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-The Project Gutenberg EBook of Helianth. Band 2, by Albrecht Schaeffer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Helianth. Band 2
- Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der
- norddeutschen Tiefebene
-
-Author: Albrecht Schaeffer
-
-Release Date: April 1, 2019 [EBook #59187]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HELIANTH. BAND 2 ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was
-produced from images made available by the HathiTrust
-Digital Library.
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- HELIANTH
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-
- Bilder
- aus dem Leben
- zweier Menschen von heute
- und aus der norddeutschen Tiefebene
- in neun Büchern dargestellt
-
- von
- Albrecht Schaeffer
-
-
- Der drei Bände zweiter
-
-
- Im Insel-Verlag zu Leipzig
- 1920
-
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-
- Viertes Buch.
- Fragmente aus den halkyonischen Jahren I
- oder
- Die Friedliebende Gesellschaft
-
-
- Erstes Kapitel: Mai
-
-
- Heimweh
-
-Georg ging eine schräge, braungoldene Fläche hinunter. In der Tiefe war
-ein lichter, weißer Wald; die Bäume standen weit voneinander und sahen
-wie große, schneeweiße Tüten aus, die auf der Spitze standen. Im
-Näherkommen gewahrte er, daß es riesige, schön gewundene
-Muschelschnecken waren; ihre Windungen glühten rosig, und in ihnen
-rieselte es goldig. Vor der nächststehenden waren zwei Pfähle aus
-Ebenholz, einer immer etwas höher als der andere, so daß sie eine Treppe
-bildeten, und indem er noch dachte, es müßten, da sie sich gegenseitig
-stets überhöhten, doch wohl mehr als nur zwei Pfähle sein, war er schon
-hinaufgestiegen, beugte sich über den rundwulstig nach innen gebogenen
-Rand der Muschel und sah, daß eine Wendeltreppe hinunterführte. Er stieg
-sie hinab, sie wand sich ins Bodenlose unter seinen Füßen fort, es ward
-Abend und Finsternis, dieweil er stieg, aber dann wußte er, daß er
-wieder die verbotene Treppe im Trassenberger Pallas beging. Diesmal aber
-war die Tür doch offen, es wehte eisigkalt aus dem Gang, Georg wußte,
-daß ein solcher da war, ohne ihn sehen zu können, und tastete sich
-furchtsam, mit beiden Händen die ganz nahen Wände streifend, vorwärts.
-Bald kam er an eine Biegung, an eine andere, es ging rechts, ging links,
-Georg dachte: gleich muß die Falltür kommen, er schritt immer langsamer,
-in großer Angst, auf einmal war eine schwarze Türöffnung da und hinter
-ihr das Bodenlose. Die Angst verschlug ihm den Atem, er wußte, daß er
-sterben, daß er hinunterstürzen und zerschellen sollte, nein, er wußte,
-schon wenn er fiele, würde alles aus sein, und schon wich der Boden, er
-fiel, er löste sich, rücklings sinkend, auf in den Tod, noch denkend, es
-ist ja gar nicht so schlimm, das Sterben -- --
-
-Da schlug er die Augen auf.
-
-Eine Weile unbegreifend, wo er sich befand, erkannte er langsam die
-braune Tür gegenüber mit dem hellen Lichtspalt von nebenan, dann in der
-Ecke rechts davon den kleinen Kamin mit dem Schattenriß des hängenden
-Teekessels über der roten Glut -- langsam das ganze, kleine Zimmer,
-gefüllt mit Schatten, den Schattenriß des Tisches zwischen Kamin und dem
-Sofa, auf dem er saß, und er hörte die englischen, losen Schiebefenster
-knacken und leise prasseln unter gelinden Stößen des Nachtwinds. Im
-Nebenzimmer räusperte sich jemand, Benno ... Da saß er unsichtbar und
-komponierte bei seiner Lampe ...
-
-Im selben Maß wie die Schlafbenommenheit entwich auch die Erscheinung
-des Traumes, nur die Erinnerung an den finstern Gang blieb noch; ihn
-schauderte leise im Gedanken des Sterbens, wie er sich auflöste,
-angstvoll und doch schon beruhigt ...
-
-Da aber sah er wieder, wie immer, Renate, abgewandt von ihm, durch ein
-Zimmer gehn, undeutlich, nur ihre Erscheinung, fast nur ihre Haltung,
-als komme sie aus der Tür und ginge zu -- zu einem Tisch -- Georg sah
-ihn nicht -- und legte etwas darauf, ein Buch, ein Schlüsselbund, worauf
-sie sich auflöste ... Immer dieselbe Erscheinung ...
-
-Georg stand, trunken von Schlaf und Gefühl, vom Sofa auf, legte ein paar
-Stücke Holz in die Glut, setzte sich daneben auf den Stuhl am Tisch,
-klappte den daliegenden Briefblock auf, ergriff die Feder und stürzte
-sich ins Schreiben.
-
-Serk, schrieb er, im Mai.
-
-Galatea, o Galatea! Ich sterbe, ich sterbe ja vor Heimweh nach Dir! Im
-Traum eben litt ich einen leichten Tod, Du warst nicht in dem Traum, ich
-verstehe es nicht, wie konnte der Tod leicht sein ohne Dich! An meinem
-Leibe sind alle Adern geöffnet, das Blut strömt, auf jeder Welle
-entschwimmt mir Dein Lächeln mit dem fortfließenden Leben ...
-
-Soll ich Dir Träume erzählen, süße Seele? Komm, höre einen Traum!
-
-Es war ein Garten und ein Gebüsch. Eine Stimme war im Gebüsch, sie
-rauschte nur. Da kam ein Arm hervor, der die Zweige nach oben hob, ein
-weißer Arm, dann stand eine Frau in der Aprilnacht, holte zwei Schwerter
-hinter dem Rücken hervor, in jeder Hand eines, und stieß sie mir durch
-Rücken und Brust ...
-
-In einer Nacht aber hatte ich diesen Traum:
-
-Ich ging am Strande des Ozeans, da sah ich das Meerweib von fern. Sie
-stand, nahe von ihr war ein Felsenbogen, ein gewaltiger Grotteneingang,
-und sie stand, als habe sie beim Auftauchen aus der dunklen See eine
-Glocke von Gewässer mit hochgenommen, die wölbte sich nun als schwarzes
-Kleid um ihre untere Hälfte, um die obre hing Wellenschaum als weißes,
-dreieckiges Tuch mit langen, fließenden Fransen. So stand sie, die Hand
-am Kinn, in der anderen den Ellenbogen, sinnend, aber sie sang, ich
-hörte ihre Stimme:
-
- Einsamkeit -- --
-
- Einsamkeit, du schöner Born
- Stillgewordner Seelenklagen!
- Rausche durch das Muschelhorn
- Tönend in den langen Tagen.
-
- Wenn der Gott das Horn ergriff,
- Rollt der Donner an den Küsten,
- Und es dröhnt des Gottes Schiff,
- Und es tönt -- --
-
-Einsamkeit -- -- schrieb Georg noch, dann riß es ab, denn er hatte: >und
-es tönt in meinen Brüsten< schreiben wollen, verdrängte es aber, da es
-ihm frivol und unpassend vorkam, insgeheim derartig von ihr zu sprechen,
-als ob er sie entkleidete, ohne daß sie's wußte; dann kam ihm auch der
-Reim zu alltäglich und gemein -- heutzutage -- vor, er ergänzte noch
-teilnahmslos die Lücke mit: >in Felsgerüsten<, hörte nervös das störende
-Geklapper des Deckels auf dem Teekessel und hockte sinnlos. Vor seinen
-Augen verging der rötlich durchschienene Dampfstrahl aus der Tülle,
-nebenan wurde ein Stuhl gerückt, Benno ging behutsam durch das Zimmer,
-dann klangen ein paar Griffe auf dem Klavier und plötzlich ein leiser
-Akkord von solcher Süßigkeit, daß Georgs Herz sich zusammenzog. Angst,
-Sehnsucht, Schwermut sogen gewaltsam an seiner Brust; warum sitze ich
-hier? dachte er schwer.
-
-Gedankenlos, nur um etwas zu tun, zog er die Schieblade gegen seinen
-Leib auf, holte eine Wachstuchkladde heraus und schlug sie auf. _La vita
-nuova_ stand groß und einsam auf der ersten Seite. Georg machte
-kritische Augen. Auf der nächsten stand ebenso vereinsamt: Galatea ...
-
-Georg schlug willkürlich einige Blätter um und las:
-
-»Die See war schwarz und eigentlich unsichtbar, aber über ihren Rand aus
-dem Nichts stieg eine rote Scheibe, glühte und war ein großer, runder
-Fisch, der über das schweigsame Meer herschwebte. Auf seinem Rücken
-stand ein schwarzer Mann wie ausgeschnitten, mit einem abstehenden Kranz
-von wildem Haar, hielt ein Muschelhorn an den Mund und blies unhörbar.
-Da sagtest du: man muß die Einsamkeit in das Herz schießen. Ich hatte
-aber nur eine kleine Gummizwille in der Hand, wie wir sie als Jungens
-machten. Da zielte ich auf den Fisch, und wie ich ihn traf, blieb er
-langsam stehn, wurde wieder ganz rund und wedelte einmal mit dem
-Schwanz. Dann zauberte er ein glotzendes, grünes Auge in sich hinein,
-sah mich boshaft damit an und versank in die Flut, wo er sichtbar blieb
-im Tiefersinken, dieweil das Wasser in schwarzen Falten über ihn
-hinging. Der Mann, sein Horn noch immer am Munde, sank mit, und da wußte
-ich, daß das Ganze aus Pappe geschnitten und ein kleines Theater war
-...«
-
-Georg hob die Augen vom Ende der Seite, griff eine Zigarette aus dem
-Kasten, tastete, völlig aufgelöst in Bewußtlosigkeit, nach den
-Streichhölzern und blieb hocken, die Zigarette im Munde, minutenlang.
-
-Der Teekannendeckel klapperte irrsinnig. Georg fuhr mit einem Ruck aus
-sich auf, hob den Kessel aus den Haspen und setzte ihn auf die Erde, wo
-er noch eine Weile ingrimmig vor sich hin kollerte und prustete, bis ihm
-der Atem ausging und er verstummte. Die Blätter des Hefts hatten sich in
-die Höhe gesträubt, Georg las irgendwo die Worte:
-
-»Es giebt nichts, wozu man die Natur nicht gebrauchen könnte; ich will
-sie als Medikament gebrauchen. Es muß mir gelingen, einige Zeit ohne
-Gedächtnis zu leben. Wenn es nicht geht, werde ich es Benno übergeben.
-Es giebt nichts, was man ihm nicht anvertrauen könnte.«
-
-Ja, ja ...
-
-Die Nacht war totenstill, nichts zu hören vom Meer. Da saß man nun
-mitten im riesigen Kanal, die ungeheure Brust des Atlantischen Ozeans
-drängte gegen ihn heran, fern überall in ihrer Einsamkeit wanderten die
-Schiffe ...
-
-Angst lag auf Georgs Brust. Hatte sich irgend etwas geändert? War irgend
-etwas klarer geworden? Ach, wenn doch Benno Klavier spielen wollte, daß
-er sich ins Dunkel daneben setzen könnte und wie als Knabe, wenn Onkel
-Salomon einmal spielte, das Ohr gegen die tönende Wand legen und sich
-vergessen im Staunen über das drinnen tosende musikalische Rumoren. Ach
-nein, er hatte Benno sein Gedächtnis nicht anvertraut, immer standen
-Dinge bevor, die er nicht begriff, als sollte er sich am nächsten Tag
-zur Bedienung einer Maschine stellen, von deren Bau und Wirkung er keine
-Ahnung hatte ...
-
-Georg blätterte weiter in seinem Heft, über Seiten voller Verse hin,
-Sonette, Sonette, Sonette, und: welche Kunst, dachte er, seine Stimmung
-vermittels plausibler Vergleichungen zum Ausdruck zu bringen! -- Dann
-kamen wieder Briefe an sie, die er Galatea nannte -- indem es ja sein
-höchster und heimlichster Traum war, daß sie, dieser wunderbarlichste
-Marmor in Frauengestalt, durch ihn zum warmen Leben sich einführen
-lasse, -- Ergüsse, Lobgesänge, Gebete, Beichten in blumenreicher Prosa
-...
-
-Und wiederum sah er ihre ungewisse Gestalt, abgewandt von ihm, hingehn
-und -- -- entschwinden in die Luft.
-
-Da stand geschrieben:
-
-»Ich reinige meinen inneren Menschen. Ich werde ein Stück Natur,
-Erdboden, wenn mich der Sonnenschein, Baum, wenn mich der Wind, hohle
-Muschel, wenn der unablässige Donner der See mich mit lärmendem Geläute
-erfüllt. Luftiger, offener, ausgebreiteter wird mein Wesen, ich fühls,
-ich leere, ich reinige mich. --«
-
-Haben wir uns gereinigt, Benno? Gute Seele, was stauntest du doch über
-dies ossianische Eiland von grauem und rötlichem Fels, dies titanische
-Gefüge, Grotten, Felsenbögen und Höhlen wie auf Odysseebildern von
-Preller. Und ringsum der gewaltige Kanal. Da ließen wirs uns wohl sein,
-rollten im Ufersand gegen die Brandung, stürmten über den Felsendamm
-zwischen den beiden Inselhälften, hundert Meter über der Meeresfläche,
-mit flatternden Hemdkragen gegen den offenen Himmel, gegen den wild
-anrennenden Wind, schrien den englischen Möwen auf Deutsch
-unverständliche Beschimpfungen zu -- dann --, dann schoß ich Kaninchen
-auf dem Eilande Brechou, und du bewundertest mich dabei. Ach, immer hast
-du mich bewundert! Als ichs allein nicht mehr ertragen konnte, als mir
-eines Tages das Gedächtnis alles Gewesenen wie ein Baum aus dem Haupt
-wuchs und riesige Früchte, die herunterstürzten, mich zu erschlagen
-drohten, da -- ja, da vergingst du in Schaudern über das unerhörte
-Begebnis und in Bewunderung meiner, der sicherlich das Richtige treffen
-würde ...
-
-Und Georg erinnerte sich, wie sie nächtelang miteinander sich
-besprochen, den Zweikampf wie mit beweglichen Puppen gefochten hatten,
-des Ideales hier, ein Fürst zu werden, wie die Welt einen verlangte, der
-Wahrheit dort, die Selbsterniedrigung von ihm forderte. Aber die Fehde
-blieb immer unentschieden, sie verstummten, schlichen trübe umher --
-nun, Benno freilich tat das nicht lange, er hatte ja unendlichen Mut
-geschöpft, und nachdem er früher kaum gewagt hatte, eine Zeile zu
-schreiben, aus Furcht, Beethoven könnte es ihm verargen, so getraute er
-sichs nun, es mit allen Stimmen des Ozeans und der Winde aufzunehmen ...
-
-Und dann lagen wir auf einer der grünen, windüberstrichenen Inseln im
-Innern, gaben uns kummerlos der Sonne preis, träumten Buntes und
-Phantastisches, für Benno Unerhörtes, Gloria und Kränze, Frauen und
-Wettrennen, Yachten unter Riesensegeln und weiße, nackte Frauenleiber in
-einer azurenen See und in paradiesischem Durcheinander mit gestreiften,
-gelben Tigern und schwarzen Leoparden.
-
-Bennos Schritte näherten sich der Tür, Georg hörte ihn fragen hinter
-seinem Rücken: »Schreibst du?«
-
-»Nein, ich lese bloß! Du willst wohl schlafen gehn?«
-
-Sich wendend sah er Benno, so lang er war, noch dünn- und langhalsiger
-in dem aufgeschlagenen Hemdkragen, Gesicht und Augen durchglüht und
-beschämt von Visionen, durchs Zimmer gehn und sich aufs Sofa setzen,
-gleich die Beine übereinanderlegend und sich schmal machend vor
-angeborener Demut. Der rötliche Schnurrbart hing zerzaust und wie
-bestraft, die Augen gingen -- wie immer -- nach oben.
-
-»Sieh mal, was ich da geschrieben habe«, sagte Georg, nachdem Benno
-etwas wie »gar nicht müde« gemurmelt hatte, und las:
-
-»Widersetze dich niemals einer Erkenntnis. Jede seelische Geste,
-festgehalten in der Anmut gereimter Zeilen, strömt eine bestrickende
-Glaubwürdigkeit aus. Je leichter dir das Versemachen fällt, um so
-schöner werden deine Empfindungen. Es ist doch nur ein papierener
-Frühling. Wind und Sterne, Mond und Sonne, Wogen und Möwen, das alles
-treibt dich rundum, und am Ende liegst du da. Du bist nur ein
-Naturkreisel. -- Horch, Benno, es giebt noch einen Zusatz. Zusatz:
-Wirbelt die Oberfläche eines buntbemalten Kreisels herum, so schwinden
-die Farben in belangloses Grau. So ist es auch mit der Seele. Wenn sie
-aber daliegt und stille wird, zeigt sie lieblich ihre reinen, farbigen
-Kreise ...«
-
-Benno saß und lächelte freundlich.
-
-»Benno, was denkst du?«
-
-»Ich? Ach! Ich dachte«, sagte er schamvoll mit seiner gebrochenen
-Stimme, »an den Kiwi in Unterprima und --«
-
-»Ach, weil ich von physikalischen Dingen rede, denkst du an
-Physikprofessoren! Ach du mein Gott, diese Physikstunden waren das
-Gräßlichste auf der Welt! Und wenn er mal ein Experiment machte, ging
-alles kaputt. Ja, da sitzen wir nun im Kanal ...«
-
-Benno erhob sich mit einem Ruck zu seiner Länge und trat an das Fenster,
-stützte die Hände auf und sah in die Nacht. -- Ich glaube, dachte Georg,
-er hat Heimweh.
-
-Nach einer Weile, da weiter nichts geschah, sagte er:
-
-»Ja, wie ist es, Benno, wenn du nicht zu müde bist, könnten wir ja noch
-einen Schritt vor die Tür und das Meer besehn ...«
-
-Benno drehte sich still um; sie gingen hinaus und durch den engen,
-warmen Flur voller Schränke ins Freie. Die Nacht war dunkel, von den
-erloschenen Häusern kaum hier und da eine weiße Wand im Finstern zu
-erkennen; oben segelte der kleine Mond hastig durch silbergraues,
-bewegtes Gewölk. Da! -- sagte die Kälte, indem sie auf die Stelle mitten
-auf Georgs Kopf, wo die Kompresse endlich entfernt war, aber noch das
-Haar fehlte, ihren kalten Finger setzte. -- Als sie um die Hausecke
-bogen, warf sich der Seewind ihnen straff entgegen; Georg wars, als
-legte er ihm miteins ein glattes Kleid von Kühle um den ganzen Leib. Vor
-ihnen lag die schwarze Fläche von Haidekraut, die sich ins Nichts
-verlor; da und dort, über der unsichtbaren See in der Tiefe, war ein
-vereinsamtes Sternlicht. Langsam, während sie auf dem schmalen Pfad von
-Klinkern dahingingen, wurde die Brandung hörbar und lauter.
-
-Eine leise Melodie, von Benno gepfiffen, ein kleines, getragenes Stück
-in Moll, zärtlich, feierlich, plötzlich abbrechend, wehte an Georgs Ohr,
-einmal und noch einmal. Er fragte: »Was ist das, Benno?«
-
-Ja ... es sei das Thema des ersten Satzes: Sehnsucht nach der Ebene. Und
-übrigens hätten sich ihm, als er es fand, von selber die Worte
-unterlegt: Denk ich an Deutschland in der Nacht ...
-
-»Ach, denkst du an Deutschland in der Nacht, Benno?«
-
-Benno schwang einen Arm, warf den Kopf zurück -- Georg konnte die Haare
-im Dunkel flattern sehn -- und war ein wenig entrüstet. Ob es nun
-vielleicht eine Schande sei, Heimweh zu haben!
-
-»Ach,« sagte er, »ihr seid ja nun Alle Europäer! Aber wenn du dichtest,
-Georg, dichtest du dann vielleicht europäisch? Dichtest du
-international?«
-
-»Aber die Musik, Benno? Überhaupt alles Geistige, Kunst, Wissenschaft,
-sind sie nicht allgemein?«
-
-»Der Stoff, Georg, ach natürlich doch, der Stoff! Sind wir nicht Alle
-Menschen? Der Gedanke der Verbrüderung ist natürlich herrlich! Aber im
-Geist war sie doch immer schon da, und dem Bauern und dem Handwerker,
-wenn er einen Schrank macht oder Rüben baut -- was soll dem
-Verbrüderung? Keine Feindschaft soll sein, keine gegenseitige
-Verachtung, alle sollen sich gelten lassen und ertragen, jawohl, aber --
-das ist doch weiter nichts als Menschenpflicht, da ist doch der nächste
-Nachbar der nächste Anlaß, dergleichen zu üben, und wozu brauchts da
-fremde Völker und Erdteile? Das Gute kommt doch immer von selbst.«
-
-Benno mußte schreien, so laut war nun der Donner der Brandung. Georg sah
-im Finstern vor sich die Zaunpfähle am Rande des Abgrunds; jetzt bog ihr
-Weg ab und begann langsam anzusteigen; alsbald erschien auch der
-Schattenriß des kleinen Pavillons über ihnen in der Nacht. Georg sah
-Helenenruh, das weiße Haus, Wiesen und Park, eine sonnige Insel; dann
-erschien die Goethestraße in Altenrepen, sein Schulweg, das rote,
-vielfenstrige Haus mit der Sonne überm Türmchen. Ja, er hatte wohl auch
-ein wenig Heimweh ...
-
-Sie betraten den Bretterboden des Pavillons, traten an die hölzerne
-Brüstung und stützten sich darauf. Alle Hörner der See stießen ihr
-gewaltiges Gebrüll aus; sich überneigend sah Georg, schaudernd vor der
-Tiefe, den weißen Gischt, wie er sich wütend aufwarf und zerflog. Da war
-nun, unsichtbar, unermeßlich nach Westen hin die schwarze, bewegliche
-Meeresebene, meilenweit kalte Wasser, Bergtiefen der Gewässer. Ein, zwei
-rötliche Lichter in der Ferne schienen eine Küste zu bedeuten, aber es
-waren Schiffe, in ungeheurer Einsamkeit verlassen durch die schwere See
-hinstampfend, aber innen in ihnen war es doch wieder warm und hell,
-waren Tische und Lampen, Keller und Lager voll Geruch von Teer und
-Waren, Kabinen voll Schlaf ... Seltsam, diese winzigen, fahrenden Wohn-
-und Kaufhäuser in der Meeresfinsternis ...
-
-Georg ließ sich auf die Bank nieder, leise betäubt vom Brausen der
-Tiefen, Benno blieb am Pfeiler stehn.
-
-»Und die schönsten Dinge, Georg,« sagte er plötzlich mit Eifer, »die
-schönsten Dinge der Welt giebt es doch nur in Deutschland.«
-
-»Zähle auf, Benno, zähl auf!«
-
-Benno schöpfte tief Atem.
-
-»Eine deutsche Sommernacht«, sagte er.
-
-»Ja, Benno, da hast du recht. >Wenn die Brunnen verschlafen rauschen<,
-nicht wahr? Und Kornfelder im Mondschein und silberne Ritter von Thoma
-auf allen Hügeln, die Wache halten. Oder -- nein so, Benno: Eine
-Mondnacht ... Ein Stück weißer Straße -- und eine weiße Hauswand mit
-dunklen Fensterscheiben, Gartenmauer, weiß, und darüber die dunklen,
-schweren Baumwipfel, in denen der Nachtwind rieselt -- rieselt --, nun
-hier -- nun da, nun rauschend, nun ganz leise nur -- knisternd, daß du
-fast die einzelnen Blätter sehen kannst, die sich wenden ...«
-
-»Ja, Georg! ja!«
-
-»Und -- -- kennst du das von Rilke:
-
- Und dann ein Rauschen und ein Ruf der Ronde,
- Und eine Weile bleibt das Schweigen leer,
- Und eine Geige dann ...
- ... und sagt ganz langsam: Eine Blonde ...«
-
-Benno war begeistert. »Eine Blonde!« hauchte er. »Ja, ein blondes
-deutsches Mädchen, das gehört auch zum Schönsten!«
-
-»Ich will sie dir nicht rauben, deine Blonden,« sagte Georg, »aber ich
-bin nun mal mehr für Dunkel.«
-
-»Du für Dunkel, Georg? Aber Renate?«
-
-»Renate? Ach, erstens ist sie nicht blond! Sowas nennt sich nicht blond,
-und zweitens: ist sie vielleicht ein Mädchen?«
-
-Benno sagte, das verstünde er nicht. Georg wußte es selber nicht zu
-erklären. Nein, dachte er, sie ist weder Mädchen noch Frau, aber sie ist
--- -- als wäre sie drei Nächte lang die Geliebte eines Gottes gewesen,
-und ist verzaubert von unsterblichen Küssen und überweltlicher Hoheit.
--- Aber wieso sagte ich nur eben, ich wäre für Dunkel? Magda ist doch
-blond -- ja, deshalb liebte ich sie wohl auch nicht richtig! -- Iris
-Runges elfenbeinernes Gesicht erschien ihm da und die türkisfarbenen
-Augen im schwarzen Oval der Haare.
-
-»Zähle weiter, Benno, was giebt es noch?«
-
-»Ach, der Frühling, Georg, einen deutschen Frühling, giebt es den
-vielleicht in Italien oder in Indien! Wenn die Ebenen noch ganz grau
-sind und ferne Wälder durchsichtig und kahl, und die Wolken gehen so
-niedrig und langsam übers Land. Der Wind ist feucht, man riecht die
-Erde, und irgendwo stehen schon Primeln ...«
-
-»Ach, wohl, Benno, wohl, und ein deutsches Ährenfeld, du sagtest es
-schon! Diese Gelbe, und das lange Schwanken der glatten Mauer und
-Lerchen im Sommersonntag und ganz ferne Glocken!«
-
-»Und bist du einmal im Herbst über Land gegangen, Georg --«
-
-»Deutsche Herbstwälder, Benno, mein Gott ja, deutsche Herbstwälder
-giebts auch in Griechenland nicht! Goldgelbes Birkenlaub in flammend
-blauen Lüften ...«
-
-»Ja, und ich dachte eben an die Ebene. Im September, wenn die weißen
-Morgennebel alles rings verschließen, und die Sonne bricht nun durch,
-und auf einmal ist da eine glühende, weiße, beleuchtete Hauswand, dann
-siehst du das Dach, und nun die Kronen von Obstbäumen, dunkelgrün,
-triefend naß, nun die roten Flecke der Äpfel, und am Zaun, der auf
-einmal aus den weißen Tüchern kommt, lehnt vielleicht ein ganz blaues
-Waschfaß ...«
-
-»Herbstkräftig,« murmelte Georg und fuhr lauter, damit Benno ihn hören
-könne, fort: »herbstkräftig die gedämpfte Welt -- In warmem Golde
-fließen ...«
-
-»Ach, ja, Georg, und die Dichter, glaubst du denn, daß je irgendwo die
-Dichter so ihr Land ausgesaugt hätten wie Eichendorff und Lenau, und wie
-Claudius und George? Wie war doch das noch: >Im Morgentaun -- trittst du
-hervor --<. Von George, ich weiß es nicht mehr, du lasest es vor ...«
-
-Georg fuhr leise und seltsam schmerzlich fort:
-
- »Den Kirschenflor
- Mit mir zu schaun.
- Duft einzuziehn
- Des Rasenbeetes ...
- Durch die Natur
- Noch nichts gediehn
- Von Frucht und Laub.
- Rings Blüte nur ...
- Von Süden weht es ...«
-
-Benno, zu seinem Munde herabgebeugt, wiederholte voll Inbrunst: »Von
-Süden weht es ...« Dann warf er sich mit einem Ruck hoch, trat weg und
-setzte sich auf die Bank.
-
-»Ja, da sitzen wir nun im atlantischen Kanal in der Nacht und haben
-Heimweh nach Deutschland. Wenn wir jetzt Wiener wären und an Wien
-dächten, so würden wir weinen«, murmelte Georg. Aber im selben
-Augenblick brach alles immer Unterdrückte mit einer solchen Wucht in ihm
-los, daß er aufsprang, den Holzpfeiler neben Benno mit beiden Fäusten
-packte und, die Stirn darangepreßt, ächzte:
-
-»Verstehst du es denn, Benno, ja versteht es denn _ein_ Mensch, was das
-heißt, nicht mehr zu wissen, woher man kommt? Und ich, Benno, ich, der
-immer so stolz war auf Ahnen und alle Vergangenheit und Zusammenhänge,
-und daß all das nun Lüge war, Unsinn, gemeine, scheußliche, stinkende
-Lüge und Irrtum --« Er brach ab und schüttelte sich.
-
-Einen Augenblick später sich wieder aufrichtend und Haltung nehmend,
-trat er von Benno fort und lehnte sich mit dem Leib gegen die Brüstung
-und über das Meer. Hinter sich wußte er Benno, der so still in sich saß
-vor Scheu und Ergriffenheit, daß sich keine Muskel und keine Faser an
-ihm bewegte. Und wiederum erschien da, abgewandt, hingehend, die
-unsichtbare Gestalt Renates ...
-
-Seltsam, seit wann ist das nur, daß ich sie so sehe? fragte sich Georg.
-Und woher gerade diese Bewegung an ihr? Es giebt ja wohl keine Stellung
-oder Lage, keine Tätigkeit und keine Bewegung, in der ich sie nicht
-geträumt hätte -- woher nun diese? Als ob sie selber, indigniert, sich
-von mir fortwendete, jedesmal, und davonginge. Habe ich sie totgeträumt?
-fragte er sich erschrocken. Ja, ist mein Gefühl noch immer so stark wie
-im Anfang? Ich glaube -- -- nicht ... Ach, Renate, Renate, warum stehe
-ich denn hier über dem finstern Atlant, kalten Gewässern und landfremden
-Schiffen? Du bist es doch, die gilt, einzig gilt! Dich zu krönen, aus
-den Sternen den Thron, für dich, für dich, das ist doch -- nun, wenn
-nicht das Ziel selber, doch der Leib, in dem es sich irdisch darstellen
-muß, um möglich zu werden. Nein, nun ertrage ich es nicht mehr. Dies ist
-ja eine dergestalt menschliche Angelegenheit, daß tatsächlich nichts
-weniger helfen kann als Fels und Meereswoge. Ich muß unter Menschen. Die
-Maske muß probiert werden, das Herz angestoßen werden auf reinen oder
-unreinen Klang.
-
-»Wie ist es, Benno,« sagte er, sich umwendend, »wenn wir morgen fahren,
-kann ich noch eben rechtzeitig zur Einschreibung ins Semester kommen.«
-
-Benno sprang auf.
-
-»Ja,« sagte er, lang dastehend, aus tiefster Seele, »ja, reisen wir!«
-
-Neben Georg tretend, legte er einen Arm um seine Schulter. Lange standen
-sie so, der Raum füllte sich mit dem Brausen der Tiefen, schläfriger
-dachte Georg an Deutschland, an Altenrepen und verlangend und
-hoffnungsvoll an einen Garten, Orgel und Liebe.
-
-
- Magda
-
-Renate saß spät am Abend an ihrem Schreibtisch, in ihrem Gedächtnisbuch
-blätternd, um eine Eintragung zu machen; sie schlug, unschlüssig, wie
-beginnen, einige Seiten zurück und las das zuletzt Geschriebene.
-
- Helenenruh, am 20. April
-
-Im Grunde bin ich doch froh, daß ich hierhergekommen bin. Zwar kann ich
-so gut wie nichts tun, aber sooft ich denke, ich sei überflüssig, so muß
-ich nur Magda ansehn und denke gleich, es kommt einmal der Augenblick,
-wo sie zusammenbricht, und es ist niemand da, der sie bettet. Und nun,
-wo auch Jason al Manach, der die ersten Tage nach meiner Ankunft nur
-heiß und stumpf umhersaß, sich mit einer schweren Gehirnentzündung
-hingelegt hat, so verbrennt sie ja in Mitleiden und Dienstbarkeit.
-Seitdem herrscht tiefe Stille in Helenenruh, nur das Motorrad des
-Doktors unterbricht das dumpfe Krankenzimmerschweigen, in dem wir
-Frauen, die Domina und die Pflegerinnen, umhergleiten, und während
-draußen der April grüne Seiden ausbreitet und die schönen Farben
-hineinstickt, lagert im Hause die beständige Dämmerung verschlossener
-Vorhänge oder des Nachtlichts und die schwere, dumpfe Luft.
-
-Was war das doch für ein anderes Helenenruh in Magdas Briefen! Soviel
-Trauriges darin war, es war doch das Bogners und der kindlichen Magda,
-die ich damals noch vor Augen hatte und nicht auslöschen konnte trotz
-dieser fremden Briefe. Dies aber, das ich hier gefunden habe, das weiß
-von alledem nichts; es sind nur Wege und Bäume, ein Teich, die Wiesen
-und die See, ein schönes Haus mit Sälen und vielen Fenstern, und wenn
-ich im Klaviersaal gespielt habe und am Fenster stehe und zum
-Verwalterhause hinüberblicke, die Vorfrühlingswolken über dem Park sehe
-und den Wind, der silbergraue Streifen über die frisch ergrünte
-Wiesenfläche schleppt, so finde ich keine Spur von dem hier, was ich
-hineingedacht habe, und ich sehe wohl ein, daß wir alles für uns allein
-haben. Die Dinge bleiben sich gleich und lassen uns an sich vorüber.
-
- am 1. Mai
-
-Chalybäus hat sich langsam erholt und vor ein paar Tagen sein
-Bett verlassen in Gestalt einer schiefen, vertrockneten und
-zusammengekrümmten Steinzeitmumie. Gleich verlangte er Wein, und als der
-ihm verweigert wurde, bekam er einen Tobsuchtsanfall. Es scheint nichts
-anderes übrig zu bleiben, als ihm zu willfahren; der Arzt wenigstens
-erklärt, es sei vorläufig nichts zu machen. Nun ist er bei einer
-alltäglichen Menge von drei bis fünf Flaschen Rotwein und verhält sich
-einigermaßen still. -- Du arme Magda!
-
-Jetzt beginnt nun auch Jason al Manach, dies fremde Wesen, auf der Bank
-neben der Haustür zu sitzen, einer kümmerlichen, weißen Kellerpflanze
-ähnlich und zuerst klagend, das Licht stürze sich wie brennende
-Vogelschwärme in seine Augen; aber das Brennen hörte auf, nicht nur
-seine Augen, sondern auch Lungen und alle Adern sogen still, er genas.
-
-Viel habe er überstanden, sagte er heut abend zu mir und Magda. Sie
-stand in der Haustür nahe bei unserer Bank, über den drei Stufen, ach,
-so gebrechlich aussehend von der übermäßigen Anstrengung der Pflege, in
-ihrem schlecht und lose sitzenden Hängekleid von Nessel, das Haar in
-einem hellen Tuch, unter dem ihre Züge wie ausgewischt erschienen. --
-Man könnte auch sagen, fügte er hinzu, er habe sich selbst überstanden,
-und dann sagte er wieder einmal wie in seinen Delirien, aber mit ganz
-verständigem Ausdruck etwas sehr Sonderbares. Er habe ihn wohl gesehen,
-den großen Grauen am Fußende seines Bettes; freundlich habe er ihn, den
-kranken Jason, eingeladen, doch mit ihm zu gehn, aber er habe ihm ruhig
-geantwortet, daß er doch selber einsehn müßte, es sei durchaus keine
-Kunst, das Leben vermittels des Todes zu überwinden, allenfalls mit
-Hülfe des Sterbens, womit er sich ja auch eingehend beschäftige, aber
-solange es nach ihm gehe, wolle er nicht völlig sterben, sondern
-vielmehr so gesund wie möglich werden, und übrigens glaube er schon
-längst nicht mehr überzeugt an die Existenz des vor ihm Stehenden, der
-sich denn daraufhin auch achselzuckend entfernt habe. So gesund wie
-möglich, wiederholte er bekräftigend -- er glaube, es würde ihm noch
-gelingen. -- Magda, schwach und todmüde, begann leise zu weinen, es
-dämmerte zwischen den Bäumen, aus dem Heckengang quoll die Nacht, Jason
-blickte gegen den hellen, herniederleuchtenden Himmel oben, wir hörten
-hinter uns das kleine Weinen rinnen und gedachten des ewigen Lebens.
-
- am 2. Mai
-
-O, das sind garstige Dinge, die sich da zugetragen haben!
-
-Schon längst schien mirs eine fixe Idee von Ch. zu sein, daß der Herzog
-ihn tödlich beleidigt habe, daß es ein Verbrechen von ihm, dem Ch.,
-wäre, nur einen Pfennig vom Herzog anzunehmen -- eine eigentümliche
-Veränderung der Sachlage --, und daß daher ihm und seiner Tochter nichts
-anderes übrig bleibe, als mit einer Drehorgel auf den Märkten
-umherzuziehn. -- Nun war er doch entlassen. Magda zeigte mir einen Brief
-vom Herzog an Ch. vor einigen Tagen; darin änderte er einen ersten
-Vorschlag an Ch., die Heilanstalt Frankenhöhe aufzusuchen -- da er
-mittlerweile vom Arzt erfahren hatte, daß eine Kur vorderhand unmöglich
-sei --, in eine Rente nebst freiem Aufenthalt in Helenenruh, Magda
-zuliebe, die ja so an H. hängt. Der Brief hatte einen fürchterlichen
-Wutausbruch ihres Vaters zur Folge, hinterdrein ein Schreiben an den
-Herzog, das er insgeheim Jason diktierte, für den er noch immer eine
-schöne Sympathie bewahrt. Darin standen Dinge, von deren Unwahrheit
-Jason wohl überzeugt war, vielleicht auch ist sein Denkvermögen noch
-immer etwas imaginär, jedenfalls gab er den Brief M., in meiner
-Gegenwart. Magda las lange an dem Brief, schob ihn dann zu mir herüber,
-ohne das Gesicht zu verziehen, und sah auf den Tisch vor sich. So las
-ich denn, daß ihr Vater -- auf welche Weise war nicht zu erkennen --
-Kenntnis erlangt hatte von einem nächtlichen Besuch des Prinzen in
-Magdas Zimmer (im vergangenen Juli). Ob ihr Vater nun mehr dazu neigte,
-die Ehe zu verlangen, oder ob er nur einen Erpressungsversuch machen
-wollte, das war infolge des Jammergeredes, in das er alles wickelte,
-nicht deutlich zu erkennen. -- Als ich endlich aufsehn mußte vom Lesen,
-fand ich Magdas Augen auf mich gerichtet, so erloschen und hart, daß ich
-mehr darin lesen mußte als Abscheu vor ihrem Vater.
-
-Im ersten Augenblick war ich so erschrocken -- -- Ich sah sie aufstehn
-und das Zimmer verlassen, endlich brachte ichs fertig, ihr nachzugehn,
-und im Park fand ich sie denn, wie sie wie eine Verlorene schwankend an
-den Fliederbüschen hinstreifte, und führte sie sanft ins Haus. Sie blieb
-aber stumm -- und was ist auch zu sagen?
-
-Es ist, als sollt es kein Ende nehmen mit den Lasten, die ihr
-aufgebürdet werden. Sogar bereits Überstandenes kommt nun wieder und
-trifft sie von neuem und von einer anderen Seite. Gott mag wissen, was
-er damit will.
-
- 6. Mai
-
-Nun, dies wenigstens hat ein Ende, so ekelhaft es bis zur Neige war. Ich
-will auch dies aufschreiben, um mich später zu erinnern.
-
-Jason schickte Ch.s Diktat an den Herzog mit ein paar Zeilen von ihm
-selber, in denen er ihm kühl vorlog, daß Ch.s Verdächtigung
-selbstverständlich aus der Luft gegriffen sei.
-
-Diesen Brief hat der Herzog mit dem von Ch. an seinen Sohn geschickt und
-ist nach empfangener Antwort gestern hier eingetroffen. Ich sprach eine
-halbe Stunde mit ihm und hätt es gern länger getan. Ich hielt ihn für
-einen ergrauten Mann in den Fünfzigern, aber nun ist er kaum
-fünfundvierzig und sieht aus wie Ende Dreißig, ein wenig zu bärtig, aber
-kühn, und ein Riese, wenn er sitzt. Ihn gehen zu sehn, ist freilich ein
-Jammer. Georg also hat gelogen wie Jason, und somit hat der Herzog dem
-Ch. einfach eine donnernde, ungeheure Standrede gehalten -- wir konnten
-sie in allen Zimmern und bis in den Obstgarten hören -- und ihn
-wahrhaftig damit niedergeschmettert. Das alte Vasallenempfinden hat
-vielleicht auch mit geholfen, jedenfalls hat er sich geduckt und in
-alles gewilligt. Der Herzog hat Magda sehr gestreichelt und gutherzig
-bedauert, daß zwischen ihr und seinem Sohne alles aus sei, denn er hätte
-sich gefreut und so weiter, und sie solle Helenenruh nur jetzt schon als
-ihr Eigentum betrachten, erben würde sie es sicher einmal, und der neue
-Verwalter sei unverheiratet und könne vorderhand im Gestüt wohnen.
-
-Übrigens ist der Herzog ein Filou, denn als der Sandschneider, den er
-selber kutschierte, den Heckengang hinunterrollte, stand ich gerade am
-Goldregen und schnitt Dolden herunter, und er rief: Danae! daß es
-schallte, nickte, freute sich, hieb auf den Schimmel ein und jagte ums
-Haus, daß die Funken stoben.
-
- 12. Mai. (Altenrepen)
-
-Nun hab ich mein Mädchen hier, zwar auch den Vater in Kauf nehmen
-müssen, aber es ist gut so, und mich wird er nicht stören. Er hat nicht
-in Helenenruh bleiben wollen, nun wohnen sie ganz in meiner Nähe. Leider
-ist Jason al Manach auf der Reise hierher ihnen abhandengekommen.
-
- * * * * *
-
-Renate ergriff die Feder und schrieb:
-
- 18. Mai
-
-Wieder acht Tage nicht zum Schreiben gekommen. Am Tage nach ihrer
-Ankunft legte Magda sich mit Lungenentzündung; von der Pflege der
-Andern, von aller eigenen Pein entkräftet, lag sie auf das schwerste
-danieder, dies arme Herz weigerte sich, weiterzugehn, und sie begehrte
-innig, zu sterben. Diese Gefahr ist nun vorüber, gebe nur Gott, daß es
-endlich die letzte war!
-
-So darf ich denn wieder anfangen, an mich selbst zu denken, denn der
-gute Saint-Georges wartet schon lange ungeduldig mit seiner Geschichte
-der Vereinigten Staaten, damit ich ihm die in englischer Sprache
-geschriebenen Bücher deutsch vorlese; das wird eine schöne und keine
-leichte Arbeit werden.
-
-Und Ulrika und Irene warten auf Musik. Josef, ob du merkst, daß du
-vermißt wirst? Freilich mehr dein Cello als du, und dies ist leider
-nicht unersetzlich wie du. Saint-Georges hat mir einen Cellisten
-versprochen; er trägt den etwas verqueren Namen Sigurd Birnbaum und
-studiert Medizin.
-
-Wohlan, der Tag scheint gefüllt!
-
-
- Bei Saint-Georges
-
-Renate, zur ersten Arbeitsstunde mit Saint-Georges fahrend, wurde
-einigermaßen verwirrt vom haushohen Anblick der roten Gefängnismauer an
-der linken Seite der Freiherr-von-Stein-Straße, die sie sich freilich
-anders vorgestellt hatte, als Georges ihr den Namen nannte, -- und
-gleich darauf hielt der Wagen vor einem ihrer häßlichen Häuser aus rotem
-oder gelbem Backstein -- trübe und schmutzig vom Ruß der Fabriken --,
-und dieses war gelb obendrein. -- Welch ein Gedanke, dachte sie,
-gegenüber vom Gefängnis zu wohnen! Aber paßt er nicht irgendwie zu
-meinem stillen Georges? -- Noch fiel ihr sein gelähmter Bruder ein, als
-sie den schmalen Hausflur betrat, gleich umhüllt von einem Schwaden von
-Gerüchen -- Kartoffeln, Kaffee, Kinder, alte Kleider. Dafür waren die
-Wände mit um so köstlicheren, freilich bereits abgeschabten und
-zerbröckelten Malereien bedeckt -- eine Schneelandschaft mit Rehen sah
-sie im Hindurchgehn. Die ausgetretene Treppe hinansteigend, fing ihr
-denn doch einigermaßen zu bangen an vor der möglichen Ärmlichkeit seines
-Zimmers, und indem las sie auf der rechten von zwei gelbbraunen, im
-Winkel zusammenstoßenden Türen seinen Namen auf einer Besuchskarte, die
-an einem Reißnagel hing -- auch das wenig versprechend --, und darunter
-war eine Porzellanklingel mit gräßlich hart aussehendem schwarzen Knopf.
-Das war er auch, als sie darauf drückte, wobei er mit zähem Widerstreben
-einen Ton aufspringen ließ, klanglos wie eine Greisenstimme, dann aber,
-beim Loslassen ihres Fingers, noch einen, als sagte er: Da! Bist du nun
-zufrieden? -- Renate hatte während des Wartens das peinliche Gefühl,
-einen leibhaftigen Adamsapfel mit dem Daumen eingedrückt zu haben, was
-sie ein wenig wieder erheiterte.
-
-Nun kamen eilige Schritte auf weichen Socken oder Filzschuhen, und in
-der Tür wurde -- zu ihrer neuen, aber ganz angenehmen Überraschung --
-statt des erwarteten Dienstmädchens der graue Kopf eines freundlichen
-und listigen alten Mannes sichtbar, der auf ihr »Herr Saint-Georges
-erwartet mich!« in den engen und dunklen Gang deutend, sagte: »Bitt
-schön, die Glastür zum Herrn Doktor!« und lächelnd zur Seite trat. Sie
-ging auf den Schimmer in der linken Wand zu, an einem Gaszähler, einem
-Kleiderschrank und einer Kommode mit zwei Petroleumlampen vorüber und
-zauderte vor dem Arabeskenwerk von Milchglas, das die Scheiben bedeckte,
-weiter oben in klares verlaufend. Dann, mit Entschluß, hob sie sich ein
-wenig auf den Zehen und spähte hindurch.
-
-Es war -- erfreulich zu bemerken -- ein sehr großer Raum, der sich
-langhin quer vor ihr erstreckte; sie selber stand in der Mitte der
-langen Wand, den vier Fenstern gegenüber, durch deren Gardinen sie noch
-eben die Bekrönung der roten Mauer und weiter zurück die vergitterten
-Quadrate einiger Gebäude mit flachen, grasbewachsenen Dächern gewahren
-konnte. -- Kaum, dachte Renate, bin ich beim Gefängnis, benehme ich mich
-wie ein Spitzbube, -- und brachte die Augen getrost näher ans Glas, sich
-tröstend, das Zimmer sei leer. -- Im Gegenteil aber saß am Fenster ganz
-links ein junger, blonder Mensch mit sehr zartem, rosigem Gesicht, ein
-wenig spitzem Kinn und flachen, hellen Augen, die hinausblickten, in
-einem Lehnstuhl, die Beine unter einer Decke. -- Das war sein Bruder; am
-Gesicht wäre die Gelähmtheit zu sehen gewesen, wenn Stuhl und Decke
-nicht von ihr gesprochen hätten. -- Da sah sie ziemlich in der Mitte des
-Zimmers rechts, ihr den Rücken zuwendend, eine junge Dame sitzen, so
-hübsch angezogen, daß sie näher zusah. Ei das war reizend: ein kleiner
-grüner Strohhut mit langen dunkelgrünen Seidenbändern, die im Bogen tief
-herunterhingen; der Kleidrock wie die halblangen, spitzdütig
-auslaufenden Ärmel war weiß -- Piqueeleinen augenscheinlich --, die
-Taille aber, die Brust, Rücken und noch die Hüften fest und schlicht
-anliegend umschloß -- war aus einem buntgeblümten Stoff -- Rot, Gelb und
-ein wenig Grün auf mattblauem Grunde. Sie hatte ein Bein über das andere
-gelegt, die Hände im Schoß, weiße Schuhe und Strümpfe, -- und nun wandte
-sie auch das Gesicht nach links hinüber, so daß ihr Profil, zart mit
-vorgewölbter Oberlippe und dunklen Augen sichtbar wurde. Die Lippe
-bewegte sich, sie sprach. Aber dorthin, wohin sie zu sprechen schien,
-war für Renate nichts zu sehn, sondern nur noch eine braune Tür mit
-Giebel an der linken Querwand. -- Wieder rechts hinüber schweifend,
-schon die Hand auf der Klinke, sah Renate noch einen großen,
-dunkelhaarigen Menschen, der sich quer über einen langen,
-schreibtischartigen Tisch vor der rechten Wand beugte, um aus einer
-Reihe von dastehenden Büchern eines herauszulösen.
-
-Renate wunderte sich, wer alles da zusammen war, und trat ein.
-
-Gleich sah sie in der Buchtung eines alten, braunen Flügels zur Linken
-Saint-Georges selber stehen, der nun auf sie zukam. Die junge Dame stand
-auf und hatte ganz runde braune Augen. Der Mensch am Schreibtisch drehte
-sich um und zeigte ihr ein langes, schönes Gesicht mit dunklen, ein
-wenig schwermütigen Augen. Alle Wände waren bis zur Decke, auch die
-Zwischenräume der Fenster mit Bücherreihen bedeckt.
-
-»Guten Tag, Georges«, sagte sie.
-
-Er stellte ohne weitere Verlegenheit seine Gäste vor: »Fräulein Cornelia
-Ring und der Student Sigurd --«
-
-Renate hörte vor Überraschung beim Namen der Cornelia den zweiten Namen
-nicht mehr. Eilfertig im Unterbewußtsein suchend -- denn bewußt hatte
-sie sich bestimmt keine Vorstellung von ihr gemacht -- fand sie irgend
-etwas Bleiches, Stolzes, Einsames, -- nun diese muntere Bereitwilligkeit
-der rundesten Augen von der Welt ...?
-
-»Aber wie mich das freut!« sagte sie, ihre Hand ergreifend. »Josefs
-Freundin, nicht wahr?«
-
-Die errötete lächelnd und sagte nichts. Indessen war Renate inne
-geworden, daß der schöne jüdische Mensch Saint-Georges' neuer
-Cellospieler sein mußte, und reichte auch ihm die Hand, die er mit
-linkischer Verbeugung ergriff. Mund und Kinn waren voll und weich, die
-Stirn hoch und rein unter buschigem, schwarzem Haar, die Nase ein
-langer, im oberen Stück heruntergebogener Haken, die geröteten
-Backenknochen standen ein wenig vor. -- O, der gefiel ihr! Und wie fest
-und warm seine Hand war!
-
-»Und hier ist mein kleiner Bruder«, sagte Saint-Georges.
-
-Rasch hinübergehend, beugte sie sich zu ihm und fand ihn so rührend in
-seinem flammenden Rotwerden -- das, da er keine Hand bewegen konnte,
-alles sagen und geben mußte --, daß sie ihn auf die Stirn küßte, worauf
-er ganz erschreckt »O danke!« sagte.
-
-Der Schreibtisch war nichts als eine lange fichtene Platte auf Böcken
-voller Papiere und Bücher. Daneben war noch eine braune Tür, und in der
-Ecke dahinter stand ein altes, rotes Plüschsofa vor einem ovalen Tisch
-und ähnlichen Sesseln; aber ein sehr schöner türkischer Schal, ein
-Longschal mit schwarzer Mitte, ein Erbstück, hing über dem Tisch.
-
-Sie sei eben recht gekommen, um zu helfen, sagte Saint-Georges zu
-Renate, nachdem sie abgelegt hatte und im Sofa saß, die Cornelia im
-Stuhl neben sich, während Sigurd Birnbaum sich an dem Bücherstreifen
-neben dem Schreibtisch zu schaffen machte. -- Ja, Fräulein Ring suche
-eine Anstellung, erklärte Saint-Georges, vor den Beiden stehend, weiter,
-aber bisher habe selbst Sigurd nichts gefunden. Sigurd nämlich wisse Rat
-für alles. -- Sigurd hingegen verfinsterte sich und murmelte wegwerfend
-nach den Fenstern zu, er wisse gar nichts. Gar nichts!
-
-»Sie tun immer so,« grollte er, »als ob Gottweißwas an mir wäre, und
-dabei bin ich -- bin ich --« Er schloß, augenscheinlich keinen Grad der
-Niedrigkeit findend, mit einer verächtlichen Handbewegung und stellte
-sich an die Bücherwand, trotzig.
-
-»Wie man alten Schweinslederbänden neuen Glanz verleiht,« sagte
-Saint-Georges lächelnd, »wie und wo man einen vor fünf Jahren in einer
-völlig vergessenen Zeitschrift gelesenen Aufsatz über den Anteil des
-rumänischen Bauern an der Weltwirtschaft wiederfindet, -- wie man für
-einen aus Sibirien entsprungenen politischen Verbrecher Geld, Pässe und
-Gönner in Amerika findet -- -- und so weiter, nicht wahr, Sigurd?«
-
-Der mußte wider Willen lachen, gebärdete sich aber ergrimmt.
-
-»Und Sie suchen eine Anstellung?« fragte Renate Cornelia. »Ja, was
-können Sie denn Gutes?«
-
-»Gar nichts!« lachte sie munter, »das ists ja eben. Alles, was ich
-gelernt habe, war Singen -- bis mein letzter Lehrer mir die Stimme
-verdarb. Und da --« sie verstummte.
-
--- kam Josef, ergänzte Renate im stillen, indem sie »Wie traurig!«
-sagte. Wie gut, dachte sie, könnte sie zu uns ins Haus kommen und mir
-helfen, allein -- das würde sie selber nicht wollen, das selbe Haus in
-Josefs Abwesenheit betreten, das ihr, als er da war, nicht offen stand.
-Aber, als habe etwas aus diesen Gedanken den Weg zu Cornelia gefunden,
-sagte sie jetzt mit scherzender Betrübtheit: dann könnte sie ja Köchin
-werden ...
-
-»Die Kochkunst«, sagte Saint-Georges, »darf niemand verachten. Wo haben
-Sie gelernt?«
-
-»In Budapest.«
-
-»Glänzend! Die besten Mehlspeisen in Böhmen, die besten Fleischgerichte
-in Ungarn. Wer mit Liebe und Ehrfurcht kocht, erhebt diese Verrichtung
-zu einer wahren Kunst, wie auch alle anderen nur dadurch zu einer
-werden.«
-
-»Aber für wen kocht man mit Liebe?« meinte sie kläglich.
-
-Sigurd bemerkte schlechtweg:
-
-»Für Bogner, nicht wahr? Der sucht doch eine Haushälterin.«
-
-Saint-Georges staunte.
-
-»Ich habe doch gesagt, Sigurd, du würdest es wissen. Bogner --« wandte
-er sich an Renate, die eben dabei war, sich hastig den Kopf zu
-zerbrechen mit der Frage, ob sie wohl auch mit Andacht und Liebe für ihn
-kochen könnte, -- »Bogner hat ein einsames Haus an einem unbekannten
-Waldrand gemietet und sucht eine Vertrauensperson, die ihn pflegt, denn
-die es zuletzt tat, ist vor kurzem selig geworden. Abgemacht,
-Verehrteste, Sie gehen zu Bogner. Sie wissen doch, wer das ist?«
-
-»O -- ob ich will?« sagte sie aufstehend heiß und wie es schien
-ergriffen. »Ja -- o ich kenne ihn! Aber -- glauben Sie denn, daß er
-will?«
-
-»Welche Frage! Wenn ich Sie bringe. Er hat mich doch beauftragt.«
-
-»Dann ists gut«, sagte sie fromm und bereit, nahm ein Paar langer
-Schwedenhandschuhe von der Tischdecke und streckte Renate die Hand hin,
-sich entschuldigend, daß sie gestört habe. Renate, innerlich schwach,
-äußerlich mit Nachdruck »Auf Wiedersehn!« wünschend, bedauerte sehr, daß
-sie ging. Wie leicht ihr Gang war! --
-
-Saint-Georges, der sie hinausgeleitete, blieb eine Weile aus; so
-benutzte sie die Gelegenheit, gleich auf ihren Quartettenplan zu stoßen
-und Sigurd zu fragen, ob er in ihr Haus zum Spielen kommen wollte.
-Allein Sigurd lehnte völlig ab. Das sei ganz ausgeschlossen, denn er
-könne nicht das geringste. Er sei ein Stümper, behauptete er, den Kopf
-gesenkt, mit den Füßen bemüht, den umgeschlagenen Rand eines grauen
-Läufers mit roter Kante zu glätten, der seiner Länge nach am Boden durch
-das Zimmer gespannt war.
-
-Ablenkend fragte Renate zu dem Gelähmten hinüber, sein Bruder laufe beim
-Arbeiten wohl fleißig auf und ab, daß er diesen Läufer hergelegt habe?
--- Der Gelähmte lachte nur heiser zur Antwort, Sigurd aber bemerkte
-lächelnd, der Läufer sei doch seine Erfindung! Der Fußboden wäre ganz
-weiß abgelaufen darunter.
-
-»Sie studieren Medizin?«
-
-»Ja -- leider«, erwiderte er mit tiefem Ernst.
-
-»Warum sagen Sie leider?«
-
-Ganz düster versetzte er: »Weil mir als Juden doch die besten Wege
-verlegt sind. Ich meine natürlich nicht,« fuhr er hochmütig fort, »daß
-ich nicht ordentlicher Professor werden kann, sondern daß mir die
-technischen Hülfsmittel verschlossen bleiben, die mit solchen Stellen
-verbunden sind. Und ich bin solch ein kraftloser Mensch ...«
-
-Renate, ganz unwirsch von soviel Erniedrigung, war froh, Saint-Georges
-wieder im Zimmer zu sehen, der lächelnd dastand, gegen Sigurd blickend,
-die Finger in den Westentaschen. Ernst werdend, sagte er dann zu Renate:
-
-»Wir kamen früher schon überein, Sigurd und ich, daß alle Juden sollten
-umgebracht werden.« Und schon rief Sigurd erzürnt:
-
-»Sogar die Russen sind vornehmer, tun wenigstens wie Herren, behandeln
-den Juden als Sklaven und schlagen ihn tot zum Zeitvertreib. Dies aber,
-dies ist das Verruchte, dies Geltenlassen und Verachten, daß wir
-herumgehen wie in einem Labyrinth schmaler Mauergänge, abgeschlossen,
-aber nicht ausgeschlossen, beklebt von oben bis unten mit Erlaubnissen
-und Verboten, und die Türen stehen uns alle offen, aber kein einziges
-Herz.«
-
-Renate hatte sich auf das Sofa gesetzt, aber er vermied ihren Blick.
-
-»Ja, Saint-Georges, was ist da zu sagen?« fragte sie.
-
-»Ich,« brach Sigurd los, nicht ohne Pathos: »ich will nichts sagen, ich
-will was leisten, mich einsetzen, dazu ist mein Volk das nächste; ich
-will kämpfen und mich ereifern, solange ich jung bin. Ich kann nicht die
-Achseln zucken und mein Schicksal anerkennen, kann auch nicht jüdische
-Witze reißen in christlicher Gesellschaft. Sie, gnädiges Fräulein,
-kommen doch aus einem Pfarrhaus, und da können Sie mir vielleicht sagen,
-ob Ihr Christus, den ich gewiß so gut zu lieben verstehe wie Sie, ob er
-die Silbe anti gekannt hat? Und wenn er sie gekannt hat, ob nicht etwa
-sein ganzes Leben und Sterben darin bestanden hat, sie auszurotten? Sie
-haben doch recht behalten, die unten standen und schrien: Dein Blut
-komme über uns!«
-
-»Sein Blut doch nicht«, sagte Renate begütigend und mit innerem Lächeln,
-denn von seiner grad eben betonten Kraftlosigkeit schien in diesem
-Augenblicke keine Spur vorhanden.
-
-Verächtlich erwiderte er: »Freilich, er hat ja vergeben -- was das schon
-hilft!« und setzte sich auf den Stuhl, der hinter ihm stand.
-
-Jetzt sah Renate, da er den linken Arm auf die Tischplatte legte, diese
-große, prachtvolle Hand, die wie ein sicherer Bergsteiger vom Halse des
-Cellos zur Brust nieder und wieder aufwärts klettern mußte, und sie
-winkte Saint-Georges mit den Augen zu ihr hin. Der sah sie an und sagte
-langsam:
-
-»Ja, das ist Gideons Hand, die Hand der Makkabäer, Salomos Hand war
-nicht anders, sie weiß noch von davidischen Harfengriffen, und es ist
-eines Fischers Haus, und Saulus erhob sie bei Damaskus. Es ist eine gute
-Hand, und warum sollte Christus eine andere gehabt haben?«
-
-Sigurd errötete und schnob grimmig, die wären Alle hin, und Christus am
-längsten tot. Taten müßten geschehen, hätte er in einem neuen Buche
-gelesen, und er zog ein Zeitungsblatt aus seinen mit Broschüren
-vollgepfropften Taschen, warf es auf den Tisch und sagte:
-
-»Da hat wieder einer eine Umfrage losgelassen, woher es denn nun
-eigentlich käme, daß kein Mensch uns leiden könnte, und er faßt alles
-über uns gut und glatt und schonungslos zusammen, ich könnts nicht
-besser, und meint ihr, wir wüßten selber nicht, wo's uns fehlt? Und das
-natürlich steht auch drin, daß, wo ein Arier gemein handelt, er, wo ein
-Jude gemein handelt, die ganze Rasse verdorben und schuld dran ist. Gott
-im Himmel, was haben wir denn gegen euch, warum streuen wir denn Gift
-aus, wie kommen wir denn dazu, will denn nicht jeder am liebsten in
-Frieden leben, wenn man ihn nur läßt? Wir sind doch nur da und wollen
-leben, nur die schmählichste Achtung haben, warum muß denn immer auf uns
-herumgetreten werden, seid ihr denn besser? Freilich, ohne Sklaven gings
-nirgends, der Amerikaner hat noch immer seinen Neger, und ihr habt euren
-Juden.«
-
-Er sprang auf und stellte sich an seinen Bücherstreif, um daran zu
-zerren. Das Buch, das er in die Hand bekam, schlug er auf, blätterte,
-schlugs wieder zu und bohrte es vorsichtig, die unteren Ecken voran,
-hinein. Überdem klopfte es.
-
-Renate hatte bereits vor Sekunden die Flurglocke gehört und wunderte
-sich, wer nun erscheinen würde. Was hereinkam, war eine liebliche kleine
-Chinesin -- Renate hätte es auf den ersten Blick geschworen -- in einem
-schwarzweiß gestreiften Kleide von leichter Halbseide, einen großen,
-flachen, schwarzen Strohhut in der Hand. Ja -- ganz eiförmig war das
-kleine, dunkelhäutige Gesicht; die nach hinten gekämmten,
-glattschwarzen, glänzenden Haare waren zu einem kunstvollen,
-chinesischen Bau getürmt, in dem etwas Silbernes steckte; ganz klein und
-lackrot war der Mund; die Augen, geschlitzt, funkelten schwarzbraun im
-Lächeln, wie sie knickste und vorwärts getrippelt kam und, wieder
-lächelnd, stehen blieb. Und doch lag wieder ein deutlicher Hauch von
-Europa über dem Ganzen, der das Befremdliche lieblich vertuschte und
-versüßte. -- Richtig: das waren die Brauen; sie schienen, so dünn und
-fein sie gezogen waren, doch nicht chinesisch geführt.
-
-»Sieh da, Esther!« sagte Saint-Georges und zu Renate: »Das ist Sigurds
-kleine Schwester.«
-
-Esther sah ein wenig schüchtern aus glitzernden Augen zu Renates Größe
-auf, während sie ihr die Hand gab.
-
-»Ach, entschuldigen Sie nur,« sagte sie ganz deutsch, »ich wollte nur --
-ich dachte, du kämest mit spazieren. Bitte, entschuldigen Sie vielmals.«
-
-Sigurd, noch mit dem Hineinstecken seines Buches beschäftigt, nickte und
-murmelte, er komme.
-
-»Du wirst doch noch mal Bibliothekar, Sigurd!« sagte sie träumerisch und
-lachte. -- Saint-Georges, während Renate lächelnd bekräftigte, das wäre
-ja ein Ausweg, meinte auch: gewiß, in eine Bibliothek vergraben brauchte
-er sich um nichts zu bekümmern.
-
-»Und nun macht, daß ihr fortkommt! Jetzt müssen wir arbeiten!« rief er.
-
-Esther knickste gleich und ging zur Tür. Renate konnte es nicht lassen,
-zu Sigurd, als er ihr die Hand gab, bittend zu sagen, er werde doch
-einmal kommen, versuchsweise, -- und nun versicherte er errötend und
-bereitwillig, ja, sehr gern, außerordentlich gern. Dann waren sie Beide
-draußen.
-
-»Nein, woher kommt dieser Tapfere?« fragte Renate gleich. »Und diese
-Chinesin? Ach, die ist ja zu reizend! Georges, die müssen Sie mir
-bringen.«
-
-»Zuerst«, sagte Saint-Georges, »muß ich um Entschuldigung bitten wegen
-der Besucher. Allerdings kam nur Cornelia unerwartet; Sigurd ließ ich
-selber holen, einesteils damit er helfe, andernteils weil er Ihnen auf
-diese Weise am einfachsten gegenübergestellt wurde, denn in Ihr Haus
-hätte ich ihn schwerlich bekommen. Wie gefällt er Ihnen?«
-
-»Sehr gut, Georges! Aber wie ist er sonderbar! Und von Ihrem Läufer
-sagte er, er hätte ihn hingelegt. Und warum holt er immer Bücher heraus
-und --«
-
-»Das ist wieder ganz Sigurd«, lachte er. »Unseren alten Läufer, Jürgen,«
-rief er zu seinem Bruder hinüber, »den schon mein Vater abzulaufen
-angefangen hat, den hat er hingelegt!«
-
-»Ja, lügt er denn?«
-
-»O niemals, Renate! Er ist nur immer gleich so bei jeder Sache, daß es
-ihm scheint, sie stamme von ihm her. Er ist ganz wundervoll. Wenn man
-ein Mensch ist, der Pläne hat, Aussichten in die Zukunft, kann man keine
-bessere Stütze finden als ihn. Was man ihm sagt -- Dinge, die einem
-selber vielleicht noch unklar sind --, davon läßt er sich mit seinem
-guten Herzen und hellem Geist augenblicks dergestalt durchflammen, als
-wär es sein Eigentum, als habe er nichts getan, als eben diese Sache von
-Grund aus zu treiben, und kommt man drei Tage später und sagt: Sigurd,
-das war alles Unsinn, was ich neulich geredet habe, die Sache sieht
-vielmehr so aus, dann ist er wieder völlig derselben Meinung, gänzlich
-als habe er das erstemal keine andere als die zweite Meinung verfochten.
-Ja, schlüpfrig ist er schon, fassen läßt er sich nirgend, aber welches
-Juwel! Sein ganzes Dasein scheint nur darauf gestellt, Andern zu helfen.
--- Ja, was ist denn?« brach er ab, trat ans Fenster und öffnete, indem
-er sagte: »Es hat gepfiffen.«
-
-Sich hinauslehnend, bemerkte er zurück: »Es ist Esther!« Renate hörte
-ihn dann nach draußen sprechen und lachen, ohne die Worte zu verstehen.
-Dann schloß er das Fenster wieder, lächelte hocherfreut und sagte:
-
-»Da haben wir ihn wieder. Esther sagt: vor ihrer Haustür -- sie wohnen
-gleich hinter der Ecke -- habe Sigurd erklärt, er hätte noch eine
-Postkarte zu schreiben. Sie habe dann gewartet, er aber kam nicht, und
-wie sie endlich zu ihm ins Zimmer geht, sitzt er und liest, und dann
-schmollt er und behauptet, wir hätten Alle gesagt, er wäre ein Trottel.«
-
-»Was?«
-
-»Nämlich, weil wir gesagt haben, er müßte Bibliothekar werden, denn alle
-Bibliothekare wären Trottel und ergo -- -- ja, das ist Sigurd! Ein
-eirundes Kind mit einem Goldfasan innen!«
-
-»Ich glaube, Georges, zum Arbeiten kommen wir heut doch nicht. Da
-erzählen Sie lieber noch von ihm!«
-
-»Ja, beim erstenmal pflegt das so zu sein«, meinte Saint-Georges
-gelassen und setzte sich vor den Schreibtisch, Renate zugewandt.
-
-»Er ist Balte,« begann er dann, »sein Vater ist tot, von seiner Mutter
-läßt sich seit langen Jahren nur sagen, daß sie >noch lebt<. In ihrer
-Jugend hat sie einen jungen Menschen geliebt, den sie wegen
-beiderseitiger Armut nicht heiraten konnte. Dann besorgte sie ein paar
-Jahre einem alten und sehr reichen, verwitweten Verwandten das Haus, bis
-er starb, beerbte ihn und heiratete nun ihren Jugendgeliebten. Der Vater
-war nach Sigurds Beschreibung der edelste, wahrhaftigste Mensch, aber er
-verstand nichts vom Gelde, machte Konkurs und schoß sich leider tot.
-Seitdem ist die Mutter so wunderlich. Aus der Masse kam dann doch noch
-genug zum Vorschein, daß die Drei kümmerlich leben können, wenigstens
-bis Sigurd selber verdient.«
-
-»Was mag aus ihm werden?« fragte Renate nachdenklich.
-
-»Ich hoffe, das, was er vor hat, ein Kinderarzt und ein guter. Er ist
-ein Mensch mit natürlicher Anlage, sich aufzuopfern. Sie haben wohl auch
-seine Sucht bemerkt, sich herabzusetzen.«
-
-»Freilich! und er sagte, alle Wege wären ihm verschlossen.«
-Saint-Georges lachte herzlich. »Wegen seines Judentums, nicht wahr? --
-Aber das ist seine Jünglingsmelancholie, die sich bei Andern in
-Weltschmerz oder in Weltwonne zu äußern pflegt, bei ihm in
-Selbstverachtung. Seine Tüchtigkeit, sein praktischer Blick, seine
-Arbeitskraft stehen außer Frage, und den Ausnahmen im Lande, wie er eine
-ist, haben noch immer alle Wege offen gestanden, außer dem in den
-Staatsdienst, den er sicher nicht gehen wird, -- um so besser. Sein Kopf
-ist ebenso greisenalt wie sein Gemüt knabenjung. Da sieht er aus wie ein
-verbannter Erzengel und kommt sich vermutlich so abstoßend vor wie
-Beelzebub. Wer ihn drei Tage lang kennt, liebt ihn, er aber bejammert
-seine Unbrauchbarkeit und Niedrigkeit. Eher erschrecken könnte man
-schon, wenn er schwört -- in seinen trübsten Stunden tut ers --, er
-würde irrsinnig, weil seine Mutter -- und so weiter. Nun, man muß ihn
-reden lassen und warten, daß er älter wird. Gott erhalte ihm nur den
-Knaben im Herzen. -- Heute ist der Zionismus seine Leidenschaft, weniger
-aus Überzeugung, daß die Rückkehr nach Zion die einzige Rettung sei, als
-um seiner selbst willen: um was tun zu können.«
-
-Renate schwieg in Gedanken, hörte ihn nach einer Weile fragen, ob es ihr
-recht wäre, anzufangen, nickte und hatte gleich darauf ein englisches
-Buch in der Hand, während sie Saint-Georges drüben am Schreibtisch sich
-zurechtsetzen sah, um seine Notizen zu machen.
-
-
- Balto-Borussia
-
-Georg, nicht unfroh unterm Absingen des schönen Liedes von der >_aura
-academia_<, saß auf der Gartenterrasse des Baltenpreußenhauses bei
-seinem Pflichtbesuch.
-
-Die vielen Verse des Liedes ließen ihm Muße, umher- und alles anzusehn.
-Es dämmerte bereits; zum Erstaunen geschmackvolle, schön geformte und
-zartfarbene Japanlampions schwebten in der dunklen Luft. Grüne Gärten in
-allen Tiefen schauerten angenehm im Sommeratem, wenn es still war in den
-Pausen des Gesangs; dahinter waren die roten, festungsartigen Mauern der
-Papierfabrik dunkel zu gewahren. Georgs Blick kehrte zurück und
-schweifte über die kleine Tafel mit ihren Gästen in kornblumenblauen
-Alltagszerevisen von Mützenstoff und Pekeschen, deren Blau infolge der
-Größe heller schien als das der Mützen, indem er bedachte: wie nett, daß
-es so Wenige sind, und die Wenigen obendrein so nett, wie es scheint.
-Besonders sein Gegenüber war ihm herzerfreuend, wie er dasaß, gut
-mittelgroß, eingepreßt den rundlichen Leib in die zartgrüne
-Einjährigenuniform der schweren Jäger mit hohem und engem, grünem
-Kragen, voll- und rotbäckig, die linke Wange leider von Narben zerfetzt,
-freundlich umherglänzenden Auges hinterm ungerandeten Kneifer, die Stirn
-mächtig gewölbt und gebuckelt unterm geschorenen Schädel, -- im ganzen
-nicht nur älter und gesetzter, sondern durchaus anders scheinend als die
-Übrigen, fast fremdartig, aber nicht ohne Behagen in sich selbst
-beschlossen und für sich allein bei aller Teilnahme. Beim Vorstellen
-hatte er nur »Schwalbe« gesagt, doch gehörte er vermutlich zu den
-kurländischen Freiherren, die mit den Keyserlings verwandt waren, von
-denen wieder Georgs Fuchsmajor bei den Schwaben und -- vor allem -- der
-Dichter abstammte; ein tröstlicher Gedanke. Der Präses neben Georg,
-zufällig auch Korpssenior, Graf Ellerau, sah in seiner gewaltigen Größe
-und Breite, dunkelhaarig und kleinäugig, gutmütig und ein wenig
-schläfrig aus, dagegen unten am Fuchsmajorat der kleine, kaffeebraune
-portugiesische Marquis, der aufs Haar einem seltenen Azteken glich,
-mißfiel Georg. Beim Vorstellen hatte er bloß gegurgelt. Was kann er den
-Füchsen beibringen, wenn er kein Deutsch redet? Ja, etwas schien er
-ihnen beizubringen: er schenkte ihnen Allasch aus einer Kruke in jedes
-Bierglas, -- was doch wohl nur dazu dienen konnte, daß sie sich übten,
-bei früher Betrunkenheit sich lieblich aufzuführen, -- eine wahre
-Hundsfötterei. -- Reizend, was so die Ausländer bei uns lernen! -- Georg
-bedauerte die drei Füchse, besonders die übermäßig langen und dünnen
-Zwillinge Rotenhahn -- seltsam vergoldet von literarischen Erinnerungen
--- mit ununterscheidbaren, eben handgroßen, blassen Gesichtern, über
-denen die kleinen, blauen Mützendeckel schwebten. Der dritte Fuchs war
-belanglos, klein und schwärzlich. -- Unangenehm waren die Gläser, aus
-denen ein scheußliches dünnes Biergemisch getrunken wurde, weil wenig
-über faustgroß: Georg, an seinen Münchener Maßkrug gewöhnt, glaubte
-mindestens schon zehn verschluckt zu haben in kaum mehr Minuten, allein,
-wie er bemerkte, war es Sitte, überhaupt nur Ganze zu trinken ...
-
-Indem hob Georgs Nachbar zur Rechten, der Nordeck hieß und bei
-erstaunlich langer Nase und blassen, ein wenig idiotenhaften Zügen,
-blondes, zierlich gekräuseltes Haar trug, sein Glas und trank Georg zu,
-der, mitkommend, das seine gegen jenen, merkwürdigerweise
-pockennarbigen, finster und vereinsamt wie ein Anarchist aussehenden
-Grafen Tastozzi schwang: »Übers Kreuz vor, Graf, mit Ihrer Erlaubnis!«
-Der errötete heftig, ergriff tastend sein Glas und trank mit. -- Der
-Diener kam, beide Hände voll gefüllter Gläser, und Georg bemerkte, daß
-er jedem immer gleich mehrere hinsetzte, praktisch unleugbar -- für ihn,
-weniger für das ohnehin schale Bier; jedoch gehörte vielleicht auch dies
-zur Erziehung.
-
-Ja, wenn nicht das Trinken wäre, seufzte Georg, könnte es ja reizend
-sein. Ich bin doch überrascht ...
-
-Der Präsidenspeer knallte auf der Tischplatte. »Schönes Lied ist aus,
-ein Schmollis den Sängern! Prost Markwis!« rief der Senior stehend,
-schüttete den Inhalt seines Glases hinunter und setzte sich. Georg
-beugte sich zu dem Freiherrn gegenüber: ob er nicht Balte sei ...
-
-»Ich bin Balte«, wiederholte der, schnell und fest, bereitwillig sich
-zusammenraffend und die Arme auf den Tisch legend. »Nein, danke,« wehrte
-er Georgs Zigarettendose ab, »ich rauche nur, wenn ich mich langweile.«
--- Recht behaglich klang sein nicht allzubreites Ostpreußisch mit leicht
-zungengeschlagenem R-Laut. Er hatte die Gewohnheit, die Augen hinter dem
-Kneifer niederzuschlagen, sobald er sprach.
-
-»Und sind mit den Keyserlings verwandt?«
-
-»Ich bin mit Keyserlings verwandt, allerdings, aber mit welchen meinen
-Durchlaucht? Mit Ihrem Keyserling bin ich _nicht_ verwandt«, betonte er
-lächelnd mit tippendem Zeigefinger.
-
-»Ich dachte an den Dichter.«
-
-»Mit dem Dichter bin ich verwandt, jawohl«, bekräftigte er, den Kopf
-vorwärts drückend, während Graf Ellerau ihm die Hand auf die Schulter
-legte und nicht unfreundlich sagte:
-
-»Unser Schwalbe ist selbst Dichter. Er macht schöne Verse. Ja, wir sind
-solch ein Ästhetenklub. Die Zwillinge sollen auch dichten insgeheim; sie
-schwärmen für alle schönen Künste, besonders Malerei, glaub ich. Wie
-ists, Füchse, Erwin! Emil! Prost! Für welche Kunst schwärmt ihr grade?«
-
-Die verdonnerten Fuxen griffen nach ihren Gläsern und schwiegen. Georg
-sagte, um die Aufmerksamkeit von ihnen abzulenken, in das Gelächter der
-Andern:
-
-»Das ist ja aber erstaunlich! Sie machen Verse -- und Sie lesen sie
-womöglich?«
-
-»Ab und zu«, gestand der Senior lächelnd ein. »Ein gutes Buch hin und
-wieder ist man doch schon seiner Gesundheit schuldig.« Schwalbe ließ
-seine Augen standhaft und freundlich in Georgs. »Es zuckt mir manchmal
-geradezu in den Fingern nach Seitenblättern -- wie's einem im Herbst
-drin zuckt, wenn die Krickente streicht, nach dem Abzug.«
-
-Der gekräuselte Nordeck, ein mächtiges, tiefes und hohles Gelächter
-herausschüttend, sagte breit altenrepenisch: »Ja, man bodet ja auch alle
-vierzehn Toge! Ihr Wohl, hohoho, Durchlaucht, ich gestatte mir.«
-
-Georg trank. »Unser Keyserling«, wandte er sich dann wieder zu Schwalbe
-hinüber, »pflegte gern von zu Haus zu erzählen. Sagen Sie, ist das wahr:
-er behauptete, er hätte, bevor er zu uns kam, nie einen Buchenwald
-gesehen.«
-
-»Ja!« Schwalbe setzte sich wieder in Anteil und Bewegung, »das ist wahr.
-Als ich selber zuerst einen Buchenwald sah, dachte ich, ich käme in
-einen Palmenhain. Es jiebt ke--ine Buchen bäi uns.«
-
-»Was dann? Fichten? Nadelholz?«
-
-»Jawohl; Fichten. Vor allem aber -- Birken. Und die Birken wachsen nicht
-wie hier, in Trupps und kaum mehr als armdick. Bei uns sind es janze
-Wäldchen, aber die Stämme stehen janz ver--e--inzelt, doch wie die
-E--ichen, und der Bo--den ist Wiese und daher janz mit Blumen bedäckt.«
-
-»Ah!« Georg sah lebhaft die einzelnen, weißen Säulenstämme mit grünem
-Laubgeschleier vorm Himmelsblau und unterhalb einen Teppich buntfarbener
-Anemonen. »Das muß ja beinah -- arkadisch aussehen.«
-
-»Stellen Sie sich Orkodien so vor, Durchlaucht?« schüttelte der blonde
-Nordeck mit seinem unmäßigen Gelächter heraus. Der Tastozzi drüben
-lächelte gezwungen mit; Georg entschloß sich, ihm »definitiv« zu kommen,
-was ihn wieder sehr zu erschrecken schien, und Georg gewann ihn fast
-gern dadurch.
-
-Ach, deine Sicherheit! durchzuckte es ihn beim Trinken jählings. Er
-stellte mit innerlichem Achselzucken sein Glas hin. Ich bin, der ich je
-war, stellte er fest und biß die Zähne zusammen.
-
-Da er nun den Präsiden mit dem Korpsdiener flüstern und die Worte
-»telephoniert haben« sowie einige Namen, darunter Schley, zu verstehen
-glaubte, wandte er sich an Ellerau mit der Frage, ob etwa seinetwegen
-etwas vorgehe -- womöglich die Alten Herren behelligt würden --, und
-Ellerau wehrte verlegen ab. In der Tat, die Nachricht von Georgs
-Erscheinen sei erst so spät gekommen, -- da habe er sich bei dem ohnehin
-geringen Bestand des Bundes erlaubt, einige alte Herren, die immer sonst
-kämen, noch telephonisch herbeizurufen --, worauf er, abbiegend, die
-Gelegenheit geschickt benutzte zu höflichem Keilen, indem er
-Aufklärungen gab über die hiesigen Korpsverhältnisse, die durchweg
-leider nur geringen Bestände an Aktiven, die Erwünschtheit des Zuwachses
--- wo dann eine kleine Schmeichelei über die Beziehungen zu den
-Münchener Schwaben seit altersher einlief --, ferner über die
-verhältnismäßig freie Auffassung vom Korpsleben in der norddeutschen
-Großstadt, wo der Student nicht, wie an den kleinen Hochschulen, alles
-gelte und jedem bekannt sei, -- was alles Georg mit schweigsam nickender
-und lächelnder Höflichkeit über sich ergehn ließ, am Ende einen
-Augenblick still war und, dem Grafen zutrinkend, nach dem gehörten Namen
-Schley fragte. Ob er mit der Motorenfabrik zusammengehöre.
-
-»Jawohl. Sein Vater ist der Besitzer. Der Adel -- Schley-Schleyenburg --
-ist ein bißchen sehr -- jung; zu jung für manchen unter uns ... ich weiß
-nicht, wie Durchlaucht ...«
-
-Georg äußerte, ihm wärs egal, wenn --
-
-»Wenns Herz nur schwarz ist, hohoho, nicht wahr, Durchlaucht?« lachte
-Nordeck an seiner Seite, sich vornüber kippend, »Ihr Wohl, Durchlaucht,
-ich gestatte mir!« -- Also auch der zitierte was, wenn auch eben nur
-Rosegger, -- aber Georg setzte eben sein Glas an die Lippen, als die
-gesamte Fuchskorona von den Stühlen schnellte und ihr Major beinahe
-verständlich gurgelte, das Fuchsmajorat nehme sich Freiheit -- vier
-Ganze! -- -- »O, der Teufel hole eure Freiheit«, murmelte Georg,
-hinunterwinkend, sein Glas an den Lippen, und trank, dem Nordeck nach
-und, was seit langem nötig geworden war, Schwalbe vorkommend. Alsdann
-stand er auf, um hinauszugehn.
-
-Durch den halb erleuchteten Kneipsaal auf die Flügeltür zugehend,
-gewahrte er draußen in der ovalen und rahmenlosen Spiegelscheibe an der
-Wand des Vorraums ein neues Gesicht, in dessen rechtem Auge ein Monokel
-steckte; im übrigen war es blaß, die lange Nase verlief oben in die
-schräge zurückfallende Stirn, deren Linie wieder weiterhin in den
-nackten Schädel verging unter das spärliche blonde Haar; auch hier war
-ganz wenig Aztekenerinnerung und nordecksche Geistesleere. -- Jetzt
-aber, der Türe näher kommend, sah Georg eine überlange Gestalt darin
-erscheinen und erkannte, freudig überrascht, an ihrem oberen Ende das
-schmale rechteckige und rötliche Gesicht, die etwas vorquellenden blauen
-Augen und die breit auf den breiten, von dünnen blonden Bartzipfeln
-chinesenhaft umrahmten Mund gedrückte Nase von >Novalis<, altem Herrn
-seines Schülerlesevereins, -- und sein Kinn fiel genau wie damals
-zurück. Georg streckte heiter die Hand aus:
-
-»Graf Hardenberg! Wie reizend, Sie hier zu sehn! Aber Sie sind doch
-nicht Baltenpreuße? Nun, was machen Sie? Ich habe lange nichts von Ihnen
-gelesen. Sie haben doch nicht aufgehört? Und was macht Ihr Pollux oder
-Kastor, Ihr Freund -- wie hieß er doch noch? Nun, das müssen Sie mir
-alles drinnen erzählen, ich bin eben auf dem Weg nach draußen, ja,
-vielleicht zeigen Sie mirs gleich ...«
-
-Hardenberg, verlegen, rot werdend und einsilbig wie stets zu Anfang,
-begnügte sich mit Verbeugungen und Händedruck. Da kam Georg, der weiter
-wollte, das Gesicht aus dem Spiegel entgegen, jetzt über sehr breiten
-Schultern und -- bei etwas schlenkrig stolperndem Gang der schmalen Füße
-unten -- so geradeswegs und mit so leerem Ausdruck auf ihn zu, daß er
-einen Augenblick glaubte, von dem Andern nicht gesehen und überrannt zu
-werden. Doch fiel jetzt, einem großen Wassertropfen gleich, das Einglas
-herunter, die Figur blieb stehen, verneigte sich und sagte breit:
-
-»Schley.«
-
-Georg schüttelte ihm die Hand und versicherte, entzückt zu sein. Der
-Freiherr fing an, überaus langsam und mit näselnder, nein nöliger Stimme
-zu sprechen:
-
-»Durchlaucht -- wollten wohl nach -- draußen. Ich erlaube mir --
-mitzukommen.«
-
-Also gingen sie zusammen.
-
-Dieser hier war erstaunlich, dachte Georg über seiner Verrichtung vor
-der marmornen Nische, aber Hardenberg -- das war wirklich eine neue
-Freude. Dies Haus steckte ja voll Überraschungen. O, Hardenberg schrieb
-die entzückendsten Dialoge, fast ein Geplapper, das sich aber zu einer
-fast furchtbaren Verve steigern konnte, und in dem er auf die
-allergeistvollste Weise meist die Daseinsberechtigung der geistlosesten
-Dinge verfocht. Ja -- zudem war er allerdings homosexuell, allein er
-machte -- wie es in der Schülersprache hieß -- keinen Gebrauch davon,
-und angesichts seiner stillen Würde und unwandelbaren Vornehmheit
-hätte niemand es gewagt, in seinem, wie kein anderes inniges
-Freundschaftsverhältnis zu -- -- Georg konnte nicht auf den Namen kommen
--- etwas anderes als eben -- Freundschaft zu argwöhnen. Wie sich die
-Kunde von seiner Anormalität verbreitet hatte, war unklar, doch die
-Tatsache stand fest.
-
-Um etwas zu sagen, äußerte Georg beim gemeinsamen Händeabtrocknen zu
-Schley, ob noch viele Balten das Korps aufsuchten, was der langsam
-bejahte.
-
-»Mein Vater allerdings«, fuhr er in seiner Nöligkeit fort, »war --
-Kölner. Aber ich bin ei'nlich 'n halber Franzose. Ich seh bloß nich so
--- aus.« Dabei kratzte er sich ratlos den Kopf und ließ -- plötzlich --
-das Glas aus dem aufgerissenen Auge tropfen. Als sie den Vorraum wieder
-betraten, machte er sich erbötig, Georg das Haus zu zeigen, und so
-wandelten sie denn ziemlich schweigsam von Zimmer zu Zimmers, Schley die
-Namen sagend, die sich ohnehin von selbst verstanden nach der
-Einrichtung, Georg einen Lobspruch fallen lassend. In der Bibliothek
-aber fand Georg ein wohlbekanntes stark violettes Buch liegen und sagte:
-
-»Da liegt ja der >siebente Ring<. Wem mag der denn gehören?«
-
-Schley sah näher hin. »Das wird wohl meiner sein«, bemerkte er zögernd,
-nahm ihn langsam auf, betrachtete ihn ebenso langsam von allen Seiten
-und erklärte, ja, es wäre seiner.
-
-»Ich hab'n Schwalbe geliehen, der seinen glaub ich auf seinem Gut
-vergessen hatte. Meine Frau -- ich bin drei Tage verheiratet -- hat 'n
-mir grad erst geschenkt.«
-
-»Haben Sie denn schon drin gelesen?« fragte Georg neugierig.
-
-»O freilich! Ich kenne ihn lange! Er ist ja sehr -- schwierig, aber wenn
-man sich 'n büschen Mühe giebt, dann -- geht es. -- George -- -- ja, das
-ist so 'n -- großer Saturn möcht ich sagen ... So ein ganzer riesiger
-Weltkörper in einem goldenen Ring von Gesetzen. Nee, wissen Sie,« fuhr
-er auf einmal ganz lebhaft fort, das Monokel schnell wegtropfen lassend,
-»wissen Sie, da is ein Gedicht in einem früheren Buch, das fängt an:
->Die Herden trabten aus den Winterlagern ...< Kennen Sie das? -- Ja, ich
-muß doch sa--gen,« sprach er wieder langsamer, »wie ich das zuerst las
--- da sind mir die Tränen in die Augen getreten.«
-
-Georg fühlte sich eigentümlich ergriffen, weil der Mensch so ernsthaft
-und echt sprach.
-
-»Ja, nicht wahr,« erwiderte er eifrig dann, »so ists mir mit manchem
-Gedicht ergangen, und --«
-
-»Und er hat so was Heiliges, muß ich sagen,« hörte er die gar nicht mehr
-näselnde Stimme wieder, »so etwas Götternahes wie sonst nur Hölderlin.
-Das ist alles wie so große eherne Platten ...«
-
-»Ja, eingegraben, nicht wahr? So unabänderlich und unerbittlich!«
-
-Georg ärgerte sich, daß ihm Worte und Geist versagten, wandte sich und
-trat an das offene Fenster, das nicht eben hoch über der Straße lag.
-
-Plötzlich gab es einen Stillstand in Georg.
-
-Die Bogenlampe über dem Portal verbreitete ein stark flutendes rotes
-Licht. Jenseits von dessen Grenze lagen die Anlagen im Dunkel, wo
-wenige, grünlich weiße Laternen brannten. Eine Zeile von ihnen führte
-unterhalb des hochübertürmten Schattenrisses der Universität vorüber;
-eine andere zur Linken in die Ferne, unterm schwarzen Wall der
-Alleebäume. Das Pflaster war schwarz, naß beregnet. In ein und dem
-selben Augenblick spürte Georg einen sehnsuchterregenden Atemzug aus der
-Mainacht und hörte er eine Stimme in seinem Innern sagen:
-
- >Im Spiel, im Fieber, im Gespräch mit Toren --
- In Liebesqual -- in leerem Zeitverprassen ...<
-
-O mein Himmel ja, >wer wüßte je das Leben ...? Wer hat die Hälfte nicht
-davon verloren?<
-
-Schley hinter ihm im Zimmer sagte etwas; Georg konnte sich nicht
-losmachen, blickend, ohne zu sehen, doch fing er willenlos an zu zählen,
-als die Uhr im Turme der Universität schlug, und zählte zehn Schläge. --
-Im Spiel, im Fieber, im Gespräch mit Toren ... Nein, das ging ein wenig
-zu weit ... Freilich, was kam auch heraus bei solchen Gesprächen? Nun,
-wenns gut ging, eine angenehme Bekanntschaft -- man mußte doch Menschen
-kennen lernen -- eine Freundschaft womöglich. Schade, daß Schwalbe, als
-Soldat, selten zu haben sein würde ... Aber wenn ich öfter herkäme --
-Verkehrsgast würde ... Öfter herkäme ... öfter herkäme ...
-
-Ja: meine Maske ... Deshalb kam ich ja. -- Georg merkte den leisen Druck
-der Angst auf der Brust und fuhr auf. Mit heftigem Schnarchen warf ein
-gewaltig großes, offenes Automobil mit blendenden Scheinwerfern sich um
-die nahe Hausecke zur Linken und rauschte heran; etwas Kleines,
-Weißgekleidetes befand sich einsam im erhöhten Rücksitz, eine junge
-Dame, die, gegen den Fahrtwind geneigt, mit der einen Hand, erhobenen
-Armes, einen helmartigen kleinen Hut aus rosafarbenem Stroh auf den Kopf
-drückte, und im nächsten Augenblick hielt der Wagen dicht vor Georg. Aus
-einem kleinen, weißen, fast dreieckig geformten Antlitz richteten sich
-übergroße schwarze Augen auf ihn. Dann öffnete sie den Mund und sagte:
-
-»Guten Abend. Ach bitte, ist mein Mann vielleicht hier? Baronin Schley.«
-
-Baronin Schley? Georg staunte. »Aber gewiß, Baronin!« rief er,
-»Augenblick!« und zu Schley zurück: »Herr von Schley, freuen Sie sich,
-Ihre Gemahlin ...«
-
-Schley kam ungläubig und mit Seelenruhe ans Fenster, hatte aber kaum
-einen Blick hinausgeworfen, als er nur: »Virgo?« sagte und schnurstracks
-hinausging. -- Virgo? dachte Georg. Mein Gott, das ist hinreißend! --
-Und ging flugs hinterher.
-
-Durch das offene Haustor, die Stufen hinunterblickend, sah er sie im
-geöffneten Wagenschlag stehn, leicht mit dem einen Fuß hin und her
-schlenkernd -- ganz rosenfarben war der von Strumpf und Seidenschuh --
-emsig auf ihren Mann herunter redend und lachend, und während Georg nun
-hinzuging, rief sie ihm entgegen:
-
-»So, also Sie sind dieser Prinz, dessentwegen er mir durchgegangen ist!
-Was gehn dich wohl fremde Prinzen an, wenn du gerade geheiratet hast! --
-Er telephonierte, ein Prinz wäre da und er müßte hierher.« Sie schöpfte
-Atem. Ihr Mund mit gesenkten Winkeln war ein entzückendes kleines rotes
-Dach. Die Nasenflügel blähten sich zitternd, und wie hoffärtig war die
-kleine Biegung der Spitze! Tiefe, bläulich schwarze Ränder unter den
-Lidern machten die Augen noch größer, als sie waren.
-
-»Und da wollten Sie ihn wegholen?« hatte Georg gefragt.
-
-»Nein,« sagte sie, »nun will ich hinein. Nun will ich die akademischen
-Sitten kennen lernen.«
-
-Schley, während Georg nur »Ach weh!« äußerte, meinte, zu ihr aufsehend,
-langsam und ruhig: »Ach, davon verstehst du ja -- gar nichts«; worauf
-sie aus dem Wagen kletterte.
-
-»Los!« sagte sie, zwischen den Beiden stehend, »Ihren Arm, Durchlaucht!
-und deinen, Wolf!« Sie warf auflachend den Kopf zurück und zog die
-Beiden wie ein Kind mit sich; und wie bei einem Kinde -- Georg sahs, als
-sie vor den Haustorstufen den Kopf senkte -- war unter der tiefen Krempe
-von zartem, rosigem Stroh -- eine einzige goldene Rose saß daran -- das
-Haar, braun, kurzgeschnitten, in lockeren Büscheln durcheinanderstehend.
-
-Augenblicke später fuhr die freudig überraschte Korona auf der Terrasse
-von den Stühlen, wurde vorgestellt, der Senior legte seine Würde nieder
-und -- die Fidelität eröffnend -- die des Vorsitzes zur ersten Attischen
-in die Hände Georgs.
-
-Ja, nun würde es köstlich werden ... Georg drückte sich mit Behagen
-gegen die hohe Rücklehne des Präsidenstuhls zurück, die Tafel
-hinunterschauend, die kleine Fremde zur Rechten, ihren Mann zur Linken
-und weiterhin all die erwartungsvollen, blitzenden Augen und roten,
-vergnügten Gesichter, Schwalbes feste, bereitwillige Freundlichkeit und
-des überragenden Hardenbergs Georg zugewandtes Lächeln, das merkwürdig
-menschlich an dem, wie ein Zaunpfahl ungefüge zurechtgeschnittenen
-Haupte angebracht war.
-
-»Entschuldigen Sie, Baronin,« sagte Georg, »nun giebts einen Knall!« und
-sie fuhr zusammen, als das Schlägereisen über die Tischplatte prallte.
-Dann sagte Georg schnell ein paar verehrungsvolle Begrüßungsworte auf
-und befahl -- ihr zumurmelnd: »als erste Vorführung« -- den Salamander.
-
-»_Ad exercitium salamandri! Salamander incipitur_ eins, zwei, drei,
-eins!«
-
-Georg spähte, während hörbar ringsum aus den angesetzten Gläsern das
-Schlucken gluckste und sichtbar die gelbe Flüssigkeit abnahm, nach Virgo
--- denn so nannte er sie. Sie sah großäugig, den Mund halb offen vor
-Staunen, zu ihrem Mann auf.
-
-»Zwei, drei. Eins -- -- zwei -- -- drei.« Die Gläserböden rumorten auf
-dem Tisch. »Eins! -- zwei! -- drei!« Der Aufschlag sämtlicher Gläser
-erdröhnte tadellos. »Füchse haben nachgeklappt, in die Kanne eins, eins,
-Blume melden! _Salamander ex, silentium ex, colloquium!_« schnurrte
-Georg zu Ende und setzte sich, nicht ohne Stolz.
-
-»Wolf, was für'n -- Unsinn!« sagte sie hörbar in das allgemeine
-Schweigen, worauf ein Gelächterhallo folgte. Drei, viere begannen auf
-sie einzureden, aber sie schnitt alles ohne weiteres ab und gebot
-spöttisch: »Na denn weiter! nächste Nummer!«
-
-Georg schlug vor, ein Lied zu singen. »Von Scheffel,« sagte sie, »die
-sollen ja so komisch sein,« und da mehrere Stimmen den >Enderle<
-beantragten, befahl Georg diesen. Das Klavier ertönte, vier, fünf Hände
-reichten ihr Liederbuch der Kleinen, Füchse kamen viel zu spät,
-aufgeregt noch blätternd, zu dem selben Zwecke herangesegelt, Georg
-erhob sich, das Lied begann.
-
-Leider verzog sie, wie Georg bemerkte, bei keinem der köstlichen Verse
-eine Miene; selbst das >Jetzt weicht, jetzt flieht, jetzt weicht, jetzt
-flieht, mit Zittern und Zähnegefletsch!< entlockte ihr kein Lächeln, und
-das Lied war aus.
-
-»Aus«, sagte sie seufzend und sah umher. »War das komisch?« Sie zog ein
-Gesicht, als argwöhnte sie, daß man sich über sie lustig machte. »Warum
-singt ihr dann nicht lieber von Christian Morgenstern etwas; darin ist
-doch wenigstens Sinn. Na, also dann weiter, was giebts noch zu sehen?«
-
-Also wurde ihr der Trinkkomment vorgeführt. Ein Feuerwerk von Zuprosten
-nach allen Seiten sprühte. Vor-, mit-, nachkommen, übers Kreuz, unter
-demselben, definitiv, bis keiner mehr wußte, was er wem schuldig war,
-während die Füchse in die Kanne steigen mußten, daß sie verreckten, in
-den Verruf flogen und sich verzweifelt herauspaukten, der aus dem
-zweiten, der aus dem dritten, ein Tohuwabohu, in dem sie immer stiller
-und immer blasser und immer schmaler an ihrer Stuhllehne wurde, selten
-matt lächelnd, wenn jemand auf ihr Spezielles mit ausgeschlossener
-Löfflung trank, -- als wovon ihr Georg erklärte, daß es keine
-Beleidigung sei, sondern eine Ehre.
-
-»Nun ists genug,« raffte sie sich endlich auf, »ihr werdet ja alle
-betrunken werden.«
-
-Schley und Georg betrachteten sich sardonisch während des
-Höllengelächters der Übrigen, Beide augenscheinlich das gleiche Wort auf
-den Lippen, das sie verschwiegen. Georg selber keuchte einigermaßen vom
-quellenden Bier in seinem Innern.
-
-»Ich hab mal«, hörte er sie erst nach einer Weile leise sagen, »was von
-Bier -- Bierjungen -- heißt es nicht so? gehört. Was ist denn das? Das
-ist noch nicht vorgekommen«, meinte sie mit mühsamer Heiterkeit. Georg
-seufzte.
-
-»Also los, Baron, zanken wir uns. Ein Bierjunge«, erklärte er ihr, »ist
-ein Bierduell nach vorangegangener Beleidigung. Ich muß mich doch
-wundern, Baron, Sie nach kaum angefangener Ehe in solcher Gesellschaft
-zu sehn.«
-
-»Das geht Sie ja gar nichts an, Durchlaucht.«
-
-»Nichts angehen! Das ist Tusch!« schrien ein paar Stimmen.
-
-»Bierjunge!« sagte Georg finster.
-
-»Doppelt!« erwiderte Schley, »das ist hier so üblich,« setzte er hinzu,
-»entschuldigen Sie.«
-
-»Dreifach!« versetzte Georg. »Na, nun ists aber genug. Herr von
-Schwalbe, bitte wollen Sie Richter sein?« Schwalbe erhob sich
-bereitwillig mit einem Ruck.
-
-Da es nun eine Pause gab, bis Schwalbe, zwischen Georg und Schley sich
-setzend, die herangeschleiften sechs Gläser auf ihre genau gleichmäßige
-Füllung verglichen hatte, meldete der Fuchsmajor gurgelnd von unten
-einen Solokantus der Zwillinge, die sich wankend erhoben, dann mit
-ungeheurer Anstrengung steif dastanden, die Mützen abnahmen und sich
-langsam herdrehten. Ihre kleinen, todbleichen Gesichter mit schwimmenden
-Augen sahen so entsetzlich aus, daß Georg Virgo kaum anzublicken wagte.
-Sie sah vor sich nieder. Stumm standen die Zwillinge. Aus den Anderen
-scholl Gelächter, aber auch Widerspruch. Dann schrie Ellerau, breit
-dasitzend, grausam: »Also los, Füchse, wirds bald! Euren Kantus!
-Baronin wartet.« Die schluckten. Hohl, um so hohler, weil ohne
-Klavierbegleitung, fingen sie an zu singen:
-
- »Ach, unsre Ju--u--geend --
- Wird -- so -- ver--geu--eu--det --
- Ja -- uns--re -- Jugendzeit --
- Die -- wird -- ver--tan ...«
-
-»Nun ists aber genug«, bemerkte Schley. »Genug!« schrie Georg,
-»geschenkt, Füchse, hinsetzen! Macht, daß ihr --«, er verstummte, für
-sich allein ergänzend: »-- hinauskommt!« -- Und die Zwillinge setzten
-sich verdutzt und eilig. Augenblicke später verschwanden sie. --
-Schwalbe erhob sich, verkündete das Bierduell mit dem Stichwort
-»Baltoborussia sei's Panier!« und Schley und Georg standen auf.
-
-»Ergreift die Waffen, berührt die Waffen, los!«
-
-Die ersten Gläser verschwanden schnell. Als Georg, etwas langsamer am
-zweiten schlang, sah er zu Virgo hinüber; die saß wie ein Steinbild mit
-Augen wie schwarze Löcher. Als ihr Mann das letzte Glas ergriff, erhob
-sie mechanisch die rechte Hand, wie um ihn zurückzuhalten.
-
-»Borussia sei's Panier!« sagte Georg mühsam, das Glas hinsetzend, und
-Schwalbe kündigte an, daß Herr Baron von Schley als zweiter Sieger
-hervorgegangen sein dürfte.
-
-Plötzlich war alles durcheinandergeraten. Georg saß irgendwo und redete
-ununterbrochen auf die Allerholdeste ein, aber dann riß das ab, Georg
-irrte umher zwischen Stehenden und Sitzenden, fühlte sich sehr
-unglücklich und in seiner Sehkraft beeinträchtigt. Lichter verschwammen
-blitzend in Qualm, Wänden und blauen Flecken; was er ansah, schwang sich
-kreisend zur Seite; ganz hinten stand eine weibliche, kleine, weiße
-Gestalt, die er auf keine Weise erreichen konnte, sie hatte ihn ja
-weggeschickt, obwohl er sie so glühend liebte, nun stand sie mit einem
-Andern dort und sprach Schlechtes von ihm, o, sie war ihm entsetzlich
-böse, und unglücklich war sie, Georg brach das Herz, es war im Leben
-nicht wieder gutzumachen, denn morgen -- nein übermorgen reiste sie nach
-Japan. -- Da, jetzt saß er wieder, hatte einen andern -- Schwalbe --
-dicht neben sich und redete unaufhörlich auf ihn ein, steigende Rührung
-im Herzen und das Gefühl unermeßlichen Genusses im Ausschütten seiner
-geheimsten Gedanken. Hin und wieder hörte er auch den Andern sprechen,
-verstand ihn auch, sah seine rundliche, rote Hand mit ausgestrecktem
-Zeigefinger auf sein eigenes Knie zu tippen, fühlte sich bekräftigt und
-verstanden und redete wieder. -- Dann wurde ihm furchtbar übel; er
-bezwang sich noch, allein es ward schlimmer, der Raum, die Lampen, grüne
-Wipfel, ein großer, geschweifter, grauer Lampion wankten auf ihn zu, er
-stand auf und fand sich im selben Augenblick unter ungeheuren Qualen
-seiner in Stücke brechenden Brust, keuchend mit rinnenden Augen und
-quellendem Munde über ein Becken gehängt. Dann riß wieder alles ab, er
-erwachte und hörte ein ohrenbetäubendes Geheul, fühlte sich in die Lüfte
-erhoben, Hände tasteten an seinem Leib, er wurde getragen, hatte eine
-blaue Mütze in der Hand, die er schwenkte, rief: »Baltoborussia _for
-ever_!« Plötzlich glitt er zur Erde, stand wankend, umarmte jemand und
-saß auf einem Stuhl, ein Glas in der Hand, während immerfort jemand kam,
-um ihm die Hand zu schütteln, worauf er dann einen Schluck ekelhaft
-bittern Zeugs in sich trank.
-
-Und wiederum eine Weile später kämpfte Georg mit den Ärmellöchern eines
-Mantels, fluchte, weil jemand ihn hinten am Kragen in die Höhe reißen
-wollte, und dann stand er vor einer Droschke, innen und außen beladen
-mit Korpsbrüdern in Zivil, die sich auf Georg stürzten und ihn -- durch
-das Fenster, wie es schien -- hineinzwängten. Sie führen nach einem
-herrlich stinkenden Ort, sagten sie und sangen den schönen Choral:
-Lasset uns noch einen verlöten! während einer unendlichen Fahrt durch
-eine finstere Fabrikstadtgegend. Schließlich hielten sie den Wagen an
-und hatten noch zwei Straßen zu gehn, vornüberschießend, Georg unter
-jedem Arm einen Zwilling, von denen immer einer stehen bleiben wollte,
-um eine Rede über Moses zu halten. Dann ging es irgendwo Treppen hinauf
-in ein Haus, in einen kleinen Saal voller Mädchen, die in Jubelgeschrei
-ausbrachen. Georg wußte noch: nach dem ersten Glase Sekt bin ich hin ...
-Dann trank er es.
-
-Einige Zeit später hatte Georg das Gefühl, zu erwachen, jedenfalls
-wurden allerhand Dinge deutlich um ihn, und er fand sich an der Wand
-eines Saales mit unaussprechlich öden Wänden lehnen, ein Sektglas in der
-Hand, das im selben Augenblick zu Boden fiel, und zum Umsinken
-berauscht. Im Saal, unter den vom Tabaksqualm und Staub fast blinden
-Glühbirnen war ein Hexentanz von einigen zwanzig Mann in Fräcken, Röcken
-oder Hemdsärmeln und ebensovielen splitternackten Weibern, die Georg
-unsäglich garstig und alle zu kurzbeinig erschienen. Einmal tat sich für
-Sekunden der Schwarm auseinander und durch die Gasse sah Georg drüben
-einen großen, hagern Menschen stehn, hektisch und ungesund, der mit
-theatralischer Gebärde im ausgestreckten Arm ein nacktes Mädchen lehnen
-hatte wie eine Harfe, auf deren Leib er mit der Rechten große Harpeggien
-griff; dazu deklamierte er mit hohler Stimme, deutlich vernehmbar: Vom
-Eise befreit sind Strom und Bäche ... Dies Bild schwand spurlos, etwas
-Nacktes und Weiches taumelte gegen Georg, sank, während er, selber auf
-einen Stuhl fallend, es schwach festhielt, in seinem Schoß zusammen und
-schlief ein. Eine Zeitlang betrachtete er das fleischerne, magere Bündel
-Schlaf und tote Freude auf seinen Knien, legte ihren Kopf behutsam an
-seiner Schulter fest, ließ sein Gesicht weinend darüber fallen und
-schlief auch.
-
-Schütteln erweckte ihn wieder; auch das Mädchen erwachte, klammerte sich
-an ihn, schluchzte und wollte ihn nicht fortlassen. Georg entkam jedoch
-irgendwie, fand sich bald darauf allein in einer morgengrauen, nebligen
-Straße und ging mit dem stumpfen Entschluß, zu Fuße heimzugelangen, halb
-im Schlaf so lange durch unbekannte Straßen, bis ihn ein Automobil fand,
-in dem er sein Haus in der Morgensonne unter lebhaftem Vogelgezwitscher
-erreichte. O Gott! dachte Georg, als er auf sein Bett fiel, o Gott!
-Morgen ist Sonntag!
-
-
- Kaddisch
-
-Georg, an sich selber verzweifelt festgebissen, mit Verwünschungen
-beladen, entstellten Herzens voll Wut und Öde, hockte auf einer Bank im
-Park am Sonntagnachmittag. Seltsam schwärzlich war die, schon wie später
-Abend tiefe Dunkelheit in der Luft; tiefschwarz, nur durch den Fußweg
-und schmalen Uferstreifen von Georgs Füßen getrennt, der Teich, in dem
-große Stücke von kalt grauem Silber glommen. Der letzte, mehr schwere
-als scharfe Atemzug des abgestorbenen Winters schien in den feuchten
-Lüften abzustehn.
-
-Ich habe, sagte Georg zum hundertsten Male zu sich, wie eine Canaille an
-mir selber gehandelt. Ich bin ein Pfuscher meines Lebens. O mein Gott,
-flehte er elend, sollte es wahr sein, daß seit -- seit -- er tastete
-nach einer Vorstellung und fand wieder nur, seltsam in der Luft hängend
-wie ein Stück kalten Mondes, diese -- Maske --, seit dieser Maske also
-die Dinge anfangen, mir zum Unheil auszuschlagen? Ja, warum ging ich
-denn zu den Balten? Um die Maske zu versuchen. Dann war alles natürlich
-und überraschend freundlich und nun -- -- ich weiß zwar nicht: ist
-Schley wirklich auf dem Wege nach Japan? Und bilde ich mir nur ein, daß
-er seinen Assessor abgelegt hat? -- Nun, es wird schon so sein, daß er
-verschwindet. Schwalbe werde ich kaum haben können, höchstens für mich
-allein, nicht an den Abenden, den -- o diese Abende, nun kommen sie
-wieder, da kommen sie! Ich bin verwünscht! -- Er krümmte sich, die Stirn
-zwischen den Fäusten. -- Selbst wenn es, wie Ellerau sagte, nur drei in
-der Woche sein sollten und ich mich um die andern herumdrücken kann, für
-mich allein esse ... dann ist noch der Paukboden, und der ganze Fechttag
-am Sonnabend, da sind tausend Zwischenfälle, die mir Stücke aus meinem
-Leben schneiden -- ach, es ist ja nicht auszudenken! -- Ihm brach der
-Schweiß aus allen Poren; es war, als schwitzte er Fett aus Händen und
-Gesicht, sein Hirn dröhnte und kochte, die Augen brannten, der Gaumen
-lechzte, und im Magen polterten ekelhafte, moorige Massen. -- Wenn ich,
-dachte er sich als letzte Rettung aus, in spätern Jahren einmal mein
-Leben in der Hand halten werde und nachsehen, was dies und jenes für ein
-Gewicht und Gesicht darin hatte -- was für ein Aussehn mag dann dies
-Erlebnis haben?
-
-In der Grotte von Buschwerk hinter ihm raschelte es, ein Vogel oder eine
-Ratte, sonst war kein Laut in der furchtsamen Abendstille. Die Stücke
-bleichen Himmels glommen leidenschaftlich und zuckten im düstern Teich;
-Gewölk rollte darüberhin, graues und schwarzes. Auf den Ufern umher
-standen die kaum belaubten Bäume dunkel und regungslos; schwer hangend,
-fahl, die Trauerweiden drüben an der kleinen Brücke, die ins Trostlose
-zu führen schien. Oben huschte die lautlose, verfinsterte
-Wolkenbewegung. Die Luft stand, nicht kalt, nicht warm, unfreundlich.
-
-Will es nun nicht endlich bald regnen? dachte Georg erbittert. -- Es
-regnete nicht, aber es wurde unheimlicher, als stünde etwas bevor. Bäume
-fingen an wie Gespenster auszusehn, wie entseelt, wie entsetzt. Aber all
-dies ist in mir, dachte Georg; die gute Natur, sie weiß nichts, sie
-nimmt die Gestalt von dieser oder jener Stunde an, wenn wir das Herz
-danach haben, es zu sehn. Wir sagen dann: heiter, oder: trübe, weil uns
-immer etwas peinigen muß oder freun. Du, Natur, schlichte, richtige,
-bist ohne Entweder-oder, aber du giebst nach, wenn wir uns an dich
-hängen, wir immer Beladenen; du hast nur dich selber zu ertragen, du
-entwächsest dir nie, du bist dir immer leicht und schwer genug, derweil
-wir stürzen oder steigen, hängen oder fliegen -- ich glaube, all das
-Elend kommt doch allein von unsern Füßen her. Wenn wir fest stünden,
-würden wir vor unendlichem Staunen über all die Bewegung um uns her
-längst in diese milde Ergebenheit des duldenden Baumes versunken sein,
-der allem nachgiebt und um nichts sich bemüht. Aber diese Stunde ist
-wahrhaft schrecklich. Vielleicht war es doch sie allein, die sich den
-Nachmittag über entfalten wollte, rang und nicht konnte. Ich stand am
-Fenster, stundenlang, und sah, wie sichs wandelte. Nun ist es ja, als
-lägen überall Tote begraben; unterm Rasen dort rechts, der wie mit
-umdüsterten Augen herüberblickt, durch die Dunkelheit, die sich hebt und
-bewegt; im Teich, unter allen Bäumen -- vielleicht liegen welche
-überall, still, mit gefalteten Händen, ohne Bewegung, aber sie haben
-begriffen, daß sie tot sind, und wissen nicht, was nun geschehen wird.
-
-Ach, stünden sie _auf_ einmal! alle, in irgendeiner Gestalt! gingen
-umher, streiften mich, daß doch nur einmal etwas geschähe, das
-entsetzte, das starr machte, das man nicht aus sich heraus erfinden
-müßte wie jedes Staunen, jeden Schrecken, jedes Gefühl, das tausend
-Jahre alte, tausend Male empfundene. Daß einmal etwas hereinbräche über
-einen, von draußen, von weit draußen, ein Unmeßbares, für das man nicht
-im Augenblick alles bereit hätte, um es festzustellen, um es zu
-erkennen! Ich verstehe Raskolnikoff, ich verstehe, daß er etwas tun
-mußte, von dem er nicht vorher wußte, was es sein würde; das sich vorher
-berechnen ließ bis aufs Haar, und das doch ein völlig anderes sein
-würde, wenn es geschehen war. Ich verstehe, wie er mit all seinen
-Haaren, mit zehntausend schmerzlichen Knoten an seiner Umgebung hing, an
-Steinen und Menschen, an Häusern und Geschäften, an Gefühlen und Plänen,
-an Büchern und Maschinen, und wie er den einen, einzigen Ruck haben
-wollte, wo alles das riß, und er so allein war im Raum, wie nur die
-Seele eines Mörders allein ist, die zwischen Sternen sitzt und friert.
-
-Dummheit friert an mir. Aber ich schreibe ihnen, sie möchten
-entschuldigen, ich wäre gestern betrunken gewesen, und sie möchten mich
-gefälligst ... Heut noch schreib ichs, denn wenn ichs heut nicht tue, so
-fällt mir morgen ein, mich an ihre edlen Regungen zu wenden und dem
-Konvent eine freundliche Rede zu halten, und dann bin ich schon
-ihresgleichen, und sie kriegen mich doch herum. Oder am Ende ists heute
-doch nur der Alkohol im Leibe, und wenn morgen früh die Sonne scheint,
-denk ich, es wird schon gehen, oder daß ich wieder acht Tage verreisen
-kann, und daß sie mich auf vier Wochen hinaushängen, oder daß ich
-einfach versuche, zu tun, was mir paßt, zu ihnen gehe, wann mirs
-beliebt, und warte, was _sie_ tun. Warum soll ich auch handeln? Wär es
-eine Gemeinheit, ein Verbrechen, das man bereuen könnte, Herrgott, so
-hätte man doch was _getan_! Nun ists bloß eine Dummheit, und -- ist das
-ein Mensch, der Schatten da? Ich bin ja ganz schreckhaft geworden! --
-
-Hinter der nackten Esche, die vom rechten Ufer her ihren riesigen Ast
-kahl und schweigsam über die fahle Fläche reckte, kam der Schatten
-hervor, trat dicht ans Wasser und stand dort, seltsam, als ob er hinge,
-dunkel vor der Undeutlichkeit des Parks und dem bleichen Scheinen im
-Wasser. Nach einer Weile glitt er fort und verschwand zur Rechten hinter
-Gebüsch. Georg nahm seinen Stock von der Bank, drehte sich seitwärts,
-legte das linke Bein über das rechte, den rechten Ellenbogen auf die
-Banklehne und den Kopf auf den Unterarm.
-
-Es ist ja nicht das, lief das Rad in ihm weiter, nicht diese Eselei,
-wieder im Korps zu sein, und auch nicht der Alkohol. Es ist einfach die
-Angst, weil du nicht weißt, was werden soll. Dies ist nun der dritte
-Versuch. Erst sollte die Natur Klarheit schaffen; dachte natürlich nicht
-daran. Außerdem Benno, -- nun das war wohl nur ein halbes Viertel von
-einem Versuch. Nun die Menschen, auf die es ja schließlich ankommt, und
-da merke ich nun die verfluchte Verzauberung der Relativität. Renate,
-schönes Licht! dachte er seufzend, aber sein Feuerzeug war wohl naß
-geworden, das Licht glomm nicht auf, es wurde nur dunkler umher. Woran
-soll ich mich denn messen, wenn alles relativ ist und ich nicht aus mir
-heraussteigen kann! Bin ich denn ein Lügner? Ich spiegle den Menschen
-etwas vor, das ich nicht bin. Schade ich damit? Bin ich nicht bereit zu
-allem Besten? Zahle ich nicht mit Qual? Irgend jemand sagt mir, ich sei
-nicht der Sohn meines Vaters, und da soll ich miteins andere Gefühle
-bekommen? Wie kann ich zwanzig Jahre auslöschen wie ein Talglicht?
-Darauf aber kommt es an, auf das Innere, und alles andre -- -- ich weiß
-nicht, sitzt da jetzt einer neben mir oder nicht?
-
-Er wandte langsam und vorsichtig den Kopf. Ja, neben ihm saß ein Mensch,
-den Kopf in den Händen; schien übers Wasser hin zu sehn. Das war ja ...
-Georg wandte sich, beugte sich vor, sah das Profil des Dasitzenden und
-sagte erleichtert: »Guten Abend, Herr Birnbaum!«
-
-Der Angeredete wandte sich um und stand hastig auf.
-
-»Entschuldigen Sie, Prinz,« sagte er mit mehreren Verbeugungen, »ich
-hatte Sie nicht erkannt. Und diese Bank«, setzte er hinzu, »ist
-gewissermaßen mein Eigentum, meines und meiner Schwester, wir sitzen oft
-darauf.«
-
-»Aber so setzen Sie sich doch, alter Freund, und erzählen Sie! Vor zwei
-Jahren haben Sie Examen gemacht, oder erst vor einem? Habe ich Sie nicht
-im Syndikatskolleg gesehn?«
-
-Birnbaum bejahte, sagte aber, daß er Mediziner sei.
-
-»Daß Sie's gleich hören, Georg: meine Mutter ist vergangene Nacht
-gestorben«, sagte er kurz. »Nein, sagen Sie nichts, es ist nichts zu
-sagen,« fuhr er heftig fort, »sie war ja kein richtiger Mensch mehr,
-jahrelang schon, wir hatten uns, wenn ich so sagen darf, ihrer schon
-längst entwöhnt.«
-
-Georg dachte an Bennos Mutter, fragte, ob sie denn krank gewesen sei,
-und bekam zur Antwort:
-
-»Ja, geisteskrank, sechs, sieben Jahre.«
-
-Sie saßen still beieinander. Georg suchte den verwirrten schwarzen
-Himmel ab -- war dort nicht ein Stern? -- Nacht stand um den Teich;
-nichts regte sich darin.
-
-»Standen Sie vorhin dort am Wasser?« fragte Georg. »Sehen Sie, es ist
-wieder jemand dort! Sehn Sie den Schatten?«
-
-Der Andere blickte hin und sagte: »Ich glaube fast, das ist meine
-Schwester.« Er schüttelte den Kopf. »So ist sie nun; geht aufs
-Geratewohl in die Nacht hinein und ist überzeugt, daß sie mich findet.
-Dafür ist sie ja nun mein Geschöpf.«
-
-Die Gestalt kam langsam am Ufer den Weg herauf, zögerte, kam näher,
-stand endlich vor ihnen, schmal und dunkel, einen Schal um den Kopf.
-
-»Bist du's, Sigurd?« fragte sie. Er stand auf, trat zu ihr und legte
-einen Arm um ihre Schulter. »Bist du böse, daß ich mitten aus dem
-Kaddisch weggelaufen bin?«
-
-Georg schiens, als bewegte sie leise den Kopf hin und her, dann hörte er
-sie fragen -- eine huschende, verhaltene Stimme --: »Mit wem sitzt du
-denn hier, Sigurd?«
-
-Sigurd sagte: »Es ist Prinz Georg, Esther, du weißt, daß er eine Klasse
-unter mir war.«
-
-Georg, der inzwischen aufgestanden war, reichte ihr die Hand; die ihre,
-in einem Zwirnhandschuh, fühlte sich hölzern an. Ihr Gesicht im Dunkel
-war nur ein weißer Fleck mit zwei schwarzen darin, den Augen, die
-allerdings absonderlich geschlitzt schienen. Sie setzte sich ans andere
-Ende der Bank, ihr Bruder sich zwischen den Beiden. Nach einer Weile
-hörte Georg ihn flüstern, dann sie, er schloß die Ohren, verstand auch
-nichts, aber das Flüstern dauerte an ... Nun schloß er auch die Augen,
-vernahm das seltsame Geräusch der Lippen in Pausen, dachte an die tote
-Frau und geriet an Heines Vers: >Keine Messe wird man singen, keinen
-Kaddosch wird man sagen ...< Kaddisch hatte Birnbaum gesagt, aber das
-war wohl dasselbe. >Dunkler Hund im dunklen Grabe ...< kam das nicht im
-selben Gedicht vor? Nein, das war ja:
-
- Nicht gedacht soll seiner werden.
- Aus dem Mund der armen, alten
- Esther Wolf ...
-
-Keine Messe wird man singen, keinen Kaddosch ... Es ließ ihn nicht
-wieder los. Sieh, aber nun waren Sterne da! Lieber Gott, wie das nun
-gleich erleichterte! Da standen sie, klein, schwach, bläulich, dort
-einer, dort ganz oben, fast über ihm. -- Keinen Kaddosch wird man sagen
-...
-
-»Verzeihen Sie, Birnbaum, was ist Kaddisch? Sie sagten es eben. Und mir
-fiel ein Vers von Heine ein, da heißts --«
-
-»Kaddosch,« sagte Birnbaum, »es ist dasselbe. Kaddisch ist das
-Totenbeten; die Verwandten verrichten es, oder auch -- wie bei uns, die
-wir keine in der Stadt haben -- Freunde und angestellte Frauen. Ich bin
-davongegangen. Ich konnte nicht ertragen, das Klagen zu hören, wo ein
-Mensch endlich seine Seele wieder hat, denn das müssen die Andern doch
-wenigstens glauben. Komm, Esther, siehst du die Sterne? Wollen wir
-Mutter unsern Kaddisch sagen?« Sie antwortete nicht. Einige Minuten
-später hörte Georg ihn sprechen, nicht mehr in seiner wegwerfenden,
-schnell fertigen Art, sondern seltsam innig und sanft. --
-
-»Mutter,« sagte er, »warst du denn noch ein Mensch? -- Kannst du uns
-jetzt sagen, was du warst? Da warst du, warst so klein und noch ganz
-schön, saßest immer bei uns und hattest keine Augen für uns, wenn wir
-hinsahn. Aber wenn wir still saßen und lasen, wie oft merkten wir dann,
-daß deine Augen auf uns waren, wie Kinderaugen, verschüchtert, wie ein
-Bestraftes, das nicht sein darf wie die Andern ...
-
-»Und so seltsame Dinge mußtest du immer tun! Wenn du allein warst, da
-bewegte sichs in dir, und du mußtest immer folgen, und wenn einer von
-uns wieder hereinkam, so warst du nicht mehr da. Dann hocktest du
-zwischen Sofa und Bücherschrank ganz klein, die Hände im Schoß, oder du
-knietest unter der Tischdecke, als wolltest du Verstecken spielen, oder
-du hattest ins Schlafzimmer gehn müssen, das Bett gesehn und dich halb
-ausgezogen und hineingelegt. Und niemals durftest du im Bett sein
-nachts, wenn Esther erwachte und nachsah: dann mußtest du mit kalten
-Füßen beim Schrank stehn, oder im Fenstervorhang, aber du warst doch
-immer willig, kleine Gestalt, und tatest, was man verlangte, legtest
-dich gleich wieder hin und decktest dich zu. Manchmal freilich war dirs
-verboten, mit uns zu essen, und dann mußtest du heimlich in die
-Speisekammer gehen und finden, was Esther dir hingesetzt hatte ...«
-
-»Und wie war es denn, als du starbst?« fing er leise wieder an. »Auf
-einmal fandest du die Korridortür nicht verschlossen und huschtest
-hinaus. Und als dein Sohn im Dunkel mit dem Streichholz die Treppe
-heraufkam, saßest du auf den Stufen, klein und weiß in deiner
-Nachtjacke, die Stirn ans Geländer gelehnt, und da warst du tot ...
-
-»Ja, Esther, da war er nun wieder hinausgegangen, der törichte Geist,
-der ihr all das Seltsame riet, über das sie so viel den Kopf schütteln
-mußte. Und all das, weil eines Tages ein lieber Mensch auf der Erde lag
-und nicht mehr antworten wollte auf ihr Schreien und Schütteln und
-Schlagen, und all das, damit sie nun sein Gesicht wieder hat -- ein
-wenig Wehmut am Mundwinkel, ein wenig Friede über Schläfen und Augen,
-und das Unbegreifliche ...«
-
-Sigurd war verstummt. Georg sah nicht ohne Erleichterung viele Sterne
-oben in der Nacht; auch in der Schwärze des Teichs waren sie sichtbar
-geworden.
-
-»Und wir,« sagte Sigurd leise, aber wieder heftiger schon, »wir bewegen
-uns, wir greifen dies und jenes an und nennens Verstand. Einmal merken
-wir dann, daß wir immer das Verkehrte getan haben. Aber in uns saß doch
-einer, der wollte es so. Es war so seltsam, Esther, wie Mutter nun dalag
-unter der Hängelampe, und du standest neben ihrem Kopf, in deinem
-schwarzen Haar, mit fließenden Augen, im langen, weißen Hemd und getötet
-vom Schlaf. So sonderbar war das! Nun wirst du bald heiraten wollen und
-über das große Wasser fortgehen. Ja, meine Lehre ist nun aus. Sehen
-Sie,« wandte er sich zu Georg nicht ohne ein wenig Bombast, »es ist ja
-nichts ohne eine gute Seite. Esther mußte die letzten vier Jahre aus der
-Schule fortbleiben; da hat sie viel unnützes Zeug gespart und eine
-Menge Gutes von mir gelernt, Buchführung und Philosophie,
-Sozialwissenschaften, und einen ungeheuren Stoß gute Bücher gelesen.
-Verloben konnte sie sich auch, und ich kann dann von dem kleinen zum
-großen Mütterchen zurückgehen, Mütterchen Rußland, und sehen, ob man
-mich dort brauchen kann.«
-
-»Sie sind doch Balte?« fragte Georg, um etwas zu sagen. Sigurd nickte.
-
-»Komm, Esther, wir wollen gehn«, sagte er, und sie stand auf. -- Georg
-ging willenlos mit.
-
-Sie sprachen nicht mehr, bis sie am kleinen Palais anlangten. Als Georg
-sich hier verabschieden wollte, hörte er Esther zum ersten Male nach den
-wenigen Worten zu Anfang etwas sagen, indem sie erstaunt fragte, ob er
-hier wohne? -- Leider, gab Georg zurück, sei die Einrichtung noch nicht
-fertig, sonst würde er sie bitten, hereinzukommen.
-
-»Siehst du, Sigurd,« sagte sie da ganz heiter, »nun komme ich doch
-hinein!«
-
-»Sie hat es sich als kleines Kind schon gewünscht,« erklärte ihr Bruder,
-»einmal in den verschlossenen Garten zu kommen, da freut sie sich nun
-freilich.«
-
-Georg meinte, das Stück hinter dem Schlößchen sei nur klein, aber es
-würde ihn doch sehr freuen, -- was nicht aufrichtig war, denn er hatte
-keinerlei Eindruck von ihr gehabt, und obendrein war sie verlobt. Er
-haßte Verlobungen. -- Also schieden die Geschwister von ihm.
-
-Im Hausflur zauderte Georg, ob er in die unfertigen Zimmer gehen sollte
-oder in die für die Zwischenzeit zurechtgemachten Prunkgemächer. Aber
-nach einem Blick in den kahlen, vom schwarzen Abend verdüsterten Raum
-voller Bücherkisten, Teppichballen und Möbeln in Lattenkäfigen, und
-einem weiteren durch die Gartentür ins Freie, ob etwa aus Bennos
-Fenstern Licht falle -- doch alles war dunkel dort --, wanderte er
-schlaff und unfähig in der dunklen Zimmerflucht hin und her, bald nahe
-am Weinen vor Schmerzwut im Gedanken an Benno, der natürlich bei Renate
-war. Renate, die ihm ewig verschlossene! Denn dort war ja nun Magda im
-Hause, und dies -- nein, dies brachte er nun doch nicht fertig, vor
-ihren Augen zu Renate zu beten.
-
-Er stand wieder still, durch ein Fenster starrend auf den Rasenplatz, wo
-aus der Eichengruppe die Nacht wie eine schwarze Fackel aufstieg.
->Keinen Kaddosch wird man sagen ...< Dieser Sigurd war gewiß ein
-ungewöhnlicher Mensch, in der Schule wurde ja viel von ihm gesprochen,
-seinen Kenntnissen, seiner Belesenheit und -- ja vor allem seiner
-Hülfsbereitschaft. Nun, mich wird er schwerlich aus meinem Sumpf
-herausziehen können. Also was bleibt mir übrig?
-
-Darauflos leben, lustig sein, wieder die Nächte durchsausen, saufen,
-speien, johlen, Zoten hören. Ach, wenn nur die studentische
-Ausgelassenheit heutzutage nicht so unendlich nichtswürdig wäre! Wenns
-noch Freude wäre, Überschwang, Lebensüberfülle, wahre Ausgelassenheit
-voll Geist und Witz. Ausgelassenheit? Ja, die Vernunft wird ausgelassen
-und der Stumpfsinn herein, sie betäuben sich, anstatt sich zu befreien,
-vernichten sich selber in Berauschung, sie sind so unfeurig, das ist es,
-sie brennen ja von nichts und für nichts, ja sie brennen bloß von
-Alkohol, von Spiritus, dünne, kraftlose Flämmchen, -- o Renate, Renate!
-
-Georg mußte sich niedersetzen vor Mattigkeit, hatte jedoch innerlich
-etwas Haltung gewonnen.
-
-Was also muß ich tun? fragte er sich, so klar er konnte. Ihnen
-abschreiben oder nicht abschreiben? -- Es durchzuckte ihn, daß er diese
-Last auf sich nehmen müsse, wegen der -- Maske, die sich gerade im
-ständigen Umgang mit seinesgleichen allein probieren lasse. Lieber --
-dachte er -- ein besonders schweres Stück Weges jetzt -- und dann
-Freiheit so oder so, als die lange Ungewißheit, Ratlosigkeit, und so --
-Verschleppung.
-
-Wenn ich, dachte er, Herzog bin, werde ich das alles abschaffen. Und
-damit ich das kann, fuhr er innerlich errötend fort, muß ich nun wohl
-dafür bluten ...
-
-Die Augen fielen ihm zu; er öffnete sie schwer, sah die zwei grauen
-Rechtecke der Fenster bleich und öde im Dunkel und tastete nach seinem
-Herzen. Die Angst stieg darum wie Flut; er atmete mehrmals, so tief er
-konnte. Entschließe dich, Georg, gebot er sich, schreibe, schreibe
-gleich! -- und schon zum Aufstehen aus dem tiefen Sessel sich
-vornüberbückend, die Hände auf den Knien, kam er nicht weiter aus dieser
-Haltung.
-
-Wenn ichs nicht tue, fragte er sich besinnungslos, tue ich es dann aus
-Tapferkeit nicht oder aus Feigheit?
-
-
- Zweites Kapitel: Juni
-
-
- Begegnung
-
-Georg, an einem glanzlosen Vormittage im Junianfang, ritt Unkas im
-langsamsten Schritt die breite Mittelstraße zwischen den Alleen in der
-Richtung auf Herrenhausen hinunter, vornüberhängend mit halb
-geschlossenen Augen, im verschwommenen Blick nahe die leise schlagende
-schwarze Mähne, tiefer das wechselnde Zum-Vorschein-Kommen der breiten
-Hufe, unter denen die staubtrockenen Erdklumpen vorspritzten. So saß er,
-in seiner schweren Müde, seiner Angstwut, seinem unendlichen Mißbehagen,
-das Hirn in Bierdünsten, das Herz in Öde; zerpreßt.
-
-Ihm fiel ein, wie er in der Nacht zuvor halbtrunken in die Güntherstraße
-gelaufen war; wie er -- auf ihm selber unbegreifliche Weise -- zur
-Rückseite des Gartens gelangt war, halb bewußtlos vor Trunkenheit und
-Qual am Zaun gehangen und hinüber gelechzt hatte nach dem grauen, ganz
-dunklen Hause hinter den Bäumen.
-
-Renate ... Wann würde er sie je wieder sehn! Magda -- es geschah ihm
-freilich recht, daß sie ihm den Eingang verschloß, denn das tat sie ...
-
-Dies war die Gegenwart: freudlos, dumpf, entstellt durch eigene Schuld.
-Das war die Zukunft: dumpf, abgeschlossen, umflügelt von Gespenstern des
-Grauens. Dennoch mußte er hinein, mußte, die Maske vor, versuchen, ob --
--- erfahren, ob es erträglich, möglich ...
-
-Unkas stolperte träg; er riß ihn hoch und bemühte sich gewohnheitsmäßig,
-ihn mit Schenkelschluß und kleinen Paraden zusammenzustellen. In seine
-geöffneten Augen blendete das halb verhüllte Licht; Spatzenzank
-schrillte und überlaut Finkenschlag, dicht zu seinen Häupten.
-Emporblickend folgte er eine Zeitlang den fast auf ihn herunterhängenden
-Zweigen, deren erste, dünne Belaubung -- Blätter und Blättchen, kaum
-entrollt, noch zerknittert, weich, weißlich behaart, kaum geborenen
-Tieren gleich -- Verlangen erregte, danach zu greifen, eins abzupflücken
-und vorsichtig hineinzubeißen als in leise bitter Süßes. Aber er brachte
--- schon zwischen den Zähnen fühlend, wie das Trockene innen saftig sich
-zusammendrückte und knisterte -- die Hand nicht hoch, und eine hülflose
-Rührung, die ihn überkam, reizte fast zu Tränen. -- Nun schmerzte sein
-nach oben gedrehtes Genick; er senkte den Kopf wieder gerade.
-
-Da sah er, ein paar hundert Schritte weit vor ihm, auf dem getretenen
-Fußpfad neben dem Hufschotter zwei Gestalten kommen, eine weibliche und
-eine kleinere männliche, und sofort erkannte er Magda in der weiblichen,
-erkannte sie mit dem Instinkt, obwohl er sich sagte, daß er, wenn sie es
-wirklich war, sie gar nicht erkennen konnte, so entfremdet wie sie
-aussah. Allein im Näherkommen blieb es untrüglich Magda, -- und er
-dachte: Magda -- warum nicht mehr Anna? Es kam so ... Magda in einem
-hängenden, nein schlottrigen, mattblauen Kleide, das sie mit den Achseln
-trug anstatt mit den Hüften. Wie weit ihr Gang war! und trug sie nicht
-Sandalen oder wenigstens keine Absätze unter den Schuhen? Damenschuhe
-ohne Absätze waren Georg unleidlich. Er konnte die Beine sich abzeichnen
-sehen unter dem schrittweis hin und her schlagenden Stoff, jedoch -- wie
-reizlos! Auf dem Kopf hatte sie einen großen Panamahut mit tief
-gerundeter Krempe, und er sah nun schon ihr Gesicht darunter, blaß, mit
-undeutlichen Zügen, wie verwischt.
-
-Und daneben, in schwarzem Anzug, den Strohhut aus der Stirn gerückt, die
-Hände auf dem Rücken, in unbedenklicher Haltung etwas vornüber -- das
-war ja al Manach! Richtig wieder unter den Lebenden ...
-
-Georg sah ihr Gesicht nun von innen sich erhitzen und ganz rosig werden;
-sah den Blick der alten braunen Augen und lenkte Unkas hinüber.
-Augenblicke später hielt er mit Herzklopfen vor ihr, sie lachte heiter,
-nickte ihm zu, rief: »Tag, Georg!« und begann Unkas den Hals zu klopfen.
-
-»Grüß Gott, Herr al Manach,« sagte Georg, »na wie gehts denn?«
-
-Besten Dank, äußerte Jason, es ginge ja. -- Den Strohhut, den er höflich
-abgenommen hatte, behielt er in der Hand.
-
-»Aber Georg, was ist das mit Unkas?« fragte sie, bevor er etwas vom
-Zusammentreffen und Langenichtgesehenhaben vorbringen konnte. »Er klemmt
-ja die Zunge zwischen die Zähne.«
-
-»Tut er das? So. -- Ja, er wird ja auch alt ...«
-
-»Na Georg, schon so alt? Wieviel Jahre hat er denn?«
-
-»Ich soll wissen! -- Neun oder zehn.«
-
-»Ach, Georg, du weißt gar nichts!« lachte sie. -- Wehmütig an ihrem
-Gesicht vorüber auf die absatzlosen, staubgrauen Schuhe hinunterblickend
--- waren es nicht einmal kleine Lackschuhe gewesen, mit eingedrückter
-Spitze? -- hörte er sie weitersprechen: ob er vergessen hätte, daß er
-ihn gekriegt habe, als er elf Jahre alt wurde ... »Ich bekam Terpsichore
--- erinnerst du dich noch? -- den Schimmel, der gleich das linke
-Vorderbein brach -- ich kriegte doch immer was mit an deinen
-Geburtstagen -- und du Unkas, und damals war er noch nicht drei Jahre
-alt. Also ist er nun --?«
-
-Georg brauchte eine Weile, bis er hinter den Zähnen hervorbrachte:
-»Zehneinhalb!« mit alles vergessender Traurigkeit nun an ihren
-brauenlosen Augen haftend und sehr zu fragen versucht: Hast du denn so
-gelitten, daß du gar nicht mehr weißt, was Leid ist, und nichts
-empfindest bei solchen Erinnerungen? --
-
-Dann ermannte er sich, lachte, wiederholend: »Zehneinhalb! das muß Onkel
-Salomons Handschuhnummer sein! Wie gehts denn dem Alten?« und sprang ab.
-Er hängte die Trense hinter den Bügelriemen ein, gab Unkas einen Klaps
-auf die fletschende Zunge, daß er unwillig zurückfuhr, und setzte sich
-neben Magda in Bewegung, dem Wallach es, wie ers gewohnt war,
-überlassend, ob er mitkommen oder stehen bleiben wollte. Er kam ja doch
-immer ...
-
-Sie gingen still. Zehn Schritte weiter hörten sie Unkas, der nachgetrabt
-kam, bis er mit dem Maul an Georgs Schulter stieß, zum Zeichen
-getreulichen Vorhandenseins. Jason sagte: »Das gute Pferd.«
-
-Erst Augenblicke später fühlte Georg ein zartes Lächeln in sich
-aufquellen, wie seltsam bestimmt, sanft und bedeutungsvoll es geklungen
-hatte: Das gute Pferd ... Er spähte verstohlen an Magda vorüber auf
-Jason, der vor sich hin ging. Alles war ein wenig krumm an ihm, Genick,
-Rücken und Knie; die schwarzen Augen aber bewegten sich glanzvoll,
-lebendig und mit Gelassenheit umher.
-
-Und währenddes hörte er sich Magda nach ihrem Vater fragen, hörte sie
-irgend etwas Unbestimmtes antworten, dann weitersprechen, von Krankheit,
-ihrem Gesangslehrer und einer Musikvorlesung, die sie in der Universität
-hörte, und daß sie Georg einmal von weitem dort gesehen hatte. Wie es
-ihm denn ginge ... Er sehe gar nicht gut aus ...
-
-»Ach mit mir ist nichts mehr los, Anna«, sagte er gedankenlos.
-
-»Ach Georg!«
-
-»Ich bin wieder aktiv geworden.« Er sah starr geradeaus. Sie blieb
-stumm.
-
-Das dauerte eine Weile, bis Georg aus den Anlagen zur Rechten die Front
-des Schlößchens schimmern sah, worauf er sich zusammennahm und fragte,
-ob die Beiden nicht seine Wohnung anschauen möchten; sie sei eben fertig
-geworden. Und dann könnten sie ja auch Benno besuchen und sehn, wie er
-Glück strahlte. -- Magda nickte, sie bogen ab, durchschritten die Allee
-und wanderten um das Rasenrund.
-
-Dann sagte Georg aus halber Besinnungslosigkeit, ohne die Worte
-unterdrücken zu können:
-
-»Nun bist du ja wie eine Taube, Anna ...«
-
-Sie blieb stehen, so daß auch er halten mußte und sich zu ihr wenden,
-sah ihn sanft an und sagte:
-
-»Anna nennst du mich? Ja, behalte nur den Namen.«
-
-Dann ging sie weiter, dem vorausgewanderten Jason nach, indem sie
-anfing, von Renate zu erzählen, und daß sie nun zweimal allwöchentlich
-einen Quartettabend hätten; Saint-Georges spiele die Bratsche oder
-zweite Geige, Irene die erste, Sigurd Birnbaum Cello, »-- kennst du ihn
-nicht von der Schule her?« -- und Georg nickte. -- Benno Prager, Ulrika
-und Renate wechselten am Klavier. -- Auch Trios spielten sie, Mittwochs
-würde geübt, Sonntags müßte gekonnt werden.
-
-»Und wenn du magst, Georg, kannst du gern zuhören kommen. Ich habe mit
-Renate darüber gesprochen.«
-
-Georg zuckte stark. Aber das -- -- nein das -- -- Sie wußte ja nicht,
-was sie tat. Aber er konnte es nicht hindern, daß ein Freudegefühl
-mächtig und mächtiger seine Brust aufdehnte, die Angst daraus -- nein,
-das Bittere der Angst vertrieb und Süßes hineinflößte. Er richtete sich
-innerlich auf, straffte seine Haltung, und die Welt sah plötzlich
-sonniger aus.
-
-Schon hatte er, den Türschlüssel in der Hand, das geheime Gefühl, eine
-andere als die kleine grau gestrichene Tür hier aufzuschließen;
-leichtfüßig, die vier Stufen überspringend, strich er voraus durch den
-Flur und schlug die Tür zu seinem schönen Zimmer auf, -- zum blassen
-Egon, der hübsch in der Gartentür lehnte, hinunterrufend, daß Unkas
-draußen stehe.
-
-Ja, es war schön. Magda schlug die Hände zusammen und machte nur große
-Augen. Zwischen den klarweißen Vorhängen der hohen Fenster, im Schatten
-des dunkelgrünen Wandstücks hinter ihm, saß der ernste, dunkle
-Pensieroso und sann nach über die Welt. Es war ganz feierlich. Von
-überall her schimmerten oder funkelten die erlesenen Farben der Kleinode
-auf den Bücherregalen, leuchteten die Farben der Frühjahrsblumen, rote
-und hellgelbe Tulpen, ein tiefvioletter Busch Veilchen, Narzissen, gelbe
-und weiße, hängende stark blaue und rote Petunien und ein riesiges
-Gebüsch lichtgelber Mimosenblüten. Jason stand schon unten und
-untersuchte aufmerksam die hölzernen braunen Apostel unter dem
-Treppendach.
-
-»Nein, die Lilien!« sagte Magda mit Andacht. Steil aufrecht, edel und
-großmütig erhoben sie sich über den dunklen Pensieroso.
-
-»Nein, meine Bucharas!« sagte Georg und sah zu seiner Freude zum
-erstenmal wieder rasches Leben durch Magda fluten, die nun die Stufen
-hinunterlief, sich auf die Teppiche bückte, ja sogar sich niederwarf, um
-sie zu streicheln.
-
-»Himmlisch, Georg!« sagte sie, »ganz himmlisch!«
-
-Worauf er eifrig zu den Fenstern lief, ein neues Blendwerk versprach,
-den gewaltigen samtgrauen Vorhang niederrauschen ließ und zugleich eine
-Lichtkurbel drehte. Hoch oben im Raum, zwei Meter unter der Decke
-entfaltete sich und schwebte eine milchweiße Sphäre, wie ein großer
-Kürbis groß, die ein fremdes, fast beklemmendes Mondlicht durch den
-dämmerig bleibenden Raum ergoß.
-
-»Nein, hier muß ich Renate herbringen!« gestand Magda noch langer
-Atemlosigkeit. »Jason, was sagst du?«
-
-Allein kein Jason war vorhanden. Nachsehend fand Georg ihn im
-Nebenzimmer, wo er, die Hände auf dem Rücken, den Kopf im Genick,
-geduldig zu dem weißen Perserteppich aufstaunte, der das Wandstück neben
-der gläsernen Apsis bedeckte. Auch dies Zimmer mit seiner großen
-Helligkeit, den Vitrinen, schwarzem Stutzflügel und Peddigrohrsesseln in
-der musselinverhangenen Fensternische fand Magda himmlisch; aber sie war
-nun wieder stiller geworden und in sich zurückgekehrt.
-
-Wenige Minuten später geleitete Georg die Beiden den langen Flur
-hinunter und durch den Saal vor Bennos Tür. Drinnen sahen sie ihn in der
-Mitte stehen, so lang er war und aussehend, als sei er stundenlang,
-glücksmatt und strahlend in seinen drei Zimmern vor seinen vielen Möbeln
-auf und nieder geschritten, die er nun selig zeigte: vom Messingbett (es
-mußte eines sein!) und dem fließenden Waschtisch, an den Bücherschränken
-und Schreibtisch von Palisander vorüber bis zum Bösendorfer im schön
-getäfelten Musiksaal, glücksmatt und strahlend, als ob er sie alle
-geboren hätte. Auf vieles Zureden Georgs wagte er endlich, eine Taste
-anzuschlagen, lauschte verzückt, saß augenblicks vor der Klaviatur und
-ließ eine Fuge darüber hinrollen, daß die Wände bebten. Und er fing an,
-Kunststücke zu machen, fegte den _Des-Dur_-Akkord über die ganze
-Klaviatur und lustfunkelte beim Staunen der Andern, da sie den Akkord
-drinnen nachbrausen hörten, als wärs eine Orgel. Und er sang einzelne,
-besondere Noten in das offene Instrument und freute sich innig mit
-Georg, wenn nach Augenblicken aus der Tiefe das Echo sang wie ein
-gehorsamer Gott. -- Magda kannte diese Kunststücke schon. Und so
-verließen sie den Beglückten.
-
-»Du bist auch ein guter Mensch«, sagte Magda, als sie den Korridor
-zurückgingen, verstummte aber bei Georgs heftigem Auffahren. -- Und ich
-betrüge sie ja doch schon wieder! dachte er wild, Renate vor brennenden
-Augen.
-
-Als sie dann unter der Haustür standen, nahm Magda seine Hand und sagte,
-indem sie Jason nicht mehr zu beachten schien als den lieben Gott im
-Himmel oder vielleicht das Sims über der Tür:
-
-»Ich wußte wohl, Georg, daß ich dir heute begegnen würde.« Sie lächelte
-kindlich: »Ja, was du da nun wieder mit dir angestellt hast, das mußt du
-wohl ausessen. Ich, weißt du, kann mich um so etwas nicht mehr viel
-kümmern.« -- Schon wieder ernst geworden bei den letzten Worten, fuhr
-sie fort: »Ich bin sehr bös krank gewesen, Georg, aber ich habs
-überstanden, alles, weißt du, und ich möchte dich nicht gerne ganz
-verlieren. In unser Haus kannst du nicht kommen, deshalb sprach ich mit
-Renate. Du mußt aber still sein wie ich, willst du?«
-
-Ganz nahe, während sie dies sagte, hatte Georg ihre Züge unter den
-Augen, und während er diese fest in Magdas geheftet hatte, mußten seine
-Blicke doch gleichzeitig in ihrem Antlitz umherwandern, mit immer
-beklommenerem Staunen die, nur aus dieser Nähe erkennbare Veränderung
-der Züge begreifend; denn diese nun blasse Haut, unter der jetzt ein
-anderer Stoff als Fleisch zu sein schien, war einmal rosig gewesen, und
-es lebten damals lebendige Gefühle lieblicher Art um die verwischten
-Linien des farblosen Mundes, der freilich damals schon herabgezogen war
-an den Winkeln, aber doch nicht so! Unter dieser glatteren Stirn lebten
-jetzt andere Dinge, und es war eine ganz andere Stirn; Fältchen waren im
-Begriff, sich an den Außenwinkeln der Augen zu bilden, und noch -- nein,
-noch war da nichts Welkes unter den Lidern, nur etwas sehr
-Durchsichtiges, und das Haar -- -- Indem glaubte er sich eines andern
-Gesichts zu erinnern, das er auch in einem irgendwie bedeutenden
-Augenblick so wie dieses gesehn hatte, allein nun hatte er ihr dankend
-in die Augen zu sehn, ihre Hand zu drücken, Jason ebenfalls, und zu
-gehn. Ohne es gewollt zu haben, wandte er bald den Kopf nach ihr um. Da
-gingen sie nebeneinander die weiße, chaussierte Straße hinab, vorüber an
-den kleinen Kugelakazien, aus denen die Sternwarte sich erhob, dunkelrot
-und schwarzgrün im Efeubehang, Georgs Blicke für Sekunden emporlenkend,
-daß er ihren Ernst, ihr Alter, ihre bedrohliche Würde empfand --: Jason,
-die leeren Hände auf dem Rücken, schwarz und etwas vorgebeugt, den
-Strohhut wieder im Genick. An Magda war nichts zu sehn; sie ging ihres
-Wegs.
-
-Kein Reiz mehr hauchte aus ihr, das wars.
-
-Hatte sie allen Glanz der Welt von sich getan? Hatte er selber sie
-gelöscht wie ein Licht? Aber ihre Augen glänzten anders innerlich, es
-gab vielleicht Nonnen, deren Augen wie die ihren in einer sehr gewissen
-Flamme brannten, in der sie alle äußeren Lichter reiner und edler
-hatten. Dieser Jason hatte ja Augen wie ein Märchenerzähler, man müßte
--- aber schon, indem Jason ihm erschien, mit einem riesigen schwarzroten
-Turban bekleidet, ein blaues, langärmeliges indisches Hemde am Leibe,
-mit untergekreuzten Beinen auf einem Teppich, schob sich das Gesicht
-seines Vaters in dieses Bild hinein, so als wäre es dicht über Georgs
-Augen. Wann war --? Ach, an seinem Geburtstage wars, nicht am
-Geburtstage, am Tage vorher, mittags, -- und schon flogen von allen
-Seiten Bildstücke auf Georg zu, die hellen Fenster, und draußen die
-Wipfel im Regen, Visionen des Trassenbergischen Landes, und schon der
-Saal im kleinen Palais, Benno auf einem Stuhl an der Wand, der
-Achattisch, Napoleons Weste, Stirn und Haar, und jählings wieder Magda
-an der Erde, am Abend im dunklen Wiesengrün, ihr rötliches Kleid, ihr
-ohnmächtiges Gesicht mit geschlossenen Augen und -- -- Georg merkte, daß
-er vor seiner Haustür stand, die in ihr Schloß gefallen war, fing an, in
-der rechten Hosentasche die Schlüssel zu suchen, vergaß dabei, was er
-aus der Tasche holen wollte, wälzte Feuerzeug, Taschentuch,
-Schlüsselbund durcheinander, brachte dies endlich hervor und schloß auf.
-Sein Zimmer in geisterhafter Mondesdämmerung erschreckte ihn, er riß den
-Vorhang hoch, öffnete die Glastür. Sonnenlos war draußen der Garten, er
-lehnte sich gegen den Türrahmen, warf den Hut irgendwohin und hing nun
-ganz und gar tief über dem Erinnerungsfeld jenes Tages, wo Jasons
-schwarzer Körper aus dem Grün der Teichoberfläche erschien, an einem Arm
-emporgezogen, und er sah die klebenden grünen Blattlinsen auf dem
-bleichen Gesicht. Unkas stand da, verzerrt, der Maler ging neben ihm,
-der Maler saß im Zimmer in der Fensterbank, am Tisch, schob seinen
-Bleistift in der Blechhülse, und da war das weiße Zeug des Vorhangs an
-Magdas Fenster in der Nacht, die kleinen Kronen der Obstbäume in der
-Dämmerung, das Spalier an der Hauswand, und nun war er im Zimmer, legte
-die weiße, fremde Gestalt auf das offene Bett, -- diese fremde Gestalt,
-fremde, fremde, fremde -- wiederholte er immerfort, und die Kälte des
-Augenblicks fühlte er, und fragte sich, ob das immer so sei, wenn man
-eine Frau --, dies -- Sichentkleiden, dieser schaurige Stillstand in den
-erst glühenden Empfindungen, und dies -- Sichzurechtlegen und Rücken und
--- Gepeinigt von diesen Empfindungen mußte er sie um so hartnäckiger
-verfolgen, erinnerte sich des wilden kleinen Wesens in München,
-Fliddridd -- ja, das war freilich ganz anders, viel natürlicher, denn
-die war selber äußerst bei der Sache gewesen -- -- aber wenn eine Frau
-selber nichts -- -- du mein Gott, ja -- das Blut schoß ihm siedendheiß
-in den Kopf -- was ging denn während dieser Zeit in ihr vor, die da vor
-ihm lag und still hielt, was dachte sie denn, was fühlte sie denn? und
-war sie nicht weiter von ihm weg als der Sirius von der Sonne? Und was
-war denn das, was er tat an ihr? Hatte er sie nicht einfach
-vergewaltigt?
-
-Georg schüttelte aufgeregt diese Vorstellungen ab, seufzte, fühlte das
-Metall seiner Zigarettendose glühend heiß und feucht in der linken Hand
-in der Hosentasche, zog es hervor, zündete mit flackernden Händen eine
-Zigarette an und zog mit heftigem Genießen den Rauch in die schwellende
-Lunge hinunter. Das abgeglühte Streichholz in die Aschenschale auf dem
-Schreibtisch legend, dachte er: Ich wußte es ja, man liebt eine Frau
-niemals weniger als in dem Augenblick, wo man sie -- liebt, denn im
-glühendsten Momente dann -- ist sie ja auch nicht mehr vorhanden,
-sondern bloß -- das Feuer, in dem man selber schon vergeht, und ein
-minuten-, ein sekundenlanger Blick Auge in Auge enthält ein
-tausendfaches Mehr an Glut und Unauslöschlichkeit. Liebend besitzen kann
-ich jede, liebend anschauen -- wie wenige! Aber Magda? -- Magda? --
-
-Er merkte, daß er unbewußt nach seiner Brust getastet hatte, denn dort
-hatte sich wieder der Druck gezeigt, das Angstgefühl, das lange
-bekannte, das im Augenblick schon da war, wenn er allein war, und das
-ihn lähmte, das Morgen verschleierte, das Gestern verhüllte, das Heute
-entfärbte. Doch fand er, es sei leichter geworden, loser ...
-
-Es zuckte in ihm, aufzuspringen und in das geheime Zimmer
-hinüberzulaufen, das Zimmer der Königin ... Allein in dem Sessel, in den
-er gesunken war, saß er unbeweglich fest, bald nichts mehr spürend als
-unerkennbare Gedanken und Vorstellungen, die an ihm zehrten.
-
-
- Erasmus
-
-Renate vernahm, als die Quartettgesellschaft -- Irene, Ulrika, Benno
-Prager, Saint-Georges, Sigurd nebst Schwester und Magda -- an einem
-Sonntagnachmittag auf dem Rasenplatz im Montfortschen Garten
-buntgestreifte Reifen warf, plötzlich aus dem Gang zur Straße neben dem
-Haus einen hitzig prasselnden und knatternden Lärm, und kaum daß sie
-hinsah, sauste mitten in die schreiend auseinander Stiebenden ein
-rädriges Ungetüm, schnaubend und zischend, mit einem ganz ledernen Kerl
-darauf. Da hielts stille, und da wars Bogner, von dessen Gesicht eine
-Brille fiel, und der lautlos lachte auf seine Art, während sie
-ringsherum wie angewachsene Daphnes, wenigstens was die Frauen anlangt,
-in mehr oder minder zierlichen Posen verharrten. Aber nun umdrängten sie
-ihn und beschimpften ihn wie die Sperlinge, wie die Krähen eine muntre
-Eule, und er berichtete, daß er schon wochenlang auf diese Weise unter
-die Dörfer über die Haide fliege, -- »jedoch«, sagte er, »nicht jede
-vernichtete Gans wird ein Stilleben.« Nun habe er allerlei Dinge
-gesammelt, wolle gleich anfangen, und zwar, mit Renates Erlaubnis, in
-der Kapelle, die er mit sechs schönen Engeln schmücken wolle.
-
-»Was kostet ein Engel?« fragte Irene, fragten sie Alle. Alle wollten
-möglichst einen Engel haben. Bogner sagte, er verkaufe nur an fremde
-Leute und an Herzöge, und da waren sie tief niedergeschlagen, denn
-keiner wollte ein fremder Mensch sein, und keiner war ein Herzog, und
-schenken lassen konnten sie sich doch auch nichts, woran der Maler ja
-nun auch keineswegs dachte. Sie sollten nicht böse sein, sagte er
-begütigend, er wollte später jeden von ihnen in schwarzem Papier
-ausschneiden, dann könnten sie sich gegenseitig mit ihren Konterfeis
-beschenken und dann hätten sie jeder einen Engel. -- Dies, meinten sie,
-wäre nicht ganz das Richtige. --
-
-Bogner, der sein Rad gegen das Postament der Sonnenuhr gelehnt hatte,
-fragte Renate, ob Erasmus im Hause sei, denn mit ihm müßte geredet
-werden. Er wäre ein Sonderling und möchte am Ende nicht zugeben, daß er,
-Bogner, Renate Bilder schenkte. --
-
-Ja, ob er denn wirklich nichts dafür haben wollte? --
-
-Nein, es wäre doch seine Angelegenheit und ein Geschenk für sie. --
-
-»Bogner,« sagte sie, »das kann ich nicht annehmen.«
-
-»Schnickschnack,« sagte er, »Renate Montfort kann alles annehmen. Der
-Bauer schenkt dem König Wurst, -- sind Bognersche Engel nicht ebensoviel
-wert?«
-
-Renate war überwunden, mußte aber nun fragen, warum Erasmus gefragt
-werden mußte.
-
-»Es ist höflicher«, sagte Bogner.
-
-»Bogner,« sagte sie, »Sie haben einen schönen Charakter.«
-
-Renate war plötzlich verstummt, während sie durch das Haus gingen. Warum
-sagte ich das? grübelte sie nach, einen schönen Charakter? Woher sind
-die Worte? Ein gutes Herz wollte ich sagen ... Da fiel ihr ein, daß es
-Worte Bogners waren, aus einem seiner Briefe; ihr Herz zog sich
-zusammen; als ob er alles wissen müßte, errötete sie langsam und fing
-eilig an, über Erasmus zu klagen. Sie bekomme ihn kaum noch zu Gesicht,
-er arbeite Tag und Nacht und komme nicht einmal zu den Mahlzeiten
-heraus, sondern esse in der Stadt. Der Onkel sei so still geworden und
-arbeite auch unaufhörlich, wenn nicht in der Fabrik, in seinem Zimmer.
-Die Aktiengesellschaft war ja längst vollkommen, und nun waren Onkel und
-Erasmus Angestellte im eigenen Betriebe, pekuniär war freilich alles
-fast wie früher. -- Renate verstummte, da sie inzwischen im Obergeschoß
-und vor Erasmus' Tür angelangt waren. Sie klopfte, hörte ihn laut Herein
-rufen und öffnete.
-
-Sie hatte erwartet, daß er am Schreibtisch sitzen werde, aber er stand
-mitten im Zimmer, halb den Rücken zur Tür, das Gesicht über die Achsel
-hergewandt, die linke Hand auf dem Rücken. Süßlicher Qualm erfüllte den
-Raum, und als er sich zur Türe umdrehte, wurde in seiner linken Hand
-eine halblange Jägerpfeife mit Troddeln sichtbar. So schien er
-umhergewandert zu sein, und die Schreibunterlage auf dem Schreibtisch
-war leer. Dieweil er Bogner freundlich die Hand gab und mit seiner
-tiefen Stimme ein paar Bemerkungen über seine Belederung machte, sah
-Renate sich verstohlen um, da sie noch nie hier oben gewesen war.
-
-Es sah wie in einer Studentenbude aus; ein schiefes Bücherregal hing an
-der Wand, Stapel und Stöße von wissenschaftlichen Zeitschriften lagen
-auf Stühlen und Teppich, ein Schrank stand halb offen, ein Mantel hing
-vom Sofa an den Boden, alle Bilder hingen schief. Unbewußt rieb sie die
-Knöchel der rechten Hand in der Linken, als ob sie fröre. Erasmus'
-»Wollt ihr euch nicht setzen?« klang steif genug zur übrigen
-Unwohnlichkeit. Bogner, in seiner Lederjoppe breiter aussehend als
-früher, lehnte sich gegen den Schreibtisch, sprach von seinen Malplänen;
-Erasmus nickte dazu und sagte am Ende nur, wenn es ihm, Bogner, gerade
-darauf ankäme, seine Engel in Renates Kapelle unterzubringen, so solle
-ers gewiß tun, bezahlt kriegte er ebenso gewiß nichts dafür, und Renate
-fragte sich mitleidig und unwillig, ob er Bogners Andeutung vom Schenken
-nicht verstanden habe oder absichtlich alles ins Geschäftliche zöge.
-
-Sie hätten nichts übrig, sagte Erasmus, alles würde auf die hohe Kante
-gelegt, »aber«, sagte er, nach seiner Art plötzlich in Wut ausbrechend,
-»der Teufel soll mich holen, wenn ich nicht alle Lust verliere, wenn ich
-dich jeden Tag in dieser weißen Fahne herumlaufen sehe! Meinst du, wir
-sind Bettelleute geworden? Etwas mehr Takt, das möchte ich denn doch
-bitten, meine Liebe!«
-
-Renate fing unwillkürlich an zu zittern, fand aber einen Ausweg. »Wo
-hast du mich denn gehen sehn, Erasmus?« fragte sie.
-
-Er wandte sich weg und murrte, sie habe wohl vergessen, daß sein
-Schlafzimmerfenster auf den Garten hinausgehe, und das schien Renate
-eine so dumme Ausrede, daß sie lachte und sagte: »Es ist doch Sommer,
-Erasmus, da trage ich nur Weiß und doch nicht immer dasselbe Kleid!«
-
-Auf einmal war sie mutig geworden und wagte die Bitte, ob er nicht auch
-in den Garten kommen wolle, Herzbruch komme nachher, um seine Frau zu
-holen, der sei doch ein alter Freund von ihm, was der denn denken solle.
-
-»Sag, daß ich arbeite!« schnob er, jedoch nicht unsanft.
-
-»Erasmus,« sagte sie, »das ist nicht wahr.«
-
-Er stand am Papierkorb, hatte den Pfeifendeckel aufgeklappt und rührte
-mit Irgendetwas in der Asche, die herausfiel. So gut und dumm ist er,
-dachte Renate, nun fällt ihm wahrhaftig nichts ein, seine Stirn ist ganz
-runzlig vom Nachdenken, und die Augen quellen heraus.
-
-»Wo ist dein Onkel?« knurrte er endlich, ohne aufzusehen, blies in die
-Pfeife und schüttete den Rest heraus.
-
-»Erasmus, müssen die Dinge denn mit Gewalt immer noch schärfer und
-eckiger gemacht werden?«
-
-Er klappte die Pfeife zu, legte sie auf die Tischplatte, sah auf und
-sagte ruhig:
-
-»Geht nur, geht, es nützt ja nichts.«
-
-»Erasmus!« -- bat sie, aber es war nichts mehr mit ihm anzufangen, er
-schob Bogner zur Tür, und sie ging mit gesenktem Kopf und rasch an
-Beiden vorüber hinaus.
-
-»Bogner, bin ich so ungeschickt gewesen?« klagte sie draußen. »Wenn ich
-nur Saint-Georges gefragt hätte, der weiß immer alles. Sie zucken
-natürlich die Achseln.«
-
-»Ich,« meinte der Maler, »wenn ich er wäre ...«
-
-Renate hob die Schultern, machte ein feindliches Gesicht und stieg
-schnell und mit möglichster Ruhe vor ihm treppab.
-
-Unten aber zwang etwas sie, stehen zu bleiben, sich nach ihm umzuwenden
-und zu fragen: »Wollten Sie mir nicht noch etwas erzählen? In Ihrem
-letzten Brief ...« Der Maler nickte, meinte aber, es fände sich wohl
-einmal eine Zeit, wenn er erst am Malen sei und nicht könnte.
-
-»Ach, ihr seid eine Horde von Egoisten!« lachte Renate, »wie soll das
-überhaupt mit der Malerei werden, Sie malen womöglich den ganzen Tag?«
-
-Kohleaufrisse, sagte er, könne er auch nachts machen, aber die Musik
-würde ihn gewiß nicht stören, nein, Musik sei sogar ein ganz ungemeines
-Geräusch.
-
-»Himmel, Maler!« brach sie aus, »denken Sie denn nun wahrhaftig nicht
-daran, daß Sie uns stören könnten?«
-
-Sie lachten Beide; nein, er hatte nicht daran gedacht, versicherte aber
-nun, daß er ganz wenig Platz brauche, und versprach, immer nur an einem
-Fenster zu malen.
-
-»Sie waren doch auf der Schule mit Erasmus,« sagte sie plötzlich, »wie
-machten Sie es denn da, wenn er nicht wollte wie die Andern?«
-
-Sie standen in der Veranda. Der Rasenplatz war leer, von der Kapelle her
-tönten Orgelklänge gedämpft, nur Irene stand neben Bogners Rad,
-sanfthüftig und anmutig in ihrem, gegen die Füße leicht verjüngten
-weißen Kleid, und drückte vergeblich an Bogners Huppe herum, ohne einen
-Ton herauszubekommen. Die schöne Nachmittagsglut fiel in breiten
-Streifen durch das Gartengrün, und darüber standen sie schweigend. Im
-Rasen erglänzte hier und da ein Stück von einem bunten Reifen. Der Maler
-sagte laut: »Beide Hände! Mit beiden Händen gehts!«
-
-Irene, hochrot im Gesicht, flog herum, blitzte ihn an und entfloh über
-den Rasen nach der Kapelle hin.
-
-»Damals«, sagte der Maler, »blieb jeder sich selbst überlassen; wer sich
-abgesondert hatte, mußte sich freiwillig wieder herzufinden. Oder es
-wurde geboxt; das geht nun nicht mehr. Erasmus war immer ein Topf ohne
-Henkel.« Er hob die Achseln. »Das sind wir Alle im Grunde. Ihr Frauen
-solltet wohl eigentlich diejenigen sein, die immer noch eine Handhabe
-entdecken. Leiden machen unbeweglich, ich weiß das. Wenn dann kein Gott
-zugreift, steht solch einer ewig am Feuer und brennt.«
-
-»Und da soll man warten, bis sie ausgekocht haben?« fragte Renate, »o
-Bogner!«
-
-»Wir reden in Gleichnissen«, sagte er beinah ungeduldig »Steht der Topf
-denn an Ihrem Feuer?«
-
-Sie stand, ihre lange Kette von rosenroten Korallen in den Händen, und
-zog die straffgespannte langsam an den Lippen hin und her. »Ja, in
-meinem Hause jedenfalls,« sagte sie endlich leise, »und doch scheint
-mir: es ist alles verzaubert, und ich kann den Spruch nicht finden.
-Glauben Sie, Bogner,« fragte sie ratlos, »daß ich Josef schreiben soll,
-daß er wiederkommt? Ach Gott, ich habe ja keine Ahnung, wo er ist!«
-klagte sie mutlos und ließ den Kopf hängen.
-
-Sie sah Bogners Rechte, die er ihr reichte, legte die ihre hinein, sah
-ihn gehn und blieb, wo sie stand, ohne zu denken, ohne sich zu bewegen,
-bis wieder Schritte laut wurden und Herzbruchs breite Kaufmannsgestalt
-und sein gelehrtes Gesicht hinter der runden Hornbrille in der Tür
-erschienen.
-
-
- Mensur
-
-Georg, am Leibe weiter nichts als das einärmelige Mensurhemd und die
-oftgewaschene alte Leinenhose, setzte sich rittlings auf den alten
-Bandagierstuhl, kreuzte die Arme auf der Lehne und ließ sich von
-Tastozzi eine nach der andern die viele Meter langen, fast handbreiten
-schwarzen Halsbinden umwickeln, die, glitschig vom Blut und Schweiß
-vieler Wunden des Mensurtages, stanken wie der Teufel. Aber wundervoll
-war wieder die unendliche Sorgsamkeit, mit der Tastozzi wickelte, sanft
-legend die klebrigen Riemen wie Wundbinden von weicher Gaze, nachtastend
-mit der Linken und immer wieder fragend: »Ists so recht, Georg? Drückts
-auch nicht?« Nichts drückte, im Handumdrehn steckte der Hals in einer
-weichumschließenden Wand, um die noch die handhohe wattierte Manchette
-leicht umgeschnallt wurde. »Sitzts?« »Danke, glänzend!« O Tastozzi war
-dunkel, aber eine Seele! Das wußte, wenn kein Andrer, Georg. Er sah
-dankbar auf, allein Tastozzi hatte sich schon zur Fensterbank hinter ihm
-abgewandt, wo die Armbinden aufgehäuft lagen.
-
-Von diesen sanfteren Empfindungen abgesehn, befand Georg sich nicht in
-der bänglich freudigen Laune seiner früheren Waffengänge. Früh erwacht,
-nach wenig Schlaf, endlos wachen Stunden übler Peinigungen des
-Geschlechts, Halbtraumvisionen in endlos hartnäckiger Jagd, hatte gleich
-der Gedanke an seine noch immer nicht restlos vernarbten Kopfwunden sich
-festgesetzt: beim Betrachten der kaum behaarten Stelle im Spiegel zeigte
-sichs, daß sie wieder geschwitzt hatten. -- Ekelhaft, so mit offenem
-Kopf zu fechten!
-
-Georg blickte finster gegen die blaugetünchte Wand des kahlen kleinen
-Raums, der leer war -- Tastozzi setzte seine Eigenart durch, beim
-Anbandagieren keinen Zuschauer zu dulden -- leer, bis auf die Tische,
-die drüben gehäuft voller Bandagen, Schurze, Drahtmasken und
-Sekundantenspeere mit farbigen Körben, an den Wänden links und rechts
-dagegen bedeckt waren mit dem ganzen Rüstzeug der Ärzte, auf Wattelagern
-ausgebreiteten Scheren, Zangen und Nadeln, flachen Schalen voll rosiger
-Sublimatlösung und Bergen von Watte. Georgs Blick schweifte abweisend
-drüber hin und heftete sich auf den eigenen nackten Unterarm, den er
-hochhielt, die Faust schon im gepolsterten Handschuh, während Tastozzi
-die Handgelenkbinde von dünnem gelbgrünem Flanell zart und fest umlegte:
-der Arm gefiel ihm, wie er war: glänzend weiß, kräftig und harmonisch
-gebaut, und »Schöner Arm, nicht?« brummte er halbfragend. Der Andere
-schwieg, die grauen Augen im gelblichen, dunklen und eckigen Gesicht mit
-voller Aufmerksamkeit auf die Schleife gerichtet, die seine Finger
-knüpften, worauf er, ohne hinzusehn, die erste Armbinde von der
-Fensterbank griff und die zu Boden hängende geschickt aufrollte, dann
-den Ballen um Georgs Arm abzuwickeln begann. Georg folgte gedankenlos
-mit den Augen, immer wieder das leise: »Sitzts, Georg? Drückts auch
-nicht?« hörend und die linke Hand Tastozzis sehend, deren Finger er auf
-jede neue Lage prüfend aufsetzte; und er wickelte bereitwillig wieder
-und wieder zurück, schon auf Georgs leisestes Antwortzaudern hin. Es war
-eine Lust, von Tozzi bandagiert zu werden!
-
-Die beiden krassen Füchse, der jüngere Ellerau und von Germersheim,
-kamen hereingeschlendert und fragten Georg zum siebenten Male, wie er
-sich fühle.
-
-»Ich habs euch schon sechs Mal gesagt: glänzend! Macht bloß, daß ihr weg
-kommt; nicht wahr!« schnob Georg und bewegte das Handgelenk noch einmal
-prüfend, ehe er Tozzi den dünn wattierten schwarzen Seidenärmel über das
-Ganze ziehen ließ.
-
-»Gib mal Speere her, Rudi!« befahl er dann. »Ellerau, geh mal fragen,
-wer auf Gegenseite sekundiert. Hoffentlich nicht Everdingen, der fällt
-immer -- was ist, Tozzi?«
-
-»Nichts. Du kannst aufstehn.«
-
-Georg erhob sich. »Die ekelhafte Hose klemmt immer so!«
-
-»Man sollte nackt fechten«, hörte er Tozzi hinter sich. -- Rudi, mit
-zwei Mensurspeeren in den Händen vor ihn tretend, meinte lachend: »Baden
-muß man ja sowieso hinterher.«
-
-»Hol einen Schurz, Rudi, und red nicht, eh du gefragt wirst.« Georg
-führte abwechselnd mit jeder der beiden Klingen in den kürbisgroßen,
-blauweißschwarzen Blechkörben ein paar Lufthiebe, und trat zurück, da
-sein Gegner, fix und fertig gerüstet, den Arm auf der Schulter eines
-Korpsbruders hereinkam und sich verbeugte, ein mittelgroßer, schwerer
-Mensch mit gedunsenem Gesicht, aber friedlichen kleinen Augen.
-
-Während Tozzi ihm dann den von Germersheim gebrachten großen Lederschurz
-vorhängte, der, steif wie ein Panzer, eine neue Wolke beißenden Schweiß-
-und Blutgeruch ausströmte, fragte er, in Georgs Rücken festschnallend:
-»Hast du noch irgendeinen Wunsch? Fürs Sekundieren mein' ich?«
-
-»Ich wüßte nicht ...« Da kam Ellerau zur Tür herein. »Also wer
-sekundiert drüben?« fragte Georg halblaut.
-
-»Altenburg soll er heißen.«
-
-»Gott sei dank. Also dann, Tozzi,« fuhr Georg leise fort, »nur eins,
-nicht wahr, was ich immer schon sagte: nie einfallen, wenns nicht
-unbedingt notwendig ist, -- Abfuhr oder so. Ich -- ja um Gottes willen,
-Rudi, bring mir bloß die Speere nicht durcheinander, nicht wahr! Ja,
-welchen hab ich denn nun eigentlich ausgesucht? Gieb den noch mal her!
-den, wo du grad -- -- nicht den! den andern! Sakrament noch mal, ihr
-Füchse seid eine Gesellschaft, nicht wahr!«
-
-Bei dem Lufthieb aber, den er mit dem empfangenen Speer ausführte, hätte
-er sich ums Haar das Handgelenk verrenkt; es schmerzte, und das war ein
-Omen. Georg fluchte leise und sagte, er nähme den andern, Ellerau sollte
-ihn in der Hand behalten. -- Der erklärte hochherzig, er testierte Georg
-ja sowieso, worüber sein großer Bruder hereinkam und sich wunderte, daß
-Georg noch nicht fertig war.
-
-»Die Brille, Tozzi«, sagte Georg beklommen. Der Augenblick, wo das
-blindmachende, tränenerregende Eisengestell mit Drahtvergitterung um den
-Schädel geschnallt wurde, war jedesmal der schlimmste.
-
-»Was wolltest du mir denn noch sagen?« hörte er Tozzi fragen, der
-gleichzeitig sanft den Brillenbügel -- der Gute hatte ihn zuvor mit
-Watte umwickelt -- auf Georgs Nasenwurzel legte. Es ward dämmrig vor
-Georgs Augen, dann fühlte er, wie unendlich behutsam die Schnalle am
-Hinterkopf zugezogen wurde und -- nicht ohne leise Rührung, daß Tozzis
-Linke die kurzen Haare, um sie nicht einzuklemmen, nach oben strich. Die
-Riemen zogen sich zusammen, langsam, weich, dann ein kleiner Ruck; die
-Brille saß. Wundervoll!
-
-»Ja -- also du weißt ja, nicht wahr! Ich ziehe beim ersten Hiebe immer
-nur an, nicht wahr, komme also erst beim dritten, nicht wahr, auf Terz
-heraus und dann mit der Hakenquart. Von der Uhlenburg bolzt zwar sicher,
-aber für alle Fälle, nicht wahr -- nicht einfallen! auch wenn du mal
-Blut -- -- Also kanns losgehn?«
-
-Der Raum war jetzt gedrängt voll stehender Korpsleute aller Farben;
-Georg wurde durch die Mauer geschoben und geführt, fand sich plötzlich
--- was ihm ein leichtes Leeregefühl in der Magengegend versetzte -- vor
-der leeren Saalmitte voll blutfleckiger Sägespäne, fünf Schritt
-gegenüber seinem Gegner, der puppensteif auf einem Stuhl hockte, das
-Gesicht halb verdeckt von der eisernen Brille, an der noch ein
-Nasenblech saß, den rechten Ellbogen auf dem hochgestützten Knie seines
-Testanten, so daß die Schlägerklinge senkrecht emporstand. Und indem
-Georg merkte, daß ihm von hinten ein Stuhl untergeschoben wurde, hörte
-er durch das gedämpfte Stimmengemurmel ruhig und vernehmlich sagen:
-»Silentium für die Mensur.«
-
-Mein Leder! dachte Georg und vernahm, sich nach links wendend,
-gleichzeitig Tozzis tiefe Stimme: »Mein Paukant ist noch nicht fertig.
-Das Leder fehlt. -- Ist es groß genug?« fragte er, Georg die
-handtellergroße, lederbezogene Platte von Eisenblech an ihren schwarzen
-Bändern vorhaltend. »Ich denke«, erwiderte er, aber nun gabs erst
-Aufenthalt. Der Unparteiische trat herzu. Andere von beiden Seiten
-steckten die Köpfe vor, alle wollten das »überlebensgroße Leder« sehen,
-das »Geburtstagsleder«, wie eine Stimme sagte, bis der Arzt kam, Georg
-den Kopf senken ließ, kaltfingrig auf der nackten Stelle tastete und das
-Leder für ordentlich erklärte. Bis es über den noch unvernarbten Wunden
-festgebunden war, verging noch eine Minute, und Georgs Arm mit der Waffe
-auf der Schulter des Fuchsen war unterweil lahm geworden.
-
-Endlich trat gegenüber der Sekundant vor seinen Fechter und erklärte,
-die Drahtmaske vom Gesicht lüftend, sein Paukant trete mit Nasenblech an
-wegen Nasenoperation; worauf Tastozzi -- plötzlich überaus schlank und
-kraftvoll erscheinend, die Drahtmaske ritterlich im Arm, die Klinge
-schräg nach unten -- das Leder verkündete.
-
-Georg schöpfte tief Atem; gleichwohl haftete die Bedrängnis in seiner
-Brust.
-
-»Silentium für die Mensur.«
-
-Georg trat zugleich mit seinem Gegner vor, so daß sie wenig mehr über
-einen Meter voneinander entfernt standen. Dann erstarrte in ihm die
-letzte Beängstigung, während die Sekundanten mit ihren Schlägern den
-Abstand von Brust zu Brust maßen, und Georg, noch auf seine Münchener
-Art die Faust im Korbe dicht überm Hinterkopf haltend, so daß die Klinge
-hinten herunterhing wie ein Zopf, biß die Zähne zusammen. Das letzte,
-was er deutlich hörte, war drüben das gellende: »Auf die Mensur!« Zwei
-Sekunden später sah er die schräg vorragende Speerspitze des Gegners
-sich bewegen und hieb selber zu. Dann kam eine längere Zeit blinden
-verbissenen Dreinhauens, kurzes Pausieren, wieder Dreinhauen; er fühlte
--- gar nicht wie etwas Dazugehöriges -- keulenschwere Schläge auf seinen
-Schlägerkorb und den Arm fallen und sah endlich aus der, vom
-Brillenriemen eingeschnürten Stirn dadrüben einen Blutstropfen quellen,
-dann einen kleinen roten Riß. Alsbald gab es eine Pause. Ein Mensch in
-weißem Kittel, Arzt, erschien und verdeckte für Augenblicke den Gegner.
-
-Georg, keuchend und schwitzend, atmete erleichtert auf, augenblicks --
-wie immer -- ruhiger geworden beim ersten Blut, und konnte sogar
-lächeln, da er mit einem Blick nach links unten Tozzi sich nach seiner
-Gewohnheit auf beide Absätze hocken sah, statt nur sich über das
-durchgedrückte linke Knie nach hinten zu beugen, -- um aus dieser
-Stellung schneller hochfliegen zu können, wenns not war.
-
-»Silentium für den Fortgang der Mensur.« Durch die Drahtmaske Tozzis
-glaubte Georg ein ganz kleines Augenlächeln aufblinken zu sehen. Als
-zeige er eine kleine Blume dahinter, dachte Georg dankbar.
-
-Er hatte aber noch kaum zum ersten Hieb wieder ausgeholt, als er einen
-schmetternden und so wütend schmerzhaften Keulenschlag langhin über den
-Kopf erhielt, daß er zusammenzuckte und taumelte. Zum Hiebe kam er
-nicht, seine Klinge wurde aufgefangen, er hörte Halt schrein, hörte
-Tozzis Stimme, dann wieder den Gegensekundanten: »Auf Gegenseite wurde
-zurückgegangen?«
-
-»Infolge der Wucht der Hiebe?« Tozzi.
-
-»Ich habe nichts bemerkt«, erklärte der kleine Unparteiische, auf seine
-Notizkarte blickend.
-
-Georg, noch halbblind vor Schmerz, wollte »bitte Pause!« sagen,
-verhinderte sich jedoch noch rechtzeitig, da das wie ein Zugeständnis
-ausgesehen hätte, auch war da plötzlich, von der Maske verdunkelt,
-Tozzis Gesicht mit blitzenden Augen vor ihm, aus dem es zischte: »Nimm
-dich zusammen, Georg, du zuckst ja!«
-
-Georg schwieg. Einen Augenblick danach war er im heißen Kampf. Zweimal,
-dreimal riß es wie Feuer über seinen Kopf hin, er schäumte vor Wut,
-mußte warten, da es wieder Anfragen gab wegen seines Taumelns und
-Zurücktretens, -- ich zucke nicht, dachte er weinend und hieb mit
-blinden Augen auf eine kaum sichtbare rote Kugel los, dann hörte er ein
-Geschrei: »Leder weg!« und wieder die Frage: »Wurde zurückgegangen?« Er
-lauerte auf die Antwort nach Tozzis augenblicklichem: »Infolge der Wucht
-der Hiebe?« und hörte erst nach Sekunden ein trockenes: »Nein.«
-
-Georg saß und fühlte Hände an seinem Kopf beschäftigt. Besorgt und mit
-einem tiefen Ausdruck von Güte beugte Tozzis Gesicht ohne Maske zwischen
-Andern sich über ihn; er fragte ängstlich: »Habe ich noch gezuckt,
-Tozzi?« Der bewegte verneinend den Kopf und lächelte. Indem hörte Georg
-die Stimme des Arztes über sich, der ruhig bemerkte, die alten Schmisse
-seien aufgeplatzt, er verbürge sich nicht für weiteres ... Eine große
-Hand umspannte Georgs Schädel, Elleraus gutherzige Augen erschienen über
-ihm, bevor er den Kopf senkte. Als er wieder aufsah, stand Tozzi zwei
-Schritte vor dem Unparteiischen, verbeugte sich genau wie zu Anfang und
-sagte: »Herr Unparteiischer, wir führen ab«, worauf er sich schlank
-umdrehte, seinen Speer wütend auf die Erde schleuderte, den Handschuh
-von der Hand zerrte und hinterdrein schmiß und ganz bleich flammenden
-Gesichts Ellerau mit halber Stimme anfuhr: »Ich habs euch vorher gesagt,
-ich! Das war eine Roheit!« dann sich wegdrehte und hinausging.
-
-Wieder rittlings auf einem Stuhl, jetzt die Stirn auf den Armen, von der
-heißen Bandagenrüstung erleichtert, den schrecklich schmerzenden Kopf
-von kühlenden Wattebäuschen betupft, fragte Georg den Arzt, ob wieder
-genäht werden müßte. -- Das sei leider unmöglich; man müßte es so zu
-heilen versuchen. Eine böse Geschichte. -- Wie lange es denn dauern
-könne? -- Nicht unter sechs Wochen.
-
-Georg sank das Herz. Daß die Mensur zu alledem schlecht gefochten war,
-stand fest; er mußte Reinigung fechten, dazu kam es vielleicht nicht
-einmal mehr in diesem Semester, so war er gezwungen, auch im nächsten
-noch aktiv zu bleiben. Sein ganzer Kopf schwamm in Schweiß und Feuer; er
-glaubte ohnmächtig zu werden, hob den Kopf schwankend und sah noch
-Tastozzis Gesicht und Gestalt, der mit einem Glase Wasser zur Tür
-hereinkam. Trinkend kam er rasch zu sich, fröstelte, nahm sich zusammen
-und sagte, mühsam scherzend: »Bei der nächsten wetzen wirs aus, Tozzi,
-was?«
-
-Der fragte unbeweglich blickend: »Wann?«
-
-»In sechs Wochen, sagt der Arzt.«
-
-Drei Sekunden lang sah Georg Tastozzis Augen fest und seltsam stille
-gegen die seinen eingestellt, dann bewegte er stumm den Kopf auf und
-nieder und wandte sich ab, sein Glas auf den Tisch zu setzen. Der Arzt
-hob die rotgewaschenen Hände voll Watte über Georg, der den Kopf senkte
-und sich verbinden ließ.
-
-
- Esther
-
-Georg, den Kopf mit erhitzenden Binden umwickelt, dampfend von Angst,
-Öde und Jammer, saß im tiefsten Sessel dicht vor der Glastür zum Garten
-und sah den Regen in massig fallendem Strom durch den dämmernden Abend
-niederstürzen, laut rauschend im Blätterwerk der Gebüsche, aus denen
-überall weißliche Blüten, zerrissenen Nachtschmetterlingen gleich,
-hervortrieben und umhertaumelten. Ein Türgeräusch weckte ihn aus halbem
-Schlaf, er hörte Egons Stimme hinter sich und drehte sich langsam um. In
-der Kaminecke schwebte, erleuchtet, der grüne Lampenumhang, zwei
-Gestalten kamen den Flur herab auf die offene Tür zu, dann erkannte er
-Esther und Sigurd und sprang erleichtert auf.
-
-Herr du meines Lebens, wie sie trieften! Das war ja unerhört! -- Sigurd
--- noch über den Stufen oben -- zog mit zwei Fingern den Stoff seiner
-Hose vom Bein ab, um zu zeigen, wie er klebte, Esther schwenkte ihren
-Hut, daß es spritzte, und schüttelte den Kopf. Da flogen alle Kämme und
-Nadeln aus dem Haar, und der schwarze Schopf schlug ihr ums Gesicht;
-vorn senkten sich die Bögen des Scheitels, und sie drückte die gewölbten
-Hände dagegen, hob das Gesicht und lachte innig, während Georg
-erstaunte, denn sie war ja unbeschreiblich kostbar und chinesisch
-anzusehen! Diese feinen, halbkreisrunden Brauen unter dem weißen Dreieck
-der Stirn -- wie ein marmorner Giebel --, die geschlitzten, glitzernden
-Augen, und der Mund, ah, er war erstaunlich süß, denn er hatte einen
-Bart, einen entzückenden, verführenden Flaum von Bart über den
-Mundwinkeln! Esther hieß sie? Sie war ein wenig klein, Rebekka hätte
-besser gepaßt, wie sie dem langen Jakob auf den Zehen den Krug zum Munde
-reichte und alle Kamele mit himmlischem Wasser tränkte, -- aber was nun?
-Kleider mußten herbeigeschafft werden, dies war ja ein gottvolles
-Unwetter!
-
-Georg hob den Deckel der Truhe in der Kaminecke.
-
-»Dies«, sagte er, »ist ein völlig ungetragener Bademantel, dunkelrot mit
-handbreiter blauer Kante, der steht Ihnen fabelhaft, Sigurd, ziehen Sie
-ihn schleunig an! Und hier, aus diesen Seidenpapierhüllen schält sich --
-aha! aha! ein Morgenkleid der Weimarer Werkstätten in ungefährer Form
-eines japanischen Kimonos!« Und er machte wollüstig verlockende Augen zu
-Esther, welche die Hände zusammenschlug über der breit entfalteten
-braungoldenen Seide, bestickt mit schwarzgestielten und kupferfarbenen
-Mohnblumen, vom Saum nach oben steigend. Augenblicks öffnete Georg sein
-Schlafzimmer, machte Licht, warf das Kleid über sein Bett, schob das
-Mädchen hinein und machte die Tür zu. Dann half er Sigurd die klebenden
-Hosen vom Leibe, wobei der erzählte, wie sie jählings im Park von dem
-Unwetter überrascht und hergeflüchtet seien, natürlich Esthers wegen,
-die behauptete, es wäre näher hierher als bis zur elektrischen Bahn, und
-das freute Georg über die Maßen. Der blasse Egon half lächelnd bei den
-Stiefeln und stürzte davon, um den Tee zu beschleunigen. Esther steckte
-den Kopf aus der Tür und rief: »Schuhe! ich habe alles ausgezogen!« Aber
-da war nur ein Paar japanischer Holzschuhe in der Truhe mit zwei Zoll
-hohen Sohlen, die reichte Georg hinein, und nach einer Weile ging die
-Tür auf, und sie kam herein, o wunderbar! auf ganz kleinen, vorsichtigen
-Schritten, so daß sich kaum das Kleid bewegte, das sie weit und mächtig
-umfloß, die Unterarme vor der Brust gekreuzt, das Haar hochaufgesteckt
-und mit einer sehr lieblichen Königinnenhaltung des kleinen Hauptes. Ja,
-da stand nun Sigurd und sah wie ein Hoherpriester aus mit seinem langen,
-ernsten Gesicht, schweren Augen und dunklem Haarbusch in dem langen
-roten Kleid. Egon räumte die Bücher vom niedrigen Tisch, setzte das
-Teegeschirr auf, Georg zog die Lampe mit dem grünen Umhang tiefer und
-konnte sich nicht satt sehn. Esther drehte sich um und um, und überdem
-zirpte das Telephon vom Schreibtisch. Georg nahm den Hörer auf und
-vernahm drüben Bennos Stimme, der mit unzählbaren Entschuldigungen
-vortrug, Frau Tregiorni, Herr Bogner und Herr Saint-Georges seien schon
-den halben Nachmittag bei ihm und säßen nun fest, und nun wollten sie
-Tee trinken, -- worauf nach einem unverständlichen Gemurmel Ulrika
-Tregiornis Stimme erschien, die Georg beglückwünschte, daß er da sei,
-denn Jason al Manach fehle, um Geschichten zu erzählen, und er hätte
-sicherlich was vorzulesen. Georg freute sich heftig, bat sie aber, zu
-ihm herüberzukommen, da sie etwas Erstaunliches zu sehen bekommen
-würden. Das versprach sie gerne.
-
-Unterweil hatte Esther Tee eingeschenkt und saß auf den Knien ihres
-Bruders, der in einen Ledersessel versunken war und sie umschlungen
-hielt, während sie vorsichtig die dünne Tasse an seine Lippen setzte,
-aber er schüttelte heftig den Kopf, es sei viel zu heiß! worauf sie ihm
-gut zuredete, und dann trank er wieder einen Schluck, und sie schwätzte
-erstaunlich dummes Zeug dazu. Auf dem Flur draußen aber entstand ein
-Getöse von schlürfenden Schritten und Stimmen und unmäßiges Gelächter,
-und dann flog die Türe auf mit einem heftigen Ruck, und -- ja da standen
-sie!
-
-Esther nämlich war entsetzt aufgesprungen und stand nun, mit den Füßen
-heimlich ihre halbverlorenen Schuhe angelnd, etwas gekrümmt, die Hände
-auf den Knien, mit den Armen ihr Kleid am Leibe festdrückend, lächelnd
-und errötend --, ja so stand sie dicht neben dem großen grünen
-Lampenumhang ihr zu Häupten. Georg stellte vor, aber darauf hörte
-niemand; endlich fragte Ulrika: »Georg, was ist dies? Ein Märchenfisch?«
-
-»Es ist Esther«, sagte er.
-
-»Aus der Bibel?«
-
-»Freilich, freilich!« -- Und da gingen sie Alle herum um Esther und
-verneigten sich, sogar Bogner, auch Benno, aber schrecklich verlegen.
-Saint-Georges schlug vor, daß sie es vormachen sollte. Was? -- Nun, das
-aus den Stücken in Esther, ob sie die Stelle nicht kennten? -- Nein! --
-Also mußte Georg eine Bibel herbeischaffen, und er hatte wirklich eine,
-eine Kunstbibel, so groß wie der Tod. Saint-Georges schlug auf und las:
-
-»Und am dritten Tage legte sie ihre täglichen Kleider ab und zog ihren
-königlichen Schmuck an.
-
-»Und war sehr schön, und rief Gott den Heiland an, der alles siehet, und
-nahm zwo Mägde mit sich, und lehnete sich zierlich auf die eine, die
-andre aber folgete ihr und trug ihr den Schwanz am Rocke.
-
-»Und ihr Angesicht war sehr schön, lieblich und fröhlich gestalt; aber
-ihr Herz war voll Angst und Sorge.
-
-»Und da sie durch alle Türen hinein kam, trat sie gegen den König, da er
-saß auf seinem königlichen Stuhl in seinen königlichen Kleidern, die von
-Gold und Edelsteinen waren, und war schrecklich anzusehen.
-
-»Da er nun die Augen aufhub, und sahe sie zorniglich an, erblassete die
-Königin und sank in eine Ohnmacht und legte das Haupt auf die Magd.«
-
-»Da wandelte Gott dem Könige sein Herz zur Güte ...«
-
-Ja, so wollten sie es machen! »Lieblich und fröhlich gestalt«, sagte
-Georg, es paßte alles genau, und er wollte die eine Magd machen, Sigurd
-sollte König sein, aber der wollte nicht, denn er wäre nicht schrecklich
-anzusehen, was Esther auch fand, aber das tat sie nur, um davon zu
-kommen, und sie protestierte auch gegen Georgs Magdtum, und Ulrika fand
-wieder, daß sie zu schlecht angezogen sei als eine königliche Magd, aber
-Georg hatte schon einen anderen Kimono aus seiner Truhe geschöpft, der
-war so blaßgrün wie ein Morgenhimmel und war zu vielen Teilen bedeckt
-mit einem Gewimmel von ganz rosa Wölkchen, silbergerandet, echt
-japanische Stickerei, also verschwand sie mit ihm und Esther strahlend
-im Speisezimmer, um sich anzuziehn, denn von dort wollten sie
-hereinkommen, und sie wollte beide Mägde zusammen darstellen.
-
-Unterweil tranken sie ihren Tee, und Benno berichtete nachträglich sehr
-errötend, daß er auf dem Wege von seiner Wohnung hierher nirgend die
-Kurbeln für das Licht habe finden können, und so seien sie entsetzlich
-furchtsam den Korridor herangetappt, denn Ulrika hätte geschworen, es
-seien überall Schächte und Wolfsgruben in diesem alten Palais,
-Saint-Georges aber hatte versichert -- Benno krümmte sich vor
-Schamhaftigkeit und Gelächter --, die Wege zu den Dichtern wären immer
-dunkel, und dann hatte er einen Schüttelreim gemacht zum Totlachen, und
-Ulrika, die alles durch die offene Tür hörte, lachte schon und schrie:
-»Nein, wie dumm! Aber herrlich war er! Sagen Sie ihn, Benno!« Und Benno
-brachte wirklich den Schüttelreim heraus, und er hieß:
-
- Ein Dichter bei den Milben saß
- Und lernte sie das Silbenmaß.
-
-Herr du meines Lebens! Georg wollte sterben vor Lachen. Er fiel auf
-seinen Stuhl am Schreibtisch, spreizte die Beine von sich, hob den
-linken Arm hoch und ließ die Hand wie eine Traube auf seinen Kopf
-hängen. »Und lernte sie das Silbenmaß!« rief er, »das ist großartig! Das
-ist ganz großartig! Das ist sogar keß!«
-
-Im nächsten Augenblick schrie Ulrika: »Fertig! Ist der König auch
-fertig?« Flugs wurde der Schreibtisch beiseite geschoben, ein Sessel vor
-die Treppe gerollt, der Vorhang vor die Fenster gelassen, -- die große
-Mondkugel schwebte milchbleich in Lüften auf und verwandelte den Raum in
-eine geheimnisvolle Palastgegend voll feenhafter Dämmerung, Sigurd
-setzte sich majestätisch zurecht und rollte die Augen, und da kamen sie
-nun herein, Esther wie zuvor, die Stirn süß gesenkt, ängstlich genug,
-Stirn und Wangen überflogen von Erröten, hinter ihr Ulrika in fließenden
-Himmelsmorgenfarben, weit zurückgelehnt, die Schleppe in ausgestreckten
-Händen, die Augenlider tief gesenkt, das dunkelrote Haar in zwei dicken
-langen Zöpfen neben den, im grünlichen Licht durchscheinenden zarten
-Wangen herabhangend. Ja, das war ein bezaubernder Anblick, die Männer zu
-beiden Seiten sanken mit flach zusammengelegten Händen auf die Knie und
-sangen nach der schönen Melodie: >Reich mir deine Hand! deine weiße
-Hand!< die Worte: »Schenk mir einen Kuß! schenk mir ei--nen Kuß!« Esther
-aber sah den König angstvoll an, wankte zierlich und wurde auf das
-anmutigste aufgefangen. Dann stand sie wieder, schleuderte aber
-plötzlich wider alle Verabredung ihre Holzschuhe links und rechts den
-Männern an die Köpfe und stürzte sich, dunkelgoldumwogt und nacktfüßig
-in die Arme ihres königlichen Bruders. Georg sagte: »Das ist ein
-duftender Abend!«
-
-
- Drittes Kapitel: Juli
-
-
- Die Friedliebende Gesellschaft
-
-Renate saß am Abend des ersten Juli, ihres Geburtstages, am Schreibtisch
-und schrieb im letzten Licht des Sommerhimmels:
-
-»Mein lieber Josef:
-
-Hiermit schenke ich dir zu meinem Geburtstage eine Stunde von ihm. Eine
-sehr kostbare Stunde, denn unten sitzen sie Alle um Jason in der
-dämmerigen Veranda und hören ihn kleine Geschichten erzählen. Du kennst
-Jason ein wenig durch meine Berichte. Wirklich ist er zu den Lebendigen
-zurückgekehrt. Nun erzählt er Geschichten. Geschichten, die er
-augenscheinlich selbst macht. Dann sitzen wir Alle um ihn herum, und er
-erzählt, halblaut, leise plätschernd, den blassen Mund immer ganz leicht
-gekräuselt, beinah möchte man sagen: kaustisch, aber das ists nicht, es
-ist bloße Freundlichkeit, immer geruht er ganz leicht, und seine Langmut
-ist ja nun unendlich. Die schwarzen Augen wandern unaufhörlich umher,
-vom Einen zum Andern, und immer muß man sich freuen, wenn man angesehn
-wird. Er weiß auch immer eine Antwort, nicht wie Georges, der Aufschluß
-erteilt und Dinge klarlegt, sondern da ist irgendwie eine sanfte, ganz
-sanfte Unabänderlichkeit in seinen Worten, sie sind so da wie eine
-kleine Wiese, sie stehen da wie ein Büschel Blumen, -- was ließe sich
-dagegen einwenden? Aber er spricht niemals von selber, man muß ihn immer
-anreden, und dann weiß er immer etwas, ach, ich könnte stundenlang davon
-schreiben! Niemals widersteht er; wenn einer spazieren gehen will, Jason
-geht mit; wenn einer im Garten sitzen möchte, Jason sitzt mit im Garten;
-wenn einer was erzählt haben will, Jason erzählt gleich was.
-Aufschreiben wollte er nichts, sagte er, er wäre kein Literat, aber
-nachdem ich ihn gebeten habe, hat er mir schon dies und das Stück Papier
-gebracht, darauf war mit ganz kleiner, zierlicher Schrift eine seiner
-Geschichten aufgeschrieben, und wenn der Bogen zu Ende war, war die
-Geschichte auch aus; das nehme er sich so vor, sagte er.
-
-Aber weiter zu den übrigen >Allen<, die ich erwähnte. Da ist:
-
-Magda, die Du kennst, doch wurde sie freilich durch Krankheit und
-Schicksal recht verändert. Wenn Du Dir eine sehr mädchenhafte und sehr
-deutsche Madonna vorstellen kannst, eine Madonna, die nicht geboren hat
---, dann kannst Du sie sehn, wie sie jetzt ist. Siehe, es giebt
-Menschen, die werden durch vieles Leiden -- wie der Stahl durch
-Bestreichen mit dem Magnetstein -- magnetisch für anderes Leid, und wer
-das seine mit ihr in Berührung bringt, dem weiß sie es sanft zu
-entziehen. -- Glück, hörte ich Dich einmal sagen, ist eines der
-häufigsten Fremdworte in der Erdensprache. Nun -- dann hat meine Magda
-jene Sprache verstehen gelernt, aus der es stammen mag.
-
-Ulrika kennst Du, und sie ist dieselbe; mir nicht ganz nah wie bisher,
-so sehr ich sie liebe. Sie muß einen seltsamen, mir unbekannten Geist
-mit sich herumtragen, den vielleicht verstehen mag
-
-Bogner, doch will ichs nicht beschwören. Sie sind viel zusammen, soweit
-er nicht, wie zurzeit, vor einem Wandstück in der Kapelle sitzt, die er
-mit musizierenden Engeln auszuschmücken beschäftigt ist. Um es gleich zu
-sagen: Was Bogner sich unter Engel vorstellt, ist nicht mehr und nicht
-weniger als ein heroisches Wesen, dem er diesen Namen giebt. Er hat
-einen Haufen Studien um sich herstehen und malt. Nein, mit ihm ist
-nichts anzufangen, obwohl er nicht ohne Bereitwilligkeit ist; jedenfalls
-wenn er nicht malt.
-
-Irene kennst Du. Mit ihr, Georges, dem gleichfalls Dir bekannten Benno
--- dessen Namen ich nur anzuschlagen brauche, um Dich den ganzen
-rührenden Akkord mit allen Ober- und Unterstimmen seines Wesens hören zu
-lassen -- und einem Dir Unbekannten, der das Cello spielt, haben Ulrika
-und ich eine Quartett- und Triovereinigung an Mittwoch- und
-Sonntagabenden. Was das Cello angeht, so bist Du vollkommen ersetzt. Er
-heißt
-
-Sigurd Birnbaum, studiert Medizin und ist neunzehn Jahre alt. Menschen
-beschreiben kann ich nicht gut, so mußt Du Dich mit der Versicherung
-begnügen, daß ich ihn schön finde und so aussehend, daß ich ihn Unkas
-getauft habe nach dem letzten Mohikaner. So sieht er aus; so geht er --
-schwer und mit den Füßen etwas einwärts, wie diese, noch ein wenig
-tierhaften Menschen sich den Gang auf langen Wanderungen erleichtern
-sollen; so einfältig ist sein Gemüt, kampfbereit sein Geist -- und im
-übrigen habe ich einen Vers darauf gemacht, der später kommt. Seine
-Schwester heißt
-
-Esther, ist das Lieblichste von der Welt, gleicht aufs Haar einer
-kleinen Chinesin, wird von allen liebgehabt und kann sonst auch gar
-nichts, obwohl sie sehr klug ist. Da sie aber etwas tun muß, so haben
-wir einen Fond gegründet für Handarbeiten, denn darauf versteht sie
-sich. Was kann das Mädchen himmlische Sachen sticken! Wie ich gestern in
-Dein Zimmer komme, sitzt sie da mutterseelallein über einem großen Stück
-schwarzer Seide und näht an einer handtellergroßen Scheibe in der Mitte
-aus kleinen Rosen, von kunstvoll zusammengefalteten, lichten
-Seidenläppchen; in handbreiter Entfernung soll ein dichter Doppelkranz
-von gleichen Rosen herum, und das Ganze bekommt eine altgoldene
-Spitzenborte, die ich hergeben werde. Leider ist sie ganz arm. Also hat
-sich der wohlhabende Teil unserer Gesellschaft zusammengetan und einen
-schönen Fond gegründet zum Einkauf von unermeßlichen Seidenstoffen,
-Kanevas, Wolle, Seidenfäden und so weiter, und die gute Esther wird die
-ganze Gesellschaft mit Kissen und Morgengewändern, Fenstervorhängen und
-Tischdecken versorgen. Außerdem ists unendlich behaglich, wenn einer
-vorliest und jemand dabei sitzt und stickt. Jason kann ihr Geschichten
-erzählen, wenn sie allein ist.
-
-Prinz Georg wäre dann der letzte zu erwähnende, und Du kennst ihn. Nicht
-wahr: immer freundlich, gutherzig, ehrlich, immer gern literarisch --
-oder muß es in diesem Fall literatisch heißen? -- und im übrigen so wie
-der Vers, den ich auf ihn gemacht habe. (Kommt später!) Allzuhäufig
-sieht man ihn nicht, denn er ist in einen >Geheimbund<, wie er das
-nennt, eingetreten, wo er >sich in den Sitten wilder Völkerschaften
-übt<.
-
-Ein Name -- sagte Josef einmal -- ist was der Henkel am Topf; also
-nennen wir uns die Friedliebende Gesellschaft. Wir kommen und gehen in
-diesem Hause, wie es uns beliebt, und unser einziges Statut ist, uns nur
-einmal am Tage zu begrüßen.
-
-Ich -- ja was kann ich zurzeit andres tun, als gute Menschen zu
-versammeln und zu denken, daß sie sich nichts zuleide tun und, solange
-sie beisammen sind, sich des Lebens freun. Sie haben ein jeder ihre
-Arbeit, draußen; also werden sie auch alle ihre Leidenschaften und ihre
-Leiden, ihre Feindschaften, ihre Seufzer und ihre Plagen haben, so wie
-ich die meinen, aber sobald sie hier sind, das weiß ich, herrscht
-Wohlsein, und unsere Gemeinsamkeit ergeht sich auf dem Boden guter
-Arbeit erholenderweise, wie der Bauerntanz auf der Tenne. Dazu ist
-Sommer, alles blüht, die Farbe herrscht, in der Natur und an den
-leichten Kleidern von uns Frauen. Nach der Hitze des Tages leben sie
-Alle bei Dunkelwerden vollends auf, wandern umher, hören von fern
-irgendeine Musik, gehen über die Wiesen hinaus, an den Fluß, singen
-unter den Sternen und hinüber zu den Lebensbäumen des Friedhofs; wir
-leben gegenwärtig, gedankenleicht, unbedacht, geschwisterlich. Kommt die
-Nacht, steht Schlaf bevor, sind wir jeder wieder allein. Dann herrscht
-das Unsrige, -- das Eigentliche wohl. Mag es.
-
-Und so ist es schön. Wer ins Haus kommt, der weiß als Gewissestes den
-Maler in der Kapelle; der findet Esther, von buntem Zeug umgeben, im
-gotischen Fenster, findet Jason im Hintergrund, findet Georg, eine
-Seidensträhne durch die Finger ziehend neben Esther, findet Benno am
-Klavier phantasierend, findet Irene, Arme voll Blumen zusammentragend,
-die sie ihrem arbeitsamen Mann heimschleppt, damit er auch was hat,
-findet Magda unter den sechs Linden, unserer >kleinen Allee< hinter der
-Kapelle hin- und herschlendernd, als ob sie innen sänge, der armen Frau
-Marie Grubbe gleich, als sie noch ein Mädchen war und sehnsüchtiger als
-mein Kind Magda, und findet uns schließlich Alle beisammen in der
-Kapelle unterm Gewölk von Klängen voller Sterne, Blumen, Blitze und
-Engelsgesichter.«
-
-Renate merkte, daß es so dunkel geworden war, daß sie ihre eigenen
-Schriftzüge kaum noch erkennen konnte. Sie streckte die Hand nach der
-Lampe, die Glühbirne im kleinen gelben Schirm flammte auf, sie blickte
-einen Augenblick geblendet nach oben, erkannte das weiße Gesicht
-Ech-en-Atons über ihr, lächelte und schrieb weiter.
-
-»Zum Beschluß eine kleine Szene von der heutigen Geburtstagsfeier. Zu
-diesem Zweck wurde Renate in ihrem allergrößten, dem glühroten Kleide
-mit blauem Moireemuster, das Du kennst, nebst der grünen Halskette von
-Dir, vor der Orgel aufgestellt, und die ganze Gesellschaft kam im langen
-Zuge zur Kapellentür herein, indem sie nach der Melodie: >Mariechen
-sitzt auf einem Stein, einem Stein, einem Stein< den schönen Choral
-sangen: >Renate hat Geburtstag heut, -burtstag heut, -burtstag heut!<
-Als sie, Georg als der Durchlauchtigste voran, am Podium angelangt
-waren, setzte Benno sich an die Orgel und spielte ganz leise den
-Jungfernkranz in Fis-Moll, während Einer nach dem Anderen das Podium
-bestieg und seine Gabe überreichte. Herrliche Dinge gab es da. Georg
-schleppte eine große, chinesische Göttin der Barmherzigkeit aus
-mattgetöntem Porzellan, die wie eine Muttergottes aussieht und lieblich
-lächelnd segnet. Hinter ihm kam Irene mit einem halben Dutzend
-langhängender Seidenstrümpfe in allen Farben an jeder Hand. Ulrika trug
-einen Stoß Noten auf dem Kopf wie ein Negersklave. Sigurd hatte alles
-und Alle photographiert, Menschen, Haus und Garten, und trugs in einem
-schönen Album unter dem Arm herbei. Magda hatte Spitzen geklöppelt, dünn
-wie Spinnweb, der Himmel mag wissen, wo sie die Zeit hernahm, die immer
-nur für Andere da ist! Saint-Georges brachte eine ererbte Kostbarkeit
-herbei, einen grünen Porzellanmops, den ich schon immer hatte haben
-wollen, und Esther kam, in ausgebreiteten Händen einen grauen Florschal,
-den sie mit silbernen Vögeln bestickt hatte, ein Wunderwerk der Kunst.
-Zuletzt kam Bogner und hatte Stiefel gekauft. Das war zum Totlachen! Das
-heißt, Stiefel nannte es Irene, die vor Gelächter sterben wollte, aber
-es waren ganz schlichte, kleine, gelbe Schuhe, und der Maler
-versicherte, er hätte tagelang nachgedacht, bis ihm beim Anblick der
-Schuhe in einem Schaufenster die Erleuchtung gekommen sei, und er hatte
-es gut gemacht, denn als Renate ihren linken Schuh abstreifte, saß der
-neue wie angegossen. Bogner hatte wirklich einen schönen Charakter,
-obgleich Renate im Herzen zitterte und knirschte, nachdem sie eine Woche
-lang sich vorgestellt hatte, was er ihr wohl malen würde. Darum, als
-durch das Gedränge der Übrigen auf dem Podium, die gegenseitig ihre
-Geschenke bewunderten und anpriesen, der gute Benno sich endlich
-durchgewunden hatte und mit unzähligen Verbeugungen, Erröten und
-Stammeln eine zierlich geschriebene Kantate auf den 133. Psalm
-geschrieben: >Siehe, wie fein und lieblich ists, daß Brüder einträchtig
-beieinander wohnen< überreichte, wäre sie mit Freuden in Tränen
-ausgebrochen. -- Stiefel! jauchzte Irene, der Maler hat Stiefel gekauft!
--- Aber nun, wo war Jason al Manach? Siehe, da kam er herein, wie stets,
-wenn er verlangt wurde, nickte Allen herzlich zu, gab Renate die Hand
-und seinem Wohlgefallen Ausdruck, daß wieder einmal Alle da wären. Ja,
-ob er nicht wisse, was heute sei? Richtig, da fiel ihm ein, daß
-Geburtstag war. Er hatte es vollständig vergessen. O Jason, wie wurdest
-du da verhöhnt! Sein berühmtes Gedächtnis! -- »Saint-Georges, was sagen
-Sie dazu?« fragte ich geknickt. Er aber, der alles weiß, fand das
-erlösende Wort: »Was hielte stand vor Renate?« sagte er. »Sogar Jasons
-Gedächtnis versagt.«
-
-Renate aber ergriff eine perlgestickte Tasche, holte eine Handvoll
-gekniffter Zettel hervor und verteilte sie, befahl darauf, daß jeder, in
-der Folge, die sie bestimmte, den Inhalt laut und deutlich vorlese. --
-Renate hatte nämlich die ganze Gesellschaft mit Ritornellen beschenkt.
-Sie selber begann, Magdas Hand, die neben ihr stand, ergreifend:
-
- Magda, -- vom Leide
- Geführt, in unserm Kreis der kleinen Freuden,
- Ist unser Aller Trost und Herzensweide.
-
-Georg mußte lesen:
-
- Georg, der Trasse,
- Stürzt sich ins Leben wie ins Meer der Schwimmer,
- Drum sieht er rings -- nur Masse, Masse, Masse.
-
-Ulrika las, nicht ohne Erröten:
-
- Ulrika, holde!
- Gott segne deine immer klaren Augen
- Und fülle sie mit immer tieferm Golde!
-
-Irene las und dankte mit Knicks und Lächeln:
-
- Irene, hell,
- Beschwingt und tönend wie die schwarze Amsel,
- Ist nur vergleichbar einem -- Ritornell.
-
-Maler Bogner las, nachdem er mit einem Blick auf seinen Zettel: Eiweih!
-gemurmelt hatte:
-
- Der Maler Bogner
- Ist unsres Hauses festgefügte Säule,
- Ein Selbsterzeugter und ein Selbsterzogner.
-
-Esther Birnbaum las ganz leise und tief errötend:
-
- Die kleine Esther
- Ist eine Königin ganz im geheimen.
- Wie schön ist das! Nun nennen wir sie Schwester.
-
-Sigurd las ein wenig ernst und scheinbar betroffen:
-
- Sigurd. -- Ein Mahner
- An Gideon, der Makkabäer Nachfahr,
- Im Adlerschmuck vom -- letzten Mohikaner.
-
-Saint-Georges beschloß:
-
- Saint-Georges, der Stille
- Im Hintergrund, ist regsam wie im Fachwerk
- Die niemals ruhende, geschäftge Grille.
-
-Und nun hob Jason ein ganz furchtbares Lamentieren an, weil er keins
-bekommen hatte. Die Anderen verhöhnten ihn maßlos, weil das die Strafe
-für seine Vergeßlichkeit sei, Renate aber entschuldigte sich, sie hätte
-wohl an ihn gedacht, aber keinen Reim weder auf Jason noch auf al Manach
-gefunden, und davon habe sie nicht loskommen können. »Ach, du lieber
-Gott,« sagte er, »es ist doch so leicht wie Wattepusten:
-
- Jason al Manach.
- Zu nichts zu brauchen als zum Märchenplappern,
- Vielleicht zu einem Reim auf Lukas --«
-
-Statt des letzten Wortes ließ er den Mund erschreckt und kindlich halb
-offen stehen, als habe er nun auch das Reimwort vergessen.
-
-Eine Weile später fand Renate sich von Saint-Georges gefragt, warum sie
-selber sich vergessen habe. »Ach, Georges,« sagte sie, »Sie können gern
-noch eins haben, obwohl nur die Hälfte von mir selber ist und die andere
-Hälfte von Mörike:
-
- Des Freundes Achtung
- Ist vor Renates Versen sehr gesunken:
- Sie stieg hinab >zum Abgrund der Betrachtung<.«
-
-»Warum so giftig?« sagte er freundlich.
-
-Von zwei Menschen, die zur Vervollständigung meines derzeitigen
-Lebensbildes gehören würden, habe ich bislang geschwiegen und -- will es
-nun bis ans Ende tun.
-
-Dein Auftrag ist ausgeführt. Cornelia Ring lernte ich schon vor längerer
-Zeit durch einen Zufall kennen und denke seitdem nicht an sie, ohne zu
-bedauern, daß sie nicht unter uns sein kann. Übrigens befindet sie sich
-in meinem >Weichbild<, denn Maler Bogner hat sie zu sich genommen, und
-sie hält ihm alles instand, von den Strümpfen bis zu den Pinseln.
-
-Ja, Josef, was fange ich mit dem Brief an, den Du mir da geschrieben
-hast? Ein Feuilleton über >den Unfug der Vereinigten Staaten<. Du
-hättest es an die Frankfurter Zeitung schicken sollen. Darf ichs
-nachträglich für Dich tun?
-
-Gott befohlen, Josef!
-
- Renate.«
-
-Ohne das Geschriebene noch einmal zu überlesen, legte sie die Bogen
-zusammen, faltete, kuvertierte sie und schrieb die Adresse. Danach
-löschte sie das Licht, trat einen Augenblick ans Fenster, ließ sich von
-der lauen Nachtluft an die Gesellschaft in der Veranda erinnern und ging
-treppunter.
-
- * * * * *
-
-Als Renate die dunkle Halle betrat, war von der Veranda her so kein Laut
-hörbar, daß sie glaubte, es sei niemand dort; doch gewahrte sie gleich
-darauf im linken Fenster den Schatten eines Menschen, der wohl draußen
-auf der Fensterbank saß, und nun auch im grauen Rechteck der Mitteltür
-einen weiblichen Schattenriß, undeutlich, der draußen stand. Auf dem
-weichen Teppich kam sie wider Willen unhörbar bis zur Tür und sah nun,
-daß doch wohl Alle da waren, aber so still wie die Büsche im Garten und
-kaum zu erkennen im Finstern.
-
-Der weibliche Schatten war Magda, die dicht an der Treppe zum Garten an
-der Brüstung lehnte, halb verhangen von dem schwarzen Rankenwerk des
-Weins und Jelängerjeliebers, das vom Verandadach herabhing. An der
-andern Seite des Eingangs stand, fast wie sie, Ulrika. Ganz ferne links
-in der äußersten Ecke war der weiße Schein von Jasons Gesicht tief unten
-zu erkennen: er mußte auf einem Taburett, fast am Boden sitzen. In
-seiner Nähe saß, kaum zu unterscheiden von der Brüstung und den Blumen
-darauf hinter ihr, Esther; an der Wand Saint-Georges, am roten Glühpunkt
-seiner Zigarette zu erraten. Der im Fenster hockte, war Sigurd, und
-neben ihm, als Einziger bescheidentlich auf einem graden Stuhl aufrecht,
-saß Benno, wie er pflegte: ein Knie überm andern, die Hände darauf, den
-Rücken gebogen, das Gesicht ein wenig emporgerichtet. Und Irene? -- Sie
-saß wohl verborgen hinter der Rückenlehne des Sessels, ganz in Renates
-Nähe. So war nur Bogner abwesend, -- und Georg -- in seinem Geheimbund
-vermutlich.
-
-»Erschreckt nicht,« sagte Renate behutsam, »ich bin es.«
-
-Ein Schimmer -- Irenes Auge -- erschien über dem Sesselrücken. Die
-Übrigen bewegten sich Alle ein wenig, doch keiner sprach.
-
-»Ich habe,« bemerkte dann Jasons Stimme fein aus dem Hintergrund, »wie
-man von feindlichen Batterien sagt, sie sämtlich zum Schweigen
-gebracht.«
-
-»Wie denn?« fragte Renate.
-
-Für Jason antwortete Irene nach einer Weile tief: »Er erzählte so
-seltsam ...«
-
-»Darf ich wissen was?« fragte Renate, in einen leeren Sessel gleitend.
-
-»Ach,« hörte sie Esther aufatmen, »wie kann man das sagen? Es sind ja
-keine Geschichten. Nur ein Stück Leben, das er erscheinen läßt, wie --
-wie in einer _Laterna magica_, so farbig und so leise.«
-
-»Wenn Sie«, ertönte Saint-Georges' Stimme nach einer Zeit, »den Inhalt
-wissen wollen: Da war ein Buchbinder. Der stand von früh sieben Uhr bis
-abends zehn am Arbeitstisch. Er hatte einen sehr alten, weißbärtigen
-Vater, der noch helfen konnte, eine große, üppige Frau, die an besonders
-arbeitsreichen Tagen zugriff, und einen zehnjährigen Jungen, der ins
-Realgymnasium ging, aber albern war, nur herumlief und lachte, nichts
-lernen konnte; ein halber Idiot. Damit der einmal zu leben habe, mühte
-sein Vater sich tagein tagaus, ohne Festtag, ohne Freude als eben diese.
-
-»Eines Tages fing er an, sonderbare Reden zu führen. Dann verschwand er.
-Dann kam er wieder, redete irre, tobte. Dann kam er ins Irrenhaus, und
-dort starb er bald darauf. Fast das ganze Guthaben des Sparkassenbuches
-hatte er vergeudet.
-
-»Nun stellte die Frau sich an seinen Platz. Sie hatte alle Fertigkeit
-gut begriffen, nur die feineren Einbände machte der Schwiegervater, aber
-bald konnte sie das Vergolden der Titelschriften und dergleichen besser
-als der Alte, ja mit Frauengewissenhaftigkeit machte sie's sogar
-akkurater als der Tote, in freilich längerer Zeit. Und dann starb
-plötzlich der Schwiegervater. Ja -- und dann fand man sie eines Morgens
-am Bett des Knaben, sitzend, über ihn gebeugt, und das Zimmer war
-gefüllt mit Leuchtgas.«
-
-»Ja,« setzte Saint-Georges nach einer Weile hinzu, »das wars.«
-
-»O nein, das wars nicht!« sagte Ulrikas Stimme hinter Renate. »Wir haben
-es doch alles gesehen! Die lange Werkstatt mit den blinden, verklebten
-Fensterscheiben voll rostiger Eisenquadrate, und den langen
-Arbeitstisch, darunter das Werkzeug, -- und wie der Mann mit seinen
-dunklen Augen und dem zurückfallenden schwarzen Kinn und den wehmütig
-hängenden Mundwinkeln soviel plappert, immer seine kurzen: Ja, ja, --
-jawohl, jawohl, -- ja ... Und dann der Geruch ... der Leim auf dem Herd,
-der Kleister, Druckerschwärze und gekleistertes Papier, und Leder, und
-Kaliko, jedes ...«
-
-Benno räusperte sich. »Ach,« sagte er, »und draußen der schmale Hofraum,
-das alte Pflaster voll Gras, und in der Ecke der alte Leierkasten, der
-herrenlos war ...«
-
-»Und gegenüber den Fenstern«, redete Sigurd, »die vier braun
-gestrichenen Türen der Klosette mit dem Herzloch oben, nicht wahr, und
-dahinter die alten Fachwerkwände, die Fenster und Gardinen, und die
-Geraniumstöcke im Sommer ...«
-
-Nun schwiegen sie wieder. Renate, schon -- wie den Geruch der Blumen,
-des Rasens, des ganzen Atems der Sommernacht -- den Duft des Erzählten
-aufsteigen fühlend, bat innerlich: nur weiter! so bekomm ich vielleicht
-doch noch das Ganze ...
-
-Und überdem hörte sie Esther wieder:
-
-»Es war so traurig! Am traurigsten war, wie die große, dunkle Frau da am
-Bett sitzt und nicht mehr lebt. Nein,« überbot sie sich, »das Traurigste
-war wohl doch, wie der Mann da die Dirnenbekanntschaft gemacht hat, und
-er nimmt seine Frau mit zum Stelldichein --«
-
-»Ich glaube,« fiel Magda leise ein, »am schrecklichsten fand ich, wie er
-dann seine Frau auf den Rücken klopft und sagt, sie wäre aber doch die
-Beste und --«
-
-»Nein, Magda,« raffte Esther sich erregter auf, »das wars doch nicht!
-nicht das, sondern -- wie sie selber Jason das alles erzählte und dabei
-Zeitschriften heftet und weint und alles zwei und dreimal wiederholt und
->du bist doch die Beste<, wie er das gesagt habe, und sie sagt, daß sie
-das ja auch immer gewußt hätte, er wäre nur bloß eben ... Und wie sie
-eigentlich gar nichts Besonderes drin fand und -- -- sags doch, Sigurd!«
-
-»Keinen Namen, keine Bezeichnung dafür, nicht wahr? Nur ein Unglück, ein
-furchtbares Unglück; so furchtbar, daß es sich nur hinnehmen ließ ...«
-
-Sie waren verstummt. Renate konnte, da es heller vor ihren Augen
-geworden war, nun von Allen die Helligkeit der Gesichtszüge und die
-dunklen Flecken der Augen erkennen, in denen es glänzte. Plötzlich tat
-sich neben ihr, fast laut, entrüstet und verwirrt, Irenes Stimme auf:
-
-»Und das Ganze kommt nur von der fehlenden Anzeigepflicht der
-Geschlechtskrankheiten.«
-
-Ein Lächeln, kaum hörbar rauschend, wehte im Kreise umher. Und
-Saint-Georges sagte: »Bravo! Die Frau ihres Mannes.«
-
-Bevor Irene auffahren konnte, wurde jetzt Jasons melodische Stimme
-hörbar, der langsam sagte:
-
-»Ihr Kinder! ihr Kinder! Wie seid ihr doch sonderbar! Meint ihr denn nun
-eigentlich, die Menschen in meinen >Geschichten< seien andre als ihr
-selber, daß ihr von alledem sprecht, als ob ihr nie dergleichen gesehn
-hättet? -- Und in meiner letzten Geschichte, von dem Buchbinder, da
-waren sie wohl euch wieder nicht gütig genug bei all ihrem Unglück, denn
-war die Mutter nicht öfters hart zu dem albernen Jungen, und es gab auch
-wohl Schläge, und der Alte erst, der immer schlechter Laune war und
-brummte, obwohl er tun und lassen konnte, was er wollte, um sechs Uhr
-Feierabend machte und sein Bier trank, und als der Sohn tot war, sprach
-er obendrein schlecht von ihm. Denn über ihnen Allen war das
-Unsichtbare, das, was Irene andeutete, was sie alle Drei wußten und
-nicht wissen wollten, das Verschulden, das doch keines war, sondern in
-Wahrheit -- Verhängnis. Verhängnis? Sie waren es doch selber, in ihnen
-wirkte es, ihr Leben wars, das, wonach sie sich eingerichtet hatten, und
-sonst nichts.«
-
-»Ja,« fing Esther an, »ich weiß nicht, Jason, -- deine Menschen sind
-doch sonderbar. Irgendwas -- glaub ich -- fehlt. Sie sind nicht gütig
-und nicht schlecht, nicht tugendhaft und nicht edel, und auch nicht
-gemein. Eigentlich sind sie gar nichts.«
-
-»Sind sie nicht vielleicht -- leidend?«
-
-»Oh freilich, Jason ...«
-
-»Und das, kleine Esther, ist zu wenig, wie? Außerdem, meint ihr, muß
-jemand noch etwas _sein_, wie? Nicht nur so -- leben, das Leben
-verrichten, sondern auch gewissermaßen eine Vorstellung davon haben.
-Sage mal -- seid ihr denn wohl anders? Seid ihr auch so etwas
-Bestimmtes, so ein Bild mit was Gutem oder was Schlechtem darauf?«
-
-»Nein, Jason! aber --«
-
-»Aber die Menschen in Geschichten, das habt ihr so gelernt aus den
-Geschichten, die müssen außerdem noch etwas bedeuten, nicht wahr?
-Nämlich: Charaktere; dann: Frömmigkeit, Festigkeit, Güte, Heimtücke,
-Verwahrlosung, Verkommensein und dergleichen schöne Dinge mehr, die es
-gar nicht giebt.«
-
-»Aber Jason!«
-
-»Weil es eben nur Menschen giebt, und jeder Mensch die Bewegungen, die
-Handlungen und all das, was sein Leben ist, tut, wie sie aus ihm kommen,
-weil er so ist, aus allen seinen bunten Eigenschaften, die über jeden in
-Menge, ganz gleichmäßig von der verschiedensten Art und immer nur
-teilweise freilich, niemals ganz, ganze Eigenschaften, abgewogen und
-ausgeteilt sind, und bloß ihr, ihr habt daraus die Begriffe gemacht, und
-wieder aus jedem Begriff einen ganzen Menschen, und darum verlangt ihr
-dann, daß die Menschen -- die Andern! euch selber seht ihr ja niemals --
-sich nach den Begriffen richten, danach wachsen und nach ihnen sich
-gebärden sollen, nicht nach sich selber. Dann fehlt euch an jedem etwas,
-darum scheint euch alles so unzulänglich, es könnte noch so bitter und
-zerlitten sein, darum kommt ihr immer höchstens zu eurem: er hat doch
-auch so viele gute Seiten ... darum seid ihr nie zufrieden miteinander,
-und Großmut und Wahrheit, Glaube, Liebe und Hoffnung, die gehen ihrer
-Wege.«
-
-Da waren sie auf einmal Alle aufgestanden. Auch Renate erhob sich,
-betroffen, und bewegte sich mit den Übrigen auf Jason zu, sie waren Alle
-um ihn herum, und mehrere Stimmen fragten: Was ist es denn, Jason, du
-weißt es doch, was fehlt uns Menschen, wie sollten wir sein, wie uns
-halten, wie uns helfen? --
-
-Er hatte aber die Augen geschlossen und sah fast unwillig aus und
-kränklich, und sie wollten sich schon abwenden -- denn war er nicht
-selber vor kurzem erst von den Toten auferstanden? -- als er die Augen
-wieder aufschlug, und sie erschraken wohl Alle wie Renate vor diesen
-schwarzen Augen, die plötzlich im Dunkel waren, viel schwärzer als alles
-Schwarze, so glanzlos, als ginge es dort in die schwarze Ewigkeit
-hinunter. Dennoch, obgleich er die Augen nun langsam von Einem zum
-Andern bewegte, schien er durchaus keinen wirklich zu sehn, sondern
-etwas ganz andres. Sie selber aber fühlten nicht ohne Schauder an seinen
-Augen: da war es, wonach sie gefragt hatten. Nennen ließ es sich nicht,
-aber -- es war da. Es glänzte aus dem Schwarzen herauf, es -- nein,
-Jason lächelte, das war das Ganze.
-
-Sie gingen aber schweigsam auseinander danach, kaum mehr als stumm sich
-die Hände reichend und zunickend beim Abschied; nicht Zwei blieben
-beisammen.
-
-
- Schatten
-
-Georg, am letzten Spielabend vor Semesterende in die Terrassentür
-tretend, sah, daß er wieder, wenn auch gegen jede Absicht seinerseits,
-zu spät gekommen war: um die kleine Tafel zur Rechten vor der Hauswand
-saßen die wenigen Korpsbrüder, wie stets in zwei Gruppen am Kopf- und
-Fußende; ein hellrot beschirmtes Windlicht in der Nähe jeder Gruppe
-malte ihre Schatten beweglich an der Wand empor. Eigentümlich still
-schienen sie Alle, -- die Füchse unten mit einer Bowle beschäftigt,
-schweigsam, ganz ohne den gewöhnlichen Lärm bei dergleichen; oben die
-Zwillinge, Nordeck, Sousa -- ah auch Schwalbe saß da und in Zivil! --
-Ellerau hatte die Uhr gezogen, sah jetzt Georg unbestimmt entgegen, dann
-vor sich hin, indem er, ein Lächeln unterdrückend, mit vorgeschobenem
-Kinn die Oberzähne auf die unteren setzte, einen Augenblick, -- worauf
-er seine Haltung löste; und Georg wußte wohl, das hieß mit Worten: Auch
-heute wieder verspätet; da es aber der letzte Abend vor Semesterschluß
-ist -- Schwamm drüber! --
-
-Georg, innerlich aufatmend, trat näher, in dem er »Guten Abend« sagte
-und »Na, so still heut?«
-
-Ellerau sagte: »Ja.« Er griff mit der Hand in die innere Brusttasche und
-zog einen Brief heraus, sah darauf, streckte dann die Hand mit ihm gegen
-Georg und sprach:
-
-»Diesen Brief hat Tastozzi für dich hinterlassen. Er ist tot.«
-
-»Tot?« fragte Georg erschreckt. »Tozzi? Tastozzi?« verbesserte er sich
-verwirrt. »Mein Gott ...«
-
-»Leider. Er hat sich heute nachmittag in seiner Wohnung erschossen.
-Bisher weiß niemand warum. Er war uns ja immer völlig verschlossen.
-Vielleicht giebt er dir Aufschluß.«
-
-Georg, den Brief mit winzig kleiner Aufschrift am oberen Rande in der
-Hand hin und her drehend, ruckte sich zusammen, trat an die leere Stelle
-des Tisches, riß den Umschlag auf und hielt die herausgezogene längliche
-Karte in die Nähe des Lichts. -- Kleine, kaum leserliche, verschnörkelte
-Schriftzeichen ... Er entzifferte mühsam allmählich:
-
-»Lieber Georg:
-
-Fremd allen Andern, hatte ich Deine Augen immer lieb. Nun, indem ich
-fortzugehen bereit bin, sehe ich, daß niemand da ist, von dem zu
-scheiden wäre, also auch niemand, den der Grund meines Fortgangs etwas
-anginge, zumal ihn nennen, das teuer gehütete Geheimnis meines Daseins
-preisgeben hieße. Da sehe ich Deine Augen vor mir in jener Sekunde, wo
-man Dir mein Fortgehen berichtet, und mir scheint, daß sie verstehen
-möchten -- und nicht so wie die Andern. So reiche ich Beides -- Grund
-und Geheimnis -- Dir, schon abgewandt, ohne mehr wissen zu wollen, ob Du
-trauern wirst oder richten.
-
-In beiden Fällen: Beklage mich nicht. Es ist gut so.
-
-Aber ich erhoffe ein wenig Trauer.
-
- Tastozzi.«
-
-Georg, nichts begreifend, bemerkte jetzt ein kleines Zeichen, einen
-schrägen Strich zwischen zwei Punkten in der rechten Ecke unten, das
->wenden< zu bedeuten schien, und drehte scheu die Karte herum.
-
-»Es geschah aus Liebe zu einem Knaben«, las er.
-
-Er zuckte leise zusammen. Langsam erschienen hinter dem Licht die Köpfe
-der Sitzendem von denen keiner ihn ansah. Schwalbe blickte nach oben;
-die Andern sahen vor sich hin. Viele Sekunden lang blicklos dies vor
-Augen, merkte Georg, daß er etwas in sich niederkämpfte, merkte, daß es
--- Widerwille war, und drückte es entschlossen hinunter. Sich
-aufrichtend, sagte er leise:
-
-»Ja. Es steht hier. Er wünscht aber, daß ich es für mich behalte.«
-
-»So.« Ellerau streifte mit einem Blick über Georg hin; die Andern lösten
-ihre Haltung und bewegten sich. Keiner sah Georg an.
-
-Da spürte er im Augenblick klar, daß er und der Tote für diese
-zusammengehören. Keine Feindschaft -- doch auch nicht Freundschaft. Sie
-hatten ihn -- außer vielleicht Schwalbe -- nie begriffen. Wie war er zu
-ihnen geraten?
-
-In einem leichten Hochmutsgefühl neigte er den Kopf und ging stumm
-hinaus.
-
-Die Haustür öffnend empfand er jählings eine so übermächtige Sehnsucht
-nach Renate, daß er sich geblendet fühlte und blindlings die Richtung
-nach ihr einschlug, bis er Schritte beharrlich neben sich bleiben merkte
-und seitwärts blickend Schwalbe erkannte, der lächelte und sagte: »Ich
-komme mit dir, wenn du erlaubst.«
-
-»Du weißt, weshalb er starb?«
-
-»Ich weiß es nicht,« sagte Schwalbe, »aber -- ich ahnte es immer.«
-
-War es zu ahnen? fragte Georg sich. War ich so arglos?
-
-»Und was denkst du davon?«
-
-»Was soll ich davon denken?« fragte Schwalbe frisch und fest. »Wenn sie
-Jugendliche verführen, sind sie Verbrecher, und wenn sie das nicht tun,
-sind sie zu beklagen. Und ich weiß nicht, ob man sie beklagen -- kann.
-Es sind Menschen mit einem andern Weltbild. Ihre Leiden und ihre Freuden
--- abgesehn von der Verbanntheit -- sind keine andern als die unsern.«
-Das klang sehr klar und schön in der singenden Mundart.
-
-Eine Weile, rasch vorwärtsgehend durch die sommerwarmen, dunstigen
-Straßen im Licht der Bogenlampen, dann der Laternen in kleineren Gassen,
-blieben sie still, bis Georg sich Hardenbergs erinnerte und halblaut
-sagte: »Auch Hardenberg ...«
-
-»Hardenberg war homosexuell«, versetzte Schwalbe hurtig.
-
-»Man sollte«, fing Georg bald darauf wieder an, »eine Stadt für sie
-gründen, wo sie leben könnten und zufrieden sein ...«
-
-»Ja! Das sollte man tun. Das erinnert mich daran, daß ich Hardenberg
-einmal über das Mönchtum sprechen hörte -- du kennst ja seine Weise --,
-und zwar kam er bald auf den Trappistenorden, der, wie er sagte, der
-einzig mögliche sei. Und dann schilderte er uns das Schweigen dort. Er
-machte es wunderbar. Er zog gleichsam mit vollen Händen das Schweigen
-aus den Dingen dort, aus den Mauern, den Zellen, aus jedem Gerät, aus
-Gießkanne und Gebetpult, aus Spaten und Egge, aus den Blumen im Garten,
-den Bäumen. Wir waren ganz eingehüllt in das Schweigen, obwohl er selber
-unausgesetzt sprach. Und ich muß sagen, ich war ganz erschrocken, als er
--- nach seinem wunderschönen -- Gesang auf dies Schweigen -- plötzlich
-von den Vögeln sprach, die auch stumm geworden waren und nicht mehr
-sangen im Klostergarten.«
-
-Ergriffen sagte Georg leise: »Wie schön!« -- und blieb stehn.
-
-Sie waren auf der kleinen Brücke zwischen alten Häusern, die zur Insel
-hinüber führte. Rechts unten strömte der schnelle, dunkle Fluß zwischen
-alten Mauern, am Ufer drüben blinkten Lichter aus winzigen Fenstern, aus
-dem Grün und Blumenrot der Dachgärten, deren Silberkugeln und weiße
-Geländer in der Dämmerung schimmerten. -- Still sahen sie eine Weile
-dorthin, dann legte Georg die Arme auf die Brüstung, und in der dunklen
-Wasserfläche unten erschien ihm das Gesicht des Toten mit jenem
-besorgten Ausdruck, den es bei Georgs letzter Mensur gehabt hatte.
-
-Ach, wußte er nun, was hat denn auch er andres getan und gewollt als --
-Lieben. Seine Natur schrieb ihm diese furchtbare, angstvolle Stille vor,
-aus der er niemals heraustrat, er, der mit keinem sprach, bevor er
-gefragt oder angeredet wäre. Sich um Andre bemühn, dienen, gütig sein,
-war sein Wunsch, und da fand er denn dies heraus ... Georg mußte
-sprechen; er sagte, Schwalbe auf dem Geländer lehnen sehend wie er
-selber, breitbrüstig und ruhig:
-
-»Es war doch schön, wie er um uns Alle besorgt war beim Fechten. Bist du
-je von ihm anbandagiert worden? Erinnerst du dich, wie er die Brille
-zuzog? Diese Sanftheit des Ziehens, bis mit einem kleinen Ruck die
-Brille saß, wie sie nicht besser sitzen konnte?«
-
-»Jawohl. Wie du das sagst, scheint mir, es war doch etwas Hellenisches
-um ihn. Nicht nur, daß er einen wundervollen Körper hatte --«
-
-»Ja, hast du ihn gesehn? Ich kam zufällig einmal dazu, wie er sich eben
-ausgezogen hatte zur Mensur und dastand, ganz grade, das Mensurhemd in
-erhobenen Armen überm Kopf, wie ein gelber Marmor.«
-
-»Hellenisch war, scheint mir, vor allem seine Art, uns zum Kampfe zu
-rüsten. Der Kampf war ihm mehr als uns, war ihm eine schöne Sache, und
-einmal -- ja einmal habe ich ihn richtig reden gehört. Da sprach er ein
-paar Worte über italienisches Fechten, das so viel beweglicher sei als
-unser stumpfes Dreinhaun und den ganzen Körper erziehe und durchbilde
-...«
-
-Man sollte nackt fechten ... Tastozzis leise Worte, irgendwann gehört,
-zogen durch Georgs Erinnerung.
-
-Sie schwiegen und sahn auf das endlose dunkle Fließen unter ihren Füßen.
-Georg dachte:
-
-Aber warum hellenisch? Er wollte im Grunde doch nur dienen. Oh der arme
-stumme Trappist mußte eine Leidenschaft haben, mit Handlung, mit der
-sorgsamen Dienstleistung auszudrücken, was ihn beseelte. Aber ... Nun,
-auch wenn es ein körperlicher Reiz und ein sinnliches Verlangen war, zu
-den Gliedern der jungen, geschmeidigen Menschen eine Begierde: die
-Begierde war es doch nicht, die seinen schönen stummen Händen diese
-Sanftheit gab, diese Behutsamkeit, diese Freude am verständnisvollen
-Behandeln; die kam aus seiner ganzen Natur, von der das andre nur ein
-kleiner Teil war, und so fand er denn in seinem Leben diese vorsichtige
-kleine Stelle, wo er ein wenig geben konnte und -- ein wenig nehmen ...
-
-Schwalbe richtete sich auf.
-
-»Ich muß leider nach Hause«, sagte er. »Es war schön hier, mit dir zu
-stehn und an Tozzi zu denken.« Er streckte seine breite Hand aus. »Auf
-Wiedersehn am Grabe, Georg. Übermorgen ist die Beerdigung. Gute Nacht.«
-
-Georg, der noch gern ein Wort gefunden hätte auf das zugetane »es war
-schön hier, mit dir ...« fand nichts als stummes Zunicken und Lächeln
-beim Händedruck, mit dem sie sich trennten. Gleich darauf befand er sich
-außerhalb der Stadt, mitten in den dunklen Wiesen.
-
-Auf Wiedersehn am Grabe ... klang es ihm da im Ohr. Merkwürdig, sagte
-man so? Das habe ich noch nie gehört, -- und es ist ja auch der erste
-Tote, den ich kenne. Auf Wiedersehn im Grabe ... das klang fast genau
-so. Armer Tozzi! -- Sonderbar, da war er uns Allen ganz fremd, und doch
-nannten wir ihn mit der liebevollen kleinen Abkürzung. So muß doch bei
-allem Abgekehrtsein von ihm in jedem geheim ein kleines Gefühl für ihn
-gehaust haben, das sich, für Alle unhörbar, ganz laut mit diesem Namen
-nannte ...
-
-Hineilend auf dem vor ihm dämmernden, hellen Streifen des Fußpfades am
-Ufer über dem hastig mitkommenden, glucksend sich manchmal
-überstürzenden Fluß, sah Georg jetzt wieder Renates einzig schöne
-Gestalt in der Ferne, und heiß schwoll ihm die Brust. Nie noch fühlt ich
-solche Sehnsucht nach ihr, dachte er, ja ist nicht dies das
-allerseltsamste, daß sie mich betäubt, wenn ich vor ihr stehe, und daß
-ich sie -- vergessen hatte, wenn ich allein war? Überseltsames Wesen,
-Renate! -- Er lief und lief. Fast feurig aus den dunklen Gründen der
-Wiesen strömte erdiger und grasiger Geruch und der Nachdampf von Regen.
-Jenseits des Flusses fern zackten Schattenrisse von Türmen sich über
-schwarzem Gewipfel in das glühende Nachtrot des Städtehimmels. --
-Seliger sich fühlend, befreiter, zuversichtlicher erklomm Georg den
-Hügel der Bismarcksäule, überschritt langsam die Plattform, faßte mit
-schweifendem Blick die schwarze Gegend in sich, ein Erglänzen in der
-hochgewölbten Fläche des Stroms, eine lose Schar Sterne, leis blinkend
-im Finstern, und stürzte sich mit einem schweren, beklommenen Lustgefühl
-die Böschung hinunter in die Wiesen.
-
-Weißlich leuchteten von drüben die Grabhäuser zwischen den Lebensbäumen.
-Jetzt dämmerte ein Lichtschein darüber, seltsam unwirklich und groß.
-Langsam erschien eine fleckige Scheibe, der Mond, rot wie neues Kupfer
-im grauen Himmel; eine schwarze Spitze reckte sich vor ihm, die er bald
-mühelos überklomm. Georg stand und hatte das Gefühl, als ob er nicht
-weitergehen könne, ehe es Tag wurde. Schon hing der Mond dort, mächtig
-groß, voll und nun bernsteingelb, rauchig; schieferblau der Himmel, --
-und Georg ging langsam weiter im Finstern, vorsichtig die sumpfigen
-Stellen umgehend, und das einzige Geräusch weit und breit war das
-Rascheln der Halme und Blumen, die um seine Füße schlugen. Da bewegte
-sich ein Schatten links vor ihm, ein weißer Fleck erschien im Dunkel, --
-ah, das waren die alten Omnibuspferde, die hier einen Sommer lang
-Erholung genießen durften. Er kam ihnen näher, er kannte sie ja, da
-stand das schwarze ganz nah als ein dickes Schattenpferd, er hörte, wie
-es emsig Gras abrupfte, hörte es schnurpsen; und da war auch der Schecke
-mit den großen weißen und dunklen Placken; der stand still, schnoberte
-und trabte heran; er liebte die Menschen. Georg tastete mit der Hand
-zwischen den Drähten der Einfriedigung hindurch und empfand mit
-freundlichem Schauer das gewaltig Lebendige, die weiche, samtige
-Tierschnauze, die aus der Nacht kam und sich befühlen ließ, empfand das
-sonderbare Geström der Fremdheit aus diesem großen, stummen Wesen, das
-mit Fell bekleidet war und ein großes, weiches Maul hatte. -- Armer
-Tozzi! murmelte er leise. -- Still stand das alte Pferd und atmete tief
-und laut.
-
-Im Weitergehen war es Georg, als schluchzte etwas in der Dunkelheit. War
-ihm selber danach zumute? -- Auf einmal hörte er eine Melodie, ein paar
-lange, süß hinzitternde Noten, eine Stimme, Worte dazu, aber all das war
-in ihm selbst, die Nacht umher totenstill, doch erkannte er jene schöne
-Kirchenarie von Stradella, die ihm Magda vorgespielt hatte, weil sie sie
-singen wollte, und er hatte ihr auf ihre Bitte einen deutschen Text
-dazugeschrieben, der sich in der Kirche singen ließ. Jetzt hörte er die
-Worte deutlich, hörte die kleinen Tonreihen, die langen Pausen
-dazwischen, hörte, niederschwebend von den Sternen, die sanfte,
-melodische Frage:
-
- Wer weint in Finsternis?
-
-Und wieder, nach einer Pause:
-
- Wer schluchzt im Dunkel?
-
-Begütigend nun eine milde Stimme:
-
- O du, sei still!
-
-Chorstimmen, begütigend, hallten daher:
-
- Siehe doch funkeln
- Sternenschein gewiß!
- Siehe doch funkeln
- Sternenschein gewiß!
-
-Holder, gesteigerter, entzückter schwoll die Melodie:
-
- Lasse das Weinen,
- Gott hilft den Seinen,
- Gott, der die Gepeinigten
- Aufrichten will ...
-
-Jetzt? Im helleren Mondlicht deutlich sichtbar stand ein neuer Schatten
-ferne auf Georgs Weg; ein menschlicher wars. Mystische Schauder
-schweiften im Dunkel. Es konnte der Tod sein, der dort stand, zwischen
-ihm und dem Friedhof, einen schwarzen Arm gegen die goldene Mondscheibe
-emporstreckend. Hoch oben im Nachtwind verhallten die zarteren Stimmen
-...
-
-Georg schritt weiter, behutsam, beklommen; gleichzeitig glitt der
-Schatten vor ihm davon; war es eine Frau? trug er antikes Gewand? -- Nun
-verschwand er vom Weg, und als Georg die Stelle erreichte, wo er
-abgebogen sein mußte, wars dort, wo auch Georg abzubiegen hatte, wenn er
-zum Montfortschen Hause gelangen wollte. -- Wie still es war! Wer ging
-dort und führte ihn ungerufen? Da war schon das Gittertor, da der
-Graben. Der Schatten, unhörbar, glitt zwischen den, von weitem
-verschlossen scheinenden Stäben hindurch, erschien an etwas höher
-gelegener Stelle im vollen Licht; es war Renate.
-
-Renates Haltung war es, obgleich sonst nichts an der Schattenfigur
-Renate zu erkennen gab. Georg folgte ihr leise von fern, süßliche Angst
-im Herzen, andächtig, sie nicht zu stören, zitternd, voll Melodien. Er
-sah sie die schräge Ebene emporgleiten, unter den Bäumen schwinden, wo
-Finsternis stand, eine Uhr schlug nicht fern zweimal hell und
-zuversichtlich. Er hörte die Gartentür zufallen, trat leise hin und sah
-Renates Schattenriß im Lichtschein zur Rechten, der die offene
-Kapellentür ausfüllte. Es trieb ihn näher, er versuchte, lautlos durch
-das Pförtchen zu kommen, es gelang, er schlich unterm Buschwerk über den
-Rasen bis zur Tür, trat rechts neben die Stufen und hatte den Raum vor
-sich, der von einer unsichtbaren Lichtquelle erleuchtet war. Renate
-stand mitten darin; sie trug eine lose grüne Tunika mit kurzen Ärmeln,
-die bis in die Nähe der Knie hinabreichte; die Farbe des am Boden
-schleppenden Untergewandes war nicht zu erkennen, aber das Grün
-leuchtete an ihrer Brust, wie sie sich jetzt zur Seite drehte, ihm halb
-den Rücken wendend, auch der weiße Nacken, -- und nun erschien sie Georg
-draußen im nächtlichen Wiesenland, hinter ihr der Mond, -- er ging auf
-dem Grassteig auf sie zu, an ihr vorüber, sah ihr weißes Gesicht und die
-Augen ohne Blick wie eines sinnenden Gottes, und das fremde Gewand. --
-Wo kommt sie her? wie kommt sie zu uns? in dies Land? dachte er. Sie ist
-ja fremd hierzuland.
-
-Georg sah, daß sie mit leicht geneigter Stirn zu jemand sprach, den er
-nicht gewahren konnte; das mußte wohl Bogner sein. Georg gab es einen
-Stich, er wollte davon, blieb aber und sah hin. Ach, ihr gesenkter
-Scheitel, der gewellte Bogen von der Stirn zum Ohr, ähnlich, doch nicht
-ganz so tief wie bei Esther, und dies seltsame lichte Braun des Haars
-...
-
-Sie sprach: »Noch nicht fertig, Bogner?« »Morgen früh«, hörte Georg die
-Stimme des unsichtbaren Malers. »Will es nicht gehn?« Sie sprach ruhig,
-mit verdunkelter Stimme. Die Antwort des Malers blieb unverständlich;
-nach einer Weile kam wieder Renates Stimme: »Sie sollten schlafen.« Wie
-schön verhallte das im leeren Raum!
-
-Nun wars still. Renate stieg auf das Podium, setzte das Windwerk in
-Gang, öffnete das Manual und spielte bei geschlossenen Registern ganz
-leise den Choral: >Nun ruhen alle Wälder< mehrere Male.
-
-Schweigen. Georg, im Dunkel an die Mauer gepreßt, durch die Zweige über
-ihm emporblickend, sah einen und zwei kleine Sterne, zitternd im Ewigen.
-Er vernahm das sanfte, melodische Brausen in der Nachtstille und
-wünschte, nur Herz zu sein, in diesem beweglichen Rauschen ruhend,
-atmend darin, wie der still im ziehenden Gewässer schwebende Fisch ...
-Er zuckte leise; seitwärts in der Tür über ihm stand jemand, Renate; sie
-stieg nieder, verschwand im Gebüsch und kam nicht wieder zum Vorschein;
-nach langer Zeit hörte er unendlich leise das Geräusch ihrer Füße auf
-dem Steinboden der Veranda. Sie war im Haus. Georg trat auf die Stufen
-und ging in die Kapelle.
-
-Bogner nickte bloß, als er ihn begrüßte. Nein, der wunderte sich ja wohl
-über nichts. Er saß da in der Nähe der Orgelempore, hatte die Fäuste auf
-den Oberschenkeln und sah nach oben gegen sein Gemaltes. Da er nicht
-rauchte, steckte Georg ihm eine Zigarette zwischen die Finger, zündete
-sie ihm an und rauchte selbst eine. So, die Hände in den Hosentaschen,
-ging er hin und her, die fertigen Gemälde betrachtend, drei an der Zahl,
-zwischen den Fenstern gegenüber dem Eingang. Es war wohl geplant, daß
-die Wand oben zwischen den gotischen Spitzbögen über den drei Meter
-breiten und zwischen fünf und sechs Meter hohen Gemälden mit ihrem
-Himmel bemalt werden sollte bis zum Beginn der Wölbung, denn die
-Bemalung endete oben nicht rechteckig, sondern zerfloß in dünnes Gewölk
-und Grau, ähnlich dem Stein. Georg stand vor dem äußersten Engel.
-
-Engel? freilich nur, weil er faltiges Gewand trug und ein Instrument in
-Händen. Georg trat zurück und betrachtete sie alle drei. Oh, sie waren
-groß! Obgleich sie alle in der Ferne sich durch ihre Landschaft
-bewegten, erschienen sie riesenhaft und übermenschlich; die Haltung
-ihres Schreitens war in Formen von Eisen gepreßt, die Luft mußte scharf
-und bitter schmecken, mit solcher Schnelle wurde sie von diesem riesigen
-Pilger durchschnitten. Es war keine Beleuchtung da, Licht lag in der
-Luft. Ja, da schritt er, der engelhafte Bote, in grauviolettem, wehendem
-Gewand, heroisch von Zügen, eine kleine Harfe in ausgestreckten Händen,
-vor einem kleinen dunkelgrünen Föhrenwald mit grauen Stämmen; gelbe und
-schwarze Haidelandschaft ringsum, aber unendliche Stille herrschte; nur
-der Engel ging, ausgreifend vollen Vorderfußes wie ein Löwe,
-emporfedernd den Hacken des andern. Oh, siehe daneben den andern in
-Mattrot, wandelnd mit der Gitarre um einen kleinen grauen Teich unter
-einigen Zedern! Und hier, der Schwefelgelbe blies die gegen Himmel
-gerichtete lange Lure auf violettem Haidehügel mit kleinen
-Wacholderstauden, schwarzgrün. Georg wanderte vom einen zum andern; sie
-blieben, um sie herum schien sich die Landschaft zu wandeln im
-Vorbeifliehn, es wehte von ihren Kleidern, sie bewegten sich und holten
-aus, sie fegten dahin, -- nein, aber dies war nur der eine, der
-Violettgraue mit der Harfe, der so hinjagte über die runde Welt; um die
-andern wars still, sie standen.
-
-Georg wandte sich und trat hinter den Maler. Da saß er in seinem
-buntgescheckten Kittel unter der tief hängenden, eigens für ihn
-angebrachten Osramlampe, die scharf strahlte, umgeben von Töpfen und
-Pinseln. -- Ah, das war unglaublich! Dolomitisches Geklüft, rosengrau,
-Felswände, Terrassen, übereinander gesteigert, immer ferner, immer
-tiefer, bis sie ganz ferne mit wagrechtem Kamm gegen den mattblauen
-Himmel abschlossen, und dort, hoch oben, weit fern, saß der weiße Engel,
-so groß und deutlich, daß er noch überm ungeheuerlichen Geklüfte ein
-Riese schien, aber er war doch schmaler, doch zarter als die andern; es
-war eine Frau, sie hatte kein Instrument, sie lauschte und zeigte die
-zarten Züge und das dunkelrote Haar der Ulrika Tregiorni.
-
-Georg blickte näher hin, ob sie es wirklich sei, -- nun, die Ähnlichkeit
-war schwach und bestand hauptsächlich im Haar, aber er bemerkte bei
-dieser Gelegenheit nun, welch eine simple Malerei dies war, -- aber
-welche Kunst! Was mußte das gekostet haben, bis die Sparsamkeit dieser
-zarten Kontraste, dieser Flächen, dieser Linien herausgepreßt war aus
-der Zahllosigkeit der Möglichkeiten. Was aber diesen Engel anging -- er
-war kaum zwei Schuh groß und hielt das Kinn in der Hand des
-aufgestützten linken Arms --, so hatte er keinen rechten Arm, und dieses
-schien es zu sein, worüber Bogner sich den Kopf zerbrach, denn da
-standen auf der Erde unterschiedliche Arme um ihn herum, die Hand nach
-unten, als sollte der Engel seinen rechten Arm ein wenig hinter sich
-aufstützen.
-
-Bogner sah auf zu ihm, hatte rote Flecken im grauen Gesicht und schien
-verwirrt.
-
-»Ganz schön, nicht?« sagte er. -- Georg legte ihm eine Hand auf jede
-Schulter und sagte feierlich: »Bogner, Sie sind ein edler Mensch.«
-
-Bogner ergriff einen der Kartons mit der Kohlezeichnung eines nackten
-Frauenarms, Ulrikas Arm, wie es schien, nicht sonderlich schön, aber
-durcharbeitet, durchseelt; auch eine Hand, locker ausgestreckt, war noch
-auf dem Karton. Ja, das war diese seltsame Klavierhand, hager und mit
-unzähligen Runzeln auf den Fingergelenken in der locker gewordenen Haut.
-Da fiel Georg Renate ein, und es kam ihm, Bogner geradeswegs zu fragen:
-»Warum lieben Sie nicht Renate Montfort?«
-
-»Ach, ich!« wehrte der Maler unbetroffen ab, wandte sich aber nach einer
-Weile ein wenig um und fragte, ob Georg glaube, daß sie ihn lieben
-könne. --
-
-»Lieber Gott, Bogner,« sagte Georg, »danach sollte der Mensch doch
-zuletzt fragen! Ich glaube, Maler, Sie sind ein Individuum gänzlich ohne
-Leidenschaft.«
-
-»Muß denn bloß so heißen, was sich sexualiter äußert, Prinz?« fragte
-Bogner, stand auf, setzte seine Kohlezeichnung an die Erde, reckte sich
-und fing an, hin und her zu gehn.
-
-»Übrigens«, sagte er, »könnte ich auch wie der Tobias -- wie heißt er,
-in der Komödie?«
-
-»Bleichenwang?«
-
-»Ja, wie der Tobias Bleichenwang sagen: Mich hat auch mal eine lieb
-gehabt. Zärtlichkeit ist wunderschön, ja, das weiß man ja schließlich,
-ja, man entbehrt sie sogar manchmal, -- nun, das kann ja alles noch
-kommen. Warum fragen Sie überhaupt immer so aufdringlich?«
-
-Georg lachte: »Sie brauchen ja nicht zu antworten! Setzen Sie übrigens
-Zärtlichkeit mit Liebe gleich?«
-
-»Das nicht«, meinte der Maler.
-
-»Zärtlichkeit, Wollust und Liebe, das sind die drei unterschiedlichen
-Liebesempfindungen,« sagte Georg, »nur wo alle drei vorhanden sind, ist
-das Gefühl vollkommen.«
-
-Ob er das meinte, fragte Bogner. Ja, also Liebe ... Nach einer Weile,
-vor dem posaunenden Engel stehend, fuhr er fort, daß er auch die Liebe
-ganz gut zu kennen glaube; er habe sich darin versucht gewissermaßen und
-sie immer verschieden gefunden, auch sehr angenehm, besonders im Anfang:
-März. Aber es sei ihm zuletzt doch immer nur vorgekommen wie ein Absud
-von männlichem und weiblichem Geschlecht, im Tiegel so lange gemischt
-und geschüttelt, bis er einfach erschien; in Ruhe gelassen sonderte sich
-beides alsbald, männliches sank, weibliches schwamm oben, es habe wohl
-irgendein wirklich bindendes Element gefehlt. Er sprach undeutlich, da
-er abgewandt stand. Georg sagte, eben das wäre es, darauf käme es an,
-das Element sei zu finden, sei zu suchen.
-
-Suchen? meinte der Maler. Wer denn dazu Zeit habe? Auch sei's wohl klar,
-daß, wenn es dies Element wirklich gäbe, es einzig sei, wirkbar nur bei
-einzigartigen Menschen, immer zwei auf zwanzigtausend.
-
-»Ja, ja!« rief Georg entzündet, »Sie bringen mich auf einen Gedanken!
-Zum Beispiel Romeo und Julia. Was sind die Beiden? Ein liebender
-Geliebter, eine liebende Geliebte; sonst nichts. Womit beschäftigten sie
-sich? Mit ihrer Liebe. Hatte Romeo einen Beruf? Kümmerte ihn die
-Geschlechterfehde? Er und sie hatten nicht Eltern, nicht Geschlecht,
-nicht Volk, nicht Stadt noch Heimat; alles dieses war belanglos wie
-Tisch, Bett und Gartenbank, von denen nichts vorhanden war, solange
-nicht ihre Gemeinsamkeit ihrer bedurfte. Nichts gab es außer ihnen als
-die Freunde, die ihrer Liebe beistanden, und den Tod, der das Gift in
-Adeptengestalt verkaufte. Aufgelöst waren sie in jenes Element, in dem
-sich alles mischen mußte zu einer einzigen Riesenempfindung. Ja --«
-setzte er zögernd hinzu, denn Tozzis Gesicht erschien ihm: »vielleicht
-ist es also -- der Tod?«
-
-Der Maler war von ihm fortgegangen und stand bei der Tür, einen
-ausgestreckten Arm gegen den Rahmen gestemmt, in den Raum hereinblickend
-zu seinen Engeln.
-
-»Wirklich,« fuhr Georg fort, »die allgemeine Liebe empfindet und wünscht
-nichts als gesteigerte Freude, gesteigertes Dasein; jene Beiden aber
-fühlten die letzte, höchste Steigerung, überlebensgroß, in den Tod,
-unbewußt schon in der ersten Umschlingung, und so erreichten sie die
-Dauer.«
-
-»Im Tod?« fragte der Maler von fern. »Nein, das ist vorläufig noch
-nichts für mich.«
-
-Ja, wo aber die Leidenschaft bleibe? hielt Georg hartnäckig fest. Bogner
-streckte die Hand aus und deutete auf seine Engel, einen und den andern,
-den posaunenden, den wandelnden mit der Gitarre, den reisigen mit der
-Harfe. Georg senkte niedergeschlagen den Kopf.
-
-»Unbewußt in der ersten Umschlingung?« fragte der Maler, gutgelaunt, wie
-es schien. »Wie Sie das so wissen können! Ich will Ihnen aber etwas
-erzählen. Nämlich, als ich siebzehn Jahre alt war, also mitten in der
-schönsten Erstlingsglut, liebte ich ein Mädchen, etwas älter als ich,
-für mich wunderschön, klüger, tapferer und sanfter als ihre Schwestern.«
-
-»Die Frauen,« sagte Georg, da der Maler innehielt, »die Frauen, das
-glaube ich nun, sind an und für sich nichts; aber es kann alles aus
-ihnen werden. Jeder, möchte ich sagen, jeder Mann findet zur Zeit
-diejenige, aus der er machen kann, was er im Augenblick braucht. Sehr
-gut sind sie. Und so unendlich geduldig!«
-
-Georg, Magdas arme Gestalt mit wehmütigem Gedenken umfassend, hörte den
-Maler weitersprechen:
-
-»Zur selben Zeit geriet ich an den Scheideweg. Dort mein Vater und sein,
-hier ich und mein Wille. Entschied ich gegen ihn, so wars auch gegen
-sie, denn dann ging ich fort, und sie mußte bleiben. Sie half mir beim
-Fortgehn, ja, das tat sie. Dafür bin ich ihr dann treu gewesen, so gut
-ich es konnte, und habe auch jedes spätere Mal für mich und gegen die
-Liebe entschieden, denn, sehen Sie, das wollte ich sagen: damals, ein
-für allemal, entschied sich für mich diese Angelegenheit.«
-
-»Was ist aus ihr geworden?« fragte Georg.
-
-»Danke. Sie hat es gut überstanden. Sie war, wie gesagt, tapfer. Sie ist
-mit einem Kaufmann verheiratet, hat vier Kinder, und alle sind gesund.
-Ich sehe sie zuweilen. Stattlich sieht sie aus, gewiß nicht, als ob sie
-jemals vor einem Menschen auf den Knien gelegen und gefleht hätte: Um
-Gottes willen, geh! geh, ehe ich dich halte! --«
-
-»So sind Sie wohl Beide Ihrer Bestimmung treu geblieben«, mußte Georg,
-wie ihm schien nicht sehr tiefsinnig, bemerken, und der Maler erwiderte
-nur zerstreut, ja, ja, er habe ja auch gar nichts dagegen einzuwenden,
-und griff nach seiner Pfeife.
-
-»Gehn wir schlafen«, sagte er, als er sie gestopft und angezündet hatte.
-So verließen sie die Kapelle, der Maler schloß sorglich zu, und sie
-gelangten durch den Garten, am dunklen, schlafenden Haus vorüber auf die
-Straße.
-
-Viele und seltsame Pferde liefen durch Georgs Träume in dieser Nacht,
-gelenkt und vorgeführt von Bogner mit langem Pinsel wie von einem
-Zirkusdirektor, aber Renate erschien nicht darunter. Gesang schlug an,
-engelstimmig und süß, Georg erwachte, und es war Morgengrauen. In
-abgeklärten Pausen sang draußen die schwarze Amsel, laut und friedevoll
-in der Morgenstille.
-
-
- Drei Gespräche: Das erste
-
-Esther und Georg saßen am Wassergraben im Park auf der Bank, und sie
-hatte den ganzen Schoß voll großer Zentifolien in allen schönen Farben.
-Da kam Jason al Manach, setzte sich, ließ sich fragen, woher er komme,
-und erzählte:
-
-»Gestern abend, als es schon dunkelte, trat ich irgendwo aus dem Walde.
-Wiesen und Äcker waren voll Nebel, darin stand ein einsames, schlechtes
-Haus mit einem Stockwerk, ich strich an einer fensterlosen Mauer
-hinunter, und wie ich in eins der Fenster nahe über dem Erdboden an der,
-auf die Felder hinaus gewandten Seite des Hauses hineinsehe, sitzt da
-Maler Bogner in einem Liegestuhl und raucht eine Pfeife in Hemdärmeln,
-denn der Abend war milde. Ich grüßte: Guten Abend! Ich störe gewiß. --
-Ja, sagte er, wenn Sie stehen bleiben und mir die Aussicht zudecken.
-Kommen Sie herein.
-
-Ich wandte mich wieder, und sieh, da wars eine jener Stunden, wo einem
-die Augen für das Wunderbare der Erde aufgehn. Als hätte der Maler
-gewinkt, so sah ich nun in eine Landschaft von seltsam wilder
-Feierlichkeit. Jenseits der braunen Äcker voll stehender weißer Nebel
-blinkte ein Stück des abendklaren Flusses aus der unteren Dämmerung,
-voll von gespiegeltem Licht und Baumsilhouetten; die wirklichen Wipfel
-darüber hoben eine mächtige schwarze, von einigen scharfen Fabrikessen
-überstiegene Mauer in das lohende Gelb und Rosa des Himmels. Darüber
-flossen zerblasene, graue, schwärzliche und violette Wolken in trübes
-Rot; zur Linken aber, hoch über dem graugrünen Dunkel der Wiesen
-jenseits des Stromes stand im blaßblauen, leeren Äther ein einzelner
-blitzender Stern; der war gleich einem silbergestählten Sankt Georg und
-die schweigsame, blutende Landschaft wie ein verendendes wildes Untier
-zu seinen Füßen.
-
-O, aber als ich mich zur Rechten wandte, drohte da die Stadt, schwarz,
-eine ungefüge Masse von Dächern, Kuppeln, Türmen; ein stummes Meer,
-brandete hinter ihr der Himmel, überwölbte sie mit durchsichtiger Woge
-von offener Scharlachglut, in der sich ein Getümmel von zerrissenen
-Wolken umhertrieb und verzehrte, glorreich und ungestüm, in einem Wirbel
-triumphierender Farben, blutig, traurig, drohend und lechzend von Gelb
-und ungesättigtem Purpur. Von allen Richtungen liefen Schnüre und Reihen
-von Lichtern, opalenen, grünlichen und goldenen, in den schwarzen Berg
-der Stadt hinein.
-
-Solche Dinge hatte dieser einfache Maler vor sich, wenn er abends in
-Hemdärmeln seine Pfeife rauchte. Es war so viel, daß er manche gar nicht
-beachten konnte, denn als ich nun um das Haus herumging, sah ich über
-ein verdunkeltes, undeutliches Gelände von Feldern und Lichtern hinweg
-den Mond, eine Scheibe von goldenem Kupfer, der sich mitten aus einer
-stumpfen bleifarbenen Wand heraushob.
-
-Das Zimmer, in das mich der Maler führte, war folgendermaßen: Es hatte
-tapezierte, zerfetzte Wände, einen von herausquellendem Pferdehaar wie
-von Geschwüren strotzenden Diwan und zwei hölzerne Stühle, außerdem den
-Liegestuhl und am Boden eine trübe Pfütze von einem alten Gebetsteppich.
-In einer Ecke aber stand ein Bananenast, rundum mit gelben und
-schwärzlichen Früchten besetzt, einem Bienenkorb ähnlich. Ja, und in
-einer andern Ecke stand ein Spucknapf, der war mittendurch gesprungen.
-Eigentlich war es kein Zimmer, es war ein Durchgang von Abend zu Morgen,
-weil es nachts regnen könnte.
-
-Als aber nun der Maler aus einem Nebenzimmer zwei in Porzellanfüßen
-stehende Paraffinkerzen holte, anzündete und auf den Gebetsteppich
-stellte, so offenbarten sie dessen ganzes Elend. Mich ergriff wohl
-Sympathie mit dem Spucknapf, denn in seine Nähe zog ich mir den
-Liegestuhl. Mich rühren so die zersprungenen Dinge, die sich gar nicht
-zu helfen wissen. Der Maler legte sich auf den Diwan und lag so still,
-als ob er schlafe. Die Kerzen zuckten zuweilen und störten mich in der
-Betrachtung meines Schattens ein wenig, der neben mir an der
-zerlöcherten Mauer saß. Drüben, vom fast unsichtbaren Maler her, glimmte
-zuweilen ein Manschettenknopf rot und golden.«
-
-Jason schwieg so lange, daß Esther fragte: »Nun, sprachet ihr gar nichts
-miteinander?«
-
-»Doch,« erwiderte Jason, »aber wir schwiegen viel länger, als ich eben
-geschwiegen habe. Dann fragte ich den Maler, ob wir uns nicht
-unterhalten wollten, und er fragte wieder: Ja, wovon? -- Ich schlug vor,
-wir wollten Aphorismen sagen, -- aber nun, er redete sich aus, er könnte
-das nicht.«
-
-»Ja,« sagte Esther erstaunt, »kann man denn das so?«
-
-»Oh, gewiß. Falls du mich nicht mißverstanden und gemeint hast, ich
-hätte gesagt, Aphorismen machen statt Aphorismen sagen. Ich bin
-angefüllt mit Aphorismen.«
-
-»Zum Beispiel?« fragte Georg.
-
-»Dies«, erwiderte Jason, »ist eigentlich mehr ein Kalenderspruch: Nichts
-ist so imaginär wie der beständig geküßte Hund einer jungen Dame.«
-
-Esther dachte angestrengt nach und brachte schließlich heraus, sie
-verstünde das nicht.
-
-»Oh kleine Esther,« erklärte ihr Georg, »es befinden sich doch lauter
-imaginäre Liebhaber in dem Hund.«
-
-»Nun ein andres«, sagte Esther.
-
-Jason, der schon längere Zeit mit einem von Esthers dänischen Handschuhn
-spielte, die neben ihr auf der Bank lagen, hob ihn jetzt ans Gesicht,
-roch daran und sagte, es wären gleich zwei auf einmal in dem Handschuh.
-»Wißt ihr,« fragte er, »was die traurigste Freude ist? Das ist der
-Parfümduft aus Frauenbriefen, die man spät in einer Schieblade findet.
--- Und nun, Esther, wenn ich dich liebte, würde ich zu dir sprechen:
-Deine Hand im Handschuh ist nur ein Körper, aber der Duft aus dem leeren
-ist Wesen.«
-
-»Ach,« sagte Georg, während Esther rot wurde und lachte, »Sie können mir
-gewiß einen Unterschied formulieren, über den ich neulich nachdenken
-mußte, nämlich den eigentlichen zwischen einem Dichter und einem
-Schriftsteller.«
-
-Nein, Jason bedauerte. »Das würde auf etwas Moralisches hinauslaufen,
-und moralisch kann ich nun einmal nicht sein.«
-
-»Ja,« sagte Esther, »das ist auch langweilig, erzähle mir lieber,
-worüber du dich mit dem Maler unterhalten hast.«
-
-»Richtig,« sagte Jason, »du erinnerst mich an einige sehr gute Dinge,
-über die der Maler mich belehrt hat. Ich sagte ihm nämlich, ich hätte
-verschiedentlich von Menschen sagen hören, daß der Künstler oder
-Dichter, um einer von Bedeutung zu werden, ganz außerordentlich viel
-leiden müßte. Andre dagegen hätte ich wiederum sagen hören, daß es auf
-der ganzen Welt nichts Grausameres gäbe als Künstler, und dies beides
-schiene mir doch zu widersprechen. Da sagte der Maler, was die Menschen
-anginge, so würden sie sich über derlei Dinge kaum aufklären lassen,
-weil, so sagte er, sie diese Dinge nicht aus der richtigen Sehrichtung
-betrachten könnten, nämlich aus der des Genius. Und das ist richtig,
-denn mit dem Genius verhält es sich so wie mit dem, was der reiche Mann
-zum armen Lazarus sagte, als der in Abrahams Schoße saß. Wenn Moses oder
-einer der Propheten zu ihnen käme, so würden sie nicht hören, aber wenn
-Lazarus von den Toten auferstünde, so würden sie. Denn immer unsichtbar
-bleibt den Menschen der Genius, wahrnehmen können sie nur seine Kraft,
-nämlich im Werk, -- und nun sagte der Maler, grausam sei allerdings der
-Genius, mitleidlos, weil er vollkommen sachlich sei und alles
-Menschliche und Natürliche einfach als Stoff ansehe. Hier mußte ich auch
-wieder eine Wahrheit finden,« sagte Jason, »nämlich die, daß die
-Menschen wohl imstande sind, einen Dichter grausam zu finden, der sich
-einen Menschen mit all dessen Eigentum an Leiden und Lüsten zur
-Darstellung nimmt, nicht aber, wenn er so mit einer Landschaft verfährt
-oder einem Baum oder sonst einem Gegenstand, und dies bedenken sie
-nicht, nur weil sie von solchen Dingen weniger wissen oder gar nichts,
-wovon der Dichter vielleicht sehr viel weiß. -- Wenn der Genius nun«,
-sagte der Maler weiter, »sich vollkommen sachlich verhält, so tut er das
-doch auch gegen das Leiden des Menschen, in dem er wohnt, das heißt
-also, daß ihn des Menschen Gefühl und Meinung von diesem Leiden gar
-nichts angeht, sondern er würde lachen, wenn der Mensch sie ihm
-vorhielte, und sagen: Da sorge du! Mach das mit dir allein ab! --
-Gefällt es ihm aber wiederum, so sagt er vielleicht: Zeig her! das da
-scheint mir brauchbar, ein Funken, nicht viel wert, aber ich wills
-versuchen und ihn anblasen. -- Ja, da bläst nun dieser Gott,« sagte
-Jason, auf seine Knie herunterblickend, »und was ist nun wohl der
-Mensch, dieser Wurm, in einer solchen Lohe, die ihm Knochen und Mark
-verzehrt, freilich, Lohe einfach, schmerzlos wie lustlos, nur bloß
-verzehrend, was dann andern Augen gemeinhin erst an der Asche sichtbar
-wird, und dann staunen sie nun über Beethovens Totenmaske. Er aber, am
-ganzen Leibe brennend, schaffte in der Himmelsglut das Werk, blinden
-Auges, tauben Ohrs, denn der Genius sieht, der Genius hört; mit
-flatternden Händen, denn der Genius lenkt, und dieses, dies ist das
-Leiden und dies die Grausamkeit, dies darf Leiden und Grausamkeit
-genannt werden, weil aus ihnen Leben entsteht, ewiges, so Gott will,
-dieweil das andre nur zum Sterben gut ist; doch reinigt der Tod.«
-
-»Hat das der Maler gesagt?« fragte Esther nach einem Schweigen
-leichthin.
-
-Georg sah, daß Jason, wenn das bei ihm möglich war, verlegen schien.
-
-»Es kommt ja nicht darauf an,« sagte er, »die Menschen sagen so vieles
-nicht, das meiste sagen sie nicht, und du kennst ja mein Gedächtnis, es
-muß sich an so vieles erinnern, und gedacht hat er es jedenfalls, davon
-seid ihr doch wohl überzeugt. Übrigens«, fuhr er fort, »sind wir bald
-auf das Meer und die Berge zu sprechen gekommen, und nachdem wir uns
-darüber geeinigt hatten, daß das Meer groß sei, groß, sonst nichts,
-indem nichts von seiner Größe sei, so fragte ich ihn, wie das wohl
-zugehe, daß manche Menschen sagten, das Meer drücke sie nieder; es mache
-sie melancholisch, sagen sie. Er vermutete, eben deshalb, weil es ihnen
-zu groß erscheine, sie selber daher zu klein. Berge dagegen, ich
-erinnere mich genau, daß er dieses sagte, weil darauf ich an zu sprechen
-fing, Berge verhielten sich menschlich, und gewiß ist das so, was ihr
-beurteilen könnt, wenn ihr euch solch ein einzelnes, weißes Schneehaupt
-vorstellt. Denkt ihr euch nun daneben die Erhabenheit eines wunderbaren
-Menschen, Dantes oder Bachs, Rembrandts oder Michelangelos oder Homers,
-so habt ihr gleich eine Kette einsamer, strahlender Bergeshäupter.
-Halbgötter sind die Berge, dem Himmel nah und doch furchtbar irdisch
-verankert, und sie stimmen den Beschauer zur Andacht, unvermindert seine
-eigene Person, eben wegen des göttlichen Eindrucks, der aus Kleinheit
-hinaufziehend, nicht aber niederdrückend ist: Gott läßt immer viele
-Möglichkeiten offen, um so strahlender, wenn er sich menschenhaft
-offenbart. Blickt ihr aber von der Höhe über ganze Ketten und Felder
-andrer Gipfel und Gebirgszüge hin, so habt ihr auch hier ein Meer von
-Wellen, von erstarrten jedoch, von gebändigten, innerlich unfreien, ihre
-Verdammung zur Schweigsamkeit mit Größe und Heldensinn ertragenden,
-gleich einem Volk gefesselter Könige; ihr aber, ihnen gegenüber, von
-Beweglichkeit, von eurer ganzen rühmlichen Freiheit ringsum strotzend,
-ihr fühlt die Majestät solcher Versammlung mit Andacht und angenehmer
-Demut. Dies alles«, sagte Jason lächelnd, »erklärte der Maler nicht wie
-ich, sondern mit einem einzigen Worte, und danach fingen wir an, von den
-Wolken zu reden. Von ihnen sagte Bogner gleich, daß er sie liebe,
-nämlich die vereinzelten, geballten, weißen, mittäglichen, und er sagte,
-daß sie wie Götter seien, schweigend und leuchtend, nur ihr Wesen
-ausstrahlend unbeeinflußbar, -- und ich dachte wieder, wie richtig das
-sei, da eben solche Wolken diejenigen Eigenschaften haben, die wir uns
-wünschen, die uns fehlen: die Ruhe, die Unberührbarkeit, dies leuchtende
-Dulden der Vereinsamung, das Schweigen, und so sind sie, wie alle
-Gottheiten, vergottete Menschen, uns ähnlich, daher noch zu erfassen,
-noch in uns, wie die übrige Natur, und indem ich dies bedachte, fiel mir
-ein, ob der immer sonderbare und rätselhafte Eindruck des Ozeans wohl
-darauf beruhe, daß er nicht in uns sei wie die übrige Natur, und dies
-sagte ich dem Maler. Da erzählte er mir ein Erlebnis aus seiner
-Kindheit.
-
-Er beschrieb mir, wie er an einem Sommerabend als Knabe in einem Kahn
-gelegen habe. Wie er da mit sich allein war in der unsichtbaren
-Dämmerung und eine Hand ins Wasser hängen ließ, da sei nun aus dem
-Abgrund des Meeres der Mond heraufgestiegen, ganz wie ein schweigender
-Gott. Das Herz habe ihm da zum Zerspringen geklopft; er habe gemeint,
-der Mond komme aus seiner Brust. --
-
-Dies ist nun freilich ein schöner Irrtum gewesen, denn das Unsichtbare
-war es, das seine Brust so weit zu machen wußte, daß sie auch die Nacht,
-das Dunkel, alles in sich aufnahm, das Meer spielte eigentlich keine
-Rolle in seinem Erlebnis, und ich sagte ihm dies, indem ich ihm
-nachwies, daß damals, als das einfachste Tier, unser Vorfahr, die
-Noctiluca, aus dem Meere das Land erstieg, das Meer von uns abzufallen
-begann, durch die Jahrmillionen, durch unzählbare Geschlechter von
-Verwandlungen, und das Leben auf dem Trocknen ward anders als im
-Gewässer, fremd ward uns das Meer, aber es war unsre älteste Heimat, und
-darum, wenn wir darüber hinsehn, so meinen wir, daß dort drüben, an
-einem andern Ufer, unsere Heimat liegen müsse; wie Odysseus sich
-vorstellte, daß gleich drüben der Rauch aus seinem Dache steigen müßte;
-aber die Heimat eigentlich ist in dem Meer, ist es selbst, und deshalb
-macht es uns wehmütig, heimschmerzlich, und das drückt uns wohl nieder,
-um so geringer unser Glaube, um so tiefer unser Verlangen nach Heimat
-ist. Da kamen wir nun auf die Sterne zu reden, und ich glaubte schon,
-davon würden wir die ganze Nacht nicht wegkommen. Aber die größten Dinge
-sind auch wieder die einfachsten, und so verhält es sich auch mit den
-Sternen, daß von ihnen schon alles gesagt ist, wenn man nur an sie
-denkt. Dann genügt ein zufälliges Wort, und so fiel es dem Maler ein, zu
-sagen, daß die Sterne jenseits wären. Wie wahr ist das, denn sind sie
-nicht außerhalb unsrer Erde? Was aber reicht über unsre Erde hinaus?
-Wir? Unser Gefühl? Gegen das unzerreißliche, metallene Gewebe des
-Firmaments prallt unsre Seele an wie ein Federball; nichts dringt dort
-ein, es sei denn -- das Gefühl, nicht eindringen zu können, das uns so
-wunderbar anmutet. -- Übermenschlich, seht ihr, das sind Wolken und
-Berge; überirdisch, das sind die Sterne. Mit ihnen ist uns nichts
-gemeinsam, nicht einmal das Gefühl der Fremde. Das Meer jedoch, es ist
-unmenschlich, eine Natur außer uns, eine Leidenschaft außer uns, eine
-donnernde Unbegreiflichkeit.
-
-Ja, so sprachen wir miteinander,« sagte Jason nachdenklich, »und
-inzwischen hatte der Maler seinen Bananenast aus der Ecke geholt,
-stellte ihn auf den Teppich, setzte sich auf die Erde davor mit dem
-Rücken gegen die Fenster und ermunterte mich zu essen, indem er eine
-Frucht abriß, hurtig schälte und die Schale über seine rechte Achsel zum
-Fenster hinauswarf. Wie das aber so geht mit mir, -- ich stand auf
-einmal in der Tür, und da sehe ich ihn noch so sitzen in dem leeren Raum
-bei seinen rötlichen Kerzen und seinem schattenwerfenden Bananenast, und
-die Schalen zum Fenster hinauswerfen. Auf einmal stand ich dann und
-blickte gegen den wunderbarsten Nachthimmel, und es war kühl und vieler
-Atem im Finstern um mich her. Der Himmel aber, der vor mir niederhing,
-war ein wundersamer Gobelin mit einem silbernen Wolkenmeer, in dem,
-dicht aneinandergedrängt, andre, schwärzliche Wolken gleich riesenhaften
-Delfinen und Seeungetümen sich bewegten, und dies alles durchglitt der
-Mond, klar und sanft und sich schaukelnd, eine silberne Schale von einem
-Götterboot.«
-
-Jason schwieg, rückte ein wenig und schien ans Fortgehn zu denken.
-
-»Sage, Jason,« fragte Esther, »hast du nun wirklich gar nicht daran
-gedacht, dir von dem Maler Bilder zeigen zu lassen, da du einmal dawarst
-und doch kein Mensch herausbekommt, wo er wohnt?«
-
-Nein, Jason hatte nicht daran gedacht. Er schien geistesabwesend.
-
-»Es waren so viele Bilder da,« sagte er, »ringsherum, der ganze Himmel
-voll. Vielleicht«, sagte er aufstehend, »habe ich mir eingebildet, er
-hätte sie alle selber gemalt.«
-
-Sprachs, nickte ihnen leutselig zu und ging davon. Sie mußten ihm
-nachsehn, wie er an den Gebüschen hinstreifte, ein wenig geduckt, die
-Knie leicht eingedrückt, den Strohhut im Nacken, die Hände auf dem
-Rücken, schmal in seinem feinen Rock von schwarzem Tuch, und so schwand
-er den Weg hinunter um die Ecke, und es war nicht ersichtlich, ob er
-nicht nur das äußere Verschwinden abgewartet hatte, um gänzlich fort zu
-sein, weg, nicht mehr vorhanden oder vielleicht schon in Südamerika.
-Esther und Georg aber taten ihre Augen zusammen, nickten sich zu und
-sagten, daß es ab und an gut sei, Jason zu hören.
-
-
- Drei Gespräche: Das zweite
-
-Georg, Sigurd und Benno saßen spät abends beisammen; Georg, wie er es
-gern tat, in seinem Armstuhl, den er mit der Rücklehne gegen den
-Schreibtisch gedreht hatte, so daß er zur Kaminecke hinüber sah gegen
-den grünen Lampenumhang, -- und rechts dort saß Benno, in seinem Sessel
-so tief, daß er Georg unsichtbar war hinter den dunklen Figuren und dem
-breiten Dach des Treppengeländers: nur sein obenliegendes Knie war zu
-sehn, hell glänzend dicht unter der grünen Tischdecke im nach unten
-fallenden Licht. An der anderen Seite hatte Sigurd sich in den breiten
-Ledersessel zurückgelegt, das Gesicht nach oben gewandt, das linke Knie
-so hoch gegen die Schulter gezogen, daß er die Hände dicht überm
-Fußgelenk falten konnte, das auf dem rechten Knie lag. Georg hatte, da
-sie eben damit beschäftigt waren, sich nach Kräften an- und
-auszuschweigen, Muße genug, ihn zu betrachten, diesen erstaunlich
-Schönen; sein dunkelhäutiges langes Gesicht glänzte leise aus der
-Dämmerung wie etwas Gegossenes; ein Lichtfunke, in jedem Auge hängend,
-machte sie starr in aller düstern Lebendigkeit. Schön im Schweigen
-formte sich der volle Mund.
-
-Georg dachte in behaglicher Zufriedenheit über ihn nach. Sich erinnernd,
-wie er in dem dunkelroten Mantel hohepriesterlich bei so viel
-Jugendlichkeit erschienen war, dachte er, daß noch kaum ein Mensch --
-und am seltensten eine Frau -- so das Empfinden ihm bekräftigt habe, es
-müsse im schönen Leibe auch eine schöne Seele wohnen. Renate -- ja --
-eigentümlich: ihr Glanz war so außerordentlich, so vollkommen, so nichts
-mehr zu wünschen lassend, daß man nichts begehrte außer eben ihn, -- und
-doch nein; war es nicht seelisches Feuer allein, das, ihre Züge und
-Farben durchglühend, sie in solche Harmonie und solches Leuchten
-versammelte? Also war vielmehr dies das Absonderliche, daß aus Renate
-Einheit strahlte; hier, aus dem Manne dagegen nur Eines, das ein Zweites
-ahnen und wünschen ließ, -- und so sehr, dachte er, ist also Schönheit
-etwas Nebensächliches, etwas Störendes fast beim Manne, dessen Geist und
-Seele allein es sein sollten, die Licht verbreiten. Ja, und Esther, wie
-war es mit der? Hatte sie wohl eine Seele überhaupt, oder war da alles
--- nur süß; bis hinab in das Innerste? Ach, kleine Esther, kleine
-Chinesin, bin ich nun eigentlich verliebt in dich? und wenn wirklich,
-wie wäre das möglich in Anbetracht Renates? -- --
-
-»Wie doch das Schweigen tönt!« hörte er da Benno träumerisch sagen. »Wir
-sind ja ein Dreiklang.«
-
-»Dur oder Moll, Benno?«
-
-»Ich weiß nicht, Georg. Musik der Seelen -- und die ist es doch, die ich
-höre -- weiß wohl von irdischen Tonarten nichts, und dort ist das
-innerlich Selige von Dur und Moll ein unirdisches Gemisch.«
-
-»Ja -- dort, Benno, nicht wahr? Aber wir sind hier und müssen immer
-heiter oder traurig sein. Es ist aber schön zu denken, was du sagst.«
-Georg schwieg.
-
-Nach einer Weile zogen ihm sanfte Verszeilen durch die Erinnerung, und
-er sagte langsam auf:
-
- »Die Linien des Lebens sind verschieden
- Wie Wege sind und wie der Berge Grenzen.
- Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen
- Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.«
-
-Sie schwiegen lange.
-
-Benno sagte: »Ergänzen, ja. Zu Moll das Dur und zu Dur das Moll; und
-doch wird es Ergänzung nicht allein sein, sondern das -- andre, das --
-von hier, wird mit darin sausen, und das wird die Vollkommenheit sein,
-die weder Dur ist und weder Moll. Und das hat Bach gewußt.«
-
-Es war wieder still. Georg versank in ihm selber Unbewußtes.
-
-Plötzlich -- als sei es genug -- sah er undeutlich Sigurds Haltung sich
-lösen; er setzte den Fuß an die Erde neben den andern, beugte sich vor,
-legte die Hände um eines der Bücher auf dem Tisch und sagte in seiner
-kurzen Weise:
-
-»Wissen Sie, Georg, -- ich wollte Ihnen immer schon etwas sagen. Wegen
-Esther. Sie wissen ja: meine Schwester gehört mir, mir ganz allein. Ich
-habe sie erzogen von Kind auf; sie ist -- mein Werk. Es gab eine Zeit,
-wo sie den Leuten langweilig war, so sehr war sie ein Abguß von mir und
-sprach mit meinen Worten. Und was wissen wir schließlich von solch einem
-Wesen?«
-
-Er brach ab. Ja, was wissen wir, dachte Georg. Sie geht umher und sieht
-süß aus. Alles, was wir wissen, sind Dinge, die sich auf uns beziehn.
-Obendrein antwortet sie nur, schweigt, spricht selten von selber, oder
-ganz Belangloses, Tatsächliches. Und dabei diese Wandelbarkeit, als
-hätte sie gar keinen Kern! Mit jedem Kleid, in jedem Hut, ohne Hut, im
-Mantel, in der Jacke ist sie ein andres Wesen; heut ein Kind, morgen
-abwesend, eine kühle fremde, Verirrte, jetzt sanft und hülflos, morgen
-sicher und verständig, ja scharfsinnig, heut altklug und morgen unbewußt
---, als ob sie immer und nur auf geheime Unterweisung sei und handle, --
-aber immer ist sie verführerisch und gefällig mit Miene und Lächeln. Ja,
-wenn ich das Sexuelle auch so überschätzte, wie Alle es tun, so würde
-ich denken, ich sei in sie verliebt, bloß weil ich ab und an den
-zärtlichen Wunsch habe, sie auf den Arm zu nehmen und irgendwohin zu
-tragen. -- Während er sich dies sagte, betrachtete er Sigurd, der, die
-Zunge im Munde wälzend, das Buch hin und her drehte, und dachte, falls
-er, wie es schien, ihm etwas mitteilen wollte, sei es das beste, zu
-schweigen. Richtig fing Sigurd auch wieder an:
-
-»Was wissen wir von ihnen? Ihre Gedanken laufen doch immer wo anders
-hin. Nun sind sie in Amerika. Sie giebt bekanntlich vor, einen jungen
-Mann zu lieben, da drüben ...«
-
-»Warum: giebt vor?« fragte Georg.
-
-Sigurd blickte wegwerfend auf: »Ich sagte ja, daß sie mir gehört, also
-liebt sie in Wirklichkeit mich, nur ist sie eben meine Schwester und
-merkt es nicht. Und überhaupt nun diese sogenannte Liebe. Esther ist
-immer von irgendwem geliebt worden und hat immer irgendwen geliebt.
-Endlich kommt einer und sagt, er muß sie heiraten, und da muß sie nun
-auch. So ists immer, Alle heiraten aus Zufall, und nachher ist das
-Unglück da.«
-
-Georg glaubte sich zu erinnern, daß er das selbe schon einmal von einem
-andern Menschen gehört hatte, -- war es nicht Ulrika? ... Aber Sigurd
-war aufgestanden, lehnte sich mit der rechten Schulter gegen das
-Bücherregal, den Kopf gesenkt, hier und da einzelne Bände tiefer ins
-Fach klopfend, während er sprach:
-
-»Ich will sie nicht hergeben, ich brauche sie, wofür lebe ich denn?« Er
-wandte sich zu Georg. »So etwas kennen Sie natürlich nicht,« sagte er
-mit verächtlicher Traurigkeit in den schweren Augen, »Geschwisterliebe.
-Nicht Frau, nicht Geliebte, nicht Freundin, aber von jeder ein Hauch, --
-und andrerseits, wenn ich denke, ich könnte eine andre Frau lieben, so
-würde mir das Verwandtschaftliche bitter fehlen.«
-
-»Irgend etwas«, sagte Georg weise, »fehlt immer.«
-
-»Esther,« fuhr Sigurd fort, ohne hinzuhören, »Esther hat diese Macht
-über die Menschen, dies Verlockende, das ihr eigentliches Wesen ist. Sie
-kann nicht anders, sagen Sie selber: wenn sie mit Ihnen allein ist, ist
-sie da nicht ganz eine andre, als wenn Andre dabei sind? Unter Vielen
-ist sie überhaupt nichts, da steht sie wie ein kleiner Hund im Regen
-...« Er lachte verlegen, Georg lachte gefällig mit.
-
-»Nun also der in Amerika«, fing Sigurd wieder an. »Ein außerordentlich
-tüchtiger Mensch, müssen Sie wissen. Unglücklicherweise nahm er an einem
-Monatsletzten -- als er noch hier war -- dreißig Mark aus der Kasse, um
-sie am Ersten wieder hineinzulegen, da kam die Revision. Es gelang mir
-natürlich,« sagte er mit innerlichem Stolz, »den Chef zu überzeugen, daß
-er keine Anzeige machen durfte und ihm ein Zeugnis ausstellte auf
-Tüchtigkeit und Fleiß mit dem Vermerk: verläßt seine Stelle nach
-Übereinkunft. Ja, und trotzdem verfiel der arme Junge so in
-Verzweiflung, daß er in die Staaten hinüberging. Oh auf ihn kann man
-sich verlassen, aber auf Esther? Warum soll sie nun grade den immer und
-ewig lieben, nachdem sie sich so oft geirrt hat? Aber ihr Gefühl für
-mich, das ist immer das gleiche geblieben. Sie fängt nach einem halben
-Jahr an, sich zu langweilen, immer mit dem selben Mann, wohin soll sie
-sich noch entfalten?«
-
-»Ja, ja,« lachte Georg, »Sie haben recht: unter mehreren Männern ist sie
-die bescheidene und kluge Lauscherin -- Leonore im Tasso --; mit einem
-allein entfaltet sie sich zart -- Leonore mit Tasso.«
-
-»Achtzehn Jahre ist sie alt,« sagte Sigurd kopfschüttelnd, »und bildet
-sich wahrhaftig ein, dieser Kaufmann drüben sei in Europa und Amerika
-der einzige Mensch, mit dem sie das Leben zu Ende führen kann.«
-
-»Sie sind närrisch,« meinte Georg, »Liebe und Überlegung ...?«
-
-»Ja, soll sie ihn lieben!« brauste er auf, »aber warum denn um Himmels
-willen heiraten? Wie schön ist die Liebe, wie ideal ist die Liebe! Sie
-erregt alle heftigen Gefühle, Sehnsucht, alle Empfindungen nach --
-hinaus, nach oben, ins Offne, ins Unbegrenzte, -- und dann wird
-geheiratet.« Er lief an Georg vorüber und hinter seinem Rücken im Zimmer
-hin und her.
-
-Georg fiel Cora ein, die er seit Monaten einfach vergessen hatte, und
-sagte: »Ideale, das wissen Sie doch, Sigurd, sind dazu da, daß man sie
-hat, nicht daß man danach lebt. Zum Leben brauchen die Menschen Ziele.«
-
-»Na, und was machen Sie da wieder für einen psycho-philosophischen
-Unterschied?«
-
-»Ein Ideal«, sagte Georg ernsthaft, »ist keines -- nicht wahr --
-innerhalb erreichbarer Grenzen; ein Ideal ist doch nichts Persönliches,
-nichts, was man für sich allein hat, oder käme es nicht mehr von Idee
-her? Ideal ist Religion. Wie ich schon sagte, nicht wahr: auch Religion
-müssen die Menschen haben, aber wer lebt danach? Für ihr Leben haben sie
-ihre Gesetze und sonst praktische Wegweiser, was ich Ziele nannte.
-Wegmarken braucht der einfache Mensch, um zu sehn, woher er kommt und
-worauf er zugeht, und daß er sich bewegt.«
-
-»Ach, Sie denken immer so artistisch! Dem Künstler freilich sind seine
-Werke solche --«
-
-»Dem Künstler«, griff Georg mit Festigkeit ein, »sind seine Werke
-niemals Ziele, sondern stets Ideal. Was er erreicht -- im Werk --, das
-mag Andern, ja mag ihm selber ein Ziel scheinen, eine Wegmarke, eine
-Stufe, um höher zu steigen: im Grunde bleibts ideal, weil unvollkommen
-gegenüber seiner Idee. Ein vollendetes Kunstwerk, nicht wahr -- das kann
-niemals mehr heißen als: ein fertiges. Selbst Gott hat nur gesagt, es
-wäre sehr gut, und ich bin überzeugt, daß sein Ideal von Welt hoch, aber
-höchst anders ausgesehn hat!« Georg, nachdem er seine Sätze auf das
-eifrigste hervorgesprudelt hatte, stand auf, ging hin und lehnte sich
-gegen die Bücherwand. In der Tiefe des dunklen Raumes sah er Sigurd
-neben dem Pensieroso stehn, der vor ihm saß, unbekümmert wie je, den
-Handrücken unterm Kinn, sinnend.
-
-»Es giebt so viele Worte«, sagte Sigurd. »Wie alt sind wir eigentlich?
-Unsereins sieht immer über die rationalen Dinge hinweg, als ob Gott und
-Welt und Ewigkeit das einzige wäre, was uns anginge, als ob wir sie im
-Sack hätten, als ob sie nur so um uns herumstünden wie Schränke.
-Übrigens haben Sie davon angefangen.«
-
-»Ja, Sie merken doch alles, Sigurd«, sagte Georg sardonisch. »Glauben
-Sie wirklich nicht, daß das Alltägliche genügt, um es zu tun? Soll man
-auch davon reden?«
-
-»Nicht vom Alltäglichen,« versetzte Sigurd kurz, »das ist eine
-Unterschiebung. Ich sprach vom Realen oder Tatsächlichen und bin nicht
-der Meinung, daß es so einfach ist, daß Tun genügt.«
-
-»Ich kenne eine Frau,« erwiderte Georg nachlässig, »deren Ideal wäre es,
-die Geliebte eines Prinzen zu sein. Jawohl, Sie bemerken ganz recht: der
-Prinz bin ich selber.« Sitzt mir die Maske? fuhr es durch ihn hin. Er
-sammelte sich und fuhr fort. »Ich sage Ideal, Sie würden sagen Ziel.«
-
-»Weil Sie,« Sigurd lachte spöttisch, »weil Sie ihr dies Ziel nicht
-erfüllen wollen? Also ein idealisches Ziel, wie Ihr Kunstwerk, wie der
-Himmel für den primitiven Frommen, den Moslem oder so: solange man
-danach strebt, Ideal, wenn mans hat, Ziel.«
-
-»Ach, Unsinn!« murrte Georg. »Der Himmel (und die Hölle genau so gut)
-sind keine Ideale für den Frommen, sondern einfach Ziele, weil sie mit
-zum Irdischen gehören, weil sie in seinem Dasein inbegriffen sind.«
-
-»Also leugnen Sie überhaupt Religion?«
-
-Es klopfte. Die Tür zum Flur wurde geöffnet, und Esther stand über der
-Treppe in einem dicken bräunlichen Regenmantel, den Kragen
-hochgeschlagen, kaum sichtbar das kleine Gesicht mit den funkelnden
-Augen unter tiefen Scheiteln und der Kappe aus schwarzem Haar, die sie
-heute trug. Sie hatte einen Brief in der Hand.
-
-»Ein realer Brief,« sagte Sigurd, indem er näher trat, »siehst du,
-Esther, der Prinz leugnet alle Religion außer Buddhismus.«
-
-Ich dachte an Märtyrer, sagte Georg sich schweigend, indem er Esther die
-Hand gab und fand, daß sie wie ein gutes, schwärzliches Tierchen aussah,
-süß zum Wegtragen und Füttern. -- »Als wir anfingen, Esther,« sagte er,
-»sprachen wir von Ihnen; nun sind wir glücklich beim Nirwana.«
-
-Sie lächelte. »Das ist eben das Gute an uns, daß ihr von uns überall
-hingeraten könnt! Ihr müßt immer bei uns anfangen, ihr Männer.«
-
-»Und von überallher zu euch zurückkommen«, schloß Georg lachend. »Ihr
-seid der Kreis und seid im Mittelpunkt.«
-
-»Ja, Kreis«, wiederholte Sigurd, am Schreibtisch stehend, Georgs
-Malaiendolch in der Hand. »Was ist mit dem Brief?« schloß er kurz.
-
-Esther erklärte munter, wie sie, um den Brief in den Kasten zu werfen,
-vor die Tür gegangen, wie die Nachtluft so herrlich nach dem Regen
-gewesen sei und nach nassem Pflaster geduftet habe, daß sie hergelaufen
-sei, um Sigurd abzuholen, -- und den Brief habe sie dabei in der
-Manteltasche vergessen. Georg verschlang sie mit Augen dieweil und hörte
-kaum ihre Worte. Sigurd nahm ihr den Brief wortlos fort, während Georg,
-ihr aus dem Mantel helfend, freundschaftlich fragte: »Für wen ist denn
-der dicke Brief, kleine Esther?«
-
-»An meinen Verlobten,« hörte er sie abgewandt sagen, und einen Stich im
-Herzen, fiel ihm ein, daß Sigurd ihm ja etwas hatte mitteilen wollen,
-Esther betreffend. Was konnte das wohl gewesen sein? -- --
-
-Nun saßen sie schweigend alle Vier, bis Esther mahnte: »Sagt doch was,
-Kinder, seid ihr immer so schweigsam?«
-
-»Ja, Benno!« -- Benno saß ganz grade auf dem Vorderteil seines Sitzes,
-dieweil eine Dame zugegen. -- »Benno hat den ganzen Abend noch nichts
-gesagt. Also Benno ...«
-
-Benno lachte erschütternd. Er habe alles, was ihm für heute zu reden
-gegeben sei, schon vor Esthers Anwesenheit gesagt. »Nun müßt ihr reden!«
-
-Esther schlug vor, Georg möge etwas vorlesen.
-
-»Ja, Georg!« bat Benno schmelzend und glitt erwartungsvoll unbedacht
-tiefer im Sessel, richtete sich aber gleich wieder auf. Georg wehrte
-jedoch ab; er habe nichts Rechtes. Als Sigurd nun aus der Ecke am Kamin
-fragte, ob und was Gutes Georg zurzeit lese, fühlte er einigen Ärger
-über Sigurds schlankes Abbiegen und sagte nachlässig bloß: »Jean Paul.«
-
-Keiner von den Dreien erwiderte etwas. Der Name löste wohl zwiespältige
-Empfindungen aus, die nicht zu Worte gelangten.
-
-»Natürlich,« sagte Georg, »wenn man Jean Paul sagt, sind Alle wie auf
-den Mund geschlagen. Habt ihr Jean Paul gelesen? Haben Sie Jean Paul
-gelesen, Esther?« -- Esther murmelte etwas vom Katzenberger.
-
-»Dieser ewige Katzenberger! Als ob das nun Jean Paul wäre, nicht wahr!
-Katzenberger! Das ist wie -- wie so eine hornhäutige Ferse am Absatz
-eines Engels; als solche ja ganz merkwürdig. Aber den Engel solltet ihr
-reden hören! Wartet --« Sich im Stuhl drehend griff er den kleinen
-schwarzen Band vom Schreibtisch hinter sich. »Flegeljahre,« sagte er,
-»ich will euch nur eine Stelle vorlesen, nur eine, und ihr sollt --« Er
-blätterte erregt. »Nein, wartet mal, wo war doch das! Richtig, ich hatte
-doch ein Zeichen ... An der Stelle ging mir zum ersten Mal mit
-blendender Klarheit der Unterschied zwischen Dichtersprache auf und --
-wie soll ich sagen? -- da ist die Stelle!«
-
-Georg hatte sein Zeichen gefunden, nahm es heraus, bog das Buch auf und
-las:
-
- No. 16. Berguhr
- Sonntag eines Dichters
-
-Walt setzte sich schon im Bette auf, als die Spitzen der Abendberge und
-der Thürme dunkelroth vor der frühen Juli-Sonne standen, und verrichtete
-sein Morgengebet, worin er Gott für seine Zukunft dankte. Die Welt war
-noch leise, an den Gebirgen verlief das Nachtmeer still, ferne
-Entzückungen oder Paradiesvögel flogen stumm auf den Sonntag zu ...
-
-»Das ist es!« rief Georg, »das ist es: ferne Entzückungen oder
-Paradiesvögel flogen stumm auf den Sonntag zu. Ja, was denkt ihr euch
-dabei? Ist das irgend etwas Vorstellbares? Ist das nicht unbeschreiblich
-imaginär? Entzückungen, die fliegen? stumm? auf den Sonntag zu? Und da
-quillt einem doch das Herz über von etwas geisterhaft Irdischem und
-Unirdischem in wunderbarster Vermengung, und die Seele über von
-unsagbaren Visionen des Morgenhimmels und der Dämmerstunde. Und deshalb
--- nicht wahr -- was liegt an den Worten? Das überwogende Empfinden des
-Dichters schwemmt sie hervor, -- vom Rhythmus, der alles ist, ergriffen,
-ankristallisiert, schwemmt es sie hinüber in uns, wo sie zergehend
-wieder ausschäumen in Empfinden und in Vision. So spricht der Dichter.«
-
-Still waren die Andern. Wie, keine entzückte Bejahung? -- Endlich sagte
-Sigurd:
-
-»Und wie, meinen Sie, sprechen wir?«
-
-»Wir? Wir machen uns verständlich. Wir wollen verstanden werden, wollen
-wirken und suchen den passenden Ausdruck, den treffenden, nicht wahr,
-Deutlichkeit. Der Dichter will sich niemand verständlich machen, nicht
-wahr, sondern muß singen, nachsingen, was der Dämon vorschreibt, und
-dies eben, nicht wahr, daß er vollkommen weiß: er kann sich auf unsre
-Weise nicht ausdrücken, weil dann nur Deutlichkeit entstünde, aber nicht
--- Empfinden, Sichtbarkeit, Fühlbarkeit, das -- nicht wahr -- giebt ihm
-die Gegensprache vom Ausdruck, das -- eigentlich ists ein Verhüllendes,
-nicht wahr, das -- Bild, Gleichnis, die Gestalt, das heißt: er stellt
-dar. Darstellung und Ausdruck, das sind die beiden.«
-
-»Dagegen«, sagte Sigurd nach einer Weile, »ließe sich wohl nichts
-einwenden. Wie Sie aber -- in dem, was Sie zuerst sagten -- das Wort so
-erniedrigen, zum Mittler des Gefühls erniedrigen können, das verstehe
-ich nicht. Ich --« Georg, obwohl sprachlos vor Überraschung, daß er
-erniedrigen sollte, er, dem wie keinem Andern die Einzigkeit, die
-vollkommene Aristokratie des Wortes bewußt war, -- kam nicht zum
-Einfallen. »Ich empfinde«, sprach Sigurd weiter, »da ganz anders. Ich
-empfinde --« Vorgebeugt in seiner Ecke, die Ellenbogen auf den Knien,
-legte er Gelenke und Fingerspitzen der gewölbten Hände mit kleinen
-formenden Bewegungen gegeneinander -- »ich empfinde -- den Leib des
-Wortes. Ein tiefes Erfülltsein, Umschlossensein; kein Überströmen.«
-
-Esther, die sich bislang unteilhaft verhalten hatte, nickte jetzt
-beistimmend und schüttelte den Kopf. Auch Benno drehte sich.
-
-»Nein, da müssen Sie mich mißverstanden haben«, sagte Georg. »Das Wort
-als Mittler? Auch ich --« die Zeile Jean Pauls wie auf einer langen
-Fahne vor sich, ließ er sie auf sich wirken, und sagte, langsam seinem
-Gefühl nachsprechend: »Ich empfinde das Wort, Leib und Seele. Die Seele
-aber flutet über die Ränder und -- bildet, mich erfüllend, den Leib noch
-einmal in mir. Und das geht -- hin und her, nicht wahr; immer ist eines
-im andern. Die Seele freilich -- auf die kommt es doch allein an -- die
-Seele des Worts ist die mächtigere, die immer wieder überflutet und mich
--- ahnen läßt, tausendmal mehr ahnen, als das Wort enthält.«
-
-»Sie lassen Ihre Phantasie spielen, Georg. Sie sind Romantiker,« sagte
-Sigurd, »und --«
-
-»Ich bin kein Romantiker, was fällt Ihnen ein?«
-
-»Dann denken Sie eben an besonders romantische Gedichte, die es ja
-giebt, die von dieser überfließenden Art sind.«
-
-Esther und Benno nickten lebhaft.
-
-»Aber ich bitte euch!« widerstritt Georg. »Nehmt doch etwas andres,
-nehmt -- was ihr wollt! Nehmt >Der Wald steht schwarz und schweiget --
-Und aus den Wiesen steiget -- Ein weißer Nebel wunderbar ...< Was liegt
-denn an den Worten? am schwarzen Wald und weißen Nebel? Aber eine golden
-verschattete Welt steigt auf, und das ist die Kunst, wie ich sagte: mit
-einem Wort hundert und tausend mal mehr zu geben, als es enthält.«
-
-»Und das ist romantisch«, beharrte Sigurd.
-
-»Ja, Georg,« wagte Benno sich hervor, »handelt es sich hier nicht um
-etwas andres? Das ist doch -- Landschaft. Die soll gemalt sein, gesehen
-werden, und da wirkt natürlich die Phantasie. Hier tut sie's auch bei
-mir. Sonst aber -- verhüllt sie sich eher --«
-
-»Verhüllt sich!« sagte Sigurd. Esther nickte und lächelte.
-
-»Zum Beispiel, wenn du an das von George denkst, dies Wunderbare, du
-lasest es neulich: >So war dein sanfter Sang der Sang des Jahres -- Und
-alles kam, weil du es so bestimmt.<« Benno verhauchte beseligt. Sigurd
-am Regal lehnend, die Finger in den Westentaschen, das Gesicht vornüber
-gesenkt, sagte kurz, nach innen grübelnd:
-
-»Es muß etwas andres sein. Sie nehmen die Dinge ästhetisch. Es muß ein
-ethischer Vorgang sein.«
-
-»Da komme ich nicht mit«, erklärte Georg. »Jeder Vorgang ist an sich
-rein ästhetisch, nicht wahr? Ethisch wird er allein durch die Erkenntnis
--- Sie verstehen, Esther --, durch Erkenntnis von Werden und Entstehn,
-von den Zusammenhängen, von der Form. Hier aber, hier handelt es sich ja
-um Vorgang und nur um Vorgang. Das Ethische können Sie ja dazu haben,
-aber -- was hat das mit Dichtung zu tun? Das ist doch -- abstrakt.«
-
-Benno war nicht einverstanden, und Sigurd bewegte stumm den gesenkten
-Kopf. »Warum abstrakt?« fragte Benno und mit ihm Esther aus den Augen.
-
-»Warum? Also -- -- also wenn ich sage: Bauen, -- nicht wahr? Wer baut?
-Einer schleppt Steine, einer legt sie aufeinander, einer macht Fenster,
-Türen, Fußböden, einer das Dach. Wer baut denn nun? Der Architekt macht
-Pläne, beaufsichtigt, das alles sind die Vorgänge. Was aber alle
-zusammen tun, nicht wahr, und auch allein der Architekt durch Planen und
-Beaufsichtigen, das sehen wir im Begriff >Bauen<. Begriff! der kann
-ethisch sein, aber wie wollt ihr den empfinden, nicht wahr? Wo das Wort
-so voll Vorgang ist, so voll Vorgang!«
-
-»Das können Sie nicht sagen, Georg!« Sigurd hob voll die heißen Wangen
-und brennenden Augen gegen ihn.
-
-»Ich empfinde das eben.«
-
-»Ich auch, Georg!« rief Benno.
-
-»Du auch? Ich hatte sonst sagen wollen: Sie, als Jude, nicht wahr, --
-seien vielleicht eher begabt für das rein Gedankliche.«
-
-»Das sind wir. Herz und Intellekt wohnen bei uns näher zusammen als bei
-euch.«
-
-»Und darum überschätzen Sie das Wort!«
-
-»Ach das Wort, Georg, doch nicht das Wort!« Benno lief aufgeregt mit
-schwingenden Armen in den Raum. »Wie wäre es dann mit der Musik, die
-wortlos ist? Wärens da Töne, Akkorde, Septimen, Quinten und Quarten? Ist
-es nicht --«
-
-»Und die Musik,« rief Georg aufspringend und sich zu ihm drehend, »die
-Musik, da du davon sprichst, wie läßt die erst überwogen, sich auflösen,
-ins Namen-, ins Uferlose, ins --«
-
-»Bei dir, Georg, aber doch nicht bei mir!« schrie Benno vom bronzenen
-Borgia her. »Die Musik ist eine so völlig klare, gesättigte Sprache wie
-die der Dichter. Ja, das ists! Sprache, Georg, Sprache! Nicht das Wort,
-das Ganze -- eben -- Musik!«
-
-»Das ist wieder was andres, Benno. Meinen Sie das?«
-
-Sigurd nickte.
-
-»Dann also -- meint ihr -- den Rhythmus, nicht wahr?«
-
-»Es ist mehr, Georg, es ist --«
-
-»Unter Rhythmus«, erklärte Georg, »meine ich die innerste Essenz, die
-wieder Destillat ist aus dem allen: Worten und Takten, nicht wahr, Reim,
-Bildern und ihrer Wahl und Ordnung, der Glut der Stunde vor allem -- was
-man Stimmung nennt, nicht wahr? -- der Duft, die Seele -- und der Leib
--- all das, all das strömt zusammen zum Rhythmus, der die Seele des
-Gedichts ist, die Seele der Form. Mit einem Wort, die Form meint ihr,
-das ganze Gedicht. Ja, dann freilich, -- das ist bei mir natürlich auch
-so. Das Gedicht tritt in mich ein und --«
-
-»Nun kommen wieder Ihre überquellenden Ränder«, sagte Sigurd, der ein
-Buch aus der Reihe vor ihm gezogen hatte und es eben aufschlagen wollte.
-Er ließ es aber in der Hand hängen und fuhr fort, zur Bekräftigung damit
-Stöße gegen Georg führend:
-
-»Der wirkliche Vorgang ist: den Leib des Wortes, samt der Seele, die
-ganze Form: noch einmal aufrichten, noch einmal baun. Er ist, wie alles
-in Wahrheit Ethische -- ein Schaffen, Neuschaffen von Grund aus.«
-
-»Ja, Georg, ja, Sigurd!« jubelte Benno aus dem Hintergrund, kam hervor
-gestürmt und stand nun im Licht so lang er war, hoch gerötet in großer
-Gebärde mit flammenden Augen und fliegender Stirn.
-
-»Georg!« rief er mit ganz unterdrückter, inbrünstig eindringen wollender
-Stimme, »hast du's denn nie gefühlt? Nie dies tiefe Glück empfunden im
-Empfangen der Form, das -- den -- den Einklang, das Vollkommene, die
-ewige Harmonie des Irdischen mit dem Unirdischen, vollzogen im
-göttlichen Augenblick? Musik, seht ihr, sie ist nicht der Himmel selbst,
-aber -- sie ist das Zwischengebiet, von uns erreicht, ja von uns erzeugt
-mit unsern irdischen Kräften und unserm überirdischen Glauben, -- wo das
-Himmlische irdisch ward und das Irdische himmlisch -- himmlisch im
-Tönen, himmlisch in der geschaffenen Form, in der wir nun aufgehn,
-aufgehn, Georg, in beiden -- und doch nur eins noch empfinden: Glück.«
-
-»Wundervoll, Benno, ja, aber das, was du da sagst, das habe ich im
-Tiefsten immer empfunden. Das ist allerdings ethisch, und es ist dann
-so, daß ich es unbewußt empfand. Ich kann ja -- wenn ich überhaupt ein
-ethischer Mensch bin -- nur hierin das Wunder der Kunst erfahren, und --
-ja, es ist doch so, nicht wahr: die meisten Menschen -- nun, ethisch
-sind sie natürlich alle, denn wenn einer es sein kann, müssen alle es
-sein. Sie alle haben, nicht wahr, einen ethischen Grundstoff. Von dem
-wissen die Meisten gar nichts und können deshalb nur moralisch
-empfinden, das heißt: das Stoffliche. Die Nächsten gelangen bis zur
-Anschauung, zum Empfinden der Form, also zum Ästhetischen, nicht wahr,
-und das sind die, die wir gemeinhin Ästheten nennen. Die Dritten haben
-nicht nur die Erkenntnis des Ethischen, sondern auch -- wie Sigurd,
-nicht wahr -- das Empfinden davon. Und bei mir ist es nun so, nicht
-wahr, daß ich, als selber Schaffender, zwar die Erkenntnis haben und für
-sich allein auch empfinden kann, aber der Anschauung verhaftet bleibe.
-Ich habe Phantasie, ich kann sie nicht unterdrücken; alles was sie, die
-Anschauung mir zuführt, bewegt mich _vor_ allem andern, und das Ethische
--- Vischer meinte es wohl auch, wenn er das >Moralische< sagte --
-versteht sich von selbst.«
-
-»Ja, Georg, dann sind wir ja einig«, bekräftigte Benno mit gerührt sich
-verbiegendem Körper, als wären sie nach langer Verfehdung wieder Freunde
-geworden.
-
-»Ja, und Sie, kleine Esther,« sagte Georg, vor sie hintretend, »Sie
-haben überhaupt nichts gesagt.«
-
-Ihre Augen glitzerten. »Oh ich,« lächelte sie errötend, »ich freue mich,
-wenn kluge Männer sprechen, daß ich verstehen kann, wie sie es meinen.«
-Sie lächelte mehr bei jedem beziehungsvollen Wort:
-
- »Ich folge gern, denn mir wird leicht zu folgen,
- Ich höre gern dem Streit der Klagen zu --
- Wenn die feine Klugheit,
- Von einem klugen Manne zart entwickelt,
- Statt uns zu hintergehen, uns belehrt!«
-
-Georg, die ganze Zeit, während sie sprach, stark und stärker versucht,
-ihr Gesicht in beide Hände zu nehmen und zu küssen, konnte es nun nicht
-lassen, wenigstens ihre Schultern leicht zu berühren, indem er lachend
-spottete:
-
-»Aber das war ja auch nicht von Ihnen, Esther, das war ja von Goethe!«
-
-»Wir müssen gehn«, sagte Sigurd. »Es ist höchste Zeit.«
-
-
- Drei Gespräche: Das dritte
-
-Renate schrieb:
-
-»Tage und Nächte, Tage und Nächte! Da liegst du nun auf der Lauer über
-deiner Arbeit wie ein Panther, und ich stehe dabei und weiß nichts. Wie
-in der Ermattung dein Menschliches von dir abfällt, so tritt alltäglich,
-daß ich ihn sehe, der Gott aus deiner Brust, sitzt da groß, durch Wind
-und Wolkenriß hinunterspähend auf das Werdende; Länderflucht und
-Wolkenschatten jagen durch seine unbewegten Augen. Warum muß ich
-ausgeschlossen sein aus deiner Seele, in einer andern Welt, sprachlos
-wie Echo in einem Walde, den niemand betritt? Will mir denn niemand dies
-Geheimnis lösen, warum dir alles sichtbar ist, nur nicht ich?
-Überstrahle ich sie nicht alle? Bringe ich nicht Glück hin, wo ich
-eintrete? Ach, daß ich alle Spiegel der Welt zerschlagen könnte und kein
-Bild mehr haben, damit du es merktest, wie ich dürste nach deinen
-verhängten Augen! Ich ertrage es nicht, du! daß ich dastehn muß wie
-unbekannt, unsichtbar vor dir in meiner Fülle, und dein Auge blinzelt
-nicht einmal! An wen soll ich mich denn wegschenken, sag, damit du
-endlich, endlich begreifst am Zerschlagenen, was dir aus den Händen
-fiel!«
-
-Sie hielt ein, glühend über und über, fliegend, warf die Feder hin,
-knüllte ihr Taschentuch in der Rechten, faßte mit der Linken in den
-Ausschnitt ihres Kleides am Halse und zerrte. Sie schlug das Buch zu,
-löschte die Lampe vor sich und stand auf; teilte den Vorhang und sah
-hinaus. Da war nur Finsternis, undeutlich, aber nach Augenblicken wurde
-der schwarze Schattenriß des Kapellendaches sichtbar über dem Gewipfel
-gegen den gestirnten Himmel, dann auch darunter da und dort der
-gelbliche Schein und die Form zweier Fenster. Dort saß er! dahinter saß
-er! Saß, malte und sonst nichts. -- Sie preßte die Stirn gegen das kühle
-Glas, atmete tief und wurde ruhiger. Es ist beschämend, dachte sie, ich
-muß es jetzt vergessen; man könnte es mir ja vom Gesicht ablesen, was
-ich in das Buch schrieb. -- Sie sah in die Tiefe ein wenig rechts und
-gewahrte den Lichtschein, der aus dem Verandazimmer breit in den Garten
-fiel, darin die Schlagschatten, über Weg und Rasen hin, der dünnen,
-rankenumwundenen Pfeiler und der hangenden Reben voll Weinlaub; grau
-schimmerte, wo die Helligkeit am Boden endete, der Sandsteinsockel der
-Sonnenuhr. Nun sah sie auch, daß eine weiße Gestalt zwischen den Büschen
-umherging, jenseit des Rasenplatzes; bald kam sie unten zum Vorschein
-auf dem Wege, langsam dahinschlendernd, ging durch den Lichtschein -- es
-war Magda -- die Unterarme hinter dem Rücken zusammengelegt, am Hause
-vorüber und wieder in die Tiefe, wo sie schwand, aber nach einer Weile
-wieder sichtbar wurde, stehen blieb und nach oben schaute. Einen
-Augenblick glaubte Renate, sie spähe nach ihr, aber sie stand ja im
-Dunkel und war dunkel gekleidet. So blickte sie wohl zu dem gotischen
-Fenster empor, wo Georg und Esther unter der Lampe saßen; sie hatte ja
-dort auf einmal weglaufen müssen, um zu schreiben.
-
-Magdas weiße Gestalt wendete sich wieder und ging zurück und kam
-abermals wieder und verschwand auf dem Weg zum Gemüsegarten. Renate, all
-ihr Eigenes kräftig niederdrückend, folgte ihr zärtlich mit Gedanken.
-Sie öffnete leise das Fenster und beugte sich hinaus. Gleich drang mit
-der schönen Nachtkühle und dem Geruch des vielerlei Blühenden eine
-gedämpfte Musik undeutlich an ihr Ohr -- o, sie übten ja an ihrem
-Brahmsquartett in der Kapelle --, und nun standen deutlich sichtbar alle
-drei spitzbogigen Fensters, dunkelgelb leuchtend, im Finstern. Über den
-blütenlosen Massen der Baumwipfel war das Heer der Sterne in reicher,
-strahlender Stille aufgezogen. Ganz fern zur Linken schimmerte noch
-Weißes, -- wohl Magdas Kleid.
-
-Renate dachte, daß sie das grüne Fenster von unten gesehen haben müsse,
-wie sie selber immer wieder leise betroffen von seiner Stille im
-Schweben, und es wurde ein alter Vers in ihr wach, -- vielleicht summte
-auch Magda ihn im Gehen vor sich hin, sie kannte ihn ja:
-
- Gottesauge still und klar
- Zwischen dem Gezweige!
- Wandellos im Sternenjahr,
- Dulde, daß ich wandelbar
- Meine Seele vor dir neige,
- Die verzweifelt war ...
-
-Bist du nun am Land, Kind? dachte Renate. Du bist es, ich weiß. Deine
-Gedanken gehen kleine Wege, wie deine Füße im wohlbekannten Garten von
-selber sich durch das Dunkel finden; gehen ein Stückchen neben Georg,
-laufen zu Bogner, der unbekümmert um das musikalische Getöse hinter
-seinem Rücken vor seinem Wandstück sitzt und mit Kohle Landschaft und
-Gestalt in den großen Linien festhält. Du brauchst deine Gedanken, die
-dir nicht mehr weh tun, wenn sie sich nur bewegen, nicht mehr zu hüten;
-es giebt kein Hinaus mehr aus der wunderbaren, nur mit Gottes Hülfe zu
-begreifenden Schmerzlosigkeit, die all deine Poren erfüllt ...
-
-Sie atmet leicht, sagte Renate, ich weiß es. Ihre Gedanken halten sich
-ans Geschaute, rühren an die alltäglichen Vorgänge, an Menschen und
-Dinge umher nun mit einem sicheren Gefühl und machen sie milde. Nein, es
-gab nichts Hartes mehr für sie; ein wenig schattenhaft war alles
-geworden, ein unveränderliches Abendrot von unirdischer Gläubigkeit
-ruhte am Himmel aus, von dem die sehnsuchtslosen Schatten ein sanftes
-Dasein bekamen; da mußten alle Stimmen leiser gehn, auf den Gesichtern
-lag das starke, aber milde Leuchten des Sonnenscheidens, -- hatte sie
-ihr selber nicht einmal gesagt, wie durchsichtig die Gesichter ihr
-schienen, bis ins Innerste der Gedanken; von ihrem eignen, Renates,
-Antlitz hatte sie es gesagt und hinzugefügt, was sie Saint-Georges
-einmal von ihm hatte sagen hören: Niemals kann es welken ...
-
-Da war sie schon wieder bei sich. Ein halbes Jahr jünger war die
-Freundin als sie und schien älter fast um zehn Jahre. Sie aber stand im
-Anfang ihres Herzens und -- Renate richtete sich auf und ging durch das
-dunkle Zimmer hinaus.
-
-Im Treppenhaus blendete sie das grelle Licht, und als sie durch das
-erleuchtete Verandazimmer gehen wollte, erschrak sie plötzlich vor einer
-schönen und großen Gestalt, die auf sie zuschritt in einem großen,
-dunkelgrünen Kleide, -- bei Gott, sie selber wars, vor der sie
-erstaunte, die aus dem Empirespiegel auf sie zugeschritten kam. Sie
-blieb stehn, lächelte verzweifelt zu der drüben hin und spottete sie an:
-Ist es wohl nun zu begreifen, daß du hier herumgehst so groß wie ein
-Pferd, und kein Mensch sieht dich? -- Achselzuckend trat sie an den
-Tisch; dort standen Früchte in Schalen, Brombeeren und Himbeeren, auch
-Bananen und mächtige Trauben von schwarzblauen Beeren. Von denen nahm
-sie eine in jede Hand, drückte sie zu beiden Seiten unterm Kinn gegen
-den Hals, trat so vor den Spiegel, aber das half alles nichts, im
-Gegenteil dachte sie, daß ihre Augen genau wie die Weinbeeren aussähen,
-und das ärgerte sie irgendwie, sie warf eine der Trauben wieder auf den
-Teller, erschrak aber und sagte: Nun mußt du sie auch essen, warum hast
-du sie angefaßt! -- Warum nicht? Gerne! -- So schlenderte sie auf die
-Veranda, nachdem sie der Verschwendung des elektrischen Lichts Einhalt
-geboten, sah ins Dunkel, aber es war niemand zu sehn. Sie trat an die
-Brüstung, legte eine der Trauben darauf, lehnte sich gegen den eisernen
-Pfeiler ins Rebgewind und fing an, Beere um Beere sachtsam ablösend, zu
-essen, und nach einer Weile, als ihre Hand sich mit den Schalen füllte,
-die folgenden in den Garten zu spucken. In diese Aufgaben vertieft,
-angenehm durchtränkt von dem süßen Saft, als ob sie Beeren aus
-Nachtkühle äße, hörte sie Schritte unten auf dem Sande, blickte auf und
-sah Jason al Manachs Schattengestalt und weißes Gesicht unverkennbar um
-die Hausecke kommen. In der Nähe der Stufen zur Veranda blieb er stehn
-und sagte: »Guten Abend.«
-
-In der Meinung, er habe sie erblickt, wollte sie gerade antworten, als
-sie unter sich Magdas Stimme: »Guten Abend, Jason!« sagen hörte, und
-sich überneigend gewahrte sie richtig Magda, die auf der Bank dicht
-unter der Veranda saß. Jason ging zu ihr und setzte sich neben sie.
-
-Eine Weile blieb alles still. -- Ich habe Lust, dachte Renate, hier
-stehen zu bleiben und zu hören, was sie reden. Vielleicht reden sie von
-mir. Vielleicht reden sie von Bogner. Sicher reden sie irgend etwas
-Gutes. Es muß angenehm sein, hier in der Nachtkühle zu stehn und gute
-Dinge zu hören, die im Dunkel beredet werden.
-
-»Nun, Jason, woran denkst du wohl?« hörte sie Magdas Stimme.
-
-»Woran möchtest du denn, daß ich denke?« kam es freundlich zurück.
-
-»Wie ich vorhin im Garten herumging, mußte ich viel an Ulrika denken.
-Sie kommt mir so verwandelt vor. Was mag mit ihr sein?«
-
-Minutenlang herrschte Stille. »Ulrika Tregiorni,« hörte Renate Jasons
-Stimme ganz langsam, »Ulrika Tregiorni hatte bis zum Heimkehrtage
-Benvenuto Bogners, des Malers, niemals nachgesonnen über das Leben,
-seine Gewalt und Verhängnisse, vermochte also nicht zu wissen, daß es
-Menschen giebt, die eines Tages aus weiter Ferne herkommen, vielleicht
-um in ein Haus zu treten und zu jemand zu sagen: Tue dies! und wieder
-fortgehn, keiner weiß wohin, und unbekümmert um Verwirrung oder
-Zerstörung, die sie angerichtet haben mögen und hinter sich dort
-zurücklassen, wo Ordnung und gelassene Zufriedenheit das Gesetz aller
-Tage gewesen war.«
-
-»Wie sonderbar du sprichst, Jason!« klang Magdas Stimme. »Als ob du eine
-Geschichte anfangen wolltest.«
-
-»Sind wir nicht Alle Geschichten?« sagte er leise und sprach weiter:
-»Dies wußte sie nicht. Ihre kühlen, beschränkten Mädchenaugen hatten nie
-mehr als den Glanz gerader und gefälliger Oberflächen erfaßt; und sie
-hatte es nicht anders gekannt, als daß alle Dinge, zwischen denen sie
-aufgewachsen war, ihr dienten und ihr weiterdienen und mit ihr gehn und
-sich nie verändern würden, so wie sie selber einfach und geraden Weges
-aus einem Kinde ein Mädchen und Weib geworden war, das den natürlichen
-Gang des Geschehens auch darin erblickte -- -- nun, Ulrika, du kannst
-fortfahren, auch darin erblickte ...« Richtig, da stand ja Ulrika
-Tregiorni, weiß gekleidet, im Dunkel vor den Beiden. »Spracht ihr von
-mir?« fragte sie. »Worin soll ich was erblicken, Jason?« Damit wurde sie
-für Renate unsichtbar; sie setzte sich wohl auf die Bank, zwischen die
-Beiden, kam es Renate vor.
-
-»Ich sagte,« wurde Jason wieder hörbar, »es sei außerordentlich
-natürlich für dich gewesen, eines Tages zu heiraten.«
-
-»Ach, Jason, ist heiraten natürlich oder unnatürlich vielleicht?«
-
-»Unnatürlich, Ulrika, ganz gewiß, denn man spricht von natürlichen
-Kindern.«
-
-Renate, während die unten herzhaft lachten, biß sich auf die Lippen, um
-nicht laut zu werden.
-
-»Ist Bogner in der Kapelle?« fragte Ulrika. Einer von den beiden Andern
-mußte wohl genickt haben, denn sie sagte gleich darauf: »Er muß morgen
-wieder in die Haide, ich weiß nur noch nicht, wie ichs anstelle, er
-sieht ja schauerlich aus. Ich werde ihm alle Pinsel in Ölfarbe stecken.«
-
-»Du bist doch ein glücklicher Mensch, Ulrika«, sagte Jasons Stimme.
-
-»Hünde,« sagte Ulrika, »Hünde, hörte ich einmal ein kleines Mädchen
-sagen, sind doch glückliche Menschen!«
-
-Es gab wieder ein kleines Gelächter. »Glücklich?« kam nach einer Weile
-Ulrikas Stimme. »Ja, da fand ich Hölderlins Gedichte oben auf dem Tische
-und darin die Worte, -- er sagt vom Menschen: »Daß er verstehe ...« Wie
-heißt es genau, Jason?«
-
- »Alles lerne der Mensch, sagen die Himmlischen,
- Daß er, kräftig genährt, danken für alles lern'
- Und verstehe die Freiheit,
- Aufzubrechen, wohin er will.«
-
-Wieder war es still unten. Ulrika sagte, ein wenig leiser als zuvor:
-»Wie sonderbar du das betonst: daß er _verstehe_ die Freiheit! Ganz so
-sagte mirs Bogner, als ich mit ihm darüber sprach. Und ich begreife noch
-nicht recht, daß Freiheit etwas so Sichtliches --, wie soll ich sagen,
-so einfach Vorhandenes sein soll, daß auf das Verstehen das meiste
-ankommt. Aber es wird schon so sein.«
-
-Jason sagte: »Die Freiheit ist das Natürliche, mein Kind, das weißt du
-doch auch, denn die Natur ist frei, auch du, wie du da geboren bist und
-mit sämtlichen Gedanken. Wenn du dich einmal unterworfen haben wirst,
-wirst du auch verstehen, was Freiheit ist.«
-
-Lange Zeit herrschte Schweigen; Renate hörte den Nachtwind in den Bäumen
-oben, dann tiefer unten. Es rauschte, bald hier, bald dort; es kam
-kühler aus der Tiefe. Eine leise Frauenstimme sagte dort gedankenvoll:
-»Ja, so meinte er es wohl«, ohne daß Renate erraten konnte, ob die
-Stimme den Dichter meinte oder Bogner. Jetzt war alles still, ein
-kleines Gelächter Ulrikas ward hörbar, und sie sagte:
-
-»Eben fällt mir etwas so Nettes von ihm ein.« (>Ihm< sagt sie, dachte
-Renate betrübt, als ob es nur den Einen gäbe.) »Als wir neulich in ein
-Dorf marschierten und der Maler gerade mit seinem ungeheuren Baß eine
-schauerliche Musik machte, kam uns ein winziges kleines Mädchen
-entgegen, blieb bei unserm Anblick, andachtsvoll den Finger im Munde,
-stehn, rannte plötzlich aus Leibeskräften auf den Maler zu, der es
-anguckte, und hatte ihn schon bei der Hand erwischt, was er aber, immer
-herrlich singend, gar nicht recht zu merken schien; er schleppte es so
-am Zeigefinger mit sich, es trabte eifrig, da stolpert' es, fiel hin und
-erhob ein so jämmerliches Geschrei, daß er es schleunig auf die Arme
-nahm. Was nun kommen sollte, wußte er augenscheinlich nicht, aber das
-Gesicht des Kindes -- es war kränklich und schmutzig mit übergroßen
-braunen Augen -- blieb mitten im Weinen stehn, und als er sich nun mit
-einem beruhigenden Gemurr darüber beugte, wurde es ganz still und sah
-ihn an. -- Ich weiß nicht, was er da gesehen haben mag, aber später
-zeichnete er das Gesicht des Kindes in sein Buch aus dem Gedächtnis, und
-es war sonderbar, während er zeichnete, hatte sein Gesicht denselben
-Ausdruck wie vorher, als er das Kind anblickte, so daß es ruhig wurde
-und ihn ernsthaft ansah. Es läßt sich nicht sagen ... Er lächelte ein
-wenig, und von Güte, von Beruhigung, von Väterlichkeit, von Verständnis,
-von all dem war etwas darin.«
-
-Einen Augenblick, nachdem sie geendet hatte, setzte die Musik in der
-Kapelle wieder ein mit einem schwunghaften Angriff aller Instrumente,
-deren jedes deutlich zu unterscheiden war, Klavier, die Geigen zusammen
-und die knarrende Stimme des Cellos. Renate hörte zwar wieder Sprechen
-nach einer Weile, doch war nichts zu verstehn. Sie wollte schon hinunter
-gehn, aber die Musik brach plötzlich ab, und Ulrikas Stimme wurde
-hörbar. --
-
-»Nein, nie! Davon spricht er scheinbar höchst ungern, und ich habe ihn
-beinah im Verdacht, daß er mit seinem Schweigen bloß seine Dummheit
-bemänteln will, aber ...« Sie lachte und fuhr fort: »Ich versuche es ja
-immer wieder, auf den verzwicktesten Umwegen ihn dazu zu bringen, aber
-kaum daß ich ihn habe, wo ich will, beweist er mir einen gräßlichen
-Irrtum und sagt: Da denken Sie nun mal schön darüber nach!«
-
-Renate riet noch, um welch geheimnisvolle Sache es sich wohl handeln
-möge, als derselbe Angriff der Musik wieder aufbrach, so daß sie nichts
-mehr verstand. Nun wartete sie nicht ohne Ungeduld auf das Ende des
-Satzes; er war nicht lang, wie sie wußte.
-
-Endlich war es still, aber auch im Garten herrschte Schweigen. Ein wenig
-übergebeugt, sah Renate alle Drei unten sitzen, Ulrika in der Mitte, die
-Hände um das übergeschlagene rechte Knie gefaltet. Gleich darauf sagte
-sie:
-
-»Aber wie ich schon sagte: Nachdem ich ihm die schwierigsten Sachen
-vorgeführt, Technisches und Handwerkliches, den Orgelpunkt und auch
-Kontrapunktisches, soviel ich davon weiß, meinte er, es bestehe nicht
-der geringste Zusammenhang.« Womit denn nun? dachte Renate verzweifelt,
-ich muß doch hinuntergehn, -- während Ulrika weitersprach: »Alle Künste,
-sagte er am Ende, sind so völlig voneinander getrennte Gebiete wie die
-fünf Sinne, wenn sie auch alle an derselben Stelle verankert sind. Und
-seht ihr, so macht er's nun! Mir fiel nämlich ein, daß es ja auch fünf
-Künste giebt, wie fünf Sinne, und ganz geschwind setzte ich ihm
-auseinander, wie das sich auch entspräche, denn Gehör und Gesicht haben
-ihre Kunst, auch der Geschmack, sicherlich, denn die Kochkunst und ihr
-Genuß, wenn ihr's euch richtig vorstellt, ist eine wahrhafte Kunst, wie
-das Dichten und Gedichtegenießen; für das Gefühl steht die Dichtkunst,
-innerlich und äußerlich, denn unsre Sprache ist doch die Vermittlerin
-unseres Fühlens; nur der Geruch habe keine Kunst entwickelt, sagte ich,
-und das entspricht nun genau der Architektur, die auch keine Kunst an
-sich ist, sondern im Zweck wurzelt, versteht ihr, wie ich es meine? Der
-Geruch ist uns ganz Mittel geblieben, während die andern Sinne sich doch
-über ihre Zweckmäßigkeit zu reinem Empfinden, zum Genuß des Schauens und
-Hörens entwickelt -- ist es nicht so?«
-
-»Was für ein kluges Mädchen du doch bist, Ulrika!« sagte Jason.
-
-»Das hat er auch gesagt,« versetzte sie gleichmütig, »und dann meinte
-er, es wäre alles Unsinn, und nun sollte ich mal drüber nachdenken, --
-ich sagte ja, so macht er's.«
-
-»Hast du schon?« fragte Jason.
-
-»Was?«
-
-»Nachgedacht?«
-
-»Noch nicht, aber vielleicht hilfst du mir!«
-
-»Gerne,« sagte Jason, »aber nun fängt die Musik wieder an, und Renate
-versteht kein Wort mehr.«
-
-»Renate?« fragte nach einer Weile Ulrika verdutzt. --
-
-Renate lehnte sich über die Brüstung.
-
-»Jason, du schmählicher Verräter!« sagte sie leise.
-
-Die beiden Frauen wandten die Gesichter herauf, auch Jason langsam.
-»Hast du uns wahrhaftig belauscht?« rief Ulrika.
-
-»Wahrhaftig. Es war so schön, hier oben zu stehn und euch sprechen zu
-hören. Der Wind rauschte, aber die Musik war vorhin wirklich zu laut.
-Nun sind sie ja am Adagio, und Jason kann ruhig weitersprechen. Auf
-eurer Bank ist ja sowieso kein Platz mehr. Los, Jason, was wolltest du
-sagen?«
-
-Ulrika flüsterte Magda etwas zu, dann flüsterte Magda, dann waren sie
-still, und Jason fing an.
-
-»Was denkst du eigentlich vom Tanzen, Ulrika?« fragte er, »ist das keine
-Kunst?«
-
-Ulrika schien betroffen. »Wenn man will ...« sagte sie endlich zögernd.
-
-»Nun, wolle nur!« redete Jason ihr zu, »und denke auch gleich einmal an
-die Mathematik. Nicht an die angewandte, die du so kennst, sondern die
-reine. Und Reiten, wie steht es damit? Ist es keine Kunst, mit einem
-Tier so zu verwachsen, daß es keinen Willen mehr hat als dessen, der es
-lenkt? Und bedenke, was nötig war! Es muß doch Jahrhunderte gedauert
-haben, bis das Pferd so weit gebracht war, und gleichzeitig wurde
-obendrein das ganze Pferd umgewandelt und aus einem kleinen, bösen Vieh
-ein großes, seelengutes Tier. Für Gefühl hast du die Dichtkunst einfach
-eingesetzt, aber mir scheint, die Tanzkunst entspricht dem noch viel
-einfacher, da sie die empfangenden Nerven an die bewegenden anschließt,
-innere Wollust in erleichtertes Bewegen auflöst und wieder auf die Sinne
-zurückwirkt, betäubt und befreit, -- und was meinst du, wäre ein
-tieferer Zauber aller Künste als eben der, zu betäuben und zu befreien,
-im Wechsel auf und nieder?«
-
-»Mit dem Reiten«, sagte Renate von oben, »scheinst du mir zu
-übertreiben, aber das tat nach meinem Gefühl auch Ulrika, ich konnte es
-bloß nicht sagen vorhin, mit ihrer Kochkunst. Nur mit der Mathematik
-magst du recht haben, ich weiß nur nicht ganz, wie.«
-
-»Ich will es erklären«, sagte Jason.
-
-Ringsum war alles still. Jason sagte: »Was, meint ihr, ist denn nun
-Kunst? Ja, nun müßt ihr meine Worte recht verstehn, denn nun will ich
-vom Allerfeinsten reden, vom Gefühl, vom Empfinden, und das ist, als ob
-ich Seifenblasen mit Handschuhen anfassen wollte. Aber doch scheint mir
->Heilen< das beste Wort. Kunst ist Heilkunst. In Heilkunst liegt
-Heilkunde zuerst, nicht wahr? Und Mathematik ist Zahlenkunde, da habt
-ihr schon einen kleinen Zusammenhang. Und nun denkt euch einmal ein
-Kunstwerk, eine Dichtung oder eine marmorne Figur, wie sie dasteht, wie
-sie einfach ist, wie sie klar ist, so leicht zu begreifen, so
-unweigerlich, so sichtlich und mit den zehntausend unsichtbaren
-Verknüpfungen in ganz unbekannten Schächten eurer Seelen verankert, euer
-Dunkel erhellend im Augenblick und tiefer vertiefend, -- und nehmt
-dagegen eure Welt, alle Verworrenheit, alle Irrtümer, alle Unkunde,
-alles ewig Schmerzliche, den Tod und die Wege der Liebe, Trübsinn und
-Weisheit, Erraten und Verfehlen, Schwinden und Funkeln, Erstehn und
-Verfallen, die ungeheure Gesetzlosigkeit, die unzählbaren Ahnungen, --
-und wieder blickt nun zurück! Da stehen mitten in dieser traurigen,
-zerrissenen, unbekannten Welt zwei Dinge: die Zahl -- und das Werk.
-Beide innig verbunden durch eins: Harmonie. Gott machte die Sterne, wir
-aber machen schöne Werke immerhin, die uns erfreuen, die, wie sie auch
-sein mögen, heiter und tragisch, bitter und schwer und voll Elend
-geschilderten Jammers, doch den tiefen Glanz der Ordnung haben, des
-Selbstgewollten, des Geregelten, der Harmonie. Den Schein immerhin von
-etwas Absolutem, das tiefe Feuer der Notwendigkeit, denn mußte nicht
-Kunst kommen? Mußte sie nicht, wie eines Tages die Zahl entdeckt wurde,
-daß sie sei und gelte allgegenwärtig? Heilkunde trägt die Kunst; unsre
-immerwunde, betrübte, seelenkranke Herzenswelt heilen wir mit dem
-schönen Werk, ja den Tod heilen wir und heben ihn auf mit dem
-unvergänglichen, dem unsterblichen, dem ewigen Werk. Und Heilkunde,
-Heilkunst ist auch die Mathematik, weil sie nach dem Reinen strebt, weil
-sie Gesetze erkennt, und so ein jedes Betreiben, ein jedes irdische
-Geschäft, das über irgendeinen alltäglichen Zweck hinausgeht gegen das
-Ewige; das mehr will als Menschliches, mehr als sich selbst, das
-Unabhängigkeit will, eignes Wirken, Freiwilligkeit, Freude, denn am Ende
-ist dies doch wohl das gute, einfache Wort.«
-
-Jason schwieg, still blieb es im Garten, in der Nacht, bis mit so
-erschreckender Plötzlichkeit aus der Tiefe der Büsche die Stimme des
-Cellos, tief und inbrünstig, einen stürmischen Seufzer aushauchte, daß
-alles umher zusammenzuschaudern schien. Renate fühlte im Augenblick die
-Erinnerung an die Stunde vor dieser, oben in ihrem Zimmer, in sich
-heraufschießen mit einem so unermeßlichen Schmerz um Bogner, daß sie
-glaubte, es nicht ertragen zu können. Aber der Schmerz ebbte langsam und
-schwand später. Renate fühlte ihr Haar wehn auf der Stirn, kühle
-Atemzüge strichen über ihre Wange, ihre Stirn, den Hals, es rauschte
-allenthalben in der Nacht, es bewegte sich, Ulrika stand groß und weiß
-unten, die Hände im Nacken gefaltet, das Antlitz emporgerichtet. Die
-andern Instrumente hatten den Seufzer längst mit Beruhigung und
-Verschleierung in ihre sanftere Gemeinschaft zurückgezogen, gleich
-darauf verstummten sie nacheinander, der Garten lag schweigend.
-
-Hinter Renate im Saal flammte das Licht auf, nach Augenblicken wurde
-Esther sichtbar, hinter ihr Georg, aber sie sahen Beide Renate nicht.
-Esther lief die Stufen hinunter, Georg folgte langsamer quer über den
-Rasen. So verließ Renate ihren Platz, schritt die Stufen abwärts, fand
-unten aber nur noch Magda, die ihr entgegensah. Jason war verschwunden.
-Ulrikas Gestalt entfernte sich zwischen dem Buschwerk nach der Kapelle
-hin. Renate, in unbestimmte Gefühle verloren, hörte Magda fragen, ob
-Obst im Zimmer stünde, nickte nur freundlich und ging weiter.
-
-In der Kapelle herrschte Vergnügtheit. Esther stand da, drehte sich, als
-sie Renate hörte, zu ihr, rief »Fertig!« und schwenkte einen herrlich
-glitzernden Kissenbezug. Ganz rechts in der Ecke hockte der Maler vor
-seinem Wandstück und rauchte. Über den Pulten und am Klavier, wo Benno
-glücklich saß, brannten rötlich die vielen Kerzen, Ulrika und Irene
-haschten nach Esthers Kissen. Ja, und der Prinz und Saint-Georges und
-Sigurd waren ja auch da. Gleich darauf erschien Magda mit den beiden
-Schalen voll Obst, und alles stürzte sich auf sie. Renate sah Ulrika
-eine Handvoll roter Himbeeren greifen und damit hinter den Maler
-schleichen. Über seinem Kopf hob sie die Hand empor und ließ die Beeren
-fallen; eine blieb in seinem Haar hängen, er faßte, völlig
-geistesabwesend das Gesicht herumdrehend, mit einer Hand danach und
-zerquetschte sie grausam. Was er zwischen den Fingern behielt,
-betrachtete er nachdenklich, bis Ulrika kam und ihm unter vielen
-Entschuldigungen mit ihrem Taschentuch die Finger putzte.
-
-Erst als Esthers Kissen ihr an den Kopf flog, endete Renates Verwirrung.
-
-
- Viertes Kapitel: August
-
-
- Hora
-
-Georg dachte: Sommer, o Sommer! Wie das alles hängt! Die heiße Luft in
-den grünen Wipfeln, in diesen schwer schlagenden Massen, und herein
-hängen die Wolken, weiße Ungeheuer, und das Blau hängt herein in all die
-glühende Enge. Wie glüht der graue Stein am Haus! Oben, die kleinen
-Barockfiguren auf dem Dach sehn aus, als wollten sie schmelzen in der
-blauen Glut, und sie schmachten nach dem eiskalten Schnee der Wolken,
-die über ihnen hinsegeln, -- arme, kleine Tantalusse! O Sommer, o
-Sommer, o -- -- Sommer -- -- Som-- --
-
-Georgs Verstand blieb hier stehn. Durch seinen Traum gingen leichte
-Schritte, Schritte im Gras, Schritte aus Sonnenschein, aus Baumschatten,
-und etwas sah ihn an, Wesenloses, dann war's weg, und in Meilenferne
-brüllten langgezogen die Helenenruher Kühe. Dann sprengte ein Schimmel
-über den Deich herauf, wiehernd und stampfend, Georg bestieg ihn und
-flog mit ihm davon, wunderbar leicht, nicht mehr als ein paar Fuß hoch
-über der Erde, und es wiegte wie ein Karussellpferd, es ging den Deich
-hinunter und über das Wasser, in dem eine kleine Insel schwamm, auf der
-sein Vater, Onkel Salomon und Professor Prager Skat spielten in
-Hemdärmeln, und Georg sah seinem Vater über die Schulter; der aber hatte
-keine Karten in der Hand, sondern lauter Photographien von Georgs
-Korpsbrüdern, sagte aber ganz richtig Solo an und spielte aus. Es war
-aber gar nicht Georgs Vater, sondern der Wachtmeister aus Wallensteins
-Lager, und sang in einem fort: Und ist die Nase noch so groß, das macht
-nichts für das Kinn! Esther aber saß derweil still zu seinen Füßen, war
-zehn Jahre alt und stickte ungeheure kupferrote und lavendelblaue Blumen
-auf einen eisengrauen Vorhang, vor dem sie saß, und --
-
-Wo bin ich denn? dachte Georg, sich aufrichtend. Bin ich denn nicht in
-Helenenruh? Nein, da steht ja das Montfortsche Haus in der Sonne, heiß
-und grau, und hier ...
-
-Im Grase sitzend, sah er neben seiner linken Seite das Postament der
-Sonnenuhr. Auf den Stufen zur Veranda vor ihm hüpften die Spatzen.
-Drinnen war es dunkel und schattig; die weiß und grün gestreiften
-Leinenvorhänge bauschten sich leicht gegen die Pfeiler und
-Glyzinienreben. Georg besann sich, daß er aus der Universität
-fortgelaufen und hergefahren war, nachdem er Esther nicht im Schlößchen
-gefunden hatte, aber hier ... Er rutschte etwas vorwärts und beugte sich
-vor, um an der Sonnenuhr vorüber zu sehn, und richtig, da saß, als hätte
-sie immer da gesessen, die Chinesin im Schatten des weiß und grün
-gestreiften großen Leinenschirms und arbeitete an etwas Winzigem in
-ihrem Schoß.
-
-Ach, wie kühl sah sie aus! Weißgelblich war ihr Kleid und ihr Gesicht
-wie Marmor in dem grünlichen Licht. Aber als er kam, hatte doch nur ihr
-Stuhl dagestanden und Nähsachen auf dem Sockel der Uhr? -- Esther sah
-auf, schien ihn aber nicht zu sehn, griff über sich auf die Platte der
-Uhr, nahm ein dickes Buch herunter, schlug's auf und blickte längere
-Zeit hinein. Dann legte sie's vor ihre Füße ins Gras, und flugs machte
-sich ein kleiner Sommerwind damit zu schaffen wie ein Meerschweinchen,
-drehte sich darin herum und schlug die Blätter hin und her, als ob was
-darunter zu finden wäre. Georg aber fand auf einmal Esthers dunkle Augen
-auf sich gerichtet, und sie lächelte paradiesisch.
-
-»Habe ich geschlafen?« sagte Georg. »Wo waren Sie denn? Warum sind Sie
-nicht in unserm Park?«
-
-Esther sagte, sie hätte Brehms Tierleben gebraucht, und Renate hatte ihr
-gesagt, daß es in der Bibliothek ihres Onkels sei. -- Georg rutschte
-noch etwas weiter nach vorn.
-
-»Eben träumte mir,« sagte er, »ich wäre in Helenenruh und ritte auf dem
-alten Trompeterschimmel von Magdas Vater, immer einen halben Meter über
-der Erde, o, es war wunderbar, und Sie saßen -- wo saßen Sie doch? Ich
-weiß nicht mehr, aber sie stickten feurige Lilien ins Montfortsche Haus.
--- _Vulnerant omnia_ --« las er vom Sockel der Uhr ab.
-
-»Was murmeln Sie da?« fragte Esther.
-
-Georg legte sich lang auf den Rücken und gähnte: »_Vulnerant omnia,
-ultima necat_ sagte ich. Was auf der Sonnenuhr steht.«
-
-Esther antwortete nicht. Es zwitscherte überall, es rauschte leise. Oben
-schoben sich die Wolken, lautlos, riesig, unaufhörlich.
-
-»Helenenruh,« sagte Georg, »da müssen wir einmal hinreisen.«
-
-»Ist es so schön?«
-
-»Helenenruh ist der ewige Sommer. Immer ist Sommer in Helenenruh und
-Ferien. Weiß der liebe Himmel, wann die Menschen da arbeiten. Es wird
-nur auf Schimmeln geritten. Gott, was rede ich für'n Unsinn.« Ihm fiel
-Unkas ein, der See und Jason al Manach, -- welch ein Tag, welch ein
-sonderbarer Tag! -- Ach, heute war ihm wohl, endlich, endlich einmal
-wohl ...
-
-»Helenenruh -- -- wissen Sie, wie das ist?« sagte Georg. »Das ist bloß
-Wiese. Wiese nach allen Himmelsrichtungen, und da liegt man und brennt
-in der Sonne. Mit vier Jahren habe ich da gebrannt, mit fünfen, mit
-sieben, und immer so weiter. Die Grillen zirpen, weit weg brüllt eine
-Kuh, und manchmal kann man das Meer hören. Blau ist die Luft, man kann
-sie aus Tassen trinken. Oh, Helenenruh ist schön, Helenenruh ist ein
-Inbegriff.«
-
-Esther sagte nichts. Georg richtete sich wieder auf, rote Flecken
-schwammen vor seinen Augen, die tränten. »_Vulnerant omnia_ --« las er
-wieder. »Wissen Sie was von Jason?«
-
-»Ja, was ist das eigentlich für ein Mensch?« fragte Esther, ohne von
-ihrer Arbeit aufzusehn. Sie hatte einen kleinen Pappdeckel im Schoß und
-stocherte mit einer Nadel drin herum.
-
-»Was machen Sie denn da eigentlich?« fragte er. »Sind das Perlen?«
-
-»Richtig,« sagte sie, »und er geht eigentlich immer nur herum und sagt
-gar nichts. Und -- wissen Sie -- einmal, nein, schon mehrmals, wenn ich
-so seine stillen Augen ansah, kam mir's vor, als ob er wirklich alles
-wüßte, auch von mir, wenn er mich ansieht, und sogar, was einmal aus mir
-werden wird, aus mir und uns Allen.«
-
-»Das ist ja unheimlich,« sagte Georg, »nun, wenn ich einmal nicht weiter
-weiß, werde ich ihn fragen.« Er stützte sich auf die Hände und sprang
-auf. »Jetzt will ich aber sehn, was Sie machen. Schmetterlinge?« fragte
-er, eine Abbildung in dem offnen Buch erblickend.
-
-Sie hielt ihm hin, was sie in der Hand hatte, einen fingerbreiten Streif
-aus lichtgrünen Perlen, aus dessen einer Breitseite ein halber
-Falterflügel herauswuchs, dunkelrot von Perlen mit hellgelbem Auge. --
-Esther erklärte:
-
-»Dies wird ein schmaler Streifen, lichtgrüner Grund und lauter ganz
-bunte Schmetterlinge, so schräg hin und her nebeneinander, als ob sie
-flögen. Die Farben kann ich wohl selbst erfinden, aber die Formen nehm
-ich aus dem Buche.«
-
-»Und wenn's fertig ist?«
-
-»Kommt's um eine Lampe mit einer flachen grünen Kuppel.«
-
-»Wie die auf meinem Schreibtisch?«
-
-Esther lachte. »Sagen Sie mir nun, wie die Inschrift auf deutsch heißt!«
-
-Georg stierte gegen die Inschrift. Er reckte sich, stöhnte, knickte
-zusammen und fühlte sich wunderbar sommerschlaff.
-
-»Alle verwunden, heißt es, die letzte tötet. Es sind die Stunden
-gemeint.« Ja, -- _ultima necat_. Sollte das wahr sein? Gott sei gelobt,
-für die erste Hälfte stimmte es im Augenblick nicht. Danach kroch er vor
-Esthers Füße und legte sich zufrieden nieder. Durch halbgeschlossene
-Augen sah er den Saum ihres Kleides und die Spitzen leise in Wellen
-gehn, sah die weiße Haut durch den dünnen Strumpf schimmern und die
-kleinen Eindrücke um die Spitze des bronzenen Schuhs. Dies nicht zu
-küssen, ist schwer, dachte Georg.
-
-Indem bemerkte er das kostbare gelbe Haupt einer Nelke an Esthers
-Kleidausschnitt und fragte eifersüchtig: »Esther, woher kommt die
-Blume?«
-
-»Von Sigurd«, sagte sie gleichmütig.
-
-»Das«, schrie Georg, »ist zum Tollwerden! Er hat mir vor drei Tagen, als
-ich mit Blumen zu Renate kam, den längsten sozial-ethischen Vortrag
-gehalten, was für ästhetische Albernheiten das wären!«
-
-Esther zuckte die Achseln »Gott, Georg, Sie kennen doch Sigurd.«
-
-»Jawohl kenne ich ihn!« tobte Georg, »und wenn ich ihn jetzt darauf
-festnagelte, so würde er entweder schlank leugnen, oder er würde lächeln
-wie ein Waisenknabe und sagen: Ja, da habe ich wohl gelogen ...«
-
-Esther nickte strahlend. »Ich liebe ihn,« sagte sie, »er ist
-entzückend.«
-
-»Merkwürdig ist er jedenfalls. In allen geistigen Dingen zuverlässig wie
--- Ajax, aber im Persönlichen wie eine berauschte Wetterfahne.«
-
-»Er ist doch so reich, Georg!« verteidigte Esther, »können Sie das nicht
-verstehn? Sehen Sie doch: er war immer Zionist; jetzt kam einer und
-zeigte ihm, wie kostbar, wie einzig gerade die nicht nationale, die
-kosmopolitische Seite des Judentums wäre, und --«
-
-»Wetterwendisch und vaterländisch, wie er ist --«
-
-»Und feurig, wie er ist, sah er nur das Große, Seltene, Tiefe drin und
-entbrannte dafür.«
-
-Es ist ja schrecklich, dachte Georg, wie sie ihn liebt! -- Er schwieg
-gekränkt.
-
-»Und weiter, Georg. Kommen Sie ihm heute mit Psychoanalyse, so glaubt er
-sich dafür geboren, und morgen mit Chirurgie, so will er Chirurg werden.
-Haben Sie gesehn, wie er zeichnen kann? Bogner war sogar erstaunt, und
---«
-
-»Nun will er Maler werden?«
-
-»Glauben Sie nicht, daß er's sein könnte? Und wie spielt er Cello! --
-Ach, Georg,« sagte sie plötzlich mit einer Wehmut, »glauben Sie, es ist
-schwer, so zu sein. Da hat er Stunden, daß man meint, die Sonne säße ihm
-in der Brust, und er könnte, und er möchte die ganze Welt hell machen.
-Ja, und dann liest er vielleicht über -- über _dementia_, und denkt an
-seine Mutter und sagt, er wird wahnsinnig. Georg, man kann nicht lachen
-dabei, denn Sie kennen seine Bestimmtheit, und man sieht, wie er's in
-sich frißt.«
-
-»Aber Esther, Estherchen!« Georg benutzte die Möglichkeit, ihr die Hand
-auf den Kopf zu legen, »es hält doch nichts vor bei ihm, es ist ja --
-alles nur Jugend, nicht wahr?«
-
-»Aber kann so einer je alt werden? Stellen Sie sich vor!«
-
-Georg tröstete mit Bestimmtheit, Sigurd würde sich ändern und ein Greis
-werden. Sie seufzte und wandte sich wieder zu ihren Perlen. Georg
-lagerte sich geschmackvoll zu ihren Füßen, tröstete sich selber mit dem
-Anblick seiner schön abgestimmten Kleidung, nämlich zur Flanellhose
-pfirsichgrüne Socken, gleichfarbiges Hemde und etwas dunkler getönter
-Schlips, ließ dessen kühle Seide durch die Finger gleiten und dachte
-nach, worüber er ablenkend reden könne.
-
-»Wissen Sie, Esther,« fing er träge zu sprechen an, »es ist ärgerlich
-mit den Träumen. Vor ein paar Monaten, da hat Renates Vetter Josef --
-Sie kennen ihn nicht? -- mir so erstaunliche Dinge vom Träumen erzählt,
-daß ich alle Bücher darüber gewälzt habe. Sie haben sie wohl gelesen?«
-Esther nickte und sagte: »Freud.« -- »Natürlich! Und nun -- sehen Sie,
-was kommt heraus, nicht wahr? Gar nichts am Ende -- abgesehen von dem
-Wert fürs Heilverfahren, der ja unschätzbar sein mag --, gar nichts, als
-daß der Zustand des Träumens ein fortgesetztes Wachen ist, bloß daß
-unsere logischen Verknüpfungen fehlen. Manchmal, so nach Tische, wenn
-ich nicht geschlafen, sondern nur so gedämmert habe, nicht wahr, --
-konnte ich genau beobachten, wie meine Vorstellungen allmählich in
-Bilder übergingen, traumhaft leibhaftig wurden, nicht wahr, wie die
-Zeitrechnung verschwand und -- auf einmal alles ein Wirrwarr war und
-solche Albernheit, wie ich da eben geträumt habe, -- nun weiß ichs nicht
-mehr ...«
-
-»Ein Schimmel«, half Esther.
-
-»Ja, gleichviel, und mein Vater war Wachtmeister und spielte Karten. Und
-das, sehen Sie, ist, was mich ärgert. Diese -- Unfruchtbarkeit. Anstatt
-daß gerade unsere Verworrenheit, die im wachen Leben doch groß genug
-ist, -- anstatt daß die sich auflöste, Klarheit, Ordnung, Erfahrung --
-nicht wahr -- entstünde, -- anstatt dessen die völlige Sinnlosigkeit,
-hinterdrein Vergessen, und das Ganze ist abgelaufen wie Wasser vom
-Stein. Es kann mich ganz unwirsch machen, wenn ich denke, was da
-vergeudet wird!«
-
-»Aber nun giebts doch die Traumdeutung, Georg.«
-
-»Ach, das ist ja viel zu umständlich! Und was kommt auch mehr dabei
-heraus, als was ich aus meinem wachen Zustand ebenso gut, vielleicht
-besser erfahren könnte, wenn ich mich nur gehörig beobachten würde. Eben
-das ist's! Alles denken und Alles fühlen, unaufhörlich, nicht wahr, an
-diesen zehntausend Fäden unsers verworrenen Daseins hängen, -- und dann
-noch beobachten, raten und knacken -- das ist zuviel. Und wie wäre es da
-nicht einfach und schön und heilsam, wenn der Schlaf, der die Glieder
-und Sinne so liebevoll löst --« Georg war träumerisch stolz, so gut
-sprechen zu können -- »wenn er auch die Seele und das Schicksal nur ein
-wenig befreite, und wir kämen klarer hervor, als wir hineingingen.«
-
-»Jason,« sagte er nach einer Weile, da Esther schwieg, gedankenvoll,
-»Jason kann es vielleicht. Irgendeine Medizin muß er haben. Jason«,
-schloß er bescheiden, »ist ein guter Mensch. So sollten wir Alle sein.«
-
-»Haben Sie,« fragte Esther nach einer Weile, »haben Sie eigentlich auch
-dies merkwürdige Gefühl, wenn er fortgegangen ist, -- als ob er
-überhaupt verschwunden wäre?«
-
-»Gar nicht mehr vorhanden?« fragte Georg. »Freilich, wenn ich mir ihn
-jetzt vorstellen soll, bringe ich es nur fertig, indem ich ihn mir
-irgendwo bei andern Leuten denke. Können Sie sich denken, daß er
-irgendwo allein ist, zu Hause bei sich, allein in einem Zimmer, lesend?
-oder schreibend? Oder wie er sich wäscht? Oder wie er im Bett liegt und
-schläft? Ich glaube, Esther,« sagte er, sich überbeugend, ganz leise
-neben ihrem Ohr, »er ist ein Geist. Er braucht nicht zu essen und zu
-schlafen und sich zu waschen, er ist immer so, wie er uns erscheint, und
-nur in unsrer Gegenwart ist er wirklich. Sonst unsichtbar, ein Geist,
-nimmt er Gestalt an, wenn er zu uns tritt, es ist schauerlich, finden
-Sie nicht?«
-
-Esther hatte zuhörend ihr Gesicht langsam zu ihm nach oben gedreht. Sie
-sahen sich in die Augen, und Georg dachte angstvoll: Erwartet sie jetzt,
-daß ich sie küsse? Oder macht das unsre Haltung bloß zufällig? Nein, sie
-erwartete es scheinbar nicht, denn sie sagte ganz nachdenklich:
-
-»Es giebt soviel Seltsames. Da Sie von Träumen sprachen ... Hören Sie
-einmal zu.«
-
-Georg setzte sich wieder vor ihre Füße, nahm eine Zigarette hervor und
-rauchte. Esther begann, ein wenig stockend und unbehülflich:
-
-»Es hat aber eine Vorgeschichte. Ich kannte längere Zeit einen jungen
-Menschen, der war lungenkrank. Er liebte mich sehr. Um Weihnachten zogen
-seine Eltern von hier fort. Er schrieb mir öfters, ich hab ihm aber nie
-geantwortet, er verlangte das auch nicht. Lange Zeit kam kein Brief, und
-ich dachte niemals an ihn. Nun, -- in der Nacht von Oster--
-Gründonnerstag nennen Sie's, nicht wahr? -- auf Karfreitag -- übrigens
-war er Christ -- träumte ich, -- ja, wie soll ich das beschreiben? -- Es
-war ein Kreuz, und daran ein Gesicht mit sterbenden Augen. Ich wußte, es
-war ein Sterbender, er schien mir auch bekannt, als ich aufwachte, aber
-ich konnte mich nicht besinnen. Ich war aber ganz verstört von dem
-Traum, Sigurd merkte es mir noch an, als ich zum Frühstück kam, und ich
-erzählte ihm, was mir geträumt hatte. Dann erfuhr ich eine Woche später
-durch Bekannte, der junge Mensch, der lungenkranke, sei gestorben, und
-da wußt ich im Augenblick, daß ich ihn im Traum gesehen hatte. Nun
-schrieb ich an seine Schwester, die ich kannte, sie möchte mir sagen,
-wann er gestorben sei, und sie schrieb --, aber ich muß erst sagen, daß
-sie etwas sonderlich war, altjüngferlich und pathetisch -- und so war
-auch ihr Brief, nur drei Zeilen, ohne Anrede: Er starb in der Nacht von
-Gründonnerstag auf Karfreitag um ein Uhr morgens mit Ihrem Namen auf den
-Lippen.«
-
-Esther schwieg. »Wie sonderbar!« sagte Georg nach einer Weile halblaut.
-Er dachte noch nach, als er auf einmal Bogner bei der Sonnenuhr stehn
-sah, in seinem Malkittel, mit wüstem Haar, rotem Gesicht und
-verschwimmenden Augen. So starrte er auf das Zifferblatt der Uhr.
-
-»Grüß Gott, Maler!« rief Georg, »wollen Sie wissen, was die Uhr ist?«
-
-Bogner sah ihn zerstreut und unwirsch an. »Ich wollte was,« -- sagte er,
-»aber nun hab ichs -- vergessen. Ich wollte ins Haus und -- -- ah
-Streichhölzer!« sagte er erleichtert. -- »Ich hatte mir eine Pfeife --«
-Er sah verwundert seine leeren Hände an, suchte in allen Taschen. »Nun
-habe ich die Pfeife liegen lassen!« schrie er grimmig, machte kehrt und
-lief davon. Georg rief ihm nach, er sollte doch warten und sein
-Feuerzeug mitnehmen, aber er hörte nicht.
-
-Georg wartete noch eine Weile, ehe er zu sprechen anfing, aber der Maler
-kam nicht wieder. »Nun hat er das Rauchen vergessen,« sagte Georg, »der
-arme Kerl! Warten Sie einen Augenblick!« stand auf und ging in die
-Kapelle. Ja, da saß er und hatte eine kalte Pfeife im Mund, malte aber
-tüchtig an etwas Schwefelgelbem. Georg entzündete ein Streichholz und
-hielt es auf den Tabak. Der Maler merkte, daß es brannte, sog kräftig,
-sah verworren auf und murmelte: »Danke! danke!« Georg gab ihm den Rat,
-zu heiraten, aber er hörte nicht darauf, und Georg ging zu Esther
-zurück.
-
-Die Arme auf der Sonnenuhr, den Zeiger in Händen, sagte er:
-
-»Wissen Sie auch, Esther, was an Ihrem Traum das Seltsamste ist? Viel
-seltsamer als der Traum selbst?« Sie hielt inne mit Arbeiten und sah ins
-Gras zu ihren Füßen. Er sagte: »Da war doch ein Sterbender, Esther,
-nicht wahr, einer, der Sie liebte, ein immer Kranker, der seine ganze,
-trostlose Liebe zu Ihnen in einen ungeheuren Augenblick zusammenpreßte
-und angesichts des Todes die Geliebte _dachte_! dachte, und es gelang,
-nicht wahr, und einen Augenblick _zwischen_ Tod und Leben schwebte seine
-glühende Seele, einen Augenblick lang vollbrachte sie dies Riesenhafte,
-daß sie sich über die Natur erhob und eindrang in ein fremdes Dasein.
-Freilich war es wehrlos in dem Augenblick, es schlief, und vielleicht
-gelang es ihr nur deshalb, daß sie eindrang und Traum ward in Ihnen. Sie
-aber, Esther, Sie, der diese gewaltige Anstrengung galt, diese
-furchtbare Liebe zuströmte, -- Sie hatten davon nichts als den leisesten
-Schauder. Furchtbar, wissen Sie, furchtbar finde ich diese Einrichtung.
-Liebe gilt nichts, so gewaltig sie sich ereifert; gilt nichts, gilt
-nichts, denn Sie schliefen, und ein dünnes Traumbild wurde aus der
-Verzweiflung. Ja, so können wir uns bemühn mit heißester Glut, wir
-können Blut und Tränen vergießen, alle Ängste um etwas leiden, unser
-ganzes Dasein zum Opfer bringen: all das, alle Anspannung, alles Säen
-nützt nichts, wenn keine Erwiderung da ist, keine Willigkeit im Boden.
-Liebe allein gilt nicht, nur Doppelliebe. Und -- ja, was gilt nun hier
-der Traum, den Sie davon hatten!«
-
-Georg nahm sein Taschentuch heraus und trocknete sich die Stirn. Es
-regnete Glut über ihn, und er sah betroffen, als wär es das erstemal,
-daß der schräge Weiser vor ihm einen Schattenstreifen über das
-abgeschliffne Erz zog. Esther saß still da, bewegte einmal die Lippen,
-zog die untre ein wenig in den Mund, sagte aber nichts.
-
-Es war Mittag, der Vogellärm schwieg. Vor Georgs Augen lag der
-geheimnisvolle Schatten des Sonnenzeigers, der in unendlicher Wandrung
-um seine Wurzel unzählbare Stunden anzeigte, spurlos auf der metallenen
-Fläche von Ewigkeit. Aber es bewegte sich etwas über Georg, irgend etwas
-wurde in seinem Augenfelde sichtbar, und über den Verandastufen stand
-Renate, schön wie Elysium, winkte mit ihrem Lächeln, und Georgs doppelt
-ergriffenes Herz riß in zwei Stücke mit lautem Stöhnen.
-
-
- Fünftes Kapitel: September
-
-
- Vergangenheit
-
-Renate, an einem Abend im späten September ihr Gedächtnisbuch
-schließend, in das sie eine Eintragung gemacht hatte, hörte jemand an
-die Tür klopfen; sie antwortete nicht, in dem Glauben, es sei ihre Zofe,
-welche die Eigenart hatte, ihr Eintreten durch ein leises Pochen
-anzumelden, legte das Buch in eine Schieblade, schloß zu und erhob sich.
-Indem klopfte es wiederum, sie ging zur Tür, öffnete und sah ihren Onkel
-draußen stehn, gebückt und wartend.
-
-»Oh du bists,« sagte sie erschreckt, »aber bitte, komm doch herein.«
-
-Etwas übermannte sie so, daß sie an das Fenster treten mußte und
-hinaussehn; freilich sah sie nichts in der Nacht.
-
-Oh so war er nun! Stand geduldig draußen und wartete, und so ging er ja
-immer im Hause herum, als ob er nur geduldet würde und jedes Recht
-verloren hätte. Tränen zurückdrängend wandte sie sich und sah ihn im
-Zimmer stehn, das rötliche Gesicht ein wenig schief haltend; die
-Ellbogen angezogen, rieb er die Knöchel der Linken mit der rechten Hand.
-Wie waren seine Schläfen doch eingefallen und grau geworden. Das
-Lampenlicht funkelte in den stark geschliffenen Gläsern des goldenen
-Kneifers, hinter dem die hellen Augen kaum zu sehn waren. Schnell trat
-sie auf ihn zu und legte den Arm um seine Schulter. Er sah flüchtig zu
-ihr auf, sagte leise, wie schön sie es hier hätte, das freute ihn, ja,
-es sei doch alles in der Ordnung. -- Sie führte ihn zum Sofa, aber er
-setzte sich auf einen Stuhl, wobei er plötzlich mit beiden Händen eine
-geschwinde Bewegung nach den Schläfen machte, ohne sie zu berühren,
-worauf er nach seinem Halskragen tastete und am Schlips schob, eine
-erschreckend hülflose Gebärde, die Renate wohl kannte. Er machte sie,
-ohne es zu wissen, manchmal auch wenn er die Zeitung las, am Abend, und
-Renate von fern nach ihm sah in Besorgnis, da es schien, als habe er das
-Zeitungsblatt nur vor sich, ohne es zu sehn. Da stand sie wieder auf,
-trat zu ihm, faßte seinen Kopf, lehnte ihn zart gegen ihren Leib und
-streichelte leise seine Wange. Er nahm den Kneifer ab, sah zärtlich und
-dankbar auf.
-
-»Wolltest du mir etwas sagen?« fragte sie. Er nickte, ergriff ihre linke
-Hand, drückte sie und schob sie von sich. Da setzte sie sich in die
-Sofaecke. Er sagte nichts, setzte den Kneifer wieder auf und sah nach
-den Bildern umher, die Lippen bewegend und ein-, zweimal nickend.
-Endlich nahm er den Kneifer wieder ab, legte ihn auf den Tisch, senkte
-den Kopf und sagte, den Kneifer in den Fingern drehend:
-
-»Ich möchte mich nun doch zurückziehn, weißt du, aus dem Geschäft. Ich
-habe ja«, sprach er eilig weiter, »seit -- seit dem Tag damals die
-technischen Angelegenheiten fast ganz Erasmus überlassen, der es ja auch
-alles unübertrefflich besorgt, viel besser als ich, großzügiger, und die
-Gesellschaft steht ja prachtvoll. Dafür habe ich mich mehr mit unsern
-Wohlfahrtseinrichtungen beschäftigt, an die ich früher viel zu wenig
-gedacht habe, und die, ich kann wohl sagen, jetzt gleichfalls in einem
-recht guten Stande sind, so daß ich --, jedenfalls --« er stockte.
-
-Lange Zeit drehte er an den dünnen Enden des weißrötlichen Schnurrbarts
-und schien sich anstrengend zu besinnen. Das vorher fleischige, feste
-Gesicht war schrecklich locker geworden, das Haar weit zurückgetreten
-über der breiten, runden Stirn, locker auch das geringfügige Kinn.
-Renate beugte sich vor, legte die Hand über seine auf dem Tisch und bat:
-»Wir reisen, Onkel, nicht wahr? Diesmal giebst du nach! Nach Italien
-oder Spanien, gelt? Hast du mir nicht lange schon den Prado
-versprochen?«
-
-Er sah sie unsicher an. »Versprochen, -- so? Ja, ich glaube, --
-freilich! aber --« Er zog die Hand weg, schob beide ineinander, rieb sie
-verlegen und brachte endlich hervor, er wollte allein reisen.
-
-Renate fröstelte seltsam. Was war nur mit seinem Gesicht? War es nicht
-eine Maske, hinter der es dämmerte wie -- wie das Skelett des Kopfes?
-Als sollte Haut und Fleisch auf einmal abfallen und -- Sie schüttelte
-den Gedanken ab und begann leise zu widersprechen, alles mögliche zu
-reden, was sie selber kaum vernahm; er ließ das sanftmütig über sich
-ergehn, er hatte sich wohl so in seine Bescheidenheitsrolle gewöhnt, daß
-er nicht zu widersprechen wagte, und machte schon dieser Gedanke sie
-verstummen, so bewirkte das obendrein die Bewegung nach den Schläfen,
-die jetzt wieder kam. -- Die Arme an den Leib gepreßt, faltete sie die
-Hände mit heftigem Druck und hielt den Atem an vor plötzlicher Angst.
-
-Ja, nun war es zu spät! Nun war es wahrscheinlich zu spät. Warum hatte
-sie sich so wenig um ihn bekümmert, ihn nicht zu stören gewagt, wenn sie
-ihn lesend fand, sich immer beruhigt, wenn sie es doch einmal versuchte
-und er bescheiden und verlegen abwehrte. Nie hatte sie erfahren, was in
-ihm vorging, nun hatte sich wohl alles angesammelt und brach seines
-Weges auf, und sie saß dabei.
-
-»Ich reise in einer großen Unruhe fort,« hörte sie ihn nun reden, »ja,
-in einer großen Unruhe, mein Kind, oder ich kann fast sagen, es ist
-Angst, es ist etwas furchtbar Bedrückendes, Abscheuliches --« er suchte
-nach seinem Tuch in den Taschen -- »nein, nein, bleib sitzen, mein Kind,
-ich befehle dir, -- das heißt, das muß jetzt alles ausgesprochen werden,
-ich habe soviel gegrübelt und gedacht die ganze Zeit, daß ich schon
-nicht mehr weiß, ob das, was ich sagen wollte, will, nicht vielleicht
-ganz unsinnige Gedanken sind, die mir nun« -- er suchte lange nach einem
-Wort -- »erwägungswert scheinen. Ja, es betrifft meinen Sohn Erasmus.«
-
-Er hielt inne und atmete auf. Nach einer Weile sagte er geistesabwesend,
-an sich selbst gewendet, seufzend: »Er ist ein harter Mensch, mein Sohn
-Erasmus.« Plötzlich drehte er sich nach ihr herum, versuchte, sie
-anzusehn, senkte die Augen und fragte: »Du -- wie ist es, ich meine --,
-du könntest ihn nicht heiraten?« Wieder flogen seine Hände zu den
-Schleifen und endeten hülflos in der Luft.
-
-Renate fand lange kein Wort. Dann hörte sie auch schon wieder seine
-Stimme aus der Ferne in ihre wirren Gedanken, sie solle ihm nicht
-antworten, es habe ja Zeit, vielleicht später, und anderes mehr, das sie
-nicht verstand. Sie fühlte nur nach einer Weile, daß sie ihn vergessen
-hatte über sich selber, weckte sich auf und sah ihn dasitzen, tief im
-Schatten des Zimmers, nach der gelben Schirmlampe auf dem Schreibtisch
-blickend.
-
-Er sagte: »Du entsinnst dich Ruths -- Josefs Mutter? Ach Gott, verzeih
-nur, du warst ja damals noch gar nicht geboren. Ja,« fuhr er in tiefer
-Verlegenheit fort, »ich habe leider kein Bild von ihr, ich habe sie
-damals alle verbrannt, und übrigens, was ich sagen wollte ...« Er hielt
-inne, fragte dann plötzlich ganz lauernd: »Denkst du viel an Josef?«
-Renate verneinte einfach, und er seufzte auf.
-
-»Damit du mich verstehst,« begann er jetzt beruhigter, »ja, ich möchte
-wohl, daß du mich ein wenig verstehst, und möchte dir deshalb etwas von
-mir sagen. Sieh mal, zwischen deinem Vater und mir war ein sehr großer
-Unterschied. Kinder wurden ja zu meiner Zeit noch anders erzogen als
-heute, strenger und mehr in Furcht vor ihren Eltern, oder wenigstens
-ihrem Vater, und du weißt vielleicht, ein wie strenger und -- ja,
-trockner, einsamer Mensch mein Vater war. Da er mich früh von der Schule
-nahm und ins Geschäft steckte, so blieb ich immer in seiner Zucht.
-
-»Von meiner Jugendzeit ist sehr wenig zu sagen. Ich tat eigentlich nur
-nichtsnutzige Dinge, war wohl ganz fleißig, führte ein geselliges Leben,
-ja, na, -- damit brauche ich dich nicht aufzuhalten. Eines Tages ließ
-ich mich dann auch verheiraten. Mein Vater beschloß es und führte es
-aus. Von meiner ersten Frau hast du wohl ein Bild gesehn? Schön war sie
-ja nicht, aber doch ganz anmutig, ein wenig dürftig, ja, das war sie,
-aber meinem Vater genügte ja der Reichtum und der gute Name. Ich
-willigte wohl um so leichter ein, als ich hoffte, dadurch selbständiger
-zu werden. Damals war es ja so, daß eine Heirat den jungen Menschen
-plötzlich veränderte in den Augen der Umwelt; vorher war er Kind, und
-nun wurde er gewissermaßen Vater und damit selbständig.« Er lächelte,
-und Renate war ganz glücklich, doch einen Hauch seines Geistes wieder
-wahrzunehmen.
-
-»Ich veränderte mich auch; ich versuchte erst, mich mit unsern
-technischen Betrieben besser zu beschäftigen, aber -- abgesehn davon,
-daß mein Vater meine Bemühungen mit Kühle abwies -- konnte ich auch für
-dies Verfahren, das damals gerade aufkam, die Benutzung der Photographie
-zur Vervielfältigung von Bildern, -- bis dahin gabs nur die
-Heliogravüre, ein Wort, das du vielleicht schon gar nicht mehr kennst,
-also, was wollte ich sagen? Ja, ich hatte meinen Umgang meist unter
-Künstlern, Landschaftern, die damals zuerst von unsrer Haide verlockt
-wurden, und ihnen, und mir deshalb auch, entsprach diese Popularisierung
-von Kunst -- aber was rede ich davon? Jedenfalls, ich zog mich zurück,
-ich gewann auch meine Frau sehr lieb, wir zogen damals in dies Haus, das
-ich nun so schön gestaltete, wie ich nur konnte, aber dann kam schon
-diese -- ja, diese Entfremdung.«
-
-Renate, ein kleines, mattes Aquarell der lange Verstorbenen vor Augen,
-geriet, ihr selber unerklärlich, in um so kältere Erregung, je
-geordneter und sicherer, auch eiliger ihr Onkel sprach. Mit Anspannung
-hörte sie weiter:
-
-»Es muß wohl eine, -- ja, ich weiß nicht, welche Störung in ihr diese
-Entfremdung bewirkte, die im Augenblick von Erasmus' Geburt begann.
-Kaum, daß sie mich das Kind sehen ließ. Sie richtete sich ein
-Schlafzimmer allein ein, und dahinter lag das Kinderzimmer, das ich nur
-durch das ihre betreten konnte. Und so weiter ... In so einer Art Trotz
-verkapselte ich mich nun selber, fing an zu sammeln damals, auch den
-Rosengarten legte ich an, -- nun, für meinen Charakter war das alles ja
-sehr gut; ich fing an, Bücher zu lesen, die Philosophen, glaubte schöne
-und reiche Quellen in mir zu entdecken, und wurde recht eigentlich
-damals erst der, den du kennst. Ja, und plötzlich war sie dann tot. Von
-jenen Jahren weiß ich sehr wenig. Und nun war dieser verschlossene,
-rätselhafte Junge da, der alles tat, was man ihm sagte, der nie etwas
-gab, keine Widerrede, keine Bitte und keinen Dank, der nie eine Miene
-verzog, so -- das dachte ich damals -- so als ob ihm im Verborgenen von
-seiner Mutter ein böser Geist eingeflößt, -- nein, nicht böse, was sage
-ich denn! nur diese Verstocktheit, dies furchtbar einsame Wesen. Ich
-ließ ihn gehn, -- ja -- ich -- ließ -- ihn -- --«
-
-Er hielt inne und schien sich zu verlieren; sein Kinn fiel ab, er
-starrte vor sich hin. Aber er ermannte sich, richtete sich grade, atmete
-und sprach weiter.
-
-»Als ich Ruth zuerst sah, war ich zwanzig Jahr. Du weißt, daß sie von
-der Mutter her Jüdin war, und auch, daß sie schön war, fast so schön wie
-du, ja, ja.« Er lächelte vor sich hin. »Freilich ganz anders als du,
-eher so wie deine kleine Freundin, Esther heißt sie ja wohl, nur viel
-größer, eher stattlich und wie aus Marmor. Damals heiratete sie einen
-Kaufmann, und der starb nun einige Jahre nach dem Tode von Gabriele, und
-da ich sie immer von fern sehr verehrt hatte, und auch weil ich glaubte,
-daß mein Sohn eine Mutter haben müsse, bewegte ich sie, mich zu
-heiraten. Sie sagte, bevor sie mir ihr Wort gab, in der ihr
-eigentümlichen, entfernten Weise -- übrigens war sie nach der Meinung
-der Leute ohne Herz -- also sagte sie, es gebe in ihrem Leben etwas,
-danach dürfe ich nicht fragen, und das sei es, warum sie so sei, wie
-Alle sie kennten, -- nun -- ich habe es nie erfahren, ich liebte sie
-auch nicht mit solcher Leidenschaft, daß es mich beunruhigt hätte, ich
-war zufrieden, sie mein zu nennen, was man so mein heißt.« Immer
-fließender, aber auch mit immer mehr Hast und oft unter sonderbarem
-Zucken der Schulter oder eines Arms sprach er weiter:
-
-»In Wahrheit weiß ich nicht, ob sie imstande war, eine Wärme für irgend
-etwas zu empfinden. Davon wüßte Erasmus vielleicht etwas zu sagen, denn
-mit ihm war sie gewissermaßen -- befreundet. Er hielt sich in ihrer
-Nähe, ließ sich auch bei seinen kleinen Arbeiten von ihr helfen, er
-lernte unsagbar schwer, ja, ich glaube -- das ganze Leben war für ihn
-von Anfang an eine ungeheure Aufgabe, die er jeden Tag vom frischen
-angreifen mußte, und ich weiß nicht, ob er jemals richtig aufgeatmet hat
-... Nun, aber ich wollte --«
-
-Da stockte er wieder völlig, die Hände gingen empor, er fuhr zusammen,
-warf einen scheuen Blick nach Renate, schloß die Hände, beugte sich vor
-und saß nun so, die Ellbogen auf den Knien, die Hände hart gefaltet, mit
-den Augen drüberhin auf den Boden starrend, während er redete.
-
-»Er war nicht imstande, das Pensum einer Klasse anders als in zwei
-Jahren zu erledigen, hatte keine Spur von Gedächtniskraft, aber einen
-fürchterlichen Pflichteifer, so daß er sich auf das härteste Tag und
-Nacht mit Dingen peinigte, die Andre im Vorbeigehn erledigten. Freunde
-hatte er nicht, er war unbeliebt bei Lehrern und Schülern, ich glaube,
-wenn er nicht aus so guter Familie gewesen wäre, -- das spielt ja immer
-eine Rolle, aber so wurde sein Fleiß doch anerkannt, und all das wurde
-auch besser in den Jahren, wo der Unterricht in Mathematik,
-Naturwissenschaften und Physik begann, wo er sich denn gleich auf
-wahrhaft erstaunliche Weise hervortat. Seiner Stiefmutter aber diente er
-auf so eine verborgene Art, wie ein kleiner Sklave, geriet aber in
-grausame Wut, wenn irgend jemand einen seiner kleinen Liebesdienste
-entdeckte. Vielleicht war sie für ihn die Königin eines Feenreiches und
-er ein dienstbarer Gnom, -- ich habe freilich nie bemerkt, daß er sich
-mit Büchern und Märchen abgegeben hätte; er war immer ein Bastler und
-Ingenieur, der Dinge zusammentrug, verglich und zusammenstellte, als er
-noch klein war, und der aus allen ein Werkzeug oder Kasten
-hervorbrachte, als er größer wurde. Eines Tages stand dann wohl im
-Zimmer seiner Mutter oder auch in meinem ein Segelboot, oder etwas
-Gepapptes oder eine kleine Maschine; aber davon durfte man nichts sagen
-... Seine Mutter duldete all dies ohne Aufhebens, und so vertrugen sie
-sich.«
-
-Ohne daß er seine Haltung veränderte, richtete er jetzt seine Augen
-gerade auf die Renatens, seine Blicke aber gingen durch sie hindurch,
-weich wie Spätsonnenstrahlen, in die Erinnerung, während er sagte:
-
-»Ich habe sie unendlich geliebt von dem Augenblick an, wo sie mir sagte,
-daß sie Mutter --, nein, sie hat es mir nie gesagt, ich sah es, und in
-diesem Augenblick fing ich auch schon an, um ihr Leben zu zittern. Sie
-war ja nicht mehr jung. Ich habe damals an Liebe nachzuholen versucht,
-was ich im Leben vorher versäumt hatte, habe sie in einen Garten
-kostbarer Dinge gesetzt, sie durfte nur Schönheit sehn, nur Reinheit
-atmen, nur Stille trinken, und der Sohn, den ich mir erhoffte -- --, ja,
-er ist ja auch wohl so geworden, so schön und ...« Die Augen wieder auf
-die Hände senkend, sagte er leise: »Es giebt im Talmud eine Anekdote,
-die erzählte sie mir damals, in ihrer sparsamen Art, in dem sie nach
-einem langen Schweigen plötzlich anfing, -- eine Anekdote von einem
-Rabbi, der sich am Frauenbade aufzustellen pflegte, damit die
-Schwangeren ihn sähen und sich versähen an seiner Schönheit. Von ihm
-wird auch erzählt, so sagte sie langsam vor sich hin, daß, als Rabbi
-Elieser im Sterben lag, dieser Jochanaan bei ihm eintrat, und, da es
-dunkel im Gemache war, so erhob er einen Arm, streifte den Ärmel zurück,
-hielt ihn hoch und erleuchtete die Finsternis mit der Weiße seines Arms.
-Elieser aber weinte, und nachdem er drei Fragen Jochanaans nach dem
-Grunde seiner Tränen verneint hatte, sagte er endlich: Ich weine, weil
-auch deine Schönheit einmal im Grabe faulen wird ...«
-
-Renate schauderte leise, aber nach einer kleinen Stille fuhr er eilig
-fort:
-
-»Bald danach hatte ich den zweiten Sohn, und sie war tot. Wie sie
-gestorben ist, weiß ich nicht; es drang nichts nach außen. Einmal sah
-sie mich an und sagte: Danke. -- Sie lag mit offnen Augen und schwieg.
-Später waren ihre Augen geschlossen; noch später war sie kalt. Ihren
-Sohn hat sie nicht gesehn.
-
-»Es muß ungefähr ein Jahr später gewesen sein, da fand ich Erasmus -- er
-war neunjährig -- über das Bett seines Bruders gebeugt. Du weißt nicht,
-wie -- ja, wie abstoßend sein finstres Gesicht anzusehn war, denn es war
-fast nur Stirn und Augen, -- die untere Hälfte war verkümmert und wuchs
-sich erst spät und spärlich aus. Dies Gesicht hob er zu mir und sagte in
-seiner furchtbaren, kindlichen Ruhe und mit seiner tiefen Stimme: »Die
-Leute sagen, meine Mutter starb, weil mein Bruder auf die Welt kam. Also
-hat er sie umgebracht?« Ich vergesse das nie. Damals schrie ich wohl: er
-nicht, er nicht! Ich, ich selber habe es getan! -- Ob er es verstanden
-hat, weiß ich nicht, er war von den sonderbarsten und entsetzlich
-schweren Begriffen, die er sich in seiner Einsamkeit selbst anfertigte
-von dem, was ihm zuflog, und die er dann so behielt, unveränderlich,
-nicht daran zu rütteln.«
-
-Jetzt war es sie selber, Renate, gegen die seine Augen andrangen aus
-einer grausamen inneren Verhärtung, da er sagte:
-
-»Nun weißt du,« ganz langsam setzte er die Worte hin, »nun weißt du, was
-meine Söhne wurden. Nun weißt du, was an ungeheuerlicher Schuld in jenen
-Jahren von mir angehäuft wurde. Nun weißt du, daß der eine Sohn mir
-alles, alles, und der andre mir nichts, nichts war. Nun weißt du, welche
-Gerechtigkeit mich jetzt heimgesucht hat, da ich zwei Söhne habe und
-doch keinen, denn der eine ist nicht da, und der andre rührt mich nicht.
-Dieser aber wuchs auf wie eine schöne Blume, zart, süß, kräftig,
-blühend. Der hatte alle Leichtigkeit, alle Anmut, der war ein Windspiel,
-ein -- ein Herrscher, so trat er von Anfang an auf, nur sein Wort, sein
-Blick galt im Haus, alles war ihm untertan, aber -- die Leute sagten, er
-habe kein Herz. Wenn seine Mutter keins hatte, ja, wie sollte dann er
-...« Er hielt den Kopf in den Händen, er schüttelte sich plötzlich und
-streckte die Hände nach ihr aus. Auf den Knien vor ihm liegend, sein
-Gesicht an ihre Brust drückend, hörte Renate ihn stammeln: »Ich kann
-doch nicht fort, ich kann doch nicht! Wenn er wieder kommt, und ich bin
-nicht da ...! Und Erasmus wird ihn töten, er hat ja schon als Knabe
-einmal mit dem Messer ...«
-
-Laut aufschluchzend weinte er wie ein Kind jämmerliche, erstickte,
-zerbrochene Worte heraus, er fürchte sich namenlos vor Erasmus, er müsse
-doch fort, er könne nicht, Renate solle ihm verzeihn, er wäre elend, er
-habe mit ihr den Erasmus bestechen wollen, und er wisse ja, daß Beide
-sie liebten.
-
-»Warum willst du ihn denn nicht?« rief er, sich losmachend und ihre
-Augen mit seinen heißgeweinten suchend. »Ist er denn nicht gut, mein
-Sohn Erasmus?« bat er mit ausgestreckten Händen, »ist er nicht adlig und
-tüchtig und gehorsam und -- ach, du mein Gott, was für ein Engel ist er
-gegen seinen Vater und seinen Bruder. Und der Herr sah gnädiglich an
-Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an.
-Kannst du denn, kannst du denn nicht diese entsetzliche Angst von mir
-nehmen, ehe ich fortgehe, und ich will fortgehn, und will nicht
-wiederkommen, und unstät und flüchtig werden ...«
-
-Er verstummte, weil sie seinen Mund mit ihrer Wange verschloß, sein
-nasses Gesicht in den Händen an der Brust, selber am ganzen Leibe
-zitternd, frierend, entsetzt. Danach machte er sich los, keuchte ein
-paar Mal heftig, umklammerte ihre Handgelenke und flehte mit den Augen.
-Da raffte sie sich auf, küßte flüchtig seine Stirn und sagte: »Ich will
-versuchen ...«
-
-Sie stand auf.
-
-Ein welkes Versprechen. Hatte sie ihn wirklich damit beruhigt? Sie stand
-abgewandt, die Hände unter dem Kinn gefaltet, auf ihre Lampe blickend;
-hinter ihr sagte er halblaut, er sei von Sinnen; dreißig Jahre habe er
-ein Leben in Gedanken- und Planlosigkeit geführt, und das solle nun sie
-ihm bezahlen. Nun, sie solle nur ruhig sein, er sei es auch, er habe es
-ja nun vom Herzen herunter, und nur die Nerven wären wohl schuld, eine
-Reise würde ihn bald wieder aufrappeln ...
-
-Sie hörte ihn kaum. So war es nun mit Allen. So trug Erasmus das Seine,
-jahrelang wortlos, so hatte Bogner jahrelang schweigsam unerschütterlich
-sein Leben vollführt, bis sie ihn einmal zum Reden brachte; so flammte
-mancher wohl einmal auf, aber hinterdrein -- so waren sie Alle -- zogen
-sie schon wieder den Mantel knapp um sich und wollten nichts mehr wahr
-haben. Dann waren die Nerven schuld. Was sagte der Onkel jetzt? Er fuhr
-fort, alles so hinzustellen, als ob es auch ebensogut ganz anders sein
-könne, als er es eben dargelegt. -- War das nun wieder ihretwegen, die
-für Alle so eine schöne Sache war, unter einer unsichtbaren Glasglocke?
-Nein, nein, woher nur diese grausame Eifersucht auf unsre Leiden, auf
-unsre Schmerzen? Die sind freilich unser einziges und letztes Eigentum,
-so eins, das man wohl einmal zeigt, aber an dem keiner teilhaben darf,
-und sie --, ja, würde sie vielleicht anders sein? Wie angewachsene
-Hermen, dachte sie, so stehen wir da an den Lebensstraßen, unsre Füße
-bleiben immer im Stein, einmal schreien wir zum Nachbarn hinüber. Josefs
-Mutter, wie sie schwieg ... Keiner konnte helfen, keiner. Was? Konnte,
-sollte sie denn nicht? Ja, um Gottes willen, war denn das etwas
-Denkbares, dies mit Erasmus? Sie verstand nicht mehr. Hier saß der Onkel
-und tat, als wäre alles nichts, und hier stand sie vor einem Wirbel, aus
-dem es toste. --
-
-»Verzeih!« hörte sie ihren Onkel hinter sich sagen, wandte sich um und
-sah, daß er eine Zigarette in der Hand hielt und Streichhölzer. Verloren
-in sich selbst, ging sie zum Schreibtisch, nahm eine kleine blutrote
-Steinschale und setzte sie vor ihn. Er rauchte und sah miteins ruhig,
-gefaßt, beinahe jovial aus. So ging sie auf ihn zu, legte die Hände auf
-seine Schultern, zauderte und sagte:
-
-»Also laß uns reisen. Oder -- möchtest du lieber, daß ich bleibe, falls
--- falls Josef kommt?«
-
-Er lächelte trüb, meinte, der komme ja nicht, und stand auf.
-
-»Ja, falls ich reisen sollte, möchte ich dich wirklich bitten, zu
-bleiben,« sagte er bescheiden wie im Anfang, »wirklich. Ich möchte auch
-allein sein, ich -- nun --« Er brach ab, küßte sie freundlich auf die
-Stirn und ging hinaus.
-
-Lange stand sie mit hängenden Armen, ermüdet und kraftlos; dann ging sie
-zur Wand, rückte die kleine Genellizeichnung, die dort hing, gerade,
-warf sich, die Arme vor dem Gesicht, gegen die kalte Tapete, schluchzte
-ein paarmal tränenlos, schlich matt zu einem Sessel und fiel darauf
-nieder. Ein wenig Tabaksrauch schwebte süßlich im Raum, und das war der
-Rest. Sie warf den Kopf auf den Tisch und seufzte: Ach! -- Bogner kam
-doch niemals. Ob sie Saint-Georges fragen sollte? -- Sieh, sagte sie
-spöttisch zu sich selbst, du bist doch nicht so und schleppst deinen
-Kummer gleich zu jemand anders. Er ist freilich auch danach, dieser
-Kummer. -- Überdem stand sie auf und begann gedankenlos ihr Kleid zu
-öffnen, ließ es zu Boden fallen, öffnete die Untertaille, merkte, was
-sie tat, raffte das Kleid auf, ging müde ins Schlafzimmer, kleidete sich
-aus, legte sich und löschte das Licht. -- --
-
-Hatte sie schon geschlafen? Sie setzte sich auf im Finstern, rieb die
-Augen. Was für eine wunderliche Trunkenheit? Aber da war ja Licht -- sie
-erschrak -- im Nebenzimmer; die Tür war angelehnt. Bleich um sie her war
-der Raum, die weißen Schränke still, dunkler der dreifache Spiegel dort
-hinten, voll Geheimnis, wie ein Schrein, der sich geöffnet hatte,
-während sie schlief. Hatte er etwas entlassen? Wollte er empfangen? --
-Sie versuchte, sich zu ermuntern, doch gelang es nicht, und so, seltsam
-trunken und gefangen stand sie auf, ging nacktfüßig zur Tür und blickte
-mit leiser Furcht in den Raum. Still war es drin, o so still! Was war
-hier doch vorgegangen, am Abend? Still, nur ihr sanftes Wesen
-verbreitend, stand die gelbe Schirmlampe auf dem Schreibtisch, geduldig
-weiter brennend, ohne Vorwurf, daß sie vergessen war, -- ach, und wie
-blühte darüber die geisterhafte Blume, das Angesicht des ägyptischen
-Königs mit dem küssend gewölbten Mund, einsam auf seinem Pfeiler! Still
-war alles, und lebte doch. Gespräche, die sie unterbrochen, schienen
-überall gestockt zu sein; es knackte im Sofa; in seiner kornblumenblauen
-glänzenden Seidenbespannung schien es ganz eine himmlische Höhle; nur
-die einzelnen Bücher auf dem Tisch davor schienen in sich gekehrt und zu
-schlafen. Mächtig, aufrecht, geziert ragte das Lilienbüschel hoch empor.
-Leise funkelte es aus der Vitrine, im Schliff der Scheiben glänzte es
-gelb und rötlich. Welch fremdes Reich, das sie hier überraschte! Oh all
-dies gehörte sich selber an, jeder Stuhl, der Teppich, der Schreibtisch,
-die Vasen, die Bilder, jedes gehörte sich selber allein in einem
-stummen, aber starken Leben, und nicht ihr. -- Eilig ging sie zum
-Fenster, öffnete es und bog sich hinaus, fast zurückgestoßen jedoch von
-einem graden, kalten Wind, der sie gewaltsam umschloß. Da erinnerte sie
-sich: er war das Rauschen gewesen, das sie, während der Onkel sprach,
-unablässig fernher gehört und -- auch das wußte sie jetzt -- längere
-Zeit für das ferne Wehr im Fluß gehalten hatte. Die Nacht war völlig
-schwarz; in den unsichtbaren Wipfeln sauste und tobte es, -- ach, es war
-ja September, längst ... Morgen früh würde sie den noch verschonten
-Garten zerrissen finden wie von einer sinnlosen Hand, und sicherlich war
-der gestrige der letzte der weißen und goldenen Nebelmorgen gewesen. --
-Hastig, nicht weiter zu denken, schloß sie das Fenster, löschte die
-Lampe und tastete sich in das Schlafzimmer.
-
-Aber nun war sie doch wacher geworden. Und, verlockt von der dunklen
-Höhle des Spiegels, ging sie hin, wiederum leise erschreckend, da ihre
-weiße Gestalt ihr von fern entgegenschwebte und gegenüber stillhielt.
-Eine Fremde, murmelte sie, eine Fremde ... und griff, ohne zu denken,
-nach der Kurbel. Starkes weißes Licht senkte sich von oben, sie schloß
-die Augen, öffnete sie wieder, und da gingen in dem Spiegelantlitz die
-beiden dunklen, blauen Feuer auf, tief leuchtend, beseelt, aber ganz so
-fremd wie die eines zweiten Menschen, in dessen Innres kein Eingang war.
-Als sie zu lächeln versuchte, sich lächeln sah und von der Bewegung der
-Lippen im Spiegel die Bewegung der eigenen Lippen empfand, erkannte sie
-wohl, daß sie selber es war, aber hinter diesen Augen, dieser Stirn war
-Unbekanntes, blieb Fremde. Sie sah das Heben und Sinken ihrer Brust
-unter dem Hemd, streifte es von den Schultern, ließ es zu Boden rinnen,
-und nun, wie in einem weißen Ring von Wellenschaum nackt dastehend, die
-Hände, sich vorbeugend, links und rechts gegen die andern beiden
-Glasflächen der Flügelspiegel gestützt, sah sie sich schaudernd an,
-fühlte schaudernd verdoppelt die schöne Lebendigkeit des weißen Leibes,
-dahinter, tief im Grunde, sonderbar in das Gegenüberzimmer
-hineingestellt, das Fußende des weißen Bettes, ein Stück der
-zusammengeschobenen Decke und die Dämmerhelle der nächtigen Stunde. An
-ihrem rechten Knie zitterte leise das Ende der einen, nach vorn
-herabgefallenen, lichtbraunen Flechte. Sie grüßte sich, sie murmelte
-unbedacht: »Nein, Erasmus, nein, nein« ... Darüber sanken ihr die Augen
-zu, mit geschlossenen Lidern ertastete sie die Kurbel, drehte sie,
-raffte ihr Nachtkleid auf, streifte es über, erreichte ihr Bett,
-verhüllte sich fröstelnd, atmete tief und schlief ein.
-
-
- Sechstes Kapitel: Oktober
-
-
- Abschied
-
-Georg, mit Sigurd aus der Universität herübergekommen, der ihm an diesem
-Wochentage eine Stunde lang zwischen zwei Vorlesungen Gesellschaft zu
-leisten pflegte, fand sein schönes Zimmer hell im vollen Licht der
-Sonne, obgleich sie, noch die Fenster nicht erreichend, nur über den
-Herbstgarten sich ausgoß. Aus den Nischen zwischen den Bücherregalen
-flammten die mächtigen Farben der Oktoberblumen: gelbe Dahlien und
-weinschwarze, schneeweiße Lockenhäupter der Chrysanthemen, violette
-Asternsträuße, und stämmige Büschel rotgeflammten und gelben Laubes.
-
-»Sie haben,« fragte Georg schläfrig und etwas verdrossen, da Sigurd,
-ohne von alledem etwas zu sehn, seine Mappe in einen Sessel gleiten ließ
-und zu den Büchern ging, »Sie haben wohl nie bemerkt, daß das Jahr mit
-denselben Farben beginnt und schließt.«
-
-»Davon versteh ich nichts, Georg«, bemerkte er nur, seitwärts den Kopf
-tief hinunter beugend, um einen Titel im untersten Fach längs des
-Buchrückens zu lesen.
-
-»Nämlich gelb und violett. Gelbe und violette Krokus, Primeln, Veilchen
-und Narzissen, und Astern und Sonnenblumen im Herbst.«
-
-»Schön. Wills mir merken«, murmelte Sigurd und schob die Unterlippe vor,
-zog plötzlich ein schmales Buch heraus, blies über den Schnitt und
-klappte es auf. »Kassner,« sagte er. »Von den Elementen der menschlichen
-Größe. Das kenn ich noch nicht. Würden Sie mirs leihen?«
-
-»Gern.« Georg rollte stöhnend einen Sessel über die Teppiche, gab ihm
-einen Schwung, daß er vor die offene Gartentür flog, rückte ihn zurecht
-und ließ sich hineinfallen. Seine Zigarettendose und Feuerzeug
-hervorziehend, murrte er: »Was haben Sie bloß von all den Philosophen!
-Von Kassner verstehe ich nicht ein einziges Wort. Sie sollten Verse
-lesen. In drei Zeilen von Rilke steckt mehr Wissen von den Dingen als in
--- ich weiß nicht was.« Den ersten, tiefen Zug aus der Zigarette in die
-Lungen schlürfend, dehnte er die Brust empor und sprach mit tiefem
-Aufatmen:
-
- »Als wäre die Gebärde
- einer Mädchenhand
- auf einmal nicht wieder vergangen ...
-
-Ja das! Und das von dem Panther:
-
- Dann geht ein Bild hinein,
- geht durch der Glieder angespannte Stille
- und hört im Herzen auf zu sein ...
-
-Und so tausend andre! Merken Sie denn, wie einen da die Seele der Dinge
-anhaucht, durch Mark und Bein? Wie sie alle menschlich werden, und in
-der Vermenschlichung schon halbgöttlich?«
-
-»Die Seele der Dinge?« hörte er Sigurd hinter sich. »Nun, das ist in
-diesem Falle wohl nicht viel mehr als das Empfinden des Dichters von
-ihnen.«
-
-»Ich fürchte, Sigurd, unsre ganze Seele ist nichts andres als unser
-Empfinden von unserm Leben. Sehen Sie mal ...« Die Lider halb
-schließend, blinzelte Georg in die Sonne, »ich meine so: zur Zeit als
-der Mensch -- nämlich der, der er anfangs gewesen sein mag -- den
-Unterschied zwischen seiner Zeitlichkeit bemerkte und dem, -- was er
-damals Ewigkeit nannte; Ewigkeit, nämlich die länger als sein Ablauf
-scheinende Dauer seiner Umwelt, bis zu Sternen hinauf, -- da -- nicht
-wahr -- hielt er sie für ewig und gab diese Ewigkeit einem Gott oder
-mehreren zur Wohnung, wie er selber in der Zeit wohnte. Da stand also
-der Mensch -- gleich Zeit -- gegen Gott -- gleich Ewigkeit.«
-
-»Schöne Spekulationen«, hörte er Sigurd kurz hinter sich murmeln.
-»Vorher, meinen Sie, stand bloß Mensch gegen Mensch?«
-
-»Vorher«, sagte Georg, »nahm der Mensch den andern Menschen als Teil
-seiner Umgebung, -- das heißt, ich meine so: daß Mensch gegen Mensch,
-gegen seinesgleichen stehe, das konnte er erst als Schicksal empfinden,
-als er seine Einsamkeit und Kleinheit gegenüber der Ewigkeit spürte, so
-daß dies Gefühl erst wuchs durch jenes.«
-
-»Die Seele also«, fragte Sigurd, »wäre ein -- eine Wunde des Daseins?«
-
-Georg versetzte: »Ja, sehen Sie, ich dachte folgendermaßen: der Körper
-atmet durch Poren, der Geist -- durch Wunden. Die Seele ist eine Wunde;
-die Wunde des Geistes. Ich kam auf andre --«
-
-»Freilich,« hörte er Sigurd erwidern, »die Lust am Dasein, jedes
-Wollustempfinden ist denkbar, ohne Seele. Erst die feindlichen
-Empfindungen, das Bewußtsein ... Sie wissen ja: ein Hund fürchtet sich
-beim Gewitter, ohne zu wissen warum ... also: das Bewußtsein
-übernatürlicher Mächte, unverständlicher Gewalten und Peinigungen, das
-Bewußtsein von allem Schmerzlichen und Zerstörenden, das macht erst den
-Menschen.«
-
-»Natürlich! das Feindliche!« sagte Georg. »Die freundlichen Naturmächte
-nahm er einfach und unbedenklich hin, erst die feindlichen rüttelten ihn
-auf, mit ganz physischen Mitteln: er mußte sich wehren. Lust bringt
-nichts hervor, Schmerz macht erfinderisch, Schmerz ist zeugend allein.
-Lust zweifelt nicht, Lust will bekanntlich Ewigkeit, das heißt Dauer --
-ihr erster Schmerz ist die Ahnung, daß sie enden muß --, Schmerz will
-Erkenntnis.« Er verstummte, nicht unerfreut über diese Leistung. --
-Dann, da Sigurd still blieb, bog er sich um die Rückenlehne seines
-Sessels, entdeckte aber erst nach einer Weile Suchens ganz hinten nur
-seinen hohen Kopf zur Rechten der Treppe vor den Büchern; das Übrige
-seiner hockenden Gestalt war hinterm Schreibtisch verborgen.
-
-»Hören Sie mir eigentlich zu?« fragte Georg unzufrieden. Da schnellte er
-plötzlich zu seiner Länge empor, und Georg mußte lachen, weil er richtig
-ein Buch aus der Tiefe heraufgetaucht hatte.
-
-»Ja, jetzt weiß ich, wie Sie's machen«, sagte er. »Sie ziehen in jeder
-Bibliothek die Bücher heraus, lesen Titel und Verfasser, dazu einen
-Abschnitt auf Seite siebenundvierzig, und dann kennen Sie's.«
-
-Sigurd schmunzelte geringfügig, ohne übrigens so auszusehn, als ob er
-gehört hätte, ging zum Schreibtisch und setzte sich davor, worauf Georg
-die Beine über die Sessellehne warf, um ihn im Auge zu haben.
-
-»Wovon sprachen Sie denn eben?« fragte Sigurd, sein Buch aufschlagend.
-
-»Von den ersten Menschen«, erwiderte Georg zweideutig.
-
-»Die im Paradiese,« äußerte Sigurd aufblickend, »wenn Sie die meinen,
-kannten freilich Gott. Ob sie aber deshalb schon Menschen waren?«
-
-»Gott?« fragte Georg. »Nein. Gott war wohl mehr ihresgleichen. Und sie
-wußten doch nichts von Zeit, und daß alles einmal enden könnte.«
-
-»Ach, Georg, Sie glauben ja nicht an Gott. Haben Sie übrigens je
-bemerkt, daß jenes Verbot im Garten Eden, wegen des Apfels, nur an Adam
-erlassen ist? Neulich fiel mirs auf, als ich zufällig den Text nachlas;
-Eva war noch gar nicht erschaffen. Wie sollte sie also nachher
-begreifen? Sie mußte sich einfach auf den Mann verlassen, der es ihr
-mitteilte, und das gefiel ihr natürlich nicht.«
-
-»Von da an, bis jetzt,« sagte Georg lächelnd, »hat sie sich immer auf
-den Mann verlassen sollen, aber sie ist immer dagegen angegangen und hat
-ihn immer zum Essen verlockt.«
-
-Sigurd schien zu lesen. Ich habe doch einmal an Gott geglaubt, dachte
-Georg angestrengt. An Gott? Ja, an einen einfachen guten Menschengott,
--- wann war das? Und auf einmal war er fort. Ich wurde konfirmiert, --
-nein, damals schon, -- aber ich entsinne mich doch genau, was für Kämpfe
-ich seinetwegen gehabt habe, und wie wir Jungens uns stritten halbe
-Nächte lang -- aber, es kommt mir doch vor, als ob schon alles über ihn
-entschieden war, ehe die Kämpfe begannen. Sie waren mehr der Form wegen,
-und aus Angst, aber damals fürchtete man sich ja nicht vor der Welt, so
-getraute man sich schon, es allein, ohne Gott, mit ihr aufzunehmen. Da
-wars um Gott geschehn. Wann aber glaubte ich wirklich an ihn? -- Als ich
-noch rot werden konnte, durchfuhrs ihn, und er fühlte, wie ihm das Blut
-ins Gesicht stieg. Ich erröte ja noch! dachte er -- nein, nein, dies ist
-ein andres Erröten, ich erröte vor mir selber; ich meinte aber das
-Erröten vor der Welt, in der Gott war, das Erröten, das von Gott kam,
-nicht dies aus mir selber. -- Jetzt klappte Sigurd sein Buch zu, legte
-es auf den Tisch und sagte:
-
-»Außerdem, fällt mir ein, steht auch von einer Strafe nichts im Buche.
-In der Bibel, mein' ich. Er sagte nur: ihr dürft nicht. Hätte er gleich
-zu Anfang gesagt: dann werdet ihr ausgetrieben --«
-
-»Dann«, sagte Georg, »würden sie sich wohl auf den Apfel gestürzt
-haben!«
-
-»Wie?« fragte Sigurd zerstreut und sprach weiter: »Er verbot nur, wie
-sollten sie das verstehn? Adam sagte es Eva, worauf sie vermutlich
-gedacht haben wird: Verboten hat er es zwar, -- aber wenn ichs doch tue?
--- er hat doch gesagt, er wäre ein lieber Gott ... Und Adam dachte: Was
-wohl geschehn wird, wenn ... Sehn Sie, er konnte ja nicht anders, er
-mußte zweifeln, ihm konnte nichts genügen, ihn hungerte nach Erkenntnis,
-nach dem Apfel, nach Schmerz ... Sie sehn, es kommt auf das selbe
-hinaus.«
-
-Georg, mitgerissen, sagte nachdenklich: »Und schon kam die Angst -- Gott
-hatte noch nichts gesagt! -- sie versteckten sich.« Plötzlich wieder in
-seinen eignen Gedanken, sagte er langsam: »Er muß ganz rot geworden
-sein, als er aß.«
-
-»Wie meinen Sie?« fragte Sigurd. Georg besann sich; Sigurd, das Gesicht
-in den Händen, sah auf den Teppich.
-
-»Das Verstecken«, sagte er, »war eine Dummheit. Schuldgefühl verdammt
-von vornherein. Die Frauen, wie Sie schon sagten, glauben an einen
-liebenden, verzeihenden Gott -- nämlich deshalb, weil sie ihre Schuld
-gern für geringer halten, als sie ist, denn sie können nicht abwägen --,
-der Mann an einen gerechten Gott.«
-
-»Nach dem Talmud«, versetzte Georg.
-
-Sigurd schwieg. Nach einer Weile, sich aufrichtend, ohne Georg anzusehn,
-bemerkte er, das wären so deutsche Unterhaltungen ...
-
-»Wieso?«
-
-»Der Deutsche redet am liebsten von Dingen, von denen er zwar nichts
-versteht, an denen sich aber sehr viel raten läßt, herumraten.«
-
-»In Rußland allerdings«, biß Georg zu, »wird nur von Rußland geredet.
-Und wissen Sie,« lachte er, »was das Deutscheste an unserm Gespräch
-ist?«
-
-»Nun, sagen Sie's schon.«
-
-Das Telephon zirpte, Georg erhob sich. »Daß wirs hinterher kritisieren;
-oder wenigstens feststellen, wovon es gehandelt hat. Nun können wir ja
-noch --« Das Telephon zirpte abermals -- »feststellen,« sagte Georg,
-indem er hinging, »daß wir festgestellt haben, daß der Deutsche gern
-feststellt --« Lächelnd den Hörer abnehmend, über den Tisch gebeugt,
-sagte er: »Georg Trassenberg.«
-
-»Grüß Gott, Georg,« hörte er Esthers Stimme, wie es schien ein wenig
-matt. »Ist Sigurd da?«
-
-»Grüß Gott, Esther! Ja, er ist hier. Wie gehts Ihnen denn?«
-
-»Danke ...« Das kam zögernd; danach nichts mehr.
-
-»Augenblick, Esther!« Georg reichte den Hörer an Sigurd, der noch am
-Tische saß.
-
-»Ja, Esther. -- -- Nein, ich wollte heute erst später kommen. Was ist
-denn?« -- -- Georg wanderte langsam bis vor den Pensieroso, Sigurd
-weiter hörend in Pausen: »Du sollst kommen? -- Ja, dann fahr doch.«
-
-Georg -- sonderbar härtlich hatte das Letzte geklungen -- wagte es, den
-Kopf ein wenig zu drehn, allein Sigurd -- er war aufgestanden -- drehte
-sich fort.
-
-»Natürlich mußt du fahren.« Das klang wieder wie immer, kurz angebunden,
--- doch so war er. »Nach Hamburg erst? Ja, natürlich, sie warten ja
-darauf. Wie? Sie warten darauf, sag ich. Wann geht denn das Schiff?«
-Georg zuckte zusammen. Schiff? -- Er lauschte mit wildem Herzklopfen
-plötzlich, doch kam nun endlose Zeit nichts, und er stand, flimmernd
-Buntes und Grünes vor den Augen, gemartert von der unhörbaren Stimme in
-der Ferne, die alles sagte. Endlich hörte er Sigurds Stimme wieder.
-
-»Ja, dann wirds am besten -- wie? -- am besten wirds übermorgen -- ja,
-Fräulein, ich spreche noch!«
-
-Wieder alles still. Also nach Amerika. Fort. Einfach fort. Esther. Das
-war unmöglich. -- Georg hörte seinen Namen, dann deutlich Sigurd, der
-ihn ans Telephon bat.
-
-»Ja, was ist denn, Esther?«
-
-»Mein Verlobter hat geschrieben, Georg. Er wartet ja schon seit einem,
-seit dreiviertel Jahr bald. Und er schreibt von einem Schiff, das ich
-benützen soll, -- es fährt Mitte nächster Woche, und --« Georg glaubte,
-sie Atem schöpfen zu hören. »Und nun erwarten Verwandte von uns in
-Hamburg, daß ich sie erst noch besuche. Also --« Ihre Stimme erlosch,
-raffte sich dann wieder auf. »Also werde ich wohl übermorgen fahren.
-Dann hab ich noch morgen den ganzen Tag zum Packen und --« Es kam nichts
-mehr.
-
-»Ja, Esther, wenns sein muß. Was kann man da machen?« Böse, einen Stich
-im Herzen, fuhr er gleisnerisch fort: »Es tut mir nur leid, daß ich Sie
-dann nicht zur Bahn werde bringen können. Morgen muß ich fechten, und
-das wird ziemlich schlimm werden, ich -- ja, ich kann Ihnen das so nicht
-gleich erklären, warum. Dann --« seine Brust zog sich zusammen -- »dann
-sehn wir uns wohl gar nicht mehr.«
-
-Keine Antwort. -- »Sind Sie noch dort, Esther?«
-
-»Ich -- ich könnte ja heute noch -- -- wenns Ihnen recht wäre ... Ich
-habe jetzt Zeit.«
-
-»Aber natürlich, Esther, herrlich! Also kommen Sie? Auf Wiedersehn!
-Wollen Sie Ihrem Bruder noch -- -- Sind Sie noch dort?«
-
-Georg legte, schwer atmend, den Hörer auf, sammelte sich und sah sich
-nach Sigurd um. Er saß auf der Lehne von einem der Sessel in der
-Kaminecke, den Kopf gesenkt; das Gesicht war heiß, die Augen finstrer
-als je. Langsam, die Lippen vor und hin und her schiebend, fing er an zu
-sprechen.
-
-»Einmal mußt's ja sein. Nun ist's zu spät.«
-
-Georgs Zunge bewegte sich schwer. »Wieso: zu spät?«
-
-Sigurd bückte sich tief, den einen Fuß anhebend, zupfte an einem Faden
-im Hosenaufschlag und riß. »Um sie zu halten«, stieß er dabei undeutlich
-hervor.
-
-»Ja, wer kann sie halten, wenn sie heiraten wollen«, witzelte Georg
-unglücklich.
-
-»Halten kann man sie schon«, äußerte Sigurd verdrossen und sah in die
-Luft. -- Sonderbar! Das war ja fast wie ein -- ein Wink? -- Indem fiel
-Georg ein, daß Sigurd ihm doch einmal etwas hatte sagen wollen, in bezug
-auf Esther. War es das gewesen? -- Er? Konnte er sie, hätte er sie
-halten können?
-
-Sigurd war aufgestanden. »Also auf Wiedersehn, Georg«, sagte er, ihm die
-Hand hinhaltend, während er mit der andern seine Mappe aus dem Sessel
-nahm. »Sie kommt ja wohl her. Dann will ich nicht stören.«
-
-»Adieu, Sigurd.« Sigurd stieg die Stufen hinan. »Vielleicht versuchen
-Sie's doch noch mal selber!« rief Georg ihm nach. -- Sigurd öffnete die
-Tür, schwieg, sagte dann: »Ach was!« und ging hinaus.
-
-Georg stand verstört. Vor sich niederblickend, entdeckte er plötzlich
-die farbigen Bänder auf seiner Brust, faßte wütend nach dem
-Porzellanknopf im Rücken unterm Rock, der sie zusammenhielt, zerrte
-wütender daran, bis er die Bänder endlich losgerissen hatte, schnellte
-sie hervor, ballte sie zusammen und schmiß sie auf den Tisch.
-
-Wenn morgen, fluchte er, die Mensur nicht wäre, würde ich mit ihr in die
-Gegend fahren, und niemals käme sie fort, niemals! -- O, wie verstört
-sie war! Warum? Warum? -- Er hockte sich in einen Sessel, tat die Stirn
-in die Hände und fühlte Angst vor der Abschiedstunde. Ja, soll ich, will
-ich, kann ich sie denn halten? O Gott, liebe ich sie denn nun oder
-nicht? --
-
-Da war Esther, da Renate. Da waren Renates Schultern, an dem
-verwünschten Festabend, -- das Herz zog sich ihm zusammen. Und da war
-Esther, wenn sie frühmorgens aus dem Garten kam, kaum sichtbar hinter
-einer Garbe frohlockender Blumen, und er im Stuhl mit seinem
-verstauchten Fuß, und die langen, langen Tage. Und dann dies, -- war es
-denn nun eine Dummheit gewesen? Sie kam herein, und er dachte: ich habe
-sie auf eine ebenso eigenartige wie ganz unschädliche Weise lieb und
-werde es ihr jetzt sagen. Da stand sie in der Tür zum Garten, lächelte
-zu ihm hin, und er nickte und lachte aus seiner Ecke, und wie sie die
-ganze Last von -- Päonien oder Stockrosen, oder was es nun war, auf den
-Schreibtisch niederwarf, sagte er, nein, da rief er sie zu sich, nahm
-ihre Hände und sagte, nicht ohne starkes Herzklopfen und das deutliche
-Gefühl, er solle es lieber unterlassen: Eben, kleines Wesen, ist mir was
-Prächtiges eingefallen. Ich habe Sie so lieb, wie ich nie einen Menschen
-gehabt habe, auf eine ganz besondre Weise, was sagen Sie dazu? Ist's
-Ihnen recht? -- Auf ihrem Gesicht flog ein sonderlicher Schatten auf,
-ein -- ja ein Lächeln gleichsam auf Stelzen. Sie ließ seine Hände los
-und sagte: O ja ... Sie ging zu den Blumen, nahm eine auf, warf sie
-wieder hin, nahm eine andre und roch daran, raffte den ganzen Haufen
-zusammen und trug ihn ins Speisezimmer.
-
-Und danach, eine lange, endlose, atemlose, schreckliche Zeit, während
-der er sie nebenan gehen und hantieren hörte, Vasen zusammentragen,
-Stiele abschneiden, vor die Tür und an die Wasserleitung treten, und
-hörte, wie das Wasser rauschte, dunkel erst, dann heller, aufsteigend in
-den Gefäßen, saß er und rang mit sich um Unerkennbares im Herzen und
-sagte sich schließlich nur, damit die Zeit verginge, auf: Sie also auch,
-sie also auch, -- ganz sinnlos, und dann: Da bin ich ja grauenhaft
-ungeschlacht gewesen. Sie wußte es nicht, und nun weiß sie's.
-
-Also liebte sie ihn? Und wollte doch nach Amerika. Sigurd wollte sie
-behalten, und er sollte das besorgen. Ja, wie hatte er doch gesagt? Sie
-hat immer irgendwen geliebt. Er hielt das also für einen Übergang, auch
-hier bei Georg, und im Grunde liebte sie eben ihn, ihren Bruder, und
-fand immer wieder zu ihm. Ja, konnten sie vielleicht einander noch in
-die Augen sehn, nachdem er damals dies zu ihr gesagt? Nein, sondern da
-war zwischen ihm und ihr eine Wand von Angst, Gefahr und Süße, durch die
-ihre Blicke nicht zueinander gelangen konnten, außer wenn sie lachten
-oder viele Menschen zugegen waren.
-
-Eines Tags aber, würgte er weiter, sah ich Renate in einem goldnen
-Kleid. Das Unterkleid war erdbeerfarben, darüber das Oberkleid vorn
-offen und nach rückwärts geschweift, so daß es leicht wehte beim Gehn;
-es war wie Flügeldecken aus goldener, bräunlicher Seide, ach, und ihr
-Hals, ihr Hals! -- Aber dennoch, -- wenn ich es formulieren wollte, so
-wäre es so: Wäre Renate weniger schön, so würde ich sie lieben; wäre
-aber Esther weniger schön, so würde ich sie nicht lieben. Das soll
-heißen, daß ich Renate liebe wie einen schönen Gegenstand (zum Beispiel
-die Venus von Milo), und nur das Zufällige ihrer weiblichen Gestalt und
-der sexuelle Reiz spiegelt mir ein wahres Liebesempfinden vor. Esther
-dagegen, -- ja, wie kann man nur zwischen Beiden schwanken? Esther war,
--- o sie war ja klug und alles mögliche, aber eigentlich war sie doch
-nur ein süßes Wesen, ja ein so süßes Wesen, daß ich eben unwiderstehlich
-davon verlockt werde, von den braunen Streifen im schwarzen Haar, von
-der Stelle der Stirn, an der das Haar ansetzt und das krause die kaum
-sichtbaren Schatten wirft, von ihrem Hals, und der Biegung zum Kinn, und
--- und was sollte denn daraus werden? schloß er langsam und stand auf.
-
-Er öffnete die Gartentür, trat ins Freie ein paar Schritt vor und ging
-ins Zimmer zurück, erregter, angstvoller, wartend, daß sie komme.
-
-Renate, schlechterdings, sie war zu einer fürstlichen Stellung
-geschaffen und gehörte ihm. Er nahm den kleinen Band der Odyssee vom
-Tisch unter der Lampe, blätterte, suchte und fand die Stelle:
-
- _Kai tote dä Kronidäs afiei psoloenta keraunon,_
- _Ka d'epese prosthe glaukoopidos obrimopatras;_
- _Dä tot' Odysäa prosefä glaukoopis Athänä ..._
-
-Halblaut übersetzte er:
-
-Nieder warf der Kronide den funkelnden Blitz, daß er hinschoß vor der
-strahlengeäugten, der Tochter des obersten Vaters. Und zu Odysseus
-sprach die strahlengeäugte Athene ...
-
-Das war sie. Eine Göttin in Menschengestalt, Fürstin, Herrscherin, kluge
-Beraterin, ein Kunstwerk. -- Er schloß das Buch, legte es hin, und nun
-erschien ihm Renate in ihrem weißen, sommerlichen Faltenkleid mit
-viereckigem Ausschnitt, eine Kette von rosigweißen Korallen, die tief
-herunterhing, um den Hals, ohne Gürtel und mit weit offenen Ärmeln. So
-stand sie in der Kapellentür wie ein Legendenwesen, so saß sie an der
-Orgel, ausgebreitet, schwebende und gewaltige Stimmen entfesselnd, so
-war sie, stets würdig, stets Anmut, stets Kühle, eine schöne Weisheit in
-Frauengestalt. An wen erinnerte sie nur? Lange grübelte er in Büchern
-herum, endlich begann es ihm zu dämmern, seine Kinderstube erschien, und
-ein altes Buch, quadratisch, braun, abgegriffen, mit Vignetten, -- von
-Richter? Richilde -- stand in verschnörkelter Schrift auf einer Seite,
-ein Ritter ritt durch eine Landschaft, ein spitzbärtiger Ritter kniete
-vor einem Walfisch, aus der Kelchblüte einer großblättrigen,
-stilisierten Pflanze winkte ein elfenartiges Wesen mit einem Schleier
-nach einem Jüngling, der hinter einem Paar schöner, weißer Stiere
-schritt, -- Libussa. -- Flugs stieß Georg einen Sessel zur Seite und
-langte das Buch tief unten aus einem Regal, wiedererkannte es freudig,
-schlug es auf und fand nach einigem Blättern und Verweilen die
-Geschichte Libussas, der Elfentochter, der späteren Herzogin von Böhmen,
-welche die drei höchsten Güter in sich vereinte, nämlich Weisheit,
-Schönheit und Reichtum; und Libussa hatte in ihm als Knaben jenes Gefühl
-erweckt, das ihm jetzt von Renate auszugehn schien: sie war ihm zu
-makellos und wandellos, zu hoheitsvoll, zu leidenschaftslos erschienen,
-zumal gegenüber den kriegerischen Werbern, -- ja, wollte Esther denn
-noch immer nicht kommen? Wenn ich lese, dachte er, wird sie gleich hier
-sein, setzte sich und las, und es stellte sich heraus, daß jenes
-Knabengefühl ganz ungerechtfertigt gewesen war, denn liebte Libussa
-nicht den Primislav, sieben Jahre getreu, und sandte ihm endlich ihr
-weißes Leibroß, um ihn zu holen und zu ihrem Herzog zu machen? -- Ein
-rechtes Märchen, aber bei Renate und mir ists ja umgekehrt. -- Folgende
-Stelle las er mit Vergnügen:
-
->Libussa hatte nicht den stolzen, eiteln Sinn ihrer Schwestern. Ob sie
-gleich die nämlichen Fähigkeiten besaß, in die Geheimnisse der Natur
-einzudringen und sich ihrer verborgenen Kräfte zu bedienen: so genügte
-ihr dennoch an dem Anteil der wunderbaren Gaben aus der mütterlichen
-Erbschaft, ohne solche höher zu treiben, um damit zu wuchern. Ihre
-Eitelkeit erstreckte sich nicht weiter, als auf das Bewußtsein ihrer
-Wohlgestalt, sie geizte nicht nach Reichtum, wollte weder geehrt noch
-gefürchtet sein wie ihre Schwestern. Wenn diese auf ihren Landhäusern
-herumtoseten, von einer rauschenden Freude zur andern eilten und den
-Kern der böhmischen Ritterschaft an ihren Triumphwagen fesselten, blieb
-sie daheim in der väterlichen Wohnung, führte das Hausregiment, erteilte
-den Ratfragenden Bescheid, leistete den Bedrückten und Preßhaften
-freundlichen Beistand, und das alles aus gutem Willen ohne Entgelt. Ihre
-Gemütsart war sanft und bescheiden und ihr Wandel tugendsam und züchtig,
-wie es einer edeln Jungfrau ziemt.<
-
-Auch dieser Satz gefiel ihm sonderlich: >Sie nahm mit bescheidenem
-Erröten die Herrschaft über das Volk an, und der Zauber ihres
-wonniglichen Anblicks machte jedes Herz ihr untertan.<
-
-O Himmel! dachte er aufseufzend, wenn ich Herzog bin, wird dann alles
-anders sein? Wer ist denn zur Herzogin hier geeignet, sie oder Esther?
--- Er lachte fast, hielt kaum rechtzeitig inne.
-
-Das Licht hatte sich verändert draußen, die Schatten waren tiefer und
-länger geworden, Esther kam nicht. Georg, immer angstbeklommener vor
-dem, was kommen sollte oder könnte, trat wieder in die Tür zum Garten,
-der windstill, tief beschattet bei sinkender Sonne, tiefgrün mit schönen
-großen Farbflecken, gelben, roten, glattbraunen, von Birke, Platane und
-Roteiche, unter dem reinen, erlösten Himmel ruhte. Darin sollte sie nun
-nicht mehr umhergehn mit ihren kleinen, ein wenig breiten Füßen,
-kleinschrittig, von denen der rechte bei jedem vierten oder fünften
-Schritt leicht nach innen schlug.
-
-Indem hörte er hinter sich die Tür, Esther stand drin, sehr blaß, in dem
-Kleid, das er liebte, von rotvioletter Seide mit Goldborte an Hals und
-Ärmeln. Sie kam auf ihn zu und gab ihm die Hand, wie sie pflegte, mit
-ein wenig vorgeschobenem Leib ganz nah herankommend, und murmelte etwas
-wie: Sigurd hätte ihm wohl alles gesagt.
-
-»Wann geht dann das Schiff?« fragte Georg.
-
-»Mittwoch.«
-
-»Und Sie bleiben erst ein paar Tage in Hamburg?«
-
-»Ja, ich fahre am Sonntag.« »Und morgen«, sagte Georg trübe, »muß ich
-wieder auf Mensur.«
-
-»Schon wieder?«
-
-Sie hatten sich unterweil in Bewegung gesetzt und schritten langsam den
-Weg hinunter. Georg hob eine in den Weg hängende Hopfenranke über
-Esthers Kopf, dachte: Wenn Sigurd gesagt hat, daß sie immer irgend
-jemand liebte, so heißt das wohl auch, daß sie mich alsbald vergessen
-wird, -- und verstrickte sich derweil in umständliche Erklärungen: daß
-er seine letzte Mensur im vergangenen Semester schlecht gefochten habe
---
-
-»Ach, als Sie so lange mit dem Kopfkissen herumliefen?« fragte sie
-lächelnd. Sie meinte das schwarze Stück über der Gazekompresse, das er
-zum heimlichen Gespött aller Freunde wochenlang nicht vom Mittelkopf los
-geworden war. Er bejahte und fuhr fort: daß die Mensur ungenügend
-beurteilt worden sei; daß er Reinigung fechten müsse, und nun habe es
-sich über die Ferien hingezogen, während er doch für dies Semester
-seinen Austritt geplant hatte, und schließlich würde er morgen einen so
-scharfen Gegner bekommen, daß -- ja also daß sie sich heute wohl zum
-letzten Male sähen ... Dies schien sie gewußt zu haben, denn sie
-antwortete nichts.
-
-Sie standen jetzt am dunklen Wassergraben; ringsum loderte der Herbst,
-das unbeschreiblichste Grün, mit Gelb gemischt, lohendes Rot, prangendes
-Kaisergelb flatterte hoch oben vor der vergoldeten Bläue der Luft; noch
-höher wehten weißliche Geister aufgelöst durch den Oktoberhimmel. Ach,
-wie lieblich war ihre verschleierte, huschende Stimme! -- Sie sagte, es
-würde ihr wohl sehr schwer fallen, nicht mehr des Morgens in diesen
-Garten gehen zu können, und Georg murmelte etwas Unklares von
-Kalifornien, Palmen und: auch sehr schön ... Dann setzten sie sich auf
-die Bank, die hinter ihnen stand. Esthers Hände lagen im Schoß.
-
-Georg dachte daran, wie er ihre Hand zuerst im Handschuh gefühlt, halb
-leblos, und wie sie hier mit Jason gesessen hatten, der ihren Handschuh
-von der Bank nahm und davon sprach. Sie schwiegen. Kein Blatt fiel.
-Etwas simmte an Georgs Ohr, und eine verspätete Mücke setzte sich auf
-seine Hand, aber sie sog nicht. Da vertrieb Esthers Linke sie mit einer
-flatternden Bewegung, die an ihrem Haar endete, und Georg sagte mit
-einem Versuch zu scherzen:
-
-»Und nun will so ein kleines Mädchen ganz allein über das große Wasser
-fahren?«
-
-»Der gute Jason«, sagte sie -- dies war ihr letztes Lächeln! -- »wird
-mich bringen. Merkwürdig, nicht: Eben traf ich ihn, und er brachte mich
-hierher. Als ich ihn scherzend fragte, war er gleich bereit, und im
-vollsten Ernst. Er hätte längst mal nach Amerika gewollt, sagte er.«
-
-Jetzt wird sie in Tränen ausbrechen, dachte Georg und vermied den
-Anblick ihres Gesichts, sah aber doch, geradeaus blickend, neben sich
-ihr Profil, ein wenig vorgeneigt, unterm straff zurückgespannten Haar,
-die Stirn glatt, ganz wenig gerunzelt, das fremdgeschnittene,
-bewegungslose Auge, den unbeweglichen Mund. -- Um nur etwas zu sagen,
-fragte er: »Warum der _gute_ Jason?«
-
-»Ich weiß nicht«, meinte sie nach einer Weile. »Einmal, das fällt mir
-ein, wollte er ein Buch auf den Tisch legen, und es fiel daneben. Da
-sagte er ganz erschrocken: O entschuldige, Buch! -- Ich mußte so
-lachen.«
-
-»Ja, er ist mit allen Dingen, die sich nicht selber helfen können, wie
-mit kleinen Kindern. Wissen Sie eigentlich etwas aus seinem Leben?«
-
-»Nein, gar nichts.«
-
-»Ich war dabei,« sagte Georg leiser, »als er sich das Leben nehmen
-wollte, zweimal, und doch glaube ich, daß dies nicht das Schlimmste in
-seinem Leben war. So wie er jetzt ist, ist er noch gar nicht sehr
-lange.«
-
-Hörte sie eigentlich, was er sagte?
-
-»Wissen Sie,« begann sie nach einer Weile, -- »aber Sie dürfen nicht
-lachen, -- nein, ich meine -- -- Sie dürfens nicht zu ernst nehmen --
---«
-
-»Immer was Sie gern wollen, Esther.«
-
-Sie schwieg.
-
-»Wollen Sie es für sich behalten, dann --« er zögerte -- »nehmen Sie es
-mit nach Amerika.«
-
-»Oh!« stieß sie schmerzlich hervor, beugte sich vor und sah nach oben.
-
-»Schön ist doch der Herbst,« sagte sie dann wie beruhigt, »das sanfte
-Scheiden.«
-
-»Ja, es wird gut mit uns gemeint.«
-
-Auf einmal schnürte sich ihm das Herz zusammen, er suchte nach
-gleichgültigen Dingen, fand nichts und bat:
-
-»Was wollten Sie denn eben sagen?« Sich vorneigend wie sie, sah er sie
-nun an und merkte, daß ihr Gesicht von innen kalt und bleich geworden
-war.
-
-»Ich wollte sagen,« sprach sie sehr langsam und ohne Betonung, »es muß
-gut sein, zur rechten Zeit sterben zu können. Ich glaube, der Tod --,
-ich meine: das Sterben, der letzte Augenblick giebt dem Menschen eine
-Klarheit, eine Kenntnis, ganz sichere, über Leben und Tod. Gut kann die
-sein oder sehr schmerzlich. Und die gute wäre, daß man zur rechten Zeit
-stirbt.«
-
-Sie hatte nun ganz leise und mit rauher, verhauchender Stimme
-gesprochen, und Georg, obgleich er kämpfte, konnte es nicht lassen,
-tiefer zu gehn und zu fragen: »Esther, sind wir denn so traurig, daß wir
-statt vom Scheiden vom Sterben reden müssen?«
-
-Sie stand auf, zuckte mit den Schultern, wie um etwas abzuwerfen, und
-sagte: »Ich muß gehn.«
-
-Jenseit des Grabens stand eine junge Roteiche, reich mit großen, heftig
-gezackten Blättern überhangen, rot wie neues Kupfer und so einzeln, daß
-sie sich zählen ließen; im bläulichen dunklen Wasser unten hing ihr
-Spiegelbild, umgekehrt, verdunkelt. Uns, dachte Georg mit seltsamer
-Empfindung, uns und unsre Spiegelbilder sieht von drüben der stille
-Baum, und nun war ihm, als sähe er selber sich und sie -- in dem schön
-violetten Kleide mit goldenen Borten sie und sich in dem dunkelgrünen
-Anzug -- wie zwei geschmückte Geister in einer elysischen Gegend,
-weltferne Zwiesprache haltend. Aber, sich umwendend, fand er Esther
-nicht mehr neben sich und sah sie schon fern zwischen den grünen Büschen
-den Weg hinunter auf einen Trupp hoher, verdorrter Sonnenblumen und
-schwarzroter Dahlien zugehn; ihr Gang war nichts als ein notwendiges
-Bewegen der Füße, aber daran, daß der rechte nicht nach innen --, doch,
-da schlug er nach innen, und nachdem Georg eben gedacht hatte, er müsse
-sie so weiter und weiter und fortgehen lassen, eilte er ihr jetzt nach,
-holte sie aber erst im Zimmer ein, wo sie stand und sich umsah.
-
-Eiskalt war ihm am ganzen Leibe, er zitterte, wußte aber gleichwohl, daß
-er imstande sei, die simpelsten Höflichkeiten zu sagen, redete auch ganz
-bedeutungslos draufzu, indem er sie bat, sich doch etwas zum Andenken
-mitzunehmen. Sie bewegte den Kopf langsam hin und her. Gleich darauf
-sank er tief herunter, ihre Brauen zogen sich wie grüblerisch fest
-zusammen, doch war es wohl etwas andres, und er konnte es nicht mit
-ansehn und trat an den Schreibtisch. Mit dem Rücken gegen die Platte
-gelehnt, sah er, wie sich ihr Kopf langsam wieder hob; sie stand
-aufrecht und sah ihn an, ohne zu lächeln. Jetzt kommt es! dachte er im
-Frost, was soll ich jetzt tun? was fragt sie jetzt hinter ihrer Stirn?
-
-Indem fiel ihm ein: Wenn aber nun alles Einbildung ist? Ja, wie, wenn
-sie nicht meinetwegen so verzagt ist, sondern Sigurds wegen? Sollt' ich
-so närrisch sein? -- Fast ward ihm da leichter; er dachte: also muß es
-geschehn ...
-
-»Esther«, sagte er, nur um nicht zu schweigen, um nicht -- --
-
-Und sie kam. Er nahm ihre erfrorenen Hände und legte sie auf seine
-Brust. Sie blieb, sie würde bleiben, sie mußte, er konnte sie nicht
-entbehren. -- So blickte er in ihre Augen, sah ganz nah die schönen
-Brauen, sah winzig sein eigenes Gesicht, ganz wenig verschwollen in
-dieser, in jener schwärzlichen Pupille, und die Reflexe vom Licht, sah
-die kleinen schwärzlichen Härchen neben den Mundwinkeln und mußte die
-Lippen darauf drücken. Seine Augen schlossen sich. O, wie süß war dieser
-Mund! O nicht fremd wie -- wie -- --
-
-Da öffneten seine Augen sich wieder, sie war zurückgetreten, er sah sie
-zum Stuhl gehn, ein flacher, grauer Hut lag darauf mit grünen Blättern
-und schwarzen Rosen, den hob sie auf. Ja, mußte denn noch etwas -- --,
-mußte er noch etwas -- --? -- Er sah sie den Hut aufsetzen, die Nadeln
-festmachen, und da lag auch eine Jacke, die sie nun anziehen wollte, und
-er hätte fast vergessen, ihr zu helfen. Noch einmal, während er den
-Kragen ihres Kleides in die Jacke hineinglättete, ihren Hals berührte,
-sah er ihren Haarknoten, weich geschlungen, ganz nah, aber dies galt
-schon nicht mehr, und sie wandte sich und gab ihm die Hand, und er
-sagte: »Leb wohl!«
-
-Das Schluchzen stieg ihm in die Kehle, sie sagte nichts, ging zur
-Treppe, der Raum kreiste, etwas klang hart, Esther war nicht mehr im
-Zimmer.
-
-An einem Eisenbahnfenster über vorbeisausender Felderlandschaft erschien
-Esthers Gesicht; darauf stand geschrieben: Trostlos. -- Georg näherte
-die Hände dem Gesicht, ermannte sich, schüttelte den Kopf, nahm eine
-Zigarette vom Rauchtisch, zerbrach ein Streichholz, noch eines, noch
-eines, tat endlich den ersten Zug und setzte sich.
-
-Ja, sagte er, ja, ja ...
-
- * * * * *
-
-Nicht mit Absicht berauschte Georg sich an diesem Abend sinnlos, das
-heißt, er setzte sich nicht in der Absicht, sich zu betrinken, zum
-Trinken nieder, sondern es kam so. Quid quod, sagte er in der letzten
-hellen Minute, das ist eine lateinische Redensart und heißt ungefähr:
-Was soll man dazu sagen? -- Einige Zeit später weinte er sehr am Halse
-seines Leibfuchsen, der auch weinte, und abermals eine Zeit später
-wachte er mit riesigem Schädel und ohne Denkvermögen in seinem Bette
-auf, tat unbewußt das am Morgen Nötige des Badens und Ankleidens, saß
-ein paar Stunden, bloß eine kahle Bouillon im Magen, bei den Mensuren
-herum, übrigens ein wenig voll Ekel, ein wenig voll Wut und ein wenig
-voll Beschämung, worauf er sich anbandagieren ließ, heftig angewidert
-von den nassen, warmen, nach Blut, Schweiß und Äther stinkenden Binden
-am Halse. Armer Tozzi, heut gehts mir schlecht, dachte er, die Zähne
-zusammenbeißend, als die eiserne Brille auf seine Nase gepreßt wurde,
-und nieste. Dann stand er da und arbeitete schwerfällig mit dem
-Schläger, fühlte bald, wie ihm das Blut vom Kopf rieselte, es gab Pause,
-er saß, stand wieder, es gab endlose Pausen, um ihn schwirrte und rannte
-es, er hörte ein Flüstern: laß dich lieber abführen! -- aber das wollte
-er nicht. Der Speer ward ihm fortgeschlagen, noch einmal fortgeschlagen,
-er wankte und taumelte bei jedem Hiebe und stand dann, den Kopf gesenkt,
-von dem das Blut herunterlief, wie Spülwasser so dünn vom Alkohol.
-Dumpfe Wut hielt ihn aufrecht, aber er ermattete immer mehr, nach jedem
-Gang schien eine Pause zu kommen, er trank Wasser, trank Kognak, ihm
-ward zum Erbrechen elend, und dann merkte er noch, auf dem Stuhl
-sitzend, daß sein Blut nicht mehr lief. Und was war das mit seinem
-Herzen? Das machte ja Sprünge! Von allen Seiten beugten sich höfliche,
-neugierige, ein wenig mitleidige Gesichter, er hörte wieder die Stimme
-des Sekundanten von weit fern her: Also noch einen Gang, weiter! Stand
-auf, schwankte, hörte hoch über sich die Worte verhallen: Baltoborussia
-führt ab nach dreizehn Minuten, und verlor die Besinnung.
-
-
- Sonnenblume
-
-Renate, in der Hand die Gartenschere, trat am frühen Morgen auf die
-Terrasse hinaus und blieb über den Stufen stehn. Warm schien die Sonne,
-aber es wehte so heftig, daß sie mit den Händen in den Falten ihres
-dunkelgrünen Kleides hinunterfuhr, um sie gegen den Leib zu drücken; sie
-bauschten sich schwer hinter ihr, und die langen Enden der dicken,
-silbernen Kordel, die sie unter der Brust um den Leib geschlungen hatte,
-flatterten wie ihr Haar. Der Garten, schon sehr entblößt, war ein
-flatterndes Gewimmel von Blättern und kleinen Zweigen, gelb und lockrig
-ließen die Wipfel überall den hellen, dunstigen Himmel durchscheinen,
-aufgelöst ins Trinken des reichen goldenen Lichts. Vollhängende
-Fuchsiensträucher schwankten unter der Veranda. Wege und Rasen waren mit
-Blütenblättern bestreut; der Gärtner hatte den mit Laub verschütteten
-Rasenplatz zur Hälfte gekehrt und war zum Frühstücken gegangen; nun
-rollte der Wind die braungelbe Masse von einer Seite auf die andre mit
-einem kindischen Vergnügen. -- Renate kämpfte sich gegen den Wind die
-Stufen hinab, ging auf dem Wege zur Linken weiter, durch die Büsche und
-rechtsum unter den sechs Linden am Gemüsegarten hin auf die Rückseite
-der Kapelle zu. Dort flammte, gegen den Wind geschützt, die ganze Schar
-farbiger Georginen und Dahlien, schwarze, rote, scharlachne, weiße und
-gelbe. Renate schnitt von ihnen, langsam auswählend, einen Arm voll. Da
-hörte sie ihren Namen, fern von Magdas Stimme gerufen, antwortete: Hier!
-und sah bald darauf, sich wendend, Magda den Weg unter den Linden
-herbeieilen, ein Zeitungsblatt in der Hand, heftig atmend und mit
-schreckerfüllten Augen.
-
-»Du weißt noch nichts?« fragte sie atemlos. »Das Schiff --«
-
-»Was für ein Schiff?«
-
-»Mit Esther! Es ist untergegangen.«
-
-Renate schrie: »Magda!« ließ die Schere fallen, preßte die Blumen an
-sich, griff nach der Zeitung und las unter strömenden Tränen
-entsetzliche Dinge von einem Eisberg, bei Nacht, und Hunderten von
-Toten.
-
-»Vielleicht ist sie doch gerettet«, weinte sie. Der Wind riß an dem
-großen Zeitungsblatt, sie kämpfte, um es zusammenzulegen, packte dann
-ihr Blumenbündel hinein und suchte nach ihrem Taschentuch im Gürtel. Da
-sah sie es nicht weit von ihr auf dem Wege liegen und eilte daraufzu,
-damit es nicht wegfliege.
-
-»Weiß Sigurd es denn?« rief sie Magda zu, die mit zusammengelegten
-Händen dastand. Die fuhr aus ihrer Versunkenheit auf, sagte, ja, sie sei
-ja gekommen, um mit Sigurd zu telephonieren, und eilte eifrig an Renate
-vorüber nach dem Hause.
-
-Mit ihrem großen, bunten Blumenbündel im Arm, heftig weinend und an Nase
-und Augen wischend, schwankte Renate den Weg zurück, über den Rasen und
-bis zur Sonnenuhr, blickte lange darauf, als wollte sie die Zeit
-enträtseln, und legte dann, heftiger aufschluchzend, mit einer wilden
-Gebärde die Last auf das Zifferblatt; das Zeitungsblatt öffnete sich und
-flatterte. Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen das Postament, wurde
-langsam ruhiger, blickte wartend in die Veranda. Schritte wurden hörbar,
-Sigurds lange Gestalt erschien, er kam herunter, rote Flecken im
-Gesicht, die Augen geschwollen. Er blieb dicht vor ihr stehn und ließ
-den Kopf hängen.
-
-»Ja, hier ist es immer schön«, sagte er nach einer Weile, umhersehend.
-
-»Sigurd,« bat sie leise, »ich --, ist es denn -- ist es -- ist es denn
-gewiß?«
-
-Er zuckte die Achseln.
-
-»Für mich ist sie tot«, sagte er nach einer Weile abweisend.
-
-Renate wußte nichts zu sagen, legte ihm nach einer Weile eine Hand auf
-die Schulter, in der sie ihr kleines Taschentuch zusammengedrückt hatte.
-Sigurd, den Kopf senkend, blickte darauf und sagte: »Ganz naß ...«
-
-Seine Lippen zuckten, er begann: »Esther --« Dann: »Was war sie nur? Ja,
-was hat sie euch viel bedeutet! Ein kleines Gartenland, -- ausgerauft.«
-Er stockte. »Esther, mein Gott!« sagte er, faltete die Hände, blickte
-irr und schrie auf einmal: »Ich dachte, sie wäre hier! Ich dachte, sie
-wäre hier, und nun ist sie ja nicht da!«
-
-Über den Stufen der Veranda erschien Magda in ihrem mattblauen Kleid und
-blieb da stehn, an einer Weinranke zupfend. Sigurd wand sich
-verzweifelter.
-
-»Helfen Sie mir doch,« sagte er, »wie soll ich denn das verstehn, daß
-sie auf einmal tausend Meter tief im Wasser liegt, und die Fische
-schwimmen drüber weg, und man kann sie nicht heraufholen. O ich Mensch!
-o ich Mensch!« stöhnte er, die Finger in den Haaren, »daß ich sie habe
-allein fahren lassen! Aus Trotz ließ ich sie weg und hetzte diesen
-Prinzen, diesen Literaten, diesen Hanswurst --«
-
-Magda blickte langsam nach ihm hin; Renate sagte leise: »Sigurd! Wir
-können uns doch beherrschen.«
-
-Er hielt mitten in seiner Wutgebärde inne, blickte sie erstaunt an,
-schien ihr Gesicht zu erkennen und stürzte zu ihren Füßen hin, laut
-schluchzend, röchelnd und sich schüttelnd. Das Gesicht auf ihren Schuhn,
-umschlang er ihre Knie und riß daran, -- Renate schwankte und griff nach
-dem Zeiger der Sonnenuhr hinter sich, um sich daran zu halten. »O, ich
-liebe dich doch,« jammerte er laut, »ich liebe dich, und nun ist alles
-aus!«
-
-O das war schrecklich. Da er wieder ruhiger wurde, gelang es Renate,
-seinen Kopf zu fassen, zu heben und an ihre Knie zu drücken. Da stand er
-schwerfällig auf, zog sein Taschentuch und brachte Gesicht und Haar in
-Ordnung.
-
-»Eins zieht das andre nach sich«, sagte er trocken. »Daß man sich in Sie
-verliebt, ist freilich natürlich. Ich wußte ja, wenn sie den Prinzen
-näher kennen lernte, so konnte sie nicht widerstehn, niemals konnte
-sie's. Dann ging alles seinen Gang. Eines Tages war die heillose
-Verwirrung da, und sie wußte nicht mehr, wohin sie sollte, nach Amerika,
-zum Prinzen, oder zu mir. Da dachte ich, wir müßten es probieren, und
-wenn wirklich ich die Hauptperson in ihrem Leben war, so würde sie sich
-ja auch aus Amerika zurückfinden. Nein, Gott, nein, wie hätte ich allein
-bleiben können! Mein Dasein hatte seinen Glanz und seine Freude doch
-bloß von ihr, und ohne das ist man doch in einer steinernen Öde und
-friert. Aber da hatte ich mich ja selbst von ihr abgewandt und zu Ihnen.
-Nun, freilich, was das schon hieß, aber mein Gefühl, ja, mein Gefühl war
-doch dadurch schwächer geworden gegen sie, und dafür bin ich nun
-gestraft. Ihm aber, bei Gott, Renate, ihm aber werde ichs einmal
-heimzahlen, daß er sie zu sich herüberbog so weit und dann wieder fahren
-ließ, dieser Bastard von einem Literaten! Konfus hat er sie gemacht,«
-schrie er aufgebracht, »und da zeigte der Tod ihr einen Mittelweg, und
-sie folgte natürlich wie immer. Meinen Sie denn etwa,« fragte er mit
-zornigen Augen, »ich wüßte nicht, wie sie gestorben ist! Meinen Sie, ich
-hätte --, ja, glauben Sie etwa, Jason wäre auch ertrunken?«
-
-Da er einen Augenblick schwieg, um Atem zu schöpfen, murmelte Renate:
-»Der gute Jason ...« Auch sie konnte sich nicht denken, daß er tot sei.
-
-»O Gott,« stöhnte er nun wieder vor sich hin, »ich seh ihn ja immer und
-immer herumlaufen, über alle Verdecke, durchs ganze Schiff, oben, unten,
-in alle dümmsten Winkel spähn, und die Angst ... Und ich bin mit ihm
-herumgerast und hab geschrien: Esther! Esther! Esther! -- Aber sie«,
-schloß er leise und verwirrt, »lag wohl schon lange unten und war auch
--- wohl ganz froh ...«
-
-Nach diesen Worten drehte er sich langsam und vergrämt um und ging fort,
-die Stufen empor, wo Magda einen Arm um ihn legte und mit ihm
-weiterging. Sie waren verschwunden, aber nach einer Weile erschien er
-wieder allein, blieb über den Stufen stehn, hob die Hand winkend und
-rief: »Machen Sie sich keine Sorge um mich!«
-
-Renate lief auf ihn zu, wollte ihn fragen, was er denn vorhabe, da kam
-er herunter zu ihr und erklärte ihr ruhig und zurückhaltend, er könne
-natürlich nicht hier bleiben, wo an jeder Straßenecke und in jedem
-Zimmerwinkel Esthers Schatten stünde, sondern ginge nach Berlin, wo er
-noch gerade rechtzeitig zur Immatrikulation kommen würde.
-
-»Geld,« sagte er, »habe ich ja nun mehr als früher. Dann, wenn ich die
-Examina gemacht habe, -- das muß schnell gehn, höchstens in einem Jahr
-geh ich nach Rußland zurück. Da können sie mich vielleicht brauchen.
-Jedenfalls bewegt sich das Leben dort in den Kreisen, die mir nahe sind,
-so, daß ich hineinpacken kann; ich muß mich ja nun wohl an das
-Allerreellste halten, was man so >Taten< nennt, und -- und vielleicht
-kann man die Dinge doch fühlen; ich will versuchen, sie wieder
-anzuwärmen; der Tod pflegt ja alles erst mal kalt zu machen. Sie werden
-wohl zuweilen an den letzten Mohikaner denken.«
-
-Renate nickte nur und sah ihm liebevoll in die Augen; er ergriff ihre
-Hand, küßte sie ungeschickt, ging ruhig und kehrte nicht zurück.
-
-Renate, noch hinter ihm her sehend, erinnerte sich, daß Josef der letzte
-war, der ihr die Hand geküßt hatte. Dem einen war alles genommen, der
-andre wollte nichts mehr haben. Sie sah über das Dach des Hauses hinauf,
-wo die kleinen grauen Steinfiguren sich vor dem leichten Gewebe von
-Wolkenweiß und Himmelsblau zu bewegen schienen; die Sonne brach
-kräftiger hervor. Seltsam war mit dem Ende von Sigurds heftigem Ausbruch
-auch der Wind stiller geworden; es wehte nur leise durch den Garten hin.
-Sie zog die silberne Schnur, deren Knoten sich gelockert hatte, fester
-zusammen, nahm ein zusammengerolltes Blatt von ihrem Kleid, glättete die
-grüne Seide, in der schwarze Linien von oben nach dem Saum hin liefen,
-und sah die Blumen auf ihrer Zeitung auf dem Postament liegen; der Wind
-zauste darin wie ein Kakadu; einige lagen am Boden. Die sammelte sie
-gedankenlos auf und legte sie zu den andern. Ja, nun mußte sie wohl zu
-Saint-Georges --, nein, es war ja Sonntag. Sie dachte an ihre Orgel,
-irgend etwas aber trieb sie, den Weg, den sie vorhin gekommen,
-zurückzugehn. Vor einem Trupp halb welker Sonnenblumen stand eine sehr
-hohe mit nicht sehr großem Antlitz, das sich mit einem geringen Ausdruck
-von Ernst und Hoffart herabneigte. »Wie stolz du bist, Schwester
-Sonnenblume,« sagte sie, »laß dich küssen.« Sie bog das gelb und
-schwarze Sonnengesicht zu sich hinunter, küßte es leicht in die Mitte,
-knickte den Stiel dicht unterm Kopf ab, hielt einen Augenblick die
-weiche Blätterschale in den Händen, hängte sie dann vorn in den spitzen
-Ausschnitt ihres Kleides. Dann ging sie weiter, langsam an einer Linde
-nach der andern vorüber, die den Weg mit welken Blättern bestreuten,
-blieb endlich am letzten Stamm stehn, die Hände auf dem Rücken
-zusammengelegt, den Blick durch die fast entlaubten Wipfel
-emporgerichtet. Ununterbrochen trieb und flatterte es von oben durch das
-Licht. Sie spürte, in Gedanken verloren, wie ihr Kleid unten zuweilen
-seine Falten regte, sich bauschte und wieder hinsank.
-
-Saint-Georges kam die Allee herunter und blieb bei ihr stehn; sie sah
-ihn durch den dünnen Schleier an, den eine vom Wind gelockerte
-Haarsträhne über ihre linke Wange breitete, und las in seinen ernsten
-Augen, daß er alles wußte. Er sagte nichts weiter als seinen Gruß; nach
-einer Weile begann sie leise:
-
-»Ach, Georges, hören Sie die Glocken?«
-
-Lauschend vernahmen sie Beide das ferne, dunkle Getöse, das in der hohen
-Weite gegen den Wind ankämpfend umher wanderte und nach Gläubigen
-hinunter rief.
-
-»Eben war mir,« fuhr sie fort, »als hätte ich schon ein Jahr hier
-gestanden und die rufenden Glocken im Winde gehört. Alles war mir so
-fern, -- daß Josef ging, und der Zorn des Erasmus, und Sigurds Schmerz
-und Empörung. Hier bleibt es immer still.«
-
-Ihr fielen bei diesen Worten Sigurds ganz ähnliche ein, die er beim
-Kommen gesagt hatte, allein sie vermochte nicht zu begreifen, wie das
-zusammenhing. »Entblätterte Linden,« sagte sie wie zu sich selbst,
-»entblätterte Linden ... Am Boden wirbeln gelbe Blätter ruhlos, -- wer
-weiß, wer weiß, wohin einst wir verschwinden!«
-
-Getrieben vom Verlangen, ihre eigne Stimme zu hören, um die Stille und
-die ferne Stimme Sigurds abzuwehren, sprach sie weiter: »Sie sind nun
-bald alle fort. Wissen Sie, daß auch Magda geht? Ihr Lehrer ist an die
-Berliner Oper gekommen, sie will ihn nicht aufgeben, ein Wechsel wäre ja
-auch ungesund für die Stimme. Bogner ist irgendwohin; Ulrika ist mit
-ihrer Mutter nach Süden; wo ist Jason? Jason ist verschwunden. Sigurd
-geht, Georg ist fort, und Esther ... Ach, mir gellt immer noch das
-Todesgeschrei all der Menschen in den Ohren, das ich hörte, als Sigurd:
-Esther! schrie. -- Ich bin geblieben, -- wie kommt das? Was wird aus
-ihnen, dort, wo ich sie nicht mehr kenne? was wird aus mir?« Sie faltete
-die Hände und sah ihn ängstlich an.
-
-Saint-Georges' ruhige, lichte Augen umfaßten ihre Gestalt, berührten die
-Sonnenblume, sie hörte ihn sagen: »Ich sah Ihre Blumen auf der Sonnenuhr
-liegen, -- hatten Sie die schöne Last in die Zeit fortgelegt? Da dachte
-ich, daß --« er sprach sehr langsam -- »daß Ihnen nichts geschehen wird,
-solange Sie in diesem Hause sind. Hier können Sie leben und sterben
-unwandelbar; verlassen Sie es nie.«
-
-»Josef«, entgegnete sie nachdenklich, »muß vor langer Zeit einmal etwas
-gesagt haben, worin das Gegenteil von Ihren Worten stand.«
-
-Er lächelte nun abwehrend, berührte mit einer Hand leicht die
-Sonnenblume und sagte nach einer Weile versonnen: »Wissen Sie, woher das
-Wort Heiland kommt?«
-
-Renate meinte, es bedeute doch wohl heilend. Ja, das lege man dem Wort
-wohl jetzt unter, versetzte er, »aber,« fuhr er aufblickend fort, »die
-Sonnenblume heißt griechisch Helianthos, und daraus wurde Helianth,
-Heliand, wie es noch im Frühmittelalter hieß, dann Heiland.«
-
-Renate schauderte leise unter einem unkenntlichen Gefühl und hörte ihn
-weiter sprechen:
-
-»Carossa sagt: >Wenn uns gegeben wäre, immerfort ein Wesen zu schauen
-und zu denken, so würden wir uns langsam in dasselbe verwandeln.< So
-glaubten Heilige, und so verbürgt es die Form der Sonnenblume.«
-
-»Und wissen Sie,« fuhr er fort, »wer dasselbe geglaubt hat, und wessen
-Antlitz es uns verbürgt?«
-
-Sie lächelte und sagte glücklich: »Ech-en-Aton.«
-
-Und, kaum wissend, was sie tat, griff sie nach der Blume, löste sie vom
-Kleide und reichte sie ihm, ließ aber ihre Hand noch am Stiel, den er
-faßte. Den Kopf hielt sie tief gesenkt, und, in blinde Wonne versinkend,
-sah sie mit unbeschreiblichem Staunen eine kleine Gestalt in weißem
-Gewande vor sich stehn, den König, der an ihr vorüber sah mit dem
-fortschwebenden Blick, den er immer hatte, und sie reichte ihm die
-Blume, demütig, die er nicht sah. -- --
-
-Plötzlich schrak sie leise schaudernd auf, blickte auf die Blume und
-rief: »Aber --, sie ist ja schwarz, die Blume, mit goldenem Rand,
-umgekehrt wie die Sonne.«
-
-Nun standen sie Beide, die Blume zwischen sich haltend, und
-Saint-Georges schien nicht minder betroffen als sie.
-
-»Ja,« sagte er endlich, »so weit ist sie gekommen, diese große, eifrige
-Blume. Da sie keine Augen hat wie wir, so ist es wahrscheinlich, daß sie
-die Sonne als scharfe Lichtscheibe wahrnimmt, und herum ist es schwarz;
-davon ward sie das Negativ, und so auch wir: Denn der Gott ist das
-gewaltige Strahlen in der Finsternis; wir aber, finster von Leiden, wir
-können einmal strahlen, -- schön, Renate.«
-
-Langsam ließ sie ihren Blick aus seinen Augen gleiten, ließ auch die
-Blume los, nickte, sich fassend, und ging an ihm vorüber den Weg hinab.
-
-Saint-Georges sah: Es flatterte und rieselte gelb und grünlich über ihre
-große, grüne Gestalt; das Kleid wehte nach links in schwerem, gebogenem
-Bausch, vom Hacken bis zur Hüfte zeigte sich in Festigkeit die Linie des
-rechten Beines, das sich gegen den Stoff preßte, seltsam lebendig,
-geheimnisvoll anzusehn, als wäre es der Leib der Dryade, an den Stamm,
-ins Gezweige geschmiegt. Etwas vorgeneigt ging sie, langsam Fuß vor Fuß,
-ihr Haar wehte, ein bräunlicher Schleier, die Arme hatten ab und an eine
-leichte, anmutsvolle Bewegung. Da blieb sie stehn, wandte sich, hob mit
-sanfter Gebärde das Haar aus der Stirn, so daß es wie ein Winken schien,
-und Saint-Georges folgte ihr nach.
-
-
- Siebentes Kapitel: November
-
-
- Renate an Saint-Georges
-
- Flor am Rhein, 9. Nov.
-
-Mein Lieber!
-
-So bin ich doch vom Fenster fort zum Papier geflüchtet. Es ist offen --
-mein kleines Zimmer liegt im Oberstock des Lehrerhauses --, und lange
-saß ich davor über dem langsam verdämmernden Garten. Der Tag, den ich
-ins matte Braun und Grün der Baumwipfel versickern sah, war
-wolkenverhangen und warm; und wenig anders im Herzen, empfand ich wieder
-das wolkenverhangene weite Land, durch das ich bis zum Nachmittag
-gereist war, den achtlos hinjagenden Himmel von grauer und weißer
-Gestaltlosigkeit und die Einsamkeit alles kleinen Lebens an seinem
-Grunde, ähnlich dem im dunklen Wasser abgeschlossenen, langsamen mit
-sich selber Beschäftigtsein von Schnecken, Käfern, Pflanzen, das man am
-Grunde von Teichen beobachten kann. Und so, wenn ich mich einsam
-empfand, empfand ich mich doch nicht allein einsam, sondern innerhalb
-der einen großen Verlassenheit unter dem Himmel, von der ich wußte, daß
-sie heilbar sei. Mein Auge derweil hielt dem mählichen Dunkelwerden
-stand, worin sich hier und dort die Gegenwart eines geheimnisvollen
-Wesens verriet -- an dem Blätterwerk eines kleinen Strauches in der
-Tiefe, am schon entblätterten Ast einer Kastanie, an Blumen ganz unten,
-die schon nicht mehr zu erkennen waren, und die alle von Zeit zu Zeit
-sich bewegten, ganz lautlos, so als habe etwas sie verlassen, und sie
-verneigten sich und murmelten unhörbare Abschiedsworte. Da wars
-beruhigend, sich ein stilles und unsichtbares Geistwesen zu denken, das
-hier beschäftigt war, Zuspruch und Beruhigung auszuteilen vor Nacht.
-
-Aber dann kam das Dunkel, und die Einsamkeit überlief mich. Mir schien,
-ich bin meinem lieben Freund doch eine Erklärung schuldig, warum ich ihm
-mitten aus der Arbeit fort und hierher in die Heimat gelaufen bin, aber
-leider -- das muß ein bißchen Geheimnis bleiben. Daß man es aus einer
-rechten Verwirrung heraus getan hat, wird er ja verständig geahnt haben.
-Sagen aber läßt sich, was man hier suchte -- und auch fand --, und um so
-lieber, weil ich mich erinnere, daß Sie schon mehr als einmal nach
-meinem Papa gefragt haben und ich damals noch nicht erzählen konnte,
-will ich es heute tun und nun gleich damit anfangen ohne weitere
-Vorrede.
-
-Einmal fragten Sie, ob es kein Bild von ihm gebe, und ich sagte: Nur in
-meinem Herzen. -- Photographien mochte er nicht leiden, und an Malern
-fehlte es wohl. Aber er ist nicht schwer zu beschreiben. Ein kaum mehr
-als mittelgroßer, etwas gebeugter Mann, an dem Ihnen zuerst seine Nase
-aufgefallen wäre, die nicht eben schön war und etwa so krumm und
-mißgestalt wie die von Allmers. Sein Haar, ursprünglich von rötlichem
-Blond, begann früh weiß zu werden und auszufallen, und ich sehe ihn nun
-immer so weiß wie in den letzten zehn Jahren seines Lebens. Nur fünfzig
-ist er alt geworden. Seine Stirn war an Reinheit und edler Wölbe das
-Schönste, was ich mir vorstellen konnte als Kind. An seinen Augen wuchs
-ich auf. Sein Geist war feurig, er erregte sich leicht, und dann waren
-sie blaue Flammen. Wie der Sommerhimmel, wenn ich ihn in die weiße
-Obstblüte glühen sah, so waren sie und ihr Blick nur schwer zu ertragen.
-Durchdringend war er, fast durchbohrend, eine unbeschreibliche Mischung
-von Güte und Strenge. Was aber Strenge schien, das kam allein aus der
-starken Wahrhaftigkeit seines Willens und Geistes, und sein Herz machte
-es milde, wie die Strenge des Marmors mild wird in der Seele des Bildes.
-Sehen Sie, Georges, er liebte die Welt, und er und ich, wir liebten uns
-so, daß wir uns nie verließen, und was mich betrifft, ich bin krank
-geworden, wenn ich mehr als eine Stunde Weges von ihm getrennt war. Ich
-konnte nicht atmen mehr, und das war wirklich. Meine Mutter habe ich
-nicht gekannt und sie doch niemals vermißt. Er war mein Lehrer; in eine
-Schule bin ich nie gegangen, auch mit Kindern habe ich selten gespielt,
-aber ach die unendlichen Spiele mit ihm! Wie wurde da alles lebendig
-unter seiner Hand, und er bevölkerte meine kleine Welt mit unzählbaren
-süßen Seelen. Er hatte so viele Gewalt, er konnte Krankheiten heilen
-durch Handauflegen. Gewiß -- nicht Lungenschwindsucht und dergleichen --
-Sie verstehn. Mir fällt ein: Als Magda krank war, sagte ich es zu Jason,
-der trübsinnig an ihrem Bett saß, und er sagte in seiner furchtbaren
-Zerstreutheit: Freilich, freilich, ich kann es ja auch! Es sei gar nicht
-so schwer, meinte er, man müsse die Geister beschwören. -- Die Geister,
-Jason? -- Nun, sagt er, oder die Nerven, ich habe keine Vorliebe für das
-Wort. Das sei auch so eine Erfindung wie die mit dem Telephon; ein jeder
-brauchts, aber keiner weiß, wie es zugeht.
-
-Wie aber kann ich Ihnen begreiflich machen, was er lehrte? Er flößte mir
-sein Wesen ein. An jedem Tage, in jedem Augenblick gab er mir seine
-strahlende Liebe zu erkennen, und daß sie ein Licht war im größern
-Licht. Er lehrte nicht Gott. Bedenken Sie, daß ich sieben und acht Jahre
-alt wurde, ohne das Wort Gott zu hören, und daß ich noch älter geworden
-bin, ohne mehr und andres davon zu wissen, als daß es der Name aller
-Völker für ein Wesen sei, das ich lange kannte, also daß es einen Gott
-der Juden gab, der Griechen oder der Christen. Sehen Sie, Georges, er
-wollte, daß mir das Wort ganz heilig sei, daß ich mir nicht angewöhnte,
-es diesem und jenem beizulegen, oder es im Munde zu führen. Er wollte,
-daß ich es selber erzeugen sollte aus meinem tiefsten Gefühl, und so ist
-es gekommen. Als ich fünfzehn Jahre alt war, mußte er eine Reise machen
-und ließ mich zurück, weil ich einmal zu erfahren hatte, wie es ohne ihn
-sei. Es waren zwei grausige Tage. Ich lag krank am zweiten an Leib und
-Seele, mir war zum Ersticken in meiner Not, am Abend konnte ich nicht
-mehr liegen, konnte auch kaum gehen, und halb auf dem Weg ihm entgegen,
-fiel ich um und lag an einer Hecke, als er kam. Da schrie, da weinte
-ich: Gott! -- unwissend, ob ich den Vater meinte, der wiederkam, oder
-das väterliche Wesen, das ihn mir wieder gab.
-
-Aber nein, so geht es nicht weiter, ich sehe, man muß sein Leben erst
-kennen, um verstehen zu können, was er lehrte, denn auch Christus war
-ihm Gottes Sohn nicht anders, als wir alle seine Kinder sind. Wo fang
-ich an?
-
-Flor ist nur ein kleines Dorf, abseits vom Rhein, aber die Kirche, die
-für das ganze Kirchspiel erbaut ist, ist ziemlich groß und sehr hübsch,
-ein einfaches und leichtes Barock, graue Pfeiler und Bogen und Kanten,
-dazwischen die Flächen von neuer, schön gelber Tünche. Der Turm ist
-zierlich, mit einem Kranz kleiner Säulen unter dem Helm, durch die man
-die Glocken sehen kann, die ein und aus fliegenden Schwalben und den
-Himmel. Im selben Stil war unser Haus gebaut, das nun nicht mehr steht.
-Wenige Tage nach seinem Tode schon brannte es ab mit allem, was darin
-war, in einer Nacht. Damals war manches geheimnisvoll, und auch dies.
-Das ist nun zwei Jahre her. Die Menschen im Dorf, in der ganzen Gegend
-haben ihn sehr geliebt. Sie haben nur den Schutt fortgeräumt, einen
-Rasenhügel aufgeworfen und ihn darunter begraben, denn sein Grab war
-noch kaum geschlossen. Auf den Hügel haben sie eine alte steinerne
-Sonnenuhr gestellt, von der er selber einmal gesagt hatte, daß er unter
-ihr liegen möchte. Unter ihrem Spruch: _Demit una, dat altera_ war Platz
-für seinen Namen. -- Übrigens waren die zwei ersten Lettern der Schrift
-immer ausgelöscht, und Papa sagte, man könnte also das Wort sowohl als
-_Demit_ ergänzen wie als _Sumit_, je nachdem, wie man den Spruch
-wünsche: die eine Stunde nimmt fort, die andere giebt wieder, oder: die
-eine empfängt, und die andre giebt hin. --
-
-Dort stand ich nun heut, und im Anfang war es doch schmerzlich, so im
-Leeren zu stehn. Von der Haustür, an deren Stelle ich mich versetzen
-konnte, führt eine Allee kleiner Kuppellinden auf die Gittertür des
-Friedhofes zu; zwischen ihren Stämmen sind mannshohe dichte Hecken, so
-hoch, daß die Baumkuppeln nahe darüber schweben, im Sommer ein ganz
-grüner Gang, ganz voll Schatten, Sonnensprenkeln und Lindenduft und
-tönend vom Summen der Bienen. An jedem Abend gingen wir lange darin auf
-und nieder. Das Land umher müssen Sie sich vorstellen wie einen einzigen
-Obstgarten. Nur nach dem Rheine zu sind es Rebengärten, etwas kahl, und
-der glatte Strom, der sich biegt, scheint öde zwischen den grünen
-Uferhängen. Aber ich war dort geboren, und er war mir vertraut und sehr
-lieb.
-
-Ach, Georges, aber das ist auch kein Anfang geworden, und meine tickende
-kleine Uhr sagt, es ist schon zwölf. Nun, ich bin gar nicht müde und
-will nun ganz von vorn anfangen und bei meinem Großvater.
-
-Papa sprach selten von ihm, aber Onkel Augustin sagte, er sei
-unwidersprechlich der härteste Mensch gewesen, den man sich einbilden
-könne. Stellen Sie sich Onkel Augustin vor, seine Gestalt und Gesicht,
-ein bißchen kleiner, aber in den rosigen und ewig freundlich scheinenden
-Zügen eine nicht zu beschreibende Verhärtung. Seine Mutter ist eine
-Wuppertalerin gewesen, und er sah recht aus wie so ein alter Wuppertaler
-Fabrikmensch, glatt, freundlich, geistlich und hart. Diese Härte ist
-aber so innerlich gewesen, daß sie sich niemals unmittelbar äußerte.
-Gegen alle Menschen, auch die er quälte und zugrunde richtete, war er
-höflich und scheinbar herzlich; in Gesellschaft verstand er zu plaudern
-wie ein Franzose, aber sein Witz soll Tränen in die Augen gebissen
-haben. Er war so, daß er zum Beispiel sagte, er pflege zum Aufschneiden
-der Bücher, die er lese, ein silbernes Obstmesser zu benützen; davon
-bekämen selbst die trockensten eine Erinnerung an Früchte.
-
-Onkel Augustin ist ganz in seiner Gewalt gewesen -- das waren Kinder
-auch damals noch mehr als heut --, aber mit meinem Papa traf er es
-schlecht, der war unbändig. Er war kein gutes Kind, war über die Maßen
-hitzig, kannte im Zorn keine Ehrfurcht noch andere Grenzen und hatte --
-ja, er litt unter einem unbezähmbaren Zwang, seinen Gelüsten zu folgen.
-Zwischen seinem Vater und ihm kam es, als er kaum laufen und sprechen
-konnte, zu solcher Feindschaft, daß es ihn, Papa, wie er mir erzählt
-hat, noch als er schon lange erwachsen war, schüttelte in der Erinnerung
-an manche Szene, und er hatte die qualvollsten Träume. Man muß freilich
-wissen, daß Vaters Wesen damals, als er Kind war, nicht sein wirkliches
-war, und die Feindschaft kam aus einer höllischen Gegensätzlichkeit
-ihres Wesens. Der eine war eben warm, der andre ganz kalt.
-
-Kalt, ja, und hat doch seine Zeit einer Wärme gehabt. -- Papas Mutter
-war ein sanftes, ganz weiches Wesen. An ihr hätte, so sagte Papa, ein
-Engel nichts auszusetzen gefunden, und sein Vater hatte keine
-Gelegenheit, seine Härte gegen sie anzuwenden. Zärtlichkeit kannte er
-zwar nicht, aber -- sie war katholisch, und um sie heiraten zu können,
-ist er es geworden.
-
-Als Papa sieben oder acht Jahre alt war, gab Großvater den Kampf mit ihm
-auf und steckte ihn in eine von Jesuiten geleitete Erziehungsanstalt.
-Sie wären, meinte Papa, seinem Vater alle ähnlich gewesen in der äußeren
-Höflichkeit und Glätte des Betragens und der inneren Verhärtung, und es
-waren für ihn furchtbare Jahre. Nicht ohne sein Verschulden, gewiß, er
-verübte tausend Tollheiten, er bemühte sich, ihnen entsetzlich und
-unerträglich zu werden, als er sah, daß Davonlaufen nichts half, da er
-stets eingefangen wurde, und wie er es anstellte, ihnen schrecklich zu
-werden, können Sie sich denken. Er höhnte und lästerte die Religion, er
-verdarb seine Mitschüler, er kämpfte einen jahrelangen Berserkerkampf
-gegen das Göttliche, die heiligen Einrichtungen und Symbole bis zu den
-schmählichsten und ausgesuchten Lästerungen. Dies war in ihm wie ein
-wüstes Feuer, und er war klug und erfinderisch, und als er im Unterricht
-auch die heidnische Götterwelt kennen gelernt hatte, stellte er sich als
-Heide, behauptete, das Blut oder die Seele irgendeines Griechen oder
-Römers in sich zu spüren, und statt zur Mutter Gottes oder einem
-Heiligen zu beten, sprach er mit lauter Stimme Anrufungen an Isis oder
-Dionysos. Denen errichtete er insgeheim Altäre in der Absicht, daß sie
-entdeckt würden, feierte mit selbsterfundenen oder gar den kirchlichen
-Riten ihre Kulte, ja, und dann endete es, glaub ich, damit, daß er eine
-Katze umbrachte, um sie dem Poseidon oder Ares Opfer darzubringen. Da
-haben denn auch die frommen Väter den Kampf aufgegeben und ihn
-heimgeschickt. Drei Tage später saß er im Kadettenkorps.
-
-Das war wenige Jahre vor dem Krieg 1864, den er als Junker mitgemacht
-hat. Im Korps tat er zwar kaum besser als bei den Vätern Jesuiten, aber
-jenes schwarze Feuer der Gottlosigkeit fand dort keinen Stoff, um zu
-brennen, und alt genug war er auch geworden, um einzusehen, daß er den
-Erwachsenen ausgeliefert war, und daß er nichts Klügeres tun konnte, als
-sich zu beeilen, gleichfalls erwachsen zu werden; so nahm er sich mit
-seinen Tollheiten, nächtlichen Gelagen und Kartenspielen und was es nun
-war, einigermaßen in acht. Obschon er nicht aufhörte, alles Religiöse,
-vor allem die frommen oder frömmelnden Äußerungen der Mitschüler zu
-verspotten, sagte er mir, daß mit dem Abfallen jenes schaurigen Zwanges
-der Gotteslästerung eine wahrhafte Erleichterung über ihn gekommen sei.
-
-Trotz allem diesem hat er nicht so wenig gearbeitet und gelernt, nur
-eben aus Trotzigkeit nicht im Unterricht; für sich allein aber trieb er
-beispielsweise Italienisch und Spanisch. Wenn aber in der Klasse
-Thukydides gelesen wurde oder Cicero, so las er im Gegenteil Pindar und
-den verbotenen Catull oder die Begebenheiten des Enkolp -- ach, er war
-schrecklich!
-
-Das Schlimmste daran, jedenfalls für ihn, war, daß er sich zwar weder
-kannte, noch anders konnte, daß es aber im Grunde eine unaufhörliche
-Qual gewesen; daß ihm immer bewußt gewesen ist, falsch zu handeln, zu
-denken, zu fühlen, so als sei er einmal vergiftet worden und müßte Gift
-ausschwitzen bei jeder Erregung. Onkel Augustin hat mir erzählt, als wir
-über dies alles sprachen, daß Papa als ganz kleines Kind beim ersten
-Sehen seines Vaters in ein heftiges Schreien und Weinen ausgebrochen und
-noch lange Zeit später seinem Anblick niemals begegnet sei ohne
-Geschrei, ohne Tränen, dergestalt daß er späterhin -- Onkel -- sich des
-Gedankens nicht habe erwehren können von einem schaurigen Spiel der
-Natur, und daß Papas Dasein von Anfang an auf ein falsches Geleise
-gesetzt worden sei, von dem frei zu kommen die gefangene törichte Seele
-kein Mittel gefunden habe. -- In der Jesuitenschule hat er einen Freund
-gehabt, einen sehr alten Mann, der keinen Unterricht mehr erteilte,
-seine eigenen Wege ging und sich -- freilich immer in dem vom Glauben
-gezogenen Rahmen -- mit naturwissenschaftlichen Forschungen
-beschäftigte, auch mit Sternkunde und Astrologie. Der habe, erzählte
-Papa, ihm wie jedem neuen Schüler das Horoskop gestellt, und was er
-erfuhr -- er verriet es nicht --, muß ihn bewogen haben, den Knaben in
-seine Nähe zu ziehen. Nun war sein Äußeres so ehrfurchtgebietend, daß
-Papa ihm gegenüber sich hat beherrschen müssen. Sicherlich erfuhr der
-alte Mann -- Bruder Jucundus, so hieß er -- von den Lehrern der Anstalt
-alles über den Jungen, was ihm selber verborgen blieb. Er hat aber nie
-etwas andres getan, als ihm beim Betreten und Verlassen seiner Zelle die
-Hand auf den Kopf zu legen und in sein Auge einen Blick zu senken, dem
-der Knabe vergeblich standzuhalten versuchte. Er ließ ihn teilnehmen,
-auch mit den jungen geschickten Händen helfen bei seinen Untersuchungen
-mit dem Mikroskop und den chemischen Experimenten, wies ihm an klaren
-Abenden die großen Himmelskörper im Fernrohr, abgesondert vom Firmament,
-und ohne eine Erwiderung je zu verlangen, lehrte er ihn nicht nur die
-Kenntnisse, sondern das Walten der göttlichen Vernunft in alldem, und
-daß Stern und Tier und Pflanze und Menschenherz nur Äußerungen seien
-eines ewigen Willens. Seltsam sei es gewesen, sagte Papa, daß er die
-Stunden mit dem Greis allzeit als schön, als rein, als wundervoll
-empfand, und daß doch mit dem Augenblick, wo die Tür hinter ihm zufiel,
-wo noch der unwiderstehliche Abschiedsblick in ihm brannte, die Luft des
-Flurs, des übrigen Hauses als dumpfe Wolke sich über ihn gesenkt habe.
-Im Augenblick habe er vergessen müssen, krampfhaft und doppelt gereizt
-zum alten Treiben.
-
-Beim Verlassen der Anstalt hat Pater Jucundus ihm dann ein einziges Wort
-gesagt. Er sagte: Ich weiß alles von dir, mein Sohn, habe es immer
-gewußt, und Damaskus ist nun nicht mehr fern. Gehe mit Frieden! -- Dies,
-und mehr noch der gütevolle, ja vertrauensvolle Ausdruck, mit dem es
-gesagt wurde, hat Papa noch lange bewegt, ehe er es vergaß.
-
-Es vergingen aber seit seinem Abschied von dort noch vier Jahre. Dann,
-wie ich schon sagte, machte er den Feldzug gegen Dänemark mit, und da
-traf er sein Schicksal.
-
-Lieber Georges, nun ists aus, und ich kann nicht mehr. Halb drei ist,
-mein Licht ganz heruntergebrannt, ich bin todmüde, so schön die Nacht
-eben ist. Aus der Tiefe des Gartens steigt so ein feines Duften, das
-Schlafende atmet stärker, auch reiner als am Tag, und immer wieder hör
-ich ein ganz leises Knistern -- Regentropfen auf Zweigen --, und da fühl
-ich so schön: die Natur schläft und trinkt zugleich wie ein ganz kleines
-Kind. Die gute Natur! Sie ist geduldig und voll, und wir sind schlaflos
-und rastlos und verstehen uns nicht in ihrer Fülle.
-
- Am 10. (vormittags)
-
-Gestern kam ich vor Schläfrigkeit nicht mehr dazu, Ihnen zu sagen, daß
-ich den ganzen Tag noch hierbleiben muß. Der Lehrer hat nicht reinen
-Mund gehalten über mein Hiersein, nun weiß es die ganze Gegend, und alle
-wollen mich sehn. Aber es gießt vom Himmel in Strömen, ich kann nicht
-aus dem Haus, und keiner kann zu mir. Da sitzt sichs schön in der
-Verschleierung und Regenkühle dicht am offenen Fenster, mitunter spritzt
-was herein, also was da Flecken sind in der Schrift, das ist aus den
-Augen des Himmels gefallen und nicht aus meinen.
-
-Und nun gehts weiter.
-
-Sie wissen von dem Übergang der preußischen Truppen über den Sund und
-der Erstürmung der Insel Alsen am 29. Juni. Er war dabei, in großen
-Kähnen setzten sie über, und als der Morgen graute, wagten sie die
-Landung.
-
-So hat er mirs zwanzig- und hundertmal beschrieben. Die lange
-Nachtfahrt, lautlos, ohne Licht, mit umwickelten Rudern, dann das
-schaurige Ergrauen der Welt im Osten, das Schwinden der Sterne im kalten
-Nachtraum. Ihm war schon schauerlich um das Herz; obwohl er seine
-Erregung nur für Abenteuerlust hielt, schien es ihm mehr, als führen sie
-alle zu einem Fest der Sonne über das dunkel Unsichtbare, dessen Dasein
-seltsam plätscherte an den tastenden Rudern, als zum Sterben und Töten.
-Als einer der Ersten sprang er dann in das flache Wasser. Es ward
-bereits hell; die Umrisse der Insel erschienen deutlich im Morgengrau,
-und das Letzte, was mein Vater sah, war am bleichen Osthimmel der eisige
-Morgenstern und seine schreckliche Verwandlung. Denn da fiel ein Schuß,
-er spürte einen allmächtigen Schlag auf die Brust, nein, mitten auf das
-Herz, und in einem ungeheuren Erdonnern fand er sich angedroht von dem
-gewaltigen Stern wie vom Auge der Welt.
-
-Ihm schwanden die Sinne; er lag, als er erwachte, am Ufer; und da war er
-ein anderer Mensch.
-
-Und wie ging es zu, Georges? Er hatte in seinem Besitz eine alte große
-Münze, die er bei einem seiner ersten Besuche in der Zelle seines alten
-Freundes an sich genommen und später nicht zurückzugeben gewagt hatte.
-Die war ihm eigentümlicherweise in die Hand geraten am Tage, wo er
-seinen Koffer für den Feldzug packte, und in einem unbegreiflichen
-Gefühl, wie unter einem unwiderstehlichen Zwang hatte er, da ein Loch
-darin war, eine Schnur durchgezogen und sie um den Hals gehängt auf die
-nackte Brust. Er zog sie hervor, als er am Ufer der Insel in der
-Morgensonne lag; ein Geschoß steckte darin, und sie war blutig, da es
-noch in seine Brust eingedrungen war.
-
-Nicht wahr, Georges, das scheint nicht eben viel, ein glücklicher
-Zufall, nichts weiter, und ich glaube wohl, man müßte es alles erlebt
-haben, um es zu begreifen: die nächtliche Fahrt, die Waffen, die
-morgendliche See und den Feind im Verborgenen, den bleichen gewaltigen
-Himmel und den Stern und vorher das ganze gequälte Leben: um zu fühlen,
-daß eine Hand ausfahren kann aus dem Unendlichen, um ihren Finger auf
-eine Brust zu setzen, während das Auge des Ewigen dich bedroht.
-
-Ja, so war sein Damaskus. Er hat dann den Feldzug noch mitgemacht, ohne
-freilich mehr an den Feind zu kommen, hat danach sein Abschiedsgesuch
-geschrieben und ist mit bewilligtem Urlaub ins Riesengebirge gefahren.
-Er fand dort eine Stelle, wo er in fast völliger Unabhängigkeit von
-Menschen und in Einsamkeit leben konnte, und dort ist er länger als ein
-Jahr geblieben, indem er gewann, was er gewinnen sollte: die Einsicht in
-die vollkommene Ordnung der Welt.
-
-Verstehen Sie, Georges? Die Weisheit Kaiser Mark Aurels, >die von Ende
-zu Ende reicht und stark und sanft alle Dinge ordnet<. Ganz gewiß, diese
-wars, die er einsehen lernte, und die ward sein Glaube. Aber welcher Art
-war diese Einsicht? Sie hat ihn erfüllt wie ein Odem, so war sie
-überall, und jedes Ding von ihr lebend, sie, die ewige Weisheit, deren
-Walten die Liebe ist. Aus Neigung und Abneigung der gewaltige Einklang,
-und daß alles Beseelte beseelt ist vom Streben nach Neigung und nach dem
-Einklang.
-
-Ich weiß nicht, ob Sie ganz verstehen, oder ob Sie vielleicht fragen,
-wie mancher fragen wird: Warum, wenn eine Vollkommenheit ist, warum ist
-sie so, daß ich sie nicht zu sehen bekomme, indem es mir elend geht?
-
-Nun, auf diese Frage hatte er allerlei Antworten, und eine sehr einfache
-ist mir im Gedächtnis geblieben. Er sagte: Wenn einem Menschen, der
-niemals ein Bauwerk gesehn hat, ein einzelner Stein gezeigt wird, so
-wird es ihm auf keine Weise gelingen, sich eine Vorstellung zu machen
-von der Vollkommenheit des Gebäudes, das sich aus einer Anzahl solcher
-Steine errichten läßt. Und, die Vernunft des betrachtenden Menschen in
-jenen Stein übertragen, so wird auch der Stein keine Vorstellung haben
-können. Darum, wie hoch auch die Vernunft eines Teiles sein kann, so
-wird er doch niemals eine Vorstellung gewinnen können von der Ordnung
-des Ganzen, dem er zugeteilt ist, ja das durch ihn besteht. Daß aber der
-Mensch nur ein Teil ist, kein Ganzes, wie jedes Ding, das braucht nicht
-bewiesen werden.
-
-Nein, höre ich meinen klugen Freund sagen, denn sonst würde er nicht
-zeugen, -- immerhin aber ein sehr schwerer Glaube für Menschen, und gab
-es keine Erleichterung?
-
-Freilich wohl, und eine vor allem. Er hatte doch in einem Augenblick
-seines Lebens diese Vollkommenheit wirklich gesehen. Ja, Georges, er
-hatte ihren Finger gefühlt leibhaft, mitten im Herzen -- das heißt, er
-hatte Allmacht gefühlt, sie, die ihm dann in seinem einsamen Jahr wieder
-erschien in anderer, nicht mehr bedrohlicher Gestalt, eben als die
-Vollkommenheit. Also konnte sie offenbar werden. Und so war dies sein
-Erkennen und sein Glaube, daß sie beherrscht war von einer süßen
-Neigung, offenbar zu werden. Liebe, das war die Kraft, die all die
-Myriaden Teile dieses Ganzen zusammenhält, und so war es ihm durchzogen
-von einem schimmernden Netzwerk von Offenbarungen. Lassen Sie es mich
-noch einmal sagen: als er Einsicht gewann in die ewige Weisheit, da ward
-sie ihm so feurig leibhaftig, so odemvoll lebendig, so schnaubend regsam
-in ihm und reich an unendlichen Sinnen und Kräften, daß sie sich von
-einem persönlichen Gotteswesen, wie Andere es für wahr halten, nur durch
-die Eigenschaften unterschieden haben mag, die eben die Andern ihm
-beilegen. Sie hatte ja fast Züge, und mir, Georges, mir sah sie schon
-ganz aus wie mein Vater. Sehen Sie, Freund, Gott ist immer ein und
-derselbe, und verschieden sind nur die Wege.
-
-Ein wundervolles Gewebe von Offenbarungen, das erfüllte ihm die Welt,
-und überall konnte dessen Feuer hervorleuchten, aus einer Blume, aus
-einem Stern, aus Kindesmund, aus der Bibel. Der Einfältigste konnte es
-empfinden, und der Weise es auslegen. Ja, so stark sei der Wunsch
-Gottes, offenbar zu werden, daß die Offenbarung nicht wahr zu sein
-brauche an sich, sondern allein wahr durch den Glauben des Herzens, und
-Spiritismus und Okkultismus, Bibelauslegung und Zungenreden der Sekten
--- all das galt ihm so lange für ernst, wie er den Ernst zu sehen
-glaubte in der Seele des Menschen. Er selbst glaubte fest an die Sterne,
-und das war der Grund, weshalb ich geboren wurde.
-
-Das ist nun aber mal furchtbar komisch gewesen. Er glaubte an die
-Sterne, ihren Zusammenhang untereinander und unseren mit ihnen, wie
-schon sein alter Lehrer, Pater Jucundus, ihn unterwiesen hatte. Und so
--- nachdem er gründliche Kenntnisse in der Sterndeutekunst erworben
-hatte -- glaubte er auch, daß ein Mensch, zu einer bestimmten Stunde
-gezeugt, zu einer bestimmten Stunde geboren, gewisse, in den Sternen
-ausgedrückte und erkennbare Eigenschaften auf die Welt bringen würde.
-Und nun sehen Sie, Georges: es ist alles eingetroffen, Zeugung und
-Geburt zu den vorgesetzten Stunden, und gewisse Eigenschaften auch, bloß
--- er hatte alles berechnet auf einen Sohn, und es kam eine Tochter,
-nämlich ich.
-
-Papa, als er es mir erzählte, sagte, er sei im Leben nicht so verblüfft
-gewesen. Er hatte die Möglichkeit, daß es kein Sohn werden könne,
-überhaupt nicht im entferntesten geahnt und wollte nicht glauben, was er
-sah. Nachher freilich habe er auch lachen müssen wie nie im Leben. Er
-sah nun ein, daß die Vorsehung sich zwar erkennen läßt, aber in keiner
-Weise beeinflussen. Im übrigen stimmte, wie gesagt, die
-Sternenberechnung durchaus, und auch ich hatte gewisse Eigenschaften
-bekommen, die jene Stunde der Geburt einem weiblichen Kinde verleihen
-sollte, und weiter noch hat es sich in meinem Leben gezeigt, daß von
-drei >Schicksalstagen<, als welche auch in der Sternauslegung eine große
-Rolle spielen, der erste eingetroffen ist -- die andern verriet er mir
-nicht --, sein Todestag.
-
-Aber davon später; wir verließen ihn ja im Riesengebirge, und ich will
-weiter erzählen.
-
- Nun wieder nachts
-
-Es ist doch Besuch gekommen, und ich hab abbrechen müssen. Gegen Mittag
-hat das Wetter sich dann aufgeklärt, ich konnte meine Besuche machen,
-und um ja zu recht Vielen zu kommen, hab ich einen Wagen anspannen
-lassen. Das war eine Fahrt! Der Himmel so blau, die Erde dampfte ganz
-wild in der Sonne, und über das lächelnd Blaue flog immerfort Weißes,
-als würden lauter Tücher emporgeworfen, immer dahinten, wo man nicht
-sein kann. Die Obstblüte, dahier das Schönste, ist ja leider zu andrer
-Jahreszeit, aber dies Grün, o dies nasse, schwere Grün der Bäume und
-Wiesen, und noch Blumenfarben in den kleinen Gärten und die blitzenden
-vielen Silberkugeln und die blauen, die sie lustig hineingestellt haben,
-und in denen man den Himmel sehn kann und alles, mitten zwischen den
-Blumen. Vor jedem Dorf auf der Landstraße kamen die Kinder mir
-entgegengelaufen, alle kleinen Hände voll Sträuße, mein Wagen ist so
-voll geworden, daß sie an den Seiten wieder herausfielen, und aus den
-Haustüren traten die alten Leute, lachten und weinten -- sicher hab ich
-zwanzigmal Kaffee getrunken, na und Kuchen so viel, daß ich kein' Atem
-mehr kriegen konnt, und geredet! Das sind ja dahier rheinische Menschen,
-nicht so plump wie der Bayer und so derb, auch nicht so verschlossen wie
-der Bauer im Norden, sondern treu- und offenherzig und redselig, und o
-fein sind wir und gebildet, und wie war ich froh, daß ich ihr Schwäbisch
-noch hab verstehen können! Ach, daß sie mich Alle gern mögen, weiß ich
-ja auch, aber eigentlich hat es alles doch ihm gegolten, und ich bin ja
-auch sein Geschöpf, und ich hab wohl gesehen, daß ihnen Allen so lustige
-kleine Spruchbänder vom Mund wegflogen, wie auf den Bildern im
-Mittelalter; wo aber auf denen jedesmal der Name der Person aufgemalt
-ist, da hat immer sein Name gestanden --, ach lieber Freund, ganz satt
-und trunken haben sie mich gemacht mit ihrer Liebe zu ihm!
-
-Und ich muß nun, wenn ich weiter erzählen will, im Gegenteil von
-Lieblosigkeit reden, aber es wird ein Übergang sein, und halt läßt es
-sich nicht ändern.
-
-Er hatte, bevor er in seine Einsamkeit ging, dies Vorhaben und seine
-Notwendigkeit seinem Vater nur schriftlich mitgeteilt und keine Antwort
-empfangen. Ins Haus zurückkehrend, mußte er von der Dienerschaft
-erfahren, daß seine Mutter gestorben war, und daß sie den Auftrag
-hätten, ihn am Eintritt zu verhindern. Er kehrte um, eine Adresse
-zurücklassend, um die er gebeten wurde. Der Großvater schrieb ihm, daß
-er nunmehr satt sei der Unbotmäßigkeit. Er möge sehn, was er treibe, ihm
-jedoch nicht früher vor Augen kommen, als bis er im Besitz eines Berufes
-sei, der ihn ernähre. Die Unterstützung hierzu könne er alljährlich bei
-einer Bank beheben. --
-
-Papa hatte nun das Glück, einen wundervollen Aufschwung all seiner
-Kräfte und Fähigkeiten zu erleben. Die Offenheit der Welt war in ihm,
-und was in ihn stürzte, war Reichtum der Welt und kostbare Nahrung. In
-der Einsamkeit hatte er zu der großen ersten Erkenntnis eine zweite, für
-sein tätiges, sein gleichsam persönliches Leben gültige gewonnen -- die
-seiner Berufung zum Priester. Zum Priester ja, und weniger zum
-Verkünder, zum Apostel, sosehr er glaubte, damals, im mächtigen Feuer
-seines Gottesgefühls glaubte, den Schatz einer neuen Religiosität
-gefunden zu haben. Jedoch hatte er bei aller Leidenschaftlichkeit
-keinerlei Anlage zum Revolutionär, ja, er verabscheute das
-Revolutionäre, das Zerstörerische daran und auch die Gewaltsamkeit neuer
-Formung. Da allezeit kaum der hundertste Teil von dem, was der
-revolutionäre Geist erstrebt, seine Verwirklichung in der menschlichen
-Gemeinschaft findet, so schien es ihm ersprießlicher und seinem Wesen
-gemäß, die Verwirklichung des von ihm Erkannten zu erstreben und
-versuchen im einfachen Wirken. Bilden, sagte er, im menschlichen Stoff,
-ist Umbilden; ist, den guten, den brauchbaren Keim zu erkennen und, ihn
-entfaltend, die alte Form zu durchwirken und umzuschaffen.
-
-So ging er fürs erste daran, die menschlichen Wissenschaften vom
-Göttlichen sich zu eigen zu machen, indem er zunächst Theologie
-studierte, später auch Philosophie, Natur- und Sozialwissenschaften.
-Dazu erwarb er reiche Kenntnis in den lebenden und toten Sprachen, sogar
-im Sanskrit und der Bilderschrift der Ägypter, überall aus den Quellen
-selber zu schöpfen geneigt. Erst fünf von den zehn Jahren, die er daran
-setzte, waren vorüber, als sein Vater die Zahlung der Unterstützung
-einstellte mit der Begründung, es sei ihm zu Ohren gekommen, daß er mit
-einer Weibsperson zusammen lebe. Er möge sie aufgeben oder ihn. Papa
-mußte dies Ansinnen leider abweisen. Durch seine Verheiratung mit jener
-Weibsperson, meiner Mutter, einige Jahre später, und seinen
-gleichzeitigen Übertritt zum Protestantismus, zog er sich die väterliche
-Verfluchung zu. (Seltsam, nicht wahr, daß der Großvater am Sohn nicht
-anerkennen wollte -- ja, vielleicht nicht einmal erkannte --, was er
-selber im gleichen Alter getan hatte!) Er ließ ihn wissen, daß er fortan
-nur noch einen Sohn habe, und er hielt dies Wort so, daß er auch die
-Beziehung zwischen Papas Bruder und ihm gewaltsam verhinderte und ihn
-nicht rufen ließ, als er starb. Papa hat ihn nur als Leiche
-wiedergesehen. -- Lassen Sie mich aber nun erst von meiner Mutter
-erzählen.
-
-Nachdem jener Schuß auf Alsen Papa getroffen hatte, lag er noch zwei
-Tage an der Küste von Schleswig in einer seltsamen Gelähmtheit, die er
-erst am folgenden Morgen verspürte, fast weniger der Glieder als des
-Willens, bei dänischen Bauersleuten, die ihn pflegten. Besonders nahm
-sich ein Mädchen seiner an, noch halb ein Kind, das in jenem Haus
-aufgewachsen war, aber ihm nicht entstammte. Sie war eine Deutsche und
-dies alles, was man von ihr wußte. Eines Morgens war das Kind auf dem
-trocknen Strand in einem Korbe gefunden worden, ohne Zweifel in einem
-Boot hergebracht. Ein Zettel von männlicher Hand mit der Bitte, sich des
-Kindes um Gottes willen anzunehmen und es zu taufen, verriet so viel,
-daß es nicht von bäurischer Herkunft war, was sich denn auch erwies, als
-es heranwuchs und von übergroßer Zartheit des Leibes ward. Nicht eben
-schön, von sehr schmächtigem Wuchs und auch schmächtigen, länglichen
-Zügen, blond und helläugig mit jenen starken Augäpfeln, wie man sie
-nicht selten sieht bei so zarten und schmächtigen Geschöpfen, so kenne
-ich sie nach ihrem einzigen Bild. Sie war so still wie ein Licht, und
-wie das Licht nur Flamme ist, so verzehrte sich in ihr eine goldene
-Seele von lauter Feuer. Seit dem Augenblick, wo sie meinen Vater
-erblickte, hing ihre reine Jungfräulichkeit ihm an, und er wurde der
-Leuchter, der die allzuglühende Flamme noch so lange dem zarten Körper
-erhielt. Muß ich sagen, daß und wie sehr er sie liebte? Sie wich nicht
-von ihm. In die Einsamkeit zog sie mit, freilich nur bis zu einem Dorf
-in der Nähe seines Aufenthalts, von wo sie ihm alltäglich Speisen
-brachte. Später lebten sie dann ehelich zusammen, merkwürdigerweise
-lange Jahre, ohne Kinder zu bekommen. Denn auf jenen Einfall der
-Sternengeburt ist Papa erst viel später gekommen, und obschon sie dann
-eine Pause eintreten ließen im ehelichen Umgang, bis sich die Stunde
-erfüllte, schien ihm die anfängliche Kinderlosigkeit grade ein Zeichen,
-daß alles sich so vollziehn sollte, wie es dann geschah. Aber ach, sie
-hat mit dieser Geburt ihre Kraft erschöpft! Fast nur noch Seele, glühte
-sie in grausamer Schnelle nieder, und sie erlosch ganz, anderthalb Jahr
-nach meiner Geburt, freilich in der inbrünstigen Gewißheit, nunmehr erst
-zu reiner Flamme aufzublühn in der Vollkommenheit und überall zu sein
-wie das Licht.
-
-Ich habe, soviel ich vom Vater bekam, doch manches von ihr ererbt. Sie
-muß eine Norddeutsche gewesen sein, nach ihrem Charakter und allem, was
-man von ihr weiß, und übertrug so auf mich, was schon von Voreltern her
-Nördliches im Blut des Geschlechtes war und was mein Vater entbehrte,
-dessen Ungebärdigkeit und plötzliches Wesen erst in späteren Jahren zur
-Ruhe kam, zu einer mehr gleichmäßigen Glut sich verdichtete.
-
-Was aber nun ihn angeht und seinen Beruf, so hatte er inzwischen einsehn
-gelernt, was ich schon sagte: daß Gott der Eine ist, verschieden nur die
-Wege. Er wollte Neues bringen, einen neuen Weg, aber nicht mit Schrecken
-und Übermaß, sondern allein durch das Wirken von innen. Er hatte auch
-die Menschen kennen gelernt und sah, daß sie des Priesters bedurften,
-die Einfältigen wie die Klugen, des Hülfreichen, Heilenden, so gut wie
-ihr Körper des Arztes, und dies wollte er sein. Ja, wenn er einen neuen
-Weg zu finden gemeint hatte, so war er ersichtlich doch neu nur in
-seinen Augen und uralt in Wirklichkeit, daher es seinem Wesen
-widerstrebte, als neu auszurufen, was es in Wahrheit nicht war. Längst
-erkannt hatte er auch Jesus von Nazareth und sein ewig Gültiges, obschon
-er ihm mehr durch sein Leben als durch sein Sterben jene >stark und
-sanft alle Dinge ordnende Weisheit< zu vertreten schien. Und wenn sie
-ihn nicht gekreuzigt hätten, sagte er, würde er _nicht_ gen Himmel
-gefahren sein nach solchem Leben? Also kann ich mit Recht den Kreuzestod
-überschlagen, aus dem sich doch, wenn man die Summe zieht, zwar die
-Kraft seines Wesens und Glaubens, aber mehr noch die Unvernunft der
-Menschen ergiebt, und die, sagte er und lachte, ist schon anderweitig
-bekannt geworden. Er unterließ nicht, auch das Blutzeugnis Christi
-anzurufen, wenn er an die Kraft der Gläubigkeit im Menschen gemahnen
-wollte, aber seine Abendmahlspredigten -- nun, ich werde sie Ihnen
-daheim zu lesen geben.
-
-Er hatte ferner erkannt, daß der einfache Mensch der Satzung bedürftig
-sei und des Dogmas, aber daß es Beruf und Aufgabe eben des Priesters
-sei, diese auszulegen auf den rechten Gebrauch, damit sie würden, was
-sie sein sollen: Mittel des Lebens, Hülfen, Ordnungen, nicht aber was
-die Menschen allzeit aus ihnen gemacht haben: Ketten, Hindernisse und
-Kerker und Fallen, die sie unaufhörlich einander stellen. Er erkannte
-endlich, wie schwer es sei, sie zu seiner Einsicht zu führen, die für
-ihre Augen zu blendend war, und daß sie der lindernden Spiegel
-bedurften, um den ewigen Strahl zu ertragen, um ihn zu lernen, bevor sie
-ihn ungeschützten Auges empfingen, -- aber auch daß es überall die
-Wenigen gebe, die der Wahrheit ins Antlitz zu schauen vermögen; daß es
-seine Aufgabe sei, vor allem diese zu finden, zu bilden, zu einer
-Gemeinschaft zu gestalten, die weiterhin sich auswirke.
-
-Priester des katholischen Bekenntnisses zu werden, war ihm solchermaßen
-unmöglich, da er keinen Stellvertreter des Ewigen auf Erden anerkennen
-konnte. Im Kern der protestantischen Lehre dagegen, dem: so halten wir
-es nun, daß der Mensch gerecht werde nicht durch des Gesetzes Werk,
-sondern allein durch den Glauben, fand er den Quell seiner Lehre wieder,
-die mit der Einsicht in das Wesen der Vollkommenheit beginnt, die eine
-Religiosität und Lehre freilich sein soll für das Leben und das Handeln,
-in der aber jegliche Handlung erst möglich wird durch den Glauben. -- So
-ist er Protestant geworden und verknüpfte mit dem Übertritt die
-äußerliche Form der Ehe mit Mama, die zuvor nur vor Gottes unsichtbarem
-Altar geschlossen war.
-
-Sehen Sie, lieber Freund, welch schwerer Glaube es war, den er seinem
-Kinde von Anbeginn lehrte, nur mit dem einen lindernden Spiegel, dem
-Augenpaar ewiger Liebe unter seiner eigenen Stirn. Denn eines war für
-den Menschen in dieser Lehre nicht enthalten; eines, dessen mit allen
-Religionen auch das Luthertum, das er auf der Kanzel vertrat, nicht zu
-entraten wußte; die eine gewaltige Hülfe Gottes im Leben: das Gebet. Ja,
-die Wenigen, die er ganz für sich gewann, des Gebets zu entwöhnen, war
-die schwerste, war ja die eine, eigentliche Aufgabe. Denn sie ist, die
-Vollkommenheit, ist, und sonst nichts. Erflehen läßt sie sich nicht,
-sondern allein empfinden, und dies ist die Aufgabe, die sie auferlegt,
-so ganz von ihr erfüllt zu sein an Seele und Gliedern, sie so aufgesogen
-zu haben in das Sein, ins Fühlen und Denken und Handeln, daß sich in ihr
-leben läßt, und daß Leben heißt, sie ausstrahlen. Und davon die Folge?
-Daß in jeder Lebensnot, jeder Gefahr, in aller Ungeduld und Verwirrung
-und Trübsal der Mensch allein angewiesen ist auf sich selbst. Nichts
-ist, was sich erbitten und beschwören, was um Halt, um Erleuchtung, um
-Linderung sich anrufen ließe. Man muß glauben. So viel gab er wohl zu,
-daß ein Streben in der ewigen Weisheit walte, eine Neigung,
-zurückzugewinnen, was aus ihr gefallen sei, entgegenkommend dem Streben
-des Gefallenen selbst. Verwirrung dagegen ließe sie kaum noch gelten,
-sagte er, und was überhaupt die große Mehrzahl der Daseinsnöte angehe,
-alltägliche Kümmernisse und dergleichen, so möge sich keiner einbilden,
-daß sie, die Weisheit, eine Ahnung davon habe, und möge sich für sich
-allein damit abfinden. Wohl habe das Göttliche eine Sehnsucht danach,
-ausgestrahlt zu werden vom letzten Punkt der Erde, und eine Freude
-daran, sich zu ergießen in jede willfährige Stelle; sie bemühe sich aber
-so wenig um das Taube wie um das Blinde, und das hingegen möge der
-Mensch selber besorgen.
-
-Man muß glauben; und ich, ach ich habe es bald erfahren, denn hier bin
-ich ja, heute wieder geheilt, aber die Verwirrung, in der ich kam -- ach
-wie klein seh ich sie nun! --, war doch so stark, daß sie alles umwarf
-in mir und mich hertrieb zu der ganz irdischen Stelle, wo ich einst
-alles hatte, Gott und Glauben und Vater und Heimat und Seelenruhe, alles
-in ihm, der zu frühe ging und als ich noch lange nicht fertig war.
-
-Als er starb, da glaubte ich es zu sein. Das war so:
-
-Er legte sich nieder in seinem fünfzigsten Jahr mit Lungenentzündung und
-sagte gleich, er wisse, daß es das Ende sei. Er sagte das mit einem
-furchtbaren Gram der Sorge um sein Kind, und bald, als er das Bewußtsein
-verlor und delirierte, war aus den Worten, die er hervorstieß, zu
-erkennen, daß er von nichts anderem gequält wurde als einer maßlosen
-Angst, mich schutzlos, unfertig zu verlassen, und ins Ungemessene stieg
-auch die meine. Plötzlich war dann für mich alles aus. Was geschehen
-ist, weiß ich kaum. Von Papas Bruder, den ich gerufen hatte, dessen
-Kommen ich aber schon nicht mehr wahrnahm, erfuhr ich später, daß ich
-bewußtlos dagelegen habe und wie von Stein. Und dies sieben Tage. Er hat
-mir nicht sagen wollen, was unterweil mit meinem Vater geschah; sein
-Grab war, als ich aus einem tiefen und reinen Schlummer erwachte, eben
-geschlossen. Vorher, vor dem Schlummer, so viel nur weiß ich, war das
-Entsetzliche. Es hatte keinerlei Gestalt, doch ich weiß, daß es Kampf
-gewesen ist. Ein Kampf um Leben wurde ausgefochten, ich weiß nicht von
-wem, aber mein Vater hat teil daran gehabt wie ich selbst. Wer gesiegt
-hat in dem Kampf, auch das ist mir unbekannt geblieben, aber mein Vater
-starb. Später sagten sie mir, die Vögel der ganzen Gegend hätten nicht
-gesungen noch gezwitschert in jenen sieben Tagen, -- und was es
-bedeutet, werden Sie verstehen, wenn Vetter Josef sagte -- er war mit
-seinem Bruder zum Begräbnis gekommen --, daß er niemals eine so
-vollkommene Reinheit der Luft eingeatmet hätte wie während jener Tage im
-Haus.
-
-Es war früher Morgen, als ich zu mir kam aus dem schönen Schlaf, -- Ende
-des März wars, und in mein Fenster zu ebener Erde herein blühten die
-Kirschbäume des Gartens. Am Fenster stehend, so erquickt, als sei ich in
-Himmel gebadet, sah ich ihn über den Wolken der Blüte, erwacht wie ich
-selbst, seiner wieder froh, vollkommen rein und leicht wie das Licht.
-Daß Papa nicht mehr war, wußte ich auf einmal; aber kein Schmerz! So wie
-damals in seine Brust der Stern, aber liebend traf mich von oben sein
-wieder ewiges Auge. Es machte mir zum Hause die Welt; es legte mich mit
-Blumen und Sternen und Häusern und für immer an seine Brust.
-
-Damals, ach damals war ich stark in seinem Glauben wie nicht vorher,
-nicht nachher. Ja, noch so stark, daß, als ich eine Woche später das
-Haus verschloß, um in die Schweiz zu fahren, so schmerzlich mich das
-Scheiden von allem bewegte, was sein, was doch leiblich an ihm gewesen
-war, süß und haltbar, -- daß ich als ganz leicht die Ahnung empfand, ich
-würde das Haus nicht wiedersehn. Und selbst als ich, wieder eine Woche
-danach, die Nachricht bekam, daß es niedergebrannt sei, weinte ich wohl,
-aber ich hielt es für gut und schön, daß auch die weitere Hülle seines
-irdischen Daseins nicht mehr sein sollte.
-
-Seitdem bin ich schwächer geworden und so schwach, daß ich nun hier
-sitze. Er war gut zu mir wie je, ließ mich die Schwäche nicht entgelten,
-sondern blickte mich an aus allem, aus seinem Hügel und der stillen Uhr,
-aus Bäumen und Wolken, und es fiel mir bald leicht, ihm zu versprechen,
-daß es das erste und das letzte Mal gewesen sein sollte.
-
-Sein Blick nämlich erinnerte mich an eine kleine besondere Lehre, ein
-privates Haben von ihm, das er mir mitteilte, und dem freilich viel in
-meiner Natur entgegenkam -- die Lehre vom Warten. Wie er sein Damaskus
-gehabt hatte zur festgesetzten Frist, so glaubte er -- jawohl, ein
-bißchen abergläubisch! -- an bestimmte Stunden, in denen lange Gereiftes
-zur Vollendung komme, an Tage, in die das Schicksal sich sammle, und --
-wieweit er recht hat, weiß ich zwar nicht, aber in mir kam immer alles
-ihm entgegen, wenn er von der Pflicht sprach, geduldig zu sein, ohne
-Unrast, nicht bitter zu werden vor der Reife, nicht kränklich im Sehnen,
-sich nicht zu vergeuden, nicht zuzugreifen nach allem, was _scheine_,
-nicht den edlen Hunger zu speisen mit nichtigen Happen, stark und eifrig
-nur in jedem Streben nach einem Guten, dem Glück, da es doch niemals
-nütze, die vorbestimmte Frist durch Übereifer und trabende Füße zu
-quälen, so wenig es im Eisenbahnwagen helfe zu laufen. Ja, schön, nun
-weiß ich das alles wieder recht gut, und doch wäre ich gern den Gang auf
-und nieder gerannt im Eisenbahnwagen, um schneller hier zu sein und die
-Stillung zu empfangen für das innre Gerenn meiner letzten Wochen.
-
-Sie aber wissen nun auch, lieber Freund, weshalb ich Ihnen so dankbar
-bin für das Geschenk des ägyptischen Königs, und weshalb ich ihn so sehr
-liebe, Ech-en-Aton, unseren Freund! Daß ich sein Antlitz erkannte als
-reinen Spiegel der Weisheit; daß ich an seinem Auge sehe, wie es blind
-und selig ins Herz des ewigen Wesens blickt und sein Strahl es nicht
-blendet; daß er nur immer dasteht seit Ewigkeit und sich müht, die
-Vollkommenheit aufzufangen mit Leib und Seele. O möchte ich ihn einst
-brüderlich empfinden können, wie heute noch tief unterlegen!
-
-Gute Nacht, Freund, morgen komm ich zurück. Den Brief werden Sie zwar
-später zu sehen bekommen als mich selbst, aber deshalb stecke ich ihn
-morgen doch in den Kasten, weil ich weiß, daß übermorgen Ihr Geburtstag
-ist, und allein zu diesem Zweck hab ich ihn geschrieben. -- Auf
-Wiedersehn!
-
- Renate
-
-
- Erschöpfung
-
-Es waren wohl Wochen vergangen. Georg vermutete so, -- und auch, sehr
-krank gewesen zu sein. Nun war da Helenenruh, und irgendwie war alles
-gut. Er merkte, daß er sehr allein war, daß er nicht denken konnte, daß
-ganze Tage durch ihn hingingen wie Schatten durch Wasser, daß sein Vater
-da war -- und nicht mehr da. -- Daß er zittrig umherging, daß es einmal
-Nachmittag war, einmal Abend, und daß viele Fenster waren, hinter denen
-es regnete.
-
-Plötzlich war Bogner zugegen. Er legte eine Mappe vor ihn hin mit
-Radierungen, und Georg konnte sehn, was es war, konnte sich freilich
-nicht recht entscheiden, ob diese Dinge da wirklich vor sich gingen oder
-nur gezeichnet waren. Es sei ein Zyklus >Hades<, hörte er eine Stimme
-mehrmals sagen, und jetzt kam er zu sich, Bogners Gesicht dicht über
-sich gewahrend, da er neben ihm stand, um die Blätter umzuwenden. Jetzt
-hätte er ihn fragen können, wie er denn hierher komme, mochte das aber
-nun nicht mehr, sondern beugte sich tiefer über die Blätter, die ihm
-ungeheuerlich erschienen wie manche Dinge im Traum. Da waren die
-Danaiden, ein unbeschreibliches Gewimmel von Frauenkörpern, die sich
-über drei aneinandergereihte Blätter hin an den Gestaden eines Flusses
-bewegten; etliche lagen an der Quelle, blumenflechtend, etliche beugten
-sich mit ihren Krügen von bekränzten Flößen, Gruppen und Scharen, und
-einzelne Wallerinnen schritten in schöner Bewegung von Hügeln zur vollen
-Stromesbreite, alle in einer unwahrscheinlichen Helligkeit, alle nur in
-Umrißlinien gehalten, und alle ohne Gesichtszüge, leere Ovale statt der
-Antlitze zeigend, grauenhaft seelenlos anzusehn. Da war Tantalos, eine
-kaum sichtbare Gestalt in einem schwarzen Geklüft, am Boden ausgestreckt
-wie ein Frosch, wo ein Wasser verrann, und hier noch einmal,
-emporfliegend wie ein Schatten zu den über ihm fortwirbelnden Zweigen
-und Früchten. Sisyphos war da, der Akt eines Athleten, der mit Händen,
-Kinn und Schultern zusammengekrümmt den riesigen Würfel bergan trieb;
-und hier starrte er vom Hügel dem rutschenden Felsen nach, ein Riese,
-hülflos, mit ungeheuerlich nach vorn hängenden Schultern und vergreistem
-Antlitz; und da war der zu Tal jagende Block in Qualm und Geröll,
-dahinter der Mensch, nachstürmend, mit flatternden Haaren, springend,
-schreiend, aufgerissen, sinnlos. Persephoneias Antlitz blickte gerade
-aus dem Blatt, bleich und ergraut; durch kerzenschlanke Stämme hinter
-ihr, unter wagrecht abgeschnittener Masse schwarzer Wipfel schimmerten
-elysische Gefilde und Gestalten. -- Georg gingen die Augen über; Bogner
-war nicht mehr da.
-
-Nun kam viel Schlaf. Dann konnte er wieder grade umhergehn und erkennen,
-daß es November war. Hin und wieder schlief er, in Decken gewickelt
-unter freundlich wärmender Sonne auf der Terrasse. Milch gab es zu
-trinken, sehr schöne, in kleinen, kostbaren Schlucken. Stundenlang
-hockte sichs angenehm schläfrig an einem Fenster im Klaviersaal, während
-es draußen hagelte und stürmte, oder während die Nebel heranwogten und
-alles verhüllten.
-
-Dann trat eines Tages Jason al Manach bei ihm ein, setzte sich nach der
-Begrüßung -- es war im Klaviersaal --, erhob sich wieder, ging zu
-Bogners Gemälde und stand lange darunter. Georg folgte ihm mit den Augen
-und wunderte sich, daß er in kleinen Pausen immerfort den Kopf hin und
-her bewegte oder schüttelte. Dann sah er ihn einen Stoß Briefe vom
-Harmonium nehmen, damit zum Fenster gehn und sie langsam durchsehn;
-schließlich behielt er ein Telegramm in Händen und drehte es um; es war
-verschlossen. Al Manach öffnete es, schüttelte, schüttelte, schüttelte
-den Kopf, las für sich, schnaubte eine Art Lachen und sah Georg an.
-
-»Sie haben seit drei Wochen keine Post gelesen?« fragte er.
-
-Georg bejahte, auf einmal ganz wenig geängstigt. »Ist denn was?« fragte
-er.
-
-Jason blickte wieder in das Telegramm und las vor: »New York, 28.
-Oktober. Gerettet. Esther verloren. Jason.«
-
-Georg zuckte leicht zusammen, hörte das laute Rauschen des Regens auf
-den Steinplatten der Terrasse, besann sich, was die Worte bedeuteten,
-sah al Manach ans Fenster treten, hinausblicken, den Kopf schütteln, sah
-ihn sich setzen, den Kopf senken, ängstlicher nun jeder Bewegung dieses
-Menschen anhangend, und hörte ihn reden.
-
-»Also: Zusammenstoß mit einem Eisberg. Nachts. Ich saß im Café. Die
-Rettungsboote kamen meist nicht ins Wasser, zerschellten. Die See war
-glatt. Es herrschte eine sogenannte Panik. Ich benahm mich verständig.
-Ich suchte Esther. Ich habe sie nicht gefunden. Ich half Leuten in die
-Boote. Ich suchte, wie man so im Traume was sucht. Ich sah einen, der
-vor Angst ins Wasser sprang. Da wurde ich über Bord geworfen. Ich hatte
-eine Schwimmweste an. Ich wurde von einem Boot aufgefischt. Ich sah
-etwas, das Sie eine Halluzination nennen werden. Nämlich, ich kenne den
-Tod sehr gut. Ich habe ihn seit meiner Kindheit vor mir her gehen sehn,
-zuweilen stehn bleiben und mich anschaun und mich vorüberlassen. Auch
-unterhielten wir uns oft über das menschliche Leben. In bedeutender
-Weise erschien er mir mehrmals, diesmal wars das achte. Wo ich geboren
-wurde, stand er dabei, und meine Mutter starb. Als ich acht Jahre alt
-war, fiel ich drei Stock hoch herunter und blieb lebendig. Als ich
-sechzehn alt war, stand er vor meinem Bett, wo mich die Diphtheritis am
-Hals hatte. Als ich vierundzwanzig alt war, stand er zu Füßen des
-Bettes, in dem Angelika starb in ihrem Blut. Als ich zweiunddreißig alt
-war, sah ich ihn an einem brennenden Eisenbahnzug entlang gehn, und dann
-gab er die Genauigkeit auf, und ich sah ihn gleich darauf an einem
-Teich, und bei einer Windmühle, und jetzt sah ich ihn mitten im Wasser
-stehn, grau und verschleiert wie immer. Ich sah noch etwas. In der Nacht
-hoch über mir -- denn so ein Ozeandampfer hat eine schöne Höhe -- war
-eine Gesichterreihe überm Bordgeländer, und darin das Gesicht von
-Esther, sehr deutlich. Das war still, und die Augen sahen starr nach
-einem, der neben mir im Boot saß. Sie warens, Prinz. Da gingen ihre
-Augen zur Seite, sie sah wie ich den großen Grauen im Wasser, der den
-Arm hob und nickte. Dann lächelte sie. Ich bin gekommen, um Ihnen zu
-sagen, daß Esther Sie angesehn hat, als das Schiff unterging. Dies war
-sehr feierlich. Sie spielten einen Choral. Ich habe den Tod so großartig
-noch nicht erlebt.«
-
-Nachdem er eine Weile aufrecht gestanden hatte, setzte er sich nun
-wieder, als müsse er sich da durch zum Aufhören seines Redens nötigen.
-Georg fühlte, daß ihm etwas Schmerzliches in Kehle und Augen aufstieg,
-daß etwas ihm heiß über die Wange lief, und dachte: Ich glaube, ich
-weine. Darüber aber rannten die Gedanken fort ins erste Kapitel von Jean
-Pauls Flegeljahren, wo die Erben um den Tisch sitzen und sich in einer
-halben Stunde zum Weinen zu bringen suchen, um das Haus zu gewinnen, und
-einer erhebt sich feierlich und sagt, grade wie ein Andrer die Tränen in
-sich steigen fühlt: Ich glaube, -- ich weine ... Georg fing leise an zu
-lachen, wollte das Lachen halten, es gelang ihm nicht, endlich
-schluchzte er auf und wurde still.
-
-Tot war die kleine Esther. Schon lange war sie fortgefahren, schon lange
-war sie tot. Darum hatte sie ihm so traurig zugenickt aus dem
-Eisenbahnfenster. Vom >zur rechten Zeit sterben< hatte sie etwas gesagt.
-War das nun eingetroffen? -- Einmal hatte er ihr ein Veilchensträußchen
-gekauft; eines war herausgefallen, das hatte sie ihm gegeben, eine
-winzig kleine, embryonische, dunkle Blume, die er innen in seinen
-Handschuh geschoben hatte. Beim Ausziehn dieses Handschuhs fiel es auf
-die Erde, und er hob es in einer leeren Zigarettenschachtel auf, er
-hatte soviel Anhänglichkeit an so was. Als er sie nach ein paar Tagen
-wieder öffnete, war die Blume schwarz und trocken, aber die Schachtel
-war ganz voll von Duft gewesen. So breitet die süßere Seele sich über --
-über ... Wie berauschend brauste der Regen! welch ein Getöse! Es ward
-dämmrig, es ward dunkel. Jasons bleiches Gesicht war noch dort, aber
-nach einiger Zeit verschwand es auch, löste sich auf. --
-
-Ob der rote Baum noch am Wasser stand? -- Ein sterbendes Gesicht an
-einem Kreuz, erzählte Esther, das mich ansah. -- Georg fing heftig an zu
-weinen. Draußen rauschte das unendliche Wasser. Ganz unten lag die eine
-Tote, rotviolett gekleidet; eine Muschel lag vor ihrer Stirn, sie
-schlief sich aus. -- Warum so ernst, Esther? -- Georg weinte heftiger
-und unaufhaltsam, weinte wieder leiser und verlor Schmerz und sich im
-Schlaf.
-
-
- Achtes Kapitel: Dezember
-
-
- Renate an Magda
-
- Altenrepen, am 23. Dezember
-
-Mein liebes Herz:
-
-Du sollst nun hören, weshalb ich Dir einen ganzen Monat fast nicht
-geschrieben habe. Onkel ist am 2. zurückgekommen; er war nicht zu
-erkennen. Im Treppenhaus sah ich einen alten Mann; er war weißhaarig,
-mit weißen Bartsprossen am Kinn, gebückt und schlottrig, und verzog sein
-Gesicht zu einem abwesenden Höflichkeitslächeln. Dann ging er an mir
-vorüber zu seinem Zimmer. Ja, da hing ich am Treppengeländer, mir wars,
-als wär ich aus Kalk. Ich weiß nicht, wie lange Zeit verging, bis ich
-wagte, ihm nachzugehn. Er saß in einem Sessel und schien aus dem Fenster
-zu sehn, antwortete auf nichts. Wie er hergefunden hat, -- ich weiß es
-nicht. Ich umschlang ihn und weinte, aber er schien es nicht so recht zu
-begreifen; schien nur ungeduldig, mich los zu sein. So ist er seitdem.
-Die Speisen kommen meist unberührt zurück. Milch trank er gern; soviel
-er bekam, trank er immer aus, und nachdem die Köchin ihn einmal aus der
-Speisekammer hat kommen sehn und hinterdrein eine Verminderung der Milch
-bemerkte, lasse ich immer eine größere Menge auf seinem Zimmer sein; das
-bildet nun, mit etwas weißem Brot, seine Nahrung. Im Anfang, wenn ich
-ihn auf meinem Weg zur Kapelle oder zurück am Fenster stehn sah,
-lächelte er noch und grüßte mich, aber auf eine so fremde und
-unterwürfige Art, -- mich schaudert noch; aber später verlor er mich
-scheinbar aus dem Gedächtnis. Jeden Mittag, gleichviel wie das Wetter
-ist, geht er in den Garten und fängt an, den Rasenplatz zu umkreisen,
-die Hände auf dem Rücken, eine Stunde und länger. Nun laure ich jedesmal
-auf seinen Schritt im Treppenhaus, um ihm einen Mantel umzuhängen. Der
-Bart ist ihm lang gewachsen, er sieht nun ganz würdig aus, sein Gesicht
-ist sonderbar rosig geblieben, die Augen scheinen nun viel dunkler, und
-der Bart fängt dicht darunter an. Natürlich habe ich ihn von Doktor Pahl
-beobachten lassen; der meinte, er müsse einen Schlaganfall erlitten
-haben; ich erzählte ihm alles, von Josef und auch das andre, was er vor
-seiner Reise mit mir sprach, und der Doktor sagte etwas von fixer Idee,
-und was hilft uns das?
-
-Einmal sprach ich mit Erasmus. Der sagte wenig. Um seinetwillen, sagte
-er, wäre sein Vater nicht so geworden.
-
-Ich klage nicht, Magda. Ich weiß nicht, wieviel hiervon mein Verschulden
-ist. Ich habe ihn allein reisen lassen, ich habe mich früher viel zu
-wenig um ihn gesorgt, o wenn es doch mehr wäre, hundertmal mehr, daß ich
-etwas _hätte_, daß ich leiden müßte, leiden! Nun ist alles so unbestimmt
-und macht nur müde.
-
-Denkst Du auch wohl an heute vor einem Jahr? Ja, da war ich groß und
-stolz und voll guter Lehren.
-
-Wie ich sonst lebe? Das Haus verlasse ich kaum. Saint-Georges kommt, und
-wir arbeiten hier zusammen. Damit der Gelähmte seinen Bruder nicht
-entbehrt, habe ich ihm ein Zimmer zurechtmachen lassen, und er wohnt
-hier. Das ist er recht zufrieden, sitzt behaglich am Fenster und liest
-in sieben Büchern auf einmal. Nun hab ich zwei Gelähmte im Haus.
-
-Irene kommt sehr oft, hat Dir auch wohl geschrieben. Ihr Mann hat so
-viel Arbeit, daß sie viel allein ist: vorläufig trägt sie's mit
-Munterkeit. Ulrika gab ein schönes Konzert; sie ist viel in andern
-Städten. Sie behauptet, jedesmal den kopfschüttelnden Jason zu treffen,
-ich weiß nicht, wie sie das macht, da ich ihn auch mindestens in jeder
-Woche zu sehn bekomme, aber er hat ja wohl übernatürliche Fähigkeiten.
-
-Ich lese viel. Philosophie ist kein Trost, aber haltbar; ich kam durch
-Zufall dazu, da ich Schopenhauer aufschlug und in der Vorrede ein so
-nachdrückliches Verbot der Lektüre seines Werkes fand, es sei denn, man
-hätte die sämtlichen Philosophen vor ihm gelesen, daß ich -- unter
-Saint-Georges' Anleitung -- von vorn angefangen habe.
-
-Dies ist ein schlechter Brief. Mir stehn die Tränen im Halse, und die
-Feder in der Hand will nach jedem Wort stillstehn.
-
-Eben öffne ich in Gedanken den letzten Brief von Ulrika. Folgendes steht
-drin: »Mir fällt gerade ein, wie ich Dich neulich dasitzen sah und
-lesen, in Deinem grünen Kleid neben der Schirmlampe, das Buch im Schoß,
-ein Bild der Nachdenklichkeit. Jetzt weiß ich, wem ich Dich damals
-bewußt verglich; ich dachte, Du seist Pallas Athene, der man das erste
-gedruckte Buch in die Hände legte, und sie kann es gleich lesen, die
-Allwissende, und freut sich, wie klug die Menschen mit der Zeit geworden
-sind. Man kann sich kaum denken, daß Du wirklich liesest, was Du in der
-Hand hältst, Du bist so schön, was kannst Du auch lernen, es ist, als
-hättest Du alle Weisheit, und Dein Lesen ist nur ein Wiedererkennen von
-Dingen, die Du vor tausend Jahren selber erdachtest.« Mir zur Strafe hab
-ich das aufgeschrieben. Das denken, das wissen die Menschen von Einem,
-so können wir erscheinen, ach, das Mißverhältnis, zwischen dem, was man
-ist, und dem, wofür unser nächster Nachbar uns hält, wird mir vor Tragik
-bald komisch erscheinen. -- Übrigens ist mir Ulrika eigentlich auch so
-fremd wie -- -- ach, was wissen wir voneinander!
-
-Manchmal, weißt Du, ist es so still, daß ich meine, ich müßte es hören,
-wenn nur ein Zug in meinem Gesicht sich bewegt. Es ist ja alles in
-dieser furchtbaren Stille vor sich gegangen. Alles? Sigurd schrie doch
-einmal auf, Erasmus tobte; aber mir scheint, dies war nicht das
-Eigentliche. Stillschweigend ging Jason, still Esther, stillschweigend
-der Onkel, und in diesem Schweigen vollzog sich das Eigentliche, und
-dennoch, dies, was wir nicht lärmen und platzen hörten, es schickt doch
-seine gefährlicheren Wellen in den Raum, und diese verschlingen und
-vergiften uns schrecklicher und boshafter als die lauten Gefahren und
-die erschütternde Verzweiflung.
-
-Nun läuft die Feder. Ich fragte Saint-Georges: Wie nennt man doch diese
-Zeit der Windstille im Jahr, -- ich vergaß das Wort. Er, gleich
-verstehend wie stets -- ja, wenn ich ihn nicht hätte! -- sagte: Wenn der
-Eisvogel, Halkyon, brütet, herrscht Windstille, wie man sagt. -- Dann,
-sagte ich, haben wir wohl die halkyonischen Jahre. Der große Eisvogel
-Schicksal brütet. Er hoffe, meinte er freundlich, es werde kein
-Basiliskenei sein, das man ihm untergeschoben habe. -- Ja, wer weiß
-denn, ob nicht alles erst kommt ... Ich bin ja auch vollkommen
-unberührt. Eigenes Schicksal blieb aus; ich warte.
-
-Ein Paket mit ein paar Kleinigkeiten ging schon vor drei Tagen an Dich
-ab. Jede mußt Du Dir eingepackt denken in eine Hülle guter, frommer
-Wünsche. Sag, sind das nicht Verse von Georg, die er Dir einmal
-schickte:
-
- Sie hält ihr Herz nun offen in der Hand
- Wie eine Lampe, liebreich im Verspenden,
- Dieweil sie weiß: durchstochen und verbrannt,
- Ihm kann nichts mehr geschehn von fremden Händen ...
-
-Ich vergaß das Übrige; damals mochte ich es nicht sehr, eben traf es
-mich seltsam. Hirten und Himmlischen ein Wohlgefallen, -- schloß es
-nicht so? Genug. Leb innig wohl!
-
- Renate
-
-
- Heiliger Abend
-
-Renate stand, den Rücken in eine Fensternische der Halle gelehnt, und
-blickte in die gelben Lichtflammen des kleinen Baums auf dem
-reichbeladenen Tisch, den sie für Saint-Georges' Bruder aufgebaut hatte.
-Saint-Georges saß auf einem Stuhl daneben, ein Buch in der Hand, in dem
-er blätterte. Sie schwiegen.
-
-Renate dachte: Gleich werde ich anfangen zu weinen. Die Lichter
-verschwammen vor ihren feuchtwerdenden Augen, unsägliche
-Kindheitsstunden lösten sich aus dem Geruch von brennendem Wachs, Harz
-und Nadeln. Ihre Stimme war heiser, als sie fragte: »Wie feiertest du,
--- wie feierten Sie eigentlich Weihnachten?«
-
-Er sah nachdenklich auf und antwortete: »Gar nicht. Da wir keine Eltern
-hatten, hatten wir auch kein Weihnachten.«
-
-»Richtig,« sagte sie, sich ermannend, »es ist ja ein Familienfest.
-Wollen Sie nun Ihren Bruder holen?«
-
-Überdem wurden viele Schritte draußen hörbar, es klopfte, Köchin, die
-Hausmädchen, Zofe, Diener, Gärtner, Chauffeur kamen verlegen herein,
-knicksten und dienerten und wollten sich bedanken. Der Diener hielt eine
-kleine Rede, in der er dem Hause »auch wieder frohe Tage wünschte, da
-sie es alle so gut gehabt hätten«. Renate gab allen die Hand, dankte
-ihnen für ihre Dienste und fragte, ob der junge Herr auch bei ihnen
-gewesen sei. Ja, und er hätte sogar Punsch mit ihnen getrunken. Immerhin
-schienen sie Alle froh, wieder verschwinden zu können. Eins der
-Hausmädchen, verschmitzt, wünschte Renate persönlich beim Händedruck,
-daß auch der junge Herr Josef bald wiederkommen möchte. -- Gleich darauf
-rollte Saint-Georges seinen Bruder im Stuhl herein, schon hochrot im
-Gesicht.
-
-Und nun bekam er Gottfried Kellers sämtliche Werke, die er sich
-gewünscht hatte, und Conrad Ferdinand Meyers sämtliche, von denen er
-einmal zart wie von etwas unerreichbar Kostbarem gesprochen hatte, und
-den schönen Till Eulenspiegel von de Coster, und den ganzen Strindberg,
-und den ganzen Jakobsen und die Gedichte von Rilke und die Geschichten
-vom lieben Gott und alle Novellen von Storm, o Gott, es schien überhaupt
-nicht aufzuhören. Es kam dazu, daß er ganz laut krähte. Aber dann saß er
-glühend still neben seinem Tisch und dem eichenen Regal, das diese
-Herrlichkeiten enthielt, und versank darin. Renate, vor unsäglicher
-Gerührtheit zitternd, wäre Saint-Georges gerne um den Hals gefallen, gab
-ihm eine goldene Uhr im Armriemen und stammelte verzagt, er möchte auch
-an sie denken. Bei seinem Gelächter fand sie sich wieder, konnte mit
-Fassung sein Geschenk, nämlich eine Photographie von sich selber
-entgegennehmen, die sie sich ausbedungen hatte, und als es jetzt wieder
-klopfte und Bogner mit einer großen Kiste auf der Schulter erschien, in
-der Tür stehn blieb und erstaunt sagte: »Guten Abend, Frau von Bernus!«
-hatte sie sich so weit wieder, daß sie triumphierend die bloßen Arme
-ausstrecken konnte und rufen: »Er hats gleich gesehn, und du hast nichts
-gesehn!« (Aber mein Gott, dachte sie, ich verspreche mich bald
-fortwährend!)
-
-»Was denn?« fragte Saint-Georges. -- Bogner setzte geschickt seine Kiste
-ab wie ein Dienstmann. -- Sie trat vor Saint-Georges, ließ den breiten
-Umhang von Blaufuchs von den nackten Schultern gleiten, zeigte ihm die
-spitze Schneppe der Taille vorn, strich die grauen Falten ihres
-mächtigen Seidenrocks weit auseinander und schüttelte den Kopf, um ihm
-die Frisur von Zöpfen zu zeigen, die vorn vor den Ohren in Schleifen
-herunterhingen.
-
-Ja, aber er kennte Frau von Bernus doch gar nicht.
-
-Bogner erklärte, es sei ein Porträt von ihr von dem Maler Veit in der
-Jahrhundertausstellung gewesen, und Renate sei ihr tatsächlich ein wenig
-ähnlich, wenn auch im Entferntesten nicht so süß.
-
-»Und meine Hakennase!« schrie Renate. »Nein, denkt euch, nun muß ich
-euch was erzählen. Die Kiste mach ich nachher auf, Bogner, ich darf
-doch? Also ich wollte doch Erasmus etwas zu Weihnachten schenken. Da
-ging ich in sein Zimmer, um nachzusehn, was er wohl brauchen könnte.
-Aber da sahs aus! Ein Wust von Sachen, alle Stühle waren hochauf beladen
-mit Stapeln von technischen Zeitschriften, aber dann hab ich eine
-merkwürdige Entdeckung gemacht. Über seinem Bett an der Wand hing an
-einem eisernen Krampen und Schnüren ein ganz windschiefes Bücherbrett,
-drei Stockwerke, und darauf standen die sämtlichen Werke von Jean Paul,
-Balzac, Dickens und Dostojewsky, diesen ausgenommen in der Ursprache.
-Und auf dem Nachtkasten, offen mit dem Rücken nach oben, lag der Komet
-von Jean Paul. Hättet ihr das von ihm gedacht? Nun hab ich ihm ein
-festes Gestell machen lassen, und da die Bücher alle grausam
-zerfleddert, auch die Ausgaben sehr gewöhnlich waren, hab ich ihm alle
-neu gekauft, und schließlich die ganzen Zeitschriften in das große Regal
-nach Nummern geordnet, ja, das war eine Arbeit!«
-
-Bogner sagte nachdenklich, den Erasmus kenne keiner, worauf er sich
-verabschiedete. In der Tür begegnete ihm der Diener, durch den Erasmus
-das gnädige Fräulein und die Herren Saint-Georges bitten ließ, mit ihm
-zu speisen. Renate staunte.
-
-Das Speisezimmer war leer, als sie es betraten. Auf Renates Teller lag
-ein Strauß samtschwarzer Rosen, darunter ein Lederetui, in dem sie unter
-einer Karte mit einem Glückwunsch von Erasmus' Hand eine mehr als
-talergroße Scheibe von dunkelbraunem, stumpfem und rauhem Bernstein
-fand, die an einer dünnen Goldkette hing, eingefaßt in einen Kranz
-kleiner Perlen. Darüber entstand eine kleine Wirrnis in ihr. Welche
-Anstrengung der Phantasie für seinen mühseligen Geist! So also
-beschäftigte er sich mit ihr?
-
-»Georges,« sagte sie -- denn sie mußte sich herauswinden -- »haben Sie
-ihm dabei geholfen?« Er gestand es.
-
-Da sie nun den Schmuck um den Hals hängen wollte, erwies sich die Kette
-nicht lang genug, daß die Scheibe auf ihrer Brust aufliegen konnte.
-Saint-Georges nahm sie aus ihrer Hand und legte sie um ihr Haar, so daß
-die Bernsteinplatte vor ihrer Stirne hing. Sie trat vor den Spiegel. Ja,
-sie war ein Wunder an Schönheit. Überdem liefen ihr die Tränen aus den
-Augen, sie stürzte aus dem Zimmer, an Erasmus vorüber, ohne ihm mehr als
-einen furchtsamen und hastig versüßten Blick zuzuwerfen, die Treppe
-hinunter und hielt vor der Tür ihres Onkels inne. Sie öffnete lautlos,
-glitt hinein. Im Dunkel waren Kopf und Oberkörper des alten Mannes, hell
-genug beleuchtet vom einfallenden Schein der entfernten Straßenlaterne
-draußen; so saß er am Fenster; an der Decke über ihm hing der
-Schlagschatten des Fensterkreuzes, verzerrt. Als sie die Hand leise auf
-seine im Schoß gefalteten Hände legte, blickte er auf und lächelte
-gütig, ließ es sich auch gefallen, daß sie seinen Kopf an ihre Brust
-legte, aber nach einer Weile merkte sie das Widerstreben seiner
-Kopfhaltung, ließ die Hände fallen, trat von ihm fort, zerrte an ihrem
-Taschentuch, raffte den Pelzumhang zusammen, faßte und hob ihr Kleid
-überm Knie und glitt leise hinaus.
-
-Wie lange Zeit vergangen war, wußte sie nicht, da sie sich am Fenster
-der dunklen Halle fand, hinter sich die Stimme des Dieners vorwurfsvoll
-vernehmend, es sei doch aber schon lange angerichtet. Auch was sie
-gedacht und empfunden in diesen Minuten, suchte sie vergebens in sich,
-als sie, wieder im Speisezimmer, verdunkelten Auges auf Erasmus zuging,
-der vor seinem Teller stand, ihm die Hände auf die Schultern legte und
-ihn zwang, mit den Augen den ihren standzuhalten.
-
-»Ich danke dir auch«, sagte sie heftig atmend. Ihre Brust wogte. Da
-merkte sie, daß sie nicht seinetwegen zu ihm gegangen war, sondern um
-jemand zu haben, an dessen Schulter sie einmal diesen nie gebeugten Hals
-ausruhen könne, und nun erschrak sie: Was tu ich denn! was mach ich aus
-ihm? ich werde ihn verrückt machen. Sie glitt hastig mit den Händen an
-seinen Armen herunter, drückte ihm die Hände und sagte irgend etwas
-Muntres. Später bemerkte sie die ungemeine, fast gewandte Gesprächigkeit
-des Erasmus, redete ihn auf ihr Geschenk an und hörte seine beinah
-launischen Vorwürfe, daß ihr Erscheinen vorhin ihn nicht zum Danken habe
-kommen lassen. Als sie nun ihre Verwunderung über seine schöne
-Autorensammlung äußerte, meinte er kurz -- es war deutlich, daß er
-sofort alles Verdienst ablehnen wollte --, Josef habe er das zu danken.
-Er, Erasmus, sei der Meinung gewesen, daß ein gebildeter Mensch eine
-gewisse geistige Nahrung brauche, und habe Josef gefragt, ob es nicht in
-jedem Lande ein Dichtergewächs gebe, das so quasi die besten
-Möglichkeiten seines Bodens und Klimas in sich entfaltete, so daß man
-also mit dreien oder vieren der Art alle gute Nahrung beisammen hätte,
-und er habe sich denn auf Rußland, das ein schönes, breites Land sei,
-England, Frankreich und Deutschland beschränken wollen, was Josef einen
-sehr ordentlichen Gedanken genannt habe, nur schien er gemeint zu haben,
-daß Deutschland noch um ein Stück breiter sei als Rußland, und da sei
-die Auswahl schwer. »Da ich nun Goethe ablehnte, denn den hatten wir ja
-auf der Schule, so nannte er mir Jean Paul.«
-
-Denn den hatten wir auf der Schule, dachte Renate, wie ist das nun
-wieder kümmerlich und traurig.
-
-»Also will ich den nehmen, sagte ich«, fuhr Erasmus fort. »Der wird dir
-aber zu schaffen machen, sagte Josef.«
-
-Renate, die den Namen seit einer Ewigkeit nicht gehört zu haben glaubte,
-staunte noch mehr darüber, daß er sich so leicht hinsagen ließ wie
-Hamburg oder Wettrennen.
-
-Erasmus sagte weiter, er könnte ja nur abends vor dem Schlafengehn
-zwanzig oder dreißig Seiten lesen, aber er hoffte doch, vor seinem Tode
-noch fertig zu werden. -- Welch eine tiefe, dröhnende Stimme er doch
-hatte! -- Wer ihm denn der liebste von den Vieren sei, fragte sie, um
-noch einen kleinen Schlüssel zu ihm zu erlangen.
-
-»Chuzzlewitt,« sagte er mit grausiger Aussprache, und Renate hörte ihn
-wieder »Schang Pol« sagen; Jean Paul freilich, dachte sie, würde sich
-noch im Grabe freuen, wenn er sich ausgesprochen hörte, wie er wollte.
---
-
-Unterweil verbesserte sich der Erasmus und nannte Dickens. Der sei so
-komisch. -- Er lachte gleich: »Ha ha, ha!« Ja, manchmal nachts im Bette
-könnte er sich totlachen über Sam Weller, und wenn Mister Micawber
-sagte: ... kurz! -- »Dabei«, setzte er mit einem Anflug von Ehrfurcht
-hinzu, »ist der Chuzzlewitt für mich viel grausiger als der ganze
-Dostojewsky.« Saint-Georges könne ihm vielleicht sagen warum.
-
-»Weil«, sagte Saint-Georges, »die Menschen des Dostojewsky, wie auch die
-Balzacs, sich noch gebärden. Weil sie Leidenschaften haben, die immer
-noch den Schein einer wenn auch dämonischen Freiwilligkeit erzeugen, und
-weil sie diesen Leidenschaften nachgeben, weil sie sich peitschen lassen
-und selber peitschen, sich beugen und zerbrechen, rasen, stammeln,
-schluchzen und klagen. Vor allem klagen. Wir sehn dann die Gebärde, aus
-der die seelische Glut wie Rauch und Flammen hervorschlägt, und das
-empfinden dann Sie wohl wie -- Erleichterung. Bei Dickens aber ist das
-Leid, wie soll ich sagen -- krötenhaft; hockt da, funkelt bösäugig, und
-es ist ja alles komisch. Drinnen aber hockt die sich quälende Kreatur,
-stumm, boshaft, verhärtet. Denken Sie mal an Peckskniff. Ein furchtbarer
-Schurke, der sich für einen Engel hält, aufrichtig. Es läßt sich gar
-nicht ausdrücken, diese Art, nur Gemeinheiten zu begehn im Schein, in
-der Form edelsinniger Taten. So kreuzen sich fortwährend die Gebärden,
-die boshafte der inneren Gemeinheit und die sich in die Brust werfende
-der scheinbaren Hochherzigkeit.«
-
-»Chuzzlewitt«, sagte Erasmus langsam, mit der Fingerspitze auf dem
-leeren Salatteller kreisend, »kommt mir vor, als müsse er sich immer
-heimlich die Hände an den Hosen wischen, damit nicht das Gift aus den
-Fingerspitzen herunterläuft.«
-
-»Und Raskolnikoff und der Jüngling lecken ihre Fingerspitzen mit
-Wollust«, schloß Saint-Georges. Sie schwiegen nun.
-
-Renate hörte die Männer sprechen, ohne etwas zu verstehn. Sie sah den
-Erasmus, wie er im Bett lag, das ihr viel zu schmal und kurz für ihn
-erschienen war, unter den Bücherreihn an der Wand, das Haar gesträubt um
-den schweren Schädel, lesend und laut vor sich hinlachend. An seiner
-Statt erschien ihr der Onkel, in seinem dunklen Zimmer, im
-Laternenlicht, von Einsamkeit überwölbt dieser wie jener, und hier saßen
-sie zusammen, nanntens Gemeinsamkeit. Sie begriff nicht, wie all dies in
-einem Hause sein konnte. Nun wurde wieder der Tisch vor ihr sichtbar,
-rund, blumengeschmückt, mit silbernen Armleuchtern und stillen
-Kerzenflammen; ringsum die Gesichter, Saint-Georges gegenüber, gut,
-ernst und still, das rosige Knabenantlitz seines Bruders mit dem spitzen
-Kinn, den großen, flachen Augen, und links das überhängende des Erasmus,
-mit gesenkten Augenlidern unter der gebuckelten Stirn, und dann sah sie
-diese und sich selbst, die ganze, stille Gesellschaft fern drüben im
-Spiegel, die Lichter, die Dämmerung umher. Eine tiefe Stimme sagte
-etwas, sie schrak auf, da eine Hand von rückwärts an ihr vorüber nach
-ihrem Teller griff, der darin fortschwebte; alsbald versank wieder
-alles, und ein wenig später sah sie sich im Spiegel drüben aufstehn; sie
-hob die Tafel auf. Nachdem sie den Gelähmten selbst ins Rauchzimmer
-geschoben hatte, ging sie in die Halle hinunter und machte Licht.
-
-Die flache Kiste war mit Drahtstiften so leicht verschlossen, daß sich
-der Deckel mit kleiner Mühe hochbiegen ließ. Sie holte ein Bild in einem
-dunkelsilbernen Rahmen heraus, lehnte es gegen den Tisch und sah, daß
-sie selber es war: auf einem Grunde von dunklem Rot, im unteren, linken
-Viertel des Bildes ihr Gesicht, nach links blickend, im Profil, sehr
-zart, vergehend, scheinbar in einer Dämmerung schwebend wie eine
-Erscheinung; rechts oben in einer fensterartigen Öffnung war eine ferne
-Landschaft, sonnig, ein Birkenweg zwischen Wiesen, bräunlich, rötlich,
-und ganz wenig tiefblauer Himmel; die Farben ihrer Augen, ihres Haars,
-ihres Mundes, die in dem gemalten Gesicht kaum angedeutet waren,
-leuchteten deutlich dort oben.
-
-Ja, dies war doch ein Traum von ihr, von ferne gesehn und geträumt, und
-vielleicht, wenn es früher gekommen wäre -- -- ja, was dann? Es waren
-doch wohl nur Vorstellungen malerischer Art, die sie ihm erregt hatte.
-Seltsam fröstelnd stand sie vor dem Bild. Wie alt bin ich eigentlich?
-schoß es plötzlich durch sie hin, aber sie konnte die Zahl nicht finden,
-war es achtzehn, neunzehn oder zwanzig? Ungeduldig machte sie sich von
-alldem los, legte das Bild in seine Kiste, den Deckel darauf und ging
-nach oben.
-
-Durch die offene Tür zum Rauchzimmer fiel Licht in die vordere Hälfte
-des Speisezimmers; im hohen Spiegel konnte sie ein Stück des
-Ledersessels sehn, in dem Saint-Georges saß, seine Unterschenkel und den
-Kopf, den er in die Hand gestützt hatte; den Erasmus hörte sie reden;
-Tabaksschwaden zogen in der Luft unter der elektrischen Krone.
-
-Auf einmal brannten vor ihren Augen alle Lichterbäume der Stadt, sie
-hörte Gejubel, Klavierspiel und Kinderlieder, dann das wirkliche Getön
-ferner Glocken. Und da war der letzte Christabend mit ihrem Vater, mit
-bescheidenen alten Männerchen und Weiberchen, Kinderchorgesang im
-Schlackerschnee und der väterlichen Stimme, die den Weihnachtstext
-auslegte. Da war der erste Weihnachtsabend in diesem Haus, mit einem
-Berg glitzernder Geschenke, mit dem Gelächter des Onkels, des Erasmus
-Gefräßigkeit in Marzipan und Spekulatius, mit Josefs Eleganz, mit den
-Gedanken an Magda und mit Bogners Brief im Kleid auf der Brust. Sie
-machte eine unwillkürliche Bewegung nach dem Halse und merkte ihren
-Irrtum: Bogners Brief war erst am zweiten Feiertage gekommen. Die
-absonderlichen Weihnachtstage, die er beschrieben hatte ... Seltsam, daß
-sein Weg doch in diesem Hause begonnen hatte ...
-
-Sie fing an, die Hände auf dem Rücken im Zimmer hin und her zu gehn,
-lautlos auf dem Teppich, nur ihr Kleid knisterte und rauschte, wenn sie
-sich drehte. Wenn, dachte sie stillstehend, einmal nach mir das
-Schicksal die Hand ausstrecken wird, so werde ich erkennen, daß seine
-Füße -- vielleicht in dieser Stunde stehn, vielleicht in der
-glücklichsten früher. Furchtbar finster war es umher. Wo mochte Sigurd
-nun sein? Käme doch Jason! Alle waren fortgegangen. Saint-Georges wußte
-jede ihrer Fragen zu beantworten, aber er stand ihr nicht bei. Nicht
-bei? Ja, bei was denn? Was quält mich? Wie alt bin ich? Wen erwarte ich?
-Was fehlt mir? Tue ich zu wenig? Oh was sagte doch Saint-Georges einmal
-von der Sonnenblume? Nein, war es das? Vor ihren Augen brannte wohl kein
-Licht, in das sich zu verwandeln ihr Herz sich verzehrte. Wie lebten
-denn Andre? Schiffe gingen unter, es gab Hunderte von Toten,
-Bergwerkszechen explodierten, und es gab Hunderte Toter, Eisenbahnzüge
-stürzten um, -- ja, verlange ich nach solchem Geschehn? Wie leben Andre?
-In Armut, in Lastern, in Qual jahraus, jahrein, hülflos verstrickt in
-Unrettbarkeit, unerbittlich erniedrigt. Aber -- Frauen hatten doch
-Männer und Männer Frauen, auch Kinder; Bogner hatte sein Werk, sie hatte
-nichts als sich, und Josefs Stimme sagte grandios, wie am Abschiedstage
-vor einem halben Jahr: Was brauchst du eine Seele? Niemand sieht sie.
-Und er sagte noch etwas von einer goldenen Bluse, die sie trug. -- Sie
-schritt aufgeregter auf und nieder. -- Es ist so still! klagte sie
-furchtsam. Lebe ich? träume ich? Weihnachten ist, -- wem schenke ich
-was? Wen liebe ich? Alle und keinen. Warum ist niemand da? Oh --
-Zärtlichkeit! -- So geriet sie in die Tür zum Nebenzimmer. Erasmus stand
-am Schreibtisch und sagte, er habe ihr gerade Gute Nacht sagen wollen;
-es sei noch zu arbeiten, die Neujahrsabschlüsse ...
-
-Wiederum war sie vor ihn hingestellt. Ganz laut -- obgleich sie schwieg
--- hörte sie sich sagen: Wie wäre es, Erasmus, wenn du mich heiratetest?
-und sah ihn zurücktaumeln. Jetzt war etwas geschehn. Sie stand gerade
-und aufrecht, dachte noch: Einen Stoß, -- so! -- einen Stoß habe ich
-versetzt! -- und währenddem war nichts geschehn; sie sagte währenddem
-irgendwelche freundliche Worte, die nichts galten. Sie fühlte seine
-Hand, ließ ihn, tiefer ins Zimmer tretend, an sich vorüber, wandte sich
-dann und sagte: »Erasmus ...«
-
-»Ja, -- ist noch etwas?« fragte er stehen bleibend.
-
-Er liebt mich ja viel zu sehr, dachte sie klar, und muß allein bleiben.
-
-»Hab auch Dank für den Abend«, sagte sie und ließ den Kopf sinken. Er
-murmelte etwas und ging.
-
-Am Kamin saßen Saint-Georges und sein Bruder, sahn in die Flammen. Da
-faßte sie hundert verworrener Fragen in eine zusammen, trat zu dem
-Gelähmten und fragte, seinen Kopf fassend, schlicht zu seinem Bruder
-hinüber: »Georges, lieber Freund, was fehlt mir?«
-
-»Kinder,« sagte er, ohne sich zu bedenken, »es ist Weihnachten.«
-
-»Ach so, deswegen ... Ja, da kannst du recht haben.«
-
-Schon wieder versprochen! Oh ich will ihm eine Freude machen, dachte sie
-mit Heftigkeit, streckte die Hand aus und fragte bestrickend: »Möchtest
-du nicht du zu mir sagen?«
-
-Er stand langsam auf, ergriff ihre Hand, küßte sie und sagte
-schlechtweg: »Wie du befiehlst.«
-
-Jetzt aber fiel alles von ihr ab, sie stampfte mit dem Fuß auf und
-schrie: »Georges!« Aber dann, in plötzlicher Sanftmut zerschmelzend,
-legte sie die Hände zusammen, trat dicht vor ihn und flehte: »Georges,
-lieber Freund, bitte, was ist mir?«
-
-Er erfaßte ihr linkes Handgelenk, blickte mit tiefer Freundlichkeit in
-ihre Augen und sagte langsam und sicher: »Nichts ist dir, Renate, gar
-nichts.«
-
-»Ja, ja,« nickte sie seltsam erleichtert, »es ist ein Übergang, nicht
-wahr?«
-
-»Jawohl, ein Übergang«, bestätigte er lächelnd. -- Sie seufzte: »Dann
-ist es gut. Kommt, dann wollen wir noch etwas Schönes lesen, die Leiden
-eines Knaben, von Conrad Ferdinand, nicht?«
-
-Sie nickte dem Gelähmten zu und ging in die Halle hinunter, das Buch zu
-holen.
-
-
- Neuntes Kapitel: Januar
-
-
- Georg an Benno
-
- Trassenberg, am 15. 1.
-
-Danke, teuerster Benno, danke Dir tausendmal für Deine Karte! -- Ich,
-siehst Du, ich kann nicht schreiben. Wenn Du mein Tagewerk kenntest,
-würdest Du versteinern. Seit ich hier bin, also seit bald zwei Monaten,
-kenne ich nur noch ein Ding: die Zentrale. Papas Zentrale, das große
-rote Verwaltungsgebäude -- Du erinnerst Dich -- unten am Waldrand, das
-kaum zu sehn ist und zu dem kein Weg zu führen scheint, gegen das aber
-eine elektrische Zentrale mit ihren hunderttausend Anschlüssen,
-Krafteinnahmen und Kraftverteilungen in einer deutschen Großstadt gar
-nichts ist. Gar nichts, Benno! Dort verbringe ich nun fast den ganzen
-Tag. Onkel Salm führt mich in alles ein. Verwaltung, Verwaltung,
-Verwaltung! Hast Du eine Vorstellung, Benno? Nein! So kann ich Dir auch
-keine erwecken. Stelle Dir nur vor, daß unser ganzes Land mit allen
-Anhängseln in Übersee, und mit allem, was darin hervorgebracht wird
-jeder Art -- Landwirtschaft, Viehzucht, Heilanstalten, Wissenschaft,
-Kunst, Industrie und so weiter, so weiter -- hier zusammenströmt und von
-hier wieder aus. Genug! Mir schwindelt der Schädel, wenn ichs denke, die
-einzige Möglichkeit, die ich habe, ist, mich blind hineinzufressen, wie
-in den berühmten Berg der köstlichen Hirse. Dann ists in Augenblicken
-doch, als fräße ich weder, noch grübe mich in dampfende Finsternis,
-sondern ich stiege, stiege einen gewaltigen Berg hinan, darf nur weder
-hinaufblicken -- um mir nicht den Mut -- noch hinunter -- um mir nicht
-die ganze Größe des Ausblicks von oben zu verderben. Zahlen, Zahlen,
-Zahlen. Um eine elementare Grundlage zu bekommen, lerne ich doppelte
-Buchführung; dazu Lombardieren, alle Arten des Wechselgeschäfts. Hast Du
-in Deinem ganzen Leben je einen Kurs gelesen, Benno? Weißt Du, was das
-ist? Tröste Dich, Benno, ich weiß es auch erst seit kurzem. Im übrigen
-sorge Dich nicht um mein Herz, es arbeitet wieder vortrefflich. Noch was
-über Tageseinteilung: weißt Du, daß ich trotz alledem beinah zehn
-Stunden am Tage schlafe? Folgendermaßen: aufgestanden wird -- um fünf
-Uhr morgens. Siehe da, was ist der Erfolg? Vormittags um zehn, wenn Du
-träge Deinen Tag anschlürfst, habe ich beinah schon einen Arbeitstag
-hinter mir, um elf sinds, mit kleinem Imbiß dazwischen, ganz gut sechs
-Stunden. Dann wird geschlafen, fünf Stunden, im Bett, fest, und wenn Du
-Dich dann, wie ich, um vier Uhr zum Essen erhöbest, würdest Du jauchzen
-vor Kraft, Frische und Arbeitswonne, welche drei bis Mitternacht mit
-Abendbrotpause freudig vorhalten. Also -- machs nach, Benno, machs nach
-und lebe jetzt wohl, es ist Mittag, ich geh schlafen. Wie gesagt: keine
-Sorgen, guter Engel, und im zweiten Monat nach diesem befinde ich mich
-wieder im gesegneten Altenrepen. Was macht der Flügel, die Wohnung, die
-Vögeleins? Grüße alles, was lebt und mir freundlich gesinnt ist, und sei
-umarmt von Deinem bis in den Tod getreuen
-
- Georg
-
- am 16.
-
-Der Brief blieb versehentlich liegen.
-
-Ein letztes Wort, Benno, über mich selbst.
-
-Nämlich, läge die Sache einfach; wäre er, den ich Vater nenne -- heut
-wahrer als jemals! -- wäre er ein Privatmann, und handelte es sich
-sonach für mich um nichts weiter als Namen, gesellschaftliche Stellung
-usw.: dann wäre die Sache einfach. Ja, dann wäre sie derartig einfach,
-daß ich fast denke: in solchem Fall würde ich bleiben, der ich --
-scheine, sein Sohn. Es wäre nicht der Rede wert, Änderungen zu schaffen,
-die rein moralisch sein und bleiben würden, die keine praktischen Folgen
-hätten.
-
-Die Sache liegt aber nicht einfach, sondern verdoppelt durch die
-Möglichkeit, das ich in Deutschland regierender Landesherr werde; daß
-ich -- die Worte klingen großartiger als die Sache -- vor einen Teil der
-Menschheit mit Ansprüchen hintreten kann, die sie nach den in ihr
-bestehenden Gesetzen mir nicht zubilligen würde, wenn sie mein Geheimnis
-kennte.
-
-Dies die negative Seite der Sache; und die positive?
-
-Nicht eitel genug, mir vorzuspiegeln, daß dieses Land, das ich innig
-liebe, Trassenberg, meiner bedürftig ist und keines Andern; und zu klug,
-um nicht einzusehn, daß ich nur selbstsüchtig, nur aus -- Ehrgeiz
-handle, weiter nichts: kann und darf ich mich doch der Einsicht in das
-nicht verschließen, was werden würde, wenn ich -- abtrete. Trassenberg
-ist, dank der Einflüsse meines Vaters, ein blühendes Land. Beuglenburg
-ist ein Sumpf mit einigen Kaligruben, und aus dem Beuglenburger
-Geschlecht kann nichts Gutes mehr kommen. (Der Alte ist krank und
-stumpf, der Sohn ein kränklicher Knabe, eine Tochter zählt nicht, weil
-nicht erbberechtigt.) Muß mir nicht Vieles schicksalsvoll vorkommen?
-Warum liegen die Dinge eben so? Warum gehörte dies Land einmal den
-Trassenbergern? Warum war und ist mein Vater, warum grade ich? Hier ich
--- und da die todkranke Beuglenburger Sippe?
-
-Darum nunmehr zum Kern.
-
->Von des Lebens Gütern allen ist der Ruhm das höchste doch< ... Wie,
-Benno, ich sollte verzichten mit dieser Aussicht? Solche Mittel in
-Händen -- zu meiner gottseidank noch unerschütterten Gesundheit, meiner
-geistigen Freiheit und Beweglichkeit, meiner Lernkraft, meiner Kultur
-und meiner Tatenlust die äußeren Machtmittel meines Vaters, deren Ausmaß
-Dir bekannt ist: sollte ich ein hundertfaches Gutes ungetan lassen, das
-ich auf mich warten sehe? Ich kann Ruhm gewinnen, wahrhaftigen Ruhm,
-nicht einer vereinzelten Tat oder Eigenschaft, nicht den Ruhm des
-Entdeckers, Eroberers, Erfinders, des Feldherrn, des Dichters,
-Volksmanns; Ruhm, der vom Dämonium abhängt, von Begabung und vom Glück,
--- sondern einen Ruhm, den ich herzustellen, den ich anzufertigen habe
-mit meiner Hände lebenslanger, unverdrossener Arbeit; den nur mein
-ganzes Wesen, mein ganzes Sein mir verschaffen kann, weil nur Arbeit
-eines ganzen Lebens, und das heißt jedes Tages, jeder Stunde seine
-Grundlage sein wird. Verstehst Du den Unterschied, den ich meine? Nicht
-Taten, Werke, Gedanken -- obwohl diese im einzelnen Verkörperungen sein
-können, sondern: _sein_ muß ich, leben, von A bis Z meinen Platz
-ausfüllen, nicht sternhaft erstrahlend, wie Dichtung und Kunstgebild
-plötzlich blitzend hervortreten aus langem Gewölk, sondern still im
-Schatten meiner vier Wände, da doch die Wenigsten und niemals die Masse
-bemerken werden, was hinter dieser und jener offenbaren Erscheinung an
-unvermerkter Anstrengung und Mühsal liegt. Zu schweigen davon, daß, wenn
-mir überhaupt etwas zu leisten gelingt, das Dauer hat und Würde vor
-späteren Geschlechtern, es bei den Zeitgenossen kaum Anerkennung, ja
-eher Verkennung, Verachtung, wo nicht Feindschaft erregen wird. Wer ein
-Dauerndes zu schaffen gewillt ist, der muß im Morgen leben, nicht im
-Heut, darf also nicht verlangen, daß das Heute ihm Kränze flicht. Ich
-bins gewillt.
-
-Wie ich denkt mein Vater, und was wäre ich freilich ohne diese Stütze?
-Der wundervolle Mensch! Mit keinem Blick, mit keiner Miene hat er sich
-mir als Beistand gezeigt. Ohne Blick, ohne Miene hat er mich
-verständigt, daß ich seines Beistandes gewiß sein werde, wenn die
-Entscheidung erst gefallen ist. Sie ist schon gefallen, in meinem Herzen
-ist sie's. Ach, mein Benno, wie ist der glückselig, der im Wünschen und
-Schwanken, im Zweifeln und Vertrauen sicher ist eines Unwandelbaren, und
-wenn er Vater nennen kann, was mit Leib und Seele, mit Haut und Haar,
-mit allen Kräften der Liebe ihm väterlich ist!
-
-Und dies giebt mir Kraft, dies wird mir Heil geben. Ja, ich weiß,
-Freund, ich weiß: wäre er mir nur um ein Gran minder väterlich, so würde
-ichs spüren, würde meine Kraft sinken, mein Recht bleichen, -- ich wäre
-entblättert, ehe ein Monat um wäre. Aber ich stehe auf ihm, und so sei's
-drum.
-
-Ich bin entschlossen. Und somit -- Gott befohlen!
-
- Georg
-
-
- Hier enden des vierten Buches neun Kapitel oder ebenso viele
- Monate.
-
-
-
-
- Fünftes Buch.
- Fragmente aus den halkyonischen Jahren II
- oder
- Cordelia
-
-
- Erstes Kapitel: Februar
-
-
- Ulrika
-
-Renate und Ulrika saßen des Abends an den beiden ineinander geschobenen
-Flügeln unterm Orgelpodium und übten an Johannes Brahms' deutschen
-Tänzen, als Renate, der Orgel gegenübersitzend, eine dunkle Gestalt
-hinter Ulrika vorübergehn und die Stufen zur Empore hinansteigen sah.
-Schreckhaft, wie sie diesen Winter war, nahm sie die Hände von den
-Tasten, blickte, während Ulrika noch einige Takte weiterspielte,
-angestrengt durch den rötlichen Nebelglanz der Lichter und sah nun, daß
-es Saint-Georges war, der sich grade leise in den Drehsessel oben
-niederließ. Vor drei Tagen war er verreist, um seinen plötzlich
-verstorbenen Vater zu beerdigen, -- ihn, von dessen Dasein Renate
-niemals etwas geahnt hatte.
-
-Da auch Ulrika jetzt auf und zu ihr herüber sah, sagte sie:
-
-»Georges ist gekommen.« Und zu ihm hin leise: »Schon zurück?«
-
-Er nickte. Sein Gesicht in der dunstigen, rötlichen Beleuchtung der
-wächsernen Kerzen schien ihr nicht blasser oder trauriger als immer, --
-doch wars vielleicht eben dies, was sie bewog, aufzustehn, zu ihm hinauf
-zu gehen und eine Hand auf seine Schulter zu legen.
-
-»Bleib sitzen,« sagte sie, da er eine Bewegung machte, -- »ist es gut
-hier?«
-
-»Das wollte ich sagen, Renate. Ja, wieviel Kerzen habt ihr denn da
-angezündet?« Er zählte über die dicken gelben Kerzen in graden
-Silberfüßen hin, die sich in der schwarzen Politur der Klaviere
-spiegelten, und sprach weiter: »Acht Stück. Eine schöne Zahl, die mir
-immer angenehm war. Sie enthält so viel und ist so ordentlich und glatt,
-auch der Laut: acht, -- zwei mal zwei mal zwei. Schade übrigens, daß ihr
-selber das gar nicht sehn konntet, wie ich, als ich hereinkam von
-weitem, euch dasitzen sah in dem rötlichen Nebel der Lichter an den
-großen schwarzen Instrumenten, und dazu deinen großen schwarzen
-Kleidrock, dein farbiges Gesicht, und Ulrikas rotes Haar und braunes
-Kleid; dazu die graue Orgelwand über euch, und umher --« er machte eine
-umschreibende Handbewegung -- »die sechs gemalten Unsterblichen an den
-Wänden. Es war nicht ganz düster -- und auch nicht sehr froh, -- ja,
-eigentlich wars ganz so, wie wenn man von Begräbnissen kommt und wieder
-ins Leben will. Dank für den schönen Übergang, Renate,« sagte er zu ihr
-empor und, ehe sie etwas sagen konnte, »bist du mir zuliebe so schwarz
-heut? Ja, du bist ein guter Mensch.«
-
-»Möchtest du mir nicht ein wenig von deinem Vater sprechen?« bat sie.
-
-»Ja,« sagte er, »es gäbe wohl allerlei zu er--zählen. Aber das ist nun
-immer so: wenn ich nur die Klinke an der Vorgartentür anfasse, so weiß
-ich schon: hier ist alles anders. Jetzt bleibt vieles draußen, denn hier
-ist die Grenze. Hier endet eine Welt, hier fängt eine andre an. Hin und
-her zwischen beiden gehen nur die Körper; die Seelen aber sind andre,
-ganz andre. Ich stand vorhin schon eine Weile bei der Tür und bewunderte
-die Engel.« Er lächelte zu Ulrika hinunter. »Die gemalten, meine ich.
-Sie sind jedesmal gewachsen, wenn ich komme; tiefer ist ihre Einsamkeit,
-mächtiger ihr Schritt, -- und da sitzt ihr nun zwischen ewigen Wänden
-und ertragt es so mühelos. Freilich euch Frauen sind Dinge
-selbstverständlich, die wir nie begreifen. Es braucht fast nur etwas
-recht groß zu sein, so seid ihr zuhause darin, als wäre es für euch
-gemacht. Als wäret ihr darin aufgewachsen. Ja, ihr wachst; unsereiner
-muß immer Stufen steigen und sie obendrein selber haun. Ich habe dir da
-ein Paket auf den Stuhl gelegt. Es sind Briefe meines Vaters, die du
-lesen sollst. Mein Vater lebte fünfundzwanzig Jahr in einer
-Irrenanstalt, und nun ist er endlich tot.«
-
-Renate wagte nicht, sich zu bewegen. Nur ihre Hand schob sie ein wenig
-höher, so daß sie seinen Nacken berührte. Sie sah die Kerzenflammen
-leise sinkend sich zusammenziehn, während andre flatternd in sich
-standen, sich aufrichten wieder und haardünne Strahlen aussenden. Dann
-hörte sie von Georges' Stimme leise die Verse Hölderlins:
-
- »Es haben ihn die Götter sehr geliebt,
- Doch nicht ist er der erste, den sie drauf
- Hinab in sinnenlose Nacht verstoßen
- Vom Gipfel ihres giftigen Vertrauns.«
-
-Eine Weile danach löste sie ihre Hand, stieg die Stufen hinunter und
-setzte sich vor ihren Flügel. Während sie ihr Notenheft lautlos
-zuklappte und zur Seite legte, hörte sie ihn reden.
-
-»Hölderlins Schicksal hatte er wohl, ein Dichter war er auch, aber
-niemand wird von ihm sprechen. Es lohnt sich allerdings nicht. In den
-achtziger Jahren erschien ein Epos >Elias<, später auch noch Gedichte,
--- ihr könnt euch eine Vorstellung machen, wenn ihr an Enoch Arden
-denkt; ein weiches, mattes Gedicht, in dem viel von Elias' furchtbarer
-Leidenschaftlichkeit die Rede ist. Sonderbar, daß davon nichts Gestalt
-wurde. Er selber, der das dichtete, war ein so leidenschaftlich atmender
-Mensch. Du wirst es sehn in den Briefen. Ich kenne ihn nur als grau-,
-dann weißhaarigen Mann mit gutherzigen braunen Augen und einer
-wundervollen Stirn, wie ein Stück Himmel gewölbt. Und drinnen das Chaos.
-
-»Die Briefe sind an eine Frau gerichtet, mit der er befreundet war, --
-damals. Dann liebten sie sich. Sie war verheiratet und hatte Kinder. Ein
-Jahr rissen sie Beide an der Kette, aber der sie festgelegt hatte, ließ
-nicht los. Zwei Jahre danach heiratete mein Vater ein sanftes Mädchen,
-und ich bin ihr Sohn. Sie liegt nun auch schon so lange in der Erde, wie
-mein lahmer Bruder lebt, und das ist ihr gut.«
-
-Renate, betrübt, fragte nach einer Weile zaghaft:
-
-»Sage mir, Georges ... Giebt es denn das, daß jemand einen Menschen
-gegen seinen Willen zwingen -- --«
-
-Er lächelte mitleidsvoll. »Ich sagte es ja, Renate: hier ist die eine
-Welt, und draußen die andre, die man auch die moralische nennen könnte.
-Die Menschen, Renate,« fuhr er aufatmend mit leichterer Stimme fort,
-»haben Einrichtungen geschaffen, die sind für unsereinen -- nicht
-schlecht, oder sinnlos, oder falsch, sondern sind: unglaublich
-schlechterdings, nicht zu glauben, auf keine Weise zu begreifen, weil
-dir dazu Organe fehlen, -- so wie der Fisch nicht atmen kann in der
-Luft. Etwa folgendermaßen: Gesetzt, du bist ein halbes Kind von einem
-Mädchen, in einer geldarmen aber zahlreichen Familie. Und ein Mann setzt
-dir zu, mit Jammer und mit Tränen, mit Flehen und mit Drohungen, er
-stürbe, wenn du ihn nicht heiratest. Und aus reinem Mitleid giebst du
-nach und giebst dir nun auch Mühe, jahrelang, ihm gut zu sein, und
-schenkst ihm Kinder --«
-
-Renate schauderte unbewußt. »Was ist, Georges?« fragte sie, da er
-innehielt. Er lächelte sanftmütig.
-
-»Ja, wenn du schon jetzt schauderst, Renate, was willst du denn später
-tun?«
-
-»Habe ich geschaudert? Ach -- bei den Kindern, -- von der Frau, die
-ihren Mann nicht liebt. Nur weiter«, sagte sie kühl.
-
-»Gern, Renate. Immerhin wollen wir uns einen Augenblick lang darauf
-besinnen, daß -- _wir_ zwar da sind zu dem, was wir wollen, also auch um
-zu lieben, was und wen wir wollen. Daß aber die Welt nicht da ist, um zu
-lieben, sondern um zu bestehn, also sich fortzupflanzen, wozu sie Frauen
-braucht, die Kinder gebären. Das tun sie auch. Und auch das ist Liebe.«
-
-Er schwieg. Renate erwiderte nichts. Er fuhr fort.
-
-»Gesetzt also, du tatest alles dies, und eines Tages siehst du nun, es
-geht nicht, er ist ein trauriges, stumpfes Wesen, mit dem sich nicht
-leben läßt, er streut Bitterkeit umher, er macht dich zu Alltag, er
-verstaubt dich mit Nörgelei und Gejammer, und du siehst und kennst dich
-nun selbst, da du in die Jahre dazu kamst, merkst tausend schöne Kräfte
-in dir, Flügel deines Geistes, Taster, zarte, innige, deiner Seele,
-Lust, in dein Weltgetriebe hunderthändig hineinzugreifen, so hilft dir
-doch alles nichts, und du mußt dir die Seele besudeln und dir eine Hölle
-machen lassen aus deinem, zum Segen dir geschenkten Dasein, solange --
-solange er deinen Leib nicht schlägt, denn so lange gehört ihm nach dem
-Gesetze dein Leib, und alles andre sind Fisematenten. Wenn du aber am
-Ende einen Andern findest, einen Menschen, einen Edlen, Gütigen, Zarten,
-Wissenden, und Worte der Ewigkeit klingen an dein Ohr und erinnern dich
-an dein Herz und was du schuldig bist, dir und den Menschen und deinen
-Kindern zumeist: nämlich einen so vollkommenen Menschen du aus dir zu
-machen weißt, und dazu: Freiheit, dein Himmelslehen, die dich rüstig
-macht, deine Seele zu reifen, deine Kinder blühen und schön zu machen,
--- und erinnern, was du verschuldet hast, weil du nicht warten konntest,
-warten Jahre und aber Jahre, bis das kam, was du träumtest, und nicht
-lieber mit allen Träumen wie eine triumphierende Meereswoge in dein Grab
-gestiegen bist, so hilft dir all das doch nichts, denn du bist kein
-Mensch, du bist eine Sünderin bloß, auf die jeder den ersten Stein zu
-werfen bereit ist, am ehesten aber ihr Mann, und bist nicht würdig,
-Kinder zu haben, denn du bist gemein. Denn mit einer Ehe verhält es sich
-so, daß du sie nur nicht zerbrechen darfst, brechen darfst du sie in
-Hirn und Herzen wohl tausendmal bei Tag und Nacht; aber wenn du nur
-deinen Leib im alten Bette läßt, so bist du edel und würdig, Kinder zu
-haben.«
-
-Renate war so heftig aufgesprungen, das der Deckel des Klaviers, auf dem
-ihre Hände lagen, zuschlug und alle Saiten nachdröhnten.
-
-»Es ist Wahnsinn,« sagte sie, »es ist mir unerträglich zu hören.«
-
-In ihrem großen, schwarzen Kleide rauschte sie in der Kapelle hin und
-her, blieb stehn, faltete die Hände vor der Brust und rief zu ihm
-hinauf:
-
-»Ich will nicht, daß es wahr ist, Georges, ich will es nicht! Es macht
-mich unrein in allen Frauen, die so etwas dulden können. Sage, daß es --
-vergieb mir, Georges,« bat sie leise, »ich habe dich über mir
-vergessen.«
-
-Sie wogte, ihr war, als müßte sie in Tränen ausbrechen. »Ulrika, was
-sind wir für Wesen,« klagte sie, »es ist ja nicht zu sagen!«
-
-»Dies, Renate,« hörte sie Saint-Georges von oben, derweil Ulrika
-gesenkten Hauptes verblieb wie vorher, »dies ist ja alles nichts. Auch
-das ist nichts, daß ein Mann, weil er zu schwach ist, daran zugrunde
-geht. Aber daß eine Frau, eine solche Frau, die ich beschrieb, es nicht
-nur leidet, sondern sich daran gewöhnt, das ist -- sagen wir --
-erstaunlich. Erinnerst du dich«, fragte er, »Dora Vehms, der Schwägerin
-Irenens?« Renate nickte. »Ich denke,« fuhr er fort, »die muß dir
-gefallen haben. Ich weiß Einiges von ihr, sie soll an Lebenskräftigkeit,
-an sachlicher Tüchtigkeit ein Wunder sein; ihr sah das Bild jener Frau,
-das ich bei den Briefen meines Vaters fand, etwas ähnlich, und ich
-glaube, sie wars auch im Wesen. Nun denke dir solch eine Frau, und
-weiter denke dir folgendes.
-
-»Bei den Briefen meines Vaters -- die er also scheinbar von ihr
-zurückerhielt, wie er ihr die ihren zurückgab, denn ich fand keine --
-lagen zwei mit einem Jahre späteren Datum; der eine von seiner, der
-andre von ihrer Hand. In dem ihren stand etwa folgendes. Er möge ihr
-doch nicht schreiben; er wisse, daß sie versprochen habe, jede
-Gemeinschaft mit ihm abzubrechen, und sie wolle das halten. Nun wolle
-sie ihm aber noch mitteilen, daß sie sich sehr über die Nachricht von
-der Geburt eines Sohnes gefreut habe; ja, so sehr, daß sie gedacht habe,
-nun dürfe sie auch noch einmal eine Freude haben, und die sei ihr denn
-auch erfüllt, und sie habe vor einiger Zeit einen Sohn bekommen.«
-
-Renate sagte: »Au!« ohne es gewollt zu haben.
-
-»Wunderst du dich«, hörte sie Georges, »über die Logik? -- Das also
-schrieb sie und setzte noch hinzu: alles was je zwischen ihnen Beiden
-gewesen wäre, das sei unvergänglich, oder so ähnlich. Und zum Schluß
-wiederholte sie: er möge ihr, wie gesagt, nicht schreiben. Wenn er ihr
-aber doch schreiben wolle, so möge ers gleich tun, denn ihr Mann sei
-eben verreist. -- Sagtest du was, Renate? Sag au, Renate, immer sag au,
-aber bitte: denke dir keine alberne Gans als Schreiberin jenes Briefes,
-denke dir Dora Vehm, die du kennst, ja denke eine so verständige Frau,
-wie du selbst bist, und wundere dich nur, wie -- Erniedrigung die
-Menschen erniedrigen kann! -- Sie bekam also einen Sohn von -- dem Mann.
-
-»Und der andre Brief,« redete er mit einer grausamen Leichtigkeit
-weiter, »den ich fand, der von meinem Vater, der war augenscheinlich
-nicht abgeschickt worden. Es stand nur darin, daß er auf ihre Nachricht
-hin nichts weiter sagen könne, als daß sie durch die fortgesetzten
-Keulenschläge auf ihn, und damit auf sie selbst, sich gleichsam immun
-gehämmert habe. Er empfinde deshalb weiter keinen Haß gegen sie, müsse
-aber doch sagen, daß, wenn er hören würde, jemand habe sie durch ein
-rasches Gift oder durch einen Messerstich aus der Welt geschafft, daß es
-ihm nicht leid sein würde.«
-
-Er schwieg. Renate saß so völlig leer von Gedanken und Gefühlen, daß sie
-mit einem seltsamen Schauder die Flammen der Lichter, die Gestalt von
-Georges, Ulrikas Kopf, die Wände, alles in sich hereinschweben spürte,
-als ob sie Luft geworden wäre und alles umfassen könnte. Dann schmerzte
-ihr Kopf; sie kam zu sich. Saint-Georges sagte:
-
-»Was haben wir denn, wir -- Andern? Wenn es denn schon Niedriggeborene
-giebt, und wenn sie uns zwingen können, was haben wir denn für uns, als:
-besser zu sein und immer besser zu werden? Wenn sie niedrig sind, so ist
-doch ihre schlimmste Niedrigkeit die, daß sie uns nicht verstehn, und
-daß sie uns verurteilen, wir aber, wir können sie verstehn und ihnen die
-Niedrigkeit nachsehn. Dieser Mensch da, dieser Andre, ihr Mann, der
-hatte nie etwas andres als sich selbst und seine Begierden. Die aber
-sind es, die nichts haben als sich und ihre Begierden, die sich zum
-Schutze jene Gesetze ausgedacht haben, nach denen nun alles geregelt
-wird. Wenn du nach Jahren des Jammers und des Ekels, der Ohnmacht und
-der Verzweiflung dich eines Tages vergißt und in deinem armen, unseligen
-Mädchenhunger nach >Glück< den Rest der Süße, die dir noch verblieben
-ist, mit einem andern Mann teilst, als deinem Ehegatten, so bist du nur
-gemein und wert, davongejagt zu werden. Giebst du aber nach, weil du
-Kinder hast und weißt, man stirbt an vernichteter Liebe vielleicht, aber
-niemals an Mutterliebe, und bleibst und läßt dir Leib und Seele
-vergewaltigen, so bist du edel und gut, und ob du gemein bist oder edel,
-das hängt nicht von dir ab, sondern von dem, was du zu tun scheinst. Die
-Kinder aber, die du geboren hast, mit deinen Schmerzen, mit deiner
-Todesnot, mit deiner unbeschreiblichen Gutwilligkeit, etwas
-herauszuschenken aus deiner Fülle, und wenn es dich das Leben kostet,
-die du ernährt hast und erzogen, jahrelang allein, während sie deinem
-Mann ein unverständliches Spielzeug waren, und späterhin, wo er nicht
-viel mehr Zeit für sie hatte, als sie Sonntags zu prügeln für die
-Wochensumme ihrer Unarten, -- diese Kinder legt er dir als Kette um dein
-Herz und erdrosselt dich mit deiner eignen --« Er verstummte und fuhr
-gleich darauf leiser fort: »Das Gesetz, so heißt es nämlich, ist für
-Alle da und muß deshalb schematisch sein. Verfolgst du nun aber einen
-Scheidungsprozeß, so findest du Monate und Jahre womöglich an Zeit und
-Mühseligkeit aufgewandt, um jeden Schmutzfleck, jedes Staubkorn
-aufzudecken, um alles und aber alles aufzuhäufen, was mit dieser
-Angelegenheit nur von fern einen Zusammenhang haben könnte, aber
-geurteilt wird am Ende nach dem Schema. Ist das nicht ein ekelhafter
-Widersinn? Dies aber ist möglich, denn _hier_ liegt das Gesetz mit
-seinen angestellten Richtern und _hier_ die Einrichtung der Anwälte.
-Denn das Gesetz, heißt es, muß da sein, danach kann es verdreht und
-gedeutet werden. Wem aber kommt dies zugute? Den Findigen, den Hurtigen,
-den Geschickten, und allemal sind auch dies die Untiefen, die Leichten,
-die Liederlichen, die zur Ehe zusammenlaufen und wieder auseinander, die
-ihre Kinder verwahrlosen lassen oder zerdrücken, die gar nicht wissen,
-was ein Kind ist, dies heilige Geschöpf, die finden im Gesetz ihre
-Möglichkeiten, ihre Erlaubnisse, ihre Freiheiten. Aber der Edle, der
-Schwere, der Wahrhaftige, der Zarte, der Scheue, der Liebende, der
-Fromme, wenn der sich fürchtet, vor allen Augen den Unrat zu offenbaren,
-mit dem er beschmutzt wurde, so kann er von jeder Bestie vergewaltigt
-werden, deren Eigentum er zufällig ist wegen einer jahrealten
-Unbedachtheit. Bei Gott hat dein Vetter Josef recht, als er sagte, daß
-der Mensch vielleicht gut sei, alle zusammen aber eine Gemeinschaft von
-Bestien.«
-
-Nachdem seine Worte stets eisiger und härter geworden waren, hörte
-Renate ihn nun mit Gelassenheit sagen: »Merke dir für alle Fälle, was
-ein Gesetz ist. Ein Gesetz ist keine Einrichtung, um zu nützen, zu
-schützen, zu erleichtern, den Guten zu helfen und die Schlechten zu
-unterbinden, das Gute zu fördern und das Böse auszutilgen, sondern ein
-Gesetz ist dazu da, daß die Menschen nach ihm gemessen und beschnitten
-werden, daß sie mit ihm sich gegenseitig verurteilen und mißhandeln,
-Gewalt antun und verkröpfen.«
-
-Er war, noch während er den letzten Satz hinwarf, aufgestanden, kam vom
-Podium herunter und reichte Ulrika die Hand. Neben Renate stehend, sagte
-er:
-
-»Lies die Briefe. Sie sind schön, sie sind leidlos. Die übrigen hab ich
-verbrannt. Es steht nirgend der volle Name der Frau drin, an die sie
-gerichtet sind, und das ist ganz gut.« Renate sah trübe zu ihm auf, aber
-er lächelte nun und schien alles für erledigt zu halten. Sie faßte seine
-Hand und fragte ängstlich:
-
-»Sag mir noch --, ist die Krankheit deines Vaters -- --, hängt sie
-zusammen mit --«
-
-Er schüttelte nachdenklich den Kopf und erwiderte: »Laß das Fragen. Es
-weiß keiner genau. Krankheiten des Gehirns kommen wohl niemals von
-außen, sie können höchstens beeinflußt und -- vielleicht -- verfrüht
-werden. Also vielleicht ein Unterschied von fünf Jahren, um die ich
-länger einen Vater gehabt hätte. Er ist nun tot und hat Frieden. --
-Draußen ist Februar. Da zieht ein Winter nach dem andern herauf. Er und
-die Gestorbenen bleiben sich unveränderlich gleich, und dazwischen leben
-wir und geben uns keine Mühe. -- Gute Nacht, Kinder, gute Nacht!«
-
-Es war lange Zeit still in der Kapelle. Ulrika stand auf, ergriff die
-Lichtschere und beschnitt alle Dochte vorsichtig und säuberlich. Renate
-ging in der Kapelle hin und her, stieg zur Orgel hinauf, setzte sich.
-Sie schauderte leise, bedenkend, daß der Freund nun wieder durch die
-Winternacht ging, allein, zu dem gelähmten Bruder und der Aussicht auf
-die Gefängnismauer, die sie plötzlich begriff. Tief aus ihrer
-Versonnenheit fragte sie endlich Ulrika, die wieder vor ihren Noten saß:
-»Und was sagst du zu alledem?«
-
-Ulrika hob langsam den Kopf. Gegen die Dunkelheit hinter ihr zeigte
-sich, von den Kerzenflammen hell beschienen, ihr Profil, streng Nase und
-Brauen, wie wenn sie spielte, und in dem für Renate sichtbaren Auge
-glänzte es feucht und rötlich auf vom Lichterschein. Sie sagte nichts,
-sondern klappte das Heft vor sich zu, stand auf, ging um den Flügel,
-legte es hin, legte, in der Einbuchtung des Flügels stehend, beide
-Unterarme auf die Platte, senkte schließlich den Kopf tief darüber und
-sagte:
-
-»Ich bin auch verheiratet.«
-
-Renate zuckte zusammen und regte sich nicht. Aber da richtete Ulrika
-sich schon wieder auf, strich eine Haarsträhne aus der Stirn, machte sie
-fest, wandte sich und sagte:
-
-»Du mußt nichts Falsches denken. Mein Mann ist sehr gut. Ja, er ist wohl
-noch viel besser, als ich bisher gedacht habe, nach dem, was ich heute
-höre. Aber die Menschen werden wohl allerlei reden, weil er niemals hier
-ist.«
-
-Sie legte die Arme wieder auf die Platte, ließ die Augen umherwandern
-und sprach leise weiter:
-
-»Du mußt wissen, daß ich niemals etwas andres gekannt und gewußt habe
-als mein Klavier. Ich verlobte mich, weil es so kam und wir uns sehr
-gern hatten, und am Ende heirateten wir auch, aber ich dachte nicht, daß
-das etwas Besondres wäre. Ich wußte ja nichts. Gar nichts. Und so --
-nun, so war ich am andern Tage wieder bei meiner Mutter. Ich bin dann
-wieder zurückgegangen, aber -- seine Frau bin ich nie gewesen. Ich weiß
-nicht,« sprach sie schnell weiter, »all das hat mir immer ganz einfach
-geschienen, nur dies eine, das er von mir verlangte, als etwas
-Ungeheures, und jetzt ist es plötzlich umgekehrt, und es scheint, als
-wäre es ungeheuerlich, daß er sich in alles fügte, aber das eine hätte
-ganz einfach sein sollen. Oder doch nicht? Wer sagt mir das nun? Da ich
-nichts wußte, so wußte ich doch auch von mir selber nichts. Ich brauchte
-mich selber ja nicht, ich hatte ja mein Klavier, wozu mußte ich das eine
-für mich behalten? Wem hab ich damit gedient? Mir doch nicht. Wie er
-leben mag, das weiß ich freilich nicht, er ist in seinem
-Auslandgeschwader, und wir reisen jedes Jahr ein paar Wochen zusammen.
-Das ist freilich keine Ehe.« Sie brach ab und legte das Gesicht in die
-Hände.
-
-»Wenn es dich beruhigen kann,« sagte Renate sanft, »ich würde so
-gehandelt haben wie du.«
-
-»Ach,« sagte sie nun, aufschauend erhitzt und rot, »das ists ja wohl gar
-nicht, was mich plötzlich beschwert. Ich habe ja auch meine Freiheit und
-kann --« Sie brach wieder ab, legte jählings den Kopf in die Arme und
-auf das Instrument und weinte.
-
-Renate glaubte, alles zu wissen. Sie stand leise auf, ging hinunter und
-zog die Weinende in ihre Arme. Dort wurde sie bald ruhiger, trocknete
-ihr Gesicht, lachte leise und sagte:
-
-»Du meinst nun, ich dachte, es könnte mir so ergehn wie der Frau, von
-der er erzählte, aber findest du nicht, daß ich einen Vorsprung habe?
-Oswald ist doch gut, ich weiß, er ist gut«, sie faltete die Hände,
-drückte die Unterarme gegen die Brust und die rechte Wange gegen den
-Handrücken und fragte ängstlicher: »Glaubst du nicht, daß er gut ist?
-Nach allem, was wir hörten --, aber --« sie warf Hände und Arme
-auseinander, ließ den Kopf sinken und sagte: »Da hab ich zeitlebens in
-die Noten gestarrt, und wenn was passiert, werde ich selber schuld sein.
-Endlich kam Bogner und machte ein Fenster auf; das war er selbst, und
-vor lauter Wundern und Gegenständen draußen sah ich ihn selber nicht. Da
-kommt nun dieser Saint-Georges und macht das Fenster einfach zu, und da
-steh ich nun, und da seh ich ihn nun, und es ist finster, und draußen
-mögen die schrecklichsten Dinge bevorstehn --« Sie verstummte und
-starrte verloren an den Boden. --
-
-»Komm,« sagte sie plötzlich, »ich muß heim.«
-
-Sie fing an, die Lichter auszublasen. Renate ging willenlos zur Kurbel
-für die elektrische Lampe, die häßliche Helle bedrückte sie, und Beide
-verließen eilig und schweigsam den plötzlich ungastlich gewordenen Raum.
-
-Renate, in ihrem Zimmer später, glaubte beide zu spüren: von Ulrika her
-Schatten einer Zukunft, von Saint-Georges her die Schatten des
-Vergangenen, und ihr Herz zog sich schauriger als je zusammen. Dann aber
-ließ dies ab, und statt dessen brachen von innen die Schauder der
-Gegenwart, da sie sich mit deutlichen Worten sagen mußte: Da stehst du
-unversehrt und freust dich dennoch nicht, sondern du ängstigst dich vor
-Kommendem, und gleichfalls wäre dir alles andre lieber als diese deine
-schöne Leere. -- Da -- plötzlich -- erschien die immer fremde Freundin
-ihr, wie sie zuvor neben dem Flügel stand im Lichterschein, seidenbraun,
-rot im Haar, und bleich neben dem schwarzen Ungetüm, und die Arme
-auseinanderwarf und etwas sagte, das Renate nicht mehr wußte und
-verstand, in den schmerzlichen Brauen aber, in den Winkeln des Mundes
-und in den Augen so viel jäh ausbrechende Inbrunst und innerstes
-Leuchten, daß Renate erschrak. -- Sie ging auf und ab im Zimmer.
-
-Ihre Brauen --, an denen hing sie jetzt fest. Was ist denn, Ulrika, du
-fremde Seele, nun habe ich Jahre schon, sooft du saßest und spieltest,
-deine Brauen geliebt -- fast -- ja fast wie ein sehr schönes, adliges
-Tier, einen Aar, einen Sperber -- so ernsthaft ausgebreitet schwebten
-sie dunkel überm großen Strom der Musik, -- und immer doch habe ich sie
-vergessen müssen, wenn der Strom endete und -- du selber da warst. Dann
-blieb da ein feines, zartes, unendlich gescheites, ernstes und
-liebenswertes Geschöpf, aber zwischen ihm und mir -- war Zwischenraum,
-und ging er nicht von dir aus? eine Zauberluft, in der du dich
-abschlossest? Und warest du erst abwesend, so vergaß ich dich fast, und
-du warst nicht viel mehr als ein farbiger Schatten.
-
-Und das wars natürlich auch -- ja, das wars vor allem: Wann hätte sie je
-von sich selber gesprochen? Oder so sie's tat, wars -- Musik; ihr
-Lernen, ihr Vorwärtskommen, Konzerte ... Warum aber das? Ach, sie war
-doch verheiratet, hatte einen Mann --, wovon zu sprechen natürlich
-gewesen wäre, aber dies -- hatte ja kein Dasein in ihr, es sei denn ein
-so verfehltes, daß es verdeckt werden mußte vor ihr selber. Und er --
-mein Gott, ja -- er, der Einzige, der ihr der Nächste sein sollte -- ihn
-mußte sie immer fernhalten von allen Gedanken, vom ganzen Leben, -- und
-davon blieb die Haltung dann wohl, die innerlich abweisende Gebärde, die
-Einsamkeit, in der dem dunklen Göttervogel an ihrer Stirn die Flügel
-hingen, bis er sie wieder ausbreiten durfte im pfeilgraden Flug über
-Strömen.
-
-Sie blieb stehn und sah den Ech-en-Aton, der aus seiner Ecke über sie
-hinweg blickte, wie seit ewig. Ja, staunte sie, du ja auch! In Ulrikas
-Haltung nicht, nicht in den Zügen, -- im Wesen war dieser Blick -- über
-alles hinweg, der mir manchmal -- wie Hochmut schien, trotz deines
-warmen und glühenden Herzens, für alles was edel, rein und wahrhaftig
-ist. Doch verurteiltest du manchmal, und wo du nicht verstandest, da
-wolltest du auch nicht verstehn. Oh gleichviel, bin ich vielleicht
-besser? -- Diese Frau -- Renate wandte sich ab --, wie Georges sie
-erklärte, war sie unsäglich liebenswert und traurig, allein -- -- Sie
-blickte wieder das kleine Königsantlitz an. >So glaubten Heilige, und so
-verbürgt es die Form der Sonnenblume<, murmelte sie. Sich verwandeln,
-wie? Ja -- Ulrika, -- sie war Musik und nichts andres. Wie sagte sie
-selber? »... daß ich nie etwas andres gekannt habe als mein Klavier.«
-Das wars wohl. Und du, Bogner -- ah, wars das, was dich zu ihr zog:
-Glut, unstillbar, wie die deine, zum einen Ziel, und die Verwandlung? Du
-aber bist doch nicht einsam, nicht verschlossen, obgleich ... Sie brach
-seufzend den Gedanken ab.
-
-Nicht einsam? nicht verschlossen? nicht mir ewig fremd?
-
-Und doch, fing sie nach einer Weile wieder an, kaum bemerkend, daß sie
-auf einem Stuhl saß, -- Ulrika war -- mehr als -- beschlossen. Sie war
--- -- Angestrengt nach einer Vorstellung suchend, fand sie schließlich:
-befangen. Das ungefähr, dachte sie, gefangen in sich selber, unfrei
-irgendwie in der einen Aufgabe. Georges -- Renate lächelte --, was
-würdest du nun sagen? -- Jedoch fiel ihr ein Wort Josefs ein:
-Tennisspielende Frauen werden schief; tennisspielende Männer niemals.
-Und -- hatte er hinzugefügt -- jeder Frau, die alles an eine Sache setzt
-wie ein Mann, es sei denn an die natürliche, ergeht es wie den
-Tennisspielerinnen.
-
-Ist uns denn -- mein Gott! -- murmelte Renate verzagt, wirklich nur die
-eine Stelle im Dasein gegeben, um zu lieben und ganz wir selber zu sein
-und schön?
-
-Wieder war über ihr das Königsgesicht, fortblickend ins Ewige. -- Er
-lächelt ja! durchzuckte es sie leise. Sie senkte den Kopf: Und was steht
-vor deiner Seele, Renate, und fordert die Verwandlung?
-
-Lange Zeit blieb alles leer in ihr und dunkel. Dann fiel ihr ein, daß
-sie das Paket mit den Briefen in der Kapelle hatte liegen lassen. Also
-ging sie fröstelnd und traurig, -- von Treppe zu Treppe, von Zimmer zu
-Zimmer von dem auflohenden und verlöschenden Licht begleitet, durch das
-dunkle Haus, den zerstörten Frostgarten und in die Kapelle, wo sie noch
-die halbe Nacht, da Streichhölzer fehlten, unter der hochhängenden
-Glühbirne saß und schaudernd in der Nachtkälte mit heißem Gesicht las,
-als wäre sie es Saint-Georges schuldig, was sein toter Vater einst
-schrieb.
-
-
- Zweites Kapitel: März
-
-
- Leda
-
-Georg, abgespannt von überhitzten Arbeitswochen in Mozarts Figaro
-sitzend, merkte schon während des ersten Aktes, daß es ihm wie immer
-erging: nach dem ersten wunderbaren Durchspültsein von der göttlichen
-Musik, dasitzend mit geschlossenen Augen, um die Bühnengeschehnisse
-unbekümmert, entfaltete in ihm sich Phantasie; Bilder, von den Klängen
-tiefer gefärbt und bewegt, schwirrten auf, schwanden, wiederholten sich
-und vergingen unter neuen Erinnerungen an dies und jenes, Gedanken an
-die Zukunft, die er erleichtert sah, plötzlich ein Stück Traumes aus der
-letzten Nacht, ein Mädchen, eine Frau -- deren Gestalt und Züge ihm kaum
-noch erinnerlich waren, die er geliebkost hatte, wie sie ihn, bis zur
-höchsten, letzten Wollust liebkost, in einem Garten ... worauf er,
-erwachend, dann merken konnte, daß nur seine Seele geträumt hatte, nicht
-aber sein Leib. Und wieder, wie in der Nacht, fühlte er das Peinliche
-der Erleichterung, -- und Erleichterung doch. Diese Weise war immer noch
-besser als -- -- er zerdrückte das Übrige, sah, die Augen öffnend, ein
-wenig geblendet von der Helligkeit der Bühne, eben den Grafen, ohne daß
-ers gleich merkte, den silbernen und blauen Cherubim aus der Decke
-hüllen, lächelte zerstreut und ließ sich untergehn im harmonischen
-Wirrwarr der Instrumente und Stimmen, bis der Vorhang fiel.
-
-Benno hinter ihm seufzte tief auf, und sein heißes, gerötetes Gesicht
-kam zum Vorschein mit ersterbenden Augen. Allein, wie deren Blick jetzt
-in das Logenhaus hinunter geriet, zeigte sich Erschrockenheit darin. Er
-faßte Georg am Arm und flüsterte:
-
-»Sieh nur! das Gespenst unten! Drüben auf der Seite, in der dritten --
-vierten -- fünften Parkettloge, wo all die Schauspielerinnen sitzen!«
-
-Georg suchte dort, über die Brüstung der Proszeniumsloge geneigt, und
-gewahrte in der Tat bald ein seltsam gespenstisches Gesicht, das, als
-gehörte es zu einem Kinde, dicht über dem grünen Plüschwulst der
-Brüstung war: gelbes, in die Stirn gekämmtes Haar, unter dem hervor aus
-dem ganz weißen, altkindischen Gesicht mit spitzer Nase, unbestimmt
-helle Augen umherspähten, sich verdrehend, so daß darin das Weiße
-glänzte, äugend in einem abstoßenden Gemisch von Munterkeit und Bosheit.
-Ein Gespensterwesen ohne Jugend und ohne Alter, fast Knabe und fast
-Mädchen ...
-
-»Siehst du?« raunte Benno. »Ein Vampir!«
-
-Allein Georgs abirrender Blick hing an dem Gesicht daneben fest, aus dem
-zwei schöne und traurige, dunkle Augen ihn anblickten; ihn? -- ja --
-gewiß -- ihn, -- und zwar senkte sie wohl gleich die Lider -- sehr
-schwarz und lang mußten die Wimpern auch am untern Lide sein, denn die
-Augensterne waren rundum verschattet --, aber im nächsten Augenblick kam
-der Blick wieder empor und hing an ihm fest, viele Sekunden lang. Dann
-wagte Georg es, zu lächeln; sie blieb ernst. Nein, nun lächelte auch
-sie, traurig, und schlug die Augen nieder.
-
-Georg streckte die Hand nach dem Opernglas, das Benno haben mußte,
-murmelte, er müßte das Gespenst sich näher ansehn, erhielt es und konnte
-nun die Gesichter beide nahe vor sich sehn und in fast natürlicher
-Größe. Das des Gespenstes war weiß geschminkt und abscheulich; auch das
-der Andern war -- ein sehr weiches, fast rundes Oval -- weiß, eher ein
-wenig grau, wie von vielem Schminken. Auch diese -- waren es wirklich
-Schwestern? -- trug das Haar in die Stirn gekämmt, aber es war
-tiefbraun, sehr altem Mahagoni oder polierter Eiche gleich, ja, es
-schien fast einen grünlichen Hauch zu haben wie Bronze, -- aber das kam
-wohl von dem nahen Samtgrün der Brüstung und -- ja, auch ihr Kleid war
-von ähnlich grünem Samt. -- Befremdend war der Mund, von dem nur in
-seiner Mitte ein hagebuttengroßer, tiefroter Fleck der Oberlippe
-sichtbar war; die Mundwinkel, tief ins weiche Wangenfleisch eingebettet,
-waren darin wie ausgewischt, ähnlich wie die Augen vom Schwarz der
-Lider.
-
-Indem sah er sie ein kleines Opernglas heben, aber gleich wieder sinken
-lassen, -- wohl da sie das seine auf sich gerichtet sah.
-
-Und dann, nachdem er das seine fortgetan, blickten sie einander wieder
-in die Augen, in Pausen, wieder und wieder. Es war süß, melodisch, --
-fast wie Drosselgesang, dachte Georg. -- Dann begann der nächste Akt.
-
-Wer ist sie? dachte Georg, wieder im Dunkel geschlossener Augen und
-wirrer Harmonien. Hat sie mich erkannt? Ach, wahrscheinlich doch!
-Überall haben sie ja Photographien von mir aufgehängt. Freilich, wenn
-die Menschen einen vor sich sehen -- im Laden zum Beispiel --, denken
-sie doch nicht, daß mans sein könnte. Er lächelte, da ihm einfiel, was
-der berühmte Gaffron, der Mime, ihm einmal erzählt hatte, wie er eine
-Ansichtskarte von der Wiener Burg gekauft und die Verkäuferin ihm eine
-empfohlen hatte mit den Worten: Da habens auch den Gaffron gleich mit
-drauf ...
-
-Er wandte sich und suchte im Dunkel der Menschen unten ihr Gesicht, fand
-es auch, mattweiß leuchtend, und sah, daß sie zu ihm emporblickte.
-Obwohl er ihren Blick nicht wahrnehmen konnte, fuhr er fort, hin und
-wieder sekundenlange Blicke mit ihr zu tauschen, dieweil er dachte:
-
-Will sie etwas? Sie sah so ernst aus; das muß echt sein. Nein,
-dirnenhaft war sie doch gar nicht! Empfand sie wirklich etwas für ihn?
-Ach, ja so wars immer mit ihm gewesen: die er hätte haben mögen,
-pflegten ihn nicht zu sehn, solange sie nicht wußten, wer er war, und
-die Unbekannten, die ihm ihre Geneigtheit zeigten, stießen ihn ab eben
-dadurch. Auch diese -- -- sie ging fast zu weit ... Und was nun? Nun das
-Anknüpfen, das unleidlich war. Sie mußte ihm erst doch mehr
-entgegenkommen, damit er sicher würde, dann wars ja einfach, allein --
--- um so mehr würde dann wieder die Zudringlichkeit ihn abstoßen ... Und
-natürlich grade heute mußte ihm dies begegnen, wo er nach Wochen und
-Wochen des Schmachtens und Leidens -- nun einmal sich bedürfnislos
-fühlte! Dieses Leben hier war von allen Bestien die heimtückischeste.
-
-Schweren Herzens, als der Vorhang fiel, erhob er sich doch langsam und
-sah sie aufstehn. Bennos Arm nehmend, schlenderte er durch das heiße
-Gedränge auf den Treppen und Gängen, behelligt und unwirsch vom vielen
-Ansehn derer, die ihn erkannten, in den Wandelgang hinter den
-Proszeniumslogen hinunter, der fast leer war. Sie stand in der Tür ihrer
-Loge und sah ihn kommen, bewegte sich vor, ging an ihm vorüber, ihn
-ansehend, ohne zu lächeln.
-
-Und dann begegneten sie sich, Beide umwendend -- Benno, aufgelöst in
-Musik, wanderte blindlings und schweigsam mit --, begegneten sich noch
-einmal -- und lächelte sie jetzt nicht wieder? -- und ein drittes Mal,
-worauf sie verschwand. Das grüne Samtkleid, das schlecht und lose saß,
-wunderte Georg, ohne seine wachsende Zuneigung viel zu stören.
-
-Oh er würde sie lieb haben können! Wenn sie nur nicht törichten Geistes
-war, -- aber das schien nicht so. Also mußte es sein. Mußte, mußte!
-Nicht wieder aus Feigheit die Gelegenheit versäumen! Nun -- aber wie? --
-Es mußte sich finden ...
-
-Der dritte Akt war noch nicht halb vorüber, als Georg sie mit dem
-Gespenst flüstern sah. Dann stand sie auf, stand noch einen Augenblick
-aufrecht, zu ihm aufblickend, und verschwand.
-
-Georgs Herz tat einen Sprung und begann zu rennen. Festgebannt noch für
-Sekunden, erhob er sich dann doch und sagte zu Benno, er müsse ihn
-entschuldigen, und, verlegen lächelnd: ein Abenteuer verlangte ihn ...
-
-»Aber wie denn, Georg?« fragte Benno fassungslos. »Ich hab doch gar
-nichts gesehn!«
-
-Georg drückte ihm die Hand, verließ eilig die Loge, ließ sich Hut und
-Mantel geben und lief mit angstpochendem Herzen hinunter. Noch auf der
-Freitreppe sah er sie unten in der Halle stehn, -- ja was für einen
-abscheulichen, vergilbten alten graden Strohhut hatte sie denn auf dem
-Kopf! -- Georg fand sie so entstellt, daß er fast dies als letzten
-Ausweg benutzt hätte, um davonzukommen, allein was sollte Benno denken?
--- Sie stand -- er sah sie von der Seite --, langsam einen schmutzigen
-weißen Glaceehandschuh anziehend --, und nun wandte sie sich herüber,
-sah ihn und ging schnell hinaus. Er folgte. Sehr langsam; so langsam er
-konnte.
-
-Die dunkle, enge Straße war voll von wartenden Automobilen und
-Equipagen. Die Nachtluft atmete lau. Und dort links bewegte ihr Schatten
-sich davon, auf das rote Leuchten der breiten Goethestraße zu. Langsam
-folgte Georg, mit Entschlußlosigkeit kämpfend, mit: Soll ich? und: Soll
-ich nicht? wechselnd fast bei jedem Schritt. An der Ecke angelangt,
-gewahrte er sie erst nach einigem Suchen schon fern drüben auf der
-andern Seite, wo das steinerne Brückengeländer die Häuserzeile
-fortsetzte, und etwas rascher nachgehend, sah er sie über die Brücke, am
-Gitter der Molkerei hinabgehn, dann um die Ecke biegend entschwinden.
-Selber dort -- auf einmal ganz verwirrt vom Erinnerungsgeruch der
-Gegend, durch die ihn jahrelang sein Schulweg geführt, -- sah er sie
-wieder auf der andern Seite der zweiten Brücke über der Flußbiegung, und
-sie stand still an der Brüstung, flußabwärts blickend, -- dorthin, wo am
-linken Ufer sein alter Schulhof lag und dahinter das rote Haus mit der
-Sonne auf dem Türmchen ...
-
-Ja, nun mußte es geschehn. Unaufhaltsam kam er näher. Was war zu sagen?
-Abscheulich war das ja! Und dies Wesen war womöglich ihre Schwester mit
-dem Gespenstergesicht! -- Und dann ballte er sein Innres zusammen wie
-ein Papierknäuel, trat neben sie und sagte -- eben zwei näherkommende
-Männer gewahrend -- im Ton alter Bekanntschaft, wenn auch heiser:
-
-»Es ist angenehm kühl hier, nicht wahr?«
-
-Nun erst wandte sie das Gesicht herum, lächelte ein wenig krampfhaft,
-bewegte die Lippen und sagte endlich, dieweil Georg plötzlich in
-schönster Sicherheit dachte: sie hat ja mehr Angst als ich! --:
-
-»Ja.«
-
-Und nun gingen sie zusammen weiter, Georg besinnungslos dies und jenes
-redend, von der Musik, von den Darstellern, ohne zu wissen, was er
-sagte, -- gingen die dunklen, laternenerhellten, gewundenen Straßen, wo
-Georg jeden Stein kannte, an seiner alten Öltzenstraße, ganz nahe am
-Pragerschen Hause, am Kolonialwarenhändler Kiffe, am Bäcker Engelhardt
-vorüber, an den alten Schildern mit Anpreisungen von Malzkaffee,
-Kindermehl, Leibnizkakes, -- wo Georg dann merkte, daß er vor
-Erinnerungen wieder verstummt war -- einerseits, und daß sie ja in der
-Richtung seiner Wohnung gingen -- andrerseits.
-
-»Wohin gehen wir eigentlich?« fragte er da kameradschaftlich.
-
-Sie lachte leise. »Halt in die Allee.«
-
-Und so kamen sie über den Platz und waren bald im Dunkel der noch kahlen
-Lindenwölbungen. Da schob Georg seinen Arm in den ihren, und siehe da,
-sie faßte mit der Hand, an der kein Handschuh war, die seine, und er
-mußte nach einer Weile wieder loslassen, um gleichfalls den Handschuh
-auszuziehn.
-
-»Und nun,« sagte Georg in völliger Sicherheit, »nun erzählen Sie mir,
-nicht wahr! Wie heißen Sie? Nur den Vornamen, -- Nachnamen interessieren
-mich nicht.«
-
-»Cornelia«, hörte er sie sagen.
-
-»Cornelia?« fragte er überrascht. Wer hieß denn Cor--? Ach, Cornelia
-Ring!
-
-»Nicht Cornelia,« sagte sie lachend, »Cordelia mit d, von _cor_,
-_cordis_.«
-
-»Oh Sie können ja Latein!«
-
-»A bissel!«
-
-»Und Bayrisch?«
-
-»Na freilich! Oberbayrisch, mei Muttersprache!«
-
-»Am Ende auch Griechisch?«
-
-»Auch. A weng!«
-
-»Das glaab i nimmer!« versuchte Georg sich Münchnerisch. »Sagen Sie mal
-was auf!«
-
-Sie sah gradeaus. Er merkte beseligt, daß ihre Finger mit den seinen
-spielten.
-
-»Na, fällt Ihnen nichts ein? Dann übersetzen Sie mal: _Anär tis
-athänaios -- uk ebuleto fotografizestai!_«
-
-Leicht auflachend stutzte sie. Hatte sie gelogen?
-
-»Was heißt denn das?« fragte sie dann. »Ein griechischer Mann, der nicht
-photographiert werden wollte? Wo kommt denn das vor?«
-
-»Also wahrhaftig, Sie könnens! Das ist so ein alter Schülerscherz. Dann
-können wir ja griechisch weiter reden.«
-
-»Awo!« sagte sie, seine Hand drückend. »Sagens mir lieber, wie Sie
-heißen?«
-
-»Wissen Sie das nicht?« fragte er unbedacht. -- Sekunden vergingen, bis
-sie ihn ansah und fragte: »Nein, -- woher soll ich das wissen?« Und
-Georg atmete auf.
-
-»Ich heiße Georg.«
-
-»Georg? Ach, das ist schön!«
-
-»Und auch griechisch.«
-
-»Ja: ge--vor--gós,« sagte sie mit genauer Betonung schulmäßig, »der
-Landmann. Sans an Landmann, gell?«
-
-Oh dies >gell< war entzückend! Georg schüttelte nur lachend den Kopf,
-und sie wanderten langsam weiter, schweigsam, während Georgs Herz immer
-zärtlicher, sein Geschlecht immer begehrlicher empfand. Sie nahm jetzt
-den Hut ab, schüttelte den Kopf, und Georg sah, daß ihr Haar kurz
-geschnitten rund um den Nacken fiel. Darüber erlag er plötzlich, blieb,
-sie festhaltend stehn, umschlang sie und drückte sie an sich, während
-ihr Kopf schon hintenüber sank, ihr Mund emporkam, doch traf er, sie
-küssend, erst die Wange. Dann, als er ihren Mund gewann, brauste sein
-Blut siedend auf, durchflammt von der erschreckenden Süßigkeit dieses
-Mundes. Er stolperte, sie schwankten, ließen sich dann los und gingen
-hastig weiter, Georg trunken und beglückt. Bald nahm er ihre Hand, dann
-zog er sie davon, durch die Bäume der Allee und in einen der Wege in den
-Anlagen. Und dann saßen sie auf einer Bank, er hielt sie fast auf den
-Knien, ihre Brust lag an ihm, sie ließ sich küssen, Gesicht und Hals,
-küßte wieder und atmete tief und wild.
-
-Wieder stille geworden nach dem Ausbruch, fragte Georg, ganz froh vor
-glücklicher Überraschung:
-
-»Nun sag, was möchtest du? Hast du Wünsche? Wollen wir nach Ägyptenland
-reisen? Oder nach Stockholm? Na?«
-
-Sie schwieg; ihre Augen blieben geschlossen an seiner Schulter.
-
-»Aber erst muß ich wissen, wer du bist, nicht wahr?« sagte er leise
-scherzend. Da schlug sie die Augen auf und sah ihn lange an. Endlich
-sagte sie ganz ernst und mit tiefer Stimme:
-
-»Ich bin nur eine arme Seele!«
-
-Und eine Weile später hörte er, übermannt von Mitleid, Zärtlichkeit und
-Staunen, sie sagen:
-
-»Bist du denn so reich? -- I moan,« setzte sie hinzu, »weils du von
-Reisen redst.«
-
-»Möchtest du denn reisen?«
-
-»Ich will, was du willst«, sagte sie leise.
-
-Ihn überliefs. Was war das hier? Was hielt er denn hier im Arm?
-
-Lange wars still. Ob ihr nicht kalt sei, fragte er.
-
-Oh nein, sie sei ja ganz glühend.
-
-»Aber schad, daß nicht Mai ist«, meinte sie dann träumerisch vor sich
-hin.
-
-»Die Nachtigall ...« fing er an.
-
-»-- müßt halt schlagen«, ergänzte sie wohlgemut, halblaut wie aus dem
-Schlaf.
-
-»Also gehn wir doch hin, wo sie schlägt, Cordelia. Du wolltest dir doch
-was wünschen. Wünsch doch mal! Na, was möchtest du wohl jetzt?«
-
-»Was i möcht?« Sie lächelte geschlossenen Auges und fuhr sachte mit
-lieblichem, innerm Humor fort:
-
-»Ich sollt in eim Schloß sein dürfen ... im Garten von dem Schloß --,
-und in an -- Teich. Ja, in dem Wasser, dem kühlen, -- da sollt ich stehn
-dürfen, bis zun Knien. Und auf meinen Armen -- so ausgestreckten Armen
-weißt und am Kopf und den Schultern -- da sollt alles voll sein dürfen
-von -- Papagoyen. Naa! ich mein' ja nicht Papagoyen, ich mein' --
-Lerchen. So a kloans Gsindl, weißt! Aber -- -- das bräucht halt a net!
-Bloß das kühls Wasser bis zun Knien, das sollt schon dürfen«, schloß sie
-bescheiden.
-
-»Und das Schloß?«
-
-»Und das Schloß halt«, wiederholte sie befriedigt.
-
-»Dann also los, gehn wir hin!« entschied Georg, sprang, sie abgleiten
-lassend, auf und zog sie mit sich den Weg hinunter auf die chaussierte
-Straße zum Schlößchen. Sie sagte lange Zeit nichts, wohl im Glauben, er
-scherze. Plötzlich aber hielt sie an, faßte ihn mit beiden Händen bei
-den Schultern und fragte, ihre Augen fest und ganz nah unter die seinen
-haltend:
-
-»Georg! bist du wirklich reich?«
-
-Er bejahte verwundert. Langsam irrte ihr Blick ab, fiel, sie senkte die
-Stirn gegen seine Brust.
-
-»Ach, das ist schade!« seufzte sie tief auf. »Ich dachte, du wärest auch
-arm ... Aber gut bist du, nicht wahr?« sprach sie, ihn wieder
-anblickend, hastig weiter, »bist du nicht? Ja, du bist gut! Oh sag doch,
-daß du gut bist, bitte sags, bitte, bitte sag mirs doch!« wiederholte
-sie bettelnd gequält, bis er Ja sagte.
-
-»Danke«, seufzte sie leise. »Dank dir viele Male. -- -- Gehn wir nun zum
-Schloß?« fragte sie kindlich zum Spaß. Er nickte nur, verwirrt von all
-dem sonderbaren Hin und Her, aber sehr gerührt, dankbar und voll
-Vorfreude über die kommende Überraschung.
-
-»Ists das?« fragte sie, als zur Linken die Hausecke im Dunkel sichtbar
-wurde. Er nickte nur und zog sie weiter an der Hand, die Rampe empor vor
-das Portal, wo er sein Schlüsselbund hervorholte und mit den Worten
-»Wolln mal sehn, ob einer paßt!« einen nach dem andern versuchte, bis er
-den richtigen nahm und aufschloß.
-
-»Es geht ja auf!« schrie sie ganz entsetzt. Er aber war schon im Saal,
-drehte die Lichtkurbel, nahm den Hörer des Haustelephons von der Wand,
-hörte nach Sekunden -- dieweil er sie dastehn sah, ihren alten Hut in
-der Hand, fassungsloses Staunen überm ganzen Gesicht -- des blassen Egon
-verschlafene Stimme und trug ihm auf, Limonade und zwei Gläser ins
-Arbeitszimmer zu bringen.
-
-»Oder magst du lieber Wein? Ich trinke keinen«, fragte er sie, die mit
-runden feuchten Augen immer noch langsam umhersah. Dann schien sie ihn
-zu erkennen, ihre Augen verdunkelten sich schwer, auf einmal war sie vor
-seine Füße hin an den Boden geglitten, legte die Stirn an seine Knie und
-sagte:
-
-»Habe Dank, Herr!«
-
-Und nach einer ganzen, für Georg fast verzweifelten Minute in der Scham
-seines Nichtseins und Scheinens:
-
-»Ich bin dein eigen.« --
-
-Dann gelang es ihm endlich, sie hochzuziehn. Sie ließ sich geduldig
-küssen wie ein erschöpftes Kind, lachte dann leise und verlangte, wieder
-in ihrem kindlichen Spaßton, »das Übrige.«
-
-Georg schloß aus alledem mit Bestimmtheit, daß sie Schauspielerin war;
-zwar hatte er nie eine gesehn, die so fortwährend agierte; aber die Art,
-wie sie's tat, war ihm bezaubernd.
-
-Als aber bald darauf im Arbeitszimmer die Mondsphäre aufleuchtete, war
-sie vor Andacht kaum zu bewegen, daß sie die Stufen herunterkam, und
-dann ging sie umher und bewunderte und berührte ein jedes, die
-Kostbarkeiten, die Blumen, die Möbel, mit einer kleinen, scheuen,
-bittenden und vertraulichen Bewegung der Hand, bis sie vor dem
-Penserioso in vollkommenes Schweigen versank. Unterweil brachte Egon
-Limonade, Georg mischte ein Glas, brachte es ihr, und sie nahm es, ohne
-es zu bemerken, trank und gab es ihm wieder.
-
-»Man möcht ihn immer anschaun«, sagte sie endlich. Und, die Hände
-faltend vor der Brust:
-
-»So möcht man auch einmal können sitzen -- immer so -- und nachdenken,
-immerfort nachdenken, wie das alles kommt ...«
-
-»Ja, nun bin ich im Schloß!« stellte sie erwachend fest. »Und du bist
-also der Prinz. Schad, wie a Prinzessin schau ich net aus da herum!«
-sagte sie, den Fuß vorstreckend, um ihn auf ihr altes Kleid aufmerksam
-zu machen.
-
-Georg lief zur Truhe neben dem Kamin. Darüber gebückt, in den seidenen
-Zeugen wühlend, erinnerte er sich mit Macht, aber er wollte sich nicht
-Esthers erinnern, wühlte stumpf weiter, den roten und blauen Bademantel
-hervor, den Sigurd, den Kimono, den Ulrika getragen. Es mußte etwas
-Dunkles sein für Cordelia, -- nein, es war nichts, das gepaßt hätte,
-außer Esthers Gewand. Schweißtropfen standen auf seiner Stirn, als er es
-Cordelia brachte und sie, ganz wie Esther dazumal, ins schnell
-erleuchtete Schlafzimmer damit drängte. Dann kühlte er sich mit Limonade
-und versuchte, zu glauben, daß Esther das Kleid gerne hergab.
-
-Ihre Stimme hinter sich hörend, drehte er sich um. Oh sie sah nun
-köstlich aus in dem düstern Kleid mit feurigen Blumen, das sie,
-nacktfüßig, mit beiden Armen an den Leib drückte, schmitzäugig
-flüsternd; sie habe nichts drunter an; so weich sei's, so ...
-
-Er glaubte, alles zu begreifen, sprang auf sie zu, ergriff ihre Hand,
-lief mit ihr zur Gartentür, öffnete und zog sie ins Freie, den Weg
-hinunter durchs Gebüsch bis an den Wassergraben. -- Das sei der Teich,
-den er hätte. Aber ob es ihr denn wirklich nicht zu kühl sei ...
-
-Sie stand, den Kopf im Nacken, lange nach oben blickend. Endlich
-flüsterte sie melodisch und auch theatralisch:
-
-»Nicht Mond noch Sterne in der Nacht. Dann will ich leuchten!« und ließ
-das Kleid an den Boden fallen.
-
-Georg zitterte in den Knien. Er wagte fast nicht, sie anzusehn, sah die
-dunkle Wasserfläche, das schwarze Strauchwerk drüben, auch -- einen
-grauen Fleck im Schwarzen der Flut -- den jungen Schwan, der sich
-bewegte, und endlich sie selber, die wieder erhobenen Hauptes aufwuchs
-aus der Erde, völlig wie Marmor so bleich weiß, so weich und schmal,
-aber mit vollen, schönen, breit aufgesetzten Brüsten. Sein Blut lief
-über, er lag an der Erde und küßte ihre Knie, ihre Füße, sprang wieder
-auf, wollte sie an sich ziehn, erschrak, ihre Brust berührend, weil sie
-kühl war, nein kalt, wie Marmor, jedoch weich, -- allein sie wies ihn
-leicht ausweichend von sich und ging schnellfüßig die schräge
-Uferböschung hinab bis ans Wasser. Er sah, daß sie strahlte mit ganzem
-Leib. Nun rauschte die Flut, in die sie watete. Stehen bleibend, drehte
-sie sich nach ihm um; er hörte durch das Brausen in seinen Schläfen ihre
-Frage, ob der Schwan gefährlich sei, und sah, leise verneinend, sie
-tiefer in die schwarze Flut gehn. Der Schwan kam jetzt mit leichten
-Stößen heran, -- er war jung und zutraulich --, bewegte voll Anmut den
-Hals auf und nieder, drehte den Kopf, beschrieb einen Kreisbogen, sie
-streckte die Hände nach ihm aus und lockte, da kam er näher, ganz nahe
-zu ihr, richtete sich auf, spreizte sich und schlug mit den Flügeln.
-Stillehaltend danach, ließ er sie sich zu ihm bücken und ihn liebkosen,
-schmiegte den Hals an ihr empor und legte den Schnabel auf ihre Brust.
-
-Fast kühl ward es Georg im Hinsehn. Die Nacht war unbewegt, windlos,
-geräuschlos, wie ohne Jahreszeit, nur Nacht, und, ins Vorjahrgras der
-Uferböschung niedergleitend, fühlte er das Rieseln über Rücken und Armen
-vom unbegreiflichen Schauder einer Furcht, bis er jetzt ganz überronnen,
-schamhaft wie ein Knabe das Gesicht in den Händen verbarg, dann völlig
-verwirrt, glücklich, schwellend von tausend Gefühlen, sich auf dem
-Rücken ausstreckte.
-
-Leise rauschte es wieder in der Flut. Er sah sie heraufkommen, nicht
-dort, wo er lag, ein wenig links von ihm, und hingleiten. Lange Sekunden
-mußte er ohne Bewegung bleiben, nach oben blickend, trunkenen Auges. Als
-er sich dann zu ihr wandte, lag sie abgekehrt, ganz still, und wie er
-nun die Hand ausstreckte nach ihrer Schulter und sich hinüberbog,
-erkannte er, daß sie den Kopf auf den Arm gelegt hatte und weinte. --
-Erschrocken zog er die Hand zurück, streckte sie wieder aus, wollte
-etwas sagen, blieb stumm, ratlose Bestürzung im Herzen und Mitleid, so
-wenig er begriff.
-
-Plötzlich lag sie auf den Knien, das Haupt tief hintenüber zum Rücken
-gesenkt, die Arme schlaff. Trotz des Dunkels konnte er sehn, wie ihre
-Brust sich hochwölbte und spannte, bis ihr Mund mit einem haschenden
-Wehlaut aufbrach, und sie seufzte ein sterbend tiefes, erschütterndes:
-Ach!
-
-Im nächsten Augenblick war sie aufgestanden und ging langsam, ohne nach
-ihm zu sehn, das Ufer hinauf, den Kopf gesenkt, schlaff hangender Arme,
-und weiter und zwischen dem schwarzen Strauchwerk fort, wo das Weiß
-ihrer Glieder noch lange schimmerte. Endlich klang leise die Tür zum
-Haus.
-
-Georg wartete, still in sich hinein lächelnd. Sie schämt sich nun,
-dachte er, oh wie werde ich sie lieben können!
-
-Als aber sein Blut anfing, heftiger zu sausen, das Zittern der
-Begehrlichkeitsangst über der Herzgrube wütender pochte, spiegelte er
-sich vor, sie erwarte ihn drinnen, im Schlafzimmer womöglich -- und
-ging, jedoch langsam.
-
-Das Arbeitszimmer war leer. Die Tür zum Schlafzimmer stand halb offen,
-und drinnen war Licht. Er trat leise näher und spähte hinein. Niemand
-war darin.
-
-Georg fühlte sich einen Augenblick versucht, die Schränke zu prüfen, ob
-sie sich in einem versteckt halte, doch brachte ers nicht fertig, ging
-ratlos ins Zimmer zurück, und als er absichtslos über den Schreibtisch
-hinblickte, schien ihm dort irgend etwas verändert. Nähertretend sah er
-auf dem weißen Löschblatt der Schreibunterlage große Schriftzüge, mit
-dem Blaustift geschrieben, der noch darüber lag.
-
-»Dank! Dank! Dank!« las er; und darunter: »die arme Seele.«
-
-Haß und Enttäuschung, die aufquellen wollten, kamen doch nicht hoch vor
-dem Schauder der Ratlosigkeit und des Staunens. Seine Stirn sank langsam
-vorüber, indem er in den Stuhl hinabglitt. Er hätte weinen mögen vor
-Bitterkeit. Dann verging auch diese in offenbares Nichtverstehn. Sie
-wieder im Wasser unter sich sehend, beneidete er den Schwan. Bald fühlte
-er sich müde, stand kopfschüttelnd auf, lächelte mit Anstrengung und
-begab sich ins Schlafzimmer.
-
-
- Renate
-
-Renate erwachte beim Frühgeläut aus der nahen katholischen Kirche,
-dehnte sich, machte die Augen versuchsweise ein paar Mal auf und wieder
-zu und stellte fest, daß sie friedlicher und behaglicher Laune war.
-Vielleicht, dachte sie, kommt ein Brief, oder Besuch, und sie streckte
-sich gerade aus, faltete die Hände unterm Nacken, sagte sich, wie
-wunderbar breit ihre Muschel von Bett sei, heftete die Augen auf die bei
-der Dämmerung kaum kenntlichen Züge der dunklen Madonna Feuerbachs
-drüben an der lichten Wand, schnurrte schließlich gähnend wie eine
-Spirale in sich zusammen und sprang aus dem Bett. Im Schlürfen ihre
-bastenen Badeschuh an die Füße bringend, ging sie ans Fenster, das weit
-offen stand, schlug den Vorhang zurück und fand den kaum ergrünten
-Garten angenehm verschleiert von einem lautlos fallenden Regen, worauf
-sie mit schönem Schaudern wieder unter die Decke kroch, um sich zu
-erinnern, was sie geträumt hatte. -- Allein unvermutet entglitt sie sich
-selber, und langsam, nicht wissend, ob sie wache oder träume, sah sie es
-vor ihren Augen sich entfalten ...
-
-Sie glaubte, daß sie auf der Veranda stehe und über die Stufen in den
-Garten schaue, in dem es nicht dunkel, nicht hell war; schattenloses
-Traumlicht herrschte, es war alles grün, Bäume und Büsche standen
-dichter und stiller als sonst. Da begann etwas Weißes sich im Garten
-umher zu bewegen, und sie erkannte sich selber, die auf dem um den
-Rasenplatz führenden Wege plötzlich deutlich sichtbar ward und sich in
-das enge Grün hinein entfernte. Darin taten sich immer neue Wege auf,
-und ihr Gehen war schön und friedlich anzusehn, und jetzt war sie es
-auch wirklich selber, die ging, und sie sah sich nicht mehr. Hinter ihr
-sagte die Stimme Bogners: Jetzt kommen die großen Verneigungen. Da war
-wieder die weiße Gestalt, sie selber, und hatte auch schon angefangen,
-sich zu verneigen, mehrere Male, im Gehen, und aus Verneigung und
-Sichaufrichten wurde ein sehr ernster Tanz, der endete, indem all dieses
-verschwand in einem grenzenlosen, leidenschaftlichen Schluchzen, das aus
-allen Tiefen und Höhen zugleich herauszuquellen schien, zusammenschlug
-und sie verschlang. -- Renate ging suchend im Garten umher, Magda wars,
-die sie hinter allen Gebüschen suchte, immer ängstlicher und
-aufgeregter, allein immer, wenn ein Weg und ein Blick frei zu werden
-schien, verstellte etwas die Aussicht, ein Mensch, den sie umgehn, ein
-Busch, ein Zaun, ein kleines Haus, um die sie laufen mußte, und auf
-einmal befand sie sich vor ihrer Orgel, die mitten in einem Walde stand.
-Es war dämmrig geworden, und oben auf den matt glänzenden Pfeifen saßen
-regungslos viele dunkle Vögel ohne Augen, und sie sagte: Das sind die
-Eulen. Sie mußte die Bälge wohl angetrieben haben und dachte, wenn ich
-ganz leise spiele, werden die Eulen es vielleicht nicht merken, sonst
-würden sie gewiß aufgeplustert und in die Luft geworfen werden, und sie
-zog _Vox humana_ und das Flötenmanual auf, aber indem sie nach ihren
-Füßen blickte, die sie auf die Pedale setzen wollte, hörte sie hoch über
-sich die _Vox humana_ ganz fern _Agnus dei_ singen, vor ihren Füßen aber
-rauschte Wasser klar hervor, die Orgelpfeifen standen darin, und in der
-hellen Flut wurden erst Hände, dann Bogners Züge sichtbar, die langsam
-nach oben schwebten, anzusehn wie ein grüner Wassergott ...
-
-Renate fuhr zusammen und spürte, daß sie lag. Und jetzt, da das
-Glockengeläut schwieg, hörte sie die kleinen Takte und Pausen der
-schwarzen Amsel und wußte, daß die es gewesen war, die im Traum _Agnus
-dei_ sang.
-
-Eine Weile noch lag sie still; die Amsel sang nicht mehr; sie hörte das
-Hausmädchen, das die Treppe fegte und mit dem Schmutzblech klapperte,
-und auf einmal -- fühlbar -- merkte sie den Stillstand in sich und
-fragte: Wie kommst du hierher, Renate? -- Sie lag und mußte still
-liegen, und es war Unveränderlichkeit, das wußte sie, solange sie diese
-Lage festhielt. Nichts konnte geschehen, zuvor war alles ein beständiges
-Fließen, Gleiten, Nachfolgen gewesen, nun aber war sie hier angelangt,
-aus gelinder Flut den Kopf an ein schlichtes Gestade hebend,
-rückschauend über Strom, Brücken fern, Stadt und Türme, -- wie fremd sah
-alles aus! Wer denn hatte sie hierher getragen? Es schien ihr nun, als
-ob einmal viele Arme und Hände sie umschlungen hatten, worauf ihr Leben
-sich zerstreut, immer zur Hälfte, zu Dritteln, zu Fünfteln sich
-weggegeben hatte, und jedesmal entstellte und beraubte der fortgegebene
-auch den gebliebenen Teil. Wann hatte das angefangen? Als sie in dies
-Zimmer kam, in dies Haus. Ja, hatte sie vordem nicht allein auf sich
-gestellt hingelebt? Zugleich freilich ihrem Vater, aber wie war der ihr
-gewohnt gewesen! Der war nun schon so lange tot, daß sie, seiner
-gedenkend, nichts empfand als sein gütiges Gewesensein in ihrem Leben,
-nichts sah, als sein immer freundliches altes Gesicht. -- Dann, ja, dann
-war dies hier gekommen, Erasmus, Josef, der Onkel, und bald alle die
-Andern, die Friedliebende Gesellschaft, Saint-Georges und -- Bogner. Und
-lange schon waren Viele von ihnen wieder fort. Herbst, Winter, Frühling,
--- das waren Namen, -- für was? Orgel- und Klavierspiel, Arbeit mit dem
-Freunde, ein Konzert, ein Besuch, ein Mensch, der von der Reise kam,
-Gespräche, viel Bücher, immer Beschäftigung, und alldas -- wozu? Wellen
-durchs Herz, spurenlose. Sie mühte sich eine Zeitlang, deutliche
-Erinnerungen zu finden, aber im Augenblick hatte alles ins Unsichtbare
-sich hinweggezogen, es war leer, Windstille, Eisvogelbrüten. Siedendheiß
-ward ihr plötzlich. Liebte ich nicht jemand? fragte sie lautlos, aber
-beinah grimmig in die Stille hinein, richtete sich auf und heftete die
-Augen angstvoll ratlos in die regenumschleierten Wipfel draußen. Wie
-weiß das Zimmer ist! dachte sie plötzlich, und, mit Heftigkeit die Knie
-an sich ziehend, die Hände neben sich aufstützend, zur Tür blickend,
-sagte sie laut: Hier kommt niemand herein. --
-
-Da mußte sie lächeln über diese Versicherung an sich selbst. Und was
-habe ich schon davon, murmelte sie und ließ den Kopf hängen. Eine
-Flechte fiel an ihrer Wange herab, sie ergriff das Ende davon und strich
-damit über die Decke wie mit einem Pinsel.
-
-Ich bin wohl, sagte sie sich kühl, zu Manchem hingegangen; wer kam zu
-mir? Niemand. Wie? Kam nicht Josef, nicht Erasmus? Georg vielleicht, war
-der nicht auch auf dem Wege gewesen, und wie war das mit Sigurd? Aber
-du, du, du, eiferte sie böse, du kamst nicht, und was sollten mir also
-die Andern! -- Sie schleuderte ihr Haar hinter sich zurück, packte es
-mit beiden Händen am Hinterkopf und warf sich so ins Kopfkissen. -- Mein
-ganzes, unverbrauchtes Herz habe ich so in der Hand, knirschte sie
-wutentbrannt, wie dies Haar, meines Weges bin ich dahergeglitten, und
-nun kommen die tiefen Verneigungen. -- Da mußte sie nun lächeln, ihres
-Traumes gedenkend, und jetzt gedachte sie einen schönen Namen zu
-flüstern, einen selbstgesprochenen Namen zärtlich zu hören, aber statt
-dessen schleuderte sie die Füße unter der Decke hervor und saß nun
-aufrecht auf dem Bettrand, vorgebeugt, die Hände aufgestemmt, und
-horchte. Alles blieb still, aber ihr Herz schlug laut und langsam.
-Plötzlich schlug es dreimal schnell hintereinander, setzte aus und ging
-wieder ruhig. War sie erschrocken? Sie lächelte über sich selbst. War
-jemand ins Haus gekommen? Die Klingel konnte sie hier nicht hören. Sie
-blickte auf die Uhr, es war acht. Gleich darauf klopfte es an der Tür,
-und das Mädchen meldete Frau Tregiorni.
-
-Als Renate nach beschleunigtem Bad und Ankleiden herunterkam, wurde ihr
-gesagt, Ulrika sei in der Kapelle. Es regnete heftiger, sie mußte unterm
-Schirm hinübergehn. Ulrika, in einem nassen Lodenmantel und Kapuze,
-frisch und lebendig aussehend, stand vor einem von Bogners Engeln. Ja,
-nun mußte Renate erst ihr Kleid von allen Seiten in Augenschein nehmen
-lassen und erzählen, daß sie sich für den Winter als Haustracht drei
-solcher einfacher Röcke habe machen lassen, einen russischgrünen, einen
-violetten und einen eisengrauen; die Blusen hatten die Form eines
-russischen Kittels mit ledernem Gürtel, an dem der Hals frei blieb und
-der Verschluß von der rechten Seite des Ausschnittes schräg über die
-Brust hinunter zur linken Hüfte lief. Ja, und der graue Kittel war
-orangefarben gepaspelt, und man konnte jeden Kittel zu jedem Rock
-tragen, und so trug sie heute Grau und Grün zusammen. Alle Farben könnte
-sie tragen, jammerte Ulrika, sie mit ihrem roten Haar hätte bloß ihr
-ewiges Blau oder Grün, und an Festtagen Lila. »Braun hab ich dir doch
-offenbart«, lachte Renate und umarmte sie. -- Warum sie aber wohl in
-aller Herrgottsfrühe herausgelaufen sei? -- Dies wußte Ulrika
-keineswegs; es hätte so schön geregnet. Und sie hätte so seltsam
-geträumt, sagte sie nachdenklich.
-
-Während Ulrika ihren Traum erzählte, frei in der leeren Kapelle stehend,
-den Blick im offenen Fenster, wogten so seltsame und wirre Empfindungen
-durch Renate, daß sie plötzlich erschrak, da sie allein, als habe sie
-Ulrika geträumt, vor ihrer Orgel saß. Nachträglich begann jetzt Ulrikas
-Erzählung sonderbar in ihr zu klingen, in einem langsam schreitenden
-Takt, der die Worte allmählich ordnete, und sie begann in das erste
-beste Notenbuch vorn auf die leere Seite den Traum aufzuschreiben,
-folgendermaßen:
-
- Mir träumte: In der nächtigen Allee
- Entgegen kam ich ihm; ich sah: er war es,
- Jedoch ein Fremder schien er, und er ging
- Vorüber mir wie ich an ihm, jedoch
- Nach wenig Schritten mußte ich mich wenden.
- Da stand er hergewandt nach mir, und Beide
- Entgegen kamen wir uns nun und sahn
- Uns lange ernsthaft, ernsthaft in die Augen.
- Ich kann nicht sagen, was ich da empfand.
- Wir gingen nun zusammen, er und ich,
- Hinab die finstere Allee ganz schweigsam.
- Am Ende blieb er stehn, ich aber bog
- Zur Seite in den Park, und um den Teich
- Ging ich und sah nicht um, doch als im Bogen
- Ich weit herumgekommen war, da sah
- Ich ihn, wie er mir langsam nachging. Endlich
- Fand ich die Bank, wo wir einmal die Drossel
- Am Abend hörten und gesprächig wurden.
- Dort setzt ich mich. Da kam er, und er sah
- Nicht mich und ging vorüber als ein Fremder.
- Verschwunden war er, aber ich stand auf
- Als eine andre; als ein andrer Mensch;
- Neu war ich, reif, vollkommen, ganz in Frieden,
- Mit mir, mit euch, mit Gott; nicht klug, nicht reich,
- Jedoch gehalten, aufrecht, und von innen. --
- Sag, warum weint ich so, als ich erwachte?
-
-Sag, warum weint ich so, als ich erwachte, wiederholte Renate noch
-willenlos, auf die geschriebenen Bleistiftzeilen starrend. Dann errötete
-sie langsam, während sie sich fragte: Habe denn nun ich das geträumt,
-oder wer? -- Sie sah Gegend und Menschen dieses Traumes dergestalt
-leibhaft, daß ihre Vernunft ihr in Verwirrung zu geraten drohte. Auch
-die Amsel sang in diesem Traum, bloß hatte Ulrika gesagt: Drossel. Nein,
->entgegen kam ich _ihm_<, das hatte sie nicht gesagt, sondern: >Bogner<.
-
-Renates Augen, die gedankenleer langsam nach oben gingen, trafen sie
-selbst in dem kleinen Spiegel über ihr. -- Ja, so schreckhaft bin ich
-geworden, sagte sie vor sich hin, daß ich den Spiegel da habe machen
-lassen. Manchmal kam Onkel ja herein, während ich spielte. Wie oft saß
-ich schon hier, sagte sie, sich immer ansehend, entfremdet hinter dem
-Spiegelglas, seltsam zusehend, wie in den Zügen Bewegungen entstanden,
-eine Wendung des Halses, ein Senken der Lider, die doch sie selbst
-machte, die aber da drinnen von selber vor sich zu gehn schienen, -- wie
-oft saß ich hier, spielte nicht, hatte die Hände im Schoß und hatte in
-ihnen so wenig wie im Herzen. -- So saß sie nun wieder, müde an sich
-selber, ratlos, tatlos, sah durch das in ihrer Nähe offene Fenster das
-matte Regengrün des Gartens, hörte die Spatzen und die ersten Töne der
-Grasmücken. Verging nun Zeit? Ja, es regnete nicht mehr; ganz fern, kaum
-hörbar sang die Amsel. Verging Zeit? Sie schloß die Augen, sie hörte
-wieder das spitze Picken von Regentropfen auf Blättern, und nun strömte
-es schwer herunter, es wurde dunkler, es rauschte ganz um sie her,
-schließlich spritzte es naß zu ihr herein, und sie stand widerwillig
-auf, ging die Stufen hinunter und schloß das Fenster, hinter dem die
-Sträucher sich unwillig im Regenstrom hin und her warfen. Ihr fiel ein,
-daß es Zeit sein müsse, zu Saint-Georges zu fahren, aber sie brachte es
-nicht fertig, die Uhr hervorzuziehn, sie stand vor dem großen Engel, der
-mit der kleinen Harfe in ausgestreckten Händen durch die Landschaft über
-die Wand hineilte, dachte: So läuft er an mir auch vorüber! und ärgerte
-sich ungemein, daß sie immer und immer an ihn dachte. Da schüttelte sie
-sich, ging zur Tür, sah nichts mehr, fühlte nur das große Rauschen der
-Wasser, das alles in sich hinabschlang, fühlte sich ergebungsvoll und
-nachlässig gefangen gehalten. Durch diesen Regen komme ich ja nicht,
-sagte sie. Wozu hinaus? Ich schlafe langsam vor meiner Orgel ein, die
-Eulen setzen sich lautlos auf die Pfeifen, damit kein Staub hineinfällt,
-und ich werde hundert Jahre so sitzen. Nicht Jahre, nein, Jahr--en! sagt
-man hierzuland. Die Orgel schläft über mir, der Regen braust, wir wachen
-niemals auf.
-
-Auf einmal war sie dabei, nachzurechnen. Jeden Vormittag vier Stunden
-Arbeit mit Georges; jeden Tag wenigstens zwei bis drei Stunden Klavier
-und Orgel; jeden Tag mindestens ein Besuch bei Kranken oder Bedürftigen;
-dazu Küche, Haushalt und all die Rechnungen, nur Abends Erholung, ein
-Buch, ein Konzert, ein stilles Gespräch mit Georges. Es ist so viel, daß
-ich mitunter nicht zum Nachdenken komme. Warum genügts mir denn nicht?
-Ist mein Herz nicht dabei?
-
-Sie verlor sich, lange gedankenlos, mußte sich mühsam besinnen,
-schreckte zusammen und flüsterte: Nein, so ists aber nicht! Mein Herz
-ist immer dabei, und ein jedes ist mir Freude, solange ich dabei bin ...
-Aber eben: solang ich dabei bin nur, und wenn ich jetzt daran denke, so
-meine ich -- so mein' ich ...
-
-Wieder sich verlierend, ertappte sie sich, daß sie schief auf dem Stuhl
-saß, den rechten Ellbogen auf dem Knie, die Hände gefaltet,
-vornüberhängend, aber sie war minutenlang unfähig, die Haltung
-aufzulösen, saß nur gelähmt und vermochte sich nicht zu helfen, bis ein
-Gezwitscher draußen vorm Fenster sie aufzuschauen bewog und sich grade
-zu setzen.
-
->Die rechte Freude am Leben<, träumte sie dann, >kann nur von einer
-tiefen liebenden Erregtheit kommen, gleichviel auf was sie sich richtet,
-Gott oder Mensch oder Sache; denn dann findet sie ihre Erfüllung in
-jedwedem Tun, jedem Geschäft und Gedanken, und alles wird liebevoll.
-Dann formt sich das ganze Wesen in Tätigkeit aus, nichts wird gespart,
-nichts unterdrückt, und die Belohnung ist guter heilsamer traumloser
-Schlaf.<
-
-Das war Papas Rede, dachte sie, Wort so für Wort. Ja, so war er selber
-erfüllt von Gott, und ich wars von ihm, aber heut bin ich leer.
-
-Plötzlich schrak sie zusammen. Ihr Herz schlug laut, sie atmete schwer.
-Was ist das, mein Gott, dachte sie angstvoll, ich war doch so leicht und
-bewußt beim Erwachen? Was geht denn vor? Was geschieht jetzt? -- Und
-einen Augenblick lang war sie völlig wie verzaubert, gelähmt, nicht
-imstande, ein Glied zu bewegen. Aber dann wußte sie: Mein mattes Herz,
-meine schwache Seele, mein müder Geist, die lähmen mich so.
-Nutzlosigkeit, sagte sie langsam vor sich hin. Und danach, mit
-Anstrengung, sich selber verlockend:
-
-Es ist nicht die Stille. Es ist nicht das Unglück dieses Hauses, nicht
-das finstre Wesen des Erasmus, nicht die Angst vor dem Onkel, nicht mein
-Schuldgefühl, was mich so lähmt, mich so ungefüge, so nutzlos, so
-kleinmütig, so beklommen, so elend macht. Vielleicht, ja, es wird auch
-all dieses mit sein, aber seit wann bin ich denn so, daß Fremdes mich
-hindert, anstatt mich gut und hülfreich zu machen?
-
-Tief in ihr schrie eine gellende Stimme: Was ich bin und habe, Leib und
-Seele, Leib und Seele, alles, alles, Herz und Schoß, Brust und Knie,
-Haar und Augen und Lippen will ich -- will ich -- --
-
-Auf einmal lief sie gepeitscht durch den Raum, aufs Podium, drückte sich
-mit dem Rücken, die Hände ringend, in die Nische der Tabulatur zu den
-Registern hinein, warf den Kopf in den Nacken, als biete sie den Hals
-einer Kralle, einem Gebiß, das hineinschlagen solle, wehrte sich,
-kämpfte, überwand sich, senkte das Haupt wieder, blickte starr, schloß
-die Hände, rang die Hände. Sie demütigte, zerknirschte, öffnete sich,
-wollte, versuchte zu sprechen, flüsterte, gestand und sprach: Ich will
-bekennen.
-
-Wieder warf sie sich herum. Ich will, ich kann nicht, hilf mir, mein
-Gott! Und sie umklammerte mit den Augen ein Bündel Pfeifen und sagte
-laut und deutlich empor:
-
-Auf dich warte ich jeden Tag. Um deinetwillen leide ich, durch dich bin
-ich so müde, so lahm, so nichtswürdig, so arm. Ich liebe dich, du! Ich
-liebe dich, ich liebe dich! Von mir und dir rührt all dies Elend her, an
-deinem Leben hänge ich, an deinen Lippen schlafe ich, von deinen Augen
-träume ich, du machst mich so schwer. Für dich singt die Drossel,
-zwitschern die Vögel, grünen die Bäume und blühen die Sträucher, aber
-ich habe meine Augen abgewandt, und all das ist mir nichts. Vergieb mir,
-du, meinen Stolz, höre mich an, erhöre mich, sei gut zu mir, tröste
-mich, richte mich auf, mache mich wieder gut, komm zu mir, komm zu mir!
-Ich vergesse die Welt, wenn du da bist, ich vergesse mich, wenn du da
-bist, ich bin leicht, ich bin gut, ich bin schön, wenn du da bist. O
-vergieb mir, du bist ja langmütig! vergieb, du bist freundlich, vergieb,
-ich war so klein! Sage mir, daß du bist, so will ich alles Elend der
-Erde tragen. Sage mir, daß du an mich denkst, so will ich tapfer sein
-und nicht sorgen. Sage mir, daß du morgen kommen willst, so will ich
-mich ver--wan--deln ...
-
-Sie brach ab, denn sie hatte unweigerlich einen Schritt auf den
-Steinfliesen der Veranda gehört, und doch war das unmöglich, denn die
-war viel zu fern. Sie schwankte todbleich. Was habe ich getan? Hat er
-mich gehört? Rief ich ihn her? Und indem wurde sie ganz kühl. Jetzt
-kommt Ulrikas Freund, dachte sie friedlich, und siehe da, in der Tür
-stand Bogner, schwenkte einen triefenden Hut, lachte und rief, ob Ulrika
-nicht da wäre. Renate lachte gleichfalls und erwiderte, sie sei eben
-gegangen. Der Maler kam einen Schritt vor, drehte und besah seinen Hut,
-schien unschlüssig und murmelte endlich verlegen, ja, dann könnte er
-wohl wieder gehn. Scheinbar war er in Ulrikas Wohnung gewesen, aber er
-vergaß natürlich, das zu sagen. Einen Augenblick später war er
-verschwunden. Renate aber hörte, eigentümlich melodiös und schmeichelnd
-die Worte auf sie zuschweben: Ja, wenn du lebtest, wäre vieles nicht.
-Der Tag nicht blaß, es glänzte dein Gesicht. Die Nacht nicht schwarz, du
-leuchtetest mir gern, ach, du bist fern, bist fern, bist fern, -- ich
-weine nicht. --
-
-Freilich nein, gütiger Himmel, sie weinte nicht. Ja wenn -- du --
-leb--test! sagte sie mit listiger Betonung vor sich hin. Bogner? Das war
-ja ein gänzlich fremder Mensch gewesen! Sie mußte sich umdrehn und an
-den Orgelpfeifen emporsehn, ob da vielleicht noch von ihrem Bekenntnis
-etwas hafte und ihr beweise, daß es ihm, Bogner gegolten habe. Nein, da
-war nichts. Dieser Bogner aber war nur ein Bild, eine Heiligenfigur
-gewesen, und sie hatte an ganz jemand Andern gedacht. An wen? An
-irgendwen! Und was war nun? Erlösung? Freiheit, Guterdingesein,
-Hoffnung, Sicherheit, Zukunft, Irmelin Rose, nämlich: alles was schön
-ist? -- Nichts davon, nein, sondern eine furchtbare Traurigkeit senkte
-sich in schwarzen Schauern über sie, Schritte waren im weichen Sand des
-Gartens hörbar, langsam, unbekannte, -- nein, war das -- --?
-
-Und langsam, wie ein Geist in ihren Augen anzusehn, dem sie entsetzt
-entgegenstarrte, stieg die schwere Gestalt des Erasmus die Stufen in der
-Tür herauf, den Kopf gesenkt, und nun sah er sie erst, zuckte ein wenig
-die Stirn empor, stand still, murmelte: »Verzeih, ich dachte --« Dann
-ganz heiser: »-- bei dem Regen ...«
-
-Dann warf er die Schultern auf und nieder, als wende er sich im Rock
-angewidert hin und her, wütend, daß er gekommen war. Renate glaubte, sie
-würde im Augenblick zu ihm hinfliegen, ihm zu Füßen, ihn anzuflehn, er
-solle gut sein, anders sein, -- ja, was denn? -- -- Aber sie stand,
-ganzen Leibes in die Tabulatur hineingedrückt, die Augen im Schrecken
-weit offen, und danach, als er wieder verschwunden war, sank ihr der
-Kopf langsam wie abgeschlagen vornüber auf die Brust.
-
-Viel später fand sie sich, durchnäßt vom Regen, mitten im Garten, wie
-sie zu den Fenstern aufsah. Ohne Willen machte sie sich dann zurecht und
-fuhr zu Saint-Georges wie alltäglich.
-
-
- Drittes Kapitel: April
-
-
- Tandem
-
-Georg stand vor dem großen Spiegel im Schlafzimmer und betrachtete sein
-Abbild auf einem schönen Hintergrunde offener Fenster voll Gartengrün,
-Sonnenlichter, Goldregen und windiger Bewegung. Ein Ladenknabe, so
-dachte er, könnte sich leicht eleganter anziehn als ich. Zum Beispiel
-würde er doppelt so weite Hosen tragen, um zart anzudeuten, daß er die
-Mode kenne; aber ihm würde nicht einfallen, dunkelblauen Marengo zum
-Cutaway zu nehmen wie ich -- hier lachte er und freute sich --, denn das
-ist eine Kunst. -- Er atmete auf. Ich glaube, heut bin ich glücklich.
-Plötzlich, nahe an sein Spiegelbild herantretend, faßte er mit Gewalt
-sein Antlitz ins Auge, und so, Auge in Auge mit sich selber, mit
-festgebissenen Zähnen, murmelte er sich zu: Sage! Sag, bist du ein
-Prinz, oder nicht? Schurke! sagte er besinnungslos, gesteh! --
-Irgendetwas im Gegenüber schien zu bejahen. Das Blut stieg ihm in die
-Schläfen, er schüttelte den Kopf, lächelte und wandte sich ab. Am
-Fenster stehend, empfand er die überschwängliche Güte des Tages. Der
-Garten vor ihm lag im Schatten, still die Wege, ins Buschwerk
-entschwindend; über den schillernd grünen Wipfeln flammte der feuerblaue
-Himmel und im tiefen Blau große, gewaltige, schneeweiße Wolkenballen mit
-majestätischen Schatten. O göttlicher Tag, dachte er. Und außerdem
-Korso! und ein fabelhaftes Tandemgespann! Und Renate! Und mein Plan.
-Mein Plan. Langsam, langsam -- aber näher werde ich ihr kommen. Und in
-den Sommerferien dann Helenenruh. Da werde ich sie ganz ...
-
-Augenblicks meldete hinter ihm der blasse Egon: Fräulein von Montfort.
--- Georgs Herz erschrak wunderbar angstvoll. Mit der Pünktlichkeit der
-Könige ... murmelte er und eilte hinaus.
-
-Drüben, mit ausgestreckter Hand auf Renate zueilend, umfaßte er ihre
-Gestalt mit Blicken und sah alles: das graue Schneiderkleid, den
-flachen, grauen Hut und die schwarze, hangende Feder. Er strahlte.
-
-»Ach, Sie sehen ja wie eine Prinzessin aus!« sagte er glücklich. »Ja,
-jetzt wollen wir Tee trinken. Oder lieber Kaffee?«
-
-Da Renate um Kaffee bat, schrie er zur Tür hinaus: Kaffee! --
-
-»Ach, Sie haben ein Bild von Esther,« sagte sie, am Schreibtisch
-stehend, »darf ich es sehen?« Sie nahm es in die Hand, ihr Gesicht ward
-wehmütig, sie stellte es wieder fort. »Heut vor einem Jahr war es
-anders«, sagte sie leise.
-
-Es ist eine ganze Rinde um sie, dachte Georg und erinnerte sich, wie sie
-im Vorjahr um diese Zeit hinter Irene durch die Büsche gejagt war, oder
-auf dem Rasen gelegen hatte.
-
-»Wir sind ein ganzes Jahr älter geworden«, bemerkte er nichtssagend.
-
-»Zwanzig Jahr werd ich«, meinte sie ruhig.
-
-»Ein Monat mehr als ich. So, hier kommt Kaffee.« --
-
-Sie zog die Handschuh aus, goß sich Kaffee ein, dann für Georg Tee aus
-der andern Kanne, tat Zucker, Sahne hinein und gab ihm die Tasse. -- Wie
-es denn mit seinem Herzen stehe, fragte sie, in den Sessel gleitend.
-
-Er lehnte sich an den Schreibtisch und versicherte: »Glänzend! Die
-Wochen im Taunus haben mich völlig wiederhergestellt. Ich habe in
-Trassenberg schon wieder fest gearbeitet. Übrigens haben Sie dort einen
-großen Verehrer. Das heißt, eigentlich sinds zwei, denn mein Vater
-fragte gleich nach Ihnen. Der andre ist Onkel Birnbaum. Sie kennen doch
-Onkel Salm? Sie haben einmal in Helenenruh drei Worte mit ihm
-gesprochen, davon ist er noch beseligt. Als ich anfing, sprechen zu
-lernen, soll Onkel Salm mein erstes Wort gewesen sein. Ach, was haben
-wir ihn geliebt, Magda und ich! Er war zu allem gut, er hatte in
-Helenenruh immer Zeit für uns, schleppte uns herum, ließ sich
-malträtieren, kam für jeden Schaden auf, vertuschte alles, oh eine Seele
-von einem Menschen.«
-
-»Weiter, Georg, Sie erzählen so nett.«
-
-Er setzte die Tasse fort, faltete die Hände ums übergeschlagene Knie und
-dachte an seine Kindheit.
-
-»Haben Sie je gemerkt, wie sonderbar das mit uns ist, Renate? In meinem
-Leben hat es -- Gott, ich bin ja noch so jung! -- viele goldene, schöne,
-glückliche, erhebende Augenblicke gegeben. Wenn ich mich aber jetzt
-erinnern soll: wann war ich glücklich? was fällt mir dann ein? Dann muß
-ich an die Stille denken im Pragerschen Hause, nach dem Essen, wenn
-alles schlief, wenn ich in meinem Zimmer saß und Karl May las oder
-Käpten Marryat und dabei von fern, aus der Küche, die Geräusche des
-abwaschenden Mädchens hörte, und hier und da ein Stück ihres Gesangs: Es
-war ein Sonntag hell und klar ... so eintönig, so -- öde und -- ach, so
-unbeschreiblich sonderbar in der Stimmung, -- und dazwischen das
-Klappern der Teller, die sie in die Aufwaschbütte stellte. Ja, da muß
-ich glücklich gewesen sein. Oder ich sehe die Dämmerung, und in der
-Dämmerung die Tapete im Trassenberger Kinderzimmer, und das dicke
-Federbett vor mir, unter dem ich mit ein bißchen Mandelentzündung oder
-Masern, oder was es nun war, lag, und mit diesem wunderbar dumpfen
-Gefühl angenehmen Krankseins im Kopf sehe ich den hängenden Schnurrbart
-von Onkel Salm, und seine immer noch ein bißchen abstehenden Ohren, und
-seine dicklichen, und doch so geschickten Finger, mit denen er mir eine
-Festung pappt, oder Figuren ausschneidet, oder die Steine auf dem
-Damebrett zieht. Oder ich sehe ihn auf den Zehenspitzen hereinkommen,
-von weitem spähend, ob ich wach sei oder nicht. So sonderbar ist das!
-Wenn meine Mama einmal kam -- Georgs Gedanken irrten flatternd ab --,
-das war immer eine erstaunliche Freude, und auch ein Schauder, obwohl
-ich den damals wohl noch kaum spürte, aber glücklich war ich, wenn Onkel
-Salm kam, den ich am Schnurrbart zerren konnte ... Haben Sie je etwas
-Ähnliches ...« fragte er hastig, seine Gedanken abbrechend.
-
-»Oh ja --« sagte sie gedehnt, »es ist wohl ähnlich bei allen Menschen
-...«
-
-»Ja,« sagte er wissend, »denn was aufregend war, vergeht, alles
-Plötzliche verliert seine Kraft, da es ja niemals wieder plötzlich sein
-kann, aber was sich von selber einstellte, kaum bemerkt, ja ganz
-unbewußt, -- was namenlos in uns war, aber innerst tief und stark, das
-taucht wieder auf, das sind stille Schätze, die sich immer wieder
-hervorholen lassen ... Was vom Menschen nicht gewußt, oder nicht bedacht
-... Durch das Labyrinth der Brust ... Ja, nun wollen wir fahren, ists
-Ihnen recht?«
-
-Sie gingen hinaus, traten aus der Tür und -- halloh, da standen sie!
-»Ja, was sagen Sie nun?« fragte Georg triumphierend.
-
-»Es ist ein Staat«, sagte sie und ging schnell zum Vordersten der beiden
-großen, stämmigen Belgier, die unbeweglich hintereinander standen, weiß
-und rot gesprenkelt, mit weißem Lederzeug. Auch der Gärtner hatte seine
-Sache brav gemacht und den Dogcart sehr leicht in die schwarzen Iris
-gepackt; die Räder waren durchsichtige Scheiben davon.
-
-»Graue Iris,« sagte Renate, »Georg, das ist wirklich schön!«
-
-»Raffiniert, heißt es,« lachte er, »sehen Sie wohl: Schwarz, das nicht
-Schwarz, Weiß, das nicht Weiß, und Rot, das nicht Rot ist! Steigen wir
-ein.«
-
-Ja, dieses war ein wahrhaft königlicher Tag. Leicht klangen die Schellen
-vor der Brust der locker vorwärts stelzenden Pferde, leicht und locker
-wippte das Wagengestell. »Schade,« meinte Georg, »daß Sie nicht spüren
-können, wie die Pferde im Zügel gehn, als wären sie blind; nur von Zügel
-und Peitsche hängen sie ab, geben Sie acht, ich lasse einen Augenblick
-locker! jetzt!« Der Wagen rollte langsamer, die Pferde standen still.
-Georg schnalzte, warf die lange Peitschenschnur wie eine Angel aus, und
-es ging leicht und locker um den Rasenplatz weiter.
-
-Die Alleen waren ein Gewimmel schwarzer und weißer Menschen unter einer
-goldenen Schicht von Staub; Blumengestelle, fahrende Ungetüme, die
-Kutscher, Reiter ragten drüber hinweg. Vorsichtig tastete er sich mit
-den Pferden durch das Getümmel den Fahrdamm hinunter zum Ende der Alleen
-und bog um ins Innere der Lindenreihn, den vor ihm rollenden Wagen
-folgend. Ah, ja die Rotschimmel erregten mächtiges Aufsehn, wie sie fast
-nackt in dem dünnen Riemengeschirr das schwärzliche Gefährt dahinrollen
-ließen. Georgs Sinne fingen heftig an zu glühn. Das ist diese herbe
-Rinde um ihre Gestalt, dachte er, um Gottes willen, ihr Mund ist ja zum
-Tollwerden! Und dies Profil, und dies Lächeln!
-
-»Ha,« sagte er, »sehen Sie, die Leute fangen an zu grüßen. Ich hoffe,
-sie denken, ich fahre meine Braut. Welch ein Jammer, daß ich nicht
-regierend bin, dann würden sie Hurra schrein.« Dies scheint mir wirklich
-haarsträubend natürlich, dachte er innerlich. Die Militärmusik rauschte
-auf, Staub wölkte, Wagen um Wagen rollte vorbei. »Aufgedonnerte
-Gemüsekähne«, murrte Georg. »So, da wären wir am Ende.«
-
-Langsam drehten die Pferde sich um ihre Mitte und liefen den Weg zurück.
-Georg, Renates Profil unverrückbar in den Augenwinkeln, hing am
-unaufhörlichen Spiel der braunroten Ohren, er wehrte traumverloren die
-Fliegen von den blanken Rücken, -- ununterbrochen gingen die
-Stummelschwänze hin und her. Die Menschen drängten unter den Bäumen
-heran, Mädchen knicksten scharenweise, Renate neigte das entzückt
-scheinende Gesicht, und Georg nannte sie die Königin des Tages.
-
-Da waren sie wieder am Ende. Renate meinte, noch einmal hinauf, dann sei
-es wohl genug. -- An diese Augenblicke, dachte Georg, werde ich mich
-niemals erinnern, aber sie sind doch kostbar. Ach, da steht ja Benno!
-»Sehen Sie, Renate, da steht Benno und strahlt!«
-
-Sie nickte und winkte, Benno, hochrot, warf den Kopf zurück, lächelte
-beseligt und verbeugte sich tausendmal.
-
-»Unter diesem Getümmel das reinste Herz«, sagte Georg anerkennend. Da
-waren sie wieder am Ende, und Renate bat, sie noch um den See zu fahren.
-
-Während sie auf dem hohen Ufer um den tiefliegenden Teich voll
-Himmelsblau und Wolkenballen hinrollten, biß Georg die Zähne zusammen
-und verschwor sich, daß er an Renate und alles andre seine Seele setzen
-wolle. Ich habe sie doch immer geliebt, sagte er sich zornig, ich kann
-ja nicht los von ihr. Bin ich nicht etwa der Einzige, zu dem sie paßt?
--- Er fand keine Worte mehr, still schweigend fuhren sie dahin,
-ununterbrochen klangen die kleinen Schellen, trabten die acht Hufe.
-Georgs Sinne verlangten nach einer verdreifachten Schnelligkeit und
-zuckten zugleich vor Schreck, wenn ihm einfiel, daß alles gleich ein
-Ende nehmen würde. Der See lag schon hinter ihnen, da glühten die
-Sportswiesen zur Rechten weithin dunstig in der Sonne, rot- und
-weißgestreifte Hockeyspieler sprangen in wilden Zuckungen hin und her,
-nun rollten sie in den Schatten der großen Bäume, da stand der Obelisk
-am Wassergraben, der Weg bog zur Rechten aus, sie waren wieder im
-Freien, neben der Hecke, an den Wiesen, dumpf polterten die Hufe auf der
-kleinen Holzbrücke, Baumschatten nahm sie auf, rechts dunkelte der
-Graben, hinten erschien der gelbe Mauerputz des Schlößchens im bewegten
-Grün. -- Ob ich ihr nicht eine Andeutung -- ein ...? Aber er wagte kein
-Wort. Seine Hände glühten in den Handschuhn, er ließ die Zügel locker,
-die Pferde fielen zum erstenmal in Schritt, er sah, wie sie gleichmütig
-dahinschritten, wie Kühe mit schaukelndem Rücken. Die Hälse gingen tief
-nieder und empor, das Vorderpferd hob den Kopf, schüttelte ihn und
-grunzte. Wie still es war! Es ist Wahnsinn, dachte Georg, aber wie kann
-ich sie ungeküßt lassen?
-
-»Nun, wars schön?« fragte er freundschaftlich. Sie nickte und meinte, es
-führe sich sehr angenehm und leicht. Duft ging unbeschreiblich von ihr
-aus. Es flimmerte vor Georgs Augen. Blaue Stürze von Himmel brachen
-durch das Gewimmel der Wipfelzweige, laut schlugen Buchfinken. Drei
-Spatzen tummelten sich im weißen Staub der Straße, schimpften und
-flatterten schwärzlich auf vor den Hufen. Da standen die Kandelaber vor
-der Rampe, da der große schwarze Kasten von Automobil am Rande des
-Rasenplatzes, und der Kutscher ging schon um den Wagen und bückte sich
-und warf den Motor an. Die Pferde standen still.
-
-Georg, kalt vor Erregung, Bitterkeit im Munde, schleuderte die Zügel
-unbekümmert über die Pferde hin, daß sie erschraken, vortraten und der
-Wagen anruckte, während er absprang und nach der andern Seite herumlief,
-um Renate selbst herunterzuheben. Das Herz schlug ihm süßlich, als er
-ihre Hand, ihre Last auf der Schulter spürte. Sie wechselten noch
-irgendwelche Worte, sagten: »Auf Wiedersehn!« Dann sank sie in die Tiefe
-des dämmrigen Wageninnerns zurück, der Motor murrte und rasselte, und
-alles rollte mit langsam knurrender Schwenkung auf die Wegmitte und
-davon. Georg las noch lange ohne Gedanken die Nummer auf dem Schilde
-unterm After der Karosse, stand und wußte auf einmal nichts mit sich
-anzufangen. Ja, was nun? dachte er. --
-
-Danach stand er beim Vorderpferde, das den Kopf auf seine Schulter
-legte, tätschelte ihm den festen Hals, atmete den Geruch von Roßhaar am
-Gesicht und sagte sich: Was war nun das? Eine halbe Stunde Pferdelenken.
-Die Gäule verkauf ich morgen mit Gewinn an Prinz Taxis, was soll ich mit
-einem Tandem? Unkas genügt mir. Da bin ich mit einer schönen Frau über
-den Korso gefahren, und wir haben geplaudert. --
-
-Der Groom sagte etwas, Georg antwortete etwas, wandte sich um und sah am
-Rande des Rasens eine Dame stehn, in einem fliederblauen Kleid,
-verschleiert, die mit der Spitze des Sonnenschirms zwischen den Halmen
-stocherte, und es war Cora. Hatte sie ihn gesehn? Aber natürlich! Er
-bewegte sich, sie sah auf und tat, als sähe sie in diesem Augenblick,
-daß er es sei. Nun ging er auf sie zu, unwissend, was kommen würde, aber
-entschlossen, daß nichts ihn bekümmern sollte. Sie blickte ihm gerade in
-die Augen und sagte:
-
-»Bereits außer Dienst gestellt, Prinz, oder nur _à la suite_?« Über sein
-langes Fernbleiben also glitt sie stillschweigend hinweg ...
-
-Er fragte, ob sie einsteigen wolle, aber sie antwortete gar nicht.
-Abgewandt stand sie da, Georg stumm neben ihr und verbissen.
-
-»Zeigen Sie mir lieber Ihre Wohnung,« sagte sie spitz, »wo waren Sie so
-lange?«
-
-Ich will nicht antworten, dachte er und bemerkte obenhin, es sei ein
-schöner Tag, und er wäre viel unterwegs gewesen; übrigens schien sie
-keine Antwort zu erwarten, entspannte einen apfelgrünen Sonnenschirm und
-setzte sich in Bewegung.
-
-Auf dem Flur, im Zimmer sah sie sich mit leichten Bewegungen des Kopfes
-im langsamen Vorbeigehn alles an, ließ sich den Schirm abnehmen, blieb
-dann vor einem kleinen Ölbild stehen, das am Boden stand, an den
-Schreibtisch gelehnt, eine Bulldogge, von Bogner gemalt.
-
-»Ach,« sagte sie entzückt, »das muß von Benvenuto sein! Es ist herrlich,
-der Mann ist ein Genie, finden Sie nicht? Schade, daß er so selten hier
-ist, haben Sie von dem Riesenauftrag gehört? Ich habe ihn kaum zu sehn
-gekriegt, ich bin jetzt viel allein, mein Mann ist verreist, -- ja, er
-hat sich überarbeitet, -- nein, dieser Hund! Wie er dasteht! Aber
-möchten Sie so einen Hund haben? Er ist doch zu häßlich! Ich kann
-Bulldoggs nicht ausstehn, Herbert wollte immer einen haben, -- Gott,
-wenn man keine Kinder hat! wir hatten auch mal einen Terrier, aber er
-roch so ... Sie sehen gut aus«, sagte sie, vor ihn hintretend.
-
-Sie hatte den Schleier hochgeschoben, er sah ihre matten Augen, das
-blasse Band von Sommersprossen darüber, den verwischten Mund, die in der
-Mitte breiten Lippen, dann wichen ihre Augen aus, sie ging an ihm
-vorüber und mit ihren weichen Seitwärtsbewegungen im Zimmer umher. Georg
-trat an ein Bücherregal zurück, stützte, die Hand am Hinterkopf, den
-Ellenbogen dagegen, sah ihren Hals von hinten und den goldbraunen,
-flachen Strohhut, wie sie sich über den Schreibtisch beugte und Esthers
-Photographie in die Hand nahm. Doch war sie eigenartig, und ihm ward
-lüsterner zumut, er spürte ein hitzig glühendes Schwellen am Leibe,
-dachte, er wollte hinter sie treten, ihren Kopf zurückbiegen und -- bloß
-sie haben, ja so bloß ... Da sah er Esthers kleines, photographiertes
-Gesicht in ihrer Hand, ihm fiel ein, wie er hier zum erstenmal
-eingetreten war nach ihrem Tode, wie er sie dann überall verspürt hatte,
-immer hinter sich; wenn er am Klavier saß: im Nebenzimmer, wenn er am
-Fenster stand: am Klavier, -- aber empfinden ließ sich das nicht mehr.
-Dann war er in den Taunus gefahren ... Esther war lange tot. --
-
-Cora hatte das Bild stillschweigend wieder hingesetzt, bewegte sich
-wieder, stand in der Tür zum Nebenzimmer. Er glühte auf, ging auf sie
-zu, trat hinter sie, faßte ihre Ellbogen, sie wehrte sich, gleich darauf
-fiel ihr Kopf nach hinten zurück, ihr Gesicht lag an seiner Schulter,
-sie atmete heftig, die Augen geschlossen, den Mund zugepreßt. Er legte
-den seinen darauf, preßte, so stark er konnte, ihre Lippen teilten sich,
-er fühlte ihre Zähne und schob seine Zunge dazwischen. Nun warf sie sich
-herum, gegen seinen Leib, warf ihre Arme um ihn, er fühlte ihre Hände
-auf seinem Rücken zucken und fliegen, ihr Leib ging stoßweise auf und
-nieder, während ihre Lippen, ihre Zungen, ihre Atemstöße sich
-vermischten, er riß ihr Kleid auf, tastete nach ihrer Brust, und sie
-griff zu und riß die Bänder an der Untertaille auf, und er hatte ihre
-linke Brust in der Hand, schlaff, warm und weich, aber doch ... Da
-wankten sie, -- oh Teufel, nun war kein Diwan da! Wohin mit ihr? Sein
-Bett war greulich schmal. In den Garten? am lichten Tag? Wütend jagte es
-ihm durch den Schädel: das verschlossene Zimmer! Er ließ sie los, griff
-die Schlüssel aus der Tasche, lief, die Türen aufstoßend, durch Bade-
-und Schlafzimmer zur Tür, schloß auf und öffnete, ohne umzusehn. Er
-zauderte, kehrte langsam zurück, da stand sie abgewandt, vorn an ihrer
-Taille hakend, aber sie hatte den Hut abgenommen, und er umschlang sie
-wiederum, hob sie auf und trug sie davon. Sie war schwer, aber er zwang
-sich bis zur Tür des Zimmers, wo er sie niederlassen mußte. Sie,
-ungeschickt sich aufrichtend, machte erstaunte Augen in den Raum,
-während ihm die seinen überquollen vor Gram über die Schändung des
-Heiligen, so daß er sekundenlang nichts sah, als die schwarzen, über die
-Fenstervorhänge von Cremeweiß fliegenden Reiher. Dann erschien, schräg
-im Raum mit dem korngelben Teppich am Fußboden, der dunkelviolett
-überspannte Diwan mit einigen Kissen in Lichtgrün, Fleischfarbe und
-Weiß, dahinter das alte indische Tempelpaukenbecken auf einem
-Ebenholzschemel gefüllt mit imaginären Blumen. Und endlich mußte er
-gegenüber der Tür das Himmelbett sehn, meergrünes Gewoge von Falten und
-Bäuschen, aus dem das wenige Mattgold der schlanken Säulen blitzte und
--- unter seinem wilden Fingerdrucke entflammte eine geheimnisvolle
-Leuchte -- der zarte Perlmutterschimmer in den Kassetten des
-Betthimmels. Indem sah er Cora vorwärts gehn und das ovale, in rosene
-Marmorwülste gefaßte Becken in Augenschein nehmen, aus dem ein
-silberner, fadendünner Strahl steigen und Wohlgeruch aus Ophir
-zerstäuben sollte, wenn -- -- Georg verließen die Sinne. Aus den großen
-farbigen Flecken schmolz die eine Farbe, die Un-Farbe, die nicht
-auszudrückende, nicht zu beschreibende, -- nicht weiß, nicht rosen,
-nicht elfenbeinen, nicht marmorn, und doch Farbe von allem, vom Schnee,
-und vom Mandelbaum, vom Kirschbaum und der Narzisse, und nicht Farbe,
-Äußeres, sondern Hauch von innen, Leuchten, Atem, Blut, Süße von innen,
--- Renate! -- Georg zuckte.
-
-Mit geschlossenen Augen saß sie da. Dann warf sie sich, das Gesicht in
-den Händen verbergend, in die Kissen. Einen Augenblick dachte er, davon
-zu laufen. Da war wieder diese entsetzliche Pause! Er spreizte die Hände
-von sich, die kalt und schweißig waren. Sie rührte sich nicht. Da kniete
-er mit dem rechten Knie neben sie auf den Diwan und fing an sie
-auszuziehn, die Taille, den Rock, den Unterrock, graue Halbseide, das
-Korsett, violett, abscheulich, -- wie dick ihre Beine waren! Er hörte
-sich schnaufen, zerdrückte das beständige Gefühl vieler
-Scheußlichkeiten, sah ihre gelbliche, sehr glatte Haut zum Vorschein
-kommen, streifte Hose, Strümpfe, Schuhe herunter, sie fühlte sich kalt
-an, das Hemd ließ er ihr noch, während er sich auszog, nichts denkend,
-gar nichts denkend. Sie hatte ihr Gesicht wieder versteckt, warum wohl?
-aber jetzt sah sie auf und sah das Himmelbett, richtete sich auf, wollte
-aufstehn und hingehn, aber da schrie er wütend: Bleib! riß das steife
-und verwickelte Manschettenhemd über den Kopf und stürzte sich über sie,
-fühlte sie und sich kalt und unbehülflich, dann bäumte sie sich und
-umschlang ihn mit allen Gliedern. Einen Augenblick, über ihren Kopf, ihr
-verschlossenes Gesicht, die Kissen hin, zu Boden starrend, ging es durch
-ihn hin: Esther -- -- Renate -- -- Welche war es? Süß quoll es in ihm
-auf: Cordelia! -- Da erschien ihm Renates Gesicht, schwebte und entwich,
-er fühlte Cora, eine fremde Frau, auf der er lag, die ihn schwer
-umschlang. Einen Pulsschlag lang schauderte ihn, und er gefror; eine
-Schlange lag um ihn mit kalten Ringen; die aber wurden warm und
-schmolzen, und er würgte sich in sie hinein.
-
-
- Cora
-
-Georg wachte auf in der Nacht; der Regen spritzte ins offene Fenster, es
-donnerte in der Ferne, -- ihm war heiß, das Federkissen lag an der Erde,
-die Schlafbeinkleider waren ihm bis zu den Hüften heraufgerutscht,
-scheußlich! Schlaftrunken tastete er nach der Wasserkaraffe, setzte sie
-an den Mund, trank lange, ließ die Hand mit ihr zu Boden hängen, den
-Kopf vornüberfallen und dachte: Aus der Karaffe trinken ist die größte
-Wollust des Lebens. -- In allen Gliedern merkwürdig leicht und
-gelockert, wollte er sich umdrehn und weiter schlafen, aber der Regen
-plantschte jetzt heftiger auf das Fensterbrett, und er stand unwirsch
-auf, ging ans Fenster und machte es zu. Am Riegel hangend, wand er sich
-im ungeheuren Gähnkrampf und dachte: Ach, ich möchte auch ein Gewitter
-sein! -- Dann legte er sich wieder hin, schwacher Blitzschein glomm vor
-seinen Augen auf, es donnerte lauter. Ah, wie der Regen rauschte!
-
-Ich wollte, sagte er vor sich hin, es schlüge ein und Cora ginge dabei
-tot. Ich denke unchristlich. Man kann nicht für Gedanken. -- Er sah sie
-an der Erde liegen, maustot, er sandte einen Kranz zu ihrem Begräbnis,
-munterte sich dann auf, setzte sich im Bett hin, ein krachender Donner
-rollte wütend im finstern Mauerhof der Nacht umher, dann ging die Tür
-auf, und Cora stand darin, bleich, sichtbar im Blitzschein. Er verstand
-nicht, was sie sagte, da ein neuer Donner herunterknallte, rollend
-dahinbrüllte, polterte, aufgrollte und sich murrend zusammenrollte. Cora
-hatte Licht gemacht, er fragte, ob sie sich fürchte.
-
-»Fürchten nicht,« sagte sie matt, »aber man regt sich doch auf.«
-
-Sie glitt durchs Zimmer zur Tür gegenüber, öffnete, glitt hindurch,
-Georg sah auch dort drinnen das Licht aufflammen. Ihr nachsehend dachte
-er kümmerlich: Sollte dieses Weib es darauf angelegt haben, mich
-zugrunde zu richten? Wie werde ich sie bloß wieder los? -- Er rollte
-sich im Bett zusammen, indem flammte das Zimmer blauhell auf, und mit
-ungeheurem Prasseln knatterte der Donnerschlag hinterdrein, daß alles
-knallte und krachte, sprang in wüsten Sprüngen, tobend, lärmend, um sich
-hauend mit Keulen, Wagenlasten voll metallener Schilde umstürzend, Züge
-voll Porzellan zusammenschiebend und schlagend, weit hinweg, ermattete
-endlich in langen röchelnd rollenden Stößen und ward still, während Cora
-erschreckt im Türrahmen erschien. Ganz leise fiel nun der Regen.
-
-Das Licht brannte in George Augenwinkeln; er sah sie dastehn,
-mädchenhafter aussehend mit dem gelösten Haarschopf. Sie sagte
-theatralisch, sie möchte nackend draußen im Regen liegen und mit Blitzen
-spielen. Georg lachte kurz, der Donner knatterte wiederum auf, jedoch
-entfernter, er sagte, sie solle schlafen gehn. Wirklich ging sie gleich
-darauf hinaus, ohne das Licht abzudrehn.
-
-Georg sah sie nebenan in dem königlichen Bett liegen und würgte an
-trocknen Verwünschungen. Herr des Himmels, dachte er, man tut so was
-wohl einmal, man umschlingt sich und genießt sich, aber einmal doch
-bloß, einmal! Ach, daß zur Verrichtung der sexuellen Notdurft eigentlich
-alle Frauen zu schade sind! Wie kann ich denn eine Frau acht Tage lang,
-acht Jahre lang immerzu lieben? Das ist doch eine Unmöglichkeit! Ich
-schwöre, daß man eine Frau, die man liebt, ein einziges Mal umarmen
-darf, nicht mehr! Oder es müssen Wochen und Monate vergehn, bis man das
-erste Mal vergessen hat. Ich hasse dies Weib. Ich habe sie von Anfang an
-gehaßt, ich erinnere mich nicht, mich jemals mit solcher Wut in eine
-Frau gebohrt zu haben, -- aber, dachte er, wenn ich schlaff --
-zusammengekrüllt wie ein welkes Blatt oder -- wie so eine aufgestochne
-Raupe neben ihr lag, so war das doch geradezu eigenartig. Wenn ich nun
-bloß wüßte, was sie von mir will! Bloß so: nicht wieder weg? Geld? nein,
-das glaube ich nicht. Sie verdarb sich ihr Dasein, indem sie heiratete,
-und nun kann sie den neuen Weg nur nicht finden, hat wohl auch noch
-Scheu davor. -- Hier fingen seine Gedanken an, undeutlich zu werden,
-bald darauf schlief er ein.
-
-Beim Erwachen fiel ihm ein, daß -- wie eigenartig! -- Himmelfahrt sei.
-Er mußte schlecht geschlafen haben, fühlte sich dumpf und unklar, kam
-erst einigermaßen zur Besinnung, als er mit der ersten Zigarette vor der
-Gartentür im Sessel saß, angesichts des gewaltig herunterströmenden
-Regens, in dessen grauer, kalter Masse die Gartenbäume erschüttert und
-duldend hin und her wankten. Cora kam dann und ging zu ihrem Frühstück
-hinter ihm vorüber nach nebenan. Er gähnte krampfhaft, legte sich mit
-geschlossenen Augen zurück und genoß die Wohltat des großen Rauschens
-und der fallenden Gewässer, spürte aber alsbald den Angstdruck in der
-Magengegend, ruckte wieder empor, saß fröstelnd, die Handknöchel
-reibend, und begann zu überlegen. Wenn er abreiste, -- ja, wohin? Und
-wie stand er dann vor seinem Vater? Von England war er eben rechtzeitig
-ins Semester gekommen, an dem Herzfehler war er freilich gewissermaßen
-unschuldig, aber dies Hin und Her war doch abscheulich! Und Renate? Er
-fühlte den Druck in der Magengegend stärker, die Gedanken zerstreuten
-sich. Da sprang er auf, ging ins Schlafzimmer, zog feste Stiefel und den
-Gummimantel an und lief in den Regen hinein. Das tat wohl, er konnte
-über sich selbst hinwegsehn, Wipfelwanken und Regensturz groß und
-stürmisch empfinden, und als er wieder die Tür des Schlößchens öffnete,
-hatte er das Gefühl, daß etwas sich inzwischen ereignet habe. Ja, der
-Diener sagte, Fräulein Chalybäus habe aus Berlin angerufen; sie würde
-nach einer Stunde noch einmal telephonieren. Magda? Was war da geschehn?
-Sie hatte kein Telephon in der Wohnung, er mußte warten.
-
-Als er ins Zimmer kam, saß Cora am Flügel und klimperte aus
-irgendwelchen Noten, die sie gefunden hatte. Er setzte sich wieder in
-den Sessel und begann alte Gedichte durchzulesen, um zu sehn, was sie
-wert waren. -- >An E.< stand da.
-
- Träumerische Stunden lang
- Senk ich mich in deine Ferne
- Wie in einen Glockenklang,
- Den ich zärtlich lieben lerne ...
-
-Lieben lernen? Einen Glockenklang?
-
- Der aus unbekanntem Tal ...
-
-Georg überflog zwei Strophen und kam zur letzten:
-
- Und indes die Nacht anbricht,
- Sprech ich seufzend zu den Winden:
- War ich heimgerufen nicht?
- Aber sagt, wie soll ich finden!
-
-Georg fluchte. Vor einem Jahr schrieb ich das? Und wann hätte ich jemals
-zu den Winden gesprochen? -- Da fing er das nächste Gedicht an:
-
- Aber du, Geliebte, deine Augen
- Hat noch nie ein falscher Hauch getrübt ...
-
--- übersprang eine Zeile --: In der seligen Geduld geübt ... Wen meinte
-ich damit? Er nahm ein anderes Stück vor und las:
-
- Sonett
-
- O Herbst, du schwankend Abbild meiner Seele!
- Wo jähe Klarheit schnellt aus Dämmernissen,
- Vom Himmel flutend, überall zerrissen,
- Und oft durchbrüllt von einer rauhen Kehle.
-
- Und Bäume, Felder und der Büsche Hügel
- Wälzen sich hart, ganz wankend ist die Welt,
- Und nirgends etwas, das nicht nächstens fällt,
- Doch noch im Sturz sich hebt auf kargem Flügel.
-
- Und wie das Blatt, das golden, schöngebräunt
- Zum Falter wird in buntem Taumelfluge,
- So spür ich tiefer fröstelnd, armer Freund:
-
- Was in mir zuckt, sich wirft, lebt, schwankt und siedet,
- Sich selber jagt wie eine irre Fuge:
- Alltod umfängts, Allsterben stillt und friedet.
-
-Dies gefiel ihm ganz gut, obgleich es schwächlich klang und an hohe
-Vorbilder gemahnte. >Lied des Sehers< stand über dem nächsten. Was ist
-das? fragte er sich, wann schrieb ich das? Er las:
-
- Du Herrlichkeit! Weißt du denn nicht dies Glück:
- In blinden Spiegeln, Scherben, blankem Tand,
- Falschen Juwelen oder trüben Wassern
- Der großen Sonne einen Strahl zu fangen?
-
-(Weiterlesend dachte er an Cora, und an wen er wohl damals gedacht haben
-mochte ...)
-
- Jubeltest niemals du, wenn nach des langen
- Schwermütigen Regens Dämmernis am Abend
- In ferner Häuser grauer, öder Mauer
- Ein Glas aufquoll, lebendiges Blut und Feuer?
-
- Du Herrlichkeit! (Georg schüttelte den Kopf) gebückt, wenn du mir
- fern,
- Schleif ich die Blicke über dumpfem Boden;
- Dann zuckt ein Glanz, dann regt vielleicht ein süßes,
- Mitleidiges Leuchten ...
-
-Heftig schrillte das Telephon. Georg legte das Buch aus der Hand, ging
-hin und hob den Hörer. Magdas Stimme fragte, ob er es sei; er bejahte,
-und sie bat um Verzeihung, daß sie störe, aber ihr Vater sei in der
-Nacht gestorben. Ja, als sie am Morgen ins Zimmer gekommen sei, habe er
-tot im Bett gelegen.
-
-»Es ist ja wohl gut, Georg,« hörte er sie sagen, »er hat ein sanftes,
-unbemerktes Ende gehabt. Und nun wollte ich dich bitten ... Wie ist es,
-hast du nicht Pfingstferien?« Georg bejahte. »Dann, -- könntest du
-vielleicht ein paar Tage kommen und mir helfen? Ich habe hier eigentlich
-niemand und --« Georg unterbrach sie mit heftigen Versicherungen, daß er
-sofort komme, und sie endeten das Gespräch.
-
-Eine Weile ohne feste Gedanken stand Georg hinter dem Sessel, in dem das
-aufgeschlagne Buch lag, nahm es dann auf und las willenlos das Gedicht
-zu Ende:
-
- Mitleidiges Leuchten sich und singt von dir:
- Nichts das von dir nicht lebte, selige Sonne!
- Da ist nichts so gering: ich liebe es doch
- Und dränge mich daran mit Auge und Lippe.
- Auch im Verworfenen fand ich den Spiegel,
- Darin die Gottheit gerne sich vergißt.
-
-Nun lächelte er trüber, fragte sich, ob Cora der trübe Spiegel von
-Renate sein solle, und ob er davon wirklich entzückt sei, wenns der Fall
-wäre, legte das Buch in die Schieblade, stand davor, die Schlüssel in
-der Hand, und konnte sich auf nichts besinnen. Endlich fiel ihm ein:
-Kursbuch! -- Er fand es auf dem Schreibtisch, sah, daß es zum
-Zwölfuhrzug schon zu spät war, daß es bis zum Dreiuhrzug ihm zu lange
-dauerte, ging hinaus und befahl dem Hausmeister, den Reitknecht zu den
-Adlerwerken an der Goseriede zu schicken und einen Wagen zu mieten. Er
-selber half dem Diener den Koffer packen. Danach ging er zu Cora und
-sagte, er verreise, was sie zu tun gedenke. Oh, sie würde warten, meinte
-sie leichthin.
-
-Sie lag in dem selben Sessel ausgestreckt, in dem er eben gesessen
-hatte. Ihn schauderte vor ihrem ganzen körperlichen Dasein, an dem keine
-Stelle nicht abgenützt war durch Liebkosung und nicht nur durch seine.
-Ob sie tatsächlich nicht zu ihrem Mann zurückwolle, fragte er.
-
-Sie habe es ihm ja gesagt; ihre Ehe sei längst keine mehr, sie hätten
-sich bloß noch körperlich gebraucht, sie sei das müde, ihr Mann
-vermutlich auch, aber man könne ja nicht wissen, vielleicht liebte er
-sie noch immer, sie aber könne nicht mehr.
-
-»Du hast eignes Vermögen?« fragte Georg in Gedanken. Sie zuckte die
-Achseln und meinte: »Genug für mich!«
-
-»Ich werde«, sagte Georg langsam, »nicht zurückkommen. Dies Haus ist zu
-deiner Verfügung, nur mußt du die Güte haben, in der Stadt zu essen.«
-
-»Das heißt also, ich bin entlassen?« fragte sie spitzig.
-
-Georg senkte den Kopf und meinte, wenn sie es so ausdrücken wolle ...
-
-Er setzte sich auf die Lehne des Schreibsessels, griff nach dem
-Schildpattmesser zum Briefaufschneiden und sah, daß es schwächer
-regnete; am Himmel, über den Bäumen, brach silbrige Helligkeit auf. Daß
-es grade Magda sein muß, die mich frei macht! dachte er gebeugten
-Sinnes, und vor ihm schwebte seltsam das Gesicht ihres Vaters.
-
-Die Gedanken verliefen sich; er sah ungeduldig auf die Standuhr, indem
-trat der Reitknecht ein und sagte, der Wagen stünde draußen. Er hörte
-Cora etwas sagen, verstand es aber nicht, da er nun den Telephonhörer
-aufhob, den antwortenden Hausmeister bat, ihn mit Benno zu verbinden,
-dann Bennos Stimme hörte und ihm sagte, daß Magdas Vater gestorben sei
-und daß er hinfahre, um ihr zu helfen. Benno fragte nichts weiter, trug
-ihm Grüße auf, und jetzt war der Diener da mit dem Mantel. Er zog ihn
-an, schickte den Diener weg und ging auf Cora zu. Auf einmal hob sie die
-Hände wie Krallen, Lenuschs Gesicht erschien ihm in dem ihren, da sie
-die Lippen öffnete bei zusammengebissenen Zähnen. »Hüte dich!« keuchte
-sie und warf sich herum, ihr Taschentuch in den Mund steckend. Da mußte
-er lächeln und sagen, sie werde ihm hoffentlich nichts kaputt machen in
-der Wohnung. Sie warf die Schultern hin und her, fiel in den Sessel und
-weinte. Sie tat ihm leid.
-
-Cora, sagte er leise, legte ihr die Hand auf die Schulter und fragte,
-was denn aus ihnen Beiden werden solle.
-
-Sie unterdrückte ihr Schluchzen, murmelte, er sei's ja nicht wert, sie
-wollte nicht weinen. -- Ach, sie hatte ihn doch wohl sehr lieb. --
-
-Nun sprang sie auf und meinte kühl und hoffärtig, er hätte wohl recht,
-sie wolle fort. Da legte er den Hut wieder aus der Hand und sagte, er
-wolle ihr helfen, ihre Sachen zu packen. Sie ging, und er folgte. Das
-schöne Zimmer, kaum entstellt, machte ihn traurig, sie packten wortlos
-Coras Koffer und Handtasche, der Diener trug alles hinaus, Georg half
-Cora in den Mantel, sie gingen.
-
-Im Wagen starrte sie abgewandt aus dem Fenster. Als sie in die
-Eichstraße einbogen, sah er, daß sie weinte. Aber sie übersah seine
-Hand, nickte nur, stieg aus und ging ins Haus. Der Diener folgte ihr mit
-den Koffern. Georg atmete auf und bedauerte sie erleichterten Herzens.
-
-Was wird nun kommen? dachte er, als der Wagen sich wieder in Bewegung
-setzte.
-
-
- Überraschungen
-
-Georg, aus Berlin zurückgekehrt, hatte sich umgekleidet und trat eben
-aus dem Schlafzimmer hervor, als die Tür zum Flur von draußen geöffnet
-und -- vom überragenden Benno vorwärtsgeschoben -- etwas anscheinend
-sehr Liebliches über der kleinen Treppe sichtbar wurde, ein Mädchen in
-gesticktem weißen Kleide und gelben Schuhn, das Gesicht noch
-zurückgewandt unter einem großen und flachen, gelblichen Strohhut von
-ländlicher Form, einen leichten Feldblumenkranz um den Kopf und mit
-langen, nach hinten hängenden breiten Bändern von schwarzem Samt. Das
-Gesicht, das nun erschien -- errötet und mit schüchternem Lächeln -- war
-ganz und gar mädchenhaft, jung, zart, gerundet, großäugig, ja überaus
-lieblich wie das Ganze. -- Benno aber kam jetzt die Stufen herunter
-gestürmt, fliegend über und über, fliegender langer Beine und Rockschöße
-und Arme, fliegender Stirne und Haare, fliegender Augen, ja selbst die
-rot angelaufene Nase im heißen Gesicht schien, sich krümmend und mit den
-Flügeln zitternd, entfliegen zu wollen, und so hatte er Georgs Hände
-gepackt, zerrte sie nach unten, riß sie nach oben und schleuderte sie
-wieder nach unten, stotterte und war glückselig.
-
-»Das ist sie, Georg!« Seine Stimme war ganz ins Tiefe umgebrochen. »Ich
-habe sie errungen! Nun nimm sie!« Und die Stimme verhauchte ihm. Die
-Augen verkehrt in Scham und Wonne, ließ er Georg fahren, stürzte wieder
-zu dem oben noch zögernden und lachenden Mädchen, ergriff ihre Hand und
-rief, sie ritterlich zu ihm geleitend:
-
-»Das ist Georg! Nun -- sieht er fürchterlich aus? -- Sie hat gedacht,«
-kicherte er, und das eigene Lachen verschlug ihm die Stimme, »du müßtest
-schrecklich sein wie Artaxerxes!« Und lachte unmäßig über den Witz.
-
-Georg, bei allem Gerührtsein über Benno, fand sich wider Erwarten mehr
-überrascht als entzückt, dieweil er dem Mädchen entgegenging, lachte und
-fragte:
-
-»Bennos Braut, das solls doch bedeuten, nicht wahr?« Und er beteuerte
-seine Freude, klopfte Benno die Schultern, alle Drei lachten, das
-Mädchen eine erstaunlich melodische, fast romanhafte -- dachte Georg --
-Silberlache, die Tonleiter hinauf und hinunter.
-
-Rötlich blond war sie; die Scheitel, von der Stirnmitte über die Brauen
-zu den Ohren gesenkt, bauschten sich locker und zausig, und weißliche
-Streifen zeigten sich im Roten und Goldenen. Die Augen schienen gemischt
-Grau mit Braunem und Grünlichem. Oh, sie war hübsch.
-
-»Aber wie heißen Sie denn, bitte? Benno, wie heißt sie? Denken Sie, ich
-weiß Ihren Namen so wenig, wie ich bislang von Ihrem Dasein etwas ahnen
-durfte. Wie kommt das, Benno, gesteh!«
-
-Benno war tödlich verlegen. Doch -- einmal -- ganz im Anfang hätte er
-Georg von ihr erzählt, -- von Begegnungen ...
-
-Tausenden sei er begegnet, Tausenden! -- Und wieder ertönte das gurrende
-Lachen hinauf und hinunter, während sie sich mit geschmeidiger Bewegung
-vor und zurück bog. Georg gestand, mit halbem Bewußtsein lügend: »Ja,
-Benno, wenn sie lacht, ist sie unwiderstehlich. Und nun bitte den
-Namen!«
-
-Aber Benno ereiferte sich noch über die tausend Begegnungen, war selig
-gekränkt, eitel und beschämt und beteuerte, seit einem Jahr, wo er sie
-das erste Mal gesehn, habe er nicht eine einzige Begegnung gehabt. »Und
-sie heißt Elfriede!« brachte er endlich, wieder verzückt, hervor.
-
-»Elfriede Krumm«, sagte sie fröhlich und bewußtlos.
-
-»Aber ich habe sie -- Elfe getauft!«
-
-»Wunderbar, Benno! das ist recht!« lobte Georg, in diesem Augenblick
-seiner erst unbewußten Enttäuschung ganz inne. Der schändliche Zuname
-hatte sie ans Licht gefördert. -- Ja, was ist denn? fragte er sich
-besorgt. Hatte ich etwas andres erwartet von Benno? Warum gefällt sie
-mir denn nicht? -- Überdem sah er den blassen, stets lächelnden Egon
-dastehn zum Zeichen des Abendessens.
-
-»Geh hin, Egon, gratuliere Herrn Prager, das ist sein Fräulein Braut.«
-Während Benno des blassen Egon Arm auszureißen suchte, drängte Georg die
-Elfriede -- Elfe gelang ihm zu denken nicht -- zum Mitessen und bewegte
-sie, obwohl sie sich zierte -- ihre Mama erwarte sie doch --, allmählich
-durch das Zimmers, dann zum Annehmen seines Arms und führte sie durch
-die Tür.
-
-Er konnte sie von der Seite betrachten im Gehn. Ihre Nase war grade,
-kurz, schlecht und recht, -- wie auch der Mund, der undeutlich und blaß
-war, >als Mund gemacht<, wie Georg einfiel, der sich nicht von ihm
-verlockt fühlte. Und nun sah er etwas --, etwas Winziges nur, doch -- es
-war etwas ... Am äußeren Augenwinkel nämlich zwei kleine Fältchen in der
-Haut, kaum bräunliche Fältchen, die sich bewegten, wenn sie, wie sie
-beständig tat, die Augen zusammenzog im Lächeln und Lachen. -- Die
-sinds, stellte Georg unerbittlich fest; ich werde dahinterkommen, was
-sie bedeuten.
-
-Und während das Mädchen nun am Kopfende der ovalen Tafel in der Apsis
-zwischen den Freunden saß, mehr lachte als sprach, Georg ihr von der
-Omelette und ihrer Füllung von kleinen Frühjahrserbsen mit der Bemerkung
-vorlegte, das sei »die einzig mögliche Speise für zarte Bräute« und, so
-weiterhin scherzend, mehr albern war als heiter -- was jedoch allein er
-selber zu bemerken schien --, prüfte er sie auf das genaueste.
-
-Die Bewegungen beim Essen waren zierlich. Aber die Hände waren nichts.
-Rötlich, ausdruckslos, nicht groß, nicht klein; die Zeigefinger waren
-schief gebogen, die Gelenke verdickt, und der Daumen hier -- oh der
-Daumen war ein leibhafter Altjungferndaumen, und augenblicks erkannte
-Georg, daß ihre Augen -- hart waren, im Schnitt und Eingefügtsein in die
-Lider, nein hart sogar, wenn sie sich ernst verhielt, im Blick. Und da
-waren die zwei Fältchen links und rechts. Diese Fältchen, dachte Georg,
-werden dafür sorgen, daß ihr Gesicht lange so bleiben wird wie jetzt,
-rundlich, weich, die Züge unverändert, nur die Frische, die wird eines
-Tages verschwunden sein -- ich sehe ja das reizlose Fleisch schon jetzt
-unter der zarten Haut. Und dann auf einmal wird sie -- hart geworden
-sein, oh hart ist sie jetzt schon ganz innen! -- und alt ...
-
-Es half Georg nichts, sich zu wundern und zu schelten wegen seiner
-Richterlichkeit. Sie war reizend -- und er mochte sie nicht. Und ihn
-bangte wegen Bennos. -- Habe ich nicht immer für ihn sorgen müssen?
-fragte er sich gerührt, ihn sitzen sehend in seiner Übergossenheit von
-Seele und Seligkeit.
-
-Egon trug, wie Georg befohlen, Sekt im Kühler herein und stellte
-Spitzgläser auf, zu Bennos tiefstem Entsetzen auch eins vor Georg, der
-doch keinen Wein mehr trank seit seiner Krankheit.
-
-»Ich dulde es nicht, Georg!« empörte er sich, »es ist unerhört von dir!«
-und ging so weit, ihn am Arm festzuhalten, daß der Wein das Tischtuch
-überschäumte. Das schaffte denn Aufschub, und Georg gelang es, seinen
-Trinkspruch auszubringen, anzustoßen und einen Schluck zu nippen.
-
-»Aber was wird nun Renate sagen?« spottete er, das Glas niedersetzend.
-»Ich denke, Benno, du verzehrst dich in Anbetung, nicht wahr --, und nun
-...«
-
-Oh dies ewige, mühelose Lachgeklingel sollte der Teufel holen! -- Georg,
-dem nach der langen Entbehrung der Schluck Weins doch den Kopf erhitzte,
-sah und hörte nichts mehr, dieweil er innerlich scharrte: Da ist nun
-Renate, da ist doch auch Ulrika, Irene, Magda erst! -- Da war Esther, da
-war die ganze Stadt voll schöner, sanfter Frauen, -- und er nahm diese
-endlose Heiterkeit. Ist das nun seine Ergänzung? Hatte er denn je ein
-Verlangen nach Leichte und Fröhlichkeit bezeigt? Ach, sie ist ja
-gewöhnlich, Benno, siehst du's denn nicht? Ihre Mutter möcht ich gesehn
-haben, dann wüßte ich alles. -- Und nun hatte Georg auch ein ungefähres
-Bild von dem stillen und ernsten, vielleicht sanften und rührenden,
-jedenfalls aber ernsten Wesen und jedenfalls ganz zarten und feinen, in
-Heiterkeit vielleicht liebevollen Geschöpf, das er unbewußt irgendwie
-als Bennos Ideal in der Zukunft zu gewahren geglaubt hatte. Nun diese
-kleine Tänzerin oder Sängerin meinetwegen, Elfriede Krumm, -- na, für
-den Namen konnte sie freilich nichts, obwohl besser noch grotesk als
-gemein -- aber immerhin hatte sie es nicht weiter gebracht, als an
-diesem holzigen Stamm eine kleine Windenblüte aufzutun. Eine seltene
-Aloe am Stamme des Gemeinen war sie nicht, und Georg fing an, sich den
-Kopf zu zerbrechen, ob nur Benno sich von ihrem Liebreiz hatte blenden
-und irren lassen, oder ob also doch ein Stück vom Bürger in ihm steckte,
-den es zu seinesgleichen zog. Schubert, dachte er, Schubert war auch so
-ein Halbgott in Stiefeln, unsterblich wenn er sang, im Dasein ein
-kleiner Spießbürger. -- Ganz heiß ward ihm da im Gedanken, dieser süße
-versilberte Engel könnte den armen, schwachen Benno aus seinem wahren
-Paradies vertreiben. Denn was tut sie, und was ist an ihr, wenn sie
-nicht lacht? -- Heiraten, mein Gott! Wenn er sie doch zur Hetäre nähme!
-Oh Benno, es wird ein Unglück geben!
-
-»Wißt ihr, fahren wir doch gleich zu Renate,« mischte er sich mit
-Bewußtsein wieder ins Gespräch. (Oh wie zog es ihn zu Renate!)
-
-»Aber meine Mama ...«
-
-»Bei der fahren wir vor. Oder sie kommt mit.«
-
-»Im Dogcart, Georg?« Benno, sein Glas in der Hand, mußte es schnell
-niedersetzen, um in eine schallende Lache ausbrechen zu können, die ihn
-unwiderstehlich schüttelte, während das Mädchen errötete, unwillig
-schien, ja sichtlich einen bösen Blick unterdrückte, -- und Benno
-unterbrach sich jählings im Gelächter, nun furchtbar verlegen.
-
-»Ja, was lachst du denn so?« stach Georg -- in einer Ahnung -- auf ihn
-ein.
-
-»Mama --« sagte die Elfriede überernst in Bennos Gestammel, »paßt
-allerdings kaum in einen Dogcart. Mama ist ein wenig stark.«
-
-Dick ist sie! Unglaublich dick! eine Maschine! ein Elefant! jauchzte und
-fluchte Georg innerlich. Nun ist mir alles klar. Eine Bürgersfrau aus
-der Markthalle. Rentiere im Adreßbuch! -- Und um so dringlicher fuhr er
-fort, der Tochter sein Schimmelgespann zu preisen, das schon halb
-verkauft sei; so sei's vielleicht das letzte Mal ... Ich muß die Alte
-sehn, dachte er. Und dann zu Renate!
-
-Egon, sich zu ihm beugend, flüsterte: die Dame sei wieder da ...
-
-»Was für eine Dame?« fragte Georg laut.
-
-»Die gestern schon da war, wie ich Durchlaucht ...«
-
-»Ach, die sich nicht offenbaren wollte? Bitte entschuldige mich, Benno,
--- gnädiges Fräulein ... Es wird wohl ein Bittgesuch ...« Georg legte
-die Serviette hin, ging zur Türe, öffnete und schloß hinter sich, das
-Zimmer zuerst leer findend. Dann sah er Cordelia.
-
-Sie war noch keinen Schritt in den Raum gekommen; oben vor der Tür, die
-Hand am Geländerdach stand sie, ihren alten Strohhut in der Hand, ein
-welkes weißes Kleid, mit moosgrünem Seidenband unter der Brust, um den
-Leib gezogen. Aber -- -- oh -- das ist ein Mensch! war Georgs erstes,
-voll aufseufzendes Empfinden in der Erinnerung an Bennos Elfe.
-
-Erstaunt, entzündet von Freude sie wiederzusehn, sagte er leise nur
-»Cordelia --«, nun erschüttert von einem unendlichen und schweren Ernst,
-einer Wehmut, einer Demut und -- diese durchglühend -- einer fast
-mystischen Süße im Dunkel ihrer fernen Augen, im ganzen bleichen,
-atmenden, sehnsüchtig bewegten Gesicht.
-
-Der Hut, ihr entfallend, rollte die Stufen hinunter. Sie folgte ihm,
-schrittweis, die Hände gefaltet, die Blicke unveränderlich auf ihn
-geheftet mit einem für Georg kaum noch erträglichen, sprachlosen Flehen.
-Einmal lächelte sie hülflos. Ein paar Schritte noch von ihm entfernt,
-hielt sie an, schauderte heftig zusammen, bezwang sich furchtbar,
-lächelte mit Anstrengung und fragte kaum hörbar: »Muß ich -- ganz --
-hin?«
-
-Ihm brach das Herz. Sich losreißend, durchzuckt: Sie stirbt ja vor
-Angst! -- sprang er zu, riß sie an sich, legte ihren Kopf an seiner
-Schulter fest, hielt ihn, der herabsinken wollte, streichelte ihn
-unaufhörlich, flüsternd: »Was ist denn, mein Gott, was ist denn? Es ist
-ja gut! ist ja gut! Ich bin ja glücklich!«
-
-Leise schluchzend hörte er sie etwas stammeln wie: Gott sei Dank! und:
-ja, nun ist es gut ... Langsam kam ihr Gesicht wieder hoch, naß
-überströmt, fließender Augen, aber er lächelte wie ein Engel durch den
-glänzenden Strom. Sie bewegte stumm den Kopf hin und her. Ihre Augen
-fielen zu.
-
-»Willst du mich denn noch?« fragte sie zwischen den Zähnen, »wirklich?«
-
-»Ob ich will, Cordelia? Ja doch, ja! Ich bin ja nur glücklich, wenn du
-kommst! Ach,« fuhr er, erschüttert von Mitleiden, fort: »sag mir doch,
-was dir fehlt, was dich quält, alles, alles! ich will dir doch helfen!«
-
-Aber sie schwieg.
-
-Im Nebenzimmer ward ganz leise ein Akkord des Flügels hörbar, nur der
-eine, süß aufschwirrende Schlag, als habe ein Vogel die Tasten
-gestreift, für Georg ein lieblich erstaunendes Zeichen des Augenblicks.
-Dann, abgelenkt, sah er durch die Wand Bennos lange Schattenfigur, wie
-sie sich auf die Tasten bückte: er mußte sie wohl doch einmal berühren,
-einen Ton hören, die Musik ein Wort sagen lassen zu seiner Inbrunst.
-
-Cordelia aber hatte aufhorchend die Augen geöffnet.
-
-»Was war das?« flüsterte sie, und Georg gestand, es sei Besuch nebenan,
-ein Freund mit seiner Verlobten; ob sie erlaube, daß er ihnen eben
-Bescheid sage, sie seien eben schon im Begriffe zu gehn. Cordelia nickte
-nur stumm und machte sich los von ihm.
-
-Die Tür öffnend scheuchte er das Brautpaar aus der Buchtung des Flügels
-und aus einer ganz ähnlichen Stellung wie die, in der Georg selber sich
-eben befand, was seine Betäubtheit rasch in angenehme Heiterkeit löste,
-also daß er, da das Mädchen ohnehin heimwärts drängte, mit leichtem
-Bedauern der verhinderten Fahrt sich entschuldigen konnte. Er brachte
-sie noch durch das gangartig lange und halbdunkle Billardzimmer auf den
-Flur und bis vor die Tür, winkte ihnen nach und dachte, mit den Augen an
-Bennos Rücken haftend: Seltsam doch, daß grade er so aus unsern Kreisen
-fallen mußte. Gedichte mach ich ja auch, aber der einzige Unsterbliche
-war doch immer er. Ach so, erinnerte er sich im Abwenden, die Götter
-trugen ja immer nach besonders irdischen Frauen Verlangen. Ja, sie war
-eine kleine Rubensschönheit, Danaë ... und --
-
-Georg richtete sich lächelnd straff. Und Benno muß heiraten, muß -- weil
-er das nicht fertigbringt was ich. Ah sie war wieder da! Gott sei
-gelobt, murmelte er vor sich hin, nun kommt die Erlösung erst von Cora!
--- Er schloß die Tür hinter sich.
-
-Wie er aber leichtfüßig den Flur zurückeilte, wurde die Tür am Ende
-geöffnet, mit Vorsicht. Cordelias Antlitz erschien im Spalt, groß
-offenen, furchtsam spähenden Auges, und erschrocken bei seinem Anblick
-schlug sie den Türflügel wieder vor ihm zu, den er gleich darauf
-erreichte.
-
-Als er dann drinnen stand, war sie an das Geländer zurückgewichen, hielt
-es mit den Händen neben sich gefaßt und ließ wie eine Schuldige den Kopf
-sinken. Sich überwindend, sie nicht feindlich anzusehn, versuchte er zu
-scherzen, ob sie ihm doch wieder habe entwischen wollen ...
-
-Sie lächelte traurig und sah auf. »Es soll also wohl doch sein«, sagte
-sie leise. »Nein!« sie drängte sich an ihn, »sieh mich nicht so an!
-frage nicht! ja, versprich mir das, schwören mußt du's, Georg, hörst du,
-du mußt es schwören!«
-
-»Ja, gewiß! gewiß doch! was denn?«
-
-»Nie fragen, Georg! Nie, nie, niemals und nach nichts fragen! Ach,«
-weinte sie plötzlich laut auf, »was willst du denn von mir? Ich weiß
-doch, daß du mich nicht liebst.« Sie brach ab, ihn hart und verschlossen
-anblickend.
-
-Georg vermochte nicht auszuweichen. Nicht lügen! dachte er nur, und
-seinen Augen es überlassend, sie zu bezwingen, sagte er klar und
-verständlich, wie er es meinte.
-
-»Ich brauche dich.«
-
-»Den Leib«, hauchte sie elend.
-
-Was nun sagen? -- Er küßte behutsam ihre Stirn, und damit schien er
-Glück gehabt zu haben, denn mit aufblühendem Lächeln unter seinem Kuß
-flüsterte sie:
-
-»Und die arme Seele mit ... Meinst du, daß ich eine habe? -- Ach laß
-nur«, wehrte sie matt und drückte die Augen an seine Schulter.
-
-»Du kennst mich doch nun ein wenig,« redete er, ihr Haar streichelnd,
-auf sie herab, »du weißt doch, wer ich bin!« und hörte sie aufsagen
-leise, ohne den Kopf zu heben: »Prinz -- Georg -- Trassenberg.«
-
-Dann, sehr liebevoll: »Mein Prinz!« und Georg fuhr zurück wie gestochen.
-Er strauchelte auf den Stufen, erreichte mit Mühe aufrecht den Boden,
-seine Knie versagten, er tat noch zwei Schritte und stand, entsetzt, die
-Hände an den Schläfen.
-
-Jetzt -- da wars! Jetzt wars gekommen. Jetzt mußte -- -- mußte -- was?
--- was? -- Die Wahrheit gesagt werden oder -- oder gelogen. Warum
-gelogen? Um die letzte Probe ... um zu sehn, ob es erträglich, möglich
-...
-
-»Was ist dir denn?« hörte er sie aus weiter Ferne fragen, sah aber in
-der selben Sekunde dicht vor sich ihre besorgten Augen, die flackerten;
-ihr Gesicht, ihre weiße Gestalt, die dunklen Wände des Raums, der große,
-grüne Lampenumhang -- alles flackerte auf und nieder wie aus gasigen
-Flammen, während er sie nur anstarren konnte und merkte, wie sie seine
-Hände ergriff und herabzog. Durch das Sausen in seinen Ohren hörte er
-sie etwas sagen, ohne zu verstehn.
-
-Du Feigling! sagte dann eine Stimme, du willst es ja nur aufschieben!
-
-»Nichts, Kind, nichts!« brachte er endlich hervor. »Es war wohl mein
-Herz, -- es ist nicht ganz in Ordnung. Laß nur, es geht schon wieder.
-Ja, wovon sprachen wir doch eben? Richtig, meinen Namen sagtest du ...«
-Er irrte wieder ab. »Ja, und wie ist der deine?« hörte er seine eigene
-Stimme fernher, erwachte dann und setzte beherrscht hinzu: »Oder darf
-ich das auch nicht fragen?«
-
-»Cordelia Severin«, sagte sie leise. »Aber ist dir auch wirklich wieder
-gut? Komm, setz dich hin!«
-
-Sie führten sich gegenseitig zu einem der Sessel in der Kaminecke, Georg
-fiel ermattet hinein und zog sie auf seine Knie. Sein Herz jagte in der
-Tat haltlos. Vielleicht war doch der Schluck Sekt schuld.
-
-»Und was wird nun aus uns?« konnte er indessen wieder scherzen. »Bleiben
-wir zusammen? Möchtest du hier wohnen? In einem Schloß?« -- Es stach
-wieder in seinem Herzen. Er verstand nicht recht, weshalb ihm so
-unendlich sanft und weich zumute war, und fuhr fort, ihr weiches Gesicht
-unablässig zu streicheln und zu glätten. Da sie nur nachdenklich vor
-sich hin lächelte, fragte er weiter: »Oder soll ich zu dir kommen?«
-
-Nun schauderte sie leicht zusammen. »Nein! oh nein!« stieß sie hervor.
-
-»Also was denn? Soll ich ein Haus kaufen?«
-
-Wieder ruhiger blickte sie in seine Augen, küßte ihn leise auf den Mund
-und sagte liebreich:
-
-»Ich will, was du willst. Aber ich möchte nicht gern in -- dein andres
-Leben. Möcht ganz für mich sein -- und für dich. In mein Leben sollst du
-auch nicht. Wir wollen zusammen ein drittes haben, ganz für uns, gell?«
-
-»Ja, das wollen wir. Also dann willst du wohl Geld haben, was?«
-
-»Ja, bitte!« sagte sie ganz ernst.
-
-»Ich hab aber selber keins da«, meinte er lustig. »Nun, warte, es findet
-sich schon ein Weg. Willst du mich mal aufstehn lassen?«
-
-Während er eine Schreibtischlade aufzog, ein Checkbuch hervorholte, sich
-setzte und mit eiliger Hand in ein Dutzend und mehr Seiten seinen Namen
-eintrug, fragte er zurück, ob sie vielleicht auch schon ein Haus wisse?
--- Leise auflachend bejahte sie und sagte plötzlich wieder im Dialekt
-und in ihrem verträumten Ton:
-
-»I hab ans aangschaut vor a paar Tag. In der Alleestraße heroben, ganz
-heroben am End, auf an Hügel liegts. I tu alsfort Häuser anschaun, wanns
-fein ausschaun und Mietzettel ham.«
-
-»Na, das ist ja schön! Da muß ich dir wohl einrichten helfen?«
-
-»Nimmer nötig! 's steckt ganz voll von Möbeln bis ans Dach, schöne
-Möbel, olte, ach du mein!«
-
-Georg, sich umdrehend beim Schreiben, sah sie auf der weichen
-Sessellehne sitzen und mit runden Augen nach allen Seiten spähn.
-
-»Nicht so schön halt wie die«, plapperte sie weiter, nach der Bücherwand
-nickend. »Aber ein Schlafzimmer hats, das wird dich freun. Da stehts
-Bett im Alkoven, der hat -- so ein Fuß grad überm Bett -- ein ganz
-schönes, breites, großes Fenster. Wenn man da naus schaut, -- ja, das
-glaubst net, Gorch, da hast vor dir das ganze Land, alle Wiesen und
-Weiden und die blauen Wälder hinten und Dörfeln -- ah -- viele! Schlafen
-kannst da mitten im Frein, und unterm Fenster -- da ist der Garten, und
-der Teich, und eine ganze Wüstn von floribus«, schloß sie plötzlich mit
-hörbarem Punkt. Georg sprang auf, warf sie fast in den Sessel hinunter
-und erstickte sie mit Küssen.
-
-»Und Hesekiel! Georg, laß los, ich ersticke ja!« keuchte sie, »und
-Hesekiel, darf ich den aach kaufn?«
-
-»Was du willst, Liebling, was du willst! Aber wer ist denn Hesekiel?« --
-Er hielt sie wieder auf den Knien und ließ sich kleine Küsse von ihr
-geben, während sie erzählte:
-
-»Hesekiel -- das ist ein -- orms Luder. Ein bißchen dumm ist er schon,
-weißt! so ein -- Idiot oder -- -- wie? Er vergißt halt alles. Nur eins,
-ein einziges, das kann er grad behalten. Und er hat ein' Buckel und ein
-ganz spitzes, altes Gesicht und einen wehmütigen kleinen Mund. Oh
-Hesekiel ist ein lieber Kerl, der wird dir gfalln. Nun ist er -- was die
-Bälle aufklaubt bei die Tennisleut. A so a olter Mensch und klaubt Bäll
-auf. Verheirat is er net. Gell, den nehm mir? Den nehm mir zu uns?«
-
-Georgs Herz jubelte vor Entzücken. Oh Benno, was habe ich und was du! --
-Sogar die Erscheinung Renates ging schmerzlos vorüber. Ich werde
-lebendig sein, ganz lebendig, arbeiten können, gesund sein, und das
-andre -- alles andre wird sich finden, sich finden.
-
-
- Viertes Kapitel: Mai
-
-
- Haus Herzbruch
-
-Renate schrieb in ihrem Zimmer am späten Abend:
-
-»Hellwach wie ich bin, will ich gleich suchen, Einiges von diesem Abend
-festzuhalten.
-
-Nachmittags gegen sechs Uhr fuhr ich zu Irene hinaus (ich mußte es
-einmal wagen; Saint-Georges versprach, auf Onkel achtzugeben, und es ist
-nichts geschehn). Es war so warm, daß ich unterwegs das Verdeck
-zurückschlagen ließ, und so war es schön, durch den weiten Frühling zu
-fahren, zwischen den unendlichen, tiefgrünen, saatgrünen Flächen, auf
-den Himmel zu, den weit fernen, bläulich weißen, goldgestreiften von der
-tiefen Sonne, an den kleinen Gehöften vorüber, die stets schräg mit der
-Stirnseite zur Straße stehn, unter Bäumen, kaum ergrünten. Einzelne
-Primeln waren auf den Wiesen zu sehn, und alle Rinder waren schon
-draußen, grasten fromm der untergehenden Sonne nach, oder standen still
-an einer Planke, einem Graben, den sie im Vorsichhinweiden erreichten,
-hörten mit Käuen auf und sahen nach dem schwarzen Ungetüm, in dem ich,
-hoch sitzend, dahinrollte; lange Schatten warfen sie, wie alles umher.
-
-Unterwegs griff ich noch Jason auf; mit einmal sah ich ihn ein paar
-hundert Meter vor mir am Rande der weißen Straße dahinwandern, ein wenig
-krumm und die Hände auf dem Rücken. So läuft er, dacht ich, um die ganze
-Welt fürbaß in seinem schwarzen Anzug, da hielt auch schon der Wagen
-neben ihm still, es war wie Zauberei, als ob er es befohlen und ihn mit
-dem Rücken gesehn hätte, -- aber Reinhold, der ihn kannte, hielt
-natürlich von selber. Dann saß er zufrieden in seiner Wagenecke, blickte
-stolz umher und sagte: Der gute Mensch trifft immer Wagen, die ihn zu
-schönen Orten tragen.
-
-Wo er so lange gewesen sei, fragte ich ihn, denn ich hatte ihn beinah
-drei Wochen nicht gesehn. In Schleswig, sagte er, bei der Familie des
-Kreisphysikus Liegel, Odysseus Liegel, ja, so heiße er richtig. Eine
-zahlreiche Familie sei das, vier Söhne, drei Töchter, Eltern, Großmutter
-und Urgroßmutter, in einem kleinen Hause Alle beisammen, und sie
-fürchteten sich samt und sonders vor spitzen Gegenständen, besonders die
-Urgroßmutter, die könnte überhaupt nichts Spitzes sehn, ohne furchtbare
-Zustände zu kriegen, bei den Andern sei es verschieden, der eine
-reagiere nur auf Taschenmesser, ein andrer auf Nähnadeln, wieder eine
-habe Angst vor Löffelstielen oder Hutnadeln, und sie ärgerten sich Alle
-fortwährend gegenseitig damit, das heißt zum Spaß, sie meinten es nicht
-böse, und nur der Vater freilich, der sei immun, auf den würde überhaupt
-nicht geachtet. Eigentlich sei er wohl immer leise betrunken von
-holländischem Likör, das dufte gar nicht so unangenehm, und meist sitze
-er ja in seinem Zimmer oder machte Krankenbesuche, wo er dann immer
-zwei, drei kleine Schnäpse trinke, das mache schon ein paar Dutzend am
-Tag. Die Söhne aber seien große Kerle, blond und bärtig, der eine
-Lloydoffizier, einer Kaufmann, und zwei Studenten; die hätten die ganze
-Kraft der Familie an sich gerissen, gingen schallend umher und schubsten
-alles beiseite; Gott sei Dank seien selten mehr als einer oder zwei
-anwesend. Die Töchter seien alle Drei ein bischen welk und kümmerlich,
-mit viel Heiratsplänen behangen und sehr arbeitsam. Ja, die Mutter sei
-das Tüchtigste dieser Familie. Ganz klein sei sie, habe ein Gesicht wie
-eine Backbirne und eine lahme Hüfte, oder eigentlich seien es zwei; kein
-Mensch wisse, wie sie es eigentlich fertigbringe, zu gehn, sie gehe
-aber, und zwar immer ganz schnell. Als sie alt genug gewesen war, zu
-heiraten, hatte sie es darauf angelegt, diesen Odysseus Liegel zu
-heiraten, und es gelang ihr auch. Darauf gründete sie ihm eine Praxis,
-in der sie viele Jahre immer am Hungertuche her lebten; auch jetzt hänge
-es noch immer in einer Ecke und verstaubte niemals gänzlich. Eines Tages
-hatte sie von einer Freundin gehört, daß es in gewissen kleinen Städten
-Stipendien, Legate gäbe, ausgesetzt von verstorbenen Wohltätern für
-Knaben, in der Stadt geborene, um ihnen ein Studium zu ermöglichen, und
-die brave Frau soll es fertigbekommen haben, durch Herumreisen in diesen
-Städten zur Zeit, wenn sie ein Kind erwartete, dreien ihrer Söhne je ein
-Legat zuzuschieben. Oh es sei eine ganz herrliche Familie, sagte Jason.
-Die Mutter würde verherrlicht von Allen, sie wäre ganz ungeheuer geizig,
-sie hatte immer nur einen einzigen Groschen auf der Tischkante liegen
-sehn, und wenn man ihr etwas mitbrächte, dürfe man nie unterlassen, zu
-sagen, was es koste, denn erst wenn sie das wisse, könnte sie sich
-freun. Aber nur Kleinigkeiten dürften es sein. Was ist das? sagte sie
-dann wohl, mit braunen Fingern und kurzsichtigen Augen zugreifend, eine
-Banane? Oh herrlich! Was kost die? Zehn Pfennig. Nun sieh mal einer,
-zehn Pfennig für solch eine herrliche Frucht. Und dann wollte jedes von
-ihren zehn Kindern die Banane haben ... Zehn, Jason? -- Sie machten noch
-für viel mehr Lärm, sagte er vergnüglich, du solltest sie einmal hören.
---
-
-Auf dem Weg durch den Gemüsegarten kam uns die kleine Nora entgegen,
-Dora Vehms Tochter, langsam und ernsthaft wie immer, nur mit den
-vergrößerten Augen sich freuend, nicht im geringsten mich, sondern ganz
-allein Jason unerschütterlich anblickend. Als der aber fragte: Wo ist
-denn dein Vater? -- sagte sie mit ihrer tiefen, langsamen Stimme: Der
-sitzt auf dem Klosett. -- Wie peinlich für ihn! sagte Jason, nun wollen
-wir bloß nicht nach ihrer Mutter fragen. Da kam Irene, blond und
-lieblich wie immer, uns auf dem Gartensteig entgegen, so entzückend
-anzusehn, daß mir das Herz lachte: wie eine versehrte Blume, nämlich in
-einer engen grünen Taille, Filetguipure am Halsausschnitt und den halben
-Ärmeln, kleine Falten quer über der Brust und mit vier spitzen Schößen,
-vorn, hinten und über den Hüften, gleich den grünen Kelchblättern einer
-Blume, aus denen die große schwarze Tulpenglocke des seidenen Rockes
-nach unten schwoll und abstand, -- und während so ihr Kleid und Körper
-eine Blume darstellte, war es ihr ganz glühend rosiges und von Haar
-goldenes Gesicht, das blühte. Sie erzählte, es sei gerade ein Freund
-ihrer Schwägerin gekommen, ein Dr. Ägidi aus Stuttgart, Journalist, den
-ihr Mann durch Doras Vermittelung für seine neue Zeitschrift gewonnen
-habe. Da die Beiden sich jahrelang nicht gesehen hatten und jetzt in der
-Halle saßen, gingen wir in die >Hecke< und trafen dort Georg, der im
-Grase lag und mit Doras Pallu spielte. Eigentlich heißt er Paul, aber
-das konnte er nicht sagen und taufte sich Pallu.
-
-Wir aßen dann oben in Irenens Zimmer zu Abend, ein wenig eng in der Ecke
-neben dem Kamin, zu eng vor allem, wie mir schien, für die Stimmung
-unter uns. Irene war völlig geistesabwesend; sie hat es sich ja nun so
-angewöhnt, sich zu erlauben, was ihr gefällt. Ich merkte aber, daß diese
-Abgekehrtheit irgendwie mit ihrer Schwägerin und mit Dr. Ägidi
-zusammenhängen mußte, die mir auch wieder heißer und röter schienen, als
-selbst ein Wiedersehn nach zwei Jahren -- -- doch was geht das
-eigentlich mich an? Ja, insofern wohl, als eben diese Stimmung auch mich
-ergriff und mich, ängstlich, unsicher und sonderbar, wie ich Onkels
-wegen an sich schon bin, mit dunklen Empfindungen bewegte. Es wäre
-vielleicht noch sonderbarer gewesen ohne Jason, der wohl alles haargenau
-wußte, freilich keine Miene verzog und keine Geste zeigte, sondern nur
-viel sprach, in dieser unendlich hinfließenden Art, und so sehr jeden,
-den er anblickt, mit Augen fesselnd, daß man selber zu reden glaubt, --
-nun, ich werde das nie beschreiben können. Übrigens war Doras Mann nicht
-anwesend; er hat ein Darmleiden, und zudem ist er noch lungenkrank und
-schon halb auf dem Wege nach Arosa.
-
-Schön, dunkel und funkelnd sah diese Dora aus (und übrigens in einer
-prächtigen Tunika, die ich mir merken muß, aus einem dunkelblauen,
-lockern Seidenstoff mit eingewebtem, gleichfarbigem Blumen- und
-Rankenmuster, die sie über den Kopf gezogen hatte; braune Pelzstreifen
-an den offenen Ärmeln und am Halsausschnitt). Ihre tägliche
-Arbeitsleistung, von der Georg mir erzählte, ist ja erstaunlich. Ich
-glaube wohl, sie möchte noch viel mehr Kinder haben. Ihr Mann sah auf
-einer Photographie still, fremd, abgeschlossen aus; ein sehr zartes
-Gesicht mit tiefen Augen, sehr spitzem Kinn und einem seltsam
-übertriebenen dunklen Schnurrbart wie der Nietzsches, doch tiefer
-hängend. -- Wenn ich sie ansehe, muß ich sie für eine schlechterdings
-glückliche Frau halten. Aber ob sie nicht mich ebenfalls -- --? Was
-wissen wir?
-
-Ich wollte mir doch einiges von dem merken, was gesprochen wurde? Ach,
-nein, die Geschichte, die Jason der kleinen Nora erzählte, als sie im
-Bett lag, muß ich doch wieder zusammenbringen. Sie hieß, glaube ich: Der
-liebe Gott und das kümmerliche Telephon, oder so ähnlich und fing an:
-
-Prrrrr! machte das Telephon. Kruzitürken, sagte der liebe Gott und nahm
-den Hörer auf, was ist denn das schon wieder! Hat man denn keinen
-Augenblick Ruhe? -- Du, Onkel Jason, sagte Pallu von gegenüber her, der
-liebe Gott flucht aber wüst. -- Türken, versicherte Jason, wären Heiden
-und darum würden sie geflucht. Da hörte der liebe Gott ein kleines
-Mädchen ganz unten auf der Erde ins Telephon piepen: Hier ist das
-Knasterlein und hat so furchtbare Bauchschmerzen. (Das Knasterlein soll
-zu allem gut sein in Jasons sämtlichen Geschichten.) Ha, da hat sie
-Zwetschenkuchen gegessen, dachte der liebe Gott und sagte: Aber liebes
-Kind, du mußt doch nun nicht bei jeder Kleinigkeit ... Sprechen Sie
-noch? sagte das Fräulein am Amt. Pallu stellte sich auf den Kopf und
-sagte: Kruzitürken, die kommt ümmer dazwischen, ümmer. -- Jawohl,
-Fräulein, ich spreche noch, sagte der liebe Gott, -- ja, da hast du wohl
-zu viel Zwetschenkuchen gegessen? -- Ja, sagte das Knasterlein. -- Ist
-denn der Doktor schon dagewesen? -- Och, lieber Gott, mein Papa ist doch
-selber Doktor! -- Hier entspann sich, glaube ich, ein großer Streit
-zwischen Nora, ihrer Mutter und Jason wegen der ungenauen Kenntnis des
-lieben Gottes, wobei er sich, fürcht ich, damit ausredete, der liebe
-Gott habe das verwechselt. Also der Doktor war jedenfalls dagewesen, und
-der liebe Gott war sehr erstaunt, was Knasterlein denn nun noch von ihm
-wollte. Was zum Einschlafen, sagte es, es könnte doch nicht schlafen.
-Das wollen wir gleich haben, sagte der liebe Gott und murmelte: Abadra,
-kadrabra, maleborus, maleborus, widdewiddewitt fi--na--le! -- Sprechen
-Sie noch? fragte das Amt. Scht! machte der liebe Gott und legte ganz
-leise den Hörer hin, worauf sich denn Knasterlein in Nora verwandelte,
-die sich mit tief ernstem Gehorsam umdrehte, die Decke bis an die Augen
-zog und nach einem großen Seufzer und unerschütterlich auf Jason
-gerichtetem Blick sich augenblicks einzuschlafen bemühte. -- --
-
-Wovon sprachen wir noch beim Essen? Richtig, Jason, -- da er alle
-Menschen kennt, so kannte er auch Ägidi, von irgendeiner Universität her
---, nein, zuerst war ja von Herzbruchs' Zeitschrift die Rede, von der
-Sozialdemokratie und -- ich weiß nicht mehr, wie das so kam, --
-jedenfalls äußerte Jason gleich eine Meinung, die dann zu einer ganzen
-Rede wurde. Die Sozialdemokratie, sagte er, hätte zwei Fehler, und der
-eine sei die mangelnde Schulbildung. Wenn ich zum Beispiel, fuhr er
-munter fort, einen Reichstagsbericht lese, was fällt mir auf? Ein großer
-Mangel an Lebensart, nicht etwa bei der Sozialdemokratie allein, nein,
-bei den Angehörigen sämtlicher Parteien ganz gleichmäßig. Nun aber ist
-die sozialdemokratische Partei die einzige, bei deren Vertretern dieser
-Mangel sich auf den genannten, nämlich die fehlende Schulbildung
-zurückschieben läßt, was denn jedenfalls fleißig von allen andern Seiten
-geübt wird, und hinwieder kann man den andern Parteien bei gutem
-Gewissen diesen Vorwurf nicht machen, da sie ja alle über eine ganz
-vortreffliche Schulbildung verfügen. Also, sagte er, die
-Sozialdemokraten hätten somit nichts Besseres und Eiligeres zu tun, als
-sich diese Schulbildung zu erwerben, womit sie ja gleichzeitig alle
-übrigen Parteien auch an Lebensart übertreffen müßten, oder das
-Gegenteil würde der eben aufgestellten und bewiesenen Behauptung vor den
-Kopf stoßen, daß eben in der mangelnden Schulbildung ... Hier legte ihm
-wohl Herzbruch die Hand auf den Arm und veranlaßte ihn wohlwollend, zu
-dem zweiten Mangel überzugehn. Ja, das sei nun wieder ein Überfluß, fing
-er frisch an, nämlich ein nicht hoch genug zu veranschlagender Überfluß
-an Sanftmut. Drei Mittel nämlich, erklärte er, hätte die Internationale
-an der Hand, um ihre Ziele durchzusetzen, ohne doch nur ein einziges zur
-Anwendung zu bringen, nämlich erstens das ein wenig veraltete des
-allgemeinen und gleichen Revolutionierens, mit Barrikaden, Kopfab und
-allen Schikanen, aber, was ihn angehe, so schalte bei seiner angeborenen
-Abneigung gegen alles Blutvergießen dieses Mittel für ihn aus. Das
-nächste sei der Generalstreik natürlich, wogegen er wenig mehr
-einzuwenden habe, als daß ihm das dritte Mittel besser gefalle, zudem
-auch dem angedeuteten sanftmütigen Charakter dieses Menschenschlages am
-meisten zu entsprechen scheine ... nämlich die passive Sabotage. --
-
-Denkt euch, sagte er, einen nach dem andern von uns mit überredenden
-Blicken ins Auge fassend, denkt, welche Zeit anbrechen würde. Passive
-Sabotage ohne Generalstreik. Alle Arbeiter würden in der Arbeit bleiben,
-und vielleicht sogar ein wenig Überstunden machen. Alsbald würden sich
-die Erzeugnisse der Industrie und Waren aller Art in den Speichern, den
-Fabriken und Silos häufen, sie bis zum Rande füllen und überquellen, und
-die Lebensmittel würden zu erstaunlichen Preisen herabsteigen, ja
-womöglich verschenkt werden, und man könnte sich wohl denken, daß
-jemand, der ein Ei kaufen wolle, eine Dreschmaschine oder ein Karussell
-als Zugabe erhielte. Und nun aber, bei allgemeiner Einigkeit und
-Zufriedenheit, welche Stille in Stadt und Land! Vom festgesetzten
-Uhrenschlage an verließ kein Schiff die Rheede, kein Brief den Kasten,
-kein Telegramm den Drahtkorb des Beamten, kein Postwagen die Remise,
-kein Eisenbahnzug den Bahnhof. Auf den von Automobilen, Geschäftsrädern,
-Autobussen und Trambahnen herrlich leeren, breiten, befreiten Straßen
-ergösse sich eine festlich gekleidete Menge, von deren heiteren
-Antlitzen jede Spur des alten Hastens und Jagens miteins verschwunden
-sei. Fröhliche Scharen von Post- und Telegraphenbeamten mit ihren
-munteren, rotgestreiften Mützen veranstalteten singende Umzüge unter
-Entfaltung ihrer schön gestickten Innungsfahnen, und die Straßenkehrer
-hingen unter Absingung fröhlicher und patriotischer Lieder ihre Besen
-und Gummirechen an den Kreuzen längst erloschener Laternen auf. Was sei
-aber all dies gegen die wunderbare Stille draußen im ländlichen Land. Da
-wandre sichs leicht, die mitgenommenen Butterstullen in die letzte
-Zeitung eingeschlagen, auf der unverlierbaren Linie der mit sanftem
-Grase überwachsenen Bahndämme, wo die Wärter vor ihren Häuschen mit Frau
-und Tabakspfeife behaglich feierten, wo die Weichengestelle bald unter
-üppig wucherndem Ginster verschwanden, die Schlagbäume und Signalmaste
-schon vom weiten den munteren Wallern ihre bunten Fahnen von
-Hopfenranken und blühenden Glyzinien entgegenschwenkten, während zu
-beiden Seiten aller Straßen Eppich, Crimsonrosen, Bohnenblüte und
-rankende Winde aus den Telegraphenstangen und ihren Drähten farbige
-Triumphgirlanden, gleichsam über Nacht, geschaffen hätten; an den
-Straßen übrigens, auf den die wieder hervorgeholten schönen alten
-Planwagen, mit welchen die bäurische Bevölkerung die mühelosen
-Erzeugnisse ihres Bodens zur Stadt führten, um sie gegen geringes
-Entgelt einzutauschen, -- auf ihnen erzähle nur selten die bereits
-überrankte und moosbewachsene Ruine eines Opel- oder Horchwagens vom
-bestraften Frevelmut seines Besitzers, der ohne Mechaniker eine
-verzweifelte Geschäftsreise zu unternehmen gewagt habe. Und schließlich,
-da inzwischen auch die Arbeit aus Überfluß an allen Dingen eingestellt
-sei, so hetze sich nunmehr niemand ab, als einzig an ihren
-Schreibtischen die nimmermüden Erfinder, emsig bemüht, Ideen zu
-entwickeln zur Ausnützung des Überflüssigen, also zum Beispiel ein
-Verfahren, aus schlecht gewordenem Schweinefleisch gut sitzende Anzüge
-zu verfertigen ...«
-
-Mitternacht. Leichtfüßig erschreckte Renate der silberne Schlag der
-kleinen Uhr hinter ihr im stillen Zimmer. Sie wandte sich halb, warf
-einen Blick über ihre Schulter in die dämmrige Tiefe der Wände und
-verhaltenen Möbel und schrieb weiter:
-
-»Ich mußte mich umsehn, die Stille gewahren in diesem sanften Raum, in
-diesem ganzen, schlafenden Hause. Ach, es tat wohl, einmal draußen,
-einmal weit weg gewesen zu sein, im immer wieder zauberhaften
-Menschenwald, wo auf den stillsten Lichtungen -- große Spinnen in den
-Silberrädern ihrer Netze -- die Geschicke weben, ach, zum Heil oder
-Unheil, ich wills nicht wissen, denn jedes, jedes, das weiß ich, ist
-besser als nichts. Aber weiß ich denn, ob nicht das meine schon längst
-über mir schwebt, mich zu umschlingen und zu binden, ob ich nicht längst
-schon ergriffen vielleicht, gehalten und -- abgetan bin? Denn vom Himmel
--- wir wissen es doch -- vom Himmel stürzt kein jählichster Blitz, der
-nicht in einem kleinen Korn auf Erden gesät und draus aufgegangen wäre,
-und der Schlag, der heute das Haupt trifft, zu ihm war ausgeholt, als
-noch unsre Mutter nicht von uns träumte.
-
-Wacher und wacher sehe ich in die vergangenen Stunden zurück. Wieder um
-den runden Tisch sehe ich uns sitzen, enge beisammen in der Ecke am
-Kamin, sehe an der Hängelampe vorüber das tief und tiefere, seltsame
-Blau der Dämmerung draußen, die nur im Vorfrühling so leuchtet, sehe die
-bleichen Vorhänge sacht auffliegen und empfinde die leichten Atemstöße
-des hereingeneigten Windes. Unsre beleuchteten Gesichter kann ich sehn,
-das hübsche, schmale, blasse des Doktor Ägidi mit kleinem, kurzem und
-schwarzem Schnurrbart, das selten aufsieht zu dem unaufhaltsam
-plätschernden Jason; rechts von ihm das Doras, bräunlich, gerötet, mit
-starken Brauen und feurigem Auge, und Herzbruchs Hornbrille daneben,
-hinter der hervor er ab und an auf Irene oder sonst jemand einen
-unbestimmt und halb abwesenden Blick schießt, und sein massives
-Gelehrtengesicht kraust sich häufig und häufiger im verhohlenen Gähnen
-zusammen; und dort Irenens ganz rosiges Gesicht, und dort das schlanke,
-überaus ehrliche Georgs, der von Allen allein ganz bei der Sache
-scheint, lacht und auf Jason schaut, während die Augen aller Übrigen
-meist auf den Teller gesenkt sind. Herzbruch nur aus Müdigkeit, aber
-Alle waren sie froh über Jasons Phantasmagorien, und als er schwieg,
-lachten sie wohl ein wenig, waren aber dann sämtlich still. Auch mir
-fiel nicht gleich etwas ein, ich vergaß die Übrigen, glaubte wohl im
-weiten Lande draußen Fragmente von Jasons bunter Vision unterm Hauche
-des Abends dahingleiten und entleuchten zu sehn, und ich weiß nicht
-mehr, ob ich selber es war, die ihn nun fragte, er habe vorhin auch die
-Ziele der Sozialdemokratie erwähnt, ob er nicht auch davon eine ähnliche
-Rede halten möchte, aber er winkte ab. Nein, das will ich nicht, sagte
-er, ich habe so schon Ägidis Neigung verscherzt, freilich aus
-Mißverstand, da ich doch nicht seine Partei, sondern im Gegenteil die
-Anwesenden ganz sanft verspottet habe. -- Wieso denn das? fragte Irene
-laut und verständnislos, aber er sagte erst nach einer Weile, und
-nachdem er eine ganze Sprotte gehäutet und zerlegt hatte, und mit einem
-fast kalten Ernst auf einmal: Taucht nur immer euer allabendliches
-Butterbrot in Tränenwasser vom Tartaros; es kommt einmal der Tag, wo die
-es euch nicht gedenken werden, die unter Brückenbogen der Themse
-schlafen, die in verfaulten Speichern ihre Kinder zur Welt bringen, die
-zwischen Betten der Liebeskrankheit aufwachsen, und die, Stück für Stück
-ihres ausgemergelten Leibes, zwischen den Zähnen der Maschine aufgezehrt
-werden. Nicht gedenken werden sie es euch, daß ihre Seele zersprang wie
-ein schlechter Topf, derweil ihr plaudertet von ihren Zielen. --
-
-Irene fuhr rot, zornig und verlegen auf mit einem zerdrückten: Man kann
-doch reden ... Wir andern schwiegen, Herzbruch brummte zustimmend, und
-Dora und Ägidi -- -- sahen nach den Fenstern, als sähen sie sich an.
-
-Es gebe ja aber andre Sachen in Hülle und Fülle, von denen zu reden
-wäre, fing Jason wieder an, und wie wäre es zum Beispiel mit einem
-Vortrag von Irene über den Vorzug des Einzelschlafzimmers vor dem
-gemeinsamen? Statt des Tellers, wie sie gern gemocht hätte, warf sie ihm
-nun ihre Serviette an den Kopf, sprang auf und stammelte, wir wären wohl
-fertig mit Essen. -- --
-
-Nun werde ich doch ein wenig müde. -- Aber ich will nun nicht aufhören,
-ehe ich auch das Letzte von diesem Abend geschrieben habe, denn solange
-ich schreibe, glänzen mir seine Farben noch reich; dann wird es wieder
-für lange still und eintönig werden ...
-
-Später war Jason auf einmal verschwunden, Herzbruch mit Ägidi im
-Rauchzimmer nebenan, um sich geschäftlich mit ihm zu besprechen, Dora
-hinunter zu ihrem Mann. Ich hatte am großen Vogelbauer der armen Esther
-das übergehängte Tuch gelüftet, um darunter zu schaun, und sah, wieder
-fortblickend, Irene unter den Blumenstöcken des breiten Fensters auf dem
-schwarzen Roßhaarsofa sitzen. In ihrem ausgebreiteten schwarzen
-Faltenrock, das heiße, rote Gesicht in die Hand gestützt, den Ellbogen
-auf dem Knie, sah sie wieder so fein und lieblich aus, daß ich zu ihr
-ging, ihr Gesicht in die Hände nahm und sagte: Du bist heut so unwirsch,
-Irene! Sie sah mich verloren an, streifte meine Hände weg, ihren Rock
-glatt und sagte endlich -- es klang recht komisch bei ihrer
-Ernsthaftigkeit --: Es ist alles so symbolisch ... Ich antwortete
-nichts, dachte, sie würde schon von selber anfangen, und setzte mich in
-die Sofaecke. Richtig fing sie nach einer Weile an.
-
-Am Nachmittag sei Ägidi gekommen. Eine halbe Stunde vorher, da sie
-selber gerade auf der Treppe gewesen sei, habe sie ihre Schwägerin aus
-der Stadt kommen hören und sei, um sie zu erschrecken, mit einem Schrei
-ins Zimmer gesprungen, Dora sei aber ganz ruhig geblieben, denn sie habe
-sie im Spiegel kommen sehn. -- Das fand ich schon so symbolisch, --
-weißt du -- ich sagte es auch Dora --. Man sollte immer solch einen
-Spiegel bei sich haben, -- alles trifft einen immer so schrecklich
-unvorbereitet, -- ja, ich dachte das nun mal, und eine Zeit später, als
-wir schon von ganz andern Sachen geredet hatten, sagte Dora, es sei viel
-tüchtiger, unvorbereitet und doch beschirmt zu sein, den Panzer
-zusammenzureißen im Augenblick, sagte sie, glaub ich. Ja, und nun -- --
-gerade bevor du kamst -- Ägidi war ja nun da -- war ich so beim
-Herumschlendern im Garten halb die Treppe der kleinen Vorhalle
-hinaufgeraten, von wo man durchs Fenster in die große Halle sehn kann,
-und da sah ich die Beiden. Dora saß, und er auf der Lehne ihres Stuhls
-hielt ihre Hand, und so sprachen sie, und -- nun jedenfalls: es _war_
-etwas in ihrer Haltung, das andere als -- ja. Du weißt wohl gar nicht,
--- sie waren Freunde, sonst nichts, ich weiß es bestimmt von Dora, die
-nicht lügt, -- sie haben sich kaum einmal im Leben gesehn, aber
-jahrelang in fast täglichen Briefen zusammen gelebt, und ob nun das
-Wiedersehn, -- jedenfalls -- -- Irene brach hier ab, stand auf und
-sagte: Einen Augenblick, bevor wir Alle zum Essen hinaufgingen, war ich
-allein mit ihr. Ich hielts für aufrichtig, ihr zu sagen, daß ich sie
-gesehn hatte, und: Was war denn das? fragte ich. Sie schwieg eine ganze
-Weile, sagte dann sehr ernst: Ich glaube, -- das war unvorbereitet.
-Sonst nichts, und das -- genügt ja wohl auch. --
-
-Wie sie nun im Zimmer stand, die Hände gefaltet, nachdenklich und so
-anmutig, war es wieder die alte Irene, die draußen am Zaun stand und
-meine Orgel hörte und symbolische Träume träumte. -- Sie setzte sich
-dann zu mir und fing an, von ihrer Schwägerin zu erzählen, was sie von
-Otto Herzbruch gehört hatte, über ihre Verheiratung: daß niemand
-begriffen habe, warum das reiche, kräftige, schöne Mädchen den
-kränklichen, seltsamen, ein wenig kümmerlich scheinenden Mann genommen
-habe, was er nun freilich nicht sei, vielmehr erfülle ihn eine ganz
-unsägliche Güte, er sei der zarteste Arzt, und sicher beklagten es
-Viele, daß er sich an den Tuberkulosebetten seiner Kassenpraxis
-infiziert hatte. Doch durch mehrere Jahre hatte sie seine wiederholten
-Anträge abgelehnt, schließlich mußte sie wohl doch einmal heiraten, es
-war Zeit, das Mitleid mit ihm kam hinzu, und dann hatte sie ihn mit der
-Zeit gewiß sehr liebgewonnen.
-
-Warum aber, fragte Irene nun, warum glaubst du, ist ihr Leben so
-angefüllt mit hundert guten, fleißigen, wertvollen Dingen, hundert
-Dingen, die sie für sich allein, an denen ihr Mann keinen Teil hat! --
-Irene nannte den Namen einer bekannten Arztfrau, die ihren Mann zuerst
-mit Handreichungen, bei Narkosen, bei Mandeloperationen der Kinder und
-dergleichen unterstützt, und die mit der Zeit so viel bei ihm gelernt
-habe, daß sie nun selber ihr Examen gemacht und eine Frauenpraxis
-ausübe. Keine Frau, sagte sie heftig, die Verstand hat und sich bemüht,
-braucht eine Beschäftigung außerm Hause zu suchen, und jeder Mann
-braucht und hat gern eine Hülfe, zumal an einer Frau, und zumal wenn sie
-klug ist ...
-
-Ich sagte kein Wort, wartete stillschweigend, daß sie selber stutzen und
-sich sagen würde, wie sehr sie, _anti domum_, wie man wohl sagen kann,
-gesprochen hatte, aber siehe da, mein Herz Irene merkte nicht das
-geringste -- ja, wie sehr befangen in sich selber muß sie sein! --
-sondern war zu Doras Kindern übergegangen, die in Wahrheit, trotz
-Volksspeisungen und Gesang und Frauenverein, ihr tiefes und einziges
-Glück seien. --
-
-Nun fallen mir die Augen zu. Ein wenig später kam auch Dora, dann wurde
-Irene schläfrig, und ich fuhr heim. Ägidi nahm ich mit in die Stadt,
-doch sprachen wir nur über Literatur und dergleichen. Ein Zug in seinem
-Gesicht schien mir -- nun was soll das? -- -- -- --«
-
-Die Augen schließend und wieder öffnend, nahm Renate in diesem
-Augenblick das kleine, auf seinem schmalen Halse wie eine zarte Blüte
-vorgestreckte Antlitz von weißem Gips, über ihr auf seinem Pfeiler im
-Winkel, wahr. Verzaubert, als sähe sie es zum ersten Mal, liebenden
-Auges, fast schmerzlich geöffneten Mundes, nahm sie, ohne hinzusehn, die
-Feder auf und schrieb, ohne hinzusehn, regellos über das Blatt, die
-Lippen bewegend, weit offnen Herzens:
-
-»Da aber gehst du wiederum über mir auf, schönes, ewiges weißes Antlitz
-des Sonnenkönigs; da meines müde ruhen will, Ech-en-Aton, mein weiser
-Freund, zeigst du mir das deine, emporgewendet unermüdlich zu dem
-unermüdlichen Gestirn, das nur fortging zu fremden Völkern, nicht
-unterging, um zu ruhn. Deine Tempel und deine Stadt, die du zum Dienst
-der Sonne errichtest, sind lange, lange in ungestalteten Staub
-zerfallen, du aber lebst immer, immer! Unerschöpflich deine unsterbliche
-Seele glüht in unendlichen Verwandlungen, immer sehnsuchtsvoller nur,
-immer eifriger nur, der einen, unaufhörlichen Flamme des Himmels zu, die
-Ewigkeit kostet dein sehnsüchtig immer küssend gewölbter Mund, meine
-Augen hängen an ihm, von selber findet die Feder ihren Weg, dein Antlitz
-wandelt sich magisch in der tiefen Nacht, atmet nicht schon die samtige
-Haut, rötet sie sich nicht unter der Berührung der gelben Strahlen?
-Unbeweglich steht dein Auge, steht das Auge deiner Seele, ganz in
-Flammen, ganz in Inbrunst, durch Jahrtausend um Jahrtausend,
-unverrückbar, unverbrüchlich, selig, seliger, vor dem Ziel.«
-
-
- Fünftes Kapitel: Juni
-
-
- Emmaus
-
-Georg, geblendet, schwer schlaftrunken, riß die Augen auf und kniff sie
-heftig wieder zu. Große rote Flecken sausten heran, schwebten, hielten
-still, dazwischen flackerte brennend Grünes, grüne Blätter, Baumwipfel,
-und Himmelblaues. Er rieb die Augen, merkte, daß er in der Hängematte
-lag, die Lider fielen ihm schwer wieder zu, in allen Gliedern knackte,
-sauste und prickelte der jählings abgebrochene Schlaf, der verdampfte.
-Ringsum brodelte der Juni, und da, seltsam fern, mitten im Sommer,
-schönem Schatten, Baumstämmen und Sonnenlichtern und herein leuchtendem
-Himmelsblau stand Egon mit seinem schwarzen Haarwisch in der Stirn und
-lächelte. Georg gähnte wie ein Löwe und kaute hervor, wie spät es sei?
-Durch eine Wand von Schlaftrunkenheit hörte er Egons Stimme: Gleich fünf
-Uhr. Und Herr Bogner sei eben gekommen, und auch ein Telegramm. -- Georg
-brachte die Augen nicht auf im Gähnen, streckte die Hand aus und dachte:
-Ach, Bogner, -- richtig, er brachte das Bild, für Helene ... Er zerrte
-die Füße aus den Maschen der Hängematte, saß da, krümmte die Arme
-gewaltig, dann den Rücken, reckte und dehnte sich, daß es krachte.
-Schließlich hockte er im Netz, den Kopf schwer vornüber hangend, in dem
-es kribbelte und summte; die Schläfen brannten, die linke Wange war wie
-Feuer von Jucken, und er kratzte sich wütend; eine Mücke mußte ihn im
-Schlaf gestochen haben. Was träumte ich nur? dachte er. Das war ja sehr
-sonderbar! Ich ging mit Bogner im Walde, und auf einmal war noch jemand
-da, ein großer, blasser Fremder, mit dem Bogner eifrig sprach, und ich
-blieb zurück, es war dämmrig im Walde und sehr grün, und dann, -- dann
-war da, glaub ich, Saint-Georges, den fragte ich: Wer ist denn das
-eigentlich? und er sagte erstaunt: Das wissen Sie nicht? Es ist doch
-Christus. -- Ja, das war, weil Bogners Bild den Gang nach Emmaus
-darstellen soll. Und dann gingen wir weiter, und ich dachte, wenn wir
-jetzt aus dem Walde kommen, muß gleich links Helenenruh sein, aber
-Helenenruh kam nicht, sondern ein fremdes dunkles Tal, und Bogner und --
-der Andre entwichen schon fern drüben zwischen den Stämmen, und gleich
-rechts stieg Renate ganz einsam den steilen Hang hinauf. Aber als ich
-ganz froh und zitternd zu ihr kam, wandte sie das Gesicht her, und da
-war es -- Helene, -- ja, und sie hatte das seltsame Antlitz wie auf
-Bogners Bild ... Sonderbar, wie so alles durcheinanderging, Bogners Bild
-und Helenenruh, wohin ich -- ach, bald -- bald fahre, zu Renate, die
-dort ist ...
-
-Immer noch sehr dumpf, und schwer imstande, die Augen ganz zu öffnen,
-brach er nun das Telegramm auf und las mühsam die Maschinenschrift von
-dem sonneflimmernden Blatt: Lieber Georg, Ihre Mutter ist eben sehr
-schwer erkrankt, Sie müssen sofort kommen und auf alles gefaßt sein. In
-Liebe Renate.
-
-Gott im Himmel, Gott im Himmel, Gott im Himmel ... Das Blatt wurde
-blutrot vor Georgs Augen, die Schriftbänder verbogen sich und zerfielen.
-Braun und leuchtend stand da der Kiefernstamm, schwarzfleckig; hoch oben
-breiteten die grünbehangenen Äste sich ins flammende Blau. Schwer
-erkrankt ... auf alles gefaßt sein ... In Liebe ... Das hieß? In Liebe
-... Tot, dachte er, tot, -- -- sie ist tot. In Liebe hätte sie nicht in
-ein Telegramm geschrieben, sondern es hieß: in Mitleid. Georg bewegte
-schwer im Mund die klebrige Zunge; die Augenwinkel schmerzten, langsam
-ward es um ihn klar, er stand auf und ging auf schwachen Füßen, wankend
-davon, auf das Haus zu. Da war die weiße Tür, Bogners Gesicht. Georg
-blieb stehn, schnob ein verächtliches Lachen durch die Nase und dachte
-unter furchtbar aufsteigender Angst: Das Bild, das Mutter zum Geburtstag
-haben ... Sein Kinn zitterte, im Halse würgt' es, seine Augen wurden
-feucht, beizend. -- Da stand er vor Bogner, streckte ihm wortlos das
-Telegramm hin, fiel auf einen Stuhl und schluchzte zwei, dreimal trocken
-und würgend.
-
-Aber wenn sie doch noch lebte?! Besinnungslos sprang er auf, taumelte
-erst, denn es war alles rot umher, und vom Schreibtisch, den Fenstern,
-der Lampe gab es nur fliegende Bruchstücke. Dann entdeckte er den
-Telephonapparat, stürzte darauf zu, nahm den Hörer ans Ohr, hörte die
-weibliche Stimme, wußte im Augenblick die Nummer nicht, erhaschte sie
-dann, sagte heiser: Achtundneunzig -- achtundneunzig bitte! und wartete.
-Eine schnarrende Stimme schrie ihn an: Hier Adlerwerke! -- Nun stammelte
-er zusammen, er habe neulich schon ein Automobil gehabt, ob er wieder
-einen solchen Wagen ... oder besser einen schnelleren, einen Rennwagen,
-jedenfalls den schnellsten, der da wäre ... Dazwischen nannte er seinen
-Namen, hörte dann, daß ein Wagen geschickt würde, er bat noch um einen
-guten Fahrer und um Benzin für sieben, acht Stunden. --
-
-Sieben, acht Stunden, dachte er stumpf, am Schreibtisch hockend. Ohne zu
-denken, öffnete er die Schieblade und nahm einen Plan auf Leinwand
-heraus. Da fahr ich wieder zu einem Toten, murmelte er hülflos. Wenn sie
-nur noch lebte, nur noch ... Auf ein Räuspern hinter seinem Rücken
-wandte er sich um und sah Bogner dasitzen, das Telegramm in der Hand,
-das er nun langsam zusammenlegte. Dann blickte er auf, sah ihn ruhig an
-und sagte:
-
-»Sie können trotzdem mein Bild ansehn. Ich will es hereinholen.«
-
-Er sah Bogner aufstehn, zur Tür und auf den Flur treten, wo an der Wand
-das Bild lehnte, mit einem Tuch verhangen, so hoch wie Bogners Schulter.
-Er trug es herein, löste die Tücher ab, -- es hatte noch keinen Rahmen,
--- und lehnte es schräg gegen den Pfosten der Schlafzimmertür.
-
-Georg schauderte leise. Da war Nacht, tiefes Dunkel, braun, grünlich,
-das herunterhing; ganz tief unten zur Linken war Helle und ganz kleine
-Gestalten. Die Höhe des Raumes schien ungeheuer, er stieg oben in die
-Nacht auf, undeutlich waren Pfeiler sichtbar, ganz fern, aber kein
-Gewölbe, nur Nacht und ein, zwei weißliche, gelbliche Flecken von
-Sternen. Unten links war eine Fensteröffnung, durch die breit ein
-Lichtstrom hereinschwoll und zerstäubte an einer stehenden Gestalt in
-der Mitte des Bildes, die einen Arm, vom Schreck betroffen, nach links
-von sich streckte. Unterm Fenster, im vollen Licht war ein Tisch
-gedeckt, dahinter, geduckt vor Schrecken, ein Mensch. Und links daneben,
-hochangelehnt, die Arme leicht ausgebreitet, die flachen Hände auf der
-Tischplatte, ganz golden von Licht, -- der Christ.
-
-Emmaus ... zog es fern durch Georgs Staunen. Oh diese ungeheure Nacht!
-Und Nachtstille und Geschehn. Das Göttliche blühte schweigend aus dem
-Lichtstrahl auf und sah sich um. In der Nacht draußen war die ganze
-Welt, Sterne, Raum, Ebene, Getier, das Meer, die Finsternis, in
-unendlicher Stille.
-
-Von der Gartentür her sagte der Maler:
-
-»Ich sah dies in einer Kirche in Venedig. Die Wölbungen waren nicht so
-hoch, es war dunkel, nur in einem fernen Seitenschiff ein Lichtschein.
-Als ich hinging, saßen dort ein paar Priester und spielten Karten. Das
-alles hat sich im Laufe der Jahre sehr verändert.«
-
-Nach einer Weile hörte Georg des Malers Stimme wieder:
-
-»Und als ich eines Tages zufällig Conrad Ferdinand Meyers Gedicht zu
-lesen bekam, >die tote Liebe< heißt es, glaube ich, Sie werden es kennen
-...« Georg hörte die Eingangsverse: Entgegen wandeln wir -- Dem Dorf im
-Sonnenkuß -- Fast wie das Jüngerpaar -- Nach Emmaus ... Und den Schluß:
-Da ward die Weggesellin -- Von uns erkannt -- Da hat uns wie den Jüngern
--- Das Herz gebrannt ... und dazwischen die Stimme des Malers weiter:
-»Da traf mich dies einmal: Da hat uns wie den Jüngern -- Das Herz
-gebrannt ... Denn -- -- es ist so, daß wir wie die Blinden daherwandern,
-und die Augen gehen uns auf, wenn es zu spät ist, immer hinterdrein, und
--- wir wissen es nie gut; wir wissen es immer nur besser.«
-
-Da hat uns wie den Jüngern das Herz gebrannt ... Immer wieder schlugen
-die Worte an. Wir wissen es nie gut, -- wir wissen es immer nur besser
-... Und nun war Helene tot, die -- Mutter tot, -- Mutter, -- nicht
-meine, dachte Georg ratlos und konnte nichts anfangen mit dem Gedanken.
-Gott sei Dank, sie hat es nie gewußt! mußte er aufatmen. Aber wenn sie
-doch noch lebte? -- In Liebe Renate. Ach, aus diesem Grunde schrieb sie:
-in Liebe! Georg biß sich auf die Lippen, jagte den Gedanken davon und
-fragte sich: Warum hat Magda nicht telegraphiert? Warum hat sie nicht
-telephoniert? Weil sie mich neulich schon zu einem Toten rief. --
-
-Und -- ach du mein Gott -- nun schon wieder fort von Cordelia! Sein Herz
-verbitterte sich! Ist man einmal glücklich, so kommt was dazwischen! Ja,
-dann muß ich alles verschieben, jetzt länger in Helenenruh bleiben und
-mit Renate, -- aber wie kann ich es recht anfangen mit ihr, wenn
-Trauerzeit ist? Schöne Gedanken, mein Georg, schöne Gedanken! -- Er biß
-sich auf die Lippen. --
-
-Sieben Stunden dauerte die Fahrt wenigstens, -- oh diese Ungewißheit! --
-Georg schwankte, ob er nicht in Helenenruh anrufen sollte, -- oder in
-Trassenberg, aber bis die Verbindung hergestellt war, konnte eine Stunde
-vergehn. Nein, nein, lieber die Ungewißheit! -- Er erhob sich und
-klingelte. Zu Egon, der alsbald eintrat, sagte er, er müsse gleich nach
-Helenenruh, er habe schon einen Wagen bestellt, seine Mutter ... Egon
-sollte mit den Koffern im nächsten Zuge fahren. --
-
-Unterdes hatte Bogner die grüne Stoffhülle vom Boden aufgenommen. Georg
-trat auf ihn zu, faßte seine Hand und brachte heiser hervor, der Maler
-möchte das Bild dalassen, er wisse nicht, was er ihm dafür geben könne,
--- und da der Maler freundlich und abwesend lächelte, so lächelte auch
-Georg und meinte:
-
-»Ich hoffe, Sie schenken es mir, -- ich werde sehn, -- ich finde schon,
-was ich Ihnen als Gegengeschenk -- -- wenn erst alles ...«
-
-Der Maler nickte und sagte: »Ich weiß ja ...«
-
-Georg blickte noch einmal auf das Bild. Ja, -- Christus war tot und
-mußte wieder kommen, damit sie alle glaubten. Eine hielt ihn für den
-Gärtner, die andern gingen, sprachen, aßen mit ihm, -- dann erkannten
-sie ihn, und -- ihnen brannte das Herz. -- Er fühlte sein Gesicht
-glühend, schüttelte sich frierend und wandte sich ab.
-
-Minuten später stand er vor einem flachen grauen Wagen, mit Radreifen
-und Benzintanks beladen, und hörte zu, wie ein Mensch ihm dies und jenes
-erklärte. Dann saß er am Steuer, riß den Hebel an, der Wagen stieß von
-unten, brauste auf, rollte, er drehte das Steuer, der Wagen, gehorsam,
-wandte sich mit ihm um und rollte die weiße Straße hinab in den grünen
-Sommer. Bald lag schon das heftig durchkreuzte Getümmel der Stadt,
-Plätze, Lärm und Getöse, Menschen, Automobile und Pferde hinter ihm, vor
-ihm, schnurgerade, die Chaussee, zwei Baumreihen, in der Ferne
-zusammenschmelzend, unterm glühenden Himmel, und der Wagen schnurrte
-darüberhin, daß Georgs Körper und sein Herz erzitterten. Verschwommen
-kreisten die Flächen der Haide, braun, dann Moore, wieder Haide, die
-Straße senkte sich und stieg so schnell, daß es kaum zu sehn war,
-wundervoll ruhig tuckte der Motor im Innern, Georg sah in der Glasröhre
-neben seinem linken Fuß das schwärzliche Öl langsam tropfen und
-undeutlich den beweglichen Zeiger des Manometers; sein Gesicht kühlte
-sich wohlig im eisigen Wind, ihn packte die Lust, hinzustürmen über die
-sich drehende Erdkugel, schnarrend wie ein Uhrwerk. Automatisch, wenn
-ein Pferd, ein Wagen fern sichtbar wurde, sah er die Hand des
-Mechanikers nach unten greifen und den Auspuff schließen. In der Ferne
-dröhnte hin und wieder die eigene Hupe. Ehern, rein blau, feurig blieb
-das Gewölbe des Himmels. Gehöfte unter Eichen, beschnittene Hecken,
-Hoftore, Eggen, Dämmerblicke in Kuhställe, Geranien vor Fenstern,
-heranlaufende Kinder, mitflüchtende, endlich querüber jagende
-schneeweiße Gänse, flatternde Hühnerscharen, locker vorbeischwebende,
-riesige fahrende Heuberge, der fliegende blaue Schleier einer vermummten
-Frau in einem Automobil, das überholt wurde, -- all das flackte und
-spritzte in Fetzen auf und herum, und verflüchtigte sich in Augenblicken
-immer wieder in den stabgraden weißen Strich der Chaussee, die niemals
-endete, im Endlosen immer wieder aufgebrochen wurde, soviel sie in der
-Ferne zusammenzulaufen schien. Als die Flächen umher sich abendlich
-beschatteten, überließ Georg das Steuer dem Mechaniker, setzte sich in
-den Wagen und schloß die Augen.
-
-Er verfiel alsbald in einen unruhigen Halbschlaf. Der Mückenstich auf
-seiner Wange brannte und juckte wiederum, er rieb und kratzte ihn und
-träumte dazwischen, so leicht, daß er selber wußte, er träumte. Er
-träumte, daß er im Automobil fuhr und in Helenenruh ankam, aber es kam
-nicht ganz dazu, er wachte wieder auf, schlief wieder ein und fuhr
-wieder, gelangte auch nach Helenenruh, aber es war alles dunkel, kein
-Mensch zeigte sich, und das Haus war ein ungeheurer, niedriger Langbau,
-an dessen Fenstern zu ebener Erde er hinunterging; hinter einem von
-ihnen sah er Menschen in einem Zimmer, die ihm etwas Liegendes
-verdeckten, und er dachte: Sie wollen es mir nur verbergen ... Seine
-Wange juckte wieder, er war wach, scheuerte sich und sah, daß es dunkel
-war, und daß die Chausseebäume, von den Scheinwerfern weithin
-beleuchtet, vorauseilten, kalkbleiche Gestalten zu Hunderten; dann
-tauchten drei Radfahrer auf und glitten dicht an ihm vorbei, zuletzt
-eine Frau in roter Bluse, die halbumgedreht einem kleinen weißen Hunde
-etwas zuschrie, der kläffend gegen den Wagen ansprang.
-
-Georg ging nun an einer langen Mauer hinunter, er wollte zum Begräbnis
-seiner Mutter, es war schon spät, und er konnte den Eingang zum Friedhof
-nicht finden, der hinter der Mauer lag. Auf einmal kamen dunkel
-gekleidete, ernste Leute von allen Seiten, die sonderbare Gegenstände,
-unenträtselbare, in den Händen hielten, und er dachte bei sich: es sind
-die Leid Tragenden. Dabei merkte er, daß er selber nichts hatte, er
-mußte seines zu Hause vergessen haben, suchte vergebens und mit großer
-Verzweiflung an sich, aber es war nicht zu finden, -- es zu holen, war
-es viel zu spät, er war auch schon mitten unter den Leuten und hielt
-sich beschämt dicht hinter den vor ihm Gehenden, immer besorgt und
-beklommen, daß es gemerkt würde. Nun sah er aber, daß sie gar nicht Alle
-etwas hatten, -- nein, es hatte überhaupt niemand etwas, er atmete auf
-und schalt sich, daß er sich eingebildet hatte, man müsse etwas haben,
-und indem verschwanden die Letzten durch ein kleines Mauerpförtchen. Als
-er dort anlangte, kam gerade Benno von der andern Seite, unbegreiflich
-gekleidet, und fragte ernst: Willst du auch zum Grabe? -- Ganz
-erleichtert wußte Georg nun, daß nicht seine Mutter tot war, sondern
-Christus, aber das war schon lange her, und hier war sein Grab zu sehn,
-es war in Jerusalem. Als sie nun durch einen großen Garten gingen, wo
-unter weitstehenden, mächtigen Bäumen hohe, gelbe Narzissen, einzeln und
-in Gruppen, aus dem niedrigen Grase ragten, sagte er zu Benno:
-Sonderbar! so hatte ich mir Palästina gar nicht vorgestellt. -- Ja, so
-ist es in Okrodia, sagte Benno, und Georg verstand nun alles, nur war es
-jetzt nicht Benno, mit dem er ging, sondern einer der beiden Jünger von
-Emmaus, und er selber war der andre. -- Nun war da vom weiten ein
-Gebüsch zu sehn, große, dichte Hügel von blühendem Rhododendron, rot und
-auch etwas weiß, und daneben kniete Maria Magdalena, Menschen in langen
-Kleidern standen um sie herum, auch andre in Gruppen anderwärts, und
-durch diese hindurch sah Georg die Tür des Grabes an einer Felswand
-offen, und Benno sagte: Das Begräbnis ist doch schon vorüber, wir können
-aber hineinsehn. -- Georg geriet im Weitergehn an eine Gruppe von
-Menschen, die sich unterhielten, er dachte: sie beratschlagen wegen
-Pilatus, aber als er zuhören wollte, sprachen sie gar nicht, sondern
-standen bloß da, und keiner sah ihn an, er stand bei ihnen und schwieg
-und dachte: Das dauert ja endlos ... Zwischen den Beinen der Leute wurde
-Maria sichtbar, es war Cordelia, sie kniete und suchte auf der Erde,
-weinte heftig und sagte: sie haben ihn fortgetragen ... Ja, weiß sie
-denn nicht, daß er auferstanden ist? dachte Georg verwundert und wollte
-es ihr sagen, aber nun war er am Grabe und sah hinein. Stufen führten
-hinunter, ein großer, fremder Mann lehnte halb sitzend unten an einem
-Tisch, vor ihm stand Bogner und sprach unaufhörlich, und der Fremde war
-Josef von Montfort. Georg dachte enttäuscht: so habe ich es mir nicht
-vorgestellt! und ging an der andern Seite zur Tür hinaus, wo er Magda
-und Renate ganz eilig in ein kleines, dunkles Tal hinuntergehn sah; er
-folgte ihnen, indem er dachte: Sie wissen den Weg ja gar nicht, nach
-Emmaus geht es doch auf der andern Seite! aber er konnte sie nicht
-einholen, da seine Knie sich nicht bewegen ließen, er blieb immer auf
-der selben Stelle, stöhnte und ächzte verzweifelt, konnte endlich die
-Füße einen um den andern sehr langsam vorbringen, aber nun waren die
-Beiden verschwunden, ihm war sehr beklommen, daß er sie hatte falsch
-gehen lassen, er bewegte sich mit qualvoller Anstrengung weiter, wußte,
-daß er viel zu spät kommen würde, sah aber nun ein helles Licht aus der
-Ferne nahn, einen Menschen, der einen strahlenden Silberkelch vor sich
-trug. Das Gesicht war das seines Vaters, aber der Mensch war sein Vater
-nicht, es war Christus, und Georg brach in Tränen aus vor unsäglichem
-Glück, daß er ihm hier entgegenkam, er legte den Kopf an jene Brust und
-weinte endlos lange, in namenloser Wonne, zu weinen.
-
-Als Georg erwachte, war ihm die ganze Brust noch so voll von Tränen und
-Schmerzensglück, daß er die Trockenheit seiner Augen nicht begriff. Es
-war Nacht, der Fahrtwind umsauste kalt sein Gesicht, im mächtigen Licht
-der Scheinwerfer bog sich die Doppelreihe schimmernder Stämme vor ihm
-auseinander und gleichfalls die Doppelreihe von hohen und aufrechten,
-kalkweißen Steinen, ähnlich Leichensteinen, die zwischen den Bäumen am
-Grabenrand standen; dahinter war die erst dämmrige, dann dunkle Grotte
-der Wipfel, auf die der Wagen zuschoß, ohne sie je zu erreichen.
-
-Georg suchte nach seinem Traum, aber es zerstob alles vor ihm, nur das
-sonderbare Wort, das Benno gesagt hatte, schwebte noch eine Weile vor
-ihm, hieß aber dann richtig Arkadien, worauf ihm einfiel, daß sein
-Korpsbruder Schwalbe ihm einmal die Birken seiner Heimat so beschrieben
-hatte. Seltsam, daß auch Montfort, dieser Träumedeuter, hineingeraten
-war ... Und so blieb ihm schließlich nur sein Weinen unvergeßlich. Ach,
-dachte er, wo gäbe es eine Brust, an der sich so weinen ließe! --
-Renates gedachte er, nun würde er sie sehn, aber wie war alles anders!
-Er würde wohl für eine Weile mit seinem Vater nach Trassenberg gehn
-müssen, wenn der nicht etwa in Helenenruh blieb, aber seine Mutter würde
-doch jedenfalls in Trassenberg beigesetzt. -- Da merkte er, wohin seine
-Gedanken voraufgeeilt waren, schalt sich erbittert, der Vers fiel ihm
-ein: Da hat uns wie den Jüngern das Herz gebrannt ... aber das seine
-brannte nicht, ihm war kalt vom Winde und heftiger Erregung vor dem
-Kommenden. Frierend zog er seinen Mantel an, hockte vorgebeugt und trieb
-innerlich mit wilder Ungeduld Fahrer und Motor an, schalt halblaut, wenn
-immer wieder gebremst wurde, da ein Dorf durchkreuzt werden oder der
-Fahrer eine Wegtafel lesen mußte. Gottseidank! er erhaschte von einem
-Wegweiser das Wort Böhne und die Buchstaben km, aber die Zahl entging
-ihm. Nun wartete er in immer kälterer Erregtheit, endlich tauchten die
-ersten Häuser von Böhne auf; der Wagen rauschte laut und langsam durch
-dunkle Straßen mit wenig Laternen, an erleuchteten, großen und
-gardinenverhangenen Scheiben der Restaurants vorüber, über den schräg
-ansteigenden Marktplatz, wo innerhalb der Lorbeerbäume und Efeuhecken in
-Kästen vor dem erleuchteten Ratskeller noch Menschen saßen, dann in enge
-Gassen hinein, um eine Ecke, wo Georg durch eine offene Tür mit
-geriffelten Gläsern über drei Stufen die Ecke eines Holztisches sah,
-einen Kutscher in blauem Fuhrhemd vor der Theke, dahinter die blanken
-Messingkrahnen und unter einem bunten Öldruck der Kaiserin den Wirt, ein
-rotes Gesicht, der von drei Gläsern mit hellem Bier mit einem kleinen
-Brett den Schaum niederstreifte. Nun über die Brücke, das Wasser war von
-schwarzen Bäumen und Zweigen verhangen, der Wagen warf sich hin und her
-auf dem Kopfsteinpflaster der Gartenstraße, wo in der Tiefe der Gärten,
-hinter Bäumen und Gebüschen die weißen Landhäuser schliefen, und nun
-endlos die Eisenbahnstraße neben dem Plankenzaun hinunter; eine
-Rangiermaschine schnaufte roten Funkenregen, da flog der gelbe, häßliche
-Bahnhof mit erleuchtetem Zifferblatt links vorbei, sie waren auf der
-Landstraße, der Wagen ruckte an und schoß davon wieder in die Nacht,
-zwischen den Stämmen der schwertragenden Apfelbäume auf die dunkle
-Laubgrotte der Ferne zu.
-
-Noch fünf Minuten, sagte Georg. Eigentlich mußte es eine schöne Fahrt
-sein durch die Nacht, aber er empfand es nicht, saß eiskalt und
-zitternd, die Uhr, deren Zeiger er nicht sehn konnte, in der Hand, an
-der Aufziehkurbel drehend, ganz heiß war die Uhr. Plötzlich tauchten
-Rampe und Fensterreihen und der vorderste weiße Turm von Helenenruh aus
-der Nacht, hell sichtbar im Scheinwerferlicht, es ging die Rampe empor,
-der Wagen stand vor dem erleuchteten Portal, aus dem ein Diener eilte,
-der den Schlag aufriß, und Georg sah Magda im Innern über der
-Stufenreihe, blaß und viel verweinter, als nach dem Tode ihres Vaters.
-Sie kam herunter, Georg verwickelte sich mit den Füßen im Aussteigen in
-die Reisedecke, strauchelte und fiel Magda in die Arme; er atmete den
-wohlbekannten Duft ihres Haares, als sie die Stirn an seine Schulter
-drückte, stammelnd unter heftigem Schluchzen: »Alle -- -- Alle -- gehn
-fort! Esther, -- und Papa, und nun --«
-
-Also tot ... tot ...
-
-Ja, es war furchtbar für sie, furchtbar ... Georg streichelte ihren
-Rücken, sie machte sich los, trocknete ihr Gesicht, nahm seine Hand und
-führte ihn über die Treppen in den Klaviersaal, wo ihm Renate
-entgegenkam, schwarz gekleidet und mit verweinten Augen. Er warf den
-hellen Mantel ab und ging in seiner kalten, schrecklichen Beklemmung
-durch all die hellerleuchteten, fremd anmutenden Zimmer, voll steifer
-Möbel und großer, reicher Schränke mit Schnitzwerk oder Einlegearbeit,
-bis zum Zimmer seiner Mutter. In der Tür blieb er stehn.
-
-Es roch stark nach Rosen. Der große und hohe Raum war mit Nacht gefüllt,
-in der Tiefe brannten zwei silberne Armleuchter mit vielen, rötlich
-strahlenden Kerzen; unter ihnen war ein weißes Lager, davor Rücken und
-Hinterkopf von Georgs Vater, der gebückt saß. Im Schatten hinter den
-Lichtern sah Georg die runden Wipfel von Lorbeerbäumen. Zu seiner
-Rechten sah er an einem, vor langer Zeit einmal erblickten, dunklen
-Empireschreibtisch unten die vergoldeten Löwenfüße schimmern, aus denen
-die Säulen wuchsen, dann auch das Gold an Eckenbeschlägen und den
-Knäufen kleiner Schiebladen; rötlich glänzte die Politur. -- Georg stand
-furchtsam, hülflos, traurig und gelähmt. Endlich zwang er sich vorwärts
-zu gehn.
-
-Sein Vater bewegte sich nicht. Georg blieb hinter ihm stehn, -- es ist
-ja nicht meine Mutter, dachte er verstört und sah über einer goldenen
-Decke zwei steife, gelbliche Hände mit den Fingerspitzen gegeneinander
-gelegt; darunter kam ein Lilienkelch hervor. Dann steifes Leinen und
-Spitzen, eine Halskrause, und nun ein Gesicht, ganz klein, gelblich mit
-sehr hagrer und gebogner Nase, -- mein Gott, wer ist das? -- fragte
-Georg sich tief erschreckt und gewahrte nun die große, dunkle Locke, die
-unter der Ohrmuschel hervorquellend vorn auf den Spitzen am Halse lag,
-und sie erinnerte ihn an seine Mutter. Aber das Haar war in der Mitte
-gescheitelt, -- nein, es war ein ganz fremdes Gesicht! und wie war
-dieser Mundwinkel seltsam gebogen! wie -- hülflos ...
-
-Georg sah und konnte es nicht verstehn. Es ist, sagte er sich, es ist --
-ja, -- es ist ein Gebilde, was ist es nur? Es lebt ja nicht, Gott, es
-ist ein Mensch, aber sie lebt ja nicht! Es kann sich nicht bewegen, und
-wie gelb es ist, -- es ist ja gar nicht wie -- wie von Natur, es ist --
--- erstarrt, aber -- -- das giebt es doch nicht ... Ein Leichnam ...
-dachte er schwer und fühlte sich fast erleichtert, da die Tote nichts
-wahrnehmen konnte. Oh Gott, dachte er zerknirscht, dies ist ja nur zum
-Begraben, was soll man damit, wo ist denn die Seele? --
-
-»Vater --« sagte er leise.
-
-Der Herzog bewegte sich, nahm das Gesicht aus den Händen und wandte es.
-Undeutlich sah Georg die vom Licht abgekehrten Züge, Augen, einen
-starrenden Bart und darüber, vom Licht durchsickert, das zerrüttete
-Haar. Eine Hand ergriff seine Linke und preßte sie schmerzhaft, dann
-stand er dicht vor der Toten, hörte eine rauhe Kehle etwas hervorstoßen
-und sich räuspern, dann die Worte: »Wohl ist ihr -- -- wohl -- -- und
---«
-
-Es brach ab; Georg sah, wie sein Vater den Kopf in die Hände stieß und
-sich schüttelte und so maßlos schluchzte, daß ihm selber die Tränen in
-die Augen stiegen, und er legte zaghaft eine Hand auf die Schulter unter
-ihm.
-
-Wie sie Alle weinen, dachte er bekümmert und fremd. -- Ach, sie weinten
-über das, was sie verloren hatten, -- ja, freilich, -- ich habe nichts
-verloren, dachte er bitter und vorwurfsvoll gegen sich selber. -- Irgend
-etwas ward ihm plötzlich zuviel, er drehte sich um und ging leise wieder
-hinaus.
-
-Im Klaviersaal fand er Renate und Magda am Harmonium. Renate saß, Magda
-lehnte müde, halb sitzend am Deckel. Sie sahen sich schweigend an, dann
-fragte Renate etwas leise, das er nicht verstand. Unfähig gegenzufragen,
-sagte er:
-
-»Wie, wie kam es denn?«
-
-»Gestern«, sagte Renate, zu Magda aufsehend, »ging es ihr so viel
-besser, nicht wahr? sie sagte noch, sie fühlte sich ordentlich jung. Den
-ganzen Nachmittag und Abend war sie mit uns zusammen. Heut morgen kam
-sie auf einmal zum Frühstück herein, -- ich sehe sie noch, in ihrem
-gelblichen Morgenkleid, ich stand am Fenster, du warst noch nicht im
-Zimmer. Dann -- dann frühstückten wir zudritt, und auf einmal -- sah sie
-uns groß an und sagte -- ihr würde so sonderbar ...« Renate schwieg.
-Ganz leise sagte sie dann: »Plötzlich -- -- plötzlich sagte sie: Ich
-glaube, ich --, senkte den Kopf und legte die Stirn auf den Tisch. Und
-dann -- -- dann fiel der eine Arm herunter.«
-
-Renate schluchzte plötzlich auf und stammelte, das Gesicht im
-Taschentuch.
-
-Georg hätte gern den Arm um sie gelegt, verbot es sich heftig und
-dachte: Darüber weint sie nun? Seltsam, worüber Frauen weinen.
-
-Er ging wieder durch die Zimmer zurück zu seinem Vater und fragte ihn
-leise, ob er sich nicht niederlegen wolle, er selber würde wach bleiben
-die Nacht. -- Eine Zeitlang blieb sein Vater unbeweglich, erhob sich
-dann, Georg reichte ihm seine Stöcke und fühlte sich plötzlich von ihm
-an die Brust gerissen und heftig geküßt. -- Nun hat er nur noch mich,
-dachte er beschämt und angstvoll. -- Er sah seinen Vater hinaushumpeln,
-stand noch eine Weile, ging dann durch die Zimmer zum Klaviersaal,
-löschte dort und zurückkehrend überall das Licht und setzte sich auf den
-Stuhl neben die Tote; aber bald schon stand er behutsam auf, fühlte
-Müdigkeit und ging zum Schreibtisch seiner Mutter. Im Stehen zog er
-diese und jene kleine Lade auf, sah Briefbündel darin, ein Medaillon,
-kleine Stöße alter Photographien, und öffnete endlich die breite
-Schieblade unter der Platte. Sie war unordentlich gefüllt mit
-hineingeschobenen Briefen, mit und ohne Umschlag, zusammengefalteten und
-ausgebreiteten Blättern. Obenauf lag eine Mappe, mit einem alten
-Brokatstoff überzogen. Georg nahm sie heraus, die Bänder hingen offen,
-er schlug die Deckel auseinander und sah, daß es die Verse waren, die er
-seiner Mutter zu Weihnachten abgeschrieben hatte, mehrere große Bogen
-ineinander. Auf der Titelseite stand in gemalter Lateinschrift der alte
-Sonnenuhrspruch: _Vulnerant omnes, ultima necat._ -- Alle verwunden, die
-letzte tötet. Georg übersetzte es sich, an den Anfang eines Gedichts
-erinnert, das er nach dem Uhrspruch gemacht hatte. -- Darunter stand:
-einige Gedichte für meine Mutter zu Weihnachten von Georg. --
-
-Er setzte sich nun traurigen Herzens und dachte, die Gedichte zu lesen,
-warf einen Blick, halb andächtig, halb bittend auf die Tote zurück und
-las das erste Gedicht:
-
- Jetzt bin ich jung, und es läßt mir der sanftere Abend
- Oft die Beruhigung schmeichelnder Lieder zurück.
- Sonst die Gedanken in alternder Schwermut begrabend,
- Find ich in ihnen ein seltsam befremdendes Glück.
-
- Werde ich alt sein, so möcht ich das Wunder am Morgen
- Gerne erfahren, wenn Rosen das Zwielicht durchsprühn.
- Daß mir doch einmal aus Feldern der kindlichen Sorgen
- Lächelnd durch Tränen die Blumen der Freude erblühn.
-
-Er sah noch eine Weile auf die stark geschwungenen, sehr ornamental
-gezogenen Buchstabenreihen und wagte nicht recht, eine Meinung von dem
-Gedicht zu haben, da er es gleichsam wie ein Totenopfer las. Er schlug
-die Seite um, -- da sah er auf der, von ihm leer gelassenen Rückseite
-des Blattes Schriftzeilen von der Hand seiner Mutter, ein Gedicht, und
-es war dasselbe, das er eben gelesen hatte. Er schlug die nächste Seite
-um und hatte denselben Anblick, nur daß dort: Elegie stand, die
-Überschrift des zweiten Gedichts, und so fort durch die Blätter bis ans
-Ende, alle die Gedichte hatte sie sich abgeschrieben, sie hatte ja
-zuweilen über die Schwierigkeit geklagt, seine Handschrift zu lesen, --
-jetzt krampfte Georgs Herz sich zusammen, er dachte noch, welche Mühe
-das Abschreiben sie gekostet hatte, -- sie, die überhaupt nur eine
-Stunde am Tage zu solcher Arbeit fähig war -- denn sie hatte die
-Abschrift immer auf die Rückseite des Gedichts geschrieben, hatte also
-fortwährend hin und her blättern müssen ... Georg fühlte seine Kehle
-zugeschnürt, es jagte ihm glühendheiß in die Augen, -- so hat sie mich
-geliebt! dachte er noch, schlug die Hände vor das Gesicht, und im
-Bemühen, nicht laut zu sein vor der Toten, erstickte er fast vor
-Schluchzen in seinen Händen, rang mit sich, warf Kopf und Arme über die
-Schreibtischplatte, schluchzte laut, stand auf, wankte blindlings zu der
-Toten hin und fiel bei ihr nieder, stammelte, verbrennend in Scham:
-»Vergieb mir, o vergieb mir doch, Mutter, daß ich so schlecht --« und
-fand kein Ende mit Weinen, immer wieder von innen sich mit Anklagen und
-Vorstellungen ihrer Liebe, ihrer Einsamkeit, ihrer unsäglichen
-Verlassenheit und Armut emporstoßend, bis er erschöpft, heiß überströmt
-und aufgelöst in Schmerz sich im Stuhl wieder fand, am Schreibtisch, und
-begann weiter zu lesen. Er las die Schrift seiner Mutter, zuerst die
-Elegie und in ihr zuerst die mit Bleistift unterstrichenen Worte:
-Heiliges Kindheitsland, wo bist du? -- und tiefer die ebenfalls
-unterstrichenen:
-
- Aber es ist uns gegeben kein Raum uns zu ruhn, als zu Füßen
- Hinzubetten uns dort, wohin wir abends gelangt ...
-
--- die ihn wieder zittern machten vor Mitleid, da sie ihm wie für sie
-geschrieben schienen. -- Einige Zeilen unterhalb dieser Worte hatte sie
-eines nicht lesen können und eine Lücke gelassen; >sicher< mußte es
-heißen; er wäre fast wieder in Tränen ausgebrochen bei dem Gedanken, daß
-sie immer eine Lücke hatte lesen müssen ... Dann sammelte er sich und
-las:
-
- Einer vergänglichen Welt entsproßt und seit alters leibeigen,
- Seh ich entgleiten die Zeit, Sand in verrieselnden Sand.
- Was ich empfange als Gold in die mühsamen Hände, es rinnt als
- Staub, unfruchtbarer Staub auf den entfliehenden Weg.
- Vor mir leuchtet der Pfad und erreichbar himmlische Landschaft,
- Städte und Wälder, der Strom, Berge zum Äther getürmt,
- Berge, beladen mit Wolken gleich Ballen voll göttlicher Schätze,
- Hinter mir dämmert aus Nacht trostlos zerfallende Welt.
- Finster im Zwielicht der Sterne, der ruhigen, kühlen, erheben
- Sich die Ruinen, einsam, Mauern, ein Baum oder Turm.
- Heiliges Kindheitsland, wo bist du? -- ach, und mich fröstelt!
- Stets auf der Wandrung, wie gern möchte zurück man, das Haupt
- In dem Vergangenen ruhn, in bekannte, erleuchtete Räume
- Treten, wo Wand auch und Bild grüßt und ist freundlich gesinnt.
- Wo vor dem Schlafengehn man sicher sich fühlt und erleichtert
- Nickt zu den Sternen hinauf, gütiger Müdigkeit froh.
- Aber es ist uns gegeben kein Raum uns zu ruhn, als zu Füßen
- Hinzubetten uns dort, wohin wir abends gelangt.
- Ja, auch das Fremde ist gut; das Weib auf eigener Schwelle
- Schenkt von dem Überfluß liebreicher Mienen auch uns.
- Freundliches Wort gedeiht ja auf Erden, -- die Züge auch Fremder
- Scheinen nicht achtlos, und nur innen ist jeder für sich.
- Innen tönt immer die Mühle, die eherne, welche die Körner
- Mahlt der stürzenden Zeit: Immer gefüllt von dem Schwall,
- Stehen wir tönend und rauschend im Ewigen, mahlende Mühlen,
- Schwarz auf den dämmrigen Kreis der Horizonte gestellt.
-
-An Lornsens Mühle dachte ich dabei, erinnerte Georg sich dumpf und
-drehte langsam das Blatt um. >Klage< las er; in diesem Gedicht war
-nichts angestrichen.
-
- Wir sind heimatlos, wie sind heimatlos,
- Unsre Welt ist viel zu groß.
- Unsere Lampen brennen viel zu grell,
- Alle Wege enden schnell.
-
- Dunkel schäumt in uns das Blut und läuft,
- Sehnsucht, die nach innen träuft,
- Hebt mit Geisterhänden aus der Bucht
- Schwer empor des Lebens Frucht.
-
- Oft -- verfinstert sich ein Nachmittag --
- Harren wir gewitterzag,
- Schwüle drückt an unsrer Stirnen Rand,
- Heiß und hastig seufzt das Land.
-
-Doch, hier waren zwei kleine Striche seitwärts neben >Rand<. Seine
-Mutter hatte das Gedicht zuweit rechts angefangen, nun kam sie mit dem
-Raum nicht aus, -- Georg betrachtete wehmütig ihre ein wenig englisch
-aussehende, sehr vorwärts flüchtende Schrift, mit langen, darüber
-fliegenden t-Balken, d-Haken und u-Strichen, die sehr weit und flach
-hingezogenen Verbindungsstriche zwischen den kleinen Buchstaben, die dem
-Ganzen einen Schein von straffer Flüchtigkeit gaben, und diese Art, die
-letzten Worte der Zeile, wenn der Raum nicht reichte, umzubiegen nach
-unten, so daß in diesem Gedicht fast alle Zeilen wie mit Haken am
-Seitenrand festgekrallt hingen. -- Nun las er weiter:
-
- Doch es wird nur Nacht und tot und dicht,
- Fortgezogner Wetter Licht
- Zeigt die Flur, ein bleiches Nachtgesicht,
- Das umdunkelt und verweint
- Fremd wie eine ferne Heimat scheint.
-
-Neben den ersten beiden Strophen des folgenden Gedichts waren starke und
-lange Bleistiftstriche; Georg las:
-
- O schwarzer Himmel in mir! und giebt es nichts
- Denn, nichts, zu schmelzen mich? keine funkelnden
- Azure glühender Sommer? und die
- Bäume und Quellen und Vogelstimmen
-
- Sind ganz umsonst? nur tiefer im feurigen
- Gewoge voller Strahlen bewahrst du die
- Furchtbare Starrheit und die Schwere
- Schwärzer und drohender mir im Herzen ...
-
--- und erschrak, so sehr brannte sich jedes Wort, als sei es für sie
-geschrieben, in sein Herz, aber er hatte an sie nicht gedacht, nicht
-einmal, als er dies abschrieb für sie, hatte den Gram seiner so leichten
-Seele dahingesungen, und sie fühlte, ja, sie fühlte den schwarzen
-Schmerz im eigenen Kopf und die Blindheit und -- -- Verzweifelt und mit
-umdunkelten Augen las Georg weiter, fast aufschreiend, als er eine
-zitternde Linie, voraufeilend mit dem Blick unter den Worten: gekühlten
-Windes Balsam -- fand:
-
- O Gott der süßen Früchte und Amselschlags,
- Der sanften Regen träufelt und schmelzenden,
- Gekühlten Windes Balsam schüttet
- In die geduldigen Völker der Ähren:
-
- O senke einen kühlenden Strahl, nur ein
- Aufküssend Säuseln über mein Heimatland.
- Und tausend Ernten duften, tausend
- Lerchen entschwirren, geblähten, feuchten
-
- Gefieders, Tau und Schimmer und Blütenstaub
- Dir auszuteilen, singendes Blau der Welt,
- Und an die ewige Erde preß ich
- Schluchzend den Mund und die Brust und weine.
-
-Georg eilte hastig zur nächsten Seite, oh es war grausam, hier fand er
-die Worte unterstrichen: der Kranke seufzt, und seiner Stirn Gewicht
-drückt ihn zurück, -- zu meiner Strafe! knirschte er sich an und las:
-
- Aus dumpfen Wolken taucht der trübe Mond
- Wie eines Kranken Antlitz aus den Kissen,
- Die er schon viele Jahre lang gewohnt,
-
- Mit müdem Blick, der nur begehrt zu wissen,
- Ob noch im Nachbarhaus der Kranke wohnt,
- Der näher schon als er den Finsternissen,
- Daß ihn sein Anblick tröstet und belohnt.
-
- Im Hause drüben glimmt herauf ein Licht,
- Das wie mit Fingern, fahlen, leichenblassen,
- Zitternd durch dunkle Fensterscheiben bricht.
-
- Der Kranke seufzt, und seiner Stirn Gewicht
- Drückt ihn zurück. Er seufzt und weiß es nicht,
- Daß dort der Schimmer in der Nacht der Gassen
- Nur Widerschein vom eigenen Gesicht.
-
-Angstvoll schlug Georg die letzte Seite um. Nur noch ein Gedicht, --
-nein, hier war nichts unterstrichen, und er las, immer noch argwöhnisch:
-
- Tod und Zweifel
-
- Aus dem Haus der Freude ausgeschlossen
- Jag ich mit den beiden schwarzen Rossen
- Durch die finster schweigenden Alleen
- Tief hinunter, wo kein Ende dämmert.
-
- Auf den beiden nassen Rossensrücken
- Stehend wie auf schwanken Nachenbrücken,
- Hör ich ihren Atem schnaufend gehn
- Und den Hufschlag, welcher dröhnt und hämmert.
-
- Niemals kommt ein Ruf aus meinem Munde,
- Bleich und stumm und traurig ist die Stunde,
- Wo kein Stern und keine Lampe flämmert,
- Nur die Ebnen seh ich, die sich drehn.
-
- Plötzlich stehn sie keuchend still und zittern,
- Und statt ihrer rauscht der nächtige Regen.
- Einem Morgenrot, das sie nur wittern,
- Schreien ihre Häupter dumpf entgegen.
-
-Georg starrte auf die letzten Zeilen. Freilich --, etwas, das sie damals
-auf sich passend finden konnte, stand nicht darin, aber wie hörte er den
-dumpfen Schrei in dieser Nacht, aus der ganzen langen Lebensnacht seiner
-Mutter! -- -- Aber da standen ja noch Gedichtzeilen mit Bleistift auf
-einem Blatt, das unter die langen Heftfäden geschoben war, mit denen der
-Stoff des Umschlags innen zusammengehalten war, eine rohe und hülflose
-Arbeit, die sie selbst gemacht zu haben schien. Georg zog das Blatt
-hervor, es waren auch Verse, er las:
-
- Mein Sohn war klein,
- Mit schwacher Hand,
- Warf alles um
- Und nichts verstand.
-
- Nun ist er groß
- Und weiß genau.
- Ich blieb im Haus,
- Ich lahme Frau ...
-
-Ja, so sprach sie von sich, so sprach sie ...
-
- Doch weiß er wohl,
- Wie's um mich steht!
- Er giebt mirs zart,
- Macht zu --
-
-Vor Georgs Augen verschwamm alles, es würgte ihn im Halse, er ließ das
-Buch fallen, sagte stumpf das letzte Wort der Zeile »-- und geht«, stand
-auf und ging durch die finstern Zimmer hinaus, trat an ein Fenster im
-dämmerhellen Klaviersaal, sah die Mondsichel glimmend und undeutlich
-über den Parkbäumen, glitt langsam auf die Erde nieder, schlug die Stirn
-gegen die Wand und stöhnte: Emmaus! -- Er lag stundenlang am Boden bis
-zum Morgengrauen, aufbrennend in entsetzlicher Scham, in Verzweiflung,
-in Ohnmacht, bis er todmüde wurde, sich erhob, in das Sterbezimmer ging
-und, ohne einen Blick auf die lächelnde Tote zu wagen, sich auf ein
-Ruhebett ausstreckte und entschlief.
-
-
- Rubinglas
-
-Georg, als wäre brennendes Feuer hinter ihm, jagte aus Helenenruh
-zurück, wie er hingekommen. Langausgestreckt im Fahrsitz, das Steuerrad
-auf der Brust, die verengten Augen hinter den Brillengläsern stur
-gradaus gerichtet, vor sich her einschlingend das stabgerade oder eifrig
-sich windende Band der weißen Straße, konnte er doch keine Minute lang
-in dieser Lage aushalten, mußte sich aufsetzen, die Füße heranziehn, sie
-wieder von sich strecken, wieder liegen, -- lag und ächzte leise vor
-sich hin, den Chauffeur neben sich vergessend, auf unerträgliche Weise
-gefoltert von dem einen Wort Renate, das in ihm herumrannte wie eine
-Quecksilberkugel im Spielzeug.
-
-»Oh lieber sterben, lieber sterben, als noch einen Tag, eine Stunde
-länger den Wahnsinn ihrer Gegenwart ertragen! Was das ist mit meinem
-Blut, weiß ich nicht, aber es muß wohl vergiftet sein, oder habe ich sie
-nicht vor einem Jahr fast täglich gesehn und sie ertragen? War ich blind
-damals? Geblendet von Esther? Warum ists denn jetzt, als wäre sie eine
-lohe Fackel von Wollust und Würde -- oh satanisches Gemisch! -- und ich
-griffe beständig hinein und brennte? Renate, ah -- oh Renate! -- In
-ihrem weißen Kleid, die lange schwarze Kette um den Hals, aber an Hals
-und Wangen, den schon bräunlich sich dunkelnden, in den blauen
-Lebensfeuern ihrer Augen, in dem unsterblichen Haar von zaubrischem
-Braun, in ihrer ganzen, von Süße, von Anmut, von Seligkeit, von
-hundertfach ausschmelzendem Dasein leuchtenden Gestalt -- nichts von
-Trauer, -- so war sie überall, erscheinend, im Grün der Wiesen, im
-Dämmergrün des Parks, als doppele Phryne gespiegelt im Teich, auf der
-Terrasse, im Saal, bei Tafel, gegenüber zum -- oh zum Sterben, zum
-Sterben! -- Und dazu Magda, blaß, schwarz, ganz Jammer und Stille, und
-dazu Tod und Begräbnis und die Erinnerung an die Stunde der Scham, die
-Nacht und die hülflose Tote mit dem verzogenen Mundwinkel, jener Stelle,
-wo alles, was ohnmächtig, verzweifelt und ratlos in ihr gewesen sein
-mochte, entwichen war und seine Spur hinterlassen hatte ... Es war mehr,
-als ein Mensch ertragen kann.
-
-Cordelia, süße, gute, nun hilf mir du, ja, nun mußt du helfen! Ich
-verspreche dir, an keine andere will ich denken bei deinem Leib, -- oh
-verdammt will ich sein, wenn ichs tu! -- Sein Fleisch zuckte wütend nach
-Umarmung. Das runde, bleiche Antlitz im düster braunen Haar -- wie einer
-elfenbeinenen Nonne in Eichenholz -- die dunkelbraunen Augen in süßen
-Verwandlungen, die sie spielte mit ihrer zierlichen Kunst, lockten ihn
-unleugbar trotz des Feuers hinter ihm dieses -- ah, dieses Dämons. --
-Nein, Georg, stöhnte er, nein, so wäre das nicht gegangen, wie du's
-dachtest. Dein Plan war ganz unsinnig. Giebs zu, Georg: was stelltest du
-denn vor -- in ihren Augen? Ein halbes Nichts von einem jungen Mann, mit
-dem sich geistreich plaudern ließ. Eh du nicht mindestens etwas
-vorstellst, das innere Leistung zu verbürgen scheint -- ist nicht an sie
-zu denken. Ja, aber nun bin ich fest. So gehärtet bin ich in diesem
-Glutofen immerhin, daß mich nun nichts mehr anbröckeln kann, und --
-innen umschließ ich mein Ziel. Das erreicht, dann -- Platz da, der
-Heuwagen! Oh Teufel, diese Bauern sitzen auf ihren Ohren! Wollt ihr euch
-zum Henker scheren auf die andere Seite, ihr Sch--«
-
-Der Wagen jedoch, haushoch beladen mit Heu unter Leinwand, wich und
-wankte nicht. Die Hupe brüllte, Georg schäumte vor Wut, aber sein
-eigener Wagen kam fast zum Stillstand, eh der Berg vor ihm sich zur
-rechten Seite der schmalen Straße hinüber bewegte. Aufschnarchend nahm
-der Motor die frühere Geschwindigkeit wieder auf, die Landstraße krümmte
-sich wie getreten, Fahrtwind brauste eiskalt, und zu beiden Seiten
-fächerte sich gelassen die schöne Weite des grünen Landes aus, sich
-ziehend und dehnend unter der großen Schattenbewegung des wolkengrauen
-Himmels, im kühlen Licht, von Sonnenbalken selten zu überraschender
-Lieblichkeit unterbrochen. Die Obstbäume an den Grabenrändern, vom
-seitlichen Windesansturm getroffen, taumelten und überbrausten sich,
-allmählich ward Georg ergriffen von der gierigen Lust des
-Vorwärtsstürmens, dem herzlichen Beben im Zwerchfell beim Lauschen auf
-die so innerlich ruhige, ehrenfeste Arbeit der vernünftigen Maschine,
-und dem geschmeidigen Freudegefühl am Mitwinden der Straßenbeugen im
-unmerklichen Drehen des Lenkrads. Sein Herz begann wieder ruhigen
-Schlag, er atmete eben und tief, schwermutvoller ward sein Empfinden
-zurück, zärtlicher, häufiger das Zucken voraus in der Vorstellung der
-Liebenden, im immer hastiger zerdrückten Gedanken der kommenden Lüste,
-denen er sich vergrößert zustürzen sah wie einen rädrigen Riesen von
-Metall. Wenn sie bloß im Hause ist! dachte er bänglich. Und also stob er
-dahin, vom Magneten schienenglatt hingezogen, gewaltig im Wagen, als
-wälze er selber sich den Weg, Dörfer spaltend, daß es krachte, Wälder
-zerfurchend, Dörfer wieder, und wieder hinknatternd über das endlose
-Band, das unter ihm hervorfliehend sich windende, aufseufzende Band der
-Straßen. Da sprangen Takte in ihm auf. Worte alsbald.
-
- Stürme an den Wäldern hin,
- Donnre übers Brückenjoch ...
-
-Was war das? Ihm erschien, entgegenkommend auf hohem Damm, die Maschine
-eines Schnellzugs, vornübergeneigt in kolossaler Rüstigkeit, stämmig,
-ein Kentaur:
-
- Eisenroß, das Morgen roch,
- Mitten schon im Morgen drin ...
-
-Morgen? woher der Morgen? Ah, es war nicht der Anfang des Gedichts.
-Weiter:
-
- Eisenhengst im Radgestampf ...
-
-Nein, so: Rase ... Ja, mit hellem a-Aufklang:
-
- Rase durch das Morgenland,
- Eisenhengst im Radgestampf,
- Glutgefüllt und lustentbrannt ...
-
-Ich vergesse den ersten Vers! Also -- wie wars? Donnre -- nein:
-
- Stürme an den Wäldern hin,
- Donnre übers Brückenjoch,
- Eisenroß, das Morgen roch,
- Mitten schon im Morgen drin.
-
-Nun der Anfang ... Doch indem klangen andre Worte:
-
- Feld und Wiesen farbig lohn,
- Hügel wandern -- Hügel spenden blauen Rauch ...
- Hügel wandern blau im Rauch,
- Silberblitzend winkt dir schon
- Weißdorn und ...strauch.
-
-Ja, aber der Anfang, wie war ...?
-
- Rase durch den ...
-
-Und richtig: nach der zweiten Strophe umarmte der äußere Reim den
-innern, also:
-
- Rase durch das Morgenland,
- Jage durch den Nebeldampf,
- Eisenhengst im Radgestampf,
- Glutgefüllt und lustentbrannt.
-
- Stürme ...
-
-Georg befand sich mitten in einer kleinen Stadt, die er für Altwedel
-hielt, bei langsamer Fahrt über Kopfsteinen. Vorübergehende, die sich
-umdrehend stehen blieben, Kinder, sah er noch glasig und verständnislos
-durch die inneren Gesichte, dann deutlicher düstere Läden, eine enge,
-aber augenscheinlich die Hauptstraße, jetzt zur Rechten ein Ungetüm von
-alter, gotischer Backsteinkirche, nur plumpes Schiff mit Dachreiter, --
-und indem gab es hinter ihm einen scharfen Knall. Ein Reifen war
-geplatzt.
-
-Georg lenkte den Wagen an den Gossenrand und hielt, der Chauffeur sprang
-ab. Also Mittagspause, die ohnehin einmal hätte gemacht werden müssen.
-Daß ich bloß meine Verse nicht vergesse! -- Eisenhengst im ... »Welcher
-ists, Dietrich? Der Linke? Also eine halbe Stunde dauerts wohl?«
-
-Kalt und ein wenig zittrig kletterte Georg aus dem Verschlag in einen
-Haufen schon vorhandener Kinder, löste den Halsschal und ging auf der
-Suche nach Speisegelegenheit, aber bei innerer Beschäftigtheit ohne
-etwas zu sehn, die Straße hinunter. Vor einem Schaufenster stehen
-bleibend, dachte er, abirrend plötzlich:
-
-Es ist doch wundersam: alles ist nur Rhythmus. Wie mußte ich bei meinen
-Gedanken und Gefühlen vorher auf diese Verse verfallen? Der Rhythmus
-stanzte die Worte heraus. Und vor allem dies: daß man, ob das Gedicht
-nun schwermütig sei oder heiter, solange es sich hervorarbeitet, weder
-das eine sein kann noch das andere, denn da ist für kein eigenes
-Empfinden mehr Raum, nur die Form wirkt sich, dehnt sich und glüht und
-bewirkt in dem Stoff, in meinem Dasein, meinem ganzen Ich -- dies
-absonderliche Gefühl von Angst -- ob ich es richtig mache --, von
-Quälerei und etwas Lust, Angstlustquälerei ... absonderlich ...
-
-Ratskeller, las Georg, den Kopf auf die linke Schulter geneigt, in
-schräger Schrift von unten nach oben jenseits eines rechteckigen, von
-Kugellinden umsäumten Platzes, auf dem Türpfeiler eines Kellereingangs.
-Ja, das getünchte Haus mit Säulen war vermutlich das Rathaus. Also
-wanderte er zum Wagen zurück, wies den Chauffeur an, ihn nach getaner
-Arbeit dort aufzusuchen, wo er Essen bekommen würde, und fand sich
-gleich darauf, nach zerstreuter Bestellung von irgendetwas an einen
-Kellner, wieder bei seiner Arbeit an einem runden Tisch, jetzt
-schreibend auf einem Blatt aus seinem Checkbuch, weiter hastend,
-zitternd im Schwung:
-
- Immer riesiger flammt der Tag,
- Tobend, jauchzend, hingerafft,
- Spaltest du mit Götterkraft
- Eichenwald und Tannenschlag.
-
- Wirfst die Dörfer hart zur Seit,
- Und die Ebne staunt und schwillt,
- Wie dein Atem heiser schreit
- Und du lärmst durch das Gefild.
-
-Worauf er unverzüglich anfing, das Ganze von vorn durchzuarbeiten, jedes
-Wort aufzuheben, umzudrehn und wieder hinein zu prüfen, andre
-einzuwechseln, streichend, wieder streichend, hineinklammernd, endlich
-das Ganze noch einmal schreibend und nach mehrmaligem Streichen ein
-drittes Mal, worauf er, zum ersten Entwurf zurückkehrend, lauter
-Unwählbarkeiten fand und, erschöpft ins Leere aufschauend, nach einer
-Weile bemerkte, daß Schüsseln mit Essen vor ihm standen. Er aß, aber die
-Versworte, freiwillig gegeneinander weiter hadernd und sich verfitzend,
-ließen nicht ab, ihn zu peinigen, er stand endlich auf, während eben der
-Chauffeur hereinkam, bestellte eine Mahlzeit für ihn und trat wieder ins
-Freie.
-
-Ein leichter Regen wehte nieder. Die Kirche war protestantisch und daher
-geschlossen. Um sie herumgehend, fand er eine gebogene kleine Gasse, in
-deren Hintergrund er etwas wie die Auslage eines Antiquitätenhändlers zu
-entdecken glaubte und hinzuging.
-
-In der Tat -- es sollte etwas dergleichen sein, jedoch enthielt ein, das
-Schaufenster füllendes Regal fast nur Sachen von heute.
-
-Ja -- fiel ihm ein -- und gesetzt, es wäre so, das einzige Empfinden
-eines Dichters beim Bilden des Gedichts wäre ein solches Mischgefühl von
-gequälter Lust und verzückter Qual -- was wäre die Folge für das
-Gedicht, seine Farbe, die sogenannte Stimmung? Ein wahrhaft reines
-Gedicht könnte, das wärs, weder die Farbe der Trauer noch der Freude
-haben, sondern -- sondern? Ein Mittel zwischen beiden, oder -- mit einem
-Worte: Ernst. Und das würde -- klassisch sein, weil harmonisch; das
-andre, das Zwiespältige dagegen wäre romantisch, -- haben wir nicht
-einmal darüber gesprochen, Benno und Sigurd? -- Ja, wo ist wohl Sigurd?
-
-Ältliche Stehlampen sah Georg, schlechte Gipsvasen mit herausragenden
-Italienerköpfen, blindes Silberzeug in verstaubten Kästen -- dick mit
-Staub überzogen voll Fingerabdrücke war alles --, ein paar Zinnteller,
-Steinkrüge, die übliche Perlentasche, ein Bündel Pfeifen mit
-Porzellanköpfen und schlechte Figürchen, ausgestopfte, ruppige Vögel,
-Pistolen und derlei Zeug, -- und als er ins dunkle Innre spähte, ließ
-sich zwischen Tischen, Schränken und Kommoden aus den achtziger und
-neunziger Jahren noch eine hübsche Kirschvitrine bemerken, die
-unerkennbare Dinge enthielt.
-
-Georg trat unter einem wimmernden Glockenlaut der Türe ein und erhielt
-Muße, sich umzusehn, bis aus dem hinteren Düster weiche Schritte hörbar
-wurden und aus einer niedrigen Tür eine bleiche und dunkeläugige Frau
-trat, ein Tuch um den Kopf, die Hände in der Schürze trocknend. Ein
-kleiner Junge, der an ihr hing, hatte das ganze Gesicht mit einem
-ekelhaften roten Schorf voll gelber Eiterränder bedeckt und wurde hart
-fortgejagt.
-
-Einen Anfall von Ekel unterdrückend, fragte Georg nach der Perltasche,
-entdeckte, während die Frau dorthin ging, hinter dem Porzellangeschirr
-und den Tafelgläsern der Vitrine im untersten Fach etwas Dunkelrotes,
-öffnete und holte, freudig erstaunt, ein rotes Glas hervor, das ein
-wahrhaftig echtes Rubinglas war, ein grader Becher mit Fuß, ohne
-Verzierung, dick, hart und schwer wie Stein, nur wenig angeschrammt am
-Fuß, -- ein Fund. Ja, war nicht etwa ein echtes Rubinglas das Kostbarste
-von der Welt? Und wie er nun ans Licht vortrat, den Becher hochhielt und
-das helle Blutrot im dunkleren, schwärzlichen aufglühte, inbrünstig,
-mächtig, wie der düsterrote Blick der ewigen Lampe im schwarzen
-Kircheninnern -- er atmete den Weihrauch --, hatte er sonderbarerweise
-die starke Empfindung, so und nicht anders müsse Cordelias Blut sein.
-
-Ich nehme es ihr mit, -- oh -- ah ja! aus diesem Kelch will ich dein
-süßes Blut trinken, dachte er begierig und überlegte, an den kranken
-Knaben erinnert, vor sich die ärmliche und verbitterte Frau, die ihr
-Kopftuch vor der Brust kreuzte, was ein Rubinglas für Cordelia wohl wert
-sein dürfte. Auf seine hingeworfene Frage, wie denn ein solches Geschäft
-ginge an diesem Ort, fing die Frau heftig an zu klagen, -- er hätte ja
-wohl gesehn, was mit dem Jungen sei, der Vater sei seiner Wege gegangen
-und nicht aufzutreiben, das Geschäft habe sie geerbt, im Sommer ginge es
-ja wohl -- Altwedel wäre doch Kurort --, aber im Winter komme fast
-niemand, sie verstehe auch nicht viel von den Sachen, und mehr
-dergleichen, was Georg zu peinlichem Mitgefühl und der Erwägung bewog,
-daß hundert oder tausend Mark für ihn dasselbe, tausend jedenfalls für
-ein Rubinglas Cordelias ein Preis sei.
-
-Mantel und Rock aufknöpfend, um sein Checkbuch und den Füllhalter
-hervorzuziehn, murmelte er etwas beschämt, er habe zwar kaum so viel bei
-sich, wie er für das Glas zahlen möchte, aber sie würde ja wohl ... und
-begann ein Blatt auszufüllen, was die Frau stumm abwartend geschehen
-ließ. Als sie dann den Zettel in Empfang genommen und gelesen hatte,
-fuhr sie los: »Ja, das wäre sowas! Sone Checks, da ist schon mancher
-drauf reingefallen! Und denn gleich Prinz, nee, da bilden Sie sich bei
-mir man nichts ein! Nee, mein Herr --« Sie nahm ihm das Glas aus der
-Hand und stellte es hin -- »das Glas kost fuffzehn Mark, wenn Sie nich
-zahlen können, denn lassen Se's ebent, denn bleibt das Glas hier.«
-
-»Aber -- aber mein --« Georg stand verdonnert, kümmerlich, und fing vor
-Aufregung wunderlich an zu zittern, während die Frau ihm seinen Schein
-in die Hand drückte. Nein, sie war gar nicht nett, die Frau, sondern sie
-war gemein. -- Georg holte zitternd das Gold, das er bei sich zu tragen
-pflegte, aus der Hosentasche, legte ein Stück davon neben das Glas, nahm
-das an sich und ging hastig zur Tür, dieweil die Frau, die sein Gold in
-der Hand wohl bemerkt hatte, sich nun auf ihren Irrtum verbiß, erst
-murmelnd, dann lauter hinter ihm her schimpfte: »Wolln Se Ihre fünf
-Groschen denn nich raus haben? Son Schwindel! Erst wolln se einen
-beschuppen, un denn haben se'n ganzen Sack voll. Na wenn Se nich wollen
-...« Die Tür fiel wimmernd zu.
-
-Schade! dachte Georg und erreichte, alles weitere Denken, aber nicht
-dies sonderbare Zittern unterdrückend, seinen Wagen. Alles war in
-Ordnung, er stieg ein und fuhr ab.
-
-Ach so, dachte er dann, ich bin ja auch kein Prinz!
-
-Und dann: Komisch! wie sie das gleich gemerkt hat!
-
-Aber er kam nicht los von der Szene, sah sie immer wieder von vorn, und
-es fiel ihm auch ein, daß es vielleicht besser gewesen wäre, er hätte
-sie nicht beschämt mit seinem Gold, sondern ganz im ersten Glauben
-gelassen, indem er sie nun sah, wie sie sich zwar keine Vorwürfe machte,
-wie aber ihr Gemüt noch verbitterter wurde, und der Junge --, Georg sah
-ihn gegen eine Schrankecke fliegen und ...
-
-Mit dem Gedanken an den Becher in seiner Tasche tröstete Georg sich
-langsam, der kalte Fahrtwind kühlte sein erhitztes Gesicht. Es wird mich
-doch ewig verfolgen! seufzte er höhnisch. Aber Cordelia -- ihr sage ichs
-heute. Es muß einmal sein.
-
-Sogleich sah er mit angeregter Phantasie sich im Wohnzimmer auf dem
-Roßhaarsofa sitzen, sie am Fenster, wie sie gern saß, den Ellenbogen
-zwischen den Blumenstöcken auf der weißen Bank. Er hörte sich: Ich
-wollte dir schon immer etwas sagen, Cordelia, höre einmal zu ... Ihre
-Antwort blieb undeutlich, etwas zu erfinden gelang ihm nicht gleich, --
-sie lachte wohl und sagte: Ich höre, mein Prinz. -- Ja, und nun sagte
-er: Eben das ists, Cordelia, du sagst und du glaubst: Prinz, aber -- du
-mußt wissen -- ich bin das gar nicht. Ich bin ...
-
-Wie ungläubig war ihr Gesicht! Natürlich hielt sie es für einen Scherz,
-lächelte und -- aber da, auf einmal, sah er ihr Gesicht deutlich, auf
-dem das Lächeln erlosch! Sie wollte das verhindern, allein -- wieder sah
-ers: das Erlöschen der Freude, das Schwinden des Besitzes, den sie mit
-solcher Andacht umfaßt hatte, die Armut, die Traurigkeit ... Sollte er
-sie wirklich berauben dürfen, sie, die an Glück doch wohl -- was wußte
-er? -- sehr arm gewesen war?
-
-Aus den innern Gesichten aufblickend, fand Georg die Breiten der
-Viehweiden, ein nahes Gehöft, gelbe Haferstreifen und entfernte Wäldchen
-sonnevergoldet unter wimmelnden Schatten des Nachmittags. Der weite
-Himmel war ein leicht durchbrochenes Getümmel von Blau und weißem und
-grauem Gewölk. Wie schön! der Abend würde klar sein ...
-
-Ach, nun wieder das! Nun will wieder Mitleid mich stören und hindern,
-und schon weiß ich nicht mehr: Soll ich -- soll ich nicht? Und: wenn
-ichs lasse, lasse ichs wirklich aus Gefühl für sie oder aus Furcht für
-mich?
-
-Man müßte es auf die Gelegenheit ankommen lassen, vielmehr auf eine
-Gelegenheit passen. Warum so plötzlich erschrecken? Es kam eine ernste
-Stunde, ein Gespräch der bekümmerten Seelen, wo die schmerzlichen, aber
-auch die schönen Tiefen des Daseins sich öffneten und zur natürlichen
-Form des Lebens wurden, -- wie wog dieses dann leicht, Geständnis und
-Sache selbst ging auf im großen Strome der Leiden, auf im schwesterlich
-natürlichen Verstehn, und ließ ein solches Gespräch sich nicht
-herbeiführen, leichter als leicht, mit ihr, der Bereitwilligsten, der so
-unsäglich Wandelbaren?
-
-Ach, wenn ich sie nur erst habe! -- Sein Mund sank ein in den weichen
-Marmor ihrer immer kühlen Brüste, seine Hand tastete nach dem Süßesten,
-seine Augen ... Er riß sie krampfhaft auf, starrte durch Schleier auf
-ferne Punkte von Menschen oder Wagen zwischen den Baumzeilen, hörte den
-Motor donnern, setzte sich auf und schnob: Glutgefüllt und wutentbrannt!
-muß es natürlich heißen, nicht lustentbrannt ...
-
-Und es erschienen die Türme und der dunstige Häuserberg von Altenrepen
-...
-
- * * * * *
-
-Als Georg, eiskalt am ganzen Leibe, steif und zittrig dem Wagen
-entstiegen, durch das Gittertor spähte, gewahrte er gleich Hesekiel;
-Hesekiel mit seinem Höcker in einer wunderschönen, glänzend rot- und
-schwarzgestreiften Dienerweste, der sicherlich wieder etwas Merkwürdiges
-vorhatte. Er stand im gelben Kies oben auf dem Hügel vor dem Hause,
-einen langen roten Wasserschlauch zwischen den Beinen, und bemühte sich,
-die Betunien, die über der halbkreisförmigen kleinen Vorhalle vom Balkon
-hingen, von unten zu sprengen, was sehr schwierig war, denn der
-verfluchte Strahl ging immer darüber hinaus gegen die Wand und die
-oberen Hälften von Glastür und Fenster, und die Blumen selber, wenn sie
-getroffen wurden, warfen sich so gewaltig und wild nach oben, daß es
-schrecklich anzusehn war. Georg, der mittlerweile den Hügel mit seinem
-schönen, grünsamtenen Rasenbelag, mit Rosenstöcken, Gebüschgruppen und
-einer prachtvollen Blutbuche zur Hälfte erstiegen hatte, blieb stehn und
-rief: »Hesekiel, was machst du denn da?«
-
-Ach Gott, das hätte ich nun wieder nicht tun sollen, dachte er dann,
-denn nun geriet Hesekiel, sein verkümmertes, spitzes und heißes Gesicht
-mit der wehmütigen Mundschnirre herwendend, in abscheuliche Verwirrung.
-»Ach, der Herr Doktor!« -- es war unbekannt, ob Hesekiel sich diesen
-Titel ersonnen hatte oder vielleicht überhaupt nur Doktoren kannte --
-lächelte er freudig -- allein was nun? Die Spritze hinlegen, deren
-Strahl sich triumphierend über ihm in die Lüfte bohrte, und zur
-Begrüßung hergerannt kommen, wie's ihm gelehrt worden war? Oder den
-Strahl erst abdrehn? oder zur Meldung ins Haus davonlaufen? -- Das war
-zuviel für ihn, und so tat er von jedem den Anfang in wirrem
-Durcheinander; tastete nach der Schraube, lief ein paar Schritte gegen
-Georg vor, streckte die Hand mit der Messingtrompete gegen die Erde aus,
-wollte davonlaufen, ehe sie lag, und blieb endlich zwischen allem,
-geduckt, erschöpft und ratlos sich selber verlächelnd stehn.
-
-»Na komm, Hesekiel,« sagte Georg, dem der Strahl jetzt knatternd
-entgegensprang, »leg mal die Spritze hin.« Hesekiel tats gehorsam und
-erleichtert. »So ists schön! Und nun kommst du und giebst mir die Hand.«
-Hesekiel kam glücklich und verklärt. »Ist die gnädige Frau denn zu
-Hause?« Hesekiel nickte und deutete mit dem Daumen. »Ja, sag mal, wie
-kommst du denn auf die Idee, die Blumen da oben zu sprengen?«
-
-»I wollt halt so gern der gnä Frau -- gnä Frau bissl Arbeit
-erleichtern.«
-
-»Das ist brav, Hesekiel, denn man weiter!« Georg verließ den eifrigen
-Bediener der Natur und ging leise, nach den Fenstern spähend, zur
-Rückseite des Hauses, dessen grauer Stein und rotes Dach heiß glühte im
-starken Abendlicht, dieweil er dachte: Ach, Hesekiel! du hast eine
-schöne, dienende Seele im Höcker, -- kannst du mir vielleicht sagen,
-warum die Frau so gemein war? Ach ja -- ach! -- du kennst nur Doktoren
-und weder Prinzen noch Nichtprinzen ...
-
-Georg blickte zu dem breiten Schiebefenster empor, hinter dem drinnen
-sein Bett stand, und siehe da, zwischen den weißen Geranien, die im
-grünen Gitterwerk drunter hingen, erschien die lange Tülle einer kleinen
-grünen Gießkanne mit gelben Reifen, und gleich darauf Cordelias Hand,
-Stirn und die beschäftigten Augen, die nach den Blumen spähten, und --
-
-»Na?« sagte Georg
-
-Sie warf vor Schreck die Gießkanne herunter. Dann war sie verschwunden.
-Georg hörte ihre Absätze drinnen auf der Treppe und wartete glückselig,
-bis sie ums Haus gelaufen kam, aber zehn Schritte vor ihm anhielt, die
-Hand gegen die Hausecke stützte und ihn tief und inbrünstig anblickte.
-
-Wie schön sie ist! dachte er stumm in diesem Blick. Das Kleid, das sie
-trug, von dunkelvioletter Seide, war auf unkenntliche Weise ihrem Körper
-umgewunden; es war eine Art Empire, jedoch fast geschlossen um die Füße,
-und eine ganz kurze Schleppe lag am Boden. Der schöne Busen atmete
-sichtbar mit beiden Wölbungen und hob auf der bloßen Brust das goldne
-Medaillon, in dem sein Bild und Haar war.
-
-Im nächsten Augenblick hielt er sie umschlungen, ihr Gesicht an sich
-pressend, den Mund in ihrem Haar, flüsternd in flutender Erlöstheit: »Da
-bin ich wieder! Ach, ich konnte nicht mehr!«
-
-»Ja, bist denn meinetwillen gekommen, Georg, wirklich meinetwillen?«
-
-»Ja doch, Cordelia, warum denn sonst?«
-
-»Aber -- dein Vater?«
-
-Sie sah ihn an durch Tränen unsäglicher Liebe und konnte nur die Lippen
-bewegen. Endlich fragte sie dann nach seinem Befinden; ob er nicht Ruhe
-brauche.
-
-»Ja, ich würde mich gern etwas hinlegen. Und -- sag mal -- hast du was
-zu essen?«
-
-»Ich werd schaun. Eier sind da. Und Salat. I werd halt schaun.«
-
-Also wanderten sie umschlungen ums Haus, Cordelia verschwand in die
-Küche, Georg stieg ins obere Stockwerk hinauf. --
-
-Die weiße Türe öffnend, mußte er den Atem anhalten, so erschreckend
-trafen ihn Glanz und Feierlichkeit, die der niedrige, kleine Raum vor
-ihm auftat.
-
-Die tiefstehende Sonne flutete in vollem, glühendem Strom zu den
-Fenstern herein; Georg konnte zwischen den lodernden Gardinen und grünen
-Fuchsienstöcken -- diese waren wie aus grünem Golde gehämmert -- ihre
-brennend goldene Scheibe sehn. Der Raum, von güldener Woge erfüllt,
-glitzerte, funkelte und glänzte überall, die tiefe Lebendigkeit seines
-Alters, seine vielgenützte Würde und den Stolz der kunstvollen Erzeugung
-hier leise, hier vernehmlicher ansagend. An der rechten Wand, in den
-sehr dunklen Spiegelscheiben des holländischen Kastenschranks, der bis
-an die schweren Balken der weißgetünchten Decke reichte -- Messinggriffe
-und Schlösser an den Schubladen blitzten wie reines Gold -- dort war
-alles noch einmal, vertieft und dunkler zu sehn, geheimnisvoller: Sofa
-und Sofatisch gegenüber unter den Silhouetten in glänzenden Goldrähmchen
-und verblichenen Kreideporträten, von denen die dunkelblaugemusterte
-Tapete fast zugedeckt war, und daneben am Fenster -- Georg wandte den
-Blick vom Gespiegelten hin und folgte dann selber hinüber -- dieser
-Glanz war erstaunlich! Das flüssige Feuer lief in den vergoldeten
-Blätterleisten des hohen Spiegels, aus dessen Oberstück die arkadische
-Landschaft bläulich schimmerte, und, ein wenig vorgeneigt in der
-verschleierten Spiegelung des alten Glases wiederholte sich stiller, was
-auf der kleinen, goldhellen Platte des dünnbeinigen Birkentisches davor
-stand: der Abendmahlskelch, eiförmig aus dunkelblauem Glase, in silberne
-Rispen gefaßt, nach oben verlaufend vom Fuß wie die langöhrig
-ausgezogenen Henkel, zwischen denen der flache Deckel ruhte; dazu links
-und rechts von ihm starke, dunkelgelbe Kerzen in Messingleuchtern, --
-was alles flammte in seiner Ruhe und Heiligkeit.
-
-Georg drehte sich um. Da überragte in seiner Ecke drüben der schmale
-weiße Ofen -- stiller als alles übrige, weil vom vollen Leuchten nicht
-mehr erreicht -- den Ofenschirm, dessen quadratischen Grund eine satte
-Schicht von grünem Feuer überzog um die roten und blauen Flügel seiner
-flatternden Papageien.
-
-Georg blieb auf der Sofalehne hocken, fast schwermütig gestimmt; wovon?
-Von soviel Anmut, Lauterkeit und feurigem Leben? Womit habe ich das doch
-verdient? fragte er sich still.
-
-Der Saum weißer Stifte, von dem die schwarze Roßhaarbespannung des Sofas
-gehalten wurde, war ebenso vergilbt wie an den breiten Stühlen, die den
-Tisch umgaben. Am kleinen Sekretär mit schräger, eingelegter Platte
-zwischen den Fenstern war die Fournierung hier und da gesprungen, eine
-Kante gesplittert, das Schloß war locker, ein Griff fehlte an einer der
-unteren Laden. All das gehörte sich so; es waren ehrsame Narben. Hatte
-Jason al Manach nicht einmal von den ererbten Dingen gesprochen? Georg
-wußte die Worte nicht mehr, allein hier redeten sie ja selber ihre
-gedämpfte, aber wie vernehmliche Sprache: daß sie hervorgegangen waren,
-einzeln wie die Könige aus einzelner Hand, die einsam von Grund aus sie
-gefertigt, liebevoll, verständnisvoll für ihr Ganzes, für unendliche
-Zeiten bestimmt zu dauern; und da waren sie wie damals, gealtert, viel
-genützt und unverbraucht, nur stattlicher in ihrer alten Erinnerung,
-ihrem Bewahrtsein, in der schlichten Gebärde, mit der sie um sich den
-Hintergrund schrieben, der zerfallen war: Menschen und Geschicke.
-
-Ja, -- und ich? dachte Georg.
-
-Glänzend mit mächtigem Antlitz von Messing in ihrem die Decke
-berührenden Haupte stand die Älteste neben der weißen Tür, die
-standfeste Riesin, die englische Dielenuhr, die auch die Monate zu
-zeigen verstand; sie schlug langsam, wie im Geburtsjahr 1757, den selben
-gemessenen Pendelschlag, auf den hinhorchend Georg für lange Sekunden
-sich verlor. Sie tickt den Schritt der Sekunde, sagte er sich dann; das
-macht es so geruhig und wohltuend. Und wie vornehm, wie zurückhaltend
-war das gedämpfte Rücken im Gehäus! Ja sie war die Älteste.
-
-Georg lächelte bitter. -- Eigentlich sollte ja ich es sein. Ich, der
-sich einmal einbildete, mit Friedrich Barbarossa vor Akkon gelegen, bei
-Benevent für deutsche Sehnsucht gefochten und vielleicht das Leben
-verloren zu haben ... Ihm zogen Georges Verse aus den Romfahrern durch
-den Sinn:
-
->Freut euch, daß nie euch fremdes Land geworden ...
-
- ... Wie einst die Ahnen, denen dürftig schien
- Die kalte Treue vor dem Fürstenstuhle:
- Wunder der Welt und Sänger Konradin!
-
- Durch euer Sehnen nehmt ihr ewig teil
- An froher Flucht der silbernen Galeeren,
- Und selig zitternd werfet ihr das Seil
- Vor Königshallen an den Azurmeeren.<
-
-Durch euer Sehnen ... Georg zitterte, er glühte von der triumphierenden
-Schönheit der Strophen. Durch euer Sehnen nehmt ihr ewig teil ...
-
-Ja, sein Teil war das. Sehnen -- nach was? Nach oben doch, nach -- nach
-sich selber zu immer höherer Geburt, besser zu werden, reiner zu werden,
-edler, tüchtiger, wissender ... Was wollte er denn auf einem Thron?
-
-Bin ich nicht glücklich hier? Hilfst du mir nicht, süße, teure Seele,
-mein Auge immer wieder nach innen zu lenken? Wohnt nicht vielleicht doch
-ein Gott dort innen und pocht ein ewiges Werk, pocht bei mir und wirkt
-bei dir in immer strahlenderen Farben das Gewebe unsäglicher Liebe? Habe
-ich nicht genug, ernst zu sein, unruhig zu sein im unaufhörlichen
-Verlangen nach Besserem? Wenn es denn schon keinen Gott giebt, das Ahnen
-des Göttlichen, den Zwang des Göttlichen, den Hauch von Jenseits in der
-Brust? Habe -- ja, habe ich nicht etwas Neues für mich allein, dachte er
-erleichtert in der Erinnerung an seine eigenen Verse, Neues -- nein,
-sondern Uraltes, Anfängliches, älter und edler und reicher sogar an
-Ahnen, abertausend Ahnen in unablässig geistiger Beugung? Und mag mein
-eigenes Handeln als Bürgschaft solchen Ahnentums noch so bescheiden
-sein: der alte Geist hat doch Leben in mir und Bewußtsein. -- Da stieg
-strahlende Heerschar vor seinen sinkenden Augen auf, Heroe gereiht an
-Heroe, Erzengel an Erzengel, unübersehbar, von George hinab zu Dante, zu
-Pindar, zu Homer, und wieder herauf im gewaltigen Schwung über
-unsterbliche Häupterschar zu Hölderlin, zu Novalis, zu George.
-
-Georg legte nicht ohne Demut in der gedämpften Bewegung seinen Mantel
-ab, denn es trieb ihn, bei aller Abgespanntheit, seine Verse jetzt nicht
-unvollkommen zu lassen. Dabei schlug ein schwerer Gegenstand in einer
-Tasche gegen die Stuhllehne, er faßte, im Innern schon murmelnd und sich
-erinnernd: Hügel wandern blau im Rauch, -- danach und holte
-geistesabwesend das Rubinglas hervor, lächelte flüchtig und wußte vor
-geistiger Abwesenheit, gleichzeitig nach Schreibpapier ausblickend,
-längere Zeit nicht, wohin er damit sollte. Endlich hatte er die Platte
-des Sekretärs herunter und auf die ausgezogenen Leisten gelegt, stellte
-das Glas nun ins Innere vor die kleinen Laden, öffnete Cordelias
-Schreibmappe, fand zum Glück einen Briefbogen, holte seine Niederschrift
-hervor und begann, das Ganze sorgfältig durchprüfend noch einmal zu
-bilden. Im Schreiben der letzten Zeile hörte er hinter sich die Tür gehn
-und sah im zerstreuten Sichwenden Cordelia, die ganz erschrocken schien,
-ihn nicht schlafend zu sehn.
-
-»Komm nur, ich lese dir was vor«, sagte er. -- »Wie du nur aussiehst!«
-erwiderte sie näher kommend, »ganz überwacht!«
-
-»Schadt nichts, setz dich nur!« Sie blieb stehn, an den Kastenschrank
-zurücktretend, und er las, kräftig Takte herausfördernd und Reime:
-
- »An den Schnellzug
-
- Rase durch das Morgenland,
- Durch den weißen Nebeldampf,
- Eisenhengst im Radgestampf,
- Glutgefüllt und wutentbrannt.
-
- Stürme an den Wäldern hin,
- Donnre übers Brückenjoch,
- Eisenroß, das Morgen roch,
- Mitten schon im Morgen drin.
-
- Feld und Wiesen golden lohn,
- Hügel opfern blau im Rauch,
- Silberblitzend winkt dir schon
- Hagedorn und Holderstrauch.
-
- Immer voller flammt der Tag,
- Tobend, wiehernd, fortgerafft,
- Spaltest du mit Riesenkraft
- Eichenhain und Fichtenschlag.
-
- Schleuderst Dörfer hart beiseit,
- Wo die Ebne staunend schwillt:
- Wie dein Atem eisern schreit,
- Wie du rasselst im Gefild.«
-
-»Das ist ja großartig, Georg!« Beschämt ließ er sie ihm um den Hals
-fallen. »Wirklich, Georg, das gefällt mir! Das ist wieder gesund und
-beflügelt, nicht so wie die letzten, die warn auch schön, aber so wie
-kranke Blumen, weißt. Ja, nun mußt du schlafen, pascholl! -- Aber was
-ist denn das hier?« -- Sie sah das Glas.
-
-»Ach, dein Glas, Cordelia, da hab ichs hingestellt! Hier, das hab ich
-dir mitgebracht.«
-
-Still, während er sich entzog und zwischen Stuhl und Tisch hindurch sich
-ins Sofa zwängte, nahm sie das Glas an, trat zum Fenster und hielt es
-empor, so daß es augenblicks aufloderte wie ein Juwel, blutrot.
-
-»Ach, Georg ist das schön!«
-
-»Dein Herz, Cordelia,« sagte er, plötzlich taumelnd von Schlafverlangen,
-»dein Herz -- mußt ich denken ...«
-
-Er hörte nicht mehr, was sie sagte. Noch vernahm er Schritte, leise,
-dann das Niederrollen der Rulos, Schritte, das leise Zudrücken einer
-Tür. Die Augen noch einmal öffnend, sah er, daß es dunkler im Zimmer
-war, goldbraune Luft, und daß vor ihm das rote Glas stand. Eine
-zärtliche Wallung verging, kaum sich regend, im schweren Rieseln der
-Umnachtung.
-
-
- Sechstes Kapitel: Juli
-
-
- Requiem
-
-Renate, an einem offenen Flurfenster im ersten Stockwerk des Nordflügels
-von Helenenruh stehend, als es eben Nacht geworden war, hörte Magdas
-singende Stimme, die im Klaviersaal die Gruppe aus dem Tartarus begann.
-Ein Fenster war dort offen und matt erleuchtet. Renates Augen ruhten
-halbgeschlossen im ungewissen Dunkel, das leise vom fallenden Regen
-rauschte und sich zu bewegen schien. Ein Tropfen spritzte hier und da
-herein, ihre Hand treffend, ihre Stirn; es war kühl. Am Himmel oben über
-den beweglichen, finsteren Massen der Baumwipfel war ein wenig Licht
-hinter gelblichem, dahinflüchtendem Gewölk. Bleich gegenüber schimmerte
-die Wand des Südflügels. Ohne hinzusehn konnte sie in dem erhellten
-Saalfenster zur Linken den Lichtschein der unsichtbaren Lampe gewahren,
-die in der Mitte auf einem Tisch stehen mußte, und, schräg durch den
-Raum hin, die hohe weiße Mitteltür samt ihrem flachen Giebeldreieck und
-dem fast schwarzen Porträt im Goldrahmen darüber, dicht unter der
-Zimmerdecke. Zu sehn war niemand.
-
-Die Musik des Harmoniums kam sanft und wehend, -- schön, klar und
-kräftig kamen die dunklen Töne der singenden Stimme durch den Regenfall.
-Ein heftiges Aufschaudern der windgetroffenen Baumkronen überrauschte
-jetzt alles, es ward still, leiser der Gesang, in einer Dachrenne
-plätscherte hörbar die Regenflut, es klapperte, -- oder wars auf der
-Terrasse? -- Da stürzte mit mächtigem Aufbruch, ja wie ein großes,
-schwarzes Panthertier stürzte die große, tiefe Stimme mit »Ewigkeit!
-Ewigkeit! Bricht die Sense des Saturns entzwei!« in das Finstre, warf
-sich durch den Nachtstrom empor, triumphierte, senkte sich, stieß ein
-zweites Mal siegreich vor und schwand im Allgemeinen der Musik,
-untertauchend wie ein Schwan, und in den verworrenen Stimmen der
-Regennacht.
-
-Renate bebte leise, frierend von Nachtkühle und dem Gesang. Lauter toste
-der Regen. Oh dies gewaltig gebliebene Herz in der singenden Brust! Aber
-oh, wie waren die Toten einsam und ganz im Freien, ausgesetzt aller
-windigen Geschäftigkeit der Nacht und der wimmelnden Erde! -- Da sah sie
-den Katafalk der Herzogin mitten in der Nacht stehn, schwarz, die großen
-Kandelaber, flatternd im Winde Flöre und Kerzen, das große,
-starkriechende Gepränge der Blumen, Schleifen, Palmwedel, umher die
-Schauer gedrängter Menschen, und inmitten das seltsam kleine, kaum
-wahrnehmbare tote Antlitz der aufgebahrten Gestalt, in weißen Kissen,
-gerader und viel steifer, als sonst ein Mensch liegt. Daneben war der
-Rücken des Herzogs, gebeugt, sein Hinterkopf, der kein Auge von der
-Schläferin wandte.
-
-Aber dies verschwand, und im lichten Morgenkleide kam die Herzogin zu
-einer Tür herein, zu ihr, die an einem Fenster stand, einen Morgengruß
-hinnickend, und setzte sich an den Frühstückstisch. Sie sagte mit
-leichter Stimme etwas, aber Renate konnte es nun nicht mehr hören,
-besann sich vergeblich auf Worte, fühlte, daß sie traurig war und das
-schreckliche Entgleiten eines Toten, der uns nicht sehr nahe stand, ins
-Ungewisse. Da war das Gesicht des Herzogs, wie es langsam aus dem
-Wagenschlag kam, die heißen Augen, die herumfuhren, zu ihr empor, und
-sie wollte die Stufen hinunter; sein ganzes Gesicht war gesträubt von
-Bart, dann kamen unten die Stöcke zum Vorschein, er zwängte sich heraus,
-stand, und an Renate vorüber eilte Magdas schwarzgekleidete Gestalt zu
-ihm, und dann schien etwas ihn zu durchbrausen, und er hing über ...
-
-Wollte Magda nicht wieder anfangen? Das Harmonium war sehr gedämpft
-hörbar, lange Zeit. Renate setzte sich auf die Fensterbank, den Rücken
-gegen den Rahmen gelehnt, vom Schlosse weg ins Dunkel der Parkwiese
-blickend. Gleich darauf ward es am Ende des Flurs hell; die
-Wendeltreppe, aus der Tiefe beleuchtet, ward weißgetüncht sichtbar, und
-von unten heraufsteigend erschien ein Diener in Frack und Kniehosen; er
-griff nach der Wand, die Lampe unter der Decke glühte hell auf, kam auf
-sie zu und bat sie, in den Saal zu kommen. Sie fragte, ob auch die
-Fürstin Schwester dort sei, und er bejahte.
-
-Wenig später stand Renate vor der Saaltür und hörte von drinnen das
-Harmonium im sachten Vorspiel zu >Du bist die Ruh<. Sie zauderte,
-wartete dann einen Augenblick ab, wo der Gesang schwoll, öffnete
-behutsam und trat ein. An der Tür blieb sie stehn.
-
-Auf dem ovalen Tisch in der Saalmitte stand eine Petroleumlampe von
-glänzendem Messing mit geradem, grünem Schirm. Aha, die selbe Lampe,
-welche die alte Fürstin stets auf Reisen mit sich zu führen pflegte,
-ergrimmt auf das elektrische Licht. Da saß sie, rechts am Tisch, und
-strickte, sah nicht auf, denn sie zählte gerade, die Maschen mit dem
-linken Daumennagel zusammenschiebend; das in Falten hängende Kinn --
-Festons hatte Georg gesagt, und einen Augenblick kam Renate sein Gesicht
-dazwischen, verdunkelt von der schwarzen Kleidung und verlegen, weil er
-gescherzt hatte mitten in seiner Trauer -- gegen die Brust gedrückt, sah
-sie von oben schräg auf ihre Hände; eine kleine eiserne Brille hing ganz
-vorn auf der Nasenspitze wie ein windiges Geländer. Diese sparsame Alte
-trug eine gestrickte schwarze Mantille um die Schultern, aber die Hände,
-die aus schwarzen Pulswärmern kamen, waren über und über beladen mit
-funkelnden Ringen. Jetzt sah sie gegen Renate auf, dunkeläugig, rückte
-an ihrer Brille, musterte sie scharf, fuhr mit flacher Nadel über die
-aufgesträubten Blätter eines vor ihr liegenden Buches -- sie dehnten
-sich gleich wieder empor --, blickte hinein, blickte wieder auf und
-verneigte sich mit dem Oberkörper, freundlich lächelnd und nickend,
-während Renate zu Boden sank. Dann hielt sie ihr Strickzeug weit von
-sich ab, fuhr mit gewaltigem Stoß der linken Nadel hinein und rasselte
-darauflos, nicht ohne schräg von oben gegen die emporstehende Buchseite
-zu blicken. -- Renate lächelte in sich hinein, denn da die Fürstin außer
-ihren beiden Beschäftigungen auch wohl noch auf den Gesang hörte, so
-schien ihr dies eine gewinnsüchtige, aber geschickte Alte.
-
-Links am Tisch sah Renate nun den breiten roten Rücken eines Sessels mit
-vergoldeter Umrahmung auf ganz kurzen Beinen. Darüber war der Hinterkopf
-des Herzogs, wie ein Strudel: eine tonsurhafte kahle Stelle mitten im
-Wirbel des großen, runden Haarschädels im Schatten der Lampe. Renates
-Eintreten hatte er scheinbar nicht gehört.
-
-Und da rechts in der Ecke, halb im weißen Vorhang des offenen Fensters,
-war noch etwas Lebendiges, nämlich ein kleiner Greis mit glattem,
-rosigem Gesicht, aus dem zwei freundliche kleine Augen Renate unbeirrt
-anstarrten, während ihm ein rosenroter Papagei über die Hände im Schoß
-an der Weste hinaufkletterte, sehr mühselig, mit Schnabel und Krallen
-sich abwechselnd einhakend und festkrallend.
-
-Daneben war die dunkle Türöffnung zu den Zimmern der Toten. Stand sie
-vielleicht darin, auch zuhörend, die Augen im sanften Licht,
-erleichtert? -- Aber Magda blickte vom Harmonium herüber, nickte und
-lächelte während des Zwischenspiels. Renate lehnte sich gegen die Tür,
-folgte den langsamen und kunstlosen Griffen und Veränderungen der
-schmalen Hände auf der Klaviatur, selber fern in unbewußten Gedanken,
-kaum hörend, daß jemand sang. Dann war es still im Raum.
-
-Der kleine Greis, augenscheinlich der Mann der Fürstin, klopfte seinem
-Papagei auf den Kopf und erhob sich. Die Fürstin sah auf, räusperte sich
-stark zum Herzog hinüber, zog, da er sich nicht bewegte, eine Nadel aus
-dem Strumpf, zeigte damit auf Renate und sagte: »Nun sie!«
-
-Magda erhob sich. Jetzt bewegte sich der Kopf des Herzogs, einen
-Augenblick wurden seine Stirn und Augen über der Sesselwand sichtbar,
-dann stand er schwer auf und sagte heiser: »Guten Abend.« Und zu den
-Andern: »Bitte, dies ist Fräulein von Montfort.«
-
-Der kleine Fürst kam zierlich und ein wenig schlotternd im Gehrock
-herbei, den Papagei an die Brust gedrückt, und verneigte sich sehr tief.
-
-»Setz dich nur!« schrie die Fürstin. Er machte mit der rechten Hand eine
-Muschel am Ohr und hielt es ihr hin, aber sie sah es nicht, und während
-er sich, Renate zulächelnd und kopfschüttelnd, zurückzog, sagte sie zum
-Herzog, kaltblütig auf französisch, dies wäre ein sublimer Mensch,
-worauf sie in derselben Sprache zu Renate fortfuhr, sie habe das auf
-französisch gesagt, um die Schmeichelei nicht so geradezu
-herauszuschmettern. Freundlich und auf deutsch bat sie dann etwas zu
-spielen. »Aber nichts Modernes!« sagte sie.
-
-Renate setzte sich, aber nun fiel ihr nicht das geringste ein. Endlich
-fand sie die kleine Ballettmusik zu den Gluckschen Gefilden der Seligen
-und fing damit an, gleich darauf sich erschreckt fragend, ob wohl außer
-Magda jemand den unpassenden Titel der Musik kannte; die war freilich
-sanft und lieblich genug. Als sie geendet hatte, sagte die Fürstin, das
-wäre Kleinkindermusik. So begann sie denn das Orgelkonzert von
-Friedemann Bach, indem sie dachte: ich will dirs heimzahlen. Bald aber
-erschrak sie heftiger, denn sie fühlte plötzlich eine Hand auf ihrer
-Schulter. Die Fürstin neben sich gewahrend, wollte sie schon die Hände
-von den Tasten nehmen, weil aber weiter nichts erfolgte, spielte sie
-fort, die Fürstin blieb so neben ihr, und nun jagte sie die achttaktige
-Fuge in ihr großes Rasen hinein, daß es in den Fugen des Instrumentes
-krachte. Am Ende des ersten Satzes sagte die Fürstin nur: »Weiter!
-Zweiten Satz!« Sie schien mächtig aufgeregt, und so ging auch dies
-endlos scheinende Gigantengehämmer des nächsten Satzes ohrbetäubend
-vorüber, ohne daß die alte Dame ihre Stellung verändert hätte. Am Ende
-atmete sie gewaltig auf, packte Renates Gesicht, küßte sie unter
-plötzlich strömenden Tränen und rief: »Heldenhaft! Heldenhaft!« Dann
-erklärte sie, daß sie gern so neben einem Spielenden stünde; das ginge
-ihr dann gewaltig durch Mark und Bein. -- Als Renate sich im Sessel
-umdrehte, blickte sie gerade gegen die geröteten Augen des Herzogs, die
-sie starr anschauten. Seine Schwester trocknete sich die Augen und das
-Kinn, über das ihr vor Eifer ein wenig Mundfeuchte heruntergelaufen war.
-Dann riß sie ihren großen Pompadur auf, fuhr tief hinein und brachte
-einen Kake zum Vorschein; den schenkte sie Renate; er war nicht mehr
-ganz heil. Es war eine kriegrische alte Frau.
-
-Am Tische sitzend nahm sie ihren Strumpf wieder auf, setzte die Brille
-auf, kratzte sich dann nachdenklich mit einer Nadel den Kopf und sagte:
-
-»Weißt du, Woldemar, an wen dies Spiel mich erinnert? An meinen
-Kardinal. Kardinal Massi. Er war nur ein dürrer Mensch,« erklärte sie
-Renate, »aber er hatte allmächtige Pranken und eine höllische Seele. Er
-war ein gottloser alter Heide, aber vor jeder Musik, die er machte,
-sagte er die Worte: >Im Namen des allbarmherzigen Gottes ...<«
-
-Der Herzog lächelte und meinte, so fingen die Koransuren an.
-
-»Die was?« fragte seine Schwester.
-
-»Die Gebete im Türkenkoran.«
-
-»Er wird sich den Teufel um Suren kümmern, wenn ihm einer auf goldenen
-Wolken zufliegt, der Herrgott«, versetzte sie stramm, nahm ihr Buch vor
-und fing trotzig zu lesen an.
-
-Es war nun still. Renate sah zu Magda empor, die hinter ihr an der Wand
-lehnte; sie blickte mit weit offenen Augen ins Leere. Renate sah die
-Gestalt der Toten in diesem Blick und wandte ihr Gesicht vorsichtig dem
-Herzog zu. Der saß tief vornübergebeugt im Stuhl. Jetzt löste sich fern
-drüben zwischen den Klavieren eine Gestalt aus dem Dunkel, Dr. Birnbaum,
-der auf den Zehen herkam, eine dicke Zigarre vorsichtig in der
-ausgestreckten Hand, von der er ein großes weißes Aschenstück in eine
-Bronzeschale auf dem Tisch legte. Er entfernte sich ebenso leise und
-ohne die Augen zu erheben. Ganz hinten auf einem Stuhl an der Wand
-zwischen zwei Klavieren setzte er sich nieder. Aber dem Herzog mußte der
-Vorgang doch bewußt geworden sein, denn nun richtete er sich auf, zog
-ein Zigarrenetui aus der Brusttasche, nahm eine heraus, die Augen mit
-ungewissem Blick gegen die Lampe gerichtet, biß die Spitze ab, nahm sie
-von den Lippen, legte sie auf die Aschenschale, ergriff die
-Streichhölzer und schien dann all dies zu vergessen. Er bewegte sich
-nicht mehr. Endlich kam Magda zum Tisch vor, nahm die Schachtel aus
-seiner Hand, strich ein Hölzchen an und hielt es ihm hin. Aufblickend
-nahm er es aus ihren Fingern, nickte sehr eifrig dankend, rauchte an und
-sagte: »Ihr macht eine schöne Musik ...« Dann blies er das Streichholz
-aus und legte es hin.
-
-Indem sagte eine ganz ferne, lippenlose, vernöckerte Stimme, leise
-warnend: »Heinrich, der Wagen bricht!« --
-
-Magda, der Herzog, Renate, alle Drei sahen nach dem Papagei in der Ecke,
-der sorglos vom Fußboden am Vorhang hinaufstieg. Der Herzog blies eine
-starke Qualmwolke, lehnte sich grade zurück und sagte mit Gleichmut vor
-sich hin: »Nein, Herr, der Wagen nicht!« Und schwieg. Die Fürstin hatte
-nicht aufgesehn.
-
-Da erst fühlte Renate die Beängstigung des Raumes und der Stille. Die
-Tote war überall zugegen; jede Bewegung bog um sie aus, jedes Wort hielt
-sich vor ihr zurück, jeder Blick glitt erst von ihr ab, ehe er zu
-jemandem hinging. Oh, gegenwärtiger war sie nun als jemals, da sie ja
-kaum sichtbar gewesen war am langen Tag; oder war es gerade dies, daß
-Alle, die sie gekannt hatten, immer nur eine Abwesende in ihr besaßen?
-Und wenn sie jetzt erschiene, -- würden sie erschrecken? Sie war doch
-immer so selten gekommen! -- Dumpf polternd fiel der Papagei zu Boden,
-der Vorhang bauschte sich, hörbar war der Regen, und Renate zerbrach
-sich den Kopf um etwas, das sie sagen könnte, aber die unsichtbare tote
-Seele hatte auf alle Dinge umher die Hand gelegt und Schweigen geboten.
-Dazu quälte es Renate, daß sie sich inständig mit dem Herzog
-beschäftigen mußte, ohne im geringsten wissen zu können, welcherlei Art
-das war, das in ihm vorging, und so folgte sie stumm und wie gebannt den
-Bewegungen seiner Schwester, die jetzt ihr Buch zuklappte, die Brille
-abnahm, ins Futteral steckte, dann Brille und Buch in ihren Pompadur,
-und aufstand. Gleichzeitig erhob sich ihr Mann in der Ecke. Sie ging um
-den Tisch, blieb vor ihrem Bruder stehn, der in die Lampe sah, und
-fragte ihn in versöhnlichem Ton und schonend: »Glaubst du vielleicht ans
-Jenseits, Woldemar?«
-
-Er blickte sie kurz an, sah wieder fort, schien lange zu zaudern mit der
-Antwort und sagte endlich: »Ich weiß nicht ...«
-
-»Nein, Woldemar,« sagte sie entschieden, »nein, das verstehe ich nicht.
-Denn erstens wirst du sehn, daß es unrecht ist, später, denn dann hast
-du sie fortgeschickt, nach da oben hin --« Sie trat eilig an den Tisch,
-strich mit beiden Händen die Falten der Decke glatt und fuhr fort: »--
-und dann wirst du sehn, wie schrecklich es ist, wenn ihre Seele in allem
-abstirbt, was sie hier unten hatte, und auch in dir. Zweitens aber --«
-Sie, klein und zierlich, kreuzte die Arme unter ihrer Mantille und
-sprach über die Lampe hinweg zu Renate hinüber -- »-- zweitens sind wir
-allerdings von Natur ungenügsam, und sollens auch sein; das mit dem
-Jenseits aber, das sollten wir doch wohl den Armen lassen. Es sind schon
-so viel, daß das ganze Jenseits davon voll wird. Sollen sie gar nichts
-für sich allein haben?«
-
-Der Herzog sah zu ihr auf, aber Renate konnte sein Gesicht nicht sehn.
-Nach einer Weile fuhr die Fürstin fort, das Gesicht wieder auf die Lampe
-senkend, und als rede sie mit sich selber: »Mehr als dreitausend Mark im
-Jahr für sich haben und dann noch an ein Jenseits glauben, -- das ist
-ruchlos.«
-
-»Sie leben«, unterbrach der Herzog mit rauher Stimme, »auch mit
-dreitausend Mark wie in einem irdenen Topf.«
-
-»Die meine ich nicht,« versetzte sie fest, »du weißt wohl, wie ich es
-meine. Ihr habt,« sprach sie nun leiser fort, »ihr habt eine Seele, mit
-der ihr die ganze Erde bedecken könnt; ihr habt eine Phantasie, mit der
-ihr die ganze Welt mit Göttern, Christussen, Heiligen und Helden
-bevölkern könnt; ihr habt eine Liebe, die euch das Fernste so nah machen
-kann wie Kleid und Haar, -- was habt ihr nicht? Und ihr wollt doch noch
-ein Jenseits, damit es gar niemals aufhört? Seid froh, wenn ihr endlich
-schlafen könnt.«
-
-»Du warst immer eine harte Frau«, sagte der Herzog.
-
-»Ich dachte, du wolltest sagen, eine harte alte Frau,« erwiderte sie
-nicht ungütig, »aber das würde nicht gestimmt haben, wenn ich auch
-zwanzig Jahre älter bin als du.«
-
-»Zwanzig Jahre«, sagte der Herzog ruhig, »ist sie da im Dunkeln auf
-ihrem Teppichstreifen hin und her gegangen, und du sagst: >daß es nur
-niemals aufhört<.«
-
-Renate, die das selbe gedacht hatte, sah auf einmal Magdas Augen, die
-noch am Tische stand, die Hände auf der Platte, sehr dunkel im
-erbleichten Gesicht auf sich gerichtet. Sie schien etwas sagen zu
-wollen, die Fürstin ebenfalls, aber dann sahen Beide sich an und
-schwiegen. Dann kam etwas Weinerliches in die verwelkten Züge der alten
-Frau, sie machte ein paar heftige Kaubewegungen, nickte irgendwohin und
-sagte: »Also, gute Nacht!« -- Ihr Mann folgte ihr nach tiefer Verbeugung
-vor Renate mit leicht verwirrtem Gesicht hinaus.
-
-Jetzt fegten die Sommerstürme durch den Park hin, warfen sich gegen das
-Haus und schütteten Regen, daß es rauschte. Die Läden krachten und
-klapperten, am offenen Fenster wehte der Vorhang, Magda ging hin und
-schloß die Flügel. Der Herzog warf sich plötzlich im Stuhl herum und
-fragte hastig: »Sie bleiben doch noch?«
-
-Renate nickte erregt und hülflos, fragte sich, ob sie noch spielen
-sollte, wandte sich dann zu Magda hinüber, aber die war nicht mehr am
-Fenster. Noch zauderte Renate, erhob sich dann aber leise, schritt bis
-zur Türöffnung und ging dann, da sie fern einen leisen Lichtschein
-bemerkte, durch die dunklen Zimmer Magda nach.
-
-In dem großen, düstern Gemach saß Magda am kleinen Rokokoschreibtisch
-der Herzogin bei einem Licht vor den matt glänzenden
-Goldbronzebeschlägen der vielen kleinen Schubkästen des Aufsatzes, unter
-dem Bilde des Herzogs, die Unterarme auf der Tischplatte. Renate legte,
-zu ihr tretend, die Hand auf ihre Schulter, und sie sagte:
-
-»Ich kann nicht mehr; ich möchte zu Bett gehn. Laß ihn noch nicht
-allein. Starke Männer wie er sind so hülflos. Es wäre gut, wenn er
-weinen könnte. Was schenkst du mir vorm Schlafengehn?« fragte sie, zu
-ihr aufblickend.
-
-Sie schwiegen Beide, Beide an die Genfer Zeit denkend, wo Renate Magda
-allabendlich einen Spruch schenken mußte, und Renate schauderte vorm
-Schwinden der Zeit. Lange fiel ihr nichts ein, doch dann kamen die Worte
-Hölderlins zum Vorschein, die sie leise über Magdas Scheitel vor sich
-nieder sagte:
-
- »Gleich dem Gewölke dort geh ich dahin, und du
- Ruhst und glänzest in deiner
- Schöne wieder, du süßes Licht.«
-
-Als sie zusammen in den Saal zurückkehrten, stand der Doktor Birnbaum
-neben dem Herzog, an seiner Zigarre wickelnd, den Kopf gesenkt; der
-Herzog hielt den seinen in der linken Hand, die er auf das Knie gestützt
-hatte. Plötzlich machte der Doktor einen kleinen Ruck von Verbeugung und
-schlich leise hinaus. Magda hatte sich von Renate losgelöst, stand einen
-Augenblick frei im Raum, schien zu schwanken, aber dann ließ sie die
-Hände fallen und ging eilig zur Tür und verschwand. Renate blieb stehn,
-schaudernd vor Ratlosigkeit. Der Sturm wühlte heftiger um das Gebäude;
-am ganzen Haus schienen klappernde Dinge locker zu sein, die sich
-losreißen wollten. Auf einmal schlug irgendwo in der Tiefe eine ferne
-Tür laut hallend zu. Der Herzog ließ die Hand sinken, richtete sich auf
-und sah Renate in seiner Nähe. Augenblicks mußte er lächeln, und sie sah
-deutlich den Ausdruck eines Menschen, der leidet und dem ein Andrer eine
-schöne Sache hingeschoben hat, über die er sich freuen muß, -- aber dies
-erlosch, er senkte langsam den Kopf und sagte, scheinbar aus früheren
-Gedanken und sehr verzweifelt: »Wissen Sie denn vielleicht einen
-Spruch?« -- Sie erschrak.
-
-Aber sie dachte nicht weiter, suchte umher, aber nun war sie durch die
-Verse vorhin an Hölderlin gefesselt, ihr fiel ein: >Wie so selig doch
-auch mitten im Leide mir ist<, und das sinnlose Wort ließ sich lange
-nicht abschütteln, bis sie endlich wieder jenes erste erhaschen konnte,
-und im dunklen Gefühl, daß es irgendeinen Sinn habe, sagte sie leise das
-Ganze auf:
-
- »Heilig Wesen! gestört hab ich die goldene
- Götterruhe dir oft, und der geheimeren
- Tieferen Schmerzen des Lebens
- Hast du manche gelernt von mir.
-
- O vergiß es, vergieb! gleich dem Gewölke dort
- Vor dem friedlichen Mond, geh ich dahin, und du
- Ruhst und glänzest in deiner
- Schöne wieder, du süßes Licht!«
-
-Sie hatte nach der Lampe gesehen, solange sie sprach, und nun, ohne erst
-mit Augen zu fragen, wußte sie, daß sie zu ihm hinzugehn hatte, aber
-jetzt war es der Erasmus, dem sie die Hand auf die Schulter legte.
-Während vor ihren verdunkelten Augen die Wände der Kapelle sichtbar
-wurden, die Pfeifen der Orgel, die Fensters, hörte sie das aufsteigende
-Schluchzen in der Brust des Mannes, das er noch bezwingen wollte, dann
-fühlte sie ihre linke, herabhängende Hand heftig ergriffen, und diese an
-seine Schläfe pressend, daß es sie schmerzte, weinte er, und sie hielt
-still, bis er genug hatte. Einmal, wie ein Knabe, der glaubt, sich
-entschuldigen zu müssen, brachte er hervor, ungeschickt und kläglich:
-»Sie war doch nie da, und nun ist sie ganz fort.« Renate biß die Zähne
-zusammen; langsam hörte er auf. Um ihn ja nicht zu beschämen, ging sie
-eilfertig hinaus.
-
-In ihrem Zimmer saß Renate lange auf einem Stuhl, biß ins Taschentuch
-und dachte, es sei nicht anders, und sie müsse dem Erasmus nun
-schreiben, daß er sie haben könne. Sie fühlte mit furchtbarem Reiz den
-Zwang, irgend etwas zu tun, als sei da ein Strom des Leidens, über den
-ein einzig Mal und in diesem Augenblick der Damm einer Tat geworfen
-werden müsse, und wenns eine Untat war. Der Erasmus hatte niemand, und
-ihm stand sie doch nah, und der reiche Mann hier, der Herzog, der hatte
-gleich jemanden bei der Hand. Ihr quoll das Herz von Elend, die Zunge
-ward ihr bitter im Mund, sie sprang auf, lief zur Tür, auf den dunklen
-Flur und an ein Fenster. Aber es war kein Licht mehr im Saal. Im Dunkel
-gesträubte Gestalten von Bäumen schüttelten sich, wankten, schlugen mit
-Ästen; schwer goß der Regen, und die Dachpfannen lärmten. Einmal, dachte
-Renate sinnlos, sind wir ja alle tot. -- Als aber jetzt ein
-Geisterscheinen durch die Nacht ging, hielt sie es für die abgeschiedene
-Seele, die in Sturm und Nächtelärm auch noch nicht wußte wohin,
-herumwehend, nach Seufzern der Lebenden haschend und langsam, langsam
-sich verlierend in das Allgemeine der dämmrigen Welt.
-
-Sie trat zurück vom Fenster, ging in ihr Zimmer, entkleidete sich müde,
-legte sich und verlor in Bälde Sinne und Herz in dem öden Dämmerland der
-zerfließenden Träume.
-
-
- Sommer
-
-Renate saß auf dem Rand des Deiches im Schatten des hinter ihr stehenden
-Sonnenschirmes, ließ die Füße nach unten hängen, hielt die Hände über
-Buch, Briefblock und Bleistift im Schoß gefaltet und betrachtete die
-hellblaue, sonnenglitzernde Wasserfläche vor ihr mit tiefem Behagen. Als
-sie sich satt gesehen zu haben glaubte, legte sie das Buch neben sich
-ins Gras, klappte den Löschblattdeckel des Briefblocks um, setzte die
-Feder an und schrieb:
-
-»Lieber Josef!«
-
-An meinem Geburtstage kam ich diesmal leider nicht --, wollte sie
-fortfahren, allein das war nicht möglich. Es gab nichts zu schreiben.
-Sie wollte sich besinnen, weshalb das so war, fand aber keinen Grund,
-worauf sie das Blatt lostrennte, es erst zusammenfalten wollte, dann
-aber wie es war aus der Hand fliegen ließ. Es stolperte mühselig, vom
-Luftzug unbeholfen gestützt, die grüne Deichwand hinunter bis unten, wo
-es groß und weiß haften blieb. Wenn ich nun wüßte, ob Flut oder Ebbe
-ist, dachte Renate geringschätzig, könnte ich ja noch warten, bis es in
-See sticht. Ein schönes weißes Blatt mit Wasserlinien und Lieber Josef!
-darauf dürfte genügen. Sie wartete wirklich ein Weilchen, sah eine, zwei
-Wellenzungen -- träge, als ob es die Mühe nicht lohnte, nach dem Blatt
-emporlecken, dann hatte sie genug, sah auf das neue Blatt auf ihren
-Knien, setzte wieder an und schrieb in einem Zuge:
-
-»Ach, Georges ...
-
-»Ein ganz kleiner Wind möchte gar zu gern den unteren Rand des Blattes
-hochheben, auf dem ich schreibe, immer wieder versucht ers, seine
-unsichtbare, kleine weiche Hand drunter zu schieben, bis ich ihm einen
-Klaps gebe, dann ist er für Augenblicke still. Auf dem Papier liegt
-Schatten, und links unter mir liegt ein unförmliches Ungetüm von
-Schatten die Grasböschung hinunter, das bin ich mit dem hinter mir
-stehenden Sonnenschirm; rundum aber ist alles Licht, schwellendes,
-singendes, funkelndes, flimmerndes, tanzendes Sommerlicht, aber was mir
-im Ohre, im Blute rauscht, leise rauscht, anschlagend immerfort, immer
-wieder, ununterbrochen, das ist die See, die See dicht mir zu Füßen am
-Deich, auf dem ich im Grase sitze, die See, die, wie mir scheint, in die
-höchste Flut gestiegen ist, die beim Landwind nicht brandet, sondern nur
-anschlägt, immer wieder, ein kleiner Schlag, und wieder -- ein leichter
-Schlag, und so fernhin zur Linken, und fernhin zur Rechten am Ufer die
-leise Bewegung des weißen Bandes, das zurückgezogen wird und wieder
-angeworfen, so leicht, so leicht ... Aber wenn ich die Augen hebe, liegt
-sie still und gewaltig da, nicht eben unermeßlich, der Horizont ist ganz
-nah, es ist nur ein kurzes Stück Wasser, das ich sehe, aber es ist doch
-unermeßlich, denn es endet nirgends, und es bewegt sich so
-geheimnisvoll, es ist wie eine ungeheure Masse von Wesen, Tierwesen,
-Götterwesen, gestaltlos aufgelöst und doch wesenhaft, als könnte jeden
-Augenblick Gebärde und Blick und Leib deutlich herausspringen und sich
-zeigen, aber schon versinkt es wieder und ist so beklemmend allgemein,
-Heerscharen, nur Heerscharen heranströmender Seelen, die niemals
-näherkommen. Und kühl ist es dabei, wonnig kühl und glitzernd und wäßrig
-dunkelblau und unsagbar ruhig unter der großen Sonne am Himmel.
-
-»Ich hab die burgunderrote Seidenjacke an, Georges, es wäre mir aber
-nicht unlieb, wenn Du Dir den hinter mir stehenden gelblichen
-Leinenschirm weg dächtest und an seiner statt -- Septentrio, sanftesten
-Seewind, einen kiefernbraunen Götterjüngling, der mit ebenhölzernem
-Kamme -- -- soweit. --
-
-»Lieber guter Georges, als ich zuerst eben Deinen Namen schreiben
-wollte, hätte ich fast mit einem S angefangen und Schorsch geschrieben
-oder auch Schorschl. Siehst Du, so wohl ist mir! Nicht ganz christlich
-wohl, denn wir haben ja vor kaum acht Tagen die arme Helene zur Ruhe
-gelegt auf der kleinen Insel im Süßwasserteich. Am Rande einer kleinen
-Lichtung liegt sie, wie sie es gewünscht hatte, unter einer Blutbuche.
-Kein Grashügel ist zu sehn, nur flacher, grüner Rasen, und am Baumstamm
-ist eine eherne Tafel, von weitem kaum sichtbar, auf der steht nur
-
- _Helene_
- Herzogin
-
-»Der Herzog war fast drei Wochen fort; ich sehe ihn nun zuweilen von
-weitem im Park sitzen. Georg ist wieder fort ins Semester.
-
-»Lieber Freund, es ist ein Wintertag gewesen, und an diesem Wintertage
-verlor sich diese Renate Montfort und sagte zu Georges, weil er etwas
-gesagt hatte, das ihr nicht gefiel: Geh hinaus. Da ist er aufgestanden
-und hinausgegangen, und sie saß böse da und zerriß ihr Taschentüchlein
-wie so eine Hysterische, bis er wieder hereinkam und sagte, es hätte
-aufgehört mit Regnen. Da ist sie aufgestanden und vor ihn hingetreten,
-hat aber nur ihr rechtes Handgelenk auf seine linke Schulter gelegt und
-ist so einen Augenblick dagestanden und hat den Kopf gesenkt gehalten
-und ist hinausgegangen. Ich habe eben versucht herauszubekommen, was ich
-gedacht haben mag in jenen Augenblicken, aber es muß feststehn, daß ich
-wirklich nichts gedacht habe, nur etwas empfunden. Ich glaube, bei
-Männern ist das unmöglich, und ich sage gleich, daß sie es deshalb
-besser haben, denn sie wissen sich immer zu helfen mit einem obstinaten
-Gedanken, wir aber sind uns selber preisgegeben, müssen aus solchen
-Pausen des Nichtseins nachher handeln, und alles wird verkehrt. Sonst
-habe ich ja diesen ganzen, traurigen Winter lang nichts getan als
-herumgegrübelt, es war entsetzlich, ich weiß nun erst, wie meiner armen
-Magda ums Herz gewesen sein muß in dem Winter vor zwei Jahren.
-
-»Sage, Georges, ist es wahr, daß in der Güntherstraße die Sonne nicht
-mehr scheint? Oft, so oft, wenn ich mittags am Fenster stand und den
-alten Mann in seinem schwarzen Mantel, gebückt und schneeweiß auf dem
-Weg um die Sonnenuhr wandern sah, so dachte ich, daß er den Schatten von
-der Uhr fortgenommen habe und selber der Schatten sei, der in
-furchtbarer Schnelle herumkreise und die ganzen Sonnenstunden des Tages
-abwirble, und wenn er plötzlich fort war, war auch keine Zeit mehr im
-Garten und im Hause, und alles stand still.
-
-»Es war immer Schlackerschnee und Regen, solange ich diesen Winter
-zurückdenken kann, nur einmal erinnere ich mich eines Vorfrühlingstages,
-da fuhr ich zu Irene, und die Sonne schien, aber siehst Du: in der
-Güntherstraße war das nicht. Und ich kränkelte immerfort -- wann wäre
-ich früher krank gewesen! -- und oh wie mir am ganzen Leibe zumute war,
-das kannst Du ja gar nicht ahnen, und ich kanns nicht beschreiben.«
-
-Aufblickend dachte Renate, daß aus den zwei Tagen, die sie allmonatlich
-zu ruhen pflegte, mit der Zeit fünf geworden waren, wo sie sich kaum zu
-regen vermochte, wo sie kaum ein Stück Kleidung am Körper ertragen
-konnte und immer nur auf dem blauen Sofa lag, halb oder ganz entkleidet,
-stundenlang manchmal vor sich hin weinend vor Gram und Hülflosigkeit
-über sich selbst, aber das konnte sie ihm nicht gut schreiben, und sie
-fuhr fort:
-
-»Tagelang, wochenlang drückte mich jedes Band, jede Falte auf der Haut,
-ich kam mir neidlos vor wie die berüchtigte Prinzessin auf der Erbse,
-und wieder tagelang und wochenlang war ich so schlampig, daß ich vor
-reiner, oder vielmehr unreiner Trägheit manchmal des Morgens nicht
-gebadet habe, sondern bloß abends. Ich weiß nicht, woher ich so war,
-denn das kann ich doch nicht auf mein Herzeleid wegen Onkel Augustins
-schieben. -- Was es auch gewesen sein mag, so bitte ich Dich jedenfalls
-heute herzlich um Verzeihung wegen jeder Laune und Unwirschheit, wobei
-mir albernerweise einfällt, daß ich noch nie einen Menschen habe sagen
-hören, er sei wirsch, aber nun bin ich wirsch.
-
-»Da ist der Bleistift abgeschrieben, und ich habe kein Messer, um ihn
-anzuspitzen, und Georges ist nicht da, der ein Messer haben würde, und
-ich denke, wenn mans wagen könnte, so würde ich mich jetzt
-splinterfaselnackt ausziehn und von oben ins Wasser springen, da wo es
-am tiefsten ist. Leider konnten wir noch nicht in der See baden, es ist
-noch zu kalt. Ich hole das letzte Bißchen Graphit aus dem Bleistift
-heraus, sende Dir viele schöne Grüße und anbefehle, daß Du spätestens am
-fünfzehnten Juli in Helenenruh zu erscheinen hast. Helenenruh gehört
-nämlich jetzt Magda, und da sogar der Herzog sich als ihr Gast
-betrachtet, so wirst Du kaum herzoglicher als der Herzog sein wollen.
-Grüß Gott, Georges, und mach, daß Du kommst! Stets Deine alte Renate.«
-
-Renate legte die Blätter zusammen und in das Buch, auf dem sie
-geschrieben hatte, legte es ins Gras und streckte sich lang aus. So lag
-sie eine halbe Stunde, oder eine ganze, sie wußte es nicht, die Hände
-unterm Kopf, friedlich aufgelöst in Sonnenschein, Himmel und Geräusch
-der See. Dann stand sie auf, klappte den leinenen Sonnenschirm zu,
-klemmte ihr Buch unter den Arm und schlenderte langsam über die Wiesen
-hin, im Gehen einen lockern Strauß von gelben Sternblumen und Gräsern
-sammelnd. So geriet sie in den Schatten des Parks, wanderte hindurch und
-geriet an den Teich, ging zur Bank, die dort stand, und setzte sich,
-machte ihr Buch auf und las ein Stück im Großen Kriege der Ricarda Huch,
-merkte aber, daß es sich nicht gut las im Freien und in der Sonne. Ja,
-dachte sie aufsehend, wie kann man im Sonnenschein lesen: Graues Gewölke
-bedeckte den Novemberhimmel, oder dergleichen? Aber sonderbar, daß nur
-das künstliche Licht abprallt -- denn dabei gehts doch! -- aber die
-Sonne läßt ihrer nicht spotten ...
-
-Das Stück des Weihers vor ihr war glatt und schwarz, Himmelsblau und
-Wolken erfüllten die Tiefe, vielmals tiefer als der Weiher selber war,
-zur Rechten war alles grün, eine rasenhafte Fläche von Entenflott, ja
-dort war wohl Magda hineingeritten und hatte Jason herausgeholt. Wie war
-das zu verstehn? Jason, der herumging wie eine sonderbare Abart des
-lieben Gottes, der sollte hier -- --? Magda freilich, -- ihre Tat war
-eher zu verstehn heute. Nur dunkel tauchte in Renate eine sonderbare
-Prophezeiung auf, -- ach längst erledigt und abgetan! -- Renate sah nach
-links hinüber zu den Baumkronen der Insel in einiger Entfernung.
-Sonderbar, die kleine Brücke, die dort hinüberführte, stand ja schräg
-empor? Richtig, sie erinnerte sich, daß ein Gewinde daran war, um sie
-durch einen Knopfdruck, wenn man auf der Insel war, steigen zu lassen,
-so daß niemand herüber konnte, denn es war ja einmal ein Liebespavillon
-auf der Insel gewesen, die Trümmer waren erst jetzt fortgeräumt, denn
-nun war es ein Friedhof; und nun hatte der Herzog wohl auch das
-durchgerostete Hebewerk erneuern lassen. Renate dachte an Stöckelschuh
-unter breiten Seidenröcken, an zierliche Krummstäbe, Bänder und
-schäferliche Hüte, die einmal über diese Brücke geglitten waren.
-Schwerer trug sich ein Sarg von Ebenholz mit silbernen Beschlägen an dem
-traurigen Tag der Fackeln und Flöre, seltsam flatternd in kräftigem
-Seewind und hellem Sonnenschein.
-
-Indem bewegte sich etwas auf der Insel, ein Mensch, schwarzgekleidet,
-kam auf die Brücke zu, von einem andern, kleineren begleitet, der Herzog
-auf seinen Stöcken. An der Brücke blieb er stehn und schien
-herüberzublicken. Dann ging er über den Steg, blieb stehn, und nun
-entfernte sich der Andre, Dr. Birnbaum wars, nach dem Schloß hin. Der
-Herzog kam auf dem Uferwege auf ihre Bank zu, langsam, Stock um Stock
-und Fuß um Fuß vorwärtssetzend, vornübergebeugt, -- Renate blickte fort,
-um es nicht mit anzusehn. Als sie seine Schritte nahe hörte, stand sie
-auf, er versuchte eiliger zu gehn und bat sie schon, sitzen zu bleiben.
-Bald darauf saß er neben ihr, erhitzt von der Anstrengung, sein Keuchen
-unterdrückend, die Stöcke zwischen den Schenkeln, barhaupt. Renate fand
-ihn stiller, die Augen freilich hatten sich noch nicht gänzlich wieder
-in der Gewalt, und ein Blick von sonderbarer Ängstlichkeit kam dann und
-wann zum Vorschein. Verquer dazwischen fuhr dann ein gewaltsamer
-Ausdruck von Verächtlichkeit, am Munde im Bart verzuckend. So saß er
-eine Weile still, über den See hinblickend, sah dann zur Seite, sah
-Renates Buch auf der Bank, rührte mit der Hand daran und sagte, er habe
-sie hoffentlich nicht gestört. Renate, schon zufrieden, daß er sich
-wieder an einen Menschen gemacht hatte, dachte, daß er nun einen Anfang
-gefunden habe, und lächelte nur verneinend; da er aber wieder schwieg,
-sagte sie ihm, was sie eben gedacht hatte vom Lesen im Sonnenschein. Er
-hörte zu und schwieg weiter, sagte dann, einen Schweißtropfen mit der
-Hand von der Stirn wischend: »Ein hübscher Gedanke, ja, sehr hübscher
-Gedanke. Meine Frau las viel, auch die letzten Jahre wieder konnte sie
-sich doch vorlesen lassen, ja, sehen Sie, das muß man doch sagen, ja,
-das muß man doch sagen, daß es, solange ein Mensch lebt, solange er
-leben muß, nichts Unerträgliches gibt. Ihr Kopfschmerz war so, immer
-durch Tage, ja durch Wochen hin so, daß sie in den ersten Jahren mit
-Gewalt am Leben gehalten werden mußte. Ja, und dann hat es sich doch
-gegeben, oder vielmehr sie ist es gewohnt geworden. Mitunter waren ja
-auch Tage, zwei Tage, drei Tage, wo der Schmerz nur ganz leicht war. An
-den schweren Tagen soll es so gewesen sein, als ob -- also wie diese
-mittelalterlichen Mundbirnen -- als ob ihr die Knochen des Kopfes von
-einer ungeheuer langsamen Gewalt auseinandergetrieben würden, aber das
-waren nur die Nerven, ja nur die Nerven. Sehen Sie, und das dauerte nun
-bald zwanzig Jahr.«
-
-Er hatte langsam, aber doch leicht und ruhig, beinah trocken vor sich
-hingesprochen. Jetzt drehte er sich zu Renate herum, legte die Hand auf
-das Buch und sagte:
-
-»Die Weisheit des Herrn ist unvergänglich, und seine Güte währet
-ewiglich. Dies Wort ging so in mir herum, und sehen Sie, ich finde es
-doch erstaunlich, wie die Menschen solche Worte aufgestellt haben. Man
-kann fast nicht daran rütteln, es steht so da wie ein Turm, und wenn es
-sich auch nicht denken läßt, so läßt es sich doch sehn, nicht einsehn,
-aber sehn, jawohl ...«
-
-Nun schwieg er wieder und sah vor sich hin. Renate dachte, daß dieser
-Mensch wahrscheinlich niemals geschwiegen habe. Er konnte alles sagen;
-was er wollte und wie ers wollte. Immer waren Menschen da, die es
-anhören mußten und darauf eingehn. Und vielleicht gerade, weil er gegen
-seine Frau zum Schweigen verurteilt war, hatte dies ihn um so
-leichtherziger gemacht im Aussprechen seiner Gedanken gegen die Andern,
-gegen seinen Sekretär vor allem, der ihm durch den Tag hin anhing wie
-ein Schatten. Denn das Eigentliche war es doch nie, was er sagen konnte,
-oder wenn es schon das Eigentliche war, so konnte ers doch nicht auf die
-rechte und innerst gewünschte Weise hervorbringen, und es war -- aber in
-diesem Augenblick hörte Renate ihn wieder sprechen und merkte betroffen,
-daß er eben das, was sie zu denken im Begriff war, aussprach, indem er
-anfing:
-
-»Ich will Ihnen sagen -- es ist nun schon so, daß ich den Mund nicht
-halten kann,« unterbrach er sich lächelnd -- »ich will Ihnen sagen, daß
-ich eigentlich jahrelang, zwanzig Jahre lang in einer fremden Sprache
-geredet habe. Ich habe nicht wenig geredet, es war ja immer wer zum
-Zuhören da, aber immer habe ich meine Gedanken erst so übersetzen
-müssen; in die Fremdsprache. In der eigentlichen schwieg ich mich aus,
-in der hätte ich mit Helene reden können, aber nun war das ja
-zugeschüttet. Haben Sie«, fragte er, sich unterbrechend, »meine
-Schwester kennen gelernt? Richtig, Sie spielten uns ja vor neulich
-abend! Ja, mit der Fürstin habe ich wohl auch hier und da ein Wort in
-unsrer Muttersprache gesprochen, aber es war doch nicht die richtige,
-nein, es war nicht die richtige.«
-
-Er faßte sich mit der Hand nach den Augen, als gebe es etwas
-wegzustreifen, und sagte:
-
-»Es ist mir doch fortwährend, als wäre sie selber wie ein Schleier vor
-mir weggenommen, und ich kann sie nun erst sehn, wie sie wirklich war,
-und was ich -- nie besaß, und was ich nun endgültig verloren habe.«
-
-Er hielt inne, und Renate merkte wohl, daß dies auch nicht die rechte
-Sprache war, und wie er herumtastete, hülflos genug, und nach um so
-gemeineren, allgemeineren Worten griff, je heftiger ihn nach
-eigentümlichen verlangte. Hastig sprach er schon weiter, auf einmal von
-seinem Malheur, an das er nun immer denken müsse, dies merkwürdige
-Zusammentreffen mit dem Krankheitsbeginn seiner Frau, und er erzählte,
-wie das gewesen sei: zwei Stockwerke hoch sei die Planke des Baugerüstes
-gebrochen, und er habe schwankend und um sich greifend sich noch gesagt:
-springen und -- vornüberfallen, sonst ist das Rückgrat zum -- da lag er
-unten, die beiden Füße waren einfach ab. Anfänglich habe er, als es mit
-dem Gehen nichts wurde, geheult wie ein Dorfköter an der Kette, -- er
-lachte gutmütig und zeigte Renate eine Narbe am Handgelenk, die sei vom
-Einschlagen der Glasscheibe am Gewehrschrank, den sie zugeschlossen
-hatten, ja, damals sei er ganz außer Rand und Band gewesen. Wie sich
-denn aber das Leiden seiner Frau so hartnäckig erwiesen habe wie seine
-Gehunfähigkeit, da habe er nachgegeben und um so leichter verzichtet.
-Vielleicht, meinte er, hätte ich sogar gehen gelernt, der Arzt sagte
-sowas von ein paar Jahren, dann würde alles wieder zurechtgewachsen sein
-...
-
-»Aber sehen Sie,« hörte Renate ihn wieder deutlicher reden, da sie sich
-aus den Vorstellungen und Bildern, die seine Worte erzeugten, losmachte,
-»da wollte ichs denn auch nicht mehr, wenn Sie vielleicht eine Ahnung
-haben, was Warten ist, Warten, wie sie und ich auf ihre Heilung, auf
-Linderung gewartet haben, erst Wochen, sechs Wochen, neun Wochen, zwölf
-Wochen, und auf einmal warens Monate, drei Monate, fünf Monate, acht
-Monate, und nun -- Jahre, ein Jahr, drei Jahre, vier Jahre, fünf Jahre,
-sechs Jahre und am Ende -- alles umsonst.«
-
-Er schlug die Handballen gegen die Stirn, krümmte und wand sich
-innerlich. Gleich aber ermannte er sich wieder, setzte sich gerade,
-faßte seine Stöcke und sagte:
-
-»Ja, sehen Sie, dabei bin ich nun das hier geworden. Sie glauben
-vielleicht, ich wäre als Junge so was gewesen wie Georg. Ha, der Junge
-denkt in einer halben Stunde soviel wie sein Vater nicht im halben
-Jahr!« Er lachte. »Ich sage nicht, daß ich mit ihm zufrieden wäre, man
-muß ihn schon lassen, da läßt sich nichts ändern, übrigens ist er die
-Monate jetzt in Trassenberg stramm hinter der Arbeit gewesen, mein
-Sekretär bezeugts, also ist es wahr. Ein komischer Bursch. Ja, hören Sie
-mal, wir machten eine kleine Reise zusammen, gehen in einen Laden, und
-ich kaufe was für Helene, da habe ich kein Geld bei mir und sage ihm, er
-solls auslegen. Ja, er hätte kein Geld bei sich, sagt er. Nun, das kann
-vorkommen, aber ein paar Tage später passiert dieselbe Geschichte, und
-da erzählt er mir denn, er hätte überhaupt niemals Geld und zeigt mir so
-zwei, drei Goldstücke, das sei alles, die brauche er hin und wieder zum
-Verschenken, und zeigt mir ein Scheckbuch und sagt: >Ich schreibe
-immerzu meinen Namen.< Unbegrenzten Kredit _haben_, ist groß, sagt er,
-ihn benützen kann nur kleiner sein, -- oder so ähnlich. Nein, da war ich
-ein Windhund gegen ihn. >Höchstes Glück der Erde,< wie der Dichter
-singt, >heißt der Adelsspruch, liegt auf dem Rücken der Pferde< und so
-weiter. Ja, das waren auch Zeiten!« Er sah an Renate vorüber weit weg in
-die Erinnerung.
-
-»Eines Tages,« begann er wieder mit leiserer Stimme, »eines Tages sagte
-eine junge Dame zu mir, weil ich irgendwas nicht gewußt hatte: >Wie kann
-man so dumm sein!< Das hatte ich noch nie gehört, und nun von solch
-einem Wesen mit großen Augen und braunen Haaren! Die Sache war schon
-abgekartet, sie war Hofdame und würde nicht viel haben, aber doch gerade
-so ein Stück Land, das meinem Vater zur Abrundung fehlte, sie war
-reichsunmittelbar, und so paßte alles, bloß ich habe ihr ganz und gar
-nicht gepaßt. Wir verlobten uns allerdings, und ich war heftig verliebt,
-sie aber schickte mich auf Reisen. Mein Vater hatte nichts dagegen, und
-so reiste ich, ja, ich reiste nicht allein, ich hatte eine Geliebte, die
-nahm ich mit, ich war trotzig auf meine Braut, so fuhr ich um die halbe
-Welt, aber ich kam wohl nicht viel anders wieder, als ich ausgefahren
-war. Ja, nun hören Sie, wie es mir erging. Ich hatte doch gedacht, meine
-Braut würde das nicht merken mit meiner Reisebegleiterin, aber weit
-gefehlt, denn sie hatte mich auf der ganzen Reise von einem Freund
-beobachten lassen -- dies gestand sie mir erst Jahre später --; und
-also, wie ich wieder vor sie hin trete, sagt sie: Wo bist du gewesen? --
-Es ging mir durch und durch, wie sie mich ansah, dermaßen kaltblütige
-Augen machte sie, und ich fing an zu stottern. Bisher, sagte sie da, ich
-höre es noch heute, bisher habe ich dir wenig genützt; nun kannst du
-noch mal andersherum um die Welt fahren, dann werden wir weiter sehn. --
-Diesmal aber gab sie mir einen Freund mit, einen kleinen Juden, den ihr
-Vater als Bocherknaben aufgegriffen und erzogen hatte. Er hatte alles
-gelernt, was es in der Welt zu lernen giebt, sprach viele Sprachen, war
-so unauffällig wie eine Katze, so bescheiden wie ein wohlerzogener Hund
-und so klug wie Rabbi Löw, nun, Sie kennen ihn, er hat sich seitdem
-verändert, es ist mein Doktor Birnbaum, der ging also mit, und da gingen
-mir die Augen auf. Als ich dann wieder kam, -- nun, was mich selber
-angeht, ich hatte einen Eckstein zu mir gelegt, und sie fiel mir damals
-um den Hals und sagte, sie wäre gestorben, wenn sie mich nicht gekriegt
-hätte. Sie hätte mich ja nicht gewollt, grollte ich da. Dummes Zeug,
-sagte sie, ich --«
-
-Überdem gingen ihm die Worte aus, seine Augen verdunkelten sich, es
-rauschte im See, er drehte sich heftig um, der schwarze Artaxerxes
-kletterte von der Insel ins Wasser, schlug mit dem lebendigen Flügel und
-glitt schaukelnd davon.
-
-»Ein Jahr«, sagte der Herzog vor sich hin, »neun Monate lang war sie
-jung und schön und zierlich; ihre Hände griffen kräftig zu, und so
-packte sie mein Herz, sie ließ ihrer nicht spotten, ja, und nun ist sie
-ja tot ...«
-
-Der Schwan hatte einen Bogen geschlagen, kam nun in schnurgerader Bahn
-auf die beiden Sitzenden zugeschwommen, hin und wieder den Kopf drehend,
-ein wenig emporfahrend bei jedem Stoß des ruhig treibenden Fußes.
-Gleichzeitig wurden Schritte hörbar, Doktor Birnbaum erschien, langsam
-am Ufer hergehend. Der Herzog wandte sich nach ihm um, nickte und sagte,
-wieder zu Renate gedreht, trübherzig spottend: »Der Arzt mit der
-mahnenden Arzneiflasche Arbeit.«
-
-Der Doktor nahm ein Stück Brot aus der Tasche, brach Brocken ab und
-streckte die Hand aus; der Schwan schwamm ans Ufer, stieg herauf, der
-lahme Flügel hing kahl und ergraut zu Boden, er streckte den Hals, nahm
-den Brocken und verschluckte ihn; dabei sah er mit dem roten,
-stirnartigen Wulst über dem Schnabel und den rotgeränderten Augen nicht
-klüger und nicht stolzer aus als ein häuslicher Hühnervogel. Der Herzog
-seufzte leicht und stand auf.
-
-»Doktor Birnbaum, sehen Sie, hat auch den Schwan repariert,« sagte er,
-»schon benimmt er sich wieder zahm und manierlich.«
-
-Er nahm die Stöcke in die linke Hand, streckte Renate die rechte hin und
-bat, ihm nicht zu zürnen ... Sie konnte ihn nur herzlich ansehen und ihm
-die Hand drücken. Er drehte sich weg, reichte dem Doktor einen Stock und
-faßte seinen Arm. Renate wandte sich ab.
-
-Auf dem grünen Uferstreif hockte der Schwan und putzte mit dem Schnabel
-an dem vertrockneten Flügel. Lange blickte sie gedankenvoll auf ihn
-herunter, dann kam Magda, um sie zum Frühstück zu holen, aber sie schien
-dem Schwan nicht zu gefallen, er fauchte, machte sich auf, stieg ins
-Wasser und zog mit unwilligen Kopfbewegungen davon. Magda lächelte und
-meinte, er habe es ihr nicht vergessen, daß sie ihn überflog, -- fragte
-dann, ob Renate mit dem Herzog gesprochen habe. Renate versuchte,
-während sie auf das Haus zugingen, einiges von dem, was er gesprochen
-hatte, wiederzugeben, gewahrte aber jetzt, als habe Gewölk sie bisher
-verdunkelt, die Sonne wieder, den juligrünen Garten, atmete auf, brach
-einen Satz inmitten ab, legte einen Arm um die Freundin und sagte:
-
-»Ich möchte dich an der Hand fassen, wie meinen Vater als Kind, wenn ich
->blind< mit ihm spielte, und so mit geschlossenen Augen durch den Wind
-und den Sommer hingehn.«
-
-Sie blieb stehn, schloß die Augen, streckte die Arme ein wenig rechts
-und links und rief leidenschaftlich: »Ach, ein Unsichtbarer hat uns ja
-doch immer an der Hand und führt uns durch Winter und Sommer, wohin er
-will.«
-
-
- Siebentes Kapitel: August
-
-
- Frühe
-
-Georg erwachte im Finstern und hörte den Donner rollen, blieb aber so
-sehr in der Verschüttung des Schlafs, daß er sich einbildete, er träume,
-nur aufseufzte und sich streckte. Dann war aber ein Mensch im Zimmer,
-und mit gelindem Erschrecken erschien ihm in einem schwachen
-Blitzleuchten Cordelias weißes Gesicht und das glänzende Schwarz ihres
-Mantels. Indem er noch murmelte, was sie denn wolle, fühlte er ihre Hand
-auf seinen Augen, die sie zudrückte, und am Einsinken der Matratze, daß
-sie neben ihm kniete. Dann hörte er sie den festen Laden, über ihn
-hingebeugt, zart umlegen und verriegeln, endlich auch das Schiebefenster
-langsam, fast geräuschlos herabziehn. Im Begriff, etwas Dankbares zu
-murmeln, schlief er wieder ein.
-
-Als er dann wieder zu sich kam, war es dämmrig, fast noch dunkel im
-Raum, doch hingen unmittelbar über ihm an seiner Linken Lichtfäden im
-Laden, und schon hellwach und frisch sich zurücklegend, sah er die
-beiden ausgeschnittenen Herzen im Holz oben matt leuchtend schweben. --
-Es regnet wohl, dachte er, schade! in schwacher Erinnerung an ein
-Gewitter bei Nacht. Ach, sieh an, wie wundervoll ich jetzt schlafe,
-selbst bei Donner und Blitz! -- Und die Arme mit geballten Fäusten
-ausstoßend und beugend, fühlte er sich krachen und strotzen von grüner
-Gesundheit.
-
-Aber ich hab mir doch über etwas klar werden sollen über Nacht, fiel ihm
-ein, und im Augenblick auch schon der homerische Vers: [Griechisch:
-Polla d'ho g'en] ... der dritte der Odyssee, über den sie gehadert
-hatten miteinander, bis ihnen die Augen zufielen, weil Cordelia gesagt
-hatte, es sei der prachtvollste Vers aller Dichter und Völker, worauf
-aber er sich anheischig gemacht hatte, ihn nichtsdestoweniger in sein
-geliebtes Deutsch zu übertragen, aber war sie vielleicht
-zufriedenzustellen? Nun, er selber wars auch nicht, aber nun wollte er
-es gleich noch einmal versuchen ..
-
-_Polla d'ho g'en ponto pathen algea hon kata thymon ..._
-
-Ah nein, was waren es auch für Worte, was war es für ein Rollen und
-Knattern, eine strotzende Vollheit im Wohlklang der wechselnden O- und
-A-Laute, und hinter dem köstlich geschmeidigen _algea_ das schroff
-gesetzte _hon_, dann das kalt schmetternde _kata_ und endlich -- ihre
-ganze Wonne -- nach all den dunkelklaren und großoffenen Lauten das
-tiefe, hinziehend glühende: _thymon_ ...
-
-Voll des Grames da ward vom Meere die Seele des Kühnen ...
-
-Nein, sie hatte recht, es war nichts. Kühnen hatte sie freilich als
-schön erfunden zugeben müssen, da _thymos_ ja nicht nur Seele hieß
-sondern auch Mut, -- aber wo waren die vielen O und A? Den Ersatz durch
-die zwei prachtvollen E-en konnte Georg jetzt auch nicht mehr
-aufrechterhalten und begann, nach As und Os zu suchen, wälzte sich umher
-und bekam endlich nach vieler Mühe zusammen:
-
-Zornvoll, gramesvoll ward vom Donner der Wogen der Kühne.
-
-Freilich zu wenig A-en waren es immer noch, aber es klang doch sehr
-schön: Zornvoll, gramesvoll ward ... Wie spät war es eigentlich? schon
-fünf und Zeit zum Aufstehn? -- Aber die Uhr vom Nachttisch ertastend,
-erkannte er, daß es noch nicht halb fünf war. Ah dann konnte er einmal
-die Sonne aufgehn sehen!
-
-Das kaum fußhoch über seiner Matratze eingesetzte Fenster hochgeschoben,
-den Laden auseinandergeschlagen, empfing Georg den erstaunlichen Anblick
-einer dunklen Welt, in der es schon Tag war. Nicht Tag, -- es war
-seltsam verhangen, aber schon hell, die Sonne noch nicht aufgegangen.
-Kein Vogellaut ließ sich hören, Totenstille war umher, der Himmel oben
-grau, aber siehe da -- gerade drüben überm unermeßlich dämmernden Land,
-blitzend in güldener Weiße, stand der Morgenstern in klarem Raum, einsam
-in unendlicher Kühle. Nun begriff Georg auch den Schauer der Stille im
-eigenen Herzen, die von dem großen Stern ausging. Heilig stand er, ein
-silberner Erzengel, gebieterisch, ein Herold des Ewigen, nicht fürstlich
-bei aller Hoheit, ein Diener des Fürstlichen, und hinter ihm -- das
-undurchdringliche Fernengrau der Leere, die dämmernd bläuliche
-Unendlichkeit voller Straßen, die sich, alle zusammenlaufend, ins
-Unermeßliche verloren: Alle diese bleiben euch unzugänglich, sagte er
-ernst. -- Georg konnte die Augen nicht wegwenden von der strahlenden
-Hoheit, und als er es endlich wagte und in den Garten hinabsah, war es
-ihm, als brenne der Stern seinen Blick durchdringend auf seine Stirne
-ein.
-
-Stille unter ihm lag die halbkreisförmige kleine Plattform aus gelbem
-Kies, von der, unter der Rosenhecke hinweg, der grüne Rasen nach allen
-Seiten abfloß; still in der Mitte die roh gefügte Steintreppe, von
-Moosen und Staudengewächsen und schönen Gläsern bedrängt, ruhig
-hinabsteigend zum großen, rechteckigen Becken gründurchwachsenen
-Wassers, das kaum glänzte, die gemauerten Ränder überwuchert von Binsen,
-Schilf und _Iris sibirica_. Seitlich stiegen die Böschungen sacht an zum
-wagrechten Wiesenboden, der sich unter Buschwerk und Bäume verlor, an
-unzählbaren Stellen besetzt mit den großen weißen und farbigen Flecken
-der Blumen und Staudengewächse, die, jetzt matt scheinend, alle
-überleuchtet wurden von den mannshohen Pfeilern des Edelrittersporns,
-bekleidet rundum mit dem kalten und tiefen Blau der großen Blüten. Wie
-aber war die ganze Senke eingeschlossen in regungslose, betrachtende
-Erwartung des kommenden Lichts! Wie unsäglich stille verhielten sich die
-beblätterten Ranken der Crimsonrose mit schweren Blütenbüscheln, die
-jenseits des Wasservierecks vom pfeilergetragenen Balken hingen! und
-ringsumher wagte kein Hauch sich zu regen in den Sträuchern, den Hügeln
-der großen Aspiräen, den umschließenden alten Bäumen, durch deren breite
-Lücke und über die hinweg Georgs Blick nun mit Andacht hinauswanderte in
-das stille Morgenland, über die Weideflächen seiner Ebene im farblosen
-Licht, bis hin zu den Schatten der Wälder.
-
-Wieder ausgestreckt, auf den linken Ellenbogen gestützt, erwartete auch
-Georg den Tag.
-
-Langsam erst jetzt, unmerklich vorquellend, drang die Morgenfrische zu
-ihm herein, so unbeweglich war die Luft. Georg schloß die Augen und ließ
-es rieseln um sein Gesicht. -- Sie schlief wohl noch unter ihm, die arme
-Seele. Arme Seele -- wie sie sich in ihren Briefen, auch im kindlichen
-Geplauder mitunter nannte -- und die reicher war, tausendmal reicher als
-er. War sie nicht wieder im Zimmer gewesen diese Nacht? Freilich -- das
-Gewitter -- sie hatte es nahen hören und war gekommen, sein Fenster zu
-schließen. Aber schon früher einmal hatte er, erwachend, sie neben sich
-kniend gefunden, dem Fenster zugewandt. Was sagte sie noch? Ich gab mir
-doch Mühe, es zu bewahren, aber wer behält all ihre Einfälle? man müßte
-Jasons Gedächtnis haben. -- Richtig: was machst du denn da? fragte ich,
-und sie sagte, den Finger hebend, andächtig: Da zähl ich die Sterne. Ja,
-da zähl ich und zähl ich, und immer verzähl ich mich. Sprachs und legte
-sich enge zu ihm, und das war wohl ihr Nachtgebet, die Sterne über ihm
-zu zählen ... Aber dann erzählte sie noch etwas, ja, er hörte sie leise
-lachen und sagen: Rübezahl, das war aber ein dummer Geist, der wo die
-Rübsen hat zählen sollen und net können. Na, so eine Dummheit, die ollen
-Rübsen zählen und sich verzählen. Nein, weißt, einer war -- der hat
->Sternezahl< geheißen, auch so ein dumms Luder von an himmlischen Engel,
-der wo gsagt hat zum Herrgott: die Stern, und die zählt er ihm schon
-lang auf, so vüll sans denn do net! Hats aber net können. Sondern hat
-dagstanden eine ganze Ewigkeit lang und gezählt und gezählt und hat sich
-verzähln müssen olleweil. Weils halt -- zu -- viel san. Da is er trauri
-geworn, schloß sie kleinlaut. --
-
-Aber weißt -- sie freute sich wieder -- den lob i mir, i! Net den dummen
-... Sprachs, sagte: schlaf wohl! und war verschwunden.
-
-Georg atmete dankbarlich auf und öffnete die Augen. Der helle Stern war
-tiefer gesunken und verblaßt, der Himmel sanft bläulich geworden und
-weiß, ein Wolkenrand, ein Hauch kleiner, silberweißer Bogen war lieblich
-hingemalt auf die kühle, schon leuchtende Wand. Da krähte ferne ein
-Hahn. Es wurde immer feierlicher umher; Georg schlug das Herz. Nichts,
-das sich regte, -- doch -- im Wasser unten gluckste es, ein Ring zeigte
-sich und dehnte sich blinkend aus; es ward heller. Auf einmal wehte ein
-kühler Atem so lebendig Georg an, so menschenhaft, daß es ihn überlief.
-Plötzlich hatten die Blätter der großen Akazie dort hinten sich bewegt,
-erwachend, nur an einem großen Ast, und überall knisterte es nun leise,
-Häupter bewegten sich, Schläfer, die ihre Lage wechseln wollten, wachten
-auf, Zweige rauschten sanft, die hohen Königskerzen bewegten sich
-gemessen, Binsen beugten sich und rauschten, unbeweglich standen die
-Irisstauden am Wasserrand scharenweis. Und nun wartete alles in
-Ergebenheit.
-
-Georg erschrak. Was war das? Etwas Fremdes war über die Erde gekommen!
-Lautlos wie ein Geist war der rote Rand einer gewaltigen Kuppel in der
-Nebelferne erschienen.
-
-Georg kniete im Bett. Die Hände willenlos zusammenlegend, sah er, ganz
-nah, die Gewaltige heraufsteigen, die rote, göttliche Riesin,
-unleuchtend, stumm, ungeheuerlich, unnahbar einsam, so erhob sie das
-mächtige Haupt und sah in die erschrockene Welt. -- Er mußte die Stirn
-auf den Rahmen des Fensters vor ihm legen, sprachlos, quellenden
-Herzens.
-
-Als er wieder aufzusehn wagte, war es Tag. Die Ebene hatte sich mit
-ziehenden Schwaden von Nebel bedeckt, die sichtbar über die glühende
-rote Scheibe wogten, die jetzt an einzelnen Stellen golden zu brennen
-begann. Von hundert Orten umher zwitscherte es nun und zirpte, in den
-Lüften flog Gold, ah und wie schwer hing alles Laubwerk und blitzte vom
-Guß des Gewitters! Schon entstieg zarter Dampf, kleine, weiße
-Rauchsäulen erhoben sich schwebend über der Wasserfläche, alles
-leuchtete und ließ sich besonnen.
-
-Georg sprang aus dem Bett, öffnete die merkwürdige Luke am Boden, die
-Cordelia für ihn hatte machen lassen, und stieg die Leitertreppe
-hinunter ins Badezimmer.
-
-Von dort erfrischt und sauber zurückgekehrt, kleidete er sich eilig in
-ein wunderbares Hemd von gelber Rohseide mit offenem Halskragen, weiche,
-vom Ledergurt gehaltene Flanellbeinkleider, Strümpfe von der Hemdfarbe,
-und schlich, die braunen Schuh in der Hand, die noch dunkle Treppe
-hinunter ins Freie, dann an der Hinterseite des Hauses, so leise er
-konnte, an Cordelias offenen Fenstern vorbei über den Kies -- ah wie die
-Rosen dufteten am Rande! -- setzte sich auf die Treppe oben und zog
-seine Schuhe an. Langsam schlenderte er darauf von Stufe zu Stufe,
-tauchte die Hand in den tropfenbesäten Hügel der weißen Aspiräen und
-lächelte, den ganzen Blumenflor überschauend, von dessen tausend Namen
-er jeden Tag ein paar hatte lernen müssen, -- nun war alles längst
-unrettbar durcheinander in ihm. Das da hinten an der Böschung war
-Schleierkraut, aber wie hieß es lateinisch? Und daneben die brennende
-Liebe? _Lychnis_ -- ja, _Lychnis chalzedonia_ und mit _robusta_ noch
-etwas ... Volksversammlungen der handtellergroßen Margueriten blickten
-nach ihm hin, merkwürdig, wie die Menschen auf alten Bildern.
-_Leucanthemum maximum_ -- das war der Name. Georg balancierte behutsam
-auf dem Mauerstreifen um das Becken zwischen Trollius und Schwertlilien.
-Die ansteigende Wiesenböschung zu seiner Rechten war mit prangenden
-gelben und blauen Farben bedeckt, große Beete des Phlox, blaue, rote,
-weiße Blüten flammten oben, und dort standen, regungslos, die kostbaren,
-die Königskerzen, ganze Bäume mit aufstrebenden Ästen, mit den
-scheibenartigen Blüten, isabellengelb, zartlila und goldenblaß, -- wie
-hießen sie? _Delfinum_ -- ah nein, das war ja der erstaunliche
-Edelrittersporn, drüben von der andern Seite flammten die großen
-schwarzblauen Blüten, _Delfinum hybridum_ -- ists richtig, Cordelia? Die
-Königskerze aber hieß -- hieß -- _Verbascum_, jawohl, _Verbascum
-vernale_, ein glänzender Name! -- Es war ein Paradiesgarten und sie der
-Gärtnerengel darin!
-
-Georg rauschte im Vorjahrlaub die kleine Böschung durch das
-Birkenwäldchen hinunter und glitt unten ins schon trockne und
-sonnenwarme Gras, wo er die Aussicht über die ganze grüne Ebene frei
-hatte, über die Landstraße, Haidestreifen, kleine Birken- und
-Tannenschläge -- ins Unendliche hinein, über dem die goldene, brennend
-brodelnde Sonne kochte im Wolkenlosen.
-
-Sanft ist sie, dachte er, auf den Rücken gestreckt, ins Blaue nach oben
-schauend, sanft wie die Sonne am Morgen und doch feurig. Das ist das
-Wundervolle an ihr. Alle schönen Frauen müßten so sein, so -- sanft;
-nicht weich, hülflos, ohne Feste, sondern im Gegenteil -- fest, aber
-zart, glühend innen, seelenvoll ...
-
-Sanft halt, würde sie selber gesagt haben.
-
-Georg setzte sich auf. Die Grashalme neben ihm verschwammen vor seinen
-Augen, so bedrängte, fast angstvoll, ihn ein unsinniges Glücksempfinden.
-Nun bist du ja gesund, Georg, murmelte er, und glücklich. Sag dirs,
-Georg, daß du's weißt, daß du's behältst und nicht vergißt: glücklich,
-ganz glücklich, und wenn du dich fragst, wem dankst du all dies,
-Gesundheit, Freude, Arbeitskraft, Unermüdlichkeit --, alles, alles, dem
-seltsamen, dem erstaunlichen Wesen, das dich in Liebe hüllt, wie -- wie
-...
-
-Sich zurückwerfend wieder, die Augen schließend, fühlte er sich
-umschlossen von ihr mit einer noch nie so lauteren, so klaren Lust, die
-ihn von ihr träumen ließ. Er sah sich am Spätnachmittag den Hügel zum
-Hause hinansteigen, und dann erschien sie schon unter der kleinen
-Vorhalle, entweder in köstlich phantastischen Kleidern oder meist ruhte
-nur ihr dunkler, brauner Kopf über der mächtigen Glocke des ärmellosen
-Mantels von schwarzer schwerer Seide, in dessen weitem Faltenwurf es
-grünlich und bräunlich glänzte. Dann warf sie ihn auseinander, dann
-stand sie darunter, eine schlanke, gerundete Leibesform in türkisblauem
-Trikot, oder in feuerfarbenem, oder an den heißen Tagen in gar keinem
-marmorweiß, -- ach, die Erstaunliche! Und es begann der Abend! begannen
-die langen Stunden stiller Wanderung im Garten umher, in den
-zierlichsten oder tiefsinnigsten Gesprächen, denn -- oh sie war
-wandelbar wie die Natur selber durch Tages- und Jahreszeiten, sie blühte
-morgendlich heiter, sie verschattete sich ernst, sie rauschte, leicht
-windbewegt, sie konnte gewitterhaft flammen, und lächeln, lächeln immer
-wieder, und nie erlosch am Grund ihres Wesens die reine Farbe, der tiefe
-Glanz der Heiterkeit, aus der Zaubervögel ihres Lächelns in immer neuen
-Flügen, einzeln und scharenweis, Süße und Himmelsinnigkeit herüber
-trugen. Kam das Abendbrot, so fand es immer wo anders statt, nur bei
-schlechtem oder kaltem Wetter im kleinen Eßzimmer, sonst auf dem
-winzigen Viertelkreis des Balkons, auf der Plattform hinterm Hause oder
-in irgendeinem Dickicht, an der Erde, und Hesekiel mußte rennen und
-verlor zwanzigmal die Stelle aus dem Gedächtnis. Sie essen zu sehn, war
-allein die Mahlzeit wert. Sie liebte es, mit aufgestützten Ellenbogen zu
-sitzen, irgend etwas zwischen den Fingern, Brot, das sie zerbröckelte
-und das nachher säuberlich aufgescharrt wurde für die Spatzen, plaudernd
-unaufhörlich, zwischenhinein irgend etwas vertilgend, was kaum gesehen
-verschwunden war. Oh sie war eine Schauspielerin, natürlich, das wußte
-er ja, -- ach, von denen vielleicht eine, die im Leben alles und doch
-nichts Rechtes können auf der Bühne, weil es ihrem Können -- vielleicht
-am Letzten -- vielleicht nur an einem Tropfen richtigen Theaterbluts
-fehlt, an der Wonne zu verkörpern, Fremdes darzustellen vor fremden
-Augen; sie haben die Gabe, sich zu steigern, alles aus sich zutage zu
-fördern, aber sie können sich nicht zu anderm vervielfältigen und
-bleiben stets sie selber. Immer spielte sie ja, aber es war doch so, daß
-diese Kunst ihr nur dienen durfte, Vorhandenes vollkommen zu gestalten,
-ohne leeres Spiel zu sein, sondern Feuer nur und Schwung im treibenden
-Rade des Herzens. Ihre Einfälle waren unzählbar, sie schien sich geladen
-zu haben tagsüber mit Schnurren und Geschichten wie der vom Sternezahl,
-sie holte eine Anekdote aus der Gießkanne und Legenden aus Bäumen und
-Sternen. Dann kamen die Abende, in denen langsam die Liebesstunde sich
-vorbereitete, in denen, je dunkler die Stunde, ihr Herz und ihr
-befeuerter Geist um so höheres Leuchten begannen, und sie schöpfte das
-Füllhorn ihrer Brust aus nach Weisheit und Gedichten aller Zeiten und
-Sprachen, bis es stiller und stiller wurde, bis zuletzt immer der
-gleiche Augenblick da war, in dem sie, dastehend allein, den Mantel von
-sich gleiten ließ, ernst wie ein Gebilde ...
-
-Die Nächte, oh diese Nächte! Den seltsamen Marmor ihrer Brust mit
-tausend Küssen immer wieder zum Glühen zu bringen -- welch
-unerschöpfliche Wonne! Dann war sie miteins zur lohen Fackel geworden,
-und sie -- oh sie umtanzte seinen Leib mit flammendem Reigen ihrer
-Liebkosungen und Umschlingungen, bis --
-
-Georg setzte sich trunken auf, blinzelte geblendet, von innen und außen
-glühend erhitzt, in das sprühende Gold und versuchte, inständig zu
-denken: Hab ich nicht einmal behauptet, man liebte nicht im Augenblick
-der Liebe? -- Ist das wahr? Sie -- ich liebe sie vielleicht nicht
-einmal, nicht mit ganzem Dasein jedenfalls, oh -- es ist ja
-gleichgültig, aber doch -- ich fühlte Liebe zu ihr auch in der äußersten
-Verzückung; und wenn ich nun wahrhaftig liebte, müßte es nicht geschehn,
-daß es aus der seelischen Glut auch in die leibliche Flamme überströmte
-zu tieferem Lodern?
-
-Er sank wieder zurück und lächelte. Arme Seele, ich liebe dich
-wahrhaftig, so sehr ich kann, und ich bin dir dankbar, oh dankbar! Du
-Verzaubernde! -- Die Abendfahrten über Land fielen ihm ein, im
-Automobil, wo es immer paradiesische Entdeckungen gab, Stücke
-Landschaft, Haidhügel mit Wacholder, ein namenloses Dorf, zu dem sie
-Geschichten erfand, und wars nur eine trübsinnige Henne in einer
-schmutzigen Kate, -- und wie sie mit den Menschen hantierte, mit einer
-Herzlichkeit und Frische, die den härtesten Bauernschädel knackte, jeden
-Augenblick Miene und Sprache wechselnd, aus dem Hochdeutschen ins
-Oberbayrische fallend oder in ihren Mischmasch aus beidem ... Ihm lachte
-das Herz, als ihm der blinde Leierkastenmann mit seiner schwarzen
-Brille, der Orgel auf dem Rücken, ins Gedächtnis kam, der sich am
-Straßengraben hinstocherte mit seinem schmierigen Spitz und nun
-aufgeladen wurde in den königlichen Rücksitz allein, und wie sich dann
-weiß Gott wie herausstellte, daß der Kerl sah! Herr du meines Lebens,
-das Ungewitter! Wie sie im Sitz neben mir kniete, im flatternden Haar
-wie ein Windgott, und über die Brüstung mit geballten Fäusten auf die
-Kanaille im Rücksitz loswetterte, und ich davonraste und plötzlich
-anhielt, und sie über die Lehne weg wie ein Pardel, und der Kerl aus dem
-Wagen wie der exorzisierte Satan. -- Gott im Himmel, Georg, wann wirst
-du jemals wieder so glücklich sein!
-
-Er sprang auf und blickte auf die Uhr. Es war schon dreiviertel sechs,
-Zeit zum Frühstück. Um sechs saß er doch sonst immer an der Arbeit.
-Wieviel Stunden Ferienkurs waren heut? Zwei wie meist, dann noch zwei
-Stunden Arbeit von zehn bis zwölf, dann Schlaf, Essen und wieder Arbeit
-bis Zwölf oder Elf. Jeden Tag beisammen zu sein, verbot das Gesetz der
-Liebe ...
-
-Noch ein mal sich reckend, die Arme mit geballten Fäusten ausstoßend und
-sich dehnend, daß es krachte, klomm er die Böschung wieder hinan, ein
-wenig beschwert in der Brust, denn -- sagte er sich -- kann man ein
-solches Kleinod jemals aus den Händen lassen? Eine Prinzessin von
-solcher Art wie diese halbe Kroatin aus Oberbayern gab es freilich
-nicht, welch ein Jammer!
-
-Aber Renate. Renate mußte -- bei aller Hoheit gegen Fremde -- ihr doch
-ähnlich sein, wenn -- wenn sie liebte. Nun, Renate -- es machte
-Schwierigkeit, an sie zu denken in dieser glorreichen Epoche seines
-Lebens. Jedenfalls aber -- -- noch ein halbes Jahr vielleicht, dann kam
--- der Vertrag, kamen tausend, kam die eine Pflicht; kam auch Renate,
-das stand fest.
-
-Auf der Plattform hinter dem Hause angelangt, hörte Georg bereits das
-Badewasser im Innern rauschen und entglitt freudig dem geistigen
-Labyrinth. Hesekiel erschien, den Frühstückstisch vor den Leib geklemmt,
-und Georg half ihm, ihn zur Plattform zu tragen, was den Guten äußerst
-verwirrte und zu tausend Segnungen bewog, worauf Georg die kleine Diele
-im Innern betrat, an der Tür des Badezimmers klopfte und den Kopf durch
-den Spalt steckte. Natürlich, der Raum war undurchsichtig von
-Wasserdampf, Cordelias Kopf war kaum zu sehn über der eingelassenen
-Wanne im Boden, und Georg unterließ nicht, ihr zum hundertsten Male
-bedeutende Vorhaltungen zu machen.
-
-»Ja, was willst denn überhaupt? Zu seiner Zeit a jeds, hörst, das ist
-überhaupt unschicklich, da herein zu kommen! Geh, Georg, sei stad, ich
-komm gleich!«
-
-»Ja, ich geh ja schon! Übrigens, was ich sagen wollte: ich hab den Vers
-jetzt!«
-
-»Na?«
-
-»Es heißt: Gramvoll -- nein! Zornvoll, gramesvoll ward vom Donner der
-Wogen der Kühne.«
-
-Sie schlug die Hände überm Kopf zusammen. »Ach, Georg, was bist du für
-ein Klabautermann! Zornvoll, gramesvoll ward --« sie bauschte die Worte
-im Munde -- »ja, und wie heißt es im Griechischen? -- Viel -- im Meer --
-litt er Schmerzen im Gemüt -- die allersimpelsten Worte, -- geh, mach,
-daß d' weiter kimmst mit dein' Bombast, mit dein' Donner der Wogen!«
-
-Georg klappte die Tür zu vor einem triefend nassen Badeschwamm, der
-herüberflog, und stieg in äußerster Kümmernis über seine Dummheit ins
-kleine Wohnzimmer hinauf, wo ihm in der Ecke des Sofas alsbald
-glückselig die Augen zufielen.
-
-
- Achtes Kapitel: September
-
-
- Regen
-
-Georg verlor an einem Regennachmittag im September die Lust an der
-Arbeit so gänzlich über dem Verlangen, in den Regen hineinzugehn, daß
-er, kaum gedacht, in festen Schuhen, Gummimantel und Mütze vor der Türe
-stand, mit weitoffenen Nüstern die kalte, frische Feuchte der Luft in
-die Lungen ziehend.
-
-Wundervoll war die Leere des verschleierten Parks. Georg ging; der Regen
-fiel mit fast lieblicher, mit liebkosender Leichte, hinwehend über die
-Lichtungen der Wiesen, hingebungsvoll sich mitunter ganz in Seele, in
-nebelnde Feuchte auflösend, in Schleiern sich einsenkend in die ruhig
-duldenden Wipfel. Die aufgeweichten Wege schienen noch nie betreten.
-Noch war alles Laub tiefgrün, hier und da zart gelb gesprenkelt; nur wo
-Nußbäume standen, leuchtete das nasse Gelb. Die Gruppen der Bäume und
-Gebüsche, von der Regenumschlingung zusammengeschlossen, schienen
-schöner aufgeteilt. Gleichmäßig rieselte die Stille mit dem Säuseln der
-Feuchte; alles bewahrte Ruh im Empfangen der Erquickung.
-
-In linden Gedanken sich selber umschweifend, gelangte Georg an den
-grauen, dampfenden Spiegel des Teichs, an die Bank, wo vor langem Sigurd
-den Kaddosch gesprochen. Esther, kleine Esther -- was war aus ihr
-geworden am Grunde der großen Wasser? -- Ein Regentag, gewaltsamer als
-dieser, wars, da kamen die Beiden herein, triefend und lustig, und es
-gab Verkleidungen und Gelächter.
-
-Matt, sehr verblaßt glänzten die Farben der Erinnerung durch den
-Nebelregen der Jahre.
-
-Ist es nicht doch besser geworden? dachte Georg; und ernster? >Ein guter
-Geist hält über mir die Wage ...< Ich weiß noch: hier saß ich, wie ich
-Balto-Borusse geworden war, und fragte mich, welches Gewicht einmal dies
-Erlebnis haben würde. Um richtig wägen zu können, dürfte wohl noch nicht
-genügend Zeit verstrichen sein, aber ich denke doch: über die letzten
-Folgen bin ich hinaus. Ein leichter Herzfehler, Meidung alkoholischer
-Getränke, die Erinnerung an Tozzi, an Schwalbe --, das ist wohl alles,
-soweit ich sehe, und nicht eben viel.
-
-Georg wanderte weiter in einer plötzlichen Sehnsucht nach seinem Vater.
--- Ich könnte doch eigentlich viel mehr von ihm haben, stellte er fest,
-und deshalb ist es doch schade, daß er nie schreibt. Nein, für
-Gedankenaustausch ist er nicht zu haben -- gesetzt, ich hätte was zu
-tauschen --; sein Leben beschränkt sich auf Leistung. -- Überdem fiel
-ihm eine Andeutung aus Magdas letztem Brief ein, als ob sein Vater es
-wieder mit dem Gehen versuchte; er hielt das wohl geheim oder ließ
-merken, daß es unbeachtet bleiben sollte, solange kein Erfolg sich
-zeigte. Sonderbarer Mensch, der er doch war! Sollte er wirklich der
-kranken Frau wegen sich freiwillig diese Fessel an den Fuß gelegt haben?
-Und weshalb wollte er nun los? Freilich war er jünger, als man seine
-Väter sich so denkt, drei-, vierundvierzig, und konnte noch bald
-ebensoviel vor sich haben ...
-
-Georg war im weiten Bogen zum Ende der Lindenalleen gelangt und ertappte
-sich in der Richtung zu Cordelias Hause. Auf die Uhr blickend, fand er,
-daß sieben nahe bevorstand. Vielleicht war sie da, -- sie pflegte ja
-allabendlich die Blumenstöcke zu gießen und den Vasenblumen frisches
-Wasser zu geben. Und wenn sie nicht kam, -- konnte es nicht einmal ganz
-schön sein, ohne sie in ihrem Duftkreis zu weilen?
-
-Alsbald, die stille Alleestraße zwischen Gärten und Landhäusern bergan
-geschlendert, öffnete Georg das Gittertor und stieg den gewundenen Weg
-hinan zum Hause, das nun ganz in einen Kranz von Dahlien eingefaßt war,
-schwarzroten, eigelben, weißen und feuerfarbenen, alle Häupter übersät
-mit metallblanken Tropfen. Unter der Vorhalle aber saß, ganz still und
-so vertieft, daß er nichts umher sah noch hörte, ein kleines Buch vor
-den Augen, Hesekiel. Auf Georgs Anruf kehrte er erschrocken in sich
-selbst zurück, dienerte heftig und lief herbei, wehmutvollen Mundes,
-aber heiterer Augen. Georg fragte, was er denn lese; er brachte das
-Buch, ein Neues Testament.
-
-Ob er denn auch verstünde, was er lese.
-
-»Gnä Frau hat mirs angestrichen, was i lesen derf. Sehr schön is, sehr
-schöne Sprüch.«
-
-Richtig fand Georg hier und da ein paar Zeilen, einen Absatz dick mit
-Bleistift eingerahmt. »I solls auswendig lernen,« erklärte Hesekiel
-diensteifrig, »sie hört mirs dann ab.«
-
-»Na dann sag mir doch auch mal einen Vers! Einen, den du gern hast, --
-oder vielleicht die gnädige Frau ...«
-
-Hesekiel zog die Stirn in Falten, schwer sich besinnend. »Es sind halt
-so viele«, äußerte er bedenklich, fing aber im nächsten Augenblick an zu
-sprechen und brachte stotternd, aber ganz richtig zusammen:
-
-»Unser keiner lebt ihm selber, und unser keiner stirbt ihm selber. Leben
-wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn,
-darum wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn, den Spruch hat gnä
-Frau so schön gefunden.«
-
-»Sehr schön, Hesekiel!« Er lächelte mühselig. »Verstehst du's denn
-auch?«
-
-»I woaß net so gnau. I denk mir schon was. Mir san katholisch, mir zwa«,
-erklärte er plötzlich.
-
-»Ah, du und die gnädige Frau?«
-
-»Ja, mir san katholisch.«
-
-Georg wußte nun nichts mehr, gab dem armen Teufel sein Buch wieder und
-ging ins Haus.
-
-Sanft grüßend empfing ihn das kleine Wohnzimmer, dämmrig, enger als
-sonst. Georg trat ans Fenster, und ihm kam, da er jenseit des ums Haus
-führenden Kiesweges große Sonnenblumen stehen sah, die Häupter gesenkt,
-schwer von Regenperlen, -- wieder Magdas Brief ins Gedächtnis: er hatte
-so in Tränen gestanden, so gebeugt in Wehmut um die Gestorbene. -- Georg
-hatte ihr gesagt, unfähig falscher Gefühle zu scheinen vor ihr, daß ihm
-keine Mutter gestorben war, und dies hatte ihren Schmerz fast vertieft.
-
-Unser keiner lebt ihm selber, und unser keiner stirbt ihm selber ...
-Georg fand, daß er die ganze Stelle im Gedächtnis behalten hatte, so
-hing eines im andern. -- Leben wir, so leben wir dem Herrn ... Auch in
-diesen Worten war eine Erinnerung an Magdas sanfte Gestalt. -- Darum wir
-leben oder sterben, so sind wir des Herrn. -- Es klang sehr tröstlich;
-klang nach Händen, die nichts entgleiten lassen.
-
-Georg hatte Lust, ihren Brief zu beantworten; nicht zu beantworten, --
-was gäbe es zu antworten auf Schmerz? -- aber zu schreiben. Allein wie
-anfangen?
-
-Jetzt, vor dem Sekretär sitzend, gewahrte Georg sich selber zur Linken
-hinter dem bläulichen Glasschleier des Spiegels, ein wenig sonderbar
-nicht nur durch die prunkvolle Umrahmung von Leisten und Gespiegeltem,
-den Kerzen und der mattblauen Vase, die heute dort stand, den Rand
-überhängt von gelben Rosenköpfen, sondern durch die Verschleierung vor
-allem, die ihn sich selber wie in einem andern Zimmer erscheinen ließ,
-dasitzend einsam, ohne Stunde, ohne Zeit, nicht vergehend. So einsam
-also sieht man immer aus, wenn man allein ist, dachte er. Es war
-beklemmend hinzusehn, er wollte sich schon wegwenden, entdeckte jedoch
-nun in seinen, übrigens wie immer scheinenden Zügen etwas Neues, eine
-kleine, neben dem linken Mundwinkel eingegrabene Falte, deren Herkunft
-er nicht begriff, bis er, unbemerkt den Mund verziehend, spürte, daß
-diese Mundbewegung etwas wie -- Verachtung ausdrückte. -- Dazu, sagte
-er, entschlossen sich abwendend, scheint mir denn doch wenig Ursache. --
-Es sei denn Verachtung deiner selbst, fuhr eine andre Stimme in ihm
-fort, die er indes überhörte, in Cordelias Schreibmappe nach Briefpapier
-suchend.
-
-Er fand aber zuerst einen Brief mit seiner Adresse von ihrer Hand
-darauf, schön, groß, rund, klar in Lateinschrift geschrieben, drehte ihn
-herum -- er war offen --, dachte, es sei vermutlich solch einer, wie er
-ab und zu bekommen hatte, sei's weil sie ihm einmal absagen mußte, sei's
-aus keinem triftigeren Grunde als dem, ein Zeichen zu senden, einen
-zärtlichen Gedanken, einen kleinen Vers, -- und richtig, als er den
-Bogen erwartungsvoll herauszog und entfaltete, las er Verse:
-
- O komme, Geliebter, es freun sich die Fluren,
- Der Storch und der Star und verwandte Naturen.
- Weiß schimmern die Birken auf grünender Trift,
- Da ich schreib in die Rinde mit brennendem Stift:
- O komme, Geliebter, zu festlichen Stunden,
- Wir wollen uns tränken, wir wollen uns munden!
-
- Die arme Seele.
-
-Nun da bin ich ja! freute sich Georg, aber wo bleibst du? -- Wie
-lieblich sie das wieder zusammengeleimt hatte, gar nicht empfindsam,
-klein und frisch wie ein Veilchenstrauß! Sie war ein Juwel.
-
-Aber er wollte doch an Magda schreiben, und damit ließ sich nicht
-anfangen. Indem geriet ihm, als er mit einem verlorenen Blick hinter
-sich die Bücherregale streifte, die im Eck neben dem Sofa
-zusammenstießen, Irene in den Sinn, nach der Magda gefragt und die er
-gestern wieder einmal mit einem Detektivroman im Arbeitskorb gefunden
-hatte. Und im selben Augenblick hatte er eine so schöne Hohnrede über
-sie, mit soviel aparten und glatten Wendungen im Kopf, daß er hastig ein
-paar frische Bogen aus der Mappe fingerte, seinen Halter zog und zu
-schreiben begann.
-
-Liebe Magda:
-
-Dies also, dies ist Irene Herzbruch! Dein Wunsch, von ihr zu hören,
-umarmt den meinen, von ihr zu reden. Gut, fangen wir an, liefern wir
-eine Beschreibung.
-
-Daß sie mit ihrem Mann vor ein paar Monaten ihre Langenhagener
-Sommerwohnung bezogen hat, weißt Du, vermutlich auch, daß sie diese
-Wohnung -- eine Photographie bekommst Du -- mit Herzbruchs Schwester,
-Dora Vehm und deren Mann teilen. Nachdem ich dreimal ganze und halbe
-Tage draußen gewesen bin, habe ich die Männer übrigens noch kaum zu
-Gesicht bekommen. Dr. V. hat seine Praxis und Sprechstunden in der
-Stadt, H. dito seinen Verlag. Dora Vehms erinnerst Du Dich vielleicht
-von Irenens Hochzeit: prachtvoll anzusehn, mit dunkler Haut, schwarzem
-Haar, schwarzen, glänzenden Augen und einer schönen, sicheren und freien
-Haltung. Die Stimme manchmal etwas schrill, zum Beispiel, wenn sie sagt:
-Nein, das ist ja rasend komisch! -- (N. b. daß sich doch alle Frauen im
-gesellschaftlichen Umgang solche Übertriebenheitsworte angewöhnen
-müssen, wie rasend, oder himmlisch oder reizend.) Diese tüchtige Frau
-ist Urheberin einer Volksspeiseanstalt, wo Arbeiter und Frauen für 40
-oder 50 Pfennige ein nahrhaftes Mittagbrot bekommen, und diese Anstalt
-leitet sie ganz allein, teilt sogar nicht unhäufig selber das Essen aus;
-ferner ist sie Vorsitzende irgendeines Frauenvereins; ferner leitet sie
-ihren Haushalt; ferner hat sie Freunde, denen sie lange Briefe schreibt;
-ferner singt sie, und gar nicht schlecht; ferner geht sie in viele
-Konzerte, Theater, Vorträge, Vorlesungen; ferner ist sie in der schönen
-Literatur verblüffend bewandert, und auf ihrem Tisch liegen Knoop,
-Kierkegaard, Hamsun und die Geschichte des Dr. Bürgers von Hans Carossa;
-und schließlich hat sie zwei entzückende Kinder von drei und fünf
-Jahren, Knaben und Mädchen, mit denen sie, ungelogen, niemals weniger
-als eine volle Hälfte des Tages zusammen ist. Da soll einer sich ein
-Beispiel nehmen. Und nicht etwa, daß dieses Ganze ein verfitzter
-Rattenkönig oder Schlangenballen wäre, aus dem all diese
-unterschiedlichen Verrichtungen mal dieses mal jenes Haupt züngelten, um
-was zu verschlucken, sondern ohne Unrast, ohne Fahrigkeit, auf einer
-einzigen, sanft und ebenen Linie rollt ein solcher Tageslauf einer
-solchen Frau ab, sie ist heiter, gelassen und fröhlich, und hat immer,
-immer noch für ein Dreizehntes Zeit in der zwölften Stunde.
-
-Ach so, ich wollte von Irene schreiben. Du merkst, daß ich diese Frau
-anbete und verehre. Von dem Denkmal, das ich ihr in meinem Herzen
-gesetzt habe, war dies eben ein freilich sehr kümmerlicher Abdruck. Ein
-Hurra allen wackeren Frauen, würde Bernhard Kellermann sagen. Also nun
-Irene.
-
-Als ich das erstemal zu ihr kam, -- ja, also das Haus siehst du sehr
-schön auf einem Hügel liegen, der von der Chaussee langsam flach
-ansteigt: zu unterst sind Gemüsefelder, dann kommt ein Blumengarten --
-alles noch neu und sehr spärlich, zumal um diese Jahreszeit, dann Wiesen
-mit dem Haus in der Mitte; die rückwärtige Seite ist mit der >Hecke<
-bewachsen, wie man das hier nennt, das heißt also Buschwerk und
-Unterholz, Haselstauden, Eschen, Weiden, auch Tannengestrüpp, ein wahres
-Dickicht, Wassertümpel und zuletzt ein kleiner, abgenutzter Steinbruch.
-Ja, also da fand ich Irene, ihrer Stimme folgend, die von weither
-gellend hörbar war: Sie! Sie haben ja ihren Fusel noch dick in den
-Augen! Was Sie sind? Sie sind weiter gar nichts als ein besoffenes
-Schwein, wissen Sie das? Gehn Sie mal nach Hause und schlafen Ihren
-Rausch aus -- und so weiter. Ja, da stand sie breitbeinig im Bohnenbeet,
-einen Spaten schwingend, aber der so beschimpfte Gärtner war wirklich
-äußerst betrunken und gerade dabei, tätlich zu werden. Ein andermal fand
-ich sie mittags auf dem Rasen im Dickicht mit einem Roman von
-Skowronnek. Und das drittemal trug sie mit der Forke von einem kleinen
-Handwagen den Kompost und verteilte ihn über die Melonenbeete.
-
-Dies wäre Irene? Freilich, freilich! Und was wäre viel dagegen zu sagen,
-wenn nicht -- ja, wie soll ich das beschreiben?
-
-Sieh mal, wenn die Frau eines Rittergutspächters, dessen Dasein reineweg
-von seinen Äckern, Beeten und Ställen abhängt, sich so gehabte, da wäre
-das trefflich, obzwar auch dann noch zu fragen wäre, ob hierzu der Weg
-über ein Kloster vonnöten gewesen wäre. Was ist alte, älteste männliche
-Forderung an eine Frau? Daß sie das Notwendige mit Anmut tue. Was heißt
-Anmut? Eben jene Leichtigkeit und Gelassenheit der Gebärde, jene
-Unscheinbarkeit, ja Unsichtbarkeit des Tuns, jenes Darüberschwebende des
-Ganges, so daß von allem Kräfteaufwand nichts eigentlich vor andern
-Augen erscheint, als der Überschuß und die Freiheit zu andern Dingen,
-eben jene Anmut Dora Vehms, welche genau die des Trapezkünstlers ist,
-der nach jeder Vorführung, ein Lächeln auf den Lippen und mit
-ausgebreiteten Armen vortänzelnd, dem Zuschauer vorzuspiegeln hat, daß
-seine Leistung Kinderspiel sei, abgetan zwischen zwei kleinen Atemzügen.
-Sie aber geht in diesen Dingen bis zur Selbstvernichtung auf. Wenn sie
-morgens früh um fünfe ihre Hühner füttern muß, so schläft sie natürlich
-Glock neune ein. All dies, um im Winter selbst eingeweckten Spargel und
-selber eingekochtes Pflaumenmus essen zu können. »Und das Ganze«, hören
-wir meinen Vater sagen, »ist denn wie an die Wand --, usw.« Langsam
-umnachtet sich ihr Geist. Bücher liest sie keine, außer den oben
-angezeigten. Für derbe Worte und Redensarten hatte sie immer eine
-Vorliebe; Rhinozeros ist ihr Lieblingswort, das sie ja freilich am
-fröhlichsten an sich selber verschwendet. Siehe sie dastehn: in einem
-lachsfarbenen Morgenrock, Rüschen an Hals und Ärmeln wie immer, mit
-ihren sanft und länglich gerundeten Hüften -- noch sind sie's -- tausend
-goldne Lockenwirbel ums krebsrote Gesicht, indem sie sich mit dem
-Zeigefinger vor die Stirn tippt und sagt: Ich Rhinozeros!
-
-Schließlich weiß man ja nicht, wie lange sie's treiben wird. Ferner ist
-auch die Abwesenheit ihres Mannes in Erwägung zu ziehn, aber wiederum --
-die sozialwissenschaftliche Hauptabteilung seines Verlags, und die neue
-Zeitschrift gleichen Charakters, die er jetzt zu gründen im Begriff ist,
-könnten ihr genug Gelegenheit bieten, mit ihm zusammen ein gemeinsames
-Leben ernster und würdiger, wirkender und fortwirkender Tätigkeit zu
-führen, anstatt daß sie sich Sommers abrackert, um Winters essen zu
-können. Sauwohl fühlte sie sich, sagt sie, und überhaupt sei dies die
-wahre Bestimmung des Menschen, zu essen und zu trinken und dafür zu
-sorgen, daß man zu essen und zu trinken habe. Ihre Geige, wenn du danach
-fragen solltest, ist seit Monaten vergessen. Gewiß: Bau und Einrichtung
-von Haus und Garten mußte sie so ziemlich allein bewerkstelligen, und es
-ist ja auch reizend geworden, aber wozu? Sie wohnt ja nicht, sie hat ja
-immer bloß zu tun. Ihre Kleider sind entzückend, sie macht sie selbst,
-Renate auch, aber ich habe Renate nie am Schneidertisch gesehn.
-
-Ja, wären nicht die Kinder -- du weißt, ich liebe Kinder -- und Dora
-Vehm, so würde ich diesen Verkehr vermutlich aufgeben. Manchmal ist ja
-auch H. abends anwesend, und auch der Doktor ist ein feiner, freilich
-sehr stiller, in sich gekehrter Mensch, aber da braucht man nur
-irgendeine Sache unterm Himmel zu berühren, so giebt es ein schönes,
-ernstes Gespräch, man fühlt einen feinen Keim in die Brust fallen, und
-die Stunde war nicht umsonst.
-
-Ehrlich, Magda: Im Gastbuch unseres Korps fand ich die folgenden,
-sonderbaren Verse meines Papas, soviel ich weiß die einzigen, die er je
-gemacht hat, frei nach Storm:
-
- Habe niemals eine Meinung!
- Innerstes bleibt stets verborgen.
- Was am Nachbarn du bedauerst,
- Tust du heute, tust du morgen.
-
-So würde ich mir auch nicht diese Meinungsäußerung über die gute Irene
-erlaubt haben, wenn ich nicht selber während der Trassenberger Monate
-ernstlich an mir selber gefeilt und mich besonnen hätte, was ich war,
-und wer ich sein soll. Ich habe auch ganz tüchtig gearbeitet, denn das
-abgebrochene Altenrepener Semester drückte kräftig genug, und wenn auch
-Greifbares nur wenig dabei herausgekommen sein mag -- ein Überblick,
-flüchtig genug, über das gesamte, über dies ungeheuerlich horrende
-Besitz- und Arbeitsfeld Papas -- so habe ich doch Arbeitslust und
-Zukunftseifer in reichlichem Maße davongetragen. Froh bin ich dabei --
-darf ich das einmal sagen? -- daß Du, immer Gütige und Verstehende,
-meinem Wege treu geblieben bist, und mit mir hoffst, und mit mir
-vertraust. Denn das tust Du doch, nicht wahr? Deine Briefe taten mir so
-wohl! Wirst Du nicht bald einmal wieder nach A. kommen, damit ich Dich
-singen hören kann? Oder ist die Stimme noch immer nicht so weit? Nein,
-nein, rede mir Du in deiner Bescheidenheit das nicht aus: Dein Gesang
-ist besser als Irenens Einmachegläser. Weiland Josef Montfort schenkte
-mir einmal -- der Großmütige! -- ein Wort; es ist von Salomo und lautet:
-Erhalte dir dein Herz, denn aus ihm kommt das Leben. Aus dem Herzen
-kommt Deine Stimme, aus einem allwissenden Herzen, Magda, ich muß es
-sagen, und ist Leben und muß Leben wirken.
-
-Irene hat ihr Herz eingeweckt; möge sie sich im Winter ihres
-Mißvergnügens daran laben. --
-
-Georg hielt inne. Der Nachsatz, fand er, hatte den Abschluß verdorben;
-nun konnte er so nicht enden, und ein Übergang war schwer zu finden.
-Auch schien ihm noch etwas zu fehlen, ja, die Hauptsache war mit den
-wenigen Worten gegen Ende doch noch nicht ausgesagt, sein dankbares
-Gefühl für sie und ...
-
-Er stand auf, trat ans Fenster, merkte, daß der Regen stärker
-niederrauschte, und schloß es. Sogleich dämpfte sich der Lärm, aber
-Georg gewahrte auch, daß es dunkler geworden war mittlerweil, er mußte
-zum Ende kommen. Da verschleierte sich der Raum langsam vor seinen
-Augen, er sah noch vom Sofatisch her etwas Rotes dunkel glimmen, das
-Rubinglas, das er einmal mitgebracht hatte. Es quoll undeutlich in ihm,
-er sah wieder den für Magda bestimmten Brief liegen, setzte sich davor
-und schrieb:
-
-Ich mußte eben die Feder hinlegen und lange am Fenster stehn. Es ist
-dämmrig, der Regen schlägt an die Scheiben. Esthers Volière fand ich bei
-Irene, wo ist Esther? -- Wie sind wir Alle auseinander gewirbelt! Daß
-wir immer wohl dies und jenes unternehmen können, aber halten läßt sich
-nichts davon. Wer hielte sein eigenes Herz, geschweige denn fremde?
-Unwiderstehlich angezogen treiben wir zu immer neuen Wirbeln hin, und
-schaurig ist, daß, was am wildesten glühte, am eiligsten erkaltet.
-Ferne, liebe Freundin, ich weiß nichts von Dir, aber wie den guten,
-immer gleichen Benno hier -- natürlich vergaß ich den Allzubescheidenen
-zu nennen, als ich eben die Hiergebliebenen zählte -- so sehe ich Dich
-dort: ein Bleibendes im Getümmel, eine sanfte Säule im Kreisen, einen
-immer steten, leisen, aber in jeder Stille um so geheimnisvoller
-vernehmbaren Ton, und ich denke: tausend Saiten des aufgeregten Daseins
-schwirren und rasseln ihr verworrenes und bezauberndes Spiel: eine Saite
-ruht immer und tönt tagein, tagaus, jahrein, jahraus immer den gleichen,
-himmlisch einfachen, und o so tröstlichen Klang!
-
- In Dankbarkeit der Deine
-
-Im Begriffe, seinen Namen zu schreiben, hielt Georg ein. -- Was ist denn
-das? sagt er schwer aufatmend, was hast du denn da gemacht? Du hast ja
-gelogen. An sie hast du nicht gedacht, sondern hast Cordelia empfunden,
-und das Gefühl nur ein wenig umgewandelt, daß es paßte ...
-
-Aber wenn es paßt, mußte er sich widerlegen, so hats doch seine
-Gültigkeit irgendwie. Eben war es so, daß ich nicht an Magda denken
-konnte, wenn ich es aber wirklich tue, ernstlich, so empfinde ich auch,
-wie ich schrieb, und -- ja, und das vor allem wars, was ich empfand: sie
-wird immer bleiben, immer --
-
-Und Cordelia? Ist es denkbar, je ohne sie zu sein?
-
-Jetzt höre ich auf zu denken für mindestens drei Stunden, dachte er
-ärgerlich lachend, unterschrieb, faltete und schloß den Brief in einen
-Umschlag, den er adressierte, worauf er sich erhob, um in der Sofaecke
-nun ganz die Dämmerung zu genießen und die Erinnerung an die
-Zärtlichste, die Einzige ...
-
-Im Niederlassen jedoch merkte er, daß er sich auf etwas Hartes,
-Buchartiges setzte, und zog unter sich ein großes Heft im Aktenformat
-mit blauen Pappdeckeln hervor, schlug es auf und las im Zwielicht das
-groß und geschwungen -- als Titel -- von Cordelias Hand geschriebene
-Wort: Theodosis; darunter, kleiner: Tragödie.
-
-War das eine Rolle? Er hatte noch nie den Namen gehört. Auch schien ihm
-jetzt, als er das Blatt umschlug und Verse fand, die Handschrift
-Cordelias anders als jetzt, nicht so ausgeschrieben, jugendlicher; und
-schon im Begriffe, das oben stehende Personenverzeichnis zu lesen --
-Pelagios, Thespesios hatte er schon erhascht -- hielt er sich zurück,
-von einer Art Duft oder Hauch berührt, der ihm Einhalt bot; schlug das
-Heft wieder zu und legte es auf den Tisch.
-
-Und dann hörte er deutlich durch das Regengeräusch das Nahen eines
-Automobils; es ward lauter, kam ganz nahe und verstummte dann. Das mußte
-sie sein. Georg war im Nu durchs Zimmers, die Treppe hinunter, trat
-unter die Säulen vor der Tür, als sie eben den Weg heraufkam, ohne Hut,
-im grünen Regenmantel, und hielt sie im nächsten Augenblick in den
-Armen.
-
-Im Zimmer oben zog er sie eifrig zum Sofa, als sie das Heft bemerkte und
--- zum erstenmal glaubte er diese Bewegung zu sehn -- die Augen
-feindlich zusammenzog. -- »Hast des gfunden?« fragte sie.
-
-»Es lag in der Sofaecke. Sollt ichs nicht sehn?«
-
-»Warum net gar? Die alte Sach.« Damit hatte sie's aufgenommen, ging zum
-Kastenschrank, zog unten eine Lade auf und legte es hinein. Im
-Zuschieben mit Händen und Knien schien sie sich zu verlieren, richtete
-sich langsam wieder auf und trat an das Fenster.
-
-Erinnerungen, dachte Georg; sie ist traurig geworden. -- Nein, diesmal
-will ich nicht, wie man immer tut, Zartgefühl nur durch Schweigen
-beweisen. Erinnerung will gelöst sein, nicht zerdrückt -- und er ging
-leise zu ihr, zog sie an sich und fragte behutsam, über ihr Haar
-streichelnd: »Warum hast du's fortgelegt?« -- Sie schwieg. Wie ihr Haar
-duftete! Sie atmete stark.
-
-»Möchtest du mirs nicht vorlesen?« fragte er wieder, da er ein leises
-Nachgeben in ihren Schultern zu spüren meinte. »Oder spielen?« setzte
-er, noch leiser, hinzu.
-
-Eine lange Weile blieb sie still. Dann, heftiger atmend, fragte sie
-weich: »Woher weißt denn, daß ich spielen kann?«
-
-Nun hielt ers für das beste, zu schweigen. Immer tiefer und schwerer
-wogte ihre Brust.
-
-»Möchtest du's denn gern?« flüsterte sie kaum hörbar und räusperte sich.
--- Er drückte sie an sich. »Wart ein Weilchen«, sagte sie schnell,
-drückte sich um ihn herum, lief durchs Zimmer und verschwand.
-
-Es war ganz dunkel geworden. Georg, am Fenster stehend, dachte: Ich
-sollte nie fragen! sagte sie im Anfang -- und nun kommt es doch, ganz
-von selber. So ist es im Leben. Eine wirkliche Elsa hätte auch nicht
-geradezu gefragt: Wer bist du? Wo kommst du her? -- Eines Tages hätte es
-sich von selber ergeben, und dann wäre es auch vermutlich nicht halb so
-schlimm gewesen, wie der Lohengrin ankündigte ...
-
-Er mußte jedoch lange warten, bis sie wieder kam. Still und ernst, auf
-unhörbaren Füßen erschien sie im dunklen Raum, dunkel selber im Haar und
-dem schweren, schwarzen Mantel; nur ihr Gesicht schimmerte sehr weiß.
-
-»Setz dich ins Sofa«, bat sie, und er tats. Sie blieb vor dem
-Kastenschrank stehn, legte still eine Hand in die andre und sprach, das
-Gesicht zum Fenster gewandt, erst nach langer Zeit:
-
-»Theodosis war eine arme Seele. Sie war stumm geboren und blind. Dennoch
-fand sich ein Mensch, der sie liebte, dem sie vermählt wurde, und der
-von einem Nebenbuhler erschlagen ward in der selben Nacht. Nun kommt ihr
-alter Lehrer Thespesios, der sie als Kind lehrte, den Druck seiner
-Finger in ihrer Hand zu verstehn und zu erwidern, und sagt ihr, was
-geschehn ist. Der Schrecken durchbrennt sie, sie lodert auf, sie kann
-sprechen.«
-
-Cordelia schwieg. Georg, in seltsam tiefer Erregung, da er ihre Stimme
-noch nie so gehört hatte, so tief und tönend, so voll aufkeimender
-Musik, sah ihre Augen durch den Raum wandern, mit fernem Blick,
-unsäglich ernst, bis zu ihm, doch sah sie ihn nicht an.
-
-Auf einmal glitt von ihren Schultern der Mantel -- ihr Leib glänzte fast
-metallisch auf in der Dunkelheit --, glitt bis zu den Hüften, wo ihre
-linke Hand ihn hielt; die Rechte streckte sich ein wenig vor, steif, als
-würde sie von einer andern gefaßt. Sie hielt den Kopf lauschend
-vorgesenkt; dann entflog irgendwo ein gurgelnder Laut: »Weh über mich!«
-
-Die Rechte noch in derselben Haltung, fuhr die Linke zum Munde, in ihrem
-Blick war Entsetzen, der Mantel war am Boden, aber jetzt -- kaum daß
-Georg noch Worte vernahm, so flutete eine maßlose Stimme durch den Raum,
-wie ein Engel in tosenden Flügeln --
-
- »Mein Mund! was ist mit meinem Mund? er brennt!
- Wehe, ich brenne! eine Flamme schlug
- Aus meinem Mund, und alles steht in Brand.
- Was ist? ich höre eine schreckliche
- Entstellte Stimme. Meine Stimme ists!
- Ich konnte sie nicht halten ...«
-
-Sie war still: sie stand noch immer wie zuerst. Georg bebte am ganzen
-Leib. Diese nie gekannte Stimme! Diese singende Kraft, diese
-schwelgrische, üppige Musik, und Verse, die sie schwang wie Fackeln und
-Dolche, lodernd, triumphierend, in seine Brust. Und nun -- nur die Arme
-ein wenig zu einer hülflosen Gebärde des Umarmens ausgestreckt, tiefer
-gebeugten Leibes -- sang sie weiter:
-
- »O Stein an meinem Mund, o kalte Säule!
- O Mund, ich schließe dich an diesen Stein,
- So stumm warst du, so eisig diese Nacht,
- Da über dir ein andrer Mund verglühte,
- In dich hineindrang, aber du warst Stein ...«
-
-Sie warf die Hände empor und rückwärts zum Genick, empor das Gesicht:
-
- »Nun schrei, zerborstner Stein, nun gell es aus,
- Daß ich nur höre diese grauenvolle,
- Verworfne Stimme, die nur ward zum Schrei
- Erschaffen, nur zum Schrei!«
-
-Wieder vornüber sinkend, faltete sie die Hände in der Höhe der Brust,
-sie wand sich zart, Georg sah jetzt ihr Gesicht, entfremdet, die Augen
-geschlossen, schmal geworden; sie lächelte Gram:
-
- »O meine Kindheit!
- O meine Sehnsucht, süß und schmerzenvoll!
- Da alle Welt voll Lieder war und klang,
- Wie tönte jedes Ding, wie sprach von Liebe
- Das kleinste auch, dran meine Hände rührten,
- Du Becher, draus ich trank, du Ring, du Vase,
- Glücklich beredt, und lächelte mich an,
- Daß ich euch liebte tief aus meinen Schmerzen.
- Dann manchmal schiens, als sei doch einmal alles
- Verstummt, und kein Geräusch als in den letzten,
- Versteinerten Tiefen, dunkel in mir murmelnd,
- Die Stimme, meine Stimme, die vergrabne,
- Arbeitende ... Ich konnte ihr nicht helfen.«
-
-War das denn Spiel? Übermannte sie jetzt wirklicher Schmerz? Aber da
-wich schon die Qual, sie lächelte wieder, doch fielen die Hände
-auseinander, fielen ab, unwissend geschlossen bis zu ihren Schenkeln, wo
-sie haften blieben, und sie stand nun, eine hülflos gekrümmte Figur ...
-
- »Wie sollte sie
- Einst süßer tönen! ach, wie sollte sie
- Liebkosen! all die stummen Herzen sollten
- Von ihr gestillt und fröhlich sein. Es würden
- Die alten, göttlichen, unsichtbaren Flügel
- An ihren Schultern wieder sichtbar werden,
- In Himmel tragen, die entgegenschweben ...«
-
-Ihre Stimme, zu innigster Innigkeit versüßt, verhauchte im Geflüster der
-brünstigsten Sehnsucht:
-
- »Ich wollte ihnen dienen. O in Schauern
- Sollten sie stehn und horchen: Hört, es klingt
- Die Erde, ja die Erde klingt, die alte.
- Alles wird klingen, alles ist voll Liebe,
- Wir Menschen sind geliebt, wir sind geliebt,
- Denn eine Blinde baut uns goldne Brücken,
- Denn eine Stimme kam, um uns zu dienen ...«
-
-Mein Gott, sie sprach ja von sich selbst! Das war ja sie, sie, und
-stockte nun, besann sich, sagte stumpf: »Nun schreit sie bloß!« und flog
-plötzlich in ihren Armen empor in den Raum, stand langausgestreckt nach
-oben, schmerzausjauchzend wie eine knatternde Flamme:
-
- »Ach, was aus mir
- Jetzt Worte schleudert, nennt ihr Sprache, ach,
- Nur meine Stummheit ists, die reden lernte
- Und alles überschreit! O daß ich sänge!
- Eindränge in die Seelen mit Gefühl,
- Die Namen stammelnd, Namen, blühend, Kinder,
- Im Welken Himmlische, und Worte, Worte ...«
-
-War es denn zu Ende? Georg wagte nicht, sich zu bewegen. Sie stand immer
-noch wie zuletzt, die Augen geschlossen. Dann schien sie zu wanken.
-Georg sprang auf und kam eben rechtzeitig, sie aufzufangen. Sie fiel
-abgebrochen gegen ihn wie eine Säule. Er fühlte sie schweißbedeckt und
-eiskalt am ganzen Leib, aber sie war nicht ohnmächtig, sie zitterte, er
-raffte den Mantel vom Boden, selber zitternd, und hüllte sie hinein,
-während Gedanken in ihm schwirrten wie Funken. Sie an sich drückend,
-flüsterte er stumm: »Ich weiß ja, ich weiß ja nun alles. Ärmste, du hast
-nie spielen dürfen, was du konntest, du hattest -- ach, was weiß ich,
-wie es war, aber nun ... Komm,« sagte er sanft, »komm, leg dich hin,
-komm, es ist ja nun gut! ich weiß ja nun ...«
-
-Da horchte sie auf. »Was weißt du nun?« hauchte sie.
-
-»Ach -- alles; was dir fehlt, wer du bist. Aber das hat nun ein Ende.
-Ich kann ja alles für dich tun, ich --«
-
-»Was willst du tun?« fragte sie, seltsam schmelzend und ergeben.
-
-»Ach ... Du weißt doch: das Theater ist doch nichts ohne meinen Vater,
-und ich selber ... man hat doch alles für Geld. O die Schurken, nun weiß
-ich alles! Was soll ich tun, Herz? Soll ich morgen zum Intendanten gehn?
-Willst du hier bleiben? Willst du nach Berlin? Sag doch, Herz, du
-bekommst ja!«
-
-»Zum -- -- In--ten--danten?« sagte sie vergehend. Ihm schmolz das Herz
-in der Brust. Mein Gott, warum hatte sie denn nur geschwiegen, immer
-geschwiegen!
-
-Da merkte er, daß sie weinte. Und dann war sie auch schon in ein
-Schluchzen ausgebrochen, daß ihm das Herz stillstand vor Grauen. Sie
-schüttelte sich minutenlang wie ein rasendes Tier, dann brüllte es aus
-ihr heraus, sie fiel vornüber so schwer, daß sie ihn mitriß, er mußte
-knien, um sie zu halten, sie lag halb am Boden, er richtete sie auf, sie
-wimmerte, er sah ihr Gesicht, aus den geschlossenen Lidern schossen
-stromweis die Tränen, während der Mund sich verzerrte, und sie fiel
-wieder um, er richtete sie mit Mühe auf, sie fiel ihm über den andern
-Arm, lag am Boden, schluchzte, schluchzte, schluchzte, sie schüttete
-Schmerz aus, wimmernd aus keuchender Brust, als würden eiserne Stücke in
-ihr zerbrochen, und es nahm kein Ende.
-
-Georg konnte nur noch neben ihr sitzen und ihre Hand festhalten, selber
-wie erfroren vor Mitgefühl, bis der Ausbruch langsam zu erlöschen
-begann, das Weinen leiser wurde, das furchtbare Zittern aufhörte; bis er
-es dann wagte, sie aufzurichten und zum Sofa zu führen, wo sie sich
-hinbetten ließ und dann still wurde. Er trocknete ihr geschwollenes
-Gesicht, die immer noch fließenden Augen mit seinem Tuch, doch nahm sie
-es nun fort, schob sich ein wenig höher in den Kissen, öffnete die Augen
-und sah ihn an. Ihren Blick -- dunkel, kaum sichtbar im Dunkeln, da sein
-Schatten noch über ihr lag -- verstand er nicht, auch schloß sie die
-Lider bald, lag still und sagte leise:
-
-»Weißt du, Georg -- wir wollen noch ein wenig warten ...«
-
-»Ach, nun wieder warten!«
-
-»Ja, Georg. Sieh mal: -- -- es ist doch nun alles anders geworden, als
-ich dachte. Ich muß mich ja nun ganz -- herumdrehn. Ich -- ich möchte
-aber nicht, daß du in -- in dies hineingerätst, was ich jetzt bin.« Sie
-sah ihn nun wieder an und schien zu lächeln. »Sein Stolz hat halt a
-jeds. Ich möcht auch schon net hier bleiben, wenns einmal anders werden
-soll. Da mach ich erst hier ein End, und dann -- in Berlin -- da bin ich
-ganz frei, da hast mich dann ganz für dich und kannst mit mir machen.
-Möchtst das net? Georg?«
-
-Georg wand sich und war gar nicht einverstanden.
-
-»Na, Georg, du mußt das doch einsehn! I kann doch net so auf einmal!
-Sagn mir halt: Berlin. Is recht, Georg?«
-
-Georg gab nach für den Augenblick. Es ist ja noch ein Monat Zeit,
-einerseits -- und vielleicht hat sie ja auch recht. Wenn schon überhaupt
-anfangen, dann ganz oben, dachte er, küßte sie dann zärtlich und ließ
-sich von ihr das Haar glätten.
-
-»Aber Cordelia,« mußte er nun gestehn, »was kannst du alles! Es ist ja
-unerhört!«
-
-»Ich kann schon was«, meinte sie mütterlich. »Und dann für dich ...«
-
-»Wie du nur dastandest! Hast du wirklich die ganze Zeit mit
-geschlossenen Füßen gestanden? Alles mit den Armen gemacht und mit der
-Stimme? Kind, was hast du für eine Stimme!«
-
-Sie lächelte sanft, schloß die Augen, seufzte und streckte sich aus.
-
-»So ist gut, Georg. So liegen ist gut. Und nimmer viel reden, weißt! Ich
-ruh mich ein wenig. Wir haben ja noch die ganze Nacht.«
-
-Die ganze Nacht ... Er deckte sie sorgfältig mit dem Mantel zu bis ans
-Kinn, tastete nach ihrer Hand darunter und hielt sie. Ein wenig wandte
-sich ihr Gesicht herüber. Sie lag still. Und so saß er bei ihr,
-glücklich, dankbar, gut sein zu dürfen, hülfreich. Der Herbstregen
-schlug schwer gegen die Scheiben. Er hörte den Gang der Pendeluhr durch
-das Geräusch der Wassers, langsam, seelenruhig, und sein Innres ebnete
-sich, hinschwellend durch die immer sanftere Stunde, der verhangenen
-Ebene gleich, zu den zaubrischen Wäldern der Zukunft.
-
-
- Wiederkunft
-
-Renate, mit Saint-Georges und Magda, die vor ihrer Rückkehr nach Berlin
-noch einige Zeit bei ihr bleiben wollte, aus Helenenruh heimgekehrt,
-suchte ihr Zimmer auf, um sich umzukleiden.
-
-Die Fenster im Wohnzimmer standen weit offen; es war wie im Freien, der
-Septembernachmittag drinnen wie draußen leicht, bläulich und
-durchgoldet. Auf ihrem Schreibtisch fand Renate eine kleine Druckschrift
--- Feruccio Busoni: Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst -- aus der
-ein kleiner Zettel fiel; von Ulrikas Hand stand darauf gekritzelt: Ich
-bin in der Kapelle. Bogner sitzt im Garten.
-
-Das Mädchen trug mit dem Chauffeur Koffer und Hutschachteln herein.
-Renate legte Jacke und Hut ab, auf einmal ein wenig wehmütig, ohne
-erkennen zu können, weshalb. Ob es schon die Luft des Hauses war, die
-sie wieder bedrängte? -- Sie trat ans Fenster und vergaß für Augenblicke
-die trübe Wallung über dem Anblick weißer, goldiger Wolkenstreifen im
-Blau über den noch schweren und dichtgrünen Massen der Gartenbäume.
-
-Und siehe da: Bogner saß -- natürlich drehte er ihr den Rücken zu! --
-auf einem Feldstühlchen vor einem roten Busch, ein großes Skizzenbuch
-auf den Knien, aber die rechte Hand, die Renate sichtbar war, lag völlig
-still; er betrachtete nur.
-
-Und dort zur Linken -- ja, da saß der Onkel, nicht anders scheinend als
-ein friedlicher Patriarch, kahlhäuptig und weißbärtig, auf der weißen
-Bank in der Grotte von Buschwerk, neben der ein Birkenbaum, goldgelb im
-Laub, leichte Wache hielt, vor sich den Rasenplatz. Gedämpft aus der
-Kapelle ward die Orgel hörbar -- alles war wie zuvor, nicht leichter,
-nicht schwerer, aber -- da es wieder neu war -- schwerer ließ es sich
-auch wieder an.
-
-Renate ging ins Schlafzimmer, zog eilig Rock und Bluse aus, wusch sich
-im Badezimmer, legte dunkelblaue Seidenstrümpfe, die ihr grad in die
-Finger gerieten, an, kleine blaue Schuh und irgendein weißes Kleid,
-locker und schlicht von oben bis unten, beim Zuhaken bemerkend, daß es
-einen hohen, anschließenden Kragen hatte, mit kleiner Rüsche, in
-Wellenform geschweift unter Kinn und Ohren. Als sie ihre Schatztruhe
-öffnete, überkam sie Erinnerung. Der freie Raum darin, den die
-aufgeschichteten Lederkästen ließen, war angefüllt mit dem bunten,
-glitzernden Gewirr des Alltagschmucks; sie griff hinein und zog ein
-Bündel langer Ketten heraus in allen Farben, blaugrün, rosenfarben,
-weiß, gelb und gelbgrün; ein mattgoldner Armreif fiel zurück, und sie
-ließ das Ganze wieder sinken, legte die Hand auf einen der Kästen und
-dachte an ihr erstes Halbjahr im Hause, wo der Onkel und Josef
-allwöchentlich gewetteifert hatten in Geschenken, die dann sie, immer
-eines bis zum nächsten, tragen mußte, abwechselnd einen Tag um den
-andern. Kleine Verse hatten sie dazu gemacht --
-
- Eine Chatelaine --
- Perlen nennt man Tränen.
- Tränen sind aus Salz --
- Schling sie um den Hals.
-
-Ihre Augen verschleierten sich; sie löste eine lange Kette von
-fingernagelgroßen, länglichen Perlen aus Lapislazuli, hartblau mit
-goldenen Spuren, aus den übrigen, legte sie über den Nacken und ließ sie
-vorn bis zum Schoß herunter fallen. So ging sie, Ulrikas Heft an sich
-nehmend, hinunter.
-
-In der Halle jedoch hielt ihr lebensgroßes Spiegelbild sie auf. -- Wie
-seh ich denn aus? fragte sie sich erstaunt, ich bin ja ganz fremd
-geworden! -- Aus dem weißen Kleidhals mit der blauen Kette stieg ihr
-Gesicht, fast so braun wie ihr Haar; die Wangen glühten röter als sonst,
-auch der Mund, und die Augen, tiefer liegend, schienen in dunklerem
-Feuer zu stehn. Plötzlich fühlte sie sich so angeprahlt von den eigenen
-Farben und Gluten, daß ihr das Blut in die Wangen schoß und sie sich
-abwandte. -- Wofür denn nun all das, wofür? Was soll denn ich damit, und
-ich brauchte es ebensowenig mehr zu tragen wie den Schmuckberg da oben,
-der bald zwei Jahre im Finstern liegt. --
-
-Überdem fiel ein Schatten von draußen herein, der Onkel erschien in der
-Tür. Auch seine Stirn, die kahle, schöngewölbte, war gebräunt, die
-heitern Augen hatten keinen Blick, fast verhangen vom Weiß des Bartes.
-Seltsam hoch und spitz -- fast wie bei einem heiligen Antonius eines
-alten Bildes -- war sein kahler Kopf. -- So ging er vorüber und hinaus.
-Die Hände gefaltet sah Renate ihm nach.
-
-Eine Weile später stand sie ein paar Schritt hinter Bogner. Auf dem
-Blatt war ein Durcheinander, von allen vier Rändern ins Weiße
-gezeichnet, Blätter, Zweige, ganze Stücke des Busches, einzelne Blätter
-haargenau, ihre Drehung, Schattung, Glanz und Zahnung, Ansatz am
-Stengel, Verknotung im Ast, alles hundertmal lebendiger geworden im
-Durchgang durch seine Augen, als die Augen Renates es am wirklichen
-Gewächs wahrnehmen konnten. -- Ach, hier war Leben, hier wars! --
-
-Leise ging sie wieder davon, setzte sich auf die Bank, auf der sie zuvor
-ihren Onkel gesehn hatte, und versuchte, sich in die Zeit der
-Friedliebenden Gesellschaft zurückzuversetzen, indem sie nicht zu Ulrika
-ging, da die Zeit zur Begrüßung von selber herankommen würde. Sie
-öffnete die Druckschrift, sah zu Bogner hinüber, sah empor und erblickte
-das Gesicht von Saint-Georges' Bruder zart und rosig an seinem Fenster,
-nickte ihm zu und winkte. Er, tief errötend wie stets, sprach ins Zimmer
-hinein, und gleich darauf erschienen Magdas Gesicht und
-schwarzbekleidete Schultern, die nickte und lächelte, dann auch
-Saint-Georges. -- Sie zogen sich wieder zurück. Renate blätterte zum
-Anfang des Buches, hier und da einen Blick hinein stechend, blieb haften
-mit einem und las:
-
->Und was kann schließlich die Darstellung eines kleinen Vorgangs auf
-Erden, der Bericht über einen ärgerlichen Nachbar -- gleichviel ob in
-der angrenzenden Stube oder im angrenzenden Weltteile -- mit jener
-Musik, die durch das Weltall zieht, gemeinsam haben?<
-
-Hineinsinnend in das königliche Wort hob Renate die Augen. Auf der
-Veranda stand Magda, schmal, im hängenden schwarzen Kleid, aber schön
-bräunlich von Antlitz. Bogner hatte wohl ein Geräusch gehört, drehte
-sich um, sah Magda, winkte ihr zu und erhob sich. Bogner war braun wie
-ein Affe, an den seine Augenhöhlen jetzt mehr als früher erinnerten;
-hier war Einer immer brauner als der Andre. Jetzt entdeckte er auch
-Renate, lächelte, warf sein Buch zu einigen andern in den Rasen, kam und
-streckte ihr die Hand hin. Sie möchte nur entschuldigen, er säße schon
-ein paar Wochen jeden Tag hier und studierte, ja, er wollte nun die
-ganze Friedliebende Gesellschaft malen, ein bei ein, sechs Meter lang,
-fünf Meter hoch. Nein, sitzen brauche ihm niemand, antwortete er auf
-Renates Frage, wäre alles schon fertig von damals her.
-
-Indem kam Ulrika von der Kapelle her, gelbweiß gekleidet, und war
-richtig auch so braun wie ein Mulatte, nein, eher kupfern, und sie sagte
-gleich tief beschämt, ihr Haar sei nun glücklich übergeflossen. Das Heft
-auf der Bank neben Renate entdeckend, raffte sie's auf und sagte, sie
-müßte Renate eine Stelle vorlesen. Während sie noch suchte, kamen Magda
-und Saint-Georges, es gab ein langes Händegeschüttel, dann hatte Ulrika
-gefunden und las:
-
-»>Wohl ist es der Musik gegeben, die menschlichen Gemütszustände
-schwingen zu lassen: Angst, Beklemmung, Erstarkung, Weichheit,
-Aufregung, das Überraschende< und so weiter --« sagte Ulrika -- »>ebenso
-den inneren Widerklang äußerer Ereignisse, die in jenen Gemütsstimmungen
-enthalten sind. Nicht aber den Beweggrund jener Seelenregungen< -- und
-so weiter! Nun: >Ebenso vergeblich ist es, moralische Eigenschaften,
-Eitelkeit, Klugheit in Töne umzusetzen, oder gar abstrakte Begriffe wie
-Wahrheit und Gerechtigkeit ... Könnte man denken, wie ein armer, doch
-zufriedener Mensch in Musik wiederzugeben wäre? Die Zufriedenheit, der
-seelische Teil, kann zu Musik werden; wo bleibt aber die Armut, das
-ethische Problem, das hier wichtig war: zwar arm, jedoch zufrieden. Das
-kommt daher, daß »arm« eine Form irdischer und gesellschaftlicher
-Zustände ausdrückt, die in der ewigen Harmonie nicht zu finden ist.<«
-
-Ulrika sah sich triumphierend um. Renate aber hörte weder ihre Worte,
-noch was die Andern sagten, ganz gefangen in ihren Blick, der von ihr,
-die allein saß, über die vor ihr Beisammenstehenden glitt, gefesselt von
-den Gesichtern, Ulrikas lebhaftem, Magdas im Zuhören äußerlich
-abwesendem, und Georges' gelassenem, leicht ein wenig sarkastischem.
-Länger haftend an seinem, dem ägyptischen König in diesem Augenblick, wo
-es sich glättete und der Blick aus lichten Augen nach oben ging,
-ähnlicher als jemals scheinenden Gesicht -- hörte sie auch ein paar
-seiner Worte -- vom verräterischen Glanz des Bestrickenden an der
-schönen Form -- und wußte auf einmal, weshalb sie wehmütig geworden war
-beim Anblick von Ulrikas Zettel oben, den sie wieder vor sich sah. Ja,
-damals, als es die Friedliebende Gesellschaft gab, lag in der Halle
-wohl, oder auf der Sonnenuhr, oder sonst irgendwo, solch ein
-Papierschnitz mit einem Namen, dem er galt, und einem Ort in Haus oder
-Garten, und nur die Handschrift zeigte an, wer ihn hingelegt hatte. In
-ihrer Schreibmappe mußten noch ein paar zu finden sein.
-
-Aber wir sind ja Alle wieder da! Magda, Bogner, Ulrika, Georges! Irene,
-Jason, Georg, Benno sind irgendwo in der Stadt -- ja, warum ist es nicht
-wie früher? wer fehlt denn? Ach Gott, Esther, hab ich dich wirklich so
-vergessen? Und Sigurd ... wo mochte der sein? -- Könnte es nicht doch
-werden wie damals?
-
-Da sah sie die Andern wieder vor sich stehn, schweigsam jetzt, jeder
-nachsinnend über etwas, wie es schien, sonderbar still, jeder für sich
-mit seiner inneren Welt, umgeben vom Grün, von der warmen, herbstlichen
-Luft -- und doch alle von Nachdenklichkeit eigentümlich vereint. Es war
-so traumhaft ...
-
-Nein, das war gewesen! Und das hier -- das waren die Schatten davon, die
-zusammen kamen, um den alten Ort anzusehn. Es war --
-
-Renate stand auf, die Andern lösten sich, und Ulrika legte den Arm um
-sie, fragte dies und das, erzählte, doch kam der Maler alsbald, seine
-Bücher unterm Arm, und nahm sie mit fort, denn er wollte durch den Wald
-laufen, und sie wollte mit. Ulrika immerhin schien froher und offner als
-jemals.
-
-Auf einmal war Renate allein mit Saint-Georges; auch Magda war gegangen.
-
-»Ach Georges,« sagte sie, »ich muß mich ins Gras legen, glaubst du, daß
-es was schadet?«
-
-Nein, er glaubte es nicht. Also streckte sie sich längelangs in den
-hohen Halmen und verdorrten Blumenstauden auf dem Rücken aus, blinzelte
-gegen den immer goldeneren Himmel und fühlte wonnig an Schultern und
-Rücken, Füßen, Waden und Kniekehlen überall die andrängende, mächtig
-tragende Feste der Erde, auf der sie -- die Augen schließend, fühlte sie
-es mit Macht -- in ungeheurer Sicherheit, vom riesigsten Rücken
-getragen, durch Helles und Dunkles, Tage und Nächte, jahrlang durch
-gewaltige Räume umrollend dahingetragen wurde. Ja, einen Augenblick
-glaubte sie zu spüren, wie es hinter ihr, im Westen stieg, wie sie
-selber nicht lag, sondern stand, ausgebreiteter Arme, wie angenagelt an
-die immer sonnenaufgangwärts umrollende Kugel, selig gekreuzigt,
-schmerzlos im Herbsttag, gefüllt mit goldenen Adern von himmlischer
-Luft, nur ein leichtes Gewebe selbst, im Gras ausgebreitet, von
-purpurnen und goldenen Fäden und Maschen, in dem das wunschlos pochende
-Kleinod schwebte, liebevoll, ihr Herz.
-
-So lag sie lange Zeit, still, die Augen zu, vor dem verschlossenen Blick
-das leise Brennen der unsichtbaren Helle; hoch über ihr rauschte es
-selten einmal und ward wieder still, schauderte etwas leicht auf und
-beruhigte sich wieder, eine kühle Welle lief über ihr Gesicht, ein Haar
-oder zwei wehten kitzelnd über Nase und Wange, ein Tier kroch juckend
-über ihre Hand, rings wehte kaum vernehmbar das Gras, die gedämpfte
-Natur krachte unhörbar leise im Saft, sie ruhte, Renate ruhte.
-
-Aber jetzt mußte sie den Kopf heben, die Lider halb öffnen und
-Saint-Georges ansehn, über ihre Füße hinaus spähend; er saß in der
-Bankecke, einen Arm auf der Rückenlehne, ein Bein auf dem Sitz, und
-schaute schräg in die Höhe; seinem Blick folgend, sah Renate zwischen
-den Steinfiguren auf dem Dach, die hell besonnt im Lichten standen, zwei
-farbige Tauben laufen; es blitzte Weiß in der fernen Bläue auf, eine
-dritte schwang sich zu den andern.
-
-»Georges,« sagte sie, sich wieder legend, »seit langem ist es mir dann
-und wann, als ob ich warte; oder ungeduldig bin; oder -- -- ist Warten
-gut, Georges, oder nicht?«
-
-Einige Zeit verging, bis sie ihn sprechen hörte. »Jeder Mensch,« sagte
-er, »dessen Geist Augen hat, zu sehen, bekommt von Anbeginn die Richtung
-zuerteilt, in der sie sein Leben lang stehn: ins Heute, ins Gestern, ins
-Morgen gerichtet. Das sind die drei Temperamente; vier giebt es nicht.
-Wer allzutief ins Gestern blickt, dem verfärbt es das Morgen, wie Rot
-das Weiße grün färbt; wer allzuscharf nach Morgen späht, der erblindet
-fürs Heut, der wird unruhig, vielleicht unselig. Wer nur aufs Heute
-schaut, wird leicht bodenlos -- ohne Gestern -- und erbarmungslos --
-ohne Morgen. Die Menge blickt halben Auges verschwommen -- nach allen
-drei Seiten. Der große Einsame blickt ganzen Auges tief und klar -- nach
-allen drei Seiten.«
-
-»Ach,« sagte Renate dankbar, »eine Antwort hast du mir glaub ich nicht
-gegeben, aber es ist wunderbar, auf dem Rücken zu liegen und nach
-Schmetterlingen zu gucken.«
-
-»Herbstschmetterlinge, Renate,« hörte sie ihn antworten, »die Flügel
-grau, von Weisheit verstaubt.« --
-
-»Sage mir, Georges,« fing sie nach einer Weile wieder an, »wenn ich denn
-schon unruhig bin, warum rühre ich mich nicht mehr?«
-
-»Wir lesen«, sagte er langsam, »im Leben der Bienen von Maeterlinck über
-die Bienenkönigin: sie bleibt gleichgültig, regt sich nie auf und nimmt
-sich Zeit.«
-
-Alsbald riß Renate die Staude aus, die sie gerade in der rechten Hand
-hielt, und warf sie nach ihm hin, jedoch mehr zum Schein, denn sie
-machte die Augen deshalb nicht auf. Auf einmal kam ihr auf dem Weg über
-Bogner Cornelia Ring ins Gedächtnis, sie fragte nach ihr, hörte Georges
-etwas antworten und sagte, verloren in Gedanken: »Josef wurde ihretwegen
-in vielen Häusern nicht eingeladen ...«
-
-»Ja, das geht auch nicht«, meinte Saint-Georges. Die Augen geöffnet, sah
-sie das Skurrile in seinem Gesicht.
-
-»Hätte ers heimlich tun sollen?«
-
-»Heimlich, Renate? Was ist heimlich? Alle tun, was er tat, nur meist in
-mehr sporadischer und ebenfalls mehr widerwärtiger Form. Aber sie tun es
-mit allerhöchster Erlaubnis ihrer Frauen, Mütter und Schwestern -- ich
-nehme die Bräute aus, denn sonderbarer- oder auch rührenderweise gilt
-Brautzeit gemeinhin als Schonzeit, und dann ist es natürlich auch so,
-daß jede Mutter, jede Frau immer im eignen Sohn oder Mann eine Ausnahme
-sieht. Also sie tun es, mit der Erlaubnis, es heimlich zu tun; z. B.
-nachts, wenn die Gesellschaften zu Ende sind, in die Bars und Bordelle
-zu fahren, wie das hier und wohl in allen Städten üblich ist. Die
-Gesellschaft -- aber ich weiß nicht, ob du --«
-
-»Nur zu, Georges,« sagte Renate, »ich sagte es ja schon: es ist
-wunderbar, im Grase zu liegen und von der Gesellschaft reden zu hören.
-Sprich von der Gesellschaft, wir haben ja schon davon angefangen, vorhin
-bei Busonis Wort.«
-
-»Die Gesellschaft«, redete Saint-Georges, »hat durchaus nichts gegen
-Unmoralität, sondern braucht sie im Gegenteil notwendig als Würze und
-als Hintergrund, wie gewisse Dinge nur weiß aussehn, wenn man sie auf
-was Schwarzes legt. Die Gesellschaft, wenn du das etwa glauben solltest,
-hat -- wovon das Wort herkommt: von _mores_ und _mos_ gleich Gewohnheit
--- kaum Moral, sondern sie hat Sitten, und giebt danach Gesetze,
-bestraft daher nicht die Sittenlosigkeit, sondern allein die
-Sittenwidrigkeit. Sie wird daher ferner immer das Geheime dulden; was
-sie nicht duldet, ist die Ausnahme. Zum Beispiel Bogner. Sie kennt
-keine Dirnen -- als Dame -- aber uneheliche Mütter -- als
-Fürsorgevereinsmitglied. Sie hat Verbote nötig, um sich Grenzen zu
-ziehn, nicht Gesetze, um das Übel zu tilgen. Sie überwacht nicht
-tuberkulöse Väter _in spe_, sondern versucht, tuberkulöse Kinder zu
-heilen. _Dito_ Geschlechtskranke, Trunksüchtige und dergleichen. Sie
-verurteilt die Prostitution -- als Gatte -- und unterhält Bordelle --
-als Gemeinderatsmitglied. In diesen wieder überwacht sie die Insassen,
-aber nicht die Gäste. Sie ist gegen die Trunksucht, weil sie die
-Gesundheit untergräbt, und verachtet den Abstinenten, weil er ihre
-Gesundheiten nicht ausbringen will. Sie erlaubt einer Dienstmagd von
-vier Sonntagen zweie zum Ausgang, um sich zu vergnügen, und jagt sie zum
-Teufel, wenn sie guter Hoffnung ist. Sie hat den Frauen nacheinander das
-Tanzen, Reiten, Schlittschuhlaufen, Schwimmen, Radfahren, Studieren
-verboten und wieder erlaubt. Sie erlaubt dem Ehebrecher, den Ehemann zu
-töten, und sie tötet den Ehemann, der sich ans Gesetz wendet. Sie
-erlaubt, die Ehe zu brechen, aber sie erlaubt nicht, sie zu zerbrechen.
-Sie verabscheut das Laster, aber sie füllt die Gerichtsverhandlungen.
-Die Gesellschaft weiß nichts von Logik, sondern nur von Gewohnheit, hält
-für schädlich nicht das Zerstörende, sondern das Neue, will nicht
-verbessern, sondern verdecken, will nicht bestrafen, sondern sich
-schützen, sie verbannt nicht, sondern läßt verhungern. Sie hat ein
-Gutes: gar kein Gedächtnis. Sie gleicht der Fliege vollkommen. Sie setzt
-sich auf alles; sie ist völlig geschmacklos.«
-
-Ach, wie angenehm das plätschert, dachte Renate und fragte, warum er
-Bogner erwähnt habe. Saint-Georges lachte mit Behagen.
-
-»Bogner?« sagte er. »Bogner lief als Knabe weg und kam wieder als Mann.
-Er machte Besuche, in einen sehr schönen Schoßrock gekleidet, mit einer
-lichten Weste, anstatt in Samtjacke und Schlapphut daher zu kommen, oder
-wie es jetzt Mode ist, in Wickelgamaschen und Joppe. Das war schon
-gefährlich. Er zeigte sich weder geistreich noch boshaft, weder
-unmanierlich noch blödsinnig, er war artig. Das war schon sehr
-gefährlich. Er ließ aber seine Augen im Zimmer umherwandern, und siehe
-da, alle Schande ward ihm offenbar. Weder die unmoderne Einrichtung mit
-Sofaumbau, die längst hatte ersetzt werden sollen, noch die Sofaschoner
--- Antimakassars, sagte man früher dazu --; weder das Loch im Teppich,
-noch der zerbrochene Glühstrumpf, weder die schmutzigen Gardinen, noch
-die ungewaschenen Fenster, nichts sahen sie seinen Augen entgehn. Ich
-kenne Leute, die Leute kennen, die ... und die sagten es mir. Natürlich
-sah er gar nichts dergleichen, aber die ihn sahn, mußten es glauben,
-denn was kann man denn anders sehn, wenn man so sieht wie er, als
-Schäden, Flecke, Löcher. Furcht voreinander ist der erste Eckstein der
-Gesellschaft, Renate. Aber weiter. Er übersah das Ölstilleben von der
-Tochter des Hauses und fragte nach der Miniature eines längst begrabenen
-Urgroßvaters, der nichts hatte erben lassen. Er legte die Photographie
-des Schwiegersohns wortlos fort und nahm einen alten, grünen
-Porzellanmops in die Hand, unter dessen Hinterteil er zwei gekreuzte
-blaue Schwerter entdeckte, die noch nie ein Mensch gesehn hatte. Er
-machte auf einen schief hängenden Starenkasten aufmerksam, der sein
-Dasein verfehlte, aber seit Jahren schon so hing und das Bild des
-Gartens vervollständigte. Er nannte eine gemeine weiße Rose: welch
-schöne Clara Watson! und verachtete das verblüffende Wachstum der
-Araukarie. Er bat um die Erlaubnis, eine Skizze vom Kohlenkeller machen
-zu dürfen, in dem doch alle leeren Boonekampkrüge der Hausfrau
-aufgestapelt waren, und er malte keineswegs das Porträt der Braut in
-Pastell. Er schickte kein Bild zur Ausstellung der heimischen
-Kunstgenossenschaftler, und als er einmal daselbst betroffen wurde, bat
-er gerade den Kustos um ein Glas Wasser, weil er vor einer Landschaft
-des Stadtmalermeisters an einem Lachkrampf erstickte. Er --«
-
-»Ach, Georges, das ist doch nicht wahr!«
-
-»Nein, natürlich ist es nicht wahr,« rief er aus einem Gelächter, »aber
-ist es nicht glänzend erfunden? Hätte er doch von der Musik der
-Farbgebung, dem Rhythmus der Flächen und der seelischen Dynamik des
-Pinselstrichs geredet, so wäre es gegangen. Er aber sagte überhaupt gar
-nichts. Welch ungeheure Boshaftigkeiten also mußte er verschweigen. Er
-hätte auch die fürchterlichsten Lästerungen, Frivolitäten und
-Frevelmeinungen äußern dürfen, denn mit dergleichen verhält es sich seit
-alters so, daß der Bourgeois sie verdammt und verabscheut, wenn sie in
-Büchern stehn, wenn aber jemand sie äußert, so heißt es: das sagt er nur
-so! Der Bourgeois glaubt nicht nur nicht, was ein Andrer sagt, wenn es
-fremd und erschreckend klingt, sondern glaubt nicht einmal, daß der
-Andre selber es glaubt. Wäre er aufrichtig, für welch schaurige Lügner
-müßte er alle Sonderlinge und Eigengänger halten. Früher wurde von einem
-Manne verlangt, daß er tut, was er denkt. Milder Denkende rieten
-späterhin, es genüge, zu sagen, was man denkt. Heute giebts schon
-niemand mehr, der denkt, was er denkt. Und von Bogner sagen sie ja nun:
-er hat süffisante Augen.«
-
-»Ach,« rief Renate, sich aufrichtend, »nun weiß ich, daß du die Wahrheit
-sagst! Da auf der Bank habe ich gesessen und dies Wort in einem Briefe
-von Magda gelesen; ihr Vater brauchte es gegen Bogner. Ach, wie lange,
-wie lange ist das her!«
-
-Sie wollte eben das Gesicht gegen die Knie senken, als sie zu ihrer
-Rechten hinter den Büschen etwas Menschliches zu sehn glaubte, eine
-Bewegung, ein Gesicht. -- Vielleicht war jemand am Zaun draußen
-vorübergegangen. Sie wollte sich wieder legen, sah aber nun, daß der
-Garten schon tief im Abendschatten lag; nur zu ihren Häupten, hoch in
-den Wipfeln, hing noch das scheidende Licht, und noch flossen warme
-Spuren und goldne Hauche über den weitoffnen Himmel. Sie sprang auf,
-schüttelte ihr Kleid und rief Saint-Georges zu, er solle schnell seinen
-Bruder herunterholen, damit er noch an die Luft komme, -- und da stand
-auch schon Magda wieder in der Veranda und fragte herüber, ob es nicht
-Zeit sei, den Gelähmten zu holen. Saint-Georges folgte, Renate rief ihm
-noch zu, sie ginge in die Kapelle. Der Lahme liebte es sehr, die Orgel
-am Abend zu hören, wenn er umhergefahren wurde.
-
-Den Weg zwischen den Gebüschen hinunter, gegen den Zaun zu gehend,
-gewahrte Renate jetzt deutlich ein Gesicht draußen hinter dem Gezweige.
-Näherkommend sah sie die Blätter sich bewegen, eine Hand teilte sie;
-Josefs Gesicht war draußen, seitwärts gedreht; er sah sie nicht an.
-
-»Josef!« stieß sie hervor. Ihr Herz tanzte. War sie erschrocken? Ihr
-Herz kümmerte sich um gar nichts und war außer sich. -- Nun drehte er
-langsam das Gesicht her. Seltsam ... wie starr das Auge war! und die
-ganze Hälfte des Gesichts, die rechte, war -- ja, sie war nicht da,
-etwas Schwarzes war da, aber die Dämmerung ... Nun lief sie hin, trat
-ins Buschwerk auf den Rasen, da war der Zaun, da stand er, schwarz, fein
-gekleidet, unbeschreiblich duftend, wie immer.
-
-»Wirklich, ich bins, Renate,« sagte sein halber Mund, das halbe,
-lächelnde Gesicht, »willst du herauskommen?«
-
-Nun stand sie ganz dicht vor ihm, hörte, daß er atmete, sah das schwarze
-Tuch, das vor der rechten Gesichtshälfte war, nein -- der ganze Kopf war
-damit verhüllt, nur vom linken Ohr bis zur Nase, in senkrechter Linie
-über die Stirn, neben der Nase, über den Mund und das Kinn herunter
-abgegrenzt war sein Gesicht zu sehn, wie ein Viertelmond, bräunlich
-bleich und schön wie je, nur das Auge starrer, doch verging auch dies,
-nun sie tiefer hineinsah.
-
-»Josef, was ist mit deinem Gesicht?«
-
-»Komm heraus, komm heraus, o du schöne Braut!« lockte er, »dann sollst
-du alles erfahren!« ging zwei Schritte am Zaun hin und öffnete die Tür;
-sie schob sich unter dem Strauchwerk her dorthin, ging durch die Tür,
-wollte fragen, warum er denn nicht hereinkomme, ließ es aber, stand vor
-ihm, furchtsam vor seinem Aussehn, aber doch innig froh im Herzen. Sie
-legte die Hände auf seine Schultern und ließ zu, daß er die seinen auf
-ihre Hüften legte. »Daß du nur da bist!« sagte sie glücklich. »Ich merke
-nun, wie oft am Tage ich dich in meinem Herzen unterschlagen habe. Ich
-kann ja nicht sagen, wie ich mich freue. Ja, ich bin sehr erstaunt
-darüber.«
-
-Er lächelte fortwährend, zuckend mit Mund und Augenwinkel. »Wenn du mir
-einen Kuß gäbest,« sagte er, »wie wäre das?«
-
-Sie hob sich ein wenig auf den Zehen und küßte ihn unter das linke Auge.
-Danach mußte sie freilich mit dem Fuß aufstampfen, mit der Faust in die
-Handfläche schlagen und sich verschwören, daß es ein Elend sei, daß die
-Ungeratenen, was sie nur wollten, erhielten, während die Guten ohne Ende
-darben müßten.
-
-»Ich fürchte,« sagte Josef, »es liegt nicht an den Bösen und an den
-Guten, sondern allein an dem menschlichen Herzen. Du goldnes Mädchen!«
-sagte er plötzlich erschüttert und schien gewillt, auf die Knie zu
-sinken. Er bückte sich bis tief auf ihre herunterhängende Hand, faßte
-und küßte sie gewaltsam. Sie legte die Hand auf seinen Kopf, merkte, daß
-sie fast standen wie damals beim Scheiden, Josefs Vater wanderte fremd,
-sinnlos heiter vorüber, es war dämmrig, feuchte Schleier hingen vor
-einer fremden Mauer, ein Dach darüber ... ihre Kapelle wars. Sie fühlte
-seltsam das schwarze Zeug unter ihrer Hand, faßte jählings, von
-unverständlichem Zorn ergriffen, zu, zerrte und riß es herab. Er
-richtete sich auf, so hoch er war, der Lappen hing schwarz an seinem
-Hals, Renate prallte zurück und schauderte vor seinem rechten Gesicht,
-das fehlte, das nur dunkelrote Haut war, nach innen gedrückt, ohne Spur
-von Zügen, kein Kinn, keine Augenwölbung, nur ein Loch, zugekniffen,
-kein Backenknochen, der Mundwinkel hineingewischt. -- Sie schlug die
-Hände vors Gesicht. Als sie wieder aufsah -- ach, es war wohl doch ein
-Traum, das Ganze! Denn nun war sein schönes Gesicht wieder da, eine
-Hälfte davon, unverstellt und unverändert wie vor zwei und einem halben
-Jahr, ja, so edel und bedeutend, daß schon das Spukbild eben ausgetilgt
-war und nichts mehr galt als dies. Dies Gesicht lächelte nun, sie folgte
-mit Mund und Augen und sagte: »Verzeih, ich war ungeschickt! Ich habe
-nichts gesehn. Und nun komm ins Haus.«
-
-Josef bückte sich, hob einen Stock, einen leichten grauen Hut mit
-schwarzem Band und ein kleines Paket vom Boden, setzte den Hut auf und
-sagte: »Ins Haus nicht. Wir gehn zu der Schaukel dort unter den Bäumen,
-da kannst du sitzen.«
-
-Damit ging er vorauf. Sie folgte zögernd.
-
-Es war eine große, wohl zwei Meter lange Schaukel mit eisernem Geländer,
-die in einem Eisengestänge an vier starken Pfosten hing. Josef bot ihr
-die Hand, sie stieg auf das Bohlenbrett und setzte sich auf das
-Geländer. Sie sah sich um. Seit den Tagen der Friedliebenden
-Gesellschaft war sie nicht hierhergekommen. Damals hatten sie einmal
-Alle in der Schaukel gestanden, Irene, Ulrika, Esther, Georg, Benno, und
-hatten sich geschaukelt und gesungen dazu im Kanon: »Oh wie wohl ist mir
-am Abend ...« Die Schaukel knarrte. Josef, am andern Ende stehend,
-setzte sie leise in Bewegung; das sanfte Wiegen tat Renate wohl. »Wo
-warst du?« fragte sie.
-
-An das Geländer der Schaukel gelehnt, den Kopf gesenkt, stand er und
-schwieg. Einmal zuckte sein Mundwinkel. Renate sah eine feurigrosige
-Wolke sehr langsam über das Dach der Kapelle hinfahren; leicht sitzend
-auf dem friedlich schwankenden Boden, erinnerte sie sich, wie sie im
-Rasen lag eben zuvor, Saint-Georges plauderte, die Welt war eng und
-angenehm und still, -- da stieg dieser Mensch aus dem Rasen herauf, im
-glitzernden Behang eines riesigen Hintergrunds, der Fremde, der -- nie
-war sie so davon durchdrungen wie jetzt! -- im Leben nichts gewußt hatte
-von Gesellschaft und Gewohnheit; der in ihr so gut war wie ein Jaguar,
-der sich zahm stellt, in einem Geflügelhof. Ja, so stand er, wieder
-zahm, strömend aber wilden, atemraubenden Dunst; und hinter sich,
-pompös, das Porta der Welt.
-
-»Zu fragen, woher einer komme,« hörte sie ihn sagen, »das liegt freilich
-nahe für den Weilenden, aber dem Kommenden, das kannst du mir glauben,
-liegt es wirklich reichlich fern. Guter Gott, wie schön du doch bist!
-Ist denn all die Zeit hier einer gewesen, der dir das gesagt hat?« Ja,
-sieh da, er traf den Nagel, wie immer, auf den Kopf. »Setze mich wie ein
-Siegel auf deinen Arm und wie ein Siegel auf dein Herz«, sagte er. »Denn
-Liebe ist stark wie der Tod, und ihr Eifer ist fest wie die Hölle. Ihre
-Glut ist feurig, eine Flamme des Herrn, daß auch viele Wasser nicht
-mögen die Liebe auslöschen, noch die Ströme sie ertränken. Wenn einer
-alles Gut in seinem Hause um die Liebe geben wollte, so gälte es alles
-nichts.«
-
-Ihr Gesicht stand in Flammen, sie genoß das Funkeln seines Auges, atmete
-tiefer und dachte mühsam: Einmal wird einer noch andre Worte haben, er
-braucht sie nicht von Salomo borgen, und sie werden mich doch
-verbrennen, wo ich diese nur brennen sehn kann.
-
-»Du hast mich angehört«, fuhr er kühler fort, »in der letzten Stunde, du
-hörst mich wieder an in dieser, ich muß reden, es nützt mir nichts, und
-wenn ich alle sechzig Minuten dieser Stunde zusammenpressen könnte in
-eine, sie würde doch nicht so glühen, um dich zu durchbrennen. Ich weiß,
-es liegt nicht an dir, wie es nicht an mir liegt, es liegt an der
-Einrichtung allein. Ich sehe dir an, daß niemand zu dir kam, seit ich
-fort bin, dein Hals ist der alte Turm von Elfenbein --«
-
-Sie zuckte, er hob die Hand gegen sie, lächelte kurz und sagte: »Hab
-keine Angst, ich fahre nicht fort in der salomonischen Beschreibung.
-Wahrhaftig: häufig habe ich nicht an dich gedacht, aber eines Tages hats
-mich doch übermannt, da kam ich gleich. Wie braun du bist! Das Feuer
-deiner Augen brennt kalt wie der Edelstein in meiner Tasche, aber dein
-Mund ist hundert und tausendmal süßer geworden.«
-
-Renates Augenlider wankten, sie fühlte, daß ihr Kopf hintenüber wollte,
-und dachte sekundenlang: ... ich würde mich nicht wehren ... Heute
-nacht, dachte sie, wird es mich zerreißen vor Pein nach -- nach wem
-denn? Sie öffnete die Augen und freute sich, daß er viel zu hoffärtig
-war, um mehr zu nehmen als ihr Weichwerden und ihr Dämmern.
-
-»Sage nun,« bat sie mit verschleierter Stimme, »wo du warst, und wo
-blieb -- dein Gesicht!«
-
-Er setzte sich auf das Schaukelbrett vor ihre Füße; in der tieferen
-Dämmerung unter den Bäumen sah sie jetzt nur seinen schwarzverhüllten
-Kopf, seine Nase und ab und an den Schein seines Gesichts und das
-auffunkelnde Auge; er hielt den Hut in den Händen, die Ellenbogen auf
-den Knien.
-
-»Drei Viertelstunden hast du noch,« sagte sie, »dann ist Abendbrotzeit,
-und wir müssen hinein.« Er schwieg noch ein Weilchen, dann hörte sie
-seine Stimme.
-
-»Zu sagen, wo ich war, lohnt sich nicht, aber du bist ja nun neugierig.
-Übrigens ist die Welt viel kleiner, als man gemeinhin denkt, wenn man
-die wilden Erdteile ausnimmt: dort war ich nicht, auf Forschungsreisen
-zu gehn, hab ich für später vorbehalten, ich wollte ja erst Menschen
-sehn. Ich bin ja nun einmal Idealist und ging daher aus, einen zweiten
-zu suchen.«
-
-»Was ist ein Idealist?« fragte Renate.
-
-»Ach, unterbrich mich lieber nicht, sonst muß ich zuviel nachdenken, ob
-du auch verstehst, was ich sage; ein Idealist ist ein Mensch, der sich
-in einen Kochtopf voll Wasser setzt, denselben ans Feuer rückt und nicht
-heraus steigt, ehe er ganz und gar drin verkocht und verbrannt ist. Der
-Kochtopf kann ja denn Liebe, Tibet, Goldmachen, Verseschreiben,
-Marxismus oder sonstwie heißen.«
-
-»Fandest du solch einen?«
-
-»Zwei!« sagte er, »in Amerika. Den einen traf ich im Polizeigefängnis in
-Ohio --«
-
-»Im Poli--?«
-
-»Ich sage ja, du sollst mich nicht unterbrechen, denn sonst geraten wir
-ins Uferlose, ja, ich saß darin wegen einer großen Minensache, es war
-eine so große Schiebung, daß während des Verfahrens die halbe Welt
-hineinverstrickt wurde, und da mußte es niedergeschlagen werden. Der
-Idealist war ein vielfach rückfälliger und bestrafter schwerer
-Tresoreinbrecher, der mir durch Klopfsprache seine Entrüstung mitteilte,
-daß er immer wieder bestraft würde, während er doch von einem kleinen
-Kapital ein bescheidenes und ordentliches Leben und die Einbrüche nur
-ausführte, um das erlangte Geld sofort an Bedürftige auszuteilen, das
-heißt, in Wahrheit war er nicht hierüber so entrüstet, sondern weil es
-nicht gelingen wollte, den Richtern zu beweisen, daß er überhaupt nicht
-stahl; denn was er stahl, sei ja nicht fort, sondern sei da, er hatte
-immer die Belege bei der Hand, Reverse der Banken über Einzahlungen auf
-diesen und jenen Namen -- frage nicht, das Geld war den Leuten absolut
-sicher -- also sei es durchaus nicht gestohlen, sondern habe nur den
-Liegeort gewechselt. Dies war ein Amerikaner. -- Den andren Idealisten
-fand ich auf einem englischen Leuchtturm eines winzigen Eilands, ich
-darf nicht sagen, wo, irgendwo an der Küste. Er war kein Engländer, galt
-aber für einen, war ein deutscher, verabschiedeter Offizier und hatte
-bereits an die dreißig Jahre seines Lebens in dieser Einöde damit
-verbracht, auf den Augenblick zu warten, wo zwischen Deutschland und
-England der Krieg ausbrechen würde, um alsdann seine Lichter auszupusten
-und gehängt zu werden. Nun möchtest du wohl wissen, was ich und wo ich
-noch war. Die Vereinigten Staaten sind das Grauenhafteste auf der ganzen
-Welt, ich war auch im Westen, war Minengräber, Goldwäscher und Viehhirt,
-es war für eine Weile ganz lustig, aber ich konnte es auf die Dauer
-nicht ertragen, wie sie ihre Pferde mißhandeln.«
-
-Da er eine Pause machte, fragte Renate, nichts als zuhörend: »Aber das
-Mißhandeln von Menschen, das konntest du --?«
-
-»Denn der Mensch«, sagte er, »kann sich wehren, das Tier nicht. Das Tier
-kann beißen und ausschlagen, aber das hilft ihm nichts, denn es muß
-dableiben; der Mensch kann weggehn. Er geht in ein andres Land oder geht
-aus dem Leben. Das Tier kann nicht aus dem Leben, wie es nicht aus
-seiner Haut kann. Ferner war ich Agent. Agenturen giebt es für alles,
-zumal in Amerika. Agenturen für Politik, für Minen, für Geldgeschäfte,
-für Doktordiplome, für Mädchenhandel, für Bestechung, Spionage, An- und
-Verkauf deutschen Adels an reiche Mädchen, für Schmuggel, Gründungen und
-für Mord. Einige werde ich wohl ausgelassen haben. In Colorado Springs
-war ich auch Falschspieler, du weißt, ich kann die Karten nicht leiden,
-aber Falschspiel ist reizend, solange man sich einbilden kann, der
-einzige am Tisch zu sein, der betrügt, und das gelingt ja wohl eine
-Weile. Dort wars, wo ich mein Gesicht verlor, es stahl natürlich eine
-Frau, beschreiben möchte ich es dir lieber nicht. Ich habe ja auf Frauen
-immer eine gewisse Anziehungskraft ausgeübt; dort, wo man weniger
-empfindet und denkt, sondern gemeinhin tut, was man empfindet oder
-denkt, war es fast unerträglich, und so war ich nicht sehr böse über den
-Verlust; leider stellte sich dann heraus, daß die Halbierung die
-Anziehungskraft nicht unbedeutend gesteigert hatte. Ach, Kind,«
-unterbrach er sich, »ist es nicht genug? Ich könnte niemals fort gewesen
-sein und das gleiche erzählen, du würdest nicht besser wissen, ob du mir
-trauen darfst oder nicht.«
-
-Er sah trübe zu ihr auf. Renate dachte gelähmten Herzens nur: Josef --
-und lügen, um sich einen Hintergrund zu geben? -- »Aber ich habe dir
-Grüße auszurichten«, sagte er nun. »Ein gewisser Sigurd Birnbaum,
-weiland Cellospieler Renates, trug sie mir auf, mit dem ich gewisse
-Operationen auszuführen hatte, um einen gewissen Geheimbundsfreund in
-Tscheliabinsk aus der Katorga zu befrein.«
-
-»Mein Gott, Sigurd,« sagte Renate, »was ist aus ihm geworden?«
-
-»Dort,« erklärte Josef sehr ernst, indem er sich langsam erhob, »dort
-giebt es Idealisten. Aus Frankreich -- es lebt sich dort angenehm, wenn
-man es versteht, für einen Franzosen gehalten zu werden, jedoch -- aber
-das führt zu weit -- jedenfalls kam ich von dort nach Russland und
-schloß mich der revolutionären Bewegung an. Dort verbrodeln die Menschen
-freiwillig und mit Gesang. Ich will dir etwas erzählen.«
-
-Er setzte sich wieder hin. Was wird nur Onkel sagen? dachte Renate. Wird
-er ihn erkennen? Sie merkte, daß sie zitterte. Sie begann sich zu
-fürchten und hörte Josefs Stimme aus der Ferne, die langsam Satz um Satz
-hinsagte.
-
-»Ein jüdischer Knabe war vierzehn Jahre alt, als er seine Eltern und
-deren ganzes, sehr großes Vermögen durch ein Pogrom verlor. Er ernährte
-sich selber, besuchte das Gymnasium weiter und wollte Apotheker
-studieren. Mit sechzehn Jahren wurde er bei einer Massendemonstration
-verhaftet, in Bausch und Bogen mit verurteilt und kam ins Gefängnis.
-Dort wurde er mit den sozialistischen Ideen bekannt, eignete sich das
-theoretische Wissen an und verließ das Gefängnis als Sozialist. Er
-verdiente Geld durch Unterricht, studierte, erreichte in der Bewegung
-bald eine führende Stellung, las viel und hungerte mehr. Als Redner bei
-einer Demonstration wurde er wieder verhaftet und kam für zwei Monate
-ins Gefängnis. Er und seine Arbeit waren für die Bewegung wichtig; daher
-ließ eine Studentin, mit der er zusammen gelebt hatte, sich jede Nacht
-in einem, dem Gefängnis benachbarten Holzlager einschließen, kletterte,
-obgleich auf sie geschossen wurde, zu seinem Fenster an der Mauer hinauf
-und tauschte Zeitungen und Berichte mit ihm aus. Er saß in Einzelhaft,
-durfte weder rauchen, noch lesen, noch irgend etwas tun. Er durfte eine
-einzige Stunde am Tage spazieren gehn und erhielt so Verbindung mit den
-sogenannten Kriminellen, das sind die wirklichen Verbrecher, unter denen
-er sozialistische Propaganda betrieb durch Reden und Broschüren, ihnen
-Verteidigungsreden anfertigte und sie vorbereitete. All dies durch die
-Klopfsprache, deren System ich dir ein andermal erkläre; man kann nach
-vier Seiten, oben, unten, links und rechts klopfen. Er organisierte
-unter anderm einen Hungerstreik wegen der Verurteilung von Leuten, die
-nichts mit der Bewegung zu tun hatten. Er war ein Idealist. Als er das
-Gefängnis wieder verlassen hatte, half er bei der Vorbereitung einer
-Revolution, reiste als Provisor, arbeitete in kleinen Orten, benutzte
-die Nächte zur Propaganda, zur Verbreitung gefährlicher Druckschriften,
-übernahm selbst deren Ausarbeitung und Druck, arbeitete zum Beispiel
-vier Wochen in einem Keller, um halb im Dunkeln eine Anzahl Broschüren
-mit der Handpresse zu drucken. Die Revolution brach aus, die Regierung
-organisierte eine Gegenrevolution, wie das da üblich ist, der Pöbel
-machte Pogrome, die Soldaten beteiligten sich an der Plünderung, die
-Sozialisten organisierten eine Miliz zum Schutz der Unbeschützten, und
-er wurde Hauptführer des Bundes jüdischer Sozialisten. Die Juden sind
-dort, wo er war, Fabrikarbeiter. Er wurde verhaftet und für lebenslang
-nach Sibirien verschickt. Nun ist in Rußland alles organisiert, auch die
-Bestechung; die Sozialisten haben eine eigne Gesellschaft gewissermaßen,
-auch eine Kasse, zur Befreiung der Militanten oder politischen
-Verbrecher. Er entkam während des Transportes mit einem Andern, sie
-fuhren sechzehn Tage auf der sibirischen Bahn als blinde Passagiere
-unter den Bänken der Waggons, verließen wenige Tagereisen vor Petersburg
-den Zug, hängten sich unter einen Wagen, um bei Nacht abzuspringen, aber
-der Freund hatte Angst, er mußte mit dem Revolver auf ihn schießen, sie
-sprangen ab und schürften sich die Haut. Die Organisation beförderte sie
-an die Grenze, er bekam einen falschen Paß, einen Verkehrspaß für
-Galizien, den dort jeder haben muß, darin stand leider, er sei ein alter
-Mann mit grauem Bart. Er wurde wieder verhaftet, brach allein aus,
-verschaffte sich Bauernkleidung, wanderte als Landarbeiter von Ort zu
-Ort, kam über die Grenze und durch Rumänien, Ungarn, Österreich, die
-Schweiz nach Frankreich. Als Ausländer wurde er an der Sorbonne nicht
-zugelassen, er arbeitete in einer kleinen Maschinenfabrik und
-organisierte dort einen Streik wegen schlechter Löhne. Seine letzte
-Kraftleistung war, den Fabrikbesitzer aus dem Fenster zu werfen; er
-arbeitete weiter in seinen Betrieben, als Buchbinder, lebte von dreißig
-Franken monatlich, aber seine Energie war zu Ende. Da kam aus Rußland
-jenes Mädchen, das ich erwähnte, die Studentin, sie brachte ihn in eine
-Apotheke als Laufburschen, wo er sich die französischen Namen der
-Medizinen aneignete. Er studierte wieder, es gelang ihm später, an der
-Sorbonne zugelassen zu werden, er studiert nun weiter. Die Examina sind
-dort in Pharmazie zahlreich und sehr schwer, er ist jetzt Provisor, um
-Geld zu verdienen, muß noch das Abiturientenexamen und Staatsexamen
-machen, um die Erlaubnis zum Besitz einer Apotheke zu bekommen. Ich
-lernte ihn kennen, da ich jenen Sozialisten, dem ich mit Sigurd zur
-Flucht verhalf, nach Frankreich brachte, wo er in Paris unter den
-Sozialisten eine bedeutende Stellung einnimmt.«
-
-»Nun hast du wohl«, sagte Josef, »einen Begriff, wie andernorts Menschen
-leben. Im Vergleich zu ihnen -- ich nannte eben absichtlich seinen
-Namen, denn es giebt mehr als einen solchen -- lohnt es sich natürlich
-nicht, von mir zu reden. Ich nahm ja an alledem auch nur teil wegen der
-Bewegtheit, nicht wegen der Ziele. Sigurd Birnbaum übrigens studiert in
-Odessa, ist Assistent in einem Krankenhaus und der gute Heiland aller
-kranken Kindlein; übrigens -- war er immer so finster? Er soll an
-Schwermut leiden und -- ja, nun mußt du wohl zum Essen hinein.« Er holte
-einen Zettel aus der Tasche. »Hier ist eine Adresse,« sagte er, »wenn du
-Verlangen nach mir haben solltest, bin ich durch sie immer zu
-erreichen.«
-
-Renate nahm das Blatt nicht, das er ihr hinstreckte, sah ihn nur an und
-sagte: »Josef!«
-
-»Nein!« versetzte er gebieterisch. »Bitte nicht, fordre nicht, es ist
-unmöglich. Du brauchst mir nichts zu sagen. Ich bin nicht erst seit
-heute in dieser Stadt, ich weiß alles, was sich während meiner
-Abwesenheit in diesem Hause zugetragen hat, ich weiß auch alles von dir,
-was sich durch dritte Hand wissen läßt. Vorläufig bleibe ich, ich bedarf
-etwas Ruhe.« Er erfaßte ihre Hand, drückte den Zettel hinein und schloß
-sie darüber. »Willst du Gründe? Ein andermal wird Zeit dafür sein.
-Immerhin: ein Wort!« Sein eines Auge starrte bedeutsam, während er
-schloß: »Erasmus; ich gedenke noch zu leben.«
-
-Er zog die Uhr, hielt sie empor, um das Zifferblatt zu erkennen, und
-sagte: »Es ist hohe Zeit für dich. Daß du von mir schweigst, halte ich
-für selbstverständlich; es könnte sonst Unheil geben. Nun genug. Lebe
-wohl! auf Wiedersehn.« Er bot ihr die Hand.
-
-Renate erhob sich, legte die Hand auf seine Schulter und sprang von der
-Schaukel auf die Erde. Nun versuchte sie es noch einmal, richtete durch
-die Dunkelheit ihre Augen auf das seine und bewegte die Lippen.
-Angezogen, kam er ganz nahe, legte den Arm um ihre Schulter und, den
-Mund dicht vor ihrem, sagte er: »Was -- --?«
-
-Renate fühlte ihr Blut gerinnen. »Alles --« sagte sie lautlos; und nach
-einem Augenblick: »-- für deinen Vater.«
-
-Er fuhr zurück, sein Auge starrte wütend, er stieß hervor: »Bist du denn
-wahnsinnig geworden?« Drehte sich um und ging in Eile unter den Bäumen
-weg. Sie sah ihm fassungslos nach. Weiter unterhalb, wo es heller war
-über den Wiesen, kam noch einmal sein Schatten zum Vorschein. Sie fühlte
-den Zettel in der Hand, öffnete ihn und las trotz der Dunkelheit leicht
-das einsame Wort: Jason. -- Sie sah etwas Weißes auf der Erde, bückte
-sich und fand das Paket, das er bei sich gehabt hatte; sein Stock lag
-darüber. Sie nahm beides und ging langsam in den Garten zurück, in die
-Kapelle, legte die Sachen auf einen Stuhl, ging hinaus, verschloß die
-Tür und ging durch den Garten ins Haus.
-
-Vor der Tür des Eßzimmers hörte Renate von drinnen lautes
-Durcheinandersprechen und Gelächter; sie glaubte Ulrikas Stimme zu
-hören, legte die Handrücken gegen die Wangen und fühlte, daß sie
-glühten; die Hände waren eiskalt. Sie trat ein; ja, Ulrika war da, auch
-Bogner; Alle, Erasmus, Saint-Georges, sein Bruder und Magda saßen
-bereits essend um den Tisch. Renate blieb an der Tür stehn, klatschte,
-ihr Zuspätkommen und ihre Erregung zu verbergen, in die Hände und rief
-lustig: »Ach, sieh, der Maler mit den süffisanten Augen ist wieder da!«
-Die Andern lachten, Ulrika rief, sie sollte sich schnell hinsetzen, sie
-kriegte sonst nichts mehr zu essen, fragte, was das heißen sollte:
-süffisante Augen, erklärte dann aber erst, daß sie und Bogner im Walde
-im Kreis gelaufen und wieder hergekommen seien. Nun bestand Bogner auf
-Erklärung seiner süffisanten Augen, aber Renate, in plötzlicher
-Mattigkeit, verwies ihn an Saint-Georges. Sie sah eine Tomate auf ihrem
-Teller, die dampfte, nahm die Gabel, löste den Deckel ab und zwang sich
-zu essen. Wie dröhnten denn die Stimmen? Selbst die ruhige von
-Saint-Georges summte bohrend in ihr Gehör.
-
-»Dieser berühmte Maler«, sagte Saint-Georges, »pflegt die Dinge
-vereinfacht zu sehn, um nicht zu sagen, abstrahierend; er scheidet das
-Gewohnte aus und sieht, was fehlt, oder aber was da sein könnte, oder
-was zuviel ist, und was den Andern mißfällt, das gefällt ihm gerade,
-weil es krumm ist.«
-
-»Ach,« sagte Bogner heiter, »nun fällt mir ein, daß einmal jemand zu mir
-sagte, wenn ich ihn ansähe --«
-
-»Bitte,« unterbrach ihn Saint-Georges, »das hat er sicher nicht gesagt.
-Er hat gesagt: Wenn Sie einen ansehn -- nicht >mich<, nicht wahr? Die
-Gesellschaft ist >man<, Renate, nicht >ich<, das ist auch ein Eckstein
-davon.«
-
-Renate sah seine Augen von drüben auf sich gerichtet; es kam ihr vor,
-als ob er alles wüßte. Sie nickte und senkte das Gesicht. Der Maler fuhr
-fort:
-
-»Also, wenn ich einen ansähe, sagte er, hätte man immer das Gefühl, ein
-Westenknopf wäre offen, oder der Schlips säße schief, oder es wäre ein
-Fleck am Kragen, und man müßte immer an sich herumfummeln.«
-
-»Siehst du,« sagte Ulrika, »warum willst du auch niemals lachen! Du
-machst immer bloß so krumme Mundwinkel, und das sieht denn so
-heimtückisch aus.«
-
-»Und dann vor allem,« begann wieder Saint-Georges, »diese raffiniert
-sokratische Methode, alle Augenblicke zu sagen: Davon verstehe ich
-nichts.«
-
-Renate zuckte zusammen; mein Gott, wie laut lachten sie denn, das
-prasselte ja nur so auf ihren Kopf herunter!
-
-»Meinen Sie, daß Ihnen das einer glaubt, wirklich? Deshalb hält man Sie
-doch bloß für -- entweder teilnahmslos -- um nicht zu sagen:
-interesselos, oder hochfahrend, oder faul, oder für einen verkappten
-Anarchisten, Atheisten oder so.«
-
-Plötzlich dröhnte Erasmus' tiefe Stimme in das Gelächter, -- aber nein,
-er saß ja ganz still da und sagte ruhig: »Wäre die Welt so undankbar,
-wie es nach Ihnen scheinen sollte?«
-
-Ach, Erasmus war ein guter Mensch, und sein Bruder stob wie ein Windhund
-durch die Welt ... Renate griff nach der Tasse, um die aufsteigenden
-Tränen mit dem Tee herunterschlucken zu können, aber nun war der Tee so
-heiß, daß sie mit einem kleinen Schrei die Tasse wieder hinsetzte; sie
-lachte verlegen, die Andern verlachten sie, sie kühlte die Zungenspitze
-an der Serviette und war froh über ihr Ungeschick. -- Magdas Stimme
-klang wohltuend leise:
-
-»Ja, Erasmus, wenn man jemand so sprechen hört wie Saint-Georges, klingt
-alles so fremd, sieht so zerbrochen, so zerstückt aus, hoffnungslos, und
-die Menschen so ungütig. Ich kenne ja eine Menge Menschen, in Berlin,
-meinen Lehrer und ähnliche. Ja, sie lügen viel und beschwatzen sich, sie
-können ja niemals, wie sie wollen, sie hängen Alle voneinander ab, sie
-möchten gerne anders, ein jeder, aber --« Sie stockte.
-
-Ulrika hob die Achseln und meinte, die Künstler seien freilich die
-schlimmsten, nicht die Schaffenden, sondern die Darstellenden, die
-Virtuosen, denn da herrsche über alles der Agent.
-
-Renate schlug nur das letzte Wort mit wildem Sinn ins Ohr, sie fuhr
-erschrocken auf und stieß hervor: »_Was_ sagst du?«
-
-Ulrika lachte. »Warum erschrickst du denn so?« Renate wußte nichts zu
-antworten, hörte nichts mehr, nur Stimmengewirr, raffte sich endlich auf
-und sah, daß es Zeit sei, von Tische aufzustehn. Jähliche Todesangst im
-Herzen, zog sie Magda einen Augenblick an sich, strich ihr übers Haar,
-ging hinaus und trat über den Flur vor das Zimmer ihres Onkels. Sie
-glaubte, ihn nicht ansehn zu können, fühlte sich gleichwohl gezwungen,
-dies sofort zu versuchen, hinter ihr wurde die Tür geöffnet, sie drückte
-eilig die Klinke nieder und trat ein.
-
-Der Schattenriß des alten Mannes war vor dem einen Fenster; er schien
-auf die Straße zu blicken; in den Fenstern stand das blaue Zwielicht.
-Gleich darauf fiel heller gelber Schein von unten herauf durchs Zimmer;
-die Laterne war draußen angezündet. Schritte waren hörbar und entfernten
-sich.
-
-»Onkel!« flüsterte sie. Er drehte sich langsam um, sie sah im
-Lichtschein seine Augen, einen Augenblick fast gedankenvoll. Schnell
-ging sie auf ihn zu, legte die Stirn an seine Schulter, umfaßte ihn an
-den Armen, hoffte inbrünstig, er möchte ihrem Leib anfühlen, was sie
-wußte. Sie zitterte, als sie seine Hand auf ihrem Rücken fühlte; Gott
-sei gelobt, dachte sie, er ist ruhiger geworden, er muß etwas empfunden
-haben, ja vielleicht wußte er es schon eher als ich! -- Leise versuchend
-hob sie das Gesicht. Er sah wieder auf die Straße.
-
-Aber nun schob er sie sanft von sich, sie trat zurück, er ging an ihr
-vorüber, legte die Hände auf den Rücken und begann im Zimmer auf und
-nieder zu gehn. Da fiel ihr ein, daß sie schon seit einigen Tagen seinen
-Schritt im Zimmer gehört hatte -- ach, es war sicher, er -- nein,
-ruhiger war er nicht geworden, das war ja Unsinn, er war ja immer die
-Ruhe selbst gewesen! Unruhig war er geworden, er ging umher, er sah auf
-die Straße, wartete, lauschte, suchte.
-
-Im Augenblick überfiel sie gewaltig die Ahnung, die Gewißheit, daß Josef
-nicht fortgegangen oder daß er inzwischen wiedergekommen war, daß sie
-ihn finden konnte ... Aufgeregt schritt sie zur Tür und hinaus, lief die
-Treppe hinunter -- seltsam, es war alles leer! wo waren denn die Andern?
--- Nun durch den Garten, den Weg hinab durch die Büsche; am Pförtchen
-lehnte ein Mensch, es war Georges. Ihr Herz sprang verzweifelt auf und
-stürzte. »Georges!« rief sie halb weinend, »bist du allein?« Sie mußte
-sich von ihm halten lassen, bebte an allen Gliedern und weinte. »Ich
-habe ihm alles versprochen,« schluchzte sie, »was soll ich denn tun,
-mein Gott, was soll ich denn?«
-
-Langsam fühlte sie sich wieder geborgen, ermannte sich, trat zurück und
-trocknete ihr Gesicht.
-
-»War Josef da?« fragte er leise. Sie nickte.
-
-»Wenn er zurückgekommen ist,« fuhr er begütigend fort, »wird er auch
-eines Tages ins Haus treten. Ich kenne ihn nicht, aber -- er hat wohl
-kein Verbrechen begangen, aber das verwirrte Herz seines Vaters wird ihn
-doch herumtreiben und anziehn.«
-
-»Ach, Georges,« klagte Renate, »was hat er denn getan? Du weißt ja, was
-ich dir von seinem Vater erzählte, und da siehst du wieder: was ein
-Mensch tut, das allein macht das Unheil nicht aus; das Unheil, weißt du
-nicht mehr, damals sagtest du es selber, ja, Georges, du hast es mir
-erklärt: das Unheil bildet sich im Herzen. Josef ging nur fort, was war
-auch dabei? aber sein Vater nahm es als Strafe vom Himmel für eigenes
-Verschulden.«
-
-Saint-Georges antwortete nicht. Sie standen schon wieder auf dem
-Gartenweg, Renate ging langsam zum Haus zurück. Beim Anblick der
-Kapellentür fielen Josefs Paket und Stock ihr ein, sie sagte
-Saint-Georges davon und bat ihn, die Sachen an sich zu nehmen,
-vielleicht in seines Bruders Zimmer zu bringen.
-
-Sie gingen in die Kapelle, er machte Licht, Renate nahm das Paket auf.
-
-»Vielleicht braucht er es aber«, sagte sie, streifte nach kurzem Zaudern
-die Hülle ab und hielt einen Lederkasten in der Hand, wie eine flache
-Zigarrenkiste groß. Am Ende ists etwas für mich! dachte sie und öffnete
-den Deckel, hatte aber kaum hineingesehn, als sie entsetzt alles fallen
-ließ, und was da am Boden lag, war Josefs halbes Gesicht; es sprang und
-rollte wie aus Kautschuk und lag still, eine halbe Maske. Saint-Georges
-hob sie auf.
-
-»Sei ganz ruhig,« sagte er, »es ist nichts Schreckliches, eine Maske.«
-
-Sie trat voll Furcht und Abscheu näher, er drehte das Ding in den
-Händen, ja, es war ein halbes Gesicht, dem Josefs so ähnlich in der
-Tönung, Kinn, Wange, Stirnansatz und ein furchtbar blickendes schwarzes
-Auge, daß es sie durchschauderte. Sie stammelte ein paar erklärende
-Worte von Josefs Aussehn.
-
-»Elfenbein«, sagte Saint-Georges, zwei Bänder durch die Hand gleiten
-lassend, die an der Stirn hingen; am Halsstück war eine, fast zum Kreis
-gebogene Spange aus Elfenbein, die wohl den Hals umschließen sollte.
-Saint-Georges entdeckte und wies ihr chinesische Schriftzeichen an der
-Innenseite und meinte, wenn es mit Josefs Gesicht so sei, wie sie sagte,
-so könnte die Halbmaske wohl in der Dämmrung oder bei halber Beleuchtung
-ein ganzes Gesicht vortäuschen; es sei kostbare Arbeit, nur ein Chinese
-könnte dergleichen anfertigen, ohne Zweifel würde sie ausgezeichnet
-schmiegsam passen. Seine Erklärung beruhigte Renate nicht; die Maske ihm
-aus der Hand nehmend, wieder schaudernd, dachte sie: die andre
-Gesichtshälfte von ihm habe ich nun in der Hand -- und kann kein Ganzes
-daraus zusammensetzen. -- Dann überließ sie Saint-Georges die Maske, der
-sie wieder verpackte.
-
-Aber danach, zur Ausgangstür vorgehend, glättete sich ihr Empfinden.
-Fast, fühlte sie, hätte er mich hineingerissen in seine Fremde. Wie
-toste es schon, Meerflut, Inseln und fliegende Sterne, allein -- wie
-hatte doch Georges gesagt? >Sie bleibt gleichgültig, regt sich nie auf
-und nimmt sich Zeit.<
-
-Indem sah sie ihn selber neben sich in der Türe stehn, die Blicke durch
-das Dunkel ruhig in die ihren senkend, und sie lächelte, die Augen
-schließend, ohne zu wissen warum.
-
-Als sie dann ins Freie traten, fühlte Renate erquickend den vollen Strom
-der herbstlichen Nachtluft, und siehe da, über den Bäumen -- ach, wie
-lange hatte sie es nicht gesehn! -- schwebte Josefs Fenster in der
-Nacht, schöne, sanfte, grüne, gotische Fläche. Magda, oder auch Ulrika
-und Bogner mußten dort oben sein. Sie konnte die Augen nicht abwenden
-von dem tröstlichen Schein, folgte endlich Saint-Georges, der
-voraufgegangen war, minder verzagt und hoffenden Herzens.
-
-
- Neuntes Kapitel: Oktober
-
-
- Cordelia
-
-Georg, aus seinem Schlafzimmer am Abend hervortretend, wo er die Koffer
-für Berlin geschlossen hatte, erschreckte sich vor einer geduckten
-kleinen Gestalt, die im Geisterlicht der Sphäre am Treppenfuß stand:
-Hesekiel. Ärgerlich auf Egon, der trotz häufigen Tadels wieder einmal zu
-faul gewesen war, nur die Stufen hinunter zu gehn, um die Kurbel der
-Hängelampe zu drehn, fragte er: »Nun, was ist denn, Hesekiel? noch ein
-Brief?« indem er die Schreibtischlampe aufflammen ließ. Ja, Hesekiel
-hatte einen Brief, einen großen, sonderbar dicken Brief. Als Georg, im
-Stuhl sitzend, ihn aufschnitt, kam ein ganzer Pack beschriebener Blätter
-zum Vorschein, um den ein gleichfalls beschriebener Briefbogen
-geschlagen war; alles Cordelias Schrift. Georg klappte den Briefbogen
-auseinander und las:
-
- »Die arme Seele sendet ihrem Gebieter diesen letzten Gruß.
-
- Glück und Segen! Es ist alles gekommen, wie es beschlossen ward
- in dem himmlischen Rat, so wird auch das letzte bald geschehen
- sein. Glück und Segen! das Bett ist gemacht, bereit steht der
- Becher, bereit ist die arme Seele. Glück und Segen über das
- heilige Leben dessen, der dies liest.«
-
-Georg flimmerten die Augen. Esthers dunkelfarbiger Schmetterlingskranz
-um die Kuppel der Lampe zuckte leuchtend und tanzte. Das Herz vom
-Angstkrampf zusammengezogen, starrte Georg. Das Ende, sagte er, das Ende
-... Cordelia war ... war ...
-
-Er nahm das Blatt wieder vor, seine Hände flackerten, er mußte es auf
-die Tischplatte legen, er las:
-
- »Glück und Segen, die arme Seele ist nun nicht mehr da. Wo bist
- Du, Geliebter? Glück und Segen, ich bin schon den kleinen Fluß
- hinuntergeschwommen, schon rauscht der ewige Strom, ich hebe noch
- einmal die wieder verarmte Hand, es rauscht -- horch, es
- rauscht ...
-
- Glück und Segen, Glück und Segen!
-
- Im großen, dunklen Meerstrom sind alle Wellen einander gleich.
- Was macht so dunkel den Strom, so groß, und die Wellen so gleich?
- Das ist die ewige Liebe. -- Doch einmal, wenn Abend ist über der
- schweren See, die Rose, die himmlische, entfaltet ist an der
- unsterblichen Brust, so blinkt eine Welle auf ganz fern, die
- Du kennst, eine lächelnde Welle, die Dich erinnert an: Einmal ...
- Und Du sinnst: arme Seele, bist du's?
-
- Und so gehn die Jahre, so wandert die Zeit. Ist auch Dein Herz
- nun alt geworden, geliebte Jugend, Dein Haar ergraut, faltig Dein
- Mund? Die Berge stehn dunkel, so ernst sind die Sterne, nicht
- mehr lang ist der Weg, schon hörst Du den Strom.
-
- Glück und Segen, das Leben war schön! Sang es der Wind, klang es
- der dunkelnde Baum? O mein sinkender Freund, es war die arme
- Seele! --
-
- Viele Menschen kommen herein und stehn um einen Schläfer in
- friedlichem Schlaf. Da kommt auch die arme Seele mit ihrer Blume
- und ihrem Dank. Sie hatte einmal die Hände voll Gold -- es ist
- alle geworden. Nun legt sie die kleine Blume auf die erstorbene
- Brust, ihr Amt ist nun aus, sie wandert ins Meer und vergeht.
- Wo bist Du, Geliebter?
-
- Gute Nacht, schlafe wohl! Es muß wohl sein. In meiner Brust sitzt
- eine goldene Schlange, die will seit ewig hinaus, aus der
- himmlischen Schale zu trinken. Gott ist allzeit gut.
-
- Ich liebe Dich, Geliebter, auch dort, wo Du mich nicht mehr
- siehst. Das Blatt ist aus, aus ist das Licht, aus ist das Leben.
- Geküßt tausendmal! Abschied -- ich kann nicht mehr -- alles gut.
-
- Cordelia.«
-
-Georgs Kopf sank langsam vornüber auf das Blatt und lag fest. Als die
-Umnachtung wieder gewichen war, sprang er auf, riß alle Kraft, die zu
-erreichen war, zusammen in das Jagen seines Herzens, sah Hesekiel stehn
-und sagte: »Weißt du, was geschehen ist, Hesekiel?«
-
-»Is ein Unglück geschehn, Herr Doktor?«
-
-»Es -- es scheint so, Hesekiel. Sage mir jetzt -- kannst du mirs genau
-sagen: warst du allein im Haus, als du gingst?«
-
-»War ganz allein, Herr Doktor, sell kann i --«
-
-»Wann bekamst du diesen Brief?«
-
-»Gestern abend, Herr Doktor. Gnä Frau gab ihn mir. Gestern abend wars,
-so um halber acht herum.«
-
-»Und was sagte sie?«
-
-»Sehr lieb und gut war s', wie halt immer. Gab mir den Brief und sagte,
-daß ich ihn bringen soll, heint, wenn dunkel wär. Ach, Herr Doktor, is
-am End gar g'storm, gnä Frau?« Hesekiel fing an zu weinen.
-
-Georg legte ihm bewußtlos die Hand auf die Schulter. -- »Ich muß sie
-sehn,« fuhr er dann auf, »ich muß wissen, muß -- Hesekiel, sage mir --
-besinne dich, sage mir: weißt du die -- die andre Wohnung von gnä Frau?«
-
-»Sell weiß i net, Herr Doktor.« Georg sah es wieder dunkel werden. »Man
-könnt am End -- am End könnt ma nachschlagen im Adreßbuch ...«
-
-Natürlich, mein Gott! das gabs ja, Adreßbuch ... Georg lief ins
-Ankleidezimmer, wühlte Mütze und Mantel hervor, dann stand er wieder vor
-Hesekiel, sah gleichzeitig den Stoß Blätter noch ungelesen auf dem Tisch
-liegen, raffte ihn samt dem Brief auf und steckte ihn in die Tasche.
-Hesekiel nahm er mit sich ins Freie und schickte ihn mit irgendwelchen
-Worten nach Haus.
-
-Cordelia nicht mehr da! Nicht mehr da, mehr da, mehr da ... Das Ende ...
-das Ende ... Georg jagte die Allee hinab, über den Platz, auf ein
-erleuchtetes Schild >Schloßwende< zu, stand dann vor einer Theke, eine
-Frau gab ihm ein Adreßbuch, er blätterte, suchte, er fand endlich:
-Severin, Karl, Tischler; Severin, Doktor; Severin -- plötzlich,
-furchtbar deutlich: Severin, V., Privatiere, und C., Schauspielerin,
-Inselbrückstraße 9, Hinterhaus 2 Treppen.
-
-Georg lief wieder durch schwarze, nasse Straßen mit Laternen.
-Inselbrückstraße -- ganz in der Nähe -- Gerberstraße -- Inselbrücke --
-da war die Hartwigstraße, er bog ein ... Severin, V., Privatiere ... O,
-sie hatte eine Schwester! -- Georg mußte an einer Laterne stehen bleiben
-und den Schweiß von der Stirn trocknen. Er merkte plötzlich, daß er sich
-fürchtete. Inselbrückstraße, eine verrufene Gegend ... Er schüttelte den
-Kopf und ging weiter mit lahmen Füßen, dann wieder schneller durch die
-enge Buchbinderstraße, wo es fast finster war. Er hörte Schritte hinter
-sich, längere Zeit, plötzlich eine Stimme, die seinen Namen sagte, blieb
-stehn und drehte sich um. Ein großer, breitschultriger Mensch zog den
-Hut, es war -- war? -- Josef von Montfort. Merkwürdig sah sein Gesicht
-aus ...
-
-»Aufs höchste entzückt, lieber Prinz! Sie erinnern sich doch meiner?«
-Der fast schmerzhafte Händedruck brachte Georg zu sich. »Ja, da streift
-man so herum durch abenteuerliche Gegend, und da findet man die
-Erlauchten. Aber -- mein Gott, Prinz, wie sehen Sie aus? Was ist Ihnen?«
-
-Georg fühlte, daß sich ein Arm um seine Schulter legte, daß er
-weitergeführt wurde, und vergaß sein Erstaunen über die Begegnung vor
-großer Erleichterung.
-
-»Ich verstehe, ich verstehe schon«, hörte er begütigend hinter sich
-sprechen. »Ein Unglück, ein Schmerz, eine Tote vielleicht? Kopf hoch,
-mein Junge, nur ruhig, nur ruhig! Wohin geht der Weg?«
-
-Georg sagte: »Zur Inselbrückstraße. Ich bekam einen Brief. Ich -- jemand
-wohnt dort, der ... Ich war nie dort ... Ich wäre dankbar ...«
-
-»Gewiß, aber gewiß! Nun nur ruhig! Wir werden alles an uns herankommen
-lassen. Inselbrückstraße -- eine böse Gegend. Und die Nummer? Sehen Sie,
-da ist die Brücke schon!«
-
-Die Brücke, überragt von eisernen Trägern und Balken, lag schwarz im
-Schein ferner Laternen, umrieselt von leuchtendem Nebel. Georg nannte
-die Hausnummer. Als sie fast hinüber waren, sah er zu seiner Linken, am
-gemauerten Flußufer hinunter die Inselbrückstraße, Laternen, dampfend,
-dunkle Häuser und helle Fenster. Montfort, der die Hand unter seinen Arm
-geschoben hatte, schwieg. Gestalten kamen, nicht als ob sie gingen,
-sondern wehten, weibliche, in Pelzen und riesigen Hüten, ein Mann
-schlich an der Hauswand, zwei weibliche blieben stehen, Georg sah ihre
-gefärbten Gesichter deutlich im Vorbeigehn. Er hörte Montfort etwas
-murmeln, fühlte sich angehalten und blieb stehn. Nun bekam er sich
-wieder fest, las von einem, viereckig um eine Lichtkugel gebogenen
-Glasstreifen >Unionkino< in roten Lettern und sah eine transparente
-Glaswand darunter leuchten von Schrift und gemalten Indianern. Daneben
-war ein schmaler Hausflur und daneben eine große, dunkle Torfahrt mit
-geschnitzter Tür, über der in einem kleinen blauen Oval deutlich eine
-goldene Neun erschien. Montfort erfaßte den Drücker und bewegte ihn, die
-Tür war zu.
-
-»Das war zu denken«, sagte er. »Und dies Haus --«
-
-Indem lehnte sich zu einem offenen Parterrefenster neben der Torfahrt
-ein fettes Weib heraus, rief: »Man Geduld, meine Herren, ich komme
-sofort!« und verschwand.
-
-»Um Gottes willen, das ist ein Bordell!«
-
-»Ja, da wollen wir nicht hinein. Kommen Sie, es wird sich anders machen
-lassen.« Montfort zog ihn zu dem Hausflur, in dem Georg jetzt einen
-Billettschalter entdeckte. Montfort bezahlte, empfing zwei rote
-Billetts, sie traten auf einen Vorhang zu, der den Flur versperrte, doch
-wurde er im selben Augenblick von drinnen zurückgeschlagen. »Erster
-Platz!« rief eine weibliche Stimme, ein Mann ließ sie eintreten, Georg
-sah Finsternis, dann einen Lichtkegel, der aus dem Hintergrund breit
-nach vorn flutete, darunter eine Menge beleuchteter Gesichter,
-ebensolche gerade vor sich, etwas höher, Stehende, die nun vor ihnen
-bereitwillig auseinander wichen, da der Mann sie den Gang hinunter
-führte. Sein Gesicht war Georg plötzlich ganz nahe, indem er sagte:
-»Einen Augenblick, meine Herren, es wird gleich hell.« Dann ging er
-wieder nach vorn.
-
-Eine Weile standen sie, und Georg sah das Flimmern und Zucken der
-schwärzlichen Bildfetzen auf der Leinwand. Dann fühlte er sich an der
-Hand ergriffen, Montfort zog ihn zu einer Tür, über der ein Licht war
-und auf einem Pappdeckel >Erfrischungsraum< zu lesen stand. Nun war da
-ein kleiner Flur mit Türen links und rechts und schräg gegenüber. Auf
-der linken stand wieder >Erfrischungsraum<, über der rechten >Toilette<,
-Montfort trat zu der gegenüberliegenden -- ein rotes Licht neben der
-Aufschrift >Notausgang< brannte darüber --, öffnete sie, sie standen in
-einem dunklen Hof. In der Nachthöhe hier und da schwebte ein leuchtendes
-Fenster. In der Rückseite des Vorderhauses waren viele große Fenster
-hell, und Georg konnte durch ein offenes in einem erleuchteten Raum
-einen Mann sehn, der sich ein wollenes Hemd über den Kopf streifte,
-worauf ein gelber Vorhang davorfiel.
-
-Und nun fiel ihm ein, daß er hier Cordelia suchte ...
-
-Im Finstern hinten waren zwei wandgroße Öffnungen, in denen es gräulich
-dämmerte. Montfort murmelte etwas von Speichern und dem Fluß, während
-Georg hinter ihm über das glitschige Pflaster ging. Eine Türöffnung war
-da, ein Flur, ein Treppenhaus, und auf einmal ein kleiner Lichtkegel,
-der umher tastete. »Wieviel Treppen?« fragte Montfort; Georg erwiderte:
-»Zwei!« Sie tasteten sich vorwärts, stolperten über Stufen, dann sah
-Georg im Lichtschein der kleinen Taschenlaterne das Geländer und die
-Stufen der Treppe und folgte Montfort hinan, krampfhaft bemüht, zu
-vergessen, was bevorstand. Das Steigen dauerte endlos, die Hand am
-Geländer. Endlich stand Montfort vor einer Türe still und sagte: »Wir
-sind oben.«
-
-Sie mußten unter dem Dach sein. Der Lichtkegel schöpfte aus der Tür ein
-Porzellanschild heraus, auf dem klar und leserlich der Name >Severin<
-stand. An der glatt braun gestrichenen Türfläche war nur ein metallener
-Knopf. Indem erlosch das Licht.
-
-Das dauerte wieder endlos ... Anklopfen -- Warten -- Anklopfen, lauter.
-Die Schläge dröhnten durch das Haus. -- »Wir müssen öffnen«, sagte
-Montfort. Das Licht blitzte wieder auf und erlosch, Georg hörte rütteln;
-gleich darauf flog die Tür gegen seine Stirn, daß er zurückfuhr.
-
-»Nun bitte ruhig sein,« flüsterte Montfort, »ich werde vorangehn. Aber
-da ist ja Licht!« Er zauderte.
-
-Undeutlich quoll das rötliche Leuchten aus dem Hintergrund, wie es
-schien, über eine Wand empor, die halbhoch war. Im wiederaufleuchtenden
-Laternenschein gewahrte Georg Schränke, einen Stuhl, ein Sofa an den
-Wänden eines kleinen Korridors, dann erlosch das Licht wieder, und
-Montfort sagte leise: »Ich habe etwas gesehn, warten Sie«, worauf Georg
-ihn nach links hinüber gehn sah.
-
-Dort -- er zuckte zusammen -- stand ein Mensch, stand ganz gerade und
-still; nur den Kopf hielt er tief gesenkt. Darüber war das bleiche
-Quadrat eines schrägen Fensters im Dach.
-
-»Nein,« hörte er Montfort laut und langsam sagen, »das kann sie nicht
-sein«, und trat zitternd näher. »Machen Sie doch Licht«, sagte er.
-
-»Man muß nicht alles beleuchten.«
-
-Und nun sah Georg, da das Dunkel sich aufhellte, einen Kopf mit
-weißlichem Haar, das Genick und eine Schnur, die nach oben verlief. Arme
-standen seitlich ab. Alle Kraft zusammennehmend, zischte er wütend:
-»Machen Sie doch Licht!« -- Aber er fuhr doch gepeitscht zurück, als er
-die kleine, in Kleidern schlottrige Figur mit abstehenden Armen und
-hängendem Kopf dastehen sah, die zwischen Zahnreihen hervorstehende
-Zungenspitze, das Zahnfleisch, zurückgeraffte Lippen, die lange spitze
-Nase im weißen Gesicht und nun auch das Weiße in halboffenen Augen, aus
-denen ein schiefer, listiger Blick zu ihm sprang. Dennoch fiel eine
-Berglast von seiner Brust. »Das Gespenst«, flüsterte er heiser. Und
-dann, erklärend: »Ihre Schwester.«
-
-»So, so. Aber was hat sie denn da?« Indem machte der Arm des Leichnams
-einen Ruck und hielt Georg einen langen Papierstreifen hin. Montfort
-lenkte den Lichtkegel darauf, faßte das Handgelenk und drehte es herum,
-fing dann an zu lesen:
-
-»Unser keiner lebt ihm selber, und unser keiner stirbt ihm selber. Leben
-wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn,
-darum wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.«
-
-Er hatte schön und ruhig gelesen, und als Georg jetzt hinzutrat, konnte
-er sehn, daß es Cordelias Schrift war. In plötzlicher Kälte und
-Gelassenheit drehte er sich darauf um, öffnete eine lose kleine
-Tapetentür und fand sich in einem großen Raum mit zur Hälfte schrägem
-Dach, in dessen Hintergrund auf einem Tisch ein schöner messingner
-Tempelleuchter mit einigen halb herabgeschmolzenen Kerzen brannte.
-Darunter funkelte etwas Blutrotes, ein Glas, und dahinter, an der Wand,
-stand ein Bett, über das Cordelias schwarzer Seidenmantel gebreitet war,
-weit, bis auf den Fußboden herab.
-
-Lange Zeit kam Georg nun nicht weiter. In seine Augen brannte der rote
-Becher, und dahinter zeigten sich unbekannte Erscheinungen: eine Frau in
-einem dunklen Laden mit einem Kopftuch, ein Schaufenster voller Lampen
-und Geschirr auf Regalen, ein altes, plumpes Kirchenschiff, -- bis er
-plötzlich, weit rechts von dem Glase, am Ende des Bettes, zwei weiße
-Füße gewahrte, die gegeneinander gewinkelt emporstanden. Und jetzt zog
-Cordelias Antlitz wehend vorüber in einem schmerzlichen Gefühl. Er trat
-näher an das Bett, es waren Umrisse eines Körpers unter den schwarzen
-Seidenfalten zu erkennen, die stark glänzten. Hier sollte Cordelia
-liegen ... Und dies waren ihre Füße ...
-
-Und nun sollte der Mantel von oben aufgehoben werden, dann würde etwas
--- da -- sein ...
-
-Georg wußte nicht, wie, doch nun hatte er den Mantel aufgeschlagen, und
-dort lag ein Gesicht und -- es schien Cordelias Gesicht.
-
-Er beugte sich darüber und sah von oben auf zwei festgeschlossene
-Augenlider unter einer fremden, sehr reinen Stirn, von der das braune
-Haar zur Seite gestrichen war. Aber dann -- ein Schauder, nie gekannt,
-rieselte durch seinen ganzen Leib -- sah er das Lächeln eines Mundes,
-das ausströmte, mit einem namenlosen Triumph, gegen sein Herz.
-
-Plötzlich war alles in ihm ausgelöscht und vernichtet. Nur das Lächeln
-noch strömte sich unaufhörlich aus. Das ganze, weiße, weiche, sanft
-gerundete Antlitz unter ihm schwieg in tiefem Schlaf; schwieg sich in
-Ewigkeit aus, schwieg, leuchtete ihn an mit grenzenlosem Schweigen. Und
-auch das Lächeln schwieg, schwieg und gebot Schweigen. Da war nur dieser
-Mund, der sein Lächeln festhielt; festhielt mit beiden hochgebogenen
-Winkeln, um nicht aufzuhören mit Lächeln, nicht auf-, nicht aufzuhören
-mit Lächeln.
-
-Und dies war jenseits; jenseits von allem, von jedem Ahnen und jedem
-Wort. Sie lag und wußte; wußte, daß sie schlief; lächelte, lag,
-lächelte, weil sie wußte, alles wußte, alles, alles ...
-
-Georg wandte sich langsam fort. Hier war nichts mehr. Kein Tod, kein
-Schmerz, kein Verlust. Nur -- Ende. Sie war drüben.
-
-Aber, unwollend die Hände in die Manteltaschen senkend, fühlte er
-Papiere in der einen und erkannte beim Herausziehn Cordelias Schrift.
-Längere Zeit verging, während es ihm einfach schien, die Blätter in eine
-der Kerzenflammen zu halten, allein das Gefühl: Cordelia, jene, die
-Andre, habe sie geschrieben und für ihn bestimmt, hielt ihn zurück. Nach
-einem Stuhl umherblickend, hörte er ein leises Geräusch; in der
-rötlichen Lichterdämmerung des Raumes stand die hohe und dunkle Gestalt
-Josef von Montforts, der zum Bett hinsah -- seltsam, mit einem
-lebendigen und einem starren Auge, und wie der Länge nach mittwärts
-gespalten schien sein Gesicht. Georg winkte ihm, näherzukommen, sah ihn
-herzutreten und vor das Bett, worauf er nach einem Blick auf das Antlitz
-überrascht zurückfuhr, dann wieder sich überbeugte und in dieser Haltung
-verblieb, so lange, daß Georg, einen Stuhl entdeckend, ihn herbeitrug.
-Nun stand Montfort wieder aufrecht, den Blick in die Leuchterflammen
-geheftet, und sagte nach einer Weile wie zu sich selber langsam: »Das
-war ja fast zum Fürchten ...« Dann wandte er sich zu Georg.
-
-»Sie wollen etwas lesen?« fragte er mit Zartgefühl gedämpft. »Ich werde
-nicht stören. Sie werden mir aber erlauben, daß ich Sie nicht allein
-lasse in diesem Hause.«
-
-Er neigte ernst den Kopf, und Georg sah ihn auf den Fußspitzen durch den
-Raum zurückgehn und hinter der kleinen Tür verschwinden, -- wobei er
-sich nun des abscheulichen Leichnams erinnern mußte, der dort hing, doch
-hinderte ein Streifblick auf den unwandelbar lächelnden Mund alle
-weiteren Gedanken. Er stellte den Stuhl neben das Bett, setzte sich so,
-daß er das schlafende Antlitz mit jedem Blick über den Rand des Papiers
-erreichen konnte, faltete die Bogen auf und las.
-
-»In der Haide; im April
-
-Ein ganzer Monat fast ist vergangen, seit ich Dich zum erstenmal sah,
-und zu einem Entschluß bin ich nicht gekommen. So bin ich hierher
-gefahren in den kleinen Haideort, dessen wunderlicher Name Cananoë
-lieblich an Kindheit und die geheimnisvollen Kähne der Indianer
-erinnert, die man Kanoee nannte. Es ist kühl, windig, der Himmel bewegt
--- zum Abschied, zum Willkommen? -- er selber weiß es kaum, wie es
-scheint, ob es Herbst ist oder April hier unten in der Welt. Meine
-Fenster zu ebener Erde im kleinen Bauernhaus gehen auf den Obstgarten
-hinaus, der noch ganz kahl ist, und ich kann beim Schreiben durch den
-Raum hinten die braune, kahle Haide zu Hügeln mit schwarzen
-Wacholderstauden ansteigen sehn, und dahinter den blauen Himmel, in den
-kleine und größere Wolkenballen lichtweiß unaufhörlich hineinquellen ...
-Und unaufhörlich wechseln Sonnenschein und Beschattung. Zu hören ist
-nichts als der Wind und fernes Schnattern von Enten.
-
-Und so will ich denn einmal mein ganzen Leben ausbreiten vor mir und vor
-Dir, denn ich ahne wohl, daß Du einmal diese Zeilen lesen wirst.
-Ausbreiten wie ein elendes Gewand, an dem alles und alles zerrissen ist.
-Und muß wohl anfangen mit dem Anfang. Wie soll der Anfang heißen? -- Es
-war eine arme Seele.
-
-(Denn sie war ein paar Jahre im Paradiese der Kindheit und dann immer im
-Fegefeuer.)
-
-Das Haus, in dem sie geboren wurde, hätte seinem Namen nach das
-allerheiterste sein müssen, und für die arme Seele, die sieben
-Kinderjahre darin verlebte, war es das auch. Viele schöne, blondhaarige
-und schwarzhaarige Wesen in himmelblauen und rosenfarbenen Gewändern
-waren im Wachen und Träumen um sie her, pflegten sie, badeten und
-liebkosten sie und lachten beständig, und als sie erst so alt war, daß
-sie Märchenbücher lesen konnte, wußte sie ganz genau, daß es Feen waren,
-und sie ein Königskind, alldieweil nur solch eines Feen und Elfen zu
-Dienerinnen haben konnte, alle Tage Schokolade trinken und Zuckerwerk
-essen, soviel sie mochte. Dazu gab es allezeit, besonders aber am Abend,
-eine himmlische, geheimnisvolle Musik zu hören, auch des Nachts, wenn
-sie einmal aufwachte, Musik und Gesang, Gelächter und Gläserklirren aus
-den schönen Zimmern und Sälen voller Spiegel und Lampen und kostbarer
-Teppiche. Und von Allen wurde sie liebgehabt, wurde geküßt und gedrückt,
-war immer die einzige ihrer Art und führte das wunderbarste Leben. Du
-verstehst wohl, daß es ein Freudenhaus war. -- Ihre Mama, eine große,
-dunkle Frau mit blitzenden Steinen in den Ohren, war die Herrin, der all
-die Schönen dienten und zuweilen böse von ihr gescholten wurden. Dann
-legte die arme Seele sich ins Mittel, es gab Gelächter, und alles war in
-Ordnung.
-
-Diese herrlichen Tage dauerten, bis die arme Seele sieben Jahre alt war.
-Da kam auf einmal ein großer Jammer und Aufruhr, die Mama lag ganz
-bleich zwischen Kerzen und grünen Bäumen, Alle weinten, obschon es sehr
-feierlich war und nicht traurig, also weinte sie auch. Dann kam ein
-großer, starker Mann mit einem schwarzen Schnurrbart, der schon manchmal
-die arme Seele auf seine Knie genommen hatte, wenn er einmal da war, und
-gesagt, er wäre ihr Papa. Er gefiel ihr nicht besonders; böse schien er
-nicht zu sein, aber er roch häßlich und nahm die arme Seele mit fort.
-
-Nun wurde es beinahe noch herrlicher. Die Feen waren zwar weg, aber
-dafür kamen die Tiere. Alle Tiere aus den Bilderbüchern kamen, waren
-ganz zahm und fraßen aus der Hand, Pferde, ganze Reihen und in allen
-Farben, schwarze, braune und weiße, die buntesten Katzen, Hunde aller
-Arten, vom kleinsten Rehpinscher bis zum riesigen Neufundländer, Affen
-in bunten Soldatenjacken, ein großes Schwein, eine Menge Gänse, Ziegen
-und Esel und die ernsten Kamele, und vor allem zwei ungeheure, graue
-Elefanten. O und auch wilde gab es, die einen durchdringenden, ganz
-betäubenden Geruch ausströmten und nur durch Eisenstangen gesehen werden
-konnten, Löwen, Tiger, Jaguare und Leoparden, und das war mit das
-herrlichste, ganz klein im Dunkel zu stehn und in dem wilden, starken
-Geruch und sie hinter den Gittern am Boden liegen zu sehn, ganz schlaff
-wie Häute, aber sie atmeten heftig, und auf einmal, wenn sie den Kopf
-hoben, erschienen ihre gelben Augen, die eine Weile Ausschau hielten in
-weite Ferne ...
-
-Die Menschen dahier waren mit der armen Seele stets lustig und
-freundlich, jedenfalls die Männer, die fürchterlich stark waren oder
-fürchterlich gelenkig; sie meinten es gewiß gut, wenn sie die arme Seele
-mit einer Hand an die Decke schwangen, aber ihr Geruch war schwer zu
-ertragen. Die Frauen hier kümmerten sich weniger um die arme Seele,
-gingen bei Tage grau und mürrisch umher und strahlten erst am Abend,
-wenn die Vorstellung kam und alles anfing zu glänzen.
-
-Und alle paar Tage gabs eine andre Stadt zu sehn und dazwischen
-wundersame Reisen in der langen Wagenkolonne. Sind denn alle Wandertage
-durch das flache Land Sommer- und Sonnentage gewesen? Die wenigsten
-waren es wohl, aber nun ist da nur ein unendliches Lerchengetriller,
-unendliches Himmelsblau, sind die gelben Wände der Kornfelder, aus denen
-man mit vorsichtigen Armen große rote Mohnblumen und blaue Cyanen
-herausholen durfte, sind die weißen Landstraßen mit den vielen Schatten
-der grünen Wagen und der Pferde, die kurzen, wunderlichen Schatten, die
-unter einem fortzogen, wenn man sich abmühte, darauf zu treten, und sind
-die schmalen grünen Streifen zwischen Straße und Grabenrand, auf denen
-man sich immer wieder lange, lange bis zum Schreien und Winken der ganz
-klein gewordenen Kolonne vergessen konnte, im Suchen nach einem
-Vierblatt unter den aberhundert kleinen grünen Blättern des Klees.
-
-Ein komischer alter Mann war da, der immer kaute, ganz vertrocknet im
-Gesicht, schief, mit einem Holzbein, ein gewesener Clown, dem einer von
-den Löwen das fleischerne zerrissen haben sollte, der war ihr Lehrer. Er
-muß viel mehr Kenntnisse gehabt haben, als die arme Seele damals ahnte;
-viel später merkte sie erst, was alles sie gelernt hatte, ohne je in
-eine Schule gegangen zu sein.
-
-Im Zirkus zu arbeiten brauchte sie nicht. Sie hatte sich gleich beim
-ersten Versuch etwas gebrochen, wobei sich herausstellte, daß ihre
-Knöchlein zu zart waren für diese gefährliche Arbeit. So wars ein
-glückliches Leben, und das >Schönste< darin ist noch nicht einmal
-beschrieben.
-
-Später aber wurde alles immer blasser und farbloser, sie wuchs heran,
-und eines Tages starb auch ihr Vater. Sie und ihre Schwester kamen
-damals zu einem Onkel ins Haus, der sie ungern nahm, sich aber später
-mit der armen Seele ganz gut vertrug, ein strenger, trockner Mann,
-knochig und wortkarg, der einen kleinen Weißwarenladen hatte in einer
-süddeutschen Stadt und Guttempler war. Hier ging die arme Seele auch
-eine Zeitlang in eine richtige Schule, aber dann kam eine böse Zeit
-endloser Kämpfe und Schmerzen, denn sie wollte nun Schauspielerin
-werden. Sie hatte schon im Zirkus alle möglichen Dichter und Stücke
-gelesen, und schon als sie noch klein war, angefangen, die Leute dadurch
-zu belustigen, daß sie ihnen vormachte, wie sie waren, worin sie es mit
-den Jahren zu großer Fertigkeit brachte. Und die Kämpfe gingen vorüber,
-die arme Seele bekam einen Lehrer, und einen andern Lehrer, sie kam in
-eine andre Stadt, lernte und lernte, und das Leben bestand nur noch aus
-Lernen und Theater und Theaterleuten, und eines Tages hatte sie
-ausgelernt, und jeder prophezeite ihr eine glänzende Zukunft. Sie hatte
-auch schon einen schönen großen Vertrag mit einer guten Bühne in der
-Tasche, und die lange, lange Qual fing an.
-
-Ja, wie ist das? Man meint, man hat eine feurige Sonne in der Brust, und
-nun wird nur der Vorhang hochgezogen, und die Sonne strahlt, daß alle
-Bühnenlampen erblinden müssen. Und wie ist das? Ein Theater ist da, da
-soll man spielen. Aber da sind Viele, die spielen wollen, für jede Rolle
-bald zwei und drei, man muß warten, o man hat ja Geduld, die Sonne
-brennt, es tut weh, aber sie brennt, und man wartet. So spielt man die
-kleinen Rollen, kommt in ein Zimmer, verneigt sich, giebt die Hand, wie
-mans gelernt hat, und man wartet und hat viel Zeit, weiter zu lernen und
--- da sind nun die Männer. Man mag sie nicht, sie riechen schlecht und
-haben böse Augen und -- man wartet vielleicht auf einen, denn -- man ist
-eine arme Seele, die nicht viel weiß von der Welt.
-
-Da geht man zum Feind, der der Direktor ist, und bittet um eine Rolle.
-O, ja, gewiß, die Rolle ist da, sie wartet schon, der Direktor ist
-einfach und kühl, und man möchte sterben vor Schreck und Beseligung: die
-große Rolle!
-
-Da kommen nun die Proben, und es geht ja nicht? Was ist nur, warum es
-nicht geht? Es ist alles schlecht und verkehrt, was man sich in den
-langen, langen Nächten ausgedacht und geprobt hat und so sicher wußte,
-und es sind ja nun auf einmal lauter Feinde da, die lachen und kaum noch
-antworten, und kaum noch nicken, wenn man grüßt. Der Regisseur ist da,
-ein Feind, der gerät ganz außer sich über das unmögliche Spiel. Wo ist
-denn die Kraft geblieben? Wartet nur bis zum Abend, Geduld, es wird
-besser werden, die Sonne brennt, -- aber sie ist so klein geworden,
-täglich wird sie kleiner und schwächer, sie sieht einer Sonne gar nicht
-mehr ähnlich, vielleicht war es gar keine? Alle lachten und sehen, wie
-klein sie ist, Alles und Alle sind kalt, und die Sonne erlischt, man hat
-die Rolle nicht mehr, man steht auf der Straße.
-
-Oder war es vielleicht nicht so? Vielleicht war es ganz anders? Es ist
-lange her ...
-
-Da ist eine andre Bühne. Da ist ein Freund, ein guter Mensch, nun wird
-alles gut werden. Eine Rolle ist da, nicht so groß, aber gut genug, um
-zu zeigen, wieviel heller die Sonne brennt, und es geht ja vorzüglich,
-der Freund hilft, Alle staunen. Ein Tag kommt, da ist der gute Freund
-nicht mehr der Freund, er riecht, er ist ein Feind geworden, aber was
-schadets? Die Sonne ist da, die Sonne genügt.
-
-Der Abend ist da, die Sonne kann nicht ihre ganze Kraft brauchen, aber
-man sieht sie hell genug, und daß sie heller sein könnte. Man ist
-zufrieden, man schläft wieder einmal, man hofft -- aber was steht denn
-in den Zeitungen? Es war nichts, es war alles so übertrieben, kein
-Verständnis für den Umfang der Rolle, in ganz verkehrten Händen, eine
-Anfängerin, die bescheidener sein sollte ...
-
-Sinds denn schon Jahre geworden? War es denn so? War es nicht ganz
-anders? viel mehr? Wie gingen denn die Jahre? Ging man denn immer
-spazieren im Park, im Feld, in den Straßen? Nähte man die alten Kleider
-immer noch einmal um? -- sie lachen schon lange im Salonstück, so geht
-es nicht weiter, mein Fräulein! -- Aber meine Gage ...
-
-Gage liegt auf den Straßen reichlich genug zum Aufheben. Die arme Seele
-will die Gage von der Straße nicht, sie wartet, sie hat ja Geduld, sie
-steht Tag für Tag im häßlichen Zimmer und lernt, für später, die Sonne
-brennt, sie vertausendfacht ihre Kraft in tausend Gestalten, Alle haben
-die Sonne in der Brust, sie sehnt sich, sie lernt, sie lernt, sie
-hungert, sie weint längst nicht mehr ...
-
-Ach, kann man das schreiben? Es war ja nicht so, es war ja alles ganz
-anders. War die Welt etwa schlecht? Warfen sie sich Alle über die eine
-arme Seele her und wollten sie zerdrücken? Die Welt ist nicht schlecht,
-die Menschen sinds nicht, es will, sagt der kluge Georg, ein jeder nur
-das Seine und will sich nicht hindern lassen dabei, aber -- die arme
-Seele hatte kein Glück.
-
-Kein Glück? Es sind Jahre geworden, aber nun ist das Glück da, der Tag
-ist da, der -- Tag ist. Eine Rolle ist da, und alles geht sehr schnell,
-eine Aushilfe, der Direktor zuckt die Achseln, aber man kann ja die
-Rolle, im Schlaf kann man sie, und man spielt, und die Sonne brennt und
-strömt aus Augen und Kehle, aus den Gliedern und dann -- am Morgen nach
-dem glückseligen Abend, wo sie Alle ihr um den Hals fielen, der armen
-Seele, und sie küßten und weinten, und sie kaum schlief vor Trunkenheit
--- was steht in den Zeitungen der kleinen Stadt? O welche Empörung! War
-das nicht Babel? War das nicht abscheuliche Realistik? (Und war doch nur
-Stil gewesen, nur Stil, so dumm ist die kleine Stadt!) Die Welt war
-nicht gut am Morgen, die Menschen hatten alles vergessen, was die arme
-Seele für unvergeßlich gehalten, in den Zeitungen stand, daß man es
-vergessen müßte, der Direktor war ja nicht unfreundlich, es tat ihm
-leid, aber -- Sie sehen, Severin, Sie sind nicht für hier ...
-
-Aber die Sonne, ein Widerglanz ganz klein saß er doch in einer
-Zeitungsspalte, ein Keim, der aufging, und da war man in einer andern
-Stadt und spielte sich aus, das Glück war da, die Sonne brannte, brannte
-sehr schön im klassischen Stück. Aber im klassischen Stück war das
-Parkett leer, im Salonstück saßen die Offiziere und Damen, -- die
-Toiletten der Severin waren unmöglich, und waren doch so schön, wie die
-größere Gage erlaubte, die Sonne brannte ...
-
-Warens schon viele Jahre?
-
-O der wahn--witzige Durst! O die wütende Sehnsucht! O die Verzweiflung!
-All die vergebene Arbeit und Müh! Man ging wieder spazieren. O brennende
-Nächte, Fleiß, Fleiß, Fleiß, und Darben, die arme Seele wurde mager und
-häßlich, was schadete das, sie wartete auf den Tag, sie hatte keine
-Sorge mehr um Hunger, um Scham und Verzweiflung, wenn eine Rolle kam und
-ihr wurde ein Hemd angezogen, das reichte kaum zu den Knien, und die
-Stimme des alten Feindes sagte: Sie müssen wohl selber sagen, Severin,
-mit den Beinen ... Tage und Nächte. Alle Bücher gelesen, alle Rollen
-studiert, alle Werke, Geschichte, Kostümkunde, Biographien, die Sonne
-brannte, ein Morgen kam, grau, grau, sie war allein, kein Licht mehr.
-
-Schon viele Jahre ...
-
-Da kam ein Mensch. O zart, o schön und ganz sanft wie ein Engel. Sein
-Blick durchbohrte die arme Seele, er war rein. Verkündigung, dachte sie,
-o Engel, bist du's? Ein Dichter, er hatte ein Stück geschrieben,
-Theodosis, das wurde aufgeführt, die arme Seele sollte spielen, sollte
-sagen:
-
- Ich wollte ihnen dienen. O in Schauern
- Sollten sie stehn und horchen: Hört, es klingt
- Die Erde, ja die Erde klingt, die alte.
- Wir sind geliebt, wir Menschen sind geliebt,
- Denn eine Blinde baut uns goldne Brücken,
- Denn eine Stimme kam, um uns zu dienen ...
-
-Und da -- gnädiger Gott! -- war die Erwartung zu groß? Wars schon
-zuviel? Da erkannte die arme Seele, daß sie all die Zeit noch ein andres
-Leben mit sich getragen hatte, geheim, von dem niemand wissen durfte,
-aber Er, Er mußte es wissen, er würde nicht richten, sie dachte: du bist
-rein, alles ist rein vor dir, auch dies Leben. Er war rein, aber er war
-zart. Er ertrug nicht den Anblick, er ging fort. Keiner erfuhr, wohin.
-Als Jahre dahin waren, konnte die arme Seele in einem Zeitungsblatt
-lesen, daß im Walde eine Leiche gefunden war.
-
-So furchtbar war ihr andres Leben ... Ich zeige es auch Dir.
-
-Erlosch die Sonne? Das Stück ward nicht gespielt, die arme Seele brach
-durch.
-
-Nein, es kam ja das Glück. Wie hatte der große Mann von ihr gehört, in
-der königlichen Stadt, vor dem die Könige spielten und in Gold und Seide
-gingen? Wie konnte denn das Firmament sich neigen wollen? Die arme Seele
-sollte dort hinauf, die Sonne sollte vor Allen brennen, der große Mann
-wollte es. Die Seele war nicht gebrochen.
-
-Die Sonne brannte, es war ein alter Vertrag, in dem stand: noch ein
-halbes Jahr, die arme Seele wollte ihn halten. Weshalb? Sie hatte zuviel
-Geduld gehabt. Der große Mann würde warten, noch ein halbes Jahr, die
-Sonne brannte, der große Mann wartete nicht.
-
-Aus wars mit der armen Seele. Abend und Nacht und Morgen, die Sonne war
-aus, aus war das Leben.
-
-Nun, wie war es denn? Warum saß die arme Seele im Theater wieder wie
-jeden Abend? Freilich, sie war nun zufrieden mit allem, sie wußte, lange
-dauerte es nicht, die Menschen waren ganz fern, der armen Seele war
-leicht, die Menschen hatten sie glücklich gequält.
-
-Sie hatten mich glücklich gequält, Georg, und an diesem Abend kamst Du.
-
-Deine Augen sagten: bist du's? Deine Augen sagten: steh auf! Deine Augen
-sagten: geh voran, ich komme.
-
-Eine Brücke. Wo warst Du, Georg? Glück und Segen, dachte die arme Seele,
-er kommt, etwas soll noch sein. Und kommt er nicht, so ist hier die
-Brücke, das Wasser ist unten, es geht ja schnell.
-
-Glück und Segen, geliebter Herr, und höre nun von dem anderen Leben!«
-
- * * * * *
-
-Georg -- sein ganzes Blut lag ihm im Innern, zu einem glühend kochenden
-Klumpen geballt -- sah sich jetzt aufstehn, zur Wand gehn, die Arme
-dagegen legen und den Kopf auf die Arme und -- -- nein. Nahe vor ihm lag
-ein schlafendes Gesicht, die Augen fest geschlossen, aber der Mund
-lächelte vor sich hin, hatte nicht aufgehört zu lächeln, schwelgte im
-Lächeln und wußte, wußte ...
-
-Er sah auf das Blatt. Da war wieder der siedende Katarakt, an dem er
-eben gestanden hatte, war diese Feuersbrunst von Leiden, die in seinen
-Ohren leiblich getost hatte, dies Gigantengehämmer der Qual. All dies in
-Cordelias Brust, seiner Cordelia, der immer heitern, immer kindlichen,
-seligen, immer -- nein, einmal war der Schmerz ausgebrochen, das Untier,
-aufbrüllend, alles zerfetzend mit dem Hieb seiner Pranken, einmal ...
-Einmal ist nichts, und hier war das Lächeln.
-
-Georg nahm die Blätter wieder vor und las weiter.
-
-»Du hast gesehen, Georg, daß die arme Seele eine Schwester hatte, und
-hast sie wohl abstoßend gefunden. Da die arme Seele selber sie kannte
-vom ersten Blick des Lebens, war sie die Häßliche immer gewohnt. Und
-diese Häßliche hatte ja auch das >Schönste<. Das >Schönste< war vom
-ersten Bewußtsein des Lebens an, später erst lernte sie, daß die
-Schwester es hatte, daß es sich von ihr immer bekommen ließ, und noch
-später, daß es sich nur von ihr bekommen ließ, und daß niemand sonst
-davon wissen durfte; und noch viel später endlich, daß es kein
->Schönstes< war, sondern ...
-
-Wenn die arme Seele kaum in ihrem Bett lag am Abend, das Licht gelöscht
-war und Alle gegangen, die beim Auskleiden und Waschen geholfen,
-gescherzt und gelacht hatten, dann ging leise die Tür, die viel ältere
-Schwester kam herein und stieg zu ihr ins Gitterbett, und dann ...
-
-Laß, Georg, laß! laß doch los, Georg, ich kann ja nicht!
-
- * * * * *
-
-Seltsam! Als ich die letzten Worte schrieb, wars Nacht, es ging schon
-auf Morgen, ich legte mich und schlief bald. Nun ist auch Morgen und
-Mittag gewesen, ich habe wieder eine Stunde geschlafen, und plötzlich
-ist alles verwandelt. Ich weiß so viel, alles glaube ich zu wissen, ich
-glaube, ich darf ...
-
-Es ist fast, als hätte ich Dirs gesagt. Du hast ja verstanden, Georg, Du
-bist ein Mann -- Männer verstehen ja solche Dinge, auch wenn man sie gar
-nicht meinte, also hast Du verstanden.«
-
-Georg sah die Tote an. Ja, sagte er, ich habe verstanden. Aber --, -- er
-wußte nicht weiter. Er las.
-
-»Nein, nichts habe ich Dir gesagt, ich weiß es, und doch -- ich glaube,
-ich darf. Auf einmal ist auch das Gewebe fertig, an dem ich so lange
-gesponnen habe, ohne es zusammen zu bringen, das ich meiner Schwester
-überwerfen kann, damit sie mir ein halbes Jahr läßt. Ein halbes Jahr,
-das genügt, und mehr ist unmöglich.
-
-Ein halbes Jahr Glück. Mir ist eingefallen, daß ich ja die Sonne habe.
-Zwar ist sie eigentlich so beschaffen, daß sie nur vor Vielen brennt,
-aber ich denke, sie wird sich nicht versagen.
-
-Ich will kommen und will spielen, Georg. Wundersam, nicht? daß man sagt:
-spielen. Ein halbes Jahr, ich bin glücklich, bins schon, ich brauche
-nichts zu erfinden, nur die Lüge muß ich verbergen, nur dazu ein wenig
-Spiel; und ein wenig, wenn es -- wenn es einmal schwer ist, zu spielen.
-Oh ja, nun werde ich spielen!«
-
-Georg fühlte die Glut auf der eigenen Stirn. -- Also das wars? Sie hat
-gespielt und gelogen, und ich habe gelogen, wir Beide. Oh Gott sei
-gelobt, daß ichs getan habe! durchfuhrs ihn, ich hätte ihr am Ende noch
-das Letzte zerstört.
-
-Er suchte die Zeile, wo er aufgehört hatte, wieder und las:
-
-»Ein halbes Jahr -- und dann der Tod. Ein halbes Jahr lügen und dann die
-Wahrheit. Ich sehe das halbe Jahr, es glänzt; und ich sehe die Stunde,
-wo Du dies liest. Weißt Du nun alles, Georg? Richtest Du, wie der Arme,
-Zarte nicht richten konnte und doch zerbrach und hinging; tragen wollte
-und doch nicht konnte und vielleicht anfing, die Sterne abzuzählen auf
-das Rechte, und steht noch heute und findet es nicht heraus ... Weißt Du
-noch den Anfang, vor einem Monat, weißt Du nun, warum Du mich gar nicht
-verstehen konntest? Weißt Du, wie ich in Deine Tür kam und vor Staunen
-verging?«
-
-Georg sah und wußte alles. Ihre Andacht, ihre grenzenlose Beklommenheit,
-und wie sie am Boden kniete und sagte: »Ich bin dein eigen« ... Und
-dann, in der Finsternis, am Wasser, wie sie heraufgestiegen war, auf den
-Knien lag und aufseufzte den einen tiefen Seufzer, und dann lag und
-weinte und aufstand, fortging und nicht mehr kam ... Dann hatte sie
-einen Monat gerungen, dann kam das halbe Jahr, -- und er hatte nichts
-gewußt. Sie hatte die Hölle unter ihre Füße gestampft und stieg herauf,
-wie ein Engel rein, sie ... Georg faßte behutsam den Mantel und zog ihn
-über ihren Gliedern fort, bis zu den Knien, sah leise schaudernd die
-weiße, im Kerzenschein nicht abgestorbene Haut ohne Makel, wie er sie
-gekannt, legte den Mantel wieder darüber, das Lächeln ihres Mundes
-scheuchte ihn ganz zurück, er gewahrte die Blätter in seiner Hand und
-las, entschlossen, zu Ende zu kommen.
-
-»Genug, Georg, genug. Ich weiß nicht, was Du denkst. Vielleicht denkst
-Du jetzt, ich hätte sprechen sollen. Vielleicht verstehst Du es gar
-nicht, denkst, ich hätte es versuchen sollen, hätte den Tag herankommen
-lassen sollen, wo mein Vampir vor Dich hingetreten wäre und ausgeschrien
-hätte, was ... Vielleicht verstehst Du auch mich nicht, daß ich dem
-Vampir so habe erliegen können, so in seiner Gewalt blieb ... Ach,
-fünfzehn Jahre unwissender, solcher Gewohnheit -- und nichts ist mehr zu
-retten. Tausend Versuche, und kein Erfolg; aus seinen Krallen gab es ...
-wozu? Töten -- nicht wahr, Georg? das denkt sich so einfach und nah für
-den Fernen, aber ich weiß, daß man dazu geboren wird oder anders nicht
-dazu kommt -- vor dem eigenen Tod.
-
-Ich komme, Georg.
-
-So war das Ende der armen Seele doch beschlossen auf der Brücke, als sie
-auf Dich wartete und dachte: entweder -- oder. Nur ein wenig
-hinausgerückt wars, weit genug, um es ganz vergessen zu können für ein
-halbes Jahr.
-
-Ach, und eine kleine Hoffnung ist noch. Soll ichs noch sagen, Georg?
-
-Ein Kind, Georg, ein Kind. Dann, oh dann, weiß ich, ist alles gut, ist
-alles andre wie abgerissen, dann ist nur das eine, nur es, das Kind, Tod
-und Leben ganz gleich, nur nötig das Leben, weil es lebt. --
-
-Ich bin müde, die Welt wird dunkel, ich werde wieder schlafen. Diese
-Blätter hebe ich auf bis zu dem Tag, wo Du alles wissen mußt. Ich sehe
-die Zukunft nicht, alles was ich sehe, ist die Sonne in meiner Brust,
-und daß sie brennt, alles was ich will. Gute Nacht! Ich komme.
-
- * * * * *
-
-Heut war der Abend, an dem ich vor Dir Theodosis spielte, zum erstenmal
-ganz: spielte. Das Halbjahr ist um, das Zeichen war da, es soll nicht
-mehr sein. Wie es kommen wird, mag sich zeigen, von heute an ist
-Abschied.
-
-Glück und Segen, geliebtes Haupt, es war wunderbar! Glück und Segen, die
-arme Seele ist nicht sehr betrübt, obgleich es schwer ist, von Dir zu
-gehn. Das Ziel ist erreicht, mir ist nicht bange, ich werde gar nicht
-mehr spielen brauchen die letzte Zeit. Alles hat sich so geglättet, all
-das viele Leid ...
-
-Es ist doch alles nur Liebe gewesen. --
-
-Und vielleicht -- auch wenn ich aus dem roten Becher getrunken habe --
-nimmt es noch kein Ende mit ihr.
-
-Dann werd ichs wissen.
-
-Erhalte mir Dein Herz, denn aus ihm kommt das Leben!
-
- bittet
- die arme Seele
- Cordelia.«
-
-Georg legte die Blätter leise zusammen und erhob sich. Es war still. Er
-suchte in sich, die tiefgebrannten Flammen der Kerzen im Blick. Er
-versuchte, zu begreifen, daß hier Tod war, und was das war: Tod? Aber er
-fand nur eine unerkennbare Fremdheit. Nicht Angst, nicht Grausen, nicht
-Schmerz, -- nur eine feierliche Schwere, die nicht drückte. Er heftete
-noch einmal die Augen auf das Lächeln der Toten, zog schnell den Mantel
-darüber hoch, nahm das rote Glas an sich, löschte dann eine nach der
-andern die Flammen und ging leise durch den Raum auf den Lichtspalt der
-Türe zu, jetzt merkend, daß von dorther der Geruch des brennenden Tabaks
-kam, den er schon längere Zeit unbewußt wahrgenommen hatte.
-
-Josef Montfort wandte sich im Stuhl um, in dem er, den Rücken der Tür
-zugewandt, in der Nähe eines Sofas saß, das an der Wand stand. Er
-rauchte, an der Erde stand eine Kerze im Blechleuchter, ein Wasserglas
-mit rötlichem Bodensatz und eine Flasche Wein. Es hätte behaglich
-ausgesehn, wenn nicht auf dem Sofa der weibliche Körper gelegen hätte;
-allein als Georg, Ekel und Schauder, die heftig in ihm aufstiegen,
-überwindend, hinzutrat, war auch hier nichts Abscheuliches mehr.
-Montfort hatte der Toten die Hände zusammengelegt, sie lag grade, die
-Augenlider waren geschlossen, die Zungenspitze verschwunden, der Mund
-geschlossen, sie sah müde, friedfertig und gut aus. Montfort zeigte ihm
-alles deutlich, indem er die Kerze hochhielt und leuchtete. Dann gab er
-ihm auch den Zettel in die Hand, den die Tote gehalten hatte, und Georg
-steckte ihn in die Tasche zu dem übrigen. --
-
-Leben wir, so leben wir dem Herrn ... Dem Herrn? dem Herrn? Nun gleich,
-das Wort enthielt ja wohl alles, und wenn Cordelia es für die Schwester
-geschrieben hatte, so war auch hier alles geschehn.
-
-»Wollen wir gehn?« fragte er Montfort. Der nickte, ließ ihn voran bis
-zur Tür und löschte das Licht.
-
-Die Taschenlaterne leuchtete ihnen nach unten. Im Hof fiel es Georg ein,
-daß sie kaum würden aus dem Hause kommen können, doch zeigte Montfort,
-ehe er etwas sagen konnte, einen Schlüssel, lächelte ein wenig mit einem
-Auge und sagte: »Ich sorge für alles.«
-
-Auf der Straße, überm Fluß brauten Nebel und nächtliche Dämmerung. Die
-Laternen waren erloschen. Montfort warf das Ende seiner Zigarre über das
-Geländer, die rote Flugbahn erlosch, er sagte, Georg unter den Arm
-nehmend:
-
-»Ich muß Sie um einiges bitten, lieber Freund. Erstlich, zu vergessen,
-daß Sie mich hier sahn, jedenfalls vor jedem, der mich kennt. Ich weile
-unbekannt hier. Zweitens sich nicht weiter zu wundern, daß Sie mich
-trafen. Es dürfte Ihnen ja kaum unangenehm gewesen sein. Mich selbst
-wundert es durchaus nicht, da ich seit Kindesbeinen, möchte ich sagen,
-die Gewohnheit habe, an Stellen aufzutauchen, wo sich das Fürchten
-lernen läßt. Gelernt habe ich es leider nie. Das Unglück meines Lebens.
-Nun -- ich hoffe, wir plaudern ein ander Mal darüber. Sehen Sie, da sind
-wir über die Brücke. Übrigens -- mit Ihrer Erlaubnis würde ich nichts
-dagegen einzuwenden haben, wenn Sie mir ein Bett anböten für die Nacht;
-bis zu dem meinen wäre es verteufelt weit in Anbetracht der Stunde. --
-Ja, noch etwas: mein Gesicht. Sie haben vermutlich bemerkt, daß etwas
-damit nicht in Ordnung ist. Nun -- auch darüber werden wir plaudern,
-wenn uns das Leben wieder zusammenführen sollte, was, wie ich hoffe, in
-für Sie weniger schwerer Stunde der Fall sein wird.«
-
-Georg, willenlos übergossen von der plätschernden Suada, blieb nun
-stehn, da sie bei der ersten Laterne angelangt waren, blickte Montfort
-an, blickte zu dem Glaskäfig auf, in dem der Glühstrumpf atmete, und
-dachte: Habe ich denn nun alldas geträumt? Wann stand ich denn schon
-einmal neben einer solchen Laterne? War das nicht -- als ich Renate zum
-ersten Mal sah? -- Er zuckte zusammen. Seine linke Hand fühlte die
-Papiere in der Tasche, seine rechte das warme Glas. Kein Traum. Cordelia
-war tot. Aber auch kein Schmerz kam hoch in seiner Brust; im Dunkel
-wehte es auf, lächelte tief, und entschwand. Georg ging weiter.
-
-Allein! sagte jemand tonlos in seiner Nähe; allein, allein, allein.
-
-
- Hier enden des fünften Buches neun Kapitel oder ebenso viele
- Monate.
-
-
-
-
- Sechstes Buch.
- Fragmente aus den halkyonischen Jahren III
- oder
- Die Schleuse
-
-
- Erstes Kapitel: November
-
-
- Berlin
-
-Georg sah, als er eines Nachmittags den dunklen Gang in seiner Berliner
-Wohnung hinunterging, einen Brief hinter der Korridortür liegen,
-augenscheinlich durch den Postschlitz geworfen, und erkannte im Aufheben
-mit Verwunderung und Verdruß nicht nur seinen Berliner Pseudonymen,
-sondern auch Bennos Handschrift: die Universität, an die adressiert war,
-hatte den Brief nachgeschickt. Äußerst mißgestimmt gegen Benno, der sein
-nachdrückliches Verbot des Schreibens übertreten hatte, stopfte er ihn
-in seine Manteltasche, und erst, als er im vollbesetzten Stadtbahnabteil
-an der Türe lehnte, gab er der Reizung des Verschlossenen in seiner
-Tasche nach -- dazu dem Verlangen nach einer Beschäftigung, das von dem
-stumpfen, gerüttelten Beisammensein mit den ereignislosen Gesichtern der
-Mitfahrenden hervorgerufen wurde -- und öffnete, sehr widerstrebend, den
-Brief. Nur mit den Augen zu überfliegen und wieder fortzustecken
-willens, las er:
-
- Altenrepen, den 26. 11.
-
-Ja, mein Georg, so siehst Du mich Dein strenges Gebot übertreten. Aber
-Du kannst, nein, Du kannst nicht verlangen, daß ich es halte, daß ich
-weiter in dieser alltäglichen und -- ach mehr noch! -- allnächtlichen
-Sorge und Ungewißheit um Dein Ergehen hinlebe. Ich bitte Dich, gieb mir
-ein Lebenszeichen! Wenn ich an Dich denke, sehe ich Dich in diesem
-entsetzlichen Berlin wie in einem Mahlstrom umgetrieben, es flimmert mir
-vor den Augen, Dich, allem Schönen, Reinen, Edlen so hingegeben und nun
-so zu Boden gedrückt durch das furchtbare Erlebnis, in der Einöde zu
-denken, die der Name Berlin vor meinen Augen entstehen läßt. Georg, die
-Nacht, wo Du mir von Cordelia sprachest, die Tote selbst, ihr Lächeln,
-der schauerliche öde Raum unter dem Dach -- unzählige Bilder, die nicht
-vor meinen Augen weichen, werde ich im ganzen Leben nicht vergessen. Ich
-träume davon, es läßt mir keine Ruhe, auch ist ja niemand da, mit dem
-ich darüber sprechen könnte. Elfriede -- ich versucht' es, aber -- was
-kann sie davon verstehn, die nichts sah, noch mein Empfinden für Dich
-teilen kann; ihr muß es ein fremdes schauerliches Märchen bleiben, und
-von vielem darin hätte ich kaum einmal gewußt, wie es ihr sagen. Ich bin
-manchmal recht allein, Du fehlst mir täglich, ich spreche mit Hesekiel
-von Dir, aber -- der Sprachschatz des Armen ist recht beschränkt, --
-ach, unsre schönen Gespräche! Wird all das jemals wieder kommen? Auch
-Magda ist fort, -- willst Du sie wirklich nicht aufsuchen? Sie würde
-doch sicherlich ein gutes heilsames Wort, ein linderndes Mitschweigen
-für Dich haben. Genug, ich sehe längst Deine Unzufriedenheit, und
-vielleicht -- ich hoffe es ja -- sind all das auch nur Einbildungen von
-mir.
-
-Ich bin fleißig, Elfriede ist heiter und engelhaft wie je, und mein
-Leben könnte das glücklichste von der Welt sein, ohne -- Du weißt, wie
-ichs meine.
-
- In Treue Dein alter
- Benno
-
-Kümmerlich, dachte Georg, sehr kümmerlich ist das! indem er den Bogen
-faltete und in das widerspenstige gelbe Seidenpapierfutter des
-Umschlages pfropfte. Guter Benno, deine Sorge ist ebenso rührend schön
--- für dich, wie herzbeleidigend für mich. Außerdem geht mirs glänzend,
-und alles was du schreibst, ist Unsinn. Du -- -- Überdem wurde die Tür
-hinter Georg aufgerissen, drei und mehr Menschen drängten herein und ihn
-bis zur gegenüberliegenden Tür -- sehr ärgerlich! denn was hatten sie
-auf diesem winzigen Tiergartenbahnhof, wo überhaupt niemand einzusteigen
-pflegte und deshalb auch niemand einzusteigen hatte, obendrein in seinem
-Abteil zu wollen? giftete er sich. -- Eingezwängt stehend, eine Hand am
-Gepäcknetz, ließ er seine Verstimmtheit gegen den Freund weitertosen.
-Wie er mich bloß so falsch verstehen konnte! Als ob nicht mein ganzer
-Jammer eben darin bestanden hätte und bestünde, daß sie -- daß sie tot
-ist, nichts als das, fort mit allem, jenseits, zugedeckt mit diesem
-Lächeln, das mich verfolgt ...
-
-Georg verlor seine Gedanken über dem Anblick der Leute in seiner Nähe,
-die ihn zu nichtswürdiger Beschäftigung mit ihren gebündelten Zügen,
-häßlichen Händen, Hüten und dergleichen zwangen; die Fahrt des langsam
-dahin trabenden Zuges schien in alle Ewigkeit währen zu sollen, er
-geriet am Ende wieder an den Brief. Ich bin sehr allein ... hatte er das
-nicht geschrieben? Und überhaupt die ganze Stelle mit Elfriede klang
-doch sehr merkwürdig und -- ah natürlich! das war der wahre Grund des
-Schreibens! Armer Benno, fängt es nun an? Der erste Argwohn, das
-gescheuerte Gold sei -- am Ende doch Messing? -- Georg wurde, so sehr er
-Benno bemitleiden mußte, warm und wohler ums Herz, er verließ im Bahnhof
-der Friedrichstraße aufatmend den Zug, eilte durch die schon dämmernden,
-nebelgrauen Straßen und saß alsbald in seiner abgelegenen Ecke der
-Seminarbibliothek an seinem Tischplatz, unsichtbar außer für den, der
-ein Buch in der Bücherwand hinter seinem Rücken suchte, eine andre
-Bücherwand vor sich, zur Linken das Fenster. Allein kaum, daß er die
-dritte Seite in Gerlachs Abhandlung über die deutsch-dänischen
-Handelsbeziehungen gelesen hatte, empfand er, daß er gestört war, mußte
-sich anders setzen, das Buch anders legen, erst einen, dann mehrere
-Sätze doppelt lesen und lehnte sich plötzlich aufseufzend im Stuhl
-zurück. Gedankenleer zum Fenster hinausgewandt, sah er drüben die
-kahlschwarzen Kastanien des Wäldchens, flatternd von letzten braunen
-Blattfetzen, die Baracke für Vorträge über Kunst darin, kahl, nüchtern
-und unfreundlich, dahinter die Rückfront der Universität. Ein paar
-Gestalten, frostig anzusehn, wandelten im Garten. Auf der Straße davor
-flammte grünbleich die erste Laterne auf.
-
-Ja, da ist es wieder, das Alte, dachte Georg im Empfinden des Drucks,
-der Beklommenheit, der Angst in der Brust. Nun ist alles wieder drohend
-und ungewiß. Sie schläft, sie lächelt, sie ist drüben. Ich bin allein.
-Wie lang ist es her? Fünf Wochen!
-
-Mein Gott! -- ihm ward heiß -- wie ist es denn möglich? Hin, alles hin,
-ganz und gar wie ein Traum, wie ein Sonntag, alles, alles fort! -- Er
-zwang sich, er sah sie, ihren glänzenden Leib, in der Nachthelle, in
-einem Gartendickicht, auf dem Schwarz des Mantels -- Sterne bewegten
-sich im Laub. Auf dem Bett unterm Fenster, über ihre strömenden Glieder
-hinaus, tauchte sein Auge in die helle Nacht, die dunklere Ferne, die
-Ebene endlos -- und darüber die zahllosen Augen der Sterne. -- Dies
-erlosch, im rötlichen Schein der Kerzen funkelte das rote Glas, das
-schlafende Antlitz lächelte vor sich hin, -- im Schwinden sah er noch
-Montfort, den Hut aus der Stirn gerückt, vor der verschlossenen Türe
-stehn, eine Hand über sich aufgestützt, die Füße gekreuzt, in der
-herabhängenden Linken die kleine Taschenlampe, aus der er von Sekunde zu
-Sekunde den Lichtkegel zu Boden fallen ließ, in dessen Schein er selber
-vor Georg erschien, ein Bild, das sich wie kaum ein andres ihm
-eingebrannt. -- Georg versuchte es wieder, er sah sie unter der Vorhalle
-des Hauses, ihm entgegenschmelzenden Gesichts ... Was sich jetzt regte
-in ihm, war sein Geschlecht, die Entbehrung, er rückte unruhig im Stuhl,
-fühlte sein Sitzfleisch zerdrückt von Beinkleidfalten, -- die alte
-Quälerei war wieder da, der ewige Durst, der sich so wenig überwinden
-noch betrügen ließ wie das Bedürfnis des Leibes nach Feuchte, nach
-Kohle, nach Eiweiß, -- ach armer Benno, das Leben ist so schauerlich
-anders, als du meinst!
-
-Überdem empfand Georg eine fast unlustähnliche Lust, ihm zu schreiben.
-Er trennte nach einigem Widerstreben ein paar Bogen aus seinem Heft,
-setzte an und brachte es plötzlich nicht fertig, die gewohnte Schrift zu
-schreiben, worauf er aus dem Punkt des angesetzten L den kleinen Bogen
-des stenographischen Zeichens dafür zog und langsam zu malen begann.
-
-Lieber Benno: Ich hoffe, Du kannst dies noch lesen. Vergieb schon, aber
-es scheint mir das von Cordelias Brief zurückgeblieben, daß ich -- nun,
-es ist wie ein Grauen vor offener Schrift. So eine Art Hysterie
-vermutlich. Und die weich geschwungenen Zeichen malen sich so angenehm
-aus der Hand.
-
-Habe Dank für Deinen rührend liebevollen Brief. Scheinbar weißt Du,
-Halunke, daß ich es liebe, gerührt zu werden, und wenn nicht alle
-Empfindungen des Vermissens in dieser Beziehung von Dir beschlagnahmt
-wären, so könnte ich wohl Hesekiel vermissen, seine immerrührende Figur
-und rührenden Sprüche.
-
-Was mich angeht aber keinerlei Sorge! Wenn ich mich auch nicht eben
-wohlbefinde, so ist das aus keinem der Gründe der Fall, die Deine
-Einbildungskraft Dir vorspiegelt. Berlin ist freilich der Mahlstrom, als
-den Du es Dir vorstellst, allein -- einerseits war es ja meine volle
-Absicht, mich hineinzustürzen -- ich hoffe, Du hast beim wohlwollenden
-Übertreten meines Schreibverbots das nicht gleich mitvergessen --, und
-andrerseits stehe ich vorläufig noch ganz am Rande und lasse michs
-schwindeln. Im Vertrauen: mir schwant, daß ich trotz aller Absperrung
-vom bisher Gewohnten, trotz scheinbaren Untertauchens durch Pseudonym,
-Inkognito und die vorgebliche Lebensführung eines von hunderttausend
-Studenten, Bureauschreibern, Literaten, Referendaren _et cetera_ --
-gleichwohl nicht in den Strom gelangen werde, aber -- vielleicht ist der
-Schwindel am Rande, wenn dauernd, das fürchterlichere.
-
-Die Stadt ist furchtbar. Ich meine damit nicht Berlin im Gegensatz zu
-andern Großstädten des Erdballs. Ich meine die Großstadt an sich, als
-Lebensform, als Weltteil, als Schicksal; meine den Fluch der Anhäufung
-von Dasein und Geschick. Ah genug, wir werden sehn, übrigens wie singt
-der Poet?
-
- Allein die Städte wollen nur das Ihre
- Und brauchen viele Völker brennend auf,
- Wie hohles Holz zerbrechen sie die Tiere ...
-
-und so weiter, im Stundenbuch nachzulesen. Dennoch giebt es die
-merkwürdigsten Oasen mitten in der Meereswüste, deren Nötigkeit sich
-kaum begreifen läßt, wie etwa jene Schächte in farbige Jahrhunderte und
-Jahrtausende hinunter, die sich Nationalgalerie, Völkermuseum nennen.
-Nein, da bin ich gestern unvermutet an einem der seltsamsten Eilande
-gelandet und will Dir davon erzählen. --
-
-Georg hielt inne. Wozu das eigentlich? dachte er unwirsch. Aber die
-wieder aufgetauchten Bilder des gestrigen Abends, Hardenberg, der stille
-Plauderer, Dachgarten, die kranke Frau, die Bilder -- bewegten sich in
-ihm, wie die Samentierchen zum Eileiter, zur Gestaltung, und er fuhr
-fort:
-
-Im Tiergarten traf ich unlängst auf Hardenberg. Du erinnerst Dich seiner
-vom Leseverein in Prima. Wir sprachen uns an, gingen zusammen, wir kamen
-ins Gespräch, ich machte meinem Ärger Luft über das Gemisch von Stangen
-und Statuen, das in meinen Augen der Tiergarten war, und hörte bald
-herzlich erfreut das wohlbekannte, leicht altenrepensch gefärbte: »Ich
-muß doch sä--gen ...« mit dem er die Absicht einer kleinen Abhandlung
-anzukündigen pflegt, und siehe da -- wie ein Mandelbaum aus den Fingern
-des zaubrischen Chinesen entfaltete sich alsbald ein Sommertiergarten,
-ein grünes Idyll der Behaglichkeit und des Friedens. Und aus dem einen,
-dem Tiergartenpark entfächerte er die Parke der Stadt, wie sie alle
-heißen: Kleistpark, Preußenpark, Schöneberger Stadtpark, Steglitzer,
-Dahlemer, beschrieb die Findigkeit ihrer Anlage in der Ausnützung der
-Bodenverhältnisse, beschrieb ihre Sommerabende nach dem Regen, ihre
-Verschwiegenheit, ihre erfrischten, leuchtenden Wege, die umdampften,
-schweren Gruppen der Bäume, auf dem Hügel den weißen Pavillon, den
-Goldregenbaum, die Fliedersträuche und plötzlich lächelnd am Wege das
-zarte Wunder der lila Akazie, ihre bebenden Trauben haltend wie eine
-Tänzerin mit zierlichsten Fingern, -- das Herz lachte im Hören und
-Sehen! -- Es ward ein ganzes Lob auf Berlin, die Stadt der Blumen und
-Parke, wie er sie nannte. Wahrhaftig hat er recht. Ich selber weiß von
-früher, daß in keiner andern Stadt Europas fast alle, auch die
-steinernsten Riesenstraßen im Sommer Alleen sind, in keiner so viel
-Vorgartenstreifen vor den Häusern liegen, in keiner die Straßenfronten
-so liniiert sind mit den buntfarbigen Zeilen der blumengeschmückten
-Balkons, und daß in kaum einer Blumenläden zu finden sind -- von den
-erlesenen der vornehmen Viertel ganz zu schweigen --, wie man sie hier
-noch in den finstersten Stadtteilen finden kann. Und von dieser >Kultur
-der Blume< kamen wir dann bald auf den Begriff der Kultur im
-allgemeinen, den er schlechtweg als deutsch bezeichnete, da für die
-Begriffe andrer Nationen Zivilisation genüge. Kultur, sagte er, könne
-nicht sein, was man in Frankreich sehe einerseits -- als Blüte einer
-einzigen kleinen Oberschicht, Geschmack, Esprit und Eleganz von Louis
-XIV. bis Louis XVI. --, noch was in England andrerseits als Steigerung
-der gesellschaftlichen Formen. Dergleichen Dinge seien nichts als
-Schöpfungen eines Volkes, wie ein andres vielleicht geistige Genies, ein
-andres Erfindungen, ein andres Strategen hervorbringen könnte. Sondern
-der Begriff der Kultur müsse mitumfassen ein vollkommenes Durchdringen
-des gesamten Volksstoffes, eine Essenz, die an hundert der
-verschiedenartigsten Stellen anzutreffen sei, und die höchste Vollendung
-in Kunstdingen etwa ebenso mit einschließe wie soziale Pflege der
-Ärmsten, Leibl und Ehrlich, George und Bodelschwingh. Kultur nicht
-denkbar ohne Geist, nicht denkbar ohne Liebe. Nicht denkbar ohne
-Gewissen, ohne Verantwortlichkeitsgefühl des Einzelnen für das Ganze.
-Die >Kultur< also des Franzosen ist ein Erzeugnis von Eitelkeit und
-innerhalb dieser von Ruhmsucht und einem ganz körperlich innesitzenden
-Verlangen nach und Gefühl für das Anmutige, Schmückende und -- in diesem
-Betracht -- dann auch Schöne. Kultur jedoch verlangt nicht nach
-Schönheit; aber in ihr begriffen sein wird auch das Schöne, und sie wird
-es wirken, weil sie für jeden Würde des Daseins, für jeden ein Bestes
-verlangt. -- Aber übrigens: in welchem Volk giebts das eigentlich?
-
-Georg stockte mit der Feder vorm nächsten Absatz. Ja, wohin gerate ich
-denn? Nachsehend fand er bereits drei Seiten mit den stenographischen
-Zeichen gefüllt, aber, erregt von der Geistesarbeit und Phantasie,
-dachte er: Nun, um so mehr freut sich Benno, es wird ja auch das einzige
-Mal sein, und nun werd ich mich kurz fassen. -- Er fuhr fort:
-
-Bezaubert wie ich war von der überaus zierlich und leicht wachsenden Art
-seines Plauderns und in meiner angeborenen Höflichkeit konnte ich dann
-nicht widerstehn, als er mich einlud, und bin gestern nachmittag
-hinausgefahren. Beim Abschied erschreckte er mich noch durch zweierlei,
-nämlich erstens seine Adresse: Hasenheide und eine dreistellige
-Hausnummer, die ich nun vergaß (ich sah in der Hasenheide bisher eine
-Einöde und Exerzierplätze wie Tempelhoferfeld, kein Ding mit
-Hausnummern), sodann durch die Mitteilung, er sei verheiratet, seine
-Frau allerdings schwer leidend. -- Nun, Du weißt, daß Hardenberg
-homosexuell ist. -- Sollte die Anlage -- stark war sie wohl nie, dacht
-ich -- geschwunden sein? Dann, muß ich zu meiner Schande gestehn, wurde
-mir einen Augenblick schwül um die Brust, und ich geriet von meinem
-lieben, sanften, allgütigen Hardenberg auf -- Stawrogin! Stawrogin, Du
-erinnerst Dich, in den Dämonen, der vor Entartung aller Gefühle zur
-Erlebnisform einer Heirat mit einer Schwachsinnigen greifen mußte, der
-Marja Timofejewna, -- doch befinden wir uns ja in Norddeutschland,
-Hasenheide usw. Ich fuhr mit der elektrischen Bahn hinaus.
-
-Unsäglich! Unsagbar! Straßen, Straßen, Straßen! Prachtstraßen gegen
-London, Paläste gegen Paris, riesige Offenheit und Breite gegen die
-Steinschluchten Wiens, allein -- das Getümmel, das Hinundwiederströmen,
-der Anblick der tausend und tausend Fenster, Zimmer, Wohnungen,
-Schicksale ohne Ende -- -- es hätte mich umgestürzt vor Schwindel, hätte
-nicht das Staunen noch die Wage gehalten. Wie leben die Menschen hier?
-wie können sie leben? warum leben sie hier und so? Es ist ja sinnlos,
-aber: aus dem heftigen Gefühl, daß mir selber Alles und Alle fremd, in
-Weg und Hantierung, Ziel, Seele, Beschäftigung, Beruf, in allem völlig
-fremd und unbegreiflich waren, mußte mir die Vorstellung entstehn, daß
-von ihnen auch jeder dem Andern, dem Nächsten ebenso fremd und
-unbegreiflich sei, daß es nur zehntausend Wege waren, die sich kreuzten,
-jeder ganz in sich abgeschlossen und vom nächsten, von all den
-durchkreuzenden nicht mehr wissend als nötig war, Zusammenstöße zu
-vermeiden, und so wards um mich ein eisernes Geklirr, Metallstücke,
-leblos, gegen Metall, ohrenbetäubend, herzlähmend.
-
-Die Hasenheide enttäuschte freilich angenehm als eine Riesenstraße alter
-Bäume, fast durchweg eingebettet in Biergärten, ein bei ein, richtige
-Gärten mit schönen, mächtigen Bäumen, jetzt kahl und Durchsicht lassend
-weithin. In Hardenbergs Hause dann schwenkte mich der Lift bis unter das
-Dach, ich wurde in ein geräumiges helles Zimmer -- denke Dir ein
-sogenanntes >Gelehrtenzimmer< -- geführt, dessen breites Fenster und
-Glastür einen jetzt leider kahlen, aber wunderschönen Dachgarten mit
-Pergola und Aussicht über das Dächermeer vermutlich in die Tiefe der
-Gärten boten. Die Stille war fast vollkommen.
-
-Hardenberg erschien und bald auch seine Frau.
-
-Du wirst nun mein Entsetzen mitfühlen können, mit dem ich in der
-aufgehenden Türe erscheinen sah -- das Gespenst. (Ja, Gespenster
-begegnen uns gern und verdoppeln sich gar!) Ich fürchte, ich vergaß vor
-Betäubtheit aufzustehn, -- bis ich denn sah, daß hier das Haar nicht
-fischweiß war wie bei Cordelias Schwester, sondern brandig rot, -- doch
-wars auf die nämliche Weise in die Stirne gekämmt; die Augen darunter
-waren so blaßblau mit viel sichtbarem Weiß -- wie dort --, das Gesicht
-so milchhaft, die Nase schien ebenso spitz ... ich erholte mich wohl am
-Mund, der wundervoll war, groß, tiefrot und von der köstlichen, tief
-geschwungenen Bogenform, worauf ich dann von neuem erschrak, denn der
-bloße Hals -- stark, von vorne gesehen so breit wie das Gesicht -- war
---
-
-Georg stockte mit der Feder. Ein Klumpen ballte sich oben in seiner
-Brust und zwängte sich zur Kehle; er sah gradaus, seine Augen brannten,
-dann zitterte sein Kinn; er schüttelte den Kopf, versuchte zu lächeln,
-sah wieder auf das Papier, mußte plötzlich die Stirn auf die Tischkante
-legen und schluchzte zweimal, dreimal tränenlos. Als er aber bemerkte,
-daß er da um sich selber weinte wie ein Knabe, setzte er sich wieder
-grade, erkannte dabei, daß es dunkel geworden war, ließ die grüne
-Schirmlampe aufleuchten und schrieb weiter: -- Cordelias Hals.
-
-Hardenberg hatte mich schon auf den Anblick vorbereitet, den ich bekam,
-als das arme Wesen jetzt vorwärts ging. Sie hat seit ihrer Kindheit ein
-Leiden (d. h. als Hauptleiden von etlichen andern, an denen sie alle
-paar Monate schwer darnieder liegt), infolgedessen ihr das Gleichgewicht
-fehlt im Stehn und Gehn. So kam sie hastig tastend, bevor er
-aufspringend zu ihr gelangt war, um sie zu geleiten, und ihre Beine und
-Arme schlotterten und zuckten dabei völlig unbeherrscht in den Gelenken.
-Auch ihre Sprache, als sie nun saß und die Hände -- wundersam lang und
-geschmeidig, gesalbt von Schmerzen -- im Schoße still lagen, kam
-stoßweise, rauh, manchmal hart wie gestoßene Steine; ihr Gelächter --
-sie lachte viel und gern -- war ein Gebell. Kostbar war ihr Profil, das
-ich lange sah, dazu der Hals von der Seite, nicht senkrecht aufgesetzt,
-sondern schräge nach vorn, geschwungen ...
-
-Ja, dies. Und als wir dann eine Weile später ins Atelier hinübergingen
-(denn dies Wesen ist Malerin und hat studiert wie eine jede, z. B.
-Aktstudien gemacht, stundenlang stehend mit einer Stuhllehne als
-Stütze), so entfaltete sich aus Mappe um Mappe ein Zaubernebel von
-Farben und weichem Geleucht. Ihre Kunst ist beschränkt, aber in der
-Beschränkung reich und reizvoll. Wasserfarbe, Linoleumschnitt und der
-Buntstift. Aber sie zaubert mit dem Buntstift. Sieh ein Straßenstück --
-zu Dutzenden gabs --, Regendämmrung, Nässe, Abend, in der Tiefe
-abschließend ein graugrünliches Gebäude, rechts ein rotes, eine rote
-Mauer, ein Baum darüber, novemberschwarz gespenstisch, auf der Straße
-Undeutliches, ein Wagen, ein Mensch -- und all das aufgelöst in tausend
-farbige Striche, das mattglitzernde Pflaster in Wirklichkeit so bunt wie
-ein Kolibri, desgleichen der quellende Himmel, und nirgends die Farbe --
-das rote, das graue Haus --, die Du zu sehen meinst, sondern jede zur
-Hälfte bewirkt durch die andre. Oder -- von der Brücke gesehn -- ein
-Stück Isarbach im Englischen Garten in München, milchiges Grün, bewegt,
-bewegt, kristallenes Blau, Schneeufer, Bäume, gesträubt im Nebel, die
-Tiefe Schneedunst, und alles scheint weiß, und alles Weiße kam aus dem
-blauen Stift, und welch ein Duft von Lüften, von Ferne, von Ahnungen!
-
-Du warst nie im Berliner Aquarium, Benno. Denke Dir, daß Du in dunkle
-Korridore trittst mit vielen und großen Rechtecken, starkleuchtenden in
-gelblichem, grünlichem Licht: die Glasscheiben der Wasserbehälter in der
-Wand, hinter denen sich das Leben der Tiefe bewegt, sprachlos, in
-leuchtenden Farben. Fische, durchsichtig aus Perlmutter gemacht, die
-Augen wie leuchtende Kugeln, die sich drehn, die Leiber dünn scheinend
-wie Pappe durch die Brechung des Wassers. Fische, gemacht wie aus weißem
-und gelblichem Sandgekörn, flach wie ausgeschnittene Papiere, die sich
-wellenförmig im weißen Sandboden fortbewegen, wo sie schwinden, wenn sie
-liegen. Fische, feuerfarben, Leiber wie senkrecht flach gedrückte Eier,
-an die seitlich und hinten lange, schlagende, faltige Schleier angesetzt
-sind, und dieselben in Schwarz wie in Trauer. Fische, blaugrau wie aus
-frischgefallenem Samt, Scharen, stille, die eine Handbreit über dem
-Grundsande hinweidend sich bewegen wie die Weidetiere unserer Ebenen ...
-
-Und von diesem zog sie den farbigen Abglanz in kostbar stilisierten
-Umrissen, ins Geschwungene gelöst, in die Faltenregung der Wasser, zog
-sie das Unheimliche der Tiefe, die ewige Sprachlosigkeit, die Dämmerung
-und die unendliche Stille. --
-
-Beim Zurückfahren am Abend nahm ich eine Bahn zum Potsdamer Platz -- das
-abendlich reißend geschwollene schwarze Getümmel nur wahrnehmend wie
-einen donnernden Strom, über den ich hinglitt in der Muschel meines
-Herzens --, von wo ich mich zu Fuß zum Schachte der Untergrundbahn vor
-der Wertheimarkade durchzwängte.
-
-Ja, da ragte es, ernst, mit umdunkelter Stirn, das Heim der
-Wertlosigkeiten, mit dem Aussehn eines ehrfurchtgebietenden Heiligtums.
-O, ihr Deutschen! Da wolltet ihr ein Kaufhaus bauen, eine Gelegenheit,
-wo euch das Kaufen, das Geldvergeuden ein glitzerndes Vergnügen sein
-soll, und anstatt eine lustige Menagerie hinzustellen, errichtet ihr
-eine düstre, alle Eitelkeit des Irdischen verneinende Kathedrale: Ziehe
-deine Schuhe aus ... und nennts den neuen Warenhausstil. Die einzige
-Kirche des zwanzigsten Jahrhunderts ...
-
-Wie ich mich aber dann umdrehte, unter die Pfeiler mich rettend, drüben
-aus der Nachthöhe rings um den Platz die bunten, feurigen Räder
-umliefen, gigantische Schriftbänder vorstießen, Pfeile, Sonnen sich
-ausstrahlten, und am Grunde dieses Nachtgewässers der Strom sich ergoß,
-in den tausendfachen Skandal verdonnernd, eiserne Wagen an Wagen,
-erleuchtet, bis zum Rande voll stehender, sitzender Schicksale ohne
-Häupter, und die Kanäle der Fußgänger, unerschöpflich; wie ichs
-hervorquellen sah aus den tausend sich schwingenden, umwirbelnden Türen,
-und dahinter wimmelnde Treppenhäuser, senkrecht stürzende, senkrecht
-entfliegende Förderkörbe voll von Wimmelndem, und wimmelnde Säle,
-wimmelnde Zimmer bis unters Dach, zehntausend Fußpaare, zehntausend
-Schicksale sich hinabstürzend zum Grunde und im Ebenen hingerissen in
-eisernen Gleisen ihres Lebens, ein wieherndes Toben der Mühseligkeit,
-der Beladenheit, des Genusses, zum Schaudern ameisenhaft ganz und gar --
--- sieh, da wars wieder dasselbe Bild, das ich sah: ein einziger Strom
-des Lebens, der wahrhaften, göttlichen Lebensessenz um den Erdball
-ergossen, aus dem ein jeder schöpfen mag für sein Dasein, wo er steht.
-Und an solchen Stellen wie dieser, wo Hunderttausende trinken wollen --
-wieviel kommen da Tropfen in jeden der schnappenden Fischmunde? Sie
-ersetzen durch Luft, was fehlt an Essenz, durch Betriebsamkeit den
-Lebenstrieb, und das giebt dann -- Sekt --, was Wein sein sollte --, das
-Göttliche versetzt mit Kohlensäure, Schaum für Kristall.
-
-Dann aber, mein Benno, erschienen sie mir dort oben, im Dunkel der
-Berge, am Ursprung des heiligen Quells, die Beiden, die Geächteten so
-oder so, die Ausgeschlossenen von dem, was man >das Leben< nennt: an den
-Händen sich haltend mit Zartheit, die stillen, beredsamen Augen in
-Eintracht hinabgeneigt zum dunklen Kristalle des ewig Reinen, und
-herausholend vom Grund -- wie der Tiefseeforscher im Perlkranz der
-Wassertropfen den farbig leuchtenden Schleier der Infusorien, der
-Zauberformen, der Rätselkristalle, der Rädertierchen und mikroskopischen
-Algen -- so heraufholend diesen zartesten Schleier ihrer Künste, sie
-auszubreiten über Gebrechlichkeit und den unendlichen Schmerz. -- --
-
-Georg schob die Blätter zusammen. Ich schließe ein andermal, dachte er
-matt, jetzt finde ich weder zu mir noch zu ihm den Übergang, und -- ich
-schrieb es ja wohl auch nur für mich.
-
-Die Hände lasch auf den Blättern, vor den Augen noch Tumult und Vision,
-entkräftet im Herzen, lehnte er sich zurück, die Blicke aufwärts
-richtend in das Dunkel, wo die schweigsamen Fronten der Bücher sich in
-Stockwerken reihten.
-
-Und du, Cordelia, dachte er vereinsamt, was tatest du? Fünfunddreißig
-Jahre Nacht, Nacht, Qual, Qual. Endlich die farbige Wonne, der kleine
-Schleier eines Halbjahrs. Und endlich -- die Stille -- der Triumph --
-das Lächeln für immer. Das war ein Leben?
-
-Ist das das Leben? Ist dies der Strom: Leiden? Giebts keine andre
-Essenz, die das Leben verleiht? -- Dann, dachte Georg, den alten
-Angstdruck aufkeimen fühlend in der Brust, dann komme ich wohl langsam
-näher ...
-
-Nahm seine Sachen zusammen, löschte die Lampe und ging.
-
-
- Zweites Kapitel: Dezember
-
-
- Sylvester
-
-Georg, zerdrückt, zersetzt und mißgefärbt, wie er sich aus Berlin
-mitgebracht hatte, wanderte gegen halb zwölf Uhr in der Neujahrsnacht
-vor der Reihe der sechs vom Erdboden aufsteigenden Fenster des langen
-Saales in Trassenberg auf und nieder. Dabei hatte er außerhalb der
-Fenster das schwarze Nichts, die Nacht mit einem oder zwei roten
-Lichtern im unsichtbaren Grunde des Landes; innerhalb den
-langgestreckten Saal, aus dessen drei Wänden, aus den drei Steinkaminen
-der Flammenschein herausschlug. Die Kamindächer hingen steil und düster
-wie gewaltige Brauen über den Feueraugen, deren Flackerblick die beiden
-mannsdicken, in der Höhe verästeten Holzpfeiler im Schatten ließen,
-welche, ein paar Schritt weit voneinander entfernt, die Saaldecke
-trugen. In der Dunkelheit der Wände oben ließ sich von Georgs irrendem
-Blick hier und dort aus den verblichenen und verrußten Wandmalereien
-eine Gestalt ergreifen, steif in Umrißlinien und Falten des zwölften
-Jahrhunderts, ein Schwert, ein verhangenes Roß oder die seltsam
-verschobene Figur einer Frau, hintenübergezogen vom spitzen Kopfputz und
-hangenden Schleier.
-
-Georg blickte auf die Uhr, ohne die Zeit zu sehn, und erwartete seinen
-Vater. Ihn fröstelte; deutlicher empfand er die beiden Toten in der
-Nähe, Cordelias ewig triumphierendes Lächeln und die Gestalt seiner
-Mutter; diese manchmal hinter sich, an einem der Fenster, vereinsamt
-dastehend wie eine Verbannte, -- und dann verspürte er wieder ihren
-Kopfschmerz, als könne der noch immer nicht vergangen sein ...
-
-Diese Mutter ... Er zwang sich, zu vergessen, daß sie nicht die seine
-war, sich zu erinnern, wie es hier früher in dieser Nacht gewesen. Dann
-saßen erst er und sein Vater dort beim Punsch vor dem mittleren Kamin.
-Zehn Minuten vor Mitternacht erschien die Helene, Diener mit
-Windlichtern, die ein paar Fenster und die Glastür zum kleinen Altan
-öffneten -- dem Einzug des neuen Jahrs. Sie sagte ein paar heitere
-Worte. Dann gingen sie zusammen zur Altantür und standen dort im kalten
-Atem der Winternacht und erwarteten den Glockenschlag. Er kam,
-feierlicher als jeder Stundenschlag im ganzen Jahr. Dann wurde in der
-Tiefe, vor der Kirche im Dorf der Holzstoß entzündet; sie sahen von hoch
-oben den roten Flammenschein, Gestalten, Portal und weiße Wand des
-Kirchturms im Schein, und im Kreis um das Feuer die Bläser mit ihren
-Messinginstrumenten. Nun läuteten die Glocken, der Choral stieg
-vernehmlich zu ihnen empor: Bis hierher hat mich Gott gebracht ... Beim
-zweiten Vers traten sie in den Saal zurück und ...
-
-Jahrein -- jahraus -- zehn, elf Male hatte er das erlebt. Immer eine
-feierlich leichte, schöne Stunde ... Mein Gott, ist es anders geworden!
-Sie ist nicht mehr dabei, und ich selber bin --, nein, ich soll ...
-soll? Hier ein Fremder sein, ein Eindringling ...
-
-Ratlos auf den nächsten Pfeiler zutretend, wie im Verlangen nach einer
-Stütze, fühlte Georg unter der tastenden Hand die Hunderte der Kerben,
-die den Stamm bedeckten. Hier hatten sie sich eingeschnitten, die einmal
-die Seinen waren, bei jedem Bankett, jeder Jagdtafel, sie und ihre
-Gäste, burggeseßne, erb- und schloßgeseßne Herren, später Grafen,
-Markgrafen, Herzöge ... Auf einem der Böden mußten noch mehr solche
-Stämme liegen, nachdem die ersten vollgeschrieben waren bis obenhin, --
-es war wohl mehr als ein Arm gebrochen, wenn sie Stühle auf Tische
-setzten in ihrer Berauschtheit, um höher hinaufzulangen, und an einem
-Pfeiler oben stand: Heint hab ich, Hugo Remmele, den -- soundso -- fast
-zu Tode gestochen, sintmal ich b'soffen von oben stürzte mit dem Säufang
-... Oder so ähnlich ... Als Junge, sann Georg, konnte ich stundenlang um
-die Stämme rutschen, um die Namen zu entziffern, die Wahlsprüche und das
-Lateinische. Drei Kreuze, dacht ich, bedeuteten Tote ... Merkwürdig viel
-Kreuze ...
-
-Georg sah aus Knabenkleinheit, in die er sich versetzt, geisterhaft
-umher. Die drei Kyklopenaugen glotzten, die Flammen züngelten in
-Buchenkloben, es war still ... Nein! nein! er nicht dazu gehören? Nein,
-davon empfand nie und nimmer etwas sein Herz! Nur unsäglich traurig war
-alles geworden. Traurig? Warum nur, warum? Nun hatte die Zeit auch
-Cordelias Lächeln fast getilgt, dies allzutriumphierende Lächeln ...
-
-Georg, längst wieder am Fenster stehend, die erst kalte Scheibe warm
-geworden an seiner Stirn, hörte ein Geräusch und wandte sich. Ein Flügel
-der Tür zur Linken in der langen Wand war aufgeschlagen, und daneben
-stand im Schein des Armleuchters, den er selber hochhielt, Egloffstein,
-schwarz in Frack und Kniehosen, das faltige Gesicht unterm weißen Haar
-schief geneigt wie immer. Die Schritte und die Stöcke des Herzogs wurden
-hörbar, er kam zum Vorschein, im Frack, -- ja, das war nun auch anders,
-denn er ging, er ging ganz gut, schon ziemlich grade, machte richtige
-Schritte, -- erstaunlich, was sein Wille in ein paar Monaten zustande
-gebracht hatte! -- Georg ging ihm entgegen, nur mit einem ernsten,
-schnellen Blick von ihm ins Auge gefaßt. Hinter ihm Leopold und Egbert
-in ihren blauen Livreen trugen, der eine das Brett mit dem Bowlengefäß
-und Gläsern, der andre eine kleine Truhe, und setzten beides auf den
-alten Holztisch vor dem Mittelkamin. Georg hörte Egloffstein seinen
-Vater etwas fragen und »Halb eins« aus der Antwort, während er Egbert
-zusah, der den Fuß eines Baumstamms zum Feuer trug und hineinlegte; die
-Flammen duckten sich, leckten mit körperlosen Zungen daran empor,
-unterhalb knisterten dunkelrote Funken in der schneller anglimmenden
-Rinde. Georg gingen die Augen über im Hinsehn, bis ein leises Klirren
-ihn veranlaßte, sich umzudrehn. Sein Vater, jetzt allein, stellte eben
-den Löffel in die Bowle zurück, reichte dann Georg sein Glas. »Ach, du
-trinkst ja wohl nicht ...« sagte er, sich erinnernd, und lächelte. Georg
-antwortete mit einem Lächeln und setzte sich am andern Ende des Tisches
-den Fenstern gegenüber. In dem Glase dampfte der goldenbraune Punsch,
-Schwaden zogen sich um die Flammen des Leuchters. Ja -- dies war wie
-immer ... Auch dies, wie sein Vater das Glas gegen die Lichter hob, dann
-kostete. Auch Georg nahm einen Schluck; die flüssige Glut verschlug ihm
-den Atem, er mußte hüsteln.
-
-Und dann folgte er mit den Augen den langsamen Bewegungen seines Vaters,
-mit denen er seine Zigarrentasche hervorholte, eine herausnahm, nachdem
-er mehrere hinter den Klappen gelüpft und gedreht, sie auf den Tisch
-legte, die Tasche schloß, dann wieder aufklappte und Georg mit einem
-Lächeln hinhielt. »Dir zu Gefallen«, sagte Georg, eine nehmend, biß wie
-sein Vater die Spitze ab, aber das mißlang natürlich, er mußte das
-Deckblatt festlecken und vergaß darüber, seinem Vater den Leuchter zu
-reichen. Plötzlich sah er ihn aufrecht dasitzen, eine Hand auf der
-Tischplatte, die Zigarre im Munde, den Leuchter erwartend ...
-
-Er hatte sich aber noch kaum nach den ersten Zügen zurückgelehnt, als
-die kleine, stets Minuten vorgehende Uhr auf dem Kaminsims zum Schlag
-aushob. Sie nickten sich zu, der Herzog hob seine Stöcke, sie gingen zur
-Glastür, Georg öffnete, eisig schlug die Nachtluft über sie hinweg. Da
--- in der Tiefe rechts brannte schon der Holzstoß, Schatten bewegten
-sich umher, die Bläser stellten sich im Kreis, Messing blitzte, die
-Dörfler drängten sich herum, beleuchtete Gesichter waren zu sehn. Dann
-klang der erste Glockenschlag, die Mitternacht schwebte vernehmlich in
-klaren Tönen herauf, der Choral setzte ein. Georg spürte auf seiner
-Schulter eine schwere Last, die Hand seines Vaters.
-
-Zudritt mit der Unsichtbaren standen sie in der nächtigen Höhe. Georgs
-Herz schlug schwer, -- er sah das Vorjahr, die Vorjahre ... sah sie und
-ihn und sich selber wieder in den Saal zurückgekehrt ... Doktor Birnbaum
-war schon da mit seiner großen Truhe auf einem Stuhl und Fräulein von
-Rabenau mit ihrem Arm voll weißer Narzissen. Die Saaltüren standen weit
-offen. Sie waren lustig. Draußen war der Rücken des Kantors sichtbar,
-taktschlagend mit beiden Armen, und der Kinderchor klang. Dann kamen sie
-herein, der Kantor, die Kinder, dahinter das ganze Gesinde, von
-Egloffstein geführt, bis hinunter zum letzten Stallknecht und
-Hütejungen, Knechte, Mägde und die Dienerschaft. Zogen vorbei, und jeder
-bekam dreierlei: vom Herzog einen goldenen Händedruck aus der Truhe, von
-Georg einen einfachen, von Helene eine Narzisse. Und hundert Stimmen,
-tief und hoch, heiser und hell -- der Neujahrswunsch. Seit er stehen
-konnte, im weißen Kleidchen, hatte er seine kleine Hand hinhalten
-müssen, seinen Diener gemacht und in die großen fremden Züge über ihm
-gesehn ... Die Mägde machten heilige Gesichter, wenn sie ihre Narzisse
-hatten, trugen sie hinaus wie ein Altarlicht, und manche weinten trotz
-strengen Verbots. Und Mama ... Manchmal war sie am Umsinken vor
-Schmerzen. Dann stand sie, die Augen fielen ihr zu, die Finger der
-Linken preßten die Schläfenader, nahm eine Blume nach der andern aus der
-Hand des alten Fräuleins, reichte sie hin und lächelte dazu. Jeder bekam
-seine Blume und sein Lächeln. Dann hauchte sie Gutenacht und lief
-hinaus.
-
-Georg brannte der Kopf. War dies nicht schon der dritte Vers des
-Chorals? -- Da wußte er, daß sein Vater sich fürchtete -- wie er selber
--- vor dem Sichumdrehn und dem, was hinter ihnen war ... Aber im
-nächsten Augenblick fühlte er sich von der Hand auf seiner Schulter
-herumgedreht, sein Blick streifte dabei über das angespannte,
-entgeisterte Gesicht seines Vaters. Da war der leere Saal ...
-
-Heiser hörte Georg ihn fragen:
-
-»Und nun, Georg, wie ist es: fühlst du dich -- zu Hause?«
-
-Georg verstand, senkte den Kopf, hob ihn wieder und sagte in den Saal
-hinein: »Es ist nicht wie früher. Es -- -- mir ist glaub ich so wie
-einem, der sich jahrelang herumgetrieben hat und -- als hätte er nun
-kein Recht mehr ... so ungefähr.«
-
-»Armer Junge«, hörte er murmeln. Sein Vater drückte ihn liebevoll an
-sich; er blickte in seine Augen und murmelte, seine Hand suchend,
-schamvoll: »Wenn ich nur dich habe ...« Sein Vater drückte die seine
-kurz und hart, ging dann durch den Saal zum Tisch, öffnete den Deckel
-der Truhe und nahm ein zusammengefaltetes Papier hervor, aus dem an
-seiner Schnur ein großes Wachssiegel herausfiel. -- Georg wußte, was es
-war, und begann im Augenblick heftig zu zittern.
-
-»Dies,« sagte sein Vater, den Bogen langsam aufschlagend und
-hineinsehend, »dies ist der Vertrag.«
-
-Er legte ihn wieder zusammen und in den Kasten zurück, den er schloß.
-
-»Du kannst ihn an dich nehmen und Gebrauch davon machen. Später -- wenn
-du meiner Hülfe bedürfen solltest ...«
-
-Er brach ab, nickte ein paar Male vor sich hin, setzte sich dann.
-
-Georg spürte die hinter ihm hereinströmende Kälte, wandte sich, warf das
-bitter schmeckende Ende seiner Zigarre hinaus und schloß die Tür. Dann
-zündete er sich eine Zigarette an und begann, alles umher vergessend,
-wieder vor den Fenstern auf und ab zu gehn.
-
-Jetzt, während alle Gedanken in ihm, dem Kommenden zustrebend, doch
-angstvoll vor unsichtbaren Widerständen zurückprallten, tastete seine
-angereizte Phantasie nach der Schmerzgestalt der Mutter; die aber entzog
-sich, schwand, und statt ihrer sah er zum ersten Male Cordelia.
-
-Alles sah er. Ein Zimmer. Auf einem ovalen Tisch eine brennende
-Petroleumlampe; davor einen Berg Wäsche; und daneben -- sie, an einem
-glänzenden Kleide nähend, das über ihren Schoß hin lag, und sie trug ein
-niegesehenes, loses, morgenrockartiges Kleid, unordentlich; und vor dem
-Wäscheberg lag ein aufgeschlagenes, vom Zusammenrollen verbogenes Heft,
-aus dem sie lernte, -- ja, er sahs, alles, und nur eins sah er nicht,
-obgleich er sich bemühte: ihr Gesicht, -- nur das Braun vom Haar,
-undeutlich. Aus der Erscheinung aber glühte es ihn an, daß ihm heiß
-wurde und heißer: ihr Leben, ihre Tage und Nächte, der endlose Kampf,
-die brennende Sehnsucht, die Hülflosigkeit am Abend, immer wieder
-Unverzagtheit am Morgen, immer Hoffnung, Hoffnung, Erwartung, heute,
-wieder heute, hundert, tausend Heute der gleichen Mühsal, und immer
-Enttäuschung, immer Entsagung, Verzweiflung, Ratlosigkeit, neue Kraft,
-neuer Wille, und wieder umsonst, und Arbeit, Arbeit, nächtelanger Fleiß,
-die ganze unselige Inbrunst, die rasende Erwartung, das
-Nichtmehrwartenkönnen, das verzweifelte Weinen, der Jammer grenzenlos.
-Er sah ihre zerbrochene Seele, daliegend entstellt wie eine ausgerissene
-Pflanze. Alles einst Strahlende, innerst immer noch mit wütender Glut
-sich Wehrende, in trostlosen Zimmern zerstampft, verschüttet, -- ein
-ewig währender Schmerz in der Brust, wie die Andre ihn im Kopfe trug,
-wandelnd Beide mit feuergefüllten Becken im lebendigen Fleisch ... Und
-wieder sah er sie eintreten in das schöne Tor, in das leuchtende Schloß,
-betäubt von Ehrfurcht, zum Kinde geworden vor unsäglichem Staunen, --
-doch schob sich selbstwillig ein andres Bild dazwischen, das sich nicht
-verdrängen ließ: die erste Nacht, ihre fast unheimliche Scheu, die dann
-jählings umschlug in überschwängliche Wonne, Tränen der Wonne --
-weshalb? Er wußte es nun, verstand nun die Verzweiflung der jahrelang
-verfälschten Lust, die zum ersten Mal doch endlich sie selber sein
-durfte, hinströmend in der Umarmung des Geliebten. -- Der Brief, ihr
-Brief mit ihrem Leben brannte auf seiner Brust, und plötzlich, alles
-Denken fortkrampfend, riß er ihn heraus, ging auf seinen Vater zu, sah
-ihn ihm entgegenblicken und blieb zaudernd stehn.
-
-»Nun, mein Junge, was hast du?« fragte er weich.
-
-»Ich? -- Ich, Vater, ich hatte -- zwei Tote in diesem Jahr. Und -- --
-wenn du dies vielleicht lesen möchtest ...« Er gab ihm die Briefe, den
-kurzen und den lebenslangen, setzte den Leuchter näher herzu, warf sich
-dann selber in den Sessel am Ende des Tisches, legte den Kopf in die
-Hand und schloß die Augen.
-
-Er wollte nicht denken. Er ließ Wortgebilde, Begriffe, Sätze, Bildstücke
-in sich herumlaufen, sinnlos und leer, immer wieder zurückprallend mit
-der inneren Woge von den Briefblättern, die er hin und wieder leise
-knistern hörte, immer wieder hineingezogen, zu dieser Stelle, zu jener,
-an welcher sein Vater jetzt halten mochte ...
-
-Sie war glücklich das Halbjahr, dachte er, und doch hatte sie noch eine
-Hoffnung über das Glück hinaus, mußte noch immer hoffen -- hoffte,
-fruchtbar zu sein -- ein Kind ... War es diese Sehnsucht, die sie
-dermaßen befeuerte, die Nächte so glühend machte, Nächte -- jede wie
-eine Traube, und jede Beere eine Zelle von Rubin, in der sich Götter
-umarmten, daß die ganze Traube erdröhnte ... Ach, nein, ihre Hoffnung
-war leise, blühte auf in den stillsten Stunden des Einsamseins, war ein
-Duft, ein Glück über dem Glück, denn nur _das_ Glück ist ganz süß durch
-und durch, über dem noch ein andres Glück schwebt ...
-
-Georg wartete noch, wartete, wieder leer, ertrug es endlich nicht mehr
-und sah nach seinem Vater. Der saß groß, aufrecht zurückgelehnt. Die
-Blätter lagen auf dem Tisch. Nun kam sein Blick herüber, Georg sah die
-nahstehenden Augen, verschleiert, sehr weich, und der Blick durchschmolz
-seine Brust, so daß er sich plötzlich schämte und die Augen abwandte.
-
-»Sie ist tot?« hörte er fragen.
-
-Georg nickte. »Ich habe sie gesehn«, sagte er dann. »Sie lächelte. Es
-läßt sich nicht sagen. Aber -- sie war ganz drüben -- und wußte --
-alles.«
-
-Es war still.
-
-»So ist es überall das gleiche«, sagte der Herzog langsam. »Abgrund.
-Dich dachte ich nicht so nahe daran. Aber -- du hast es überstanden?«
-
-Georg konnte nur den Kopf neigen, wieder und tiefer beschämt, als werde
-er belohnt für eine Leistung, die ein Andrer ihm abgenommen hatte ...
-Ich habe ja nichts getan! dachte er.
-
-Indem vernahm er wieder die Stimme seines Vaters.
-
-»Siehst du, -- einmal ... du warst noch ganz klein -- standen wir dort,
-zu Zweien, in der Neujahrsnacht. Und da --« Er stockte, räusperte sich,
-hustete und fuhr fort: »Hast du je empfinden können, was sie gelitten
-hat? Später wurde es ja wohl besser, das Dunkel tat wohl, die Gewohnheit
-... Aber dies Dasein! Ihr Geist, ihre vielen Gaben -- so verurteilt!
-Aber -- der Anfang! Sie schloß sich ein des Nachts. Ich konnte nicht zu
-ihr. Da habe ich -- nächtelang -- vor ihrer Tür gelegen und gehorcht.
-Und sie wimmerte, sie -- kannst du dir das -- denken? Ich glaubte, ich
-könnte ihre Zähne aufeinander schlagen hören. Ich hörte sie hin und her
-irren und leise jammern, minutenlang, Worte stammeln, schnell, immer
-schneller, bis es immer lauter wurde und sie aufweinte. Dann wurde es
-wieder leiser, hörte ganz auf. Und dann fing es wieder an. Und endlos.
-Heulen hab ich sie gehört. Sie, diese --, sie ...
-
-»Und dann -- einmal -- standen wir dort. Der Vorbeizug war vorüber, sie
-taumelte auf mich zu, wir waren allein, sie bohrte ihre Stirn gegen mich
-und schrie: Ich kann nicht mehr! -- Dann riß sie sich los und lief auf
-den Altan. Ich weiß nicht, wie ich sie noch einholen konnte, und dann,
--- dann wollten wir Beide hinunter. Ich -- ich war jung, und gelähmt,
-und dazu sie ... Ich wollte auch nicht mehr können. Plötzlich sah sie
-mich an, ihr verzerrtes Gesicht glättete sich sonderbar. Sie sagte:
-Merkwürdig ... nun ist es weg. -- So stand sie lange, lauschte und
-wartete, schüttelte den Kopf und wiederholte: der Schmerz sei weg. Wir
-weinten wohl zusammen und dachten eine Weile, er sei wirklich und für
-immer verschwunden. Ich weiß noch: sie lächelte wieder und meinte, es
-wäre wohl wie beim Zahnarzt: wenn man die Treppe zu ihm hinaufstiege,
-sei der Schmerz fort. Ich hielt sie noch, und dann merkte ich auf
-einmal, daß sie schlief. Ich hab bei ihr gesessen, sie schlief bis zum
-Morgen. Da war der Schmerz wieder da ...«
-
-Georg hatte zugehört, in Siedehitze getaucht vom Kopf zu den Füßen;
-seine Hand war feucht, als er sie von der Stirn löste, doch hörte er nun
-ein Geräusch, wandte sich und sah Egloffstein gedämpft hereinkommen und
-sich dem Herzog zeigen, worauf er wieder verschwand. Sie erhoben sich
-Beide, der Herzog murmelte, es sei Zeit für ihn, -- ob er noch sitzen
-bleiben wolle ... drückte Georg nur heftig die Hand und ging hinaus.
-
-Als Georg dann wieder im Stuhle saß, sah er die Zukunft vor sich stehn,
-unentrinnbar. Er fühlte, daß nichts sich hatte ändern lassen, er hatte
-weiter und weiter gehen müssen auf diesem Weg, nun nur noch wenig
-Schritte, und das Ziel war da. Trotz der Angst aber, die es ihm
-einflößte -- oder war das nicht es? -- schien ihm alles sehr leer, oder
-leicht, oder -- sinnlos. Das Wirkliche, dachte er, ist doch ganz wo
-anders. Dies gehört zum Dasein, jenem, in dem man sich kleidet und ißt,
-arbeitet, einen Beruf hat, Umgang mit Andern, Pflichten. Es ist nicht
-das Leben.
-
-Und da war es ihm, als befände er selber sich weder hier noch dort. Er
-lächelte; saß er nicht in der einsamen Nacht zwischen dem ersten Tag des
-neuen und dem letzten des alten Jahrs? -- Er mußte eine Bewegung mit den
-Händen machen, wie um nach rechts zu tasten und links, das Dasein zu
-fühlen, dort, und hier das Leben. Da war aber nirgend etwas. Nur die
-Luft. Es ward totenstill. Und in der Leere konnte er sein Herz sehn wie
-einen schwarzen Klöppel, der ohne Glocke hing, sinnlos, im Schwarzen der
-Nacht.
-
-
- Drittes Kapitel: Januar
-
-
- Neujahr
-
-Renate, beide Handflächen gegen die plötzlich entflammenden Wangen
-pressend, im Sessel vorgeneigt, rief: »Das möchte ich nun einmal wissen,
-warum du und ich am Neujahrssonntag hier sitzen!«
-
-Saint-Georges, tief im Sessel ihr gegenüber, die Ellbogen in den weichen
-Lehnen, die Hände flach unterm Kinn gefaltet, blinzelte in die losen
-Flammen im Kamin; dann sah sie langsam ein immer freudigeres Lächeln um
-seine Lippen und in den Augen aufquellen, bis es den Mund öffnete und er
-sagte:
-
-»Nun, das ließe sich am Ende noch beantworten. Was meinst du: stünden
-wir Beide in einer Geschichte, so würde die Antwort vermutlich lauten:
-weil es der Autor so will. Übersetze das lateinische Wort, und was kommt
-heraus? der Willen des göttlichen Urhebers.«
-
-Renate, unwirsch über und über, warf sich zurück, strich mit der Rechten
-die dunkelblauen Falten aus ihrem Schoß, blickte unter gesenkten Lidern
-böse zu ihm hin und mußte noch einmal ausbrechen:
-
-»Georges! Ich frage! ich will deutlicher fragen: Warum mußte -- ich muß
-es wissen! -- warum mußte das Weltgeschehen diesen Verlauf nehmen, zu
-dieser Stelle, an der wir nun als diese Menschen in dieser Weise sitzen
-und miteinander reden und schweigen!«
-
-»Eine Frau«, erwiderte Saint-Georges freundlich, »fragt mehr, als zehn
-Männer beantworten können.«
-
-Renate lachte verdrossen. »Ist dir denn nie dieser Gedanke gekommen? und
-wie ungeheuerlich er ist? Daß man hervorging, hervorgehen mußte aus
-dieser riesenhaften Weltgewalt?«
-
-»Du denkst viel«, sagte er leise.
-
-Renate erhob sich, machte sich einen Augenblick an Teekessel, Tassen und
-Dosen auf dem Rolltisch neben ihr zu schaffen, ging dann ins Zimmer
-hinein und, erst langsam, dann rascher auf und ab. Ihre Erregung, ihr
-selber unfaßbar, begreiflich nur so weit, daß sie entstanden sein mußte
-vor Jahren schon und gewachsen war seither und wachsen würde -- machte
-sie schwindlig im Sitzen. Plötzlich sah sie Josef. Seit sie ihn in der
-Stadt wußte, fühlte sie sich umkreist von ihm, wo sie ging und stand,
-und wohin ihr Gesicht gerichtet stand, da stand er.
-
-»Mir wäre besser,« sagte sie bewußtlos vor sich hin, »ich säße in einer
-Dachkammer an der Nähmaschine. Armut, find ich, paßt soviel besser zum
-Leben.«
-
-»Gut, Renate. Gehe hin und tue desgleichen.«
-
-Sie blieb stehn. »Was heißt das, Georges, warum kann ich nicht fort,
-warum kann man nicht heraus?«
-
-»Richtig,« versetzte er, »daß du >man< sagst, nicht: ich. Im übrigen
-könnte man ja den Vetter Josef kommen lassen, um zu erfahren, ob er
-herausgekommen ist.«
-
-Da kam er auch mit Josef! -- »Das wäre eine Antwort?«
-
-»Also einfach,« erklärte er, »Fahnenflucht ist keine Kunst. Jeder
-verbleibe an seinem Platze. Einmal stellt sich doch immer heraus, daß es
-ein Posten war, auf den uns die Zukunft stellte. Wollen die Vögel auch
-schwimmen können?«
-
-»Haus, Garten, gut Essen und schöne Kleider«, sagte sie, »sind freilich
-kein Verdienst.«
-
-Er ließ die Hände fallen und suchte in der Rocktasche. »Sie sind der
-Einzige«, sagte er dann glatt. »Alle Menschen verdienten dergleichen.«
-
-»Und wenn die Vögel nicht schwimmen wollen,« fuhr sie heftig fort, »will
-der Mensch doch fliegen.«
-
-»Und dann?« fragte er bloß. Sie murmelte, den Kopf hängend: »Fortschritt
-...«
-
-»Daran zu glauben, halte ich nun für ganz verfehlt«, meinte er sorglos.
-
-»Und was glaubst du?« Sie stellte sich hinter dem Tisch gegen ihn auf.
-
-»An das Rad«, sagte er aufblickend. Dann, da sie weiter fragte, mit den
-Augen ergriffen von der Festigkeit seines Blicks, fuhr er, leis
-lächelnd, fort: »Das Rad weder des guten Lamas im Kim, noch den Roman
-von Jensen meine ich damit, sondern --«
-
-Renate, mühsam sich zu Ruhigkeit zwingend, glitt wieder in ihren Sessel
-und hörte zu, anfänglich gefesselt von dem Wohlklang seiner Stimme.
-
-»Stelle dir«, fing er an, »ein Rad vor, wie Homer es malte, einen
-Radreifen mit vier Speichen, erzbeschlagen, und ein Rad, wie ein
-Heutiger es malt, eine flimmernde Scheibe von konzentrischen Kreisen;
-darin haben wir den Unterschied. Weiter: lege eine glühende Kohle auf
-die Erde, das ist der Anfang: ein glühender Kern, der Strahlen
-versandte, erst einen, mehr, immer mehr, die sich an unserm Horizont der
-kreisförmig andrängenden Ewigkeit umbiegen und ihren Stoff dort ablagern
-zu -- Geschichte, dem Radband um unsere Zeit. Die Strahlen, immer
-dichter sich drängend, füllen schon den Kreis; nun wird abgespalten. Zum
-Beispiel: Malerei. Sie begann mit dem Bildnis, ging über zum Zimmer, zur
-Kleidung, zum Nackten, zog die Landschaft hinein, ging zur Landschaft
-hinaus, und es begannen die Techniken, Helldunkel, begannen die
-Charaktere, die Italiener, Holländer, kamen Holzschnitt, Radierung,
-Kreide, kamen Impressionismus, Expressionismus, Futurismus. Zehntausend
-Mannigfaltigkeiten und doch von Giotto bis Kokoschka ein einziger
-Glutkern: das Genie, die wahre Kunst, die Techniken und Programme und
-Richtungen nur benutzt, aber nicht von ihnen abhängt. Oder:
-Wissenschaft. Zuerst gab es die sieben freien Künste, die in einer
-einzigen Hand liegen konnten zu Anfang, die anschwollen, daß für jede
-eine besondere Hand notwendig wurde, ein besonderer Kopf, und wieder
-jede allein anschwollen, daß sie gespaltet werden mußten, und wieder
-gespaltet und aber wieder, bis wir heute zum Beispiel unzählbare Fächer
-der Naturwissenschaften, und so viele Spezialärzte haben wie Organe oder
-gar Krankheiten. Und siehst du die Abspaltung hier, so sieh die
-Zusammenfassung auf der andern Seite: Columbus, Luther, Giordano Bruno,
-Spinoza, Kant, Goethe, Bismarck, Darwin, die Bündel von Strahlen zur
-Garbe banden. Und immer die Ablagerung auf dem Kreisring, die Erfahrung,
-die Geschichte. Es wird immer anders, -- das ist der >Fortschritt<.
-Kannst du glauben, daß, wenn es je ein >Schön< gegeben hat, es heute ein
->Schöner< geben könne? Oder ein >gut< oder >wahr< oder >edel<, das heut
-besser wäre, wahrer, edler? Ja, einen Gott, der heute göttlicher wäre
-oder minder göttlich? -- Kannst du glauben, daß du dich an einem
-Zeitpunkt befindest, tausendsiebenhundert Zeitmeilen entfernt von einem
->Anfang<? Kannst du dir vorstellen, daß du dich an einem Rande
-befindest? Muß nicht jedes, all und jedes, was ist, seinen Ursprung in
-der Mitte des Alls haben, in der Mitte sein? Alles, was ist, ist im
-Kern. Pascal -- falls du nach einem Kronzeugen verlangen solltest --
-nannte das Weltall eine Kugel, deren Mittelpunkt überall, deren Umfang
-nirgend sei. -- Wir strahlen ein jeder noch immer aus dem ersten und
-einzigen Kern, haben um uns den Rand, sind selber das Rad.«
-
-Renate, die schlecht und kaum willig zugehört hatte, murmelte vor sich
-hin: »Nichts ist, was dich bewegt, du selbsten bist das Rad, das aus
-sich selber läuft und keine Ruhe hat ...« Das war Bogners Zeichen unter
-seinen Bildern. Und keine Ruhe hat ... und keine Ruhe hat ...
-
-Sie merkte, daß es schon lange still im Raum geworden war. Saint-Georges
-bückte sich, nahm den Blasebalg von der Erde und begann langsam die
-Flammen anzublasen, so lange, daß sie das anhaltende Gleichmaß der
-Lustseufzer kaum noch zu ertragen glaubte und ihm eben Einhalt tun
-wollte, als das Stubenmädchen erschien und meldete: »Frau Tregiorni.«
-
-Als ob sie gesagt hätte: ein Engel! dachte Renate, erlöst aufspringend
-und zur Tür eilend, die sie öffnete. Sie umarmten sich und
-beglückwünschten sich zum Fest, -- aber Ulrika sah keineswegs gut aus,
-blaß, das Haar schien die Stirn zu bedrücken und saß nicht vorteilhaft,
-die Nase trat scharf hervor, die Augen lagen tief. Nachdem sie auch
-Saint-Georges begrüßt, sagte sie, in einen Stuhl gleitend, die Augen
-niedergeschlagen und mit tonloser Stimme, wie sie beides mitunter an
-sich hatte: sie sei eigentlich gekommen, Renate um Vinzent van Goghs
-Briefe aus Josefs Besitz zu bitten, um -- Renate verstand den Grund
-nicht, indem sie schon zur Tür ging, um das Buch zu holen, woran wieder
-Georges sie hindern wollte. Dann bemerkte Ulrika gleichgültig, sie könne
-ja mitkommen, sie sei ohnehin lange nicht oben gewesen, und er merkte
-wie auch Renate, daß Ulrika mit ihr allein sein wollte, worauf sie sich
-bei ihm entschuldigten und gingen.
-
-Aber es war kalt im Zimmer oben, die Heizung nicht angestellt. Renate
-tats, suchte dann das Buch im Halblicht des violetten Lampenumhangs und
-trug es zum Tisch. Ulrika schien verschwunden in der dunklen Nische des
-großen Fensters, sie wechselten ein paar Worte wegen der Kälte, -- dann
-setzte sich Renate doch, da die Freundin bleiben zu wollen schien. Das
-weiße Buch leuchtete still auf der leeren grünen Tischdecke. Und wieder
-erschien Josefs Gestalt, die Straße heraufkommend, auf eine Laterne zu
-... Renate fröstelte und wünschte sich einen Schal. Ob sie das Buch
-kenne, fragte sie Ulrika. Die schien zu verneinen in ihrem Dunkel und zu
-fragen, wie es sei, worauf Renate allerlei hinsprach, daß es fast
-langweilig zu lesen, nur vom Malen die Rede sei, von Bildern, an denen
-er male, oder die er malen möchte, oder gemalt habe, und daß man doch
-nicht loskommen könne vom Anfang bis zum Ende ... Ulrika war derweil
-herangekommen, stand, den linken Arm hinterm Rücken gefaßt mit der
-andern Hand, nieder blickend auf das Buch.
-
-Was mag ihr sein? fragte sich Renate. Da war die Freundin wieder die
-Fremde, die Umschlossene, die alles verschwieg. Wollte sie sprechen?
-
-»Glut und Eifer«, sagte Ulrika ohne Ton, »ersetzen ja manches. Und wenn
-eine Lebendigkeit tief und gewaltig erscheint, so glaubt man wohl, an
-die ganze offene Welt angeschlossen zu sein, alle Stimmen zu hören,
-alles Weben zu sehn, denn man sieht --« Sie hob den Blick schweifend
-über Renate weg, die bei sich dachte: Nun ist sie ja schon dort, wohin
-sie wohl kommen wollte ...
-
-Immer noch gesenkter Lider glitt sie nun in den Sessel, der hinter ihr
-stand, legte ein Knie über das andre, zog den Kleidrock nach unten und
-faltete die Hände darüber.
-
-»Hast du«, fragte sie aufblickend an Renate vorüber, »dich je gefragt,
-wie man im Traume sieht? Man sieht durch die schlafgeschlossenen Lider,
-deshalb ist immer alles so -- unklar, wie durch Wasser gesehn. So wars
-all die Monate mit mir, und nun --« Sie schwieg.
-
-»Ist es anders geworden?« wagte Renate leise zu fragen.
-
-»Eifer und Glut, Wollen und Glauben,« sagte Ulrika wie zu sich selber,
-»die genügen ja nicht.«
-
-»Weil sonst jeder etwas Großes werden könnte, meinst du, der es sich nur
-ernstlich vornähme, und eben das nur diejenigen können, die auch -- die
-Gabe haben?«
-
-»Auch nicht die Gabe«, versetzte Ulrika ernst. »Auch die läßt sich
-haben, so mancher hat sie; aber deshalb hat er noch nicht -- -- das
-Leben«, schloß sie unsicher.
-
-Renate mußte das Wort Liebe denken und sagte es leise, doch nun fielen
-Ulrikas Hände auseinander. »Auch nicht,« sagte sie emporblickend, »nein.
-Das genügt alles nicht. So jedenfalls nicht, wie man das Wort versteht.
-Was tut er denn, dieser Maler,« lächelte sie flüchtig auf, »glaubst du
-vielleicht, er liebt die Kunst, so wie wir, du, ich sie lieben?« Sie
-sprach eilig weiter. »Nein, was tut er, was tat dieser van Gogh? Sie
-atmen Kunst ein, und sie atmen sie aus. Sie leben -- weiter nichts. Ihr
-Leben ist Kunst, sie haben das Leben. Sie denken ja nicht nach, oder
-wenn sie nachdenken, ists doch wieder etwas für sich, ist kein Malen,
-kein Leben. Ach, all das ist so schwer zu denken und zu sagen!« Sie
-stand mutlos auf.
-
-Renate, nun ganz ruhig und sanft, fragte liebevoll hinüber: »Muß mans
-denn denken und sagen?«
-
-Ulrika blickte wieder auf das Buch und gab ihm, das Ende des
-heraushängenden Lesezeichens fassend, eine kleine Drehung. »Man muß
-wohl«, sagte sie schwach lächelnd.
-
-»Sie sind eben die Seltenen, diese«, fuhr sie wieder fort. »Man kann
-ihnen in keiner Weise gleichen. Was tun sie denn nur?« Sie grübelte
-angestrengt nach. »Ich glaube, sie tun nichts, als daß -- ja, daß sie
-sich selber schaffen jeden Tag. Und dadurch schaffen sie Welt. Ja, wie?
-Ihr Schaffen ist -- ist --, die Welt sichtbar zu machen, Sichtbares und
-Unsichtbares erst sichtbar zu machen. Denke dir Kunst fort aus der Welt
--- es ist ja nichts mehr vorhanden. Keiner wüßte, wo er stünde, keiner«
--- sie lächelte hell, zum Zeichen, daß sie Bogner zitierte -- »wüßte,
-wie Baum und Sonne und er selber aussähe, wenn nicht eines Tages einer
-angefangen hätte zu malen. Hier sind doch neue Gesetze, begreifst du?
-Nicht unsre, gar nicht die Naturgesetze, ganz eigne.«
-
-Wie leuchtete nun ihr erhitztes Gesicht! »Ja -- -- du bist ja aber
-glücklich, Ulrika!« sagte Renate ergriffen. Die hellen Augen erloschen
-augenblicks hinter fallenden Lidern.
-
-»Ich sollte es ja sein«, erwiderte sie dann ruhig. Plötzlich trat sie
-zurück in den Raum, blickte funkelnd und heiß und sagte: »Ich war es ja,
-war es ja bis heut! Sie war ja schon Lebenskraft geworden -- meine
-Musik. Kannst du's denn verstehn? Wie soll ichs nur erklären? Das Leben
-haben, sagt' ich, nun -- und was ist das? Allwissend sein, wissend um
-alles Werden, alle Entfaltung, alle Geschichte, die Leiden kranker
-Kinder, die Not geplagter Eltern, die Trübsal der Gebrochenen, das Elend
-der unentrinnbar Verstrickten, und die Wonne des Sommerabends, die Augen
-der Sterne -- dies alles wissen und -- hochheben im Werk, zeigen im
-Werk, sich als dessen Durchgang, dessen Werkstätte fühlen, wo es
-umgeschmolzen, umgewirkt wird zu Ordnung, zu Klarheit, zu Gesetz, aus
-dem es dann alles wieder strömt --: verwandelt, so daß wirs empfinden.
-Nun, und ich -- ich war wohl noch weit davon, aber -- ja, wie sage ich
-es denn nur?«
-
-Verzweifelt umherblickend, trat sie an das nächste Bücherregal, legte
-die gefalteten Hände gegen seine Kante, die Stirne darauf und sagte wie
-herausbetend: »Daß es eben nicht Musik war, was ich spielte! nicht
-Noten, Quinten, Synkopen und Fugen, Sonaten, Konzerte, sondern --
-Menschenwerk, Menschenleben, Weltleben, Weltwerke. Formen allen Seins
-und allen Leidens, Erzeugnisse einer unendlichen Liebeskraft und einer
-unendlichen Daseinsnot, nicht Musik -- nein, Liebe und Leiden, und nicht
-Allegro, nicht Andante, sondern -- Kindheit und Wachstum und
-Älterwerden, Schmerzen eines Knaben, Zweifel eines Mannes, Hoffnung auf
-weiche Hände, Enttäuschung, ach -- und das Aufstehn frühmorgens, die
-Schwermut am Abend -- alles all, was ist, was wir Alle sind.«
-
-»Und nun nicht mehr?« fragte Renate, ganz heiß durchströmt von dem
-Brand.
-
-Ulrika richtete sich auf, und wie sie nun wieder zu ihrem Sitz ging und
-sich hinließ, war sie wieder die Abwesende, die wohl preisgeben wollte
-und es doch nicht vermochte, in sich gefangen. Sie sagte bedrückt:
-
-»Die Worte machen ja alles so anders. Nichts war ja so, wie ich sagte,
-ich lebte ja nur, ich fühlte mich auf die eine Weise, bis er kam, und
-nun auf andre Weise. Aber die erste ist doch nun nicht mehr, also ist es
-auch nicht anders, -- kannst du denn herabsehn auf dein Leben? Man steht
-doch immer darin, man fließt mit, und alles ist unentrinnbar. Ach, wenn
-man nur fühlen könnte! Dann wäre kein Mord eine Untat. Sage das Wort
-nicht -- was ist dann?«
-
-Renate verlor die Worte im Hören, ohne sie begriffen zu haben. Eine
-Weile danach kam sie zu sich, unwissend woher, und erkannte, daß Ulrika
-von einem Bilde sprach -- ja, einem Bilde, an dem Bogner malte, wieder
-malte, nachdem er es schon als Knabe geplant: der Kampf um Troja,
-Achilleus auf dem Wall, wie er um Patroklos schreit so gewaltig, daß die
-ganze Schlacht zurückrollt gegen die Stadt ... »Ja, kann man denn
-Schreien malen?« fragte sie ungewollt.
-
-»Ich sagt' es ja eben,« erwiderte Ulrika, »er selber behauptete, es sei
-unmöglich, ganz sinnlos, und doch muß er an diesem Bild schon bald
-zwanzig Jahre sitzen ...« Wieder vergeßlich, versunken ins Anschaun
-dessen, wovon Ulrika sprach, der hundert Studien, Leiber, verrenkter
-Gliedmaßen, Verwundeter, Sterbender, Arme, Beine, schreiender Münder,
-dann auch eines Eisenbahnunglücks, das Bogner mitgemacht habe, und
-dessen Schmerzensausdrücke bei den Verletzten er später bei den
-Aktstudien aus der Erinnerung noch habe übertragen können, hörte sie
-langsam die etwas klagende Stimme der Freundin wieder deutlich werden:
-
-»Und wie ich dastand in dem öden Raum, der ganz voll war von diesem
-wilden Leben, Rossen und Wagen, Kampf und Verzerrung, immer wieder
-dieselbe Gebärde des Grauens sah, dazwischen Entwürfe zu einem schwarzen
-Sonnenuntergang, in dem der Heros ganz klein stehen sollte, während
-vorne die zurückflutende Schlacht sich bäumt, -- o Gott, all dies
-Stückwerk zu sehn, Rüstungen, Schienen, Fäuste, immer wieder Fäuste mit
-abgebrochenen Schwertstücken, Beine, nackt, verdreht, Rippen, von Armen
-herausgepreßt -- und zwischen all dem er, so unbekümmert, bei aller
-Zweifelei so im Triumph seiner Ganzheit, in der die tausend Stücke
-einmal aufgehen würden, -- da -- ja, da trat ich glaub ich ans Fenster,
-ganz mutlos und hoffte nichts, als daß -- nun was? Aber ich sagte etwas
-wie: >Wenn ich dir helfen könnte ...< Da legte er seine Hände auf meine
-Schultern, zwang mich ihn anzusehn und sagte ganz leicht, ich hülfe ihm
-ja -- nun, noch dies und jenes, was ich nicht mehr weiß, was lag auch an
-den Worten! -- Mir ward leicht, ganz leicht.«
-
-»Und nun?« mußte Renate endlich fragen, da sie vor sich niederblickend
-schwieg.
-
-»Nun siehst du's ja: ich bin hier. Ich kam heim, ich saß bei Mama, dann
-legte sie sich bald, sie kränkelt ja immer mehr, dann kam eine Schwester
-von ihr -- da wurde ich auf einmal unruhig und ging hierher. Unterwegs
---«
-
-Renate horchte auf, da sie Schritte im Treppenhaus hörte; auch Ulrika
-schien sie zu hören, denn sie brach ab, erhob sich, nahm das Buch und
-sagte: »Es ist ja auch nichts weiter zu sagen.« Sie trat auf Renate zu,
-die sich erhob, schloß sie in die Arme und meinte, es würde wohl alles
-wieder anders werden, wer könne wissen ... und dergleichen, während
-schon Saint-Georges den Kopf ins Zimmer steckte und erklärte, dies gehe
-zu weit! Dreiviertel Stunden sitze er allein, am Neujahrsabend!
-
-Wie er doch den rechten Augenblick abgepaßt hat -- für Ulrika, dachte
-Renate, obschon selber ratlos, was das Ganze nun bedeuten sollte. -- Als
-sie einen Augenblick später hinter den Beiden, die miteinander sprachen
-und lachten, die Treppe hinabstieg, empfand sie bekümmert die Linderung,
-die aus Ulrikas Unruhe ihre eigene durchflossen hatte.
-
-Es ist am Ende nur, daß ich zuviel allein bin, dachte sie dann; man
-hängt sich selber zu sehr nach, und -- die Andern sind immer warm und
-wärmen; ist man dann allein, muß man sich doppelt kleiden und einspinnen
-ins eigene Fühlen und Grübeln, aber ... aber ...
-
-Renate wußte nicht weiter. Sie waren unten angelangt.
-
-
- Viertes Kapitel: Februar
-
-
- Wirrnis
-
-Georg saß und schrieb:
-
-Ein junger Mensch kam an einem Oktobertage mit dem Eilzuge von A. auf
-dem Bahnhof Zoologischer Garten in Berlin an, ohne Koffer noch Tasche,
-gut gekleidet, in einem schwarzen Herbstmantel und kleinem grauen Hut,
-stieg die Treppen hinunter und ging wie ein Müßiggänger die
-Joachimsthalerstraße hinunter, aber er suchte sich eine Wohnung. Er bog
-in die Kantstraße ein und ging sie hinunter bis über den Savignyplatz
-hinaus, währenddem er wohl achtmal, von dem Schilde: >Möbliertes
-Zimmer!< angerufen, in einem Hause verschwand, um jedoch ...
-
-Georg strich die letzten zwei Worte unwirsch aus und schrieb statt
-dessen:
-
-... kam aber alsbald, jedesmal ein wenig erschöpfter, wieder heraus, und
-zwar bald auf der linken, bald auf der rechten Seite der breiten Straße.
-Schließlich strandete er vor einem Damenhutladen auf der linken Seite,
-in dessen Fenster das >Möbliertes Zimmer!< wiederum auf einer Papptafel
-zu sehn war. Während er noch zögerte, wurde drinnen im Schaufenster eine
-Milchglasscheibe geöffnet, es kam ein Frauenarm mit einem Hut auf der
-Hand hervor, dann auch ein Gesicht, dunkeläugig, dunkelhaarig, ältlich,
-versorgt und gutherzig. Gleich trat er in den Laden, die Frau zog sich
-gerade wieder nach innen aus dem Fenster zurück, war ziemlich groß und
-sah wirklich sehr freundlich aus, ohne etwa ein besonders freundliches
-Gesicht zu machen. Er sagte: »Hier ist ein Zimmer zu vermieten?« Die
-Frau antwortete in einem ihm unbekannten Dialekt (statt müssen sagte sie
-»missen«), zurückhaltend, es sei aber nur klein, bat ihn dann,
-mitzukommen, und er folgte durch ein großes Zimmer, in dem vor einem
-breiten Fenster zur Rechten zwei junge Mädchen saßen, mit dem Garnieren
-von Hüten beschäftigt. Die Frau stieg drüben ein paar Stufen zu einer
-Tür empor -- sie ging schlürfend in Filzschuhn, schwerfällig; ebenso
-schwerfällig schlich ein alter schwarzer Pudel, der von einem
-verschossenen, grüngelbbraunen Samtsofa sprang, auf den jungen Menschen
-zu und berührte ihn vorsichtig mit der Schnauze -- öffnete sie und ging
-weiter -- der Mensch ihr nach -- in einen schmalen, dämmrigen Gang
-hinein, mit Türen auf der rechten Seite, durch deren Milchglasscheiben
-in der oberen Hälfte spärliches Licht hereinsickerte, und von denen die
-zweite -- die erste war nach dem Briefschlitz darin die Korridortür --
-halb angelehnt in die Küche hineinsehn ließ. Vor der dritten blieb die
-Frau stehn, stieß sie auf und ließ den Mieter ins Zimmer sehn.
-
-Es sei gleich gesagt, daß dies Zimmer gemietet wurde. Es war keine vier
-Meter lang und kaum zwei breit; an der Tür gleich rechts stand ein
-gewöhnlicher, rotbrauner Kleiderschrank, daran stieß das Fußende des
-Bettes, und dahinter stand dasjenige Möbel, dem das Zimmer seinen neuen
-Bewohner verdankte, nämlich ein alter Bücherschrank -- wie sein neuer
-Besitzer ihn nannte -- aus braungelber Birke, unten Kommode, darüber
-Schrank mit sechs Fensterscheiben, von grünem Taft innen verhangen,
-bedeckt mit flachem Giebeldreieck; gutes Biedermeier. Gleich hinter ihm
--- er stand halb davor -- war das Fenster mit sehr breiter Bank, die
-Heizung war drunter. Gegenüber dem Bücherschrank war eine kleine braune
-Tür, die in einen winzigen Verschlag führte; drin stand ein alter,
-hölzerner Waschtisch mit einem blechernen Becken, einer blauen Karaffe
-und einem weißen Seifennapf; ein Bort aus zwei Brettern, die an
-rotbraunen Kordeln hingen, schwebte schief an einem Krampen darüber. Dem
-Bett gegenüber an der andern Wand -- keinen Meter breit war der
-Zwischenraum, den ein kleiner Tisch unter einer lang herunterhängenden,
-bräunlichgelb gemusterten, mehrfach gestopften Decke ausfüllte -- stand
-ein altes, gemeines Sofa, das gleichwohl Vertrauen erweckte. Zwischen
-seinem Kopfende und der Tür zum Verschlage hing ein kleiner, alter
-Spiegel mit ungeschliffnem, in der Mitte geteiltem Glase, ebenfalls aus
-gelber Kirsche und ebenfalls mit einem Giebeldreieck. -- Über dem Bett
-hing eine schmutzigdunkelrote Steppdecke, und auf dem Schrank stand eine
-Lampe aus weißem Glase, in deren Bassin gelb das Petroleum schimmerte.
-Vor dem Fenster waren alte, aber sehr saubere gelbweiße und geraffte
-Gardinen. Dies alles zusammen kostete den jungen Menschen achtundzwanzig
-Mark im Monat, wofür er auch die Heizung, die Lampe und noch eine Tasse
-Kaffee des Morgens nebst einer gestrichenen Schrippe haben sollte.
-
-Georg, der während des Schreibens unablässig Zigaretten geraucht hatte,
-sah auf, murmelte: Es wird zu lang, aber die Beschreibung genügt ja nun,
-und er sah sich um, ob auch nichts vergessen war. Richtig, die Tapete!
--- Indem empfand er, daß er zu tief im Sofa saß, stand auf, faßte den
-Tisch an beiden Schmalseiten und trug ihn vor den Bücherschrank. Es war
-glühendheiß im Zimmer, er tastete nach der Kurbel im Heizkörper, fand
-sie und drehte sie herum. Dann blickte er durch die Gardinen auf den
-Hof, und gerade kam langsamen Schrittes aus dem Portal zur Rechten der
-Briefträger und ging vorüber. Georg fluchte leise: Wieder nicht!
-beruhigte sich, zog sich zurück, nahm eine neue Zigarette aus der
-Schachtel, schob die Blätter auf dem Löschblatt zusammen und schrieb
-weiter:
-
-Der junge Mensch hieß Topf, und so sei er genannt. Diesen Namen hatte er
-der Zimmervermieterin mitgeteilt, und sie zweifelte nicht an ihm; auch
-die Polizei nahm ihn gutgläubig hin. Herr Topf also besuchte an
-Vormittagen die Universität in verschiedenen Hörsälen, und zwar genau
-bis zum siebenzehnten Dezember des Jahres. Längst von einem allgemeinen
-Widerwillen gegen die Nähe vieler -- und so zusammenhangloser --
-menschlicher Gesichter erfüllt, wurde ihm insbesondere die Ausdünstung
-des studentischen Proletariats, welches die Publika besuchte, vermischt
-mit der fast unleidlicheren, aus Schweißgeruch und Parfüm
-zusammengesetzten der weiblichen Studierenden unerträglich, aber erst am
-genannten Tage ward ihm klar, daß er Stunden um Stunden versaß, um nicht
-mehr als Fingerzeige für eigene Wege zu erhalten, daß er besser tue,
-sich auf die Schriften selber, die großen Arsenale zu beschränken, und
-schließlich und vor allem, daß sein Mitschreiben und Ausarbeiten des
-Gehörten zwar Fleiß sei, jedoch nur um der Fleißigkeit willen von ihm
-betrieben wurde, nicht wegen des Stoffes und der Kenntnisse.
-
-Herr Topf -- dies war der einzige, wahre und echte Grund, den wir heute
-aufzudecken in der Lage sind -- begann am Winter, an der Stadt Berlin,
-an sich selber zu kränkeln. Er erhob sich ziemlich spät am Morgen,
-kleidete sich in immer den gleichen, nämlich einzigen Anzug, bloß daß er
-lederne Reiseschuh an die Füße tat, und begab sich nach vorne in das
-große Zimmer, wo bereits an ihrem langen Tisch am breiten Fenster die
-beiden Mädchen saßen, die große, magere, bleiche, blonde, und die
-kleine, dicke, rote, braune, mit bunten Bändern, Zeugen, Hutmodellen aus
-Draht und Gaze, ganzen und fertigen Kapottehüten und andern Dingen
-beschäftigt. Dort sank er in einen tiefen alten Sessel, bekam alsbald
-seine Schrippe, seine Butter und seine große Tasse voll heißen, aber
-dünnen Kaffees vorgesetzt, sah in die Zeitung, gestattete dem alten,
-halbblinden und sehr ruppigen Pudel Valentin, sich an seinen
-Schienbeinen zu scheuern, sprach ein paar Worte mit den Mädchen oder mit
-der Wirtin, Frau Wisch, die mit versorgter Stimme und in magdeburgischem
-Dialekt, wie inzwischen offenbar geworden war, von ihrer Tochter
-erzählte, als welche in Stolberg am Harz mit einem Gärtner verheiratet
-war und ein Kind erwartete. Später saß Herr Topf in seinem Zimmer und
-las in einem Buche, oder er schrieb einen Brief, oder er saß in der
-Sofaecke und rauchte, oder er lag auf dem Sofa und starrte auf die weiße
-Glaslampe auf der Schrankecke, oder wenn er anders herumlag, durch die
-Gardinen, über den Hof gegen die Brandmauer eines Schuppens, oder eines
-Bildhauerateliers ...
-
-Georg sah aufblickend hin, murmelte: Ich weiß es nicht -- und schrieb
-weiter:
-
-... durch die kahlen, meist nassen Wipfel eines Baumes nach dem meist
-bewölkten grauen Himmel. Mittags ging er in ein kleines Restaurant in
-der Nähe zum Essen, legte, zurückgekehrt, sich auf das Sofa und schlief
-eine Stunde oder schlief auch nicht. Meist aber blieb er liegen, bis es
-dunkel wurde und länger, denn mit fortschreitendem Winter wurde es
-früher und früher dunkel, zu schweigen von den Tagen, an denen es gar
-nicht hell wurde. Er empfand in diesen Stunden wenig, außer der Wärme
-der Heizung, aber er dachte viel, und nicht selten dachte er ein
-Gedicht, das er dann beim guten Licht der herabgeholten weißen Lampe
-aufschrieb. Um die Zeit des Dunkelwerdens jedenfalls, heute früher,
-morgen später, zog er Stiefel und Mantel an und ging auf die Straße. Nun
-konnte er verschiedenes unternehmen.
-
-Er konnte sich in den Grunewald hinausbegeben -- von dem er beiläufig
-nie mehr kennen lernte als den Teil vom Bahnhof Grunewald bis zum
-Restaurant Hubertus mit den beiden Seen, dem Jagdschloß und den zählbar
-scheinenden, gleichmäßig kahlstämmigen Kiefern -- und dort konnte sich
-wohl die öde Kahlheit des winterlichen Gehölzes, das vielfältige
-Schweigen und das unsichtbare Auge der Einsamkeit zwischen den tausend
-nackten Stämmen hervor, konnten die grauen Flächen der schlecht
-überfrorenen Seen, der seltsam beklemmende Hauch des dunkelgrauen
-Winterhimmels, und später, im Dunkeln, die Spiegelungen der
-Laternenlichter im Eis und ihr Durchscheinen des schwarzen Zaunes von
-Baumstämmen auf dem gegenüberliegenden Ufer --, all dies konnte sich zu
-einem schauerlichen Schwellen und Tönen in seinem Innern vereinen.
-
-An gewöhnlichen Abenden aber war sein Weg, der Weg des Herrn Studenten
-Topf, fast immer der gleiche, wenigstens anfänglich: die lange, graue
-Zeile der Kantstraße, unter der schwebenden Schnur der fleischroten
-Bogenlampen, zwischen den Wandungen spiegelnder Läden voll feurig
-beleuchteter und funkelnder Gegenstände --
-
-Georg, sich erinnernd, schweifte mit dem Auge die Straße hinab und sah:
-Margarinefässer, Pfirsiche, Melonen in gefächerten Kästen, Tomatenhügel,
-Schaufenster voll stehender Spazierstöcke und Schirme, Buchläden voller
-gelber, roter, grüner, blauer Rücken von ungebundenen Broschüren,
-rotblutige, zerteilte Tierstücke auf Marmorplatten, dazwischen grüne
-Blattpflanzen, Herrenmodenauslagen, Kragen, Hemden, Krawatten, alles
-herrlich beleuchtet, kostbar und erfreulich, aber er schrieb es nicht
-auf --
-
-... hinunter (fuhr er fort) bis zur Gedächtniskirche. Kurz vor ihr
-konnte er zum Zoologischen Garten abschwenken und durch den Tiergarten,
-die Charlottenburger Chaussee, die Linden, die Friedrichstraße hinab zum
-Bahnhof gelangen, im blauweißkarierten Aschinger zu Abend essen und mit
-der Stadtbahn heimfahren. Manchmal gefiel es ihm auch wohl, am
-Zoologischen Garten im Schacht der Untergrundbahn zu verschwinden, einem
-Lächeln, dem Schein einer verschleierten Wange, auch einem ganz
-deutlichen Augenwink nachfolgend, denn die unablässig lauernde Begierde
-seines Geschlechts ließ ihn immer wieder hoffen, dasjenige weibliche
-Geschöpf doch eines Tages zu treffen, dem er sich gesellen könne, --
-doch wagte er es nie, aus Furcht vor Krankheit bei jener Art von
-deutlich winkenden Geschöpfen, aus Scheu vor der Anknüpfung dort, und
-manchmal noch im letzten Augenblick aus Furcht vor der Langeweile, die
-jedes von diesen Wesen bei längerem Zusammensein ihm bereiten würde.
-Vornehmlich ergötzte ihn der Reiz, das Gefühl, nicht völlig ziellos,
-einer schmeichelnden, süßen, ach, immer wieder kostbaren, seltenen,
-verführerischen Sache anzuhangen, die in seiner Nähe ihm gegenüber saß,
-in ihrer nie zu begreifenden weiblichen Sicherheit, ausgesetzt nach
-allen Seiten hin, sich besessen fühlend von Blicken in jeder Bewegung,
-dem Ausstrecken des Fußes, Drehen des Absatzes und Blick danach, dem
-Dehnen des Schleiers mit dem Kinn, Rücken am Hutrand, plötzlichem Öffnen
-der großen Ledertasche, aus dem ein Täschchen von Silbermaschen, ein
-Spiegel, Bleistift, mehrere Trambahnbilletts und endlich ein Brief
-hervorkommt, -- an allem diesem teilzunehmen, immer tastend, hebend mit
-dem Blick an den Augenlidern, drehend an dem zarten Kopf, bis endlich
-die erwünschte Wendung, der erhitzende Blick herüberflog, -- und
-währenddem war er vielleicht angelangt auf der Hochbahnstrecke über den
-Eisenbahngleisen, wo die erleuchtete Wagenreihe wie eine Raupe von
-glänzendem Meteor über dem untern Sternhimmel der weißen, grünen und
-roten Signallichter auf dem schwarzen Tuch des weitausgebreiteten
-Bahnkörpers dahinzog, -- und manchmal fuhr er bis zum Warschauer Tor,
-freilich selten, denn alle holden Geschöpfe hatten die gleiche
-Gewohnheit, schon bei der zweiten oder dritten Haltestelle zu
-entschweben, alte, dicke, geschwätzige Weiber dagegen, denen die
-Korsettstäbe vorn unter der Bluse abstanden, die erfüllten den Wagen mit
-ihrem, beim Lärm des Wagens unverständlichem Gerede und stiegen niemals
-aus, bevor er selber sich rührte. Schön und befriedigend war es dann --
-wenn er bis zum Warschauer Tor fuhr --, die leer gewordenen Wagen bis
-zum letzten durchschauen zu können, wo auf den befreiten, teilnahmlos
-hölzernen Bänken oder roten Ledersofas nur hier und da ein einsamer
-Zeitungsleser hinter seinem papiernen Schild saß oder ein Ladenfräulein
-(welches dann plötzlich seine Handtasche öffnete, um darin zu kramen,
-als sei dies gerade jetzt unumgänglich nötig geworden) ...
-
-Georg dachte: Hier habe ich mich wiederholt, aber diese letzte Wendung
-mußte ich doch noch anbringen.
-
-... Von einer leisen und melancholischen Art Romantik angefeuchtet,
-fühlte er sich in dieser Verlassenheit behaglich, ihren leisesten
-Schauern im Aufziehn und Entschwinden nachlauschend, zumal jenem: Wenn
-es bei aller Menschenfülle im Wagen völlig still ward, im Wagen, der mit
-tastender Vorsicht, immer langsamer, die Höhe des schwarzen Bahngerüstes
-erklomm, bis fast zum Stillstand, wo nur das emsige Tucken des Motors
-hörbar war, unendlich langsam die kleinen Lampen draußen heran- und
-vorüberglitten, indes der Zug vor der abenteuerlichen Kurve wartete oder
-sie mit sorgfältigster Langsamkeit umkroch, und der Blick unterweil fiel
-tief hinunter in die Höfe der Kohlenlager oder Stapelplätze, in denen
-verlassen aussehende Laternen Teile von Schuppen, stille Geschäftswagen,
-Plakate und Wandinschriften beleuchteten, eine Menge Dinge, die zu
-betrachten gerade genug Muße war, wenn auch nicht kenntlich wurde, was
-dem alten, braun und weißen Pferde fehlte, um das ein paar Menschen
-standen, und das den einen Vorderfuß hob und zuckte.
-
-Georg unterbrach sich, da er merken mußte, daß es ganz dunkel im Zimmer
-war; das bleiche Viereck des Papiers leuchtete bläulich weiß; jetzt
-konnte er auch das eben Geschriebene nicht mehr entziffern, holte eilig
-die Lampe und zündete sie an. Vor Aufregung des Weiterschreibens irrte
-er Augenblicke lang zwischen der Absicht, eine Zigarette, Streichhölzer,
-den Aschenbecher, die Feder zu ergreifen und nach der Kurbel der Heizung
-zu fassen, da es wieder kalt geworden war; endlich gelang es ihm, alles,
-was er wollte, der Reihe nach zu tun, er schrieb weiter:
-
-Und wie sonderbar traf m-- (dies m strich Georg durch, suchte
-Augenblicke und schrieb nicht ganz zufrieden, hastig, weiterzukommen --)
-einen dann die schweifende Stille der großen Hinterfronten mit
-Riesenfenstern von geriffeltem Glas, hinter denen in hellen Riesenräumen
-die Schatten von unverständlichen Wesen herankamen oder sich handelnd
-entfernten; oder auch die Fenster waren klar und zeigten mächtige Säle,
-gefüllt mit eilig, aber lautlos sich bewegendem Personal, Packern,
-Schreibern. Und nun die Verschwiegenheit der kleinen Stationen der
-Hochbahn, wo er wartete mit andern Wartenden, die mantelumhüllt in der
-Kälte den Rücken in den Wind hielten, den Kopf schief und die Gesichter
-verkniffen, oder vor Plakatwänden standen, angeschrien, ohne es
-scheinbar zu beachten, von gemalten Grotesken; vielmehr gähnten sie
-häufig und spuckten verächtlich aus. Zu warten auf solch einem Bahnhof,
-mit der schaurigen Aussicht nach links und rechts auf die schnurgerade
-in die Nacht enteilenden, matt glimmenden Geleise, zwischen denen, wie
-im Nichts gehend, aus der Ferne ein Mann im Mantel mit einer unterhalb
-schwingenden Laterne, der sich zuweilen bückt, so langsam heranwandert,
-als hätte er Jahre Zeit; oder mit dem Blick in die Tiefe, wo über die
-traurigen, schwarzen, nassen, spiegelnden Plätze und Nebenstraßen ein
-trüber Omnibus voll stiller, sitzender Menschen hergezottelt kommt und
-mit lauterem Rasseln, an Geleisen ruckend und geschüttelt, unter der
-Überführung schwindet, -- und wie totenstill kann es dann sein! -- Oh,
-und das Auftauchen aus dem unterirdischen Schlund jählings zu mächtig
-strahlenden Lampen, in große Freiheit und Aussicht, zu Spiegelscheiben,
-Litfaßsäulen und der erstaunlichen Majestät einer Theaterfront
-emporgerissen, vor deren umnachtetem Giebeldreieck Bronzewagenlenker
-Panthergespanne sorglos in die Luft hineinzügeln.
-
-Am trostlosesten aber war es in der windigsten der Dezembernächte auf
-einem der kleinen Vorortbahnhöfe, Wilmersdorf, Zehlendorf, Friedenau.
-Dort schien dem Wartenden die Zeit still zu stehn und niemand sich darum
-zu bekümmern, ob sie weiterging, aber auf einmal trat ein Mantelträger
-aus einer Tür an ein Eisengerüst, und dort war oben auf einem weißen
-Schild das Wort >Südring< in großen Lettern starrblickend zu sehn, ward
-aber im selben Augenblick mitten in seiner Bedeutung abgeknickt, und
-statt dessen erschien, groß und bedeutungsvoll, >auf allen Seiten
-Hintergrund<: >Potsdam< in der Nacht. Dort dem endlosen, unaufhörlichen
-Vorüberrollen eines Güterzuges zuzuschauen, Wagen, Wagen und Wagen,
-dunkel alle, flache, kistenartige und solche mit Gerüsten, eine Menge
-voll langer, hinten überstehender Baumstämme, und solche, auf denen
-Möbelwagen mit riesigen Namenszügen standen, und geheimnisvoll
-verschlossene gleich fahrbaren Folterkammern, und andre, aus deren
-Innern das vertraute Stampfen und Klirren eingesperrter Pferde an
-Kindheit und Abende in warmen, dämmrigen Ställen erinnerte -- in den
-Boxen die Hinterbeine, deckenverhangen, treten hin und her vor den
-schlagenden Schweifen --, -- und ganze Städte zogen vorüber in den
-Wageninschriften: Bromberg, Hannover, Kattowitz, Posen, Danzig, Bochum,
-Löhne, Altenbeken, Stettin und Stralsund, und immer noch Wagen und
-Wagen, dahingerissen, unsichtbar von wem, aber zusammengekettet und
-fortgerissen, schon springend, dahin tanzend, und wieder beruhigt,
-verrollend, in einem eisernen Strombett von Getöse, das in jeder Minute
-den Takt wechselte, bis der letzte der dahingeschleppten Sträflinge
-unvorhergesehn plötzlich dem versunkenen Betrachter das dunkle Antlitz
-eines schweigsamen Geistes zuwandte, der ohne rechte Begriffe seines
-Daseins, stumm, nächtig, gehorsam der dunklen Nachtferne rückwärts
-zuschwebte, winkend mit einer grünen Laterne. Und wie er dann in die
-grauen Kissen seines Abteils versank, das ein schönes, behagliches
-Zimmer war, voller Luft von Menschen! Und noch zu genießen war vom
-Bahndamm im Entgleiten die hell erleuchtete Ferne des Bahnkörpers, wo
-lichte Häuserfronten, Balkone und hoch oben beschattete Giebel und
-Dächer in weiter Runde eine rötlich umrauchte Bogenlampe umstanden, und
-darunter arbeitete eine kleine Rangiermaschine sich, als ob sie
-festsäße, unaufhörlich den weißen, durchröteten, fortfliegenden Qualm
-ausstoßend, hin und her.
-
-O Anschaun, o gedankenlose Empfindung, o Vergeßlichkeit! o kleiner
-Wartesaal dritter Klasse, mit dem glühenden Kanonenofen, dem Plakatbilde
-von Freienwalde, das seine Fichtenwälder anpreist, oder von einer
-Hygieneausstellung, oder von einer Gewerbeausstellung; mit der Tafel:
-Nicht auf den Boden spucken! mit dem zärtlichen Liebespaar im Winkel,
-ewig wie Bahnhof und Wartesaal ... Und nun wieder das Getöse, der große
-Wasserfall, das tausendfältig brandende Geräusch der breit aufklaffenden
-Straßen, das gewundene Gewirr, und das Gefunkel, und die Lichter, die
-hunderttausend Schilder, die alle schreien, etwas wollen, die Rufe, die
-Trompetenstöße, das vielstimmige Klingeln, die Geräusche der Sohlen,
-Pferdehufe, schreienden Geleise, Motoren, Achsen, die strahlenden
-Schaufenster wieder, die verheißungsvollen Korsettgeschäfte, das fromm
-aussehende, tiefernste, niemals bewegte Ungetüm des kirchenhaften
-Warenhauses, die Schlachterläden, die Gossenränder, die Blumenfrauen
-hinter Körben und Ständen mit kleinen Spritzen am Mund, die
-Zeitungsrufer, und hinter den Glasscheiben Aschingers der Tresen mit
-Messinghähnen, der Glaskäfig mit Stockwerken voll leckerer Brötchen, mit
-der ganzen, eiligen, schlingenden Gefräßigkeit der Menschen, die im
-Stehen kauen, mit rückwärts gedrehten Augen wie die Hunde, -- und hoch
-über all dem, hoch in der braunen Nacht -- der Tausendfuß, der
-brontosaurische Gigant, der blinde, der am ganzen Leibe unaufhörlich
-zitternd seinen elektrisch geladenen Leib an den Türmen, an den Essen,
-an Schloten, Firsten, Giebeln, Balkonen, Fenstern und Drähten der
-brüllenden, rasenden, taumelnden, kreisenden, winselnden Stadt scheuert
-...
-
-Georg, glühend im Gesicht, obwohl innerlich kalt und verhärtet von
-Anspannung, legte den Federhalter hin, faßte langsam mit der linken das
-Gelenk der rechten Hand und spreizte deren verkrampfte Finger mehrere
-Male, indem er sich mit dem Gesicht auf das Geschriebene neigte. Er
-überlas ein paar Zeilen, da widerstand ihm das Schreiben, er dachte: Das
-ist wieder so ein lyrischer Anlauf! -- Aber es müßte einem doch
-gelingen, erwiderte er sich, in hundert Druckseiten diese ganze Stadt
-nach Eindrücken abzuwandeln ... Er stand auf, ging zum Sofa und streckte
-sich aus, aber die darstellende Tätigkeit hatte sich verkrampft, er
-schrieb in Gedanken liegend weiter:
-
-Begab er sich nun nicht in eines der vierhundert Kinematographentheater,
-für die er eine herzliche und kindliche Zuneigung gefaßt hatte, so
-pflegte er noch einige Nachtstunden ... sich unterbrechend fiel Georg
-ein: Töpfer! und Tante Henriette, aber er setzte den begonnenen Satz
-fort: -- ähnlich zu verbringen wie schon die meisten des Tages, lesend,
-rauchend, oder mit Träumen, Grübeln und Melancholie auf dem Sofa,
-gewöhnlich so lange, bis die angesammelte geistige Atmosphäre ihren
-Niederschlag in irgendeiner Erinnerung an eine Beobachtung; ein Erlebnis
--- wie er es nannte -- des Tages fand, dessen Schilderung nebst daran
-geknüpfter oder daraus erwachsender Betrachtung über gewisse, sich
-wiederholende und trübe Seelenzustände einen melodischen Ausdruck im
-Umfange von vierzehn Verszeilen fand. -- Richtig, es ist erstaunlich,
-dachte Georg, wie genau ausreichend das Maß des Sonetts zur Aufnahme von
-seelischen Entladungen ist. -- Jetzt packte ihn wiederum der
-Schreibezwang, er sprang auf, ergriff eine Zigarette, entzündete sie
-über der Lampe, nahm die Feder auf und schrieb:
-
-So mußte ihm jeder Tag schließlich zum Erlebnis werden; es quälte ihn
-automatisch, blieb einer ohne Gedicht; ein Gedicht war Frucht, war
-greifbar, bleibend, behielt seine Nahrung und würde ihm nach Jahren ...
-Vorwärtshastend bildete Georg den Rest des Satzes aus Strichen und fuhr
-fort: Und was etwa konnte nicht zum Erlebnis werden? Nur halbwach mußte
-man gehn, in sich selber locker schaukelnd, schwingend ständig gewärtig,
-Schwung aufzunehmen. Dann, in die Finsternis der ödesten Gassen des
-Nordens verloren, dann konnte er wohl, von einer Dirne aufgescheucht,
-mit jählings erwachendem, verwandtschaftlichem Grauen vor einem
-Laternenarm erschrecken, Arm, den tief im Verließ der toten Sackgasse
-ein Eingemauerter aus der Wand streckte, verurteilt, dies traurige, ihm
-selber unsichtbare, bleich grüne Licht zu halten, das sich fürchtet,
-allein seit hundert Jahren mit dem Eingemauerten und mit seinem
-Spiegelbild in der Pfütze auf dem Pflaster. Und -- so schloß das Sonett:
-Darunter steht das Weib, das nach dir winkt. -- Andermals: welch
-sonderbares Empfinden, von der Eisenbahnbrücke herab auf dem schwarzen
-Sumpf das Gewimmel von Lichtern zu durchforschen und zu verfolgen,
-Rubingehänge, dazwischen bleiche Türkise, gelbe Lichter wie Totenkerzen
-und runde, grüne, erfrischende, regungslos allesamt: dazwischen aber,
-aus einer schnell geöffneten Türe der Nachtferne, kriechen Ketten und
-funkelnde Bänder und leuchtende Schlangen, und auf einmal ist nahe
-darüber ein schwächlicheres Licht zu gewahren, der Mond, der nichts zu
-sagen weiß, als daß wohl auch dem Oben Beleuchtung gebühre. Zärtlicher,
-wehmutsvoller, verwandter berührte freilich die Begegnung mit jener
-Birke, die im abgestorbnen Garten vorm Haus plötzlich als bleicher
-Nebelstreif erschien, als ob sie zu sich her winkte, und dann, als sei
-es nun so weit, ihr letztes Blatt fallen ließ.
-
-Georg stockte; er sah sich in Zwielicht und Düster unbekannter
-Straßenstollen herumgehn, ohne Ausblick, im undurchdringlichen Nebel; wo
-er die Kirche vermutete, da war nichts, nur Nebelqualm rollte wie --
-also wie aus einem Faß, und Lichter schwammen darin, farbige, blasse,
-opalene, schwer und aufgequollen, hochoben größere Lampen, prahlend,
-dicht unterm festen Verschluß von braunem Rauch, aber dann barst die
-Mauer, er atmete auf, starrte jählings und geblendet in das breite
-Blenden einer Riesenstraße von Läden und leuchtenden Schildern. Überdem
-fiel ihm der umgestürzte Koloß von Zementscherben ein, verklebt mit
-buntem Papier, der ihm den trostlosen Aphorismus zuseufzte: Hier liege
-ich, die Säule eurer Kultur, die Litfaßsäule! -- Und er erinnerte sich
-erbittert, an ihrer einer den seraphischen Namen Jean Pauls in
-halbmeterlangen Lettern gelesen zu haben, aber als er neugierig näher
-trat, so wars die Ankündigung eines Coupletsängers im Apollotheater ...
-
-Die Kultur, dachte Georg, im Stuhl zurückgelehnt, kommt bald ab, und das
-Gefühl, glaube ich, wird auch bald abkommen. Man sieht es ja an der
-Kunst, die kommt schon ab, ihre Züge haben sich bereits erschreckend
-gewandelt wie die von einem, der in den letzten Zügen liegt, bloß
-burlesker. Aus dem Drama ward das Theater und zuletzt der Kientopf, aus
-dem Gedicht das Couplet, aus dem Maler der Futurist, aus der Musik das
-Grammophon. Und wie ist es mit dem Kunstgewerbe? Da soll nun auf einmal
-alles geschmackvoll sein, und was kostet das für Mühe! Der Grieche, wenn
-er etwas machte, das ihm wohlgefiel, siehe da, so wurde es schön; wir
-aber wollen immerzu etwas Schönes machen, und dann gefällts keinem. Wenn
-ich aber gar einen individuellen Türklopfer sehe, so wird mir vor meiner
-Gottähnlichkeit bange. Georg raffte sich auf, tauchte die Feder ein und
-schrieb:
-
-Zuweilen verbrachte Herr Topf die Abende in einem behaglichen Zimmer von
-schwerfälligem Reichtum; auf dem Sofatisch brannte eine verstellbare
-Lampe aus Messing mit grünem Schirm, und daneben saß die Tante von Herrn
-Topf, die er Tante Henriette nannte, und strickte oder häkelte, während
-sie sich von ihrem Neffen ein modernes Buch vorlesen ließ, Strindberg
-oder Sternheim, über den sie sich wütend ärgerte, aber das mochte sie
-gern. Die kleine Eisenbrille mit dicken Gläsern saß ihr vorn auf der
-Nasenspitze, zuweilen blickte sie darüber hinweg in die dunkle
-Zimmerecke, wo ein kleiner weißhaariger Mann in hellgrauen Beinkleidern,
-sehr soigniert, mit einem rosenfarbenen Papageien im Schoß saß oder auch
-am Kanarienvogelbauer herumbusselte und seinen grüngelben Bewohner mit
-dem Taschentuch leise quälte. Oder aber er ging zum Ende seines
-Korridors, klopfte an die Tür und wurde von einem ganz hellen: Herein!
-in das große, kahle Zimmer, dämmrig im Schein der Petroleumlampe auf dem
-Schreibtisch am Fenster, gerufen, wo (unter den riesigen Bildern Kaiser
-Wilhelms und seiner Gemahlin auf der roten Tapete) der Komparativus von
-Herrn Topf saß oder vielmehr eilig aufsprang, ganz klein und zierlich,
-aber mit schönem, dichtem Vollbart um das rötliche Gesicht, hocherfreut
-und lächelnd: Herr Töpfer, Schriftsteller und radikaler Sozialist ...
-Georg schrak auf; eine Tür ging fern, langsam kamen weiche Schritte
-Stufen herauf, schlürften auf dem Gang. War der Briefträger gekommen?
-Nein, die Schritte endeten in der Küche, ein Topf auf dem Herde wurde
-hörbar gerückt. Georg legte die Feder hin und begab sich auf das Sofa.
-
-Wozu schreibe ich das? dachte er mißmutig.
-
-Denn immer und immer wieder, fuhr die Kette von Worten und
-Gedankenbildern in seinem Gehirn hartnäckig fort, kehrte er aus alledem
-zur ewig gleichen trüben Tiefe des eigenen Daseins zurück. Dort suchte
-er am Grunde, aber das Gewesene, das er fand, machte ihn hülflos, er
-hielts und konnte es nicht verstehn, er hatte kein Gedächtnis, keine
-Erinnerung, die Vergangenheit rührte nicht mehr, das Bewußtsein, daß es
-einmal gewesen, Bedeutung, Lebendigkeit, Glanz, Farben gehabt hatte,
-oder daß am Ende er zu schwächlich war, sein Leben nur eine genietete
-Kette von Augenblicken -- deren einzelne unsinnig und monströs in ihrer
-übertriebenen Verzerrung des Stillstandes aussahen wie losgetrennte,
-sekundenkurze Bilder eines Films, und von der im Zusammenhang stets nur
-drei oder vier Glieder sichtbar waren, indem das letzte schon
-wegschmolz, während das neueste kaum erst keimte --, daß da nur ein
-Zusammenhängen war, kein Wachstum, ein Gleiten, kein Aufbau, daß er
-dergestalt, auf einen winzigen Raum von Gegenwart angewiesen und
-zusammengedrückt, sich erhalten sollte, Jahrtausende, ungeheuer und
-drohend, hinter sich, eine nachtfinstre Zukunft, drohend und ungeheuer
-vor sich: das erfüllte ihn mit einer großen Verdrießlichkeit, die, das
-wußte er wohl, kein Leiden war, kein Schmerzerdulden, die zuzeiten aber
-doch zu lebhaften Angstzuständen, ja manchmal in ein Schrankenloses der
-Beklemmung wuchs.
-
-Georg schüttelte den Krampf der sich schreibenden Sätze erbittert von
-sich, setzte sich auf, legte die Ellbogen auf die Knie, starrte in die
-Lampe und dachte, er habe wohl den Teufel zitiert, denn nun stieg die
-Angst wie Spinnen von allen Wänden herunter. Ich habe mich, dachte er
-verkniffen, vor mir selbst ins Papier gerettet, da liegt nun mein
-Abklatsch, nichts als ekelhaftes, absurdes, vor sich hinlallendes: Ich!
-ich! ich! Wozu sitze ich denn hier? Wozu hab ich seit drei Monaten ein
-und denselben Anzug am Leibe und nenne mich Topf? Was habe ich in diesen
-Topf gefüllt? Die schwarze Regentraufe von den Dächern ist
-hineingelaufen, aber von keiner Menschenseele ein Tropfen. Kommt es
-nicht auf die Menschen an? Ich kenne sie nicht. Töpfer kenne ich, der
-ist eine kleine Welt für sich, Frau Wisch, nun ja. Alle andern sind mir
-eklig. Wenn ich sie in der Elektrischen sitzen sehe, zusammengepfercht,
-viertelstundenlang still, vor sich hinblickend jeder in sein eignes,
-verrammeltes Ich aus ihren Bündeln von Gesichtszügen, die so notdürftig
-von da und dort her zusammengerupft und verknotet sind, daß man es kaum
-begreift, so schüttelt mich der Abscheu. Jeder ist jedes Feind. Mein
-Feind ist der Kellner, der nicht im Augenblick fliegt, wenn ich
-eintrete, mein Feind der Schaffner, der geflissentlich meine Hand mit
-dem Groschen übersieht und zu andern Fahrgästen geht, mein Feind der
-Beamte am Postschalter, der sein Geld zählt, sortiert und Päckchen
-häuft, oder Zahlen addiert, anstatt mir meine Fünfpfennigmarke zu geben,
-mein Feind die Verkäuferin, die mich warten läßt, und die fünf oder drei
-Frauen und Männer im Laden, die mich zwingen, Minuten meines Lebens
-wegzuwerfen, die nicht so viel wert sind wie das Einwickelpapier um die
-Butter, -- die ich mir aber um keinen Preis entreißen lasse. Alle hassen
-Alle, was soll daraus werden? Und nur um der Ungeduld willen. Ungeduld
-schreit aus jeder Bewegung, aus den Augen des Chauffeurs, dem ich nicht
-rechtzeitig ausweiche, aus -- aus jedem Auge! Ich aber, nur ich, ich
-hänge überm chaotischen Abgrund einer Seele, meiner Seele, und weiß, daß
-ich einsam bin, und daß Alle es sind wie ich. Das ist meine Angst, das
-ist die Angst, das ist die Angst der Stadt.
-
-Nein, du lügst ja, sagte etwas in ihm. Er horchte hin, legte das Gesicht
-in die Hände und gab es zu. Aber gleichviel, woher die Angst! Sie ist
-da, und Angst ist Angst. Ich fürchte mich vor der Zukunft. Ich
-unternehme Dinge, die -- deren Ablauf mir unbekannt ist, ich klage einen
-Vertrag ein, der mich auf einen Thron bringen soll, und ich weiß nicht,
-was das heißt, was all damit verbunden ist, und wie ich die nötige
-Sicherheit in mir selber erlangen soll, da ich, da ich -- auf diesen
-Thron nicht gehöre. Und über all das hin braust das unendliche
-Hunnengeschwader meiner Gedanken, die ich nur fliegen lassen kann, nicht
-halten.
-
-Georg empfand, daß ihn hungerte; auf die Uhr blickend, fand er, daß es
-kurz vor halb acht war. Er räumte die Blätter flüchtig auf das Bett,
-öffnete dann die Tür des Verschlages und holte nacheinander von der
-Fensterbank eine gläserne Dose mit Butter und einen Teller mit einem
-Stück Holländer Käse, von dem Bort überm Waschtisch einen Viertellaib
-Brot, einen Teller, ein Messer, zwei Eier aus einem Kasten, eine Tüte
-mit Zucker und sein blaues Wasserglas, brachte alles auf dem kleinen
-Tisch unter, schlug die Eier ins Glas, tat Zucker dazu, rührte um und
-trank, dann erst setzte er sich, strich zwei starke Scheiben, belegte
-sie mit Käse, schnitt sie in Würfel und fing an zu essen. Appetitlos
-kauend und schluckend, folgte er Gedanken, die sich rastlos erneuerten.
-
-Ein Übelstand der Zeit ist es vermutlich, daß wir uns Kenntnisse --
-nicht Wissen -- mit so ungeheuerlicher, hexenhafter Geschwindigkeit
-aneignen; und mit dieser, durch Jahrhunderte entwickelten Leichtigkeit,
-Selbstverständlichkeit der Erfahrung kennen wir, was wir nie erfuhren.
-Was wir kaum sahen, dessen erinnern wir uns schon wie an hundertmal
-Erlebtes; mit der gesammelten Erfahrung unsrer Vorfahren geboren, ohne
-sie erworben zu haben, sind wir bloß Erben, -- ja, wir, sage ich da
-recht literarisch, aber wäre ich wirklich allein so? Ich kenne ja
-niemand, aber ich glaube es nicht. Nichts pflegt einmalig zu sein. Wir
-leben zu schnell, wahnwitzig schnell, und da heißt es denn -- er
-lächelte kränklich --: In den Ozean schifft mit tausend Masten der
-Jüngling. Bald auf gerettetem Boot treibt er zum Hafen als Greis.
-
-Aber mir, nein, mir blieb keine andre Wahl, in dieser Zeit nicht. Ich
-war bislang ein Kind, ein Erzeugnis meines Vaters; der überrumpelte
-mich; und ich war ein Kind, ein Erzeugnis meiner Zeit. Ich allein hätte
-mich damals in Altenrepen vielleicht anders entschlossen, wenn ich nicht
--- wie wir eben Alle -- mit den alltäglichen Dingen des Straßenlebens,
-des Lebens überhaupt so verwachsen wäre, daß ich mich ihrer
-Beeinflussung nicht entziehen konnte. Wie sollte ich mich zurechtfinden,
-damals? Zwischen elektrischen Bahnen, am Telephon, zwischen Läden,
-Kellnern, den Gesichtern, Anzügen, Hüten von heute, die doch nicht nur
-außen um mich herum sind, sondern organisch wesenhaft in mir, Formen
-meines Denkens, Empfindens, meines Seins, -- ja zwischen all dem, was
-sollte ich anfangen mit diesem unzeitgemäßen Erlebnis? Es ist
-Kolportage, auf Hintertreppen war ich nicht eingestellt. Vor zwei,
-dreihundert Jahren, da hätte es gepaßt, zwischen Butzenscheiben und alte
-Sprüche an den Hausbalken, verschnörkelte Giebel, seidene Schärpen und
-nächtliche Straßengefechte, Serenaden und Entführungen. Das Schicksal
-drückte mirs in die Hand, -- ich ließ es fallen.
-
-Helene, dachte er. Der Bissen quoll ihm im Munde, er schluckte heftig,
-stand auf, griff hinter sich nach der Karaffe auf dem Waschtisch, setzte
-sie an den Mund, trank einen tiefen Schluck und stellte sie fort. -- Sie
-war mir so fremd, immer so fremd, ich wußte nicht, weshalb, -- von
-welcher Mutter bin ich nun geboren? Vielleicht hat sie vor Jahrhunderten
-schon gelebt.
-
-Gedankenlos und müde aß er die letzten Brocken und dachte: Was nun?
-
-Plötzlich ekelte es ihn vor dem Sofa. Ich will zu Töpfer gehn, sagte er
-sich trübe, vielleicht -- --. Also löschte er die Lampe, trat auf den
-Korridor, hörte aber, als er auf die erleuchtete Milchglasscheibe am
-Flurende zuschritt, Stimmen drinnen, und nun fiel ihm ein, daß er am
-Nachmittag jemand zu Töpfer hatte gehen hören. Nun gleich, dachte er
-nachlässig, ich habe nichts gehört, klopfte an, hörte das helle: Herein!
-und trat ein.
-
-Die Gaslampe am verbogenen Arm unter der Decke strahlte kalte Helle. Ja,
-da sprang der zierliche, kleine Mensch vom Stuhl am Sofatisch auf -- er
-und ein andrer Mensch saßen essend daran --, stellte sich mit
-geschlossenen Füßen hinter seinen Stuhl, die Lehne fassend und sang in
-seinen hellsten Tönen, den Kopf tief zurücklegend: »Ah, der Herr Positiv
-tritt herein! wie überaus angenehm!« und dergleichen mehr, während
-Georg, den Fremden ins Auge fassend, der sich hinter dem Tisch vom Sofa
-erhob, auf ihn zuging. Teller mit Wurst, Butter, Käse, Milchgläser
-standen auf der ungedeckten Platte. Der Fremde blickte Georg aus einem
-zartbräunlich und rosigen Gesicht mit weichem, schwarzem Spitzbart aus
-herzgewinnend liebenswürdigen, großen Augen an und bot Georg die Hand,
-während Herr Töpfer weiter sang, dies sei der Herr Topf, der den
-Berliner Roman schreibe, und das sei der Herr Levite aus Warschau.
-
-Ein Nihilist, dachte Georg, indem er wegen der Störung des Speisens um
-Entschuldigung bat, aber Herr Levite versicherte mit angenehm weicher
-und tiefer Stimme, sie seien schon fertig, setzte eine offene Holzdose
-mit russischen Zigaretten über den Tisch vor Georg und zündete, da Georg
-eine nahm, gleich ein Streichholz an und reichte es ihm. Georg setzte
-sich, ungemein angezogen, und versicherte, mit dem Roman sei es nichts.
-Herr Töpfer, der wieder Platz genommen hatte, wiegte herzlich bedauernd
-den Kopf und meinte, gleich begütigend, er mache ja auch so wunderschöne
-Gedichte ... Hellaufsingend schraubte die Stimme sich empor. Die dunkle
-und weiche fragte sehr ruhig: »Glauben Sie damit der Menschheit zu
-nützen?«
-
-Georg, erschreckt von der geraden Anrede, wehrte hastig ab: »Nein, nein,
-Gott bewahre, ich finde mich selber --, ich bin froh, wenn ich mir
-selber keinen Schaden zufüge!«
-
-»Unser alter Streit«, klagte Herr Töpfer bedauernd und herzlich. »Sollen
-denn nun die armen Dichter wirklich aus dem Staat heraus? Lieben Sie
-nicht Ihren Dostojewski über alles? Und -- da wir guten Deutschen --«
-jubelte er hoch hinaus -- »wenn wir von uns selber reden, stets Goethe
-als Beispiel heranziehn, so sagte Goethe --«
-
-Allein der Pole schlug ihn sanftäugig nieder, während er noch an dem
-Zitat sammelte: »Goe--the sagt alles.«
-
-Bestrickend war diese Stimme und die Aussprache des Deutschen! Die
-Silben kamen einzeln, rein und weich umhüllt, die S- und auch die
-Z-laute summten zart, die Vokale wurden um einen Hauch gedehnt, die
-Konsonanten um einen Hauch gedrängt, -- es klang entzückend, kein
-Deutscher konnte die Sprache so zierlich handhaben wie dieser Pole.
-
-»Ich liebe ihn,« sagte die ruhige, nachdenkliche Stimme nun, »und ich
-verstehe ihn su lesen; für andre ist er -- das Gift. Ich muß sugebben,«
-fuhr er langsam fort, die Augen zu Georg aufschlagend -- während er mit
-der Zigarette im Aschbecher rührte --, so daß Georg das Herz zitterte
-vor Hingezogenheit und liebevoller Umfangenheit von diesen guten Augen
--- »ich muß sugebben, daß die deutschen Dichter etwas voraushaben. Denn
-sie sind niemals reine Dichter. Wie andere als die grosen Vertreter
-Englands un Frankreichs, als Dickens und Flaubert oder Balzac gehen die
-Ihren vor. Jene wollen das Leben darstellen, sie wollen weiter nichts
-als das: Sie lieben -- der Mensch, da steht -- der Mensch, Sie sehen
-ihn, Sie fühlen ihn, er iist so warm, Sie verstehen -- sein Leid, und er
-iist so, Sie heben an ihm, und Sie heben alle Fäden der Wurzeln, er iist
-fest in seinen Zusammenhängen, das ist so grose Kunst. Wenn dies die
-Menschen lesen, so vergessen sie sich, es ist -- Su--ro--gat, aber es
-macht sie nicht froh an ihrem Teil, sie schmähen es, sie schmecken es
-nicht mehr so, sie gehen ihre Treppe nicht gern, ihr graues Haus macht
-sie Angst, ihre Frau ist schlecht un häßlich, der Hauswirt ist sehr
-böse, all dies ist nicht in Dickens, dort ist alles schön, der Schmutz
-ist schön, die Menschen sind schön un böse; sie haben Gewalt, sie
-scheinen anders lebbend, und dies ist, was ich sage: Gift. Ich kenne
-nicht viele deutschen Schrift--stellers, aber ich kenne Goethe, ich
-kenne auch ein wenig Keller und mit dem französischen Namen -- -- er ist
-sehr schwer! -- Jean Paul, und sie sinnd sehr nachdenklich. Sie wollen
-nicht darstellen: der Mensch, sie wollen immer sagen: das Lebben, die
-Welt, der Gott. Ihre Menschen, sie fragen immer: Warum? Sie kümmern sich
-so viel um sich selber und um der Welt ...«
-
-Da er innehielt, nach Worten suchend, sagte Georg: »Ja, gewiß, aber ist
-das nicht noch stärker der Fall bei den Russen? Ich meine --«
-
-Der schöne, rote Mund im schwarzen Bart nahm ihm freundlich lächelnd die
-Rede ab:
-
-»Sie saggen, was ich wollte. Auch der Rus--se, er denkt; er denkt an
-Rusland. Alles ist Rusland, nur ist Rusland, und ist Rusenwesen,
-Rusenleben. Nicht aber der Deutsche! Der Deutsche, er rechfertik sich,
-daß er ist. Er sieht die Welt: Wie kam er herein? Was tut er? Was fängt
-er an mit sich? Und er fragt: bin ich gut? Er hat viel Sennsuch nach
-sich selber, der deutsche Mensch. Immer denkt er auf Besserung. Und er
-muß immer vorher viel denken, ehe etwas kann geschehn. Sehen Sie,« fuhr
-er eifriger und gütiger fort, »ich glaube an der deutsche Land,« -- er
-lächelte, »was nicht heißen soll, ich glaube an der deutsche Staat. Sie
-gennen Ihre Geschichte. Es hat gegebben ein Reich, Römisches Reich
-deutscher Nation, das haben gemacht -- die Kaiser, gemacht hat es: die
-Person. Nunn es gieb wieder ein Deutsches Reich seit viersig Jahr, das
-hat gemacht der Gedanke, es hat selber gemacht: das Land. Fünfhundert
-Jahre der Gedanke hat gedacht: Deutschland, und es mußte kommen Napoleon
-und ihm sagen: Endlich fange an! und so fing es an, ein wenik, und es
-dachte wieder nach, das Land, sechsig Jahr, da gab es ein kleines
-Deutsches Reich. Ich hoffe sehr,« lächelte er erst Georg, dann Herrn
-Töpfer an, »es wird immer denken lang--sam weiter bis in ein deutsches
-Reich europäischer Nation, wenn es dann giebt nich mehr Sar, un Gaiser,
-un Gönig.«
-
-Georg, die Arme untergeschlagen, saß still da, so sehr untertauchend in
-das warme, schmeichelnde, dunkle Wallen dieser Stimme und die
-Lieblichkeit, mit der die Gedanken darin zum Vorschein kamen, daß lange
-Zeit verstrichen war, ehe er die Stille im Zimmer bemerkte. Er wußte
-nichts zu sagen. Ein leises Gefühl -- wie Scham -- bohrte in seiner
-Herzensgrube. Töpfer hatte sich mit heftig um einander gewundenen Beinen
-seitwärts im Stuhl gedreht und hielt, die Stuhllehne unter der Achsel,
-das Gesicht nahe darüber in den Schatten. Georg hörte den Levite wieder
-und sah ihn auf dem Sofa sitzen, das Gesicht tief gesenkt, die Arme
-unter dem Tisch, anmutig lächelnd:
-
-»Mir fällt ein: ein Freund von mir machte dies Gleichnis: Legen Sie hin
-vor einen Engländer, einen Deutschen, einen Russen, einen Franzosen,
-geschrieben das Wort Ich, und er soll dahinterschreiben ein -- wie heißt
-es? -- ein Verb, was werden diese schreiben? Der Engländer, -- er wird
-schreiben, serr einfach: Ich bin. Der Franzose, gleich -- schreibt: Ich
-lie--be! Der Russe, er schreibt, -- er besinnt sich, er schreibt: Ich
-sün--di--ge ... Der Deutsche, -- nun, Sie wissen serr genau, was er
-schreibt, wenn er nicht sagt: Ich werde gehen und denken, was ich werde
-schreiben ...«
-
-Sie lachten sich an und freuten sich miteinander. In das Gelächter
-scholl ein leises Pochen an der Tür, Georg drehte sich im Stuhl und sah
-Frau Wisch mit einem Brief in der Hand, den sie ihm hinstreckte: »Sie
-missen unterschreiben, Herr Topf, -- ein Brief für Sie!«
-
-Georgs Herz schlug wild, er nahm das Papier und einen Tintenstift, den
-sie ihm reichte, unterschrieb auf dem Tisch, bat dann die Herren, ihn zu
-entschuldigen, und ging hinter Frau Wisch her, in sein Zimmer. Lange
-mußte er nach den Streichhölzern tasten, bis er sie auf dem Absatz des
-Bücherschranks fand. Endlich brannte die Lampe, er riß den Brief auf,
-ein Schreiben fiel heraus, er entfaltete den großen Aktenbogen, sah
-schön geschwungene Schriftzüge, Unterschrift -- das Hofmarschallamt, ein
-unleserlicher Name, er klaubte eilfertig Worte heraus:
-
- »... gnädigstes Schreiben ... ehrerbietigst zu beantworten ...
- Kenntnis genommen ... Nachsuchen in den Archiven so lange
- verzögert ... allerdings gefunden ... dürfte aber von einer Art
- scheinen, daß die Verwirklichung sich nicht ohne Bruch der
- Reichsverfassung durchführen ließe ... und infolgedessen rätlich
- sein, daß Euer Durchlaucht sich vielleicht gleich an die hierfür
- zuständige Stelle ...«
-
-Was war das für ein Unsinn? -- War das Hohn? Was hieß das?
-
-Er legte den Bogen zusammen, entfaltete ihn wieder, las, fand keinen
-Rat. Sollte der Vertrag ungültig sein? Aber sein Vater ...! Nun versteh
-ich die Welt nicht mehr, murmelte er und sah sich dastehen wie Meister
-Anton bei Hebbel ...
-
-Nicht ohne Bruch der Reichsverfassung ...? Er dachte an Töpfer. Aber wie
-sage ichs ihm? Sein Herz klopfte heftiger. Sagen wir ihnen, wer wir
-sind, dachte er hochfahrend und ging zur Tür. Er mußte plötzlich die
-Stirn daran lehnen. Er suchte nach Gedanken, dabei fiel ihm ein, daß es
-besser sei, ihm den Vertrag selbst zu zeigen, ging wieder zum
-Bücherschrank, öffnete und fuhr zusammen, da Cordelias Rubinglas ihm
-entgegenfunkelte -- -- drohend. Sich zusammennehmend, griff er in die
-Tiefe hinter dem noch verschlossenen Türflügel, öffnete den Truhendeckel
-und holte den Vertrag heraus, schloß die Tür -- mit dem Gefühl, er
-schlösse eine Tür vor einem Menschen -- das Glas noch dahinter sehend
---, richtete sich auf, ging hinaus und klopfte bei Töpfer.
-
-Drinnen gab er ihm den Vertrag und bat ihn: sich das mal anzusehn. Kalt
-und zitternd setzte er sich, nahm eine Zigarette und steckte sie an.
-Töpfer las stillschweigend, es dauerte endlos. Aber er sah doch einmal
-auf, lächelte hocherfreut zu Georg, dann auch zu dem Levite hin und
-sang:
-
-»Ein sehr interessantes Dokument, das Sie da haben! Ist es echt? Aber
-fabelhaft interessant! Also -- oder muß ich schweigen?«
-
-Da Georg nickte, fuhr er zu dem Polen fort: »Herr Topf, denken Sie,
-giebt mir hier einen Vertrag zwischen dem ehemaligen Herzogtum
-Trassenberg und dem jetzigen Großherzogtum Beuglenburg, aus dem Anfange
-des vorigen Jahrhunderts. Damals wurde Trassenberg wie so viele andre
-kleine Staaten mediatisiert und kam an Beuglenburg. In einem
-Geheimvertrag aber, diesem, den Sie hier sahen, wurde beschlossen, daß
-dies nur für hundert Jahre der Fall sein, daß danach Trassenberg wieder
-selbständig ...«
-
-Er brach ab, während in seinen Zügen das gleiche Lächeln aufbrach wie im
-Gesicht des Polen. Der streckte die Hand mit einer kleinen Verneigung
-gegen Georg, nahm den Vertrag, sagte auch, immer lächelnd und den Kopf
-wiegend: »Sehr interessant!« las da und dort und gab Georg das Papier
-zurück.
-
-»Ich habe gehört,« sagte er, »von diesem Herzog Traßberg. Man nennt ihn:
-der Genosse, es ist ein Scherz, aber er ist ein kluger Mensch, ein guter
-Mensch. Wenn wären alle Fürsten ihm gleich, wir hätten längst -- der
-soziale Staat.«
-
-»Ja, und nun,« sagte Georg ungeduldig, »was meinen Sie eigentlich von so
-einem Vertrag?« Sich verwirrend, da es ihm widerstrebte, noch von seinem
-Vater wie von einem Fremden zu sprechen, fuhr er fort: »Ich meine: gilt
-er heutzutage oder ...?«
-
-Die Beiden lächelten wieder, und Töpfer sang hoch auf:
-
-»Da Sie, verehrter Herr Topf, dies Papier in den Händen haben, so sehen
-Sie ja, was es wert sein mag!« Georg, zornig, als könnte er ihm doch das
-Gegenteil beweisen, nahm das Schreiben des Hofmarschallamtes aus der
-Tasche und gabs hin. Töpfer entfaltete es achtsam, las die Überschrift,
-stutzte, las weiter, blickte auf und fragte mit den Augen. Georg,
-lächelnd wider Willen: »Na ja, also ich bin der da!«
-
-Töpfer sprang auf, schlug die Hände zusammen, merkte aber alsbald die
-Unordnung seiner radikalen Gefühle, ward hochrot und krähte:
-
-»Ja, da sage man nun gar nichts mehr! Herr Levite, der Herr Topf hier
-ist der Prinz Trassenberg!«
-
-Der Pole lächelte hocherfreut, streckte Georg die Hand hin und
-versicherte ihm seine Freude, ihn kennen gelernt zu haben.
-
-»Also Sie haben diesen Vertrag eingeklagt?« verwunderte Herr Töpfer sich
-höchlich. »Aber da wundert es mich doch sehr, daß Ihr Herr Vater Ihnen
-nicht abgeraten hat! Ja, nun sehen Sie mal an! Ein neuer Staat in
-Deutschland -- bedeutet das nicht ein neues Mitglied des Bundesrats? O
-lieber Herr Top-- verzeihen Sie nur! -- Herr -- glauben Sie, daß
-Preußen, daß irgendein anderer Staat einwilligen würde, daß eine
-Gegenstimme in den Bundesrat gerät? Da müßten denn doch schon sehr
-schwerwiegende Gründe, sehr schwerwiegende, das heißt im Sinne der
-Fürstenversammlung schwerwiegende Gründe vorliegen, wenn etwas
-Derartiges ...« Die Stimme überschlug sich und zwang ihn, still zu
-schweigen.
-
-Georg sagte: »So!« Er sprang auf und lief im Zimmer hin und her.
-
-»Ja, nun sagen Sie aber bloß,« sang hinter ihm Herr Töpfer, »warum
-wollen Sie denn nun gerade Herzog werden? Nun, nun, Sie sind ja noch
-jung und denken sich das so.«
-
-Da Georg keine Antwort fand, lange Erklärungen scheute, so begütigte
-Töpfer sich selber, indem er meinte, es gebe ja viele gute Dinge im
-Leben zu verrichten ... Er schien nun doch verlegen, der Levite schwieg
-gänzlich, so raffte denn Georg seine Papiere wieder zusammen und bat,
-leutseliger, als er sein wollte, erbittert auf sich selber, die Herren,
-ihn zu entschuldigen, reichte jedem die Hand und wollte gehn. Der Pole
-aber hielt seine Hand fest, legte auch die linke darauf und sagte, Georg
-ganz einhüllend in die tiefe Wärme und Gutherzigkeit seiner Augen:
-
-»Ich sehe, Sie sind ein Aris--tograt, ich habe gern Aristograten des
-Herzens, aber das will sein sehr gelernt. Gehen Sie su Ihrem Herrn
-Vater, junger Prinz, grüsen Sie ihn, er gennt meinen Namen wohl, er ist
-nicht su stolz bei meinem Gruß, sagen Sie ihm, daß er Sie soll lernen zu
-sein gans Aristograt, so werden Sie gutt lebben, und es wird geben Glück
-und Segen für eine Menge Volk. Leben Sie wohl!« Er drückte ihm innig die
-Hand, und Georg ging. --
-
-Ein breites, dunkelrotes Band schlug qualmend aus dem Lampenzylinder
-nach oben; voll von schwarzem weichem Flockenfall war die Luft, so daß
-Georg mit der Hand danach schlug. Er schraubte die Lampe tiefer und riß
-das Fenster auf, atmete mit Heftigkeit die hereindringende Kälte, aber
-der Rußflockenregen war unerträglich, er löschte die Lampe, ging hinaus,
-nahm den Überzieher, den Hut vom Haken und ging auf die Straße.
-
->... als nicht existent im Eigensinn -- bürgerlicher Konvention -- in
-und aus ...< Was war das? Von Morgenstern. >An die Bezirksbehörde in
-...< Es ging ihm schon lange im Kopf herum. Er glitt im Gehen aus, sah
-den Bürgersteig mit einer pelzigen Schicht von Regenschnee bedeckt, von
-Fußspuren zersetzt. Regentropfen wehten ihm kalt gegen das erhitzte
-Gesicht. Oben schaukelten die Bogenlampen an den Drähten. >Untig
-angefertigte Person -- -- als nicht existent im Eigensinn ...< Georg sah
-den Polen und den Radikalen unter der Gaslampe sitzen, die Rede vom
-Aristokraten klang ihm im Ohr, die weichgesummten S-laute, die reinen
-Vokale und Konsonanten, die langsame Sprechart und wieder das Wort
-Aristokrat, bei dem der Nihilist in seiner fremden Sprache wohl etwas
-ganz anderes empfand als ... >als nicht existent im Eigensinn ...< Georg
-kam nicht los von dem Unsinn ... >bürgerlicher Konvention<, redete es in
-ihm fort. >Untig angefertigte Person, tief bedauernd nebigen Betreff
-...< Er wollte nun die Teile zusammensuchen, aber es gelang ihm nicht,
-immer wieder kam nur: als nicht existent im Eigensinn, Eigensinn,
-Eigensinn! Endlich machte er einen Strich, strengte sich an, den
-Vertrag, die Herren im Zimmer zu sehn, und hörte Töpfer sagen: -- daß
-Ihr Herr Vater Ihnen nicht abgeraten. -- >Untig angefertigte ...< Ein
-Rätsel, ein reines Rätsel. Das Gegenteil hatte sein Vater getan! --
-Georg glitt wieder aus, fand sich vor einer Querstraße, fand sich
-unfähig, hinüberzugehn, fröstelte, drehte sich im Winde und machte
-kehrt. Schwer mit dem Winde kämpfend, ging er zurück.
-
-Der dunkle Korridor lag warm und still; an seinem Ende die Mattscheibe
-in der Tür leuchtete nicht unbehaglich. Die da saßen, waren gute
-Menschen, ihre Herzen waren die weichsten, und sie waren doch Radikale
-und Nihilisten. Ja, weshalb auch nicht? dachte Georg ermattet, indem er
-sein Zimmer betrat. Kalt wars drin, aber in der Gegend der Heizung
-glühte noch immer die Luft. Er schloß das Fenster, machte Licht, fand,
-daß Tisch, Bett, Papier, alles mit Ruß bedeckt war, und streckte sich
-auf dem Sofa aus.
-
-Also es war nichts mit den Sternen ...
-
->Korff erhielt vom Polizeibüro< --, fuhr es hell durch ihn hin. Er gab
-nach und fuhr fort: >-- ein geharnischt Formular -- Wer er sei, und wie,
-und wo.< -- Da riß es wieder ab; er tastete ... >Ob ihm überhaupt
-erlaubt, hier zu wohnen ...<
-
->Wieviel Geld er hat, und was er glaubt.< --
-
-Wieder zu Ende.
-
- >... und
- Drunter stand: Borwosky, Heck.
- Korff erwidert schlicht und rund ...
- ... meldet laut persönlichem Befund
- Untig angefertigte Person
- Als nicht existent im Eigensinn
- Bürgerlicher Konvention ...
-
- ... vor und aus und zeichnet, wennschonhin
- Tief bedauernd nebigen Betreff ...<
-
-Nein, jetzt kam:
-
- >... vor und aus. An die Bezirksbehörde in --.
- Staunend liests der anbetroffne Chef.<
-
-Georg schnaubte ein Lachen durch die Nase, das er nicht empfand. >Als
-nicht exist-- --< na, nun wars schon genug! -- Plötzlich fuhr er hoch
-und rieb sich die Augen. Er war am Einschlafen gewesen. -- Ich verstehe
-Vater nicht, dachte er kopfschüttelnd. Was hat er dabei gedacht? Er hat
-ihn mir doch selber gegeben? -- Ach, gleichviel, gleichviel, es war aus,
-und damit gut, gut, gut!
-
-Georg glaubte zu verkommen an Überdruß über sich selbst. Zum Weinen
-verbittert gedachte er Renates. Erst vernachlässigte ich sie über
-Esther. (Ach, ich glaube, ich hätte Esther heiraten sollen!) Dann
-bildete ich mir ein, ich weiß nicht mehr, weshalb, ich dürfte erst
-wagen, Renate in meine Kreise zu ziehn, wenn alles gesichert sei. Ich
-wollte ihr ja das Herzogtum zu Füßen legen. So gehörte sichs. Ah, dazu
-führten nun meine nationalökonomischen Studien! Keine Ahnung, daß ein
-Vertrag nach hundert Jahren noch einer ist. Ach, ich bin müde und will
-schlafen, dachte er, sich ergebend, knöpfte die Weste auf und trat an
-den Tisch, um den Inhalt seiner Taschen darauf zu legen, Uhr und Kette,
-Feuerzeug, Brieftasche, Schlüsselbund, Taschentuch. Da lagen die Blätter
-über die Zustände von Herrn Topf auf dem Bett. Er nahm sie, stopfte sie
-in die Lade. Da mußte er sich im Zimmer umsehn. Ja, hier lebte er seit
-ein paar Monaten und hatte sich, von allem Tiefsten abgesehn, ganz wohl
-darin befunden. Gegen früher war nichts verändert. Er gähnte, dachte an
-Helenenruh, an grüne Wiesen, an gackernde Hennen. Ach, die ersten
-Ferientage der Kindheit, das fremde Erwachen in Helenenruh, Sonne im
-Zimmer, draußen das ganz sonnige Gackern der Hennen, der krähende Hahn,
-ganz fern die jungen Hähne im Dorf, und dann der erste Blick aus dem
-Fenster, damals, als ich noch im Nordflügel wohnte, auf die Felder
-hinaus, die leise wogten, und mitten drin die Dächer vom Dorf, der
-Kirchturm, und unten vorm Fenster schritten die gesprenkelten Hennen,
-scharrten mit dem Fuß, sahen links und rechts und gingen weiter ...
-
-Und daß alles dies eigentlich gar nicht mir gehört ...
-
-Er hielt die ausgezogenen Hosen in der Hand, ging nun zum Schrank und
-hängte sie hinein, nahm Rock und Weste vom Sofa und hängte sie fort,
-setzte sich und begann, die Stiefel auszuziehn. Den ersten
-niedersetzend, erinnerte er sich Magdas, ganz sehnsüchtig. Vielleicht
-liebte ich doch sie am meisten, besann er sich trübe. Er zog den zweiten
-Stiefel vom Fuß, setzte beide unters Bett, zog die Steppdecke zurück und
-holte das Nachthemd hervor. Nun kann ich ja also zu meinen rohseidenen
-Schlafanzügen zurückkehren, dachte er verloren. Ich glaube, morgen fahre
-ich nach Altenrepen. Vielleicht kommt auch morgen ein Brief vom Vater.
-Da durchkreuzte sich dies Wort mit dem Gedanken, daß sein Vater nicht
-sein Vater sei, die Galle stieg ihm hoch, er schleuderte das Taghemd von
-sich, streifte das Nachthemd über, blies hastig die Lampe aus, merkte,
-daß er noch in Unterhosen und Strümpfen war, streifte sie ab, warf sie
-aufs Sofa, legte sich ins Bett und schlief gleich darauf ein.
-
-
- Fünftes Kapitel: März
-
-
- Wiedersehn
-
-Georg, in einem dumpfen, verbitterten Traumzustand seit Tagen, jetzt
-durchbohrt von Ungeduld, in andre Kleider und zu Renate zu kommen,
-verließ den Berliner Schnellzug und schob sich durch vielerlei
-Reisemenschen die Treppe hinunter und durch den Tunnel in die große
-Halle, doch heimatlich berührt vom Altenrepener Gesicht. Er trat in
-eines der Portale, sah nachmittäglichen Sonnenschein auf dem alten
-Platz, es war warm und roch nach März. Da! Esther! durchfuhrs ihn, --
-aber sie war ja tot ... Aber die da vor ihm im Wagen saß, nein, Esther
-war es ganz und gar nicht, nur ihr Mund wars mit dem süßen,
-schwärzlichen Flaum an den Winkeln; das Gesicht war ähnlich blaß und
-zart, wie es häufig das Esthers gewesen war. Diese saß im Rücksitz des
-weiten Kaleschwagens -- ein großes schwarzes Pferd stand stämmig und
-ruhig davor -- tief hineingelehnt, in schwarzem glatten Pelzwerk; die
-Spitze ihrer Nase war zarter und hochmütiger gekrümmt als Esthers Nase;
-sie trug einen schwarzen Hut aus Filz mit hochgebogener Krempe,
-postillionartig, und vor ihr, einen Fuß auf dem Wagentritt, stand ein
-Herr im Pelz und sprach mit ihr. Nun bewegte sie das Gesicht her, und
-Georg sah in dem kleinen Dreieck erschreckend groß die Augen mit sehr
-langen Wimpern von --? -- Gott, wie hieß sie denn noch? -- Schley, Virgo
-Schley! -- Ein Träger, Taschen unter dem Arm, einen Koffer auf der
-Schulter, schob sich dazwischen, aber ihre Augen kamen unverändert
-hervor, unverändert in der Richtung auf die seinen, ohne Erkennung
-darin, -- und nun er selber, er dachte nichts mehr, fühlte nur und
-erwiderte ein wunderbares, tiefes Anschaun, das dauerte -- -- dauerte --
---. Jetzt wandte der Herr sich um -- war er ihrem Blick gefolgt? --
-Georg sah undeutlich sein Gesicht, es schien ihm bekannt, es war Schley.
--- Der nahm den Zylinder ab, trat auf ihn zu und sagte: »Georg, lieber
-Junge, seh ich dich wieder?«
-
-Überrascht und erfreut sah Georg das Einglas aus dem langnasigen Gesicht
-tropfen. Sie schüttelten sich die Hände. Die Frau im Wagen hatte sich
-aufgerichtet und sah herüber.
-
-»Ja, wie ist es denn mit dir?« fragte Georg, »du mußt entschuldigen, ich
-weiß nichts Rechtes, ich habe so für mich gelebt ...«
-
-Der Adel sei dahin, sagte der Freiherr, sonst nichts; er habe ihn seinem
-guten alten Papa mit in den Sarg gegeben.
-
-»Ja, und nun bist du Abgeordneter, nicht wahr?«
-
-»Jawohl, jawohl, für den Fortschritt, vorläufig, jetzt will ich eben
-nach Berlin, es ist noch Zeit, komm, ich stelle dich -- ah, du kennst ja
-meine Frau!«
-
-Er zog Georg zum Wagen und sagte: »Hier ist der Prinz Trassenberg, du
-erinnerst dich wohl? Ja, hör mal, Georg --«
-
-Sie reichte ihm die Hand. Lachte leicht und sagte:
-
-»Damals sahen Sie aber hübscher aus, -- was haben Sie denn für Falten
-bekommen? Daß wir Brüderschaft getrunken haben, hab ich aber vergessen!«
-
-Hatten sie Brüderschaft getrunken? -- »Schade,« meinte Georg, »aber ich
-verdiene es wohl nicht -- für damals.«
-
-Georg hörte Schley lachen und von jenem Abend reden. -- Wie seltsam
-ängstlich ihre Augen waren. -- Ihr Mann blickte auf die Uhr, meinte, es
-würde Zeit für ihn, und küßte seiner Frau die Hand, ermahnte sie, guten
-Mutes zu sein, drückte Georg die Hand und ging. Nun stand Georg näher
-vor ihr, sah auf sie herab, aber sie sah ihn nicht an, sondern nach
-drüben hinaus. Endlich blickte sie auf: ob es ihm recht wäre, sie habe
-ein Stück die Allee hinunterfahren wollen. Oh, das sei reizend, meinte
-Georg, da wohne er ja. Er setzte sich in die andre Ecke des Rücksitzes,
-der Kutscher sah sich um, der Wagen setzte sich langsam in Bewegung.
-
-Georg vermied es, sie anzusehn: sie hielt das kleine Gesicht gesenkt,
-drückte zuweilen den kleinen schwarzen Muff dagegen, sprach kein Wort.
-Auch wars allzu lärmend herum, der Verkehr drängte fast in den weit
-offnen flachen Wagen, vorüber- oder mitfahrende Radler sahen zu ihnen
-herein, eine lange Zeit blickte vom Hinterperron einer Trambahn ein
-Halbdutzend Augenpaare auf sie herunter, nun waren sie über den Platz am
-Café und rollten leichter die breite Straße hinab, plötzlich blendend
-überflutet vom Untergang der Sonne, in die sie gerade hineinfuhren, die
-alles umher glühend färbte und Georg zwang, sich im Wagen auf und
-vornüber in den Schatten des Vordersitzes zu setzen.
-
-Virgo Schley, dachte Georg. Eine Waise, hatte er gehört, die
-Adoptivmutter eine sondre, alte Frau, -- der Vater des Freiherrn hatte
-sich vor kaum drei Jahren erst den Adel gekauft, der war freilich nicht
-viel wert. Langsam kehrte ihr erster Blick in ihm wieder, wie war der
-doch geschwisterlich gewesen, heimatlich ... Da lenkte der Wagen auf die
-andre Straßenseite und hielt gleich darauf.
-
-»Ach,« hörte er sie leise sagen, »hier ist ja der Obstladen ... ich
-wollte ... bitte, helfen Sie mir heraus.«
-
-Georg sprang eilfertig auf den Bürgersteig und hielt ihr die Hand hin,
-sie streifte, als koste es sie die schwerste Anstrengung, die Decke von
-den Knien, erhob sich, -- und Georg konnte nun die leichte Schwellung
-ihres Leibes sehn, wie der Kleidrock sich, von der Decke unten gehalten,
-straffte: sie war guter Hoffnung. Schwer auf seinen Arm sich stützend,
-stieg sie mit unendlich langsamer Vorsicht aus. Im Laden kaufte sie
-unter hundert Zweifeln, Zurücknahmen und Änderungen eine Menge Trauben,
-Ananas und Birnen, so schöne, gelbe, daß Georg, auch aus Mitleid mit der
-Verkäuferin, für sich einige von ihnen kaufte. Als sie wieder im Wagen
-saßen, war sie völlig erschöpft, lachte aber nun ein wenig über sich
-selbst und fing an zu plaudern, fragte, ob Georg noch studiere, ob er
-Berlin nicht hasse, und Georg wurde redseliger und versuchte, ihr diese
-und jene absonderliche Schönheit von Berlin zu beschreiben, so einen
-Frühlingsabend, wie er ihn eben noch gesehn, wenn in den Körben der
-Verkäuferinnen in den schon grauen Straßen die Blumenberge leuchteten,
-gelb von Primeln und Narzissen, feuergolden von Tulpen und blaurot von
-Rivieraveilchen, und dann die gewaltigen Schattenmassen der Häuserblocks
-mit ihren Schloten und Türmen in einer brandigen, schwärzlichen Röte,
-die ins sanft Klare rauschte, in durchsichtig weißes Gold, und über
-allem der grüne Himmel, locker bemalt mit vergehenden silbernen Rändern
-von unsichtbaren Wolken, höher hinauf so blau wie das Meer auf
-japanischen Holzschnitten.
-
-Sie rollten schon auf dem Fahrweg neben der kahlen Allee; angenehm
-trabten durch die Stille die großen, ebenmäßigen Hufschritte. -- Da bist
-du nun ... hatten ihre Augen gesagt -- da bist du nun -- da bist du nun
-... Ein süß beklemmendes Mitleid bedrängte sein Herz. Bereitete sich
-hier der Frühling vor, den er eben beschrieb? Nacktschwarz und wie
-hineingesteckt standen die Gesträuche auf dem graugrünen Rasen, der
-Himmel war rein und leer; Georgs Gesicht wurde im Fahren durch
-entgegenschwimmende laue und kühlere Wellen gezogen. Schwere Krähen, wie
-aus Metall gemacht, schritten im weichen Grasboden, spreizten die
-Fittiche auf, grün schillernd im Schwarzen, sprangen ab, schwebten zwei
-Schritte überm Boden ein Stück, landeten hart und in kurzen Sprüngen.
-Ach, nicht denken, stammelte Georg innerlich, nichts denken! Einfach
-hinnehmen! Wie entsetzlich war dieser Winter! -- Ich will sie in mein
-Haus tragen, sie ist ja wie ein verkümmerter Vogel. -- Er sah sie wieder
-an und sagte sich: Ich werde sie lieben -- so wie Esther --, ich kann
-nicht anders, mein Herz folgt einmal jedem Stern, um so lieber, je
-zarter und hülfloser er scheint, ich muß immer brüderlich sein und
-beschützen. Nun, der Wagen rollte von selber den Weg durch die Anlagen
-hinunter, schräg auf die Sternwarte zu. Georgs Herz fing an zu pochen,
-sie kamen näher, das Schlößchen wurde sichtbar, da standen die
-Kandelaber, Gott sei Dank, er war wieder zu Hause.
-
-»Bitte, halten Sie«, sagte er zum Kutscher, als sie in der Nähe der
-kleinen Tür waren, und faßte sich ein Herz. »Ach, bitte, kommen Sie nun
-mit, ich zeige Ihnen meinen Garten ...«
-
-»O, wie gerne!« sagte sie gleich, kindlich erfreut, und siehe da, es
-ging durchaus leichter diesmal mit dem Aussteigen, und sie lief mit
-kleinen, leichten Schritten neben ihm her. --
-
-Lächelnd erschien der blasse Egon. -- Das Zimmer war vorbereitet, Blumen
-in allen Vasen -- alles war wie einst. -- Sie sah sich neugierig um, den
-Kopf drehend. »Wie hübsch ist es hier!« meinte sie; sonderbar, das hatte
-doch noch niemand gesagt! -- »Die Menge Bücher! Lesen Sie so viel? --
-Später werden Sie mir vorlesen, mögen Sie gern Verse? Ich mag nur
-Verse.«
-
-Ach, da war nun ein Mensch, der nicht das geringste von ihm wußte, und
-er von ihr -- -- ja, was war da wohl viel zu wissen. Sie war ganz dicht
-zu ihm getreten und sah zutraulich zu ihm auf; ganz rasend überfiel ihn
-das Verlangen, sie in die Arme zu schließen, er sah, daß sie einen
-Handschuh ausgezogen hatte, ergriff ihre Hand und zog sie zum Munde
-empor. Da sie nicht wieder fortgezogen wurde, küßte er sie langsam von
-allen Seiten -- o wie war sie glatt und warm und weich und lebendig,
-ohne Ring, ohne alles! -- küßte den Rücken, das Gelenk, die Finger
-einzeln, den kleinen, weichgekrümmten Daumen, der ein kleines, runzliges
-Gesicht hatte.
-
-»Ja, was machen Sie denn?« hörte er sie nach einer Weile fragen. Klein
-stand sie vor ihm, den Arm hochhaltend, die Brauen ein wenig gerunzelt,
-aber der Mund lächelte -- lächelte atemberaubend.
-
-»Soll ich nicht?« fragte er.
-
-»Ach, warum nicht,« meinte sie achselzuckend, »wenn es Freude macht.
-Aber nun muß ich sitzen.«
-
-Georg mußte ihr einen Sessel vor die Gartentür schieben, dort versank
-sie, zog auch den andern Handschuh aus, aus dem ein locker sitzender
-Reifen von Gold zum Vorschein kam, den sie gleich abzog und ihm gab. Er
-sollte ihn auf den Tisch legen, er sei ihr immer zu schwer. »Aber nicht
-vergessen nachher, daß ich ihn mitnehme!« rief sie leicht und lachte in
-sich hinein.
-
-Georg war ratlos. Sie war ja ein Kind -- und Mutter -- -- und hieß
-Virgo? -- Sie legte die Handflächen gegeneinander über dem Muff im
-Schoß, neigte das Gesicht und sah nach oben, gegen den verblaßten
-Himmel, großen, gläubigen Auges. Bald darauf nestelte sie den Hut los --
-es sei ihr alles zu schwer --, fuhr mit den Händen ins braune Haar, das
-kurzgeschnitten war und lockig um das kleine dreieckige Gesicht stand;
-im Nacken war sie völlig ein Knabe. Sie sah wieder gradaus; Georg, nicht
-weit hinter ihr an der Schreibtischkante lehnend, konnte die Augen nun
-nicht mehr wegwenden von ihrem Gesicht, und bald kamen die ihren langsam
-herbei. Die Nasenflügel blähten sich ganz leise auf, Georg sah es
-deutlich, -- es erinnerte ihn an -- an ein Kind, das sich im Schlaf
-bewegt, aufatmet und tiefer schläft.
-
-»Heißen Sie wirklich Virgo?« fragte er. Sie nickte lächelnd.
-
-»Komisch, nicht?« Ernster dann, und mit seltsam tiefer Stimme, und doch
-nicht ohne -- ohne etwas Verlockendes in Blick und Stimme, sagte sie:
-»Denken Sie nur! Ich hatte keinen Vater und keine Mutter, eine alte Frau
-nahm mich zu sich, die nannte mich Virgo.«
-
-»Pflegt sie nicht in Hosen zu gehn?« fragte Georg, sich dunkel
-erinnernd, »und Pfeife zu rauchen?«
-
-Virgo lachte. Sie wäre selber immer in Hosen gegangen, es sei herrlich,
-und ihre Stiefmutter sei um die Wette mit ihr geritten und habe Hurra
-geschrien, Georg sollte sie kennen lernen. Nach einem Schweigen sagte
-sie süß und ganz langsam: »Georg ist ein schöner Name!« --
-
-Georgs Herz fiel in Stücken auseinander. Cordelias Worte ... Himmel,
-diese Wiederholungen! -- Schwer sich bewegend, nahm er einen Stuhl, er
-glaubte, sie nicht mehr ansehn zu können, setzte ihn neben ihren Sessel
-und ließ sich nieder. Ein Weilchen später legte er seinen Arm auf das
-weiche Lederpolster der Lehne ihres Sessels, und es dauerte nicht lange,
-so glitt eine leichte, warme Flocke darauf, ihre Hand; ihre Finger
-schoben sich in die seinen, sie sagte ganz leise wieder:
-
-»Ich habe mich immer« -- jetzt ward ihre Stimme ganz tief -- »so
-namenlos gefürchtet vor -- dem Kind. Am meisten vor Wolfgang --« Die
-Stimme wechselte wieder und tönte hell: »-- nun bei Ihnen ist es gut,
-und ich kann alles vergessen.«
-
-Georg rührte sich nicht. Ihm war sonderbar zufrieden zumut, ja,
-glücklich. Dies Kind eine Weile zu schützen, das war sehr gut. Er
-glaubte, getrost den Arm um ihre Schulter legen zu können, obwohl er es
-seinetwegen tun mußte, nicht ihretwegen, aber kam es nicht allein darauf
-an, wie sie es empfand? -- So löste er die Hand aus der ihren, legte
-dafür die andre hinein und den Arm um ihre Schulter. Als sie sich gleich
-tiefer hineinlehnte, mußte er sich sagen: Sie trägt ja ein Kind -- wie
-kann sie mich empfinden? -- So saßen sie schweigsam zusammen, sahen die
-Schar der qualmenden Fabrikessen in der Ferne langsam undeutlicher
-werden in der sinkenden Dämmerung, fühlten warm ihre Hände und waren
-jeder -- Georg sprach es sich aus -- in einem Reich für sich -- aber
-doch hielten sie einander und spürten Wohltat. -- Als es fast dunkel im
-Zimmer war, machte sie ihre Hand frei und flüsterte, sie müsse gehn, sie
-würde erwartet. Sie erhob sich dann, Georg reichte ihr den Hut, sie
-setzte ihn auf, nahm Handschuh und Muff aus seiner Hand, stand noch ein
-Weilchen und sah sich um. Dann ging sie leicht hinaus.
-
-Aus dem Wagen die Hand streckend, sagte sie nur: »Ich komme bald
-wieder.«
-
-»Morgen?« fragte Georg.
-
-Sie lachte hell und kindlich: »Morgen früh! Los, Krischan!« rief sie dem
-Kutscher zu. Hinter dem davonrollenden Wagen erschien im Dunkel der
-Bäume langsam das kleine, bläßliche Dreieck ihres Gesichts fast wie ein
-leerer Wappenschild, in dem dann langsam die beiden Augen aufgingen.
-Georg suchte schwereren, aber nur von süßer Ratlosigkeit und Hoffnung
-schweren Herzens sein Zimmer wieder auf, setzte sich an den
-Schreibtisch, und etwas fiel zu Boden, rollte und blieb klirrend liegen.
-So --! Ihr Ring -- natürlich hatten sie ihn vergessen. Er suchte, fand
-ihn nicht, machte Licht und sah ihn vor der Bücherwand liegen,
-glänzenden Auges wie ein erwischter Igel. Er hob ihn auf, trat zur
-Lampe, ließ sie aufflammen und suchte nach einer Schrift im Innern des
-Reifens. Wolfgang Theodor stand darin, 24. Mai. -- Georg wog den Ring in
-der Hand, schob ihn dann in die Westentasche, dachte: Ich will ihn ihr
-bringen, dann seh ich sie gleich -- --, aber er entschlug sich des
-Wunsches. Da lag die Tüte mit Birnen auf dem Tisch. Ja, Birnen! dachte
-er erfreut, drehte den Sessel, in dem sie gesessen hatte, gegen das
-Licht, holte eine Birne hervor, riß durstig den Stiel aus und biß von
-oben hinein wie als Junge. Der Saft tropfte, er verschlang sie mit
-Stumpf und Stiel atemlos und griff nach einer zweiten. Indem er sie in
-der Hand wog, hörte er sagen: Das sind so Sexualitäten. -- Er lachte
-schnaufend durch die Nase. Wo hatte er das --? Richtig, in jenem
-Tanzsaal in Halensee, zwei solche Handlungsgehülfen standen zusammen,
-und als zwei Mädchen vorbeitanzten, fragte der Eine: Was sind das für
-welche? Ach, das sind so Sexualitäten, sagte der Andre. -- Georg zertrat
-den Gedanken ergrimmt. Sie ist Mutter, dachte er, ja, wie ist das zu
-glauben? Da war ihr knabenhafter Nacken, ja, so mußte Marias Nacken
-gewesen sein und so geneigt, als der Engel eintrat und die Lilie gegen
-sie neigte, und sie konnte nichts begreifen ...
-
-Nein, keine Birne mehr! sagte er. Die erste war unübertrefflich, eine
-Birne ist besser als zwei Birnen, das ist klar, Wiederholung wirkt
-tödlich. Oh, und nun wird es womöglich eine Wiederholung Esthers geben.
--- Die Frucht in der Hand, die langsam warm wurde, sah er ins Licht und
-dachte: Liebe Esther! Es war ihm, als hielte er eine Hand umschlossen,
-langsam begann es in ihm zu wogen, auf einmal hielt er die Worte: Wer
-noch so jung ist wie du ... Weiter ... Wie weiter? -- Wer noch so jung
-ist wie du -- Fühlt noch der Schmerzen Gewalt ... Behutsam stand er auf,
-legte die Birne fort, setzte sich vor den Schreibtisch, nahm Bleistift
-und den Notizblock und schrieb:
-
- Wer noch so jung ist wie du,
- Fühlt noch der Schmerzen Gewalt;
- Später wird alles gelinde,
- Gram und die Lust und der Tod.
-
- Geh auf die Flamme nur zu ...
-
-Wie nun? Sollte auf die ersten Zeilen gereimt werden? Er fand:
-
- Blasse, geliebte Gestalt.
- Flamme verzehrt nur ...
-
-Er suchte ... Not, Rot, blinde, Binde, Gewinde, umloht, bedroht ... Ja!
-Und er schrieb:
-
- Flamme verzehrt nur die Rinde,
- Aber du bleibst unbedroht.
-
-Damit war es aus. Laß ihr die goldenen Schuh ... fing er noch wieder an,
-aber er merkte, es war nichts mehr, und dann warf er wütend den Stift
-hin und hätte sich mit Entzücken selber auf den Kopf gespien. Das
-verfluchte Sieb ist es ja nur! verschwor er sich, das verfluchte
-Berliner Sieb, durch das man seine Empfindungen rührt; unten tropfen die
-Verse heraus, und in der Brust bleibt nichts zurück als Schale und Satz,
-und man ist so kalt, so schlaff und so traurig wie nach dem
-Liebeskrampf. Herrgott, Herrgott im Himmel, was soll bloß aus mir
-werden! --
-
-Aus seiner verzweifelten Erstarrung weckte ihn das Geräusch des blassen
-Egon im Eßzimmer, der den Tisch für den Abend deckte. Er sprang auf,
-trat zur Gartentür, öffnete sie und tat zwei Schritte in den Garten. In
-der kalten Stille stand das Gesträuch und das Geäst der Bäume
-regungslos, kaum sichtbar; sichtbar nur oben, wo weiße Sterne waren.
-
-Kommt nun wieder das Frühjahr, wieder die alte, seltene Lust, die immer
-neue, die nie bekannte? Kommen wieder die Schwalben und wecken das Herz,
-lieblich tönend im leichten Raum, und kommt das große Sprießen über die
-Erde und das Buschwerk, in dem Vogelstimmen laut werden, als wären sie
-gewachsen im Gezweig? Kommt wieder über das empfindungslose Herz der
-allgemeine Schauder, kommen wieder Winde und Gewölk, die Musik der
-Halmefelder, und kommt auch wieder, wieder das alte Hoffen?
-
->Und so verbürgt es die Form der Sonnenblume<, hörte er tonlos sagen.
-Ihn fror leicht. Er ging ins Zimmer zurück, trat an die Bücherwand und
-suchte Carossas Doktor Bürger. >Und so verbürgt es die Form der
-Sonnenblume<, das war der Ausgang des Satzes, aber wie hieß es ganz? Das
-Buch war nicht zu finden, vielleicht hatte Benno es genommen. Da stand
-Egon in der Tür.
-
-»Weiß Herr Prager, daß ich zurück bin?« Egon zuckte die Achseln. Er habe
-für ihn gedeckt. -- Georg ging nach nebenan, hörte aber jetzt das
-Telephon anwecken, ging wieder zurück, hob den Hörer auf und sagte:
-»Georg Trassenberg.«
-
-Eine kleine, fremde Stimme fragte: »Georg?«
-
-Wer war denn das? Ach, um Gottes willen ... »Virgo?« fragte er.
-
-Er hörte sie leise lachen. »Wie gehts Ihnen denn?« fragte sie.
-
-»Ach, wunderbar!« versicherte er, »wunderbar!«
-
-Eine Weile wars still, er wollte eben fragen, ob er nicht kommen dürfe,
-da hörte er sie sagen: »Lieber guter Georg, ich konnte es eben gar nicht
-sagen, ich wollte ...« Sie verstummte.
-
-»Was denn?« fragte er liebevoll.
-
-»Ich habe die ganze Zeit denken müssen, wir haben doch Brüderschaft ...«
-
-»Ja, Est--,« brach es aus seiner Brust auf, »-- ja, Schwesterchen, ja,
-ich habe es auch immer gedacht.«
-
-»Wie schön!« sagte sie aufatmend. »Da werd ich einmal gut schlafen
-heut.«
-
-»Ja, das mußt du auch«, bekräftigte er sänftlich.
-
-»Dann, gute Nacht!«
-
-»Gute Nacht, kleine Schwester!«
-
-Georg legte den Hörer hin, stützte die Knöchel auf die
-Schreibtischplatte, starrte vor sich hin.
-
-So ist es gut, murmelte er tonlos, so ist es gut -- so -- ist -- es --
-gut -- --
-
-
- Neuigkeiten
-
-Georg sah beim Betreten des Arbeitszimmers, links nahe der Treppe, zu
-seiner Begrüßung zurechtgestellt, einen langen Gehrock, davor eine Hand,
-die einen umflorten Zylinder hielt, und darüber eine goldene Brille,
-streckte die Hand aus und sagte: »Herr Hofkammerrat?«
-
-Der verbeugte sich, nicht eben sonderlich tief. Unterhalb der Brille
-erschien jetzt das nach unten zurückfallende Kinn; kein Bart, ein
-ältliches Gesicht mit rötlichen, kleinen, scharfen Augen ohne Brauen und
-Wimpern, vielleicht -- jesuitisch. Im Zimmer klang es trocken:
-
-»Durchlaucht -- --, ich komme vom Beuglenburger Hofe, -- mit einer
-Trauernachricht.«
-
-Georg zuckte zusammen. Beuglenburg ... Trauer ...? Er war am
-Hofkammerrat vorüber zum Schreibtisch gegangen, drehte sich nun langsam
-herum, hörte:
-
-»Ich bin Überbringer der traurigen Nachricht vom Ableben Seiner Hoheit
-des Erbprinzen Adolf Emil; er verschied gestern abend gegen sieben Uhr
-nach langem schwerem und mit unsäglicher Geduld ertragenem Leiden.«
-
-Die ruhige und trockne Stimme erlosch. Georg glühte auf am ganzen Leibe
-und zitterte über und über, -- warum bloß? Was war -- --? Da hörte er
-sich schon sagen: »Mein tiefempfundenes Beileid, Herr Hofkammerrat, das
-ich auch Seiner königlichen Hoheit auszusprechen bitte.« Er setzte sich,
-machte eine Handbewegung und drehte den Schreibstuhl herum gegen seinen
-Besuch. -- Der Hofkammerrat setzte den Zylinder fort, sank in den tiefen
-Sessel, lehnte sich zurück, schlug die Beine übereinander und fing an,
-die Handschuhe auszuziehn. Es sauste Georg in den Ohren, er wußte, daß
-er etwas sagen mußte, er dachte, ohne es zu verstehn: Erbprinz,
-Großherzog, Sigune. Eine dünne englische Stimme rief ganz fern durch
-einen Garten: »Gunny! Gun--ny!« -- Mit aller Gewalt nahm Georg sich
-zusammen, setzte sich grade, da verließen ihn alle Gedanken, er sah den
-Grafen gelassen, tiefer als er, im Sessel sitzen; nun hob er die linke
-Hand, weiß und flach, klopfte mit den Fingerspitzen gegen den Mund und
-räusperte sich. Eine Redewendung schoß Georg auf, die er gleich
-hersagte: er zweifle gleichwohl nicht, daß die Übermittelung dieser
-Nachricht nicht der Grund sei für das persönliche Kommen ... Und nun
-hatte er sich einigermaßen wieder.
-
-Die Stimme des Hofkammerrats war wieder hörbar, trocken und leicht
-hinbewegt, fast herablassend. Er erklärte, es sei dem Prinzen
-voraussichtlich bekannt, daß nunmehr von drei Kindern dem verwitweten
-Großherzog noch eine Tochter Sigune, nunmehr im neunzehnten Lebensjahre
-stehend, verblieben sei; als bekannt dürfe er wohl auch voraussetzen,
-daß nach Zinnaschem Hausgesetz die Regierung erblich sei im Mannesstamm
-des Hauses Siegen-Zinna nach dem Rechte der Erstgeburt bis zum letzten
-Grade nachweisbarer Verwandtschaft mit der Linie, und daß die weibliche
-Linie auch nach dem Erlöschen des Mannesstammes von der Erbfolge
-ausgeschlossen bleibe.
-
-Georg hatte kein Wort verstanden. Er dachte verzweifelt nach. Der
-Erbprinz ... Tuberkeln -- -- immer krank, richtig. Mein Vertrag, mein
-Vertrag -- mein Vertrag -- -- Ihm war eiskalt. Wie bin ich denn verwandt
-mit ...? Er glaubte, dunkel zu wissen, daß außer ihm noch ein Verwandter
-... Derweilen fuhr der Hofkammerrat fort, vom Großherzog zu reden und
-ihn einen armen, kranken, gequälten, der Geschäfte und des Lebens müden
-Mann zu nennen, durch den Tod des Sohnes völlig gebrochen und gewillt,
-schon jetzt zugunsten eines Verwandten auf die Regierung zu verzichten.
--- Nun komme ich, nun komme ich! schrie da etwas in Georg. Ja, -- der
-Großherzog, -- magenleidend, von Kind an grämlich, trübsinnig, --
-sexuelle Anormalität ... verheimlicht ... Seine Frau machte einen
-Fluchtversuch vor der Heirat ... armes Geschöpf! -- -- Erster Sohn kam
-tot ... Sie starb ... Herzschlag -- -- oder -- freiwillig? --
-
-Auf einmal hatte Georg das Gefühl, als ob ihn dieser Mensch unablässig
-beobachte. Er zog sich im Stuhl zurück, kreuzte die Beine, ließ die
-Mundwinkel fallen und sagte, da der Graf schwieg: »Bitte, reden Sie
-weiter.« Der setzte die Ellbogen leicht auf, lehnte die Fingerspitzen
-beider Hände zu einem Dach gegeneinander und sprach; seine Augen blieben
-Georg unsichtbar hinter den zwei scharfen, weißen Ovalen der
-Brillengläser; die Spiegelung der Fenster, auch Geäst waren darin
-erkennbar.
-
-Er sprach nun von dem Vertrage, bedauerte obenhin die Unerfüllbarkeit,
-meinte aber, es würde sich vielleicht ein andrer Weg finden zur
-Verwirklichung von Georgs Hoffnungen. Dann sprach er von der
-Verwandtschaft des Zinnaschen Hauses, nannte Georgs Vater, -- der habe
-bereits früher aus einem gewissen Anlaß seine bekannten Grundsätze
-offiziell betont, die ihm die Übernahme der Regierung unmöglich machten
-... Ferner den regierenden Grafen Beuglenburg-Lipsch, Georg Egon, -- und
-schließlich Georg selbst; der Grad der Verwandtschaft Beider mit dem
-Hause Zinna sei genau der gleiche; immerhin sei der Graf bereits in
-höheren Jahren, sei zudem zwar verwitwet, aber katholischen
-Bekenntnisses und katholisch getraut gewesen, so daß eine neue Ehe
-folglich ausgeschlossen sein dürfte ... Georg dachte noch, daß auch die
-Zinnas katholisch seien, da schlug ihm das Satzende erst aufs Herz. --
-Ich soll Sigune heiraten! dachte er, bewegte gleichzeitig die Lippen und
-hörte sich fremdartig sagen: »Ich bitte Sie nun, Herr Hofkammerrat, sich
-Ihres vollkommenen Auftrages zu entledigen.«
-
-Nun ließ der seine Hände fallen, setzte sich im Sessel vor, faßte
-flüchtig nach den Brillenstäben, entschloß sich dann, die Brille ganz
-abzunehmen, kniff mit zwei Fingern den rotgesattelten Nasenrücken und
-sagte, die goldene Brille ganz leise in der Linken hin und her bewegend,
--- er hat ganz gute Augen, dachte Georg, nun, wo er mich grade ansieht
---:
-
-»Mein königlicher Herr, der Großherzog, hat den innigen Wunsch, seine
-Tochter als Ihre Gemahlin, Durchlaucht, zu sehn und damit Sie selber,
-Durchlaucht, unter der Krone, -- unter einer Krone, welche die beiden
-Lande, Beuglenburg und Trassenberg, vereinigen würde. Sollte Ihnen,
-Durchlaucht, wie ich wohl annehmen darf, besonders an dem Titel eines
-Herzogs von Trassenberg liegen, so --« schloß er ganz schnell und
-oberflächlich, »würde sich das ja leicht ermöglichen lassen.«
-
-Georg mußte sich zusammennehmen, nicht durch die Nase zu blasen, und
-glaubte, vor Wut zu explodieren. So. Nun kam es. Erst verzichtete man,
-fand sich ab, fand sich hinein, ging seiner Wege, -- ja, erst hatte man
-den schönsten Plan, arbeitete dran Jahre lang, rüstete sich, freute
-sich, kam näher, und dann -- wars nichts. Dann -- fand man sich ab, war
-schon ganz wo anders, und jetzt -- -- fing es wieder an, aber: zum
-Nichtwiedererkennen abscheulich entstellt! Und -- und warum hat Papa nur
-geschwiegen? Fast zehn Tage geschwiegen? -- Dumpf, hinter unbeweglichem
-Gesicht die Zähne zusammenbeißend, hob er die linke Hand gegen das
-Gesicht, betrachtete sie aufmerksam, konnte endlich fragen:
-
-»Bitte, -- ehe wir weitergehn, haben Sie vielleicht die Güte, mir zu
-sagen, wie Prinzeß Sigune selber sich zu dem Wunsche ihres Vaters
-verhält.« Mn -- dachte er, das war ein _Faux pas_, daß ich auf den
-väterlichen Wunsch gar nicht eingegangen bin, aber das ist mir -- Wurst!
-
-Der Hofkammerrat lächelte. Ja, er lächelte ganz freundlich und sagte:
-»Die Prinzessin hat selbstverständlich keine andern Wünsche als ihr
-Vater.«
-
-Georg sah dies Mädchen, mager, eckig, unschön, allzublond, schrecklich
-schüchtern, -- neun Jahre war sie damals. O lieber Gott, nein, diese
-ganze kranke Familie! Sicher war sie mondsüchtig. -- Der Kammerrat
-derweil sprach ganz freundlich weiter:
-
-»Die Prinzessin ist leider ein körperlich nicht besonders starkes Kind;
-was aber die Natur hier versagte, das, kann ich wohl sagen, hat sie
-durch eine reiche, innere Fülle, an geistigen, ganz besonders aber an
-seelischen, an Herzensgaben ausgeglichen. Dies weiß vielleicht, ja ich
-möchte ruhig sagen: dies weiß sicherlich niemand so gut wie ich, da sie
-mir in langen Jahren ihrer -- leider -- allzueinsamen Jugend fast wie
-ein eignes Kind geworden ist. Ich bin freilich eine -- ich möchte sagen,
-philologische Natur, andre würden es auch nennen: lehrhaft, -- immerhin
--- die Prinzessin, --« er bog plötzlich ab und fuhr fort: »Ich selber
-habe die Prinzessin von diesem sie betreffenden Ereignis in Kenntnis
-gesetzt. Die Antwort, -- obwohl, wie ich der Wahrheit halber gestehen
-muß, nicht leicht zu erlangen, war derart, wie ich -- nun, wie ich sie
-erwarten durfte. Und meinen Standpunkt in dieser Angelegenheit werden
-Durchlaucht bereits erraten haben.« Er hatte seine Brille wieder
-aufgesetzt, stand auf, griff nach seinem Zylinder und sagte: »Ich habe
-den Auftrag, Euer Durchlaucht eine Bedenkzeit von einigen Tagen zu
-überlassen. Der Tod des Erbprinzen, so sehr er die Entschließungen
-meines königlichen Herrn beschleunigte, bedingt einigen Aufschub.
-Immerhin, sollten Euer Durchlaucht willig sein, auf die Ideen des
-Großherzogs einzugehn, so möchte ich mir gleich erlauben, einen Besuch
-Euer Durchlaucht in Zinna etwa nach Ablauf von drei oder vier Wochen in
-Vorschlag zu bringen.«
-
-Georg hatte sich erhoben, stützte die Hände auf die Schreibtischplatte
-und blickte angestrengt aus dem Fenster. Er fühlte die Wut verraucht und
-sich kraftlos und müde. Ich könnte ihn gleich wegschicken, dachte er
-gleichgültig. Ohne seine Stellung zu verändern, drehte er Schultern und
-Gesicht nach dem Dastehenden herum und sagte möglichst ruhig und nicht
-unfreundlich:
-
-»Ich möchte Ihnen keine allzugroßen Hoffnungen machen. Sie kennen mich
-nicht, Graf, Sie haben vielleicht von mir gehört, jedenfalls -- ich bin
-kein Mensch --« hier fiel ihm ein, daß gewiß schon Viele, in der selben
-Lage wie er, die gleichen Worte gebraucht hatten -- »der sich --« er
-wollte sagen: auf den Befehl eines alten Trottels, sagte jedoch kurz
-abschließend: »auf Wunsch verheiratet.«
-
-Danach wandte er das Gesicht nach dem Fenster. Der Graf räusperte sich
-hinter ihm. Er möchte nicht denken, hörte Georg ihn sagen, daß er eine
-von dieser sehr verschiedene Antwort erwartet habe. Immerhin gebe es ja
-noch andre Wege für den Großherzog, und Georg dürfe glauben, daß dieser
-Weg kaum beschritten worden wäre, ohne Georgs eigne, vorangegangene
-Initiative, die seine Absichten, zur Regierung zu gelangen, offenbart
-hätten. -- Ja, also nun bin ich noch selber schuld! -- dachte Georg
-gekränkt.
-
-»Also bitte,« sagte er, sich umdrehend und locker die Hand hinhaltend,
-»kommen Sie morgen wieder.«
-
-Er fühlte seine Hand kurz ergriffen und wieder losgelassen. Der Graf
-wich zur Treppe zurück, Georg folgte mit zwei Schritten empor und
-öffnete, draußen stand Egon und öffnete die Haustür, Georg sagte Adieu,
-schloß die Tür und blieb stehn. Das Gefühl, niesen zu müssen, ließ ihn
-das Taschentuch ziehn, er schneuzte sich, nieste dann ein paar Mal
-heftig, die Augen tränten ihm, er dachte: ich habe mich im Saal
-erkältet. Nun fühlte er auch Schmerzen im Rücken, wünschte, sich
-auszustrecken, aber es war kein Sofa da. Langsam ging er in sein
-Schlafzimmer und legte sich auf das Bett. Im Fenster war der traurige
-Märzhimmel und Geäst; er lag fast wie in Berlin.
-
-Sie kann ja einen Andern heiraten, und der kann Regent werden. Oder der
-Beuglenburger Lipsch kriegt einen Konsens und heiratet sie. Ach, was
-geht das mich an! Nein, ich bin diese Sache nun müde. Merkwürdig! fuhr
-es durch ihn hin, habe ich eben wohl nur einen Augenblick bedacht, daß
-ich der gar nicht bin, für den er mich hielt? Genug, genug mit dem
-Ganzen! -- Er warf sich herum, fühlte seine Nase dumpf und verschlossen,
-legte sich auf die Seite, das Gesicht nach der Wand und zog heftig Atem.
-Langsam erleichterte sich das rechte Nasenloch und wurde frei. Ob Papa
-dies alles wohl gewußt hat? -- fragte er sich plötzlich. Der Erbprinz
-war ja immer krank gewesen. Oder weiß er vielleicht einen andern Weg?
-Und wenn ich nein sage, was dann? -- Sein Kopf glühte, er stützte sich
-auf den Ellbogen, die Nase war wieder fest verschlossen, die Mundhöhle
-klebrig, und er drehte sich herum und sah nach dem Fenster; das
-blendete, ah, kam doch die Sonne? Aufspringend, lief er zum Fenster und
-sah nach oben. Ja, eine silberne, weißliche Quelle bewegte sich da oben
-im Grau, Gewölk wurde sichtbar, die Bäume regten sich, nun fiel ein
-blasser, gelber Streifen. Ach, wie sah auf einmal alles anders aus! --
-Ich bin so gräßlich nervös geworden, dachte Georg, so wie die Sonne
-wechselt, fühle ich mich froh oder trübe. --
-
-Er ging nun wieder ins Nebenzimmer und setzte sich an den Schreibtisch,
-nieste heftig, schneuzte sich, -- die Sonne war wieder fort. Man könnte
-es als ein Opfer ansehn, dachte er schwer. Renate, -- das war noch eine
-Versüßung; und -- es war zuviel, ein Doppeltes an Gewinst, -- es soll
-aber das eine sein, das reine Ziel. Ach, wie schön, wie schön hätte es
-werden können! Beuglenburg obendrein -- was gab es da nicht alles zu
-tun! Sigune -- --? Wer weiß, was sie heute für ein Wesen ist? Zart,
-gutherzig würde sie jedenfalls sein, lenksam, willenlos. Freiheit genug
-würde ihm bleiben. Und Renate -- sie konnte ja auch nicht wollen. --
-Vielleicht sehe ich sie mir einmal an; wenn sie gar zu schlimm ist, bin
-ich stark genug, auch rücksichtslos zu sein. Möglich auch, -- ich sage
-ihnen dann, wer ich in Wahrheit bin! -- Da sah er schon die ganze Szene,
-Minister, Hofkammerrat, denen er schlichte aber klirrende Worte hinwarf.
-
-Aufstehend setzte er sich auf den Schreibtisch, streckte absichtslos die
-Hand nach dem Telephon aus, und da er dies getan, nahm er auch den Hörer
-auf und bat den Hausmeister, ihn mit Benno zu verbinden. Gleich darauf
-hörte er Bennos Klavier, es brach ab, Schritte kamen, er sagte: »Benno?«
---
-
-»Ja, hier bin ich«, antwortete Bennos Stimme. Georg sprach matt und
-langsam weiter:
-
-»Ich soll heiraten, Benno, die Beuglenburgsche Prinzessin, ja. Und
-Großherzog werden, -- ja. Na, was meinst du?«
-
-Benno, mit unterdrückter Stimme vor Erregung, sagte: »Ich bin außer mir!
-Georg! das kannst du nicht! Das ist Gewalt!«
-
-Ach, der gute Benno, dachte Georg und wiegte sich, so ist die Sache denn
-doch nicht in Fürstenhäusern.
-
-»Ja, lieber Benno, du drückst das ein bißchen stark aus. Wer was
-erreichen will, muß Opfer bringen. Neigungsheiraten, weißt du, sind an
-Fürstenhöfen sowieso verpönt. Denke, ich könnte König von Holland werden
-oder dergleichen, -- und die Prinzessin ist vielleicht sehr nett.«
-
-»Ist sie schön?« fragte Benno.
-
-»Ich weiß nicht, ich glaube nicht; aber sie soll sehr gut sein. Ich kann
-sie ja denn wenden lassen.«
-
-»Du bist ja gar nicht so zynisch, wie du tust, Georg!«
-
-»Ach, der Teufel«, schrie Georg, »soll da nicht zynisch werden! Na,
-danke schön, Benno, ich wollte bloß mal hören ... Also du rätst ab?«
-
-Benno stammelte etwas, Georg lachte, er sollts schon gut sein lassen,
-und legte den Hörer hin. Die Nase juckte ihm wüst, er bearbeitete sie
-mit dem Taschentuch, indem er spöttisch dachte: Alles ist immer so
-einfach für die Unwissenden. Ich glaube, ich werde doch mal hinfahren.
-Ach, wenn man bloß nicht so allein wäre! Wer hilft einem denn? Aber
-nein, nein, nein, gut so, dies muß ich allein ausführen. Ich will schon
-fertig werden!
-
-Er dehnte sich, und jetzt schwoll ihm die Brust vor unbestimmtem
-Verlangen nach Thronen und Fürstendasein. Er sah sich in stiller Arbeit,
-stiller, freundschaftlicher Gemeinschaft mit einem stillen weiblichen
-Wesen, das ihn liebte, das er gern sah und das er beschützte. Es könnte
-doch recht -- schön -- werden --, sagte er sich leise. Ach, man fühlt
-doch wieder, daß man lebt! Ziele sind da, Wege, Kreuzungen, Widerstände!
--- Er faßte nach seinem schmerzenden Rücken, dachte: Vorläufig werde ich
-wohl Influenza kriegen, und wünschte sich zu Virgo. Er ging auf den
-Flur, klingelte nach Egon, ließ sich den Mantel anziehn und verließ das
-Haus.
-
-
- Flut und Ebbe
-
-Renate trat aus der Kapelle, schloß die Tür, zog den grünen Schal fester
-um die Schultern und blickte eine Weile in den kahlen Garten. Es
-dunkelte schon; hinter den schwärzlichen Maschen des Buschwerks und der
-Bäume lag das Haus, stumm und lichtlos, grau, kalt. Frierend lief sie
-durch den Garten, die Stufen zur Veranda empor und schlüpfte in die
-angelehnte Tür. Während sie zuriegelte, wurde hinter ihr die Tür zum
-Flur geöffnet; dann kam vornübergebeugt, auf einen Stock gestützt, ein
-großer Mann herein, den sie im Halbdunkel nicht erkennen konnte. Drei
-Schritte kam er vor, die Füße absonderlich hochhebend, die Augen im
-großen, rasierten Gesicht fest auf sie gerichtet, lachte leicht auf, und
--- »Herzog!« rief Renate und schlug die Hände zusammen. Er richtete sich
-auf und hob den Stock hoch.
-
-»Was sagen Sie nu?« rief er stolz.
-
-»Ist es die Möglichkeit!« sagte Renate und ging eilig auf ihn zu. Er
-nahm ihre Hand in seine Linke, sie merkte, daß sie selber es war, die
-ihre Hand fast gegen seinen Mund drückte.
-
-»Es ist zwar«, sagte er, sie küssend, »unschicklich in Norddeutschland,
-einer unverheirateten Frau die Hand zu küssen, aber das macht nichts.«
-
-»Sie gehen! Sie können gehen! Nein, wie mich das freut!« Renate legte
-die Hände wieder zusammen und meinte, sie könnte schon ihre Freude recht
-deutlich werden lassen. »Und so verschönt, so verschönt! Welche Ehre mir
-da widerfährt!«
-
-Sie ging zu einem der Sessel in der Nähe des Kamins und zeigte ihm einen
-andern. Nicht unbeholfen ging er draufzu und setzte sich. Zwischen
-Beiden kniete das Hausmädchen und machte Feuer unter den Holzscheiten.
-»Recht so,« sagte der Herzog, »mich friert ausdermaßen. Setzen Sie sich
-schnell zu mir, ich habe genau zwanzig Minuten Zeit, dann geht mein Zug,
-ich muß nach Beuglenburg, es giebt die größten Umwälzungen, unterwegs
-hat mein Chauffeur mich umgeworfen, vielmehr gegen einen Baum gefahren,
-weil der Bauer nicht so wollte wie er, da bin ich mit dem Zuge
-gekommen.«
-
-Das Mädchen ging, Renate setzte sich. Er reichte ihr noch einmal die
-Hand. Sie mußte sich Mühe geben, sein ihr bekanntes Gesicht
-wiederzufinden. Die Oberlippe war sehr schmal, der Mund schien größer
-und kräftiger, das Kinn war erstaunlich groß und stämmig. -- Sehr ernst
-sagte er:
-
-»Ich wollte Ihnen vor allem danken. Wenn mir etwas geholfen hat, waren
-es Ihre Briefe. Sie sind ein guter Kamerad, ich will dafür sorgen, daß
-Sie's bleiben. Ja, da habe ich gehen gelernt. So wie's gewesen ist,
-wirds ja nicht wieder werden, nicht einmal so, wie es hätte werden
-können, wenn ich gleich damals angefangen hätte, sagt der Arzt, aber --«
-er setzte sich fest, »man muß zufrieden sein. Nun sagen Sie -- wie geht
-es Ihnen denn? Ich fürchte, Sie sahen besser aus im Sommer.«
-
-Renate lächelte nur und war froh. »Wollen Sie mir nun nicht erzählen,
-was das für Umwälzungen sind?«
-
-Der Herzog sah auf die Uhr. »Bloß noch sechzehn Minuten,« sagte er,
-»vielleicht könnt ich doch einen andern Wagen mieten, ich bin im
-allgemeinen kein Verschwender.«
-
-»Ja, so nehmen Sie doch meinen!« rief Renate und sprang auf.
-
-»Augenblicklich!« sagte der Herzog, »wenn Sie mit mir kommen. Sie können
-in zwei guten Stunden zurück sein!«
-
-Renate, schon an der Tür, klingelte, versicherte, sie komme gerne mit,
-trug dem Mädchen auf, dem Chauffeur Bescheid zu sagen, und setzte sich
-wieder. Die Scheite im Kamin glommen langsam und widerwillig auf. Renate
-kreuzte behaglich die Arme und sah den Herzog erwartend an.
-
-»Also,« sagte er, »mein Sohn will Großherzog werden. Es ist eine
-hundsföttische Angelegenheit, mit Erlaubnis! Vor drei Tagen ist der
-Beuglenburger Erbprinz gestorben. Er hatte Tuberkeln, seit Jahren schon
-wurde sein Ende erwartet, ja, vor drei Jahren gaben sie ihn schon auf,
-aber er erholte sich wieder. Sein Vater ist -- also -- nur noch eine
-Masse. Erbschaftsberechtigt sind: erstens ich hier, mein Sohn und ein
-schon bejahrter Graf Beuglenburg-Lipsch, der gerne möchte. Ich falle
-aus, für mich ist das nichts. Mein Sohn -- ja, was meinen Sie
-eigentlich? Sie kennen ihn doch ...«
-
-Renate sagte: »Ich schrieb Ihnen ja ... Kenne ich Georg? Ich mag ihn
-gern, er ist klug, sehr fein und bescheiden. Freilich, was heißt das
-...!«
-
-»Nun, lassen Sie mich erst weiter erklären«, unterbrach er. »Außer dem
-verstorbenen Sohn ist da noch eine Tochter Sigune, neunzehnjährig, eine
-gute Seele, glaub ich, sehr fromm vermutlich, die Beuglenburgs sind
-katholisch, die Kleine war und ist -- was ich leider nicht wußte -- ganz
-in den Händen ihres Erziehers, der Hofkammerrat am Hof ist und nicht nur
-sie, sondern den ganzen Hof beherrscht. Jesuitisch erzogen übrigens. Die
-Entwicklung wäre daher die, daß die Beiden heiraten, mein Sohn und die
-Sigune. Und das scheint mir bedenklich. Georg hat Spätlingsnerven, hat
-gar kein Talent zur Brutalität, denkt von außen nach innen und ist noch
-sehr jung. Der Gedanke, daß er erbt, hat ja nun für mich alles
-Bestrickende. Trassenberg war bis über Achtzehnhundert hinaus
-selbständig, kam dann zu Beuglenburg. Aber Trassenberg gehört mir.
-Solange der alte Großherzog regierte, hatte ich keinerlei
-Schwierigkeiten. Alle Beamtenstellen in Trassenberg besetzte ich. Kommt
-der Beuglenburger Graf zur Regierung, so habe ich die Jesuiten im Land,
-und es giebt den ungeheuerlichsten Schlamassel; in jeder Beziehung. Das
-brauche ich nicht zu erklären. Ich könnte freilich selber regieren, ich
-bin der nächste, aber -- ich will einmal nicht. Doktor Birnbaum ist zwar
-dagegen, stabiliert nach wie vor sein heiligstes Menschenrecht, nämlich
-das, jeden Augenblick seine Meinung ändern zu können, aber -- ich habe
-mich an diese Meinung zu sehr gewöhnt, bin auch zu alt zu Neuerungen.«
-Er lachte kurz und griff nach einem imaginären Bart.
-
-Indem trat der Chauffeur ein und meldete, der Wagen sei bereit. Der
-Herzog stand auf. »Fahren wir nur,« sagte er, »ich bin so schon
-ungeduldig genug.«
-
-Eine Weile später saß Renate unterm schwarzen Pelz in der Wagenecke, der
-Herzog in der andern, der rechten, die er sich ausbedungen hatte, da er
-auf dem rechten Ohre taub sei. Wie Bogner! fiel es Renate ein, wo war
-Bogner? Oh dies war auch ein Mensch, dieser nicht regierende Herzog! Das
-Automobil bog gleich in den Wald ein, die Lampe unter der Decke glühte
-auf, das Gesicht des Herzogs erschien rötlich; eng und warm war der Raum
-um sie, die Scheiben beschlugen schnell.
-
-Der Herzog war plötzlich verstummt. Renate mochte ihn nicht stören, da
-er sicherlich viel im Kopfe hatte, auch genügte ihr vollkommen die
-Wohltat der Fahrt und das Dasein des fremden, immerhin doch -- kaum
-bekannten Menschen. Sie glaubte, in sich versunken, wohl eine
-Viertelstunde bereits im Fahren zu sein, als sie ihn sprechen hörte,
-ohne daß er sie ansah.
-
-»Sehen Sie,« sagte er, »man tut doch immer zu wenig. Oder man ist immer
-nach einer Seite hin geblendet, und aus den wunderlichsten Ursachen.
-Jahrelang, jahrzehntelang lag diese Sache nun vor mir, ward sie geplant,
-beleuchtet -- und -- den Gedanken an diese Heirat habe ich ebensowenig
-mit kalkuliert, wie ich einen starken Einfluß des Hofkammerrats, an
-dieser Stelle, ahnte. Es ist bei Gott, als ob er sich versteckt hätte.
-Denn nun hat der Gedanke: Georg und Sigune, die verteufeltste
-Ähnlichkeit mit dem Kolumbusei: solange ungedacht -- ists eben nichts --
-und sobald gedacht das einzig Naheliegende und Natürliche ...«
-
-Nun wars wieder still, lange Minuten, bis auf das Rauschen der Fahrt.
-
-»Ich habe das eben so obenhin gesagt,« fing der Herzog wieder an, »das
-mit dem Altsein, aber ich meinte es nicht. Nein, ich bin nicht alt.« Er
-beugte sich mit einem Ruck vor, faßte seinen Stock und schlug damit auf
-seine Stiefelspitzen unter der Decke. »Absichtlich habe ich diese
-Kraftanstrengung gemacht mit dem Gehenlernen. Ich -- ich glaube, es war
-die Ungeduld von zwei Jahrzehnten, die auf einmal losbrach, und da habe
-ich denn nachzuholen versucht, was meine Frau in denselben zwanzig
-Jahren in ihrem Käfig hat abwandern müssen. Nun denke ich mir alles sehr
-schön. Mein Sohn und ich waren immer gute Kameraden, Birnbaum ist auch
-da und liebt Georg wie der ihn, es könnte ein Triumvirat, es könnte
-sehr, sehr gut werden.«
-
-Er schien Renate noch erregter, als sie nach seinen Worten allein
-erkennen konnte. Sie sagte, es sei sicher viel Gutes in Georg, er
-beobachte vielleicht ein wenig zuviel sich selbst, aber -- »Nun ja,«
-murmelte der Herzog, »in diesen Jahren, da ist sich ja jeder ein
-Labyrinth und sieht an jeder Straßenecke den Minotaurus das Bein
-hochheben. Ja, entschuldigen Sie nur, ich denke immer noch, ich rede mit
-Birnbaum wie in all den Jahren. Nun, sehen Sie, so ist Georg. Ich sagte
-Ihnen, glaub ich, schon einmal, daß ich ihm unbegrenzten Kredit gab. Sie
-wissen, was das ist.« Renate schüttelte den Kopf. »Nun, das schadet
-nichts, es heißt jedenfalls so viel, daß er Geld verbrauchen konnte,
-soviel er wollte. Es war ein Risiko von mir, eine Probe, bankerott
-machen konnte er mich ja nicht, und so dachte ich: versuchs lieber auf
-die Weise, als daß er dich hintergeht, Schulden macht und den Namen
-versaut. Schulden kann ich auf den Tod nicht leiden. Was tut Georg?
-Braucht -- im Verhältnis -- überhaupt nichts. Nun würde das an sich
-nichts heißen, wenn er ein -- also von Natur ein Asket wäre, ein
-Einsiedler, ein zarter, scheuer Mensch, dem das Bunte der Welt nichts
-bedeutet. Er aber ging ganz frisch in die Welt hinein, machte
-Dummheiten, ruinierte ums Haar seine Gesundheit. Aber -- --! Was hätte
-er nicht -- --? er hätte einen Rennstall halten können, drei Rennställe,
-unermeßlich pokern, Mätressen, Automobile, Paläste, Jachten, was weiß
-ich, halten können. Nichts davon. Was er am Grunde seines Lebens sucht,
-ist ihm wahrscheinlich so geheim wie mir selber, und wenn er heute
-Großherzog sein will, so will er vielleicht morgen Dichter sein -- nun,
-es giebt schlimmere Schwankungen. Einmal, das will ich gestehn, war ich
-mißtrauisch. Ich hatte ihm eines Tages eine -- ja, eine schwierige
-Eröffnung zu machen; er hatte sich zu entschließen. Ich schickte ihn ins
-Freie, saß und wartete auf ihn. Es ward dunkel; da kam er. Ich dachte:
-Er braucht sich nicht entschlossen haben, es eilt nicht, aber, dacht
-ich: Was wird sein erstes Wort sein? Man hat seine abergläubischen
-Momente, und ich lag selber im Graben. Soll ich Licht machen? fragte er.
-Ich weiß nicht, das schien mir nicht sehr vielversprechend. Er hätte
-Licht machen sollen -- nun -- aber -- ich bin wieder davon abgekommen.
--- Und nun möcht ich rauchen«, bat er, seine Zigarrentasche schon in der
-Hand. Renate nickte, freute sich, die große Zigarre von Helenenruh
-wieder zu erkennen, und atmete nicht unbehaglich den zarten Geruch der
-ersten Wolke. Man muß ihn reden lassen, dachte sie weich.
-
-Der Herzog saß weit vorgebeugt, wischte zuweilen mit der Hand an der
-Scheibe und sah hinaus, während er sprach. Jetzt blickte er wieder eine
-lange Zeit schweigsam hinaus, setzte sich dann zurück, drückte den
-Rücken fest, sah Renate kräftig forschend an, dann wurden seine Züge
-weicher, er sagte:
-
-»Gute Freundin! Ich habe nie Gelegenheit gehabt im Leben, unaufrichtig
-gegen einen Menschen zu sein, diesen und jenen Halsabschneider
-ausgenommen, gegen einen nahen Menschen also, deshalb möchte ich es auch
-gegen Sie nicht sein. Da ich Sie also einmal mit dieser Angelegenheit
-behelligt habe -- und es tut mir aufrichtig wohl, daß ichs durfte --, so
-sollen Sie auch den Rest wissen. Georg ist nicht mein Sohn. Er ist --
-aber das ist gleich, das würde viel zu weit führen, und es genügt ja,
-wenn Sie die Tatsache wissen. Nun -- was sagen Sie dazu?«
-
-Renate wollte heftig erschrocken abwehren: Nein, nein, lassen Sie mich
-nichts dazu sagen! besann sich aber rechtzeitig mit der Erinnerung an
-sein Vertrauen, schlug die Augen gegen ihn auf und sah ihn dasitzen, das
-Kinn auf die Brust gedrückt, die Oberlippe zwischen den Zähnen, unter
-der geneigten Stirn aufblickend, nun doch zweiflerisch vor ihrer
-Antwort. Sie machte ihren Blick herzlich, murmelte für sich: Einen
-Menschen sollst du messen ... und sagte leise:
-
-»Von meinem Freund schrieb ich Ihnen hier und da, Saint-Georges, den ich
-immer zu fragen pflege, wenn ich etwas nicht weiß. Der schenkte mir
-einmal den Spruch: Einen Menschen sollst du messen -- Wenn du in seiner
-Haut gesessen. -- Und«, fuhr sie, die Hände faltend und mit wärmerem
-Lächeln in seine Augen blickend, fort: »Wenn Sie geglaubt haben, daß
-trotz dieser Tatsache er als Ihr Sohn gelten solle, dann habe ich kein
-Recht, anders zu urteilen.«
-
-»Danke schön«, sagte er und nickte. »Ich muß noch hinzufügen,« erklärte
-er dann, »daß erst vor zwei Jahren auch mir dies mitgeteilt wurde, ja,
-übrigens spielte der Vater unsrer Magda dabei eine verfluchte Rolle, na,
-der ist nun auch tot. Und dies war die Eröffnung, von der ich eben
-sprach, die ich ihm zu machen hatte. Mein Sohn und ich -- wir haben also
-alles beim alten gelassen. Sie haben nicht in meiner Haut gesessen,
-nein, und ich nicht in der seinen, denn schließlich ist er hier ja
-derjenige, auf den es allein ankommt, aber -- ich glaube doch: wir haben
-alle drei recht.«
-
-Renate sann hin und her, aber das Ganze war ihr allzu fremd, als daß sie
-sich in solcher Schnelle, wenn überhaupt je, hätte hineinfinden können
-...
-
-»Und nun«, hörte sie den Herzog sagen, »können Sie sich immerhin denken,
-wie dies Geschehnis auf mich wirken mußte. Nicht wahr: Ich hatte ihn
-verloren, als Sohn, -- Sohn meiner Helene; ich behielt ihn aber, ich
-hatte also -- gesetzt, dies sei möglich -- noch einmal so väterlich um
-ihn zu sorgen, als ob er mein echter Sohn sei. Ob möglich oder nicht:
-dies war mein Gefühl, dies hatte es zu sein.
-
-»Und nun diese Heirat,« fuhr der Herzog nach einer Pause fort, »wie? was
-ist?« unterbrach er sich. Renate, die bemerkt hatte, daß der Wagen, wie
-bereits mehrere Male, ganz langsam fuhr, reinigte die beschlagene
-Fensterscheibe mit dem Handschuh und blickte hinaus. Schwarze Nacht
-wars; der Wagen stand still. Sie ließ das Fenster ein Stück weit nieder,
-eiskalt drang die Luft ein. Sich hinausneigend sah sie vorn den
-mächtigen Schattenriß des wulstigen Rades, drohend überwölbt vom
-Schutzblech, die metallene Halbkugel der Wagenlampe dicht darüber, aus
-der ein Strahlenkegel weit in die Nacht fiel, schwarz den sargartigen
-Kühler und blinkende Tropfen an der Glasscheibe vor dem Fahrer. Kalkweiß
-stand ein gesträubter Chausseebaum im Licht. Gleich darauf tauchte ein
-zottiger Hund neben einer Weibsgestalt auf, ein Handwagen dahinter; sie
-hörte den Chauffeur etwas fragen, der Handwagen zog weiter, ein großer
-Kerl, hinterdrein stolpernd, wandte sich halb im Gehen, schwang die Arme
-und rief etwas in unverständlichem Plattdeutsch; der Wagen ruckte an,
-der Motor rauschte, sie rollten.
-
-»Noch zehn Minuten höchstens,« sagte der Herzog, »aber nun müssen Sie
-das Ganze hören. Sie haben sich wahrscheinlich bereits gefragt, wie
-Georg zu der ganzen Sache steht. Ich wills Ihnen sagen. Es fängt mit
-meinem Urgroßvater an. Der war sehr sonderbar; Astrolog; nicht Astronom,
-sondern Astrolog. Anfang des achtzehnten Jahrhunderts wurde Trassenberg
-mediatisiert, aber mein Urgroßvater schloß mit Beuglenburg einen
-Geheimvertrag, nach dem Trassenberg zwar an Beuglenburg kam, jedoch nur
-auf hundert Jahre, kündbar. Warum dies, ist unbekannt. Er hatte die
-merkwürdigsten mystischen Neigungen! In seinem Nachlaß fand sich unter
-vielen andern Seltsamkeiten, Horoskopen, Prophezeiungen eine
-Vorhersagung: Im Anfange des zwanzigsten Jahrhunderts würden beide
-Häuser, Trassenberg und Beuglenburg, oder Zinna, auf zwei Augen stehn;
-von diesen Augen würde es abhängen, ob die Stimmen beider Gewalt im Rate
-der deutschen Völker erlangen oder für immer verstummen würden, -- die
-Weissagung besteht aus lateinischen Distichen, astrologische Wendungen,
-die Gestirne, Venus, Jupiter spielen eine unverständliche Rolle darin.
-Weissagung und Vertrag haben beide sich in unserm Geschlecht
-vererbt, und zwar wars üblich, daß diese Erbschaft am Tage der
-Mündigkeitserklärung vom Erstgeborenen angetreten wurde. Nun konnte es
-sich nur noch um Georg handeln, aber jetzt lag die Sache folgendermaßen
-...
-
-»Der Zinnasche Erbprinz, Bruder eines Totgeborenen und einer
-schwächlichen Schwester, selber nur mit Mühe und aller Kunst von Geburt
-an am Leben gehalten, war für mich allezeit -- nicht dasjenige
-Augenpaar, auf dem die Schicksale der beiden Länder ruhen sollten -- das
-heißt: ich füge meine Ausdrucksweise nach der Prophezeiung, die für mich
-keinen bedenklichen Wert hat noch hatte. Nun: im Sommer werden es drei
-Jahre sein, Georg zog zur Universität, trat ins Leben, ich hielt es für
-an der Zeit, ihn wissen zu lassen, was ihn in Zukunft erwartete, um so
-mehr -- bei seinem Hange zur Dichterei und dergleichen schönen, aber
-wenig weltlichen Dingen. Nun griff eins ins andre. Nämlich: ihn
-spekulieren zu machen auf den Tod eines noch Lebenden, das widerstrebte
-mir. Ich hatte aber den Vertrag, der heutzutage -- das vergaß ich zu
-erwähnen -- ich will zwar nicht sagen: keine, aber doch keine
-nennenswerte Gültigkeit -- an sich -- hat, wenn der Andre nicht will.
-Wollt ich ihn durchsetzen, so handelte es sich schließlich nur um die
-Geneigtheit des Bundesrats, und da von den drei Stimmen, die Beuglenburg
-und Trassenberg gemeinsam drin haben, zwei schon immer in meiner Hand
-waren, so -- nun, Sie verstehn. Also war zu kalkulieren: ist der
-Erbprinz einmal tot, soll dann weiter geerbt werden im Mannesstamm, so
-kommt zuerst Georg in Frage, und der Vertrag liegt da als Fundament, als
-Stütze, wie man will. Also ... wo blieb ich stehn? -- So -- ich benutzte
-also Georgs politische Unkenntnisse (sie hielten länger vor, als ich
-damals ahnte) und sprach ihm damals schon, drei Jahre früher als üblich,
-von dem Vertrage und seinen Möglichkeiten in bezug auf ihn. Er war
-daher, bis vor zehn Tagen etwa, war er in dem Glauben, in der
-Zuversicht: Herzog von Trassenberg werden zu können. Nun vor allem: das
-Ganze wäre ums Haar schon vor zwei Jahren zum Klappen gekommen, da der
-arme Junge Adolf Emil sich bereits zum Sterben anschickte, aber wieder
--- ich argwöhne sehr -- gegen seinen Willen daran verhindert wurde, für
-mich ein Beweis, wie richtig ich gegen Georg verfahren war. Hopla!«
-sagte der Herzog, denn der Wagen war aufs Pflaster gerollt und
-schüttelte erbärmlich. Durch das trübe Glas der Wagenfenster fiel gelbes
-Licht herein zu dem rötlichen Inneren, Laternen, Schaufenster,
-Menschenschatten, ein Wagen zogen vorüber. Gleich darauf stand der Wagen
-still.
-
-»Ja, nun muß ich doch abbrechen,« bedauerte der Herzog, »oder bringen
-Sie mich noch bis oben, eine kleine Viertelstunde«, sagte er verlockend.
-
-Renate nickte, der Herzog ergriff das Sprachrohr und befahl dem
-Chauffeur sich nach dem Schloß hinauf weiter zu fragen. Bald darauf
-rollte der Wagen weiter, durch Straßen, Pflaster und Asphalt, hin und
-her, währenddem sie schwiegen, Renate gespannt, als läse sie Balzac.
-Kaum rollte der Wagen wieder sanfter dahin, begann auch der Herzog:
-
-»Also weiter. Zu Neujahr gab ich Georg den Vertrag; zwei Tage vorher
-nämlich schreibt mein Agent, aus Zinna: der Erbprinz liegt im Sterben,
-diesmal ists sicher! (War aber wieder gelogen, er hat noch zehn Wochen
-gelebt, es war ein Jammer!) Georg geht hin und klagt den Vertrag ein,
-und -- nun kam die Enttäuschung für uns Beide: bekam eine schlichte, ja
-schnöde Abweisung. Nun, was weiter --
-
-»Er schreibt mir, er steht vor einem Rätsel ... Ich tu's selber, ich
-schreibe nach Zinna, es giebt ein unverständliches Hin und Her, endlich
-kommts denn zu Tage: Georg heiratet Sigune.
-
-»Ich fahre selber nach Beuglenburg. Der Großherzog, wie ich immer wußte,
-ist eine Null, vor der dieser oder jener seiner Umgebung, am häufigsten
-sein Hofkammerrat, ein halber oder ganzer Jesuit, zusammenleg- und
-entfaltbar, jede beliebige Ziffer von zehn bis neunzig formiert. Mit ihm
-selber ist nichts anzufangen, seine Umgebung schwört: er reagiert nur
-auf Fremde nicht, beinah hätten sie gesagt: in ihren Händen sei er
-Wachs, denn das ist er. Ihrer Aussage nach also besteht er auf seinem
-Willen, das Erlöschen seines Namens um jeden Preis zu verhindern. Na,
-nun giebt es ja allerlei Möglichkeiten. Der alte Beuglenburger Lipsch
-kann päpstlichen Konsens erhalten, um wieder zu heiraten. Immerhin --
-dies ist des Hofkammerrats Vorzugswort -- immerhin scheint er -- der
-Hofkammerrat -- für seine Sigune -- er hat sie erzogen, und da sie aufs
-äußerste an ihm hängt, muß er wohl auch seine guten Seiten haben; wem
-fehlen die schließlich nicht? -- er scheint also dem jüngeren Georg doch
-den Vorzug vor dem alten Lipsch zu geben, sagt sich vielleicht auch, daß
-aus Alter und Krankheit kein brauchbarer Nachwuchs zu hoffen ist und das
-Erlöschen Zinnas bloß aufgeschoben, nicht -gehoben. Schließlich sind
-auch Erbschaftsgesetze nichts Unabänderliches, das heißt: die Sigune
-kann irgendeinen andern von fünfzig gut katholischen Prinzen heiraten,
-dessen Sohn erbschaftsberechtigt wird. Wir müssen gleich da sein, der
-Wagen steigt schon mächtig, merken Sie die Serpentinen? Sehen Sie, da
-liegt das alte Nest!«
-
-Hinausblickend sah Renate das rötliche, qualmende Lichtertal der Stadt
-unter sich, ein altes Stadttor, den schwarzen, rötlichen Fluß, dahinter
-Nacht und den braunen Himmel.
-
-»Ich bin ja auch nun am Ende«, sagte der Herzog. »Georg hat man
-inzwischen Mitteilung von seiner Heirat gemacht, hinter meinem Rücken,
-die Schurken! Bei alledem ist das Unglück, daß der Großherzog darauf
-besteht, noch morgen, am liebsten schon heute abzudanken, also seine
-Tochter so stracks wie möglich zu verheiraten, wobei ich ahnungslos bin,
-wiederum, ob das sein Wille oder der seines Hofkammerrats ist. Georg
-schreibt mir einen verzweifelten Brief nach dem andern: Was denn das
-heiße, er begriffe nicht -- er hüte sich natürlich vor jeder Kritik --
-aber er begriffe nicht, was ich mir je gedacht hätte, er könnte doch das
-kranke Mädchen nicht heiraten und so weiter.«
-
-»Und was schrieben Sie?« fragte Renate, da er schwieg. Er sah sie mit
-ein wenig verqueren Augen an und zuckte die Achseln. Er hätte
-geschrieben, Georg dürfe schon vertrauen, daß alles mit rechten Dingen
-zugegangen sei, es sei jetzt keine Zeit zu Erklärungen, die er jeden
-Augenblick später erhalten könne, er selber stehe ihm sofort zur
-Aussprache, zur Beratung zur Verfügung, vielleicht jedoch ziehe er es
-vor, allein seinen Weg zu finden. »Glauben Sie nicht, daß er alt genug
-ist, um zu wissen, wie er zu handeln hat? Ich selber, schrieb ich ihm
-noch, würde eigenhändig einen Versuch machen ... Und dabei bin ich ja
-nun. Ich will --«
-
-Er unterbrach sich; der Wagen rollte über eine Brücke, durch ein Tor,
-machte eine Schwenkung und stand still.
-
-»Zinna,« murmelte der Herzog verdutzt, »aber nun will ich ausreden.«
-
-Renate sah durch die klaren Fingerstreifen im Belag des Fensters neben
-dem Herzog ein erleuchtetes Tor über Stufen, Schatten und bunte Stücke
-von Hin- und Hereilenden.
-
-»Ich will«, sagte der Herzog, »doch meine Meinung ändern; ich bin der
-nächste Erbe und --«
-
-Indem wurde der Wagenschlag aufgerissen. »Wollt ihr zulassen!« schrie
-der Herzog, zog die Tür am Riemen zurück, klappte und riegelte sie zu.
-»Hundsfötter!« murmelte er und setzte seinen Hut auf, einen großen alten
-Schlapphut, aber er sprach nicht weiter. Nach einer Weile sagte er
-leise:
-
-»Helene -- ja, nun fehlt uns Helene. Wenn ich die Regierung übernehme,
-so ist die Heirat damit ja immer nur aufgeschoben; der Hofkammerrat
-weiß, daß ich nur Fisematenten mache und in einem halben oder ganzen
-Jahr zu Georgs Gunsten verzichte. Also muß ich Sigune ... sie hat die
-harte Stirn der Zinnas; wenn ich sie herumkriege, so bleibt sie mir
-sicher, aber wie ich das mache ...?« Er seufzte.
-
-»Lieber Freund,« sagte Renate, »und wie wäre es denn nun eigentlich,
-wenn Sie alle Beide verzichteten?«
-
-»Wer?«
-
-»Sie und Georg.«
-
-»Nicht um die Welt«, sagte der Herzog. »Die Jesuiten kommen ins Land.«
-
-»Können Sie sich nicht wehren?«
-
-»Erstens gegen Jesuiten!« murrte er unwirsch, »und außerdem habe ich
-Besseres zu tun. In einem Kriege kann Wunderbares an Kraft und Taten
-geleistet werden, aber ich wäre ja ein Hundsfott, wenn ich nicht den
-Krieg vermiede, um eben dies Wunderbare für meinen Frieden zu
-gebrauchen.«
-
-Renate, hartnäckig zu ihrem eignen Erstaunen, bohrte tiefer: »Sie denken
-an Ihr Land und vergessen Ihren Sohn. Wie sehr väterlich glauben Sie,
-daß dies gedacht ist?«
-
-Der Herzog blickte sie grade und schwer an. »Mir,« sagte Renate beinah
-spöttisch, »-- mir scheint es nun doch, als ob die beiden Augen Ihrer
-Weissagung -- mich jetzt ansehn.«
-
-Er machte eine abwehrende Handbewegung und schlug die Decke von den
-Füßen zurück. »Sie stören mich ja, mein Kind, anstatt mir zu helfen.«
-
-Renate sah auf die Uhr im Armband: »Nachdem ich Ihnen anderthalb Stunden
-zugehört habe, ohne das geringste Widerwort.«
-
-Der Herzog lachte und murmelte, um so gefährlicher sei sie, habe nun
-alles angesammelt, destilliert und spritze das feinste Gift. Übrigens
-könne sie ja nicht wissen, was für ihn auf dem Spiel stehe. Er tastete
-mit der Rechten nach dem Türgriff, drehte ihn, drehte ihn zurück und
-sagte kurz lachend: »Nun denken Sie, ich will ausreißen.«
-
-»Es ist wirklich Zeit«, warnte sie lächelnd.
-
-»Gut,« sagte er und bot ihr die Hand, »ich werde die Nacht zum Überlegen
-verwenden.« Er küßte ihre Hand. »Haben Sie Dank, vielen Dank! Ich bin
-morgen wieder in Trassenberg. Wenn Ihnen etwas Gutes einfällt,
-unterlassen Sie nicht, mirs zu schreiben. Gute Heimfahrt! Auf
-Wiedersehn! Leben Sie wohl! Adieu!«
-
-Er hatte sich nach außen gezwängt, stand, von rückwärts beleuchtet und
-nahm den Hut ab; stämmig und wacker stand er da, Haar und Oberkopf
-schimmerten im Licht, die Züge waren von Renate nicht zu erkennen, da
-sie gegen das Licht sah, auch wurde die Tür nun geschlossen, der Motor
-brauste auf, der Wagen drehte langsam, rollte über den Hof, durch die
-Einfahrt und über die Brücke in die Nacht zurück.
-
-Renate setzte sich tiefer in den Polstern, lehnte sich an, hüllte die
-Decke fester um sich und zog sie gegen die Brust; sie nahm die große
-Muffe, die sie neben sich gelegt hatte, wieder und senkte die Arme bis
-an die Ellenbogen hinein; es schien ihr kälter im Wagen geworden. Sie
-lächelte. Da hatte sie ihn nun ratlos gemacht, das tat ihm gut. Wieder
-lächelnd, empfand sie, daß dies Lächeln schon lange in ihrem Gesicht
-feststand. Sie glaubte, den Abdruck zu spüren, dieser Mensch mußte es
-mitgebracht und festgeschraubt haben, sie konnte es nicht loswerden, da
-war es schon wieder, sie fuhr mit der Hand über Augen, Nase und Mund,
-aber es kam unverwischbar drunter wie neu hervor, oder lächelte sie
-diesmal nur, weil sie es hatte fortwischen wollen? Da habe ich die ganze
-Zeit über gelächelt, dachte sie nun unwillig, und es ging um die
-ernstesten Dinge. -- Wie, schon wieder die Stadt? Vom Schütteln der
-Fahrt in ihren Gedanken unterbrochen, sah sie durchs Fenster in die
-erleuchteten oder dämmrigen und finsteren Straßen voller Menschen und
-elektrischer Bahnen, solange bis die Chaussee wieder erreicht war.
-Unterweil war sie nachdenklich geworden, beugte sich vor, stützte das
-Kinn auf die Fingerknöchel und blickte durch die graue Scheibe in die
-Finsternis.
-
-Das war ja ein Wassersturz von klirrenden, schillernden und fremden
-Dingen gewesen. Sie versuchte, sich zu besinnen. Immer sah sie ein
-kaltes, bleiches, augenloses Gesicht unter einem Jesuitenhut, wie
-unsinnig! Sigune -- Schionatulanders Geliebte, ein schöner, trauriger
-Name. Kränklich war sie, blond, mit einer harten Stirn, und dieser
-Jesuit war ihr Lehrer und einziger Freund. Der kranke Bruder -- und
-dieser Vater ... Plötzlich erschien der Herzog wie ein Riese dazwischen
-und fegte alles über Seite. Renate lächelte wieder, verfinsterte aber
-dann ihr Gesicht und sagte: Bogner -- so hätte er einmal kommen sollen!
-Aber damals -- wie würde ich mich vielleicht gewehrt haben! Heut mittag
-noch war mein Dasein ein blauer Teich mit kümmerlichen Wasserrosen; da
-warf sich dieser unbekümmerte Schratt hinein, bloß um drin zu
-plätschern.
-
-Im kalten Wagen empfand sie sich auf einmal heiß. Diesen Gedanken, sagte
-sie, an der Lippe nagend, hätte ich noch vor Jahren den Zutritt nicht
-erlaubt. Bloß um zu plätschern? Aber es giebt mehr Teiche. Aber er
-fackelt nicht und greift zu, wenn es ihm paßt, erwiderte jemand aus der
-Wagenecke. Sie sah flüchtig dorthin, wo der Herzog gesessen hatte. Auf
-einmal kann er wieder gehn, es ist wie im Märchen, freilich, es war bald
-ein Jahr her, daß die Herzogin starb und er ... Wieder kam die tote
-Herzogin zur Türe herein, lebend, bewegte sich leicht zum Tisch,
-lächelte und neigte den Kopf, indem sie sich setzte. Seltsam, welch
-belanglose Erscheinungen am sichersten in uns haften bleiben! Ihr
-Gesicht, so entstellt, als ihr die Augen brachen, war nicht mehr zu
-sehn. Hatte er sie schon ganz vergessen? Sie hörte ihn seufzen: Helene
--- ja, nun fehlt sie uns! Uns ... Freilich: er mußte seines Weges
-weiter.
-
-Fünfundzwanzig Jahr ist er älter als ich, dachte Renate und herrschte
-sich an: Genug jetzt! ein für allemal!
-
-Und nun das -- mit Georg! -- Man kann es nicht einmal nennen, wie soll
-ichs begreifen? Georg? Wer war denn Georg? -- Georg saß mit Esther oben
-in Josefs Fenster, oder mit Esther im Garten bei der Sonnenuhr. Wenn er
-kein Prinz ist, so sieht er doch einem solchen zum Verwechseln ähnlich.
-Nun wundert michs doch, daß -- eigentlich er mich auch nie beachtet hat.
-Aber das war wohl Scheu wegen Magdas. Zwischen ihm und Esther -- was war
-da gewesen? -- Sie hörte Sigurds Stimme, wütend im Schmerz, aber sie
-fand die Worte nicht mehr.
-
-Bogner und der Herzog, welch ein Gegensatz! Wars wirklich einer? Schien
-ihr die Kalt-- ja, die Kaltherzigkeit des Herzogs nicht nur deshalb so
-viel heftiger als Bogners stillere Kräftigkeit, weil eben Bogner keine
-Kraftäußerung kannte als gegen sich selbst und in seinem Werk? Der
-Herzog war das Hantieren mit Menschen gewohnt, das war sein Leben und
-sein Werk.
-
-Renate schloß die Augen und schauerte seltsam angenehm zusammen. Indem
-fielen zwei starke peitschenartige Knalle schnell hintereinander, sie
-fuhr empor, horchte erschreckt, gleich darauf rollte der Wagen
-langsamer, auch anders, wie ihr schien, und stand still. Ach, ein Reifen
-war geplatzt oder gar zwei! Nun kam schon der Schatten Reinholds von
-vorn am Fenster vorüber, sie öffnete es, fröstelte im Luftzug und sah,
-daß die Straße weiß war; es hatte geschneit. Reinhold kam zurück: die
-beiden Hinterreifen wären geplatzt. -- Renate öffnete die Tür und stieg
-aus. Reinhold bemerkte in seiner Berliner Mundart: »Das ha 'k mir jleich
-jedacht, wo der Wagen so lange in der Garage gestanden hat.« Er ging in
-seinem großen Pelz unwirsch um den Wagen, stellte den gehorsam
-stampfenden Motor ab, klappte einen Kasten auf, nahm Werkzeuge heraus,
-öffnete einen andern Kasten unterm Sitz und wühlte darin. Die beiden
-grellen Lichtkegel aus den Laternen fielen weithin über die weiße
-Chaussee und breiteten sich über die nächtigen Felder aus; grellweiß
-angeschienen standen die Chausseebäume wie gesträubte Zuschauer da,
-andre weiterhin, schattenhafter. Weiß wehte Renate der Atem vom Munde,
-sie trat in den dünnen Schuhen langsam hin und her, fühlte die
-hartgefrorenen Rillen des Schlammbodens unter der Schneedecke, fror und
-wollte wieder in ihren Wagen kriechen. »Wie lange dauert es denn?«
-fragte sie.
-
-Der Chauffeur, die Riemen an einem der festgeschnallten Räder mit
-aufmontierten Reifen lockernd, murrte kaum verständlich und mit der
-Abgeneigtheit seines Menschenschlags gegen Zeitangaben, es könnte auch
-'ne Stunde dauern, -- bei die Kälte! --
-
-»Armer Reinhold!« sagte Renate und war unglücklich, so lange im Wagen
-still sitzen zu müssen. Wo sie denn eigentlich wären, fragte sie. Da wo
-die Herzbruchsche Villa stände, da müßten sie dicht bei sein. Renate
-zuckte. Sie ging zum Chausseerand und suchte in der Nacht. Richtig,
-links über den Feldern war ein roter Punkt in der Nacht. -- »Wenn man
-wüßte, wie weit es ist ...« sagte sie zögernd. Nun stellte Reinhold sich
-neben sie und meinte, nach dem Licht spähend, es könnte keine zehn
-Minuten sein. -- Und der Weg? -- Die Chaussee hinunter, dann müßte
-gleich nach ein paar Minuten eine kleinere Chaussee links abbiegen, an
-der läge das Haus; die große Chaussee mache einen Bogen weit rechts und
-treffe nachher die schmale wieder. Ob Renate sich nicht erinnere, damals
-bei der Hinfahrt zum Herzbruchschen Hause, daß sie auf eine kleine
-Chaussee rechts abgebogen seien »da, wo wir doch den Herrn Almanach
-getroffen haben.« Renate zögerte kaum noch.
-
-Irene erwartete sie ja längst. Wie lange hatten sie sich nicht gesehn?
-Lieber Gott, war das schon seit -- Mai -- oder Juni? Ja, im Mai war ich
-einmal draußen, und noch zweimal im Juni. Dann ging ich nach Helenenruh,
-und eh ich wieder hier war, kam >die große Verjüngung< über sie, Masern
-und Scharlach hintereinander, -- wie ein Kind so dünn und weiß wie eine
-Kellerpflanze sollte sie ja wieder zum Vorschein gekommen sein, --
-Renate seufzte noch einmal, sagte Reinhold etwas Ermutigendes, bat ihn,
-wenn er fertig wäre, zur Herzbruchschen Villa zu fahren, und machte sich
-auf den Weg, nun schon ganz in freudiger Neugier, wie Irene aus Italien
-zurückgekehrt sein mochte ... Auch die Fahrt mit dem Herzog war in ihrer
-Erinnerung jetzt eitel Freude, die ihren Gang beschwingte. -- Auf die
-Uhr blickend, fand sie, daß es eben halb acht Uhr gewesen war, und sie
-ging am Rande der Chaussee unter den Bäumen fort, dankbar für die
-Wohltat der Stille in der Frostnacht nach dem langen Getose des Motors
-und dem Hinschnarren der Gummiräder über den harten Boden.
-
-Stehen bleibend dort, wo die Lichtkegel der Laternen zerstäubten,
-vergrub sie die Unterarme tief in die Muffe, behaglich, denn sie fror
-nicht, nur an der Kopfhaut merkte sie, da sie keinen Hut trug, ein wenig
-Kälte. Die Chausseebäume, bleiche Stauden, wurden im Finstern kenntlich
-und neben ihnen in der Grabenböschung die weißen Steine. Eilfüßig lief
-sie den Weg hinunter, aber die kleine Chaussee ließ auf sich warten,
-dafür machte aber die große einen immer stärkeren Bogen nach rechts.
-Sieh, aber da waren ja Sterne in der Nacht, unendlich fern, winzige,
-weißliche Punkte, und kaum daß sie diese gesehn, zogen mehr, rechts oben
-von den ersten, ihr Auge an, das an neuen Sternen nun die unsichtbare
-Wölbung emporglitt und den großen Wagen erkannte; undeutlich, matt
-blinzelnd, war jeder Stern nur sichtbar, wenn sie ihn einzeln ins Auge
-faßte, aber er war es doch! Sie sah sich um im Gehn und gewahrte fern
-die Laternenkegel, strahlend mitten im Felde der Nacht, dahinter den
-ungetümen Schattenriß des schwarzen Wagens, ganz ein glotzendes Tier.
-Sie ging weiter und hatte sich bald so ans Gehen und unbestimmte vor
-sich hin Sinnen gewöhnt, daß sie plötzlich die Nebenchaussee merkte, die
-sie halb überlaufen hatte. Abbiegend und aufsehend, sah sie auch schon
-deutlich zur Linken ein erleuchtetes Fensterviereck, wenn auch klein,
-aber da kam plötzlich der Schatten eines Menschen von rechts aus der
-Nacht auf die Landstraße zu, und leicht erschreckt eilte sie weiter,
-während der Mann näher kam; wenige Schritte hinter ihr mußte er die
-Straße betreten haben, dann hörte sie ihn ihr nachgehn, ging eiliger,
-ihr Herz klopfte heftig, die Schritte hörten nicht auf, jetzt kamen sie
-vielmehr näher, sie blieb Atem holend stehen, der Fremde auch.
-
-Sie sah ihn an; seine Züge waren nicht zu unterscheiden, er hatte eine
-dunkle, englische Mütze auf dem Kopf und trug einen dunklen Havelock.
-Schon wandte sie sich entsetzt, um zu fliehn, als der Fremde -- nun
-erkannte sie auch den glimmenden Blick seiner Augen -- die Mütze abnahm
-und mit anständiger, leiser Stimme sagte, er bäte um Entschuldigung, er
-habe sie verwechselt. Sie atmete ein wenig auf und sagte rasch und
-munter, es befände sich wohl selten um diese Zeit eine Dame in dieser
-Gegend, noch dazu ohne Hut. Sein Gesicht veränderte sich nicht, während
-er erwiderte: sie möchte nochmals entschuldigen, zumal er wohl richtig
-vermute, daß sie zu dem Landhaus -- dort -- wolle. Sie bejahte, bereits
-im Weitergehn, er ging schweigend mit, ein wenig voraus. Das Fenster
-ward langsam größer, sie erkannte die Umrisse des Hauses, des Daches und
-des Hügels. Der Fremde machte eine Bewegung zurück und fragte leise: »Zu
-wem gehn Sie denn? zu Herzbruchs oder --?«
-
-»Zu Herzbruchs.«
-
-»So«, sagte er und war wieder voraus. Drei Schritte weiter wandte er
-sich abermal und fragte, wieder ganz leise: »Aber -- Sie kennen --
-vermutlich auch die -- andre Dame?«
-
-Verwundert sagte sie: »Frau Vehm, meinen Sie, ja, ich kenne sie.«
-
-»Und die Kinder, -- nicht wahr? die Kinder kennen Sie auch.«
-
-Die Kinder --, -- nun erst fiel Renate ein, daß jetzt Doras Kinder beide
-an den Masern krank lagen. »Sie haben die Masern«, murmelte sie vor sich
-hin; ihre Schritte wurden langsamer, denn sie fürchtete sich nun vor der
-Krankheit; bei ihrem Alter war sie gefährlich. Der Fremde war
-zurückgeblieben, holte jetzt aber wieder auf und ging eilfertig weiter.
-Nun sah sie auch an der Rückseite des Hauses einen Lichtschein; dort lag
-die Diele, daneben war der Eingang ins Haus. Sehr unentschlossen hin und
-her überlegend, ging sie doch weiter, sah die Gartenbäume, jetzt wurde
-das dünne Geflecht des Drahtzauns neben der Chaussee sichtbar, und da
-war die Tür; der Fremde stand dort. Plötzlich war ihr sehr unheimlich
-und beklommen zu Sinne. Fuß für Fuß ging sie bis zur Tür, immer noch
-schwankend, ob sie nicht lieber umkehrte, aber sie fror nun auch, die
-dünnen Sohlen der Hausschuh ließen allzusehr die Kälte durch, hastig
-entschlossen drückte sie die Klinke der Drahttür nieder und sagte:
-»Guten Abend!«
-
-Der Fremde, die Augen, wie es schien, gegen das helle Fenster gerichtet,
-blieb stumm. Renate ging langsam durch den Garten hinauf, am Hause
-vorüber; erfreulich war das Licht in der kleinen Vorhalle, sie ging die
-Stufen empor, stampfte den Schnee von den Füßen und betrat die Diele.
-
-Gleich vorn zur Linken, mit dem Rücken nach ihr hin, stand ein Herr, ein
-Buch, in dem er las, in die Nähe der Stehlampe haltend, die auf Dora
-Vehms Schreibtisch brannte. Erst jetzt drehte er sich schnell herum,
-klappte das Buch zu und legte es hin; es sah wie ein Tagebuch aus, und
-der Herr war jener Doktor Ägidi, den sie vor einem Jahr hier kennen
-gelernt hatte. Sie gab ihm die Hand, fragte nach Irene, die Luft kam ihr
-schon peinlich dumpf vor, nebenan wohnten die Kinder; so ging sie hastig
-durch den Raum und traf im Flur mit Irene zusammen, die sie mit
-leidenschaftlichem Entzücken begrüßte. Trotzdem schien Renate die
-Wallung rascher vorüberzugehen, als ihr verständlich war. -- Noch im
-Treppensteigen erklärte sie ihr Kommen, der Herzog schien auch Irene
-einige Teilnahme zu entlocken, sie ging in ihrem Zimmer, während Renate
-sich unter dem Fenster auf das Sofa setzte, hin und her, in ein großes,
-schöngesticktes weißes Tuch mit langen Fransen gewickelt. Die Heizung
-funktioniere wieder einmal nicht, klagte sie, Renate solle nur ihre
-Pelzsachen sämtlich am Leibe behalten. Das Mädchen kam herein und fuhr
-fort den Tisch zu decken, sagte dann im Hinausgehn, Herr Almanach -- sie
-betonte den Namen wie alle Dienstleute auf der ersten Silbe -- sei
-gekommen.
-
-»Der Tisch wird überlaufen!« rief Irene und erklärte, daß sie Besuch
-erwarteten, einen Freund ihres Mannes, sie laure schon den ganzen
-Nachmittag auf ihn, nun würde ihr Mann ihn wohl aus der Stadt
-mitbringen.
-
-»Er wird doch nicht draußen am Zaun stehn?« fragte Renate mit halbem
-Lachen.
-
-»Hat denn wer am Zaun gestanden?«
-
-Renate fragte, gleichzeitig mit Irene, wie ihr Besuch denn aussehe. »Du
-kennst ihn ja selber,« antwortete Irene, »er heißt Klemens, er war auf
-meiner Hochzeit, seitdem kann er sich allerdings verändert haben.«
-
-»Dann war ers glaub ich nicht,« sagte Renate, »dieser hatte keinen Bart
-oder einen ganz blonden, soviel ich sah, und Klemens war doch --«
-
-»Einen blonden?« fragte Irene erschreckt und blieb stehn, »dann war es
-wohl ... Wie sah er denn aus, was hatte er an?«
-
-»Einen Havelock und eine englische --«
-
-»Albert!« schrie Irene, »mein Schwager wars! Er ist verschwunden vor
-acht Tagen! Aber das ist ja --! Entschuldige, bitte, ich muß sofort zu
--- Am Zaun blieb er stehn, sagtest du? Ach, das ist ja --« damit war sie
-fliegend hinaus.
-
-Also das wars, dachte Renate. Und Ägidi ist unten im Zimmer. Albert Vehm
-war doch erst vor kurzem aus Arosa zurückgekommen. Wie er nach den
-Kindern fragte ... Ich will doch lieber gehn! dachte sie und stand auf.
-Überdem wurde die Tür geöffnet und Herzbruch trat ein, trotz des Winters
-in seinem hellen Anzug, breit und stämmig und fröhlich, mit funkelnden
-Brillengläsern. Wo denn Irene sei, fragte er gleich, und ob Klemens --
-sie kenne ja wohl seinen Freund Klemens, nicht da sei. Renate verneinte
-und erzählte noch einmal ihre Begegnung mit seinem Schwager, während
-jetzt Herzbruch im Zimmer auf und nieder ging, die Hände auf dem Rücken,
-zuweilen am Tisch stehen bleibend und drauf nieder blickend, als zähle
-er die Gedecke; als das Mädchen wieder eintrat, fragte er, welche Herde
-denn da zur Krippe gehn solle, und da das Mädchen Almanach stammelte,
-legte er ihr vernichtend die Hand auf die Schulter und sagte, es heiße
-Manach, Manach, und sie könnte ruhig noch mal so laut reden. Das Mädchen
-wurde glühend rot und entlief, -- zu Renate sagte er nur: »Das sind
-alles schwere Sachen, aber auf meine Schwester kann ich mich verlassen;
-was sie tut, unterschreib ich.«
-
-Im Augenblick danach trat sie zur Tür herein, Irene hinter ihr, dann
-Ägidi. Es ist ja genau wie damals, dachte Renate, nur alles viel
-deutlicher und noch bänger. Dora Vehm freilich schien, wohl durch
-stärkeren Zwang als damals, gelassener, warnte mit ihrer hellen Stimme
-Renate vor den Masern; Alle setzten sich wie von selber wie damals um
-den Tisch; nur Georg fehlte; auch damals war Jason später gekommen.
-Irene war still, auch Ägidi. Dora berichtete Renate einiges von den
-Kindern, es gehe schon besser, sie seien munter, Jason sei noch bei
-ihnen. -- Renate tat eine Frage nach Klemens, und Herzbruch antwortete
-unbedenklich, ja, der habe seine eignen Methoden, komme oder komme
-nicht, vielleicht sei er erst bei seiner Schwester, er komme aus Irland.
--- Renate erinnerte sich der kleinen Virgo, die jetzt ein Kind erwarten
-sollte ...
-
-Nun sagte niemand mehr etwas, die Schüsseln gingen umher, dann öffnete
-sich die Tür, Herzbruch sah auf und sagte: »Da ist der Kalender.«
-
-Jason kam herein, gab Allen leise kopfschüttelnd die Hand, setzte sich
-und fing an zu essen. Nach einer Weile blickte Herzbruch auf.
-
-»Also, Kalender,« sagte er, »können Sie nicht etwas anregend wirken?
-Stellen Sie doch einmal einen Satz auf.«
-
-Jason erwiderte höflich: »Gewiß, gern. Indem ich den Anblick zweier
-essender Ehepaare genieße, muß ich den Satz aufstellen ...«
-
-»Zweie?« Herzbruch ließ den Mund still stehn und sah ihn mißtrauisch von
-der Seite durch die Brille an. »Sie haben ja 'n Vogel!«
-
-»Das sagen Sie so,« erwiderte Jason, derweil Renate den Blick auf Dora
-vermeiden mußte, »aber mein Satz beruht eben darauf. Ich gedachte
-nämlich zu behaupten, daß man zwischen hundert Ehepaaren beliebig viel
-Vertauschungen vornehmen kann, und kein einziger der Betroffenen vermag
-es zu bemerken.«
-
-Ägidi fragte: »Sag mal, -- bist du immer so?«
-
-Nicht immer. Er sei verschieden, meinte Jason.
-
-Früher sei er weniger nervös gewesen, bemerkte Ägidi.
-
-Oh, er sei nicht nervös. Ägidi meine das Kopfschütteln. Das sei
-pathologisch.
-
-Irene erklärte, er habe damals den Schiffsuntergang mitgemacht, blieb
-aber stecken und rief heftig tränenden Auges: »Wir haben Alle Esther
-schon vergessen!« so daß Renate erschrak.
-
-»Die Zeit vergeht,« sagte Jason ruhig, »die Zeit ist sehr gut. Es giebt
-nicht annähernd so Gutes. Sie wird mir auch mein Kopfschütteln wieder
-nehmen. Ja, das Schiff war sehr groß und ging doch unter. Andre wurden
-wahnsinnig, ich habe das Kopfschütteln.«
-
-Die Stille saß unheimlich und sich blähend vor Klemens' leerem Teller.
-Renate war weit fort, sah Esther in ihrem Garten, in Josefs Zimmer,
-immer blaß, gern lächelnd, arbeitsam, still. Sie hörte Jason durch
-Schleier sprechen, dann Irene, die zu erzählen schien, wie sie ihren
-Mann bekommen hatte. Herzbruchs Stimme ertönte schwer und gewichtig
-dazwischen, nun sah sie wieder den Herzog im Schloßhof stehn, barhaupt,
-mit einem Heiligenschein, und -- -- sieh, da war ihr Lächeln wieder da!
-Renate stand auf, da die Andern aufstanden, Dora ging gleich darauf aus
-dem Zimmer, das Mädchen deckte den Tisch ab, Renate fing an, auf und ab
-zu wandern, nahm ihre Muffe vom Sofa und wärmte sich. Jason hatte sich
-vor Irenes Vitrine gesetzt, öffnete sie, nahm dies und jenes hervor und
-betrachtete es; Renate blieb hinter ihm stehn und sah zu, ohne etwas zu
-sehn. Noch eben war Wageninneres, und der Herzog und hundert bewegte
-Gestalten, auftretend und schwindend, -- dann nur Stille der
-Winternacht, ihre Schritte, und im Dunkel, am Gartenzaun, der dunkle,
-wartende, einsame Mensch ... Wie war doch alles wirr! Nun Dora Vehm, und
-jemand ward erwartet, Ägidi kam und ging, Alle trugen etwas, und jeder
-sagte: Nichts ... ich trage nichts ...
-
-Renate schreckte auf, da sie sich auf dem Sofa fand; mitten im Zimmer
-stand Irene, wieder in ihrem weißen Tuch, und sagte: »Aber Jason, was
-machst du denn da?«
-
-Renate folgte ihrem Blick, sah links in ihrer Nähe das Ende des Flügels,
-sah ihn schräg ins Zimmer ragen, aus der Ecke, wo unter der hohen Figur
-des delphischen Wagenlenkers, die tief im Schatten stand, Jason saß, die
-Lider gesenkt, die Arme hin und her bewegend, als ob er spiele, aber er
-brachte keinen Ton her. Renate sah ihn schweigend an, nichts erfolgte,
-Jason bewegte hin und wieder das Gesicht, als folge er seinen Händen in
-Baß und Diskant, dann hoben sich langsam seine Lider, Renate fand seine
-Augen leise glänzend auf sich gerichtet, er sagte -- und im selben
-Augenblick hörte Renate deutlich -- und doch gab es keinen Laut im
-Zimmer als Jasons Stimme -- die Töne, die langsam sich hinzählenden,
-unendlich beruhigenden Sechszehntel des ersten Präludiums aus dem
-Wohltemperierten Klavier, und Jasons Stimme sagte darüber: »Ich weiß,
-was du denkst.«
-
-Und nach einer Weile, während die Sextolen ruhig weiter perlten:
-
-»Das Leben ist nicht wie in Schriften und Büchern der großen und kleinen
-Autoren. Es ist wie auf Triften dort klar und erkoren, wie Springen der
-Lämmer, wie Singen von fern, wie des Hirten Schalmei, nicht im Dämmer
-der Unzahl verloren. Es löst sich ein Schicksal wie Duft aus den Poren
-der Blumen, du atmest und riechst es dabei, und da glüht es und scheint
-dir, und Lippe, die redet, und Lippe, die weint, ist dir alles vertraut
-und benennbar und gar nicht unsäglich, auch jenes, das dumpf und
-ergraut, -- denn es waltet nur eines zur Zeit, und das Leid und das
-Licht, und die Nacht des Geweines, der Tag voll Verzicht und die Treue
-des Steines, sie wechseln und ruhn, sie verwechseln sich nicht, und hat
-jedes sein Wort und Gesicht und besonderes Tun, und du siehst es sich
-klären. -- -- Du aber gehst mit gebundenen Händen und kannst dich nicht
-wehren, du wanderst und stehst, und bist niemals allein, und hast keine
-Erfahrung. Wie Farben im Staube der Wasser sich bilden, ohne Gewicht,
-ohne Odem und irdische Nahrung, so siehst du die wilden, die niemals
-erkannten, verwandten Geschicke sich wölben am Weg, und wanderst vorüber
-mit gänzlich verzaubertem Blicke, dir selber in Farben und Lichtern wie
-seltsame Städte mit vielen Gebäuden und Angesichtern unkenntlich
-erscheinend; und nichts ist bestimmt, und wo etwas beginnt erst, da
-scheint dir ein Ende, und wo es verschwimmt, scheint dir alles
-versteint, und lautere Rufe und bunteres Leuchten verschlingen dein
-Eigentum, -- dunkel die Stufe, so dunkel das Zimmer und dunkel dein Auge
-ins Dunkel hinein, und nur von deinem Blut der rote Schimmer, wenn die
-Stunde kam, die eine, deine Stunde, -- und du bist allein.«
-
-Es tropfte heiß auf Renates Hand. Sie bat Jason mit einem Blick, ihre
-Augen loszulassen, und gleich senkte er die Lider über die seinen.
-Seltsam groß und schön, aber wie in weiter Ferne, schwebte der
-mattleuchtende violette Umhang der Lampe über dem Eßtisch; davor stand
-Irene unter ihrem Tuch, Renate den Rücken wendend. Mein Gott, sie weinte
-ja, -- was war denn zu weinen? Leise klappte der Klavierdeckel, Jason
-stand auf, ging zu Irene, legte die rechte Hand auf ihre Schulter, und
-hielt seine Hand gegen das Licht, so daß Renate ihren Schattenriß sah,
-und sagte:
-
-»Siehst du wohl, da drinnen sitzt die ganze Musik, Bach, Berlioz und
-alles. Manchmal, wenn ich so in der Dämmerung sitze, kann ich die
-kleinen Notenfunken herausspritzen sehn, und wenn ich sie bloß auf einer
-Tischplatte die Griffe machen lasse, höre ich die herrlichste Musik.
-Kein Mensch weiß, wieviel zu hören wäre, wenn es nur einmal ordentlich
-still sein dürfte. Aber ihr habt euch ja nun einmal das Lärmen
-angewöhnt. Wie ist es, Renate,« fragte er, sich umwendend, »ich kann
-Reinhold wohl sagen, daß er noch etwas warten soll?« sprachs, nickte
-winkend und ging hinaus.
-
-Vor Renates Augen senkten sich Schleier um Schleier; immer ferner
-schwebte das sanfte Licht, das nun Jasons Stimme seltsam verschwistert
-war. Auch Irene war nicht mehr da, es war nichts mehr, die Zeit war
-hinausgegangen, nur noch die Stille webte im Raum, fast konnte sie die
-Fäden sausen und Maschen fallen hören, und langsam schwebte der
-schattiggrüne delphische Lenker herab; starr, wie die Kannelüren einer
-Säule flossen die Falten seines Rockes zu Boden, er hielt die Zügel ganz
-leicht, matt glänzte das Gold seiner Stirnbinde, ruhig blickte das Auge
-gradaus, der volle, wie zum Pfeifen gespitzte Mund blieb stumm, und
-unsichtbar in den Zügelriemen bäumten sich die Geschicke.
-
-Es war wieder heller; eine Stimme, Irenes Stimme sagte von drüben, vom
-Kamin her, -- ihr Tuch schimmerte dort:
-
-»Dieser Mensch geht nun ein und aus bei dir und mir und trägt das
-Jenseits in der Hand wie einen kleinen Vogel. Kannst du denn noch
-wissen, wenn du ihn recht ansiehst, was Gut und Böse ist? Ist er denn
-gestorben? Und nimmt er an uns und allem nur Anteil, weil er noch mit
-unsrer Gestalt bekleidet ist und nicht ganz zur Ruhe kommen kann?
-
-»Ich glaube, er hat, noch eh wir ihn kannten, so viel menschlichen
-Jammer mitgelitten, daß er sich hat dran gewöhnen müssen, und das
-Schrecklichste ist ihm nun das Einfache; wie gutartig und leicht müssen
-da wir ihm --«
-
-Sie brach ab. Tief und deutlich fragte Herzbruchs Stimme durch den
-Vorhang aus dem Nebenzimmer: »Bitte, wie spät ists?«
-
-Irene antwortete nach einer Weile: »Dreiviertel zehn«, und im Augenblick
-danach schlug die schwere Pranke der Standuhrglocke in Herzbruchs Zimmer
-dreimal summend auf. Als sei nun alles wieder in Bewegung -- so schien
-es Renate --, fiel neben ihr Irenens weiß und gelber Angorakater von der
-Fensterlehne auf das Sofa, duckte sich, kroch dann auf ihren Schoß.
-Lazarus hieß er, weil er so gern in Schößen saß. Da trat auch Jason
-wieder ein. Renate hatte das Gefühl, gehen zu müssen, aber nun hatte
-Jason ja gerade dem Chauffeur aufgetragen, zu warten. Einige Minuten
-lang sprach niemand ein Wort im Zimmer; nebenan wurde ein Stuhlrücken
-hörbar, Herzbruchs Schritte machten den Boden leise beben, er setzte
-sich wieder. Jason sagte:
-
-»Ich hab vergessen: Ägidi läßt sich entschuldigen, er ist fort. Dafür
-kommt ja nun Klemens.«
-
-»Heut abend noch?« fragte Irene. »Das ist ja Unsinn!«
-
-Jason erwiderte nichts. Renate dachte an das, was er eben vom Klavier
-aus gesprochen hatte, konnte sich aber nur auf den Anfang besinnen: Das
-Leben ist nicht wie in Büchern und Schriften der großen ... Nun schien
-es noch stiller zu werden. Jason saß am Eßtisch, ganz grade, die
-Unterarme auf der Decke. Einmal griff er nach dem Umhang, hob ihn und
-blickte, die Augen halb schließend, nach den Glühbirnen; ein Lichtstreif
-fiel dabei ins Zimmer. Ganz hell schrillte die Hausglocke. Renate zuckte
-zusammen, Irene richtete sich im Sessel auf und saß still und grade.
-Wieder gingen Minuten, Schritte wurden auf der Treppe, auf dem Flur
-hörbar, das Mädchen trat ein und meldete: Ein Herr wünsche Herrn Doktor
-zu sprechen. Irene stand auf, murmelte etwas Unverständliches, rief:
-»Otto!« kaum laut genug, daß er es hören konnte.
-
-Das Mädchen wich zurück, wieder kamen Schritte, in der offenen Tür
-erschien eine untersetzte kräftige Gestalt in dunklem Anzug, den
-Rockkragen hochgeschlagen, und Renate erkannte Klemens' schwarze
-Bartfräse, die dicken Brauen und die schwere Nase. Er verbeugte sich mit
-dem Rücken statt mit dem Nacken und sagte: »Guten Abend.«
-
-Jason stand auf und gab ihm die Hand, Irene lief plötzlich zur
-Vorhangtür und rief hindurch: »Otto! kannst du denn nicht hören?«
-
-Der erschien gleich darauf in der Tür, blieb stehn, sah, wie er pflegte,
-durch die obere Hälfte der Brillengläser umher, sah Klemens und war mit
-zwei gewaltigen Schritten bei ihm, schüttelte ihm die Hand und sagte
-weiter nichts als: »Na, da bist du ja!« Klemens lächelte nur.
-
-»Hier ist meine Frau, du kennst sie ja noch,« sagte Herzbruch, »und das
-ist Fräulein von Montfort.«
-
-Nun ging er zu Irene und gab ihr die Hand, ebenso Renate.
-
-»Jetzt essen!« meinte Herzbruch, »Irene, er will essen.«
-
-Klemens dankte, er habe ...
-
-»Keine Widerworte,« sagte Herzbruch, »du --«
-
-»Nein, wenn ich doch sage,« versicherte Klemens, »ich hab anderthalb
-Pfund Bananen ge--«
-
-Bananen? Ob das Essen wäre! »Nichts da«, sagte Herzbruch, Klemens aber
-beharrte: »Na, Höllenelement, ich will aber nichts fressen!«
-
-»Oh la la --« sagte Irene wie zu einem Kutschpferd, »schreit er immer
-so, Otto?«
-
-Herzbruch drehte sich halb nach ihr um, sagte dann: »Ja.« Darauf zu
-Klemens: »Sag mal, hast du eigentlich keinen Mantel? Hör mal, du bist ja
-klatschnaß! es schneit wohl wieder?«
-
-Klemens lachte und erklärte, seinen Mantel hätten sie ihm unterwegs
-weggenommen. »Da war so ein Knabe, weißt du,« sagte er, »kam aus Kiew,
-war ausgewiesen, wollte nach England und ließ sich so von einer
-jüdischen Gemeinde zur andern bugsieren, war aber leider das Frieren
-nicht gewohnt wie ich.«
-
-Irene, die den Männern den Rücken zudrehte, sagte halblaut zu Renate,
-die vor ihr stand: »Der ganze heilige Martin auf Ottos Kosten«, und
-drehte sich weg. Herzbruch zog seinen Freund in einen der Sessel am
-Kamin und setzte sich zu ihm. »Ja, nun also schlafen,« riet er, »Irene
---«
-
-Das würde kaum gehn, sagte sie obenhin, Jason bliebe doch natürlich hier
-bei dem Wetter, wie immer, und im andern Zimmer hinge Doras Kinderwäsche
-zum Trocknen. Herzbruch sagte, dann würde die eben abgenommen.
-
-Das Mädchen sei schon schlafen gegangen, es wäre zehn Uhr.
-
-Klemens lehnte sich derweil hintenüber und wollte sich lautlos
-ausschütten vor Lachen, als ginge der Streit gar nicht ihn an. Herzbruch
-schwieg eine Weile, sah seine Frau mißtrauisch an, bemerkte dann kurz:
-»Also sorge bitte für eine Decke für mich, er schläft in meinem Bett.
-Bring auch was zum Trinken mit.«
-
-»Wein oder Bier?« sagte Irene.
-
-»Danke, keins von beiden, ich --«
-
-»Denn nicht«, sagte Irene und ging hinaus. Klemens sprang auf, lief zur
-Tür, machte sie auf und rief: »Ich trinke nur Wasser, Rebekka, klares,
-biblisches Brunnenwasser!« und lachte.
-
-Herzbruch, wider Willen mitlachend, sagte: »Sie heißt nicht Rebekka«,
-worauf Klemens meinte, sie schiene ihn jedenfalls für ein Dromedar zu
-halten. Dabei sah er den Wagenlenker in der Ecke, ging daraufzu, faßte
-ihn ins Auge und sagte: »Ah! -- Das ist schön! Wer ist das?«
-
-Jason, in der Vorhangtür neben ihm, erklärte, es sei der sogenannte
-delphische Wagenlenker. Klemens ließ ihn nicht ausreden und beklagte den
-fehlenden Arm. Aber man könnte doch sehn, wie die Zügelriemen aus den
-Händen flössen! Und dieser achtsame, unbeeinflußbare Blick, dieser
-pfeifende Mund! Über das Klavier gebeugt, spähte er nach den Füßen und
-pfiff durch die Zähne.
-
-»Wetter noch mal,« sagte er, »wie die Füße dastehn! aufgesetzt,
-festgesaugt, und der Faltenfall des Rocks, dieser Reichtum, wie das
-niedergießt! Er hat ja Lorbeern im Gehirn. Ja, der weiß, was es heißt,
-dastehn im Tumult der Begeisterten, im Toben, im Gelächter, das sich
-überschlägt, und tausend winkende Hände, Kopftücher, Zweige, Tumult ...
-In Marseille,« sagte er zu Herzbruch hinüber, »weißt du noch? Jean
-Jaurès, der hatte sie so an den Händen, mehr als zwei glatte Gäule,
-zehntausend, zehntausend Köpfe, zehntausend Herzen, aus seinem Herzen
-gelenkt, daß sie schreien mußten, atemlos und lachend vor Erschöpftheit
-...«
-
-Renate hatte schon vor einer Weile Dora Vehm in der Tür erscheinen sehn
-und hörte nun ihre helle Stimme -- wie heiß und schwarz doch ihre Augen
-waren und das ganze dunkle Gesicht leuchtend durch und durch von Leben
-und Seele! --: »Aber Klemens, das können Sie doch auch! Wissen Sie nicht
-mehr: Jena ...?«
-
-Klemens drehte sich um, streckte die Hand nach ihr aus und freute sich:
-»Dora Vehm,« sagte er, »alter Kamrad, was macht denn die Küche?«
-
-Jason trat leise neben ihn, klopfte ihn auf die Schulter und sagte:
-»Sie! Ich bin auch ein Redner. Ich könnte auch eine Rede halten, aber
-Irene hat heut abend keinen Sinn mehr dafür.«
-
-Irene stand mit einem Glas Wasser auf einem Teller, das sie
-augenscheinlich Jason an den Kopf werfen wollte. Der fuhr indessen fort:
-
-»Sehen Sie, da hat der Delphier nun jahrelang in seinem Winkel
-gestanden, kein Mensch weiß wozu, und nun kommen endlich Sie und
-benutzen ihn, um Ihre schöne Seele zu offenbaren. Sehen Sie nicht auch,
-Dora, daß es kein Wagenlenker, sondern ein Redner ist? Wenn Naumann den
-Rock anhätte --«
-
-»Gut, Herr Adreßbuch,« sagte Klemens, »Sie haben es vortrefflich
-ausgedrückt.«
-
-Jason schien darauf gekränkt und meinte, er drücke alles vortrefflich
-aus, und ob das vielleicht jemand für ein Vergnügen halte, worauf er
-sich abwandte.
-
-Irene stand steif wie aus Gips mit ihrem Teller. Eben noch versunken in
-Jasons >schöne Seele<, dachte Renate, und nun ist sie zur Spinne
-geworden. -- Da sah Klemens das Glas, ging hin, ergriff, tranks aus,
-setzte es wieder auf den Teller und bedankte sich.
-
-Renate war froh, daß Herzbruch ihn nun mit sich in sein Arbeitszimmer
-zog; sie saß auf dem Sofa, ungeduldig fortzukommen. Klemens gefiel ihr,
-aber wie laut war es auf einmal geworden! All die hellen und dunklen
-Stimmen, Irenes, Herzbruchs, Doras, Klemens', dröhnten durcheinander;
-sie sehnte sich wieder nach dem Schweigen ihres Zimmers, ja fast nach
-dem Schweigen des ganzen Hauses. Da flog auf einmal Irenes Teller neben
-ihr aufs Sofa, sie gewahrte nachträglich die schlenkernde Handbewegung,
-mit der Irene, jetzt mitten im Zimmer stehend, den Teller geworfen
-hatte. Jetzt raffte sie mit zwei flügelhaften Bewegungen der Ellbogen
-ihr Tuch, das über den Rücken herabgesunken war, wieder um die
-Schultern, warf den Kopf nach hinten gegen das Nebenzimmer zurück und
-sagte nachdrücklich: »Pfui Deubel!«
-
-Dora trat neben sie und mahnte: »Na, na, Kind!«
-
-»Mich friert«, sagte Irene tief und hart. »Ich glaube, vor dem fürcht
-ich mich. Man kann seine Augen nicht sehn. Hat er Augen, Dora? Renate!
-Dann müssen sie durchsichtig sein, und nichts ist dahinter.«
-
-»Richtig! Sehr gut!« lobte Jason. »Er hat Seefahreraugen. Auf allen
-Seiten das Meer.«
-
-»Und sein Mund,« fuhr Dora fort, »daß du's weißt, ist wie der des
-Delphiers.«
-
-»Auch das noch«, murrte Irene. »Wenn er auch sein Kinn hätte, wär mir
-der Delphier ganz verekelt.«
-
-Renate stand auf; sie hatte genug. Auch Doras Gesicht schien ihr jetzt
-verfallen und welk. Sie ginge mit ihr hinunter, sagte sie zu Renate; zu
-Irene dann: »Laß uns schlafen gehn, Kind, der Tag war voll genug. Laß
-uns schlafen und geduldig sein.«
-
-Sie umarmten sich, gingen zum Vorhang, winkten hinein und riefen: »Gute
-Nacht, ihr Männer!« Irene küßte Renate flüchtig, die mit Dora zur Tür
-ging, aber sie waren noch nicht hinaus, als Renate Irene fast ängstlich
-rufen hörte: »Dora! -- -- Dora! was wird aus uns werden?«
-
-Dora wandte sich nach ihr um. Mit tieferer Stimme sagte sie ruhig: »Was
-fragst du mich? Ich will standhalten. Das andre findet sich. Sei nicht
-töricht, Irene! Und mach dir keine Sorge um mich. Ich habe meine Kinder.
-Solange ich die habe --«
-
-Sie verstummte, strich hastig mit der Hand übers Gesicht, lächelte
-Renate fremd zu und führte sie hinaus.
-
-Auf den Treppen und dem Weg zum Automobil sprach weder Renate noch Dora
-ein Wort, -- aber als sie öffnete, saß bereits Jason darin, pfiffig im
-Dunkeln. Sie fuhren, ohne Licht gemacht zu haben. Bald überfiel Renate
-von neuem die Unrast, sie kam nicht schnell genug vorwärts und in ihr
-Zimmer, und sie preßte unter der Pelzdecke die Finger ineinander, bis
-sie Jasons Hand fühlte, die er auf die ihren legte, die sich nun
-leichter zusammenschlossen. Und es dauerte keine Minute, so ward sie
-ruhig und ruhiger, ihr war, als ob ihr ganzes Wesen schmelze ins
-Allgemeine und Sanfte, und da zogen langsam von links nach rechts die
-Gesichter des Tages vorüber, das des Herzogs, Doras, Ägidis, Irenes und
-ihres Mannes, und das von Klemens, und nicht nur diese, sondern auch die
-nicht gesehenen Georgs, der fremden Sigune und ihres Lehrers, zwar diese
-kaum sichtbar, aber sie wußte, daß sie es waren, und das Schwinden eines
-jeden fügte eine neue Erleichterung zu der alten. Wie leicht rollte der
-Wagen durch die Nacht! Sie freute sich auf ihr Zimmer, dachte, daß von
-allen verworrenen und unkenntlichen Schicksalen keines zu ihm Zutritt
-habe als das ihre, ja vielleicht nicht einmal das, und überdem fielen
-Jasons Worte ihr wieder tropfend ins Herz: Das Leben ist nicht wie in
-Schriften und Büchern ... Sie suchte den Weitergang, aber die rechten
-Worte fand sie nicht, glaubte jedoch nun erst zu verstehn, was sie erst
-nur als Musik und Wohltat empfunden hatte. Vielleicht, dachte sie, ist
-wirklich das viele und frühe Lesen schuld an so mancher Wirrnis, mancher
-Ungeduld, und wieder hörte sie's tönen: Das Leben ist nicht ...
-
-»Wie hieß es doch,« fragte sie leise nach dem unsichtbaren Jason
-hinüber: »Das Leben ist nicht wie in Büchern und Schriften, denn dort
-... Ich verstehe es nicht mehr ...«
-
-»Dort,« hörte sie seine Stimme gedämpft, »dort scheint es dir, als
-sähest und hörtest du alles zum ersten Mal, was geschieht, was sie
-sagen, dieser und diese, jener und jene, was sie denken, was sie tun und
-erleben. Dir aber ist alles angefüllt mit der Erinnerung, weißt du es
-nicht? Überall tönts dir entgegen: Erinnerung ... Erinnre dich nur!
-erinnre, erinnre dich! Und: Erinnerung! denkst du versunken und siehst
-von allem nichts, wie es ist, sondern immer in allem nur das, woran es
-dich erinnert ...«
-
-»Und dies auch,« sagte sie fragend, »daß dort immer Gestalt um Gestalt
-so sichtlich und klar sich erhebt; und so kenntlich und gesondert in
-Farbe und Erscheinung bildet sich aus Schicksal und Anteil ein leichtes
-Geflecht, -- ist es nicht so, Jason?«
-
-»Und eines hat soviel Gewicht wie ein andres,« vollendete er, »alles ist
-abgewogen und schwer befunden. Wenn aber ein Mensch erscheint, und nur
-einer ist vor ihm da, so glaubst du schon viel zu wissen, und was auch
-sich ergiebt und ereignet, es scheint, als hättest du es geahnt.«
-
-»Am Ende aber,« begann Renate von neuem, »am Ende löst sich alles doch
-irgendwie, ob im Guten oder im Bösen; wie ein längst erwarteter Gast so
-einfach kommt der häufige Tod, und wenn es denn aus ist, so ist auch
-immer alles gänzlich und ein für allemal zu Ende.«
-
-»Ja,« sagte Jason, »ja, da erwartest du denn auch in deiner eignen Welt
-dergleichen und bist erbittert womöglich, gekränkt und schon ungeduldig,
-wenn jenes nicht kommt, und dieses ganz andere erscheint, und --«
-
-»So brüchig, Jason, nicht wahr, ohne Weiche, nüchtern, ohne Absicht,
-ohne Übergang, ohne alle Musik, ohne Klang und Gesang --«
-
-»Da in Büchern«, fuhr er ruhig fort, »doch alles gesungen scheint ...«
-
-»Ach, aber in Wirklichkeit, Jason, ist nichts unterschieden vom andern,
-nichts ist zu ahnen, nichts wird kenntlich, es wirbelt alles und
-versitzt sich, Stimmen schallen fern und nah, überschallen, bekriegen
-sich fassungslos --«
-
-»-- und jedes«, bekräftigte er geduldig, »_scheint_, es scheint so oder
-so und ist doch anders, ganz anders in Wahrheit, tiefer das Flache,
-schwerer das Leichte, unerträglich das Schwere, unendlich das
-Unerträgliche, und du siehst: es trägt sich doch. Nichts wird dir
-zugewogen, es stürzt über dich herein, Fremdes, Verwandtes, Bittres,
-Unbekanntes, Lustiges, Trübes, Buntes, Klagendes, Weinendes, alles ist
-dir ein Unsal von Gewalt, und zu jedem kommst du viel zu spät, denn es
-ist längst bei dir, wenn du dich aufmachst nach ihm ...«
-
-»-- und nichts nimmt nirgends ein Ende ...«
-
-»Aber dennoch, Kind,« sagte er beschließend, »wenn du allein bist mit
-deinem Bett, deiner Wand, deiner Lampe, so hat dich auch alles
-verlassen, denn da Bild und Erscheinung alle fern sind, woran kannst du
-dich erinnern, um dein eigenes Schicksal zu erkennen? -- Du siehst dich
-selber kaum, die Nacht steht fremd dabei, und vor dem Fenster rauscht
-der alte Baum, und dich umrauschts, und jemand sagt: Verzeih ...«
-
-Renate erkannte im Dunkel die Laternen und Vorgärten der Güntherstraße.
-Jasons Hand löste sich, sie schlang hastig die Arme um seine Schulter
-und küßte seine Wange. -- Zu Reinhold sagte sie, er möchte Jason nach
-seiner Wohnung fahren.
-
-Dann schien sie sich aus dem Wagen ohne Übergang in ihr Zimmer geraten,
-unsichtbare Hände nahmen ihr die Kleider ab, sanfte Müdigkeit nahm ihr
-auch die Glieder, rauschte es in der Nacht? Zweige oder Flügel? In
-weiter Ferne zeigte sich ein ernstes Gesicht. -- Ich warte! sagte sie.
-
-Dann schlief sie ein.
-
-
- Sechstes Kapitel: April
-
-
- Zinna
- (Georg an Benno)
-
- xten April, im Fahren
-
-Mein guter Benno:
-
-Fahrt durch Land Beuglenburg. Das Wagenverdeck ist hoch, es hat eben
-aufgehört zu regnen, oder vielmehr ist Nebel aus dem Regen geworden.
-Links, rechts, vor mir, hinter mir: Moorlandschaft, öde Ebenen, auf
-denen die Nebel eines ewigen Februars zu stehn scheinen. Schwarze
-Bohrtürme auf dem Horizont machen keinen ermutigenden Eindruck. Ich
-rolle dahin, ich flüchte über diese rollende Kugel Erde, auf der wir ein
-kleines, flach scheinendes Stück kennen. O Polykrates, o Schiller, o
-idealische Gefühle! Ich sage nicht, daß alles käuflich sei, ich bin
-milde gelaunt, obschon trostlos, und sage, daß alles gekauft sein will.
-Erzählte ich Dir nicht einmal von einem sonderbaren Traum, von einem
-Filmfestzug, in den ich nicht hineingelangte? Weiland Josef Montfort
-prophezeite: so erginge es mir im Leben. Meine Gedanken, die es an sich
-haben, immer merkwürdig leichtfüßig zu bleiben, tragen mich eben in
-Hauffs Geschichte des jungen Said. Er mußte in Balsora Teppiche und
-Schleier feilbieten, obgleich er das Patenkind einer Fee und im Besitze
-ihrer Gabe, einer kleinen Pfeife war, die ihre Hülfe in jeder Mißlage
-seines Lebens herbeizaubern würde, -- nicht jedoch --: vor seinem
-einundzwanzigsten Lebensjahre. Vielleicht hab ich auch eine Flöte, eine
-Fee, einen Ablauftag des Unschicksals, und dies vielleicht, dies
-Mädchen, diese Heirat -- ich kehre ins obere Gleichnis zurück -- ist der
-letzte, endgültige Preis, mit dem ich mich zum Handelnden in den Film
-einkaufe, so daß ich mein eigen Bildnis im Schwarm der Schreitenden,
-Triumphierenden irdischen Göttern gleich werde dahinfliegen sehn. --
-
-Aus der Ebene, über den Nebel steigt ein schwarzer Kegel, Türme einer
-kleinen Stadt werden an seinem Fuße sichtbar, jetzt auch Türme auf dem
-Kegel: Schloß Zinna. Dort oben haust das andre Opfer, die arme Braut,
-und macht sich von dem Kommenden die sonderbarsten Vorstellungen. --
-Herrgott, ist dies ein Land! Um diesen Morast auszubessern, werde ich
-ganz Trassenberg hineinschütten müssen. Hinter der Grenze war mit einem
-Schlage alles anders. Dieser Tag ist so trostlos, daß er Einöden und
-Paradiese einander ähnlich machen könnte, aber bei Beuglenburg und
-Trassenberg brachte ers nicht zustande. Ich kam durch Landstädte, so
-langweilig wie Speisekammern, in denen alles aufs Geratewohl irgendwo
-hingestellt ist. Die Dörfer armselig, verfallen, schmutzig, an keinem
-Fenster mehr eine Blume, die Kinder schmierig, dickschädlig, dünnbeinig,
-ekelhaft selbst die keifenden Hunde. Dann die Moorkanäle, schwarze
-Lineale, entseelte Gräben; auf den breiteren, über die ich hinjagte, --
-da kommt wieder einer! diesmal läßt sich sogar ein Segel drauf sehn, ein
-braunes, welkes Blatt -- diese langen Kähne, die vorwärtsgestakt werden.
-Nun, wozu schreib ich das? Schloß Zinna wird sichtbar, es scheint ein
-getünchtes Kloster, lange Fronten mit unzählbaren, kleinen Fenstern,
-stumpfe, runde und eckige Türme. Meine Hupe wird ihnen wie ein
-Gjallarhorn dröhnen, wenn ich in die eremitischen Höfe fahre.
-
-Guter Benno, Du bist einer der wenigen, die meine Geschichte von Anfang
-kennen, ich glaube sogar der Einzige, der sie überhaupt kennt. Erinnerst
-Du Dich noch der ersten Stunde im Schlößchen, wo ich von Napoleon
-erzählte? Ob ich gegen Sterne kämpfe oder mit ihnen, -- wer weiß es? Ich
-bin den Weg weitergegangen, der -- hoppla, das war ein Sprung auf die
-Brücke! Dies muß der Styx gewesen sein, so sah er aus, trotz eines
-Motorbootes, das an der Brücke lag. Vor mir liegt ein Stadttor, ganz
-mittelalterlich. Später weiter.
-
- Nachts
-
-Ich fahre einfach fort:
-
-Durch schaurige Straßen von Kopfsteinen, über einen ganz netten
-Marktplatz mit Kugellinden, wieder zur Stadt hinaus, durch eine alte
-Allee zerfallender Kastanien -- braune Vorjahrsblätter an schwarzen
-Ästen und auf dem schwarzen Boden -- brauchte der Wagen auf endlosen
-Schlangenwegen fast eine Stunde hinauf; oben zeigte sich wenigstens
-schöner Fichten- und Birkenbestand, aber die Hecken im französischen
-Park -- durch die Gittertore sah ich hinein -- schienen seit hundert
-Jahren nicht beschnitten, die Einfassungen der Teiche zerfielen an der
-Luft, die Sandsteinfiguren fehlten auf den Postamenten -- wie enthauptet
-standen sie da --, die Becken lagen voll modernden Laubes. Dann der
-Schloßhof, himmelhohe Mauern im Rhombus mit violetten blassen Fenstern,
-die drei Fische im Wappen überm Tor nicht mehr zu erkennen, im
-Jahrhundertregen, der hier fällt, davongeschwommen, die Helmzier mit
-Taubendreck besudelt, -- ja, es gab Tauben; da sie liefen und nicht
-sprangen, können es keine Dohlen gewesen sein. Drinnen stand Eiseskälte,
-standen erfrorene Menschen mit einem steifen Spruchband vorm Mund, --
-eine Kälte übrigens, die in meinem Blut die letzte Wärme prickeln ließ,
-so daß ich mich vermutlich mit jovialer Munterkeit benommen habe ...
-
-Ich sitze nun an einem von diesen hundert Fenstern im längsten Bau; es
-ist Nacht, aber der Mond ist da, eine kümmerliche Sichel, die sich
-schwermütig durch unablässig flutendes Gewölk dahinwühlt, und wenn ich
-mich hinausbeuge, kann ich diese hundert Fenster leise blitzen sehn,
-flach auf die Mauer geklebt, als wäre nichts dahinter. Die Nacht ist
-kühl, aber ich glühe, von Wein, Rührung und Mißmut, habe so viel
-geschwiegen, daß ich mich nun sehr geschwätzig fühle, die drei Kerzen im
-silbernen Leuchter schneuze und von der Schreibeschrift in die
-Stenographie übergehe -- ach, Benno, wann war das, als wir Primaner,
-Sekundaner waren und unsre Ferienbriefe stenographierten, teils wegen
-Lernens, teils wegen überschwänglich viel zu sagender Dinge! Kannst Du
-denn immer noch lesen, guter Benno? Also lies:
-
-Bei den erfrornen Menschen blieb ich stehn -- vielmehr wurde ich von
-ihrer einem, seines Zeichens persönlicher Adjutant, zur Disposition
-gestellter Jägermajor, über Treppen und Galerien in ein stockdustres
-Gemach geführt, in dem jemand zu sitzen schien. Nach einer Weile
-erkannte ich einen Kopf, der einem riesigen, gekochten weißen
-Fischaugapfel glich (wir polkten sie als Kinder aus den Augen der
-Schellfische!). Ich hörte ein Gemurmel, murmelte ebenfalls, der Adjutant
-murmelte, noch ein Mensch -- der Hofkammerrat -- murmelte, wir
-verbeugten uns Alle, ich stand wieder draußen. Das war der Großherzog,
-königliche Hoheit.
-
-Ich folgte von neuem beiden Erfrorenen und kam in einen Saal; große
-dunkle Gemälde an den Wänden, ein Tisch und fünf Sessel, drei um den
-Tisch konstelliert, zwei an den Türen. Durch deren eine erschienen zwei
-so völlig schwarze Gestalten, wie ich sie nicht für möglich gehalten
-hätte, eine große, hagre, alte mit einem schauderhaft törichten Gesicht;
-die kleinere, andre, zitterte am ganzen Leib, war todblaß, hatte jedoch
-wider meine Erinnrung nicht gar so blasse, ein wenig vorquellende Augen;
-der Mund war nur angedeutet, ein blasser Streif, die Nase anmutig, ja,
-das Ganze -- im Augenblick nichts als Angst -- war nicht ohne
-Lieblichkeit, nur entstellt durch Magerkeit und unglaublich sitzende
-Kleidung. Dazu war das ganz hellblonde Haar so ungünstig angeordnet, daß
-die breite Stirn mit zwei leichten Buckeln wie ein Felsen aussah. Dies
-war Sigune, und drei Minuten war ich mit ihr allein.
-
-Lieber Freund Benno, Du kannst mir glauben, ich dachte nicht daran, daß
-dies meine Frau werden sollte. Ihre Hülflosigkeit war unsäglich rührend,
-ihre bebenden Hände wollten sich in den schwarzen Kleidfalten
-verstecken, -- nie im Leben bin ich mir so robust vorgekommen. Ja, was
-machte ich mit ihr? Ich holte die Hände beide hervor, nahm sie in die
-Linke, klopfte mit der Rechten väterlich darauf und sprach ihr zu, so
-gut ich konnte: Aber man muß doch nicht bange sein! Aber man muß sich
-doch nicht vor mir fürchten ... und dergleichen mehr, und da -- ach,
-dies Geschöpf! -- nachdem seine erst flehenden Augen sich gleichsam
-aufseufzend an den meinen beruhigt hatten, machte sie eine Hand aus der
-meinen los, legte sie um meine Hand und küßte sie ganz schnell. So
-demütig war sie -- lieber Gott! Sie sagte nichts, ihr Haar duftete ganz
-leise. Ich brauchte wohl eine Weile, um mich zu sammeln, fragte dann --
-und ahnte nicht, wie gut ich fragte --: »Ruft man dich denn noch Gunny
-wie vor acht Jahren?« »Das wissen Sie noch?« fragte sie hastig, errötete
-leidenschaftlich, brach dann aber in einen gequälten Husten aus. Ich
-mußte zurücktreten, Hofdame, Kammerherr und Adjutant erschienen, gleich
-hinter ihnen der Majordomus mit umflortem Stabe, der auf französisch
-verkündete, daß angerichtet sei. Es waren noch einige stumme Personen
-bei Tisch. Ich trank Sigune zweimal zu, was wahrscheinlich ein
-Etikettefehler, sicher aber ein schönes Mittel war, sie zum Erröten und
-Lächeln zu bringen. Am Nachmittag gab es bei verbesserter Witterung
-einen Spaziergang, bei dem ich Sigune mit sanfter Gewalt nötigte,
-englisch mit mir zu sprechen, nachdem ich herausbekam, daß die Hofdame
-es nicht verstand. Ich warf ein paar Angeln nach ihrer Bildung aus.
-Schiller, Uhland, Körner, Rückert, Geibel, Freytags Ahnen und --
-Hölderlin. Bei diesem Namen ging sie auf eine wunderbare Weise leicht in
-Flammen auf -- wie eine weiße Papierrose. Ob sie den auch im Unterricht
-kennen gelernt habe? -- Nicht im Unterricht selbst, aber doch von ihrem
-Lehrer. Wer denn das sei? -- Sie zögerte eine Weile, versuchte einen
-Blick zurück nach der hinter uns verbliebenen Hofdame, errötete und
-sagte ganz leise, und als spräche sie das kostbarste Geheimnis aus, das
-Wort: Tröstherzeleid. -- Oh, Benno, wenn Du es gehört hättest! ich
-glaube, Du hättest geweint. Ja, und nun -- -- ich erschrak im Herzen,
-und als ich fragte, wer denn das sei, was kam heraus? Der Hofkammerrat
-war es, eben jener Graf Leunstein von Badenbach, Exzellenz, der als
-erster dieser Beuglenburgschen Zunft vor mir in Erscheinung trat. Der
-Name, mit dem sie ihn nannte, erzählt wohl genug. Ich fragte auch nicht
-mehr. Es stellte sich noch heraus, daß sie mir in Philosophie weit
-überlegen ist, Kant und Leibniz, Spinoza und Stirner, Platons Staat und
-Ciceros philosophische Schriften im Urtext gelesen hatte -- armer Kopf,
-armer Kopf! Dies Mädchen kennt nur zwei Menschen: ihre Hofdame und ihren
-Lehrer, -- und dann war noch eine armselige Erinnerung an eine
-liebevolle junge Engländerin, die Gunny gerufen hatte und früh an der
-Schwindsucht gestorben war. Wie schlecht der kleine Trauerhut mit den
-Kreppschleifen saß! Und diese Jacke, und dieser Rock und diese Schuh!
-Alles vom Bazar in Stadt Zinna. Aber die Füße waren schmal und traten
-zierlich auf.
-
-Die Kerzen weinen Ströme von Tränen -- Benno, sollt ich nicht weinen?
-Ich stand am Fenster, beugte mich in die Nacht, suchte den Mond, er war
-fort, nur noch eine rinnende Quelle von feuchtem Glanz in der Nacht,
-über die es sich faltig verschob; in der Tiefe -- Nachttiefe allein,
-unsichtbares Land, aus dem es dampfte, kalt und feucht, ein rotes
-Bahnlicht fern, mir zu Füßen nur schwarze Leere, denn hier ist die
-Rückseite des Bergs, Felsen fallen steil ab. Ein Gefühl, als könnte --
-denk nicht, ich meinte es komisch, obwohl es so klingen mag -- als
-könnte die kleine Sigune jetzt an einem offenen Fenster sitzen und
-Okarina blasen. Ich habe sie Augenblicke lang deutlich gehört, simple,
-klagende Noten, wie Fischmunde winzig im willkürlichen Strome der Nacht
-hinschwimmend, -- und da sitze ich, male langsam die sonderbaren
-Schnörkel auf das Papier, und meine eignen Gedanken scheinen mir wie die
-Siegel einer Geheimschrift, die zu schnell vorübergleitet, als daß ich
-sie lesen könnte. Hinter den Wolken sind die Sterne, steht, wie
-allnächtlich, ihre feierlich glühende Schrift, die großen Siegel
-leuchten, wir dürfen sie berühren mit der Stirn, wir erbrechen sie
-nicht, sie schweigen uns an.
-
-Und so will ich nicht weiter denken und das Kommende nur erwägen, wenn
-es sich stellt.
-
-Ein letzter Funke im Gehirn glüht auf, und ich schreibe, schreibe in
-offener Schrift: Wenn ich denn lüge, eine Abkunft heuchelnd, die nicht
-besteht, so ist dies doch ein Opfer. Ein sinnloses -- wohl! denn hier
-zwingen die Alten und Kranken, die Furchtsamen und Beharrenden, sie
-zwingen die Jungen und in Ängstlichkeit Tapferen in ihren Willen. Wer
-aber weiß, welchen Sinn all dies hat? Haben diese Kerzen sich
-ausgeweint, so wird auch eine offene Sonne wieder scheinen über dies
-traurige Land, das ich wieder zu ermuntern gedenke.
-
-Lebe wohl, Benno! auch ich beabsichtige, wohl zu leben.
-
- Stets treulich Dein
- Georg.
-
-
- Siebentes Kapitel: Mai
-
-
- Klemens
-
-Renate hatte mit Saint-Georges in der Kapelle musiziert; während sie die
-Noten zusammenlegte, Saint-Georges seine Geige verpackte, meldete das
-Mädchen Doktor Klemens; Renate dachte, ihm Bogners Engel zu zeigen, und
-bat, ihn herzuführen. -- Saint-Georges putzte bedächtig die Kerzen vor
-der Orgel und an seinem Notenpult eine nach der andern, damit es hell
-genug sei. Dann erschien Klemens, blickte sich um, noch dicht an der
-Tür, verneigte sich, so tief er konnte, und sprach sie an: »Holder
-Geist! Welch unschätzbare Gnade für mich, Sie in Ihrem eigensten Reich
-begrüßen zu dürfen!«
-
-»Bitte, reden Sie weiter,« lud Renate ihn munter ein, »Sie sind ja ein
-Redner!«
-
-Klemens fuhr heiter fort: »Was ich sehe, erstaunt mich ungemein, und ich
-wähne mich im Traum oder verzaubert. Streitbare Engel sehen mich an oder
-schreiten auf mich zu, Musikinstrumente wie himmlische Waffen in den
-Händen. Kerzen! Rötliche Dämmrung! Und vor einer auserwählten Schar
-Gepanzerter in goldnen Harnischen erscheint mir die himmlische Peri
-selber, in dunkelrote Seide gekleidet wie in eine runde Glocke aus
-Abendhimmel. Alles ist äußerst erstaunlich!«
-
-»Bloß von mir«, bemerkte Saint-Georges, »weiß er gar nichts zu sagen und
-unterschlägt mich schlechtweg. Guten Abend, Meister, was macht die
-Internationale, schläft sie oder wacht sie?«
-
-Klemens kam nun herbei, reichte Renate und Saint-Georges die Hand, sagte
-drohend: »_Noli turbare ...!_« stellte sich vor den nächsten Engel und
-versank in Schweigen.
-
-»Nun hab ich so oft von der berühmten Internationale gehört und gelesen
-und sehe zum erstenmal ein lebendiges Stück von ihr«, sagte Renate, aber
-er schien es nicht zu hören. Nach einer Weile sagte er, tief Atem
-holend:
-
-»Sechs sind es, wie ich sehe, und schon einer überwältigt. Ja, wer hätte
-das gedacht, als es eines Tages im Lyzeum hieß: Bob Bogner kommt nicht
-wieder, der ist weggelaufen. Internationale, sagten Sie? Ach,« meinte er
-abwehrend, »es giebt so viele, in diesem Augenblick weiß ich wirklich
-nicht, welche Sie meinen.«
-
-Renate verlangte eine Erklärung, allein, in langen Pausen von einem der
-Engel zum andern gehend, schwieg er sich nach Kräften aus; beim vierten
-sagte er, die letzten zwei müsse er sich auf das nächste Mal versparen,
-setzte sich auf einen der Klaviersessel und fing halblaut an zu
-sprechen:
-
-»Die Internationalen ... Eine Vielzahl konzentrischer Kreise, und hier
-sehen Sie den äußersten. Die Internationale der großen, rasenden Kunst,
-ungeheuren Einmuts auf der Spur des alleinigen Gottes in aller Herren
-Länder, wetteifernd seit ewig im geheiligten Kriege, Engelscharen,
-Geniescharen, Heroenscharen, friedlich sich bekämpfend zum Ruhme Gottes,
-den zu mehren, den jährlich tiefer zu entflammen die einzig fruchtbare
-Schlacht seit tausend und tausend Jahren ohne Ende über die Erde
-dröhnt.«
-
-Er stand auf. »Die Internationale der menschlichen Hoheit, deren Namen
-ich nicht wage auszusprechen vor ihrem erlauchten Antlitz, das ich
-sehe.« Sein Blick stand in so gerader Flamme gegen Renate, daß es sie
-mit seltsamem Schauder durchbohrte, und sie errötete noch tiefer, als
-schon seine Worte sie erröten machten. Dann nahm er ihr Lächeln auf,
-wandte sich zu Saint-Georges und fuhr fort:
-
-»Damit er sich nicht wieder beklagt, begrüße ich in diesem schlichten
-Manne die herrliche Internationale des Geistes, der Wissenschaft, die
-Internationale der wundervoll friedlichen Eroberer in allen Räumen
-dieser Welt, zu Lande, zu Wasser, im Feuer und im Sturm, im Vogel und im
-Fisch und im ruhlos schweifenden Atom, Anfüller der unerschöpflichen
-Arsenale, Herolde, Propheten und Poeten, einmütig heiligen Zornes im
-unablässigen Grübeln über den Rätseln der unbekannten und der bekannten
-Welt, Ärzte, Heilmacher des wunden Geistes, der kranken Seele vom
-Weltgift. -- Ich grüße«, sagte er mit einer kreisenden Handbewegung nach
-oben, »im unbekannten Erbauer dieses Raumes die nächste Internationale,
-vom Präsidenten Plutus regiert, auf deutsch: das Kapital, eine
-Internationale von ganz besonderer Einmütigkeit, also daß zum Beispiel,
-gesetzt es gäbe Krieg, sämtliche Angehörigen dieser Internationale in
-allen beteiligten Ländern wie ein Mann, Agrarier, Schwerindustrie und
-Banken, Dampf in allen Kesseln, sich abmühen würden zur Überwältigung
-des -- Friedens.«
-
-Er lachte lautlos. Renate dachte an ihren Onkel, kniff leicht die Augen
-zu und hörte ihn weiter reden, nachdem er zu der weißen Säule des Ofens
-in der Ecke gegangen war, dem er die Hand auflegte, während er sprach:
-
-»Und ich begrüße Mittelkreis und Kern aller Internationalen in diesem
-Ofen und seiner Glut. Ich grüße die Kohle. Ich grüße den Mann im nassen
-Stollen, den Mann im sausenden Förderstuhl, den Mann in der
-explodierenden Nacht. Alle Mann grüß ich am bezwungenen Feuer, den Mann
-am Amboß, den Mann am Schalter, den Mann am offenen Feuerrachen mitten
-im ruhig fahrenden Schiff, mitten im Ozean, den Mann an der
-Setzmaschine, den Mann am Gebläse, den Mann am Webstuhl, am Strickstuhl,
-am Spinnstuhl, den Mann an der Nähmaschine, den ein und tausend Mann,
-der, schmorend als Kohle im feurigen Ofen, das Lied von der einen,
-meinen singt: Die Internationale! --«
-
-Er schwieg. »Das war schön«, sagte Renate langsam. »Vielleicht denken
-Sie, ich sollte nun etwas andres sagen, aber« -- sie wandte sich
-unschlüssig zu Saint-Georges um und schloß: »-- ich weiß nichts andres
-als das. -- Ich weiß,« fuhr sie, da Klemens den Mund öffnete, fort, »daß
-viele Tausend Mangel leiden, damit ich --« sie strich mit den Händen
-über die Falten ihres Kleidrockes.
-
-»Nein, um Gottes willen, welche Verwechselung«, sagte Saint-Georges. Er
-ließ die Vorderbeine des Stuhles, auf dessen Lehne er im Stehen die Arme
-gekreuzt hatte, sich zu Boden senken, drehte ihn um seine Achse und
-setzte sich reitend darauf.
-
-»Niemand, Renate,« sagte er, das Kinn auf die Lehne legend, »niemand
-will, daß du nicht bist, weil Andre in Not sind, sondern im Gegenteil
-bist du und dein Haus die Erfüllung all ihrer zartesten und tiefsten
-Träume und Wünsche, und sie wollen nichts weiter, als daß sie, wenn ein
-Haus voller Engel an ihrem Wege steht, hineingehn können, wann der
-Wunsch sie dazu treibt, und daß, wenn es Gott gefiel, eine Schale voll
-Musik über die Erde auszuleeren, der irdene Topf so geeignet sei, um sie
-aufzufangen wie der goldene Becher.«
-
-»Ich glaube,« sagte Renate unbedenklich widersprechend, »Doktor Klemens
-sprach doch von denen, die Not leiden und --«
-
-»Nein,« sagte Klemens, »ihr Freund hat recht. Ich fragte einmal einen
-Bierfahrer in Camberwell, ob er schon die Sterne gesehn habe, und dieser
-Bierfahrer sagte, er wollte verdammt sein, wenn ers getan hätte seit
-Sarah Pedgewoods Tode, denn er hätte keinen Tropfen Ale gesehn seitdem.
-Aber sehn Sie, doch geht dieser Bierfahrer auf nur zwei Gliedmaßen
-aufrecht, und daß er es tut, das ist der Beweis, daß er die Sterne sehn
-möchte, wenn er nur einen Sinn damit zu verbinden wüßte. Die
-Notleidenden? Nein, verehrtes Fräulein, die gehen mich nichts an. Not
-wird gelitten zu Lande und zu Wasser, zu Leibe und zu Seele, und wegen
-Essens, Trinkens und der Liebe brauchten wir keine Internationale zu
-gründen, sondern das bringt die Welt ganz von selber in Ordnung. Sie
-leiden nicht Not, sie, die ich meine«, sagte er hart und schlug leicht
-mit der Faust gegen den Ofen.
-
-»Was dann, Georges?« fragte Renate.
-
-»Ungerechtigkeit leiden sie«, sagte Klemens. »Knechtschaft, das ists,
-was sie leiden. Sie leiden, daß sie verbraucht werden in den guten
-Jahren, so daß sie darben müssen im Alter. Sie leiden, weil zehn
-Menschen in der Welt je tausend Äcker haben, und ihrer zehntausend haben
-zusammen einen. Sie leiden nicht, weil jener sich Gemälde kauft und
-dieser jeden Tag eine Frau, weil jener die Zigarre mit drei Mark bezahlt
-und dieser im Sommer nach Japan reist, sondern sie leiden, sie leiden
-unauslöschlichen Gram, weil sie keine Zeit haben, um Gemälde zu sehn und
-um an einem Sommertag im Grase zu liegen, denn weiter wollen sie nichts.
-Sie wollen und sollen nicht zehn Stunden am Tage arbeiten, auch nicht
-neun oder sieben, sondern allerhöchstens sechs, und ich sage, daß es
-dazu kommen wird, wenn nicht heute, dann morgen.«
-
-Renate hatte, da er schwieg, Zeit über seine Worte nachzudenken und
-sagte nach einer Weile: »Mein Vetter, Erasmus, den Sie kennen, und Ihr
-Freund Herzbruch und Bogner, Ihr Schulkamerad, wie lange glauben Sie
-arbeiten die am Tage?«
-
-Klemens lachte, kam bis dicht zu ihr, schüttelte den Kopf und sagte:
-»Der Geist, Verehrungswürdige, hörten Sie nie vom Geist? Nie, daß er es
-eben ist, der frei ist allein, und daß ich eben sagte: sie leiden
-Knechtschaft, sie wollen freien Geistes sein? Und übrigens: wenn ein
-Fabrikant sich durch seine geistige Arbeit zugrunde richtet, so ist das
-seine Schuld und geht niemanden etwas an. Sonst hat geistige Arbeit mit
-der schwersten körperlichen das Erhaltende gemein. Der Arm des Pflügers,
-des Holzfällers, das Auge des Bergsteigers, der Fuß des Matrosen sind
-mit siebenzig Jahren noch so scharf und sicher und kräftig wie mit
-zwanzig, und das Hirn des Forschers, des Erfinders ist es nicht minder.
-Was zermürbt, ist nicht die Anstrengung; was zermürbt, ist allein die
-Maschine. Das ist mein Gesetz: Wer eine Maschine bedient, soll dies
-sechs Stunden im Tag tun und nicht länger, soll es vierzig Jahre seines
-Lebens tun und nicht länger! Nur der Geist ist frei, und sobald ein
-Dichter nicht mehr das Recht haben soll, freiwillig zu verhungern oder
-wahnsinnig zu werden, und sie Gewerkschaften gründen zum Schutz ihres
-Geistes, sobald kann denn das Ganze zum Teufel gehn. Sie sagen
-vielleicht, ein Dichter, ein Weiser muß deshalb hungern, weil er zu früh
-geboren wurde, weil die Welt noch nicht reif sei für seine Werke, seine
-Erfindungen, seine Lehren. Ach, wie sähe es denn aus in der Welt, wenn
-jeder käme zur rechten Zeit, wenn alles grade sich einpaßte, wo ein Loch
-wäre, auch der Pfropfen, wo ein Geber, auch der Nehmer, das wäre so
-langweilig erstens wie Schwarzer Peter spielen, und zweitens möchte man
-dann ja wohl anfangen zu verlangen, daß auch Sonnenschein und Regen
-gleichzeitig auf den Acker fallen, und doch würde das dem Acker gar
-nichts nützen, sondern es ist wohlweise eingerichtet, daß der Nil nur
-einmal im Jahre steigt -- wenn auch auf Kosten von einem Jahr unter
-zehnen, wo er gar nicht steigt, und einem, wo er zu hoch geht. Glauben
-Sie, daß ich die Welt verändern will? Glauben Sie es, Saint-Georges?«
-Sie lachten Beide, und Klemens lachte mit. Er war aber sehr erregt und
-fing gleich wieder an, hin und her gehend im Raum:
-
-»Übrigens -- Ihnen kann ichs sagen -- bin ich nicht in dem Ausmaß
-international, wie Sie denken, bin ein Deutscher am Ende und sehe, daß
-die Not hierzulande nicht im entferntesten die Ausmessungen hat wie in
-andern, in England, in Frankreich. Und was heißt denn Not? Es giebt doch
-nur Ausbeutung und Arbeitslosigkeit. Arbeitsscheu ist eine Krankheit,
-oder Anormalität, was Sie wollen, wie Trunksucht. Ausbeutung und
-Arbeitsmangel bleiben bestehn. Arbeitsscheu und Trunksucht gehören mit
-Mördern und dergleichen in die Heilhäuser und Arbeitsanstalten; niemand
-gehört ins Zuchthaus noch aufs Schafott. All das wird nicht heute
-geändert, aber es wird geändert werden, dafür bürge ich. Tun Sie mir die
-Liebe und denken einen Augenblick nach. Wann fing das Unheil an? Im
-Mittelalter gab es keine Armen; es gab Sieche, alte Weiber, Krüppel und
-Soldaten, in denen sich die gesetzmäßig geregelte Arbeitsscheu
-verkörperte. Wer arbeiten wollte, hatte immer zu essen. Das Unheil
-begann mit der Übervölkerung und mit der Maschine. Wie alt ist die
-Maschine? Knapp hundert Jahr. Nun sehen Sie bloß mal an, seit einem
-halben Hundert Jahren fing man an, diese Not zu erkennen und zu
-studieren, seitdem sich alles mit reißender Zeit doch nur verbösert hat,
-und dabei können wir fröhlich und getrost sein, wenn in tausend Jahren
-das Blatt sich gewendet hat, dann, wenn man auch im Rächer seiner Ehre,
-im Totschläger, im Wüstling so wenig mehr einen Verbrecher sieht wie
-heute im Geschlechtskranken, der Frau und Generationen vergiftet, und im
-Säufer, der dasselbe tut. Ein Glied faßt ins andre, und keines von den
-kranken läßt sich für sich allein heilen, sie müssen alle schon im einen
-ihre Gesundung beginnen.«
-
-Er hörte auf und stand wieder bei seinem Ofen still. Renate,
-hocherfreut, ihn reden zu hören, fragte, ihn weiter zu stoßen, was er
-aber damit habe sagen wollen, daß er ein Deutscher sei.
-
-»Ganz einfach,« sagte Klemens, »ganz einfach!«
-
-»In Frankreich, sehen Sie, wenn ich da eine Rede halten will, muß ich
-anfangen: _La gloire!_ -- In Deutschland, wie muß ich da anfangen? Ich
-muß mit der Faust aufs Pult haun.« Er lachte: »Ha, ha, ha!« und freute
-sich königlich. »Was ich dann sage, ist schon gleich, ich muß erst mit
-der Faust aufs Pult haun. Deshalb nun,« sagte er verschmitzt, »deshalb
-wäre es nun doch ein Fehler, anzunehmen, daß in Frankreich der Geist
-herrsche und in Deutschland nicht. Sondern das Gegenteil ist der Fall.
-In keinem Lande der Welt ist noch der schäbigste Bierfahrer so
-durchdrungen vom Geist wie in diesem sonderbaren Land. Er hat die
-fremdartigsten Formen. Er geht in Potsdamer Grenadierstiefeln sehr
-häufig, übertrieben häufig. Aber er waltet, unsichtbar, jedoch er
-waltet. Vielleicht nicht die Kultur, aber der Geist ist tiefer
-hierzuland als anderswo. Deshalb, sehen Sie, beschränke ich mich auf
-dies Land. Wer schaffen will, kann seine Kreise nicht eng genug ziehen.
-Mißtrauen Sie meiner Behauptung? Soll ich Ihnen den Geist der
-Gewerkschaften nennen, noch einmal nennen? Die Internationale, das ist
-ihr Geist. Der Geist der Geistlosen. Der Geist der Geistigarmen. Und
-dies ist ihr ganzer, strahlender Reichtum; die Internationale ist ihr
-Reichtum. Ausgeschlossen vom Nabob, von den Betten der Reichen, träumt
-jeder sich weich im Arme einer Heerschar von Brüdern, sich reich im
-Bewußtsein seiner ungeheuren Kraft, im Gefühle, im Glauben, in der
-Erwartung der Stunde, wo der Riesenarm aus hunderttausend Armen zum
-Schlage ausholt. Die Internationale ist die große Romantische, die
-Cherubsarmee, der selbsteigene Trost, die dauernde Zuflucht, das große
-Asyl aller Obdachlosen, strahlend und gewaltig wie das Junifirmament
-über eine nackte Erde gewölbt.«
-
-Eine Weile blieb es still im Raum; Klemens stand, die Hand gegen den
-Ofen gestützt, den Kopf gesenkt. »Ja,« sagte er aufschreckend, »ich muß
-nun aber fort, es wird höchste Zeit, ich muß noch zu meiner Schwester,
-heut abend geht mein Zug.«
-
-Renate wollte eben verwundert fragen, ob er sie denn wirklich nur, um
-sich zu verabschieden, besucht habe, als Irene in Pelzjacke und Barett
-in der Tür erschien, während Klemens durch die Kapelle zum Podium kam,
-wo sie sich vom Stuhl erhoben hatte.
-
-Irene verwurzelte sich im Eingang mit einem solchen Blick auf Klemens,
-daß Renate den Ausruf ihres Namens unterschlug. Klemens schüttelte ihr
-kräftig die Hand, indem er umherdeutend sagte: »Sonderbare Reden, die
-wir hier gehalten haben.«
-
-Indem drehte er sich zu Saint-Georges um, sah Irene und fuhr mit den
-Schultern zurück. Dann biß er sich auf die Lippen, sagte: »Guten Abend,
-Frau Herzbruch!« und gab Saint-Georges die Hand.
-
-Er ging zur Tür, Irene wich nun zur Seite und neigte den Kopf grüßend.
-Er blieb stehn. »Sie wußten vielleicht nicht, daß ich Otto bat, mich bei
-meiner Schwester zu treffen?« fragte er.
-
-»Doch, ich wußte es«, sagte sie.
-
-»Entschuldigen Sie nur,« rief er leicht, »ich dachte, Sie wären aus
-Zartgefühl hergekommen.« Und ging hinaus.
-
-Irene nahm eine Hand aus dem Muff und schob den Schleier hoch, ohne
-etwas zu sagen.
-
-»Guten Abend, Irene!« rief Renate, während Saint-Georges zu ihr ging. Da
-stampfte sie plötzlich mit dem Fuß auf und schrie: »Gott sei Dank! Gott
-sei Dank, daß er weg ist! Lange genug hats ja gedauert!«
-
-Unter der dreieckigen, fest um den Kopf gezogenen Mütze sahen ihre Augen
-diamantschwarz unter den Schleierfalten hervor. Sie ging mit harten
-Schritten zum nächsten der beiden Flügel, warf ihren Muff darauf, zerrte
-den Knoten ihres Schleiers am Hinterkopf auseinander, warf den Schleier
-auf den Flügel, riß die Pelzkappe ab und warf sie dazu und fuhr sich mit
-den Händen in die festgedrückten Locken, um sie aufzurichten; danach
-ließ sie die Arme fallen, machte einen Schritt, stützte die Hände auf
-die Hüften und blieb so stehn, mit hängendem Kopf, an der Unterlippe
-nagend. Renate sah alles mit an. Irene warf den Kopf zurück, trat
-rückwärts an den Flügel, legte eine Hand auf die Platte, trommelte mit
-den Fingern, sagte endlich:
-
-»Ja, Renate, jetzt ists also aus. Nun hats eine Ende mit Schrecken
-genommen, das soll nicht schaden. Gott sei Dank, ich habe durchgekämpft
-und brauche mir keine Vorwürfe zu machen.«
-
-Was aus sei, fragte Renate unzufrieden.
-
-»Na was! das mit Klemens!« Oh, Renate sollte schon wissen, wie sie
-gekämpft und sich erniedrigt habe! »Erst sollte es eine Probezeit auf
-acht Tage sein, damals --«
-
-»Was sollte?« fragte Renate kurz, gestört von dem unverständlichen Hin
-und Her.
-
-»Daß er im Hause blieb! Dann ist ein Monat draus geworden, aber hassen
-habe ich ihn gelernt, ach gehaßt habe ich ihn vom ersten Augenblick an,
-diesen Zerstörer, diesen Schönredner, diesen -- Tanzenden! Herrgott, wie
-er mich verwundet hat, wie ich hab frieren müssen! Ich möchte wohl
-wissen, wie er gegen dich gewesen ist, eben! Auch so höhnisch und so
-metallen? Hat er das wohl gewagt?«
-
-»Georges hat Hunger,« sagte Renate, »komm, wir wollen zum Essen gehn.«
-
-Irene nahm wortlos ihre Pelzsachen auf, während Renate die Kerzen
-löschte, brauchte eine halbe Minute, um ihren Schleier zusammen zu
-raffen, folgte dann Renate, während Saint-Georges schon an der Kurbel
-der kleinen Glühlampe stand, die den Raum jetzt erhellte.
-
- * * * * *
-
-Während des Abendessens verhielt Renate sich schweigsam, innerlich
-unfriedlich, da der gestörte Nachhall von Klemens sich in ihr kreuzte
-mit Irenens drohender Entladung. Irene verhielt sich schweigsam,
-innerlich vermutlich bemüht, der vollen Schale ihrer Verdrießlichkeit,
-oder was es nun sein mochte, jeden Tropfen zu erhalten. Saint-Georges
-und sein Bruder schwiegen aus Zartgefühl; Erasmus schwieg wie immer.
-Jasons Kommen unterbrach die Stille nicht weiter, als daß die
-Begrüßungsworte laut wurden; er kannte ja kein eigentlich selbständiges
-Verhalten, stets entsprach nur das seine dem der Andern, und auch wenn
-er etwas Mitgebrachtes allsogleich hervorzog und dartat, schien es wie
-etwas Erwartetes so natürlich. Nur als Renate eben den Mund auftun
-wollte, um die Tafel aufzuheben, öffnete er den seinen, schüttelte
-unmerklich den Kopf und sagte, die stillen, glänzenden Augen auf Renate
-gerichtet:
-
-»Weißt du, Irene, was Cervantes sagt?« Und nach einem flüchtig und
-leidend fragenden Blick Irenens, fuhr er fort: »Cervantes in seinem
-berühmten Buche Don Quichote de la Mancha, gemeinhin der Donkischott
-genannt, sagt: Ein Mensch ist nicht mehr wie ein andrer, wenn er nicht
-mehr tut wie ein andrer. -- Es fiel mir grade so ein, als ich euch Alle
-so schön um den Tisch sitzen sah.«
-
-Erasmus sah ihn an, wie Renate bemerkte, mit dem sonderbar heftig
-nachdenklichen Blick, den Jason ihm öfters entlockte. Sie hatten, soviel
-Renate sich erinnerte, noch nie miteinander gesprochen, doch schien
-Erasmus eine gewisse Ehrfurcht vor ihm zu haben. Jetzt blieb er an der
-Tür stehn, die Stirn wie immer leicht gesenkt und fragte zurück: »Wie
-sagten Sie? Ein Mensch ist nicht mehr --«
-
-»-- wie ein andrer,« fuhr Jason fort, »wenn er nicht mehr tut wie ein
-andrer. Sie sagen aber besser >als< statt >wie<, ich habe die
-Übersetzung zitiert, und dann sagte ich es eigentlich nicht zu Ihnen.«
-
-Erasmus nickte und ging hinaus. Die Andern standen still hinter ihren
-Stühlen, lösten sich nun, Saint-Georges sagte, er brächte seinen Bruder
-auf sein Zimmer und ginge dann nach Hause. Sie verabschiedeten sich, und
-Irene, Renate und Jason gingen in die Halle hinunter.
-
-Der Kamin brannte hell, niemand machte Licht. Renate setzte sich ans
-Feuer und wartete ab; auch Jason setzte sich, nahm den Blasebalg, hielt
-ihn gegen die Flammen und ließ ab und an einen kleinen Seufzer in die
-Glut stöhnen. Irene, die hinter seinem Stuhl stehn geblieben war, schien
-nach einigen Minuten von der Wiederholung dieses Verfahrens nervös zu
-werden und sagte: »Aber Jason, was machst du denn?«
-
-Jason versetzte still: »Ich unterhalte das Feuer.«
-
-Renate lachte leise. Irene drehte sich um und fing an, im Dunkel des
-Hintergrundes auf und nieder zu gehn. Endlich trat sie hinter Renates
-Stuhl und sagte halblaut:
-
-»Weißt du noch, wie ich früher zu dir gekommen bin und mein Herz
-verglichen hab an deinem? Meins war Angst und Sorge und deines Fülle und
-Sicherheit. Nun ja, wenn man so schön ist wie du ... Seitdem bin ich
-lange ausgeblieben, und nun bin ich wieder da.«
-
-»Ein Mensch«, sagte Jason, »ist nicht mehr wie ein andrer, wenn er nicht
-mehr tut wie ein andrer.«
-
-Renate sah zu Irene auf; ihr rötliches Gesicht, eben noch vom
-Feuerschein erreicht, blickte mit durchsichtigen Augen ratlos gegen die
-Flammen. Renate sagte:
-
-»Kind! Ich finde es ja sehr lieb von dir, daß du wieder zu mir kommst
---«
-
-»Jag mich nur wieder weg«, murmelte Irene.
-
-»Ich dächte aber eigentlich: du hast doch nun einen Mann; oder kommst du
-vielleicht seinetwegen?«
-
-Nach einer Weile wurde Irenes Stimme wieder aus dem Hintergrunde hörbar,
-tonlos: »Auch.«
-
-Dann wars wieder still. Renate war des ziellosen Herumredens und Stehens
-schon ziemlich müde, aber Irene fing nun zu sprechen an, so daß Renate
-schon am ersten Wort merkte, sie würde so bald nicht wieder aufhören.
-
-»Er nimmt mir meinen Mann weg«, sagte sie. »Ja das ist nun so.« Hastig
-redete sie weiter. »Erst sollte es eine Probezeit auf acht Tage sein,
-denn -- ich sagte Otto gleich noch am ersten Abend, -- ach, es war alles
-so sonderbar! --« Sie schwieg, fing aber nach Sekunden von neuem an.
-»Ich lag noch nicht im Bett, am ersten Abend, da hörte ich, wie die
-Beiden sich an den Kamin setzten und dann an zu reden fingen. Und nun
-dauerte das Stunden. Immer in Pausen. Viertelstundenlang sprachen sie
-unaufhörlich, am meisten Klemens. Dann wurde es still, ich wollte
-einschlafen, -- da fings wieder an. Schließlich redeten sie immer
-weniger, Minuten und Minuten konnte ich sie förmlich schweigen hören und
-lag und wartete und wartete, und richtig: da fingen sie wieder an. Es
-war zum Verrücktwerden. Endlich macht ich Licht und saß mit der Uhr in
-der Hand, eine geschlagene halbe Stunde war kein Laut zu hören, ich
-dachte, am Ende sind sie doch leise weggegangen. Da zog ich meinen
-Kimono an, ging zur Tür und öffnete leise. Richtig waren sie noch da.
-Das Feuer brannte kaum noch, aber ich sah Ottos hellen Anzug, er lag
-längelangs im Sessel, hörte mich nicht, und auf dem Sofa lag Klemens.
-Nun fragt ich denn, was sie bloß machten, und warum sie nicht schlafen
-gingen, und Otto, halb im Schlaf, sagte glaub ich, er hörte zu, wie
-Klemens sein Bart wüchse, oder so was. -- Aber nun ging Klemens doch,
-und -- ja, dann stellte Otto mich zur Rede. Es war herrlich, er stellte
-mich --! Er hätte ihn doch jahrelang nicht gesehn --«
-
-Renate dachte: Was erzählt sie mir da? Sie hat eine Nacht nicht schlafen
-können und -- Irene hastete weiter, klagend und eintönig:
-
-»-- und -- ja, ich weiß heut auch nicht mehr, was er sagte, und ich
-entschuldigte mich auch, denn ich weiß ja, ich bin im Unrecht, er ist
-sein Freund, und sie kennen sich lange, und sie sind Männer, und ich bin
-nur eine Frau, und ich kann nur sagen: ich mag ihn nicht!«
-
-»Ein Mensch ist nicht mehr als ein andrer,« sagte Jason ruhig, »wenn er
-nicht mehr tut als ein andrer.«
-
-»Hab ich denn nicht mehr ein Recht zu sein, wie ich will?« begehrte
-Irene auf. »Hab ich kein Recht als deine Frau? sag ich zu Otto. Und da,
--- ich sprach grade noch von seinem rodomontierenden Wesen, seinem
-breiten Bart, und wie er die Worte setzt, alles, was mir so -- so -- ich
-weiß nicht! -- und seine unsichtbaren Augen ... Auf einmal steht er
-wieder in der Tür und muß wohl gehorcht haben, es war ja auch nur der
-Vorhang dazwischen und sagt, -- ja, was sagte er doch noch ...«
-
-»Ein Mensch,« sagte Jason, »ist nicht mehr wie ein andrer.«
-
-»Jason! -- Er sagte: weil ich von Rechten geredet hätte ... Er wollte
-auch von Rechten reden. Meine Ehe, die wäre eine Jammerleistung, ich
-hätte nicht mal Kinder, und sie wären zwanzig Jahre Freunde, und ich
-bloß zwei Jahr verheiratet. Ja, und es wäre zum Tollwerden, sagte er,
-und ich sollte doch erst mal lernen, was eine Ehe ist, ehe ich mich an
-einen Mann hängte. Oh, es ist uner--, unerhört ist es!«
-
-Renate hörte sie aufgeregt hin und her laufen. Jason hatte es sich im
-Sessel bequem gemacht, die Hände vor dem Magen gefaltet und schien jetzt
-aufmerksam zu lauschen.
-
-»Wie gings nun weiter, Irene?« fragte er, »du erzählst sehr anschaulich.
-Was hat Otto denn nun wohl gesagt? Sagte er nicht, daß Klemens weder
-Vater noch Mutter gehabt habe und nicht einmal wüßte, wer sein Vater
-ist, ein Student zum Beispiel, oder ein Großherzog? Sicher hat er etwas
-Ähnliches gesagt und wahrscheinlich auch, daß Klemens gehungert hätte
-für drei und gearbeitet für zehn. Nun, ein Mensch ist nicht mehr als ein
-andrer.«
-
-Renate sah Irene hinten auf einer Sessellehne sitzen und die Achseln
-zucken. Jason wüßte ja alles, sagte sie, es sei schon so gewesen. Ja,
-sie hätte auch gesagt, daß sie ihn, Otto, nicht so lieben könnte, wenn
-Klemens daneben stünde, aber sie sei schon müde gewesen, und da habe er
-denn diese Probezeit von acht Tagen verlangt, aus denen dann Wochen
-geworden wären, und sie hätte ihn ja auch wenig gesehn, nur bei den
-Mahlzeiten, da er sonst im Zimmer ihres Schwagers gearbeitet hätte ...
-
-»Ja, Albert Vehm,« sagte Jason, sich aufrichtend, »gut, daß du den Namen
-nennst. Ein Mensch ist nicht mehr als ein andrer, aber was ist mit ihm?«
-
-»Er ist weg. Wir wissen jetzt, wo er haust; bei einem Bauern aus seiner
-Praxis, aber niemand bekommt ihn zu sehn.«
-
-Da sah Renate ihn wieder am Zaun stehn und hörte ihn fragen: Und die
-Kinder ...? Renate schreckte leicht auf, da Irenes Stimme auf einmal
-dicht über ihr fragte: »Bist du abergläubisch?«
-
-»Nun ja, wie man so ist,« gestand sie halb lachend, »Katzen und
-Sternschnuppen und Spinnen, und wenn das Streichholz nicht anbrennen
-will, daß man sich sagt: das und das wird geschehn, wenn ... aber --«
-
-»Ja, so ähnlich,« sagte Irene, »jedenfalls hab ich mir ausgedacht, daß
-in diesen acht Tagen irgend etwas geschehn sollte, das mich bestärkte
-oder veränderte gegen ihn, aber natürlich ist nichts geschehn, bloß daß
-er mir immer unangenehmer geworden ist, und dann hab ichs eben langsam
-immer weiter ertragen, und --«
-
-»Was war denn nun zu ertragen?« fragte Renate kühl.
-
-»Gott, Renate, daß _ihr_ Beide gegen mich seid, das weiß ich ja längst,
-und wie soll man denn das auch beschreiben? Die Worte machens doch
-nicht, das macht doch das Gesicht und die Haltung und die Tonart und
-alles, oder meinst du, man kann sich da irren, und ich hätte mir bloß
-eingebildet, daß er es förmlich drauf anlegte, mich aufzubringen und zu
-empören und --«
-
-»Oh das kann ich mir sehr gut vorstellen«, sagte Jason. »Wenn einer so
-in die allgemeinsten Dinge eine Spitze hineinsteckt, und man kann nichts
-sagen, denn da ist gar nichts zu sehn, aber innerlich möchte man
-aufschrein, nicht wahr, Irene? Und dann so dies: obenhin ... Wenn man
-sich grade so schön vorgenommen hat, geduldig und artig zu sein, und tut
-eine bescheidene Frage und kriegt auch eine Antwort, aber was für eine!
--- So nach einer Weile, als ob sie erst abgeleckt wäre von allen Seiten,
-so aus dem Mund geholt wie ein Matrosenpriem und auf die Tischkante
-gelegt zum Trocknen, ja, das kenne ich ausgezeichnet. Wirklich, ein
-Mensch tut nichts andres als ein andrer.«
-
-Irene antwortete nicht, aber Renate fing an, sich ernstlich zu sorgen,
-da sie immer geschwinder und wilder durch den Raum hin und her fuhr, die
-Hände geballt und mit verwirrten, weggeschleuderten Blicken.
-
-»Wenn Otto mir sagte,« rief sie hart anhaltend, »Klemens könnte keinen
-Widerspruch vertragen, es sei überhaupt alles Beherrschung an ihm, außer
-man wäre sachlich oder sächlich, -- was weiß ich, ich bin weiblich! --
--- was blieb mir denn übrig als stille zu schweigen?«
-
-»Gut, Irene, ausgezeichnet!« lobte Jason, »damit trafst du das
-Richtige.«
-
-»Schweig, Jason! Und immer hackte er auf meiner Kinderlosigkeit herum!
-Nein, höre, da fällt mir etwas andres ein, was er sagte. Einmal konnt
-ichs nicht lassen und fragte, was das denn eigentlich für eine
-Freundschaft wäre, wo einer sich um den andern jahrelang nicht kümmerte.
--- Das wäre das Feine dran, sagte er. So, sage ich zu Otto, und wenn ich
-mich jetzt zwei Jahre Gott weiß wo herumtreibe, dann ists dir
-wahrscheinlich auch egal. -- Darüber habe ich noch nicht nachgedacht,
-sagt er. Ist das nun vielleicht eine Antwort?«
-
-Glühäugig stand sie da und blickte Renate an. Jason machte erstaunte
-Augen.
-
-»Ich hatte gedacht,« sagte er, während Renate ein Lächeln verbiß, »du
-wolltest von Klemens reden? Nun,« sagte er und zog sich befriedigt
-zurück, »du hast ja recht: ein Mensch ist nicht mehr wie --«
-
-»Ja, nun verwechsle ich sie schon«, murmelte Irene, kniff den Mund zu
-und sagte böse: »Einer ist mir so fremd wie der andre.«
-
-»Höre mal übrigens,« fing Jason an, »du hast das wohl auch verwechselt.
-Klemens redete von Freundschaft, und du von Ehe.«
-
-»Ah, sieh, Jason!« höhnte Irene spitzig, »du hast wohl auch seine
-Meinungen über Liebe und Ehe und so.«
-
-»Wenn du mir die seinen vielleicht sagen möchtest ...« meinte Jason.
-
-»Also, einmal frage ich ihn ganz bescheiden, ich hätte eigentlich noch
-immer etwas Zeit übrig, namentlich im Winter, ob er nicht auch meinte,
-daß ich mich fürsorgerisch betätigen sollte. In meinem Staat, sagt er,
-gewiß nicht. Er bemühe sich seit zehn Jahren, das Recht auf Kindersegen
-für jede Frau durchzusetzen, und ich prätendierte das Recht auf
-Kinderlosigkeit. In seinem Staat, und so weiter, und ob ich eigentlich
-wüßte, wieviel Frauen ich die eigentliche Vollendung ihres Daseins
-wegnähme. Ja, weißt du, warum? Weil ich einen Mann für mich beanspruche,
-von dem andre Kinder haben könnten. Und damit --« ihre Stimme wurde
-heiser und überschlug sich, »kletterte er im Handumdrehn zu der
-Behaup--« Ihre Stimme versagte, sie mußte husten und hörte lange Zeit
-nicht auf.
-
-Das sei aber mal nichts Besondres, meinte Jason enttäuscht; nein, das
-fände er nun äußerst natürlich und wahrheitsgemäß geredet. Ob er denn
-sonst nichts gesagt hätte?
-
-Sie hätte es wohl vergessen, murmelte Irene matt, es sei ja auch gleich.
-
-Renate sagte, damit könnte sie wohl recht haben, denn sie hätte wohl
-gleich gemerkt, daß es sich hier wie immer nicht um das Was handle,
-sondern um das Wie, und Irene habe sich ja auf unbegreifliche Weise
-haßerfüllt und abgeneigt von vornherein gegen Klemens gezeigt ... Sie
-brach ab, da sie Irene in ihrem Sessel hinten, ohne hinzuhören, sich nur
-angestrengt besinnen sah. Gleich darauf fing sie auch an: Lieben, hätte
-er einmal gesagt, lieben könnte man doch nur, was einem fremd sei. »Wie?
-frage ich. -- Zum Beispiel: Gott, sagt er. -- Gott? frage ich erstaunt,
-und da fällt mir natürlich Otto ein, und ich frage, ob er vielleicht
-behaupten wollte, daß Otto mir fremd wäre. -- Er wäre überzeugt,
-unterbricht er mich, daß es nichts gäbe, was einander fremder wäre als
-zwei Menschen, Mann und Weib.« Jason spitzte die Ohren. »Mein Mann ist
-mir lieb, nicht fremd, sage ich. -- Abgesehn, sagt er, von der Logik,
-was meine Ehe denn für eine Kunst wäre. -- Liebe, sage ich, nicht Ehe.
--- Ah, sagt er da und tut hocherstaunt, Sie wissen also doch sehr gut,
-daß Liebe und Ehe nicht das geringste miteinander zu tun haben. -- Ich
-falle aus allen Wolken und sage: Was? -- Denn Liebe, doziert er so recht
-pedantisch, Liebe ist ein Gefühl, und Ehe ist eine Einrichtung.«
-
-»Nun, da haben wirs«, sagte Jason entzückt. »Ein Mensch kann nicht mehr
-tun als ein andrer, aber dies war ja nun sehr ausgezeichnet, ein ganz
-ausgezeichnet wahres Wort! Ich möchte fast glauben, daß er es mir
-abgelauscht hat. Immer und immer habe ich das gesagt: Liebe und Ehe, die
-beiden haben miteinander genau so viel und so wenig gemein wie das Leben
-und der Tod. In der Ehe nämlich herrscht das Gesetz, ja bis in die
-allerkleinste Wallung und Verrichtung des alltäglichen Ehelebens hinein
-waltet der Geist der Verträglichkeit auf Grund des Vertrages. Was aber
-tut das Gesetz? Es tötet. Es tötet ab, es erstarrt. Die Ehe ist recht
-eigentlich die Idee aller starren Systeme, aber nun, wie es im Liede
-heißt: Media in vita -- mitten im Leben sind wir vom Tode umfangen.
-Mitten im Leben der Liebe vom Tode der Ehe umfangen und dennoch höchst
-lebendig, wohlwollend, verträglich, hülfreich und gut zueinander sein,
--- das wäre die Kunst der Ehe.« Sprachs und glitt zufrieden wieder in
-seinen Sessel zurück. Irene sagte nichts.
-
-Wie rauh und schwächlich, aber auch wie traurig hatte Irenes Stimme doch
-geklungen; Renate hörte es nun erst, wo sie erloschen war. Sie hätte
-gern etwas Tröstliches geäußert, aber alles, was sie hörte, brachte
-keine Begriffe in ihr hervor; es war wie das Plätschern eines Wassers,
-dem Wehmut und Abgeschiedenheit anzuhören ist, doch bleibt es die
-betrübte Stimme eines Bachs, eine fremde, nicht zu unterbrechen oder zu
-enden mit Zusprache oder Streicheln.
-
-»Und nun hat er ja recht behalten«, kam ihre Stimme wieder zum
-Vorschein, erloschen und trostlos. »Otto ist mir fremd geworden.
-Vielleicht ist ers immer gewesen, ich weiß ja nun gar nichts mehr.
-Früher glaubt ich all seine Gedanken zu sehn, jetzt muß ich oft seine
-Stirn ansehn und denken: Was ist dahinter? habe ich etwas damit zu tun?
--- -- Wie einfach, wie natürlich war nicht alles! Es war nicht groß, du
-lieber Gott, es war keine _Kunst_! aber es paßte doch zu uns, und ich
-wars zufrieden. Nun heißts: es ist keine Kunst, und ich muß über die
-schwierigsten Sachen nachgrübeln. Manchmal ist mirs schon gewesen, als
-sei es ganz gleichgültig, ob Otto und ich zusammenleben oder irgend zwei
-Andre.«
-
-Jason lächelte hier still und friedlich vor sich hin. Renate mußte
-denken: Er scheint es ja recht leicht zu nehmen ... Irene stand auf,
-hielt den Kopf gesenkt und zerrte an ihrem Taschentuch.
-
-»Ich weiß ja, ihr wollt mir nicht helfen«, sagte sie, Tränen dick in der
-Stimme.
-
-Jason erhob sich. »Ich gewiß nicht, Irene,« sagte er aufrichtig,
-»obgleich ich nicht weiß, was dir eigentlich fehlt. Nein, ich freue mich
-im Gegenteil, dich in einer derartigen Verwirrung zu sehn. Verwirrungen
-erhöhen die Lebhaftigkeit des Daseins und machen die Ruhe angenehm.
-Nichts ist süßer, als auf dem Sofa liegen nach einem schönen
-Schwindelanfall. Dir kann ich noch nicht helfen.«
-
-Noch? was das heißen solle, noch?
-
-»Oh nichts so Bestimmtes«, meinte Jason. »Ich wollte bloß zum Ausdruck
-bringen, daß ich nichts anzufangen weiß mit Leuten, die dastehn und
-schreien, sie fielen um. Wenn einer an der Erde liegt, so will ich ihn
-aufrichten; ja, dazu mache ich mich anheischig.«
-
-Plötzlich stampfte Irene mit dem Absatz auf und schrie: »Herrgott, warum
-muß denn nur alles so verkehrt kommen! Warum liebt ihr euch denn nicht,
-Klemens und du, statt daß --« Sie brach verwirrt ab. »Nein, wir hassen
-uns ja ...« Sie schien völlig den Faden verloren zu haben, schüttelte
-sich auf einmal, kam auf Renate zugeflogen, warf sich vor ihr an den
-Boden, umschlang sie und schluchzte jammervoll:
-
-»Ach, ach, ich muß dirs ja gestehn, ich hab mich nur so herumgeredet, es
-ist ja so eine furchtbare Schande, aber ich muß --« sie schüttelte sich
-krampfhaft -- »ich muß es dir sagen, er hat -- er hat mich -- er hat
-mich ja so wahnsinnig gedemütigt! Ach, angeschrien hat er mich wie ein
-Sinnloser, niedergedonnert hat er mich -- ach, Otto! Otto!«
-
-»Wie, Otto hat ...« fragte Jason.
-
-Irene sprang auf und flammte ihn an. »Otto, bist du ganz rasend? Er, er,
-er, Klemens! Auf einmal ist er ganz blau im Gesicht geworden, ich weiß
-nicht, ich muß ihn wohl gereizt haben, und dann hat er gelärmt ...! Was
-das für eine Schande mit mir wäre, dies kindische Wesen, und alles Alte
-hat er wieder aufs Tapet gebracht, und ich gönnte ihm seinen Freund
-nicht, und den Mund sollte ich halten und --«
-
-Ihre Stimme erstickte wieder. Renate konnte es nicht mit ansehn, wie sie
-dastand und sich erniedrigte, schüttelte den Kopf, mußte sich aber nun
-doch sagen, daß an allem schließlich etwas Wahres sein müsse, nicht
-alles allein Irenens Schuld sein könne; sie konnte sich aber in der
-Erinnerung an den Nachmittag mit Klemens ihn in keiner ungebührlichen
-Haltung vorstellen.
-
-»Wie du dich erniedrigst, Irene!« entfuhrs ihr unbedacht. Irene zischte
-wieder empor.
-
-»Ich will mich erniedrigen!« schrie sie wütend. »Und was er schaffte,
-das sei mehr wert ... brüllte er, und eine Stimme hat er gehabt, daß
-alles Glas nur so klirrte, und die Wände haben gezittert, und ich saß da
-wie versteinert. Das in meinem Haus!« Fliegend, jauchzend, zitternd,
-frohlockte sie: »Wahnsinnig hasse ich ihn, wahnsinnig! o ich hasse ihn,
-ich hasse, ich hasse ihn. Käme er nur, käme er nur noch einmal und ...
-ach, ich wollte, er täte es noch einmal!«
-
-Das könnte sie haben, meinte Jason gefällig, er hörte Klemens eben
-draußen klingeln.
-
-Renate vernahm seine Worte nur halb, mit den Augen an Irene hängend, die
-wie eine Eumenide vor ihr wogte, die Arme schleudernd, als stäken Dolche
-in den Händen, und alle Locken hatten sich aufgerichtet um ihren Kopf
-und bebten und zürnten mit.
-
-»Wißt ihr, was er getan hat?« zischte sie. Mit funkelnden Augen von
-Renate zu Jason und zurück, hob und krümmte sie den rechten Arm, hob die
-Hand und machte eine klappende Bewegung damit. »Verstehst du, Renate?«
-Renate verstand und reckte sich innerlich. »Verstehst du, Jason? Ja,
-nicht wahr, das habt ihr doch nicht gedacht, das habt ihr --« Ihre
-Stimme und sie selber schwankte.
-
-In der Tür stand das Hausmädchen und sagte: »Gnädiges Fräulein -- Herr
-Doktor Klemens.«
-
-Renate geriet in Schrecken. Was wollte das werden? Irene war nicht
-anzusehn, ob sie die Meldung gehört hatte oder nicht, sie spähte mit
-einem sonderbar wirren Blick im Zimmer umher, entdeckte plötzlich
-zwischen Korridortür und Kamin das Telephon und stürzte darauf zu. --
-Renate hörte das Mädchen etwas fragen, nickte nur, und gleich darauf
-flammte das Licht in der Krone blendend auf und übergoß alles. Irene
-schrie: »Otto!« dann »Einundsiebzig einundsechzig!«
-
-Klemens erschien in der Tür, verbeugte sich gegen Renate, blickte dann
-scheinbar abwartend auf Irene, die ihm den Rücken wandte, über das
-Tischchen mit dem Fernsprecher gebeugt.
-
-»Bitte, schalten Sie um!« sagte Irene. Gleich darauf: »Ja, umschalten
-sollen Sie, zum Oberstock, Himmeldonnerwetter, verstehn Sie denn nicht?
-Um -- -- Ach, der Teufel soll dich holen!« schluchzte sie, warf den
-Hörer hin und fiel in den Sessel, aus dem Jason eben aufgestanden war.
-
-Der ergriff nun den Hörer, fragte: »Bitte, sind Sie noch dort?« horchte
-und sagte: »Ach, Sie sind selber am Telephon! Bitte, einen Augenblick!
--- Dein Mann ist am Telephon, Irene,« sagte er zu ihr, »es war bereits
-umgeschaltet. Soll ich ihm was sagen, oder willst du --«
-
-Irene unterbrach ihr Weinen und schluchzte mühsam, sie wolle ihn nicht
-sprechen, er -- sie habe nur hören wollen, ob er zu Hause sei, und sie
-käme auch gleich.
-
-Jason führte das aus und legte den Hörer hin, dann drehte er sich um und
-sagte zu Klemens:
-
-»Das ist schön, daß Sie grade kommen. Wir sprachen von Ihnen, und da
-möchte ich Sie gleich fragen: Haben Sie meiner Freundin Irene wirklich
-eine Ohrfeige gegeben?«
-
-Irene zuckte nur, als sie merkte, daß er mit Klemens sprach, behielt
-aber das Gesicht im Taschentuch, richtete sich langsam auf und trocknete
-ihre Augen. Klemens sagte leutselig zu Jason:
-
-»Junger Mann ... Das heißt,« unterbrach er sich, »hat Frau Herzbruch
-dies vielleicht behauptet?«
-
-»Also nicht?« rief Renate erleichtert.
-
-»Keine Idee! Ich habe bloß so getan«, verteidigte er sich.
-
-»So getan?« sagte Jason. »Das ist glänzend.« Zufriedengestellt, wie es
-schien, drehte er sich ab, ging in den Hintergrund und sagte wie zur
-Erklärung: »Ein Mensch ist nicht mehr als der andre, wenn er nicht mehr
-tut als der andre.«
-
-Klemens sah ihm mißtrauisch nach, äußerte dann zu Renate: »Ich kann
-Ihnen das leider nicht vormachen.« Nun wandte er sich zu Irene, die
-langsam aufgestanden war und zu schwanken schien, ob sie ihn ansehn
-sollte, und sagte:
-
-»Ja, also Frau Irene, ich bin noch einmal gekommen, -- es wird mir nicht
-leicht, und ich habe wohl auch eigentlich --«
-
-Er wollte auf sie zugehn, aber Irene, einen Augenblick geduckt, ging ihm
-plötzlich entgegen, streckte ihm die Hand hin und murmelte:
-
-»Ich bitte Sie um Verzeihung, Klemens, ich hatte Sie wohl zu sehr
-gereizt, und -- ich bitte Sie um Gottes willen ...«
-
-Klemens ergriff tief erstaunt ihre Hand und brachte kaum den Mund zu.
-Irene ließ wieder los, ging wie geistesabwesend zur Flurtür, murmelte:
-»Wohin will ... wohin soll ich denn nun? Ach so, nach -- nach Hause ...«
-Dann schluchzte sie tief und furchtbar auf.
-
-Renate lief hastig um die Sessel und zu ihr hin, erreichte sie in der
-Tür, legte den Arm um ihre Schulter und ging mit ihr hinaus. Sie wagte
-jetzt kein Wort, Irene raffte sich auch wieder zusammen, ging gefaßt in
-die Kleiderablage, ließ sich von Renate in die Jacke helfen, setzte die
-Mütze auf, knüllte den Schleier zusammen und steckte ihn ein. Nach einem
-Blick in den Spiegel holte sie ihn wieder hervor und band ihn mit
-zitternden Fingern um; Renate half ihr.
-
-»Gute Nacht«, sagte sie leise. Renate wollte sie an sich ziehn, aber sie
-schüttelte trübe den Kopf und ging hinaus. Renate blieb ratlos zurück.
-
-Wieder ins Zimmer kommend, hörte sie Jason eben sagen: »Seelische
-Fallsucht ist ein vortrefflicher Ausdruck!« worauf er sich zu Renate
-umdrehte, mitten im Zimmer, schmal und kleiner als sonst neben Klemens
-scheinend, den Kopf ein wenig schräg haltend, und erfreut zu Renate
-erklärte:
-
-»Herr Klemens sagt, er hätte die seelische Fallsucht. Jahrelang ginge es
-ihm sehr gut, und dann, auf einmal, wäre die Fallsucht wieder da; es
-geht ihm also genau wie mir. Ich habe ja mehr die Zitatenfallsucht, aber
-sie ist ja nun auch im Schwinden, unberufen, und eine Zeitlang hatte ich
-das Kopfschütteln, aber das ist, glaube ich, auch schon wieder im
-Schwinden.« Er schüttelte den Kopf. »Nein, da ist es wieder,« sagte er
-enttäuscht, »ich habe es berufen, nun will ich lieber gehn und Irene
-noch an der Haltestelle treffen. Gute Nacht, Herr Klemens.« Er reichte
-ihm die Hand. »Gute Nacht, Renate.« Er reichte ihr die Hand, lächelte
-und ging sacht hinaus.
-
-Renate setzte sich schweigsam in einen Sessel, hielt sich grade, rieb
-die Hände leicht im Schoß und blickte ins niedergebrannte Feuer. Aber
-beim Anblick des Blasebalges fiel ihr Jasons Bemerkung ein: er
-unterhalte das Feuer; sie mußte lächeln, sah zu Klemens auf, sah ihn in
-sich gekehrt im Schatten stehn und sagte: »Ein großer Wirrwarr, wie es
-scheint! Wollen Sie so gut sein und den Blasebalg etwas in Tätigkeit
-setzen?«
-
-Klemens fuhr auf. »Blasebalg?« rief er, »meinen Sie mich oder den da?«
-Er lachte, setzte sich, ergriff das Instrument, drehte eins der
-Holzscheite mit ihm um, setzte ihn dann bedächtig in Tätigkeit. Als das
-Feuer wieder hell brannte, legte er den Blasebalg fort, setzte sich
-zurück und sagte:
-
-»Kluge Jungfrau! auch Ihnen wird, nehme ich an, bekannt sein, was
-gemeinhin nicht viele wissen, ich aber weiß es: Nichts fängt da an, wo
-es anzufangen scheint. Auch diese armen Tränen, welche Sie sahen, auch
-die -- ich schwöre es! -- nicht nur Ihnen imaginär gebliebene Ohrfeige
-haben ihre Wurzel nicht im heutigen, sondern in Frau Irenens
-Hochzeitstage. Ich kam nicht zur Trauung, damit fing es an. Ich habe nun
-eine Abneigung gegen Schwurformeln im allgemeinen, und im besondern,
-wenn der, welcher sie aufsagt, nicht daran glaubt, und erschien deshalb
-erst bei der Tafel. Das Ehepaar brach, wie Sie sich erinnern werden,
-früh auf, so bekam ich Ottos Frau kaum zu sehn, aber was ich bekam zu
-sehn, das war nicht hoffnungsvoll. Ich dagegen war so hoffnungsvoll, zu
-glauben, dies werde in zwei Jahren vergessen sein, aber weit gefehlt!
-Ja, ich dachte es mir ganz schön, ich hatte vor, ein Buch zu schreiben
---«
-
-»Ein Buch?« fragte Renate, aber er winkte großmütig ab:
-
-»O bloß so ein Buch! wie halt a jeder! Und da dachte ich, dies bei mehr
-Behaglichkeit und Ruhe in Herzbruchs Hause als in so einem möblierten
-Zimmer tun zu können, denn meine eigne Wohnung hab ich vor ein paar
-Jahren aufgegeben, und meine Schwester hatte keinen Platz bisher.
-Natürlich, ich hätte nach der ersten Nacht verschwinden sollen, aber --
-ja, was ist da zu sagen? Otto bat mich, ich hoffte weiter, ja, Otto, das
-muß ich sagen, zwang mich gewissermaßen, indem er meine Stiefel
-versteckte, und als moralischen Grund gab er vor, seine Frau müßte
-aufgemuntert werden, sie würde zu dick. Alles gut und schön, aber -- na,
-ich blieb doch, und Herzbruch, der hetzte ja denn nach Kräften, er fand
-es herrlich, wenn wir uns die geschliffenen Partisanen gegen den Kopf
-rannten, und sagte, sie wäre nicht wiederzuerkennen, und ich wäre ein
-General-Stabsarzt.«
-
-Renate sprang auf und lief ins Zimmer hinein. »Ach, hören Sie lieber
-auf,« bat sie zwischen Lachen und Weinen, »das ist ja nicht auszuhalten!
-Erst kommen Sie am Nachmittag, und ich freue mich, denke, ich kenne Sie,
-und wie Irene mir stundenlang etwas vorjammert, bleibe ich bei meiner
-Auffassung von der Sache, bis es mir denn doch zu ernst wird, und ich
-denke: was Wahres muß doch dran sein, und dieser Klemens ist kein
-solcher Cherub, als welcher er sich gehabt.« »Danke!« nickte Klemens.
-»Ach, nichts zu danken, denn nun kommen wieder Sie, und nun sieht die
-Sache wieder noch ganz anders aus, und nun ist Otto eigentlich derjenige
-welcher. Was ist denn nun das Richtige?«
-
-Klemens kratzte sich mit schief offnem Munde den Kinnrand im Bart und
-meinte: er wüßt es nicht, er reiste ja nun ab. Daß der Zweck seines
-Daseins im Hause Herzbruch vollkommen erreicht sei, das wollte er
-schwören. Nun ginge er acht Tage auf Reisen, dann würde er bei seiner
-Schwester wohnen und --
-
-»Ach, papperlapapp,« unterbrach Renate ihn lachend und ärgerlich, »was
-ist das mit der Ohrfeige gewesen?«
-
-Klemens wiegte verdrießlich den Kopf. »Die Ohrfeige«, sagte er, »hat
-nicht stattgefunden.«
-
-Plötzlich wurde er dunkelrot, Renate erschrak und dachte: nun kommts!
-aber die Fallsucht schien auszubleiben, er ergriff den Blasebalg, warf
-ihn auf die andre Seite des Kamins, machte böse Augen, schob das Kinn
-vor und sagte endlich:
-
-»Daß man von unechter Abkunft sei, braucht man sich nicht sagen zu
-lassen, meine Teuerste. Ich habe in Zeitungen geschrieben und mich mit
-mehr als einem Preßbengel herumgeschlagen, und daß ich weiß, wie und wo
-die giftigsten Spitzen anzubringen und abzuschleudern sind, das kann
-Frau Herzbruch freilich bezeugen. Meine Abkunft jedoch hat der
-schmutzigste Schmock, obgleich ich nie ein Hehl daraus gemacht habe, nie
-angetastet, denn auch so einer hat Kenntnis von gewissen Usancen. Ich
-bin, wenn Sie es wissen wollen,« sagte er aufstehend, »ich bin darauf
-auf sie zugegangen, so!« Er trat dicht vor Renate, »und hab die Hand
-gehoben, so! Und da hat sie sich geduckt, hat kein Wort gesagt und ist
-zur Tür geschlichen. Ottos Schwester, auch dies mögen Sie erfahren, war
-die erste und einzige bisher, der ich es mitgeteilt habe.«
-
-»Genug,« sagte Renate reuevoll, »verzeihen Sie nur! genug!«
-
-»Ich habe ja nichts gegen Sie,« lachte er nun, »aber«, schloß er wieder
-ernst und mit Würde: »wenn ich auch Proletarier bin, bin ich deshalb
-kein Prolet, sondern reiner Geist; ich stabiliere mich als solchen.
-Nein, sehen Sie,« fuhr er leichter fort, »zu Irene sagte ich, nachdem
-ich -- Sie wissen schon! --: ja, da könnte sie nun sehen, wie verdorben
-sie wäre, daß sie wahrhaftig glaubte, ich wollte sie ohrfeigen, und weiß
-Gott, es ist etwas daran, und was soll dieser Otto mit einer Frau
-machen, die glaubt, ihre Ehe geht in Stücke, bloß weil einer zusieht,
-den sie nicht leiden kann? Ja, bitte, was sagen denn Sie dazu? Sie sind
-doch ihre Freundin, Sie kennen auch Frau Vehm -- ja, du lieber Gott, ist
-das ein Unterschied zwischen den Beiden!« Er atmete auf.
-
-Ein Mensch, dachte Renate, ist nicht mehr wie der andre, wenn er nicht
-mehr tut wie der andre. Es war nicht gerade viel, was Irene zu tun
-pflegte, zumal im Schatten ihrer Schwägerin betrachtet.
-
-»Der Mann ist ein Sonderling und verkriecht sich,« hörte sie Klemens
-wieder sagen, »die Frau ist oft stundenlang, tages und nächtens, bei
-Wind und Wetter unterwegs, um ihn zu finden, und was sie selber im
-Herzen zu schleppen hat, das wird ja wohl auch Ihnen nicht unbekannt
-geblieben sein; aber deshalb weicht sie doch keinen Schritt von ihrem
-Wege und neigt das dunkle Haupt auch keinen Nagelbreit unter ihrer
-aufgetürmten Last, sondern steht da, lächelnden Mundes, heller Stimme,
-sichrer Hand und kräftigen Herzens, schöne, edle Karyatide unter dem
-stöhnenden Gebälk ihres Daseins. Ach, man möchte singen und verzweifeln
-um solch eine Frau, und Irene daneben, was tut sie? Sie glauben
-vielleicht, sie sei Ottos Frau gewesen, aber weit gefehlt! Bis vor drei
-oder vier Wochen war sie's nicht, sie wollte ja keine Kinder haben,
-quält einen Mann zu Tode mit ihrer -- Daseinsunwissenheit und wirft sich
-ihm endlich in die Arme an dem Tage, wo ein Mensch ins Haus kommt mit
-unsichtbaren Augen.«
-
-Er lief mit großen Schritten zornig im Zimmer hin und her, warf die
-Ellenbogen vor und schlug die Hände zusammen. Ob denn das zum Blasen
-sei? fragte er. »Na, aber nun hat er sie ja wenigstens, und so wird denn
-wohl alles in der Ordnung sein«, murrte er, kam auf Renate zu, hielt ihr
-die Hand hin und bat, gehen zu dürfen.
-
-Renate sah ihn durch Schleier an. Seltsam erinnerte sie sich Ulrikas.
-Ohne sie wüßte sie heute kaum, was das bedeutete, was Klemens ihr eben
-verraten hatte, bedeuten mußte für einen Mann wie Herzbruch.
-
-»Ich fürchte, lieber Herr Klemens,« sagte sie leise, »so einfach wird es
-nicht sein, wie Sie denken, aber -- wir können ja hoffen. Sie vergessen
-doch nicht dies Haus, wenn Sie wieder in der Stadt sind, nicht wahr? Ich
-würde gern noch mehr mit Ihnen sprechen, aber ich bin nun auch recht
-müde geworden von allem. Also auf Wiedersehn!«
-
-»Ja,« sagte er, als fiele etwas ihm ein, »und wissen Sie denn
-eigentlich, warum ich noch einmal zurückgekommen bin?«
-
-Renate schüttelte den Kopf.
-
-»Weil ... Ich verstehe es nicht«, murmelte er, den Kopf senkend. --
-»Weil«, fuhr der dann erklärend fort, »mich unterwegs die Reue ergriff;
-weil ich dachte, ich wäre vielleicht doch im Unrecht, und -- da man
-gleich tun soll, was man tun will und kann, so drehte ich wieder um, und
--- -- was geschieht? Sie sahns ja, sie tat, was ich tun wollte, sie bat
-mich am Verzeihung!«
-
-Auf dies hin wußte Renate nichts. Sie standen noch eine Weile
-schweigend, dann verbeugte er sich und ging.
-
-Renate nickte ihm noch lächelnd zu, als er aus der Tür grüßte, dann
-fielen die Schleier wieder über alles, langsam erlahmte ihr Denken, rot
-glimmte die sinkende Glut vor ihren verdunkelten Augen, sie ging zur
-Tür, löschte das Licht und ging schläfrig und abgespannt auf ihr Zimmer.
-
-
- Schrecken
-
-Renate hob den Kopf aus dem Schlaf, weil sie jemand an die Tür klopfen
-hörte; sie glaubte, nur wenige Stunden geschlafen zu haben, aber es war
-schon Tag. In der Tür erschien die Köchin, ängstlich, und sagte: Frau
-Herzbruch habe angerufen, das gnädige Fräulein möchte doch gleich ans
-Telephon kommen, es sei etwas ganz Schreckliches passiert. Renate war
-schon mit den Füßen aus dem Bett. -- Es betreffe aber nicht Frau
-Herzbruch selbst, sollte sie sagen. -- Renate war schon in den
-Pantoffeln, rannte durch die Zimmer hinaus und treppab in die Halle. Es
-mußte mit Vehm ... Sie nahm den Hörer auf, atemlos, und sagte: »Irene?«
-
-Eine Weile war nichts zu hören als das Sausen und Knistern im Apparat,
-dann kam Irenes Stimme leise und mühsam aus der Ferne: »Renate ...? du
-wirst -- sehr erschrecken. Es ist --« Wieder war alles still. »Mein
-Schwager Vehm«, hörte Renate, »ist -- -- tot. Und -- und --«
-
-»Dora!« schrie Renate entsetzt.
-
-»Nein, nicht Dora,« hörte sie nach Sekunden. »Die Kinder.«
-
-Renate zitterten die Knie. Sie glaubte, einen ungeheuren Schlag gegen
-die Brust erhalten zu haben, rang nach Atem, fühlte lange Zeit nichts,
-tastete endlich hinter sich nach dem Stuhl und sank auf ihn hin. Dann
-hörte sie ihr Herz schlagen -- es mußte Sekunden ausgesetzt haben.
-
-Irene fragte aus der Ferne: »Bist du noch dort?«
-
-Sie würgte einen Laut hervor, brachte dann heraus, was das bedeute?
-
-Lange Zeit antwortete Irene nicht, endlich sagte sie langsam: »Er war
-gestern wieder da -- als ich aus der Stadt kam. -- Und -- auch Ägidi. --
-Sie waren Alle in der Diele. Albert sah ganz -- verwirrt aus, aber --
-nachher kam Dora und sagte, er habe ziemlich ruhig gesprochen und gesagt
--- er -- er könnte es nicht ändern, die Kinder wären sein, und deshalb
-müßte auch die Mutter bei ihnen bleiben, oder -- so ähnlich, und -- er
-ist dann gegangen, aber wiedergekommen nach einer Weile und hat gesagt,
-er hätte sich besonnen -- ja, ich kann das alles nicht so sagen -- -- --
-jedenfalls, er wollte gehn, und sie sollte die Kinder behalten. Dann ist
-er fortgegangen, er hat sich nicht halten lassen.« Irene schwieg wieder.
-
-»Laß es genug sein, Renate«, bat sie dann. »Er muß nachts ins Haus
-gekommen sein, ohne daß wer von uns es hörte. Dann hat er im
-Kinderzimmer erst den beiden --« Irenes Stimme brach schluchzend ab.
-
-Renate legte den Hörer hin und sah, noch die Hand daran haltend, das
-schwarze und metallene Ding, seltsam fremd und erschreckend, als wäre es
-ein gefährliches Instrument. Durch es hatte Irene gesprochen, sie hatte
-Irene nicht gesehn, Irene war vielleicht gar nicht auf der Welt, es war
-nur ihre Stimme gewesen, Renate glaubte plötzlich zu sehn, wie eine
-finstre Gewalt Irene vom Telephon in die Nacht hineinriß, schwarze
-Flocken regneten vor ihren Augen, aber dann sah sie in einem hellen
-Sonnenschein einen kleinen Jungen im Kreise herumgehn, derweil er eine
-Blumentopfscherbe und einen alten Kochtopfdeckel zusammenschlug und, die
-großen Augen immerfort auf sie gerichtet, sang: Wenn ein Vorrat geht zu
-Ende, zieh den Schieber mit die Hände! -- Immer dieselben zwei
-verdrehten Zeilen, von denen später Dora sagte -- was? -- Ja, Renate sah
-in der Montfortschen Küche so eine blauweiße Tafel hängen, um die
-fehlenden Vorräte anzuzeigen, und darunter stand: Zieh den Schieber vor
-behende ...
-
-Warum bin ich denn so wahnsinnig erschrocken? dachte sie und war
-sekundenlang ganz ruhig. Langsam stand sie auf, konnte aber zuerst kaum
-die Füße aufsetzen. Danach ging es besser, sie schlich die Treppen
-hinauf und in ihr Zimmer, wo sie langsam ein paar Schlucke Wasser trank.
-Sie fröstelte davon, legte sich wieder ins Bett, war auf einmal ganz
-schwach und deckte sich zu. Die Gedanken verschwammen, sie wollte sich
-besinnen, was denn eigentlich gewesen sei, und dämmerte ein. Da befand
-sie sich plötzlich in einem großen Saal mit hohen grauen Wänden aus
-Quadern und ohne Fenster. Nach oben blickend, gewahrte sie an Stelle des
-Dachs einen rein blauen Sommerhimmel, den eine einzige Wolke von
-schimmernder Weiße sehnsüchtig verschönte. Wieder die Augen senkend,
-entdeckte sie, daß der Boden ein Wasser war, das sich in kleinen
-Windungen und Strudeln emsig bewegte wie eine Menge Getier, und
-zugleich, daß sie in der Spitze eines Nachens stand. Und jetzt sah sie
-die Schmalwand des Raumes vor sich geöffnet; ein Tor wars, und durch den
-Spalt schoß strudelnd ein dunkles Gewässer herein. Der Nachen bewegte
-sich unter ihr, schwankte, stieg mit den lautlos steigenden Fluten, und
-nun wußte sie, daß sie in einer Schleuse war.
-
-Darüber mußte sie tief aufatmen, ja seufzen aus einem von Erleichterung
-und Beklommenheit angsthaft gemischten Gefühl. -- Nun wird die Fahrt
-frei werden! murmelte sie, sich beruhigend, und erkannte, wieder nach
-oben schauend, in der Wolke einen weit fernen Engel, der von ihr
-abgewandt und in einer seltsamen Verkürzung hinter sich tretend,
-stürmisch in die Bläue hineinjagte. Bleibe! schrie sie in plötzlicher
-Fassungslosigkeit, o bleibe! -- Aber er war schon verschwunden, und sie
-erwachte mit heftig klopfendem Herzen.
-
-Jählings und mit furchtbarem Erschrecken fuhr sie dann hoch, da sie eine
-unhörbare Stimme traurig sagen hörte: Schöpfe, schöpfe, müde Danaide ...
-Aber nicht das hatte sie hören wollen, sondern ein Wort von Klemens --
-wie hieß es? ja, wie hieß es denn? -- Schöne edle Karyatide ...
-
-Kaum gedacht, brach ein Strom von Tränen aus Renates Augen, ihr Herz
-flatterte entsetzt auf mit tausend gestaltlosen Ahnungen, Befürchtungen,
-Ängsten eigenen Schicksals, sie wühlte das Antlitz in die Kissen und
-weinte, wie sie noch nie im Leben geweint hatte.
-
-
- Achtes Kapitel: Juni
-
-
- Krank
-
-Georg wachte des Morgens auf und dachte: Ach, nun bin ich auch krank! --
-Stirn und Schläfen schmerzten, er fror; er schluckte, und es tat ihm
-weh. Auf den Ellenbogen sich aufrichtend, fühlte er sich zerschlagen und
-müde, blinzelte gegen den Fenstervorhang, die Sonne schien draußen zu
-sein, aber dies Draußen, der Garten und alles war merkwürdig weit weg
-und als ob er nicht dazugehörte, sein Gehör schien dumpf und legte etwas
-Entfremdendes zwischen ihn und die Welt. Ich kann nicht nach Zinna
-fahren, murmelte er bitter, vielleicht gehts mit ihr heut zu Ende, aber
-ich kann nicht. Und er dachte, wie glücklich er sein würde, wenn es
-wirklich zu Ende ... Glücklich, -- ja, er ertappte sich, aber es war so,
-und wider Willen fügte er schon hinzu: Wenn sie nur stürbe! Wenn sie nur
-stürbe! -- Er zog die Decke über die Ohren, glühte und schauderte
-frostig ineins, wälzte sich herum, lag minutenlang halb dämmernd. Dann
-rief ein Geräusch ihn zu sich, der Diener mußte eingetreten sein, er
-drehte sich um und sah einen menschlichen Schatten in der Dämmrung zum
-Fenster gehn.
-
-»Lassen Sie zu, Egon!« sagte er, »ich stehe nicht auf, ich bin krank.«
-
-Der Diener kam leise ans Bett, Georg richtete sich auf. Die dunklen
-Augen, das blasse Gesicht des jungen Burschen sahen ängstlich auf ihn
-herunter.
-
-»Keine Angst, Egon,« sagte er lächelnd, »es ist nur ein bißchen
-Halsentzündung, oder Influenza,« er räusperte sich, es tat scheußlich
-weh, »aber ich will einen Doktor haben. Kranksein ist gemein, Egon, ich
-will sofort wieder gesund werden, wissen Sie einen Doktor?« Egon wußte
-keinen. »Ich auch nicht, dann fragen Sie, -- rufen Sie bei --« Er besann
-sich. Es braucht ja keiner zu wissen, daß ich krank bin, -- »also rufen
-Sie gegen neun bei Dr. Herzbruch an, im Verlag, und wenn er einen Doktor
-weiß, -- der wird ja Telephon haben, -- dann rufen Sie auch gleich an
-und bitten ihn herzukommen. So, gehn Sie aber erst ins Badezimmer und
-lassen Warmwasser in die Wanne, und wenn ich drin bin, machen Sie hier
-Durchzug.«
-
-Der Diener ging. Bald darauf zog Georg die Füße unter der Decke hervor,
-saß einen Augenblick frierend auf dem Bettrand und fühlte sich aus der
-Welt herausgenommen und in Krankheit gekleidet. Draußen war alles leicht
-und natürlich, aber sein Wesen entstellt, verfremdet und peinlich. Er
-schlürfte hinüber, spülte sich Körper und Mund und war froh, im Zimmer
-wieder unter was Warmes kriechen zu können. Ach, dachte er, so war es
-damals genau, als ich die Masern kriegte! Mitten im Tag fings an, ich
-wurde ins Bett geschickt, und wie ich da auf dem Bettrand saß und fror
-und alles so weit weg war und Altelinda mir die Stiefel auszog und ich
-so schwer war am ganzen Leib und unbeschreiblich sehnsüchtig, ins Bett
-zu kommen und den dumpfen Kopf ganz tief ins Kissen zu stecken, -- ja
-all das war genau wie jetzt; eigentlich war es herrlich. Ach, wie
-geborgen war man in seinem Bett als Kind! »Ist noch was, Egon?
-Frühstück? Nein, ich mag nichts, aber die Post, nein, keine Post, aber
-die Zeitung, ja, und dann -- rufen Sie auch gleich, oder -- wie spät ist
-es denn? Halb acht? Also rufen Sie in einer Stunde bei Frau Dr. Schley
-an: ich hätte, -- ach, warten Sie damit, bis der Doktor dagewesen ist!«
-Egon entfernte sich, Georg rief ihm nach, er sollte die Tür halb offen
-lassen.
-
-Nun lag er still auf der linken Seite und blinzelte durch die Türöffnung
-ins Nebenzimmer. Da war ein Stück vom Schreibtisch, mit Aktenstößen, und
-das Fenster, und die Falten der Vorhänge, und draußen die Sonne und das
-Sommerliche, ein Stück Teppich unten, und all das so anders als sonst,
-so ganz für sich und ohne ihn. Er hörte Schritte auf dem Flur, Türen, im
-Eßzimmer eine Schranktür, deutlich alles und doch ganz dumpf und immer
-vermischt mit seinem Frostschaudern und Fiebern und dem Herben in der
-Nase und der Stirnhöhle, und das Ganze wiederum doch nicht unbehaglich.
-Die Tür ging leise, eine schwere Frauenfigur kam ans Bett und stand
-still, er öffnete die Augen und lächelte. »Oltsche,« sagte er, »ich
-sterbe, mit mir hats nun ein Ende, Sie stehen im Testament.«
-
-Die Hausmeisterin schlug die Hände zusammen und sagte: »Nein, sowas! Und
-wo unsre Prinzessin auch schon --« Georgs Husten übertönte das Übrige,
-die aufgeregte Alte klopfte ihm die Kissen zurecht, er streckte sich aus
-und bat sie, ihm die Zeitung zu geben. Sie ging und kam wieder mit
-dumpfen, weichen Schritten, fragte noch, ob er denn gar nichts essen
-wollte, und war leise hinaus. Georg setzte sich auf und riß die Zeitung
-auseinander. Es war fast zu dunkel zum Lesen, er hielt die gedruckte
-Seite zum Licht hin, fand die fettgedruckte Zeile: Das Befinden der
-Prinzessin Sigune, -- die Buchstabenketten fielen auseinander, er raffte
-sie herzklopfend zusammen und las:
-
-»Im Befinden der Prinzessin ist seit gestern keine Änderung eingetreten.
-Eine persönliche Anfrage unsrer Redaktion bei Herrn Professor Dr. Bosse
-bestätigte uns die traurige Gewißheit, daß es sich nicht um die
-häufigere Art Meningitis, sondern um tuberkulöse Gehirnhautentzündung
-handelt. Das Bewußtsein ist seit fünf Tagen nicht wiedergekehrt, die
-Nackensteife ...« Georg konnte nicht weiterlesen. -- Sie muß sterben,
-sie muß sterben, vielleicht ist sie schon tot, sagte er unaufhörlich,
-krampfhaft bemüht, dabei nichts zu empfinden und Mitleid hervorkommen zu
-lassen, und er erzwang das Mitleid durch den Gedanken, daß sie
-fürchterliche Kopfschmerzen gelitten hatte und nun aus irrem Dunkel ins
-tiefere hinüberschlafen würde. Er sah sie im Bett liegen, steif, das
-Gesicht hintenübergebogen, bleich und ohne die Augen schon gar nicht
-mehr kenntlich für ihn, der sie kaum kannte. -- Nun ließ er die Zeitung
-an die Erde gleiten, wickelte sich bis an die Ohren in die Decke, fühlte
-die glatte Trockenheit und Hitze seiner Beine und zwang sich, nichts zu
-denken.
-
-Stand jemand am Bett? Egon sagte, er habe im Herzbruchschen Büro
-angefragt --. »Ja, wie spät ists denn schon?« -- Es sei gleich zehn Uhr.
--- Ach, er hatte geschlafen. -- Der Arzt heiße Dr. Birnbaum, am
-Theaterplatz, er würde gegen Mittag kommen. -- Birnbaum? Aber Onkel Salm
--- Sigurd --, sie hatten doch keine Verwandten in der Stadt ... »Haben
-Sie Herrn Prager Bescheid gesagt?« Ja, und er ließe fragen, ob er
-herüberkommen sollte. Ja, Georg ließe bitten. -- Egon nahm die Zeitung
-und trug sie weg.
-
-Benno kam und benahm sich genau wie die Menschen an Krankenbetten,
-lächelte, tat hoch erstaunt und sagte, was Georg für Geschichten machte;
-er war fremd und irgendwie kalt und frisch. Georg bat ihn, sich mit
-Zinna verbinden zu lassen und anzufragen, wie es stünde. Er hörte ihn
-nebenan sich mit dem Telephon beschäftigen, ohne Worte zu verstehn,
-durch das ferne Klingen und Summen in seinem Gehör. Dann setzte Benno
-sich still neben Georgs Bett und schwieg sich teilnahmsvoll aus. Als er
-gerade etwas zu sagen anfing, schrillte das Telephon laut auf, Benno
-ging hin, Georg wollte nichts Unverständliches hören und verschloß die
-Ohren. Wenn sie schon tot ist, -- wenn sie schon tot ist ... dachte er.
-Endlich kam Benno. Es stünde sehr schlimm, sagte er bekümmert, sonst sei
-nichts zu sagen.
-
-»Ach, Benno,« fing Georg nach einer Weile an, »wie war es doch schön,
-wenn man krank war als Junge!«
-
-»Ja,« sagte Benno begeistert, »wie gut sie gleich Alle waren! Jeder kam
-herein und machte einen Scherz, mittags kam Vater, legte einem seine
-große, kalte Hand um die Wange, faßte mit sonderbar harten Fingern nach
-dem Puls und sagte, es würde schon werden.«
-
-»Hattest du je Masern, Benno?«
-
-»Masern?« Bennos Stimme überschlug sich, »es war herrlich, ganz
-herrlich! Man war ganz gesund, bloß im Bett mußte man sitzen, und ich
-lag mit meiner Schwester in einem Zimmer, die hatte sie natürlich auch,
-und es war herrlich. Kleine, gebratene Tauben bekamen wir zu essen und
-alle Tage Apfelmus, so ganz seimig, und eine herrliche Bouillonsuppe,
-die war aus Sago und ganz goldklar, das war die Krankensuppe, Gott, den
-Geschmack kann ich jetzt noch spüren und den winzigen Knochensplitter,
-der drin war.«
-
-»Und die Stille, Benno, weißt du noch? und wie es sang in der Stille,
-und wie man stundenlang lag und das Muster der Tapete verfolgte, und die
-alltäglichen Geräusche draußen, die so anders klangen und so weit
-entfernt, auf der Treppe und nebenan, und man kannte sie doch nicht ...«
-
-»Und dann bekam man die herrlichsten Spiele mitgebracht, oh Georg,
-Geduldspiele aus ganz blanken Klötzen, unbeschreiblich neu und glänzend,
-grüne Würfel und rote und -- nein, das war ja alles gar nichts gegen die
-Flechtarbeiten! Hast du nie Flechtarbeiten gemacht? Ich will es dir
-erklären: Erst kam Glanzpapier, das mußte auf der Rückseite liniiert
-werden und in schmale Streifen geschnitten, aus denen wurde das Muster
-geflochten, aber dies Glanzpapier, das vergesse ich nie! Es gab
-silbernes und goldnes, aber das war nicht das Schönste. Das Schönste war
-tiefdunkelrot, wie Samt, aber dabei war es so himmlisch glatt und
-knitternd, obgleich es ganz dick aussah; das Hellgelbe war auch schön,
-aber eigentlich unangenehm; es gab hellblaues und dunkelblaues, das rosa
-war so beißend, herrlich war auch das Dunkelgrüne; das war wie ein
-ganzer Tannenwald ...« Bennos Stimme verhauchte hingebungsvoll.
-
-»Nein, das hatte ich nicht,« sagte Georg, »aber ich hatte ein Reißbrett
-...«
-
-»Ein Reißbrett?« jauchzte Benno, »ich hatte auch ein Reißbrett, weißt du
-noch --«
-
-»Wie es ganz hart war, Benno, und eckig, wenn es in die weichen Kissen
-gedrückt wurde, über den Schenkeln und gegen den Unterleib, fühlst du
-das noch?«
-
-»Und wie man nicht dran dachte, und es ganz schief wurde, wenn man die
-Knie anzog, und alles rutschte herunter!«
-
-»Und der Suppenteller, die Suppe floß über, und das war so klebrig und
-warm ... Oh mein Reißbrett hatte Onkel Salm erfunden, der schleppte es
-an, es war in Trassenberg, er saß immer bei mir und baute Zinnsoldaten
-auf, mein Vater hat eine riesige Sammlung, zwanzigtausend sind es, glaub
-ich, die Schlacht bei Lützen konnte man machen, und die Schlacht bei St.
-Privat und bei Waterloo.«
-
-Benno lächelte beseligt mit Georg. »Ich hatte auch Zinnsoldaten,«
-flüsterte er, »jede Weihnachten bekam ich eine Schachtel, sie waren oval
-und aus Span, auf dem Deckel war ein weißblaues, rechteckiges Etikett,
-und beim Auf- und Zumachen schnurpste der Deckel wundervoll!«
-
-»Und drinnen, Benno, drinnen lagen sie ganz still und blank, die
-Fußbretter am Rand, die Gewehre und Fahnen nach innen, ganz kostbar,
-immer nur drei oder vier in einer Schicht und dazwischen ovale Blättchen
-aus so einem Papier ... einem Papier ...«
-
-»Ein herrliches Papier!« hauchte Benno, »es war wie Löschblatt, aber
-dünner und fester und ganz weich ...«
-
-»Ja, ganz weich,« sagte Georg vor sich hin und sah die blitzenden,
-unbemalten Säbel und Bajonette und die glänzenden braunen, schwarzen und
-weißen Pferde, die blauen, roten und grünen Lackfarben der Monturen zum
-Vorschein kommen. Trommler gingen voran und Fahnenträger, schräg nach
-vorn geneigt, die Fahne hoch in der Hand, die reitenden Trompeter
-bliesen immer nach rückwärts, sie bliesen das Signal zum Vorgehn, ja,
-Onkel Salm machte es mit dem Munde, es war völlig natürlich, und es
-klang so aufreizend: Tötötötö, tötötötö, tötötötö ... Und dann wurden
-sie aufgestellt nach dem Lineal, in der vordersten Reihe die Knieenden,
-dann die Chargierenden, damals sagte man noch chargieren, genau >auf
-Luke<, und im dritten Gliede die stehend Schießenden. Bei jedem Regiment
-war ein Gefallener und einer, der grade hintenüberfiel. Oh es gab
-Schotten in roten Röcken und mit schottischen Unterröcken, mit
-Dudelsackbläsern, -- die Artillerie war immer etwas unangenehm, weil sie
-im Schritt ritt, die Kavallerie galoppierte mit geschwungenen Säbeln,
-die Ulanen mit eingelegten Lanzen, und wie war nur alles kostbar und
-selten, und wenn sie alle aufgestellt waren, mußte man von der Seite
-gegen die festgeschlossenen Formierungen sehn, und Beine und Gewehre und
-Arme und Köpfe waren in einer Linie ...
-
-Sie sprachen nicht mehr, sie träumten ... Abends kam die Lampe, wie sah
-man sie zum ersten Mal, ihr stilles Licht, sie stand anders im Zimmer
-als sonst, weit fort von einem, und alles lag im Schatten; das Muster
-der Tapeten sah wieder anders aus, dann kam die Abendsuppe, die mußte
-der gute Doktor immer selber machen, Wassersuppe von Sago wars, ganz
-klar und schön sanft grau. Dann entkorkte er feierlich die Weinflasche,
-hielt einen silbernen Löffel über den Teller und goß den roten Wein
-darauf, bis er überfloß in die Suppe, und dann lief das dunkle Rot im
-Grau aus, es gab einen wunderbaren purpurnen Fleck, dann wurde gerührt,
-und die Suppe war herrlich rot. Der Löffel war kleiner als ein
-Erwachsenenlöffel, hatte eine punktierte Linie am Rande des Stiels und
-hieß: der Kinderlöffel. Georgs Kinderlöffel. Jeden Tag kam Mama für zehn
-Minuten und erzählte etwas Lustiges ...
-
-Die lange schwere Locke an ihrem Hals, -- ich durfte sie ganz vorsichtig
-anfassen. Ich wunderte mich im stillen, wie kühl ihr Hals war, aber die
-Locke war doch das Schönste auf der ganzen Welt. Magda hatte Puppen,
-deren Locken faßte ich auch an, aber es war nichts damit. Ja, diese
-Locke war lebendig; sie ringelte sich um den Finger, und man mußte
-unendlich vorsichtig sein, daß man ja nicht daran zog, und doch durfte
-man es. Mama erzählte vom Hühnchen und Hähnchen, vom Ei und der
-Stecknadel. Wie schön war Mama! -- --
-
-Georg fühlte, daß sein Kinn zitterte, und daß es ihm dick im Halse
-wurde. Damals war ich glücklich, dachte er, und seitdem nie wieder.
-Damals wußte ich nicht, und heute weiß ich alles, alles.
-
-Da saß Bennos Schattenriß, nah, dunkel und hoch vor der gelblichen Helle
-des Fenstervorhangs. Georg schob sich tiefer im Bett, steckte die kalt
-gewordenen Arme unter die Decke, zog sie fröstelnd hoch; sein Kopf
-schmerzte heftig, er wollte sich einwickeln und eindämmern wie als Kind.
--- Als er nach einer Weile die Augen öffnete, sah er Benno auf den Zehen
-an der Tür, ihm fiel ein, seinem Vater Bescheid sagen zu lassen, daß er
-heute nichts ... »Sei so gut, Benno, und sage in Trassenberg Bescheid.
-Du kannst dich ja vom Hausmeister verbinden lassen. Dr. Birnbaum sollte
-heut nicht kommen. Ich könnte heut nichts Geschäftliches besprechen,
-wenn Unterschriften wären, könnten sie vielleicht mit einem Kurier
-geschickt werden, und sonst auch was Wichtiges ...«
-
-Nun war alles still. Vom Schreibtisch her tickte die Uhr sachtsam vor
-sich hin. Gunny, sagte die Uhr, Gunny, Gunny ... Jetzt starb sie
-vielleicht. Kein Mensch wußte mehr, was in ihr war.
-
-Ein helles Klingen sprang in seinem Ohr auf, er fühlte, daß er
-geschlafen hatte, dann merkte er, daß nebenan die Korridortür geöffnet
-und jemand die Stufen herabkam, der aber nicht sichtbar wurde. Dort
-waren jetzt die Vorhänge geschlossen, eine Wand von Sonnenstäubchen
-stand golden vor dem Schreibtisch, darin erschien Egon und meldete:
-»Herr Doktor Birnbaum.«
-
-Georg setzte sich auf, ließ sich Kamm und Bürste geben, ordnete sein
-Haar und ließ den Doktor hereinbitten. Da fühlte er wieder dies Andre:
-im Bett zu liegen am hellen Tage und jemand von draußen hereinkommen zu
-sehn, frisch und lustig und kalt, den Doktor, der ein kleiner zierlicher
-Mann war mit rundlichem Kopf. Als er vor Georg stand, zeigte er ihm ein
-rechtes Arztgesicht mit einem kleinen borstigen Schnurrbart, etwas
-quellenden, gelblichen Augen hinter einem goldenen Kneifer und dünnem,
-gescheiteltem Haar, an der gebogenen Nase als Jude kenntlich, und wenn
-er sprach und lachte, wurde sein Gesicht ein wenig eulenhaft. Hin und
-wieder kniff er nervös die Augen zusammen, freundlich sprechend, ein
-bißchen witzelnd, er freue sich ja sehr über Georgs Krankheit, nun würde
-seine Praxis noch mal so groß aufblühn, denn sterben würde er ihm ja
-wohl nicht. Georg lachte, er hätte nicht die Absicht. »Na, denn wolln
-wir mal sehn«, sagte der Doktor, Egon mußte den Fenstervorhang öffnen
-und einen Löffel besorgen. Der Doktor fühlte den Puls, sagte: »Zwischen
-acht- und neununddreißig«, ließ sich von Georg sagen, wo er Schmerzen
-habe, dann kam der Löffel, Georg mußte den Mund aufsperren, der
-Löffelstiel fuhr kalt und bitter schmeckend hinein, Georg krächzte: Oh
-oder Ah! Der Doktor kratzte mit dem Löffel im Hals, Georg konnte sich
-wieder hinlegen und zudecken.
-
-Ja, es wäre eine kleine Mandelentzündung, ganz ungefährlich,
-Diphtheritis sei nicht zu erwarten, der Belag sei leicht zu entfernen,
-in ein paar Tagen könnte es schon vorbei sein. Ob das Herz in Ordnung
-sei? -- Da Georg verneinte, verlangte der gründliche Doktor, daß er die
-Jacke auszöge, und klopfte ihn mit größter Sorgfalt ab. Es wäre alles
-halb so schlimm, meinte er dann, aber er sollte doch lieber nur eine
-Aspirintablette nehmen, dreimal täglich. Tscha, und einen Strumpf um den
-Hals, wenigstens nachts und mit Wasserstoffsuperoxyd gurgeln. Da Georg
-betonte, daß er so schnell wie möglich gesund werden müßte, meinte er,
-das hinge ganz von ihm ab; Ruhe, wenig essen, leichte Sachen --
-Sagosuppe mit Wein, sagte Georg -- ja, auch Gebratenes -- kleine Tauben,
-dachte Georg -- und solange er sich krank fühlte, sei er eben krank, und
-wenn er sich gesund fühle, sei er wieder gesund. Egon stand all die Zeit
-daneben, seine dunkle widerspenstige Haarwelle in der Stirn, und sah
-alles besorgt und genau mit an.
-
-Das war erledigt. Um noch etwas zu sagen, fragte Georg den Doktor, ob er
-vielleicht mit dem Studenten Sigurd Birnbaum verwandt sei. Der Doktor
-lachte, daß sein Schnurrbart zitterte, kniff die Augen zusammen und
-sagte:
-
-»Pirnbaum, Durchlaucht, Pirn, mit hartem P, nein, mit Sigurd bin ich
-nicht verwandt, aber ich kannte die Beiden schon als kleine Kinder. --
-Ja, die arme Esther, das war ein böses Ende!« Ob er von Sigurd noch
-hörte. -- Jetzt seit langem nicht; er sei in Rußland, in Odessa.
-
-Der Doktor schien zum Gehn bereit, sagte dann aber: »Darf ich noch was
-fragen?« »Ja, aber bitte!« »Ach, Sie haben so eine wunderschöne, so eine
-wunderschöne Miniatüre auf dem Schreibtisch, wenn ich die einmal sehn
-dürfte?«
-
-Georg winkte Egon. -- Aber gerne! ob er sich dafür interessierte? -- Der
-Doktor rückte an seinem Kneifer und lächelte, -- Georg dachte: als hätte
-ich ihn gefragt, ob er was von Diphtheritis versteht. -- Egon brachte
-die Miniatüre von Georgs Mutter. Der Doktor nahm den Kneifer ab, rieb
-die etwas geschwollenen Lider, brachte die runden Augäpfel ganz dicht an
-das kleine Bildnis und betrachtete es ungemein sorgfältig.
-
-»Es ist meine Mutter,« sagte Georg, »als junges Mädchen.«
-
-Das sei wunderschön, ausgezeichnet gemalt, wie man es gar nicht mehr zu
-sehn bekomme. Er habe eine kleine Sammlung von Miniatüren, so
-hundertundfünfzig Stück, ja, er sei ein Kenner davon, lachte er.
-
-»Miniatüren«, sagte Georg, »könnte ich auch sammeln, es ist eine
-wundervolle Art Kunst und wieviel schöner, im Grunde doch wieviel
-lebensvoller als unsre farblose Photographie trotz des Reizes des
-Augenblicks. Aber so ein Bild kann ich immer ansehn, es hält den Blick
-so ruhig aus, und sehen Sie nur die feine, durchsichtige Spitze auf der
-Brust, und die Locke, wie sie gemalt ist!«
-
-Der Doktor sagte, er habe eine ganz ähnliche aus dem Anfang des
-neunzehnten Jahrhunderts, deshalb sei ihm diese auch aufgefallen. --
-Georg hörte ihn noch einiges sagen, jedoch von fern, ohne zu verstehn;
-sein Traum regte sich in ihm, er fühlte sich wieder weinen mit Cordelia
--- oder war es Esther gewesen? --, sah die sonderbaren dunklen Zimmer
-voller Menschen und dann Renate, nein, Dora Vehm, aber auch deren
-Gesicht war nicht ganz das Doras, sondern fremde Züge waren darin ... Da
-sah er den Doktor sich vom Stuhl erheben, reichte ihm die Hand, bedankte
-sich und bat ihn zu erlauben, daß er sich einmal seine Sammlung ansehe,
-später, jetzt sei ja ...
-
-Ach, ja der Prinzessin gehe es ja so schlecht, aber es sei wohl noch
-nicht alle Hoffnung verloren ... Georg murmelte irgend etwas, der Arzt
-ging.
-
-Hatte sie nicht diese Locke gehabt im Traum? Aber wie seltsam sein Herz
-erregt war von dieser Frau! Ich muß sie geliebt haben im Traum, ich
-empfinde noch ganz diese Süße ... Die Träume machen aus uns, was sie
-wollen, murmelte er und verkroch sich frierend.
-
-Egon erschien mit Fragen wegen des Essens. Er sagte ihm Bescheid, trug
-ihm dann auf, bei Frau Dr. Schley anzurufen, zu sagen, daß er mit einer
-leichten Mandelentzündung zu Bett liege, und zu fragen, ob sie nicht
-kommen könnte.
-
-Die Augen fielen ihm wieder zu, aber im Eindämmern störte ihn Egon mit
-der Meldung, es täte der gnädigen Frau ganz schrecklich leid, aber Herr
-Doktor käme am Nachmittag aus Berlin, und sie würde nicht vor fünf, halb
-sechs da sein können. -- Ach, das war elend! Schlafen, dachte Georg,
-schlafen! Seine Schläfen glühten, die Gedanken fingen an, rasend zu
-arbeiten, er träumte oder phantasierte, er war an hundert Orten, sah
-Menschen über Menschen, Gesichter, die er nie gesehn, schwebten auf ihn
-zu, bewegten, verzerrten sich, manchmal nur Gebärden, Begriffe von
-Gebärden, ein wüstes Wirrsal, aus dem er in ein andres von Versen,
-Versstücken und Gedichten stürzte, erhitzten Gehirns, stumpf daliegend,
-aber aus diesem erlöste ihn plötzlich Jason al Manachs freundliche
-Gestalt. Wie er ihn einmal am Abend im Park getroffen hatte, sah er ihn
-wieder: er saß, einsamer anzusehn als andre Menschen und doch nicht so
-verschlossen in sich, nicht so belastet mit Einsamkeit, sondern ganz
-leicht, auf der Bank auf der kleinen Anhöhe, über die niedre Böschung
-und die Hecke zu seinen Füßen in die Wiesengegend hinüber schauend, aus
-denen Abend dunkel und Nebel weißlich aufstiegen. Und auf Georgs
-gedankenlose Frage, was er tue, hatte er wieder gefragt, ob er Libussa
-von Grillparzer kenne, und da Georg verneinte, fing er gleich den
-wundervollen Eingang des Stückes an, -- Georg entsann sich wieder:
-
- Ihr Götter! ist es denn wahr und wirklich so?
- Daß ich im Walde ging ... am Gießbach ...
- Und nun ein Schrei in meine Ohren fällt,
- Und eines Weibes leuchtende Gewande,
- Vom Strudel fortgerafft, die Nacht durchblinken.
- Ich eile ... und trage ...
- Die Beute, kalte Tropfen regnend,
- ... und ich löse
- Von ihren Füßen selbst die goldnen Schuhe,
- Und breite aus den schwergesognen Schleier,
- Und ...
-
-Ach! Jason! sieh! da saß er ja auf dem Stuhl am Bett und sah kühl und
-angenehm aus. »Eben dachte ich noch an Sie,« sagte Georg erfreut --
-»erinnern Sie sich noch, wie Sie mir einmal Libussa vorgesprochen haben?
-Wir haben uns lange nicht gesehn, wo kommen Sie her?«
-
-Jason, die schwarzen Augen mit großer Ruhe auf ihn gerichtet, sagte:
-
- »Man sage nicht, das Schwerste sei die Tat,
- Da hilft der Mut, der Augenblick, die Regung;
- Das Schwerste dieser Welt ist der Entschluß.
- Mit eins die tausend Fäden zu zerreißen,
- An denen Zufall und Gewohnheit führt,
- Und, aus dem Kreise dunkler Fügung tretend,
- Sein eigner Schöpfer zeichnen sich sein Los.«
-
-Im nächsten Augenblick war er völlig verschwunden.
-
- * * * * *
-
-Georg erwachte. Der warmen, sonnigen Dämmerung nach mußte es schon
-Nachmittag sein; er fühlte sich leichter und freier und sah zu seiner
-Verwunderung auf dem Nachtschrank eine Medizinflasche und eine Glasröhre
-mit Aspirintabletten liegen, in der beim Nachsehn eine fehlte; da auch
-die wasserhelle Flüssigkeit in der Flasche angebrochen war, mußte er
-gegurgelt und Aspirin genommen haben, konnte sich aber durchaus nicht
-entsinnen. Auf sein Klingeln erschien statt Egons Frau Vögelein,
-mütterlich verhaltenes Zufriedenheitslächeln in den Augenwinkeln, weil
-er so gut geschlafen habe; es sei schon drei Uhr durch, ob er denn nun
-etwas essen möchte. -- Georg mochte, und richtig bekam er zwar seine
-ganze Taube, aber die fein zerlegten Bestandteile davon, Keulen, Flügel
-und zarte, weiße Brustschnitzel; er hätte viel um ein Reißbrett gegeben,
--- der Stuhl, von dem er essen mußte, war recht kümmerlich.
-
-Danach ließ er von Egon und dem Hausmeister sein Bett ins Arbeitszimmer
-stellen, an die Wand des Schlafzimmers, das Fußende an dessen Tür
-entlang, die ausgehängt werden mußte. Das war nun sehr angenehm. Der
-große Vorhang konnte ein wenig gerafft werden, er sah den sinnenden
-Borgia dunkel sitzen, sah die nachmittägliche, sonnige Juniwärme im
-Garten, hörte die Spatzen lärmen und fühlte sich äußerst behaglich in
-der leichten Dumpfheit seines Gehirns.
-
- Das Schwerste dieser Welt ist der Entschluß ...
-
-Woher stammte das? Hatte das Jason gesagt? -- Sie hatten von Libussa
-gesprochen, richtig -- vielleicht war die Zeile aus Libussa. Da fiel ihm
-ein, wie er vor langer Zeit einmal in Musäus' Volksmärchen Libussa
-nachgelesen hatte, Renates wegen, und -- jetzt hab ichs! frohlockte er,
-jetzt hab ich meinen Festzug und das Spiel! Er dachte, wie er sich den
-Kopf zerbrochen hatte, um für den üblichen historischen Festzug am Tage
-der Regierungsübernahme etwas Andres zu erfinden; Renate mußte dabei,
-mußte Glanz und Zentralsonne des Ganzen sein. Also Libussa! Nun schossen
-Szenen und Ideen von allen Seiten herbei. Libussas Wahl zur Herzogin von
-Böhmen, dann die Aussendung des weißen Rosses, ich werde Primislaw --
-nein, das wird nicht gut gehn, ein Schauspieler muß ihn in meiner Maske
-darstellen, zuletzt werde ich an seine Stelle treten und mit Renate
-zusammen die Huldigung des Volkes an uns vorüberziehn lassen, Gilden,
-Zünfte, Wagen, Söldner, oder Ritter -- ja, welche Zeit war denn das
-eigentlich? Um tausend oder so -- und wo sollten die Szenen gespielt
-werden? Ein altes Schloß konnte auf dem Gehrdener oder Benter Berge
-leicht gebaut werden, -- herrlich, wenn das weiße Pferd über die
-Sommerwiesen bergauf kommt, zwei Reiter müssen es an langen purpurnen
-Riemen unmerklich lenken, -- dann Renate, auf hohem Festwagen, an der
-Spitze des Zuges in die Stadt hineinrollend, und die Huldigung -- vom
-Schloß aus -- unmöglich, es hat keine Terrassen, das Theater hat eine
-schöne, aber die Anlagen davor -- --, die werden beseitigt -- und es
-sieht ja wie ein griechischer Tempel aus -- dorische Säulen -- ah, die
-werden mit Rabitzmauern verbaut und in ein Schloß verwandelt, und Renate
--- -- und Sigune?
-
-Sigune lag im Sterben. Sie mußte sterben, jeder sagte es ja, wenn auch
-nicht mit Worten. Ließ sich denn leugnen, daß es gut sei, für sie und
-für ihn? Konnte sie je glücklich, je zufrieden werden neben ihm? Mußte
-sie ihn nicht täglich ... ach, wozu, wozu das denken? Sie blieb leben,
-dann mußte es ertragen werden, oder sie starb -- sie starb ...
-
-Und recht behielten die Sterne ...
-
-Georg fuhr zusammen, dicht über ihm, noch ihm ungewohnt, wurde die Tür
-geöffnet, Egon kam eilig die Stufen herab und flüsterte: »Seine
-Durchlaucht ...« Georg warf sich im Bett herum und schrie: »Halloh!«
-
-Wahrhaftig, da kam sein Vater den Gang herauf, er ging ja immer
-aufrechter und leichter! -- stand gleich darauf riesengroß und hoch über
-Georg in der Tür, lachte und sagte: »Was sind denn das für Geschichten?«
-Er war auch schön frisch und kühl und hatte pikfeine, hellgelbe
-Schwedenhandschuhe angezogen. Georg schimpfte nun aus Leibeskräften, der
-Herzog wurde ganz verlegen und entschuldigte sich vielmals. Es sei ja
-aber ein Katzensprung im Automobil herüber ... Georg versicherte, wie
-glänzend es ihm schon wieder ginge, bloß das Schlucken täte noch weh,
-und überdies sei es köstlich im Bett zu liegen. »Heute morgen«, sagte
-er, »habe ich mir mit Benno erzählt, wie es war, wenn wir als Jungens
-krank waren, er hatte Flechtpapier, und ich hatte Zinnsoldaten, aber ein
-Reißbrett hatten wir Beide, und das war das Schönste. Nein, das
-Schönste« -- Georg stockte innerlich -- »war Helenes Locke, nein, die
-werde ich nie, nie vergessen ...«
-
-»Die arme Helene ...« sagte der Herzog.
-
-Sie schwiegen und sahen aneinander vorüber. Aber Georg wußte, sie
-brauchten sich nicht anzusehn, ihrer beider Hände lagen wie an einem
-dehnbaren, festen Reifen an dem gleichen unnennbaren Gedanken, und -- so
-war alles gut.
-
-»Und Sigune?« fragte der Herzog. Georg, innerlich die Zähne
-zusammenbeißend, sah seinem Vater in die Augen und sagte: »Ich fürchte
--- es geht zu Ende.«
-
-Der Vater antwortete nicht; aber was sie dachten, war wohl wieder das
-gleiche ...
-
-»Und wie ist es ... giebts etwas Neues, Papa?« begann Georg nach einer
-Weile.
-
-Von Wichtigkeit nichts Besonderes, meinte sein Vater. Von der guten
-alten Beuglenburgschen Sippe habe nun auch der Letzte sich entfernt, der
-gute, uralte Amtshauptmann Wahrendorff; er habe ihm selber, da sie sich
-ja lange konnten, geschrieben, daß er sein Entlassungsgesuch eingereicht
-habe. Im ganzen handle es sich nun also um fünf neue Männer, die zu
-beschaffen wären, denn Kultus und Landwirtschaft müßten ja nun vom alten
-Ministerium des Innern abgespalten werden.
-
-»Birnbaum übernimmt die Finanzen, ich will es so,« sagte der Herzog,
-»ein Strohmann, der den Titel und die Orden umherträgt, findet sich
-überall.«
-
-Ob er schon für den Amtshauptmann jemand in Aussicht habe? Sein Vater
-meinte, er hätte genug, immerhin sei die Auswahl schwierig. Georg lachte
-plötzlich und meinte:
-
-»Wer wird denn nun eigentlich hier der Großherzog und wer der Strohmann
-mit Orden und Titel und so? Ich sehe mich schon in den Krankenhäusern
-und bei Grundsteinlegungen umherfahren und verbindlich lächeln, während
-im Hintergrunde der Papa >am sichern Schreibtisch sitzend Opus hinter
-Opus aufs Papier wirft<, wie unser Morgenstern so herrlich sagt.«
-
-»Ich verbürge mich dir,« schwor der Herzog, »nach spätestens einem Jahr
-ziehe ich mich nach Lesum zurück und veredle Schafe und Hühner.« Georg
-lachte, bis er heiser wurde. -- Jawohl, Georg würde schon sehn, wie ihm
-im Beuglenburgschen Saustall Nase und Atem vergingen. Ob er schon irgend
-etwas von Kalibohrung verstünde! Ob er eine Ahnung hätte, wie die
-Kaliförderung in Wiedehopf und Zainhammer sich wieder hochbringen ließe?
-Wie viele neue Eisenbahnlinien er -- etwa -- im Auge habe. Und was er
-von Eisen-, Kopfstein- oder Holzpflasterung denke für Beuglenburg? Wie
-viele und welche Kanäle er zu ziehen gedenke? Und die Deiche, die alten,
-hundertmal geflickten Deiche? Und Raschwege, das Gestüt, das einmal
-berühmt war?
-
-Georg ließ alles fröhlich über sich ergehn und sagte, er wüßte einen
-Amtshauptmann. »Schley heißt er, das heißt seit gestern; vorgestern hieß
-er Freiherr von Schley-Schleyenburg, sein Vater hatte eine Wagen- und
-Pumpenfabrik und kaufte den Adel von Beuglenburg für eine
-Kleinkinderbewahranstalt oder dergleichen. Es ist ein Korpsbruder von
-mir, hat den Adel fortgelegt, war Assessor und ist jetzt
-fortschrittlicher Abgeordneter. Wir haben uns seit einiger Zeit sehr
-angefreundet, das heißt, eigentlich bin ich mit seiner Frau befreundet,
-aber wir haben uns in endlosen Nachtgesprächen ungemein schätzen und
-kennen gelernt. Ich war auch einmal auf die Dörfer mit ihm zu einer
-Wahlversammlung, und da habe ich das gesehn, weshalb ich ihn dir
-vorschlage, nämlich die wundervolle Art, wie er mit den Leuten umzugehn
-weiß; weder leutselig, noch so grob auf du und du, sondern fein
-teilnehmend und -- nun, das läßt sich eben nicht beschreiben; er hat die
-Gabe -- du hast sie ja auch --, aus jedem Menschen gleich das Beste
-herauszuholen, und ist überhaupt unwiderstehlich. Genügt das? Den
-Reichstag hat er satt, also --?« Sein Vater stand auf und setzte sich an
-den Schreibtisch, um Namen und Daten aufzuschreiben.
-
-Georg blickte verträumt ins Freie hinaus. Dort, in greifbarer Ferne, lag
-sein Großherzogtum, so fest, so schwer und massig wie hier der Rücken
-und Kopf seines Vaters am Schreibtisch, und es würde eine herrliche Zeit
-anbrechen. Keine Träume brauchte es mehr zu geben, zwischen allen
-Fingern spürte er schon das Gewimmel der tausend großen beweglichen
-Gegenstände, -- wie der Odem eines Tieres, heiß und wild, schnob ihn der
-neue Atem gesammelter Handlungen an, Land brodelte, im unterirdischen
-Raum stampfte die geheizte Maschine, durch ihren unsichtbaren Dampf
-blickten die gesicherten Sterne, einverstanden und wohlgefällig ...
-
-Wenn aber Virgo kommt, muß Papa fort sein, durchfuhrs Georg. Ich will
-ihn zu Renate schicken, er scheint sie ja sehr zu lieben und kann dort
-eine schöne Rede auf mich halten. »Ja, wie ist es nun, Papa,« sagte er,
-als sein Vater sich mit dem Stuhl herumsetzte, »glaubst du nicht an die
-Möglichkeit, daß du mir jetzt im Wege sein könntest?«
-
-Der Herzog kniff das linke Auge zu. »Eine Dame«, sagte er und nickte
-langsam und voll Verständnis mit dem Kopfe. »Ich verschwinde«, sagte er,
-»und gehe zu Fräulein von Montfort.«
-
-Georg sagte, das hätte er sich im stillen schon gedacht, er würde dort
-vermutlich eine schöne Rede auf ihn halten. -- Sein Vater stand eilig
-auf, humpelte zum Bett und ergriff seine Handschuh. »Ich komme nachher
-noch einmal herein. Leb wohl, mein Junge«, sagte er plötzlich sehr warm
-und legte ihm die Hand auf den Kopf. Georg, die Augen schließend, fühlte
-die warme Schwere, fühlte sich kindlicher als in allen Erinnerungen des
-Morgens, wohl beschützt und recht frohen Mutes ...
-
-Als sein Vater hinaus war, rief er Egon und ließ den Vorhang wieder
-schließen, legte sich auf die Seite, schloß die Augen und verirrte sich
-liebevoll in bunte Szenen und farbige Trachten. Daß Virgo nicht würde
-dabei sein können, betrübte ihn, aber um jene Zeit erwartete sie ihr
-Kind. Virgo, meine liebe, kleine Schwester, dachte er zärtlich, und ohne
-sein Zutun schlossen sich die Worte an: Weißt du noch, wie wir uns
-Blumen brachten? Und die lieben, kleinen Vogelnester, die das Herz so
-zittern machten, und ... und im Park der Teich im runden Rahmen gelber
-Iris, blank wie ... Mond ... Und ... und wie klangen, wenn wir riefen,
-unsre Namen, durch die Stille ungewohnt? ... Er fing an, die
-Unregelmäßigkeiten in den Zeilen auszufüllen, neue kamen hinzu, er
-sammelte und legte fort, langsam schloß Strophe sich an Strophe, um
-nichts zu vergessen, sagte er sie sich unaufhörlich wieder vor und
-schlief allmählich darüber ein.
-
-Die Augen öffnend, wußte er, daß jemand vor ihm stand; er fühlte sich
-wieder heißer, es war tiefe Dämmrung und nahe über ihm etwas Großes,
-Weißes; auf seiner Stirn lag etwas Kühles, eine Hand, er schloß die
-Augen wieder und dachte, noch halb im Schlaf: Sie ist da ... Ganz leise
-lief hoch über ihm ihr Lachen silberflüssig durch dunkle Luft. Er schlug
-die Augen auf und sah die ihren, groß und schwarz unter den dicken
-Brauen, ihr kleines Gesicht, ganz weiß auf dem kleinen, leichten Hals;
-sie hielt einen riesigen Armvoll weißer Narzissen an die Brust gedrückt
-und ließ sie nun, sich überbeugend, auf sein Bett, auf sein Gesicht
-fallen, naß, kühl, feierlich duftend.
-
-»Ja, was machst denn du für Geschichten, Schorse?« fragte sie. Sie
-liebte ja nun diese jungenhaften Ausdrücke.
-
-»Jeder einzelne,« sagte Georg, »der hereinkommt, fragt, was ich für
-Geschichten mache. Nun setz dich aber!« Er drückte auf die Klingel. Sie
-raffte ihre Blumen vorsichtig wieder zusammen, Egon kam und holte eine
-Vase, die allergrößte, einen dunkelgrünen Topf; er wurde auf den
-Schreibtisch gestellt, das war kostbar anzusehn.
-
-»Wolfgang läßt vielmals grüßen«, berichtete sie. Halbtot sei er
-angekommen und habe gebrüllt, daß die Wände gezittert und der
-Kanarienvogel gezetert hätte. Er wollte lieber sterben, als sich noch
-ein einziges Mal mit einem Agrarier boxen. Daß der Teufel ein Agrarier
-sei, das stehe felsenfest.
-
-»Er soll nun Amtshauptmann in Beuglenburg werden,« sagte Georg, »Papa
-war da, wir haben es schon abgemacht.«
-
-Virgo war hochentzückt, aber nun mußte Georg auf das genaueste erzählen,
-was und wo es ihm fehle, wie er den Tag verbracht habe, was er haben
-wollte, -- wobei Georg das Gedicht einfiel, das er vor dem Einschlafen
-zustande gebracht hatte, und sie mußte sich auf den Bettrand nahe zu ihm
-setzen, er nahm ihre Hände und sagte leise und langsam, den dichten,
-weißen Strauß der zarten Sterne mit rötlichem Herzen vor Augen:
-
- »Virgo, meine liebe kleine Schwester!
- Weißt du noch, wie wir uns Blumen brachten,
- Und die lieben, kleinen Vogelnester,
- Die etwas in uns so zittern machten,
- Süß und gar so ängstlich, daß sich fester
- Unsre Hände schlossen im Betrachten?
-
- Und im Park den Teich im starren Rahmen
- Gelber Iris, rund, ein blanker Mond,
- Wenn wir durch den stillen Mittag kamen
- In den Kleidern, die wir sehr geschont ...
- Und wie klangen rufend unsre Namen
- Durch die Stille fremd und ungewohnt ...
-
- Kleines Schwesterlein, es ging so bald ...
- Ach, wie kam es, Süße, Traute, sage,
- Daß so früh sein Stimmlein ist verhallt?
- Und wie kommt es, daß ich um es klage,
- Da es doch -- o Armut meiner Tage! --
- Niemals Odem hatte und Gestalt.«
-
-Sie strich leise mit der Hand über seine Stirn. »Nun haben wir uns ja
-doch gefunden ...« sagte sie mit ihrer tiefen Stimme.
-
-»Und denken, wie es hätte gewesen sein können ...«
-
-»Ich war so sehr allein«, sagte sie ganz wenig klagend. »Meine Mutter
-ließ mich so herumlaufen, das war nicht bös gemeint, im Gegenteil, sie
-sagte es mir auch später, ich hätte vor allem Freiheit haben sollen, und
-sie war doch damals schon eine alte Frau ...«
-
-»Wenn ich an deine Kindheit denke,« sagte Georg, »sehe ich immer dein
-kleines blasses Gesicht mit den übergroßen Augen an eine Fensterscheibe
-gedrückt, eben dicht über dem Rahmen, und du standest vielleicht auf den
-Zehen an einer Verandatür, drücktest die kleine Nase platt am Glas und
-sahst ganz still auf der Terrasse die Spatzen sich um ein paar Krumen
-zanken.«
-
-»Ja, das mag wohl gewesen sein,« lächelte sie, »wie schön du das
-beschreiben kannst! nun seh ich es auch, und es sieht gar nicht so
-traurig aus.«
-
-»Erzähl mir doch, wie warst du als Kind!« bat Georg. »Benno Prager und
-ich haben uns heute morgen vorerzählt, wie es war, wenn wir krank waren
-als Jungens.« Da Georg von Flechtpapier und Zinnsoldaten schon seinem
-Vater erzählt hatte, fuhr er fort: »Er bekam eine Bouillonsuppe, und ich
-Sagosuppe mit Rotwein: herrlich war das, wenn der rote Wein im grauen
-Sago zerfloß!«
-
-Sie lächelte und sagte, unaufhörlich mit den Fingern durch sein
-Stirnhaar streifend:
-
-»Wenn ich krank war, wurde mein Bett in das Zimmer meiner Mutter
-gestellt, das war ziemlich beängstigend. Sie schlief in einem Saal mit
-vielen Fenstern und in einem riesigen, uralten Himmelbett mit
-geschnitzten und so gewundenen Säulen, an denen kleine Tiere liefen,
-Eidechsen oder Molche, und ganz unten, als Fuß, hockte ein Igel und
-machte listige Augen. Wenn ich fieberte, liefen die Tiere auf meinem
-Bette herum, und meine Mutter mußte immer hinter ihnen her sein. Wenn
-mirs wieder besser ging, setzte sie eine Brille auf, und wir spielten
-Leben und Tod zusammen mit ganz alten deutschen Karten, so groß wie
-Postkarten. Dabei hatte sie so putzige Ausdrücke, die mich begeisterten,
-und ich machte sie kräftig nach. Spielte sie Coeur aus, sagte sie: Coeur
-du dir an gar nichts! Pikaß war ein Kettenhund, hieß es, und: Trefflich
-schön singt unser Küster! Wenn aber eine Neun kam, unterließ sie nie, zu
-murmeln: Neun mal neun sind einundachtzig ... Kannst du dir vorstellen,
-wie ich so ganz klein im Bett saß mit meinen großen Karten und die alte
-Frau betrachtete?«
-
-»Ach, erzähl mehr,« bat Georg, »wie bist du sonst gewesen, was hast du
-gespielt?«
-
-»Ein Spiel,« sagte sie nachdenklich, »das weiß ich noch, spielte ich,
-wenn ich schon im Bett lag. Dann stieg ich wieder heraus, zog mein Hemd
-aus, faltete es schön zusammen und kniete ganz nackt und klein auf dem
-Bettvorleger hin. Dann war ich ein ganz armes Kind, das gar nichts mehr
-hatte, aber nach einer Weile kam eine mitleidige Person, die schenkte
-mir ein Kleid, das war das Hemd, das durft ich nun wieder anziehn, da
-war mir schon wärmer, und dann kam meine Mutter in einer goldenen
-Kutsche vorbeigefahren und nahm mich mit auf ihr Schloß, da durft ich
-wieder ins Bett steigen und mich ganz warm einmummen, o das war
-herrlich! Ja, da hatt ich nun ein ganzes Zimmer voll Spielsachen, aber
-diese selbsterfundenen waren die schönsten. Und einmal weiß ich, da
-hatte ich mir das Schaukeln verboten. Ich hatte irgend etwas Strafbares
-getan, keiner wußte es aber, und da bestrafte ich mich selbst und sagte:
-nun darfst du einen ganzen Tag lang nicht schaukeln. Was das für Qualen
-waren, kannst du dir gar nicht vorstellen! Alle halbe Stunde ging ich
-ganz langsam zur Schaukel und faßte sie an, oder ich strich mit der Hand
-über das Sitzbrett und stand und sah nach dem Balken oben -- ja, und
-dann, als ich am andern Tag wieder schaukeln wollte, da mocht ich nicht
-mehr. Weißt du, es ging einfach nicht! ich hab nie mehr geschaukelt
-seitdem.«
-
-Sie schwiegen Beide. Es war dunkler geworden, Georg fühlte sich wieder
-fiebrischer, die Dinge entfremdeten sich von neuem, Virgos Dasein
-verschwamm und wurde traumhaft, er warf sich hin und her, fühlte bald
-ihre Hand auf seiner Stirn, aber alles verwirrte sich, sein Vater war
-wieder da und auch nicht da, Virgo war fort, Dora Vehm, Benno, Magda und
-Andre gesellten sich zusammen und führten unvorstellbare Dinge aus, er
-ermannte sich am Ende, richtete sich im Bett auf und sah wie in weiter
-Ferne den Schattenriß von Virgos Schultern, Hals und Profil im Dunkel.
-Von ihrer tief tönenden Stimme hörte er seinen Namen, dann deutlicher:
-»Georg ist solch ein schöner Name ...« Ihr Profil verschwand, er sah die
-dunklen Flecke ihrer Augen, wollte etwas sagen, räusperte sich und
-schluckte und spürte heftige Schmerzen im Hals. »Du bist so gut, Georg«,
-flüsterte Virgo.
-
-Er erschrak, lachte rauh und krächzte: »Um Gottes willen!« was für ein
-Unsinn, wollte er sagen, mußte aber husten, fühlte, wie sie seine Hand
-ergriff und an die Wange drückte, und hörte sie sagen: »Du hast ja
-wieder Fieber!«
-
-»Nun, das kommt so abends«, meinte er, aber sie erregte sich, schalt
-über sich selbst und über ihn, er habe weder gegurgelt, noch Aspirin
-genommen, klingelte nach Egon und drückte ihn in die Kissen zurück.
-Georg schloß die Augen, verlor plötzlich den Zusammenhang mit sich und
-Allem, fühlte eine Berührung und sah vor sich einen Eßlöffel, dann
-Virgo, die ihn hielt und seinem Mund näherte; er schluckte den Inhalt
-hinunter, trank Wasser und setzte sich auf. Nun mußte er auch gurgeln,
-Egon stand mit einem Waschbecken, Virgo hielt das Glas, und er gurgelte
-ein paarmal. Er sah eine Platte mit Weißbrotschnitten und einem Ei
-dastehn, mochte aber nichts essen. Geräusche und Stimmen waren schon
-unendlich fern und unhaltbar; ihm schien, als sei Virgo jetzt in seinem
-Schlafzimmer, jedenfalls hörte er sie fragen, wo seine Strümpfe seien,
-und nach einer Weile aus ferner Tiefe seltsam sagen: Seide! alles Seide!
--- so daß er lächeln mußte. Einen Augenblick später fühlte er ihre Hände
-an seinem Hals, fröstelte, als sie den Halskragen öffnete, -- und wie
-kalt waren ihre Fingerspitzen! -- sein Kopf schmerzte wüst, etwas Warmes
-wurde um seinen Hals geschlungen.
-
-Schmetterlinge ... bunte ... Georg hörte sich laut sagen: »Sieh doch mal
-die Schmetterlinge!« -- Sie schwebten durch das Zimmer, leuchtende,
-dunkle Farben, einer nach dem andern; plötzlich verkleinerten sie sich
-und hingen still im Kreis, ein leuchtender Ring wars, wunderbar
-anzusehn. Sieh, da saßen Esther und sein Vater in einer dunklen
-Zimmerecke zusammen und sprachen, er wollte zu ihnen gehn, konnte es
-aber nicht, und merkte, daß er, an allen Gliedern gelähmt, auf einem
-Bett lag, sonderbar verkrümmt und verzerrt, die Arme ausgebreitet, das
-linke Knie hochgezogen, es war qualvoll, sein Vater lachte und scherzte
-mit Esther, von nebenan tönte Gläserklirren, Stimmengewirr und Lachen,
-es war auf einem Dampfer, sie fuhren, er hörte das Rauschen der
-Schaufelräder, nun trat sein Vater zu ihm, Georg beklagte sich heftig,
-daß man ihn festgebunden hätte, aber sein Vater sagte, ob er denn nicht
-wüßte, das sei doch Mamas wegen, sie dürfe nicht so viel gehn. Georg
-murmelte etwas Ärgerliches, und dies hörte er plötzlich, merkte auch
-seinen Mund, den er bewegte, wie etwas Fremdes und sonderbar groß, und
-öffnete die Augen. Fern im Dunkel schimmerte die flache grüne Kuppel der
-Schreibtischlampe, darunter hängend leuchtete tief Esthers
-Schmetterlingskranz, den sie ihm gearbeitet hatte, auf lichtem, grünem
-Streifen ein dunkelroter, ein gelber und ein ganz bunter Falter. An
-seinem Bett standen zwei Gestalten, eine sehr große, sein Vater, und
-eine kleine, Esther; nein, Virgo wars. Er versuchte zu lächeln und
-setzte sich auf, fragte: »Bist du schon lange da, Papa? Entschuldige,
-daß ich dich nicht vorgestellt habe ...«
-
-Sein Vater lachte und beugte sich zu ihm; indem sah Georg und sah auch
-sein Vater, scheinbar erst jetzt, die mütterliche Rundung von Virgos
-Leib. Seinen Vater schien das zu verwundern; sie senkte unter seinem
-Blick langsam die Stirn und sagte unsicher: »Ich bin eine Mutter ...«
-
-Georg rührte das sehr, und es schien ihm natürlich, daß sein Vater auf
-einmal ihr Gesicht vorsichtig in die Hände nahm und sie auf die Stirn
-küßte.
-
-Nun war eine sehr lange Zeit alles fort. Plötzlich fuhr Georg empor;
-sein Vater saß, ein breiter Schatten, im Stuhl, den Rücken am
-Schreibtisch; es war undeutliche Bewegung im Zimmer, dann stand da ein
-Mensch, Georg erkannte den Grafen Badenbach, dachte: Ach, richtig, er
-kommt wegen der Verlobung! -- und fühlte fröstelnd die beruhigende
-Anwesenheit seines Vaters. -- Aber wie still es war!
-
-Georg setzte sich mit einem Ruck auf und starrte den Kammerherrn an. Der
-stand da in seiner Nähe, die Hände zusammengelegt, wie -- wie an einer
-Bahre; sein Gesicht war sehr bleich mit roten Flecken, aber er sah sehr
-würdig aus.
-
-»Ist sie tot?« fragte Georg entsetzt.
-
-Der Kammerrat neigte zweimal langsam das Haupt. Georg nahm alle Kraft
-zusammen und setzte sich grade aufrecht. Sein Kopf wollte schwer nach
-vorn überhangen, er bezwang sich, dachte: Gott sei Dank! Gott sei Dank!
-und ein leises Mitleid mischte sich flüchtig in die Erleichterung, die
-er aber nicht nur für sich, sondern auch für die Tote mit empfinden
-konnte. Eine hauchende Stimme sagte: Tröstherzeleid ... Er hörte den
-Grafen sprechen.
-
-»Sie ist erlöst, ihr ist wohl. Aber sie litt unsägliche Qualen zuvor.
-Die Schuld daran trifft zunächst mich. Ich werde --«
-
-»Und wen außerdem?« fragte der Herzog mit gedämpfter Stimme.
-
-»Außerdem den Fragenden«, versetzte der Kammerrat ruhig. »Den Eingriff
-in die zarteste, verletzlichste aller Seelen Ihnen, durchlauchtiger
-Fürst, zum Vorwurf zu machen, habe ich kein Recht. Die Folge liegt
-sichtbar vor Augen. Die Sonnenblume dreht sich zur Sonne unabänderlich,
-so stand ihre Seele zu mir gerichtet, und Sie griffen zu, um sie
-herumzudrehn. Sie blieb bei der Richtung, die ihr gelehrt, die ihr
-innerster Sinn und eigentliches Leben war, aber sie litt unsagbar, sie
-verzehrte sich, sie ward schwach, und eine Ohnmacht verursachte dem
-armen Hirn die Erschütterung, der sie nun erlag. Die ganze Größe der
-Schuld ist aber mein.«
-
-Die Worte dröhnten und rauschten stromhaft durch Georgs kranken Kopf,
-und jeder Satz brannte in lichter Flamme hoch, ehe er einem neuen wich.
-
-»Zu meiner Verteidigung«, fuhr er fort, »habe ich nichts für mich selbst
-und vor Gott als die Vasallenpflicht, die mir gebot, das Geschlecht
-meines königlichen Herrn zu erhalten. Nun es erlosch, bin ich frei,
-diese dumpfe und traurige Welt mit einer stilleren zu vertauschen, wo
-sich meine sündige Seele unter unablässigen Kasteiungen und inniger Reue
-...«
-
-Wenn er noch etwas sagte, so vernahm Georg es doch nicht mehr. Er
-fühlte, daß irgend jemand zu ihm trat, er wurde aufgehoben, fortgetragen
-und sehr tief niedergelegt. Dann war dichte Finsternis, in die er
-verlöschend hineinglitt.
-
- * * * * *
-
-Im Finstern wachte Georg auf und fühlte sich schwach, jedoch klar im
-Kopf. Ganz fern schien ein winziges Lämpchen zu brennen. Er lag wohl in
-seinem Bett, konnte es jedoch nicht mit Sicherheit feststellen. Er faßte
-nach seinem Puls, bekam ein glühend heißes Handgelenk von ungeheurer
-Größe zu fassen und wußte gleich darauf schon nicht mehr, ob er träume
-oder schlafe. Er hatte Angst, der Kammerrat könnte kommen, und auf
-einmal wußte er, daß Sigune tot sei. Ja, sie war tot, und er selber
-konnte sterben. Sterben war schrecklich. Er sah, ohne deutliche
-Vorstellung, aber er fühlte sich irgendwo unter der Erde liegen, und die
-ganze Welt ging ihren Gang weiter. Das war das Schreckliche, das war
-unerträglich. Da war der Platz am Café, Trambahnen fuhren, Menschen
-eilten hin und her, aus dem Gewühl kam Renate und ging an den Läden
-hinunter, blickte seitwärts gegen eine Spiegelscheibe und faßte nach
-ihrem Hut. Er aber lag begraben, und alles dies hörte keinen Augenblick
-auf, oh, es war entsetzlich! -- Da fühlte er, wie das Fieber in ihm
-schwoll, er wehrte sich, er wollte es nicht, lag, glühendheiß
-übergossen, und stöhnte schnaufend: O dies entsetzlich Pausenlose! -- An
-dieses schlossen sich deutlich die Worte an: Könnte man doch, könnte man
-einmal nur, für keinen Tag, für keine Stunde, ach, für Augenblicke nur
-befreit von diesem Dasein sein! Nichts sein als Aufatmen! Und daß man
-hinziehn könnte einmal nur, Betrachtung nur und Geist und Seelenfriede!
-Erleichterung der Brust, Bewußtsein nur des unzerteilten Seins, leicht
-wie ein sommerliches Rauschen in den Bäumen, wie Blumen leicht, wie
-Wiesenhalme, die im Winde stehn, jedoch es wissen, wunschlos wissen,
-reuelos es wissen, -- ach, sodann verlöre wohl der Tod den Stachel, mit
-welchem Ernst, mit welcher Ruhe würden wir von neuem alles Dasein auf
-uns nehmen, wieviel würden wir geübter, williger und tapferer sein! O
-dies entsetzlich Pausenlose! Marter, Kette dieser Tage, dieser Stunden,
-dieser Atemzüge, wo nicht eine, eine Lücke, keine Leere, keine Leere,
-kein Sichausruhn uns begütigt, Schlaf selbst Unrast nur und Traum und
-Fieber, nirgend Aufenthalt, kein kleinster Stillstand, Neues immer,
-Neues immer, hingerissen, fortgeschoben, ohne Ende, -- sondern ewig,
-ewiglich, schon vor uns längst im Gang, und durch uns weiter, weiter
-dröhnt das pausenlose Pochen der Sekunden ...
-
-Ihm stand der Angstschweiß auf der Stirn. Die Worte fingen von vorn an,
-wickelten sich wie Stricke umeinander, schallten stets von neuem auf,
-nicht niederzudrücken, so schnellten sie empor, nicht abzuschneiden, sie
-wuchsen geradewegs weiter, -- er röchelte, sein Hals glühte, er faßte
-danach und ritzte sich an einer Nadel. Nachfühlend, glaubte er eine
-Brosche zu fassen, die er unter unsäglicher Mühe aufmachte, dann faßte
-er das Heiße, das um seinen Hals lag, zerrte daran, es war lang, -- ein
-Strumpf, ein langer Strumpf, -- endlich war sein Hals frei, er ließ ihn
-wonnig die Kühle atmen und fühlte sich erleichtert. Jetzt den Strumpf
-abtastend, wußte er plötzlich, daß es ein Strumpf von Virgo war. Er
-lächelte erst, -- dann hob er ihn an den Mund, fühlte den weichen Flor,
-preßte ihn wütend an die Lippen, grub sie und Stirn und Augen in das
-glühende Kissen, schluchzte herzbrechend auf und stammelte weinend und
-unaufhörlich: Ich liebe dich doch! ich liebe dich, ich liebe dich! --
-
-Danach kam Dunkel, kam Schlaf, kamen andre Träume.
-
-
- Neuntes Kapitel: Juli
-
-
- Legende
-
-Renate bekam an ihrem Geburtstage ein großes Schreiben mit Jasons ganz
-kleiner, schwarzer und überaus zierlicher Schrift, aus dem ein kleiner
-Brief und mehrere beschriebene Bogen herausfielen. Der Brief lautete:
-
- Liebe Renate:
-
- Den Menschen Jason bekümmert es, nicht an Deinem diesjährigen
- Geburtstagsfeste, sich beglückwünschend, erscheinen zu können,
- also muß er schreiben. Auf der Suche nach einer Gabe erinnerte er
- sich eines Wunsches von Renate, eine der Geschichten, die er in
- den Zeiten der Friedliebenden Gesellschaft erzählte --
- insbesondere eine von ihr nicht gehörte -- aufgeschrieben zu
- bekommen. Dies tut er gerne. Es freute ihn dabei, auch einiges
- von den Menschenwesen, die sich an der Erzählung gewissermaßen
- beteiligten -- wie Du sehen wirst -- mit festhalten zu können:
- sein Gedächtnis erwies sich noch jugendfrisch und in Anbetracht
- des guten Zweckes also einmal erfreulich. Einiges ist wohl
- trotzdem erfunden worden, und es wird dann nicht das Schlechtere
- sein, sintemal nur in sehr wenig Menschen das nicht zu sein
- pflegt, was man in ihnen vermutet, auch wenn sie es nicht äußern.
-
- Herzliche Grüße sendet
- Jason
-
-Renate, die noch am Frühstückstisch dies gelesen hatte, nahm den Brief
-zusammen, wollte in ihr Zimmer hinauf, stieg aber versehentlich höher
-und betrat das Josefs. Dort im Sessel sitzend und die Blätter mit Jasons
-Geschichte aufschlagend, merkte sie dann freilich gleich, aus welchem
-Grunde sie hier zu lesen hatte und nirgend anders. Sie las:
-
- Orest und die Eumenide
- (eine Legende im Rahmen)
-
-Sie saßen zusammen im Erker des gotischen Fensters, während es Abend
-wurde, Esther, Magda, der Maler Bogner und Jason, der zuletzt kam.
-Zuerst war es Esther allein gewesen, die dicht neben der großen, fast
-bis zur Erde reichenden, grünlichen Glaswand saß, hoch über sich die
-schöne Wölbung des spitzen Bogens, das kleine, schwarze Chinahaupt, die
-reine Stirn, die dunkel brennenden Augen unter den runden Brauen über
-ihre buntfarbene Stickerei gebeugt, in der Faden um Faden unter den
-hurtigen Schritten der Stiche aufging, während hin und wieder ein Hauch
-der Sommerabendluft die kleine, lose Haarsträhne über ihrer Stirn aufhob
-und sanft zauste, hereinwehend aus einem der kleinen Vierecke, die
-wahllos über die Fläche der Scheibe verteilt, alle offen standen, so daß
-jedes ein Quadratstück der Landschaft in der Tiefe enthielt, dieses nur
-Wiesengrün, jenes einen Ausschnitt vom Bahndamm, jenes ein paar Türme
-der Stadt weit hinten, und dieses die still und geruhig rauchenden
-Schlote der Zuckerfabrik ganz rechts. Magda, die dann herausgekommen
-war, hatte sich nach ein paar freundlichen Worten ans Fenster gestellt,
-groß, schmal und blaß von Antlitz und Haar, hinausblickend durch das
-Viereck, das sie gerade vor Augen hatte, in dem nur der Abendhimmel war,
-licht und von jenseit zart golden durchleuchtet, aber sie hatte nun die
-ganze Abendgegend unter sich, die Weiden, die dunstige Stadt mit Kuppeln
-und Türmen, das Wehr und den Fluß zur Linken, und dahinter das Blau der
-Hügelrücken; und so fand sie der Maler. Aber sein immer graues und
-bartloses Gesicht hatte sich nur eine Minute, während er seine kurze
-Pfeife stopfte, über Esther und ihre Arbeit geneigt, und er war in
-seiner sachten Art wieder im schon dämmerigen Hintergrund verschwunden,
-wo er vor den Bücherregalen saß; daß er nicht hinausgegangen war,
-merkten sie im Fenster nur an dem süßlichen Geruch des Qualms, der ab
-und zu vorüber wehte und ins Freie zog. Schließlich erschien dann Jason
-al Manachs Gestalt, der, in den Sessel Esther gegenüber versinkend,
-gleich sagte, er wäre im Museum gewesen. Danach machte er eine Pause,
-aber der Maler schwieg natürlich, Esther hatte gerade ein paar
-Seidensträhnen von ähnlichem Grün über ein halb gesticktes Blatt gelegt
-und betrachtete das mit kleinen, prüfenden Grimassen der Brauen und der
-Zungenspitze und so versuchte die immer Gütige, Magda, ein wenig sich
-hinüberwendend, ein leises: »Nun, und?«
-
-»Da traf ich den jungen Stupitzka, den Archäologen, und er erklärte mir
-alles. Die Archäologen sind doch die freundlichsten Menschen«, sagte
-Jason. Esther blickte ihn schnell an, ein bißchen ungläubig, um nicht zu
-sagen spöttisch, und was sie meinen mochte, drückte dann Magda aus: es
-gäbe wohl keine Menschenart, von der er, Jason, nicht, wenn die Rede
-darauf käme, versicherte, daß sie die freundlichsten seien. »Und nun, --
-was gab es Besonderes zu sehen?« --
-
-Jason, zu ihr, die wieder hinausblickte, aufsehend, indem er still für
-sich die Spuren der langen Krankheit, der Schlaflosigkeit und der
-Schmerzen auf ihrem in sich vergehenden Gesicht zählte, sagte:
-
-»Etwas Einziges. Den Kopf eines schlafenden Mädchens, das unserer Ulrika
-ähnlich sah, -- wißt ihr, wenn sie anfangen will zu spielen, die Brauen
-sich heben, steiler scheinen und ein ernster Schatten über ihr zartes
-Gesicht fällt. -- Sie war nun freilich überlebensgroß, graugelb getönter
-Gips, aber dennoch ...«
-
-Er fuhr fort, eine Abbildung müsse in einer der Mappen auf dem Schrank
-sein, und gleich ging Magda, bereit, jederzeit einen Auftrag zu hören
-und ihn auf sich zu beziehn, hinüber und schleppte die Mappen her, legte
-sie neben Jason auf die Erde, und der hatte bald gefunden.
-
-»Seht ihr, das ist sie!« sagte er erfreut. (Esther entschloß sich, einen
-Augenblick aufzuhören mit Sticheln und Fadenabschneiden.) »Sie schläft.
-Seht ihr hier das Ohr unter den Wellen des Haares, wie einen Eingang in
-geheimnisvolle Tiefen? Sie schläft, was mag hier eindringen? Es ist
-recht ernst, dies Profil, -- die Brauen ... Wie schön es im Schlaf auf
-die Seite gesunken ist!« Er sah zu Magdas und Bogners -- der war
-hinzugetreten -- Gesichtern auf, lächelte und fragte: »Was meint ihr,
-wer ist es?«
-
-»Muß es jemand sein?« fragte der Maler.
-
-»Ja,« erwiderte Jason, »diese Griechen machten immer etwas, das etwas
-war.«
-
-»Also vielleicht die Gorgo«, schlug Bogner vor. -- Esther, die den Kopf
-nur umgekehrt, von oben, gesehen hatte, sagte, wieder zu ihrer Arbeit
-zurückkehrend, die Gorgo wäre doch wohl wild und häßlich.
-
-»Nun, nun,« meinte Jason, »du vergißt ja die Rondanische. Denke auch an
-das schöne Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer. Ja, es könnte die Meduse
-sein; sie war ein geheimnisvolles Wesen, sie war nicht häßlich, ihr
-Anblick versteinte, das war ein Fluch, sie konnte nichts dafür; wenn sie
-schlief, war sie unschuldig, dann könnte sie so ausgesehen haben. Ich
-will es euch sagen,« fuhr er fort, »denn ich selber hielt sie für die
-Gorgo, aber der junge Stupitzka hat mir gesagt, daß es eine Eumenide
-ist. Sie verfolgten den Orest, der seine Mutter erschlagen hatte, das
-wißt ihr ja, und als er sich eines Nachts in einen Tempel geflüchtet
-hatte, wohin ihm die Dämonen nicht folgen durften, lagerten sie sich
-draußen auf den Stufen und schliefen auch. Dies ist eine von ihnen.«
-
-Es war nun eine Weile still, nachdem die dunkle und melodische Stimme
-verhallt war. Sie hörten den kleinen Schrei einer Lokomotive fern, und
-Magda, die wieder an ihrem Ausguck stand, und auch der Maler, der an
-ihrem Kopf vorüber hinaussah, bemerkten den kleinen Zug, wie er sich
-über die schnurgerade Linie des Bahndammes bewegte, und die weißen
-Rauchballen, die über die Weideflächen leicht davonsprangen, sich
-auflösend in die goldene Luft.
-
-»Das finde ich nun schön,« sagte Jason leiser: »auch die Erinnye schläft
-einmal. Was uns verfolgt und quält, einmal läßt es uns ruhen; auch das
-Quälende bedarf des Schlafs.«
-
-Esther hatte einen lichtblauen Faden zwischen den Zähnen, zog ihn mit
-beiden Händen langsam hin und her, während sie irgendwohin blickte, in
-das verschwommene Grün der Wipfel hinter dem Grün des Glases, bis der
-Faden mit einem kleinen Ruck zerriß, und sie sagte eilfertig, von oben
-auf die Abbildung herunterblickend, wie ein Schwan auf sein Spiegelbild:
-
-»Das ist -- --, wenn ich so deine Worte höre: Auch die Erinnye schläft
-... und dies Gesicht dabei sehe, dann steigt etwas daraus auf wie --«
-Sie stockte und blickte erst zu Bogner auf, der noch immer betrachtete
-aus seiner Höhe, dann in Jasons Gesicht. Während ein Lächeln und das
-Erröten zugleich auf ihren Wangen langsam aufschwebte, war es ihr, als
-ob er magisch aus ihr herauszöge, was er sagte:
-
-»Wie Legende, nicht wahr? Als gäbe es etwas zu erzählen.« Da nickte sie
-zufriedengestellt, als würde er flugs anfangen, und begann einzufädeln.
-
-»Das sagst du so,« meinte Jason, »daß ich nun erzählen soll. Freilich
-ist da etwas, aber nun ist es bloß ein Anfang, und alles Übrige fehlt.
-Nun, vielleicht findet ihr selber es nachher, also setzt euch.«
-
-Er winkte zu Magda und Bogner, und während dieser sich wieder in sein
-Dunkel zurückzog, setzte sie sich auf die weiche Lehne von Esthers
-Ledersessel. Jason, aus den vielfarbigen Seidendocken auf dem Tischchen
-neben Esther eine dunkelrote ergreifend, die er langsam durch die Finger
-gleiten ließ, fing an.
-
- * * * * *
-
-»Am siebenten Abend nach dem Beginn der Verfolgung, nachdem er ohne
-Unterlaß bei Tage hinter sich die Schritte und das Rauschen der Kleider,
-das Zischen der Nattern und die halblauten, höhnischen und gehässigen
-Gespräche der drei Schwestern gehört -- er hörte sie nur, sie waren
-fort, wenn er sich wandte --, bei Nacht aber, wenn er sich wie ein
-Bündel irgendwo hingeworfen, ihre Dolche in seiner Brust, ihre Vipern um
-seinen Hals, ihren giftigen Atem über seinem Gesicht gespürt hatte,
-schlaflos bis zum Morgengraun, wo sie schwanden, -- am siebenten Abend
-taumelte Orest eine Treppe hinauf und brach oben an etwas Kaltem und
-Steinernem zusammen. Als er nach langer Zeit wieder zu sich kam,
-gewahrte er, daß er im Eingange eines Tempels lag, eines großen,
-dämmrigen Raums hinter einer Säulenreihe, der wie eine leere Höhle, wie
-eine Lichtung in Wäldern von unzählbaren, grauweißen Säulen lag,
-zwischen denen Gänge erschienen; Säulen, riesige, breite, stumme,
-bedrohliche, ernste überall, aber in der Mitte der hohen Halle, auf
-einem schlichten Postament, stand einsam die kleine Statue des Gottes
-aus dunklem Silber, der ein junger Mann in einer knappen Tunika war.
-Sein Antlitz war im Dunkel dort nicht mehr zu erkennen, deutlich jedoch
-die beiden kleinen Vogelflügel an seinen Schläfen. Es war der Gott des
-Schlafs.
-
-»Orest, Atem schöpfend, sah jetzt nach draußen aus dem breiten Tor, an
-dessen Pfeiler er lag. Dreimal vier lang hingestreckte und flache Stufen
-führten hinunter; drunten aber war nichts als die Ebene, die kahl war,
-baumlos, hügellos, glatt und grau bis zum Rauch des düstern, geröteten
-Abendhimmels. Aus dem Dunst der traurigen Ferne aber löste sich alsbald
-eine graue Gestalt, gerötet, wie in Blut getaucht, und schien zu kommen.
-Sie kam, und hinter ihr ein grauroter Schatten, der ersten gleich, und
-ein dritter hinter der zweiten. Es waren die Schwestern, die so durch
-die schweigsame Abendebene heranzogen, die an diesem Nachmittage der
-Wirbel seiner rasenden Füße hinter sich gelassen hatte, und er stöhnte
-leise, stand auf, und ihm fiel ein, daß hier eine Zuflucht sei, wie er
-es wußte aus den Legenden von Übeltätern, die er in seiner Kindheit
-gehört, -- nun war er selber solch einer. Er sah, daß seine Füße blutig
-waren, und schlich mühselig bis zur Statue des Gottes, sah die blauen
-Augen aus Edelstein in dem dunklen, freundlichen, kleinen Silbergesicht,
-legte die Hände zusammen und bewegte die Lippen. Darauf schlürfte er
-eilig zur Türe zurück, und es gelang ihm mit seiner letzten Kraft, die
-großen Bronzeflügel einen nach dem andern zu bewegen und
-zusammenzuschlagen.
-
-»Nun stand er im Finstern, schwankend auf unerträglich brennenden Füßen,
-todmüde, lechzend, sich irgendwo niederzulegen zwischen den Säulen. Im
-selben Augenblick jedoch, als er die schon zugefallenen Lider noch
-einmal öffnete, gewahrte er zu seiner Linken ganz fern einen Lichtschein
-im Dunkel. Wie es langsam heller wurde, sah er den Lichtkreis eines
-Lämpchens, den Schatten einer gehenden Gestalt, sah die ersten, dunkel
-droben aus dem Schatten der Wölbung auftauchenden Häupter der Säulen und
-sah bei aller Müdigkeit doch, wie schön und feierlich das war, da links
-und rechts Säulenpaar um Säulenpaar aus der Nacht sichtbar wurde und
-hervortrat, dunkle Riesen erst, die alsbald rein und leuchtend wurden
-wie in weißen Gewändern, während schon neue Säulen dunkelten, bereit,
-hervorzutreten, und auch diese erglühten und strahlten, alle ernsthaft
-von droben herunterblickend auf die kleine weiße, daherwandelnde
-Gestalt, die zierliche Silberlampe in der linken, eine Schale von
-gleichem Metall leise blitzend in der rechten Hand.
-
-»Jetzt, nahe dem letzten Säulenpaar drüben, blieb sie stehn, erhob die
-Hand mit der Leuchte, blickte zu ihm herüber und fragte -- es war ein
-Mädchen -- mit sanfter Stimme: Ist jemand hier? --
-
-»Er machte ein paar Schritte, fast schreiend vor Schmerz, da die Sohlen
-am Boden klebten, und stieß ein paar rauhe Worte hervor. Das Mädchen
-zauderte, glitt dann herbei, hielt, da sie kleiner war als er, die Lampe
-gegen sein Gesicht empor, und er sah, welch mitleidige Augen sie machte.
-Du suchtest wohl Obdach? -- fragte sie freundlich. -- Er bemerkte seine
-aus dem zerrissenen Mantel vorgestreckten Hände, die sie gerade
-betrachtete, die grau und gelb waren und schrecklich anzusehn,
-habgierig, und: Was für Hände! sagte sie ergriffen, und dein Gesicht ist
-auch so! und das schwarze Haar, wie verwirrt und zottig! Du mußt
-entsetzlich müde sein, und es ist noch so weit zur Stadt, fuhr sie fort,
-aber hier bist du ja recht im Hause des Schlafs. Ich bin eine Dienerin
-von ihm, erklärte sie errötend, hier hab ich die Milch für die
-Schlangen. Es sauste ihm in den Ohren, er hörte nichts und stürzte zu
-Boden. Gleich kauerte sie neben ihm, setzte das Licht auf den
-spiegelnden Estrich, riß Streifen von seinem Mantel, löste die Riemen
-der zerfetzten Sandalen, wusch die Füße nach kurzem Zögern mit der
-heiligen Milch und verband sie. Schließlich nahm sie den Mantel unter
-ihm fort, rollte ihn zusammen und schob ihn unter seinen Nacken.
-
-»Er richtete sich nun auf, starrte mit blöden Augen in das Licht, lachte
-ein wenig und fing an, sie zu sehn. Weißt du, wer ich bin? -- fragte er
-plötzlich. -- Nun, gleich, sagte sie, wenn ich dir nur helfen kann; du
-bist ein Armer jedenfalls, sagte sie. Er mußte in ihr ernstes, ruhiges
-Gesicht blicken, bemerkte, daß die Augen schön braun waren und auch das
-Haar, wollte sich wieder legen und hörte im gleichen Augenblick draußen
-Geräusch von Füßen und Stimmengewirr. Er sprang auf.
-
-»Auch sie war aufgestanden und sah erschreckt, wie er dastand,
-gespannten Nackens, wütend, mit geballten Fäusten, wartend, lauschend
-mit Augen, Ohren, mit dem ganzen Leib. Dumpfe Schläge fielen gegen das
-Erz des Tors, er keuchte, Blut stieg ins Weiße seiner Augen, das Mädchen
-wich langsam, an seine Augen gefesselt, gegen die Tür zurück mit von
-sich gestreckten Armen und wiederholte mehrmals, angstvoll und eifrig
-versichernd: Niemand kommt herein! Niemand kommt herein! -- Ist das
-gewiß? schrie er laut. Wie willst du's denn wissen? Weißt du denn, wer
-ich bin? Ich bin Orest! Weißt du, wer die draußen sind? Weißt du, was
-sie halten, sahst du ihre Dolche, ihre Fackeln, ihre Vipern? -- Er
-brüllte. Herein! Kommt doch herein, ihr, wenn ihr könnt! Hört doch, ich
-bin drin! Ich, Orest, ich, der seine Mutter erschlug, ich! -- Draußen
-erscholl Geschrei, die ehernen Flügel zitterten und bewegten sich, es
-krachte im Gebälk. Vor der im Lichtschein glühenden Erzwand stand das
-Mädchen, bleich, hinter sich ihren Schatten hochaufgereckt bis ins
-Dunkel, da die Lampe noch dicht neben den Füßen des Flüchtlings auf den
-Fließen stand. Auf einmal kam er mit stampfenden Schritten gegen die Tür
-vor, knirschend: Geh! sie sollen herein! ich bin das satt! ich will sie
-jetzt packen, ich will hier mit ihnen die Treppe hinunterkollern wie ein
-Knäuel von Panthern und Schlangen! -- Das Mädchen packte seine Hände und
-rang mit ihm, er schleuderte sie weg, doch sie kam wieder, warf sich an
-ihn, umschlang ihn, sie keuchten, schließlich erlahmte der Mann und fiel
-langsam zusammen, während sie mit fliegenden Gliedern zur Tür
-zurückjagte, sich gegen die Fuge in der Mitte preßte, schlank wie ein
-Baum, als wollte sie hinein, sie zu verstopfen. So glitt sie langsam
-auch zu Boden und hockte dort, großäugig.
-
-»Nur die Stöße seines Atems waren hörbar, auch draußen war es still.
-Ruhig stieg die vorher hin und her gescheuchte Flamme der silbernen
-Leuchte. Plötzlich aber sank sie in sich zusammen, wie auf Befehl, zu
-einem roten, glimmenden Funken, und während ein unendlich leises
-Flügelrauschen durch die Finsternis hinzuschweben schien, sank von hoch
-oben eine ernste, klare, langmütige Stimme hernieder und verhallte in
-alle Fernen des Hauses:
-
- Schlaf, Mensch, so schlaf! Auch die Verfolgerin,
- Auch die Erinnye schläft.
-
-»Wieder war alles still. Orestes lag ausgestreckt, so lang er war, die
-Arme überm Kopf fortgeworfen. Da schien das Tor sich zu bewegen, das
-Mädchen sprang auf und eilte zu ihrer Lampe, die einige Pulsschläge lang
-wieder in ihrer früheren Größe aufgerichtet stand, aber nun langsam
-erblaßte, denn die Torflügel falteten sich langsam auseinander, und
-draußen war das Mondlicht. Da war die Treppe, breit und schneeweiß, die
-Ebene, schattenlos, dunkel und doch erhellt vom unsichtbaren Mond in der
-Höhe, und jetzt sah Orest, das Haupt erhebend, daß neben der ersten
-Säule der Vorhalle über den Stufen eine dunkle Gestalt im Schatten
-hockte, ganz still; und als er hinunterblickte, entdeckte er eine zweite
-mitten auf der Treppe, ruhend wie eine Schlafende, ganz unten aber die
-dritte, hell im vollen Licht, in sich gesunken, im Schlaf.
-
-»Orest stützte sich auf die Arme und stand auf. Sein Gesicht zuckte, als
-ob es in Weinen zerbrechen sollte, sein Haupt schwankte, er ging mit
-schweren Schritten zur Statue des Gottes und sank dort hin, den Rücken
-gegen das Postament gelehnt. Stracks durchdrang unbeschreibliche
-Müdigkeit magisch seine Glieder; sie lösten sich auf in Wonne der
-Schlaftrunkenheit, ein sanftes Prickeln bedeckte seine Seele wie ein
-vergehender Schaum, -- so verging sein Leib. Er schluchzte tief, er sank
-tiefer in sich, er öffnete noch einmal die Lider, als müsse irgendwo
-etwas sein, nach dem noch hinzublicken sei, doch sah er nichts mehr als
-einen nächtigen Lichtschein, dann -- ging ein Schritt, rauschte Gewand?
--- nur noch Finsternis, aus der eine Schattengestalt von fernher
-zwischen dunklen Wänden nahte und stillhielt. Er erkannte zwei
-dunkelsilberne Fittiche, zwischen ihnen den Schatten eines braunen
-Antlitzes und ein bläuliches Lächeln von Augen. Da fielen ihm die seinen
-zu, und er schlief.«
-
- * * * * *
-
-Jason schwieg. Im Zimmer stand jetzt die Dunkelheit, nur im höchsten der
-offenen Vierecke war der noch helle Himmel zu sehn; die Bäume rauschten
-im Dunkel unsichtbar; vor dem Fenster waren die lichten Gesichter der
-Drei, ganz weiß das Jasons mit den schwarzen Flecken der Augen, ein
-wenig dunkler das Esthers, Magdas ganz matt, kaum sichtbar über den
-andern. Wie Jasons Hände im Schoß ausruhten, so auch Esthers linke,
-während ihre rechte die Hand der Freundin gefaßt hielt, die über ihre
-Schulter herabhing. --
-
-»Soll ich Licht machen?« fragte Magda nach langer Zeit. Niemand
-antwortete. Aus dem Hintergrund scholl ein leichtes Pochen; der Maler
-klopfte seine Pfeife aus. --
-
-»Es ist doch nicht zu Ende?« fragte Esther.
-
-»Ich weiß nicht.« Jasons Schultern bewegten sich. »Das Antlitz der
-Eumenide erzählt eigentlich nicht mehr. Oder doch?«
-
-»Und wie kam das Mädchen in deine Geschichte?«
-
-Der Maler sagte aus dem Dunkel: »Sie haben von Schlangen gesprochen.
-Verwechseln Sie das nicht mit Asklepios?«
-
-»Vielleicht,« erwiderte Jason leicht, »obgleich ich persönlich überzeugt
-bin, daß die Schlange auch dem Schlaf heilig ist wegen seiner heilenden
-Kraft. Überdies ist die Schlange dasjenige Tier, das fast immer schläft,
-und schließlich dachte ich mir auch etwas Besondres dabei. Wie geht es
-aber weiter?«
-
-»Ich sehe noch etwas«, fuhr er leise fort. »Ich sehe dies Marmorhaupt
-der Schläferin. Wer hat es gesehn? Der es gemacht hat, muß es gesehn
-haben, oder einer hat es ihm beschrieben. Orest vielleicht? Wann sah
-denn er es?« Esther schlug vor: »Morgens früh, als er weiterging.«
-
-»Sieh, Esther, was für richtige Sachen du denkst! Ja, da muß er es
-gesehen haben. Er erwachte vor Sonnenaufgang, erquickt und gestärkt. Die
-Ebene lag unter weißen Nebeln wie eine stille See, und --« »Und das
-Mädchen, die Priesterin?« fragte Magda. »Sie ist fortgegangen. Orest
-will nun gehn, spricht sein Gebet, da sieht er beim Hinaustreten, daß
-die Erinnyen noch dort sind und schlafen. Eilig will er
-vorüberschleichen und tuts, an der ersten, der zweiten, aber wie er
-unten bei der dritten angelangt ist, da ging inzwischen die Sonne auf,
-und er sieht ihr Gesicht, und daß sie braunes Haar hat, das ihn an
-andres Haar erinnert. Da bleibt er nun stehn und sieht ihr leise
-glänzendes Gesicht, wie ernst es ist, kaum lieblich und doch schön, die
-Brauen streng und groß, und daß sie unschuldig ist, wenn sie schläft,
-trotz der erloschenen Fackel neben ihrem Fuß, trotz des Dolches, den sie
-an die Brust drückt, und er kann sich nicht abwenden und redet leise
-Worte in die Höhlung ihres Ohrs, in den seltsamen Eingang zu der
-schlafenden, inneren Welt, indem er sich fragt, ob sein Flüstern wohl
-eindringe und drinnen zur Gestalt eines Traumes wird, die leuchtet, so
-daß die Wände der dunkelgoldenen Seelenhalle davon glänzen, oder
-vielleicht wie die freundliche Silberfigur des Gottes auf der Lichtung
-inmitten des dämmerweißen Säulenhains. Plötzlich -- was erschrickst du?«
-
-Esther, die leicht zusammengeschaudert war, schüttelte abwehrend den
-Kopf und sagte: »Nur die Fledermaus ... nur weiter!«
-
-»Plötzlich«, fuhr Jason fort, »erblickt er den kleinen Kopf einer Viper,
-die, ins Haar versteckt, auch dort schlief die Nacht und nun hervorkommt
-bei der Wärme des Tages. Er wendet sich eilig und flieht.«
-
-»Und dann?« fragte Esther.
-
-»Dann bleibt er nach ein paar Schritten noch einmal stehn und dreht sich
-zurück und sieht, daß sie sich aufgesetzt hat. Sie hebt die Arme und
-lächelt zu ihm; ihre Augen, erst noch geschlossen, öffnen sich
-schlaftrunken, sie stammelt, ihr Gesicht glüht über und über vom
-Sonnenaufgang, er starrt hin, da sinkt sie wieder zusammen, fröstelt,
-tastet nach einem Gewandzipfel und entschläft.«
-
-Es schien nun still bleiben zu wollen im Raum. Magda erhob sich, trat an
-ihren Ausguck und sah im Dunkel den Horizont besteckt mit den Lichtern
-der Stadt, darüber die ersten, weißlichen Sterne im Raum. Vernehmlich
-rauschte das Wehr in der Ferne.
-
-Esther hatte ihre zusammengefaltete Stickerei wieder auseinander
-genommen, die Farben leuchteten noch matt im Finstern, sie strich
-glättend mit dieser und jener Hand darüber und sagte endlich:
-
-»Ich sehe noch etwas. Da ist solch ein Wiesental, so bunt wie dies hier
-am Tage ist, und -- ich kann das nicht beschreiben, es ist etwa so wie
-auf Böcklins Bild, eine kleine blaue Quelle, die sich durch die
-Blumenböschungen schlängelt, herab von einem Hügel unter großen,
-schattigen Bäumen. Und dort liegt Orest und --« sie stockte.
-
-»Nun?« mahnte Jason in guter Langmut, »was tut er dort? Ja, das weißt du
-nicht? Vielleicht meinst du, er wartet. Ja, am Ende wartet er.«
-
-»Oder auch nur, weil es so schön dort ist ...« sagte Esther mit einem
-kleinen Seufzer.
-
-Über ihnen klang Magdas immer noch ein wenig matte Stimme, doch sehr
-gütig: »Als ich von den Toten wiederkam, die ich doch schon so nahe
-gesehn, durfte ich auch wieder in den Garten, nach all den schlaflosen
-Nächten, und das war gut. Freilich,« setzte sie mit dunklerer Stimme
-hinzu, »sie stehn immer hinter uns.« Und fast hart: »Sie sind ja die
-Unentrinnbaren.«
-
-Eine Weile wars wiederum still, dann begann Jason:
-
-»Ich glaube, daß er wartet. Er hat sich des Lächelns der Einen erinnert
-und beschlossen, sie zu erwarten. Er will sich zu ihren Füßen hinwerfen
-und bitten, daß sie ihn manchmal schlafen lassen. Er denkt, daß sie das
-nicht werden abschlagen können. Er fühlt sich so neu, kräftig und zu
-allem bereit, wenn nur etwas Hoffnung da ist.
-
-»Und dann kommen sie nun. Ihm gegenüber ist der Tannenwald, aus dem der
-Weg hervorkommt, dem sie nahen, und die Jüngste geht voran. Er hält sich
-hinter einem Felsblock verborgen und sieht, wie sie nacheinander
-hervortreten und erfreut scheinen von der anmutigen Gegend. Zwei von
-ihnen legen sich im Tannenschatten ins Gras, aber die eine kommt bis zum
-Bach, kniet hin, legt Fackel und Dolch neben sich, bespiegelt sich und
-lächelt sich an. Da übermannt es ihn, und er tritt hervor.
-
-»Wie er herabkommt, sieht sie auf und erschrickt. Sie greift nach ihren
-Waffen und erhascht den Dolch und springt auf, sieht ihn an, und da
-erkennt sie ihn nun; ihn, den sie ja zuvor nie, nur in jenem Augenblick
-des halben Wachens oder im Traum gesehn hat. Er sieht wohl schrecklich
-aus, in seinem grauen, zerfetzten Mantel, mit dem wirren, schwarzen Haar
-und dem gelben, eingeschrumpften Gesicht, aber seine Augen strahlen
-seltsam, und sie muß lächeln und streckt wieder die Arme aus, seufzt und
-stammelt etwas, und -- was geschieht nun?
-
-»Jetzt sieht er auf einmal alles schwarz umher werden. Schwarz jede
-Blume, schwarz das Gras, schwarz die Tannenwand, schwarz wie Marmor den
-Quell und schwarz den Himmel. Aus der Erde schauert es eisigkalt, und es
-durchschaudert sie. Sie windet sich seltsam, als werde sie unsichtbar
-ergriffen und nach unten gezerrt, ihr Lächeln, wie etwas Erdrosseltes,
-stirbt, sie öffnet die Lippen, will schreien, da fühlt sie, daß sie
-hinunter muß, sie verzweifelt, sie zuckt, da erblickt sie ihren Dolch,
-sie ringt sich noch ein Lächeln ab, erfaßt eine Strähne ihres braunen
-Haares, sie schneidet zu, sie trennt die Locke, sie wirft sie gegen sein
-Gesicht hin, das ihr noch glänzt. Langsam nun, blaß und blässer, wie ein
-farbloser Regenschauer, gleitet sie hinunter in den schwarzen Quell;
-ihre Füße, ihre Hüften, ihre Schultern verschwinden, noch schwebt ihr
-schmerzliches Gesicht, lächelnd mit einer späten Qual über dem
-Schwarzen, und erlischt darin.
-
-»Hades rief sie hinunter. Sie hatte vergessen, wer sie war, vergessen
-den Haß und Tartaros, ihren Ursprung; da zog er sie zu sich herab. Und
-er --
-
-»Er warf sich über die Stelle hin, wo sie versunken war, griff in die
-Flut und -- nun, Esther?«
-
-»Er faßte -- er erfaßte die großen Büschel schwarzer Iris, die rund
-herum aufgeschossen waren, und --«
-
-»Und es ward langsam wieder hell um ihn, alles ward wie vorher, dort
-aber, wo der Weg in die Tannenwand schwindet, haben sich die beiden
-Schwestern aufgestellt, gleichmütig, gegürtet, abwartend.
-
-»Er aber, schwer aufstehend, gewahrt einen braunen Falter, rostrot
-glänzend im Sonnenlicht, der gegen ihn fliegt, seinen Mund berührt und
-zurückbebt und davon und wieder heran und über seine Stirn hin und
-wieder fort und noch einmal heran, einen Kreis windend um seine
-ausgestreckte Hand und jetzt fort, auf und nieder, hierhin und dorthin
-schaukelnd, den Weg hinab und zwischen den Tannen fort. Er aber, wie an
-einem goldenen Faden nachgezogen, folgt, ein wenig staunend, ein wenig
-lächelnd, sich vergessend. Er sieht die Schwestern dastehn, er will
-zwischen ihnen hindurch, er erschrickt, es stehen da zwei schweigsame
-Fichten links und rechts vom Wege, ernsthaft, auf ihn heruntersehend,
-dieweil vor ihm das rostrote Blatt in der Sonne im Tannengang leuchtet,
-und er folgt.«
-
-Obwohl Jason schwieg, schien es den Andern, als halte er nur inne und
-bedenke die kommenden Worte. Schließlich fragte die Stimme des Malers
-aus dem Finstern: »Ist das alles?«
-
-»Die Erinnyen sind ja fort«, sagte Jason, während gleichzeitig Esther
-ein tief ungläubiges »Oh nein!« hervorstieß.
-
-Jason schwieg und sagte nach einer Weile leise: »Kinder! Was denkt ihr
-denn nun?«
-
-Esthers Gesicht, der weiße Schein davon, war verschwunden; an ihrer
-Stimme konnten die Andern hören, daß ihre Hände davor waren; sie bat:
-
-»Mach ihn heil, Jason! Die Wunden von ihren Dolchen werden wieder
-aufbrechen, und das Gift ... Mach ihn ganz heil!«
-
-Und auch Magda erklärte mitleidvoll: »Er war doch unschuldig. Daß er die
-Mörderin seines Vaters erschlug, das war fromm, und die Götter wollten
-es. Ich meine --« sie rang mit den Worten, »es giebt Sünde und Sühne,
-Bös und Gut, aber es ist nichts einzeln davon, Eines wohnt immer im
-Andern, und Orestes büßte lange und wurde schließlich befreit -- wenn
-ich mich recht erinnere ...« schloß sie zaudernd.
-
-»Es kommt vor,« hörten sie den Maler von fern, »wenn ich ein Bild machen
-will, daß ich meine, es müßten zwei gemalt werden. Nicht wegen der
-Stimmung in der Natur oder so, sondern --, etwa, wenn ich einen Kranken
-malen wollte, so müßte ich auch einen Gesunden machen, damit man sieht,
-was all das heißt. Allerdings,« setzte er, sich räuspernd, hinzu, »das
-darf nicht sein, obgleich ich mich einmal nur schwer entschließen
-konnte, denn«, schloß er bedachtsam, »Kunst ist für sich und giebt
-Gesetze.«
-
-»Orest kam nun,« fuhr Jason fort, nachdem er Bescheid erhalten, »Orest
-kam nun, dem Schmetterling folgend, am neuen Abend wieder zu einer
-Treppe und zu einem Tempel. Schön leuchteten sie beide von weit, Stufen,
-Säulenreihn und farbiges Dach, aber der Weg war nicht gut gewesen, alle
-Wunden brannten wieder, auch die Füße, und oft mußte er stehen bleiben,
-wenn er hinter sich das alte Zischeln und Raunen zu hören glaubte, auch
-begriff er nicht, weshalb er hinter diesem schaukelnden Blatt
-einherging. Nun aber sah er die Treppe und erkannte sie gleich, auch das
-Mädchen, das auf der untersten Stufe saß, gebückt, als betrachte sie
-etwas in ihrem Schoße. Wie er näher kam, schaute sie auf, und da sah er
-den Falter mit Heftigkeit gegen ihre Lippen fliegen, worauf er
-augenblicklich in ihrem Haar verschwand. So ging er auf sie zu, die
-still saß und ganz wenig lächelte.
-
-»Was tust du hier?« fragte er, indem er bemerkte, daß sie ihre
-Silberschale voll Milch mit beiden Händen im Schoß hielt. »Still!« sagte
-sie, »bleib ruhig stehn! Sie müssen gleich kommen.« Und sie pfiff ganz
-leise zwischen den Zähnen. Alsbald raschelte es im Gebüsch neben dem
-linken Treppenkopf, und zwei Schlangen, so lang wie ein Arm jede, die
-eine dunkelbraun, die andre dunkelblau schillernd, kamen hervor, glitten
-herbei, kletterten links und rechts von der Sitzenden die Stufen empor
-und begannen von der Milch zu schlürfen. »Erkläre mir dieses!« sagte
-Orest.
-
-»Dies«, erklärte das Mädchen, »sind die heiligen Schlangen. Zwei
-Schlangen trägt der Gott des Schlafs, eine giftige und eine gute. Die
-giftige träufelt bösen Seim auf das Herz der Bösen, die gute aber
-ringelt sich über dem Herzen der Guten zusammen und macht es kühl.«
-
-»Oh,« sagte er enttäuscht, »so giebt es doch Böse und Gute!«
-
-»Jeder,« sagte sie leise, »jeder ist jedes zu dieser und jener Zeit.«
-
-»Und eine von diesen ist also giftig?« fragte er.
-
-»Diese nicht,« sagte sie lächelnd, »sie stellt ja nur eine giftige vor.«
-Orestes beugte sich, um die braune zu streicheln, da zückte ihr Kopf
-empor, und schon hing sie an seiner Hand. Schnell packte er mit der
-Linken in das Haar des Mädchens, bog ihren Kopf zurück und schrie:
-»Jetzt erkenne ich dich! Du bist --« Da er einhielt, sagte sie leise,
-den Kopf zurückbiegend, um seinen Griff zu erleichtern: »Wer soll ich
-denn sein?« Und während er noch, heftig atmend, die Zähne in der Lippe,
-in dies Antlitz starrte, das ihm gar zu ähnlich dem andern schien, das
-versank, hörte er sie, auf die Schlange deutend, flüstern: »Sieh doch,
-sie saugt ja!« Plötzlich fühlte er eine rieselnde Erleichterung durch
-seine Glieder strömen; wonnig aufgelöst stand er und blickte auf das
-Tier herab, das von seiner Hand hing wie ein brauner Riemen, glaubte zu
-sehn, wie die Wunden seiner Füße sich schlossen, seine Brust sich
-schloß, und stammelte endlich, halb lachend, halb schluchzend, seine
-Worte von vorhin: »Erkläre mir dieses, Kind!«
-
-Sie nahm seine Hand aus ihrem Haar, gab sie ihm zurück und sprach:
-
-»Zwei Schlangen, Gastfreund, eine giftige, eine gute. Hast du nie
-gehört, daß alle Dinge verschwistert sind? Vielleicht war ich selbst
-eine Schwester und habs nicht gewußt. Ja, vielleicht bin ich eine
-Schwester von der, die du -- sieh!« unterbrach sie sich.
-
-Die Schlange, auf die ihre Augen wiesen, war heruntergefallen, lag einen
-Augenblick still, ringelte sich ein paar Schritte hinweg, rollte sich
-zusammen und lag in der Sonne, blinzelnd. Die andre aber schlich herbei
-und legte sich schön darüber, so lang wie sie war.
-
-»Ich glaube,« schloß Jason mit Bedacht, »Orest konnte jetzt zu der
-Gottheit hineingehn, um zu zeigen, daß er rein war.«
-
- * * * * *
-
-Lange Zeit saßen sie schweigsam. Dann hörten sie, daß der Maler aufstand
-und gegen etwas im Dunkel stieß. Und dann hörten wohl nur Magda und
-Esther Jason sprechen, kaum vernehmbar leise:
-
-»Wenn wir jetzt Licht machen, und jemand, der vielleicht unten steht, so
-ein Orest, sieht den sanften grünen Schein unseres Fensters hier oben,
-der weiß nichts von den drei Gesichtern und von den Leben und den
-Schicksalen, die wir sind. Der denkt nur: Dort oben muß es schön sein
-...«
-
-Seine Stimme erlosch, und als sie ihn gleich darauf wieder sprechen
-hörten, schienen es ihnen Verse zu sein, doch vernahmen sie, ein jeder
-in sich selber versunken, nicht mehr davon als eine ferne Musik ohne
-Worte. Bald darauf stand Magda auf, ging zwischen Esther und Jason
-hindurch zur Wand und drehte die Kurbel für das Licht; als es
-aufflammte, kniffen sie Alle geblendet die Augen zu, und Esther sagte,
-die Handrücken gegen die Lider drückend: »Aber Jason, nun sind es doch
-vier Schwestern gewesen, davon drei böse und nur eine gut!« Indem ging
-Magda schon durch das Zimmer, öffnete die Tür, wandte sich noch einmal,
-grüßte müde und gütig und verschwand. Auch Jason schien zu lächeln,
-sagte aber nichts, und so trat denn Maler Bogner, der älter war als sie
-Alle, auf das Mädchen zu, legte eine Hand auf ihren Kopf und sagte
-freundlich:
-
-»Das Gute, Esther, ist doch immer in der Minderzahl.«
-
-Sprachs, nickte und ging hinaus. Esther folgte still, als letzter Jason,
-der das Licht wieder löschte.
-
- * * * * *
-
-Die Verse aber, die er gesprochen hatte, lauteten folgendermaßen:
-
- O Nacht! O Tiefe! Drunten auf den Stufen,
- Du weißt es, schläft die Eumenide nun ...
- Noch ist die Gottheit leise anzurufen,
- So wird dir, was du sehntest: du wirst ruhn.
-
- Die Säule klingt; die dunkle Wölbung schwindet;
- Gestirne wandern über Wäldern fort. --
- Blick hin: Er steht schon längst im Dunkel dort,
- Schlaf deiner Kindheit, der dich wiederfindet.
-
-Renate, die Augen hebend vom letzten Wort, verwunderte sich, keine
-Dunkelheit, sondern nur die Dämmerung um sich her zu finden, die vom
-ohnehin trüben Tage durch das verschleierte Glas bewirkt wurde. Während
-ihre Lider sich zusammenzogen, sah sie immer größer den fernen gotischen
-Bogen ragen, und nun war es ein Tor; es schien ausgefüllt vom
-unendlichen Grün einer Ebene, und winzig klein auf ihr erschien eine
-schwarze Gestalt -- Josef --, die mit rasender Geschwindigkeit
-daherfuhr, ohne jedoch größer zu werden, und Renate empfand, daß die
-Gestalt nicht mehr an die Zeit gebunden war, sondern außerhalb ihrer
-dahinjagte wie ein Gestirn. Alsbald aber spürte sie, daß sie an ihrem
-eigenen Blick hing, daß der an ihr zog, und sie zwang ihn zu Kraft und
-Willen, zog mit ganzem Dasein, -- allein die Gestalt blieb so klein, wie
-sie war, und auf einmal war da das Fenster.
-
-War es wieder da? fragte Renate sich betäubt. Aber so war es doch nie?
-War doch immer nur -- Erscheinung? Wann hätte ich je selber
-hineingegriffen? -- Der Gedanke aber, Josef stehe unten und warte, daß
-sie ihn einlasse, überfiel sie mit solcher Gewalt, daß sie sich kaum
-halten konnte im Stuhl, gequält vom Reiz, das Fenster zu öffnen, was ja
-nicht möglich war, da nur die kleinen Quadrate sich auftun ließen.
-
-Warum denn nur, mein Gott, warum kann ich ihn nicht rufen?
-
-Nein, fuhr sie auf, nein! Er soll nicht meinetwegen kommen! Wenn er denn
-kein Herz hat für den Vater, -- was könnte dann auch sein Kommen
-auswirken? -- Und sich zur Ruhe zwingend, lenkte sie die Augen wieder
-auf den Schluß der Legende, über den sie schon, ganz im Gedanken an
-Josef, nur hingeglitten war, und las noch einmal: >Das Gute ist doch
-stets in der Minderzahl< und dann die Verszeilen:
-
- >Gestirne wandern über Wäldern fort. --
- Blick hin: Er steht schon längst im Dunkel dort ...<
-
-Mit einem gellenden Schrei fuhr sie zur Tür herum, zitterte und
-strauchelte im Stehn. Da war nichts. Ihr Herz jagte. Nach endlosem
-Warten hörte sie Schritte im Treppenhaus, trat, unfähig länger
-auszuhalten, zur Tür und öffnete. Unten, wo die Treppe sich wendete,
-erschien die weiße Tolle des Hausmädchens, dann sie selber ganz im rosa
-Waschkleid und weißer Schürze, blieb Renate erkennend stehn, lächelte
-und sagte: »Frau Tregiorni ist gekommen. Und Herr Saint-Georges ist
-schon lange da.«
-
-»Ich komme«, erwiderte Renate heiser und zog die Tür zu, nur um zu
-verbergen, daß sie nicht aufrecht bleiben konnte. Minuten später hatte
-sie sich wieder gewonnen und verließ den Raum.
-
-
- Hier enden des sechsten Buches neun Kapitel oder ebenso viele
- Monate.
-
-
-
-
- Inhalt
-
-
-
- Viertes Buch
-
- Erstes Kapitel: Mai
- Heimweh 7
- Magda 23
- Bei Saint-Georges 30
- Balto-Borussia 44
- Kaddisch 64
-
- Zweites Kapitel: Juni
- Begegnung 77
- Erasmus 89
- Mensur 96
- Esther 105
-
- Drittes Kapitel: Juli
- Die Friedliebende Gesellschaft 112
- Schatten 129
- Drei Gespräche: Das erste 147
- Drei Gespräche: Das zweite 158
- Drei Gespräche: Das dritte 176
-
- Viertes Kapitel: August
- Hora 192
-
- Fünftes Kapitel: September
- Vergangenheit 205
-
- Sechstes Kapitel: Oktober
- Abschied 222
- Sonnenblume 244
-
- Siebentes Kapitel: November
- Renate an Saint-Georges 255
- Erschöpfung 282
-
- Achtes Kapitel: Dezember
- Renate an Magda 288
- Heiliger Abend 292
-
- Neuntes Kapitel: Januar
- Georg an Benno 305
-
- Fünftes Buch
-
- Erstes Kapitel: Februar
- Ulrika 313
-
- Zweites Kapitel: März
- Leda 331
- Renate 347
-
- Drittes Kapitel: April
- Tandem 361
- Cora 374
- Überraschungen 383
-
- Viertes Kapitel: Mai
- Haus Herzbruch 397
-
- Fünftes Kapitel: Juni
- Emmaus 414
- Rubinglas 440
-
- Sechstes Kapitel: Juli
- Requiem 462
- Sommer 476
-
- Siebentes Kapitel: August
- Frühe 492
-
- Achtes Kapitel: September
- Regen 506
- Wiederkunft 528
-
- Neuntes Kapitel: Oktober
- Cordelia 563
-
- Sechstes Buch
-
- Erstes Kapitel: November
- Berlin 597
-
- Zweites Kapitel: Dezember
- Sylvester 614
-
- Drittes Kapitel: Januar
- Neujahr 627
-
- Viertes Kapitel: Februar
- Wirrnis 639
-
- Fünftes Kapitel: März
- Wiedersehn 675
- Neuigkeiten 688
- Flut und Ebbe 698
-
- Sechstes Kapitel: April
- Zinna 741
-
- Siebentes Kapitel: Mai
- Klemens 749
- Schrecken 782
-
- Achtes Kapitel: Juni
- Krank 787
-
- Neuntes Kapitel: Juli
- Legende 820
-
-
- Druck der Spamerschen
- Buchdruckerei in Leipzig
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
-Korrekturen (vorher/nachher):
-
- [S. 171]:
- ... »Es muß etwas anders sein. Sie nehmen die Dinge ...
- ... »Es muß etwas andres sein. Sie nehmen die Dinge ...
-
- [S. 253]:
- ... langsam in dasselbe verwandeln. So glaubten Heilige, ...
- ... langsam in dasselbe verwandeln.< So glaubten Heilige, ...
-
- [S. 305]:
- ... im Waldrand, das kaum zu sehn ist und zu dem kein Weg ...
- ... am Waldrand, das kaum zu sehn ist und zu dem kein Weg ...
-
- [S. 491]:
- ... Lange blinkte sie gedankenvoll auf ihn herunter, dann ...
- ... Lange blickte sie gedankenvoll auf ihn herunter, dann ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Helianth. Band 2, by Albrecht Schaeffer
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HELIANTH. BAND 2 ***
-
-***** This file should be named 59187-8.txt or 59187-8.zip *****
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-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was
-produced from images made available by the HathiTrust
-Digital Library.
-
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions
-will be renamed.
-
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-(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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-such as creation of derivative works, reports, performances and
-research. They may be modified and printed and given away--you may do
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-subject to the trademark license, especially commercial
-redistribution.
-
-
-
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-
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-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
-and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
-works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
-or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
-Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
-collection are in the public domain in the United States. If an
-individual work is in the public domain in the United States and you are
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-works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
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-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
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-is also defective, you may demand a refund in writing without further
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-warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
-If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
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-the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
-provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
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-with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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-work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
-Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
-
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of computers
-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
-809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
-page at http://pglaf.org
-
-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To
-SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
-particular state visit http://pglaf.org
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
-To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
-
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
-
-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
-
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
-unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
-keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
-
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
-
- http://www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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