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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-09 13:38:14 -0800 |
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-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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-this ebook.
-
-
-
-Title: Wie wir einst so glücklich waren!
-
-Author: Wilhelm Speyer
-
-Release Date: April 1, 2019 [EBook #59186]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WIE WIR EINST SO GLÜCKLICH WAREN! ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This file was
-produced from images generously made available by The
-Internet Archive.
-
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-
-
- Wie wir einst
- so glücklich waren!
-
-
- Von Willy Speyer erschien bei Bruno
- Cassirer, Berlin 1907:
-
- Ödipus, Roman
-
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-
- Wie wir einst
- so glücklich waren!
-
-
- Novelle
- von
- Willy Speyer
-
-
- Albert Langen
- Verlag für Litteratur und Kunst
- München
-
-
-
-
- 1
-
-
-Auf meinem Lande ist es Herbst geworden. Ungefähr um drei Uhr morgens
-beginnt ein kalter Regen nieder zu gehen, der erst um fünf Uhr
-nachmittags aufhört. Zur Vesperzeit kommt plötzlich und kampflos die
-Sonne hervor; ein leichtes Blau webt mit einem Male in den herbstlichen
-Bäumen, deren genäßte Blätter von der Sonne farbenreich durchleuchtet
-werden. Am Spätabend ziehen über die feuchte Erde Nebel dahin, die des
-Nachts die verblassenden, leise rauschenden Wälder umfangen. Auf diesen
-Nebeln ruht zuweilen Mond- und Sternenlicht; goldene und silberne Wolken
-fließen unaufhörlich durch das Dunkel dahin, bis es zu einem nassen und
-schleichenden Morgen tagt.
-
-Es ist seltsam zu sagen: Ich ziehe den Regen meinen anmutigen
-Herbstabenden vor. Während des ganzen Tages bleiben meine Fenster fest
-geschlossen, und ich finde ein Vergnügen darin, stundenlang im Zimmer
-auf und ab zu gehen, mit der Papierschere zu spielen, meine und meines
-Vaters Tagebücher zu lesen und immer wieder in hundertfachen Pausen dem
-Regen, dem grausamen, dem gänzlich hoffnungslosen zuzusehen. Keine
-Stimme redet zu mir aus dem strömenden Wasser, wie es bisweilen den
-Dichtern geschieht, und belustigt mich durch ihre Geschichten, --
-vielleicht durch kleine rührende Märchen, die meine Brust mit süßen
-Hoffnungen erfüllen könnten und dann ganz trostlos endigen, ... o nein,
-was mich unwiderstehlich zu dem erbarmungslosen Freunde dieser Tage
-hinzieht, ist nichts anderes als die nackte, von jeder Kunst entblößte
-Trauer und ihr schwermütiges Gefolge.
-
-Es gibt Tage, wo der Regen auch vor der Vesperstunde nicht Halt macht,
-sondern in die finstere Nacht hineinrauscht und nimmer ruhen mag. Dann
-kommt die Zeit meiner tiefsten Ängste, und es erfassen mich Gefühle, die
-ich längst vergessen wähnte: Meine vollkommene, durch keine Gunst des
-Schicksals je gestörte Vereinsamung, meine frevelhafte, durch keinen
-leuchtenden Gedanken je geweihte Eigenmächtigkeit und meine tödliche,
-tödliche Sehnsucht.
-
- * * * * *
-
-Es ist wahr, ich bin grenzenlos einsam. Daß ich dies erst jetzt fühle,
-bereitet mir eine gewisse Genugtuung, zumal wenn ich daran denke, daß es
-Menschen gibt, die Tag für Tag an ihrer Einsamkeit leiden.
-
-Aber nun, hier auf meinem Landsitz, ist es eingetreten, daß ich in den
-Regen schaue, eine ganze Weile, geruhig, mit einer leichten Traurigkeit
-im Herzen, und dann plötzlich der Gedanke mich zu Boden schmettert, daß
-es auf der ganzen Welt keine einzige Seele gibt, die mir am Tage oder in
-der dunklen Nacht je vertraut wäre.
-
-O, ich weiß, daß viele Menschen ebenso wie ich zu sprechen pflegen, --
-aber bedenken diese auch, daß sie noch von der Kindheit her eine alte,
-gebrechliche Haushälterin besitzen, die sie rührend eifrig bedient und
-mit mürrischer Zärtlichkeit an ihnen hängt, oder einen Hund, einen
-kranken vielleicht, der mit guten, getrübten Augen zu ihnen emporsieht?
-Aber ich, ich kann nicht einmal solche Geschöpfe, die Geschöpfe des
-unteren Daseins, mein Eigen nennen. Meine Haushälterin versieht ihren
-Dienst mit gleichgültiger Sorgfalt, und die Hunde des Gutes lieben
-meinen Inspektor, nicht mich.
-
-Ich habe freilich mit vielen Männern Handschlag und freundlichen Blick
-gewechselt, habe Umarmungen und Küsse mit manchen Frauen getauscht und
-bin in vieler Herren Dienst gestanden, -- was blieb mir von alledem? Das
-Herz des Söldners, seine ruchlose Einsamkeit und seine undeutliche
-Erinnerung. Denn meinem Geist sind alle Geschehnisse zerronnen, wie der
-Regen zerrinnt auf den Schieferdächern meiner Scheunen.
-
- * * * * *
-
-Ich stehe ein wenig abseits vom Sinn und Gefüge der Natur, das sei
-zugestanden, auch trage ich eine spöttische Unbekümmertheit um ihren
-Gang zur Schau. Ich befinde mich außerhalb der Kreise, die von der Natur
-um die Dinge dieser Welt, um Menschen, Tiere, Blumen, ja, um die starre
-Öde des Gesteins gezogen ward und -- ich will es nur aussprechen -- ich
-befinde mich dort nicht allzu wohl. Ich fühle mich ausgeschlossen von
-der mütterlichen Güte der Natur, die selbst dann meine tiefste Sehnsucht
-erweckt, wenn sie den andern nur grausam und sinnlos erscheint. Ich zöge
-es vor, als ihr niedrigster Knecht in Ketten zu schmachten, als, ach --
-so frei zu sein, wie ich bin ...
-
- * * * * *
-
-Ich gehe an meine Bibliothek und nehme die römischen Elegien heraus. In
-dem Kupferstich auf der ersten Seite finde ich die Worte: »Wie wir einst
-so glücklich waren.«
-
-Ich lese es und habe Tränen in meinen Augen.
-
- »Wie wir einst so glücklich waren,
- Müssen's nun durch Euch erfahren.«
-
-Es war auf einem deutschen Rittergut im Sommer, in einem Sommer voll
-gesegneter Tage; das Getreide stand hoch, vortreffliches Heu lag auf den
-Wiesen; der Himmel war am Morgen blau, mit einer glasigen Mondsichel
-über den Scheunen, und nachts leuchteten viel Sterne wie aus einem
-dunkeln, reichen und kostbaren Stoff. Ich liebte dort alle Menschen und
-ich betete mit einer jungglühenden Leidenschaft eine gewisse Dame an, --
-vielleicht war es ein Taugenichts von einer Dame. O, ich habe dies alles
-nie vergessen, ich entsinne mich sehr gut. Ich will diese Geschichte
-aufschreiben und sie dann einem Mädchen vorlesen, das irgendwo in der
-Welt lebt, einem schlanken Mädchen etwa von blondem Haar und weißen,
-milden Händen, und dieser Gedanke hat etwas unendlich Beruhigendes für
-mich. Ich erinnere mich dabei an gewisse Abendspaziergänge über die
-sanften Felder eines deutschen Rittergutes, an gewisse zärtliche und
-gütige Nächte und an die verworrenen Laute eines Fuhrmannes, der in der
-Dunkelheit den Hof erreichte und seine Pferde beim Schein der Laterne
-aus der Deichsel führte.
-
-
-
-
- 2
-
-
-Ich schauderte, als ich zum ersten Mal mit einem Wagen durch die Straßen
-dieser Stadt fuhr, in der ich die zwei letzten Jahre meiner Schulzeit
-verbringen sollte. Von den häßlichen, kalkig-weißen oder gelben
-Mietshäusern, die mit dem läppischen Stuck einer nur auf die
-Nützlichkeit gerichteten Baukunst verziert waren, wandte sich der
-gekränkte Blick zu modischen Villen, die mitten in Arbeitervierteln
-durch ihren Prunk aufgeblasen, durch ihre ärmliche Umgebung
-unschicklich, ja frech erscheinen mußten. Ein verachteter, oftmals
-bespöttelter Fluß, das Zerrbild eines Flusses, führte sein dünnes,
-unruhiges und stets getrübtes Wasser durch das Weichbild der Stadt. In
-den lichtlosen Gassen aber duckten sich zuweilen jahrhundertalte
-ängstliche Giebelhäuser, die einer seelenvollen und klaräugigen
-Vergangenheit entstammten.
-
-Der Knabe hatte seine erste Jugend auf einer Landschule zugebracht und
-war dort von erfahrenen Männern zusammen mit einer Schar unermüdlicher
-und redlicher Jungen erzogen worden. Nun stand er, einem begründeten
-Wunsche seines Vaters folgend, allein in dieser Stadt, ohne daß ihn
-irgend ein freundliches Gefühl an ihre Menschen gebunden hätte, dazu von
-einer auf dem Lande erlernten und geübten Sittlichkeit beschwert, die
-den Verkehr mit den leichtgesinnten Bewohnern der Städte verbot. So
-verschloß er sich nicht ohne einen gewissen Starrsinn den Freuden der
-Geselligkeit, gedachte mit Trauer der vergangenen Zeit und fand ein
-großes Gefallen daran, den alten Freunden in langen Briefen seine
-augenblickliche Lage mit den trostlosesten Worten zu schildern. Seine
-Stimmung ward durch den Umstand nicht verbessert, daß der Vater ihm
-Geldmittel von bedeutender Höhe zur Verfügung stellte, die weder dem
-Alter noch dem Verdienst des Sohnes ziemten.
-
-Er verachtete mit zusammengepreßten Lippen und immer strengen Zügen die
-Lehrer und Schulkameraden des Gymnasiums und sprach mit keinem von ihnen
-mehr, als die Stunde verlangte. Ihre unerzogenen Körper und die
-schlechte Artung ihrer Seelen erschreckten ihn auf das heftigste und
-stießen ihn ab. Er, nur er allein war edlen, bis zu den Sternen
-erhobenen Geistes und nur er besaß die Schönheit schnellbewegter
-Glieder. Wer von ihnen erfaßte mit so reger Seele die donnernden
-Strophen engländischer Königsdramen, die knabenhaften und verwegenen
-Reden eines jungen Prinzen vor der Versammlung von Lancasterschen
-Herzögen oder den aufrührerischen Hohn der französischen Herolde? Wer
-ward beseligt durch das tönende Gold der achäischen Panzer, durch den
-silbernen Hufschlag der streitenden, leichtberittenen Götter und durch
-das blaue, blaue Griechenland?
-
-Wie sehnte sich der bislang an Freiheit gewöhnte Knabe nach den
-Nachmittagen, die ihm durch keinen Zwang verfinstert waren! Ich denke
-besonders an gewisse regnerische Nachmittage des Herbstes. In einen
-trotzigen, der Kleidersitte widersprechenden Überwurf gehüllt, eine
-phantastische Mütze tief in das Gesicht gezogen, mit hohen schweren
-Stiefeln bekleidet, verließ er seine Wohnung und wanderte zum Stadttor
-hinaus. Bald gelangte er an den armseligen, im Regen blinden Fluß, an
-dessen Ufer er durch Weidengebüsch und dürftige Birkenwäldchen geradeaus
-schritt, um endlich die ersehnten Felder, die trüben, häßlichen und doch
-geliebten zu erreichen. Peitschte ihm der Sturm das Wasser in das
-emporgerichtete Antlitz, dann fühlte er, wie das heiß ersehnte und
-angebetete Leben seiner einsamen Brust günstig genähert war. Er warf die
-Kleider von sich, breitete den schützenden Mantel über sie und badete im
-kalten Fluß, während der Himmel seine frischen Regenstrahlen
-herniedersandte; vor Frost zitternd schwang er sich vielleicht auf einen
-Baum, um von dort in einer großartigeren als der gewöhnlichen Stellung
-Cassius in den verhängten Himmel zu heulen:
-
- Und so umgürtet, Casca, wie ich bin,
- Hab ich die Brust dem Donnerkeil entblößt,
-
-um endlich mit geschundenem Körper, blau und naß in die Kleider zu
-steigen und gedrückt, traurig und fast ein wenig weinerlich über die
-eigene Narrheit im dunkelnden Nachmittag seinem Hause zuzuwandeln. In
-seinem Zimmer fand er dann bereits die Dämmerung vor, die vom
-Laternenschein am Fenster in zerrissenen Stücken erhellt war. Während
-vom unteren Stockwerk eine musikstudierende junge Dame ihre
-gleichmäßigen und süßen Variationen und Fugen erklingen ließ, schickte
-er sich an, den Tee zu bereiten und die Pfeife in Gang zu bringen. Von
-wundervollen Gefühlen überschlichen ließ er sich in einen Sessel nieder,
-eine angenehme Wärme durchströmte seinen Körper und seine Augenlider
-wurden schwer von Träumen. Aber sein der Wirklichkeit ebenso
-leidenschaftlich wie der Phantasie zugetaner Sinn richtete ihn bald aus
-seinen Träumen empor. Er setzte sich an den Schreibtisch, schlug seine
-Schulbücher auf und arbeitete, ohne seinen Gedanken eine Ablenkung zu
-gestatten, ernst und streng bis zum Abend.
-
-
-
-
- 3
-
-
-Die letzte Unterrichtsstunde vor den großen Ferien war beendet.
-Plötzlich, ja scheinbar ganz ohne Zusammenhang begann man ungeheuer laut
-und angeregt zu reden, man lachte, sah einander in die Augen, schüttelte
-sich die Hände, und ein jeder wünschte dem andern in weitschallenden und
-überaus herzlichen Zurufen einen fröhlichen Sommer.
-
-Ich stand wie immer abseits. Mir ward bei all dieser Freude, die wie ein
-heller Strom an mir vorbeifloß, ein wenig bedenklich zumute.
-
-Ich nahm zerstreut meinen Strohhut vom Kleiderriegel und betrachtete mit
-Interesse meine Stiefelspitzen.
-
->Jawohl,< dachte ich, >ich kann mir gut heute Nachmittag ein Paar neue
-Schuhe kaufen. Morgen reise ich ja fort. Wohin eigentlich? In meine
-Heimat? Zu meinem Vater? Er kreuzt mit seiner Jacht auf den nordischen
-Gewässern in Begleitung der schönen Anny Döring, und er hatte in seinem
-letzten Brief die Einladung für mich wohl vergessen, ... eigentlich
-hatte er einen ausgezeichneten Brief geschrieben, einen höflichen,
-zurückhaltenden und etwas frivolen Brief, und beigefügt war eine
-Bankanweisung von erstaunlicher Höhe. Jawohl, so war mein Vater.
-Übrigens war er ein vortrefflicher Herr.<
-
-Ich schickte mich an, den leeren Schulkorridor zu verlassen, als ein
-blonder, vornehm gekleideter Knabe auf mich zutrat.
-
-Da er mein abweisendes Gesicht bemerkte, blieb er zögernd stehen und
-senkte die Augen. Darauf glitt ein Lächeln von großer Anmut über sein
-Antlitz, gleich als sei er über die eigene Schüchternheit belustigt.
-
-»Meine Mutter und ich, wir würden uns sehr freuen, ... das heißt, wenn
-du Lust hast ...«
-
-Eine Stille.
-
-»Ich verstehe nicht, -- wie?«
-
-Der Knabe schlug sich mit der flachen Hand auf den Schenkel und begann
-sehr herzlich und sehr laut zu lachen.
-
-»Zum Teufel, das war eine prachtvolle Einleitung!«
-
-Er legte ungezwungen und weltmännisch seine Hand auf meinen Arm.
-
-»Lieber Regnitz, man gibt heute nachmittag bei uns eine Gesellschaft. Es
-wird vermutlich ganz witzig werden ... Jungens und Mädchen ...
-Schokolade, Tanz und so ... Meine Mutter liebt das sehr, ... willst du
-uns das Vergnügen machen?«
-
-Ich sah den Jungen erstaunt an; er gefiel mir außerordentlich. Aber ich
-hatte es mir bislang in solchem Maße zur Pflicht gemacht, die
-Schulkameraden abweisend und hochmütig zu behandeln, daß ich auch jetzt
-nicht vermochte, mein gewöhnliches Betragen mit einem freundlicheren zu
-vertauschen.
-
-»Du bist sehr liebenswürdig ... Entschuldige mich, ich habe deinen Namen
-vergessen.«
-
-»Ich heiße Wolfgang Seyderhelm.«
-
-»Ich danke dir sehr für deine Einladung, Wolfgang Seyderhelm. Leider ist
-es mir nicht möglich, sie anzunehmen, da ich heute bereits eingeladen
-bin.«
-
-Wolfgang Seyderhelm wurde etwas rot.
-
-»Sehr schade,« sagte er.
-
-Er steckte eine Hand in die Hosentasche und wies mit der andern höflich
-auf die Schultreppe:
-
-»Wir haben denselben Weg.«
-
-Wir gingen die Stufen hinunter.
-
-»Dein Bruder war Militärattaché in Athen, nicht wahr?« fragte Wolfgang.
-»Meine Mutter glaubt, ihn dort kennen gelernt zu haben.«
-
-»Jawohl, er war Militärattaché in Athen.«
-
-Ich sah zur Seite.
-
-»Was ist's mit ihm?« fragte Seyderhelm, der mich beobachtete.
-
-»Er fiel in Südwest gegen die verdammten Schwarzen.«
-
-»Oh.«
-
-Vor dem Schulgebäude stand ein leichtgefügter eleganter Wagen mit zwei
-lebhaften Apfelschimmeln. Eine junge Dame saß darin; sie trug einen
-silbergrauen Schleier, der den weichen großen Hut an den Seiten
-niederbog und auf der Brust zu einem Knoten verschlungen war. Ihre
-schmalen Hände waren mit dänischem Leder bekleidet, und ihre von den
-Wimpern tief beschatteten Augen sahen etwas mokant zu Wolfgang hin.
-
-»Ah, der Wagen!« sagte Wolfgang Seyderhelm, der zögernd stehen blieb.
-
-»Ah, deine Schwester!« sagte ich beklommen.
-
-»Nein, nicht meine Schwester.«
-
-»Nicht deine Schwester?«
-
-»Eine junge Dame unserer Bekanntschaft. Adieu, Walter Regnitz.«
-
-Wolfgang Seyderhelm grüßte. Ich dankte nicht, sondern sah auf den Wagen.
-Der Kutscher legte die Hand an den Hut, Wolfgang sprach lächelnd einige
-Worte, warf seine Schulmappe auf den Bock und stieg ein. Die Schimmel
-zogen an und das Gefährt bog im Augenblicke um die Ecke ...
-
-Ich eilte in den heftigsten Gedanken nach Haus.
-
-
-
-
- 4
-
-
-An diesem Nachmittag ging ich nicht spazieren. Ich schritt unruhig in
-meinem Zimmer auf und ab. Ich hatte weder Lust zu arbeiten noch zu
-lesen. Immer wieder kam mir Wolfgang Seyderhelms Einladung in den Sinn.
-Und mit einem Male trat aus der Wirrnis widerstreitender Gefühle ein
-leuchtender Gedanke hervor: Die Sehnsucht nach Gesprächen, nach
-scherzhafter Rede und Gegenrede, nach Tanz und Schokolade und nach einer
-gewissen jungen Dame mit einem silbergrauen Schleier und mokanten, von
-den langen Wimpern tief beschatteten Augen.
-
-Ohne Zögern kleidete ich mich um, lief zum Schuldiener und ließ mir
-Wolfgang Seyderhelms Adresse sagen. Bald fand ich mich abseits der Stadt
-vor einer großen, mitten in einem Park gelegenen Villa. Ich schellte,
-ward vom Diener ohne Verwunderung empfangen, durcheilte einige
-hellerleuchtete Gemächer und stand endlich im Eßzimmer.
-
-Eine stattliche Anzahl von Knaben und Mädchen, unter ihnen einige
-Erwachsene, saßen an drei runden Tischen, vollführten den heitersten
-Lärm, und tranken mit großem Appetit Schokolade, wozu sie ungeheuer viel
-Kuchen aßen. Ich blieb befangen stehen und suchte Wolfgang Seyderhelm.
-Die Herrschaften verstummten allmählich, man begann mich zu bemerken. Da
-sah ich am Ende des letzten Tisches Wolfgang sich erheben, der mich
-verwundert anstarrte. Von einem andern Tisch her rief eine Dame:
-
-»Nun, Wolfgang, willst du nicht deinen Gast begrüßen?«
-
-Über Wolfgang Seyderhelms Gesicht glitt ein Zug von unendlicher
-Liebenswürdigkeit und fast frauenhafter Güte. Schnell kam er auf mich
-zu:
-
-»Wie lieb, daß du kommst!«
-
-Ich erwiderte kein Wort, drückte aber stürmisch und begeistert seine
-Hand. Er faßte mich am Arm und führte mich zu der Dame, die ihm vorhin
-zugerufen hatte. Glücklicherweise begann man an den Tischen sich wieder
-zu unterhalten.
-
-»Dies hier ist mein Schulkamerad Walter Regnitz.«
-
-Die Mutter, eine noch junge Frau von schlankem Wuchs, heiteren
-italienischen Augen und hoher reiner Stirne begrüßte mich lebhaft.
-
-»Es freut mich sehr, daß Sie gekommen sind. Wolfgang hat mir viel von
-Ihnen erzählt.«
-
-Wolfgang errötete.
-
-»Ich denke, Herr Regnitz, Sie setzen sich neben mich. Hier ist noch ein
-Stuhl frei.«
-
-Ich saß und fühlte meinen Sinn ein wenig umnebelt.
-
-»Sind Sie verwandt mit einem Herrn Regnitz, der vor zwei Jahren in Athen
-Attaché war?«
-
-»Das war mein Bruder, gnädige Frau.«
-
-»Nicht möglich! ... Ihr Bruder ...!«
-
-Und sie sprach von meinem Bruder, den sie in Athen vor zwei Jahren
-kennen gelernt hatte.
-
-»Eigentümlich, wie Sie sich Schokolade eingießen!« klang eine singende
-Stimme neben mir, während ich mich mit Frau Seyderhelm über meinen
-Bruder unterhielt, der in Athen vor zwei Jahren Attaché gewesen war. Ich
-wandte mich nicht um und konnte nicht erkennen, woher diese Stimme kam
-und ob sie mir galt. Ich sah viele Gesichter, darunter das von Wolfgang
-Seyderhelm, dessen Blick sich stets abwandte, sobald er den meinen traf.
-Ich empfand es sehr wohltuend, daß ich mich vorhin beim Eintreten nicht
-allzu ungeschickt benommen hatte und nun in ungezwungenem Tone mit
-Wolfgangs Mutter redete.
-
-»Wo ist Ihr Herr Bruder jetzt?«
-
-»Er ist im Kampf gegen die Neger gefallen.«
-
-»Oh wie traurig! Als Offizier?«
-
-»Jawohl, als Offizier.«
-
-»Eigentümlich, wie Sie sich Schokolade eingießen!« sang irgendwo eine
-Stimme.
-
-»Und Sie sind hier in unsere Stadt gekommen, um das Abiturium zu
-machen?«
-
-»Jawohl, ich war jahrelang auf dem Lande, nun will ich hier das
-Abiturium machen.«
-
-»Wolfgang erzählt, Sie seien sehr fleißig.«
-
-»Ich will mit der Schule schnell zu Ende kommen.«
-
-»So --?«
-
-Frau Seyderhelm wandte den Kopf nach einer anderen Richtung, da sie von
-dort gerufen wurde. Nun konnte auch ich mich umsehen.
-
-Neben mir saß eine junge Dame, die auf ihrem hellblauen Kleid
-Schokoladenflecke mit der Serviette abrieb. Diese junge Dame hatte
-golden schimmernde, von den Wimpern tiefbeschattete Augen,
-kastanienbraunes Haar, einen spöttisch verzogenen Mund und lange schmale
-Finger, die auf irgendeine Art an die Kälte des Winters erinnerten, an
-Elfenbein und an die Heiligtümer indischer Völker.
-
-
-
-
- 5
-
-
-Ich schwieg beklommen, seufzte tief auf und gewann endlich den Mut zu
-fragen: »Habe ich Ihr Kleid ...? Das heißt, bin ich daran schuld, daß
-Sie ...?«
-
-Die junge Dame antwortete nicht, sondern reinigte emsig mit einer
-kleinen Serviette, die sie in warmes Wasser getaucht hatte, ihr
-hellblaues Kleid.
-
-»Ich meinte nur ...« sagte ich ratlos.
-
-Da hob die junge Dame den Kopf in die Höhe, sah mir in die Augen, wobei
-sie sich ein wenig zur Seite neigte, und begann eine Tonreihe von
-silberhellem Klang zu lachen mit listigen, schmalen Augen, mit offenem
-Munde und vielen weißen Zähnen.
-
-»Nein, _zu_ dumm! Sie haben eine Art, sich Schokolade einzugießen! Sehen
-Sie, man macht es nicht so --«
-
-Sie nahm eine Porzellankanne und ließ den Strahl von solcher Höhe in die
-Tasse fallen, daß alles um sie herum erschrocken und lachend zurückwich.
-
-»-- sondern so.«
-
-Sie verkleinerte den Strahl und ließ ihn manierlich fließen.
-
-Ich ward einem Sturm des Gelächters preisgegeben. Ein geistlicher Herr,
-der an einem andern Tisch seinen Platz gefunden hatte, beugte sich mit
-fröhlichem Augenblinzeln zur Seite und begann so herzlich zu lachen, daß
-er sein Taschentuch hervorziehen mußte. Einige Backfische kicherten und
-flüsterten, ein paar Jungens brüllten. Ja, die junge Dame mir zur Seite
-schien ein Tausendsassa zu sein, die eine ganze Gesellschaft mit ihren
-Späßen zu erheitern vermochte.
-
-Ehe ich noch etwas erwidern konnte, wurden die Stühle mit großem Lärm
-gerückt und man erhob sich. Die junge Dame tat mit der Hand noch schnell
-eine sonderbare Geste, die ich mir nur so deuten konnte: »Ein dummer
-Junge, nicht wahr?« Darauf hatte sie plötzlich, als sie von ihrem Stuhl
-aufstand, ernste und unbewegliche Züge. Die strengen Linien ihrer
-goldfarbenen Augenbrauen und Wimpern, der kunstvolle geschlossene Aufbau
-ihres kastanienbraunen Haares beherrschten mit einem Male das Antlitz.
-Die herabhängenden Arme waren eng an das Kleid gehalten und die Hände
-lagen wie erstarrt in den Falten.
-
-Wolfgang Seyderhelm trat auf mich zu und bot mir sehr herzlich die Hand.
-Ich bemerkte, daß er enganliegende graue Hosen trug, Lackstiefel, ein
-Jackett, ähnlich wie es die englischen Midshipmen zu tragen pflegen, und
-einen umgebogenen Kragen, der seinen braunen Hals freiließ. Er schien
-stolz und glücklich zu sein und hatte das Aussehen und Betragen eines
-jungen Engländers und Weltmannes.
-
-»Hast du dich mit deiner Tischnachbarin unterhalten?« fragte er.
-
-»Du meinst, mit deiner Mutter?«
-
-»Nein, ich meine mit dieser jungen Dame dort.«
-
-Er zeigte in den Salon.
-
-»Kaum. -- Wie heißt sie?«
-
-»Nina.«
-
-Ich mußte plötzlich an die Schneeberge und Weintrauben Kaukasiens
-denken, an die reine Stirne und den unvergleichlichen Gang der
-Kosakenmädchen.
-
-»Was ist's mit ihr?« fragte ich.
-
-»Sie ist Schauspielerin am Stadttheater. Eine Protegé meiner Mutter.«
-
-»Wie alt?«
-
-»Achtzehn.«
-
-Ich sah, daß man im Speisezimmer die Stühle an die Wand schob und den
-Teppich aufrollte. Ich blickte zerstreut an den Gobelins hinauf, deren
-streitende Helden sich in übermenschlichen Triumphen und Schmerzen
-gegenüberstanden. Wolfgang sprach noch, aber ich verstand nicht, was er
-eigentlich sagte. So, so ... so ... sie hieß Nina, ... welch ein süßer
-Gleichklang in ihrem Namen, ... welch ein Duft von ihrem Haar, ... ich
-begann Kopfschmerzen zu bekommen, ... wie zärtlich Wolfgang zu ihr
-hinblickte ...
-
-»Du liebst sie ja!« sagte ich laut und wußte nicht, ob ich wirklich
-gesprochen hatte.
-
-Wolfgangs Antlitz sah plötzlich aus wie überströmt von Blut.
-
-»Was sagst du?«
-
-Frau Seyderhelm stand neben uns und unterhielt sich mit dem geistlichen
-Herrn. Frau Seyderhelm stand sehr gerade da, sprach achtungsvoll, mit
-verbindlich zur Seite geneigtem Haupt, gebrauchte sehr oft die Anrede:
-Herr Pastor und hatte zu gleicher Zeit ein etwas mitleidiges Lächeln um
-den Mund, da der geistliche Herr verlegen war und nicht ganz
-ungezwungene Bewegungen zeigte.
-
-»Und morgen gehen Sie auf ihr Rittergut, meine liebe gnädige Frau?«
-fragte der geistliche Herr.
-
-»Ja, stellen Sie sich vor, Herr Pastor, -- dieser Trubel! Alle Koffer
-sind schon gepackt ... es ist ja immer wie ein Umzug! ... Aber Wolfgang
-tut das Landleben so wohl ...!«
-
-Frau Seyderhelm strich mit der Hand über ihr schwarzes Haar.
-
-»Nina geht diesmal auch mit,« sagte sie, lächelte dem Pastor sehr
-liebenswürdig zu und schritt ins Nebenzimmer.
-
-»Wie schön von dir, daß du mich eingeladen hast,« sagte ich zu Wolfgang,
-wurde ganz heiß vor Begeisterung und ging weg.
-
-Eine Dame mit einem ungeheuren Hut betrat den Empfangsraum, ruderte
-durch die Luft auf Frau Seyderhelm zu, erfüllte das Gemach mit ihren
-Begrüßungen, ihren schnellen Handbewegungen, ihrer Rührung über die
-frohe Schar, legte die Arme auf Frau Seyderhelms Schultern, küßte ihr
-jede Wange und sagte oftmals: »Meine liebe Lina.« Sie wurde von den
-Jungen mit ehrfürchtigen und ungeschickten Verbeugungen gegrüßt, von
-Wolfgang empfing sie einen Handkuß und von zwei Mädchen, vermutlich
-ihren Töchtern, sehr rasche und oberflächliche Umarmungen.
-
-Ein junger Herr, ein Student, wie man annehmen durfte, ging quer durch
-den Raum, trug mit steifem Arm die Öffnung seines Zylinderhutes nach
-Außen in der mit braunem Glacé bekleideten Hand, erschreckte jedermann
-durch seine ruckartigen Verbeugungen, saß kurze Zeit darauf von einer
-lauten Gesellschaft umgeben an einem Tisch und versuchte sich in einem
-Kunststück mit zwei Gläsern, einer Teetasse und einem silbernen Löffel.
-
- * * * * *
-
-Eine Dame in einem schwarzen, bis an den Hals geschlossenen Kleide, die
-blaß und hübsch war und hungrige graue Augen hatte, wahrscheinlich die
-Gesellschaftsdame irgend eines der jungen Mädchen, ließ sich am Flügel
-nieder und begann einen Walzer zu spielen. Die Mädchen bekamen rote
-Köpfe und setzten sich ziemlich nervös auf die Stühle an der Wand. Die
-Knaben standen in den Türrahmen, ordneten ihre Krawatten, ihre
-Schuhbänder, ihre Frisuren und bemühten sich sorglos auszusehen.
-
-Irgendeiner von ihnen, ein kecker Bursche, der den Teufel nach Rotwerden
-und Schüchternsein fragte, forderte als erster eines der Mädchen auf.
-Andere folgten. Wolfgang trat von irgendwoher auf Nina zu, lächelte,
-ohne sich zu verbeugen, und zog sie mit sich fort. Die Jungen tanzten
-mit vielen Sprüngen und Witzen, schlugen die Beine nach hinten aus, so
-daß man ihre Stiefelsohlen zu sehen bekam, und hielten ihre Tänzerinnen
-mit steifen Armen, da sie die Berührung des Fleisches fürchteten. Die
-Mädchen bewegten sich ruhiger und hatten versonnene Augen und ein
-süßliches Lächeln auf den Lippen. Wolfgang und Nina sahen jugendlich und
-glücklich aus; sie schienen schon oft miteinander getanzt zu haben, und
-waren ihrer Bewegungen sicher. Nina neigte ihr Haupt ein wenig zu Boden,
-was ihrem schlanken, hochgestellten Körper etwas Verträumtes und
-zugleich Preziöses gab.
-
-Es war recht heiß. Ich fühlte mich elend und doch glücklich und trank
-sehr viel Limonade. Frau Seyderhelm stand mit einem Male vor mir, wie
-stets sehr gerade und beinah mädchenhaft schlank, die edlen Hände über
-der Gürtelschnalle gekreuzt, mit heiteren Augen und reiner Stirn. Sie
-nannte mich oftmals »mein lieber Herr Regnitz« und blickte, da ich
-verwirrte Antworten gab, mütterlich lächelnd über die froh sich
-bewegenden Kinder hin.
-
-Der Student tanzte jetzt mit Nina, nannte sie »mein gnädigstes Fräulein«
-und benahm sich in jeder Beziehung wie ein Student, der zu einer
-Backfischgesellschaft geladen ist und dort mit der einzigen erwachsenen
-jungen Dame tanzt. Sein Zylinder stand irgendwo in der Ecke auf einem
-Stuhl und schwankte grinsend hin und her.
-
-Der geistliche Herr erzählte der Dame mit dem großen Hut, daß Ihre
-Hoheit Prinzessin Clementine am vorigen Sonntag in der Kirche sehr blaß
-ausgesehen habe und augenscheinlich an Kopfschmerzen leide; welche
-Bemerkung seine Dame mit einem kurzen, nervösen Gähnen, einem verlegenen
-Hinunterschlucken und einem ehrfurchtsvollen »Gewiß, Herr Pastor«
-erwiderte.
-
-Irgendein Mädchen, ein braves Kind mit dickem lustigen Gesicht und roten
-Händen forderte mich auf, mit ihr zu tanzen; ich lehnte mit strenger
-Stirne und finsteren Blicken ab. Sie schüttelte den Kopf, lachte leis,
-so daß sich ihre Nase in viele Falten zog, sagte: »Nein, so etwas!« und
-verschwand mit einem andern, wobei sie den Hals ihres Tänzers mit den
-Armen umschloß und die guten dicken Finger auf seinem Nacken faltete.
-
-Wolfgang bat die Dame mit dem großen Hut und den exzentrischen
-Bewegungen um einen Tanz. Die Dame sträubte sich ein wenig, sprach sehr
-viel von ihrem Alter und vom Muttersein in die leere Luft und sagte
-endlich zu. Man klatschte im Takt zu ihrem Tanze und bereitete sich
-alsdann zur Quadrille vor.
-
-Ich begann mich mit irgend jemandem über unsere Lehrer zu unterhalten;
-ich war witzig, der Bengel lachte und verbeugte sich darauf vor mir.
-
-Wolfgang trat auf mich zu.
-
-»Du tanzt nicht?«
-
-»Nein. Danke.«
-
-»Nie?«
-
-»O doch.«
-
-»Magst du heute nicht?«
-
-»Nein. Danke.«
-
-Nina stand neben ihm.
-
-Sie sah mich neugierig an.
-
-»Sie tanzen nicht?«
-
-»Nein, heute nicht.«
-
-Ninas Augen waren stetig auf mich gerichtet. Ich betrachtete das
-kastanienbraune Haar und bemerkte, daß es im Schein der kristallenen
-Lustres leuchtete.
-
-»Sie werden jetzt mit mir Quadrille tanzen. Warum stehen Sie immer an
-der Wand? Das schickt sich doch nicht für einen jungen Herren von Ihren
-Qualitäten!«
-
-»Wollen Sie sich bitte nicht um mich bekümmern, wie?«
-
-Wolfgang bekam große Augen.
-
-»Aber Regnitz, bitte, was ist denn --?«
-
-Nina lachte herzlich, zeigte ihre weißen Zähne, legte die elfenbeinerne
-Hand auf Wolfgangs Arm und sagte:
-
-»Du, der ist aber grob!«
-
-Darauf wandte sie sich mir zu, machte ein hochmütiges Gesicht, senkte
-die Lider, so daß es aussah, als ob sie schliefe, und sagte in einem
-näselnden Ton:
-
-»Also bitte, -- wollen Sie jetzt meinen Arm nehmen?«
-
-Ich fühlte eine Schwäche in den Gliedern, während ich den rechten Arm
-bog.
-
-»O, das ist nett!« sagte Wolfgang mit seinem liebenswürdigen Lächeln.
-»Wir werden in einem Karree tanzen.«
-
-Wir gingen in den Saal.
-
-Der Student stürzte auf Nina zu.
-
-»Aber, gnädigstes Fräulein haben _mir_ ja ... das heißt, wenn Sie
-vorziehen ...«
-
-Er schwitzte und verbeugte sich. Ich bemerkte, daß er nach Mediziner im
-zweiten Semester roch.
-
-»Ach, Herr Doktor, ... ich hatte schon Herrn Regnitz vorher versprochen,
-die Quadrille mit ihm zu tanzen. Verzeihen Sie.«
-
-Wir gingen weiter. Der Student war von diesem Augenblick an in jeder
-Beziehung erledigt. Er war fertig, hingerichtet, gleichsam mausetot ...
-
-Die Dame am Klavier mit den hungrigen Augen spielte die Aufforderung zur
-Quadrille. Das Karree bildete sich. Ich steckte eine Hand in die
-Hosentasche und machte ein gleichgültiges Gesicht.
-
-»Entschuldigen Sie,« sagte ich.
-
-»Bitte?«
-
-Nina begann sich mit dem Geistlichen zu unterhalten, der plötzlich neben
-ihr stand. Sie schauspielerte Ehrfurcht und war sehr schüchtern. Ich
-wurde rot. Sie wandte sich um:
-
-»Was sagten Sie eben?«
-
-»Vielleicht hören Sie zu, wenn ich mit Ihnen spreche!«
-
-»Sie sind manierlos.«
-
-»Ich bat um Entschuldigung wegen vorhin.«
-
-»Sie können gleich um Entschuldigung bitten >wegen jetzt<.«
-
-Ich schwieg. Mein Gott, warum war ich nur so ungezogen! Ein weinerliches
-Etwas stieg in meine Nase empor.
-
-Wolfgang trat uns gegenüber und sprach mit seiner Cousine, einem
-schüchternen Mädchen von außergewöhnlicher Schönheit. Er winkte uns mit
-der Hand zu.
-
-Die Quadrille begann.
-
-Nina verbeugte sich tief vor ihrem Nachbarn, darauf vor mir. Ihre Lider
-bedeckten wiederum die Augen, die langen Wimpern berührten die roten und
-weißen Wangen, das feurige Haar warf seinen Duft zu mir, die
-elfenbeinernen Hände lagen wie unbeseelt in den Falten des blitzenden
-Kleides. Sie war im Augenblick, da sie sich neigte, ein Götterbild, das
-in Betrachtung zum Buddha versunken ist, eine indische Statue aus
-farbigem Stein ... Ich beugte mich noch tiefer, sah ihre blauen schmalen
-Schuhe und dachte: Süße Nina, süße Nina.
-
-Ich gab fleißig acht und tanzte gut. Ich tat keine überflüssige Geste
-und bewegte mich ruhig. Von Zeit zu Zeit sagte Nina:
-
-»_Visite à gauche!_« oder »Jetzt dort!« oder »Passen Sie auf, Sie können
-nur grob sein!« Aber sie schien zufrieden.
-
-»Es geht ja ganz gut,« bemerkte sie einmal.
-
-»Gewiß,« erwiderte ich stolz.
-
-Ich sah, daß Nina und Wolfgang sich beim _moulinet des dames_
-zulächelten, sobald sie sich trafen. Wolfgang sprach viel zu uns hin und
-unterhielt das ganze Karree. Er hatte das Aussehen eines vornehmen
-Pagen, der bei Hof die Schleppe der Königin hält.
-
-Mich überfluteten, sobald ich Nina die Hand reichen mußte, Ströme von
-Zärtlichkeit und Anbetung. Ich beobachtete, daß ihr Fuß beim Auftreten
-die Form nicht veränderte. Ich liebte sie, -- o mein Gott, _wie_ ich sie
-liebte! Ich begann zu fiebern und wurde von Angst ergriffen. Ich dachte
-daran, daß ich heute abend allein in meinem Zimmer sein würde. Irgend
-etwas müßte bis dahin geschehen, irgend etwas, das mich mit einem
-unerhörten Glück erfüllte, ein Blick von ihr, ein Wort, ein Kuß ...
-
-»Sie sind unaufmerksam. Passen Sie auf -- _vis-à-vis_!«
-
-Ich sah einem blonden Mädchen in die Augen, verbeugte mich und trat mit
-Nina zurück.
-
-»Was spielen Sie?«
-
-»Wie?«
-
-Wir wurden getrennt.
-
-»Ich meine, was Sie im Theater spielen?«
-
-Ich tanzte an drei jungen Mädchen vorbei, gab einer jeden die Hand und
-verbeugte mich wieder vor Nina.
-
-»Hebbels Clara.«
-
-»Ah ...«
-
-Ich kannte Hebbel.
-
-Ich verbeugte mich vor Wolfgangs Tänzerin.
-
-Dann stand ich wieder vor Nina.
-
-»Kennen Sie Maria Magdalena?« fragte Nina.
-
-»Ja.«
-
-Ich ging mit den drei Herren _en avant_ und verneigte mich vor Nina.
-
-»Sie sollten lieber Ihre Schulaufgaben machen.«
-
-Ich begann zu lachen, wie verrückt zu lachen, zog das Tuch hervor, bekam
-Tränen in die Augen, fand mich albern, mußte aus der Reihe treten und
-störte den ganzen Tanz. Nina hob die Lider, und es war, als ginge der
-Vorhang im Theater auf.
-
-»Was haben Sie?«
-
-Ich begann zu beben und zu frieren, meine Zähne schlugen aneinander, ich
-hatte das Gefühl, daß ich totenblaß sei.
-
-»Sie sind herrlich!« sagte ich.
-
-Ich wußte nicht mehr, was ich sprach. Ich hatte Fieber, nichts als
-Fieber, und Angst vor meinem einsamen Zimmer ...
-
-Die Reihen ordneten sich wieder, man lachte, ärgerte sich und tanzte
-weiter. Die letzten Takte spielte die Dame am Klavier in rasendem Tempo.
-Man fand sich nicht mehr zurecht, und alles verwirrte sich. Ich lief
-umher, fühlte Schauer in meinem Körper und hatte das Bedürfnis, etwas zu
-zerbrechen. Der Quadrillenwalzer ertönte, man schloß sich in die Arme.
-Ich verbeugte mich vor Nina, aber sie dankte.
-
-Ich führte sie aus dem Saal hinaus. Darauf ward es dunkel vor meinen
-Augen. Ich wurde schwindlig und hielt mich an einem Türpfosten. Mit
-einem Male war ein Bild vor mir: die Mittagssonne über einer
-teppichfarbenen Landschaft des mittleren Deutschlands, der Duft von Korn
-und gemähten Wiesen, und blaue Berge in der Ferne.
-
-Nina lachte, ein singendes, verstehendes, unendlich grausames und süßes
-Lachen:
-
-»Sie taumeln, Herr Regnitz! -- Ist Ihnen schlecht?«
-
-»Nina, ich liebe Sie.«
-
-Ich sah sie an, -- sie, dieses indische Götterbild mit den gesenkten,
-zur Betrachtung geneigten Augen, mit der unvergleichlich bleichen und
-edlen Stirne, mit den elfenbeinernen Händen und dem farbigen, wie von
-Edelstein und Gold blitzendem Gewande, sah diese Lippen aufeinander
-gepreßt, süß und streng, -- bereit, Worte zu sprechen, die den Gläubigen
-vernichten oder aufheben:
-
-»Sie sind verrückt.«
-
-Sie ging fort, mit elastischem stolzem Schritt, wandte plötzlich den
-Kopf um, zeigte mir ein entzückend frisches und amüsiertes
-Mädchengesicht, lachte, lachte eine Reihe makelloser Töne, zog eine
-kleine goldene Uhr aus dem Gürtel, ließ den Deckel aufspringen und
-sagte:
-
-»Es ist übrigens schnell gegangen. Sie sind um fünf Uhr gekommen; jetzt
-ist es vier Minuten vor sechs.«
-
-Aus der Ferne, aus einer Schar lärmender Menschen heraus hörte ich sie
-noch einmal lachen ...
-
-Wolfgang trat schnell auf mich zu.
-
-»Ist dir etwas? Du siehst nicht wohl aus. Willst du den Wagen haben?«
-
-Ich sah mich um und lächelte matt.
-
-»Lieber, welch ein Gefühl!«
-
-Ich gab ihm wie im Traum die Hand.
-
-Plötzlich ermannte ich mich, stürmte hinaus, ohne Gruß, ohne Blick, riß
-den Hut im Korridor vom Riegel und erreichte den Park. Ich lief wie
-gejagt durch die Straßen und hielt mich endlich an einem Gitter fest.
-Atemlos, die Brust erfüllt von einem qualvollen Glück, begann ich wie
-ein Kind zu schluchzen, wie ein kleines, ungezogenes Kind.
-
-
-
-
- 6
-
-
-Am nächsten Tage wachte ich um fünf Uhr morgens auf. Ich lief im Hemd
-ans Fenster. Die Straßen waren leer, aber auf den Dächern lag warmes
-Morgenlicht und in den Bäumen am Rande des Bürgersteiges zwitscherten
-die Spatzen.
-
-O mein Gott, welch ein Gedanke, ich hatte Ferien, ich hatte fünf Wochen
-Ferien!
-
-Ich eilte in das Badezimmer und öffnete dort die Brause. Da fiel mir
-mitten im kalten Wasser etwas ein ... Was war denn gestern geschehen?
-... War nicht gestern etwas Besonderes vorgefallen? ... Ich war auf
-einer Gesellschaft gewesen ... bei Wolfgang Seyderhelm, ... dort befand
-sich eine junge Dame ... mit goldfarbenen Augen und feurigem Haar ...
-eine Art Gottheit ... ein Backfisch ... Wie hieß doch gleich diese Dame?
-... Nun, wir wollen keine Komödie spielen, wir wissen sehr gut, wie
-diese Dame hieß ... Nina, ... jawohl, Nina hieß sie, ... und dann war
-ich aus der Gesellschaft weggelaufen ... und hatte mich blamiert, ... O
-weh! o weh!
-
-Verwirrt streckte ich die Arme nach dem Kelch der Brause aus, ließ mir
-das Wasser ins Gesicht laufen und rief beglückt in das Geplätscher
-hinein: Süße Nina, süße Nina.
-
-Ich sprang in das Badetuch und zog mich an. Ich sah das Sonnenlicht sich
-langsam über die Häuser senken. Hallo, war ich nicht jung? Meine Heimat,
--- ach, meine Heimat war überall da, wo es warme Landstraßen gab mit
-schönem weißem Staub, Kirschbäume, schwere Kornfelder. Nina, -- ach,
-Nina war irgend eine junge Dame, ein Spuk, ein Ding ohne Zusammenhang
-mit meinem Leben ...
-
-Ich nahm meinen Ranzen, stopfte Hemden, Strümpfe, die »Versuchung des
-Pescara«, Taschentücher, zwei alte Brötchen hinein und lief die Treppe
-hinunter.
-
-Noch waren die Straßen leer. Hier und da zeigte sich ein verschlafen
-aussehender Bäckergeselle mit listigem Gesicht, ein mürrischer Arbeiter
-auf dem Rad, ein von der Nachtkälte durchfrorener Polizist, sonst
-niemand. In den einsamen Gassen hörte ich nur den Klang meiner Schritte
-und meines Stockes.
-
-Bald hatte ich die letzten Häuser erreicht und sah meine Felder sich im
-Sommermorgenlicht ausbreiten.
-
-Ich ging mit leichtem Fuß und leichtem Herzen die Landstraße hinunter.
-Es kamen Bauernwagen, die zum Markte in die Stadt fuhren, und neben den
-Kutschern saßen eifrig bellende Hunde, es kamen ganz, ganz kleine
-Mädchen, die sich an der Hand hielten und mit putziger Eilfertigkeit in
-ihre Schule trabten; eine Bäuerin tauchte auf, trug einen Korb mit Eiern
-auf dem Kopf und sah wie eine Bäuerin aus dem Bilderbuche aus; darauf
-eine Horde Jungens, die alle ohne Ausnahme nackte Füße und geflickte
-Hosen hatten, und endlich auch ein Mann mit einer Kuh und einem
-Hündchen.
-
-Schon war ich im ersten Dorf. Dort war bereits jedermann auf den Beinen.
-Ein Fuhrmann kam mit der Peitsche in der Hand aus der Schenke, wischte
-sich den Bart und kletterte mit vielen unverständlichen Worten auf den
-Bock; ein schlanker Terrier lief bellend auf mich zu, -- als ich ihm ein
-Stück meines Brots zeigte, sprang er an mir hoch; ein Kind lachte
-irgendwo, und ich wanderte weiter.
-
-Die Sonne stieg. Mir zur Seite erschienen Dörfer mit Kirchtürmen und
-leuchtend weißen Grabsteinen und verschwanden hinter teppichweichen
-Hügeln.
-
-In einem schönen Kirchdorfe machte ich Halt. Ich ging zu einem Bäcker,
-der am Laden eine eiserne Brezel hatte, und kaufte mir Brot und Kuchen.
-
-»Wohin geht's, junger Herr?«
-
-»Nach Fürstenau und immer weiter.«
-
-»Und immer weiter -- das ist ein gutes Stück Wegs. Na, wenn man junge
-Beine hat!«
-
-Ich errötete, ich weiß nicht, warum, bezahlte, schüttelte ihm die Hand,
-sprang an den Brunnen, trank mit Begierde das kräftigschmeckende Wasser
-und marschierte weiter.
-
-Es wurde heiß. Ich schlief einige Stunden im Schatten eines Baumes und
-wanderte dann in den schönen Nachmittag hinein. Über das weite hügelige
-Land glitten zeitweis tiefe und schnelle Wolkenschatten. Ein ganz
-leichter Wind erhob sich und kühlte mich wunderbar. Mir war, als trügen
-mich die Lüfte des Nachmittags über abwechselnd beglänzte und
-beschattete Gefilde. Lag ich nicht auf einer weichen Wolke und trug mich
-diese Wolke nicht in entferntere und schönere Gebiete?
-
-Kurz nachdem die Sonne hinter einem Hügel entschwunden war und mit einem
-Mal die des Sonnenantlitzes beraubte Landschaft wie in einem ungeheueren
-Schrecken zu erbleichen, ja zu sterben schien, erblickte ich, der ich
-auf einem Berge stand, zu meinen Füßen eine Stadt. Ein alter Turm ragte
-in die starr-silberne Luft hinein, und seine Wächter schienen
-silbergraue Vögel, die mit bösem, hastigem Flügelschlage ihn umkreisten.
-Flache Hügel umgaben die Stadt, niedere Weinberge, die ein bescheidenes
-Landgetränk erzeugten; mitten unter den Reben lag der umgitterte
-Friedhof. Meinem Auge gegenüber wandte sich die Straße, die Stadt
-verlassend, nach Westen, lief an den hellen Bergen entlang und durch
-gläserne Wälder, stieg empor in den erblaßten Himmel und verlor sich in
-der offenen Landschaft, andere Städte mit neuen Türmen und späterem
-Lichte zu erreichen. Zwischen Kornfeldern und gleißenden Wiesen, die der
-zweiten Mahd harrten, sah ich Erntewagen der Stadt zustreben. Eine
-Glocke läutete, läutete unablässig, und es war, als sei diese Stadt,
-diese Höhenzüge, diese silberne Spätnachmittagsluft wie überschwemmt von
-schwellenden, sich auflösenden und wieder schwellenden Tönen.
-
-Ein alter Mann stieg keuchend die Höhe zu mir herauf. Er trug einen
-schwarzen, eng anliegenden Taillenrock und eine graue großkarrierte
-Hose, die weit über die bestaubten Schuhe fiel. Er schien dem steilen
-Weg gram zu sein.
-
-Ich lüftete den Hut.
-
-»Ist dies da Fürstenau?«
-
-Der alte Mann trocknete sich mit einem roten Tuch, einer Art Fahne, die
-Stirn.
-
-»In der Tat, Herr, wenn ich mich recht erinnere, so ist es ganz bestimmt
-Fürstenau.«
-
-Er lächelte böse und ging weiter.
-
->Welch eine sonderbare Art sich auszudrücken!< dachte ich. >Spricht man
-so in unserer Zeit? »In der Tat, Herr, wenn ich mich recht erinnere, so
-ist es ganz bestimmt Fürstenau.« So spricht man in einem
-Shakespeareschen Lustspiel!<
-
-Ich eilte den Berg hinab und empfand dabei die Freude eines Wanderers,
-der von der Höhe das Ziel seines Tages sieht.
-
-Als ich durch das Tor in die Stadt trat, war mit einem Mal der silberne
-Zauber wie zerbrochen, und Abendrot lag auf den Gassen. Hochbepackte
-Erntewagen, in der golden durchleuchteten Fülle leise schwankend, fuhren
-darüber hin und zeitweis bog einer von ihnen in den Hof ein. Auf den
-Pferden saßen hübsche, nacktfüßige Bauernjungen, die mit den Peitschen
-knallten, an den Häusern emporsahen und nachlässig zu den offenen
-Fenstern hinaufnickten, zu den Mädchen ...
-
->War es vor tausend Jahren hier anders?< dachte ich. >Ernte und
-Glockengeläut und Menschen? ... Die vor tausend Jahren waren, mich
-trennt nur ein weniges von ihnen, nur die Zeit ... Ach, was ist Zeit!
-... Ich will hier bleiben! ...<
-
- * * * * *
-
-Bald saß ich in einem Garten vor meinem Abendbrot und erfreute mich,
-sobald ich den Blick hinwegwandte, an den rosigen Bergen und den tiefer
-beleuchteten Gassen. Ein Mädchen mit braunen, zum Kranz geflochtenen
-Strähnen schenkte mir den Wein ins Glas und lächelte dazu mit frischem
-Munde ... Ein Gedanke kam mir ... fort damit ... Gespenster! ...
-
-Ich stand alsbald auf, bestellte mir eine Kammer für die Nacht und ging
-nachlässig, die Hände in den Hosentaschen, durch die Stadt. Ich wünschte
-jedem Mädchen einen guten Abend, und begann mit einigen von ihnen
-dadurch ein Gespräch, daß ich mich nach allerhand Dingen erkundigte, die
-mir völlig gleichgültig waren, -- wo der Schmied wohne, ob die Heuernte
-dieses Jahr gut gewesen sei. Ich war an diesem Abend ziemlich frech ...
-
-Bei Anbruch der Nacht kehrte ich in mein Gasthaus zurück. Als ich die
-Stiege hinaufschritt, die von einem Windlicht schwach erhellt war,
-begegnete ich dem Mädchen mit dem Lächeln um die frischen, feuchten
-Lippen. Ich gab ihr die Hand, bezahlte gleich, da ich früh am Morgen
-aufbrechen wollte, und ging in mein Zimmer. Ich setzte mich auf den Rand
-des Bettes und grübelte. Mit einem Male kam eine tiefe Traurigkeit über
-mich, ich wußte nicht, woher. Ich trat ans Fensters. Da rauschte unter
-mir der tiefe Mühlbach, und über mir spannte sich der Sommerhimmel voll
-von Sternen. Noch hörte ich zwei Männer irgendwo miteinander sprechen,
-noch hörte ich eine Tür im Haus und einen späten Wagen auf der Gasse,
-dann ward es still um mich.
-
-In dieser Stille breitete die Liebe ihre Flügel aus. Sie drückte mich an
-ihre Brust. Ich taumelte und fühlte einen Schmerz wie nie zuvor.
-
- * * * * *
-
-Ich weiß nicht recht, wie alles gewesen war. Ich weiß nur, daß ich
-plötzlich an Nina dachte, die ich den ganzen Tag vergessen hatte. Ich
-sah sie vor mir, sah ihr Haar, ihre Augen, ihren Gang, ihre Hände, sah
-sie tanzen, mit Wolfgang Seyderhelm tanzen, ... ich hatte Angst, ... das
-Zimmer war so eng und heiß, ... tödliche Angst ... Ich nahm Stock, Hut
-und Ranzen und stürzte hinaus in die dunkle Luft. Die Haustür war noch
-offen. Ein Hund knurrte leise, aber ich entlief ihm schnell. Ich rannte
-durch die Gassen, durch das Stadttor, die Straße entlang, dann einen
-Seitenweg, durch Gebüsch, einen Hügel hinauf, ... ich keuchte sehr, ...
-ich fiel zu Boden und blieb liegen.
-
-... Ich war müde und gehetzt, ich war so müde! Ich fühlte meine Jugend
-von mir gleiten und hatte qualvolle Träume. Ich weiß noch, daß ich
-einmal im Halbschlaf emporfuhr: da lag unter mir die Stadt und das
-dunkle Land, der Mühlbach leuchtete hier und dort im Mondlicht auf, ...
-um meinen Hügel ging ein leichter Wind, ... ich sank zurück ... in Traum
-und Schlummer. Aber schlummernd sah ich immer wieder das dunkle Land mit
-der Stadt, die silbernen Stücke des Baches, ... Sterne, viel Sterne ...
-und Nina ...
-
-
-
-
- 7
-
-
-Ich bin noch einige Tage so gewandert, aber ich wurde nicht mehr
-fröhlich. Ein Sonntag kam, ich sah die Bauern zur Kirche gehen, trat mit
-ihnen ein und hörte die Predigt, ich sah die Burschen und Mädchen
-hernach in ihren übermütigen Tänzen und empfand am Abend auf der Straße
-die feierliche Stille des scheidenden Sonntages. Aber das alles freute
-mich nicht. Der verworrene Geist war von der Liebesleidenschaft erfaßt
-und kannte nur noch Trauer, Eifersucht, Haß und Träumerei. Ich wollte
-nicht mehr an Nina und Wolfgang denken, ich wollte nie mehr an sie
-denken. Ich sagte mir Gedichte auf, hielt als ein Prinz vor der
-Versammlung von Fürsten eine verwegene Rede, dichtete eine Ode an den
-Kaiser, -- aber selbst das erhabene Gewand der Majestät verwandelte sich
-mir bald, ward ein blitzendes, hellblaues ... mit Schokoladenflecken ...
-
-Am vierten Abend meiner Wanderung zog ich mutloser denn je meine Straße
-entlang. Ich wollte an diesem Tage noch eine größere Stadt erreichen,
-dort einige Zeit verweilen, um dann dem nahen Gebirge zuzueilen. Aber
-irgend ein schöner Baum oder ein sehnsüchtig winkender Kirchturm hätte
-genügt, mich von meinem Wege abzulenken. Wer in der Welt fragte danach,
-ob ich einen Nachmittag unter schattigem Gesträuch verträumte und den
-»Pescara« las oder irgendwo auf staubbedecktem Wege schritt?
-
-Ich blieb vor einem Weiser stehen, der mir zur Seite in das offene Land
-hindeutete. Da war geschrieben: Nach Strelow 3 km, nach Wiesenau 4,5 km.
-Ich las die Worte gedankenlos. Irgend etwas lockte mich, von meiner
-Straße abzubiegen. Was aber war es? Strelow? Ich hatte diesen Namen nie
-gehört. Wiesenau? Ich hatte diesen Namen nie ... Wie? ... Eine
-Erinnerung ... Wiesenau ... Wiesenau ... da war schon wieder alles
-entwichen ... ich schüttelte den Kopf. Wohl zwanzigmal sprach ich nun
-das Wort Wiesenau aus, in der Hoffnung, die Erinnerung möchte mich noch
-einmal erleuchten. Doch jede Mühe war vergebens: es war ein totes Wort.
-
-Schon war ich in die neue Landschaft eingebogen. Es hatte wohl die
-Wochen vorher geregnet, denn überall standen kleine schwarze Teiche, aus
-denen einzelne Bäume, Fichten und Birken, hervortauchten. Endlos
-langgezogene violette Abendwolken spiegelten sich in diesen Teichen und
-gaben ihnen von ihrer Farbe. Soweit mein Blick reichte, sah ich nichts
-anderes als bunte, prächtige Wiesen mit großen Blumen und die schwarzen
-und violetten Teiche, aus denen einsame Bäume hervorwuchsen. Krähen
-flogen zuweilen schreiend darüber hin, um noch vor Nacht die fernen
-Wälder zu erreichen.
-
-Als ich durch Strelow kam, läutete die Glocke den Abend ein. Ich blickte
-durch ein Fenster; ein alter Bauer saß da, hatte die Brille auf der
-Nasenspitze und las in einer Zeitung. Eine Frau trug eine Bank in ihr
-Haus. Der Pfarrer ging durch den Ort und ward von allen gegrüßt; auch
-ich grüßte. Ein Trupp Jungens lief zu Gott weiß welchem Abendstreifzug
-...
-
-In einigen Zimmern brannte ein Licht. Sollte ich hier rasten? Es begann
-zu dunkeln. Draußen konnte ich nicht gut schlafen, der Boden schien
-feucht, auch war es ein wenig kühl. Aber die Lichter in den Häusern
-machten mich traurig, und ich fühlte, daß mich im Zimmer wieder meine
-Angst ergreifen würde.
-
-Ich eilte zum Dorf hinaus. Allein bei den letzten Häusern blieb ich
-beklommen stehen: über die Landschaft hatte sich die Dämmerung gesenkt
-und mit tiefem, dunklem Blau die gespenstischen Bäume, das
-Weidengesträuch an den blinkenden Teichen und die Getreidefelder
-umhüllt; von oben leuchteten durch blaues Licht einige Sterne; nichts
-unterbrach die Stille als das trostlose Quaken der Frösche und das
-Flüstern des Kornes, wenn der Wind darin rauschte.
-
-Ich ging durch die Dämmerung und fühlte mich liebevoll von der Straße
-fortgelockt, umsponnen mit einem blauen Netz. Ein Traum von großer
-Innigkeit berührte mich, mir war, als sei er alt und von jedermann zu
-irgendeiner Zeit geträumt. Um meine Augen legte sich ein Flor, meine
-Füße strauchelten oft ...
-
->Könnt' ich doch viele Stunden dieses blaue Licht durchschreiten! Wenn
-nur die Füße nicht ermüden wollten ...!<
-
-Aber ach, schon winkten ja am Wegesrand nächtliche Kastanien zu
-Schlummer und Traum! ... Ein Park begann, umgittert, ... eine Allee ...
-Und hier, -- waren hier nicht bronzene Löwen, die in dreifach geteilte
-Becken silbernes Wasser spieen? War es nicht einschläfernd und süß?
-
-Wie, stand dort nicht ein Haus vor mir, ein Schloß, mit einer
-erleuchteten Altane und bläulich schimmernden Stufen?
-
-Bin ich nicht neugierig herangeschlichen, ... leise, ... ganz leise, ...
-und sah ich dort nicht all die Menschen, die ich liebte? ... Die Mutter
-... mit dem Sohn ... und meine schöne Freundin Nina?
-
-
-
-
- 8
-
-
-Mit pochendem Herzen und heißen Wangen stand ich im Dunkeln und blickte
-auf die Veranda. Nina arbeitete an einer festgespannten Stickerei und
-sprach dabei mit Wolfgang, der die Hände um ein Knie geschlungen hatte,
-eine Zigarette rauchte und zeitweise aus einem Glase trank. Frau
-Seyderhelm schrieb einen Brief. Manchmal hob sie den Kopf und warf
-einige Worte in die Unterhaltung der beiden ein. Ich konnte nicht
-verstehen, was gesprochen wurde.
-
-Ich sah Ninas Profil und ihre Hände. Wie zart sie war! Ja, war sie nicht
-anbetungswürdig? Süße Nina! ... Ich machte eine Bewegung.
-
-Da rief Nina laut:
-
-»Wolfgang, ich bitte dich, -- draußen steht jemand.«
-
-Ich hielt den Atem an.
-
->Wenn ich hier entdeckt werde, ersteche ich mich.<
-
-Wolfgang beugte sich hinaus und rief:
-
-»Es ist niemand hier ... Du bist recht schreckhaft!«
-
-O -- gerettet!
-
-Frau Seyderhelm hatte ihren Brief beendet, man plauderte angeregt. Ich
-sah, wie die Mutter einmal ihrem Sohne lächelnd mit dem Finger drohte.
-Nach einer Weile legte Nina ihren Stickrahmen fort, packte ihre
-Nähsachen in einen Pompadour und stand auf. Sie gab erst Frau Seyderhelm
-die Hand, dann wechselte sie einige Worte mit Wolfgang, -- sie schienen
-etwas zu verabreden, -- ließ ihre Hände auf seinen Schultern ruhen, gab
-ihm einen leichten Backenstreich und trat in die Zimmer hinein. Wolfgang
-küßte seine Mutter, die ihm über das Haar strich; mir war, als sprächen
-sie von Nina, denn sie sahen nach der Türe; dann gingen beide hinaus. --
-Eine Magd erschien einige Augenblicke später auf der Veranda, räumte die
-Sachen auf, zog die Markise in die Höhe und stellte die Gartenmöbel zur
-Seite. Sie nahm die Lampe und verschwand.
-
-Alles war finster um mich herum. Oben im Schloß sah ich mehrere
-erleuchtete Fenster. Ich hörte zuweilen Schritte, dann wurde alles
-still.
-
-Langsam löste ich mich aus meiner Erstarrung und ging durch den Park.
-Ich empfand nicht viel: ein wenig Erstaunen, ein wenig Schmerz, ein
-wenig Müdigkeit und ein wenig Glück ... Ich wollte weiter wandern. Was
-sollte ich hier? Niemand würde mir glauben, daß ich zufällig hierher
-gekommen sei, ... aber da hörte ich wieder die süße, einschläfernde
-Melodie der plätschernden Brunnen. Gedankenlos legte ich mich nieder, zu
-Füßen eines bronzenen Löwen. Ich faltete die Hände hinter dem Kopf und
-blickte in den Himmel, wo die Milchstraße ihren Triumphbogen über das
-Firmament spannte. Ich fühlte, daß der Schlaf mich übermannen würde, und
-wollte doch wachen und nachdenken. Ich ward traurig und erinnerte mich
-der Worte des Herrn: »Könnet ihr denn nicht Eine Stunde mit mir wachen?«
--- Noch einmal sah ich zu den erleuchteten Fenstern im Schloß, dann fiel
-ich in Traum. Schlafend spürte ich die Kälte der Nacht und zog mein Cape
-eng um mich. Und in meinen Traum drang immer wieder das Plätschern des
-Wassers, ... das Plätschern des Wassers.
-
-
-
-
- 9
-
-
-Es mochte gegen fünf Uhr morgens sein, als ich erwachte. Mein erster
-Blick galt dem Schloß vor mir, in dessen Fensterscheiben die Morgensonne
-purpurrot leuchtete. Ich sprang empor; mein Gesicht und meine Kleider
-waren naß vom Tau. Ich machte einige Bewegungen mit den Armen und
-stampfte mit den Füßen, denn meine Glieder waren wie erstarrt. Dann
-wusch ich mich in einem der bronzenem Becken und klopfte die Kleider ab.
-Nur weiter, immer weiter, fort von hier ...
-
-Als ich bereit war zu marschieren, lehnte ich mich an einen Baum; ich
-wollte noch einmal mit einem langen Blick dieses geliebte Schloß
-umfangen.
-
-Da ... was war das? ... Ein Fenster öffnete sich, ... ich trat zurück
-... Wolfgang, ... im leichten Morgenkleid. Er beschattete mit der Hand
-die Augen, sah zum Himmel und reckte die Arme in die junge Luft hinein.
-Dann verschwand er; bald jedoch erschien er wieder, nahm einen Stock und
-klopfte leise mit der metallenen Spitze an das benachbarte Fenster.
-Lange Stille ... Dann öffnete sich das Fenster ... Nina ... Sie gaben
-einander die Hände. Wolfgang setzte sich auf das Fensterbrett und
-deutete nach dem Horizont. Nina gähnte ein wenig und beide lachten.
-
-Da war mir, als müsse ich einen Panzer von meiner Brust reißen. Ich bog
-mit beiden Händen die Sträucher auseinander, und meine helltönende
-Stimme rief den Aufhorchenden zu:
-
- »An jedem Morgen, eh des Hahnen Krähn
- Die Menschheit weckt, steh ich im tiefen Grunde,
- Muß durch die Luft nach Burg und Felsen spähn.
-
- Noch lieget Dunkelheit auf meinem Tal,
- Da gibt von Osten das Gestirn mir Kunde,
- Und in dem Fenster oben spielt ein Strahl.
-
- Es taucht in Licht das trotzige Gestein,
- Und wächst und starrt und höhnet meiner Qual,
- Bald reckt es in den Himmel sich hinein --
-
- Willst du dich heute nicht am Fenster zeigen,
- In Morgenklarheit dich vom Traum befrein?
- Willst du das Haupt nicht freundlich zu mir neigen?
-
- Mich tötet dieses dunklen Tales Schweigen.«
-
-Kaum hatte ich geendigt, als Nina ihrem Freunde mit hochgezogener Stirne
-langsam, ja perfide langsam das Antlitz über die Schultern zuwandte und
-die beiden Handflächen fragend, chokiert und spöttisch nach außen bog.
-Wolfgang aber schien sich nicht darum zu kümmern; er warf das Fenster
-heftig zu, ich hörte ihn eine Treppe herunterstürmen, und einen
-Augenblick später kam er -- notdürftig mit einem Hemde, einer Hose und
-einem Paar Sandalen bekleidet -- durch den Garten auf mich zugelaufen.
-
-»Walter Regnitz! Lieber Walter Regnitz!«
-
-Er umarmte mich stürmisch; er war blaß vor Erregung.
-
-»Wo hast du nur die ganze Zeit gesteckt? Wir erwarten dich schon seit
-drei Tagen!«
-
-Wie? Man erwartete mich?
-
-Wir wandten uns zum Schloß.
-
-»Ich habe eine Fußwanderung gemacht und diese Nacht im Garten
-geschlafen.«
-
-Wolfgang legte erschrocken seine Hand auf meinen Arm.
-
-»Du hast in unserm Garten geschlafen? Bist du toll?«
-
-Und dann nach einer Pause, die er mit ratlosen Gebärden ausfüllte:
-
-»Ja, warum bist du aber nicht ins Haus gekommen?«
-
-Ich wurde etwas rot.
-
-»Ja ... weißt du, ... ich kam spät hier an ... und da wollte ich nicht
-stören ...«
-
-Ich grüßte zu Nina hinauf.
-
-»Ah, sieh da!« rief sie vom Fenster herunter. »Ein Dichter! Ein
-Troubadour! Sie verlangen gewiß Ihren Lohn!«
-
-Sie nahm aus einem Wasserglas helle Rosen und zerblätterte sie mit den
-weißen Fingern. Mir fielen diese Blätter auf Kopf, Schultern und Hände,
-der ich betroffen, glücklich und verlegen in einem duftenden Blumenregen
-stand.
-
-»Denk' dir, Nina, er hat diese Nacht im Garten geschlafen!«
-
-Nina lachte, -- ihr singendes, gefährliches und verstehendes Lachen.
-
-»Sie sind ein echter Minnesänger, Herr Walter von der Regnitz!« rief sie
-und warf vier volle weiße Rosen zu mir herab. Ich fing eine von ihnen
-auf und führte sie höflich und gefaßt an meine Lippen.
-
-»Und Sie, gnädiges Fräulein, eine echte Herzenskönigin.«
-
-Ich hörte noch einmal, wie Nina tief belustigt lachte und darauf das
-Fenster schloß.
-
-Wolfgang zog mich ungeduldig die Stufen zur Veranda hinauf.
-
- * * * * *
-
-Wolfgang stand halb angekleidet vor seinem Eimer und putzte sich eifrig
-und andauernd die Zähne.
-
-»Wie findest du sie?« fragte er mich, der ich auf einem Stuhl saß und
-ihm zusah.
-
-»Wen?«
-
-»Nina.«
-
-Er nahm einen Schluck Wasser, gurgelte und spuckte kräftig.
-
-Ich schwieg.
-
-»Nun?« fragte er.
-
-»Oh, ganz nett!« sagte ich endlich.
-
-»Sie ist herrlich!« rief er begeistert und begann von neuem zu gurgeln.
-
-Plötzlich warf er die Zahnbürste fort, drehte sich schnell um und legte
-seine Hände auf meine Schultern.
-
-»Was hast du neulich gesagt?« fragte er.
-
-»Ich? Wann?«
-
-»Neulich, bei unserer Gesellschaft.«
-
-»Ich habe vermutlich viel gesagt.«
-
-»Nein, du hast gar nicht viel gesagt. Du lehntest dich an einen
-Türpfosten und fragtest mich, wie alt Nina sei. Und plötzlich ...«
-
-»Nun?«
-
-»Und plötzlich sagtest du, als ob du geistesabwesend seiest: Du liebst
-sie ja!«
-
-Er wandte sein Gesicht schnell dem Spiegel zu und zog Kamm und Bürste
-aus der Lade.
-
-Ich war erschrocken.
-
-»Habe ich das wirklich gesagt?«
-
-Wolfgang beschrieb mit dem Kamm eine weite phantastische Figur und
-erklärte begeistert:
-
-»Du bist ein großer Menschenkenner, Walter! Ich habe sie wirklich sehr
-gern ... Hör' mal, wie der Kamm knistert.«
-
-Und er hielt seinen Kamm dicht an mein Ohr. Ja, wahrhaftig, der Kamm
-knisterte.
-
-Wolfgang war mit seiner Toilette fertig. Er trug ein hellgraues, eng an
-den Hüften liegendes Sommerjackett mit schwarzen Kniehosen, dazu schmale
-Halbschuhe, ein weißes Sportshemde und eine leichte, seidene Krawatte.
-Er sah sehr frisch, sehr jugendlich und sehr vornehm aus.
-
-Wir gingen durch einige Gemächer und betraten das Speisezimmer. Es fiel
-mir auf, daß dieses Schloß mit einer nahezu bäuerischen Freude an bunten
-Farben eingerichtet war.
-
-Ein Diener erschien. Wolfgang bestellte Tee.
-
-»Du bist hungrig, Walter?« fragte er.
-
-»O ja!«
-
-»Also: hier ist Honig, Gelee, Sumpfdotterblumen, Schinken, Brot ... ach
-...«
-
-Er stand plötzlich auf, warf dabei seinen Stuhl hin und umarmte mich
-noch einmal:
-
-»Wie schön, daß du hier bist!«
-
-Natürlich errötete er, sprang an die Tür und schrie, der Tisch sei
-schlecht gedeckt. Der Diener kam und Wolfgang schlug sich an den Kopf.
-
-»Ich Esel! Willst du ein Beefsteak?«
-
-»Ein Beefsteak?«
-
-»Es dauert gar nicht lange. Fritz, wie lange dauert ein Beefsteak?«
-
-»Eine Viertelstunde«, war die Antwort.
-
-»Ach, Unsinn«, protestierte ich. »Was soll ich denn jetzt um halb sechs
-mit einem Beefsteak?«
-
-Wolfgang lachte und goß sich ein Glas Fachinger ein.
-
-»Prost, Walter! Du kennst unsern Stil noch nicht. Wir leben nämlich hier
-den Stil englischer Peers. Morgens _you take your steak_,« -- er
-bediente sich hierbei einer manirierten Aussprache, -- »mittags hungert
-man, das nennt man _luncheon_ und abends ißt man im _dinnerjackett_
-alles das, was man am Mittag versäumt hat. Das hat Nina hier so
-eingeführt.«
-
-Nina, immer Nina!
-
-Ich fragte unvermittelt:
-
-»Aus welcher Familie stammt sie eigentlich? Hat sie noch Eltern?«
-
-Wolfgang warf nachdenklich zwei Stück Zucker in seine Teetasse.
-
-»Weißt du, bei Nina muß man nicht fragen, woher sie kommt und wohin sie
-geht. Nina ist einfach _da_, -- verstehst du? -- einfach _da_.«
-
-Ich sah Wolfgang aufmerksam an. Schau an, dachte ich, wie klug er ist!
-Was er da eben gesagt hatte, war mir nicht fremd. Nina war einfach da,
-... sie war eigentlich ... seelenlos.
-
-»Sie ist eigentlich seelenlos,« sagte ich.
-
-Wolfgang trank seinen Tee. Er stöhnte einige Male wie ein Kind in die
-Tasse hinein, setzte sie dann ab, sprang vom Tische auf und sagte:
-
-»Jawohl, seelenlos, aber herrlich! -- Bist du fertig?«
-
-»Ja.«
-
-»Gut. Wie wäre es, wenn wir jetzt aufs Feld gingen und arbeiteten? Ich
-lasse mir nämlich jeden Abend von unserm Inspektor ein Feld anweisen.«
-
-Ich willigte in diesen Vorschlag ein. Wir zündeten uns jeder eine
-Zigarette an und gingen in den Hof. Dort holten wir uns aus einem
-Schuppen lange Forken und zogen darauf munter durch den Park.
-
-Einmal wandte ich mich um und blickte zu Ninas Fenstern hinauf. Sie
-waren fest verschlossen und die Vorhänge heruntergelassen.
-
-»Das gnädige Fräulein pflegt bis neun Uhr zu schlafen,« sagte Wolfgang,
-der meinen Blick bemerkt hatte.
-
-Ich errötete und schwieg.
-
- * * * * *
-
-Wir sind auf dem Feld angelangt und ziehen unsere Jacken aus. Die
-Kornfelder stehen in der jungen gelbstrahlenden Sonne. Auf den heiteren
-grünen Wiesen und Weidegründen grasen die roten und braunen Kühe des
-Gutes und senden den Ton von tiefen Glocken durch das flüssige Licht. Am
-Horizont suchen auf noch beschattetem Hügel Schafe ihr Futter. Ein
-Schäfer mit einem großen Hut steht neben ihnen. Er hält den Hirtenstab
-in der ausgestreckten Hand auf die Erde gestützt, als sei er der Wächter
-dieses Tales und behüte seine Unschuld. Eine Wolke zieht langsam über
-den bleichen westlichen Himmel.
-
-»So, nun stellen wir hier die Garbenbündel auf,« sagt Wolfgang. »Du bist
-ja früher auf dem Land gewesen und weißt, wie man das macht. Immer zu
-sechs auf einen Haufen.«
-
-»Bei uns nahm man acht.«
-
-»So ... na ja, wir nehmen immer sechs. Weiß der Teufel, warum. Bald
-kommen die ersten Leiterwagen vom Gut. Dann gehen wir dort auf das Feld,
--- siehst du es? -- und packen das Korn auf. Das macht immer sehr viel
-Spaß.«
-
-Wir arbeiten schweigend und mit gesammeltem Eifer. Die Ähren stechen
-unsere Hände wund und ihre Körner rieseln uns in Hemd und Hose. Wolfgang
-macht manchmal eine Bewegung, als habe ihm jemand kaltes Wasser in den
-Nacken gegossen.
-
-Später singt er mit klarer Stimme und deutlicher Aussprache einen
-altfranzösischen Chanson. Da ist von einem Grafen die Rede, dem es nicht
-wohl erging, weil seine Gemahlin der Majestät von Frankreich allzusehr
-gefiel.
-
- * * * * *
-
-Bald vernehmen wir das Rollen und Klappern von Wagen, die über die
-Landstraße zu uns herauffahren. Wir haben unsere Arbeit gerade beendet,
-als wir die Rufe der Bauern hören, die mit ermunterndem Einsprechen ihre
-Pferde einige schwere Hügel erklimmen lassen. Dann ertönt das Dröhnen
-von Wagen, die über eine hölzerne Brücke fahren, und gleich darauf
-ziehen sie alle an uns vorbei. In einem der Wagen sind nur Frauen. Sie
-haben alle rote Tücher um die Köpfe geschlungen. Jedermann wünscht uns:
-»Guten Morgen!« worauf wir beinahe feierlich unsere Mützen lüften und
-den Gruß erwidern. In einem Gefährt sitzt ein hübsches junges Mädchen.
-Ich nicke ihr zu, worauf sie verlegen zu Boden sieht. Ich bin sehr
-stolz, das erreicht zu haben.
-
-Der letzte Leiterwagen wird von einem Bauernjungen gelenkt, der auf dem
-linken Pferde sitzt. Er grüßt uns, wie ein Souverain zu grüßen pflegt.
-
-»He Hans!« ruft Wolfgang. »Bleib du bei uns!«
-
-Hans steigt vom Pferd. Wolfgang legt seinen Arm auf die Schultern des
-Jungen und führt ihn zu mir heran. Die beiden stehen der Sonne entgegen,
-blinzeln, sind wohlgestaltet, blond, und -- seltsam -- sie sehen
-einander ähnlich.
-
-»Ich stelle dir hier meinen Freund Hänschen Kietschmann vor.«
-
-Der Junge macht eine Verbeugung, eine leichte, weltmännische, garnicht
-zu tiefe Verbeugung, und bietet mir die Hand, die ich schüttle.
-
-Er geht fort, um noch einige Bauern zu holen. Ich sehe ihm nach. Er ist
-schlank und groß gewachsen.
-
-Wolfgang macht ein sonderbares Gesicht und lächelt.
-
-»Nun?«
-
-»Wie?«
-
-»Ist dir etwas ... wie soll ich sagen ... aufgefallen?«
-
-»Aufgefallen? ... Nein, ... das heißt ...«
-
-Ich bin mit einem Male verwirrt.
-
-»Er sieht dir ähnlich.«
-
-Wolfgang nickt, sieht zum Himmel, zieht die Nase kraus, blinzelt,
-schluckt herunter und sagt:
-
-»Er ist mein Halbbruder.«
-
-»Wie --?«
-
-Wolfgang bewegt seine Hand in einer sehr sprechenden, etwas frivolen
-Art.
-
-»Mein Gott, ... wir vergessen, daß unsere Väter auch jung waren ... Mein
-Vater lebte hier allein ... na und ... wie das so kommt.«
-
-Er geht mit graziösem Schritt fort, um die Gabeln vom Graben zu holen.
-
-Ich schüttle den Kopf, wundere mich und vergesse im nächsten Augenblick
-alles.
-
-Wir arbeiten schweigsam fort.
-
-Hans Kietschmann steht zusammen mit einem Bauern oben auf dem Wagen und
-packt das Korn auf. Neben uns sind Weiber, die von Zeit zu Zeit
-miteinander sprechen. Ein leichter, von der aufsteigenden Sonne
-gewärmter Wind trägt aus der Richtung der anderen Wagen den Schall von
-Reden und Gelächter zu uns herüber.
-
-Es beginnt allmählich heiß zu werden. Die Augen schmerzen ein wenig; ich
-sehe nichts als flimmerndes Gelb. Die Weiber riechen nach Schweiß. Die
-Ochsen sind von Fliegen geplagt und schlagen mit den Schwänzen kräftig
-umher. Ich fühle mich sehr wohl. Nina ist vergessen, vollkommen
-vergessen. Wie süß es ist, daran zu denken, daß ich Nina so völlig
-vergessen habe.
-
-Es schlägt zwölf Uhr, wir hören mit der Feldarbeit auf, trinken Wasser
-und ziehen die Jacken an.
-
-Ich gebe Wolfgang die Hand.
-
-»Danke für den Vormittag, Wolfgang.«
-
-Wolfgang lächelt und nimmt meinen Arm. Wir gehen als Freunde zum Schloß.
-Wolfgang ist zärtlich und spricht sehr viel.
-
-
-
-
- 10
-
-
-Nachdem wir in unsern Zimmern Gesicht und Hände erfrischt hatten,
-betraten wir die Veranda, um dort zu lunchen.
-
-Nina saß am Tisch. Sie schien sich zu langweilen und benahm sich wie ein
-kleines Mädchen, das auf seine Mahlzeit wartet.
-
-Ich betrachtete Nina von der Seite. Sie hatte ein steifes weißes
-Kattunkleid an. Ihr Hals und ihre Arme waren nackt. Auf ihrer Brust trug
-sie eine Brillantenbrosche, an der linken Hand, der elfenbeinernen mit
-den langen schmalen Fingern, leuchteten vier herrliche Saphire von
-mildem Blau. Das kastanienbraune Haar war eine Pracht, eine Krone, ein
-Akkord von rauschenden, dunklen Tönen.
-
->Mein Gott und dennoch, was ist denn Nina? Ein kleines Mädchen, das sich
-langweilt! Aber ein Mädchen, das ich liebe? Nun ja, was ist schon dabei?
-Viele Jungens lieben viele Mädchen. Da ist gar nichts dabei.<
-
-Ich fühlte mich Nina überlegen.
-
-Ich setzte mich an den Frühstückstisch. Obwohl es sehr heiß war, hatte
-Nina einen Schnupfen, was mir ganz sonderbar vorkam.
-
-Sie führte ihr Tuch an den Mund und fragte mit einer Stimme, die heute
-noch näselnder klang als sonst:
-
-»Wo habt ihr denn eigentlich so lange gesteckt?«
-
-In diesem Augenblicke wurde es mir recht deutlich, daß Nina gar nichts
-anderes war als eine große faule schöne Katze. Ich beugte mich spöttisch
-vor bis auf die Tischplatte und sagte von unten zu ihr aufblickend:
-
-»Wir haben gearbeitet, -- und Sie, was haben Sie getan?«
-
-»Ich habe geschlafen.«
-
-»Ah, Sie haben geschlafen ...«
-
-»Jawohl; ich bin nämlich kein Troubadour, der wie ein Hase mit offenen
-Augen nachts im Felde schläft.«
-
-Hier betrat Frau Seyderhelm die Veranda. Sie begrüßte mich sehr
-herzlich, schalt auf das freundlichste, daß ich die Nacht draußen
-zugebracht hatte, und sprach die Erwartung aus, daß ich nun doch die
-Ferien auf Wiesenau verleben würde.
-
-Man frühstückte.
-
-Es stellte sich im Lauf des Gesprächs heraus, daß Frau Seyderhelm mir am
-Tag nach der Gesellschaft einen Brief mit der Einladung nach Wiesenau in
-die Wohnung geschickt hatte, der nicht mehr in meine Hände gekommen war.
-
-Nina begann mit einer Geschichte, die so komisch war, daß wir alle
-fürchterlich lachen mußten. Sie sprach lebhaft, mit vielen Gesten,
-erzählte vorzüglich und ward durch ihren Erfolg so angeregt, daß sich
-der Schnupfen zu verlieren schien.
-
-Wolfgang machte seiner Mutter kopfschüttelnd Vorwürfe, daß die
-Gänseleberpastete schon seit einigen Tagen nicht mehr genügend auf Eis
-liege. Dann wandte er sich zu mir und fragte mit einer kindlich hohen,
-liebenswürdigen Stimme:
-
-»Ißt du Radieschen gern?«
-
-Man hörte von Frau Seyderhelm, daß die Gräfin Königsmarck heute morgen
-dagewesen sei; man sprach dann sehr lange über die Gräfin Königsmarck.
-Nina schien sie nicht zu lieben. Wolfgang behauptete, diese Dame röche
-nach wilden Tieren.
-
-»Wolfgang, so spricht man nicht von einer Dame!« sagte Frau Seyderhelm.
-
-Nina jubelte und begann ohne den mindesten Zusammenhang eine Schilderung
-zu entwerfen, wie sie auf der Treppe meinen Ranzen gefunden und
-aufgemacht habe.
-
-»Stellen Sie sich vor, Frau Seyderhelm: er reist mit einem zerrissenen
-Hemde, einer Zahnbürste, zwei alten Brötchen und dem Werther; den
-Werther hat er in seine Socken gepackt!«
-
-Man lachte sehr. Mich erfaßte mit einem Mal der unbezähmbare Drang,
-Ninas Hand, die elfenbeinerne mit den spitzen Nägeln und der kühlen
-Haut, zu küssen. Ich bückte mich nach einer Serviette und berührte wie
-zufällig Ninas Finger mit meinen Lippen. Nina ließ es ruhig geschehen;
-sie tat, als habe sie nichts gespürt.
-
-»Es war übrigens gar nicht der Werther,« sagte ich, als ich wieder
-aufrecht saß. »Es war die Versuchung des Pescara.«
-
-Ich bediente mich mit einer kalten Reisspeise und war von meinem
-Abenteuer so aufgeregt, daß ich kaum schlucken konnte.
-
-»Oh, die Versuchung des Pescara,« sagte Frau Seyderhelm. Und sie fing
-an, sich des längeren über »Huttens letzte Tage« auszulassen.
-
-Wolfgang zog ein gelangweiltes Gesicht und schlug Nina für den
-Nachmittag eine Tennispartie vor. Sobald er mit Nina sprach, war seine
-Stimme zart und fast unterwürfig.
-
-Frau Seyderhelm hob die Tafel auf.
-
-»Schreiben Sie mir später den Namen Ihrer Wirtin auf, lieber Walter,«
-sagte sie. »Man soll uns Ihre Sachen nachschicken.«
-
-Ich küßte Frau Seyderhelm die Hand und verbeugte mich vor Nina.
-
-»Spielen Sie Tennis?« fragte Nina.
-
-»Ja, ein wenig.«
-
-Sie fuhr mit ihrer Zunge zwischen den Lippen einher.
-
-»Du reitest heute nicht mehr, Wolfgang?«
-
-»Nein; es ist zu heiß.«
-
-Ich spürte plötzlich den Duft von Ninas Körper. Ich sah ihren weißen
-Hals und erbebte.
-
-Nina lächelte.
-
-»Addio, meine Herren. Ich gehe in den Wald.«
-
-»Addio.«
-
-Wolfgang zog sich in die kühlen Räume zurück.
-
-Ich blieb auf der Veranda und sah in den Park. Nina ging langsam die
-kiesbedeckte Allee entlang, blieb zuweilen stehen, betrachtete
-mütterlich ein Blättchen, das sie mit der kühlen Hand liebkoste,
-pflückte eine Rose vom Blumenbeet und befestigte sie an ihrer
-jugendlichen Brust. Darauf verlor sie sich -- unvergleichlich ebenmäßig
-ausschreitend -- im mittäglichen Gehölz.
-
-Die Gutsglocke schlug ein Uhr. Malatesta, der Hofhund, dehnte sich
-schläfrig, beroch mißtrauisch seine Pfote und legte sich auf den Rasen.
-Der Diener räumte den Frühstückstisch ab.
-
- * * * * *
-
-Am Nachmittag lag ich irgendwo im Wald auf dem Rücken und träumte in den
-blauen Himmel hinein. Manchmal streichelte ich den schönen Malatesta,
-der mich begleitet hatte. Es war sehr heiß. Der Hund hob zeitweise den
-Kopf, stieß, von Wärme bedrückt, den Atem aus der Kehle, ließ die Zunge
-hängen und hatte feurige Augen. Mich plagten die summenden und
-stechenden Mücken. Ich begann unruhig und gestört zu schlafen. Böse
-Träume von großer Leidenschaft und überquellender Sehnsucht verfolgten
-mich. Ich sah, wie Nina zu mir, dem Schlafenden, trat, ihr mokantes
-Lächeln lächelte und mit einem Male mütterlich, mit drängenden Händen
-und junger weißer Brust sich neigte.
-
-Der nahe Gong, der zum Tee rief, weckte mich auf. Die Sonne war tiefer
-herabgesunken; unter ihren schrägen Strahlen beruhigte sich die Welt und
-wurde kühl. Ein Wind ging durch die Bäume, der in den Blättern flüsterte
-und schluchzte. Der Hund war fortgelaufen. Ich fühlte, daß alles nutzlos
-sei und ich ewig einsam bleiben müsse.
-
- * * * * *
-
-Gegen Abend spielten wir Tennis.
-
-Nina war biegsam, schmal in den Fesseln und schnellfüßig. Ihre Hand war
-sicher, der Schlag ihres Rackets ruhig.
-
-Wolfgang, ihr Partner, war weißgekleidet, hatte den rechten Ärmel seines
-Hemdes aufgeschlagen und zeigte einen braungebrannten, schmalen und
-kräftigen Arm.
-
-Ich gab streng auf das Spiel acht und hatte den brennenden Ehrgeiz, mich
-gut zu halten. Ich verlor das erste Match, trat beim Wechseln an das
-Netz, beglückwünschte Nina und küßte ihre Hand. Wolfgang sah mich ein
-wenig befremdet an. Nina lächelte, war unendlich liebenswürdig, legte
-einmal beim Gespräch ihre Hand auf meinen Arm und nannte mich Walter.
-Ich war rasend vor Glück, machte ein hochmütiges Gesicht und verdoppelte
-meine Anstrengungen.
-
-Mir war, als ständen Nina und Wolfgang in abendrotem Dunst und
-rosafarbenem Nebel. Jedermann von uns spielte mit streng geschlossenen
-Lippen. Nichts unterbrach das Schweigen als nur das Aufschlagen des
-Balles, das Summen des festgespannten Rackets und zeitweis ein kleiner
-Ausruf der Überraschung oder des Ärgers. Niemand zählte laut, denn jeder
-von uns wußte, wie wir standen. Frau Seyderhelm trat ans Gitter; wir
-grüßten flüchtig und spielten weiter. Frau Seyderhelm sprach mit einem
-Gärtner, deutete einmal mit der Hand auf ein Blumenbeet und wandte sich
-über unsern Eifer lächelnd zum Gehen. Ich wurde gewahr, daß sich mein
-Spiel von Minute zu Minute verbesserte. Im letzten entscheidenden Set
-gewann ich alle sechs Spiele und war somit Sieger im Match. Nina sagte
-uff und fächelte sich mit ihrem Tuch kühle Luft ins Antlitz. Als wir uns
-die Hände schüttelten, sah sie mich wie zum erstenmal an. In ihren Augen
-leuchtete mir etwas Verlockendes und Gefährliches entgegen.
-
-»Sie spielen gut,« sagte Nina. »Reiten Sie?«
-
-»Gewiß.«
-
-»Wolfgang, wir werden morgen früh reiten.«
-
-»O Nina, rede keinen Unsinn, das hast du schon zehnmal gesagt. Du stehst
-ja doch nicht um sieben Uhr auf.«
-
-»Doch, ich werde ganz bestimmt um sieben Uhr aufstehen.«
-
-Sie sah mich wieder mit ihren lockenden Augen an, wobei sie die Lider
-ein wenig zusammenzog. Mir war, als liebkosten mich die goldfarbenen
-seidenen Wimpern.
-
-»Was wird Herr Regnitz für ein Pferd reiten?«
-
-O weh, sie sagte wieder Herr Regnitz!
-
-»Willst du einen ruhigen Gaul, Walter?«
-
-»Nein, im Gegenteil.«
-
-»Gut, du sollst die Moissi haben. Eine Rappstute, weißt du. Du bekommst
-den neuen Sattel, den mir Mama geschenkt hat.«
-
-»Hören Sie zu, Walter, das ist eine unerhörte Gnade.«
-
-O -- sie sagte wieder Walter!
-
-Ich spürte in diesem Augenblick den einzigartigen Duft von Ninas
-mädchenhaftem Körper. Ich sog ihn wissend und gekräftigt ein.
-
-Der Teufel wird mir an diesem Abend wenig anhaben können. Ich habe mein
-Match gewonnen und morgen reite ich Moissi.
-
- * * * * *
-
-Die Damen zogen sich bald nach dem Abendessen zurück.
-
-Wolfgang und ich, wir saßen noch eine Weile auf der Terrasse, fühlten
-eine angenehme Ermüdung in unsern Gliedern und tranken ein wenig _Black
-and White_ mit sehr viel Sodawasser gemischt.
-
-Wir sprachen nicht viel, sondern sahen zum reichbesternten Himmel empor
-und beobachteten die Sternschnuppen. Der Diener setzte einen Eiskühler
-neben den Tisch und verschwand.
-
-»Nina reitet gut,« sagte Wolfgang. »Ich werde ihr mal morgen den >Sekt<
-geben. Da kann sie was erleben.«
-
-Und dann, nach einer Weile:
-
-»Mama hat im vergangenen Jahr viel Sorge mit dem Stall gehabt. Weißt du,
-der Rotz ... Na, jetzt ist es vorbei ...«
-
-»So?«
-
-»Ja, jetzt sind sie wieder alle gesund. Einer ging ein. Na, meinetwegen,
-mir lag nichts an ihm. Ein Wallach.«
-
-Ein Knecht schritt mit einer Laterne durch den Garten. Wir sahen dem
-unruhigen Licht nach.
-
-»Komisch,« sagte Wolfgang plötzlich, »wir kennen uns erst seit sechs
-Tagen.«
-
-»Ja.«
-
-Eine Stille.
-
-»Du bist immer so hochmütig. Hast du was?«
-
-»Nein. Garnichts.«
-
-Eine Stille.
-
-»Du mußt in den Herbstferien herkommen und hier mit uns jagen.«
-
-»Danke. Ja.«
-
-Mir stieg ein Gedanke auf.
-
-»Jagt Nina auch?«
-
-»Ja, sie schießt sehr gut. Sie hat gar keine Angst.«
-
-»Wie schön.«
-
-Ich sah ein Bild vor mir: Nina mit dem unvergleichlichen Gang der
-Kosakenmädchen durch den Wald schreitend, die Büchse in der Hand, mit
-spähenden Augen und grausamen Lippen.
-
-»Wie schön,« wiederholte ich.
-
-Ein Stern glitt in mächtiger und graziöser Bewegung durch den
-erleuchteten Raum.
-
-»Hast du dir etwas gewünscht?« fragte Wolfgang.
-
-»Ja.«
-
-»Was denn?«
-
-»Mehr Whisky.«
-
-Wolfgang lachte und schenkte ein.
-
-»Na, Mama wird morgen Augen machen über unsere Sauferei. Prost!«
-
-»Prost!«
-
-Wir schwiegen lange.
-
-»Man muß das Leben mit gesunden Händen anfassen.«
-
-Wolfgang sah mich unsicher an. Dann sagte er verlegen:
-
-»Ja.«
-
-Wir beobachteten zwei Fledermäuse.
-
-»Was denkst du über die Frauen?« fragte ich.
-
-»Über welche Frauen?«
-
-»Ich meine ... fändest du etwas dabei, wenn Jungens wie wir ... ein
-Verhältnis haben?«
-
-»Nein ... ja, das heißt ... es kommt darauf an!«
-
-Wolfgang lachte ein wenig hilflos.
-
-Ich stand auf und bot ihm die Hand.
-
-»Wir sollten recht lange Zeit Freunde bleiben,« sagte ich sehr herzlich.
-
-Auch Wolfgang erhob sich. Er schüttelte meine Hand kräftig, und es lag
-in dieser Bewegung etwas eigentümlich Ritterliches.
-
-»Ja, das sollten wir wirklich,« erwiderte er in demselben Ton.
-
-»Gute Nacht, Wolfgang.«
-
-»Gute Nacht, Walter, -- und danke für alles.«
-
-Ich ging in mein Zimmer.
-
-
-
-
- 11
-
-
-Wir reiten zu dritt im abgekürzten Galopp -- von Hans Kietschmann
-gefolgt -- über eine jüngst gemähte Wiese, deren Heu naß und ohne Duft
-ist. Wir reiten Schulter an Schulter und achten streng darauf, daß die
-Linie eingehalten wird. Jeder von uns beschäftigt sich schweigend mit
-seinem Pferde, beobachtet den gebogenen Tierhals und übt auf jeden Druck
-den Gegendruck der Schenkel aus.
-
-Manchmal sehe ich zu Nina hin. Das feurige Haar lodert wie eine Flamme,
-wie ein Triumph unter dem schwarzen Hut hervor; die weißen Kinderzähne
-beißen auf die feuchte Unterlippe, die unbedeckten Hände erfassen die
-Zügel des unruhigen Pferdes mit freudiger Kraft. Unausgesetzt richtet
-Nina die verliebten Blicke auf den Kopf des Pferdes, das in großzügiger
-Bewegung galoppiert. Ich sehe mit Vergnügen, daß der schlanke Körper mit
-den säulenstarken hohen Beinen und der jugendlichen weichen Brust sich
-entzückt der Bewegung des schnaubenden und wiehernden Tieres hingibt und
-niemals die Verbindung mit ihm verliert.
-
-Es geschieht einige Male, daß Sekt sich nahe an meine Stute drängt und
-Ninas Fuß den meinen berührt.
-
-Hatte ich nicht die ganze Nacht von der einen Minute geträumt, in der
-Nina ihren Fuß auf meine Hand setzen würde, um das Pferd zu besteigen?
-Und war ich nicht, als sie es wirklich getan, verwirrt und mit pochendem
-Herzen davongestürzt?
-
-Sekts Gangart wird von Augenblick zu Augenblicke länger. Der Schimmel
-und seine Herrin freuen sich des wie unbegrenzten Raumes, der
-morgendlichen Luft und der würzigen Gerüche des Feldes.
-
-Ich sehe unsicher zu Wolfgang hin, der immerfort mit tiefer Stimme auf
-den Schimmel einspricht:
-
-»Ruhe! -- Sekt! -- Ruhe! -- Ohlala -- Ohlala!«
-
-Meine Moissi geht leichtfüßig mit. Wolfgangs nicht so belebtem Fuchs
-wird es schwer, die Linie einzuhalten.
-
-»Ruhe, Fräulein Nina!« sage auch ich jetzt. »Bitte abgekürzter Galopp!«
-
-Aber Nina hört nichts. Sie sieht verzückt, mit nassem, erregtem Munde
-und blinkenden Augen auf den Schimmel und beißt mit den weißen Zähnen
-auf die Lippe.
-
-»Gib auf die Sporen acht!«
-
-In diesem Augenblick tut Sekt, den irgend etwas erschreckt hat, einen
-kleinen Sprung, Nina kommt mit den Sporen an die Weichen, der Schimmel
-wirft den Kopf mit einer schmerzlichen Gebärde in die Höhe und geht
-durch.
-
-Moissi folgt sofort. Wolfgang und Hans Kietschmann bleiben zurück.
-
- * * * * *
-
-»So, Fräulein Nina ... jetzt Ruhe, nur Ruhe!«
-
-Die Pferde rasen über das Feld. Die Morgensonne erhebt sich
-gelbstrahlend über einem Hügel und blendet uns.
-
-»Rechte Kandare ziehen! ... Sekt, Ruhe!«
-
-Nina richtet das Tier mit allen Kräften nach rechts.
-
-Wenn ihr nur nichts geschieht! ... Nein, sie ist ruhig. Es geschieht ihr
-nichts.
-
-»Mehr rechts, immer mehr rechts! ... Fort vom Stall! ...«
-
-Sieh da, sie ist zufrieden, sie ist hingegeben dieser einzigartigen
-Geschwindigkeit, dieser goldenen Flucht durch den Morgendunst.
-
-»Noch mehr rechts! ... Bravo, Fräulein Nina! Noch mehr!«
-
-Wir beschreiben mit unserem Ritt eine Kurve.
-
-»Reitpeitsche fortwerfen!«
-
-Nina läßt die Peitsche fallen.
-
-Ich bekomme über meine Stute Gewalt, meine Knie und Schenkel sind
-unausgesetzt an den Sattel gepreßt. Ich drücke den Rappen an Nina heran.
-
-»Noch einmal nach rechts ... sehr gut! ... Noch einmal! ... Ah, er läßt
-nach ...«
-
-Ich beuge mich vor und greife in Ninas Zügel. Der Schimmel erschrickt,
-bäumt sich, -- ich packe den Halfter und der Schimmel steht.
-
-Nina lacht, ein nervöses, schreiendes, jubelndes Lachen.
-
-Ich steige von meinem Pferd, um Sekt liebkosend zu beruhigen. Ein
-unerklärlicher Gram erfaßt mich, ich spreche kein Wort, sehe Nina nicht
-an und bebe vor Schmerz und Zorn ...
-
-Wolfgang erreichte uns endlich. Er lacht.
-
-»Bravo Nina! -- Nichts geschehen?«
-
-Nina schüttelt den Kopf.
-
-»Ein schöner Unsinn, dieses Biest da mit Sporen reiten zu lassen!« sage
-ich scharf und böse.
-
-Wolfgang zieht ein beleidigtes Gesicht.
-
-»Nehmen Sie die Sporen ab!« herrsche ich Nina an, ohne hinaufzusehen.
-
-Wolfgang und Hans steigen von den Pferden.
-
-»O -- Sie sind zornig, Walter!« ruft Nina.
-
-Ich blicke auf. Ninas Augen lachen, aber sie ist blaß, sehr blaß, und
-ihre Lippen zittern nervös.
-
-»Nehmen Sie jetzt bitte die Sporen ab.«
-
-Hans befreit Nina von den Sporen und reitet zurück, um auf der Wiese die
-Reitpeitsche zu suchen. Ich stecke die Sporen in meine Tasche.
-
-Wir reiten im Schritt weiter und erreichen ein belichtetes Gehölz.
-Unsere Tiere sind ermüdet und zufrieden. Sie gehen in großen Schritten
-durch den Wald und spähen an den stolzen Fichtenstämmen stolz vorbei.
-Wir sind schweigsam und schlecht gelaunt.
-
-Mit einem Male streckt Nina die Hand nach mir hin. Da ich nicht in ihrer
-Nähe bin, fingert sie ungeduldig in der Luft herum. Ich nehme ihre Hand,
-beuge mich tief nach unten und küsse sie lange.
-
-Wie ich mich emporrichte, sehe ich, daß Nina mit lächelndem Antlitz und
-feuchten goldenen Wimpern nach der andern Seite blickt. Wolfgang ist
-blaß geworden und hält die Augen gesenkt. Hans reitet irgendwo
-hinterher.
-
-Wir erreichen, ohne ein Wort zu sprechen, nach einer Stunde den Gutshof.
-Die Pferde sind naß und wollen ihr Futter. Ich grüße Nina mit dem Hut
-und gehe ins Haus.
-
-
-
-
- 12
-
-
-Wir fuhren am Abend mit einem leichten Jagdwagen ins Gebirge. Frau
-Seyderhelm war im Schloß geblieben, da sie Besuch erwartete.
-
-Wir saßen auf der Terrasse eines vornehmen und einsam am Fluß gelegenen
-Hotels. Vor unseren Blicken zerflossen die kupferbraunen Abhänge und
-goldenen Bergeshäupter, die ein unaufhörlich gleitendes Licht belebte.
-
-Ich stand, noch ehe die Mahlzeit bereitet war, im Stalle bei den Pferden
-und sorgte dafür, daß sie ihr Futter bekamen. Mein Kopf war benommen,
-und meine Augen brannten. Den ganzen Tag in Ninas Kreise zu leben, den
-Hauch ihrer Lippen zu spüren, im Wagen ihren Knieen nahe zu sein und
-ihrem duftenden Haar, zu sehen, wie der Wind das helle, sich innig an
-den Körper schmiegende Sommerkleid berührte, und mit verwirrten Sinnen
-zu ahnen, vieles zu ahnen, -- ah, das alles war nicht ganz leicht zu
-ertragen.
-
-Ein Kellner meldete, das Essen sei angerichtet. Ich stieg die steinerne
-Treppe der Terrasse langsam hinauf. Die unaufhörlich wechselnden Farben
-des Abends quälten mich; ein drohendes Verhängnis war in dieser
-Bewegung, eine Unruhe ohnegleichen, eine süße und unsäglich schmerzliche
-Hast, eine Flucht und ein Jammer ohne Trost ...
-
-Als ich oben angelangt war, sah ich, wie Nina ihre Hand auf Wolfgangs
-Arm gelegt hatte. Sie schien ihn etwas zu fragen. Er beantwortete Ninas
-Frage, und sein Gesicht bekam den überaus liebenswürdigen und
-ritterlichen Zug, den ich an ihm liebte. Ein kindliches, verhaltenes
-Schluchzen stieg in mir empor.
-
-Ich setzte mich an den Tisch, Nina und Wolfgang sahen mich an.
-
-»Na Lieber? Wie gehts?« fragte Wolfgang.
-
-»Danke, die Pferde fressen.«
-
-Nina lachte und blickte fort.
-
-Ich wurde rot.
-
-Nina sprach in näselndem Ton von Trüffeln.
-
-»Sieh mal, Wolfgang, wie witzig, hier gibt es gefüllte Trüffel.
-Raffiniert -- nicht?«
-
-»Nina, du redest wie ein Kavallerieoffizier,« sagte Wolfgang, wandte mir
-sein Gesicht schräg zu und fragte in seinem kindlichen Ton:
-
-»Spricht sie nicht wie ein Gardekürassier?«
-
-Wir aßen danach Forellen. Nina verstand es gut, das zarte rosige Fleisch
-der Fische von den Gräten loszulösen. Die weißen, nun der Seele
-beraubten Tieraugen starrten ausdruckslos zu uns herauf. Nur um die
-Mäuler lag ein böser Zug, der von Todespein und letztem Kampf erzählte.
-
-Um die Zeit der späten Dämmerung trat ein Hirsch aus dem Wald des
-gegenüberliegenden Berges hervor, äugte mit einer kühnen Gebärde des
-Kopfes nach dem Hotel hin und trank aus dem Fluß.
-
-Der Geruch von Bergwasser und nassem Sand stieg zu uns empor. Allmählich
-entfaltete der dunkelnde Himmel die Schönheit der beginnenden Nacht vor
-unsern Augen. Die stolzen Gestirne wurden sichtbar; vor ihrer
-urweltlichen Starrheit wichen die wechselnden Farben des Abends besiegt
-zurück. Das Gebirge ward im funkelnden Schein groß und ehern.
-
-Wir standen nach beendetem Mahle auf und gingen über die hölzerne Brücke
-des Flusses dem andern Ufer zu. Die Nacht gab mir mitleidsvoll von ihrer
-Kühle und besänftigte mich wunderbar. Nina schien mir schöner denn je,
-aber ihre Schönheit war meinen Sinnen und meinem undeutlichen Verlangen
-entfernt. Sie ging mit ihrem weißen Sommerkleid wie durchsichtig durch
-die Nacht dahin. Auf ihren Schultern lag ein bläuliches Orenburger Tuch.
-Ihr Haar war unbedeckt und bewegte sich ein wenig im Nachtwind.
-
-Ein leises, sehnsüchtiges Tönen rief uns in den Wald. War es eine Flöte
-oder eines Mundes Klage? Wir folgten neugierig der oft entschwindenden
-und dann wieder genäherten Musik.
-
-Vor einem Bretterverschlag, dem Sammelplatz der Tiere, machten wir Halt.
-Wir sahen die Gestalt eines Mannes zwischen sternhellen Bäumen
-einhergehen, wir sahen ihn in seine Schürze greifen und -- einem Sämann
-gleich -- Eicheln und Kastanien mit einer weiten Bewegung seines Armes
-über den Waldboden streuen. Dazu pfiff er eine Melodie, eine kleine,
-sentimentale, unbeholfene und doch unendlich rührende, süße, zärtlich
-lockende Melodie. Nach einer Weile schien es, als bewege sich der Wald.
-Unhörbar, aber mit großzügigen Bewegungen und bei jedem Schritt ein
-wenig mit den Häuptern nickend, kamen wie aus einem dunkel gewebten
-Teppich Hirsche und Rehe aus der Nacht hervor, beugten sich zu Boden und
-näherten sich langsam dem lockenden Freund der Tiere. Allmählich
-entfernte sich der Mann, umdrängt von seinen zärtlichen Geschöpfen,
-ferner und ferner klang die Musik seines Mundes und löste sich endlich
-auf im Rauschen des Waldes.
-
- * * * * *
-
-Wolfgang eilte voraus, um mit Hans die Pferde anzuschirren. Es zeigten
-sich Wolken am Himmel.
-
-Ich ging mit Nina langsam den jäh erleuchteten Waldweg entlang. Nina
-hatte wieder ihren Schnupfen und führte das kleine Tuch oftmals an den
-Mund.
-
-»Walter.«
-
-»Ja.«
-
-»Wie alt sind Sie?«
-
-»Siebenzehn Jahre.«
-
-»Siebenzehn Jahre,« wiederholte Nina.
-
-Eine Stille.
-
-»Walter.«
-
-»Nina?«
-
-»Sie werden morgen fortreisen, -- nicht wahr?«
-
-Und da sie mein Gesicht sah, hob sie beschwörend die bittenden Hände
-empor und sagte in unvergleichlich rührendem Ton:
-
-»Walter, -- Sie sind _siebenzehn_ Jahre!«
-
-Ich hatte wieder solche Angst.
-
-Ich werde mich töten, dachte ich.
-
-Eine lange Stille.
-
-»Sie werden reisen, Walter?«
-
-»Ja.«
-
-»Danke.«
-
-Ich werde mich töten. Es wird noch diese Nacht geschehen.
-
- * * * * *
-
-Wir fuhren über Felder. Wolfgang kutschierte, wobei er manchmal einige
-Worte mit Hans wechselte. Ich saß mit Nina in der Break. Nina sprach
-viel und war nervös.
-
-Es erhob sich ein Wind und trieb große, von den Sternen erhellte Wolken
-über den Himmel. In der Ferne leuchteten Blitze.
-
-Nina klagte über den Sturm, der ihr Kopfschmerzen verursachte, und bat,
-man solle die Verschläge herunterlassen. Der Wagen hielt, die Pferde
-stampften ängstlich auf dem undeutlichen Feldwege, und Hans spannte die
-leinenen Gardinen auf.
-
-Wir waren nun von den andern durch eine Wand getrennt und sahen die Welt
-einzig durch die Öffnung über der Türe. Wir hörten von irgendwoher
-kleine Bäche rauschen, den Wind im Korn und in entfernten Wäldern
-blasen, und aufgescheuchte Enten, die schreiend nach irgend einem
-wohlgeborgenen Teiche zogen.
-
-»Sie frieren, Walter?«
-
-»Nein. Danke.«
-
-Nina hüllte sich fester in das weiche blaue Gewebe ihres Tuches.
-
-Ein Blitz zuckte.
-
-»Haben Sie den Hasen gesehen, Walter?«
-
-»Ja.«
-
-Wir fuhren über eine Brücke. Das Holz dröhnte.
-
-»Sie haben noch einen Vater, Walter?«
-
-»Ja.«
-
-»Wo ist er?«
-
-»In Skandinavien.«
-
-»Allein?«
-
-»Anny Döring ist bei ihm.«
-
-»Wie? -- Die Soubrette?«
-
-»Ja.«
-
-»Ach --!«
-
-Nina blickte mich verwundert und ängstlich an.
-
-Wie liebte sie in diesem Augenblick meinen Vater. O Nina, Nina!
-
-Ich sah lange Zeit hinaus und träumte. Ich fühlte, daß mich Nina
-unausgesetzt betrachtete. Später vergaß ich es.
-
-Eine Hand lag auf der Decke. Es war Ninas Hand.
-
-»Darf ich sie küssen?« fragte ich.
-
-Nina lachte mit einem hellen Ton. Es klang, als fiele ein kleiner
-silberner Hammer schnell auf Metall.
-
-Ich küßte die Hand und dachte dabei an den Förster, der durch den Wald
-ging und Eicheln über die Erde streute. Ich küßte keine lebendige Haut,
-sondern Wildleder, dänisches Wildleder. Ich küßte dieses Leder noch
-einige Male und ließ die Hand dann fahren. Ich empfand kein besonderes
-Vergnügen dabei und wunderte mich. Wahrscheinlich träumte ich dies alles
-nur, sonst wäre ich doch wohl anders gewesen. Ich hätte vielleicht
-geschrieen ...?
-
-Es begann langsam zu regnen. Ich streckte die Hand hinaus. Große warme
-Tropfen fielen hernieder.
-
-»Wir werden morgen nicht Tennis spielen können,« sagte ich schläfrig.
-
-»Ja,« erwiderte Nina verwundert.
-
-Ach so, ich reise ja morgen fort, dachte ich. Wie ungeschickt!
-
-Ich träumte fort, sah Steine, Wolken und Bäume vorbeieilen; oben sprach
-Wolfgang irgend etwas, was ich nicht verstand, und der Donner wurde
-stärker, immer stärker.
-
-Nein, ich werde morgen nicht fortreisen. Ich werde mich heute Abend
-töten.
-
-Schafe standen zusammengedrängt und fürchteten sich ... Sieh da, Schafe
-... »Und es waren Hirten in derselbigen Gegend auf dem Felde bei den
-Hürden, die hüteten des Nachts ihrer Herde. Und siehe, des Herrn Engel
-trat zu ihnen, und die Klarheit des Herren leuchtete um sie; und sie
-fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch
-nicht, siehe, ich verkündige euch große Freude ...« wie schön, -- siehe,
-ich verkünde euch große Freude! Mir war mit einem Male, als sei mein
-Körper durchströmt von gutem warmem Blut. Es war ja alles gar nicht so
-schlimm! Denn ich verkünde euch große Freude ...
-
-Da -- was war das? Eine bebende Hand griff nach meiner. Mein Traum
-zerriß -- --
-
-»Nina!«
-
-Ich schrie.
-
-»Sei still, um Gottes willen ...«
-
-»Hallo, was gibt's?« fragte Wolfgang.
-
-»Nichts. Ninas Haar im Wind ...«
-
-Ich riß Nina an mich, überflutete ihr Antlitz mit Küssen, umarmte ihre
-Kniee und biß in ihre Lippen und Hände ...
-
-»Laß ... Laß ... Du bist verrückt.«
-
-Sie stöhnte.
-
-Ich flehte unverhüllt mit meinen fiebernden Lippen auf ihren Lippen, auf
-ihren Händen, ihrem Haar, ihren Augen und ihrer jungen, jungen Brust ...
-
-O unerhörtes Glück des Aneinanderschmiegens, der verschlungenen Finger,
-der wirren, in die dunkle Luft hineingesprochenen Reden!
-
-Und dann dieses wunderbare, einzigartige Ermatten, diese tränenreiche,
-gütige Müdigkeit, ... dieses bekümmerte Suchen der Hände, ... und
-endlich diese Ruhe, diese tiefe, tiefe Ruhe! ...
-
-Wie wir einst so glücklich waren!
-
- * * * * *
-
-Um Mitternacht stürmten die gepeitschten nassen Pferde mit rasselndem
-Wagen in den Schloßhof. Frau Seyderhelm empfing uns in der Türe. Sie war
-ein wenig müde, aber freundlich und besorgt.
-
-
-
-
- 13
-
-
-Ich stellte mich an das Fenster meines Zimmers und sah hinaus. Blitze
-spalteten Eichen und Kiefern, und über Wälder und weite Ebenen rollten
-ihre Donner. Aus den Ställen brüllten und wieherten geängstigte Tiere,
-und Malatesta saß mit glühenden Augen in seiner Hütte vor meinem Fenster
-und heulte.
-
-Auch dies ging vorbei. Ein stetig und kühl strömender Regen spendete
-uns, den Fiebernden, Genesung. Gerüche von niegeahnter Kraft erfüllten
-die Luft, und die Tiere in den Ställen begannen ihren Schlaf. Zwei Uhr
-schlug die Glocke, aber der trübe Morgen war noch fern.
-
-Ich setzte mich an den Tisch. Ich wollte etwas Unerhörtes schreiben,
-aber ach, -- es wurden nur diese einfachen Zeilen:
-
- Ist es denn möglich, daß wir diese Nacht
- In einem Wagen über Felder fuhren?
- Hab' ich geträumt? Ich sah doch einen Wald!
- Eilten nicht Steine, Wolken, Bäume, Sterne
- An uns vorbei, und hast du später nicht
- -- So hab' ich _doch_ geträumt, -- und hast du nicht
- Mir abgewandten Blicks die Hand gereicht?
- ... Und küßte ich sie nicht?
- Ich habe nicht geträumt. Wir fuhren nachts
- In einem Wagen über weite Felder,
- Es eilten stille Wolken, Bäume, Sterne
- An uns vorbei ... Du gabst mir deine Hand ...
- ... Ich küßte sie ... So hab' ich _doch_ geträumt?
-
-Ich packte meinen Ranzen, nahm das Blatt, stieg zu Ninas Zimmer hinauf,
-öffnete die erste ihrer beiden Türen und legte mein Gedicht auf ihre
-Diele. Dann schlich ich mich hinunter.
-
-Ich trat auf den Hof, streichelte Malatesta und dachte: Frau Seyderhelm
-und Wolfgang ... ach, Frau Seyderhelm und Wolfgang!
-
-Ich wanderte die Straße hinab, bis sich im Osten der bewölkte Tag
-ankündete. Auf einem Hügel blieb ich stehen und sah die verlassene
-bleiche Landschaft unter mir. Eine Starenkette flog durch die gereinigte
-Luft des Morgenrots.
-
-Da schlug ich mit der Stirn auf einen Baum und stürzte nieder.
-
-
-
-
- Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München
-
- Karl Borromäus Heinrich
-
- Karl Asenkofer
-
- Geschichte einer Jugend
-
- Zweites Tausend
-
- Geheftet 3 Mark 50 Pf., geb. 5 Mark
-
- Süddeutsche Monatshefte, München: Wenn ich aber sagen sollte,
- welches erzählende Buch des letzten Jahres den stärksten und
- nachhaltigsten Eindruck auf mich gemacht hat, so müßte ich
- Karl Asenkofer von Karl Borromäus Heinrich nennen. Das ist
- mehr als Litteratur: jede Zeile ist erlebt, und was noch
- wichtiger, jedes Erlebnis ist behutsam aufbewahrt! noch hängt
- der ganze Flügelstaub an den leichten Schwingen. Ein Buch
- von packender Ehrlichkeit, die nichts hinzu tut, und so
- niemals den Eindruck des Beabsichtigten, Arrangierten
- aufkommen läßt. Die letzten Gymnasial-, die ersten
- Universitätsjahre sind kaum je so unmittelbar und überzeugend
- wahrhaftig dargestellt worden. Als Heldin steht von der ersten
- bis zur letzten Seite eine der ergreifendsten Muttergestalten
- da. Dies Buch ist so ausgezeichnet, daß man vor der
- Fortsetzung ganz Angst hat. Man möchte den Verfasser inständig
- bitten, mit dem zweiten Teile zu warten, bis er sich dem
- ersten an die Seite stellen kann: ja nicht zu früh, ja nicht
- zu viel über seine augenblicklichen Erlebnisse zu berichten,
- sondern in Gelassenheit und Demut geduldig zu warten, bis zum
- ersten meisterlichen Bande ein zweiter von selber in Stille
- und Sturm reif geworden ist. An dem Tag aber wollen wir uns
- mit ihm freuen, denn an dem Tag ist unsere Litteratur um ein
- bleibendes Werk reicher: um ein solches, das eine Generation
- weiter gibt an die andere.
-
-
- Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München
-
- Korfiz Holm
-
- Thomas Kerkhoven
-
- Roman
-
- Vierte Auflage
-
- Flexibel geb. 5 Mark, steif geb. 6 Mark
-
- »The Times«, London: »Thomas Kerkhoven« belongs almost to the
- rank of classics like »Tom Jones« or »David Copperfield« or
- »Pendennis«.
-
- Rudolf Herzog in den »Neuesten Nachrichten«, Berlin: Sicher
- ist, daß dieses Werk den besten Büchern beizuzählen ist, die
- in den letzten Jahren erschienen sind.
-
- Wilhelm Hegeler im »Litterarischen Echo«, Berlin: Auf jeder
- Seite ist das Buch voll sprühender Lebendigkeit, von müheloser
- Anschaulichkeit, amüsant und glänzend von Anfang bis zu Ende.
-
- »Münchener Neueste Nachrichten«: Es wird seinen Weg machen;
- denn es ist wert, den besten Dichtungen unserer Zeit an die
- Seite gestellt zu werden.
-
- »Berner Bund«: Ganz »verflixt gut geschrieben« ist es, mit
- einer geradezu bewunderungswürdigen Sicherheit in der Technik.
-
-
- Druck von Hesse & Becker in Leipzig
-
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert.
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Wie wir einst so glücklich waren!, by
-Wilhelm Speyer
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WIE WIR EINST SO GLÜCKLICH WAREN! ***
-
-***** This file should be named 59186-8.txt or 59186-8.zip *****
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+Project Gutenberg's Wie wir einst so glücklich waren!, by Wilhelm Speyer + +This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and +most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions +whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms +of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at +www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll +have to check the laws of the country where you are located before using +this ebook. + + + +Title: Wie wir einst so glücklich waren! + +Author: Wilhelm Speyer + +Release Date: April 1, 2019 [EBook #59186] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WIE WIR EINST SO GLÜCKLICH WAREN! *** + + + + +Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This file was +produced from images generously made available by The +Internet Archive. + + + + + + + Wie wir einst + so glücklich waren! + + + Von Willy Speyer erschien bei Bruno + Cassirer, Berlin 1907: + + Ödipus, Roman + + + + + Wie wir einst + so glücklich waren! + + + Novelle + von + Willy Speyer + + + Albert Langen + Verlag für Litteratur und Kunst + München + + + + + 1 + + +Auf meinem Lande ist es Herbst geworden. Ungefähr um drei Uhr morgens +beginnt ein kalter Regen nieder zu gehen, der erst um fünf Uhr +nachmittags aufhört. Zur Vesperzeit kommt plötzlich und kampflos die +Sonne hervor; ein leichtes Blau webt mit einem Male in den herbstlichen +Bäumen, deren genäßte Blätter von der Sonne farbenreich durchleuchtet +werden. Am Spätabend ziehen über die feuchte Erde Nebel dahin, die des +Nachts die verblassenden, leise rauschenden Wälder umfangen. Auf diesen +Nebeln ruht zuweilen Mond- und Sternenlicht; goldene und silberne Wolken +fließen unaufhörlich durch das Dunkel dahin, bis es zu einem nassen und +schleichenden Morgen tagt. + +Es ist seltsam zu sagen: Ich ziehe den Regen meinen anmutigen +Herbstabenden vor. Während des ganzen Tages bleiben meine Fenster fest +geschlossen, und ich finde ein Vergnügen darin, stundenlang im Zimmer +auf und ab zu gehen, mit der Papierschere zu spielen, meine und meines +Vaters Tagebücher zu lesen und immer wieder in hundertfachen Pausen dem +Regen, dem grausamen, dem gänzlich hoffnungslosen zuzusehen. Keine +Stimme redet zu mir aus dem strömenden Wasser, wie es bisweilen den +Dichtern geschieht, und belustigt mich durch ihre Geschichten, -- +vielleicht durch kleine rührende Märchen, die meine Brust mit süßen +Hoffnungen erfüllen könnten und dann ganz trostlos endigen, ... o nein, +was mich unwiderstehlich zu dem erbarmungslosen Freunde dieser Tage +hinzieht, ist nichts anderes als die nackte, von jeder Kunst entblößte +Trauer und ihr schwermütiges Gefolge. + +Es gibt Tage, wo der Regen auch vor der Vesperstunde nicht Halt macht, +sondern in die finstere Nacht hineinrauscht und nimmer ruhen mag. Dann +kommt die Zeit meiner tiefsten Ängste, und es erfassen mich Gefühle, die +ich längst vergessen wähnte: Meine vollkommene, durch keine Gunst des +Schicksals je gestörte Vereinsamung, meine frevelhafte, durch keinen +leuchtenden Gedanken je geweihte Eigenmächtigkeit und meine tödliche, +tödliche Sehnsucht. + + * * * * * + +Es ist wahr, ich bin grenzenlos einsam. Daß ich dies erst jetzt fühle, +bereitet mir eine gewisse Genugtuung, zumal wenn ich daran denke, daß es +Menschen gibt, die Tag für Tag an ihrer Einsamkeit leiden. + +Aber nun, hier auf meinem Landsitz, ist es eingetreten, daß ich in den +Regen schaue, eine ganze Weile, geruhig, mit einer leichten Traurigkeit +im Herzen, und dann plötzlich der Gedanke mich zu Boden schmettert, daß +es auf der ganzen Welt keine einzige Seele gibt, die mir am Tage oder in +der dunklen Nacht je vertraut wäre. + +O, ich weiß, daß viele Menschen ebenso wie ich zu sprechen pflegen, -- +aber bedenken diese auch, daß sie noch von der Kindheit her eine alte, +gebrechliche Haushälterin besitzen, die sie rührend eifrig bedient und +mit mürrischer Zärtlichkeit an ihnen hängt, oder einen Hund, einen +kranken vielleicht, der mit guten, getrübten Augen zu ihnen emporsieht? +Aber ich, ich kann nicht einmal solche Geschöpfe, die Geschöpfe des +unteren Daseins, mein Eigen nennen. Meine Haushälterin versieht ihren +Dienst mit gleichgültiger Sorgfalt, und die Hunde des Gutes lieben +meinen Inspektor, nicht mich. + +Ich habe freilich mit vielen Männern Handschlag und freundlichen Blick +gewechselt, habe Umarmungen und Küsse mit manchen Frauen getauscht und +bin in vieler Herren Dienst gestanden, -- was blieb mir von alledem? Das +Herz des Söldners, seine ruchlose Einsamkeit und seine undeutliche +Erinnerung. Denn meinem Geist sind alle Geschehnisse zerronnen, wie der +Regen zerrinnt auf den Schieferdächern meiner Scheunen. + + * * * * * + +Ich stehe ein wenig abseits vom Sinn und Gefüge der Natur, das sei +zugestanden, auch trage ich eine spöttische Unbekümmertheit um ihren +Gang zur Schau. Ich befinde mich außerhalb der Kreise, die von der Natur +um die Dinge dieser Welt, um Menschen, Tiere, Blumen, ja, um die starre +Öde des Gesteins gezogen ward und -- ich will es nur aussprechen -- ich +befinde mich dort nicht allzu wohl. Ich fühle mich ausgeschlossen von +der mütterlichen Güte der Natur, die selbst dann meine tiefste Sehnsucht +erweckt, wenn sie den andern nur grausam und sinnlos erscheint. Ich zöge +es vor, als ihr niedrigster Knecht in Ketten zu schmachten, als, ach -- +so frei zu sein, wie ich bin ... + + * * * * * + +Ich gehe an meine Bibliothek und nehme die römischen Elegien heraus. In +dem Kupferstich auf der ersten Seite finde ich die Worte: »Wie wir einst +so glücklich waren.« + +Ich lese es und habe Tränen in meinen Augen. + + »Wie wir einst so glücklich waren, + Müssen's nun durch Euch erfahren.« + +Es war auf einem deutschen Rittergut im Sommer, in einem Sommer voll +gesegneter Tage; das Getreide stand hoch, vortreffliches Heu lag auf den +Wiesen; der Himmel war am Morgen blau, mit einer glasigen Mondsichel +über den Scheunen, und nachts leuchteten viel Sterne wie aus einem +dunkeln, reichen und kostbaren Stoff. Ich liebte dort alle Menschen und +ich betete mit einer jungglühenden Leidenschaft eine gewisse Dame an, -- +vielleicht war es ein Taugenichts von einer Dame. O, ich habe dies alles +nie vergessen, ich entsinne mich sehr gut. Ich will diese Geschichte +aufschreiben und sie dann einem Mädchen vorlesen, das irgendwo in der +Welt lebt, einem schlanken Mädchen etwa von blondem Haar und weißen, +milden Händen, und dieser Gedanke hat etwas unendlich Beruhigendes für +mich. Ich erinnere mich dabei an gewisse Abendspaziergänge über die +sanften Felder eines deutschen Rittergutes, an gewisse zärtliche und +gütige Nächte und an die verworrenen Laute eines Fuhrmannes, der in der +Dunkelheit den Hof erreichte und seine Pferde beim Schein der Laterne +aus der Deichsel führte. + + + + + 2 + + +Ich schauderte, als ich zum ersten Mal mit einem Wagen durch die Straßen +dieser Stadt fuhr, in der ich die zwei letzten Jahre meiner Schulzeit +verbringen sollte. Von den häßlichen, kalkig-weißen oder gelben +Mietshäusern, die mit dem läppischen Stuck einer nur auf die +Nützlichkeit gerichteten Baukunst verziert waren, wandte sich der +gekränkte Blick zu modischen Villen, die mitten in Arbeitervierteln +durch ihren Prunk aufgeblasen, durch ihre ärmliche Umgebung +unschicklich, ja frech erscheinen mußten. Ein verachteter, oftmals +bespöttelter Fluß, das Zerrbild eines Flusses, führte sein dünnes, +unruhiges und stets getrübtes Wasser durch das Weichbild der Stadt. In +den lichtlosen Gassen aber duckten sich zuweilen jahrhundertalte +ängstliche Giebelhäuser, die einer seelenvollen und klaräugigen +Vergangenheit entstammten. + +Der Knabe hatte seine erste Jugend auf einer Landschule zugebracht und +war dort von erfahrenen Männern zusammen mit einer Schar unermüdlicher +und redlicher Jungen erzogen worden. Nun stand er, einem begründeten +Wunsche seines Vaters folgend, allein in dieser Stadt, ohne daß ihn +irgend ein freundliches Gefühl an ihre Menschen gebunden hätte, dazu von +einer auf dem Lande erlernten und geübten Sittlichkeit beschwert, die +den Verkehr mit den leichtgesinnten Bewohnern der Städte verbot. So +verschloß er sich nicht ohne einen gewissen Starrsinn den Freuden der +Geselligkeit, gedachte mit Trauer der vergangenen Zeit und fand ein +großes Gefallen daran, den alten Freunden in langen Briefen seine +augenblickliche Lage mit den trostlosesten Worten zu schildern. Seine +Stimmung ward durch den Umstand nicht verbessert, daß der Vater ihm +Geldmittel von bedeutender Höhe zur Verfügung stellte, die weder dem +Alter noch dem Verdienst des Sohnes ziemten. + +Er verachtete mit zusammengepreßten Lippen und immer strengen Zügen die +Lehrer und Schulkameraden des Gymnasiums und sprach mit keinem von ihnen +mehr, als die Stunde verlangte. Ihre unerzogenen Körper und die +schlechte Artung ihrer Seelen erschreckten ihn auf das heftigste und +stießen ihn ab. Er, nur er allein war edlen, bis zu den Sternen +erhobenen Geistes und nur er besaß die Schönheit schnellbewegter +Glieder. Wer von ihnen erfaßte mit so reger Seele die donnernden +Strophen engländischer Königsdramen, die knabenhaften und verwegenen +Reden eines jungen Prinzen vor der Versammlung von Lancasterschen +Herzögen oder den aufrührerischen Hohn der französischen Herolde? Wer +ward beseligt durch das tönende Gold der achäischen Panzer, durch den +silbernen Hufschlag der streitenden, leichtberittenen Götter und durch +das blaue, blaue Griechenland? + +Wie sehnte sich der bislang an Freiheit gewöhnte Knabe nach den +Nachmittagen, die ihm durch keinen Zwang verfinstert waren! Ich denke +besonders an gewisse regnerische Nachmittage des Herbstes. In einen +trotzigen, der Kleidersitte widersprechenden Überwurf gehüllt, eine +phantastische Mütze tief in das Gesicht gezogen, mit hohen schweren +Stiefeln bekleidet, verließ er seine Wohnung und wanderte zum Stadttor +hinaus. Bald gelangte er an den armseligen, im Regen blinden Fluß, an +dessen Ufer er durch Weidengebüsch und dürftige Birkenwäldchen geradeaus +schritt, um endlich die ersehnten Felder, die trüben, häßlichen und doch +geliebten zu erreichen. Peitschte ihm der Sturm das Wasser in das +emporgerichtete Antlitz, dann fühlte er, wie das heiß ersehnte und +angebetete Leben seiner einsamen Brust günstig genähert war. Er warf die +Kleider von sich, breitete den schützenden Mantel über sie und badete im +kalten Fluß, während der Himmel seine frischen Regenstrahlen +herniedersandte; vor Frost zitternd schwang er sich vielleicht auf einen +Baum, um von dort in einer großartigeren als der gewöhnlichen Stellung +Cassius in den verhängten Himmel zu heulen: + + Und so umgürtet, Casca, wie ich bin, + Hab ich die Brust dem Donnerkeil entblößt, + +um endlich mit geschundenem Körper, blau und naß in die Kleider zu +steigen und gedrückt, traurig und fast ein wenig weinerlich über die +eigene Narrheit im dunkelnden Nachmittag seinem Hause zuzuwandeln. In +seinem Zimmer fand er dann bereits die Dämmerung vor, die vom +Laternenschein am Fenster in zerrissenen Stücken erhellt war. Während +vom unteren Stockwerk eine musikstudierende junge Dame ihre +gleichmäßigen und süßen Variationen und Fugen erklingen ließ, schickte +er sich an, den Tee zu bereiten und die Pfeife in Gang zu bringen. Von +wundervollen Gefühlen überschlichen ließ er sich in einen Sessel nieder, +eine angenehme Wärme durchströmte seinen Körper und seine Augenlider +wurden schwer von Träumen. Aber sein der Wirklichkeit ebenso +leidenschaftlich wie der Phantasie zugetaner Sinn richtete ihn bald aus +seinen Träumen empor. Er setzte sich an den Schreibtisch, schlug seine +Schulbücher auf und arbeitete, ohne seinen Gedanken eine Ablenkung zu +gestatten, ernst und streng bis zum Abend. + + + + + 3 + + +Die letzte Unterrichtsstunde vor den großen Ferien war beendet. +Plötzlich, ja scheinbar ganz ohne Zusammenhang begann man ungeheuer laut +und angeregt zu reden, man lachte, sah einander in die Augen, schüttelte +sich die Hände, und ein jeder wünschte dem andern in weitschallenden und +überaus herzlichen Zurufen einen fröhlichen Sommer. + +Ich stand wie immer abseits. Mir ward bei all dieser Freude, die wie ein +heller Strom an mir vorbeifloß, ein wenig bedenklich zumute. + +Ich nahm zerstreut meinen Strohhut vom Kleiderriegel und betrachtete mit +Interesse meine Stiefelspitzen. + +>Jawohl,< dachte ich, >ich kann mir gut heute Nachmittag ein Paar neue +Schuhe kaufen. Morgen reise ich ja fort. Wohin eigentlich? In meine +Heimat? Zu meinem Vater? Er kreuzt mit seiner Jacht auf den nordischen +Gewässern in Begleitung der schönen Anny Döring, und er hatte in seinem +letzten Brief die Einladung für mich wohl vergessen, ... eigentlich +hatte er einen ausgezeichneten Brief geschrieben, einen höflichen, +zurückhaltenden und etwas frivolen Brief, und beigefügt war eine +Bankanweisung von erstaunlicher Höhe. Jawohl, so war mein Vater. +Übrigens war er ein vortrefflicher Herr.< + +Ich schickte mich an, den leeren Schulkorridor zu verlassen, als ein +blonder, vornehm gekleideter Knabe auf mich zutrat. + +Da er mein abweisendes Gesicht bemerkte, blieb er zögernd stehen und +senkte die Augen. Darauf glitt ein Lächeln von großer Anmut über sein +Antlitz, gleich als sei er über die eigene Schüchternheit belustigt. + +»Meine Mutter und ich, wir würden uns sehr freuen, ... das heißt, wenn +du Lust hast ...« + +Eine Stille. + +»Ich verstehe nicht, -- wie?« + +Der Knabe schlug sich mit der flachen Hand auf den Schenkel und begann +sehr herzlich und sehr laut zu lachen. + +»Zum Teufel, das war eine prachtvolle Einleitung!« + +Er legte ungezwungen und weltmännisch seine Hand auf meinen Arm. + +»Lieber Regnitz, man gibt heute nachmittag bei uns eine Gesellschaft. Es +wird vermutlich ganz witzig werden ... Jungens und Mädchen ... +Schokolade, Tanz und so ... Meine Mutter liebt das sehr, ... willst du +uns das Vergnügen machen?« + +Ich sah den Jungen erstaunt an; er gefiel mir außerordentlich. Aber ich +hatte es mir bislang in solchem Maße zur Pflicht gemacht, die +Schulkameraden abweisend und hochmütig zu behandeln, daß ich auch jetzt +nicht vermochte, mein gewöhnliches Betragen mit einem freundlicheren zu +vertauschen. + +»Du bist sehr liebenswürdig ... Entschuldige mich, ich habe deinen Namen +vergessen.« + +»Ich heiße Wolfgang Seyderhelm.« + +»Ich danke dir sehr für deine Einladung, Wolfgang Seyderhelm. Leider ist +es mir nicht möglich, sie anzunehmen, da ich heute bereits eingeladen +bin.« + +Wolfgang Seyderhelm wurde etwas rot. + +»Sehr schade,« sagte er. + +Er steckte eine Hand in die Hosentasche und wies mit der andern höflich +auf die Schultreppe: + +»Wir haben denselben Weg.« + +Wir gingen die Stufen hinunter. + +»Dein Bruder war Militärattaché in Athen, nicht wahr?« fragte Wolfgang. +»Meine Mutter glaubt, ihn dort kennen gelernt zu haben.« + +»Jawohl, er war Militärattaché in Athen.« + +Ich sah zur Seite. + +»Was ist's mit ihm?« fragte Seyderhelm, der mich beobachtete. + +»Er fiel in Südwest gegen die verdammten Schwarzen.« + +»Oh.« + +Vor dem Schulgebäude stand ein leichtgefügter eleganter Wagen mit zwei +lebhaften Apfelschimmeln. Eine junge Dame saß darin; sie trug einen +silbergrauen Schleier, der den weichen großen Hut an den Seiten +niederbog und auf der Brust zu einem Knoten verschlungen war. Ihre +schmalen Hände waren mit dänischem Leder bekleidet, und ihre von den +Wimpern tief beschatteten Augen sahen etwas mokant zu Wolfgang hin. + +»Ah, der Wagen!« sagte Wolfgang Seyderhelm, der zögernd stehen blieb. + +»Ah, deine Schwester!« sagte ich beklommen. + +»Nein, nicht meine Schwester.« + +»Nicht deine Schwester?« + +»Eine junge Dame unserer Bekanntschaft. Adieu, Walter Regnitz.« + +Wolfgang Seyderhelm grüßte. Ich dankte nicht, sondern sah auf den Wagen. +Der Kutscher legte die Hand an den Hut, Wolfgang sprach lächelnd einige +Worte, warf seine Schulmappe auf den Bock und stieg ein. Die Schimmel +zogen an und das Gefährt bog im Augenblicke um die Ecke ... + +Ich eilte in den heftigsten Gedanken nach Haus. + + + + + 4 + + +An diesem Nachmittag ging ich nicht spazieren. Ich schritt unruhig in +meinem Zimmer auf und ab. Ich hatte weder Lust zu arbeiten noch zu +lesen. Immer wieder kam mir Wolfgang Seyderhelms Einladung in den Sinn. +Und mit einem Male trat aus der Wirrnis widerstreitender Gefühle ein +leuchtender Gedanke hervor: Die Sehnsucht nach Gesprächen, nach +scherzhafter Rede und Gegenrede, nach Tanz und Schokolade und nach einer +gewissen jungen Dame mit einem silbergrauen Schleier und mokanten, von +den langen Wimpern tief beschatteten Augen. + +Ohne Zögern kleidete ich mich um, lief zum Schuldiener und ließ mir +Wolfgang Seyderhelms Adresse sagen. Bald fand ich mich abseits der Stadt +vor einer großen, mitten in einem Park gelegenen Villa. Ich schellte, +ward vom Diener ohne Verwunderung empfangen, durcheilte einige +hellerleuchtete Gemächer und stand endlich im Eßzimmer. + +Eine stattliche Anzahl von Knaben und Mädchen, unter ihnen einige +Erwachsene, saßen an drei runden Tischen, vollführten den heitersten +Lärm, und tranken mit großem Appetit Schokolade, wozu sie ungeheuer viel +Kuchen aßen. Ich blieb befangen stehen und suchte Wolfgang Seyderhelm. +Die Herrschaften verstummten allmählich, man begann mich zu bemerken. Da +sah ich am Ende des letzten Tisches Wolfgang sich erheben, der mich +verwundert anstarrte. Von einem andern Tisch her rief eine Dame: + +»Nun, Wolfgang, willst du nicht deinen Gast begrüßen?« + +Über Wolfgang Seyderhelms Gesicht glitt ein Zug von unendlicher +Liebenswürdigkeit und fast frauenhafter Güte. Schnell kam er auf mich +zu: + +»Wie lieb, daß du kommst!« + +Ich erwiderte kein Wort, drückte aber stürmisch und begeistert seine +Hand. Er faßte mich am Arm und führte mich zu der Dame, die ihm vorhin +zugerufen hatte. Glücklicherweise begann man an den Tischen sich wieder +zu unterhalten. + +»Dies hier ist mein Schulkamerad Walter Regnitz.« + +Die Mutter, eine noch junge Frau von schlankem Wuchs, heiteren +italienischen Augen und hoher reiner Stirne begrüßte mich lebhaft. + +»Es freut mich sehr, daß Sie gekommen sind. Wolfgang hat mir viel von +Ihnen erzählt.« + +Wolfgang errötete. + +»Ich denke, Herr Regnitz, Sie setzen sich neben mich. Hier ist noch ein +Stuhl frei.« + +Ich saß und fühlte meinen Sinn ein wenig umnebelt. + +»Sind Sie verwandt mit einem Herrn Regnitz, der vor zwei Jahren in Athen +Attaché war?« + +»Das war mein Bruder, gnädige Frau.« + +»Nicht möglich! ... Ihr Bruder ...!« + +Und sie sprach von meinem Bruder, den sie in Athen vor zwei Jahren +kennen gelernt hatte. + +»Eigentümlich, wie Sie sich Schokolade eingießen!« klang eine singende +Stimme neben mir, während ich mich mit Frau Seyderhelm über meinen +Bruder unterhielt, der in Athen vor zwei Jahren Attaché gewesen war. Ich +wandte mich nicht um und konnte nicht erkennen, woher diese Stimme kam +und ob sie mir galt. Ich sah viele Gesichter, darunter das von Wolfgang +Seyderhelm, dessen Blick sich stets abwandte, sobald er den meinen traf. +Ich empfand es sehr wohltuend, daß ich mich vorhin beim Eintreten nicht +allzu ungeschickt benommen hatte und nun in ungezwungenem Tone mit +Wolfgangs Mutter redete. + +»Wo ist Ihr Herr Bruder jetzt?« + +»Er ist im Kampf gegen die Neger gefallen.« + +»Oh wie traurig! Als Offizier?« + +»Jawohl, als Offizier.« + +»Eigentümlich, wie Sie sich Schokolade eingießen!« sang irgendwo eine +Stimme. + +»Und Sie sind hier in unsere Stadt gekommen, um das Abiturium zu +machen?« + +»Jawohl, ich war jahrelang auf dem Lande, nun will ich hier das +Abiturium machen.« + +»Wolfgang erzählt, Sie seien sehr fleißig.« + +»Ich will mit der Schule schnell zu Ende kommen.« + +»So --?« + +Frau Seyderhelm wandte den Kopf nach einer anderen Richtung, da sie von +dort gerufen wurde. Nun konnte auch ich mich umsehen. + +Neben mir saß eine junge Dame, die auf ihrem hellblauen Kleid +Schokoladenflecke mit der Serviette abrieb. Diese junge Dame hatte +golden schimmernde, von den Wimpern tiefbeschattete Augen, +kastanienbraunes Haar, einen spöttisch verzogenen Mund und lange schmale +Finger, die auf irgendeine Art an die Kälte des Winters erinnerten, an +Elfenbein und an die Heiligtümer indischer Völker. + + + + + 5 + + +Ich schwieg beklommen, seufzte tief auf und gewann endlich den Mut zu +fragen: »Habe ich Ihr Kleid ...? Das heißt, bin ich daran schuld, daß +Sie ...?« + +Die junge Dame antwortete nicht, sondern reinigte emsig mit einer +kleinen Serviette, die sie in warmes Wasser getaucht hatte, ihr +hellblaues Kleid. + +»Ich meinte nur ...« sagte ich ratlos. + +Da hob die junge Dame den Kopf in die Höhe, sah mir in die Augen, wobei +sie sich ein wenig zur Seite neigte, und begann eine Tonreihe von +silberhellem Klang zu lachen mit listigen, schmalen Augen, mit offenem +Munde und vielen weißen Zähnen. + +»Nein, _zu_ dumm! Sie haben eine Art, sich Schokolade einzugießen! Sehen +Sie, man macht es nicht so --« + +Sie nahm eine Porzellankanne und ließ den Strahl von solcher Höhe in die +Tasse fallen, daß alles um sie herum erschrocken und lachend zurückwich. + +»-- sondern so.« + +Sie verkleinerte den Strahl und ließ ihn manierlich fließen. + +Ich ward einem Sturm des Gelächters preisgegeben. Ein geistlicher Herr, +der an einem andern Tisch seinen Platz gefunden hatte, beugte sich mit +fröhlichem Augenblinzeln zur Seite und begann so herzlich zu lachen, daß +er sein Taschentuch hervorziehen mußte. Einige Backfische kicherten und +flüsterten, ein paar Jungens brüllten. Ja, die junge Dame mir zur Seite +schien ein Tausendsassa zu sein, die eine ganze Gesellschaft mit ihren +Späßen zu erheitern vermochte. + +Ehe ich noch etwas erwidern konnte, wurden die Stühle mit großem Lärm +gerückt und man erhob sich. Die junge Dame tat mit der Hand noch schnell +eine sonderbare Geste, die ich mir nur so deuten konnte: »Ein dummer +Junge, nicht wahr?« Darauf hatte sie plötzlich, als sie von ihrem Stuhl +aufstand, ernste und unbewegliche Züge. Die strengen Linien ihrer +goldfarbenen Augenbrauen und Wimpern, der kunstvolle geschlossene Aufbau +ihres kastanienbraunen Haares beherrschten mit einem Male das Antlitz. +Die herabhängenden Arme waren eng an das Kleid gehalten und die Hände +lagen wie erstarrt in den Falten. + +Wolfgang Seyderhelm trat auf mich zu und bot mir sehr herzlich die Hand. +Ich bemerkte, daß er enganliegende graue Hosen trug, Lackstiefel, ein +Jackett, ähnlich wie es die englischen Midshipmen zu tragen pflegen, und +einen umgebogenen Kragen, der seinen braunen Hals freiließ. Er schien +stolz und glücklich zu sein und hatte das Aussehen und Betragen eines +jungen Engländers und Weltmannes. + +»Hast du dich mit deiner Tischnachbarin unterhalten?« fragte er. + +»Du meinst, mit deiner Mutter?« + +»Nein, ich meine mit dieser jungen Dame dort.« + +Er zeigte in den Salon. + +»Kaum. -- Wie heißt sie?« + +»Nina.« + +Ich mußte plötzlich an die Schneeberge und Weintrauben Kaukasiens +denken, an die reine Stirne und den unvergleichlichen Gang der +Kosakenmädchen. + +»Was ist's mit ihr?« fragte ich. + +»Sie ist Schauspielerin am Stadttheater. Eine Protegé meiner Mutter.« + +»Wie alt?« + +»Achtzehn.« + +Ich sah, daß man im Speisezimmer die Stühle an die Wand schob und den +Teppich aufrollte. Ich blickte zerstreut an den Gobelins hinauf, deren +streitende Helden sich in übermenschlichen Triumphen und Schmerzen +gegenüberstanden. Wolfgang sprach noch, aber ich verstand nicht, was er +eigentlich sagte. So, so ... so ... sie hieß Nina, ... welch ein süßer +Gleichklang in ihrem Namen, ... welch ein Duft von ihrem Haar, ... ich +begann Kopfschmerzen zu bekommen, ... wie zärtlich Wolfgang zu ihr +hinblickte ... + +»Du liebst sie ja!« sagte ich laut und wußte nicht, ob ich wirklich +gesprochen hatte. + +Wolfgangs Antlitz sah plötzlich aus wie überströmt von Blut. + +»Was sagst du?« + +Frau Seyderhelm stand neben uns und unterhielt sich mit dem geistlichen +Herrn. Frau Seyderhelm stand sehr gerade da, sprach achtungsvoll, mit +verbindlich zur Seite geneigtem Haupt, gebrauchte sehr oft die Anrede: +Herr Pastor und hatte zu gleicher Zeit ein etwas mitleidiges Lächeln um +den Mund, da der geistliche Herr verlegen war und nicht ganz +ungezwungene Bewegungen zeigte. + +»Und morgen gehen Sie auf ihr Rittergut, meine liebe gnädige Frau?« +fragte der geistliche Herr. + +»Ja, stellen Sie sich vor, Herr Pastor, -- dieser Trubel! Alle Koffer +sind schon gepackt ... es ist ja immer wie ein Umzug! ... Aber Wolfgang +tut das Landleben so wohl ...!« + +Frau Seyderhelm strich mit der Hand über ihr schwarzes Haar. + +»Nina geht diesmal auch mit,« sagte sie, lächelte dem Pastor sehr +liebenswürdig zu und schritt ins Nebenzimmer. + +»Wie schön von dir, daß du mich eingeladen hast,« sagte ich zu Wolfgang, +wurde ganz heiß vor Begeisterung und ging weg. + +Eine Dame mit einem ungeheuren Hut betrat den Empfangsraum, ruderte +durch die Luft auf Frau Seyderhelm zu, erfüllte das Gemach mit ihren +Begrüßungen, ihren schnellen Handbewegungen, ihrer Rührung über die +frohe Schar, legte die Arme auf Frau Seyderhelms Schultern, küßte ihr +jede Wange und sagte oftmals: »Meine liebe Lina.« Sie wurde von den +Jungen mit ehrfürchtigen und ungeschickten Verbeugungen gegrüßt, von +Wolfgang empfing sie einen Handkuß und von zwei Mädchen, vermutlich +ihren Töchtern, sehr rasche und oberflächliche Umarmungen. + +Ein junger Herr, ein Student, wie man annehmen durfte, ging quer durch +den Raum, trug mit steifem Arm die Öffnung seines Zylinderhutes nach +Außen in der mit braunem Glacé bekleideten Hand, erschreckte jedermann +durch seine ruckartigen Verbeugungen, saß kurze Zeit darauf von einer +lauten Gesellschaft umgeben an einem Tisch und versuchte sich in einem +Kunststück mit zwei Gläsern, einer Teetasse und einem silbernen Löffel. + + * * * * * + +Eine Dame in einem schwarzen, bis an den Hals geschlossenen Kleide, die +blaß und hübsch war und hungrige graue Augen hatte, wahrscheinlich die +Gesellschaftsdame irgend eines der jungen Mädchen, ließ sich am Flügel +nieder und begann einen Walzer zu spielen. Die Mädchen bekamen rote +Köpfe und setzten sich ziemlich nervös auf die Stühle an der Wand. Die +Knaben standen in den Türrahmen, ordneten ihre Krawatten, ihre +Schuhbänder, ihre Frisuren und bemühten sich sorglos auszusehen. + +Irgendeiner von ihnen, ein kecker Bursche, der den Teufel nach Rotwerden +und Schüchternsein fragte, forderte als erster eines der Mädchen auf. +Andere folgten. Wolfgang trat von irgendwoher auf Nina zu, lächelte, +ohne sich zu verbeugen, und zog sie mit sich fort. Die Jungen tanzten +mit vielen Sprüngen und Witzen, schlugen die Beine nach hinten aus, so +daß man ihre Stiefelsohlen zu sehen bekam, und hielten ihre Tänzerinnen +mit steifen Armen, da sie die Berührung des Fleisches fürchteten. Die +Mädchen bewegten sich ruhiger und hatten versonnene Augen und ein +süßliches Lächeln auf den Lippen. Wolfgang und Nina sahen jugendlich und +glücklich aus; sie schienen schon oft miteinander getanzt zu haben, und +waren ihrer Bewegungen sicher. Nina neigte ihr Haupt ein wenig zu Boden, +was ihrem schlanken, hochgestellten Körper etwas Verträumtes und +zugleich Preziöses gab. + +Es war recht heiß. Ich fühlte mich elend und doch glücklich und trank +sehr viel Limonade. Frau Seyderhelm stand mit einem Male vor mir, wie +stets sehr gerade und beinah mädchenhaft schlank, die edlen Hände über +der Gürtelschnalle gekreuzt, mit heiteren Augen und reiner Stirn. Sie +nannte mich oftmals »mein lieber Herr Regnitz« und blickte, da ich +verwirrte Antworten gab, mütterlich lächelnd über die froh sich +bewegenden Kinder hin. + +Der Student tanzte jetzt mit Nina, nannte sie »mein gnädigstes Fräulein« +und benahm sich in jeder Beziehung wie ein Student, der zu einer +Backfischgesellschaft geladen ist und dort mit der einzigen erwachsenen +jungen Dame tanzt. Sein Zylinder stand irgendwo in der Ecke auf einem +Stuhl und schwankte grinsend hin und her. + +Der geistliche Herr erzählte der Dame mit dem großen Hut, daß Ihre +Hoheit Prinzessin Clementine am vorigen Sonntag in der Kirche sehr blaß +ausgesehen habe und augenscheinlich an Kopfschmerzen leide; welche +Bemerkung seine Dame mit einem kurzen, nervösen Gähnen, einem verlegenen +Hinunterschlucken und einem ehrfurchtsvollen »Gewiß, Herr Pastor« +erwiderte. + +Irgendein Mädchen, ein braves Kind mit dickem lustigen Gesicht und roten +Händen forderte mich auf, mit ihr zu tanzen; ich lehnte mit strenger +Stirne und finsteren Blicken ab. Sie schüttelte den Kopf, lachte leis, +so daß sich ihre Nase in viele Falten zog, sagte: »Nein, so etwas!« und +verschwand mit einem andern, wobei sie den Hals ihres Tänzers mit den +Armen umschloß und die guten dicken Finger auf seinem Nacken faltete. + +Wolfgang bat die Dame mit dem großen Hut und den exzentrischen +Bewegungen um einen Tanz. Die Dame sträubte sich ein wenig, sprach sehr +viel von ihrem Alter und vom Muttersein in die leere Luft und sagte +endlich zu. Man klatschte im Takt zu ihrem Tanze und bereitete sich +alsdann zur Quadrille vor. + +Ich begann mich mit irgend jemandem über unsere Lehrer zu unterhalten; +ich war witzig, der Bengel lachte und verbeugte sich darauf vor mir. + +Wolfgang trat auf mich zu. + +»Du tanzt nicht?« + +»Nein. Danke.« + +»Nie?« + +»O doch.« + +»Magst du heute nicht?« + +»Nein. Danke.« + +Nina stand neben ihm. + +Sie sah mich neugierig an. + +»Sie tanzen nicht?« + +»Nein, heute nicht.« + +Ninas Augen waren stetig auf mich gerichtet. Ich betrachtete das +kastanienbraune Haar und bemerkte, daß es im Schein der kristallenen +Lustres leuchtete. + +»Sie werden jetzt mit mir Quadrille tanzen. Warum stehen Sie immer an +der Wand? Das schickt sich doch nicht für einen jungen Herren von Ihren +Qualitäten!« + +»Wollen Sie sich bitte nicht um mich bekümmern, wie?« + +Wolfgang bekam große Augen. + +»Aber Regnitz, bitte, was ist denn --?« + +Nina lachte herzlich, zeigte ihre weißen Zähne, legte die elfenbeinerne +Hand auf Wolfgangs Arm und sagte: + +»Du, der ist aber grob!« + +Darauf wandte sie sich mir zu, machte ein hochmütiges Gesicht, senkte +die Lider, so daß es aussah, als ob sie schliefe, und sagte in einem +näselnden Ton: + +»Also bitte, -- wollen Sie jetzt meinen Arm nehmen?« + +Ich fühlte eine Schwäche in den Gliedern, während ich den rechten Arm +bog. + +»O, das ist nett!« sagte Wolfgang mit seinem liebenswürdigen Lächeln. +»Wir werden in einem Karree tanzen.« + +Wir gingen in den Saal. + +Der Student stürzte auf Nina zu. + +»Aber, gnädigstes Fräulein haben _mir_ ja ... das heißt, wenn Sie +vorziehen ...« + +Er schwitzte und verbeugte sich. Ich bemerkte, daß er nach Mediziner im +zweiten Semester roch. + +»Ach, Herr Doktor, ... ich hatte schon Herrn Regnitz vorher versprochen, +die Quadrille mit ihm zu tanzen. Verzeihen Sie.« + +Wir gingen weiter. Der Student war von diesem Augenblick an in jeder +Beziehung erledigt. Er war fertig, hingerichtet, gleichsam mausetot ... + +Die Dame am Klavier mit den hungrigen Augen spielte die Aufforderung zur +Quadrille. Das Karree bildete sich. Ich steckte eine Hand in die +Hosentasche und machte ein gleichgültiges Gesicht. + +»Entschuldigen Sie,« sagte ich. + +»Bitte?« + +Nina begann sich mit dem Geistlichen zu unterhalten, der plötzlich neben +ihr stand. Sie schauspielerte Ehrfurcht und war sehr schüchtern. Ich +wurde rot. Sie wandte sich um: + +»Was sagten Sie eben?« + +»Vielleicht hören Sie zu, wenn ich mit Ihnen spreche!« + +»Sie sind manierlos.« + +»Ich bat um Entschuldigung wegen vorhin.« + +»Sie können gleich um Entschuldigung bitten >wegen jetzt<.« + +Ich schwieg. Mein Gott, warum war ich nur so ungezogen! Ein weinerliches +Etwas stieg in meine Nase empor. + +Wolfgang trat uns gegenüber und sprach mit seiner Cousine, einem +schüchternen Mädchen von außergewöhnlicher Schönheit. Er winkte uns mit +der Hand zu. + +Die Quadrille begann. + +Nina verbeugte sich tief vor ihrem Nachbarn, darauf vor mir. Ihre Lider +bedeckten wiederum die Augen, die langen Wimpern berührten die roten und +weißen Wangen, das feurige Haar warf seinen Duft zu mir, die +elfenbeinernen Hände lagen wie unbeseelt in den Falten des blitzenden +Kleides. Sie war im Augenblick, da sie sich neigte, ein Götterbild, das +in Betrachtung zum Buddha versunken ist, eine indische Statue aus +farbigem Stein ... Ich beugte mich noch tiefer, sah ihre blauen schmalen +Schuhe und dachte: Süße Nina, süße Nina. + +Ich gab fleißig acht und tanzte gut. Ich tat keine überflüssige Geste +und bewegte mich ruhig. Von Zeit zu Zeit sagte Nina: + +»_Visite à gauche!_« oder »Jetzt dort!« oder »Passen Sie auf, Sie können +nur grob sein!« Aber sie schien zufrieden. + +»Es geht ja ganz gut,« bemerkte sie einmal. + +»Gewiß,« erwiderte ich stolz. + +Ich sah, daß Nina und Wolfgang sich beim _moulinet des dames_ +zulächelten, sobald sie sich trafen. Wolfgang sprach viel zu uns hin und +unterhielt das ganze Karree. Er hatte das Aussehen eines vornehmen +Pagen, der bei Hof die Schleppe der Königin hält. + +Mich überfluteten, sobald ich Nina die Hand reichen mußte, Ströme von +Zärtlichkeit und Anbetung. Ich beobachtete, daß ihr Fuß beim Auftreten +die Form nicht veränderte. Ich liebte sie, -- o mein Gott, _wie_ ich sie +liebte! Ich begann zu fiebern und wurde von Angst ergriffen. Ich dachte +daran, daß ich heute abend allein in meinem Zimmer sein würde. Irgend +etwas müßte bis dahin geschehen, irgend etwas, das mich mit einem +unerhörten Glück erfüllte, ein Blick von ihr, ein Wort, ein Kuß ... + +»Sie sind unaufmerksam. Passen Sie auf -- _vis-à-vis_!« + +Ich sah einem blonden Mädchen in die Augen, verbeugte mich und trat mit +Nina zurück. + +»Was spielen Sie?« + +»Wie?« + +Wir wurden getrennt. + +»Ich meine, was Sie im Theater spielen?« + +Ich tanzte an drei jungen Mädchen vorbei, gab einer jeden die Hand und +verbeugte mich wieder vor Nina. + +»Hebbels Clara.« + +»Ah ...« + +Ich kannte Hebbel. + +Ich verbeugte mich vor Wolfgangs Tänzerin. + +Dann stand ich wieder vor Nina. + +»Kennen Sie Maria Magdalena?« fragte Nina. + +»Ja.« + +Ich ging mit den drei Herren _en avant_ und verneigte mich vor Nina. + +»Sie sollten lieber Ihre Schulaufgaben machen.« + +Ich begann zu lachen, wie verrückt zu lachen, zog das Tuch hervor, bekam +Tränen in die Augen, fand mich albern, mußte aus der Reihe treten und +störte den ganzen Tanz. Nina hob die Lider, und es war, als ginge der +Vorhang im Theater auf. + +»Was haben Sie?« + +Ich begann zu beben und zu frieren, meine Zähne schlugen aneinander, ich +hatte das Gefühl, daß ich totenblaß sei. + +»Sie sind herrlich!« sagte ich. + +Ich wußte nicht mehr, was ich sprach. Ich hatte Fieber, nichts als +Fieber, und Angst vor meinem einsamen Zimmer ... + +Die Reihen ordneten sich wieder, man lachte, ärgerte sich und tanzte +weiter. Die letzten Takte spielte die Dame am Klavier in rasendem Tempo. +Man fand sich nicht mehr zurecht, und alles verwirrte sich. Ich lief +umher, fühlte Schauer in meinem Körper und hatte das Bedürfnis, etwas zu +zerbrechen. Der Quadrillenwalzer ertönte, man schloß sich in die Arme. +Ich verbeugte mich vor Nina, aber sie dankte. + +Ich führte sie aus dem Saal hinaus. Darauf ward es dunkel vor meinen +Augen. Ich wurde schwindlig und hielt mich an einem Türpfosten. Mit +einem Male war ein Bild vor mir: die Mittagssonne über einer +teppichfarbenen Landschaft des mittleren Deutschlands, der Duft von Korn +und gemähten Wiesen, und blaue Berge in der Ferne. + +Nina lachte, ein singendes, verstehendes, unendlich grausames und süßes +Lachen: + +»Sie taumeln, Herr Regnitz! -- Ist Ihnen schlecht?« + +»Nina, ich liebe Sie.« + +Ich sah sie an, -- sie, dieses indische Götterbild mit den gesenkten, +zur Betrachtung geneigten Augen, mit der unvergleichlich bleichen und +edlen Stirne, mit den elfenbeinernen Händen und dem farbigen, wie von +Edelstein und Gold blitzendem Gewande, sah diese Lippen aufeinander +gepreßt, süß und streng, -- bereit, Worte zu sprechen, die den Gläubigen +vernichten oder aufheben: + +»Sie sind verrückt.« + +Sie ging fort, mit elastischem stolzem Schritt, wandte plötzlich den +Kopf um, zeigte mir ein entzückend frisches und amüsiertes +Mädchengesicht, lachte, lachte eine Reihe makelloser Töne, zog eine +kleine goldene Uhr aus dem Gürtel, ließ den Deckel aufspringen und +sagte: + +»Es ist übrigens schnell gegangen. Sie sind um fünf Uhr gekommen; jetzt +ist es vier Minuten vor sechs.« + +Aus der Ferne, aus einer Schar lärmender Menschen heraus hörte ich sie +noch einmal lachen ... + +Wolfgang trat schnell auf mich zu. + +»Ist dir etwas? Du siehst nicht wohl aus. Willst du den Wagen haben?« + +Ich sah mich um und lächelte matt. + +»Lieber, welch ein Gefühl!« + +Ich gab ihm wie im Traum die Hand. + +Plötzlich ermannte ich mich, stürmte hinaus, ohne Gruß, ohne Blick, riß +den Hut im Korridor vom Riegel und erreichte den Park. Ich lief wie +gejagt durch die Straßen und hielt mich endlich an einem Gitter fest. +Atemlos, die Brust erfüllt von einem qualvollen Glück, begann ich wie +ein Kind zu schluchzen, wie ein kleines, ungezogenes Kind. + + + + + 6 + + +Am nächsten Tage wachte ich um fünf Uhr morgens auf. Ich lief im Hemd +ans Fenster. Die Straßen waren leer, aber auf den Dächern lag warmes +Morgenlicht und in den Bäumen am Rande des Bürgersteiges zwitscherten +die Spatzen. + +O mein Gott, welch ein Gedanke, ich hatte Ferien, ich hatte fünf Wochen +Ferien! + +Ich eilte in das Badezimmer und öffnete dort die Brause. Da fiel mir +mitten im kalten Wasser etwas ein ... Was war denn gestern geschehen? +... War nicht gestern etwas Besonderes vorgefallen? ... Ich war auf +einer Gesellschaft gewesen ... bei Wolfgang Seyderhelm, ... dort befand +sich eine junge Dame ... mit goldfarbenen Augen und feurigem Haar ... +eine Art Gottheit ... ein Backfisch ... Wie hieß doch gleich diese Dame? +... Nun, wir wollen keine Komödie spielen, wir wissen sehr gut, wie +diese Dame hieß ... Nina, ... jawohl, Nina hieß sie, ... und dann war +ich aus der Gesellschaft weggelaufen ... und hatte mich blamiert, ... O +weh! o weh! + +Verwirrt streckte ich die Arme nach dem Kelch der Brause aus, ließ mir +das Wasser ins Gesicht laufen und rief beglückt in das Geplätscher +hinein: Süße Nina, süße Nina. + +Ich sprang in das Badetuch und zog mich an. Ich sah das Sonnenlicht sich +langsam über die Häuser senken. Hallo, war ich nicht jung? Meine Heimat, +-- ach, meine Heimat war überall da, wo es warme Landstraßen gab mit +schönem weißem Staub, Kirschbäume, schwere Kornfelder. Nina, -- ach, +Nina war irgend eine junge Dame, ein Spuk, ein Ding ohne Zusammenhang +mit meinem Leben ... + +Ich nahm meinen Ranzen, stopfte Hemden, Strümpfe, die »Versuchung des +Pescara«, Taschentücher, zwei alte Brötchen hinein und lief die Treppe +hinunter. + +Noch waren die Straßen leer. Hier und da zeigte sich ein verschlafen +aussehender Bäckergeselle mit listigem Gesicht, ein mürrischer Arbeiter +auf dem Rad, ein von der Nachtkälte durchfrorener Polizist, sonst +niemand. In den einsamen Gassen hörte ich nur den Klang meiner Schritte +und meines Stockes. + +Bald hatte ich die letzten Häuser erreicht und sah meine Felder sich im +Sommermorgenlicht ausbreiten. + +Ich ging mit leichtem Fuß und leichtem Herzen die Landstraße hinunter. +Es kamen Bauernwagen, die zum Markte in die Stadt fuhren, und neben den +Kutschern saßen eifrig bellende Hunde, es kamen ganz, ganz kleine +Mädchen, die sich an der Hand hielten und mit putziger Eilfertigkeit in +ihre Schule trabten; eine Bäuerin tauchte auf, trug einen Korb mit Eiern +auf dem Kopf und sah wie eine Bäuerin aus dem Bilderbuche aus; darauf +eine Horde Jungens, die alle ohne Ausnahme nackte Füße und geflickte +Hosen hatten, und endlich auch ein Mann mit einer Kuh und einem +Hündchen. + +Schon war ich im ersten Dorf. Dort war bereits jedermann auf den Beinen. +Ein Fuhrmann kam mit der Peitsche in der Hand aus der Schenke, wischte +sich den Bart und kletterte mit vielen unverständlichen Worten auf den +Bock; ein schlanker Terrier lief bellend auf mich zu, -- als ich ihm ein +Stück meines Brots zeigte, sprang er an mir hoch; ein Kind lachte +irgendwo, und ich wanderte weiter. + +Die Sonne stieg. Mir zur Seite erschienen Dörfer mit Kirchtürmen und +leuchtend weißen Grabsteinen und verschwanden hinter teppichweichen +Hügeln. + +In einem schönen Kirchdorfe machte ich Halt. Ich ging zu einem Bäcker, +der am Laden eine eiserne Brezel hatte, und kaufte mir Brot und Kuchen. + +»Wohin geht's, junger Herr?« + +»Nach Fürstenau und immer weiter.« + +»Und immer weiter -- das ist ein gutes Stück Wegs. Na, wenn man junge +Beine hat!« + +Ich errötete, ich weiß nicht, warum, bezahlte, schüttelte ihm die Hand, +sprang an den Brunnen, trank mit Begierde das kräftigschmeckende Wasser +und marschierte weiter. + +Es wurde heiß. Ich schlief einige Stunden im Schatten eines Baumes und +wanderte dann in den schönen Nachmittag hinein. Über das weite hügelige +Land glitten zeitweis tiefe und schnelle Wolkenschatten. Ein ganz +leichter Wind erhob sich und kühlte mich wunderbar. Mir war, als trügen +mich die Lüfte des Nachmittags über abwechselnd beglänzte und +beschattete Gefilde. Lag ich nicht auf einer weichen Wolke und trug mich +diese Wolke nicht in entferntere und schönere Gebiete? + +Kurz nachdem die Sonne hinter einem Hügel entschwunden war und mit einem +Mal die des Sonnenantlitzes beraubte Landschaft wie in einem ungeheueren +Schrecken zu erbleichen, ja zu sterben schien, erblickte ich, der ich +auf einem Berge stand, zu meinen Füßen eine Stadt. Ein alter Turm ragte +in die starr-silberne Luft hinein, und seine Wächter schienen +silbergraue Vögel, die mit bösem, hastigem Flügelschlage ihn umkreisten. +Flache Hügel umgaben die Stadt, niedere Weinberge, die ein bescheidenes +Landgetränk erzeugten; mitten unter den Reben lag der umgitterte +Friedhof. Meinem Auge gegenüber wandte sich die Straße, die Stadt +verlassend, nach Westen, lief an den hellen Bergen entlang und durch +gläserne Wälder, stieg empor in den erblaßten Himmel und verlor sich in +der offenen Landschaft, andere Städte mit neuen Türmen und späterem +Lichte zu erreichen. Zwischen Kornfeldern und gleißenden Wiesen, die der +zweiten Mahd harrten, sah ich Erntewagen der Stadt zustreben. Eine +Glocke läutete, läutete unablässig, und es war, als sei diese Stadt, +diese Höhenzüge, diese silberne Spätnachmittagsluft wie überschwemmt von +schwellenden, sich auflösenden und wieder schwellenden Tönen. + +Ein alter Mann stieg keuchend die Höhe zu mir herauf. Er trug einen +schwarzen, eng anliegenden Taillenrock und eine graue großkarrierte +Hose, die weit über die bestaubten Schuhe fiel. Er schien dem steilen +Weg gram zu sein. + +Ich lüftete den Hut. + +»Ist dies da Fürstenau?« + +Der alte Mann trocknete sich mit einem roten Tuch, einer Art Fahne, die +Stirn. + +»In der Tat, Herr, wenn ich mich recht erinnere, so ist es ganz bestimmt +Fürstenau.« + +Er lächelte böse und ging weiter. + +>Welch eine sonderbare Art sich auszudrücken!< dachte ich. >Spricht man +so in unserer Zeit? »In der Tat, Herr, wenn ich mich recht erinnere, so +ist es ganz bestimmt Fürstenau.« So spricht man in einem +Shakespeareschen Lustspiel!< + +Ich eilte den Berg hinab und empfand dabei die Freude eines Wanderers, +der von der Höhe das Ziel seines Tages sieht. + +Als ich durch das Tor in die Stadt trat, war mit einem Mal der silberne +Zauber wie zerbrochen, und Abendrot lag auf den Gassen. Hochbepackte +Erntewagen, in der golden durchleuchteten Fülle leise schwankend, fuhren +darüber hin und zeitweis bog einer von ihnen in den Hof ein. Auf den +Pferden saßen hübsche, nacktfüßige Bauernjungen, die mit den Peitschen +knallten, an den Häusern emporsahen und nachlässig zu den offenen +Fenstern hinaufnickten, zu den Mädchen ... + +>War es vor tausend Jahren hier anders?< dachte ich. >Ernte und +Glockengeläut und Menschen? ... Die vor tausend Jahren waren, mich +trennt nur ein weniges von ihnen, nur die Zeit ... Ach, was ist Zeit! +... Ich will hier bleiben! ...< + + * * * * * + +Bald saß ich in einem Garten vor meinem Abendbrot und erfreute mich, +sobald ich den Blick hinwegwandte, an den rosigen Bergen und den tiefer +beleuchteten Gassen. Ein Mädchen mit braunen, zum Kranz geflochtenen +Strähnen schenkte mir den Wein ins Glas und lächelte dazu mit frischem +Munde ... Ein Gedanke kam mir ... fort damit ... Gespenster! ... + +Ich stand alsbald auf, bestellte mir eine Kammer für die Nacht und ging +nachlässig, die Hände in den Hosentaschen, durch die Stadt. Ich wünschte +jedem Mädchen einen guten Abend, und begann mit einigen von ihnen +dadurch ein Gespräch, daß ich mich nach allerhand Dingen erkundigte, die +mir völlig gleichgültig waren, -- wo der Schmied wohne, ob die Heuernte +dieses Jahr gut gewesen sei. Ich war an diesem Abend ziemlich frech ... + +Bei Anbruch der Nacht kehrte ich in mein Gasthaus zurück. Als ich die +Stiege hinaufschritt, die von einem Windlicht schwach erhellt war, +begegnete ich dem Mädchen mit dem Lächeln um die frischen, feuchten +Lippen. Ich gab ihr die Hand, bezahlte gleich, da ich früh am Morgen +aufbrechen wollte, und ging in mein Zimmer. Ich setzte mich auf den Rand +des Bettes und grübelte. Mit einem Male kam eine tiefe Traurigkeit über +mich, ich wußte nicht, woher. Ich trat ans Fensters. Da rauschte unter +mir der tiefe Mühlbach, und über mir spannte sich der Sommerhimmel voll +von Sternen. Noch hörte ich zwei Männer irgendwo miteinander sprechen, +noch hörte ich eine Tür im Haus und einen späten Wagen auf der Gasse, +dann ward es still um mich. + +In dieser Stille breitete die Liebe ihre Flügel aus. Sie drückte mich an +ihre Brust. Ich taumelte und fühlte einen Schmerz wie nie zuvor. + + * * * * * + +Ich weiß nicht recht, wie alles gewesen war. Ich weiß nur, daß ich +plötzlich an Nina dachte, die ich den ganzen Tag vergessen hatte. Ich +sah sie vor mir, sah ihr Haar, ihre Augen, ihren Gang, ihre Hände, sah +sie tanzen, mit Wolfgang Seyderhelm tanzen, ... ich hatte Angst, ... das +Zimmer war so eng und heiß, ... tödliche Angst ... Ich nahm Stock, Hut +und Ranzen und stürzte hinaus in die dunkle Luft. Die Haustür war noch +offen. Ein Hund knurrte leise, aber ich entlief ihm schnell. Ich rannte +durch die Gassen, durch das Stadttor, die Straße entlang, dann einen +Seitenweg, durch Gebüsch, einen Hügel hinauf, ... ich keuchte sehr, ... +ich fiel zu Boden und blieb liegen. + +... Ich war müde und gehetzt, ich war so müde! Ich fühlte meine Jugend +von mir gleiten und hatte qualvolle Träume. Ich weiß noch, daß ich +einmal im Halbschlaf emporfuhr: da lag unter mir die Stadt und das +dunkle Land, der Mühlbach leuchtete hier und dort im Mondlicht auf, ... +um meinen Hügel ging ein leichter Wind, ... ich sank zurück ... in Traum +und Schlummer. Aber schlummernd sah ich immer wieder das dunkle Land mit +der Stadt, die silbernen Stücke des Baches, ... Sterne, viel Sterne ... +und Nina ... + + + + + 7 + + +Ich bin noch einige Tage so gewandert, aber ich wurde nicht mehr +fröhlich. Ein Sonntag kam, ich sah die Bauern zur Kirche gehen, trat mit +ihnen ein und hörte die Predigt, ich sah die Burschen und Mädchen +hernach in ihren übermütigen Tänzen und empfand am Abend auf der Straße +die feierliche Stille des scheidenden Sonntages. Aber das alles freute +mich nicht. Der verworrene Geist war von der Liebesleidenschaft erfaßt +und kannte nur noch Trauer, Eifersucht, Haß und Träumerei. Ich wollte +nicht mehr an Nina und Wolfgang denken, ich wollte nie mehr an sie +denken. Ich sagte mir Gedichte auf, hielt als ein Prinz vor der +Versammlung von Fürsten eine verwegene Rede, dichtete eine Ode an den +Kaiser, -- aber selbst das erhabene Gewand der Majestät verwandelte sich +mir bald, ward ein blitzendes, hellblaues ... mit Schokoladenflecken ... + +Am vierten Abend meiner Wanderung zog ich mutloser denn je meine Straße +entlang. Ich wollte an diesem Tage noch eine größere Stadt erreichen, +dort einige Zeit verweilen, um dann dem nahen Gebirge zuzueilen. Aber +irgend ein schöner Baum oder ein sehnsüchtig winkender Kirchturm hätte +genügt, mich von meinem Wege abzulenken. Wer in der Welt fragte danach, +ob ich einen Nachmittag unter schattigem Gesträuch verträumte und den +»Pescara« las oder irgendwo auf staubbedecktem Wege schritt? + +Ich blieb vor einem Weiser stehen, der mir zur Seite in das offene Land +hindeutete. Da war geschrieben: Nach Strelow 3 km, nach Wiesenau 4,5 km. +Ich las die Worte gedankenlos. Irgend etwas lockte mich, von meiner +Straße abzubiegen. Was aber war es? Strelow? Ich hatte diesen Namen nie +gehört. Wiesenau? Ich hatte diesen Namen nie ... Wie? ... Eine +Erinnerung ... Wiesenau ... Wiesenau ... da war schon wieder alles +entwichen ... ich schüttelte den Kopf. Wohl zwanzigmal sprach ich nun +das Wort Wiesenau aus, in der Hoffnung, die Erinnerung möchte mich noch +einmal erleuchten. Doch jede Mühe war vergebens: es war ein totes Wort. + +Schon war ich in die neue Landschaft eingebogen. Es hatte wohl die +Wochen vorher geregnet, denn überall standen kleine schwarze Teiche, aus +denen einzelne Bäume, Fichten und Birken, hervortauchten. Endlos +langgezogene violette Abendwolken spiegelten sich in diesen Teichen und +gaben ihnen von ihrer Farbe. Soweit mein Blick reichte, sah ich nichts +anderes als bunte, prächtige Wiesen mit großen Blumen und die schwarzen +und violetten Teiche, aus denen einsame Bäume hervorwuchsen. Krähen +flogen zuweilen schreiend darüber hin, um noch vor Nacht die fernen +Wälder zu erreichen. + +Als ich durch Strelow kam, läutete die Glocke den Abend ein. Ich blickte +durch ein Fenster; ein alter Bauer saß da, hatte die Brille auf der +Nasenspitze und las in einer Zeitung. Eine Frau trug eine Bank in ihr +Haus. Der Pfarrer ging durch den Ort und ward von allen gegrüßt; auch +ich grüßte. Ein Trupp Jungens lief zu Gott weiß welchem Abendstreifzug +... + +In einigen Zimmern brannte ein Licht. Sollte ich hier rasten? Es begann +zu dunkeln. Draußen konnte ich nicht gut schlafen, der Boden schien +feucht, auch war es ein wenig kühl. Aber die Lichter in den Häusern +machten mich traurig, und ich fühlte, daß mich im Zimmer wieder meine +Angst ergreifen würde. + +Ich eilte zum Dorf hinaus. Allein bei den letzten Häusern blieb ich +beklommen stehen: über die Landschaft hatte sich die Dämmerung gesenkt +und mit tiefem, dunklem Blau die gespenstischen Bäume, das +Weidengesträuch an den blinkenden Teichen und die Getreidefelder +umhüllt; von oben leuchteten durch blaues Licht einige Sterne; nichts +unterbrach die Stille als das trostlose Quaken der Frösche und das +Flüstern des Kornes, wenn der Wind darin rauschte. + +Ich ging durch die Dämmerung und fühlte mich liebevoll von der Straße +fortgelockt, umsponnen mit einem blauen Netz. Ein Traum von großer +Innigkeit berührte mich, mir war, als sei er alt und von jedermann zu +irgendeiner Zeit geträumt. Um meine Augen legte sich ein Flor, meine +Füße strauchelten oft ... + +>Könnt' ich doch viele Stunden dieses blaue Licht durchschreiten! Wenn +nur die Füße nicht ermüden wollten ...!< + +Aber ach, schon winkten ja am Wegesrand nächtliche Kastanien zu +Schlummer und Traum! ... Ein Park begann, umgittert, ... eine Allee ... +Und hier, -- waren hier nicht bronzene Löwen, die in dreifach geteilte +Becken silbernes Wasser spieen? War es nicht einschläfernd und süß? + +Wie, stand dort nicht ein Haus vor mir, ein Schloß, mit einer +erleuchteten Altane und bläulich schimmernden Stufen? + +Bin ich nicht neugierig herangeschlichen, ... leise, ... ganz leise, ... +und sah ich dort nicht all die Menschen, die ich liebte? ... Die Mutter +... mit dem Sohn ... und meine schöne Freundin Nina? + + + + + 8 + + +Mit pochendem Herzen und heißen Wangen stand ich im Dunkeln und blickte +auf die Veranda. Nina arbeitete an einer festgespannten Stickerei und +sprach dabei mit Wolfgang, der die Hände um ein Knie geschlungen hatte, +eine Zigarette rauchte und zeitweise aus einem Glase trank. Frau +Seyderhelm schrieb einen Brief. Manchmal hob sie den Kopf und warf +einige Worte in die Unterhaltung der beiden ein. Ich konnte nicht +verstehen, was gesprochen wurde. + +Ich sah Ninas Profil und ihre Hände. Wie zart sie war! Ja, war sie nicht +anbetungswürdig? Süße Nina! ... Ich machte eine Bewegung. + +Da rief Nina laut: + +»Wolfgang, ich bitte dich, -- draußen steht jemand.« + +Ich hielt den Atem an. + +>Wenn ich hier entdeckt werde, ersteche ich mich.< + +Wolfgang beugte sich hinaus und rief: + +»Es ist niemand hier ... Du bist recht schreckhaft!« + +O -- gerettet! + +Frau Seyderhelm hatte ihren Brief beendet, man plauderte angeregt. Ich +sah, wie die Mutter einmal ihrem Sohne lächelnd mit dem Finger drohte. +Nach einer Weile legte Nina ihren Stickrahmen fort, packte ihre +Nähsachen in einen Pompadour und stand auf. Sie gab erst Frau Seyderhelm +die Hand, dann wechselte sie einige Worte mit Wolfgang, -- sie schienen +etwas zu verabreden, -- ließ ihre Hände auf seinen Schultern ruhen, gab +ihm einen leichten Backenstreich und trat in die Zimmer hinein. Wolfgang +küßte seine Mutter, die ihm über das Haar strich; mir war, als sprächen +sie von Nina, denn sie sahen nach der Türe; dann gingen beide hinaus. -- +Eine Magd erschien einige Augenblicke später auf der Veranda, räumte die +Sachen auf, zog die Markise in die Höhe und stellte die Gartenmöbel zur +Seite. Sie nahm die Lampe und verschwand. + +Alles war finster um mich herum. Oben im Schloß sah ich mehrere +erleuchtete Fenster. Ich hörte zuweilen Schritte, dann wurde alles +still. + +Langsam löste ich mich aus meiner Erstarrung und ging durch den Park. +Ich empfand nicht viel: ein wenig Erstaunen, ein wenig Schmerz, ein +wenig Müdigkeit und ein wenig Glück ... Ich wollte weiter wandern. Was +sollte ich hier? Niemand würde mir glauben, daß ich zufällig hierher +gekommen sei, ... aber da hörte ich wieder die süße, einschläfernde +Melodie der plätschernden Brunnen. Gedankenlos legte ich mich nieder, zu +Füßen eines bronzenen Löwen. Ich faltete die Hände hinter dem Kopf und +blickte in den Himmel, wo die Milchstraße ihren Triumphbogen über das +Firmament spannte. Ich fühlte, daß der Schlaf mich übermannen würde, und +wollte doch wachen und nachdenken. Ich ward traurig und erinnerte mich +der Worte des Herrn: »Könnet ihr denn nicht Eine Stunde mit mir wachen?« +-- Noch einmal sah ich zu den erleuchteten Fenstern im Schloß, dann fiel +ich in Traum. Schlafend spürte ich die Kälte der Nacht und zog mein Cape +eng um mich. Und in meinen Traum drang immer wieder das Plätschern des +Wassers, ... das Plätschern des Wassers. + + + + + 9 + + +Es mochte gegen fünf Uhr morgens sein, als ich erwachte. Mein erster +Blick galt dem Schloß vor mir, in dessen Fensterscheiben die Morgensonne +purpurrot leuchtete. Ich sprang empor; mein Gesicht und meine Kleider +waren naß vom Tau. Ich machte einige Bewegungen mit den Armen und +stampfte mit den Füßen, denn meine Glieder waren wie erstarrt. Dann +wusch ich mich in einem der bronzenem Becken und klopfte die Kleider ab. +Nur weiter, immer weiter, fort von hier ... + +Als ich bereit war zu marschieren, lehnte ich mich an einen Baum; ich +wollte noch einmal mit einem langen Blick dieses geliebte Schloß +umfangen. + +Da ... was war das? ... Ein Fenster öffnete sich, ... ich trat zurück +... Wolfgang, ... im leichten Morgenkleid. Er beschattete mit der Hand +die Augen, sah zum Himmel und reckte die Arme in die junge Luft hinein. +Dann verschwand er; bald jedoch erschien er wieder, nahm einen Stock und +klopfte leise mit der metallenen Spitze an das benachbarte Fenster. +Lange Stille ... Dann öffnete sich das Fenster ... Nina ... Sie gaben +einander die Hände. Wolfgang setzte sich auf das Fensterbrett und +deutete nach dem Horizont. Nina gähnte ein wenig und beide lachten. + +Da war mir, als müsse ich einen Panzer von meiner Brust reißen. Ich bog +mit beiden Händen die Sträucher auseinander, und meine helltönende +Stimme rief den Aufhorchenden zu: + + »An jedem Morgen, eh des Hahnen Krähn + Die Menschheit weckt, steh ich im tiefen Grunde, + Muß durch die Luft nach Burg und Felsen spähn. + + Noch lieget Dunkelheit auf meinem Tal, + Da gibt von Osten das Gestirn mir Kunde, + Und in dem Fenster oben spielt ein Strahl. + + Es taucht in Licht das trotzige Gestein, + Und wächst und starrt und höhnet meiner Qual, + Bald reckt es in den Himmel sich hinein -- + + Willst du dich heute nicht am Fenster zeigen, + In Morgenklarheit dich vom Traum befrein? + Willst du das Haupt nicht freundlich zu mir neigen? + + Mich tötet dieses dunklen Tales Schweigen.« + +Kaum hatte ich geendigt, als Nina ihrem Freunde mit hochgezogener Stirne +langsam, ja perfide langsam das Antlitz über die Schultern zuwandte und +die beiden Handflächen fragend, chokiert und spöttisch nach außen bog. +Wolfgang aber schien sich nicht darum zu kümmern; er warf das Fenster +heftig zu, ich hörte ihn eine Treppe herunterstürmen, und einen +Augenblick später kam er -- notdürftig mit einem Hemde, einer Hose und +einem Paar Sandalen bekleidet -- durch den Garten auf mich zugelaufen. + +»Walter Regnitz! Lieber Walter Regnitz!« + +Er umarmte mich stürmisch; er war blaß vor Erregung. + +»Wo hast du nur die ganze Zeit gesteckt? Wir erwarten dich schon seit +drei Tagen!« + +Wie? Man erwartete mich? + +Wir wandten uns zum Schloß. + +»Ich habe eine Fußwanderung gemacht und diese Nacht im Garten +geschlafen.« + +Wolfgang legte erschrocken seine Hand auf meinen Arm. + +»Du hast in unserm Garten geschlafen? Bist du toll?« + +Und dann nach einer Pause, die er mit ratlosen Gebärden ausfüllte: + +»Ja, warum bist du aber nicht ins Haus gekommen?« + +Ich wurde etwas rot. + +»Ja ... weißt du, ... ich kam spät hier an ... und da wollte ich nicht +stören ...« + +Ich grüßte zu Nina hinauf. + +»Ah, sieh da!« rief sie vom Fenster herunter. »Ein Dichter! Ein +Troubadour! Sie verlangen gewiß Ihren Lohn!« + +Sie nahm aus einem Wasserglas helle Rosen und zerblätterte sie mit den +weißen Fingern. Mir fielen diese Blätter auf Kopf, Schultern und Hände, +der ich betroffen, glücklich und verlegen in einem duftenden Blumenregen +stand. + +»Denk' dir, Nina, er hat diese Nacht im Garten geschlafen!« + +Nina lachte, -- ihr singendes, gefährliches und verstehendes Lachen. + +»Sie sind ein echter Minnesänger, Herr Walter von der Regnitz!« rief sie +und warf vier volle weiße Rosen zu mir herab. Ich fing eine von ihnen +auf und führte sie höflich und gefaßt an meine Lippen. + +»Und Sie, gnädiges Fräulein, eine echte Herzenskönigin.« + +Ich hörte noch einmal, wie Nina tief belustigt lachte und darauf das +Fenster schloß. + +Wolfgang zog mich ungeduldig die Stufen zur Veranda hinauf. + + * * * * * + +Wolfgang stand halb angekleidet vor seinem Eimer und putzte sich eifrig +und andauernd die Zähne. + +»Wie findest du sie?« fragte er mich, der ich auf einem Stuhl saß und +ihm zusah. + +»Wen?« + +»Nina.« + +Er nahm einen Schluck Wasser, gurgelte und spuckte kräftig. + +Ich schwieg. + +»Nun?« fragte er. + +»Oh, ganz nett!« sagte ich endlich. + +»Sie ist herrlich!« rief er begeistert und begann von neuem zu gurgeln. + +Plötzlich warf er die Zahnbürste fort, drehte sich schnell um und legte +seine Hände auf meine Schultern. + +»Was hast du neulich gesagt?« fragte er. + +»Ich? Wann?« + +»Neulich, bei unserer Gesellschaft.« + +»Ich habe vermutlich viel gesagt.« + +»Nein, du hast gar nicht viel gesagt. Du lehntest dich an einen +Türpfosten und fragtest mich, wie alt Nina sei. Und plötzlich ...« + +»Nun?« + +»Und plötzlich sagtest du, als ob du geistesabwesend seiest: Du liebst +sie ja!« + +Er wandte sein Gesicht schnell dem Spiegel zu und zog Kamm und Bürste +aus der Lade. + +Ich war erschrocken. + +»Habe ich das wirklich gesagt?« + +Wolfgang beschrieb mit dem Kamm eine weite phantastische Figur und +erklärte begeistert: + +»Du bist ein großer Menschenkenner, Walter! Ich habe sie wirklich sehr +gern ... Hör' mal, wie der Kamm knistert.« + +Und er hielt seinen Kamm dicht an mein Ohr. Ja, wahrhaftig, der Kamm +knisterte. + +Wolfgang war mit seiner Toilette fertig. Er trug ein hellgraues, eng an +den Hüften liegendes Sommerjackett mit schwarzen Kniehosen, dazu schmale +Halbschuhe, ein weißes Sportshemde und eine leichte, seidene Krawatte. +Er sah sehr frisch, sehr jugendlich und sehr vornehm aus. + +Wir gingen durch einige Gemächer und betraten das Speisezimmer. Es fiel +mir auf, daß dieses Schloß mit einer nahezu bäuerischen Freude an bunten +Farben eingerichtet war. + +Ein Diener erschien. Wolfgang bestellte Tee. + +»Du bist hungrig, Walter?« fragte er. + +»O ja!« + +»Also: hier ist Honig, Gelee, Sumpfdotterblumen, Schinken, Brot ... ach +...« + +Er stand plötzlich auf, warf dabei seinen Stuhl hin und umarmte mich +noch einmal: + +»Wie schön, daß du hier bist!« + +Natürlich errötete er, sprang an die Tür und schrie, der Tisch sei +schlecht gedeckt. Der Diener kam und Wolfgang schlug sich an den Kopf. + +»Ich Esel! Willst du ein Beefsteak?« + +»Ein Beefsteak?« + +»Es dauert gar nicht lange. Fritz, wie lange dauert ein Beefsteak?« + +»Eine Viertelstunde«, war die Antwort. + +»Ach, Unsinn«, protestierte ich. »Was soll ich denn jetzt um halb sechs +mit einem Beefsteak?« + +Wolfgang lachte und goß sich ein Glas Fachinger ein. + +»Prost, Walter! Du kennst unsern Stil noch nicht. Wir leben nämlich hier +den Stil englischer Peers. Morgens _you take your steak_,« -- er +bediente sich hierbei einer manirierten Aussprache, -- »mittags hungert +man, das nennt man _luncheon_ und abends ißt man im _dinnerjackett_ +alles das, was man am Mittag versäumt hat. Das hat Nina hier so +eingeführt.« + +Nina, immer Nina! + +Ich fragte unvermittelt: + +»Aus welcher Familie stammt sie eigentlich? Hat sie noch Eltern?« + +Wolfgang warf nachdenklich zwei Stück Zucker in seine Teetasse. + +»Weißt du, bei Nina muß man nicht fragen, woher sie kommt und wohin sie +geht. Nina ist einfach _da_, -- verstehst du? -- einfach _da_.« + +Ich sah Wolfgang aufmerksam an. Schau an, dachte ich, wie klug er ist! +Was er da eben gesagt hatte, war mir nicht fremd. Nina war einfach da, +... sie war eigentlich ... seelenlos. + +»Sie ist eigentlich seelenlos,« sagte ich. + +Wolfgang trank seinen Tee. Er stöhnte einige Male wie ein Kind in die +Tasse hinein, setzte sie dann ab, sprang vom Tische auf und sagte: + +»Jawohl, seelenlos, aber herrlich! -- Bist du fertig?« + +»Ja.« + +»Gut. Wie wäre es, wenn wir jetzt aufs Feld gingen und arbeiteten? Ich +lasse mir nämlich jeden Abend von unserm Inspektor ein Feld anweisen.« + +Ich willigte in diesen Vorschlag ein. Wir zündeten uns jeder eine +Zigarette an und gingen in den Hof. Dort holten wir uns aus einem +Schuppen lange Forken und zogen darauf munter durch den Park. + +Einmal wandte ich mich um und blickte zu Ninas Fenstern hinauf. Sie +waren fest verschlossen und die Vorhänge heruntergelassen. + +»Das gnädige Fräulein pflegt bis neun Uhr zu schlafen,« sagte Wolfgang, +der meinen Blick bemerkt hatte. + +Ich errötete und schwieg. + + * * * * * + +Wir sind auf dem Feld angelangt und ziehen unsere Jacken aus. Die +Kornfelder stehen in der jungen gelbstrahlenden Sonne. Auf den heiteren +grünen Wiesen und Weidegründen grasen die roten und braunen Kühe des +Gutes und senden den Ton von tiefen Glocken durch das flüssige Licht. Am +Horizont suchen auf noch beschattetem Hügel Schafe ihr Futter. Ein +Schäfer mit einem großen Hut steht neben ihnen. Er hält den Hirtenstab +in der ausgestreckten Hand auf die Erde gestützt, als sei er der Wächter +dieses Tales und behüte seine Unschuld. Eine Wolke zieht langsam über +den bleichen westlichen Himmel. + +»So, nun stellen wir hier die Garbenbündel auf,« sagt Wolfgang. »Du bist +ja früher auf dem Land gewesen und weißt, wie man das macht. Immer zu +sechs auf einen Haufen.« + +»Bei uns nahm man acht.« + +»So ... na ja, wir nehmen immer sechs. Weiß der Teufel, warum. Bald +kommen die ersten Leiterwagen vom Gut. Dann gehen wir dort auf das Feld, +-- siehst du es? -- und packen das Korn auf. Das macht immer sehr viel +Spaß.« + +Wir arbeiten schweigend und mit gesammeltem Eifer. Die Ähren stechen +unsere Hände wund und ihre Körner rieseln uns in Hemd und Hose. Wolfgang +macht manchmal eine Bewegung, als habe ihm jemand kaltes Wasser in den +Nacken gegossen. + +Später singt er mit klarer Stimme und deutlicher Aussprache einen +altfranzösischen Chanson. Da ist von einem Grafen die Rede, dem es nicht +wohl erging, weil seine Gemahlin der Majestät von Frankreich allzusehr +gefiel. + + * * * * * + +Bald vernehmen wir das Rollen und Klappern von Wagen, die über die +Landstraße zu uns herauffahren. Wir haben unsere Arbeit gerade beendet, +als wir die Rufe der Bauern hören, die mit ermunterndem Einsprechen ihre +Pferde einige schwere Hügel erklimmen lassen. Dann ertönt das Dröhnen +von Wagen, die über eine hölzerne Brücke fahren, und gleich darauf +ziehen sie alle an uns vorbei. In einem der Wagen sind nur Frauen. Sie +haben alle rote Tücher um die Köpfe geschlungen. Jedermann wünscht uns: +»Guten Morgen!« worauf wir beinahe feierlich unsere Mützen lüften und +den Gruß erwidern. In einem Gefährt sitzt ein hübsches junges Mädchen. +Ich nicke ihr zu, worauf sie verlegen zu Boden sieht. Ich bin sehr +stolz, das erreicht zu haben. + +Der letzte Leiterwagen wird von einem Bauernjungen gelenkt, der auf dem +linken Pferde sitzt. Er grüßt uns, wie ein Souverain zu grüßen pflegt. + +»He Hans!« ruft Wolfgang. »Bleib du bei uns!« + +Hans steigt vom Pferd. Wolfgang legt seinen Arm auf die Schultern des +Jungen und führt ihn zu mir heran. Die beiden stehen der Sonne entgegen, +blinzeln, sind wohlgestaltet, blond, und -- seltsam -- sie sehen +einander ähnlich. + +»Ich stelle dir hier meinen Freund Hänschen Kietschmann vor.« + +Der Junge macht eine Verbeugung, eine leichte, weltmännische, garnicht +zu tiefe Verbeugung, und bietet mir die Hand, die ich schüttle. + +Er geht fort, um noch einige Bauern zu holen. Ich sehe ihm nach. Er ist +schlank und groß gewachsen. + +Wolfgang macht ein sonderbares Gesicht und lächelt. + +»Nun?« + +»Wie?« + +»Ist dir etwas ... wie soll ich sagen ... aufgefallen?« + +»Aufgefallen? ... Nein, ... das heißt ...« + +Ich bin mit einem Male verwirrt. + +»Er sieht dir ähnlich.« + +Wolfgang nickt, sieht zum Himmel, zieht die Nase kraus, blinzelt, +schluckt herunter und sagt: + +»Er ist mein Halbbruder.« + +»Wie --?« + +Wolfgang bewegt seine Hand in einer sehr sprechenden, etwas frivolen +Art. + +»Mein Gott, ... wir vergessen, daß unsere Väter auch jung waren ... Mein +Vater lebte hier allein ... na und ... wie das so kommt.« + +Er geht mit graziösem Schritt fort, um die Gabeln vom Graben zu holen. + +Ich schüttle den Kopf, wundere mich und vergesse im nächsten Augenblick +alles. + +Wir arbeiten schweigsam fort. + +Hans Kietschmann steht zusammen mit einem Bauern oben auf dem Wagen und +packt das Korn auf. Neben uns sind Weiber, die von Zeit zu Zeit +miteinander sprechen. Ein leichter, von der aufsteigenden Sonne +gewärmter Wind trägt aus der Richtung der anderen Wagen den Schall von +Reden und Gelächter zu uns herüber. + +Es beginnt allmählich heiß zu werden. Die Augen schmerzen ein wenig; ich +sehe nichts als flimmerndes Gelb. Die Weiber riechen nach Schweiß. Die +Ochsen sind von Fliegen geplagt und schlagen mit den Schwänzen kräftig +umher. Ich fühle mich sehr wohl. Nina ist vergessen, vollkommen +vergessen. Wie süß es ist, daran zu denken, daß ich Nina so völlig +vergessen habe. + +Es schlägt zwölf Uhr, wir hören mit der Feldarbeit auf, trinken Wasser +und ziehen die Jacken an. + +Ich gebe Wolfgang die Hand. + +»Danke für den Vormittag, Wolfgang.« + +Wolfgang lächelt und nimmt meinen Arm. Wir gehen als Freunde zum Schloß. +Wolfgang ist zärtlich und spricht sehr viel. + + + + + 10 + + +Nachdem wir in unsern Zimmern Gesicht und Hände erfrischt hatten, +betraten wir die Veranda, um dort zu lunchen. + +Nina saß am Tisch. Sie schien sich zu langweilen und benahm sich wie ein +kleines Mädchen, das auf seine Mahlzeit wartet. + +Ich betrachtete Nina von der Seite. Sie hatte ein steifes weißes +Kattunkleid an. Ihr Hals und ihre Arme waren nackt. Auf ihrer Brust trug +sie eine Brillantenbrosche, an der linken Hand, der elfenbeinernen mit +den langen schmalen Fingern, leuchteten vier herrliche Saphire von +mildem Blau. Das kastanienbraune Haar war eine Pracht, eine Krone, ein +Akkord von rauschenden, dunklen Tönen. + +>Mein Gott und dennoch, was ist denn Nina? Ein kleines Mädchen, das sich +langweilt! Aber ein Mädchen, das ich liebe? Nun ja, was ist schon dabei? +Viele Jungens lieben viele Mädchen. Da ist gar nichts dabei.< + +Ich fühlte mich Nina überlegen. + +Ich setzte mich an den Frühstückstisch. Obwohl es sehr heiß war, hatte +Nina einen Schnupfen, was mir ganz sonderbar vorkam. + +Sie führte ihr Tuch an den Mund und fragte mit einer Stimme, die heute +noch näselnder klang als sonst: + +»Wo habt ihr denn eigentlich so lange gesteckt?« + +In diesem Augenblicke wurde es mir recht deutlich, daß Nina gar nichts +anderes war als eine große faule schöne Katze. Ich beugte mich spöttisch +vor bis auf die Tischplatte und sagte von unten zu ihr aufblickend: + +»Wir haben gearbeitet, -- und Sie, was haben Sie getan?« + +»Ich habe geschlafen.« + +»Ah, Sie haben geschlafen ...« + +»Jawohl; ich bin nämlich kein Troubadour, der wie ein Hase mit offenen +Augen nachts im Felde schläft.« + +Hier betrat Frau Seyderhelm die Veranda. Sie begrüßte mich sehr +herzlich, schalt auf das freundlichste, daß ich die Nacht draußen +zugebracht hatte, und sprach die Erwartung aus, daß ich nun doch die +Ferien auf Wiesenau verleben würde. + +Man frühstückte. + +Es stellte sich im Lauf des Gesprächs heraus, daß Frau Seyderhelm mir am +Tag nach der Gesellschaft einen Brief mit der Einladung nach Wiesenau in +die Wohnung geschickt hatte, der nicht mehr in meine Hände gekommen war. + +Nina begann mit einer Geschichte, die so komisch war, daß wir alle +fürchterlich lachen mußten. Sie sprach lebhaft, mit vielen Gesten, +erzählte vorzüglich und ward durch ihren Erfolg so angeregt, daß sich +der Schnupfen zu verlieren schien. + +Wolfgang machte seiner Mutter kopfschüttelnd Vorwürfe, daß die +Gänseleberpastete schon seit einigen Tagen nicht mehr genügend auf Eis +liege. Dann wandte er sich zu mir und fragte mit einer kindlich hohen, +liebenswürdigen Stimme: + +»Ißt du Radieschen gern?« + +Man hörte von Frau Seyderhelm, daß die Gräfin Königsmarck heute morgen +dagewesen sei; man sprach dann sehr lange über die Gräfin Königsmarck. +Nina schien sie nicht zu lieben. Wolfgang behauptete, diese Dame röche +nach wilden Tieren. + +»Wolfgang, so spricht man nicht von einer Dame!« sagte Frau Seyderhelm. + +Nina jubelte und begann ohne den mindesten Zusammenhang eine Schilderung +zu entwerfen, wie sie auf der Treppe meinen Ranzen gefunden und +aufgemacht habe. + +»Stellen Sie sich vor, Frau Seyderhelm: er reist mit einem zerrissenen +Hemde, einer Zahnbürste, zwei alten Brötchen und dem Werther; den +Werther hat er in seine Socken gepackt!« + +Man lachte sehr. Mich erfaßte mit einem Mal der unbezähmbare Drang, +Ninas Hand, die elfenbeinerne mit den spitzen Nägeln und der kühlen +Haut, zu küssen. Ich bückte mich nach einer Serviette und berührte wie +zufällig Ninas Finger mit meinen Lippen. Nina ließ es ruhig geschehen; +sie tat, als habe sie nichts gespürt. + +»Es war übrigens gar nicht der Werther,« sagte ich, als ich wieder +aufrecht saß. »Es war die Versuchung des Pescara.« + +Ich bediente mich mit einer kalten Reisspeise und war von meinem +Abenteuer so aufgeregt, daß ich kaum schlucken konnte. + +»Oh, die Versuchung des Pescara,« sagte Frau Seyderhelm. Und sie fing +an, sich des längeren über »Huttens letzte Tage« auszulassen. + +Wolfgang zog ein gelangweiltes Gesicht und schlug Nina für den +Nachmittag eine Tennispartie vor. Sobald er mit Nina sprach, war seine +Stimme zart und fast unterwürfig. + +Frau Seyderhelm hob die Tafel auf. + +»Schreiben Sie mir später den Namen Ihrer Wirtin auf, lieber Walter,« +sagte sie. »Man soll uns Ihre Sachen nachschicken.« + +Ich küßte Frau Seyderhelm die Hand und verbeugte mich vor Nina. + +»Spielen Sie Tennis?« fragte Nina. + +»Ja, ein wenig.« + +Sie fuhr mit ihrer Zunge zwischen den Lippen einher. + +»Du reitest heute nicht mehr, Wolfgang?« + +»Nein; es ist zu heiß.« + +Ich spürte plötzlich den Duft von Ninas Körper. Ich sah ihren weißen +Hals und erbebte. + +Nina lächelte. + +»Addio, meine Herren. Ich gehe in den Wald.« + +»Addio.« + +Wolfgang zog sich in die kühlen Räume zurück. + +Ich blieb auf der Veranda und sah in den Park. Nina ging langsam die +kiesbedeckte Allee entlang, blieb zuweilen stehen, betrachtete +mütterlich ein Blättchen, das sie mit der kühlen Hand liebkoste, +pflückte eine Rose vom Blumenbeet und befestigte sie an ihrer +jugendlichen Brust. Darauf verlor sie sich -- unvergleichlich ebenmäßig +ausschreitend -- im mittäglichen Gehölz. + +Die Gutsglocke schlug ein Uhr. Malatesta, der Hofhund, dehnte sich +schläfrig, beroch mißtrauisch seine Pfote und legte sich auf den Rasen. +Der Diener räumte den Frühstückstisch ab. + + * * * * * + +Am Nachmittag lag ich irgendwo im Wald auf dem Rücken und träumte in den +blauen Himmel hinein. Manchmal streichelte ich den schönen Malatesta, +der mich begleitet hatte. Es war sehr heiß. Der Hund hob zeitweise den +Kopf, stieß, von Wärme bedrückt, den Atem aus der Kehle, ließ die Zunge +hängen und hatte feurige Augen. Mich plagten die summenden und +stechenden Mücken. Ich begann unruhig und gestört zu schlafen. Böse +Träume von großer Leidenschaft und überquellender Sehnsucht verfolgten +mich. Ich sah, wie Nina zu mir, dem Schlafenden, trat, ihr mokantes +Lächeln lächelte und mit einem Male mütterlich, mit drängenden Händen +und junger weißer Brust sich neigte. + +Der nahe Gong, der zum Tee rief, weckte mich auf. Die Sonne war tiefer +herabgesunken; unter ihren schrägen Strahlen beruhigte sich die Welt und +wurde kühl. Ein Wind ging durch die Bäume, der in den Blättern flüsterte +und schluchzte. Der Hund war fortgelaufen. Ich fühlte, daß alles nutzlos +sei und ich ewig einsam bleiben müsse. + + * * * * * + +Gegen Abend spielten wir Tennis. + +Nina war biegsam, schmal in den Fesseln und schnellfüßig. Ihre Hand war +sicher, der Schlag ihres Rackets ruhig. + +Wolfgang, ihr Partner, war weißgekleidet, hatte den rechten Ärmel seines +Hemdes aufgeschlagen und zeigte einen braungebrannten, schmalen und +kräftigen Arm. + +Ich gab streng auf das Spiel acht und hatte den brennenden Ehrgeiz, mich +gut zu halten. Ich verlor das erste Match, trat beim Wechseln an das +Netz, beglückwünschte Nina und küßte ihre Hand. Wolfgang sah mich ein +wenig befremdet an. Nina lächelte, war unendlich liebenswürdig, legte +einmal beim Gespräch ihre Hand auf meinen Arm und nannte mich Walter. +Ich war rasend vor Glück, machte ein hochmütiges Gesicht und verdoppelte +meine Anstrengungen. + +Mir war, als ständen Nina und Wolfgang in abendrotem Dunst und +rosafarbenem Nebel. Jedermann von uns spielte mit streng geschlossenen +Lippen. Nichts unterbrach das Schweigen als nur das Aufschlagen des +Balles, das Summen des festgespannten Rackets und zeitweis ein kleiner +Ausruf der Überraschung oder des Ärgers. Niemand zählte laut, denn jeder +von uns wußte, wie wir standen. Frau Seyderhelm trat ans Gitter; wir +grüßten flüchtig und spielten weiter. Frau Seyderhelm sprach mit einem +Gärtner, deutete einmal mit der Hand auf ein Blumenbeet und wandte sich +über unsern Eifer lächelnd zum Gehen. Ich wurde gewahr, daß sich mein +Spiel von Minute zu Minute verbesserte. Im letzten entscheidenden Set +gewann ich alle sechs Spiele und war somit Sieger im Match. Nina sagte +uff und fächelte sich mit ihrem Tuch kühle Luft ins Antlitz. Als wir uns +die Hände schüttelten, sah sie mich wie zum erstenmal an. In ihren Augen +leuchtete mir etwas Verlockendes und Gefährliches entgegen. + +»Sie spielen gut,« sagte Nina. »Reiten Sie?« + +»Gewiß.« + +»Wolfgang, wir werden morgen früh reiten.« + +»O Nina, rede keinen Unsinn, das hast du schon zehnmal gesagt. Du stehst +ja doch nicht um sieben Uhr auf.« + +»Doch, ich werde ganz bestimmt um sieben Uhr aufstehen.« + +Sie sah mich wieder mit ihren lockenden Augen an, wobei sie die Lider +ein wenig zusammenzog. Mir war, als liebkosten mich die goldfarbenen +seidenen Wimpern. + +»Was wird Herr Regnitz für ein Pferd reiten?« + +O weh, sie sagte wieder Herr Regnitz! + +»Willst du einen ruhigen Gaul, Walter?« + +»Nein, im Gegenteil.« + +»Gut, du sollst die Moissi haben. Eine Rappstute, weißt du. Du bekommst +den neuen Sattel, den mir Mama geschenkt hat.« + +»Hören Sie zu, Walter, das ist eine unerhörte Gnade.« + +O -- sie sagte wieder Walter! + +Ich spürte in diesem Augenblick den einzigartigen Duft von Ninas +mädchenhaftem Körper. Ich sog ihn wissend und gekräftigt ein. + +Der Teufel wird mir an diesem Abend wenig anhaben können. Ich habe mein +Match gewonnen und morgen reite ich Moissi. + + * * * * * + +Die Damen zogen sich bald nach dem Abendessen zurück. + +Wolfgang und ich, wir saßen noch eine Weile auf der Terrasse, fühlten +eine angenehme Ermüdung in unsern Gliedern und tranken ein wenig _Black +and White_ mit sehr viel Sodawasser gemischt. + +Wir sprachen nicht viel, sondern sahen zum reichbesternten Himmel empor +und beobachteten die Sternschnuppen. Der Diener setzte einen Eiskühler +neben den Tisch und verschwand. + +»Nina reitet gut,« sagte Wolfgang. »Ich werde ihr mal morgen den >Sekt< +geben. Da kann sie was erleben.« + +Und dann, nach einer Weile: + +»Mama hat im vergangenen Jahr viel Sorge mit dem Stall gehabt. Weißt du, +der Rotz ... Na, jetzt ist es vorbei ...« + +»So?« + +»Ja, jetzt sind sie wieder alle gesund. Einer ging ein. Na, meinetwegen, +mir lag nichts an ihm. Ein Wallach.« + +Ein Knecht schritt mit einer Laterne durch den Garten. Wir sahen dem +unruhigen Licht nach. + +»Komisch,« sagte Wolfgang plötzlich, »wir kennen uns erst seit sechs +Tagen.« + +»Ja.« + +Eine Stille. + +»Du bist immer so hochmütig. Hast du was?« + +»Nein. Garnichts.« + +Eine Stille. + +»Du mußt in den Herbstferien herkommen und hier mit uns jagen.« + +»Danke. Ja.« + +Mir stieg ein Gedanke auf. + +»Jagt Nina auch?« + +»Ja, sie schießt sehr gut. Sie hat gar keine Angst.« + +»Wie schön.« + +Ich sah ein Bild vor mir: Nina mit dem unvergleichlichen Gang der +Kosakenmädchen durch den Wald schreitend, die Büchse in der Hand, mit +spähenden Augen und grausamen Lippen. + +»Wie schön,« wiederholte ich. + +Ein Stern glitt in mächtiger und graziöser Bewegung durch den +erleuchteten Raum. + +»Hast du dir etwas gewünscht?« fragte Wolfgang. + +»Ja.« + +»Was denn?« + +»Mehr Whisky.« + +Wolfgang lachte und schenkte ein. + +»Na, Mama wird morgen Augen machen über unsere Sauferei. Prost!« + +»Prost!« + +Wir schwiegen lange. + +»Man muß das Leben mit gesunden Händen anfassen.« + +Wolfgang sah mich unsicher an. Dann sagte er verlegen: + +»Ja.« + +Wir beobachteten zwei Fledermäuse. + +»Was denkst du über die Frauen?« fragte ich. + +»Über welche Frauen?« + +»Ich meine ... fändest du etwas dabei, wenn Jungens wie wir ... ein +Verhältnis haben?« + +»Nein ... ja, das heißt ... es kommt darauf an!« + +Wolfgang lachte ein wenig hilflos. + +Ich stand auf und bot ihm die Hand. + +»Wir sollten recht lange Zeit Freunde bleiben,« sagte ich sehr herzlich. + +Auch Wolfgang erhob sich. Er schüttelte meine Hand kräftig, und es lag +in dieser Bewegung etwas eigentümlich Ritterliches. + +»Ja, das sollten wir wirklich,« erwiderte er in demselben Ton. + +»Gute Nacht, Wolfgang.« + +»Gute Nacht, Walter, -- und danke für alles.« + +Ich ging in mein Zimmer. + + + + + 11 + + +Wir reiten zu dritt im abgekürzten Galopp -- von Hans Kietschmann +gefolgt -- über eine jüngst gemähte Wiese, deren Heu naß und ohne Duft +ist. Wir reiten Schulter an Schulter und achten streng darauf, daß die +Linie eingehalten wird. Jeder von uns beschäftigt sich schweigend mit +seinem Pferde, beobachtet den gebogenen Tierhals und übt auf jeden Druck +den Gegendruck der Schenkel aus. + +Manchmal sehe ich zu Nina hin. Das feurige Haar lodert wie eine Flamme, +wie ein Triumph unter dem schwarzen Hut hervor; die weißen Kinderzähne +beißen auf die feuchte Unterlippe, die unbedeckten Hände erfassen die +Zügel des unruhigen Pferdes mit freudiger Kraft. Unausgesetzt richtet +Nina die verliebten Blicke auf den Kopf des Pferdes, das in großzügiger +Bewegung galoppiert. Ich sehe mit Vergnügen, daß der schlanke Körper mit +den säulenstarken hohen Beinen und der jugendlichen weichen Brust sich +entzückt der Bewegung des schnaubenden und wiehernden Tieres hingibt und +niemals die Verbindung mit ihm verliert. + +Es geschieht einige Male, daß Sekt sich nahe an meine Stute drängt und +Ninas Fuß den meinen berührt. + +Hatte ich nicht die ganze Nacht von der einen Minute geträumt, in der +Nina ihren Fuß auf meine Hand setzen würde, um das Pferd zu besteigen? +Und war ich nicht, als sie es wirklich getan, verwirrt und mit pochendem +Herzen davongestürzt? + +Sekts Gangart wird von Augenblick zu Augenblicke länger. Der Schimmel +und seine Herrin freuen sich des wie unbegrenzten Raumes, der +morgendlichen Luft und der würzigen Gerüche des Feldes. + +Ich sehe unsicher zu Wolfgang hin, der immerfort mit tiefer Stimme auf +den Schimmel einspricht: + +»Ruhe! -- Sekt! -- Ruhe! -- Ohlala -- Ohlala!« + +Meine Moissi geht leichtfüßig mit. Wolfgangs nicht so belebtem Fuchs +wird es schwer, die Linie einzuhalten. + +»Ruhe, Fräulein Nina!« sage auch ich jetzt. »Bitte abgekürzter Galopp!« + +Aber Nina hört nichts. Sie sieht verzückt, mit nassem, erregtem Munde +und blinkenden Augen auf den Schimmel und beißt mit den weißen Zähnen +auf die Lippe. + +»Gib auf die Sporen acht!« + +In diesem Augenblick tut Sekt, den irgend etwas erschreckt hat, einen +kleinen Sprung, Nina kommt mit den Sporen an die Weichen, der Schimmel +wirft den Kopf mit einer schmerzlichen Gebärde in die Höhe und geht +durch. + +Moissi folgt sofort. Wolfgang und Hans Kietschmann bleiben zurück. + + * * * * * + +»So, Fräulein Nina ... jetzt Ruhe, nur Ruhe!« + +Die Pferde rasen über das Feld. Die Morgensonne erhebt sich +gelbstrahlend über einem Hügel und blendet uns. + +»Rechte Kandare ziehen! ... Sekt, Ruhe!« + +Nina richtet das Tier mit allen Kräften nach rechts. + +Wenn ihr nur nichts geschieht! ... Nein, sie ist ruhig. Es geschieht ihr +nichts. + +»Mehr rechts, immer mehr rechts! ... Fort vom Stall! ...« + +Sieh da, sie ist zufrieden, sie ist hingegeben dieser einzigartigen +Geschwindigkeit, dieser goldenen Flucht durch den Morgendunst. + +»Noch mehr rechts! ... Bravo, Fräulein Nina! Noch mehr!« + +Wir beschreiben mit unserem Ritt eine Kurve. + +»Reitpeitsche fortwerfen!« + +Nina läßt die Peitsche fallen. + +Ich bekomme über meine Stute Gewalt, meine Knie und Schenkel sind +unausgesetzt an den Sattel gepreßt. Ich drücke den Rappen an Nina heran. + +»Noch einmal nach rechts ... sehr gut! ... Noch einmal! ... Ah, er läßt +nach ...« + +Ich beuge mich vor und greife in Ninas Zügel. Der Schimmel erschrickt, +bäumt sich, -- ich packe den Halfter und der Schimmel steht. + +Nina lacht, ein nervöses, schreiendes, jubelndes Lachen. + +Ich steige von meinem Pferd, um Sekt liebkosend zu beruhigen. Ein +unerklärlicher Gram erfaßt mich, ich spreche kein Wort, sehe Nina nicht +an und bebe vor Schmerz und Zorn ... + +Wolfgang erreichte uns endlich. Er lacht. + +»Bravo Nina! -- Nichts geschehen?« + +Nina schüttelt den Kopf. + +»Ein schöner Unsinn, dieses Biest da mit Sporen reiten zu lassen!« sage +ich scharf und böse. + +Wolfgang zieht ein beleidigtes Gesicht. + +»Nehmen Sie die Sporen ab!« herrsche ich Nina an, ohne hinaufzusehen. + +Wolfgang und Hans steigen von den Pferden. + +»O -- Sie sind zornig, Walter!« ruft Nina. + +Ich blicke auf. Ninas Augen lachen, aber sie ist blaß, sehr blaß, und +ihre Lippen zittern nervös. + +»Nehmen Sie jetzt bitte die Sporen ab.« + +Hans befreit Nina von den Sporen und reitet zurück, um auf der Wiese die +Reitpeitsche zu suchen. Ich stecke die Sporen in meine Tasche. + +Wir reiten im Schritt weiter und erreichen ein belichtetes Gehölz. +Unsere Tiere sind ermüdet und zufrieden. Sie gehen in großen Schritten +durch den Wald und spähen an den stolzen Fichtenstämmen stolz vorbei. +Wir sind schweigsam und schlecht gelaunt. + +Mit einem Male streckt Nina die Hand nach mir hin. Da ich nicht in ihrer +Nähe bin, fingert sie ungeduldig in der Luft herum. Ich nehme ihre Hand, +beuge mich tief nach unten und küsse sie lange. + +Wie ich mich emporrichte, sehe ich, daß Nina mit lächelndem Antlitz und +feuchten goldenen Wimpern nach der andern Seite blickt. Wolfgang ist +blaß geworden und hält die Augen gesenkt. Hans reitet irgendwo +hinterher. + +Wir erreichen, ohne ein Wort zu sprechen, nach einer Stunde den Gutshof. +Die Pferde sind naß und wollen ihr Futter. Ich grüße Nina mit dem Hut +und gehe ins Haus. + + + + + 12 + + +Wir fuhren am Abend mit einem leichten Jagdwagen ins Gebirge. Frau +Seyderhelm war im Schloß geblieben, da sie Besuch erwartete. + +Wir saßen auf der Terrasse eines vornehmen und einsam am Fluß gelegenen +Hotels. Vor unseren Blicken zerflossen die kupferbraunen Abhänge und +goldenen Bergeshäupter, die ein unaufhörlich gleitendes Licht belebte. + +Ich stand, noch ehe die Mahlzeit bereitet war, im Stalle bei den Pferden +und sorgte dafür, daß sie ihr Futter bekamen. Mein Kopf war benommen, +und meine Augen brannten. Den ganzen Tag in Ninas Kreise zu leben, den +Hauch ihrer Lippen zu spüren, im Wagen ihren Knieen nahe zu sein und +ihrem duftenden Haar, zu sehen, wie der Wind das helle, sich innig an +den Körper schmiegende Sommerkleid berührte, und mit verwirrten Sinnen +zu ahnen, vieles zu ahnen, -- ah, das alles war nicht ganz leicht zu +ertragen. + +Ein Kellner meldete, das Essen sei angerichtet. Ich stieg die steinerne +Treppe der Terrasse langsam hinauf. Die unaufhörlich wechselnden Farben +des Abends quälten mich; ein drohendes Verhängnis war in dieser +Bewegung, eine Unruhe ohnegleichen, eine süße und unsäglich schmerzliche +Hast, eine Flucht und ein Jammer ohne Trost ... + +Als ich oben angelangt war, sah ich, wie Nina ihre Hand auf Wolfgangs +Arm gelegt hatte. Sie schien ihn etwas zu fragen. Er beantwortete Ninas +Frage, und sein Gesicht bekam den überaus liebenswürdigen und +ritterlichen Zug, den ich an ihm liebte. Ein kindliches, verhaltenes +Schluchzen stieg in mir empor. + +Ich setzte mich an den Tisch, Nina und Wolfgang sahen mich an. + +»Na Lieber? Wie gehts?« fragte Wolfgang. + +»Danke, die Pferde fressen.« + +Nina lachte und blickte fort. + +Ich wurde rot. + +Nina sprach in näselndem Ton von Trüffeln. + +»Sieh mal, Wolfgang, wie witzig, hier gibt es gefüllte Trüffel. +Raffiniert -- nicht?« + +»Nina, du redest wie ein Kavallerieoffizier,« sagte Wolfgang, wandte mir +sein Gesicht schräg zu und fragte in seinem kindlichen Ton: + +»Spricht sie nicht wie ein Gardekürassier?« + +Wir aßen danach Forellen. Nina verstand es gut, das zarte rosige Fleisch +der Fische von den Gräten loszulösen. Die weißen, nun der Seele +beraubten Tieraugen starrten ausdruckslos zu uns herauf. Nur um die +Mäuler lag ein böser Zug, der von Todespein und letztem Kampf erzählte. + +Um die Zeit der späten Dämmerung trat ein Hirsch aus dem Wald des +gegenüberliegenden Berges hervor, äugte mit einer kühnen Gebärde des +Kopfes nach dem Hotel hin und trank aus dem Fluß. + +Der Geruch von Bergwasser und nassem Sand stieg zu uns empor. Allmählich +entfaltete der dunkelnde Himmel die Schönheit der beginnenden Nacht vor +unsern Augen. Die stolzen Gestirne wurden sichtbar; vor ihrer +urweltlichen Starrheit wichen die wechselnden Farben des Abends besiegt +zurück. Das Gebirge ward im funkelnden Schein groß und ehern. + +Wir standen nach beendetem Mahle auf und gingen über die hölzerne Brücke +des Flusses dem andern Ufer zu. Die Nacht gab mir mitleidsvoll von ihrer +Kühle und besänftigte mich wunderbar. Nina schien mir schöner denn je, +aber ihre Schönheit war meinen Sinnen und meinem undeutlichen Verlangen +entfernt. Sie ging mit ihrem weißen Sommerkleid wie durchsichtig durch +die Nacht dahin. Auf ihren Schultern lag ein bläuliches Orenburger Tuch. +Ihr Haar war unbedeckt und bewegte sich ein wenig im Nachtwind. + +Ein leises, sehnsüchtiges Tönen rief uns in den Wald. War es eine Flöte +oder eines Mundes Klage? Wir folgten neugierig der oft entschwindenden +und dann wieder genäherten Musik. + +Vor einem Bretterverschlag, dem Sammelplatz der Tiere, machten wir Halt. +Wir sahen die Gestalt eines Mannes zwischen sternhellen Bäumen +einhergehen, wir sahen ihn in seine Schürze greifen und -- einem Sämann +gleich -- Eicheln und Kastanien mit einer weiten Bewegung seines Armes +über den Waldboden streuen. Dazu pfiff er eine Melodie, eine kleine, +sentimentale, unbeholfene und doch unendlich rührende, süße, zärtlich +lockende Melodie. Nach einer Weile schien es, als bewege sich der Wald. +Unhörbar, aber mit großzügigen Bewegungen und bei jedem Schritt ein +wenig mit den Häuptern nickend, kamen wie aus einem dunkel gewebten +Teppich Hirsche und Rehe aus der Nacht hervor, beugten sich zu Boden und +näherten sich langsam dem lockenden Freund der Tiere. Allmählich +entfernte sich der Mann, umdrängt von seinen zärtlichen Geschöpfen, +ferner und ferner klang die Musik seines Mundes und löste sich endlich +auf im Rauschen des Waldes. + + * * * * * + +Wolfgang eilte voraus, um mit Hans die Pferde anzuschirren. Es zeigten +sich Wolken am Himmel. + +Ich ging mit Nina langsam den jäh erleuchteten Waldweg entlang. Nina +hatte wieder ihren Schnupfen und führte das kleine Tuch oftmals an den +Mund. + +»Walter.« + +»Ja.« + +»Wie alt sind Sie?« + +»Siebenzehn Jahre.« + +»Siebenzehn Jahre,« wiederholte Nina. + +Eine Stille. + +»Walter.« + +»Nina?« + +»Sie werden morgen fortreisen, -- nicht wahr?« + +Und da sie mein Gesicht sah, hob sie beschwörend die bittenden Hände +empor und sagte in unvergleichlich rührendem Ton: + +»Walter, -- Sie sind _siebenzehn_ Jahre!« + +Ich hatte wieder solche Angst. + +Ich werde mich töten, dachte ich. + +Eine lange Stille. + +»Sie werden reisen, Walter?« + +»Ja.« + +»Danke.« + +Ich werde mich töten. Es wird noch diese Nacht geschehen. + + * * * * * + +Wir fuhren über Felder. Wolfgang kutschierte, wobei er manchmal einige +Worte mit Hans wechselte. Ich saß mit Nina in der Break. Nina sprach +viel und war nervös. + +Es erhob sich ein Wind und trieb große, von den Sternen erhellte Wolken +über den Himmel. In der Ferne leuchteten Blitze. + +Nina klagte über den Sturm, der ihr Kopfschmerzen verursachte, und bat, +man solle die Verschläge herunterlassen. Der Wagen hielt, die Pferde +stampften ängstlich auf dem undeutlichen Feldwege, und Hans spannte die +leinenen Gardinen auf. + +Wir waren nun von den andern durch eine Wand getrennt und sahen die Welt +einzig durch die Öffnung über der Türe. Wir hörten von irgendwoher +kleine Bäche rauschen, den Wind im Korn und in entfernten Wäldern +blasen, und aufgescheuchte Enten, die schreiend nach irgend einem +wohlgeborgenen Teiche zogen. + +»Sie frieren, Walter?« + +»Nein. Danke.« + +Nina hüllte sich fester in das weiche blaue Gewebe ihres Tuches. + +Ein Blitz zuckte. + +»Haben Sie den Hasen gesehen, Walter?« + +»Ja.« + +Wir fuhren über eine Brücke. Das Holz dröhnte. + +»Sie haben noch einen Vater, Walter?« + +»Ja.« + +»Wo ist er?« + +»In Skandinavien.« + +»Allein?« + +»Anny Döring ist bei ihm.« + +»Wie? -- Die Soubrette?« + +»Ja.« + +»Ach --!« + +Nina blickte mich verwundert und ängstlich an. + +Wie liebte sie in diesem Augenblick meinen Vater. O Nina, Nina! + +Ich sah lange Zeit hinaus und träumte. Ich fühlte, daß mich Nina +unausgesetzt betrachtete. Später vergaß ich es. + +Eine Hand lag auf der Decke. Es war Ninas Hand. + +»Darf ich sie küssen?« fragte ich. + +Nina lachte mit einem hellen Ton. Es klang, als fiele ein kleiner +silberner Hammer schnell auf Metall. + +Ich küßte die Hand und dachte dabei an den Förster, der durch den Wald +ging und Eicheln über die Erde streute. Ich küßte keine lebendige Haut, +sondern Wildleder, dänisches Wildleder. Ich küßte dieses Leder noch +einige Male und ließ die Hand dann fahren. Ich empfand kein besonderes +Vergnügen dabei und wunderte mich. Wahrscheinlich träumte ich dies alles +nur, sonst wäre ich doch wohl anders gewesen. Ich hätte vielleicht +geschrieen ...? + +Es begann langsam zu regnen. Ich streckte die Hand hinaus. Große warme +Tropfen fielen hernieder. + +»Wir werden morgen nicht Tennis spielen können,« sagte ich schläfrig. + +»Ja,« erwiderte Nina verwundert. + +Ach so, ich reise ja morgen fort, dachte ich. Wie ungeschickt! + +Ich träumte fort, sah Steine, Wolken und Bäume vorbeieilen; oben sprach +Wolfgang irgend etwas, was ich nicht verstand, und der Donner wurde +stärker, immer stärker. + +Nein, ich werde morgen nicht fortreisen. Ich werde mich heute Abend +töten. + +Schafe standen zusammengedrängt und fürchteten sich ... Sieh da, Schafe +... »Und es waren Hirten in derselbigen Gegend auf dem Felde bei den +Hürden, die hüteten des Nachts ihrer Herde. Und siehe, des Herrn Engel +trat zu ihnen, und die Klarheit des Herren leuchtete um sie; und sie +fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch +nicht, siehe, ich verkündige euch große Freude ...« wie schön, -- siehe, +ich verkünde euch große Freude! Mir war mit einem Male, als sei mein +Körper durchströmt von gutem warmem Blut. Es war ja alles gar nicht so +schlimm! Denn ich verkünde euch große Freude ... + +Da -- was war das? Eine bebende Hand griff nach meiner. Mein Traum +zerriß -- -- + +»Nina!« + +Ich schrie. + +»Sei still, um Gottes willen ...« + +»Hallo, was gibt's?« fragte Wolfgang. + +»Nichts. Ninas Haar im Wind ...« + +Ich riß Nina an mich, überflutete ihr Antlitz mit Küssen, umarmte ihre +Kniee und biß in ihre Lippen und Hände ... + +»Laß ... Laß ... Du bist verrückt.« + +Sie stöhnte. + +Ich flehte unverhüllt mit meinen fiebernden Lippen auf ihren Lippen, auf +ihren Händen, ihrem Haar, ihren Augen und ihrer jungen, jungen Brust ... + +O unerhörtes Glück des Aneinanderschmiegens, der verschlungenen Finger, +der wirren, in die dunkle Luft hineingesprochenen Reden! + +Und dann dieses wunderbare, einzigartige Ermatten, diese tränenreiche, +gütige Müdigkeit, ... dieses bekümmerte Suchen der Hände, ... und +endlich diese Ruhe, diese tiefe, tiefe Ruhe! ... + +Wie wir einst so glücklich waren! + + * * * * * + +Um Mitternacht stürmten die gepeitschten nassen Pferde mit rasselndem +Wagen in den Schloßhof. Frau Seyderhelm empfing uns in der Türe. Sie war +ein wenig müde, aber freundlich und besorgt. + + + + + 13 + + +Ich stellte mich an das Fenster meines Zimmers und sah hinaus. Blitze +spalteten Eichen und Kiefern, und über Wälder und weite Ebenen rollten +ihre Donner. Aus den Ställen brüllten und wieherten geängstigte Tiere, +und Malatesta saß mit glühenden Augen in seiner Hütte vor meinem Fenster +und heulte. + +Auch dies ging vorbei. Ein stetig und kühl strömender Regen spendete +uns, den Fiebernden, Genesung. Gerüche von niegeahnter Kraft erfüllten +die Luft, und die Tiere in den Ställen begannen ihren Schlaf. Zwei Uhr +schlug die Glocke, aber der trübe Morgen war noch fern. + +Ich setzte mich an den Tisch. Ich wollte etwas Unerhörtes schreiben, +aber ach, -- es wurden nur diese einfachen Zeilen: + + Ist es denn möglich, daß wir diese Nacht + In einem Wagen über Felder fuhren? + Hab' ich geträumt? Ich sah doch einen Wald! + Eilten nicht Steine, Wolken, Bäume, Sterne + An uns vorbei, und hast du später nicht + -- So hab' ich _doch_ geträumt, -- und hast du nicht + Mir abgewandten Blicks die Hand gereicht? + ... Und küßte ich sie nicht? + Ich habe nicht geträumt. Wir fuhren nachts + In einem Wagen über weite Felder, + Es eilten stille Wolken, Bäume, Sterne + An uns vorbei ... Du gabst mir deine Hand ... + ... Ich küßte sie ... So hab' ich _doch_ geträumt? + +Ich packte meinen Ranzen, nahm das Blatt, stieg zu Ninas Zimmer hinauf, +öffnete die erste ihrer beiden Türen und legte mein Gedicht auf ihre +Diele. Dann schlich ich mich hinunter. + +Ich trat auf den Hof, streichelte Malatesta und dachte: Frau Seyderhelm +und Wolfgang ... ach, Frau Seyderhelm und Wolfgang! + +Ich wanderte die Straße hinab, bis sich im Osten der bewölkte Tag +ankündete. Auf einem Hügel blieb ich stehen und sah die verlassene +bleiche Landschaft unter mir. Eine Starenkette flog durch die gereinigte +Luft des Morgenrots. + +Da schlug ich mit der Stirn auf einen Baum und stürzte nieder. + + + + + Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München + + Karl Borromäus Heinrich + + Karl Asenkofer + + Geschichte einer Jugend + + Zweites Tausend + + Geheftet 3 Mark 50 Pf., geb. 5 Mark + + Süddeutsche Monatshefte, München: Wenn ich aber sagen sollte, + welches erzählende Buch des letzten Jahres den stärksten und + nachhaltigsten Eindruck auf mich gemacht hat, so müßte ich + Karl Asenkofer von Karl Borromäus Heinrich nennen. Das ist + mehr als Litteratur: jede Zeile ist erlebt, und was noch + wichtiger, jedes Erlebnis ist behutsam aufbewahrt! noch hängt + der ganze Flügelstaub an den leichten Schwingen. Ein Buch + von packender Ehrlichkeit, die nichts hinzu tut, und so + niemals den Eindruck des Beabsichtigten, Arrangierten + aufkommen läßt. Die letzten Gymnasial-, die ersten + Universitätsjahre sind kaum je so unmittelbar und überzeugend + wahrhaftig dargestellt worden. Als Heldin steht von der ersten + bis zur letzten Seite eine der ergreifendsten Muttergestalten + da. Dies Buch ist so ausgezeichnet, daß man vor der + Fortsetzung ganz Angst hat. Man möchte den Verfasser inständig + bitten, mit dem zweiten Teile zu warten, bis er sich dem + ersten an die Seite stellen kann: ja nicht zu früh, ja nicht + zu viel über seine augenblicklichen Erlebnisse zu berichten, + sondern in Gelassenheit und Demut geduldig zu warten, bis zum + ersten meisterlichen Bande ein zweiter von selber in Stille + und Sturm reif geworden ist. An dem Tag aber wollen wir uns + mit ihm freuen, denn an dem Tag ist unsere Litteratur um ein + bleibendes Werk reicher: um ein solches, das eine Generation + weiter gibt an die andere. + + + Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München + + Korfiz Holm + + Thomas Kerkhoven + + Roman + + Vierte Auflage + + Flexibel geb. 5 Mark, steif geb. 6 Mark + + »The Times«, London: »Thomas Kerkhoven« belongs almost to the + rank of classics like »Tom Jones« or »David Copperfield« or + »Pendennis«. + + Rudolf Herzog in den »Neuesten Nachrichten«, Berlin: Sicher + ist, daß dieses Werk den besten Büchern beizuzählen ist, die + in den letzten Jahren erschienen sind. + + Wilhelm Hegeler im »Litterarischen Echo«, Berlin: Auf jeder + Seite ist das Buch voll sprühender Lebendigkeit, von müheloser + Anschaulichkeit, amüsant und glänzend von Anfang bis zu Ende. + + »Münchener Neueste Nachrichten«: Es wird seinen Weg machen; + denn es ist wert, den besten Dichtungen unserer Zeit an die + Seite gestellt zu werden. + + »Berner Bund«: Ganz »verflixt gut geschrieben« ist es, mit + einer geradezu bewunderungswürdigen Sicherheit in der Technik. + + + Druck von Hesse & Becker in Leipzig + + + + + + Anmerkungen zur Transkription + + +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Wie wir einst so glücklich waren!, by +Wilhelm Speyer + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WIE WIR EINST SO GLÜCKLICH WAREN! *** + +***** This file should be named 59186-8.txt or 59186-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/5/9/1/8/59186/ + +Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net. 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-<title>The Project Gutenberg eBook of Wie wir einst so glücklich waren!, by Wilhelm Speyer</title>
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- <!-- TITLE="Wie wir einst so glücklich waren!" -->
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-Project Gutenberg's Wie wir einst so glücklich waren!, by Wilhelm Speyer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-this ebook.
-
-
-
-Title: Wie wir einst so glücklich waren!
-
-Author: Wilhelm Speyer
-
-Release Date: April 1, 2019 [EBook #59186]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WIE WIR EINST SO GLÜCKLICH WAREN! ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This file was
-produced from images generously made available by The
-Internet Archive.
-
-
-
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-</pre>
-
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<p class="halftitle">
-Wie wir einst<br />
-so glücklich waren!
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
- <div class="works">
-<p>
-Von <em>Willy Speyer</em> erschien bei <em>Bruno
-Cassirer</em>, Berlin 1907:
-</p>
-
-<p>
-<em>Ödipus</em>, Roman
-</p>
-
- </div>
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<h1 class="title">
-Wie wir einst<br />
-so glücklich waren!
-</h1>
-
-<p class="aut">
-Novelle<br />
-von<br />
-Willy Speyer
-</p>
-
-<div class="centerpic logo">
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-
-<p class="pub">
-Albert Langen<br />
-Verlag für Litteratur und Kunst<br />
-München
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-1">
-<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
-1
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">uf</span> meinem Lande ist es Herbst geworden.
-Ungefähr um drei Uhr morgens
-beginnt ein kalter Regen nieder zu
-gehen, der erst um fünf Uhr nachmittags
-aufhört. Zur Vesperzeit kommt plötzlich
-und kampflos die Sonne hervor; ein leichtes
-Blau webt mit einem Male in den herbstlichen
-Bäumen, deren genäßte Blätter von der Sonne
-farbenreich durchleuchtet werden. Am Spätabend
-ziehen über die feuchte Erde Nebel dahin,
-die des Nachts die verblassenden, leise
-rauschenden Wälder umfangen. Auf diesen
-Nebeln ruht zuweilen Mond- und Sternenlicht;
-goldene und silberne Wolken fließen unaufhörlich
-durch das Dunkel dahin, bis es zu einem
-nassen und schleichenden Morgen tagt.
-</p>
-
-<p>
-Es ist seltsam zu sagen: Ich ziehe den
-Regen meinen anmutigen Herbstabenden vor.
-Während des ganzen Tages bleiben meine
-Fenster fest geschlossen, und ich finde ein Vergnügen
-darin, stundenlang im Zimmer auf und
-ab zu gehen, mit der Papierschere zu spielen,
-meine und meines Vaters Tagebücher zu lesen
-und immer wieder in hundertfachen Pausen dem
-<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
-Regen, dem grausamen, dem gänzlich hoffnungslosen
-zuzusehen. Keine Stimme redet zu mir
-aus dem strömenden Wasser, wie es bisweilen
-den Dichtern geschieht, und belustigt mich durch
-ihre Geschichten, – vielleicht durch kleine rührende
-Märchen, die meine Brust mit süßen
-Hoffnungen erfüllen könnten und dann ganz
-trostlos endigen, ... o nein, was mich unwiderstehlich
-zu dem erbarmungslosen Freunde dieser
-Tage hinzieht, ist nichts anderes als die nackte,
-von jeder Kunst entblößte Trauer und ihr
-schwermütiges Gefolge.
-</p>
-
-<p>
-Es gibt Tage, wo der Regen auch vor der
-Vesperstunde nicht Halt macht, sondern in die
-finstere Nacht hineinrauscht und nimmer ruhen
-mag. Dann kommt die Zeit meiner tiefsten
-Ängste, und es erfassen mich Gefühle, die ich
-längst vergessen wähnte: Meine vollkommene,
-durch keine Gunst des Schicksals je gestörte
-Vereinsamung, meine frevelhafte, durch keinen
-leuchtenden Gedanken je geweihte Eigenmächtigkeit
-und meine tödliche, tödliche Sehnsucht.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-Es ist wahr, ich bin grenzenlos einsam. Daß
-ich dies erst jetzt fühle, bereitet mir eine gewisse
-Genugtuung, zumal wenn ich daran denke, daß
-es Menschen gibt, die Tag für Tag an ihrer
-Einsamkeit leiden.
-</p>
-
-<p>
-Aber nun, hier auf meinem Landsitz, ist es
-eingetreten, daß ich in den Regen schaue, eine
-ganze Weile, geruhig, mit einer leichten Traurigkeit
-im Herzen, und dann plötzlich der Gedanke
-mich zu Boden schmettert, daß es auf der ganzen
-Welt keine einzige Seele gibt, die mir am Tage
-oder in der dunklen Nacht je vertraut wäre.
-</p>
-
-<p>
-O, ich weiß, daß viele Menschen ebenso
-wie ich zu sprechen pflegen, – aber bedenken
-diese auch, daß sie noch von der Kindheit her
-eine alte, gebrechliche Haushälterin besitzen, die
-sie rührend eifrig bedient und mit mürrischer
-Zärtlichkeit an ihnen hängt, oder einen Hund,
-einen kranken vielleicht, der mit guten, getrübten
-Augen zu ihnen emporsieht? Aber ich,
-ich kann nicht einmal solche Geschöpfe, die
-Geschöpfe des unteren Daseins, mein Eigen
-nennen. Meine Haushälterin versieht ihren
-Dienst mit gleichgültiger Sorgfalt, und die Hunde
-des Gutes lieben meinen Inspektor, nicht mich.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
-Ich habe freilich mit vielen Männern Handschlag
-und freundlichen Blick gewechselt, habe
-Umarmungen und Küsse mit manchen Frauen
-getauscht und bin in vieler Herren Dienst gestanden,
-– was blieb mir von alledem? Das
-Herz des Söldners, seine ruchlose Einsamkeit und
-seine undeutliche Erinnerung. Denn meinem
-Geist sind alle Geschehnisse zerronnen, wie der
-Regen zerrinnt auf den Schieferdächern meiner
-Scheunen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich stehe ein wenig abseits vom Sinn und
-Gefüge der Natur, das sei zugestanden, auch
-trage ich eine spöttische Unbekümmertheit um
-ihren Gang zur Schau. Ich befinde mich
-außerhalb der Kreise, die von der Natur um
-die Dinge dieser Welt, um Menschen, Tiere,
-Blumen, ja, um die starre Öde des Gesteins
-gezogen ward und – ich will es nur aussprechen
-– ich befinde mich dort nicht allzu
-wohl. Ich fühle mich ausgeschlossen von der
-mütterlichen Güte der Natur, die selbst dann
-meine tiefste Sehnsucht erweckt, wenn sie den
-andern nur grausam und sinnlos erscheint.
-Ich zöge es vor, als ihr niedrigster Knecht in
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-Ketten zu schmachten, als, ach – so frei zu
-sein, wie ich bin ...
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich gehe an meine Bibliothek und nehme
-die römischen Elegien heraus. In dem Kupferstich
-auf der ersten Seite finde ich die Worte:
-„Wie wir einst so glücklich waren.“
-</p>
-
-<p>
-Ich lese es und habe Tränen in meinen
-Augen.
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">„Wie wir einst so glücklich waren,</p>
- <p class="verse">Müssen’s nun durch Euch erfahren.“</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Es war auf einem deutschen Rittergut im
-Sommer, in einem Sommer voll gesegneter
-Tage; das Getreide stand hoch, vortreffliches
-Heu lag auf den Wiesen; der Himmel war am
-Morgen blau, mit einer glasigen Mondsichel
-über den Scheunen, und nachts leuchteten viel
-Sterne wie aus einem dunkeln, reichen und
-kostbaren Stoff. Ich liebte dort alle Menschen
-und ich betete mit einer jungglühenden Leidenschaft
-eine gewisse Dame an, – vielleicht war
-es ein Taugenichts von einer Dame. O, ich
-habe dies alles nie vergessen, ich entsinne mich
-sehr gut. Ich will diese Geschichte aufschreiben
-und sie dann einem Mädchen vorlesen, das
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-irgendwo in der Welt lebt, einem schlanken
-Mädchen etwa von blondem Haar und weißen,
-milden Händen, und dieser Gedanke hat etwas
-unendlich Beruhigendes für mich. Ich erinnere
-mich dabei an gewisse Abendspaziergänge über
-die sanften Felder eines deutschen Rittergutes,
-an gewisse zärtliche und gütige Nächte und an
-die verworrenen Laute eines Fuhrmannes, der
-in der Dunkelheit den Hof erreichte und seine
-Pferde beim Schein der Laterne aus der Deichsel
-führte.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-2">
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-2
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> schauderte, als ich zum ersten Mal mit
-einem Wagen durch die Straßen dieser
-Stadt fuhr, in der ich die zwei letzten
-Jahre meiner Schulzeit verbringen sollte.
-Von den häßlichen, kalkig-weißen oder gelben
-Mietshäusern, die mit dem läppischen Stuck
-einer nur auf die Nützlichkeit gerichteten Baukunst
-verziert waren, wandte sich der gekränkte
-Blick zu modischen Villen, die mitten in Arbeitervierteln
-durch ihren Prunk aufgeblasen, durch
-ihre ärmliche Umgebung unschicklich, ja frech
-erscheinen mußten. Ein verachteter, oftmals
-bespöttelter Fluß, das Zerrbild eines Flusses,
-führte sein dünnes, unruhiges und stets getrübtes
-Wasser durch das Weichbild der Stadt.
-In den lichtlosen Gassen aber duckten sich zuweilen
-jahrhundertalte ängstliche Giebelhäuser,
-die einer seelenvollen und klaräugigen Vergangenheit
-entstammten.
-</p>
-
-<p>
-Der Knabe hatte seine erste Jugend auf
-einer Landschule zugebracht und war dort von
-erfahrenen Männern zusammen mit einer Schar
-unermüdlicher und redlicher Jungen erzogen
-worden. Nun stand er, einem begründeten
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-Wunsche seines Vaters folgend, allein in dieser
-Stadt, ohne daß ihn irgend ein freundliches
-Gefühl an ihre Menschen gebunden hätte, dazu
-von einer auf dem Lande erlernten und geübten
-Sittlichkeit beschwert, die den Verkehr mit den
-leichtgesinnten Bewohnern der Städte verbot.
-So verschloß er sich nicht ohne einen gewissen
-Starrsinn den Freuden der Geselligkeit, gedachte
-mit Trauer der vergangenen Zeit und fand ein
-großes Gefallen daran, den alten Freunden in
-langen Briefen seine augenblickliche Lage mit
-den trostlosesten Worten zu schildern. Seine
-Stimmung ward durch den Umstand nicht verbessert,
-daß der Vater ihm Geldmittel von bedeutender
-Höhe zur Verfügung stellte, die weder
-dem Alter noch dem Verdienst des Sohnes
-ziemten.
-</p>
-
-<p>
-Er verachtete mit zusammengepreßten Lippen
-und immer strengen Zügen die Lehrer und
-Schulkameraden des Gymnasiums und sprach
-mit keinem von ihnen mehr, als die Stunde
-verlangte. Ihre unerzogenen Körper und die
-schlechte Artung ihrer Seelen erschreckten ihn auf
-das heftigste und stießen ihn ab. Er, nur er
-allein war edlen, bis zu den Sternen erhobenen
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-Geistes und nur er besaß die Schönheit schnellbewegter
-Glieder. Wer von ihnen erfaßte mit
-so reger Seele die donnernden Strophen engländischer
-Königsdramen, die knabenhaften und
-verwegenen Reden eines jungen Prinzen vor
-der Versammlung von Lancasterschen Herzögen
-oder den aufrührerischen Hohn der französischen
-Herolde? Wer ward beseligt durch das tönende
-Gold der achäischen Panzer, durch den silbernen
-Hufschlag der streitenden, leichtberittenen Götter
-und durch das blaue, blaue Griechenland?
-</p>
-
-<p>
-Wie sehnte sich der bislang an Freiheit
-gewöhnte Knabe nach den Nachmittagen, die
-ihm durch keinen Zwang verfinstert waren! Ich
-denke besonders an gewisse regnerische Nachmittage
-des Herbstes. In einen trotzigen, der
-Kleidersitte widersprechenden Überwurf gehüllt,
-eine phantastische Mütze tief in das Gesicht
-gezogen, mit hohen schweren Stiefeln bekleidet,
-verließ er seine Wohnung und wanderte zum
-Stadttor hinaus. Bald gelangte er an den
-armseligen, im Regen blinden Fluß, an dessen
-Ufer er durch Weidengebüsch und dürftige
-Birkenwäldchen geradeaus schritt, um endlich
-die ersehnten Felder, die trüben, häßlichen und
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-doch geliebten zu erreichen. Peitschte ihm der
-Sturm das Wasser in das emporgerichtete Antlitz,
-dann fühlte er, wie das heiß ersehnte und
-angebetete Leben seiner einsamen Brust günstig
-genähert war. Er warf die Kleider von sich,
-breitete den schützenden Mantel über sie und
-badete im kalten Fluß, während der Himmel
-seine frischen Regenstrahlen herniedersandte;
-vor Frost zitternd schwang er sich vielleicht auf
-einen Baum, um von dort in einer großartigeren
-als der gewöhnlichen Stellung Cassius in
-den verhängten Himmel zu heulen:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Und so umgürtet, Casca, wie ich bin,</p>
- <p class="verse">Hab ich die Brust dem Donnerkeil entblößt,</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-um endlich mit geschundenem Körper, blau und
-naß in die Kleider zu steigen und gedrückt,
-traurig und fast ein wenig weinerlich über die
-eigene Narrheit im dunkelnden Nachmittag
-seinem Hause zuzuwandeln. In seinem Zimmer
-fand er dann bereits die Dämmerung vor, die
-vom Laternenschein am Fenster in zerrissenen
-Stücken erhellt war. Während vom unteren
-Stockwerk eine musikstudierende junge Dame
-ihre gleichmäßigen und süßen Variationen und
-Fugen erklingen ließ, schickte er sich an, den
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-Tee zu bereiten und die Pfeife in Gang zu
-bringen. Von wundervollen Gefühlen überschlichen
-ließ er sich in einen Sessel nieder,
-eine angenehme Wärme durchströmte seinen
-Körper und seine Augenlider wurden schwer von
-Träumen. Aber sein der Wirklichkeit ebenso
-leidenschaftlich wie der Phantasie zugetaner
-Sinn richtete ihn bald aus seinen Träumen
-empor. Er setzte sich an den Schreibtisch,
-schlug seine Schulbücher auf und arbeitete,
-ohne seinen Gedanken eine Ablenkung zu gestatten,
-ernst und streng bis zum Abend.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-3">
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-3
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> letzte Unterrichtsstunde vor den
-großen Ferien war beendet. Plötzlich,
-ja scheinbar ganz ohne Zusammenhang
-begann man ungeheuer
-laut und angeregt zu reden, man lachte, sah
-einander in die Augen, schüttelte sich die Hände,
-und ein jeder wünschte dem andern in weitschallenden
-und überaus herzlichen Zurufen
-einen fröhlichen Sommer.
-</p>
-
-<p>
-Ich stand wie immer abseits. Mir ward
-bei all dieser Freude, die wie ein heller Strom
-an mir vorbeifloß, ein wenig bedenklich zumute.
-</p>
-
-<p>
-Ich nahm zerstreut meinen Strohhut vom
-Kleiderriegel und betrachtete mit Interesse meine
-Stiefelspitzen.
-</p>
-
-<p>
-‚Jawohl,‘ dachte ich, ‚ich kann mir gut
-heute Nachmittag ein Paar neue Schuhe kaufen.
-Morgen reise ich ja fort. Wohin eigentlich? In
-meine Heimat? Zu meinem Vater? Er kreuzt
-mit seiner Jacht auf den nordischen Gewässern
-in Begleitung der schönen Anny Döring, und
-er hatte in seinem letzten Brief die Einladung
-für mich wohl vergessen, ... eigentlich hatte er
-einen ausgezeichneten Brief geschrieben, einen
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-höflichen, zurückhaltenden und etwas frivolen
-Brief, und beigefügt war eine Bankanweisung
-von erstaunlicher Höhe. Jawohl, so war mein
-Vater. Übrigens war er ein vortrefflicher Herr.‘
-</p>
-
-<p>
-Ich schickte mich an, den leeren Schulkorridor
-zu verlassen, als ein blonder, vornehm
-gekleideter Knabe auf mich zutrat.
-</p>
-
-<p>
-Da er mein abweisendes Gesicht bemerkte,
-blieb er zögernd stehen und senkte die Augen.
-Darauf glitt ein Lächeln von großer Anmut
-über sein Antlitz, gleich als sei er über die
-eigene Schüchternheit belustigt.
-</p>
-
-<p>
-„Meine Mutter und ich, wir würden uns
-sehr freuen, ... das heißt, wenn du Lust hast ...“
-</p>
-
-<p>
-Eine Stille.
-</p>
-
-<p>
-„Ich verstehe nicht, – wie?“
-</p>
-
-<p>
-Der Knabe schlug sich mit der flachen Hand
-auf den Schenkel und begann sehr herzlich und
-sehr laut zu lachen.
-</p>
-
-<p>
-„Zum Teufel, das war eine prachtvolle Einleitung!“
-</p>
-
-<p>
-Er legte ungezwungen und weltmännisch
-seine Hand auf meinen Arm.
-</p>
-
-<p>
-„Lieber Regnitz, man gibt heute nachmittag
-bei uns eine Gesellschaft. Es wird vermutlich
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-ganz witzig werden ... Jungens und Mädchen ...
-Schokolade, Tanz und so ... Meine Mutter
-liebt das sehr, ... willst du uns das Vergnügen
-machen?“
-</p>
-
-<p>
-Ich sah den Jungen erstaunt an; er gefiel
-mir außerordentlich. Aber ich hatte es mir bislang
-in solchem Maße zur Pflicht gemacht, die
-Schulkameraden abweisend und hochmütig zu
-behandeln, daß ich auch jetzt nicht vermochte,
-mein gewöhnliches Betragen mit einem freundlicheren
-zu vertauschen.
-</p>
-
-<p>
-„Du bist sehr liebenswürdig ... Entschuldige
-mich, ich habe deinen Namen vergessen.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich heiße Wolfgang Seyderhelm.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich danke dir sehr für deine Einladung,
-Wolfgang Seyderhelm. Leider ist es mir nicht
-möglich, sie anzunehmen, da ich heute bereits
-eingeladen bin.“
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang Seyderhelm wurde etwas rot.
-</p>
-
-<p>
-„Sehr schade,“ sagte er.
-</p>
-
-<p>
-Er steckte eine Hand in die Hosentasche
-und wies mit der andern höflich auf die
-Schultreppe:
-</p>
-
-<p>
-„Wir haben denselben Weg.“
-</p>
-
-<p>
-Wir gingen die Stufen hinunter.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-„Dein Bruder war Militärattaché in Athen,
-nicht wahr?“ fragte Wolfgang. „Meine Mutter
-glaubt, ihn dort kennen gelernt zu haben.“
-</p>
-
-<p>
-„Jawohl, er war Militärattaché in Athen.“
-</p>
-
-<p>
-Ich sah zur Seite.
-</p>
-
-<p>
-„Was ist’s mit ihm?“ fragte Seyderhelm,
-der mich beobachtete.
-</p>
-
-<p>
-„Er fiel in Südwest gegen die verdammten
-Schwarzen.“
-</p>
-
-<p>
-„Oh.“
-</p>
-
-<p>
-Vor dem Schulgebäude stand ein leichtgefügter
-eleganter Wagen mit zwei lebhaften
-Apfelschimmeln. Eine junge Dame saß darin;
-sie trug einen silbergrauen Schleier, der den
-weichen großen Hut an den Seiten niederbog
-und auf der Brust zu einem Knoten verschlungen
-war. Ihre schmalen Hände waren mit dänischem
-Leder bekleidet, und ihre von den Wimpern
-tief beschatteten Augen sahen etwas mokant
-zu Wolfgang hin.
-</p>
-
-<p>
-„Ah, der Wagen!“ sagte Wolfgang Seyderhelm,
-der zögernd stehen blieb.
-</p>
-
-<p>
-„Ah, deine Schwester!“ sagte ich beklommen.
-</p>
-
-<p>
-„Nein, nicht meine Schwester.“
-</p>
-
-<p>
-„Nicht deine Schwester?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-„Eine junge Dame unserer Bekanntschaft.
-Adieu, Walter Regnitz.“
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang Seyderhelm grüßte. Ich dankte
-nicht, sondern sah auf den Wagen. Der Kutscher
-legte die Hand an den Hut, Wolfgang sprach
-lächelnd einige Worte, warf seine Schulmappe
-auf den Bock und stieg ein. Die Schimmel
-zogen an und das Gefährt bog im Augenblicke
-um die Ecke ...
-</p>
-
-<p>
-Ich eilte in den heftigsten Gedanken nach
-Haus.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-4">
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-4
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">n</span> diesem Nachmittag ging ich nicht spazieren.
-Ich schritt unruhig in meinem
-Zimmer auf und ab. Ich hatte weder
-Lust zu arbeiten noch zu lesen. Immer
-wieder kam mir Wolfgang Seyderhelms Einladung
-in den Sinn. Und mit einem Male
-trat aus der Wirrnis widerstreitender Gefühle
-ein leuchtender Gedanke hervor: Die Sehnsucht
-nach Gesprächen, nach scherzhafter Rede und
-Gegenrede, nach Tanz und Schokolade und
-nach einer gewissen jungen Dame mit einem
-silbergrauen Schleier und mokanten, von den
-langen Wimpern tief beschatteten Augen.
-</p>
-
-<p>
-Ohne Zögern kleidete ich mich um, lief zum
-Schuldiener und ließ mir Wolfgang Seyderhelms
-Adresse sagen. Bald fand ich mich abseits der
-Stadt vor einer großen, mitten in einem Park
-gelegenen Villa. Ich schellte, ward vom Diener
-ohne Verwunderung empfangen, durcheilte einige
-hellerleuchtete Gemächer und stand endlich im
-Eßzimmer.
-</p>
-
-<p>
-Eine stattliche Anzahl von Knaben und
-Mädchen, unter ihnen einige Erwachsene, saßen
-an drei runden Tischen, vollführten den heitersten
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-Lärm, und tranken mit großem Appetit Schokolade,
-wozu sie ungeheuer viel Kuchen aßen.
-Ich blieb befangen stehen und suchte Wolfgang
-Seyderhelm. Die Herrschaften verstummten
-allmählich, man begann mich zu bemerken. Da
-sah ich am Ende des letzten Tisches Wolfgang
-sich erheben, der mich verwundert anstarrte.
-Von einem andern Tisch her rief eine
-Dame:
-</p>
-
-<p>
-„Nun, Wolfgang, willst du nicht deinen
-Gast begrüßen?“
-</p>
-
-<p>
-Über Wolfgang Seyderhelms Gesicht glitt
-ein Zug von unendlicher Liebenswürdigkeit und
-fast frauenhafter Güte. Schnell kam er auf
-mich zu:
-</p>
-
-<p>
-„Wie lieb, daß du kommst!“
-</p>
-
-<p>
-Ich erwiderte kein Wort, drückte aber
-stürmisch und begeistert seine Hand. Er faßte
-mich am Arm und führte mich zu der Dame,
-die ihm vorhin zugerufen hatte. Glücklicherweise
-begann man an den Tischen sich wieder
-zu unterhalten.
-</p>
-
-<p>
-„Dies hier ist mein Schulkamerad Walter
-Regnitz.“
-</p>
-
-<p>
-Die Mutter, eine noch junge Frau von
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-schlankem Wuchs, heiteren italienischen Augen
-und hoher reiner Stirne begrüßte mich lebhaft.
-</p>
-
-<p>
-„Es freut mich sehr, daß Sie gekommen sind.
-Wolfgang hat mir viel von Ihnen erzählt.“
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang errötete.
-</p>
-
-<p>
-„Ich denke, Herr Regnitz, Sie setzen sich
-neben mich. Hier ist noch ein Stuhl frei.“
-</p>
-
-<p>
-Ich saß und fühlte meinen Sinn ein wenig
-umnebelt.
-</p>
-
-<p>
-„Sind Sie verwandt mit einem Herrn Regnitz,
-der vor zwei Jahren in Athen Attaché war?“
-</p>
-
-<p>
-„Das war mein Bruder, gnädige Frau.“
-</p>
-
-<p>
-„Nicht möglich! ... Ihr Bruder ...!“
-</p>
-
-<p>
-Und sie sprach von meinem Bruder, den sie
-in Athen vor zwei Jahren kennen gelernt hatte.
-</p>
-
-<p>
-„Eigentümlich, wie Sie sich Schokolade eingießen!“
-klang eine singende Stimme neben mir,
-während ich mich mit Frau Seyderhelm über
-meinen Bruder unterhielt, der in Athen vor
-zwei Jahren Attaché gewesen war. Ich wandte
-mich nicht um und konnte nicht erkennen, woher
-diese Stimme kam und ob sie mir galt. Ich
-sah viele Gesichter, darunter das von Wolfgang
-Seyderhelm, dessen Blick sich stets abwandte,
-sobald er den meinen traf. Ich empfand es
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-sehr wohltuend, daß ich mich vorhin beim Eintreten
-nicht allzu ungeschickt benommen hatte
-und nun in ungezwungenem Tone mit Wolfgangs
-Mutter redete.
-</p>
-
-<p>
-„Wo ist Ihr Herr Bruder jetzt?“
-</p>
-
-<p>
-„Er ist im Kampf gegen die Neger gefallen.“
-</p>
-
-<p>
-„Oh wie traurig! Als Offizier?“
-</p>
-
-<p>
-„Jawohl, als Offizier.“
-</p>
-
-<p>
-„Eigentümlich, wie Sie sich Schokolade eingießen!“
-sang irgendwo eine Stimme.
-</p>
-
-<p>
-„Und Sie sind hier in unsere Stadt gekommen,
-um das Abiturium zu machen?“
-</p>
-
-<p>
-„Jawohl, ich war jahrelang auf dem Lande,
-nun will ich hier das Abiturium machen.“
-</p>
-
-<p>
-„Wolfgang erzählt, Sie seien sehr fleißig.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich will mit der Schule schnell zu Ende
-kommen.“
-</p>
-
-<p>
-„So –?“
-</p>
-
-<p>
-Frau Seyderhelm wandte den Kopf nach
-einer anderen Richtung, da sie von dort gerufen
-wurde. Nun konnte auch ich mich umsehen.
-</p>
-
-<p>
-Neben mir saß eine junge Dame, die auf
-ihrem hellblauen Kleid Schokoladenflecke mit
-der Serviette abrieb. Diese junge Dame hatte
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-golden schimmernde, von den Wimpern tiefbeschattete
-Augen, kastanienbraunes Haar, einen
-spöttisch verzogenen Mund und lange schmale
-Finger, die auf irgendeine Art an die Kälte
-des Winters erinnerten, an Elfenbein und an
-die Heiligtümer indischer Völker.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-5">
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-5
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> schwieg beklommen, seufzte tief auf
-und gewann endlich den Mut zu
-fragen: „Habe ich Ihr Kleid ...?
-Das heißt, bin ich daran schuld, daß
-Sie ...?“
-</p>
-
-<p>
-Die junge Dame antwortete nicht, sondern
-reinigte emsig mit einer kleinen Serviette, die
-sie in warmes Wasser getaucht hatte, ihr hellblaues
-Kleid.
-</p>
-
-<p>
-„Ich meinte nur ...“ sagte ich ratlos.
-</p>
-
-<p>
-Da hob die junge Dame den Kopf in die
-Höhe, sah mir in die Augen, wobei sie sich ein
-wenig zur Seite neigte, und begann eine Tonreihe
-von silberhellem Klang zu lachen mit
-listigen, schmalen Augen, mit offenem Munde
-und vielen weißen Zähnen.
-</p>
-
-<p>
-„Nein, <em>zu</em> dumm! Sie haben eine Art, sich
-Schokolade einzugießen! Sehen Sie, man macht
-es nicht so –“
-</p>
-
-<p>
-Sie nahm eine Porzellankanne und ließ den
-Strahl von solcher Höhe in die Tasse fallen,
-daß alles um sie herum erschrocken und lachend
-zurückwich.
-</p>
-
-<p>
-„– sondern so.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-Sie verkleinerte den Strahl und ließ ihn
-manierlich fließen.
-</p>
-
-<p>
-Ich ward einem Sturm des Gelächters
-preisgegeben. Ein geistlicher Herr, der an
-einem andern Tisch seinen Platz gefunden hatte,
-beugte sich mit fröhlichem Augenblinzeln zur
-Seite und begann so herzlich zu lachen, daß
-er sein Taschentuch hervorziehen mußte. Einige
-Backfische kicherten und flüsterten, ein paar
-Jungens brüllten. Ja, die junge Dame mir
-zur Seite schien ein Tausendsassa zu sein, die
-eine ganze Gesellschaft mit ihren Späßen zu
-erheitern vermochte.
-</p>
-
-<p>
-Ehe ich noch etwas erwidern konnte, wurden
-die Stühle mit großem Lärm gerückt und man
-erhob sich. Die junge Dame tat mit der Hand
-noch schnell eine sonderbare Geste, die ich mir
-nur so deuten konnte: „Ein dummer Junge,
-nicht wahr?“ Darauf hatte sie plötzlich, als sie
-von ihrem Stuhl aufstand, ernste und unbewegliche
-Züge. Die strengen Linien ihrer goldfarbenen
-Augenbrauen und Wimpern, der kunstvolle geschlossene
-Aufbau ihres kastanienbraunen Haares
-beherrschten mit einem Male das Antlitz. Die
-herabhängenden Arme waren eng an das Kleid
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-gehalten und die Hände lagen wie erstarrt in
-den Falten.
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang Seyderhelm trat auf mich zu
-und bot mir sehr herzlich die Hand. Ich bemerkte,
-daß er enganliegende graue Hosen trug,
-Lackstiefel, ein Jackett, ähnlich wie es die englischen
-Midshipmen zu tragen pflegen, und
-einen umgebogenen Kragen, der seinen braunen
-Hals freiließ. Er schien stolz und glücklich zu
-sein und hatte das Aussehen und Betragen
-eines jungen Engländers und Weltmannes.
-</p>
-
-<p>
-„Hast du dich mit deiner Tischnachbarin
-unterhalten?“ fragte er.
-</p>
-
-<p>
-„Du meinst, mit deiner Mutter?“
-</p>
-
-<p>
-„Nein, ich meine mit dieser jungen Dame dort.“
-</p>
-
-<p>
-Er zeigte in den Salon.
-</p>
-
-<p>
-„Kaum. – Wie heißt sie?“
-</p>
-
-<p>
-„Nina.“
-</p>
-
-<p>
-Ich mußte plötzlich an die Schneeberge und
-Weintrauben Kaukasiens denken, an die reine
-Stirne und den unvergleichlichen Gang der
-Kosakenmädchen.
-</p>
-
-<p>
-„Was ist’s mit ihr?“ fragte ich.
-</p>
-
-<p>
-„Sie ist Schauspielerin am Stadttheater.
-Eine Protegé meiner Mutter.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-„Wie alt?“
-</p>
-
-<p>
-„Achtzehn.“
-</p>
-
-<p>
-Ich sah, daß man im Speisezimmer die
-Stühle an die Wand schob und den Teppich
-aufrollte. Ich blickte zerstreut an den Gobelins
-hinauf, deren streitende Helden sich in übermenschlichen
-Triumphen und Schmerzen gegenüberstanden.
-Wolfgang sprach noch, aber ich
-verstand nicht, was er eigentlich sagte. So, so ...
-so ... sie hieß Nina, ... welch ein süßer Gleichklang
-in ihrem Namen, ... welch ein Duft
-von ihrem Haar, ... ich begann Kopfschmerzen
-zu bekommen, ... wie zärtlich Wolfgang zu ihr
-hinblickte ...
-</p>
-
-<p>
-„Du liebst sie ja!“ sagte ich laut und wußte
-nicht, ob ich wirklich gesprochen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Wolfgangs Antlitz sah plötzlich aus wie
-überströmt von Blut.
-</p>
-
-<p>
-„Was sagst du?“
-</p>
-
-<p>
-Frau Seyderhelm stand neben uns und
-unterhielt sich mit dem geistlichen Herrn. Frau
-Seyderhelm stand sehr gerade da, sprach achtungsvoll,
-mit verbindlich zur Seite geneigtem
-Haupt, gebrauchte sehr oft die Anrede: Herr
-Pastor und hatte zu gleicher Zeit ein etwas
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-mitleidiges Lächeln um den Mund, da der
-geistliche Herr verlegen war und nicht ganz
-ungezwungene Bewegungen zeigte.
-</p>
-
-<p>
-„Und morgen gehen Sie auf ihr Rittergut,
-meine liebe gnädige Frau?“ fragte der geistliche
-Herr.
-</p>
-
-<p>
-„Ja, stellen Sie sich vor, Herr Pastor, –
-dieser Trubel! Alle Koffer sind schon gepackt ...
-es ist ja immer wie ein Umzug! ... Aber
-Wolfgang tut das Landleben so wohl ...!“
-</p>
-
-<p>
-Frau Seyderhelm strich mit der Hand über
-ihr schwarzes Haar.
-</p>
-
-<p>
-„Nina geht diesmal auch mit,“ sagte sie,
-lächelte dem Pastor sehr liebenswürdig zu und
-schritt ins Nebenzimmer.
-</p>
-
-<p>
-„Wie schön von dir, daß du mich eingeladen
-hast,“ sagte ich zu Wolfgang, wurde ganz heiß
-vor Begeisterung und ging weg.
-</p>
-
-<p>
-Eine Dame mit einem ungeheuren Hut betrat
-den Empfangsraum, ruderte durch die Luft
-auf Frau Seyderhelm zu, erfüllte das Gemach
-mit ihren Begrüßungen, ihren schnellen Handbewegungen,
-ihrer Rührung über die frohe
-Schar, legte die Arme auf Frau Seyderhelms
-Schultern, küßte ihr jede Wange und sagte
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-oftmals: „Meine liebe Lina.“ Sie wurde von
-den Jungen mit ehrfürchtigen und ungeschickten
-Verbeugungen gegrüßt, von Wolfgang empfing
-sie einen Handkuß und von zwei Mädchen,
-vermutlich ihren Töchtern, sehr rasche und
-oberflächliche Umarmungen.
-</p>
-
-<p>
-Ein junger Herr, ein Student, wie man
-annehmen durfte, ging quer durch den Raum,
-trug mit steifem Arm die Öffnung seines Zylinderhutes
-nach Außen in der mit braunem
-Glacé bekleideten Hand, erschreckte jedermann
-durch seine ruckartigen Verbeugungen,
-saß kurze Zeit darauf von einer lauten Gesellschaft
-umgeben an einem Tisch und versuchte
-sich in einem Kunststück mit zwei Gläsern, einer
-Teetasse und einem silbernen Löffel.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Eine Dame in einem schwarzen, bis an
-den Hals geschlossenen Kleide, die blaß und
-hübsch war und hungrige graue Augen hatte,
-wahrscheinlich die Gesellschaftsdame irgend eines
-der jungen Mädchen, ließ sich am Flügel nieder
-und begann einen Walzer zu spielen. Die
-Mädchen bekamen rote Köpfe und setzten sich
-ziemlich nervös auf die Stühle an der Wand.
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-Die Knaben standen in den Türrahmen, ordneten
-ihre Krawatten, ihre Schuhbänder, ihre
-Frisuren und bemühten sich sorglos auszusehen.
-</p>
-
-<p>
-Irgendeiner von ihnen, ein kecker Bursche,
-der den Teufel nach Rotwerden und Schüchternsein
-fragte, forderte als erster eines der Mädchen
-auf. Andere folgten. Wolfgang trat von
-irgendwoher auf Nina zu, lächelte, ohne sich
-zu verbeugen, und zog sie mit sich fort. Die
-Jungen tanzten mit vielen Sprüngen und
-Witzen, schlugen die Beine nach hinten aus, so
-daß man ihre Stiefelsohlen zu sehen bekam,
-und hielten ihre Tänzerinnen mit steifen Armen,
-da sie die Berührung des Fleisches fürchteten.
-Die Mädchen bewegten sich ruhiger und hatten
-versonnene Augen und ein süßliches Lächeln
-auf den Lippen. Wolfgang und Nina sahen
-jugendlich und glücklich aus; sie schienen schon
-oft miteinander getanzt zu haben, und waren
-ihrer Bewegungen sicher. Nina neigte ihr
-Haupt ein wenig zu Boden, was ihrem schlanken,
-hochgestellten Körper etwas Verträumtes
-und zugleich Preziöses gab.
-</p>
-
-<p>
-Es war recht heiß. Ich fühlte mich elend
-und doch glücklich und trank sehr viel Limonade.
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-Frau Seyderhelm stand mit einem Male vor
-mir, wie stets sehr gerade und beinah mädchenhaft
-schlank, die edlen Hände über der Gürtelschnalle
-gekreuzt, mit heiteren Augen und reiner
-Stirn. Sie nannte mich oftmals „mein lieber
-Herr Regnitz“ und blickte, da ich verwirrte
-Antworten gab, mütterlich lächelnd über die
-froh sich bewegenden Kinder hin.
-</p>
-
-<p>
-Der Student tanzte jetzt mit Nina, nannte
-sie „mein gnädigstes Fräulein“ und benahm sich
-in jeder Beziehung wie ein Student, der zu
-einer Backfischgesellschaft geladen ist und dort
-mit der einzigen erwachsenen jungen Dame
-tanzt. Sein Zylinder stand irgendwo in der
-Ecke auf einem Stuhl und schwankte grinsend
-hin und her.
-</p>
-
-<p>
-Der geistliche Herr erzählte der Dame mit
-dem großen Hut, daß Ihre Hoheit Prinzessin
-Clementine am vorigen Sonntag in der Kirche
-sehr blaß ausgesehen habe und augenscheinlich
-an Kopfschmerzen leide; welche Bemerkung seine
-Dame mit einem kurzen, nervösen Gähnen,
-einem verlegenen Hinunterschlucken und einem
-ehrfurchtsvollen „Gewiß, Herr Pastor“ erwiderte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-Irgendein Mädchen, ein braves Kind mit
-dickem lustigen Gesicht und roten Händen forderte
-mich auf, mit ihr zu tanzen; ich lehnte
-mit strenger Stirne und finsteren Blicken ab.
-Sie schüttelte den Kopf, lachte leis, so daß sich
-ihre Nase in viele Falten zog, sagte: „Nein,
-so etwas!“ und verschwand mit einem andern,
-wobei sie den Hals ihres Tänzers mit den
-Armen umschloß und die guten dicken Finger
-auf seinem Nacken faltete.
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang bat die Dame mit dem großen
-Hut und den exzentrischen Bewegungen um
-einen Tanz. Die Dame sträubte sich ein wenig,
-sprach sehr viel von ihrem Alter und vom
-Muttersein in die leere Luft und sagte endlich
-zu. Man klatschte im Takt zu ihrem Tanze
-und bereitete sich alsdann zur Quadrille vor.
-</p>
-
-<p>
-Ich begann mich mit irgend jemandem über
-unsere Lehrer zu unterhalten; ich war witzig,
-der Bengel lachte und verbeugte sich darauf
-vor mir.
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang trat auf mich zu.
-</p>
-
-<p>
-„Du tanzt nicht?“
-</p>
-
-<p>
-„Nein. Danke.“
-</p>
-
-<p>
-„Nie?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-„O doch.“
-</p>
-
-<p>
-„Magst du heute nicht?“
-</p>
-
-<p>
-„Nein. Danke.“
-</p>
-
-<p>
-Nina stand neben ihm.
-</p>
-
-<p>
-Sie sah mich neugierig an.
-</p>
-
-<p>
-„Sie tanzen nicht?“
-</p>
-
-<p>
-„Nein, heute nicht.“
-</p>
-
-<p>
-Ninas Augen waren stetig auf mich gerichtet.
-Ich betrachtete das kastanienbraune
-Haar und bemerkte, daß es im Schein der
-kristallenen Lustres leuchtete.
-</p>
-
-<p>
-„Sie werden jetzt mit mir Quadrille tanzen.
-Warum stehen Sie immer an der Wand? Das
-schickt sich doch nicht für einen jungen Herren
-von Ihren Qualitäten!“
-</p>
-
-<p>
-„Wollen Sie sich bitte nicht um mich bekümmern,
-wie?“
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang bekam große Augen.
-</p>
-
-<p>
-„Aber Regnitz, bitte, was ist denn –?“
-</p>
-
-<p>
-Nina lachte herzlich, zeigte ihre weißen
-Zähne, legte die elfenbeinerne Hand auf Wolfgangs
-Arm und sagte:
-</p>
-
-<p>
-„Du, der ist aber grob!“
-</p>
-
-<p>
-Darauf wandte sie sich mir zu, machte ein
-hochmütiges Gesicht, senkte die Lider, so daß es
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-aussah, als ob sie schliefe, und sagte in einem
-näselnden Ton:
-</p>
-
-<p>
-„Also bitte, – wollen Sie jetzt meinen Arm
-nehmen?“
-</p>
-
-<p>
-Ich fühlte eine Schwäche in den Gliedern,
-während ich den rechten Arm bog.
-</p>
-
-<p>
-„O, das ist nett!“ sagte Wolfgang mit
-seinem liebenswürdigen Lächeln. „Wir werden
-in einem Karree tanzen.“
-</p>
-
-<p>
-Wir gingen in den Saal.
-</p>
-
-<p>
-Der Student stürzte auf Nina zu.
-</p>
-
-<p>
-„Aber, gnädigstes Fräulein haben <em>mir</em> ja ...
-das heißt, wenn Sie vorziehen ...“
-</p>
-
-<p>
-Er schwitzte und verbeugte sich. Ich bemerkte,
-daß er nach Mediziner im zweiten Semester
-roch.
-</p>
-
-<p>
-„Ach, Herr Doktor, ... ich hatte schon
-Herrn Regnitz vorher versprochen, die Quadrille
-mit ihm zu tanzen. Verzeihen Sie.“
-</p>
-
-<p>
-Wir gingen weiter. Der Student war von
-diesem Augenblick an in jeder Beziehung erledigt.
-Er war fertig, hingerichtet, gleichsam
-mausetot ...
-</p>
-
-<p>
-Die Dame am Klavier mit den hungrigen
-Augen spielte die Aufforderung zur Quadrille.
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-Das Karree bildete sich. Ich steckte eine Hand
-in die Hosentasche und machte ein gleichgültiges
-Gesicht.
-</p>
-
-<p>
-„Entschuldigen Sie,“ sagte ich.
-</p>
-
-<p>
-„Bitte?“
-</p>
-
-<p>
-Nina begann sich mit dem Geistlichen zu
-unterhalten, der plötzlich neben ihr stand. Sie
-schauspielerte Ehrfurcht und war sehr schüchtern.
-Ich wurde rot. Sie wandte sich um:
-</p>
-
-<p>
-„Was sagten Sie eben?“
-</p>
-
-<p>
-„Vielleicht hören Sie zu, wenn ich mit
-Ihnen spreche!“
-</p>
-
-<p>
-„Sie sind manierlos.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich bat um Entschuldigung wegen vorhin.“
-</p>
-
-<p>
-„Sie können gleich um Entschuldigung bitten
-‚wegen jetzt‘.“
-</p>
-
-<p>
-Ich schwieg. Mein Gott, warum war ich
-nur so ungezogen! Ein weinerliches Etwas stieg
-in meine Nase empor.
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang trat uns gegenüber und sprach
-mit seiner Cousine, einem schüchternen Mädchen
-von außergewöhnlicher Schönheit. Er winkte
-uns mit der Hand zu.
-</p>
-
-<p>
-Die Quadrille begann.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-Nina verbeugte sich tief vor ihrem Nachbarn,
-darauf vor mir. Ihre Lider bedeckten
-wiederum die Augen, die langen Wimpern berührten
-die roten und weißen Wangen, das
-feurige Haar warf seinen Duft zu mir, die
-elfenbeinernen Hände lagen wie unbeseelt in
-den Falten des blitzenden Kleides. Sie war
-im Augenblick, da sie sich neigte, ein Götterbild,
-das in Betrachtung zum Buddha versunken
-ist, eine indische Statue aus farbigem Stein ...
-Ich beugte mich noch tiefer, sah ihre blauen
-schmalen Schuhe und dachte: Süße Nina,
-süße Nina.
-</p>
-
-<p>
-Ich gab fleißig acht und tanzte gut. Ich
-tat keine überflüssige Geste und bewegte mich
-ruhig. Von Zeit zu Zeit sagte Nina:
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua">Visite à gauche!</span>“ oder „Jetzt dort!“ oder
-„Passen Sie auf, Sie können nur grob sein!“
-Aber sie schien zufrieden.
-</p>
-
-<p>
-„Es geht ja ganz gut,“ bemerkte sie einmal.
-</p>
-
-<p>
-„Gewiß,“ erwiderte ich stolz.
-</p>
-
-<p>
-Ich sah, daß Nina und Wolfgang sich beim
-<span class="antiqua">moulinet des dames</span> zulächelten, sobald sie sich
-trafen. Wolfgang sprach viel zu uns hin und
-unterhielt das ganze Karree. Er hatte das
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-Aussehen eines vornehmen Pagen, der bei Hof
-die Schleppe der Königin hält.
-</p>
-
-<p>
-Mich überfluteten, sobald ich Nina die Hand
-reichen mußte, Ströme von Zärtlichkeit und
-Anbetung. Ich beobachtete, daß ihr Fuß beim
-Auftreten die Form nicht veränderte. Ich liebte
-sie, – o mein Gott, <em>wie</em> ich sie liebte! Ich
-begann zu fiebern und wurde von Angst ergriffen.
-Ich dachte daran, daß ich heute abend
-allein in meinem Zimmer sein würde. Irgend
-etwas müßte bis dahin geschehen, irgend etwas,
-das mich mit einem unerhörten Glück erfüllte,
-ein Blick von ihr, ein Wort, ein Kuß ...
-</p>
-
-<p>
-„Sie sind unaufmerksam. Passen Sie auf –
-<span class="antiqua">vis-à-vis</span>!“
-</p>
-
-<p>
-Ich sah einem blonden Mädchen in die
-Augen, verbeugte mich und trat mit Nina zurück.
-</p>
-
-<p>
-„Was spielen Sie?“
-</p>
-
-<p>
-„Wie?“
-</p>
-
-<p>
-Wir wurden getrennt.
-</p>
-
-<p>
-„Ich meine, was Sie im Theater spielen?“
-</p>
-
-<p>
-Ich tanzte an drei jungen Mädchen vorbei,
-gab einer jeden die Hand und verbeugte mich
-wieder vor Nina.
-</p>
-
-<p>
-„Hebbels Clara.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-„Ah ...“
-</p>
-
-<p>
-Ich kannte Hebbel.
-</p>
-
-<p>
-Ich verbeugte mich vor Wolfgangs Tänzerin.
-</p>
-
-<p>
-Dann stand ich wieder vor Nina.
-</p>
-
-<p>
-„Kennen Sie Maria Magdalena?“ fragte
-Nina.
-</p>
-
-<p>
-„Ja.“
-</p>
-
-<p>
-Ich ging mit den drei Herren <span class="antiqua">en avant</span>
-und verneigte mich vor Nina.
-</p>
-
-<p>
-„Sie sollten lieber Ihre Schulaufgaben
-machen.“
-</p>
-
-<p>
-Ich begann zu lachen, wie verrückt zu lachen,
-zog das Tuch hervor, bekam Tränen in die
-Augen, fand mich albern, mußte aus der Reihe
-treten und störte den ganzen Tanz. Nina hob
-die Lider, und es war, als ginge der Vorhang
-im Theater auf.
-</p>
-
-<p>
-„Was haben Sie?“
-</p>
-
-<p>
-Ich begann zu beben und zu frieren, meine
-Zähne schlugen aneinander, ich hatte das Gefühl,
-daß ich totenblaß sei.
-</p>
-
-<p>
-„Sie sind herrlich!“ sagte ich.
-</p>
-
-<p>
-Ich wußte nicht mehr, was ich sprach. Ich
-hatte Fieber, nichts als Fieber, und Angst vor
-meinem einsamen Zimmer ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-Die Reihen ordneten sich wieder, man lachte,
-ärgerte sich und tanzte weiter. Die letzten
-Takte spielte die Dame am Klavier in rasendem
-Tempo. Man fand sich nicht mehr zurecht, und
-alles verwirrte sich. Ich lief umher, fühlte
-Schauer in meinem Körper und hatte das Bedürfnis,
-etwas zu zerbrechen. Der Quadrillenwalzer
-ertönte, man schloß sich in die Arme.
-Ich verbeugte mich vor Nina, aber sie dankte.
-</p>
-
-<p>
-Ich führte sie aus dem Saal hinaus. Darauf
-ward es dunkel vor meinen Augen. Ich wurde
-schwindlig und hielt mich an einem Türpfosten.
-Mit einem Male war ein Bild vor mir: die
-Mittagssonne über einer teppichfarbenen Landschaft
-des mittleren Deutschlands, der Duft
-von Korn und gemähten Wiesen, und blaue
-Berge in der Ferne.
-</p>
-
-<p>
-Nina lachte, ein singendes, verstehendes,
-unendlich grausames und süßes Lachen:
-</p>
-
-<p>
-„Sie taumeln, Herr Regnitz! – Ist Ihnen
-schlecht?“
-</p>
-
-<p>
-„Nina, ich liebe Sie.“
-</p>
-
-<p>
-Ich sah sie an, – sie, dieses indische Götterbild
-mit den gesenkten, zur Betrachtung geneigten
-Augen, mit der unvergleichlich bleichen und
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-edlen Stirne, mit den elfenbeinernen Händen
-und dem farbigen, wie von Edelstein und Gold
-blitzendem Gewande, sah diese Lippen aufeinander
-gepreßt, süß und streng, – bereit, Worte
-zu sprechen, die den Gläubigen vernichten oder
-aufheben:
-</p>
-
-<p>
-„Sie sind verrückt.“
-</p>
-
-<p>
-Sie ging fort, mit elastischem stolzem Schritt,
-wandte plötzlich den Kopf um, zeigte mir ein
-entzückend frisches und amüsiertes Mädchengesicht,
-lachte, lachte eine Reihe makelloser
-Töne, zog eine kleine goldene Uhr aus dem
-Gürtel, ließ den Deckel aufspringen und sagte:
-</p>
-
-<p>
-„Es ist übrigens schnell gegangen. Sie
-sind um fünf Uhr gekommen; jetzt ist es vier
-Minuten vor sechs.“
-</p>
-
-<p>
-Aus der Ferne, aus einer Schar lärmender
-Menschen heraus hörte ich sie noch einmal
-lachen ...
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang trat schnell auf mich zu.
-</p>
-
-<p>
-„Ist dir etwas? Du siehst nicht wohl aus.
-Willst du den Wagen haben?“
-</p>
-
-<p>
-Ich sah mich um und lächelte matt.
-</p>
-
-<p>
-„Lieber, welch ein Gefühl!“
-</p>
-
-<p>
-Ich gab ihm wie im Traum die Hand.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-Plötzlich ermannte ich mich, stürmte hinaus,
-ohne Gruß, ohne Blick, riß den Hut im Korridor
-vom Riegel und erreichte den Park. Ich lief
-wie gejagt durch die Straßen und hielt mich
-endlich an einem Gitter fest. Atemlos, die
-Brust erfüllt von einem qualvollen Glück, begann
-ich wie ein Kind zu schluchzen, wie ein
-kleines, ungezogenes Kind.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-6">
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-6
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">m</span> nächsten Tage wachte ich um fünf
-Uhr morgens auf. Ich lief im Hemd
-ans Fenster. Die Straßen waren leer,
-aber auf den Dächern lag warmes
-Morgenlicht und in den Bäumen am Rande
-des Bürgersteiges zwitscherten die Spatzen.
-</p>
-
-<p>
-O mein Gott, welch ein Gedanke, ich hatte
-Ferien, ich hatte fünf Wochen Ferien!
-</p>
-
-<p>
-Ich eilte in das Badezimmer und öffnete
-dort die Brause. Da fiel mir mitten im kalten
-Wasser etwas ein ... Was war denn gestern
-geschehen? ... War nicht gestern etwas Besonderes
-vorgefallen? ... Ich war auf einer Gesellschaft
-gewesen ... bei Wolfgang Seyderhelm,
-... dort befand sich eine junge Dame ...
-mit goldfarbenen Augen und feurigem Haar ...
-eine Art Gottheit ... ein Backfisch ... Wie hieß
-doch gleich diese Dame? ... Nun, wir wollen
-keine Komödie spielen, wir wissen sehr gut, wie
-diese Dame hieß ... Nina, ... jawohl, Nina
-hieß sie, ... und dann war ich aus der Gesellschaft
-weggelaufen ... und hatte mich blamiert,
-... O weh! o weh!
-</p>
-
-<p>
-Verwirrt streckte ich die Arme nach dem
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-Kelch der Brause aus, ließ mir das Wasser
-ins Gesicht laufen und rief beglückt in das
-Geplätscher hinein: Süße Nina, süße Nina.
-</p>
-
-<p>
-Ich sprang in das Badetuch und zog mich
-an. Ich sah das Sonnenlicht sich langsam
-über die Häuser senken. Hallo, war ich nicht
-jung? Meine Heimat, – ach, meine Heimat
-war überall da, wo es warme Landstraßen
-gab mit schönem weißem Staub, Kirschbäume,
-schwere Kornfelder. Nina, – ach,
-Nina war irgend eine junge Dame, ein Spuk,
-ein Ding ohne Zusammenhang mit meinem
-Leben ...
-</p>
-
-<p>
-Ich nahm meinen Ranzen, stopfte Hemden,
-Strümpfe, die „Versuchung des Pescara“, Taschentücher,
-zwei alte Brötchen hinein und lief
-die Treppe hinunter.
-</p>
-
-<p>
-Noch waren die Straßen leer. Hier und
-da zeigte sich ein verschlafen aussehender Bäckergeselle
-mit listigem Gesicht, ein mürrischer
-Arbeiter auf dem Rad, ein von der Nachtkälte
-durchfrorener Polizist, sonst niemand. In
-den einsamen Gassen hörte ich nur den Klang
-meiner Schritte und meines Stockes.
-</p>
-
-<p>
-Bald hatte ich die letzten Häuser erreicht
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-und sah meine Felder sich im Sommermorgenlicht
-ausbreiten.
-</p>
-
-<p>
-Ich ging mit leichtem Fuß und leichtem
-Herzen die Landstraße hinunter. Es kamen
-Bauernwagen, die zum Markte in die Stadt
-fuhren, und neben den Kutschern saßen eifrig
-bellende Hunde, es kamen ganz, ganz kleine
-Mädchen, die sich an der Hand hielten und
-mit putziger Eilfertigkeit in ihre Schule trabten;
-eine Bäuerin tauchte auf, trug einen Korb mit
-Eiern auf dem Kopf und sah wie eine Bäuerin
-aus dem Bilderbuche aus; darauf eine Horde
-Jungens, die alle ohne Ausnahme nackte Füße
-und geflickte Hosen hatten, und endlich auch
-ein Mann mit einer Kuh und einem Hündchen.
-</p>
-
-<p>
-Schon war ich im ersten Dorf. Dort war
-bereits jedermann auf den Beinen. Ein Fuhrmann
-kam mit der Peitsche in der Hand aus
-der Schenke, wischte sich den Bart und kletterte
-mit vielen unverständlichen Worten auf den
-Bock; ein schlanker Terrier lief bellend auf mich
-zu, – als ich ihm ein Stück meines Brots
-zeigte, sprang er an mir hoch; ein Kind lachte
-irgendwo, und ich wanderte weiter.
-</p>
-
-<p>
-Die Sonne stieg. Mir zur Seite erschienen
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-Dörfer mit Kirchtürmen und leuchtend weißen
-Grabsteinen und verschwanden hinter teppichweichen
-Hügeln.
-</p>
-
-<p>
-In einem schönen Kirchdorfe machte ich
-Halt. Ich ging zu einem Bäcker, der am
-Laden eine eiserne Brezel hatte, und kaufte mir
-Brot und Kuchen.
-</p>
-
-<p>
-„Wohin geht’s, junger Herr?“
-</p>
-
-<p>
-„Nach Fürstenau und immer weiter.“
-</p>
-
-<p>
-„Und immer weiter – das ist ein gutes
-Stück Wegs. Na, wenn man junge Beine hat!“
-</p>
-
-<p>
-Ich errötete, ich weiß nicht, warum, bezahlte,
-schüttelte ihm die Hand, sprang an den
-Brunnen, trank mit Begierde das kräftigschmeckende
-Wasser und marschierte weiter.
-</p>
-
-<p>
-Es wurde heiß. Ich schlief einige Stunden
-im Schatten eines Baumes und wanderte
-dann in den schönen Nachmittag hinein.
-Über das weite hügelige Land glitten zeitweis
-tiefe und schnelle Wolkenschatten. Ein
-ganz leichter Wind erhob sich und kühlte mich
-wunderbar. Mir war, als trügen mich die
-Lüfte des Nachmittags über abwechselnd beglänzte
-und beschattete Gefilde. Lag ich nicht
-auf einer weichen Wolke und trug mich
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-diese Wolke nicht in entferntere und schönere
-Gebiete?
-</p>
-
-<p>
-Kurz nachdem die Sonne hinter einem Hügel
-entschwunden war und mit einem Mal die des
-Sonnenantlitzes beraubte Landschaft wie in
-einem ungeheueren Schrecken zu erbleichen, ja
-zu sterben schien, erblickte ich, der ich auf einem
-Berge stand, zu meinen Füßen eine Stadt. Ein
-alter Turm ragte in die starr-silberne Luft hinein,
-und seine Wächter schienen silbergraue
-Vögel, die mit bösem, hastigem Flügelschlage
-ihn umkreisten. Flache Hügel umgaben die
-Stadt, niedere Weinberge, die ein bescheidenes
-Landgetränk erzeugten; mitten unter den Reben
-lag der umgitterte Friedhof. Meinem Auge
-gegenüber wandte sich die Straße, die Stadt
-verlassend, nach Westen, lief an den hellen
-Bergen entlang und durch gläserne Wälder,
-stieg empor in den erblaßten Himmel und verlor
-sich in der offenen Landschaft, andere Städte
-mit neuen Türmen und späterem Lichte zu erreichen.
-Zwischen Kornfeldern und gleißenden
-Wiesen, die der zweiten Mahd harrten, sah ich
-Erntewagen der Stadt zustreben. Eine Glocke
-läutete, läutete unablässig, und es war, als sei
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-diese Stadt, diese Höhenzüge, diese silberne Spätnachmittagsluft
-wie überschwemmt von schwellenden,
-sich auflösenden und wieder schwellenden
-Tönen.
-</p>
-
-<p>
-Ein alter Mann stieg keuchend die Höhe zu
-mir herauf. Er trug einen schwarzen, eng anliegenden
-Taillenrock und eine graue großkarrierte
-Hose, die weit über die bestaubten Schuhe
-fiel. Er schien dem steilen Weg gram zu sein.
-</p>
-
-<p>
-Ich lüftete den Hut.
-</p>
-
-<p>
-„Ist dies da Fürstenau?“
-</p>
-
-<p>
-Der alte Mann trocknete sich mit einem roten
-Tuch, einer Art Fahne, die Stirn.
-</p>
-
-<p>
-„In der Tat, Herr, wenn ich mich recht
-erinnere, so ist es ganz bestimmt Fürstenau.“
-</p>
-
-<p>
-Er lächelte böse und ging weiter.
-</p>
-
-<p>
-‚Welch eine sonderbare Art sich auszudrücken!‘
-dachte ich. ‚Spricht man so in unserer Zeit?
-„In der Tat, Herr, wenn ich mich recht erinnere,
-so ist es ganz bestimmt Fürstenau.“ So spricht
-man in einem Shakespeareschen Lustspiel!‘
-</p>
-
-<p>
-Ich eilte den Berg hinab und empfand dabei
-die Freude eines Wanderers, der von der
-Höhe das Ziel seines Tages sieht.
-</p>
-
-<p>
-Als ich durch das Tor in die Stadt trat,
-<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-war mit einem Mal der silberne Zauber wie
-zerbrochen, und Abendrot lag auf den Gassen.
-Hochbepackte Erntewagen, in der golden durchleuchteten
-Fülle leise schwankend, fuhren darüber
-hin und zeitweis bog einer von ihnen in den
-Hof ein. Auf den Pferden saßen hübsche,
-nacktfüßige Bauernjungen, die mit den Peitschen
-knallten, an den Häusern emporsahen und
-nachlässig zu den offenen Fenstern hinaufnickten,
-zu den Mädchen ...
-</p>
-
-<p>
-‚War es vor tausend Jahren hier anders?‘
-dachte ich. ‚Ernte und Glockengeläut und Menschen?
-... Die vor tausend Jahren waren, mich
-trennt nur ein weniges von ihnen, nur die
-Zeit ... Ach, was ist Zeit! ... Ich will hier
-bleiben! ...‘
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Bald saß ich in einem Garten vor meinem
-Abendbrot und erfreute mich, sobald ich den
-Blick hinwegwandte, an den rosigen Bergen
-und den tiefer beleuchteten Gassen. Ein Mädchen
-mit braunen, zum Kranz geflochtenen Strähnen
-schenkte mir den Wein ins Glas und lächelte
-dazu mit frischem Munde ... Ein Gedanke kam
-mir ... fort damit ... Gespenster! ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-Ich stand alsbald auf, bestellte mir eine
-Kammer für die Nacht und ging nachlässig,
-die Hände in den Hosentaschen, durch die Stadt.
-Ich wünschte jedem Mädchen einen guten Abend,
-und begann mit einigen von ihnen dadurch ein
-Gespräch, daß ich mich nach allerhand Dingen
-erkundigte, die mir völlig gleichgültig waren, –
-wo der Schmied wohne, ob die Heuernte dieses
-Jahr gut gewesen sei. Ich war an diesem
-Abend ziemlich frech ...
-</p>
-
-<p>
-Bei Anbruch der Nacht kehrte ich in mein
-Gasthaus zurück. Als ich die Stiege hinaufschritt,
-die von einem Windlicht schwach erhellt
-war, begegnete ich dem Mädchen mit dem Lächeln
-um die frischen, feuchten Lippen. Ich
-gab ihr die Hand, bezahlte gleich, da ich früh
-am Morgen aufbrechen wollte, und ging in mein
-Zimmer. Ich setzte mich auf den Rand des Bettes
-und grübelte. Mit einem Male kam eine tiefe
-Traurigkeit über mich, ich wußte nicht, woher.
-Ich trat ans Fensters. Da rauschte unter mir
-der tiefe Mühlbach, und über mir spannte sich
-der Sommerhimmel voll von Sternen. Noch
-hörte ich zwei Männer irgendwo miteinander
-sprechen, noch hörte ich eine Tür im Haus
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-und einen späten Wagen auf der Gasse, dann
-ward es still um mich.
-</p>
-
-<p>
-In dieser Stille breitete die Liebe ihre
-Flügel aus. Sie drückte mich an ihre Brust.
-Ich taumelte und fühlte einen Schmerz wie nie
-zuvor.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich weiß nicht recht, wie alles gewesen
-war. Ich weiß nur, daß ich plötzlich an Nina
-dachte, die ich den ganzen Tag vergessen hatte.
-Ich sah sie vor mir, sah ihr Haar, ihre Augen,
-ihren Gang, ihre Hände, sah sie tanzen, mit
-Wolfgang Seyderhelm tanzen, ... ich hatte
-Angst, ... das Zimmer war so eng und
-heiß, ... tödliche Angst ... Ich nahm Stock,
-Hut und Ranzen und stürzte hinaus in die
-dunkle Luft. Die Haustür war noch offen.
-Ein Hund knurrte leise, aber ich entlief ihm
-schnell. Ich rannte durch die Gassen, durch
-das Stadttor, die Straße entlang, dann einen
-Seitenweg, durch Gebüsch, einen Hügel hinauf,
-... ich keuchte sehr, ... ich fiel zu Boden
-und blieb liegen.
-</p>
-
-<p>
-... Ich war müde und gehetzt, ich war so
-müde! Ich fühlte meine Jugend von mir gleiten
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-und hatte qualvolle Träume. Ich weiß noch,
-daß ich einmal im Halbschlaf emporfuhr: da
-lag unter mir die Stadt und das dunkle Land,
-der Mühlbach leuchtete hier und dort im Mondlicht
-auf, ... um meinen Hügel ging ein leichter
-Wind, ... ich sank zurück ... in Traum und
-Schlummer. Aber schlummernd sah ich immer
-wieder das dunkle Land mit der Stadt, die
-silbernen Stücke des Baches, ... Sterne,
-viel Sterne ... und Nina ...
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-7">
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-7
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> bin noch einige Tage so gewandert,
-aber ich wurde nicht mehr fröhlich.
-Ein Sonntag kam, ich sah die Bauern
-zur Kirche gehen, trat mit ihnen ein
-und hörte die Predigt, ich sah die Burschen
-und Mädchen hernach in ihren übermütigen
-Tänzen und empfand am Abend auf der Straße
-die feierliche Stille des scheidenden Sonntages.
-Aber das alles freute mich nicht. Der verworrene
-Geist war von der Liebesleidenschaft
-erfaßt und kannte nur noch Trauer, Eifersucht,
-Haß und Träumerei. Ich wollte nicht mehr
-an Nina und Wolfgang denken, ich wollte nie
-mehr an sie denken. Ich sagte mir Gedichte auf,
-hielt als ein Prinz vor der Versammlung von
-Fürsten eine verwegene Rede, dichtete eine Ode
-an den Kaiser, – aber selbst das erhabene Gewand
-der Majestät verwandelte sich mir bald,
-ward ein blitzendes, hellblaues ... mit Schokoladenflecken
-...
-</p>
-
-<p>
-Am vierten Abend meiner Wanderung zog
-ich mutloser denn je meine Straße entlang.
-Ich wollte an diesem Tage noch eine größere
-Stadt erreichen, dort einige Zeit verweilen, um
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-dann dem nahen Gebirge zuzueilen. Aber
-irgend ein schöner Baum oder ein sehnsüchtig
-winkender Kirchturm hätte genügt, mich von
-meinem Wege abzulenken. Wer in der Welt
-fragte danach, ob ich einen Nachmittag unter
-schattigem Gesträuch verträumte und den „Pescara“
-las oder irgendwo auf staubbedecktem
-Wege schritt?
-</p>
-
-<p>
-Ich blieb vor einem Weiser stehen, der mir
-zur Seite in das offene Land hindeutete. Da
-war geschrieben: Nach Strelow 3 km, nach
-Wiesenau 4,5 km. Ich las die Worte gedankenlos.
-Irgend etwas lockte mich, von
-meiner Straße abzubiegen. Was aber war es?
-Strelow? Ich hatte diesen Namen nie gehört.
-Wiesenau? Ich hatte diesen Namen nie ...
-Wie? ... Eine Erinnerung ... Wiesenau ...
-Wiesenau ... da war schon wieder alles entwichen
-... ich schüttelte den Kopf. Wohl
-zwanzigmal sprach ich nun das Wort Wiesenau
-aus, in der Hoffnung, die Erinnerung möchte
-mich noch einmal erleuchten. Doch jede Mühe
-war vergebens: es war ein totes Wort.
-</p>
-
-<p>
-Schon war ich in die neue Landschaft eingebogen.
-Es hatte wohl die Wochen vorher
-<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
-geregnet, denn überall standen kleine schwarze
-Teiche, aus denen einzelne Bäume, Fichten
-und Birken, hervortauchten. Endlos langgezogene
-violette Abendwolken spiegelten sich
-in diesen Teichen und gaben ihnen von ihrer
-Farbe. Soweit mein Blick reichte, sah ich
-nichts anderes als bunte, prächtige Wiesen
-mit großen Blumen und die schwarzen und
-violetten Teiche, aus denen einsame Bäume hervorwuchsen.
-Krähen flogen zuweilen schreiend
-darüber hin, um noch vor Nacht die fernen
-Wälder zu erreichen.
-</p>
-
-<p>
-Als ich durch Strelow kam, läutete die
-Glocke den Abend ein. Ich blickte durch ein
-Fenster; ein alter Bauer saß da, hatte die Brille
-auf der Nasenspitze und las in einer Zeitung.
-Eine Frau trug eine Bank in ihr Haus. Der
-Pfarrer ging durch den Ort und ward von
-allen gegrüßt; auch ich grüßte. Ein Trupp
-Jungens lief zu Gott weiß welchem Abendstreifzug
-...
-</p>
-
-<p>
-In einigen Zimmern brannte ein Licht.
-Sollte ich hier rasten? Es begann zu dunkeln.
-Draußen konnte ich nicht gut schlafen, der
-Boden schien feucht, auch war es ein wenig
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-kühl. Aber die Lichter in den Häusern machten
-mich traurig, und ich fühlte, daß mich im
-Zimmer wieder meine Angst ergreifen würde.
-</p>
-
-<p>
-Ich eilte zum Dorf hinaus. Allein bei den
-letzten Häusern blieb ich beklommen stehen: über
-die Landschaft hatte sich die Dämmerung gesenkt
-und mit tiefem, dunklem Blau die gespenstischen
-Bäume, das Weidengesträuch an den blinkenden
-Teichen und die Getreidefelder umhüllt; von
-oben leuchteten durch blaues Licht einige Sterne;
-nichts unterbrach die Stille als das trostlose
-Quaken der Frösche und das Flüstern des
-Kornes, wenn der Wind darin rauschte.
-</p>
-
-<p>
-Ich ging durch die Dämmerung und fühlte
-mich liebevoll von der Straße fortgelockt, umsponnen
-mit einem blauen Netz. Ein Traum
-von großer Innigkeit berührte mich, mir war,
-als sei er alt und von jedermann zu irgendeiner
-Zeit geträumt. Um meine Augen legte
-sich ein Flor, meine Füße strauchelten oft ...
-</p>
-
-<p>
-‚Könnt’ ich doch viele Stunden dieses blaue
-Licht durchschreiten! Wenn nur die Füße nicht
-ermüden wollten ...!‘
-</p>
-
-<p>
-Aber ach, schon winkten ja am Wegesrand
-nächtliche Kastanien zu Schlummer und Traum! ...
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-Ein Park begann, umgittert, ... eine Allee ...
-Und hier, – waren hier nicht bronzene Löwen,
-die in dreifach geteilte Becken silbernes Wasser
-spieen? War es nicht einschläfernd und süß?
-</p>
-
-<p>
-Wie, stand dort nicht ein Haus vor mir,
-ein Schloß, mit einer erleuchteten Altane und
-bläulich schimmernden Stufen?
-</p>
-
-<p>
-Bin ich nicht neugierig herangeschlichen, ...
-leise, ... ganz leise, ... und sah ich dort
-nicht all die Menschen, die ich liebte? ... Die
-Mutter ... mit dem Sohn ... und meine
-schöne Freundin Nina?
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-8">
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-8
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">it</span> pochendem Herzen und heißen
-Wangen stand ich im Dunkeln und
-blickte auf die Veranda. Nina
-arbeitete an einer festgespannten
-Stickerei und sprach dabei mit Wolfgang, der
-die Hände um ein Knie geschlungen hatte, eine
-Zigarette rauchte und zeitweise aus einem
-Glase trank. Frau Seyderhelm schrieb einen
-Brief. Manchmal hob sie den Kopf und warf
-einige Worte in die Unterhaltung der beiden ein.
-Ich konnte nicht verstehen, was gesprochen wurde.
-</p>
-
-<p>
-Ich sah Ninas Profil und ihre Hände.
-Wie zart sie war! Ja, war sie nicht anbetungswürdig?
-Süße Nina! ... Ich machte eine
-Bewegung.
-</p>
-
-<p>
-Da rief Nina laut:
-</p>
-
-<p>
-„Wolfgang, ich bitte dich, – draußen steht
-jemand.“
-</p>
-
-<p>
-Ich hielt den Atem an.
-</p>
-
-<p>
-‚Wenn ich hier entdeckt werde, ersteche ich mich.‘
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang beugte sich hinaus und rief:
-</p>
-
-<p>
-„Es ist niemand hier ... Du bist recht
-schreckhaft!“
-</p>
-
-<p>
-O – gerettet!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-Frau Seyderhelm hatte ihren Brief beendet,
-man plauderte angeregt. Ich sah,
-wie die Mutter einmal ihrem Sohne lächelnd
-mit dem Finger drohte. Nach einer Weile
-legte Nina ihren Stickrahmen fort, packte ihre
-Nähsachen in einen Pompadour und stand auf.
-Sie gab erst Frau Seyderhelm die Hand, dann
-wechselte sie einige Worte mit Wolfgang, – sie
-schienen etwas zu verabreden, – ließ ihre Hände
-auf seinen Schultern ruhen, gab ihm einen leichten
-Backenstreich und trat in die Zimmer hinein.
-Wolfgang küßte seine Mutter, die ihm über das
-Haar strich; mir war, als sprächen sie von
-Nina, denn sie sahen nach der Türe; dann
-gingen beide hinaus. – Eine Magd erschien
-einige Augenblicke später auf der Veranda,
-räumte die Sachen auf, zog die Markise in die
-Höhe und stellte die Gartenmöbel zur Seite.
-Sie nahm die Lampe und verschwand.
-</p>
-
-<p>
-Alles war finster um mich herum. Oben
-im Schloß sah ich mehrere erleuchtete Fenster.
-Ich hörte zuweilen Schritte, dann wurde alles still.
-</p>
-
-<p>
-Langsam löste ich mich aus meiner Erstarrung
-und ging durch den Park. Ich empfand
-nicht viel: ein wenig Erstaunen, ein wenig
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-Schmerz, ein wenig Müdigkeit und ein wenig
-Glück ... Ich wollte weiter wandern. Was
-sollte ich hier? Niemand würde mir glauben,
-daß ich zufällig hierher gekommen sei, ... aber
-da hörte ich wieder die süße, einschläfernde
-Melodie der plätschernden Brunnen. Gedankenlos
-legte ich mich nieder, zu Füßen eines
-bronzenen Löwen. Ich faltete die Hände
-hinter dem Kopf und blickte in den Himmel,
-wo die Milchstraße ihren Triumphbogen über
-das Firmament spannte. Ich fühlte, daß der
-Schlaf mich übermannen würde, und wollte
-doch wachen und nachdenken. Ich ward traurig
-und erinnerte mich der Worte des Herrn:
-„Könnet ihr denn nicht Eine Stunde mit mir
-wachen?“ – Noch einmal sah ich zu den erleuchteten
-Fenstern im Schloß, dann fiel ich in
-Traum. Schlafend spürte ich die Kälte der
-Nacht und zog mein Cape eng um mich. Und
-in meinen Traum drang immer wieder das
-Plätschern des Wassers, ... das Plätschern des
-Wassers.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-9">
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-9
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> mochte gegen fünf Uhr morgens sein,
-als ich erwachte. Mein erster Blick galt
-dem Schloß vor mir, in dessen Fensterscheiben
-die Morgensonne purpurrot
-leuchtete. Ich sprang empor; mein Gesicht
-und meine Kleider waren naß vom Tau. Ich
-machte einige Bewegungen mit den Armen und
-stampfte mit den Füßen, denn meine Glieder
-waren wie erstarrt. Dann wusch ich mich in
-einem der bronzenem Becken und klopfte die
-Kleider ab. Nur weiter, immer weiter, fort
-von hier ...
-</p>
-
-<p>
-Als ich bereit war zu marschieren, lehnte
-ich mich an einen Baum; ich wollte noch einmal
-mit einem langen Blick dieses geliebte
-Schloß umfangen.
-</p>
-
-<p>
-Da ... was war das? ... Ein Fenster
-öffnete sich, ... ich trat zurück ... Wolfgang, ...
-im leichten Morgenkleid. Er beschattete mit
-der Hand die Augen, sah zum Himmel und
-reckte die Arme in die junge Luft hinein. Dann
-verschwand er; bald jedoch erschien er wieder,
-nahm einen Stock und klopfte leise mit der
-metallenen Spitze an das benachbarte Fenster.
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-Lange Stille ... Dann öffnete sich das Fenster ...
-Nina ... Sie gaben einander die Hände. Wolfgang
-setzte sich auf das Fensterbrett und deutete
-nach dem Horizont. Nina gähnte ein wenig
-und beide lachten.
-</p>
-
-<p>
-Da war mir, als müsse ich einen Panzer
-von meiner Brust reißen. Ich bog mit beiden
-Händen die Sträucher auseinander, und
-meine helltönende Stimme rief den Aufhorchenden
-zu:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">„An jedem Morgen, eh des Hahnen Krähn</p>
- <p class="verse">Die Menschheit weckt, steh ich im tiefen Grunde,</p>
- <p class="verse">Muß durch die Luft nach Burg und Felsen spähn.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Noch lieget Dunkelheit auf meinem Tal,</p>
- <p class="verse">Da gibt von Osten das Gestirn mir Kunde,</p>
- <p class="verse">Und in dem Fenster oben spielt ein Strahl.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Es taucht in Licht das trotzige Gestein,</p>
- <p class="verse">Und wächst und starrt und höhnet meiner Qual,</p>
- <p class="verse">Bald reckt es in den Himmel sich hinein –</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Willst du dich heute nicht am Fenster zeigen,</p>
- <p class="verse">In Morgenklarheit dich vom Traum befrein?</p>
- <p class="verse">Willst du das Haupt nicht freundlich zu mir neigen?</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Mich tötet dieses dunklen Tales Schweigen.“</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-Kaum hatte ich geendigt, als Nina ihrem
-Freunde mit hochgezogener Stirne langsam, ja
-perfide langsam das Antlitz über die Schultern
-zuwandte und die beiden Handflächen fragend,
-chokiert und spöttisch nach außen bog. Wolfgang
-aber schien sich nicht darum zu kümmern;
-er warf das Fenster heftig zu, ich hörte ihn eine
-Treppe herunterstürmen, und einen Augenblick
-später kam er – notdürftig mit einem Hemde,
-einer Hose und einem Paar Sandalen bekleidet
-– durch den Garten auf mich zugelaufen.
-</p>
-
-<p>
-„Walter Regnitz! Lieber Walter Regnitz!“
-</p>
-
-<p>
-Er umarmte mich stürmisch; er war blaß
-vor Erregung.
-</p>
-
-<p>
-„Wo hast du nur die ganze Zeit gesteckt?
-Wir erwarten dich schon seit drei
-Tagen!“
-</p>
-
-<p>
-Wie? Man erwartete mich?
-</p>
-
-<p>
-Wir wandten uns zum Schloß.
-</p>
-
-<p>
-„Ich habe eine Fußwanderung gemacht und
-diese Nacht im Garten geschlafen.“
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang legte erschrocken seine Hand auf
-meinen Arm.
-</p>
-
-<p>
-„Du hast in unserm Garten geschlafen?
-Bist du toll?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-Und dann nach einer Pause, die er mit
-ratlosen Gebärden ausfüllte:
-</p>
-
-<p>
-„Ja, warum bist du aber nicht ins Haus
-gekommen?“
-</p>
-
-<p>
-Ich wurde etwas rot.
-</p>
-
-<p>
-„Ja ... weißt du, ... ich kam spät hier
-an ... und da wollte ich nicht stören ...“
-</p>
-
-<p>
-Ich grüßte zu Nina hinauf.
-</p>
-
-<p>
-„Ah, sieh da!“ rief sie vom Fenster herunter.
-„Ein Dichter! Ein Troubadour! Sie
-verlangen gewiß Ihren Lohn!“
-</p>
-
-<p>
-Sie nahm aus einem Wasserglas helle Rosen
-und zerblätterte sie mit den weißen Fingern.
-Mir fielen diese Blätter auf Kopf, Schultern
-und Hände, der ich betroffen, glücklich und verlegen
-in einem duftenden Blumenregen stand.
-</p>
-
-<p>
-„Denk’ dir, Nina, er hat diese Nacht im
-Garten geschlafen!“
-</p>
-
-<p>
-Nina lachte, – ihr singendes, gefährliches
-und verstehendes Lachen.
-</p>
-
-<p>
-„Sie sind ein echter Minnesänger, Herr
-Walter von der Regnitz!“ rief sie und warf
-vier volle weiße Rosen zu mir herab. Ich fing
-eine von ihnen auf und führte sie höflich und
-gefaßt an meine Lippen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-„Und Sie, gnädiges Fräulein, eine echte
-Herzenskönigin.“
-</p>
-
-<p>
-Ich hörte noch einmal, wie Nina tief belustigt
-lachte und darauf das Fenster schloß.
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang zog mich ungeduldig die Stufen
-zur Veranda hinauf.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Wolfgang stand halb angekleidet vor seinem
-Eimer und putzte sich eifrig und andauernd
-die Zähne.
-</p>
-
-<p>
-„Wie findest du sie?“ fragte er mich, der
-ich auf einem Stuhl saß und ihm zusah.
-</p>
-
-<p>
-„Wen?“
-</p>
-
-<p>
-„Nina.“
-</p>
-
-<p>
-Er nahm einen Schluck Wasser, gurgelte und
-spuckte kräftig.
-</p>
-
-<p>
-Ich schwieg.
-</p>
-
-<p>
-„Nun?“ fragte er.
-</p>
-
-<p>
-„Oh, ganz nett!“ sagte ich endlich.
-</p>
-
-<p>
-„Sie ist herrlich!“ rief er begeistert und
-begann von neuem zu gurgeln.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich warf er die Zahnbürste fort, drehte
-sich schnell um und legte seine Hände auf
-meine Schultern.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-„Was hast du neulich gesagt?“ fragte er.
-</p>
-
-<p>
-„Ich? Wann?“
-</p>
-
-<p>
-„Neulich, bei unserer Gesellschaft.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich habe vermutlich viel gesagt.“
-</p>
-
-<p>
-„Nein, du hast gar nicht viel gesagt. Du
-lehntest dich an einen Türpfosten und fragtest
-mich, wie alt Nina sei. Und plötzlich ...“
-</p>
-
-<p>
-„Nun?“
-</p>
-
-<p>
-„Und plötzlich sagtest du, als ob du geistesabwesend
-seiest: Du liebst sie ja!“
-</p>
-
-<p>
-Er wandte sein Gesicht schnell dem Spiegel
-zu und zog Kamm und Bürste aus der Lade.
-</p>
-
-<p>
-Ich war erschrocken.
-</p>
-
-<p>
-„Habe ich das wirklich gesagt?“
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang beschrieb mit dem Kamm eine
-weite phantastische Figur und erklärte begeistert:
-</p>
-
-<p>
-„Du bist ein großer Menschenkenner, Walter!
-Ich habe sie wirklich sehr gern ... Hör’ mal,
-wie der Kamm knistert.“
-</p>
-
-<p>
-Und er hielt seinen Kamm dicht an mein
-Ohr. Ja, wahrhaftig, der Kamm knisterte.
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang war mit seiner Toilette fertig.
-Er trug ein hellgraues, eng an den Hüften
-liegendes Sommerjackett mit schwarzen Kniehosen,
-dazu schmale Halbschuhe, ein weißes
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-Sportshemde und eine leichte, seidene Krawatte.
-Er sah sehr frisch, sehr jugendlich und
-sehr vornehm aus.
-</p>
-
-<p>
-Wir gingen durch einige Gemächer und
-betraten das Speisezimmer. Es fiel mir
-auf, daß dieses Schloß mit einer nahezu
-bäuerischen Freude an bunten Farben eingerichtet
-war.
-</p>
-
-<p>
-Ein Diener erschien. Wolfgang bestellte Tee.
-</p>
-
-<p>
-„Du bist hungrig, Walter?“ fragte er.
-</p>
-
-<p>
-„O ja!“
-</p>
-
-<p>
-„Also: hier ist Honig, Gelee, Sumpfdotterblumen,
-Schinken, Brot ... ach ...“
-</p>
-
-<p>
-Er stand plötzlich auf, warf dabei seinen
-Stuhl hin und umarmte mich noch einmal:
-</p>
-
-<p>
-„Wie schön, daß du hier bist!“
-</p>
-
-<p>
-Natürlich errötete er, sprang an die Tür
-und schrie, der Tisch sei schlecht gedeckt. Der
-Diener kam und Wolfgang schlug sich an
-den Kopf.
-</p>
-
-<p>
-„Ich Esel! Willst du ein Beefsteak?“
-</p>
-
-<p>
-„Ein Beefsteak?“
-</p>
-
-<p>
-„Es dauert gar nicht lange. Fritz, wie
-lange dauert ein Beefsteak?“
-</p>
-
-<p>
-„Eine Viertelstunde“, war die Antwort.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-„Ach, Unsinn“, protestierte ich. „Was soll
-ich denn jetzt um halb sechs mit einem Beefsteak?“
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang lachte und goß sich ein Glas
-Fachinger ein.
-</p>
-
-<p>
-„Prost, Walter! Du kennst unsern Stil
-noch nicht. Wir leben nämlich hier den Stil
-englischer Peers. Morgens <span class="antiqua">you take your
-steak</span>,“ – er bediente sich hierbei einer manirierten
-Aussprache, – „mittags hungert man,
-das nennt man <span class="antiqua">luncheon</span> und abends ißt
-man im <span class="antiqua">dinnerjackett</span> alles das, was man am
-Mittag versäumt hat. Das hat Nina hier so
-eingeführt.“
-</p>
-
-<p>
-Nina, immer Nina!
-</p>
-
-<p>
-Ich fragte unvermittelt:
-</p>
-
-<p>
-„Aus welcher Familie stammt sie eigentlich?
-Hat sie noch Eltern?“
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang warf nachdenklich zwei Stück
-Zucker in seine Teetasse.
-</p>
-
-<p>
-„Weißt du, bei Nina muß man nicht fragen,
-woher sie kommt und wohin sie geht.
-Nina ist einfach <em>da</em>, – verstehst du? – einfach
-<em>da</em>.“
-</p>
-
-<p>
-Ich sah Wolfgang aufmerksam an. Schau
-<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-an, dachte ich, wie klug er ist! Was er da
-eben gesagt hatte, war mir nicht fremd. Nina
-war einfach da, ... sie war eigentlich ...
-seelenlos.
-</p>
-
-<p>
-„Sie ist eigentlich seelenlos,“ sagte ich.
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang trank seinen Tee. Er stöhnte
-einige Male wie ein Kind in die Tasse hinein,
-setzte sie dann ab, sprang vom Tische auf
-und sagte:
-</p>
-
-<p>
-„Jawohl, seelenlos, aber herrlich! – Bist
-du fertig?“
-</p>
-
-<p>
-„Ja.“
-</p>
-
-<p>
-„Gut. Wie wäre es, wenn wir jetzt aufs
-Feld gingen und arbeiteten? Ich lasse mir
-nämlich jeden Abend von unserm Inspektor ein
-Feld anweisen.“
-</p>
-
-<p>
-Ich willigte in diesen Vorschlag ein. Wir
-zündeten uns jeder eine Zigarette an und
-gingen in den Hof. Dort holten wir uns aus
-einem Schuppen lange Forken und zogen darauf
-munter durch den Park.
-</p>
-
-<p>
-Einmal wandte ich mich um und blickte
-zu Ninas Fenstern hinauf. Sie waren fest
-verschlossen und die Vorhänge heruntergelassen.
-</p>
-
-<p>
-„Das gnädige Fräulein pflegt bis neun
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-Uhr zu schlafen,“ sagte Wolfgang, der meinen
-Blick bemerkt hatte.
-</p>
-
-<p>
-Ich errötete und schwieg.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Wir sind auf dem Feld angelangt und
-ziehen unsere Jacken aus. Die Kornfelder
-stehen in der jungen gelbstrahlenden Sonne.
-Auf den heiteren grünen Wiesen und Weidegründen
-grasen die roten und braunen Kühe
-des Gutes und senden den Ton von tiefen
-Glocken durch das flüssige Licht. Am Horizont
-suchen auf noch beschattetem Hügel
-Schafe ihr Futter. Ein Schäfer mit einem
-großen Hut steht neben ihnen. Er hält den
-Hirtenstab in der ausgestreckten Hand auf die
-Erde gestützt, als sei er der Wächter dieses
-Tales und behüte seine Unschuld. Eine Wolke
-zieht langsam über den bleichen westlichen
-Himmel.
-</p>
-
-<p>
-„So, nun stellen wir hier die Garbenbündel
-auf,“ sagt Wolfgang. „Du bist ja
-früher auf dem Land gewesen und weißt, wie
-man das macht. Immer zu sechs auf einen
-Haufen.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-„Bei uns nahm man acht.“
-</p>
-
-<p>
-„So ... na ja, wir nehmen immer sechs.
-Weiß der Teufel, warum. Bald kommen die
-ersten Leiterwagen vom Gut. Dann gehen wir
-dort auf das Feld, – siehst du es? – und
-packen das Korn auf. Das macht immer sehr
-viel Spaß.“
-</p>
-
-<p>
-Wir arbeiten schweigend und mit gesammeltem
-Eifer. Die Ähren stechen unsere
-Hände wund und ihre Körner rieseln uns in
-Hemd und Hose. Wolfgang macht manchmal
-eine Bewegung, als habe ihm jemand kaltes
-Wasser in den Nacken gegossen.
-</p>
-
-<p>
-Später singt er mit klarer Stimme und
-deutlicher Aussprache einen altfranzösischen
-Chanson. Da ist von einem Grafen die
-Rede, dem es nicht wohl erging, weil seine
-Gemahlin der Majestät von Frankreich allzusehr
-gefiel.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Bald vernehmen wir das Rollen und Klappern
-von Wagen, die über die Landstraße zu uns
-herauffahren. Wir haben unsere Arbeit gerade
-beendet, als wir die Rufe der Bauern hören,
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-die mit ermunterndem Einsprechen ihre Pferde
-einige schwere Hügel erklimmen lassen. Dann
-ertönt das Dröhnen von Wagen, die über eine
-hölzerne Brücke fahren, und gleich darauf
-ziehen sie alle an uns vorbei. In einem der
-Wagen sind nur Frauen. Sie haben alle rote
-Tücher um die Köpfe geschlungen. Jedermann
-wünscht uns: „Guten Morgen!“ worauf wir
-beinahe feierlich unsere Mützen lüften und den
-Gruß erwidern. In einem Gefährt sitzt ein
-hübsches junges Mädchen. Ich nicke ihr zu,
-worauf sie verlegen zu Boden sieht. Ich bin
-sehr stolz, das erreicht zu haben.
-</p>
-
-<p>
-Der letzte Leiterwagen wird von einem
-Bauernjungen gelenkt, der auf dem linken
-Pferde sitzt. Er grüßt uns, wie ein Souverain
-zu grüßen pflegt.
-</p>
-
-<p>
-„He Hans!“ ruft Wolfgang. „Bleib du
-bei uns!“
-</p>
-
-<p>
-Hans steigt vom Pferd. Wolfgang legt
-seinen Arm auf die Schultern des Jungen und
-führt ihn zu mir heran. Die beiden stehen
-der Sonne entgegen, blinzeln, sind wohlgestaltet,
-blond, und – seltsam – sie sehen einander
-ähnlich.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-„Ich stelle dir hier meinen Freund Hänschen
-Kietschmann vor.“
-</p>
-
-<p>
-Der Junge macht eine Verbeugung, eine
-leichte, weltmännische, garnicht zu tiefe Verbeugung,
-und bietet mir die Hand, die ich schüttle.
-</p>
-
-<p>
-Er geht fort, um noch einige Bauern zu
-holen. Ich sehe ihm nach. Er ist schlank und
-groß gewachsen.
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang macht ein sonderbares Gesicht
-und lächelt.
-</p>
-
-<p>
-„Nun?“
-</p>
-
-<p>
-„Wie?“
-</p>
-
-<p>
-„Ist dir etwas ... wie soll ich sagen ...
-aufgefallen?“
-</p>
-
-<p>
-„Aufgefallen? ... Nein, ... das heißt ...“
-</p>
-
-<p>
-Ich bin mit einem Male verwirrt.
-</p>
-
-<p>
-„Er sieht dir ähnlich.“
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang nickt, sieht zum Himmel, zieht die
-Nase kraus, blinzelt, schluckt herunter und sagt:
-</p>
-
-<p>
-„Er ist mein Halbbruder.“
-</p>
-
-<p>
-„Wie –?“
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang bewegt seine Hand in einer sehr
-sprechenden, etwas frivolen Art.
-</p>
-
-<p>
-„Mein Gott, ... wir vergessen, daß unsere
-Väter auch jung waren ... Mein Vater
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-lebte hier allein ... na und ... wie das so
-kommt.“
-</p>
-
-<p>
-Er geht mit graziösem Schritt fort, um die
-Gabeln vom Graben zu holen.
-</p>
-
-<p>
-Ich schüttle den Kopf, wundere mich und
-vergesse im nächsten Augenblick alles.
-</p>
-
-<p>
-Wir arbeiten schweigsam fort.
-</p>
-
-<p>
-Hans Kietschmann steht zusammen mit einem
-Bauern oben auf dem Wagen und packt das
-Korn auf. Neben uns sind Weiber, die von
-Zeit zu Zeit miteinander sprechen. Ein leichter,
-von der aufsteigenden Sonne gewärmter Wind
-trägt aus der Richtung der anderen Wagen
-den Schall von Reden und Gelächter zu uns
-herüber.
-</p>
-
-<p>
-Es beginnt allmählich heiß zu werden. Die
-Augen schmerzen ein wenig; ich sehe nichts
-als flimmerndes Gelb. Die Weiber riechen
-nach Schweiß. Die Ochsen sind von Fliegen
-geplagt und schlagen mit den Schwänzen kräftig
-umher. Ich fühle mich sehr wohl. Nina ist
-vergessen, vollkommen vergessen. Wie süß es
-ist, daran zu denken, daß ich Nina so völlig
-vergessen habe.
-</p>
-
-<p>
-Es schlägt zwölf Uhr, wir hören mit der
-<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-Feldarbeit auf, trinken Wasser und ziehen die
-Jacken an.
-</p>
-
-<p>
-Ich gebe Wolfgang die Hand.
-</p>
-
-<p>
-„Danke für den Vormittag, Wolfgang.“
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang lächelt und nimmt meinen Arm.
-Wir gehen als Freunde zum Schloß. Wolfgang
-ist zärtlich und spricht sehr viel.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-10">
-<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-10
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">N</span><span class="postfirstchar">achdem</span> wir in unsern Zimmern Gesicht
-und Hände erfrischt hatten, betraten
-wir die Veranda, um dort zu lunchen.
-</p>
-
-<p>
-Nina saß am Tisch. Sie schien sich
-zu langweilen und benahm sich wie ein kleines
-Mädchen, das auf seine Mahlzeit wartet.
-</p>
-
-<p>
-Ich betrachtete Nina von der Seite. Sie
-hatte ein steifes weißes Kattunkleid an. Ihr
-Hals und ihre Arme waren nackt. Auf ihrer
-Brust trug sie eine Brillantenbrosche, an der
-linken Hand, der elfenbeinernen mit den langen
-schmalen Fingern, leuchteten vier herrliche Saphire
-von mildem Blau. Das kastanienbraune
-Haar war eine Pracht, eine Krone, ein Akkord
-von rauschenden, dunklen Tönen.
-</p>
-
-<p>
-‚Mein Gott und dennoch, was ist denn
-Nina? Ein kleines Mädchen, das sich langweilt!
-Aber ein Mädchen, das ich liebe? Nun ja,
-was ist schon dabei? Viele Jungens lieben
-viele Mädchen. Da ist gar nichts dabei.‘
-</p>
-
-<p>
-Ich fühlte mich Nina überlegen.
-</p>
-
-<p>
-Ich setzte mich an den Frühstückstisch. Obwohl
-es sehr heiß war, hatte Nina einen
-Schnupfen, was mir ganz sonderbar vorkam.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
-Sie führte ihr Tuch an den Mund und
-fragte mit einer Stimme, die heute noch näselnder
-klang als sonst:
-</p>
-
-<p>
-„Wo habt ihr denn eigentlich so lange
-gesteckt?“
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblicke wurde es mir recht
-deutlich, daß Nina gar nichts anderes war als
-eine große faule schöne Katze. Ich beugte mich
-spöttisch vor bis auf die Tischplatte und sagte
-von unten zu ihr aufblickend:
-</p>
-
-<p>
-„Wir haben gearbeitet, – und Sie, was
-haben Sie getan?“
-</p>
-
-<p>
-„Ich habe geschlafen.“
-</p>
-
-<p>
-„Ah, Sie haben geschlafen ...“
-</p>
-
-<p>
-„Jawohl; ich bin nämlich kein Troubadour,
-der wie ein Hase mit offenen Augen nachts im
-Felde schläft.“
-</p>
-
-<p>
-Hier betrat Frau Seyderhelm die Veranda.
-Sie begrüßte mich sehr herzlich, schalt auf
-das freundlichste, daß ich die Nacht draußen
-zugebracht hatte, und sprach die Erwartung aus,
-daß ich nun doch die Ferien auf Wiesenau
-verleben würde.
-</p>
-
-<p>
-Man frühstückte.
-</p>
-
-<p>
-Es stellte sich im Lauf des Gesprächs
-<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
-heraus, daß Frau Seyderhelm mir am Tag
-nach der Gesellschaft einen Brief mit der Einladung
-nach Wiesenau in die Wohnung geschickt
-hatte, der nicht mehr in meine Hände gekommen
-war.
-</p>
-
-<p>
-Nina begann mit einer Geschichte, die so
-komisch war, daß wir alle fürchterlich lachen
-mußten. Sie sprach lebhaft, mit vielen Gesten,
-erzählte vorzüglich und ward durch ihren Erfolg
-so angeregt, daß sich der Schnupfen zu verlieren
-schien.
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang machte seiner Mutter kopfschüttelnd
-Vorwürfe, daß die Gänseleberpastete schon
-seit einigen Tagen nicht mehr genügend auf Eis
-liege. Dann wandte er sich zu mir und fragte mit
-einer kindlich hohen, liebenswürdigen Stimme:
-</p>
-
-<p>
-„Ißt du Radieschen gern?“
-</p>
-
-<p>
-Man hörte von Frau Seyderhelm, daß die
-Gräfin Königsmarck heute morgen dagewesen
-sei; man sprach dann sehr lange über die Gräfin
-Königsmarck. Nina schien sie nicht zu lieben.
-Wolfgang behauptete, diese Dame röche nach
-wilden Tieren.
-</p>
-
-<p>
-„Wolfgang, so spricht man nicht von einer
-Dame!“ sagte Frau Seyderhelm.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
-Nina jubelte und begann ohne den mindesten
-Zusammenhang eine Schilderung zu entwerfen,
-wie sie auf der Treppe meinen Ranzen
-gefunden und aufgemacht habe.
-</p>
-
-<p>
-„Stellen Sie sich vor, Frau Seyderhelm:
-er reist mit einem zerrissenen Hemde, einer
-Zahnbürste, zwei alten Brötchen und dem
-Werther; den Werther hat er in seine Socken
-gepackt!“
-</p>
-
-<p>
-Man lachte sehr. Mich erfaßte mit einem
-Mal der unbezähmbare Drang, Ninas Hand,
-die elfenbeinerne mit den spitzen Nägeln und
-der kühlen Haut, zu küssen. Ich bückte mich
-nach einer Serviette und berührte wie zufällig
-Ninas Finger mit meinen Lippen. Nina ließ
-es ruhig geschehen; sie tat, als habe sie nichts
-gespürt.
-</p>
-
-<p>
-„Es war übrigens gar nicht der Werther,“
-sagte ich, als ich wieder aufrecht saß. „Es
-war die Versuchung des Pescara.“
-</p>
-
-<p>
-Ich bediente mich mit einer kalten Reisspeise
-und war von meinem Abenteuer so aufgeregt,
-daß ich kaum schlucken konnte.
-</p>
-
-<p>
-„Oh, die Versuchung des Pescara,“ sagte
-Frau Seyderhelm. Und sie fing an, sich des
-<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-längeren über „Huttens letzte Tage“ auszulassen.
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang zog ein gelangweiltes Gesicht
-und schlug Nina für den Nachmittag eine
-Tennispartie vor. Sobald er mit Nina sprach,
-war seine Stimme zart und fast unterwürfig.
-</p>
-
-<p>
-Frau Seyderhelm hob die Tafel auf.
-</p>
-
-<p>
-„Schreiben Sie mir später den Namen
-Ihrer Wirtin auf, lieber Walter,“ sagte sie.
-„Man soll uns Ihre Sachen nachschicken.“
-</p>
-
-<p>
-Ich küßte Frau Seyderhelm die Hand und
-verbeugte mich vor Nina.
-</p>
-
-<p>
-„Spielen Sie Tennis?“ fragte Nina.
-</p>
-
-<p>
-„Ja, ein wenig.“
-</p>
-
-<p>
-Sie fuhr mit ihrer Zunge zwischen den
-Lippen einher.
-</p>
-
-<p>
-„Du reitest heute nicht mehr, Wolfgang?“
-</p>
-
-<p>
-„Nein; es ist zu heiß.“
-</p>
-
-<p>
-Ich spürte plötzlich den Duft von Ninas
-Körper. Ich sah ihren weißen Hals und erbebte.
-</p>
-
-<p>
-Nina lächelte.
-</p>
-
-<p>
-„Addio, meine Herren. Ich gehe in den
-Wald.“
-</p>
-
-<p>
-„Addio.“
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang zog sich in die kühlen Räume zurück.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-Ich blieb auf der Veranda und sah in
-den Park. Nina ging langsam die kiesbedeckte
-Allee entlang, blieb zuweilen stehen, betrachtete
-mütterlich ein Blättchen, das sie mit
-der kühlen Hand liebkoste, pflückte eine Rose
-vom Blumenbeet und befestigte sie an ihrer
-jugendlichen Brust. Darauf verlor sie sich –
-unvergleichlich ebenmäßig ausschreitend – im
-mittäglichen Gehölz.
-</p>
-
-<p>
-Die Gutsglocke schlug ein Uhr. Malatesta,
-der Hofhund, dehnte sich schläfrig, beroch mißtrauisch
-seine Pfote und legte sich auf den
-Rasen. Der Diener räumte den Frühstückstisch
-ab.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Am Nachmittag lag ich irgendwo im Wald
-auf dem Rücken und träumte in den blauen
-Himmel hinein. Manchmal streichelte ich den
-schönen Malatesta, der mich begleitet hatte. Es
-war sehr heiß. Der Hund hob zeitweise den
-Kopf, stieß, von Wärme bedrückt, den Atem
-aus der Kehle, ließ die Zunge hängen und
-hatte feurige Augen. Mich plagten die summenden
-und stechenden Mücken. Ich begann
-unruhig und gestört zu schlafen. Böse Träume
-<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-von großer Leidenschaft und überquellender
-Sehnsucht verfolgten mich. Ich sah, wie Nina
-zu mir, dem Schlafenden, trat, ihr mokantes
-Lächeln lächelte und mit einem Male mütterlich,
-mit drängenden Händen und junger weißer
-Brust sich neigte.
-</p>
-
-<p>
-Der nahe Gong, der zum Tee rief, weckte
-mich auf. Die Sonne war tiefer herabgesunken;
-unter ihren schrägen Strahlen beruhigte sich die
-Welt und wurde kühl. Ein Wind ging durch die
-Bäume, der in den Blättern flüsterte und
-schluchzte. Der Hund war fortgelaufen. Ich
-fühlte, daß alles nutzlos sei und ich ewig einsam
-bleiben müsse.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Gegen Abend spielten wir Tennis.
-</p>
-
-<p>
-Nina war biegsam, schmal in den Fesseln
-und schnellfüßig. Ihre Hand war sicher, der
-Schlag ihres Rackets ruhig.
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang, ihr Partner, war weißgekleidet,
-hatte den rechten Ärmel seines Hemdes aufgeschlagen
-und zeigte einen braungebrannten,
-schmalen und kräftigen Arm.
-</p>
-
-<p>
-Ich gab streng auf das Spiel acht und
-hatte den brennenden Ehrgeiz, mich gut zu
-<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
-halten. Ich verlor das erste Match, trat beim
-Wechseln an das Netz, beglückwünschte Nina
-und küßte ihre Hand. Wolfgang sah mich ein
-wenig befremdet an. Nina lächelte, war unendlich
-liebenswürdig, legte einmal beim Gespräch
-ihre Hand auf meinen Arm und nannte
-mich Walter. Ich war rasend vor Glück,
-machte ein hochmütiges Gesicht und verdoppelte
-meine Anstrengungen.
-</p>
-
-<p>
-Mir war, als ständen Nina und Wolfgang
-in abendrotem Dunst und rosafarbenem Nebel.
-Jedermann von uns spielte mit streng geschlossenen
-Lippen. Nichts unterbrach das Schweigen
-als nur das Aufschlagen des Balles, das
-Summen des festgespannten Rackets und zeitweis
-ein kleiner Ausruf der Überraschung oder
-des Ärgers. Niemand zählte laut, denn jeder
-von uns wußte, wie wir standen. Frau Seyderhelm
-trat ans Gitter; wir grüßten flüchtig und
-spielten weiter. Frau Seyderhelm sprach mit
-einem Gärtner, deutete einmal mit der Hand
-auf ein Blumenbeet und wandte sich über unsern
-Eifer lächelnd zum Gehen. Ich wurde
-gewahr, daß sich mein Spiel von Minute zu
-Minute verbesserte. Im letzten entscheidenden
-<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
-Set gewann ich alle sechs Spiele und war somit
-Sieger im Match. Nina sagte uff und
-fächelte sich mit ihrem Tuch kühle Luft ins
-Antlitz. Als wir uns die Hände schüttelten,
-sah sie mich wie zum erstenmal an. In ihren
-Augen leuchtete mir etwas Verlockendes und
-Gefährliches entgegen.
-</p>
-
-<p>
-„Sie spielen gut,“ sagte Nina. „Reiten Sie?“
-</p>
-
-<p>
-„Gewiß.“
-</p>
-
-<p>
-„Wolfgang, wir werden morgen früh reiten.“
-</p>
-
-<p>
-„O Nina, rede keinen Unsinn, das hast
-du schon zehnmal gesagt. Du stehst ja doch
-nicht um sieben Uhr auf.“
-</p>
-
-<p>
-„Doch, ich werde ganz bestimmt um sieben
-Uhr aufstehen.“
-</p>
-
-<p>
-Sie sah mich wieder mit ihren lockenden
-Augen an, wobei sie die Lider ein wenig zusammenzog.
-Mir war, als liebkosten mich die
-goldfarbenen seidenen Wimpern.
-</p>
-
-<p>
-„Was wird Herr Regnitz für ein Pferd
-reiten?“
-</p>
-
-<p>
-O weh, sie sagte wieder Herr Regnitz!
-</p>
-
-<p>
-„Willst du einen ruhigen Gaul, Walter?“
-</p>
-
-<p>
-„Nein, im Gegenteil.“
-</p>
-
-<p>
-„Gut, du sollst die Moissi haben. Eine
-<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
-Rappstute, weißt du. Du bekommst den neuen
-Sattel, den mir Mama geschenkt hat.“
-</p>
-
-<p>
-„Hören Sie zu, Walter, das ist eine unerhörte
-Gnade.“
-</p>
-
-<p>
-O – sie sagte wieder Walter!
-</p>
-
-<p>
-Ich spürte in diesem Augenblick den einzigartigen
-Duft von Ninas mädchenhaftem Körper.
-Ich sog ihn wissend und gekräftigt ein.
-</p>
-
-<p>
-Der Teufel wird mir an diesem Abend
-wenig anhaben können. Ich habe mein Match
-gewonnen und morgen reite ich Moissi.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Die Damen zogen sich bald nach dem Abendessen
-zurück.
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang und ich, wir saßen noch eine
-Weile auf der Terrasse, fühlten eine angenehme
-Ermüdung in unsern Gliedern und tranken
-ein wenig <span class="antiqua">Black and White</span> mit sehr viel Sodawasser
-gemischt.
-</p>
-
-<p>
-Wir sprachen nicht viel, sondern sahen zum
-reichbesternten Himmel empor und beobachteten
-die Sternschnuppen. Der Diener setzte einen
-Eiskühler neben den Tisch und verschwand.
-</p>
-
-<p>
-„Nina reitet gut,“ sagte Wolfgang. „Ich
-<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-werde ihr mal morgen den ‚Sekt‘ geben. Da
-kann sie was erleben.“
-</p>
-
-<p>
-Und dann, nach einer Weile:
-</p>
-
-<p>
-„Mama hat im vergangenen Jahr viel
-Sorge mit dem Stall gehabt. Weißt du, der
-Rotz ... Na, jetzt ist es vorbei ...“
-</p>
-
-<p>
-„So?“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, jetzt sind sie wieder alle gesund. Einer
-ging ein. Na, meinetwegen, mir lag nichts
-an ihm. Ein Wallach.“
-</p>
-
-<p>
-Ein Knecht schritt mit einer Laterne durch
-den Garten. Wir sahen dem unruhigen Licht
-nach.
-</p>
-
-<p>
-„Komisch,“ sagte Wolfgang plötzlich, „wir
-kennen uns erst seit sechs Tagen.“
-</p>
-
-<p>
-„Ja.“
-</p>
-
-<p>
-Eine Stille.
-</p>
-
-<p>
-„Du bist immer so hochmütig. Hast du was?“
-</p>
-
-<p>
-„Nein. Garnichts.“
-</p>
-
-<p>
-Eine Stille.
-</p>
-
-<p>
-„Du mußt in den Herbstferien herkommen
-und hier mit uns jagen.“
-</p>
-
-<p>
-„Danke. Ja.“
-</p>
-
-<p>
-Mir stieg ein Gedanke auf.
-</p>
-
-<p>
-„Jagt Nina auch?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
-„Ja, sie schießt sehr gut. Sie hat gar
-keine Angst.“
-</p>
-
-<p>
-„Wie schön.“
-</p>
-
-<p>
-Ich sah ein Bild vor mir: Nina mit dem
-unvergleichlichen Gang der Kosakenmädchen
-durch den Wald schreitend, die Büchse in der
-Hand, mit spähenden Augen und grausamen
-Lippen.
-</p>
-
-<p>
-„Wie schön,“ wiederholte ich.
-</p>
-
-<p>
-Ein Stern glitt in mächtiger und graziöser
-Bewegung durch den erleuchteten Raum.
-</p>
-
-<p>
-„Hast du dir etwas gewünscht?“ fragte
-Wolfgang.
-</p>
-
-<p>
-„Ja.“
-</p>
-
-<p>
-„Was denn?“
-</p>
-
-<p>
-„Mehr Whisky.“
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang lachte und schenkte ein.
-</p>
-
-<p>
-„Na, Mama wird morgen Augen machen
-über unsere Sauferei. Prost!“
-</p>
-
-<p>
-„Prost!“
-</p>
-
-<p>
-Wir schwiegen lange.
-</p>
-
-<p>
-„Man muß das Leben mit gesunden Händen
-anfassen.“
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang sah mich unsicher an. Dann
-sagte er verlegen:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
-„Ja.“
-</p>
-
-<p>
-Wir beobachteten zwei Fledermäuse.
-</p>
-
-<p>
-„Was denkst du über die Frauen?“ fragte ich.
-</p>
-
-<p>
-„Über welche Frauen?“
-</p>
-
-<p>
-„Ich meine ... fändest du etwas dabei,
-wenn Jungens wie wir ... ein Verhältnis
-haben?“
-</p>
-
-<p>
-„Nein ... ja, das heißt ... es kommt
-darauf an!“
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang lachte ein wenig hilflos.
-</p>
-
-<p>
-Ich stand auf und bot ihm die Hand.
-</p>
-
-<p>
-„Wir sollten recht lange Zeit Freunde
-bleiben,“ sagte ich sehr herzlich.
-</p>
-
-<p>
-Auch Wolfgang erhob sich. Er schüttelte
-meine Hand kräftig, und es lag in dieser Bewegung
-etwas eigentümlich Ritterliches.
-</p>
-
-<p>
-„Ja, das sollten wir wirklich,“ erwiderte er
-in demselben Ton.
-</p>
-
-<p>
-„Gute Nacht, Wolfgang.“
-</p>
-
-<p>
-„Gute Nacht, Walter, – und danke für
-alles.“
-</p>
-
-<p>
-Ich ging in mein Zimmer.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-11">
-<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
-11
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">ir</span> reiten zu dritt im abgekürzten
-Galopp – von Hans Kietschmann
-gefolgt – über eine jüngst gemähte
-Wiese, deren Heu naß und
-ohne Duft ist. Wir reiten Schulter an Schulter
-und achten streng darauf, daß die Linie eingehalten
-wird. Jeder von uns beschäftigt sich
-schweigend mit seinem Pferde, beobachtet den
-gebogenen Tierhals und übt auf jeden Druck
-den Gegendruck der Schenkel aus.
-</p>
-
-<p>
-Manchmal sehe ich zu Nina hin. Das
-feurige Haar lodert wie eine Flamme, wie ein
-Triumph unter dem schwarzen Hut hervor; die
-weißen Kinderzähne beißen auf die feuchte
-Unterlippe, die unbedeckten Hände erfassen die
-Zügel des unruhigen Pferdes mit freudiger
-Kraft. Unausgesetzt richtet Nina die verliebten
-Blicke auf den Kopf des Pferdes, das in großzügiger
-Bewegung galoppiert. Ich sehe mit
-Vergnügen, daß der schlanke Körper mit den
-säulenstarken hohen Beinen und der jugendlichen
-weichen Brust sich entzückt der Bewegung des
-schnaubenden und wiehernden Tieres hingibt
-und niemals die Verbindung mit ihm verliert.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
-Es geschieht einige Male, daß Sekt sich
-nahe an meine Stute drängt und Ninas Fuß
-den meinen berührt.
-</p>
-
-<p>
-Hatte ich nicht die ganze Nacht von der einen
-Minute geträumt, in der Nina ihren Fuß auf
-meine Hand setzen würde, um das Pferd zu
-besteigen? Und war ich nicht, als sie es wirklich
-getan, verwirrt und mit pochendem Herzen davongestürzt?
-</p>
-
-<p>
-Sekts Gangart wird von Augenblick zu
-Augenblicke länger. Der Schimmel und seine
-Herrin freuen sich des wie unbegrenzten Raumes,
-der morgendlichen Luft und der würzigen Gerüche
-des Feldes.
-</p>
-
-<p>
-Ich sehe unsicher zu Wolfgang hin, der
-immerfort mit tiefer Stimme auf den Schimmel
-einspricht:
-</p>
-
-<p>
-„Ruhe! – Sekt! – Ruhe! – Ohlala –
-Ohlala!“
-</p>
-
-<p>
-Meine Moissi geht leichtfüßig mit. Wolfgangs
-nicht so belebtem Fuchs wird es schwer,
-die Linie einzuhalten.
-</p>
-
-<p>
-„Ruhe, Fräulein Nina!“ sage auch ich jetzt.
-„Bitte abgekürzter Galopp!“
-</p>
-
-<p>
-Aber Nina hört nichts. Sie sieht verzückt,
-<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
-mit nassem, erregtem Munde und blinkenden
-Augen auf den Schimmel und beißt mit den
-weißen Zähnen auf die Lippe.
-</p>
-
-<p>
-„Gib auf die Sporen acht!“
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblick tut Sekt, den irgend
-etwas erschreckt hat, einen kleinen Sprung,
-Nina kommt mit den Sporen an die Weichen,
-der Schimmel wirft den Kopf mit einer schmerzlichen
-Gebärde in die Höhe und geht durch.
-</p>
-
-<p>
-Moissi folgt sofort. Wolfgang und Hans
-Kietschmann bleiben zurück.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-„So, Fräulein Nina ... jetzt Ruhe,
-nur Ruhe!“
-</p>
-
-<p>
-Die Pferde rasen über das Feld. Die
-Morgensonne erhebt sich gelbstrahlend über
-einem Hügel und blendet uns.
-</p>
-
-<p>
-„Rechte Kandare ziehen! ... Sekt, Ruhe!“
-</p>
-
-<p>
-Nina richtet das Tier mit allen Kräften
-nach rechts.
-</p>
-
-<p>
-Wenn ihr nur nichts geschieht! ... Nein,
-sie ist ruhig. Es geschieht ihr nichts.
-</p>
-
-<p>
-„Mehr rechts, immer mehr rechts! ... Fort
-vom Stall! ...“
-</p>
-
-<p>
-Sieh da, sie ist zufrieden, sie ist hingegeben
-<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
-dieser einzigartigen Geschwindigkeit, dieser goldenen
-Flucht durch den Morgendunst.
-</p>
-
-<p>
-„Noch mehr rechts! ... Bravo, Fräulein
-Nina! Noch mehr!“
-</p>
-
-<p>
-Wir beschreiben mit unserem Ritt eine Kurve.
-</p>
-
-<p>
-„Reitpeitsche fortwerfen!“
-</p>
-
-<p>
-Nina läßt die Peitsche fallen.
-</p>
-
-<p>
-Ich bekomme über meine Stute Gewalt,
-meine Knie und Schenkel sind unausgesetzt an
-den Sattel gepreßt. Ich drücke den Rappen
-an Nina heran.
-</p>
-
-<p>
-„Noch einmal nach rechts ... sehr gut! ...
-Noch einmal! ... Ah, er läßt nach ...“
-</p>
-
-<p>
-Ich beuge mich vor und greife in Ninas
-Zügel. Der Schimmel erschrickt, bäumt sich, –
-ich packe den Halfter und der Schimmel steht.
-</p>
-
-<p>
-Nina lacht, ein nervöses, schreiendes, jubelndes
-Lachen.
-</p>
-
-<p>
-Ich steige von meinem Pferd, um Sekt liebkosend
-zu beruhigen. Ein unerklärlicher Gram
-erfaßt mich, ich spreche kein Wort, sehe Nina
-nicht an und bebe vor Schmerz und Zorn ...
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang erreichte uns endlich. Er lacht.
-</p>
-
-<p>
-„Bravo Nina! – Nichts geschehen?“
-</p>
-
-<p>
-Nina schüttelt den Kopf.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
-„Ein schöner Unsinn, dieses Biest da mit
-Sporen reiten zu lassen!“ sage ich scharf
-und böse.
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang zieht ein beleidigtes Gesicht.
-</p>
-
-<p>
-„Nehmen Sie die Sporen ab!“ herrsche ich
-Nina an, ohne hinaufzusehen.
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang und Hans steigen von den Pferden.
-</p>
-
-<p>
-„O – Sie sind zornig, Walter!“ ruft Nina.
-</p>
-
-<p>
-Ich blicke auf. Ninas Augen lachen, aber
-sie ist blaß, sehr blaß, und ihre Lippen zittern
-nervös.
-</p>
-
-<p>
-„Nehmen Sie jetzt bitte die Sporen ab.“
-</p>
-
-<p>
-Hans befreit Nina von den Sporen und
-reitet zurück, um auf der Wiese die Reitpeitsche
-zu suchen. Ich stecke die Sporen in meine
-Tasche.
-</p>
-
-<p>
-Wir reiten im Schritt weiter und erreichen
-ein belichtetes Gehölz. Unsere Tiere sind ermüdet
-und zufrieden. Sie gehen in großen
-Schritten durch den Wald und spähen an den
-stolzen Fichtenstämmen stolz vorbei. Wir sind
-schweigsam und schlecht gelaunt.
-</p>
-
-<p>
-Mit einem Male streckt Nina die Hand
-nach mir hin. Da ich nicht in ihrer Nähe
-bin, fingert sie ungeduldig in der Luft herum.
-<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
-Ich nehme ihre Hand, beuge mich tief nach
-unten und küsse sie lange.
-</p>
-
-<p>
-Wie ich mich emporrichte, sehe ich, daß
-Nina mit lächelndem Antlitz und feuchten goldenen
-Wimpern nach der andern Seite blickt.
-Wolfgang ist blaß geworden und hält die Augen
-gesenkt. Hans reitet irgendwo hinterher.
-</p>
-
-<p>
-Wir erreichen, ohne ein Wort zu sprechen,
-nach einer Stunde den Gutshof. Die Pferde
-sind naß und wollen ihr Futter. Ich grüße
-Nina mit dem Hut und gehe ins Haus.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-12">
-<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
-12
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">ir</span> fuhren am Abend mit einem
-leichten Jagdwagen ins Gebirge.
-Frau Seyderhelm war im Schloß
-geblieben, da sie Besuch erwartete.
-</p>
-
-<p>
-Wir saßen auf der Terrasse eines vornehmen
-und einsam am Fluß gelegenen Hotels. Vor
-unseren Blicken zerflossen die kupferbraunen
-Abhänge und goldenen Bergeshäupter, die ein
-unaufhörlich gleitendes Licht belebte.
-</p>
-
-<p>
-Ich stand, noch ehe die Mahlzeit bereitet
-war, im Stalle bei den Pferden und sorgte
-dafür, daß sie ihr Futter bekamen. Mein Kopf
-war benommen, und meine Augen brannten.
-Den ganzen Tag in Ninas Kreise zu leben,
-den Hauch ihrer Lippen zu spüren, im Wagen
-ihren Knieen nahe zu sein und ihrem duftenden
-Haar, zu sehen, wie der Wind das helle, sich
-innig an den Körper schmiegende Sommerkleid
-berührte, und mit verwirrten Sinnen zu ahnen,
-vieles zu ahnen, – ah, das alles war nicht
-ganz leicht zu ertragen.
-</p>
-
-<p>
-Ein Kellner meldete, das Essen sei angerichtet.
-Ich stieg die steinerne Treppe der
-Terrasse langsam hinauf. Die unaufhörlich
-<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
-wechselnden Farben des Abends quälten mich;
-ein drohendes Verhängnis war in dieser Bewegung,
-eine Unruhe ohnegleichen, eine süße
-und unsäglich schmerzliche Hast, eine Flucht
-und ein Jammer ohne Trost ...
-</p>
-
-<p>
-Als ich oben angelangt war, sah ich, wie
-Nina ihre Hand auf Wolfgangs Arm gelegt
-hatte. Sie schien ihn etwas zu fragen. Er
-beantwortete Ninas Frage, und sein Gesicht
-bekam den überaus liebenswürdigen und ritterlichen
-Zug, den ich an ihm liebte. Ein kindliches,
-verhaltenes Schluchzen stieg in mir empor.
-</p>
-
-<p>
-Ich setzte mich an den Tisch, Nina und
-Wolfgang sahen mich an.
-</p>
-
-<p>
-„Na Lieber? Wie gehts?“ fragte Wolfgang.
-</p>
-
-<p>
-„Danke, die Pferde fressen.“
-</p>
-
-<p>
-Nina lachte und blickte fort.
-</p>
-
-<p>
-Ich wurde rot.
-</p>
-
-<p>
-Nina sprach in näselndem Ton von Trüffeln.
-</p>
-
-<p>
-„Sieh mal, Wolfgang, wie witzig, hier gibt
-es gefüllte Trüffel. Raffiniert – nicht?“
-</p>
-
-<p>
-„Nina, du redest wie ein Kavallerieoffizier,“
-sagte Wolfgang, wandte mir sein Gesicht schräg
-zu und fragte in seinem kindlichen Ton:
-</p>
-
-<p>
-„Spricht sie nicht wie ein Gardekürassier?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
-Wir aßen danach Forellen. Nina verstand
-es gut, das zarte rosige Fleisch der Fische von
-den Gräten loszulösen. Die weißen, nun der
-Seele beraubten Tieraugen starrten ausdruckslos
-zu uns herauf. Nur um die Mäuler lag
-ein böser Zug, der von Todespein und letztem
-Kampf erzählte.
-</p>
-
-<p>
-Um die Zeit der späten Dämmerung trat
-ein Hirsch aus dem Wald des gegenüberliegenden
-Berges hervor, äugte mit einer kühnen
-Gebärde des Kopfes nach dem Hotel hin und
-trank aus dem Fluß.
-</p>
-
-<p>
-Der Geruch von Bergwasser und nassem
-Sand stieg zu uns empor. Allmählich entfaltete
-der dunkelnde Himmel die Schönheit der
-beginnenden Nacht vor unsern Augen. Die
-stolzen Gestirne wurden sichtbar; vor ihrer urweltlichen
-Starrheit wichen die wechselnden
-Farben des Abends besiegt zurück. Das Gebirge
-ward im funkelnden Schein groß und ehern.
-</p>
-
-<p>
-Wir standen nach beendetem Mahle auf
-und gingen über die hölzerne Brücke des Flusses
-dem andern Ufer zu. Die Nacht gab mir mitleidsvoll
-von ihrer Kühle und besänftigte mich
-wunderbar. Nina schien mir schöner denn je,
-<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
-aber ihre Schönheit war meinen Sinnen und
-meinem undeutlichen Verlangen entfernt. Sie
-ging mit ihrem weißen Sommerkleid wie durchsichtig
-durch die Nacht dahin. Auf ihren
-Schultern lag ein bläuliches Orenburger Tuch.
-Ihr Haar war unbedeckt und bewegte sich ein
-wenig im Nachtwind.
-</p>
-
-<p>
-Ein leises, sehnsüchtiges Tönen rief uns in
-den Wald. War es eine Flöte oder eines
-Mundes Klage? Wir folgten neugierig der oft
-entschwindenden und dann wieder genäherten
-Musik.
-</p>
-
-<p>
-Vor einem Bretterverschlag, dem Sammelplatz
-der Tiere, machten wir Halt. Wir sahen
-die Gestalt eines Mannes zwischen sternhellen
-Bäumen einhergehen, wir sahen ihn in seine
-Schürze greifen und – einem Sämann gleich
-– Eicheln und Kastanien mit einer weiten
-Bewegung seines Armes über den Waldboden
-streuen. Dazu pfiff er eine Melodie, eine
-kleine, sentimentale, unbeholfene und doch unendlich
-rührende, süße, zärtlich lockende Melodie.
-Nach einer Weile schien es, als bewege
-sich der Wald. Unhörbar, aber mit großzügigen
-Bewegungen und bei jedem Schritt ein
-<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
-wenig mit den Häuptern nickend, kamen wie
-aus einem dunkel gewebten Teppich Hirsche
-und Rehe aus der Nacht hervor, beugten sich
-zu Boden und näherten sich langsam dem
-lockenden Freund der Tiere. Allmählich entfernte
-sich der Mann, umdrängt von seinen
-zärtlichen Geschöpfen, ferner und ferner klang
-die Musik seines Mundes und löste sich endlich
-auf im Rauschen des Waldes.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Wolfgang eilte voraus, um mit Hans die
-Pferde anzuschirren. Es zeigten sich Wolken
-am Himmel.
-</p>
-
-<p>
-Ich ging mit Nina langsam den jäh erleuchteten
-Waldweg entlang. Nina hatte wieder
-ihren Schnupfen und führte das kleine Tuch
-oftmals an den Mund.
-</p>
-
-<p>
-„Walter.“
-</p>
-
-<p>
-„Ja.“
-</p>
-
-<p>
-„Wie alt sind Sie?“
-</p>
-
-<p>
-„Siebenzehn Jahre.“
-</p>
-
-<p>
-„Siebenzehn Jahre,“ wiederholte Nina.
-</p>
-
-<p>
-Eine Stille.
-</p>
-
-<p>
-„Walter.“
-</p>
-
-<p>
-„Nina?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
-„Sie werden morgen fortreisen, – nicht
-wahr?“
-</p>
-
-<p>
-Und da sie mein Gesicht sah, hob sie beschwörend
-die bittenden Hände empor und
-sagte in unvergleichlich rührendem Ton:
-</p>
-
-<p>
-„Walter, – Sie sind <em>siebenzehn</em> Jahre!“
-</p>
-
-<p>
-Ich hatte wieder solche Angst.
-</p>
-
-<p>
-Ich werde mich töten, dachte ich.
-</p>
-
-<p>
-Eine lange Stille.
-</p>
-
-<p>
-„Sie werden reisen, Walter?“
-</p>
-
-<p>
-„Ja.“
-</p>
-
-<p>
-„Danke.“
-</p>
-
-<p>
-Ich werde mich töten. Es wird noch diese
-Nacht geschehen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Wir fuhren über Felder. Wolfgang kutschierte,
-wobei er manchmal einige Worte mit
-Hans wechselte. Ich saß mit Nina in der
-Break. Nina sprach viel und war nervös.
-</p>
-
-<p>
-Es erhob sich ein Wind und trieb große,
-von den Sternen erhellte Wolken über den
-Himmel. In der Ferne leuchteten Blitze.
-</p>
-
-<p>
-Nina klagte über den Sturm, der ihr Kopfschmerzen
-verursachte, und bat, man solle die
-<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
-Verschläge herunterlassen. Der Wagen hielt,
-die Pferde stampften ängstlich auf dem undeutlichen
-Feldwege, und Hans spannte die leinenen
-Gardinen auf.
-</p>
-
-<p>
-Wir waren nun von den andern durch
-eine Wand getrennt und sahen die Welt einzig
-durch die Öffnung über der Türe. Wir hörten
-von irgendwoher kleine Bäche rauschen, den
-Wind im Korn und in entfernten Wäldern
-blasen, und aufgescheuchte Enten, die schreiend
-nach irgend einem wohlgeborgenen Teiche zogen.
-</p>
-
-<p>
-„Sie frieren, Walter?“
-</p>
-
-<p>
-„Nein. Danke.“
-</p>
-
-<p>
-Nina hüllte sich fester in das weiche blaue
-Gewebe ihres Tuches.
-</p>
-
-<p>
-Ein Blitz zuckte.
-</p>
-
-<p>
-„Haben Sie den Hasen gesehen, Walter?“
-</p>
-
-<p>
-„Ja.“
-</p>
-
-<p>
-Wir fuhren über eine Brücke. Das Holz
-dröhnte.
-</p>
-
-<p>
-„Sie haben noch einen Vater, Walter?“
-</p>
-
-<p>
-„Ja.“
-</p>
-
-<p>
-„Wo ist er?“
-</p>
-
-<p>
-„In Skandinavien.“
-</p>
-
-<p>
-„Allein?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
-„Anny Döring ist bei ihm.“
-</p>
-
-<p>
-„Wie? – Die Soubrette?“
-</p>
-
-<p>
-„Ja.“
-</p>
-
-<p>
-„Ach –!“
-</p>
-
-<p>
-Nina blickte mich verwundert und ängstlich
-an.
-</p>
-
-<p>
-Wie liebte sie in diesem Augenblick meinen
-Vater. O Nina, Nina!
-</p>
-
-<p>
-Ich sah lange Zeit hinaus und träumte.
-Ich fühlte, daß mich Nina unausgesetzt betrachtete.
-Später vergaß ich es.
-</p>
-
-<p>
-Eine Hand lag auf der Decke. Es war
-Ninas Hand.
-</p>
-
-<p>
-„Darf ich sie küssen?“ fragte ich.
-</p>
-
-<p>
-Nina lachte mit einem hellen Ton. Es
-klang, als fiele ein kleiner silberner Hammer
-schnell auf Metall.
-</p>
-
-<p>
-Ich küßte die Hand und dachte dabei an
-den Förster, der durch den Wald ging und
-Eicheln über die Erde streute. Ich küßte keine
-lebendige Haut, sondern Wildleder, dänisches
-Wildleder. Ich küßte dieses Leder noch einige
-Male und ließ die Hand dann fahren. Ich
-empfand kein besonderes Vergnügen dabei und
-wunderte mich. Wahrscheinlich träumte ich
-<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
-dies alles nur, sonst wäre ich doch wohl anders
-gewesen. Ich hätte vielleicht geschrieen ...?
-</p>
-
-<p>
-Es begann langsam zu regnen. Ich streckte
-die Hand hinaus. Große warme Tropfen
-fielen hernieder.
-</p>
-
-<p>
-„Wir werden morgen nicht Tennis spielen
-können,“ sagte ich schläfrig.
-</p>
-
-<p>
-„Ja,“ erwiderte Nina verwundert.
-</p>
-
-<p>
-Ach so, ich reise ja morgen fort, dachte ich.
-Wie ungeschickt!
-</p>
-
-<p>
-Ich träumte fort, sah Steine, Wolken und
-Bäume vorbeieilen; oben sprach Wolfgang
-irgend etwas, was ich nicht verstand, und der
-Donner wurde stärker, immer stärker.
-</p>
-
-<p>
-Nein, ich werde morgen nicht fortreisen.
-Ich werde mich heute Abend töten.
-</p>
-
-<p>
-Schafe standen zusammengedrängt und fürchteten
-sich ... Sieh da, Schafe ... „Und es
-waren Hirten in derselbigen Gegend auf dem
-Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts
-ihrer Herde. Und siehe, des Herrn Engel trat
-zu ihnen, und die Klarheit des Herren leuchtete
-um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und
-der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht,
-siehe, ich verkündige euch große Freude ...“
-<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
-wie schön, – siehe, ich verkünde euch große
-Freude! Mir war mit einem Male, als sei
-mein Körper durchströmt von gutem warmem
-Blut. Es war ja alles gar nicht so schlimm!
-Denn ich verkünde euch große Freude ...
-</p>
-
-<p>
-Da – was war das? Eine bebende Hand
-griff nach meiner. Mein Traum zerriß – –
-</p>
-
-<p>
-„Nina!“
-</p>
-
-<p>
-Ich schrie.
-</p>
-
-<p>
-„Sei still, um Gottes willen ...“
-</p>
-
-<p>
-„Hallo, was gibt’s?“ fragte Wolfgang.
-</p>
-
-<p>
-„Nichts. Ninas Haar im Wind ...“
-</p>
-
-<p>
-Ich riß Nina an mich, überflutete ihr
-Antlitz mit Küssen, umarmte ihre Kniee und
-biß in ihre Lippen und Hände ...
-</p>
-
-<p>
-„Laß ... Laß ... Du bist verrückt.“
-</p>
-
-<p>
-Sie stöhnte.
-</p>
-
-<p>
-Ich flehte unverhüllt mit meinen fiebernden
-Lippen auf ihren Lippen, auf ihren Händen,
-ihrem Haar, ihren Augen und ihrer jungen,
-jungen Brust ...
-</p>
-
-<p>
-O unerhörtes Glück des Aneinanderschmiegens,
-der verschlungenen Finger, der wirren,
-in die dunkle Luft hineingesprochenen Reden!
-</p>
-
-<p>
-Und dann dieses wunderbare, einzigartige
-<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
-Ermatten, diese tränenreiche, gütige Müdigkeit,
-... dieses bekümmerte Suchen der Hände, ...
-und endlich diese Ruhe, diese tiefe, tiefe
-Ruhe! ...
-</p>
-
-<p>
-Wie wir einst so glücklich waren!
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Um Mitternacht stürmten die gepeitschten
-nassen Pferde mit rasselndem Wagen in den
-Schloßhof. Frau Seyderhelm empfing uns in
-der Türe. Sie war ein wenig müde, aber
-freundlich und besorgt.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-13">
-<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
-13
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> stellte mich an das Fenster meines Zimmers
-und sah hinaus. Blitze spalteten
-Eichen und Kiefern, und über Wälder
-und weite Ebenen rollten ihre Donner.
-Aus den Ställen brüllten und wieherten geängstigte
-Tiere, und Malatesta saß mit glühenden
-Augen in seiner Hütte vor meinem Fenster und
-heulte.
-</p>
-
-<p>
-Auch dies ging vorbei. Ein stetig und kühl
-strömender Regen spendete uns, den Fiebernden,
-Genesung. Gerüche von niegeahnter Kraft erfüllten
-die Luft, und die Tiere in den Ställen
-begannen ihren Schlaf. Zwei Uhr schlug die
-Glocke, aber der trübe Morgen war noch fern.
-</p>
-
-<p>
-Ich setzte mich an den Tisch. Ich wollte
-etwas Unerhörtes schreiben, aber ach, – es
-wurden nur diese einfachen Zeilen:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ist es denn möglich, daß wir diese Nacht</p>
- <p class="verse">In einem Wagen über Felder fuhren?</p>
- <p class="verse">Hab’ ich geträumt? Ich sah doch einen Wald!</p>
- <p class="verse">Eilten nicht Steine, Wolken, Bäume, Sterne</p>
- <p class="verse">An uns vorbei, und hast du später nicht</p>
- <p class="verse">– So hab’ ich <em>doch</em> geträumt, – und hast du nicht</p>
- <p class="verse">Mir abgewandten Blicks die Hand gereicht?</p>
- <p class="verse">... Und küßte ich sie nicht?</p>
-<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
- <p class="verse">Ich habe nicht geträumt. Wir fuhren nachts</p>
- <p class="verse">In einem Wagen über weite Felder,</p>
- <p class="verse">Es eilten stille Wolken, Bäume, Sterne</p>
- <p class="verse">An uns vorbei ... Du gabst mir deine Hand ...</p>
- <p class="verse">... Ich küßte sie ... So hab’ ich <em>doch</em> geträumt?</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Ich packte meinen Ranzen, nahm das Blatt,
-stieg zu Ninas Zimmer hinauf, öffnete die erste
-ihrer beiden Türen und legte mein Gedicht auf
-ihre Diele. Dann schlich ich mich hinunter.
-</p>
-
-<p>
-Ich trat auf den Hof, streichelte Malatesta
-und dachte: Frau Seyderhelm und Wolfgang
-... ach, Frau Seyderhelm und Wolfgang!
-</p>
-
-<p>
-Ich wanderte die Straße hinab, bis sich im
-Osten der bewölkte Tag ankündete. Auf einem
-Hügel blieb ich stehen und sah die verlassene
-bleiche Landschaft unter mir. Eine Starenkette
-flog durch die gereinigte Luft des Morgenrots.
-</p>
-
-<p>
-Da schlug ich mit der Stirn auf einen
-Baum und stürzte nieder.
-</p>
-
-<p class="vspace">
-
-</p>
-
-<div class="ads chapter">
-<p class="pub">
-Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München
-</p>
-
-<p class="aut">
-Karl Borromäus Heinrich
-</p>
-
-<p class="tit">
-Karl Asenkofer
-</p>
-
-<p class="subt">
-Geschichte einer Jugend
-</p>
-
-<p class="run">
-Zweites Tausend
-</p>
-
-<p class="price">
-Geheftet 3 Mark 50 Pf., geb. 5 Mark
-</p>
-
-<p>
-<em>Süddeutsche Monatshefte, München</em>: Wenn
-ich aber sagen sollte, welches erzählende Buch des letzten
-Jahres den stärksten und nachhaltigsten Eindruck auf mich
-gemacht hat, so müßte ich <em>Karl Asenkofer</em> von Karl
-Borromäus <em>Heinrich</em> nennen. Das ist mehr als Litteratur:
-jede Zeile ist erlebt, und was noch wichtiger,
-jedes Erlebnis ist behutsam aufbewahrt! noch hängt der
-ganze Flügelstaub an den leichten Schwingen. Ein Buch
-von packender Ehrlichkeit, die nichts hinzu tut, und so
-niemals den Eindruck des Beabsichtigten, Arrangierten
-aufkommen läßt. Die letzten Gymnasial-, die ersten
-Universitätsjahre sind kaum je so unmittelbar und überzeugend
-wahrhaftig dargestellt worden. Als Heldin steht
-von der ersten bis zur letzten Seite eine der ergreifendsten
-Muttergestalten da. Dies Buch ist so ausgezeichnet,
-daß man vor der Fortsetzung ganz Angst hat. Man
-möchte den Verfasser inständig bitten, mit dem zweiten
-Teile zu warten, bis er sich dem ersten an die Seite
-stellen kann: ja nicht zu früh, ja nicht zu viel über seine
-augenblicklichen Erlebnisse zu berichten, sondern in Gelassenheit
-und Demut geduldig zu warten, bis zum ersten
-meisterlichen Bande ein zweiter von selber in Stille und
-Sturm reif geworden ist. An dem Tag aber wollen
-wir uns mit ihm freuen, denn an dem Tag ist unsere
-Litteratur um ein bleibendes Werk reicher: um ein solches,
-das eine Generation weiter gibt an die andere.
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="ads chapter">
-<p class="pub">
-Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München
-</p>
-
-<p class="aut">
-Korfiz Holm
-</p>
-
-<p class="tit">
-Thomas Kerkhoven
-</p>
-
-<p class="subt">
-Roman
-</p>
-
-<p class="run">
-Vierte Auflage
-</p>
-
-<p class="price">
-Flexibel geb. 5 Mark, steif geb. 6 Mark
-</p>
-
-<p>
-<span class="antiqua"><em>„The Times“, London:</em> „Thomas Kerkhoven“
-belongs almost to the rank of classics like „Tom Jones“
-or „David Copperfield“ or „Pendennis“.</span>
-</p>
-
-<p>
-<em>Rudolf Herzog</em> in den „<em>Neuesten Nachrichten</em>“,
-<em>Berlin</em>: Sicher ist, daß dieses Werk den
-besten Büchern beizuzählen ist, die in den letzten Jahren
-erschienen sind.
-</p>
-
-<p>
-<em>Wilhelm Hegeler</em> im <em>„Litterarischen Echo“,
-Berlin</em>: Auf jeder Seite ist das Buch voll sprühender
-Lebendigkeit, von müheloser Anschaulichkeit, amüsant
-und glänzend von Anfang bis zu Ende.
-</p>
-
-<p>
-„<em>Münchener Neueste Nachrichten</em>“: Es wird
-seinen Weg machen; denn es ist wert, den besten Dichtungen
-unserer Zeit an die Seite gestellt zu werden.
-</p>
-
-<p>
-„<em>Berner Bund</em>“: Ganz „verflixt gut geschrieben“
-ist es, mit einer geradezu bewunderungswürdigen Sicherheit
-in der Technik.
-</p>
-
-<p class="printer">
-<span class="line1">Druck von Hesse & Becker in Leipzig</span>
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="ads chapter">
-<div class="centerpic printer">
-<img src="images/printer.jpg" alt="" /></div>
-
-</div>
-
-<div class="trnote chapter">
-<p class="transnote">
-Anmerkungen zur Transkription
-</p>
-
-<p>
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert.
-</p>
-
-
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Wie wir einst so glücklich waren!, by
-Wilhelm Speyer
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WIE WIR EINST SO GLÜCKLICH WAREN! ***
-
-***** This file should be named 59186-h.htm or 59186-h.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
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-
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+<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" +"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> +<title>The Project Gutenberg eBook of Wie wir einst so glücklich waren!, by Wilhelm Speyer</title> + <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> + <!-- TITLE="Wie wir einst so glücklich waren!" --> + <!-- AUTHOR="Wilhelm Speyer" --> + <!-- LANGUAGE="de" --> + <!-- PUBLISHER="Albert Langen, München" --> + <!-- DATE="1909" --> + <!-- COVER="images/cover.jpg" --> + +<style type='text/css'> + +body { margin-left:15%; margin-right:15%; } + +div.frontmatter { page-break-before:always; } +.halftitle { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; margin:5em; } +div.works { margin-top:3em; margin-bottom:5em; margin-left:auto; margin-right:auto; + max-width:14em; } +div.works p{ text-indent:0; text-align:left; margin-bottom:1em; 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} +div.stanza { text-align:left; text-indent:0; margin-top:1em; margin-bottom:1em; } +.stanza .verse { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:2em; } + +/* ads */ +div.ads { page-break-before:always; font-size:0.8em; margin-bottom:2em; + margin-left:auto; margin-right:auto; max-width:30em; } +div.ads .pub { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; margin-bottom:0.5em; } +div.ads .aut { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; font-size:1.2em; + margin-bottom:0.5em; } +div.ads .tit { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; font-size:1.5em; + margin-bottom:0.5em; } +div.ads .subt{ text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; margin-bottom:0.5em; } +div.ads .run { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:0.5em; } +div.ads .price { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:0.5em; } +div.ads p.printer { text-indent:0; text-align:center; margin-top:1em; } +div.ads p.printer .line1 { border-top:1px solid black; } +div.ads div.printer { margin-top:5em; 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color: gray; background-color: inherit; + letter-spacing: 0; text-indent: 0; text-align: right; font-style: normal; + font-variant: normal; font-weight: normal; font-size: x-small; + border: 1px solid silver; padding: 1px 4px 1px 4px; + display: inline; } + +div.centerpic { text-align:center; text-indent:0; display:block; } + +@media handheld { + body { margin-left:0; margin-right:0; } + div.works { max-width:inherit; } + div.ads { max-width:inherit; } + div.poem-container div.poem { display:block; margin-left:2em; } + em { letter-spacing:0; margin-right:0; font-style:italic; } + span.firstchar { float:left; } + a.pagenum { display:none; } + a.pagenum:after { display:none; } +} + +</style> +</head> + +<body> + + +<pre> + +Project Gutenberg's Wie wir einst so glücklich waren!, by Wilhelm Speyer + +This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and +most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions +whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms +of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at +www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll +have to check the laws of the country where you are located before using +this ebook. + + + +Title: Wie wir einst so glücklich waren! + +Author: Wilhelm Speyer + +Release Date: April 1, 2019 [EBook #59186] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WIE WIR EINST SO GLÜCKLICH WAREN! *** + + + + +Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This file was +produced from images generously made available by The +Internet Archive. + + + + + + +</pre> + + +<div class="frontmatter chapter"> +<p class="halftitle"> +Wie wir einst<br /> +so glücklich waren! +</p> + +</div> + +<div class="frontmatter chapter"> + <div class="works"> +<p> +Von <em>Willy Speyer</em> erschien bei <em>Bruno +Cassirer</em>, Berlin 1907: +</p> + +<p> +<em>Ödipus</em>, Roman +</p> + + </div> +</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<h1 class="title"> +Wie wir einst<br /> +so glücklich waren! +</h1> + +<p class="aut"> +Novelle<br /> +von<br /> +Willy Speyer +</p> + +<div class="centerpic logo"> +<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div> + +<p class="pub"> +Albert Langen<br /> +Verlag für Litteratur und Kunst<br /> +München +</p> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-1"> +<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> +1 +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">uf</span> meinem Lande ist es Herbst geworden. +Ungefähr um drei Uhr morgens +beginnt ein kalter Regen nieder zu +gehen, der erst um fünf Uhr nachmittags +aufhört. Zur Vesperzeit kommt plötzlich +und kampflos die Sonne hervor; ein leichtes +Blau webt mit einem Male in den herbstlichen +Bäumen, deren genäßte Blätter von der Sonne +farbenreich durchleuchtet werden. Am Spätabend +ziehen über die feuchte Erde Nebel dahin, +die des Nachts die verblassenden, leise +rauschenden Wälder umfangen. Auf diesen +Nebeln ruht zuweilen Mond- und Sternenlicht; +goldene und silberne Wolken fließen unaufhörlich +durch das Dunkel dahin, bis es zu einem +nassen und schleichenden Morgen tagt. +</p> + +<p> +Es ist seltsam zu sagen: Ich ziehe den +Regen meinen anmutigen Herbstabenden vor. +Während des ganzen Tages bleiben meine +Fenster fest geschlossen, und ich finde ein Vergnügen +darin, stundenlang im Zimmer auf und +ab zu gehen, mit der Papierschere zu spielen, +meine und meines Vaters Tagebücher zu lesen +und immer wieder in hundertfachen Pausen dem +<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> +Regen, dem grausamen, dem gänzlich hoffnungslosen +zuzusehen. Keine Stimme redet zu mir +aus dem strömenden Wasser, wie es bisweilen +den Dichtern geschieht, und belustigt mich durch +ihre Geschichten, – vielleicht durch kleine rührende +Märchen, die meine Brust mit süßen +Hoffnungen erfüllen könnten und dann ganz +trostlos endigen, ... o nein, was mich unwiderstehlich +zu dem erbarmungslosen Freunde dieser +Tage hinzieht, ist nichts anderes als die nackte, +von jeder Kunst entblößte Trauer und ihr +schwermütiges Gefolge. +</p> + +<p> +Es gibt Tage, wo der Regen auch vor der +Vesperstunde nicht Halt macht, sondern in die +finstere Nacht hineinrauscht und nimmer ruhen +mag. Dann kommt die Zeit meiner tiefsten +Ängste, und es erfassen mich Gefühle, die ich +längst vergessen wähnte: Meine vollkommene, +durch keine Gunst des Schicksals je gestörte +Vereinsamung, meine frevelhafte, durch keinen +leuchtenden Gedanken je geweihte Eigenmächtigkeit +und meine tödliche, tödliche Sehnsucht. +</p> + +<p class="tb"> +* +</p> + +<p class="noindent"> +<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> +Es ist wahr, ich bin grenzenlos einsam. Daß +ich dies erst jetzt fühle, bereitet mir eine gewisse +Genugtuung, zumal wenn ich daran denke, daß +es Menschen gibt, die Tag für Tag an ihrer +Einsamkeit leiden. +</p> + +<p> +Aber nun, hier auf meinem Landsitz, ist es +eingetreten, daß ich in den Regen schaue, eine +ganze Weile, geruhig, mit einer leichten Traurigkeit +im Herzen, und dann plötzlich der Gedanke +mich zu Boden schmettert, daß es auf der ganzen +Welt keine einzige Seele gibt, die mir am Tage +oder in der dunklen Nacht je vertraut wäre. +</p> + +<p> +O, ich weiß, daß viele Menschen ebenso +wie ich zu sprechen pflegen, – aber bedenken +diese auch, daß sie noch von der Kindheit her +eine alte, gebrechliche Haushälterin besitzen, die +sie rührend eifrig bedient und mit mürrischer +Zärtlichkeit an ihnen hängt, oder einen Hund, +einen kranken vielleicht, der mit guten, getrübten +Augen zu ihnen emporsieht? Aber ich, +ich kann nicht einmal solche Geschöpfe, die +Geschöpfe des unteren Daseins, mein Eigen +nennen. Meine Haushälterin versieht ihren +Dienst mit gleichgültiger Sorgfalt, und die Hunde +des Gutes lieben meinen Inspektor, nicht mich. +</p> + +<p> +<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> +Ich habe freilich mit vielen Männern Handschlag +und freundlichen Blick gewechselt, habe +Umarmungen und Küsse mit manchen Frauen +getauscht und bin in vieler Herren Dienst gestanden, +– was blieb mir von alledem? Das +Herz des Söldners, seine ruchlose Einsamkeit und +seine undeutliche Erinnerung. Denn meinem +Geist sind alle Geschehnisse zerronnen, wie der +Regen zerrinnt auf den Schieferdächern meiner +Scheunen. +</p> + +<p class="tb"> +* +</p> + +<p class="noindent"> +Ich stehe ein wenig abseits vom Sinn und +Gefüge der Natur, das sei zugestanden, auch +trage ich eine spöttische Unbekümmertheit um +ihren Gang zur Schau. Ich befinde mich +außerhalb der Kreise, die von der Natur um +die Dinge dieser Welt, um Menschen, Tiere, +Blumen, ja, um die starre Öde des Gesteins +gezogen ward und – ich will es nur aussprechen +– ich befinde mich dort nicht allzu +wohl. Ich fühle mich ausgeschlossen von der +mütterlichen Güte der Natur, die selbst dann +meine tiefste Sehnsucht erweckt, wenn sie den +andern nur grausam und sinnlos erscheint. +Ich zöge es vor, als ihr niedrigster Knecht in +<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> +Ketten zu schmachten, als, ach – so frei zu +sein, wie ich bin ... +</p> + +<p class="tb"> +* +</p> + +<p class="noindent"> +Ich gehe an meine Bibliothek und nehme +die römischen Elegien heraus. In dem Kupferstich +auf der ersten Seite finde ich die Worte: +„Wie wir einst so glücklich waren.“ +</p> + +<p> +Ich lese es und habe Tränen in meinen +Augen. +</p> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">„Wie wir einst so glücklich waren,</p> + <p class="verse">Müssen’s nun durch Euch erfahren.“</p> + </div> + </div> +</div> + +<p class="noindent"> +Es war auf einem deutschen Rittergut im +Sommer, in einem Sommer voll gesegneter +Tage; das Getreide stand hoch, vortreffliches +Heu lag auf den Wiesen; der Himmel war am +Morgen blau, mit einer glasigen Mondsichel +über den Scheunen, und nachts leuchteten viel +Sterne wie aus einem dunkeln, reichen und +kostbaren Stoff. Ich liebte dort alle Menschen +und ich betete mit einer jungglühenden Leidenschaft +eine gewisse Dame an, – vielleicht war +es ein Taugenichts von einer Dame. O, ich +habe dies alles nie vergessen, ich entsinne mich +sehr gut. Ich will diese Geschichte aufschreiben +und sie dann einem Mädchen vorlesen, das +<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> +irgendwo in der Welt lebt, einem schlanken +Mädchen etwa von blondem Haar und weißen, +milden Händen, und dieser Gedanke hat etwas +unendlich Beruhigendes für mich. Ich erinnere +mich dabei an gewisse Abendspaziergänge über +die sanften Felder eines deutschen Rittergutes, +an gewisse zärtliche und gütige Nächte und an +die verworrenen Laute eines Fuhrmannes, der +in der Dunkelheit den Hof erreichte und seine +Pferde beim Schein der Laterne aus der Deichsel +führte. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-2"> +<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> +2 +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> schauderte, als ich zum ersten Mal mit +einem Wagen durch die Straßen dieser +Stadt fuhr, in der ich die zwei letzten +Jahre meiner Schulzeit verbringen sollte. +Von den häßlichen, kalkig-weißen oder gelben +Mietshäusern, die mit dem läppischen Stuck +einer nur auf die Nützlichkeit gerichteten Baukunst +verziert waren, wandte sich der gekränkte +Blick zu modischen Villen, die mitten in Arbeitervierteln +durch ihren Prunk aufgeblasen, durch +ihre ärmliche Umgebung unschicklich, ja frech +erscheinen mußten. Ein verachteter, oftmals +bespöttelter Fluß, das Zerrbild eines Flusses, +führte sein dünnes, unruhiges und stets getrübtes +Wasser durch das Weichbild der Stadt. +In den lichtlosen Gassen aber duckten sich zuweilen +jahrhundertalte ängstliche Giebelhäuser, +die einer seelenvollen und klaräugigen Vergangenheit +entstammten. +</p> + +<p> +Der Knabe hatte seine erste Jugend auf +einer Landschule zugebracht und war dort von +erfahrenen Männern zusammen mit einer Schar +unermüdlicher und redlicher Jungen erzogen +worden. Nun stand er, einem begründeten +<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> +Wunsche seines Vaters folgend, allein in dieser +Stadt, ohne daß ihn irgend ein freundliches +Gefühl an ihre Menschen gebunden hätte, dazu +von einer auf dem Lande erlernten und geübten +Sittlichkeit beschwert, die den Verkehr mit den +leichtgesinnten Bewohnern der Städte verbot. +So verschloß er sich nicht ohne einen gewissen +Starrsinn den Freuden der Geselligkeit, gedachte +mit Trauer der vergangenen Zeit und fand ein +großes Gefallen daran, den alten Freunden in +langen Briefen seine augenblickliche Lage mit +den trostlosesten Worten zu schildern. Seine +Stimmung ward durch den Umstand nicht verbessert, +daß der Vater ihm Geldmittel von bedeutender +Höhe zur Verfügung stellte, die weder +dem Alter noch dem Verdienst des Sohnes +ziemten. +</p> + +<p> +Er verachtete mit zusammengepreßten Lippen +und immer strengen Zügen die Lehrer und +Schulkameraden des Gymnasiums und sprach +mit keinem von ihnen mehr, als die Stunde +verlangte. Ihre unerzogenen Körper und die +schlechte Artung ihrer Seelen erschreckten ihn auf +das heftigste und stießen ihn ab. Er, nur er +allein war edlen, bis zu den Sternen erhobenen +<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> +Geistes und nur er besaß die Schönheit schnellbewegter +Glieder. Wer von ihnen erfaßte mit +so reger Seele die donnernden Strophen engländischer +Königsdramen, die knabenhaften und +verwegenen Reden eines jungen Prinzen vor +der Versammlung von Lancasterschen Herzögen +oder den aufrührerischen Hohn der französischen +Herolde? Wer ward beseligt durch das tönende +Gold der achäischen Panzer, durch den silbernen +Hufschlag der streitenden, leichtberittenen Götter +und durch das blaue, blaue Griechenland? +</p> + +<p> +Wie sehnte sich der bislang an Freiheit +gewöhnte Knabe nach den Nachmittagen, die +ihm durch keinen Zwang verfinstert waren! Ich +denke besonders an gewisse regnerische Nachmittage +des Herbstes. In einen trotzigen, der +Kleidersitte widersprechenden Überwurf gehüllt, +eine phantastische Mütze tief in das Gesicht +gezogen, mit hohen schweren Stiefeln bekleidet, +verließ er seine Wohnung und wanderte zum +Stadttor hinaus. Bald gelangte er an den +armseligen, im Regen blinden Fluß, an dessen +Ufer er durch Weidengebüsch und dürftige +Birkenwäldchen geradeaus schritt, um endlich +die ersehnten Felder, die trüben, häßlichen und +<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> +doch geliebten zu erreichen. Peitschte ihm der +Sturm das Wasser in das emporgerichtete Antlitz, +dann fühlte er, wie das heiß ersehnte und +angebetete Leben seiner einsamen Brust günstig +genähert war. Er warf die Kleider von sich, +breitete den schützenden Mantel über sie und +badete im kalten Fluß, während der Himmel +seine frischen Regenstrahlen herniedersandte; +vor Frost zitternd schwang er sich vielleicht auf +einen Baum, um von dort in einer großartigeren +als der gewöhnlichen Stellung Cassius in +den verhängten Himmel zu heulen: +</p> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Und so umgürtet, Casca, wie ich bin,</p> + <p class="verse">Hab ich die Brust dem Donnerkeil entblößt,</p> + </div> + </div> +</div> + +<p class="noindent"> +um endlich mit geschundenem Körper, blau und +naß in die Kleider zu steigen und gedrückt, +traurig und fast ein wenig weinerlich über die +eigene Narrheit im dunkelnden Nachmittag +seinem Hause zuzuwandeln. In seinem Zimmer +fand er dann bereits die Dämmerung vor, die +vom Laternenschein am Fenster in zerrissenen +Stücken erhellt war. Während vom unteren +Stockwerk eine musikstudierende junge Dame +ihre gleichmäßigen und süßen Variationen und +Fugen erklingen ließ, schickte er sich an, den +<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> +Tee zu bereiten und die Pfeife in Gang zu +bringen. Von wundervollen Gefühlen überschlichen +ließ er sich in einen Sessel nieder, +eine angenehme Wärme durchströmte seinen +Körper und seine Augenlider wurden schwer von +Träumen. Aber sein der Wirklichkeit ebenso +leidenschaftlich wie der Phantasie zugetaner +Sinn richtete ihn bald aus seinen Träumen +empor. Er setzte sich an den Schreibtisch, +schlug seine Schulbücher auf und arbeitete, +ohne seinen Gedanken eine Ablenkung zu gestatten, +ernst und streng bis zum Abend. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-3"> +<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> +3 +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> letzte Unterrichtsstunde vor den +großen Ferien war beendet. Plötzlich, +ja scheinbar ganz ohne Zusammenhang +begann man ungeheuer +laut und angeregt zu reden, man lachte, sah +einander in die Augen, schüttelte sich die Hände, +und ein jeder wünschte dem andern in weitschallenden +und überaus herzlichen Zurufen +einen fröhlichen Sommer. +</p> + +<p> +Ich stand wie immer abseits. Mir ward +bei all dieser Freude, die wie ein heller Strom +an mir vorbeifloß, ein wenig bedenklich zumute. +</p> + +<p> +Ich nahm zerstreut meinen Strohhut vom +Kleiderriegel und betrachtete mit Interesse meine +Stiefelspitzen. +</p> + +<p> +‚Jawohl,‘ dachte ich, ‚ich kann mir gut +heute Nachmittag ein Paar neue Schuhe kaufen. +Morgen reise ich ja fort. Wohin eigentlich? In +meine Heimat? Zu meinem Vater? Er kreuzt +mit seiner Jacht auf den nordischen Gewässern +in Begleitung der schönen Anny Döring, und +er hatte in seinem letzten Brief die Einladung +für mich wohl vergessen, ... eigentlich hatte er +einen ausgezeichneten Brief geschrieben, einen +<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> +höflichen, zurückhaltenden und etwas frivolen +Brief, und beigefügt war eine Bankanweisung +von erstaunlicher Höhe. Jawohl, so war mein +Vater. Übrigens war er ein vortrefflicher Herr.‘ +</p> + +<p> +Ich schickte mich an, den leeren Schulkorridor +zu verlassen, als ein blonder, vornehm +gekleideter Knabe auf mich zutrat. +</p> + +<p> +Da er mein abweisendes Gesicht bemerkte, +blieb er zögernd stehen und senkte die Augen. +Darauf glitt ein Lächeln von großer Anmut +über sein Antlitz, gleich als sei er über die +eigene Schüchternheit belustigt. +</p> + +<p> +„Meine Mutter und ich, wir würden uns +sehr freuen, ... das heißt, wenn du Lust hast ...“ +</p> + +<p> +Eine Stille. +</p> + +<p> +„Ich verstehe nicht, – wie?“ +</p> + +<p> +Der Knabe schlug sich mit der flachen Hand +auf den Schenkel und begann sehr herzlich und +sehr laut zu lachen. +</p> + +<p> +„Zum Teufel, das war eine prachtvolle Einleitung!“ +</p> + +<p> +Er legte ungezwungen und weltmännisch +seine Hand auf meinen Arm. +</p> + +<p> +„Lieber Regnitz, man gibt heute nachmittag +bei uns eine Gesellschaft. Es wird vermutlich +<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> +ganz witzig werden ... Jungens und Mädchen ... +Schokolade, Tanz und so ... Meine Mutter +liebt das sehr, ... willst du uns das Vergnügen +machen?“ +</p> + +<p> +Ich sah den Jungen erstaunt an; er gefiel +mir außerordentlich. Aber ich hatte es mir bislang +in solchem Maße zur Pflicht gemacht, die +Schulkameraden abweisend und hochmütig zu +behandeln, daß ich auch jetzt nicht vermochte, +mein gewöhnliches Betragen mit einem freundlicheren +zu vertauschen. +</p> + +<p> +„Du bist sehr liebenswürdig ... Entschuldige +mich, ich habe deinen Namen vergessen.“ +</p> + +<p> +„Ich heiße Wolfgang Seyderhelm.“ +</p> + +<p> +„Ich danke dir sehr für deine Einladung, +Wolfgang Seyderhelm. Leider ist es mir nicht +möglich, sie anzunehmen, da ich heute bereits +eingeladen bin.“ +</p> + +<p> +Wolfgang Seyderhelm wurde etwas rot. +</p> + +<p> +„Sehr schade,“ sagte er. +</p> + +<p> +Er steckte eine Hand in die Hosentasche +und wies mit der andern höflich auf die +Schultreppe: +</p> + +<p> +„Wir haben denselben Weg.“ +</p> + +<p> +Wir gingen die Stufen hinunter. +</p> + +<p> +<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> +„Dein Bruder war Militärattaché in Athen, +nicht wahr?“ fragte Wolfgang. „Meine Mutter +glaubt, ihn dort kennen gelernt zu haben.“ +</p> + +<p> +„Jawohl, er war Militärattaché in Athen.“ +</p> + +<p> +Ich sah zur Seite. +</p> + +<p> +„Was ist’s mit ihm?“ fragte Seyderhelm, +der mich beobachtete. +</p> + +<p> +„Er fiel in Südwest gegen die verdammten +Schwarzen.“ +</p> + +<p> +„Oh.“ +</p> + +<p> +Vor dem Schulgebäude stand ein leichtgefügter +eleganter Wagen mit zwei lebhaften +Apfelschimmeln. Eine junge Dame saß darin; +sie trug einen silbergrauen Schleier, der den +weichen großen Hut an den Seiten niederbog +und auf der Brust zu einem Knoten verschlungen +war. Ihre schmalen Hände waren mit dänischem +Leder bekleidet, und ihre von den Wimpern +tief beschatteten Augen sahen etwas mokant +zu Wolfgang hin. +</p> + +<p> +„Ah, der Wagen!“ sagte Wolfgang Seyderhelm, +der zögernd stehen blieb. +</p> + +<p> +„Ah, deine Schwester!“ sagte ich beklommen. +</p> + +<p> +„Nein, nicht meine Schwester.“ +</p> + +<p> +„Nicht deine Schwester?“ +</p> + +<p> +<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> +„Eine junge Dame unserer Bekanntschaft. +Adieu, Walter Regnitz.“ +</p> + +<p> +Wolfgang Seyderhelm grüßte. Ich dankte +nicht, sondern sah auf den Wagen. Der Kutscher +legte die Hand an den Hut, Wolfgang sprach +lächelnd einige Worte, warf seine Schulmappe +auf den Bock und stieg ein. Die Schimmel +zogen an und das Gefährt bog im Augenblicke +um die Ecke ... +</p> + +<p> +Ich eilte in den heftigsten Gedanken nach +Haus. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-4"> +<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> +4 +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">n</span> diesem Nachmittag ging ich nicht spazieren. +Ich schritt unruhig in meinem +Zimmer auf und ab. Ich hatte weder +Lust zu arbeiten noch zu lesen. Immer +wieder kam mir Wolfgang Seyderhelms Einladung +in den Sinn. Und mit einem Male +trat aus der Wirrnis widerstreitender Gefühle +ein leuchtender Gedanke hervor: Die Sehnsucht +nach Gesprächen, nach scherzhafter Rede und +Gegenrede, nach Tanz und Schokolade und +nach einer gewissen jungen Dame mit einem +silbergrauen Schleier und mokanten, von den +langen Wimpern tief beschatteten Augen. +</p> + +<p> +Ohne Zögern kleidete ich mich um, lief zum +Schuldiener und ließ mir Wolfgang Seyderhelms +Adresse sagen. Bald fand ich mich abseits der +Stadt vor einer großen, mitten in einem Park +gelegenen Villa. Ich schellte, ward vom Diener +ohne Verwunderung empfangen, durcheilte einige +hellerleuchtete Gemächer und stand endlich im +Eßzimmer. +</p> + +<p> +Eine stattliche Anzahl von Knaben und +Mädchen, unter ihnen einige Erwachsene, saßen +an drei runden Tischen, vollführten den heitersten +<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> +Lärm, und tranken mit großem Appetit Schokolade, +wozu sie ungeheuer viel Kuchen aßen. +Ich blieb befangen stehen und suchte Wolfgang +Seyderhelm. Die Herrschaften verstummten +allmählich, man begann mich zu bemerken. Da +sah ich am Ende des letzten Tisches Wolfgang +sich erheben, der mich verwundert anstarrte. +Von einem andern Tisch her rief eine +Dame: +</p> + +<p> +„Nun, Wolfgang, willst du nicht deinen +Gast begrüßen?“ +</p> + +<p> +Über Wolfgang Seyderhelms Gesicht glitt +ein Zug von unendlicher Liebenswürdigkeit und +fast frauenhafter Güte. Schnell kam er auf +mich zu: +</p> + +<p> +„Wie lieb, daß du kommst!“ +</p> + +<p> +Ich erwiderte kein Wort, drückte aber +stürmisch und begeistert seine Hand. Er faßte +mich am Arm und führte mich zu der Dame, +die ihm vorhin zugerufen hatte. Glücklicherweise +begann man an den Tischen sich wieder +zu unterhalten. +</p> + +<p> +„Dies hier ist mein Schulkamerad Walter +Regnitz.“ +</p> + +<p> +Die Mutter, eine noch junge Frau von +<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> +schlankem Wuchs, heiteren italienischen Augen +und hoher reiner Stirne begrüßte mich lebhaft. +</p> + +<p> +„Es freut mich sehr, daß Sie gekommen sind. +Wolfgang hat mir viel von Ihnen erzählt.“ +</p> + +<p> +Wolfgang errötete. +</p> + +<p> +„Ich denke, Herr Regnitz, Sie setzen sich +neben mich. Hier ist noch ein Stuhl frei.“ +</p> + +<p> +Ich saß und fühlte meinen Sinn ein wenig +umnebelt. +</p> + +<p> +„Sind Sie verwandt mit einem Herrn Regnitz, +der vor zwei Jahren in Athen Attaché war?“ +</p> + +<p> +„Das war mein Bruder, gnädige Frau.“ +</p> + +<p> +„Nicht möglich! ... Ihr Bruder ...!“ +</p> + +<p> +Und sie sprach von meinem Bruder, den sie +in Athen vor zwei Jahren kennen gelernt hatte. +</p> + +<p> +„Eigentümlich, wie Sie sich Schokolade eingießen!“ +klang eine singende Stimme neben mir, +während ich mich mit Frau Seyderhelm über +meinen Bruder unterhielt, der in Athen vor +zwei Jahren Attaché gewesen war. Ich wandte +mich nicht um und konnte nicht erkennen, woher +diese Stimme kam und ob sie mir galt. Ich +sah viele Gesichter, darunter das von Wolfgang +Seyderhelm, dessen Blick sich stets abwandte, +sobald er den meinen traf. Ich empfand es +<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> +sehr wohltuend, daß ich mich vorhin beim Eintreten +nicht allzu ungeschickt benommen hatte +und nun in ungezwungenem Tone mit Wolfgangs +Mutter redete. +</p> + +<p> +„Wo ist Ihr Herr Bruder jetzt?“ +</p> + +<p> +„Er ist im Kampf gegen die Neger gefallen.“ +</p> + +<p> +„Oh wie traurig! Als Offizier?“ +</p> + +<p> +„Jawohl, als Offizier.“ +</p> + +<p> +„Eigentümlich, wie Sie sich Schokolade eingießen!“ +sang irgendwo eine Stimme. +</p> + +<p> +„Und Sie sind hier in unsere Stadt gekommen, +um das Abiturium zu machen?“ +</p> + +<p> +„Jawohl, ich war jahrelang auf dem Lande, +nun will ich hier das Abiturium machen.“ +</p> + +<p> +„Wolfgang erzählt, Sie seien sehr fleißig.“ +</p> + +<p> +„Ich will mit der Schule schnell zu Ende +kommen.“ +</p> + +<p> +„So –?“ +</p> + +<p> +Frau Seyderhelm wandte den Kopf nach +einer anderen Richtung, da sie von dort gerufen +wurde. Nun konnte auch ich mich umsehen. +</p> + +<p> +Neben mir saß eine junge Dame, die auf +ihrem hellblauen Kleid Schokoladenflecke mit +der Serviette abrieb. Diese junge Dame hatte +<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> +golden schimmernde, von den Wimpern tiefbeschattete +Augen, kastanienbraunes Haar, einen +spöttisch verzogenen Mund und lange schmale +Finger, die auf irgendeine Art an die Kälte +des Winters erinnerten, an Elfenbein und an +die Heiligtümer indischer Völker. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-5"> +<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> +5 +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> schwieg beklommen, seufzte tief auf +und gewann endlich den Mut zu +fragen: „Habe ich Ihr Kleid ...? +Das heißt, bin ich daran schuld, daß +Sie ...?“ +</p> + +<p> +Die junge Dame antwortete nicht, sondern +reinigte emsig mit einer kleinen Serviette, die +sie in warmes Wasser getaucht hatte, ihr hellblaues +Kleid. +</p> + +<p> +„Ich meinte nur ...“ sagte ich ratlos. +</p> + +<p> +Da hob die junge Dame den Kopf in die +Höhe, sah mir in die Augen, wobei sie sich ein +wenig zur Seite neigte, und begann eine Tonreihe +von silberhellem Klang zu lachen mit +listigen, schmalen Augen, mit offenem Munde +und vielen weißen Zähnen. +</p> + +<p> +„Nein, <em>zu</em> dumm! Sie haben eine Art, sich +Schokolade einzugießen! Sehen Sie, man macht +es nicht so –“ +</p> + +<p> +Sie nahm eine Porzellankanne und ließ den +Strahl von solcher Höhe in die Tasse fallen, +daß alles um sie herum erschrocken und lachend +zurückwich. +</p> + +<p> +„– sondern so.“ +</p> + +<p> +<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> +Sie verkleinerte den Strahl und ließ ihn +manierlich fließen. +</p> + +<p> +Ich ward einem Sturm des Gelächters +preisgegeben. Ein geistlicher Herr, der an +einem andern Tisch seinen Platz gefunden hatte, +beugte sich mit fröhlichem Augenblinzeln zur +Seite und begann so herzlich zu lachen, daß +er sein Taschentuch hervorziehen mußte. Einige +Backfische kicherten und flüsterten, ein paar +Jungens brüllten. Ja, die junge Dame mir +zur Seite schien ein Tausendsassa zu sein, die +eine ganze Gesellschaft mit ihren Späßen zu +erheitern vermochte. +</p> + +<p> +Ehe ich noch etwas erwidern konnte, wurden +die Stühle mit großem Lärm gerückt und man +erhob sich. Die junge Dame tat mit der Hand +noch schnell eine sonderbare Geste, die ich mir +nur so deuten konnte: „Ein dummer Junge, +nicht wahr?“ Darauf hatte sie plötzlich, als sie +von ihrem Stuhl aufstand, ernste und unbewegliche +Züge. Die strengen Linien ihrer goldfarbenen +Augenbrauen und Wimpern, der kunstvolle geschlossene +Aufbau ihres kastanienbraunen Haares +beherrschten mit einem Male das Antlitz. Die +herabhängenden Arme waren eng an das Kleid +<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> +gehalten und die Hände lagen wie erstarrt in +den Falten. +</p> + +<p> +Wolfgang Seyderhelm trat auf mich zu +und bot mir sehr herzlich die Hand. Ich bemerkte, +daß er enganliegende graue Hosen trug, +Lackstiefel, ein Jackett, ähnlich wie es die englischen +Midshipmen zu tragen pflegen, und +einen umgebogenen Kragen, der seinen braunen +Hals freiließ. Er schien stolz und glücklich zu +sein und hatte das Aussehen und Betragen +eines jungen Engländers und Weltmannes. +</p> + +<p> +„Hast du dich mit deiner Tischnachbarin +unterhalten?“ fragte er. +</p> + +<p> +„Du meinst, mit deiner Mutter?“ +</p> + +<p> +„Nein, ich meine mit dieser jungen Dame dort.“ +</p> + +<p> +Er zeigte in den Salon. +</p> + +<p> +„Kaum. – Wie heißt sie?“ +</p> + +<p> +„Nina.“ +</p> + +<p> +Ich mußte plötzlich an die Schneeberge und +Weintrauben Kaukasiens denken, an die reine +Stirne und den unvergleichlichen Gang der +Kosakenmädchen. +</p> + +<p> +„Was ist’s mit ihr?“ fragte ich. +</p> + +<p> +„Sie ist Schauspielerin am Stadttheater. +Eine Protegé meiner Mutter.“ +</p> + +<p> +<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> +„Wie alt?“ +</p> + +<p> +„Achtzehn.“ +</p> + +<p> +Ich sah, daß man im Speisezimmer die +Stühle an die Wand schob und den Teppich +aufrollte. Ich blickte zerstreut an den Gobelins +hinauf, deren streitende Helden sich in übermenschlichen +Triumphen und Schmerzen gegenüberstanden. +Wolfgang sprach noch, aber ich +verstand nicht, was er eigentlich sagte. So, so ... +so ... sie hieß Nina, ... welch ein süßer Gleichklang +in ihrem Namen, ... welch ein Duft +von ihrem Haar, ... ich begann Kopfschmerzen +zu bekommen, ... wie zärtlich Wolfgang zu ihr +hinblickte ... +</p> + +<p> +„Du liebst sie ja!“ sagte ich laut und wußte +nicht, ob ich wirklich gesprochen hatte. +</p> + +<p> +Wolfgangs Antlitz sah plötzlich aus wie +überströmt von Blut. +</p> + +<p> +„Was sagst du?“ +</p> + +<p> +Frau Seyderhelm stand neben uns und +unterhielt sich mit dem geistlichen Herrn. Frau +Seyderhelm stand sehr gerade da, sprach achtungsvoll, +mit verbindlich zur Seite geneigtem +Haupt, gebrauchte sehr oft die Anrede: Herr +Pastor und hatte zu gleicher Zeit ein etwas +<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> +mitleidiges Lächeln um den Mund, da der +geistliche Herr verlegen war und nicht ganz +ungezwungene Bewegungen zeigte. +</p> + +<p> +„Und morgen gehen Sie auf ihr Rittergut, +meine liebe gnädige Frau?“ fragte der geistliche +Herr. +</p> + +<p> +„Ja, stellen Sie sich vor, Herr Pastor, – +dieser Trubel! Alle Koffer sind schon gepackt ... +es ist ja immer wie ein Umzug! ... Aber +Wolfgang tut das Landleben so wohl ...!“ +</p> + +<p> +Frau Seyderhelm strich mit der Hand über +ihr schwarzes Haar. +</p> + +<p> +„Nina geht diesmal auch mit,“ sagte sie, +lächelte dem Pastor sehr liebenswürdig zu und +schritt ins Nebenzimmer. +</p> + +<p> +„Wie schön von dir, daß du mich eingeladen +hast,“ sagte ich zu Wolfgang, wurde ganz heiß +vor Begeisterung und ging weg. +</p> + +<p> +Eine Dame mit einem ungeheuren Hut betrat +den Empfangsraum, ruderte durch die Luft +auf Frau Seyderhelm zu, erfüllte das Gemach +mit ihren Begrüßungen, ihren schnellen Handbewegungen, +ihrer Rührung über die frohe +Schar, legte die Arme auf Frau Seyderhelms +Schultern, küßte ihr jede Wange und sagte +<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> +oftmals: „Meine liebe Lina.“ Sie wurde von +den Jungen mit ehrfürchtigen und ungeschickten +Verbeugungen gegrüßt, von Wolfgang empfing +sie einen Handkuß und von zwei Mädchen, +vermutlich ihren Töchtern, sehr rasche und +oberflächliche Umarmungen. +</p> + +<p> +Ein junger Herr, ein Student, wie man +annehmen durfte, ging quer durch den Raum, +trug mit steifem Arm die Öffnung seines Zylinderhutes +nach Außen in der mit braunem +Glacé bekleideten Hand, erschreckte jedermann +durch seine ruckartigen Verbeugungen, +saß kurze Zeit darauf von einer lauten Gesellschaft +umgeben an einem Tisch und versuchte +sich in einem Kunststück mit zwei Gläsern, einer +Teetasse und einem silbernen Löffel. +</p> + +<p class="tb"> +* +</p> + +<p class="noindent"> +Eine Dame in einem schwarzen, bis an +den Hals geschlossenen Kleide, die blaß und +hübsch war und hungrige graue Augen hatte, +wahrscheinlich die Gesellschaftsdame irgend eines +der jungen Mädchen, ließ sich am Flügel nieder +und begann einen Walzer zu spielen. Die +Mädchen bekamen rote Köpfe und setzten sich +ziemlich nervös auf die Stühle an der Wand. +<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> +Die Knaben standen in den Türrahmen, ordneten +ihre Krawatten, ihre Schuhbänder, ihre +Frisuren und bemühten sich sorglos auszusehen. +</p> + +<p> +Irgendeiner von ihnen, ein kecker Bursche, +der den Teufel nach Rotwerden und Schüchternsein +fragte, forderte als erster eines der Mädchen +auf. Andere folgten. Wolfgang trat von +irgendwoher auf Nina zu, lächelte, ohne sich +zu verbeugen, und zog sie mit sich fort. Die +Jungen tanzten mit vielen Sprüngen und +Witzen, schlugen die Beine nach hinten aus, so +daß man ihre Stiefelsohlen zu sehen bekam, +und hielten ihre Tänzerinnen mit steifen Armen, +da sie die Berührung des Fleisches fürchteten. +Die Mädchen bewegten sich ruhiger und hatten +versonnene Augen und ein süßliches Lächeln +auf den Lippen. Wolfgang und Nina sahen +jugendlich und glücklich aus; sie schienen schon +oft miteinander getanzt zu haben, und waren +ihrer Bewegungen sicher. Nina neigte ihr +Haupt ein wenig zu Boden, was ihrem schlanken, +hochgestellten Körper etwas Verträumtes +und zugleich Preziöses gab. +</p> + +<p> +Es war recht heiß. Ich fühlte mich elend +und doch glücklich und trank sehr viel Limonade. +<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> +Frau Seyderhelm stand mit einem Male vor +mir, wie stets sehr gerade und beinah mädchenhaft +schlank, die edlen Hände über der Gürtelschnalle +gekreuzt, mit heiteren Augen und reiner +Stirn. Sie nannte mich oftmals „mein lieber +Herr Regnitz“ und blickte, da ich verwirrte +Antworten gab, mütterlich lächelnd über die +froh sich bewegenden Kinder hin. +</p> + +<p> +Der Student tanzte jetzt mit Nina, nannte +sie „mein gnädigstes Fräulein“ und benahm sich +in jeder Beziehung wie ein Student, der zu +einer Backfischgesellschaft geladen ist und dort +mit der einzigen erwachsenen jungen Dame +tanzt. Sein Zylinder stand irgendwo in der +Ecke auf einem Stuhl und schwankte grinsend +hin und her. +</p> + +<p> +Der geistliche Herr erzählte der Dame mit +dem großen Hut, daß Ihre Hoheit Prinzessin +Clementine am vorigen Sonntag in der Kirche +sehr blaß ausgesehen habe und augenscheinlich +an Kopfschmerzen leide; welche Bemerkung seine +Dame mit einem kurzen, nervösen Gähnen, +einem verlegenen Hinunterschlucken und einem +ehrfurchtsvollen „Gewiß, Herr Pastor“ erwiderte. +</p> + +<p> +<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> +Irgendein Mädchen, ein braves Kind mit +dickem lustigen Gesicht und roten Händen forderte +mich auf, mit ihr zu tanzen; ich lehnte +mit strenger Stirne und finsteren Blicken ab. +Sie schüttelte den Kopf, lachte leis, so daß sich +ihre Nase in viele Falten zog, sagte: „Nein, +so etwas!“ und verschwand mit einem andern, +wobei sie den Hals ihres Tänzers mit den +Armen umschloß und die guten dicken Finger +auf seinem Nacken faltete. +</p> + +<p> +Wolfgang bat die Dame mit dem großen +Hut und den exzentrischen Bewegungen um +einen Tanz. Die Dame sträubte sich ein wenig, +sprach sehr viel von ihrem Alter und vom +Muttersein in die leere Luft und sagte endlich +zu. Man klatschte im Takt zu ihrem Tanze +und bereitete sich alsdann zur Quadrille vor. +</p> + +<p> +Ich begann mich mit irgend jemandem über +unsere Lehrer zu unterhalten; ich war witzig, +der Bengel lachte und verbeugte sich darauf +vor mir. +</p> + +<p> +Wolfgang trat auf mich zu. +</p> + +<p> +„Du tanzt nicht?“ +</p> + +<p> +„Nein. Danke.“ +</p> + +<p> +„Nie?“ +</p> + +<p> +<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> +„O doch.“ +</p> + +<p> +„Magst du heute nicht?“ +</p> + +<p> +„Nein. Danke.“ +</p> + +<p> +Nina stand neben ihm. +</p> + +<p> +Sie sah mich neugierig an. +</p> + +<p> +„Sie tanzen nicht?“ +</p> + +<p> +„Nein, heute nicht.“ +</p> + +<p> +Ninas Augen waren stetig auf mich gerichtet. +Ich betrachtete das kastanienbraune +Haar und bemerkte, daß es im Schein der +kristallenen Lustres leuchtete. +</p> + +<p> +„Sie werden jetzt mit mir Quadrille tanzen. +Warum stehen Sie immer an der Wand? Das +schickt sich doch nicht für einen jungen Herren +von Ihren Qualitäten!“ +</p> + +<p> +„Wollen Sie sich bitte nicht um mich bekümmern, +wie?“ +</p> + +<p> +Wolfgang bekam große Augen. +</p> + +<p> +„Aber Regnitz, bitte, was ist denn –?“ +</p> + +<p> +Nina lachte herzlich, zeigte ihre weißen +Zähne, legte die elfenbeinerne Hand auf Wolfgangs +Arm und sagte: +</p> + +<p> +„Du, der ist aber grob!“ +</p> + +<p> +Darauf wandte sie sich mir zu, machte ein +hochmütiges Gesicht, senkte die Lider, so daß es +<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> +aussah, als ob sie schliefe, und sagte in einem +näselnden Ton: +</p> + +<p> +„Also bitte, – wollen Sie jetzt meinen Arm +nehmen?“ +</p> + +<p> +Ich fühlte eine Schwäche in den Gliedern, +während ich den rechten Arm bog. +</p> + +<p> +„O, das ist nett!“ sagte Wolfgang mit +seinem liebenswürdigen Lächeln. „Wir werden +in einem Karree tanzen.“ +</p> + +<p> +Wir gingen in den Saal. +</p> + +<p> +Der Student stürzte auf Nina zu. +</p> + +<p> +„Aber, gnädigstes Fräulein haben <em>mir</em> ja ... +das heißt, wenn Sie vorziehen ...“ +</p> + +<p> +Er schwitzte und verbeugte sich. Ich bemerkte, +daß er nach Mediziner im zweiten Semester +roch. +</p> + +<p> +„Ach, Herr Doktor, ... ich hatte schon +Herrn Regnitz vorher versprochen, die Quadrille +mit ihm zu tanzen. Verzeihen Sie.“ +</p> + +<p> +Wir gingen weiter. Der Student war von +diesem Augenblick an in jeder Beziehung erledigt. +Er war fertig, hingerichtet, gleichsam +mausetot ... +</p> + +<p> +Die Dame am Klavier mit den hungrigen +Augen spielte die Aufforderung zur Quadrille. +<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> +Das Karree bildete sich. Ich steckte eine Hand +in die Hosentasche und machte ein gleichgültiges +Gesicht. +</p> + +<p> +„Entschuldigen Sie,“ sagte ich. +</p> + +<p> +„Bitte?“ +</p> + +<p> +Nina begann sich mit dem Geistlichen zu +unterhalten, der plötzlich neben ihr stand. Sie +schauspielerte Ehrfurcht und war sehr schüchtern. +Ich wurde rot. Sie wandte sich um: +</p> + +<p> +„Was sagten Sie eben?“ +</p> + +<p> +„Vielleicht hören Sie zu, wenn ich mit +Ihnen spreche!“ +</p> + +<p> +„Sie sind manierlos.“ +</p> + +<p> +„Ich bat um Entschuldigung wegen vorhin.“ +</p> + +<p> +„Sie können gleich um Entschuldigung bitten +‚wegen jetzt‘.“ +</p> + +<p> +Ich schwieg. Mein Gott, warum war ich +nur so ungezogen! Ein weinerliches Etwas stieg +in meine Nase empor. +</p> + +<p> +Wolfgang trat uns gegenüber und sprach +mit seiner Cousine, einem schüchternen Mädchen +von außergewöhnlicher Schönheit. Er winkte +uns mit der Hand zu. +</p> + +<p> +Die Quadrille begann. +</p> + +<p> +<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> +Nina verbeugte sich tief vor ihrem Nachbarn, +darauf vor mir. Ihre Lider bedeckten +wiederum die Augen, die langen Wimpern berührten +die roten und weißen Wangen, das +feurige Haar warf seinen Duft zu mir, die +elfenbeinernen Hände lagen wie unbeseelt in +den Falten des blitzenden Kleides. Sie war +im Augenblick, da sie sich neigte, ein Götterbild, +das in Betrachtung zum Buddha versunken +ist, eine indische Statue aus farbigem Stein ... +Ich beugte mich noch tiefer, sah ihre blauen +schmalen Schuhe und dachte: Süße Nina, +süße Nina. +</p> + +<p> +Ich gab fleißig acht und tanzte gut. Ich +tat keine überflüssige Geste und bewegte mich +ruhig. Von Zeit zu Zeit sagte Nina: +</p> + +<p> +„<span class="antiqua">Visite à gauche!</span>“ oder „Jetzt dort!“ oder +„Passen Sie auf, Sie können nur grob sein!“ +Aber sie schien zufrieden. +</p> + +<p> +„Es geht ja ganz gut,“ bemerkte sie einmal. +</p> + +<p> +„Gewiß,“ erwiderte ich stolz. +</p> + +<p> +Ich sah, daß Nina und Wolfgang sich beim +<span class="antiqua">moulinet des dames</span> zulächelten, sobald sie sich +trafen. Wolfgang sprach viel zu uns hin und +unterhielt das ganze Karree. Er hatte das +<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> +Aussehen eines vornehmen Pagen, der bei Hof +die Schleppe der Königin hält. +</p> + +<p> +Mich überfluteten, sobald ich Nina die Hand +reichen mußte, Ströme von Zärtlichkeit und +Anbetung. Ich beobachtete, daß ihr Fuß beim +Auftreten die Form nicht veränderte. Ich liebte +sie, – o mein Gott, <em>wie</em> ich sie liebte! Ich +begann zu fiebern und wurde von Angst ergriffen. +Ich dachte daran, daß ich heute abend +allein in meinem Zimmer sein würde. Irgend +etwas müßte bis dahin geschehen, irgend etwas, +das mich mit einem unerhörten Glück erfüllte, +ein Blick von ihr, ein Wort, ein Kuß ... +</p> + +<p> +„Sie sind unaufmerksam. Passen Sie auf – +<span class="antiqua">vis-à-vis</span>!“ +</p> + +<p> +Ich sah einem blonden Mädchen in die +Augen, verbeugte mich und trat mit Nina zurück. +</p> + +<p> +„Was spielen Sie?“ +</p> + +<p> +„Wie?“ +</p> + +<p> +Wir wurden getrennt. +</p> + +<p> +„Ich meine, was Sie im Theater spielen?“ +</p> + +<p> +Ich tanzte an drei jungen Mädchen vorbei, +gab einer jeden die Hand und verbeugte mich +wieder vor Nina. +</p> + +<p> +„Hebbels Clara.“ +</p> + +<p> +<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> +„Ah ...“ +</p> + +<p> +Ich kannte Hebbel. +</p> + +<p> +Ich verbeugte mich vor Wolfgangs Tänzerin. +</p> + +<p> +Dann stand ich wieder vor Nina. +</p> + +<p> +„Kennen Sie Maria Magdalena?“ fragte +Nina. +</p> + +<p> +„Ja.“ +</p> + +<p> +Ich ging mit den drei Herren <span class="antiqua">en avant</span> +und verneigte mich vor Nina. +</p> + +<p> +„Sie sollten lieber Ihre Schulaufgaben +machen.“ +</p> + +<p> +Ich begann zu lachen, wie verrückt zu lachen, +zog das Tuch hervor, bekam Tränen in die +Augen, fand mich albern, mußte aus der Reihe +treten und störte den ganzen Tanz. Nina hob +die Lider, und es war, als ginge der Vorhang +im Theater auf. +</p> + +<p> +„Was haben Sie?“ +</p> + +<p> +Ich begann zu beben und zu frieren, meine +Zähne schlugen aneinander, ich hatte das Gefühl, +daß ich totenblaß sei. +</p> + +<p> +„Sie sind herrlich!“ sagte ich. +</p> + +<p> +Ich wußte nicht mehr, was ich sprach. Ich +hatte Fieber, nichts als Fieber, und Angst vor +meinem einsamen Zimmer ... +</p> + +<p> +<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> +Die Reihen ordneten sich wieder, man lachte, +ärgerte sich und tanzte weiter. Die letzten +Takte spielte die Dame am Klavier in rasendem +Tempo. Man fand sich nicht mehr zurecht, und +alles verwirrte sich. Ich lief umher, fühlte +Schauer in meinem Körper und hatte das Bedürfnis, +etwas zu zerbrechen. Der Quadrillenwalzer +ertönte, man schloß sich in die Arme. +Ich verbeugte mich vor Nina, aber sie dankte. +</p> + +<p> +Ich führte sie aus dem Saal hinaus. Darauf +ward es dunkel vor meinen Augen. Ich wurde +schwindlig und hielt mich an einem Türpfosten. +Mit einem Male war ein Bild vor mir: die +Mittagssonne über einer teppichfarbenen Landschaft +des mittleren Deutschlands, der Duft +von Korn und gemähten Wiesen, und blaue +Berge in der Ferne. +</p> + +<p> +Nina lachte, ein singendes, verstehendes, +unendlich grausames und süßes Lachen: +</p> + +<p> +„Sie taumeln, Herr Regnitz! – Ist Ihnen +schlecht?“ +</p> + +<p> +„Nina, ich liebe Sie.“ +</p> + +<p> +Ich sah sie an, – sie, dieses indische Götterbild +mit den gesenkten, zur Betrachtung geneigten +Augen, mit der unvergleichlich bleichen und +<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> +edlen Stirne, mit den elfenbeinernen Händen +und dem farbigen, wie von Edelstein und Gold +blitzendem Gewande, sah diese Lippen aufeinander +gepreßt, süß und streng, – bereit, Worte +zu sprechen, die den Gläubigen vernichten oder +aufheben: +</p> + +<p> +„Sie sind verrückt.“ +</p> + +<p> +Sie ging fort, mit elastischem stolzem Schritt, +wandte plötzlich den Kopf um, zeigte mir ein +entzückend frisches und amüsiertes Mädchengesicht, +lachte, lachte eine Reihe makelloser +Töne, zog eine kleine goldene Uhr aus dem +Gürtel, ließ den Deckel aufspringen und sagte: +</p> + +<p> +„Es ist übrigens schnell gegangen. Sie +sind um fünf Uhr gekommen; jetzt ist es vier +Minuten vor sechs.“ +</p> + +<p> +Aus der Ferne, aus einer Schar lärmender +Menschen heraus hörte ich sie noch einmal +lachen ... +</p> + +<p> +Wolfgang trat schnell auf mich zu. +</p> + +<p> +„Ist dir etwas? Du siehst nicht wohl aus. +Willst du den Wagen haben?“ +</p> + +<p> +Ich sah mich um und lächelte matt. +</p> + +<p> +„Lieber, welch ein Gefühl!“ +</p> + +<p> +Ich gab ihm wie im Traum die Hand. +</p> + +<p> +<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> +Plötzlich ermannte ich mich, stürmte hinaus, +ohne Gruß, ohne Blick, riß den Hut im Korridor +vom Riegel und erreichte den Park. Ich lief +wie gejagt durch die Straßen und hielt mich +endlich an einem Gitter fest. Atemlos, die +Brust erfüllt von einem qualvollen Glück, begann +ich wie ein Kind zu schluchzen, wie ein +kleines, ungezogenes Kind. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-6"> +<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> +6 +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">m</span> nächsten Tage wachte ich um fünf +Uhr morgens auf. Ich lief im Hemd +ans Fenster. Die Straßen waren leer, +aber auf den Dächern lag warmes +Morgenlicht und in den Bäumen am Rande +des Bürgersteiges zwitscherten die Spatzen. +</p> + +<p> +O mein Gott, welch ein Gedanke, ich hatte +Ferien, ich hatte fünf Wochen Ferien! +</p> + +<p> +Ich eilte in das Badezimmer und öffnete +dort die Brause. Da fiel mir mitten im kalten +Wasser etwas ein ... Was war denn gestern +geschehen? ... War nicht gestern etwas Besonderes +vorgefallen? ... Ich war auf einer Gesellschaft +gewesen ... bei Wolfgang Seyderhelm, +... dort befand sich eine junge Dame ... +mit goldfarbenen Augen und feurigem Haar ... +eine Art Gottheit ... ein Backfisch ... Wie hieß +doch gleich diese Dame? ... Nun, wir wollen +keine Komödie spielen, wir wissen sehr gut, wie +diese Dame hieß ... Nina, ... jawohl, Nina +hieß sie, ... und dann war ich aus der Gesellschaft +weggelaufen ... und hatte mich blamiert, +... O weh! o weh! +</p> + +<p> +Verwirrt streckte ich die Arme nach dem +<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> +Kelch der Brause aus, ließ mir das Wasser +ins Gesicht laufen und rief beglückt in das +Geplätscher hinein: Süße Nina, süße Nina. +</p> + +<p> +Ich sprang in das Badetuch und zog mich +an. Ich sah das Sonnenlicht sich langsam +über die Häuser senken. Hallo, war ich nicht +jung? Meine Heimat, – ach, meine Heimat +war überall da, wo es warme Landstraßen +gab mit schönem weißem Staub, Kirschbäume, +schwere Kornfelder. Nina, – ach, +Nina war irgend eine junge Dame, ein Spuk, +ein Ding ohne Zusammenhang mit meinem +Leben ... +</p> + +<p> +Ich nahm meinen Ranzen, stopfte Hemden, +Strümpfe, die „Versuchung des Pescara“, Taschentücher, +zwei alte Brötchen hinein und lief +die Treppe hinunter. +</p> + +<p> +Noch waren die Straßen leer. Hier und +da zeigte sich ein verschlafen aussehender Bäckergeselle +mit listigem Gesicht, ein mürrischer +Arbeiter auf dem Rad, ein von der Nachtkälte +durchfrorener Polizist, sonst niemand. In +den einsamen Gassen hörte ich nur den Klang +meiner Schritte und meines Stockes. +</p> + +<p> +Bald hatte ich die letzten Häuser erreicht +<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> +und sah meine Felder sich im Sommermorgenlicht +ausbreiten. +</p> + +<p> +Ich ging mit leichtem Fuß und leichtem +Herzen die Landstraße hinunter. Es kamen +Bauernwagen, die zum Markte in die Stadt +fuhren, und neben den Kutschern saßen eifrig +bellende Hunde, es kamen ganz, ganz kleine +Mädchen, die sich an der Hand hielten und +mit putziger Eilfertigkeit in ihre Schule trabten; +eine Bäuerin tauchte auf, trug einen Korb mit +Eiern auf dem Kopf und sah wie eine Bäuerin +aus dem Bilderbuche aus; darauf eine Horde +Jungens, die alle ohne Ausnahme nackte Füße +und geflickte Hosen hatten, und endlich auch +ein Mann mit einer Kuh und einem Hündchen. +</p> + +<p> +Schon war ich im ersten Dorf. Dort war +bereits jedermann auf den Beinen. Ein Fuhrmann +kam mit der Peitsche in der Hand aus +der Schenke, wischte sich den Bart und kletterte +mit vielen unverständlichen Worten auf den +Bock; ein schlanker Terrier lief bellend auf mich +zu, – als ich ihm ein Stück meines Brots +zeigte, sprang er an mir hoch; ein Kind lachte +irgendwo, und ich wanderte weiter. +</p> + +<p> +Die Sonne stieg. Mir zur Seite erschienen +<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> +Dörfer mit Kirchtürmen und leuchtend weißen +Grabsteinen und verschwanden hinter teppichweichen +Hügeln. +</p> + +<p> +In einem schönen Kirchdorfe machte ich +Halt. Ich ging zu einem Bäcker, der am +Laden eine eiserne Brezel hatte, und kaufte mir +Brot und Kuchen. +</p> + +<p> +„Wohin geht’s, junger Herr?“ +</p> + +<p> +„Nach Fürstenau und immer weiter.“ +</p> + +<p> +„Und immer weiter – das ist ein gutes +Stück Wegs. Na, wenn man junge Beine hat!“ +</p> + +<p> +Ich errötete, ich weiß nicht, warum, bezahlte, +schüttelte ihm die Hand, sprang an den +Brunnen, trank mit Begierde das kräftigschmeckende +Wasser und marschierte weiter. +</p> + +<p> +Es wurde heiß. Ich schlief einige Stunden +im Schatten eines Baumes und wanderte +dann in den schönen Nachmittag hinein. +Über das weite hügelige Land glitten zeitweis +tiefe und schnelle Wolkenschatten. Ein +ganz leichter Wind erhob sich und kühlte mich +wunderbar. Mir war, als trügen mich die +Lüfte des Nachmittags über abwechselnd beglänzte +und beschattete Gefilde. Lag ich nicht +auf einer weichen Wolke und trug mich +<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> +diese Wolke nicht in entferntere und schönere +Gebiete? +</p> + +<p> +Kurz nachdem die Sonne hinter einem Hügel +entschwunden war und mit einem Mal die des +Sonnenantlitzes beraubte Landschaft wie in +einem ungeheueren Schrecken zu erbleichen, ja +zu sterben schien, erblickte ich, der ich auf einem +Berge stand, zu meinen Füßen eine Stadt. Ein +alter Turm ragte in die starr-silberne Luft hinein, +und seine Wächter schienen silbergraue +Vögel, die mit bösem, hastigem Flügelschlage +ihn umkreisten. Flache Hügel umgaben die +Stadt, niedere Weinberge, die ein bescheidenes +Landgetränk erzeugten; mitten unter den Reben +lag der umgitterte Friedhof. Meinem Auge +gegenüber wandte sich die Straße, die Stadt +verlassend, nach Westen, lief an den hellen +Bergen entlang und durch gläserne Wälder, +stieg empor in den erblaßten Himmel und verlor +sich in der offenen Landschaft, andere Städte +mit neuen Türmen und späterem Lichte zu erreichen. +Zwischen Kornfeldern und gleißenden +Wiesen, die der zweiten Mahd harrten, sah ich +Erntewagen der Stadt zustreben. Eine Glocke +läutete, läutete unablässig, und es war, als sei +<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> +diese Stadt, diese Höhenzüge, diese silberne Spätnachmittagsluft +wie überschwemmt von schwellenden, +sich auflösenden und wieder schwellenden +Tönen. +</p> + +<p> +Ein alter Mann stieg keuchend die Höhe zu +mir herauf. Er trug einen schwarzen, eng anliegenden +Taillenrock und eine graue großkarrierte +Hose, die weit über die bestaubten Schuhe +fiel. Er schien dem steilen Weg gram zu sein. +</p> + +<p> +Ich lüftete den Hut. +</p> + +<p> +„Ist dies da Fürstenau?“ +</p> + +<p> +Der alte Mann trocknete sich mit einem roten +Tuch, einer Art Fahne, die Stirn. +</p> + +<p> +„In der Tat, Herr, wenn ich mich recht +erinnere, so ist es ganz bestimmt Fürstenau.“ +</p> + +<p> +Er lächelte böse und ging weiter. +</p> + +<p> +‚Welch eine sonderbare Art sich auszudrücken!‘ +dachte ich. ‚Spricht man so in unserer Zeit? +„In der Tat, Herr, wenn ich mich recht erinnere, +so ist es ganz bestimmt Fürstenau.“ So spricht +man in einem Shakespeareschen Lustspiel!‘ +</p> + +<p> +Ich eilte den Berg hinab und empfand dabei +die Freude eines Wanderers, der von der +Höhe das Ziel seines Tages sieht. +</p> + +<p> +Als ich durch das Tor in die Stadt trat, +<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> +war mit einem Mal der silberne Zauber wie +zerbrochen, und Abendrot lag auf den Gassen. +Hochbepackte Erntewagen, in der golden durchleuchteten +Fülle leise schwankend, fuhren darüber +hin und zeitweis bog einer von ihnen in den +Hof ein. Auf den Pferden saßen hübsche, +nacktfüßige Bauernjungen, die mit den Peitschen +knallten, an den Häusern emporsahen und +nachlässig zu den offenen Fenstern hinaufnickten, +zu den Mädchen ... +</p> + +<p> +‚War es vor tausend Jahren hier anders?‘ +dachte ich. ‚Ernte und Glockengeläut und Menschen? +... Die vor tausend Jahren waren, mich +trennt nur ein weniges von ihnen, nur die +Zeit ... Ach, was ist Zeit! ... Ich will hier +bleiben! ...‘ +</p> + +<p class="tb"> +* +</p> + +<p class="noindent"> +Bald saß ich in einem Garten vor meinem +Abendbrot und erfreute mich, sobald ich den +Blick hinwegwandte, an den rosigen Bergen +und den tiefer beleuchteten Gassen. Ein Mädchen +mit braunen, zum Kranz geflochtenen Strähnen +schenkte mir den Wein ins Glas und lächelte +dazu mit frischem Munde ... Ein Gedanke kam +mir ... fort damit ... Gespenster! ... +</p> + +<p> +<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> +Ich stand alsbald auf, bestellte mir eine +Kammer für die Nacht und ging nachlässig, +die Hände in den Hosentaschen, durch die Stadt. +Ich wünschte jedem Mädchen einen guten Abend, +und begann mit einigen von ihnen dadurch ein +Gespräch, daß ich mich nach allerhand Dingen +erkundigte, die mir völlig gleichgültig waren, – +wo der Schmied wohne, ob die Heuernte dieses +Jahr gut gewesen sei. Ich war an diesem +Abend ziemlich frech ... +</p> + +<p> +Bei Anbruch der Nacht kehrte ich in mein +Gasthaus zurück. Als ich die Stiege hinaufschritt, +die von einem Windlicht schwach erhellt +war, begegnete ich dem Mädchen mit dem Lächeln +um die frischen, feuchten Lippen. Ich +gab ihr die Hand, bezahlte gleich, da ich früh +am Morgen aufbrechen wollte, und ging in mein +Zimmer. Ich setzte mich auf den Rand des Bettes +und grübelte. Mit einem Male kam eine tiefe +Traurigkeit über mich, ich wußte nicht, woher. +Ich trat ans Fensters. Da rauschte unter mir +der tiefe Mühlbach, und über mir spannte sich +der Sommerhimmel voll von Sternen. Noch +hörte ich zwei Männer irgendwo miteinander +sprechen, noch hörte ich eine Tür im Haus +<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> +und einen späten Wagen auf der Gasse, dann +ward es still um mich. +</p> + +<p> +In dieser Stille breitete die Liebe ihre +Flügel aus. Sie drückte mich an ihre Brust. +Ich taumelte und fühlte einen Schmerz wie nie +zuvor. +</p> + +<p class="tb"> +* +</p> + +<p class="noindent"> +Ich weiß nicht recht, wie alles gewesen +war. Ich weiß nur, daß ich plötzlich an Nina +dachte, die ich den ganzen Tag vergessen hatte. +Ich sah sie vor mir, sah ihr Haar, ihre Augen, +ihren Gang, ihre Hände, sah sie tanzen, mit +Wolfgang Seyderhelm tanzen, ... ich hatte +Angst, ... das Zimmer war so eng und +heiß, ... tödliche Angst ... Ich nahm Stock, +Hut und Ranzen und stürzte hinaus in die +dunkle Luft. Die Haustür war noch offen. +Ein Hund knurrte leise, aber ich entlief ihm +schnell. Ich rannte durch die Gassen, durch +das Stadttor, die Straße entlang, dann einen +Seitenweg, durch Gebüsch, einen Hügel hinauf, +... ich keuchte sehr, ... ich fiel zu Boden +und blieb liegen. +</p> + +<p> +... Ich war müde und gehetzt, ich war so +müde! Ich fühlte meine Jugend von mir gleiten +<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> +und hatte qualvolle Träume. Ich weiß noch, +daß ich einmal im Halbschlaf emporfuhr: da +lag unter mir die Stadt und das dunkle Land, +der Mühlbach leuchtete hier und dort im Mondlicht +auf, ... um meinen Hügel ging ein leichter +Wind, ... ich sank zurück ... in Traum und +Schlummer. Aber schlummernd sah ich immer +wieder das dunkle Land mit der Stadt, die +silbernen Stücke des Baches, ... Sterne, +viel Sterne ... und Nina ... +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-7"> +<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> +7 +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> bin noch einige Tage so gewandert, +aber ich wurde nicht mehr fröhlich. +Ein Sonntag kam, ich sah die Bauern +zur Kirche gehen, trat mit ihnen ein +und hörte die Predigt, ich sah die Burschen +und Mädchen hernach in ihren übermütigen +Tänzen und empfand am Abend auf der Straße +die feierliche Stille des scheidenden Sonntages. +Aber das alles freute mich nicht. Der verworrene +Geist war von der Liebesleidenschaft +erfaßt und kannte nur noch Trauer, Eifersucht, +Haß und Träumerei. Ich wollte nicht mehr +an Nina und Wolfgang denken, ich wollte nie +mehr an sie denken. Ich sagte mir Gedichte auf, +hielt als ein Prinz vor der Versammlung von +Fürsten eine verwegene Rede, dichtete eine Ode +an den Kaiser, – aber selbst das erhabene Gewand +der Majestät verwandelte sich mir bald, +ward ein blitzendes, hellblaues ... mit Schokoladenflecken +... +</p> + +<p> +Am vierten Abend meiner Wanderung zog +ich mutloser denn je meine Straße entlang. +Ich wollte an diesem Tage noch eine größere +Stadt erreichen, dort einige Zeit verweilen, um +<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> +dann dem nahen Gebirge zuzueilen. Aber +irgend ein schöner Baum oder ein sehnsüchtig +winkender Kirchturm hätte genügt, mich von +meinem Wege abzulenken. Wer in der Welt +fragte danach, ob ich einen Nachmittag unter +schattigem Gesträuch verträumte und den „Pescara“ +las oder irgendwo auf staubbedecktem +Wege schritt? +</p> + +<p> +Ich blieb vor einem Weiser stehen, der mir +zur Seite in das offene Land hindeutete. Da +war geschrieben: Nach Strelow 3 km, nach +Wiesenau 4,5 km. Ich las die Worte gedankenlos. +Irgend etwas lockte mich, von +meiner Straße abzubiegen. Was aber war es? +Strelow? Ich hatte diesen Namen nie gehört. +Wiesenau? Ich hatte diesen Namen nie ... +Wie? ... Eine Erinnerung ... Wiesenau ... +Wiesenau ... da war schon wieder alles entwichen +... ich schüttelte den Kopf. Wohl +zwanzigmal sprach ich nun das Wort Wiesenau +aus, in der Hoffnung, die Erinnerung möchte +mich noch einmal erleuchten. Doch jede Mühe +war vergebens: es war ein totes Wort. +</p> + +<p> +Schon war ich in die neue Landschaft eingebogen. +Es hatte wohl die Wochen vorher +<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> +geregnet, denn überall standen kleine schwarze +Teiche, aus denen einzelne Bäume, Fichten +und Birken, hervortauchten. Endlos langgezogene +violette Abendwolken spiegelten sich +in diesen Teichen und gaben ihnen von ihrer +Farbe. Soweit mein Blick reichte, sah ich +nichts anderes als bunte, prächtige Wiesen +mit großen Blumen und die schwarzen und +violetten Teiche, aus denen einsame Bäume hervorwuchsen. +Krähen flogen zuweilen schreiend +darüber hin, um noch vor Nacht die fernen +Wälder zu erreichen. +</p> + +<p> +Als ich durch Strelow kam, läutete die +Glocke den Abend ein. Ich blickte durch ein +Fenster; ein alter Bauer saß da, hatte die Brille +auf der Nasenspitze und las in einer Zeitung. +Eine Frau trug eine Bank in ihr Haus. Der +Pfarrer ging durch den Ort und ward von +allen gegrüßt; auch ich grüßte. Ein Trupp +Jungens lief zu Gott weiß welchem Abendstreifzug +... +</p> + +<p> +In einigen Zimmern brannte ein Licht. +Sollte ich hier rasten? Es begann zu dunkeln. +Draußen konnte ich nicht gut schlafen, der +Boden schien feucht, auch war es ein wenig +<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> +kühl. Aber die Lichter in den Häusern machten +mich traurig, und ich fühlte, daß mich im +Zimmer wieder meine Angst ergreifen würde. +</p> + +<p> +Ich eilte zum Dorf hinaus. Allein bei den +letzten Häusern blieb ich beklommen stehen: über +die Landschaft hatte sich die Dämmerung gesenkt +und mit tiefem, dunklem Blau die gespenstischen +Bäume, das Weidengesträuch an den blinkenden +Teichen und die Getreidefelder umhüllt; von +oben leuchteten durch blaues Licht einige Sterne; +nichts unterbrach die Stille als das trostlose +Quaken der Frösche und das Flüstern des +Kornes, wenn der Wind darin rauschte. +</p> + +<p> +Ich ging durch die Dämmerung und fühlte +mich liebevoll von der Straße fortgelockt, umsponnen +mit einem blauen Netz. Ein Traum +von großer Innigkeit berührte mich, mir war, +als sei er alt und von jedermann zu irgendeiner +Zeit geträumt. Um meine Augen legte +sich ein Flor, meine Füße strauchelten oft ... +</p> + +<p> +‚Könnt’ ich doch viele Stunden dieses blaue +Licht durchschreiten! Wenn nur die Füße nicht +ermüden wollten ...!‘ +</p> + +<p> +Aber ach, schon winkten ja am Wegesrand +nächtliche Kastanien zu Schlummer und Traum! ... +<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> +Ein Park begann, umgittert, ... eine Allee ... +Und hier, – waren hier nicht bronzene Löwen, +die in dreifach geteilte Becken silbernes Wasser +spieen? War es nicht einschläfernd und süß? +</p> + +<p> +Wie, stand dort nicht ein Haus vor mir, +ein Schloß, mit einer erleuchteten Altane und +bläulich schimmernden Stufen? +</p> + +<p> +Bin ich nicht neugierig herangeschlichen, ... +leise, ... ganz leise, ... und sah ich dort +nicht all die Menschen, die ich liebte? ... Die +Mutter ... mit dem Sohn ... und meine +schöne Freundin Nina? +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-8"> +<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> +8 +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">it</span> pochendem Herzen und heißen +Wangen stand ich im Dunkeln und +blickte auf die Veranda. Nina +arbeitete an einer festgespannten +Stickerei und sprach dabei mit Wolfgang, der +die Hände um ein Knie geschlungen hatte, eine +Zigarette rauchte und zeitweise aus einem +Glase trank. Frau Seyderhelm schrieb einen +Brief. Manchmal hob sie den Kopf und warf +einige Worte in die Unterhaltung der beiden ein. +Ich konnte nicht verstehen, was gesprochen wurde. +</p> + +<p> +Ich sah Ninas Profil und ihre Hände. +Wie zart sie war! Ja, war sie nicht anbetungswürdig? +Süße Nina! ... Ich machte eine +Bewegung. +</p> + +<p> +Da rief Nina laut: +</p> + +<p> +„Wolfgang, ich bitte dich, – draußen steht +jemand.“ +</p> + +<p> +Ich hielt den Atem an. +</p> + +<p> +‚Wenn ich hier entdeckt werde, ersteche ich mich.‘ +</p> + +<p> +Wolfgang beugte sich hinaus und rief: +</p> + +<p> +„Es ist niemand hier ... Du bist recht +schreckhaft!“ +</p> + +<p> +O – gerettet! +</p> + +<p> +<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> +Frau Seyderhelm hatte ihren Brief beendet, +man plauderte angeregt. Ich sah, +wie die Mutter einmal ihrem Sohne lächelnd +mit dem Finger drohte. Nach einer Weile +legte Nina ihren Stickrahmen fort, packte ihre +Nähsachen in einen Pompadour und stand auf. +Sie gab erst Frau Seyderhelm die Hand, dann +wechselte sie einige Worte mit Wolfgang, – sie +schienen etwas zu verabreden, – ließ ihre Hände +auf seinen Schultern ruhen, gab ihm einen leichten +Backenstreich und trat in die Zimmer hinein. +Wolfgang küßte seine Mutter, die ihm über das +Haar strich; mir war, als sprächen sie von +Nina, denn sie sahen nach der Türe; dann +gingen beide hinaus. – Eine Magd erschien +einige Augenblicke später auf der Veranda, +räumte die Sachen auf, zog die Markise in die +Höhe und stellte die Gartenmöbel zur Seite. +Sie nahm die Lampe und verschwand. +</p> + +<p> +Alles war finster um mich herum. Oben +im Schloß sah ich mehrere erleuchtete Fenster. +Ich hörte zuweilen Schritte, dann wurde alles still. +</p> + +<p> +Langsam löste ich mich aus meiner Erstarrung +und ging durch den Park. Ich empfand +nicht viel: ein wenig Erstaunen, ein wenig +<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> +Schmerz, ein wenig Müdigkeit und ein wenig +Glück ... Ich wollte weiter wandern. Was +sollte ich hier? Niemand würde mir glauben, +daß ich zufällig hierher gekommen sei, ... aber +da hörte ich wieder die süße, einschläfernde +Melodie der plätschernden Brunnen. Gedankenlos +legte ich mich nieder, zu Füßen eines +bronzenen Löwen. Ich faltete die Hände +hinter dem Kopf und blickte in den Himmel, +wo die Milchstraße ihren Triumphbogen über +das Firmament spannte. Ich fühlte, daß der +Schlaf mich übermannen würde, und wollte +doch wachen und nachdenken. Ich ward traurig +und erinnerte mich der Worte des Herrn: +„Könnet ihr denn nicht Eine Stunde mit mir +wachen?“ – Noch einmal sah ich zu den erleuchteten +Fenstern im Schloß, dann fiel ich in +Traum. Schlafend spürte ich die Kälte der +Nacht und zog mein Cape eng um mich. Und +in meinen Traum drang immer wieder das +Plätschern des Wassers, ... das Plätschern des +Wassers. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-9"> +<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> +9 +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> mochte gegen fünf Uhr morgens sein, +als ich erwachte. Mein erster Blick galt +dem Schloß vor mir, in dessen Fensterscheiben +die Morgensonne purpurrot +leuchtete. Ich sprang empor; mein Gesicht +und meine Kleider waren naß vom Tau. Ich +machte einige Bewegungen mit den Armen und +stampfte mit den Füßen, denn meine Glieder +waren wie erstarrt. Dann wusch ich mich in +einem der bronzenem Becken und klopfte die +Kleider ab. Nur weiter, immer weiter, fort +von hier ... +</p> + +<p> +Als ich bereit war zu marschieren, lehnte +ich mich an einen Baum; ich wollte noch einmal +mit einem langen Blick dieses geliebte +Schloß umfangen. +</p> + +<p> +Da ... was war das? ... Ein Fenster +öffnete sich, ... ich trat zurück ... Wolfgang, ... +im leichten Morgenkleid. Er beschattete mit +der Hand die Augen, sah zum Himmel und +reckte die Arme in die junge Luft hinein. Dann +verschwand er; bald jedoch erschien er wieder, +nahm einen Stock und klopfte leise mit der +metallenen Spitze an das benachbarte Fenster. +<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> +Lange Stille ... Dann öffnete sich das Fenster ... +Nina ... Sie gaben einander die Hände. Wolfgang +setzte sich auf das Fensterbrett und deutete +nach dem Horizont. Nina gähnte ein wenig +und beide lachten. +</p> + +<p> +Da war mir, als müsse ich einen Panzer +von meiner Brust reißen. Ich bog mit beiden +Händen die Sträucher auseinander, und +meine helltönende Stimme rief den Aufhorchenden +zu: +</p> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">„An jedem Morgen, eh des Hahnen Krähn</p> + <p class="verse">Die Menschheit weckt, steh ich im tiefen Grunde,</p> + <p class="verse">Muß durch die Luft nach Burg und Felsen spähn.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Noch lieget Dunkelheit auf meinem Tal,</p> + <p class="verse">Da gibt von Osten das Gestirn mir Kunde,</p> + <p class="verse">Und in dem Fenster oben spielt ein Strahl.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Es taucht in Licht das trotzige Gestein,</p> + <p class="verse">Und wächst und starrt und höhnet meiner Qual,</p> + <p class="verse">Bald reckt es in den Himmel sich hinein –</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Willst du dich heute nicht am Fenster zeigen,</p> + <p class="verse">In Morgenklarheit dich vom Traum befrein?</p> + <p class="verse">Willst du das Haupt nicht freundlich zu mir neigen?</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Mich tötet dieses dunklen Tales Schweigen.“</p> + </div> + </div> +</div> + +<p class="noindent"> +<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> +Kaum hatte ich geendigt, als Nina ihrem +Freunde mit hochgezogener Stirne langsam, ja +perfide langsam das Antlitz über die Schultern +zuwandte und die beiden Handflächen fragend, +chokiert und spöttisch nach außen bog. Wolfgang +aber schien sich nicht darum zu kümmern; +er warf das Fenster heftig zu, ich hörte ihn eine +Treppe herunterstürmen, und einen Augenblick +später kam er – notdürftig mit einem Hemde, +einer Hose und einem Paar Sandalen bekleidet +– durch den Garten auf mich zugelaufen. +</p> + +<p> +„Walter Regnitz! Lieber Walter Regnitz!“ +</p> + +<p> +Er umarmte mich stürmisch; er war blaß +vor Erregung. +</p> + +<p> +„Wo hast du nur die ganze Zeit gesteckt? +Wir erwarten dich schon seit drei +Tagen!“ +</p> + +<p> +Wie? Man erwartete mich? +</p> + +<p> +Wir wandten uns zum Schloß. +</p> + +<p> +„Ich habe eine Fußwanderung gemacht und +diese Nacht im Garten geschlafen.“ +</p> + +<p> +Wolfgang legte erschrocken seine Hand auf +meinen Arm. +</p> + +<p> +„Du hast in unserm Garten geschlafen? +Bist du toll?“ +</p> + +<p> +<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> +Und dann nach einer Pause, die er mit +ratlosen Gebärden ausfüllte: +</p> + +<p> +„Ja, warum bist du aber nicht ins Haus +gekommen?“ +</p> + +<p> +Ich wurde etwas rot. +</p> + +<p> +„Ja ... weißt du, ... ich kam spät hier +an ... und da wollte ich nicht stören ...“ +</p> + +<p> +Ich grüßte zu Nina hinauf. +</p> + +<p> +„Ah, sieh da!“ rief sie vom Fenster herunter. +„Ein Dichter! Ein Troubadour! Sie +verlangen gewiß Ihren Lohn!“ +</p> + +<p> +Sie nahm aus einem Wasserglas helle Rosen +und zerblätterte sie mit den weißen Fingern. +Mir fielen diese Blätter auf Kopf, Schultern +und Hände, der ich betroffen, glücklich und verlegen +in einem duftenden Blumenregen stand. +</p> + +<p> +„Denk’ dir, Nina, er hat diese Nacht im +Garten geschlafen!“ +</p> + +<p> +Nina lachte, – ihr singendes, gefährliches +und verstehendes Lachen. +</p> + +<p> +„Sie sind ein echter Minnesänger, Herr +Walter von der Regnitz!“ rief sie und warf +vier volle weiße Rosen zu mir herab. Ich fing +eine von ihnen auf und führte sie höflich und +gefaßt an meine Lippen. +</p> + +<p> +<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> +„Und Sie, gnädiges Fräulein, eine echte +Herzenskönigin.“ +</p> + +<p> +Ich hörte noch einmal, wie Nina tief belustigt +lachte und darauf das Fenster schloß. +</p> + +<p> +Wolfgang zog mich ungeduldig die Stufen +zur Veranda hinauf. +</p> + +<p class="tb"> +* +</p> + +<p class="noindent"> +Wolfgang stand halb angekleidet vor seinem +Eimer und putzte sich eifrig und andauernd +die Zähne. +</p> + +<p> +„Wie findest du sie?“ fragte er mich, der +ich auf einem Stuhl saß und ihm zusah. +</p> + +<p> +„Wen?“ +</p> + +<p> +„Nina.“ +</p> + +<p> +Er nahm einen Schluck Wasser, gurgelte und +spuckte kräftig. +</p> + +<p> +Ich schwieg. +</p> + +<p> +„Nun?“ fragte er. +</p> + +<p> +„Oh, ganz nett!“ sagte ich endlich. +</p> + +<p> +„Sie ist herrlich!“ rief er begeistert und +begann von neuem zu gurgeln. +</p> + +<p> +Plötzlich warf er die Zahnbürste fort, drehte +sich schnell um und legte seine Hände auf +meine Schultern. +</p> + +<p> +<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> +„Was hast du neulich gesagt?“ fragte er. +</p> + +<p> +„Ich? Wann?“ +</p> + +<p> +„Neulich, bei unserer Gesellschaft.“ +</p> + +<p> +„Ich habe vermutlich viel gesagt.“ +</p> + +<p> +„Nein, du hast gar nicht viel gesagt. Du +lehntest dich an einen Türpfosten und fragtest +mich, wie alt Nina sei. Und plötzlich ...“ +</p> + +<p> +„Nun?“ +</p> + +<p> +„Und plötzlich sagtest du, als ob du geistesabwesend +seiest: Du liebst sie ja!“ +</p> + +<p> +Er wandte sein Gesicht schnell dem Spiegel +zu und zog Kamm und Bürste aus der Lade. +</p> + +<p> +Ich war erschrocken. +</p> + +<p> +„Habe ich das wirklich gesagt?“ +</p> + +<p> +Wolfgang beschrieb mit dem Kamm eine +weite phantastische Figur und erklärte begeistert: +</p> + +<p> +„Du bist ein großer Menschenkenner, Walter! +Ich habe sie wirklich sehr gern ... Hör’ mal, +wie der Kamm knistert.“ +</p> + +<p> +Und er hielt seinen Kamm dicht an mein +Ohr. Ja, wahrhaftig, der Kamm knisterte. +</p> + +<p> +Wolfgang war mit seiner Toilette fertig. +Er trug ein hellgraues, eng an den Hüften +liegendes Sommerjackett mit schwarzen Kniehosen, +dazu schmale Halbschuhe, ein weißes +<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> +Sportshemde und eine leichte, seidene Krawatte. +Er sah sehr frisch, sehr jugendlich und +sehr vornehm aus. +</p> + +<p> +Wir gingen durch einige Gemächer und +betraten das Speisezimmer. Es fiel mir +auf, daß dieses Schloß mit einer nahezu +bäuerischen Freude an bunten Farben eingerichtet +war. +</p> + +<p> +Ein Diener erschien. Wolfgang bestellte Tee. +</p> + +<p> +„Du bist hungrig, Walter?“ fragte er. +</p> + +<p> +„O ja!“ +</p> + +<p> +„Also: hier ist Honig, Gelee, Sumpfdotterblumen, +Schinken, Brot ... ach ...“ +</p> + +<p> +Er stand plötzlich auf, warf dabei seinen +Stuhl hin und umarmte mich noch einmal: +</p> + +<p> +„Wie schön, daß du hier bist!“ +</p> + +<p> +Natürlich errötete er, sprang an die Tür +und schrie, der Tisch sei schlecht gedeckt. Der +Diener kam und Wolfgang schlug sich an +den Kopf. +</p> + +<p> +„Ich Esel! Willst du ein Beefsteak?“ +</p> + +<p> +„Ein Beefsteak?“ +</p> + +<p> +„Es dauert gar nicht lange. Fritz, wie +lange dauert ein Beefsteak?“ +</p> + +<p> +„Eine Viertelstunde“, war die Antwort. +</p> + +<p> +<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> +„Ach, Unsinn“, protestierte ich. „Was soll +ich denn jetzt um halb sechs mit einem Beefsteak?“ +</p> + +<p> +Wolfgang lachte und goß sich ein Glas +Fachinger ein. +</p> + +<p> +„Prost, Walter! Du kennst unsern Stil +noch nicht. Wir leben nämlich hier den Stil +englischer Peers. Morgens <span class="antiqua">you take your +steak</span>,“ – er bediente sich hierbei einer manirierten +Aussprache, – „mittags hungert man, +das nennt man <span class="antiqua">luncheon</span> und abends ißt +man im <span class="antiqua">dinnerjackett</span> alles das, was man am +Mittag versäumt hat. Das hat Nina hier so +eingeführt.“ +</p> + +<p> +Nina, immer Nina! +</p> + +<p> +Ich fragte unvermittelt: +</p> + +<p> +„Aus welcher Familie stammt sie eigentlich? +Hat sie noch Eltern?“ +</p> + +<p> +Wolfgang warf nachdenklich zwei Stück +Zucker in seine Teetasse. +</p> + +<p> +„Weißt du, bei Nina muß man nicht fragen, +woher sie kommt und wohin sie geht. +Nina ist einfach <em>da</em>, – verstehst du? – einfach +<em>da</em>.“ +</p> + +<p> +Ich sah Wolfgang aufmerksam an. Schau +<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> +an, dachte ich, wie klug er ist! Was er da +eben gesagt hatte, war mir nicht fremd. Nina +war einfach da, ... sie war eigentlich ... +seelenlos. +</p> + +<p> +„Sie ist eigentlich seelenlos,“ sagte ich. +</p> + +<p> +Wolfgang trank seinen Tee. Er stöhnte +einige Male wie ein Kind in die Tasse hinein, +setzte sie dann ab, sprang vom Tische auf +und sagte: +</p> + +<p> +„Jawohl, seelenlos, aber herrlich! – Bist +du fertig?“ +</p> + +<p> +„Ja.“ +</p> + +<p> +„Gut. Wie wäre es, wenn wir jetzt aufs +Feld gingen und arbeiteten? Ich lasse mir +nämlich jeden Abend von unserm Inspektor ein +Feld anweisen.“ +</p> + +<p> +Ich willigte in diesen Vorschlag ein. Wir +zündeten uns jeder eine Zigarette an und +gingen in den Hof. Dort holten wir uns aus +einem Schuppen lange Forken und zogen darauf +munter durch den Park. +</p> + +<p> +Einmal wandte ich mich um und blickte +zu Ninas Fenstern hinauf. Sie waren fest +verschlossen und die Vorhänge heruntergelassen. +</p> + +<p> +„Das gnädige Fräulein pflegt bis neun +<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> +Uhr zu schlafen,“ sagte Wolfgang, der meinen +Blick bemerkt hatte. +</p> + +<p> +Ich errötete und schwieg. +</p> + +<p class="tb"> +* +</p> + +<p class="noindent"> +Wir sind auf dem Feld angelangt und +ziehen unsere Jacken aus. Die Kornfelder +stehen in der jungen gelbstrahlenden Sonne. +Auf den heiteren grünen Wiesen und Weidegründen +grasen die roten und braunen Kühe +des Gutes und senden den Ton von tiefen +Glocken durch das flüssige Licht. Am Horizont +suchen auf noch beschattetem Hügel +Schafe ihr Futter. Ein Schäfer mit einem +großen Hut steht neben ihnen. Er hält den +Hirtenstab in der ausgestreckten Hand auf die +Erde gestützt, als sei er der Wächter dieses +Tales und behüte seine Unschuld. Eine Wolke +zieht langsam über den bleichen westlichen +Himmel. +</p> + +<p> +„So, nun stellen wir hier die Garbenbündel +auf,“ sagt Wolfgang. „Du bist ja +früher auf dem Land gewesen und weißt, wie +man das macht. Immer zu sechs auf einen +Haufen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> +„Bei uns nahm man acht.“ +</p> + +<p> +„So ... na ja, wir nehmen immer sechs. +Weiß der Teufel, warum. Bald kommen die +ersten Leiterwagen vom Gut. Dann gehen wir +dort auf das Feld, – siehst du es? – und +packen das Korn auf. Das macht immer sehr +viel Spaß.“ +</p> + +<p> +Wir arbeiten schweigend und mit gesammeltem +Eifer. Die Ähren stechen unsere +Hände wund und ihre Körner rieseln uns in +Hemd und Hose. Wolfgang macht manchmal +eine Bewegung, als habe ihm jemand kaltes +Wasser in den Nacken gegossen. +</p> + +<p> +Später singt er mit klarer Stimme und +deutlicher Aussprache einen altfranzösischen +Chanson. Da ist von einem Grafen die +Rede, dem es nicht wohl erging, weil seine +Gemahlin der Majestät von Frankreich allzusehr +gefiel. +</p> + +<p class="tb"> +* +</p> + +<p class="noindent"> +Bald vernehmen wir das Rollen und Klappern +von Wagen, die über die Landstraße zu uns +herauffahren. Wir haben unsere Arbeit gerade +beendet, als wir die Rufe der Bauern hören, +<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> +die mit ermunterndem Einsprechen ihre Pferde +einige schwere Hügel erklimmen lassen. Dann +ertönt das Dröhnen von Wagen, die über eine +hölzerne Brücke fahren, und gleich darauf +ziehen sie alle an uns vorbei. In einem der +Wagen sind nur Frauen. Sie haben alle rote +Tücher um die Köpfe geschlungen. Jedermann +wünscht uns: „Guten Morgen!“ worauf wir +beinahe feierlich unsere Mützen lüften und den +Gruß erwidern. In einem Gefährt sitzt ein +hübsches junges Mädchen. Ich nicke ihr zu, +worauf sie verlegen zu Boden sieht. Ich bin +sehr stolz, das erreicht zu haben. +</p> + +<p> +Der letzte Leiterwagen wird von einem +Bauernjungen gelenkt, der auf dem linken +Pferde sitzt. Er grüßt uns, wie ein Souverain +zu grüßen pflegt. +</p> + +<p> +„He Hans!“ ruft Wolfgang. „Bleib du +bei uns!“ +</p> + +<p> +Hans steigt vom Pferd. Wolfgang legt +seinen Arm auf die Schultern des Jungen und +führt ihn zu mir heran. Die beiden stehen +der Sonne entgegen, blinzeln, sind wohlgestaltet, +blond, und – seltsam – sie sehen einander +ähnlich. +</p> + +<p> +<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> +„Ich stelle dir hier meinen Freund Hänschen +Kietschmann vor.“ +</p> + +<p> +Der Junge macht eine Verbeugung, eine +leichte, weltmännische, garnicht zu tiefe Verbeugung, +und bietet mir die Hand, die ich schüttle. +</p> + +<p> +Er geht fort, um noch einige Bauern zu +holen. Ich sehe ihm nach. Er ist schlank und +groß gewachsen. +</p> + +<p> +Wolfgang macht ein sonderbares Gesicht +und lächelt. +</p> + +<p> +„Nun?“ +</p> + +<p> +„Wie?“ +</p> + +<p> +„Ist dir etwas ... wie soll ich sagen ... +aufgefallen?“ +</p> + +<p> +„Aufgefallen? ... Nein, ... das heißt ...“ +</p> + +<p> +Ich bin mit einem Male verwirrt. +</p> + +<p> +„Er sieht dir ähnlich.“ +</p> + +<p> +Wolfgang nickt, sieht zum Himmel, zieht die +Nase kraus, blinzelt, schluckt herunter und sagt: +</p> + +<p> +„Er ist mein Halbbruder.“ +</p> + +<p> +„Wie –?“ +</p> + +<p> +Wolfgang bewegt seine Hand in einer sehr +sprechenden, etwas frivolen Art. +</p> + +<p> +„Mein Gott, ... wir vergessen, daß unsere +Väter auch jung waren ... Mein Vater +<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> +lebte hier allein ... na und ... wie das so +kommt.“ +</p> + +<p> +Er geht mit graziösem Schritt fort, um die +Gabeln vom Graben zu holen. +</p> + +<p> +Ich schüttle den Kopf, wundere mich und +vergesse im nächsten Augenblick alles. +</p> + +<p> +Wir arbeiten schweigsam fort. +</p> + +<p> +Hans Kietschmann steht zusammen mit einem +Bauern oben auf dem Wagen und packt das +Korn auf. Neben uns sind Weiber, die von +Zeit zu Zeit miteinander sprechen. Ein leichter, +von der aufsteigenden Sonne gewärmter Wind +trägt aus der Richtung der anderen Wagen +den Schall von Reden und Gelächter zu uns +herüber. +</p> + +<p> +Es beginnt allmählich heiß zu werden. Die +Augen schmerzen ein wenig; ich sehe nichts +als flimmerndes Gelb. Die Weiber riechen +nach Schweiß. Die Ochsen sind von Fliegen +geplagt und schlagen mit den Schwänzen kräftig +umher. Ich fühle mich sehr wohl. Nina ist +vergessen, vollkommen vergessen. Wie süß es +ist, daran zu denken, daß ich Nina so völlig +vergessen habe. +</p> + +<p> +Es schlägt zwölf Uhr, wir hören mit der +<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> +Feldarbeit auf, trinken Wasser und ziehen die +Jacken an. +</p> + +<p> +Ich gebe Wolfgang die Hand. +</p> + +<p> +„Danke für den Vormittag, Wolfgang.“ +</p> + +<p> +Wolfgang lächelt und nimmt meinen Arm. +Wir gehen als Freunde zum Schloß. Wolfgang +ist zärtlich und spricht sehr viel. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-10"> +<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> +10 +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">N</span><span class="postfirstchar">achdem</span> wir in unsern Zimmern Gesicht +und Hände erfrischt hatten, betraten +wir die Veranda, um dort zu lunchen. +</p> + +<p> +Nina saß am Tisch. Sie schien sich +zu langweilen und benahm sich wie ein kleines +Mädchen, das auf seine Mahlzeit wartet. +</p> + +<p> +Ich betrachtete Nina von der Seite. Sie +hatte ein steifes weißes Kattunkleid an. Ihr +Hals und ihre Arme waren nackt. Auf ihrer +Brust trug sie eine Brillantenbrosche, an der +linken Hand, der elfenbeinernen mit den langen +schmalen Fingern, leuchteten vier herrliche Saphire +von mildem Blau. Das kastanienbraune +Haar war eine Pracht, eine Krone, ein Akkord +von rauschenden, dunklen Tönen. +</p> + +<p> +‚Mein Gott und dennoch, was ist denn +Nina? Ein kleines Mädchen, das sich langweilt! +Aber ein Mädchen, das ich liebe? Nun ja, +was ist schon dabei? Viele Jungens lieben +viele Mädchen. Da ist gar nichts dabei.‘ +</p> + +<p> +Ich fühlte mich Nina überlegen. +</p> + +<p> +Ich setzte mich an den Frühstückstisch. Obwohl +es sehr heiß war, hatte Nina einen +Schnupfen, was mir ganz sonderbar vorkam. +</p> + +<p> +<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> +Sie führte ihr Tuch an den Mund und +fragte mit einer Stimme, die heute noch näselnder +klang als sonst: +</p> + +<p> +„Wo habt ihr denn eigentlich so lange +gesteckt?“ +</p> + +<p> +In diesem Augenblicke wurde es mir recht +deutlich, daß Nina gar nichts anderes war als +eine große faule schöne Katze. Ich beugte mich +spöttisch vor bis auf die Tischplatte und sagte +von unten zu ihr aufblickend: +</p> + +<p> +„Wir haben gearbeitet, – und Sie, was +haben Sie getan?“ +</p> + +<p> +„Ich habe geschlafen.“ +</p> + +<p> +„Ah, Sie haben geschlafen ...“ +</p> + +<p> +„Jawohl; ich bin nämlich kein Troubadour, +der wie ein Hase mit offenen Augen nachts im +Felde schläft.“ +</p> + +<p> +Hier betrat Frau Seyderhelm die Veranda. +Sie begrüßte mich sehr herzlich, schalt auf +das freundlichste, daß ich die Nacht draußen +zugebracht hatte, und sprach die Erwartung aus, +daß ich nun doch die Ferien auf Wiesenau +verleben würde. +</p> + +<p> +Man frühstückte. +</p> + +<p> +Es stellte sich im Lauf des Gesprächs +<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> +heraus, daß Frau Seyderhelm mir am Tag +nach der Gesellschaft einen Brief mit der Einladung +nach Wiesenau in die Wohnung geschickt +hatte, der nicht mehr in meine Hände gekommen +war. +</p> + +<p> +Nina begann mit einer Geschichte, die so +komisch war, daß wir alle fürchterlich lachen +mußten. Sie sprach lebhaft, mit vielen Gesten, +erzählte vorzüglich und ward durch ihren Erfolg +so angeregt, daß sich der Schnupfen zu verlieren +schien. +</p> + +<p> +Wolfgang machte seiner Mutter kopfschüttelnd +Vorwürfe, daß die Gänseleberpastete schon +seit einigen Tagen nicht mehr genügend auf Eis +liege. Dann wandte er sich zu mir und fragte mit +einer kindlich hohen, liebenswürdigen Stimme: +</p> + +<p> +„Ißt du Radieschen gern?“ +</p> + +<p> +Man hörte von Frau Seyderhelm, daß die +Gräfin Königsmarck heute morgen dagewesen +sei; man sprach dann sehr lange über die Gräfin +Königsmarck. Nina schien sie nicht zu lieben. +Wolfgang behauptete, diese Dame röche nach +wilden Tieren. +</p> + +<p> +„Wolfgang, so spricht man nicht von einer +Dame!“ sagte Frau Seyderhelm. +</p> + +<p> +<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> +Nina jubelte und begann ohne den mindesten +Zusammenhang eine Schilderung zu entwerfen, +wie sie auf der Treppe meinen Ranzen +gefunden und aufgemacht habe. +</p> + +<p> +„Stellen Sie sich vor, Frau Seyderhelm: +er reist mit einem zerrissenen Hemde, einer +Zahnbürste, zwei alten Brötchen und dem +Werther; den Werther hat er in seine Socken +gepackt!“ +</p> + +<p> +Man lachte sehr. Mich erfaßte mit einem +Mal der unbezähmbare Drang, Ninas Hand, +die elfenbeinerne mit den spitzen Nägeln und +der kühlen Haut, zu küssen. Ich bückte mich +nach einer Serviette und berührte wie zufällig +Ninas Finger mit meinen Lippen. Nina ließ +es ruhig geschehen; sie tat, als habe sie nichts +gespürt. +</p> + +<p> +„Es war übrigens gar nicht der Werther,“ +sagte ich, als ich wieder aufrecht saß. „Es +war die Versuchung des Pescara.“ +</p> + +<p> +Ich bediente mich mit einer kalten Reisspeise +und war von meinem Abenteuer so aufgeregt, +daß ich kaum schlucken konnte. +</p> + +<p> +„Oh, die Versuchung des Pescara,“ sagte +Frau Seyderhelm. Und sie fing an, sich des +<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> +längeren über „Huttens letzte Tage“ auszulassen. +</p> + +<p> +Wolfgang zog ein gelangweiltes Gesicht +und schlug Nina für den Nachmittag eine +Tennispartie vor. Sobald er mit Nina sprach, +war seine Stimme zart und fast unterwürfig. +</p> + +<p> +Frau Seyderhelm hob die Tafel auf. +</p> + +<p> +„Schreiben Sie mir später den Namen +Ihrer Wirtin auf, lieber Walter,“ sagte sie. +„Man soll uns Ihre Sachen nachschicken.“ +</p> + +<p> +Ich küßte Frau Seyderhelm die Hand und +verbeugte mich vor Nina. +</p> + +<p> +„Spielen Sie Tennis?“ fragte Nina. +</p> + +<p> +„Ja, ein wenig.“ +</p> + +<p> +Sie fuhr mit ihrer Zunge zwischen den +Lippen einher. +</p> + +<p> +„Du reitest heute nicht mehr, Wolfgang?“ +</p> + +<p> +„Nein; es ist zu heiß.“ +</p> + +<p> +Ich spürte plötzlich den Duft von Ninas +Körper. Ich sah ihren weißen Hals und erbebte. +</p> + +<p> +Nina lächelte. +</p> + +<p> +„Addio, meine Herren. Ich gehe in den +Wald.“ +</p> + +<p> +„Addio.“ +</p> + +<p> +Wolfgang zog sich in die kühlen Räume zurück. +</p> + +<p> +<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> +Ich blieb auf der Veranda und sah in +den Park. Nina ging langsam die kiesbedeckte +Allee entlang, blieb zuweilen stehen, betrachtete +mütterlich ein Blättchen, das sie mit +der kühlen Hand liebkoste, pflückte eine Rose +vom Blumenbeet und befestigte sie an ihrer +jugendlichen Brust. Darauf verlor sie sich – +unvergleichlich ebenmäßig ausschreitend – im +mittäglichen Gehölz. +</p> + +<p> +Die Gutsglocke schlug ein Uhr. Malatesta, +der Hofhund, dehnte sich schläfrig, beroch mißtrauisch +seine Pfote und legte sich auf den +Rasen. Der Diener räumte den Frühstückstisch +ab. +</p> + +<p class="tb"> +* +</p> + +<p class="noindent"> +Am Nachmittag lag ich irgendwo im Wald +auf dem Rücken und träumte in den blauen +Himmel hinein. Manchmal streichelte ich den +schönen Malatesta, der mich begleitet hatte. Es +war sehr heiß. Der Hund hob zeitweise den +Kopf, stieß, von Wärme bedrückt, den Atem +aus der Kehle, ließ die Zunge hängen und +hatte feurige Augen. Mich plagten die summenden +und stechenden Mücken. Ich begann +unruhig und gestört zu schlafen. Böse Träume +<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> +von großer Leidenschaft und überquellender +Sehnsucht verfolgten mich. Ich sah, wie Nina +zu mir, dem Schlafenden, trat, ihr mokantes +Lächeln lächelte und mit einem Male mütterlich, +mit drängenden Händen und junger weißer +Brust sich neigte. +</p> + +<p> +Der nahe Gong, der zum Tee rief, weckte +mich auf. Die Sonne war tiefer herabgesunken; +unter ihren schrägen Strahlen beruhigte sich die +Welt und wurde kühl. Ein Wind ging durch die +Bäume, der in den Blättern flüsterte und +schluchzte. Der Hund war fortgelaufen. Ich +fühlte, daß alles nutzlos sei und ich ewig einsam +bleiben müsse. +</p> + +<p class="tb"> +* +</p> + +<p class="noindent"> +Gegen Abend spielten wir Tennis. +</p> + +<p> +Nina war biegsam, schmal in den Fesseln +und schnellfüßig. Ihre Hand war sicher, der +Schlag ihres Rackets ruhig. +</p> + +<p> +Wolfgang, ihr Partner, war weißgekleidet, +hatte den rechten Ärmel seines Hemdes aufgeschlagen +und zeigte einen braungebrannten, +schmalen und kräftigen Arm. +</p> + +<p> +Ich gab streng auf das Spiel acht und +hatte den brennenden Ehrgeiz, mich gut zu +<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> +halten. Ich verlor das erste Match, trat beim +Wechseln an das Netz, beglückwünschte Nina +und küßte ihre Hand. Wolfgang sah mich ein +wenig befremdet an. Nina lächelte, war unendlich +liebenswürdig, legte einmal beim Gespräch +ihre Hand auf meinen Arm und nannte +mich Walter. Ich war rasend vor Glück, +machte ein hochmütiges Gesicht und verdoppelte +meine Anstrengungen. +</p> + +<p> +Mir war, als ständen Nina und Wolfgang +in abendrotem Dunst und rosafarbenem Nebel. +Jedermann von uns spielte mit streng geschlossenen +Lippen. Nichts unterbrach das Schweigen +als nur das Aufschlagen des Balles, das +Summen des festgespannten Rackets und zeitweis +ein kleiner Ausruf der Überraschung oder +des Ärgers. Niemand zählte laut, denn jeder +von uns wußte, wie wir standen. Frau Seyderhelm +trat ans Gitter; wir grüßten flüchtig und +spielten weiter. Frau Seyderhelm sprach mit +einem Gärtner, deutete einmal mit der Hand +auf ein Blumenbeet und wandte sich über unsern +Eifer lächelnd zum Gehen. Ich wurde +gewahr, daß sich mein Spiel von Minute zu +Minute verbesserte. Im letzten entscheidenden +<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> +Set gewann ich alle sechs Spiele und war somit +Sieger im Match. Nina sagte uff und +fächelte sich mit ihrem Tuch kühle Luft ins +Antlitz. Als wir uns die Hände schüttelten, +sah sie mich wie zum erstenmal an. In ihren +Augen leuchtete mir etwas Verlockendes und +Gefährliches entgegen. +</p> + +<p> +„Sie spielen gut,“ sagte Nina. „Reiten Sie?“ +</p> + +<p> +„Gewiß.“ +</p> + +<p> +„Wolfgang, wir werden morgen früh reiten.“ +</p> + +<p> +„O Nina, rede keinen Unsinn, das hast +du schon zehnmal gesagt. Du stehst ja doch +nicht um sieben Uhr auf.“ +</p> + +<p> +„Doch, ich werde ganz bestimmt um sieben +Uhr aufstehen.“ +</p> + +<p> +Sie sah mich wieder mit ihren lockenden +Augen an, wobei sie die Lider ein wenig zusammenzog. +Mir war, als liebkosten mich die +goldfarbenen seidenen Wimpern. +</p> + +<p> +„Was wird Herr Regnitz für ein Pferd +reiten?“ +</p> + +<p> +O weh, sie sagte wieder Herr Regnitz! +</p> + +<p> +„Willst du einen ruhigen Gaul, Walter?“ +</p> + +<p> +„Nein, im Gegenteil.“ +</p> + +<p> +„Gut, du sollst die Moissi haben. Eine +<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> +Rappstute, weißt du. Du bekommst den neuen +Sattel, den mir Mama geschenkt hat.“ +</p> + +<p> +„Hören Sie zu, Walter, das ist eine unerhörte +Gnade.“ +</p> + +<p> +O – sie sagte wieder Walter! +</p> + +<p> +Ich spürte in diesem Augenblick den einzigartigen +Duft von Ninas mädchenhaftem Körper. +Ich sog ihn wissend und gekräftigt ein. +</p> + +<p> +Der Teufel wird mir an diesem Abend +wenig anhaben können. Ich habe mein Match +gewonnen und morgen reite ich Moissi. +</p> + +<p class="tb"> +* +</p> + +<p class="noindent"> +Die Damen zogen sich bald nach dem Abendessen +zurück. +</p> + +<p> +Wolfgang und ich, wir saßen noch eine +Weile auf der Terrasse, fühlten eine angenehme +Ermüdung in unsern Gliedern und tranken +ein wenig <span class="antiqua">Black and White</span> mit sehr viel Sodawasser +gemischt. +</p> + +<p> +Wir sprachen nicht viel, sondern sahen zum +reichbesternten Himmel empor und beobachteten +die Sternschnuppen. Der Diener setzte einen +Eiskühler neben den Tisch und verschwand. +</p> + +<p> +„Nina reitet gut,“ sagte Wolfgang. „Ich +<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> +werde ihr mal morgen den ‚Sekt‘ geben. Da +kann sie was erleben.“ +</p> + +<p> +Und dann, nach einer Weile: +</p> + +<p> +„Mama hat im vergangenen Jahr viel +Sorge mit dem Stall gehabt. Weißt du, der +Rotz ... Na, jetzt ist es vorbei ...“ +</p> + +<p> +„So?“ +</p> + +<p> +„Ja, jetzt sind sie wieder alle gesund. Einer +ging ein. Na, meinetwegen, mir lag nichts +an ihm. Ein Wallach.“ +</p> + +<p> +Ein Knecht schritt mit einer Laterne durch +den Garten. Wir sahen dem unruhigen Licht +nach. +</p> + +<p> +„Komisch,“ sagte Wolfgang plötzlich, „wir +kennen uns erst seit sechs Tagen.“ +</p> + +<p> +„Ja.“ +</p> + +<p> +Eine Stille. +</p> + +<p> +„Du bist immer so hochmütig. Hast du was?“ +</p> + +<p> +„Nein. Garnichts.“ +</p> + +<p> +Eine Stille. +</p> + +<p> +„Du mußt in den Herbstferien herkommen +und hier mit uns jagen.“ +</p> + +<p> +„Danke. Ja.“ +</p> + +<p> +Mir stieg ein Gedanke auf. +</p> + +<p> +„Jagt Nina auch?“ +</p> + +<p> +<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> +„Ja, sie schießt sehr gut. Sie hat gar +keine Angst.“ +</p> + +<p> +„Wie schön.“ +</p> + +<p> +Ich sah ein Bild vor mir: Nina mit dem +unvergleichlichen Gang der Kosakenmädchen +durch den Wald schreitend, die Büchse in der +Hand, mit spähenden Augen und grausamen +Lippen. +</p> + +<p> +„Wie schön,“ wiederholte ich. +</p> + +<p> +Ein Stern glitt in mächtiger und graziöser +Bewegung durch den erleuchteten Raum. +</p> + +<p> +„Hast du dir etwas gewünscht?“ fragte +Wolfgang. +</p> + +<p> +„Ja.“ +</p> + +<p> +„Was denn?“ +</p> + +<p> +„Mehr Whisky.“ +</p> + +<p> +Wolfgang lachte und schenkte ein. +</p> + +<p> +„Na, Mama wird morgen Augen machen +über unsere Sauferei. Prost!“ +</p> + +<p> +„Prost!“ +</p> + +<p> +Wir schwiegen lange. +</p> + +<p> +„Man muß das Leben mit gesunden Händen +anfassen.“ +</p> + +<p> +Wolfgang sah mich unsicher an. Dann +sagte er verlegen: +</p> + +<p> +<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> +„Ja.“ +</p> + +<p> +Wir beobachteten zwei Fledermäuse. +</p> + +<p> +„Was denkst du über die Frauen?“ fragte ich. +</p> + +<p> +„Über welche Frauen?“ +</p> + +<p> +„Ich meine ... fändest du etwas dabei, +wenn Jungens wie wir ... ein Verhältnis +haben?“ +</p> + +<p> +„Nein ... ja, das heißt ... es kommt +darauf an!“ +</p> + +<p> +Wolfgang lachte ein wenig hilflos. +</p> + +<p> +Ich stand auf und bot ihm die Hand. +</p> + +<p> +„Wir sollten recht lange Zeit Freunde +bleiben,“ sagte ich sehr herzlich. +</p> + +<p> +Auch Wolfgang erhob sich. Er schüttelte +meine Hand kräftig, und es lag in dieser Bewegung +etwas eigentümlich Ritterliches. +</p> + +<p> +„Ja, das sollten wir wirklich,“ erwiderte er +in demselben Ton. +</p> + +<p> +„Gute Nacht, Wolfgang.“ +</p> + +<p> +„Gute Nacht, Walter, – und danke für +alles.“ +</p> + +<p> +Ich ging in mein Zimmer. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-11"> +<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> +11 +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">ir</span> reiten zu dritt im abgekürzten +Galopp – von Hans Kietschmann +gefolgt – über eine jüngst gemähte +Wiese, deren Heu naß und +ohne Duft ist. Wir reiten Schulter an Schulter +und achten streng darauf, daß die Linie eingehalten +wird. Jeder von uns beschäftigt sich +schweigend mit seinem Pferde, beobachtet den +gebogenen Tierhals und übt auf jeden Druck +den Gegendruck der Schenkel aus. +</p> + +<p> +Manchmal sehe ich zu Nina hin. Das +feurige Haar lodert wie eine Flamme, wie ein +Triumph unter dem schwarzen Hut hervor; die +weißen Kinderzähne beißen auf die feuchte +Unterlippe, die unbedeckten Hände erfassen die +Zügel des unruhigen Pferdes mit freudiger +Kraft. Unausgesetzt richtet Nina die verliebten +Blicke auf den Kopf des Pferdes, das in großzügiger +Bewegung galoppiert. Ich sehe mit +Vergnügen, daß der schlanke Körper mit den +säulenstarken hohen Beinen und der jugendlichen +weichen Brust sich entzückt der Bewegung des +schnaubenden und wiehernden Tieres hingibt +und niemals die Verbindung mit ihm verliert. +</p> + +<p> +<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> +Es geschieht einige Male, daß Sekt sich +nahe an meine Stute drängt und Ninas Fuß +den meinen berührt. +</p> + +<p> +Hatte ich nicht die ganze Nacht von der einen +Minute geträumt, in der Nina ihren Fuß auf +meine Hand setzen würde, um das Pferd zu +besteigen? Und war ich nicht, als sie es wirklich +getan, verwirrt und mit pochendem Herzen davongestürzt? +</p> + +<p> +Sekts Gangart wird von Augenblick zu +Augenblicke länger. Der Schimmel und seine +Herrin freuen sich des wie unbegrenzten Raumes, +der morgendlichen Luft und der würzigen Gerüche +des Feldes. +</p> + +<p> +Ich sehe unsicher zu Wolfgang hin, der +immerfort mit tiefer Stimme auf den Schimmel +einspricht: +</p> + +<p> +„Ruhe! – Sekt! – Ruhe! – Ohlala – +Ohlala!“ +</p> + +<p> +Meine Moissi geht leichtfüßig mit. Wolfgangs +nicht so belebtem Fuchs wird es schwer, +die Linie einzuhalten. +</p> + +<p> +„Ruhe, Fräulein Nina!“ sage auch ich jetzt. +„Bitte abgekürzter Galopp!“ +</p> + +<p> +Aber Nina hört nichts. Sie sieht verzückt, +<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> +mit nassem, erregtem Munde und blinkenden +Augen auf den Schimmel und beißt mit den +weißen Zähnen auf die Lippe. +</p> + +<p> +„Gib auf die Sporen acht!“ +</p> + +<p> +In diesem Augenblick tut Sekt, den irgend +etwas erschreckt hat, einen kleinen Sprung, +Nina kommt mit den Sporen an die Weichen, +der Schimmel wirft den Kopf mit einer schmerzlichen +Gebärde in die Höhe und geht durch. +</p> + +<p> +Moissi folgt sofort. Wolfgang und Hans +Kietschmann bleiben zurück. +</p> + +<p class="tb"> +* +</p> + +<p class="noindent"> +„So, Fräulein Nina ... jetzt Ruhe, +nur Ruhe!“ +</p> + +<p> +Die Pferde rasen über das Feld. Die +Morgensonne erhebt sich gelbstrahlend über +einem Hügel und blendet uns. +</p> + +<p> +„Rechte Kandare ziehen! ... Sekt, Ruhe!“ +</p> + +<p> +Nina richtet das Tier mit allen Kräften +nach rechts. +</p> + +<p> +Wenn ihr nur nichts geschieht! ... Nein, +sie ist ruhig. Es geschieht ihr nichts. +</p> + +<p> +„Mehr rechts, immer mehr rechts! ... Fort +vom Stall! ...“ +</p> + +<p> +Sieh da, sie ist zufrieden, sie ist hingegeben +<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> +dieser einzigartigen Geschwindigkeit, dieser goldenen +Flucht durch den Morgendunst. +</p> + +<p> +„Noch mehr rechts! ... Bravo, Fräulein +Nina! Noch mehr!“ +</p> + +<p> +Wir beschreiben mit unserem Ritt eine Kurve. +</p> + +<p> +„Reitpeitsche fortwerfen!“ +</p> + +<p> +Nina läßt die Peitsche fallen. +</p> + +<p> +Ich bekomme über meine Stute Gewalt, +meine Knie und Schenkel sind unausgesetzt an +den Sattel gepreßt. Ich drücke den Rappen +an Nina heran. +</p> + +<p> +„Noch einmal nach rechts ... sehr gut! ... +Noch einmal! ... Ah, er läßt nach ...“ +</p> + +<p> +Ich beuge mich vor und greife in Ninas +Zügel. Der Schimmel erschrickt, bäumt sich, – +ich packe den Halfter und der Schimmel steht. +</p> + +<p> +Nina lacht, ein nervöses, schreiendes, jubelndes +Lachen. +</p> + +<p> +Ich steige von meinem Pferd, um Sekt liebkosend +zu beruhigen. Ein unerklärlicher Gram +erfaßt mich, ich spreche kein Wort, sehe Nina +nicht an und bebe vor Schmerz und Zorn ... +</p> + +<p> +Wolfgang erreichte uns endlich. Er lacht. +</p> + +<p> +„Bravo Nina! – Nichts geschehen?“ +</p> + +<p> +Nina schüttelt den Kopf. +</p> + +<p> +<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> +„Ein schöner Unsinn, dieses Biest da mit +Sporen reiten zu lassen!“ sage ich scharf +und böse. +</p> + +<p> +Wolfgang zieht ein beleidigtes Gesicht. +</p> + +<p> +„Nehmen Sie die Sporen ab!“ herrsche ich +Nina an, ohne hinaufzusehen. +</p> + +<p> +Wolfgang und Hans steigen von den Pferden. +</p> + +<p> +„O – Sie sind zornig, Walter!“ ruft Nina. +</p> + +<p> +Ich blicke auf. Ninas Augen lachen, aber +sie ist blaß, sehr blaß, und ihre Lippen zittern +nervös. +</p> + +<p> +„Nehmen Sie jetzt bitte die Sporen ab.“ +</p> + +<p> +Hans befreit Nina von den Sporen und +reitet zurück, um auf der Wiese die Reitpeitsche +zu suchen. Ich stecke die Sporen in meine +Tasche. +</p> + +<p> +Wir reiten im Schritt weiter und erreichen +ein belichtetes Gehölz. Unsere Tiere sind ermüdet +und zufrieden. Sie gehen in großen +Schritten durch den Wald und spähen an den +stolzen Fichtenstämmen stolz vorbei. Wir sind +schweigsam und schlecht gelaunt. +</p> + +<p> +Mit einem Male streckt Nina die Hand +nach mir hin. Da ich nicht in ihrer Nähe +bin, fingert sie ungeduldig in der Luft herum. +<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> +Ich nehme ihre Hand, beuge mich tief nach +unten und küsse sie lange. +</p> + +<p> +Wie ich mich emporrichte, sehe ich, daß +Nina mit lächelndem Antlitz und feuchten goldenen +Wimpern nach der andern Seite blickt. +Wolfgang ist blaß geworden und hält die Augen +gesenkt. Hans reitet irgendwo hinterher. +</p> + +<p> +Wir erreichen, ohne ein Wort zu sprechen, +nach einer Stunde den Gutshof. Die Pferde +sind naß und wollen ihr Futter. Ich grüße +Nina mit dem Hut und gehe ins Haus. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-12"> +<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> +12 +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">ir</span> fuhren am Abend mit einem +leichten Jagdwagen ins Gebirge. +Frau Seyderhelm war im Schloß +geblieben, da sie Besuch erwartete. +</p> + +<p> +Wir saßen auf der Terrasse eines vornehmen +und einsam am Fluß gelegenen Hotels. Vor +unseren Blicken zerflossen die kupferbraunen +Abhänge und goldenen Bergeshäupter, die ein +unaufhörlich gleitendes Licht belebte. +</p> + +<p> +Ich stand, noch ehe die Mahlzeit bereitet +war, im Stalle bei den Pferden und sorgte +dafür, daß sie ihr Futter bekamen. Mein Kopf +war benommen, und meine Augen brannten. +Den ganzen Tag in Ninas Kreise zu leben, +den Hauch ihrer Lippen zu spüren, im Wagen +ihren Knieen nahe zu sein und ihrem duftenden +Haar, zu sehen, wie der Wind das helle, sich +innig an den Körper schmiegende Sommerkleid +berührte, und mit verwirrten Sinnen zu ahnen, +vieles zu ahnen, – ah, das alles war nicht +ganz leicht zu ertragen. +</p> + +<p> +Ein Kellner meldete, das Essen sei angerichtet. +Ich stieg die steinerne Treppe der +Terrasse langsam hinauf. Die unaufhörlich +<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> +wechselnden Farben des Abends quälten mich; +ein drohendes Verhängnis war in dieser Bewegung, +eine Unruhe ohnegleichen, eine süße +und unsäglich schmerzliche Hast, eine Flucht +und ein Jammer ohne Trost ... +</p> + +<p> +Als ich oben angelangt war, sah ich, wie +Nina ihre Hand auf Wolfgangs Arm gelegt +hatte. Sie schien ihn etwas zu fragen. Er +beantwortete Ninas Frage, und sein Gesicht +bekam den überaus liebenswürdigen und ritterlichen +Zug, den ich an ihm liebte. Ein kindliches, +verhaltenes Schluchzen stieg in mir empor. +</p> + +<p> +Ich setzte mich an den Tisch, Nina und +Wolfgang sahen mich an. +</p> + +<p> +„Na Lieber? Wie gehts?“ fragte Wolfgang. +</p> + +<p> +„Danke, die Pferde fressen.“ +</p> + +<p> +Nina lachte und blickte fort. +</p> + +<p> +Ich wurde rot. +</p> + +<p> +Nina sprach in näselndem Ton von Trüffeln. +</p> + +<p> +„Sieh mal, Wolfgang, wie witzig, hier gibt +es gefüllte Trüffel. Raffiniert – nicht?“ +</p> + +<p> +„Nina, du redest wie ein Kavallerieoffizier,“ +sagte Wolfgang, wandte mir sein Gesicht schräg +zu und fragte in seinem kindlichen Ton: +</p> + +<p> +„Spricht sie nicht wie ein Gardekürassier?“ +</p> + +<p> +<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> +Wir aßen danach Forellen. Nina verstand +es gut, das zarte rosige Fleisch der Fische von +den Gräten loszulösen. Die weißen, nun der +Seele beraubten Tieraugen starrten ausdruckslos +zu uns herauf. Nur um die Mäuler lag +ein böser Zug, der von Todespein und letztem +Kampf erzählte. +</p> + +<p> +Um die Zeit der späten Dämmerung trat +ein Hirsch aus dem Wald des gegenüberliegenden +Berges hervor, äugte mit einer kühnen +Gebärde des Kopfes nach dem Hotel hin und +trank aus dem Fluß. +</p> + +<p> +Der Geruch von Bergwasser und nassem +Sand stieg zu uns empor. Allmählich entfaltete +der dunkelnde Himmel die Schönheit der +beginnenden Nacht vor unsern Augen. Die +stolzen Gestirne wurden sichtbar; vor ihrer urweltlichen +Starrheit wichen die wechselnden +Farben des Abends besiegt zurück. Das Gebirge +ward im funkelnden Schein groß und ehern. +</p> + +<p> +Wir standen nach beendetem Mahle auf +und gingen über die hölzerne Brücke des Flusses +dem andern Ufer zu. Die Nacht gab mir mitleidsvoll +von ihrer Kühle und besänftigte mich +wunderbar. Nina schien mir schöner denn je, +<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> +aber ihre Schönheit war meinen Sinnen und +meinem undeutlichen Verlangen entfernt. Sie +ging mit ihrem weißen Sommerkleid wie durchsichtig +durch die Nacht dahin. Auf ihren +Schultern lag ein bläuliches Orenburger Tuch. +Ihr Haar war unbedeckt und bewegte sich ein +wenig im Nachtwind. +</p> + +<p> +Ein leises, sehnsüchtiges Tönen rief uns in +den Wald. War es eine Flöte oder eines +Mundes Klage? Wir folgten neugierig der oft +entschwindenden und dann wieder genäherten +Musik. +</p> + +<p> +Vor einem Bretterverschlag, dem Sammelplatz +der Tiere, machten wir Halt. Wir sahen +die Gestalt eines Mannes zwischen sternhellen +Bäumen einhergehen, wir sahen ihn in seine +Schürze greifen und – einem Sämann gleich +– Eicheln und Kastanien mit einer weiten +Bewegung seines Armes über den Waldboden +streuen. Dazu pfiff er eine Melodie, eine +kleine, sentimentale, unbeholfene und doch unendlich +rührende, süße, zärtlich lockende Melodie. +Nach einer Weile schien es, als bewege +sich der Wald. Unhörbar, aber mit großzügigen +Bewegungen und bei jedem Schritt ein +<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> +wenig mit den Häuptern nickend, kamen wie +aus einem dunkel gewebten Teppich Hirsche +und Rehe aus der Nacht hervor, beugten sich +zu Boden und näherten sich langsam dem +lockenden Freund der Tiere. Allmählich entfernte +sich der Mann, umdrängt von seinen +zärtlichen Geschöpfen, ferner und ferner klang +die Musik seines Mundes und löste sich endlich +auf im Rauschen des Waldes. +</p> + +<p class="tb"> +* +</p> + +<p class="noindent"> +Wolfgang eilte voraus, um mit Hans die +Pferde anzuschirren. Es zeigten sich Wolken +am Himmel. +</p> + +<p> +Ich ging mit Nina langsam den jäh erleuchteten +Waldweg entlang. Nina hatte wieder +ihren Schnupfen und führte das kleine Tuch +oftmals an den Mund. +</p> + +<p> +„Walter.“ +</p> + +<p> +„Ja.“ +</p> + +<p> +„Wie alt sind Sie?“ +</p> + +<p> +„Siebenzehn Jahre.“ +</p> + +<p> +„Siebenzehn Jahre,“ wiederholte Nina. +</p> + +<p> +Eine Stille. +</p> + +<p> +„Walter.“ +</p> + +<p> +„Nina?“ +</p> + +<p> +<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> +„Sie werden morgen fortreisen, – nicht +wahr?“ +</p> + +<p> +Und da sie mein Gesicht sah, hob sie beschwörend +die bittenden Hände empor und +sagte in unvergleichlich rührendem Ton: +</p> + +<p> +„Walter, – Sie sind <em>siebenzehn</em> Jahre!“ +</p> + +<p> +Ich hatte wieder solche Angst. +</p> + +<p> +Ich werde mich töten, dachte ich. +</p> + +<p> +Eine lange Stille. +</p> + +<p> +„Sie werden reisen, Walter?“ +</p> + +<p> +„Ja.“ +</p> + +<p> +„Danke.“ +</p> + +<p> +Ich werde mich töten. Es wird noch diese +Nacht geschehen. +</p> + +<p class="tb"> +* +</p> + +<p class="noindent"> +Wir fuhren über Felder. Wolfgang kutschierte, +wobei er manchmal einige Worte mit +Hans wechselte. Ich saß mit Nina in der +Break. Nina sprach viel und war nervös. +</p> + +<p> +Es erhob sich ein Wind und trieb große, +von den Sternen erhellte Wolken über den +Himmel. In der Ferne leuchteten Blitze. +</p> + +<p> +Nina klagte über den Sturm, der ihr Kopfschmerzen +verursachte, und bat, man solle die +<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> +Verschläge herunterlassen. Der Wagen hielt, +die Pferde stampften ängstlich auf dem undeutlichen +Feldwege, und Hans spannte die leinenen +Gardinen auf. +</p> + +<p> +Wir waren nun von den andern durch +eine Wand getrennt und sahen die Welt einzig +durch die Öffnung über der Türe. Wir hörten +von irgendwoher kleine Bäche rauschen, den +Wind im Korn und in entfernten Wäldern +blasen, und aufgescheuchte Enten, die schreiend +nach irgend einem wohlgeborgenen Teiche zogen. +</p> + +<p> +„Sie frieren, Walter?“ +</p> + +<p> +„Nein. Danke.“ +</p> + +<p> +Nina hüllte sich fester in das weiche blaue +Gewebe ihres Tuches. +</p> + +<p> +Ein Blitz zuckte. +</p> + +<p> +„Haben Sie den Hasen gesehen, Walter?“ +</p> + +<p> +„Ja.“ +</p> + +<p> +Wir fuhren über eine Brücke. Das Holz +dröhnte. +</p> + +<p> +„Sie haben noch einen Vater, Walter?“ +</p> + +<p> +„Ja.“ +</p> + +<p> +„Wo ist er?“ +</p> + +<p> +„In Skandinavien.“ +</p> + +<p> +„Allein?“ +</p> + +<p> +<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> +„Anny Döring ist bei ihm.“ +</p> + +<p> +„Wie? – Die Soubrette?“ +</p> + +<p> +„Ja.“ +</p> + +<p> +„Ach –!“ +</p> + +<p> +Nina blickte mich verwundert und ängstlich +an. +</p> + +<p> +Wie liebte sie in diesem Augenblick meinen +Vater. O Nina, Nina! +</p> + +<p> +Ich sah lange Zeit hinaus und träumte. +Ich fühlte, daß mich Nina unausgesetzt betrachtete. +Später vergaß ich es. +</p> + +<p> +Eine Hand lag auf der Decke. Es war +Ninas Hand. +</p> + +<p> +„Darf ich sie küssen?“ fragte ich. +</p> + +<p> +Nina lachte mit einem hellen Ton. Es +klang, als fiele ein kleiner silberner Hammer +schnell auf Metall. +</p> + +<p> +Ich küßte die Hand und dachte dabei an +den Förster, der durch den Wald ging und +Eicheln über die Erde streute. Ich küßte keine +lebendige Haut, sondern Wildleder, dänisches +Wildleder. Ich küßte dieses Leder noch einige +Male und ließ die Hand dann fahren. Ich +empfand kein besonderes Vergnügen dabei und +wunderte mich. Wahrscheinlich träumte ich +<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> +dies alles nur, sonst wäre ich doch wohl anders +gewesen. Ich hätte vielleicht geschrieen ...? +</p> + +<p> +Es begann langsam zu regnen. Ich streckte +die Hand hinaus. Große warme Tropfen +fielen hernieder. +</p> + +<p> +„Wir werden morgen nicht Tennis spielen +können,“ sagte ich schläfrig. +</p> + +<p> +„Ja,“ erwiderte Nina verwundert. +</p> + +<p> +Ach so, ich reise ja morgen fort, dachte ich. +Wie ungeschickt! +</p> + +<p> +Ich träumte fort, sah Steine, Wolken und +Bäume vorbeieilen; oben sprach Wolfgang +irgend etwas, was ich nicht verstand, und der +Donner wurde stärker, immer stärker. +</p> + +<p> +Nein, ich werde morgen nicht fortreisen. +Ich werde mich heute Abend töten. +</p> + +<p> +Schafe standen zusammengedrängt und fürchteten +sich ... Sieh da, Schafe ... „Und es +waren Hirten in derselbigen Gegend auf dem +Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts +ihrer Herde. Und siehe, des Herrn Engel trat +zu ihnen, und die Klarheit des Herren leuchtete +um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und +der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht, +siehe, ich verkündige euch große Freude ...“ +<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> +wie schön, – siehe, ich verkünde euch große +Freude! Mir war mit einem Male, als sei +mein Körper durchströmt von gutem warmem +Blut. Es war ja alles gar nicht so schlimm! +Denn ich verkünde euch große Freude ... +</p> + +<p> +Da – was war das? Eine bebende Hand +griff nach meiner. Mein Traum zerriß – – +</p> + +<p> +„Nina!“ +</p> + +<p> +Ich schrie. +</p> + +<p> +„Sei still, um Gottes willen ...“ +</p> + +<p> +„Hallo, was gibt’s?“ fragte Wolfgang. +</p> + +<p> +„Nichts. Ninas Haar im Wind ...“ +</p> + +<p> +Ich riß Nina an mich, überflutete ihr +Antlitz mit Küssen, umarmte ihre Kniee und +biß in ihre Lippen und Hände ... +</p> + +<p> +„Laß ... Laß ... Du bist verrückt.“ +</p> + +<p> +Sie stöhnte. +</p> + +<p> +Ich flehte unverhüllt mit meinen fiebernden +Lippen auf ihren Lippen, auf ihren Händen, +ihrem Haar, ihren Augen und ihrer jungen, +jungen Brust ... +</p> + +<p> +O unerhörtes Glück des Aneinanderschmiegens, +der verschlungenen Finger, der wirren, +in die dunkle Luft hineingesprochenen Reden! +</p> + +<p> +Und dann dieses wunderbare, einzigartige +<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> +Ermatten, diese tränenreiche, gütige Müdigkeit, +... dieses bekümmerte Suchen der Hände, ... +und endlich diese Ruhe, diese tiefe, tiefe +Ruhe! ... +</p> + +<p> +Wie wir einst so glücklich waren! +</p> + +<p class="tb"> +* +</p> + +<p class="noindent"> +Um Mitternacht stürmten die gepeitschten +nassen Pferde mit rasselndem Wagen in den +Schloßhof. Frau Seyderhelm empfing uns in +der Türe. Sie war ein wenig müde, aber +freundlich und besorgt. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-13"> +<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> +13 +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> stellte mich an das Fenster meines Zimmers +und sah hinaus. Blitze spalteten +Eichen und Kiefern, und über Wälder +und weite Ebenen rollten ihre Donner. +Aus den Ställen brüllten und wieherten geängstigte +Tiere, und Malatesta saß mit glühenden +Augen in seiner Hütte vor meinem Fenster und +heulte. +</p> + +<p> +Auch dies ging vorbei. Ein stetig und kühl +strömender Regen spendete uns, den Fiebernden, +Genesung. Gerüche von niegeahnter Kraft erfüllten +die Luft, und die Tiere in den Ställen +begannen ihren Schlaf. Zwei Uhr schlug die +Glocke, aber der trübe Morgen war noch fern. +</p> + +<p> +Ich setzte mich an den Tisch. Ich wollte +etwas Unerhörtes schreiben, aber ach, – es +wurden nur diese einfachen Zeilen: +</p> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Ist es denn möglich, daß wir diese Nacht</p> + <p class="verse">In einem Wagen über Felder fuhren?</p> + <p class="verse">Hab’ ich geträumt? Ich sah doch einen Wald!</p> + <p class="verse">Eilten nicht Steine, Wolken, Bäume, Sterne</p> + <p class="verse">An uns vorbei, und hast du später nicht</p> + <p class="verse">– So hab’ ich <em>doch</em> geträumt, – und hast du nicht</p> + <p class="verse">Mir abgewandten Blicks die Hand gereicht?</p> + <p class="verse">... Und küßte ich sie nicht?</p> +<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> + <p class="verse">Ich habe nicht geträumt. Wir fuhren nachts</p> + <p class="verse">In einem Wagen über weite Felder,</p> + <p class="verse">Es eilten stille Wolken, Bäume, Sterne</p> + <p class="verse">An uns vorbei ... Du gabst mir deine Hand ...</p> + <p class="verse">... Ich küßte sie ... So hab’ ich <em>doch</em> geträumt?</p> + </div> + </div> +</div> + +<p class="noindent"> +Ich packte meinen Ranzen, nahm das Blatt, +stieg zu Ninas Zimmer hinauf, öffnete die erste +ihrer beiden Türen und legte mein Gedicht auf +ihre Diele. Dann schlich ich mich hinunter. +</p> + +<p> +Ich trat auf den Hof, streichelte Malatesta +und dachte: Frau Seyderhelm und Wolfgang +... ach, Frau Seyderhelm und Wolfgang! +</p> + +<p> +Ich wanderte die Straße hinab, bis sich im +Osten der bewölkte Tag ankündete. Auf einem +Hügel blieb ich stehen und sah die verlassene +bleiche Landschaft unter mir. Eine Starenkette +flog durch die gereinigte Luft des Morgenrots. +</p> + +<p> +Da schlug ich mit der Stirn auf einen +Baum und stürzte nieder. +</p> + +<p class="vspace"> + +</p> + +<div class="ads chapter"> +<p class="pub"> +Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München +</p> + +<p class="aut"> +Karl Borromäus Heinrich +</p> + +<p class="tit"> +Karl Asenkofer +</p> + +<p class="subt"> +Geschichte einer Jugend +</p> + +<p class="run"> +Zweites Tausend +</p> + +<p class="price"> +Geheftet 3 Mark 50 Pf., geb. 5 Mark +</p> + +<p> +<em>Süddeutsche Monatshefte, München</em>: Wenn +ich aber sagen sollte, welches erzählende Buch des letzten +Jahres den stärksten und nachhaltigsten Eindruck auf mich +gemacht hat, so müßte ich <em>Karl Asenkofer</em> von Karl +Borromäus <em>Heinrich</em> nennen. Das ist mehr als Litteratur: +jede Zeile ist erlebt, und was noch wichtiger, +jedes Erlebnis ist behutsam aufbewahrt! noch hängt der +ganze Flügelstaub an den leichten Schwingen. Ein Buch +von packender Ehrlichkeit, die nichts hinzu tut, und so +niemals den Eindruck des Beabsichtigten, Arrangierten +aufkommen läßt. Die letzten Gymnasial-, die ersten +Universitätsjahre sind kaum je so unmittelbar und überzeugend +wahrhaftig dargestellt worden. Als Heldin steht +von der ersten bis zur letzten Seite eine der ergreifendsten +Muttergestalten da. Dies Buch ist so ausgezeichnet, +daß man vor der Fortsetzung ganz Angst hat. Man +möchte den Verfasser inständig bitten, mit dem zweiten +Teile zu warten, bis er sich dem ersten an die Seite +stellen kann: ja nicht zu früh, ja nicht zu viel über seine +augenblicklichen Erlebnisse zu berichten, sondern in Gelassenheit +und Demut geduldig zu warten, bis zum ersten +meisterlichen Bande ein zweiter von selber in Stille und +Sturm reif geworden ist. An dem Tag aber wollen +wir uns mit ihm freuen, denn an dem Tag ist unsere +Litteratur um ein bleibendes Werk reicher: um ein solches, +das eine Generation weiter gibt an die andere. +</p> + +</div> + +<div class="ads chapter"> +<p class="pub"> +Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München +</p> + +<p class="aut"> +Korfiz Holm +</p> + +<p class="tit"> +Thomas Kerkhoven +</p> + +<p class="subt"> +Roman +</p> + +<p class="run"> +Vierte Auflage +</p> + +<p class="price"> +Flexibel geb. 5 Mark, steif geb. 6 Mark +</p> + +<p> +<span class="antiqua"><em>„The Times“, London:</em> „Thomas Kerkhoven“ +belongs almost to the rank of classics like „Tom Jones“ +or „David Copperfield“ or „Pendennis“.</span> +</p> + +<p> +<em>Rudolf Herzog</em> in den „<em>Neuesten Nachrichten</em>“, +<em>Berlin</em>: Sicher ist, daß dieses Werk den +besten Büchern beizuzählen ist, die in den letzten Jahren +erschienen sind. +</p> + +<p> +<em>Wilhelm Hegeler</em> im <em>„Litterarischen Echo“, +Berlin</em>: Auf jeder Seite ist das Buch voll sprühender +Lebendigkeit, von müheloser Anschaulichkeit, amüsant +und glänzend von Anfang bis zu Ende. +</p> + +<p> +„<em>Münchener Neueste Nachrichten</em>“: Es wird +seinen Weg machen; denn es ist wert, den besten Dichtungen +unserer Zeit an die Seite gestellt zu werden. +</p> + +<p> +„<em>Berner Bund</em>“: Ganz „verflixt gut geschrieben“ +ist es, mit einer geradezu bewunderungswürdigen Sicherheit +in der Technik. +</p> + +<p class="printer"> +<span class="line1">Druck von Hesse & Becker in Leipzig</span> +</p> + +</div> + +<div class="ads chapter"> +<div class="centerpic printer"> +<img src="images/printer.jpg" alt="" /></div> + +</div> + +<div class="trnote chapter"> +<p class="transnote"> +Anmerkungen zur Transkription +</p> + +<p> +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. +</p> + + +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Wie wir einst so glücklich waren!, by +Wilhelm Speyer + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WIE WIR EINST SO GLÜCKLICH WAREN! *** + +***** This file should be named 59186-h.htm or 59186-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/5/9/1/8/59186/ + +Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This file was +produced from images generously made available by The +Internet Archive. + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part +of this license, apply to copying and distributing Project +Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm +concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, +and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive +specific permission. If you do not charge anything for copies of this +eBook, complying with the rules is very easy. 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By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or +destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your +possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a +Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound +by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the +person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph +1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this +agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm +electronic works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the +Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection +of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual +works in the collection are in the public domain in the United +States. 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It +exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations +from people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future +generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see +Sections 3 and 4 and the Foundation information page at +www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by +U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the +mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its +volunteers and employees are scattered throughout numerous +locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt +Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to +date contact information can be found at the Foundation's web site and +official page at www.gutenberg.org/contact + +For additional contact information: + + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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