht war in gekürzter Form nach New York und Chicago an -das New York-Journal und die Chicago-Dispatch telegraphiert worden, -denn wir und jene beiden Blätter arbeiteten stets Hand in Hand. -Gehörten »wir« doch einem gemeinsamen Eigentümer, dem Verleger des New -York-Journal, William R. Hearst. Als wir uns am nächsten Morgen im -Reporterzimmer einfanden, hielt uns Mac lachend eine Depesche entgegen. -Wir lasen: - -»Examiner, Frisco. -- Komplimente, Mac. Gute Arbeit. Erwarte -ausführlichen Bericht. -- Hearst.« - -Das war bezeichnend für William R. Hearst, dem nichts zu klein war im -Zeitungsdienst, um sich nicht persönlich darum zu bekümmern, und nichts -zu groß, sich mit seinen Zeitungen nicht daran zu wagen. Ich sah Hearst -erst Jahre später. Aber im Reporterzimmer wimmelte es von Anekdoten -über den »Alten«. Als Hearsts Vater, der Besitzer des New York-Journal, -gestorben war und ihm die Zeitung hinterlassen hatte, wurde aus dem -bedeutungslosen Jungen, der bisher nur durch modische Kleidung und -grelle Kravatten aufgefallen war, mit einem Schlage ein Arbeiter. Er -erklärte den redaktionellen und geschäftlichen Leitern seiner Zeitung, -daß in Zukunft er der Herr sei und sonst niemand. Die wollten sich -totlachen. - -Dann kam das Entsetzen. - -Der junge Hearst gönnte sich nicht einmal die Zeit zum Essen -- und -anderen Leuten erst recht nicht. Zu schlafen schien er überhaupt nicht. -Er war der Schrecken der Metteure. Er nächtigte im Setzersaale und -schrieb bis aufs letzte -- i -- Pünktchen die Schriftarten vor, die die -Ueberschriften der einzelnen Artikel anziehend machen sollten für Seine -Majestät das Publikum. - -Sein Leben gehörte seiner Zeitung. Das folgende wahre Geschichtchen -illustriert seine Manier vortrefflich. Er gab ein Souper, das sich -lange ausdehnte. Um drei Uhr morgens brachte ihm ein Bote die erste -Kopie der Morgenausgabe des Journal, das soeben zur Presse gegangen -war. Hearst sprang nach einem Blick auf die Zeitung wütend auf, -ohne seinen verblüfften Gästen auch nur ein Wort der Erklärung zu -geben, und rannte in die Nacht hinaus. Nach Luft schnappend, kam er -im Journalgebäude an, ließ die Presse stoppen und telephonierte den -Chefredakteur herbei. - -Alles -- weil die Überschrift des Leitartikels Hearst nicht zugkräftig -genug war! - -Er pflegte stundenlang der Länge nach ausgestreckt in seinem -Privatkontor auf dem Teppich zu liegen, die Riesenseiten des Journal -vor sich ausgebreitet, um die Wirkung der »Aufmachung« zu studieren. -Den großen Eindruck brauchte er -- für die große Masse. Die war sein -Götze. Er gab Unsummen aus für Spezialdrähte, mietete einen Privatdraht -zwischen New York und Washington, um die Kongreßdepeschen früher -zu haben, gewann Generäle und Minister als Mitarbeiter. Er schlug -die Zeitungen New Yorks wieder und wieder in der Schnelligkeit und -Ausführlichkeit wichtiger Nachrichten. Der Erfolg bei der großen Masse -kam fast augenblicklich. Die Auflagenziffern des New York-Journal -schnellten zu verblüffender Höhe empor, und aus der einen Zeitung wurde -ein Zeitungssyndikat in New York, Chicago und San Franzisko, mit Hearst -als Alleinbesitzer. Damals entstand das Wort von der Gelben Presse. - -Ueber seine Entstehung habe ich von amerikanischen Zeitungsfreunden -folgendes Geschichtchen erzählen hören: - -Als der deutsche Kaiser der gelben Gefahr sein Zeichentalent widmete -und die Völker Europas warnte, ihre heiligsten Güter zu wahren, kam -der Karikaturist einer Washingtoner Zeitung auf die hübsche Idee, die -kaiserliche Zeichnung, die in Amerika großes Aufsehen und bei der -Abneigung gegen die gelbe Rasse starken Beifall erregt hatte, polemisch -zu verwerten. Er zeichnete in einem Bild einen messerschwingenden -Chinesen, in einem andern Bild daneben den das Journal schwingenden -Hearst, umgeben von tanzenden Teufelchen, die alle schrien: Sensation! -Sensation!! Sensation!!! Das eine Bild trug die Ueberschrift: Die Gelbe -Gefahr Europas! das andere: Die Gelbe Gefahr Amerikas! Die politische -Welt der Vereinigten Staaten lachte und nannte den Zeitungsmann den -gelben Hearst und seine Zeitungen die gelben Zeitungen. Die Gelbe -Presse! - -Wie nun das bissige Wortbild auch entstanden sein mag, es kennzeichnet -mit seinem Vergleich mit der krassesten aller Farben, dem schreienden -Gelb, den Hunger nach Sensation vorzüglich. Tut auch Unrecht, wie -alle Schlagworte. Hearst hat starken Einfluß auf die Entwicklung der -amerikanischen Presse ausgeübt und dem modernen Nachrichtendienst -unvergeßliche Dienste geleistet. Und lange vor Roosevelt schon kämpfte -er gegen die Trusts. Seine politische Stellung als einer der Führer der -demokratischen Partei wird von Jahr zu Jahr stärker. - - * * * * * - -Nur einen einzigen Tag in jenen Monaten versäumte ich den -Zeitungsdienst. - -Das war an jenem Tag, als frühmorgens Madame Legrange klopfte und mir -einen Brief brachte, einen Brief aus Deutschland. Ich freute mich -gewaltig. Mein wortkarger Vater schrieb mir nur selten, aber zwischen -den Zeilen der wenigen Briefe konnte ich lesen, daß meine jungenhafte -Begeisterung im Dienste der Zeitung und mein naives Schildern des -Lebens um mich ihn freuten. In knappen Worten sprach der Freund zum -Freund. Nur dann und wann blitzte ein Rat, eine Warnung auf. »Du wirst -vielleicht nie nach Deutschland zurückkehren, aber vergiß dein Land -nicht, denn seine Art bleibt deine Art!« schrieb er mir einmal. »Du -hast es sehr schwer, denn du bist niemand Verantwortung schuldig als -dir selbst ...« hieß es ein andermal. Vor allem aber verblüffte mich -die genaue Kenntnis der amerikanischen Verhältnisse, die aus diesen -Briefen sprach; eine weit gründlichere und tiefere Kenntnis als die -meinige, der ich doch im Lande lebte und schaffte. Das flößte mir -gewaltigen Respekt ein. Wenn das deutsche Heimweh über mich kam, und -das tat es manchmal, nahmen die Sehnsucht und die Träume die Form an, -daß ich es mir erträumte, dem Vater einst als erfolgreicher Mann wieder -gegenüberzutreten. Der Erfolgreiche dem Erfolgreichen. Der Freund dem -Freund. Der Gleichberechtigte dem Gleichberechtigten. - -Und nun las ich und saß erstarrt auf meinem Bett. Mein Vater war tot. -Gestorben an einer fürchterlichen Krankheit, nach jahrelangem Siechtum, -das mir auf seinen Befehl verheimlicht worden war. Sie hatten ihn vor -Wochen schon begraben. - -An jenem Tag der Verzweiflung begann ich zu ahnen, was Alleinsein -im fernen Lande in Wirklichkeit war und was die Bande des Bluts -bedeuteten, aber Jahre sollten noch vergehen, bis ich verstand, daß -in dem Grab im Münchner Nordfriedhof mein Allereigenstes lag. Daß aus -meinem Vater meine Kraft und mein Leichtsinn und meine Art stammte, und -daß ich dem Mann, der als kriegsinvalider Offizier nach den Feldzügen -der Jahre 1866 und 1870 frisch und kraftvoll nach einem neuen Leben -gegriffen und sich als nationalökonomischer und wirtschaftlicher -Geistesarbeiter einen reichen Wirkungskreis geschaffen hatte, alle -Zähigkeit des Wollens und Willens verdankte. - - - - -Das Kommen des Krieges. - - Vorgeschichte des spanisch-amerikanischen Krieges. -- Die - Guerillakämpfe zwischen Spaniern und kubanischen Insurgenten. -- - Die Glückssoldaten in Viriginia. -- Gespannte Beziehungen zwischen - den Vereinigten Staaten und Spanien. -- Grausamkeiten. -- Die - kubanische Junta und New York. -- Der Untergang der Maine. -- Der - Racheschrei. -- Kriegserklärung. -- Meine große Idee! -- Die große - Idee funktioniert nicht! -- Aber ich muß unbedingt nach Kuba ... - - -Schweres Kriegsgewölk überschattete im Jahre 1898 die Neue Welt. Unten -im Süden auf der Insel Kuba tobte seit Jahren ein Kleinkrieg zwischen -Herren und Knechten, zwischen einer Rasse, die sich im Niedergange -befand, und bösem Mischblut; zwischen Spaniern und Kubanern. Die reiche -Insel, das Tabaksland, das Zuckerland war bitterarm geworden unter -spanischer Mißwirtschaft, und unerträglicher Steuerdruck lastete auf -ihm. Die spanisch-indianischen Mischlinge, die westindischen Neger -und Halbneger, nie Freunde harter Arbeit, wurden durch das unfähige -spanische Beamtentum mit seinem die Hände in den Schoß legenden -=mañana=-Glauben noch gründlicher verdorben, als sie von Mutter Natur -aus schon waren. Korruption war überall im Land. Hungersnot folgte auf -Hungersnot. Bitteres Elend herrschte seit vielen Jahren. Da schlugen -sich die Mischlinge in die Büsche, und langsam wuchs unter Führung von -Abenteurern die national-kubanische Erhebung; ein Guerillakrieg, der -von beiden Seiten mit einer Wildheit und einer Grausamkeit geführt -wurde, die dem benachbarten Amerika den Atem stocken ließ und ihm eine -altschmerzende Episode ins Gedächtnis rief, die in den Vereinigten -Staaten böses Blut gemacht hatte: Das Sterben der Männer der Virginia. - -Vor einem Jahrzehnt, denn solange schon wütete der Kleinkrieg zwischen -Spaniern und Insurgenten, waren amerikanische Glückssoldaten in dem -Schooner Virginia gen Kuba gesegelt und im Süden gelandet, sich in den -Reihen der Revolutionäre Ruhm und Glück zu erkämpfen. Ein spanisches -Kanonenboot fing den Schooner ab. Vierundzwanzig Stunden später -knallten die Schüsse der spanischen Pelotons, und die Glückssoldaten -der Virginia waren tot. Amerika zitterte vor Entrüstung, wenn auch -das amtliche Washington sich wohl oder übel auf den Boden des -internationalen Rechts stellen und erklären mußte, jene amerikanischen -Abenteurer hätten den Schutz des Mutterlandes verwirkt, als sie sich -auf ihre ungesetzliche Unternehmung einließen. Vergessen aber wurden -die Männer der Virginia nie. - -Schon zu Ende des Jahres 1897 waren die Beziehungen zwischen den -Vereinigten Staaten und Spanien gespannt, denn Washington hatte -wiederholt energisch darauf hingewiesen, daß in der Tabak-und -Zuckerindustrie Kubas Millionen amerikanischen Geldes steckten und die -unhaltbaren Zustände auf der Insel den wirtschaftlichen Interessen -der Vereinigten Staaten schadeten. Da wurde der spanische General -Weyler als Generalkapitän auf die Insel gesandt, und der Kampf gegen -die Insurgenten begann im großen Stil. Der grimmige Soldat ersann das -System der Blockhauslinien. In Fächerform wurden von den militärisch -stark besetzten Zentren aus kleine Blockhäuser in das Innere des Landes -vorgeschoben, um in stetig fortschreitender, geschützter Angriffslinie -die Revolutionäre zusammenzudrängen und das Land Meile für Meile von -ihnen zu säubern. Quer über die ganze Breite der Insel schob sich -die =trocha=. Eine gewaltige Kriegsmaschine war es: Undurchdringbare -Drahtverhaue verbanden die Blockhäuser. Vor diesem Gürtel kleiner -Festungen lief eine zweite Linie von Wolfsgruben und Sprengminen, die -eine bloße Annäherung an die =trocha= schon zu einem tödlichen Wagnis -machten. - -Ein furchtbares Gemetzel begann. Tier kämpfte gegen Tier, denn -die halbverhungerten, verzweifelten, geächteten Menschen in den -Wäldern waren zu Tieren geworden, die mit ihren Macheten jeden der -verhaßten spanischen Soldaten, der ihnen in die Hände fiel, grausam -abschlachteten, und die erbitterten Spanier zeigten sich nicht weniger -grausam als jene. Sie schonten weder Weib noch Kind. So tobte der -Kleinkrieg. Immer wieder wurden die =trocha= da und dort in Kämpfen -bis aufs Messer von den Insurgenten durchbrochen; hatten doch diese -menschlichen Gerippe, die wenig mehr besaßen als ihre Waffen, nichts -zu verlieren und alles zu hoffen. Gefangene wurden von den Spaniern -ohne weiteres erschossen; zu Dutzenden, zu Hunderten. In New York -aber sorgte eine kubanische Junta, eine Vertretung der Insurgenten, -getreulich dafür, daß die amerikanische öffentliche Meinung in Schrift -und Bild jede Greueltat der spanischen Soldaten erfuhr, während über -die Schandtaten der Revolutionäre klüglich geschwiegen wurde. Grelle -Schilderungen von Hunger, Jammer und brutaler Unterdrückung aber -verfehlen ihre Wirkung auf den Amerikaner nie. - -Alles drängte zur Einmischung der Vereinigten Staaten. Der langsam -erwachende Imperialismus, der eine Ausdehnung der amerikanischen Macht -forderte und Taten verlangte; das Kapital und starke wirtschaftliche -Interessen, die nicht nur ihre Geldanlagen auf der Nachbarinsel retten -wollten, sondern auch von einem amerikanischen Kuba sich goldene Berge -versprachen; der Zug der öffentlichen Meinung endlich, die die blutigen -Greuel im Nachbarhause nicht mehr mit ansehen mochte. - -Die Stimmung war gespannt zum Platzen. - -Da flog am 15. Februar des Jahres 1898 abends 9 Uhr im Hafen von -Havana der große amerikanische Kreuzer Maine in die Luft und sank -augenblicklich. Die gesamte Besatzung von über sechshundert Mann ging -zugrunde. - -Jetzt jagten sich die Ereignisse. - -Ein Schrei der Entrüstung gellte über Amerika. Rache für die Maine! -durchbrauste es die Zeitungen; =Remember the Maine!= donnerte es in den -Massenmeetings. Denn für jeden Amerikaner war es selbstverständlich, -daß ein heimtückischer spanischer Torpedo die Maine und ihre 600 -Amerikaner in die Luft gesprengt hatte. - -Die kubanischen Insurgenten wurden von der Regierung der Vereinigten -Staaten als kriegführende Partei anerkannt. Scharfer spanischer -Protest in unziemlichen Ausdrücken. Kurzer Notenwechsel, der die -Lage nur verschärfte. Am 25. April erklärte das amerikanische -Repräsentantenhaus, der Senat und der Kongreß, den Kriegszustand mit -dem Königreich Spanien. - -Am selben Tage noch erhielt das amerikanische Geschwader in Ostasien -unter Admiral Dewey telegraphische Instruktionen. Nach fünf Tagen war -die spanische Philippinenflotte in der Seeschlacht von Manila am 1. Mai -1898 vernichtet. - - * * * * * - -Der Lausbub wäre nicht das Menschenkind voller Unrast und -tiefgewurzeltem Drängen nach grellem Erleben gewesen, hätte sich -nicht inmitten des Kriegslärms sein abenteuerliches Blut geregt. Das -Soldatenblut vielleicht auch vom Großvater und Vater her, den alten -Offizieren. - -Ich verschlang die sich jagenden Nachrichten und brüllte mit in Jubel -und Freude, als Lascelles mit der Depesche vom Siege bei Manila ins -Reporterzimmer stürzte. Kein Stockamerikaner hätte begeisterter -sein können! Wieder jagten sich die Ereignisse. Mit immer größerer -Bestimmtheit trat die Nachricht auf, daß eine Amerikanische Armee -von der Insel Kuba Besitz ergreifen sollte und -- ich wurde sehr -nachdenklich, ohne eigentlich zu wissen warum. Ich wurde zappelig. -Wie schal und gleichgültig schien auf einmal das begeisternde -Reporterleben! Ich wurde unzufrieden. Was scherte mich die Zeitung, -wenn es Krieg gab! Krieg!! Blutigen Krieg! Kämpfe im tropischen Land!!! - -Ich sah mich zwei Nächte hintereinander im unruhigen Traum als kolossal -tapferen Offizier, der seine Leute im Sturm zum Siege führte ... Und -am nächsten Morgen kam mir die große Idee! Man mußte die Gelegenheit -beim Schopfe packen! Die Möglichkeiten des Berufs mußten ausgenutzt -werden bis zum letzten! Kriegskorrespondent wollte ich sein -- aber -selbstverständlich -- _Kriegskorrespondent_!!! - -Ich drückte mich im Reporterzimmer herum, bis die Kollegen alle -fort waren. Kaum war der langbeinige Ferguson mit seinen polternden -Schritten als letzter aus der Türe gestiefelt, als ich schon auf den -Schreibtisch in der Ecke zuschoß -- - -»Mac, haben Sie einen Augenblick Zeit für mich? Ich möchte gern in -einer persönlichen Angelegenheit ...« - -»Natürlich, mein Sohn,« unterbrach er mich lachend. »=Allright=! -Wieviel brauchen Sie denn nun eigentlich?« - -»Es -- es handelt sich nicht um Geld, Mac,« stotterte ich. - -»Nun, und wo brennt es dann?« - -»Krieg -- Kuba ...« - -»Kuba, eh? Was in der Hölle haben Sie denn mit Kuba zu tun?« - -Aber ich ließ nicht locker. »Glauben Sie wirklich, Mac, daß wir in Kuba -einfallen werden?« - -Er nahm seine goldene Brille ab und putzte sie bedächtig. - -»Nun, ich bin nicht der Kriegsminister!« meinte er. »Aber Sie können -immerhin Ihren letzten Stiefel darauf verwetten, daß die Insel ein -bißchen besetzt wird von uns, denn sie ist die große Wurst, um die -man sich zankt. Die Geschichte wird übrigens so ziemlich in Ruhe und -Frieden ablaufen, denke ich mir. Die Spanier wären Narren, wollten sie -uns ernsthaften Widerstand entgegensetzen. Na, es kann auch anders -kommen. Vor allem aber reden Sie jetzt ruhig heraus, lieber Junge! Was -wollen Sie eigentlich, zum Teufel? Was haben Sie sich da wieder in den -Kopf gesetzt??« - -»Ich will nach Kuba!« - -»Dachte ich mir, =sonny=!« - -Ich wußte, daß ich puterrot geworden war und merkte, daß ich -ungeschickt stotterte in der Aufregung, aber jetzt hieß es reden, -reden, reden ... »Mac -- helfen Sie mir, Mac! Sie wissen ja nicht, -wieviel mir daran liegt!! Mein Vater war Offizier -- und ich wollte als -Junge immer schon Offizier werden und -- Sie verstehen mich vielleicht -...« - -Allan McGrady nickte ernsthaft vor sich hin. - -»Legen Sie ein gutes Wort für mich ein beim Alten, Mr. McGrady! Ich -will gewiß kein Geld verdienen dabei. Nur mitkommen --« - -»Pfui, wer wird auf die Preise drücken!« - -»Oh, Mac, Sie wissen doch, wie ich es meine.« - -»Ich weiß, ich weiß. Und nun Vertrauen gegen Vertrauen, Sie Mann -der Tollheiten. Zwanzig Jahre bin ich im Zeitungsdienst. Mein Name -ist nach meiner besten Ueberzeugung etwas wert in der Zeitungswelt -und beim Alten. Nun sehen Sie: Ich würde drei Finger meiner linken -Hand hergeben, wenn ich damit erreichen könnte, von Hearst nach Kuba -geschickt zu werden! Drei Finger, mein Junge! Mit Vergnügen!! Mit -wonnevoller Wonne!!!« - -»Aber --« stotterte ich, aus allen Wolken gefallen. »_Sie_ können das -doch erreichen!« - -Er lachte. »Es ist nett von Ihnen, mir das Unmögliche zuzutrauen. -Ich könnte mir jedoch mit der gleichen Aussicht auf Erfolg es in -den Kopf setzen, heute abend um sechs Uhr Präsident der Vereinigten -Staaten sein zu wollen. Mann, Sie ahnen nicht, was es bedeutet, -Kriegskorrespondent zu sein. Da schickt man die Auserlesensten der -Auserlesenen hin. Leute von unermüdlicher Tatkraft, glänzende Federn --- Männer, die in jeder Lage einen Ausweg zu finden wissen -- Männer -mit militärischen Kenntnissen ersten Ranges -- ach du lieber Gott. -Gibt es da unten wirklich ernsthafte Kämpfe, so sind die Hälfte der -Kriegskorrespondenten für den Rest ihres Lebens gemachte Männer. Die -Namen der Glücklichen -- Glück gehört auch dazu! -- werden beinahe -so berühmt werden wie diejenigen der siegreichen Generale. Schlagen -wir's uns aus dem Kopf, mein Junge! Für unsere Zeitungen gehen -selbstverständlich Davis und McCullock nach Kuba, kommt es so weit; -Davis, der ein großer Schriftsteller und Hearsts Freund ist, und -McCullock, der beim tollen Mullah im Sudan war! Das ist gar keine -Frage!« - -Da trat Lascelles ein. - -»=Good morning=, Mac!« rief er. »Denken Sie mal, der Teufel ist endlich -los! Washington telegraphiert die Mobilmachung der =National Guard=! -Bedeutet natürlich, daß Onkel Sam nach Kuba marschiert. Und ich würde -drei Finger drum geben, stände ich in McCullocks Schuhen!!« - -Mac blinzelte mir zu. - -Als wolle er sagen: »Siehst du! Da ist noch einer! Einer, der schon -hoch geklettert ist auf den Sprossen der Zeitungsleiter und trotzdem -das nicht erreichen kann, was du dir in den dicken Schädel gesetzt -hast. Du blutiger Anfänger ... du!!« - - * * * * * - -Ich schlich mich fort. Miserabel schlecht arbeitete ich an jenem Tag, -denn in meinem Kopf rumorte und lärmte und hämmerte es: Kuba -- Kuba -- -Krieg ... - -Kreuz und quer lief ich durch das flaggengeschmückte San Franzisko. -Unter aufgeregten Menschen, die von nichts sprachen als vom Krieg -und von Kuba. Teufel -- Teufel ---- Und immer lauter rumorte in mir -das trotzige blinde Wollen des Augenblicks, wie es noch hundert Male -rumort hat in meinem späteren Leben, zum Glück manchmal, manchmal -zu meinem Unglück. Später, wenn man die wirkliche Kraft gefunden und -sich rückschauenden Humor eingefangen hat, denkt man gern an solche -Augenblicke der Tollheit. Hat man sie doch auf Heller und Pfennig -bezahlt in der Münze des Lebens und das Recht auf fröhliche Erinnerung -erworben, mag auch die Vernunft sich wehren mit ihrem: Es wäre doch -besser gewesen, wenn ... - -So lief ich umher in den Straßen. - -Einem neuen Spielzeug nach, das hüpfende Teufelchen vor mir baumeln -ließen und das ich nicht erhaschen sollte und das vielleicht nur -deshalb so begehrenswert schien. Die Sehnsucht gestaltete sich zur -fixen Idee. Sie wurde zum harten Wollen. - -Der Lausbub dachte also nach. Dachte angestrengt nach, vernünftig. -Ueber die Vernünftigkeit dieses Nachdenkens aber würde jeder andere -Mensch sich krankgelacht haben: Es bestand im Wesentlichen darin, -daß ich fortwährend dasselbe dachte -- »Ich will aber nach Kuba! Zum -Teufel, ich will aber doch nach Kuba!!« - -Die kleinen Affären des Lebens, die links und rechts neben Kuba, -und die schleierhafte Zukunft, die hinter Kuba lag, kümmerten mich -furchtbar wenig. Sie waren nebensächlich. Erstens wollte ich mit in -diesen Feldzug, und zweitens mußte ich mit, und drittens ging ich -überhaupt auf jeden Fall mit! Darüber war ich mir nun klar, und damit -schien mir die Angelegenheit erledigt. - -Ich -- mußte -- unbedingt -- nach -- Kuba!! - - - - -Der Lausbub wird Soldat. - - Die verbogene Lebenslinie. -- Ein schneller Entschluß. -- Beim - Oberleutnant Green vom Signaldienst. -- Ich werde angeworben! - -- Abschied von Allan McGrady. -- =B Company= des 1. - Infanterieregiments. -- Korporal Jameson. -- Wiggelwaggeln. -- - Der sprechende Sonnenspiegel. -- »Ich gehe nach Kuba!« - - -Daß meine Verhältnisse sich völlig ändern würden, der mühsam -erarbeitete erste Lebenserfolg völlig über den Haufen geworfen wurde, -die Zukunft sich anders gestalten mußte -- an meine ganze schöne -Lebenslinie dachte ich auch nicht einen Augenblick lang. Her nur mit -dem praktischen Trotz, der törichte Wünsche in Wirklichkeit umsetzt! - -Ich ging zum Oberleutnant Green ins Presidio. - -»Hoffentlich kommen Sie nicht in beruflicher Angelegenheit,« sagte -er lächelnd, als ich in das kleine Signalbureau im Adjutanturgebäude -trat, »denn nicht ein Wörtchen könnte ich Ihnen in diesen Zeiten sagen. -Befehl von Washington!« - -»Das wäre an und für sich schon eine Neuigkeit im Zeitungssinne!« -lachte ich. »Aber ich komme mit einer persönlichen Bitte ...« Und ich -erzählte ihm, was ich mit Allan Mc Grady gesprochen hatte und erklärte, -daß ich es mir nun einmal in den Kopf gesetzt hätte, den Feldzug -mitzumachen. Der Offizier hörte aufmerksam zu. - -»Sie wollen also Soldat werden?« - -»Ja.« - -»Und Ihr Beruf?« - -»Auf den pfeif' ich!« - -»Hm. Haben Sie sich da in Ihrer Enttäuschung über die -Kriegskorrespondentengeschichte nicht in eine Idee verrannt, deren -Tragweite Sie nicht übersehen? Würden Sie sich unter allen Umständen -anwerben lassen, auch wenn ich nicht helfe?« - -»Ja, unter allen Umständen.« - -»Schön. Wie alt sind Sie?« - -»Zwanzig Jahre und drei Monate.« - -»Hm. Das Gesetz schreibt zwar ein Alter von 21 Jahren vor, aber um -der paar Monate willen wollen wir uns nicht streiten. Ich will Ihnen -helfen. Sie scheinen ja ernstlich genug zu wollen, und des Menschen -Wille ist sein Himmelreich. Unter den besonderen Umständen wird Ihnen -übrigens eine kurze Dienstzeit in der blauen Jacke Onkel Sams gar nicht -schaden. Nun hören Sie, bitte, genau zu. Was ich Ihnen jetzt sage, ist -vertraulich: Wir könnten Sie im Korps gebrauchen, und das wäre wohl -auch das Beste für Sie, schon weil die Arbeit sehr interessant ist. -Telegraphieren können Sie ja schon. Der Haken ist nur der, daß ich zur -Anwerbung nicht autorisiert bin. Der Signalkorpsdienst der Vereinigten -Staaten besteht augenblicklich nur aus etwa dreißig Offizieren und -etlichen fünfzig Sergeanten. Mannschaft haben wir vorläufig gar nicht. -Ich erwarte jedoch von Stunde zu Stunde die Order, die ein Signalkorps -im größeren Stil für den Krieg organisiert. Sie lassen sich also jetzt -für das hiesige Regiment, das 1. Infanterieregiment, anwerben. Ich -werde dafür sorgen, daß Sie sofort zum Telegraphendienst abkommandiert -werden, und sobald das neue Signalkorps autorisiert ist, werde ich Sie -versetzen lassen. Abgemacht?« - -»Ja.« - -»Schön. Sie müssen sich auf drei Jahre verpflichten, aber eine -vorherige Entlassung würde keinen besonderen Schwierigkeiten begegnen, -wenn Sie eine solche nach Beendigung des Feldzugs wünschen.« - -Ich horchte auf, denn das war es gerade, was ich wollte! - -»Abgemacht?« - -»Ja.« - -»=Well=, ich hoffe, daß Sie den Schritt, den Sie heute unternehmen, -nicht bereuen werden. Und nun wollen wir die Sache ins Reine bringen. -Warten Sie hier einen Augenblick, bitte. Ich werde den Adjutanten -verständigen, der Sie formell anwerben wird.« - -Nach kurzer Zeit kam er wieder. »Kommen Sie mit, bitte!« - -Wir gingen über den Korridor ins Adjutanturzimmer. Dort saß an einem -Schreibtisch ein junger Leutnant, und an einem großen Tisch arbeiteten -zwei Sergeanten. Fast gleichzeitig mit uns trat ein Militärarzt ins -Zimmer, der mich in einen Nebenraum winkte. Ich mußte mich auskleiden -und wurde untersucht. Das war in wenigen Minuten geschehen. Dann -ging's wieder ins andere Zimmer, und der Leutnant stellte mir die -knappen geschäftsmäßigen Fragen der Anwerbung. - -»Sie wollen freiwillig in den Kriegsdienst der Vereinigten Staaten -treten?« - - * * * * * - -»Es ist keinerlei Zwang auf Sie ausgeübt worden?« - - * * * * * - -»Sie sind nicht verheiratet?« - - * * * * * - -»Sie sind im Besitz der amerikanischen Bürgerpapiere?« (Oberleutnant -Green flüsterte da dem Adjutanten etwas zu, und ich glaubte zu -verstehen: Ist =allright= -- ich bürge für den Mann.) Der Werbeoffizier -wartete keine Antwort ab. »Natürlich. Sie stammen aber von deutschen -Eltern, nicht wahr?« - -So kam ich um die Notwendigkeit herum, meine Absicht, Bürger der -Vereinigten Staaten werden zu wollen, feierlich beschwören zu müssen. -Da ich diese Absicht durchaus nicht hatte, so erfreute mich das -ungemein. Wäre es aber notwendig gewesen, so hätte ich damals sieben -Bürgererklärungen abgegeben und sieben Eide geschworen, nicht nur -einen. Ich wollte doch nach Kuba! - -Fünf Minuten später hatte ich dem Adjutanten die kurzen Worte des -Fahneneids nachgesprochen und war Soldat in =Company B, 1st Regiment, -U. S. Infantry= -- bis um acht Uhr morgens des nächsten Tages beurlaubt, -um meine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. - - * * * * * - -Allan McGrady fiel beinahe vom Stuhl -- - -»Heh? Sagen Sie das noch einmal!« schrie er. - -»Ich habe mich im Presidio anwerben lassen. Ich wollte nun einmal nach -Kuba ...« - -»Ist also kein schlechter Witz?« - -»Nein.« - -»Sie Dickschädel -- Sie ganz unglaublicher Dickschädel! Ich pflege mir -meine Entschlüsse gerade auch nicht vier Wochen lang zu überlegen, aber -das bricht doch den Rekord! Läuft das Söhnchen hin und wird Soldat! -Mir nichts, dir nichts! Weshalb sind Sie denn eigentlich nicht zu mir -gekommen? Hätten mir doch wenigstens sagen können, was Sie vor hatten! -So viel Vertrauen zu mir hätten Sie doch wenigstens haben können!« - -Ich versuchte, ihm zu erklären, daß das alles sehr plötzlich gegangen -war. - -»Verdammt plötzlich!« rief McGrady. »Verdammt unüberlegt. Sie haben -sich in die Nesseln gesetzt! Aber ich werde dafür sorgen, daß Ihnen -aus Ihrem Anstellungsvertrag mit dem Examiner keine Schwierigkeiten -erwachsen. Schließlich hat jeder Dickkopf das Recht, sich den Schädel -an derjenigen Mauer einzurennen, die ihm am besten gefällt!« - -Er lachte und nickte vor sich hin. »Im Grunde verstehe ich Sie ja. Ich -glaube überhaupt, daß in mir ein besonderes Verständnis ist für -- nun, -sagen wir, unschilderbare Sausewinde Ihres Schlags; die Götter mögen -wissen, weshalb und woher. Also: Die Dummheit haben Sie nun einmal -gemacht, denn eine Dummheit ist es vom Standpunkte der Vernunft. -Eines möchte ich Ihnen aber sagen, mein Junge -- sorgen Sie dafür, daß -Sie so schnell als möglich wieder aus der Uniform schlüpfen, wenn die -Geschichte vorbei ist! Sie sind viel zu jung, als daß man auch nur eine -Ahnung haben könnte, was aus Ihnen noch werden wird, aber -- well, das -ist alles Unsinn! Lassen Sie von sich hören, =sonny=!« - -»Ich bin Ihnen sehr dankbar, Mac.« - -Und der gereifte Mann, der mir stets ein väterlicher Freund gewesen -war, schüttelte mir die Hand. Der Amerikaner hatte Verständnis für den -abenteuerlichen Drang und dessen Wert im Leben. In der alten Heimat -drüben hätten sie mich einen leichtsinnigen Narren genannt; mehr noch, -einen Verlorenen, der eine gesicherte soziale Stellung um einer Laune -willen wegwarf. Ich wollte aber auf meine eigene Fasson selig oder -unselig werden ... - -»Uebrigens wollte ich auch als Soldat für den Examiner schreiben über ---« - -Mac unterbrach mich. »Werden verdammt wenig Zeit und Gelegenheit dazu -haben! Lassen Sie aber von sich hören. Kommen Sie wieder, so wartet -hier ein Platz für Sie; gegen Zeilengeld im schlimmsten Fall.« - -Noch ein Händedruck. - -Ich habe Allan McGrady nie wieder gesehen. - - * * * * * - -=»B« Company= des ersten regulären Infanterieregiments war auf voller -Kriegsstärke und ich der einzige Rekrut. Meine Ausbildung drängte sich -in Tage zusammen, und wenn der Lausbub auch Lust und Talent gehabt -hätte, zu nachdenklicher Besinnung zu kommen, so würde er doch ganz -gewiß keine Zeit dazu gehabt haben. - -Ein neues Spiel begann. Ein Wirrwarr neuen Lernens. Der alte Korporal -meiner »=squad=« wurde dazu abkommandiert, mich in seine besondere -Obhut zu nehmen. Zum Uniformdepot ging es zuerst, und in einer Stunde -war ich ein bewaffneter und uniformierter blauer Junge Onkel Sams -geworden. Hellblaue Hosen, knappe dunkelblaue Jacke, Mütze. Alles -neu, aus ausgezeichnetem Stoff, gut sitzend. Die Sparsamkeiten der -Alten Welt, deren Armeen ihre Uniformen von Soldatengeneration auf -Soldatengeneration vererben, liebt der Amerikaner nicht. Dafür bezahlt -er für seine kleine Armee ein Militärbudget, das fast so hoch ist -wie diejenigen der europäischen Mächte ... Mein Bett, die »=bunk=«, -wurde mir angewiesen im Mannschaftszimmer, mit nagelneuen Wolldecken -und nagelneuem Bettzeug. Dann marschierte mich der alte Korporal nach -einem einsamen schattigen Fleckchen in einer Eichenallee beim großen -Paradefeld des Presidio, und heiße Arbeit begann. Leibesübungen. -Kommandodrill. Gewehrgriffe. Arbeit von morgens bis abends, aber -Arbeit, die mir genau die gleiche Freude machte wie das Lernen auf der -Texasfarm und in der Texasapotheke und bei der San Franziskozeitung, -denn wie jenes weckte sie den Ehrgeiz, sich geschickt und rasch -auffassend zu zeigen. Und dann war's eine kleine Episode. Das -Große lag im Kommenden. Fabelhaft rasch ging's mit der Ausbildung. -Korporal Jameson, der schnauzbärtige alte Kalifornier, verstand sein -Soldatenmetier von Grund auf und hielt sich nicht mit langweiligen -Wiederholungen auf, sobald er merkte, daß der neue Kompagnierekrut -begriffen hatte. - -»=You're allright=,« sagte er. »Lesen Sie das Zeug selber!« Und gab mir -sein =Manual of Infantry-Drill=, das Infanteriereglement. Da suchte ich -mir die einfachen Anweisungen für den Kompagniedrill heraus, während er -gemütlich seine Zigarette rauchte, und dann probierten wir's praktisch. - -Wenn ein einziger alter Unteroffizier sich Tag auf Tag einzig -und allein nur mit der Ausbildung eines einzigen jungen Soldaten -beschäftigt, der weder dumm noch faul ist, so können Wunder an -Schnelligkeit erzielt werden. Zehn Stunden und mehr im Tag wurde -gearbeitet. Zu dem Infanteriedrill kam während zwei Stunden des -Nachmittags Unterweisung im Signaldienst durch den Signalsergeanten -Hastings. In Flaggensignalen vor allem, denn so einfach auch der Code -des »Wiggelwaggelns« war, so erforderte es doch viel Uebung des Auges -und beim Gebrauch des Feldstechers. Aber es war sehr interessant. -Die großen Signalflaggen, zwei Meter beinahe im Quadrat und an einer -drei Meter langen Stange befestigt, bildeten die Buchstaben durch ein -Geschwungenwerden nach rechts und nach links. Die rechte Seite hieß -2, die linke 1. So bedeutete ein einmaliges Schwingen nach rechts -den Buchstaben =c=. Aber in der Signalsprache sagte man nicht =c=, -sondern 2. Alle Buchstaben waren Kombinationen dieser beiden Ziffern. -22, also ein zweimaliges Schwingen nach rechts, bedeutete a; 11, ein -zweimaliges Schwingen nach links, bedeutete n; 212, rechts -- links --- rechts war =m=. Eine Pause, ein gerades Emporhalten der Flagge vor -dem Leib trennte die einzelnen Buchstaben. Ein gerades Niederschwingen -der Flagge auf den Boden zeigte das Ende eines Wortes an; ein -zweimaliges Niederschwingen den Schluß eines Satzes; ein dreimaliges -den Schluß der Depesche. Die Flaggen, die je nach der Witterung, der -Sichtigkeit und dem Hintergrund aus Rot mit weißem oder Weiß mit rotem -Zentrum bestanden, waren auf sehr große Entfernungen sichtbar. Wir -verständigten uns mühelos vom Presidiohügel nach dem Meeresstrand -hinunter, eine Entfernung von fast zwei Kilometern. - -Noch viel mehr Freude machte mir der Heliographendienst, denn hier -konnte eine Geschwindigkeit erzielt werden, die dem Telegraphieren -wenig nachstand. Es war ein raffiniertes kleines Instrument, dieser -sprechende Sonnenspiegel -- zwei auf einer stählernen Querstange -angebrachte Spiegel, die sich durch ein Präzisionswerk von Schrauben -nach jeder Richtung hin einstellen ließen. Der eine Spiegel wurde -durch Korn und Kimme wie bei einem Gewehr scharf auf den Empfänger -einvisiert, der andere so, daß er die Sonnenstrahlen direkt auffing. -Die beiden Spiegel ergänzten sich und warfen nach den feststehenden -Regeln der Lichtspiegelung und ihrer Brechungswinkel zusammen ein -glänzendes Licht in Form einer großen künstlichen Sonnenscheibe nach -dem anvisierten Punkt. - -Vor den Spiegeln stand eine Deckplatte, die durch leichten Fingerdruck -geöffnet und geschlossen werden konnte. Mit langen und kurzen -Lichtblitzen übermittelte man so die Buchstaben des Morsealphabets. - -Daneben kamen Uebungen im Legen und Verbinden von Telegraphen-und -Telephonleitungen und das interessante Anzapfen, das »Melken« der -städtischen Drähte auf offener Straße mit unseren Taschenapparaten. - -Der Signalrekrut wurde auf den Krieg vorbereitet. - -Holtergepolterarbeit war es, mit viel Aufregung und mit vielem Lernen. -Und mir gefiel es immer besser im Soldatenrock. - -Von meinen Freunden beim Examiner hörte ich nur ein einziges Mal. - -Das war an einem Nachmittag, als ich auf Jamesons Kommandos voller -Eifer mit Holzpatronen »schnellfeuerte«. Da tauchten am Alleerand zwei -Gestalten auf, und als ich hinsah, erkannte ich Ferguson und Hayes. -Gemütlich kauerten sie sich unter eine Eiche und sahen zu. - -»Wohl Freunde von Ihnen?« fragte der Sergeant leise. »Ja? Dann wollen -wir Schluß machen!« Wie alle Sergeanten witterte Jameson Bier! -»Weggetreten!« kommandierte er. - -Zwei Stunden später brachte ich meine Freunde zum Fortausgang. - -»Freund, Sie sind ein großer Narr!« sagte Ferguson. »Aber wenn ich so -jung wäre wie Sie, hätte ich's vielleicht auch so gemacht. Viel Glück!« - -Ich aber dachte: »Der Narr bist du, guter alter Ferguson. Du mußt in -San Franzisko bleiben -- und ich gehe nach Kuba!« - - - - -Das Sternenbanner auf dem Wege nach Kuba. - - Der Krieg des Leichtsinns. -- Aus Leutnants werden Majore. -- - Eine kleine Vergeßlichkeit. -- Segenswünsche und Vorschußlorbeer. - -- Von lieben diebischen Mägdelein. -- Die Armee in Hemdärmeln. -- - Das militärische Telegraphenbureau in Tampa. -- Die spanische - Gespensterflotte. -- Admiral Cervera in der Falle von Santiago de - Cuba. -- Die Depeschenhölle. -- Roosevelts Rauhe Reiter ohne - Gäule! -- Auf dem Meer. -- Eine schwäbische Ueberraschung. -- Von - redenden Tuchfetzen und sprechenden Wolken. -- Nachtalarm. -- - Beginn des Bombardements von Baiquiri. - - -Das Kriegsfieber schüttelte Amerika. - -Ein guter Mann, so sagen kluge Frauen, muß wie ein Kind sein, in seinem -Tiefsten, Innersten, Wahrsten. Unter der männlichen Oberfläche, die -in der Welt draußen ein einheitliches Gefüge von Kraft und Arbeit -scheint, versteckt sich das große Kind mit dem Lachen und Weinen des -Kindes, dem aufstampfenden Trotz und der Weichheit, dem Begehren nach -Spielzeug, dem begeisterten Haschen nach allem Neuen, dem Leichtsinn, -den Ungezogenheiten. Dies Kindsein liegt tief in der Natur der Männer -des amerikanischen Reichs; tiefer als in irgend einem anderen großen -Volk. Das Draufgängertum, das Jungfrische, das Kindliche. Die Männer, -die später die Kosten des Panamakanalbaus um die Kleinigkeit von 500 -Millionen unterschätzten, weil sie viel zu begierig nach dem neuen -Spielzeug waren, sich bei langweiligem Rechnen lange aufzuhalten, -sprangen mit gleichem Unbekümmertsein in Kriegstrubel und Kriegsgefahr. - -In Tagen wurde eine Armee aus dem Boden gestampft. Der Miliz mit -ihrem ausgezeichneten Menschenmaterial fehlte es an Offizieren. -Da beförderten die amerikanischen Kinder ganz einfach fast jeden -Offizier der regulären Armee um einen, zwei, oft drei Grade, machten -die Leutnants zu Majoren, die alterfahrenen Sergeanten zu Leutnants, -und steckten sie in die Milizregimenter. Die Glückssoldaten holte -man herbei, die in den südamerikanischen Revolutionen Truppen -geführt und Pulver gerochen hatten. Ein Roosevelt pfiff auf sein -Ministerportefeuille und wurde aus dem Unterstaatssekretär der -Marine ein einfacher Reiteroberst, der Rauhe Reiter warb. Zeltlager -erstanden überall im Land. Millionen von Goldstücken wurden mit -vollen Händen hinausgeschleudert, den Kriegsbedarf über Nacht zu -schaffen. Es fehlte an Torpedojägern, an Depeschenbooten. Da kaufte -man für Unsummen die schnellsten Hochseeschlepper und die flinksten -Privat-Yachten der amerikanischen Häfen, armierte sie mit Geschützen --- und die Flottenergänzung war fertig. Man verschwendete Millionen an -die Ausrüstung der Invasionsarmee -- und die großen Kinder vergaßen -ganz, ihr auch nur eine einzige Feldbäckerei, eine einzige Kaffeemühle -zu beschaffen. Schiffszwieback, fetten Chicagospeck, ungebrannten -Kaffee gab man ihr mit als Tropenkost! Hätten die Kämpfe um Santiago -nur drei Wochen länger gedauert, so wäre auch der letzte Mann von -Zwanzigtausend von der Speckruhr gepackt worden. Die leichtsinnigen -Kinder, die sich auf die deckende Macht an Menschen und Gold ihres -Landes verließen, rechneten ja gar nicht damit, daß der Feldzug länger -als einige Wochen dauern könnte. Gelandet -- gesiegt -- die Spanier -über den Haufen geworfen! So rechnete man! Beinahe -- _beinahe_ -- wäre -es anders gekommen! - -Ein Krieg des Leichtsinns und des Optimismus. - - * * * * * - -General Shafter, der kommandierende General des Departements der -pazifischen Küste, war zum Höchstkommandierenden der Invasionsarmee -ernannt worden. Mein Oberleutnant Green zum Oberst und Chef des -Signaldienstes. Zwölf Stunden nach Eintreffen der Marschorder zogen -der Stab des Kommandierenden und das erste Infanterieregiment -durch das flaggenwimmelnde, jubelnde San Franzisko, und auf der -=Southern Pacific= ging es gen Süden und Osten, vom Stillen Ozean zum -Atlantischen Meer, nach Tampa in Florida. Dort konzentrierte sich die -Invasionsarmee. - -Im Schlafwagen fuhren wir! Selten wohl ist eine Armee so teuer, so -bequem, so schnell befördert worden. An den Hauptstationen hatten die -begeisterten Bürger riesige Tische aufgestellt und sie mit guten Sachen -beladen, und wenn der Zug hielt, dann konnte man sich einfach nicht -retten vor händeschüttelnden Männern, die einem Zigarren in die Taschen -stopften, und alten Damen, die einen mit Delikatessen und frommen -Segenswünschen überschütteten. Es war wie eine Fahrt durchs Märchenland -inmitten von lauter Knusperhäuschen, die man nur anzubeißen brauchte. -Von den Härten kriegerischer Zeiten hat in jenen Tagen gewiß kein -einziger Mann der Zwanzigtausend, die auf Schnellzügen nach Florida -eilten, auch nur das Geringste verspürt. Nichts war zu gut und zu teuer -für die blauen Jungens. - -Es gab Vorschußlorbeer in gehäuften Massen. Wer eine Uniform trug, -wurde verhätschelt -- besonders von der jungen Weiblichkeit. Onkel Sams -Töchter hatten es sich in ihrer glühenden Begeisterung in die Köpfchen -gesetzt, sich wenigstens kriegerische Trophäen unter die Kopfkissen zu -stecken und vom Krieg zu träumen, konnten sie selbst nicht kämpfen. In -Scharen überfielen sie unseren Zug an jeder Haltestelle und geizten -nicht mit Küssen und Versprechungen, für uns zu beten. Das war sehr -angenehm. Ich bin leider nie wieder in meinem Leben von so vielen -holdseligen Mägdelein geküßt worden. - -Weniger angenehm jedoch war, daß die Frauenzimmerchen dabei stahlen -wie die Raben! Sie mausten die Patronen aus den Gürteln und schnitten -einem beim Küssen heimtückischerweise die blanken Knöpfe von der -Uniform. Am zweiten Tag hatte ich überhaupt keine Knöpfe mehr am Rock -und mußte mir Sicherheitsnadeln erbetteln, meine Blöße zu decken. Die -farbiggestickten Flaggen an den Aermeln, das Abzeichen des Signalkorps, -und die Messingflaggen an der Mütze gingen schon am ersten Tag heidi. -Aber es war dennoch sehr schön. - -Knöpfe konnten ja telegraphisch nachbeordert werden. - -So zogen wir gegen Tampa, den berühmten Winterbadeort der -amerikanischen Millionäre, und -- schnappten entsetzt nach Luft. Tampa -mochte ja ein Traum von Schönheit sein im Winter -- jetzt, im Sommer, -konnte man es ein Vorgemach der Hölle nennen. Wir zogen uns schleunigst -die Röcke aus und nahmen sie so bald nicht wieder in Gebrauch. Sobald --- das heißt, vier Monate lang, denn kurz darauf in Kuba trug man -erst recht keinen Rock. Man nannte uns schwitzende Gesellen die Armee -in Hemdärmeln! Feuchtheiß war die Luft und heiß der gelbe Sand und -lauwarm das Wasser des Meeres am Strand. Sengende Hitze lagerte über -den Tausenden von Zelten, die das Städtchen umrahmten, und es mag -ungemütlich genug gewesen sein in den winzigen Segeltuchhütten. Dagegen -hatten wir vom Signaldienst das große Los gezogen. Wir wohnten vornehm -im Tampahotel, das sonst nur Millionäre beherbergte. - -Im Privatbureau des Hotelbesitzers war der militärische -Telegraphendienst eingerichtet worden. - -Dort hauste der Teufel der Aufregung. - -Während der Tage des Wartens auf das Einschiffen lebten wir -Telegraphisten in ständigem Hasten. Das Signaldetachement bestand aus -Oberst Green, dem Major Stevens, vom Artillerieleutnant drei Grade -höher befördert, dem Leutnant Burnell, vom Signalsergeanten befördert, -sieben Sergeanten und vierzig Mann. Ich gehörte zu der Stabsabteilung -von sechzehn Mann unter Major Stevens. Die übrigen, von denen wir -völlig getrennt waren, bildeten das Ballon-Detachement. Wir Signalleute -waren sehr selbständig, denn die Offiziere wurden durch den geheimen -Nachrichtendienst, die Verhandlungen mit kubanischen Insurgenten, -das Dechiffrieren ganz in Anspruch genommen. Die Verantwortung -des eigentlichen telegraphischen Dienstes war uns ganz allein -aufgehalst. Das Arbeiten mit den vorzüglichen Apparaten und der gut -funktionierenden Linie bot freilich äußerlich keine Schwierigkeiten. -Aber man lebte in einer Luft furchtbarer Aufregung. Wir sechzehn Mann, -drei Sergeanten darunter, hatten vier Morseapparate und vier =long -distance= Telephone zu bedienen. Die Arbeit hetzte. Es schwirrte von -Depeschen aus Washington. Die Rapportmeldungen jagten sich, wurden -doch alle Telegraphenleitungen, nach dem Norden sowohl wie besonders -nach den kleinen Floridainseln, militärisch überwacht, um ein Anzapfen -des Drahtes durch Spione zu verhindern, und die Führer der Patrouillen -mußten sich in bestimmten Zeitabständen melden. Ein unbeschreiblicher -Wirrwarr von Ausrüstungsfragen, Personalangelegenheiten, -Chiffretelegrammen huschte über den Draht. Tag und Nacht arbeiteten wir -im Schweiße unserer Angesichter. Kaum Zeit zum Schlafen fanden wir. -Jeder Einzelne von uns war gewarnt worden, daß jede Nachlässigkeit im -Aufnehmen von Meldungen durch ein Kriegsgericht schwer bestraft werden -würde. Verrat von Telegrammen wurde mit Erschießen bedroht. - -Aber mit keinem Zeitungskönig hätt' ich getauscht! - -Denn keiner in der Armee außer den höchsten Offizieren konnte dem -Pulsschlag der Ereignisse so lauschen wie wir Signalleute. - -Unsere gierigste Neugier galt den Telephonen. Ueber sie kamen die -wichtigsten Depeschen, telegraphisch abgeklopft zur Vorsicht, mit einem -Bleistift am Schallbecher, im Armeecode, der sich vom üblichen Morse -etwas unterschied. Die Meldungen der Flotte. - -In den Tagen des Hangens und Bangens in Tampa galten alle Hoffnungen -und alle Befürchtungen den Nachrichten vom Meer. Die spanische Flotte -in Westindien war verschwunden. Man wußte, daß kurz vor Ausbruch -des Krieges in den kubanischen Gewässern nur einige Stationsschiffe -gewesen waren, ein starkes Geschwader aber unter Admiral Cervera -auf hoher See kreuzte. Nach diesem spanischen Geschwader suchten -seit vielen Tagen in nimmerendender Jagd die gesamten atlantischen -Seestreitkräfte der Vereinigten Staaten. Torpedoboote und Torpedojäger -huschten von kubanischem Hafen zu kubanischem Hafen. Die Linienschiffe -patrouillierten den Ozean weithin ab. Cervera und seine Flotte -blieben verschwunden -- und waren doch wieder gegenwärtig wie ein -aus dem Nichts drohendes Gespenst. Die Kenntnis ihrer Stellung, ihre -Vernichtung war der Angelpunkt, um den alles sich drehte. Schien -doch ein Transport von zwanzigtausend Mann in ungeschützten Schiffen -selbst unter stärkster Flottenbedeckung ein =va banque= Spiel, -solange die Gefahr bestand, daß Cervera die in sich selbst wehrlosen -Truppenschiffe angreifen würde. Bis eine Seeschlacht geschlagen war, -konnten alle Transportschiffe gesunken sein! - -Tag für Tag kamen und gingen die Gerüchte und die falschen Meldungen. -Da telephonierte ein Torpedojäger von einer der winzigen Floridainseln, -siebzig Seemeilen südlich seien starke Rauchwolken gesichtet worden; -Bericht folge. Drei Stunden später kam zum Herzbrechen enttäuschend -die Aufklärung: Englischer Kohlentramp! Beschlagnahmt! Oder es hieß: -Gestern gemeldeter Radius abgesucht. Erfolglos ... - -Von Stunde zu Stunde stieg die Aufregung in Tampa. In dem kleinen -Vorzimmer des Telegraphenraums warteten ständig Offiziere des -Generalstabs auf die neuesten Drahtmeldungen, und selten verging ein -halber Tag, in dem nicht die unsinnigsten Gerüchte umherschwirrten. -Bald sollte ein spanisches Torpedoboot unweit Tampas gesichtet worden -sein -- bald gar eine entscheidende Seeschlacht geschlagen ... Draußen -aber in Port Tampa an den riesigen Kais harrten in langen Reihen die -schwarzen Kolosse der Transportdampfer, ständig unter Dampf. - -Bis das Gespenst beschworen wurde. - -An einem heißen Sonnenmorgen kam, wieder von einer der kleinen Inseln -bei Key West, eine Depeschenboot-Meldung der Flotte übers Telephon: - -_Gesuchtes Santiago!_ - -In den Hafen von Santiago de Cuba hatte sich die spanische -Westindienflotte geflüchtet, um zu kohlen und zu reparieren. Und saß in -der Falle! Jener Hafen lag weit inland, und seine Einfahrtstraße war -so schmal, daß zwei Schiffe sie nicht gleichzeitig passieren konnten --- vor dem Hafen aber lag nun das starke atlantische Geschwader der -Vereinigten Staaten. Die spanische Flotte konnte nicht heraus. Die -amerikanische nicht hinein. Die Spanier durften den Durchbruch kaum -wagen, hätten sie sich doch einzeln Schiff für Schiff angreifen lassen -müssen; die amerikanische Einfahrt hinderten Seeminen und die Kanonen -des Morrokastells am Hafeneingang. - -Sergeant Souder hatte die Depesche dem Kommandierenden gebracht. Eine -Viertelstunde später stürmte ein Generalstabsoffizier herein, schloß -vorsichtig die Türe und erklärte uns halblaut, daß derjenige um seinen -Kopf rede, der auch nur den Namen Santiago de Cuba erwähnen würde. Als -er gegangen war, sahen wir uns mit glänzenden Augen an, und der alte -Sergeant Hastings ließ eisige Limonade bringen mit sehr viel Sodawasser -und sehr wenig Sherry, denn er und wir alle wußten, daß jetzt harte -Arbeit kam. Es dauerte auch nur Minuten, bis Oberst Green erschien -und den telegraphischen Befehl an alle Hauptstationen gab: Draht nach -Washington frei bis auf weitere Order! Damit war aller Privatverkehr -und jeder amtliche Verkehr der Zwischenstationen ausgeschaltet. Eine -Depesche konnte wenige Minuten nach Abgang von Tampa schon im Weißen -Haus in Washington vom Präsidenten und vom Kriegsminister gelesen -werden. - -Während der nächsten zwanzig Stunden war das Telegraphenzimmer -eine Hölle. Schweißtriefend saßen wir vor den Apparaten, uns jede -halbe Stunde ablösend, und sandten und empfingen die endlosen -Chiffretelegramme. - -Die Würfel der Entscheidung waren im Rollen. - - * * * * * - -Shafters Armee sollte Santiago de Cuba angreifen. Wenn diese Festung -fiel, war die spanische Flotte den vereinigten amerikanischen -Streitkräften zu Wasser und zu Lande ausgeliefert. - -Revolver umgeschnallt, den Krag-Jörgensen Karabiner zur Hand, Tornister -neben uns, so arbeiteten wir bis zur letzten Minute, während die Armee -sich einschiffte. Als die letzten gingen wir an Bord. Je zwei von -uns waren auf ein Transportschiff zum Signaldienst während der Fahrt -kommandiert worden. Den Namen meines Dampfers habe ich vergessen, das -Schiff aber und seinen Kapitän nicht. Es war eines der kleinsten, -vollbepackt mit Maultieren, die zum Lastentransport verwendet werden -sollten; den einzigen Vierfüßlern der Invasionsarmee außer ganz wenigen -Pferden für den Stab. - -Die Pferde der Kavallerie mußten auf Shafters Befehl in Tampa -zurückgelassen werden, weil unsere Kundschafter gemeldet hatten, daß -Kavallerie in dem Kriegsgelände keine Verwendung finden könne. Teddy -Roosevelt und seine Rauhen Reiter von Cowboys stellten sicherlich ein -Kavallerieregiment dar, nach dem jeder Kavalleriegeneral sich die -Finger geschleckt hätte, und ihren Weltruhm haben er und sein Regiment -ehrlich und ernsthaft verdient. Aber komisch bleibt es doch, daß der -berühmte Rauhe Reiter Name mit Gäulen so gar nichts zu tun hat. Als -Infanteristen kämpften sie und fluchten sehr, weil der kurze Karabiner -viel schlechter schoß als das Infanteriegewehr. - -Sergeant Souder und ich kletterten über den schmalen Laufsteg an -Bord unseres Dampfers und suchten, wie das selbstverständlich war, -sofort den Kapitän auf. Während wir die Treppe zur Kommandobrücke -hinaufstiegen, gellten die Dampfpfeifen, und die Transportflotte setzte -sich in Bewegung. - -»Runter mit euch!« schrie der Kapitän. »Hab keine Zeit! Auf der -Kommandobrücke habt ihr überhaupt nichts zu suchen!« - -»Ein nervöser Herr!« lächelte Souder, und wir stiegen wieder auf Deck. - -Eine Stunde später -- wir beobachteten durch unsere Feldstecher das -majestätische Schauspiel der dahindampfenden Truppenschiffe und -Kreuzer, über fünfzig an der Zahl -- kam Mr. Kapitän auf Deck und -sprach uns ungnädig an: - -»Signalkorps?« - -»Jawohl.« - -»Auf meiner Kommandobrücke habt ihr nichts zu suchen -- mein -Signalisieren kann ich selber besorgen. Verstanden?« - -Souder grinste. - -»Ich fürchte, Sie irren sich,« sagte er gelassen. »Ich und mein -Kamerad sind für den militärischen Signaldienst auf diesem Schiff -verantwortlich und müssen schon bitten, auf die Kommandobrücke -zugelassen zu werden. Vom Deck sind Flaggen nicht sichtbar. Sie haben -doch sicherlich entsprechende Befehle erhalten, Herr Kapitän?« - -»Hier kommandiere und signalisiere ich!« schrie der cholerische Herr. - -In mir aber war ein großes Lachen, hatte ich doch den deutschen Akzent -herausgehört und freute mich über den deutschen Dickschädel. - -»Weshalb sind Sie eigentlich so wütend, Kapitän?« fragte _ich_ ganz -ernsthaft in deutscher Sprache. - -»Jesses noi!« schrie er. Das kleine Männchen war wie umgewandelt. -»Jetzt isch der Aff von 'm Signaliste au no deutsch -- noi! Wo kommet -denn Sie her?« - -»Das ist eine furchtbar lange Geschichte,« sagte ich, wieder sehr -ernsthaft. »Aber seien Sie doch friedlich. Wir tun hier nur unsere -Pflicht. Es wäre Ihnen doch sehr unangenehm, wenn wir uns mit dem -Flaggschiff in Verbindung setzen und uns beschweren müßten. Sie sind -doch benachrichtigt worden, daß das Signalkorps den Signaldienst -übernimmt?« - -»Ha -- freili! Wisset Se, i ha' ja auch nix dagege'! I bin nur aus 'm -Häusle g'wese, weil die Offizier' mi chikaniert habe. Ha! Signalisiere -Se, soviel Se wöllet! Ha! 's freut mi!« - -Um die Geschichte kurz zu machen -- Mr. Kapitän war ein Württemberger, -auf allerlei Umwegen in die Dienste einer New Orleans'er Reederei und -jetzt als Kapitän des gecharterten Dampfers in die Dienste Onkel Sams -geraten. Fortan aber schliefen Souder und ich in der besten Kabine -und wurden genährt wie zwei Herrgötter in Frankreich -- einschließlich -gelegentlicher Flaschen Sekt. Der Lausbub hatte wiederum Glück gehabt! - -Souder entweder oder ich, alle beide meistens, waren Tag und Nacht -auf der Kommandobrücke. Wären wir nicht so begeistert, so aufgeregt, -so gierig nach Nachrichten gewesen, so hätten wir wahrscheinlich -furchtbar geflucht über das Unwesen des Signalisierens der Marine. -Nie ließen die Flaggen einem Ruhe! Ich weiß nicht, wie das bei -anderen Flotten gehalten wird, aber die Amerikaner jedenfalls waren -darin ekelhaft. Entweder wollte man von uns wissen, wie's um die -Gesundheit der Maultiere stünde, oder man wiggwaggelte unter dem -dringenden Alarmsignal, der Dampfer habe wenigstens fünf Meter zu wenig -Kielabstand, oder irgend jemand sandte seine Komplimente und wünschte -zu erfahren, weshalb das Antwortssignal auf die Depesche vorhin nicht -prompter gegeben worden sei. Außerdem sausten beständig die flinken -Torpedoboote um uns herum und trompeteten alle Augenblicke irgend -etwas Ueberflüssiges durch ihre Megaphone, um auch ihren Senf dazu zu -geben. Der cholerische Schwabe wurde beinahe verrückt vor Wut. Wir aber -lernten Geduld und Humor und ärgerten gelegentlich das Flaggschiff, -indem »=Souder, 1st class sergeant U. S. Signalcorps= im Auftrage des -Kapitäns in Kommando des Truppenschiffs so und so« Anweisungen für die -Behandlung eines fiktiven kranken Maulesels erbat, dem wir natürlich -die scheußlichsten Symptome andichteten. Dann lachte die gesamte -Flotte und signalisierte (durchaus unoffiziell zwar) schlechte Witze -und gänzlich unausführbare Ratschläge. Die Kinder, die gute Männer doch -sein sollen, wollten ihr Spielzeug haben, selbst in ernstesten Zeiten. - -In hetzender Fahrt jagte die Transportflotte gen Süden. - -Vier Tage lang dauerte die Meerfahrt, und jede Stunde der vier -Tage war Aufregung und nichts als Aufregung. Mit jeder Minute -geizten Souder und ich, die wir nicht oben auf der Brücke zubringen -konnten; mit Essenszeit und Schlafensstunden. Jede Flagge, die an -den Signalleinen emporstieg, war ein nervös erregendes Ereignis, -das von unbeschreiblicher Wichtigkeit sein konnte, und jeder bloße -Dienstrapport stellte eine bittere Enttäuschung dar, weil man ständig -in atemraubender Gier auf das Große wartete. - -Märchenhaft schienen mir die bunten Tuchfetzen der Signalflaggen. Sie -sprachen und erzählten. Sie befahlen und lachten. Sie waren es, die -den starren Schiffsmassen Leben einhauchten und der schwimmenden Stadt -auf dem Meer die Gesetze diktierten. In den Nächten aber leuchtete und -funkelte und glitzerte es tageshell in Fluten von Licht. Kein dunkles -Fleckchen ließen die gewaltigen Scheinwerfer der Kriegsschiffe auf dem -weiten Wasserkreis, in dem wir schwammen, und in unablässiger Bewegung -hoben und senkten und kreuzten sich die weißen Lichtbündel, um dann -auf einmal kerzengerade nach oben sich auf eine Wolke zu richten. Dann -sprach die Wolke. Sie blitzte grell auf -- lang -- kurz ------ kurz -... kurz ... lang ... -- und aus dem Aufleuchten formten sich, so -leicht lesbar wie Schrift, die Buchstaben, die Worte, die Sätze, die -Depeschen. Und wir starrten in das Licht um uns und suchten angstvoll -nach dem tiefroten Aufglühen an den Schiffsmasten, das nach dem -Geheimcode Gefahr bedeutete. - -Nur einmal während der Fahrt wurde das nächtliche Alarmsignal gegeben. -Souder schlief und ich hatte die Wache, als spät nach Mitternacht -plötzlich fünfhundert Meter etwa vor uns die drei Gefahrlaternen wie -winzige glühende Punkte aufflammten. - -»Alarm!« schrie ich, und der Kapitän stürzte aus dem Steuerhaus. - -Da begann der Scheinwerfer zu reden: - -»Langsamste Fahrt -- Indiana -- Ponton verloren -- Kollisionsgefahr --« - -»Teufel --« schrie der Kapitän, und gellend hallten seine schrillen -Kommandos in die Nacht, den Ausguck zu verdreifachen, während der -erste Offizier auf der Brücke den Befehl zum Abstoppen der Maschinen -hinunterklingelte. - -Lange Minuten des Harrens. Wir alle wußten, um was es sich handelte. -Der Kreuzer Indiana schleppte einen ungeheuren Landungsponton aus -schweren Balken, der zum Ausschiffen der Geschütze benützt werden -sollte. Oft genug hatten wir über das ungefüge Anhängsel des -Kriegsschiffes gelacht. In dem hohen Seegang war die Schlepptrosse -gerissen, und irgendwo inmitten der Flotte trieb nun die Holzmasse des -Pontons, mächtig genug, im Zusammenprall ein Schiff leck zu stoßen. -Die Truppenschiffe kamen zum Stillstand, und die Torpedojäger und -Depeschenboote sausten im Scheinwerferlicht umher, nach dem Durchgänger -zu suchen. Die Minuten vergingen. Dann auf einmal wimmelte es wieder -von Signalen: Dem Befehl zur Weiterfahrt. Man gab den Ponton verloren, -froh genug, daß er schon weit hinten im Kielwasser schwimmen mußte und -wenigstens keine Gefahr mehr bedeutete. - - * * * * * - -Frühmorgens kurz nach Sonnenaufgang am fünften Tag tauchte, ein -gelbgrauer Streifen, die Küste Kubas auf. Wir rannten wie besessen nach -unseren Kabinen, Waffen und Tornister auf die Brücke zu holen, um jeden -Augenblick zur Ausschiffung bereit zu sein. Doch die Eile war sehr -überflüssig. Noch achtundvierzig Stunden lang kreuzte die Flotte an -der Santiagoküste, untertags so nahe, daß die hellen Sandstreifen und -die dunklen Wäldermassen klar zu unterscheiden waren; in den Nächten -weit draußen im Meer. Am dritten Tag aber in der Frühe dampfte die -Schiffsmasse in nächste Nähe der Küste, die Kriegsschiffe weit voran. -Immer näher kamen wir. - -»Anker werfen! Transportschiffe in Kiellinie!« befahlen jetzt die -Flaggen. - -Auf den Kriegsschiffen aber wurde es lebendig. Bunte Wimpel stiegen an -den Masten empor, nur der Marine verständlich. In ungeheuren Kreisen -dampften die Linienschiffe und die Kreuzer, Schiff dicht hinter -Schiff, die Küste entlang. Umruderten uns, um sich in Gefechtsstellung -zu entwickeln, kehrten wieder zurück. In ganz langsamer Fahrt. Ich -suchte mit dem Feldstecher den Strand ab. Glatt und ruhig spielte das -Meer an der schmalen, gelben Sandlinie, von der Hügel mit dichtem -Buschwerk aufstiegen bis an den Horizont. Im Vordergrund überspannte -eine eiserne Brücke eine kleine Schlucht von grellgelbem Gestein. Ihr -Gittergefüge sah sonderbar zierlich und gebrechlich aus und schien zu -schwanken, zu zittern in der flimmernden Sonnenglut. Auf der Brücke -stand ein Frachtwagen, hoch beladen mit Felsblöcken. Links daneben -ragte aus dem Buschwerk ein winzig kleines Häuschen. - -Kreis auf Kreis zogen die Kriegsschiffe. - -Da -- eine weiße Dampfwolke schoß aus einem großen Kreuzer, und ein -furchtbares Krachen ließ mich zusammenfahren ... - - - - -Auf kubanischem Boden. - - Die Küste wird bombardiert. -- Theodore Roosevelt und seine - Zahnbürste. -- Die Landung. -- Ein Tag ungeduldigen Fluchens. -- - Die Arbeit beginnt. -- Tropenregen. -- Meine Hängematte. -- - Nachtruhe =à deux=. -- Hunger und Arbeit -- aber ach, was waren - das für schöne Zeiten! -- Der Major stiehlt einen Karren. -- - Telegraphenbau-Arbeit. -- Palmen und Kletterei. -- Bei den toten - Rauhen Reitern von =La Quasina=. -- Im Insurgentenlager. -- Der - Mangobauch. -- Der Jesus-Christus-General. - - -Dichter Rauch und greller Feuerschein quoll aus allen Kriegsschiffen. -Ohrenbetäubend war das Krachen. Der Schiffsboden, auf dem ich stand, -bebte und zitterte, trotzdem wir mehrere hundert Meter entfernt lagen. -Schuß krachte auf Schuß. In das dumpfe Dröhnen der schweren Geschütze -rasselte grell der hellere Klang der Schnellfeuerkanonen; wie grausiger -Donnerschlag und hallendes Stahlklirren, als ob Riesenschmiede auf -überirdischem Amboß hämmerten. Man konnte nicht denken -- man mußte -nur stehen und starren. Aus dem Dröhnen heraus gellte es schrill in -scharfen Mißtönen; ein Surren, ein Zischen, ein Gebrause. Schuß -- -Schuß -- Schuß -- Dutzende, Hunderte von Explosionen ... Schuß -- -Schuß ------ und die Minuten wurden zu Ewigkeiten. Heulend jagten die -Stahlmassen durch die Luft und stürzten sich auf den Sand und das -Buschwerk da drüben, die so still dalagen wie ein wehrloses Ding, das -ein Starker zu Boden geschlagen hat und nach Gefallen zerhämmert. -Nichts regte sich. Nirgends war Bewegung an Land. Nur das Buschwerk -duckte und zitterte und wand sich wie ein Getreidefeld im Hagelschauer -unter dem Sturm von Geschossen. In ungeheuren Rissen zerfetzten -die Granaten den Buschwald, und blanke Erdstreifen tauchten auf im -schwarzen Busch, wenn Dampf und Staub der Explosionen verweht waren. -Aeste wurden durch die Luft geschleudert. Erdmassen spritzten empor. -Ueberall, an vielen Stellen zugleich. - -Und dann wurde es mit einem Schlag still, und schwere Rauchschwaden, -weiß und grau und fahlgelb, wälzten sich übers Meer, daß einem der -beißende Pulvergeruch giftig und atembeklemmend in Augen und Lungen -drang. An Land regte sich nichts. - -Der kommandierende General signalisierte: »Befehle abwarten!« - -Wir starrten und starrten, und auf einmal regte es sich auf dem Wasser. -Die Dampfbarkassen der Kriegsschiffe schossen herbei, und Dutzende von -Booten, in denen es von Waffen glitzerte, huschten dem Lande zu. Die -landenden Truppen kamen alle von einem einzigen großen Transportschiff -... Souder sprang nach seiner Kabine und holte die Liste der Schiffe -und Truppen. - -»Roosevelt ist's!« rief er. »Die Rauhen Reiter!« - - * * * * * - -So landete Theodore Roosevelt mit seinem Regiment als Erster auf -kubanischem Boden. Er hatte es durchgesetzt, daß ihm die Ehre der -Vorhut zugeteilt wurde. Man hat Roosevelt oft genug nachgesagt, daß -er auch als Reiteroberst der praktische Politiker geblieben sei, der -vortreffliche Regisseur, der sich und seine Leute geschickt in Szene zu -setzen wußte mit vollberechneten Effekten. Sicherlich zu unrecht. Der -Mann, der in sein Leben eine so gewaltige Fülle von Sehen und Schaffen -und Erfolg hineindrängte, wie wenige Männer seiner Zeit, und einer -der berühmtesten Präsidenten der Vereinigten Staaten werden sollte, -ahnte damals gewiß nicht, daß jeder Schritt auf kubanischem Boden ihn -dem Präsidentenstuhl näher brachte. Er lebte nur. Er lebte das tätige -Leben. Er war mit Leib und Seele Soldat. Der Name der Rauhen Reiter, -die erst für diesen Krieg angeworben waren, hatte in der Armee bereits -Märchenklang. In Tampa schon waren sie berühmt geworden. Selbst die -alten Regulären aus den Indianerkriegen hatten einen Heidenrespekt -vor dem Regiment, das sich aus den besten Reitern und den sichersten -Schützen des ganzen Landes zusammensetzte, den Cowboys, den westlichen -Grenzern und -- den Söhnen der amerikanischen Millionäre. Aber auch -die mußten »Qualitäten« haben. Kein Mann wurde aufgenommen, der nicht -vorzüglich ritt und besser schoß. Die jungen Millionäre warfen, und das -schien den alten Regulären am märchenhaftesten, links und rechts mit -Gold um sich, und wer in Tampa Tabak brauchte oder Durst hatte, der -ging nur geruhig ins Rauhe Reiterlager. Ein sonderbares Regiment ... -Um Roosevelt selbst kümmerte sich die Armee wenig. Berühmt machte ihn -erst seine Zahnbürste! - -Als er eingebootet wurde, schrie ihm sein Bursche nach: »Wie ist das -mit Ihrem Gepäck, Herr Oberst?« - -Roosevelt, der Brotsack und Offizierstornister umgeschnallt trug, wie -jeder Soldat, rief zurück: - -»Was zum Kuckuck soll ich mit Gepäck? Doch -- eh -- gib mir meine -Zahnbürste!« - -Diese nützliche Notwendigkeit eines reinlichen Menschen steckte Oberst -Roosevelt grinsend in das Band seines Rauhen Reiterhuts und bemerkte -dabei, das sei das einzig wirklich nötige persönliche Gepäck. Für alles -andere müsse schon der Herr Generalquartiermeister sorgen! Und fortan -trugen Kind und Kegel, Mann und Offizier der kubanischen Armee Onkel -Sams als besonderes Symbol im Hutband die Zahnbürste. - -Der Mann mit der Originalzahnbürste und seine Leute aber machten -nicht nur ihrem Vorschußruhm große Ehre als tolle Draufgänger und -zähe Kämpfer, sondern hatten auch unverschämtes Glück, denn überall -waren sie dabei, wo es wirklich der Mühe wert war. Bei La Quasina, -in der ersten Schützenlinie der Schlacht vom San Juan Hügel, und im -Nahkampf um das Blockhaus. In den ersten Tagen dagegen entging das -Rauhe Reiter-Regiment nur mit knapper Not einer Katastrophe. Die -stürmisch vordrängende Roosevelt-Vorhut fiel in einen Hinterhalt wenige -Kilometer vom Strand und hatte schwere Verluste, ehe es ihr nach kurzem -Feuerkampf gelang, die Spanier zurückzuwerfen. - -Den ganzen Tag über waren die Boote hin und hergefahren zwischen -Schiffen und Strand, in langen Ketten, von Barkassen geschleppt. Ein -Regiment nach dem andern wurde gelandet; reguläre Kavallerie, zwei -Infanterieregimenter. Bunt wie eine scheckige Kuh war die »Segurança«, -das Transportschiff des kommandierenden Generals, von Flaggenwimpeln -und flatternd geschwungenen Signalfahnen. Doch die Befehle galten stets -anderen Schiffen. - -»6tes Kavallerieregiment ausbooten!« - -»7te Infanterie an Land!« - -Für uns aber kam kein Befehl. Mit brennenden Augen sahen Souder und -ich durch die Feldstecher und fluchten so grimmige Flüche, daß der -kleine Schwabenkapitän uns schmunzelnd erklärte, er könne ja auch -allerhand leisten, aber das sei der Limit! Wir verwünschten den -kommandierenden General zehntausend Klafter tief unter den Boden, -und seinem Generalstab flehten wir Pest und Verdammnis an den Hals. -Dasitzen müssen an Bord der alten Maultierfähre! Warten müssen, während -lumpige Freiwilligenregimenter an Land durften! Wir kochten vor Wut. -Wir zappelten in kindischer Ungeduld und tanzten Tänze des Jähzorns auf -der Brücke. Endlich hielt es Souder nicht mehr aus. Gegen Abend, als -auf der Segurança eine Pause in dem ewigen Signalisieren eingetreten -war, rief er privatim ihren Signaldienst an: - -»=Seg S O -- P P P= -- Segurança Signal Office -- Privat, privat, -privat ...« »Sergeant Hastings hat Dienst!« sagte er zu mir. »Guter -alter Junge, der Hastings. Wird uns schon sagen, was los ist --« - -=Seg S O= antwortete prompt: »=I -- I= -- jawohl, jawohl!« - -Worauf Souder flaggte: - -»Privat! -- Wann -- geht -- Signalstab -- an -- Land?« - -Und sofort kam die bissige Antwort: »=Hell knows -- we do not -- you -- -go -- to hell -- no time -- to answer fools' questions.= -- Das weiß -die Hölle; wir nicht. Fahrt zur Hölle -- wir haben keine Zeit, jedes -Narren Fragen zu beantworten!« - -Souder sprang kerzengerade in die Luft: »Ich bring Hastings um,« schrie -er, »wenn ich ihn erwische! Ich schieß ihn tot! Sieben Löcher mach ich -ihm in den Bauch! Aber ich hab es immer schon gesagt, daß Hastings ein -gemeiner Kerl ist!« - -Zu dem Schaden aber hatten wir noch den Spott, denn jedes gesegnete -Schiff im Umkreis rief uns an und signalisierte: =ha -- ha -- -ha!= Hahaha aber bedeutet auf telegraphisch ein ganz großes -Gelächter. Woraus ersichtlich ist, daß Soldaten in Kriegszeiten -keine Sonntagsschüler sind und sich nicht immer einer gewählten und -einwandfreien Sprache befleißigen; man spricht scharf und handelt -scharf in solchen Zeiten großer Aufregung. Und dann waren ja weder -Damen noch geistliche Herren anwesend. - -Und wir warteten. Wir warteten scheußlich lange. Eine Nacht noch und -fast einen Tag. Während der Nacht aber konnten wir uns wenigstens -- -auf dem Umwege über Blinklampen -- mit Hastings privatim unterhalten, -der besserer Laune geworden war. Teile der Blockadeflotte hatten, so -erzählte er, bei Cabañas und Aguadores in Scheinangriffen die Küste -ebenfalls bombardiert -- bei Cabañas waren sogar Truppen gelandet -worden, um die Aufmerksamkeit der Spanier von uns abzulenken -- die -Rauhen Reiter sollten auf spanische Schützenlinien gestoßen sein und -Verluste erlitten haben -- ebenso reguläre Kavallerie. Da wurden -wir natürlich noch zappeliger, und von Schlaf war gar keine Rede. -Gestiefelt und karabinerumhangen hockten wir auf der Brücke, wartend, -wartend, und tranken aus unseren Blechbechern die Flasche Mumm extra -dry, die der gute Kapitän uns zum Abschied spendierte, so gleichgültig, -als sei das edle Getränk Wasser gewesen. - -Der Morgen verging. Der halbe Nachmittag noch. Souder und ich wurden -hysterisch. Knurrten wie bissige junge Hunde und suchten verzweifelt -uns die Augen fast aus dem Kopf nach dem Signal, nach dem verdammten -Signal. Da plötzlich hob sich an Bord der Segurança die rote -Korpsflagge mit dem weißen Innenquadrat wieder und rief uns an: - -»Signaldienstbefehl -- Signalkorps an Bord Segurança!« - -»=I -- I= -- jawohl, jawohl!« - -Seine Abschiedsgrüße mußte uns der lachende Kapitän nachschreien, in -solch lächerlicher Geschwindigkeit sausten wir auf Deck und übers -Fallreep in das längst wartende Boot ------ - -Auf der Segurança gab uns Oberst Green seine Anweisungen: - -»Vier Kilometer östlich von hier ist,« so erklärte er ungefähr, »von -der Marine das Haitikabel aufgefischt und die Verbindung mit Washington -hergestellt worden. Telegraphisten der Marine sind dabei, die Linie -unter Benützung der alten spanischen Leitung hierher zu verlängern. -Den Kabeldienst übernehmen Kabelexperten. Unsere Aufgabe ist es, -telegraphische und telephonische Verbindung mit der Vorpostenlinie -herzustellen. Im Einzelnen habe ich euch nur zu sagen: Ich verlasse -mich auf jeden von euch. Wir werden schwere Arbeit haben. Ihr werdet -ganz selbständig arbeiten müssen. Eure Befehle erhaltet ihr über den -Draht. Offizieren der Truppen werdet ihr im Notfalle sagen, daß ihr -strengsten Befehl habt, Anweisungen nur von euren Signaloffizieren -entgegenzunehmen. Depeschen dürfen nur angenommen werden, wenn der -aufgebende Offizier, ganz gleichgültig welchen Ranges, sie schriftlich -gibt und unterzeichnet. Mündliche Nachrichten werden unter keinen -Umständen weder über den Telegraphen noch übers Telephon befördert. -Kommandierenden Offizieren, denen ihr begegnet, werdet ihr melden, der -Chef des Signaldienstes lasse sie bitten, dafür zu sorgen, daß die -Truppen die Drähte nicht beschädigen. Das wäre alles. Noch eins -- ich -verbitte mir jede überflüssige Schießerei! Dazu seid ihr nicht da!« - -Da kam sich der Lausbub kolossal wichtig vor. - - * * * * * - -Die See ging hoch, und längs des Strandes hatte sich eine ungemütliche -Brandungslinie entwickelt. Unsere Boote wurden umhergeschleudert, -als wären sie Eierschalen. Geradeaus am Strand zu landen war -unmöglich. So mußten wir uns der alten Landungsbrücke bedienen, und -die lag gute zwei Meter über dem Wasserspiegel. Es war jedesmal ein -Kunststück, sich von dem stampfenden Boot emporzuschwingen. Stunden -brauchten wir, um die Hunderte von schweren Rollen dünnen isolierten -Kupferdrahtes an Land zu schaffen, die Telephone, die kombinierten -Telephon-und Telegraphenapparate, die Trockenbatterien, die Flaggen. -Ein unbeschreiblicher Wirrwarr herrschte am Strand. Ueberall waren -Säcke, Kisten, Munition aufgestapelt, und zwischen diesen Bergen von -Kriegsmaterial rannten aufgeregte Offiziere umher, die den Proviant -für ihre Schwadronen und Kompagnien haben wollten. Wir errichteten -sofort dicht am Strand die Telegraphenstation mit einer Hauptbatterie -und waren kaum fertig mit Zeltbauen und Aufstellen des Apparats, als -urplötzlich die Dunkelheit hereinbrach und weiteres Arbeiten unmöglich -machte. Mit der Dunkelheit kam Regen. Nein, nicht Regen -- der Ausdruck -ist viel zu schwach -- sondern ein Wolkenbruch. Nein, nicht ein -Wolkenbruch. Sondern es regnete, wie es in den Tropen regnet. Das waren -nicht Wassertropfen, sondern dicke Wasserschnüre, Schnur an Schnur. - -Souder und ich hatten vorher schon unser winziges Soldatenzelt -aufgebaut, von dem er die Hälfte trug und ich die Hälfte, und kamen uns -sehr schlau vor, als wir bei den ersten Tropfen schleunigst unter Dach -krochen. Aber ach -- was war ein Zelt gegen diese Wassermassen! Der -angeblich wasserdichte Segeltuchstoff gab nach einer Minute schon den -hoffnungslosen Widerstand auf ... - -»Teufel -- rück' ein wenig!« schrie Souder. »Mir läuft ein Bach, ein -richtiger, gesegneter Bach, am Hals herunter!« - -»Reg' dich nicht auf um Kleinigkeiten,« erwiderte ich erbost. »Ich -- -liege -- in -- einem -- See! Rück' du!« - -Doch das konnte er ebensowenig wie ich. Wir füllten das winzige Zelt ja -bis zum letzten Winkel. Oben regnete es herein. Von vorne und hinten -kamen, klatsch, klatsch, die Güsse. Unten rieselte ein Bach. - -»=Oh hell!=« sagte der Sergeant, sprang auf und warf dabei das Zelt um, -daß unsere stützenden Karabiner ins Wasser plumpsten. »Nässer können -wir doch nicht werden!« - -Und ich sah erstaunt, wie er sich Rock, Hose, Stiefel, Gamaschen, Hemd -herunterriß und splitternackt dastand. »Ich nehme ein Bad!« grinste -er. »Gratis. Passende Gelegenheit. Ein kubanisches Brausebad -- -=Shampooing= obendrein -- kost' sonst einen Dollar fufzig ... Wie nett, -daß der Regen hierzulande wenigstens warm ist!« - -Ich machte es ihm schleunigst nach, und als kurz darauf unser Major -Stevens, im Gummimantel, eine Magnesiumfackel in der Rechten, in dem -Miniatursee einhertappte, riß er die Augen gewaltig weit auf. - -»Eh -- wer ist das? -- eh, Souder -- Carlé -- seid ihr verrückt -geworden? -- na, Jungens, das ist nicht übel!« Wir splitternackten -Kubakämpfer standen ganz mechanisch stramm! »Rührt euch, rührt euch, -Kinder, bei allem was lustig ist! Und nun versucht eben, zu schlafen, -so gut es geht. Ich habe für uns alle Gummiponchos besorgt, und das -nächstemal seid ihr besser daran. =Good night!=« - -Nach wenigen Minuten hörte der Regen auf, und erst als wir in unsere -triefenden Kleider krochen, fiel mir Esel ein, daß ich mir ja in Tampa -eine wundervolle, sündhaft teure Hängematte gekauft hatte! Aus Seide! -So dünn, daß ich sie bequem in der Tasche tragen konnte. Sie sollte mir -noch unschätzbare Dienste leisten. Später bekam ich heraus, daß in der -ganzen Armee außer mir nur der kommandierende General noch so schlau -gewesen war, für die so naheliegende Bequemlichkeit einer Hängematte zu -sorgen. Ich band das seidige Ding an zwei Bäumchen fest und kletterte -vergnügt hinein. - -»Das ist Seide, nicht wahr?« fragte Souder, mich und meine Hängematte -mit seiner Signallaterne bedächtig ableuchtend. »Stark? Fest?« - -»Unzerreißbar!« sagte ich stolz. - -»=Very good!=« - -Und im gleichen Augenblick war er zu mir hineingeklettert, so entrüstet -ich auch protestierte, und seine patschnassen, schwerbestiefelten Füße -suchten sich mit göttlicher Ungeniertheit ihre Ruhepunkte in der Gegend -meiner Ohren. So lagen wir und rauchten noch lange nassen Tabak aus -nassen Pfeifen. Ach, was waren das für schöne Zeiten! Täte ich heute -dergleichen, so würde ich mir wahrscheinlich keuchenden Husten, eine -schwere Bronchitis und eine tödliche Lungenentzündung holen. Ach, was -waren das für schöne Zeiten!! - -Die Kavallerieschwadron im Dickicht nebenan leistete auch für uns die -Dienste einer Weckuhr. - - =I can't get 'em up, - I can't get 'em up, - I can't get 'em up in the morning!= - -»Sie stehen nicht auf, sie stehen nicht auf, sie stehen nicht auf des -Morgens ...« - -»Heiliger Moses!« keuchte Souder, als er hinplumpste. - -»Großer Cäsar!« schrie ich und kollerte neben ihn. - -Denn steif wie ein Stock war der eine wie der andere, er und ich; kaum -bewegungsfähig, wie nässeverschimmelt, wie verrostet. Die Kleider -mußten getrocknet sein über Nacht, aber sie waren schon wieder feucht -und klebrig geworden im Morgentau. Wir stampften umher und stellten mit -inniger Genugtuung fest, daß in nächster Nachbarschaft noch vierzehn -andere Gestalten täuschend ähnlich schwankten und stampften, der Major -darunter so gut wie der Leutnant. Geteilte Unbequemlichkeit ist halbe -Unbequemlichkeit. Wir sahen freilich nur die Oberkörper der Gestalten. -Ihre Beine sahen wir nicht. Die ahnten wir nur. Sie steckten wie -auch die unsern in den dickgelben Schwaden des Bodennebels, aus dem -stickige Moderluft heraufdrang, übelriechend, boshaft, giftig -- in -Rauch aufgelöste Pestilenz. Da kroch über das struppige Buschwerk ein -glühendroter Fetzen Sonne -- - -»Wer -- hat -- eine Kaffeemühle?« schrie der alte Sergeant Hastings. - -»Deine Großmutter -- zu Hause!« war Souders prompte Antwort. - -Aber das Lachen verging ihm bald, als wir selbander unsere Brotsäcke -und Tornister untersuchten und entsetzt den breiigen Inhalt beguckten. -Die hochfeinen =sandwiches= des guten Schwabenkapitäns hatten sich -in ihre Moleküle aufgelöst -- in Brei -- Brei -- fleischfaserigen -Brei. Doch ein hungriger Magen macht erfinderisch, und wir gingen zum -Bach. Der Brei schwamm fort. Als Niederschlag blieb, was sonst noch -im Brotsack geblieben war: die vier Pfund fetten Specks der eisernen -Ration, ihre zwei Dutzend Schiffszwiebacke, die selbst eine Nacht -im Brei nicht hatte erweichen können, und ihre grünen Kaffeebohnen, -ein halbes Pfund. Salz und Zucker dagegen waren beim Teufel. Wir -nahmen unsere Feldbratpfanne, rösteten vorerst den grünen Kaffee über -offenem Feuer (es wurde nichts Rechtes!) und unterhielten uns dabei -gegen alle Disziplin darüber, wer wohl der verantwortliche Schafskopf -sein könne -- verantwortlich dafür, daß einer eisernen Ration grüne, -ungeröstete Kaffeebohnen beigegeben wurden! Mit dem Rösten ging es ja -noch halbwegs. Aber die Kaffeemühle! Der verantwortliche Schafskopf -hatte obendrein vergessen, der Armee auch nur eine einzige Kaffeemühle -mitzugeben! Souder zerklopfte kurzentschlossen seine Bohnen im -Blechtopf mit einem Stein, und ich mußte anerkennen, daß es einen -besseren Ausweg nicht gab. So bereiteten wir vier Wochen lang das -unentbehrliche Getränk eines Soldaten im Krieg -- wir und die gesamte -Armee! Wenn die Flüche, die damals auf den =commissary general=, den -Chef des Armeeverpflegungswesens, herabgeflucht wurden, wörtlich in -Erfüllung gegangen wären, so hätten zwanzigtausend separate Teufel ihn -siebenmal zwanzigtausendmal separat holen müssen ... Wir brieten uns -Speck. Wir zerbissen die infam harten Zwiebacke. - -Leutnant Burnell und sechs Mann blieben bei der Station zurück, um den -Kabelleuten entgegenzuarbeiten. Major Stevens und zehn Mann (dabei -waren Souder und ich) bildeten den eigentlichen Telegraphenbaudienst -der Armee -- elf -- _elf_ -- Mann! Ganze elf Mann!! Wir waren am -Aufbrechen, als ein Meldereiter für die Segurança herbeijagte, der -sich bei uns einen Augenblick verschnaufte und erzählte, daß bei La -Quasina, sechs Kilometer in Front etwa, gestern das erste Gefecht -stattgefunden hatte. Nach schweren Verlusten hatten die Rauhen Reiter -und reguläre Kavallerie unter General Young die Spanier aus ihrer -ersten Verteidigungsstellung geworfen. Die Vorposten standen jetzt eine -halbe englische Meile über La Quasina hinaus. - -Wir brüllten uns heiser vor Begeisterung. - -Der Major aber durchstöberte mit Hastings, dem dienstältesten -Sergeanten, all das aufgestapelte Material zum Linienbau; den -Haufen von Drahtrollen, die Telephone, die Kombinationsapparate, die -Trockenbatterien, die Eisenstangen für die Erdleitung. - -»Wo sind denn die Werkzeuge?« fragte er kopfschüttelnd. - -»Wir haben keine!« antwortete der alte Hastings. - -»Was?« rief der Major, »keine Drahtzwicker? Keine Klemmzangen? Keinen -Gummi zum Isolieren?« - -»Nix, Herr Major!« sagte Hastings. »Wir konnten in Tampa nichts -geliefert bekommen. Wir haben keine Werkzeuge. Ich persönlich besitze -eine Beißzange, die ich auf der Segurança -- hm -- gefunden habe ...« - -»Na, hätten Sie da nicht noch mehr finden können?« brummte der Major. - -Er kopfschüttelte immer mehr und betrachtete den Haufen von Drahtrollen -und rechnete mit den Sergeanten, wieviel Kilometer Draht wir elf -Mann außer den Instrumenten tragen konnten. Sechs bis acht Kilometer -höchstens. Transportmittel gab es ja nicht in diesem Krieg von -leichtsinnigen Kindern. Dann war er auf einmal verschwunden. Ebenso -plötzlich aber kam er wieder, im Schweiße seines Angesichts einen -großen Proviantkarren vor sich herschiebend. - -»Los, Jungens!« keuchte er. »Los -- ehe sie uns erwischen!« - -Denn: Der Herr Major hatte unten am Strand den Karren -- gestohlen! - -Für die gute Sache! Von da ab hätten wir uns für diesen Mann -totschlagen lassen. Das war ein Mann! Vielleicht erzähle ich -später einmal, wie Major Gustave W. S. Stevens das Schatzamt des -Signaldienstes bemogelte, um das Geld für die ersten Flugversuche der -Armee zu schaffen, das der Kriegsminister und der Chef des Signalstabs -nicht hergeben wollten. Aber das ist ja eine ganz andere Geschichte. - -Der Major zog seinen Uniformrock mit den schön glänzenden -Silberstreifen und den goldenen Adlern aus und arbeitete so hart wie -wir daran, die Instrumente und den kostbaren Draht auf dem Karren -zu verstauen. Unterdessen hatten Leutnant Burnell und seine Leute -die ersten fünfzig Meter Draht gelegt und die Verbindung mit dem -Stationsinstrument hergestellt. - -Vorwärts ging es jetzt. Der Pfad, der den Hügel hinaufführte, war ein -armseliges Weglein kaum zwei Meter breit und so tief verschlammt vom -Regen der Nacht und den Fußtritten von Tausenden, daß man einsank -bis zu den Knöcheln. Und vollgestopft von Truppen. Infanteristen. -Batterien, deren Mannschaften langsam und mühselig Zoll für Zoll die -Geschütze vorwärtsschoben, denn die Gäule konnten es nicht schaffen. -Links und rechts aber vom Weg starrte der Buschurwald mit seinen -verrankten, verschlungenen, verdornten Gewächsen, die so fest waren wie -eine Mauer und uns keinen Schritt weit eindringen ließen. - -»Platz!« schrie Major Stevens. »Spezialdienst. Signalkorps!« - -Die Infanterie duckte sich an die Wegseite, und holtergepolter -jagten wir vorbei mit unserem Karren. Wir hatten uns lange Stangen -mit gabeligen Enden geschnitten und warfen den ausgezeichnet -isolierten Leitungsdraht einfach über das Urgebüsch, nur alle -hundert Meter spannend und festknüpfend. Rasch kamen wir vorwärts, -rascher als die Infanterie. Die marschierte nur, während uns die -Neugier vorwärtspeitschte. Dann kamen wir zu den Geschützen und wären -beinahe stecken geblieben, konnten doch die schweren Stahlmassen in -dem engen Pfad nicht ausweichen, wollten auch gar nicht, oder ihre -Herren vielmehr wollten nicht, denn Offiziere und Kanoniere spuckten -ohnehin schon Galle über den miserablen Weg und pfiffen natürlich auf -Telegraphendrähte und derlei Belanglosigkeiten. Wie es uns gelang, -an den Kanonen vorbeizukommen, ist mir heute noch ein halbes Rätsel. -Ich weiß nur, daß der Major fluchte und puffte wie ein Hausknecht, -daß wir den Draht und die Instrumente abluden und sie im Laufschritt -vorwärtsschleppten, daß wir den gestohlenen Karren auseinanderlegten -und ihn stückweise über die Köpfe der Artillerie hinwegtrugen. Dagegen -weiß ich noch ganz genau, daß ich an einer Ecke einem unverschämten -Artilleristen, der mich absichtlich behinderte, eine schwere Drahtrolle -gewaltig um den Schädel schlug ... Wie roh das war! Wie leid mir das -tut in der Erinnerung! Aber -- ach, was waren das für schöne Zeiten! - -Jetzt brannte die Sonne kerzengerade hernieder, als hätte sie sich -das Weglein und nur das Weglein zum Heizen ausgesucht, und dampfende, -ekelfeuchte Hitze hüllte uns ein, vermengt mit giftigen Modergerüchen -aus dem tausendjährigen Dschungel zur Seite, dem Hexenkessel mit -seinen häßlichen Dämpfen aus faulender Feuchtigkeit und schwärzendem -Heißsein. Dicht, starr, stand der Urwald. Der Gedanke stieg in mir auf, -wie es überhaupt möglich sein konnte, in dieser eingekeilten Enge einen -Feind anzugreifen oder von einem Feind angegriffen zu werden; eine -Schützenlinie zu entwickeln, vorwärtszustürmen. Da ich zwanzig Jahre -alt und neugierig war, befragte ich den Major darüber, als er neben mir -schritt. In Tampa hatten wir ihn kaum zu Gesicht bekommen. Aber die -wenigen Stunden schon auf kubanischem Boden hatten zwischen ihm und -uns jene eigentümliche Verbindung des Vertrauens hergestellt, die von -Mann zu Mann überspringt nur in Zeiten männlicher Höchstleistung, wenn -jeder, der Führer und der Geführte, hergibt, was in ihm ist. Er war -unser und wir waren sein. Darüber redete man nicht. Das fühlte man. Man -stand zusammen und man fiel zusammen. In unserem Schneid und unserer -Arbeit lag seine Hoffnung auf Glück und Ehren -- und aus seinen Händen -nur konnte unser Lohn gegeben werden. - -Die Disziplin litt nicht darunter, wenn auch die äußerlichen -Unterschiede zwischen Mann und Offizier sich als äußerlich und -belanglos verwischten. - -»=Well=,« sagte er lächelnd, »es ist eine scheußliche Gegend, wie Sie -ganz richtig bemerken. Ich bin von Hause aus Artillerist und kann mir -lebhaft vorstellen, daß es höllisch unangenehm wäre, würden wir jetzt -mit Schrapnell überschüttet!« - -Ich wurde puterrot. »Ich hatte -- aber -- durchaus -- nicht Angst!« -stammelte ich. - -»Nein, mein Sohn. Weiß ich. Nebenbei bemerkt gibt es keinen Menschen, -der unter Schrapnellfeuer nicht Angst haben würde. Und weiterhin -nebenbei bemerkt sind wir nach meiner Karte in einer Viertelstunde aus -dem Busch heraus. =Well= -- haben Sie eigentlich Tabak? Ich muß vorhin -mein Etui verloren haben --« - -In Bächlein rannte der Schweiß an uns herab, und ich war kaum weniger -naß als nach dem Wolkenbruch in der Nacht vorher. Wir segneten den -schlauen Major und seine Karre aus dankbaren Herzen und schmissen -alles, was nicht niet und nagelfest war, auf das Vehikel; Brotsäcke und -Röcke und Tornister und Wolldecken und Telegraphenapparate. Aber es war -noch immer zu heiß. Einer machte den Anfang, als wir einmal hielten und -Luft schnappten, und die andern machten es ihm schleunigst nach: Ein -schamhaftes Verschwinden hinter einen dicken Baum! Und -- Strümpfe? -Ueberflüssig, weg damit. Unterhemd? Lächerlich, weg damit. Unterhosen? -Unglaublich bei dieser Hitze, weg damit. Jetzt war uns wöhler! Instinkt -hatte uns wie zwanzigtausend anderen Simplizität in der Vereinfachung -der Felduniform gelehrt, die in Zukunft aus Stiefeln, Gamaschen, -Reithose, blauem Flanellhemd, Schlapphut bestand, und sonst aus nichts. -Das war genug und übergenug! Viele von den Offizieren ließen sich die -Schulterstreifen aufs blaue Flanellhemd nähen ... Nur keinen Rock in -dem Backofen! - -Jeder einzelne Mann tat sein Bestes. Sicherlich stellte es eine -respektable Leistung dar, beim Linienbauen die marschierenden Truppen -weit zu überholen. Der Draht funktionierte ausgezeichnet. Wir setzten -uns jede halbe Stunde in Verbindung mit Leutnant Burnell in Baiquiri, -der uns an Neuigkeiten meldete, daß der Hauptlandungspunkt von nun an -Siboney sei, wenige Kilometer westlich von Baiquiri. Er lasse zwei Mann -zum Stationsdienst zurück und werde mit den übrigen von Siboney eine -Drahtlinie zum Kreuzungspunkt der beiden Straßen bei La Quasina legen. - -Da weitete sich das Weglein, und der Busch wurde niedriger, dürftiger, -bis plötzlich der Schlick des Pfades sich in weichen Moosboden -verwandelte. Rings um uns reckten sich schlanke braune Stämme mit -fächerigen Wipfeln empor; ein Hain von Kokospalmen. - -»Teufel!« sagte Major Stevens. - -»Tausend Teufel!« -- sagten wir ... - -Denn die luftige Schönheit machte auf uns nicht den geringsten -Eindruck, sintemalen sie schwere und langwierige Arbeit bedeutete. -War es doch nun vorläufig zu Ende mit dem wunderschön bequemen und -schnellen Aufwerfen des Drahts auf den dichten Busch. Den Draht einfach -auf den Boden zu legen, ging nicht. Die nachmarschierenden Truppen -hätten ihn zertrampelt, zerrissen. Und nicht einmal Klettereisen hatten -wir! - -»Nun, dann klettern wir eben so!« sagte der Major. »Souder, holen Sie -mir doch aus dem Baum da ein halbes Dutzend Kokosnüsse -- und Sie, -Hastings, telegraphieren, bitte, dem Leutnant Burnell, daß wir frische -Kokosmilch trinken und lebhaft bedauern, ihn nicht einladen zu können.« - -Schallendes Gelächter. Die gute Laune war wieder da. - -Es läßt sich außerordentlich schwer vorstellen, was es heißt, als -todmüder, abgearbeiteter, hitzeerschöpfter Mensch mit schweren -Drahtrollen Kokospalmen hinaufzukrabbeln; ich wenigstens packte mit -Händen und Füßen und Knien ums liebe Leben zu und war schlapp wie ein -nasses Handtuch nach dem dritten Baum. So lernten wir die relative -Wichtigkeit der Werte für die Bedürfnisse des Augenblicks fein -unterscheiden und waren entsprechend froh, als der dreckige Schlamm -und der stinkende Dschungel wieder kamen. Bedeuteten sie doch flottes -Vorwärtskommen für uns. Lichter aber war es. Man konnte wenigstens -sehen. Man hatte Ausblick über den niedrigen Busch und das wuchernde -Gras hinweg auf üppige Baumgruppen tiefen Grüns und sanftansteigende -Hügel im Vordergrund. - -In dem Schlamm des schmalen Weges aber, bei einem Grasbüschel hier, -in einer kleinen Bodensenkung dort, an Baumstämmen glitzerten -gelbmetallisch blanke Patronenhülsen und mehrten sich zu vielen -Hülsenhäuflein, als wir uns vorwärtsarbeiteten. Unser Lachen und -Geschwatze war plötzlich verstummt. Ein zertrampelter grauer Schlapphut -lag am Weg -- dort eine Wolldecke -- dort ein Tornister, von dessen -Segeltuchbraun tiefdunkel und bedeutungsvoll rostfarbene große Flecke -scharf abstachen. Und da leuchtete aus tiefem Gras und dornigem -Gestrüpp blanke Erde, frisch aufgeworfen, und aus den lehmigen -Erdschollen ragte Griff und Klinge eines Offizierssäbels. Ungeschickte -Hände hatten das Soldatengrab mit Steinen und Holzstückchen umrahmt. -Man sah der Arbeit die hastende Eile an. Ein zweites Hügelchen -frischer Erde kam, ein drittes; Dutzende jetzt auf einmal. Ein Hut -lag auf dem einen, ein Reiterhandschuh auf dem andern, ein Symbol zum -Wiedererkennen auf jedem ... - -Feierlich und langsam erhob der Major die Rechte zum Hut und grüßte, -hochaufgerichtet, kerzengerade, als sei er auf Parade, die Männer, die -da unter dem Boden lagen, gestorben für ihr Land. Ein jeder von uns -verstand. Alle Hände hoben sich zum Salut für die toten Rauhen Reiter. - -Wir waren bei La Quasina. - -Dicht bei den Gräbern kampierten wir in dieser Nacht. Im -Dämmerungsgrauen, als ich die Wache beim Instrument hatte, meldete der -Draht: »Der kommandierende General wird morgen sein Hauptquartier in -die Vorposten verlegen. Das Signaldetachement erwartet den General auf -der Straße von La Quasina-El Pozo, an einem Punkt, der telegraphisch -mitgeteilt werden wird. Die Linie ist bis tausend Yards über La Quasina -hinaus fertigzustellen.« - -Ich weckte den Major. - -»Das hätte Zeit gehabt bis zur Reveille ...« brummte er. - - * * * * * - -»=Señor!=« - -»=Señores!=« - -»Ich -- Kohlenmann -- Keywestdampfer ... drei Jahr, =damn= -- ich fein -Englisch sprechen ---- « - -»Ein klein Biskuit, =señor=, please!« - -»=Eviva el Cuba Libre= und gut' =Americanos=« -- und eine Skeletthand -steckte mir eine kohlschwarze Riesenzigarre in den Mund. - -»=Plenty= Hunger -- Biskuits =bueno=, aber nix gut die amerikanisch' -Speck ... =damn= Speck --« - -Sie zeterten und schrien und kreischten und gestikulierten. »Piff, -piff!« zischte der eine, mit den Händen die Gebärde des Anlegens -und Zielens machend, »hé -- piff, piff, piff, piff ... o -- hé. -=Espagnoles= dort« (er deutete in den Busch) -- =Americanos= piff, -piff, 'urrah, viel 'urrah, viel laufen, =Espagnoles= weg. =Plenty -bueno!=« Ein anderer brüllte: »Da -- da vorne -- =Señores= werden sehen --- der =commandante= -- der große Garcia -- =el liberator= ...« - -Wir standen und starrten. Das also waren kubanische Insurgenten, und -so sahen begeisterte Freiheitskämpfer aus und so schnatterten sie, die -Heroen, die den Tod dem Knechttum vorzogen. Achtundvierzig Stunden -später überzeugten wir uns, ein wie erbärmlich feiges und faules -Gesindel diese berühmten, todesmutigen Freiheitskämpfer in Wirklichkeit -waren. Aber wenn ich schaudernd an die traurigen Gestalten denke, so -möchte ich die überharten Worte bedauern, mit denen wir vollsaftigen, -kraftvollen Männer damals die ausgehungerten Männlein überschütteten. -Sie taugten ja nicht zum Kämpfen und Arbeiten. Das waren keine Menschen -mehr. Nicht einmal Tiere. Sondern wandernde Skelette. Sie hatten sich -ein Lager in den Busch hineingehauen und aus Zweigen ein dürftiges -Obdach zusammengeflickt. In Fetzen schlotterten ihnen die Jacken und -die Hosen aus schmutziggrauem, dünnem Baumwollstoff um die abgemagerten -Glieder, und viele hatten nicht einmal eine Jacke, sondern liefen mit -bloßem Oberkörper umher. So winzig, so krank, so schwach sahen die -kleinen Männlein aus, die viele Monate lang Tag für Tag gehungert -hatten, daß ich mir dachte: - -Ein einziger Faustschlag, und nicht einmal ein kräftiger, und =Señor -Insurgente= ist außer Gefecht gesetzt! - -Wie arme verkrüppelte Kinder sahen sie aus, die Krieg spielten -- die -man bemitleiden mußte ob des Gewichts des Säbels, den sie an einem -Strick umgeschnallt trugen. Eine schwere und furchtbare Waffe war -dieser Säbel, Machete genannt; eine Art zum Säbel verlängerten Messers, -das nichts ähnlicher sah als dem biederen Küchenmesser deutscher -Hausfrauen, freilich ins Riesenhafte vergrößert. Ein gerader Säbel -mit plumpem Holzgriff und breiter Klinge, haarscharf geschliffen. -Vorzüglich waren auch die Gewehre dieser Jammergestalten: Moderne -Mauserschnellfeurer, deutsches Modell 88, und amerikanische Winchesters -mit kupferumhüllten Geschossen. Die Männer aber hinter diesen Gewehren -waren sicherlich nichts wert. - -Die armen, armen Teufel! - -Sie bissen gierig in die steinharten Schiffszwiebacke, die wir ihnen -schenkten, und schnatterten dabei über Hunger und Elend. Eine Handvoll -Reis, ein Brotfladen waren Seltenheiten gewesen monatelang; von -Früchten und Beeren hatten sie sich ernährt. - -Ein Weib schlich herbei, mit gekrümmter Hand um einen Zwieback -bettelnd. Um ihren Körper war rockartig ein Fetzen schmutzigen -Baumwollstoffs geschlungen, die bloßen Brüste hingen schlaff und -verdorrt weit herab, die hungrigen Augen lagen tief in den Höhlen. An -den Rockfetzen aber klammerte sich ein fürchterliches menschliches -Wesen. - -Ein nacktes Kind, ein Mannkind, drei Jahre alt vielleicht, das -- auf -den dürren Zündholzbeinen des Elends einen fürchterlichen Falstaffbauch -trug. Winzige Glieder, ein spitziger, magerer Kopf, und ein -Zuckerhutleib, der in seiner Aufgedunsenheit den Nabel weit vordrängte. -Ein Monstrum, ekelerregend, Mitleid heischend. - -»=Nix bueno= -- Mangobauch!« erklärte die Mutter. - -Der Major, der Spanisch verstand, schenkte dem Weib einen blanken -Silberdollar und sprach mit ihr. Er erklärte uns das Monstrum. Die -Fruchtnahrung, die auf Erwachsene abmagernd wirkte, führte bei Kindern -zu schweren Verdauungsstörungen, weil nur ungeheure Mengen den steten -Hunger sättigen konnten. Daher der Bauch, das Aufgedunsensein. -Obendrein war die häufigste Frucht, der orangenartige Mango, stark -terpentinhaltig und wurde von einem kindlichen Magen schwer verdaut. -Daher der Name Mangobauch. Zu Hunderten sahen wir später um Santiago -die mißgestalteten kleinen Geschöpfe, die so ausgehungert waren, -daß sie fraßen wie Tiere und an unseren Lagerfeuern Mahlzeiten -hinabschlangen, die ein ausgewachsener hungriger Mann nie hätte -bewältigen können. - -Noch lange kreischten sie uns nach, die kubanischen Insurgenten: - -»=Eviva los Americanos -- Cuba Libre!=« - -Das arme Kind aber heulte zum Steinerweichen in gellenden Mißtönen. -Verschwanden doch mit uns die schönen, schönen Biskuits; infam harte, -kaum genießbare Schiffszwiebacke für uns, köstliche Leckerbissen für -das im Walde gezeugte Geschöpf des Jammers. - - * * * * * - -Der Pfad war wieder das alte verschlammte, schmale Weglein, eingerahmt -von undurchdringlichem Gestrüpp. Wir konnten den Draht wieder mit -unseren Stangen aufwerfen und kamen rasch vorwärts. Da erschallte -dumpfes Pferdegetrappel und drei Reiter trabten herbei. - -»Der kommandierende General!« meldete der führende Korporal kurz, einen -Augenblick seinen Gaul einzügelnd. - -Bald darauf kam das Hauptquartier. General Shafter, der -Höchstkommandierende, saß in einem winzigen Wägelchen, das zwei -Maultiere zogen und ein Kavallerist lenkte. Der Stab ritt hinterdrein -im Gänsemarsch, denn so schmal war der Saumpfad, daß zwei Pferde, die -Reiter trugen, kaum nebeneinander schreiten konnten. - -Die Kolossalgestalt des Generals lehnte erschöpft im Sitz. Auf Shafters -Knien lag eine Karte. Der Wagen hielt, als der Major vortrat und seine -Meldung erstattete: - -»Ein Offizier, drei Sergeanten, sieben Mann des Signaldetachements. -Linie von Baiquiri bis hierher vollendet und in guter Ordnung.« - -Der kommandierende General nickte und sagte mit einer Stimme, die so -kinderartig hell und schrill war, daß sie weithin gellte: - -»Sehr -- gut -- Major. Bei Jesus Christus -- das -- haben -- Sie -- gut --- gemacht, Major. Sie folgen, Major, und bleiben -- im Hauptquartier --- bis -- auf -- weitere Orders -- Jesus Christus!« - -Und das Wägelchen rollte weiter. Ein halber =troop=, eine halbe -Schwadron der 6ten Regulären Kavallerie bildete die Eskorte des -Höchstkommandierenden. - -So sah ich zum erstenmal den Jesus-Christus-General. - - - - -Beim Jesus-Christus-General. - - Das Hauptquartier in der Vorpostenlinie. -- General Shafter, - Höchstkommandierender. -- Die Trumpfkarte im Spiel. -- Proviant - her! -- Ein sogenannter Spaziergang. -- Die spanische - Verteidigungslinie. -- Die Nacht vor der Schlacht. -- Das - Telegramm nach Washington. -- Die Regimenter ziehen dem Feind - entgegen. - - -Auf einer Strecke von kaum einer halben englischen Meile passierte uns -Unglück auf Unglück. Mit einemmal funktionierten die Apparate nicht -mehr, als wir wieder Baiquiri andrahten wollten, und der Major mußte -Hastings und zwei Mann zurückschicken, nach dem Schaden zu suchen. -Sie fanden ihn zum Glück bald: ganz in der Nähe des Insurgentenlagers -war der Draht zerrissen. Dann kamen fünfmal hintereinander lichte -Waldstellen, die langwieriges Klettern und Drahtspannen erforderten. -So wurde es Nachmittag, bis wir endlich das Hauptquartier inmitten der -Vorposten erreichten, erschöpft, todmüde. Oberst Green mit dem ihm -persönlich attachierten Signalsergeanten kam uns entgegen. - -»Schlafen, Leute!« befahl er. »Myers, holen Sie Kaffee, da hinten beim -Kochfeuer. Und dann wird sofort geschlafen!« - -Das Signalzelt war bereits errichtet und das Instrument drinnen -aufgebaut worden. Den Dienst übernahm der Sergeant Oberst Greens. Wir -anderen aber tranken gierig heißen Kaffee, wickelten uns in unsere -Decken und legten uns Mann neben Mann dicht um die Außenwand des -Zeltes; in unseren feuchten, durchschwitzten Kleidern, den patschnassen -Stiefeln, in die der Schlamm trotz allen festen Geschnürtseins -eingedrungen war. Ich war so müde ... »Stiefel ausziehen!« rief -die scharfe Stimme des Majors -- »runter mit den Stiefeln!« Und -widerwillig zog ich sie aus. Ich war so ------ Die Augen konnte ich -kaum offenhalten und nicht der Mühe wert war es mir, den Wirrwarr um -mich zu betrachten. Da standen riesige Zelte und Pferde wieherten im -Hintergrund und viele Offiziere kamen und gingen und ... schlafen, nur -schlafen! Ich schob mir den Tornister unter den Kopf und wickelte mich -fest ein. Da begann das Instrument drinnen zu sprechen in scharfem -Ticktack. Klick, klick, klick -- klack, klack -- kurz, kurz, kurz, -- -lang, lang -- aber die klingenden Punkte und Striche flossen in ein -nichtssagendes Geklapper zusammen für mein müdes Hirn -- klick, klick, -klack ... da war ich eingeschlafen. - - * * * * * - -Das Hauptquartier lag dicht am Weg, an dem ewigen Schlammpfad, den -keiner der Männer von Kuba je vergessen wird. Gegenüber ragte der -dornige Busch. Die Zelte standen in einer Lichtung, in der einmal -ein Haus gewesen sein mußte, denn verwittertes Gebälk lag umher, -und gegen das Weglein zu trotzte noch ein Stück Zaun aus verfaulten -Pfosten und verrostetem Stacheldraht. Das Signalzelt war dicht beim -Eingang aufgebaut. In Linie, nicht weit davon, schimmerte weißgrau -das Dutzend Zelte des Stabes, und hinter ihnen erhoben sich die -winzigen Segeltuchhütten der trooper der 6ten Kavallerie. In der Mitte, -fünfzig Schritte vor uns, stand das Zelt des kommandierenden Generals. -Zwei Pfostenpaare waren kreuzweise in den Boden geschlagen und eine -Hängematte an ihnen befestigt. In dieser lag krank und mürrisch General -Shafter, der Befehlshaber der Armee, der alte Indianerkämpfer, der -Mann, den der amerikanische Reguläre niemals anders nannte als den -»Jesus-Christus-General«. Es sind später viel Steine geworfen worden -auf diesen Mann; einen Zauderer hat man ihn genannt und Schlimmeres -in seinem Land. Ein Zauderer war er. Aber die Schimpfer vergaßen, -daß auf seinen Schultern und nur auf seinen Schultern die ungeheure -Verantwortung für das Leben von vielen Menschen und die Ehre einer -Flagge ruhten, die gar arg bedroht waren durch den Leichtsinn, der -in Hast und Aufregung die Sorge für eine Armee sehr leicht genommen -hatte. Doch das verstand ich erst später. Wenn ich von General Shafter -in diesen Seiten erzähle, so darf der Leser nicht vergessen, daß ich -versuche, ganz einfach zu schildern, was der Lausbub im Soldatenrock -damals sah -- das wirkliche Sehen und Hören. Der Jesus-Christus-General -hatte für mich Zwanzigjährigen im Lager damals und im Feld später -nicht viel von der Glorie des Leiters einer kämpfenden Armee, sondern -ich sah mit meinen jungen Augen nur das Allzumenschliche des Kranken -und Uebererregten. Der Mann heute versteht. Daß jene Tage in Kuba dem -amerikanischen Invasionsheer keine Katastrophe brachten sondern Siege, -ist für den nüchternen Beurteiler ein Wunder. Und Shafter wußte das! -Als einziger vielleicht. Er wußte, daß kein Proviant da war -- er -wußte, daß alle Vorteile des Geländes auf der Seite des auch numerisch -starken Gegners lagen. Er wußte recht gut, weshalb er zauderte. Dennoch -gebe ich meine Eindrücke ungeschminkt wieder, denn über das Persönliche -weit hinaus zeigen sie etwas einzig Dastehendes in der modernen -Kriegsgeschichte: Eine Schlacht, einen Feldzug, der nicht von Generalen -gewonnen wurde, sondern von einzelnen Häufchen tapferer, zäher -Männer, die in jungenhafter Begeisterung fröhlich drauf losgingen, -ohne sich viel um Befehle zu scheren. Das Männliche, das Tüchtige des -Einzelnen war Trumpf und gewinnende Karte in dem riskanten Spiel dieses -sonderbaren Krieges. - - * * * * * - -Dutzende Male brachte ich dem General Shafter Depeschen an jenem 30. -Juni des Jahres 1898, und jedesmal sagte er mit der gleichen dünnen, -schrillen Falsettostimme, die einem durch Mark und Bein drang: - -»Jesus Christus -- was gibt's?« - -Es ist kaum möglich, das Scharfe, Ungeduldige wiederzugeben, das in -dem ewig wiederkehrenden Ausruf lag, der dem General seinen Beinamen -eingetragen hatte. Frömmlern gab es später nach dem Kriege, als von -Shafters Eigenheiten erzählt und geschrieben wurde, Veranlassung, ihn -als gotteslästerlichen Frevler zu verdammen. - -»Lasse Oberst Green bitten -- Jesus Christus -- marsch, Mann -- halten -Sie sich nicht mit Salutieren auf -- Jesus Christus!« - -Immer Jesus Christus ---- - -Hunderte Male gellte es so. Und jedesmal fuhr ich zusammen, wenn die -schneidende Stimme erklang. - -General Shafter war ein Koloß. Aechzend lag die unförmliche Gestalt -in der Hängematte, auf viele Kissen zurückgelehnt, fluchend wie ein -Dragoner. Die Stimme gellte vor Wut und Ungeduld. Aber im nächsten -Augenblick konnte sie, wenn auch schrill und nervös, liebenswürdig zu -einem Adjutanten sagen: »Lassen Sie sich ablösen, lieber Jameson -- -Jesus Christus, Sie müssen ja todmüde sein!« - -Der General war entweder schon vom Fieber gepackt oder wenigstens -durch die tropische Hitze furchtbar mitgenommen. Seinen gewaltigen -Schädel bedeckte ein Handtuch, auf dem Eisstücke lagen, und neben der -Hängematte stand ein Kocheimer mit Eis gefüllt. Dennoch gönnte sich -Shafter nicht einen Augenblick Ruhe an jenem 30. Juni. Es war ein -Hetzen und Hasten, ein Kommen und Gehen. Stets umstanden Adjutanten -die Hängematte, Bleistifte und Befehlsformulare in den Händen, und -die hohen Offiziere des Generalstabs schienen fortwährend Vortrag zu -halten. Wir hörten häufig ganze Sätze herüberhallen und verstanden, so -schwer jede Kombination für einen Uneingeweihten auch war, daß es sich -um Meinungsverschiedenheiten handeln mußte. Es lag wie Elektrizität -in der Luft. Wie schwüle Spannung. Alle Augenblicke kamen Shafters -Adjutanten gelaufen mit Telegrammen an den Generalquartiermeister in -Siboney, die in schärfster Fassung Proviant und Munition verlangten. -Einmal hieß es ungefähr so: - -»Kommandierender General befiehlt Herbeischaffung Proviants für Front, -ganz gleichgültig, ob Straße verstopft; Truppen müssen Straße freigeben --- mitsendet energischen Offizier ...« - -Schwer mußten Sorge und Verantwortung auf General Shafter liegen. - - * * * * * - -Major Stevens winkte von seinem Zelt. Ich sprang hinzu. - -»Treten Sie ein,« befahl er. »So! Holen Sie sich unauffällig Karabiner, -Revolver und Feldstecher. Tun Sie, als ob Sie das Gewehr putzen -wollten. Gehen Sie langsam den Pfad aufwärts. Sie treffen mich etwa -hundert Yards weiter oben. Verstanden?« - -»=Yes, sir.=« - -»Sie sprechen mit Niemanden über diese Sache. Verstanden?« - -»=Yes, sir.=« - -Klopfenden Herzens wartete ich an der bezeichneten Stelle, bis der -Major aus dem Gebüsch trat. - -»So! Es wäre mir lieb, wenn Sie mich auf einem kleinen Spaziergang -begleiten würden,« sagte er, »weil ich annehme, daß Sie nach Ihrer -zivilen Stellung Augen im Kopfe haben, die sehen können. Nun hören -Sie: Wir wissen im Grunde gar nichts. Wir wissen den Teufel, was da -vorne los ist. Ich will aber was wissen. Offiziell ist ein Vorgehen -über die Vorposten hinaus strengstens verboten. Wir gehen jetzt -zusammen spazieren und werden uns über die Vorposten hinaus verlaufen. -Verstanden?« - -»=Yes, sir.=« - -»Schön. Die Karte hier ist miserabel, aber immerhin geht daraus hervor, -daß hier -- sehen Sie? -- bei El Pozo -- das ist 'ne alte Zuckermühle ---, wo unsere Spitze steht und das eigentliche Santiagotal beginnt, -Plantagen sind, die ein Erklettern des Hügels da -- sehen Sie? -- -gestatten sollten. Durch den Busch kämen wir nie hindurch!« - -Da kam ich mir wieder kolossal wichtig vor ... - -Wir marschierten in scharfem Tempo etwa zwei Kilometer weit den Pfad -entlang, kamen in einen Mangowald, kreuzten einen kleinen Bach, -passierten an Infanteriepatrouillen vorbei, wurden dutzende Male -angerufen. Dann bogen wir scharf links ab. Wir waren jetzt inmitten -hohen wuchernden Grases und mächtiger Baumgruppen. Hinter der zweiten -Baumgruppe schon trat ein Kavallerieleutnant hervor, mit dem der Major -leise sprach. Ich hörte den Leutnant sagen: - -»Auf Ihre Verantwortung, Major. Meine Leute kann ich instruieren. Aber -wenn Sie den Rückweg verfehlen, riskieren Sie, von anderen unserer -Posten über den Haufen geschossen zu werden!« - -Da kam ich mir noch viel wichtiger vor! - -Nun begleitete uns der Leutnant. - -Der lichte Wald wurde noch dünner, die Baumgruppen spärlicher. Vor uns -lag eine schmale Fläche niederen Grases. Drüben war Gestrüpp. - -»Halt!« rief eine Stimme. - -»Freunde ...« antwortete der Leutnant. »Einer vor!« rief die Stimme -wieder. Der Leutnant ging vor, um die Losung zu geben, die »Shafter und -Santiago« lautete, und dann sahen wir eine Soldatengestalt aufspringen, -die flach am Boden gelegen hatte. Der junge Offizier instruierte den -Posten, daß der Herr Major und der Signalmann rekognoszieren würden -und daß er auf unsere Rückkehr achten müsse. Wir würden am jenseitigen -Gestrüpprand laut »Washington« rufen und dann aufrecht über die -Grasfläche laufen. - -»Los!« sagte der Major. »Ich wette meinen Kopf, daß innerhalb -fünfhundert Yards überhaupt kein Spanier ist, sonst wäre die Schießerei -schon längst losgegangen!« - -Aber trotzdem verzichteten wir, ohne ein Wort darüber zu verlieren, auf -falsches Schamgefühl und krochen sehr vorsichtig auf dem Bauch durchs -Gras, uns innig und liebevoll an Mutter Erde anschmiegend. - -»Sehen Sie was?« - -»Nein, Major.« - -Wir kamen der Gestrüpplinie näher und suchten Busch für Busch mit -unseren Feldstechern ab. Vorne links, dreihundert Meter vielleicht -entfernt, stieg ein Hügel empor, der erste einer sich weithin -erstreckenden langen Hügelkette. Auf den steuerten wir zu, immer auf -dem Bauche rutschend. Wir sahen nichts und hörten nichts. So gelangten -wir bis zum unteren Hügelrand. Wohl eine Viertelstunde lang lagen wir -hinter einem Baum und suchten den Weg durch die Gläser ab. Dann krochen -wir wieder vorwärts, uns mit Händen und Füßen einkrallend, denn der -Abhang war steil. - -»Suchen Sie die Kuppe ab!« flüsterte der Major. - -Ich machte einen Bogen hin, einen Bogen her. Sah nichts. - -»Nichts?« - -»Nein.« - -»Großer Gott! Eine einzige spanische Batterie hier oben könnte uns den -Teufel zu schaffen machen!« - -»Es ist unglaublich!« Er kauerte hinter einen Busch und schob -vorsichtig die Zweige auseinander. »So! ich kann sehen! Decken Sie mir -den Rücken und achten Sie auf jedes Geräusch!« Ewigkeiten schien mir -sein Schauen zu dauern. Auf dem Bauche liegend starrte ich um mich, daß -mir die Augen tränten, bis endlich der Major leise pfiff und aus dem -Busch zu mir kroch. »Nehmen Sie meine Stelle ein,« sagte er. »Sehen Sie -sich zuerst die Karte an. Wir sind im Santiagotal ... Dies hier ist -das San Juan Flüßchen. Auf diesem Hügel sind wir. Nun passen Sie auf: -Sie werden in viertausend Yards Entfernung etwa in ganz unbestimmten -Umrissen Gebäude sehen. Das ist Santiago de Cuba. Das Glitzernde -zwischen den beiden Waldlisièren ist das Flüßchen. Suchen Sie das -ganze Vorgelände ab, ob Sie Truppen oder irgend etwas Bewegliches -entdecken können.« - -Ich kroch in den Busch, mich im Blattwerk deckend, und guckte zuerst -mit bloßen Augen, dann durch das Glas. Gestrüpp -- Wald -- helle Flecke --- wellige kleine Hügel, die wie in Nebel eingehüllt zu sein schienen --- ein grauer Streifen am Horizont, auf dem ich im Glas deutlich die -Rote Kreuzflagge unterschied. Dann suchte ich, zitternd vor Aufregung, -die hellen Flecke ab, und mir schien, als ob ich einmal oder zweimal -auf dem Grasfleck vor einem der kleinen Hügel ein Glitzern sähe. - -»Bei den Hügeln dort -- dicht beim Flüßchen!« murmelte ich. - -»Richtig!« sagte der Major. »Dort bewegen sich zweifellos spanische -Truppen. Aber suchen Sie vor allem das nähere Vorgelände ab!« - -Ich suchte und suchte, Busch bei Busch, Fleck bei Fleck. Das schmale -Tal erstreckte sich, ein schwer übersehbarer Geländemischmasch von -Gestrüpp und wirklichem Wald und hellen freien Grasstrecken in fast -immer gleicher Breite von sechs-oder siebenhundert Metern, bis an den -grauen Streifen, der Santiago bedeutete. Seine Breite trennte uns von -unseren Vorposten, die drüben auf der welligen Talgrenze am Waldrand -standen. Das Flimmern dort vorne konnte ich wieder deutlich wahrnehmen. -Sonst sah ich nichts. Der Major war zu mir gekrochen. - -»Noch etwas gesehen?« - -»Nein, Major.« - -»Wie weit schätzen Sie die Entfernung bis zu der Wellenlinie, wo Sie -das Flimmern sehen?« - -»Dreitausend Yards.« - -»Hm. Zweitausendfünfhundert!« brummte er. »Ich denke, wir haben genug -gesehen.« - -Dann ging es zurück. Ich war jetzt gründlich nervös geworden und ich -glaube, dem Major ging es ebenso, denn im gleichen Impuls verzichteten -wir auf das langsame Kriechen und rannten in langen Sprüngen von Baum -zu Baum und von Busch zu Busch der auffälligen Gruppe von Mangobäumen -zu, die wir uns wohl gemerkt hatten. Am Gestrüpprand brüllten wir laut: - -»Washington!« - -»Freunde ...« hallte es herüber, und wir schnellten uns vorwärts im -Gras, so schnell uns nur die Beine laufen wollten, sehr froh, wieder im -Schutze der Vorposten zu sein. - -»Prosit!« sagte der Major und reichte mir seine Feldflasche. »Bitte, -trinken Sie mit Andacht, denn das ist ewigalter Kentuckywhisky, und die -Götter mögen wissen, wann uns ein solcher Trunk wieder beschert wird.« - -Er lachte ein unfröhliches Lachen. »Uebrigens haben wir unsere Hälse -umsonst riskiert. Die San Juan Verteidigungsstellung -- das ist dort, -wo wir das Flimmern sahen -- ist dem Hauptquartier bekannt. Halten -Sie nur den Mund über unseren Spaziergang, sonst werden wir auch noch -ausgelacht! Ich hatte gehofft, auf der Hügelkette da drüben Artillerie -zu entdecken -- na, und damit ist's Essig gewesen! Die Geschichte war -also umsonst.« - -Da kam ich mir gar nicht mehr wichtig vor. - - * * * * * - -Die Pechfackel auf dem alten Zaunpfosten warf feuerrotes, flackerndes -Licht über die Zelte des Hauptquartiers. General Shafter saß auf einem -Feldstuhl, gegen die Zeltwand gelehnt, und sah mit seinen scharfen -grauen Augen von einem zum andern der Offiziere, die ihn umstanden. Auf -großen Kisten links und rechts neben ihm brannten in Flaschenhälsen -Kerzen. Um ein Uhr nachts übernahm ich den Hilfsdienst beim Instrument, -zusammen mit Souder, und wenige Minuten später brachte ich dem General -eine Depesche. Vom Generalquartiermeister in Siboney, der den Abgang -eines Maultiertransports mit Infanteriemunition meldete. - -»Jesus Christus, was warten Sie noch, Mensch!« herrschte Shafter mich -an. - -»Die Unterschrift, General.« - -»Unterzeichnen Sie!« befahl er einem Adjutanten, der nun seinen Namen -in mein Depeschenbuch kritzelte. »Marsch, Signalmann!« - -Ein sacksiedegrober Herr, der Jesus-Christus-General! - -Eine Viertelstunde verging. Da kam der Major zu uns ins Signalzelt -gekrochen und sagte, gemütlich dahockend, auf den schwarzen -Schnurrbart beißend, wie das seine Art war: »Hm -- Souder -- Carlé -- -nein, kann euch nicht brauchen -- sollt bei mir bleiben. Sie können -nachher Hastings wecken, Carlé, und ihn in mein Zelt schicken. Der -rechte Flügel, Kinder, greift bei Tagesanbruch an, und General Chaffee -braucht Flaggenmänner. Ich werde Hastings hinschicken und zwei Mann. -Wir werden ebenfalls bei Tagesanbruch losmarschieren und die Linie -im Santiagotal legen und bei Gott, ich glaube, wir haben das bessere -Teil erwählt wie Martha in der Bibel. Müßte mich sehr irren, wenn sich -die Hauptaffäre nicht bei unseren Hügeln« -- er zwinkerte mir zu -- -»abspielt. Mund halten, Kinder! Ich bitte mir übrigens aus, daß morgen -flott gearbeitet wird!« - -» ... Jesus Christus!« gellte es herüber vom Zelt des Kommandierenden. - -Und dann brachte ein Adjutant eine Depesche, die merkwürdigerweise -nicht chiffriert war. So ungefähr lautete sie: - -»Kommandierender General der Armee, Washington. -- Greife bei -Tagesanbruch an. Brauche Verstärkungen, Proviant, Hospitalschiff. -- -Shafter.« - -Da schien es uns, als wollten die Minuten so gar nicht vergehen, -und wir fluchten fürchterlich über den Kleinkram von Depeschen nach -Siboney, die alle mehr Proviant, mehr Munition forderten. Souder, -der ein Künstler im Bearbeiten des Tasters war, telegraphierte mit -fabelhafter Geschwindigkeit, wollte er doch die Arbeit loswerden und -schwatzen. Zwanzig Minuten lang hielt es der Sergeant in Siboney aus, -dann unterbrach er: - -»=p p p= Privat. Höll' und Verdammnis, seid ihr verrückt geworden? Ich -komm' nicht mehr mit -- hab doch keine Schreibmaschine hier -- muß -bleistiftkritzeln -- lang -- samer!!« - -»Arbeite, mein Sohn!« antwortete Souder. »Und sei nicht so verdammt -vertraulich. Wir sind in den Vorposten und du bist sicher vom Schuß -- -also arbeite wenigstens, Freund!« - -»Warte -- wenn ich dich erwische ...« kam es wütig klickend zurück. - -Woraus hervorgehen mag, daß wir nicht etwa letztwillige Verfügungen -trafen und uns gegenseitig letzte Lebewohlbriefe an unsere Bräute -anvertrauten, wie das in frommen Bilderbüchern von Soldaten vor der -Schlacht berichtet wird, sondern daß wir uns einfach bodenlos freuten --- wie kleine Jungens, denen die Mama gesagt hat: »In fünf Minuten -dürft ihr auf die Straße und Indianer spielen!« - - * * * * * - -Die tief heruntergebrannte Pechfackel loderte. Auf dem schlammigen -Weglein draußen zog es immerwährend, ohne Aufenthalt, vorbei von -Männern, so müde, daß sie gebeugt schritten. Regiment auf Regiment -passierte. Mann hinter Mann, so schmal war der Pfad. Graubärtige -Obersten -- Rekruten mit Kindergesichtern. Bodenlos war das Weglein -geworden, und die Füße der keuchenden Menschen machten bei jedem -Schritt und Tritt ein merkwürdig plumpsendes, saugendes Geräusch, wenn -sich die Stiefel aus dem zähhaltenden Schlick befreiten. - -Regiment auf Regiment zog vorbei, dem Feind entgegen. - - - - -Die Schlacht vom San Juan Hügel. - - Der Morgen der Schlacht. -- Ein Schattenspiel im Nebel. -- Die - Schlacht beginnt. -- Wir legen die Linie nach der Front. -- Meine - erste Granate. -- Wie ich das Gruseln lernte. -- Wie andere das - Gruseln lernten. -- Auf dem Weg zur Feuerlinie. -- Die Furt. -- - Die Panik des 71. Regiments. -- In der Feuerlinie am Waldrand. -- - Wir schießen mit. -- Die Schützengräben im San Juan Hügel. -- Der - Gnadenschuß. -- Der Angriff ohne Befehl. -- Der San Juan Hügel - wird im Sturm genommen. -- Zusammenhänge der Schlacht. -- Bei den - spanischen Gefangenen. -- Rum und Zigaretten. -- Am Lagerfeuer. -- - Sie begraben die Toten. - - -Die Nacht ging zu Ende. Graugelbe Bodennebel flossen über die Lichtung -hin, in wellender, wogender Masse, wie Wasserfluten sich übers Land -ergießen. Menschen und Zelte standen auf einem Nichts; auf dampfigem, -zitterigem, schwadigem Rauch. Es war bitter kalt. In tiefer Stille -lag das Hauptquartier, in dumpfes, nächtliches Grau noch gehüllt. -Gleich trüben Schatten die Zelte. Totenstill war es. Nur in dem -mächtigen gelben Fleck dort bei dem großen Mangobaum, dem Zelt des -kommandierenden Generals, war schwaches Licht und lautloses Leben. -Gespenstisch leuchtete dort Kerzenschein durch die Zeltwände, immer -wieder unterbrochen von einem Schatten. Da drinnen ging ein Mann auf -und ab in rastlosem Hin und Her. - -Das war General Shafter. - -Langsam stiegen die Nebel. Schwaden auf Schwaden lösten sich, in -weißgrauen Dunst verwallend. Wie Dampf umhüllte es die Zeltmassen und -schwebte höher und höher. Wie dünner Regen fast fiel der Morgentau, und -frostig schlichen Kälte und Feuchtigkeit in die Haut. - -Da leuchtete warm und rot ein Feuer auf, draußen am Lagerrand. - -»Gott sei dank!« Souder nahm unsere Blechbecher und ging. - -»Kaffee!« sagte er, als er wiederkam. »Wollen zuerst die Feldflaschen -füllen!« - -»Gute Idee,« murmelte ich. - -Ich holte noch zwei Becher. Der dampfendheiße Trank vertrieb uns rasch -das nasse, klebrige Gefühl und die Uebernächtigkeit. Wir aßen einen -Zwieback, zündeten die Pfeifen an. Immer mehr und mehr lichtete sich -das trübe Grau. Da -- da -- was war das? -- Souder und ich sprangen auf. - -»Was war das?« flüsterte er. - -»Still -- still!« - -Kaum hörbar, wie aus ewigweiter Ferne, gespenstisch leise, erklang es -in dumpfem Schallen -- krang -- krang, krang ... tacktacktack..... -leise, ganz leise, als ob Erbsen auf einen Blechteller geworfen würden. -Ein wenig lauter nun, dann schwächer wieder, mit Pausen von Sekunden -- -jetzt in vollerem Klang, und doch schwach und ferne wie abgedämpfter -Trommelwirbel. Gewehrfeuer. Deutlich erkennbares Geknatter. Nichts -regte sich um uns. Jeder schien zu stehen und zu lauschen. -Mäuschenstill war es. Bis die klare Stimme eines Offiziers schallend -rief: - -»Das ist General Chaffee!« - -Und im gleichen Augenblick, als folge dem Blitz der Donnerschlag, -ergellten schrill jauchzende Jubelrufe, geschrien von den Männern des -Hauptquartiers ... hei -- ih -- hei -- iiii -- ih! - -Aus der Stille wurde Bewegung, Wirrwarr. - -Offiziere eilten hin und her, scharfe Kommandorufe befahlen das Satteln -der Pferde. Unser Major kam gerannt, im Laufen eine Pappschachtel -aufreißend und sich die Revolverpatronen in die Taschen stopfend. - -»Signaldetachement -- =attention=!« befahl er. »Myers und Bruning -bleiben hier. Myers, Sie überbringen dem Stabssergeanten den -Befehl, für unsere neue Linie gleichzeitig ein Telephon und einen -Taschenapparat einzuschalten, die je nach Funktionieren ausgewechselt -werden. Abtreten! Die übrigen -- attention!« Er inspizierte uns rasch -und lächelte, als er sah, daß wir uns alle Taschen mit Patronen für -unsere Karabiner und Revolver gefüllt hatten. »Jeder Mann trägt eine -Rolle Draht! Los!« - -Und hinaus ging es auf den schlammigen Pfad, der jetzt öde und -verlassen dalag; im Laufschritt, in langen Sprüngen, immer vorwärts mit -dem Draht, den unsere Stangen hoch ins Gebüsch schleuderten. Nichts -behinderte uns. Die Truppen waren schon in Front. So ging es rasch -und glatt mit der Arbeit, und als wir nach den ersten tausend Yards -die Linie prüften, war alles in Ordnung; das Hauptquartier meldete -sich sofort. Weiter! Das dumpfe Geknatter des Feuergefechts in der -Ferne hörten wir kaum noch in dem Lärm der Arbeit, als es auf einmal -schrill und klar irgendwo vorne knallte -- kreng, kreng ... in scharfem -Gerassel -- kreng, kreng, kreng -- bing ... - -»Vorwärts!« schrie der Major. »Vorwärts, Kinder -- wir wollen dabei -sein!« - -Länger wurden die Sprünge. Keinem Menschen begegneten wir auf dem -Weglein, obgleich das Feuern aus nächster Nähe zu kommen schien. Der -Schlammpfad verbreiterte sich zu einem breiten Morast, in tausende von -Löchern und Erhöhungen zertrampelt von Tausenden von Tritten, um eine -Ecke ging es, und aus dem Halbdunkel, der Stille des Waldwegs wurde -flutende Helle, dröhnender Lärm. - -Von der Kuppe des Hügels da drüben schossen weiße Dampfwolken, und -dumpfes Gekrache erschütterte die Luft. Nun Stille. In grellem -Sonnenlicht lag breit der Weg da, frei und offen auf einer Strecke von -mehreren hundert Metern, dann in dunkler Waldlinie sich verlierend. -Grasland säumte ihn; ein Busch, ein Mangobaum hie und da. Dicht an -der Wegbiegung floß träge ein Bach von schmutziggelbem Wasser, das -San Juan Flüßchen. Zwei Bretter führten über das Wässerlein zu einem -engen Pfad durch niedriges Gebüsch auf den Hügel. Rechts bog der breite -Weg ab, das Tal entlang; links führte der Fußpfad zum Hügel. Zwischen -beiden, ganz im Vordergrund, erhob sich verwittertes altes Gemäuer mit -allerlei Maschinen, die Ueberreste der alten Zuckermühle von El Pozo. -Im nächsten Augenblick jagten Reiter an uns vorbei auf das Gemäuer zu, -sprangen ab, rissen Karten aus den Taschen. Das war der Generalstab. - -Bang! krachte ein Geschütz auf dem Hügel. - -»Ruhig, Kinder -- ruhig!« sagte der Major. »Der Draht wird von dem -Mangobaum dort über den Bach gespannt ---- in dem Einschnitt drüben -errichten wir die Station -- Carlé, bringen Sie das Telephon hinüber -und stellen Sie die Verbindung her!« - -Ich nahm den Apparat und ging zum Steg. Auf den Brettern zauderte ich -einen Augenblick, denn ich war wie ausgetrocknet vor Durst, hatte -ich doch den Kaffee in der Feldflasche schon längst ausgetrunken und -brannte ja die Sonne so glühend heiß herab trotz des frühen Morgens, -daß der Schweiß in Strömen an mir herunterlief. Aber das Wasser -da unten, pfui Teufel, nein, das Wasser da unten sah denn doch zu -schmutzig aus. Ich zauderte -- zauderte ---- und der Durst siegte glatt -mit sieben Längen über Appetitlichkeit und Vernunft, denn der Lausbub -beugte sich schleunigst nieder, Blechbecher in der Hand; tauchte ein, -lüpfte den gefüllten Becher empor und sah in maßlosem Erstaunen, daß -aus den beiden Seiten dünne Wasserstrahlen spritzten. Links ein Loch, -rechts ein Loch; eingebeult das eine, ausgebeult und zerfetzt das -andere. Da -- da war ja eine Kugel durchgefahren! Ich starrte verblüfft -den Becher an und blieb wie angenagelt stehen. Eine Kugel durch meinen -Becher gefahren! Während er an meiner Brottasche hing! Und ich hatte -nichts gemerkt! - -»Schmeiß 'n weg -- taugt nichts mehr!« rief Souder, als ob ich das -nicht selber gewußt hätte. - -Nachträglichen Schrecken aber empfand ich nicht und auch dann noch -nicht, als es über meinem Kopf gellend daherfuhr, doch unwillkürlich -duckte ich mich. Denn was das unheimliche Sausen da oben bedeutete, -verstand ich sofort, und jeder andere hätte es verstanden -- s -- -ss -- sss -- surrr -- ssss -------- N -- nein, es läßt sich nicht -wiedergeben, dieses sausende unheimliche Schwirren, dieses Surren, -dieses gellende Dahergepfiffenkommen. Aber ich fürchtete mich ganz -bestimmt noch nicht, sondern trug behutsam das schwere Telephon an -seinen Platz, wenn ich auch gar zu gern auf irgend etwas losgeballert -hätte, damit auch andere Leute es sausen und schwirren hörten. Ich nahm -meinen Karabiner von der Schulter. Der Major sah mir lächelnd zu und -zerkaute seinen Schnurrbart. - -»Warten, warten!« sagte er leise. »Hat noch gar keinen Sinn. Wir kommen -schon noch daran.« - -Im gleichen Augenblick fror ihm das Lächeln fest und seine Augen -wurden starr. Aber er blieb kerzengerade stehen. Ich fühlte, wie ich -totenblaß wurde. Mit gellendem Geheul kam da etwas herangejagt, etwas -Fürchterliches -- sss -- ssss -- hui. iih.. iiiiih ... schrillend -wie eine Dampfpfeife -- entsetzlich -- ich glaubte den Luftdruck zu -verspüren -- ich hatte so fürchterliche Angst, daß ich am liebsten -hinausgebrüllt hätte in Furcht und Grauen wie ein wildes Tier, -hätte ich nur gekonnt. Aber ich konnte nicht. Der Hals war mir wie -zugeschnürt. In meiner Kehle steckte ein großes rundes Ding, das mich -würgte und drosselte und ersticken wollte, während eine eiserne Faust -mir auf den Schädel schlug. Ich -- wollte -- schreien -- ich -- konnte -nicht! - -Und es war herangeheult und schlug krachend ein. Flammen sprühten auf, -und ich wurde zu Boden geschleudert ... - -Ich spuckte die Erde aus. - -»Pfui Deibel,« sagte der Major und diesmal lachte er nicht, »das war -eine Granate!« - -»F -- f -- furchtbar!« stotterte ich. - -Und schämte mich nicht zum Sagen, als die klaren harten Augen des -Majors mich scharf ansahen, denn ich hatte, als echter Junge, eine -bodenlose Angst, er könne mir die blasse, schlotternde Furcht angemerkt -haben. Heutzutage würde ich mich schleunigst und gänzlich =sans gêne= -tief in Mutter Erde einkratzen, wenn Granaten in der Nachbarschaft -umherheulten -- aber -- aber mir scheint, Krieg läßt sich doch -am besten führen mit Zwanzigjährigen und den Urimpulsen, die vom -Urmenschen her in junger Männlichkeit schlummern. In den nächsten -dreißig Sekunden müssen gewaltige Erregungen an meinen jungen Nerven -gezerrt haben. Ich weiß noch ganz genau, daß ich an allen Gliedern -zitterte und am liebsten geheult hätte. Daß ich krampfhaft nach Luft -schnappte. Daß mir zum Erbrechen übel war. Daß aber die Eitelkeit in -mir sich auf einmal wehrte, und daß ich mich bolzengerade aufrichtete, -als es wieder heulend daherkam -- und doch war es nur eine Komödie, -die ich mir selber vorspielte -- denn ich fürchtete mich wirklich! Ich -fürchtete mich schandbar!! Die Granate schlug ein. Ziemlich weit weg -von uns diesmal. - -Da kam der Umschwung. - -Bang -- bang -- krachten die Geschütze der amerikanischen Batterie auf -der Hügelkuppe dicht vor uns. - -Fünfzig Meter hinter den Geschützen am Kuppenrand lag ein alter -Stall, oder was das Ding sein mochte, ein halbzerfallenes, niedriges -Holzgebäude jedenfalls, und auf dem flachen Dach drängte sich eine -Menge halbnackter Kubaner, die bei jedem Schuß der Batterie ein -infernalisches Freudengebrüll ausstießen und mit Händen und Beinen -zappelten in unheiligem Vergnügen. Einen greulichen Skandal machten -sie. Ich sah ganz mechanisch hin (dennoch schlotterte in mir die -Angst!) und empfand ebenso mechanisch die Abneigung des weißen Mannes -gegen derlei südländische Hanswurstiaden. Während ich guckte, kam -es wieder dahergeheult und -- schlug feuerspeiend und dampfsprühend -mitten in das Dach, mitten in die gestikulierenden, tanzenden, -schreienden Söhne der Perle des Südens hinein ... und den Bruchteil -einer Sekunde später sah das Dach genau so aus wie das gute alte -Sprungbrett im Ungererbad in Schwabing, wenn an heißen Augusttagen wir -Jungens uns zum Sprung drängten: Die Señores hopsten. Sie machten die -erstaunlichsten Kopfsprünge. Sie schienen in geradezu wahnsinniger Eile -den interessanten Ausblicksort zu verlassen. Es schlenkerte nur so in -der Luft von kubanischen Freiheitskämpfern. So schnell ist nirgends in -der Welt jemals eine randalierende Galerie geräumt worden! - -Da lachte ich, daß mir die Tränen in die Augen kamen, und lachte und -lachte, und lachen hätte ich müssen, wenn auch der heulende Dämon -aus der Maschine mit seinem grimmigen Kriegshumor zwanzig zeternden -Hampelmännern den Garaus gemacht hätte. Merkwürdigerweise war aber -nicht ein einziger der Spektakler verletzt worden, wie uns zehn Minuten -später ein Artillerieleutnant lachend erzählte. Der Major lachte -auch. Das ganze Detachement lachte. Und in diesem Lachen starb meine -schlotternde Furcht eines rechtzeitigen Todes; man kann nicht lachen -und sich fürchten zugleich. Aber in meinem Hals brannte und würgte -etwas, und die Kehle war mir wie ausgedörrt. Ich sprang die wenigen -Schritte zum Bachufer hin, warf mich in den zähen gelben Lehm auf den -Bauch, steckte den Kopf ins Wasser und trank gierig wie ein Tier in -langen Zügen das schmutzige, lauwarme Zeug -- - -»Carlé!« rief der Major scharf. - -Ich trank und trank. - -»Carlé! Lassen Sie den Unsinn! Sie holen sich bestimmt das Fieber!« - -Er schüttelte mißbilligend den Kopf, als ich ein wenig beschämt -zurückkam, mir den Schmutz von Hemd und Hosen reibend, und brummte -irgend etwas über die verdammte Wassersauferei. Aber in seinen Augen -war ein Lächeln ... - -Die Batterie droben feuerte jetzt nur selten, vereinzelte Schüsse in -langen Zwischenräumen, und die spanischen Geschütze schwiegen ganz. -Hie und da summte und surrte es über unseren Köpfen. Im Wald knallten -vereinzelte Schüsse. - -Den schmalen, steilen Hügelpfad herab kamen Kanoniere, halb kletternd, -halb rutschend, irgend etwas mit sich zerrend; ein graues bündeliges -Etwas. Als sie die Krümmung im Gestrüpp erreicht hatten, wo der -Pfad breiter und ebener wurde, hoben sie das graue Bündel auf ihre -Schultern und schritten langsam näher, behutsam, als trügen sie eine -schwere Last. Der eine, ein Korporal, salutierte den Major: »Kanonier -von der Batterie Grimes, =sir=,« meldete er. »Kanonier Johnson, -=sir=. Herzschuß. Ich habe Order, =sir=, den Toten am Hügelrand zu -begraben.« Er schlug die Zipfel des Bündels zurück, und da lag in der -grauen Armeewolldecke ein toter Mann. Aus dem bläulichen, furchtbar -verzerrten Gesicht starrten weitoffen tiefbraune Augen, als könnten -sie noch sehen. »Herzschuß, sir,« sagte der Korporal. »Stand neben -mir. Sprang in die Luft und war tot.« Sie hatten dem Toten Jacke und -Hemd aufgerissen, und der Korporal deutete feierlich auf den winzigen -schwarzen Punkt unter der linken Brustwarze, der sich scharf von der -weißen Haut abhob. Wir grüßten stumm, während die Kanoniere ihre Last -wieder aufnahmen und im Gebüsch verschwanden. - -Es war sonderbar still geworden; nur dann und wann kam das -peitschenartige Schallen aus dem Wald. Ich sah mich um. Jede Farbe, -jeder Gegenstand, jeder Schatten trat klar und scharf hervor im grellen -Sonnenlicht; knallgelb der breite, verlassene Weg, hellgrün das -üppige Gras am Wegrand, dunkler die mächtigen Wipfel der Gruppen von -Mangobäumen, leuchtend dazwischen am Weg und im Gras allerlei bunte -Flecke, blau und weiß und grau. Das weiße Segeltuch der Tornister -und das Grau der Soldatendecken und das Blau der Uniformröcke, die -überall umherlagen am Weg entlang. Die zur Front eilenden Truppen -hatten alles weggeworfen, was sie irgendwie entbehren konnten, und -mehr. Beim Gemäuer der alten verfallenen Zuckermühle, deren rostige -Maschinenreste rot glänzten in der Sonne, standen in kleinen Gruppen -die Generalstabsoffiziere, über Karten gebeugt. Ein Pferd wieherte -leise. Weiter weg graste friedlich ein Maultier und wedelte krampfhaft -mit dem geschorenen Schwanzstummel, sich die Fliegen zu verscheuchen. -Da kam es wieder herangeheult und schlug in Dampf und Flammen ein, -keine zwanzig Schritt weg von der nützlichen Mißgeburt aus Pferd -und Esel, die ihre berühmte Indolenz sogar im Granatfeuer glänzend -bewährte. Denn Mr. Maultier wedelte eifrig weiter mit dem Schwanz und -ließ sich nicht eine Sekunde lang in der angenehmen Beschäftigung des -Grasens stören. - -»Bravo!« rief Souder. »Das is 'n richtiges, approbiertes, -Geschützfeuer-stubenreines, verdammt famoses, altes Onkel-Sam-Maultier --- hurräh -- schert sich den Teufel um die alten Granaten -- hurräh!!« - -Schallendes Gelächter. - -Oberst Green kam von der Zuckermühle herbeigeschritten, begrüßte -unseren Major, flüsterte mit ihm und breitete eine Karte auf den -Knien aus, hier und dorthin deutend. Ich verstand: »-- spanische -Batterie feuert mit rauchlosem Pulver -- noch nicht entdeckt -- jawohl, -überhaupt nur ein einziger Weg -- natürlich verstopft -- nein, Major, -hat vorläufig noch gar keinen Sinn -- Sie kämen wahrscheinlich gar -nicht durch mit Ihren Leuten -- wie meinen Sie? -- Hm ...« Dann sprach -der Major eifrig auf ihn ein, und der Oberst nickte und ging wieder. - -»Achtung!« befahl der Major laut. »Sergeant Ryan -- Sie übernehmen die -Station! Sie bleiben unter allen Umständen beim Apparat und sind mir -für alle Meldungen verantwortlich. Den Befehl zur Verlängerung der -Linie bis zum Waldrand dort erhalten Sie von Oberst Green persönlich -und lassen dann den Draht von drei Mann über die Mangobäume den Weg -entlang legen. Ich werde nun den geeigneten Platz zur Anlage der -nächsten Station in der Feuerlinie feststellen. Mit mir kommen --« und -suchend glitt sein Auge von einem zum andern. - -Da sahen wir ihn hungrig an wie gierige Hunde, die lechzend darauf -warten, wem wohl von ihnen der Herr den Brocken zuwirft. - -»Mit mir kommen Souder und Carlé. Eine Signalflagge, Karabiner, -Revolver, Feldflasche, Glas -- sonst nichts!« - -»=Oh hell= ...« murmelte einer der Enttäuschten. - - * * * * * - -In zehn Minuten hatten wir den Waldrand erreicht und marschierten nun -wieder auf dem alten Dreckpfad, der uns schon so vertraut geworden war. -Die starre Gebüschwand freilich war verschwunden, denn links und rechts -lag zwar rankenversponnener Urwald, verwuchert von Schlinggewächsen, -aber ein Stück weit wenigstens konnte man hineinsehen. Da und dort im -Schlamm steckte ein Tornister, eine Wolldecke, ein Hut. Wir sprangen -vorwärts, so rasch es gehen wollte in der dörrenden Hitze. Immer noch -knallten nur vereinzelte Schüsse. Nach einigen hundert Metern kamen -uns Verwundete entgegen mit blutigen Verbänden um Köpfe und Glieder, -langsam zurückstolpernd, aber wir sahen kaum hin, denn brennende -Neugierde und hetzende Ungeduld trieben uns vorwärts. Ein Toter -lag am Wegrand, die Knie emporgezogen, die Arme lang ausgestreckt. -Die glasigen Augen schienen starr in den Schlamm zu blicken. Der -Pfad krümmte sich. An der Ecke, aus den Bäumen, flatterte die Rote -Kreuzfahne, und am Boden kauerten stöhnende Gestalten, zwischen denen -Aerzte hin und her eilten. Die Verbände glänzten grell weiß. Wir -eilten weiter. Das Gewehrfeuer wurde heftiger und schien von überall -zu kommen; von vorne und von links und von rechts; über unseren Köpfen -sauste es zischend und surrend und dumpf aufklatschend in Laub und -Bäumen. Ein Verwundeter blieb stehen, salutierte täppisch und riß die -Kleider auf, uns in groteskem Stolz eine winzige Schußstelle im Bauch -unter dem Nabel zeigend. - -»Teufel,« sagte er. »Es tut gar nicht weh! Wo is -- mm -- das -Hospital?« - -Ich deutete rückwärts. Und grinsend schritt der Schwerverwundete dahin, -nachdem er sich noch Feuer für seine Pfeife von Souder hatte geben -lassen ... »=Good God!=« sagte der Major leise. - -Ah -- und nun fing der Tanz an -- racktacktacktack -- rack -- kreng, -kreng ... schweres rollendes Feuer irgendwo da vorne, klar und hell -dazwischen Salven. Ueberall um uns schlug es ein in die Bäume. Zu sehen -aber war nichts -- gar nichts ... Doch! Wieder krümmte sich der Weg, -und zwischen den Bäumen schimmerte es blau und stählern von Truppen und -dröhnte von Lärm und Geschrei. - -»Laufschritt -- Laufschritt ...« rief der Major. - -Ein Leutnant hinkte herbei, eine blutige Binde um den Fuß. - -»Schwer verwundet?« - -»Nein, Herr Major. Knöchel kaputt.« - -»Tut mir leid, tut mir sehr leid. Was sind das für Truppen?« - -»71tes Freiwilligen-Regiment. Das New Yorker Regiment, Major.« - -»Ich danke sehr.« - -Und weiter ging es im Laufschritt, und nach drei Minuten waren wir -mitten -- in einem Tollhaus. Unter Wahnsinnigen, unter Menschen, die -Waffen trugen und jung waren, und dennoch kreischten in fürchterlicher -Angst wie Weiber. Sie stießen sich und drängten sich und schrien und -duckten und hielten die Hände schützend vor die Köpfe, irgend eine -unsichtbare Gefahr abzuwehren. Der Weg war völlig verstopft. Ein -panikgeschüttelter Menschenhaufe wogte hin und her, den Offiziere -vergeblich vorwärts zu treiben versuchten. Eine Kette hatten sie -gebildet, die Kapitäne und Oberleutnants und Leutnants, und fluchten -und schrien und hieben mit den flachen Säbeln drein. Ich starrte. -Irgend etwas war da -- irgend etwas ... - -»Pack, Pack -- verfluchtes Pack!« zischte der Major. - -Da warf dicht vor uns ein Korporal mit gellem Schrei die Arme empor, -stürzte schwer zu Boden, und die Soldaten um ihn wichen entsetzt -zurück. »Revolver 'raus, Kinder!« schrie der Major. »Mir nach!« - -»Platz!! _Platz!!! Zurück in die Bäume!!_!« - -Was alle Drohungen und alles Gebrüll der eigenen Offiziere nicht -vermocht hatten, erzielte das messerscharfe, schrille Kommando mit -seiner klaren, bestimmten Weisung. Links und rechts von uns taumelte es -in die Bäume, und langsam wurde der Weg frei. - -Ich sah tiefen Schlamm -- sonnenfunkelndes Wasser ... Wir drängten -uns vorwärts. Der Pfad senkte sich abschüssig und verlor sich in -einen breiten Bach schmutzigen Wassers. Mitten im Wasser lag ein -toter Soldat, und dicht am Bachrand kauerten Leichen -- drei -- fünf --- sieben ---- im Knäuel, hingeschleudert von den Geschossen; das -Flüßchen war unter scharfem feindlichem Feuer. Die New Yorker zeterten. -Hinter uns kam es herangerasselt, und in scharfem Tempo jagte die -Maschinengeschütz-Abteilung herbei, Reguläre im Laufschritt, drei -Gatlingkanonen vorwärtsschiebend und stoßend und zerrend. Hop -- hinein -ins Wasser -- hop -- waren sie hinüber, ohne einen einzigen Mann -verloren zu haben. Wir mit ihnen. Drüben ertönte eine laute Stimme: - -»Re -- gu -- läre! -- auf mein Kommando -- zu Zweien reiht euch ein -- -im Laufschritt -- vorwärts marsch ... marsch -- eins, zwei -- eins, -zwei -- eins, zwei ...« - -Und in scharfem Takt trippelte, als sei sie auf Parade, eine halbe -Kompagnie regulärer Infanterie heran, geführt von einem blutjungen -Leutnant, trippelte im gleichen Takt hinein ins Wasser, trippelte -heraus -- Das panikbefallene New Yorker Regiment aber steckte immer -noch unter den Bäumen. - -Der tückische Zufall des Kriegs hatte es gefügt, daß scharfes, -indirektes spanisches Feuer sich auf die von überall völlig unsichtbare -San Juan Furt im Walde konzentrierte, gerade in dem Augenblick, als -die New Yorker Freiwilligen ins Wasser marschierten. Die ersten waren -weggefegt worden, in einem Haufen, und da und dort noch im Regiment -stürzten Getroffene. Die Spitze drängte zurück und die Panik war da. -Die Soldaten, die im Gedräng nichts mehr sehen, den unsichtbaren Feind -nicht erblicken konnten, wurden wie toll vor Angst. - -Der Major war stehengeblieben und kaute auf den Schnurrbart. »Sie -erinnern sich doch,« sagte er, »an das Flüßchen, das wir gestern vom -Hügel aus sahen?« - -»Jawohl, Major.« - -»Na, das hier ist's. Haben Sie eine Ahnung, ob wir links abgekommen -sind? Ich glaube, ja. Die erste Wegkrümmung war nach links, die zweite -ebenfalls, nicht wahr?« - -»Jawohl. Die Hügel, die wir sahen, müssen schräg vorne rechts sein.« - -»Glaub' ich auch. Hm. Sagen Sie einmal, wie ist Ihnen zumute?« - -»Ich -- ich möchte etwas sehen!« stotterte ich. - -Er lachte. »Und Sie, Souder?« - -»Wenn der Herr Major gestatten -- ich finde, es ist eine verdammte -Gemeinheit, da im Wald stecken zu müssen und beschossen zu werden und -nicht ein einziges Mal selber schießen zu dürfen. Und ich bin froh, daß -ich über dem Wasser bin!« - -»Ich auch -- Teufel, ich auch!« lachte der Major. »Na, Kinder, ich bin -zufrieden mit euch und ich werde noch viel zufriedener sein, wenn ihr -möglichst wenig plaudert. Wir hätten eigentlich schon längst zur Linie -zurückkehren sollen und haben hier gar nichts zu schaffen. Ich muß mir -da erst eine faustdicke Lüge ausdenken, um -- na ja. Wollen uns noch -ein bißchen umgucken!« - -Und er lachte. Ein Spitzbubenlachen ... - -Verschwunden waren die harten, energischen Linien aus seinem -scharfgeschnittenen Gesicht, das der dichte schwarze Schnurrbart älter -erscheinen ließ, als es in Wirklichkeit war, und verschwunden die -abwehrende Würde des Aelteren und Befehlenden. So jung ich war, so -begriff ich doch, daß in ihm das Gleiche vorging wie in mir; daß die -Neugierde ihn plagte bis zum Bersten und die jungenhafte Sehnsucht, -dabei zu sein. Ein Junge war er jetzt wie ich -- wie Souder ---- ein -Junge, der es ebenfalls als eine »verdammte Gemeinheit« empfand, da im -Wald zu stecken und -- _nicht sehen zu dürfen_. - -Fortgesetzt pfiff es über uns dahin. - -Der Schlammweg war noch da, aber im Walddunkel blitzten helle -Strecken auf im Sonnenlicht. Es wurde immer lichter. Die Bäume wichen -auseinander und bildeten Gruppen, und scharfausgeprägte Lichtflecke -im Gesichtskreis ließen freies Grasland ahnen. Da fuhr ich auf einmal -zusammen, denn in das Knattern hinein dröhnte es in rasselnder -Fürchterlichkeit. - -»Die Gatlings!« schrie der Major. »Jungens, wir sind da!« Er riß das -Glas hervor. »Rechts! Vorwärts -- vorwärts!« - -Wir stürmten zwischen den Bäumen dahin, stolperten über Wurzeln und -Ranken, tappten im tiefen Gras und waren am Waldrand, mitten in langer -Schützenlinie, umtost von einer Hölle dröhnenden Geknatters. - -Mit blitzartiger Geschwindigkeit warfen wir uns zu Boden, denn jetzt -pfiff es nicht mehr angenehm hoch oben in den Bäumen dahin, sondern -dicht an den Ohren vorbei. Ich befühlte verstohlen meine linke -Ohrmuschel -- n -- nein -- es war nichts -- aber es mußte scheußlich -nahe gewesen sein! Dann räkelte ich mich und streckte mich und bohrte -mit meiner Körperschwere, um mich der schützenden Erde so nahe -anzuschmiegen, als es nur irgendwie möglich war. - -Rechts lag der Major, links Souder. Schienen sich auch recht wohl zu -fühlen am Erdenbusen, lagen wenigstens sehr flach da! Ich hob den Kopf -ein wenig und sah -- nichts. Dicht vor meiner Nase war eine winzige, -wellenartige, grasbewachsene Bodenerhöhung, was mir sehr zweckmäßig -schien, aber -- zum Kuckuck, ich wollte doch etwas sehen! Langsam -streckte ich die Hand vor, jeden Augenblick erwartend, daß eine Kugel -hineinfuhr, und kratzte mir einen runden Ausschnitt in die schützende -Deckung. Und nun vergaß ich auf einmal die wiedergeborene Angst und -starrte wie gebannt in die Sonnenhelle hinaus. Zehn Schritte vor mir -lag ein toter Regulärer, auf dem Rücken, zusammengekrümmt, das Gewehr -noch in den Fäusten über dem Leib. Sein Schädel war eine einzige -Blutmasse. - -Vor mir konnte ich eine weite, freie Strecke überblicken. Gras, -Gestrüpp, ein paar Bäume. Dahinter erhob sich, dreihundert Meter etwa -entfernt, ein massiger Hügel, an den links und rechts sich andere Hügel -anschlossen. Es war der San Juan-Hügel. Ich sah durch das Glas. Auf -dem Hügel rührte sich nichts, aber ich konnte braune Linien entdecken, -über denen Dunstfäden schwebten. Das waren Schützengräben. Dunst von -rauchschwachem Pulver. Oben auf der Kuppe des Hügels, im Gestrüpp, -stand ein Blockhaus. - -Neben mir schoß etwas vorwärts; der Major war es, der in zwei Sätzen -zu dem Toten sprang, sich neben ihn hinwarf -- ah, jetzt griff er nach -dem Gewehr in seinen Händen und hakte ihm den Patronengürtel aus, dann -eilig mit seiner Beute zurückkriechend ... Da schob ich den Karabiner -vor -- bang -- auf die braune Linie dort im Hügel -- bang -- bang. - -Neue fünf Patronen. Auch der Major und Souder gaben Schuß auf Schuß -ab. Ich feuerte und feuerte. Und unaufhörlich kam es herangesaust und -schlug dumpf ein irgendwo. - -Mein Karabinerlauf war heiß geworden. Ich sah um mich. Die Männer der -Schützenlinie lagen im Gras nach links und nach rechts den Waldrand -entlang, so weit man sehen konnte. In dichten Haufen hier, vereinzelt -dort, feuernd, was die Gewehre hergaben. Links, zwanzig, dreißig -Schritte vor mir, hockte hinter dem dicken Stamm eines Mangobaums ein -Trompetersergeant, der mit rasender Schnelligkeit schoß. Die glänzende -Signaltrompete auf seinem Rücken leuchtete wie flackerndes Licht. Und -Lärm überall -- - -Stöhnen -- Schreie ---- - -Jetzt ein Brüllen, daß der Atem mir stockte. Ein wahnsinniges Aufheulen --- und ein Mensch sprang empor wie ein Ball und wälzte sich im Gras vor -der Feuerlinie, sprang wieder auf und brüllte mit einer Stimme, die -nichts Menschliches mehr hatte: - -»M -- mein L -- leib -- das bre -- ennt! -- oah.. oh ...« - -Das furchtbare Ding tanzte und sprang und brüllte wie ein Tier -- und -dann gellte es auf einmal, so überlaut, so entsetzlich, als dränge alle -Höllenpein und aller Schmerzensjammer sich in einen einzigen Aufschrei: - -»=K -- i -- ii -- ll me! K -- ii -- ll me!= Tötet mich -- Freunde, -tötet mich!« - -Ich war auf die Knie geschnellt und hob den Karabiner, aber der Lauf -zitterte und wackelte wie ein Grashalm im Wind. Das fürchterliche Ding -vor mir schoß noch einmal auf, taumelte, brach zusammen und lag still -da. Viele Gnadenschüsse hatten seinen Jammer geendet. - -»Ruhe!« kommandierte eine scharfe Stimme. - -»Zur Hölle mit der Ruhe!« schrie es in Antwort. - -Und plötzlich, als sei das ein Signal gewesen, sprach und schrie ein -jeder, daß das Stimmengewirr den Feuerlärm übertönte. Die überspannten -Nerven waren am Zerreißen, und die Spannung machte sich Luft. - -»'ran an die Bande da drüben!« schrie einer links. »Hier ist 6te -Kavallerie.« - -»Hier ist 1te Infanterie --« - -»Bei Gott, sollen wir Reguläre uns hier verpfeffern lassen?« - -Bajonette wurden herausgerissen und schnappten klirrend in die Federn -an den Gewehrläufen ein. Der Major zog seinen Revolver. - -»Schnellfeuer!!« schrie irgend jemand. - -Rasselnd rollte das Feuer mit furchtbarer Geschwindigkeit aus -dem Waldrand. Wie von selbst eine Pause nun. Da schrie der -Trompetersergeant gellend: - -»Jungens -- Reguläre -- gebt ihnen -- Hölle --« - -Und er sprang zehn, zwölf Meter weit vor und warf sich hin. Andere -folgten -- warfen sich hin -- weiter unten andere -- warfen sich hin, -feuerten ... Auf einmal lag ich ebenfalls ein Stückchen weiter vorne -und pumpte das Karabinermagazin leer. Noch weiter vorne sah ich den -Major. Dann rannte es neben mir, und ich lief mit, die Augen immer auf -dem Major, und holte ihn ein und warf mich hin, weil die anderen sich -hinwarfen, und feuerte, weil die anderen feuerten. - -»Gebt -- ihnen -- Hölle!« brüllte es. - -Ich stolperte über Stacheldraht, fiel, sah, wie der Major und Souder -wenige Schritte neben mir ebenfalls stürzten, griff in den Draht und -riß mir die Hände blutig, kam frei, sprang wieder vorwärts. Neben mir -Souder und der Major. Da, ganz in der Nähe, ragte es grasig steil auf, -und braune und blaue Flecke krabbelten an Händen und Füßen empor; -- da --- brüllendes Geschrei ertönte, und vorwärts ging es mit den anderen. - -In Grasbüschel krampften wir uns ein, und das niedrige Gestrüpp packten -wir und schoben und zerrten uns hoch. Plumps -- fielen wir in einen -Schützengraben, fluchten, kletterten wieder -- - -und _waren oben_ ... - -Unten lag ein Tal voller Gestrüpp, und zwischen dem Gestrüpp sah ich -zwei, drei weiße Hüte auftauchen, weit weg, und feuerte blindlings -hinterdrein ------ auf die einzigen Spanier, die ich überhaupt deutlich -zu Gesicht bekommen hatte! - -»Lassen Sie die Schießerei!« sagte der Major. »Wir haben hier überhaupt -nichts zu suchen und hätten gar nicht mitmachen dürfen. Jetzt aber -ist es höchste Zeit, an unsere Pflicht und unsere Station zu denken!! -Warten Sie hier auf mich!« - -So wurde die Schlacht vom San Juan-Hügel gewonnen. Nicht von einer -Armee, nicht von Regimentern, nicht von Kompagnien einmal, sondern -von einem Haufen, nein, von Dutzenden von Häuflein einzelner Männer, -denen das anscheinend ergebnislose Schießen aus der Schützenlinie -auf die Nerven fiel. Dazu kamen die schweren Verluste, gegen die -man wehrlos war. Ich bin überzeugt, daß der arme Teufel mit dem -zerschossenen Unterleib, der schreiend in seiner Qual vor der Front -hin und her taumelte, sein gut Teil zu dem Siege beigetragen hat, zu -dem mühelosen Siege, denn jenes anscheinend so tollkühne Anstürmen -gegen den Hügel kostete nur wenige Menschenleben, so aufregend es war -während der kurzen zehn Minuten des Vorwärtsjagens. Von einzelnen -Männern wurde der Hügel genommen. Eine Feuerleitung existierte nicht, -noch irgendwelche höhere Führung, in der entscheidenden Phase. Nicht -aus Mangel an Disziplin, denn bei den Regulären wenigstens war die -Disziplin vorzüglich, sondern aus Mangel an Geführtwerden. Gab es doch -überhaupt keine Verbindung zwischen den einzelnen Verbänden. Man hatte -sorglos Regiment auf Regiment in den engen Waldweg hineingestopft ohne -eigentlichen Plan, und in natürlicher Notwendigkeit lösten sich die -Regimenter sofort in kleine Trupps auf, als sie in die Feuerzone des -schwierigen Terrains kamen, nach langem hilflosem Beschossenwerden im -Urwald. Von da aus arbeitete sich eben Trupp für Trupp und Häuflein -für Häuflein vorwärts; in echt amerikanischer Neugierde und in echt -amerikanisch leichtsinnigem Selbstvertrauen. Jeder Mann fühlte sich -als »weißer Mann« und Amerikaner von vornherein mindestens zwei -Spaniern, zwei »Dagos«, gewachsen. Ein Spanier ist ja für den echten -Sohn Onkel Sams nur drei Schattierungen besser als ein Chinese. Ein -verachteter =dago=. Die moralische Ueberlegenheit war da; leicht genug -einem Feind gegenüber, der sich auf die Defensive beschränkte und seine -Sache für eine verlorene zu halten schien. - -Diese Ueberlegenheit, und nur sie, gab den Ausschlag. - -Die spanische Verteidigungslinie auf den Hügeln mit ihren vorzüglich -angelegten Schützengräben war ganz ausgezeichnet und uneinnehmbar, -wären Männer gleichen Selbstvertrauens es gewesen, die sie besetzt -hätten. Der Spanier verfügte obendrein über ein besseres und -schnellerfeuerndes Gewehr als es das dänische Krag-Jörgensen auf der -amerikanischen Seite war, das deutsche Mausergewehr -- er kannte -alle Entfernungen -- alle Vorteile waren auf seiner Seite. So siegte -nur selbstvertrauender Leichtsinn in diesem exotischen Krieg des -Leichtsinns. Die Schlacht vom San Juan-Hügel gewannen schneidige, -leichtsinnige Jungens, die, auch die Regulären nicht, keine wirklichen -Soldaten im modernen Sinne darstellten trotz aller persönlichen -Tüchtigkeit, denn sie wurden nicht geführt wie Soldaten. Erst lange -nach der Entscheidung griffen die ordnenden Hände höherer Führer ein. - -Im Hauptquartier herrschte furchtbarer Wirrwarr. - -Gegen den Willen des Höchstkommandierenden eigentlich wurden -die Einzelkämpfe jenes Tags gekämpft und durchgeführt, dem die -Kriegsgeschichte den Namen der Schlacht vom San Juan-Hügel gegeben hat. - -Der alte General Chaffee hatte in den Nachmittagsstunden des 30. Juni -ganz allein, nur von einem Adjutanten begleitet, das Gelände auf dem -äußersten rechten Flügel rekognosziert und das Dörfchen El Caney stark -besetzt gefunden. Mit dem Morgengrauen griff seine Brigade an, unter -ähnlichen Verhältnissen wie beim San Juan-Hügel später, und während das -heiße und langwierige Feuergefecht um das kleine Dorf tobte, erhielt er -General Shafters Befehl, den Kampf sofort abzubrechen und der Brigade -Hawkins bei den San Juan-Hügeln zu Hilfe zu eilen. Man fürchtete das -Schlimmste im Hauptquartier. Die starken Verluste im Fernkampf (20 -Offiziere und 100 Mann tot, 70 Offiziere und 700 Mann verwundet), -zusammen mit Alarmmeldungen wie dem Versagen des 71. Regiments, hatten -den Stand der Dinge in sehr bösem Licht erscheinen lassen, und über -die Erfolge des Tages war niemand wohl erstaunter als der Generalstab. -General Chaffee zögerte. Er fürchtete den demoralisierenden Eindruck -eines Zurückgehens, das als Niederlage gedeutet werden mußte. Da machte -sich die Sache eigentlich von selbst. Kleine Trupps stürmten vor, -und er benützte diesen günstigen Augenblick, mit zwei Regimentern zu -stürmen. In wenigen Minuten war das alte Steinkastell genommen, das -Dorf besetzt und der Feind in wilder Flucht. - -Gleichzeitig fast oder wenig später spielte sich der Endangriff -auf den San Juan-Hügeln ab, gleichfalls gegen den Befehl des -Höchstkommandierenden, der das Abwarten von Verstärkungen anbefohlen -hatte. In ähnlich selbständiger Weise wurde der Hügel rechts vom -Blockhaus von versprengten Truppen der Division Kent, der Hügel links -vom Blockhaus von den Rauhen Reitern, Regulärer Kavallerie und Teilen -des 1. und 9. Regiments unter Roosevelts Führung genommen. Alle fast -gleichzeitig. Um drei Uhr nachmittags war die gesamte Hügellinie, die -in weitem Bogen Santiago umschloß, im Besitz der Amerikaner. - - * * * * * - -Ich riß mein Flanellhemd herunter und wand es aus, wie eine Waschfrau -ein Stück nasser Wäsche auswringt. So naß war es von Schweiß, als ob -ich es nicht vom Leib, sondern aus dem Zuber Wasser gezogen hätte. -Den letzten Rest schmutzigen San Juan-Wassers trank ich aus meiner -Feldflasche und war glücklich, in meiner Tasche unter den Patronen noch -ein Stückchen steinharten Zwiebacks zu finden. Unterdessen feuerte -hie und da jemand. Die Spanier erwiderten das Feuer nur schwach, und -den Männern auf dem San Juan-Hügel wurde die Geschichte sehr bald -langweilig, wenn es ihnen auch nicht an Munition fehlte, da inzwischen -ein Maultiertransport mit Patronenkisten nachgekommen war. Sie waren -hungrig und durstig und müde. Und trösteten sich mit allerlei Spässen. - -Witze flogen hin und her. Sie verloren den Humor nicht, diese zähen -Regulären, wenn sie auch völlig erschöpft waren und zur Kräftigung -nichts hatten als die jämmerlichen Reste verschmutzten Wassers in den -Feldflaschen, ein paar harte Zwiebacke, ein Stück Speck im Tornister. -Sie halfen sich selbst, wie sie unter höllischem Feuer sich selbst -geholfen hatten; kratzten sich neue Schützengräben aus gegen den Feind -zu mit ihren kurzen, breiten, praktischen Haubajonetten, und ruhten die -einen, während die anderen arbeiteten, im schwachen, unregelmäßigen, -abflauenden Gewehrfeuer. Dann eilten Offiziere hin und her und brachten -langsam Ordnung in die aus allerlei Regimentern zusammengewürfelten -Soldatenhäuflein und organisierten planmäßiges Arbeiten in den -Schützengräben. - -Der Brigadestab hatte sich hinter dem Blockhaus auf der sanft -abfallenden Hügelkuppe versammelt. Während der Major mit den Offizieren -sprach, gingen Souder und ich zu den gefangenen Spaniern hinüber, die -in Trupps eben herbeigeführt wurden. Dreißig, vierzig Mann mochten es -sein im ganzen. Sie wurden von einem halben Dutzend Regulärer bewacht, -die ihnen die Mausergewehre, die Bajonette, und die Patronengürtel -abgenommen und auf einen Haufen geworfen hatten. Zuerst standen die -Spanier scheu da, als ob sie Mißhandlungen befürchteten. Als aber -einer ihrer Wächter betrübt seine leere Feldflasche beguckte, trat -ein Spanier vor und bot ihm die seine an. Das war in dem Augenblick, -als wir hinkamen. Der Mann im braunen Khaki betrachtete die Flasche -vergnügt. - -»Wasser?« fragte er. - -»=Bueno -- bueno!=« grinste der Spanier. - -Der Infanterist setzte die Flasche an den Mund, tat einen tiefen Zug, -wurde krebsrot im Gesicht, tanzte auf einem Bein umher und hustete -gewaltig. - -»Verdammt, verdammt, verdammt ...« brüllte er, »das ist ja Rum -- -hättest's mir nicht sagen können, daß das klarer Rum ist?« - -Da lachten die kleinen Männlein, und Leben kam in sie. Allerlei riefen -sie uns zu, und wir grinsten und sagten =bueno -- bueno=, wenn wir -auch kein Sterbenswörtchen verstanden; tranken aber mit um so größerem -Verständnis einen kräftigen Schluck des brennenden Jamaikarums und -ließen uns mit Vergnügen ein bißchen in die Feldflaschen schütten. -Dabei redeten die Gefangenen schnatternd auf uns ein. Sie waren alle -kleiner als wir und schienen sehr jung. Zuckerhutförmige, weiße -Strohhüte trugen sie und lappige Segeltuchschuhe und sonderbare -Uniformen aus weißem Baumwollstoff mit feinen blauen Streifen. Einer, -ein kleiner Bursche, ein Kind fast noch, stellte sich vor uns hin, -die Arme ausgestreckt, und erzählte in sprudelndem Wortschwall irgend -etwas. Wir begriffen sehr bald, denn der temperamentvolle Südländer -wußte sich in Gesten und Mienenspiel ganz ausgezeichnet auszudrücken. -Ein Ausdruck furchtbaren Entsetzens kam in sein Gesicht und seine Augen -sprühten. - -»Bum -- bum, bum, bum --« machte er. »=Muy= bum, bum!« - -Er bedeckte das Gesicht mit den Händen und tat als ob er stürze, und -deutete auf den Boden, und machte eine werfende Handbewegung, einmal, -zweimal, fünfmal ---- =sempre= bum, bum, bum ... und die Arme ahmten -die mähende Bewegung einer Sense nach. In seinem Schützengraben mußte -es bös zugegangen sein. - -»Er meint die Gatlings,« sagte der Major, der hinzugetreten war. -»Maschinengeschützfeuer hat die Kameraden neben ihm weggemäht; kein -Wunder, daß ihm das auf die Nerven gefallen ist, dem armen Teufel!« - -Er sagte irgend etwas zu dem Burschen, der in raschem Stimmungswechsel -lachend nickte und ein Päckchen Zigaretten hervorzog ... Zwei -Päckchen, drei Päckchen. Zigaretten! Mir traten die Augen beinahe aus -den Höhlen vor Neid. Teufel, die hatten Zigaretten, und in meiner -Tasche waren nur noch ein paar Krumen nassen, schlechten Tabaks! Der -Major mußte ähnliches empfinden, denn er nahm das Päckchen rasch -und zündete sich sofort eine Zigarette an, gleich darauf Souder und -mir eine anbietend. Ob ich zugriff! Ah -- welch ein Labsal das war, -so scharf die kubanische Zigarette auch schmeckte. Köstlich! Hunger -und Durst und Müdigkeit waren vergessen. Da drängten sich auch schon -die Gefangenen um uns und überschütteten uns mit Zigarettenpäckchen, -die sie in Hülle und Fülle besaßen. Das Silberstück, das der Major -dem jungen Burschen anbot, wurde zurückgewiesen. Er hielt es noch -zwischen den Fingerspitzen, als ein Kubaner herbeistürzte, laut auf -ihn einschreiend, und den silbernen Dollar mit der einen Hand wegriß, -während er mit der anderen dem Major einen gelben Papierfetzen -hinwarf. Dann rannte er Hals über Kopf davon und war verschwunden. -Ein verblüffteres Gesicht, als es der Major machte, hätte kein Mensch -machen können. - -»=D -- d -- damn it!=« stotterte er. »Nix Papier, nix Papier, nix gut -Papier -- hat der Kerl gesagt. Was beim Kuckuck soll das nun heißen?« - -Sein Gesicht wurde noch verblüffter, als ich den gelben Fetzen aufhob, -denn das nix gut Papier war ein nagelneuer, richtiger, korrekter, -amerikanischer Zwanzig Dollarschein. - -»Was?« rief der Major. - -»Ein Zwanzig Dollarschein!« - -»Was?« Er sah die Banknote an. »Der Esel! Der unbeschreibliche Esel!!« -brüllte er, lachend wie nicht gescheit. »Will kein Papier -- hartes -Silber ist ihm lieber! Hat das Geld natürlich für irgend einen Dienst -bekommen -- Herrgott, was müssen diese Leute für schlechte Erfahrungen -mit spanischem Papiergeld gemacht haben ... Stecken Sie 'n ein, stecken -Sie ihn ein; trinken Sie Mumm extra dry dafür mit Souder, wenn wir -wieder im Lande Gottes sind!« - -So kostete ihm die Schlacht vom San Juan-Hügel einen Silberdollar, -und uns brachte sie vier Flaschen Mumm =goût americain=, die wir im -Restaurant des Kapitols in Washington drei Monate später getreulich -tranken. - -Da kam General Hawkins mit seinem Stab, und die spanischen Gefangenen -wurden in Reih und Glied aufgestellt, um befragt zu werden. Der Major -schloß sich dem Stab an. - -»Wir müssen zurück,« sagte er, als er wiederkam. »Die Linie muß nach -vorne!« - -Der Wald und der Schlammpfad nahmen uns wieder auf. Von den Hügeln her -hallte schwaches Gewehrfeuer. - - * * * * * - -Es war Nacht geworden. Das Ballon-Detachement, das in aller Morgenfrühe -nicht weit von der San Juan-Furt auf einer Walddichtung einen -Aufstieg versucht hatte, mit dem Resultat geringer Erkundung, einiger -Leichtverwundeter und eines zerschossenen Ballons, war bald darauf -zurückgekommen und hatte schon begonnen, die Linie nach der Front zu -legen. Wir kampierten beim El Pozo Hügel, auf der ersten Station, und -sollten mit dem Morgengrauen Drahttransport und Linienbau aufnehmen. An -Schlaf dachte lange niemand. Der Diensthabende am Instrument gab und -empfing fortwährend Meldungen, denn die telegraphischen Nachrichten aus -der Front wurden von unserer Station aus telephonisch weitergegeben. -Was die Adjutanten, die wenigen Meldereiter und die Ordonnanzen der -zweiten Station, die irgendwo im Wald steckte, an Depeschen brachten -und durch uns dem Hauptquartier übermitteln ließen, war fast nie etwas -anderes als lautes Drängen: Proviant -- Proviant -- Munition! Es fehlte -am Nötigsten in den Schützengräben. Aber um zehn Uhr oder elf Uhr -trampelte eine Karawane schwerbeladener Maultiere auf dem La Quasina-El -Pozo Weg daher, die =Mules= störrisch, die Treiber fluchend über den -furchtbar schlickigen Weg. Sie erkundigten sich bei uns, ob wir denn -nicht glaubten, daß auch sie Gelegenheit bekommen würden, »ein bißchen -mitzumachen«. Auch sie hatte das Schießfieber angesteckt. - -In dem wunderschön handlichen Loch dicht bei der Station, das die neben -uns platzende Granate am Morgen gerissen hatte -- diese Granate und -dieses Loch werde ich nicht vergessen, wenn ich auch sehr alt werden -sollte! -- zündeten wir aus allerlei gesammeltem Reisig und dürrem -Holz ein gewaltiges Feuer an, kochten miserablen Kaffee und brieten -schlechten Speck. Viele Wolldecken hatten wir uns aufgelesen -- sie -lagen ja überall umher -- und saßen auf weichen Sitzen, Zigaretten -rauchend. In hohem Ansehen bei den Kameraden, nicht etwa, weil wir -hatten mit dabei sein dürfen, denn darüber machten sie nur schlechte -Witze, sondern weil wir Rum mitbrachten, der den dünnen Kaffee -merkwürdig verbesserte. Und Zigaretten! Wir sprachen nur wenig. Waren -viel zu müde dazu. Zwei, drei Feuer flackerten auf der Fläche zwischen -Hügel und Wald. Die Batterie hatte El Pozo schon längst verlassen, um -auf einem der eroberten Hügel Stellung zu nehmen. - -Einer nach dem andern wickelte sich in Decken und legte sich hin. Ich -hätte gern geschlafen, aber ich war so unruhig, so aufgeregt, daß -ich still am Feuer sitzen blieb und grübelte. An meinen Vater dachte -ich, der mit Leib und Seele Soldat gewesen war, und an die wenigen -Abende, an denen er sich herbeigelassen hatte, von Königgrätz oder -von Vionville zu erzählen; kurz, knapp, unpersönlich, wie das seine -herrische Art war. Wie er ganz sachlich davon gesprochen hatte, daß -Artilleriefeuer stark demoralisierend wirke -- _und ich dachte an meine -Granate_ ... - - * * * * * - -Da erklang es leise und zitterig irgendwo draußen in der stillen Nacht --- tra -- lalalah -- tra -- lalaah ... tara -- rarah.... und die Wälder -fingen den leisen Trompetenklang auf und erstickten ihn langsam, daß es -noch leiser und noch wehmütiger schallte -- tara -- tara -- ta -- ra -- -la -- ra -- la -- r -- aaaa ... dumpf austönend in wehem, weichem Moll. -Und zitternd erklang es wieder und wieder, da nun, dort jetzt. War eine -Trompete ausgeklungen in leisem Hallen, setzte traurig eine andere ein --- tara -- lala ------ Immer und immer wieder zitterte er in die stille -Nacht hinaus, der Zapfenstreich, der heute traurig erzählte: Gefallen -auf dem Felde der Ehre! - -Sie begruben die Toten. - - - - -Der Tag nach der Schlacht. - - Am Lagerfeuer. -- Vom Arbeiten in den Schützengräben. -- - Nächtlicher Tropenregen. -- Auf dem Weg zur Front. -- Die - spanischen Scharfschützen. -- Der stille Wald. -- - Verwesungsgeruch. -- Das Tal der Toten. -- Der Kopf. -- - Bloßgelegte Gräber. -- Das Kommen des Grauens. -- Das - Leichenfeld. -- Im Hauptquartier des linken Flügels. -- Die - Schützengräben auf dem Hügel. -- Heftiges Gewehrfeuer in der - Sternennacht. -- Mein Maultierritt. -- Vom Feuerschein beim - Feind und dem Rätsel der Nachtattacke. - - -Kühl und frostig kam der frühe Morgen. - -Das Lagerfeuer war am Erlöschen, zusammengebrannt zu einem Haufen -weißlich grauer Holzasche. Nur wenn ein Luftstoß daherstrich, -leuchteten rote Glutpünktchen auf, und feine rote Feuerschlangen -huschten wirr umher in dem kleinen Berge weißen Staubes. Zitternd -schoß da und dort ein schwaches Flämmchen auf, flackerte ein wenig -in rotgelbem Licht, löste sich los, schwebte sekundenlang über den -huschenden Feuerschlangen und ward aufgesogen von der rings alles -umhüllenden, schwarzen, tiefdunklen Nacht. Sekundenlang wurden die -Schläfer in den Decken dicht am Feuer in gespenstisch verschwimmenden -Umrissen sichtbar -- - -Dann und wann, wenn ein Windstoß die schweren Wolkenmassen zerriß, -tauchten die Bäume und der nahe Waldrand in ungeheuren zackigen -Schatten auf, scharf sich abzeichnend im matten, fahlen Licht des -Morgendämmerns. Still war es überall, totenstill. Kein Laut klang -in die Nacht hinein außer dem leisen, ganz leisen Klicken da drüben, -zwanzig Schritte weit weg. Ein winziger Lichtstreifen, der Schein -der Signallaterne bei den Instrumenten, zeigte undeutlich Gestalten -am Telephon und am Telegraphenapparat, über Taster und Membranbecher -gebeugt, eifrig schreibend. - -Ich saß und lauschte. In dieser Nacht hatte ich kaum geschlafen. Das -Klicken, das von der Front kam und zum Hauptquartier ging, erzählte -in kurzen, knappen Meldungen an den kommandierenden General von -Arbeit, Arbeit, Arbeit. Sie hatten arbeiten müssen wie Maulwürfe in -dieser Nacht, die müden Männer auf den Hügeln. Tief in die Erde hatten -sie sich eingegraben, Kilometer auf Kilometer von Schützengräben -ausgehoben, Verschanzungen aufgeworfen. Hin und wider waren sie -marschiert, bis die einzelnen Verbände sich nach dem Wirrwarr des -Schlachttags wieder zusammengefunden hatten. Und in das Erzählen von -harter Arbeit klang, in den scharfen Befehlen vom Hauptquartier, die -Sorge -- - -Denn immer wieder befahl General Shafter neue Verschanzungen, und immer -von neuem schärfte er den Kommandeuren der Front ein, um jeden Preis -die Hügellinie zu halten und auf keinen Fall ohne ausdrücklichen Befehl -über sie hinaus vorzugehen. - -Nein, ich konnte nicht mehr schlafen. - -So ging ich zu den Instrumenten hin und hockte mich neben Souder, der -jetzt den Dienst am Fronttelephon hatte. - -»Ist nichts Besonderes los,« brummte er. »Weshalb schläfst du denn -nicht?« - -»Kann nicht ---- « murmelte ich. - -Gedankenlos hörte ich zu, wie der Sergeant mit halblauter, monotoner -Stimme eine Meldung telephonisch weitergab -- dringend, dringend, -dringend. Vom Hauptquartier an die Generale Lawton, Kent, Chaffee, -Bates ... Da klatschte ein Wassertropfen auf meine Hand, ein zweiter -nun, ein dritter, und kaum war ich aufgesprungen, als es schon -herabbrauste in schweren Wassermassen. - -»Die Instrumente!« brüllte Souder. - -Fluchend rumpelten überall um uns Gestalten in die Höhe. Alles -rannte blindlings nach den aufgestapelten Tornistern, um tastend und -tappend in der Dunkelheit die Gummidecken hervorzusuchen. Aber sie -konnten nicht schützen gegen diese Fluten. Nach vieler Mühe gelang -es uns, wenigstens ein Zelt für die Station zu errichten und es mit -den Gummidecken halbwegs wasserdicht zu machen. Die Instrumente -funktionierten. Die Männer aber, die den Dienst hatten, hockten mitten -im Wasser, denn in Bächen kam es den Hügel herabgeschossen. - -Es regnete und regnete. Nicht einzelne Tropfen fielen, sondern -schwer und geschlossen sauste es herab, wie ein Strom fast aus -geöffneter Schleuse. In die Haut drang uns das Wasser, und ins Mark -hineinzuschleichen schien sich die Kälte. Frierend und zähneklappernd -standen wir da und rührten uns nicht. Es wäre sinnlos gewesen, gegen -diese Wassermassen Schutz suchen zu wollen. Flüssiger, breiiger -Schlamm umspülte unsere Knöchel, und dampfig stieg es auf aus unseren -ekelfeuchten Kleidern. Und es regnete und regnete; eine Viertelstunde -lang, eine halbe Stunde. - -Dann wurde es mit einem Schlage still. Ueber den Hügeln drüben tauchte -ein Lichtstreifen auf, wurde breiter, leuchtete heller, und froh -und warm ergoß sich der Sonnenschein übers Tal. Bald loderten die -Kaffeefeuer auf, und nasse Menschen umstanden sie in dichten Knäueln. -Der Dunst trocknender Kleider stieg muffig empor und mischte sich mit -den Bodengerüchen des tropischen Fieberlandes. - -Major Stevens trat zu uns und verteilte aus einem Glasröhrchen -Chininpillen. - - * * * * * - -Es war um Mittag, und die Sonne brannte glühendheiß aus wolkenlosem -Himmel auf den Weg zum Wald hernieder, auf dem Souder und ich -dahinschritten, schwer bepackt ein jeder mit Taschenapparat, Flaggen, -Waffen, Tornister und Decke. Die südliche Station bei der Brigade Bates -auf dem linken Flügel -- das Ballondetachement legte die neue Linie -- -war uns beiden zugeteilt worden. - -Still lag der breite Lehmweg zum Wald da. Zu beiden Seiten, im Gras -und im lehmigen Schlamm, auf dem die Gluthitze schon harte Krusten -gebildet hatte, lagen noch in Haufen die Decken, die Tornister, die -Mäntel, verregnet und verschmutzt. Nicht weit vom Weg unter einem Baum -streckte ein totes Maultier in grotesker Starrheit die vier Beine in -die Höhe. Der furchtbar aufgedunsene Bauch des Tieres sah aus wie eine -große braune Kugel. Schwacher Verwesungsgeruch drang herüber; kaum -bemerkbar, wäre der Kadaver nicht zu sehen gewesen, aber doch schon -unerträglich in der eklen, heißen, überfeuchten Hitze. - -Von den Hügeln her hallte unregelmäßiges Gewehrfeuer. - -Es hatte mit Tagesanbruch begonnen und ununterbrochen den ganzen -Vormittag gedauert. Nur vereinzelte Schüsse waren es, mit langen -Pausen oft und seltenem lebhafterem Geknatter. Aus den Meldungen des -Vormittags wußten wir, daß es nur Feuer aus den Schützengräben war und -wahrscheinlich hüben wie drüben wenig Schaden anrichtete. - -»Sagen sich gegenseitig Guten Tag!« brummte Souder. »Machen ein bißchen -Spektakel! U -- iih -- wie ist das heiß! An mir ist kein trockener -Faden mehr --« - -Im gleichen Augenblick duckte er sich, denn eine Kugel zischte in -unangenehmer Nähe über unseren Köpfen dahin. Wir rissen beide die -Karabiner von den Schultern und spähten links und rechts in den Wald -hinein, Baum für Baum mit den Gläsern absuchend. - -»Ich sehe nichts!« sagte der Sergeant leise. »Wo der Kerl nur stecken -mag?« - -»Dort -- in dem Baum dort!« flüsterte ich. - -»Unsinn, Mann! Was du siehst, ist nur ein heller Lichtfleck ...« - -Wir waren gründlich angesteckt von der Scharfschützennervosität auf -der amerikanischen Seite, die in jedem Sonnenfleck in einer Baumkrone -einen spanischen Schützen sah. Nicht nur jeder Soldat, mit dem wir -gesprochen hatten, wußte von Hunderten unheimlicher Scharfschützen zu -erzählen, die sich hinter unserer Angriffslinie umhertrieben, sondern -eine besondere Depesche vom Hauptquartier hatte sogar befohlen, die -Wälder sorgfältig abzusuchen und die auf den Bäumen versteckten Spanier -zu finden und unschädlich zu machen. Die Armeefama übertrieb. Aber -doch war an den Gerüchten viel Wahres. So manchen Spanier hatten die -amerikanischen Regulären nach langem Suchen in den Bäumen entdeckt -und erbarmungslos herabgeschossen; denn die Truppen empfanden das -heimliche Feuern aus Verstecken innerhalb der amerikanischen Linien -als etwas Heimtückisches, Unerlaubtes. In Wirklichkeit befanden -sich diese spanischen Scharfschützen sehr gegen ihren Willen auf -verlorenen Posten. Sie hatten sich in dem Gelände vor der spanischen -Verteidigungslinie in Baumkronen eingenistet, als Späher und Vorposten, -ehe der amerikanische Marsch auf die Hügel begann. Dann waren sie durch -das rasche Vordringen der amerikanischen Regimenter abgeschnitten -worden. - -Da blieben sie in ihren Verstecken. Höllenqualen der Angst müssen sie -ausgestanden haben. Blieben, wo sie waren, in Todesangst -- feuerten -wohl auch auf vereinzelte amerikanische Soldaten in halbem Irrsinn --- statt herabzuklettern und sich gefangen zu geben. Sie fürchteten -sich zu sehr. Man hatte ihnen zu viel erzählt von den amerikanischen -Barbaren, die gekommen seien, die Insel zu stehlen, und Gnade und -Barmherzigkeit nicht kennten. Sie mochten bei der Madonna und allen -Heiligen fest daran glauben, daß der Yankee seinen Gefangenen den -Bauch aufschlitze, wie das die lieben kubanischen Insurgenten zu -tun pflegten. So warteten sie zitternd und feuerten blindlings auf -amerikanische Patrouillen und starben. - -Trotz allen Spähens entdeckten wir aber nichts und stampften endlich -weiter. - -Der Pfad war heute noch schlammiger und noch tiefer eingelöchert -von Tausenden von Menschentritten und Maultierhufen. Als wir um die -Wegkrümmung bogen, sahen wir unter den Bäumen, ein gut Stück im Wald, -ein großes weißes Hospitalzelt mit der Roten Kreuz-Flagge. Weiter vorne -am Pfad hockten überall Verwundete, die zum Erbarmen elend aussahen -mit ihren schlammbeschmutzten, blutbefleckten Verbänden und den über -und über schmutzigen Kleidern und den blassen Gesichtern. Sie mußten -warten, bis die Aerzte Zeit für sie fanden. An einem Busch war ein -Packmaultier angebunden, und sein Führer verteilte aus einer großen -Kiste Kautabak und Rauchtabak an die Soldaten. - -»Mann, der Tabak ist gut!« hörten wir einen Verwundeten sagen. »Wenn du -jetzt noch ein bißchen Whisky hättest, würd' ich mir gern _noch_ ein -Loch in den Arm schießen lassen!« - -Totenstille herrschte im Wald. Wo gestern die Kompagnien, die -Regimenter, die Menschenmassen in der rasenden Eile und dem schreienden -Drängen der Schlacht dahingestürmt waren auf dem schlammigen Pfad -und den grasverwucherten Lichtungen, wo Granaten geheult und Kugeln -gepfiffen hatten, da war es jetzt still und ruhig und friedlich wie -auf einsamem Buschweg. Hinter uns lag der Verbandplatz; vor uns in der -Ferne die Hügel. Auf dem Weg selbst begegneten wir keinem Menschen. -Dann und wann nur tauchten abseits in den Lichtungen Soldatengestalten -auf, die tiefgebückt mit Hacke und Spaten hantierten, und hie und da -ertönte leise abgedämpfter Trompetenklang, als letzte Ehrung über -einem Grab geblasen. Die verstreuten Toten, die ihr Schicksal auf -versteckter Stelle im Dschungel ereilt hatte, wurden aufgesucht und -begraben. Langsam tappten wir vorwärts. Der graugelbe Schlamm war oben -schon verkrustet und verstaubt in der Gluthitze, aber unter der dünnen -Schicht verbarg sich zähflüssiger Morast, in den man tief einsank -bei jedem Schritt. Durch das Baumlaub drangen heiß und stechend die -Sonnenstrahlen. Wie erstarrt schienen Bäume und Büsche. Kein Blatt -raschelte, kein Grashalm regte sich -- - -Ich blieb stehen und trocknete mir den Schweiß von der Stirne. »So heiß -haben wir's noch nicht gehabt!« murrte ich. »Herrgott, die Hitze ist -kaum zum Aushalten! Und wie dumpfig und sonderbar das riecht!« - -Souder wechselte das schwere Telephon von der einen Schulter auf die -andere und sah sich bedächtig um. »Weißt du was?« sagte er. -- »Machen -wir, daß wir aus dem alten Wald hinaus und zu unserer Station kommen!« - -Aber schon nach wenigen hundert Schritten blieben wir wieder stehen und -sahen uns an. Einer den andern. Keiner wollte mit der Sprache heraus. - -In der Luft lag fade, faulend, süßlich, leiser Verwesungsgeruch. - -»Irgendwo im Gestrüpp müssen noch Tote unbeerdigt liegen,« sagte der -Sergeant endlich. »Was es mit der Luft hier für eine Bewandtnis hat, -ist klar genug.« - -»Aber ein Mensch kann doch nicht von gestern auf heute in Verwesung -übergehen,« wandte ich erstaunt ein. - -»Warum denn nicht?« meinte der Sergeant achselzuckend. »Bei dieser -Gluthitze! Denk' doch an das Maultier, an dem wir vorbeigekommen sind, -dicht bei der Station vorhin! Das war gestern auch noch lebendig! -Wollen einmal nachsehen, wo der arme Teufel liegt --« - -Der Weg war hier viel breiter und zerteilte sich in den lichten -Waldstellen in winzige, in das Gras hineingetrampelte Pfade, -voneinander getrennt durch niedriges Gestrüpp und kleine hügelige -Graswellen. Dazwischen ragten breite Mangos und schlanke Kokospalmen -mit ihren massigen Blättern, die wie große Fächer den Weg -überschatteten und nur da und dort einen gelbglänzenden, sengenden -Sonnenstrahl durchdringen ließen. Die Luft war heiß und dumpf und -dampfig, und in die Schwüle hinein drängte sich der Aasgeruch und -schien alles zu umschweben und an allem festzuhaften. - -»Dort drüben muß es sein!« rief Souder. - -Wir stapften durch den Schlamm, bogen seitwärts ab, kamen in hohes -Gras, und auf einmal trat ich auf etwas Weiches, Klebriges. Ich -glitschte aus, rutschte und schlug der Länge nach schwer hin, mitsamt -der Drahtrolle und dem Telephon, dessen Glocke leise klingend ertönte. - -»Verdammt!« schrie ich wütend. - -»Was gibt's denn?« rief Souder, der einige Schritte voraus war, und kam -zurück. - -Er lachte laut auf, als ich mich brummend zwischen Draht und Instrument -und Tornister emporarbeitete, aber das Lachen verging ihm bald ---- -»Mann -- du bist dem -- dem Ding da -- auf den Kopf getreten!« -stotterte er. - -Aus der grasigen, welligen Erhöhung mit den verstreuten Lehmschollen, -da, wo ich gestolpert war, ragte ein menschlicher Kopf aus dem Boden. -Ein schwarzbehaarter Hinterkopf. Und mitten auf den armen Schädel -mußte ich getreten sein. Mein schwerer Stiefel hatte die halbverweste -Kopfhaut auseinandergerissen. Zwischen den schwarzen Haaren schimmerte -es blutigbraun von ekelerregender Flüssigkeit. - -Ich sprang entsetzt zurück und tanzte wie besessen zwischen den -Grasbüscheln umher, mir krampfhaft die Stiefel abwischend. »Pfui -Teufel!« brüllte ich in maßlosem Ekel. »Pfui Teufel!« - -»Der arme Kerl spürt nichts mehr,« sagte der Sergeant. Aber er machte -einen weiten Bogen um den Kopf, während er sprach, und kam zu mir -herüber. Ich fuhr immer noch mit den Stiefeln im Gras hin und her -- - -»Kann die verfluchte Bande denn die Toten nicht tief genug -hineinbegraben!« schrie ich außer mir. - -Souder zuckte die Achseln. »Machen wir, daß wir weiterkommen!« sagte -er gelassen. »Schön ist's nicht, aber man muß sich nicht viel Gedanken -darum machen. Tot ist tot -- und lebendig ist lebendig. Zwischen einer -toten Katze und einem toten Mann ist nicht viel Unterschied. Beide ------- aber machen wir, daß wir weiterkommen! Uebrigens kann kein -Mensch was dafür. Wenn du gestern abend dazu kommandiert worden wärest, -die Gefallenen zu beerdigen, so hättest du auch keine sechs Fuß tiefen -Löcher gegraben in deiner Müdigkeit! Der Regen hat's getan! Der hat die -lose Erde weggewaschen -- man sieht's ja -- guck' nur hin!« - -»Ich danke! Fällt mir gar nicht ein!!« - -»Hab' dich nicht so!« brummte der Sergeant. »Weiter -- weiter!« - -Und ich schämte mich über mein Getue, denn es schien mir unmännlich -und unsoldatenhaft -- jawohl, ich schämte mich! Aber ich ging mit sehr -vorsichtigen Schritten und machte einen großen Bogen um jede Erhöhung, -die ein Grab vermuten ließ. - -Der Verwesungsgeruch war und blieb in der Luft. - -Einmal sah ich einen Arm aus dem Boden ragen dicht am Weg, ein anderes -Mal einen bestiefelten Fuß, der in grotesker Steifheit aus der Erde -emporzuwachsen schien. Und der Aasdunst umfing uns fortwährend. - -»Jetzt wird's mir aber bald auch zu viel ------ « sagte Souder, sich -sein schmutziges Taschentuch vors Gesicht haltend. - -Kurz vor der ersten San Juan-Furt begegneten wir einem Korporal vom 5. -Infanterieregiment mit sechs Mann, die Hacken und Schaufeln trugen. Der -Korporal war ein graubärtiger alter Regulärer. - -»Verdammt, Sergeant,« sagte er knurrig, »Ihr Signalmenschen habt's -besser als wir!« - -»Das verstehst du nicht, mein Sohn!« - -»So! Eh? =Damn the whole damned= ---- Sieh mal her!« Er zog eine -Handvoll Blechmarken aus seiner Tasche, wie jeder Soldat sie zur -Identifizierung um den Hals trug. »Da! Siebenundzwanzig Mann haben wir -begraben! Und sie waren nicht schön, die siebenundzwanzig Leichen! Da -im Wald, dort im Wald, haben wir Löcher gegraben und die =stiffs= unter -die Erde geschaufelt. Waren wir an einer Stelle fertig, so erwischte -uns sicher hundert Schritt weiter ein Offizier, der uns an eine andere -Stelle schickte. Sie liegen überall -- und, Sergeant -- es waren welche -dabei -- die wir nicht anfassen konnten -- mit den Schaufeln haben wir -sie in die Löcher gestoßen ...« - -»Wir haben auch welche gesehen!« erklärte Souder trocken, und wir -gingen weiter. Wir durchwateten die Furt, da, wo gestern die 71er -gefallen waren, und sahen eine Leiche im Wasser liegen. - -»Teufel -- Teufel!« rief Souder und sprang in mächtigen Sätzen das Ufer -hinan. Und ich wußte, daß er das fühlte, was ich fühlte. Was zuerst -nur Ekel gewesen war, der Abscheu des lebendigen Menschen vor dem -fürchterlichen Geruch des toten Menschen, wurde jetzt zu einem Grauen, -zu entsetztem Grauen, was wohl die nächste Wegbiegung bringen konnte -- -zu einer Angst, zu atembeklemmender Angst. Ich sprach kein Wort und er -sprach kein Wort. Aber ich sah, daß er scheu zur Seite blickte Schritt -auf Schritt, und er merkte es, daß ich wieder in Furcht und Grauen mir -jeden Fußbreit Weg, jedes Gestrüpp am Wegrand betrachtete. Der Pfad -war eng. Undurchdringlicher Busch begrenzte ihn auf der linken Seite, -während rechts niedriges Gestrüpp den Ausblick auf Baumgruppen und -Grasland erlaubte. - -Und jetzt wurde der Verwesungsgeruch stärker und immer stärker. Wir -gingen ihm nach -- instinktiv -- ohne ein Wort zu sagen ------ - -Dicht hinter dem Gestrüpp lag ein Stück nackten, lehmigen Erdlandes, -auf dem kaum einige Grasbüschel wuchsen. Die kahle Fläche senkte sich -in sanfter Neigung zu einem Bächlein voll trüben, schmutziggelben -Wassergerinsels, das irgendwo in den San Juan fließen mochte. Ueber dem -Bach stieg wellig eine üppige Grasfläche an mit vielen Mangobäumen, die -scharfe Schlagschatten warfen im grellen Sonnenlicht. Das kleine Stück -weichen Landes, das einst ein Feld, ein Acker gewesen sein mochte, -war wie zerfetzt von Furchen und Rinnen und ausgetrockneten Tümpeln, -gegraben von dem Regenstrom der Nacht im Suchen eines Weges zum Bach -hinab. Auf diesem Stück Land waren gestern tote Männer beerdigt worden. -Der Regensturm hatte das weiche, gelockerte Erdreich weggewaschen -- - -Aus der Furche dort, keine fünf Schritte weit weg, ragten Finger -empor. Eine rostbraune, verwesende Hand mit einem Stück Aermel, an -dem gelbe Metallknöpfe schimmerten. Starr und steif reckten sich die -nassen verwesenden Finger gen Himmel, weit auseinandergespreizt, -wie anklagend, und an dem einen Finger schimmerte golden ein Ring. -Der Fuß mit dem Stiefel stak festgeklebt zwischen zwei Erdschollen. -Den Körper selbst bedeckte noch Erdreich. Wir waren entsetzt -stehengeblieben, starrend, sprachlos. Dutzende von Gefallenen mußten -in dem schrecklichen Leichenfeld da liegen. Eiförmig wuchsen die halb -bloßgelegten Leiber zwischen den Furchen, aus den Erdschollen empor. -Und der Geruch, der Pesthauch ... Finger sah man; man sah Hände, -Arme, Füße, Körper. Ein Ellbogen hier, sonderbar gekrümmt, verrenkt, -unnatürlich. Ein Hinterkopf dort. Der Hals über dem aufgerissenen Hemd -glänzte bläulich und man sah -- Herrgott, man glaubte wirklich, es zu -sehen und es mitzuerleben -- wie die Gluthitze ihre Verwesungsarbeit -verrichtete. Wie es faulte. Wie Haut und Muskeln und Sehnen -dahinschwanden. Eine braune Lache hatte sich gebildet, auf der es ölig -glitzerte, und der Hals war nur noch eine blaubraune, verfallende -Masse -- - -Drüben über dem Bach im Gras tauchte der Korporal mit seinen Leuten auf. - -»Hierher!« brüllte Souder. »=For Gods sake= -- kommt hierher!!« - -Der Korporal sprang herbei und prallte zurück, als die Verwesungsluft -ihm ins Gesicht schlug. - -»Wo -- wo?« stotterte er. - -Wir deuteten, und er sah die Greuel in der Erde. - -»Schnell!« schrie er seinen Leuten zu. »Mein Gott -- schnell, Jungens! -Erde drauf!« - -Und die Schaufeln der schweißbedeckten Soldaten fuhren in die Erde. -Dicht neben Leibern und Gliedern. Sie arbeiteten wie Wahnsinnige. Sie -arbeiteten für sich selber. Sie wollten befreit sein von dem Anblick, -von der Unerträglichkeit. Ein großer Lehmklumpen fiel hart geworfen, -schwer, klatschend auf den verwesenden Kopf nieder -- - -Da rannten wir zurück auf den Weg, der Sergeant und ich, und rannten -weiter und liefen noch ein gutes Stück weit -- bis uns der Atem ausging. - -»Das -- das waren gestern noch lebendige Menschen!« keuchte Souder, -als wir einen Augenblick stehenbleiben und rasten mußten. »Junge -- -lebendige -- Menschen -- =my God, my God=, so könnten wir jetzt auch -daliegen, du und ich! Und du müßtest dich vor mir ekeln, wenn ich es -wäre, und ich mich vor dir, wenn es dich getroffen hätte -- =my God=!« - -Auf dem kurzen Weg zu unserer neuen Linie sahen wir noch vier halb -bloßgelegte Leichen. Alle dicht am Weg. Unter den Bäumen und im -Gestrüpp mußten noch Dutzende und Aberdutzende liegen; Hunderte -vielleicht, denn der Verwesungsgeruch lag schwer überall in der Luft. - -So sah es aus auf dem Feld der Ehre -- am andern Tag ... - - * * * * * - -Dicht am Fuß des San Juan-Hügels trafen wir auf die Linie. Die -Ballonmannschaften waren bereits fertig mit ihrer Arbeit. Dem Draht -folgend, der straff von Baum zu Baum gespannt war, hatten wir bald -das Hauptquartier des linken Flügels erreicht und sahen zwischen den -Zelten das Ende des Isolierdrahts von einem dicken Busch baumeln. -Wir schalteten ein, meldeten uns und erfuhren, daß unsere Station -dienstlich Nummer 4 heiße -- =S O= 4. Die neue Blockhausstation war -=S O= 3, El Pozo =S O= 2, das Hauptquartier, das nicht vorgeschoben -wurde, sondern auf dem alten Platz verblieb, =S O= 1. Wir machten aus -unseren Zeltwänden und den Gummidecken ein geräumiges Zelt zurecht. -Umherliegende leere Munitionskisten gaben einen Tisch und Stühle. - -Das Hauptquartier der Brigade lag auf einem schmalen Streifen Grasland -mit vielen Bäumen, dicht an die steil aufragende Hügelwand gedrängt -und binnen fünfzig Schritt vom San Juan-Flüßchen begrenzt, das in -weiter Krümmung hinter dem Hügel dahinfloß. Unser Zelt stand auf einer -schrägen Stelle dicht im Wasser, nicht weit von den beiden großen -Zelten des Generals und seiner Adjutanten. Dann und wann krachte oben -auf dem Hügel ein Schuß. - -In die steile Hügelwand waren Stufen geschaufelt worden. Wir -kletterten hinauf, um den General zu suchen, der irgendwo oben in -den Schützengräben war, und uns bei ihm zu melden. Die rohe Treppe -verlief in einen breiten Gang, so tief ausgegraben, daß die hohen -Wände völligen Schutz vor feindlichem Feuer boten, wenn man sich ein -wenig duckte. Andere Gänge mündeten rechts und links ab. Die Kuppe -des Hügels war zerwühlt wie ein Ameisenhaufen. Der breite Hauptgang, -in dem wir standen, verlief schnurgerade zum Kuppenrand und mündete -dort in den eigentlichen Schützengraben, der sich weithin dehnte, -dicht besetzt mit hingekauerten Soldatengestalten. Gut zwei Meter -breit war der fast mannshoch ausgehöhlte Schützengraben. Eine breite -Erdstufe an der Vorderseite erlaubte den Schützen, bequem im Liegen -zu feuern. Sandsäcke in langen Reihen, markiert durch ausgestochene -Rasenstücke und Gezweig, verdeckten und sicherten die Schützenstellung. -Als wir den Kuppenrand erreicht hatten, kauerten wir uns vor eine der -schießschartenartig ausgehöhlten Oeffnungen in der Grabenwand -- sehr -vorsichtig, denn alle Augenblicke zischte es surrend über unseren -Köpfen dahin -- und spähten durch die Gläser auf das sonnenbestrahlte -Gelände. - -Dort, halbrechts vor uns, in verblüffender Nähe anscheinend, lag -Santiago de Cuba. Klar, scharf, grell traten einzelne Gebäude hervor; -ein riesiges, langgestrecktes, schneeweiß glitzerndes Haus vor allem, -über dem die Rote Kreuz-Flagge wehte. Andere Gebäude sahen selbst -in meinem guten Glas undeutlich und nebelhaft aus. Ich schätzte die -Entfernung auf vielleicht anderthalb Kilometer. Eher weniger. Zwischen -Hügeln und Stadt erstreckte sich buschiges Gelände mit vereinzelten -Grasflecken und Baumgruppen. Die Hügelwand senkte sich vom Kuppenrand -dem Feind zu ziemlich steil in eine Niederung mit vielem Gestrüpp. In -einer Entfernung von zweihundert Metern waren im Gras und zwischen den -Büschen da und dort verdächtige Flecke zu sehen, bald gelblich hell, -bald dunkel und schwarz. Das mußte Erde von Schützengräben sein, und -dort mußte der Feind liegen. - -General Bates, der Befehlshaber des linken Flügels, war im -Schützengraben weiter rechts, wie uns ein Korporal sagte, den wir -befragten. Wir liefen hinter den Schützenreihen entlang und meldeten -uns bei dem General. Der alte Herr, der mit einigen Offizieren im -Graben kauerte, grüßte dankend und sagte zu einem Adjutanten: - -»Mr. Jameson, weisen Sie dem Signalsergeanten eine Ordonnanz zum -Ueberbringen von Meldungen zu. =Allright=, Sergeant, Sie können zur -Station zurückkehren. Senden Sie mir, bitte, sofort Nachricht, sobald -Sie Privattelegramme nach den Vereinigten Staaten annehmen dürfen.« - -Kaum waren wir wieder beim Instrument, so lief die erste Depesche ein: - -»General Shafter wird um fünf Uhr die Stellung besichtigen und ersucht -General Bates, einen Offizier zur Führung nach dem Blockhaushügel zu -senden.« - - * * * * * - -Es war nach acht Uhr abends und still überall. Souder und ich saßen -rauchend vor unserem Zelt, dicht am niederen Eingang; schweigend, damit -wir das leise Anrufen des Taschenapparats sofort hören konnten. Ueber -uns glitzerte und strahlte in unsäglicher Pracht der Sternenhimmel; -milchig, sprühend in weißer Glut in Milliarden von zitternden, bebenden -Lichtpunkten. - -Da fiel ein Schuß. Ein zweiter, ein dritter ... In rascher Folge -knallte es scharf dröhnend in der stillen Nacht. Und mit einemmal -peitschte der Schall förmlich daher in donnerndem Klang, in Tausenden -von Schüssen, in schweren Salven, in rasselndem Schnellfeuer. - -Der General stürzte aus dem einen Zelt, die Adjutanten aus dem anderen, -und Hals über Kopf rannten sie zur Hügelwand, zur Erdtreppe, laufend -wie Jungens. Ich saß mit offenem Munde da, so überraschend plötzlich -war der Höllenlärm gekommen. Hoch über meinem Kopf zischte es dröhnend, -surrend, brausend daher. - -Zwei Armeen schossen aufeinander in tiefer Nacht. Die Spanier griffen -an. Ein schweres Nachtgefecht hatte begonnen. - -Wir krochen ins Zelt und warteten in atemloser Spannung auf -Nachrichten. Das Gewehrfeuer dauerte in ununterbrochener Heftigkeit -fort. Souder griff wohl zehnmal nach dem Taster, zog aber immer wieder -die Hand zurück, denn er wagte es nicht, in so ernster Zeit der -Blockhausstation mit einer privaten Anfrage zu kommen. Endlich klickte -es nach einigen Minuten, und eine Depesche vom Höchstkommandierenden an -General Bates lief ein, mit dem Befehl, telegraphische Meldung über den -Stand des feindlichen Nachtangriffs zu erstatten. Fast gleichzeitig kam -ein Adjutant und brachte ein lakonisches Telegramm zur Weitergabe an -General Kent, an die Blockhausstation: - -»Was -- bedeuten -- die -- Feuer?« - -Als jedoch der Sergeant den Schlüssel öffnete und den Taster ergriff, -klickten die metallenen Stäbchen nur matt, tonlos beinahe -- _die -Verbindung war unterbrochen_! Mit einem grimmigen Fluch schob er den -Schlüssel wieder zu. - -»=Break in the line=!« sagte er kurz. »Sind abgeschnitten! Bring' dem -General das Telegramm, melde ihm, daß die Linie nicht funktioniert, und -bitte um Orders!« - -In langen Sätzen sprang ich die Erdstufen hinan, eilte durch den tiefen -Hauptgang und war in den Schützengräben. Dicht an die Wände gekauert -lagen die regulären Infanteristen in langen Reihen da, und in endlosem -Geknatter hallten ihre Schüsse in die Nacht hinaus. Offiziere rannten -ab und zu und befahlen immer wieder gellend: - -»Niedrig halten -- niedrig halten, Leute! Zweihundert Yards -- auf die -schwarze Gestrüpplinie -- dort, wo es am dunkelsten ist -- niedrig -halten!« - -Und über die Wälle der Gräben kam es in schweren Lagen vom Feind -dahergepfiffen, bald hoch in der Luft, wie es schien, bald verzweifelt -nahe. Feuerschein rötete den Sternenhimmel. Weit rechts von der -belagerten Stadt flammten am Himmelsrand wie glühende Sonnen gewaltige -Feuer an drei Stellen, höher das eine als die beiden anderen. Unten im -Tal leuchtete es dann und wann winzig auf wie Glühwürmchenschein ... - -»=Fix bayonets!=« brüllte irgend jemand irgendwo, und klirrend fuhren -die Eisen auf die Gewehrläufe. - -Am Ende des Hauptgangs fand ich den General. Er sah mich sofort und -fragte kurz: - -»Nachrichten? Was gibt's, Mann?« - -Ich überreichte die Depesche vom Hauptquartier und meldete die -Unterbrechung der Linie. - -»Was? Der Draht funktioniert nicht?« rief der alte Herr scharf. »Sie -müssen sofort los und unter allen Umständen den Fehler finden. Die -Verbindung muß schleunigst wiederhergestellt werden. Können Sie das?« - -»Ich glaube ja, General. Die Linie bis zur Blockhausstation ist nur -kurz und unschwer abzusuchen.« - -»Im Dunkeln?« - -»Wir haben Magnesiumfackeln.« - -»Gut. Machen Sie sich unverzüglich an die Arbeit. Haben Sie Anschluß, -so senden Sie General Shafter diese Depesche.« Die Meldung an das -Hauptquartier, die mir der General nun diktierte, hatte ungefähr -folgenden Inhalt: Nordwestlich von Santiago brennen drei große Feuer -auf den Hügeln. Was diese Signale bedeuten, ist nicht bekannt. Das -feindliche Gewehrfeuer scheint von den spanischen Schützengräben zu -kommen. Wahrscheinlich steht ein Angriff bevor. - -Ich kugelte beinahe die Erdstufen hinab, in solcher Eile war -ich, denn die allgemeine nervöse Erregung da oben auf den Hügeln -über das unheimliche nächtliche Gewehrfeuer hatte mich gründlich -angesteckt. Souder hatte das Tascheninstrument und Ersatzdraht -bereits hergerichtet. Dicht beim Adjutantenzelt stand, an einen Busch -angebunden, ein Maultier. - -»Nimm das Maultier!« sagte der Sergeant. »Du kommst schneller vorwärts -dann!« - -Und ich kletterte in den infam unbequemen hölzernen Packsattel, -schlug dem Tier die Hacken in die Seite, und los ging es. Es war -ein abscheulicher Ritt, wenn er auch nur eine knappe Viertelstunde -dauerte. Wir hatten nur noch eine einzige Magnesiumfackel in unseren -Tornistern gefunden, und die mußte aufbewahrt werden zur Arbeit -an der Bruchstelle. So ließ ich alle paar Schritte ein Zündholz -aufflammen und starrte in dem schwachen Lichtschein zur Linie hinauf, -ob sie noch straff gespannt war. Dabei bockte das Biest von einem -Maultier fortwährend. Obendrein war der eckige Holzsattel das reine -Folterinstrument. Auf einmal -- - -»Halt! Ha -- aalt!« - -»=Friend=!« schrie ich. - -»Losung!« - -Zum Teufel -- ich hatte die Losung nicht! In meiner Verwirrung dachte -ich darüber nach, was ich antworten sollte ... da knallte es, und eine -Kugel pfiff dicht an meinem Kopf vorbei. - -»Du verdammter Lümmel!« brüllte ich in unbeschreiblicher Wut. »Wenn du -noch einmal schießt, hau' ich dir alle Knochen kaputt, =you son -- of --- a -- gun= -- du ballernder Sohn einer alten Kanone! Hier -- ist -- -Signalkorps! Bei der Arbeit! Hörst du, du Narr!« - -Und auf dem ganzen Ritt hörte ich Kugeln pfeifen. Auf den Hügeln wurde -geschossen, vom Feind her kam es, und hinter den Hügeln schoß man erst -recht. Das nächtliche Feuern hatte die Menschen verrückt gemacht. Sie -verloren den Sinn für Richtung. Sie witterten einen Feind in jedem -Geräusch, ob das nun vor ihnen war oder hinter ihnen, und blafften -schleunigst darauf los. Mindestens sechs, sieben Mal ist auf mich und -das alte Maultier geschossen worden in jener Nacht. - -Ziemlich in der Nähe der Blockhausstation erst fand ich den Bruch an -einer niedrigen Stelle, zwischen zwei Büschen. In drei Minuten war der -Schaden ausgebessert, und ich gab meine Meldungen auf. Klickend kam es: - -»Von General Kent. -- Feind greift nicht an. Nichts Neues.« - -»Von General Lawton. -- Nichts Neues. Falscher Vorpostenalarm.« - -»Vom Hauptquartier. -- Was -- bedeuten -- Feuer? Sofort Bericht!« - -Langsam begann das Gewehrfeuer abzuflauen. In gestrecktem Galopp jagte -ich zur Station zurück ------ - - * * * * * - -Was die flammenden Holzstöße auf den Bergen bei Santiago bedeutet -hatten, erfuhren wir erst viele Wochen später. Es waren verabredete -Signale, die die Ankunft von 3000 Mann Verstärkungen für die Spanier -unter General Escario bedeuteten. Die Frage, ob es sich bei dem -heftigen Feuer in der Nacht zum 3. Juli nur um nervöses Geschieße oder -um den wirklichen Versuch einer Nachtattacke der spanischen Truppen -handelte, ist nie gelöst worden. - - - - -Der Untergang der spanischen Flotte. - - Jubel in den Schützengräben. -- Der Hafen von Santiago de Cuba. -- - Das Felsentor. -- Castillo del Morro. -- Das Warten, das Lauern! -- - Die Heldentat des Leutnants Hobson. -- Durchbruch des spanischen - Geschwaders. -- Die Seeschlacht. -- Die Hölle der fünfunddreißig - Minuten. -- Eine kleine Yacht schießt zwei Zerstörer in den Grund. - -- Eine Merkwürdigkeit in der Geschichte des Seekriegs. -- Der Mann - im Kommandoturm und der Mann hinter der Kanone. -- Was von der - Gespensterflotte übrig blieb. - - -Um elf Uhr nachts wurde es still oben in den Schützengräben und drüben -beim Feind. Das Instrument klickte leise und perlte in eiligen Punkten -und Strichen Wort auf Wort und Satz auf Satz hervor -- Anfragen -vom Hauptquartier, ob über die Bedeutung des Feuerscheins etwas -bekanntgeworden sei; Befehle, die Vorposten zu verstärken und in keinem -Fall die Schützengräben zu verlassen. - -»Leg dich hin! In drei Stunden wecke ich dich!« brummte Souder. - -In wenigen Minuten war ich eingeschlafen -- und dann weckte mich -der Sergeant -- und dann träumte ich vor mich hin und die Stunden -vergingen, ohne daß wir angerufen wurden -- und dann weckte ich -wieder ihn -- und so trieben wir es bis in den hellen Morgen hinein, -glückselig, endlich einmal gründlich schlafen zu können. - -Die Ordonnanz hatte uns Kaffee und gebratenen Speck und Zwiebäcke vom -Kochfeuer des Stabs geholt. Die unteren Wände unseres kleinen Zelts -schlugen wir hoch, Luft und Sonne hereinzulassen, denn prachtvolles -Tropenwetter hatte dieser Sonntag Morgen gebracht, hell und sonnenfroh -mit kräftigem Wind, der das Feuchte und Dumpfige der Hitze wie zaubernd -hinwegfegte. - -»=hr hr hr!=« - -Wir beugten uns beide über den Apparat und lasen staunend die Depesche -vom Hauptquartier, die kurz befahl, die Feindseligkeiten einzustellen, -da der Höchstkommandierende Santiago zur Kapitulation aufgefordert und -das Bombardement der Stadt angedroht habe! -- Souder rannte nach dem -Zelt des Generals. - -Nun verging Stunde auf Stunde in gespanntem Warten. Da, Mittag mochte -es sein, klickte es scharf und eilig -- =S O 4 -- S O 4= ---- - -»=hr -- hr -- rrrrrssssss ---- hr!=« - -Und die Augen traten uns fast aus dem Kopf, denn das surrende Sausen im -Magneten bedeutete, daß der Geber drüben auf =S O 3= in fieberhafter -Ungeduld den Taster tanzen ließ, und es sagte so deutlich, als hätte -er es uns in die Ohren geschrien: Wichtig -- aufpassen, aufpassen -- -wichtig über alle Maßen! - -»Sie haben kapituliert!« flüsterte Souder. - -Ganz langsam und klar kam es: - -»General Bates. -- Flottenmeldung. Das spanische Geschwader ist -vernichtet. Cervera gefangen. Sämtliche feindlichen Schiffe sind -zerstört. Die amerikanischen Geschwader haben weder Schiff noch Mann -verloren. -- Shafter.« - -Wir starrten uns an und waren sekundenlang wie gelähmt von dem -gewaltigen Eindruck der wenigen gewaltigen Worte. Dann riß der Sergeant -das Telegrammformular an sich und sprang in mächtigen Sätzen zum Hügel, -zum General, der kurz zuvor das Quartier verlassen und sich in die -Schützengräben begeben hatte. Ich blieb im Zelt und wartete krampfhaft -auf den nächsten Anruf. Aber der Klopfer rührte und regte sich nicht. -Da erklang es leise wie fernes Brausen in dumpfem, undeutlichem Klang -und doch machtvoll und stark, daß es einen im Innersten packte und -klopfenden Herzens lauschen ließ. Lauter wurde der Schall und immer -näher kam er. Und mit einem Male ergellte es droben auf unserem Hügel -in furchtbar schrillendem Stimmenklang aus Tausenden von Männerkehlen -in hellem Jubel -- das wilde amerikanische Hurra, den Indianern -abgelauscht in seinem schrillen Klang: - -Ii -- iii -- iih ... - -Urgewaltig. Furchtbar. Minutenlang dauerte das Gellen und das Gebrause. -Der Siegesjubel der Männer in den Schützengräben. Ich stand vor dem -Zelt und brüllte mit, wie betrunken, was Brust und Kehle nur hergeben -wollten. - - * * * * * - -Die Einfahrt zum Hafen von Santiago de Cuba ist einer der schönsten -Flecke der Welt. Ungeheure Felsenmassen ragen aus tiefblauem Meer -in tiefblauen Himmel empor, steil abfallend, und spalten sich in -winziger Enge, einem Meeresarm Durchlaß zu gewähren, so schmal, daß -zwei große Seeschiffe nicht nebeneinander die Einfahrt wagen können. -Es sieht aus, als hätte das Meer einst in Arbeit von Jahrhunderten -seinen Weg hineinfressen müssen in die Felsen und sich die lange -schmale Wasserstraße bahnen, die erst nach vier Seemeilen sich zu der -gewaltigen Bucht weitet, an deren Ostrand Santiago de Cuba liegt. -Droben auf den Felsen bei der Einfahrt klebt in schwindelnder Höhe -ein uraltes, spanisches Festungswerk, das Castillo del Morro, mit -altertümlichen Bastionen und Felsentreppen und verwitterten Mauern. - -Jetzt dröhnten um Felsennest und alte Burg und blaues Meeresgestade -seit Wochen schwere Schiffsgeschütze. - -In der Bucht von Santiago hatte das spanische Geschwader des Admirals -Cervera Anker geworfen und ergänzte krampfhaft seine Kohlenvorräte -aus den kümmerlichen Hilfsmitteln der verlotterten spanischen -Hafenverwaltung, während in den Maschinenräumen die Ingenieure -fieberhaft klopften, hämmerten, reparierten. Draußen aber vor -der Felsenenge lagen Tag und Nacht die Panzer des amerikanischen -Geschwaders -- wartend, lauernd -- lauernd, wartend ... Denn jeden -Augenblick konnte die spanische Flotte zwischen den Felsenwänden -hervorbrechen. Noch war die Gespensterflotte eine ständige Drohung und -eine stete Gefahr. - -Die Hafeneinfahrt zu erzwingen schien unmöglich. Wenn auch die -altmodischen Geschütze des alten Kastells nicht viel taugten, so -schützten die Einfahrt doch zwei moderne Batterien auf den Felsen und -zahllose Seeminen. Die Amerikaner begnügten sich damit, die dicken -Mauern des alten Forts und die Batterien immer wieder zu bombardieren, -aber ohne viel Schaden anzurichten. Freilich machten sie schon in -den ersten Tagen der Blockade einen tollkühnen Versuch, die schmale -Hafeneinfahrt so zu versperren, daß dem spanischen Geschwader ein -Passieren unmöglich würde. - -Der Plan wurde von dem Marineleutnant Hobson erdacht und durchgeführt. -Ein großer Kohlendampfer, der »Merrimac«, ein hundertundzwanzig Meter -langes Schiff, sollte der Türriegel des Felsentors werden. Seine -Unterwasserventile und besonders gebohrte Löcher unter der Wasserlinie -wurden nur leicht geschlossen und durch hölzernes Hebelwerk so -schwach gestützt, daß die Erschütterung einer schweren Explosion die -Verschlüsse wegfegen und das Schiff sofort zum Sinken bringen mußte. Im -Schiffsraum am Bug wurden Sprengladungen angebracht, die von der Brücke -aus elektrisch entzündet werden konnten. Hobson wollte den »Merrimac« -mitten in die Felseneinfahrt steuern, wenden, und das Schiff in der nur -hundert Meter breiten und wenig tiefen Einfahrt sinken lassen. So daß -es wie ein Querdamm die schmale Wasserstraße sperrte. Das Unternehmen -mußte aller Voraussicht nach das Leben der Männer kosten, die diesen -schwimmenden Türriegel lenkten. - -Am 3. Juni kam der waghalsige Plan zur Ausführung. Der »Merrimac« -mit Leutnant Hobson und sieben Freiwilligen bemannt, fuhr in voller -Fahrt der Felsenenge zu und erhielt furchtbares Feuer von Morro, den -Batterien auf den Felsen und dann, als er die Einfahrt erreichte, auch -von zwei spanischen Kreuzern, die in einer Krümmung der Wasserstraße -verborgen waren. Nur ein einziger Schuß traf. Aber dieser eine Schuß -zerschmetterte das Steuerruder des »Merrimac« in dem Augenblick, als -Hobson die Mine springen ließ. Die Wendung, die das sinkende Schiff -ausführen sollte, wurde dadurch unmöglich, der »Merrimac« trieb -noch ein Stück weit dem Felsenufer zu und sank dicht am Strand, die -Fahrtrinne freilassend. Der Plan war mißglückt. Leutnant Hobson und -die Mannschaft waren wie durch ein Wunder unverletzt geblieben und -konnten in das Boot springen, das der »Merrimac« mit sich schleppte. -Aber ein Entkommen war unmöglich, und sie mußten sich der Pinasse eines -spanischen Kriegsschiffs gefangen geben. - -Wieder begann das Warten und das Lauern, das Lauern und das Warten ... - -Nach der Schlacht vom San Juan-Hügel wurde die Lage des spanischen -Admirals unerträglich. Siegten die amerikanischen Truppen zu Lande, so -mußte die Kapitulation von Santiago de Cuba die unrühmliche Uebergabe -seines starken Geschwaders nach sich ziehen, ohne daß es sich ernstlich -mit dem Gegner gemessen hatte. - -Admiral Cervera beschloß den Durchbruch. - -Als im Morgengrauen des 3. Juli das Morrokastell meldete, daß das -amerikanische Schlachtschiff »Massachusetts« verschwunden sei und der -Panzer »New York«, das Flaggschiff des amerikanischen Admirals Sampson, -nach Osten dampfe, hielt er die Gelegenheit für günstig. - -Das spanische Geschwader bestand aus den vier großen Schlachtschiffen -»Infanta Maria Teresa«, »Almirante Oquendo«, »Viscaya« und »Cristobal -Colon«, sowie den beiden schnellen Torpedobootzerstörern »Pluton« und -»Furor«. Die beiden amerikanischen Geschwader der Admirale Sampson und -Schley aus den großen Schlachtschiffen »Massachusetts«, »New York«, -»Iowa«, »Indiana«, »Oregon«, »Texas«, »Brooklyn« und einer Reihe von -Hilfsschiffen. Die »Massachusetts«, die nach Guantanamo gedampft war, -um ihre Kohlenvorräte zu ergänzen, und die »New York«, die Admiral -Sampson zu einer Besprechung mit General Shafter in Siboney landen -sollte, kamen für den Kampf vorläufig nicht in Betracht. - -Vor der Felseneinfahrt lagen, zwei Seemeilen entfernt, in ungeheurem -Bogen die amerikanischen Schlachtschiffe. Um halb zehn Uhr morgens -erschien die »Maria Teresa«, das Flaggschiff des spanischen Admirals, -in der Felseneinfahrt. In Abständen von 800 Metern folgten die übrigen -spanischen Schlachtschiffe und viel später erst, aus irgend einem -unerklärlichen Grunde, die beiden Torpedobootzerstörer. Sie brachen -in rasender Fahrt hervor. Der Kesseldruck war vor dem Auslaufen -durch künstliche Mittel aufs äußerste gesteigert worden, während die -amerikanischen Schiffe unter kleinen Feuern dalagen, wie sie gelegen -hatten seit vielen Wochen. In langer Linie wandte sich die spanische -Flotte nach Westen und eröffnete sofort das Feuer. - - * * * * * - -Der Kampf, der sich nun abspielte, liest sich in unseren Zeiten der -Dreadnoughts und des sorgfältigen Abwägens von Schiff gegen Schiff, -Geschütz gegen Geschütz, Gefechtswert gegen Gefechtswert wie ein schwer -zu glaubendes Märchen. Mag der Kriegswissenschaftler auch einwenden, -daß die spanischen Schlachtschiffe vom Maschinenraum bis zu den -Geschützen sich in einem Zustand schlimmer Vernachlässigung befanden, -das Märchen bleibt. In seiner Gesamtheit war das Ende des Kampfes -vielleicht vorherzusehen -- in seinen erstaunlichen Einzelheiten -niemals. - -Die spanische Flotte ließ das amerikanische Geschwader bald weit -hinter sich zurück, und nur ein einziges amerikanisches Schiff, -die »Brooklyn«, hatte Dampf genug, zu folgen. Eine Viertelstunde -lang schien es, als sei der waghalsige Durchbruch geglückt. Die -»Brooklyn« ertrug das gesamte Feuer der vierfachen Uebermacht allein, -und die Schüsse der anderen amerikanischen Schiffe mußten auf so -große Entfernungen abgegeben werden, daß sie sehr wenig wirksam -waren. Aber der künstlich gesteigerte Dampfdruck der Spanier ließ -bald nach, während in den amerikanischen Maschinenräumen fieberhaft -gearbeitet wurde. Langsam verringerten sich die Entfernungen, und die -Schlacht begann. Die »Oregon« kam an die feindliche Linie heran, -dann die »Texas«, und ein furchtbarer Granatensturm fegte über die -spanischen Schiffe. »Maria Teresa« und »Almirante Oquendo«, die von -ihren Genossen, der »Viscaya« und dem »Colon«, überholt worden waren -und nun als letzte in der Linie dampften, standen in zwanzig Minuten -lichterloh in Flammen, schwer getroffen, kampfunfähig. Treffer in -den Geschütztürmen hatten ein entsetzliches Blutbad unter ihren -Mannschaften angerichtet. Die beiden Schiffe waren verloren. - -Langsam wandten sie sich der Küste zu und liefen auf den Strand, -zerfetzt, zerschossen, brennend. - -Das war fünfzehn Minuten nach zehn Uhr. Fünfunddreißig Minuten hatten -den gewaltigen Kriegsmaschinen den Garaus gemacht. Fünfunddreißig -Minuten in einer Hölle von Flammen und Verderben. Viele der spanischen -Matrosen sprangen in ihrer Todesangst über Bord und versuchten, an Land -zu schwimmen. Doch kubanische Insurgenten, die in der Nähe des Strandes -kampierten, waren herbeigelaufen und feuerten erbarmungslos auf die -Unglücklichen im Wasser, bis ein amerikanisches Schiff Mannschaften -landete und die Bestien mit dem Bajonett vertrieben wurden. - - * * * * * - -Zwanzig Minuten nach den vier spanischen Schlachtschiffen waren die -beiden schnellen Torpedobootzerstörer »Pluton« und »Furor« zwischen den -Felsenwänden erschienen und von den amerikanischen Schlachtschiffen -»Iowa« und »Indiana« beschossen worden, die aber ihr Hauptaugenmerk -auf die großen spanischen Panzer richten mußten. Die Zerstörer wurden -schwer beschädigt, waren aber nicht kampfunfähig. Vernichtet wurden sie -durch -- ein winziges, ungepanzertes, amerikanisches Schifflein, eine -kleine Yacht, die eine einzige Granate zerfetzt hätte. - -_Admiral Plüddemann_ schreibt in seinem Werk »_Der Krieg um Kuba_«: - -»Immerhin lag die Gefahr vor, daß sich die Zerstörer vermöge ihrer -großen Schnelligkeit dem Feuerbereich der Schiffe bald entziehen -würden. Da trat die »Gloucester« in Aktion. Dieses Fahrzeug war vor dem -Kriege eine Privatyacht mit Namen »Corsair« gewesen, es hatte eine hohe -Geschwindigkeit und war durch Armierung mit Schnell-Lade-Kanonen in -einen, sozusagen, Hilfstorpedobootszerstörer verwandelt worden. - -Als die ersten Schiffe in der Hafeneinfahrt erschienen, dampfte -»Gloucester« mit mächtiger Fahrt darauf zu und ließ den Dampfdruck hoch -gehen, da das Erscheinen auch der Zerstörer mit Sicherheit zu erwarten -war. Als diese etwa zwanzig Minuten später herauskamen, dampfte sie mit -17 Knoten Fahrt darauf zu, engagierte die schon durch die Panzerschiffe -schwer Beschädigten dann auf nahe Entfernung und zerschoß sie, ohne -selber getroffen zu werden, dermaßen, daß der »Furor« 15 Minuten nach -dem Auslaufen bei einem letzten Versuch, die Hafeneinfahrt wieder zu -gewinnen, in sinkendem Zustande auf den Strand gesetzt wurde, während -der »Pluton« wenige Minuten später in tiefem Wasser sank. »Gloucester« -rettete, was noch an Menschenleben zu retten war und mit den Wellen -kämpfte, und folgte dann den Panzerschiffen.« - -Das Wunder war geschehen. Eine kleine ungeschützte Yacht, die trotz -ihrer Schnellfeuerkanonen den Namen eines Kriegsschiffs nicht -verdiente, und von der niemals mehr erwartet worden war, als das -Aufbringen von Handelsschiffen mit Kontrebande, hatte zwei spanische -Zerstörer in den Grund geschossen, die ihr einzeln schon in jeder -Beziehung weit überlegen waren. - -So hatte eine kleine halbe Stunde zwei Schlachtschiffe des spanischen -Geschwaders und zwei schnelle Zerstörer von hohem Gefechtswert -vernichtet. Uebrig blieben die Schlachtschiffe »Viscaya« und »Cristobal -Colon«. - -Der »Cristobal Colon« schien als einziges spanisches Schiff dem -Verderben zu entrinnen, denn seine Geschwindigkeit wurde immer größer, -und bald war er außer Gefechtsweite weit draußen auf dem Meer. Auf die -unglückliche »Viscaya« aber konzentrierte sich nun das Feuer von drei -amerikanischen Panzern: »Brooklyn«, »Oregon« und »Texas«. - -Binnen wenigen Minuten kam das Ende, wie es kommen mußte. Das schwer -verwundete Schiff schleppte sich brennend dem Strande zu und lief -auf. In diesem Augenblick erfolgte eine furchtbare Explosion, die das -vordere Drittel der »Viscaya« in Fetzen zerriß. Ein Torpedo entweder, -der schußbereit im Lancierrohr lag, oder eine Munitionskammer war -von einer amerikanischen Granate getroffen worden. Die gräßlichen -Szenen beim Stranden der »Infanta Maria Teresa« und des »Almirante -Oquendo« wiederholten sich. Halbverbrühte, schwerverwundete Männer, -die beinahe wahnsinnig geworden waren in der Todesangst dieser Minuten -in der Hölle, kämpften zu Hunderten in den Fluten -- und aus den -amerikanischen Feinden wurden warmherzige Lebensretter, die Hals über -Kopf die Boote bemannten. Nicht nur fischten sie die Unglücklichen in -den Wellen auf, sondern sie holten unter schwerster Lebensgefahr die -armen Verwundeten aus den brennenden spanischen Schiffsräumen, deren -Munitionskammern jeden Augenblick in die Luft fliegen konnten. Admiral -Cervera, schwer verwundet, wurde unter feierlicher Stille an Bord eines -amerikanischen Panzers geleitet und mit militärischen Ehren empfangen. -Mannschaften und Offiziere salutierten stumm, als er seinen Degen dem -Sieger hinreichte. Sämtliche Kommandeure der spanischen Schlachtschiffe -waren verwundet worden; zwei, der Kommandant der »Maria Teresa« und der -Chef der Zerstörerflottille, hatten den Tod gefunden. - - * * * * * - -Unterdessen war in jagender Fahrt die »New York« mit Admiral Sampson -auf dem Kampfplatz erschienen. Sie folgte der »Brooklyn«, der -»Oregon«, und der »Texas«, die Oel feuerten und in immer größerer -Geschwindigkeit dem »Cristobal Colon« nachjagten. Ueber zwei Stunden -dauerte die Verfolgung. Um 12 Uhr 50 Minuten waren die »Brooklyn« und -die »Oregon« so nahe an den Feind herangekommen, daß das Feuer eröffnet -werden konnte. Der Kapitän des »Colon« sah, daß das Schicksal seines -Schiffes besiegelt war. Um den »Colon« dem Feind zu entziehen, ihn zu -vernichten und doch die Mannschaft zu retten, wandte auch er und lief -in sausender Fahrt auf den Strand. Der »Cristobal Colon« sank in sieben -Meter tiefem Wasser. - -So war die Seeschlacht von Santiago de Cuba geschlagen und das -spanische Geschwader bis auf das letzte Schiff zerstört. - -Hunderte von Menschenleben und Millionen und Abermillionen an -schwimmendem Kriegsmaterial hatten die wenigen Minuten dem spanischen -Königreiche gekostet. Die Tabellen der Verluste der beiden -Flotten lesen sich wie eine Fabel. Vier gewaltige Panzer und zwei -Zerstörer hatte der Tag Spanien geraubt -- von den amerikanischen -Schlachtschiffen war kein einziges schwer beschädigt oder auch nur -so verletzt worden, daß es seine Gefechtsfähigkeit beeinträchtigt -hätte! Sechshundert spanische Matrosen waren im Kampf getötet worden -oder in den Fluten ertrunken, hundertfünfzig Schwerverwundete und -vierzehnhundert Gefangene, von denen viele verwundet waren, nahmen die -amerikanischen Schiffe auf. - -_Die Amerikaner aber hatten nur einen einzigen Toten und einen einzigen -Verwundeten, beide auf der »Brooklyn«!_ - -Ein Märchen. Ein Wunder. Eine kaum glaubliche Merkwürdigkeit in der -Geschichte des Seekriegs, die gar nachdenklich stimmen mag. Nicht -Panzerwerte und Geschützzahl allein sind es, die eine Seeschlacht -entscheiden, sondern der Mann im Kommandoturm und der Mann hinter der -Kanone. - -Zwei Monate später, als ich an Bord eines der letzten Truppendampfer, -die Santiago de Cuba verließen, staunend die Schönheit von Felsennest -und alter Burg und blauem Meeresgestade bewunderte, sah ich am Strand -des Felsentors den »Furor«. Wenige Minuten später kamen die Wracks der -»Viscaya« und des »Almirante Oquendo« in Sicht. Der »Cristobal Colon« -war einige Tage nach der Schlacht völlig gekentert. Die »Infanta Maria -Teresa« hatten die Amerikaner zwar gehoben und notdürftig ausgeflickt, -aber während des Transportes nach den Vereinigten Staaten war sie bei -den Bahamas gestrandet und gesunken. - -Tropenfeuchtigkeit und Tropensonne hatten die armen Reste von -zerschossenem Stahl und zerfetztem Eisen, die nur wenige Meter über das -Wasser hervorragten, mit einem leuchtendroten Kleid von Rost überzogen. -Spitzige, zackige Stahlfetzen und Eisentrümmer überall. Unförmliche -verbeulte Stümpfe, die einst Schornsteine gewesen waren. - -Schlechtes altes Eisen. Das war übrig geblieben von der -Gespensterflotte. - - - - -In den Schützengräben. - - Von Siegesberichten und Sorgen. -- Ein Murren geht durch die - Schützengräben. -- Die Meinung des alten Sergeanten. -- Ungeduld! - -- Der Humor der Front. -- Krankheit und Schwäche. -- Die - berühmten kubanischen Leibschmerzen. -- Fieber und Ruhr. -- - Stimmungen und Verstimmungen. -- Ein Freudentag. -- Freund Billy - aus Wanderzeit und Eisenbahnfahrt. -- Zwei Gefechtstage. -- Wie - ich ein Held sein wollte. -- Der Friedensbaum. -- Die Kapitulation - von Santiago de Cuba. - - -Die Armee auf den Hügeln jubelte. - -Erst viele Wochen später, als Dampfer auf Dampfer Regiment auf -Regiment nach der amerikanischen Heimat zurückbrachte und die Männer -der Schützengräben sich gierig auf die alten Zeitungen stürzten, von -ihren eigenen Taten zu lesen, erfuhren sie zu ihrem großen Erstaunen, -daß die Ereignisse in den ersten Julitagen im Tal von Santiago de Cuba -den Leuten zuhause im Lande Gottes nicht nur glorreiche und höchst -übertriebene Siegesberichte gebracht hatten, sondern auch schwere -Sorgen. - -Sie lasen verblüfft, daß General Shafter nach der Schlacht am San -Juan-Hügel am Abend des 2. Juli nach Washington gekabelt hatte, die -Stellung des Feindes auf seiner zweiten Verteidigungslinie sei fast -unangreifbar und die Lage außerordentlich ernst, denn ein Vorgehen -müsse schwerste Verluste bringen ------ Sie lasen schmunzelnd, daß -der General, der die amerikanische Gesamtarmee kommandierte, General -Miles, dem kranken und überpessimistischen Shafter noch in der -gleichen Nacht lakonisch geantwortet hatte, er möge vor allem -- den -spanischen Befehlshaber zur bedingungslosen Kapitulation auffordern! -Das Bombardement der Stadt androhen, wenn General Toral sich weigere! -Sie lasen lachend, wie glänzend dieser echt amerikanische Bluff -gelungen war: Zwar hatten die Spanier die Uebergabe abgelehnt, aber -Waffenstillstand trat ein am 3. Juli und es begannen Verhandlungen, -die den Anfang vom Ende bedeuteten. Sie lasen noch manches mehr. Oft -vielleicht mit einem recht unbehaglichen Gefühl. Wie der Hunger ihnen -in der Schlacht geholfen hatte, ohne daß sie es wußten, denn die armen -Teufel von Spaniern waren schon Ende Juni auf halbe Rationen gesetzt -worden, weil das verrottete spanische Regierungssystem auf der Insel -sich um die Kleinigkeit der Verproviantierung einer Armee zufällig -nicht gekümmert hatte. Wie gewaltig stark die Drahtverhaue der zweiten -spanischen Stellung waren. Wie furchtbar hoch die Krankenzahl in der -amerikanischen Armee. - -Und sie fingen zu Hause an, viele Dinge zu begreifen, die sie nicht -begriffen hatten im Tal von Santiago de Cuba. - - * * * * * - -Ein Murren ging durch die Schützengräben. - -Hundertmal, wenn wir Depeschen auf den Hügel brachten, wurden -Souder und ich von den schmutzstarrenden, verwahrlosten Gestalten -im Graben angehalten und mit Fragen bestürmt, ob denn nichts sich -rege im Hauptquartier und wie die Dinge stünden und wann endlich der -Waffenstillstand zu Ende sein werde. Der verdammte Waffenstillstand! - -Da drüben war der Feind! Dort lag die Stadt, dort waren Häuser, in die -der Schandregen nicht eindringen konnte; dort gab es Betten, in denen -man schlafen, und Herde, auf denen man kochen konnte! Warum, weshalb im -Namen aller Vernunft verpfefferte man nicht drei Stunden lang das Gras -und das Gestrüpp da drüben mit allem, was Gewehre und Patronengürtel -nur hergeben wollten, und stürzte sich dann bergabwärts Hals über -Kopf auf die kleinen Männlein, die schon davonlaufen würden wie sie -davongelaufen waren von den Hügeln! - -Ein alter Sergeant der 5. Regulären, der oft zu unserem Zelt kam, zu -schwatzen, verkörperte die Stimmung in den Schützengräben ausgezeichnet: - -»Höll' und Teufel!« sagte er. »Ich werde nicht dafür bezahlt, mich mit -höherer Strategie zu befassen. Das überlass' ich dem jesuschristlichen -Dicken! Wenn mir befohlen wird, im Dreck herumzusitzen und mir alle -halbe Stunde die Jacke vollregnen zu lassen und so viel schlechten -Speck zu fressen, daß ich zeitlebens keinem anständigen Schwein mehr -ins Gesicht sehen kann, -- dann halt ich's Maul und gehorche. Aber -verdammt will ich sein, wenn ich's verstehe! Magazinfeuer, würd' ich -sagen -- Bajonett auf das alte Schießeisen -- und in fünfundzwanzig -Minuten wäre die alte Geschichte erledigt. Aber der Dicke muß es ja -wissen! Mir kann's recht sein. =Bye, bye=, Jungens! Laßt euch euren -Speck recht gut schmecken! Achtet auf eure Gesundheit!« - -Worauf wir ihm ergrimmt Lehmklumpen nachwarfen. Wer in diesen Tagen von -Speck und werter Gesundheit sprach, der war ein Raufbold, der boshaft -an die wundeste aller wunden Stellen rührte, und forderte tätlichen -Angriff heraus. - -So murrten die Männer in den Schützengräben. - -Ungeduldig waren sie wie Kinder und frech wie Spatzen. Aber das -Schimpfen klang immer noch lustig, und niemals lag in ihm der Ton -der Auflehnung. Man lachte mitten im Gezeter und nahm die harten -Entbehrungen nicht ernst, wenn sie es auch im Grunde waren, die die -Ungeduld gebaren. Man mußte warten -- man begriff nicht, weshalb in -Kuckucksnamen man solange warten mußte -- aber es würde schon kommen, -oh, es würde schon kommen ... Rührend war es in Wirklichkeit, mit welch -prachtvollem, trockenem Humor diese Männer ein Leben ertrugen, das in -seiner Härte so gar nichts Humoristisches hatte, und wie sie aus Jammer -und Elend immer und immer wieder die lustige Seite herauszufinden -wußten. Droben in dem breiten Hauptgang hatten sie einen Wegweiser -aufgestellt, auf dem in derben Lettern stand: - -»Revolver müssen beim Portier abgegeben werden (links -- Dreckstraße -Nr. 3), denn auf Befehl des kommandierenden Generals ist Schießen in -diesem Vergnügungslokal nicht gestattet! Nur Herren mit garantiert -anständigem und friedfertigem Benehmen haben Zutritt!« -- in blutigem -Hohn auf den Waffenstillstand. - -Ein anderes Schild beim Eingang eines besonders sumpfigen -Schützengrabens besagte grimmig: »Warnung! Angeln ist hier verboten!!« -Im Hauptschützengraben hatten sie auf Brettchen von Munitionskisten mit -irgend einer schwarzen Farbe, die sie gottweißwo aufgetrieben haben -mochten, allerlei Sprüche gemalt und die Brettchen in die Lehmwand -hineingesteckt wie Gedenktafeln: - -»Erzähle mir nicht, o Freund, daß du Bauchweh hast! Deine Symptome -interessieren mich nicht. Ich hab sie nämlich selber!« lachte ein -Spruch. - -»Und der Herr schuf Regen und Sonnenschein ... Für Kuba hat er seine -Schaffensfreudigkeit verdammt übertrieben!« hieß es auf einer anderen -Tafel. Ihre Nachbarin sagte: - -»Bist du schlechter Laune, so haue einen Insurgenten. Das ist gesunde -Bewegung für dich und macht aus dem Cubano vielleicht einen Menschen; -der Stecken lehnt hinten in der Ecke.« Das gab die Einschätzung, in der -Señor Insurgente bei der Armee stand, famos wieder! - -So sah der Humor der Schützengräben aus. Grimmiger, harter, verkrustet -trockener Humor war es, der ahnen ließ, wie zäh und kraftvoll die -Männer sein mußten, die in Krankheit und Schwäche lachen und sich über -ihren eigenen Jammer lustig machen konnten. Denn krank waren sie alle, -zum mindesten nicht gesund. - -Die Regenzeit Kubas hatte nun im Ernst begonnen. Tag für Tag, -dutzende Male oft in einem Tag, regnete es in tropischer Gewalt in -ungeheuerlichen Wassergüssen -- und der Viertelstunde klatschenden -Regens folgte ebenso ungeheuerliche Sonnenhitze, die mit der -verdampfenden Feuchtigkeit alle Miasmen aus dem Boden zog und Menschen -und Dinge in übelriechenden Dampf hüllte. Morgens und abends lagen -stundenlang dick und gelb zähe Nebelschwaden über dem Boden, kalt, -feucht und dumpfig. Selten verging eine Nacht ohne Regen, und dann -schliefen die Männer in den Schützengräben auf nassem Boden in nassen -Decken. Jetzt, in den Tagen der Waffenruhe, durfte zwar immer ein Teil -der Regimenter auf dem Gelände hinter den Hügeln Zelte aufschlagen, -aber die winzigen Soldatenzelte schützten nur wenig gegen diesen -Regen und gar nicht gegen Bodenfeuchtigkeit und Nebel. Die Kleider -faulten einem fast am Leib. Souder und ich schleppten zweimal im Tag -Wasser herbei aus dem San Juan und wuschen unsere Körper und irgend -ein Kleidungsstück, doch es nützte nichts. Seife hatten wir längst -keine mehr. Was das Ausrinsen im Wasser gut machte, verdarben wieder -in ein paar Stunden Regen und Schweiß. Starrer Schmutz war es, in dem -man lebte. Widerlicher Schmutz. Die Männer in den Schützengräben, die -nicht so viel Zeit und Gelegenheit zur Reinigung hatten wie wir, waren -noch schlimmer daran. Schmutz, Schmutz, überall Schmutz ... Die Nässe -verdarb rasch das Schuhzeug, so fest und derbe es war, und oft wurden -Patrouillen nach rückwärts zu den Hospitälern geschickt, um die Stiefel -der Schwerkranken und Gestorbenen zu holen. - -Immer gleich blieb die Nahrung. Speck, Hartbrot, Speck. Man weichte -die harten Zwiebacke auf, tat Zucker hinzu und Speckstückchen und -briet sich den breiigen Mischmasch. Trank höllenstarken Kaffee dazu. -Einmal kam eine Sendung Büchsenfleisch, aber es war verdorben. Derartig -schlechte Behandlung läßt sich auf die Dauer kein Magen gefallen. - -So rebellierten zuerst die Mägen. Langsam schlich sich Krankheit in -die Schützengräben. Kaum einen Mann gab es in der Front, der nicht -wenigstens an einer leichteren Form von Ruhr litt. Auch da noch half -der Humor, das Abschüttelnwollen körperlicher Schwäche, wie es in -junger Mannesart liegt. Die verschmutzten Männer lachten über die recht -unangenehmen und schmerzhaften Aeußerungen ihrer gestörten Verdauung -und machten lustige Witze, höchst unanständige Witze zumeist, über -das viele Aufgesuchtwerden der primitiven Stellen, die man in der -Zivilisation verengländert mit =W. C.= zu bezeichnen pflegt. Aber nach -und nach verspürte ein jeder immer kräftiger die üblen Folgen der -ewigen Magenbeschwerden und der Fieberanfälle, denen keiner entging. -Die schlechten Witze fingen an, gequält zu klingen. Das lustige -Lachen von gestern über das berühmte kubanische Bauchweh zog heute -nicht mehr. Die Gesichter wurden blaß, und der energische, springige -Gang der Regulären träge. Auf das Fieber hätte man schließlich -gepfiffen -- aber der Magen, der Magen! Bitter und gallig schmeckte -der schlechtgeröstete Kaffee, weil die halbzerstampften Bohnen ewig -lange sieden mußten. Der Speck schimmerte ölig und durchsichtig, denn -die Sonnenhitze hielt ihn ständig in schöner brühwarmer Temperatur. -Man konnte ihn bald nicht mehr sehen und nicht mehr riechen. Die -Schiffszwiebacke waren trocken kaum zu essen, und der fade Brei, der -sich höchstens aus ihnen bereiten ließ, wurde einem zum Ekel. Der -Magen, der Magen! Er war es, aus dem die üble Laune kam. - -Und die Stimmungen! - -Wenn ich in den Schützengräben nach dem General oder irgend einem -höheren Offizier suchte, schien es mir beinahe komisch, wie die sonst -so unverwüstlich derben und unverwüstlich lustigen Regulären nun auf -einmal Stimmungen unterworfen waren. Manchmal lagen sie faul und -apathisch da und ließen einen ruhig über ihre Leiber hinwegsteigen, -viel zu träge, sich zu rühren oder gar zu reden. Manchmal wieder konnte -das leiseste Gerücht, das Hoffnung auf Soldatenarbeit gab, oder der -unsinnigste Scherz sie blitzschnell aufrütteln. Als mich einmal ein -Korporal fragte, was denn los sei (ich trug ein Telegramm in der Hand), -antwortete ich ärgerlich: - -»Es ist Dienstgeheimnis und du darfst es nicht weiter sagen: Washington -telegraphiert, daß ein Dampfer mit einer neuen Speckladung abgegangen -ist!« - -»Pfui Deibel!« sagte der Korporal. - -Die Männer links und rechts von ihm lachten wie toll und erzählten -den mageren Witz weiter, der nun richtig die ganze Linie entlang -schallende Heiterkeit auslöste. - -Doch das Lachen war selten geworden. Ein jeder wußte, daß die Zeiten -bitterernst waren und ein grimmiger Feind die Hügel bedrohte, ein -schlimmerer Feind als die verachteten kleinen Männlein da drüben: -Krankheit, Fieber, Ruhr, Malaria. Und ein jeder gab sich Mühe, auf das -dumpfe Brausen in seinem Schädel frühmorgens im Nebel nicht zu achten -und auf die Schmerzen in Magen und Darm nach den Mahlzeiten. Weil -keiner krank werden _wollte_. - - * * * * * - -Souder und ich waren brummig oft, und übellaunig, und nicht weniger -ungeduldig als alle anderen. Weder ihm noch mir blieben die grimmigen -Leibschmerzen erspart, und er und ich wußten ganz genau, wie es -war, wenn einem nach übelriechender Nebelnacht die Fieberfliegen -im Kopf summten und man sich fluchend vom Sanitätssergeanten des -Brigadequartiers gewaltige Dosen Chinin geben ließ, die einem die -Ohren klingen machten. Aber die Linie, der Draht, das klappernde -kleine Instrument versorgten uns stets mit so viel Arbeit und so -starkem Interesse an Spannung und Erwartung, daß wir Kopfschmerzen und -Leibgrimmen prompt zu vergessen pflegten. Waren die Depeschen in diesen -Tagen auch selten wichtig, so wartete man doch wenigstens immer auf -eine, die wichtig sein würde. - -Da kam der 7. Juli. Der vierte Tag des Waffenstillstandes. Die -Linie zu =S O 3= war wieder einmal schadhaft geworden und die Reihe -diesmal an uns, den Fehler zu suchen. Mißvergnügt machte ich mich mit -Ersatzdraht und Zwickzange auf den Weg und fand den Schaden bald. -Irgend ein Spitzbube in Uniform mochte zu irgend etwas ein Stückchen -Draht gebraucht haben und hatte einfach einen halben Meter der Linie -mit seinem Taschenmesser herausgesägt. Ich schimpfte, wie ein regulärer -Signalmann über so lästerlich infame Schändung schimpfen mußte, und -reparierte. Weil ich nicht weit von =S O 3= war, beschloß ich, bei der -Blockhausstation vorzugucken. Ich schlenderte den breitausgetretenen -Pfad hinter den Hügeln entlang, auf dem es von Soldaten wimmelte, denn -Zelt an Zelt reihte sich auf der Hügelseite. Hier kampierten die Rauhen -Reiter. Plötzlich blieb ich stehen, und heiß und kalt überlief es mich. - -War -- das -- ein Traum -- ein Fiebergaukelspiel? - -Eine klingende, metallische Stimme, eine liebe alte Stimme hatte mich -gerufen bei meinem Namen aus alten Zeiten. Klar und hell -- - -»Ed! Ha -- a -- llooh -- Ed!!« - -Ich stand und starrte und wollte meinen Ohren nicht glauben. - -»Halloh -- Ed!« - -Von einem Zelt nicht weit vom Weg kam ein Rauher Reiter-Offizier -gelaufen, ein Leutnant. Unter dem graubraunen Feldhut mit dem -glitzernden Regimentsemblem von gekreuzten Reitersäbeln leuchteten -groß und lachend graublaue Augen -- die alten Augen ... - -»Billy!« schrie ich. »Halloh, Billy -- Bi -- i -- illy!« - -Und er sprang herbei, und wir schüttelten uns die Hände, denn sprechen -mochte keiner ein Wort, und dann lachten wir wie unsinnig und dann -schüttelten wir uns wieder die Hände und dann lachten wir wieder. - -Billy war es, der alte Billy, der Billy aus Wanderzeit und -Eisenbahnfahrt. - -Billy in der Uniform eines =First Lieutenant=, eines Oberleutnants -des Rauhen Reiter-Regiments. Gar kein Staunen verspürte ich über die -silbernen Streifen auf seiner Schulter. Dieser Mann war einer der -wenigen Menschen, die dazu geboren sind, zu führen und zu leiten unter -allen Umständen. Seien sie arm oder reich. Die vornehm sein müssen und -Herren über andere, mögen sie auch einen einzigen Rock nur ihr eigen -nennen. In der alten Welt hätte man freilich aus Billy keinen Offizier -gemacht. Sein Lebensgang wäre denn doch nicht einwandfrei genug gewesen --- um die schöne Phrase zu gebrauchen. In Amerika sah man sich den Mann -an und -- griff zu. Billys Familie hatte ihm eigentlich gegen seinen -Willen das Leutnantspatent bei den Rauhen Reitern erwirkt. In der -entscheidenden Unterredung jedoch mit Theodore Roosevelt hatte Billy -klipp und klar erklärt, daß er erwähnen müsse, er sei vor noch nicht -langer Zeit als Tramp, oder als eine Art von Tramp zum mindesten, auf -den Eisenbahnen herumvagabundiert. - -»=You are allright!=« war Roosevelts knappe Antwort gewesen. - - * * * * * - -»Komm' in mein Zelt!« sagte Billy. - -Wir hockten uns auf die Wolldecke hin am Boden, und Billy holte -feierlich eine kleine Feldflasche aus einem Winkel hervor, erklärend, -daß es unter den Rauhen Reitern komische Käuze von Millionären gebe, -die sich durch ihre Privatyachten Zigarren und Whisky bringen ließen. -Wir tranken in Andacht den goldigbraunen Bourbon. Rauchten eine -Zigarette. - -»Du bist also beim Signalkorps, eh?« begann Billy. »Haben sie nicht -genug Verstand gehabt dort, dich wenigstens zum Sergeanten zu machen?« - -»Anscheinend nicht!« lachte ich. »Uebrigens habe noch nicht einmal -vorschriftsmäßig gegrüßt, Herr Leutnant!« - -»Das ist allerdings schrecklich,« meinte Billy. »Kraft dieser schönen -silbernen Schulterstreifen also befehle ich dir nun, sofort zu -erzählen. In Colorado war's irgendwo, als du verschwandest -- und das -hat mich damals mehr Kopfschmerzen gekostet als du ahnst, mein Junge. -Drei Monate suchten wir nach dir, Joe und ich, bis wir es endlich -aufgeben mußten. Erzählen, erzählen!« - -Da berichtete ich von der Fahrt nach St. Louis und dem Erleben dort -und von der Kupferhölle und vom Zeitungsdienst und von San Franzisko. -Von Frank und von Allan McGrady. Lachende Linien kamen in das -scharfgeschnittene, hagere, rassige Gesicht. - -»Und bei dieser Geschichte hier in Kuba mußtest du natürlich auch dabei -sein!« rief er endlich und füllte lustig augenzwinkernd das winzige -Feldflaschenglas fingerhoch ... »Aber natürlich! Ich brauche dir wohl -nicht zu sagen, mein Junge, daß du ein Narr wärest, würdest du die -blaue Jacke nicht recht bald wegwerfen. Bleib du bei der Zeitung! Ich -wünschte, ich wüßte so gut wie du es von dir wissen solltest, was ich -zu tun hätte. Unter uns gesagt waren diese Schulterstreifen billig wie -Brombeeren. Es gehörte nicht viel mehr dazu, aus dem alten Billy einen -Leutnant zu machen, als sieben Wörtchen des alten Onkels van Straaten, -der im Kongreß sitzt. Wenn diese nachgerade langweilige Affäre hier -jedoch beendet ist -- dann adieu, Leutnant Billy!« - -»Weshalb machten sie dich gleich zum Oberleutnant?« lachte ich. - -»Bin ich vorgestern erst geworden!« berichtete er vergnügt. -»Telegraphisch. Von wegen der Schlacht. Teddy sorgt für seine Leute. -Weiß der Kuckuck, wo Jack (das ist mein Putzer) den Oberleutnantsstern -aufgegabelt hat. Aufgenäht hat er ihn mir jedenfalls auf die Jacke -- -und meine Würde erdrückt mich beinahe!« - -Erzählen -- erzählen ... Wir rechneten uns aus, daß wir beim Sturm auf -den San Juan-Hügel keine hundert Meter voneinander entfernt gewesen -sein konnten, und im Planters-Hotel in Tampa im gleichen Saal gegessen -haben mußten, ohne es zu ahnen. Wie groß die Welt war und doch wie -klein! Stunde auf Stunde verschwatzten wir, bis ihn und mich der -Dienst rief. - -Wochen später, als ich auf der Insel des gelben Fiebers aus dem -Delirium erwachte und denken und verstehen konnte, gab mir der Arzt -einen Briefumschlag. Fünf gelbe Banknoten steckten darin, zu zwanzig -Dollars eine jede. Und ein Zettel: - -»Lieber Ed. Unser Schiff dampft heute, den 30. Juli, nach dem alten -Land. Der Doktor schreibt mir, du würdest durchkommen. Wußte, sie -würden dich nicht unterkriegen, alter Junge. Das Geld kannst du -vielleicht gebrauchen. Gib es mir zurück, wenn es dir paßt. Hörte von -Major Stevens, du seiest zum Sergeanten ernannt worden. Auf Wiedersehen --- Billy.« - -Ich sollte ihn erst in einem Jahr wiedersehen, unter Verhältnissen, die -noch viel merkwürdiger waren als das Begegnen im Tal von Santiago. - - * * * * * - -Die Krankheitsziffern in den Schützengräben stiegen zu erschreckender -Höhe, und immer blasser und gelber wurden die Gesichter der Männer auf -den Hügeln. Unerträglicher schien die Sonnenglut von Stunde zu Stunde -fast und fürchterlicher die endlosen Regengüsse. Noch war die Zahl der -schweren Erkrankungen an wirklicher Ruhr und Malaria verhältnismäßig -gering, die Zahl der Leichtkranken jedoch ungeheuer groß. Den ganzen -Tag über umringten sie das Doktorzelt, und der Sanitätssergeant -verteilte im Schweiße seines Angesichts unablässig Chininpillen und -Opiumpräparate. - -Die Befehle und Meldungen, die über unseren Draht gingen, zeigten zwar -nur einen winzig kleinen Ausschnitt der allgemeinen Situation, aber sie -ließen unschwer erkennen, daß die Führer der Truppen voll Besorgnis -waren und daß alles nach einer Entscheidung drängte. Am 8. und 9. -Juli gab es viel zu tun. Die Depeschen, die genaue Berichte über die -Krankenzahl einforderten, jagten sich. In den Antworten der einzelnen -Regimenter hieß es immer wieder: Allgemeiner Gesundheitszustand höchst -unbefriedigend. Chefärzte kamen vom Hauptquartier und untersuchten die -Truppen; lange Konferenzen fanden statt im Zelt des Generals. - -Da telegraphierte am Abend des 9. Juli das Hauptquartier, daß mit -Mitternacht der Waffenstillstand ablaufe. Die Wirkung auf die -Truppen, die nun sofort in den Schützengräben konzentriert wurden, -war verblüffend. Die gedrückte Stimmung schien wie weggeblasen. Die -Aussicht auf Arbeit machte die Männer in den Schützengräben wieder -frisch und kräftig. Ueberall von den Hügeln erklang an jenem Abend der -Tingeltangelschlager, den die Soldaten im Uebermut des Sieges in der -Kampfnacht gesungen hatten. Er war zum Schlachtlied der kubanischen -Armee geworden -- - - =When the bells go tinge -- linge -- ling - We'll join hands and sweetly we shall sing -- - There'll be a hot time - In the old town - Tonight, my Darling!= - -»Heut abend ist der Teufel los im Städtchen ...« - -Mit dem Morgengrauen begann das Kleingewehrfeuer auf der ganzen Linie. -Vom San Juan-Hügel her dröhnten Geschütze. Die Spanier erwiderten das -Feuer nur schwach. Ein unbedeutendes Ferngefecht war es -- wie auch am -nächsten Tag. - -Mir ist dieser 10. Juli eine lustige Erinnerung. Im Laufe des -Nachmittags lief eine Depesche ein, in der Präsident McKinley unserem -General Bates seine Ernennung zum =Major General= anzeigte, der -höchsten militärischen Würde in den Vereinigten Staaten. Das war -natürlich ein großes Ereignis. Ich machte mich sofort auf den Weg -nach den Schützengräben, um dem General das Telegramm zu bringen. -Ueberall knatterte es vorne auf dem Hügel, und dann und wann pfiff -eine feindliche Kugel durch die Luft. Ich eilte durch den Hauptgang -und erfuhr von der Stabsordonnanz, daß der General im Schützengraben -rechts sei. Nach wenigen Schritten sah ich auch schon die Gruppe der -Stabsoffiziere. Und -- da packte mich eine ganz verrückte Idee ... -Ein Held wollte ich sein! Auszeichnen wollte ich mich -- auffällig -auszeichnen -- wunderbar tapfer sein ... Gedacht, getan. Mit einem Ruck -richtete ich mich auf und stand kerzengerade da, daß Kopf und Schultern -über die Brüstung des Schützengrabens hinausragten. Zischend surrte -eine Kugel an meinem Ohr vorbei. Eine zweite. A -- aah! So -- ooh! So --- oo -- benahm sich ein Ritter ohne Furcht und Tadel im Kugelregen -- -so -- olche Leute machte man zu Offizieren -- in meinem Kopf wirbelte -es von Tapferkeit und Todesverachtung -- =sans peur et sans reproche= --- a -- aah -- =fais ce que dois, adviegne que pourra= -- =c'est -commandé au chevalier= ... und ganz langsam und bolzengerade stelzte -ich über die Beine der feuernden Infanteristen hinweg auf den General -zu. Begeistert war ich -- von mir selber. Ich kam mir wirklich wahrhaft -heldenhaft vor. S -- sss -- ssss ---- zischte es. Und ich reckte mich -noch höher auf und stellte mich stramm hin und meldete eiskalt: - -»Depesche für =Major General= Bates!« - -Der alte Herr, der im Graben kauerte, streckte die Hand nach der -Depesche aus und sah mich scharf an. - -Mich aber überlief ein leichtes Zittern. Jetzt -- jetzt -- jetzt mußte -es kommen -- - -Der General sah mich noch immer scharf an und um seine Mundwinkel -zuckte es. Dann sagte er leise, aber sehr deutlich: - -»=Get down, you fool!=« - -»Duck dich -- du Narr!« - -Da klappte ich zusammen wie ein Taschenmesser. Aus war's mit dem -Heldentum. Und zu meiner Ehre sei es gesagt, daß der Bruchteil einer -Sekunde mir genügte, um zu erkennen, welch furchtbar lächerlicher -Hanswurst ich soeben gewesen war. - - * * * * * - -Die kriegerischen Ereignisse im Tal von Santiago de Cuba nahten rasch -ihrem Ende. Am 12. Juli begannen wieder die Verhandlungen. Am gleichen -Tag traf der Höchstkommandierende der amerikanischen Armee, General -Miles, in Siboney ein. Am 13. Juli hatten er und General Shafter eine -Besprechung mit General Toral, dem spanischen Kommandierenden. Am 14. -Juli kapitulierte Santiago de Cuba, und die spanische Armee gab sich -kriegsgefangen. - - * * * * * - -Es war um Mittag des 14. Juli. Zwischen den amerikanischen und -spanischen Linien, dreihundert Meter etwa rechts seitlich von unserem -Hügel, hundertundfünfzig Meter in Front, stand inmitten einer weiten -grasigen Fläche ein ungeheurer Mangobaum. Ein Riese. Der mächtige Stamm -zeichnete sich im grellen Sonnenlicht scharf gegen das Grün und Gelb -des Bodens ab. Die breitwipflige Krone ragte massig empor, wuchtig -in ihrem Dunkel wie ein Gebäude. Da erzitterten Trompetentöne. Der -Paraderuf, jedem Regulären wohlbekannt. Feierlich, gedehnt. Und die -Männer in den Schützengräben sprangen auf die Brüstungen, kauerten -sich hin und sahen schweigend zu, wie aus dem Bodeneinschnitt beim -San Juan-Hügel Reiter in langsamem Schritt hügelabwärts ritten dem -Baumriesen zu. Ich konnte durch mein Glas die Gestalten deutlich -erkennen. General Miles war es, General Shafter, einige Offiziere, zwei -Trompeter. Gleichzeitig glitzerte es drüben in den spanischen Linien -von Epauletten und goldenen Borten und Pferden und Reitern in dunklen -Umrissen. - -Die beiden Reitertrupps kamen sich näher, hielten einen Augenblick. -Dann sprangen die Offiziere von ihren Pferden, und Ordonnanzen -brachten Feldstühle und stellten sie auf im Schatten des Mangoriesen. -In den amerikanischen Schützengräben war es mäuschenstill. -Fünfzehntausend Männer, sechzehntausend, siebzehntausend, warteten -in tiefem Schweigen. Drüben beim Feind tauchten aus Gestrüpp und -Dschungelgras in langer Linie weiße Strohhüte auf und Gestalten in -hellen Uniformen. Still war es. Ganz still. Zwanzig Minuten lang, -eine halbe Stunde vielleicht. Dann kam Bewegung in die Gruppe beim -Mangobaum. Pferde wurden herbeigeführt, Reiter stiegen in die Sättel, -und langsam ritten die beiden Trupps zu ihren Linien zurück. Die Männer -in den Schützengräben schauten noch immer. Niemand sprach. Nichts -rührte und regte sich. - -Da blitzte ein Farbenfleck auf in dem tiefen Dunkel der Mangobaumkrone. - -Rot -- blau ... Er wurde deutlicher. Breitete sich aus. Und ich -starrte und starrte, einer von Tausenden, und sah den Farbenfleck sich -entfalten in grelle Streifen und winzige Punkte. - -Ueber dem Friedensbaum flatterte das Sternenbanner. - -Eine Sekunde lang noch war alles still. Dann ergellte wie aus einer -einzigen Kehle brausend und donnernd ein furchtbarer Jubelschrei. - -Santiago de Cuba war gefallen. - - - - -Nach Santiago de Cuba! - - Das Hauptquartier wird energisch. -- Die Enttäuschung der Männer - in den Schützengräben. -- Die verbotene Stadt. -- Wir werden nach - Santiago beordert. -- Das Legen der Linie. -- In den spanischen - Schützengräben. -- Ein Tauschgeschäft mit den hungrigen Spaniern. - -- In der Stadt. -- Die toten Gäßchen. -- Von Licht und Schatten. - -- Das Hauptquartier des Siegers. - - -Der Klopfer des Instruments überschüttete uns mit Punkten und Strichen. - -»Noch mehr?« fragte Souder zwischen zwei Telegrammen bei =S O= 3 an. - -»Massenhaft mehr!« kam die Antwort. - -Sergeant Hastings saß am Schlüssel drüben auf der Blockhausstation, -der beste Sender des Korps, und unter seinen geschickten Fingern -wurde das mechanische Klicken des Messingstängchens zum lebendigen -Sprechen; so mühelos verständlich, daß der Sergeant und ich uns -zwischen Schreiben und Lauschen fortwährend unterhalten konnten, wenn -auch in abgerissenen Sätzen ---- und jeder Satz ungefähr würde uns ein -Kriegsgericht eingetragen haben, hätte der Generalstabsoberst, der »auf -Befehl des kommandierenden Generals« die Depeschen zeichnete, all die -Unverschämtheiten mit anhören können. - -»Jawohl! Jaw -- oohll! Reiß' das Maul nur recht weit auf, mein Sohn! -Schrei' Befehle, daß dir die Hosenträger platzen! Denn du weißt es -ja, daß jetzo tiefer Friede herrscht in dieser schönen Gegend -- und -du verstehst dein Metier und du weißt es ja, daß alle Kriegskunst im -Frieden darauf hinausläuft, recht laut und recht viel zu kommandieren! -Auf daß jedermann möglichst chikaniert werde! Hol' dich der Teufel! -- -Was sagt er?« - -»Es ist mit Strenge darauf zu achten, daß alles Trinkzwecken dienendes -Wasser gehörig abgekocht wird --« klickte der Klopfer. - -»Gehörig abgekocht wird!« höhnte Souder. »Du bist ja von vorgestern, -Oberstchen. Wer jetzt nicht schon die Cholera im Bauch hat, kriegt -sie nimmer. Kable lieber nach Washington und sorge dafür, daß sie uns -endlich gar nichts schicken als immer nur Speck und Speck und Speck! -- -Was ist das?« - -»Offizieren darf ohne Erlaubnis des kommandierenden Generals, der diese -Erlaubnis nur in besonderen Fällen erteilen wird, Urlaub nach Santiago -de Cuba nicht gewährt werden.« - -»Aha! Die Schulterstreifen dürfen auch nicht hinein! Was dem Regulären -recht ist, muß dem Leutnant billig sein. Der Reguläre könnte sich -besaufen, und der Leutnant vielleicht auch, aber sicherlich der Herr -Oberst. Also geht nur der Herr Oberst ins Städtchen, damit er mehr -unter sich ist! Oh -- hol dich der Teufel!« - -Dabei lag natürlich in den telegraphischen Befehlen zielbewußte -Vernunft, während die Kritik des Mannes hinter dem Gewehr purste -Unvernunft darstellte. Begreifliche Unvernunft jedoch. Dem -begeisterten Jubelgeschrei des Sieges war in einer kurzen Stunde -ganz gewöhnliches Geschimpfe gefolgt in den Schützengräben. Die -derben alten Regulären da droben auf dem Hügel drückten sich noch -viel saftiger aus als der lustige Signalsergeant. Als sie die Fahne -flattern sahen über dem Friedensbaum, hatten sie sich eingebildet, daß -es ein paar Stündchen höchstens dauern könne, bis der Befehl gegeben -würde, männiglich solle seine Siebensachen zusammenpacken zum Einzug -in die Stadt. Hei -- oh -- zum Marsch in die Stadt! So mancher mochte -zungenschnalzend kalkuliert haben, was für schöne Dinge die silbernen -Dollars in der Tasche alle kaufen konnten -- diese silbernen Dollars, -die so völlig wertlos und vergnügungsbar gewesen waren seit Wochen im -Drecklager. - -Ausgerutscht! - -Die Träume von netten Mahlzeiten, reinen Betten und dankbaren, vom -spanischen Joch befreiten Mägdelein zerrannen in völliges Nichts. Es -fiel dem Jesus-Christus-General gar nicht ein, seinen braven Truppen -im Namen des dankbaren Vaterlandes begeistertes Lob und dergleichen -zu spenden und sie einzuladen, sich doch Santiago gütigst anzusehen. -Sondern er telegraphierte kurz und grob, jeder Mann, der ohne Paß in -der Stadt angetroffen werde, würde vor ein Kriegsgericht gestellt -und schwer bestraft werden! Das Hauptquartier telegraphierte des -Ferneren, sämtliche Regimenter sollten sofort Zeltquartiere beziehen. -Rund um jedes Zelt seien Abzugsgräben für das Regenwasser zu graben. -Die Zeltgassen gehörig zu drainieren. Die Verpflegung der Truppen -habe von nun an wieder durch die Kompagnieküchen zu geschehen. Die -kommandierenden Offiziere wurden ersucht, für Reinigung der Wäsche und -Uniformen ihrer Mannschaften zu sorgen. Und so weiter und überhaupt! - -Die braven Regulären aber, die so gern in der Stadt des Feindes -spazieren gegangen wären, fluchten abscheulich. Was wußten sie davon, -daß Santiago de Cuba ein Fiebernest war mit primitivsten sanitären -Verhältnissen und unmöglich als Quartier für tropenungewohnte Truppen, -ehe Ströme von Karbol den Unrat weggefegt hatten! Was wußten sie davon, -daß ein kommandierender General die Zügel der Disziplin fester in die -Hand nimmt, ehe er eine siegesübermütige Armee in eine eroberte Stadt -führt! Sie wußten nur, daß weiterkampiert wurde in Regengüssen und -Sonnenbrand ------ Sie sollten nicht in wirklichen Betten schlafen -können -- nicht auf wirklichen gepflasterten Straßen wandeln -- nicht -wieder Menschen sehen, die keine Uniform trugen -- nicht wirkliches -Brot sich kaufen können ---- - -Hei -- oh, wie wurde da geschimpft auf den Hügeln! - -Wir schimpften mit. - -Am nächsten Tag aber wandelte sich unser Schimpfen in freudige -Ueberraschung. Ein Diensttelegramm befahl dem Sergeanten Souder und dem -Signalisten Carlé kurz und bündig, sich sofort bei der Blockhausstation -zu melden. Zum Linienlegen nach Santiago de Cuba. - -Zwischen drei und vier Uhr nachmittags brachen wir von der -Blockhausstation auf, der Major Stevens, ein Kabeltelegraphist von -Siboney, drei Sergeanten und zwei Signalisten. In fünfzehn Minuten -hatten wir den Draht vom Hügelgipfel zum Friedensbaum gespannt. An -diesem Tag kümmerte sich keiner von uns darum, daß die Sonne einem -glühendheiß auf den Schädel brannte und das schweißige Hemd patschnaß -am Leibe klebte und der Atem in kurzen Stößen kam und ging. Vorwärts, -nur vorwärts! Nach Santiago de Cuba! Wir liefen nicht mehr mit den -schweren Drahtrollen, sondern wir rannten. Mir war nicht wohl zumute -dabei. Aber ich pfiff auf das sonderbare Flimmern vor den Augen und -die eigentümliche Schwere und Benommenheit im Kopf. Mochten sie doch -rumoren, die Magenkobolde und die Fieberteufel! Ich hatte an andere -Dinge zu denken. Ich hatte Eile. Wir rannten. Durch das Gestrüpp der -Hügelniederung, der gelben Linie zu, die die Straße nach Santiago de -Cuba bedeutete. - -»Links -- links!« keuchte der alte Sergeant Hastings, der neben mir -lief. »Nach dem Baum dort. Und ein bißchen langsamer. Ich bin mir in -meinem Leben noch nicht so ausgepumpt vorgekommen. Sie sehen übrigens -extra miserabel aus!« - -»Mir fehlt nichts,« sagte ich. - -»Na, mir auch nicht,« brummte er, »aber ich könnte gerade nicht -behaupten, daß ich jünger und gesünder geworden bin!« - -Weiter -- weiter. Wir arbeiteten in kleinen Gruppen von je zwei und -zwei Mann. In dem offenen Gelände mußte der Draht sorgfältig von Baum -zu Baum gespannt werden. Ich erkletterte zwei Bäume, und sauer genug -wurde mir das Steigen, so bequemen Halt auch die vielen Aeste der -Mangos boten. Ein halbes dutzendmal fehlte nicht viel und ich wäre -gefallen. Nein, gesünder war ich nicht geworden! - -Da tauchten bei einer Baumgruppe Gestalten in amerikanischen Uniformen -auf und eine laute Stimme befahl uns, zu halten. Der Leutnant, der den -Posten von fünf Mann kommandierte, kam herbei, und wir mußten einige -Minuten warten, bis der Major, der weiter hinten die Linie prüfte, -erschien und dem Offizier unsere Pässe vorwies. - -»Die spanischen Regimenter haben die Schützengräben verlassen,« -meldete der Offizier, »und kampieren auf der Straße nach Santiago -entlang, links und rechts vom Weg. Sie werden binnen wenigen hundert -Schritten auf das erste spanische Lager stoßen, Herr Major. Ich habe -Befehl, passierenden Offizieren und Mannschaften eine Anordnung des -kommandierenden Generals zu übermitteln --« - -»Weiß schon, weiß schon,« nickte der Major. »Signaldetachement -- -=attention=!« - -Wir stellten uns erwartungsvoll in Reih und Glied. Der Leutnant las: - -»Der kommandierende General befiehlt, daß jede herausfordernde Haltung -den Spaniern gegenüber vermieden wird. Die Entwaffnung der spanischen -Armee und die Besetzung von Santiago findet erst in einigen Tagen -statt. Spanische Offiziere sind zu grüßen wie die eigenen Vorgesetzten. -Besuch von Restaurants oder Wirtschaften in der Stadt ist verboten. Sie -sind übrigens geschlossen.« - -Der Major betrachtete uns vom Kopf bis zu den Füßen und sagte -dann schmunzelnd: »Sergeanten und Signalisten! Ich habe in meiner -militärischen Laufbahn noch niemals eine so verwahrloste und klapprige -Gesellschaft gesehen wie euch. Sergeant Hastings -- aus Ihrem rechten -Stiefel guckt Ihr Zeh! Im übrigen weiß ich nicht, wer am schmutzigsten -und abgerissensten ist. Ich bitte mir aus, Hastings, daß Sie als -ältester Sergeant das in Ordnung bringen. Sie werden in der Stadt -irgend einen englischsprechenden Kubaner auftreiben, es gibt deren -genug, und ihn auf meine Kosten als Putzer für das Detachement -anstellen. Die nötigen Einkäufe an Wäsche und so weiter besorgen Sie -ebenfalls auf meine Kosten, Sergeant. Jeder Mann nimmt zweimal täglich -ein Glas Whisky mit einem Chininpulver -- für den Whisky und das Chinin -werde ich sorgen. Achtet auf eure Gesundheit, Leute! Ich bin sehr -zufrieden mit euch.« - -Weiter ging's. Mit verdoppelter Schnelligkeit. Wie mir ging es wohl -jedem andern: Das Wasser lief einem einfach zusammen im Munde, wenn -man an dieses Dorado von frischer Wäsche und kubanischem Putzer und -Reinlichkeit dachte! - -Wenige hundert Schritte nur hatten wir die Linie weitergelegt, als -uns eine angenehme Ueberraschung wurde. Da, wo die eigentliche Straße -begann, die in scharfem Bogen von Osten herkam, lagen im Gras eine -umgestürzte Telegraphenstange und verwickelter Kupferdraht. Einige -Meter weiter begann die Stangenreihe. Soweit wir es durch die Gläser -erkennen konnten, war die Leitung dort intakt. - -»Anschließen!« befahl der Major vergnügt. »Das Ding scheint zwar aus -uralten Zeiten zu stammen, wird aber wohl funktionieren. Die Linie wird -bei jedem zehnten Pfosten geprüft.« - -So ging es sehr rasch vorwärts. Dicht hinter dem Gestrüpprand zweigten -rechts und links von der Straße die spanischen Schützengräben ab. Sie -waren viel flacher gegraben als die unsrigen auf den Hügeln und boten -wirksamen Schutz eigentlich nur liegenden Truppen. Das Wunderbare aber -war, wie die Spanier jede Baumgruppe, jede winzige hügelige Welle -zu einer kleinen Festung gestaltet hatten. Wo Bäume standen, war -inmitten der Baumgruppen der Boden tief ausgehöhlt worden, so, daß ein -halbes Dutzend Schützen in der Höhlung kauern konnten. Viele Reihen -stacheligen Drahts verbanden Baum mit Baum. Stacheldraht war überall. -Scharfschützen in diesen Löchern mußten fast unerreichbar gewesen -sein für Infanteriefeuer und hätten Dutzende von Angreifern, die der -Stacheldraht behinderte, wegschießen können. Der Major schüttelte -fortwährend den Kopf, und einmal platzte er heraus: - -»Das wäre eine nette Bescherung gewesen ---- « - -Die Straße wurde breiter, der Boden ebener, wie festgestampft. Wir -hörten Stimmen aus dem dünnen Gebüsch, das den Weg einsäumte, und ein -spanischer Offizier trat auf die Straße; eine schlanke Gestalt in -schneeweißer Uniform mit Goldlitzen an den Aermeln und am Kragen. Er -blieb überrascht stehen, salutierte den Major in straffer Haltung, -wandte sich rasch und verschwand wieder im Gebüsch. Einen Augenblick -nur hatte ich in das tiefernste junge Gesicht gesehen, aber der -Schmerz, der Haß in diesen Augen machten gewaltigen Eindruck auf mich. -Der Gedanke schoß mir durch den Kopf, was ich wohl empfinden würde, -wären wir besiegt worden. Was war mir Amerika! Mir, dem Fremden, der -sein Leben zu Markte getragen hatte im Spiel! Und ich wußte, daß ich -bitterunglücklich gewesen wäre, läge das Sternenbanner im Staub. In -fröhlichem Uebermut und tollem Abenteurerdrang nur war das Spiel -gespielt worden, aber es hatte Stärkeres ausgelöst, wie gutes Spiel -es muß. Zusammengehörigkeit. Seit den Tagen im Tal von Santiago ist -mir die Flagge der Vereinigten Staaten viel mehr gewesen als ein -gleichgültiger Fetzen in Rot und Blau wie all die vielen anderen, die -mich als Deutschen nicht kümmern. Es gibt Spiele, die man nicht vergißt. - -In einem sonderbaren Gefühl von Mitleid beinahe und doch brennender -Neugierde sah ich mich um. Das Gebüsch an den Wegseiten wurde lichter -nach wenigen Schritten. Gestalten tauchten auf im Gezweig und tiefen -Gras; helle Uniformen, Zelte. Mitten zwischen spanischen Truppen -marschierten wir nun, und wenn wir hielten, um die Linie zu prüfen, -umdrängten die Soldaten uns in Haufen. - -Sie sahen alle bleich und abgemagert aus. Die dünnen Uniformen waren -schrecklich abgerissen. Die meisten hatten keine Stiefel an den -Füßen, sondern Segeltuchschuhe mit Sohlen aus Stricken. Sie trugen -keine Waffen. Ihre Gewehre waren nicht ordentlich in Kompagniereihen -zusammengestellt, sondern in großen Pyramiden aufgestapelt mit Haufen -von Bajonetten daneben. Die Zelte waren erbärmlich; Stücke Segeltuch, -an einen Baum oder einen Busch gebunden und dachartig schräg gegen -den Boden gespannt. Viele Spanier lagen gleichgültig da, Zigaretten -paffend. Andere schnatterten aufeinander ein mit vielem Gestikulieren. -Manchmal sah uns einer finster an, aber die meisten schienen lustig -genug und winkten uns zu. Wieder prüften wir die Linie. Ein spanischer -Unteroffizier, an seinem Aermel wenigstens war eine schmale goldene -Tresse, trat an mich heran und zog mir eine Patrone aus dem Gürtel. -Dafür gab er mir einen Rahmen mit fünf Mauserpatronen. - -»=Pour souvenir!=« sagte er in gebrochenem Französisch. - -Im Augenblick folgten andere seinem Beispiel, und ein Handelsgeschäft -mit Patronen entwickelte sich. Die Leute hatten alle Hunger! Das wußten -wir und hatten uns auf der Blockhausstation Tornister und Taschen mit -Speckstücken und Zwiebacken vollgestopft, die es im Ueberfluß gab. Die -stets hungrigen armen Teufel von =Cubanos= waren ja wie besessen hinter -einem Stück Hartbrot her. Als Trinkgelder und Dolmetscher hatten uns -die Rationen Onkel Sams in Santiago dienen sollen. Nun wanderten sie in -die Mägen der spanischen Soldaten am Weg. Die Spanier rissen uns die -Speckstücke und die Zwiebacke aus den Händen, so schnell wir sie nur -aus den Feldtaschen hervorholen konnten, drängten uns Zigaretten und -kleine Flaschen mit Rum auf dafür und bissen verhungert in das Hartbrot -hinein, als sei es ein köstlicher Leckerbissen. - -An Regiment auf Regiment kamen wir vorbei. Pfade zweigten ab links -und rechts, und zwischen den Bäumen leuchteten grelle Farben im -Sonnenschein, weiße und gelbe und blaue, die ersten Häuser Santiago de -Cubas. Dann verschwanden die Bäume, und aus dem Weg wurde eine breite -Straße, die zwischen hölzernen Hütten hinführte, in denen die Aermsten -von Santiago wohnten. Da und dort an einer Ecke lungerten Männer und -Weiber in zerfetzten Kleidern, aber sie schlichen scheu davon, als -wir näher kamen. Splitternackte Kinder mit schrecklich aufgedunsenen -Bäuchen rannten schreiend in die Hütten. - -Die alte Drahtlinie führte schnurgerade den Weg entlang in eine schmale -Gasse von Steinhäusern. Dröhnend hallten unsere schweren Schritte auf -dem holperigen Pflaster. Flache Dächer hatten die Häuser und klein und -niedrig waren sie und grell und bunt angestrichen. Aber sie sahen uralt -aus trotz der leuchtenden Farben. Die Steinstufen an den Toren waren -tief ausgetreten. - -Totenstill und verlassen lag das Gäßchen da. Was es an Leben barg, -versteckte sich hinter massigen Türen mit bronzenen, kastilischen Löwen -als Klopfern und vergitterten Fenstern. Auf die grellen Häuserwände -warfen die Sonnenstrahlen blendendes Licht, und schwer und schwarz lag -der Häuserschatten auf dem Pflaster. Aus den alten Mauern schien dumpfe -Moderluft zu quellen. Still war es, so still, daß man leiser auftrat. -Die Gäßchen und die Häuser schienen zu schlafen. Dunkel war es fast. -Was die glühende Sonne an Lichtfreudigkeit auf die gelben und weißen -Wände zauberte, löschten die vielen dunklen Schatten wieder aus, die -lang und spitz und breit und stumpf in totem Schwarzviolett sich über -die Gasse hinzogen und über Türen und Fenster krochen. Zwischen den -spitzen Pflastersteinen wucherte Gras, und auf dem Fußsteig trat man -in tiefe Löcher. Nirgends war ein Mensch zu sehen. Kein Gesicht zeigte -sich hinter all den Gitterfenstern. - -Mehr schmale Gäßchen. Mehr gelbe, blaue, weiße Häuserchen, alle alt und -alle verwittert. Ueber einem flachen Dach ragte in der Ferne fein und -zierlich der Kathedralenturm in das tiefe Blau. - -An der Ecke, bei einem Brunnen, in dessen Steinwände viele Jahre -und viele Wassertropfen große Löcher gefressen hatten, stand ein -amerikanischer Kavallerist, Karabiner im Arm, und deutete nach -vorwärts, wo das Gäßchen sich verbreiterte. Und bald wurde aus der -Stille Lärm. Zwar sahen die kleinen Häuser noch immer über alle Maßen -alt und verträumt aus, und vor Fenstern und Türen lagen hölzerne Läden, -mit schweren Eisenstangen fest verschlossen. Aber Inschriften in gelben -und goldenen Lettern über Türen und Schaufenstern zeigten, daß hier -doch noch lebendige Menschen wohnen mußten, die arbeiteten und kauften -und verkauften. Weiter oben standen sie, die lebendigen Menschen, -in dichten Gruppen; einem knallgelben Haus gegenüber. Sie trugen -spitze Strohhüte und dünne Hosen und Jacken, bald braun, bald weiß, -bald farbig, aber immer zerfetzt. Weiber waren dazwischen mit wirrem -Haar und kurzen Röcken, unter denen die braunen Beine hervorguckten, -und neben ihnen kauerten nackte Kinder. Alle schrien und zeterten. -Sie schrien nach Brot, denn unter der armen Bevölkerung von Santiago -herrschte arge Hungersnot. Spanische Gendarmen drängten sie zurück. -Vor dem knallgelben Haus scharrten und wieherten viele Pferde, von -amerikanischen Regulären gehalten. Offiziere kamen und gingen. Es war -das Hauptquartier des Siegers. - - - - -Im Kabelbureau. - - Der spanische Telegraphendirektor. -- Unter Dach und Fach. -- Wir - requirieren Wäsche. -- Der wundersame Patio. -- Das große Baden. -- - Der brauchbare Antonio. -- Wir rüsten ein Mahl. -- »=Caballeros - telegraphistas!=« -- »Oh, der verdammte Speck!« -- »Man muß - ein Loch in die Uhr schießen!« -- Das Feuerrad. -- Im Dunkel. - - -Der Lehrer der französischen Sprache an dem bayrischen Gymnasium von -Burghausen an der Salzach, in dem dickschädelige bayrische Bauersöhne -in glänzenden schwarzen Hosen sich die erste wissenschaftliche Reife -ersitzen und leichtsinnige Münchner Früchtchen gezwiebelt werden -- -Monsieur würde sich gewundert haben, hätte er gewußt, daß in diesem -Augenblick der hinausgeschmissene Lausbub ihn im Kabelbureau von -Santiago dankbar segnete. Mein Burghausener Französisch war zwar ein -grammatikalisches Gerippe nur, aber es genügte. Bei Gott, es genügte! - -Wir waren im Kabelbureau von Santiago de Cuba. Der Major stand -breitspurig da, biß sich auf den Schnurrbart und bemühte sich offenbar, -höflicher zu sein, als ihm der Sinn stand. Ihm gegenüber tänzelte ein -kleines Männchen von einem lackbestiefelten Bein aufs andere. Sie -waren das Schönste an ihm, diese prächtigen Lackstiefel, wenn auch der -schneeweiße Leinenanzug ihnen einige Konkurrenz machte. Das Männchen -war der spanische Telegraphendirektor. Der zappelige Spanier fuhr mit -wohlgepflegten, ringgeschmückten Händen beschwörend auf den Major zu. - -»Ich weiche der Gewalt!« sagte er. (Auf Französisch -- daher mein -Segnen!) - -»Es handelt sich hier nicht um Gewalt, mein Herr,« antwortete der Major -in einem sehr verständlichen aber entschieden gräßlichen Französisch, -»sondern um eine ausdrückliche Abmachung der Kapitulation, wonach die -Telegraphenlinien vorläufig zu militärischen Zwecken von uns übernommen -werden. Wo sind Ihre Beamten, mein Herr?« - -Die schönen Hände beschrieben wilde Kreise: - -»Sie wichen der Gewalt.« - -»Dann werden Sie selbst so freundlich sein müssen, mein Herr, mir die -verschiedenen Verbindungen zu bezeichnen!« - -»Ich -- ich -- habe schriftlich ...« stotterte das Männchen und deutete -auf die Tische mit den Telegraphentastern. An jeden war ein Zettel -gehängt, auf dem die Verbindungen und die Anrufszeichen angegeben waren. - -»Sehr schön!« knurrte der Major mit einer ironischen Verbeugung. »Oh -- -hier haben wir ja die Santiagotal-Linie. Hastings, rufen Sie doch =S O= -3 an!« - -Der Sergeant beguckte brummig den schweren, altmodischen Taster, der -unseren modernen leichten Morseinstrumenten gegenüber so verächtlich -war, wie es ein Mistwagen für ein Automobil sein würde, und begann zu -klopfen. Die Blockhausstation meldete sich sofort. - -»Es ist gut,« sagte der Major. »Ich mache Sie dafür verantwortlich, -mein Herr, daß alle Apparate sich in Ordnung befinden. Die Instrumente -des Kabels nach Jamaica werden gegenwärtig von meinem Kabelexperten -geprüft ...« - -»Ich lehne alle Verantwortung ab!« schrie der nervöse -Telegraphendirektor. - -»Aber durchaus nicht,« meinte der Major freundlich. »Sie werden im -Gegenteil so liebenswürdig sein, sich heute abend um neun Uhr im -Hauptquartier einzufinden. Dann werden wir festsetzen, unter welchen -Bedingungen die Beförderung von Telegrammen und Kabelgrammen in -spanischer Sprache übernommen wird. Ich mache Sie jetzt schon darauf -aufmerksam, mein Herr, daß wir Ihrer und Ihrer Beamten für den Dienst -bedürfen werden.« - -»Ich gehorche der Gewalt,« zeterte das Männchen. - -»=Très bien=,« sagte der Major. »Auf Wiedersehen also heute abend um -neun Uhr im Hauptquartier!« Und der Herr Telegraphendirektor trippelte -mit wutgerötetem Gesicht der Türe zu. - -»Der verdammte Narr!« platzte der Major heraus. »So, Jungens. Ich muß -ins Hauptquartier. Die Apparate im Kabelzimmer gehen euch vorläufig -nichts an. Befördert werden von euch heute abend nur die Telegramme an -=S O= 3, die ich durch Ordonnanzen sende. Richtet euch so gut ein als -möglich, damit ihr mir morgen frisch seid, denn wir werden Arbeit in -Hülle und Fülle haben. Stadturlaub gibt es heute noch nicht. Ihr habt -hübsch hier zu bleiben. Das Nötige schicke ich euch.« - -Dann ging er. - -Wir aber waren schon außer Rand und Band, kaum daß der Major die -Türe hinter sich geschlossen hatte. Karabiner, Revolver, Tornister, -Feldtaschen schmissen wir in eine Ecke, daß es krachte, und lachten und -schrien und spektakelten. Weil wir ein richtiges Dach über uns hatten -und in einem wirklichen Zimmer waren; wieder einen Tisch sahen und -Stühle zum Draufsitzen. - -»Meinetwegen kann's jetzt Niagarafälle vom Himmel herunterregnen!« -schrie Sergeant Souder und ließ sich mit voller Wucht in einen Stuhl -fallen. »Hoh! Das also ist ein Stuhl! So sieht ein Stuhl aus? So sitzt -es sich in einem wirklichen ehrlichen Stuhl -- oah ...« Und er räkelte -sich und reckte sich und streckte die Beine gewaltig lang aus, der -Sergeant Souder. - -Schreiend phantasierten wir einander vor, was wir in den nächsten -vierundzwanzig Stunden alles essen wollten. Ungeheuerliche Genüsse -dachten wir uns aus. Aber bald wurden wir des Spektakelns müde und -gingen als gute Soldaten daran, die Oertlichkeit zu rekognoszieren. -Den langen Telegraphentischen und den klobigen Instrumenten schenkten -wir kaum einen Blick -- die würden wir schon noch kennen lernen. Den -Kabeltelegraphisten, der jetzt aus dem Nebenzimmer kam und uns erzählen -wollte, daß die spanischen Kabeleinrichtungen durchaus nicht seinen -Beifall fänden, schrien wir einfach nieder. - -»Morgen! Morgen, mein Sohn, wollen wir dein gesegnetes Kabel -beschnüffeln -- heute nicht!« knurrte der alte Hastings. »Heute müssen -wir herausbekommen, wo man sich waschen kann und wie man etwas zu -essen auftreibt und -- o Lord, so viele schöne Dinge, wie ich sie alle -notwendig brauche, gibt es überhaupt gar nicht! Jungens, dies Ding hier -sieht aus wie eine Kirche!« - -Kein übler Vergleich. In mattem Halbdunkel nur ließen die hohen, schwer -vergitterten, buntbeglasten Fenster gedämpfte Lichtstrahlen in den -riesigen Raum einströmen. Aus steinernen Fliesen war der Boden, und -sonderbar hoch wölbte sich in vielen spitzen Bogen die weiße Decke. -Alt und verträumt wie die Gäßchen draußen, war auch das Haus hier. -Uralt schien alles. Die kunstvollen, eisengeschmiedeten Gitter, die uns -von dem schmalen Schalterraum abschlossen, das buntbemalte Kruzifix -in der Ecke, die sonderbaren eisernen Tintenfässer auf den Tischen, -das Kupferschmiedewerk der Lampen, die aussahen wie Ampeln. Sogar die -vielen an den Wänden angenagelten Verordnungen schienen aus einer -anderen Zeit zu stammen mit ihrer schnörkeligen, verzierten, pretiösen -Schrift. - -An der einen Seitenwand des Raums waren vier Türen. Souder riß die -erste auf und schrie: »Hierher, Jungens! Da steht ein Waschstand und da -ist Seife, bei meiner armen Seele, und hier hängen Handtücher. =Glory -be to God.= Könnt ihr euch überhaupt noch vorstellen, wie Handtücher -aussehen?« - -Wir stürzten herbei und jubelten. - -Dann ging's zur nächsten Türe. Hinter ihr war eine Art Wandschrank, -in dessen Fächern drei große Pakete lagen. Ritsche -- ratsche -- riß -Hastings das dünne Papier von dem einen ... und seine Augen wurden groß -und größer. - -»Und führe uns nicht in Versuchung!« sagte er. »Kinder, es ist traurig, -doch ich muß euch daran erinnern, daß das Zeug auf keinen Fall uns -gehört, gehöre es, wem es mag. Finger weg!« - -Aber wir hatten ihm die Stücke schon aus den Händen gerissen und -tanzten begeisterte Kriegstänze. Es war ja nicht zu glauben -- es war -zu schön, um Wirklichkeit zu sein. Wäsche hielten wir in den Händen. -Reine Wäsche -- frisch von der Waschfrau! Seidene Wäsche darunter gar!! -Hemden und Hosen und Kragen und Strümpfe und feine Leinenanzüge ... -Irgend ein spanischer Telegraphenbeamter, der ein höchst verwöhntes -und sehr feines Herrchen sein mußte, hatte sich aus irgend welchem -Grunde seine Wäsche ins Bureau schicken lassen. Nein, nicht einer nur. -Mehrere. Die Wäschestücke waren verschieden groß. - -»Sie passen mir tadellos,« grinste Souder, der ein Paar Hosen prüfend -vor sich hinhielt. - -»Zum Teufel -- laß das Zeug liegen,« rief Hastings. »Es ist -Privateigentum.« - -»Schrei nicht so,« antwortete Souder gemütlich. »Ich weiß schon, daß -du hier Rangältester bist. Aber sag einmal, Freund, soll ich in diesem -blutigen Krieg nicht einmal ein reines Hemd und eine saubere Unterhose -erbeuten dürfen?« - -»Wir können uns doch Wäsche _kaufen_!« knurrte Hastings. - -»Ganz richtig -- vorläufig kaufe ich mir diese hier --« - -»Und wenn der Major ------ « - -»Laß mich zufrieden!« schrie Souder. »Wenn der Major so dreckig wäre -wie ich, so würde er sich die feine Wäsche hier mit der gleichen -Gemütsruhe stehlen, wie ich das zu tun gedenke. Pardon -- requirieren -würde sie der Major. Zum Kuckuck, wir sind doch keine Sonntagsschüler!« - -Sergeant Hastings hielt ein Hemd in der Hand und sah es lange und -liebevoll an. - -»Ich habe eine Idee!« sagte er endlich. Er ging zum Tisch, nahm ein -Telegrammformular und schrieb: »Die hier fehlenden Wäschestücke habe -ich mir aus Gesundheitsrücksichten für mich und meine Kameraden -angeeignet. Der Eigentümer erhält Bezahlung von mir. Hastings, -Signalsergeant.« - -Dieses merkwürdige Schriftstück legte er in den Schrank an Stelle der -fehlenden Pakete und schloß ihn sorgfältig wieder zu, nachdem wir uns -ein jeder ausgesucht hatten, was wir brauchten. - -»Die Sache ist =allright=!« meinte der alte Sergeant schmunzelnd. »Ohne -den Fetzen Papier wär's Plünderung -- mit dem Fetzen Papier ist's -dienstliche Requisition.« - -»Vielleicht gibt's noch mehr zum Requirieren!« lachte ich. - -Die dritte Türe barg einen Aktenschrank mit allerlei Formularen. -Die vierte ging in einen großen Raum, der nur durch das Türoberlicht -vom Bureau her erleuchtet wurde. Er war gänzlich kahl und leer. Nur -an den Wänden standen Ballen mit zusammengeschnürten Papieren. Eine -offene Tür gegenüber zeigte ein kleines Gemach mit allerlei Gerümpel -und einem Herd in der Ecke. Helles Licht strömte aus einer hohen und -breiten Oeffnung in der Mauer. Ausgetretene steinerne Stufen führten -zu einem kleinen Hof hinab, versteckt und still und wundersam. Von -maurischen Hufeisenbögen getragen, gestützt von schlanken weißen Säulen -neigte sich ringsum weit in den Patio hinein der dachartige Vorsprung. -Verträumtes Plätschern klang rieselnd in die Stille. Rankenversponnen -waren die Wände, und da und dort leuchteten blaue und rote Blüten -aus dem tiefen Grün. In der Mitte stand der Springbrunnen mit einem -gewaltigen Löwen von sonderbar eckigen Formen, aus dessen Maul ein -dünner Strahl in das marmorne Bassin fiel. Uebergroß, schwarzdunkel -sah das Brunnenbild aus im kühlen, gedämpften Licht der untergehenden -Sonne. Aus roten Ziegelsteinen war der Boden. Rechts und links guckten -flache Dächerreihen über die Mauern herein, und gegenüber ragte eine -graue Häuserwand mit kreuzweis vergitterten Fenstern empor. - -»Es geht nicht,« brummte Souder kopfschüttelnd und sah zu den Fenstern -hinauf. »Nee -- es geht nicht!« - -»Was geht nicht?« fragte ich. - -»In den Springbrunnen da hineinzusteigen, wie ich es gern möchte. -Die Kleider herunter und hinein in den Brunnen! Aber die =ladies= -könnten's übelnehmen ...« - -Da guckte ich mir den Brunnen an, und in meiner Seele stieg ein großes -Wünschen auf nach einem großen Bad. Aber während ich noch guckte, wurde -drüben in der grauen Häuserwand ein Fensterladen ein wenig geöffnet, -und ein Frauengesicht sah neugierig auf uns herab, sofort wieder -verschwindend, als ich lustig hinaufwinkte. Nein, es ging wirklich -nicht! Aber es fiel mir ein, daß ich in der Küche in einem Winkel eine -Art Zuber gesehen hatte. Den holte ich und warf ihn in den Brunnen, und -Souder und ich holten ihn zusammen heraus, wassergefüllt. - -»Halleluja!« rief der alte Hastings. »Ihr müßt aber ja nicht glauben, -daß die alte Badeanstalt euch beiden allein gehört. Vorwärts, marsch, -hinein mit der Badewanne ins Zimmer ...« - -Und ein großes Baden hub an in dem leeren Gemach neben dem Bureau. -Einen fürchterlichen Spektakel machten wir dabei. Im Nu hatten wir uns -ausgezogen und kugelten übereinander; fünf Männer, die sich pufften -und stießen, um in einem mittelgroßen Zuber und einer ziemlich kleinen -Waschschüssel möglichst schnell, möglichst gründlich und möglichst -gleichzeitig zu -- baden.... Der Kabeltelegraphist, der ein langsamer -Geselle war und sich beim Auskleiden nicht gesputet hatte, mußte -auf allgemeine Einschreierei seine Hosen wieder anziehen und in der -Waschschüssel ohn' Unterlaß frisches Wasser herbeischleppen. Den Zuber -zerrten wir ein halbes dutzendmal zur Küchentüre und stürzten ihn -einfach um. Das Wasser würde ja schon irgendwohin ablaufen. In fünf -Minuten waren die Küche und das Nebengemach ein kleiner See. Wir aber -badeten. Wir spritzten wie nicht gescheit. Wir zankten uns um das -einzige Stückchen Seife -- und tanzten umher unter allerlei Kapriolen -und pfiffen und schrien und schwelgten in Wasser und Seifenschaum. Ein -Zuhörer würde uns reif fürs Tollhaus gehalten haben. - -Da öffnete sich knarrend eine Türe und eine krähende Stimme rief: -»=Caballeros!=« - -»Still!« sagte Hastings. »Da ist jemand!« - -»=Señores!!=« - -»Oh, es ist nur ein =Cubano=,« lachte Souder und schrie laut: »Fahr' -zur Hölle -- dies Bureau ist geschlossen!« - -»Nix Hölle!« meckerte die Stimme in gebrochenem Englisch. »Mich -geschickt von =Señor Capitano= mit einem Brief, =Señores=!« - -Gleichzeitig schob sich eine Gestalt in die Türe, und ein kleiner -Kubaner stand da, uns listig anfunkelnd aus den Fuchsaugen in dem -mageren braunen Gesicht. »Ich Antonio!« erklärte der Magere. »Mich -Generalagent sein für die =caballeros telegraphistas=!« - -»Was?« schrie Hastings. - -Der Kubaner grinste und gab ihm einen Brief. - -Brummend wischte sich der splitternackte Sergeant den Schaum aus den -Augen und las laut: - -»Sergeant Hastings!« begann der Brief. »Der Ueberbringer heißt Antonio -und ist ein Spitzbube. Aber er kann ein bißchen Englisch und wird -Ihnen alles besorgen, was Sie brauchen. Inliegend zwanzig Dollars. -Sehen Sie Antonio auf die Finger! -- Stevens.« - -Antonio mochte ein Spitzbube sein, aber für uns war er ein Juwel. Er -hatte einen Sack mitgebracht, den er nun in die Küche schleppte und -ausleerte. Ich guckte, faselnackt noch immer, neugierig zu, wie aus dem -Sack allerlei Bratpfannen und Töpfe rollten und allerlei Proviant in -Armeeverpackung: Zucker, Salz, Mehl. - -»Mich fein kochen!« erklärte Antonio stolz. »Mich überhaupt alles!!« - -»=Bueno!=« nickte ich -- kletterte in eine seidene Unterhose und -schlüpfte, o Wonne über Wonne, in ein batistenes Hemd. Die ganze Welt -hätte ich umarmen können, so glücklich kam ich mir vor, wenn ich auch -merkwürdig müde war und alle Glieder mich schmerzten. Zunächst äußerte -sich meine Glücksstimmung darin, daß ich Antonio einen Silberdollar -schenkte, den er mit einer tiefen Verbeugung und einem »=gracias, -Señor=« grinsend einsteckte. Wahrscheinlich hielt er mich für verrückt. -Aber Antonio war diesen Silberdollar unter Brüdern wert und ganz gewiß -auch die fünfzig Prozent Spitzbubentaxe, die er ohne Zweifel auf jeden -Einkauf draufschlug. - -Ein Juwel war er, ein Wunder, ein Genie, das im Augenblick die -Situation erkannt und es instinktmäßig begriffen hatte, daß den -=telegraphistas= die Silberstücke locker saßen, so man sich ihnen nur -nützlich zu machen wußte. Und Antonio setzte in ganz unspanischer -und unkubanischer Weise seinen Intellekt und seine Beine in rapide -Bewegung. Er zog ein Rasiermesser und einen Streichriemen aus der -Tasche, erklärte, daß er in friedlichen Zeiten Barbier sei, wenn es -auch jetzt mit dem Geschäft sehr faul stehe, und hatte im Handumdrehen -uns alle ausgezeichnet rasiert. Er kam und ging, verschwand und war -wieder da. Er schleppte bauchige Flaschen herbei voll schweren Rotweins -und viele Zigaretten und viele Zigarren -- und wir priesen dankbar die -Güte der Götter, die uns in ein Land geführt hatten, in dem man für -wenige Dollars so viele schöne Dinge bekommen konnte. Er brachte uns -Arme voll =alpergatos= zum Aussuchen, und wir steckten unsere Füße in -die wonnige, weiche Tuchbekleidung, auf deren Stricksohlen es sich -so leicht ging, und wunderten uns, daß die Dinger kaum einen halben -Dollar kosteten. Er brachte Holz und brachte Kohlen und machte Feuer -an im Küchenherd und zauberte Eier herbei und rupfte Hühner, die er -gottweißwo aufgetrieben hatte -- und wenn's dem Herrgott in Frankreich -gut gegangen ist, so ging es uns armen Signalisten besser noch im -kubanischen Land. - -Antonio war überall. Er hatte auch seine Frau herbeigezaubert, die -fünfmal so dick war wie ihr Gatte. Sie briet jetzt Hühner und rührte -Omelettes, während er, allgegenwärtig, Uniformen mit Benzin putzte und -unsere Flanellhemden wusch und doch sofort mit einem Zündholz da war, -wenn man sich eine frische Zigarette nahm. - -Oh, es ging uns ausgezeichnet; wir hatten es über alle Maßen gut! -Lümmelig saßen wir da auf den bequemen Stühlen, streckten unsere Beine -lang aus auf die Telegraphentische und waren sehr zufrieden. - -»Antonio, eine Zigarre!« - -Antonio flog. - -»Antonio -- ein Zündholz!« - -»=Si, si, Señor.=« - -»Antonio! Mach' die Tür zu ...« - -Wie Granden von Spanien kamen sie sich vor, die =caballeros -telegraphistas= ------ - - * * * * * - -Als das Essen auf den Tisch kam, geschah etwas Sonderbares -- wir aßen -fast nichts. Ausgehungert hätten wir uns auf die allererste anständige -Mahlzeit seit langen Wochen stürzen müssen, aber einsilbig saßen wir da -und stocherten mißgestimmt auf den Tellern herum. Und der Kubaner hatte -sich so große Mühe gegeben! Ein Tischtuch hatte er herbeigezaubert und -wirkliche Teller und wirkliche Bestecke. Auf großen Platten prangten -die Hühner und die Omeletten. Purpurrot schimmerte der schwere Wein in -den Gläsern. - -»Ihr eßt ja nichts!« brummte Hastings. - -»Du ja auch nicht,« knurrten wir. - -»Weiß der Teufel, was das ist,« sagte Souder. - -Der Kabeltelegraphist legte Messer und Gabel vor sich hin. »Ich -glaube, ich weiß, was es ist,« sagte er. »Als ich noch bei der -Western-Union-Telegraphen-Company war, schickten sie mich einmal in -ein verdammtes Nest in Arizona, wo es nur halbvergiftetes Wasser zu -trinken gab, Wasser, das mehr Alkalisalze enthielt, als für einen -Christenmenschen gut war. Vier Monate später wurde ich in St. Louis -sehr krank -- weil mir das Alkaligift fehlte, an das mein Magen sich -gewöhnt hatte. Der Doktor hat mir das gesagt. So geht's uns auch jetzt. -Unsere Magen sind auf den verdammten Speck eingefuchst und können -anständiges Essen noch nicht vertragen!« - -»Der verdammte Speck!« brummte Souder. - -Mißmutig saßen wir da, verdrossen und übler Laune. Da stand nun auf -Platten und Tellern, wonach man sich wochenlang gesehnt ------ ja, der -verdammte Speck!! - -Um wenigstens etwas Leben und Freude in die gräßliche Mahlzeit zu -bringen, brachten wir ein Hoch auf den Major aus und zerschmetterten -unsere Gläser an der Wand, wie amerikanische Offiziere es tun in ihren -Messen bei großen Toasten. Aber es war auch da kein rechter Zug in der -Sache. - -Antonio räumte kopfschüttelnd die Herrlichkeiten wieder ab. - - * * * * * - -Die anderen spielten Poker an dem runden Tisch in der Ecke. Ich war -zu müde. Allein saß ich in der anderen Ecke, den Spielern gegenüber, -auf einem Stuhl, den ich schräg gegen die Wand gelehnt hatte, um recht -bequem zu sitzen. Es schien mir, als sei mir der schwere Wein in den -Kopf gestiegen, so wenig ich auch getrunken hatte. Ein Glas nur oder -zwei. - -Furchtbar müde war ich, aber gar nicht schlafensmüde, eher überwach. -Gliedermüde nur. Die Glieder schmerzten mich so. Die Arme und die -Beine schmerzten mich, als ob irgend etwas in ihnen zerre und reiße. -Dann wieder wurden sie mir bleiern schwer, und es kostete mich Mühe, -die Zigarette zum Munde zu führen. Wie sonderbar sie schmeckte, diese -Zigarette! Nach gar nichts, rein nach gar nichts. Weg damit! - -»Antonio!« - -»=Si, señor.=« - -»Eine Zigarre, bitte ...« - -Er schnitt die Spitze ab und gab mir Feuer, geräuschlos verschwindend. -Ich rauchte und schüttelte den Kopf, denn auch die Zigarre schmeckte -nach gar nichts ... - -Wie die Uhr an der Wand gegenüber glitzerte und funkelte! Sie hatte -ein gelbmetallenes Zifferblatt, und die glänzende Scheibe schien alles -Licht im Zimmer an sich zu saugen und wiederzustrahlen. Sie blendete -mich. Aber es war doch nicht der Mühe wert, aufzustehen. Und der Pendel -der Uhr schwang immerwährend hin und her und der bestand auch aus einer -glänzenden kleinen Scheibe und der leuchtete auch. Ich mußte immer -wieder hinsehen. - -Tik -- tak -- tik -- tak ... - -Laut wie Gehämmer war der Pendelschlag. - -Dazwischen hörte ich deutlich meinen eigenen Pulsschlag in der Schläfe -und der großen Halsader: eins, zwei, drei, vier -- eins, zwei, drei, -vier -- vier Pulsschläge immer auf einen Pendelschlag ... Ach was, -dummes Zeug. Wenn ich nur nicht so bleiern müde wäre ... - -»Ich habe vier Könige, meine Herren! Das Geld ist mein!« sagte eine -Stimme ganz weit weg. - -»Vier Könige sind viel!« dachte es in mir. - -Tik, eins, zwei, drei, vier -- tak, eins, zwei, drei, vier ... Wie doch -die infame Scheibe da drüben glitzerte und blendete! Ich machte die -Augen zu, aber selbst mit geschlossenen Lidern sah ich Fluten von Licht. - -Man mußte ein Loch in diese Uhrscheibe schießen -- mitten hinein -- und -das gab dann einen dunklen Punkt -- und dann konnte sie nicht mehr so -leuchten ... - -Tik -- tak ---- - -Mitten hinein mußte man schießen! - -Da begann die Scheibe sich langsam zu drehen, und dann bewegte sie sich -immer schneller in funkelndem Kreis und wurde zum flammensprühenden -Feuerrad, das mit fürchterlicher Geschwindigkeit sich sausend schwang. - -Und immer noch schneller ... - -Da barst es funkensprühend mit dumpfem Krachen und es wurde ganz dunkel -... - - - - -Auf der Insel des Gelben Fiebers. - - »Ich bin gar nicht tot!« -- Im Hafenhospital von Santiago. -- Die - gelbe Flagge im Boot. -- Die Schmerzen im Leib. -- Der sterbende - Trompeter. -- Warum ich den Neger erschießen wollte. -- Schlafen, - nur schlafen! -- Das Dunkel zwischen Tod und Leben. -- Dr. - Gonzales. -- Ich bin Sergeant geworden. -- Das Haus des Elends. -- - Krankenpfleger und Totengräber. -- Wie der Rauhe Reiter - Himmelsblumen pflückte. -- Eine nächtliche Schreckensszene. -- Der - Insel der Verdammten wird Hilfe. -- Die Krankenschwestern. - - -Viele Wochen später. Der Krieg war zu Ende. - -Der Transportdampfer hatte mich auf amerikanischem Boden gelandet, in -Montauk Point, dem Lager der aus Kuba zurückgekehrten Truppen. Lange -mußte ich suchen, bis ich in den Zeltreihen das Signalkorps fand. - -»Guten Tag, Kinder!« sagte ich, ins Sergeantenzelt eintretend, in dem -Hastings, Souder und Ryan beisammensaßen. Die drei Männer fuhren empor -wie aus der Pistole geschossen. - -»Verdammt -- er ist's!« brüllte Souder. - -»Teufel! Willkommen, Sergeant!« schrie Ryan. - -»Du bist also nicht tot?« fragte der alte Hastings und riß den Mund -weit auf vor Staunen. - -»Ich bin gar nicht tot!« lachte ich seelenvergnügt. »Ich glaube es -wenigstens nicht. Guten Tag, Kinder!« - -Dann ging's an ein Beglückwünschen, und ein großes Erzählen hub an. Auf -Soldatenart. »Ich war wütend auf dich!« grinste Souder. »Machen sie den -Menschen zum Sergeanten,« sagte ich mir, »und der Esel geht hin und -stirbt! Läßt Wochen und Wochen üppiger Kriegslöhnung im Stich. So 'was -Dummes!« - -»Wußtet Ihr denn nicht ----?« - -»Nichts wußten wir. An dem Abend im Kabelbureau -- du erinnerst dich?« - -»Und ob!« - -»Erinnerst du dich auch an Antonio?« - -»Natürlich.« - -»Den haben wir mitgenommen -- na, du wirst ja sehen. An jenem Abend -also bist du mit dem Stuhl zusammengeknaxt und hast mir damit eine -wunderschöne Pokerhand verhunzt, die ich eben bekommen hatte. Das -vergess' ich dir sobald nicht ... Einen Augenblick!« - -Er ging und kam wieder, einen Arm voll Bierflaschen herbeischleppend -- - -»Bums -- lagst du am Boden. Wir waren so erschrocken, daß wir die -Karten hinwarfen -- Teufel, wenn ich an meine schönen drei Asse -denke! -- und dich schleunigst aufhoben, wobei du mir übrigens einen -niederträchtigen Fußtritt gegeben hast, mein Junge. Du schriest wie -besessen und erzähltest allerlei Blödsinn von einer Uhr. Zuerst dachten -wir, es sei der Wein. Aber wir hatten doch gar nichts getrunken. -Dann schickten wir den Antonio ins Hauptquartier zum Major, und ein -Stabsarzt kam, der sagte, du seiest sehr krank, und am frühen Morgen -brachten wir dich ins Hafenhospital. Als ich tags darauf dort wieder -vorfragte, hieß es, du seist auf die Gelbfieber-Insel geschafft worden -und wahrscheinlich schon tot. Du hättest Gelbes Fieber. Dann hieß es, -du lägest im Sterben. Adieu, dachten wir uns. Der arme Teufel ist schon -längst begraben!« - - * * * * * - -So also war es zugegangen an dem Abend im Kabelbureau. Ich wußte -nichts davon. Die langen Stunden jener ersten Gelbfiebertage sind mir -wie trübes undurchsichtiges Grau, aus dem nur da und dort grell und -schrecklich das Erinnern leuchtet. Ich weiß, daß ich, erwachend, um -mich sah und mich auf einer Matratze liegend fand, in einem großen -hellen Raum, mit vielen anderen Soldaten, die auch am Boden lagen, -auch auf Matratzen -- und daß mir dies und alles andere unendlich -gleichgültig war. Daß ich mich auch nicht mit einem einzigen Gedanken -darum kümmerte, was eigentlich geschehen war mit mir, ob ich krank sei -oder nicht, und wo ich mich befand. Weder etwas sehen wollte ich, noch -etwas hören, noch etwas wissen. Nur schlafen, schlafen. Meinetwegen -konnte geschehen, was da wollte, wenn man mich bloß schlafen ließ -und meine Ruhe nicht störte. Schlafen, nur schlafen! Dem Zwang der -bleiernen Müdigkeit gehorchend, die über mir lag wie schwerer Alp. - -Eine Hand erfaßte meinen Arm, fühlte nach dem Puls, schob meinen Aermel -zurück, griff mit harten Fingern in die Haut am Oberarm, zog sie empor, -ließ sie zurückschnellen. Da und dort betastete mich die Hand. Sie -riß meine Kleider auf und legte sich mir auf den Leib. Ich spürte das -alles und wurde ärgerlich. Zu dumm, daß die -- die Hand da einen nicht -in Ruhe lassen konnte! Eigentlich hätte ich mir die dumme Hand ja ganz -gern angeguckt, aber es war doch nicht ganz so einfach, die Augen zu -öffnen. Es machte wirklich zu viel Mühe! Nein, lieber nicht. - -»Wie fühlen Sie sich?« fragte eine Stimme. - -»Du meinst wohl, ich werde dir antworten?« dachte ich. »Du bist ein -großer Esel, wer du auch sein magst. Siehst du denn nicht, daß ich -schlafen will?« - -»Wie geht es Ihnen?« - -»Zu dumm -- die Fragerei,« dachte ich bloß. - -Da betastete mich wieder die Hand. Ein Finger legte sich auf mein -Augenlid, und eine Stimme, die laut zu dröhnen schien, schrie dicht an -meinem Ohr: - -»Tut das weh?« - -»Geh weg!« brummte ich. - -Und es wurde wieder hübsch still und dunkel. Nach langer Zeit dann -schien es mir, als ob meine Matratze sich bewege und aufgehoben würde -und fortgetragen. Ich hörte Stimmen und fühlte helles Sonnenlicht mehr -als ich es sah. Da wachte ich endlich auf und öffnete wirklich die -Augen. Ich war mitten auf dem Wasser, in einem großen Boot. Deutlich -sah ich den breiten Rücken des Ruderers vor mir, sah wogendes Wasser, -Häusermassen, grüne Hügel in der Ferne; sah eine große gelbe Flagge -über mir flattern. Diese gelbe Flagge kam mir bekannt vor. Sie war es, -die das erste halbwegs klare Denken in mir auslöste. - -Hm -- ich wußte doch -- natürlich! Gelbe Flaggen waren -Krankheitsflaggen. Pest bedeuteten sie, Cholera, Gefahr der Ansteckung. -Hm ja. Zu dumm. Halbbegriffen huschte mir der Gedanke durch den Kopf, -daß ich also doch wahrscheinlich recht krank sein mußte. Aber -- wenn -man krank war, dann war man eben krank -- andererseits -- wie konnte -man denn krank sein, wenn einem gar nichts fehlte als Schlaf? Zu dumm! -Zu dumm, daß sie einen nicht schlafen ließen. - -Und ich machte die Augen wieder zu. - -Um nichts in der Welt hätte ich sie geöffnet, denn nun war es -wunderschön still und ruhig. Leise nur und wie aus weiter Ferne hörte -ich gedämpfte Geräusche, und undeutlich war das traumhafte Empfinden, -daß irgend etwas mit mir geschah. Daß man mich trug -- daß sie mich -irgendwo hinlegten ... - -Plötzlich fuhr ich empor. - -Luft -- Luft! Oh -- der fürchterliche Schmerz im Leib! Das Brennen! -Luft, zum Teufel! - -Es war dunkel. Ich sah nichts. Wo war ich? Was war geschehen? Souder, -der Tölpel, mußte gestolpert sein, als er ins Zelt kam in der -Dunkelheit -- auf den Bauch hatte er mich getreten mit den schweren -Stiefeln -- ah, wie das brannte. Ich preßte die Fäuste gegen den Leib. -So, jetzt war's besser. Wo bin ich? Was -- ist -- das? - -Und wie mit einem Schlage kam durch den aufrüttelnden Schmerz die Kraft -des Sehens in mein Auge, und in mein Hirn die Fähigkeit des Denkens. -Ich sah die Männer auf dem Boden liegen, sah den Neger in der Uniform -eines Sanitätssoldaten, begriff, daß es Schwerkranke waren, unter denen -ich mich befand, und daß ich selbst sehr krank sein mußte. Mühsam -richtete ich mich auf, die Fäuste immer noch gegen den Bauch gepreßt, -denn das half. - -»Heh, du!« - -Der Neger kam einen Schritt näher. - -»Was fehlt mir? Was ist das hier?« - -»Inselhospital, Herr. Für Gelbes Fieber und Typhus. Bin selber erst -heute früh mit den ersten Kranken hergeschickt worden. Morgen kommen -die Betten --« - -»Was -- fehlt -- mir?« - -»Weiß ich nicht,« antwortete der Neger mürrisch. »Bißchen Typhus, denk -ich mir, oder 'n bißchen Fieber. Is nich schlimm, Herr. Furchtbar viel -Arbeit hier für mich. Ich bin ganz allein ---- « - -Angst packte mich, furchtbare Angst. Gel -- bes Fieber -- die Schmerzen -im Leib -- das schreckliche Müdesein ------ Regungslos hockte ich da -und starrte um mich. Unter mir lag ein Strohsack. Ich war in einem -kleinen Raum, der arg verwahrlost aussah vom roten Ziegelsteinboden -bis zu den beschmierten Kalkwänden. Die schmutzigen Fenster ließen nur -trübes Licht herein. Nackt und kahl war alles. An der einen Wand stand -ein kleiner Tisch mit Gläsern und Flaschen und einem Stuhl davor. Links -und rechts von mir und gegenüber lagen der Wand entlang auf Strohsäcken -die Kranken. Wenige nur. Ich begann zu zählen -- eins, zwei, zehn ... - -Wieder packte mich die Angst. Gelbes Fieber -- die Schmerzen im Leib --- die, die ---- verdammt, es war ja gar nicht so schlimm mit den -Schmerzen, wenn man nur die Fäuste ordentlich gegen den Bauch preßte -- - -Mein Auge hatte sich jetzt an das Halbdunkel gewöhnt. In der Ecke -schräg gegenüber kauerte auf einem Strohsack, an die Mauer gelehnt, ein -riesiger Trompetersergeant, die glitzernde Trompete noch umgeschlungen. -Sein weißes Gesicht war nach vorne gebeugt, und ein gefrorenes Grinsen -klebte auf seinen Zügen. Der Oberkörper bewegte sich ruckweise, in -immer gleichem Takt, immer ein wenig vorwärts, immer ein wenig zurück. -Mit jeder Bewegung kam und ging ein röchelndes Rülpsen aus seinem Hals, -regelmäßig wie das Ticken einer Uhr. Ueber das Hellbraun seines Rocks -und das Metallgelb der Trompete tropfte trickelnd ein schwarzrotes -Blutbächlein. Immer gleich blieben sich das Grinsen und das Rülpsen. -Bei jedem Ruck nach vorwärts floß ein wenig schwarzes, dickes Blut aus -dem Mund. - -Da verschwand auf einmal das Grinsen von dem Gesicht. - -Die Augen öffneten sich weit, der Mund sperrte sich auf, daß er aussah -wie ein schwarzes Loch, und etwas Rotschwärzliches schoß strömend -hervor aus ihm, sich über Mann und Strohsack ausbreitend in dunkler -Lache. Der Körper aber schnellte vorwärts in gewaltigem Ruck und sank -dann langsam zur Seite. Auf dem Strohsack daneben hatte der schlafende -Mann den Arm weit von sich gestreckt, und seine gelbe Hand lag flach -mit gespreizten Fingern auf dem Ziegelsteinboden. Um diese Finger und -diese Hand ging langsam der Blutstrom. Er kroch hinein zwischen die -Finger. Wie ein gezackter, weißer Fleck ragte die Hand aus der Lache. - -Es würgte mich. - -Der Neger kam langsam und faul herbei, nahm gleichgültig eine Decke und -warf sie über den toten Trompeter. Sonst rührte und regte sich niemand. -Die Männer auf den Strohsäcken lagen still da, schweratmend die einen, -wie tot die anderen. Der Neger ging wieder an den Tisch, setzte sich -auf den Stuhl und blickte stumpf vor sich hin. Ueber mich kam wieder -die alte Müdigkeit, großes Gleichgültigsein, willenlose Erschlaffung. -Ich fiel zurück auf den Strohsack. Und es wurde Nacht um mich. - -Müde, müde erwachten meine Sinne wieder. Ich schlug die Augen auf und -sah, da links, im trüben Licht der Laterne in der Ecke, etwas glitzern. -Neben mir. Die silbernen Schulterstreifen eines Offiziers waren es, -eines Leutnants. Ich sah schärfer hin. Der Offizier lag ruhig da, lang -ausgestreckt, und sein Leib hob und senkte sich im Auf und Nieder ganz -langsamer, sehr tiefer Atemzüge. Aber -- - -Nein, es war nicht möglich! Ich sah Gespenster im Fieber. Herrgott, das -gab es doch nicht!! Ich versuchte nachzudenken, aber es wollte nicht -gehen. Herrgott, das konnte doch nicht sein! War ich schon wahnsinnig? -Mit einem Ruck richtete ich mich auf -- beugte mich hinüber -- -streckte tastend die Hand danach aus -- mit schwachen, zitternden, -täppischen Fingern ---- - -Denn etwas Furchtbares war da. - -Mit leisem Gesurre umschwebten mich Hunderte und Aberhunderte von -winzigen, schwarzen Pünktchen, wogten unruhig auf und ab, schwebten, -sanken tiefer und ließen sich wieder dort nieder, von wo sie gekommen -waren -- in den starren, weit geöffneten Augen des Leutnants ... - -Der Offizier lag im Sterben. Noch ging und kam sein Atem in langen -Zügen, doch die Kraft, die Augen zu schließen, hatte er nicht mehr. -Aber er lebte noch -- er lebte noch! Und die Augen des Lebenden sahen -schwarz aus wie Kohlensäckchen. Viele, viele kleine Fliegen wimmelten -in entsetzlichem Gekribbel in den Höhlen des menschlichen Lichts. Auf -den armen, wehrlosen Augen! Auf den Augen!! - -Ich wollte aufschreien, aber aus dem Schrei wurde nur ein Stöhnen. - -»Was gibt's?« fragte brummig der Neger vom Tisch. - -»Komm her, du schwarzer Hund!« - -»Wa -- as?« - -»Komm her, du -- schwarzer -- Hund!!« - -Ich hatte suchend herabgetastet an mir selber und wirklich im Gürtel -den Revolver gefunden. Sie hatten ihn mir noch nicht abgenommen. Ich -riß ihn aus dem Holster und nahm die Waffe in beide Hände und richtete -sie auf den Neger -- - -»Komm her, du ----!« - -Seine Augen wurden groß und erschrocken, daß ihr Weiß sonderbar abstach -gegen die schwarze Haut. Langsam schlich er herbei, die Augen starr auf -den Revolver. - -»Da! Die Augen!!« keuchte ich. - -»Nicht schießen, Herr -- Jesus Christus, nur nicht schießen!« stotterte -der Schwarze. - -»Die Fliegen!!« - -»Er -- spürt nichts mehr -- ganz gewiß nicht ...« - -»Du verfluchte Bestie! Nimm ein Tuch! Deck es über ihn!« - -»Ich -- ich hab aber kein Tuch, Herr --« - -Da hob ich den Revolver. Der Neger riß sich mit furchtbarer Kraft -ein Stück Hemd von der Brust, verscheuchte die Fliegen mit heftigen -Schlägen und warf den Fetzen dem Sterbenden übers Gesicht ... Surre -- -surre -- umschwirrte es mich. Langsam hob und senkte sich der Leib des -Leutnants. - -»Ruhe da drüben!« murmelte von einem Strohsack gegenüber eine Stimme. -»Laßt einen doch schlafen ...« - - * * * * * - -Schlafen, nur schlafen. - -Nichts mehr sehen wollen, nichts mehr denken müssen. Der Neger schlich -zum Tisch zurück, plumpste auf den Stuhl, griff nach einer Flasche, -aus der er etwas in ein Arzneiglas schüttete, und leerte es auf einen -Zug. Ah! Das -- Herrgott, das war Whisky -- oder Rum -- oder ... irgend -etwas, das betäubte, Ruhe schenkte! In der Flasche dort steckte das -Vergessen! Ich wollte aufspringen, aber ein furchtbarer Schmerz schoß -mir durch den Leib. Schwer fiel ich zurück. Da drückte ich die eine -Hand in den Bauch und wälzte mich vom Strohsack. Ich schob den Revolver -vor mir her und kroch über den Boden hin. Der Neger flüchtete sich in -eine Ecke. Endlich, endlich, war ich am Tisch. Packte ein Tischbein. -Zog mich langsam, ganz langsam empor. Griff nach der Flasche -- - -»Nicht trinken, Herr!« schrie der Neger. - -Gegen das Tischbein gelehnt, hob ich die Flasche mit beiden Händen, -denn sie dünkte mich schwer, und trank; trank etwas, das im kranken -Magen wie Höllenfeuer brannte. Der Revolver war klirrend zur Erde -gefallen. Und ich trank und trank und ließ betäubt die Flasche aus den -Händen gleiten und mußte gewaltig husten und war inmitten sprühender -Lichtfluten und sah weißglühende Sterne tanzen. Dann wurde es wieder -dunkel. - - * * * * * - -Stechender Schmerz über dem Herzen erweckte mich. Ich schlug die Augen -auf und machte sie schleunigst wieder zu, denn das Licht blendete mich, -schlug sie wieder auf und blinzelte verwundert auf die Gestalt, die -sich über mich beugte. Hm ... verwirrter, verwilderter Haarschopf -- -braunes Gesicht mit warmen gütigen Augen hinter der goldberänderten -Brille -- hohe Stirn mit schwerer Hiebnarbe -- massige Schultern in -weißer Jacke -- eine lange, schmale Hand, die etwas Glitzerndes hielt -... Die Hand senkte sich, und wieder verspürte ich den leise stechenden -Schmerz in der Brust -- - -»Lassen Sie die Dummheiten!« murmelte ich ärgerlich und wunderte mich -im gleichen Augenblick, wie sonderbar dünn und fade meine Stimme klang. - -»Das sind keine Dummheiten!« sagte ein lachender Mund dicht über meinen -Augen. - -»Zu -- dumm!« - -»Pst -- psst!« Die schmale Hand legte sich auf meine Stirn. »Sch ...! -Wer wird so unhöflich sein! Wenn Sie es aber durchaus wissen wollen --- die Dummheit war eine kleine Strychnineinspritzung, die Ihr Herz -notwendig braucht. So! Nun wollen wir wieder schlafen!« - -»Aber ...« - -»Pscht! Sie haben auf der ganzen weiten Welt nichts zu tun jetzt als zu -schlafen!« - -Und ich machte gehorsam die Augen zu. - -Am gleichen Tag noch folgte dem ersten Erwachen das zweite, und wieder -kam die glitzernde Spritze, und abermals fühlte ich den stechenden -Schmerz auf der Brust. Ein Löffel voll kondensierter Milch wurde mir -eingeflößt. - -»Pfui Deibel!« knurrte ich. - -»Sagen Sie das lieber nicht!« meinte der Mann in der weißen Jacke -lächelnd. »Denn diese nahrhafte Milch wird, ein Löffel jede Stunde, -noch lange Ihr einziges Nahrungsmittel bilden.« - -»Wieso denn? Ich -- ich habe Hunger!« - -»Aha! Hunger haben wir? Wir sind schon wieder ganz intelligent? Können -reden und denken, nicht wahr? Schön. Wollen Sie mir versprechen, sofort -wieder einzuschlafen, wenn ich Ihnen alles sage?« - -»J -- ja.« - -Die sonderbar großen, warmen Augen sahen mich unverwandt an und die -ruhige Stimme erzählte kurz, ich sei recht krank gewesen an gelbem -Fieber. Jetzt aber könne ich mich wieder so gut wie gesund nennen, -immer vorausgesetzt, daß ich recht viel schlafen würde in den nächsten -Tagen. Ueberhaupt nur schlafen! Und recht geduldig sein und nicht -murren. »Denn sehen Sie, wenn man vier Tage lang getobt und geschrien -hat, dann ist der Körper arg mitgenommen und muß ausruhen. Schlafen -Sie! Freuen Sie sich, daß Sie eine Krankheit, wie gelbes Fieber es ist, -überstehen konnten!« - -»Da hab ich wieder einmal Glück gehabt!« murmelte ich. - -»Ganz gewiß!« sagte der Mann in der weißen Jacke. »Aber nun wollen wir -wirklich schlafen!!« - -Ich nickte nur. - -Viele Stunden gingen noch hin in diesem Halbbewußtsein des -arbeitsunfähigen Hirns, das mit dem geschwächten Körper litt und -schwach war. Ich sah alles nur wie durch Schleier. Die Menschen, die -Dinge um mich schienen Schatten zu sein. Dann aber regte sich gewaltig -der ursprünglichste Lebensdrang: Hunger hatte ich! Fürchterlicher -Hunger quälte mich. Im Wachen und Schlafen hatte ich keinen anderen -Gedanken als den einzigen: Essen! Gebt mir doch zu essen! Wollt Ihr -mich denn verhungern lassen? Wenn der Mann in der weißen Jacke sich -blicken ließ, bat und bettelte ich um ein Stück Brot wie ein Kind, und -meinen bittersten Feind sah ich in ihm, wenn er mit unerschütterlicher -Ruhe mir immer erklärte, das gelbe Fieber habe meine Magenwände und -meine Därme so beschädigt, daß jede andere Nahrung als flüssige mein -Tod sein würde. Ich glaubte es ihm nicht. Denn ich hatte ja solchen -Hunger! - -Ich hörte nichts und sah nichts, sondern träumte nur vor mich hin und -stellte mir vor, wie köstlich ein Butterbrot schmecken müßte -- ein -kleines Butterbrot. Ich träumte nicht etwa von üppigen Mahlzeiten mit -vielen Gängen, sondern von Brot nur, einfachem Brot. Die Herrlichkeiten -des Paradieses hätte ich dahingegeben für ein kleines Stück Brot. Ich -hörte Menschen schreien in bitterer Leidensnot und wandte nicht einmal -den Kopf. Die hatten ja nur Schmerzen. Ich aber hatte Hunger. Und dann -kam der Tag, an dem ich vier oder fünf Löffel Suppe bekam, schlechte -Tomatensuppe, aus einer Konservenbüchse zusammengepantscht, mit einem -Stückchen oder zwei aufgeweichten Brots. Da dünkte ich mich glücklich -und reich. - -Mehr Suppe am nächsten Tag. Mehr aufgeweichtes Brot. Milch dann im -Glas, nicht mehr im Löffel, dünnen Reisbrei -- Suppe endlich mit -viel Brot. Der Tag kam, an dem ich die zitternden Füße aus dem Bett -streckte und hinauskroch und verlegen dastand, mich krampfhaft an den -Eisenstangen des Betts festhaltend. Langsam fing ich an, die Dinge -um mich wirklich zu sehen und wirklich zu begreifen. Mit tastenden -Schritten ging es zurück ins Land der Gesundheit. - - * * * * * - -Eines Tages schlich ich hinter Doktor Gonzales her (das war der Mann in -der weißen Jacke) und erwischte ihn gerade noch bei der Türe. - -»Ich möchte entlassen werden,« bat ich. - -Er lächelte, faßte mich am Arm und zog mich zur Türe hinaus in den -grellen Sonnenschein. Kaum war ich im Freien, da merkte ich, wie -schwach ich in Wirklichkeit war, denn sauer genug wurden mir die -wenigen Schritte zu dem Zelt des Doktors, das auf dem Rasen vor dem -gelben Gebäude aufgeschlagen war. Doktor Gonzales schüttete ein paar -Tropfen Whisky in ein Glas, goß Sodawasser darauf und gab mir das -Getränk. Hei, wie stark und hellhörig das machte -- - -»Von einem Zurückkehren zur Truppe kann keine Rede sein, Sergeant,« -erklärte er. »In vier Wochen vielleicht!« - -»Bin ich denn Sergeant?« fragte ich. - -Da bekam ich Billys Brief und vom Doktor eine gedruckte Liste der -Beförderungen im Signalkorps -- ich war Sergeant ... Und ich las Billys -Brief und mußte mich schleunigst hinsetzen, denn es wurde mir schwarz -vor den Augen. Der Arzt lächelte. - -»Sie sind noch lange nicht dienstfähig, Sergeant,« sagte er. »Zum -mindesten nicht unter den Verhältnissen in Santiago. Dagegen glaube -ich, daß Beschäftigung Ihnen gut sein wird. Sie können mir nützlich -sein. Sie haben in Ihren Fieberzeiten Ihr ganzes Leben hinausgeschrien -und -- ich kann Sie brauchen.« Er wurde sehr ernst. »Die Zustände hier -sind entsetzlich. Wir haben nur gelbes Fieber und Typhus in schwerster -Form. Meine Hilfsmittel sind lächerlich gering. Es fehlt am Nötigsten. -Ich kann weder Hilfskräfte noch Arzneimittel bekommen. Meine beiden -Krankenwärter sind willig genug, aber ich müßte sechs haben nicht -zwei. Ich werde Ihnen Arbeit geben, die Ihren Kräften entspricht. Sie -sind also für die nächsten Wochen,« er lächelte ein wenig, »nicht mehr -Sergeant erster Klasse des Signalkorps, sondern mein Assistent!« - - * * * * * - -Das kleine Inselchen mitten in der Santiagobai, die Gelbfieberinsel, -war eigentlich die Quarantänestation des Hafens. Ein morscher -Landungssteg führte vom Wasser auf ein Stück Rasen. Dann kam das Haus, -eine echt spanisch verwahrloste Krankenbaracke. In den Mauern des -niederen, langgestreckten Gebäudes klafften Risse. Es enthielt nur -einen einzigen Raum und einen noch älteren Anbau, in dem die Wände von -Wasser trieften und die Fußbodenbretter verfault waren. Hinter dem Haus -lagen Bretterhütten; eine Kochhütte die eine, Kloaken die anderen, mit -tiefen Löchern im Boden und Schwärmen von Fliegen. Dahinter erstreckte -sich gelber Sand. Im Hause reihte sich Bett an Bett. Schwerkranke -waren es alle, Sterbende viele. Hier kämpfte Tag und Nacht, in einem -Alleinsein, das schrecklich gewesen sein muß, ein einziger Arzt für -das Leben vieler Menschen. Als Hilfe hatte Doktor Gonzales nur zwei -Krankensoldaten und mich und einen alten Kubaner, der kochen mußte und -Eimer hinein und hinausschleppen und Gräber graben. Nicht einmal die -nötigsten Kräftigungsmittel hatte der Arzt für die Kranken -- nicht -einmal reine Wäsche für sie -- nicht einmal Arzneien in genügender -Menge und Auswahl -- nicht die Möglichkeit einmal halbwegs sorgfältiger -Pflege ... Es war ein fürchterliches Krankenhaus. - -»Wenn ich nicht wüßte, daß sich das hier bald ändern muß,« sagte -Doktor Gonzales zu mir am ersten Tag der Arbeit, als wir einen Toten -hinaustrugen, »so würde ich -- ja, ich weiß nicht, was ich tun würde -... Aber das Hospitalschiff ist abgegangen von New York, und bei seiner -Ankunft bekommen wir alles, was wir brauchen, im Ueberfluß.« - -»Man könnte doch wenigstens Soldaten zur Arbeit herkommandieren!« wagte -ich zu sagen. - -»Damit sie sterben?« antwortete der Arzt scharf. »Sehen Sie sich doch -die Kloaken an! Die Fliegenschwärme überall! Den Schmutz! Hier wimmelt -es von Krankheitserregern in jedem Sonnenstäubchen. Sehen Sie sich die -verfluchte gelbe Baracke nur an! Die Gelbfieber-und Typhuskeime, die -in ihr stecken, könnten eine Armee auffressen. Nein, hierher kommt -mir kein Gesunder! Deswegen lasse ich Sie arbeiten. Wer Gelbes Fieber -gehabt hat, ist immun. Er ist gesalzen gegen Fieberkrankheiten, wie -man zu sagen pflegt. Und in fünf, sechs Tagen, =please God=, ist das -Hospitalschiff da, und dann wollen wir diesen Höllenfleck mit Karbol -überschwemmen und -- ja, dann wird's anders werden!« - -Wir begruben den Toten. - -Der Kubaner hatte ein Loch in den Sand gegraben, hundert Schritte -vom Haus, auf einem winzigen Hügel, von dem die gelbe Fläche sich in -sanfter Neigung zum Meer senkte. Auf dem eisernen Feldbett trugen wir -den toten Mann zu seinem Grab, der Arzt und ich und der Kubaner und der -Neger. Wir stellten das Bett neben das Grab, packten die Zipfel der -Wolldecke, auf der der Tote lag, und hoben die Last vorsichtig über die -Graböffnung. So standen wir, an einer Ecke des Grabes ein jeder, und -bückten uns und knieten dann und legten uns flach hin und ließen die -Leiche hinabgleiten. Aber unsere Arme reichten nicht weit genug. Das -Bündel in der Decke schwebte einen halben Meter hoch über dem Boden des -Grabes. - -»Loslassen!« befahl Doktor Gonzales. - -Ich sah, daß es nicht anders ging, daß wir uns nicht anders helfen -konnten -- aber doch schüttelte mich ein unbezwingbares Grauen, als die -Leiche plumpsend unten aufschlug und die Wolldecke sich verschob, das -geistergelbe Gesicht bloßlegend, das nun aus der Tiefe gen Himmel zu -starren schien. Der Arzt nahm rasch die Schaufel vom Sandhaufen, bückte -sich und schob mit dem Stiel die Decke wieder über das tote Gesicht. - -»Ruhe in Ehren!« sagte er leise. »Du bist für dein Land gestorben.« - -Wir nahmen die Hüte ab, und der Kubaner schickte sich an, das Grab -zuzuwerfen. - -Das war das Begräbnis. - -Ein toter Mann wurde in der verschmutzten Wäsche, in der er gestorben -war, in ein Loch geworfen -- ein mürrischer Kubaner schaufelte Sand -hinein -- ein schwitzender Neger stand daneben und half, leise fluchend -über die schwere Arbeit in der heißen Sonne. Roh war's, fürchterlich -roh, nicht zum Beschreiben brutal. Und doch hätte jeder Narr sehen -müssen, daß es eben nicht anders ging in der Not der Verhältnisse. -Weil ich so schwach war vielleicht, erschien mir alles noch roher und -furchtbarer -- der trostlos öde Sand -- die niederen Grabhügel links -und rechts mit ihren Holzstückchen, auf denen große Nummern standen -- -der schmutzige, gefühllose Totengräber ... - -Der Arzt sah gedankenvoll auf die Grabhügel. »Fünfundzwanzig tödlich -verlaufene Fälle bis jetzt!« sagte er zu mir. »Ein verhältnismäßig -günstiges Resultat!!« - -Wir gingen ins Haus, während Neger und Kubaner das Grab zuschaufelten. -Von Bett zu Bett führte mich Doktor Gonzales. Er zeigte mir, wie man -die Schnelligkeit der Atmung maß, und wie man ungebärdige Fieberkranke -durch kräftigen Druck auf das Rückenmark beruhigte, während das -Fieberthermometer eingeführt wurde. Das Ueberwachen der Temperaturen -sollte meine Arbeit sein. Darauf kam es, so erklärte mir der Arzt, -vor allem an, denn von seinem rechtzeitigen Eingreifen beim Steigen -und Fallen der Fieberkurve hing Leben und Tod ab. Auf den Neger und -den anderen Krankensoldaten konnte er sich nicht verlassen. Die -Leute waren nicht nur beinahe zu Tode gearbeitet mit hunderterlei -Pflichten, sondern es war auch ganz unmöglich, den einfachen Menschen -beizubringen, daß ein Unterschied von wenigen Graden auf dem -Thermometer der Unterschied zwischen Leben und Sterben war. - -»Und ich kann ja nicht überall zugleich sein!« murmelte der Arzt, und -etwas Trauriges kam in sein ruhiges, kraftvolles Gesicht. - -Ich schrieb mir die Namen auf von Bett zu Bett und begann meine -Arbeit, während er mir zusah und bald ein Fiebermittel gab, bald eine -Strychnineinspritzung machte. Dabei erklärte er mir leise, daß er sich -hier so starker Mittel bediene, wie sie so leicht kein Arzt anwenden -würde. - -»Wir wissen so wenig von den Erscheinungen dieser Krankheit. Ihre -Bekämpfung ist sogar in geregelten Verhältnissen ein Problem. Hier aber -muß ich mit Keulenschlägen auf das Fieber losschlagen. Es muß herunter -um jeden Preis, steigt es auf vierzig Grad; und das Herz muß gezwungen -werden zur Arbeit, koste es was es wolle an Kraft, fällt es bis zu -fünfunddreißig Grad.« - -So ging ich von Mann zu Mann und legte die Hand auf feuchte Leiber -und lernte, mit unendlicher Geduld und vielen kleinen Kniffen, -Fiebermessungen zu machen bei Menschen, die sich fortwährend hin -und her wälzten und keinen Augenblick still hielten. Heiße, dumpfe, -schweißgeschwängerte Luft erfüllte den Raum. Vierzig Menschen lagen in -eisernen Feldbetten die Wände entlang. Einige wenige, die Glücklichen, -hatten Nachthemden und weiße Jacken; die meisten aber lagen in den -schmutzigen blauen Flanellhemden da, in denen sie gekommen waren. Die -einen waren still und schienen ruhig zu schlafen. Die anderen lallten -und schrien und tobten wie lärmende Kinder. Hier schrie einer nach -seiner Mutter, dort johlte ein anderer ein Negerlied, dort gab einer -mit dünner zitternder Stimme kreischende militärische Befehle: »Feuer -aus dem Magazin -- auf dreihundert Meter -- Schne -- eell -- feuer!!« -Der Neger und der Krankensoldat liefen fortwährend auf und ab. Bald -halfen sie einem ins Bett, der im Fieberwüten herausgefallen war; bald -unterstützten sie sich gegenseitig, einem sich verzweifelt Wehrenden -ein wenig Milch im Löffel einzuflößen; bald liefen sie zur Türe und -holten die Eimer, denn schon wieder hatte ein Kranker sein Bett -beschmutzt. - -Da rief mich der Arzt. Auf dem Bett, an dessen Fußende er stand, lag -ein junger Mensch, der kaum achtzehn Jahre zählen mochte. »=Corporal -Clancey, F troop, Rough Riders=« hieß es auf dem Zettel an der Wand -über dem Bett. Das Gesicht, das in der Krankheit eine sonderbare, fast -olivengelbe Farbe angenommen hatte, war von mädchenhafter Schönheit und -Weiche. Die wunderbar großen, braunen Augen glänzten irre in feuchtem -Fieberglanz. Der Arzt sah bald den Mann an, bald das Thermometer, das -er in der Hand hielt, und schüttelte den Kopf. - -»Helfen Sie mir, ihm den Mund öffnen,« sagte er. - -Ich tat es mit einem Löffel, und der Arzt schüttete dem Kranken ein -Pulver in den Rachen und träufelte ein wenig Wasser tropfenweise in -den regungslosen Mund. Die Wirkung war eine fast augenblickliche. Der -bebende, zitternde Körper streckte sich. Die Augen schlossen sich fast -ganz, und die unruhig fuchtelnden Hände sanken kraftlos auf die wollene -Decke. - -»Der Mann hatte über vierzig Grad,« erklärte Doktor Gonzales. »Ich -fürchte, er ist nicht mehr zu retten. Bleiben Sie bei ihm, messen Sie -ihn alle zehn Minuten und rufen Sie mich sofort bei Untertemperatur.« - -Ich holte mir eine Kiste aus der Mitte des Zimmers -- amerikanische -Munitionskisten waren die einzigen Stühle in diesem Krankenhaus -- und -setzte mich ans Bett. Nach zehn Minuten maß ich: Sechsunddreißig. - -Der Kranke lag still da. Sein Mund war halbgeöffnet. Die glänzenden -Augen schienen zwischen halbgeöffneten Lidern hervorzublinzeln. Da -huschte plötzlich ein Lächeln über das weiche, schöne Gesicht, als -träume der Knabe einen wunderschönen Traum. Die schlaffen Hände auf -der Bettdecke begannen sich zu regen und leise auf und nieder zu -bewegen in langsamem Tasten. Die Hände öffneten und schlossen sich und -griffen wunderbar weich zu, als suchten sie etwas. Lächelnd betrachtete -ich diese Hände. Wie schlank sie waren, wie kindlich fein, wie sie -erzählten von guter Rasse und sorgsam gelernter Pflege! Und wie -zierlich sie tasteten -- husche, husche -- zugreifend -- fein, ganz -fein -- behutsam -- wie die Fingerspitzen über die rauhen Deckenhaare -glitten -- als suchten sie etwas -- als wollten sie greifen -- pflücken ------- - -Da sprang ich entsetzt auf. Was war das? Dieses Tasten, dieses -Suchen! Hatte mir nicht einst die alte Kinderfrau in ihren gruseligen -Dämmerstundengeschichten erzählt, daß Sterbende Himmelsblumen pflückten --- - -»Doktor Gonzales!« schrie ich. - -Er kam mit raschen, geräuschlosen Schritten von gegenüber, beugte -sich über das Bett, sah scharf auf die rastlos gleitenden Hände, zog -die Spritze aus dem Ledertäschchen, füllte sie und stach ein über dem -Herzen. Die Hände wurden sofort still. Ich starrte wie gebannt in das -Gesicht auf dem Kissen und sah in fast unmerklichem Uebergang das Gelb -sich langsam röten. Dann schoß plötzlich gesunde Blutfarbe in die -Wangen. Das aufgepeitschte Herz tat seine Schuldigkeit. Eine winzige -Gabe eines furchtbaren Gifts hatte einen Sterbenden von den Pforten des -Todes zurückgerissen. - -Da schnellte in jähem Wechsel der Körper mit gewaltigem Ruck empor. Die -großen Augen starrten, der Mund wollte sich öffnen, wollte schreien -- -aber die Kehle brachte nur lallende Töne hervor. Die Hände wurden in -die Höhe gerissen und schlugen wild nach links und nach rechts, und -die Füße zuckten und stießen, daß die Eisenstäbe unten am Bett dumpf -klirrten. In gewaltigen Stößen schnellte der Leib auf und nieder. -Der Mann wäre aus dem Bett gefallen, hätten wir ihn nicht krampfhaft -gehalten. Und während ich noch verspürte, wie unter meinen Händen die -zuckenden Muskeln sich wehrten, sank der Rauhe Reiter steif zurück und -lag still da. Sein Mund schien zu lächeln. - -»Lassen Sie ihn hinaustragen!« sagte der Arzt ganz langsam und ganz -leise. - -Ich legte meine Hand auf seinen Arm. »Hat er schlimme Schmerzen leiden -müssen?« fragte ich entsetzt. - -»Nein!« antwortete Doktor Gonzales. »Nein -- aber wir wissen diese -Dinge ja nicht. Er mag in Himmelsseligkeiten geschwelgt haben oder -Höllenqualen erlitten in seinen letzten Sekunden im lebendigen Leib --- wir wissen es nicht. Unter anderen Verhältnissen hätte ich ihn -vielleicht retten können. Durch sorgfältige, ständige Ueberwachung, -durch mildere Mittel zur rechten Zeit. Nach meiner besten Ueberzeugung -jedoch hat der Junge nicht gelitten. Das ist ja der einzige freundliche -Fleck in diesem Höllenbild: Sie wissen es nicht, unsere Kranken, wie -elend es ihnen geht! Sie wissen nicht einmal, wie krank sie sind!!« - - * * * * * - -Nein, sie wußten es nicht. - -Ein Mitleid, wie ich es nie in meinem Leben gekannt hatte, packte -mich, wenn ich von Bett zu Bett, von Mann zu Mann schritt; ein -Mitleid, das mich stark machte, denn es ließ vergessen, wie schwach -ich selbst noch war. Die Männer des Krieges waren zu Kindern geworden. -Das unbegreifliche, geheimnisvolle Walten der Fiebermächte hatte den -rauhen Soldaten alles genommen, was stark und männlich und roh und -brutal an ihnen war. Nicht äußerlich hilflos nur waren sie geworden -wie Kinder, sondern kindlich im Geist in allen ihren Lebensäußerungen. -Weich und anschmiegend, dankbar über alle Maßen für ein gutes Wort, -für ein Streicheln, das sie im Fiebertraum zu empfinden schienen und -mit einem Lächeln beantworteten. Die wenigen, die auf dem Wege der -Besserung waren, hatten alle Hunger. Aber sie fluchten nicht und -zeterten nicht nach Soldatenart, sondern sie bettelten alle um Milch, -sie baten um Brot -- wie ein Kind seine Mutter bittet. Sie lachten -lustig im Fieberlallen und sangen Lieder, die sie ganz gewiß nicht -gesungen hätten bei gesunden Sinnen. Das nur und das nur allein machte -die Hölle erträglich. Man sah selbst all das Furchtbare mit kindlichen -Augen, ohne viel nachzudenken darüber ... Es mußte so sein -- das mit -den übelriechenden Eimern -- das mit den schmutzigen Blechlöffeln, mit -denen man von Mann zu Mann ging, Milch fütternd, ohne sie abzuwischen -oder gar zu waschen -- das mit den Kloaken draußen, die fürchterliche -Pestluft in den Raum strömen ließen, wenn man im Ein-und Ausgehen die -Türen öffnete. Es mußte so sein, denn es war nun einmal nicht anders. - -Und ich maß und maß und fütterte hilflose Menschen mit Milch und wusch -beschmutzte Menschen aus einem schmutzigen Eimer mit einem schmutzigen -Fetzen eines alten Hemdes. Ruhe gab es keinen Augenblick. Bald schritt -der Arzt meine Bettseite ab, bald ich die seine. Dutzende Male mußte -ich ihn rufen, weil die Fieberbilder sich fortwährend veränderten. - -Am Spätnachmittag war der Neger verschwunden. Doktor Gonzales und ich -suchten endlich nach ihm und fanden den armen Kerl in einer Ecke bei -einer Kloake, dumpf vor sich hinstarrend. Der Sandboden zeigte, daß -er sich erbrochen haben mußte. Jetzt sah ich den Arzt zum ersten Male -erregt. - -»Herrgott, nimmt es denn kein Ende?« schrie er. »Neger sind doch -sonst immun! Muß denn das verfluchte Fieber gerade den schwarzen -Krankensoldaten packen, den ich brauche!« - -Mit vieler Mühe trugen wir ihn hinein und legten ihn auf das Bett, auf -dem vor kurzem der Rauhe Reiter gestorben war. Die Leiche hatten wir -draußen in einer schattigen Ecke auf dem Boden liegen lassen müssen, -um das Bett frei zu bekommen. Und wieder ging es an die Arbeit, mit -einem Mann weniger. Gegen Abend wurden die Kranken ruhiger und die -Fiebertemperaturen gleichmäßiger. - -»Wir wollen schnell etwas essen,« sagte Doktor Gonzales, »-- dann den -Toten beerdigen -- und dann müssen Sie Ruhe haben. Sie können in meinem -Zelt schlafen, damit Sie wenigstens in frischer Luft sind.« - -Wir aßen ein Gemengsel von Reissuppe und Brot und tranken dünnen -Tee, und ich durfte eine halbe Zigarette rauchen, die mir wie ein -Göttergeschenk erschien. - -»Und jetzt müssen wir wieder Totengräber spielen!« sagte Doktor -Gonzales, halb lächelnd, halb traurig. - -Das Grab war gegraben. Er rief den Kubaner und den Krankensoldaten, und -zusammen trugen wir den Knaben, der sich die Himmelsblumen erpflückt -hatte, zu seiner Ruhestätte im heißen Kubasand. Tiefe Finsternis -umhüllte die Insel des Gelben Fiebers, denn Nacht folgt auf Tag im -kubanischen Land ohne Uebergang. Der Arzt, der neben mir schritt, -trug eine Laterne, die trübe brannte und das Dunkel nur in winzigem -Umkreis erhellte. Stolpernd, suchend, tappten wir vorwärts mit unserer -Last, fanden den Sandhügel, fanden das Grab. Wir schlugen die Decke -auseinander, faßten die Zipfel an, hoben den Körper über die schwarze -Oeffnung im Sand, bückten uns -- - -Da fühlte ich, wie der Sand unter meinen Füßen nachgab, und griff -mit der freien linken Hand in den aufgeworfenen Sandhaufen, mich zu -stützen. Aber ich rutschte. Ich rutschte langsam. Ich rutschte immer -mehr. Da packte mich jähes Entsetzen, und ich ließ den Zipfel der Decke -los, mochte auch die Leiche hinabstürzen. Aber im gleichen Augenblick -bröckelte der Boden unter meinen Füßen weg. Ich schrie gellend auf. -Wie ein Tier brüllte ich. Ich hörte jemand fallen mit mir -- hörte die -Laterne klirren. - -Und stand in furchtbarer Finsternis in einem tiefen Loch und schrie -wie ein Verrückter und trampelte auf etwas entsetzlich Weichem herum -und wußte, daß die Masse unter meinen Füßen der Rauhe Reiter war. Ich -brüllte -- ich brüllte in einem hysterischen Grauen ohne Grenzen. -So schwach und elend war ich noch nach dem langen Kranksein. Mit -den Nägeln krallte ich mich in die Sandwand ein und versuchte mich -emporzuziehen, und sprang. Aber der lose Sand gab unter meinen Fingern -nach, und ich prallte in hartem Stoß auf das nachgebende weiche -Fleisch, das sich zu rühren und lebendig zu werden schien. Als ob der -tote Mann nach mir greifen wollte -- mich festhalten ---- - -»Hilfe!« brüllte ich. - -Da flammte ein Zündholz auf, eine eiserne Faust packte mich, zog, half -mir. Und ich sank erschöpft auf den Sand. Ich hörte, halb bewußtlos, -wie das Grab zugeschaufelt wurde und spürte, wie der Arzt mich unter -dem Arm faßte und mir aufhalf. Der Kubaner schritt mit der wieder -angezündeten Laterne voran. Als wir in seinem Zelt waren, sprach Doktor -Gonzales kein Wort, sondern goß nur mit zitternder Hand ein wenig -Whisky in ein Glas und gab es mir zu trinken. Auch er trank. Dann -setzte er eine kleine silberne Spritze an meinen Arm ... - - * * * * * - -Mit dem Morgen begann wieder das Tagewerk. Es setzte sich fort durch -zehn Tage hindurch, im gleichen Raum, unter den gleichen Verhältnissen, -im gleichen schrecklichen Einerlei der Hilflosigkeit, und viele -Menschen sah ich sterben in diesen Tagen. Die einen schliefen ermattet -ein, die andern starben in kämpfendem Sichaufbäumen. Aber sie kämpften -im Fieber nur und wußten es nicht und erlitten keine Todesangst, denn -der Fiebertod ist ein gütiger Tod. Und ich half die Lebenden füttern -und in ihren Körpern nach dem geheimnisvollen, unberechenbaren Auf -und Nieder der Fieberkobolde spüren, und oft dünkte es mich, als sei -das kleine Quecksilberwerkzeug eines der großen Wunder der Welt. Gar -schnell hatte ich mich an den Jammer und das Elend gewöhnt und sah -stumpfe, alltägliche Notwendigkeit im alltäglichen Erleben von Grauen -und Sterben. Heute, im rückschauenden Betrachten, weiß ich, daß es eine -Hölle war, in der ich lebte damals. Eine Hölle -- - -Am zehnten Tag jedoch ward der Insel der Verdammten Hilfe. Boote -landeten. Junge Frauen in schneeweißen Kleidern schritten über den -Rasen vor dem gelben Haus. Sie sprachen nicht viel, sie fragten nichts, -sondern packten Wäsche aus und bekleideten die Kranken und wuschen sie. -Sie putzten und säuberten und pflegten. - -Man stand da, wollte seinen Augen nicht trauen, glaubte, ein Wunder -zu erleben. Kiste auf Kiste, Korb auf Korb, Sack auf Sack wurde aus -den Booten an Land geschafft. Es war, als wollte das reiche Volk eines -reichen Landes in verschwenderischem Geben gut machen, was die Not des -Krieges an den armen Männern auf der Insel des Gelben Fiebers gesündigt -hatte. Da waren schwere Weine in ungezählten Flaschen und teurer -Schaumwein in ganzen Körben und feine Hemden und große Schinken und -Fleisch und Eßwaren in sorgsam geschlossenen Blechbüchsen und weißes -Brot. Zelte erstanden auf dem Rasen und auf dem Sand. Das gelbe Haus -wurde mit Karbol überschwemmt und verlassen, denn die Kranken sollten -nun in luftigen Zelten liegen. - -Wie ein Märchen war es. - -Am Spätnachmittag führte mich der Arzt in sein Zelt. Er füllte zwei -Gläser mit Schaumwein, trank mir zu und sagte mit lachenden Augen: - -»Hier endet Ihre Arbeit, Sergeant!« - -Zwei Wochen aber blieb ich noch im Aerztezelt, denn Doktor Gonzales -verweigerte mir immer wieder lachend den Gesundheitsschein. - - * * * * * - -Die Wandlung war groß. - -Nicht nur äußerlich veränderten sich die Dinge auf der Gelbfieberinsel: -das Elend in Ueberfluß, der Schmutz in Sauberkeit, das ohnmächtige -Zusehenmüssen in kraftvolles Eingreifen mit reichen Mitteln -- sondern -auch im Tiefsten. Die kleine Welt um uns schien anders. Es war, als -liege ein gar fremdartiges, sonderbares Klingen in der Luft. Wie -wiegender schmeichelnder Walzerklang. - -In harter Männerwelt hatte man gelebt viele Wochen lang. Sich gebalgt -mit dem Feind. Nicht viel Federlesens gemacht um Hunger und Strapazen -und Wunden. Das ging einmal nicht anders. Man war marschiert und hatte -gefochten -- im Dreck kampiert, gefiebert auf den Hügeln ------ Der Tag -brachte es mit sich. Was war weiter dabei! - -Da tönte der neue Klang. - -Was uns Selbstverständliches, Alltägliches gewesen war, schien -den jungen Frauen, die uns pflegten, eine Wunderwelt. Sie waren -freiwillige Krankenschwestern, aus guten amerikanischen Familien. -Ideale Begeisterung hatte sie nach Kuba geführt, ihr Scherflein -beizutragen im Krieg. Sie sahen keine Selbstverständlichkeiten; sie -sahen die Dinge mit ganz anderen Augen an. Für sie waren die blassen -genesenden Männer in den Zelten alle mitsammen Helden, die heldenhaft -mit Tod und Teufel gekämpft hatten. - -Sie setzten sich auf die Betten zu den Kranken, auf die Feldstühle -vor die Zelte zu den Genesenden, und baten und bettelten so lange, -bis ihnen die Geschichten von der Schlacht vom San Juan-Hügel und vom -Lagerleben und vom Krankheitselend immer und immer wieder erzählt -wurden. Dann glänzten ihre Augen, und sie wurden weich und wußten gar -nicht, was sie einem alles Gutes antun sollten. Ich hab's hundertmal -selber erlebt und hundertmal mit angehört -- - -»Was mußt du gelitten haben, du armer Junge!« - -»Hm -- eh -- 's ist nicht so schlimm gewesen,« war gewöhnlich die -verlegene Antwort. - -»Oh, du armer Junge! Soll ich dir ein Schlückchen Wein bringen?« - -»=Oh yes, please. Thank you, miss!=« - -»Du mußt nicht Fräulein zu mir sagen. Ich bin Schwester Irene. Du -- -bist du denn nicht fast gestorben vor Angst, du armer Junge, als du den -fürchterlichen Hügel hinaufstürmen mußtest?« - -»Nee!« - -»Aber es muß doch entsetzlich gewesen sein!« - -»Ja. Da kletterte einer vor mir« (der Erzähler war ein junger Sergeant -der 5. Regulären), »der zappelte immer mit den Beinen und ich mußte -höll -- hm -- sehr aufpassen, daß mir der verfl ... hem -- der Kerl -nicht ins Gesicht trat. Es _war_ scheußlich!« - -»Und die Todeskugeln!« - -»Oh, an die Schießerei hatte man sich gewöhnt!« - -Und keinen einzigen Mann gab es auf der Insel des gelben Fiebers, der -nicht seinen wohlgefüllten Sack voller Heldenruhm eingeheimst hätte. -Zuerst war das etwas Unbehagliches. So prahlhänsig kam man sich vor. -Man horchte immer scheu zum Nachbar hinüber, ob der nicht lachte, -wenn Schwester Irene oder Schwester Edith oder Schwester Lizzie einem -dickgestrichene Heldenkomplimente machte. Aber gar bald wirkte die -Bewunderung merkwürdig wohltuend. Es war doch sehr nett, in schönen -Augen immer wieder lesen zu dürfen: du bist ja ein famoser Junge! -Sie fanden sich prachtvolle Menschen gegenseitig, die bewundernden -Frauen und die bewunderten Männer. Sie gingen miteinander spazieren -im Inselland halbe Nächte lang, Genesende und ihre Pflegerinnen. Sie -saßen immer zusammen und tuschelten und hatten sich schrecklich viel zu -sagen. Man wurde arg verwöhnt auf der Gelbfieberinsel in jenen Tagen. - - - - -In der Zeltstadt von Montauk Point. - - Die Friedensbotschaft. -- Ein brutaler Krieg. -- Die böse Lage der - amerikanischen Invasionsarmee. -- Auf den General folgt der - kaufmännische Organisator. -- Wie die Zeltstadt von Montauk Point - erstand. -- Mein letzter Tag in Santiago de Cuba. -- Im - Gesundheitslager. -- Die Komplimente des Trusts. -- Wie mir ein - Vermögen entging. -- Die New Yorker Invasion. -- Von begeisterten - =Ladies=. -- Das Sicherheitsventil. -- Wie Leutnant Hobson in der - Welle der Hysterie ertrank. - - -In einer Augustnacht war es. - -Wir saßen vor dem Aerztezelt, der Doktor und ich, rauchten eine -beschauliche Zigarette und schauten auf die Bai hinaus. Wundersam -funkelten und glitzerten im Wasser die Sternenbilder. Da erklang ein -dumpfes Brausen, wurde mächtiger, schwoll an zu Getöse. Eine Rakete -zischte empor über der Stadt, eine zweite, eine dritte. Drüben über dem -Wasser jubelten und schrien viele Menschen. - -»Eine Schlacht in Portorico!« rief der Doktor aufspringend. - -Ich widersprach ihm. Die letzten Nachrichten von der benachbarten -spanischen Insel hatten besagt, daß die Besetzung Portoricos durch eine -amerikanische Armee unter General Miles nach unblutigen Kämpfen nun -vollendete Tatsache sei. Während wir noch hin und her sprachen, kam das -Boot vom Hafenhospital. Der Kubaner, der es ruderte, sprang auf uns -zu, aufgeregt mit den Armen in der Luft fuchtelnd. - -»=Cuba libre!=« brüllte er. »=Cuba libre, Señores!!=« - -Und er übergab dem Doktor einen Zettel. Das hektographierte Stück -Papier enthielt die kurze Mitteilung des amerikanischen Gouverneurs -von Santiago an die einzelnen kommandierenden Offiziere, daß heute, am -12. August, in Washington das vorläufige Friedensprotokoll zwischen -den Vereinigten Staaten und Spanien unterzeichnet worden sei. Spanien -gab der Insel Kuba ihre Unabhängigkeit, trat Portorico an die -Vereinigten Staaten ab und erklärte sich bereit, über einen Ankauf -der Philippinen durch die Vereinigten Staaten zu unterhandeln. Die -kriegsgefangenen Spanier wurden auf Kosten der Amerikaner nach ihrer -Heimat zurückgesandt. Kriegsentschädigung verlangten die Vereinigten -Staaten nicht. - -»=Cuba libre!=« brüllte der Kubaner wieder und tanzte schreiend und -jubelnd umher. - -Doktor Gonzales aber streckte herrisch die Rechte aus, sagte irgend -etwas auf Spanisch in scharfem Ton, und der überfreudige Patriot -schlich brummend zu seinem Boot zurück. - -»Was sagten Sie eben?« fragte ich neugierig. - -»Oh nichts!« antwortete Doktor Gonzales und zündete sich eine frische -Zigarette an. »Ich sagte ihm nur, er solle sich zum Teufel scheren -... =Cuba libre!= Kuba Blödsinn! Ein freies Kuba, regiert von freien -Strolchen, die eigentlich in ein Zuchthaus gehörten! Es tröstet -mich nur, daß unser guter alter Onkel Sam der Gesellschaft früher -oder später einen gewaltigen Tritt vor den Hintern geben und einen -amerikanischen Staat aus Kuba machen wird. Daß er es nicht gleich jetzt -tut, ist Schwäche, Verschwendung, Hinauswerfen an Zeit und Geld!« - -Da lachte ich leise vor mich hin, denn der Doktor war zwar -amerikanischer Bürger und amerikanischer Offizier, stammte aber selber -von kubanischen Eltern und mußte es ja wissen! Und dann gingen wir in -die Zelte der Damen und in die Krankenzelte und lösten Hurrageschrei -aus mit der großen Neuigkeit. Doch der Jubel über den Frieden bei -uns in den Zelten hatte nicht die geringste Aehnlichkeit mit dem -urgewaltigen, donnernden, brausenden Siegesschrei, der von den Hügeln -des Santiagotals gellte, als das Sternenbanner damals an dem Mangobaum -emporstieg. Da hatte Mann über Mann triumphiert -- jeder einzelne Mann -im Santiagotal in die eigenen Hände das Göttergeschenk des schwer -errungenen Erfolgs empfangen. Die große politische Friedensaktion aber -am grünen Tisch interessierte die Armee sehr wenig. - -»Recht nett!« sagte ein typhuskranker Infanterieleutnant der Regulären, -als wir ihm die Friedensbotschaft vorlasen. »Nun wollen wir gemütlich -sein und nach Hause gehen!« - -»=Goodbye Cuba! To hell with Cuba!!=« riefen die Rekonvaleszenten in -den Zelten. - -Das war das Leitmotiv des Wiederhalls, den die Friedensklänge in den -Männern der Armee von Kuba ertönen ließen: - -»Adieu Kuba! Hol dich der Teufel! Wir gehen nach Hause!« - - * * * * * - -So war denn der Krieg beendet. - -Dieser wunderschön brutale Krieg mit seinen wunderschön klaren und -einfachen Ursachen. Ein Krieg der Macht. Ein brutaler Faustkampf. -Unmoralisch über alle Maßen. Der Große fraß den Kleinen -- denn ich -bin groß und du bist klein. Und doch wieder moralisch im höchsten -Sinne. Unter dem starken neuen Herrn wurden in wenigen Jahren auf den -Philippinen, auf Kuba, das immer eine Art amerikanischen Protektorats -sein und nie ganz selbständig werden sollte, auf Portorico, überall -in Westindien, ungeheure Werte geprägt, die in alle Ewigkeit brach -gelegen hätten unter der spanischen Mißwirtschaft. Spanien aber, das -gedemütigte, zu Boden geschlagene Spanien, das beraubte Spanien, das -die Neue Welt entdeckt hatte und zum Dank bis in den Staub gedemütigt -wurde von der Neuen Welt, erstarkte nur unter den Schlägen des Krieges. -Es lernte. Seine kraftvolle Arbeit in Marokko während der nächsten zehn -Jahre erstaunte jeden, der früher spanische Beamte und Gouverneure in -spanischen Kolonien bei der Arbeit gesehen und sie höchstens für eine -Operette tauglich befunden hatte. So wurde im letzten Ende Unmoral zu -Moral. - -Der unersättliche Große aber atmete erleichtert auf, als der kleine -Gegner davonschlich. Teufel -- es war doch gar nicht so einfach -gewesen, und recht viel Glück hatte man nötig gehabt! Zwar ließ es -sich leicht berechnen von Anfang an, daß man am Ende erfolgreich -sein mußte. Die Siege der amerikanischen Flotte im pazifischen Ozean -wie im westindischen konnten auf dem Papier auskalkuliert werden. -Kein Sieg jedoch, kein Gebietszuwachs, keine neue imperialistische -Weltmachtstellung hätten es in der öffentlichen Meinung des eigenen -Landes gutmachen können, wenn amerikanische Männer zu Tausenden im -Tal von Santiago zugrunde gegangen wären, weil der leichtsinnige -Krieg sie in leichtsinniger Ausrüstung ins Fieberland geschickt -hatte. Die Invasionsarmee war dezimiert von Fieberkrankheiten. In den -ersten Tagen des August schon hatten, ein unerhörtes Geschehnis vom -militärischen Standpunkt aus, ihre Generale in einem scharfen Schreiben -an den Obergeneral Shafter die sofortige Zurückbeförderung der Armee -nach den Vereinigten Staaten verlangt. Der Krankheitsstand lasse das -Schlimmste befürchten. Das merkwürdige Vorgehen der hohen Offiziere, -das wahrscheinlich mit General Shafter verabredet worden war, sollte -starken Eindruck auf die obersten militärischen Behörden in Washington -sowohl wie auf die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten -ausüben. Daß ein solcher Schritt überhaupt notwendig wurde, beweist die -Unsicherheit und Gefährlichkeit der Lage für die Truppen vor Santiago -beim Ende des Krieges. Zwar war die spanische Flotte vernichtet, -Portorico besetzt, die Provinz Santiago de Cuba erobert, eine spanische -Armee von 23000 Mann kriegsgefangen. Damit hatte man gewaltige -Erfolge errungen, war aber auch auf dem toten Punkt angelangt. Eine -spanische Armee von über 80000 Mann, auf die verschiedenen Provinzen -verteilt, hielt Kuba noch besetzt. Ein Vordringen der amerikanischen -Invasionsarmee auf dem Landwege schien unmöglich -- das Angreifen -Havannas, des Herzens der Insel, durch die Flotte ein zum mindesten -gewagtes Unternehmen. - -So ergab sich eine beinahe lächerliche Lage: der tote Punkt. Die -amerikanische Armee kampierte noch immer im Santiagotal und litt -entsetzlich unter Klima und Fieber. Niemand wußte, was anfangen mit -ihr. Der Leichtsinn, die Ueberhastung des ganzen Krieges rächte -sich. In den Vereinigten Staaten regte sich scharfe Kritik. Schon -zu Beginn des Krieges, als im Süden Amerikas die in rasender Eile -zusammengetrommelten Freiwilligenregimenter in Feldlagern untergebracht -wurden, in die bei dem völligen Mangel an allem Nötigen rasch der -Typhus einzog, war die Regierung scharf angegriffen worden. Und -jetzt das Fiebertal von Santiago! Noch sickerte die Wahrheit nicht -ganz durch; noch wußte man im Heimatland nicht, daß seit dem Tag -der Uebergabe der spanischen Armee mehr amerikanische Soldaten an -Krankheiten gestorben waren, als die Gefechte an Menschenleben gekostet -hatten. Die militärische Führung war ratlos. - -Da kam der Friede. - -Und es war, als ziehe der amerikanische Dollarmann jubelnd den -Soldatenrock aus, der überall ein wenig drückte und nirgends so recht -passen wollte, weil er in solcher Eile hatte zurechtgeschneidert -werden müssen. Die Nation des Organisierens entsann sich ihres -Berufs. Der Leichtsinn, die Ueberstürzung, das Ueberhasten verschwand -im zauberischen Wechsel. Kühle Ueberlegung trat an ihre Stelle. Dem -General folgte der kaufmännische Organisator -- der echte Amerikaner, -der mit Geld nicht knausert, wenn das Ziel der Mühe wert ist, und sich -bei Kleinigkeiten nicht lange aufhält. - -Das Klima des Santiagotals war unerträglich in dieser Jahreszeit? Dann -weg mit der Armee! Sie ersetzt durch Regimenter von Negern und Weißen -der Südstaaten, die gegen Fieberkrankheiten immun waren! Die Armee war -krank? Dann in ein ungeheures Krankenhaus mit ihr, auf daß sie gesund -werde! Ansteckungsstoffe waren zu befürchten in jedem Uniformrock, in -jedem Hemd? Weg dann mit der gesamten Ausrüstung der Armee! - -»=Regardless of cost!=« hatte Präsident McKinley kurz gesagt. »Der -Kostenpunkt ist Nebensache!« - -Die Amerikaner waren's zufrieden. Sie, die keine direkten Steuern -bezahlten und ihre Kriegskosten einfach durch eine Biersteuer und eine -Schecksteuer aufbringen konnten, wußten recht gut, daß die über Nacht -errungene Weltmachtstellung, die neue Ausdehnung des amerikanischen -Reichs, Milliarden an kaufmännischen Dollars wert war. Niemand murrte, -als die leitenden Hände in den reichen Yankeesäckel griffen. Ströme von -Gold flossen dahin. - -Eine ungeheure, kahle, sandige Fläche auf der Insel Long Island wurde -zum Gesundheitslager der Armee erwählt. Dort war es kühl, jetzt im -August schon. In allen Richtungen fegte Tag und Nacht vom Meer her der -frische Wind. Der sollte sie wegblasen, die Fieberschlaffheit und das -Tropenmüdesein. Die Zeltstadt von Montauk Point entstand. Gassen und -Straßen schneeweißer Zelte. Die Gewerbe des Landes arbeiteten wie im -Fieber, die Stadt zu erbauen. Jedes Zelt wurde aus neuem Segeltuchstoff -neu zurechtgeschneidert, denn kein altes Schmutzstäubchen sollte Raum -haben im Gesundheitslager. Jedes Zelt erhielt einen Fußboden aus -sorgsam zusammengefügten und geglätteten Brettern, ein jedes einen -kleinen eisernen Ofen, ein jedes neue schneeweiße Betten und Stühle -und Regale. Die Straßen wurden sorgfältig ausgebaut und ein System von -Abgußkanälen angelegt. Aerzte und Krankenpflegerinnen versammelten -sich. Die Eisenbahnen schleppten gewaltige Mengen von Uniformen und -Wäsche herbei. Um das Lager wurde ein Postenkreis von besonders -ausgesuchten Regimentern gezogen, die keinen Menschen hinauslassen -durften und keinen hinein, jede neue Ansteckung zu verhüten. -Dampfertransporte mit den neuen fiebersicheren Truppen gingen nach -dem Santiagotal; Frachtdampfer mit großen Mengen von Lebensmitteln, -die sehr sorgfältig ausgesucht wurden; Hospitalschiffe, deren -Aufgabe es war, das Schmutznest Santiago nach allen Regeln moderner -Desinfektionskunst sauber zu machen. Dann dampften die Schiffe mit den -kranken Regimentern heimwärts zum Gesundheitslager. - -Und ein so großzügiges, ein so bewunderungswürdig zielbewußtes Arbeiten -setzte ein auf der windumbrausten Sandfläche beim atlantischen Ozean, -daß es alles wieder gut machte, was der Leichtsinn gesündigt hatte -in Kuba. Mann für Mann der kranken Armee wurde betreut, gepflegt, -gewaschen, gesäubert, neubekleidet wie ein Kindlein. Man stellte -die Kompagnien in langen Linien auf, wenn sie vom Schiff kamen, und -ließ sie sich splitternackt ausziehen und verbrannte auf großen -Scheiterhaufen jeden Fetzen, den sie am Leibe getragen hatten; -man badete sie, gab ihnen reine Wäsche, neue Uniformen, nagelneue -Ausrüstung bis zum Tornister, erklärte ihnen, sie möchten sich um -Gottes willen nur pflegen. Nichts auf der Welt hätten sie zu tun als -ihre Waffen zu reinigen und instandzusetzen. Nicht einmal zu kochen -brauchten sie. Dafür sorgten große Feldküchen, und Sachverständige -wachten darüber, daß das Soldatenessen ja recht schmackhaft und -wohlbekömmlich war. Im Land stritt man sich um die Ehre, Liebesgaben -für das Gesundheitslager schenken zu dürfen. Damen der Gesellschaft -zankten sich um den Vorzug, die Kranken zu pflegen. - - * * * * * - -Als das Ruderboot an einem der letzten Tage des August den -Signalkorpssergeanten von der Gelbfieberinsel nach Santiago brachte, -war dieser Sergeant kerngesund und wunderte sich sehr, wie ihm nach -diesen Schlemmertagen das Soldatenleben wohl behagen würde. Sie hatten -ihn schrecklich verwöhnt auf der Insel, der Doktor und die Frauen in -Weiß, die so heroisch ihre Pflicht taten und doch immer Zeit und Lust -übrig hatten für manches Gekicher und vielen Uebermut. Sie hatten -dem Sergeanten gar noch einen großen Korb zurechtgepackt, in dem -Schaumweinflaschen einträchtiglich neben altem Burgunder und allerlei -guten Sächelchen in Blechbüchsen lagen, auf daß es Mr. Sergeant wohl -ergehe auf dem Heimatsdampfer. Und ich beguckte mir gesättigt und -gesund das tiefblaue Wasser und die grünen Berge über der Bai und das -Städtchen mit seinen grellen Farbenflecken in rot und blau und gelb und -meldete mich beim Gouverneur und empfing den Befehl, mit der »City of -Galveston« noch am gleichen Nachmittag die Heimreise anzutreten -- als -einer der letzten der alten Armee vom Santiagotal. - -Es war gerade noch Zeit zu einem kurzen Spaziergang die Plazza entlang -und zu kleinen Einkäufen. Und in großer Wut schied ich von Santiago de -Cuba! - -Die grünen und gelben Scheine, die Billy mir geschickt hatte, -knisterten so wunderschön in den Taschen, und eine Stunde nur wurde -einem da gegeben, sich die Stadt zu begucken, die Stadt des Feindes, -die so viele Wochen lang eine märchenhafte Vorstellung nur gewesen war! -Hätte man sich da nicht einen Gaul mieten müssen und den Schlammpfad -noch einmal abreiten! Die San Juan-Hügel erklettern! Sich bei der alten -Zuckermühle das alte Loch betrachten, das jene Granate gerissen! Oh, -zum Teufel mit dieser unanständigen Eile ... Höchst ärgerlich ging ich -an Bord. - - * * * * * - -Der Laderaum des kleinen Dampfers war von oben bis unten vollgepfropft -mit Waffen und Munition. Die Mausergewehre, die Bajonette, die -Patronenvorräte der Kriegsgefangenen spanischen Armee wurden in -das Arsenal von New York geschafft. Ein kranker Offizier, den eine -Pflegerin begleitete, und ich waren die einzigen Passagiere. Als wir -Long Island sichteten, fiel mir ein, daß ein Mausergewehr und ein -Bajonett oder zwei recht nette Andenken sein würden. - -»Sind die Dinger eigentlich abgezählt?« fragte ich den Kapitän beim -letzten Mittagessen. »Ich meine, nimmt man es genau oder nicht so -genau? Ich möchte gern ein paar von den spanischen Schießprügeln haben!« - -»Ih wo!« antwortete der lachend. »Sie sind ja in meinen Laderaum nur so -hineingeschaufelt worden.« - -»Dann werde ich ein bißchen stehlen!« erklärte ich vergnügt. - -»Meinetwegen,« grinste der Kapitän, »wenn Sie sich durchaus abschleppen -wollen mit den alten Dingern. Nehmen Sie sich, so viele Sie wollen. Im -übrigen ist's gar kein Stehlen. Das verrostete Zeug ist wenig genug -wert. Greifen Sie zu! Auf ein paar hundert Stück mehr oder weniger -kommt's nicht an.« - -So ging ich an Land mit zwei Mausergewehren und zwei Bajonetten unterm -Arm und warf sie irgendwohin im Sergeantenzelt des Signalkorps und -verlebte einen langen Abend voller Erzählens mit meinen Kameraden. Die -hatten mich ja für tot gehalten. - -Ich konnte mich gar nicht fassen vor Erstaunen über die wundersame -Zeltstadt -- - -»Der Soldat ist Trumpf heutzutage!« erklärte Souder lachend. »In der -Armee von Kuba gewesen zu sein ist jetzt wertvoller als vier Asse beim -Pokern. Menschenkind, 's ist einfach ein Wunder, daß sie uns nicht auch -noch in Watte packen!« - -Mr. Soldat aus Kuba war tatsächlich Trumpf. Nicht nur die amtlichen -Stellen hatten beschlossen, daß er eine Zeitlang leben sollte wie der -Herrgott in Frankreich, sondern alle Welt wetteiferte obendrein, ihm -gute Sachen zuzustecken. Die bösen Trusts sogar. - -Ueberall in der weißen Stadt hatte die Amerikanische Tabakgesellschaft -kleine Zelte errichtet, die große Plakate trugen: »Tabak für die Männer -von Santiago! Kommt, Jungens, und greift zu!!« Trat man an das kleine -Zeltfensterchen, so erkundigte sich ein liebenswürdiger Verkäufer so -beflissen danach, was man zu haben wünsche, als sei man ein wertvoller -alter Kunde. Zigaretten? Welche Sorte? Kautabak? Die neue Marke mit -dem Champagnergeschmack sei besonders zu empfehlen! Pfeifentabak? Und -alles war hübsch eingewickelt und auf jedem Päckchen stand: »Mit den -Komplimenten der Amerikanischen Tabakgesellschaft.« Große Brauereien -hatten Bierzelte eingerichtet und verschenkten ein besonders leicht -eingebrautes »Krankenbier« in reizenden kleinen Flaschen -- mit den -Komplimenten der oder jener Brauereigesellschaft. Teufel, Teufel! Zwar -taten sie's nicht aus Liebe und Begeisterung allein, sondern es mochte -auch ein bißchen Sinn für die famose Reklame dabei sein! Es gab Zelte -mit Sodawasser; es gab Bonbons und Schleckereien; es gab Streichhölzer, -Taschentücher, Bleistifte, Briefpapier, Briefmarken sogar -- immer mit -den verschiedensten Komplimenten. Auf den Briefmarken hatte der Spender -seine Firma eingelocht -- mit seinen Komplimenten. Mr. Soldat lebte vom -Fetten des Landes. - -Doch es sollte noch besser kommen, viel besser. - -Am Tag meiner Ankunft war das Lager für seuchenfrei erklärt und die -Sperre aufgehoben worden. Eine Stunde später verkündeten große Plakate -in New York Vergnügungszüge der Long Island-Eisenbahngesellschaft zur -Armee von Santiago. Um elf Uhr morgens am nächsten Tag kam die erste -Invasion. Zwischen den Zelten der weißen Stadt flutete es schwarz von -Menschen, dollarjagenden New Yorkern, die aber augenblicklich an gar -nichts zu denken schienen, als einen Soldaten der Armee von Santiago zu -erwischen und ihm die Hände aus den Gelenken zu schütteln. Fünf Minuten -nach Ankunft des Zuges konnte man sich in unserem Sergeantenzelt -überhaupt nicht mehr rühren, ohne einem eleganten New Yorker auf -die Fünf-Dollar-Stiefel zu treten. Es regnete Zigarren, und aus den -Fläschchen in den New Yorker Hüftentaschen ergossen sich schnäpsige -Getränke. - -=»Good morning, good morning! Fine morning!!«= redete ein New Yorker -auf mich ein und packte meine Hand. Teufel, wie der Mensch drückte! -Während ich mir noch überlegte, ob ich liebenswürdig lächeln oder ihm -einen Stoß vor den Magen geben sollte, fiel sein Blick auf meine beiden -Mausergewehre in der Zeltecke. - -=»Oh! Spanish guns!«= rief er entzückt. - -»Jawohl; =Mausers=!« antwortete ich. - -=»Fine, fine! How much?«= - -Ich sah ihn verblüfft an, aber da hatte der Mann aus New York das -Gewehr schon gepackt und mir einen Zwanzigdollarschein in die Hand -gedrückt, und während ich noch nach Worten suchte, war das andere -Gewehr auch schon weg und ein zweiter Zwanzigdollarschein da. - -Teufel! Ich drängte mich durch die händeschüttelnde Gesellschaft -und warf mich auf mein Bett und schalt mich siebenundzwanzigmal -hintereinander den fürchterlichsten Esel seit Erschaffung der Welt. -Eselhaft, begriffstützig, blödsinnig über alles erlaubte Maß hinaus. -Niemals würde ich ein Amerikaner werden! Niemals würde ich Hornochse -den Wert der Dinge und den Wert des Geldes wahrhaft begreifen lernen! - -Welch ein Geschäft ging hier zum Teufel! Hundert Mausergewehre hätte -ich an Land schleppen können, umsonst, zollfrei, geschenkt! -- Hundert -Stück zu zwanzig Dollars macht zweitausend Dollars -- hundert Bajonette -obendrein zum allermindesten -- hundert Stück zu fünf Dollars macht -fünfhundert Dollars, macht zusammen zweitausendfünfhundert Dollars. - -Verdammt, verdammt, verdammt nochmal! - -Ueber zehntausend Mark -- heiliges Donnerwetter! - -Durch die Hände schlüpfen lassen hatte ich mir mein erstes wirkliches -»Geschäft« auf amerikanischem Boden. Den idealen amerikanischen -=business-job= -- den Humbugschlager -- mit Intelligenz -- ohne Kapital ------- - -Ich Esel -- ich Hornochse! - -Doch nicht einmal ein junger Teufel frisch aus der Hölle hätte es übers -Herz bringen können, inmitten dieser überliebenswürdigen, überfrohen, -übergütigen Menschen auf längere Dauer zu fluchen. Sie, die harten New -Yorker mit dem harten Dollarsinn, waren in der Laune, das Hemd vom -Leibe wegzuschenken. Der sentimentale Romantiker kam zum Durchbruch, -der in jedem richtigen Amerikaner steckt in merkwürdigem Gegensatz zu -dem rohen Kampf ums Dasein in der Neuen Welt. Kein Südfranzose, kein -italienischer Heißsporn, kein spanischer Leidenschaftsmensch hätte -naiver und kindlicher begeistert sein können als diese gewitzten Männer -aus der =matter of fact= Dollarwelt. Man sah es ja förmlich, wie diese -Leute ihr Hirn anstrengten, einem etwas Gutes zu tun. Wie jungenhaft -einfach und natürlich sie sich gaben -- wie der warmblütige Mensch -hervorguckte unter der abgeworfenen kühlen Geschäftsmaske -- und wie -doch wieder die Gewohnheit so stark war, daß sie nur in klingender -Münze begeistert sein konnten, diese Männer New Yorks. Der leiseste -Vorwand genügte ihnen, mit Geld um sich zu werfen. Sie ersannen sich -ständig neue Vorwände, den Wohltäter zu spielen. Und im Grunde war das -heilsam für die New Yorker Dollarmenschen, denn sie begriffen nun, -daß man mit dreizehn Dollars Einkommen im Monat ein ganzer Mann sein -konnte! -- Sie wurden daran erinnert, daß es noch andere Werte auf der -Welt gab als =business=!! - -Auf einmal aber traten die Männer in dem dunkeln Grau oder Braun oder -Blau der Herrenkleidung völlig und gründlich in den Hintergrund. Die -wandelnden Träume im duftigen Weiß und den leuchtenden Farben in den -Zeltstraßen nahmen die Zügel in die Hand. Das duftige Weiß regierte. -Die Männer waren weg. Schlanke Frauengestalten erschienen. - -=»Goodbye, Johnny!«= hauchte ein blauer Märchenhut. »Geh und amüsiere -dich, Männchen! Um vier Uhr (das war geschlagene drei Stunden -vordatiert) treffen wir uns bei der Station. Weißt du, ich muß mir von -den Jungens alles, alles erzählen lassen und da kann ich dich doch -nicht brauchen dabei. =Goodbye, Johnny!!=« - -Und die zweite Invasion begann. - -Die zweite Form von amerikanischer Begeisterung. Diese Mädchen und -Frauen empfanden erstens das Bedürfnis, diesen unglaublichen und ihnen -ganz ungewohnten Helden vom Santiagotal, an deren Ohren wirkliche, -echte Todeskugeln vorbeigepfiffen waren, ihre dankbare Reverenz zu -erweisen. Zweitens wollten sie sich aber amüsieren. Sie saßen auf -unseren Betten, wippten mit allerliebsten Füßchen. - -Rische-Rasche machten die seidenen Unterröckchen. - -»Hast du dich gar sehr gefürchtet in der Schlacht vom San Juan-Hügel?« -fragte mich ein Dinglein in roter Seidenbluse. - -»Ach nein,« antwortete ich verlogen. - -»Das Schwarz und Weiß deiner Sergeantenstreifen steht dir -ausgezeichnet!« meinte das Dinglein in sonderbarem Gedankensprung -- -sonderbar für mich -- damals ... - -Ich war paff. - -»Was bedeuten denn die komischen Flaggen auf deinen Aermeln?« - -»Weißt du,« sagte der Lausbub (das war auch ein Gedankensprung) »------ -wenn hier nicht so viele Leute wären, so möchte ich dir einen Kuß -stehlen!« - -»Oh pfui!!« hauchte sie. Aber ihre Augen sagten gar nicht pfui. - -Es war ein Idyll. Es war eine Orgie in Begeisterung. Es war praktischer -Humor ersten Ranges, wie die gutgezogenen New Yorker Männer ihre -Dollarfrauen dem Flirt überließen -- und ich wunderte mich mehr -als einmal, ob nicht mancher gute Ehemann das verfluchte Heldentum -verdammt ungemütlich empfand. Sie saßen auf unseren Betten, die -Mädelchen und die Frauen, und sie naschten mit großen verwunderten -Augen Soldatenessen von unseren blechernen Soldatentellern. Sie waren -sehr nett. Sie küßten wohl auch einmal -- in dem erhebend moralischen -Bewußtsein, daß sie durchaus unpersönlich küßten. Sie küßten Helden -fürs Vaterland. Die Männer wollten ihre Dollars los werden. Die Frauen -ihre Liebenswürdigkeit. - -Ich plauderte lange mit dem Dinglein in der roten Bluse. Das war ein -kluges Mädchen. Auch sie wollte Andenken haben, aber es fiel ihr nicht -im Traum ein, mit teuren Dollars zu operieren wie die Männer. Sie -machte süße Augen -- und drehte mir einen vergoldeten Sergeantenknopf -ab. Sie machte noch süßere Augen -- und holte ein Scherchen aus -der Handtasche hervor, um mir kaltblütig die kostbaren seidenen -Sergeantenabzeichen von den Aermeln zu trennen. Sie schenkte einen Kuß --- und stopfte sich alle Taschen voller Patronen und Messingflaggen, -wie wir sie an den Mützen trugen, und den verschiedenen Dingen im -allgemeinen, wie sie überall umherlagen. - -»Hast du denn auch ein liebes kleines Mädel?« fragte die rote Bluse. - -»N -- nein!« flüsterte ich, mit tiefem und ehrlichem Bedauern, denn -rote Blusen und die lieben kleinen Mädchen darin schienen mir gerade -jetzt etwas besonders Reizendes. - -»Ach du armer Junge!!« (bums dich -- war wieder ein vergoldeter Knopf -weg!) »Weißt du -- ich möchte sehr gut zu dir sein!« - -Und da führte ich sie durch unsere weiße Stadt und zeigte ihr all -die Zelte und sah sie erschauern vor der Bedeutung des riesigen -seidenen Sternenbanners, das vor dem Zelt des kommandierenden -Generals im Windgebrause flatterte. Erschrecklich viel Limonade trank -sie. Erschrecklich viele kleine Paketchen von Tabak und winzigen -Bierfläschchen und Soldatenbonbons nahm sie mit als Andenken und -versprach hoch und heilig, sie in Ehren zu halten für alle Ewigkeit. -Ich aber wunderte mich, wie das kleine Persönchen es fertig brachte, -all die gemopsten und geschenkten Sächelchen zu verstauen. Des Rätsels -Lösung fand ich nicht. Und wir verzehrten noch mehr Süßigkeiten und -tranken noch mehr Limonade und gingen eine lange Nachmittagsstunde -am sandigen Strand spazieren, weit von der Zeltstadt, aber keineswegs -in Einsamkeit, denn wo man auch hingeriet irgendwo um Montauk Point -herum, ergingen sich reizende Frauen mit den Männern der Armee vom -Santiagotal. Sie mußten sich Helden nennen lassen, die armen Männer, -bis sie erröteten wie Backfische. - -Es war eine Orgie. - -»Adieu, lieber Junge!« sagte das Dinglein bei der Station, und ich -hätte darauf geschworen, daß der feine vielsagende Händedruck sieben -verschiedene Wahlverwandtschaften zum mindesten bedeutete. Doch im -gleichen Augenblick schoß das gleiche Dinglein in der gleichen roten -Bluse auf einen mageren Jüngling in korrektem Schwarz und allerneuestem -korrekten New Yorker Hut zu und warf sich, jawohl, warf sich, an seinen -Hals! - -»Freddy,« jubelte sie -- »ach, du lieber guter Freddy, es war ja so -süß!« - -Da begriff ich, daß ich im Erleben der roten Bluse eine ganz -gewöhnliche Episode war. Ein Röhrchen war ich, ein lächerliches -Sicherheitsventil, eine mechanische Vorrichtung, dem Hochdruck der -Begeisterung der amerikanischen Frau Luft zu verschaffen. Er wäre sonst -gefährlich geworden. - -»Du verflixter kleiner Fratz!« murmelte ich. - - * * * * * - -Es dauerte aber gar nicht lange, so erreichte der Hochdruck der -Begeisterung in Amerika das überspannte Stadium. Es wurde allerorten -und in allem gewaltig übertrieben im Siegesjubel. Man war wie ein -glücklicher Spieler, der im ersten Taumel des Gewinnens nicht weiß was -tun vor Freude und links und rechts mit vollen Händen die Goldstücke -hinausschleudert. Ein solches Schleudern war es im Dollarland damals! - -Und bald wurde das echte, starke, wahre Gefühl der Begeisterung zum -sentimentalen Gefühlskitsch. - -Die Frauen vor allem machten lächerliche Dummheiten. - -Eine Flutwelle der Hysterie ergoß sich über das Yankeeland. Zuerst -natürlich erreichte die Welle das nahe New York. Die Zeitungen -berichteten, lächelnd anfänglich, dann entrüstet, daß mit den Jungens -in Blau eine Abgötterei getrieben werde, die in ihren Formen schon ein -Unfug genannt werden müsse! - -»Mann! Bringe mir heute abend zehn Helden zum =supper=!« befahl die -New Yorker Ehefrau. Und Mr. Ehemann, wohldressiert von Kindesbeinen -an, ging los, ob's ihm nun besonders gefiel oder nicht, und gabelte -gehorsam zehn Helden auf. Frisch von der Straße weg. - -Heidi, es war lustig! - -Mrs. Ix, die New Yorkerin und Milliardärin, gab schleunigst einen -Soldatenball. Mrs. Ypsilon, gleichfalls Milliardärin, trumpfte über -und erließ =prestissimo= die Einladungen zu einem Sergeantenball, bei -dem es märchenhaft wohlhabend herging. Mrs. Zett, auch sie natürlich -Milliardärin, fuhr von morgens früh bis abends spät mühsam überredete -Helden in ihrem vornehmen Landauer in den Straßen New Yorks spazieren. -Die großen Blumengeschäfte erhielten Anweisungen von Damen der -Gesellschaft, jedem Soldaten Blumen zum Begeisterungsgeschenk zu machen --- was reizend gewesen wäre, wenn die gütigen Spenderinnen nicht gar so -deutlich dafür gesorgt hätten, daß ihre Namen in allen Zeitungen und an -allen Blumenladenfenstern recht laut und kräftig in Erscheinung traten. - -Die nervöse Welle lief weiter -- wuchs an. In Washington wurde sie zur -Sturmflut. - -Eines Tages meldete sich in der Stadt des Kapitols ein junger Leutnant -beim Marineminister. Er hieß Hobson und war ein Held. Hatte mannhaft -Leib und Leben darangesetzt mit offenen Augen und war nur wie ein -Wunder dem Tode entgangen, als er in der Santiago-Felsenenge den -Merrimac in die Luft sprengte. Nun war der junge Leutnant der Held -des Tages in Washington. Seine Kommandeure, der Marineminister, der -Präsident der Vereinigten Staaten überschütteten ihn mit Glückwünschen -und Danksagungen. Man gab einen Ball zu seinen Ehren. - -Und damit fing das Unglück an. - -Als Hobson den Ballsaal betrat, schritt eine junge Dame der -Washingtoner Gesellschaft auf ihn zu, überreichte ihm einen großen -Blumenstrauß und bestätigte ihm in wohlgesetzten Worten, daß er ein -Held sei und sein Name unvergänglich auf den Tafeln des Vaterlandes -leuchten werde. Dann kam ihr besonderer Dank. Im Namen der -amerikanischen Frau; im Namen der fraulichen Gesamtheit; im Namen der -Weiblichkeit: - -Schlanke, weiße Arme legten sich um des Leutnants goldbestickten -Uniformkragen und ein amerikanischer Frauenmund küßte ihn lang und -innig. - -Vor versammeltem Mannsvolk und bewundernder Frauenschar. - -Am nächsten Tag wurde das weihevolle Ereignis in vielen Zeitungsspalten -geschildert. Die Gesellschaftsreporter fanden mühelos die richtigen -Töne. Sie lachten sich zwar wahrscheinlich halbtot dabei im -Redaktionssanktum bei Bier und Zigarette -- aber die Töne fanden sie! - -Sie sprachen ernsthaft und gediegen von allerhöchster Ehre. Sie -flöteten zart vom symbolischen Weihekuß. Sie nahmen gedankenvoll das -Konversationslexikon zur Hand und fanden auch glücklich klassische -Vorbilder, die sich prachtvoll zu Vergleichen eigneten und die ganze -sentimentale Geschichte auf ein anständiges Niveau hoben. Am nächsten -Tag durcheilte die wichtige Nachricht Amerika. - -Ueber das weibliche Amerika brauste ein Sturm der Begeisterung. - -Das war groß. Edel. Ungeheuer. Das war Heldenlohn. Schöner und reicher -als alle Schätze an Gold und Ehren. - -Man gab einen zweiten Ball in Washington, wiederum zu Ehren des -Leutnants, und wiederum begann er mit einem Weihekuß. Diesmal jedoch -schlossen sich die anwesenden Damen der ersten Weiheküsserin ziemlich -vollzählig an. Es schien ihnen wohl Anstandsgebot, einem wirklichen -Helden wahrhafte Ehren auch reichlich genug zu erweisen. Es hagelte -Küsse auf Hobson herab -- und der arme Leutnant wurde verrückt! Der -mannhafte Mann, der Held, der Todeskämpfer wurde zum Schwächling -und eitlen Toren. Er wurde hysterisch, genau so hysterisch wie die -»Küsserinnen«. Er ließ sich überallhin einladen, zu Dutzenden von -Bällen in Washington allein, in Boston, in Baltimore, und wurde überall -geküßt. - -Es war tragikomisch. Nein, tragisch mehr als komisch. Der Amerikaner -verträgt und ermutigt sogar sentimentale Dinge, wenn sie mit Frauen -zusammenhängen, namentlich bis zu einem gewissen Punkt. Dann aber -schnappt irgend etwas bei ihm. - -Bei der Hobson Küsserei schnappte es! Noch einige Male berichtete die -amerikanische Presse in nicht ganz echt klingender Begeisterung über -die Hobsonbälle und die Weiheküsse. Dann war es aus. Eine New Yorker -Zeitung machte den Anfang: - -»Mr. Hobson läßt sich schon wieder küssen! Die Sache wird zur üblen -Gewohnheit!!« überschrieb sie einen lustigen Bericht. - -Und nun donnerte ein nimmer endenwollendes Gelächter herab auf den -armen Hobson. Man nannte ihn den geküßten Hobson -- den küssenden -Hobson. Man erwog ernsthaft, ob eine Veränderung seiner Mundlinien -zu befürchten sei durch die starke Inanspruchnahme der Lippen -- -man hieß ihn den bestgeküßten Mann der Welt -- man zeichnete ihn in -bissigen Karikaturen umdrängt von kußlechzenden Frauenantlitzen -- -man riet ihm ernsthaft, auch den Westen Amerikas abzugrasen. Ein -besonders niederträchtiger Schreibersmann empfahl ihm das Erheben von -Eintrittskußgeld. Ganz Amerika lachte drei Wochen lang. - -Das Unglaubliche, das Brutale, das Tragische war geschehen. Ein braver -Mann, der sich den Dank seines Vaterlandes ehrlich verdient hatte, -war für alle Zeiten zu einer lächerlichen Hanswurstenfigur geworden. -Heute noch löst der Name Hobson in Amerika ein vergnügtes Schmunzeln -aus. Der Held der Santiagofelsenenge ist vergessen -- der Vielgeküßte -unsterblich geworden. - -So ertrank Leutnant Hobson von der amerikanischen Marine in der Welle -der Hysterie. - - * * * * * - -Im Sergeantenzelt türmten sich die Zeitungen. Sie lagen in Haufen in -allen Ecken; sie stapelten sich in Ballen auf gegen die Zeltwand, da, -wo mein Bett stand; sie bedeckten oft genug sogar den Fußboden, daß man -so recht im knisterigen, raschelnden, dünnen Zeitungspapier watete. Die -Kameraden schimpften. - -»Du bist verrückt!« erklärte Souder. - -»Werft ihn doch hinaus mitsamt seinen alten Zeitungen!« schlug Hastings -gemütlich vor. - -»Geht weg -- geht doch weg -- schert euch nur ja zum Kuckuck!« war -gewöhnlich meine Antwort, brummend in knurrigem Ton gegeben, aber -lachend gemeint. - -Und doch wieder sehr ernsthaft. Die Mitbewohner des Zeltes wußten -recht genau, daß es nicht erlaubt war, den Sergeanten Carlé beim -Zeitungslesen zu stören (man mochte reden soviel man wollte, aber nicht -mit ihm), oder gar auch nur eine einzige seiner kostbaren Zeitungen -aus dem Zelt fortzunehmen, sofern man sich nicht Ungemütlichkeiten -aussetzen wollte. So ließ man ihn gewähren. Wenn die New Yorker -Invasion einen einmal nicht plagte, wurde Poker gespielt im Zelt, -unglaublich viel und unglaublich hoch, denn männiglich hatte Geld in -Menge und kein Mensch etwas zu tun, oder viel Bier getrunken, viel -geplaudert, viel gelacht. Der Zeitungssergeant aber -- so nannten sie -mich -- lag auf seinem Bett und las und las. Er war eben ein bißchen -verrückt. - -Das Zeitungsfieber hatte mich wieder gepackt. - -Ich las und las. Spalte auf Spalte verschlang ich, und Stunde auf -Stunde verrann. Für nichts hatte ich Sinn und alle Dinge waren mir -gleichgültig seit dem Morgen, an dem die Post die bestellten Zeitungen -gebracht hatte. Zwei gewaltige Pakete waren es gewesen. Alle Nummern -des =New York Journal= und des =New York Herald= vom allerersten Beginn -des Krieges bis zum heutigen Tag. Die Zeitungen des Krieges. Lückenlos. -Und ich lag langgestreckt auf meinem Bett und kicherte selig, wenn -in den Zeitungsspalten lustige Teufelchen der Uebertreibung tanzten, -und atmete keuchend in heller Begeisterung, wenn ich die glänzenden -Kriegsbilder las, die große Zeitungsmänner gemalt hatten. Murmelte in -Gedanken wohl auch einmal irgend etwas vor mich hin. - -»Er ist ohne Zweifel blödsinnig geworden!« behaupteten dann lachend -die Sergeanten. Dabei stibitzten sie aber eifrig die Nummern, die ich -gelesen hatte. - -Begeistert war ich, gebannt. Gefangen im Zauberkreis der Zeitung. Ich -suchte nach Namen, die ich kannte, nach Federn, die Meister waren in -jener Zeit. Wie ein Kolossalgemälde entstand vor den lesenden Augen -aus den Zeitungsspalten die Geschichte des Kriegs. In leuchtenden -Farben. In kleinsten Einzelheiten gemalt. Und doch wieder in wunderbar -großem Zug. Ein Irrtum war zwar da und dort einmal unterlaufen, ein -gar zu greller Farbenfleck einmal hingekleckst. Im ganzen aber -- -welch ein Bild! Mit wenigem Aendern, mit Streichen, mit Ausscheiden -und Zusammenziehen, bedeuteten die vielen Aufsätze mit den schreienden -Ueberschriften in den Papierstapeln da neben meinem Bett die Geschichte -eines Krieges, wie sie glänzender, lebendiger, wahrhafter nicht -geschrieben werden konnte. Sie waren überall dabei gewesen, die Männer -der Feder mit ihren sehenden Augen, die das Große stets vom Kleinen -zu unterscheiden wußten. Lückenlos war der Krieg beschrieben von der -fieberigen Aufregung in Tampa bis zum Flaggenhissen am Friedensbaum; -vom Treiben in der Santiagostadt bis zum Elend in den Hospitälern. -Kriegskorrespondenten waren auf Dampfyachten ständig hin und her -geeilt zwischen Siboney und der nächsten Kabelstation auf Jamaica -- -McCulloch war mit unter den ersten gewesen beim Sturm auf den San -Juan-Hügel -- Richard Harding Davis hatte sich einen unsterblichen -Namen errungen in der amerikanischen Zeitungswelt durch seine -Schilderungen des Santiagotals. Ich sah die Einzelleistungen in diesen -wunderbaren Schwarzdruckspalten und in ihnen die ungeheure Arbeit, -die Begeisterung, die Energie, die vor nichts zurückgeschreckt war. -Sah aber auch, als wäre ich dabei gewesen, die Arbeit der Zeitung -selbst; das Sammeln der wichtigen Nachrichten aus vielen Quellen, das -Ausscheiden, das Sichten, das Zusammenstellen -- das Malen des Bildes -von der reichen Farbenpalette. - -Und oft lag ich stundenlang da in diesen Tagen und starrte träumend zur -Zeltdecke empor. - -Ich sah wieder die alten zerschnitzelten Tische im Reporterzimmer -und die Männer an ihnen, zum Greifen deutlich, und roch -frische Druckerschwärze und hörte dumpf und dröhnend gewaltige -Rotationsmaschinen stampfen. Ich erlebte wieder im Traum die Hast und -die Hetze, das berauschende Arbeitsstürmen und den stillen schweigenden -Erfolgsjubel, die des Zeitungsmannes Teil sind. Große Sehnsucht kam -über mich. Davonlaufen hätte ich mögen. Lächerlich schien mir die -Uniform jetzt in den Zeiten des Friedens. Sie drückte mich. Sie wollte -so gar nicht passen. Firlefanz waren die breiten Sergeantenstreifen -in Schwarz und Silber nun; Tand die grellbunten Flaggen in weiß und -roter Seide auf den Aermeln. Ein erledigtes Stück Leben schienen mir -diese fünf Monate im Soldatenrock. Sie waren reich gewesen an farbigem -Schauen und köstlich würden sie einst sein in der Erinnerung, aber sie -durften beileibe nicht verlängert werden zu den langen drei Jahren, die -der Pakt eigentlich vorschrieb. - -Eines Morgens ging ich zu Major Stevens ins Offizierszelt. Der Major -war nur wenige Tage früher als ich im Gesundheitslager eingetroffen, -nachdem er im Santiagoer Hospital eine bösartige Malariaerkrankung -überstanden hatte. - -»Was gibt's, Sergeant?« fragte er knapp, gemessen, dienstlich, ganz -Offizier. Mit der Gemütlichkeit war es jetzt vorbei. - -»Ein persönliches Anliegen, Herr Major!« - -»Oh!« Sein Ton veränderte sich. »Nehmen Sie Platz, Sergeant, was kann -ich für Sie tun?« - -»Ich möchte Sie bitten, Herr Major, meine Entlassung aus der Armee zu -befürworten.« - -Er kaute auf seinem Schnurrbart. Dann schüttelte er energisch den Kopf. -»Geht jetzt nicht, Sergeant!« sagte er. - -Die Worte trafen mich schwer. - -Der Major lachte ein wenig. »Sie haben doch nicht etwa Grund zur -Unzufriedenheit?« - -»Nein. Aber --« - -»Ich weiß, ich weiß. Sergeantenstreifen locken Sie wohl nicht -besonders! Es war ein sehr gefährliches Experiment, Mr. Carlé, den Kopf -in die reguläre Armee zu stecken, denn unter drei Jahren wird so leicht -keiner losgelassen. Es wird aber gehen. Einige Monate jedoch müssen -Sie warten. Ich würde mich lächerlich machen, wenn ich gerade jetzt -ein derartiges Gesuch befürwortete. Außerdem würde es ohne Zweifel -abschlägig beschieden werden. Also in Ihrem eigenen Interesse --« - -Und er erklärte mir, daß der Krieg die Notwendigkeit gezeigt habe, ein -Signalkorps in größerem Stil zu organisieren. Wir würden in wenigen -Tagen nach Fort Myer bei Washington kommandiert werden, um dort als -Stammtruppe Hunderte von neuen Signalisten heranzubilden. Da nur -gelernte Telegraphisten angeworben werden sollten, so würde diese -Ausbildung sehr schnell gehen und die Leute bald nach den Philippinen -und Kuba gesandt werden können, wo man sie brauchte. - -»Unter diesen Umständen wird es dem Chef nicht einfallen, einem -Sergeanten die freiwillige Entlassung zu gewähren. Wird Ihr Gesuch aber -abschlägig beschieden, so können Sie es sobald nicht wieder einreichen. -Sie müssen warten. In drei, vier Monaten, dann wird's gehen. Solange -werden Sie es recht gut aushalten können. Wir bauen eine Ballonhalle -- -wir beschäftigen uns mit dem Problem der Lenkbarkeit eines Luftschiffs --- wir experimentieren mit der neuen Marconi-Telegraphie ohne Draht -- -wir bekommen elektrische Automobile -- interessant genug wird's werden. -Ich bin übrigens zum Kommandeur des neuen Signalforts ernannt worden. -Sie werden vorläufig mein Sekretär sein. =Good morning, sergeant!=« - -Da ging ich zum Strand hinunter und lief lange auf und ab. Nicht zu -ertragen schien mir mein Unglück ... - - * * * * * - -Ein lustiges Lächeln stiehlt sich über mich im Erinnern an jenen -Abschnitt in den jagenden Lausbubenzeiten. Ich war in Wirklichkeit -über alle Maßen unglücklich damals, daß ich den Sergeantenrock nicht -abschütteln konnte -- mit einem Halloh und einem Heidi, wie ich alles -Unbequeme abgeschüttelt hatte in der Vergangenheit und abschütteln -sollte in der Zukunft. Kreuzunglücklich bin ich gewesen. Und das -Lächeln wird zu einem großen Lachen, wenn ich mich daran erinnere, -wie prachtvoll die vier Monate meines Sergeantentums in Fort Myer bei -Washington werden sollten. Und wie alles ineinandergriff. Wie ich durch -das Signalkorps wieder zur lieben alten Zeitungsarbeit kam und wie es -wieder dahinging in Hast und Hetze über den amerikanischen Erdteil, ein -neues Wanderleben ... - -Zeiten kamen und Verhältnisse, in denen kein Mensch geahnt haben -würde, daß der Mann der Feder je ein simpler Sergeant der Regulären -gewesen sein konnte -- und Zeiten kamen wieder, da der Sergeant -von dereinst sich auf das Soldatenblut besann und in einer der -Venezuela-Revolutiönchen Glückssoldaten kommandierte. Wie sich das -alles zutrug -- ja, das ist eine andere Geschichte und so umständlich, -daß sie leider noch in einem dritten Band geschrieben werden muß. - - - _Ende des zweiten Teils._ - - - - -Anmerkungen des Bearbeiters - - - Gesperrter Text markiert durch: _ ... _ - - Antiqua-Text markiert durch: = ... = - - Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. - - Möglicherweise unterschiedliche Schreibweisen wurden beibehalten. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der Deutsche Lausbub in Amerika (2/3), by -Erwin Rosen - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DEUTSCHE LAUSBUB IN AMERIKA, VOL 2 *** - -***** This file should be named 59218-8.txt or 59218-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/9/2/1/59218/ - -Produced by Norbert H. Langkau, Matthias Grammel and the -Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. 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By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org - - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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