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-Project Gutenberg's Wie wir einst so glücklich waren!, by Wilhelm Speyer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Wie wir einst so glücklich waren!
-
-Author: Wilhelm Speyer
-
-Release Date: April 1, 2019 [EBook #59186]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WIE WIR EINST SO GLÜCKLICH WAREN! ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This file was
-produced from images generously made available by The
-Internet Archive.
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- Wie wir einst
- so glücklich waren!
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- Von Willy Speyer erschien bei Bruno
- Cassirer, Berlin 1907:
-
- Ödipus, Roman
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- Wie wir einst
- so glücklich waren!
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- Novelle
- von
- Willy Speyer
-
-
- Albert Langen
- Verlag für Litteratur und Kunst
- München
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- 1
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-
-Auf meinem Lande ist es Herbst geworden. Ungefähr um drei Uhr morgens
-beginnt ein kalter Regen nieder zu gehen, der erst um fünf Uhr
-nachmittags aufhört. Zur Vesperzeit kommt plötzlich und kampflos die
-Sonne hervor; ein leichtes Blau webt mit einem Male in den herbstlichen
-Bäumen, deren genäßte Blätter von der Sonne farbenreich durchleuchtet
-werden. Am Spätabend ziehen über die feuchte Erde Nebel dahin, die des
-Nachts die verblassenden, leise rauschenden Wälder umfangen. Auf diesen
-Nebeln ruht zuweilen Mond- und Sternenlicht; goldene und silberne Wolken
-fließen unaufhörlich durch das Dunkel dahin, bis es zu einem nassen und
-schleichenden Morgen tagt.
-
-Es ist seltsam zu sagen: Ich ziehe den Regen meinen anmutigen
-Herbstabenden vor. Während des ganzen Tages bleiben meine Fenster fest
-geschlossen, und ich finde ein Vergnügen darin, stundenlang im Zimmer
-auf und ab zu gehen, mit der Papierschere zu spielen, meine und meines
-Vaters Tagebücher zu lesen und immer wieder in hundertfachen Pausen dem
-Regen, dem grausamen, dem gänzlich hoffnungslosen zuzusehen. Keine
-Stimme redet zu mir aus dem strömenden Wasser, wie es bisweilen den
-Dichtern geschieht, und belustigt mich durch ihre Geschichten, --
-vielleicht durch kleine rührende Märchen, die meine Brust mit süßen
-Hoffnungen erfüllen könnten und dann ganz trostlos endigen, ... o nein,
-was mich unwiderstehlich zu dem erbarmungslosen Freunde dieser Tage
-hinzieht, ist nichts anderes als die nackte, von jeder Kunst entblößte
-Trauer und ihr schwermütiges Gefolge.
-
-Es gibt Tage, wo der Regen auch vor der Vesperstunde nicht Halt macht,
-sondern in die finstere Nacht hineinrauscht und nimmer ruhen mag. Dann
-kommt die Zeit meiner tiefsten Ängste, und es erfassen mich Gefühle, die
-ich längst vergessen wähnte: Meine vollkommene, durch keine Gunst des
-Schicksals je gestörte Vereinsamung, meine frevelhafte, durch keinen
-leuchtenden Gedanken je geweihte Eigenmächtigkeit und meine tödliche,
-tödliche Sehnsucht.
-
- * * * * *
-
-Es ist wahr, ich bin grenzenlos einsam. Daß ich dies erst jetzt fühle,
-bereitet mir eine gewisse Genugtuung, zumal wenn ich daran denke, daß es
-Menschen gibt, die Tag für Tag an ihrer Einsamkeit leiden.
-
-Aber nun, hier auf meinem Landsitz, ist es eingetreten, daß ich in den
-Regen schaue, eine ganze Weile, geruhig, mit einer leichten Traurigkeit
-im Herzen, und dann plötzlich der Gedanke mich zu Boden schmettert, daß
-es auf der ganzen Welt keine einzige Seele gibt, die mir am Tage oder in
-der dunklen Nacht je vertraut wäre.
-
-O, ich weiß, daß viele Menschen ebenso wie ich zu sprechen pflegen, --
-aber bedenken diese auch, daß sie noch von der Kindheit her eine alte,
-gebrechliche Haushälterin besitzen, die sie rührend eifrig bedient und
-mit mürrischer Zärtlichkeit an ihnen hängt, oder einen Hund, einen
-kranken vielleicht, der mit guten, getrübten Augen zu ihnen emporsieht?
-Aber ich, ich kann nicht einmal solche Geschöpfe, die Geschöpfe des
-unteren Daseins, mein Eigen nennen. Meine Haushälterin versieht ihren
-Dienst mit gleichgültiger Sorgfalt, und die Hunde des Gutes lieben
-meinen Inspektor, nicht mich.
-
-Ich habe freilich mit vielen Männern Handschlag und freundlichen Blick
-gewechselt, habe Umarmungen und Küsse mit manchen Frauen getauscht und
-bin in vieler Herren Dienst gestanden, -- was blieb mir von alledem? Das
-Herz des Söldners, seine ruchlose Einsamkeit und seine undeutliche
-Erinnerung. Denn meinem Geist sind alle Geschehnisse zerronnen, wie der
-Regen zerrinnt auf den Schieferdächern meiner Scheunen.
-
- * * * * *
-
-Ich stehe ein wenig abseits vom Sinn und Gefüge der Natur, das sei
-zugestanden, auch trage ich eine spöttische Unbekümmertheit um ihren
-Gang zur Schau. Ich befinde mich außerhalb der Kreise, die von der Natur
-um die Dinge dieser Welt, um Menschen, Tiere, Blumen, ja, um die starre
-Öde des Gesteins gezogen ward und -- ich will es nur aussprechen -- ich
-befinde mich dort nicht allzu wohl. Ich fühle mich ausgeschlossen von
-der mütterlichen Güte der Natur, die selbst dann meine tiefste Sehnsucht
-erweckt, wenn sie den andern nur grausam und sinnlos erscheint. Ich zöge
-es vor, als ihr niedrigster Knecht in Ketten zu schmachten, als, ach --
-so frei zu sein, wie ich bin ...
-
- * * * * *
-
-Ich gehe an meine Bibliothek und nehme die römischen Elegien heraus. In
-dem Kupferstich auf der ersten Seite finde ich die Worte: »Wie wir einst
-so glücklich waren.«
-
-Ich lese es und habe Tränen in meinen Augen.
-
- »Wie wir einst so glücklich waren,
- Müssen's nun durch Euch erfahren.«
-
-Es war auf einem deutschen Rittergut im Sommer, in einem Sommer voll
-gesegneter Tage; das Getreide stand hoch, vortreffliches Heu lag auf den
-Wiesen; der Himmel war am Morgen blau, mit einer glasigen Mondsichel
-über den Scheunen, und nachts leuchteten viel Sterne wie aus einem
-dunkeln, reichen und kostbaren Stoff. Ich liebte dort alle Menschen und
-ich betete mit einer jungglühenden Leidenschaft eine gewisse Dame an, --
-vielleicht war es ein Taugenichts von einer Dame. O, ich habe dies alles
-nie vergessen, ich entsinne mich sehr gut. Ich will diese Geschichte
-aufschreiben und sie dann einem Mädchen vorlesen, das irgendwo in der
-Welt lebt, einem schlanken Mädchen etwa von blondem Haar und weißen,
-milden Händen, und dieser Gedanke hat etwas unendlich Beruhigendes für
-mich. Ich erinnere mich dabei an gewisse Abendspaziergänge über die
-sanften Felder eines deutschen Rittergutes, an gewisse zärtliche und
-gütige Nächte und an die verworrenen Laute eines Fuhrmannes, der in der
-Dunkelheit den Hof erreichte und seine Pferde beim Schein der Laterne
-aus der Deichsel führte.
-
-
-
-
- 2
-
-
-Ich schauderte, als ich zum ersten Mal mit einem Wagen durch die Straßen
-dieser Stadt fuhr, in der ich die zwei letzten Jahre meiner Schulzeit
-verbringen sollte. Von den häßlichen, kalkig-weißen oder gelben
-Mietshäusern, die mit dem läppischen Stuck einer nur auf die
-Nützlichkeit gerichteten Baukunst verziert waren, wandte sich der
-gekränkte Blick zu modischen Villen, die mitten in Arbeitervierteln
-durch ihren Prunk aufgeblasen, durch ihre ärmliche Umgebung
-unschicklich, ja frech erscheinen mußten. Ein verachteter, oftmals
-bespöttelter Fluß, das Zerrbild eines Flusses, führte sein dünnes,
-unruhiges und stets getrübtes Wasser durch das Weichbild der Stadt. In
-den lichtlosen Gassen aber duckten sich zuweilen jahrhundertalte
-ängstliche Giebelhäuser, die einer seelenvollen und klaräugigen
-Vergangenheit entstammten.
-
-Der Knabe hatte seine erste Jugend auf einer Landschule zugebracht und
-war dort von erfahrenen Männern zusammen mit einer Schar unermüdlicher
-und redlicher Jungen erzogen worden. Nun stand er, einem begründeten
-Wunsche seines Vaters folgend, allein in dieser Stadt, ohne daß ihn
-irgend ein freundliches Gefühl an ihre Menschen gebunden hätte, dazu von
-einer auf dem Lande erlernten und geübten Sittlichkeit beschwert, die
-den Verkehr mit den leichtgesinnten Bewohnern der Städte verbot. So
-verschloß er sich nicht ohne einen gewissen Starrsinn den Freuden der
-Geselligkeit, gedachte mit Trauer der vergangenen Zeit und fand ein
-großes Gefallen daran, den alten Freunden in langen Briefen seine
-augenblickliche Lage mit den trostlosesten Worten zu schildern. Seine
-Stimmung ward durch den Umstand nicht verbessert, daß der Vater ihm
-Geldmittel von bedeutender Höhe zur Verfügung stellte, die weder dem
-Alter noch dem Verdienst des Sohnes ziemten.
-
-Er verachtete mit zusammengepreßten Lippen und immer strengen Zügen die
-Lehrer und Schulkameraden des Gymnasiums und sprach mit keinem von ihnen
-mehr, als die Stunde verlangte. Ihre unerzogenen Körper und die
-schlechte Artung ihrer Seelen erschreckten ihn auf das heftigste und
-stießen ihn ab. Er, nur er allein war edlen, bis zu den Sternen
-erhobenen Geistes und nur er besaß die Schönheit schnellbewegter
-Glieder. Wer von ihnen erfaßte mit so reger Seele die donnernden
-Strophen engländischer Königsdramen, die knabenhaften und verwegenen
-Reden eines jungen Prinzen vor der Versammlung von Lancasterschen
-Herzögen oder den aufrührerischen Hohn der französischen Herolde? Wer
-ward beseligt durch das tönende Gold der achäischen Panzer, durch den
-silbernen Hufschlag der streitenden, leichtberittenen Götter und durch
-das blaue, blaue Griechenland?
-
-Wie sehnte sich der bislang an Freiheit gewöhnte Knabe nach den
-Nachmittagen, die ihm durch keinen Zwang verfinstert waren! Ich denke
-besonders an gewisse regnerische Nachmittage des Herbstes. In einen
-trotzigen, der Kleidersitte widersprechenden Überwurf gehüllt, eine
-phantastische Mütze tief in das Gesicht gezogen, mit hohen schweren
-Stiefeln bekleidet, verließ er seine Wohnung und wanderte zum Stadttor
-hinaus. Bald gelangte er an den armseligen, im Regen blinden Fluß, an
-dessen Ufer er durch Weidengebüsch und dürftige Birkenwäldchen geradeaus
-schritt, um endlich die ersehnten Felder, die trüben, häßlichen und doch
-geliebten zu erreichen. Peitschte ihm der Sturm das Wasser in das
-emporgerichtete Antlitz, dann fühlte er, wie das heiß ersehnte und
-angebetete Leben seiner einsamen Brust günstig genähert war. Er warf die
-Kleider von sich, breitete den schützenden Mantel über sie und badete im
-kalten Fluß, während der Himmel seine frischen Regenstrahlen
-herniedersandte; vor Frost zitternd schwang er sich vielleicht auf einen
-Baum, um von dort in einer großartigeren als der gewöhnlichen Stellung
-Cassius in den verhängten Himmel zu heulen:
-
- Und so umgürtet, Casca, wie ich bin,
- Hab ich die Brust dem Donnerkeil entblößt,
-
-um endlich mit geschundenem Körper, blau und naß in die Kleider zu
-steigen und gedrückt, traurig und fast ein wenig weinerlich über die
-eigene Narrheit im dunkelnden Nachmittag seinem Hause zuzuwandeln. In
-seinem Zimmer fand er dann bereits die Dämmerung vor, die vom
-Laternenschein am Fenster in zerrissenen Stücken erhellt war. Während
-vom unteren Stockwerk eine musikstudierende junge Dame ihre
-gleichmäßigen und süßen Variationen und Fugen erklingen ließ, schickte
-er sich an, den Tee zu bereiten und die Pfeife in Gang zu bringen. Von
-wundervollen Gefühlen überschlichen ließ er sich in einen Sessel nieder,
-eine angenehme Wärme durchströmte seinen Körper und seine Augenlider
-wurden schwer von Träumen. Aber sein der Wirklichkeit ebenso
-leidenschaftlich wie der Phantasie zugetaner Sinn richtete ihn bald aus
-seinen Träumen empor. Er setzte sich an den Schreibtisch, schlug seine
-Schulbücher auf und arbeitete, ohne seinen Gedanken eine Ablenkung zu
-gestatten, ernst und streng bis zum Abend.
-
-
-
-
- 3
-
-
-Die letzte Unterrichtsstunde vor den großen Ferien war beendet.
-Plötzlich, ja scheinbar ganz ohne Zusammenhang begann man ungeheuer laut
-und angeregt zu reden, man lachte, sah einander in die Augen, schüttelte
-sich die Hände, und ein jeder wünschte dem andern in weitschallenden und
-überaus herzlichen Zurufen einen fröhlichen Sommer.
-
-Ich stand wie immer abseits. Mir ward bei all dieser Freude, die wie ein
-heller Strom an mir vorbeifloß, ein wenig bedenklich zumute.
-
-Ich nahm zerstreut meinen Strohhut vom Kleiderriegel und betrachtete mit
-Interesse meine Stiefelspitzen.
-
->Jawohl,< dachte ich, >ich kann mir gut heute Nachmittag ein Paar neue
-Schuhe kaufen. Morgen reise ich ja fort. Wohin eigentlich? In meine
-Heimat? Zu meinem Vater? Er kreuzt mit seiner Jacht auf den nordischen
-Gewässern in Begleitung der schönen Anny Döring, und er hatte in seinem
-letzten Brief die Einladung für mich wohl vergessen, ... eigentlich
-hatte er einen ausgezeichneten Brief geschrieben, einen höflichen,
-zurückhaltenden und etwas frivolen Brief, und beigefügt war eine
-Bankanweisung von erstaunlicher Höhe. Jawohl, so war mein Vater.
-Übrigens war er ein vortrefflicher Herr.<
-
-Ich schickte mich an, den leeren Schulkorridor zu verlassen, als ein
-blonder, vornehm gekleideter Knabe auf mich zutrat.
-
-Da er mein abweisendes Gesicht bemerkte, blieb er zögernd stehen und
-senkte die Augen. Darauf glitt ein Lächeln von großer Anmut über sein
-Antlitz, gleich als sei er über die eigene Schüchternheit belustigt.
-
-»Meine Mutter und ich, wir würden uns sehr freuen, ... das heißt, wenn
-du Lust hast ...«
-
-Eine Stille.
-
-»Ich verstehe nicht, -- wie?«
-
-Der Knabe schlug sich mit der flachen Hand auf den Schenkel und begann
-sehr herzlich und sehr laut zu lachen.
-
-»Zum Teufel, das war eine prachtvolle Einleitung!«
-
-Er legte ungezwungen und weltmännisch seine Hand auf meinen Arm.
-
-»Lieber Regnitz, man gibt heute nachmittag bei uns eine Gesellschaft. Es
-wird vermutlich ganz witzig werden ... Jungens und Mädchen ...
-Schokolade, Tanz und so ... Meine Mutter liebt das sehr, ... willst du
-uns das Vergnügen machen?«
-
-Ich sah den Jungen erstaunt an; er gefiel mir außerordentlich. Aber ich
-hatte es mir bislang in solchem Maße zur Pflicht gemacht, die
-Schulkameraden abweisend und hochmütig zu behandeln, daß ich auch jetzt
-nicht vermochte, mein gewöhnliches Betragen mit einem freundlicheren zu
-vertauschen.
-
-»Du bist sehr liebenswürdig ... Entschuldige mich, ich habe deinen Namen
-vergessen.«
-
-»Ich heiße Wolfgang Seyderhelm.«
-
-»Ich danke dir sehr für deine Einladung, Wolfgang Seyderhelm. Leider ist
-es mir nicht möglich, sie anzunehmen, da ich heute bereits eingeladen
-bin.«
-
-Wolfgang Seyderhelm wurde etwas rot.
-
-»Sehr schade,« sagte er.
-
-Er steckte eine Hand in die Hosentasche und wies mit der andern höflich
-auf die Schultreppe:
-
-»Wir haben denselben Weg.«
-
-Wir gingen die Stufen hinunter.
-
-»Dein Bruder war Militärattaché in Athen, nicht wahr?« fragte Wolfgang.
-»Meine Mutter glaubt, ihn dort kennen gelernt zu haben.«
-
-»Jawohl, er war Militärattaché in Athen.«
-
-Ich sah zur Seite.
-
-»Was ist's mit ihm?« fragte Seyderhelm, der mich beobachtete.
-
-»Er fiel in Südwest gegen die verdammten Schwarzen.«
-
-»Oh.«
-
-Vor dem Schulgebäude stand ein leichtgefügter eleganter Wagen mit zwei
-lebhaften Apfelschimmeln. Eine junge Dame saß darin; sie trug einen
-silbergrauen Schleier, der den weichen großen Hut an den Seiten
-niederbog und auf der Brust zu einem Knoten verschlungen war. Ihre
-schmalen Hände waren mit dänischem Leder bekleidet, und ihre von den
-Wimpern tief beschatteten Augen sahen etwas mokant zu Wolfgang hin.
-
-»Ah, der Wagen!« sagte Wolfgang Seyderhelm, der zögernd stehen blieb.
-
-»Ah, deine Schwester!« sagte ich beklommen.
-
-»Nein, nicht meine Schwester.«
-
-»Nicht deine Schwester?«
-
-»Eine junge Dame unserer Bekanntschaft. Adieu, Walter Regnitz.«
-
-Wolfgang Seyderhelm grüßte. Ich dankte nicht, sondern sah auf den Wagen.
-Der Kutscher legte die Hand an den Hut, Wolfgang sprach lächelnd einige
-Worte, warf seine Schulmappe auf den Bock und stieg ein. Die Schimmel
-zogen an und das Gefährt bog im Augenblicke um die Ecke ...
-
-Ich eilte in den heftigsten Gedanken nach Haus.
-
-
-
-
- 4
-
-
-An diesem Nachmittag ging ich nicht spazieren. Ich schritt unruhig in
-meinem Zimmer auf und ab. Ich hatte weder Lust zu arbeiten noch zu
-lesen. Immer wieder kam mir Wolfgang Seyderhelms Einladung in den Sinn.
-Und mit einem Male trat aus der Wirrnis widerstreitender Gefühle ein
-leuchtender Gedanke hervor: Die Sehnsucht nach Gesprächen, nach
-scherzhafter Rede und Gegenrede, nach Tanz und Schokolade und nach einer
-gewissen jungen Dame mit einem silbergrauen Schleier und mokanten, von
-den langen Wimpern tief beschatteten Augen.
-
-Ohne Zögern kleidete ich mich um, lief zum Schuldiener und ließ mir
-Wolfgang Seyderhelms Adresse sagen. Bald fand ich mich abseits der Stadt
-vor einer großen, mitten in einem Park gelegenen Villa. Ich schellte,
-ward vom Diener ohne Verwunderung empfangen, durcheilte einige
-hellerleuchtete Gemächer und stand endlich im Eßzimmer.
-
-Eine stattliche Anzahl von Knaben und Mädchen, unter ihnen einige
-Erwachsene, saßen an drei runden Tischen, vollführten den heitersten
-Lärm, und tranken mit großem Appetit Schokolade, wozu sie ungeheuer viel
-Kuchen aßen. Ich blieb befangen stehen und suchte Wolfgang Seyderhelm.
-Die Herrschaften verstummten allmählich, man begann mich zu bemerken. Da
-sah ich am Ende des letzten Tisches Wolfgang sich erheben, der mich
-verwundert anstarrte. Von einem andern Tisch her rief eine Dame:
-
-»Nun, Wolfgang, willst du nicht deinen Gast begrüßen?«
-
-Über Wolfgang Seyderhelms Gesicht glitt ein Zug von unendlicher
-Liebenswürdigkeit und fast frauenhafter Güte. Schnell kam er auf mich
-zu:
-
-»Wie lieb, daß du kommst!«
-
-Ich erwiderte kein Wort, drückte aber stürmisch und begeistert seine
-Hand. Er faßte mich am Arm und führte mich zu der Dame, die ihm vorhin
-zugerufen hatte. Glücklicherweise begann man an den Tischen sich wieder
-zu unterhalten.
-
-»Dies hier ist mein Schulkamerad Walter Regnitz.«
-
-Die Mutter, eine noch junge Frau von schlankem Wuchs, heiteren
-italienischen Augen und hoher reiner Stirne begrüßte mich lebhaft.
-
-»Es freut mich sehr, daß Sie gekommen sind. Wolfgang hat mir viel von
-Ihnen erzählt.«
-
-Wolfgang errötete.
-
-»Ich denke, Herr Regnitz, Sie setzen sich neben mich. Hier ist noch ein
-Stuhl frei.«
-
-Ich saß und fühlte meinen Sinn ein wenig umnebelt.
-
-»Sind Sie verwandt mit einem Herrn Regnitz, der vor zwei Jahren in Athen
-Attaché war?«
-
-»Das war mein Bruder, gnädige Frau.«
-
-»Nicht möglich! ... Ihr Bruder ...!«
-
-Und sie sprach von meinem Bruder, den sie in Athen vor zwei Jahren
-kennen gelernt hatte.
-
-»Eigentümlich, wie Sie sich Schokolade eingießen!« klang eine singende
-Stimme neben mir, während ich mich mit Frau Seyderhelm über meinen
-Bruder unterhielt, der in Athen vor zwei Jahren Attaché gewesen war. Ich
-wandte mich nicht um und konnte nicht erkennen, woher diese Stimme kam
-und ob sie mir galt. Ich sah viele Gesichter, darunter das von Wolfgang
-Seyderhelm, dessen Blick sich stets abwandte, sobald er den meinen traf.
-Ich empfand es sehr wohltuend, daß ich mich vorhin beim Eintreten nicht
-allzu ungeschickt benommen hatte und nun in ungezwungenem Tone mit
-Wolfgangs Mutter redete.
-
-»Wo ist Ihr Herr Bruder jetzt?«
-
-»Er ist im Kampf gegen die Neger gefallen.«
-
-»Oh wie traurig! Als Offizier?«
-
-»Jawohl, als Offizier.«
-
-»Eigentümlich, wie Sie sich Schokolade eingießen!« sang irgendwo eine
-Stimme.
-
-»Und Sie sind hier in unsere Stadt gekommen, um das Abiturium zu
-machen?«
-
-»Jawohl, ich war jahrelang auf dem Lande, nun will ich hier das
-Abiturium machen.«
-
-»Wolfgang erzählt, Sie seien sehr fleißig.«
-
-»Ich will mit der Schule schnell zu Ende kommen.«
-
-»So --?«
-
-Frau Seyderhelm wandte den Kopf nach einer anderen Richtung, da sie von
-dort gerufen wurde. Nun konnte auch ich mich umsehen.
-
-Neben mir saß eine junge Dame, die auf ihrem hellblauen Kleid
-Schokoladenflecke mit der Serviette abrieb. Diese junge Dame hatte
-golden schimmernde, von den Wimpern tiefbeschattete Augen,
-kastanienbraunes Haar, einen spöttisch verzogenen Mund und lange schmale
-Finger, die auf irgendeine Art an die Kälte des Winters erinnerten, an
-Elfenbein und an die Heiligtümer indischer Völker.
-
-
-
-
- 5
-
-
-Ich schwieg beklommen, seufzte tief auf und gewann endlich den Mut zu
-fragen: »Habe ich Ihr Kleid ...? Das heißt, bin ich daran schuld, daß
-Sie ...?«
-
-Die junge Dame antwortete nicht, sondern reinigte emsig mit einer
-kleinen Serviette, die sie in warmes Wasser getaucht hatte, ihr
-hellblaues Kleid.
-
-»Ich meinte nur ...« sagte ich ratlos.
-
-Da hob die junge Dame den Kopf in die Höhe, sah mir in die Augen, wobei
-sie sich ein wenig zur Seite neigte, und begann eine Tonreihe von
-silberhellem Klang zu lachen mit listigen, schmalen Augen, mit offenem
-Munde und vielen weißen Zähnen.
-
-»Nein, _zu_ dumm! Sie haben eine Art, sich Schokolade einzugießen! Sehen
-Sie, man macht es nicht so --«
-
-Sie nahm eine Porzellankanne und ließ den Strahl von solcher Höhe in die
-Tasse fallen, daß alles um sie herum erschrocken und lachend zurückwich.
-
-»-- sondern so.«
-
-Sie verkleinerte den Strahl und ließ ihn manierlich fließen.
-
-Ich ward einem Sturm des Gelächters preisgegeben. Ein geistlicher Herr,
-der an einem andern Tisch seinen Platz gefunden hatte, beugte sich mit
-fröhlichem Augenblinzeln zur Seite und begann so herzlich zu lachen, daß
-er sein Taschentuch hervorziehen mußte. Einige Backfische kicherten und
-flüsterten, ein paar Jungens brüllten. Ja, die junge Dame mir zur Seite
-schien ein Tausendsassa zu sein, die eine ganze Gesellschaft mit ihren
-Späßen zu erheitern vermochte.
-
-Ehe ich noch etwas erwidern konnte, wurden die Stühle mit großem Lärm
-gerückt und man erhob sich. Die junge Dame tat mit der Hand noch schnell
-eine sonderbare Geste, die ich mir nur so deuten konnte: »Ein dummer
-Junge, nicht wahr?« Darauf hatte sie plötzlich, als sie von ihrem Stuhl
-aufstand, ernste und unbewegliche Züge. Die strengen Linien ihrer
-goldfarbenen Augenbrauen und Wimpern, der kunstvolle geschlossene Aufbau
-ihres kastanienbraunen Haares beherrschten mit einem Male das Antlitz.
-Die herabhängenden Arme waren eng an das Kleid gehalten und die Hände
-lagen wie erstarrt in den Falten.
-
-Wolfgang Seyderhelm trat auf mich zu und bot mir sehr herzlich die Hand.
-Ich bemerkte, daß er enganliegende graue Hosen trug, Lackstiefel, ein
-Jackett, ähnlich wie es die englischen Midshipmen zu tragen pflegen, und
-einen umgebogenen Kragen, der seinen braunen Hals freiließ. Er schien
-stolz und glücklich zu sein und hatte das Aussehen und Betragen eines
-jungen Engländers und Weltmannes.
-
-»Hast du dich mit deiner Tischnachbarin unterhalten?« fragte er.
-
-»Du meinst, mit deiner Mutter?«
-
-»Nein, ich meine mit dieser jungen Dame dort.«
-
-Er zeigte in den Salon.
-
-»Kaum. -- Wie heißt sie?«
-
-»Nina.«
-
-Ich mußte plötzlich an die Schneeberge und Weintrauben Kaukasiens
-denken, an die reine Stirne und den unvergleichlichen Gang der
-Kosakenmädchen.
-
-»Was ist's mit ihr?« fragte ich.
-
-»Sie ist Schauspielerin am Stadttheater. Eine Protegé meiner Mutter.«
-
-»Wie alt?«
-
-»Achtzehn.«
-
-Ich sah, daß man im Speisezimmer die Stühle an die Wand schob und den
-Teppich aufrollte. Ich blickte zerstreut an den Gobelins hinauf, deren
-streitende Helden sich in übermenschlichen Triumphen und Schmerzen
-gegenüberstanden. Wolfgang sprach noch, aber ich verstand nicht, was er
-eigentlich sagte. So, so ... so ... sie hieß Nina, ... welch ein süßer
-Gleichklang in ihrem Namen, ... welch ein Duft von ihrem Haar, ... ich
-begann Kopfschmerzen zu bekommen, ... wie zärtlich Wolfgang zu ihr
-hinblickte ...
-
-»Du liebst sie ja!« sagte ich laut und wußte nicht, ob ich wirklich
-gesprochen hatte.
-
-Wolfgangs Antlitz sah plötzlich aus wie überströmt von Blut.
-
-»Was sagst du?«
-
-Frau Seyderhelm stand neben uns und unterhielt sich mit dem geistlichen
-Herrn. Frau Seyderhelm stand sehr gerade da, sprach achtungsvoll, mit
-verbindlich zur Seite geneigtem Haupt, gebrauchte sehr oft die Anrede:
-Herr Pastor und hatte zu gleicher Zeit ein etwas mitleidiges Lächeln um
-den Mund, da der geistliche Herr verlegen war und nicht ganz
-ungezwungene Bewegungen zeigte.
-
-»Und morgen gehen Sie auf ihr Rittergut, meine liebe gnädige Frau?«
-fragte der geistliche Herr.
-
-»Ja, stellen Sie sich vor, Herr Pastor, -- dieser Trubel! Alle Koffer
-sind schon gepackt ... es ist ja immer wie ein Umzug! ... Aber Wolfgang
-tut das Landleben so wohl ...!«
-
-Frau Seyderhelm strich mit der Hand über ihr schwarzes Haar.
-
-»Nina geht diesmal auch mit,« sagte sie, lächelte dem Pastor sehr
-liebenswürdig zu und schritt ins Nebenzimmer.
-
-»Wie schön von dir, daß du mich eingeladen hast,« sagte ich zu Wolfgang,
-wurde ganz heiß vor Begeisterung und ging weg.
-
-Eine Dame mit einem ungeheuren Hut betrat den Empfangsraum, ruderte
-durch die Luft auf Frau Seyderhelm zu, erfüllte das Gemach mit ihren
-Begrüßungen, ihren schnellen Handbewegungen, ihrer Rührung über die
-frohe Schar, legte die Arme auf Frau Seyderhelms Schultern, küßte ihr
-jede Wange und sagte oftmals: »Meine liebe Lina.« Sie wurde von den
-Jungen mit ehrfürchtigen und ungeschickten Verbeugungen gegrüßt, von
-Wolfgang empfing sie einen Handkuß und von zwei Mädchen, vermutlich
-ihren Töchtern, sehr rasche und oberflächliche Umarmungen.
-
-Ein junger Herr, ein Student, wie man annehmen durfte, ging quer durch
-den Raum, trug mit steifem Arm die Öffnung seines Zylinderhutes nach
-Außen in der mit braunem Glacé bekleideten Hand, erschreckte jedermann
-durch seine ruckartigen Verbeugungen, saß kurze Zeit darauf von einer
-lauten Gesellschaft umgeben an einem Tisch und versuchte sich in einem
-Kunststück mit zwei Gläsern, einer Teetasse und einem silbernen Löffel.
-
- * * * * *
-
-Eine Dame in einem schwarzen, bis an den Hals geschlossenen Kleide, die
-blaß und hübsch war und hungrige graue Augen hatte, wahrscheinlich die
-Gesellschaftsdame irgend eines der jungen Mädchen, ließ sich am Flügel
-nieder und begann einen Walzer zu spielen. Die Mädchen bekamen rote
-Köpfe und setzten sich ziemlich nervös auf die Stühle an der Wand. Die
-Knaben standen in den Türrahmen, ordneten ihre Krawatten, ihre
-Schuhbänder, ihre Frisuren und bemühten sich sorglos auszusehen.
-
-Irgendeiner von ihnen, ein kecker Bursche, der den Teufel nach Rotwerden
-und Schüchternsein fragte, forderte als erster eines der Mädchen auf.
-Andere folgten. Wolfgang trat von irgendwoher auf Nina zu, lächelte,
-ohne sich zu verbeugen, und zog sie mit sich fort. Die Jungen tanzten
-mit vielen Sprüngen und Witzen, schlugen die Beine nach hinten aus, so
-daß man ihre Stiefelsohlen zu sehen bekam, und hielten ihre Tänzerinnen
-mit steifen Armen, da sie die Berührung des Fleisches fürchteten. Die
-Mädchen bewegten sich ruhiger und hatten versonnene Augen und ein
-süßliches Lächeln auf den Lippen. Wolfgang und Nina sahen jugendlich und
-glücklich aus; sie schienen schon oft miteinander getanzt zu haben, und
-waren ihrer Bewegungen sicher. Nina neigte ihr Haupt ein wenig zu Boden,
-was ihrem schlanken, hochgestellten Körper etwas Verträumtes und
-zugleich Preziöses gab.
-
-Es war recht heiß. Ich fühlte mich elend und doch glücklich und trank
-sehr viel Limonade. Frau Seyderhelm stand mit einem Male vor mir, wie
-stets sehr gerade und beinah mädchenhaft schlank, die edlen Hände über
-der Gürtelschnalle gekreuzt, mit heiteren Augen und reiner Stirn. Sie
-nannte mich oftmals »mein lieber Herr Regnitz« und blickte, da ich
-verwirrte Antworten gab, mütterlich lächelnd über die froh sich
-bewegenden Kinder hin.
-
-Der Student tanzte jetzt mit Nina, nannte sie »mein gnädigstes Fräulein«
-und benahm sich in jeder Beziehung wie ein Student, der zu einer
-Backfischgesellschaft geladen ist und dort mit der einzigen erwachsenen
-jungen Dame tanzt. Sein Zylinder stand irgendwo in der Ecke auf einem
-Stuhl und schwankte grinsend hin und her.
-
-Der geistliche Herr erzählte der Dame mit dem großen Hut, daß Ihre
-Hoheit Prinzessin Clementine am vorigen Sonntag in der Kirche sehr blaß
-ausgesehen habe und augenscheinlich an Kopfschmerzen leide; welche
-Bemerkung seine Dame mit einem kurzen, nervösen Gähnen, einem verlegenen
-Hinunterschlucken und einem ehrfurchtsvollen »Gewiß, Herr Pastor«
-erwiderte.
-
-Irgendein Mädchen, ein braves Kind mit dickem lustigen Gesicht und roten
-Händen forderte mich auf, mit ihr zu tanzen; ich lehnte mit strenger
-Stirne und finsteren Blicken ab. Sie schüttelte den Kopf, lachte leis,
-so daß sich ihre Nase in viele Falten zog, sagte: »Nein, so etwas!« und
-verschwand mit einem andern, wobei sie den Hals ihres Tänzers mit den
-Armen umschloß und die guten dicken Finger auf seinem Nacken faltete.
-
-Wolfgang bat die Dame mit dem großen Hut und den exzentrischen
-Bewegungen um einen Tanz. Die Dame sträubte sich ein wenig, sprach sehr
-viel von ihrem Alter und vom Muttersein in die leere Luft und sagte
-endlich zu. Man klatschte im Takt zu ihrem Tanze und bereitete sich
-alsdann zur Quadrille vor.
-
-Ich begann mich mit irgend jemandem über unsere Lehrer zu unterhalten;
-ich war witzig, der Bengel lachte und verbeugte sich darauf vor mir.
-
-Wolfgang trat auf mich zu.
-
-»Du tanzt nicht?«
-
-»Nein. Danke.«
-
-»Nie?«
-
-»O doch.«
-
-»Magst du heute nicht?«
-
-»Nein. Danke.«
-
-Nina stand neben ihm.
-
-Sie sah mich neugierig an.
-
-»Sie tanzen nicht?«
-
-»Nein, heute nicht.«
-
-Ninas Augen waren stetig auf mich gerichtet. Ich betrachtete das
-kastanienbraune Haar und bemerkte, daß es im Schein der kristallenen
-Lustres leuchtete.
-
-»Sie werden jetzt mit mir Quadrille tanzen. Warum stehen Sie immer an
-der Wand? Das schickt sich doch nicht für einen jungen Herren von Ihren
-Qualitäten!«
-
-»Wollen Sie sich bitte nicht um mich bekümmern, wie?«
-
-Wolfgang bekam große Augen.
-
-»Aber Regnitz, bitte, was ist denn --?«
-
-Nina lachte herzlich, zeigte ihre weißen Zähne, legte die elfenbeinerne
-Hand auf Wolfgangs Arm und sagte:
-
-»Du, der ist aber grob!«
-
-Darauf wandte sie sich mir zu, machte ein hochmütiges Gesicht, senkte
-die Lider, so daß es aussah, als ob sie schliefe, und sagte in einem
-näselnden Ton:
-
-»Also bitte, -- wollen Sie jetzt meinen Arm nehmen?«
-
-Ich fühlte eine Schwäche in den Gliedern, während ich den rechten Arm
-bog.
-
-»O, das ist nett!« sagte Wolfgang mit seinem liebenswürdigen Lächeln.
-»Wir werden in einem Karree tanzen.«
-
-Wir gingen in den Saal.
-
-Der Student stürzte auf Nina zu.
-
-»Aber, gnädigstes Fräulein haben _mir_ ja ... das heißt, wenn Sie
-vorziehen ...«
-
-Er schwitzte und verbeugte sich. Ich bemerkte, daß er nach Mediziner im
-zweiten Semester roch.
-
-»Ach, Herr Doktor, ... ich hatte schon Herrn Regnitz vorher versprochen,
-die Quadrille mit ihm zu tanzen. Verzeihen Sie.«
-
-Wir gingen weiter. Der Student war von diesem Augenblick an in jeder
-Beziehung erledigt. Er war fertig, hingerichtet, gleichsam mausetot ...
-
-Die Dame am Klavier mit den hungrigen Augen spielte die Aufforderung zur
-Quadrille. Das Karree bildete sich. Ich steckte eine Hand in die
-Hosentasche und machte ein gleichgültiges Gesicht.
-
-»Entschuldigen Sie,« sagte ich.
-
-»Bitte?«
-
-Nina begann sich mit dem Geistlichen zu unterhalten, der plötzlich neben
-ihr stand. Sie schauspielerte Ehrfurcht und war sehr schüchtern. Ich
-wurde rot. Sie wandte sich um:
-
-»Was sagten Sie eben?«
-
-»Vielleicht hören Sie zu, wenn ich mit Ihnen spreche!«
-
-»Sie sind manierlos.«
-
-»Ich bat um Entschuldigung wegen vorhin.«
-
-»Sie können gleich um Entschuldigung bitten >wegen jetzt<.«
-
-Ich schwieg. Mein Gott, warum war ich nur so ungezogen! Ein weinerliches
-Etwas stieg in meine Nase empor.
-
-Wolfgang trat uns gegenüber und sprach mit seiner Cousine, einem
-schüchternen Mädchen von außergewöhnlicher Schönheit. Er winkte uns mit
-der Hand zu.
-
-Die Quadrille begann.
-
-Nina verbeugte sich tief vor ihrem Nachbarn, darauf vor mir. Ihre Lider
-bedeckten wiederum die Augen, die langen Wimpern berührten die roten und
-weißen Wangen, das feurige Haar warf seinen Duft zu mir, die
-elfenbeinernen Hände lagen wie unbeseelt in den Falten des blitzenden
-Kleides. Sie war im Augenblick, da sie sich neigte, ein Götterbild, das
-in Betrachtung zum Buddha versunken ist, eine indische Statue aus
-farbigem Stein ... Ich beugte mich noch tiefer, sah ihre blauen schmalen
-Schuhe und dachte: Süße Nina, süße Nina.
-
-Ich gab fleißig acht und tanzte gut. Ich tat keine überflüssige Geste
-und bewegte mich ruhig. Von Zeit zu Zeit sagte Nina:
-
-»_Visite à gauche!_« oder »Jetzt dort!« oder »Passen Sie auf, Sie können
-nur grob sein!« Aber sie schien zufrieden.
-
-»Es geht ja ganz gut,« bemerkte sie einmal.
-
-»Gewiß,« erwiderte ich stolz.
-
-Ich sah, daß Nina und Wolfgang sich beim _moulinet des dames_
-zulächelten, sobald sie sich trafen. Wolfgang sprach viel zu uns hin und
-unterhielt das ganze Karree. Er hatte das Aussehen eines vornehmen
-Pagen, der bei Hof die Schleppe der Königin hält.
-
-Mich überfluteten, sobald ich Nina die Hand reichen mußte, Ströme von
-Zärtlichkeit und Anbetung. Ich beobachtete, daß ihr Fuß beim Auftreten
-die Form nicht veränderte. Ich liebte sie, -- o mein Gott, _wie_ ich sie
-liebte! Ich begann zu fiebern und wurde von Angst ergriffen. Ich dachte
-daran, daß ich heute abend allein in meinem Zimmer sein würde. Irgend
-etwas müßte bis dahin geschehen, irgend etwas, das mich mit einem
-unerhörten Glück erfüllte, ein Blick von ihr, ein Wort, ein Kuß ...
-
-»Sie sind unaufmerksam. Passen Sie auf -- _vis-à-vis_!«
-
-Ich sah einem blonden Mädchen in die Augen, verbeugte mich und trat mit
-Nina zurück.
-
-»Was spielen Sie?«
-
-»Wie?«
-
-Wir wurden getrennt.
-
-»Ich meine, was Sie im Theater spielen?«
-
-Ich tanzte an drei jungen Mädchen vorbei, gab einer jeden die Hand und
-verbeugte mich wieder vor Nina.
-
-»Hebbels Clara.«
-
-»Ah ...«
-
-Ich kannte Hebbel.
-
-Ich verbeugte mich vor Wolfgangs Tänzerin.
-
-Dann stand ich wieder vor Nina.
-
-»Kennen Sie Maria Magdalena?« fragte Nina.
-
-»Ja.«
-
-Ich ging mit den drei Herren _en avant_ und verneigte mich vor Nina.
-
-»Sie sollten lieber Ihre Schulaufgaben machen.«
-
-Ich begann zu lachen, wie verrückt zu lachen, zog das Tuch hervor, bekam
-Tränen in die Augen, fand mich albern, mußte aus der Reihe treten und
-störte den ganzen Tanz. Nina hob die Lider, und es war, als ginge der
-Vorhang im Theater auf.
-
-»Was haben Sie?«
-
-Ich begann zu beben und zu frieren, meine Zähne schlugen aneinander, ich
-hatte das Gefühl, daß ich totenblaß sei.
-
-»Sie sind herrlich!« sagte ich.
-
-Ich wußte nicht mehr, was ich sprach. Ich hatte Fieber, nichts als
-Fieber, und Angst vor meinem einsamen Zimmer ...
-
-Die Reihen ordneten sich wieder, man lachte, ärgerte sich und tanzte
-weiter. Die letzten Takte spielte die Dame am Klavier in rasendem Tempo.
-Man fand sich nicht mehr zurecht, und alles verwirrte sich. Ich lief
-umher, fühlte Schauer in meinem Körper und hatte das Bedürfnis, etwas zu
-zerbrechen. Der Quadrillenwalzer ertönte, man schloß sich in die Arme.
-Ich verbeugte mich vor Nina, aber sie dankte.
-
-Ich führte sie aus dem Saal hinaus. Darauf ward es dunkel vor meinen
-Augen. Ich wurde schwindlig und hielt mich an einem Türpfosten. Mit
-einem Male war ein Bild vor mir: die Mittagssonne über einer
-teppichfarbenen Landschaft des mittleren Deutschlands, der Duft von Korn
-und gemähten Wiesen, und blaue Berge in der Ferne.
-
-Nina lachte, ein singendes, verstehendes, unendlich grausames und süßes
-Lachen:
-
-»Sie taumeln, Herr Regnitz! -- Ist Ihnen schlecht?«
-
-»Nina, ich liebe Sie.«
-
-Ich sah sie an, -- sie, dieses indische Götterbild mit den gesenkten,
-zur Betrachtung geneigten Augen, mit der unvergleichlich bleichen und
-edlen Stirne, mit den elfenbeinernen Händen und dem farbigen, wie von
-Edelstein und Gold blitzendem Gewande, sah diese Lippen aufeinander
-gepreßt, süß und streng, -- bereit, Worte zu sprechen, die den Gläubigen
-vernichten oder aufheben:
-
-»Sie sind verrückt.«
-
-Sie ging fort, mit elastischem stolzem Schritt, wandte plötzlich den
-Kopf um, zeigte mir ein entzückend frisches und amüsiertes
-Mädchengesicht, lachte, lachte eine Reihe makelloser Töne, zog eine
-kleine goldene Uhr aus dem Gürtel, ließ den Deckel aufspringen und
-sagte:
-
-»Es ist übrigens schnell gegangen. Sie sind um fünf Uhr gekommen; jetzt
-ist es vier Minuten vor sechs.«
-
-Aus der Ferne, aus einer Schar lärmender Menschen heraus hörte ich sie
-noch einmal lachen ...
-
-Wolfgang trat schnell auf mich zu.
-
-»Ist dir etwas? Du siehst nicht wohl aus. Willst du den Wagen haben?«
-
-Ich sah mich um und lächelte matt.
-
-»Lieber, welch ein Gefühl!«
-
-Ich gab ihm wie im Traum die Hand.
-
-Plötzlich ermannte ich mich, stürmte hinaus, ohne Gruß, ohne Blick, riß
-den Hut im Korridor vom Riegel und erreichte den Park. Ich lief wie
-gejagt durch die Straßen und hielt mich endlich an einem Gitter fest.
-Atemlos, die Brust erfüllt von einem qualvollen Glück, begann ich wie
-ein Kind zu schluchzen, wie ein kleines, ungezogenes Kind.
-
-
-
-
- 6
-
-
-Am nächsten Tage wachte ich um fünf Uhr morgens auf. Ich lief im Hemd
-ans Fenster. Die Straßen waren leer, aber auf den Dächern lag warmes
-Morgenlicht und in den Bäumen am Rande des Bürgersteiges zwitscherten
-die Spatzen.
-
-O mein Gott, welch ein Gedanke, ich hatte Ferien, ich hatte fünf Wochen
-Ferien!
-
-Ich eilte in das Badezimmer und öffnete dort die Brause. Da fiel mir
-mitten im kalten Wasser etwas ein ... Was war denn gestern geschehen?
-... War nicht gestern etwas Besonderes vorgefallen? ... Ich war auf
-einer Gesellschaft gewesen ... bei Wolfgang Seyderhelm, ... dort befand
-sich eine junge Dame ... mit goldfarbenen Augen und feurigem Haar ...
-eine Art Gottheit ... ein Backfisch ... Wie hieß doch gleich diese Dame?
-... Nun, wir wollen keine Komödie spielen, wir wissen sehr gut, wie
-diese Dame hieß ... Nina, ... jawohl, Nina hieß sie, ... und dann war
-ich aus der Gesellschaft weggelaufen ... und hatte mich blamiert, ... O
-weh! o weh!
-
-Verwirrt streckte ich die Arme nach dem Kelch der Brause aus, ließ mir
-das Wasser ins Gesicht laufen und rief beglückt in das Geplätscher
-hinein: Süße Nina, süße Nina.
-
-Ich sprang in das Badetuch und zog mich an. Ich sah das Sonnenlicht sich
-langsam über die Häuser senken. Hallo, war ich nicht jung? Meine Heimat,
--- ach, meine Heimat war überall da, wo es warme Landstraßen gab mit
-schönem weißem Staub, Kirschbäume, schwere Kornfelder. Nina, -- ach,
-Nina war irgend eine junge Dame, ein Spuk, ein Ding ohne Zusammenhang
-mit meinem Leben ...
-
-Ich nahm meinen Ranzen, stopfte Hemden, Strümpfe, die »Versuchung des
-Pescara«, Taschentücher, zwei alte Brötchen hinein und lief die Treppe
-hinunter.
-
-Noch waren die Straßen leer. Hier und da zeigte sich ein verschlafen
-aussehender Bäckergeselle mit listigem Gesicht, ein mürrischer Arbeiter
-auf dem Rad, ein von der Nachtkälte durchfrorener Polizist, sonst
-niemand. In den einsamen Gassen hörte ich nur den Klang meiner Schritte
-und meines Stockes.
-
-Bald hatte ich die letzten Häuser erreicht und sah meine Felder sich im
-Sommermorgenlicht ausbreiten.
-
-Ich ging mit leichtem Fuß und leichtem Herzen die Landstraße hinunter.
-Es kamen Bauernwagen, die zum Markte in die Stadt fuhren, und neben den
-Kutschern saßen eifrig bellende Hunde, es kamen ganz, ganz kleine
-Mädchen, die sich an der Hand hielten und mit putziger Eilfertigkeit in
-ihre Schule trabten; eine Bäuerin tauchte auf, trug einen Korb mit Eiern
-auf dem Kopf und sah wie eine Bäuerin aus dem Bilderbuche aus; darauf
-eine Horde Jungens, die alle ohne Ausnahme nackte Füße und geflickte
-Hosen hatten, und endlich auch ein Mann mit einer Kuh und einem
-Hündchen.
-
-Schon war ich im ersten Dorf. Dort war bereits jedermann auf den Beinen.
-Ein Fuhrmann kam mit der Peitsche in der Hand aus der Schenke, wischte
-sich den Bart und kletterte mit vielen unverständlichen Worten auf den
-Bock; ein schlanker Terrier lief bellend auf mich zu, -- als ich ihm ein
-Stück meines Brots zeigte, sprang er an mir hoch; ein Kind lachte
-irgendwo, und ich wanderte weiter.
-
-Die Sonne stieg. Mir zur Seite erschienen Dörfer mit Kirchtürmen und
-leuchtend weißen Grabsteinen und verschwanden hinter teppichweichen
-Hügeln.
-
-In einem schönen Kirchdorfe machte ich Halt. Ich ging zu einem Bäcker,
-der am Laden eine eiserne Brezel hatte, und kaufte mir Brot und Kuchen.
-
-»Wohin geht's, junger Herr?«
-
-»Nach Fürstenau und immer weiter.«
-
-»Und immer weiter -- das ist ein gutes Stück Wegs. Na, wenn man junge
-Beine hat!«
-
-Ich errötete, ich weiß nicht, warum, bezahlte, schüttelte ihm die Hand,
-sprang an den Brunnen, trank mit Begierde das kräftigschmeckende Wasser
-und marschierte weiter.
-
-Es wurde heiß. Ich schlief einige Stunden im Schatten eines Baumes und
-wanderte dann in den schönen Nachmittag hinein. Über das weite hügelige
-Land glitten zeitweis tiefe und schnelle Wolkenschatten. Ein ganz
-leichter Wind erhob sich und kühlte mich wunderbar. Mir war, als trügen
-mich die Lüfte des Nachmittags über abwechselnd beglänzte und
-beschattete Gefilde. Lag ich nicht auf einer weichen Wolke und trug mich
-diese Wolke nicht in entferntere und schönere Gebiete?
-
-Kurz nachdem die Sonne hinter einem Hügel entschwunden war und mit einem
-Mal die des Sonnenantlitzes beraubte Landschaft wie in einem ungeheueren
-Schrecken zu erbleichen, ja zu sterben schien, erblickte ich, der ich
-auf einem Berge stand, zu meinen Füßen eine Stadt. Ein alter Turm ragte
-in die starr-silberne Luft hinein, und seine Wächter schienen
-silbergraue Vögel, die mit bösem, hastigem Flügelschlage ihn umkreisten.
-Flache Hügel umgaben die Stadt, niedere Weinberge, die ein bescheidenes
-Landgetränk erzeugten; mitten unter den Reben lag der umgitterte
-Friedhof. Meinem Auge gegenüber wandte sich die Straße, die Stadt
-verlassend, nach Westen, lief an den hellen Bergen entlang und durch
-gläserne Wälder, stieg empor in den erblaßten Himmel und verlor sich in
-der offenen Landschaft, andere Städte mit neuen Türmen und späterem
-Lichte zu erreichen. Zwischen Kornfeldern und gleißenden Wiesen, die der
-zweiten Mahd harrten, sah ich Erntewagen der Stadt zustreben. Eine
-Glocke läutete, läutete unablässig, und es war, als sei diese Stadt,
-diese Höhenzüge, diese silberne Spätnachmittagsluft wie überschwemmt von
-schwellenden, sich auflösenden und wieder schwellenden Tönen.
-
-Ein alter Mann stieg keuchend die Höhe zu mir herauf. Er trug einen
-schwarzen, eng anliegenden Taillenrock und eine graue großkarrierte
-Hose, die weit über die bestaubten Schuhe fiel. Er schien dem steilen
-Weg gram zu sein.
-
-Ich lüftete den Hut.
-
-»Ist dies da Fürstenau?«
-
-Der alte Mann trocknete sich mit einem roten Tuch, einer Art Fahne, die
-Stirn.
-
-»In der Tat, Herr, wenn ich mich recht erinnere, so ist es ganz bestimmt
-Fürstenau.«
-
-Er lächelte böse und ging weiter.
-
->Welch eine sonderbare Art sich auszudrücken!< dachte ich. >Spricht man
-so in unserer Zeit? »In der Tat, Herr, wenn ich mich recht erinnere, so
-ist es ganz bestimmt Fürstenau.« So spricht man in einem
-Shakespeareschen Lustspiel!<
-
-Ich eilte den Berg hinab und empfand dabei die Freude eines Wanderers,
-der von der Höhe das Ziel seines Tages sieht.
-
-Als ich durch das Tor in die Stadt trat, war mit einem Mal der silberne
-Zauber wie zerbrochen, und Abendrot lag auf den Gassen. Hochbepackte
-Erntewagen, in der golden durchleuchteten Fülle leise schwankend, fuhren
-darüber hin und zeitweis bog einer von ihnen in den Hof ein. Auf den
-Pferden saßen hübsche, nacktfüßige Bauernjungen, die mit den Peitschen
-knallten, an den Häusern emporsahen und nachlässig zu den offenen
-Fenstern hinaufnickten, zu den Mädchen ...
-
->War es vor tausend Jahren hier anders?< dachte ich. >Ernte und
-Glockengeläut und Menschen? ... Die vor tausend Jahren waren, mich
-trennt nur ein weniges von ihnen, nur die Zeit ... Ach, was ist Zeit!
-... Ich will hier bleiben! ...<
-
- * * * * *
-
-Bald saß ich in einem Garten vor meinem Abendbrot und erfreute mich,
-sobald ich den Blick hinwegwandte, an den rosigen Bergen und den tiefer
-beleuchteten Gassen. Ein Mädchen mit braunen, zum Kranz geflochtenen
-Strähnen schenkte mir den Wein ins Glas und lächelte dazu mit frischem
-Munde ... Ein Gedanke kam mir ... fort damit ... Gespenster! ...
-
-Ich stand alsbald auf, bestellte mir eine Kammer für die Nacht und ging
-nachlässig, die Hände in den Hosentaschen, durch die Stadt. Ich wünschte
-jedem Mädchen einen guten Abend, und begann mit einigen von ihnen
-dadurch ein Gespräch, daß ich mich nach allerhand Dingen erkundigte, die
-mir völlig gleichgültig waren, -- wo der Schmied wohne, ob die Heuernte
-dieses Jahr gut gewesen sei. Ich war an diesem Abend ziemlich frech ...
-
-Bei Anbruch der Nacht kehrte ich in mein Gasthaus zurück. Als ich die
-Stiege hinaufschritt, die von einem Windlicht schwach erhellt war,
-begegnete ich dem Mädchen mit dem Lächeln um die frischen, feuchten
-Lippen. Ich gab ihr die Hand, bezahlte gleich, da ich früh am Morgen
-aufbrechen wollte, und ging in mein Zimmer. Ich setzte mich auf den Rand
-des Bettes und grübelte. Mit einem Male kam eine tiefe Traurigkeit über
-mich, ich wußte nicht, woher. Ich trat ans Fensters. Da rauschte unter
-mir der tiefe Mühlbach, und über mir spannte sich der Sommerhimmel voll
-von Sternen. Noch hörte ich zwei Männer irgendwo miteinander sprechen,
-noch hörte ich eine Tür im Haus und einen späten Wagen auf der Gasse,
-dann ward es still um mich.
-
-In dieser Stille breitete die Liebe ihre Flügel aus. Sie drückte mich an
-ihre Brust. Ich taumelte und fühlte einen Schmerz wie nie zuvor.
-
- * * * * *
-
-Ich weiß nicht recht, wie alles gewesen war. Ich weiß nur, daß ich
-plötzlich an Nina dachte, die ich den ganzen Tag vergessen hatte. Ich
-sah sie vor mir, sah ihr Haar, ihre Augen, ihren Gang, ihre Hände, sah
-sie tanzen, mit Wolfgang Seyderhelm tanzen, ... ich hatte Angst, ... das
-Zimmer war so eng und heiß, ... tödliche Angst ... Ich nahm Stock, Hut
-und Ranzen und stürzte hinaus in die dunkle Luft. Die Haustür war noch
-offen. Ein Hund knurrte leise, aber ich entlief ihm schnell. Ich rannte
-durch die Gassen, durch das Stadttor, die Straße entlang, dann einen
-Seitenweg, durch Gebüsch, einen Hügel hinauf, ... ich keuchte sehr, ...
-ich fiel zu Boden und blieb liegen.
-
-... Ich war müde und gehetzt, ich war so müde! Ich fühlte meine Jugend
-von mir gleiten und hatte qualvolle Träume. Ich weiß noch, daß ich
-einmal im Halbschlaf emporfuhr: da lag unter mir die Stadt und das
-dunkle Land, der Mühlbach leuchtete hier und dort im Mondlicht auf, ...
-um meinen Hügel ging ein leichter Wind, ... ich sank zurück ... in Traum
-und Schlummer. Aber schlummernd sah ich immer wieder das dunkle Land mit
-der Stadt, die silbernen Stücke des Baches, ... Sterne, viel Sterne ...
-und Nina ...
-
-
-
-
- 7
-
-
-Ich bin noch einige Tage so gewandert, aber ich wurde nicht mehr
-fröhlich. Ein Sonntag kam, ich sah die Bauern zur Kirche gehen, trat mit
-ihnen ein und hörte die Predigt, ich sah die Burschen und Mädchen
-hernach in ihren übermütigen Tänzen und empfand am Abend auf der Straße
-die feierliche Stille des scheidenden Sonntages. Aber das alles freute
-mich nicht. Der verworrene Geist war von der Liebesleidenschaft erfaßt
-und kannte nur noch Trauer, Eifersucht, Haß und Träumerei. Ich wollte
-nicht mehr an Nina und Wolfgang denken, ich wollte nie mehr an sie
-denken. Ich sagte mir Gedichte auf, hielt als ein Prinz vor der
-Versammlung von Fürsten eine verwegene Rede, dichtete eine Ode an den
-Kaiser, -- aber selbst das erhabene Gewand der Majestät verwandelte sich
-mir bald, ward ein blitzendes, hellblaues ... mit Schokoladenflecken ...
-
-Am vierten Abend meiner Wanderung zog ich mutloser denn je meine Straße
-entlang. Ich wollte an diesem Tage noch eine größere Stadt erreichen,
-dort einige Zeit verweilen, um dann dem nahen Gebirge zuzueilen. Aber
-irgend ein schöner Baum oder ein sehnsüchtig winkender Kirchturm hätte
-genügt, mich von meinem Wege abzulenken. Wer in der Welt fragte danach,
-ob ich einen Nachmittag unter schattigem Gesträuch verträumte und den
-»Pescara« las oder irgendwo auf staubbedecktem Wege schritt?
-
-Ich blieb vor einem Weiser stehen, der mir zur Seite in das offene Land
-hindeutete. Da war geschrieben: Nach Strelow 3 km, nach Wiesenau 4,5 km.
-Ich las die Worte gedankenlos. Irgend etwas lockte mich, von meiner
-Straße abzubiegen. Was aber war es? Strelow? Ich hatte diesen Namen nie
-gehört. Wiesenau? Ich hatte diesen Namen nie ... Wie? ... Eine
-Erinnerung ... Wiesenau ... Wiesenau ... da war schon wieder alles
-entwichen ... ich schüttelte den Kopf. Wohl zwanzigmal sprach ich nun
-das Wort Wiesenau aus, in der Hoffnung, die Erinnerung möchte mich noch
-einmal erleuchten. Doch jede Mühe war vergebens: es war ein totes Wort.
-
-Schon war ich in die neue Landschaft eingebogen. Es hatte wohl die
-Wochen vorher geregnet, denn überall standen kleine schwarze Teiche, aus
-denen einzelne Bäume, Fichten und Birken, hervortauchten. Endlos
-langgezogene violette Abendwolken spiegelten sich in diesen Teichen und
-gaben ihnen von ihrer Farbe. Soweit mein Blick reichte, sah ich nichts
-anderes als bunte, prächtige Wiesen mit großen Blumen und die schwarzen
-und violetten Teiche, aus denen einsame Bäume hervorwuchsen. Krähen
-flogen zuweilen schreiend darüber hin, um noch vor Nacht die fernen
-Wälder zu erreichen.
-
-Als ich durch Strelow kam, läutete die Glocke den Abend ein. Ich blickte
-durch ein Fenster; ein alter Bauer saß da, hatte die Brille auf der
-Nasenspitze und las in einer Zeitung. Eine Frau trug eine Bank in ihr
-Haus. Der Pfarrer ging durch den Ort und ward von allen gegrüßt; auch
-ich grüßte. Ein Trupp Jungens lief zu Gott weiß welchem Abendstreifzug
-...
-
-In einigen Zimmern brannte ein Licht. Sollte ich hier rasten? Es begann
-zu dunkeln. Draußen konnte ich nicht gut schlafen, der Boden schien
-feucht, auch war es ein wenig kühl. Aber die Lichter in den Häusern
-machten mich traurig, und ich fühlte, daß mich im Zimmer wieder meine
-Angst ergreifen würde.
-
-Ich eilte zum Dorf hinaus. Allein bei den letzten Häusern blieb ich
-beklommen stehen: über die Landschaft hatte sich die Dämmerung gesenkt
-und mit tiefem, dunklem Blau die gespenstischen Bäume, das
-Weidengesträuch an den blinkenden Teichen und die Getreidefelder
-umhüllt; von oben leuchteten durch blaues Licht einige Sterne; nichts
-unterbrach die Stille als das trostlose Quaken der Frösche und das
-Flüstern des Kornes, wenn der Wind darin rauschte.
-
-Ich ging durch die Dämmerung und fühlte mich liebevoll von der Straße
-fortgelockt, umsponnen mit einem blauen Netz. Ein Traum von großer
-Innigkeit berührte mich, mir war, als sei er alt und von jedermann zu
-irgendeiner Zeit geträumt. Um meine Augen legte sich ein Flor, meine
-Füße strauchelten oft ...
-
->Könnt' ich doch viele Stunden dieses blaue Licht durchschreiten! Wenn
-nur die Füße nicht ermüden wollten ...!<
-
-Aber ach, schon winkten ja am Wegesrand nächtliche Kastanien zu
-Schlummer und Traum! ... Ein Park begann, umgittert, ... eine Allee ...
-Und hier, -- waren hier nicht bronzene Löwen, die in dreifach geteilte
-Becken silbernes Wasser spieen? War es nicht einschläfernd und süß?
-
-Wie, stand dort nicht ein Haus vor mir, ein Schloß, mit einer
-erleuchteten Altane und bläulich schimmernden Stufen?
-
-Bin ich nicht neugierig herangeschlichen, ... leise, ... ganz leise, ...
-und sah ich dort nicht all die Menschen, die ich liebte? ... Die Mutter
-... mit dem Sohn ... und meine schöne Freundin Nina?
-
-
-
-
- 8
-
-
-Mit pochendem Herzen und heißen Wangen stand ich im Dunkeln und blickte
-auf die Veranda. Nina arbeitete an einer festgespannten Stickerei und
-sprach dabei mit Wolfgang, der die Hände um ein Knie geschlungen hatte,
-eine Zigarette rauchte und zeitweise aus einem Glase trank. Frau
-Seyderhelm schrieb einen Brief. Manchmal hob sie den Kopf und warf
-einige Worte in die Unterhaltung der beiden ein. Ich konnte nicht
-verstehen, was gesprochen wurde.
-
-Ich sah Ninas Profil und ihre Hände. Wie zart sie war! Ja, war sie nicht
-anbetungswürdig? Süße Nina! ... Ich machte eine Bewegung.
-
-Da rief Nina laut:
-
-»Wolfgang, ich bitte dich, -- draußen steht jemand.«
-
-Ich hielt den Atem an.
-
->Wenn ich hier entdeckt werde, ersteche ich mich.<
-
-Wolfgang beugte sich hinaus und rief:
-
-»Es ist niemand hier ... Du bist recht schreckhaft!«
-
-O -- gerettet!
-
-Frau Seyderhelm hatte ihren Brief beendet, man plauderte angeregt. Ich
-sah, wie die Mutter einmal ihrem Sohne lächelnd mit dem Finger drohte.
-Nach einer Weile legte Nina ihren Stickrahmen fort, packte ihre
-Nähsachen in einen Pompadour und stand auf. Sie gab erst Frau Seyderhelm
-die Hand, dann wechselte sie einige Worte mit Wolfgang, -- sie schienen
-etwas zu verabreden, -- ließ ihre Hände auf seinen Schultern ruhen, gab
-ihm einen leichten Backenstreich und trat in die Zimmer hinein. Wolfgang
-küßte seine Mutter, die ihm über das Haar strich; mir war, als sprächen
-sie von Nina, denn sie sahen nach der Türe; dann gingen beide hinaus. --
-Eine Magd erschien einige Augenblicke später auf der Veranda, räumte die
-Sachen auf, zog die Markise in die Höhe und stellte die Gartenmöbel zur
-Seite. Sie nahm die Lampe und verschwand.
-
-Alles war finster um mich herum. Oben im Schloß sah ich mehrere
-erleuchtete Fenster. Ich hörte zuweilen Schritte, dann wurde alles
-still.
-
-Langsam löste ich mich aus meiner Erstarrung und ging durch den Park.
-Ich empfand nicht viel: ein wenig Erstaunen, ein wenig Schmerz, ein
-wenig Müdigkeit und ein wenig Glück ... Ich wollte weiter wandern. Was
-sollte ich hier? Niemand würde mir glauben, daß ich zufällig hierher
-gekommen sei, ... aber da hörte ich wieder die süße, einschläfernde
-Melodie der plätschernden Brunnen. Gedankenlos legte ich mich nieder, zu
-Füßen eines bronzenen Löwen. Ich faltete die Hände hinter dem Kopf und
-blickte in den Himmel, wo die Milchstraße ihren Triumphbogen über das
-Firmament spannte. Ich fühlte, daß der Schlaf mich übermannen würde, und
-wollte doch wachen und nachdenken. Ich ward traurig und erinnerte mich
-der Worte des Herrn: »Könnet ihr denn nicht Eine Stunde mit mir wachen?«
--- Noch einmal sah ich zu den erleuchteten Fenstern im Schloß, dann fiel
-ich in Traum. Schlafend spürte ich die Kälte der Nacht und zog mein Cape
-eng um mich. Und in meinen Traum drang immer wieder das Plätschern des
-Wassers, ... das Plätschern des Wassers.
-
-
-
-
- 9
-
-
-Es mochte gegen fünf Uhr morgens sein, als ich erwachte. Mein erster
-Blick galt dem Schloß vor mir, in dessen Fensterscheiben die Morgensonne
-purpurrot leuchtete. Ich sprang empor; mein Gesicht und meine Kleider
-waren naß vom Tau. Ich machte einige Bewegungen mit den Armen und
-stampfte mit den Füßen, denn meine Glieder waren wie erstarrt. Dann
-wusch ich mich in einem der bronzenem Becken und klopfte die Kleider ab.
-Nur weiter, immer weiter, fort von hier ...
-
-Als ich bereit war zu marschieren, lehnte ich mich an einen Baum; ich
-wollte noch einmal mit einem langen Blick dieses geliebte Schloß
-umfangen.
-
-Da ... was war das? ... Ein Fenster öffnete sich, ... ich trat zurück
-... Wolfgang, ... im leichten Morgenkleid. Er beschattete mit der Hand
-die Augen, sah zum Himmel und reckte die Arme in die junge Luft hinein.
-Dann verschwand er; bald jedoch erschien er wieder, nahm einen Stock und
-klopfte leise mit der metallenen Spitze an das benachbarte Fenster.
-Lange Stille ... Dann öffnete sich das Fenster ... Nina ... Sie gaben
-einander die Hände. Wolfgang setzte sich auf das Fensterbrett und
-deutete nach dem Horizont. Nina gähnte ein wenig und beide lachten.
-
-Da war mir, als müsse ich einen Panzer von meiner Brust reißen. Ich bog
-mit beiden Händen die Sträucher auseinander, und meine helltönende
-Stimme rief den Aufhorchenden zu:
-
- »An jedem Morgen, eh des Hahnen Krähn
- Die Menschheit weckt, steh ich im tiefen Grunde,
- Muß durch die Luft nach Burg und Felsen spähn.
-
- Noch lieget Dunkelheit auf meinem Tal,
- Da gibt von Osten das Gestirn mir Kunde,
- Und in dem Fenster oben spielt ein Strahl.
-
- Es taucht in Licht das trotzige Gestein,
- Und wächst und starrt und höhnet meiner Qual,
- Bald reckt es in den Himmel sich hinein --
-
- Willst du dich heute nicht am Fenster zeigen,
- In Morgenklarheit dich vom Traum befrein?
- Willst du das Haupt nicht freundlich zu mir neigen?
-
- Mich tötet dieses dunklen Tales Schweigen.«
-
-Kaum hatte ich geendigt, als Nina ihrem Freunde mit hochgezogener Stirne
-langsam, ja perfide langsam das Antlitz über die Schultern zuwandte und
-die beiden Handflächen fragend, chokiert und spöttisch nach außen bog.
-Wolfgang aber schien sich nicht darum zu kümmern; er warf das Fenster
-heftig zu, ich hörte ihn eine Treppe herunterstürmen, und einen
-Augenblick später kam er -- notdürftig mit einem Hemde, einer Hose und
-einem Paar Sandalen bekleidet -- durch den Garten auf mich zugelaufen.
-
-»Walter Regnitz! Lieber Walter Regnitz!«
-
-Er umarmte mich stürmisch; er war blaß vor Erregung.
-
-»Wo hast du nur die ganze Zeit gesteckt? Wir erwarten dich schon seit
-drei Tagen!«
-
-Wie? Man erwartete mich?
-
-Wir wandten uns zum Schloß.
-
-»Ich habe eine Fußwanderung gemacht und diese Nacht im Garten
-geschlafen.«
-
-Wolfgang legte erschrocken seine Hand auf meinen Arm.
-
-»Du hast in unserm Garten geschlafen? Bist du toll?«
-
-Und dann nach einer Pause, die er mit ratlosen Gebärden ausfüllte:
-
-»Ja, warum bist du aber nicht ins Haus gekommen?«
-
-Ich wurde etwas rot.
-
-»Ja ... weißt du, ... ich kam spät hier an ... und da wollte ich nicht
-stören ...«
-
-Ich grüßte zu Nina hinauf.
-
-»Ah, sieh da!« rief sie vom Fenster herunter. »Ein Dichter! Ein
-Troubadour! Sie verlangen gewiß Ihren Lohn!«
-
-Sie nahm aus einem Wasserglas helle Rosen und zerblätterte sie mit den
-weißen Fingern. Mir fielen diese Blätter auf Kopf, Schultern und Hände,
-der ich betroffen, glücklich und verlegen in einem duftenden Blumenregen
-stand.
-
-»Denk' dir, Nina, er hat diese Nacht im Garten geschlafen!«
-
-Nina lachte, -- ihr singendes, gefährliches und verstehendes Lachen.
-
-»Sie sind ein echter Minnesänger, Herr Walter von der Regnitz!« rief sie
-und warf vier volle weiße Rosen zu mir herab. Ich fing eine von ihnen
-auf und führte sie höflich und gefaßt an meine Lippen.
-
-»Und Sie, gnädiges Fräulein, eine echte Herzenskönigin.«
-
-Ich hörte noch einmal, wie Nina tief belustigt lachte und darauf das
-Fenster schloß.
-
-Wolfgang zog mich ungeduldig die Stufen zur Veranda hinauf.
-
- * * * * *
-
-Wolfgang stand halb angekleidet vor seinem Eimer und putzte sich eifrig
-und andauernd die Zähne.
-
-»Wie findest du sie?« fragte er mich, der ich auf einem Stuhl saß und
-ihm zusah.
-
-»Wen?«
-
-»Nina.«
-
-Er nahm einen Schluck Wasser, gurgelte und spuckte kräftig.
-
-Ich schwieg.
-
-»Nun?« fragte er.
-
-»Oh, ganz nett!« sagte ich endlich.
-
-»Sie ist herrlich!« rief er begeistert und begann von neuem zu gurgeln.
-
-Plötzlich warf er die Zahnbürste fort, drehte sich schnell um und legte
-seine Hände auf meine Schultern.
-
-»Was hast du neulich gesagt?« fragte er.
-
-»Ich? Wann?«
-
-»Neulich, bei unserer Gesellschaft.«
-
-»Ich habe vermutlich viel gesagt.«
-
-»Nein, du hast gar nicht viel gesagt. Du lehntest dich an einen
-Türpfosten und fragtest mich, wie alt Nina sei. Und plötzlich ...«
-
-»Nun?«
-
-»Und plötzlich sagtest du, als ob du geistesabwesend seiest: Du liebst
-sie ja!«
-
-Er wandte sein Gesicht schnell dem Spiegel zu und zog Kamm und Bürste
-aus der Lade.
-
-Ich war erschrocken.
-
-»Habe ich das wirklich gesagt?«
-
-Wolfgang beschrieb mit dem Kamm eine weite phantastische Figur und
-erklärte begeistert:
-
-»Du bist ein großer Menschenkenner, Walter! Ich habe sie wirklich sehr
-gern ... Hör' mal, wie der Kamm knistert.«
-
-Und er hielt seinen Kamm dicht an mein Ohr. Ja, wahrhaftig, der Kamm
-knisterte.
-
-Wolfgang war mit seiner Toilette fertig. Er trug ein hellgraues, eng an
-den Hüften liegendes Sommerjackett mit schwarzen Kniehosen, dazu schmale
-Halbschuhe, ein weißes Sportshemde und eine leichte, seidene Krawatte.
-Er sah sehr frisch, sehr jugendlich und sehr vornehm aus.
-
-Wir gingen durch einige Gemächer und betraten das Speisezimmer. Es fiel
-mir auf, daß dieses Schloß mit einer nahezu bäuerischen Freude an bunten
-Farben eingerichtet war.
-
-Ein Diener erschien. Wolfgang bestellte Tee.
-
-»Du bist hungrig, Walter?« fragte er.
-
-»O ja!«
-
-»Also: hier ist Honig, Gelee, Sumpfdotterblumen, Schinken, Brot ... ach
-...«
-
-Er stand plötzlich auf, warf dabei seinen Stuhl hin und umarmte mich
-noch einmal:
-
-»Wie schön, daß du hier bist!«
-
-Natürlich errötete er, sprang an die Tür und schrie, der Tisch sei
-schlecht gedeckt. Der Diener kam und Wolfgang schlug sich an den Kopf.
-
-»Ich Esel! Willst du ein Beefsteak?«
-
-»Ein Beefsteak?«
-
-»Es dauert gar nicht lange. Fritz, wie lange dauert ein Beefsteak?«
-
-»Eine Viertelstunde«, war die Antwort.
-
-»Ach, Unsinn«, protestierte ich. »Was soll ich denn jetzt um halb sechs
-mit einem Beefsteak?«
-
-Wolfgang lachte und goß sich ein Glas Fachinger ein.
-
-»Prost, Walter! Du kennst unsern Stil noch nicht. Wir leben nämlich hier
-den Stil englischer Peers. Morgens _you take your steak_,« -- er
-bediente sich hierbei einer manirierten Aussprache, -- »mittags hungert
-man, das nennt man _luncheon_ und abends ißt man im _dinnerjackett_
-alles das, was man am Mittag versäumt hat. Das hat Nina hier so
-eingeführt.«
-
-Nina, immer Nina!
-
-Ich fragte unvermittelt:
-
-»Aus welcher Familie stammt sie eigentlich? Hat sie noch Eltern?«
-
-Wolfgang warf nachdenklich zwei Stück Zucker in seine Teetasse.
-
-»Weißt du, bei Nina muß man nicht fragen, woher sie kommt und wohin sie
-geht. Nina ist einfach _da_, -- verstehst du? -- einfach _da_.«
-
-Ich sah Wolfgang aufmerksam an. Schau an, dachte ich, wie klug er ist!
-Was er da eben gesagt hatte, war mir nicht fremd. Nina war einfach da,
-... sie war eigentlich ... seelenlos.
-
-»Sie ist eigentlich seelenlos,« sagte ich.
-
-Wolfgang trank seinen Tee. Er stöhnte einige Male wie ein Kind in die
-Tasse hinein, setzte sie dann ab, sprang vom Tische auf und sagte:
-
-»Jawohl, seelenlos, aber herrlich! -- Bist du fertig?«
-
-»Ja.«
-
-»Gut. Wie wäre es, wenn wir jetzt aufs Feld gingen und arbeiteten? Ich
-lasse mir nämlich jeden Abend von unserm Inspektor ein Feld anweisen.«
-
-Ich willigte in diesen Vorschlag ein. Wir zündeten uns jeder eine
-Zigarette an und gingen in den Hof. Dort holten wir uns aus einem
-Schuppen lange Forken und zogen darauf munter durch den Park.
-
-Einmal wandte ich mich um und blickte zu Ninas Fenstern hinauf. Sie
-waren fest verschlossen und die Vorhänge heruntergelassen.
-
-»Das gnädige Fräulein pflegt bis neun Uhr zu schlafen,« sagte Wolfgang,
-der meinen Blick bemerkt hatte.
-
-Ich errötete und schwieg.
-
- * * * * *
-
-Wir sind auf dem Feld angelangt und ziehen unsere Jacken aus. Die
-Kornfelder stehen in der jungen gelbstrahlenden Sonne. Auf den heiteren
-grünen Wiesen und Weidegründen grasen die roten und braunen Kühe des
-Gutes und senden den Ton von tiefen Glocken durch das flüssige Licht. Am
-Horizont suchen auf noch beschattetem Hügel Schafe ihr Futter. Ein
-Schäfer mit einem großen Hut steht neben ihnen. Er hält den Hirtenstab
-in der ausgestreckten Hand auf die Erde gestützt, als sei er der Wächter
-dieses Tales und behüte seine Unschuld. Eine Wolke zieht langsam über
-den bleichen westlichen Himmel.
-
-»So, nun stellen wir hier die Garbenbündel auf,« sagt Wolfgang. »Du bist
-ja früher auf dem Land gewesen und weißt, wie man das macht. Immer zu
-sechs auf einen Haufen.«
-
-»Bei uns nahm man acht.«
-
-»So ... na ja, wir nehmen immer sechs. Weiß der Teufel, warum. Bald
-kommen die ersten Leiterwagen vom Gut. Dann gehen wir dort auf das Feld,
--- siehst du es? -- und packen das Korn auf. Das macht immer sehr viel
-Spaß.«
-
-Wir arbeiten schweigend und mit gesammeltem Eifer. Die Ähren stechen
-unsere Hände wund und ihre Körner rieseln uns in Hemd und Hose. Wolfgang
-macht manchmal eine Bewegung, als habe ihm jemand kaltes Wasser in den
-Nacken gegossen.
-
-Später singt er mit klarer Stimme und deutlicher Aussprache einen
-altfranzösischen Chanson. Da ist von einem Grafen die Rede, dem es nicht
-wohl erging, weil seine Gemahlin der Majestät von Frankreich allzusehr
-gefiel.
-
- * * * * *
-
-Bald vernehmen wir das Rollen und Klappern von Wagen, die über die
-Landstraße zu uns herauffahren. Wir haben unsere Arbeit gerade beendet,
-als wir die Rufe der Bauern hören, die mit ermunterndem Einsprechen ihre
-Pferde einige schwere Hügel erklimmen lassen. Dann ertönt das Dröhnen
-von Wagen, die über eine hölzerne Brücke fahren, und gleich darauf
-ziehen sie alle an uns vorbei. In einem der Wagen sind nur Frauen. Sie
-haben alle rote Tücher um die Köpfe geschlungen. Jedermann wünscht uns:
-»Guten Morgen!« worauf wir beinahe feierlich unsere Mützen lüften und
-den Gruß erwidern. In einem Gefährt sitzt ein hübsches junges Mädchen.
-Ich nicke ihr zu, worauf sie verlegen zu Boden sieht. Ich bin sehr
-stolz, das erreicht zu haben.
-
-Der letzte Leiterwagen wird von einem Bauernjungen gelenkt, der auf dem
-linken Pferde sitzt. Er grüßt uns, wie ein Souverain zu grüßen pflegt.
-
-»He Hans!« ruft Wolfgang. »Bleib du bei uns!«
-
-Hans steigt vom Pferd. Wolfgang legt seinen Arm auf die Schultern des
-Jungen und führt ihn zu mir heran. Die beiden stehen der Sonne entgegen,
-blinzeln, sind wohlgestaltet, blond, und -- seltsam -- sie sehen
-einander ähnlich.
-
-»Ich stelle dir hier meinen Freund Hänschen Kietschmann vor.«
-
-Der Junge macht eine Verbeugung, eine leichte, weltmännische, garnicht
-zu tiefe Verbeugung, und bietet mir die Hand, die ich schüttle.
-
-Er geht fort, um noch einige Bauern zu holen. Ich sehe ihm nach. Er ist
-schlank und groß gewachsen.
-
-Wolfgang macht ein sonderbares Gesicht und lächelt.
-
-»Nun?«
-
-»Wie?«
-
-»Ist dir etwas ... wie soll ich sagen ... aufgefallen?«
-
-»Aufgefallen? ... Nein, ... das heißt ...«
-
-Ich bin mit einem Male verwirrt.
-
-»Er sieht dir ähnlich.«
-
-Wolfgang nickt, sieht zum Himmel, zieht die Nase kraus, blinzelt,
-schluckt herunter und sagt:
-
-»Er ist mein Halbbruder.«
-
-»Wie --?«
-
-Wolfgang bewegt seine Hand in einer sehr sprechenden, etwas frivolen
-Art.
-
-»Mein Gott, ... wir vergessen, daß unsere Väter auch jung waren ... Mein
-Vater lebte hier allein ... na und ... wie das so kommt.«
-
-Er geht mit graziösem Schritt fort, um die Gabeln vom Graben zu holen.
-
-Ich schüttle den Kopf, wundere mich und vergesse im nächsten Augenblick
-alles.
-
-Wir arbeiten schweigsam fort.
-
-Hans Kietschmann steht zusammen mit einem Bauern oben auf dem Wagen und
-packt das Korn auf. Neben uns sind Weiber, die von Zeit zu Zeit
-miteinander sprechen. Ein leichter, von der aufsteigenden Sonne
-gewärmter Wind trägt aus der Richtung der anderen Wagen den Schall von
-Reden und Gelächter zu uns herüber.
-
-Es beginnt allmählich heiß zu werden. Die Augen schmerzen ein wenig; ich
-sehe nichts als flimmerndes Gelb. Die Weiber riechen nach Schweiß. Die
-Ochsen sind von Fliegen geplagt und schlagen mit den Schwänzen kräftig
-umher. Ich fühle mich sehr wohl. Nina ist vergessen, vollkommen
-vergessen. Wie süß es ist, daran zu denken, daß ich Nina so völlig
-vergessen habe.
-
-Es schlägt zwölf Uhr, wir hören mit der Feldarbeit auf, trinken Wasser
-und ziehen die Jacken an.
-
-Ich gebe Wolfgang die Hand.
-
-»Danke für den Vormittag, Wolfgang.«
-
-Wolfgang lächelt und nimmt meinen Arm. Wir gehen als Freunde zum Schloß.
-Wolfgang ist zärtlich und spricht sehr viel.
-
-
-
-
- 10
-
-
-Nachdem wir in unsern Zimmern Gesicht und Hände erfrischt hatten,
-betraten wir die Veranda, um dort zu lunchen.
-
-Nina saß am Tisch. Sie schien sich zu langweilen und benahm sich wie ein
-kleines Mädchen, das auf seine Mahlzeit wartet.
-
-Ich betrachtete Nina von der Seite. Sie hatte ein steifes weißes
-Kattunkleid an. Ihr Hals und ihre Arme waren nackt. Auf ihrer Brust trug
-sie eine Brillantenbrosche, an der linken Hand, der elfenbeinernen mit
-den langen schmalen Fingern, leuchteten vier herrliche Saphire von
-mildem Blau. Das kastanienbraune Haar war eine Pracht, eine Krone, ein
-Akkord von rauschenden, dunklen Tönen.
-
->Mein Gott und dennoch, was ist denn Nina? Ein kleines Mädchen, das sich
-langweilt! Aber ein Mädchen, das ich liebe? Nun ja, was ist schon dabei?
-Viele Jungens lieben viele Mädchen. Da ist gar nichts dabei.<
-
-Ich fühlte mich Nina überlegen.
-
-Ich setzte mich an den Frühstückstisch. Obwohl es sehr heiß war, hatte
-Nina einen Schnupfen, was mir ganz sonderbar vorkam.
-
-Sie führte ihr Tuch an den Mund und fragte mit einer Stimme, die heute
-noch näselnder klang als sonst:
-
-»Wo habt ihr denn eigentlich so lange gesteckt?«
-
-In diesem Augenblicke wurde es mir recht deutlich, daß Nina gar nichts
-anderes war als eine große faule schöne Katze. Ich beugte mich spöttisch
-vor bis auf die Tischplatte und sagte von unten zu ihr aufblickend:
-
-»Wir haben gearbeitet, -- und Sie, was haben Sie getan?«
-
-»Ich habe geschlafen.«
-
-»Ah, Sie haben geschlafen ...«
-
-»Jawohl; ich bin nämlich kein Troubadour, der wie ein Hase mit offenen
-Augen nachts im Felde schläft.«
-
-Hier betrat Frau Seyderhelm die Veranda. Sie begrüßte mich sehr
-herzlich, schalt auf das freundlichste, daß ich die Nacht draußen
-zugebracht hatte, und sprach die Erwartung aus, daß ich nun doch die
-Ferien auf Wiesenau verleben würde.
-
-Man frühstückte.
-
-Es stellte sich im Lauf des Gesprächs heraus, daß Frau Seyderhelm mir am
-Tag nach der Gesellschaft einen Brief mit der Einladung nach Wiesenau in
-die Wohnung geschickt hatte, der nicht mehr in meine Hände gekommen war.
-
-Nina begann mit einer Geschichte, die so komisch war, daß wir alle
-fürchterlich lachen mußten. Sie sprach lebhaft, mit vielen Gesten,
-erzählte vorzüglich und ward durch ihren Erfolg so angeregt, daß sich
-der Schnupfen zu verlieren schien.
-
-Wolfgang machte seiner Mutter kopfschüttelnd Vorwürfe, daß die
-Gänseleberpastete schon seit einigen Tagen nicht mehr genügend auf Eis
-liege. Dann wandte er sich zu mir und fragte mit einer kindlich hohen,
-liebenswürdigen Stimme:
-
-»Ißt du Radieschen gern?«
-
-Man hörte von Frau Seyderhelm, daß die Gräfin Königsmarck heute morgen
-dagewesen sei; man sprach dann sehr lange über die Gräfin Königsmarck.
-Nina schien sie nicht zu lieben. Wolfgang behauptete, diese Dame röche
-nach wilden Tieren.
-
-»Wolfgang, so spricht man nicht von einer Dame!« sagte Frau Seyderhelm.
-
-Nina jubelte und begann ohne den mindesten Zusammenhang eine Schilderung
-zu entwerfen, wie sie auf der Treppe meinen Ranzen gefunden und
-aufgemacht habe.
-
-»Stellen Sie sich vor, Frau Seyderhelm: er reist mit einem zerrissenen
-Hemde, einer Zahnbürste, zwei alten Brötchen und dem Werther; den
-Werther hat er in seine Socken gepackt!«
-
-Man lachte sehr. Mich erfaßte mit einem Mal der unbezähmbare Drang,
-Ninas Hand, die elfenbeinerne mit den spitzen Nägeln und der kühlen
-Haut, zu küssen. Ich bückte mich nach einer Serviette und berührte wie
-zufällig Ninas Finger mit meinen Lippen. Nina ließ es ruhig geschehen;
-sie tat, als habe sie nichts gespürt.
-
-»Es war übrigens gar nicht der Werther,« sagte ich, als ich wieder
-aufrecht saß. »Es war die Versuchung des Pescara.«
-
-Ich bediente mich mit einer kalten Reisspeise und war von meinem
-Abenteuer so aufgeregt, daß ich kaum schlucken konnte.
-
-»Oh, die Versuchung des Pescara,« sagte Frau Seyderhelm. Und sie fing
-an, sich des längeren über »Huttens letzte Tage« auszulassen.
-
-Wolfgang zog ein gelangweiltes Gesicht und schlug Nina für den
-Nachmittag eine Tennispartie vor. Sobald er mit Nina sprach, war seine
-Stimme zart und fast unterwürfig.
-
-Frau Seyderhelm hob die Tafel auf.
-
-»Schreiben Sie mir später den Namen Ihrer Wirtin auf, lieber Walter,«
-sagte sie. »Man soll uns Ihre Sachen nachschicken.«
-
-Ich küßte Frau Seyderhelm die Hand und verbeugte mich vor Nina.
-
-»Spielen Sie Tennis?« fragte Nina.
-
-»Ja, ein wenig.«
-
-Sie fuhr mit ihrer Zunge zwischen den Lippen einher.
-
-»Du reitest heute nicht mehr, Wolfgang?«
-
-»Nein; es ist zu heiß.«
-
-Ich spürte plötzlich den Duft von Ninas Körper. Ich sah ihren weißen
-Hals und erbebte.
-
-Nina lächelte.
-
-»Addio, meine Herren. Ich gehe in den Wald.«
-
-»Addio.«
-
-Wolfgang zog sich in die kühlen Räume zurück.
-
-Ich blieb auf der Veranda und sah in den Park. Nina ging langsam die
-kiesbedeckte Allee entlang, blieb zuweilen stehen, betrachtete
-mütterlich ein Blättchen, das sie mit der kühlen Hand liebkoste,
-pflückte eine Rose vom Blumenbeet und befestigte sie an ihrer
-jugendlichen Brust. Darauf verlor sie sich -- unvergleichlich ebenmäßig
-ausschreitend -- im mittäglichen Gehölz.
-
-Die Gutsglocke schlug ein Uhr. Malatesta, der Hofhund, dehnte sich
-schläfrig, beroch mißtrauisch seine Pfote und legte sich auf den Rasen.
-Der Diener räumte den Frühstückstisch ab.
-
- * * * * *
-
-Am Nachmittag lag ich irgendwo im Wald auf dem Rücken und träumte in den
-blauen Himmel hinein. Manchmal streichelte ich den schönen Malatesta,
-der mich begleitet hatte. Es war sehr heiß. Der Hund hob zeitweise den
-Kopf, stieß, von Wärme bedrückt, den Atem aus der Kehle, ließ die Zunge
-hängen und hatte feurige Augen. Mich plagten die summenden und
-stechenden Mücken. Ich begann unruhig und gestört zu schlafen. Böse
-Träume von großer Leidenschaft und überquellender Sehnsucht verfolgten
-mich. Ich sah, wie Nina zu mir, dem Schlafenden, trat, ihr mokantes
-Lächeln lächelte und mit einem Male mütterlich, mit drängenden Händen
-und junger weißer Brust sich neigte.
-
-Der nahe Gong, der zum Tee rief, weckte mich auf. Die Sonne war tiefer
-herabgesunken; unter ihren schrägen Strahlen beruhigte sich die Welt und
-wurde kühl. Ein Wind ging durch die Bäume, der in den Blättern flüsterte
-und schluchzte. Der Hund war fortgelaufen. Ich fühlte, daß alles nutzlos
-sei und ich ewig einsam bleiben müsse.
-
- * * * * *
-
-Gegen Abend spielten wir Tennis.
-
-Nina war biegsam, schmal in den Fesseln und schnellfüßig. Ihre Hand war
-sicher, der Schlag ihres Rackets ruhig.
-
-Wolfgang, ihr Partner, war weißgekleidet, hatte den rechten Ärmel seines
-Hemdes aufgeschlagen und zeigte einen braungebrannten, schmalen und
-kräftigen Arm.
-
-Ich gab streng auf das Spiel acht und hatte den brennenden Ehrgeiz, mich
-gut zu halten. Ich verlor das erste Match, trat beim Wechseln an das
-Netz, beglückwünschte Nina und küßte ihre Hand. Wolfgang sah mich ein
-wenig befremdet an. Nina lächelte, war unendlich liebenswürdig, legte
-einmal beim Gespräch ihre Hand auf meinen Arm und nannte mich Walter.
-Ich war rasend vor Glück, machte ein hochmütiges Gesicht und verdoppelte
-meine Anstrengungen.
-
-Mir war, als ständen Nina und Wolfgang in abendrotem Dunst und
-rosafarbenem Nebel. Jedermann von uns spielte mit streng geschlossenen
-Lippen. Nichts unterbrach das Schweigen als nur das Aufschlagen des
-Balles, das Summen des festgespannten Rackets und zeitweis ein kleiner
-Ausruf der Überraschung oder des Ärgers. Niemand zählte laut, denn jeder
-von uns wußte, wie wir standen. Frau Seyderhelm trat ans Gitter; wir
-grüßten flüchtig und spielten weiter. Frau Seyderhelm sprach mit einem
-Gärtner, deutete einmal mit der Hand auf ein Blumenbeet und wandte sich
-über unsern Eifer lächelnd zum Gehen. Ich wurde gewahr, daß sich mein
-Spiel von Minute zu Minute verbesserte. Im letzten entscheidenden Set
-gewann ich alle sechs Spiele und war somit Sieger im Match. Nina sagte
-uff und fächelte sich mit ihrem Tuch kühle Luft ins Antlitz. Als wir uns
-die Hände schüttelten, sah sie mich wie zum erstenmal an. In ihren Augen
-leuchtete mir etwas Verlockendes und Gefährliches entgegen.
-
-»Sie spielen gut,« sagte Nina. »Reiten Sie?«
-
-»Gewiß.«
-
-»Wolfgang, wir werden morgen früh reiten.«
-
-»O Nina, rede keinen Unsinn, das hast du schon zehnmal gesagt. Du stehst
-ja doch nicht um sieben Uhr auf.«
-
-»Doch, ich werde ganz bestimmt um sieben Uhr aufstehen.«
-
-Sie sah mich wieder mit ihren lockenden Augen an, wobei sie die Lider
-ein wenig zusammenzog. Mir war, als liebkosten mich die goldfarbenen
-seidenen Wimpern.
-
-»Was wird Herr Regnitz für ein Pferd reiten?«
-
-O weh, sie sagte wieder Herr Regnitz!
-
-»Willst du einen ruhigen Gaul, Walter?«
-
-»Nein, im Gegenteil.«
-
-»Gut, du sollst die Moissi haben. Eine Rappstute, weißt du. Du bekommst
-den neuen Sattel, den mir Mama geschenkt hat.«
-
-»Hören Sie zu, Walter, das ist eine unerhörte Gnade.«
-
-O -- sie sagte wieder Walter!
-
-Ich spürte in diesem Augenblick den einzigartigen Duft von Ninas
-mädchenhaftem Körper. Ich sog ihn wissend und gekräftigt ein.
-
-Der Teufel wird mir an diesem Abend wenig anhaben können. Ich habe mein
-Match gewonnen und morgen reite ich Moissi.
-
- * * * * *
-
-Die Damen zogen sich bald nach dem Abendessen zurück.
-
-Wolfgang und ich, wir saßen noch eine Weile auf der Terrasse, fühlten
-eine angenehme Ermüdung in unsern Gliedern und tranken ein wenig _Black
-and White_ mit sehr viel Sodawasser gemischt.
-
-Wir sprachen nicht viel, sondern sahen zum reichbesternten Himmel empor
-und beobachteten die Sternschnuppen. Der Diener setzte einen Eiskühler
-neben den Tisch und verschwand.
-
-»Nina reitet gut,« sagte Wolfgang. »Ich werde ihr mal morgen den >Sekt<
-geben. Da kann sie was erleben.«
-
-Und dann, nach einer Weile:
-
-»Mama hat im vergangenen Jahr viel Sorge mit dem Stall gehabt. Weißt du,
-der Rotz ... Na, jetzt ist es vorbei ...«
-
-»So?«
-
-»Ja, jetzt sind sie wieder alle gesund. Einer ging ein. Na, meinetwegen,
-mir lag nichts an ihm. Ein Wallach.«
-
-Ein Knecht schritt mit einer Laterne durch den Garten. Wir sahen dem
-unruhigen Licht nach.
-
-»Komisch,« sagte Wolfgang plötzlich, »wir kennen uns erst seit sechs
-Tagen.«
-
-»Ja.«
-
-Eine Stille.
-
-»Du bist immer so hochmütig. Hast du was?«
-
-»Nein. Garnichts.«
-
-Eine Stille.
-
-»Du mußt in den Herbstferien herkommen und hier mit uns jagen.«
-
-»Danke. Ja.«
-
-Mir stieg ein Gedanke auf.
-
-»Jagt Nina auch?«
-
-»Ja, sie schießt sehr gut. Sie hat gar keine Angst.«
-
-»Wie schön.«
-
-Ich sah ein Bild vor mir: Nina mit dem unvergleichlichen Gang der
-Kosakenmädchen durch den Wald schreitend, die Büchse in der Hand, mit
-spähenden Augen und grausamen Lippen.
-
-»Wie schön,« wiederholte ich.
-
-Ein Stern glitt in mächtiger und graziöser Bewegung durch den
-erleuchteten Raum.
-
-»Hast du dir etwas gewünscht?« fragte Wolfgang.
-
-»Ja.«
-
-»Was denn?«
-
-»Mehr Whisky.«
-
-Wolfgang lachte und schenkte ein.
-
-»Na, Mama wird morgen Augen machen über unsere Sauferei. Prost!«
-
-»Prost!«
-
-Wir schwiegen lange.
-
-»Man muß das Leben mit gesunden Händen anfassen.«
-
-Wolfgang sah mich unsicher an. Dann sagte er verlegen:
-
-»Ja.«
-
-Wir beobachteten zwei Fledermäuse.
-
-»Was denkst du über die Frauen?« fragte ich.
-
-»Über welche Frauen?«
-
-»Ich meine ... fändest du etwas dabei, wenn Jungens wie wir ... ein
-Verhältnis haben?«
-
-»Nein ... ja, das heißt ... es kommt darauf an!«
-
-Wolfgang lachte ein wenig hilflos.
-
-Ich stand auf und bot ihm die Hand.
-
-»Wir sollten recht lange Zeit Freunde bleiben,« sagte ich sehr herzlich.
-
-Auch Wolfgang erhob sich. Er schüttelte meine Hand kräftig, und es lag
-in dieser Bewegung etwas eigentümlich Ritterliches.
-
-»Ja, das sollten wir wirklich,« erwiderte er in demselben Ton.
-
-»Gute Nacht, Wolfgang.«
-
-»Gute Nacht, Walter, -- und danke für alles.«
-
-Ich ging in mein Zimmer.
-
-
-
-
- 11
-
-
-Wir reiten zu dritt im abgekürzten Galopp -- von Hans Kietschmann
-gefolgt -- über eine jüngst gemähte Wiese, deren Heu naß und ohne Duft
-ist. Wir reiten Schulter an Schulter und achten streng darauf, daß die
-Linie eingehalten wird. Jeder von uns beschäftigt sich schweigend mit
-seinem Pferde, beobachtet den gebogenen Tierhals und übt auf jeden Druck
-den Gegendruck der Schenkel aus.
-
-Manchmal sehe ich zu Nina hin. Das feurige Haar lodert wie eine Flamme,
-wie ein Triumph unter dem schwarzen Hut hervor; die weißen Kinderzähne
-beißen auf die feuchte Unterlippe, die unbedeckten Hände erfassen die
-Zügel des unruhigen Pferdes mit freudiger Kraft. Unausgesetzt richtet
-Nina die verliebten Blicke auf den Kopf des Pferdes, das in großzügiger
-Bewegung galoppiert. Ich sehe mit Vergnügen, daß der schlanke Körper mit
-den säulenstarken hohen Beinen und der jugendlichen weichen Brust sich
-entzückt der Bewegung des schnaubenden und wiehernden Tieres hingibt und
-niemals die Verbindung mit ihm verliert.
-
-Es geschieht einige Male, daß Sekt sich nahe an meine Stute drängt und
-Ninas Fuß den meinen berührt.
-
-Hatte ich nicht die ganze Nacht von der einen Minute geträumt, in der
-Nina ihren Fuß auf meine Hand setzen würde, um das Pferd zu besteigen?
-Und war ich nicht, als sie es wirklich getan, verwirrt und mit pochendem
-Herzen davongestürzt?
-
-Sekts Gangart wird von Augenblick zu Augenblicke länger. Der Schimmel
-und seine Herrin freuen sich des wie unbegrenzten Raumes, der
-morgendlichen Luft und der würzigen Gerüche des Feldes.
-
-Ich sehe unsicher zu Wolfgang hin, der immerfort mit tiefer Stimme auf
-den Schimmel einspricht:
-
-»Ruhe! -- Sekt! -- Ruhe! -- Ohlala -- Ohlala!«
-
-Meine Moissi geht leichtfüßig mit. Wolfgangs nicht so belebtem Fuchs
-wird es schwer, die Linie einzuhalten.
-
-»Ruhe, Fräulein Nina!« sage auch ich jetzt. »Bitte abgekürzter Galopp!«
-
-Aber Nina hört nichts. Sie sieht verzückt, mit nassem, erregtem Munde
-und blinkenden Augen auf den Schimmel und beißt mit den weißen Zähnen
-auf die Lippe.
-
-»Gib auf die Sporen acht!«
-
-In diesem Augenblick tut Sekt, den irgend etwas erschreckt hat, einen
-kleinen Sprung, Nina kommt mit den Sporen an die Weichen, der Schimmel
-wirft den Kopf mit einer schmerzlichen Gebärde in die Höhe und geht
-durch.
-
-Moissi folgt sofort. Wolfgang und Hans Kietschmann bleiben zurück.
-
- * * * * *
-
-»So, Fräulein Nina ... jetzt Ruhe, nur Ruhe!«
-
-Die Pferde rasen über das Feld. Die Morgensonne erhebt sich
-gelbstrahlend über einem Hügel und blendet uns.
-
-»Rechte Kandare ziehen! ... Sekt, Ruhe!«
-
-Nina richtet das Tier mit allen Kräften nach rechts.
-
-Wenn ihr nur nichts geschieht! ... Nein, sie ist ruhig. Es geschieht ihr
-nichts.
-
-»Mehr rechts, immer mehr rechts! ... Fort vom Stall! ...«
-
-Sieh da, sie ist zufrieden, sie ist hingegeben dieser einzigartigen
-Geschwindigkeit, dieser goldenen Flucht durch den Morgendunst.
-
-»Noch mehr rechts! ... Bravo, Fräulein Nina! Noch mehr!«
-
-Wir beschreiben mit unserem Ritt eine Kurve.
-
-»Reitpeitsche fortwerfen!«
-
-Nina läßt die Peitsche fallen.
-
-Ich bekomme über meine Stute Gewalt, meine Knie und Schenkel sind
-unausgesetzt an den Sattel gepreßt. Ich drücke den Rappen an Nina heran.
-
-»Noch einmal nach rechts ... sehr gut! ... Noch einmal! ... Ah, er läßt
-nach ...«
-
-Ich beuge mich vor und greife in Ninas Zügel. Der Schimmel erschrickt,
-bäumt sich, -- ich packe den Halfter und der Schimmel steht.
-
-Nina lacht, ein nervöses, schreiendes, jubelndes Lachen.
-
-Ich steige von meinem Pferd, um Sekt liebkosend zu beruhigen. Ein
-unerklärlicher Gram erfaßt mich, ich spreche kein Wort, sehe Nina nicht
-an und bebe vor Schmerz und Zorn ...
-
-Wolfgang erreichte uns endlich. Er lacht.
-
-»Bravo Nina! -- Nichts geschehen?«
-
-Nina schüttelt den Kopf.
-
-»Ein schöner Unsinn, dieses Biest da mit Sporen reiten zu lassen!« sage
-ich scharf und böse.
-
-Wolfgang zieht ein beleidigtes Gesicht.
-
-»Nehmen Sie die Sporen ab!« herrsche ich Nina an, ohne hinaufzusehen.
-
-Wolfgang und Hans steigen von den Pferden.
-
-»O -- Sie sind zornig, Walter!« ruft Nina.
-
-Ich blicke auf. Ninas Augen lachen, aber sie ist blaß, sehr blaß, und
-ihre Lippen zittern nervös.
-
-»Nehmen Sie jetzt bitte die Sporen ab.«
-
-Hans befreit Nina von den Sporen und reitet zurück, um auf der Wiese die
-Reitpeitsche zu suchen. Ich stecke die Sporen in meine Tasche.
-
-Wir reiten im Schritt weiter und erreichen ein belichtetes Gehölz.
-Unsere Tiere sind ermüdet und zufrieden. Sie gehen in großen Schritten
-durch den Wald und spähen an den stolzen Fichtenstämmen stolz vorbei.
-Wir sind schweigsam und schlecht gelaunt.
-
-Mit einem Male streckt Nina die Hand nach mir hin. Da ich nicht in ihrer
-Nähe bin, fingert sie ungeduldig in der Luft herum. Ich nehme ihre Hand,
-beuge mich tief nach unten und küsse sie lange.
-
-Wie ich mich emporrichte, sehe ich, daß Nina mit lächelndem Antlitz und
-feuchten goldenen Wimpern nach der andern Seite blickt. Wolfgang ist
-blaß geworden und hält die Augen gesenkt. Hans reitet irgendwo
-hinterher.
-
-Wir erreichen, ohne ein Wort zu sprechen, nach einer Stunde den Gutshof.
-Die Pferde sind naß und wollen ihr Futter. Ich grüße Nina mit dem Hut
-und gehe ins Haus.
-
-
-
-
- 12
-
-
-Wir fuhren am Abend mit einem leichten Jagdwagen ins Gebirge. Frau
-Seyderhelm war im Schloß geblieben, da sie Besuch erwartete.
-
-Wir saßen auf der Terrasse eines vornehmen und einsam am Fluß gelegenen
-Hotels. Vor unseren Blicken zerflossen die kupferbraunen Abhänge und
-goldenen Bergeshäupter, die ein unaufhörlich gleitendes Licht belebte.
-
-Ich stand, noch ehe die Mahlzeit bereitet war, im Stalle bei den Pferden
-und sorgte dafür, daß sie ihr Futter bekamen. Mein Kopf war benommen,
-und meine Augen brannten. Den ganzen Tag in Ninas Kreise zu leben, den
-Hauch ihrer Lippen zu spüren, im Wagen ihren Knieen nahe zu sein und
-ihrem duftenden Haar, zu sehen, wie der Wind das helle, sich innig an
-den Körper schmiegende Sommerkleid berührte, und mit verwirrten Sinnen
-zu ahnen, vieles zu ahnen, -- ah, das alles war nicht ganz leicht zu
-ertragen.
-
-Ein Kellner meldete, das Essen sei angerichtet. Ich stieg die steinerne
-Treppe der Terrasse langsam hinauf. Die unaufhörlich wechselnden Farben
-des Abends quälten mich; ein drohendes Verhängnis war in dieser
-Bewegung, eine Unruhe ohnegleichen, eine süße und unsäglich schmerzliche
-Hast, eine Flucht und ein Jammer ohne Trost ...
-
-Als ich oben angelangt war, sah ich, wie Nina ihre Hand auf Wolfgangs
-Arm gelegt hatte. Sie schien ihn etwas zu fragen. Er beantwortete Ninas
-Frage, und sein Gesicht bekam den überaus liebenswürdigen und
-ritterlichen Zug, den ich an ihm liebte. Ein kindliches, verhaltenes
-Schluchzen stieg in mir empor.
-
-Ich setzte mich an den Tisch, Nina und Wolfgang sahen mich an.
-
-»Na Lieber? Wie gehts?« fragte Wolfgang.
-
-»Danke, die Pferde fressen.«
-
-Nina lachte und blickte fort.
-
-Ich wurde rot.
-
-Nina sprach in näselndem Ton von Trüffeln.
-
-»Sieh mal, Wolfgang, wie witzig, hier gibt es gefüllte Trüffel.
-Raffiniert -- nicht?«
-
-»Nina, du redest wie ein Kavallerieoffizier,« sagte Wolfgang, wandte mir
-sein Gesicht schräg zu und fragte in seinem kindlichen Ton:
-
-»Spricht sie nicht wie ein Gardekürassier?«
-
-Wir aßen danach Forellen. Nina verstand es gut, das zarte rosige Fleisch
-der Fische von den Gräten loszulösen. Die weißen, nun der Seele
-beraubten Tieraugen starrten ausdruckslos zu uns herauf. Nur um die
-Mäuler lag ein böser Zug, der von Todespein und letztem Kampf erzählte.
-
-Um die Zeit der späten Dämmerung trat ein Hirsch aus dem Wald des
-gegenüberliegenden Berges hervor, äugte mit einer kühnen Gebärde des
-Kopfes nach dem Hotel hin und trank aus dem Fluß.
-
-Der Geruch von Bergwasser und nassem Sand stieg zu uns empor. Allmählich
-entfaltete der dunkelnde Himmel die Schönheit der beginnenden Nacht vor
-unsern Augen. Die stolzen Gestirne wurden sichtbar; vor ihrer
-urweltlichen Starrheit wichen die wechselnden Farben des Abends besiegt
-zurück. Das Gebirge ward im funkelnden Schein groß und ehern.
-
-Wir standen nach beendetem Mahle auf und gingen über die hölzerne Brücke
-des Flusses dem andern Ufer zu. Die Nacht gab mir mitleidsvoll von ihrer
-Kühle und besänftigte mich wunderbar. Nina schien mir schöner denn je,
-aber ihre Schönheit war meinen Sinnen und meinem undeutlichen Verlangen
-entfernt. Sie ging mit ihrem weißen Sommerkleid wie durchsichtig durch
-die Nacht dahin. Auf ihren Schultern lag ein bläuliches Orenburger Tuch.
-Ihr Haar war unbedeckt und bewegte sich ein wenig im Nachtwind.
-
-Ein leises, sehnsüchtiges Tönen rief uns in den Wald. War es eine Flöte
-oder eines Mundes Klage? Wir folgten neugierig der oft entschwindenden
-und dann wieder genäherten Musik.
-
-Vor einem Bretterverschlag, dem Sammelplatz der Tiere, machten wir Halt.
-Wir sahen die Gestalt eines Mannes zwischen sternhellen Bäumen
-einhergehen, wir sahen ihn in seine Schürze greifen und -- einem Sämann
-gleich -- Eicheln und Kastanien mit einer weiten Bewegung seines Armes
-über den Waldboden streuen. Dazu pfiff er eine Melodie, eine kleine,
-sentimentale, unbeholfene und doch unendlich rührende, süße, zärtlich
-lockende Melodie. Nach einer Weile schien es, als bewege sich der Wald.
-Unhörbar, aber mit großzügigen Bewegungen und bei jedem Schritt ein
-wenig mit den Häuptern nickend, kamen wie aus einem dunkel gewebten
-Teppich Hirsche und Rehe aus der Nacht hervor, beugten sich zu Boden und
-näherten sich langsam dem lockenden Freund der Tiere. Allmählich
-entfernte sich der Mann, umdrängt von seinen zärtlichen Geschöpfen,
-ferner und ferner klang die Musik seines Mundes und löste sich endlich
-auf im Rauschen des Waldes.
-
- * * * * *
-
-Wolfgang eilte voraus, um mit Hans die Pferde anzuschirren. Es zeigten
-sich Wolken am Himmel.
-
-Ich ging mit Nina langsam den jäh erleuchteten Waldweg entlang. Nina
-hatte wieder ihren Schnupfen und führte das kleine Tuch oftmals an den
-Mund.
-
-»Walter.«
-
-»Ja.«
-
-»Wie alt sind Sie?«
-
-»Siebenzehn Jahre.«
-
-»Siebenzehn Jahre,« wiederholte Nina.
-
-Eine Stille.
-
-»Walter.«
-
-»Nina?«
-
-»Sie werden morgen fortreisen, -- nicht wahr?«
-
-Und da sie mein Gesicht sah, hob sie beschwörend die bittenden Hände
-empor und sagte in unvergleichlich rührendem Ton:
-
-»Walter, -- Sie sind _siebenzehn_ Jahre!«
-
-Ich hatte wieder solche Angst.
-
-Ich werde mich töten, dachte ich.
-
-Eine lange Stille.
-
-»Sie werden reisen, Walter?«
-
-»Ja.«
-
-»Danke.«
-
-Ich werde mich töten. Es wird noch diese Nacht geschehen.
-
- * * * * *
-
-Wir fuhren über Felder. Wolfgang kutschierte, wobei er manchmal einige
-Worte mit Hans wechselte. Ich saß mit Nina in der Break. Nina sprach
-viel und war nervös.
-
-Es erhob sich ein Wind und trieb große, von den Sternen erhellte Wolken
-über den Himmel. In der Ferne leuchteten Blitze.
-
-Nina klagte über den Sturm, der ihr Kopfschmerzen verursachte, und bat,
-man solle die Verschläge herunterlassen. Der Wagen hielt, die Pferde
-stampften ängstlich auf dem undeutlichen Feldwege, und Hans spannte die
-leinenen Gardinen auf.
-
-Wir waren nun von den andern durch eine Wand getrennt und sahen die Welt
-einzig durch die Öffnung über der Türe. Wir hörten von irgendwoher
-kleine Bäche rauschen, den Wind im Korn und in entfernten Wäldern
-blasen, und aufgescheuchte Enten, die schreiend nach irgend einem
-wohlgeborgenen Teiche zogen.
-
-»Sie frieren, Walter?«
-
-»Nein. Danke.«
-
-Nina hüllte sich fester in das weiche blaue Gewebe ihres Tuches.
-
-Ein Blitz zuckte.
-
-»Haben Sie den Hasen gesehen, Walter?«
-
-»Ja.«
-
-Wir fuhren über eine Brücke. Das Holz dröhnte.
-
-»Sie haben noch einen Vater, Walter?«
-
-»Ja.«
-
-»Wo ist er?«
-
-»In Skandinavien.«
-
-»Allein?«
-
-»Anny Döring ist bei ihm.«
-
-»Wie? -- Die Soubrette?«
-
-»Ja.«
-
-»Ach --!«
-
-Nina blickte mich verwundert und ängstlich an.
-
-Wie liebte sie in diesem Augenblick meinen Vater. O Nina, Nina!
-
-Ich sah lange Zeit hinaus und träumte. Ich fühlte, daß mich Nina
-unausgesetzt betrachtete. Später vergaß ich es.
-
-Eine Hand lag auf der Decke. Es war Ninas Hand.
-
-»Darf ich sie küssen?« fragte ich.
-
-Nina lachte mit einem hellen Ton. Es klang, als fiele ein kleiner
-silberner Hammer schnell auf Metall.
-
-Ich küßte die Hand und dachte dabei an den Förster, der durch den Wald
-ging und Eicheln über die Erde streute. Ich küßte keine lebendige Haut,
-sondern Wildleder, dänisches Wildleder. Ich küßte dieses Leder noch
-einige Male und ließ die Hand dann fahren. Ich empfand kein besonderes
-Vergnügen dabei und wunderte mich. Wahrscheinlich träumte ich dies alles
-nur, sonst wäre ich doch wohl anders gewesen. Ich hätte vielleicht
-geschrieen ...?
-
-Es begann langsam zu regnen. Ich streckte die Hand hinaus. Große warme
-Tropfen fielen hernieder.
-
-»Wir werden morgen nicht Tennis spielen können,« sagte ich schläfrig.
-
-»Ja,« erwiderte Nina verwundert.
-
-Ach so, ich reise ja morgen fort, dachte ich. Wie ungeschickt!
-
-Ich träumte fort, sah Steine, Wolken und Bäume vorbeieilen; oben sprach
-Wolfgang irgend etwas, was ich nicht verstand, und der Donner wurde
-stärker, immer stärker.
-
-Nein, ich werde morgen nicht fortreisen. Ich werde mich heute Abend
-töten.
-
-Schafe standen zusammengedrängt und fürchteten sich ... Sieh da, Schafe
-... »Und es waren Hirten in derselbigen Gegend auf dem Felde bei den
-Hürden, die hüteten des Nachts ihrer Herde. Und siehe, des Herrn Engel
-trat zu ihnen, und die Klarheit des Herren leuchtete um sie; und sie
-fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch
-nicht, siehe, ich verkündige euch große Freude ...« wie schön, -- siehe,
-ich verkünde euch große Freude! Mir war mit einem Male, als sei mein
-Körper durchströmt von gutem warmem Blut. Es war ja alles gar nicht so
-schlimm! Denn ich verkünde euch große Freude ...
-
-Da -- was war das? Eine bebende Hand griff nach meiner. Mein Traum
-zerriß -- --
-
-»Nina!«
-
-Ich schrie.
-
-»Sei still, um Gottes willen ...«
-
-»Hallo, was gibt's?« fragte Wolfgang.
-
-»Nichts. Ninas Haar im Wind ...«
-
-Ich riß Nina an mich, überflutete ihr Antlitz mit Küssen, umarmte ihre
-Kniee und biß in ihre Lippen und Hände ...
-
-»Laß ... Laß ... Du bist verrückt.«
-
-Sie stöhnte.
-
-Ich flehte unverhüllt mit meinen fiebernden Lippen auf ihren Lippen, auf
-ihren Händen, ihrem Haar, ihren Augen und ihrer jungen, jungen Brust ...
-
-O unerhörtes Glück des Aneinanderschmiegens, der verschlungenen Finger,
-der wirren, in die dunkle Luft hineingesprochenen Reden!
-
-Und dann dieses wunderbare, einzigartige Ermatten, diese tränenreiche,
-gütige Müdigkeit, ... dieses bekümmerte Suchen der Hände, ... und
-endlich diese Ruhe, diese tiefe, tiefe Ruhe! ...
-
-Wie wir einst so glücklich waren!
-
- * * * * *
-
-Um Mitternacht stürmten die gepeitschten nassen Pferde mit rasselndem
-Wagen in den Schloßhof. Frau Seyderhelm empfing uns in der Türe. Sie war
-ein wenig müde, aber freundlich und besorgt.
-
-
-
-
- 13
-
-
-Ich stellte mich an das Fenster meines Zimmers und sah hinaus. Blitze
-spalteten Eichen und Kiefern, und über Wälder und weite Ebenen rollten
-ihre Donner. Aus den Ställen brüllten und wieherten geängstigte Tiere,
-und Malatesta saß mit glühenden Augen in seiner Hütte vor meinem Fenster
-und heulte.
-
-Auch dies ging vorbei. Ein stetig und kühl strömender Regen spendete
-uns, den Fiebernden, Genesung. Gerüche von niegeahnter Kraft erfüllten
-die Luft, und die Tiere in den Ställen begannen ihren Schlaf. Zwei Uhr
-schlug die Glocke, aber der trübe Morgen war noch fern.
-
-Ich setzte mich an den Tisch. Ich wollte etwas Unerhörtes schreiben,
-aber ach, -- es wurden nur diese einfachen Zeilen:
-
- Ist es denn möglich, daß wir diese Nacht
- In einem Wagen über Felder fuhren?
- Hab' ich geträumt? Ich sah doch einen Wald!
- Eilten nicht Steine, Wolken, Bäume, Sterne
- An uns vorbei, und hast du später nicht
- -- So hab' ich _doch_ geträumt, -- und hast du nicht
- Mir abgewandten Blicks die Hand gereicht?
- ... Und küßte ich sie nicht?
- Ich habe nicht geträumt. Wir fuhren nachts
- In einem Wagen über weite Felder,
- Es eilten stille Wolken, Bäume, Sterne
- An uns vorbei ... Du gabst mir deine Hand ...
- ... Ich küßte sie ... So hab' ich _doch_ geträumt?
-
-Ich packte meinen Ranzen, nahm das Blatt, stieg zu Ninas Zimmer hinauf,
-öffnete die erste ihrer beiden Türen und legte mein Gedicht auf ihre
-Diele. Dann schlich ich mich hinunter.
-
-Ich trat auf den Hof, streichelte Malatesta und dachte: Frau Seyderhelm
-und Wolfgang ... ach, Frau Seyderhelm und Wolfgang!
-
-Ich wanderte die Straße hinab, bis sich im Osten der bewölkte Tag
-ankündete. Auf einem Hügel blieb ich stehen und sah die verlassene
-bleiche Landschaft unter mir. Eine Starenkette flog durch die gereinigte
-Luft des Morgenrots.
-
-Da schlug ich mit der Stirn auf einen Baum und stürzte nieder.
-
-
-
-
- Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München
-
- Karl Borromäus Heinrich
-
- Karl Asenkofer
-
- Geschichte einer Jugend
-
- Zweites Tausend
-
- Geheftet 3 Mark 50 Pf., geb. 5 Mark
-
- Süddeutsche Monatshefte, München: Wenn ich aber sagen sollte,
- welches erzählende Buch des letzten Jahres den stärksten und
- nachhaltigsten Eindruck auf mich gemacht hat, so müßte ich
- Karl Asenkofer von Karl Borromäus Heinrich nennen. Das ist
- mehr als Litteratur: jede Zeile ist erlebt, und was noch
- wichtiger, jedes Erlebnis ist behutsam aufbewahrt! noch hängt
- der ganze Flügelstaub an den leichten Schwingen. Ein Buch
- von packender Ehrlichkeit, die nichts hinzu tut, und so
- niemals den Eindruck des Beabsichtigten, Arrangierten
- aufkommen läßt. Die letzten Gymnasial-, die ersten
- Universitätsjahre sind kaum je so unmittelbar und überzeugend
- wahrhaftig dargestellt worden. Als Heldin steht von der ersten
- bis zur letzten Seite eine der ergreifendsten Muttergestalten
- da. Dies Buch ist so ausgezeichnet, daß man vor der
- Fortsetzung ganz Angst hat. Man möchte den Verfasser inständig
- bitten, mit dem zweiten Teile zu warten, bis er sich dem
- ersten an die Seite stellen kann: ja nicht zu früh, ja nicht
- zu viel über seine augenblicklichen Erlebnisse zu berichten,
- sondern in Gelassenheit und Demut geduldig zu warten, bis zum
- ersten meisterlichen Bande ein zweiter von selber in Stille
- und Sturm reif geworden ist. An dem Tag aber wollen wir uns
- mit ihm freuen, denn an dem Tag ist unsere Litteratur um ein
- bleibendes Werk reicher: um ein solches, das eine Generation
- weiter gibt an die andere.
-
-
- Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München
-
- Korfiz Holm
-
- Thomas Kerkhoven
-
- Roman
-
- Vierte Auflage
-
- Flexibel geb. 5 Mark, steif geb. 6 Mark
-
- »The Times«, London: »Thomas Kerkhoven« belongs almost to the
- rank of classics like »Tom Jones« or »David Copperfield« or
- »Pendennis«.
-
- Rudolf Herzog in den »Neuesten Nachrichten«, Berlin: Sicher
- ist, daß dieses Werk den besten Büchern beizuzählen ist, die
- in den letzten Jahren erschienen sind.
-
- Wilhelm Hegeler im »Litterarischen Echo«, Berlin: Auf jeder
- Seite ist das Buch voll sprühender Lebendigkeit, von müheloser
- Anschaulichkeit, amüsant und glänzend von Anfang bis zu Ende.
-
- »Münchener Neueste Nachrichten«: Es wird seinen Weg machen;
- denn es ist wert, den besten Dichtungen unserer Zeit an die
- Seite gestellt zu werden.
-
- »Berner Bund«: Ganz »verflixt gut geschrieben« ist es, mit
- einer geradezu bewunderungswürdigen Sicherheit in der Technik.
-
-
- Druck von Hesse & Becker in Leipzig
-
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert.
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Wie wir einst so glücklich waren!, by
-Wilhelm Speyer
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WIE WIR EINST SO GLÜCKLICH WAREN! ***
-
-***** This file should be named 59186-8.txt or 59186-8.zip *****
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+Project Gutenberg's Wie wir einst so glücklich waren!, by Wilhelm Speyer
+
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+
+
+
+Title: Wie wir einst so glücklich waren!
+
+Author: Wilhelm Speyer
+
+Release Date: April 1, 2019 [EBook #59186]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WIE WIR EINST SO GLÜCKLICH WAREN! ***
+
+
+
+
+Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This file was
+produced from images generously made available by The
+Internet Archive.
+
+
+
+
+
+
+ Wie wir einst
+ so glücklich waren!
+
+
+ Von Willy Speyer erschien bei Bruno
+ Cassirer, Berlin 1907:
+
+ Ödipus, Roman
+
+
+
+
+ Wie wir einst
+ so glücklich waren!
+
+
+ Novelle
+ von
+ Willy Speyer
+
+
+ Albert Langen
+ Verlag für Litteratur und Kunst
+ München
+
+
+
+
+ 1
+
+
+Auf meinem Lande ist es Herbst geworden. Ungefähr um drei Uhr morgens
+beginnt ein kalter Regen nieder zu gehen, der erst um fünf Uhr
+nachmittags aufhört. Zur Vesperzeit kommt plötzlich und kampflos die
+Sonne hervor; ein leichtes Blau webt mit einem Male in den herbstlichen
+Bäumen, deren genäßte Blätter von der Sonne farbenreich durchleuchtet
+werden. Am Spätabend ziehen über die feuchte Erde Nebel dahin, die des
+Nachts die verblassenden, leise rauschenden Wälder umfangen. Auf diesen
+Nebeln ruht zuweilen Mond- und Sternenlicht; goldene und silberne Wolken
+fließen unaufhörlich durch das Dunkel dahin, bis es zu einem nassen und
+schleichenden Morgen tagt.
+
+Es ist seltsam zu sagen: Ich ziehe den Regen meinen anmutigen
+Herbstabenden vor. Während des ganzen Tages bleiben meine Fenster fest
+geschlossen, und ich finde ein Vergnügen darin, stundenlang im Zimmer
+auf und ab zu gehen, mit der Papierschere zu spielen, meine und meines
+Vaters Tagebücher zu lesen und immer wieder in hundertfachen Pausen dem
+Regen, dem grausamen, dem gänzlich hoffnungslosen zuzusehen. Keine
+Stimme redet zu mir aus dem strömenden Wasser, wie es bisweilen den
+Dichtern geschieht, und belustigt mich durch ihre Geschichten, --
+vielleicht durch kleine rührende Märchen, die meine Brust mit süßen
+Hoffnungen erfüllen könnten und dann ganz trostlos endigen, ... o nein,
+was mich unwiderstehlich zu dem erbarmungslosen Freunde dieser Tage
+hinzieht, ist nichts anderes als die nackte, von jeder Kunst entblößte
+Trauer und ihr schwermütiges Gefolge.
+
+Es gibt Tage, wo der Regen auch vor der Vesperstunde nicht Halt macht,
+sondern in die finstere Nacht hineinrauscht und nimmer ruhen mag. Dann
+kommt die Zeit meiner tiefsten Ängste, und es erfassen mich Gefühle, die
+ich längst vergessen wähnte: Meine vollkommene, durch keine Gunst des
+Schicksals je gestörte Vereinsamung, meine frevelhafte, durch keinen
+leuchtenden Gedanken je geweihte Eigenmächtigkeit und meine tödliche,
+tödliche Sehnsucht.
+
+ * * * * *
+
+Es ist wahr, ich bin grenzenlos einsam. Daß ich dies erst jetzt fühle,
+bereitet mir eine gewisse Genugtuung, zumal wenn ich daran denke, daß es
+Menschen gibt, die Tag für Tag an ihrer Einsamkeit leiden.
+
+Aber nun, hier auf meinem Landsitz, ist es eingetreten, daß ich in den
+Regen schaue, eine ganze Weile, geruhig, mit einer leichten Traurigkeit
+im Herzen, und dann plötzlich der Gedanke mich zu Boden schmettert, daß
+es auf der ganzen Welt keine einzige Seele gibt, die mir am Tage oder in
+der dunklen Nacht je vertraut wäre.
+
+O, ich weiß, daß viele Menschen ebenso wie ich zu sprechen pflegen, --
+aber bedenken diese auch, daß sie noch von der Kindheit her eine alte,
+gebrechliche Haushälterin besitzen, die sie rührend eifrig bedient und
+mit mürrischer Zärtlichkeit an ihnen hängt, oder einen Hund, einen
+kranken vielleicht, der mit guten, getrübten Augen zu ihnen emporsieht?
+Aber ich, ich kann nicht einmal solche Geschöpfe, die Geschöpfe des
+unteren Daseins, mein Eigen nennen. Meine Haushälterin versieht ihren
+Dienst mit gleichgültiger Sorgfalt, und die Hunde des Gutes lieben
+meinen Inspektor, nicht mich.
+
+Ich habe freilich mit vielen Männern Handschlag und freundlichen Blick
+gewechselt, habe Umarmungen und Küsse mit manchen Frauen getauscht und
+bin in vieler Herren Dienst gestanden, -- was blieb mir von alledem? Das
+Herz des Söldners, seine ruchlose Einsamkeit und seine undeutliche
+Erinnerung. Denn meinem Geist sind alle Geschehnisse zerronnen, wie der
+Regen zerrinnt auf den Schieferdächern meiner Scheunen.
+
+ * * * * *
+
+Ich stehe ein wenig abseits vom Sinn und Gefüge der Natur, das sei
+zugestanden, auch trage ich eine spöttische Unbekümmertheit um ihren
+Gang zur Schau. Ich befinde mich außerhalb der Kreise, die von der Natur
+um die Dinge dieser Welt, um Menschen, Tiere, Blumen, ja, um die starre
+Öde des Gesteins gezogen ward und -- ich will es nur aussprechen -- ich
+befinde mich dort nicht allzu wohl. Ich fühle mich ausgeschlossen von
+der mütterlichen Güte der Natur, die selbst dann meine tiefste Sehnsucht
+erweckt, wenn sie den andern nur grausam und sinnlos erscheint. Ich zöge
+es vor, als ihr niedrigster Knecht in Ketten zu schmachten, als, ach --
+so frei zu sein, wie ich bin ...
+
+ * * * * *
+
+Ich gehe an meine Bibliothek und nehme die römischen Elegien heraus. In
+dem Kupferstich auf der ersten Seite finde ich die Worte: »Wie wir einst
+so glücklich waren.«
+
+Ich lese es und habe Tränen in meinen Augen.
+
+ »Wie wir einst so glücklich waren,
+ Müssen's nun durch Euch erfahren.«
+
+Es war auf einem deutschen Rittergut im Sommer, in einem Sommer voll
+gesegneter Tage; das Getreide stand hoch, vortreffliches Heu lag auf den
+Wiesen; der Himmel war am Morgen blau, mit einer glasigen Mondsichel
+über den Scheunen, und nachts leuchteten viel Sterne wie aus einem
+dunkeln, reichen und kostbaren Stoff. Ich liebte dort alle Menschen und
+ich betete mit einer jungglühenden Leidenschaft eine gewisse Dame an, --
+vielleicht war es ein Taugenichts von einer Dame. O, ich habe dies alles
+nie vergessen, ich entsinne mich sehr gut. Ich will diese Geschichte
+aufschreiben und sie dann einem Mädchen vorlesen, das irgendwo in der
+Welt lebt, einem schlanken Mädchen etwa von blondem Haar und weißen,
+milden Händen, und dieser Gedanke hat etwas unendlich Beruhigendes für
+mich. Ich erinnere mich dabei an gewisse Abendspaziergänge über die
+sanften Felder eines deutschen Rittergutes, an gewisse zärtliche und
+gütige Nächte und an die verworrenen Laute eines Fuhrmannes, der in der
+Dunkelheit den Hof erreichte und seine Pferde beim Schein der Laterne
+aus der Deichsel führte.
+
+
+
+
+ 2
+
+
+Ich schauderte, als ich zum ersten Mal mit einem Wagen durch die Straßen
+dieser Stadt fuhr, in der ich die zwei letzten Jahre meiner Schulzeit
+verbringen sollte. Von den häßlichen, kalkig-weißen oder gelben
+Mietshäusern, die mit dem läppischen Stuck einer nur auf die
+Nützlichkeit gerichteten Baukunst verziert waren, wandte sich der
+gekränkte Blick zu modischen Villen, die mitten in Arbeitervierteln
+durch ihren Prunk aufgeblasen, durch ihre ärmliche Umgebung
+unschicklich, ja frech erscheinen mußten. Ein verachteter, oftmals
+bespöttelter Fluß, das Zerrbild eines Flusses, führte sein dünnes,
+unruhiges und stets getrübtes Wasser durch das Weichbild der Stadt. In
+den lichtlosen Gassen aber duckten sich zuweilen jahrhundertalte
+ängstliche Giebelhäuser, die einer seelenvollen und klaräugigen
+Vergangenheit entstammten.
+
+Der Knabe hatte seine erste Jugend auf einer Landschule zugebracht und
+war dort von erfahrenen Männern zusammen mit einer Schar unermüdlicher
+und redlicher Jungen erzogen worden. Nun stand er, einem begründeten
+Wunsche seines Vaters folgend, allein in dieser Stadt, ohne daß ihn
+irgend ein freundliches Gefühl an ihre Menschen gebunden hätte, dazu von
+einer auf dem Lande erlernten und geübten Sittlichkeit beschwert, die
+den Verkehr mit den leichtgesinnten Bewohnern der Städte verbot. So
+verschloß er sich nicht ohne einen gewissen Starrsinn den Freuden der
+Geselligkeit, gedachte mit Trauer der vergangenen Zeit und fand ein
+großes Gefallen daran, den alten Freunden in langen Briefen seine
+augenblickliche Lage mit den trostlosesten Worten zu schildern. Seine
+Stimmung ward durch den Umstand nicht verbessert, daß der Vater ihm
+Geldmittel von bedeutender Höhe zur Verfügung stellte, die weder dem
+Alter noch dem Verdienst des Sohnes ziemten.
+
+Er verachtete mit zusammengepreßten Lippen und immer strengen Zügen die
+Lehrer und Schulkameraden des Gymnasiums und sprach mit keinem von ihnen
+mehr, als die Stunde verlangte. Ihre unerzogenen Körper und die
+schlechte Artung ihrer Seelen erschreckten ihn auf das heftigste und
+stießen ihn ab. Er, nur er allein war edlen, bis zu den Sternen
+erhobenen Geistes und nur er besaß die Schönheit schnellbewegter
+Glieder. Wer von ihnen erfaßte mit so reger Seele die donnernden
+Strophen engländischer Königsdramen, die knabenhaften und verwegenen
+Reden eines jungen Prinzen vor der Versammlung von Lancasterschen
+Herzögen oder den aufrührerischen Hohn der französischen Herolde? Wer
+ward beseligt durch das tönende Gold der achäischen Panzer, durch den
+silbernen Hufschlag der streitenden, leichtberittenen Götter und durch
+das blaue, blaue Griechenland?
+
+Wie sehnte sich der bislang an Freiheit gewöhnte Knabe nach den
+Nachmittagen, die ihm durch keinen Zwang verfinstert waren! Ich denke
+besonders an gewisse regnerische Nachmittage des Herbstes. In einen
+trotzigen, der Kleidersitte widersprechenden Überwurf gehüllt, eine
+phantastische Mütze tief in das Gesicht gezogen, mit hohen schweren
+Stiefeln bekleidet, verließ er seine Wohnung und wanderte zum Stadttor
+hinaus. Bald gelangte er an den armseligen, im Regen blinden Fluß, an
+dessen Ufer er durch Weidengebüsch und dürftige Birkenwäldchen geradeaus
+schritt, um endlich die ersehnten Felder, die trüben, häßlichen und doch
+geliebten zu erreichen. Peitschte ihm der Sturm das Wasser in das
+emporgerichtete Antlitz, dann fühlte er, wie das heiß ersehnte und
+angebetete Leben seiner einsamen Brust günstig genähert war. Er warf die
+Kleider von sich, breitete den schützenden Mantel über sie und badete im
+kalten Fluß, während der Himmel seine frischen Regenstrahlen
+herniedersandte; vor Frost zitternd schwang er sich vielleicht auf einen
+Baum, um von dort in einer großartigeren als der gewöhnlichen Stellung
+Cassius in den verhängten Himmel zu heulen:
+
+ Und so umgürtet, Casca, wie ich bin,
+ Hab ich die Brust dem Donnerkeil entblößt,
+
+um endlich mit geschundenem Körper, blau und naß in die Kleider zu
+steigen und gedrückt, traurig und fast ein wenig weinerlich über die
+eigene Narrheit im dunkelnden Nachmittag seinem Hause zuzuwandeln. In
+seinem Zimmer fand er dann bereits die Dämmerung vor, die vom
+Laternenschein am Fenster in zerrissenen Stücken erhellt war. Während
+vom unteren Stockwerk eine musikstudierende junge Dame ihre
+gleichmäßigen und süßen Variationen und Fugen erklingen ließ, schickte
+er sich an, den Tee zu bereiten und die Pfeife in Gang zu bringen. Von
+wundervollen Gefühlen überschlichen ließ er sich in einen Sessel nieder,
+eine angenehme Wärme durchströmte seinen Körper und seine Augenlider
+wurden schwer von Träumen. Aber sein der Wirklichkeit ebenso
+leidenschaftlich wie der Phantasie zugetaner Sinn richtete ihn bald aus
+seinen Träumen empor. Er setzte sich an den Schreibtisch, schlug seine
+Schulbücher auf und arbeitete, ohne seinen Gedanken eine Ablenkung zu
+gestatten, ernst und streng bis zum Abend.
+
+
+
+
+ 3
+
+
+Die letzte Unterrichtsstunde vor den großen Ferien war beendet.
+Plötzlich, ja scheinbar ganz ohne Zusammenhang begann man ungeheuer laut
+und angeregt zu reden, man lachte, sah einander in die Augen, schüttelte
+sich die Hände, und ein jeder wünschte dem andern in weitschallenden und
+überaus herzlichen Zurufen einen fröhlichen Sommer.
+
+Ich stand wie immer abseits. Mir ward bei all dieser Freude, die wie ein
+heller Strom an mir vorbeifloß, ein wenig bedenklich zumute.
+
+Ich nahm zerstreut meinen Strohhut vom Kleiderriegel und betrachtete mit
+Interesse meine Stiefelspitzen.
+
+>Jawohl,< dachte ich, >ich kann mir gut heute Nachmittag ein Paar neue
+Schuhe kaufen. Morgen reise ich ja fort. Wohin eigentlich? In meine
+Heimat? Zu meinem Vater? Er kreuzt mit seiner Jacht auf den nordischen
+Gewässern in Begleitung der schönen Anny Döring, und er hatte in seinem
+letzten Brief die Einladung für mich wohl vergessen, ... eigentlich
+hatte er einen ausgezeichneten Brief geschrieben, einen höflichen,
+zurückhaltenden und etwas frivolen Brief, und beigefügt war eine
+Bankanweisung von erstaunlicher Höhe. Jawohl, so war mein Vater.
+Übrigens war er ein vortrefflicher Herr.<
+
+Ich schickte mich an, den leeren Schulkorridor zu verlassen, als ein
+blonder, vornehm gekleideter Knabe auf mich zutrat.
+
+Da er mein abweisendes Gesicht bemerkte, blieb er zögernd stehen und
+senkte die Augen. Darauf glitt ein Lächeln von großer Anmut über sein
+Antlitz, gleich als sei er über die eigene Schüchternheit belustigt.
+
+»Meine Mutter und ich, wir würden uns sehr freuen, ... das heißt, wenn
+du Lust hast ...«
+
+Eine Stille.
+
+»Ich verstehe nicht, -- wie?«
+
+Der Knabe schlug sich mit der flachen Hand auf den Schenkel und begann
+sehr herzlich und sehr laut zu lachen.
+
+»Zum Teufel, das war eine prachtvolle Einleitung!«
+
+Er legte ungezwungen und weltmännisch seine Hand auf meinen Arm.
+
+»Lieber Regnitz, man gibt heute nachmittag bei uns eine Gesellschaft. Es
+wird vermutlich ganz witzig werden ... Jungens und Mädchen ...
+Schokolade, Tanz und so ... Meine Mutter liebt das sehr, ... willst du
+uns das Vergnügen machen?«
+
+Ich sah den Jungen erstaunt an; er gefiel mir außerordentlich. Aber ich
+hatte es mir bislang in solchem Maße zur Pflicht gemacht, die
+Schulkameraden abweisend und hochmütig zu behandeln, daß ich auch jetzt
+nicht vermochte, mein gewöhnliches Betragen mit einem freundlicheren zu
+vertauschen.
+
+»Du bist sehr liebenswürdig ... Entschuldige mich, ich habe deinen Namen
+vergessen.«
+
+»Ich heiße Wolfgang Seyderhelm.«
+
+»Ich danke dir sehr für deine Einladung, Wolfgang Seyderhelm. Leider ist
+es mir nicht möglich, sie anzunehmen, da ich heute bereits eingeladen
+bin.«
+
+Wolfgang Seyderhelm wurde etwas rot.
+
+»Sehr schade,« sagte er.
+
+Er steckte eine Hand in die Hosentasche und wies mit der andern höflich
+auf die Schultreppe:
+
+»Wir haben denselben Weg.«
+
+Wir gingen die Stufen hinunter.
+
+»Dein Bruder war Militärattaché in Athen, nicht wahr?« fragte Wolfgang.
+»Meine Mutter glaubt, ihn dort kennen gelernt zu haben.«
+
+»Jawohl, er war Militärattaché in Athen.«
+
+Ich sah zur Seite.
+
+»Was ist's mit ihm?« fragte Seyderhelm, der mich beobachtete.
+
+»Er fiel in Südwest gegen die verdammten Schwarzen.«
+
+»Oh.«
+
+Vor dem Schulgebäude stand ein leichtgefügter eleganter Wagen mit zwei
+lebhaften Apfelschimmeln. Eine junge Dame saß darin; sie trug einen
+silbergrauen Schleier, der den weichen großen Hut an den Seiten
+niederbog und auf der Brust zu einem Knoten verschlungen war. Ihre
+schmalen Hände waren mit dänischem Leder bekleidet, und ihre von den
+Wimpern tief beschatteten Augen sahen etwas mokant zu Wolfgang hin.
+
+»Ah, der Wagen!« sagte Wolfgang Seyderhelm, der zögernd stehen blieb.
+
+»Ah, deine Schwester!« sagte ich beklommen.
+
+»Nein, nicht meine Schwester.«
+
+»Nicht deine Schwester?«
+
+»Eine junge Dame unserer Bekanntschaft. Adieu, Walter Regnitz.«
+
+Wolfgang Seyderhelm grüßte. Ich dankte nicht, sondern sah auf den Wagen.
+Der Kutscher legte die Hand an den Hut, Wolfgang sprach lächelnd einige
+Worte, warf seine Schulmappe auf den Bock und stieg ein. Die Schimmel
+zogen an und das Gefährt bog im Augenblicke um die Ecke ...
+
+Ich eilte in den heftigsten Gedanken nach Haus.
+
+
+
+
+ 4
+
+
+An diesem Nachmittag ging ich nicht spazieren. Ich schritt unruhig in
+meinem Zimmer auf und ab. Ich hatte weder Lust zu arbeiten noch zu
+lesen. Immer wieder kam mir Wolfgang Seyderhelms Einladung in den Sinn.
+Und mit einem Male trat aus der Wirrnis widerstreitender Gefühle ein
+leuchtender Gedanke hervor: Die Sehnsucht nach Gesprächen, nach
+scherzhafter Rede und Gegenrede, nach Tanz und Schokolade und nach einer
+gewissen jungen Dame mit einem silbergrauen Schleier und mokanten, von
+den langen Wimpern tief beschatteten Augen.
+
+Ohne Zögern kleidete ich mich um, lief zum Schuldiener und ließ mir
+Wolfgang Seyderhelms Adresse sagen. Bald fand ich mich abseits der Stadt
+vor einer großen, mitten in einem Park gelegenen Villa. Ich schellte,
+ward vom Diener ohne Verwunderung empfangen, durcheilte einige
+hellerleuchtete Gemächer und stand endlich im Eßzimmer.
+
+Eine stattliche Anzahl von Knaben und Mädchen, unter ihnen einige
+Erwachsene, saßen an drei runden Tischen, vollführten den heitersten
+Lärm, und tranken mit großem Appetit Schokolade, wozu sie ungeheuer viel
+Kuchen aßen. Ich blieb befangen stehen und suchte Wolfgang Seyderhelm.
+Die Herrschaften verstummten allmählich, man begann mich zu bemerken. Da
+sah ich am Ende des letzten Tisches Wolfgang sich erheben, der mich
+verwundert anstarrte. Von einem andern Tisch her rief eine Dame:
+
+»Nun, Wolfgang, willst du nicht deinen Gast begrüßen?«
+
+Über Wolfgang Seyderhelms Gesicht glitt ein Zug von unendlicher
+Liebenswürdigkeit und fast frauenhafter Güte. Schnell kam er auf mich
+zu:
+
+»Wie lieb, daß du kommst!«
+
+Ich erwiderte kein Wort, drückte aber stürmisch und begeistert seine
+Hand. Er faßte mich am Arm und führte mich zu der Dame, die ihm vorhin
+zugerufen hatte. Glücklicherweise begann man an den Tischen sich wieder
+zu unterhalten.
+
+»Dies hier ist mein Schulkamerad Walter Regnitz.«
+
+Die Mutter, eine noch junge Frau von schlankem Wuchs, heiteren
+italienischen Augen und hoher reiner Stirne begrüßte mich lebhaft.
+
+»Es freut mich sehr, daß Sie gekommen sind. Wolfgang hat mir viel von
+Ihnen erzählt.«
+
+Wolfgang errötete.
+
+»Ich denke, Herr Regnitz, Sie setzen sich neben mich. Hier ist noch ein
+Stuhl frei.«
+
+Ich saß und fühlte meinen Sinn ein wenig umnebelt.
+
+»Sind Sie verwandt mit einem Herrn Regnitz, der vor zwei Jahren in Athen
+Attaché war?«
+
+»Das war mein Bruder, gnädige Frau.«
+
+»Nicht möglich! ... Ihr Bruder ...!«
+
+Und sie sprach von meinem Bruder, den sie in Athen vor zwei Jahren
+kennen gelernt hatte.
+
+»Eigentümlich, wie Sie sich Schokolade eingießen!« klang eine singende
+Stimme neben mir, während ich mich mit Frau Seyderhelm über meinen
+Bruder unterhielt, der in Athen vor zwei Jahren Attaché gewesen war. Ich
+wandte mich nicht um und konnte nicht erkennen, woher diese Stimme kam
+und ob sie mir galt. Ich sah viele Gesichter, darunter das von Wolfgang
+Seyderhelm, dessen Blick sich stets abwandte, sobald er den meinen traf.
+Ich empfand es sehr wohltuend, daß ich mich vorhin beim Eintreten nicht
+allzu ungeschickt benommen hatte und nun in ungezwungenem Tone mit
+Wolfgangs Mutter redete.
+
+»Wo ist Ihr Herr Bruder jetzt?«
+
+»Er ist im Kampf gegen die Neger gefallen.«
+
+»Oh wie traurig! Als Offizier?«
+
+»Jawohl, als Offizier.«
+
+»Eigentümlich, wie Sie sich Schokolade eingießen!« sang irgendwo eine
+Stimme.
+
+»Und Sie sind hier in unsere Stadt gekommen, um das Abiturium zu
+machen?«
+
+»Jawohl, ich war jahrelang auf dem Lande, nun will ich hier das
+Abiturium machen.«
+
+»Wolfgang erzählt, Sie seien sehr fleißig.«
+
+»Ich will mit der Schule schnell zu Ende kommen.«
+
+»So --?«
+
+Frau Seyderhelm wandte den Kopf nach einer anderen Richtung, da sie von
+dort gerufen wurde. Nun konnte auch ich mich umsehen.
+
+Neben mir saß eine junge Dame, die auf ihrem hellblauen Kleid
+Schokoladenflecke mit der Serviette abrieb. Diese junge Dame hatte
+golden schimmernde, von den Wimpern tiefbeschattete Augen,
+kastanienbraunes Haar, einen spöttisch verzogenen Mund und lange schmale
+Finger, die auf irgendeine Art an die Kälte des Winters erinnerten, an
+Elfenbein und an die Heiligtümer indischer Völker.
+
+
+
+
+ 5
+
+
+Ich schwieg beklommen, seufzte tief auf und gewann endlich den Mut zu
+fragen: »Habe ich Ihr Kleid ...? Das heißt, bin ich daran schuld, daß
+Sie ...?«
+
+Die junge Dame antwortete nicht, sondern reinigte emsig mit einer
+kleinen Serviette, die sie in warmes Wasser getaucht hatte, ihr
+hellblaues Kleid.
+
+»Ich meinte nur ...« sagte ich ratlos.
+
+Da hob die junge Dame den Kopf in die Höhe, sah mir in die Augen, wobei
+sie sich ein wenig zur Seite neigte, und begann eine Tonreihe von
+silberhellem Klang zu lachen mit listigen, schmalen Augen, mit offenem
+Munde und vielen weißen Zähnen.
+
+»Nein, _zu_ dumm! Sie haben eine Art, sich Schokolade einzugießen! Sehen
+Sie, man macht es nicht so --«
+
+Sie nahm eine Porzellankanne und ließ den Strahl von solcher Höhe in die
+Tasse fallen, daß alles um sie herum erschrocken und lachend zurückwich.
+
+»-- sondern so.«
+
+Sie verkleinerte den Strahl und ließ ihn manierlich fließen.
+
+Ich ward einem Sturm des Gelächters preisgegeben. Ein geistlicher Herr,
+der an einem andern Tisch seinen Platz gefunden hatte, beugte sich mit
+fröhlichem Augenblinzeln zur Seite und begann so herzlich zu lachen, daß
+er sein Taschentuch hervorziehen mußte. Einige Backfische kicherten und
+flüsterten, ein paar Jungens brüllten. Ja, die junge Dame mir zur Seite
+schien ein Tausendsassa zu sein, die eine ganze Gesellschaft mit ihren
+Späßen zu erheitern vermochte.
+
+Ehe ich noch etwas erwidern konnte, wurden die Stühle mit großem Lärm
+gerückt und man erhob sich. Die junge Dame tat mit der Hand noch schnell
+eine sonderbare Geste, die ich mir nur so deuten konnte: »Ein dummer
+Junge, nicht wahr?« Darauf hatte sie plötzlich, als sie von ihrem Stuhl
+aufstand, ernste und unbewegliche Züge. Die strengen Linien ihrer
+goldfarbenen Augenbrauen und Wimpern, der kunstvolle geschlossene Aufbau
+ihres kastanienbraunen Haares beherrschten mit einem Male das Antlitz.
+Die herabhängenden Arme waren eng an das Kleid gehalten und die Hände
+lagen wie erstarrt in den Falten.
+
+Wolfgang Seyderhelm trat auf mich zu und bot mir sehr herzlich die Hand.
+Ich bemerkte, daß er enganliegende graue Hosen trug, Lackstiefel, ein
+Jackett, ähnlich wie es die englischen Midshipmen zu tragen pflegen, und
+einen umgebogenen Kragen, der seinen braunen Hals freiließ. Er schien
+stolz und glücklich zu sein und hatte das Aussehen und Betragen eines
+jungen Engländers und Weltmannes.
+
+»Hast du dich mit deiner Tischnachbarin unterhalten?« fragte er.
+
+»Du meinst, mit deiner Mutter?«
+
+»Nein, ich meine mit dieser jungen Dame dort.«
+
+Er zeigte in den Salon.
+
+»Kaum. -- Wie heißt sie?«
+
+»Nina.«
+
+Ich mußte plötzlich an die Schneeberge und Weintrauben Kaukasiens
+denken, an die reine Stirne und den unvergleichlichen Gang der
+Kosakenmädchen.
+
+»Was ist's mit ihr?« fragte ich.
+
+»Sie ist Schauspielerin am Stadttheater. Eine Protegé meiner Mutter.«
+
+»Wie alt?«
+
+»Achtzehn.«
+
+Ich sah, daß man im Speisezimmer die Stühle an die Wand schob und den
+Teppich aufrollte. Ich blickte zerstreut an den Gobelins hinauf, deren
+streitende Helden sich in übermenschlichen Triumphen und Schmerzen
+gegenüberstanden. Wolfgang sprach noch, aber ich verstand nicht, was er
+eigentlich sagte. So, so ... so ... sie hieß Nina, ... welch ein süßer
+Gleichklang in ihrem Namen, ... welch ein Duft von ihrem Haar, ... ich
+begann Kopfschmerzen zu bekommen, ... wie zärtlich Wolfgang zu ihr
+hinblickte ...
+
+»Du liebst sie ja!« sagte ich laut und wußte nicht, ob ich wirklich
+gesprochen hatte.
+
+Wolfgangs Antlitz sah plötzlich aus wie überströmt von Blut.
+
+»Was sagst du?«
+
+Frau Seyderhelm stand neben uns und unterhielt sich mit dem geistlichen
+Herrn. Frau Seyderhelm stand sehr gerade da, sprach achtungsvoll, mit
+verbindlich zur Seite geneigtem Haupt, gebrauchte sehr oft die Anrede:
+Herr Pastor und hatte zu gleicher Zeit ein etwas mitleidiges Lächeln um
+den Mund, da der geistliche Herr verlegen war und nicht ganz
+ungezwungene Bewegungen zeigte.
+
+»Und morgen gehen Sie auf ihr Rittergut, meine liebe gnädige Frau?«
+fragte der geistliche Herr.
+
+»Ja, stellen Sie sich vor, Herr Pastor, -- dieser Trubel! Alle Koffer
+sind schon gepackt ... es ist ja immer wie ein Umzug! ... Aber Wolfgang
+tut das Landleben so wohl ...!«
+
+Frau Seyderhelm strich mit der Hand über ihr schwarzes Haar.
+
+»Nina geht diesmal auch mit,« sagte sie, lächelte dem Pastor sehr
+liebenswürdig zu und schritt ins Nebenzimmer.
+
+»Wie schön von dir, daß du mich eingeladen hast,« sagte ich zu Wolfgang,
+wurde ganz heiß vor Begeisterung und ging weg.
+
+Eine Dame mit einem ungeheuren Hut betrat den Empfangsraum, ruderte
+durch die Luft auf Frau Seyderhelm zu, erfüllte das Gemach mit ihren
+Begrüßungen, ihren schnellen Handbewegungen, ihrer Rührung über die
+frohe Schar, legte die Arme auf Frau Seyderhelms Schultern, küßte ihr
+jede Wange und sagte oftmals: »Meine liebe Lina.« Sie wurde von den
+Jungen mit ehrfürchtigen und ungeschickten Verbeugungen gegrüßt, von
+Wolfgang empfing sie einen Handkuß und von zwei Mädchen, vermutlich
+ihren Töchtern, sehr rasche und oberflächliche Umarmungen.
+
+Ein junger Herr, ein Student, wie man annehmen durfte, ging quer durch
+den Raum, trug mit steifem Arm die Öffnung seines Zylinderhutes nach
+Außen in der mit braunem Glacé bekleideten Hand, erschreckte jedermann
+durch seine ruckartigen Verbeugungen, saß kurze Zeit darauf von einer
+lauten Gesellschaft umgeben an einem Tisch und versuchte sich in einem
+Kunststück mit zwei Gläsern, einer Teetasse und einem silbernen Löffel.
+
+ * * * * *
+
+Eine Dame in einem schwarzen, bis an den Hals geschlossenen Kleide, die
+blaß und hübsch war und hungrige graue Augen hatte, wahrscheinlich die
+Gesellschaftsdame irgend eines der jungen Mädchen, ließ sich am Flügel
+nieder und begann einen Walzer zu spielen. Die Mädchen bekamen rote
+Köpfe und setzten sich ziemlich nervös auf die Stühle an der Wand. Die
+Knaben standen in den Türrahmen, ordneten ihre Krawatten, ihre
+Schuhbänder, ihre Frisuren und bemühten sich sorglos auszusehen.
+
+Irgendeiner von ihnen, ein kecker Bursche, der den Teufel nach Rotwerden
+und Schüchternsein fragte, forderte als erster eines der Mädchen auf.
+Andere folgten. Wolfgang trat von irgendwoher auf Nina zu, lächelte,
+ohne sich zu verbeugen, und zog sie mit sich fort. Die Jungen tanzten
+mit vielen Sprüngen und Witzen, schlugen die Beine nach hinten aus, so
+daß man ihre Stiefelsohlen zu sehen bekam, und hielten ihre Tänzerinnen
+mit steifen Armen, da sie die Berührung des Fleisches fürchteten. Die
+Mädchen bewegten sich ruhiger und hatten versonnene Augen und ein
+süßliches Lächeln auf den Lippen. Wolfgang und Nina sahen jugendlich und
+glücklich aus; sie schienen schon oft miteinander getanzt zu haben, und
+waren ihrer Bewegungen sicher. Nina neigte ihr Haupt ein wenig zu Boden,
+was ihrem schlanken, hochgestellten Körper etwas Verträumtes und
+zugleich Preziöses gab.
+
+Es war recht heiß. Ich fühlte mich elend und doch glücklich und trank
+sehr viel Limonade. Frau Seyderhelm stand mit einem Male vor mir, wie
+stets sehr gerade und beinah mädchenhaft schlank, die edlen Hände über
+der Gürtelschnalle gekreuzt, mit heiteren Augen und reiner Stirn. Sie
+nannte mich oftmals »mein lieber Herr Regnitz« und blickte, da ich
+verwirrte Antworten gab, mütterlich lächelnd über die froh sich
+bewegenden Kinder hin.
+
+Der Student tanzte jetzt mit Nina, nannte sie »mein gnädigstes Fräulein«
+und benahm sich in jeder Beziehung wie ein Student, der zu einer
+Backfischgesellschaft geladen ist und dort mit der einzigen erwachsenen
+jungen Dame tanzt. Sein Zylinder stand irgendwo in der Ecke auf einem
+Stuhl und schwankte grinsend hin und her.
+
+Der geistliche Herr erzählte der Dame mit dem großen Hut, daß Ihre
+Hoheit Prinzessin Clementine am vorigen Sonntag in der Kirche sehr blaß
+ausgesehen habe und augenscheinlich an Kopfschmerzen leide; welche
+Bemerkung seine Dame mit einem kurzen, nervösen Gähnen, einem verlegenen
+Hinunterschlucken und einem ehrfurchtsvollen »Gewiß, Herr Pastor«
+erwiderte.
+
+Irgendein Mädchen, ein braves Kind mit dickem lustigen Gesicht und roten
+Händen forderte mich auf, mit ihr zu tanzen; ich lehnte mit strenger
+Stirne und finsteren Blicken ab. Sie schüttelte den Kopf, lachte leis,
+so daß sich ihre Nase in viele Falten zog, sagte: »Nein, so etwas!« und
+verschwand mit einem andern, wobei sie den Hals ihres Tänzers mit den
+Armen umschloß und die guten dicken Finger auf seinem Nacken faltete.
+
+Wolfgang bat die Dame mit dem großen Hut und den exzentrischen
+Bewegungen um einen Tanz. Die Dame sträubte sich ein wenig, sprach sehr
+viel von ihrem Alter und vom Muttersein in die leere Luft und sagte
+endlich zu. Man klatschte im Takt zu ihrem Tanze und bereitete sich
+alsdann zur Quadrille vor.
+
+Ich begann mich mit irgend jemandem über unsere Lehrer zu unterhalten;
+ich war witzig, der Bengel lachte und verbeugte sich darauf vor mir.
+
+Wolfgang trat auf mich zu.
+
+»Du tanzt nicht?«
+
+»Nein. Danke.«
+
+»Nie?«
+
+»O doch.«
+
+»Magst du heute nicht?«
+
+»Nein. Danke.«
+
+Nina stand neben ihm.
+
+Sie sah mich neugierig an.
+
+»Sie tanzen nicht?«
+
+»Nein, heute nicht.«
+
+Ninas Augen waren stetig auf mich gerichtet. Ich betrachtete das
+kastanienbraune Haar und bemerkte, daß es im Schein der kristallenen
+Lustres leuchtete.
+
+»Sie werden jetzt mit mir Quadrille tanzen. Warum stehen Sie immer an
+der Wand? Das schickt sich doch nicht für einen jungen Herren von Ihren
+Qualitäten!«
+
+»Wollen Sie sich bitte nicht um mich bekümmern, wie?«
+
+Wolfgang bekam große Augen.
+
+»Aber Regnitz, bitte, was ist denn --?«
+
+Nina lachte herzlich, zeigte ihre weißen Zähne, legte die elfenbeinerne
+Hand auf Wolfgangs Arm und sagte:
+
+»Du, der ist aber grob!«
+
+Darauf wandte sie sich mir zu, machte ein hochmütiges Gesicht, senkte
+die Lider, so daß es aussah, als ob sie schliefe, und sagte in einem
+näselnden Ton:
+
+»Also bitte, -- wollen Sie jetzt meinen Arm nehmen?«
+
+Ich fühlte eine Schwäche in den Gliedern, während ich den rechten Arm
+bog.
+
+»O, das ist nett!« sagte Wolfgang mit seinem liebenswürdigen Lächeln.
+»Wir werden in einem Karree tanzen.«
+
+Wir gingen in den Saal.
+
+Der Student stürzte auf Nina zu.
+
+»Aber, gnädigstes Fräulein haben _mir_ ja ... das heißt, wenn Sie
+vorziehen ...«
+
+Er schwitzte und verbeugte sich. Ich bemerkte, daß er nach Mediziner im
+zweiten Semester roch.
+
+»Ach, Herr Doktor, ... ich hatte schon Herrn Regnitz vorher versprochen,
+die Quadrille mit ihm zu tanzen. Verzeihen Sie.«
+
+Wir gingen weiter. Der Student war von diesem Augenblick an in jeder
+Beziehung erledigt. Er war fertig, hingerichtet, gleichsam mausetot ...
+
+Die Dame am Klavier mit den hungrigen Augen spielte die Aufforderung zur
+Quadrille. Das Karree bildete sich. Ich steckte eine Hand in die
+Hosentasche und machte ein gleichgültiges Gesicht.
+
+»Entschuldigen Sie,« sagte ich.
+
+»Bitte?«
+
+Nina begann sich mit dem Geistlichen zu unterhalten, der plötzlich neben
+ihr stand. Sie schauspielerte Ehrfurcht und war sehr schüchtern. Ich
+wurde rot. Sie wandte sich um:
+
+»Was sagten Sie eben?«
+
+»Vielleicht hören Sie zu, wenn ich mit Ihnen spreche!«
+
+»Sie sind manierlos.«
+
+»Ich bat um Entschuldigung wegen vorhin.«
+
+»Sie können gleich um Entschuldigung bitten >wegen jetzt<.«
+
+Ich schwieg. Mein Gott, warum war ich nur so ungezogen! Ein weinerliches
+Etwas stieg in meine Nase empor.
+
+Wolfgang trat uns gegenüber und sprach mit seiner Cousine, einem
+schüchternen Mädchen von außergewöhnlicher Schönheit. Er winkte uns mit
+der Hand zu.
+
+Die Quadrille begann.
+
+Nina verbeugte sich tief vor ihrem Nachbarn, darauf vor mir. Ihre Lider
+bedeckten wiederum die Augen, die langen Wimpern berührten die roten und
+weißen Wangen, das feurige Haar warf seinen Duft zu mir, die
+elfenbeinernen Hände lagen wie unbeseelt in den Falten des blitzenden
+Kleides. Sie war im Augenblick, da sie sich neigte, ein Götterbild, das
+in Betrachtung zum Buddha versunken ist, eine indische Statue aus
+farbigem Stein ... Ich beugte mich noch tiefer, sah ihre blauen schmalen
+Schuhe und dachte: Süße Nina, süße Nina.
+
+Ich gab fleißig acht und tanzte gut. Ich tat keine überflüssige Geste
+und bewegte mich ruhig. Von Zeit zu Zeit sagte Nina:
+
+»_Visite à gauche!_« oder »Jetzt dort!« oder »Passen Sie auf, Sie können
+nur grob sein!« Aber sie schien zufrieden.
+
+»Es geht ja ganz gut,« bemerkte sie einmal.
+
+»Gewiß,« erwiderte ich stolz.
+
+Ich sah, daß Nina und Wolfgang sich beim _moulinet des dames_
+zulächelten, sobald sie sich trafen. Wolfgang sprach viel zu uns hin und
+unterhielt das ganze Karree. Er hatte das Aussehen eines vornehmen
+Pagen, der bei Hof die Schleppe der Königin hält.
+
+Mich überfluteten, sobald ich Nina die Hand reichen mußte, Ströme von
+Zärtlichkeit und Anbetung. Ich beobachtete, daß ihr Fuß beim Auftreten
+die Form nicht veränderte. Ich liebte sie, -- o mein Gott, _wie_ ich sie
+liebte! Ich begann zu fiebern und wurde von Angst ergriffen. Ich dachte
+daran, daß ich heute abend allein in meinem Zimmer sein würde. Irgend
+etwas müßte bis dahin geschehen, irgend etwas, das mich mit einem
+unerhörten Glück erfüllte, ein Blick von ihr, ein Wort, ein Kuß ...
+
+»Sie sind unaufmerksam. Passen Sie auf -- _vis-à-vis_!«
+
+Ich sah einem blonden Mädchen in die Augen, verbeugte mich und trat mit
+Nina zurück.
+
+»Was spielen Sie?«
+
+»Wie?«
+
+Wir wurden getrennt.
+
+»Ich meine, was Sie im Theater spielen?«
+
+Ich tanzte an drei jungen Mädchen vorbei, gab einer jeden die Hand und
+verbeugte mich wieder vor Nina.
+
+»Hebbels Clara.«
+
+»Ah ...«
+
+Ich kannte Hebbel.
+
+Ich verbeugte mich vor Wolfgangs Tänzerin.
+
+Dann stand ich wieder vor Nina.
+
+»Kennen Sie Maria Magdalena?« fragte Nina.
+
+»Ja.«
+
+Ich ging mit den drei Herren _en avant_ und verneigte mich vor Nina.
+
+»Sie sollten lieber Ihre Schulaufgaben machen.«
+
+Ich begann zu lachen, wie verrückt zu lachen, zog das Tuch hervor, bekam
+Tränen in die Augen, fand mich albern, mußte aus der Reihe treten und
+störte den ganzen Tanz. Nina hob die Lider, und es war, als ginge der
+Vorhang im Theater auf.
+
+»Was haben Sie?«
+
+Ich begann zu beben und zu frieren, meine Zähne schlugen aneinander, ich
+hatte das Gefühl, daß ich totenblaß sei.
+
+»Sie sind herrlich!« sagte ich.
+
+Ich wußte nicht mehr, was ich sprach. Ich hatte Fieber, nichts als
+Fieber, und Angst vor meinem einsamen Zimmer ...
+
+Die Reihen ordneten sich wieder, man lachte, ärgerte sich und tanzte
+weiter. Die letzten Takte spielte die Dame am Klavier in rasendem Tempo.
+Man fand sich nicht mehr zurecht, und alles verwirrte sich. Ich lief
+umher, fühlte Schauer in meinem Körper und hatte das Bedürfnis, etwas zu
+zerbrechen. Der Quadrillenwalzer ertönte, man schloß sich in die Arme.
+Ich verbeugte mich vor Nina, aber sie dankte.
+
+Ich führte sie aus dem Saal hinaus. Darauf ward es dunkel vor meinen
+Augen. Ich wurde schwindlig und hielt mich an einem Türpfosten. Mit
+einem Male war ein Bild vor mir: die Mittagssonne über einer
+teppichfarbenen Landschaft des mittleren Deutschlands, der Duft von Korn
+und gemähten Wiesen, und blaue Berge in der Ferne.
+
+Nina lachte, ein singendes, verstehendes, unendlich grausames und süßes
+Lachen:
+
+»Sie taumeln, Herr Regnitz! -- Ist Ihnen schlecht?«
+
+»Nina, ich liebe Sie.«
+
+Ich sah sie an, -- sie, dieses indische Götterbild mit den gesenkten,
+zur Betrachtung geneigten Augen, mit der unvergleichlich bleichen und
+edlen Stirne, mit den elfenbeinernen Händen und dem farbigen, wie von
+Edelstein und Gold blitzendem Gewande, sah diese Lippen aufeinander
+gepreßt, süß und streng, -- bereit, Worte zu sprechen, die den Gläubigen
+vernichten oder aufheben:
+
+»Sie sind verrückt.«
+
+Sie ging fort, mit elastischem stolzem Schritt, wandte plötzlich den
+Kopf um, zeigte mir ein entzückend frisches und amüsiertes
+Mädchengesicht, lachte, lachte eine Reihe makelloser Töne, zog eine
+kleine goldene Uhr aus dem Gürtel, ließ den Deckel aufspringen und
+sagte:
+
+»Es ist übrigens schnell gegangen. Sie sind um fünf Uhr gekommen; jetzt
+ist es vier Minuten vor sechs.«
+
+Aus der Ferne, aus einer Schar lärmender Menschen heraus hörte ich sie
+noch einmal lachen ...
+
+Wolfgang trat schnell auf mich zu.
+
+»Ist dir etwas? Du siehst nicht wohl aus. Willst du den Wagen haben?«
+
+Ich sah mich um und lächelte matt.
+
+»Lieber, welch ein Gefühl!«
+
+Ich gab ihm wie im Traum die Hand.
+
+Plötzlich ermannte ich mich, stürmte hinaus, ohne Gruß, ohne Blick, riß
+den Hut im Korridor vom Riegel und erreichte den Park. Ich lief wie
+gejagt durch die Straßen und hielt mich endlich an einem Gitter fest.
+Atemlos, die Brust erfüllt von einem qualvollen Glück, begann ich wie
+ein Kind zu schluchzen, wie ein kleines, ungezogenes Kind.
+
+
+
+
+ 6
+
+
+Am nächsten Tage wachte ich um fünf Uhr morgens auf. Ich lief im Hemd
+ans Fenster. Die Straßen waren leer, aber auf den Dächern lag warmes
+Morgenlicht und in den Bäumen am Rande des Bürgersteiges zwitscherten
+die Spatzen.
+
+O mein Gott, welch ein Gedanke, ich hatte Ferien, ich hatte fünf Wochen
+Ferien!
+
+Ich eilte in das Badezimmer und öffnete dort die Brause. Da fiel mir
+mitten im kalten Wasser etwas ein ... Was war denn gestern geschehen?
+... War nicht gestern etwas Besonderes vorgefallen? ... Ich war auf
+einer Gesellschaft gewesen ... bei Wolfgang Seyderhelm, ... dort befand
+sich eine junge Dame ... mit goldfarbenen Augen und feurigem Haar ...
+eine Art Gottheit ... ein Backfisch ... Wie hieß doch gleich diese Dame?
+... Nun, wir wollen keine Komödie spielen, wir wissen sehr gut, wie
+diese Dame hieß ... Nina, ... jawohl, Nina hieß sie, ... und dann war
+ich aus der Gesellschaft weggelaufen ... und hatte mich blamiert, ... O
+weh! o weh!
+
+Verwirrt streckte ich die Arme nach dem Kelch der Brause aus, ließ mir
+das Wasser ins Gesicht laufen und rief beglückt in das Geplätscher
+hinein: Süße Nina, süße Nina.
+
+Ich sprang in das Badetuch und zog mich an. Ich sah das Sonnenlicht sich
+langsam über die Häuser senken. Hallo, war ich nicht jung? Meine Heimat,
+-- ach, meine Heimat war überall da, wo es warme Landstraßen gab mit
+schönem weißem Staub, Kirschbäume, schwere Kornfelder. Nina, -- ach,
+Nina war irgend eine junge Dame, ein Spuk, ein Ding ohne Zusammenhang
+mit meinem Leben ...
+
+Ich nahm meinen Ranzen, stopfte Hemden, Strümpfe, die »Versuchung des
+Pescara«, Taschentücher, zwei alte Brötchen hinein und lief die Treppe
+hinunter.
+
+Noch waren die Straßen leer. Hier und da zeigte sich ein verschlafen
+aussehender Bäckergeselle mit listigem Gesicht, ein mürrischer Arbeiter
+auf dem Rad, ein von der Nachtkälte durchfrorener Polizist, sonst
+niemand. In den einsamen Gassen hörte ich nur den Klang meiner Schritte
+und meines Stockes.
+
+Bald hatte ich die letzten Häuser erreicht und sah meine Felder sich im
+Sommermorgenlicht ausbreiten.
+
+Ich ging mit leichtem Fuß und leichtem Herzen die Landstraße hinunter.
+Es kamen Bauernwagen, die zum Markte in die Stadt fuhren, und neben den
+Kutschern saßen eifrig bellende Hunde, es kamen ganz, ganz kleine
+Mädchen, die sich an der Hand hielten und mit putziger Eilfertigkeit in
+ihre Schule trabten; eine Bäuerin tauchte auf, trug einen Korb mit Eiern
+auf dem Kopf und sah wie eine Bäuerin aus dem Bilderbuche aus; darauf
+eine Horde Jungens, die alle ohne Ausnahme nackte Füße und geflickte
+Hosen hatten, und endlich auch ein Mann mit einer Kuh und einem
+Hündchen.
+
+Schon war ich im ersten Dorf. Dort war bereits jedermann auf den Beinen.
+Ein Fuhrmann kam mit der Peitsche in der Hand aus der Schenke, wischte
+sich den Bart und kletterte mit vielen unverständlichen Worten auf den
+Bock; ein schlanker Terrier lief bellend auf mich zu, -- als ich ihm ein
+Stück meines Brots zeigte, sprang er an mir hoch; ein Kind lachte
+irgendwo, und ich wanderte weiter.
+
+Die Sonne stieg. Mir zur Seite erschienen Dörfer mit Kirchtürmen und
+leuchtend weißen Grabsteinen und verschwanden hinter teppichweichen
+Hügeln.
+
+In einem schönen Kirchdorfe machte ich Halt. Ich ging zu einem Bäcker,
+der am Laden eine eiserne Brezel hatte, und kaufte mir Brot und Kuchen.
+
+»Wohin geht's, junger Herr?«
+
+»Nach Fürstenau und immer weiter.«
+
+»Und immer weiter -- das ist ein gutes Stück Wegs. Na, wenn man junge
+Beine hat!«
+
+Ich errötete, ich weiß nicht, warum, bezahlte, schüttelte ihm die Hand,
+sprang an den Brunnen, trank mit Begierde das kräftigschmeckende Wasser
+und marschierte weiter.
+
+Es wurde heiß. Ich schlief einige Stunden im Schatten eines Baumes und
+wanderte dann in den schönen Nachmittag hinein. Über das weite hügelige
+Land glitten zeitweis tiefe und schnelle Wolkenschatten. Ein ganz
+leichter Wind erhob sich und kühlte mich wunderbar. Mir war, als trügen
+mich die Lüfte des Nachmittags über abwechselnd beglänzte und
+beschattete Gefilde. Lag ich nicht auf einer weichen Wolke und trug mich
+diese Wolke nicht in entferntere und schönere Gebiete?
+
+Kurz nachdem die Sonne hinter einem Hügel entschwunden war und mit einem
+Mal die des Sonnenantlitzes beraubte Landschaft wie in einem ungeheueren
+Schrecken zu erbleichen, ja zu sterben schien, erblickte ich, der ich
+auf einem Berge stand, zu meinen Füßen eine Stadt. Ein alter Turm ragte
+in die starr-silberne Luft hinein, und seine Wächter schienen
+silbergraue Vögel, die mit bösem, hastigem Flügelschlage ihn umkreisten.
+Flache Hügel umgaben die Stadt, niedere Weinberge, die ein bescheidenes
+Landgetränk erzeugten; mitten unter den Reben lag der umgitterte
+Friedhof. Meinem Auge gegenüber wandte sich die Straße, die Stadt
+verlassend, nach Westen, lief an den hellen Bergen entlang und durch
+gläserne Wälder, stieg empor in den erblaßten Himmel und verlor sich in
+der offenen Landschaft, andere Städte mit neuen Türmen und späterem
+Lichte zu erreichen. Zwischen Kornfeldern und gleißenden Wiesen, die der
+zweiten Mahd harrten, sah ich Erntewagen der Stadt zustreben. Eine
+Glocke läutete, läutete unablässig, und es war, als sei diese Stadt,
+diese Höhenzüge, diese silberne Spätnachmittagsluft wie überschwemmt von
+schwellenden, sich auflösenden und wieder schwellenden Tönen.
+
+Ein alter Mann stieg keuchend die Höhe zu mir herauf. Er trug einen
+schwarzen, eng anliegenden Taillenrock und eine graue großkarrierte
+Hose, die weit über die bestaubten Schuhe fiel. Er schien dem steilen
+Weg gram zu sein.
+
+Ich lüftete den Hut.
+
+»Ist dies da Fürstenau?«
+
+Der alte Mann trocknete sich mit einem roten Tuch, einer Art Fahne, die
+Stirn.
+
+»In der Tat, Herr, wenn ich mich recht erinnere, so ist es ganz bestimmt
+Fürstenau.«
+
+Er lächelte böse und ging weiter.
+
+>Welch eine sonderbare Art sich auszudrücken!< dachte ich. >Spricht man
+so in unserer Zeit? »In der Tat, Herr, wenn ich mich recht erinnere, so
+ist es ganz bestimmt Fürstenau.« So spricht man in einem
+Shakespeareschen Lustspiel!<
+
+Ich eilte den Berg hinab und empfand dabei die Freude eines Wanderers,
+der von der Höhe das Ziel seines Tages sieht.
+
+Als ich durch das Tor in die Stadt trat, war mit einem Mal der silberne
+Zauber wie zerbrochen, und Abendrot lag auf den Gassen. Hochbepackte
+Erntewagen, in der golden durchleuchteten Fülle leise schwankend, fuhren
+darüber hin und zeitweis bog einer von ihnen in den Hof ein. Auf den
+Pferden saßen hübsche, nacktfüßige Bauernjungen, die mit den Peitschen
+knallten, an den Häusern emporsahen und nachlässig zu den offenen
+Fenstern hinaufnickten, zu den Mädchen ...
+
+>War es vor tausend Jahren hier anders?< dachte ich. >Ernte und
+Glockengeläut und Menschen? ... Die vor tausend Jahren waren, mich
+trennt nur ein weniges von ihnen, nur die Zeit ... Ach, was ist Zeit!
+... Ich will hier bleiben! ...<
+
+ * * * * *
+
+Bald saß ich in einem Garten vor meinem Abendbrot und erfreute mich,
+sobald ich den Blick hinwegwandte, an den rosigen Bergen und den tiefer
+beleuchteten Gassen. Ein Mädchen mit braunen, zum Kranz geflochtenen
+Strähnen schenkte mir den Wein ins Glas und lächelte dazu mit frischem
+Munde ... Ein Gedanke kam mir ... fort damit ... Gespenster! ...
+
+Ich stand alsbald auf, bestellte mir eine Kammer für die Nacht und ging
+nachlässig, die Hände in den Hosentaschen, durch die Stadt. Ich wünschte
+jedem Mädchen einen guten Abend, und begann mit einigen von ihnen
+dadurch ein Gespräch, daß ich mich nach allerhand Dingen erkundigte, die
+mir völlig gleichgültig waren, -- wo der Schmied wohne, ob die Heuernte
+dieses Jahr gut gewesen sei. Ich war an diesem Abend ziemlich frech ...
+
+Bei Anbruch der Nacht kehrte ich in mein Gasthaus zurück. Als ich die
+Stiege hinaufschritt, die von einem Windlicht schwach erhellt war,
+begegnete ich dem Mädchen mit dem Lächeln um die frischen, feuchten
+Lippen. Ich gab ihr die Hand, bezahlte gleich, da ich früh am Morgen
+aufbrechen wollte, und ging in mein Zimmer. Ich setzte mich auf den Rand
+des Bettes und grübelte. Mit einem Male kam eine tiefe Traurigkeit über
+mich, ich wußte nicht, woher. Ich trat ans Fensters. Da rauschte unter
+mir der tiefe Mühlbach, und über mir spannte sich der Sommerhimmel voll
+von Sternen. Noch hörte ich zwei Männer irgendwo miteinander sprechen,
+noch hörte ich eine Tür im Haus und einen späten Wagen auf der Gasse,
+dann ward es still um mich.
+
+In dieser Stille breitete die Liebe ihre Flügel aus. Sie drückte mich an
+ihre Brust. Ich taumelte und fühlte einen Schmerz wie nie zuvor.
+
+ * * * * *
+
+Ich weiß nicht recht, wie alles gewesen war. Ich weiß nur, daß ich
+plötzlich an Nina dachte, die ich den ganzen Tag vergessen hatte. Ich
+sah sie vor mir, sah ihr Haar, ihre Augen, ihren Gang, ihre Hände, sah
+sie tanzen, mit Wolfgang Seyderhelm tanzen, ... ich hatte Angst, ... das
+Zimmer war so eng und heiß, ... tödliche Angst ... Ich nahm Stock, Hut
+und Ranzen und stürzte hinaus in die dunkle Luft. Die Haustür war noch
+offen. Ein Hund knurrte leise, aber ich entlief ihm schnell. Ich rannte
+durch die Gassen, durch das Stadttor, die Straße entlang, dann einen
+Seitenweg, durch Gebüsch, einen Hügel hinauf, ... ich keuchte sehr, ...
+ich fiel zu Boden und blieb liegen.
+
+... Ich war müde und gehetzt, ich war so müde! Ich fühlte meine Jugend
+von mir gleiten und hatte qualvolle Träume. Ich weiß noch, daß ich
+einmal im Halbschlaf emporfuhr: da lag unter mir die Stadt und das
+dunkle Land, der Mühlbach leuchtete hier und dort im Mondlicht auf, ...
+um meinen Hügel ging ein leichter Wind, ... ich sank zurück ... in Traum
+und Schlummer. Aber schlummernd sah ich immer wieder das dunkle Land mit
+der Stadt, die silbernen Stücke des Baches, ... Sterne, viel Sterne ...
+und Nina ...
+
+
+
+
+ 7
+
+
+Ich bin noch einige Tage so gewandert, aber ich wurde nicht mehr
+fröhlich. Ein Sonntag kam, ich sah die Bauern zur Kirche gehen, trat mit
+ihnen ein und hörte die Predigt, ich sah die Burschen und Mädchen
+hernach in ihren übermütigen Tänzen und empfand am Abend auf der Straße
+die feierliche Stille des scheidenden Sonntages. Aber das alles freute
+mich nicht. Der verworrene Geist war von der Liebesleidenschaft erfaßt
+und kannte nur noch Trauer, Eifersucht, Haß und Träumerei. Ich wollte
+nicht mehr an Nina und Wolfgang denken, ich wollte nie mehr an sie
+denken. Ich sagte mir Gedichte auf, hielt als ein Prinz vor der
+Versammlung von Fürsten eine verwegene Rede, dichtete eine Ode an den
+Kaiser, -- aber selbst das erhabene Gewand der Majestät verwandelte sich
+mir bald, ward ein blitzendes, hellblaues ... mit Schokoladenflecken ...
+
+Am vierten Abend meiner Wanderung zog ich mutloser denn je meine Straße
+entlang. Ich wollte an diesem Tage noch eine größere Stadt erreichen,
+dort einige Zeit verweilen, um dann dem nahen Gebirge zuzueilen. Aber
+irgend ein schöner Baum oder ein sehnsüchtig winkender Kirchturm hätte
+genügt, mich von meinem Wege abzulenken. Wer in der Welt fragte danach,
+ob ich einen Nachmittag unter schattigem Gesträuch verträumte und den
+»Pescara« las oder irgendwo auf staubbedecktem Wege schritt?
+
+Ich blieb vor einem Weiser stehen, der mir zur Seite in das offene Land
+hindeutete. Da war geschrieben: Nach Strelow 3 km, nach Wiesenau 4,5 km.
+Ich las die Worte gedankenlos. Irgend etwas lockte mich, von meiner
+Straße abzubiegen. Was aber war es? Strelow? Ich hatte diesen Namen nie
+gehört. Wiesenau? Ich hatte diesen Namen nie ... Wie? ... Eine
+Erinnerung ... Wiesenau ... Wiesenau ... da war schon wieder alles
+entwichen ... ich schüttelte den Kopf. Wohl zwanzigmal sprach ich nun
+das Wort Wiesenau aus, in der Hoffnung, die Erinnerung möchte mich noch
+einmal erleuchten. Doch jede Mühe war vergebens: es war ein totes Wort.
+
+Schon war ich in die neue Landschaft eingebogen. Es hatte wohl die
+Wochen vorher geregnet, denn überall standen kleine schwarze Teiche, aus
+denen einzelne Bäume, Fichten und Birken, hervortauchten. Endlos
+langgezogene violette Abendwolken spiegelten sich in diesen Teichen und
+gaben ihnen von ihrer Farbe. Soweit mein Blick reichte, sah ich nichts
+anderes als bunte, prächtige Wiesen mit großen Blumen und die schwarzen
+und violetten Teiche, aus denen einsame Bäume hervorwuchsen. Krähen
+flogen zuweilen schreiend darüber hin, um noch vor Nacht die fernen
+Wälder zu erreichen.
+
+Als ich durch Strelow kam, läutete die Glocke den Abend ein. Ich blickte
+durch ein Fenster; ein alter Bauer saß da, hatte die Brille auf der
+Nasenspitze und las in einer Zeitung. Eine Frau trug eine Bank in ihr
+Haus. Der Pfarrer ging durch den Ort und ward von allen gegrüßt; auch
+ich grüßte. Ein Trupp Jungens lief zu Gott weiß welchem Abendstreifzug
+...
+
+In einigen Zimmern brannte ein Licht. Sollte ich hier rasten? Es begann
+zu dunkeln. Draußen konnte ich nicht gut schlafen, der Boden schien
+feucht, auch war es ein wenig kühl. Aber die Lichter in den Häusern
+machten mich traurig, und ich fühlte, daß mich im Zimmer wieder meine
+Angst ergreifen würde.
+
+Ich eilte zum Dorf hinaus. Allein bei den letzten Häusern blieb ich
+beklommen stehen: über die Landschaft hatte sich die Dämmerung gesenkt
+und mit tiefem, dunklem Blau die gespenstischen Bäume, das
+Weidengesträuch an den blinkenden Teichen und die Getreidefelder
+umhüllt; von oben leuchteten durch blaues Licht einige Sterne; nichts
+unterbrach die Stille als das trostlose Quaken der Frösche und das
+Flüstern des Kornes, wenn der Wind darin rauschte.
+
+Ich ging durch die Dämmerung und fühlte mich liebevoll von der Straße
+fortgelockt, umsponnen mit einem blauen Netz. Ein Traum von großer
+Innigkeit berührte mich, mir war, als sei er alt und von jedermann zu
+irgendeiner Zeit geträumt. Um meine Augen legte sich ein Flor, meine
+Füße strauchelten oft ...
+
+>Könnt' ich doch viele Stunden dieses blaue Licht durchschreiten! Wenn
+nur die Füße nicht ermüden wollten ...!<
+
+Aber ach, schon winkten ja am Wegesrand nächtliche Kastanien zu
+Schlummer und Traum! ... Ein Park begann, umgittert, ... eine Allee ...
+Und hier, -- waren hier nicht bronzene Löwen, die in dreifach geteilte
+Becken silbernes Wasser spieen? War es nicht einschläfernd und süß?
+
+Wie, stand dort nicht ein Haus vor mir, ein Schloß, mit einer
+erleuchteten Altane und bläulich schimmernden Stufen?
+
+Bin ich nicht neugierig herangeschlichen, ... leise, ... ganz leise, ...
+und sah ich dort nicht all die Menschen, die ich liebte? ... Die Mutter
+... mit dem Sohn ... und meine schöne Freundin Nina?
+
+
+
+
+ 8
+
+
+Mit pochendem Herzen und heißen Wangen stand ich im Dunkeln und blickte
+auf die Veranda. Nina arbeitete an einer festgespannten Stickerei und
+sprach dabei mit Wolfgang, der die Hände um ein Knie geschlungen hatte,
+eine Zigarette rauchte und zeitweise aus einem Glase trank. Frau
+Seyderhelm schrieb einen Brief. Manchmal hob sie den Kopf und warf
+einige Worte in die Unterhaltung der beiden ein. Ich konnte nicht
+verstehen, was gesprochen wurde.
+
+Ich sah Ninas Profil und ihre Hände. Wie zart sie war! Ja, war sie nicht
+anbetungswürdig? Süße Nina! ... Ich machte eine Bewegung.
+
+Da rief Nina laut:
+
+»Wolfgang, ich bitte dich, -- draußen steht jemand.«
+
+Ich hielt den Atem an.
+
+>Wenn ich hier entdeckt werde, ersteche ich mich.<
+
+Wolfgang beugte sich hinaus und rief:
+
+»Es ist niemand hier ... Du bist recht schreckhaft!«
+
+O -- gerettet!
+
+Frau Seyderhelm hatte ihren Brief beendet, man plauderte angeregt. Ich
+sah, wie die Mutter einmal ihrem Sohne lächelnd mit dem Finger drohte.
+Nach einer Weile legte Nina ihren Stickrahmen fort, packte ihre
+Nähsachen in einen Pompadour und stand auf. Sie gab erst Frau Seyderhelm
+die Hand, dann wechselte sie einige Worte mit Wolfgang, -- sie schienen
+etwas zu verabreden, -- ließ ihre Hände auf seinen Schultern ruhen, gab
+ihm einen leichten Backenstreich und trat in die Zimmer hinein. Wolfgang
+küßte seine Mutter, die ihm über das Haar strich; mir war, als sprächen
+sie von Nina, denn sie sahen nach der Türe; dann gingen beide hinaus. --
+Eine Magd erschien einige Augenblicke später auf der Veranda, räumte die
+Sachen auf, zog die Markise in die Höhe und stellte die Gartenmöbel zur
+Seite. Sie nahm die Lampe und verschwand.
+
+Alles war finster um mich herum. Oben im Schloß sah ich mehrere
+erleuchtete Fenster. Ich hörte zuweilen Schritte, dann wurde alles
+still.
+
+Langsam löste ich mich aus meiner Erstarrung und ging durch den Park.
+Ich empfand nicht viel: ein wenig Erstaunen, ein wenig Schmerz, ein
+wenig Müdigkeit und ein wenig Glück ... Ich wollte weiter wandern. Was
+sollte ich hier? Niemand würde mir glauben, daß ich zufällig hierher
+gekommen sei, ... aber da hörte ich wieder die süße, einschläfernde
+Melodie der plätschernden Brunnen. Gedankenlos legte ich mich nieder, zu
+Füßen eines bronzenen Löwen. Ich faltete die Hände hinter dem Kopf und
+blickte in den Himmel, wo die Milchstraße ihren Triumphbogen über das
+Firmament spannte. Ich fühlte, daß der Schlaf mich übermannen würde, und
+wollte doch wachen und nachdenken. Ich ward traurig und erinnerte mich
+der Worte des Herrn: »Könnet ihr denn nicht Eine Stunde mit mir wachen?«
+-- Noch einmal sah ich zu den erleuchteten Fenstern im Schloß, dann fiel
+ich in Traum. Schlafend spürte ich die Kälte der Nacht und zog mein Cape
+eng um mich. Und in meinen Traum drang immer wieder das Plätschern des
+Wassers, ... das Plätschern des Wassers.
+
+
+
+
+ 9
+
+
+Es mochte gegen fünf Uhr morgens sein, als ich erwachte. Mein erster
+Blick galt dem Schloß vor mir, in dessen Fensterscheiben die Morgensonne
+purpurrot leuchtete. Ich sprang empor; mein Gesicht und meine Kleider
+waren naß vom Tau. Ich machte einige Bewegungen mit den Armen und
+stampfte mit den Füßen, denn meine Glieder waren wie erstarrt. Dann
+wusch ich mich in einem der bronzenem Becken und klopfte die Kleider ab.
+Nur weiter, immer weiter, fort von hier ...
+
+Als ich bereit war zu marschieren, lehnte ich mich an einen Baum; ich
+wollte noch einmal mit einem langen Blick dieses geliebte Schloß
+umfangen.
+
+Da ... was war das? ... Ein Fenster öffnete sich, ... ich trat zurück
+... Wolfgang, ... im leichten Morgenkleid. Er beschattete mit der Hand
+die Augen, sah zum Himmel und reckte die Arme in die junge Luft hinein.
+Dann verschwand er; bald jedoch erschien er wieder, nahm einen Stock und
+klopfte leise mit der metallenen Spitze an das benachbarte Fenster.
+Lange Stille ... Dann öffnete sich das Fenster ... Nina ... Sie gaben
+einander die Hände. Wolfgang setzte sich auf das Fensterbrett und
+deutete nach dem Horizont. Nina gähnte ein wenig und beide lachten.
+
+Da war mir, als müsse ich einen Panzer von meiner Brust reißen. Ich bog
+mit beiden Händen die Sträucher auseinander, und meine helltönende
+Stimme rief den Aufhorchenden zu:
+
+ »An jedem Morgen, eh des Hahnen Krähn
+ Die Menschheit weckt, steh ich im tiefen Grunde,
+ Muß durch die Luft nach Burg und Felsen spähn.
+
+ Noch lieget Dunkelheit auf meinem Tal,
+ Da gibt von Osten das Gestirn mir Kunde,
+ Und in dem Fenster oben spielt ein Strahl.
+
+ Es taucht in Licht das trotzige Gestein,
+ Und wächst und starrt und höhnet meiner Qual,
+ Bald reckt es in den Himmel sich hinein --
+
+ Willst du dich heute nicht am Fenster zeigen,
+ In Morgenklarheit dich vom Traum befrein?
+ Willst du das Haupt nicht freundlich zu mir neigen?
+
+ Mich tötet dieses dunklen Tales Schweigen.«
+
+Kaum hatte ich geendigt, als Nina ihrem Freunde mit hochgezogener Stirne
+langsam, ja perfide langsam das Antlitz über die Schultern zuwandte und
+die beiden Handflächen fragend, chokiert und spöttisch nach außen bog.
+Wolfgang aber schien sich nicht darum zu kümmern; er warf das Fenster
+heftig zu, ich hörte ihn eine Treppe herunterstürmen, und einen
+Augenblick später kam er -- notdürftig mit einem Hemde, einer Hose und
+einem Paar Sandalen bekleidet -- durch den Garten auf mich zugelaufen.
+
+»Walter Regnitz! Lieber Walter Regnitz!«
+
+Er umarmte mich stürmisch; er war blaß vor Erregung.
+
+»Wo hast du nur die ganze Zeit gesteckt? Wir erwarten dich schon seit
+drei Tagen!«
+
+Wie? Man erwartete mich?
+
+Wir wandten uns zum Schloß.
+
+»Ich habe eine Fußwanderung gemacht und diese Nacht im Garten
+geschlafen.«
+
+Wolfgang legte erschrocken seine Hand auf meinen Arm.
+
+»Du hast in unserm Garten geschlafen? Bist du toll?«
+
+Und dann nach einer Pause, die er mit ratlosen Gebärden ausfüllte:
+
+»Ja, warum bist du aber nicht ins Haus gekommen?«
+
+Ich wurde etwas rot.
+
+»Ja ... weißt du, ... ich kam spät hier an ... und da wollte ich nicht
+stören ...«
+
+Ich grüßte zu Nina hinauf.
+
+»Ah, sieh da!« rief sie vom Fenster herunter. »Ein Dichter! Ein
+Troubadour! Sie verlangen gewiß Ihren Lohn!«
+
+Sie nahm aus einem Wasserglas helle Rosen und zerblätterte sie mit den
+weißen Fingern. Mir fielen diese Blätter auf Kopf, Schultern und Hände,
+der ich betroffen, glücklich und verlegen in einem duftenden Blumenregen
+stand.
+
+»Denk' dir, Nina, er hat diese Nacht im Garten geschlafen!«
+
+Nina lachte, -- ihr singendes, gefährliches und verstehendes Lachen.
+
+»Sie sind ein echter Minnesänger, Herr Walter von der Regnitz!« rief sie
+und warf vier volle weiße Rosen zu mir herab. Ich fing eine von ihnen
+auf und führte sie höflich und gefaßt an meine Lippen.
+
+»Und Sie, gnädiges Fräulein, eine echte Herzenskönigin.«
+
+Ich hörte noch einmal, wie Nina tief belustigt lachte und darauf das
+Fenster schloß.
+
+Wolfgang zog mich ungeduldig die Stufen zur Veranda hinauf.
+
+ * * * * *
+
+Wolfgang stand halb angekleidet vor seinem Eimer und putzte sich eifrig
+und andauernd die Zähne.
+
+»Wie findest du sie?« fragte er mich, der ich auf einem Stuhl saß und
+ihm zusah.
+
+»Wen?«
+
+»Nina.«
+
+Er nahm einen Schluck Wasser, gurgelte und spuckte kräftig.
+
+Ich schwieg.
+
+»Nun?« fragte er.
+
+»Oh, ganz nett!« sagte ich endlich.
+
+»Sie ist herrlich!« rief er begeistert und begann von neuem zu gurgeln.
+
+Plötzlich warf er die Zahnbürste fort, drehte sich schnell um und legte
+seine Hände auf meine Schultern.
+
+»Was hast du neulich gesagt?« fragte er.
+
+»Ich? Wann?«
+
+»Neulich, bei unserer Gesellschaft.«
+
+»Ich habe vermutlich viel gesagt.«
+
+»Nein, du hast gar nicht viel gesagt. Du lehntest dich an einen
+Türpfosten und fragtest mich, wie alt Nina sei. Und plötzlich ...«
+
+»Nun?«
+
+»Und plötzlich sagtest du, als ob du geistesabwesend seiest: Du liebst
+sie ja!«
+
+Er wandte sein Gesicht schnell dem Spiegel zu und zog Kamm und Bürste
+aus der Lade.
+
+Ich war erschrocken.
+
+»Habe ich das wirklich gesagt?«
+
+Wolfgang beschrieb mit dem Kamm eine weite phantastische Figur und
+erklärte begeistert:
+
+»Du bist ein großer Menschenkenner, Walter! Ich habe sie wirklich sehr
+gern ... Hör' mal, wie der Kamm knistert.«
+
+Und er hielt seinen Kamm dicht an mein Ohr. Ja, wahrhaftig, der Kamm
+knisterte.
+
+Wolfgang war mit seiner Toilette fertig. Er trug ein hellgraues, eng an
+den Hüften liegendes Sommerjackett mit schwarzen Kniehosen, dazu schmale
+Halbschuhe, ein weißes Sportshemde und eine leichte, seidene Krawatte.
+Er sah sehr frisch, sehr jugendlich und sehr vornehm aus.
+
+Wir gingen durch einige Gemächer und betraten das Speisezimmer. Es fiel
+mir auf, daß dieses Schloß mit einer nahezu bäuerischen Freude an bunten
+Farben eingerichtet war.
+
+Ein Diener erschien. Wolfgang bestellte Tee.
+
+»Du bist hungrig, Walter?« fragte er.
+
+»O ja!«
+
+»Also: hier ist Honig, Gelee, Sumpfdotterblumen, Schinken, Brot ... ach
+...«
+
+Er stand plötzlich auf, warf dabei seinen Stuhl hin und umarmte mich
+noch einmal:
+
+»Wie schön, daß du hier bist!«
+
+Natürlich errötete er, sprang an die Tür und schrie, der Tisch sei
+schlecht gedeckt. Der Diener kam und Wolfgang schlug sich an den Kopf.
+
+»Ich Esel! Willst du ein Beefsteak?«
+
+»Ein Beefsteak?«
+
+»Es dauert gar nicht lange. Fritz, wie lange dauert ein Beefsteak?«
+
+»Eine Viertelstunde«, war die Antwort.
+
+»Ach, Unsinn«, protestierte ich. »Was soll ich denn jetzt um halb sechs
+mit einem Beefsteak?«
+
+Wolfgang lachte und goß sich ein Glas Fachinger ein.
+
+»Prost, Walter! Du kennst unsern Stil noch nicht. Wir leben nämlich hier
+den Stil englischer Peers. Morgens _you take your steak_,« -- er
+bediente sich hierbei einer manirierten Aussprache, -- »mittags hungert
+man, das nennt man _luncheon_ und abends ißt man im _dinnerjackett_
+alles das, was man am Mittag versäumt hat. Das hat Nina hier so
+eingeführt.«
+
+Nina, immer Nina!
+
+Ich fragte unvermittelt:
+
+»Aus welcher Familie stammt sie eigentlich? Hat sie noch Eltern?«
+
+Wolfgang warf nachdenklich zwei Stück Zucker in seine Teetasse.
+
+»Weißt du, bei Nina muß man nicht fragen, woher sie kommt und wohin sie
+geht. Nina ist einfach _da_, -- verstehst du? -- einfach _da_.«
+
+Ich sah Wolfgang aufmerksam an. Schau an, dachte ich, wie klug er ist!
+Was er da eben gesagt hatte, war mir nicht fremd. Nina war einfach da,
+... sie war eigentlich ... seelenlos.
+
+»Sie ist eigentlich seelenlos,« sagte ich.
+
+Wolfgang trank seinen Tee. Er stöhnte einige Male wie ein Kind in die
+Tasse hinein, setzte sie dann ab, sprang vom Tische auf und sagte:
+
+»Jawohl, seelenlos, aber herrlich! -- Bist du fertig?«
+
+»Ja.«
+
+»Gut. Wie wäre es, wenn wir jetzt aufs Feld gingen und arbeiteten? Ich
+lasse mir nämlich jeden Abend von unserm Inspektor ein Feld anweisen.«
+
+Ich willigte in diesen Vorschlag ein. Wir zündeten uns jeder eine
+Zigarette an und gingen in den Hof. Dort holten wir uns aus einem
+Schuppen lange Forken und zogen darauf munter durch den Park.
+
+Einmal wandte ich mich um und blickte zu Ninas Fenstern hinauf. Sie
+waren fest verschlossen und die Vorhänge heruntergelassen.
+
+»Das gnädige Fräulein pflegt bis neun Uhr zu schlafen,« sagte Wolfgang,
+der meinen Blick bemerkt hatte.
+
+Ich errötete und schwieg.
+
+ * * * * *
+
+Wir sind auf dem Feld angelangt und ziehen unsere Jacken aus. Die
+Kornfelder stehen in der jungen gelbstrahlenden Sonne. Auf den heiteren
+grünen Wiesen und Weidegründen grasen die roten und braunen Kühe des
+Gutes und senden den Ton von tiefen Glocken durch das flüssige Licht. Am
+Horizont suchen auf noch beschattetem Hügel Schafe ihr Futter. Ein
+Schäfer mit einem großen Hut steht neben ihnen. Er hält den Hirtenstab
+in der ausgestreckten Hand auf die Erde gestützt, als sei er der Wächter
+dieses Tales und behüte seine Unschuld. Eine Wolke zieht langsam über
+den bleichen westlichen Himmel.
+
+»So, nun stellen wir hier die Garbenbündel auf,« sagt Wolfgang. »Du bist
+ja früher auf dem Land gewesen und weißt, wie man das macht. Immer zu
+sechs auf einen Haufen.«
+
+»Bei uns nahm man acht.«
+
+»So ... na ja, wir nehmen immer sechs. Weiß der Teufel, warum. Bald
+kommen die ersten Leiterwagen vom Gut. Dann gehen wir dort auf das Feld,
+-- siehst du es? -- und packen das Korn auf. Das macht immer sehr viel
+Spaß.«
+
+Wir arbeiten schweigend und mit gesammeltem Eifer. Die Ähren stechen
+unsere Hände wund und ihre Körner rieseln uns in Hemd und Hose. Wolfgang
+macht manchmal eine Bewegung, als habe ihm jemand kaltes Wasser in den
+Nacken gegossen.
+
+Später singt er mit klarer Stimme und deutlicher Aussprache einen
+altfranzösischen Chanson. Da ist von einem Grafen die Rede, dem es nicht
+wohl erging, weil seine Gemahlin der Majestät von Frankreich allzusehr
+gefiel.
+
+ * * * * *
+
+Bald vernehmen wir das Rollen und Klappern von Wagen, die über die
+Landstraße zu uns herauffahren. Wir haben unsere Arbeit gerade beendet,
+als wir die Rufe der Bauern hören, die mit ermunterndem Einsprechen ihre
+Pferde einige schwere Hügel erklimmen lassen. Dann ertönt das Dröhnen
+von Wagen, die über eine hölzerne Brücke fahren, und gleich darauf
+ziehen sie alle an uns vorbei. In einem der Wagen sind nur Frauen. Sie
+haben alle rote Tücher um die Köpfe geschlungen. Jedermann wünscht uns:
+»Guten Morgen!« worauf wir beinahe feierlich unsere Mützen lüften und
+den Gruß erwidern. In einem Gefährt sitzt ein hübsches junges Mädchen.
+Ich nicke ihr zu, worauf sie verlegen zu Boden sieht. Ich bin sehr
+stolz, das erreicht zu haben.
+
+Der letzte Leiterwagen wird von einem Bauernjungen gelenkt, der auf dem
+linken Pferde sitzt. Er grüßt uns, wie ein Souverain zu grüßen pflegt.
+
+»He Hans!« ruft Wolfgang. »Bleib du bei uns!«
+
+Hans steigt vom Pferd. Wolfgang legt seinen Arm auf die Schultern des
+Jungen und führt ihn zu mir heran. Die beiden stehen der Sonne entgegen,
+blinzeln, sind wohlgestaltet, blond, und -- seltsam -- sie sehen
+einander ähnlich.
+
+»Ich stelle dir hier meinen Freund Hänschen Kietschmann vor.«
+
+Der Junge macht eine Verbeugung, eine leichte, weltmännische, garnicht
+zu tiefe Verbeugung, und bietet mir die Hand, die ich schüttle.
+
+Er geht fort, um noch einige Bauern zu holen. Ich sehe ihm nach. Er ist
+schlank und groß gewachsen.
+
+Wolfgang macht ein sonderbares Gesicht und lächelt.
+
+»Nun?«
+
+»Wie?«
+
+»Ist dir etwas ... wie soll ich sagen ... aufgefallen?«
+
+»Aufgefallen? ... Nein, ... das heißt ...«
+
+Ich bin mit einem Male verwirrt.
+
+»Er sieht dir ähnlich.«
+
+Wolfgang nickt, sieht zum Himmel, zieht die Nase kraus, blinzelt,
+schluckt herunter und sagt:
+
+»Er ist mein Halbbruder.«
+
+»Wie --?«
+
+Wolfgang bewegt seine Hand in einer sehr sprechenden, etwas frivolen
+Art.
+
+»Mein Gott, ... wir vergessen, daß unsere Väter auch jung waren ... Mein
+Vater lebte hier allein ... na und ... wie das so kommt.«
+
+Er geht mit graziösem Schritt fort, um die Gabeln vom Graben zu holen.
+
+Ich schüttle den Kopf, wundere mich und vergesse im nächsten Augenblick
+alles.
+
+Wir arbeiten schweigsam fort.
+
+Hans Kietschmann steht zusammen mit einem Bauern oben auf dem Wagen und
+packt das Korn auf. Neben uns sind Weiber, die von Zeit zu Zeit
+miteinander sprechen. Ein leichter, von der aufsteigenden Sonne
+gewärmter Wind trägt aus der Richtung der anderen Wagen den Schall von
+Reden und Gelächter zu uns herüber.
+
+Es beginnt allmählich heiß zu werden. Die Augen schmerzen ein wenig; ich
+sehe nichts als flimmerndes Gelb. Die Weiber riechen nach Schweiß. Die
+Ochsen sind von Fliegen geplagt und schlagen mit den Schwänzen kräftig
+umher. Ich fühle mich sehr wohl. Nina ist vergessen, vollkommen
+vergessen. Wie süß es ist, daran zu denken, daß ich Nina so völlig
+vergessen habe.
+
+Es schlägt zwölf Uhr, wir hören mit der Feldarbeit auf, trinken Wasser
+und ziehen die Jacken an.
+
+Ich gebe Wolfgang die Hand.
+
+»Danke für den Vormittag, Wolfgang.«
+
+Wolfgang lächelt und nimmt meinen Arm. Wir gehen als Freunde zum Schloß.
+Wolfgang ist zärtlich und spricht sehr viel.
+
+
+
+
+ 10
+
+
+Nachdem wir in unsern Zimmern Gesicht und Hände erfrischt hatten,
+betraten wir die Veranda, um dort zu lunchen.
+
+Nina saß am Tisch. Sie schien sich zu langweilen und benahm sich wie ein
+kleines Mädchen, das auf seine Mahlzeit wartet.
+
+Ich betrachtete Nina von der Seite. Sie hatte ein steifes weißes
+Kattunkleid an. Ihr Hals und ihre Arme waren nackt. Auf ihrer Brust trug
+sie eine Brillantenbrosche, an der linken Hand, der elfenbeinernen mit
+den langen schmalen Fingern, leuchteten vier herrliche Saphire von
+mildem Blau. Das kastanienbraune Haar war eine Pracht, eine Krone, ein
+Akkord von rauschenden, dunklen Tönen.
+
+>Mein Gott und dennoch, was ist denn Nina? Ein kleines Mädchen, das sich
+langweilt! Aber ein Mädchen, das ich liebe? Nun ja, was ist schon dabei?
+Viele Jungens lieben viele Mädchen. Da ist gar nichts dabei.<
+
+Ich fühlte mich Nina überlegen.
+
+Ich setzte mich an den Frühstückstisch. Obwohl es sehr heiß war, hatte
+Nina einen Schnupfen, was mir ganz sonderbar vorkam.
+
+Sie führte ihr Tuch an den Mund und fragte mit einer Stimme, die heute
+noch näselnder klang als sonst:
+
+»Wo habt ihr denn eigentlich so lange gesteckt?«
+
+In diesem Augenblicke wurde es mir recht deutlich, daß Nina gar nichts
+anderes war als eine große faule schöne Katze. Ich beugte mich spöttisch
+vor bis auf die Tischplatte und sagte von unten zu ihr aufblickend:
+
+»Wir haben gearbeitet, -- und Sie, was haben Sie getan?«
+
+»Ich habe geschlafen.«
+
+»Ah, Sie haben geschlafen ...«
+
+»Jawohl; ich bin nämlich kein Troubadour, der wie ein Hase mit offenen
+Augen nachts im Felde schläft.«
+
+Hier betrat Frau Seyderhelm die Veranda. Sie begrüßte mich sehr
+herzlich, schalt auf das freundlichste, daß ich die Nacht draußen
+zugebracht hatte, und sprach die Erwartung aus, daß ich nun doch die
+Ferien auf Wiesenau verleben würde.
+
+Man frühstückte.
+
+Es stellte sich im Lauf des Gesprächs heraus, daß Frau Seyderhelm mir am
+Tag nach der Gesellschaft einen Brief mit der Einladung nach Wiesenau in
+die Wohnung geschickt hatte, der nicht mehr in meine Hände gekommen war.
+
+Nina begann mit einer Geschichte, die so komisch war, daß wir alle
+fürchterlich lachen mußten. Sie sprach lebhaft, mit vielen Gesten,
+erzählte vorzüglich und ward durch ihren Erfolg so angeregt, daß sich
+der Schnupfen zu verlieren schien.
+
+Wolfgang machte seiner Mutter kopfschüttelnd Vorwürfe, daß die
+Gänseleberpastete schon seit einigen Tagen nicht mehr genügend auf Eis
+liege. Dann wandte er sich zu mir und fragte mit einer kindlich hohen,
+liebenswürdigen Stimme:
+
+»Ißt du Radieschen gern?«
+
+Man hörte von Frau Seyderhelm, daß die Gräfin Königsmarck heute morgen
+dagewesen sei; man sprach dann sehr lange über die Gräfin Königsmarck.
+Nina schien sie nicht zu lieben. Wolfgang behauptete, diese Dame röche
+nach wilden Tieren.
+
+»Wolfgang, so spricht man nicht von einer Dame!« sagte Frau Seyderhelm.
+
+Nina jubelte und begann ohne den mindesten Zusammenhang eine Schilderung
+zu entwerfen, wie sie auf der Treppe meinen Ranzen gefunden und
+aufgemacht habe.
+
+»Stellen Sie sich vor, Frau Seyderhelm: er reist mit einem zerrissenen
+Hemde, einer Zahnbürste, zwei alten Brötchen und dem Werther; den
+Werther hat er in seine Socken gepackt!«
+
+Man lachte sehr. Mich erfaßte mit einem Mal der unbezähmbare Drang,
+Ninas Hand, die elfenbeinerne mit den spitzen Nägeln und der kühlen
+Haut, zu küssen. Ich bückte mich nach einer Serviette und berührte wie
+zufällig Ninas Finger mit meinen Lippen. Nina ließ es ruhig geschehen;
+sie tat, als habe sie nichts gespürt.
+
+»Es war übrigens gar nicht der Werther,« sagte ich, als ich wieder
+aufrecht saß. »Es war die Versuchung des Pescara.«
+
+Ich bediente mich mit einer kalten Reisspeise und war von meinem
+Abenteuer so aufgeregt, daß ich kaum schlucken konnte.
+
+»Oh, die Versuchung des Pescara,« sagte Frau Seyderhelm. Und sie fing
+an, sich des längeren über »Huttens letzte Tage« auszulassen.
+
+Wolfgang zog ein gelangweiltes Gesicht und schlug Nina für den
+Nachmittag eine Tennispartie vor. Sobald er mit Nina sprach, war seine
+Stimme zart und fast unterwürfig.
+
+Frau Seyderhelm hob die Tafel auf.
+
+»Schreiben Sie mir später den Namen Ihrer Wirtin auf, lieber Walter,«
+sagte sie. »Man soll uns Ihre Sachen nachschicken.«
+
+Ich küßte Frau Seyderhelm die Hand und verbeugte mich vor Nina.
+
+»Spielen Sie Tennis?« fragte Nina.
+
+»Ja, ein wenig.«
+
+Sie fuhr mit ihrer Zunge zwischen den Lippen einher.
+
+»Du reitest heute nicht mehr, Wolfgang?«
+
+»Nein; es ist zu heiß.«
+
+Ich spürte plötzlich den Duft von Ninas Körper. Ich sah ihren weißen
+Hals und erbebte.
+
+Nina lächelte.
+
+»Addio, meine Herren. Ich gehe in den Wald.«
+
+»Addio.«
+
+Wolfgang zog sich in die kühlen Räume zurück.
+
+Ich blieb auf der Veranda und sah in den Park. Nina ging langsam die
+kiesbedeckte Allee entlang, blieb zuweilen stehen, betrachtete
+mütterlich ein Blättchen, das sie mit der kühlen Hand liebkoste,
+pflückte eine Rose vom Blumenbeet und befestigte sie an ihrer
+jugendlichen Brust. Darauf verlor sie sich -- unvergleichlich ebenmäßig
+ausschreitend -- im mittäglichen Gehölz.
+
+Die Gutsglocke schlug ein Uhr. Malatesta, der Hofhund, dehnte sich
+schläfrig, beroch mißtrauisch seine Pfote und legte sich auf den Rasen.
+Der Diener räumte den Frühstückstisch ab.
+
+ * * * * *
+
+Am Nachmittag lag ich irgendwo im Wald auf dem Rücken und träumte in den
+blauen Himmel hinein. Manchmal streichelte ich den schönen Malatesta,
+der mich begleitet hatte. Es war sehr heiß. Der Hund hob zeitweise den
+Kopf, stieß, von Wärme bedrückt, den Atem aus der Kehle, ließ die Zunge
+hängen und hatte feurige Augen. Mich plagten die summenden und
+stechenden Mücken. Ich begann unruhig und gestört zu schlafen. Böse
+Träume von großer Leidenschaft und überquellender Sehnsucht verfolgten
+mich. Ich sah, wie Nina zu mir, dem Schlafenden, trat, ihr mokantes
+Lächeln lächelte und mit einem Male mütterlich, mit drängenden Händen
+und junger weißer Brust sich neigte.
+
+Der nahe Gong, der zum Tee rief, weckte mich auf. Die Sonne war tiefer
+herabgesunken; unter ihren schrägen Strahlen beruhigte sich die Welt und
+wurde kühl. Ein Wind ging durch die Bäume, der in den Blättern flüsterte
+und schluchzte. Der Hund war fortgelaufen. Ich fühlte, daß alles nutzlos
+sei und ich ewig einsam bleiben müsse.
+
+ * * * * *
+
+Gegen Abend spielten wir Tennis.
+
+Nina war biegsam, schmal in den Fesseln und schnellfüßig. Ihre Hand war
+sicher, der Schlag ihres Rackets ruhig.
+
+Wolfgang, ihr Partner, war weißgekleidet, hatte den rechten Ärmel seines
+Hemdes aufgeschlagen und zeigte einen braungebrannten, schmalen und
+kräftigen Arm.
+
+Ich gab streng auf das Spiel acht und hatte den brennenden Ehrgeiz, mich
+gut zu halten. Ich verlor das erste Match, trat beim Wechseln an das
+Netz, beglückwünschte Nina und küßte ihre Hand. Wolfgang sah mich ein
+wenig befremdet an. Nina lächelte, war unendlich liebenswürdig, legte
+einmal beim Gespräch ihre Hand auf meinen Arm und nannte mich Walter.
+Ich war rasend vor Glück, machte ein hochmütiges Gesicht und verdoppelte
+meine Anstrengungen.
+
+Mir war, als ständen Nina und Wolfgang in abendrotem Dunst und
+rosafarbenem Nebel. Jedermann von uns spielte mit streng geschlossenen
+Lippen. Nichts unterbrach das Schweigen als nur das Aufschlagen des
+Balles, das Summen des festgespannten Rackets und zeitweis ein kleiner
+Ausruf der Überraschung oder des Ärgers. Niemand zählte laut, denn jeder
+von uns wußte, wie wir standen. Frau Seyderhelm trat ans Gitter; wir
+grüßten flüchtig und spielten weiter. Frau Seyderhelm sprach mit einem
+Gärtner, deutete einmal mit der Hand auf ein Blumenbeet und wandte sich
+über unsern Eifer lächelnd zum Gehen. Ich wurde gewahr, daß sich mein
+Spiel von Minute zu Minute verbesserte. Im letzten entscheidenden Set
+gewann ich alle sechs Spiele und war somit Sieger im Match. Nina sagte
+uff und fächelte sich mit ihrem Tuch kühle Luft ins Antlitz. Als wir uns
+die Hände schüttelten, sah sie mich wie zum erstenmal an. In ihren Augen
+leuchtete mir etwas Verlockendes und Gefährliches entgegen.
+
+»Sie spielen gut,« sagte Nina. »Reiten Sie?«
+
+»Gewiß.«
+
+»Wolfgang, wir werden morgen früh reiten.«
+
+»O Nina, rede keinen Unsinn, das hast du schon zehnmal gesagt. Du stehst
+ja doch nicht um sieben Uhr auf.«
+
+»Doch, ich werde ganz bestimmt um sieben Uhr aufstehen.«
+
+Sie sah mich wieder mit ihren lockenden Augen an, wobei sie die Lider
+ein wenig zusammenzog. Mir war, als liebkosten mich die goldfarbenen
+seidenen Wimpern.
+
+»Was wird Herr Regnitz für ein Pferd reiten?«
+
+O weh, sie sagte wieder Herr Regnitz!
+
+»Willst du einen ruhigen Gaul, Walter?«
+
+»Nein, im Gegenteil.«
+
+»Gut, du sollst die Moissi haben. Eine Rappstute, weißt du. Du bekommst
+den neuen Sattel, den mir Mama geschenkt hat.«
+
+»Hören Sie zu, Walter, das ist eine unerhörte Gnade.«
+
+O -- sie sagte wieder Walter!
+
+Ich spürte in diesem Augenblick den einzigartigen Duft von Ninas
+mädchenhaftem Körper. Ich sog ihn wissend und gekräftigt ein.
+
+Der Teufel wird mir an diesem Abend wenig anhaben können. Ich habe mein
+Match gewonnen und morgen reite ich Moissi.
+
+ * * * * *
+
+Die Damen zogen sich bald nach dem Abendessen zurück.
+
+Wolfgang und ich, wir saßen noch eine Weile auf der Terrasse, fühlten
+eine angenehme Ermüdung in unsern Gliedern und tranken ein wenig _Black
+and White_ mit sehr viel Sodawasser gemischt.
+
+Wir sprachen nicht viel, sondern sahen zum reichbesternten Himmel empor
+und beobachteten die Sternschnuppen. Der Diener setzte einen Eiskühler
+neben den Tisch und verschwand.
+
+»Nina reitet gut,« sagte Wolfgang. »Ich werde ihr mal morgen den >Sekt<
+geben. Da kann sie was erleben.«
+
+Und dann, nach einer Weile:
+
+»Mama hat im vergangenen Jahr viel Sorge mit dem Stall gehabt. Weißt du,
+der Rotz ... Na, jetzt ist es vorbei ...«
+
+»So?«
+
+»Ja, jetzt sind sie wieder alle gesund. Einer ging ein. Na, meinetwegen,
+mir lag nichts an ihm. Ein Wallach.«
+
+Ein Knecht schritt mit einer Laterne durch den Garten. Wir sahen dem
+unruhigen Licht nach.
+
+»Komisch,« sagte Wolfgang plötzlich, »wir kennen uns erst seit sechs
+Tagen.«
+
+»Ja.«
+
+Eine Stille.
+
+»Du bist immer so hochmütig. Hast du was?«
+
+»Nein. Garnichts.«
+
+Eine Stille.
+
+»Du mußt in den Herbstferien herkommen und hier mit uns jagen.«
+
+»Danke. Ja.«
+
+Mir stieg ein Gedanke auf.
+
+»Jagt Nina auch?«
+
+»Ja, sie schießt sehr gut. Sie hat gar keine Angst.«
+
+»Wie schön.«
+
+Ich sah ein Bild vor mir: Nina mit dem unvergleichlichen Gang der
+Kosakenmädchen durch den Wald schreitend, die Büchse in der Hand, mit
+spähenden Augen und grausamen Lippen.
+
+»Wie schön,« wiederholte ich.
+
+Ein Stern glitt in mächtiger und graziöser Bewegung durch den
+erleuchteten Raum.
+
+»Hast du dir etwas gewünscht?« fragte Wolfgang.
+
+»Ja.«
+
+»Was denn?«
+
+»Mehr Whisky.«
+
+Wolfgang lachte und schenkte ein.
+
+»Na, Mama wird morgen Augen machen über unsere Sauferei. Prost!«
+
+»Prost!«
+
+Wir schwiegen lange.
+
+»Man muß das Leben mit gesunden Händen anfassen.«
+
+Wolfgang sah mich unsicher an. Dann sagte er verlegen:
+
+»Ja.«
+
+Wir beobachteten zwei Fledermäuse.
+
+»Was denkst du über die Frauen?« fragte ich.
+
+»Über welche Frauen?«
+
+»Ich meine ... fändest du etwas dabei, wenn Jungens wie wir ... ein
+Verhältnis haben?«
+
+»Nein ... ja, das heißt ... es kommt darauf an!«
+
+Wolfgang lachte ein wenig hilflos.
+
+Ich stand auf und bot ihm die Hand.
+
+»Wir sollten recht lange Zeit Freunde bleiben,« sagte ich sehr herzlich.
+
+Auch Wolfgang erhob sich. Er schüttelte meine Hand kräftig, und es lag
+in dieser Bewegung etwas eigentümlich Ritterliches.
+
+»Ja, das sollten wir wirklich,« erwiderte er in demselben Ton.
+
+»Gute Nacht, Wolfgang.«
+
+»Gute Nacht, Walter, -- und danke für alles.«
+
+Ich ging in mein Zimmer.
+
+
+
+
+ 11
+
+
+Wir reiten zu dritt im abgekürzten Galopp -- von Hans Kietschmann
+gefolgt -- über eine jüngst gemähte Wiese, deren Heu naß und ohne Duft
+ist. Wir reiten Schulter an Schulter und achten streng darauf, daß die
+Linie eingehalten wird. Jeder von uns beschäftigt sich schweigend mit
+seinem Pferde, beobachtet den gebogenen Tierhals und übt auf jeden Druck
+den Gegendruck der Schenkel aus.
+
+Manchmal sehe ich zu Nina hin. Das feurige Haar lodert wie eine Flamme,
+wie ein Triumph unter dem schwarzen Hut hervor; die weißen Kinderzähne
+beißen auf die feuchte Unterlippe, die unbedeckten Hände erfassen die
+Zügel des unruhigen Pferdes mit freudiger Kraft. Unausgesetzt richtet
+Nina die verliebten Blicke auf den Kopf des Pferdes, das in großzügiger
+Bewegung galoppiert. Ich sehe mit Vergnügen, daß der schlanke Körper mit
+den säulenstarken hohen Beinen und der jugendlichen weichen Brust sich
+entzückt der Bewegung des schnaubenden und wiehernden Tieres hingibt und
+niemals die Verbindung mit ihm verliert.
+
+Es geschieht einige Male, daß Sekt sich nahe an meine Stute drängt und
+Ninas Fuß den meinen berührt.
+
+Hatte ich nicht die ganze Nacht von der einen Minute geträumt, in der
+Nina ihren Fuß auf meine Hand setzen würde, um das Pferd zu besteigen?
+Und war ich nicht, als sie es wirklich getan, verwirrt und mit pochendem
+Herzen davongestürzt?
+
+Sekts Gangart wird von Augenblick zu Augenblicke länger. Der Schimmel
+und seine Herrin freuen sich des wie unbegrenzten Raumes, der
+morgendlichen Luft und der würzigen Gerüche des Feldes.
+
+Ich sehe unsicher zu Wolfgang hin, der immerfort mit tiefer Stimme auf
+den Schimmel einspricht:
+
+»Ruhe! -- Sekt! -- Ruhe! -- Ohlala -- Ohlala!«
+
+Meine Moissi geht leichtfüßig mit. Wolfgangs nicht so belebtem Fuchs
+wird es schwer, die Linie einzuhalten.
+
+»Ruhe, Fräulein Nina!« sage auch ich jetzt. »Bitte abgekürzter Galopp!«
+
+Aber Nina hört nichts. Sie sieht verzückt, mit nassem, erregtem Munde
+und blinkenden Augen auf den Schimmel und beißt mit den weißen Zähnen
+auf die Lippe.
+
+»Gib auf die Sporen acht!«
+
+In diesem Augenblick tut Sekt, den irgend etwas erschreckt hat, einen
+kleinen Sprung, Nina kommt mit den Sporen an die Weichen, der Schimmel
+wirft den Kopf mit einer schmerzlichen Gebärde in die Höhe und geht
+durch.
+
+Moissi folgt sofort. Wolfgang und Hans Kietschmann bleiben zurück.
+
+ * * * * *
+
+»So, Fräulein Nina ... jetzt Ruhe, nur Ruhe!«
+
+Die Pferde rasen über das Feld. Die Morgensonne erhebt sich
+gelbstrahlend über einem Hügel und blendet uns.
+
+»Rechte Kandare ziehen! ... Sekt, Ruhe!«
+
+Nina richtet das Tier mit allen Kräften nach rechts.
+
+Wenn ihr nur nichts geschieht! ... Nein, sie ist ruhig. Es geschieht ihr
+nichts.
+
+»Mehr rechts, immer mehr rechts! ... Fort vom Stall! ...«
+
+Sieh da, sie ist zufrieden, sie ist hingegeben dieser einzigartigen
+Geschwindigkeit, dieser goldenen Flucht durch den Morgendunst.
+
+»Noch mehr rechts! ... Bravo, Fräulein Nina! Noch mehr!«
+
+Wir beschreiben mit unserem Ritt eine Kurve.
+
+»Reitpeitsche fortwerfen!«
+
+Nina läßt die Peitsche fallen.
+
+Ich bekomme über meine Stute Gewalt, meine Knie und Schenkel sind
+unausgesetzt an den Sattel gepreßt. Ich drücke den Rappen an Nina heran.
+
+»Noch einmal nach rechts ... sehr gut! ... Noch einmal! ... Ah, er läßt
+nach ...«
+
+Ich beuge mich vor und greife in Ninas Zügel. Der Schimmel erschrickt,
+bäumt sich, -- ich packe den Halfter und der Schimmel steht.
+
+Nina lacht, ein nervöses, schreiendes, jubelndes Lachen.
+
+Ich steige von meinem Pferd, um Sekt liebkosend zu beruhigen. Ein
+unerklärlicher Gram erfaßt mich, ich spreche kein Wort, sehe Nina nicht
+an und bebe vor Schmerz und Zorn ...
+
+Wolfgang erreichte uns endlich. Er lacht.
+
+»Bravo Nina! -- Nichts geschehen?«
+
+Nina schüttelt den Kopf.
+
+»Ein schöner Unsinn, dieses Biest da mit Sporen reiten zu lassen!« sage
+ich scharf und böse.
+
+Wolfgang zieht ein beleidigtes Gesicht.
+
+»Nehmen Sie die Sporen ab!« herrsche ich Nina an, ohne hinaufzusehen.
+
+Wolfgang und Hans steigen von den Pferden.
+
+»O -- Sie sind zornig, Walter!« ruft Nina.
+
+Ich blicke auf. Ninas Augen lachen, aber sie ist blaß, sehr blaß, und
+ihre Lippen zittern nervös.
+
+»Nehmen Sie jetzt bitte die Sporen ab.«
+
+Hans befreit Nina von den Sporen und reitet zurück, um auf der Wiese die
+Reitpeitsche zu suchen. Ich stecke die Sporen in meine Tasche.
+
+Wir reiten im Schritt weiter und erreichen ein belichtetes Gehölz.
+Unsere Tiere sind ermüdet und zufrieden. Sie gehen in großen Schritten
+durch den Wald und spähen an den stolzen Fichtenstämmen stolz vorbei.
+Wir sind schweigsam und schlecht gelaunt.
+
+Mit einem Male streckt Nina die Hand nach mir hin. Da ich nicht in ihrer
+Nähe bin, fingert sie ungeduldig in der Luft herum. Ich nehme ihre Hand,
+beuge mich tief nach unten und küsse sie lange.
+
+Wie ich mich emporrichte, sehe ich, daß Nina mit lächelndem Antlitz und
+feuchten goldenen Wimpern nach der andern Seite blickt. Wolfgang ist
+blaß geworden und hält die Augen gesenkt. Hans reitet irgendwo
+hinterher.
+
+Wir erreichen, ohne ein Wort zu sprechen, nach einer Stunde den Gutshof.
+Die Pferde sind naß und wollen ihr Futter. Ich grüße Nina mit dem Hut
+und gehe ins Haus.
+
+
+
+
+ 12
+
+
+Wir fuhren am Abend mit einem leichten Jagdwagen ins Gebirge. Frau
+Seyderhelm war im Schloß geblieben, da sie Besuch erwartete.
+
+Wir saßen auf der Terrasse eines vornehmen und einsam am Fluß gelegenen
+Hotels. Vor unseren Blicken zerflossen die kupferbraunen Abhänge und
+goldenen Bergeshäupter, die ein unaufhörlich gleitendes Licht belebte.
+
+Ich stand, noch ehe die Mahlzeit bereitet war, im Stalle bei den Pferden
+und sorgte dafür, daß sie ihr Futter bekamen. Mein Kopf war benommen,
+und meine Augen brannten. Den ganzen Tag in Ninas Kreise zu leben, den
+Hauch ihrer Lippen zu spüren, im Wagen ihren Knieen nahe zu sein und
+ihrem duftenden Haar, zu sehen, wie der Wind das helle, sich innig an
+den Körper schmiegende Sommerkleid berührte, und mit verwirrten Sinnen
+zu ahnen, vieles zu ahnen, -- ah, das alles war nicht ganz leicht zu
+ertragen.
+
+Ein Kellner meldete, das Essen sei angerichtet. Ich stieg die steinerne
+Treppe der Terrasse langsam hinauf. Die unaufhörlich wechselnden Farben
+des Abends quälten mich; ein drohendes Verhängnis war in dieser
+Bewegung, eine Unruhe ohnegleichen, eine süße und unsäglich schmerzliche
+Hast, eine Flucht und ein Jammer ohne Trost ...
+
+Als ich oben angelangt war, sah ich, wie Nina ihre Hand auf Wolfgangs
+Arm gelegt hatte. Sie schien ihn etwas zu fragen. Er beantwortete Ninas
+Frage, und sein Gesicht bekam den überaus liebenswürdigen und
+ritterlichen Zug, den ich an ihm liebte. Ein kindliches, verhaltenes
+Schluchzen stieg in mir empor.
+
+Ich setzte mich an den Tisch, Nina und Wolfgang sahen mich an.
+
+»Na Lieber? Wie gehts?« fragte Wolfgang.
+
+»Danke, die Pferde fressen.«
+
+Nina lachte und blickte fort.
+
+Ich wurde rot.
+
+Nina sprach in näselndem Ton von Trüffeln.
+
+»Sieh mal, Wolfgang, wie witzig, hier gibt es gefüllte Trüffel.
+Raffiniert -- nicht?«
+
+»Nina, du redest wie ein Kavallerieoffizier,« sagte Wolfgang, wandte mir
+sein Gesicht schräg zu und fragte in seinem kindlichen Ton:
+
+»Spricht sie nicht wie ein Gardekürassier?«
+
+Wir aßen danach Forellen. Nina verstand es gut, das zarte rosige Fleisch
+der Fische von den Gräten loszulösen. Die weißen, nun der Seele
+beraubten Tieraugen starrten ausdruckslos zu uns herauf. Nur um die
+Mäuler lag ein böser Zug, der von Todespein und letztem Kampf erzählte.
+
+Um die Zeit der späten Dämmerung trat ein Hirsch aus dem Wald des
+gegenüberliegenden Berges hervor, äugte mit einer kühnen Gebärde des
+Kopfes nach dem Hotel hin und trank aus dem Fluß.
+
+Der Geruch von Bergwasser und nassem Sand stieg zu uns empor. Allmählich
+entfaltete der dunkelnde Himmel die Schönheit der beginnenden Nacht vor
+unsern Augen. Die stolzen Gestirne wurden sichtbar; vor ihrer
+urweltlichen Starrheit wichen die wechselnden Farben des Abends besiegt
+zurück. Das Gebirge ward im funkelnden Schein groß und ehern.
+
+Wir standen nach beendetem Mahle auf und gingen über die hölzerne Brücke
+des Flusses dem andern Ufer zu. Die Nacht gab mir mitleidsvoll von ihrer
+Kühle und besänftigte mich wunderbar. Nina schien mir schöner denn je,
+aber ihre Schönheit war meinen Sinnen und meinem undeutlichen Verlangen
+entfernt. Sie ging mit ihrem weißen Sommerkleid wie durchsichtig durch
+die Nacht dahin. Auf ihren Schultern lag ein bläuliches Orenburger Tuch.
+Ihr Haar war unbedeckt und bewegte sich ein wenig im Nachtwind.
+
+Ein leises, sehnsüchtiges Tönen rief uns in den Wald. War es eine Flöte
+oder eines Mundes Klage? Wir folgten neugierig der oft entschwindenden
+und dann wieder genäherten Musik.
+
+Vor einem Bretterverschlag, dem Sammelplatz der Tiere, machten wir Halt.
+Wir sahen die Gestalt eines Mannes zwischen sternhellen Bäumen
+einhergehen, wir sahen ihn in seine Schürze greifen und -- einem Sämann
+gleich -- Eicheln und Kastanien mit einer weiten Bewegung seines Armes
+über den Waldboden streuen. Dazu pfiff er eine Melodie, eine kleine,
+sentimentale, unbeholfene und doch unendlich rührende, süße, zärtlich
+lockende Melodie. Nach einer Weile schien es, als bewege sich der Wald.
+Unhörbar, aber mit großzügigen Bewegungen und bei jedem Schritt ein
+wenig mit den Häuptern nickend, kamen wie aus einem dunkel gewebten
+Teppich Hirsche und Rehe aus der Nacht hervor, beugten sich zu Boden und
+näherten sich langsam dem lockenden Freund der Tiere. Allmählich
+entfernte sich der Mann, umdrängt von seinen zärtlichen Geschöpfen,
+ferner und ferner klang die Musik seines Mundes und löste sich endlich
+auf im Rauschen des Waldes.
+
+ * * * * *
+
+Wolfgang eilte voraus, um mit Hans die Pferde anzuschirren. Es zeigten
+sich Wolken am Himmel.
+
+Ich ging mit Nina langsam den jäh erleuchteten Waldweg entlang. Nina
+hatte wieder ihren Schnupfen und führte das kleine Tuch oftmals an den
+Mund.
+
+»Walter.«
+
+»Ja.«
+
+»Wie alt sind Sie?«
+
+»Siebenzehn Jahre.«
+
+»Siebenzehn Jahre,« wiederholte Nina.
+
+Eine Stille.
+
+»Walter.«
+
+»Nina?«
+
+»Sie werden morgen fortreisen, -- nicht wahr?«
+
+Und da sie mein Gesicht sah, hob sie beschwörend die bittenden Hände
+empor und sagte in unvergleichlich rührendem Ton:
+
+»Walter, -- Sie sind _siebenzehn_ Jahre!«
+
+Ich hatte wieder solche Angst.
+
+Ich werde mich töten, dachte ich.
+
+Eine lange Stille.
+
+»Sie werden reisen, Walter?«
+
+»Ja.«
+
+»Danke.«
+
+Ich werde mich töten. Es wird noch diese Nacht geschehen.
+
+ * * * * *
+
+Wir fuhren über Felder. Wolfgang kutschierte, wobei er manchmal einige
+Worte mit Hans wechselte. Ich saß mit Nina in der Break. Nina sprach
+viel und war nervös.
+
+Es erhob sich ein Wind und trieb große, von den Sternen erhellte Wolken
+über den Himmel. In der Ferne leuchteten Blitze.
+
+Nina klagte über den Sturm, der ihr Kopfschmerzen verursachte, und bat,
+man solle die Verschläge herunterlassen. Der Wagen hielt, die Pferde
+stampften ängstlich auf dem undeutlichen Feldwege, und Hans spannte die
+leinenen Gardinen auf.
+
+Wir waren nun von den andern durch eine Wand getrennt und sahen die Welt
+einzig durch die Öffnung über der Türe. Wir hörten von irgendwoher
+kleine Bäche rauschen, den Wind im Korn und in entfernten Wäldern
+blasen, und aufgescheuchte Enten, die schreiend nach irgend einem
+wohlgeborgenen Teiche zogen.
+
+»Sie frieren, Walter?«
+
+»Nein. Danke.«
+
+Nina hüllte sich fester in das weiche blaue Gewebe ihres Tuches.
+
+Ein Blitz zuckte.
+
+»Haben Sie den Hasen gesehen, Walter?«
+
+»Ja.«
+
+Wir fuhren über eine Brücke. Das Holz dröhnte.
+
+»Sie haben noch einen Vater, Walter?«
+
+»Ja.«
+
+»Wo ist er?«
+
+»In Skandinavien.«
+
+»Allein?«
+
+»Anny Döring ist bei ihm.«
+
+»Wie? -- Die Soubrette?«
+
+»Ja.«
+
+»Ach --!«
+
+Nina blickte mich verwundert und ängstlich an.
+
+Wie liebte sie in diesem Augenblick meinen Vater. O Nina, Nina!
+
+Ich sah lange Zeit hinaus und träumte. Ich fühlte, daß mich Nina
+unausgesetzt betrachtete. Später vergaß ich es.
+
+Eine Hand lag auf der Decke. Es war Ninas Hand.
+
+»Darf ich sie küssen?« fragte ich.
+
+Nina lachte mit einem hellen Ton. Es klang, als fiele ein kleiner
+silberner Hammer schnell auf Metall.
+
+Ich küßte die Hand und dachte dabei an den Förster, der durch den Wald
+ging und Eicheln über die Erde streute. Ich küßte keine lebendige Haut,
+sondern Wildleder, dänisches Wildleder. Ich küßte dieses Leder noch
+einige Male und ließ die Hand dann fahren. Ich empfand kein besonderes
+Vergnügen dabei und wunderte mich. Wahrscheinlich träumte ich dies alles
+nur, sonst wäre ich doch wohl anders gewesen. Ich hätte vielleicht
+geschrieen ...?
+
+Es begann langsam zu regnen. Ich streckte die Hand hinaus. Große warme
+Tropfen fielen hernieder.
+
+»Wir werden morgen nicht Tennis spielen können,« sagte ich schläfrig.
+
+»Ja,« erwiderte Nina verwundert.
+
+Ach so, ich reise ja morgen fort, dachte ich. Wie ungeschickt!
+
+Ich träumte fort, sah Steine, Wolken und Bäume vorbeieilen; oben sprach
+Wolfgang irgend etwas, was ich nicht verstand, und der Donner wurde
+stärker, immer stärker.
+
+Nein, ich werde morgen nicht fortreisen. Ich werde mich heute Abend
+töten.
+
+Schafe standen zusammengedrängt und fürchteten sich ... Sieh da, Schafe
+... »Und es waren Hirten in derselbigen Gegend auf dem Felde bei den
+Hürden, die hüteten des Nachts ihrer Herde. Und siehe, des Herrn Engel
+trat zu ihnen, und die Klarheit des Herren leuchtete um sie; und sie
+fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch
+nicht, siehe, ich verkündige euch große Freude ...« wie schön, -- siehe,
+ich verkünde euch große Freude! Mir war mit einem Male, als sei mein
+Körper durchströmt von gutem warmem Blut. Es war ja alles gar nicht so
+schlimm! Denn ich verkünde euch große Freude ...
+
+Da -- was war das? Eine bebende Hand griff nach meiner. Mein Traum
+zerriß -- --
+
+»Nina!«
+
+Ich schrie.
+
+»Sei still, um Gottes willen ...«
+
+»Hallo, was gibt's?« fragte Wolfgang.
+
+»Nichts. Ninas Haar im Wind ...«
+
+Ich riß Nina an mich, überflutete ihr Antlitz mit Küssen, umarmte ihre
+Kniee und biß in ihre Lippen und Hände ...
+
+»Laß ... Laß ... Du bist verrückt.«
+
+Sie stöhnte.
+
+Ich flehte unverhüllt mit meinen fiebernden Lippen auf ihren Lippen, auf
+ihren Händen, ihrem Haar, ihren Augen und ihrer jungen, jungen Brust ...
+
+O unerhörtes Glück des Aneinanderschmiegens, der verschlungenen Finger,
+der wirren, in die dunkle Luft hineingesprochenen Reden!
+
+Und dann dieses wunderbare, einzigartige Ermatten, diese tränenreiche,
+gütige Müdigkeit, ... dieses bekümmerte Suchen der Hände, ... und
+endlich diese Ruhe, diese tiefe, tiefe Ruhe! ...
+
+Wie wir einst so glücklich waren!
+
+ * * * * *
+
+Um Mitternacht stürmten die gepeitschten nassen Pferde mit rasselndem
+Wagen in den Schloßhof. Frau Seyderhelm empfing uns in der Türe. Sie war
+ein wenig müde, aber freundlich und besorgt.
+
+
+
+
+ 13
+
+
+Ich stellte mich an das Fenster meines Zimmers und sah hinaus. Blitze
+spalteten Eichen und Kiefern, und über Wälder und weite Ebenen rollten
+ihre Donner. Aus den Ställen brüllten und wieherten geängstigte Tiere,
+und Malatesta saß mit glühenden Augen in seiner Hütte vor meinem Fenster
+und heulte.
+
+Auch dies ging vorbei. Ein stetig und kühl strömender Regen spendete
+uns, den Fiebernden, Genesung. Gerüche von niegeahnter Kraft erfüllten
+die Luft, und die Tiere in den Ställen begannen ihren Schlaf. Zwei Uhr
+schlug die Glocke, aber der trübe Morgen war noch fern.
+
+Ich setzte mich an den Tisch. Ich wollte etwas Unerhörtes schreiben,
+aber ach, -- es wurden nur diese einfachen Zeilen:
+
+ Ist es denn möglich, daß wir diese Nacht
+ In einem Wagen über Felder fuhren?
+ Hab' ich geträumt? Ich sah doch einen Wald!
+ Eilten nicht Steine, Wolken, Bäume, Sterne
+ An uns vorbei, und hast du später nicht
+ -- So hab' ich _doch_ geträumt, -- und hast du nicht
+ Mir abgewandten Blicks die Hand gereicht?
+ ... Und küßte ich sie nicht?
+ Ich habe nicht geträumt. Wir fuhren nachts
+ In einem Wagen über weite Felder,
+ Es eilten stille Wolken, Bäume, Sterne
+ An uns vorbei ... Du gabst mir deine Hand ...
+ ... Ich küßte sie ... So hab' ich _doch_ geträumt?
+
+Ich packte meinen Ranzen, nahm das Blatt, stieg zu Ninas Zimmer hinauf,
+öffnete die erste ihrer beiden Türen und legte mein Gedicht auf ihre
+Diele. Dann schlich ich mich hinunter.
+
+Ich trat auf den Hof, streichelte Malatesta und dachte: Frau Seyderhelm
+und Wolfgang ... ach, Frau Seyderhelm und Wolfgang!
+
+Ich wanderte die Straße hinab, bis sich im Osten der bewölkte Tag
+ankündete. Auf einem Hügel blieb ich stehen und sah die verlassene
+bleiche Landschaft unter mir. Eine Starenkette flog durch die gereinigte
+Luft des Morgenrots.
+
+Da schlug ich mit der Stirn auf einen Baum und stürzte nieder.
+
+
+
+
+ Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München
+
+ Karl Borromäus Heinrich
+
+ Karl Asenkofer
+
+ Geschichte einer Jugend
+
+ Zweites Tausend
+
+ Geheftet 3 Mark 50 Pf., geb. 5 Mark
+
+ Süddeutsche Monatshefte, München: Wenn ich aber sagen sollte,
+ welches erzählende Buch des letzten Jahres den stärksten und
+ nachhaltigsten Eindruck auf mich gemacht hat, so müßte ich
+ Karl Asenkofer von Karl Borromäus Heinrich nennen. Das ist
+ mehr als Litteratur: jede Zeile ist erlebt, und was noch
+ wichtiger, jedes Erlebnis ist behutsam aufbewahrt! noch hängt
+ der ganze Flügelstaub an den leichten Schwingen. Ein Buch
+ von packender Ehrlichkeit, die nichts hinzu tut, und so
+ niemals den Eindruck des Beabsichtigten, Arrangierten
+ aufkommen läßt. Die letzten Gymnasial-, die ersten
+ Universitätsjahre sind kaum je so unmittelbar und überzeugend
+ wahrhaftig dargestellt worden. Als Heldin steht von der ersten
+ bis zur letzten Seite eine der ergreifendsten Muttergestalten
+ da. Dies Buch ist so ausgezeichnet, daß man vor der
+ Fortsetzung ganz Angst hat. Man möchte den Verfasser inständig
+ bitten, mit dem zweiten Teile zu warten, bis er sich dem
+ ersten an die Seite stellen kann: ja nicht zu früh, ja nicht
+ zu viel über seine augenblicklichen Erlebnisse zu berichten,
+ sondern in Gelassenheit und Demut geduldig zu warten, bis zum
+ ersten meisterlichen Bande ein zweiter von selber in Stille
+ und Sturm reif geworden ist. An dem Tag aber wollen wir uns
+ mit ihm freuen, denn an dem Tag ist unsere Litteratur um ein
+ bleibendes Werk reicher: um ein solches, das eine Generation
+ weiter gibt an die andere.
+
+
+ Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München
+
+ Korfiz Holm
+
+ Thomas Kerkhoven
+
+ Roman
+
+ Vierte Auflage
+
+ Flexibel geb. 5 Mark, steif geb. 6 Mark
+
+ »The Times«, London: »Thomas Kerkhoven« belongs almost to the
+ rank of classics like »Tom Jones« or »David Copperfield« or
+ »Pendennis«.
+
+ Rudolf Herzog in den »Neuesten Nachrichten«, Berlin: Sicher
+ ist, daß dieses Werk den besten Büchern beizuzählen ist, die
+ in den letzten Jahren erschienen sind.
+
+ Wilhelm Hegeler im »Litterarischen Echo«, Berlin: Auf jeder
+ Seite ist das Buch voll sprühender Lebendigkeit, von müheloser
+ Anschaulichkeit, amüsant und glänzend von Anfang bis zu Ende.
+
+ »Münchener Neueste Nachrichten«: Es wird seinen Weg machen;
+ denn es ist wert, den besten Dichtungen unserer Zeit an die
+ Seite gestellt zu werden.
+
+ »Berner Bund«: Ganz »verflixt gut geschrieben« ist es, mit
+ einer geradezu bewunderungswürdigen Sicherheit in der Technik.
+
+
+ Druck von Hesse & Becker in Leipzig
+
+
+
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Wie wir einst so glücklich waren!, by
+Wilhelm Speyer
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WIE WIR EINST SO GLÜCKLICH WAREN! ***
+
+***** This file should be named 59186-8.txt or 59186-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/5/9/1/8/59186/
+
+Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This file was
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+Internet Archive.
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions will
+be renamed.
+
+Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
+from people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
+generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
+Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
+www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
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+volunteers and employees are scattered throughout numerous
+locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
+Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
+date contact information can be found at the Foundation's web site and
+official page at www.gutenberg.org/contact
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+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
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+Literary Archive Foundation
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+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
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+DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
+state visit www.gutenberg.org/donate
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations. To
+donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
+
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+Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
+freely shared with anyone. For forty years, he produced and
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+volunteer support.
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+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
+the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
+necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
+edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search
+facility: www.gutenberg.org
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
diff --git a/59186-h/59186-h.htm b/59186-h/59186-h.htm
index 30f6950..4d096c8 100644
--- a/59186-h/59186-h.htm
+++ b/59186-h/59186-h.htm
@@ -1,5324 +1,5324 @@
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-<head>
-<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" />
-<title>The Project Gutenberg eBook of Wie wir einst so glücklich waren!, by Wilhelm Speyer</title>
- <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" />
- <!-- TITLE="Wie wir einst so glücklich waren!" -->
- <!-- AUTHOR="Wilhelm Speyer" -->
- <!-- LANGUAGE="de" -->
- <!-- PUBLISHER="Albert Langen, München" -->
- <!-- DATE="1909" -->
- <!-- COVER="images/cover.jpg" -->
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-</head>
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-<body>
-
-
-<pre>
-
-Project Gutenberg's Wie wir einst so glücklich waren!, by Wilhelm Speyer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-this ebook.
-
-
-
-Title: Wie wir einst so glücklich waren!
-
-Author: Wilhelm Speyer
-
-Release Date: April 1, 2019 [EBook #59186]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WIE WIR EINST SO GLÜCKLICH WAREN! ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This file was
-produced from images generously made available by The
-Internet Archive.
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<p class="halftitle">
-Wie wir einst<br />
-so glücklich waren!
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
- <div class="works">
-<p>
-Von <em>Willy Speyer</em> erschien bei <em>Bruno
-Cassirer</em>, Berlin 1907:
-</p>
-
-<p>
-<em>Ödipus</em>, Roman
-</p>
-
- </div>
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<h1 class="title">
-Wie wir einst<br />
-so glücklich waren!
-</h1>
-
-<p class="aut">
-Novelle<br />
-von<br />
-Willy Speyer
-</p>
-
-<div class="centerpic logo">
-<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div>
-
-<p class="pub">
-Albert Langen<br />
-Verlag für Litteratur und Kunst<br />
-München
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-1">
-<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
-1
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">uf</span> meinem Lande ist es Herbst geworden.
-Ungefähr um drei Uhr morgens
-beginnt ein kalter Regen nieder zu
-gehen, der erst um fünf Uhr nachmittags
-aufhört. Zur Vesperzeit kommt plötzlich
-und kampflos die Sonne hervor; ein leichtes
-Blau webt mit einem Male in den herbstlichen
-Bäumen, deren genäßte Blätter von der Sonne
-farbenreich durchleuchtet werden. Am Spätabend
-ziehen über die feuchte Erde Nebel dahin,
-die des Nachts die verblassenden, leise
-rauschenden Wälder umfangen. Auf diesen
-Nebeln ruht zuweilen Mond- und Sternenlicht;
-goldene und silberne Wolken fließen unaufhörlich
-durch das Dunkel dahin, bis es zu einem
-nassen und schleichenden Morgen tagt.
-</p>
-
-<p>
-Es ist seltsam zu sagen: Ich ziehe den
-Regen meinen anmutigen Herbstabenden vor.
-Während des ganzen Tages bleiben meine
-Fenster fest geschlossen, und ich finde ein Vergnügen
-darin, stundenlang im Zimmer auf und
-ab zu gehen, mit der Papierschere zu spielen,
-meine und meines Vaters Tagebücher zu lesen
-und immer wieder in hundertfachen Pausen dem
-<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
-Regen, dem grausamen, dem gänzlich hoffnungslosen
-zuzusehen. Keine Stimme redet zu mir
-aus dem strömenden Wasser, wie es bisweilen
-den Dichtern geschieht, und belustigt mich durch
-ihre Geschichten, &ndash; vielleicht durch kleine rührende
-Märchen, die meine Brust mit süßen
-Hoffnungen erfüllen könnten und dann ganz
-trostlos endigen, ... o nein, was mich unwiderstehlich
-zu dem erbarmungslosen Freunde dieser
-Tage hinzieht, ist nichts anderes als die nackte,
-von jeder Kunst entblößte Trauer und ihr
-schwermütiges Gefolge.
-</p>
-
-<p>
-Es gibt Tage, wo der Regen auch vor der
-Vesperstunde nicht Halt macht, sondern in die
-finstere Nacht hineinrauscht und nimmer ruhen
-mag. Dann kommt die Zeit meiner tiefsten
-Ängste, und es erfassen mich Gefühle, die ich
-längst vergessen wähnte: Meine vollkommene,
-durch keine Gunst des Schicksals je gestörte
-Vereinsamung, meine frevelhafte, durch keinen
-leuchtenden Gedanken je geweihte Eigenmächtigkeit
-und meine tödliche, tödliche Sehnsucht.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-Es ist wahr, ich bin grenzenlos einsam. Daß
-ich dies erst jetzt fühle, bereitet mir eine gewisse
-Genugtuung, zumal wenn ich daran denke, daß
-es Menschen gibt, die Tag für Tag an ihrer
-Einsamkeit leiden.
-</p>
-
-<p>
-Aber nun, hier auf meinem Landsitz, ist es
-eingetreten, daß ich in den Regen schaue, eine
-ganze Weile, geruhig, mit einer leichten Traurigkeit
-im Herzen, und dann plötzlich der Gedanke
-mich zu Boden schmettert, daß es auf der ganzen
-Welt keine einzige Seele gibt, die mir am Tage
-oder in der dunklen Nacht je vertraut wäre.
-</p>
-
-<p>
-O, ich weiß, daß viele Menschen ebenso
-wie ich zu sprechen pflegen, &ndash; aber bedenken
-diese auch, daß sie noch von der Kindheit her
-eine alte, gebrechliche Haushälterin besitzen, die
-sie rührend eifrig bedient und mit mürrischer
-Zärtlichkeit an ihnen hängt, oder einen Hund,
-einen kranken vielleicht, der mit guten, getrübten
-Augen zu ihnen emporsieht? Aber ich,
-ich kann nicht einmal solche Geschöpfe, die
-Geschöpfe des unteren Daseins, mein Eigen
-nennen. Meine Haushälterin versieht ihren
-Dienst mit gleichgültiger Sorgfalt, und die Hunde
-des Gutes lieben meinen Inspektor, nicht mich.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
-Ich habe freilich mit vielen Männern Handschlag
-und freundlichen Blick gewechselt, habe
-Umarmungen und Küsse mit manchen Frauen
-getauscht und bin in vieler Herren Dienst gestanden,
-&ndash; was blieb mir von alledem? Das
-Herz des Söldners, seine ruchlose Einsamkeit und
-seine undeutliche Erinnerung. Denn meinem
-Geist sind alle Geschehnisse zerronnen, wie der
-Regen zerrinnt auf den Schieferdächern meiner
-Scheunen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich stehe ein wenig abseits vom Sinn und
-Gefüge der Natur, das sei zugestanden, auch
-trage ich eine spöttische Unbekümmertheit um
-ihren Gang zur Schau. Ich befinde mich
-außerhalb der Kreise, die von der Natur um
-die Dinge dieser Welt, um Menschen, Tiere,
-Blumen, ja, um die starre Öde des Gesteins
-gezogen ward und &ndash; ich will es nur aussprechen
-&ndash; ich befinde mich dort nicht allzu
-wohl. Ich fühle mich ausgeschlossen von der
-mütterlichen Güte der Natur, die selbst dann
-meine tiefste Sehnsucht erweckt, wenn sie den
-andern nur grausam und sinnlos erscheint.
-Ich zöge es vor, als ihr niedrigster Knecht in
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-Ketten zu schmachten, als, ach &ndash; so frei zu
-sein, wie ich bin ...
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich gehe an meine Bibliothek und nehme
-die römischen Elegien heraus. In dem Kupferstich
-auf der ersten Seite finde ich die Worte:
-&bdquo;Wie wir einst so glücklich waren.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich lese es und habe Tränen in meinen
-Augen.
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Wie wir einst so glücklich waren,</p>
- <p class="verse">Müssen&rsquo;s nun durch Euch erfahren.&ldquo;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Es war auf einem deutschen Rittergut im
-Sommer, in einem Sommer voll gesegneter
-Tage; das Getreide stand hoch, vortreffliches
-Heu lag auf den Wiesen; der Himmel war am
-Morgen blau, mit einer glasigen Mondsichel
-über den Scheunen, und nachts leuchteten viel
-Sterne wie aus einem dunkeln, reichen und
-kostbaren Stoff. Ich liebte dort alle Menschen
-und ich betete mit einer jungglühenden Leidenschaft
-eine gewisse Dame an, &ndash; vielleicht war
-es ein Taugenichts von einer Dame. O, ich
-habe dies alles nie vergessen, ich entsinne mich
-sehr gut. Ich will diese Geschichte aufschreiben
-und sie dann einem Mädchen vorlesen, das
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-irgendwo in der Welt lebt, einem schlanken
-Mädchen etwa von blondem Haar und weißen,
-milden Händen, und dieser Gedanke hat etwas
-unendlich Beruhigendes für mich. Ich erinnere
-mich dabei an gewisse Abendspaziergänge über
-die sanften Felder eines deutschen Rittergutes,
-an gewisse zärtliche und gütige Nächte und an
-die verworrenen Laute eines Fuhrmannes, der
-in der Dunkelheit den Hof erreichte und seine
-Pferde beim Schein der Laterne aus der Deichsel
-führte.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-2">
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-2
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> schauderte, als ich zum ersten Mal mit
-einem Wagen durch die Straßen dieser
-Stadt fuhr, in der ich die zwei letzten
-Jahre meiner Schulzeit verbringen sollte.
-Von den häßlichen, kalkig-weißen oder gelben
-Mietshäusern, die mit dem läppischen Stuck
-einer nur auf die Nützlichkeit gerichteten Baukunst
-verziert waren, wandte sich der gekränkte
-Blick zu modischen Villen, die mitten in Arbeitervierteln
-durch ihren Prunk aufgeblasen, durch
-ihre ärmliche Umgebung unschicklich, ja frech
-erscheinen mußten. Ein verachteter, oftmals
-bespöttelter Fluß, das Zerrbild eines Flusses,
-führte sein dünnes, unruhiges und stets getrübtes
-Wasser durch das Weichbild der Stadt.
-In den lichtlosen Gassen aber duckten sich zuweilen
-jahrhundertalte ängstliche Giebelhäuser,
-die einer seelenvollen und klaräugigen Vergangenheit
-entstammten.
-</p>
-
-<p>
-Der Knabe hatte seine erste Jugend auf
-einer Landschule zugebracht und war dort von
-erfahrenen Männern zusammen mit einer Schar
-unermüdlicher und redlicher Jungen erzogen
-worden. Nun stand er, einem begründeten
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-Wunsche seines Vaters folgend, allein in dieser
-Stadt, ohne daß ihn irgend ein freundliches
-Gefühl an ihre Menschen gebunden hätte, dazu
-von einer auf dem Lande erlernten und geübten
-Sittlichkeit beschwert, die den Verkehr mit den
-leichtgesinnten Bewohnern der Städte verbot.
-So verschloß er sich nicht ohne einen gewissen
-Starrsinn den Freuden der Geselligkeit, gedachte
-mit Trauer der vergangenen Zeit und fand ein
-großes Gefallen daran, den alten Freunden in
-langen Briefen seine augenblickliche Lage mit
-den trostlosesten Worten zu schildern. Seine
-Stimmung ward durch den Umstand nicht verbessert,
-daß der Vater ihm Geldmittel von bedeutender
-Höhe zur Verfügung stellte, die weder
-dem Alter noch dem Verdienst des Sohnes
-ziemten.
-</p>
-
-<p>
-Er verachtete mit zusammengepreßten Lippen
-und immer strengen Zügen die Lehrer und
-Schulkameraden des Gymnasiums und sprach
-mit keinem von ihnen mehr, als die Stunde
-verlangte. Ihre unerzogenen Körper und die
-schlechte Artung ihrer Seelen erschreckten ihn auf
-das heftigste und stießen ihn ab. Er, nur er
-allein war edlen, bis zu den Sternen erhobenen
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-Geistes und nur er besaß die Schönheit schnellbewegter
-Glieder. Wer von ihnen erfaßte mit
-so reger Seele die donnernden Strophen engländischer
-Königsdramen, die knabenhaften und
-verwegenen Reden eines jungen Prinzen vor
-der Versammlung von Lancasterschen Herzögen
-oder den aufrührerischen Hohn der französischen
-Herolde? Wer ward beseligt durch das tönende
-Gold der achäischen Panzer, durch den silbernen
-Hufschlag der streitenden, leichtberittenen Götter
-und durch das blaue, blaue Griechenland?
-</p>
-
-<p>
-Wie sehnte sich der bislang an Freiheit
-gewöhnte Knabe nach den Nachmittagen, die
-ihm durch keinen Zwang verfinstert waren! Ich
-denke besonders an gewisse regnerische Nachmittage
-des Herbstes. In einen trotzigen, der
-Kleidersitte widersprechenden Überwurf gehüllt,
-eine phantastische Mütze tief in das Gesicht
-gezogen, mit hohen schweren Stiefeln bekleidet,
-verließ er seine Wohnung und wanderte zum
-Stadttor hinaus. Bald gelangte er an den
-armseligen, im Regen blinden Fluß, an dessen
-Ufer er durch Weidengebüsch und dürftige
-Birkenwäldchen geradeaus schritt, um endlich
-die ersehnten Felder, die trüben, häßlichen und
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-doch geliebten zu erreichen. Peitschte ihm der
-Sturm das Wasser in das emporgerichtete Antlitz,
-dann fühlte er, wie das heiß ersehnte und
-angebetete Leben seiner einsamen Brust günstig
-genähert war. Er warf die Kleider von sich,
-breitete den schützenden Mantel über sie und
-badete im kalten Fluß, während der Himmel
-seine frischen Regenstrahlen herniedersandte;
-vor Frost zitternd schwang er sich vielleicht auf
-einen Baum, um von dort in einer großartigeren
-als der gewöhnlichen Stellung Cassius in
-den verhängten Himmel zu heulen:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Und so umgürtet, Casca, wie ich bin,</p>
- <p class="verse">Hab ich die Brust dem Donnerkeil entblößt,</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-um endlich mit geschundenem Körper, blau und
-naß in die Kleider zu steigen und gedrückt,
-traurig und fast ein wenig weinerlich über die
-eigene Narrheit im dunkelnden Nachmittag
-seinem Hause zuzuwandeln. In seinem Zimmer
-fand er dann bereits die Dämmerung vor, die
-vom Laternenschein am Fenster in zerrissenen
-Stücken erhellt war. Während vom unteren
-Stockwerk eine musikstudierende junge Dame
-ihre gleichmäßigen und süßen Variationen und
-Fugen erklingen ließ, schickte er sich an, den
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-Tee zu bereiten und die Pfeife in Gang zu
-bringen. Von wundervollen Gefühlen überschlichen
-ließ er sich in einen Sessel nieder,
-eine angenehme Wärme durchströmte seinen
-Körper und seine Augenlider wurden schwer von
-Träumen. Aber sein der Wirklichkeit ebenso
-leidenschaftlich wie der Phantasie zugetaner
-Sinn richtete ihn bald aus seinen Träumen
-empor. Er setzte sich an den Schreibtisch,
-schlug seine Schulbücher auf und arbeitete,
-ohne seinen Gedanken eine Ablenkung zu gestatten,
-ernst und streng bis zum Abend.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-3">
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-3
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> letzte Unterrichtsstunde vor den
-großen Ferien war beendet. Plötzlich,
-ja scheinbar ganz ohne Zusammenhang
-begann man ungeheuer
-laut und angeregt zu reden, man lachte, sah
-einander in die Augen, schüttelte sich die Hände,
-und ein jeder wünschte dem andern in weitschallenden
-und überaus herzlichen Zurufen
-einen fröhlichen Sommer.
-</p>
-
-<p>
-Ich stand wie immer abseits. Mir ward
-bei all dieser Freude, die wie ein heller Strom
-an mir vorbeifloß, ein wenig bedenklich zumute.
-</p>
-
-<p>
-Ich nahm zerstreut meinen Strohhut vom
-Kleiderriegel und betrachtete mit Interesse meine
-Stiefelspitzen.
-</p>
-
-<p>
-&sbquo;Jawohl,&lsquo; dachte ich, &sbquo;ich kann mir gut
-heute Nachmittag ein Paar neue Schuhe kaufen.
-Morgen reise ich ja fort. Wohin eigentlich? In
-meine Heimat? Zu meinem Vater? Er kreuzt
-mit seiner Jacht auf den nordischen Gewässern
-in Begleitung der schönen Anny Döring, und
-er hatte in seinem letzten Brief die Einladung
-für mich wohl vergessen, ... eigentlich hatte er
-einen ausgezeichneten Brief geschrieben, einen
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-höflichen, zurückhaltenden und etwas frivolen
-Brief, und beigefügt war eine Bankanweisung
-von erstaunlicher Höhe. Jawohl, so war mein
-Vater. Übrigens war er ein vortrefflicher Herr.&lsquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich schickte mich an, den leeren Schulkorridor
-zu verlassen, als ein blonder, vornehm
-gekleideter Knabe auf mich zutrat.
-</p>
-
-<p>
-Da er mein abweisendes Gesicht bemerkte,
-blieb er zögernd stehen und senkte die Augen.
-Darauf glitt ein Lächeln von großer Anmut
-über sein Antlitz, gleich als sei er über die
-eigene Schüchternheit belustigt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Meine Mutter und ich, wir würden uns
-sehr freuen, ... das heißt, wenn du Lust hast ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Eine Stille.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich verstehe nicht, &ndash; wie?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Knabe schlug sich mit der flachen Hand
-auf den Schenkel und begann sehr herzlich und
-sehr laut zu lachen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zum Teufel, das war eine prachtvolle Einleitung!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er legte ungezwungen und weltmännisch
-seine Hand auf meinen Arm.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lieber Regnitz, man gibt heute nachmittag
-bei uns eine Gesellschaft. Es wird vermutlich
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-ganz witzig werden ... Jungens und Mädchen ...
-Schokolade, Tanz und so ... Meine Mutter
-liebt das sehr, ... willst du uns das Vergnügen
-machen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich sah den Jungen erstaunt an; er gefiel
-mir außerordentlich. Aber ich hatte es mir bislang
-in solchem Maße zur Pflicht gemacht, die
-Schulkameraden abweisend und hochmütig zu
-behandeln, daß ich auch jetzt nicht vermochte,
-mein gewöhnliches Betragen mit einem freundlicheren
-zu vertauschen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du bist sehr liebenswürdig ... Entschuldige
-mich, ich habe deinen Namen vergessen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich heiße Wolfgang Seyderhelm.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich danke dir sehr für deine Einladung,
-Wolfgang Seyderhelm. Leider ist es mir nicht
-möglich, sie anzunehmen, da ich heute bereits
-eingeladen bin.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang Seyderhelm wurde etwas rot.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sehr schade,&ldquo; sagte er.
-</p>
-
-<p>
-Er steckte eine Hand in die Hosentasche
-und wies mit der andern höflich auf die
-Schultreppe:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir haben denselben Weg.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wir gingen die Stufen hinunter.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-&bdquo;Dein Bruder war Militärattaché in Athen,
-nicht wahr?&ldquo; fragte Wolfgang. &bdquo;Meine Mutter
-glaubt, ihn dort kennen gelernt zu haben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jawohl, er war Militärattaché in Athen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich sah zur Seite.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was ist&rsquo;s mit ihm?&ldquo; fragte Seyderhelm,
-der mich beobachtete.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er fiel in Südwest gegen die verdammten
-Schwarzen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oh.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Vor dem Schulgebäude stand ein leichtgefügter
-eleganter Wagen mit zwei lebhaften
-Apfelschimmeln. Eine junge Dame saß darin;
-sie trug einen silbergrauen Schleier, der den
-weichen großen Hut an den Seiten niederbog
-und auf der Brust zu einem Knoten verschlungen
-war. Ihre schmalen Hände waren mit dänischem
-Leder bekleidet, und ihre von den Wimpern
-tief beschatteten Augen sahen etwas mokant
-zu Wolfgang hin.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ah, der Wagen!&ldquo; sagte Wolfgang Seyderhelm,
-der zögernd stehen blieb.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ah, deine Schwester!&ldquo; sagte ich beklommen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, nicht meine Schwester.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nicht deine Schwester?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-&bdquo;Eine junge Dame unserer Bekanntschaft.
-Adieu, Walter Regnitz.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang Seyderhelm grüßte. Ich dankte
-nicht, sondern sah auf den Wagen. Der Kutscher
-legte die Hand an den Hut, Wolfgang sprach
-lächelnd einige Worte, warf seine Schulmappe
-auf den Bock und stieg ein. Die Schimmel
-zogen an und das Gefährt bog im Augenblicke
-um die Ecke ...
-</p>
-
-<p>
-Ich eilte in den heftigsten Gedanken nach
-Haus.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-4">
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-4
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">n</span> diesem Nachmittag ging ich nicht spazieren.
-Ich schritt unruhig in meinem
-Zimmer auf und ab. Ich hatte weder
-Lust zu arbeiten noch zu lesen. Immer
-wieder kam mir Wolfgang Seyderhelms Einladung
-in den Sinn. Und mit einem Male
-trat aus der Wirrnis widerstreitender Gefühle
-ein leuchtender Gedanke hervor: Die Sehnsucht
-nach Gesprächen, nach scherzhafter Rede und
-Gegenrede, nach Tanz und Schokolade und
-nach einer gewissen jungen Dame mit einem
-silbergrauen Schleier und mokanten, von den
-langen Wimpern tief beschatteten Augen.
-</p>
-
-<p>
-Ohne Zögern kleidete ich mich um, lief zum
-Schuldiener und ließ mir Wolfgang Seyderhelms
-Adresse sagen. Bald fand ich mich abseits der
-Stadt vor einer großen, mitten in einem Park
-gelegenen Villa. Ich schellte, ward vom Diener
-ohne Verwunderung empfangen, durcheilte einige
-hellerleuchtete Gemächer und stand endlich im
-Eßzimmer.
-</p>
-
-<p>
-Eine stattliche Anzahl von Knaben und
-Mädchen, unter ihnen einige Erwachsene, saßen
-an drei runden Tischen, vollführten den heitersten
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-Lärm, und tranken mit großem Appetit Schokolade,
-wozu sie ungeheuer viel Kuchen aßen.
-Ich blieb befangen stehen und suchte Wolfgang
-Seyderhelm. Die Herrschaften verstummten
-allmählich, man begann mich zu bemerken. Da
-sah ich am Ende des letzten Tisches Wolfgang
-sich erheben, der mich verwundert anstarrte.
-Von einem andern Tisch her rief eine
-Dame:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, Wolfgang, willst du nicht deinen
-Gast begrüßen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Über Wolfgang Seyderhelms Gesicht glitt
-ein Zug von unendlicher Liebenswürdigkeit und
-fast frauenhafter Güte. Schnell kam er auf
-mich zu:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie lieb, daß du kommst!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich erwiderte kein Wort, drückte aber
-stürmisch und begeistert seine Hand. Er faßte
-mich am Arm und führte mich zu der Dame,
-die ihm vorhin zugerufen hatte. Glücklicherweise
-begann man an den Tischen sich wieder
-zu unterhalten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dies hier ist mein Schulkamerad Walter
-Regnitz.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Mutter, eine noch junge Frau von
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-schlankem Wuchs, heiteren italienischen Augen
-und hoher reiner Stirne begrüßte mich lebhaft.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es freut mich sehr, daß Sie gekommen sind.
-Wolfgang hat mir viel von Ihnen erzählt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang errötete.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich denke, Herr Regnitz, Sie setzen sich
-neben mich. Hier ist noch ein Stuhl frei.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich saß und fühlte meinen Sinn ein wenig
-umnebelt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sind Sie verwandt mit einem Herrn Regnitz,
-der vor zwei Jahren in Athen Attaché war?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das war mein Bruder, gnädige Frau.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nicht möglich! ... Ihr Bruder ...!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und sie sprach von meinem Bruder, den sie
-in Athen vor zwei Jahren kennen gelernt hatte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Eigentümlich, wie Sie sich Schokolade eingießen!&ldquo;
-klang eine singende Stimme neben mir,
-während ich mich mit Frau Seyderhelm über
-meinen Bruder unterhielt, der in Athen vor
-zwei Jahren Attaché gewesen war. Ich wandte
-mich nicht um und konnte nicht erkennen, woher
-diese Stimme kam und ob sie mir galt. Ich
-sah viele Gesichter, darunter das von Wolfgang
-Seyderhelm, dessen Blick sich stets abwandte,
-sobald er den meinen traf. Ich empfand es
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-sehr wohltuend, daß ich mich vorhin beim Eintreten
-nicht allzu ungeschickt benommen hatte
-und nun in ungezwungenem Tone mit Wolfgangs
-Mutter redete.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wo ist Ihr Herr Bruder jetzt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er ist im Kampf gegen die Neger gefallen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oh wie traurig! Als Offizier?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jawohl, als Offizier.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Eigentümlich, wie Sie sich Schokolade eingießen!&ldquo;
-sang irgendwo eine Stimme.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und Sie sind hier in unsere Stadt gekommen,
-um das Abiturium zu machen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jawohl, ich war jahrelang auf dem Lande,
-nun will ich hier das Abiturium machen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wolfgang erzählt, Sie seien sehr fleißig.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich will mit der Schule schnell zu Ende
-kommen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So &ndash;?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Frau Seyderhelm wandte den Kopf nach
-einer anderen Richtung, da sie von dort gerufen
-wurde. Nun konnte auch ich mich umsehen.
-</p>
-
-<p>
-Neben mir saß eine junge Dame, die auf
-ihrem hellblauen Kleid Schokoladenflecke mit
-der Serviette abrieb. Diese junge Dame hatte
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-golden schimmernde, von den Wimpern tiefbeschattete
-Augen, kastanienbraunes Haar, einen
-spöttisch verzogenen Mund und lange schmale
-Finger, die auf irgendeine Art an die Kälte
-des Winters erinnerten, an Elfenbein und an
-die Heiligtümer indischer Völker.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-5">
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-5
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> schwieg beklommen, seufzte tief auf
-und gewann endlich den Mut zu
-fragen: &bdquo;Habe ich Ihr Kleid ...?
-Das heißt, bin ich daran schuld, daß
-Sie ...?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die junge Dame antwortete nicht, sondern
-reinigte emsig mit einer kleinen Serviette, die
-sie in warmes Wasser getaucht hatte, ihr hellblaues
-Kleid.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich meinte nur ...&ldquo; sagte ich ratlos.
-</p>
-
-<p>
-Da hob die junge Dame den Kopf in die
-Höhe, sah mir in die Augen, wobei sie sich ein
-wenig zur Seite neigte, und begann eine Tonreihe
-von silberhellem Klang zu lachen mit
-listigen, schmalen Augen, mit offenem Munde
-und vielen weißen Zähnen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, <em>zu</em> dumm! Sie haben eine Art, sich
-Schokolade einzugießen! Sehen Sie, man macht
-es nicht so &ndash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie nahm eine Porzellankanne und ließ den
-Strahl von solcher Höhe in die Tasse fallen,
-daß alles um sie herum erschrocken und lachend
-zurückwich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;&ndash; sondern so.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-Sie verkleinerte den Strahl und ließ ihn
-manierlich fließen.
-</p>
-
-<p>
-Ich ward einem Sturm des Gelächters
-preisgegeben. Ein geistlicher Herr, der an
-einem andern Tisch seinen Platz gefunden hatte,
-beugte sich mit fröhlichem Augenblinzeln zur
-Seite und begann so herzlich zu lachen, daß
-er sein Taschentuch hervorziehen mußte. Einige
-Backfische kicherten und flüsterten, ein paar
-Jungens brüllten. Ja, die junge Dame mir
-zur Seite schien ein Tausendsassa zu sein, die
-eine ganze Gesellschaft mit ihren Späßen zu
-erheitern vermochte.
-</p>
-
-<p>
-Ehe ich noch etwas erwidern konnte, wurden
-die Stühle mit großem Lärm gerückt und man
-erhob sich. Die junge Dame tat mit der Hand
-noch schnell eine sonderbare Geste, die ich mir
-nur so deuten konnte: &bdquo;Ein dummer Junge,
-nicht wahr?&ldquo; Darauf hatte sie plötzlich, als sie
-von ihrem Stuhl aufstand, ernste und unbewegliche
-Züge. Die strengen Linien ihrer goldfarbenen
-Augenbrauen und Wimpern, der kunstvolle geschlossene
-Aufbau ihres kastanienbraunen Haares
-beherrschten mit einem Male das Antlitz. Die
-herabhängenden Arme waren eng an das Kleid
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-gehalten und die Hände lagen wie erstarrt in
-den Falten.
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang Seyderhelm trat auf mich zu
-und bot mir sehr herzlich die Hand. Ich bemerkte,
-daß er enganliegende graue Hosen trug,
-Lackstiefel, ein Jackett, ähnlich wie es die englischen
-Midshipmen zu tragen pflegen, und
-einen umgebogenen Kragen, der seinen braunen
-Hals freiließ. Er schien stolz und glücklich zu
-sein und hatte das Aussehen und Betragen
-eines jungen Engländers und Weltmannes.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hast du dich mit deiner Tischnachbarin
-unterhalten?&ldquo; fragte er.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du meinst, mit deiner Mutter?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, ich meine mit dieser jungen Dame dort.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er zeigte in den Salon.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kaum. &ndash; Wie heißt sie?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nina.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich mußte plötzlich an die Schneeberge und
-Weintrauben Kaukasiens denken, an die reine
-Stirne und den unvergleichlichen Gang der
-Kosakenmädchen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was ist&rsquo;s mit ihr?&ldquo; fragte ich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie ist Schauspielerin am Stadttheater.
-Eine Protegé meiner Mutter.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-&bdquo;Wie alt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Achtzehn.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich sah, daß man im Speisezimmer die
-Stühle an die Wand schob und den Teppich
-aufrollte. Ich blickte zerstreut an den Gobelins
-hinauf, deren streitende Helden sich in übermenschlichen
-Triumphen und Schmerzen gegenüberstanden.
-Wolfgang sprach noch, aber ich
-verstand nicht, was er eigentlich sagte. So, so ...
-so ... sie hieß Nina, ... welch ein süßer Gleichklang
-in ihrem Namen, ... welch ein Duft
-von ihrem Haar, ... ich begann Kopfschmerzen
-zu bekommen, ... wie zärtlich Wolfgang zu ihr
-hinblickte ...
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du liebst sie ja!&ldquo; sagte ich laut und wußte
-nicht, ob ich wirklich gesprochen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Wolfgangs Antlitz sah plötzlich aus wie
-überströmt von Blut.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was sagst du?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Frau Seyderhelm stand neben uns und
-unterhielt sich mit dem geistlichen Herrn. Frau
-Seyderhelm stand sehr gerade da, sprach achtungsvoll,
-mit verbindlich zur Seite geneigtem
-Haupt, gebrauchte sehr oft die Anrede: Herr
-Pastor und hatte zu gleicher Zeit ein etwas
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-mitleidiges Lächeln um den Mund, da der
-geistliche Herr verlegen war und nicht ganz
-ungezwungene Bewegungen zeigte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und morgen gehen Sie auf ihr Rittergut,
-meine liebe gnädige Frau?&ldquo; fragte der geistliche
-Herr.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, stellen Sie sich vor, Herr Pastor, &ndash;
-dieser Trubel! Alle Koffer sind schon gepackt ...
-es ist ja immer wie ein Umzug! ... Aber
-Wolfgang tut das Landleben so wohl ...!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Frau Seyderhelm strich mit der Hand über
-ihr schwarzes Haar.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nina geht diesmal auch mit,&ldquo; sagte sie,
-lächelte dem Pastor sehr liebenswürdig zu und
-schritt ins Nebenzimmer.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie schön von dir, daß du mich eingeladen
-hast,&ldquo; sagte ich zu Wolfgang, wurde ganz heiß
-vor Begeisterung und ging weg.
-</p>
-
-<p>
-Eine Dame mit einem ungeheuren Hut betrat
-den Empfangsraum, ruderte durch die Luft
-auf Frau Seyderhelm zu, erfüllte das Gemach
-mit ihren Begrüßungen, ihren schnellen Handbewegungen,
-ihrer Rührung über die frohe
-Schar, legte die Arme auf Frau Seyderhelms
-Schultern, küßte ihr jede Wange und sagte
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-oftmals: &bdquo;Meine liebe Lina.&ldquo; Sie wurde von
-den Jungen mit ehrfürchtigen und ungeschickten
-Verbeugungen gegrüßt, von Wolfgang empfing
-sie einen Handkuß und von zwei Mädchen,
-vermutlich ihren Töchtern, sehr rasche und
-oberflächliche Umarmungen.
-</p>
-
-<p>
-Ein junger Herr, ein Student, wie man
-annehmen durfte, ging quer durch den Raum,
-trug mit steifem Arm die Öffnung seines Zylinderhutes
-nach Außen in der mit braunem
-Glacé bekleideten Hand, erschreckte jedermann
-durch seine ruckartigen Verbeugungen,
-saß kurze Zeit darauf von einer lauten Gesellschaft
-umgeben an einem Tisch und versuchte
-sich in einem Kunststück mit zwei Gläsern, einer
-Teetasse und einem silbernen Löffel.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Eine Dame in einem schwarzen, bis an
-den Hals geschlossenen Kleide, die blaß und
-hübsch war und hungrige graue Augen hatte,
-wahrscheinlich die Gesellschaftsdame irgend eines
-der jungen Mädchen, ließ sich am Flügel nieder
-und begann einen Walzer zu spielen. Die
-Mädchen bekamen rote Köpfe und setzten sich
-ziemlich nervös auf die Stühle an der Wand.
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-Die Knaben standen in den Türrahmen, ordneten
-ihre Krawatten, ihre Schuhbänder, ihre
-Frisuren und bemühten sich sorglos auszusehen.
-</p>
-
-<p>
-Irgendeiner von ihnen, ein kecker Bursche,
-der den Teufel nach Rotwerden und Schüchternsein
-fragte, forderte als erster eines der Mädchen
-auf. Andere folgten. Wolfgang trat von
-irgendwoher auf Nina zu, lächelte, ohne sich
-zu verbeugen, und zog sie mit sich fort. Die
-Jungen tanzten mit vielen Sprüngen und
-Witzen, schlugen die Beine nach hinten aus, so
-daß man ihre Stiefelsohlen zu sehen bekam,
-und hielten ihre Tänzerinnen mit steifen Armen,
-da sie die Berührung des Fleisches fürchteten.
-Die Mädchen bewegten sich ruhiger und hatten
-versonnene Augen und ein süßliches Lächeln
-auf den Lippen. Wolfgang und Nina sahen
-jugendlich und glücklich aus; sie schienen schon
-oft miteinander getanzt zu haben, und waren
-ihrer Bewegungen sicher. Nina neigte ihr
-Haupt ein wenig zu Boden, was ihrem schlanken,
-hochgestellten Körper etwas Verträumtes
-und zugleich Preziöses gab.
-</p>
-
-<p>
-Es war recht heiß. Ich fühlte mich elend
-und doch glücklich und trank sehr viel Limonade.
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-Frau Seyderhelm stand mit einem Male vor
-mir, wie stets sehr gerade und beinah mädchenhaft
-schlank, die edlen Hände über der Gürtelschnalle
-gekreuzt, mit heiteren Augen und reiner
-Stirn. Sie nannte mich oftmals &bdquo;mein lieber
-Herr Regnitz&ldquo; und blickte, da ich verwirrte
-Antworten gab, mütterlich lächelnd über die
-froh sich bewegenden Kinder hin.
-</p>
-
-<p>
-Der Student tanzte jetzt mit Nina, nannte
-sie &bdquo;mein gnädigstes Fräulein&ldquo; und benahm sich
-in jeder Beziehung wie ein Student, der zu
-einer Backfischgesellschaft geladen ist und dort
-mit der einzigen erwachsenen jungen Dame
-tanzt. Sein Zylinder stand irgendwo in der
-Ecke auf einem Stuhl und schwankte grinsend
-hin und her.
-</p>
-
-<p>
-Der geistliche Herr erzählte der Dame mit
-dem großen Hut, daß Ihre Hoheit Prinzessin
-Clementine am vorigen Sonntag in der Kirche
-sehr blaß ausgesehen habe und augenscheinlich
-an Kopfschmerzen leide; welche Bemerkung seine
-Dame mit einem kurzen, nervösen Gähnen,
-einem verlegenen Hinunterschlucken und einem
-ehrfurchtsvollen &bdquo;Gewiß, Herr Pastor&ldquo; erwiderte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-Irgendein Mädchen, ein braves Kind mit
-dickem lustigen Gesicht und roten Händen forderte
-mich auf, mit ihr zu tanzen; ich lehnte
-mit strenger Stirne und finsteren Blicken ab.
-Sie schüttelte den Kopf, lachte leis, so daß sich
-ihre Nase in viele Falten zog, sagte: &bdquo;Nein,
-so etwas!&ldquo; und verschwand mit einem andern,
-wobei sie den Hals ihres Tänzers mit den
-Armen umschloß und die guten dicken Finger
-auf seinem Nacken faltete.
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang bat die Dame mit dem großen
-Hut und den exzentrischen Bewegungen um
-einen Tanz. Die Dame sträubte sich ein wenig,
-sprach sehr viel von ihrem Alter und vom
-Muttersein in die leere Luft und sagte endlich
-zu. Man klatschte im Takt zu ihrem Tanze
-und bereitete sich alsdann zur Quadrille vor.
-</p>
-
-<p>
-Ich begann mich mit irgend jemandem über
-unsere Lehrer zu unterhalten; ich war witzig,
-der Bengel lachte und verbeugte sich darauf
-vor mir.
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang trat auf mich zu.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du tanzt nicht?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein. Danke.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nie?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-&bdquo;O doch.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Magst du heute nicht?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein. Danke.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nina stand neben ihm.
-</p>
-
-<p>
-Sie sah mich neugierig an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie tanzen nicht?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, heute nicht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ninas Augen waren stetig auf mich gerichtet.
-Ich betrachtete das kastanienbraune
-Haar und bemerkte, daß es im Schein der
-kristallenen Lustres leuchtete.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie werden jetzt mit mir Quadrille tanzen.
-Warum stehen Sie immer an der Wand? Das
-schickt sich doch nicht für einen jungen Herren
-von Ihren Qualitäten!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wollen Sie sich bitte nicht um mich bekümmern,
-wie?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang bekam große Augen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber Regnitz, bitte, was ist denn &ndash;?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nina lachte herzlich, zeigte ihre weißen
-Zähne, legte die elfenbeinerne Hand auf Wolfgangs
-Arm und sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du, der ist aber grob!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Darauf wandte sie sich mir zu, machte ein
-hochmütiges Gesicht, senkte die Lider, so daß es
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-aussah, als ob sie schliefe, und sagte in einem
-näselnden Ton:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Also bitte, &ndash; wollen Sie jetzt meinen Arm
-nehmen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich fühlte eine Schwäche in den Gliedern,
-während ich den rechten Arm bog.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O, das ist nett!&ldquo; sagte Wolfgang mit
-seinem liebenswürdigen Lächeln. &bdquo;Wir werden
-in einem Karree tanzen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wir gingen in den Saal.
-</p>
-
-<p>
-Der Student stürzte auf Nina zu.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber, gnädigstes Fräulein haben <em>mir</em> ja ...
-das heißt, wenn Sie vorziehen ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er schwitzte und verbeugte sich. Ich bemerkte,
-daß er nach Mediziner im zweiten Semester
-roch.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach, Herr Doktor, ... ich hatte schon
-Herrn Regnitz vorher versprochen, die Quadrille
-mit ihm zu tanzen. Verzeihen Sie.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wir gingen weiter. Der Student war von
-diesem Augenblick an in jeder Beziehung erledigt.
-Er war fertig, hingerichtet, gleichsam
-mausetot ...
-</p>
-
-<p>
-Die Dame am Klavier mit den hungrigen
-Augen spielte die Aufforderung zur Quadrille.
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-Das Karree bildete sich. Ich steckte eine Hand
-in die Hosentasche und machte ein gleichgültiges
-Gesicht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Entschuldigen Sie,&ldquo; sagte ich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bitte?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nina begann sich mit dem Geistlichen zu
-unterhalten, der plötzlich neben ihr stand. Sie
-schauspielerte Ehrfurcht und war sehr schüchtern.
-Ich wurde rot. Sie wandte sich um:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was sagten Sie eben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vielleicht hören Sie zu, wenn ich mit
-Ihnen spreche!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie sind manierlos.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bat um Entschuldigung wegen vorhin.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie können gleich um Entschuldigung bitten
-&sbquo;wegen jetzt&lsquo;.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich schwieg. Mein Gott, warum war ich
-nur so ungezogen! Ein weinerliches Etwas stieg
-in meine Nase empor.
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang trat uns gegenüber und sprach
-mit seiner Cousine, einem schüchternen Mädchen
-von außergewöhnlicher Schönheit. Er winkte
-uns mit der Hand zu.
-</p>
-
-<p>
-Die Quadrille begann.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-Nina verbeugte sich tief vor ihrem Nachbarn,
-darauf vor mir. Ihre Lider bedeckten
-wiederum die Augen, die langen Wimpern berührten
-die roten und weißen Wangen, das
-feurige Haar warf seinen Duft zu mir, die
-elfenbeinernen Hände lagen wie unbeseelt in
-den Falten des blitzenden Kleides. Sie war
-im Augenblick, da sie sich neigte, ein Götterbild,
-das in Betrachtung zum Buddha versunken
-ist, eine indische Statue aus farbigem Stein ...
-Ich beugte mich noch tiefer, sah ihre blauen
-schmalen Schuhe und dachte: Süße Nina,
-süße Nina.
-</p>
-
-<p>
-Ich gab fleißig acht und tanzte gut. Ich
-tat keine überflüssige Geste und bewegte mich
-ruhig. Von Zeit zu Zeit sagte Nina:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;<span class="antiqua">Visite à gauche!</span>&ldquo; oder &bdquo;Jetzt dort!&ldquo; oder
-&bdquo;Passen Sie auf, Sie können nur grob sein!&ldquo;
-Aber sie schien zufrieden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es geht ja ganz gut,&ldquo; bemerkte sie einmal.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gewiß,&ldquo; erwiderte ich stolz.
-</p>
-
-<p>
-Ich sah, daß Nina und Wolfgang sich beim
-<span class="antiqua">moulinet des dames</span> zulächelten, sobald sie sich
-trafen. Wolfgang sprach viel zu uns hin und
-unterhielt das ganze Karree. Er hatte das
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-Aussehen eines vornehmen Pagen, der bei Hof
-die Schleppe der Königin hält.
-</p>
-
-<p>
-Mich überfluteten, sobald ich Nina die Hand
-reichen mußte, Ströme von Zärtlichkeit und
-Anbetung. Ich beobachtete, daß ihr Fuß beim
-Auftreten die Form nicht veränderte. Ich liebte
-sie, &ndash; o mein Gott, <em>wie</em> ich sie liebte! Ich
-begann zu fiebern und wurde von Angst ergriffen.
-Ich dachte daran, daß ich heute abend
-allein in meinem Zimmer sein würde. Irgend
-etwas müßte bis dahin geschehen, irgend etwas,
-das mich mit einem unerhörten Glück erfüllte,
-ein Blick von ihr, ein Wort, ein Kuß ...
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie sind unaufmerksam. Passen Sie auf &ndash;
-<span class="antiqua">vis-à-vis</span>!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich sah einem blonden Mädchen in die
-Augen, verbeugte mich und trat mit Nina zurück.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was spielen Sie?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wir wurden getrennt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich meine, was Sie im Theater spielen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich tanzte an drei jungen Mädchen vorbei,
-gab einer jeden die Hand und verbeugte mich
-wieder vor Nina.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hebbels Clara.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-&bdquo;Ah ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich kannte Hebbel.
-</p>
-
-<p>
-Ich verbeugte mich vor Wolfgangs Tänzerin.
-</p>
-
-<p>
-Dann stand ich wieder vor Nina.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kennen Sie Maria Magdalena?&ldquo; fragte
-Nina.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich ging mit den drei Herren <span class="antiqua">en avant</span>
-und verneigte mich vor Nina.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie sollten lieber Ihre Schulaufgaben
-machen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich begann zu lachen, wie verrückt zu lachen,
-zog das Tuch hervor, bekam Tränen in die
-Augen, fand mich albern, mußte aus der Reihe
-treten und störte den ganzen Tanz. Nina hob
-die Lider, und es war, als ginge der Vorhang
-im Theater auf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was haben Sie?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich begann zu beben und zu frieren, meine
-Zähne schlugen aneinander, ich hatte das Gefühl,
-daß ich totenblaß sei.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie sind herrlich!&ldquo; sagte ich.
-</p>
-
-<p>
-Ich wußte nicht mehr, was ich sprach. Ich
-hatte Fieber, nichts als Fieber, und Angst vor
-meinem einsamen Zimmer ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-Die Reihen ordneten sich wieder, man lachte,
-ärgerte sich und tanzte weiter. Die letzten
-Takte spielte die Dame am Klavier in rasendem
-Tempo. Man fand sich nicht mehr zurecht, und
-alles verwirrte sich. Ich lief umher, fühlte
-Schauer in meinem Körper und hatte das Bedürfnis,
-etwas zu zerbrechen. Der Quadrillenwalzer
-ertönte, man schloß sich in die Arme.
-Ich verbeugte mich vor Nina, aber sie dankte.
-</p>
-
-<p>
-Ich führte sie aus dem Saal hinaus. Darauf
-ward es dunkel vor meinen Augen. Ich wurde
-schwindlig und hielt mich an einem Türpfosten.
-Mit einem Male war ein Bild vor mir: die
-Mittagssonne über einer teppichfarbenen Landschaft
-des mittleren Deutschlands, der Duft
-von Korn und gemähten Wiesen, und blaue
-Berge in der Ferne.
-</p>
-
-<p>
-Nina lachte, ein singendes, verstehendes,
-unendlich grausames und süßes Lachen:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie taumeln, Herr Regnitz! &ndash; Ist Ihnen
-schlecht?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nina, ich liebe Sie.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich sah sie an, &ndash; sie, dieses indische Götterbild
-mit den gesenkten, zur Betrachtung geneigten
-Augen, mit der unvergleichlich bleichen und
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-edlen Stirne, mit den elfenbeinernen Händen
-und dem farbigen, wie von Edelstein und Gold
-blitzendem Gewande, sah diese Lippen aufeinander
-gepreßt, süß und streng, &ndash; bereit, Worte
-zu sprechen, die den Gläubigen vernichten oder
-aufheben:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie sind verrückt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie ging fort, mit elastischem stolzem Schritt,
-wandte plötzlich den Kopf um, zeigte mir ein
-entzückend frisches und amüsiertes Mädchengesicht,
-lachte, lachte eine Reihe makelloser
-Töne, zog eine kleine goldene Uhr aus dem
-Gürtel, ließ den Deckel aufspringen und sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es ist übrigens schnell gegangen. Sie
-sind um fünf Uhr gekommen; jetzt ist es vier
-Minuten vor sechs.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aus der Ferne, aus einer Schar lärmender
-Menschen heraus hörte ich sie noch einmal
-lachen ...
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang trat schnell auf mich zu.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ist dir etwas? Du siehst nicht wohl aus.
-Willst du den Wagen haben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich sah mich um und lächelte matt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lieber, welch ein Gefühl!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich gab ihm wie im Traum die Hand.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-Plötzlich ermannte ich mich, stürmte hinaus,
-ohne Gruß, ohne Blick, riß den Hut im Korridor
-vom Riegel und erreichte den Park. Ich lief
-wie gejagt durch die Straßen und hielt mich
-endlich an einem Gitter fest. Atemlos, die
-Brust erfüllt von einem qualvollen Glück, begann
-ich wie ein Kind zu schluchzen, wie ein
-kleines, ungezogenes Kind.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-6">
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-6
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">m</span> nächsten Tage wachte ich um fünf
-Uhr morgens auf. Ich lief im Hemd
-ans Fenster. Die Straßen waren leer,
-aber auf den Dächern lag warmes
-Morgenlicht und in den Bäumen am Rande
-des Bürgersteiges zwitscherten die Spatzen.
-</p>
-
-<p>
-O mein Gott, welch ein Gedanke, ich hatte
-Ferien, ich hatte fünf Wochen Ferien!
-</p>
-
-<p>
-Ich eilte in das Badezimmer und öffnete
-dort die Brause. Da fiel mir mitten im kalten
-Wasser etwas ein ... Was war denn gestern
-geschehen? ... War nicht gestern etwas Besonderes
-vorgefallen? ... Ich war auf einer Gesellschaft
-gewesen ... bei Wolfgang Seyderhelm,
-... dort befand sich eine junge Dame ...
-mit goldfarbenen Augen und feurigem Haar ...
-eine Art Gottheit ... ein Backfisch ... Wie hieß
-doch gleich diese Dame? ... Nun, wir wollen
-keine Komödie spielen, wir wissen sehr gut, wie
-diese Dame hieß ... Nina, ... jawohl, Nina
-hieß sie, ... und dann war ich aus der Gesellschaft
-weggelaufen ... und hatte mich blamiert,
-... O weh! o weh!
-</p>
-
-<p>
-Verwirrt streckte ich die Arme nach dem
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-Kelch der Brause aus, ließ mir das Wasser
-ins Gesicht laufen und rief beglückt in das
-Geplätscher hinein: Süße Nina, süße Nina.
-</p>
-
-<p>
-Ich sprang in das Badetuch und zog mich
-an. Ich sah das Sonnenlicht sich langsam
-über die Häuser senken. Hallo, war ich nicht
-jung? Meine Heimat, &ndash; ach, meine Heimat
-war überall da, wo es warme Landstraßen
-gab mit schönem weißem Staub, Kirschbäume,
-schwere Kornfelder. Nina, &ndash; ach,
-Nina war irgend eine junge Dame, ein Spuk,
-ein Ding ohne Zusammenhang mit meinem
-Leben ...
-</p>
-
-<p>
-Ich nahm meinen Ranzen, stopfte Hemden,
-Strümpfe, die &bdquo;Versuchung des Pescara&ldquo;, Taschentücher,
-zwei alte Brötchen hinein und lief
-die Treppe hinunter.
-</p>
-
-<p>
-Noch waren die Straßen leer. Hier und
-da zeigte sich ein verschlafen aussehender Bäckergeselle
-mit listigem Gesicht, ein mürrischer
-Arbeiter auf dem Rad, ein von der Nachtkälte
-durchfrorener Polizist, sonst niemand. In
-den einsamen Gassen hörte ich nur den Klang
-meiner Schritte und meines Stockes.
-</p>
-
-<p>
-Bald hatte ich die letzten Häuser erreicht
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-und sah meine Felder sich im Sommermorgenlicht
-ausbreiten.
-</p>
-
-<p>
-Ich ging mit leichtem Fuß und leichtem
-Herzen die Landstraße hinunter. Es kamen
-Bauernwagen, die zum Markte in die Stadt
-fuhren, und neben den Kutschern saßen eifrig
-bellende Hunde, es kamen ganz, ganz kleine
-Mädchen, die sich an der Hand hielten und
-mit putziger Eilfertigkeit in ihre Schule trabten;
-eine Bäuerin tauchte auf, trug einen Korb mit
-Eiern auf dem Kopf und sah wie eine Bäuerin
-aus dem Bilderbuche aus; darauf eine Horde
-Jungens, die alle ohne Ausnahme nackte Füße
-und geflickte Hosen hatten, und endlich auch
-ein Mann mit einer Kuh und einem Hündchen.
-</p>
-
-<p>
-Schon war ich im ersten Dorf. Dort war
-bereits jedermann auf den Beinen. Ein Fuhrmann
-kam mit der Peitsche in der Hand aus
-der Schenke, wischte sich den Bart und kletterte
-mit vielen unverständlichen Worten auf den
-Bock; ein schlanker Terrier lief bellend auf mich
-zu, &ndash; als ich ihm ein Stück meines Brots
-zeigte, sprang er an mir hoch; ein Kind lachte
-irgendwo, und ich wanderte weiter.
-</p>
-
-<p>
-Die Sonne stieg. Mir zur Seite erschienen
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-Dörfer mit Kirchtürmen und leuchtend weißen
-Grabsteinen und verschwanden hinter teppichweichen
-Hügeln.
-</p>
-
-<p>
-In einem schönen Kirchdorfe machte ich
-Halt. Ich ging zu einem Bäcker, der am
-Laden eine eiserne Brezel hatte, und kaufte mir
-Brot und Kuchen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wohin geht&rsquo;s, junger Herr?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nach Fürstenau und immer weiter.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und immer weiter &ndash; das ist ein gutes
-Stück Wegs. Na, wenn man junge Beine hat!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich errötete, ich weiß nicht, warum, bezahlte,
-schüttelte ihm die Hand, sprang an den
-Brunnen, trank mit Begierde das kräftigschmeckende
-Wasser und marschierte weiter.
-</p>
-
-<p>
-Es wurde heiß. Ich schlief einige Stunden
-im Schatten eines Baumes und wanderte
-dann in den schönen Nachmittag hinein.
-Über das weite hügelige Land glitten zeitweis
-tiefe und schnelle Wolkenschatten. Ein
-ganz leichter Wind erhob sich und kühlte mich
-wunderbar. Mir war, als trügen mich die
-Lüfte des Nachmittags über abwechselnd beglänzte
-und beschattete Gefilde. Lag ich nicht
-auf einer weichen Wolke und trug mich
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-diese Wolke nicht in entferntere und schönere
-Gebiete?
-</p>
-
-<p>
-Kurz nachdem die Sonne hinter einem Hügel
-entschwunden war und mit einem Mal die des
-Sonnenantlitzes beraubte Landschaft wie in
-einem ungeheueren Schrecken zu erbleichen, ja
-zu sterben schien, erblickte ich, der ich auf einem
-Berge stand, zu meinen Füßen eine Stadt. Ein
-alter Turm ragte in die starr-silberne Luft hinein,
-und seine Wächter schienen silbergraue
-Vögel, die mit bösem, hastigem Flügelschlage
-ihn umkreisten. Flache Hügel umgaben die
-Stadt, niedere Weinberge, die ein bescheidenes
-Landgetränk erzeugten; mitten unter den Reben
-lag der umgitterte Friedhof. Meinem Auge
-gegenüber wandte sich die Straße, die Stadt
-verlassend, nach Westen, lief an den hellen
-Bergen entlang und durch gläserne Wälder,
-stieg empor in den erblaßten Himmel und verlor
-sich in der offenen Landschaft, andere Städte
-mit neuen Türmen und späterem Lichte zu erreichen.
-Zwischen Kornfeldern und gleißenden
-Wiesen, die der zweiten Mahd harrten, sah ich
-Erntewagen der Stadt zustreben. Eine Glocke
-läutete, läutete unablässig, und es war, als sei
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-diese Stadt, diese Höhenzüge, diese silberne Spätnachmittagsluft
-wie überschwemmt von schwellenden,
-sich auflösenden und wieder schwellenden
-Tönen.
-</p>
-
-<p>
-Ein alter Mann stieg keuchend die Höhe zu
-mir herauf. Er trug einen schwarzen, eng anliegenden
-Taillenrock und eine graue großkarrierte
-Hose, die weit über die bestaubten Schuhe
-fiel. Er schien dem steilen Weg gram zu sein.
-</p>
-
-<p>
-Ich lüftete den Hut.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ist dies da Fürstenau?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der alte Mann trocknete sich mit einem roten
-Tuch, einer Art Fahne, die Stirn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;In der Tat, Herr, wenn ich mich recht
-erinnere, so ist es ganz bestimmt Fürstenau.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er lächelte böse und ging weiter.
-</p>
-
-<p>
-&sbquo;Welch eine sonderbare Art sich auszudrücken!&lsquo;
-dachte ich. &sbquo;Spricht man so in unserer Zeit?
-&bdquo;In der Tat, Herr, wenn ich mich recht erinnere,
-so ist es ganz bestimmt Fürstenau.&ldquo; So spricht
-man in einem Shakespeareschen Lustspiel!&lsquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich eilte den Berg hinab und empfand dabei
-die Freude eines Wanderers, der von der
-Höhe das Ziel seines Tages sieht.
-</p>
-
-<p>
-Als ich durch das Tor in die Stadt trat,
-<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-war mit einem Mal der silberne Zauber wie
-zerbrochen, und Abendrot lag auf den Gassen.
-Hochbepackte Erntewagen, in der golden durchleuchteten
-Fülle leise schwankend, fuhren darüber
-hin und zeitweis bog einer von ihnen in den
-Hof ein. Auf den Pferden saßen hübsche,
-nacktfüßige Bauernjungen, die mit den Peitschen
-knallten, an den Häusern emporsahen und
-nachlässig zu den offenen Fenstern hinaufnickten,
-zu den Mädchen ...
-</p>
-
-<p>
-&sbquo;War es vor tausend Jahren hier anders?&lsquo;
-dachte ich. &sbquo;Ernte und Glockengeläut und Menschen?
-... Die vor tausend Jahren waren, mich
-trennt nur ein weniges von ihnen, nur die
-Zeit ... Ach, was ist Zeit! ... Ich will hier
-bleiben! ...&lsquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Bald saß ich in einem Garten vor meinem
-Abendbrot und erfreute mich, sobald ich den
-Blick hinwegwandte, an den rosigen Bergen
-und den tiefer beleuchteten Gassen. Ein Mädchen
-mit braunen, zum Kranz geflochtenen Strähnen
-schenkte mir den Wein ins Glas und lächelte
-dazu mit frischem Munde ... Ein Gedanke kam
-mir ... fort damit ... Gespenster! ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-Ich stand alsbald auf, bestellte mir eine
-Kammer für die Nacht und ging nachlässig,
-die Hände in den Hosentaschen, durch die Stadt.
-Ich wünschte jedem Mädchen einen guten Abend,
-und begann mit einigen von ihnen dadurch ein
-Gespräch, daß ich mich nach allerhand Dingen
-erkundigte, die mir völlig gleichgültig waren, &ndash;
-wo der Schmied wohne, ob die Heuernte dieses
-Jahr gut gewesen sei. Ich war an diesem
-Abend ziemlich frech ...
-</p>
-
-<p>
-Bei Anbruch der Nacht kehrte ich in mein
-Gasthaus zurück. Als ich die Stiege hinaufschritt,
-die von einem Windlicht schwach erhellt
-war, begegnete ich dem Mädchen mit dem Lächeln
-um die frischen, feuchten Lippen. Ich
-gab ihr die Hand, bezahlte gleich, da ich früh
-am Morgen aufbrechen wollte, und ging in mein
-Zimmer. Ich setzte mich auf den Rand des Bettes
-und grübelte. Mit einem Male kam eine tiefe
-Traurigkeit über mich, ich wußte nicht, woher.
-Ich trat ans Fensters. Da rauschte unter mir
-der tiefe Mühlbach, und über mir spannte sich
-der Sommerhimmel voll von Sternen. Noch
-hörte ich zwei Männer irgendwo miteinander
-sprechen, noch hörte ich eine Tür im Haus
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-und einen späten Wagen auf der Gasse, dann
-ward es still um mich.
-</p>
-
-<p>
-In dieser Stille breitete die Liebe ihre
-Flügel aus. Sie drückte mich an ihre Brust.
-Ich taumelte und fühlte einen Schmerz wie nie
-zuvor.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich weiß nicht recht, wie alles gewesen
-war. Ich weiß nur, daß ich plötzlich an Nina
-dachte, die ich den ganzen Tag vergessen hatte.
-Ich sah sie vor mir, sah ihr Haar, ihre Augen,
-ihren Gang, ihre Hände, sah sie tanzen, mit
-Wolfgang Seyderhelm tanzen, ... ich hatte
-Angst, ... das Zimmer war so eng und
-heiß, ... tödliche Angst ... Ich nahm Stock,
-Hut und Ranzen und stürzte hinaus in die
-dunkle Luft. Die Haustür war noch offen.
-Ein Hund knurrte leise, aber ich entlief ihm
-schnell. Ich rannte durch die Gassen, durch
-das Stadttor, die Straße entlang, dann einen
-Seitenweg, durch Gebüsch, einen Hügel hinauf,
-... ich keuchte sehr, ... ich fiel zu Boden
-und blieb liegen.
-</p>
-
-<p>
-... Ich war müde und gehetzt, ich war so
-müde! Ich fühlte meine Jugend von mir gleiten
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-und hatte qualvolle Träume. Ich weiß noch,
-daß ich einmal im Halbschlaf emporfuhr: da
-lag unter mir die Stadt und das dunkle Land,
-der Mühlbach leuchtete hier und dort im Mondlicht
-auf, ... um meinen Hügel ging ein leichter
-Wind, ... ich sank zurück ... in Traum und
-Schlummer. Aber schlummernd sah ich immer
-wieder das dunkle Land mit der Stadt, die
-silbernen Stücke des Baches, ... Sterne,
-viel Sterne ... und Nina ...
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-7">
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-7
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> bin noch einige Tage so gewandert,
-aber ich wurde nicht mehr fröhlich.
-Ein Sonntag kam, ich sah die Bauern
-zur Kirche gehen, trat mit ihnen ein
-und hörte die Predigt, ich sah die Burschen
-und Mädchen hernach in ihren übermütigen
-Tänzen und empfand am Abend auf der Straße
-die feierliche Stille des scheidenden Sonntages.
-Aber das alles freute mich nicht. Der verworrene
-Geist war von der Liebesleidenschaft
-erfaßt und kannte nur noch Trauer, Eifersucht,
-Haß und Träumerei. Ich wollte nicht mehr
-an Nina und Wolfgang denken, ich wollte nie
-mehr an sie denken. Ich sagte mir Gedichte auf,
-hielt als ein Prinz vor der Versammlung von
-Fürsten eine verwegene Rede, dichtete eine Ode
-an den Kaiser, &ndash; aber selbst das erhabene Gewand
-der Majestät verwandelte sich mir bald,
-ward ein blitzendes, hellblaues ... mit Schokoladenflecken
-...
-</p>
-
-<p>
-Am vierten Abend meiner Wanderung zog
-ich mutloser denn je meine Straße entlang.
-Ich wollte an diesem Tage noch eine größere
-Stadt erreichen, dort einige Zeit verweilen, um
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-dann dem nahen Gebirge zuzueilen. Aber
-irgend ein schöner Baum oder ein sehnsüchtig
-winkender Kirchturm hätte genügt, mich von
-meinem Wege abzulenken. Wer in der Welt
-fragte danach, ob ich einen Nachmittag unter
-schattigem Gesträuch verträumte und den &bdquo;Pescara&ldquo;
-las oder irgendwo auf staubbedecktem
-Wege schritt?
-</p>
-
-<p>
-Ich blieb vor einem Weiser stehen, der mir
-zur Seite in das offene Land hindeutete. Da
-war geschrieben: Nach Strelow 3 km, nach
-Wiesenau 4,5 km. Ich las die Worte gedankenlos.
-Irgend etwas lockte mich, von
-meiner Straße abzubiegen. Was aber war es?
-Strelow? Ich hatte diesen Namen nie gehört.
-Wiesenau? Ich hatte diesen Namen nie ...
-Wie? ... Eine Erinnerung ... Wiesenau ...
-Wiesenau ... da war schon wieder alles entwichen
-... ich schüttelte den Kopf. Wohl
-zwanzigmal sprach ich nun das Wort Wiesenau
-aus, in der Hoffnung, die Erinnerung möchte
-mich noch einmal erleuchten. Doch jede Mühe
-war vergebens: es war ein totes Wort.
-</p>
-
-<p>
-Schon war ich in die neue Landschaft eingebogen.
-Es hatte wohl die Wochen vorher
-<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
-geregnet, denn überall standen kleine schwarze
-Teiche, aus denen einzelne Bäume, Fichten
-und Birken, hervortauchten. Endlos langgezogene
-violette Abendwolken spiegelten sich
-in diesen Teichen und gaben ihnen von ihrer
-Farbe. Soweit mein Blick reichte, sah ich
-nichts anderes als bunte, prächtige Wiesen
-mit großen Blumen und die schwarzen und
-violetten Teiche, aus denen einsame Bäume hervorwuchsen.
-Krähen flogen zuweilen schreiend
-darüber hin, um noch vor Nacht die fernen
-Wälder zu erreichen.
-</p>
-
-<p>
-Als ich durch Strelow kam, läutete die
-Glocke den Abend ein. Ich blickte durch ein
-Fenster; ein alter Bauer saß da, hatte die Brille
-auf der Nasenspitze und las in einer Zeitung.
-Eine Frau trug eine Bank in ihr Haus. Der
-Pfarrer ging durch den Ort und ward von
-allen gegrüßt; auch ich grüßte. Ein Trupp
-Jungens lief zu Gott weiß welchem Abendstreifzug
-...
-</p>
-
-<p>
-In einigen Zimmern brannte ein Licht.
-Sollte ich hier rasten? Es begann zu dunkeln.
-Draußen konnte ich nicht gut schlafen, der
-Boden schien feucht, auch war es ein wenig
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-kühl. Aber die Lichter in den Häusern machten
-mich traurig, und ich fühlte, daß mich im
-Zimmer wieder meine Angst ergreifen würde.
-</p>
-
-<p>
-Ich eilte zum Dorf hinaus. Allein bei den
-letzten Häusern blieb ich beklommen stehen: über
-die Landschaft hatte sich die Dämmerung gesenkt
-und mit tiefem, dunklem Blau die gespenstischen
-Bäume, das Weidengesträuch an den blinkenden
-Teichen und die Getreidefelder umhüllt; von
-oben leuchteten durch blaues Licht einige Sterne;
-nichts unterbrach die Stille als das trostlose
-Quaken der Frösche und das Flüstern des
-Kornes, wenn der Wind darin rauschte.
-</p>
-
-<p>
-Ich ging durch die Dämmerung und fühlte
-mich liebevoll von der Straße fortgelockt, umsponnen
-mit einem blauen Netz. Ein Traum
-von großer Innigkeit berührte mich, mir war,
-als sei er alt und von jedermann zu irgendeiner
-Zeit geträumt. Um meine Augen legte
-sich ein Flor, meine Füße strauchelten oft ...
-</p>
-
-<p>
-&sbquo;Könnt&rsquo; ich doch viele Stunden dieses blaue
-Licht durchschreiten! Wenn nur die Füße nicht
-ermüden wollten ...!&lsquo;
-</p>
-
-<p>
-Aber ach, schon winkten ja am Wegesrand
-nächtliche Kastanien zu Schlummer und Traum! ...
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-Ein Park begann, umgittert, ... eine Allee ...
-Und hier, &ndash; waren hier nicht bronzene Löwen,
-die in dreifach geteilte Becken silbernes Wasser
-spieen? War es nicht einschläfernd und süß?
-</p>
-
-<p>
-Wie, stand dort nicht ein Haus vor mir,
-ein Schloß, mit einer erleuchteten Altane und
-bläulich schimmernden Stufen?
-</p>
-
-<p>
-Bin ich nicht neugierig herangeschlichen, ...
-leise, ... ganz leise, ... und sah ich dort
-nicht all die Menschen, die ich liebte? ... Die
-Mutter ... mit dem Sohn ... und meine
-schöne Freundin Nina?
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-8">
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-8
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">it</span> pochendem Herzen und heißen
-Wangen stand ich im Dunkeln und
-blickte auf die Veranda. Nina
-arbeitete an einer festgespannten
-Stickerei und sprach dabei mit Wolfgang, der
-die Hände um ein Knie geschlungen hatte, eine
-Zigarette rauchte und zeitweise aus einem
-Glase trank. Frau Seyderhelm schrieb einen
-Brief. Manchmal hob sie den Kopf und warf
-einige Worte in die Unterhaltung der beiden ein.
-Ich konnte nicht verstehen, was gesprochen wurde.
-</p>
-
-<p>
-Ich sah Ninas Profil und ihre Hände.
-Wie zart sie war! Ja, war sie nicht anbetungswürdig?
-Süße Nina! ... Ich machte eine
-Bewegung.
-</p>
-
-<p>
-Da rief Nina laut:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wolfgang, ich bitte dich, &ndash; draußen steht
-jemand.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich hielt den Atem an.
-</p>
-
-<p>
-&sbquo;Wenn ich hier entdeckt werde, ersteche ich mich.&lsquo;
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang beugte sich hinaus und rief:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es ist niemand hier ... Du bist recht
-schreckhaft!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-O &ndash; gerettet!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-Frau Seyderhelm hatte ihren Brief beendet,
-man plauderte angeregt. Ich sah,
-wie die Mutter einmal ihrem Sohne lächelnd
-mit dem Finger drohte. Nach einer Weile
-legte Nina ihren Stickrahmen fort, packte ihre
-Nähsachen in einen Pompadour und stand auf.
-Sie gab erst Frau Seyderhelm die Hand, dann
-wechselte sie einige Worte mit Wolfgang, &ndash; sie
-schienen etwas zu verabreden, &ndash; ließ ihre Hände
-auf seinen Schultern ruhen, gab ihm einen leichten
-Backenstreich und trat in die Zimmer hinein.
-Wolfgang küßte seine Mutter, die ihm über das
-Haar strich; mir war, als sprächen sie von
-Nina, denn sie sahen nach der Türe; dann
-gingen beide hinaus. &ndash; Eine Magd erschien
-einige Augenblicke später auf der Veranda,
-räumte die Sachen auf, zog die Markise in die
-Höhe und stellte die Gartenmöbel zur Seite.
-Sie nahm die Lampe und verschwand.
-</p>
-
-<p>
-Alles war finster um mich herum. Oben
-im Schloß sah ich mehrere erleuchtete Fenster.
-Ich hörte zuweilen Schritte, dann wurde alles still.
-</p>
-
-<p>
-Langsam löste ich mich aus meiner Erstarrung
-und ging durch den Park. Ich empfand
-nicht viel: ein wenig Erstaunen, ein wenig
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-Schmerz, ein wenig Müdigkeit und ein wenig
-Glück ... Ich wollte weiter wandern. Was
-sollte ich hier? Niemand würde mir glauben,
-daß ich zufällig hierher gekommen sei, ... aber
-da hörte ich wieder die süße, einschläfernde
-Melodie der plätschernden Brunnen. Gedankenlos
-legte ich mich nieder, zu Füßen eines
-bronzenen Löwen. Ich faltete die Hände
-hinter dem Kopf und blickte in den Himmel,
-wo die Milchstraße ihren Triumphbogen über
-das Firmament spannte. Ich fühlte, daß der
-Schlaf mich übermannen würde, und wollte
-doch wachen und nachdenken. Ich ward traurig
-und erinnerte mich der Worte des Herrn:
-&bdquo;Könnet ihr denn nicht Eine Stunde mit mir
-wachen?&ldquo; &ndash; Noch einmal sah ich zu den erleuchteten
-Fenstern im Schloß, dann fiel ich in
-Traum. Schlafend spürte ich die Kälte der
-Nacht und zog mein Cape eng um mich. Und
-in meinen Traum drang immer wieder das
-Plätschern des Wassers, ... das Plätschern des
-Wassers.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-9">
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-9
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> mochte gegen fünf Uhr morgens sein,
-als ich erwachte. Mein erster Blick galt
-dem Schloß vor mir, in dessen Fensterscheiben
-die Morgensonne purpurrot
-leuchtete. Ich sprang empor; mein Gesicht
-und meine Kleider waren naß vom Tau. Ich
-machte einige Bewegungen mit den Armen und
-stampfte mit den Füßen, denn meine Glieder
-waren wie erstarrt. Dann wusch ich mich in
-einem der bronzenem Becken und klopfte die
-Kleider ab. Nur weiter, immer weiter, fort
-von hier ...
-</p>
-
-<p>
-Als ich bereit war zu marschieren, lehnte
-ich mich an einen Baum; ich wollte noch einmal
-mit einem langen Blick dieses geliebte
-Schloß umfangen.
-</p>
-
-<p>
-Da ... was war das? ... Ein Fenster
-öffnete sich, ... ich trat zurück ... Wolfgang, ...
-im leichten Morgenkleid. Er beschattete mit
-der Hand die Augen, sah zum Himmel und
-reckte die Arme in die junge Luft hinein. Dann
-verschwand er; bald jedoch erschien er wieder,
-nahm einen Stock und klopfte leise mit der
-metallenen Spitze an das benachbarte Fenster.
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-Lange Stille ... Dann öffnete sich das Fenster ...
-Nina ... Sie gaben einander die Hände. Wolfgang
-setzte sich auf das Fensterbrett und deutete
-nach dem Horizont. Nina gähnte ein wenig
-und beide lachten.
-</p>
-
-<p>
-Da war mir, als müsse ich einen Panzer
-von meiner Brust reißen. Ich bog mit beiden
-Händen die Sträucher auseinander, und
-meine helltönende Stimme rief den Aufhorchenden
-zu:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;An jedem Morgen, eh des Hahnen Krähn</p>
- <p class="verse">Die Menschheit weckt, steh ich im tiefen Grunde,</p>
- <p class="verse">Muß durch die Luft nach Burg und Felsen spähn.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Noch lieget Dunkelheit auf meinem Tal,</p>
- <p class="verse">Da gibt von Osten das Gestirn mir Kunde,</p>
- <p class="verse">Und in dem Fenster oben spielt ein Strahl.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Es taucht in Licht das trotzige Gestein,</p>
- <p class="verse">Und wächst und starrt und höhnet meiner Qual,</p>
- <p class="verse">Bald reckt es in den Himmel sich hinein &ndash;</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Willst du dich heute nicht am Fenster zeigen,</p>
- <p class="verse">In Morgenklarheit dich vom Traum befrein?</p>
- <p class="verse">Willst du das Haupt nicht freundlich zu mir neigen?</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Mich tötet dieses dunklen Tales Schweigen.&ldquo;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-Kaum hatte ich geendigt, als Nina ihrem
-Freunde mit hochgezogener Stirne langsam, ja
-perfide langsam das Antlitz über die Schultern
-zuwandte und die beiden Handflächen fragend,
-chokiert und spöttisch nach außen bog. Wolfgang
-aber schien sich nicht darum zu kümmern;
-er warf das Fenster heftig zu, ich hörte ihn eine
-Treppe herunterstürmen, und einen Augenblick
-später kam er &ndash; notdürftig mit einem Hemde,
-einer Hose und einem Paar Sandalen bekleidet
-&ndash; durch den Garten auf mich zugelaufen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Walter Regnitz! Lieber Walter Regnitz!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er umarmte mich stürmisch; er war blaß
-vor Erregung.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wo hast du nur die ganze Zeit gesteckt?
-Wir erwarten dich schon seit drei
-Tagen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wie? Man erwartete mich?
-</p>
-
-<p>
-Wir wandten uns zum Schloß.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe eine Fußwanderung gemacht und
-diese Nacht im Garten geschlafen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang legte erschrocken seine Hand auf
-meinen Arm.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du hast in unserm Garten geschlafen?
-Bist du toll?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-Und dann nach einer Pause, die er mit
-ratlosen Gebärden ausfüllte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, warum bist du aber nicht ins Haus
-gekommen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich wurde etwas rot.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja ... weißt du, ... ich kam spät hier
-an ... und da wollte ich nicht stören ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich grüßte zu Nina hinauf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ah, sieh da!&ldquo; rief sie vom Fenster herunter.
-&bdquo;Ein Dichter! Ein Troubadour! Sie
-verlangen gewiß Ihren Lohn!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie nahm aus einem Wasserglas helle Rosen
-und zerblätterte sie mit den weißen Fingern.
-Mir fielen diese Blätter auf Kopf, Schultern
-und Hände, der ich betroffen, glücklich und verlegen
-in einem duftenden Blumenregen stand.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Denk&rsquo; dir, Nina, er hat diese Nacht im
-Garten geschlafen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nina lachte, &ndash; ihr singendes, gefährliches
-und verstehendes Lachen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie sind ein echter Minnesänger, Herr
-Walter von der Regnitz!&ldquo; rief sie und warf
-vier volle weiße Rosen zu mir herab. Ich fing
-eine von ihnen auf und führte sie höflich und
-gefaßt an meine Lippen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-&bdquo;Und Sie, gnädiges Fräulein, eine echte
-Herzenskönigin.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich hörte noch einmal, wie Nina tief belustigt
-lachte und darauf das Fenster schloß.
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang zog mich ungeduldig die Stufen
-zur Veranda hinauf.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Wolfgang stand halb angekleidet vor seinem
-Eimer und putzte sich eifrig und andauernd
-die Zähne.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie findest du sie?&ldquo; fragte er mich, der
-ich auf einem Stuhl saß und ihm zusah.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nina.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er nahm einen Schluck Wasser, gurgelte und
-spuckte kräftig.
-</p>
-
-<p>
-Ich schwieg.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun?&ldquo; fragte er.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oh, ganz nett!&ldquo; sagte ich endlich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie ist herrlich!&ldquo; rief er begeistert und
-begann von neuem zu gurgeln.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich warf er die Zahnbürste fort, drehte
-sich schnell um und legte seine Hände auf
-meine Schultern.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-&bdquo;Was hast du neulich gesagt?&ldquo; fragte er.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich? Wann?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Neulich, bei unserer Gesellschaft.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe vermutlich viel gesagt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, du hast gar nicht viel gesagt. Du
-lehntest dich an einen Türpfosten und fragtest
-mich, wie alt Nina sei. Und plötzlich ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und plötzlich sagtest du, als ob du geistesabwesend
-seiest: Du liebst sie ja!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er wandte sein Gesicht schnell dem Spiegel
-zu und zog Kamm und Bürste aus der Lade.
-</p>
-
-<p>
-Ich war erschrocken.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Habe ich das wirklich gesagt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang beschrieb mit dem Kamm eine
-weite phantastische Figur und erklärte begeistert:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du bist ein großer Menschenkenner, Walter!
-Ich habe sie wirklich sehr gern ... Hör&rsquo; mal,
-wie der Kamm knistert.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und er hielt seinen Kamm dicht an mein
-Ohr. Ja, wahrhaftig, der Kamm knisterte.
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang war mit seiner Toilette fertig.
-Er trug ein hellgraues, eng an den Hüften
-liegendes Sommerjackett mit schwarzen Kniehosen,
-dazu schmale Halbschuhe, ein weißes
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-Sportshemde und eine leichte, seidene Krawatte.
-Er sah sehr frisch, sehr jugendlich und
-sehr vornehm aus.
-</p>
-
-<p>
-Wir gingen durch einige Gemächer und
-betraten das Speisezimmer. Es fiel mir
-auf, daß dieses Schloß mit einer nahezu
-bäuerischen Freude an bunten Farben eingerichtet
-war.
-</p>
-
-<p>
-Ein Diener erschien. Wolfgang bestellte Tee.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du bist hungrig, Walter?&ldquo; fragte er.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O ja!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Also: hier ist Honig, Gelee, Sumpfdotterblumen,
-Schinken, Brot ... ach ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er stand plötzlich auf, warf dabei seinen
-Stuhl hin und umarmte mich noch einmal:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie schön, daß du hier bist!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Natürlich errötete er, sprang an die Tür
-und schrie, der Tisch sei schlecht gedeckt. Der
-Diener kam und Wolfgang schlug sich an
-den Kopf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich Esel! Willst du ein Beefsteak?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ein Beefsteak?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es dauert gar nicht lange. Fritz, wie
-lange dauert ein Beefsteak?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Eine Viertelstunde&ldquo;, war die Antwort.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-&bdquo;Ach, Unsinn&ldquo;, protestierte ich. &bdquo;Was soll
-ich denn jetzt um halb sechs mit einem Beefsteak?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang lachte und goß sich ein Glas
-Fachinger ein.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Prost, Walter! Du kennst unsern Stil
-noch nicht. Wir leben nämlich hier den Stil
-englischer Peers. Morgens <span class="antiqua">you take your
-steak</span>,&ldquo; &ndash; er bediente sich hierbei einer manirierten
-Aussprache, &ndash; &bdquo;mittags hungert man,
-das nennt man <span class="antiqua">luncheon</span> und abends ißt
-man im <span class="antiqua">dinnerjackett</span> alles das, was man am
-Mittag versäumt hat. Das hat Nina hier so
-eingeführt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nina, immer Nina!
-</p>
-
-<p>
-Ich fragte unvermittelt:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aus welcher Familie stammt sie eigentlich?
-Hat sie noch Eltern?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang warf nachdenklich zwei Stück
-Zucker in seine Teetasse.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weißt du, bei Nina muß man nicht fragen,
-woher sie kommt und wohin sie geht.
-Nina ist einfach <em>da</em>, &ndash; verstehst du? &ndash; einfach
-<em>da</em>.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich sah Wolfgang aufmerksam an. Schau
-<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-an, dachte ich, wie klug er ist! Was er da
-eben gesagt hatte, war mir nicht fremd. Nina
-war einfach da, ... sie war eigentlich ...
-seelenlos.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie ist eigentlich seelenlos,&ldquo; sagte ich.
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang trank seinen Tee. Er stöhnte
-einige Male wie ein Kind in die Tasse hinein,
-setzte sie dann ab, sprang vom Tische auf
-und sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jawohl, seelenlos, aber herrlich! &ndash; Bist
-du fertig?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gut. Wie wäre es, wenn wir jetzt aufs
-Feld gingen und arbeiteten? Ich lasse mir
-nämlich jeden Abend von unserm Inspektor ein
-Feld anweisen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich willigte in diesen Vorschlag ein. Wir
-zündeten uns jeder eine Zigarette an und
-gingen in den Hof. Dort holten wir uns aus
-einem Schuppen lange Forken und zogen darauf
-munter durch den Park.
-</p>
-
-<p>
-Einmal wandte ich mich um und blickte
-zu Ninas Fenstern hinauf. Sie waren fest
-verschlossen und die Vorhänge heruntergelassen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das gnädige Fräulein pflegt bis neun
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-Uhr zu schlafen,&ldquo; sagte Wolfgang, der meinen
-Blick bemerkt hatte.
-</p>
-
-<p>
-Ich errötete und schwieg.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Wir sind auf dem Feld angelangt und
-ziehen unsere Jacken aus. Die Kornfelder
-stehen in der jungen gelbstrahlenden Sonne.
-Auf den heiteren grünen Wiesen und Weidegründen
-grasen die roten und braunen Kühe
-des Gutes und senden den Ton von tiefen
-Glocken durch das flüssige Licht. Am Horizont
-suchen auf noch beschattetem Hügel
-Schafe ihr Futter. Ein Schäfer mit einem
-großen Hut steht neben ihnen. Er hält den
-Hirtenstab in der ausgestreckten Hand auf die
-Erde gestützt, als sei er der Wächter dieses
-Tales und behüte seine Unschuld. Eine Wolke
-zieht langsam über den bleichen westlichen
-Himmel.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So, nun stellen wir hier die Garbenbündel
-auf,&ldquo; sagt Wolfgang. &bdquo;Du bist ja
-früher auf dem Land gewesen und weißt, wie
-man das macht. Immer zu sechs auf einen
-Haufen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-&bdquo;Bei uns nahm man acht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So ... na ja, wir nehmen immer sechs.
-Weiß der Teufel, warum. Bald kommen die
-ersten Leiterwagen vom Gut. Dann gehen wir
-dort auf das Feld, &ndash; siehst du es? &ndash; und
-packen das Korn auf. Das macht immer sehr
-viel Spaß.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wir arbeiten schweigend und mit gesammeltem
-Eifer. Die Ähren stechen unsere
-Hände wund und ihre Körner rieseln uns in
-Hemd und Hose. Wolfgang macht manchmal
-eine Bewegung, als habe ihm jemand kaltes
-Wasser in den Nacken gegossen.
-</p>
-
-<p>
-Später singt er mit klarer Stimme und
-deutlicher Aussprache einen altfranzösischen
-Chanson. Da ist von einem Grafen die
-Rede, dem es nicht wohl erging, weil seine
-Gemahlin der Majestät von Frankreich allzusehr
-gefiel.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Bald vernehmen wir das Rollen und Klappern
-von Wagen, die über die Landstraße zu uns
-herauffahren. Wir haben unsere Arbeit gerade
-beendet, als wir die Rufe der Bauern hören,
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-die mit ermunterndem Einsprechen ihre Pferde
-einige schwere Hügel erklimmen lassen. Dann
-ertönt das Dröhnen von Wagen, die über eine
-hölzerne Brücke fahren, und gleich darauf
-ziehen sie alle an uns vorbei. In einem der
-Wagen sind nur Frauen. Sie haben alle rote
-Tücher um die Köpfe geschlungen. Jedermann
-wünscht uns: &bdquo;Guten Morgen!&ldquo; worauf wir
-beinahe feierlich unsere Mützen lüften und den
-Gruß erwidern. In einem Gefährt sitzt ein
-hübsches junges Mädchen. Ich nicke ihr zu,
-worauf sie verlegen zu Boden sieht. Ich bin
-sehr stolz, das erreicht zu haben.
-</p>
-
-<p>
-Der letzte Leiterwagen wird von einem
-Bauernjungen gelenkt, der auf dem linken
-Pferde sitzt. Er grüßt uns, wie ein Souverain
-zu grüßen pflegt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;He Hans!&ldquo; ruft Wolfgang. &bdquo;Bleib du
-bei uns!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hans steigt vom Pferd. Wolfgang legt
-seinen Arm auf die Schultern des Jungen und
-führt ihn zu mir heran. Die beiden stehen
-der Sonne entgegen, blinzeln, sind wohlgestaltet,
-blond, und &ndash; seltsam &ndash; sie sehen einander
-ähnlich.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-&bdquo;Ich stelle dir hier meinen Freund Hänschen
-Kietschmann vor.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Junge macht eine Verbeugung, eine
-leichte, weltmännische, garnicht zu tiefe Verbeugung,
-und bietet mir die Hand, die ich schüttle.
-</p>
-
-<p>
-Er geht fort, um noch einige Bauern zu
-holen. Ich sehe ihm nach. Er ist schlank und
-groß gewachsen.
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang macht ein sonderbares Gesicht
-und lächelt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ist dir etwas ... wie soll ich sagen ...
-aufgefallen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aufgefallen? ... Nein, ... das heißt ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich bin mit einem Male verwirrt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er sieht dir ähnlich.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang nickt, sieht zum Himmel, zieht die
-Nase kraus, blinzelt, schluckt herunter und sagt:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er ist mein Halbbruder.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie &ndash;?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang bewegt seine Hand in einer sehr
-sprechenden, etwas frivolen Art.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mein Gott, ... wir vergessen, daß unsere
-Väter auch jung waren ... Mein Vater
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-lebte hier allein ... na und ... wie das so
-kommt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er geht mit graziösem Schritt fort, um die
-Gabeln vom Graben zu holen.
-</p>
-
-<p>
-Ich schüttle den Kopf, wundere mich und
-vergesse im nächsten Augenblick alles.
-</p>
-
-<p>
-Wir arbeiten schweigsam fort.
-</p>
-
-<p>
-Hans Kietschmann steht zusammen mit einem
-Bauern oben auf dem Wagen und packt das
-Korn auf. Neben uns sind Weiber, die von
-Zeit zu Zeit miteinander sprechen. Ein leichter,
-von der aufsteigenden Sonne gewärmter Wind
-trägt aus der Richtung der anderen Wagen
-den Schall von Reden und Gelächter zu uns
-herüber.
-</p>
-
-<p>
-Es beginnt allmählich heiß zu werden. Die
-Augen schmerzen ein wenig; ich sehe nichts
-als flimmerndes Gelb. Die Weiber riechen
-nach Schweiß. Die Ochsen sind von Fliegen
-geplagt und schlagen mit den Schwänzen kräftig
-umher. Ich fühle mich sehr wohl. Nina ist
-vergessen, vollkommen vergessen. Wie süß es
-ist, daran zu denken, daß ich Nina so völlig
-vergessen habe.
-</p>
-
-<p>
-Es schlägt zwölf Uhr, wir hören mit der
-<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-Feldarbeit auf, trinken Wasser und ziehen die
-Jacken an.
-</p>
-
-<p>
-Ich gebe Wolfgang die Hand.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Danke für den Vormittag, Wolfgang.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang lächelt und nimmt meinen Arm.
-Wir gehen als Freunde zum Schloß. Wolfgang
-ist zärtlich und spricht sehr viel.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-10">
-<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-10
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">N</span><span class="postfirstchar">achdem</span> wir in unsern Zimmern Gesicht
-und Hände erfrischt hatten, betraten
-wir die Veranda, um dort zu lunchen.
-</p>
-
-<p>
-Nina saß am Tisch. Sie schien sich
-zu langweilen und benahm sich wie ein kleines
-Mädchen, das auf seine Mahlzeit wartet.
-</p>
-
-<p>
-Ich betrachtete Nina von der Seite. Sie
-hatte ein steifes weißes Kattunkleid an. Ihr
-Hals und ihre Arme waren nackt. Auf ihrer
-Brust trug sie eine Brillantenbrosche, an der
-linken Hand, der elfenbeinernen mit den langen
-schmalen Fingern, leuchteten vier herrliche Saphire
-von mildem Blau. Das kastanienbraune
-Haar war eine Pracht, eine Krone, ein Akkord
-von rauschenden, dunklen Tönen.
-</p>
-
-<p>
-&sbquo;Mein Gott und dennoch, was ist denn
-Nina? Ein kleines Mädchen, das sich langweilt!
-Aber ein Mädchen, das ich liebe? Nun ja,
-was ist schon dabei? Viele Jungens lieben
-viele Mädchen. Da ist gar nichts dabei.&lsquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich fühlte mich Nina überlegen.
-</p>
-
-<p>
-Ich setzte mich an den Frühstückstisch. Obwohl
-es sehr heiß war, hatte Nina einen
-Schnupfen, was mir ganz sonderbar vorkam.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
-Sie führte ihr Tuch an den Mund und
-fragte mit einer Stimme, die heute noch näselnder
-klang als sonst:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wo habt ihr denn eigentlich so lange
-gesteckt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblicke wurde es mir recht
-deutlich, daß Nina gar nichts anderes war als
-eine große faule schöne Katze. Ich beugte mich
-spöttisch vor bis auf die Tischplatte und sagte
-von unten zu ihr aufblickend:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir haben gearbeitet, &ndash; und Sie, was
-haben Sie getan?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe geschlafen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ah, Sie haben geschlafen ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jawohl; ich bin nämlich kein Troubadour,
-der wie ein Hase mit offenen Augen nachts im
-Felde schläft.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hier betrat Frau Seyderhelm die Veranda.
-Sie begrüßte mich sehr herzlich, schalt auf
-das freundlichste, daß ich die Nacht draußen
-zugebracht hatte, und sprach die Erwartung aus,
-daß ich nun doch die Ferien auf Wiesenau
-verleben würde.
-</p>
-
-<p>
-Man frühstückte.
-</p>
-
-<p>
-Es stellte sich im Lauf des Gesprächs
-<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
-heraus, daß Frau Seyderhelm mir am Tag
-nach der Gesellschaft einen Brief mit der Einladung
-nach Wiesenau in die Wohnung geschickt
-hatte, der nicht mehr in meine Hände gekommen
-war.
-</p>
-
-<p>
-Nina begann mit einer Geschichte, die so
-komisch war, daß wir alle fürchterlich lachen
-mußten. Sie sprach lebhaft, mit vielen Gesten,
-erzählte vorzüglich und ward durch ihren Erfolg
-so angeregt, daß sich der Schnupfen zu verlieren
-schien.
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang machte seiner Mutter kopfschüttelnd
-Vorwürfe, daß die Gänseleberpastete schon
-seit einigen Tagen nicht mehr genügend auf Eis
-liege. Dann wandte er sich zu mir und fragte mit
-einer kindlich hohen, liebenswürdigen Stimme:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ißt du Radieschen gern?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Man hörte von Frau Seyderhelm, daß die
-Gräfin Königsmarck heute morgen dagewesen
-sei; man sprach dann sehr lange über die Gräfin
-Königsmarck. Nina schien sie nicht zu lieben.
-Wolfgang behauptete, diese Dame röche nach
-wilden Tieren.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wolfgang, so spricht man nicht von einer
-Dame!&ldquo; sagte Frau Seyderhelm.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
-Nina jubelte und begann ohne den mindesten
-Zusammenhang eine Schilderung zu entwerfen,
-wie sie auf der Treppe meinen Ranzen
-gefunden und aufgemacht habe.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Stellen Sie sich vor, Frau Seyderhelm:
-er reist mit einem zerrissenen Hemde, einer
-Zahnbürste, zwei alten Brötchen und dem
-Werther; den Werther hat er in seine Socken
-gepackt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Man lachte sehr. Mich erfaßte mit einem
-Mal der unbezähmbare Drang, Ninas Hand,
-die elfenbeinerne mit den spitzen Nägeln und
-der kühlen Haut, zu küssen. Ich bückte mich
-nach einer Serviette und berührte wie zufällig
-Ninas Finger mit meinen Lippen. Nina ließ
-es ruhig geschehen; sie tat, als habe sie nichts
-gespürt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es war übrigens gar nicht der Werther,&ldquo;
-sagte ich, als ich wieder aufrecht saß. &bdquo;Es
-war die Versuchung des Pescara.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich bediente mich mit einer kalten Reisspeise
-und war von meinem Abenteuer so aufgeregt,
-daß ich kaum schlucken konnte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oh, die Versuchung des Pescara,&ldquo; sagte
-Frau Seyderhelm. Und sie fing an, sich des
-<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-längeren über &bdquo;Huttens letzte Tage&ldquo; auszulassen.
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang zog ein gelangweiltes Gesicht
-und schlug Nina für den Nachmittag eine
-Tennispartie vor. Sobald er mit Nina sprach,
-war seine Stimme zart und fast unterwürfig.
-</p>
-
-<p>
-Frau Seyderhelm hob die Tafel auf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schreiben Sie mir später den Namen
-Ihrer Wirtin auf, lieber Walter,&ldquo; sagte sie.
-&bdquo;Man soll uns Ihre Sachen nachschicken.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich küßte Frau Seyderhelm die Hand und
-verbeugte mich vor Nina.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Spielen Sie Tennis?&ldquo; fragte Nina.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, ein wenig.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie fuhr mit ihrer Zunge zwischen den
-Lippen einher.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du reitest heute nicht mehr, Wolfgang?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein; es ist zu heiß.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich spürte plötzlich den Duft von Ninas
-Körper. Ich sah ihren weißen Hals und erbebte.
-</p>
-
-<p>
-Nina lächelte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Addio, meine Herren. Ich gehe in den
-Wald.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Addio.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang zog sich in die kühlen Räume zurück.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-Ich blieb auf der Veranda und sah in
-den Park. Nina ging langsam die kiesbedeckte
-Allee entlang, blieb zuweilen stehen, betrachtete
-mütterlich ein Blättchen, das sie mit
-der kühlen Hand liebkoste, pflückte eine Rose
-vom Blumenbeet und befestigte sie an ihrer
-jugendlichen Brust. Darauf verlor sie sich &ndash;
-unvergleichlich ebenmäßig ausschreitend &ndash; im
-mittäglichen Gehölz.
-</p>
-
-<p>
-Die Gutsglocke schlug ein Uhr. Malatesta,
-der Hofhund, dehnte sich schläfrig, beroch mißtrauisch
-seine Pfote und legte sich auf den
-Rasen. Der Diener räumte den Frühstückstisch
-ab.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Am Nachmittag lag ich irgendwo im Wald
-auf dem Rücken und träumte in den blauen
-Himmel hinein. Manchmal streichelte ich den
-schönen Malatesta, der mich begleitet hatte. Es
-war sehr heiß. Der Hund hob zeitweise den
-Kopf, stieß, von Wärme bedrückt, den Atem
-aus der Kehle, ließ die Zunge hängen und
-hatte feurige Augen. Mich plagten die summenden
-und stechenden Mücken. Ich begann
-unruhig und gestört zu schlafen. Böse Träume
-<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-von großer Leidenschaft und überquellender
-Sehnsucht verfolgten mich. Ich sah, wie Nina
-zu mir, dem Schlafenden, trat, ihr mokantes
-Lächeln lächelte und mit einem Male mütterlich,
-mit drängenden Händen und junger weißer
-Brust sich neigte.
-</p>
-
-<p>
-Der nahe Gong, der zum Tee rief, weckte
-mich auf. Die Sonne war tiefer herabgesunken;
-unter ihren schrägen Strahlen beruhigte sich die
-Welt und wurde kühl. Ein Wind ging durch die
-Bäume, der in den Blättern flüsterte und
-schluchzte. Der Hund war fortgelaufen. Ich
-fühlte, daß alles nutzlos sei und ich ewig einsam
-bleiben müsse.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Gegen Abend spielten wir Tennis.
-</p>
-
-<p>
-Nina war biegsam, schmal in den Fesseln
-und schnellfüßig. Ihre Hand war sicher, der
-Schlag ihres Rackets ruhig.
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang, ihr Partner, war weißgekleidet,
-hatte den rechten Ärmel seines Hemdes aufgeschlagen
-und zeigte einen braungebrannten,
-schmalen und kräftigen Arm.
-</p>
-
-<p>
-Ich gab streng auf das Spiel acht und
-hatte den brennenden Ehrgeiz, mich gut zu
-<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
-halten. Ich verlor das erste Match, trat beim
-Wechseln an das Netz, beglückwünschte Nina
-und küßte ihre Hand. Wolfgang sah mich ein
-wenig befremdet an. Nina lächelte, war unendlich
-liebenswürdig, legte einmal beim Gespräch
-ihre Hand auf meinen Arm und nannte
-mich Walter. Ich war rasend vor Glück,
-machte ein hochmütiges Gesicht und verdoppelte
-meine Anstrengungen.
-</p>
-
-<p>
-Mir war, als ständen Nina und Wolfgang
-in abendrotem Dunst und rosafarbenem Nebel.
-Jedermann von uns spielte mit streng geschlossenen
-Lippen. Nichts unterbrach das Schweigen
-als nur das Aufschlagen des Balles, das
-Summen des festgespannten Rackets und zeitweis
-ein kleiner Ausruf der Überraschung oder
-des Ärgers. Niemand zählte laut, denn jeder
-von uns wußte, wie wir standen. Frau Seyderhelm
-trat ans Gitter; wir grüßten flüchtig und
-spielten weiter. Frau Seyderhelm sprach mit
-einem Gärtner, deutete einmal mit der Hand
-auf ein Blumenbeet und wandte sich über unsern
-Eifer lächelnd zum Gehen. Ich wurde
-gewahr, daß sich mein Spiel von Minute zu
-Minute verbesserte. Im letzten entscheidenden
-<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
-Set gewann ich alle sechs Spiele und war somit
-Sieger im Match. Nina sagte uff und
-fächelte sich mit ihrem Tuch kühle Luft ins
-Antlitz. Als wir uns die Hände schüttelten,
-sah sie mich wie zum erstenmal an. In ihren
-Augen leuchtete mir etwas Verlockendes und
-Gefährliches entgegen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie spielen gut,&ldquo; sagte Nina. &bdquo;Reiten Sie?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gewiß.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wolfgang, wir werden morgen früh reiten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O Nina, rede keinen Unsinn, das hast
-du schon zehnmal gesagt. Du stehst ja doch
-nicht um sieben Uhr auf.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Doch, ich werde ganz bestimmt um sieben
-Uhr aufstehen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie sah mich wieder mit ihren lockenden
-Augen an, wobei sie die Lider ein wenig zusammenzog.
-Mir war, als liebkosten mich die
-goldfarbenen seidenen Wimpern.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was wird Herr Regnitz für ein Pferd
-reiten?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-O weh, sie sagte wieder Herr Regnitz!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Willst du einen ruhigen Gaul, Walter?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, im Gegenteil.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gut, du sollst die Moissi haben. Eine
-<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
-Rappstute, weißt du. Du bekommst den neuen
-Sattel, den mir Mama geschenkt hat.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hören Sie zu, Walter, das ist eine unerhörte
-Gnade.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-O &ndash; sie sagte wieder Walter!
-</p>
-
-<p>
-Ich spürte in diesem Augenblick den einzigartigen
-Duft von Ninas mädchenhaftem Körper.
-Ich sog ihn wissend und gekräftigt ein.
-</p>
-
-<p>
-Der Teufel wird mir an diesem Abend
-wenig anhaben können. Ich habe mein Match
-gewonnen und morgen reite ich Moissi.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Die Damen zogen sich bald nach dem Abendessen
-zurück.
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang und ich, wir saßen noch eine
-Weile auf der Terrasse, fühlten eine angenehme
-Ermüdung in unsern Gliedern und tranken
-ein wenig <span class="antiqua">Black and White</span> mit sehr viel Sodawasser
-gemischt.
-</p>
-
-<p>
-Wir sprachen nicht viel, sondern sahen zum
-reichbesternten Himmel empor und beobachteten
-die Sternschnuppen. Der Diener setzte einen
-Eiskühler neben den Tisch und verschwand.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nina reitet gut,&ldquo; sagte Wolfgang. &bdquo;Ich
-<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-werde ihr mal morgen den &sbquo;Sekt&lsquo; geben. Da
-kann sie was erleben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und dann, nach einer Weile:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mama hat im vergangenen Jahr viel
-Sorge mit dem Stall gehabt. Weißt du, der
-Rotz ... Na, jetzt ist es vorbei ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, jetzt sind sie wieder alle gesund. Einer
-ging ein. Na, meinetwegen, mir lag nichts
-an ihm. Ein Wallach.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ein Knecht schritt mit einer Laterne durch
-den Garten. Wir sahen dem unruhigen Licht
-nach.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Komisch,&ldquo; sagte Wolfgang plötzlich, &bdquo;wir
-kennen uns erst seit sechs Tagen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Eine Stille.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du bist immer so hochmütig. Hast du was?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein. Garnichts.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Eine Stille.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du mußt in den Herbstferien herkommen
-und hier mit uns jagen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Danke. Ja.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mir stieg ein Gedanke auf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jagt Nina auch?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
-&bdquo;Ja, sie schießt sehr gut. Sie hat gar
-keine Angst.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie schön.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich sah ein Bild vor mir: Nina mit dem
-unvergleichlichen Gang der Kosakenmädchen
-durch den Wald schreitend, die Büchse in der
-Hand, mit spähenden Augen und grausamen
-Lippen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie schön,&ldquo; wiederholte ich.
-</p>
-
-<p>
-Ein Stern glitt in mächtiger und graziöser
-Bewegung durch den erleuchteten Raum.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hast du dir etwas gewünscht?&ldquo; fragte
-Wolfgang.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was denn?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mehr Whisky.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang lachte und schenkte ein.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Na, Mama wird morgen Augen machen
-über unsere Sauferei. Prost!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Prost!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wir schwiegen lange.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Man muß das Leben mit gesunden Händen
-anfassen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang sah mich unsicher an. Dann
-sagte er verlegen:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
-&bdquo;Ja.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wir beobachteten zwei Fledermäuse.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was denkst du über die Frauen?&ldquo; fragte ich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Über welche Frauen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich meine ... fändest du etwas dabei,
-wenn Jungens wie wir ... ein Verhältnis
-haben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein ... ja, das heißt ... es kommt
-darauf an!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang lachte ein wenig hilflos.
-</p>
-
-<p>
-Ich stand auf und bot ihm die Hand.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir sollten recht lange Zeit Freunde
-bleiben,&ldquo; sagte ich sehr herzlich.
-</p>
-
-<p>
-Auch Wolfgang erhob sich. Er schüttelte
-meine Hand kräftig, und es lag in dieser Bewegung
-etwas eigentümlich Ritterliches.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, das sollten wir wirklich,&ldquo; erwiderte er
-in demselben Ton.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gute Nacht, Wolfgang.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gute Nacht, Walter, &ndash; und danke für
-alles.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich ging in mein Zimmer.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-11">
-<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
-11
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">ir</span> reiten zu dritt im abgekürzten
-Galopp &ndash; von Hans Kietschmann
-gefolgt &ndash; über eine jüngst gemähte
-Wiese, deren Heu naß und
-ohne Duft ist. Wir reiten Schulter an Schulter
-und achten streng darauf, daß die Linie eingehalten
-wird. Jeder von uns beschäftigt sich
-schweigend mit seinem Pferde, beobachtet den
-gebogenen Tierhals und übt auf jeden Druck
-den Gegendruck der Schenkel aus.
-</p>
-
-<p>
-Manchmal sehe ich zu Nina hin. Das
-feurige Haar lodert wie eine Flamme, wie ein
-Triumph unter dem schwarzen Hut hervor; die
-weißen Kinderzähne beißen auf die feuchte
-Unterlippe, die unbedeckten Hände erfassen die
-Zügel des unruhigen Pferdes mit freudiger
-Kraft. Unausgesetzt richtet Nina die verliebten
-Blicke auf den Kopf des Pferdes, das in großzügiger
-Bewegung galoppiert. Ich sehe mit
-Vergnügen, daß der schlanke Körper mit den
-säulenstarken hohen Beinen und der jugendlichen
-weichen Brust sich entzückt der Bewegung des
-schnaubenden und wiehernden Tieres hingibt
-und niemals die Verbindung mit ihm verliert.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
-Es geschieht einige Male, daß Sekt sich
-nahe an meine Stute drängt und Ninas Fuß
-den meinen berührt.
-</p>
-
-<p>
-Hatte ich nicht die ganze Nacht von der einen
-Minute geträumt, in der Nina ihren Fuß auf
-meine Hand setzen würde, um das Pferd zu
-besteigen? Und war ich nicht, als sie es wirklich
-getan, verwirrt und mit pochendem Herzen davongestürzt?
-</p>
-
-<p>
-Sekts Gangart wird von Augenblick zu
-Augenblicke länger. Der Schimmel und seine
-Herrin freuen sich des wie unbegrenzten Raumes,
-der morgendlichen Luft und der würzigen Gerüche
-des Feldes.
-</p>
-
-<p>
-Ich sehe unsicher zu Wolfgang hin, der
-immerfort mit tiefer Stimme auf den Schimmel
-einspricht:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ruhe! &ndash; Sekt! &ndash; Ruhe! &ndash; Ohlala &ndash;
-Ohlala!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Meine Moissi geht leichtfüßig mit. Wolfgangs
-nicht so belebtem Fuchs wird es schwer,
-die Linie einzuhalten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ruhe, Fräulein Nina!&ldquo; sage auch ich jetzt.
-&bdquo;Bitte abgekürzter Galopp!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aber Nina hört nichts. Sie sieht verzückt,
-<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
-mit nassem, erregtem Munde und blinkenden
-Augen auf den Schimmel und beißt mit den
-weißen Zähnen auf die Lippe.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gib auf die Sporen acht!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblick tut Sekt, den irgend
-etwas erschreckt hat, einen kleinen Sprung,
-Nina kommt mit den Sporen an die Weichen,
-der Schimmel wirft den Kopf mit einer schmerzlichen
-Gebärde in die Höhe und geht durch.
-</p>
-
-<p>
-Moissi folgt sofort. Wolfgang und Hans
-Kietschmann bleiben zurück.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;So, Fräulein Nina ... jetzt Ruhe,
-nur Ruhe!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Pferde rasen über das Feld. Die
-Morgensonne erhebt sich gelbstrahlend über
-einem Hügel und blendet uns.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Rechte Kandare ziehen! ... Sekt, Ruhe!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nina richtet das Tier mit allen Kräften
-nach rechts.
-</p>
-
-<p>
-Wenn ihr nur nichts geschieht! ... Nein,
-sie ist ruhig. Es geschieht ihr nichts.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mehr rechts, immer mehr rechts! ... Fort
-vom Stall! ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sieh da, sie ist zufrieden, sie ist hingegeben
-<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
-dieser einzigartigen Geschwindigkeit, dieser goldenen
-Flucht durch den Morgendunst.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Noch mehr rechts! ... Bravo, Fräulein
-Nina! Noch mehr!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wir beschreiben mit unserem Ritt eine Kurve.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Reitpeitsche fortwerfen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nina läßt die Peitsche fallen.
-</p>
-
-<p>
-Ich bekomme über meine Stute Gewalt,
-meine Knie und Schenkel sind unausgesetzt an
-den Sattel gepreßt. Ich drücke den Rappen
-an Nina heran.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Noch einmal nach rechts ... sehr gut! ...
-Noch einmal! ... Ah, er läßt nach ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich beuge mich vor und greife in Ninas
-Zügel. Der Schimmel erschrickt, bäumt sich, &ndash;
-ich packe den Halfter und der Schimmel steht.
-</p>
-
-<p>
-Nina lacht, ein nervöses, schreiendes, jubelndes
-Lachen.
-</p>
-
-<p>
-Ich steige von meinem Pferd, um Sekt liebkosend
-zu beruhigen. Ein unerklärlicher Gram
-erfaßt mich, ich spreche kein Wort, sehe Nina
-nicht an und bebe vor Schmerz und Zorn ...
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang erreichte uns endlich. Er lacht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bravo Nina! &ndash; Nichts geschehen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nina schüttelt den Kopf.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
-&bdquo;Ein schöner Unsinn, dieses Biest da mit
-Sporen reiten zu lassen!&ldquo; sage ich scharf
-und böse.
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang zieht ein beleidigtes Gesicht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nehmen Sie die Sporen ab!&ldquo; herrsche ich
-Nina an, ohne hinaufzusehen.
-</p>
-
-<p>
-Wolfgang und Hans steigen von den Pferden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O &ndash; Sie sind zornig, Walter!&ldquo; ruft Nina.
-</p>
-
-<p>
-Ich blicke auf. Ninas Augen lachen, aber
-sie ist blaß, sehr blaß, und ihre Lippen zittern
-nervös.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nehmen Sie jetzt bitte die Sporen ab.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hans befreit Nina von den Sporen und
-reitet zurück, um auf der Wiese die Reitpeitsche
-zu suchen. Ich stecke die Sporen in meine
-Tasche.
-</p>
-
-<p>
-Wir reiten im Schritt weiter und erreichen
-ein belichtetes Gehölz. Unsere Tiere sind ermüdet
-und zufrieden. Sie gehen in großen
-Schritten durch den Wald und spähen an den
-stolzen Fichtenstämmen stolz vorbei. Wir sind
-schweigsam und schlecht gelaunt.
-</p>
-
-<p>
-Mit einem Male streckt Nina die Hand
-nach mir hin. Da ich nicht in ihrer Nähe
-bin, fingert sie ungeduldig in der Luft herum.
-<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
-Ich nehme ihre Hand, beuge mich tief nach
-unten und küsse sie lange.
-</p>
-
-<p>
-Wie ich mich emporrichte, sehe ich, daß
-Nina mit lächelndem Antlitz und feuchten goldenen
-Wimpern nach der andern Seite blickt.
-Wolfgang ist blaß geworden und hält die Augen
-gesenkt. Hans reitet irgendwo hinterher.
-</p>
-
-<p>
-Wir erreichen, ohne ein Wort zu sprechen,
-nach einer Stunde den Gutshof. Die Pferde
-sind naß und wollen ihr Futter. Ich grüße
-Nina mit dem Hut und gehe ins Haus.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-12">
-<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
-12
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">ir</span> fuhren am Abend mit einem
-leichten Jagdwagen ins Gebirge.
-Frau Seyderhelm war im Schloß
-geblieben, da sie Besuch erwartete.
-</p>
-
-<p>
-Wir saßen auf der Terrasse eines vornehmen
-und einsam am Fluß gelegenen Hotels. Vor
-unseren Blicken zerflossen die kupferbraunen
-Abhänge und goldenen Bergeshäupter, die ein
-unaufhörlich gleitendes Licht belebte.
-</p>
-
-<p>
-Ich stand, noch ehe die Mahlzeit bereitet
-war, im Stalle bei den Pferden und sorgte
-dafür, daß sie ihr Futter bekamen. Mein Kopf
-war benommen, und meine Augen brannten.
-Den ganzen Tag in Ninas Kreise zu leben,
-den Hauch ihrer Lippen zu spüren, im Wagen
-ihren Knieen nahe zu sein und ihrem duftenden
-Haar, zu sehen, wie der Wind das helle, sich
-innig an den Körper schmiegende Sommerkleid
-berührte, und mit verwirrten Sinnen zu ahnen,
-vieles zu ahnen, &ndash; ah, das alles war nicht
-ganz leicht zu ertragen.
-</p>
-
-<p>
-Ein Kellner meldete, das Essen sei angerichtet.
-Ich stieg die steinerne Treppe der
-Terrasse langsam hinauf. Die unaufhörlich
-<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
-wechselnden Farben des Abends quälten mich;
-ein drohendes Verhängnis war in dieser Bewegung,
-eine Unruhe ohnegleichen, eine süße
-und unsäglich schmerzliche Hast, eine Flucht
-und ein Jammer ohne Trost ...
-</p>
-
-<p>
-Als ich oben angelangt war, sah ich, wie
-Nina ihre Hand auf Wolfgangs Arm gelegt
-hatte. Sie schien ihn etwas zu fragen. Er
-beantwortete Ninas Frage, und sein Gesicht
-bekam den überaus liebenswürdigen und ritterlichen
-Zug, den ich an ihm liebte. Ein kindliches,
-verhaltenes Schluchzen stieg in mir empor.
-</p>
-
-<p>
-Ich setzte mich an den Tisch, Nina und
-Wolfgang sahen mich an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Na Lieber? Wie gehts?&ldquo; fragte Wolfgang.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Danke, die Pferde fressen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nina lachte und blickte fort.
-</p>
-
-<p>
-Ich wurde rot.
-</p>
-
-<p>
-Nina sprach in näselndem Ton von Trüffeln.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sieh mal, Wolfgang, wie witzig, hier gibt
-es gefüllte Trüffel. Raffiniert &ndash; nicht?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nina, du redest wie ein Kavallerieoffizier,&ldquo;
-sagte Wolfgang, wandte mir sein Gesicht schräg
-zu und fragte in seinem kindlichen Ton:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Spricht sie nicht wie ein Gardekürassier?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
-Wir aßen danach Forellen. Nina verstand
-es gut, das zarte rosige Fleisch der Fische von
-den Gräten loszulösen. Die weißen, nun der
-Seele beraubten Tieraugen starrten ausdruckslos
-zu uns herauf. Nur um die Mäuler lag
-ein böser Zug, der von Todespein und letztem
-Kampf erzählte.
-</p>
-
-<p>
-Um die Zeit der späten Dämmerung trat
-ein Hirsch aus dem Wald des gegenüberliegenden
-Berges hervor, äugte mit einer kühnen
-Gebärde des Kopfes nach dem Hotel hin und
-trank aus dem Fluß.
-</p>
-
-<p>
-Der Geruch von Bergwasser und nassem
-Sand stieg zu uns empor. Allmählich entfaltete
-der dunkelnde Himmel die Schönheit der
-beginnenden Nacht vor unsern Augen. Die
-stolzen Gestirne wurden sichtbar; vor ihrer urweltlichen
-Starrheit wichen die wechselnden
-Farben des Abends besiegt zurück. Das Gebirge
-ward im funkelnden Schein groß und ehern.
-</p>
-
-<p>
-Wir standen nach beendetem Mahle auf
-und gingen über die hölzerne Brücke des Flusses
-dem andern Ufer zu. Die Nacht gab mir mitleidsvoll
-von ihrer Kühle und besänftigte mich
-wunderbar. Nina schien mir schöner denn je,
-<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
-aber ihre Schönheit war meinen Sinnen und
-meinem undeutlichen Verlangen entfernt. Sie
-ging mit ihrem weißen Sommerkleid wie durchsichtig
-durch die Nacht dahin. Auf ihren
-Schultern lag ein bläuliches Orenburger Tuch.
-Ihr Haar war unbedeckt und bewegte sich ein
-wenig im Nachtwind.
-</p>
-
-<p>
-Ein leises, sehnsüchtiges Tönen rief uns in
-den Wald. War es eine Flöte oder eines
-Mundes Klage? Wir folgten neugierig der oft
-entschwindenden und dann wieder genäherten
-Musik.
-</p>
-
-<p>
-Vor einem Bretterverschlag, dem Sammelplatz
-der Tiere, machten wir Halt. Wir sahen
-die Gestalt eines Mannes zwischen sternhellen
-Bäumen einhergehen, wir sahen ihn in seine
-Schürze greifen und &ndash; einem Sämann gleich
-&ndash; Eicheln und Kastanien mit einer weiten
-Bewegung seines Armes über den Waldboden
-streuen. Dazu pfiff er eine Melodie, eine
-kleine, sentimentale, unbeholfene und doch unendlich
-rührende, süße, zärtlich lockende Melodie.
-Nach einer Weile schien es, als bewege
-sich der Wald. Unhörbar, aber mit großzügigen
-Bewegungen und bei jedem Schritt ein
-<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
-wenig mit den Häuptern nickend, kamen wie
-aus einem dunkel gewebten Teppich Hirsche
-und Rehe aus der Nacht hervor, beugten sich
-zu Boden und näherten sich langsam dem
-lockenden Freund der Tiere. Allmählich entfernte
-sich der Mann, umdrängt von seinen
-zärtlichen Geschöpfen, ferner und ferner klang
-die Musik seines Mundes und löste sich endlich
-auf im Rauschen des Waldes.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Wolfgang eilte voraus, um mit Hans die
-Pferde anzuschirren. Es zeigten sich Wolken
-am Himmel.
-</p>
-
-<p>
-Ich ging mit Nina langsam den jäh erleuchteten
-Waldweg entlang. Nina hatte wieder
-ihren Schnupfen und führte das kleine Tuch
-oftmals an den Mund.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Walter.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie alt sind Sie?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Siebenzehn Jahre.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Siebenzehn Jahre,&ldquo; wiederholte Nina.
-</p>
-
-<p>
-Eine Stille.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Walter.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nina?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
-&bdquo;Sie werden morgen fortreisen, &ndash; nicht
-wahr?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und da sie mein Gesicht sah, hob sie beschwörend
-die bittenden Hände empor und
-sagte in unvergleichlich rührendem Ton:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Walter, &ndash; Sie sind <em>siebenzehn</em> Jahre!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich hatte wieder solche Angst.
-</p>
-
-<p>
-Ich werde mich töten, dachte ich.
-</p>
-
-<p>
-Eine lange Stille.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie werden reisen, Walter?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Danke.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich werde mich töten. Es wird noch diese
-Nacht geschehen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Wir fuhren über Felder. Wolfgang kutschierte,
-wobei er manchmal einige Worte mit
-Hans wechselte. Ich saß mit Nina in der
-Break. Nina sprach viel und war nervös.
-</p>
-
-<p>
-Es erhob sich ein Wind und trieb große,
-von den Sternen erhellte Wolken über den
-Himmel. In der Ferne leuchteten Blitze.
-</p>
-
-<p>
-Nina klagte über den Sturm, der ihr Kopfschmerzen
-verursachte, und bat, man solle die
-<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
-Verschläge herunterlassen. Der Wagen hielt,
-die Pferde stampften ängstlich auf dem undeutlichen
-Feldwege, und Hans spannte die leinenen
-Gardinen auf.
-</p>
-
-<p>
-Wir waren nun von den andern durch
-eine Wand getrennt und sahen die Welt einzig
-durch die Öffnung über der Türe. Wir hörten
-von irgendwoher kleine Bäche rauschen, den
-Wind im Korn und in entfernten Wäldern
-blasen, und aufgescheuchte Enten, die schreiend
-nach irgend einem wohlgeborgenen Teiche zogen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie frieren, Walter?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein. Danke.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nina hüllte sich fester in das weiche blaue
-Gewebe ihres Tuches.
-</p>
-
-<p>
-Ein Blitz zuckte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Haben Sie den Hasen gesehen, Walter?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wir fuhren über eine Brücke. Das Holz
-dröhnte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie haben noch einen Vater, Walter?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wo ist er?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;In Skandinavien.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Allein?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
-&bdquo;Anny Döring ist bei ihm.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie? &ndash; Die Soubrette?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach &ndash;!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nina blickte mich verwundert und ängstlich
-an.
-</p>
-
-<p>
-Wie liebte sie in diesem Augenblick meinen
-Vater. O Nina, Nina!
-</p>
-
-<p>
-Ich sah lange Zeit hinaus und träumte.
-Ich fühlte, daß mich Nina unausgesetzt betrachtete.
-Später vergaß ich es.
-</p>
-
-<p>
-Eine Hand lag auf der Decke. Es war
-Ninas Hand.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Darf ich sie küssen?&ldquo; fragte ich.
-</p>
-
-<p>
-Nina lachte mit einem hellen Ton. Es
-klang, als fiele ein kleiner silberner Hammer
-schnell auf Metall.
-</p>
-
-<p>
-Ich küßte die Hand und dachte dabei an
-den Förster, der durch den Wald ging und
-Eicheln über die Erde streute. Ich küßte keine
-lebendige Haut, sondern Wildleder, dänisches
-Wildleder. Ich küßte dieses Leder noch einige
-Male und ließ die Hand dann fahren. Ich
-empfand kein besonderes Vergnügen dabei und
-wunderte mich. Wahrscheinlich träumte ich
-<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
-dies alles nur, sonst wäre ich doch wohl anders
-gewesen. Ich hätte vielleicht geschrieen ...?
-</p>
-
-<p>
-Es begann langsam zu regnen. Ich streckte
-die Hand hinaus. Große warme Tropfen
-fielen hernieder.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir werden morgen nicht Tennis spielen
-können,&ldquo; sagte ich schläfrig.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja,&ldquo; erwiderte Nina verwundert.
-</p>
-
-<p>
-Ach so, ich reise ja morgen fort, dachte ich.
-Wie ungeschickt!
-</p>
-
-<p>
-Ich träumte fort, sah Steine, Wolken und
-Bäume vorbeieilen; oben sprach Wolfgang
-irgend etwas, was ich nicht verstand, und der
-Donner wurde stärker, immer stärker.
-</p>
-
-<p>
-Nein, ich werde morgen nicht fortreisen.
-Ich werde mich heute Abend töten.
-</p>
-
-<p>
-Schafe standen zusammengedrängt und fürchteten
-sich ... Sieh da, Schafe ... &bdquo;Und es
-waren Hirten in derselbigen Gegend auf dem
-Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts
-ihrer Herde. Und siehe, des Herrn Engel trat
-zu ihnen, und die Klarheit des Herren leuchtete
-um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und
-der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht,
-siehe, ich verkündige euch große Freude ...&ldquo;
-<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
-wie schön, &ndash; siehe, ich verkünde euch große
-Freude! Mir war mit einem Male, als sei
-mein Körper durchströmt von gutem warmem
-Blut. Es war ja alles gar nicht so schlimm!
-Denn ich verkünde euch große Freude ...
-</p>
-
-<p>
-Da &ndash; was war das? Eine bebende Hand
-griff nach meiner. Mein Traum zerriß &ndash; &ndash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nina!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich schrie.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sei still, um Gottes willen ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hallo, was gibt&rsquo;s?&ldquo; fragte Wolfgang.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nichts. Ninas Haar im Wind ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich riß Nina an mich, überflutete ihr
-Antlitz mit Küssen, umarmte ihre Kniee und
-biß in ihre Lippen und Hände ...
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Laß ... Laß ... Du bist verrückt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie stöhnte.
-</p>
-
-<p>
-Ich flehte unverhüllt mit meinen fiebernden
-Lippen auf ihren Lippen, auf ihren Händen,
-ihrem Haar, ihren Augen und ihrer jungen,
-jungen Brust ...
-</p>
-
-<p>
-O unerhörtes Glück des Aneinanderschmiegens,
-der verschlungenen Finger, der wirren,
-in die dunkle Luft hineingesprochenen Reden!
-</p>
-
-<p>
-Und dann dieses wunderbare, einzigartige
-<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
-Ermatten, diese tränenreiche, gütige Müdigkeit,
-... dieses bekümmerte Suchen der Hände, ...
-und endlich diese Ruhe, diese tiefe, tiefe
-Ruhe! ...
-</p>
-
-<p>
-Wie wir einst so glücklich waren!
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Um Mitternacht stürmten die gepeitschten
-nassen Pferde mit rasselndem Wagen in den
-Schloßhof. Frau Seyderhelm empfing uns in
-der Türe. Sie war ein wenig müde, aber
-freundlich und besorgt.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-13">
-<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
-13
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> stellte mich an das Fenster meines Zimmers
-und sah hinaus. Blitze spalteten
-Eichen und Kiefern, und über Wälder
-und weite Ebenen rollten ihre Donner.
-Aus den Ställen brüllten und wieherten geängstigte
-Tiere, und Malatesta saß mit glühenden
-Augen in seiner Hütte vor meinem Fenster und
-heulte.
-</p>
-
-<p>
-Auch dies ging vorbei. Ein stetig und kühl
-strömender Regen spendete uns, den Fiebernden,
-Genesung. Gerüche von niegeahnter Kraft erfüllten
-die Luft, und die Tiere in den Ställen
-begannen ihren Schlaf. Zwei Uhr schlug die
-Glocke, aber der trübe Morgen war noch fern.
-</p>
-
-<p>
-Ich setzte mich an den Tisch. Ich wollte
-etwas Unerhörtes schreiben, aber ach, &ndash; es
-wurden nur diese einfachen Zeilen:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ist es denn möglich, daß wir diese Nacht</p>
- <p class="verse">In einem Wagen über Felder fuhren?</p>
- <p class="verse">Hab&rsquo; ich geträumt? Ich sah doch einen Wald!</p>
- <p class="verse">Eilten nicht Steine, Wolken, Bäume, Sterne</p>
- <p class="verse">An uns vorbei, und hast du später nicht</p>
- <p class="verse">&ndash; So hab&rsquo; ich <em>doch</em> geträumt, &ndash; und hast du nicht</p>
- <p class="verse">Mir abgewandten Blicks die Hand gereicht?</p>
- <p class="verse">... Und küßte ich sie nicht?</p>
-<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
- <p class="verse">Ich habe nicht geträumt. Wir fuhren nachts</p>
- <p class="verse">In einem Wagen über weite Felder,</p>
- <p class="verse">Es eilten stille Wolken, Bäume, Sterne</p>
- <p class="verse">An uns vorbei ... Du gabst mir deine Hand ...</p>
- <p class="verse">... Ich küßte sie ... So hab&rsquo; ich <em>doch</em> geträumt?</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Ich packte meinen Ranzen, nahm das Blatt,
-stieg zu Ninas Zimmer hinauf, öffnete die erste
-ihrer beiden Türen und legte mein Gedicht auf
-ihre Diele. Dann schlich ich mich hinunter.
-</p>
-
-<p>
-Ich trat auf den Hof, streichelte Malatesta
-und dachte: Frau Seyderhelm und Wolfgang
-... ach, Frau Seyderhelm und Wolfgang!
-</p>
-
-<p>
-Ich wanderte die Straße hinab, bis sich im
-Osten der bewölkte Tag ankündete. Auf einem
-Hügel blieb ich stehen und sah die verlassene
-bleiche Landschaft unter mir. Eine Starenkette
-flog durch die gereinigte Luft des Morgenrots.
-</p>
-
-<p>
-Da schlug ich mit der Stirn auf einen
-Baum und stürzte nieder.
-</p>
-
-<p class="vspace">
-&nbsp;
-</p>
-
-<div class="ads chapter">
-<p class="pub">
-Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München
-</p>
-
-<p class="aut">
-Karl Borromäus Heinrich
-</p>
-
-<p class="tit">
-Karl Asenkofer
-</p>
-
-<p class="subt">
-Geschichte einer Jugend
-</p>
-
-<p class="run">
-Zweites Tausend
-</p>
-
-<p class="price">
-Geheftet 3 Mark 50 Pf., geb. 5 Mark
-</p>
-
-<p>
-<em>Süddeutsche Monatshefte, München</em>: Wenn
-ich aber sagen sollte, welches erzählende Buch des letzten
-Jahres den stärksten und nachhaltigsten Eindruck auf mich
-gemacht hat, so müßte ich <em>Karl Asenkofer</em> von Karl
-Borromäus <em>Heinrich</em> nennen. Das ist mehr als Litteratur:
-jede Zeile ist erlebt, und was noch wichtiger,
-jedes Erlebnis ist behutsam aufbewahrt! noch hängt der
-ganze Flügelstaub an den leichten Schwingen. Ein Buch
-von packender Ehrlichkeit, die nichts hinzu tut, und so
-niemals den Eindruck des Beabsichtigten, Arrangierten
-aufkommen läßt. Die letzten Gymnasial-, die ersten
-Universitätsjahre sind kaum je so unmittelbar und überzeugend
-wahrhaftig dargestellt worden. Als Heldin steht
-von der ersten bis zur letzten Seite eine der ergreifendsten
-Muttergestalten da. Dies Buch ist so ausgezeichnet,
-daß man vor der Fortsetzung ganz Angst hat. Man
-möchte den Verfasser inständig bitten, mit dem zweiten
-Teile zu warten, bis er sich dem ersten an die Seite
-stellen kann: ja nicht zu früh, ja nicht zu viel über seine
-augenblicklichen Erlebnisse zu berichten, sondern in Gelassenheit
-und Demut geduldig zu warten, bis zum ersten
-meisterlichen Bande ein zweiter von selber in Stille und
-Sturm reif geworden ist. An dem Tag aber wollen
-wir uns mit ihm freuen, denn an dem Tag ist unsere
-Litteratur um ein bleibendes Werk reicher: um ein solches,
-das eine Generation weiter gibt an die andere.
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="ads chapter">
-<p class="pub">
-Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München
-</p>
-
-<p class="aut">
-Korfiz Holm
-</p>
-
-<p class="tit">
-Thomas Kerkhoven
-</p>
-
-<p class="subt">
-Roman
-</p>
-
-<p class="run">
-Vierte Auflage
-</p>
-
-<p class="price">
-Flexibel geb. 5 Mark, steif geb. 6 Mark
-</p>
-
-<p>
-<span class="antiqua"><em>&bdquo;The Times&ldquo;, London:</em> &bdquo;Thomas Kerkhoven&ldquo;
-belongs almost to the rank of classics like &bdquo;Tom Jones&ldquo;
-or &bdquo;David Copperfield&ldquo; or &bdquo;Pendennis&ldquo;.</span>
-</p>
-
-<p>
-<em>Rudolf Herzog</em> in den &bdquo;<em>Neuesten Nachrichten</em>&ldquo;,
-<em>Berlin</em>: Sicher ist, daß dieses Werk den
-besten Büchern beizuzählen ist, die in den letzten Jahren
-erschienen sind.
-</p>
-
-<p>
-<em>Wilhelm Hegeler</em> im <em>&bdquo;Litterarischen Echo&ldquo;,
-Berlin</em>: Auf jeder Seite ist das Buch voll sprühender
-Lebendigkeit, von müheloser Anschaulichkeit, amüsant
-und glänzend von Anfang bis zu Ende.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;<em>Münchener Neueste Nachrichten</em>&ldquo;: Es wird
-seinen Weg machen; denn es ist wert, den besten Dichtungen
-unserer Zeit an die Seite gestellt zu werden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;<em>Berner Bund</em>&ldquo;: Ganz &bdquo;verflixt gut geschrieben&ldquo;
-ist es, mit einer geradezu bewunderungswürdigen Sicherheit
-in der Technik.
-</p>
-
-<p class="printer">
-<span class="line1">Druck von Hesse &amp; Becker in Leipzig</span>
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="ads chapter">
-<div class="centerpic printer">
-<img src="images/printer.jpg" alt="" /></div>
-
-</div>
-
-<div class="trnote chapter">
-<p class="transnote">
-Anmerkungen zur Transkription
-</p>
-
-<p>
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert.
-</p>
-
-
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Wie wir einst so glücklich waren!, by
-Wilhelm Speyer
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WIE WIR EINST SO GLÜCKLICH WAREN! ***
-
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-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
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-without further opportunities to fix the problem.
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
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-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
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-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
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-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
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-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
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-For additional contact information:
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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-
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-
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-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+<title>The Project Gutenberg eBook of Wie wir einst so glücklich waren!, by Wilhelm Speyer</title>
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+Project Gutenberg's Wie wir einst so glücklich waren!, by Wilhelm Speyer
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+of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
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+this ebook.
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+Title: Wie wir einst so glücklich waren!
+
+Author: Wilhelm Speyer
+
+Release Date: April 1, 2019 [EBook #59186]
+
+Language: German
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WIE WIR EINST SO GLÜCKLICH WAREN! ***
+
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+Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This file was
+produced from images generously made available by The
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+<div class="frontmatter chapter">
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+Wie wir einst<br />
+so glücklich waren!
+</p>
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+<div class="frontmatter chapter">
+ <div class="works">
+<p>
+Von <em>Willy Speyer</em> erschien bei <em>Bruno
+Cassirer</em>, Berlin 1907:
+</p>
+
+<p>
+<em>Ödipus</em>, Roman
+</p>
+
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+<h1 class="title">
+Wie wir einst<br />
+so glücklich waren!
+</h1>
+
+<p class="aut">
+Novelle<br />
+von<br />
+Willy Speyer
+</p>
+
+<div class="centerpic logo">
+<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div>
+
+<p class="pub">
+Albert Langen<br />
+Verlag für Litteratur und Kunst<br />
+München
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-0-1">
+<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
+1
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">uf</span> meinem Lande ist es Herbst geworden.
+Ungefähr um drei Uhr morgens
+beginnt ein kalter Regen nieder zu
+gehen, der erst um fünf Uhr nachmittags
+aufhört. Zur Vesperzeit kommt plötzlich
+und kampflos die Sonne hervor; ein leichtes
+Blau webt mit einem Male in den herbstlichen
+Bäumen, deren genäßte Blätter von der Sonne
+farbenreich durchleuchtet werden. Am Spätabend
+ziehen über die feuchte Erde Nebel dahin,
+die des Nachts die verblassenden, leise
+rauschenden Wälder umfangen. Auf diesen
+Nebeln ruht zuweilen Mond- und Sternenlicht;
+goldene und silberne Wolken fließen unaufhörlich
+durch das Dunkel dahin, bis es zu einem
+nassen und schleichenden Morgen tagt.
+</p>
+
+<p>
+Es ist seltsam zu sagen: Ich ziehe den
+Regen meinen anmutigen Herbstabenden vor.
+Während des ganzen Tages bleiben meine
+Fenster fest geschlossen, und ich finde ein Vergnügen
+darin, stundenlang im Zimmer auf und
+ab zu gehen, mit der Papierschere zu spielen,
+meine und meines Vaters Tagebücher zu lesen
+und immer wieder in hundertfachen Pausen dem
+<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
+Regen, dem grausamen, dem gänzlich hoffnungslosen
+zuzusehen. Keine Stimme redet zu mir
+aus dem strömenden Wasser, wie es bisweilen
+den Dichtern geschieht, und belustigt mich durch
+ihre Geschichten, &ndash; vielleicht durch kleine rührende
+Märchen, die meine Brust mit süßen
+Hoffnungen erfüllen könnten und dann ganz
+trostlos endigen, ... o nein, was mich unwiderstehlich
+zu dem erbarmungslosen Freunde dieser
+Tage hinzieht, ist nichts anderes als die nackte,
+von jeder Kunst entblößte Trauer und ihr
+schwermütiges Gefolge.
+</p>
+
+<p>
+Es gibt Tage, wo der Regen auch vor der
+Vesperstunde nicht Halt macht, sondern in die
+finstere Nacht hineinrauscht und nimmer ruhen
+mag. Dann kommt die Zeit meiner tiefsten
+Ängste, und es erfassen mich Gefühle, die ich
+längst vergessen wähnte: Meine vollkommene,
+durch keine Gunst des Schicksals je gestörte
+Vereinsamung, meine frevelhafte, durch keinen
+leuchtenden Gedanken je geweihte Eigenmächtigkeit
+und meine tödliche, tödliche Sehnsucht.
+</p>
+
+<p class="tb">
+*
+</p>
+
+<p class="noindent">
+<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
+Es ist wahr, ich bin grenzenlos einsam. Daß
+ich dies erst jetzt fühle, bereitet mir eine gewisse
+Genugtuung, zumal wenn ich daran denke, daß
+es Menschen gibt, die Tag für Tag an ihrer
+Einsamkeit leiden.
+</p>
+
+<p>
+Aber nun, hier auf meinem Landsitz, ist es
+eingetreten, daß ich in den Regen schaue, eine
+ganze Weile, geruhig, mit einer leichten Traurigkeit
+im Herzen, und dann plötzlich der Gedanke
+mich zu Boden schmettert, daß es auf der ganzen
+Welt keine einzige Seele gibt, die mir am Tage
+oder in der dunklen Nacht je vertraut wäre.
+</p>
+
+<p>
+O, ich weiß, daß viele Menschen ebenso
+wie ich zu sprechen pflegen, &ndash; aber bedenken
+diese auch, daß sie noch von der Kindheit her
+eine alte, gebrechliche Haushälterin besitzen, die
+sie rührend eifrig bedient und mit mürrischer
+Zärtlichkeit an ihnen hängt, oder einen Hund,
+einen kranken vielleicht, der mit guten, getrübten
+Augen zu ihnen emporsieht? Aber ich,
+ich kann nicht einmal solche Geschöpfe, die
+Geschöpfe des unteren Daseins, mein Eigen
+nennen. Meine Haushälterin versieht ihren
+Dienst mit gleichgültiger Sorgfalt, und die Hunde
+des Gutes lieben meinen Inspektor, nicht mich.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
+Ich habe freilich mit vielen Männern Handschlag
+und freundlichen Blick gewechselt, habe
+Umarmungen und Küsse mit manchen Frauen
+getauscht und bin in vieler Herren Dienst gestanden,
+&ndash; was blieb mir von alledem? Das
+Herz des Söldners, seine ruchlose Einsamkeit und
+seine undeutliche Erinnerung. Denn meinem
+Geist sind alle Geschehnisse zerronnen, wie der
+Regen zerrinnt auf den Schieferdächern meiner
+Scheunen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+*
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ich stehe ein wenig abseits vom Sinn und
+Gefüge der Natur, das sei zugestanden, auch
+trage ich eine spöttische Unbekümmertheit um
+ihren Gang zur Schau. Ich befinde mich
+außerhalb der Kreise, die von der Natur um
+die Dinge dieser Welt, um Menschen, Tiere,
+Blumen, ja, um die starre Öde des Gesteins
+gezogen ward und &ndash; ich will es nur aussprechen
+&ndash; ich befinde mich dort nicht allzu
+wohl. Ich fühle mich ausgeschlossen von der
+mütterlichen Güte der Natur, die selbst dann
+meine tiefste Sehnsucht erweckt, wenn sie den
+andern nur grausam und sinnlos erscheint.
+Ich zöge es vor, als ihr niedrigster Knecht in
+<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
+Ketten zu schmachten, als, ach &ndash; so frei zu
+sein, wie ich bin ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+*
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ich gehe an meine Bibliothek und nehme
+die römischen Elegien heraus. In dem Kupferstich
+auf der ersten Seite finde ich die Worte:
+&bdquo;Wie wir einst so glücklich waren.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich lese es und habe Tränen in meinen
+Augen.
+</p>
+
+<div class="poem-container">
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">&bdquo;Wie wir einst so glücklich waren,</p>
+ <p class="verse">Müssen&rsquo;s nun durch Euch erfahren.&ldquo;</p>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Es war auf einem deutschen Rittergut im
+Sommer, in einem Sommer voll gesegneter
+Tage; das Getreide stand hoch, vortreffliches
+Heu lag auf den Wiesen; der Himmel war am
+Morgen blau, mit einer glasigen Mondsichel
+über den Scheunen, und nachts leuchteten viel
+Sterne wie aus einem dunkeln, reichen und
+kostbaren Stoff. Ich liebte dort alle Menschen
+und ich betete mit einer jungglühenden Leidenschaft
+eine gewisse Dame an, &ndash; vielleicht war
+es ein Taugenichts von einer Dame. O, ich
+habe dies alles nie vergessen, ich entsinne mich
+sehr gut. Ich will diese Geschichte aufschreiben
+und sie dann einem Mädchen vorlesen, das
+<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
+irgendwo in der Welt lebt, einem schlanken
+Mädchen etwa von blondem Haar und weißen,
+milden Händen, und dieser Gedanke hat etwas
+unendlich Beruhigendes für mich. Ich erinnere
+mich dabei an gewisse Abendspaziergänge über
+die sanften Felder eines deutschen Rittergutes,
+an gewisse zärtliche und gütige Nächte und an
+die verworrenen Laute eines Fuhrmannes, der
+in der Dunkelheit den Hof erreichte und seine
+Pferde beim Schein der Laterne aus der Deichsel
+führte.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-0-2">
+<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
+2
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> schauderte, als ich zum ersten Mal mit
+einem Wagen durch die Straßen dieser
+Stadt fuhr, in der ich die zwei letzten
+Jahre meiner Schulzeit verbringen sollte.
+Von den häßlichen, kalkig-weißen oder gelben
+Mietshäusern, die mit dem läppischen Stuck
+einer nur auf die Nützlichkeit gerichteten Baukunst
+verziert waren, wandte sich der gekränkte
+Blick zu modischen Villen, die mitten in Arbeitervierteln
+durch ihren Prunk aufgeblasen, durch
+ihre ärmliche Umgebung unschicklich, ja frech
+erscheinen mußten. Ein verachteter, oftmals
+bespöttelter Fluß, das Zerrbild eines Flusses,
+führte sein dünnes, unruhiges und stets getrübtes
+Wasser durch das Weichbild der Stadt.
+In den lichtlosen Gassen aber duckten sich zuweilen
+jahrhundertalte ängstliche Giebelhäuser,
+die einer seelenvollen und klaräugigen Vergangenheit
+entstammten.
+</p>
+
+<p>
+Der Knabe hatte seine erste Jugend auf
+einer Landschule zugebracht und war dort von
+erfahrenen Männern zusammen mit einer Schar
+unermüdlicher und redlicher Jungen erzogen
+worden. Nun stand er, einem begründeten
+<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
+Wunsche seines Vaters folgend, allein in dieser
+Stadt, ohne daß ihn irgend ein freundliches
+Gefühl an ihre Menschen gebunden hätte, dazu
+von einer auf dem Lande erlernten und geübten
+Sittlichkeit beschwert, die den Verkehr mit den
+leichtgesinnten Bewohnern der Städte verbot.
+So verschloß er sich nicht ohne einen gewissen
+Starrsinn den Freuden der Geselligkeit, gedachte
+mit Trauer der vergangenen Zeit und fand ein
+großes Gefallen daran, den alten Freunden in
+langen Briefen seine augenblickliche Lage mit
+den trostlosesten Worten zu schildern. Seine
+Stimmung ward durch den Umstand nicht verbessert,
+daß der Vater ihm Geldmittel von bedeutender
+Höhe zur Verfügung stellte, die weder
+dem Alter noch dem Verdienst des Sohnes
+ziemten.
+</p>
+
+<p>
+Er verachtete mit zusammengepreßten Lippen
+und immer strengen Zügen die Lehrer und
+Schulkameraden des Gymnasiums und sprach
+mit keinem von ihnen mehr, als die Stunde
+verlangte. Ihre unerzogenen Körper und die
+schlechte Artung ihrer Seelen erschreckten ihn auf
+das heftigste und stießen ihn ab. Er, nur er
+allein war edlen, bis zu den Sternen erhobenen
+<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
+Geistes und nur er besaß die Schönheit schnellbewegter
+Glieder. Wer von ihnen erfaßte mit
+so reger Seele die donnernden Strophen engländischer
+Königsdramen, die knabenhaften und
+verwegenen Reden eines jungen Prinzen vor
+der Versammlung von Lancasterschen Herzögen
+oder den aufrührerischen Hohn der französischen
+Herolde? Wer ward beseligt durch das tönende
+Gold der achäischen Panzer, durch den silbernen
+Hufschlag der streitenden, leichtberittenen Götter
+und durch das blaue, blaue Griechenland?
+</p>
+
+<p>
+Wie sehnte sich der bislang an Freiheit
+gewöhnte Knabe nach den Nachmittagen, die
+ihm durch keinen Zwang verfinstert waren! Ich
+denke besonders an gewisse regnerische Nachmittage
+des Herbstes. In einen trotzigen, der
+Kleidersitte widersprechenden Überwurf gehüllt,
+eine phantastische Mütze tief in das Gesicht
+gezogen, mit hohen schweren Stiefeln bekleidet,
+verließ er seine Wohnung und wanderte zum
+Stadttor hinaus. Bald gelangte er an den
+armseligen, im Regen blinden Fluß, an dessen
+Ufer er durch Weidengebüsch und dürftige
+Birkenwäldchen geradeaus schritt, um endlich
+die ersehnten Felder, die trüben, häßlichen und
+<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
+doch geliebten zu erreichen. Peitschte ihm der
+Sturm das Wasser in das emporgerichtete Antlitz,
+dann fühlte er, wie das heiß ersehnte und
+angebetete Leben seiner einsamen Brust günstig
+genähert war. Er warf die Kleider von sich,
+breitete den schützenden Mantel über sie und
+badete im kalten Fluß, während der Himmel
+seine frischen Regenstrahlen herniedersandte;
+vor Frost zitternd schwang er sich vielleicht auf
+einen Baum, um von dort in einer großartigeren
+als der gewöhnlichen Stellung Cassius in
+den verhängten Himmel zu heulen:
+</p>
+
+<div class="poem-container">
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">Und so umgürtet, Casca, wie ich bin,</p>
+ <p class="verse">Hab ich die Brust dem Donnerkeil entblößt,</p>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+um endlich mit geschundenem Körper, blau und
+naß in die Kleider zu steigen und gedrückt,
+traurig und fast ein wenig weinerlich über die
+eigene Narrheit im dunkelnden Nachmittag
+seinem Hause zuzuwandeln. In seinem Zimmer
+fand er dann bereits die Dämmerung vor, die
+vom Laternenschein am Fenster in zerrissenen
+Stücken erhellt war. Während vom unteren
+Stockwerk eine musikstudierende junge Dame
+ihre gleichmäßigen und süßen Variationen und
+Fugen erklingen ließ, schickte er sich an, den
+<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
+Tee zu bereiten und die Pfeife in Gang zu
+bringen. Von wundervollen Gefühlen überschlichen
+ließ er sich in einen Sessel nieder,
+eine angenehme Wärme durchströmte seinen
+Körper und seine Augenlider wurden schwer von
+Träumen. Aber sein der Wirklichkeit ebenso
+leidenschaftlich wie der Phantasie zugetaner
+Sinn richtete ihn bald aus seinen Träumen
+empor. Er setzte sich an den Schreibtisch,
+schlug seine Schulbücher auf und arbeitete,
+ohne seinen Gedanken eine Ablenkung zu gestatten,
+ernst und streng bis zum Abend.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-0-3">
+<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
+3
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> letzte Unterrichtsstunde vor den
+großen Ferien war beendet. Plötzlich,
+ja scheinbar ganz ohne Zusammenhang
+begann man ungeheuer
+laut und angeregt zu reden, man lachte, sah
+einander in die Augen, schüttelte sich die Hände,
+und ein jeder wünschte dem andern in weitschallenden
+und überaus herzlichen Zurufen
+einen fröhlichen Sommer.
+</p>
+
+<p>
+Ich stand wie immer abseits. Mir ward
+bei all dieser Freude, die wie ein heller Strom
+an mir vorbeifloß, ein wenig bedenklich zumute.
+</p>
+
+<p>
+Ich nahm zerstreut meinen Strohhut vom
+Kleiderriegel und betrachtete mit Interesse meine
+Stiefelspitzen.
+</p>
+
+<p>
+&sbquo;Jawohl,&lsquo; dachte ich, &sbquo;ich kann mir gut
+heute Nachmittag ein Paar neue Schuhe kaufen.
+Morgen reise ich ja fort. Wohin eigentlich? In
+meine Heimat? Zu meinem Vater? Er kreuzt
+mit seiner Jacht auf den nordischen Gewässern
+in Begleitung der schönen Anny Döring, und
+er hatte in seinem letzten Brief die Einladung
+für mich wohl vergessen, ... eigentlich hatte er
+einen ausgezeichneten Brief geschrieben, einen
+<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
+höflichen, zurückhaltenden und etwas frivolen
+Brief, und beigefügt war eine Bankanweisung
+von erstaunlicher Höhe. Jawohl, so war mein
+Vater. Übrigens war er ein vortrefflicher Herr.&lsquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich schickte mich an, den leeren Schulkorridor
+zu verlassen, als ein blonder, vornehm
+gekleideter Knabe auf mich zutrat.
+</p>
+
+<p>
+Da er mein abweisendes Gesicht bemerkte,
+blieb er zögernd stehen und senkte die Augen.
+Darauf glitt ein Lächeln von großer Anmut
+über sein Antlitz, gleich als sei er über die
+eigene Schüchternheit belustigt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Meine Mutter und ich, wir würden uns
+sehr freuen, ... das heißt, wenn du Lust hast ...&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Eine Stille.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich verstehe nicht, &ndash; wie?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Knabe schlug sich mit der flachen Hand
+auf den Schenkel und begann sehr herzlich und
+sehr laut zu lachen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Zum Teufel, das war eine prachtvolle Einleitung!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er legte ungezwungen und weltmännisch
+seine Hand auf meinen Arm.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Lieber Regnitz, man gibt heute nachmittag
+bei uns eine Gesellschaft. Es wird vermutlich
+<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
+ganz witzig werden ... Jungens und Mädchen ...
+Schokolade, Tanz und so ... Meine Mutter
+liebt das sehr, ... willst du uns das Vergnügen
+machen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich sah den Jungen erstaunt an; er gefiel
+mir außerordentlich. Aber ich hatte es mir bislang
+in solchem Maße zur Pflicht gemacht, die
+Schulkameraden abweisend und hochmütig zu
+behandeln, daß ich auch jetzt nicht vermochte,
+mein gewöhnliches Betragen mit einem freundlicheren
+zu vertauschen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du bist sehr liebenswürdig ... Entschuldige
+mich, ich habe deinen Namen vergessen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich heiße Wolfgang Seyderhelm.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich danke dir sehr für deine Einladung,
+Wolfgang Seyderhelm. Leider ist es mir nicht
+möglich, sie anzunehmen, da ich heute bereits
+eingeladen bin.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wolfgang Seyderhelm wurde etwas rot.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sehr schade,&ldquo; sagte er.
+</p>
+
+<p>
+Er steckte eine Hand in die Hosentasche
+und wies mit der andern höflich auf die
+Schultreppe:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wir haben denselben Weg.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wir gingen die Stufen hinunter.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
+&bdquo;Dein Bruder war Militärattaché in Athen,
+nicht wahr?&ldquo; fragte Wolfgang. &bdquo;Meine Mutter
+glaubt, ihn dort kennen gelernt zu haben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jawohl, er war Militärattaché in Athen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich sah zur Seite.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was ist&rsquo;s mit ihm?&ldquo; fragte Seyderhelm,
+der mich beobachtete.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Er fiel in Südwest gegen die verdammten
+Schwarzen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Oh.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Vor dem Schulgebäude stand ein leichtgefügter
+eleganter Wagen mit zwei lebhaften
+Apfelschimmeln. Eine junge Dame saß darin;
+sie trug einen silbergrauen Schleier, der den
+weichen großen Hut an den Seiten niederbog
+und auf der Brust zu einem Knoten verschlungen
+war. Ihre schmalen Hände waren mit dänischem
+Leder bekleidet, und ihre von den Wimpern
+tief beschatteten Augen sahen etwas mokant
+zu Wolfgang hin.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ah, der Wagen!&ldquo; sagte Wolfgang Seyderhelm,
+der zögernd stehen blieb.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ah, deine Schwester!&ldquo; sagte ich beklommen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein, nicht meine Schwester.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nicht deine Schwester?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
+&bdquo;Eine junge Dame unserer Bekanntschaft.
+Adieu, Walter Regnitz.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wolfgang Seyderhelm grüßte. Ich dankte
+nicht, sondern sah auf den Wagen. Der Kutscher
+legte die Hand an den Hut, Wolfgang sprach
+lächelnd einige Worte, warf seine Schulmappe
+auf den Bock und stieg ein. Die Schimmel
+zogen an und das Gefährt bog im Augenblicke
+um die Ecke ...
+</p>
+
+<p>
+Ich eilte in den heftigsten Gedanken nach
+Haus.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-0-4">
+<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
+4
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">n</span> diesem Nachmittag ging ich nicht spazieren.
+Ich schritt unruhig in meinem
+Zimmer auf und ab. Ich hatte weder
+Lust zu arbeiten noch zu lesen. Immer
+wieder kam mir Wolfgang Seyderhelms Einladung
+in den Sinn. Und mit einem Male
+trat aus der Wirrnis widerstreitender Gefühle
+ein leuchtender Gedanke hervor: Die Sehnsucht
+nach Gesprächen, nach scherzhafter Rede und
+Gegenrede, nach Tanz und Schokolade und
+nach einer gewissen jungen Dame mit einem
+silbergrauen Schleier und mokanten, von den
+langen Wimpern tief beschatteten Augen.
+</p>
+
+<p>
+Ohne Zögern kleidete ich mich um, lief zum
+Schuldiener und ließ mir Wolfgang Seyderhelms
+Adresse sagen. Bald fand ich mich abseits der
+Stadt vor einer großen, mitten in einem Park
+gelegenen Villa. Ich schellte, ward vom Diener
+ohne Verwunderung empfangen, durcheilte einige
+hellerleuchtete Gemächer und stand endlich im
+Eßzimmer.
+</p>
+
+<p>
+Eine stattliche Anzahl von Knaben und
+Mädchen, unter ihnen einige Erwachsene, saßen
+an drei runden Tischen, vollführten den heitersten
+<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
+Lärm, und tranken mit großem Appetit Schokolade,
+wozu sie ungeheuer viel Kuchen aßen.
+Ich blieb befangen stehen und suchte Wolfgang
+Seyderhelm. Die Herrschaften verstummten
+allmählich, man begann mich zu bemerken. Da
+sah ich am Ende des letzten Tisches Wolfgang
+sich erheben, der mich verwundert anstarrte.
+Von einem andern Tisch her rief eine
+Dame:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun, Wolfgang, willst du nicht deinen
+Gast begrüßen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Über Wolfgang Seyderhelms Gesicht glitt
+ein Zug von unendlicher Liebenswürdigkeit und
+fast frauenhafter Güte. Schnell kam er auf
+mich zu:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie lieb, daß du kommst!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich erwiderte kein Wort, drückte aber
+stürmisch und begeistert seine Hand. Er faßte
+mich am Arm und führte mich zu der Dame,
+die ihm vorhin zugerufen hatte. Glücklicherweise
+begann man an den Tischen sich wieder
+zu unterhalten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Dies hier ist mein Schulkamerad Walter
+Regnitz.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Mutter, eine noch junge Frau von
+<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
+schlankem Wuchs, heiteren italienischen Augen
+und hoher reiner Stirne begrüßte mich lebhaft.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Es freut mich sehr, daß Sie gekommen sind.
+Wolfgang hat mir viel von Ihnen erzählt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wolfgang errötete.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich denke, Herr Regnitz, Sie setzen sich
+neben mich. Hier ist noch ein Stuhl frei.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich saß und fühlte meinen Sinn ein wenig
+umnebelt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sind Sie verwandt mit einem Herrn Regnitz,
+der vor zwei Jahren in Athen Attaché war?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das war mein Bruder, gnädige Frau.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nicht möglich! ... Ihr Bruder ...!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Und sie sprach von meinem Bruder, den sie
+in Athen vor zwei Jahren kennen gelernt hatte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Eigentümlich, wie Sie sich Schokolade eingießen!&ldquo;
+klang eine singende Stimme neben mir,
+während ich mich mit Frau Seyderhelm über
+meinen Bruder unterhielt, der in Athen vor
+zwei Jahren Attaché gewesen war. Ich wandte
+mich nicht um und konnte nicht erkennen, woher
+diese Stimme kam und ob sie mir galt. Ich
+sah viele Gesichter, darunter das von Wolfgang
+Seyderhelm, dessen Blick sich stets abwandte,
+sobald er den meinen traf. Ich empfand es
+<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
+sehr wohltuend, daß ich mich vorhin beim Eintreten
+nicht allzu ungeschickt benommen hatte
+und nun in ungezwungenem Tone mit Wolfgangs
+Mutter redete.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wo ist Ihr Herr Bruder jetzt?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Er ist im Kampf gegen die Neger gefallen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Oh wie traurig! Als Offizier?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jawohl, als Offizier.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Eigentümlich, wie Sie sich Schokolade eingießen!&ldquo;
+sang irgendwo eine Stimme.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und Sie sind hier in unsere Stadt gekommen,
+um das Abiturium zu machen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jawohl, ich war jahrelang auf dem Lande,
+nun will ich hier das Abiturium machen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wolfgang erzählt, Sie seien sehr fleißig.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich will mit der Schule schnell zu Ende
+kommen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;So &ndash;?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Frau Seyderhelm wandte den Kopf nach
+einer anderen Richtung, da sie von dort gerufen
+wurde. Nun konnte auch ich mich umsehen.
+</p>
+
+<p>
+Neben mir saß eine junge Dame, die auf
+ihrem hellblauen Kleid Schokoladenflecke mit
+der Serviette abrieb. Diese junge Dame hatte
+<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
+golden schimmernde, von den Wimpern tiefbeschattete
+Augen, kastanienbraunes Haar, einen
+spöttisch verzogenen Mund und lange schmale
+Finger, die auf irgendeine Art an die Kälte
+des Winters erinnerten, an Elfenbein und an
+die Heiligtümer indischer Völker.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-0-5">
+<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
+5
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> schwieg beklommen, seufzte tief auf
+und gewann endlich den Mut zu
+fragen: &bdquo;Habe ich Ihr Kleid ...?
+Das heißt, bin ich daran schuld, daß
+Sie ...?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die junge Dame antwortete nicht, sondern
+reinigte emsig mit einer kleinen Serviette, die
+sie in warmes Wasser getaucht hatte, ihr hellblaues
+Kleid.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich meinte nur ...&ldquo; sagte ich ratlos.
+</p>
+
+<p>
+Da hob die junge Dame den Kopf in die
+Höhe, sah mir in die Augen, wobei sie sich ein
+wenig zur Seite neigte, und begann eine Tonreihe
+von silberhellem Klang zu lachen mit
+listigen, schmalen Augen, mit offenem Munde
+und vielen weißen Zähnen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein, <em>zu</em> dumm! Sie haben eine Art, sich
+Schokolade einzugießen! Sehen Sie, man macht
+es nicht so &ndash;&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie nahm eine Porzellankanne und ließ den
+Strahl von solcher Höhe in die Tasse fallen,
+daß alles um sie herum erschrocken und lachend
+zurückwich.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;&ndash; sondern so.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
+Sie verkleinerte den Strahl und ließ ihn
+manierlich fließen.
+</p>
+
+<p>
+Ich ward einem Sturm des Gelächters
+preisgegeben. Ein geistlicher Herr, der an
+einem andern Tisch seinen Platz gefunden hatte,
+beugte sich mit fröhlichem Augenblinzeln zur
+Seite und begann so herzlich zu lachen, daß
+er sein Taschentuch hervorziehen mußte. Einige
+Backfische kicherten und flüsterten, ein paar
+Jungens brüllten. Ja, die junge Dame mir
+zur Seite schien ein Tausendsassa zu sein, die
+eine ganze Gesellschaft mit ihren Späßen zu
+erheitern vermochte.
+</p>
+
+<p>
+Ehe ich noch etwas erwidern konnte, wurden
+die Stühle mit großem Lärm gerückt und man
+erhob sich. Die junge Dame tat mit der Hand
+noch schnell eine sonderbare Geste, die ich mir
+nur so deuten konnte: &bdquo;Ein dummer Junge,
+nicht wahr?&ldquo; Darauf hatte sie plötzlich, als sie
+von ihrem Stuhl aufstand, ernste und unbewegliche
+Züge. Die strengen Linien ihrer goldfarbenen
+Augenbrauen und Wimpern, der kunstvolle geschlossene
+Aufbau ihres kastanienbraunen Haares
+beherrschten mit einem Male das Antlitz. Die
+herabhängenden Arme waren eng an das Kleid
+<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
+gehalten und die Hände lagen wie erstarrt in
+den Falten.
+</p>
+
+<p>
+Wolfgang Seyderhelm trat auf mich zu
+und bot mir sehr herzlich die Hand. Ich bemerkte,
+daß er enganliegende graue Hosen trug,
+Lackstiefel, ein Jackett, ähnlich wie es die englischen
+Midshipmen zu tragen pflegen, und
+einen umgebogenen Kragen, der seinen braunen
+Hals freiließ. Er schien stolz und glücklich zu
+sein und hatte das Aussehen und Betragen
+eines jungen Engländers und Weltmannes.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hast du dich mit deiner Tischnachbarin
+unterhalten?&ldquo; fragte er.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du meinst, mit deiner Mutter?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein, ich meine mit dieser jungen Dame dort.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er zeigte in den Salon.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Kaum. &ndash; Wie heißt sie?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nina.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich mußte plötzlich an die Schneeberge und
+Weintrauben Kaukasiens denken, an die reine
+Stirne und den unvergleichlichen Gang der
+Kosakenmädchen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was ist&rsquo;s mit ihr?&ldquo; fragte ich.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie ist Schauspielerin am Stadttheater.
+Eine Protegé meiner Mutter.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
+&bdquo;Wie alt?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Achtzehn.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich sah, daß man im Speisezimmer die
+Stühle an die Wand schob und den Teppich
+aufrollte. Ich blickte zerstreut an den Gobelins
+hinauf, deren streitende Helden sich in übermenschlichen
+Triumphen und Schmerzen gegenüberstanden.
+Wolfgang sprach noch, aber ich
+verstand nicht, was er eigentlich sagte. So, so ...
+so ... sie hieß Nina, ... welch ein süßer Gleichklang
+in ihrem Namen, ... welch ein Duft
+von ihrem Haar, ... ich begann Kopfschmerzen
+zu bekommen, ... wie zärtlich Wolfgang zu ihr
+hinblickte ...
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du liebst sie ja!&ldquo; sagte ich laut und wußte
+nicht, ob ich wirklich gesprochen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Wolfgangs Antlitz sah plötzlich aus wie
+überströmt von Blut.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was sagst du?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Frau Seyderhelm stand neben uns und
+unterhielt sich mit dem geistlichen Herrn. Frau
+Seyderhelm stand sehr gerade da, sprach achtungsvoll,
+mit verbindlich zur Seite geneigtem
+Haupt, gebrauchte sehr oft die Anrede: Herr
+Pastor und hatte zu gleicher Zeit ein etwas
+<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
+mitleidiges Lächeln um den Mund, da der
+geistliche Herr verlegen war und nicht ganz
+ungezwungene Bewegungen zeigte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und morgen gehen Sie auf ihr Rittergut,
+meine liebe gnädige Frau?&ldquo; fragte der geistliche
+Herr.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, stellen Sie sich vor, Herr Pastor, &ndash;
+dieser Trubel! Alle Koffer sind schon gepackt ...
+es ist ja immer wie ein Umzug! ... Aber
+Wolfgang tut das Landleben so wohl ...!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Frau Seyderhelm strich mit der Hand über
+ihr schwarzes Haar.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nina geht diesmal auch mit,&ldquo; sagte sie,
+lächelte dem Pastor sehr liebenswürdig zu und
+schritt ins Nebenzimmer.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie schön von dir, daß du mich eingeladen
+hast,&ldquo; sagte ich zu Wolfgang, wurde ganz heiß
+vor Begeisterung und ging weg.
+</p>
+
+<p>
+Eine Dame mit einem ungeheuren Hut betrat
+den Empfangsraum, ruderte durch die Luft
+auf Frau Seyderhelm zu, erfüllte das Gemach
+mit ihren Begrüßungen, ihren schnellen Handbewegungen,
+ihrer Rührung über die frohe
+Schar, legte die Arme auf Frau Seyderhelms
+Schultern, küßte ihr jede Wange und sagte
+<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
+oftmals: &bdquo;Meine liebe Lina.&ldquo; Sie wurde von
+den Jungen mit ehrfürchtigen und ungeschickten
+Verbeugungen gegrüßt, von Wolfgang empfing
+sie einen Handkuß und von zwei Mädchen,
+vermutlich ihren Töchtern, sehr rasche und
+oberflächliche Umarmungen.
+</p>
+
+<p>
+Ein junger Herr, ein Student, wie man
+annehmen durfte, ging quer durch den Raum,
+trug mit steifem Arm die Öffnung seines Zylinderhutes
+nach Außen in der mit braunem
+Glacé bekleideten Hand, erschreckte jedermann
+durch seine ruckartigen Verbeugungen,
+saß kurze Zeit darauf von einer lauten Gesellschaft
+umgeben an einem Tisch und versuchte
+sich in einem Kunststück mit zwei Gläsern, einer
+Teetasse und einem silbernen Löffel.
+</p>
+
+<p class="tb">
+*
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Eine Dame in einem schwarzen, bis an
+den Hals geschlossenen Kleide, die blaß und
+hübsch war und hungrige graue Augen hatte,
+wahrscheinlich die Gesellschaftsdame irgend eines
+der jungen Mädchen, ließ sich am Flügel nieder
+und begann einen Walzer zu spielen. Die
+Mädchen bekamen rote Köpfe und setzten sich
+ziemlich nervös auf die Stühle an der Wand.
+<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
+Die Knaben standen in den Türrahmen, ordneten
+ihre Krawatten, ihre Schuhbänder, ihre
+Frisuren und bemühten sich sorglos auszusehen.
+</p>
+
+<p>
+Irgendeiner von ihnen, ein kecker Bursche,
+der den Teufel nach Rotwerden und Schüchternsein
+fragte, forderte als erster eines der Mädchen
+auf. Andere folgten. Wolfgang trat von
+irgendwoher auf Nina zu, lächelte, ohne sich
+zu verbeugen, und zog sie mit sich fort. Die
+Jungen tanzten mit vielen Sprüngen und
+Witzen, schlugen die Beine nach hinten aus, so
+daß man ihre Stiefelsohlen zu sehen bekam,
+und hielten ihre Tänzerinnen mit steifen Armen,
+da sie die Berührung des Fleisches fürchteten.
+Die Mädchen bewegten sich ruhiger und hatten
+versonnene Augen und ein süßliches Lächeln
+auf den Lippen. Wolfgang und Nina sahen
+jugendlich und glücklich aus; sie schienen schon
+oft miteinander getanzt zu haben, und waren
+ihrer Bewegungen sicher. Nina neigte ihr
+Haupt ein wenig zu Boden, was ihrem schlanken,
+hochgestellten Körper etwas Verträumtes
+und zugleich Preziöses gab.
+</p>
+
+<p>
+Es war recht heiß. Ich fühlte mich elend
+und doch glücklich und trank sehr viel Limonade.
+<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
+Frau Seyderhelm stand mit einem Male vor
+mir, wie stets sehr gerade und beinah mädchenhaft
+schlank, die edlen Hände über der Gürtelschnalle
+gekreuzt, mit heiteren Augen und reiner
+Stirn. Sie nannte mich oftmals &bdquo;mein lieber
+Herr Regnitz&ldquo; und blickte, da ich verwirrte
+Antworten gab, mütterlich lächelnd über die
+froh sich bewegenden Kinder hin.
+</p>
+
+<p>
+Der Student tanzte jetzt mit Nina, nannte
+sie &bdquo;mein gnädigstes Fräulein&ldquo; und benahm sich
+in jeder Beziehung wie ein Student, der zu
+einer Backfischgesellschaft geladen ist und dort
+mit der einzigen erwachsenen jungen Dame
+tanzt. Sein Zylinder stand irgendwo in der
+Ecke auf einem Stuhl und schwankte grinsend
+hin und her.
+</p>
+
+<p>
+Der geistliche Herr erzählte der Dame mit
+dem großen Hut, daß Ihre Hoheit Prinzessin
+Clementine am vorigen Sonntag in der Kirche
+sehr blaß ausgesehen habe und augenscheinlich
+an Kopfschmerzen leide; welche Bemerkung seine
+Dame mit einem kurzen, nervösen Gähnen,
+einem verlegenen Hinunterschlucken und einem
+ehrfurchtsvollen &bdquo;Gewiß, Herr Pastor&ldquo; erwiderte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
+Irgendein Mädchen, ein braves Kind mit
+dickem lustigen Gesicht und roten Händen forderte
+mich auf, mit ihr zu tanzen; ich lehnte
+mit strenger Stirne und finsteren Blicken ab.
+Sie schüttelte den Kopf, lachte leis, so daß sich
+ihre Nase in viele Falten zog, sagte: &bdquo;Nein,
+so etwas!&ldquo; und verschwand mit einem andern,
+wobei sie den Hals ihres Tänzers mit den
+Armen umschloß und die guten dicken Finger
+auf seinem Nacken faltete.
+</p>
+
+<p>
+Wolfgang bat die Dame mit dem großen
+Hut und den exzentrischen Bewegungen um
+einen Tanz. Die Dame sträubte sich ein wenig,
+sprach sehr viel von ihrem Alter und vom
+Muttersein in die leere Luft und sagte endlich
+zu. Man klatschte im Takt zu ihrem Tanze
+und bereitete sich alsdann zur Quadrille vor.
+</p>
+
+<p>
+Ich begann mich mit irgend jemandem über
+unsere Lehrer zu unterhalten; ich war witzig,
+der Bengel lachte und verbeugte sich darauf
+vor mir.
+</p>
+
+<p>
+Wolfgang trat auf mich zu.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du tanzt nicht?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein. Danke.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nie?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
+&bdquo;O doch.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Magst du heute nicht?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein. Danke.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Nina stand neben ihm.
+</p>
+
+<p>
+Sie sah mich neugierig an.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie tanzen nicht?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein, heute nicht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ninas Augen waren stetig auf mich gerichtet.
+Ich betrachtete das kastanienbraune
+Haar und bemerkte, daß es im Schein der
+kristallenen Lustres leuchtete.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie werden jetzt mit mir Quadrille tanzen.
+Warum stehen Sie immer an der Wand? Das
+schickt sich doch nicht für einen jungen Herren
+von Ihren Qualitäten!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wollen Sie sich bitte nicht um mich bekümmern,
+wie?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wolfgang bekam große Augen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber Regnitz, bitte, was ist denn &ndash;?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Nina lachte herzlich, zeigte ihre weißen
+Zähne, legte die elfenbeinerne Hand auf Wolfgangs
+Arm und sagte:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du, der ist aber grob!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Darauf wandte sie sich mir zu, machte ein
+hochmütiges Gesicht, senkte die Lider, so daß es
+<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
+aussah, als ob sie schliefe, und sagte in einem
+näselnden Ton:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also bitte, &ndash; wollen Sie jetzt meinen Arm
+nehmen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich fühlte eine Schwäche in den Gliedern,
+während ich den rechten Arm bog.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;O, das ist nett!&ldquo; sagte Wolfgang mit
+seinem liebenswürdigen Lächeln. &bdquo;Wir werden
+in einem Karree tanzen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wir gingen in den Saal.
+</p>
+
+<p>
+Der Student stürzte auf Nina zu.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber, gnädigstes Fräulein haben <em>mir</em> ja ...
+das heißt, wenn Sie vorziehen ...&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er schwitzte und verbeugte sich. Ich bemerkte,
+daß er nach Mediziner im zweiten Semester
+roch.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ach, Herr Doktor, ... ich hatte schon
+Herrn Regnitz vorher versprochen, die Quadrille
+mit ihm zu tanzen. Verzeihen Sie.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wir gingen weiter. Der Student war von
+diesem Augenblick an in jeder Beziehung erledigt.
+Er war fertig, hingerichtet, gleichsam
+mausetot ...
+</p>
+
+<p>
+Die Dame am Klavier mit den hungrigen
+Augen spielte die Aufforderung zur Quadrille.
+<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
+Das Karree bildete sich. Ich steckte eine Hand
+in die Hosentasche und machte ein gleichgültiges
+Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Entschuldigen Sie,&ldquo; sagte ich.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Bitte?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Nina begann sich mit dem Geistlichen zu
+unterhalten, der plötzlich neben ihr stand. Sie
+schauspielerte Ehrfurcht und war sehr schüchtern.
+Ich wurde rot. Sie wandte sich um:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was sagten Sie eben?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Vielleicht hören Sie zu, wenn ich mit
+Ihnen spreche!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie sind manierlos.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich bat um Entschuldigung wegen vorhin.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie können gleich um Entschuldigung bitten
+&sbquo;wegen jetzt&lsquo;.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich schwieg. Mein Gott, warum war ich
+nur so ungezogen! Ein weinerliches Etwas stieg
+in meine Nase empor.
+</p>
+
+<p>
+Wolfgang trat uns gegenüber und sprach
+mit seiner Cousine, einem schüchternen Mädchen
+von außergewöhnlicher Schönheit. Er winkte
+uns mit der Hand zu.
+</p>
+
+<p>
+Die Quadrille begann.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
+Nina verbeugte sich tief vor ihrem Nachbarn,
+darauf vor mir. Ihre Lider bedeckten
+wiederum die Augen, die langen Wimpern berührten
+die roten und weißen Wangen, das
+feurige Haar warf seinen Duft zu mir, die
+elfenbeinernen Hände lagen wie unbeseelt in
+den Falten des blitzenden Kleides. Sie war
+im Augenblick, da sie sich neigte, ein Götterbild,
+das in Betrachtung zum Buddha versunken
+ist, eine indische Statue aus farbigem Stein ...
+Ich beugte mich noch tiefer, sah ihre blauen
+schmalen Schuhe und dachte: Süße Nina,
+süße Nina.
+</p>
+
+<p>
+Ich gab fleißig acht und tanzte gut. Ich
+tat keine überflüssige Geste und bewegte mich
+ruhig. Von Zeit zu Zeit sagte Nina:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;<span class="antiqua">Visite à gauche!</span>&ldquo; oder &bdquo;Jetzt dort!&ldquo; oder
+&bdquo;Passen Sie auf, Sie können nur grob sein!&ldquo;
+Aber sie schien zufrieden.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Es geht ja ganz gut,&ldquo; bemerkte sie einmal.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gewiß,&ldquo; erwiderte ich stolz.
+</p>
+
+<p>
+Ich sah, daß Nina und Wolfgang sich beim
+<span class="antiqua">moulinet des dames</span> zulächelten, sobald sie sich
+trafen. Wolfgang sprach viel zu uns hin und
+unterhielt das ganze Karree. Er hatte das
+<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
+Aussehen eines vornehmen Pagen, der bei Hof
+die Schleppe der Königin hält.
+</p>
+
+<p>
+Mich überfluteten, sobald ich Nina die Hand
+reichen mußte, Ströme von Zärtlichkeit und
+Anbetung. Ich beobachtete, daß ihr Fuß beim
+Auftreten die Form nicht veränderte. Ich liebte
+sie, &ndash; o mein Gott, <em>wie</em> ich sie liebte! Ich
+begann zu fiebern und wurde von Angst ergriffen.
+Ich dachte daran, daß ich heute abend
+allein in meinem Zimmer sein würde. Irgend
+etwas müßte bis dahin geschehen, irgend etwas,
+das mich mit einem unerhörten Glück erfüllte,
+ein Blick von ihr, ein Wort, ein Kuß ...
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie sind unaufmerksam. Passen Sie auf &ndash;
+<span class="antiqua">vis-à-vis</span>!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich sah einem blonden Mädchen in die
+Augen, verbeugte mich und trat mit Nina zurück.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was spielen Sie?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wir wurden getrennt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich meine, was Sie im Theater spielen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich tanzte an drei jungen Mädchen vorbei,
+gab einer jeden die Hand und verbeugte mich
+wieder vor Nina.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hebbels Clara.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
+&bdquo;Ah ...&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich kannte Hebbel.
+</p>
+
+<p>
+Ich verbeugte mich vor Wolfgangs Tänzerin.
+</p>
+
+<p>
+Dann stand ich wieder vor Nina.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Kennen Sie Maria Magdalena?&ldquo; fragte
+Nina.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich ging mit den drei Herren <span class="antiqua">en avant</span>
+und verneigte mich vor Nina.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie sollten lieber Ihre Schulaufgaben
+machen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich begann zu lachen, wie verrückt zu lachen,
+zog das Tuch hervor, bekam Tränen in die
+Augen, fand mich albern, mußte aus der Reihe
+treten und störte den ganzen Tanz. Nina hob
+die Lider, und es war, als ginge der Vorhang
+im Theater auf.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was haben Sie?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich begann zu beben und zu frieren, meine
+Zähne schlugen aneinander, ich hatte das Gefühl,
+daß ich totenblaß sei.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie sind herrlich!&ldquo; sagte ich.
+</p>
+
+<p>
+Ich wußte nicht mehr, was ich sprach. Ich
+hatte Fieber, nichts als Fieber, und Angst vor
+meinem einsamen Zimmer ...
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
+Die Reihen ordneten sich wieder, man lachte,
+ärgerte sich und tanzte weiter. Die letzten
+Takte spielte die Dame am Klavier in rasendem
+Tempo. Man fand sich nicht mehr zurecht, und
+alles verwirrte sich. Ich lief umher, fühlte
+Schauer in meinem Körper und hatte das Bedürfnis,
+etwas zu zerbrechen. Der Quadrillenwalzer
+ertönte, man schloß sich in die Arme.
+Ich verbeugte mich vor Nina, aber sie dankte.
+</p>
+
+<p>
+Ich führte sie aus dem Saal hinaus. Darauf
+ward es dunkel vor meinen Augen. Ich wurde
+schwindlig und hielt mich an einem Türpfosten.
+Mit einem Male war ein Bild vor mir: die
+Mittagssonne über einer teppichfarbenen Landschaft
+des mittleren Deutschlands, der Duft
+von Korn und gemähten Wiesen, und blaue
+Berge in der Ferne.
+</p>
+
+<p>
+Nina lachte, ein singendes, verstehendes,
+unendlich grausames und süßes Lachen:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie taumeln, Herr Regnitz! &ndash; Ist Ihnen
+schlecht?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nina, ich liebe Sie.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich sah sie an, &ndash; sie, dieses indische Götterbild
+mit den gesenkten, zur Betrachtung geneigten
+Augen, mit der unvergleichlich bleichen und
+<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
+edlen Stirne, mit den elfenbeinernen Händen
+und dem farbigen, wie von Edelstein und Gold
+blitzendem Gewande, sah diese Lippen aufeinander
+gepreßt, süß und streng, &ndash; bereit, Worte
+zu sprechen, die den Gläubigen vernichten oder
+aufheben:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie sind verrückt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie ging fort, mit elastischem stolzem Schritt,
+wandte plötzlich den Kopf um, zeigte mir ein
+entzückend frisches und amüsiertes Mädchengesicht,
+lachte, lachte eine Reihe makelloser
+Töne, zog eine kleine goldene Uhr aus dem
+Gürtel, ließ den Deckel aufspringen und sagte:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Es ist übrigens schnell gegangen. Sie
+sind um fünf Uhr gekommen; jetzt ist es vier
+Minuten vor sechs.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Aus der Ferne, aus einer Schar lärmender
+Menschen heraus hörte ich sie noch einmal
+lachen ...
+</p>
+
+<p>
+Wolfgang trat schnell auf mich zu.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ist dir etwas? Du siehst nicht wohl aus.
+Willst du den Wagen haben?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich sah mich um und lächelte matt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Lieber, welch ein Gefühl!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich gab ihm wie im Traum die Hand.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
+Plötzlich ermannte ich mich, stürmte hinaus,
+ohne Gruß, ohne Blick, riß den Hut im Korridor
+vom Riegel und erreichte den Park. Ich lief
+wie gejagt durch die Straßen und hielt mich
+endlich an einem Gitter fest. Atemlos, die
+Brust erfüllt von einem qualvollen Glück, begann
+ich wie ein Kind zu schluchzen, wie ein
+kleines, ungezogenes Kind.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-0-6">
+<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
+6
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">m</span> nächsten Tage wachte ich um fünf
+Uhr morgens auf. Ich lief im Hemd
+ans Fenster. Die Straßen waren leer,
+aber auf den Dächern lag warmes
+Morgenlicht und in den Bäumen am Rande
+des Bürgersteiges zwitscherten die Spatzen.
+</p>
+
+<p>
+O mein Gott, welch ein Gedanke, ich hatte
+Ferien, ich hatte fünf Wochen Ferien!
+</p>
+
+<p>
+Ich eilte in das Badezimmer und öffnete
+dort die Brause. Da fiel mir mitten im kalten
+Wasser etwas ein ... Was war denn gestern
+geschehen? ... War nicht gestern etwas Besonderes
+vorgefallen? ... Ich war auf einer Gesellschaft
+gewesen ... bei Wolfgang Seyderhelm,
+... dort befand sich eine junge Dame ...
+mit goldfarbenen Augen und feurigem Haar ...
+eine Art Gottheit ... ein Backfisch ... Wie hieß
+doch gleich diese Dame? ... Nun, wir wollen
+keine Komödie spielen, wir wissen sehr gut, wie
+diese Dame hieß ... Nina, ... jawohl, Nina
+hieß sie, ... und dann war ich aus der Gesellschaft
+weggelaufen ... und hatte mich blamiert,
+... O weh! o weh!
+</p>
+
+<p>
+Verwirrt streckte ich die Arme nach dem
+<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
+Kelch der Brause aus, ließ mir das Wasser
+ins Gesicht laufen und rief beglückt in das
+Geplätscher hinein: Süße Nina, süße Nina.
+</p>
+
+<p>
+Ich sprang in das Badetuch und zog mich
+an. Ich sah das Sonnenlicht sich langsam
+über die Häuser senken. Hallo, war ich nicht
+jung? Meine Heimat, &ndash; ach, meine Heimat
+war überall da, wo es warme Landstraßen
+gab mit schönem weißem Staub, Kirschbäume,
+schwere Kornfelder. Nina, &ndash; ach,
+Nina war irgend eine junge Dame, ein Spuk,
+ein Ding ohne Zusammenhang mit meinem
+Leben ...
+</p>
+
+<p>
+Ich nahm meinen Ranzen, stopfte Hemden,
+Strümpfe, die &bdquo;Versuchung des Pescara&ldquo;, Taschentücher,
+zwei alte Brötchen hinein und lief
+die Treppe hinunter.
+</p>
+
+<p>
+Noch waren die Straßen leer. Hier und
+da zeigte sich ein verschlafen aussehender Bäckergeselle
+mit listigem Gesicht, ein mürrischer
+Arbeiter auf dem Rad, ein von der Nachtkälte
+durchfrorener Polizist, sonst niemand. In
+den einsamen Gassen hörte ich nur den Klang
+meiner Schritte und meines Stockes.
+</p>
+
+<p>
+Bald hatte ich die letzten Häuser erreicht
+<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
+und sah meine Felder sich im Sommermorgenlicht
+ausbreiten.
+</p>
+
+<p>
+Ich ging mit leichtem Fuß und leichtem
+Herzen die Landstraße hinunter. Es kamen
+Bauernwagen, die zum Markte in die Stadt
+fuhren, und neben den Kutschern saßen eifrig
+bellende Hunde, es kamen ganz, ganz kleine
+Mädchen, die sich an der Hand hielten und
+mit putziger Eilfertigkeit in ihre Schule trabten;
+eine Bäuerin tauchte auf, trug einen Korb mit
+Eiern auf dem Kopf und sah wie eine Bäuerin
+aus dem Bilderbuche aus; darauf eine Horde
+Jungens, die alle ohne Ausnahme nackte Füße
+und geflickte Hosen hatten, und endlich auch
+ein Mann mit einer Kuh und einem Hündchen.
+</p>
+
+<p>
+Schon war ich im ersten Dorf. Dort war
+bereits jedermann auf den Beinen. Ein Fuhrmann
+kam mit der Peitsche in der Hand aus
+der Schenke, wischte sich den Bart und kletterte
+mit vielen unverständlichen Worten auf den
+Bock; ein schlanker Terrier lief bellend auf mich
+zu, &ndash; als ich ihm ein Stück meines Brots
+zeigte, sprang er an mir hoch; ein Kind lachte
+irgendwo, und ich wanderte weiter.
+</p>
+
+<p>
+Die Sonne stieg. Mir zur Seite erschienen
+<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
+Dörfer mit Kirchtürmen und leuchtend weißen
+Grabsteinen und verschwanden hinter teppichweichen
+Hügeln.
+</p>
+
+<p>
+In einem schönen Kirchdorfe machte ich
+Halt. Ich ging zu einem Bäcker, der am
+Laden eine eiserne Brezel hatte, und kaufte mir
+Brot und Kuchen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wohin geht&rsquo;s, junger Herr?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nach Fürstenau und immer weiter.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und immer weiter &ndash; das ist ein gutes
+Stück Wegs. Na, wenn man junge Beine hat!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich errötete, ich weiß nicht, warum, bezahlte,
+schüttelte ihm die Hand, sprang an den
+Brunnen, trank mit Begierde das kräftigschmeckende
+Wasser und marschierte weiter.
+</p>
+
+<p>
+Es wurde heiß. Ich schlief einige Stunden
+im Schatten eines Baumes und wanderte
+dann in den schönen Nachmittag hinein.
+Über das weite hügelige Land glitten zeitweis
+tiefe und schnelle Wolkenschatten. Ein
+ganz leichter Wind erhob sich und kühlte mich
+wunderbar. Mir war, als trügen mich die
+Lüfte des Nachmittags über abwechselnd beglänzte
+und beschattete Gefilde. Lag ich nicht
+auf einer weichen Wolke und trug mich
+<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
+diese Wolke nicht in entferntere und schönere
+Gebiete?
+</p>
+
+<p>
+Kurz nachdem die Sonne hinter einem Hügel
+entschwunden war und mit einem Mal die des
+Sonnenantlitzes beraubte Landschaft wie in
+einem ungeheueren Schrecken zu erbleichen, ja
+zu sterben schien, erblickte ich, der ich auf einem
+Berge stand, zu meinen Füßen eine Stadt. Ein
+alter Turm ragte in die starr-silberne Luft hinein,
+und seine Wächter schienen silbergraue
+Vögel, die mit bösem, hastigem Flügelschlage
+ihn umkreisten. Flache Hügel umgaben die
+Stadt, niedere Weinberge, die ein bescheidenes
+Landgetränk erzeugten; mitten unter den Reben
+lag der umgitterte Friedhof. Meinem Auge
+gegenüber wandte sich die Straße, die Stadt
+verlassend, nach Westen, lief an den hellen
+Bergen entlang und durch gläserne Wälder,
+stieg empor in den erblaßten Himmel und verlor
+sich in der offenen Landschaft, andere Städte
+mit neuen Türmen und späterem Lichte zu erreichen.
+Zwischen Kornfeldern und gleißenden
+Wiesen, die der zweiten Mahd harrten, sah ich
+Erntewagen der Stadt zustreben. Eine Glocke
+läutete, läutete unablässig, und es war, als sei
+<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
+diese Stadt, diese Höhenzüge, diese silberne Spätnachmittagsluft
+wie überschwemmt von schwellenden,
+sich auflösenden und wieder schwellenden
+Tönen.
+</p>
+
+<p>
+Ein alter Mann stieg keuchend die Höhe zu
+mir herauf. Er trug einen schwarzen, eng anliegenden
+Taillenrock und eine graue großkarrierte
+Hose, die weit über die bestaubten Schuhe
+fiel. Er schien dem steilen Weg gram zu sein.
+</p>
+
+<p>
+Ich lüftete den Hut.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ist dies da Fürstenau?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der alte Mann trocknete sich mit einem roten
+Tuch, einer Art Fahne, die Stirn.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;In der Tat, Herr, wenn ich mich recht
+erinnere, so ist es ganz bestimmt Fürstenau.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er lächelte böse und ging weiter.
+</p>
+
+<p>
+&sbquo;Welch eine sonderbare Art sich auszudrücken!&lsquo;
+dachte ich. &sbquo;Spricht man so in unserer Zeit?
+&bdquo;In der Tat, Herr, wenn ich mich recht erinnere,
+so ist es ganz bestimmt Fürstenau.&ldquo; So spricht
+man in einem Shakespeareschen Lustspiel!&lsquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich eilte den Berg hinab und empfand dabei
+die Freude eines Wanderers, der von der
+Höhe das Ziel seines Tages sieht.
+</p>
+
+<p>
+Als ich durch das Tor in die Stadt trat,
+<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
+war mit einem Mal der silberne Zauber wie
+zerbrochen, und Abendrot lag auf den Gassen.
+Hochbepackte Erntewagen, in der golden durchleuchteten
+Fülle leise schwankend, fuhren darüber
+hin und zeitweis bog einer von ihnen in den
+Hof ein. Auf den Pferden saßen hübsche,
+nacktfüßige Bauernjungen, die mit den Peitschen
+knallten, an den Häusern emporsahen und
+nachlässig zu den offenen Fenstern hinaufnickten,
+zu den Mädchen ...
+</p>
+
+<p>
+&sbquo;War es vor tausend Jahren hier anders?&lsquo;
+dachte ich. &sbquo;Ernte und Glockengeläut und Menschen?
+... Die vor tausend Jahren waren, mich
+trennt nur ein weniges von ihnen, nur die
+Zeit ... Ach, was ist Zeit! ... Ich will hier
+bleiben! ...&lsquo;
+</p>
+
+<p class="tb">
+*
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Bald saß ich in einem Garten vor meinem
+Abendbrot und erfreute mich, sobald ich den
+Blick hinwegwandte, an den rosigen Bergen
+und den tiefer beleuchteten Gassen. Ein Mädchen
+mit braunen, zum Kranz geflochtenen Strähnen
+schenkte mir den Wein ins Glas und lächelte
+dazu mit frischem Munde ... Ein Gedanke kam
+mir ... fort damit ... Gespenster! ...
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
+Ich stand alsbald auf, bestellte mir eine
+Kammer für die Nacht und ging nachlässig,
+die Hände in den Hosentaschen, durch die Stadt.
+Ich wünschte jedem Mädchen einen guten Abend,
+und begann mit einigen von ihnen dadurch ein
+Gespräch, daß ich mich nach allerhand Dingen
+erkundigte, die mir völlig gleichgültig waren, &ndash;
+wo der Schmied wohne, ob die Heuernte dieses
+Jahr gut gewesen sei. Ich war an diesem
+Abend ziemlich frech ...
+</p>
+
+<p>
+Bei Anbruch der Nacht kehrte ich in mein
+Gasthaus zurück. Als ich die Stiege hinaufschritt,
+die von einem Windlicht schwach erhellt
+war, begegnete ich dem Mädchen mit dem Lächeln
+um die frischen, feuchten Lippen. Ich
+gab ihr die Hand, bezahlte gleich, da ich früh
+am Morgen aufbrechen wollte, und ging in mein
+Zimmer. Ich setzte mich auf den Rand des Bettes
+und grübelte. Mit einem Male kam eine tiefe
+Traurigkeit über mich, ich wußte nicht, woher.
+Ich trat ans Fensters. Da rauschte unter mir
+der tiefe Mühlbach, und über mir spannte sich
+der Sommerhimmel voll von Sternen. Noch
+hörte ich zwei Männer irgendwo miteinander
+sprechen, noch hörte ich eine Tür im Haus
+<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
+und einen späten Wagen auf der Gasse, dann
+ward es still um mich.
+</p>
+
+<p>
+In dieser Stille breitete die Liebe ihre
+Flügel aus. Sie drückte mich an ihre Brust.
+Ich taumelte und fühlte einen Schmerz wie nie
+zuvor.
+</p>
+
+<p class="tb">
+*
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ich weiß nicht recht, wie alles gewesen
+war. Ich weiß nur, daß ich plötzlich an Nina
+dachte, die ich den ganzen Tag vergessen hatte.
+Ich sah sie vor mir, sah ihr Haar, ihre Augen,
+ihren Gang, ihre Hände, sah sie tanzen, mit
+Wolfgang Seyderhelm tanzen, ... ich hatte
+Angst, ... das Zimmer war so eng und
+heiß, ... tödliche Angst ... Ich nahm Stock,
+Hut und Ranzen und stürzte hinaus in die
+dunkle Luft. Die Haustür war noch offen.
+Ein Hund knurrte leise, aber ich entlief ihm
+schnell. Ich rannte durch die Gassen, durch
+das Stadttor, die Straße entlang, dann einen
+Seitenweg, durch Gebüsch, einen Hügel hinauf,
+... ich keuchte sehr, ... ich fiel zu Boden
+und blieb liegen.
+</p>
+
+<p>
+... Ich war müde und gehetzt, ich war so
+müde! Ich fühlte meine Jugend von mir gleiten
+<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
+und hatte qualvolle Träume. Ich weiß noch,
+daß ich einmal im Halbschlaf emporfuhr: da
+lag unter mir die Stadt und das dunkle Land,
+der Mühlbach leuchtete hier und dort im Mondlicht
+auf, ... um meinen Hügel ging ein leichter
+Wind, ... ich sank zurück ... in Traum und
+Schlummer. Aber schlummernd sah ich immer
+wieder das dunkle Land mit der Stadt, die
+silbernen Stücke des Baches, ... Sterne,
+viel Sterne ... und Nina ...
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-0-7">
+<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
+7
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> bin noch einige Tage so gewandert,
+aber ich wurde nicht mehr fröhlich.
+Ein Sonntag kam, ich sah die Bauern
+zur Kirche gehen, trat mit ihnen ein
+und hörte die Predigt, ich sah die Burschen
+und Mädchen hernach in ihren übermütigen
+Tänzen und empfand am Abend auf der Straße
+die feierliche Stille des scheidenden Sonntages.
+Aber das alles freute mich nicht. Der verworrene
+Geist war von der Liebesleidenschaft
+erfaßt und kannte nur noch Trauer, Eifersucht,
+Haß und Träumerei. Ich wollte nicht mehr
+an Nina und Wolfgang denken, ich wollte nie
+mehr an sie denken. Ich sagte mir Gedichte auf,
+hielt als ein Prinz vor der Versammlung von
+Fürsten eine verwegene Rede, dichtete eine Ode
+an den Kaiser, &ndash; aber selbst das erhabene Gewand
+der Majestät verwandelte sich mir bald,
+ward ein blitzendes, hellblaues ... mit Schokoladenflecken
+...
+</p>
+
+<p>
+Am vierten Abend meiner Wanderung zog
+ich mutloser denn je meine Straße entlang.
+Ich wollte an diesem Tage noch eine größere
+Stadt erreichen, dort einige Zeit verweilen, um
+<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
+dann dem nahen Gebirge zuzueilen. Aber
+irgend ein schöner Baum oder ein sehnsüchtig
+winkender Kirchturm hätte genügt, mich von
+meinem Wege abzulenken. Wer in der Welt
+fragte danach, ob ich einen Nachmittag unter
+schattigem Gesträuch verträumte und den &bdquo;Pescara&ldquo;
+las oder irgendwo auf staubbedecktem
+Wege schritt?
+</p>
+
+<p>
+Ich blieb vor einem Weiser stehen, der mir
+zur Seite in das offene Land hindeutete. Da
+war geschrieben: Nach Strelow 3 km, nach
+Wiesenau 4,5 km. Ich las die Worte gedankenlos.
+Irgend etwas lockte mich, von
+meiner Straße abzubiegen. Was aber war es?
+Strelow? Ich hatte diesen Namen nie gehört.
+Wiesenau? Ich hatte diesen Namen nie ...
+Wie? ... Eine Erinnerung ... Wiesenau ...
+Wiesenau ... da war schon wieder alles entwichen
+... ich schüttelte den Kopf. Wohl
+zwanzigmal sprach ich nun das Wort Wiesenau
+aus, in der Hoffnung, die Erinnerung möchte
+mich noch einmal erleuchten. Doch jede Mühe
+war vergebens: es war ein totes Wort.
+</p>
+
+<p>
+Schon war ich in die neue Landschaft eingebogen.
+Es hatte wohl die Wochen vorher
+<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
+geregnet, denn überall standen kleine schwarze
+Teiche, aus denen einzelne Bäume, Fichten
+und Birken, hervortauchten. Endlos langgezogene
+violette Abendwolken spiegelten sich
+in diesen Teichen und gaben ihnen von ihrer
+Farbe. Soweit mein Blick reichte, sah ich
+nichts anderes als bunte, prächtige Wiesen
+mit großen Blumen und die schwarzen und
+violetten Teiche, aus denen einsame Bäume hervorwuchsen.
+Krähen flogen zuweilen schreiend
+darüber hin, um noch vor Nacht die fernen
+Wälder zu erreichen.
+</p>
+
+<p>
+Als ich durch Strelow kam, läutete die
+Glocke den Abend ein. Ich blickte durch ein
+Fenster; ein alter Bauer saß da, hatte die Brille
+auf der Nasenspitze und las in einer Zeitung.
+Eine Frau trug eine Bank in ihr Haus. Der
+Pfarrer ging durch den Ort und ward von
+allen gegrüßt; auch ich grüßte. Ein Trupp
+Jungens lief zu Gott weiß welchem Abendstreifzug
+...
+</p>
+
+<p>
+In einigen Zimmern brannte ein Licht.
+Sollte ich hier rasten? Es begann zu dunkeln.
+Draußen konnte ich nicht gut schlafen, der
+Boden schien feucht, auch war es ein wenig
+<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
+kühl. Aber die Lichter in den Häusern machten
+mich traurig, und ich fühlte, daß mich im
+Zimmer wieder meine Angst ergreifen würde.
+</p>
+
+<p>
+Ich eilte zum Dorf hinaus. Allein bei den
+letzten Häusern blieb ich beklommen stehen: über
+die Landschaft hatte sich die Dämmerung gesenkt
+und mit tiefem, dunklem Blau die gespenstischen
+Bäume, das Weidengesträuch an den blinkenden
+Teichen und die Getreidefelder umhüllt; von
+oben leuchteten durch blaues Licht einige Sterne;
+nichts unterbrach die Stille als das trostlose
+Quaken der Frösche und das Flüstern des
+Kornes, wenn der Wind darin rauschte.
+</p>
+
+<p>
+Ich ging durch die Dämmerung und fühlte
+mich liebevoll von der Straße fortgelockt, umsponnen
+mit einem blauen Netz. Ein Traum
+von großer Innigkeit berührte mich, mir war,
+als sei er alt und von jedermann zu irgendeiner
+Zeit geträumt. Um meine Augen legte
+sich ein Flor, meine Füße strauchelten oft ...
+</p>
+
+<p>
+&sbquo;Könnt&rsquo; ich doch viele Stunden dieses blaue
+Licht durchschreiten! Wenn nur die Füße nicht
+ermüden wollten ...!&lsquo;
+</p>
+
+<p>
+Aber ach, schon winkten ja am Wegesrand
+nächtliche Kastanien zu Schlummer und Traum! ...
+<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
+Ein Park begann, umgittert, ... eine Allee ...
+Und hier, &ndash; waren hier nicht bronzene Löwen,
+die in dreifach geteilte Becken silbernes Wasser
+spieen? War es nicht einschläfernd und süß?
+</p>
+
+<p>
+Wie, stand dort nicht ein Haus vor mir,
+ein Schloß, mit einer erleuchteten Altane und
+bläulich schimmernden Stufen?
+</p>
+
+<p>
+Bin ich nicht neugierig herangeschlichen, ...
+leise, ... ganz leise, ... und sah ich dort
+nicht all die Menschen, die ich liebte? ... Die
+Mutter ... mit dem Sohn ... und meine
+schöne Freundin Nina?
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-0-8">
+<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
+8
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">it</span> pochendem Herzen und heißen
+Wangen stand ich im Dunkeln und
+blickte auf die Veranda. Nina
+arbeitete an einer festgespannten
+Stickerei und sprach dabei mit Wolfgang, der
+die Hände um ein Knie geschlungen hatte, eine
+Zigarette rauchte und zeitweise aus einem
+Glase trank. Frau Seyderhelm schrieb einen
+Brief. Manchmal hob sie den Kopf und warf
+einige Worte in die Unterhaltung der beiden ein.
+Ich konnte nicht verstehen, was gesprochen wurde.
+</p>
+
+<p>
+Ich sah Ninas Profil und ihre Hände.
+Wie zart sie war! Ja, war sie nicht anbetungswürdig?
+Süße Nina! ... Ich machte eine
+Bewegung.
+</p>
+
+<p>
+Da rief Nina laut:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wolfgang, ich bitte dich, &ndash; draußen steht
+jemand.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich hielt den Atem an.
+</p>
+
+<p>
+&sbquo;Wenn ich hier entdeckt werde, ersteche ich mich.&lsquo;
+</p>
+
+<p>
+Wolfgang beugte sich hinaus und rief:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Es ist niemand hier ... Du bist recht
+schreckhaft!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+O &ndash; gerettet!
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
+Frau Seyderhelm hatte ihren Brief beendet,
+man plauderte angeregt. Ich sah,
+wie die Mutter einmal ihrem Sohne lächelnd
+mit dem Finger drohte. Nach einer Weile
+legte Nina ihren Stickrahmen fort, packte ihre
+Nähsachen in einen Pompadour und stand auf.
+Sie gab erst Frau Seyderhelm die Hand, dann
+wechselte sie einige Worte mit Wolfgang, &ndash; sie
+schienen etwas zu verabreden, &ndash; ließ ihre Hände
+auf seinen Schultern ruhen, gab ihm einen leichten
+Backenstreich und trat in die Zimmer hinein.
+Wolfgang küßte seine Mutter, die ihm über das
+Haar strich; mir war, als sprächen sie von
+Nina, denn sie sahen nach der Türe; dann
+gingen beide hinaus. &ndash; Eine Magd erschien
+einige Augenblicke später auf der Veranda,
+räumte die Sachen auf, zog die Markise in die
+Höhe und stellte die Gartenmöbel zur Seite.
+Sie nahm die Lampe und verschwand.
+</p>
+
+<p>
+Alles war finster um mich herum. Oben
+im Schloß sah ich mehrere erleuchtete Fenster.
+Ich hörte zuweilen Schritte, dann wurde alles still.
+</p>
+
+<p>
+Langsam löste ich mich aus meiner Erstarrung
+und ging durch den Park. Ich empfand
+nicht viel: ein wenig Erstaunen, ein wenig
+<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
+Schmerz, ein wenig Müdigkeit und ein wenig
+Glück ... Ich wollte weiter wandern. Was
+sollte ich hier? Niemand würde mir glauben,
+daß ich zufällig hierher gekommen sei, ... aber
+da hörte ich wieder die süße, einschläfernde
+Melodie der plätschernden Brunnen. Gedankenlos
+legte ich mich nieder, zu Füßen eines
+bronzenen Löwen. Ich faltete die Hände
+hinter dem Kopf und blickte in den Himmel,
+wo die Milchstraße ihren Triumphbogen über
+das Firmament spannte. Ich fühlte, daß der
+Schlaf mich übermannen würde, und wollte
+doch wachen und nachdenken. Ich ward traurig
+und erinnerte mich der Worte des Herrn:
+&bdquo;Könnet ihr denn nicht Eine Stunde mit mir
+wachen?&ldquo; &ndash; Noch einmal sah ich zu den erleuchteten
+Fenstern im Schloß, dann fiel ich in
+Traum. Schlafend spürte ich die Kälte der
+Nacht und zog mein Cape eng um mich. Und
+in meinen Traum drang immer wieder das
+Plätschern des Wassers, ... das Plätschern des
+Wassers.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-0-9">
+<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
+9
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> mochte gegen fünf Uhr morgens sein,
+als ich erwachte. Mein erster Blick galt
+dem Schloß vor mir, in dessen Fensterscheiben
+die Morgensonne purpurrot
+leuchtete. Ich sprang empor; mein Gesicht
+und meine Kleider waren naß vom Tau. Ich
+machte einige Bewegungen mit den Armen und
+stampfte mit den Füßen, denn meine Glieder
+waren wie erstarrt. Dann wusch ich mich in
+einem der bronzenem Becken und klopfte die
+Kleider ab. Nur weiter, immer weiter, fort
+von hier ...
+</p>
+
+<p>
+Als ich bereit war zu marschieren, lehnte
+ich mich an einen Baum; ich wollte noch einmal
+mit einem langen Blick dieses geliebte
+Schloß umfangen.
+</p>
+
+<p>
+Da ... was war das? ... Ein Fenster
+öffnete sich, ... ich trat zurück ... Wolfgang, ...
+im leichten Morgenkleid. Er beschattete mit
+der Hand die Augen, sah zum Himmel und
+reckte die Arme in die junge Luft hinein. Dann
+verschwand er; bald jedoch erschien er wieder,
+nahm einen Stock und klopfte leise mit der
+metallenen Spitze an das benachbarte Fenster.
+<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
+Lange Stille ... Dann öffnete sich das Fenster ...
+Nina ... Sie gaben einander die Hände. Wolfgang
+setzte sich auf das Fensterbrett und deutete
+nach dem Horizont. Nina gähnte ein wenig
+und beide lachten.
+</p>
+
+<p>
+Da war mir, als müsse ich einen Panzer
+von meiner Brust reißen. Ich bog mit beiden
+Händen die Sträucher auseinander, und
+meine helltönende Stimme rief den Aufhorchenden
+zu:
+</p>
+
+<div class="poem-container">
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">&bdquo;An jedem Morgen, eh des Hahnen Krähn</p>
+ <p class="verse">Die Menschheit weckt, steh ich im tiefen Grunde,</p>
+ <p class="verse">Muß durch die Luft nach Burg und Felsen spähn.</p>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">Noch lieget Dunkelheit auf meinem Tal,</p>
+ <p class="verse">Da gibt von Osten das Gestirn mir Kunde,</p>
+ <p class="verse">Und in dem Fenster oben spielt ein Strahl.</p>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">Es taucht in Licht das trotzige Gestein,</p>
+ <p class="verse">Und wächst und starrt und höhnet meiner Qual,</p>
+ <p class="verse">Bald reckt es in den Himmel sich hinein &ndash;</p>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">Willst du dich heute nicht am Fenster zeigen,</p>
+ <p class="verse">In Morgenklarheit dich vom Traum befrein?</p>
+ <p class="verse">Willst du das Haupt nicht freundlich zu mir neigen?</p>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">Mich tötet dieses dunklen Tales Schweigen.&ldquo;</p>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
+Kaum hatte ich geendigt, als Nina ihrem
+Freunde mit hochgezogener Stirne langsam, ja
+perfide langsam das Antlitz über die Schultern
+zuwandte und die beiden Handflächen fragend,
+chokiert und spöttisch nach außen bog. Wolfgang
+aber schien sich nicht darum zu kümmern;
+er warf das Fenster heftig zu, ich hörte ihn eine
+Treppe herunterstürmen, und einen Augenblick
+später kam er &ndash; notdürftig mit einem Hemde,
+einer Hose und einem Paar Sandalen bekleidet
+&ndash; durch den Garten auf mich zugelaufen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Walter Regnitz! Lieber Walter Regnitz!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er umarmte mich stürmisch; er war blaß
+vor Erregung.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wo hast du nur die ganze Zeit gesteckt?
+Wir erwarten dich schon seit drei
+Tagen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wie? Man erwartete mich?
+</p>
+
+<p>
+Wir wandten uns zum Schloß.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich habe eine Fußwanderung gemacht und
+diese Nacht im Garten geschlafen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wolfgang legte erschrocken seine Hand auf
+meinen Arm.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du hast in unserm Garten geschlafen?
+Bist du toll?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
+Und dann nach einer Pause, die er mit
+ratlosen Gebärden ausfüllte:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, warum bist du aber nicht ins Haus
+gekommen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich wurde etwas rot.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja ... weißt du, ... ich kam spät hier
+an ... und da wollte ich nicht stören ...&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich grüßte zu Nina hinauf.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ah, sieh da!&ldquo; rief sie vom Fenster herunter.
+&bdquo;Ein Dichter! Ein Troubadour! Sie
+verlangen gewiß Ihren Lohn!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie nahm aus einem Wasserglas helle Rosen
+und zerblätterte sie mit den weißen Fingern.
+Mir fielen diese Blätter auf Kopf, Schultern
+und Hände, der ich betroffen, glücklich und verlegen
+in einem duftenden Blumenregen stand.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Denk&rsquo; dir, Nina, er hat diese Nacht im
+Garten geschlafen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Nina lachte, &ndash; ihr singendes, gefährliches
+und verstehendes Lachen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie sind ein echter Minnesänger, Herr
+Walter von der Regnitz!&ldquo; rief sie und warf
+vier volle weiße Rosen zu mir herab. Ich fing
+eine von ihnen auf und führte sie höflich und
+gefaßt an meine Lippen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
+&bdquo;Und Sie, gnädiges Fräulein, eine echte
+Herzenskönigin.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich hörte noch einmal, wie Nina tief belustigt
+lachte und darauf das Fenster schloß.
+</p>
+
+<p>
+Wolfgang zog mich ungeduldig die Stufen
+zur Veranda hinauf.
+</p>
+
+<p class="tb">
+*
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Wolfgang stand halb angekleidet vor seinem
+Eimer und putzte sich eifrig und andauernd
+die Zähne.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie findest du sie?&ldquo; fragte er mich, der
+ich auf einem Stuhl saß und ihm zusah.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nina.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er nahm einen Schluck Wasser, gurgelte und
+spuckte kräftig.
+</p>
+
+<p>
+Ich schwieg.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun?&ldquo; fragte er.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Oh, ganz nett!&ldquo; sagte ich endlich.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie ist herrlich!&ldquo; rief er begeistert und
+begann von neuem zu gurgeln.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich warf er die Zahnbürste fort, drehte
+sich schnell um und legte seine Hände auf
+meine Schultern.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
+&bdquo;Was hast du neulich gesagt?&ldquo; fragte er.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich? Wann?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Neulich, bei unserer Gesellschaft.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich habe vermutlich viel gesagt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein, du hast gar nicht viel gesagt. Du
+lehntest dich an einen Türpfosten und fragtest
+mich, wie alt Nina sei. Und plötzlich ...&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und plötzlich sagtest du, als ob du geistesabwesend
+seiest: Du liebst sie ja!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er wandte sein Gesicht schnell dem Spiegel
+zu und zog Kamm und Bürste aus der Lade.
+</p>
+
+<p>
+Ich war erschrocken.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Habe ich das wirklich gesagt?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wolfgang beschrieb mit dem Kamm eine
+weite phantastische Figur und erklärte begeistert:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du bist ein großer Menschenkenner, Walter!
+Ich habe sie wirklich sehr gern ... Hör&rsquo; mal,
+wie der Kamm knistert.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Und er hielt seinen Kamm dicht an mein
+Ohr. Ja, wahrhaftig, der Kamm knisterte.
+</p>
+
+<p>
+Wolfgang war mit seiner Toilette fertig.
+Er trug ein hellgraues, eng an den Hüften
+liegendes Sommerjackett mit schwarzen Kniehosen,
+dazu schmale Halbschuhe, ein weißes
+<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
+Sportshemde und eine leichte, seidene Krawatte.
+Er sah sehr frisch, sehr jugendlich und
+sehr vornehm aus.
+</p>
+
+<p>
+Wir gingen durch einige Gemächer und
+betraten das Speisezimmer. Es fiel mir
+auf, daß dieses Schloß mit einer nahezu
+bäuerischen Freude an bunten Farben eingerichtet
+war.
+</p>
+
+<p>
+Ein Diener erschien. Wolfgang bestellte Tee.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du bist hungrig, Walter?&ldquo; fragte er.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;O ja!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also: hier ist Honig, Gelee, Sumpfdotterblumen,
+Schinken, Brot ... ach ...&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er stand plötzlich auf, warf dabei seinen
+Stuhl hin und umarmte mich noch einmal:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie schön, daß du hier bist!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Natürlich errötete er, sprang an die Tür
+und schrie, der Tisch sei schlecht gedeckt. Der
+Diener kam und Wolfgang schlug sich an
+den Kopf.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich Esel! Willst du ein Beefsteak?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ein Beefsteak?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Es dauert gar nicht lange. Fritz, wie
+lange dauert ein Beefsteak?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Eine Viertelstunde&ldquo;, war die Antwort.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
+&bdquo;Ach, Unsinn&ldquo;, protestierte ich. &bdquo;Was soll
+ich denn jetzt um halb sechs mit einem Beefsteak?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wolfgang lachte und goß sich ein Glas
+Fachinger ein.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Prost, Walter! Du kennst unsern Stil
+noch nicht. Wir leben nämlich hier den Stil
+englischer Peers. Morgens <span class="antiqua">you take your
+steak</span>,&ldquo; &ndash; er bediente sich hierbei einer manirierten
+Aussprache, &ndash; &bdquo;mittags hungert man,
+das nennt man <span class="antiqua">luncheon</span> und abends ißt
+man im <span class="antiqua">dinnerjackett</span> alles das, was man am
+Mittag versäumt hat. Das hat Nina hier so
+eingeführt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Nina, immer Nina!
+</p>
+
+<p>
+Ich fragte unvermittelt:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aus welcher Familie stammt sie eigentlich?
+Hat sie noch Eltern?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wolfgang warf nachdenklich zwei Stück
+Zucker in seine Teetasse.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Weißt du, bei Nina muß man nicht fragen,
+woher sie kommt und wohin sie geht.
+Nina ist einfach <em>da</em>, &ndash; verstehst du? &ndash; einfach
+<em>da</em>.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich sah Wolfgang aufmerksam an. Schau
+<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
+an, dachte ich, wie klug er ist! Was er da
+eben gesagt hatte, war mir nicht fremd. Nina
+war einfach da, ... sie war eigentlich ...
+seelenlos.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie ist eigentlich seelenlos,&ldquo; sagte ich.
+</p>
+
+<p>
+Wolfgang trank seinen Tee. Er stöhnte
+einige Male wie ein Kind in die Tasse hinein,
+setzte sie dann ab, sprang vom Tische auf
+und sagte:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jawohl, seelenlos, aber herrlich! &ndash; Bist
+du fertig?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gut. Wie wäre es, wenn wir jetzt aufs
+Feld gingen und arbeiteten? Ich lasse mir
+nämlich jeden Abend von unserm Inspektor ein
+Feld anweisen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich willigte in diesen Vorschlag ein. Wir
+zündeten uns jeder eine Zigarette an und
+gingen in den Hof. Dort holten wir uns aus
+einem Schuppen lange Forken und zogen darauf
+munter durch den Park.
+</p>
+
+<p>
+Einmal wandte ich mich um und blickte
+zu Ninas Fenstern hinauf. Sie waren fest
+verschlossen und die Vorhänge heruntergelassen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das gnädige Fräulein pflegt bis neun
+<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
+Uhr zu schlafen,&ldquo; sagte Wolfgang, der meinen
+Blick bemerkt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Ich errötete und schwieg.
+</p>
+
+<p class="tb">
+*
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Wir sind auf dem Feld angelangt und
+ziehen unsere Jacken aus. Die Kornfelder
+stehen in der jungen gelbstrahlenden Sonne.
+Auf den heiteren grünen Wiesen und Weidegründen
+grasen die roten und braunen Kühe
+des Gutes und senden den Ton von tiefen
+Glocken durch das flüssige Licht. Am Horizont
+suchen auf noch beschattetem Hügel
+Schafe ihr Futter. Ein Schäfer mit einem
+großen Hut steht neben ihnen. Er hält den
+Hirtenstab in der ausgestreckten Hand auf die
+Erde gestützt, als sei er der Wächter dieses
+Tales und behüte seine Unschuld. Eine Wolke
+zieht langsam über den bleichen westlichen
+Himmel.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;So, nun stellen wir hier die Garbenbündel
+auf,&ldquo; sagt Wolfgang. &bdquo;Du bist ja
+früher auf dem Land gewesen und weißt, wie
+man das macht. Immer zu sechs auf einen
+Haufen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
+&bdquo;Bei uns nahm man acht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;So ... na ja, wir nehmen immer sechs.
+Weiß der Teufel, warum. Bald kommen die
+ersten Leiterwagen vom Gut. Dann gehen wir
+dort auf das Feld, &ndash; siehst du es? &ndash; und
+packen das Korn auf. Das macht immer sehr
+viel Spaß.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wir arbeiten schweigend und mit gesammeltem
+Eifer. Die Ähren stechen unsere
+Hände wund und ihre Körner rieseln uns in
+Hemd und Hose. Wolfgang macht manchmal
+eine Bewegung, als habe ihm jemand kaltes
+Wasser in den Nacken gegossen.
+</p>
+
+<p>
+Später singt er mit klarer Stimme und
+deutlicher Aussprache einen altfranzösischen
+Chanson. Da ist von einem Grafen die
+Rede, dem es nicht wohl erging, weil seine
+Gemahlin der Majestät von Frankreich allzusehr
+gefiel.
+</p>
+
+<p class="tb">
+*
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Bald vernehmen wir das Rollen und Klappern
+von Wagen, die über die Landstraße zu uns
+herauffahren. Wir haben unsere Arbeit gerade
+beendet, als wir die Rufe der Bauern hören,
+<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
+die mit ermunterndem Einsprechen ihre Pferde
+einige schwere Hügel erklimmen lassen. Dann
+ertönt das Dröhnen von Wagen, die über eine
+hölzerne Brücke fahren, und gleich darauf
+ziehen sie alle an uns vorbei. In einem der
+Wagen sind nur Frauen. Sie haben alle rote
+Tücher um die Köpfe geschlungen. Jedermann
+wünscht uns: &bdquo;Guten Morgen!&ldquo; worauf wir
+beinahe feierlich unsere Mützen lüften und den
+Gruß erwidern. In einem Gefährt sitzt ein
+hübsches junges Mädchen. Ich nicke ihr zu,
+worauf sie verlegen zu Boden sieht. Ich bin
+sehr stolz, das erreicht zu haben.
+</p>
+
+<p>
+Der letzte Leiterwagen wird von einem
+Bauernjungen gelenkt, der auf dem linken
+Pferde sitzt. Er grüßt uns, wie ein Souverain
+zu grüßen pflegt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;He Hans!&ldquo; ruft Wolfgang. &bdquo;Bleib du
+bei uns!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Hans steigt vom Pferd. Wolfgang legt
+seinen Arm auf die Schultern des Jungen und
+führt ihn zu mir heran. Die beiden stehen
+der Sonne entgegen, blinzeln, sind wohlgestaltet,
+blond, und &ndash; seltsam &ndash; sie sehen einander
+ähnlich.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
+&bdquo;Ich stelle dir hier meinen Freund Hänschen
+Kietschmann vor.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Junge macht eine Verbeugung, eine
+leichte, weltmännische, garnicht zu tiefe Verbeugung,
+und bietet mir die Hand, die ich schüttle.
+</p>
+
+<p>
+Er geht fort, um noch einige Bauern zu
+holen. Ich sehe ihm nach. Er ist schlank und
+groß gewachsen.
+</p>
+
+<p>
+Wolfgang macht ein sonderbares Gesicht
+und lächelt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ist dir etwas ... wie soll ich sagen ...
+aufgefallen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aufgefallen? ... Nein, ... das heißt ...&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich bin mit einem Male verwirrt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Er sieht dir ähnlich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wolfgang nickt, sieht zum Himmel, zieht die
+Nase kraus, blinzelt, schluckt herunter und sagt:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Er ist mein Halbbruder.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie &ndash;?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wolfgang bewegt seine Hand in einer sehr
+sprechenden, etwas frivolen Art.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mein Gott, ... wir vergessen, daß unsere
+Väter auch jung waren ... Mein Vater
+<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
+lebte hier allein ... na und ... wie das so
+kommt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er geht mit graziösem Schritt fort, um die
+Gabeln vom Graben zu holen.
+</p>
+
+<p>
+Ich schüttle den Kopf, wundere mich und
+vergesse im nächsten Augenblick alles.
+</p>
+
+<p>
+Wir arbeiten schweigsam fort.
+</p>
+
+<p>
+Hans Kietschmann steht zusammen mit einem
+Bauern oben auf dem Wagen und packt das
+Korn auf. Neben uns sind Weiber, die von
+Zeit zu Zeit miteinander sprechen. Ein leichter,
+von der aufsteigenden Sonne gewärmter Wind
+trägt aus der Richtung der anderen Wagen
+den Schall von Reden und Gelächter zu uns
+herüber.
+</p>
+
+<p>
+Es beginnt allmählich heiß zu werden. Die
+Augen schmerzen ein wenig; ich sehe nichts
+als flimmerndes Gelb. Die Weiber riechen
+nach Schweiß. Die Ochsen sind von Fliegen
+geplagt und schlagen mit den Schwänzen kräftig
+umher. Ich fühle mich sehr wohl. Nina ist
+vergessen, vollkommen vergessen. Wie süß es
+ist, daran zu denken, daß ich Nina so völlig
+vergessen habe.
+</p>
+
+<p>
+Es schlägt zwölf Uhr, wir hören mit der
+<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
+Feldarbeit auf, trinken Wasser und ziehen die
+Jacken an.
+</p>
+
+<p>
+Ich gebe Wolfgang die Hand.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Danke für den Vormittag, Wolfgang.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wolfgang lächelt und nimmt meinen Arm.
+Wir gehen als Freunde zum Schloß. Wolfgang
+ist zärtlich und spricht sehr viel.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-0-10">
+<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
+10
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">N</span><span class="postfirstchar">achdem</span> wir in unsern Zimmern Gesicht
+und Hände erfrischt hatten, betraten
+wir die Veranda, um dort zu lunchen.
+</p>
+
+<p>
+Nina saß am Tisch. Sie schien sich
+zu langweilen und benahm sich wie ein kleines
+Mädchen, das auf seine Mahlzeit wartet.
+</p>
+
+<p>
+Ich betrachtete Nina von der Seite. Sie
+hatte ein steifes weißes Kattunkleid an. Ihr
+Hals und ihre Arme waren nackt. Auf ihrer
+Brust trug sie eine Brillantenbrosche, an der
+linken Hand, der elfenbeinernen mit den langen
+schmalen Fingern, leuchteten vier herrliche Saphire
+von mildem Blau. Das kastanienbraune
+Haar war eine Pracht, eine Krone, ein Akkord
+von rauschenden, dunklen Tönen.
+</p>
+
+<p>
+&sbquo;Mein Gott und dennoch, was ist denn
+Nina? Ein kleines Mädchen, das sich langweilt!
+Aber ein Mädchen, das ich liebe? Nun ja,
+was ist schon dabei? Viele Jungens lieben
+viele Mädchen. Da ist gar nichts dabei.&lsquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich fühlte mich Nina überlegen.
+</p>
+
+<p>
+Ich setzte mich an den Frühstückstisch. Obwohl
+es sehr heiß war, hatte Nina einen
+Schnupfen, was mir ganz sonderbar vorkam.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
+Sie führte ihr Tuch an den Mund und
+fragte mit einer Stimme, die heute noch näselnder
+klang als sonst:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wo habt ihr denn eigentlich so lange
+gesteckt?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblicke wurde es mir recht
+deutlich, daß Nina gar nichts anderes war als
+eine große faule schöne Katze. Ich beugte mich
+spöttisch vor bis auf die Tischplatte und sagte
+von unten zu ihr aufblickend:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wir haben gearbeitet, &ndash; und Sie, was
+haben Sie getan?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich habe geschlafen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ah, Sie haben geschlafen ...&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jawohl; ich bin nämlich kein Troubadour,
+der wie ein Hase mit offenen Augen nachts im
+Felde schläft.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Hier betrat Frau Seyderhelm die Veranda.
+Sie begrüßte mich sehr herzlich, schalt auf
+das freundlichste, daß ich die Nacht draußen
+zugebracht hatte, und sprach die Erwartung aus,
+daß ich nun doch die Ferien auf Wiesenau
+verleben würde.
+</p>
+
+<p>
+Man frühstückte.
+</p>
+
+<p>
+Es stellte sich im Lauf des Gesprächs
+<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
+heraus, daß Frau Seyderhelm mir am Tag
+nach der Gesellschaft einen Brief mit der Einladung
+nach Wiesenau in die Wohnung geschickt
+hatte, der nicht mehr in meine Hände gekommen
+war.
+</p>
+
+<p>
+Nina begann mit einer Geschichte, die so
+komisch war, daß wir alle fürchterlich lachen
+mußten. Sie sprach lebhaft, mit vielen Gesten,
+erzählte vorzüglich und ward durch ihren Erfolg
+so angeregt, daß sich der Schnupfen zu verlieren
+schien.
+</p>
+
+<p>
+Wolfgang machte seiner Mutter kopfschüttelnd
+Vorwürfe, daß die Gänseleberpastete schon
+seit einigen Tagen nicht mehr genügend auf Eis
+liege. Dann wandte er sich zu mir und fragte mit
+einer kindlich hohen, liebenswürdigen Stimme:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ißt du Radieschen gern?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Man hörte von Frau Seyderhelm, daß die
+Gräfin Königsmarck heute morgen dagewesen
+sei; man sprach dann sehr lange über die Gräfin
+Königsmarck. Nina schien sie nicht zu lieben.
+Wolfgang behauptete, diese Dame röche nach
+wilden Tieren.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wolfgang, so spricht man nicht von einer
+Dame!&ldquo; sagte Frau Seyderhelm.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
+Nina jubelte und begann ohne den mindesten
+Zusammenhang eine Schilderung zu entwerfen,
+wie sie auf der Treppe meinen Ranzen
+gefunden und aufgemacht habe.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Stellen Sie sich vor, Frau Seyderhelm:
+er reist mit einem zerrissenen Hemde, einer
+Zahnbürste, zwei alten Brötchen und dem
+Werther; den Werther hat er in seine Socken
+gepackt!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Man lachte sehr. Mich erfaßte mit einem
+Mal der unbezähmbare Drang, Ninas Hand,
+die elfenbeinerne mit den spitzen Nägeln und
+der kühlen Haut, zu küssen. Ich bückte mich
+nach einer Serviette und berührte wie zufällig
+Ninas Finger mit meinen Lippen. Nina ließ
+es ruhig geschehen; sie tat, als habe sie nichts
+gespürt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Es war übrigens gar nicht der Werther,&ldquo;
+sagte ich, als ich wieder aufrecht saß. &bdquo;Es
+war die Versuchung des Pescara.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich bediente mich mit einer kalten Reisspeise
+und war von meinem Abenteuer so aufgeregt,
+daß ich kaum schlucken konnte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Oh, die Versuchung des Pescara,&ldquo; sagte
+Frau Seyderhelm. Und sie fing an, sich des
+<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
+längeren über &bdquo;Huttens letzte Tage&ldquo; auszulassen.
+</p>
+
+<p>
+Wolfgang zog ein gelangweiltes Gesicht
+und schlug Nina für den Nachmittag eine
+Tennispartie vor. Sobald er mit Nina sprach,
+war seine Stimme zart und fast unterwürfig.
+</p>
+
+<p>
+Frau Seyderhelm hob die Tafel auf.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Schreiben Sie mir später den Namen
+Ihrer Wirtin auf, lieber Walter,&ldquo; sagte sie.
+&bdquo;Man soll uns Ihre Sachen nachschicken.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich küßte Frau Seyderhelm die Hand und
+verbeugte mich vor Nina.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Spielen Sie Tennis?&ldquo; fragte Nina.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, ein wenig.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie fuhr mit ihrer Zunge zwischen den
+Lippen einher.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du reitest heute nicht mehr, Wolfgang?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein; es ist zu heiß.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich spürte plötzlich den Duft von Ninas
+Körper. Ich sah ihren weißen Hals und erbebte.
+</p>
+
+<p>
+Nina lächelte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Addio, meine Herren. Ich gehe in den
+Wald.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Addio.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wolfgang zog sich in die kühlen Räume zurück.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
+Ich blieb auf der Veranda und sah in
+den Park. Nina ging langsam die kiesbedeckte
+Allee entlang, blieb zuweilen stehen, betrachtete
+mütterlich ein Blättchen, das sie mit
+der kühlen Hand liebkoste, pflückte eine Rose
+vom Blumenbeet und befestigte sie an ihrer
+jugendlichen Brust. Darauf verlor sie sich &ndash;
+unvergleichlich ebenmäßig ausschreitend &ndash; im
+mittäglichen Gehölz.
+</p>
+
+<p>
+Die Gutsglocke schlug ein Uhr. Malatesta,
+der Hofhund, dehnte sich schläfrig, beroch mißtrauisch
+seine Pfote und legte sich auf den
+Rasen. Der Diener räumte den Frühstückstisch
+ab.
+</p>
+
+<p class="tb">
+*
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Am Nachmittag lag ich irgendwo im Wald
+auf dem Rücken und träumte in den blauen
+Himmel hinein. Manchmal streichelte ich den
+schönen Malatesta, der mich begleitet hatte. Es
+war sehr heiß. Der Hund hob zeitweise den
+Kopf, stieß, von Wärme bedrückt, den Atem
+aus der Kehle, ließ die Zunge hängen und
+hatte feurige Augen. Mich plagten die summenden
+und stechenden Mücken. Ich begann
+unruhig und gestört zu schlafen. Böse Träume
+<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
+von großer Leidenschaft und überquellender
+Sehnsucht verfolgten mich. Ich sah, wie Nina
+zu mir, dem Schlafenden, trat, ihr mokantes
+Lächeln lächelte und mit einem Male mütterlich,
+mit drängenden Händen und junger weißer
+Brust sich neigte.
+</p>
+
+<p>
+Der nahe Gong, der zum Tee rief, weckte
+mich auf. Die Sonne war tiefer herabgesunken;
+unter ihren schrägen Strahlen beruhigte sich die
+Welt und wurde kühl. Ein Wind ging durch die
+Bäume, der in den Blättern flüsterte und
+schluchzte. Der Hund war fortgelaufen. Ich
+fühlte, daß alles nutzlos sei und ich ewig einsam
+bleiben müsse.
+</p>
+
+<p class="tb">
+*
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Gegen Abend spielten wir Tennis.
+</p>
+
+<p>
+Nina war biegsam, schmal in den Fesseln
+und schnellfüßig. Ihre Hand war sicher, der
+Schlag ihres Rackets ruhig.
+</p>
+
+<p>
+Wolfgang, ihr Partner, war weißgekleidet,
+hatte den rechten Ärmel seines Hemdes aufgeschlagen
+und zeigte einen braungebrannten,
+schmalen und kräftigen Arm.
+</p>
+
+<p>
+Ich gab streng auf das Spiel acht und
+hatte den brennenden Ehrgeiz, mich gut zu
+<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
+halten. Ich verlor das erste Match, trat beim
+Wechseln an das Netz, beglückwünschte Nina
+und küßte ihre Hand. Wolfgang sah mich ein
+wenig befremdet an. Nina lächelte, war unendlich
+liebenswürdig, legte einmal beim Gespräch
+ihre Hand auf meinen Arm und nannte
+mich Walter. Ich war rasend vor Glück,
+machte ein hochmütiges Gesicht und verdoppelte
+meine Anstrengungen.
+</p>
+
+<p>
+Mir war, als ständen Nina und Wolfgang
+in abendrotem Dunst und rosafarbenem Nebel.
+Jedermann von uns spielte mit streng geschlossenen
+Lippen. Nichts unterbrach das Schweigen
+als nur das Aufschlagen des Balles, das
+Summen des festgespannten Rackets und zeitweis
+ein kleiner Ausruf der Überraschung oder
+des Ärgers. Niemand zählte laut, denn jeder
+von uns wußte, wie wir standen. Frau Seyderhelm
+trat ans Gitter; wir grüßten flüchtig und
+spielten weiter. Frau Seyderhelm sprach mit
+einem Gärtner, deutete einmal mit der Hand
+auf ein Blumenbeet und wandte sich über unsern
+Eifer lächelnd zum Gehen. Ich wurde
+gewahr, daß sich mein Spiel von Minute zu
+Minute verbesserte. Im letzten entscheidenden
+<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
+Set gewann ich alle sechs Spiele und war somit
+Sieger im Match. Nina sagte uff und
+fächelte sich mit ihrem Tuch kühle Luft ins
+Antlitz. Als wir uns die Hände schüttelten,
+sah sie mich wie zum erstenmal an. In ihren
+Augen leuchtete mir etwas Verlockendes und
+Gefährliches entgegen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie spielen gut,&ldquo; sagte Nina. &bdquo;Reiten Sie?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gewiß.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wolfgang, wir werden morgen früh reiten.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;O Nina, rede keinen Unsinn, das hast
+du schon zehnmal gesagt. Du stehst ja doch
+nicht um sieben Uhr auf.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Doch, ich werde ganz bestimmt um sieben
+Uhr aufstehen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie sah mich wieder mit ihren lockenden
+Augen an, wobei sie die Lider ein wenig zusammenzog.
+Mir war, als liebkosten mich die
+goldfarbenen seidenen Wimpern.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was wird Herr Regnitz für ein Pferd
+reiten?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+O weh, sie sagte wieder Herr Regnitz!
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Willst du einen ruhigen Gaul, Walter?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein, im Gegenteil.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gut, du sollst die Moissi haben. Eine
+<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
+Rappstute, weißt du. Du bekommst den neuen
+Sattel, den mir Mama geschenkt hat.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hören Sie zu, Walter, das ist eine unerhörte
+Gnade.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+O &ndash; sie sagte wieder Walter!
+</p>
+
+<p>
+Ich spürte in diesem Augenblick den einzigartigen
+Duft von Ninas mädchenhaftem Körper.
+Ich sog ihn wissend und gekräftigt ein.
+</p>
+
+<p>
+Der Teufel wird mir an diesem Abend
+wenig anhaben können. Ich habe mein Match
+gewonnen und morgen reite ich Moissi.
+</p>
+
+<p class="tb">
+*
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die Damen zogen sich bald nach dem Abendessen
+zurück.
+</p>
+
+<p>
+Wolfgang und ich, wir saßen noch eine
+Weile auf der Terrasse, fühlten eine angenehme
+Ermüdung in unsern Gliedern und tranken
+ein wenig <span class="antiqua">Black and White</span> mit sehr viel Sodawasser
+gemischt.
+</p>
+
+<p>
+Wir sprachen nicht viel, sondern sahen zum
+reichbesternten Himmel empor und beobachteten
+die Sternschnuppen. Der Diener setzte einen
+Eiskühler neben den Tisch und verschwand.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nina reitet gut,&ldquo; sagte Wolfgang. &bdquo;Ich
+<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
+werde ihr mal morgen den &sbquo;Sekt&lsquo; geben. Da
+kann sie was erleben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Und dann, nach einer Weile:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mama hat im vergangenen Jahr viel
+Sorge mit dem Stall gehabt. Weißt du, der
+Rotz ... Na, jetzt ist es vorbei ...&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;So?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, jetzt sind sie wieder alle gesund. Einer
+ging ein. Na, meinetwegen, mir lag nichts
+an ihm. Ein Wallach.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ein Knecht schritt mit einer Laterne durch
+den Garten. Wir sahen dem unruhigen Licht
+nach.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Komisch,&ldquo; sagte Wolfgang plötzlich, &bdquo;wir
+kennen uns erst seit sechs Tagen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Eine Stille.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du bist immer so hochmütig. Hast du was?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein. Garnichts.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Eine Stille.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du mußt in den Herbstferien herkommen
+und hier mit uns jagen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Danke. Ja.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Mir stieg ein Gedanke auf.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jagt Nina auch?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
+&bdquo;Ja, sie schießt sehr gut. Sie hat gar
+keine Angst.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie schön.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich sah ein Bild vor mir: Nina mit dem
+unvergleichlichen Gang der Kosakenmädchen
+durch den Wald schreitend, die Büchse in der
+Hand, mit spähenden Augen und grausamen
+Lippen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie schön,&ldquo; wiederholte ich.
+</p>
+
+<p>
+Ein Stern glitt in mächtiger und graziöser
+Bewegung durch den erleuchteten Raum.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hast du dir etwas gewünscht?&ldquo; fragte
+Wolfgang.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was denn?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mehr Whisky.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wolfgang lachte und schenkte ein.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Na, Mama wird morgen Augen machen
+über unsere Sauferei. Prost!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Prost!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wir schwiegen lange.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Man muß das Leben mit gesunden Händen
+anfassen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wolfgang sah mich unsicher an. Dann
+sagte er verlegen:
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
+&bdquo;Ja.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wir beobachteten zwei Fledermäuse.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was denkst du über die Frauen?&ldquo; fragte ich.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Über welche Frauen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich meine ... fändest du etwas dabei,
+wenn Jungens wie wir ... ein Verhältnis
+haben?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein ... ja, das heißt ... es kommt
+darauf an!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wolfgang lachte ein wenig hilflos.
+</p>
+
+<p>
+Ich stand auf und bot ihm die Hand.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wir sollten recht lange Zeit Freunde
+bleiben,&ldquo; sagte ich sehr herzlich.
+</p>
+
+<p>
+Auch Wolfgang erhob sich. Er schüttelte
+meine Hand kräftig, und es lag in dieser Bewegung
+etwas eigentümlich Ritterliches.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, das sollten wir wirklich,&ldquo; erwiderte er
+in demselben Ton.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gute Nacht, Wolfgang.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gute Nacht, Walter, &ndash; und danke für
+alles.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich ging in mein Zimmer.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-0-11">
+<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
+11
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">ir</span> reiten zu dritt im abgekürzten
+Galopp &ndash; von Hans Kietschmann
+gefolgt &ndash; über eine jüngst gemähte
+Wiese, deren Heu naß und
+ohne Duft ist. Wir reiten Schulter an Schulter
+und achten streng darauf, daß die Linie eingehalten
+wird. Jeder von uns beschäftigt sich
+schweigend mit seinem Pferde, beobachtet den
+gebogenen Tierhals und übt auf jeden Druck
+den Gegendruck der Schenkel aus.
+</p>
+
+<p>
+Manchmal sehe ich zu Nina hin. Das
+feurige Haar lodert wie eine Flamme, wie ein
+Triumph unter dem schwarzen Hut hervor; die
+weißen Kinderzähne beißen auf die feuchte
+Unterlippe, die unbedeckten Hände erfassen die
+Zügel des unruhigen Pferdes mit freudiger
+Kraft. Unausgesetzt richtet Nina die verliebten
+Blicke auf den Kopf des Pferdes, das in großzügiger
+Bewegung galoppiert. Ich sehe mit
+Vergnügen, daß der schlanke Körper mit den
+säulenstarken hohen Beinen und der jugendlichen
+weichen Brust sich entzückt der Bewegung des
+schnaubenden und wiehernden Tieres hingibt
+und niemals die Verbindung mit ihm verliert.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
+Es geschieht einige Male, daß Sekt sich
+nahe an meine Stute drängt und Ninas Fuß
+den meinen berührt.
+</p>
+
+<p>
+Hatte ich nicht die ganze Nacht von der einen
+Minute geträumt, in der Nina ihren Fuß auf
+meine Hand setzen würde, um das Pferd zu
+besteigen? Und war ich nicht, als sie es wirklich
+getan, verwirrt und mit pochendem Herzen davongestürzt?
+</p>
+
+<p>
+Sekts Gangart wird von Augenblick zu
+Augenblicke länger. Der Schimmel und seine
+Herrin freuen sich des wie unbegrenzten Raumes,
+der morgendlichen Luft und der würzigen Gerüche
+des Feldes.
+</p>
+
+<p>
+Ich sehe unsicher zu Wolfgang hin, der
+immerfort mit tiefer Stimme auf den Schimmel
+einspricht:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ruhe! &ndash; Sekt! &ndash; Ruhe! &ndash; Ohlala &ndash;
+Ohlala!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Meine Moissi geht leichtfüßig mit. Wolfgangs
+nicht so belebtem Fuchs wird es schwer,
+die Linie einzuhalten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ruhe, Fräulein Nina!&ldquo; sage auch ich jetzt.
+&bdquo;Bitte abgekürzter Galopp!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Aber Nina hört nichts. Sie sieht verzückt,
+<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
+mit nassem, erregtem Munde und blinkenden
+Augen auf den Schimmel und beißt mit den
+weißen Zähnen auf die Lippe.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gib auf die Sporen acht!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblick tut Sekt, den irgend
+etwas erschreckt hat, einen kleinen Sprung,
+Nina kommt mit den Sporen an die Weichen,
+der Schimmel wirft den Kopf mit einer schmerzlichen
+Gebärde in die Höhe und geht durch.
+</p>
+
+<p>
+Moissi folgt sofort. Wolfgang und Hans
+Kietschmann bleiben zurück.
+</p>
+
+<p class="tb">
+*
+</p>
+
+<p class="noindent">
+&bdquo;So, Fräulein Nina ... jetzt Ruhe,
+nur Ruhe!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Pferde rasen über das Feld. Die
+Morgensonne erhebt sich gelbstrahlend über
+einem Hügel und blendet uns.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Rechte Kandare ziehen! ... Sekt, Ruhe!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Nina richtet das Tier mit allen Kräften
+nach rechts.
+</p>
+
+<p>
+Wenn ihr nur nichts geschieht! ... Nein,
+sie ist ruhig. Es geschieht ihr nichts.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mehr rechts, immer mehr rechts! ... Fort
+vom Stall! ...&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sieh da, sie ist zufrieden, sie ist hingegeben
+<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
+dieser einzigartigen Geschwindigkeit, dieser goldenen
+Flucht durch den Morgendunst.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Noch mehr rechts! ... Bravo, Fräulein
+Nina! Noch mehr!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wir beschreiben mit unserem Ritt eine Kurve.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Reitpeitsche fortwerfen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Nina läßt die Peitsche fallen.
+</p>
+
+<p>
+Ich bekomme über meine Stute Gewalt,
+meine Knie und Schenkel sind unausgesetzt an
+den Sattel gepreßt. Ich drücke den Rappen
+an Nina heran.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Noch einmal nach rechts ... sehr gut! ...
+Noch einmal! ... Ah, er läßt nach ...&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich beuge mich vor und greife in Ninas
+Zügel. Der Schimmel erschrickt, bäumt sich, &ndash;
+ich packe den Halfter und der Schimmel steht.
+</p>
+
+<p>
+Nina lacht, ein nervöses, schreiendes, jubelndes
+Lachen.
+</p>
+
+<p>
+Ich steige von meinem Pferd, um Sekt liebkosend
+zu beruhigen. Ein unerklärlicher Gram
+erfaßt mich, ich spreche kein Wort, sehe Nina
+nicht an und bebe vor Schmerz und Zorn ...
+</p>
+
+<p>
+Wolfgang erreichte uns endlich. Er lacht.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Bravo Nina! &ndash; Nichts geschehen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Nina schüttelt den Kopf.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
+&bdquo;Ein schöner Unsinn, dieses Biest da mit
+Sporen reiten zu lassen!&ldquo; sage ich scharf
+und böse.
+</p>
+
+<p>
+Wolfgang zieht ein beleidigtes Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nehmen Sie die Sporen ab!&ldquo; herrsche ich
+Nina an, ohne hinaufzusehen.
+</p>
+
+<p>
+Wolfgang und Hans steigen von den Pferden.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;O &ndash; Sie sind zornig, Walter!&ldquo; ruft Nina.
+</p>
+
+<p>
+Ich blicke auf. Ninas Augen lachen, aber
+sie ist blaß, sehr blaß, und ihre Lippen zittern
+nervös.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nehmen Sie jetzt bitte die Sporen ab.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Hans befreit Nina von den Sporen und
+reitet zurück, um auf der Wiese die Reitpeitsche
+zu suchen. Ich stecke die Sporen in meine
+Tasche.
+</p>
+
+<p>
+Wir reiten im Schritt weiter und erreichen
+ein belichtetes Gehölz. Unsere Tiere sind ermüdet
+und zufrieden. Sie gehen in großen
+Schritten durch den Wald und spähen an den
+stolzen Fichtenstämmen stolz vorbei. Wir sind
+schweigsam und schlecht gelaunt.
+</p>
+
+<p>
+Mit einem Male streckt Nina die Hand
+nach mir hin. Da ich nicht in ihrer Nähe
+bin, fingert sie ungeduldig in der Luft herum.
+<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
+Ich nehme ihre Hand, beuge mich tief nach
+unten und küsse sie lange.
+</p>
+
+<p>
+Wie ich mich emporrichte, sehe ich, daß
+Nina mit lächelndem Antlitz und feuchten goldenen
+Wimpern nach der andern Seite blickt.
+Wolfgang ist blaß geworden und hält die Augen
+gesenkt. Hans reitet irgendwo hinterher.
+</p>
+
+<p>
+Wir erreichen, ohne ein Wort zu sprechen,
+nach einer Stunde den Gutshof. Die Pferde
+sind naß und wollen ihr Futter. Ich grüße
+Nina mit dem Hut und gehe ins Haus.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-0-12">
+<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
+12
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">ir</span> fuhren am Abend mit einem
+leichten Jagdwagen ins Gebirge.
+Frau Seyderhelm war im Schloß
+geblieben, da sie Besuch erwartete.
+</p>
+
+<p>
+Wir saßen auf der Terrasse eines vornehmen
+und einsam am Fluß gelegenen Hotels. Vor
+unseren Blicken zerflossen die kupferbraunen
+Abhänge und goldenen Bergeshäupter, die ein
+unaufhörlich gleitendes Licht belebte.
+</p>
+
+<p>
+Ich stand, noch ehe die Mahlzeit bereitet
+war, im Stalle bei den Pferden und sorgte
+dafür, daß sie ihr Futter bekamen. Mein Kopf
+war benommen, und meine Augen brannten.
+Den ganzen Tag in Ninas Kreise zu leben,
+den Hauch ihrer Lippen zu spüren, im Wagen
+ihren Knieen nahe zu sein und ihrem duftenden
+Haar, zu sehen, wie der Wind das helle, sich
+innig an den Körper schmiegende Sommerkleid
+berührte, und mit verwirrten Sinnen zu ahnen,
+vieles zu ahnen, &ndash; ah, das alles war nicht
+ganz leicht zu ertragen.
+</p>
+
+<p>
+Ein Kellner meldete, das Essen sei angerichtet.
+Ich stieg die steinerne Treppe der
+Terrasse langsam hinauf. Die unaufhörlich
+<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
+wechselnden Farben des Abends quälten mich;
+ein drohendes Verhängnis war in dieser Bewegung,
+eine Unruhe ohnegleichen, eine süße
+und unsäglich schmerzliche Hast, eine Flucht
+und ein Jammer ohne Trost ...
+</p>
+
+<p>
+Als ich oben angelangt war, sah ich, wie
+Nina ihre Hand auf Wolfgangs Arm gelegt
+hatte. Sie schien ihn etwas zu fragen. Er
+beantwortete Ninas Frage, und sein Gesicht
+bekam den überaus liebenswürdigen und ritterlichen
+Zug, den ich an ihm liebte. Ein kindliches,
+verhaltenes Schluchzen stieg in mir empor.
+</p>
+
+<p>
+Ich setzte mich an den Tisch, Nina und
+Wolfgang sahen mich an.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Na Lieber? Wie gehts?&ldquo; fragte Wolfgang.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Danke, die Pferde fressen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Nina lachte und blickte fort.
+</p>
+
+<p>
+Ich wurde rot.
+</p>
+
+<p>
+Nina sprach in näselndem Ton von Trüffeln.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sieh mal, Wolfgang, wie witzig, hier gibt
+es gefüllte Trüffel. Raffiniert &ndash; nicht?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nina, du redest wie ein Kavallerieoffizier,&ldquo;
+sagte Wolfgang, wandte mir sein Gesicht schräg
+zu und fragte in seinem kindlichen Ton:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Spricht sie nicht wie ein Gardekürassier?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
+Wir aßen danach Forellen. Nina verstand
+es gut, das zarte rosige Fleisch der Fische von
+den Gräten loszulösen. Die weißen, nun der
+Seele beraubten Tieraugen starrten ausdruckslos
+zu uns herauf. Nur um die Mäuler lag
+ein böser Zug, der von Todespein und letztem
+Kampf erzählte.
+</p>
+
+<p>
+Um die Zeit der späten Dämmerung trat
+ein Hirsch aus dem Wald des gegenüberliegenden
+Berges hervor, äugte mit einer kühnen
+Gebärde des Kopfes nach dem Hotel hin und
+trank aus dem Fluß.
+</p>
+
+<p>
+Der Geruch von Bergwasser und nassem
+Sand stieg zu uns empor. Allmählich entfaltete
+der dunkelnde Himmel die Schönheit der
+beginnenden Nacht vor unsern Augen. Die
+stolzen Gestirne wurden sichtbar; vor ihrer urweltlichen
+Starrheit wichen die wechselnden
+Farben des Abends besiegt zurück. Das Gebirge
+ward im funkelnden Schein groß und ehern.
+</p>
+
+<p>
+Wir standen nach beendetem Mahle auf
+und gingen über die hölzerne Brücke des Flusses
+dem andern Ufer zu. Die Nacht gab mir mitleidsvoll
+von ihrer Kühle und besänftigte mich
+wunderbar. Nina schien mir schöner denn je,
+<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
+aber ihre Schönheit war meinen Sinnen und
+meinem undeutlichen Verlangen entfernt. Sie
+ging mit ihrem weißen Sommerkleid wie durchsichtig
+durch die Nacht dahin. Auf ihren
+Schultern lag ein bläuliches Orenburger Tuch.
+Ihr Haar war unbedeckt und bewegte sich ein
+wenig im Nachtwind.
+</p>
+
+<p>
+Ein leises, sehnsüchtiges Tönen rief uns in
+den Wald. War es eine Flöte oder eines
+Mundes Klage? Wir folgten neugierig der oft
+entschwindenden und dann wieder genäherten
+Musik.
+</p>
+
+<p>
+Vor einem Bretterverschlag, dem Sammelplatz
+der Tiere, machten wir Halt. Wir sahen
+die Gestalt eines Mannes zwischen sternhellen
+Bäumen einhergehen, wir sahen ihn in seine
+Schürze greifen und &ndash; einem Sämann gleich
+&ndash; Eicheln und Kastanien mit einer weiten
+Bewegung seines Armes über den Waldboden
+streuen. Dazu pfiff er eine Melodie, eine
+kleine, sentimentale, unbeholfene und doch unendlich
+rührende, süße, zärtlich lockende Melodie.
+Nach einer Weile schien es, als bewege
+sich der Wald. Unhörbar, aber mit großzügigen
+Bewegungen und bei jedem Schritt ein
+<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
+wenig mit den Häuptern nickend, kamen wie
+aus einem dunkel gewebten Teppich Hirsche
+und Rehe aus der Nacht hervor, beugten sich
+zu Boden und näherten sich langsam dem
+lockenden Freund der Tiere. Allmählich entfernte
+sich der Mann, umdrängt von seinen
+zärtlichen Geschöpfen, ferner und ferner klang
+die Musik seines Mundes und löste sich endlich
+auf im Rauschen des Waldes.
+</p>
+
+<p class="tb">
+*
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Wolfgang eilte voraus, um mit Hans die
+Pferde anzuschirren. Es zeigten sich Wolken
+am Himmel.
+</p>
+
+<p>
+Ich ging mit Nina langsam den jäh erleuchteten
+Waldweg entlang. Nina hatte wieder
+ihren Schnupfen und führte das kleine Tuch
+oftmals an den Mund.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Walter.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie alt sind Sie?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Siebenzehn Jahre.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Siebenzehn Jahre,&ldquo; wiederholte Nina.
+</p>
+
+<p>
+Eine Stille.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Walter.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nina?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
+&bdquo;Sie werden morgen fortreisen, &ndash; nicht
+wahr?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Und da sie mein Gesicht sah, hob sie beschwörend
+die bittenden Hände empor und
+sagte in unvergleichlich rührendem Ton:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Walter, &ndash; Sie sind <em>siebenzehn</em> Jahre!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich hatte wieder solche Angst.
+</p>
+
+<p>
+Ich werde mich töten, dachte ich.
+</p>
+
+<p>
+Eine lange Stille.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie werden reisen, Walter?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Danke.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich werde mich töten. Es wird noch diese
+Nacht geschehen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+*
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Wir fuhren über Felder. Wolfgang kutschierte,
+wobei er manchmal einige Worte mit
+Hans wechselte. Ich saß mit Nina in der
+Break. Nina sprach viel und war nervös.
+</p>
+
+<p>
+Es erhob sich ein Wind und trieb große,
+von den Sternen erhellte Wolken über den
+Himmel. In der Ferne leuchteten Blitze.
+</p>
+
+<p>
+Nina klagte über den Sturm, der ihr Kopfschmerzen
+verursachte, und bat, man solle die
+<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
+Verschläge herunterlassen. Der Wagen hielt,
+die Pferde stampften ängstlich auf dem undeutlichen
+Feldwege, und Hans spannte die leinenen
+Gardinen auf.
+</p>
+
+<p>
+Wir waren nun von den andern durch
+eine Wand getrennt und sahen die Welt einzig
+durch die Öffnung über der Türe. Wir hörten
+von irgendwoher kleine Bäche rauschen, den
+Wind im Korn und in entfernten Wäldern
+blasen, und aufgescheuchte Enten, die schreiend
+nach irgend einem wohlgeborgenen Teiche zogen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie frieren, Walter?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein. Danke.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Nina hüllte sich fester in das weiche blaue
+Gewebe ihres Tuches.
+</p>
+
+<p>
+Ein Blitz zuckte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Haben Sie den Hasen gesehen, Walter?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wir fuhren über eine Brücke. Das Holz
+dröhnte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie haben noch einen Vater, Walter?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wo ist er?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;In Skandinavien.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Allein?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
+&bdquo;Anny Döring ist bei ihm.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie? &ndash; Die Soubrette?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ach &ndash;!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Nina blickte mich verwundert und ängstlich
+an.
+</p>
+
+<p>
+Wie liebte sie in diesem Augenblick meinen
+Vater. O Nina, Nina!
+</p>
+
+<p>
+Ich sah lange Zeit hinaus und träumte.
+Ich fühlte, daß mich Nina unausgesetzt betrachtete.
+Später vergaß ich es.
+</p>
+
+<p>
+Eine Hand lag auf der Decke. Es war
+Ninas Hand.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Darf ich sie küssen?&ldquo; fragte ich.
+</p>
+
+<p>
+Nina lachte mit einem hellen Ton. Es
+klang, als fiele ein kleiner silberner Hammer
+schnell auf Metall.
+</p>
+
+<p>
+Ich küßte die Hand und dachte dabei an
+den Förster, der durch den Wald ging und
+Eicheln über die Erde streute. Ich küßte keine
+lebendige Haut, sondern Wildleder, dänisches
+Wildleder. Ich küßte dieses Leder noch einige
+Male und ließ die Hand dann fahren. Ich
+empfand kein besonderes Vergnügen dabei und
+wunderte mich. Wahrscheinlich träumte ich
+<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
+dies alles nur, sonst wäre ich doch wohl anders
+gewesen. Ich hätte vielleicht geschrieen ...?
+</p>
+
+<p>
+Es begann langsam zu regnen. Ich streckte
+die Hand hinaus. Große warme Tropfen
+fielen hernieder.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wir werden morgen nicht Tennis spielen
+können,&ldquo; sagte ich schläfrig.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja,&ldquo; erwiderte Nina verwundert.
+</p>
+
+<p>
+Ach so, ich reise ja morgen fort, dachte ich.
+Wie ungeschickt!
+</p>
+
+<p>
+Ich träumte fort, sah Steine, Wolken und
+Bäume vorbeieilen; oben sprach Wolfgang
+irgend etwas, was ich nicht verstand, und der
+Donner wurde stärker, immer stärker.
+</p>
+
+<p>
+Nein, ich werde morgen nicht fortreisen.
+Ich werde mich heute Abend töten.
+</p>
+
+<p>
+Schafe standen zusammengedrängt und fürchteten
+sich ... Sieh da, Schafe ... &bdquo;Und es
+waren Hirten in derselbigen Gegend auf dem
+Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts
+ihrer Herde. Und siehe, des Herrn Engel trat
+zu ihnen, und die Klarheit des Herren leuchtete
+um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und
+der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht,
+siehe, ich verkündige euch große Freude ...&ldquo;
+<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
+wie schön, &ndash; siehe, ich verkünde euch große
+Freude! Mir war mit einem Male, als sei
+mein Körper durchströmt von gutem warmem
+Blut. Es war ja alles gar nicht so schlimm!
+Denn ich verkünde euch große Freude ...
+</p>
+
+<p>
+Da &ndash; was war das? Eine bebende Hand
+griff nach meiner. Mein Traum zerriß &ndash; &ndash;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nina!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich schrie.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sei still, um Gottes willen ...&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hallo, was gibt&rsquo;s?&ldquo; fragte Wolfgang.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nichts. Ninas Haar im Wind ...&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich riß Nina an mich, überflutete ihr
+Antlitz mit Küssen, umarmte ihre Kniee und
+biß in ihre Lippen und Hände ...
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Laß ... Laß ... Du bist verrückt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie stöhnte.
+</p>
+
+<p>
+Ich flehte unverhüllt mit meinen fiebernden
+Lippen auf ihren Lippen, auf ihren Händen,
+ihrem Haar, ihren Augen und ihrer jungen,
+jungen Brust ...
+</p>
+
+<p>
+O unerhörtes Glück des Aneinanderschmiegens,
+der verschlungenen Finger, der wirren,
+in die dunkle Luft hineingesprochenen Reden!
+</p>
+
+<p>
+Und dann dieses wunderbare, einzigartige
+<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
+Ermatten, diese tränenreiche, gütige Müdigkeit,
+... dieses bekümmerte Suchen der Hände, ...
+und endlich diese Ruhe, diese tiefe, tiefe
+Ruhe! ...
+</p>
+
+<p>
+Wie wir einst so glücklich waren!
+</p>
+
+<p class="tb">
+*
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Um Mitternacht stürmten die gepeitschten
+nassen Pferde mit rasselndem Wagen in den
+Schloßhof. Frau Seyderhelm empfing uns in
+der Türe. Sie war ein wenig müde, aber
+freundlich und besorgt.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-0-13">
+<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
+13
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> stellte mich an das Fenster meines Zimmers
+und sah hinaus. Blitze spalteten
+Eichen und Kiefern, und über Wälder
+und weite Ebenen rollten ihre Donner.
+Aus den Ställen brüllten und wieherten geängstigte
+Tiere, und Malatesta saß mit glühenden
+Augen in seiner Hütte vor meinem Fenster und
+heulte.
+</p>
+
+<p>
+Auch dies ging vorbei. Ein stetig und kühl
+strömender Regen spendete uns, den Fiebernden,
+Genesung. Gerüche von niegeahnter Kraft erfüllten
+die Luft, und die Tiere in den Ställen
+begannen ihren Schlaf. Zwei Uhr schlug die
+Glocke, aber der trübe Morgen war noch fern.
+</p>
+
+<p>
+Ich setzte mich an den Tisch. Ich wollte
+etwas Unerhörtes schreiben, aber ach, &ndash; es
+wurden nur diese einfachen Zeilen:
+</p>
+
+<div class="poem-container">
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">Ist es denn möglich, daß wir diese Nacht</p>
+ <p class="verse">In einem Wagen über Felder fuhren?</p>
+ <p class="verse">Hab&rsquo; ich geträumt? Ich sah doch einen Wald!</p>
+ <p class="verse">Eilten nicht Steine, Wolken, Bäume, Sterne</p>
+ <p class="verse">An uns vorbei, und hast du später nicht</p>
+ <p class="verse">&ndash; So hab&rsquo; ich <em>doch</em> geträumt, &ndash; und hast du nicht</p>
+ <p class="verse">Mir abgewandten Blicks die Hand gereicht?</p>
+ <p class="verse">... Und küßte ich sie nicht?</p>
+<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
+ <p class="verse">Ich habe nicht geträumt. Wir fuhren nachts</p>
+ <p class="verse">In einem Wagen über weite Felder,</p>
+ <p class="verse">Es eilten stille Wolken, Bäume, Sterne</p>
+ <p class="verse">An uns vorbei ... Du gabst mir deine Hand ...</p>
+ <p class="verse">... Ich küßte sie ... So hab&rsquo; ich <em>doch</em> geträumt?</p>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Ich packte meinen Ranzen, nahm das Blatt,
+stieg zu Ninas Zimmer hinauf, öffnete die erste
+ihrer beiden Türen und legte mein Gedicht auf
+ihre Diele. Dann schlich ich mich hinunter.
+</p>
+
+<p>
+Ich trat auf den Hof, streichelte Malatesta
+und dachte: Frau Seyderhelm und Wolfgang
+... ach, Frau Seyderhelm und Wolfgang!
+</p>
+
+<p>
+Ich wanderte die Straße hinab, bis sich im
+Osten der bewölkte Tag ankündete. Auf einem
+Hügel blieb ich stehen und sah die verlassene
+bleiche Landschaft unter mir. Eine Starenkette
+flog durch die gereinigte Luft des Morgenrots.
+</p>
+
+<p>
+Da schlug ich mit der Stirn auf einen
+Baum und stürzte nieder.
+</p>
+
+<p class="vspace">
+&nbsp;
+</p>
+
+<div class="ads chapter">
+<p class="pub">
+Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München
+</p>
+
+<p class="aut">
+Karl Borromäus Heinrich
+</p>
+
+<p class="tit">
+Karl Asenkofer
+</p>
+
+<p class="subt">
+Geschichte einer Jugend
+</p>
+
+<p class="run">
+Zweites Tausend
+</p>
+
+<p class="price">
+Geheftet 3 Mark 50 Pf., geb. 5 Mark
+</p>
+
+<p>
+<em>Süddeutsche Monatshefte, München</em>: Wenn
+ich aber sagen sollte, welches erzählende Buch des letzten
+Jahres den stärksten und nachhaltigsten Eindruck auf mich
+gemacht hat, so müßte ich <em>Karl Asenkofer</em> von Karl
+Borromäus <em>Heinrich</em> nennen. Das ist mehr als Litteratur:
+jede Zeile ist erlebt, und was noch wichtiger,
+jedes Erlebnis ist behutsam aufbewahrt! noch hängt der
+ganze Flügelstaub an den leichten Schwingen. Ein Buch
+von packender Ehrlichkeit, die nichts hinzu tut, und so
+niemals den Eindruck des Beabsichtigten, Arrangierten
+aufkommen läßt. Die letzten Gymnasial-, die ersten
+Universitätsjahre sind kaum je so unmittelbar und überzeugend
+wahrhaftig dargestellt worden. Als Heldin steht
+von der ersten bis zur letzten Seite eine der ergreifendsten
+Muttergestalten da. Dies Buch ist so ausgezeichnet,
+daß man vor der Fortsetzung ganz Angst hat. Man
+möchte den Verfasser inständig bitten, mit dem zweiten
+Teile zu warten, bis er sich dem ersten an die Seite
+stellen kann: ja nicht zu früh, ja nicht zu viel über seine
+augenblicklichen Erlebnisse zu berichten, sondern in Gelassenheit
+und Demut geduldig zu warten, bis zum ersten
+meisterlichen Bande ein zweiter von selber in Stille und
+Sturm reif geworden ist. An dem Tag aber wollen
+wir uns mit ihm freuen, denn an dem Tag ist unsere
+Litteratur um ein bleibendes Werk reicher: um ein solches,
+das eine Generation weiter gibt an die andere.
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="ads chapter">
+<p class="pub">
+Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München
+</p>
+
+<p class="aut">
+Korfiz Holm
+</p>
+
+<p class="tit">
+Thomas Kerkhoven
+</p>
+
+<p class="subt">
+Roman
+</p>
+
+<p class="run">
+Vierte Auflage
+</p>
+
+<p class="price">
+Flexibel geb. 5 Mark, steif geb. 6 Mark
+</p>
+
+<p>
+<span class="antiqua"><em>&bdquo;The Times&ldquo;, London:</em> &bdquo;Thomas Kerkhoven&ldquo;
+belongs almost to the rank of classics like &bdquo;Tom Jones&ldquo;
+or &bdquo;David Copperfield&ldquo; or &bdquo;Pendennis&ldquo;.</span>
+</p>
+
+<p>
+<em>Rudolf Herzog</em> in den &bdquo;<em>Neuesten Nachrichten</em>&ldquo;,
+<em>Berlin</em>: Sicher ist, daß dieses Werk den
+besten Büchern beizuzählen ist, die in den letzten Jahren
+erschienen sind.
+</p>
+
+<p>
+<em>Wilhelm Hegeler</em> im <em>&bdquo;Litterarischen Echo&ldquo;,
+Berlin</em>: Auf jeder Seite ist das Buch voll sprühender
+Lebendigkeit, von müheloser Anschaulichkeit, amüsant
+und glänzend von Anfang bis zu Ende.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;<em>Münchener Neueste Nachrichten</em>&ldquo;: Es wird
+seinen Weg machen; denn es ist wert, den besten Dichtungen
+unserer Zeit an die Seite gestellt zu werden.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;<em>Berner Bund</em>&ldquo;: Ganz &bdquo;verflixt gut geschrieben&ldquo;
+ist es, mit einer geradezu bewunderungswürdigen Sicherheit
+in der Technik.
+</p>
+
+<p class="printer">
+<span class="line1">Druck von Hesse &amp; Becker in Leipzig</span>
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="ads chapter">
+<div class="centerpic printer">
+<img src="images/printer.jpg" alt="" /></div>
+
+</div>
+
+<div class="trnote chapter">
+<p class="transnote">
+Anmerkungen zur Transkription
+</p>
+
+<p>
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert.
+</p>
+
+
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Wie wir einst so glücklich waren!, by
+Wilhelm Speyer
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WIE WIR EINST SO GLÜCKLICH WAREN! ***
+
+***** This file should be named 59186-h.htm or 59186-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+
+Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This file was
+produced from images generously made available by The
+Internet Archive.
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions will
+be renamed.
+
+Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
+law means that no one owns a United States copyright in these works,
+so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
+States without permission and without paying copyright
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+of this license, apply to copying and distributing Project
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+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
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+
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+
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+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
+agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
+electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
+Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
+of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
+works in the collection are in the public domain in the United
+States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
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+
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+computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
+exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
+from people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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+generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
+Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
+www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
+U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
+mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
+volunteers and employees are scattered throughout numerous
+locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
+Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
+date contact information can be found at the Foundation's web site and
+official page at www.gutenberg.org/contact
+
+For additional contact information:
+
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+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
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+Literary Archive Foundation
+
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+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
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+approach us with offers to donate.
+
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+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
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+
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