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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Gegen den Strich - -Author: Joris-Karl Huysmans - -Translator: Marie Capsius - -Release Date: February 23, 2019 [EBook #58941] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEGEN DEN STRICH *** - - - - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive - - - - - - - GEGEN DEN STRICH. - - - - - GEGEN DEN - STRICH - - - (À REBOURS) VON - J. K. HUYSMANS - - AUTORISIERTE UEBERSETZUNG - VON M. CAPSIUS - - - 1897 - - IM VERLAG VON SCHUSTER - U. LÖFFLER BERLIN - - - Ich muss mich über die Zeit - hinaus belustigen ..., obwohl - meine Freude der Welt ein Greuel - ist, und ihr Stumpfsinn gar nicht - erfasst, was ich sagen will. - - Busbrock, l'Admirable. - - - - - EINLEITUNG. - - -Wenn man nach den Porträts urteilen sollte, die im Schloss Lourps -aufbewahrt werden, so müsste die Familie Floressas des Esseintes in -alten Zeiten aus athletischen alten Haudegen und rauhen Kriegsmannen -bestanden haben. - -Gedrängt und eingeengt in ihre alten Rahmen, die sie mit ihren breiten -Schultern gänzlich ausfüllen, könnten sie uns mit ihren starren Augen, -den à la yatagans gedrehten Schnurrbärten und ihrer mit gewölbtem Panzer -bedeckten Brust nahezu erschrecken. - -So sahen die Ahnen der berühmten Familie des Esseintes aus; die Bilder -der Nachkommen fehlen, da die Reihenfolge unterbrochen. Ein einziges -Gemälde dient als Mittelglied, Vergangenheit und Gegenwart verbindend. -Es war dies ein gar eigentümliches, schlaues Gesicht mit bleichen, -schlaffen Zügen, die Backenknochen wie rot punktiert, das Haar wie -angeklebt und von Perlen durchflochten, mit ausgestrecktem, geschminktem -Hals, der aus den tiefen Falten einer steifen Krause hervortritt. - -Schon auf diesem Bilde eines der intimsten Vertrauten des Herzogs von -Epernon und des Marquis d'O machten sich die Gebrechen einer -untergrabenen Gesundheit wie der Einfluss des lymphatischen Blutes -bemerkbar. - -Der Verfall dieser Familie hatte zweifellos seinen regelmässigen Verlauf -genommen; die Verweichlichung der männlichen Linie war immer mehr -hervorgetreten, und als ob die des Esseintes das Werk der Zeit hätten -selbst vollenden wollen, hatten sie während zweier Jahrhunderte ihre -Kinder unter sich verheiratet, wodurch der Rest ihrer Kraft in naher -verwandtschaftlicher Verbindung noch mehr geschwächt worden war. - -Von dieser einst so zahlreichen Familie, welche fast das ganze Gebiet -von Isle-de-France und Brie bewohnte, lebte nur noch ein einziger -Nachkomme, der Herzog Jean, ein schmächtiger junger Mann von dreissig -Jahren, blutarm und nervös, mit eingefallenen Backen, kalten stahlblauen -Augen, gerader feiner Nase und dürren schmalen Händen. - -Durch ein seltsames Vorkommnis der Vererbung hatte dieser letzte Sprosse -eine ganz auffällige Ähnlichkeit mit dem Urahnen, von dem er den spitzen -Bart von ausserordentlich hellem Blond und den doppelsinnigen Ausdruck -des sehr ermüdeten und doch lebendigen Gesichtes hatte. - -Seine Kindheit war eine traurige gewesen; bedroht von Skrofeln und -heimgesucht von hartnäckigen Fiebern war er dennoch mit Hülfe frischer -Luft und Pflege so weit gediehen, dass er die Klippen der Reifezeit -überschritt. Von da ab hielten seine Nerven stand, so dass er, die -Schwächen der Bleichsucht überwindend, es schliesslich bis zur -vollständigen Entwickelung brachte. - -Seine Mutter, eine sehr blasse Frau, still und schweigsam, starb an -Entkräftung, während sein Vater einer unbestimmbaren Krankheit erlag, -als Jean des Esseintes eben sein achtzehntes Jahr erreichte. - -Von seinen Eltern war ihm nur eine Erinnerung verblieben, die einer -gewissen Furcht, die jedes kindliche Gefühl erstickte. Seinen Vater, der -fast immer in Paris lebte, kannte er kaum; und seine Mutter vermochte er -sich nur in einem dunklen Zimmer des Schlosses von Lourps unbeweglich -auf dem Schlummerbette liegend vorzustellen. Selten nur waren die Gatten -vereint gewesen, und von jenen Tagen erinnerte er sich nur noch der gar -einförmigen Zusammenkünfte, wo beide sich gegenüber sassen, zwischen -sich einen Tisch, auf dem eine grosse Lampe brannte, die durch einen -Lampenschirm tief verhängt war, da die Frau Herzogin weder Licht noch -Lärm zu ertragen vermochte, ohne einer Nervenkrisis zu verfallen. Hier -im Halbdunkel wechselten die Gatten wohl einige wenige Worte, bis der -Herzog aufstand, sich verabschiedete und gleichsam erleichtert den -nächsten besten Zug nahm, der ihn wieder nach Paris zurückführte. -- - -Bei den Jesuiten, zu denen Jean zur Erziehung geschickt wurde, fand er -wohlwollend freundliche Aufnahme. Die Pater gewannen das Kind, dessen -Fassungskraft sie in Erstaunen setzte, recht lieb. Dennoch aber -vermochten sie nicht, es trotz all ihrer Bemühungen dahin zu bringen, -dass es sich den geregelten Studien widmete. Wohl fand es Geschmack an -gewissen Arbeiten, so dass es frühzeitig der lateinischen Sprache -mächtig ward, dagegen war es aber unfähig, nur zwei Worte griechisch zu -erklären. Es hatte durchaus keine Befähigung für das Erlernen der -lebenden Sprachen und zeigte sich geradezu stumpf, sobald man sich -bemühte, es in die Anfangsgründe der exakten Wissenschaften einzuführen. - -Seine Familie kümmerte sich wenig um Jean; dann und wann besuchte ihn -sein Vater auf einen Augenblick in der Pension: »Guten Tag! -- Adieu! -- -Sei artig! Arbeite tüchtig!« -- dies war alles, was er zu hören bekam. - -Die Sommerferien verbrachte er im Schlosse von Lourps; doch vermochte -seine Gegenwart nicht, die Mutter ihrem träumerischen Zustande zu -entreissen. Sie bemerkte ihn oft kaum oder betrachtete ihn während -einiger Sekunden mit fast schmerzlichem Lächeln und versenkte sich dann -wieder von neuem in die durch dicke Gardinen erzeugte künstliche Nacht. - -Die Dienstboten waren langweilig und alt. Der Knabe, sich selbst -überlassen, durchstöberte an Regentagen die Bücher der Bibliothek und -streifte bei schönem Wetter in der Umgegend umher. - -Seine grösste Freude war, in das kleine Thal hinunter zu gehen bis nach -Jutigny, einem kleinen Dörfchen, das sich am Fusse der Hügel ausdehnte -und aus wenigen kleinen Häusern und Hütten bestand, die, meist mit Stroh -bedeckt, gleichsam aus dem Moos herauswuchsen. Er warf sich dann wohl -auf die Wiesen im Schatten eines hohen Heuschobers nieder, dem dumpfen -Geplätscher der Wassermühle lauschend, oder auch die frische Luft der -Voulzie einatmend. Manchmal dehnte er seinen Spaziergang bis zum -Torfmoor oder bis zu dem grünen und schwarzen Weiler von Longueville -aus, oder er kletterte gar die Anhöhen hinauf, wo der Wind schärfer -wehte und von wo er eine schönere Aussicht genoss. An der einen Seite -hatte er unter sich das Seine-Thal, das sich in weiter Ferne mit dem -Blau des Himmels mischte; an der anderen Seite hatte er den Blick hoch -oben gen Westen auf die Kirchen und den Turm von Provins, welche in der -Sonne und dem goldigen Luftstaub zu zittern schienen. - -Er las oder träumte, in vollen Zügen die Abgeschlossenheit einsaugend, -wohl bis zur Dunkelheit; und da er sich immer grübelnd denselben -Gedanken hingab, so konzentrierte sich sein Geist, und seine bis dahin -noch unbestimmten Ideen begannen vorzeitig zu reifen. Nach den Ferien -kam er jedesmal nachdenklicher und störrischer zu seinen Lehrern zurück, -denen diese Veränderung keineswegs entging. Scharfsinnig und schlau -- -durch ihren Beruf daran gewöhnt, die Seelen bis ins Innere zu ergründen --- liessen sie sich durch seine aufgeweckte, doch unlenksame Intelligenz -durchaus nicht hinters Licht führen. Sie erkannten wohl, dass dieser -Schüler niemals zum Ruhme ihrer Anstalt beitragen werde; da aber seine -Familie reich war und sich wenig um seine Zukunft bekümmerte, so -verzichteten sie vollständig darauf, ihn auf den einträglichen -Schulberuf hinzulenken, obgleich er gern diejenigen der theologischen -Doktrinen mit ihnen erörterte, welche ihn durch ihre Spitzfindigkeit und -ihren Scharfsinn reizten. Dachten sie doch nicht einmal daran, ihn für -ihren Orden zu gewinnen; denn trotz aller ihrer Bemühungen blieb sein -Glaube schwach, weil sie ihn, aus Klugheit und Furcht vor etwas -Unvorhergesehenem, auch ruhig die Studien verfolgen liessen, die ihm -eben zusagten, und andere dagegen vernachlässigen, damit ihnen sein -selbständiger Charakter nicht durch die Plackereien weltlicher -Studienlehrer noch mehr entfremdet werde. - -So lebte er vollständig zufrieden, das väterliche Joch der Priester kaum -fühlend, indem er mit seinen lateinischen und französischen Studien ganz -in seiner Weise fortfuhr, und, obgleich Theologie nicht auf dem -Schulplan stand, widmete er sich doch den Lehren derselben, deren -Studium er bereits im Schlosse Lourps in der vom Urgrossonkel, dem -Domherrn Prosper, dem vormaligen Prior der Ordensstiftsherren von -Saint-Ruf, hinterlassenen Bibliothek begonnen hatte. - -Als er die Erziehungsanstalt der Jesuiten bei seiner Grossjährigkeit -verlassen musste, wurde er Herr seines Vermögens; sein Vetter und -Vormund, der Graf von Montchevrel, legte ihm Rechenschaft über seinen -Besitz ab. Die Beziehungen zwischen ihnen aber waren nur von kurzer -Dauer, da es keinen Berührungspunkt zwischen beiden gab, weil der eine -alt, der andere jung war. Aus Neugier, Langeweile und Höflichkeit setzte -der junge Herzog dennoch eine Weile den Umgang mit der Familie fort. Er -machte einige Besuche in ihrem Palais in der Rue de la Chaise; -entsetzlich langweilige Abende, an denen die steinalten Verwandten sich -über adelige Familien, heraldische Monde und veraltetes Ceremoniel -unterhielten. - -Mehr noch als diese vornehmen alten Damen hier erschienen ihm jene -hochadeligen Herren, welche die Whisttische umsassen, als verknöcherte, -höchst unbedeutende Menschen. - -Die Nachkommen der alten Helden, die letzten Zweige der feudalen -Geschlechter erwiesen sich dem Auge des Herzogs Jean des Esseintes nach -Lüftung ihrer Maske meist nur als vom Katarrh geplagte arg verschrobene -Käuze, die immer wieder dieselben faden Redensarten und hundertjährigen -Phrasen im Munde führten. - -Nachdem er einige Abende in solcher Gesellschaft zugebracht, fasste er -den Entschluss, trotz aller Einladungen und Vorwürfe nie wieder dort -hinzugehen. - -Jetzt fing er an mit jungen Leuten seines Alters und seines Standes zu -verkehren. - -Einige von ihnen waren mit ihm in der Ordensschule erzogen und hatten -durch diese Erziehungsweise gleichsam einen besonderen Stempel -aufgedrückt erhalten. Sie gingen regelmässig zur Messe, beichteten zu -Ostern, besuchten die katholischen Kreise und hielten jeden ihrer -Angriffe, die sie auf schöne Mädchen niedergeschlagenen Auges -unternahmen, geheim wie ein Verbrechen. Es waren dies meist geistlos -unselbständige Zierpuppen, welche die Geduld ihrer Lehrer ermüdet -hatten, die aber trotzdem ihren Wünschen soweit nachgekommen waren, sie -in der menschlichen Gesellschaft als gehorsame und fromme Wesen -hinzustellen. - -Die andern, meist Schüler der Staats-Gymnasien, waren weniger Heuchler, -sondern im allgemeinen freier, aber sie waren weder interessanter noch -aufgeweckter als jene. Sie liebten die Vergnügungen jeder Art, waren -grosse Freunde der Operette und des Turfs, waren an jedem Spieltisch zu -finden, ihr Vermögen auf Pferde und Karten verwettend. - -Nach Verlauf eines Jahres war der junge Herzog dieser Gesellschaft müde -und überdrüssig. Ihren Ausschweifungen sich hinzugeben, die sie ohne -Unterscheidung, ohne fieberhafte Vorbereitung, ohne wirkliche Wallung -und Aufregung des Blutes und der Nerven durchmachten, erschien ihm mehr -als flach und geradezu gemein. - -Nach und nach zog er sich daher von ihnen zurück und schloss sich den -Litteraten an, bei denen er mehr geistige Verwandtschaft zu finden und -sich wohler zu fühlen hoffte. Dies aber führte nur neue Enttäuschungen -mit sich, denn er war empört, ihre kleinlichen und rachsüchtigen Urteile -zu erkennen, ihre banale Unterhaltung und ihre widerlichen -Streitigkeiten zu hören, wonach der Wert eines Werkes einfach nach der -Zahl der Auflagen und dem Ertrag des Verkaufes bemessen wurde. - -Er lernte zu gleicher Zeit die Freidenker wie die Prinzipienreiter des -Bürgerstandes kennen, Leute die alle Freiheit beanspruchten, um die -Meinungen der andern zu ersticken; habsüchtige, schamlose Puritaner, -deren Bildung er noch geringer schätzte als die des ersten besten -Eckenstehers. - -Seine Menschenverachtung nahm immer mehr zu; er erkannte, dass die -Menschheit zum grossen Teil aus leeren Prahlhänsen und Dummköpfen -besteht, so dass er die Hoffnung aufgab, bei anderen wahre Seelengrösse -oder reinen Hass zu entdecken. Er verzichtete darauf, einer -Fassungskraft zu begegnen, die sich wie die seine in einer arbeitsamen -Abgeschlossenheit gefiel, oder in einem Schriftsteller oder Gelehrten -den scharf durcharbeiteten Geist zu finden, der sich dem seinen -anschliessen konnte. - -Er fühlte sich nervös und mehr als unbehaglich, war von der Flachheit -der Ideen, die man gegenseitig austauschte, angewidert, und wurde wie -die Leute, von denen Pierre Nicole sagt, dass sie überall empfindlich -und gereizt seien. Es kam so weit, dass er sich fortwährend seine Haut -aufritzte. Geradezu unerträglich litt er bei der Lektüre patriotischer -oder sozialer Thorheiten, die jeden Morgen von den Zeitungen unter die -Leute gebracht und mit denen die ehrsamen Leser abgespeist wurden. - -Er begann schon von einer abgeschiedenen Thebaïde, einer komfortablen -Wüstenei, einer unbeweglichen und angenehm durchwärmten Arche zu -träumen, wohinein er sich vor der wachsenden Flut des schon mehr -unmenschlichen Blödsinns zu flüchten gedachte. - -Eine einzige Leidenschaft, das Weib, hätte ihn von dieser allgemeinen -Verachtung, welche ihn erdrückte, zurückhalten können, aber diese Saite -war ja leider auch verbraucht. - -Hatte er doch an dieser Fleischestafel mit dem launenhaften Heisshunger -eines Menschen gelagert, der an krankhafter Esslust leidet, und dessen -Gaumen bald abgestumpft und übersättigt ist. Während der Zeit, in der er -mit den Junkern verkehrte, hatte er an ihren tollen Gelagen -teilgenommen, bei denen trunkene Dirnen sich zum Nachtisch die Kleider -lüften und mit dem Kopfe, wenn nicht unter, so doch auf dem Tische -liegen. Selbstredend war er hinter den Coulissen gewesen; er hatte es -mit Schauspielerinnen und Sängerinnen versucht und ausser der den Frauen -angeborenen Dummheit die rasende Eitelkeit elender Künstlerinnen zu -ertragen gehabt; er hatte mit galanten, ihrer Schönheit wegen berühmten -Frauenzimmern in Verbindung gestanden und gewaltiges Geld an gewisse -Agenturen bezahlt, wofür er sehr zweifelhafte Vergnügungen genossen, um -sich schliesslich übersättigt und dieses gleichförmigen Luxus, dieser -erkünstelten Zärtlichkeiten überdrüssig, in die untersten Schichten der -Gesellschaft zu stürzen. Hier hoffte er seine nimmersatte Gier durch den -Kontrast neu aufstacheln und seine schlummernde Sinnlichkeit durch die -aufreizende Unreinheit des Elends wieder anfachen zu können. - -Doch was er auch versuchen mochte, ein ungeheurer Weltschmerz drückte -ihn nieder. Er gab dennoch den Kampf nicht auf. Er nahm seine letzte -Zuflucht zu den gefährlichen Liebkosungen der Virtuosinnen; seine -Gesundheit wurde schwach und seine Nerven zermürbten mehr und mehr. Sein -Nacken wurde empfindlich und seine Hand fing schon zu zittern an. -Allerdings hielt er sie noch gerade, sobald er einen schweren Gegenstand -ergriff, doch war sie kraftlos, sobald er etwas Leichtes, zum Beispiel -ein Glas zu Munde führen wollte. - -Die Prognose der Ärzte beunruhigte ihn. Es war Zeit, diesem Leben -Einhalt zu thun und auf jene Experimente zu verzichten, die nur die -letzten Kräfte raubten. Während einiger Zeit verhielt er sich ruhig; -aber sein Gehirn erhitzte sich bald von neuem und rief ihn wieder zu den -Waffen. Wie die jungen Mädchen in der Reife ein Verlangen nach allen -möglichen aufreizenden Dingen empfinden, kam er dahin, sich ganz -absonderlich sinnliche Freuden und Genüsse auszumalen und sich solchen -hinzugeben. Dies aber war der Anfang vom Ende. Übersättigt und erschöpft -von allem verfielen seine überreizten Sinne einer Art Lethargie -- das -sichere Anzeichen eines herannahenden Unvermögens. - -Er kam dann wieder von seinen Verirrungen ernüchtert, entsetzlich -ermattet zurück, ein Ende herbeisehnend, vor dem die Feigheit seines in -Sinnlichkeit versunkenen Charakters zurückschauderte. - -Seine Idee, sich irgendwo fern von der Welt niederzulassen, sich -gleichsam in einem Winkel einzunisten und wie ein Kranker zu leben, der -die Strasse mit Stroh bedecken lässt, um den Lärm des unerbittlichen -Lebens zu dämpfen, wurde immer stärker in ihm. - -Zudem war auch der Zeitpunkt gekommen, einen Entschluss zu fassen, denn -seine Vermögensverhältnisse erschreckten ihn. Den grössten Teil seines -Erbgutes hatte er thörichterweise längst vergeudet, und der Rest steckte -in Ländereien, die ihm lächerlich wenig einbrachten. - -Er entschloss sich daher, Schloss Lourps zu verkaufen, wohin er doch -nicht mehr ging, und wo ihn keine Erinnerung und kein Bedauern fesselte; -er liquidierte ebenfalls seine andern Güter, kaufte sich Staatspapiere -und machte sich in solcher Weise ein jährliches Einkommen von 50,000 -Franken. Er behielt ausserdem noch eine ansehnliche Summe zurück, die er -für den Kauf und die Einrichtung des Häuschens bestimmte, in welchem er -in völliger Stille und Zurückgezogenheit leben wollte. - -Er suchte die Umgegend von Paris ab und entdeckte ein kleines Häuschen -hoch oben in Fontenay-aux-Roses, das billig zu verkaufen war, weil es an -einem entlegenen Platze ganz ohne Nachbarn in der Nähe der Feste lag. -Sein Traum erfüllte sich, denn in diesem Orte, der wenig von Parisern -heimgesucht ist, war er ziemlich sicher, die gewünschte -Zurückgezogenheit zu finden. Die Schwierigkeit der unzuverlässigen -Verbindung mittels Eisen- und Pferdebahn, die am Ende des Städtchens -stationiert waren, und die gingen und kamen, wie es ihnen passte, -beruhigte ihn sehr. Wenn er an diese neue Existenz dachte, die er sich -daselbst gründen wollte, empfand er eine grosse Freude, und dies um so -mehr, als die Wohnung ziemlich weit vom Seineufer entfernt lag, so dass -ihn der Menschenstrom selbst nicht erreichte, während er dennoch in der -Nähe der Hauptstadt verblieb, so dass ihm seine Zurückgezogenheit nicht -gerade fühlbar wurde. - -Er schickte die Maurer in das neu erstandene Haus, und eines Tages, ohne -irgend jemand etwas von seinen Plänen zu verraten, verkaufte er sein -Mobiliar, entliess seine Diener und verschwand, ohne seine Adresse zu -hinterlassen. - - - - - ERSTES KAPITEL. - - -Mehr als zwei Monate vergingen noch, bevor sich Herzog Jean in die -stille Zurückgezogenheit seines Häuschens in Fontenay vergraben konnte. -Einkäufe aller Art nötigten ihn, noch eine Weile in Paris zu verbleiben -und die Stadt oft von einem Ende bis zum andern zu durchlaufen. - -Lange hatte er nachgeforscht und gegrübelt, ehe er die neue Wohnung -endlich den Tapezierern überlassen konnte. -- - -Vormals, da er noch schöne Frauen zu sich kommen liess, hatte er ein -Boudoir nach seiner Angabe einrichten lassen, wo sich inmitten kleiner -geschnitzter Möbel aus hellem japanischen Kampferholz unter einem Zelt -von indischem Rosa-Atlas der nackte Körper beim künstlichen Wiederschein -des bauschigen Stoffes noch zarter färbte. - -Jenes Gemach, dessen grosse Spiegel sich beständig reflektierten und so -eine ganze Reihe von Rosa-Boudoirs darstellten, war bei den Damen der -galanten Welt sehr berühmt gewesen; denn es machte ihnen grosses -Vergnügen, ihre Nacktheit in dieses sanfte Inkarnat zu tauchen, wie auch -den starken Duft der Möbel einzuatmen. - -So hatte er unter anderem aus Hass und Verachtung seiner Kindheit unter -dem Plafond dieses Boudoirs einen kleinen Käfig aufgehängt, in dem ein -kleines Heimchen zirpte, wie er's oft in der Asche der hohen Kamine im -Schlosse Lourps gehört, während jener langen stillen Abende, die er bei -seiner Mutter zubringen musste; und die Erinnerung daran, wie an das -Alleinsein in seiner traurigen Jugend stieg in wirrem Durcheinander vor -ihm auf. Bei den Bewegungen des Weibes, welches er liebkoste, und dessen -Geschwätz oder Lachen seine Vision verscheuchte und ihn plötzlich in die -Wirklichkeit versetzte, -- in diesem so weltlichen Boudoir entstand ein -Kampf in seiner Seele, ein Bedürfnis, alle die erlittenen Trübsale -zu rächen, eine Wut, durch schändliche Gemeinheiten die -Familienerinnerungen zu besudeln, das rasende Verlangen, auszukeuchen -auf diesem Menschenleib, bis zum letzten Tropfen die wahnsinnigsten der -sinnlichen Verirrungen auszukosten. - -Dann wieder einmal, wenn der Spleen ihn packte und wenn bei nassem -Herbstwetter der Widerwille gegen sein Heim und gegen den trüben -wolkenschweren Himmel draussen ihn erfasste, dann flüchtete er sich an -das verborgene Plätzchen, bewegte leise den Käfig und beobachtete, wie -derselbe sich rings herum unzählige Male wiederspiegelte, bis es seinen -trunkenen Augen endlich vorkam, als ob der Käfig sich nicht mehr -bewegte, dass aber das ganze Boudoir schwanke und sich drehe wie in -einem sanften rosa Walzer. - -Ein anderes Mal, als Jean des Esseintes sich wieder durch seine -Sonderbarkeit auszeichnen wollte, hatte er ein Möblement nach seltsamem -Geschmack zusammengestellt. Er teilte seinen Salon in eine Reihe von -Nischen, die alle verschieden ausgeschmückt waren und die miteinander -vereinigt werden konnten. Es waltete hier eine tolle Übereinstimmung von -freundlichen und düstern, von zarten und krassen Farben. Dann liess er -sich in einer dieser Nischen nieder, deren Dekoration ihm am besten mit -der Eigenart des Werkes, welches er gerade las, zu harmonieren schien. - -Schliesslich hatte er noch einen hohen Saal herrichten lassen, in dem er -seine Lieferanten empfing. Sie mussten sich nebeneinander in eine Art -von Kirchenstühlen setzen. Hier bestieg er eine hohe Kanzel, von der -herab er ihnen eine Predigt über die Eitelkeit und das Geckentum der -Welt hielt. Er forderte von hier aus seinen Schuhmacher und Schneider -feierlich auf, sich aufs genaueste nach seinem päpstlichen Schreiben -hinsichtlich des Schnittes zu richten, wobei er sie mit einem pekuniären -Kirchenbann bedrohte, so sie nicht die in seinem väterlichen -Ermahnungsschreiben und seinen Encykliken gegebenen Anweisungen -buchstäblich zur Ausführung brächten. - -So erlangte er bald den Ruf eines höchst excentrischen Menschen, den er -dadurch zu krönen suchte, dass er sich Anzüge aus weissem Sammt -anfertigen liess; wie er auch Westen aus Goldbrokat trug und statt der -Krawatte einfach einen grossen Veilchenstrauss in den weiten Ausschnitt -seines Hemdes steckte. Dann gab er den Litteraten oft grossartige -Diners, unter anderm ein Trauerdiner nach dem Muster des achtzehnten -Jahrhunderts, um ein ganz unbedeutendes kleines Missgeschick, das ihm -zugestossen, klassisch zu feiern. - -Der Esssaal war ganz schwarz ausgeschlagen. Er führte nach dem völlig -umgestalteten Garten hinaus, dessen Alleen zu diesem Zweck mit feinem -Kohlenstaub bestreut waren; das kleine mit Basaltstein umrandete -Wasserbecken war mit schwarzer Tinte gefüllt, die Gebüsche bildeten -Fichten und Cypressen. Die Mahlzeit wurde auf einem schwarzen Tischtuch -serviert, auf dessen Mitte sich Blumenkörbe, mit Veilchen und Skabiosen -gefüllt, befanden. In hohen Kandelabern brannten grünliche Flammen, und -Wachskerzen in Armleuchtern erhellten den Saal. Ein unsichtbares -Orchester spielte Trauermärsche, und die Gäste wurden von nackten -Negerinnen, bekleidet mit Pantoffeln und kleinen Strümpfen aus -Silbergewebe, die mit glänzenden Kügelchen besäet waren, bedient. - -Man ass von Tellern mit schwarzem Rande: Schildkrötensuppe, russisches -Schwarzbrot, reife türkische Oliven, Kaviar, Seebarben (ein im Süden von -Frankreich sehr beliebtes Gericht), Wildpret in schwarzer Sauce, so -schwarz als wär's Lakritzensaft und Stiefelwichse, Trüffelpurée, -Schokoladenpudding, dem dann ganz dunkle Blutpfirsiche, blauschwarze -Trauben, Maulbeeren und schwarze Kirschen folgten. Man trank aus dunklen -Gläsern die Weine von Limagne und Roussillon, von Tenedos, Val de Peñas -und Porto und labte sich schliesslich nach dem Kaffee mit Nussschnaps, -Kwas, Porter und Stout. - -Die Einladungen zu diesem Diner waren auf Papier mit breitem, schwarzem -Trauerrand geschrieben. -- -- - -Aber diese Extravaganzen und Tollheiten, in denen er früher seinen Ruhm -suchte, hatten sich erschöpft. - -Heute gedachte er nur mit Verachtung jener kindischen Albernheiten und -veralteten Prahlereien, jener absurden Kleidung und seltsamen -Ausschmückungen seiner Wohnung. Jetzt beabsichtigte er, sich einfach ein -bequemes Heim zu seinem persönlichen Vergnügen zu schaffen und nicht das -Staunen anderer zu wecken. Er hatte jetzt nur vor, sich eine ruhige, -wenn auch barocke Wohnung einzurichten, die sich für seine künftige -einsame Lebensweise am besten eignen sollte. - - * * * * * - -Als das Haus in Fontenay von seinem Architekten schliesslich hergestellt -und nach seinen Wünschen und Plänen eingerichtet war, und als ihm nur -noch die innere Ausschmückung zu erledigen übrig blieb, da stellten sich -ihm die ersten Schwierigkeiten in den Weg. - -Das was er wollte, waren nämlich Farben, welche beim Lampenlichte Stich -hielten. Ob sie bei Tage hart oder unschön, war ihm gleich, da er die -Nacht zum Tage zu machen gedachte, da er sich sagte, dass man dann erst -ganz allein sei, und der Geist erst wirklich bei der näheren Berührung -der Schatten der Nacht belebt und erregt werde. Er fand eine gewisse -Befriedigung darin, sich ganz allein in einem grossen, hell erleuchteten -Raume aufzuhalten, während alles um ihn herum wie ausgestorben war. - -Sorgfältig überlegend wählte er die Farben. - -Blau wird bei Licht ein ungewisses Grün; und wenn es Kobalt oder -Indigoblau ist, so wird es schwarz aussehen; ist es hell, so verändert -es sich in grau, und ist es blau wie der Türkis, so nimmt es eine trübe -eisige Färbung an, es sei denn, dass man es mit einer anderen Farbe -mischt; sonst kann man es kaum in einem Raum verwerten. Andererseits -nimmt das Eisengrau ebenfalls eine unfreundlich schwere Färbung an; -Perlgrau verliert seine Zartheit und verwandelt sich in schmutziges -Weiss; Braun wirkt trübe und erkaltend; und was Dunkelgrün, Kaisergrün -und Olivengrün anbelangt, so hat es denselben Nachteil wie Dunkelblau -und verschmilzt mit Schwarz; bleiben also nur noch die blassgrüneren -Farben, wie Pfauengrün, dann Zinnober, die Lackfarben, hier aber verjagt -das Licht das Blau und lässt das Gelb hervortreten, welches wieder einen -unnatürlich verschwommenen Ton annimmt. - -Es war auch nicht daran zu denken, Lachsfarbe, Maisgelb oder Rosenrot zu -nehmen, denn diese weichen Farben standen im Widerspruch mit den -Gedanken seiner Abgeschiedenheit; unmöglich war ebenfalls Veilchenblau, -da es bei Licht verschwimmt und das Rot darin allein des Abends -hervortritt, doch was für ein Rot! Dick und klebrig! Es schien ihm -ausserdem überflüssig, zu dieser Farbe seine Zuflucht zu nehmen, denn -wenn man ein wenig Santonine einmischt, so erscheint es violett; diese -Farbe ist nicht leicht zur Wandbekleidung zu verwenden. - -Er nahm daher von diesen Farben Abstand, und so blieben ihm nur noch -drei übrig: Orangegelb, Citronengelb und Rot. - -Er zog das Orangegelb vor, indem er durch sein eigenes Beispiel die -Wahrheit einer Theorie bestätigte, welche er im Übrigen für -mathematische Richtigkeit erklärte: nämlich, dass eine Harmonie zwischen -der sinnlichen Natur eines Menschen, der wirklich Künstler ist, und der -Farbe existiert, welche sein Auge besonders lebhaft sieht. - -Wenn man die grosse Menge beiseite lässt, deren grobe Netzhaut weder die -eigenartige Harmonie der Farben bemerkt, noch den geheimnisvollen Reiz -ihrer Abstufungen und ihrer Zusammenstellung kennt; wenn man gleichfalls -die Bürger-Philister beiseite lässt, welche unempfänglich für die Pracht -und den Sieg der starken kräftigen Nuancen sind, und um sich nur auf -diejenigen zu beschränken, deren Augen durch Litteratur und Kunst -verfeinert sind, so erscheint es zweifellos, dass das Auge desjenigen, -der Ideales träumt und der Illusionen bedarf, gewöhnlich eine Vorliebe -für Blau und dessen Abstufungen, sowie für die lila und perlgraue Farbe -habe, vorausgesetzt, dass diese Nuancen weich und verschwommen bleiben -und nicht die Grenze überschreiten, wo sie in ein bestimmtes Violett und -scharfes Grau übergehen. - -Diejenigen aber, die frei und ungebunden leben, kräftige Sanguiniker, -starke energische Menschen sind, gefallen sich meistens in schimmernden -Farben, wie Rot und Gelb, wie sie auch die Zimbelschläge des Zinnobers -und der Chromfarben lieben, die sie blenden und berauschen. - -Die geschwächten und nervösen Menschen dagegen, deren sinnlicher Appetit -nach Speisen sucht, welche scharf gewürzt sind, -- die Augen dieser -hektischen, überreizten Naturen lieben fast alle die krankhaft -aufregende Farbe mit täuschendem Glanze, mit scharfem, unruhigem -Wechsel: das Orangegelb. - -Die Wahl, welche der Herzog Jean treffen würde, liess also kaum Zweifel -zu; dennoch aber entstanden neue Schwierigkeiten, denn wenn auch das Rot -und Gelb sich bei Lichte glänzend bewährten, so geschieht das nicht -immer bei ihrer Zusammenstellung. Das Orangegelb verschärft und -verwandelt sich oft in Dunkelrot oder gar in Feuerrot. - -Bei Kerzenlicht versuchte er alle seine Farbenzusammenstellungen und -entdeckte eine, welche gleich zu bleiben und sich nicht den -Anforderungen zu entziehen schien, die er an sie stellte. Nachdem diese -Vorkehrungen beendet waren, bemühte er sich, so viel es eben möglich -war, für sein Arbeitszimmer die orientalischen Farben und Teppiche zu -vermeiden, die prahlend und gewöhnlich geworden sind, seit Parvenüs sie -sich in den grossen Modemagazinen zu herabgesetzten Preisen leicht -verschaffen können. - -Nach reiflicher Überlegung entschloss er sich dazu, die Wände wie seine -Bücher mit Saffian-Leder mit breitgedrückten Narben oder mit satiniertem -Kap-Leder bekleiden zu lassen. - -Als das Getäfel derartig geschmückt war, liess er die Leisten und -Gesimse mit dunkler Indigofarbe und einer blauen Lackfarbe bestreichen, -so, wie sie die Wagenbauer für das Äussere der Wagen verwenden; und der -etwas gewölbte Plafond, ebenfalls mit Saffian-Leder bezogen, öffnete -sich wie ein ungeheures rundes Fenster, eingefasst von orangegelbem -Leder: ein kreisförmiges Himmelszelt von königsblauer Seide, in dessen -Mitte silberne Seraphine mit ausgebreiteten Flügeln schwebten. - -Er hatte richtig kalkuliert: Das Getäfel veränderte sein Blau nicht, es -wurde gehalten und erwärmt durch das Orangegelb, welches ebenfalls Farbe -hielt, unterstützt und belebt durch den kräftigen Zug der blauen Farben. - -Was die Möbel anbetrifft, so hatte Herzog Jean keine allzu grosse Mühe, -da der einzige Luxus dieses Zimmers nur aus Büchern und seltenen Blumen -bestehen sollte; er begnügte sich damit, an den Wänden Bücher- und -Fachschränke aus Ebenholz aufzustellen, indem er sich für später -vorbehielt, die frei gebliebenen Zwischenräume mit einigen Bildern und -Zeichnungen zu schmücken. Dann liess er den getäfelten Fussboden mit -Fellen von wilden Tieren belegen. In der Nähe eines grossen massiven -Tisches aus der Mitte des 15. Jahrhunderts standen tiefe Lehnstühle und -ein altes Kirchenpult aus Schmiedeeisen -- eines jener antiken -Chorpulte, auf welches ehemals der Diakonus das Chorbuch gelegt, und auf -dem jetzt einer der schweren Folianten des ¤Glossarium mediae et infimae -latinitatis¤ von dem Gerichtsschreiber du Cange stand. - -Die Fenster, mit Scheiben aus bläulichen Flaschenböden von rissigem -Schmelz und Goldrand, schnitten die Aussicht auf das Land ab und liessen -nur ein gedämpftes Licht eindringen; sie wurden ausserdem mit Vorhängen -aus alten Messgewändern verhängt, deren dunkles, fast rauchiges Gold -sich in einem matt rotgelben Gewebe verlor. - -Und endlich noch befand sich auf dem Kamine, dessen Bekleidung ebenfalls -aus einem prachtvollen florentinischen Messgewand hergestellt war, -zwischen zwei Monstranzen aus vergoldetem Kupfer byzantischen Stils, -welche der alten Abtei Bois-de-Bievre entnommen waren, eine wunderbar -schöne Messtafel mit drei getrennten Fächern von ausserordentlicher -Zartheit; unter dem Glas ihres Rahmens sah man ferner auf Pergament in -entzückender Messbuchschrift kopiert und mit kostbarer Ausmalung -versehen drei Werke von Baudelaire: zur Rechten und Linken Sonette mit -dem Titel »der Tod der Verliebten«, »der Feind« -- und in der Mitte in -Prosa: »¤Any where out of the world¤«. - - - - - ZWEITES KAPITEL. - - -Nach dem Verkauf seiner Güter nahm Herzog Jean die alten verheirateten -Dienstleute zu sich, welche seine Mutter gepflegt und die zu gleicher -Zeit dem Amte als Verwalter und Kastellane in Schloss Lourps -vorgestanden hatten, das bis zur Feststellung des gerichtlichen Verkaufs -unbewohnt und leer geblieben war. - -Er liess das Ehepaar nach Fontenay kommen. Sie waren an die Thätigkeit -der Krankenwärter, an die Regelmässigkeit, mit der von Stunde zu Stunde -die Arzeneien verabreicht wurden, wie an das starre Schweigen des -Klosterslebens gewöhnt. Ohne mit der Aussenwelt im geringsten zu -verkehren, verblieben sie stets in geschlossenen Zimmern hinter -verschlossenen Fenstern. - -Dem Mann wurde die Reinigung der Zimmer und das Einholen übertragen, die -Frau mit dem Kochen beauftragt. Er überliess ihnen den ersten Stock des -Hauses, doch mussten sie dicke Filzschuhe tragen. Er liess Windfänge vor -den gut geölten Thüren anbringen und ihre Fussböden mit dicken Teppichen -belegen, so dass er ihre Schritte über seinem Kopfe nicht hörte. - -Er verabredete ebenfalls mit ihnen eine gewisse Art zu klingeln und -bestimmte die Bedeutung der einzelnen Klingelzeichen nach ihrer Kürze -und Länge; bezeichnete auf seinem Schreibtisch den Platz, wo sie jeden -Monat das Rechnungsbuch hinlegen mussten -- kurz er richtete sich so -ein, dass er nicht oft genötigt war, sie zu sehen. - -Ebensowenig wollte er, da die alte Dienerin manches Mal am Hause vorüber -gehen musste, um aus einem kleinen Schuppen Holz zu holen, dass ihn ihr -Schatten störe, welcher dann durch die Scheiben seiner Fenster fiel. Er -liess ihr daher ein besonderes Kostüm aus flandrischer Seide mit weisser -Mütze und niedergeschlagener breiter schwarzer Kapuze anfertigen, in der -Art, wie sie die Frauen des Beguinenklosters in Gent tragen. - -Wenn der Schatten dieser Kopfbedeckung in der Dämmerung an seinen -Fenstern vorüberglitt, so gab er ihm das Gefühl, dass er sich in einem -Kloster befinde. Es erinnerte ihn an die stillen frommen Dörfer, die -toten und versteckten Stadtviertel einer thätigen und lebhaften Stadt. - -Er regelte und stellte auch die Stunden der Mahlzeiten fest, die -übrigens wenig gewählt, vielmehr überaus einfach waren, denn die -Schwäche seines Magens erlaubte ihm nicht, verschiedene oder schwere -Gerichte zu geniessen. - -Um fünf Uhr im Winter, beim Herannahen der Dunkelheit, nahm er ein -leichtes Frühstück ein, welches aus zwei Eiern, kaltem Fleisch und Thee -bestand. Um elf Uhr hielt er seine Hauptmahlzeit; manchmal trank er -etwas Kaffee, Thee oder Wein während der Nacht, und gegen fünf Uhr -morgens naschte er wohl noch ein paar leichte Sachen, worauf er sich -schlafen legte. - -Er nahm diese Mahlzeiten, deren Anordnung und Reihenfolge ein für alle -Mal zu Anfang jeder Jahreszeit festgesetzt wurde, an einem Tisch in der -Mitte eines kleinen Zimmers ein, welches von seinem Arbeitszimmer durch -einen ganz mit dickem Stoff ausgeschlagenen Korridor getrennt und ganz -hermetisch verschlossen war, so dass weder Geruch noch Lärm in die -beiden andern Gemächer dringen konnte. - -Dieses Esszimmer glich einer Schiffskajüte mit gewölbtem Plafond, im -Halbkreis mit Balken, Wänden und Fussböden aus hellem Fichtenholz -versehen, mit dem kleinen, runden, ins Holz eingelassenen Fenster, das -der Luftöffnung an den Seiten eines Schiffes nicht unähnlich war. - -Gleich japanischen Schachteln, von denen die eine immer in die andere -hineinpasst, war dieser Raum vom Architekten in einen grösseren -eingeschaltet, der als eigentlicher Esssaal erbaut war. - -Dieser hatte zwei Fenster, eines unsichtbar durch eine leichte -Bretterwand den Blicken entzogen, das aber durch eine Feder nach Wunsch -niedergelassen werden konnte, damit frische Luft durch die Öffnung -eindringe, um die Fichtenholzkajüte cirkuliere und sich hier verbreite. -Das andere sichtbare Fenster befand sich grade gegenüber dem runden -Kajütenfensterchen in der Holzbekleidung, jedoch zugesetzt durch ein -grosses Aquarium, welches den ganzen Raum zwischen dem kleinen runden -und dem wirklichen Fenster in der Mauer ausfüllte. Das Tageslicht drang -also durch das grosse Fenster, durch das Wasser und schliesslich durch -das runde Fenster in die Kajüte. - -Wenn dann der Samowar auf dem Tische dampfte und die Sonne im Herbste -unterging, so rötete sich das Wasser im Aquarium trübe und gläsern und -warf einen leichtfeurigen Schimmer auf das helle Getäfel. - -Nachmittags manchmal, wenn der Herzog Jean zufällig wach war und -aufstand, setzte er den Betrieb der Wasserröhren welche das Aquarium -leerten, in Bewegung, und liess es sich wieder von neuem mit frischem -Wasser füllen. Indem er dann einige Tropfen farbiger Essenz hineinthat, -erzeugte er grünliche und gelbliche, milchweisse oder silberne -Färbungen, wie die natürlichen Gewässer je nach der Farbe des Himmels, -der mehr oder minder starken Glut der Sonne, oder des nahenden Regens -erscheinen, mit einem Wort: wie es die Jahreszeit der Atmosphäre -verursacht. - -Er bildete sich dann ein, in dem Zwischendeck einer Brigg zu sein; und -neugierig betrachtete er wunderbar gearbeitete Fische, die, aufgezogen -durch ein Uhrwerk, vor der Scheibe des runden Kajütenfensters -vorbeischwammen und in dem künstlichen Gras hängen blieben. Oder er -betrachtete, während er den Theergeruch einsog, mit dem man den Raum -besprengt hatte, bevor er ihn betrat, die an den Wänden -aufgehängten farbigen Stiche, welche -- wie in den Agenturen der -Schiffahrtsgesellschaften -- Dampfschiffe auf dem Weg nach Valparaiso -oder La Plata vorstellten. Oder er besah die eingerahmten Tabellen, auf -welchen die Reiseroute der Linie der Postdampfer der Compagnieen Lopez -und Valéry, die Frachtgelder, die Häfen des Postdienstes im Atlantischen -Meer verzeichnet waren. - -Dann, wenn er müde war diese Fahrpläne zu Rate zu ziehen, liess er seine -Blicke über die Chronometer und Kompasse schweifen, über die -Winkelmesser und Zirkel, die Fernrohre und Karten, die zerstreut auf dem -Tisch lagen, auf dem sonst nur ein einziges Buch aufgestellt war, -gebunden in Seehundsleder: Arthur Gordon Pyms Abenteuer, welches -besonders für ihn auf streifiges Papier reinster Faser gedruckt war, -jedes Blatt sorgfältig ausgesucht und mit einer Schwalbe im -Wasserzeichen. - -Da waren ausserdem Fischereigeräte, durch Lehm gezogene Netze, -aufgerollte braune Segel, ein kleiner schwarz gestrichener Anker aus -Kork, zu einem Haufen nahe der Thür vereinigt, welche durch einen -kleinen ausgepolsterten Flur in die Küche führte, und der ebenso wie der -Korridor den Esssaal mit dem Arbeitszimmer verband, um die Gerüche und -den Lärm aufzusaugen. - -Auf diese Art verschaffte er sich ohne grosse Mühe sofort die -augenscheinlichsten Eindrücke einer Seereise. Besteht doch das Vergnügen -der Abwechslung im Grunde genommen einzig in der Erinnerung und fast -niemals in der Gegenwart, in dem Augenblicke selbst. Er kostete sonach -diese Abwechslung in vollen Zügen, mit aller Bequemlichkeit, ohne jede -Anstrengung und ohne die sonst unvermeidlichen Verdriesslichkeiten in -dieser erdachten Kajüte. - -Bewegung schien ihm zudem überflüssig, da ihm die Einbildung leicht die -gewohnte Wirklichkeit des Lebens zu ersetzen vermochte. - -Nach seiner Ansicht war es nämlich möglich, sich die Wünsche, die für -die schwierigsten gelten, im normalen Leben künstlich selbst zu -befriedigen und dies mittels Täuschung durch eine genaue Fälschung der -erwünschten Gegenstände zu thun. Ist es doch klar, dass jeder -Feinschmecker heutigen Tages entzückt ist, wenn er in einem wegen der -Vortrefflichkeit seines Kellers berühmten Restaurant die teuren Weine -schlürft, welche nach Pasteurs Methode aus leichten billigen Weinen -hergestellt sind. Falsch oder echt, diese Weine haben ganz dasselbe -Aroma, dieselbe Farbe, dieselbe Blume, und verursachen also auch -dasselbe Vergnügen, das man beim Kosten und Geniessen echter und reiner -Weine empfindet, die infolge starker Nachfrage schliesslich für Gold -kaum aufzutreiben sein möchten. - -Es unterliegt nach alledem keinem Zweifel, dass sich diese berauschende -Abweichung, diese geschickte Lüge und Täuschung des Geistes in die Welt -des realen Verstandes übertragen lassen, und dass man mithin ebenso -leicht wie in der materiellen Welt eingebildete Wonnen geniessen kann, -die fast in allen Punkten den wirklichen gleichen. Kein Zweifel zum -Beispiel, dass man im Notfall dem störrisch langsamen Geiste nachhelfen, -beim Lesen einer fesselnd geschriebenen Reisebeschreibung ruhig am Kamin -verweilen und sich erfolgreich angenehmen Forschungen hingeben kann. Wie -man sich auch -- ohne Paris zu verlassen -- das wohlthuende Gefühl eines -Seebades suggerieren kann, da es ja genügt, sich nach Vigier zu begeben, -dessen Bäder mitten in der Seine liegen. - -Wenn man dort das Wasser der Wanne salzen lässt und nach der Vorschrift -des Arzeneibuches schwefelsaures Sodasalz und Magnesia hinzufügt und ein -kleines Ende Kabeltau aus einer Seilerei mitnimmt und dann den Duft, -welchen dieses Tau noch bewahrt hat, einsaugt und dabei eifrig Joanne's -Handbuch liest, welches die Schönheiten des Strandes, an dem man sein -möchte, beschreibt; und wenn man sich dann schliesslich noch leise von -den Wellen schaukeln lässt, welche die Dampfschiffe, die an der -schwimmenden Badeanstalt vorbeifahren, in der Badezelle aufwerfen, wenn -man das Ächzen des Windes hört, der sich unter den Brücken fängt, und -dem dumpfen Lärm der Omnibusse lauscht, die wenige Schritte weiter über -Pont-Royal hinwegrollen -- ist da nicht die Illusion des Meeres -unleugbar da? - -Es handelt sich eben nur darum, seinen Geist auf einen bestimmten Punkt -zu richten. - -Da ist nicht eine ihrer Erfindungen, möge sie für noch so feinsinnig -oder noch so grossartig gelten, die das Genie des Menschen nicht zu -schaffen imstande wäre! Da ist kein Wald von Fontainebleau, kein -Mondschein, welchen nicht eine von elektrischem Licht überflutete -Dekoration hervorzuzaubern vermöchte; kein Wasserfall, welchen die -Wasserleitungskunst nicht täuschend nachahmen könnte, kein Felsen, der -nicht durch Papiermaché herzustellen wäre, keine Blume, die nicht durch -besonderen Taffet und zart bemaltes Papier genau so wiedergegeben werden -könnte! - -Unzweifelhaft hat diese uralte Schwätzerin Natur die gutmütige -Bewunderung der wirklichen Künstler erschöpft, und der Augenblick ist -gekommen, sie verbessert zu ersetzen, so weit es sich eben durch die -Kunst ermöglichen lässt. - -Und dann, um ehrlich zu sein: dasjenige ihrer Werke, welches fraglos als -das künstlichste gilt, diejenige ihrer Schöpfungen, deren Schönheit nach -Aller Ansicht die ursprünglichste und vollkommenste ist, das _Weib_! Hat -der Mensch nicht seinerseits ein ebenso künstliches Wesen voll von Leben -geschaffen, welches vom Gesichtspunkt der plastischen Schönheit aus ihr -vollkommen gleichwertig ist? Giebt es wohl hienieden ein Wesen, das, in -Freuden der Brunst empfangen und mit Schmerzen aus der Mutterschaft -hervorgegangen, an Form und Race strahlender und prächtiger sei, als -dasjenige der beiden Lokomotiven, die auf der Nordbahn ihren Dienst -verrichten? - -Die eine, die Crampton, eine entzückende Blondine, mit scharfer Stimme, -von hohem, schlankem Wuchs, eingeschnürt in ein glänzendes -Kupferkorsett, geschmeidig -- nervös wie eine Katze -- eine schmucke -goldige Blondine, deren aussergewöhnliche Anmut nahezu erschreckt, wenn -sie ihre Stahlmuskeln steift und den Schweiss ihrer warmen Schenkel -dadurch erhöht, dass sie die ungeheure Rosette ihres zarten Rades in -Bewegung setzt und wie rasend an der Spitze des Schnellzuges vorwärts -stürmt! - -Die andere, die Engerth, eine monumentale, dunkle Brünette mit dumpfen -rauhen Tönen, mit stämmigen Lenden, eingepresst in ihren gusseisernen -Panzer, ein unförmiges Wesen mit wilder Mähne schwarzen Rauches und mit -sechs niedrigen gepaarten Rädern; welche erdrückende Macht, wenn sie die -Erde erzittern macht und plump und langsam den schweren Güterzug hinter -sich drein schleppt! - -Sicherlich giebt es unter den zarten blonden und den majestätischen -brünetten Schönheiten keine derartigen Typen zarter Schlankheit und -erschreckender Kraft; auch kann man mit Recht sagen: der Mensch hat, in -seiner Art, ebenso Gutes geschaffen wie Gott. -- - -Diese Betrachtungen kamen des Esseintes, wenn ihm der Wind das sanfte -Pfeifen der kleinen Eisenbahn zutrug, welche sich wie ein Kreisel -zwischen Paris und Sceaux hin und her bewegt. - -Sein Haus war ungefähr zwanzig Minuten von der Station Fontenay -entfernt; aber die Höhe, auf welcher es stand, und seine einsame Lage -liessen nicht den Lärm des gemeinen Lebens bis zu ihm dringen. - -Das Dorf selbst kannte er kaum. Durch seine Fenster hatte er eines -Nachts die stille Landschaft betrachtet, die sich vor ihm ausbreitete -und hinunterzog bis zum Fuss des Hügels, auf dessen Spitze die -Batterieen des Gehölzes von Verrières aufgepflanzt sind. - -In der Dunkelheit rechts und links stiegen verworrene Massen stufenweise -auf, in der Ferne von anderen Batterieen und anderen Forts überragt, -deren hohe Böschungen im Mondlicht wie in Wasserfarben mit schimmerndem -Silber auf dunklem Himmelsgrund gemalt erschienen. - -Zusammengeschrumpft im Schatten der Hügel erschien die Ebene in der -Mitte wie mit Mehl bestreut und mit weissem Cold-cream bestrichen. In -der warmen Luft, die leise die farblosen Gräser fächelte und würzigen -Duft verbreitete, schüttelten die wie mit Kreide übertünchten Bäume im -Mondlicht ihr fahles Laubwerk und vergrösserten ihre Stämme, deren -Schatten den Gipsboden mit schwarzen Streifen furchten, auf dem die -Kieselsteine wie Tellerscherben glänzten. Ihres verkünstelt geschminkten -Aussehens wegen missfiel dem Herzog Jean diese Landschaft nicht. Seit -dem Nachmittag, den er auf der Suche nach dem Hause im Dörfchen von -Fontenay zugebracht hatte, war er niemals mehr am Tage den Weg gegangen. -Das grüne Laub dieser Gegend flösste ihm ausserdem kein Interesse ein, -bot es doch nicht einmal den zarten melancholischen Reiz dar, welcher -der oft rührend kränklichen Vegetation entströmt, die notdürftig -zwischen dem Schutt des Weichbildes nahe den Wällen hervorschiesst. - -Überdies waren ihm an jenem Nachmittage im Dörfchen einige dickbäuchige -Einwohner mit Backenbärten und Leute in Gehröcken mit Schnurrbärten -begegnet -- Köpfe, die ohne Zweifel der Obrigkeit oder dem Militär -angehörten; und seit dieser Begegnung hatte sein Widerwille gegen jedes -menschliche Gesicht noch mehr zugenommen. - -Während der letzten Monate seines Aufenthaltes in Paris, als er alles -überwunden hatte, empört durch die allgemeine Heuchelei und vom -Weltschmerz niedergedrückt, war die Überreiztheit seiner Nerven derartig -gestiegen, dass sich der Anblick mancher Gegenstände oder Wesen seinem -Gehirne so tief einprägte, dass es mehrerer Tage bedurfte, um nur die -Spuren davon zu verwischen. Unangenehme Gesichter, die sein Blick auf -der Strasse streifte, waren ihm zur wahren Qual geworden. - -So litt er entschieden beim Anblick gewisser Physiognomieen, deren -hausbackener unfreundlicher Typus ihm wie eine Beleidigung erschienen; -es wandelte ihn eine wahre Lust an, diejenigen zu ohrfeigen, welche da -langsamen Schrittes mit gelehrter Miene und gesenkten Augen über die -Strasse gingen, wie auch jene, die sich in den Hüften wiegen und sich -gar wohlgefällig in Spiegelscheiben zulächeln, oder jene anderen wieder, -die eine ganze Welt von Gedanken zu bewältigen scheinen, indem sie mit -der wichtigsten Miene den albernsten Klatsch und den haarsträubendsten -Blödsinn der Tagesblätter verschlingen und einfach wiederkäuen. - -Er witterte bei allen eine so eingewurzelte Dummheit, einen solchen -Abscheu gegen seine eigenen Ideen, eine solche Verachtung der -Litteratur, der Kunst, kurz, was er verehrte, als wäre es ihnen erblich -angeboren oder in ihre beschränkten Krämerseelen eingeankert, die, -schliesslich nur auf Gaunerei und Geld erpicht, wie alle unbedeutenden -und schwachen Geister, nur für niedrige Zerstreuungen der gemeinen -Politik eingenommen sind, so dass er wütend nach Hause ging, um sich mit -seinen Büchern einzuschliessen. - -Kurz, er hasste mit ganzer Kraft die neuen Generationen, diese Vertreter -moderner Flegelei, die das Bedürfnis haben, überall in den Speisesälen -und Kaffeehäusern laut zu schreien und unverschämt zu lachen, die uns -auf der Strasse wüst anrennen, ohne um Verzeihung zu bitten, oder einem -auch wohl einen Kinderwagen zwischen die Beine schieben, ohne sich zu -entschuldigen oder kaum den Hut zu lüften. - - - - - DRITTES KAPITEL. - - -Ein Teil der Büchergestelle, die an den Wänden seines orangegelben und -blauen Arbeitszimmers aufgestellt waren, enthielten ausschliesslich -lateinische Werke; doch nur solcher Autoren, die von den in der Sorbonne -gedrillten Fachgelehrten mit dem Sammelnamen »Dekadenten« abgethan -werden. - -War doch die lateinische Sprache so, wie sie Mode war zu jener Zeit, -welche die Gelehrten hartnäckig als das grosse Jahrhundert zu bezeichnen -belieben, in der That wenig dazu angethan, ihn zu reizen. Jene lackierte -Sprache mit ihren berechneten, fast unveränderlichen Wendungen, ohne -irgend eine Geschmeidigkeit der Syntax, ohne Farbe, ohne -Unterscheidungen. Jene an allen Nähten abgetragene, von holperigen -Ausdrücken befreite, wenn auch zuweilen bilderreiche Sprache vermag -allenfalls die seichten Redensarten, die unbestimmten Gemeinplätze -amtlicher Perrückenstöcke und Laureat-Poeten auszudrücken, erzeugt aber -eine solche Langeweile, dass man sich beim Studium ihres Stils fast ins -grosse Jahrhundert des französischen Sonnengottes -- Ludwigs XIV. -- -versetzt wähnen dürfte, wo man einzig einer gleichen Kraftlosigkeit und -Entmannung begegnet. - -Da ist unter andern der sanfte Virgil, den Schulfüchse gern den Schwan -von Mantua nennen, wahrscheinlich darum, weil er nicht in dieser Stadt -geboren ist. Virgil kam ihm als einer der schrecklichsten Pedanten und -unausstehlich langweiligsten Schwätzer vor, den jemals das Altertum -erzeugt; was waren denn seine so sauber gewaschenen und herausgeputzten -Schäfer, die sich der Reihe nach ganze Töpfe voll gezierter, eiskalter -Verse über den Kopf schütten? Vergleicht er seinen Orpheus doch mit -einer weinenden Nachtigall! Sein Aristeus, der Sohn des Apollo, ist ein -jammernder Bienenzüchter, während sein Aeneas, eine überaus verwaschene -schmächtige Persönlichkeit, die mit steifen Gebärden wie ein -Schattenbild in dem fadenscheinigen, lose gebundenen und öligen Gedichte -umherwandelt. Alles dieses brachte ihn natürlich ausser sich. - -Die langweiligen Albernheiten, die diese Gliederpuppen in den Coulissen -austauschen, würde er wie die unverschämten Entlehnungen, welche bei -Homer, Theokrit, Ennius und Lucrez gemacht sind, selbst nach dem -Plagiat, das uns Makrobius als fast wörtliche Abschrift eines Gedichtes -von Pisander nachweist, -- kurz, all die unaussprechliche Leere seiner -als klassisch geltenden Gesänge noch allenfalls ruhig hingenommen haben. -Wobei ihn aber wirklich die Gänsehaut überlief, das waren seine -sechsfüssigen Verse, dieses wahre Blech, wie eine leere Kanne klingend. - -Jene starre Verskunst, der Meisterschmiede des Catull entnommen, -phantasiearm, einförmig, vollgestopft mit unnützen Wörtern und -Lückenbüssern, eine Anhäufung feststehender Wendungen und dem Homer -sklavisch nachgebildeter Epitheta, die schliesslich nichts bezeichnen -und nichts zeigen -- dieser ganze armselige Wortschwall klanglos platter -Vergleiche spannte ihn geradezu auf die Folter. - -Es muss noch hinzugefügt werden, dass, wenn seine Bewunderung für Virgil -schon mehr als mässig war, der offene Unflat des Ovid noch geringere -Anziehungskraft für ihn hatte, wie auch sein Widerwille gegen die -ungeschlachte Grazie und das hohle Geschwätz des Horaz, jenes trostlosen -Tölpels, der sich mit übertüncht alten Clown-Zoten zierte, schon mehr -als grenzenlos war. - -Auch Ciceros und Cäsars berühmter Lakonismus vermochte ihn wenig zu -begeistern, denn da zeigte sich eine Trockenheit des Redestils, eine -Armut des Gedächtnisses, eine unglaubliche Hartleibigkeit. - -Somit fand er seine Rechnung weder hier noch dort, ebensowenig bei den -Lieblingsschriftstellern, die als Tonangebende falscher Gelehrsamkeit in -den Himmel gehoben wurden, wie bei den übrigen allen: Sallust, der -weniger farblos als die andern; Titus Livius, der sentimental und -schwülstig; Seneka, aufgedunsen und matt; Suetonius, lymphatisch und -fiebernd; Tacitus, der nervöseste, obgleich in seiner Kürze der -schärfste und der muskulöseste von Allen. - -In der Poesie liessen ihn Juvenal trotz seiner zeitweilig gestiefelten -und gespornten Verse, Persius trotz seiner geheimnisvollen -Zuflüsterungen völlig kalt. Indem er Tibull und Properz, Quintil und -Plinius, Statius und Martial gern überging, vermochte ihm Terenz und -selbst Plautus, deren Kauderwälsch von neugebildeten Wörtern und -zusammengesetzten Diminutiven wimmelte, schon eher zu gefallen; aber die -niedrige Komik und das grobe Salz widerten ihn an. - -Herzog Jean fing erst beim Lucan an sich für die lateinische Sprache zu -interessieren, denn da war sie schon reicher und ausdrucksvoller. Seine -sorgfältig gearbeiteten, mit Schmelz bedeckten und mit Juwelen gezierten -Verse fesselten ihn; aber diese ausschliessliche Pflege der leidigen -Form, dieser Klang hellschreiender Töne, dieser metallische Glanz -verdeckte ihm keineswegs die arge Gedankenleere, das Geschwollene und -Aufgeblasene. - -Der Schriftsteller aber, welchen er wirklich gern hatte und der ihn für -immer vom Lesen der tönenden Schriften eines Lucan entfernte, war -Petronius. - -Dieser war ihm ein scharfsichtiger Beobachter, ein zarter Analytiker, -ein vortrefflicher Maler; ruhig, ohne vorgefasste Meinung und ohne Hass -beschreibt er das tägliche Leben in Rom, die Sitten seiner Zeit als -munterer satirischer Erzähler. - -Er zeichnet Thatsachen im richtigen Licht und Verhältnis, er stellt sie -in der bestimmten Form und Ordnung fest, enthüllt das Kleinleben des -Volkes, seine Erlebnisse, seine Rohheiten wie sein sinnliches Treiben. - -Hier ist es ein Inspektor, der im Hôtel garni die Namen der kürzlich -angekommenen Reisenden zu wissen verlangt; da sind es verrufene Häuser, -in denen Männer um nackte Weiber herumschleichen, während man durch die -schlecht schliessenden Thüren der Kammern den Belustigungen der Paare -zusieht; dann wieder in den Villen des tollen Luxus und der unsinnigen -Pracht übermütigen Reichtums, wie in den armen Herbergen mit ihren -durchwühlten Gurtbetten voll Wanzen bewegt sich die Gesellschaft der -Zeit: Schurken wie Ascyltus und Eumolpus auf der Suche nach einem -unverhofften Fund; alte Knabenschänder im aufgeschürzten Kleide mit -weiss und rot bemalten Backen; sechzehnjährige Liederlinge, feist mit -gekräuseltem Haar; Weiber, die eine Beute ihrer hysterischen Anfälle -werden; Erbschaftsjäger, die ihre Knaben und Mädchen den Ausschweifungen -der Erblasser überliefern -- alle diese Typen folgen einander auf der -Strasse streitend, die Bäder besuchend, sich krumm und lahm schlagend, -wie solches wohl in einer Pantomime zu geschehen pflegt. - -Und dies mit einer Frische erzählt, in schönstem Kolorit und kräftigem -Stil aller Mundarten, die Ausdrücke allen in Rom untergegangenen -Sprachen entlehnt, alle Grenzen und alle Fesseln des sogenannten grossen -Jahrhunderts überschreitend. Er lässt jeden seinen Jargon reden: die -Freigelassenen und jeglicher Bildung baren das Pöbellatein und gemeine -Kauderwälsch, die Fremden ihre barbarischen Mundarten, vermischt mit -Afrikanisch, Syrisch und Griechisch, und die pedantischen Dummköpfe, wie -jenen Agamemnon des Buches, seine gemachte Redeweise zum besten geben. -Diese Menschen sind alle mit einem Federstrich gezeichnet; sie lagern um -einen Tisch, tauschen den abgestandenen Ideenbrei Trunkener aus und -überbieten sich in der Verausgabung verschimmelter Grundsätze und -alberner Sticheleien, das Maul stets gegen Trimalchio gerichtet, der -sich in den Zähnen stochert, über die Gesundheit seines Innern und seine -Blähungen spricht, indem er die Gäste einladet, es sich bequem zu machen -und sich ja keinen Zwang anzuthun. - -Dieser realistische Roman, dieses aus dem vollen Fleisch des römischen -Lebens geschnittene Stück, ohne ängstliche Sorge, wie man darüber -urteilen werde, voll von lebendiger Satire, ohne Schielen nach Sitte -noch Moral, diese Geschichte, ohne Intrigue, fast ohne Handlung, welche -dieses sodomitische Treiben darstellt und mit seltener Feinheit die -Freuden und Schmerzen der Liebeleien in farbenprächtiger Sprache malt, -ohne dass der Verfasser nur ein einziges Mal in den Vordergrund tritt -- -sie packte den Herzog Jean, denn er ersah in der Verfeinerung des Stils, -in der Schärfe der Beobachtung, in der Festigkeit der Methode eine -eigentümliche Ähnlichkeit mit den wenigen modernen französischen -Romanen, die er erträglich fand. - -Ernstlich bedauerte er, »Eustion« und »Albutia« nicht zu besitzen, jene -beiden Werke des Petronius, die auf immer verloren sind; aber der -Bücherliebhaber in ihm tröstete den Gelehrten, besass er doch die -prächtige Ausgabe in Oktav des »Satyricon« mit der Jahresziffer 1585 und -dem Drucker J. Dousa, Leyden. - -Von Petronius ab leitete seine lateinische Sammlung in das zweite -Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung über, zu dem schwülstigen -Phrasenhelden Fronto sowie zu den Attischen Nächten des Aulus Gellius, -seinem Schüler und Freund, den er ebenfalls überging, um Halt zu machen -bei Apulejus, von dem er eine erste Ausgabe in Folio aufbewahrte, -gedruckt zu Rom 1469. - -Dieser Afrikaner machte ihm Vergnügen. Die lateinische Sprache zeigte -sich in seinen »Metamorphosen« in ihrem vollen Glanze. - -Er öffnete nur noch selten Tertullians »Schutzrede der Christen« und die -»Abhandlung über die Geduld«; höchstens las er einige Seiten aus »De -cultu feminarum«, worin Tertullian die Frauen rügt, die sich mit -Kleinodien und kostbaren Stoffen putzen und ihnen den Gebrauch von -Schönheitsmitteln verbietet, weil sie zu täuschen versuchen, indem sie -die Natur zu verbessern und zu verschönern sich bemühen. - -Diese Ideen, die den seinigen schnurstracks widersprachen, machten ihn -lächeln. Doch die Rolle, die Tertullian in seiner bischöflichen Residenz -Karthago spielte, schien ihn zu süssen Träumereien zu verleiten; mehr -als seine Werke zog ihn in Wirklichkeit aber der Mann selbst an. - -Hatte er doch während der aufrührerischen Zeiten gelebt, heimgesucht von -schrecklichen Aufständen unter Caracalla, unter Macrin, unter dem -sonderbaren Hohenpriester Heliagabal, dessen Predigten und dogmatischen -Schriften, dessen Verteidigungsreden und Auszüge aus den Homilien der -Kirchenväter er verfasste, während das Kaiserreich in all seinen Fugen -krachte. Mit grösster Kaltblütigkeit lehrt er die fleischliche -Enthaltsamkeit, Genügsamkeit beim Mahl und Einfachheit der Kleidung, -während zur selben Zeit Heliagabal in Silberstaub und Goldsand -herumspazierte, auf dem Kopfe die dreifache päpstliche Krone trug, seine -Kleider mit kostbaren Steinen besetzte und, umgeben von Eunuchen, sich -mit weiblichen Handarbeiten beschäftigte, sich Kaiserin nennen liess und -jede Nacht den Kaiser, den er mit Vorliebe unter Barbieren, Köchen und -Zirkusleuten auswählte, wechselte. - -Dieser Gegensatz entzückte den Herzog; denn die lateinische Litteratur, -unter Petronius zur höchsten Reife gelangt, fing an sich aufzulösen. Die -christliche Litteratur brach sich Bahn und brachte mit neuen Ideen nie -gebrauchte Ausdrücke und neue Satzbildungen, sowie bislang unbekannte -Zeit- und Eigenschaftswörter mit weit hergeholten Bedeutungen, abstrakte -Begriffe, die in der römischen Sprache selten angewendet und von denen -Tertullian als einer der ersten Gebrauch gemacht hatte. - -Alles was nach dem Tode Tertullians von seinen Schülern, dem heiligen -Cyprianus, von Arnobius und dem unklaren Lactantius verfasst wurde, war -ohne Reiz für ihn. Jene unvollkommene schwerfällige Mache war ein -linkischer Rückschritt zum ciceronianisch hochtrabenden Ton. Ihr fehlte -jener besondere Duft des vierten wie der folgenden Jahrhunderte, jener -Duft des Christentums, der der heidnischen Sprache den Hautgout des -Wildprets verliehen hatte, der aber mit der Civilisation der alten Welt -gleichzeitig aufhörte. - -Ein einziger Dichter, Commodian aus Gaza, vertrat in seiner Bibliothek -die Kunst des dritten Jahrhunderts. - -Das »Carmen apologeticum«, im Jahre 259 geschrieben, ist eine Sammlung -von Sprüchen in den beliebten Hexametern, die hier manchmal gereimt sind -und schon an das Kirchenlatein späterer Zeiten erinnern. - -Seine überspannt dunklen Verse, voll von Ausdrücken der Tagessprache, -von Wörtern ursprünglich verdrehter Bedeutung, fesselten ihn mehr als -der reife gesättigte Stil der Geschichtsschreiber: Ammianus Marcellinus -und Aurelian Victor, der berühmte Briefschreiber Symmachus und der -Kompilator und Grammatiker Macrobius; er zog sie sogar den wirklich -skandierten Versen jener buntscheckig herrlichen Sprache vor, wie sie -Claudius, Rutilius und Ausonius sprachen. - -Waren jene doch damals die Meister der Kunst. Sie erfüllten das -untergehende Reich mit ihren Warnungen, der christliche Ausonius mit -seinem Cento nuptialis und seiner üppigen Dichtung von der Mosella; -Rutilius mit seinen Hymnen zum Ruhme Roms, seiner Verfluchung der Juden -und Mönche, der Reisebeschreibung von Italien nach Gallien, in der es -ihm gelingt, bestimmte Eindrücke des Gesehenen gut wiederzugeben: -Landschaften, die sich zitternd im Wasser spiegeln, aufsteigende Nebel, -schwere Wolken, die um die Berge brauen. - -Endlich im fünften Jahrhundert Augustin, Bischof von Hippo. Diesen -kannte Herzog Jean nur zu gut, denn er ist ja der angesehenste -Schriftsteller der Kirche, der Gründer der christlichen Orthodoxie, der -den Katholiken als ein Orakel gilt, und vor dem sie sich alle beugen. -Diesen öffnete er nicht mehr, obgleich Augustin in seinen -»Bekenntnissen« den Widerwillen gegen das Irdische ebenfalls besungen -und in seiner »Gottesstadt« versucht hatte, das entsetzliche Elend des -Jahrhunderts durch Vertröstung auf eine bessere Zukunft zu besänftigen. - -Die zweite Hälfte des fünften Jahrhunderts war gekommen, die -entsetzliche Zeit, in der die gewaltigsten Stösse die Erde -erschütterten. - -Die Barbaren verwüsteten Gallien; Rom, der Plünderung der Westgoten -preisgegeben, fühlte sein Leben erstarren, sah seine äussersten Grenzen, -den Occident und den Orient, sich im Blute wälzend von Tag zu Tag mehr -erschöpfen und dem Untergange verfallen. - -In dieser allgemeinen Auflösung, diesem Meuchelmorde der Cäsaren, welche -rasch aufeinander folgten, in diesem Lärm bluttriefenden Gemetzels, -welches sich von einem Ende Europas zum andern wälzte, ertönte ein -fürchterliches Hurrageschrei, das allen Unwillen und alles Geheul zum -Schweigen brachte. - -An dem Ufer der Donau erschienen Tausende von Männern auf kleinen -Pferden, eingehüllt in weite Oberkleider von Rattenfell, scheussliche -Tartaren mit enormen Köpfen, platter Nase, das Kinn durch Schmarren und -Narben entstellt, bartlose, citronengelbe Gesichter stürzten sich -vorwärts im gestreckten Galopp, alle Reiche gleichsam in einen -Wirbelwind einhüllend und niederreissend. - -Alles verschwand in den Staubwolken dieser wilden Reiter wie in Rauch -von Feuerbrünsten. Die Finsternis verbreitete sich, und die bestürzten -Völker erzitterten, wenn sie diesen entsetzlichen Staubwirbel mit dem -Getöse des Donners vorübersausen hörten. Jene Hunnenherde machte -Ost-Europa dem Erdboden gleich, stürzte sich auf Gallien, wo sie in den -Ebenen von Châlons durch den römischen General Aetius niedergeworfen und -im Sturm vernichtet wurde. Die mit Blut überschwemmten Wiesen kräuselten -sich wie ein Purpurmeer; zweihunderttausend Leichen versperrten den Weg -und brachen den Anlauf dieser aus der Richtung gekommenen Lawine, die -wie mit Donnerschlägen in Italien einfiel, wo die zerstörten Städte -gleich Heuschobern brannten. - -Das weströmische Reich brach unter dem Stoss zusammen; sein mit dem Tode -ringendes Dasein, das es stumpfsinnig im Kot hinschleppte, erlosch; es -schien überdies das Ende der Welt nahe; die Städte, welche von Attila -vergessen, wurden durch Hungersnot und Pest dahingerafft, das Latein -schien unter den Ruinen der Welt mit zu versinken. - -Jahre vergingen; die barbarischen Idiome fingen an sich zu regeln und -wirkliche Sprachen zu bilden. Das Latein, das während der allgemeinen -Zerrüttung in die Klöster geflüchtet war, verblieb dort, wie in den -Pfarrhäusern; hier und da erstanden einige Poeten frostig und träge: der -Afrikaner Dracontius mit seinem »Hexameron«; Claudius Mamertius mit -seinen liturgischen Poesien; Avitus von Wien. Dann die Biographen, wie -Ennodius, der die Wunder des heiligen Epiphanias erzählt, jenes -scharfsichtigen, verehrten Diplomaten, des biederen und umsichtigen -Seelsorgers; wie Eugippius, der uns das unvergleichliche Leben des -heiligen Severinus wieder vor Augen führt, diesen geheimnisvollen -Einsiedler und demütigen Asketen, der den trostlosen, vor Furcht und -Schmerz wahnsinnigen Völkern wie ein Engel der Barmherzigkeit erschien; -Schriftsteller wie Veranius du Gévaudan, der eine kleine Abhandlung über -die Enthaltsamkeit verfasste; wie Aurelian und Ferreolus, die die -kirchlichen Satzungen zusammengestellt; Geschichtsschreiber wie -Rotherius, berühmt durch ein Geschichtswerk, das aber verloren gegangen -ist. - -Die Werke der nachfolgenden Jahrhunderte wurden in der Bibliothek des -Herzogs Jean spärlicher. Indessen war das sechste Jahrhundert noch durch -Fortunatus, Bischof von Poitiers, durch Boëthius, den alten Gregor von -Tours, und Jornandes vertreten. - -Wenig entzückt von der Schwerfälligkeit der karolingischen Lateiner, wie -Eginhart und Alcuin, begnügte er sich als Sprachprobe des neunten -Jahrhunderts mit den Chroniken des Anonymus von St. Gallen, des Frechulf -und des Regino, mit dem Gedichte von der Belagerung von Paris, verfasst -von Abbo le Courbé, mit dem »Hortulus«, mit der Dichtung von Ermold le -Noir, die Thaten Ludwigs des Frommen preisend, und einigen nicht zu -klassificierenden moderneren Werken ohne Jahreszahl, Werken der -Geheimlehre, der Arzeneikunde, der Pflanzenkunde, einzelnen Bänden der -Kirchenväterkunde von Migne, welche nirgends mehr zu findende -christliche Poesieen enthielten, und mit der Blumenlehre der kleinen -lateinischen Poeten von Wernsdorff. - -Mit dem Anfang des zehnten Jahrhunderts hörte seine lateinische -Bibliothek auf. - -Die alten Ausgaben, die Herzog Jean sorgfältig gesammelt hatte, waren -hiermit erschöpft, und mit einem jähen Sprunge über Jahrhunderte hinweg -leiteten seine Bücher direkt zu der französischen Sprache des jetzigen -Jahrhunderts über. - - - - - VIERTES KAPITEL. - - -Eines Nachmittags hielt ein Wagen vor dem Hause in Fontenay. Da Herzog -Jean keine Besuche empfing und sich selbst der Briefträger nicht einmal -in dieser unbewohnten Gegend zeigte, weil er niemals einen Brief oder -eine Zeitung zu bestellen hatte, so zögerten anfänglich die beiden alten -Dienstboten, nicht wissend, ob sie öffnen durften. Auf das laute -Geklingel der Glocke, die mit aller Kraft gezogen wurde, wagten sie es -endlich, durch das kleine Schiebfenster, welches in der Thür angebracht -war, zu sehen; vor derselben stand ein Herr, dessen ganze Brust vom Hals -bis zum Leib mit einem ungeheuren goldenen Schild bedeckt war. - -Sie benachrichtigten hierauf ihren Herrn, der am Frühstückstisch sass. - -»Ganz richtig, führen Sie ihn herein,« sagte er -- denn er erinnerte -sich, dass er vor einiger Zeit einem Edelsteinhändler, der eine -schwierige Bestellung für ihn ausführen sollte, seine Adresse gegeben -hatte. - -Der Herr grüsste und setzte ohne Umstände auf den Boden des Esszimmers -seinen Schild nieder, der sich bewegte, sich dann ein wenig erhob, unter -dem der kleine schlangenartige Kopf einer Schildkröte hervorlugte, um -sich plötzlich wieder erschrocken unter die Schale zurückzuziehen. - -Diese Schildkröte war eine phantastische Idee des Herzogs Jean, die ihm -einige Zeit vor dem Verlassen von Paris gekommen war. - -Eines Tages, da er einen orientalischen Teppich besah und die Reflexe -desselben bewunderte, die je nach dem Silberglanz, der über das Gewebe -lief, bald aladingelb, bald pflaumenblau leuchteten, sagte er sich, dass -es sich nicht übel ausnehmen müsse, etwas Bewegliches auf den Teppich zu -setzen, um den Farbenreiz durch einen dunklen Ton zu erhöhen. - -Von dieser Idee ganz eingenommen, war er aufs Geratewohl durch die -Strassen geschlendert und bis zum Palais-Royal gekommen. Als er hier im -Schaufenster bei Chevet eine Schildkröte in einem Bassin bemerkte, da -schlug er sich vor die Stirn, wie jemand, dem plötzlich ein Gedanke -gekommen. - -Er kaufte das Tier, setzte es dann auf den Teppich und sich davor. Lange -hatte er das Tier mit halbgeschlossenen Augen aufmerksam betrachtet. - -Der Ton des harten Braunes des Rückenschildes verdunkelte die Reflexe -des Teppichs, ohne sie zu beleben; der vorherrschende Silberglanz -strahlte jetzt kaum und streifte mit seinem kalten zinkfarbigen Ton den -Rand dieser harten glanzlosen Schale. - -Er biss sich auf den Finger, ein Mittel suchend, diese Missverbindung zu -versöhnen und die offenbare Scheidung der Töne zu verhindern, wobei er -schliesslich entdeckte, dass seine erste Idee, die darin bestand, die -Flammen des Gewebes mit einem darauf gesetzten beweglichen dunklen -Gegenstand zu schüren, falsch war. Im Grunde genommen war dieser Teppich -noch zu auffällig, zu lebhaft und zu neu. Die Farben waren noch nicht -genügend abgestumpft und gedämpft; es handelte sich darum, den Satz -umzukehren, die Töne abzuschwächen, sie durch den Kontrast eines -glänzenden Gegenstandes zu erlöschen, alles um sich zu erdrücken und -goldiges Licht auf das matt silberne zu werfen. - -In dieser Weise dargestellt, war die Frage leichter zu entscheiden. Er -beschloss infolgedessen, den Panzer der Schildkröte mit einer Goldglasur -überziehen zu lassen. - -Als das Tier von dem Praktikus, der es in Arbeit gehabt hatte, wieder -zurückkam, leuchtete es wie die Sonne. - -Anfänglich war Herzog Jean ganz entzückt von der Wirkung; dann kam ihm -der Gedanke, dass dieses riesengrosse Schmuckstück bis jetzt nur -flüchtig entworfen, und dass es erst vollendet wäre, wenn es mit -eingelegten seltenen und kostbaren Steinen besetzt sein würde. - -Er wählte aus einer japanischen Sammlung eine Zeichnung, die ein -Arrangement von Blumen vorstellte, die von einem dünnen Stengel wie -Raketen ausgingen. Er brachte das Muster zu einem Goldschmied, zeichnete -eine Einfassung darum, die das Bouquet in einen ovalen Rahmen -einschloss, und erklärte dem verdutzten Juwelenhändler, dass die Blätter -und die Kelche jeder der Blumen in Edelsteinen ausgeführt und in das -Schild des Tieres selbst eingelassen werden sollten. - -Die Wahl der Edelsteine war nicht leicht: der Diamant ist zu gewöhnlich -geworden, seit die Kaufleute ihn am kleinen Finger tragen; die Smaragde -und die Rubinen des Orients sind weniger entwürdigt, aber sie erinnern -zu sehr an die grünen und roten Omnibus-Laternen. Was die Topase -anbelangt, geglüht oder roh, so sind es nur wohlfeile Steine, der -kleinen Bürgersfrau überaus wert, die ihre Schmucksachen noch mit -Wohlgefallen in ihren Leinenschrank verschliesst; anderseits hat der -Amethyst, obgleich ihm die Kirche den priesterlich-ernsten Charakter -bewahrt, in den roten Ohren und an den feisten Händen der -Schlächterfrauen, welche sich für einen bescheidenen Preis gern mit -schwerfälligem Schmuck behängen, an Wert sehr verloren. Dem Saphir -allein ist sein unverletztes Feuer nicht durch spekulative Ausnutzung -genommen. Seine Strahlen rieseln wie klares kaltes Wasser und haben -sozusagen seinen zurückhaltenden und hochmütigen Adel gegen jeden -Schmutz bewahrt. Unglücklicherweise funkeln seine frischen Farben nicht -bei Licht; das blaue Wasser geht in sich selbst zurück, scheint -einzuschlafen, um erst wieder beim Anblick des Tages aufzuwachen und zu -blitzen. - -Schliesslich befriedigte nicht einer von diesen Steinen den Herzog Jean; -ausserdem waren sie zu civilisiert und zu bekannt. Er liess -wunderlichere und seltsamere Steine durch seine Finger gleiten, und -zuletzt suchte er eine Serie von wirklichen und künstlichen Steinen aus, -deren Mischung eine bezaubernde und überraschende Harmonie hervorbringen -sollte. - -Er setzte in folgender Weise das Bouquet seiner Blumen zusammen: die -Blätter wurden von klarem bestimmten Grün gefasst mit dem Chrysoberill, -einem spargelgrünen Edelstein; grünem Chrysolith; dunkelgrünem Olivin. -Diese hoben sich von den Zweigen aus Almadin und Ouwarovit ab, einem -blauroten Stein, der in kaltem Glanze flimmert, wie etwa das Glimmen des -Weinsteins im Innern der Fässer. - -Für die Blumen, die strahlenförmig vom Stengel ausgehen, benutzte er -bläuliche Aschfarbe; aber er vermied streng den orientalischen Türkis, -den man für Busennadeln und Ringe verwendet und der mit der alltäglichen -Perle und der abscheulichen Koralle das Entzücken des Kleinbürgertums -ist. Dagegen wählte er schliesslich die Türkise des Abendlandes, Steine, -die im eigentlichen Sinne des Wortes nur fossiles Elfenbein sind, von -einer kupferfarbigen Substanz durchdrungen, wie von schmachtendem Blau -erfüllt, undurchsichtig, schwefelhaltig und wie mit Galle gefärbt. - -Als dies geschehen, machte er sich daran, die Kelche seiner aufgeblühten -Blumen mitten im Strausse einzufassen und für die Blumen, die -dem Stengel am nächsten standen, durchsichtige Steine mit -gläsern-krankhaftem Glanz, mit fieberhaft scharfem Strahl zu wählen. - -Er setzte sie einzig und allein aus indischen Katzenaugen, Cymophanen -und saphirartigen Steinen zusammen. - -Von diesen drei Steinen ging in der That ein geheimnisvoll-wunderlicher -Schimmer aus, der schmerzlich aus dem kalten Grunde trüben Wassers -herausgerissen schien: das Katzenauge von einem grünlichen Grau, von -schwachen Adern durchzogen, welche sich zu bewegen schienen und jeden -Augenblick den Platz wechselten, je nach dem darauf fallenden Lichte; -der Cymophan mit dem moirierten Azurblau, das über die milchweisse -Farbe hinläuft, die im Innern lebt; der Saphirin, der auf -dunkelbraun-schokoladefarbigem Grunde phosphorbläuliche Feuer entzündet. - -Der Juwelenhändler machte sich Notizen betreffs der Stellen, in welche -die Steine eingesetzt werden sollten. - -»Und die Einfassung der Schale der Schildkröte?« fragte er schliesslich. - -Herzog Jean hatte zuerst an einige Opale und Hydrophane, -- eine Art -Opal, welcher Wasser einsaugt und dadurch durchsichtiger und -farbenspielender wird, -- gedacht; aber die Verwendbarkeit dieser -interessanten Steine ist wegen der Unbestimmtheit ihrer Farben und des -Zweifelhaften ihres Feuers zu schwierig. Der Opal hat eine geradezu -rheumatische Empfindlichkeit. Das Spiel seiner Strahlen verändert sich -je nach der Feuchtigkeit, der Wärme oder Kälte; und was den Hydrophan -anbelangt, so blitzt er nur im Wasser und scheint seine Glut zu -entzünden, wenn man ihn anfeuchtet. - -Zuletzt entschloss er sich zu den Steinen, deren Reflexe sich -abwechseln: zu dem Hiazinth von Compostella, einem rötlich-gelben -Edelstein; Aquamarin, meergrün; Ballas-Rubin, blassrot; -Südermannlands-Rubin, rotgelb. Ihr schwaches Schimmern genügte, um die -dunklen Schatten des Rückenschildes zu erhellen und das Blühen der -Edelsteine nicht zu beeinträchtigen, welche sie mit einer schmalen -Guirlande von unbestimmter Leuchtkraft umgaben. -- - -Und nun setzte sich Herzog Jean in eine Ecke seines Esszimmers und -betrachtete mit Wohlgefallen die im Schatten goldglänzende Schildkröte. - -Er fühlte sich vollkommen glücklich; seine Blicke berauschten sich an -dem hellen Glanz der Blumenkronen auf goldenem Grund. Dann aber -- ganz -gegen seine Gewohnheit -- stellte sich eine gewisse Esslust bei ihm ein. -Er tunkte seine gerösteten Brotschnitte, die mit einer ganz besonderen -Butter bestrichen waren, in eine Tasse Thee, eine treffliche Mischung -von Si-a-Fayoune, Mo-you-tann und Khansky, gelben Theesorten, die von -China nach Russland durch besondere Karawanen geschickt werden, wodurch -sie den famosen Kameelduft angenommen haben. - -Der Herzog trank diese duftige Flüssigkeit aus dem feinsten chinesischen -Porzellan, das man wegen seiner Durchsichtigkeit als Eierschalen -bezeichnet. Zu diesen entzückenden Tassen benutzte er nur Bestecke aus -altem vergoldeten Silber, das die Vergoldung schon etwas verloren hatte, -so dass das Silber unter dem Gold ein wenig zum Vorschein kam und ihm so -die Färbung vormaliger Zartheit ganz diskret wiedergab. - -Nachdem er einen letzten Schluck genommen, ging er in sein Arbeitszimmer -zurück und liess sich durch den Diener die Schildkröte bringen, die in -ihrer hartnäckigen Unbeweglichkeit verharrte. - -Der Schnee fiel in dichten Flocken. Bei dem Licht der Lampen bildeten -sich Eisblumen hinter den bläulichen Scheiben, und der Reif, der in den -Flaschenböden der mit Gold besprenkelten Fenster glänzte, glich -geschmolzenem Zucker. - -Ein tiefes Schweigen hüllte das Häuschen wie in Finsternis erstarrt ein. - -Herzog Jean träumte; die brennenden Holzscheite im Kamin erfüllten mit -ihrer wärmenden Ausströmung das Gemach; er öffnete halb das Fenster. - -Wie ein hoher Vorhang verkehrten Hermelins hob sich der Himmel vor ihm -schwarz mit weissen Tüpfchen ab. Ein eiskalter Wind wehte, der den -Schneeflug beschleunigte. Der heraldische Vorhang des Himmels kehrte -sich bald um und wurde ein wirklich weisser Hermelin, nun wieder schwarz -getupft. - -Er schloss das Fenster wieder. Der schroffe Wechsel von grosser Hitze -und der Kälte des Winters hatte ihn gepackt; er zog sich ans Feuer -zurück. Es kam ihm der Gedanke, ein geistiges Getränk zu geniessen, das -ihn wieder erwärmte. - -Er ging ins Esszimmer, wo ein Wandschrank in der Mauer angebracht war, -in dem sich eine Reihe kleiner Tonnen dicht nebeneinander auf kleinen -Blöcken von Sandelholz befanden, die alle mit kleinen silbernen Hähnchen -am unteren Ende versehen waren. - -Er nannte diese Sammlung von Likören seine Mundorgel. - -Eine Röhre konnte alle Hähne vereinigen. Wenn das Instrument richtig -gestellt war, brauchte er nur auf den Knopf, der in dem Holzwerk -verborgen war, zu drücken, um alle Hähne auf einmal aufzudrehen, worauf -sich die winzigen Becher, die unter ihnen standen, mit Likör füllten. - -Diese Orgel, auf die bezeichneten Stimmen Flöte, Waldhorn, Vox Divina u. -s. w. gestellt, war stets zu seiner Benutzung bereit. Herzog Jean trank -von diesem und jenem Likör einige Tropfen, spielte sich innere -Symphonieen vor, und es gelang ihm, seinem Gaumen ähnliche Genüsse zu -verschaffen, wie solche die Musik dem Ohre bereitet. Ausserdem stimmte -jeder Likör seiner Ansicht nach mit dem Ton eines Instrumentes überein. - -Der trockene Curaçao zum Beispiel mit der Klarinette, deren Töne spitz -und weich sind; der Kornbranntwein mit der Hoboe, deren Klang näselt; -der Pfefferminz und Anisette mit der Flöte, süss und scharf, schrill und -sanft zugleich; das Kirschwasser mit der Trompete; Gin und Whisky -erschraken den Gaumen durch ihren schrillen Schall, wie Klapphorn und -Posaune das Ohr heftig mitnehmen, während der Weinträberschnaps -gleichsam den betäubenden Lärm der Tuba verursacht, und der russische -Raky und der Mastic der Mundhaut die Schläge der Zimbel und der Pauke -mitteilen. - -Er meinte auch, dass diese Vergleiche sich auf -Quartett-Saiteninstrumente übertragen lassen, indem unter dem -Gaumengewölbe die Geige den alten Cognac vorstellt, berauschend und -zart, scharf und spröde, während die Bratsche kräftiger, voller, dumpfer -den Rum simuliert; der Magenbitter zerreissend, melancholisch und -schmeichelnd wie ein Violoncell erklingt, die Bassgeige dagegen schwer, -stark und düster wie ein scharfer alter Bitter wirkt. Man könnte selbst --- ein Quintett bildend -- die Harfe hinzufügen, die mit einer gleichen -Wahrscheinlichkeit die mächtige Kraft und ihre silbernen Klänge, frei -und zart wie der Kümmel wiedergäbe. - -Diese Voraussetzungen einmal angenommen, war er so weit gekommen, -infolge rastloser Versuche auf seiner Zunge stille Melodieen zu spielen, -stumme Trauermärsche mit grossem Gepränge aufzuführen, Soli von -Pfefferminz, Duette zwischen Bittern und Rum zu hören. - -Es gelang ihm so, in seine Kinnbacken wirkliche Musikstücke den Wünschen -des Komponisten gemäss zu übertragen, Takt für Takt seine Gedanken, -seine Wirkungen, seine Nüancen wiedergebend und durch nahe Verbindungen -oder Kontraste der Liköre, durch geschickte Mischungen Accorde -erzeugend. - -Früher komponierte er seine Melodieen selbst und führte seine Idyllen -mit dem gutmütigen Johannisbeerlikör auf, der ihm den perlenden Gesang -der Nachtigall in der Kehle trillern machte, oder er sang mit dem -sanften Kakao-Chouva die süsslichen Schäferlieder, wie: die Romanzen von -Estella und die »Ach! ich sage Ihnen, Mama« aus der alten Zeit. - -Aber heute Abend hatte der Herzog durchaus keine Lust, der Musik zu -fröhnen; er begnügte sich damit, einen einzigen Ton auf der Klaviatur -seiner Orgel anzuschlagen; er nahm seinen kleinen Becher, den er zuvor -einfach mit echtem irländischen Whisky gefüllt hatte und machte es sich -in seinem Sessel bequem, ganz langsam diesen aus Hafer und Gerste -gegohrenen Saft schlürfend, der seinen Mund mit einem starken -Kreosotgeruch erfüllte. - -Nach und nach beim Trinken folgten seine Gedanken wieder dem belebten -Eindruck seines Gaumens; er erweckte so durch eine fatale Ähnlichkeit -von Gerüchen eine seit Jahren verwischte Erinnerung. - -Dieser scharfe Karbolduft erinnerte ihn an den gleichen Geruch, der zu -einer Zeit, da die Zahnärzte an seinem Zahnfleisch herumarbeiteten, -seinen Mund erfüllt hatte. - -Einmal auf diesen Weg gebracht, erging er sich zuerst in Träumereien -über all die Praktikusse, die er kennen gelernt hatte, er sammelte sich -und konzentrierte seine Erinnerung auf einen, dessen seltsame -Erscheinung ihm besonders im Gedächtnis verblieben. - -Es war vor drei Jahren, als er mitten in der Nacht von einem rasenden -Zahnschmerz befallen wurde; er wickelte sich den Kopf ein, stiess in -Verzweiflung gegen alle Möbel und rannte wie ein Wahnsinniger im Zimmer -umher. - -Es war ein schon plombierter Backenzahn und keine Heilung möglich; die -Zange des Zahnarztes allein konnte dem Übel abhelfen. - -Fieberhaft erwartete er den Tag, entschlossen, die schrecklichsten -Operationen zu erdulden, wenn sie nur seinem Leiden ein Ende machen -würden. - -Sich fortwährend den Mund zuhaltend, fragte er sich, was er thun solle. -Die Zahnärzte, die ihn gewöhnlich behandelten, waren reiche Leute, die -man nicht so nach seinem Gefallen sprechen konnte; da mussten erst mit -ihnen die Besuche und die Stunden der Konsultationen ordentlich -verabredet werden. Das war jedoch unmöglich. »Ich kann es nicht länger -hinausschieben,« sagte er sich; und er entschloss sich, zu dem ersten -besten zu gehen, zu einem Zahnausreisser gewöhnlichen Schlages, einem -jener Leute mit eiserner Faust, welche mit einer Geschwindigkeit -ohnegleichen die hartnäckigsten Zahnstümpfe zu entfernen wissen. Diese -sind vom frühen Morgen an zu sprechen und bei ihnen braucht man nicht zu -warten. - -Endlich schlug es sieben Uhr. Er lief aus dem Hause, sich des Namens -eines bekannten Technikers erinnernd, der sich »Volkszahnarzt« nannte -und an der Ecke eines Quais wohnte. Er durchrannte die Strassen und biss -verzweiflungsvoll in sein Taschentuch, um die Thränen zurückzuhalten. - -Er war eben vor dem Hause angelangt, das man schon von weitem an dem -grossen schwarzen Holzschilde erkennen konnte, auf dem mit enorm grossen -Buchstaben der Name »Gatonax« gemalt war; in zwei kleinen Glaskästen sah -man Zähne in Zahnfleisch aus rosa Wachs sorgfältig aufgereiht und durch -eine mechanische Feder aus Draht miteinander verbunden. Er keuchte, der -Schweiss trat ihm auf die Stirn und eine wahnsinnige Angst befiel ihn, -ein Schauer durchrieselte seine Haut, worauf sich urplötzlich eine -Linderung fühlbar machte: er litt nicht mehr, der Zahn that nicht mehr -weh. - -Wie verdummt blieb er auf dem Trottoir stehen; schliesslich aber stemmte -er sich gegen die Angst und kletterte eine dunkle Treppe bis zum dritten -Stock hinauf. Da stand er vor einer Thür; ein Porzellanschild mit -himmelblauen Buchstaben: es war derselbe Name wie unten an der Thür. - -Er zog die Klingel; doch entsetzt durch die Blutauswürfe, die er auf den -Treppenstufen bemerkte, wollte er jetzt umkehren, entschlossen, sein -ganzes Leben lang Zahnschmerz zu erdulden, als ein Schrei das -Treppenhaus erfüllte, der den Entsetzten auf seinen Platz bannte. Im -selben Augenblick öffnete sich die Thür und eine alte Frau bat ihn -einzutreten. - -Die Scham überwand die Furcht. Man führte ihn in das Esszimmer, eine -andere Thür ward zugeschlagen, und ein grosser vierschrötiger Mann im -schwarzen Gehrock und schwarzen Beinkleidern trat ein und forderte ihn -auf, ihm in ein anderes Zimmer zu folgen. - -Seine Empfindungen wurden von diesem Augenblicke ab undeutlich. Er -erinnerte sich, sich auf einen Sessel neben dem Fenster niedergesetzt -und etwas gestammelt zu haben, während er den Finger auf seinen Zahn -legte: »Schon mal plombiert ... fürchte, es ist nichts zu machen ...« - -Der Mann hob schnell die Auseinandersetzung auf, indem er dem Herzog -seinen enormen Zeigefinger in den Mund schob; dann etwas in seinen -gewichsten und spitz gedrehten Schnurrbart brummend nahm er ein -Instrument vom Tisch, womit er die grosse Szene begann. - -Herzog Jean hatte sich krampfhaft an die Lehne des Sessels geklammert -und gefühlt, wie etwas Kaltes seine Backe berührte; hierauf hatte er vor -den Augen nur Funken gesehen; er wurde von entsetzlichsten Schmerzen -erfasst, und so brüllte er, mit den Füssen strampelnd, wie ein wildes -Tier. - -Man hörte ein Knacken, der Backenzahn war beim Herausziehen abgebrochen; -ihm war, als ob man ihm den Kopf abrisse oder den Schädel einschlüge. Er -hatte aus Leibeskräften geheult und sich wütend gegen den Mann gewehrt, -der sich von neuem auf ihn stürzte, als ob er mit seinem Arm ihm in den -Leib dringen wolle. - -Der Arzt war nach der zweiten Operation einen Schritt zurückgetreten, -hatte den Herzog wieder in den Sitz zurückfallen lassen, worauf er an -das Fenster ging, schwer Atem holte und am Ende seiner Zange einen -blauen Zahnstumpf hielt, an dem etwas Rotes hing. - -Wie vernichtet hatte Herzog Jean eine ganze Schale voll Blut -ausgebrochen, mit einer heftigen Bewegung den Zahnstumpf verweigert, -welchen ihm die alte Frau, in ein Stück Zeitungspapier gewickelt, -darreichte und war davongestürzt, nachdem er zwei Franken gezahlt hatte. - -Auf der Strasse war er ganz heiter, wie um zehn Jahre jünger, sich für -alles und jedes interessierend. -- -- -- - -»Brr!« murmelte er jetzt, ganz erschreckt von dem Gang, den seine -Gedanken genommen hatten. - -Er stand auf, um diese Vision zu zerstören, und um in die Wirklichkeit -zurückzukehren, fing er an, sich wieder mit der Schildkröte zu -beschäftigen. - -Sie rührte sich noch immer nicht, er befühlte sie, sie war tot. Sie war -an eine ruhige Existenz, an ein demütiges Leben, das sie unter ihrer -ärmlichen Schale zubrachte, gewöhnt; sie hatte den glänzenden Luxus, den -man ihr aufdrang, den goldglänzenden Überzug, mit dem man sie bekleidet, -die Edelsteine, mit denen man ihr den Rücken gepflastert, nicht -vertragen können. - - - - - FÜNFTES KAPITEL. - - -Zur selben Zeit, da sich sein Wunsch verschärfte, sich einem -hassenswerten Zeitalter von unwürdigen Stockfischen zu entziehen, machte -sich das Bedürfnis, keine Bilder mehr zu sehen, welche das menschliche -Antlitz darstellten, Bilder solcher Personen, die in Paris nur zwischen -ihren vier Wänden herumkrauchen, oder auf den Strassen auf der Suche -nach Geld lungern, immer gewaltsamer geltend. - -Nachdem er sich mit dem Leben und Treiben seiner Zeit abgefunden, hatte -er sich vorgenommen, keine Larven, die ihm nur Widerwillen oder Bedauern -einflössten, in seine Zelle einzuführen; er wünschte Gemälde, welche -zarte und köstliche Phantasieen alter Zeit und klassischer Verderbtheit -vorstellten, die unsern Tagen und Sitten fern liegen. - -Er brauchte zum Ergötzen seines Geistes wie zur Freude seiner Augen -einige Gemälde, die ihn in eine unbekannte Welt einführen, ihm die -Spuren neuer Ideen enthüllen und sein Nervensystem durch hysterische -Sensationen erschüttern sollten. - -Da gab es einen Künstler vor allen, der ihn zu grosser Begeisterung -hinriss: Gustav Moreau. - -Zwei seiner Meisterwerke befanden sich in seinem Besitz; und während der -Nacht sass er oft träumend vor einem derselben, dem Gemälde der Salome: - -Ein Thron, dem Hochaltar einer Kathedrale gleich, stand unter gewaltigen -Wölbungen, die aus niedrigen Säulen emporwachsen, ähnlich römischen -Pfeilern, glasiert mit bunten Ziegeln, in Mosaik gefasst und mit -Lasursteinen und Sardonyxen eingelegt: ein Palast, einer Basilika -ähnlich, in muhammedanisch-byzantinischer Architektur aufgeführt. - -In der Mitte des Tabernakels, welches den Altar überragte, zu dem einige -Stufen in halbrunder Form hinanführten, sass der Tetrarch Herodes, auf -dem Kopfe die Tiara, die Beine emporgezogen und die Hände auf den Knieen -ruhend. - -Sein Gesicht war gelb wie Pergament, alterzerstört und voller Falten; -sein langer Bart wallte wie eine weisse Wolke über das Edelgestein, mit -dem sein aus Goldstoff gefertigtes und die Brust bedeckendes Gewand -besäet war. - -Um diese unbewegliche Statue, die in der eigentümlichen Stellung des -Hindu-Gottes wie erstarrt dasass, brannten Spezereien, die leichte -Rauchwolken verbreiteten und den Glanz der Edelsteine, die in den -Thronhimmel eingefügt waren, weckten. Der Dampf stieg höher und -verbreitete sich unter den Bogengängen, wo der bläuliche Rauch sich mit -dem Goldstaube der hellen Sonnenstrahlen mischte, die durch die Kuppel -fielen. - -In dieser heissen, von Wohlgerüchen geschwängerten Luft des Tempels -steht Salome, den linken Arm gebieterisch ausgestreckt, den rechten -gebogen, eine grosse Lotusblume in Gesichtshöhe haltend; sie nähert sich -langsam auf den Fussspitzen nach den Klängen einer Guitarre, deren -Saiten eine am Boden hockende Frau schlägt. - -Das Gesicht andächtig, feierlich, beginnt sie fast erhaben ihren -wollüstigen Tanz, der die schlummernden Sinne des alten Herodes wecken -soll. Ihr Busen wogt und bei der Berührung der im Kreise wirbelnden -Halskette richten sich ihre Brüste in die Höhe. Auf der feuchten Haut -blitzen die Diamanten, ihre Armbänder, ihre Gürtel, ihre Ringe warfen -strahlende Funken über ihr prunkhaftes, mit Perlen benähtes, mit Gold -und Silber gesticktes Gewand. - -Es ist ein zarter Panzer aus feiner Goldarbeit, dessen Maschen je ein -Edelstein ziert, deren Feuer sich schlangenartig kreuzt über der matten, -theerosen-zarten Haut, wie glänzende Insekten mit strahlenden -Flügeldecken, rot marmoriert, hochgelb punktiert, stahlblau gefleckt, -pfauengrün getigert. - -Die Augen, denjenigen einer Nachtwandlerin ähnlich, sind starr auf einen -Punkt gerichtet und sehen weder den Tetrarchen, der erbebt, noch ihre -Mutter, die entsetzliche Herodias, welche sie beobachtet, noch den -Eunuchen, der am Fusse des Thrones mit dem Säbel in der Hand unbeweglich -dasteht, sein schreckliches Gesicht bis an die Backen verhüllt, seine -Brust wie ein vertrockneter Kürbis unter der gelbbunten Tunika -hervorhängend. - -Dieses Urbild der Salome verfolgte seit Jahren den Herzog Jean. Wie oft -hatte er in der alten Bibel, von Peter Variquet, dem Gottesgelehrten der -Universität Löwen, übersetzt, das Evangelium des heiligen Matthäus -gelesen, der in kurzen, naiven Sätzen die Enthauptung des Vorgängers -Christi erzählt. Wie oft war er nicht in tiefes Nachdenken versunken -beim Lesen jener Zeilen: - -»Am Jahrestagfeste des Herodes tanzte die Tochter der Herodias und -gefiel dem Herodes sehr. - -Da versprach er ihr und schwur's mit einem Eide, ihr alles zu geben, was -sie erbitten würde. - -Und sie, von ihrer Mutter verleitet, sagte: Gieb mir das Haupt Johannes -des Täufers auf einer Schüssel. - -Der König aber wurde betrübt; doch um des Eides und derer willen, die -mit ihm am Tische sassen, befahl er, dass es ihr überbracht würde. - -Und er schickte alsbald hin und liess Johannes im Kerker enthaupten. - -Und man brachte sein Haupt auf einer Schüssel und gab's dem Mägdelein; -und diese überreichte es ihrer Mutter.« - -Aber weder Matthäus, noch Markus, noch Lukas verbreiten sich über den -berauschenden Zauber, über die moralische Versunkenheit der Tänzerin. -Sie bleibt verwischt, geheimnisvoll und verloren in dem fernen Nebel der -Jahrhunderte, unfassbar für die realen, alltäglichen Geister, nur den -erschütterten und geschärften Gehirnen zugängig, die durch -Nervenkrankheit hellsehend geworden; spröde auch gegenüber dem Maler des -Fleisches, Rubens, der sie in eine flanderische Schlächtersfrau -verwandelte; unverständlich allen Schriftstellern, die niemals die -aufregende Begeisterung der Tänzerin, die raffinierte Geistesgrösse der -Mörderin darzustellen vermochten. - -In dem Werk von Gustav Moreau, in seinem Entwurfe frei von aller -Tradition, sah Herzog Jean endlich diese übermenschliche und seltsame -Salome verkörpert. Sie war nicht allein die Tänzerin, welche durch -wollüstige Windungen ihrer Hüften einem geschwächten Greise den Schrei -frivoler Begier entlockt, indem sie sich den Willen eines Königs durch -die Bewegungen ihres Leibes und das Zittern ihrer Schenkel unterwirft; -sie wurde sozusagen die sinnbildliche Gottheit unzerstörbarer Wollust, -die Göttin der unsterblichen Hysterie; jenes einfache Sinnentier, -ungeheuer, gefühllos, unempfindlich, alles, was sich ihr nähert, sie -berührt und sie sieht, vergiftend. - -Ein unwiderstehlicher Zauber ging von diesem Bilde aus. Aber das -Aquarell, betitelt »Die Erscheinung«, wirkte vielleicht noch -aufregender. - -Auf diesem Gemälde hob sich der Palast des Herodes wie eine Alhambra, -auf schlanken regenbogenfarbigen Säulen von maurischen Kacheln, wie mit -silbernem Mörtel und goldenem Cement zusammengefügt, ab; Arabesken -gingen von Lasursteinen aus, schlängelten sich um Kuppeln und auf den -mit Perlmutter eingelegten Arbeiten entlang, die in regenbogenfarbige, -prismatische Strahlen ausliefen. - -Hier war der Mord vollzogen; der Henker stand jetzt unbeweglich, die -Hände auf den Knauf seines langen mit Blut befleckten Schwertes -stützend. - -Das abgeschlagene Haupt des Heiligen hatte sich in der Schüssel, die auf -den Steinplatten stand, in die Höhe gerichtet, fahl, den bleichen Mund -offen, den Hals karmoisinrot, triefend von Blut. Eine Musivarbeit umgab -den Kopf, von dem ein leuchtender Glorienschein seine Lichtstrahlen auf -die Säulenhalle warf, die schreckliche Erhebung des Kopfes beleuchtend, -die gläsernen Augäpfel entzündend, die sozusagen fest auf der Tänzerin -haften. - -Mit einer Gebärde des Entsetzens stösst Salome die schreckliche Vision -zurück, die sie unbeweglich auf den Fussspitzen festhält. Mit -weitgeöffneten Augen, die Hand krampfhaft ihren Busen umklammernd, -starrt sie die Erscheinung an. - -Sie ist fast nackt; in der Aufregung des Tanzes haben sich die Schleier -gelöst, die Goldstoffe sind herabgefallen; sie ist nur noch mit dem -Goldschmuck und den durchsichtigen Juwelen behangen. - -Der schreckliche Kopf strahlt, immer noch blutend, kleine dunkelpurpurne -Kiesel an den Spitzen des Bartes und Haares ansetzend. Sichtbar ist er -für Salome allein. Sie streift mit ihrem düstern Blick weder die -Herodias, die an ihren endlich gestillten Hass denkt, noch den -Tetrarchen, der, etwas vorgebeugt, die Hände auf den Knieen, keuchend -dasitzt und wahnsinnig bethört ist durch die Nacktheit dieses jungen -Körpers, der von wild aufregenden Wohlgerüchen, von Weihrauch und -Myrrhen umduftet ist. -- - -So wie der alte König blieb auch Herzog Jean zermalmt und vernichtet, -vom Schwindel ergriffen vor dieser Tänzerin, die weniger majestätisch, -weniger hochmütig, aber verwirrender als die Salome des Ölgemäldes auf -ihn wirkte. - -Verloren in diese seine Betrachtungen versuchte der Herzog dem Ursprung -dieses grossen Künstlers, dieses mystischen Heiden, dieses Illuminaten, -der sich so völlig von der Welt abzusondern vermochte, um mitten in -Paris grausame Visionen, feenhafte Apotheosen der vergangenen Zeitalter -erstrahlen zu sehen, auf die Spur zu kommen. - -Mantegna und Jacopo de Barbarj, hie und da verworrene Verbindung mit -Vinci, Farbenfieber à la Delacroix; aber der Einfluss dieser seiner -Meister blieb im ganzen genommen unmerklich. Ohne wirkliche Anlehnung -blieb Moreau in der Kunst seiner Zeit einzig. Er stieg bis zu den -ethnographischen Quellen hinauf, zu den Entstehungen der Götterlehre, -deren blutige Rätsel er verglich und entwickelte; er vereinigte die -Legenden des äussersten Orients, die sich danach mit dem Glauben der -andern Völker zu einer einzigen verschmolzen. - -Er rechtfertigte somit seine architektonischen Verschmelzungen, sein -verschwenderisch unerwartetes Gemisch von Stoffen, seine unheimlich -sinnbildlichen Darstellungen, verschärft durch die aufregende -Deutlichkeit einer modernen Nervosität. - -Es war in seinen Werken ein eigentümlicher Zauber, ein Reiz, der einen -bis ins tiefste Innere bewegt, wie in einigen Dichtungen von Baudelaire; -man bleibt erstaunt, träumerisch und bestürzt von dieser Kunst, die die -Grenzen der Malerei überschreitet und der Dichtung ihre zartesten -Gestaltungen entlehnt. Diese zwei Bilder der Salome, für welche Herzog -Jean eine Bewunderung ohne Grenzen hegte, lebten unter seinen Augen, an -den Wänden seines Arbeitszimmers. - -Aber darauf beschränkten sich keineswegs seine Bilderankäufe. - -Obgleich er den ersten und einzigen Stock seines Hauses, den er selbst -nicht bewohnte, geopfert hatte, hatte das Erdgeschoss allein schon eine -ganze Reihe Bilder verlangt. - -Das Erdgeschoss war folgendermassen eingeteilt: Ein Ankleidezimmer, das -mit dem Schlafzimmer in Verbindung stand, befand sich in einem Flügel -des Hauses; von dem Schlafzimmer ging man in das Bibliothekzimmer, von -dort ins Esszimmer, welches den anderen Flügel bildete. - -Diese Zimmer, welche die eine Vorderseite der Wohnung darstellten, -dehnten sich in gerader Linie aus und die Fenster sahen auf das Thal von -Aunay hinaus. - -Die andere Seite der Behausung bestand aus vier, den ersteren ganz -gleichen Zimmern. Die Küche, auf der entsprechenden Seite, stand mit dem -Esszimmer in Verbindung; dann folgte ein grosser Hausflur, der als -Eingang in das Bibliothekzimmer diente; eine Art Boudoir in Verbindung -mit dem Schlafzimmer. - -Diese letzteren Zimmer gingen nach der entgegengesetzten Seite des -Thales hinaus und sahen auf den Turm von Croy und Châtillon. - -Die Treppe war an einem der Flügel des Hauses von aussen angebracht; -Herzog Jean hörte dadurch die Tritte seiner Dienstboten weniger -deutlich. - -Er hatte das Boudoir mit einem lebhaft roten Stoff ausschlagen lassen, -und an allen Wänden des Raumes hingen in schwarzen Ebenholzrahmen -Kupferstiche von Johann von Luyken, einem alten holländischen -Kupferstecher, der in Frankreich fast unbekannt war. - -Er besass von diesem phantastischen, unheimlichen und grausamen Künstler -die Serie seiner »Religionsverfolgungen«, wahrhaft entsetzliche Blätter, -die die Martern des religiösen Wahnsinns vorstellten, Bilder, auf denen -der Anblick unheimlicher menschlicher Qualen geboten wurde: Körper auf -Kohlenglut gebraten, der Schädelhaut beraubte Köpfe, von Nägeln -durchbohrt, tiefe Einschnitte von Sägen herrührend, Eingeweide aus dem -Leibe gerissen und auf Knäule gerollt, langsam mit Zangen losgelöste -Fingernägel, ausgestochene Augäpfel, Augenlider, die mittels spitzer -Instrumente umgekehrt waren, verrenkte Glieder, mit Sorgfalt gebrochen, -blossgelegte Knochen, langsam mit der Klinge des Messers abgeschabt. - -Diese Werke, abscheuliche Phantasiegebilde, die nach verbranntem -Menschenfleisch rochen, Blut schwitzten und erfüllt waren vom Schrei des -Entsetzens und der Verfluchung, liessen dem Herzog Jean, den sie mit -verhaltenem Atem in dieses rote Kabinett bannten, geradezu die Gänsehaut -überlaufen. - -Aber ausser dem Schauder, den sie ihm bereiteten, ausser der gewaltigen -Begabung dieses Künstlers, dem ausserordentlichen Leben seiner Figuren -entdeckt man bei seinem erstaunlichen, seltenen Talent zur Gruppierung, -die er mit einer an Callot erinnernden Geschicklichkeit und Schärfe zur -Ausführung bringt, wunderbare Fähigkeiten zur Wiedergabe gewisser -Zeitstadien: z. B. seine Architekturen, Kostüme und Sitten zur Zeit der -Makkabäer, dann während der Christenverfolgung zu Rom; in Spanien, unter -der Herrschaft der Inquisition; in Frankreich im Mittelalter, sowie zur -Zeit der Pariser Bluthochzeit und der Dragonaden, die alle mit -peinlicher Sorgfalt aufgefasst und mit ausserordentlicher Kunst -wiedergegeben sind. - -Diese Kupferstiche waren treffliche Quellen für mancherlei Aufschlüsse; -man konnte sie stundenlang betrachten, ohne zu ermüden; sie führten zum -Nachdenken und halfen dem Herzog Jean oft die Zeit töten, wenn er keinen -Sinn zum Lesen hatte. - -Auch das Leben von Luyken hatte einen gewissen Reiz für ihn. Eifriger -Calvinist, verstockter Sektierer, vernarrt in Hymnen und Gebete, stellte -er religiöse Poesien zusammen, die er gleichsam illustrierte. Er schrieb -die Psalme in Verse um, vertiefte sich in die Bibel, von der er entzückt -und gleichzeitig erschüttert wurde. - -Dabei die Welt verachtend überliess Luyken all seinen Besitz den Armen -und lebte von trockenem Brot; schliesslich hatte er sich mit einer -alten, durch ihn fanatisierten Dienerin eingeschifft. Er fuhr aufs -Geratewohl hinaus, lief mit seinem Schiff hier und dort an und predigte -überall das Evangelium, versuchte selbst ohne Essen zu leben, bis er -beinahe verrückt geworden. -- - -In dem grösseren Raum nebenan, in der mit Cedernholz in -Cigarrenkistenfarbe bekleideten Vorhalle hingen andere Kupferstiche, -andere Zeichnungen übereinander. - -Die »Todes-Komödie« von Bresdin. In einer unmöglichen Landschaft, mit -Bäumen, Dickicht und Gehölz bedeckt, welche die Formen von Dämonen und -Gespenstern angenommen und zwischen welchen sich Vögel mit Rattenköpfen -mischten, auf einem Boden, der mit Rippen, Wirbelknochen und Schädeln -besäet war, richteten sich knorrige, gespaltene Weiden in die Höhe, von -Skeletten überragt, die die Arme in der Luft bewegen; ein Strauch stimmt -einen Siegesgesang an, während Christus in den mit Wölkchen bedeckten -Himmel flieht, ein Einsiedler im Hintergrunde einer Grotte, den Kopf in -den Händen vergraben, nachdenkend sitzt, und ein Bettler, durch -Entbehrungen und Hunger abgezehrt, ausgestreckt auf dem Rücken, die -Füsse in einem Pfuhl, der Entkräftung erliegt. - -Der »Gute Samariter« von demselben Künstler, als grosse Federzeichnung -auf Stein abgezogen. Ein wunderlicher Wirrwarr von Palmenbäumen, -Ebereschen und Eichen, die nebeneinander wachsen, ohne Rücksicht auf -Jahreszeit und Klima; ein Stück Urwald, übersäet mit Affen, Eulen, -Nachtfaltern und bucklig-alten Baumstümpfen, so missgestaltet wie die -Wurzeln des Alrauns. - -Aber obgleich Herzog Jean die Feinheit der Details und die hohen -Schönheiten dieses Kupferstiches schätzte, so hielt er sich doch noch -öfter vor den Zeichnungen auf, die den Raum schmückten. - -Es waren in ihren Leisten aus rohem Birnbaumholz mit schmalem Goldrand -unbegreifliche Erscheinungen von Odilon Redon. Das Haupt eines -Merowingers auf einer Schale; das eines bärtigen Mannes, ein Mittelding -zwischen einem chinesischen Priester und einem Volksredner, der mit -seinem Finger eine kolossale Kanonenkugel berührt; dann eine -abscheuliche Spinne, die in der Mitte ihres Körpers ein menschliches -Angesicht trägt. Ferner Kohlenzeichnungen, die den Schrecken des -Träumers darstellen, der von Verdauungsqualen gepeinigt wird. - -Dann wieder ein grosser Würfel, aus dem ein halbgeschlossenes trauriges -Auge blinzelt; dort dürre unfruchtbare Landschaften, kalcinierte Ebenen, -Umwälzungen des Erdbodens, vulkanische Aufruhre, vom Sturm gepeitschte -Wolken und unbeweglich fahle Himmel; ein unnatürlicher Blumenreichtum -entfaltet sich auf Felsen; überall erratische Blöcke, schmutzige -Eisgruben, Gestalten, deren affenartiger Typus und dicke Backenknochen, -deren hervorstehende Augenbrauen, schiefe Stirn und eingedrückte Schädel -an die Köpfe unserer Vorfahren erinnern. - -Diese Zeichnungen waren ohne Beispiele in der Kunst, sie überschritten -die Grenzen der Malerei und führten wunderlich phantastische Neuerungen -ein, Gebilde der Krankheit und des Fieberwahns. - -Diese Gesichter, diese masslos vergrösserten und missgestalteten wie -durch eine Karaffe gesehenen Körper riefen bei Herzog Jean Erinnerungen -an Typhus wach, Erinnerungen, die ihm von fieberhaften Nächten und -schrecklichen Visionen seiner Kindheit geblieben waren. - -Erfasst von einem unbeschreiblichen, durch diese Zeichnungen erzeugten -Unbehagen, wie er es empfand bei gewissen »Sprichwörtern« Goyas, an die -sie erinnerten, oder wie beim Schluss einer Lektüre von Edgar Poë, von -dem Odilon Redon die Fata Morgana der Sinnestäuschungen und die -Wirkungen der Furcht in verschiedenartiger Kunst ererbt zu haben schien, -rieb er sich die Augen und betrachtete eine strahlende Figur, betitelt -die »Schwermut«, die vor der Sonnenscheibe in einer gedrückten, trüben -Stellung auf einem Felsen sitzt. - -Wie durch Zauber verschwinden diese Schatten, eine sanfte Traurigkeit, -eine kraftlose Verzweiflung bemächtigt sich seiner Gedanken und er -stellt lange Betrachtungen vor diesem Werke an. - -Ausser dieser Sammlung von Zeichnungen von Redon, die fast alle Wände -des Vorzimmers zierten, hatte Herzog Jean in seinem Schlafzimmer eine -sonderbare Skizze von Theocopuli: einen Christus. Es war ein Bild in -unnatürlichen Farbentönen, von übertriebenen Linien und grausamer -Färbung, ein Bild der zweiten Periode dieses Künstlers, als er die Idee -aufgegeben hatte, nicht mehr Tizian ähnlich zu sein. - -Diese unheimliche Malerei, die in Wachsfarbe und Leichengrün ausgeführt -zu sein schien, entsprach nach des Herzogs Ansicht einer gewissen -Übereinstimmung mit dem Mobiliar. - -Seiner Meinung nach gab es nur zwei Arten, um ein Schlafzimmer -einzurichten: entweder ein Alkoven, der Ort nächtlicher Ergötzung, oder -ein Plätzchen der Ruhe und Einsamkeit, eine Zufluchtsstätte des -Gedankens, eine Art Betzimmer. - -Nachdem er die Frage von allen Seiten beleuchtet hatte, folgerte er, -dass das zu erreichende Ziel sich darin zusammenfassen liesse: mit -freundlichen Gegenständen eine traurige Sache zu schaffen, oder -vielmehr, wenn man dem Schlafgemach auch den Charakter der Hässlichkeit -lässt, doch dem Ganzen eine Art von Eleganz und Vornehmheit -aufzudrücken. Durch die Optik des Theaters, dessen gemeiner Flitterkram -wie kostbare und teure Gewebe aussieht, die absolut entgegengesetzte -Wirkung zu erzielen, indem man sich prächtiger Stoffe bedient, um ihnen -den Anstrich der Dürftigkeit zu verleihen; mit einem Wort eine -Karthäuserklause herzustellen, die aussah wie eine wirkliche. - -Er verfuhr in folgender Weise: um die ockerartige Mauerfarbe, das -vorgeschriebene geistliche Gelb, nachzuahmen, liess er die Wände mit -safrangelber Seide bekleiden. Um aber die Schokoladenfarbe der Panele -wiederzugeben, liess er sie mit violettfarbenen Holzleisten, die mit -Amarantfarbe dunkel gebeizt waren, bekleiden. Die Wirkung war frappant; -sie konnte von weitem an die düstere Starrheit des Vorbildes erinnern. -Der Plafond wurde in Gelbweiss tapeziert, das den Kalk ersetzte, ohne -dessen grellen Schein zu haben. Die kalten Steine der Zelle gelangen in -der Nachbildung ziemlich gut dank einem Teppich, dessen Muster rote -Fliesen vorstellte, mit weisslichen Stellen in der Wolle, welche die -Abnutzung durch Sandalen und die Reibung durch Stiefel darstellen -sollten. - -Er möblierte dieses Gemach mit einem kleinen eisernen Bett, einer Art -Mönchsbett, aus antikem Eisen geschmiedet und poliert, am Fussende mit -reich aufgetragenen Verzierungen versehen. - -Die Stelle eines Nachttisches vertrat ein Betstuhl, dessen Inneres ein -Nachtgeschirr enthalten konnte und dessen Aussenseite eine Kirchenagenda -trug. Gegenüber an der Mauer liess er einen Kirchenstuhl anbringen, der -von einem durchbrochenen Altarhimmel überragt wurde, verziert mit -vorspringenden Stützen. Die hohen Kirchenleuchter ersetzte er durch -Lichter aus reinem Wachs, die er in einem besonderen Geschäft kaufte, -das nur Kirchenartikel führte, denn er hegte eine grosse Abneigung gegen -Petroleum oder Stearin, kurz gegen alle und jede moderne Beleuchtung, da -sie ihm zu grell und unzart erschien. -- - -Des Morgens in seinem Bett, ehe er einschlief, den Kopf auf dem -Kopfkissen, seine Umgebung betrachtend, stellte er sich leicht vor, dass -er sich hundert Meilen von Paris befinde, weit weg von der Welt, im -Innern eines Klosters. - -Und im Grunde genommen war die Täuschung leicht, da er ein Leben führte, -das dem eines Mönches fast gleichkam. Er hatte sich auf diese Weise die -Vorteile der Abgeschlossenheit verschafft. Wie er seine Zelle zu einem -warmen, angenehmen Zimmer gemacht, hatte er sein Leben regelmässig und -bequem gestaltet, umgeben von Wohlbehagen, beschäftigt und dennoch frei. --- - -Vom Leben abgenutzt, von dem er nichts mehr erwartete, ward er einem -Einsiedler gleich, reif für die Einsamkeit. Niedergedrückt wie ein Mönch -und voll unendlicher Müdigkeit, war er beseelt von dem Bedürfnis nach -Ruhe, von dem Wunsche, nichts mehr gemein zu haben mit den Profanen, die -bei ihm für Utilitarier und Dummköpfe galten. - - - - - SECHSTES KAPITEL. - - -Tief in seinen bequemen Lehnsessel vergraben, die Füsse auf den -vergoldeten Kugeln der Feuerböcke, die Pantoffel fast brennend von den -Holzscheiten, die knisternd lebhafte Flammen ausstrahlten, legte Herzog -Jean den alten Quartanten, in welchem er las, auf einen Tisch, dehnte -sich, zündete sich eine Cigarette an und verfiel dann in köstliche -Träumereien, mit verhängten Zügeln die Spur der Erinnerung verfolgend, -die ihm seit Monaten entfallen und jetzt plötzlich wieder, durch das -Beifallen eines Namens, hervorgerufen wurde. - -Mit wunderbarer Deutlichkeit sah er nämlich die Verlegenheit seines -Kameraden d'Aigurande vor Augen, als derselbe in einer Versammlung -standhafter Junggesellen die letzten Vorbereitungen zu einer Heirat -offen gestehen musste. Man protestierte laut dagegen, man malte ihm die -Abscheulichkeit eines Zusammenschlafens in demselben Bette aus. Nichts -half; vollständig in ihrem Banne glaubte er an die Intelligenz seiner -künftigen Frau und behauptete sogar bei ihr aussergewöhnliche -Eigenschaften von Hingebung und Zärtlichkeit erkannt zu haben. - -Herzog Jean war es, der von all den jungen Leuten allein den Freund in -seinem Entschluss ermutigte, und dies von dem Augenblick ab, als er in -Erfahrung gebracht hatte, seine Braut wünsche an der Ecke eines neuen -Boulevards eine der modernen Wohnungen in Rotundenform zu beziehen. - -Überzeugt von der unbarmherzigen Macht kleiner Misèren, die unheilvoller -für starke Naturen sind als grosse, sowie sich auf die Thatsache -stützend, dass d'Aigurande kein Vermögen besass und die Mitgift seiner -Frau so gut wie Null war, sah er in diesem einfachen Wunsch eine -unendliche Aussicht für lächerliche Unannehmlichkeiten. - -D'Aigurande kaufte Möbel von runder Form, Spiegeltische, die, hinten -ausgehöhlt, einen Kreis bildeten, die Gardinenstützen in Bogenform, -Teppiche in Halbmondform, kurz ein ganzes Mobiliar, wie es eben auf -Bestellung angefertigt wird. - -Er bezahlte das Doppelte dafür. Als später seine Frau für ihre Toilette -zu knapp bei Geld und endlich der Rotundenwohnung überdrüssig war und -eine viereckige Etage beziehen wollte, da passte eben keins der Möbel -mehr. Nach und nach wurde dieses lästige Mobiliar eine Quelle endlosen -Verdrusses. Das frühere gute Einvernehmen, das schon durch das -gemeinschaftliche Leben etwas locker geworden war, schrumpfte von Woche -zu Woche mehr zusammen; sie gerieten in Zorn, warfen sich gegenseitig -vor, nicht in einem Salon bleiben zu können, wo die Kanapees und -Spiegeltische nicht einmal die Wände berührten und bei der geringsten -Bewegung, trotz aller Keile, die man darunter gelegt, wackelten. Auch -fehlte das nötige Geld für die Ausbesserungen. Alles wurde ein -Gegenstand des Streites und der Bitterkeit, von den Schubladen an, die -sich in den nicht ordentlich feststehenden Möbeln gezogen hatten, bis zu -den Spitzbübereien des Dienstmädchens, das von der Unachtsamkeit und den -Zwistigkeiten profitierte, um die Kasse zu erleichtern. Mit einem Wort: -das Leben wurde ihnen unerträglich. Er amüsierte sich ausserhalb des -Hauses; sie suchte daheim durch Übertretung des Ehegebotes das Vergessen -ihrer trüben und langweiligen Existenz zu ermöglichen. - -»Mein Schlachtplan war richtig,« hatte sich damals der Herzog gesagt, -der dies mit der Befriedigung eines Strategen vernahm, dessen Manöver -gelungen waren. -- - -Er dachte jetzt vor seinem Feuer sitzend an die Trümmer dieses ehelichen -Heims, deren Veranlassung sein guter Rat gewesen war. Er warf neue -Scheite Holz in den Kamin und nahm flugs seine Träumereien wieder auf. - -Andere Erinnerungen kamen ihm jetzt, die derselben Gedankenreihe -angehörten. - -Es war schon einige Jahre her, als er eines Abends in der Rue de Rivoli -einem Laufburschen von ungefähr sechzehn Jahren begegnete, einem -blassen, verschmitzt aussehenden Jungen, verführerisch wie ein Mädchen. -Derselbe sog mühevoll an einer Cigarette, deren Papier geplatzt war. -Schimpfend rieb er gewöhnliche Küchenstreichhölzer an seiner Hose ab, -die nicht fangen wollten, bis ihm keins mehr übrig blieb. Jetzt bemerkte -er den Herzog, der ihn beobachtete. Er näherte sich ihm und an den Rand -seiner Mütze greifend bat er ihn um Feuer. Herr des Esseintes reichte -ihm einige duftige Cigaretten von Dubêque, knüpfte dann eine -Unterhaltung mit ihm an und veranlasste ihn, seine Geschichte zu -erzählen. - -Diese war äusserst einfach. Der Junge hiess Auguste Langlois und war bei -einem Papparbeiter in der Lehre; er hatte seine Mutter früh verloren und -wurde von seinem Vater oft nach Noten geprügelt. - -Herzog Jean hörte ihn nachdenklich an: »Komm, wir wollen etwas zusammen -trinken,« sagte er und führte ihn in eine Wirtschaft, wo er ihm starken -Punsch vorsetzen liess. Der Junge trank, ohne ein Wort zu sprechen. -- -»Möchtest Du Dich heute Abend amüsieren?« fragte der Herzog. Dann hatte -er den Kleinen zu Madame Laura, einer Dame geführt, die in der Rue -Mosnier in der dritten Etage eine Auswahl von Blumenmacherinnen wie eine -Reihe roter Zimmer, die mit runden Spiegeln, Kanapees, etc. etc. -ausgestattet waren, hielt. - -Dort hatte Auguste ganz verdutzt seine Mütze zwischen seinen Fingern -drehend ein kleines Bataillon Frauenzimmer gesehen, die alle wie aus -einem Munde riefen: - -»Ach, der hübsche Junge!« - -»Aber sag mal, Kleiner, Du hast noch nicht das richtige Alter,« fügte -eine stattliche Brünette mit gebogener Nase und grossen dunklen Augen -hinzu, die bei Madame Laura die unvermeidliche Rolle der schönen Jüdin -vertrat. - -Herzog Jean schien dort zu Hause zu sein und unterhielt sich leise mit -der Wirtin. - -»Sei doch nicht bange, Dummkopf,« rief er dem Jungen zu. »Triff Deine -Wahl, ich bezahle.« Und er gab dem Kleinen einen leichten Stoss, so dass -er auf den Divan zwischen zwei der Schönen fiel. - -Auf ein Zeichen der Wirtin rückten diese etwas zusammen, hüllten die -Kniee des Jungen mit ihren Röcken ein und hielten ihm ihre entblössten -Schultern, die stark nach einem betäubenden Puder rochen, unter die -Nase. Der arme Kleine rührte sich nicht mehr; sein Kopf wurde ganz heiss -und rot, der Mund trocken; die Augen niederschlagend wagte er nur -verstohlen einige neugierige Blicke. - -Wanda, die schöne Jüdin, küsste ihn und gab ihm gute Ratschläge, empfahl -ihm, seinem Vater und seiner Mutter zu gehorchen und zur selben Zeit -glitten ihre Hände langsam über den Jungen hin, dessen veränderte -Gesichtszüge konvulsivisch zuckten. - -»Es ist also nicht Deinetwegen, dass Du heute Abend kommst?« fragte -Madame Laura den Herzog. »Aber zum Teufel, wo hast Du nur den Schlingel -aufgetrieben?« fing sie wieder an, als Auguste mit der Schönen in einem -Nebenzimmer verschwunden war. - -»Auf der Strasse, meine Beste.« - -»Du bist doch nicht betrunken?« murmelte die alte Wirtin. Und nach -einiger Überlegung fügte sie mit einem mütterlichen Lächeln hinzu: »Du -liederlicher Strick, Dir steht nach frischer Ware der Sinn!« - -Herzog Jean zuckte mit den Achseln. »Du irrst Dich gehörig! ja -vollständig,« entgegnete er. »Die Wahrheit ist, dass ich einfach -versuche, mir einen Mörder zu bilden. Folge einmal aufmerksam meiner -Beweisführung. Dieser Junge ist noch rein, doch hat er das Alter -erreicht, wo das Blut zu wallen anfängt; er würde hinter den jungen -Mädchen in seinem Viertel herlaufen, sich amüsieren und doch noch -rechtschaffen bleiben, um schliesslich sein bescheidenes Teil an einem -momentanen Glück zu geniessen, wie es den Armen eben beschieden ist. -- -So aber, wo ich ihn hierher führe, in die Mitte Eures Paradieses, das er -gar nicht ahnt und das ihm notgedrungen im Gedächtnis verbleibt, und -indem ich ihm alle vierzehn Tage eine solch unverhoffte Wonne zuteil -werden lasse, wird er sich an den Genuss des Fleisches gewöhnen. Es wird -ihm systematisch zum Bedürfnis werden! Nehmen wir selbst an, dass er -drei Monate braucht, bis der Genuss ihm absolut notwendig geworden -- -und mit den langen Zwischenräumen, die ich mache, laufe ich keine -Gefahr, ihn zu übersättigen -- nun, am Ende dieser drei Monate werde ich -die kleine Rente, die ich Dir einzahlen werde, aufheben, und dann wird -er stehlen wie ein Rabe, um hierher kommen zu können; er wird alle Hebel -in Bewegung setzen, um sich auf diesem Divan und unter diesem Gas wälzen -zu können. - -Die Sache zum äussersten getrieben: er wird, wie ich hoffe, eines Tages -seinem Herrn, der ihn dabei betrifft, wie er dessen Geldschrank öffnet, -einfach den Hals umdrehen, und so ist, wie Du siehst, mein schöner Zweck -erreicht. Ich werde im Verhältnis meiner Mittel eben dazu beigetragen -haben, einen Schurken mehr zu schaffen, ein Nahrungsmittel der edlen -Justitia, was mir als Feind dieser verabscheuten Gesellschaft, die uns -brandschatzt, gerade recht ist.« -- - -Die Frauenzimmer sahen ihn mit grossen Augen an. - -»Da bist Du ja!« fing er wieder an, als er Auguste in den Salon -zurückkommen sah, der sich rot und verlegen hinter der schönen Jüdin zu -verstecken suchte. - -»Nun, mein Junge, es ist schon spät, sag diesen netten Damen gefälligst -Adieu.« - -Und auf der Treppe teilte er ihm mit, dass er alle vierzehn Tage, ohne -dass es ihn einen Heller koste, zu Madame Laura gehen könne; dann auf -der Strasse angelangt, sah er den ganz betäubten Jungen einen Augenblick -lang an, und schloss: - -»Wir werden uns wohl nicht wieder sehen; geh schnell heim zu Deinem -Vater, dessen Hand ihm unthätig juckt und behalte das gewissermassen -schöne evangelische Wort: >Thue den andern das, was Du nicht willst, das -sie Dir thun< wohl im Gedächtnis. Mit dieser Lebensregel wirst Du weit -kommen. -- Gute Nacht! Vor allen Dingen sei nicht undankbar, lass so -bald wie möglich von Dir hören, das heisst auf dem Wege der -hochlöblichen Gerichtszeitung.« -- -- -- -- - -»Der kleine Judas!« murmelte Herzog Jean vor sich, das Feuer schürend; --- »sich sagen zu müssen, dass ich seinen Namen noch niemals unter -Vermischtes gelesen habe! -- Es sei denn, dass er schon mit dem Gericht -zu thun gehabt hätte, seit ich in Fontenay bin, wo ich keine Zeitungen -mehr lese.« - -Er stand auf und ging ein paarmal im Zimmer auf und ab. - -»Es wäre trotz alledem schade,« sagte er sich, »denn indem ich so -handelte, machte ich das weltliche Gleichnis wahr, die Allegorie der -allgemeinen Lehre, die nach nichts Geringerem strebt, als alle Menschen -in einen >Langlois< zu verwandeln, und sich den Kopf zerbricht, statt -endlich den Elenden aus Mitleid die Augen auszustechen, um sie ihnen -ganz und mit Gewalt zu öffnen, damit sie um sich herum nur unverdiente -und mildere Schicksale sehen, verfeinerte und schärfere Genüsse wittern, -die ihnen darum um so ersehnter und begehrenswerter erscheinen. --« - -»Und die Thatsache ist,« fuhr der Herzog in seiner Schlussfolgerung -fort, »die Thatsache ist die, dass der Schmerz eine Wirkung der -Erziehung ist, dass er sich erweitert und schärft, je nachdem die Ideen -entstehen: je mehr man sich also befleissigt, den Verstand und das -Nervensystem der armen Teufel zu verfeinern, desto mehr wird man die -gewaltig lebenskräftigen Keime des moralischen Leidens und Hasses in -ihnen anfachen und entwickeln.« -- -- - -Die Lampen kohlten. Er zog sie auf und sah nach der Uhr: drei Uhr -Morgens. -- Er zündete sich eine Cigarette an und vertiefte sich von -neuem in die durch seine Träumereien unterbrochene Lektüre des -lateinischen Gedichts »De laude castitatis«, das unter der Regierung des -Gondebald von Avitus, des Erzbischofes von Wien, geschrieben worden ist. - - - - - SIEBENTES KAPITEL. - - -Seit jener Nacht, in der er ohne augenscheinliche Ursache die -melancholische Erinnerung an Auguste Langlois wachgerufen, lebte sein -ganzes früheres Leben wieder in ihm auf. - -Er war unfähig, ein Wort der Bücher zu verstehen, die er zu Rate zog; -selbst seine Augen lasen nicht mehr; es war ihm, als wenn sein Geist, -von Litteratur und Kunst übersättigt, sich weigerte, mehr in sich -aufzunehmen. - -Er lebte nur noch in sich selbst, nährte sich von seinem eigenen Mark, -gleich Tieren während des Winterschlafes; denn die Einsamkeit hatte wie -ein Schlaftrunk auf sein Gehirn gewirkt. Nachdem diese ihn anfangs -entkräftet und hingehalten hatte, brachte sie schliesslich eine -Empfindungslosigkeit mit unbestimmten Träumereien in ihm hervor; sie -vernichtete seine Absichten, brach seinen Willen, führte ihm eine Reihe -von Träumen vor, die er passiv ertrug, ohne auch nur zu versuchen, sich -ihnen zu entziehen. - -Die verworrene und ungeregelte Lektüre, das künstliche Denken, dem er -sich seit seiner Zurückgezogenheit hingegeben hatte, glich einem Damm, -mit dem er seine alten Erinnerungen umgab; dieser Damm war plötzlich -gewaltsam durchbrochen, die Flut setzte sich in Bewegung, riss Gegenwart -und Zukunft mit sich, um alles gleichsam unter Wasser zu setzen und -seinen Geist mit einer unendlichen Traurigkeit zu erfüllen, auf der -unbedeutende Ereignisse seines Lebens und alberne Nichtigkeiten wie -Strandgut umherschwammen. - -Das Buch, welches er in der Hand hielt, fiel oft achtlos auf den Boden; -er liess sich gehen, liess voll Widerwillen und Scham die Jahre seines -vergangenen Lebens an sich vorüberziehen. - -Was war das für eine Epoche! - -Er versetzte sich in die Zeit der vornehmen Abendgesellschaften, der -Rennen, des Spiels, seiner Liebeleien. Er erinnerte sich der Gesichter, -der Mienen, der nichtssagenden Worte, welche ihn mit der Hartnäckigkeit -jener trivialen Melodieen verfolgten, die man wohl gegen seinen Willen -summt, die sich aber schliesslich mit einem Mal und ohne dass man daran -denkt wieder verlieren. Diese Periode war von kurzer Dauer. Es trat -darauf Gedächtnisruhe ein; er versenkte sich aufs neue in seine -lateinischen Studien, um die Rückblicke selbst bis zum Eindruck zu -verwischen. - -Doch der Reigen war eröffnet, fast unmittelbar folgte eine zweite Phase, -nämlich die Erinnerungen seiner Kindheit, besonders diejenigen der -Jahre, welche er bei den Jesuiten zugebracht hatte. - -Diese Erinnerungen waren die entferntesten und doch klarsten seines -Gedächtnisses, ihm scharf und tief eingegraben: der schattige Park, die -langen Alleen, die Blumenbeete, die Bänke -- alle die kleinen -Einzelheiten stiegen in seiner Einsamkeit vor ihm auf. Er sah die Gärten -sich beleben, hörte das Geschrei der Schüler, das Lachen der Lehrer, die -sich während der Erholungsstunden unter die Schüler mischten und sich, -den hochgeschürzten Priesterrock zwischen den Knieen haltend, dem -Ballspiel hingaben oder auch mit den jungen Leuten ganz ungezwungen wie -Kameraden unter den Bäumen plauderten. - -Die Jesuiten erlangten durch diese Methode einen wirklichen Einfluss auf -das Kind, brachten es dahin, die geistigen Gaben, welche sie -kultivierten, gewissermassen zu kneten, sie in eine bestimmte Richtung -zu lenken, sie gleichsam mit besondern Ideen zu pfropfen, ihre -Gedankenzunahme durch eine eindringlich einschmeichelnde Methode zu -fördern, indem sie sich bemühten, ihren Schülern später, beim Eintritt -in die Welt, zu folgen und sie zu unterstützen, indem sie ihnen -liebevolle Briefe sandten, wie sie der Dominikaner Lacordaire an seine -ehemaligen Zöglinge zu schreiben verstand. - -Herzog Jean gab sich von dem Erziehungs-Verfahren Rechenschaft, welches -er, wie er sich einbildete, ohne Resultat hatte über sich ergehen -lassen; sein Charakter, der allen Ratschlägen gegenüber rebellisch, -spitzfindig, argwöhnisch und zum Widerspruch geneigt war, hatte ihn -verhindert, durch ihre Zucht gebildet, ihren Lehren unterworfen zu -werden. Einmal dem Kollegium entwachsen, hatte sein Skepticismus nur -noch zugenommen; sein Weg durch eine legitimistisch-unduldsame und -beschränkte Welt, die Unterhaltung mit unwissenden Kirchenvorstehern und -niedrigen Geistlichen, deren Ungeschicktheit den Schleier zerrissen, der -so kunstgerecht von den Jesuiten gewebt war, bestärkten nur noch seinen -unabhängigen Geist und vermehrten sein Misstrauen gegen jeden Glauben. - -Er erachtete sich im ganzen genommen frei von jedem Band, von jedem -Zwang; er hatte einfach, anders als alle andern, die im Lyceum oder in -weltlichen Pensionaten erzogen waren, der Anstalt und seinen Lehrern ein -vortreffliches Andenken bewahrt; und jetzt, wo er mit sich zu Rate ging, -kam er dahin, sich zu fragen, ob der Same, bislang auf unfruchtbaren -Boden gefallen, nicht anfinge aufzugehen. - -Und wirklich, seit einigen Tagen befand er sich in einem -unbeschreiblichen Seelenzustand. Während eines Augenblickes glaubte er -sich instinktmässig der Religion zugeführt; bei der geringsten -Beweisführung aber verflog seine Hinneigung zum Glauben; trotzdem blieb -er voll Unruhe und Verwirrung. - -Er wusste indessen wohl, indem er in sich ging, dass er niemals den -Geist der wahrhaft christlichen Demütigung und Reue haben würde; er -wusste, dass der Augenblick, von dem der Pater Lacordaire spricht, -dieser Augenblick der Gnade, »wo der letzte Lichtstrahl in die Seele -dringt und die dort zerstreuten Wahrheiten in einem gemeinsamen Centrum -wieder fixiert«, für ihn niemals kommen würde; er fühlte nicht das -Bedürfnis der Demütigung und des Gebetes, ohne welches nach der Wahrheit -der Priester keine Bekehrung möglich ist; er empfand nicht den Wunsch, -Gott anzuflehen, dessen Barmherzigkeit ihm am wenigsten wahrscheinlich -schien; und doch brachte es die Sympathie, die er für seine ehemaligen -Lehrer bewahrte, dahin, ihn für sie und ihre Doktrinen zu interessieren. -Diese unnachahmliche Sprache der Überzeugung, diese begeisternden -Stimmen höherer Intelligenz fielen ihm wieder ein und hatten zur Folge, -dass er an seinem Geist und seinen Kräften zweifelte. In seiner -Einsamkeit, ohne neue Nahrung, ohne frisch empfundene Eindrücke, ohne -Erneuerung der Gedanken und Austausch von Empfindungen, die von aussen -kommen, in dieser unnatürlichen Verbannung, in der er eigensinnig -verharrte, stellten sich alle Streitfragen, die er während seines -Aufenthaltes in Paris vergessen hatte, von neuem wie aufregende Rätsel -vor seinem Geist dar. - -Die Lektüre der lateinischen Werke, die ihm sonst angenehm war, Werke -meist von Bischöfen und Mönchen verfasst, hatte ohne Zweifel zu dieser -Krisis beigetragen. Eingehüllt in eine Klosteratmosphäre, in einen Duft -von Weihrauch, der ihm den Kopf benahm, hatten sich die Nerven -aufgeregt; durch eine Ideenverbindung hatten diese Bücher die -Erinnerungen an seine Jugendzeit bei den Jesuiten wieder ans Licht -gefördert. - -»Die Sache ist klar,« sagte sich der Herzog Jean, indem er vernünftig -nachzudenken und dem Gang dieser Einführung des Jesuitenelementes in -Fontenay zu folgen versuchte -- »ich habe seit meiner Kindheit, und ohne -es je gewusst zu haben, diesen Stoff, der noch nicht gegärt hatte, in -mir selbst; diese Vorliebe, die ich immer für alle religiösen Sachen -gehabt habe, ist vielleicht ein Beweis dafür.« - -Dennoch versuchte er sich vom Gegenteil zu überzeugen; unzufrieden, -nicht mehr unumschränkter Herr über sich selbst zu sein, holte er Gründe -herbei. Er hatte sich notgedrungen der Geistlichkeit zuwenden müssen, da -die Kirche allein die verlorengegangene Kunst und Form der Jahrhunderte -gesammelt hatte; sie hat selbst bis zu den gewöhnlichen modernen -Erzeugnissen herab die Formen der Goldschmiedekunst bewahrt, den Zauber -der schlanken Kelche und der Hostiengefässe in ihrer edlen Rundung auf -uns gebracht, sie hat sogar in dem modernen Aluminium, in unedlen -Metallen, in farbigem Glas die Grazie der mittelalterlichen Formen -beibehalten. - -Die meisten der kostbaren Gegenstände, welche im Museum von Cluny -klassifiziert und wie durch Wunder der gemeinen Raubgier der -Sansculotten entgangen sind, stammen aus den alten Abteien Frankreichs -her. Ebenso wie die Kirche im Mittelalter die Philosophie, die -Geschichte und Sprache vor dem Verfall geschützt hat, so hat sie auch -die plastische Kunst hinübergerettet. - -Bis zu unsern Tagen haben sich jene wunderbaren Muster von Geweben und -Goldschmiedekunst erhalten, welche die Fabrikanten kirchlicher -Gegenstände verhunzen, ohne ganz auf die ursprüngliche entzückende Form -verzichten zu können. Es war daher durchaus nicht überraschend, dass er -hinter antiken Nippsachen hergejagt, dass er mit Hilfe zahlreicher -Sammler die Reliquien bei den Antiquitätenhändlern in Paris und den -Trödlern auf dem Lande aufgestöbert hatte. - -Aber vergebens berief er sich auf diese Gründe; es gelang ihm nicht, -sich vollständig zu beruhigen. Gewiss, indem er alles kurz -zusammenfasste, beharrte er dabei, die Religion als eine herrliche -Legende, als eine grossartige Betrügerei zu betrachten, und doch trotz -all seiner Auslegungen fing sein Skepticismus an zu wanken. - -Die seltsame Thatsache bestand: er war jetzt weniger sicher als in -seiner Kindheit, wo die Fürsorge der Jesuiten unmittelbar auf ihn -gewirkt, als er in ihren Händen, ohne Familienbande, ohne Einfluss von -aussen her, ihnen sozusagen mit Körper und Geist angehörte. Sie hatten -ihm ebenfalls einen gewissen Geschmack für das Wunderbare eingeflösst, -der sich langsam und unbemerkt in seiner Seele verzweigt hatte und der -jetzt in der Einsamkeit aufblühte. - -Beim Prüfen dieser seiner Gedanken, beim Suchen, ihre Fäden zu -verbinden, die Quellen und Ursachen zu entdecken, kam er zu der -Überzeugung, dass seine Handlungsweise während seines gesellschaftlichen -Lebens von seiner Erziehung herrührte. Waren nicht seine Neigungen für -das Verkünstelte, sein Verlangen nach dem Excentrischen die Resultate -besonderer Studien und Raffiniertheit? Gewissermassen theologische -Forschungen? Es waren im Grunde Erregungen und Begeisterungen zum -Idealen, zum unbekannten Weltall, zu einer fern ersehnten -Glückseligkeit, wie jene, die uns die heilige Schrift verspricht. - -Er hielt plötzlich an und brach den Faden seiner Betrachtungen ab. - -»Mir scheint,« murmelte er verdriesslich, »dass ich noch mehr getroffen -bin, als ich glaubte, da ich mich selbst mit Worten, wie ein Kasuist, -bekämpfe.« - -Er verblieb nachdenklich, von einer unbestimmten Furcht bewegt. - -»Ach! ich werde stumpfsinnig,« sagte sich der herzogliche Einsiedler; -»die Furcht vor dieser Krankheit wird, wenn das so weitergeht, -schliesslich die Krankheit selbst herbeiführen.« - -Es gelang ihm, diesen Einfluss etwas abzuschütteln; seine Erinnerungen -liessen nach, aber andere krankhafte Symptome machten sich bemerkbar; -jetzt waren es die Gegenstände der Streitigkeiten allein, die ihn -heimsuchten. Der Park, die Lehrer, die Jesuiten waren entschwunden. Er -war gänzlich vom Abstrakten beherrscht; gegen seinen Willen dachte er an -die widersprechenden Auslegungen der Glaubenssätze, an die verloren -gegangenen Lossagungen von den Klostergelübden, die Pater Labbe in dem -Werk über die Konzilien erwähnt. Brocken von diesen Kirchenspaltungen, -Überbleibsel dieser Ketzereien, die während mehrerer Jahrhunderte die -Kirchen des Westens und des Ostens trennten, fielen ihm wieder ein. Hier -war es Nestorius, der der Jungfrau Maria den Titel Muttergottes streitig -machte, weil im Mysterium der Inkarnation nicht Gott, sondern nur die -menschliche Kreatur vorhanden war, die sie in ihrem Leibe getragen habe; -da war es Eutyches, der da erklärte, dass das Bildnis Christi nicht -demjenigen der andern Menschen gleichen könnte, da die Gottheit, in -seinem Körper domizilierend, die Form ganz und gar verändert habe; dann -waren es wieder andere Zänker, welche behaupteten, dass der Erlöser gar -keinen Körper gehabt, dass dieser Ausdruck der heiligen Schrift nur -bildlich zu nehmen sei; während Tertullian sich in seinem berühmten, -beinahe materialistischen Axiom äussert: »Nichts, das ist, ist -unverkörpert; alles was ist, hat einen Körper, der ihm eigen;« und -schliesslich diese alte, während langer Jahre erörterte Frage: »Ist -Christus allein ans Kreuz geschlagen, oder hat die Dreieinigkeit, eins -in drei Personen, in ihrer dreifachen Persönlichkeit am Kreuze Golgathas -gelitten?« - -Alles das trieb ihn an, drängte ihn -- und mechanisch wie eine einmal -gelernte Aufgabe stellte er sich selber Fragen und suchte sich dieselben -zu beantworten. -- - -Während einiger Tage war es in seinem Gehirn wie ein Wimmeln von -Paradoxen, wie ein Flug von Haarspaltereien. Dann verwischte sich aber -die abstrakte Seite und eine ganz plastische folgte ihr unter der -Wirkung der Gustav Moreauschen Bilder, die an den Wänden aufgehängt -waren. - -Er sah eine ganze Prozession von Prälaten an sich vorüber ziehen: -Archimandriten, Patriarchen, die ihre goldbekleideten Arme emporheben, -um die knieende Menge zu segnen, und ihre weissen Bärte beim Lesen und -Gebeteleiern schütteln; er sah ganze Züge schweigender Büsser in die -dunklen Totengrüfte hinabsteigen, dann wieder sich unermessliche Dome -erheben, in denen weiss gekleidete Mönche von der Kanzel herunter -donnerten. - -Nach und nach verschwanden schliesslich diese Gesichte. Er sah von der -Höhe seines Geistes herab das Panorama der Kirche wie ihren erblichen -Einfluss auf die Menschheit seit Jahrhunderten; er stellte sie sich -verzweifelnd und grossartig vor, dem Menschen das Schreckliche des -Lebens und die Unfreundlichkeit des Schicksals darthuend, Geduld, Reue -und Aufopferung predigend, versuchend die Schmerzen zu heilen durch den -Hinweis auf die blutenden Wunden Christi, göttliche Vorrechte -versichernd, den Betrübten den besten Teil des Paradieses versprechend, -die menschliche Kreatur zum Leiden ermahnend, damit der Mensch Gott -seine Trübsale und Sünden, seine Missgeschicke und seine Sorgen als -Sühnopfer darbringe. - -Hier fasste Herzog Jean wieder Fuss. Gewiss war er durch dieses -Geständnis der sozialen Schändlichkeit befriedigt, wieder aber empörte -ihn das unbestimmte Heilmittel der Hoffnung auf ein besseres Leben. - -Schopenhauer war ehrlicher, seine Doktrinen und die der Kirche gingen -von einem gemeinschaftlichen Standpunkt aus; er stützte sich ebenfalls -auf die Ungerechtigkeit und Schändlichkeit der Welt, er stiess auch mit -seiner »Nachfolge Jesu Christi« den schmerzlichen Ruf aus: »Es ist -wirklich ein Elend, auf der Welt zu sein!« Er predigte auch die -Erbärmlichkeit der Existenz, die Vorteile der Zurückgezogenheit, warnte -die Menschheit, dass, was sie auch thun möge und nach welcher Seite sie -sich auch drehe, sie immer nur unglücklich bleibe: arm wegen der Leiden, -die aus den Entbehrungen hervorgehen, reich im Verhältnis zu der -unbesiegbaren Langenweile, welche der Überfluss erzeugt; aber er pries -kein Universalmittel an, vertröstete mit keinem Köder, um dem -unvermeidlichen Übel abzuhelfen. - -Er unterstützt nicht das empörende System der Erbsünde; versucht nicht -zu beweisen, dass derjenige ein allgütiger Gott sei, der die Spitzbuben -beschützt, der den Dummköpfen hilft, die Kindheit vernichtet, das Alter -verdummt und die Unschuldigen bestraft; er rühmt nicht die Wohlthaten -einer Vorsehung, die diese nutzlose, unverständliche, ungerechte und -alberne Abscheulichkeit, das physische Leiden, erfunden hat; er versucht -keineswegs zu rechtfertigen, wie die Kirche die Notwendigkeit der Qualen -und Prüfungen. Ruft er doch in seiner empörten Barmherzigkeit aus: »Wenn -ein Gott diese Welt gemacht hat, so möchte ich nicht dieser Gott sein; -das menschliche Elend würde mir das Herz brechen!« - -Ach! er allein hatte das Richtige getroffen! Was waren alle die -evangelischen Quacksalber neben seinen Abhandlungen von geistiger -Gesundheitspflege? Er beabsichtigte nichts zu heilen, bot dem Kranken -keine Entschädigung, keine Hoffnung an; aber seine Theorie des -Pessimismus war im Grunde genommen die grosse Trösterin der auserwählten -Geister, aller erhabenen Seelen. Sie offenbarte die Gesellschaft so wie -sie ist und hob die angeborene Dummheit der Frauen hervor. - -Diese Betrachtungen erleichterten den Herzog von einer schweren Last. -Dieser grosse Deutsche bannte seinen Gedankenschauer und brachte ihn -durch die Berührungspunkte seiner beiden Doktrinen dahin, dass er diesen -ebenso poetischen wie rührenden Katholizismus, in dem er erzogen war und -von dem er in seiner Jugend die Essenz in allen Poren eingesogen hatte, -nicht zu vergessen vermochte. - -Diese Rückgänge zur Gläubigkeit quälten ihn, besonders seit sich -Verschlimmerungen seiner Gesundheit zeigten; sie trafen mit den neu -hinzugetretenen nervösen Störungen zusammen. - -Seit seiner jüngsten Kindheit war er von unerklärlichen Abneigungen -gemartert worden, von Schauern, welche ihm den Rücken kalt -hinunterliefen, ihm die Zähne zusammenpressten, wenn er zum Beispiel -nasse Wäsche sah, die von einem Mädchen ausgewrungen wurde. Diese -Wirkungen waren verblieben; noch heute litt er ganz besonders, wenn er -einen Stoff zerreissen oder mit dem Finger auf Kreide reiben hörte, oder -wenn er moirierte Seide anfasste. - -Die Ausschweifungen seines Junggesellenlebens, die übertriebenen -Anstrengungen seines Gehirns hatten sein ursprüngliches Nervenleiden -ausserordentlich verschlimmert und das schon von seinen Vorfahren arg -verbrauchte gesunde Blut nur noch verringert. In Paris hatte er bereits -Kuren der Kaltwasserheilkunst durchmachen müssen, vornehmlich gegen das -Zittern der Hände und gegen die entsetzlichen Schmerzen der Neuralgie, -die ihm das Gesicht zerrissen, die Schläfen wie mit Hammerschlägen -bearbeiteten, ihm die Augenlider wie mit Nadeln zerstachen und ihm -Übelkeit erzeugten, die er nicht anders zu bekämpfen vermochte, als -dadurch, dass er sich im Dunkeln auf den Rücken legte. - -Diese Zufälle waren infolge seines geregelteren, ruhigeren Lebens -langsam verschwunden. Jetzt machten sie sich aber von neuem in anderer -Form geltend, indem sie den ganzen Körper durchliefen; die Schmerzen -gingen vom Schädel zum Leib, ihm denselben gleichsam mit einem glühenden -Eisen durchbohrend. Dann folgte ein nervös trockner Husten, der zu einer -bestimmten Stunde anfing, eine immer gleiche Anzahl von Minuten währte, -ihn aufweckte und ihn im Bett fast erstickte. Sein Appetit hörte -ebenfalls auf. Nach jedem Versuch zum Essen konnte er kein zugeknöpftes -Beinkleid, keine fest zugemachte Weste mehr ertragen. - -Er enthielt sich aller geistigen Getränke, des Kaffees und Thees, trank -nur noch Milch, nahm seine Zuflucht wieder zu den kalten Abwaschungen, -stopfte sich voll Assa foetida, Baldrian und Chinin, wollte selbst das -Haus verlassen, um ein wenig im Freien zu spazieren, als eben die -Regentage eintraten, die das Land schweigend und eintönig machten. Als -letztes Mittel verzichtete er vorläufig auf jede Lektüre und, von -Langeweile verzehrt, entschloss er sich, um sein müssiges Dasein zu -ändern, ein Projekt auszuführen, welches er aus Bequemlichkeit und Hass -gegen jede Störung fortwährend aufgeschoben, seitdem er sich in Fontenay -niedergelassen hatte. - -Da er sich nicht mehr an den bezaubernden Wirkungen des Stils zu -berauschen vermochte, sich nicht mehr an den entzückenden Überraschungen -des schönen Pathos aufregen konnte, beschloss er die Ausstattung seiner -Wohnung zu vollenden, sich seltene Treibhausblumen anzuschaffen, um sich -auf diese Weise eine materielle Beschäftigung zuzugestehen, die ihn -zerstreuen, seine Nerven erholen, sein Gehirn ausruhen lassen würde. Er -hoffte, dass der Anblick ihrer seltsamen und prachtvollen Schattierungen -ihn etwas entschädigen würde für die wahrhaft wunderlichen Farben des -Stils, welchen seine litterarische Diät ihn momentan vergessen oder -verlieren liess. - - - - - ACHTES KAPITEL. - - -Von jeher hatte der Herzog für Blumen geschwärmt. - -Seit langem schon verachtete er die gewöhnlichen Pflanzen, denen man -wohl in den flachen Körben auf den Pariser Märkten in angefeuchteten -Töpfen unter den grünen Zelttüchern und roten Schirmen begegnet. - -Wie sich sein litterarischer Geschmack und sein Kunsturteil verfeinert -und sich sein Überdruss an allgemein verbreiteten Ideen verstärkt hatte, -so hatte sich auch seine Zärtlichkeit für Blumen von jedem Bodensatz und -jeder Hefe losgemacht und geklärt. - -Er verglich den Laden eines Gärtners mit einem Mikrokosmus, wo alle -Klassen der Gesellschaft vertreten sind: jämmerliche, elende und -erbärmliche Blumen, die sich nur auf den Fensterbrettern der Dachkammern -wohl befinden, deren Wurzel oft in Milchtöpfe und alte Schalen gesteckt -wird, wie zum Beispiel der Goldlack; anspruchsvolle und dumm -gefallsüchtige Blumen, wie sie von jungen Mädchen auf Porzellantöpfe, -wie zum Beispiel die Rose, gemalt werden; schliesslich die Blumen hohen -Geschlechtes, wie die Orchideen, zart und reizend, zitternd und -fröstelnd, exotische Blumen, die, nach Paris verbannt, warmen -Glaspalästen gezüchtet werden, Prinzessinnen des Pflanzenreichs, die, -für sich lebend, nichts gemein haben mit den Pflanzen der Strasse und -dem bürgerlichen Blumenflor. - -Nichtsdestoweniger fühlte er ein gewisses Mitleid mit den niederen -Blumen, die durch die Ausströmungen der Kloaken und Dünste aller Art in -den ärmlichen Vierteln entkräftet werden; seine wirkliche Augenfreude -waren die vornehmen und seltenen Pflanzen von weit her, die mit grösster -Sorgfalt durch künstliche Ofenwärme erhalten werden. - -Dieser entschiedene Vorzug für die Treibhausblume hatte sich ebenfalls -durch den Einfluss seiner allgemeinen Ideen modifiziert. Damals in Paris -hatte seine natürliche Vorliebe für das Künstliche ihn dahin geführt, -die wirkliche Blume gegen ihr treu nachgeahmtes Bild aufzugeben, das -dank den Wundern des Gummis, des Drahtes, des Taffets, des Papiers und -des Sammets sein buntes Scheinleben führte. - -Er besass eine wunderbare Sammlung künstlicher tropischer Pflanzen, von -den Händen tüchtiger Arbeiter angefertigt. - -Diese bewunderungswürdige Kunst hatte ihn lange bezaubert, aber er -träumte jetzt von der Zusammenstellung einer andern Flora. - -Er machte sich daher daran, die Treibhäuser der Avenue de Châtillon und -des Dorfes d'Aunay zu besuchen, kam todmüde nach Hause, die Börse leer, -aber entzückt über die Tollheiten der Pflanzenwelt, die er gesehen -hatte. - -Er dachte nur noch an die Sorten, die er erworben, ruhelos verfolgt von -dem Gedanken an die prachtvollen und seltsamen Blumenbeete. - -Zwei Tage später kamen mehrere Wagen. Mit der Liste in der Hand rief der -Herzog seine Einkäufe auf und prüfte einen nach dem andern. - -Die Gärtner hoben von ihrem Karren eine Sammlung von Caladien, die an -gedunsenen haarigen Stielen enorme schildförmige Blätter trugen. Alle -hatten einen Zug von Verwandtschaft miteinander, ohne sich indessen -gleich zu sein. - -Es waren darunter ganz ungewöhnliche rosenfarbige, solche wie die -Virginale, die aus Wachstuch oder englischem Pflaster geschnitten zu -sein schien; ganz weisse, wie der Alban, den man aus einer -durchsichtigen Schweinsblase hergestellt glaubte; einige, besonders -Madame Mame, sahen aus wie Zink, auf dem kleine Stückchen gestanzten -Metalls glänzen, in kaisergrüner Farbe, wie mit Tropfen Ölfarbe, rotem -Bleioxyd oder Bleiweiss bespritzt; andere, wie der Bosporus, glichen -täuschend gestreiftem Kattun, rot und myrtengrün gesprenkelt; wieder -andere, wie die Aurora Borealis, breiteten ihre fleischfarbenen Blätter -aus, mit purpurroten Rändern und violetten Fäserchen, ein -aufgeschwollenes Blatt, das rötlichen Wein und Blut schwitzte. - -Die Gärtner brachten neue Varietäten, die einer künstlichen Haut, von -roten Adern durchzogen glichen; und die Mehrzahl, wie zerfressen von -Aussatz, spannten ihr bleiches Fleisch aus, gefleckt mit Ausschlag und -behaftet mit Flechten; andere hatten den hellen rosa Ton von sich -schliessenden Wunden, oder die bräunliche Färbung des sich bildenden -Schorfes; noch andere waren wie von Ätzmitteln verbrüht und von -Brandwunden zerstört; wieder andere zeigten eine haarige Haut wie von -Geschwüren ausgehöhlt und vom Krebs zerfressen; noch andere schienen mit -Verband belegt, mit quecksilberhaltiger schwarzer Schmiere und grüner -Belladonnasalbe bestrichen, mit dem gelben Glimmer des Jodpulvers -gesprenkelt. - -»Potztausend!« rief er entzückt aus. - -Eine neue Pflanze von gleichartigem Modell wie das des Caladium, die -Alocasia Metallica begeisterte ihn noch mehr. Diese war wie mit einer -Schicht grüner Bronze überstrichen, über welche silberne Reflexe -hinliefen; es war ein Meisterwerk der Unnatürlichkeit, man möchte sagen, -es gliche einem Stück Ofenrohr, von einem Töpfer aus grünem Eisen -gefertigt. - -Die Leute luden dann rautenförmige, flaschengrüne Blattpflanzen ab, in -deren Mitte ein Stäbchen aufstieg, an dessen Ende ein grosses Herzass -schwankte, gelackt wie die spanische Pfefferschote. Wie um die -alltäglichen Erscheinungen der Pflanzen zu verhöhnen, sprang aus der -Mitte von scharfem Rot ein fleischiger, faseriger, weiss und gelber -Schwanz hervor, aufrecht bei den einen, bei den anderen geringelt wie -der Schwanz eines Schweines. - -Es war das Anthurium, eine Arumart, kürzlich von Kolumbia nach -Frankreich eingeführt; sie bildete einen Teil dieser Familie, zu welcher -auch ein Amorphophallus gehörte; eine Pflanze aus Kochinchina mit -fischstecherartig geschnittenen Blättern, mit langen schwarzen, mit -Narben bedeckten Stielen, gleich vernarbten Gliedern eines Negers. - -Herzog Jean frohlockte. - -Man hob einen neuen Schub von Ungeheuern vom Wagen: Echinopsen, deren in -Watte gehüllte Blüten das hässliche Rosa eines verstümmelten Gliedes -hatten; Nidularium, in Säbelscheiden eine gähnende Öffnung zeigend; -Tillandsia Lindeni, schartige Messer von dicker roter Farbe -hervorsteckend; Cypripedium, mit wirrigen, zerrissenen Rändern, eine -wahnsinnige Hervorbringung der Natur. Sie glichen einer kleinen Schale, -einem Holzschuh, über welchem sich eine menschliche Zunge aufschürzte -mit ausgestrecktem Zungenband, wie man sie wohl in Werken, die Hals- und -Mundkrankheiten behandeln, abgebildet findet. Zwei kleine Flügelchen, -rot wie Ebereschen, die einer Kindermühle entnommen zu sein schienen, -vervollständigten dieses lächerliche Gesamtbild. - -Er konnte seine Augen nicht abwenden von dieser unglaublichen aus Indien -kommenden Orchidee. Die Gärtner, durch die Zögerung gelangweilt, fingen -jetzt selbst an, mit lauter Stimme die an den Töpfen steckenden Zettel -vorzulesen. - -Herzog Jean setzte seine Betrachtungen fort; er hörte nahezu bestürzt -die rauhen Namen der grünen Pflanzen ankündigen: Encephalartos Horridus, -eine riesenhaft eiserne Artischocke, rostfarbig gezeichnet, so, wie man -sie auf die Thüren der Schlossmauern steckt, um das Übersteigen zu -verhindern; Cocos Micania, eine Art Palme, zackig und schlank, allseitig -von hohen Blättern gleich indianischen Rudern umgeben; Zamia Lehmanni, -eine ungeheure Ananas, wie ein gewaltiger Chesterkäse in Heideland -gepflanzt und auf seiner Spitze mit widerhakigen Wurfspiessen besät; -Cibotium Spectabile, alle Gattungen durch seine wahnsinnige Form -überbietend: aus einem palmigen Blätterwerk schiesst der enorme Schwanz -eines Orang-Utang heraus, ein haarig brauner Schwanz, am Ende wie zu -einem Bischofsstab abgerundet. - -Aber der Herzog beachtete sie kaum und wartete nur mit Ungeduld die -Serie von Pflanzen ab, welche ihn vor allen bezauberten, die -vegetabilischen leichenfressenden Kobolde, die fleischverzehrenden -Pflanzen, Gobe-Mouche, der Fliegenfänger der Antillen, mit dem faserigen -Rand, eine Verdauungsflüssigkeit absondernd, mit gebogenen Stacheln -versehen, die sich übereinander krümmen, ein Gitter über dem Insekt -bildend, welches er einschliesst; die Drosera des Torflandes, mit -drüsenartigen Haaren besetzt; die Sarracena, der Cephalothus, seine -gefrässigen Hörnchen öffnend, fähig, wirkliches Fleisch zu verdauen und -aufzuzehren; schliesslich noch Nepenthes, dessen Phantasieen alle -Grenzen der excentrischen Form überschreiten. - -Er wurde nicht müde, den Topf in seinen Händen zu drehen und umzudrehen, -aus dem diese Extravaganz der Flora hervorkam. Die Pflanze erinnerte an -den Gummibaum, von dem sie auch die länglichen Blätter hatte, mit ihrem -dunklen metallischen Grün; aber am Ende dieses Blattes hing ein grüner -Bindfaden, der sich einer Nabelschnur vergleichen lässt, eine grünliche -Urne tragend, violett marmoriert, eine Art deutsche Porzellanpfeife oder -sonderbares Vogelnest, welches sich ruhig hin und her wiegte, ein mit -Haaren besetztes Inneres zeigend. - -»Diese hat es weit gebracht,« murmelte der Herzog. - -Er musste sich seinem Entzücken entreissen, denn die Gärtner, die es -eilig hatten, leerten den Boden ihrer Karren und stellten knollige -Begonien und schwarze Krebsblumen auf die Erde. - -Der Herzog bemerkte, dass noch ein Name auf der Liste blieb. Der -Cattleya von Neu-Granada; man bezeichnete ihm eine geflügelte Glocke von -verwischtem, fast verblasstem Lilablau; er ging näher und steckte seine -Nase hinein, doch prallte er erschrocken zurück; sie strömte nämlich -einen Geruch von lackiertem Tannenholz aus, wie der von -Spielzeugschachteln, die ihm die Schrecken eines Neujahrstages -wachriefen. - -Er dachte, dass es gut wäre, ihr zu misstrauen, bedauerte fast, zwischen -den geruchlosen Pflanzen, die er besass, diese Orchidee zugelassen zu -haben, die so unangenehme Erinnerungen erweckte. - -Als er allein war, betrachtete er diese Menge von Gewächsen, die sein -Vorzimmer füllte; sie mischten sich miteinander, kreuzten ihre Degen, -ihre langen Dolche, ihre eisernen Lanzen, sie bildeten eine grüne -Gewehrpyramide, über welcher, gleich barbarischen Lanzenfähnlein, Blumen -von blendendem, hartem Ton schwebten. - -Die Luft in dem Raum verdünnte sich; bald darauf, im Dunkel eines -Winkels und nahe dem Fussboden, schlängelte sich ein weisses, sanftes -Licht. - -Er trat hinzu und bemerkte, dass es die Rhizomorphen waren, welche beim -Atmen gleichsam einen Nachtlampenschimmer ausstrahlen. - -»Diese Pflanzen sind geradezu erstaunlich,« sagte er zu sich; dann trat -er zurück und warf einen Blick auf den Haufen: sein Zweck war erreicht. -Keine einzige machte den Eindruck des Natürlichen; Stoff, Papier, -Porzellan, Metall, sie schienen der Natur vom Menschen geliehen zu sein, -um solche Extravaganzen hervorzubringen. - -»Es ist wahr,« fuhr Herzog Jean fort, »dass in den meisten Fällen die -Natur allein unfähig ist, solche ungesunden, verdorbenen Gattungen zu -erzeugen; sie liefert den ersten Stoff, den Keim und den Boden, die -Nährmutter und die wesentlichen Bestandteile der Pflanze, die der Mensch -aufzieht, modelliert, malt und schnitzt je nach seinem Gefallen. - -So eigensinnig, so verworren, so beschränkt sie auch ist, sie hat sich -schliesslich ergeben und ihr Meister hat es dahin gebracht, durch -chemische Gegenwirkungen die Substanzen der Erde zu verändern, lang -gereifte Zusammenstellungen, langsam vorbereitete Kreuzungen anzuwenden, -sich geschickter Ableger, methodischer Pfropfreiser zu bedienen, und er -bildet jetzt auf demselben Zweig Blumen verschiedener Farbe, erfindet -für sie neue Nüancen und ändert nach seinem Willen die hundertjährige -Form ihrer Pflanzen; er schleift die Blöcke ab, vollendet die Entwürfe, -zeichnet sie mit seinem Stempel, drückt ihnen sein Kunstsiegel auf. - -Kein Zweifel,« meinte er, seine Betrachtungen zusammenfassend, »der -Mensch kann in wenigen Jahren eine Zuchtwahl herbeiführen, die die faule -Natur nur nach Jahrhunderten hervorzubringen vermag; heutzutage sind -entschieden die Gärtner allein die wahren Künstler.« - -Er fühlte sich etwas angegriffen und erstickte fast in der Atmosphäre -der eingeschlossenen Pflanzen; die Wege, die er seit ein paar Tagen -gemacht, hatten ihn ermüdet; der Wechsel der freien Luft und der -lauwarmen Temperatur seiner Wohnung, die Unbeweglichkeit eines -zurückgezogenen Lebens und die Bewegung eines freien Daseins waren zu -schroff gewesen. Er verliess sein Vorzimmer und legte sich aufs Bett; -aber mit einem einzigen Gegenstand beschäftigt, wie durch eine -Federkraft in Bewegung gesetzt, fuhr der Geist, obgleich eingeschläfert, -fort, seine Kette abzuwickeln; und es dauerte nicht lange, bis er der -düstern Macht des Alps verfiel. - -Er befand sich in einer Allee mitten im Gehölz. Es dämmerte; er ging an -der Seite einer Frau, die er nie gekannt, noch je gesehen hatte. Sie war -mager, hatte flachsgelbes Haar, ein Bulldoggengesicht voller -Sommersprossen, schiefe Zähne, die unter der Stumpfnase hervorstanden. -Sie trug eine grosse weisse Schürze, ein Tuch aus Büffelleder über die -Brust geschlagen, halbhohe preussische Soldatenstiefel und eine schwarze -Haube mit Rüschen verziert. - -Sie schien eine Fremde und sah aus wie eine dem Jahrmarkt entlaufene -Gauklerin. - -Er fragte sich, wer dieses Weib sein möge, das er schon seit langem in -seiner Intimität fühlte; er suchte vergeblich nach ihrem Ursprung, ihrem -Namen, ihrem Gewerbe, ihrem Recht, neben ihm zu sein; ihm kam keine -Erinnerung an diese unerklärliche Bekanntschaft, die doch zweifellos -war. - -Er forschte noch immer in seinem Gedächtnis, als plötzlich vor ihnen -eine seltsame Figur zu Pferde erschien, die plötzlich herantrabte und -sich dann im Sattel herumdrehte. - -Jetzt erstarrte sein Blut vor Schreck in den Adern, wie gebannt blieb er -an seinem Platz. Dieses doppelsinnige Gesicht, ohne Geschlecht, war -grün, mit entsetzlichen Augen von kaltem, klarem Blau, die unter -violetten Augenlidern hervorsahen; Ausschlag umgab den Mund; -aussergewöhnlich magere Arme, wie die eines Skelettes, nackt bis zum -Ellbogen, steckten aus zerrissenen Ärmeln hervor, zitternd vor Fieber, -und fleischlose Lenden klapperten in übergrossen Reiterstiefeln. - -Der entsetzliche Blick dieser Augen heftete sich auf Herzog Jean, -durchdrang ihn, erstarrte ihn bis zum Mark; die Frau mit dem -Bulldoggengesicht klammerte sich in wahnsinniger Angst an ihn, stiess -ein Todesgeheul aus, den Kopf auf den steifen Hals hintenüber geworfen. - -Und sogleich begriff er den Sinn dieser furchtbaren Erscheinung. Er -hatte das Bildnis der Lustseuche vor sich. - -Ausser sich und von Furcht getrieben warf er sich in einen Querweg, -erreichte laufend einen Pavillon, der zwischen Ebenholzbäumen stand; -dort sank er in einem Korridor auf einen Stuhl nieder. - -Nach einigen Minuten, als er anfing wieder zu Atem zu kommen, vernahm er -ein Schluchzen neben sich, er richtete den Kopf in die Höhe ... die Frau -mit dem Bulldoggenkopf stand vor ihm; und jämmerlich grotesk weinte sie -heisse Thränen, jammernd, dass sie während der Flucht ihre Zähne -verloren habe, indem sie aus der Tasche ihrer grossen weissen Schürze -Thonpfeifen hervorzog, die sie zerbrach, und die Stücke der weissen -Röhren in die Löcher ihres Zahnfleisches steckte. - -Teufel, jetzt wird sie ganz verrückt, dachte der Herzog, die -Pfeifenrohrstücke werden niemals festsitzen, -- und in der That, sie -fielen auch alle eines nach dem andern wieder aus. - -Im selben Augenblick vernahm er den Galopp eines Pferdes. Ein -furchtbarer Schreck erfasste den Herzog; fast brachen seine Kniee unter -ihm zusammen; der Galopp kam näher; die Verzweiflung trieb ihn wie mit -einem Peitschenhieb in die Höhe. Er warf sich auf das Weib, das auf den -zerbrochenen Thonstücken herumtrampelte, sie anflehend, ruhig zu sein, -sie beide nicht zu verraten durch den Lärm ihrer Stiefel. Sie schlug mit -Händen und Füssen um sich, er schleifte sie bis zum Ende des Korridors, -sie fast erwürgend, um sie am Schreien zu hindern; plötzlich bemerkte er -eine Wirtshausthür mit grünem Laden, ohne Klinke; er stiess sie auf, -nahm einen Anlauf, blieb aber plötzlich stehen. - -Vor sich, mitten in einer weiten Lichtung, sah er riesige, weisse -Pierrots bei hellem Mondschein Bocksprünge machen. - -Thränen der Entmutigung stiegen ihm in die Augen; niemals, nein niemals -würde er die Schwelle der Thür überschreiten können. - -Ich würde zertreten werden, dachte er, -- und wie um seine Befürchtungen -zu rechtfertigen, vervielfältigte sich die Zahl der ungeheuren -Hanswurste; ihre Sprünge nahmen jetzt den ganzen Horizont und den ganzen -Himmel ein, gegen welchen sie abwechselnd bald mit ihren Köpfen, bald -mit ihren Füssen stiessen. - -Jetzt hielt das Pferd an. Es war da, ... hinter einem runden Fenster in -dem Korridor; mehr tot als lebendig drehte sich der Herzog um und sah -durch das Fensterchen hindurch die steifen graden Ohren, die gelben -Zähne, die Nasenlöcher, aus denen Dampf strömte, der nach Phenol roch. - -Er sank nieder, auf ferneren Kampf wie auf die Flucht verzichtend; er -schloss die Augen und machte sich auf alles gefasst, ersehnte selbst, -nur um zu endigen, den Gnadenstoss. Ein Jahrhundert, das zweifellos nur -eine Minute dauerte, verging; zitternd und schaudernd öffnete er wieder -die Augen. -- Alles war verschwunden; ohne Übergang, wie durch einen -Aussichtswechsel, wie durch einen Dekorationstrick sah er eine -abscheuliche Landschaft von Gestein in der Ferne verschwinden, eine -wüste, bleiche, durchwühlte, tote Landschaft; diese schaurige Gegend war -von einem ruhigen weissen Licht erhellt, das an die Strahlen des in Öl -aufgelösten Phosphors erinnerte. - -Auf dem Boden bewegte sich etwas, das sich als ein sehr blasses, nacktes -Weib erwies, dessen Beine mit grünen Strümpfen bekleidet waren. - -Er betrachtete sie neugierig; wie mit heissem Eisen gebrannte -Pferdehaare kräuselte sich ihr Haar, an der Spitze gespalten; Urnen von -Nepenthes hingen an ihren Ohren; wie gekochtes Kalbfleisch glänzte das -Innere ihrer weit geöffneten Nasenlöcher. Mit verzückten Augen rief sie -ihn leise. - -Er hatte nicht Zeit zu antworten, denn schon veränderte sich das -Aussehen dieses Weibes; Flammen schossen aus ihren Augen; ihre Lippen -färbten sich mit wildem feurigen Rot. - -Eine plötzliche Erkenntnis überkam ihn: das ist die Blume, sagte er -sich. - -Er entdeckte auf der Haut des Körpers schwarzbraune, kupferrote Flecke; -er schreckte verstört zurück, aber das Auge des Weibes zog ihn -zauberisch an und langsam trat er näher, versuchend, nicht weiter zu -gehen, niedersinkend, und sich dennoch wieder aufraffend, um sich ihr zu -nähern. Schon berührte er sie fast, als plötzlich schwarze -Amorphophallen von allen Seiten hervorsprangen und sich auf den Leib des -Weibes losstürzten, der sich hob und senkte wie ein wildbewegtes Meer. -Er schob sie beiseite, stiess sie zurück, einen grenzenlosen Widerwillen -empfindend, während er zwischen seinen Fingern diese warmen aber festen -Stengel wimmeln sah; dann waren die abscheulichen Pflanzen plötzlich -wieder verschwunden und zwei Arme suchten ihn zu umschlingen; die Angst -machte sein Herz heftig schlagen, denn die Augen, die schrecklichen -Augen des Weibes hatten einen kalten grausamen, entsetzlichen Ausdruck -angenommen. Er machte eine übermenschliche Anstrengung, um sich ihrer -Umarmung zu entwinden, aber mit unwiderstehlicher Gewalt hielt sie ihn -zurück, erfasste ihn, und mit irrem Blick sah er unter dem hochgehobenen -Schenkel das wilde Nidularium sich klaffend und blutend entfalten. - -Er streifte mit seinem Körper die scheussliche Wunde dieser Pflanze; er -fühlte sich dem Tode nahe ... da fuhr er plötzlich aus dem Schlafe auf, -halb erstickt, eiskalt, fast wahnsinnig vor Angst, und erleichtert -aufatmend seufzte er: - -»Gott sei Dank, dass es nur ein Traum!« - - - - - NEUNTES KAPITEL. - - -Dieses Alpdrücken wiederholte sich; er fürchtete sich vor dem -Einschlafen. Er blieb stundenlang auf seinem Bett ausgestreckt, bald in -anhaltender Schlaflosigkeit und fieberhafter Aufregung, bald in -schrecklichen Träumen, in denen er den Boden unter den Füssen verlor, -eine Treppe hinunterstürzte oder in einen Abgrund fiel, ohne sich -festhalten zu können. - -Das während einiger Tage eingelullte Nervenleiden gewann wieder die -Oberhand und trat heftiger und eigensinniger unter neuen Formen auf. - -Jetzt belästigten ihn die Decken; er erstickte unter ihnen, hatte ein -Kribbeln im ganzen Körper, Hitze im Blut. Ein Prickeln peinigte ihn am -ganzen Leibe. Zu diesen Symptomen kam bald ein dumpfer Schmerz in den -Kinnbacken hinzu und das Gefühl, als wenn seine Schläfen in einen -Schraubstock gepresst würden. - -Seine Befürchtungen wuchsen; unglücklicherweise fehlten die Mittel, -diese hartnäckige Krankheit zu bezwingen. - -Ohne Erfolg hatte er Kaltwasserapparate in seinem Ankleidezimmer -herrichten zu lassen versucht. Die Unmöglichkeit, das Wasser auf die -Höhe, auf der sein Haus lag, hinaufzuleiten, die Schwierigkeit, es sich -in genügender Quantität zu verschaffen in einem Dorf, wo die Brunnen -sparsamkeitshalber nur zu gewissen Stunden im Betrieb waren, verhinderte -die Benutzung; da er sich nicht durch den Wasserstrahl peitschen lassen -konnte, der, kräftig auf die Wirbelsäule gerichtet, mächtig genug war, -um die Schlaflosigkeit zu bekämpfen und die Ruhe herbeizuführen, musste -er sich mit kurzen Abwaschungen in seiner Badewanne oder mit einfachen -Übergiessungen begnügen, worauf er sich von seinem Diener mit -Pferdehaarhandschuhen frottieren liess. - -Aber dieses schwache Mittel hemmte das Vorschreiten des Nervenleidens -keineswegs; höchstens empfand er während einiger Stunden etwas -Erleichterung, übrigens teuer genug bezahlt durch die Rückfälle, die -sich immer heftiger erneuerten. - -Seine Unzufriedenheit nahm mehr und mehr zu; die Freude, einen seltenen -Blumenflor zu besitzen, war verflogen; er war schon gegen ihre Farben -und Formen abgestumpft; denn trotz aller Sorgfalt, mit der er sie -pflegte, verwelkten die meisten seiner Pflanzen. Er liess sie daher aus -seinen Zimmern entfernen. - -Jetzt ärgerte ihn wieder bei seiner Reizbarkeit der leere Raum, den sie -vorher eingenommen hatten. - -Um sich zu zerstreuen und die endlosen Stunden zu töten, nahm er -Zuflucht zu seinen Kupferstichen und ordnete seine Goyas. Die ersten -Drucke der »Capriccios«, an ihrem rötlichen Ton erkennbar, früher einmal -mit schwerem Gelde erstanden, heiterten ihn auf. Er vertiefte sich in -sie, den Phantasieen des Künstlers folgend, verliebt in seine -phantastischen Scenen, seine auf Katzen reitenden Hexen, seine Weiber, -die da versuchen, einem Gehängten die Zähne auszureissen, seine Räuber, -seine Dämonen und Zwerge. - -Dann durchblätterte er alle andern Serien seiner Radierungen und -Aquatintazeichnungen, seine unheimlichen »Sprichwörter«, seine wilden -Kriegs-Skizzen, seinen Kupferstich des Garot, von dem er einen -wunderbaren Künstlerabdruck auf dickem Papier von sichtbaren -Wasserstreifen durchzogen, besonders gern hatte. - -Das wilde Feuer, das herbe, stürmische Talent von Goya fesselte ihn; -aber die allgemeine Bewunderung, die seine Werke erlangt hatten, -brachten ihn trotzdem etwas von ihm ab, und er hatte daher davon -abgesehen, sie einrahmen zu lassen, aus Furcht, dass, wenn er sie zur -Schau stellte, der erste beste Einfaltspinsel es für nötig hielte, -Dummheiten darüber loszulassen oder vor Entzücken ausser sich zu -geraten. - -Es ging ihm ebenso mit seinen Rembrandts, die er dann und wann mit -heimlichem Entzücken betrachtete; denn wie die schönste Arie der Welt -unausstehlich wird, sobald sie der Pöbel summt und die Strassenorgel -sich ihrer bemächtigt, so wird das Kunstwerk, das den unselbständigen -Künstler zur Nachahmung reizt, das die Dummköpfe loben und das sich -nicht damit begnügt, die Begeisterung von wenigen zu erregen, ebenfalls -für die Kenner entweiht, banal, ja widerwärtig. - -Dieses Schwanken in seiner Bewunderung war übrigens mit sein grösster -Kummer; äusserliche Erfolge hatten ihm Bilder und Bücher, die ihm -ehemals teuer waren, für immer verleidet; infolge des Beifalls der -Stimmenmehrheit entdeckte er zuletzt Mängel, die gar nicht da waren, er -wies sie zurück, indem er sich fragte, ob sein Scharfsinn sich nicht -abstumpfe und ihn betrüge. - -Er schloss seine Mappen und verfiel wieder einmal seinen schwankenden -Gefühlen und unfruchtbaren Grübeleien. Um den Lauf seiner Gedanken zu -ändern, nahm er besänftigende Lektüre zur Hand, versuchte sich das -Gehirn abzukühlen. Er las die Romane von Dickens, an denen sich die -Genesenden und die Unglücklichen entzücken. - -Aber diese Bücher brachten die entgegengesetzten Wirkungen hervor, als -er erwartet hatte: er sah nur keusch Liebende, steif gekleidete -Heldinnen, die nur beim Sternenlicht lieben und sich begnügen, die Augen -zu senken, zu erröten oder vor Glück zu weinen, indem sie sich die Hände -drücken. Diese übertriebene Keuschheit führte ihn der entgegengesetzten -Übertreibung zu; so dass er von einem Extrem ins andere fiel, sich -mächtig bewegter Scenen erinnerte, an die sexuellen Beziehungen zwischen -Mann und Weib und an ihre Küsse dachte. - -Er unterbrach seine Lektüre und grübelte weiter über die Prüderie -Englands. Er wurde von einer seltsamen Aufregung befallen. Die -Zeugungsunfähigkeit seines Gehirns und seines Körpers, die er für eine -permanente gehalten hatte, verschwand. Die Einsamkeit wirkte belebend -auf seine Nerven. Die sinnliche Seite, seit Monaten ganz unempfindlich, -war zuerst wieder durch die entnervende fromme Lektüre angeregt, dann -durch die englische Ziererei zu einer Nervenkrisis gesteigert und stand -jetzt in voller Blüte da; durch die Erregtheit seiner Sinne in die -Vergangenheit zurückgeführt, watete er im Schmutz seiner alten -Erinnerungen herum. -- - -Er stand auf und öffnete schwermütig eine kleine vergoldete Dose, deren -Deckel mit glitzernden Steinen besetzt war. - -Sie war voll von violetten Bonbons; er nahm einen heraus und ihn mit den -Fingerspitzen leicht berührend, dachte er an die seltsamen -Eigentümlichkeiten dieses Bonbons. Damals, als er sich seiner Impotenz -klar ward, als er noch ohne Bitterkeit, ohne Bedauern, ohne neues -Verlangen an das Weib dachte, legte er einen dieser Bonbons auf die -Zunge, liess ihn zergehen, und plötzlich stiegen mit einer unendlichen -Sanftheit verwischte Rückerinnerungen an wollüstige Ausschweifungen in -ihm auf. - -Diese Bonbons, von Siraudin erfunden und mit dem lächerlichen Namen -»Perles de Pyrénées« bezeichnet, enthielten einen Tropfen Sarcanthusöl. -Sie drangen in die Schleimhäute ein und erinnerten ihn an die Wollust -aromatischer Küsse. - -Gewöhnlich lächelte er beim Einatmen dieses verliebten Aromas, das ihm -ein Teilchen Nacktheit vor das geistige Auge führte und für einen -Augenblick wieder das Verlangen nach dem noch vor kurzem angebeteten -Geruch bestimmter Frauen in ihm rege machte. - -Jetzt wirkten sie nicht mehr heimlich und leise, sie beschränkten sich -nicht mehr darauf, das Bild ferner und konfuser Ausschweifungen -anzufachen -- im Gegenteil, die Schleier zerrissen, und vor seinen Augen -entstand die verkörperte, zudringliche, brutale Wirklichkeit. - -An der Spitze der Fata morgana ehemaliger Geliebten, welche der Genuss -dieses Bonbons in klaren Zügen zu zeichnen half, befand sich eine mit -grossen weissen Zähnen, mit einer Haut wie von rosa Atlas, die Nase wie -gemeisselt, mit kleinen Mäuseaugen und kurz abgeschnittenem blonden -Haar. - -Sie hiess Miss Urania, war Amerikanerin und eine der berühmtesten -Akrobatinnen des Cirkus, deren schön proportionierter Körper, kräftige -Schenkel und Muskeln von Stahl und Eisen Aufsehen erregte. - -Herzog Jean hatte sie während langer Abende aufmerksam beobachtet; die -ersten Male war sie ihm wie sie wirklich war erschienen, das heisst -kräftig und hübsch, aber der Wunsch, sich ihr zu nähern, packte ihn -nicht; sie besass nichts, was sie der Lüsternheit eines blasierten -Menschen begehrlich machen konnte, und doch ging er wieder nach dem -Cirkus hin, angelockt, ohne zu wissen wovon, getrieben von einem schwer -zu erklärenden Gefühl. - -Während er ihre Bewegungen verfolgte, machte er eine sonderbare -Beobachtung; in dem Masse, wie er ihre Geschmeidigkeit und ihre Kraft -bewunderte, sah er eine Geschlechtsveränderung mit ihr vorgehen: ihre -zierlichen und weiblichen Bewegungen verwischten sich mehr und mehr, -während sich die gewandten und kräftigen Reize des Mannes dafür -vordrängten; kurz, nachdem sie sich zuerst als Weib gezeigt, dann für -eine kurze Zeit geschlechtslos gewesen war, schien sie vollständig Mann -geworden zu sein. »Diese Akrobatin könnte sich, wie sich ein kräftiger -Kerl in ein zartes Mädchen verliebt, auch in einen Schwächling, wie ich -es bin, verlieben,« sagte sich der Herzog; und indem er sich betrachtete -und Vergleiche zog, wurde es ihm klar, dass er immer femininer wurde; -und er sehnte sich nach dem Besitz dieser Frau und begehrte sie, wie -sich ein bleichsüchtiges junges Mädchen wohl nach einem robusten Manne -sehnt, dessen Liebkosungen sie zu erdrücken drohen. - -Dieser Austausch des Geschlechtes zwischen der Akrobatin und ihm -begeisterte ihn. »Wir sind für einander bestimmt,« überzeugte er sich -selbst. - -Eines schönen Abends entschloss er sich, die Logenschliesserin -abzuschicken. Aber Miss Urania hielt es für angemessen, ihm nicht eher -Gehör zu schenken, bis er ihr den üblichen Hof gemacht; doch zeigte sie -sich wenig grausam, denn durch Hörensagen wusste sie, dass der Herzog -des Esseintes reich war und dass sein Name genügte, um eine Frau in Mode -zu bringen. - -Aber sobald seine Wünsche Erhörung gefunden hatten, übertraf seine -Enttäuschung alle bisherige Erfahrung. Er hatte sich die Akrobatin dumm -und roh wie einen Jahrmarktsringer vorgestellt, ihre Dummheit war aber -unglücklicherweise nur weiblich. Gewiss, es fehlte ihr an Erziehung und -an Takt, sie hatte weder Verstand noch Geist und sie bewies bei Tisch -einen tierischen Eifer, anderseits aber waren alle kindlichen Gefühle -des Weibes in ihr vorhanden; sie schwatzte auch und kokettierte wie alle -von ihren Albernheiten eingenommenen Frauenzimmer. - -Dabei bewahrte sie im Bett eine puritanische Zurückhaltung und zeigte -keine jener athletischen Roheiten, die er ersehnte, aber auch -gleichzeitig fürchtete. Sie war nicht, wie er es einen Augenblick -gehofft, den Aufregungen ihres Geschlechts unterworfen. Doch wenn er den -Mangel ihrer Sinnlichkeit recht untersucht hätte, so würde er eine -Neigung zu einem zarten, schmächtigen Wesen, zu einem ihm ganz -entgegengesetzten Temperamente, einem mageren Clown, entdeckt haben. - -Unglücklicherweise trat der junge Herzog wieder in die einen Moment -vergessene Männerrolle zurück; seine Eindrücke von weiblicher Natur, von -Schwäche, verschwanden; die Illusion war nicht mehr möglich. Miss Urania -war eine ganz gewöhnliche Maitresse, die in keiner Weise den neugierigen -Erwartungen des Gehirns entsprach, die sie anfangs hervorgerufen hatte. - -Obgleich der Reiz ihrer weichen, frischen Haut, ihrer prächtigen -Schönheit den Herzog zuerst überrascht und bei ihr zurückgehalten hatte, -suchte er dieses Verhältnis schnell wieder zu lösen und den Bruch zu -beschleunigen, denn seine frühzeitige Impotenz verschlimmerte sich noch -bei den eisigen Liebkosungen, bei dem gezierten Wesen dieses Mädchens. - -Und doch war sie die erste, die vor ihm stehen blieb bei dem -ununterbrochenen Vorbeimarsch dieser wollüstigen Bilder; wenn sie sich -aber schliesslich seinem Gedächtnis doch fester eingeprägt hatte als -eine Menge anderer, deren Reize weniger trügerisch und deren Genüsse -weniger beschränkt gewesen waren, so lag das an dem gesunden und -kräftigen Geruch ihres weiblichen Körpers; dieser Überfluss an -Gesundheit war das Gegenteil der Blutarmut, die man mit Parfüms -auffrischte, deren feinen Geruch er in dem zarten Siraudin-Bonbon -wiederfand. - -Er gedachte seiner andern Geliebten. Sie drängten sich wie eine Herde in -seinem Gehirn zusammen, doch alle überragte ein Weib, dessen -eigentümlicher Reiz ihn während mehrerer Monate aussergewöhnlich -gefesselt hatte. - -Es war eine kleine, magere Brünette mit schwarzen Augen und -pomadisierten Haaren, die auf dem Kopfe wie mit einem Pinsel angeklebt -waren, mit einem Scheitel auf der linken Seite, der ihr das Aussehen -eines Jungen gab. - -Er hatte sie in einem Café-Konzert kennen gelernt, wo sie -Bauchredner-Vorstellungen gab. - -Zum Erstaunen der Zuschauer, die sich fast unbehaglich bei diesen -Ausführungen fühlten, liess sie abwechselnd Kinder aus Pappe sprechen, -die wie Orgelpfeifen auf Stühlen aufgestellt waren. - -Herzog Jean war bezaubert gewesen; eine Menge von Ideen keimten in ihm -auf. Zuerst beeilte er sich, die Bauchrednerin mit Haufen von Banknoten -zu bändigen, da sie ihm gerade wegen des Kontrastes, den sie zu der -Amerikanerin bildete, gefiel. Diese kleine Brünette brannte wie ein -Krater; aber trotz all ihrer angewandten künstlichen Mittel erschöpfte -sich der Herzog in wenigen Stunden; er fuhr indessen fort, sich -willfährig von ihr ausziehen zu lassen, denn mehr als die Geliebte zog -ihn das Phänomen an. - -Endlich waren die Pläne, die er gemacht hatte, gereift. - -Er liess eines Abends eine Sphinx aus schwarzem Marmor bringen, in der -klassischen Stellung liegend, mit ausgestreckten Tatzen, mit steifem, -geradem Kopf, und eine Chimäre aus buntem Thon, mit gesträubter Mähne, -wilde Blicke werfend, mit den Strähnen ihres Schweifes ihre -geschwollenen Seiten fächelnd. Er stellte die beiden Tiere in seinem -Zimmer auf und löschte die Lampen aus. Die glühenden Kohlen im Kamin -glommen weiter und vergrösserten alle Gegenstände, die wie im Schatten -verschwanden. - -Dann streckte er sich auf dem Sofa aus, nahe seiner Geliebten, deren -unbewegliches Gesicht von dem Schein der Glut erleuchtet wurde, und -wartete. - -Mit seltsamen Tönen und Ausdrücken, welche er sie lange und geduldig -vorher hatte einüben lassen, belebte sie, ohne die Lippen zu bewegen, -ohne sie nur anzusehen, die beiden Ungeheuer. - -Und in der Stille der Nacht begann jetzt der wunderbare Dialog zwischen -der Chimäre und der Sphinx, vorgetragen mit tiefen, rauhen Kehllauten, -dann in scharfer, feiner Stimme: - -»Hier, Chimäre, halte still.« - -»Nie und nimmer.« - -Gewiegt von der entzückenden Prosa Flauberts, hörte er schwer atmend das -schreckliche Duett, und ein Schauder durchflog ihn vom Nacken bis zur -Zehe, als die Chimäre die feierlichen und zauberhaften Worte ausspricht: - -»Ich suche neue Wohlgerüche, prächtigere Blumen, unbekannte Genüsse.« -- - -Ach! es war ihm, als ob diese Stimme zu ihm selbst, geheimnisvoll, wie -in einer Beschwörung, sprach. - -Das ganze Elend seiner eigenen nutzlosen Anstrengungen strömte ihm zum -Herzen zurück. Sanft umfasste er das schweigende Weib wie ein -ungetröstetes Kind; nicht einmal das verdriessliche Gesicht der -Komödiantin beachtete er, die genötigt war, eine Scene zu spielen und -ihr Handwerk noch während ihrer Mussestunden auszuüben. - -Ihr Verhältnis dauerte fort, doch bald verschlimmerte sich die Schwäche -des Herzogs; die Aufwallungen seines Gehirns schmolzen nicht mehr das -Eis seines Körpers; die Nerven gehorchten nicht mehr seinem Willen; die -leidenschaftlichen Thorheiten der Greise beherrschten ihn. Da er sich -mehr und mehr bei seiner Geliebten schwach werden fühlte, nahm er seine -Zuflucht zu dem wirksamsten Hilfsmittel der alten und unbeständigen -Aufreizung, zu der Furcht. - -Während er seine Maitresse in seinen Armen hielt, erscholl hinter der -Thür eine rauhe Säuferstimme: »Wirst du gleich öffnen? Ich weiss sehr -gut, dass du mit einem reichen Gimpel zusammen bist, na warte nur, du -Schlange!« - -Wie die Wüstlinge in der Gefahr einen Reiz empfinden und im Freien, auf -den Böschungen, im Garten der Tuilerieen, im Wald oder auf einer Bank -ihre Sinnlichkeit befriedigen, so fand der Herzog vorübergehend seine -Kräfte wieder und stürzte sich auf die Bauchrednerin, deren Stimme -hinter der Thür tobte, und empfand unerhörte Genüsse in diesem -Herumstossen, in dieser Angst des Mannes, der sich in Gefahr befindet. - -Unglücklicherweise waren diese Freuden von kurzer Dauer, denn trotz der -enormen Summen, die er der Bauchrednerin bezahlte, verabschiedete ihn -diese schliesslich und gab sich noch demselben Abend einem strammen -Burschen hin, dessen Ansprüche weniger kompliziert, dessen Lenden aber -kräftiger waren. - -Diese Komödiantin hatte er wirklich bedauert und bei der Erinnerung an -ihre Geschicklichkeit schienen ihm die andern Frauen anmutlos. - -Eines Tages, da er allein in der Avenue de Latour-Maubourg spazieren -ging, in seine Betrachtungen und seinen Widerwillen gegen das weibliche -Geschlecht vertieft, wurde er nahe bei der Esplanade des Invalides von -einem jungen Menschen angeredet, der ihn bat, ihm den kürzesten Weg nach -der Rue de Babylone zu zeigen. - -Herzog Jean bezeichnete ihm den Weg, welchen er einzuschlagen hatte, und -da auch er die Esplanade entlang ging, so schritten sie zusammen weiter. - -»Sie glauben, dass es, wenn ich links gehen würde, ein Umweg wäre,« fuhr -der junge Mann zu fragen fort, »man hatte mir gesagt, die Avenue in -schräger Richtung zu verfolgen« ... seine Stimme klang leise und -schüchtern, fast bittend. - -Der Herzog betrachtete ihn näher. Er schien aus dem Gymnasium gekommen -zu sein, war ärmlich gekleidet, trug eine kurze Jacke aus Cheviot, eine -schwarze enge Hose, niedergeschlagenen Kragen und eine lose dunkelblaue -Krawatte mit weissen Punkten. - -In der Hand hielt er ein Schulbuch und hatte auf dem Kopf einen runden -braunen Hut mit glattem Rand. - -Sein Gesicht war beunruhigend; blass und müde, doch ziemlich regelmässig -und von langem, schwarzem Haar umrahmt; er hatte grosse feuchte Augen -mit blauen Rändern, um die Nase herum einige Sommersprossen und einen -kleinen Mund mit starken Lippen, die in der Mitte wie eine Kirsche -gespalten waren. - -Sie sahen sich eine Weile an, gerade ins Gesicht, dann schlug der junge -Mensch die Augen nieder und kam näher; sein Arm streifte bald den des -Herzogs, der seinen Schritt mässigte und nachdenklich den wiegenden Gang -des Jünglings betrachtete. - -Und aus dieser zufälligen Begegnung war eine Freundschaft entstanden, -die sich Monate lang hinzog. - -Der Herzog dachte mit Schaudern an sie zurück, niemals hatte er einen -anziehenderen und herrischeren Pakt ertragen, niemals hatte er solche -Gefahren gekannt und niemals noch sich so schmerzhaft befriedigt -gefühlt. - -Unter allen Erinnerungen, die ihn in seiner Einsamkeit bestürmten, -beherrschte dieses Liebesverhältnis alle andern. -- - -Jetzt erwachte er aus seinen Träumereien, gebrochen, vernichtet, -sterbend, und schnell alle Lichte und Lampen anzündend, hoffte er in -dieser Flut von Licht weniger deutlich das dumpfe, unaufhörliche, -unausstehliche Klopfen der Pulsadern zu vernehmen. - - - - - ZEHNTES KAPITEL. - - -Während dieser seltsamen Krankheit, die blutarme Menschen hinwegrafft, -traten plötzlich kurze Pausen der Krisen ein. Ohne dass er sich ihren -Grund zu erklären vermochte, wachte der Herzog eines Tages ganz kräftig -auf. Da war nichts mehr von aufreibendem Husten zu spüren, keine -stechenden Schmerzen mehr im Nacken, nur ein unbeschreibliches Gefühl -von Wohlbehagen, eine Leichtigkeit des Hirns, dessen Gedanken sich -erhellten. - -Dieser Zustand währte mehrere Tage; dann plötzlich zeigten sich eines -Nachmittags wiederum Hallucinationen des Geruchssinnes. - -Sein Zimmer duftete wie von Backwerk und Parfüm; er sah nach, ob nicht -ein geöffnetes Flacon umherstand; doch nirgends war ein solches zu -finden. Er lief durch alle seine Gemächer: der Geruch dauerte fort. - -Er klingelte seinem Diener: - -»Riechen Sie nichts?« fragte er. - -Der alte Mann erklärte, dass er keinen Blumengeruch bemerke: es konnte -kein Zweifel mehr bestehen, das Nervenleiden zeigte sich wieder unter -einer neuen Sinnestäuschung. - -Gelangweilt von der Hartnäckigkeit dieses eingebildeten Aromas, -beschloss er, sich in wirkliche Parfüms zu tauchen, hoffend, dass diese -Nasenhomöopathie ihn heilen, oder wenigstens die Verfolgung des lästigen -Geruches aufhören würde. - -Er begab sich in sein Ankleidezimmer. Dort standen nahe bei einem -antiken Taufbecken, das ihm als Waschgefäss diente, unter einem breiten -Spiegel von getriebenem Eisen Flaschen in allen Grössen und allen Formen -auf Etageren aus Elfenbein übereinander. - -Er stellte sie auf einen Tisch und teilte sie in zwei Serien: die eine -mit einfachen Parfüms, Extrakten und Spiritussen, die andere mit -zusammengesetzten Parfüms, die man mit dem allgemeinen Ausdruck -»Bouquets« bezeichnet. - -Er drückte sich in seinen Sessel und sammelte sich. - -Er war schon seit Jahren in der Wissenschaft des Riechens geübt und war -überzeugt, dass man durch den Geruch die gleichen Genüsse empfinden -könne wie durch das Gehör und das Gesicht, indem jeder Sinn infolge -einer natürlichen Neigung und Angewöhnung genugsam empfindlich sei, neue -Eindrücke aufzunehmen, sie zu verzehnfachen und zu verarbeiten. - -In der Kunst der Parfümbereitung hatte ihn eine Seite vor allem -angezogen, nämlich die der künstlichen Genauigkeit. - -Das Parfüm stammt fast niemals von den Blumen, deren Namen es trägt; der -Fabrikant, der es wagen würde, nur einzig der Natur ihre Elemente zu -entlehnen, würde doch nur ein unechtes Werk schaffen, ohne -Natürlichkeit. - -Mit Ausnahme des unnachahmlichen Jasmin, welcher keine Fälschung -zulässt, sind alle Blumengerüche genau durch Verbindungen mit -aromatischem Weingeist und Spiritus darstellbar. - -Nach und nach hatten sich die geheimen Operationen dieser so arg -vernachlässigten Kunst vor dem Herzog erschlossen, der ihren geheimen -Wegen nachging. - -Um dies zu erreichen, hatte er zuerst die Grammatik durchgearbeitet, die -Syntax der Gerüche erlernt, wie auch die Regeln, die sie regieren, -ergründet. Mit dieser Sprache einmal vertraut, musste er die Werke der -Meister wie Atkinson und Lubin, Chardin und Violet, Legrand und Piesse -vergleichen, die Konstruktion ihrer Sätze zerlegen, das Verhältnis ihrer -Worte und die Aufstellung ihrer Satzgefüge abwägen. - -Die klassische Parfümerie war ziemlich einförmig, fast farblos, vor -langer Zeit von Chemikern in eine gleichmässige Form gegossen. - -Ihre Geschichte folgte Schritt für Schritt der Sprache unserer Zeit. - -Der parfümierte Stil Ludwigs XIII., aus teuren Bestandteilen -zusammengesetzt, aus Iris, Moschus, Zibeth-Puder, Myrtenwasser, schon -damals unter dem Namen »Eau des Anges« bekannt, war kaum genügend, um -die ungezwungenen Reize, die etwas rohen Färbungen jener Zeit -auszudrücken, welche uns gewisse Sonette von Saint-Armand aufbewahrt -haben. - -Später, mit der Myrrhe, dem Oliban, einer Art Weihrauch, wurden die -mystischen Wohlgerüche kräftig und streng; die pomphafte Art des grossen -Jahrhunderts, die weitschweifigen Feinheiten der Redekunst, der breite, -getragene Stil Bossuets und der Kanzelredner fanden ihren Niederschlag. -Noch später fanden die erschlafften, kunstvollen Reize der französischen -Gesellschaft unter Ludwig XV. leichter ihren Dolmetscher in dem -Frangipan und dem Maréchale, die gleichsam die Synthese dieser Epoche -selbst gaben. Dann, nach der Langeweile und Gleichgültigkeit des ersten -Kaiserreichs, in dem man die Eaux de Cologne sowie die Präparationen von -Rosmarin missbrauchte, stürzte sich die Parfümerie hinter Victor Hugo -und Gautier her in das Land der Sonne; sie schuf orientalische -Wohlgerüche, scharfwürzige Bouquets, entdeckte neue Zusammenstellungen, -bis jetzt nicht gewagte Gegensätze, wählte aus und nahm wieder alte -Nüancen auf, welche sie komplizierte, verfeinerte und passend -zusammensetzte. Sie verwarf schliesslich energisch diese freiwillige -Abgelebtheit, zu welcher sie Malesherbes, Boileau, Andrieux, -Baour-Lormian herabgesetzt hatten, diese niedrigen Destillateure ihrer -Gedichte. - -Aber auch seit der Periode von 1830 war diese Sprache nicht stehen -geblieben. Sie hatte sich noch weiter fortentwickelt und, sich nach dem -Gang des Jahrhunderts formend, war sie gleichlaufend mit den andern -Künsten vorgeschritten, hatte sich auch den Wünschen der Kunstfreunde -und Künstler gefügt, sich auf die Chinesen und Japaner gestürzt, -duftende Stammbücher erfunden, Blumensträusse von Takéoka nachgeahmt, -durch Mischungen von Lavendel und Goldlack den Geruch des Rondeletia, -durch eine Verbindung von Patschuli und Kampfer den sonderbaren Duft der -chinesischen Tinte, durch die Zusammensetzung von Citrone, Levkoje und -Pommeranzblütessenz die Ausströmung des japanesischen Hovénia erhalten. - -Der Herzog studierte und analysierte die Seele dieser Fluida, machte die -Exegese dieser Texte; er gefiel sich zu seiner eigenen Befriedigung -darin, die Rolle eines Psychologen zu spielen, das Räderwerk auseinander -zu nehmen und wieder zusammenzustellen, die Stücke abzuschrauben, die -die Struktur einer zusammengesetzten Ausströmung bildeten, und bei -dieser Ausübung hatte sein Geruchssinn die Sicherheit eines fast -unfehlbaren Prüfsteins erlangt. - -Wie ein Weinhändler das Gewächs an einem Tropfen, den er schlürft, -erkennt, wie ein Hopfenhändler an dem Geruch des Sackes den genauen Wert -der Ware bestimmen kann, wie ein chinesischer Kaufmann sofort die -Herkunft des Thees, der ihm vorgehalten wird, anzugeben vermag und sagen -kann, auf welchen Pachtungen des Berges Bohées, in welchen -buddhistischen Klöstern er gezogen ist, und selbst den Zeitpunkt, an dem -seine Blätter gepflückt, und den Grad des Dörrens zu bezeichnen weiss, -sowie den Einfluss, dem er in der Nähe der Pflaumenblüte, der Aglaia, -der duftenden Olea, aller dieser Wohlgerüche ausgesetzt gewesen ist, die -dazu dienen, seine Natur zu verändern, eine unvermutete Steigerung -hervorzurufen und in seinem trockenen Geruch einen Duft ferner frischer -Blumen zu erzeugen -- ebenso konnte der Herzog auch, wenn er nur ein -Tröpfchen Parfüm einatmete, gleich die Dosis seiner Mischung hernennen, -die Psychologie seiner Mixtur erklären und den Künstler erkennen, der -das Aroma hergestellt und ihm die persönliche Marke seines Stils -aufgedrückt hatte. - -Es versteht sich von selbst, dass er die Sammlung aller von den -Parfümeuren angewendeten Produkte besass; er hatte selbst das echte -Mekkabalsamkraut, dieses seltene Kraut, das nur in gewissen Teilen des -steinigen Arabiens wächst und dessen Monopol dem Sultan gehört. -- - -Und nun sass Herzog Jean in seinem Ankleidezimmer und sann darauf, ein -neues Bouquet zu erfinden, er war von dem Augenblick des Zögerns -erfasst, den die Schriftsteller nur zu gut kennen, wenn sie nach Monaten -der Ruhe ein neues Werk beginnen. - -Ebenso wie Balzac, der von dem unabweislichen Bedürfnis verfolgt war, -erst viel Papier zu bekritzeln, ehe er imstande war zu schreiben, so -erkannte Herzog Jean die Notwendigkeit, sich erst durch einige leichtere -Arbeiten in Gang zu bringen. - -Er fing an, die Flaschen mit Mandeln und Vanille zu wägen, um Heliotrop -herzustellen, dann besann er sich anders und entschloss sich, mit der -Riecherbse zu beginnen. - -Die Formel, das Verfahren waren ihm entfallen; er tastete. Im -allgemeinen herrscht bei dem Duft dieser Blume die Orange vor; er -versuchte mehrere Zusammensetzungen und erreichte schliesslich den -richtigen Ton, indem er der Orange die Tuberose und die Rose hinzufügte, -welche er mit einem Tropfen Vanille verband. - -Die Ungewissheiten verschwanden; ein leichtes Fieber erfasste ihn, er -fühlte sich zur Arbeit angeregt und beschloss, weiter zu gehen und einen -fulminanten Satz loszulassen, dessen stolzes Geprassel das Geflüster -dieses arglistigen Parfüms niederwerfen würde, der noch immer im Zimmer -lastete. - -Er experimentierte mit dem Amber, dem Tonkin-Moschus, dem Patschuli, dem -schärfsten aller vegetabilischen Parfüms, dessen Blume einen Geruch von -Schimmel und Rost ausströmt. - -Aber was er auch versuchte, die Liebeleien des XVIII. Jahrhunderts -verfolgten ihn; die Reifröcke und seidenen Garnierungen schwebten vor -seinen Augen, die Erinnerungen der Venusse von Boucher, aus vollem -Fleisch, ohne Knochen, in üppigster Gestalt, liessen sich an seinen -Wänden nieder; der Rückblick auf den Roman Thermidor, auf die -entzückende Rosette mit hochgeschürztem Rock peinigte ihn. - -Wütend stand er auf, und um sich frei zu machen, sog er mit aller Kraft -die reine Essenz des Spika-Nard ein, der den Orientalen so teuer und den -Europäern so unangenehm ist wegen seines zu starken Geruchs von -Baldrian. Er war fast betäubt von der Heftigkeit der Erschütterung. - -Wie durch einen Hammerschlag zermalmt verschwand das Filigran des zarten -Duftes. - -Früher hatte er sich gern in Akkorden von Düften gewiegt; er gebrauchte -ähnliche Effekte wie die der Poeten, wendete gewissermassen die -vortreffliche Anordnung der Stücke von Baudelaire an, wie zum Beispiel -in »L'Irréparable« und »Le Balcon«, wo der letzte der fünf Verse, welche -die Strophe bilden, das Echo des ersten ist und wie ein Refrain -zurückkommt und die Seele in die Unendlichkeit von Schwermut und -Sehnsucht taucht. - -Er verlor sich in den Träumen, welche diese duftenden Stanzen in ihm -hervorriefen; ihn verlangte, in einer wunderbaren und wechselnden -Landschaft herumzustreichen, und deshalb fing er mit einem vollen und -stattlichen Satz an, der plötzlich einen Durchblick auf eine grossartige -Landschaft eröffnete. - -Mit seinen Vaporisateuren spritzte er im Zimmer eine Essenz, aus -Ambrosia, Mitcham-Lavendel, Riecherbse und Bouquet gebildet, umher, eine -Essenz, die, wenn sie von einem Künstler destilliert, den Namen -verdient, den man ihr zuerkannt hat: »Extrait de Pré fleuri«; in diese -blühende Wiese führte er dann eine genaue Fusion von Tuberose, -Orangeblüte und Mandel ein; und alsbald entstand künstlicher Flieder und -der Wind schien leise durch blühende Linden zu streichen, ihre zarten -Ausströmungen auf den Boden niederdrückend, welche dem Extrakt der -englischen Tilia ähneln. - -Dann liess er durch einen Ventilator die duftenden Wellen entfliehen, -nur die Landschaft beibehaltend, die er erneute und deren Dosis er -verstärkte, um ihre Rückkehr zu erzwingen. - -Bald stiegen Hüttenwerke gen Himmel auf. - -Ein starker Geruch von Fabriken, von chemischen Produkten verbreitete -sich, und doch hauchte die Natur noch in dieser verpesteten Luft ihre -süssen Düfte aus. - -Der Herzog bearbeitete und wärmte zwischen seinen Fingern eine -Storax-Kugel, und ein höchst eigentümlicher Geruch verbreitete sich im -Zimmer, ein Geruch, widerlich und köstlich zugleich, dem entzückenden -Geruch der Jonquille und dem hässlichen Gestank der Guttapercha und dem -Steinkohlenöl ähnlich. - -Er desinfizierte sich die Hände, legte sein Harz in einen hermetisch -verschlossenen Kasten, und die Fabriken verschwanden. Dann schleuderte -er zwischen die wieder belebten Linden und Wiesen einige Tropfen New -Mown Hay, und mitten in der zauberhaften Landschaft, ihres Flieders -beraubt, stiegen Heugarben empor, eine neue Jahreszeit suggerierend und -ihre feinen Ausströmungen aushauchend. - -Endlich, als er diesen Anblick genügend genossen, versprengte er eiligst -noch einige exotische Parfüms, leerte seine Vaporisateure, verflüchtete -seine konzentrierten Spritsorten, liess all den Balsamen die Zügel -schiessen, und in dem heissen aufregenden Dunst des Raumes entwickelte -sich eine wahnsinnig sublimierte Temperatur, die seinen Atem -beschleunigte. - -Plötzlich empfand er einen heftigen Schmerz. Es war ihm, als wenn man -ihm mit einem Instrument die Schläfen durchbohre. Er öffnete die Augen -und befand sich in der Mitte seines Ankleidezimmers, vor seinem Tisch -sitzend; mühevoll erhob er sich und schleppte sich zum Fenster, das er -halb öffnete. Ein Luftstoss klärte die erstickende Atmosphäre, die ihn -einhüllte; er ging im Zimmer auf und ab, die Augen gegen den Plafond -gerichtet, wo Krabben und salzgepuderte Algen auf einem gekörnten Grund -hell wie der Sand des Meeresufers im Relief aufstiegen. Eine gleiche -Dekoration schmückte auch die Fussgesimse, die, mit japanesisch -wassergrüner, etwas zerdrückter Kreppseide die Wände einfassend, das -Gekräusel eines Flusses, von Wind bewegt, nachahmten, und in diesem -leicht fliessenden Wasser schwamm das Blatt einer Rose, um welches ein -Schwarm kleiner Fische wirbelte, mit leichten Federstrichen gezeichnet. - -Aber seine Augenlider blieben schwer; das Hin- und Hergehen ermüdete -ihn, er lehnte sich auf die Fensterbrüstung; allmählich verschwand seine -Betäubung. Sorgsam korkte er die Fläschchen wieder zu und benutzte diese -Gelegenheit, um die Unordnung in seiner reichen Schminksammlung zu -beseitigen. Er hatte seit seiner Ankunft in Fontenay nicht daran -gerührt, und er verwunderte sich fast, diese Kollektion jetzt -wiederzusehen, die früher von so vielen Frauen besichtigt und bewundert -worden war. - -Die Kruken und Fläschchen häuften sich auf- und übereinander. Hier war -es ein Porzellantopf, Schnouda enthaltend, diesen wunderbaren weissen -Creme, der, wenn er auf der Wange aufgerieben, unter dem Einfluss der -Luft in zartes Rosa, dann in ein so echtes Inkarnat übergeht, dass er -die wirklich genaue Täuschung einer durch Blutwallung geröteten Haut -hervorbringt. Dort sind es mit Perlmutter eingelegte Lackkasten, die -japanesisches Gold und athenisches Grün einschliessen, die Farbe des -Flügels einer spanischen Fliege, Gold und Grün, das sich in ein tiefes -Purpur verwandelt, sobald man es anfeuchtet. Nahe den vollen Kruken mit -Pasten von Lambertsnuss, Serkis des Harems, Emulsinen der Kaschmirlilie, -Waschwasser von Erdbeeren und Holunder für den Teint und bei den kleinen -Flaschen, die mit einer Auflösung von chinesischer Tinte und Rosenwasser -zum Gebrauch der Augen bestimmt waren, lagen Utensilien aus Elfenbein, -Perlmutter und Silber durcheinander mit Bürsten aus Luzern für das -Zahnfleisch: Pinsel, Scheren, Wischer, Schminkläppchen und Puderquasten, -Rückenkratzer und Schönheitspflästerchen. - -Er betrachtete all diese Toilettengeräte, die er auf die Bitte einer -seiner Geliebten gekauft hatte, die unter dem Einfluss gewisser Gerüche, -gewisser Balsame vor Entzücken verging. - -Er grübelte über die Erinnerungen nach und es fiel ihm ein Nachmittag -ein, den er mit dieser Frau, aus Langeweile und Neugier, in Pantin bei -ihrer Schwester zugebracht hatte und der in ihm eine ganze Welt -vergessener Ideen und alter Parfüms wachrief. - -Er flüchtete in sein Arbeitszimmer zurück und öffnete das Fenster weit, -glücklich, sich in der frischen Luft zu baden. Aber plötzlich war es -ihm, als wenn der Wind ihm einen unbestimmten Geruch von -Bergamottenessenz entgegentrieb, mit welchem sich der Jasminsprit, die -Cassie und das Rosenwasser verband. - -Er atmete schwer auf. - -Der Geruch wechselte und veränderte sich, ohne zu verschwinden. Ein -unbestimmter Duft von Tolutinktur, von Perubalsam, von Safran, -verschmolzen mit einigen Tropfen Amber und Moschus, stieg jetzt aus der -schlafenden Stadt empor, von dem Fusse der Anhöhe her, und plötzlich -vollzog sich eine Metamorphose, die getrennten Gerüche verbanden sich -und von neuem verbreitete sich der Frangipan, dessen Geruch die Elemente -und die Analyse herbeigeführt hatten, über das Thal Fontenay bis zum -Festungswerk hinauf. Sie erschütterten seine erschöpften und -angegriffenen Nerven noch mehr, so dass er ohnmächtig an der -Fensterbrüstung niedersank. - - - - - ELFTES KAPITEL. - - -Die erschrockenen Dienstboten beeilten sich, einen Arzt aus Fontenay -herbeizuholen, der absolut nichts von dem Zustand des Herzogs verstand. - -Er brummte einige medizinische Ausdrücke, fühlte den Puls, besah die -Zunge des Kranken, versuchte, allerdings vergebens, ihn zum Sprechen zu -bringen, verordnete lindernde Mittel und grosse Ruhe und versprach, den -andern Tag wieder zu kommen. - -Auf ein verneinendes Zeichen des Herzogs, der Kraft genug fand, den -Eifer seiner Dienstboten zu missbilligen und diesen lästigen -Eindringling zu verabschieden, ging dieser fort und machte sich daran, -im ganzen Dorf von den Excentrizitäten dieses Hauses zu erzählen, dessen -Einrichtung ihn geradezu mit Verwunderung erfüllt und ihn verblüfft -hatte. - -Zum grössten Erstaunen der beiden alten Diener, die nicht mehr das -Dienstzimmer zu verlassen wagten, erholte sich ihr Herr in einigen Tagen -wieder. Sie überraschten ihn, wie er an die Scheiben trommelte und den -Himmel mit ungeduldiger Miene betrachtete. - -Eines Nachmittags klingelte der Herzog mehrere Male hintereinander und -befahl dem eintretenden Diener, seine Koffer für eine längere Reise -fertig zu machen. - -Während das alte Ehepaar auf seine Angaben hin die als notwendig -mitzunehmenden Gegenstände wählte, durchschritt er fieberhaft erregt die -Kabine seines Esszimmers, studierte die Abfahrtszeiten der Packetboote, -durcheilte hastig sein Arbeitszimmer, wobei er ungeduldig die Wolken mit -zufriedener Miene beobachtete. - -Das Wetter war schon seit einer Woche abscheulich, dicke Nebel lagerten -über der Erde. Starke Regengüsse hatten das Thal in einen schwarzen See -verwandelt. - -An jenem Tage war der Himmel heller geworden. - -Der Regen stürzte nicht mehr wie den Tag vorher in Strömen herab, -sondern fiel unablässig fein und durchdringend und schien mit seinen -unzähligen Fäden die Erde mit dem Himmel zu verbinden. - -Das Licht trübte sich; ein fahler Tag beleuchtete das Dorf, und in -dieser Trostlosigkeit der Natur verschwammen alle Farben und nur die -Dächer glänzten in diesem Grau in Grau. - -»Welch ein Wetter!« seufzte der alte Diener, der die Kleidungsstücke, -die sein Herr verlangt hatte, auf einen Stuhl legte. - -Statt jeder Antwort rieb sich der Herzog die Hände und setzte sich vor -einen Schrank mit bunten Scheiben, in dem ein Stoss von seidenen Socken -in Fächerform aufgehäuft lag. Er war über die Nüancen unschlüssig. Seine -Wahl fiel in anbetracht der Trostlosigkeit des Tages und des düsteren -Graus seines Anzuges, sowie im Hinblick auf sein Ziel auf ein Paar in -mattgrüner Seide. Er zog ein Paar Halbstiefel darüber und den mausgrauen -karrierten Anzug an, setzte sich einen kleinen runden Hut auf und hüllte -sich in einen dunkelblauen Wettermantel. Von seinem Diener gefolgt, der -unter dem Gewicht eines Koffers, einer Reisetasche, einer Hutschachtel -und einer Reisedecke, in welche Schirme und Spazierstöcke gewickelt -waren, fast zusammenbrach, kam er auf dem Bahnhof an. - -Hier erklärte er dem Diener, dass er nicht das Datum seiner Rückkehr -bestimmen könne, er würde in einem Jahr, in einem Monat, in einer Woche, -vielleicht noch früher zurückkommen, befahl, dass nichts in seiner -Wohnung geändert würde, händigte ihm die nötige Summe, die zum Unterhalt -des Hauses während seiner Abwesenheit nötig war, ein und stieg in den -Waggon, den alten Diener ganz verstört mit schlotternden Armen und -offenem Mund auf dem Perron zurücklassend. - -Er war in seinem Coupé allein. Eine verschwommene, schmutzige -Landschaft, wie durch das trübe Wasser eines Aquariums gesehen, flog in -grösster Eile an dem vom Regen gepeitschten Zug vorbei. In Nachdenken -versunken, schloss der Herzog die Augen. - -Das Schweigen, das ihm bisher wie eine Entschädigung für die -Albernheiten, die er jahrelang über sich hatte ergehen lassen müssen, -erschienen war, drückte ihn plötzlich mit unerträglicher Schwere. - -Eines Morgens nämlich war er aufgewacht, erregt, wie ein Gefangener, der -in einer Zelle eingeschlossen ist; seine entnervten Lippen murmelten -unzusammenhängende Worte, Thränen stiegen ihm in die Augen, ihm war es, -als sollte er ersticken. - -Das Verlangen, ein menschliches Gesicht zu sehen, mit einem andern Wesen -zu sprechen, sich in das flutende Leben zu stürzen, verzehrte ihn. Es -kam sogar dahin, dass er seine Dienstboten unter einem Vorwand zu sich -kommen liess und in Gespräche verwickelte. Aber die Unterhaltung war -unmöglich; denn die alten Leute waren durch jahrelanges Schweigen und -durch die Gewohnheit der Krankenpflege fast stumm geworden; dann -verhinderte auch die Entfernung, in welcher sie der Herzog immer von -sich gehalten, jedes Plaudern. - -Übrigens besassen sie nur ein träges Gehirn und waren fast unfähig, -anders als einsilbig auf die Fragen, die man an sie richtete, zu -antworten. - -Er konnte also auf sie nicht rechnen. - -Die Lektüre von Dickens, welche er unlängst gepflegt, um seine Nerven zu -beruhigen und die nur die entgegengesetzte Wirkung hervorgebracht hatte, -begann langsam in einer unerwarteten Weise zu wirken. - -Er vertiefte sich in das englische Leben. Seine Betrachtungen -vermischten sich mit den Eindrücken aus der Lektüre. - -So hoffte er durch eine Reise den erschlaffenden Ausschweifungen seines -Geistes zu entgehen. - -Er hielt es nicht länger aus; eines Tages entschloss er sich plötzlich, -dem allen ein Ende zu machen. Seine Eile war so gross, dass er lange vor -der anberaumten Zeit schon die Flucht ergriff. - -Er wollte sich der Gegenwart entziehen und sich herumgestossen fühlen in -dem Strassenlärm und in dem Getöse der Welt. - -»Ich atme auf,« murmelte er, als der Zug seine Bewegungen einstellte und -in der Pariser Bahnhofshalle anhielt. - -Auf dem Boulevard d'Enfer rief er einen Kutscher an, ganz vergnügt, mit -seinen Koffern und Decken so ins Gewühl geraten zu sein. Durch ein -reichliches Trinkgeld verständigte er sich mit dem Mann in nussbraunem -Beinkleid und roter Weste: - -»Auf Zeit,« sagte er, »zunächst nach der Rue de Rivoli zu >Galignani's -Messenger<!« - -Er beabsichtigte, vor seiner Abreise einen Führer durch London zu -kaufen. - -Der Wagen schwankte schwerfällig durch den entsetzlichen Schmutz -vorwärts. - -Der Regen schlug schräg in den Wagen, so dass der Herzog die Fenster -schliessen musste. - -Bei dem monotonen Geräusch des auf seine Koffer und den Lederschutz -niederströmenden Regens, der sich wie ein Sack geschüttelter Erbsen -anhörte, träumte der Herzog von seiner Reise; dies war schon ein -Vorspiel von England, das ihm Paris bei diesem schauderhaften Wetter -bot. Das regnerische, riesengrosse, weite London, das unablässig im -Seenebel lag, entrollte sich vor seinen Augen. Lange Reihen Docks -breiteten sich unabsehbar vor ihm aus, besät mit Hebemaschinen, -Schiffswinden und Ballen; allerwärts wimmelt es von Menschen, die hier -an Masten hängen, dort rittlings auf Raaen sitzen. - -Alles das lebte und bewegte sich an den Ufern in den riesigen Docks, die -von dem grünlichen Wasser der Themse bespült werden, in einem Wald von -Masten und Balken. - -Es bereitete dem Herzog ein Gruseln, dass er sich in eine Welt von -Kaufleuten stürzen sollte, in diesen Nebel, in diese atemlose -Thätigkeit, dieses unbarmherzige Räderwerk, das Millionen Enterbter -zermalmt. - -Dann verschwand diese Vision plötzlich durch einen Stoss des Wagens, der -ihn auf seinen Sitz zurückprallen liess. - -Er sah durch das Fenster; es war Nacht geworden. Die Gasflammen -blinzelten mitten in einem gelblichen Hofe durch den Nebel, -Lichtstreifen schwammen auf den Pfützen. - -Er versuchte sich zurechtzufinden; er erblickte das Carrousel. -Plötzlich, aus seinen Träumen aufgescheucht, fiel ihm ein höchst -trivialer Umstand ein: sein Diener hatte beim Kofferpacken eine -Zahnbürste vergessen. - -Er unterwarf die Liste der eingepackten Gegenstände einer Musterung, -alle lagen geordnet in seiner Reisetasche, nur die Bürste fehlte, und -sein Ärger darüber dauerte fort, bis ihm das Halten des Wagens ein Ende -machte. - -Er befand sich in der Rue de Rivoli, vor »Galignani's Messenger«. Neben -einer Thür von mattem Glas, die mit Zeitungsausschnitten und Telegrammen -beklebt war, hingen zwei grosse Glaskasten mit Albums und Büchern. Er -trat näher, angezogen von den buntfarbigen Büchereinbänden, die in allen -Formen und Grössen dort ausgestellt waren. Alles hatte einen -kaufmännisch antiparisischen Anstrich, die Einbände waren gröber, aber -weniger geschmacklos als die schlechten französischen. - -Dann öffnete er die Thür und trat in ein grosses Bibliothekzimmer, das -mit Menschen angefüllt war. Fremde sassen umher und entfalteten Karten -und radebrechten in unbekannten Sprachen. - -Ein Kommis brachte ihm eine ganze Kollektion von Reisehandbüchern. Er -setzte sich nieder und sah sich die Bücher, deren biegsamer Pappband -sich unter dem Druck seiner Finger bog, durch. Er durchblätterte sie und -blieb bei einer Seite des Baedeker stehen, auf welcher die Museen -Londons beschrieben sind. - -Er interessierte sich für die kurzen und graziösen Details des Führers; -seine Aufmerksamkeit ging von der alten englischen Malerei zu der neuen -über, die ihn mehr reizte. Er erinnerte sich einiger Bilder, die er in -internationalen Ausstellungen gesehen hatte, und hoffte, dass er sie -vielleicht in London wiederfinden würde, wie die Gemälde von Millais: -»die Krankenwache der heiligen Agnes«, mit jenem seltsamen -grünlich-silbernen Mondlicht, dann Bilder von Watts, von eigentümlichem -Farbengemisch, die von einem kranken Gustav Moreau entworfen und von -einem blutarmen Michel-Angelo ausgeführt sein konnten. - -Unter anderm erinnerte er sich einer »Denunziation des Kain« und einer -»Ida«. - -Alle diese Gemälde traten vor sein Gedächtnis. Der Kommis, erstaunt, -diesen Käufer so in Gedanken verloren am Tische sitzen zu sehen, fragte -ihn endlich, ob er schon eine Wahl getroffen habe. - -Der Herzog starrte ihn ganz verdutzt an, entschuldigte sich, kaufte -einen Baedeker und ging hinaus. - -Die feuchte Luft machte ihn schaudern, der Wind blies von der Seite her -und peitschte den Regen unter die Arkaden. - -»Fahrt ein paar Schritte weiter!« rief er dem Kutscher zu, indem er ihm -mit dem Finger einen Laden am Ende des Bogenganges bezeichnete, der die -Ecke der Rue de Rivoli und der Rue Castiglione bildete und, von innen -erhellt, mit seinen weisslichen Scheiben einer riesigen Nachtlampe -glich, die in dem Missbehagen dieses Nebels und in dem Elend dieses -abscheulichen Wetters den Spaziergänger lockte. - -Es war die »Bodega«. - -Der Herzog ging in einen grossen Saal, der sich zu einem langen Gang -formte und von gusseisernen Pfeilern getragen war. An den Seitenwänden -lagerten hohe Fässer, die mit königlichen Wappen bemalt waren und in -farbigen Aufschriften den Namen ihres Inhalts bezeichneten. - -In dem freigelassenen Raume zwischen den Fässern, unter den summenden -Flammen einer abscheulich hässlichen, eisengrau bemalten Gaskrone -standen Tische mit Körben voll trockenen oder salzigen Gebäcks, mit -Tellern, auf welchen Brötchen gehäuft lagen, die mit scharfer, -senfhaltiger Butter bestrichen oder mit altem Holländerkäse belegt -waren. - -Ein Dunst von Alkohol schlug dem Herzog entgegen, als er in dem Saal -Platz nahm. - -Der Saal war mit Menschen angefüllt; um ihn herum wimmelte es von -Engländern: blasse Geistliche von lächerlichem Aussehen, vom Kopf bis zu -den Füssen in Schwarz gekleidet, mit weichen Hüten, geschnürten Schuhen, -in endlosen Röcken, die auf der Brust mit kleinen Knöpfen besetzt waren, -mit glattem Kinn, runden Brillen und glattem, fettigem Haar; -aufgedunsene Weingesichter früherer Schweinehändler und -Bulldoggengesichter mit Ohren wie Tomaten, blauroten Backen und Nase, -blöden, blutunterlaufenen Augen und Bärten, die ihnen ein Pavian-Ansehen -gaben. - -Eine eigentümliche Erschlaffung befiel den Herzog in dieser -Wachtstubenatmosphäre; betäubt von dem Geschwätz der um ihn -herumsitzenden Engländer träumte er, und aus dem purpurnen Inhalt seines -mit Portwein gefüllten Glases stiegen die Dickens'schen Typen herauf, -die so gern tranken, und bevölkerten so den Raum mit neuen imaginären -Gestalten. - -Er sah hier die weissen Haare und den feuerroten Teint Wickfields; dort -das phlegmatische und schlaue Gesicht mit dem unversöhnlichen Blick -Tulkinghorns, des unheimlichen Sachwalters von Bleak-House. - -Ganz klar und bestimmt sonderten sich jetzt alle diese Figuren in seiner -Erinnerung ab und liessen sich mit ihren Bewegungen in der Bodega -nieder; sein Gedächtnis, durch die kürzliche Lektüre aufgefrischt, -vergegenwärtigte ihm alles in den klarsten Farben. - -Die Stadt, in der der Romanschreiber gelebt, das hell erleuchtete Haus, -schön durchwärmt, gut versorgt und verschlossen, wo der Wein sorgsam -eingeschenkt wurde von der kleinen Dorrit, Dora Copperfield und der -Schwester des Tom Pinch, erschienen ihm eine wohlige Arche in einer -Sündflut von Schmutz. - -Er faulenzte in diesem erträumten London, glücklich, in Sicherheit zu -sein. - -Sein Glas war leer. Trotz des dichten Dunstes, der in dem grossen Raum -herrschte, erhöht durch den Rauch von Cigarren und Pfeifen, empfand er -ein leichtes Frösteln. - -Er bestellte ein Glas Amontillado. Dieser herbe, helle Wein zerstörte -die sanften Geschichten des englischen Dichters sehr bald und die -aufregend rauhen Phantasieen des Edgar Poë tauchten wieder vor ihm auf. -Plötzlich bemerkte er, dass er beinahe ganz allein in dem grossen Saal -war, die Dinerstunde war nahe; er zahlte und erhob sich hastig von -seinem Sitz und gewann ganz betäubt die Thür. - -Als er hinaustrat, schlug ihm der Regen heftig ins Gesicht, die Flammen -der Strassenlaternen flackerten ängstlich hin und her. - -Der Herzog betrachtete die Arkaden der Rue de Rivoli, die mit Wasser -überschwemmt sich im Schatten verloren, und es war ihm, als wenn er sich -im düstern Tunnel unter der Themse befand; doch eine gewisse Leere im -Magen, die sich sehr fühlbar machte, rief ihn in die Wirklichkeit -zurück. - -Er ging zu seinem Wagen und befahl dem Kutscher nach einem englischen -Restaurant in der Rue d'Amsterdam, nahe dem Bahnhof, zu fahren. Er sah -nach der Uhr: es war gerade sieben. Er hatte also noch Zeit zu speisen; -der Zug ging erst um acht Uhr fünfzig Minuten, und an seinen Fingern -zählend, berechnete er ungefähr die Stunden der Überfahrt von Dieppe -nach Newhaven und sagte sich: - -»Morgen Mittag um halb eins werde ich in London sein.« - -Der Fiaker hielt vor dem Restaurant still; wiederum stieg der Herzog aus -und schritt in einen langen schmucklosen Saal. - -Zahlreiche Bierpumpen waren auf dem Schenktisch aufgestellt, daneben -lagen Schinken, so stark geräuchert, dass sie wie alte Violinen -aussahen, Hummern wie mit rotem Bleioxyd gefärbt, marinierte Makrelen, -die in einer trüben Sauce schwammen. - -Er nahm in einer der leeren Nischen Platz und rief einen jungen Mann in -schwarzem Anzug, der sich verbeugte und ihm etwas in einem -unverständlichen Kauderwelsch erzählte. - -Während man den Tisch deckte, musterte der Herzog seine Nachbarn. Es -waren wie in der Bodega Söhne Albions, mit den bekannten Fayence-Augen, -mit karmoisinrotem Teint, die mit bedächtiger und anmassender Miene -auswärtige Zeitungen lasen. - -Damen ohne Herrenbegleitung speisten miteinander, robuste Engländerinnen -mit männlichen Zügen und Zähnen so breit und gross wie Klaviertasten, -mit vorstehenden Backenknochen, langen Händen und noch längeren Füssen. - -Sie fielen mit wahrem Heisshunger über die gebrachten Gerichte her, die -mit überraschender Geschwindigkeit verschwanden. - -Da er schon seit langem keinen Appetit mehr verspürt, war er von der -Gefrässigkeit dieser Frauenzimmer ganz verblüfft, fühlte aber, dass -seine Esslust dadurch angeregt wurde. - -Er bestellte eine Oxtailsuppe und ass mit nicht geringem Behagen diese -kräftige Brühe. Darauf wählte er einen Haddock, eine Art geräucherten -Stockfisch, der ihm sehr schmackhaft schien, und da er die anderen so -einhauen sah, so ass auch er noch ein Roastbeef mit Kartoffeln und trank -zwei Glas Ale dazu, das ihn durch seinen herben, eigentümlichen -Geschmack reizte. - -Sein Hunger war bald gestillt, doch verarbeitete er noch ein Stück -Stiltonkäse und beendete sein Diner mit einer Rhabarbertorte und der -Abwechslung wegen befriedigte er seinen Durst noch mit einem Glas -Porter. - -Er atmete auf; seit Jahren hatte er nicht soviel gegessen und getrunken, -diese Veränderung in seinen Gewohnheiten, diese Wahl unvermuteter, -schwerer Nahrung hatte seinen Magen seiner schwerfälligen Ruhe entzogen. -Er drückte sich tiefer in seinen Stuhl, zündete eine Cigarette an und -machte sich daran, eine Tasse Kaffee, in den er Gin goss, zu schlürfen. - -Der Regen fiel noch immer in Strömen vom Himmel, er hörte ihn auf das -Glasdach prasseln, das den Hintergrund des Saales überdeckte, und wie in -Wasserfällen aus den Dachrinnen stürzen. Niemand rührte sich im Saal, -alle Gäste waren froh, hier im Trockenen und vor ihren gefüllten Gläsern -zu sitzen. - -Die Zungen lösten sich, und da fast alle diese Engländer beim Sprechen -die Augen in die Höhe hoben, schloss der Herzog daraus, dass sie sich -über das schlechte Wetter unterhielten. Nicht einer lachte. Fast alle -waren in grauen, gelb und rosa gesprenkelten Cheviot gekleidet. - -Er warf einen entzückten Blick auf seinen Anzug, der in Farbe und -Schnitt wenig von dem der andern abstach, und es war ihm eine -Befriedigung, in ihrer Mitte durchaus nicht aufzufallen. - -Da schreckte er plötzlich auf. - -»Und die Stunde der Abfahrt?« ... - -Er zog rasch seine Uhr, sie zeigte jetzt sieben Uhr fünfzig Minuten. - -»Ich habe also noch eine halbe Stunde Zeit hier zu bleiben,« murmelte er -und überdachte nochmals den Plan, den er gemacht hatte. - -In seinem zurückgezogenen Leben hatten ihn nur zwei Länder angezogen: -Holland und England. - -Er hatte den ersten seiner Wünsche befriedigt; eines schönen Tages, als -er es nicht mehr aushalten konnte, hatte er Paris verlassen und die -Städte der Niederlande eine nach der andern besichtigt. - -Im ganzen genommen hatte er nur Enttäuschungen auf dieser Reise erlebt. -Hatte er sich doch ein Holland nach den Werken von Teniers und Steen, -von Rembrandt und Ostade vorgestellt; er hoffte Kirmesse, beständige -Schmausereien auf dem Lande und die von den alten Meistern so gepriesene -patriarchalische Gutmütigkeit und joviale Liederlichkeit zu finden. - -Zwar hatten ihn Haarlem und Amsterdam bezaubert mit dem noch -ungehobelten Benehmen des Volkes auf dem Lande. Aber von der -ungezügelten Fröhlichkeit und der harmlosen Völlerei hatte er keine Spur -bemerkt. Kurz, er musste zugeben, dass ihn die holländische Schule des -Louvre genasführt hatte. Sie war ihm nur ein Sprungbrett zu seinen -Träumen gewesen. - -Von alledem war nichts zu sehen; Holland war ein Land wie alle anderen. - -Er sah von neuem nach der Uhr: es fehlten noch zehn Minuten bis zur -Abfahrt des Zuges. Es war die höchste Zeit, die Rechnung zu begleichen -und hinüberzugehen. - -Er verspürte plötzlich eine ausserordentliche Schwere im Magen wie im -ganzen Körper. - -»Mut!« murmelte er, und noch schnell ein Glas Brandy hinunterstürzend, -verlangte er seine Rechnung. - -Ein Individuum in schwarzem Frack und einer Serviette unter dem Arm, mit -spitzem, kahlem Schädel, steifem grauen Backenbart trat heran, einen -Bleistift hinter dem Ohr, und ein Bein vor das andere stellend, zog er -ein Notizbuch aus seiner Tasche und, ohne sein Papier anzusehen, die -Augen auf die Gaskrone gerichtet, schrieb er alles auf und berechnete -die Zeche. - -»Hier,« sagte er, das Blatt aus seinem Buche reissend und es dem Herzog -überreichend, der ihn neugierig ansah. - -»Welch seltsamer John Bull,« dachte er. - -In diesem Augenblick öffnete sich die Thür der Kneipe, Leute kamen -herein, die einen Geruch wie von durchnässten Pudeln mitbrachten. Eine -süsse und wohlige Erschlaffung bemächtigte sich des Herzogs Jean; er -fühlte sich unfähig, seine Beine zu bewegen, ja selbst die Hand -auszustrecken, um sich eine Cigarre anzuzünden. - -»Vorwärts, es ist die höchste Zeit!« sagte er sich, ohne sich zu rühren. - -Wozu war es nötig, in grösster Eile fortzustürzen, wenn man so bequem -und so prächtig auf einem Stuhl reisen konnte? - -War er nicht eigentlich schon in London, dessen Geruch, dessen -Atmosphäre, dessen Einwohner, dessen Futter, dessen Geräte ihn umgaben? - -Was konnte er denn erhoffen, wenn nicht neue Enttäuschungen, wie in -Holland? - -Er hatte gerade noch so viel Zeit, um nach dem Bahnhof gegenüber zu -laufen, doch ein gewaltiger Widerwille gegen die Reise erfasste ihn und -ein unabweisliches Bedürfnis, ruhig zu sitzen, drängte sich ihm mit -Gewalt auf. - -Nachdenklich liess er einige Minuten verstreichen, sich auf diese Weise -den Rückweg abschneidend, und sagte sich: »Jetzt würde ich mich in die -Billetausgabe stürzen, mich mit meinem Gepäck herumstossen müssen; wie -verdriesslich!« -- - -Dann wiederholte er sich von neuem: »Im ganzen genommen habe ich gesehen -und empfunden, was ich sehen und empfinden wollte. Ich bin mit -englischem Leben seit meiner Abreise von Fontenay übersättigt und müsste -wahnsinnig sein, wenn ich durch Umherirren meine Eindrücke zerstören -sollte.« - -»Sieh da,« fuhr er in seinem Monolog fort, seine Uhr ansehend, »die Zeit -ist da heimzukehren!« - -Jetzt stand er wirklich auf, ging hinaus und befahl seinem Kutscher, ihn -nach dem Bahnhof von Sceaux zurückzufahren, und er kam wieder in -Fontenay an mit seinen Koffern, Paketen, Reisedecken, Regenschirmen und -Spazierstöcken und empfand die körperliche Abgehetztheit, die moralische -Ermüdung eines Menschen, der nach einer langen, gefahrvollen Reise -endlich wieder zu Hause anlangt. - - - - - ZWOELFTES KAPITEL. - - -Während der Tage, die seiner Rückkehr folgten, betrachtete Herzog Jean -mit Wohlgefallen seine Bücher, und bei dem Gedanken, dass er sich lange -Zeit von ihnen hatte trennen können, empfand er eine ebenso wirkliche -Befriedigung, wie er sie genossen, wenn er sie nach einer ernstlichen -Reise wiedergefunden hätte. Unter dem Impuls dieses Gefühls schienen ihm -die Gegenstände neu, denn er nahm an ihnen Schönheiten wahr, die er -vergessen, seitdem er sie erworben hatte. - -Alles: Bücher, Nippsachen, Möbel, nahm in seinen Augen einen neuen Reiz -an. Sein Bett schien ihm weicher im Vergleich zu dem Lager, das er in -London eingenommen haben würde; der diskrete, schweigsame Dienst des -alten Ehepaares entzückte ihn, da er sich von dem Gedanken an die -lärmende Redseligkeit der Hotelkellner ermüdet fühlte. - -Er schöpfte frische Lebenskraft aus dem Bad der Gewohnheit. - -Aber seine Bücher beschäftigten ihn hauptsächlich. Er prüfte sie, -ordnete sie von neuem auf den Gestellen, sah genau nach, ob seit seiner -Ankunft in Fontenay die Hitze und Feuchtigkeit ihre Einbände nicht -beschädigt und ihr kostbares Papier nicht zerfressen hatte. - -Er fing an, seine ganze lateinische Bibliothek umzuordnen, dann stellte -er die Werke von Archelaus, Albert le Grand, Lulle, Arnold de Villanova, -welche die Kabbala und geheimen Wissenschaften behandelten, in neuer -Ordnung auf. Dann sah er seine modernen Bücher nacheinander durch und -stellte mit Vergnügen fest, dass alle trocken und unversehrt geblieben -waren. - -Diese Sammlung hatte ihn bedeutende Summen gekostet. Denn er hatte sich -die von ihm bevorzugten Verfasser in besonderen Luxus-Ausgaben -angeschafft. In seiner Pariser Zeit hatte er für sich allein bestimmte -Bücher herstellen lassen. Er liess von England und Amerika neue -Buchstaben für die Anfertigung von Werken dieses Jahrhunderts kommen; -oder wendete sich an ein Geschäft in Lille, das einen ganzen Satz -gotischer Typen besass. - -Er hatte es ebenso mit seinem Papier gemacht, denn er war eines Tages -der silbernen Chinas, der perlmutternen und goldenen Japans überdrüssig -geworden, wie auch der weissen Wathmans, der dunkelbraunen -Holländischen, der Turkeys und Seychal-Mills in Gemsfarben. Ebenso -befriedigte ihn nicht mehr das mit Maschinen angefertigte Papier. -Deshalb hatte er besonders gestreiftes Papier in den alten Fabriken von -Vire bestellt, wo man sich noch der Stampfe bediente, die man früher -anwendete, um Hanf zu verarbeiten. - -Um ein wenig Abwechselung in seine Sammlungen zu bringen, hatte er sich -verschiedentlich Ripspapier aus London schicken lassen; auch bereitete -ihm ein Lübecker Fabrikant ein Pressbalkenpapier, bläulich, kräftig, -etwas spröde, in dessen Stoff die Fasern durch Goldkörnerchen, wie sie -in dem Danziger Goldwasser flimmern, ersetzt waren. - -Dadurch hatte er sich Bücher einzig in ihrer Art verschafft. Sie waren -in ungebräuchlichem Formate, die er von Künstlern in antiker Seide, -geprägtem Ochsen- und Coy-Leder artistisch einbinden liess. Auch besass -er kostbare Einbände aus moirierter Seide und Taffet und einige sogar -mit oxydiertem Silberbeschlag und hellem Email ausgelegt. - -So hatte er sich von dem bekannten alten Geschäft Le Clere die Werke von -Baudelaire in grossem Format wie Messbücher mit grossen steilen -Buchstaben auf sehr feinem japanischen Filzpapier drucken lassen. - -Der Herzog hatte dieses unvergleichliche Werk aus seinem Bücherschrank -herausgezogen; er befühlte es andächtig und las gewisse Stellen wieder -durch, die ihm in diesem einfachen aber unschätzbaren Rahmen -ergreifender als gewöhnlich erschienen. - -Seine Bewunderung für diesen Schriftsteller war grenzenlos. Seiner -Meinung nach hatte man sich bis jetzt in der Litteratur darauf -beschränkt, das Äussere der Seele zu erforschen. Baudelaire war weiter -gegangen; er war bis zum Grund der unerschöpflichen Mine hinabgestiegen, -hatte sich weit in die verlassenen und unbekannten Gänge hineingewagt, -war in den Distrikten der Seele angelangt, wo sich die widernatürliche -Vegetation der Gedanken verzweigt. - -Zu einer Zeit, wo die Litteratur fast ausschliesslich den Lebensschmerz -dem Unglück einer verkannten Liebe oder den Eifersüchteleien des -Ehebruchs zuschrieb, hatte Baudelaire diese kindischen Krankheiten -überwunden und die unheilbareren, tieferen Schäden untersucht, die durch -Übersättigung und Enttäuschung die Gegenwart martern, die Vergangenheit -anwidern und die Zukunft erschrecken und beunruhigen. - -Und je mehr der Herzog wieder Baudelaire durchlas, desto mehr erkannte -er einen unendlichen Zauber in diesem Schriftsteller, der in einer Zeit, -wo Verse nur dazu dienten, die äusseren Erscheinungen von Wesen und -Sachen wiederzugeben, es dahin gebracht hatte, das Unaussprechliche -auszudrücken, dank einer kräftigen und vollen Sprache, die mehr als jede -andere diese wunderbare Macht besass, mit einer seltenen Gesundheit von -Ausdrücken krankhafte Zustände der flüchtigsten und zitterndsten Art, -der erschöpften Geister und traurigen Seelen festzustellen. - -Ausser Baudelaire waren die französischen Bücher in seiner Bibliothek -ziemlich beschränkt. Er war gänzlich unempfänglich für die Werke, vor -denen es zum guten Ton gehört, in Entzücken zu geraten. - -»Der herzhafte Humor von Rabelais« und »die gesunde Komik Molières« -brachten ihn nicht zum Lachen und seine Antipathie gegen diese Possen -ging sogar so weit, dass er sich nicht scheute, sie mit Jahrmarktstand -zu vergleichen. - -Von den alten Dichtern las er nur Villon, dessen melancholische Balladen -ihn rührten; hier und da einige Sachen von Aubigné, die durch die -unglaubliche Heftigkeit ihrer Ausfälle und durch ihre Flüche sein Blut -in Wallung brachten. - -Von den Prosaisten beschäftigten ihn Voltaire und Rousseau sehr wenig, -noch weniger Diderot, dessen so sehr gerühmte »Salons« ihm ganz -besonders mit moralischen Abgeschmacktheiten und einfältigen -Bestrebungen angefüllt schienen; aus Hass gegen all diesen Plunder -vertiefte er sich fast ausschliesslich in die Lektüre der christlichen -Beredsamkeit, wie Bourdaloue und Bossuet, deren kräftige und -bilderreiche Sprache ihm imponierte. Aber vorzugsweise erquickte er sich -an den ernsten und markigen Sätzen, welche Nicole und besonders Pascal -aufbauten, dessen strenger Pessimismus und schmerzliche Zerknirschung -ihm zu Herzen gingen. - -Diese wenigen Bücher ausgenommen, fing die französische Litteratur in -seiner Bibliothek erst mit dem neunzehnten Jahrhundert an. - -Sie teilte sich in zwei Gruppen: die eine bestand aus der gewöhnlichen, -profanen, die andere aus der Kirchen-Litteratur. - -Aus der Menge seichter Schwätzer, die die Kirchenlitteratur auf ihrem -Gewissen hatte, ragte besonders Lacordaire hervor, einer der wenigen -wirklichen Schriftsteller, den die Kirche seit Jahren hervorgebracht -hatte. - -Höchstens waren noch einige Seiten seines Schülers, des Abtes Peyreyve, -lesbar. Dieser hatte eine rührende Biographie seines Lehrers -hinterlassen, einige liebenswürdige Briefe geschrieben, Artikel in -klangvoller Rednersprache verfasst und Lobreden gehalten, in denen aber -ein schwülstiger Ton zu sehr vorherrschte. - -In Wahrheit aber hatte der Abt Peyreyve weder die Erregung noch die -flammende Begeisterung eines Lacordaire. - -Der im allgemeinen abgedroschene bischöfliche, von den Prälaten -gehandhabte Stil war wieder etwas männlicher geworden. Dies zeigte sich -besonders bei dem Grafen de Falloux. - -Unter dem Schein der Mässigung schwitzte dieser Akademiker geradezu -Galle. Seine im Parlament 1848 gehaltenen Reden waren dagegen -weitschweifig und matt, aber seine in dem »Correspondent« -veröffentlichten und seitdem in Sammlungen vereinigten Artikel waren -beissend und scharf und von einer übertriebenen Höflichkeit in ihrer -Form. - -Er war ein gefährlicher Polemiker wegen seiner Hinterhalte, ein schlauer -Logiker, seitwärts gehend und unvermutet treffend. - -Etwas geschraubter, gezwungener, ernster war Ozanam, der geliebte -Schutzredner der Kirche, der Glaubensrichter der christlichen Sprache. - -Obgleich Herzog Jean schwer zu überraschen war, war er dennoch erstaunt -über die Dreistigkeit dieses Schriftstellers, der von den unerklärlichen -Absichten Gottes redete, als ob er die Beweise der unwahrscheinlichen -Behauptungen, die er vorbrachte, hätte beibringen können. - -Ein Buch, das sein Interesse in hohem Grade zu erwecken vermocht hatte, -war: »Der Mensch« von Ernest Hello. - -Dieser war die absolute Antithese seiner religiösen Mitbrüder. Fast -isoliert in der gottesfürchtigen Gruppe, die seine Art abschreckte, -hatte Ernest Hello schliesslich den grossen Verbindungsweg, der von der -Erde zum Himmel führt, verlassen. Ohne Zweifel angewidert von der -langweiligen Einförmigkeit der Strasse und von dem Gewühl dieser -Schriftpilger, die im Gänsemarsch seit Jahrhunderten hintereinander -dieselbe Chaussee gingen, einer in des andern Fussstapfen tretend, an -denselben Orten anhaltend, um dieselben Gemeinplätze über die Religion, -die Kirchenväter, über ihre gleichen Überzeugungen und ihre gleichen -Meister auszutauschen, war er durch die Seitenpfade gegangen und war in -der düstern Waldlichtung von Paschalis gemündet, wo er lange gehalten -hatte, um Atem zu schöpfen. Dann hatte Hello seinen Weg fortgesetzt und -war weiter als der Jansenist vorgedrungen, den er übrigens verspottete. - -Gewunden und geziert, pedantisch und verwickelt, wie Hello war, -erinnerte er den Herzog durch die eindringlichen Spitzfindigkeiten -seiner Analyse an die forschenden, kritischen Studien einiger -Psychologen des vergangenen und dieses Jahrhunderts. - -In diesem eigentümlich gebildeten Geist existierten wundersame -Gedankenverbindungen, unvermutete Annäherungen und Widersprüche. Ihm -imponierte Hellos seltsame Art, von der Etymologie der Wörter auf -geistreiche Beziehungen zu kommen, die manchmal etwas dünn wurden, aber -fast immer blendend waren. -- - -Zwei Werke von Barbey d'Aurévilly reizten den Herzog ganz besonders: »Le -Prêtre marié« und »Les Diaboliques«. In diesen eigentümlichen Büchern -hatte der Verfasser beständig zwischen den beiden Extremen der -katholischen Religion laviert, die sich vereinigen: Mysticismus und -Sadismus. - -In diesen zwei Büchern, die der Herzog wieder durchblätterte, hatte -Barbey jede Klugheit verloren, seinem Pferde die Zügel schiessen lassen -und war in gestrecktem Galopp auf Wegen davon geritten, die er bis zu -ihrem äussersten Ende verfolgte. - -Der ganze Schrecken des Mittelalters schwebte über diesem -unwahrscheinlichen Buch des »verheirateten Priesters«; die Magie -vermischte sich mit der Religion, und unbarmherziger und grausamer als -der Teufel quälte der Gott der Erbsünde die unschuldige Calixte, seine -Verstossene, die er mit einem roten Kreuz auf der Stirne gezeichnet, wie -er ehemals von seinem Engel die Häuser der Abtrünnigen, die er verderben -wollte, hatte zeichnen lassen. - -Nach diesen mystischen Abschweifungen hatte der Schriftsteller eine -Periode der Ruhe gehabt; dann aber war ein schrecklicher Rückfall -eingetreten. - -In dem »verheirateten Priester« wurde das Lob Christi von Barbey -d'Aurévilly gesungen; in »Les Diaboliques« hatte sich der Verfasser dem -Teufel ergeben, den er pries; und jetzt erschien der Sadismus, dieser -Bastard des Katholizismus, den die Religion in allen Formen mit -Exorcismen und Scheiterhaufen durch alle Jahrhunderte verfolgt hat. - -Mit Barbey d'Aurévilly nahm die Serie der religiösen Schriftsteller ein -Ende. Eigentlich gehörte dieser Paria in jeder Hinsicht mehr zur -weltlichen Litteratur als zu jener andern, bei der er einen Platz -beanspruchte, den man ihm verweigerte. Seine Sprache war die des wilden -Romantismus, voll gewundener Wendungen und übertriebener Vergleiche, und -eigentlich erschien d'Aurévilly wie ein Zuchthengst unter diesen -Wallachen, die die ultramontanen Ställe füllen. - -Dem Herzog kamen diese Betrachtungen beim gelegentlichen Wiederlesen -einiger Stellen dieses Schriftstellers, und wenn er diesen nervösen, -abwechslungsreichen Stil mit der lymphatischen und unbeweglichen Art -seiner Mitbrüder verglich, gedachte er ebenfalls der Fortentwickelung -der Sprache, die uns Darwin so klar dargestellt hat. - -Mittlerweile kündigte der silberne Ton einer Glocke, die auf den Ton der -Angelusglocke abgestimmt war, dem Herzog an, dass das Frühstück -aufgetragen sei. - -Er liess seine Bücher liegen, trocknete sich die Stirn und ging nach dem -Esszimmer, indem er sich sagte, dass von all den Büchern, die er soeben -geordnet hatte, die Werke von Barbey d'Aurévilly noch die einzigen -waren, bei denen Gedanken und Stil an den Hautgoût der decadenten -lateinischen Schriftsteller der alten Zeit, die ihm so sympathisch -waren, erinnerten. - - - - - DREIZEHNTES KAPITEL. - - -Das Wetter war in diesem Jahre ganz ungewöhnlich: nach den Stosswinden -und Nebeln lag ein weissglühender Himmel über der Gegend ausgebreitet. - -In zwei Tagen war ohne jeden Übergang der feuchten Kälte und den -Regengüssen eine brennende Hitze, eine Luft von entsetzlicher Schwere -gefolgt. Wie mit Feuerhaken geschürt strahlte die Sonne, gleich der -Öffnung eines Backofens, ein fast weisses Licht aus, das das Auge -blendete; ein heisser Staub erhob sich von den kalkigen Chausseen und -verdorrte die Bäume und den Rasen. Die Sonne, die auf die weiss -getünchten Mauern, die Zinkdächer und die Fensterscheiben niederbrannte, -blendete förmlich. Die Glut einer Giesserei lag auf dem Hause des -Herzogs Jean. - -Halb nackt öffnete er ein Fenster, eine Welle heisser Luft schlug ihm -ins Gesicht; in dem Esssaal, in den er sich flüchtete, war es glühend. - -Er setzte sich ganz verzweifelt nieder, denn die Überreizung, die ihn -aufrecht hielt, solange er beim Ordnen seiner Bücher seinen Träumen -nachgehangen hatte, war jetzt vorüber. - -Wie alle nervösen Leute wurde er durch die Hitze sehr angegriffen. Die -Bleichsucht, durch die Kälte zurückgehalten, machte sich wieder -bemerkbar und schwächte den ohnedies schon matten Körper noch mehr durch -übermässigen Schweiss. - -Das Hemd auf dem nassen Rücken klebend, die Beine und Arme kraftlos, die -Stirn mit Schweiss bedeckt, der in salzigen Tropfen die Backen -hinablief, lag der Herzog wie gebrochen in seinem Sessel. Der Anblick -des Fleisches, das auf dem Tische stand, widerte ihn in diesem -Augenblick an und er befahl, es fortzutragen; er bestellte sich Eier und -versuchte Stückchen Brot, ins weiche Gelbe getunkt, hinunter zu würgen; -aber sie blieben ihm in der Kehle sitzen. Die Neigung zum Erbrechen kam. -Er trank einige Tropfen Wein, die ihm wie Feuer im Magen brannten. - -Er wischte sich das Gesicht ab; der Schweiss, noch eben warm, floss kalt -an den Schläfen entlang. Er sog einige Stückchen Eis langsam auf, um die -Übelkeit zu vertreiben. Doch vergeblich. - -Eine grenzenlose Mattigkeit drückte ihn nieder; er meinte zu ersticken -und stand auf. - -Noch nie hatte er sich so beunruhigt, so zerrüttet, so elend gefühlt. -Dabei quollen seine Augen, er sah die Gegenstände doppelt und um sich -selbst drehend. Bald verschwand ihm das Gefühl für die richtigen -Entfernungen, sein Glas schien ihm eine Meile von ihm zu stehen. Er -verhehlte sich nicht, dass er der Spielball seiner sensationellen -Täuschungen war, und unfähig, dagegen zu reagieren, legte er sich auf -das Sofa im Salon. - -Da aber wiegte ihn ein Schwanken, wie das Schwanken eines Schiffes, und -die Übelkeit wurde stärker; er stand wieder auf und entschloss sich, -durch ein Verdauungsmittel die Eier, die ihn nahezu erstickten, -hinunterzubringen. - -Er ging nach dem Esszimmer zurück und verglich sich in dieser Kabine -melancholisch mit einem Seereisenden. Er kam sich wie ein von -Seekrankheit befallener Passagier vor. - -Schwankenden Schrittes wendete er sich dann zu dem Wandschrank, prüfte -seine Mundorgel, doch öffnete er sie nicht, sondern nahm von dem oberen -Brett eine Flasche mit Benediktiner, die er ihrer Form wegen -aufbewahrte. - -Aber für den Augenblick war ihm alles gleichgültig; mit mattem Auge -betrachtete er die dickbäuchige dunkelgrüne Flasche, die sonst in ihm -die Vorstellung eines mittelalterlichen Klosters wachgerufen hätte: mit -ihrem antiken Mönchsbauch, ihrem Kopf und Hals, mit einer -Pergament-Kapuze versehen, ihrem roten Wachssiegel mit den drei -silbernen Bischofshüten am Halse, gesiegelt wie eine Bulle, und einer -Etikette, auf deren gelblichem Papier in Mönchslatein stand: »Liquor -Monachorum Benedictinorum Abbatiae Fiscanensis«. - -Diese klösterliche Hülle barg einen safrangelben Likör von entzückender -Zartheit. - -Er trank einige Tropfen von diesem Likör und fühlte während eines -Augenblicks etwas Erleichterung, aber bald brannte das Feuer wieder von -neuem in seinen Eingeweiden. - -Er warf verzweifelt seine Serviette hin und begab sich wieder in sein -Arbeitszimmer, wo er langsam auf und ab ging. - -Es war ihm, als sei er unter einer Luftglocke, in der ihm die Luft nach -und nach entzogen wurde, und eine wonnige grausame Schwäche bemächtigte -sich seiner, vom Rückenmark durch alle Glieder gehend. Er sträubte sich -dagegen, und da er es nicht mehr aushalten konnte, flüchtete er sich, -vielleicht zum ersten Mal seit seiner Ankunft in Fontenay, in seinen -Garten und suchte Schutz unter einem Baum, der einen runden Schatten -warf. - -Auf dem Rasen sitzend, sah er mit stumpfer Miene auf die viereckigen -Gartenbeete, auf denen seine alten Dienstboten Gemüse gepflanzt hatten. - -Er sah sie wohl an, aber erst nach Verlauf einer Stunde bemerkte er sie, -denn ein gräulicher Nebel schwebte vor seinen Augen und liess ihn nichts -unterscheiden, ähnlich wie auf dem Meeresgrund, wo man nur unbestimmte -Bilder gewahrt. - -Schliesslich fand er sein geistiges Gleichgewicht wieder und unterschied -deutlich Zwiebeln vom Kohl, sowie etwas weiter ein Feld mit Kopfsalat -und im Hintergrunde die ganze Hecke entlang eine Reihe weisser Lilien, -die unbeweglich in der schweren Luft ihren Duft ausströmten. - -Er durchstöberte den Garten, sich für die in der Hitze verwelkten -Pflanzen und den heissen Erdboden interessierend, der in dem glühenden -Staub der Luft dampfte. Dann bemerkte er oberhalb der Hecke, die den -tiefer gelegenen Garten von der erhöhten Strasse, die nach dem Vorwerke -führte, trennte, einige Jungen, die sich in vollem Sonnenbrand im Staube -wälzten. - -Er konzentrirte seine Aufmerksamkeit eben auf sie, als ein anderer, -kleinerer erschien; er sah schmutzig aus, hatte Haar wie Seegras und war -voll von Sand; zwei grüne Blasen hatte er unter der Nase, widerliche -Lippen, weiss beschmiert mit weichem Käse, der auf Brot gestrichen und -mit gehackten Zwiebeln bestreut war. - -Der Herzog sog den Geruch davon ein; ein krankhaftes Gelüst bemächtigte -sich seiner. Die schmutzigen Brotschnitte liessen ihm das Wasser in den -Mund treten. Es schien ihm, als wenn sein Magen, der jede Nahrung -verweigerte, dies abscheuliche Essen verdauen würde und sich sein Gaumen -wie an einem Leckerbissen daran laben könne. - -Er sprang auf, lief nach der Küche, befahl, aus dem Dorf einen Laib -Brot, weissen Käse und Zwiebeln zu holen, bestimmte, wie man ihm die -Brotschnitte bereiten solle, genau wie die, an denen der Junge -herumwürgte, und ging zu seinem Baum zurück, unter dem er sich wieder -niederliess. - -Jetzt schlugen sich die Jungen. Sie entrissen sich Stücke Brot, die sie -sich in die Backen stopften, wobei sie sich die Finger ableckten. Es -hagelte dabei Fusstritte, Faustschläge, und die Schwächsten, die zur -Erde geworfen wurden, schlugen mit den Beinen um sich und heulten. - -Dieses Schauspiel belebte den Herzog; das Interesse, das er an dem Kampf -nahm, wendete seine Gedanken von seinem Übel ab; bei der Erbitterung der -Bengel dachte er an das grausame Gesetz vom Kampf ums Dasein, und -obgleich diese Jungen nur aus niedrigem Stande waren, konnte er sich -doch nicht erwehren, sich für ihr Los zu interessieren und zu glauben, -dass es besser für sie gewesen wäre, wenn ihre Mütter sie nicht in die -Welt gesetzt hätten. - -»Welcher Wahnsinn,« dachte der Herzog, »Kinder zu zeugen!« - -Der Diener unterbrach die wohlgemeinten Betrachtungen, über welche der -Herzog nachgrübelte, und überreichte ihm auf einem silbernen Teller das -gewünschte Käsebrot. - -Eine Übelkeit überkam ihn; er hatte nicht den Mut, dieses Butterbrot zu -essen, denn die krankhafte Überreizung seines Magens war vergangen. Ein -Gefühl entsetzlicher Zerrüttung befiel ihn von neuem; er musste -aufstehen. Die Sonne drehte sich und nahm nach und nach seinen Platz -ein, die Hitze wurde noch drückender und lästiger. -- »Werfen Sie das -Butterbrot jenen Jungen hin,« sagte der Herzog zu dem alten Diener, -»mögen die sich darum schlagen; mögen sich die Schwächeren verkrüppeln -und keinen Teil an den Leckerbissen haben; mögen sie obendrein von ihren -Eltern tüchtig durchgeprügelt werden, wenn sie mit zerrissenen Hosen und -blauen Augen nach Hause kommen; das wird ihnen einen Vorgeschmack von -dem Leben, das ihrer wartet, geben!« - -Mit diesen Worten ging er langsam seinem Hause zu und sank halb -ohnmächtig auf einem Sessel nieder. - -»Ich muss indessen versuchen, etwas zu essen,« murmelte er, und er -tunkte einen Zwieback in einen alten Constantia, von dem er noch einige -Flaschen im Keller hatte. - -Dieser Wein in der Farbe leicht angebrannter Zwiebelschale, die Mitte -zwischen Malaga und Portwein haltend, doch mit einem besonders zuckrigen -Bouquet und einem Nachgeschmack von Weintrauben hatte ihn oft gestärkt -und manchmal sogar seinem durch gezwungenes Fasten geschwächten Magen -neue Kraft eingeflösst. Aber diese Herzstärkung, sonst treu und -zuverlässig, verfehlte heut ihre Wirkung. - -Nun hoffte er, dass ein linderndes Mittel die glühenden Eisen, die ihm -gleichsam den Magen zerrissen, vielleicht abkühlen würde, und er nahm -seine Zuflucht zu dem Nalifka, einem russischen Likör in einer -mattgolden glasierten Flasche. Aber dieser ölige und himbeerartige Saft -war ebenfalls wirkungslos. - -Leider! Die Zeit war fern, wo der Herzog sich noch einer guten -Gesundheit erfreute, wo er in voller Hundstagshitze auf seinem Besitztum -einen Schlitten bestieg und da, eingewickelt in Pelze, die er bis zur -Brust hinaufzog, zu frösteln versuchte und sich sagte, indem er sich mit -den Zähnen zu klappern bemühte: »Ah! dieser Wind ist eisig, man erfriert -fast, man erstarrt wirklich!« bis es ihm fast gelang, sich zu -überzeugen, dass es recht bitterlich kalt sei! - -Unglücklicherweise wirkten diese Mittel nicht mehr, seit seine Leiden -thatsächlich überhandgenommen hatten. - -Dabei blieb ihm nicht einmal die Zuflucht, zur Opiumtinktur zu greifen; -denn anstatt ihn zu beruhigen, regte ihn dies schmerzstillende Mittel -derartig auf, dass es ihm die Ruhe raubte. - -Früher hatte er sich mit Opium und Haschisch Visionen erzeugen wollen, -aber diese beiden Substanzen hatten Erbrechen und heftige nervöse -Aufregungen herbeigeführt, er hatte sofort darauf verzichtet und ohne -Hilfe dieser derben Reizmittel von seinem Gehirn allein verlangt, ihn -weit von dem Leben ab ins Reich der Träume zu führen. - -»Welch ein Tag!« seufzte der Herzog, sich den Hals trocknend und -fühlend, dass das, was ihm noch an Kräften geblieben war, sich in neuem -Schweiss auflöste. Eine fieberhafte Erregung verhinderte ihn still zu -sitzen. Von neuem irrte er durch alle Zimmer, alle Sitze nacheinander -versuchend. - -Des Kampfes müde sank er endlich vor seinem Schreibtisch nieder. Den -Ellbogen auf die Platte gestützt, bewegte er mechanisch, ohne an etwas -zu denken, einen Sternhöhenmesser, der anstatt eines Briefbeschwerers -auf einem Haufen Bücher und Notizen stand. - -Er hatte dieses Instrument aus graviertem, vergoldetem Kupfer, aus -Deutschland stammend und im siebzehnten Jahrhundert gearbeitet, bei -einem Trödler in Paris gekauft nach einem Besuch des Cluny-Museum, wo er -lange in Entzücken vor einem wunderbaren Astrolabium aus geschnitztem -Elfenbein gestanden hatte, dessen kabbalistische Art ihn geradezu -bezauberte. - -Dieser Briefbeschwerer rief einen ganzen Schwarm Erinnerungen in ihm -wach. Der Anblick dieser Seltenheit liess ihn vergessen, wo er sich -befand, seine Gedanken schweiften zurück zu dem Trödler in Paris, der -ihm das Instrument verkauft hatte. - -Er sah sich im Geist wieder im Museum vor dem Astrolabium aus Elfenbein, -während seine Augen fortfuhren, den Sternhöhenmesser aus Kupfer vor sich -auf dem Tische zu betrachten, ohne ihn zu sehen. - - - - - VIERZEHNTES KAPITEL. - - -Einige Tage lang war sein Zustand erträglich, dank der Mittel, die er -seinem Magen anbot. Aber eines Morgens wollte er die marinierten -Gerichte nicht mehr annehmen, und der Herzog fragte sich beunruhigt, ob -seine grosse Schwäche nicht noch zunehmen und ihn nötigen würde, das -Bett zu hüten. - -Es fiel ihm plötzlich ein, dass einer seiner Freunde es mit Hilfe eines -gewissen Nahrungsmittels erreicht hatte, seiner Blutarmut Einhalt zu -thun und sich das bisschen Kraft zu erhalten. - -Er schickte schnell seinen Diener nach Paris, um sich dieses kostbare -Mittel zu verschaffen; nach dem Prospekt, den der Fabrikant beigelegt -hatte, unterrichtete er selbst seine Köchin, wie das Rindfleisch in -kleine Stücke zu schneiden und zuzubereiten sei. - -Den durch diese Prozedur gewonnenen Saft nahm er löffelweise ein. - -Durch diese Kur wurde das Nervenleiden aufgehalten und der Herzog sagte -sich: - -»Das hätten wir immerhin erreicht; vielleicht dass die Temperatur sich -ändert und der Himmel etwas Asche auf diese abscheuliche Sonne wirft, -die mich völlig erschöpft, und dass ich mich ohne grosse Schwierigkeit -bis zur ersten Kälte durchschlagen werde.« - -In dieser Erschlaffung und müssigen Langeweile, in die er versunken, -ärgerte ihn seine Bibliothek, deren Ordnung unvollendet geblieben war; -da er nicht mehr aus seinem Lehnstuhl aufstehen konnte, hatte er -unaufhörlich seine profanen Bücher vor sich, die wie Kraut und Rüben in -den Fächern standen und lagen. Die Unordnung verletzte ihn um so mehr, -da sie zu der sorgfältigen Ordnung der religiösen Bibliothek in -schreiendem Widerspruch stand. - -Er versuchte dieser Verwirrung ein wenig abzuhelfen, aber nachdem er -zehn Minuten gearbeitet, war er wie in Schweiss gebadet; die Anstrengung -erschöpfte ihn. Wie gebrochen legte er sich aufs Sofa und klingelte -seinem Diener. - -Auf seine Angabe hin machte sich der alte Mann ans Werk, ihm einzeln die -Bücher zuzutragen, die er prüfte und deren Platz er bezeichnete. - -Diese Arbeit war von kurzer Dauer, denn die Bibliothek des Herzogs Jean -schloss nur eine ausserordentlich kleine Zahl moderner weltlicher Werke -ein. - -Er war nämlich zu dem Resultat gelangt, dass er nicht mehr ein Buch -entdecken könne, das seinen geheimen Wünschen entsprach; und seine -Bewunderung liess sogar für diejenigen Bücher nach, die dazu beigetragen -hatten, seinen Geist zu schärfen und ihn so argwöhnisch und so -wählerisch zu machen. - -In der Kunst waren seine Ideen von dem eigentlich selbständigen -Standpunkt ausgegangen: für ihn existierten keine Schulen, das -Temperament des Schriftstellers allein war für ihn massgebend. Die -Arbeit seines Gehirns interessierte ihn, welches Thema er sich auch -gestellt haben mochte. - -Leider war in Wahrheit diese Schätzung, eines La Palisse würdig, beinahe -undurchführbar, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil jeder, wenn er -es auch wünscht, sich von allen Vorurteilen loszumachen, und sich jeder -Parteinahme zu enthalten sucht, sich aber doch mit Vorzug zu den Werken -hingezogen fühlt, die mit seinem Temperament am meisten übereinstimmen. - -Dieser Prozess der Auswahl hatte sich langsam in ihm vollzogen; er hatte -vor kurzem noch den grossen Balzac angebetet, aber zur selben Zeit, als -sein Organismus aus dem Gleichgewicht geriet und seine Nerven die -Herrschaft übernahmen, hatten sich auch seine Neigungen modifiziert und -seine Bewunderungen vermindert. - -Seit kurzem sogar, und obwohl er sich Rechenschaft von seiner -Ungerechtigkeit gegen den trefflichen Verfasser der »menschlichen -Komödie« ablegte, war er dahin gekommen, seine Werke nicht mehr zu -öffnen. Andere Wünsche bewegten ihn jetzt, die kaum definierbar waren. - -Er sah bei einiger Prüfung zwar ein, dass ein Werk, das ihn anziehen -sollte, den Stempel der Seltsamkeit tragen müsse, wie zum Beispiel Edgar -Poës Kunst; aber er wagte sich häufig noch weiter vor auf diesem Wege. - -Er wollte durchaus ein Kunstwerk, das für sich Bedeutung hatte. Er -wollte ihm folgen, wie gestützt und getragen von einem freundlichen -Helfer, in eine Sphäre, in der ihm die erhabenen Empfindungen eine -ungeahnte Sensation einflössten, bei denen er lange nach der Ursache -forschen konnte. - -Er entfernte sich mehr und mehr von der Wirklichkeit und besonders von -der heutigen Gesellschaft, gegen die er einen wachsenden Abscheu -empfand. Dieser Hass hatte notgedrungen auf seinen litterarischen und -künstlerischen Geschmack gewirkt, und er wandte sich soviel wie möglich -von den Bildern und Büchern ab, deren in der Stoffwahl eng begrenzte -Themata sich auf das moderne Leben beschränkten. - -Somit verlor er die Fähigkeit, die Schönheit, unter welcher Form sie -sich auch darbot, gleichgültig zu bewundern und zog bei Flaubert »die -Versuchung des heiligen Antonius« der »sentimentalen Erziehung«, bei -Goncourt »die Faustina« der »Germinie Lacerteux«, bei Zola »die Schuld -des Abtes Mouret« dem »Assommoir« vor. - -Dieser Gesichtspunkt schien ihm logisch. Diese weniger unmittelbar -wirkenden, aber so mächtigen, so menschlichen Werke liessen ihn tiefer -in den Schacht des Temperamentes dieser Meister eindringen, die mit -aufrichtiger Ungezwungenheit die geheimnisvollsten Erregungen ihres -Wesens offenbarten. - -Und so trat er in vollständige Ideenübereinstimmung zu ihren Verfassern, -weil sie sich wohl in einer gleichen Geistesverfassung wie er befunden -haben mochten. - -Bei Flaubert waren es die feierlichen, ungeheuren Gemälde, grossartiger -Prunk in barbarisch prachtvoller Umrahmung, auf welchen entzückend -zarte, geheimnisvolle und stolze Wesen Leben annahmen: Frauen in -höchster Vollendung ihrer Schönheit, mit kranken Seelen, in ihrem Innern -schreckliche Verwüstungen und wahnsinnige Wünsche. - -Das ganze Temperament des grossen Künstlers zeigte sich in den -unvergleichlichen Seiten der »Versuchung des heiligen Antonius« und in -»Salambo«, wo er weit ab von unserm armseligen Leben den Glanz der alten -Zeiten heraufbeschwor mit ihren mystischen Gebeten, ihrem Verfall und -ihren Grausamkeiten. - -Bei Edmond de Goncourt war es das Heimweh nach dem vorigen Jahrhundert, -eine Rückkehr zu der Eleganz einer für immer verschwundenen -Gesellschaft; der begeisterte Lobgesang auf das Meer, das sich an den -Hafendämmen bricht. Die Wüsten, die sich in endloser Ferne unter dem -heissen Himmel verlieren, existierten nicht in seinem Heimweh-Werk, das -sich in einen königlichen Park oder in ein Boudoir zurückzog, das durch -die wollüstigen Ausströmungen eines Weibes mit müdem Lächeln, lüsternem -Mund und sinnenden Augen erwärmt wird. Die Seele, mit denen Goncourt -seine Menschen belebte, war nicht die Seele, die Flaubert seinen -Geschöpfen eingab. - -Obgleich sie unter uns gelebt hatte, obgleich sie ganz Leben und Körper -unserer Zeit, war die Faustina dennoch durch erbliche Einflüsse ein -Wesen des vergangenen Jahrhunderts, von dem sie die Würze der Seele, die -geistige Müdigkeit und die sinnliche Ausschweifung hatte. - -Dieses Buch von Goncourt war eins der Lieblingsbücher des Herzogs. Sein -Verlangen, über einem Werke träumen zu können, wurde in diesem Werke -gestillt, wo man überall zwischen den Zeilen lesen konnte. - -Es war nicht die Sprache Flauberts, diese Sprache unnachahmlicher -Pracht, sondern es war ein durchsichtig-krankhaft-nervöser Stil, ein -Stil, der fähig war, die komplizierten Nüancen einer Epoche -auszudrücken, welche an und für sich schon ausserordentlich verwickelt -waren. - -In Paris war das in der Litteraturgeschichte beinahe Unglaubliche -geschehen: die mit dem Tode ringende Gesellschaft des achtzehnten -Jahrhunderts, das Maler, Bildhauer, Musiker, Architekten in Fülle -hervorgebracht hatte, die von seinem Stil durchdrungen und seinen -Doktrinen erfüllt waren, hatte nicht einen wirklichen Schriftsteller -gehabt, der seine morbide Grazie darzustellen verstand. Man hatte das -Auftreten Goncourts abwarten müssen, dessen Kunst aus Erinnerungen -bestand, aus wieder aufgefrischten Klagen über den leidigen Anblick des -geistigen Elends und des niedrigen Trachtens seiner Zeit, damit er, -nicht nur in seinen Geschichtsbüchern, sondern auch in seinem -Heimweh-Werk, wie die »Faustina«, die Seele dieser Epoche wieder -auferwecken, ihre nervösen Zartheiten in dieser Künstlerin verkörpern -konnte. - -Bei Zola war das Heimweh nach dem Jenseits anders geartet. - -In ihm war nicht der Wunsch nach Auswanderung in verschwundene Regionen, -nicht das Bedürfnis, in vergangene Zeiten zu flüchten. Sein mächtiges -zielbewusstes Temperament, verliebt in die Üppigkeiten des Lebens, in -die sanguinischen Kräfte und moralische Gesundheit, liess ihn sich von -den künstlichen Reizen und der geschminkten Blutarmut des vergangenen -Jahrhunderts fern halten, wie auch von der hierarischen Feierlichkeit, -der brutalen Grausamkeit und den verweichlichten, zweideutigen -Träumereien des alten Orients. - -An dem Tage, an dem auch er von diesem Heimweh, von dem Bedürfnis und -Sehnen erfasst worden war, das im Grunde die Poesie selbst ist, da hatte -er sich in ein ideales Gefilde gestürzt, wo der Saft in voller Sonne -schäumte; er hatte von der phantastischen Brunst des Himmels, von dem -berauschenden Entzücken der Erde, von dem befruchtenden Regen des -Blütenstaubes, der in die lechzenden Organe der Blumen fällt, geträumt. -So war er zu einem riesenhaften Pantheismus gekommen, hatte, gegen -seinen Willen vielleicht, mit diesem paradiesischen Milieu, in das er -seinen Adam und seine Eva stellte, eine wunderbare indische Dichtung -geschaffen, in einem Stil, dessen kühne, roh aufgetragene Farbe einen -seltsamen Glanz, wie die der indischen Malerei hatte, indem er die Hymne -der Fleischeslust anstimmte, das belebte und lebende Sinnliche feierte -und durch das Betonen des Fortpflanzungsdranges der menschlichen Kreatur -die verbotene Frucht der Liebe, ihre instinktiven Liebkosungen, ihre -natürliche Stellung offenbarte. - -Mit Baudelaire waren diese drei Meister in der französischen modernen -profanen Litteratur diejenigen, die den Geist des Herzogs am meisten -gefesselt hatten; aber dadurch, dass er sie zu oft gelesen, war er von -diesen Werken übersättigt. - -Er kannte sie auswendig, und um sich noch wieder in sie versenken zu -können, hatte er sich bemüht, sie zu vergessen und sie einige Zeit in -ihren Fächern ruhen zu lassen. - -Deshalb öffnete er sie auch kaum, als der Diener sie ihm jetzt hinhielt. -Er begnügte sich, den Platz zu bezeichnen, den sie einnehmen sollten, -nur beachtend, dass sie auch richtig und gut geordnet wurden. - -Der Diener brachte ihm einen neuen Stoss Bücher. Es waren dies zwar -weniger bedeutende Werke, zu welchen er aber doch nach und nach eine -Neigung gefasst hatte. - -Gerade ihre Unvollkommenheiten gefielen ihm, vorausgesetzt, dass sie -nicht unselbständig waren; und vielleicht enthält die Behauptung eine -Dosis Wahrheit, welche meint, dass uns der Schriftsteller zweiten -Ranges, der wohl eine Individualität darstellt, aber seiner -Selbständigkeit noch nicht bewusst geworden ist, einen noch kräftigeren -Trank zumutet, als der Künstler derselben Zeit, der wirklich gross und -wirklich vollkommen ist. - -Daher wendete er sich notgedrungen von den Meistern ab und den -Schriftstellern zu, die ihm dadurch noch teurer wurden, dass sie das -Publikum, das sie nicht verstand, verachtete. - -Einer von ihnen, Paul Verlaine, hatte mit einem Band Verse »Poèmes -Saturniens« debütiert, einem ziemlich schwachen Werk, in dem sich die -Nachahmungen von Leconte de Lisle und romantische Rhetorik berührten, -aber in dem schon in gewissen Teilen, wie in dem Sonett: »Rêve familier« -die wirkliche Persönlichkeit des Poeten durchschimmerte. - -Beim Studium seiner frühen Gedichte erkannte der Herzog unter seinen -unselbständigen Versuchen ein Talent, das schon von Baudelaire tief -durchdrungen war, dessen Einfluss sich später noch mehr geltend machte, -ohne dass er ein erdrückender geworden wäre. - -Seine späteren Bücher, die »Bonne Chanson«, die »Fêtes galantes«, die -»Romances sans paroles«, schliesslich sein letzter Band »Sagesse« -enthielten Gedichte, in denen sich der originelle Schriftsteller -offenbarte und sich von dem grossen Haufen seiner Kollegen glänzend -abhob. - -Im Gegensatz zu Verlaine, der direkt von Baudelaire abstammte und -besonders durch die psychologische Seite, durch die köstliche Färbung -des Gedankens, durch die gelehrte Quintessenz des Gefühls mit ihm -verwandt war, näherte sich Théodore Hannon besonders dem Meister in der -plastischen Form, in der äusserlichen Erscheinung der Wesen und Dinge. - -Seine entzückende Korruption stimmte merkwürdig mit den Neigungen des -Herzogs überein, der bei Nebel und Regentagen sich in den von dem Poeten -erdachten Schmollwinkel einschloss und seine Augen an dem Schillern -seiner Stoffe, an dem Funkeln seiner Edelsteine, an der ausschliesslich -materiellen Pracht berauschte, die zu den Aufreizungen des Gehirns -beitrugen. - -Mit Ausnahme dieses Poeten und Stéphane Mallarmé's, die er seinem Diener -beiseite zu legen befahl, um sie abseits aufzustellen, fühlte sich der -Herzog nur wenig von den Dichtern angezogen. - -Trotz ihrer prächtigen Form, trotz der imposanten Wendung seiner Verse, -die sich mit solchem Glanz ausbreiteten, dass die Hexameter von Hugo -sogar im Vergleich düster und klanglos schienen, konnte ihn Leconte de -Lisle jetzt nicht mehr befriedigen. - -Das Altertum, das Flaubert so wunderbar wieder belebt hatte, blieb unter -seinen Händen leblos und kalt. Es war kein Blut in diesen Versen, alles -war nur Aussenseite; nichts atmete in diesen öden Gedichten, deren -kaltblütige Mythologieen ihn schliesslich erstarrten. - -Auch an Gautiers Werken fand er kein Interesse mehr, nachdem er ihn -lange gern gehabt hatte; seine Bewunderung für einen so -unvergleichlichen Maler, wie dieser Mann es war, war von Tag zu Tag mehr -verschwunden, und jetzt war er erstaunter als entzückt über diese -indifferenten Beschreibungen. - -Zweifellos liebte der Herzog die Werke dieser beiden Poeten, wie er -seltene und kostbare Steine liebte, aber keine der Variationen dieser -vollkommenen Instrumentisten konnte ihn mehr entzücken, denn keine war -dem Träumen zugänglich, keine zeigte, wenigstens nicht für ihn, einen -jener lebhaften Durchblicke, die ihm erlaubten, den langsamen Flug der -Stunden zu beschleunigen. - -Er ging hungrig von diesen Büchern weg; ähnlich erging es ihm bei Victor -Hugo. - -Die psychologischen Labyrinthe Stendhals, die analytischen Irrgänge -Durantys lockten ihn, aber ihre farblose, steife Sprache, gut genug für -die gewöhnlichen Theaterstücke, stiess ihn andrerseits ab. - -Um sich an einem Werk zu erfreuen, das nach seinem Geschmack einen -prägnanten Stil mit einer scharfsinnig-katzenhaften Beweisführung -verband, musste er auf Edgar Poë zurückgreifen, für den seine Liebe nur -gewachsen war, seitdem er sich öfter mit ihm beschäftigt hatte. - -Mehr als jeder andere entsprach gerade dieser durch eine geistige -Verwandtschaft den Träumereien des Herzogs. - -Dem Tod, den alle Dramatiker so sehr gemissbraucht hatten, hatte er ein -anderes Aussehen gegeben; es war eigentlich weniger der wirkliche -Todeskampf eines Sterbenden, den er beschrieb, sondern der moralische -Todeskampf des Überlebenden, der vor dem elenden Bett von grässlichen -Hirngebilden, welche der Schmerz und die Ermüdung erzeugt, erfasst wird. -Mit grausamem Zauber hob er besonders die Handlungen des Entsetzens, den -Zusammenbruch des Willens hervor, begründete sie kaltblütig, schnürte -nach und nach die Kehle des keuchenden erstickenden Lesers vor diesem -künstlich zurecht gemachten Alpdrücken des heissen Fiebers zu. Von -erblichem Nervenleiden krampfhaft verzerrt, halb wahnsinnig von dem -moralischen Veitstanz lebten seine Kreaturen nur durch die Nerven; seine -Frauengestalten, wie Morella, Ligeia, besassen eine ungeheure -Gelehrsamkeit, durchdrungen von dem Nebel der deutschen Philosophie und -den kabbalistischen Geheimnissen des alten Orients, und alle hatten sie -Knabenbrüste und waren geschlechtslos. - -Baudelaire und Poë, diese beiden Geister, die man oft zusammengestellt -hatte wegen ihrer poetischen Berührungspunkte, ihrer gleichen Neigung in -dem Vorwurfe geistiger Krankheiten, waren vollständig verschieden durch -ihre Auffassungen vom Gemüt, das in ihren Werken einen so grossen Platz -einnahm. Baudelaire mit seiner gierigen Liebe, deren grausame Lust an -die Verfolgungen einer Inquisition erinnert; Poë mit seinen keuschen -ätherischen Leidenschaften, in denen keine Sinnlichkeit lebte, in denen -das Gehirn allein Geltung hatte, ohne Zusammenhang mit den Organen, die, -wenn sie überhaupt vorhanden waren, nur kalt und jungfräulich blieben. - -Diese Klinik, in der der geistreiche Chirurg in einer bedrückenden -Atmosphäre Gehirne zerlegte, war für den Herzog eine Quelle -unermüdlichen Nachdenkens; aber seitdem sein Nervenleiden zugenommen -hatte, gab es Tage, wo diese Lektüre ihn vollständig niederwarf, Tage, -wo er mit zitternden Händen ängstlich lauschend dasass und sich, wie der -verzweifelte Usher, von einer unsinnigen Todesangst, einem dumpfen -Schrecken erfasst fühlte. - -Notgedrungen musste er sich schonen und diese fürchterlichen Reizmittel -vermeiden. Ebenso vermochte er nicht mehr ungestraft sein rotes -Vorzimmer zu besichtigen und sich an dem Anblick der Unheimlichkeiten -Odilon Redons und den Martern Jan Luykens zu berauschen. - -Und doch schien ihm, wenn er in dieser Geistesverfassung war, jede -Litteratur ungeniessbar nach diesem amerikanischen Poeten. - -Er wendete sich dann wohl zu Villiers de l'Isle-Adam, in dessen -zerfahrenem Werke er wohl noch Anreizendes fand, das ihn jedoch nicht -mehr wirklich packte, mit Ausnahme allerdings seiner Claire Lenoir, -einem wahrhaft beunruhigenden Scheusal. - -Es existierte wohl kein anderes Buch in Frankreich in diesem Stil des -ernsten und zugleich herben Spottes, ausser der Novelle von Charles -Cros: »la science de l'amour«. Diese konnte noch durch ihren stichelnden -Humor und ihre kalt spasshaften Beobachtungen auffallen, aber das -Vergnügen war nur relativ, denn die Ausführung liess alles zu wünschen -übrig. - -»Mein Gott! mein Gott! giebt es doch wenig Bücher, die man zweimal lesen -kann,« seufzte der Herzog, seinem Diener zusehend, der vom Schemel -herunterstieg, indem er zur Seite ging, damit der Herzog alle Fächer -überblicken konnte. - -Herzog Jean nickte Genehmigung mit dem Kopfe. Es blieben nur noch zwei -dünne Einbände auf dem Tische. Eine Handbewegung verabschiedete den -alten Diener. Er ergriff eines der Bücher, das in Eselshaut gebunden -war, eingehüllt in eine Schutzdecke aus altem chinesischen Seidenstoff, -der verblasst war und den Reiz verblasster Stoffe hatte, wie sie -Mallarmé in einem entzückenden Gedichte rühmte. - -Das Buch bestand aus nur neun Seiten und enthielt Auszüge aus Mallarmés -ersten beiden Büchern. Sie waren auf Pergament gedruckt und unter dem -Titel: »Einige Verse von Mallarmé« vereinigt. Sie waren von einem -geschickten Kalligraphen in goldenen und farbigen Buchstaben mit der -Hand im Stil der alten Handschriften gemalt. - -Einige dieser Stücke interessierten ihn, aber besonders ein Bruchstück -der Herodias wusste ihn in gewissen Stunden wie durch einen Zauber zu -bannen. - -Wie oft hatte er sich nicht des Abends unter der Lampe, die mit ihrem -gedämpften Licht das stille Zimmer beleuchtete, hingerissen gefühlt von -dieser Herodias, die in dem Bilde Gustav Moreaus, das jetzt im Schatten -hing, nur noch die undeutlichen Umrisse ihres Körpers durch ihren Behang -von Edelsteinen durchblicken liess. - -Die Dunkelheit unterdrückte das Leben, dämpfte die Reflexe und den -goldigen Hintergrund, warf Schatten auf den Tempel, bedeckte die -Nebenpersonen, begrub sie in ihren toten Farben, und nun das Weisse des -Bildes verschwand, liess sie das Weib aus ihrem Juwelenbehang noch -leuchtender heraustreten und sie noch nackter erscheinen. - -Unwillkürlich hob er zu ihr das Auge empor, erkannte sie in ihren -unvergesslichen Umrissen und sie wurde wieder lebendig und rief auf -ihren Lippen die seltsamen und süssen Verse wach, die ihr Mallarmé -eingiebt. - -Er liebte diese Verse, wie er die Werke dieses Dichters liebte, der im -Jahrhundert des allgemeinen Wahlrechts und in einer Zeit der Geldgier -abseits vom litterarischen Wege lebte, geschützt durch seine Verachtung -vor der ihn umgebenden Dummheit. Er gefiel sich, fern von dem Treiben -der Welt in dem wechselnden Spiel des Verstandes, in den Visionen des -Gehirns, indem er noch mit den schon an sich gekünstelten Gedanken -jonglierte und ihnen byzantinische Lichterchen aufsetzte. - -Von allen Formen der Litteratur war die des Gedichtes in Prosa -diejenige, die der Herzog am meisten liebte. Von einem Genie gehandhabt, -musste sie in ihrem kleinen Raum die Gewalt eines Romans, dessen -zergliederte Längen und beschreibende unnütze Wiederholungen sie -wegliess, einschliessen. - -Schon oft hatte der Herzog über das grosse Problem nachgegrübelt, einen -Roman in wenige Sätze zusammengedrängt zu schreiben, die die -kondensierte Last von hunderten von Seiten enthielten. Dann würden die -gewählten Worte an ihrem richtigen Platze stehen, so, dass man keines -umstellen könnte. - -Der auf diese Weise abgefasste Roman, in eine oder zwei Seiten -zusammengedrängt, würde eine Gedankenübereinstimmung zwischen dem -Dichter und dem idealen Leser, eine geistige Zusammenarbeit zwischen -wenigen auserwählten Personen, die in der Welt zerstreut sind, ein nur -wenigen Feinsinnigen zugänglicher Genuss werden. - -Mit einem Wort, das Gedicht in Prosa stellte für den Herzog den Extrakt -der Litteratur, das Rückgrat der Kunst vor. - -Dieser auf ein Minimum kondensierte Extrakt existierte schon bei -Baudelaire und ebenfalls in den Gedichten von Mallarmé, den er mit -tiefem Entzücken in sich sog. - -Als er dieses letzte Buch zuklappte, sagte sich der Herzog, dass sich -jetzt wohl seine Bibliothek nie mehr vermehren würde. - - - - - FÜNFZEHNTES KAPITEL. - - -Die nervöse Verdauungsschwäche zeigte sich von neuem. Das neue Mittel -brachte eine solche Reizung in seinem Magen hervor, dass der Herzog so -schnell wie möglich mit seinem Gebrauch aufhören musste. - -Die Krankheit nahm ihren gewöhnlichen Verlauf; unbekannte Erscheinungen -begleiteten sie. Nach den Alpdrücken, den Geruchseinbildungen, -Gesichtsstörungen, dem harten, hartnäckigen Husten, dem Klopfen der -Pulsadern und des Herzens, dem kalten Schweiss traten Täuschungen des -Gehörs ein, Verschlimmerungen, die sich nur in der letzten Periode des -Übels zu zeigen pflegen. - -Von einem hitzigen Fieber verzehrt, hörte der Herzog plötzlich ein -Wasserrauschen, das Summen von Bienenschwärmen; dann verschmolzen diese -Geräusche zu einem einzigen zusammen, das dem Schnarren einer Drehbank -ähnelte. Dieses Schnarren wurde nach und nach schwächer und löste sich -in hellen Glockenklängen auf. - -Bald fühlte er sein fieberndes Hirn wie emporgetragen in musikalischen -Wellen, eingehüllt in den mystischen Taumel seiner Kindheit. - -Die bei den Jesuiten erlernten Gesänge fielen ihm wieder ein, durch sie -wieder das Pensionat und die Kapelle, in dem sie erklangen. - -Bei den Patern wurden die religiösen Feierlichkeiten mit grosser Pracht -ausgeführt; ein vortrefflicher Organist und ein ausgezeichneter -Chorknabengesang machten diese religiösen Übungen zu einem -künstlerischen Genuss, der dem Kultus zu gute kam. - -Der Organist war in die alten Meister verliebt und bei hohen Festtagen -spielte er Messen von Palestrina und Orlando Lasso, Psalmen von -Marcello, Oratorien von Händel, Motetten von Sebastian Bach und trug -gerne des Paters Lambilottes weiche und leichte Kompositionen vor, wie -auch die »Laudi spirituali« des sechzehnten Jahrhunderts, deren -priesterliche Weihe den jungen Herzog oft entzückt hatte. - -Besonders aber empfand er eine unbeschreibliche Wonne beim Hören des -einstimmigen Kirchengesangs, den der Organist beibehalten hatte. - -Die jetzt für veraltet und altertümelnd geltende Liturgie war das Wort -und der Geist der antiken Kirche, die Seele des Mittelalters; es war das -ewig gesungene Gebet, nach den Begeisterungen der Seele harmonisiert, -eine beständige Hymne, die seit Jahrhunderten zu dem Allerhöchsten -hinaufgesandt wurde. - -Diese traditionelle Melodie war die einzige, die sich mit ihrem -mächtigen Gleichklang, ihren feierlich massiven Harmonieen den -Quadersteinen der alten Basiliken anpasste und die römischen Gewölbe -ausfüllte. - -Wie oft war der Herzog nicht ergriffen und niedergedrückt gewesen von -dem unwiderstehlichen Hauch, als der »Christus factus est« des -gregorianischen Gesanges zu dem Kirchenschiff emporstieg, dessen Pfeiler -unter den schwebenden Wolken des Weihrauchkessels zu zittern schienen; -oder wenn die einförmige Melodie des »De profundis« klagend ertönte, -traurig wie ein Schluchzen, durchdringend wie der verzweifelte Ruf der -Menschheit, die ihr sterbliches Schicksal beweint, die rührende -Barmherzigkeit ihres Erlösers anfleht! - -Im Vergleich zu diesem prachtvollen Gesang, den kein Einzelner, sondern -der Genius der Kirche geschaffen, unpersönlich, namenlos wie die Orgel -selbst, deren Erfinder unbekannt ist, schien ihm jede religiöse Musik -profan. - -Dagegen war in allen den Werken Jomellis und Porporas, Carissimis und -Durantes, in den bewundernswürdigsten geistigen Schöpfungen von Händel -und Bach keine Verzichtleistung auf einen öffentlichen Erfolg, keine -Aufopferung einer Kunstwirkung, keine Entsagung des menschlichen Stolzes -zu finden. - -Höchstens in der imposanten Hochamtsmusik von Lesueur bestätigte sich -der religiöse Stil ernst und streng und näherte sich der erhabenen -Majestät des alten Chorals. - -Übrigens waren die Ideen des Herzogs in absolutem Widerspruch mit den -Theorieen, die er in Bezug auf alle andern Künste bekannte. Was die -religiöse Musik anbelangte, so billigte er eigentlich nur die -klösterliche Musik des Mittelalters, diese abgezehrte Musik, die -instinktmässig auf die Nerven wirkt. Dann gestand er auch selbst zu, -dass er unfähig war, die Schliche zu verstehen, die die Meister der -Gegenwart in der katholischen Kunst eingeführt hatten; auch hatte er die -Musik nicht mit derselben Leidenschaft studiert, mit der er sich zur -Malerei und zu den litterarischen Wissenschaften hingezogen fühlte. - -Er spielte wie der erste beste Klavier, war nach längerem Studium -imstande, eine Partitur zu entziffern, aber er verstand nichts von der -Harmonie und der nötigen Technik, um wirklich eine Feinheit zu schätzen -und mit Sachverständnis zu geniessen. - -Mit der profanen Orchestermusik konnte er sich nicht befreunden, weil -man sie nicht bei sich allein hören kann, wie man ein Buch zu lesen -pflegt. Um sie zu geniessen, hätte er sich unter dieses immer gleiche -Publikum mischen müssen, das die Theater füllt und den Winter-Cirkus -belagert, wo man in einer Waschhausatmosphäre einen Menschen bewundert, -welcher in der Luft herumfuchtelt und aus Wagner herausgerissene -Episoden zur ungeheuren Freude eines unwissenden Haufens grausam zu Tode -hetzt. - -Er hatte nicht den Mut gehabt, sich in dieses Volksbad zu tauchen, um -Berlioz zu hören, von dem ihn indessen einige Bruchstücke durch ihre -leidenschaftliche Begeisterung und ihr schwungvolles Feuer gefangen -genommen hatten; und er sah auch ein, dass keine Scene, ja selbst nicht -mal ein Satz einer Oper des wunderbaren Wagner aus ihrem Gefüge -ungestraft losgelöst werden durfte. - -Und deshalb war der Herzog auch der Meinung, dass von diesem Haufen von -Musikfreunden, die des Sonntags ausser sich gerieten, kaum zwanzig die -Partitur kannten, die man verhunzte. - -Die bekanntere, leichtere Musik und die unabhängigen Stücke der alten -Opern fesselten ihn sehr wenig; die leichten Piècen von Auber und -Boïeldieu, Adam und Flotow und die Banalitäten eines Ambroise Thomas und -Bazin widerten ihn in gleichem Masse an, wie die veralteten Zierereien -und die pöbelhaften Reize der Italiener. - -Er hatte sich deshalb von der Musik fern zu halten entschlossen und seit -den Jahren dieser seiner Enthaltung erinnerte er sich nur gewisser -Kammermusik-Soiréen, in denen er Beethoven und besonders Schumann und -Schubert gehört hatte, die seine Nerven derart zermürbt hatten wie die -innigsten und qualvollsten Dichtungen Edgar Poës. - -Gewisse Partieen für Violoncello von Schumann hatten ihn ganz atemlos -gelassen; es waren besonders die Lieder von Schubert, die ihn vor -Entzücken ausser sich gebracht hatten. - -Diese Musik drang in sein tiefstes Inneres und machte sein Herz erbeben -wie von vergessenen Leiden alter Melancholie; und er fühlte sich ganz -betäubt, plötzlich so viel wirres Elend und unbestimmten Schmerz zu -empfinden. - -Diese Musik der Verzweiflung, die aus dem Tiefsten des Seins aufschrie, -entsetzte und entzückte ihn zugleich. Niemals hatte er »des Mädchens -Klage« hören können, ohne dass ihm nicht nervöse Thränen in die Augen -stiegen, denn es war in diesem Klagelied mehr als Betrübnis, etwas -Entrissenes, das ihm das Herz zerwühlte, wie das Sterben eines Lieben in -einer düsteren, öden Landschaft. - -Und immer wieder, wenn ihm diese entzückend traurigen Klagen über die -Lippen kamen, riefen sie in ihm diese einsame Landschaft wach, in der -geräuschlos in der Ferne vom Leben abgehetzte Menschen in der Dämmerung -verschwanden. Er fühlte sich dann in dieser trostlosen Natur so allein, -durch Herzeleid und Widerwillen verbittert, von einer namenlosen -Melancholie erdrückt, von einer tödlichen Herzensangst erfasst, deren -geheimnisvolle Macht jeden Trost, jedes Mitleid, jede Ruhe ausschloss. - -Gleich einem Totengeläute verfolgte ihn dieser verzweiflungsvolle -Gesang, jetzt, wo er durch Fieber vernichtet darniederlag, von toller -Angst erregt, die zu beschwichtigen ihm um so weniger gelang, als er -deren Ursache nicht erkannte. - -Er überliess sich schliesslich dem Spiel der Wellen. Des Kampfes müde, -liess er sich von dem Strom der Angst hin und her werfen, der sich in -klagenden Tönen durch seinen schmerzenden Kopf und stechende Schläfe -ergoss. - -Eines Morgens hörte aber dieses Singen und Klingen auf; der Herzog war -wieder seiner mächtig und ersuchte den Diener, ihm einen Spiegel zu -bringen. Vor Entsetzen glitt ihm dieser fast aus der Hand; er erkannte -sich kaum wieder. - -Sein Gesicht hatte eine Erdfarbe angenommen, die Lippen waren -aufgedunsen und trocken, die Zunge welk, die Haut runzelig. Sein Haar -und Bart, seit seiner Krankheit nicht geschnitten, erhöhten noch das -Entsetzliche seines eingefallenen Gesichtes mit den hohlen, -verschwommenen Augen, die im Fieberglanz in seinem borstigen Schädel -brannten. - -Mehr als seine Schwäche, als seine Erbrechungen, die jeden Versuch von -Nahrung zurückwiesen, mehr als dieser Marasmus, in dem er steckte, -erschreckte ihn diese Veränderung seines Äussern. - -Er glaubte sich verloren; doch trotz der Ermattung, die ihn -niederdrückte, richtete ihn die Energie eines gehetzten Menschen -plötzlich auf und gab ihm die Kraft, einen Brief an seinen Arzt in Paris -zu schreiben und seinem Diener zu befehlen, denselben auf der Stelle -aufzusuchen und ihn um jeden Preis sofort herzuschaffen. - -Sein vollständiges Sichgehenlassen ging in plötzliche Hoffnung über; -denn dieser Arzt war ein berühmter Spezialist, ein Doktor, bekannt durch -seine Kuren nervöser Krankheiten. - -»Er hat sicher schon eigensinnigere und gefährlichere Fälle als den -meinen behandelt,« sagte sich der Herzog; »er wird mich zweifellos in -einigen Tagen wieder auf die Beine bringen.« - -Dann aber folgte diesem Vertrauen eine vollständige Hoffnungslosigkeit. - -»So gelehrt, so geschickt sie auch sein mögen, von Nervenleiden -verstehen die Ärzte nichts, ja sie kennen nicht einmal ihren Ursprung. -Wie alle anderen wird auch dieser mir das ewige Zinkoxyd, Chinarinde, -Bromkali und Baldrian verschreiben.« - -»Aber wer weiss,« fuhr er dann fort, sich an eine letzte Hoffnung -klammernd, »wenn mir diese Mittel bis jetzt nicht geholfen haben, so -kommt es vielleicht daher, dass ich sie nicht in richtiger Dosis -gebraucht habe.« - -Trotz alledem aber gab ihm die Erwartung einer möglichen Linderung schon -neuen Lebensmut. - -Dann befiel ihn die neue Befürchtung, ob sich der Arzt in Paris befände -und sich hierher bemühen würde. Und wieder überwältigte ihn die Furcht, -dass der Diener ihn nicht antreffen könnte. - -Er fühlte aufs neue seine Kräfte schwinden, er ging von einer Sekunde -zur andern von tollster Hoffnung zur wahnsinnigsten Angst über, -übertrieb die Aussichten plötzlicher Heilung, wie die Befürchtungen -einer nahen Gefahr. So verflossen die Stunden und der Augenblick kam, wo -es zu Ende war mit seiner Kraft, wo er an dem Kommen des Arztes -verzweifelte und sich wütend sagte, dass er sicherlich gerettet würde, -wenn ihm rechtzeitig beigestanden worden wäre. Dann wieder verflog sein -Zorn gegen den Diener und den Arzt, die er beschuldigte, ihn sterben zu -lassen, und schliesslich raste er gegen sich selbst und warf sich vor, -so lange gewartet zu haben, um Hilfe zu holen, und bildete sich ein, -dass er jetzt geheilt sein würde, wenn er nur einen Tag früher kräftige -Arzeneien und vernünftige Pflege gehabt hätte. - -Nach und nach besänftigte sich dieser Wechsel von Beunruhigungen und -neuen Hoffnungen, die sich in seinem leeren Hirn jagten. Diese -Widersprüche rieben ihn vollends auf. Er verfiel in einen Schlaf der -Ermattung, den unzusammenhängende Träume durchzogen, in eine Art von -Ohnmacht, die von bewusstlosem Erwachen unterbrochen wurde. Er hatte den -Begriff seiner Wünsche und Befürchtungen derart verloren, dass er ganz -apathisch war und kein Erstaunen und keine Freude empfand, als der Arzt -plötzlich ins Zimmer trat. - -Der Diener hatte ihn jedenfalls von der Lebensweise des Herzogs -unterrichtet und auch von den verschiedenen Symptomen, die er selbst -beobachtet hatte seit dem Tage, als er seinen Herrn nahe dem Fenster, -von der Heftigkeit der Parfüms ohnmächtig, aufgehoben hatte; denn der -Arzt stellte nur wenige Fragen an den Kranken, dessen Verhältnisse er -übrigens seit Jahren kannte. Er untersuchte ihn, klopfte und horchte an -ihm herum und prüfte aufmerksam den Urin, in welchem ihm gewisse weisse -Streifen eine der ausgesprochensten Ursachen des Nervenleidens -offenbarten. - -Er schrieb ein Rezept, und ohne noch etwas hinzuzufügen, ging er fort, -seine baldige Rückkehr zusagend. - -Dieser Besuch tröstete den Herzog, den jedoch das Schweigen sehr -befremdete, und er beschwor seinen Diener, ihm nicht länger die Wahrheit -vorzuenthalten. Dieser bestätigte ihm, dass der Arzt keinerlei -Beunruhigung an den Tag gelegt hätte, und so misstrauisch auch Herzog -Jean war, er fand kein Anzeichen, welches eine Lüge auf dem ruhigen -Gesicht des alten Mannes verriet. - -Bald heiterten sich seine Gedanken auf; überdies waren seine Leiden -verstummt und zu der Schwäche, die er in allen Gliedern verspürte, -gesellte sich eine gewisse Sanftheit, eine gewisse Wohligkeit, leise und -unbestimmt. Und endlich war er ganz zufrieden, nicht mit Arzeneien und -Flaschen überbürdet zu sein. Ein schwaches Lächeln glitt um seine -blassen Lippen, als der Diener ein mit Pepton gemischtes Klystier -brachte und ihm bedeutete, dass er dasselbe dreimal in vierundzwanzig -Stunden wiederholen müsse. - -Es müsste köstlich sein, dachte er, wenn man bei voller Gesundheit -dieses einfache Mittel fortsetzen könnte! Welch eine Ersparnis an Zeit, -welch eine radikale Erlösung der Abneigung, welche das Fleisch den -Leuten ohne Appetit einflösst! Welch endgültige Befreiung des -Überdrusses, der immer aus der notgedrungen beschränkten Wahl der -Speisen sich ergiebt! Welch energische Verwahrung gegen die gemeine -Sünde der Gefrässigkeit! - -Einige Tage darauf brachte der Diener ein Klystier, dessen Farbe und -Geruch anders war als das von Pepton. - -»Aber das ist ja nicht dasselbe!« rief der Herzog aus, der sehr -aufgeregt war über die in das Instrument gegossene Flüssigkeit. - -Er verlangte wie in einem Restaurant die Karte, und das Rezept des -Arztes entfaltend las er: - - Leberthran 20 Gramm - Kraftbouillon 200 Gramm - Burgunderwein 200 Gramm - Eigelb 1 Gramm. - -Aber er brauchte bald nicht mehr über die nährenden Flüssigkeiten -nachzudenken, denn es gelang dem Arzt, nach und nach die Erbrechungen zu -bezwingen und ihm auf gewöhnlichem Wege einen süsslichen Punsch mit -Fleischpulver gemischt beizubringen, dessen unbestimmtes Aroma von Kakao -seinem Mund zusagte. - -Wochen vergingen, und sein Magen entschloss sich endlich wieder zu -arbeiten; zu gewissen Zeiten kam die Übelkeit noch wieder, die indessen -durch das Ingwerbier und durch eine Arzenei von der Riviera -eingeschränkt wurde. - -Schliesslich kräftigten sich auch nach und nach die Organe wieder, und -mit Hilfe der Pepsine konnte er wirkliches Fleisch verdauen. Die Kräfte -nahmen zu, und bald konnte der Herzog schon in seinem Zimmer aufrecht -stehen und versuchen zu gehen, sich auf einen Stock stützend und an den -Ecken der Möbel festhaltend. Anstatt sich dieses Erfolges zu freuen, -vergass er seine vergangenen Leiden, wurde gereizt über die Länge der -Rekonvalescenz und warf dem Arzt vor, dass er seine Genesung -hinauszögere. - -Endlich war er so weit wieder hergestellt, dass er während ganzer -Nachmittage aufbleiben konnte und ohne Hilfe in seinem Zimmer -umherzugehen vermochte. - -Jetzt ärgerte ihn sein Arbeitszimmer; Fehler, an die er sich durch die -Länge der Zeit gewöhnt hatte, fielen ihm in die Augen, als er nach -langer Zwischenzeit wieder dorthin kam. - -Die Farben, die gewählt waren, um bei Licht gesehen zu werden, -erschienen ihm bei Tageslicht unharmonisch. Er dachte daran, sie zu -ändern und stellte stundenlang künstliche Farbenharmonieen zusammen. - -Es ist kein Zweifel, ich bin auf dem Wege der Besserung, dachte er, die -Rückkehr zu seinen früheren Beschäftigungen und alten Liebhabereien -wahrnehmend. - -Eines Morgens, während er seine orange-gelben und blauen Wände -betrachtete und dabei von den idealen Wandbekleidungen träumte, die aus -griechischen Kirchenstolas, russischen Messgewändern in Goldstoff, -Chormänteln aus Brokat, mit slavonischen Buchstaben gemustert, aus -Edelsteinen des Ural und aus Reihen Perlen gebildet waren, trat der Arzt -ins Zimmer, und die Blicke seines Kranken beobachtend, erkundigte er -sich nach seinem Befinden. - -Der Herzog teilte ihm seine unausführbaren Wünsche mit und fing an, neue -Farbenmischungen vor ihm zu entwickeln, von Paarungen und Auflösungen -der Nüancen zu sprechen, als ihm der Arzt einen energischen Dämpfer -aufsetzte und ihm in einer keinen Widerspruch duldenden Weise erklärte, -dass er jedenfalls nicht in dieser Wohnung seine Pläne zur Ausführung -bringen werde. - -Und ohne ihm die Zeit zu einer Entgegnung zu lassen, setzte er ihm -auseinander, dass er zuerst zum wichtigsten geschritten sei, indem er -die Verdauungsfunktionen wieder hergestellt habe, und dass er jetzt das -Nervenleiden selbst in Behandlung nehmen müsse, das keineswegs geheilt -sei und Jahre der Schonung und Pflege erfordere. - -Er fügte hinzu, dass, bevor er irgend ein Mittel versuchen oder eine -Kaltwasserkur anfangen könne, was ausserdem in Fontenay unmöglich sei, -er diese Zurückgezogenheit aufgeben, nach Paris zurückkehren, in das -allgemeine Leben wieder eintreten und endlich versuchen müsse, sich wie -jeder andere Mensch zu zerstreuen. - -»Aber die Vergnügungen der Anderen zerstreuen mich nicht!« rief der -Herzog empört aus. - -Ohne sich in Diskussion einzulassen, versicherte der Arzt einfach, dass -die gänzliche Lebensveränderung in seinen Augen eine Lebensfrage wäre. - -»Das heisst also der Tod oder die Galeerenstrafe!« rief der Herzog -erbittert aus. - -Der Arzt, von allen Vorurteilen eines Weltmannes durchdrungen, lächelte -und schritt ohne zu antworten der Thür zu. - - - - - SECHZEHNTES KAPITEL. - - -Der Herzog hatte sich in seinem Schlafzimmer eingeschlossen und sich die -Ohren verstopft, um nicht die Hammerschläge zu hören, die vom Zunageln -der Packkisten, die die beiden alten Diener fertig machten, -herüberhallten. Jeder Schlag traf sein Herz und schlug ihm eine tiefe -Wunde ins volle Fleisch. - -Der Ausspruch des Arztes verwirklichte sich. Die Furcht, nochmals die -Schmerzen, die er ertragen hatte, durchmachen zu müssen und die Angst -vor einem grässlichen Todeskampf hatten mächtiger auf den Herzog -gewirkt, als der Hass der niederträchtigen Existenz, zu welcher ihn das -Urteil des Arztes verdammte. - -»Und doch giebt es Leute,« murmelte er, »die zurückgezogen leben, ohne -mit jemand zu sprechen, die sich fern von der Welt verzehren, so wie die -Zuchthäusler und die Trappisten, und nichts beweist, dass diese -Unglücklichen, wie auch die Weisen wahnsinnig oder schwindsüchtig -werden.« - -Er hatte diese Beispiele dem Doktor ohne Erfolg angeführt. Dieser hatte -ihm in trocknem Ton wiederholt, der keine Einrede zuliess, dass seine -Ansicht, die übrigens durch die Ansicht aller Krankheitsbeschreiber des -Nervenleidens bestätigt wurde, dass allein Zerstreuung, Vergnügen, -Freude auf die Krankheit Einfluss haben könnte, die richtige wäre. -Ungeduldig gemacht durch die Gegenklagen seines Kranken, hatte er ein -für allemal erklärt, dass er sich weigere, seine Behandlung -fortzusetzen, wenn er nicht einwillige, die Luft zu wechseln und nach -den neuen Vorschriften der Gesundheitslehre zu leben. - -Herzog Jean hatte sich nach Paris begeben und andere Specialisten zu -Rate gezogen, ihnen unparteiisch seinen Fall vorgelegt, und nachdem alle -ohne Zögern die Verschreibungen ihres Fachgenossen gebilligt, hatte er -eine leere Wohnung in einem neuen Hause gemietet, war nach Fontenay -zurückgekehrt und hatte, ausser sich vor Wut, den alten Dienern -befohlen, die Koffer zu packen. - -Tief in seinen Sessel gedrückt, grübelte er jetzt über die Wandlung -nach, die seine Pläne umstürzte, die die Neigungen seines jetzigen -Lebens zerstörte, seine zukünftigen Projekte begrub. Er musste diesen -Hafen, der ihn schützte, verlassen, wieder von neuem in den Sturm von -Albernheiten hinaustreten, der ihn früher niedergeworfen hatte! - -Die Ärzte sprachen von Vergnügungen, Zerstreuungen; ja aber mit wem und -womit sollte er sich denn erheitern und zerstreuen? - -Hatte er sich nicht selbst aus der Gesellschaft gestossen? Kannte er -einen Menschen, der es versuchen möchte, so wie er sich in Betrachtungen -zu verbannen, sich in Träumereien zu verlieren? Kannte er auch nur einen -Menschen, der imstande war, den Scharfsinn eines Satzes, die Feinheit -einer Malerei, die Quintessenz eines Gedankens zu schätzen, einen -Menschen, dessen Seele fein genug war, einen Mallarmé zu verstehen, -einen Verlaine zu lieben? - -Wo, wann und in welcher Gesellschaft sollte er suchen, einen -Geistesgenossen zu finden, einen Geist, abgesondert von allen -Gemeinplätzen, der das Schweigen wie eine Wohlthat, den Undank wie eine -Erleichterung, das Misstrauen wie einen Schutz, wie einen Hafen segnete? -In der Welt, in der er vor seiner Abreise nach Fontenay gelebt hatte? -- -Die meisten dieser Junker, mit denen er verkehrt, hatten sich seit jener -Zeit noch mehr in den Salons verdummt, waren noch mehr an den -Spieltischen versumpft, an den Küssen der Dirnen noch mehr verliedert. -Die meisten mochten sogar verheiratet sein. - -»Welch hübscher Wechsel, welch schöner Tausch war doch diese von der -sonst so prüden Gesellschaft angenommene Gewohnheit!« träumte der Herzog -vor sich hin. - -War denn nicht auch der alte Adel in Fäulnis geraten? War die -Aristokratie nicht dem Stumpfsinn und der Versumpfung anheimgefallen? -Sie erlosch in der Herabgekommenheit ihrer Nachkommen, deren Fähigkeiten -bei jeder Generation schwächer wurden und deren Gorilla-Instinkte eines -Stallknechtes und Jockeys würdig waren. - -Die Klöster waren in Apotheken und Likörfabriken verwandelt. Sie -verkauften Rezepte oder machten sie selbst: der Orden der Cistercienser -zum Beispiel Schokolade; Trappisten Nudeln und aromatische -Weingeistarnika; die Dominikanermönche fabrizierten gegen den -Schlagfluss wirkende Elixiere; die Jünger des heiligen Benedikt -Benediktiner-Likör; die Mönche des heiligen Bruno Chartreuse. - -Der Handel hatte die Klöster überschwemmt: statt der Chorbücher standen -grosse Handels-Register auf den Kirchenpulten. Dem Aussatze gleich -zerstörte die Gier die Kirche, sie beugte die Mönche über die Inventuren -und Rechnungen, verwandelte die Kirchenväter in Zuckerbäcker und -Quacksalber, die Laienbrüder und Klosterdiener in gewöhnliche Packer und -Krukenverschliesser. - -Und dennoch waren es nur noch die Geistlichen, bei denen der Herzog -Verbindungen erhoffen konnte, die bis auf einen gewissen Grad seinem -Geschmack gleichkamen. In der Gesellschaft der Stiftsherren, im -allgemeinen gelehrt und wohlerzogen, würde er einige angenehme und -interessante Abende verbringen können. Aber dazu war es nötig, dass er -ihren Glauben teilte, dass er nicht zwischen skeptischen Ideen und -Überzeugungssprüngen schwankte, die von Zeit zu Zeit, durch die -Erinnerungen seiner Kindheit unterstützt, auftauchten. - -Er hätte identische Meinungen hegen müssen und nicht, wie er es gern in -den Augenblicken der Erregung that, einen mit etwas Magie gesalzenen -Katholizismus anerkennen dürfen. - -Dieser besondere Klerikalismus, dieser verderbte und künstlich -lasterhafte Mystizismus, auf welchen er in gewissen Stunden lossteuerte, -konnte sogar mit einem Priester nicht besprochen werden, der ihn nicht -begriffen und ihn sofort mit Entsetzen verbannt haben würde. - -Zum zwanzigsten Mal erregte ihn dies unlösliche Rätsel. Er hätte -gewünscht, dass dieser argwöhnische Zustand, gegen den er vergeblich in -Fontenay gekämpft hatte, ein Ende nähme, jetzt, wo er aus sich -herausgehen sollte; er hätte sich zwingen mögen, den wahren Glauben zu -besitzen, sich ihn tief einzuprägen, sobald er ihn halten würde, ihn mit -Klammern in seiner Seele zu befestigen, ihn endlich in Sicherheit zu -bringen vor allen Grübeleien, die ihn schwankend machten. - -»Könnte man doch jedes Grübeln aufgeben!« murmelte der Herzog mit einem -schmerzlichen Seufzer; »man müsste die Augen schliessen können, sich -durch die Strömung forttreiben lassen und diese verfluchten Entdeckungen -vergessen können, die das religiöse Gebäude seit zwei Jahrhunderten von -oben bis unten erschüttert haben.« - -»Und noch dazu sind es nicht einmal die Ungläubigen, noch die -Physiologen,« seufzte er, »die den Katholizismus niederreissen; es sind -die Priester selbst, deren ungeschickte Werke die hartnäckigsten -Überzeugungen ausrotten können. - -Hatte sich nicht ein Doktor der Theologie, ein Predigerbruder, der -hochwürdige Pater Rouard de Card, erdreistet, in einer Broschüre: >Die -Fälschungen der sakramentalen Substanzen< unumstösslich zu beweisen, -dass der grösste Teil der Messen aus dem Grunde nicht gültig war, weil -die dem Kultus dienenden Stoffe durch die Verkäufer gefälscht waren?« - -Seit Jahren waren die heiligen Öle mit Hühnerfett, das Wachs mit -verkalkten Knochen, das Weihrauch mit gewöhnlichem und altem Benzoeharz -verfälscht worden. - -Aber was noch schlimmer, war, dass Substanzen, die dem heiligen Opfer -unentbehrlich waren, verfälscht wurden; der Wein durch mannigfaltiges -Verschneiden, durch unerlaubte Einführung von Fernambukoholz, -Attichbeeren, Alkohol, Alaun, Salicylsäure, Bleiglätte; das Brot, dies -Brot des heiligen Abendmahls, das aus dem feinsten Weizen geknetet -werden soll, durch Erbsenmehl, Pottasche und Pfeifenerde. - -Ja man war noch weiter gegangen, man hatte gewagt, das Korn vollständig -wegzulassen und schamlose Händler fabrizierten fast alle Hostien aus -Kartoffelmehl! - -Ach! die Zeit war fern, wo Radegonde, Königin von Frankreich, selbst das -für den Altar bestimmte Brot bereitete, wo nach den Gebräuchen von Cluny -drei Priester oder drei Diakonen, nüchtern, mit weissem Chorhemd und -Achseltüchern bekleidet, sich das Gesicht und die Hände wuschen und den -Weizen Korn für Korn aussuchten, ihn unter dem Mühlstein zermalmten, den -Teig in kaltem reinen Wasser kneteten und ihn selbst auf einem hellen -Feuer backten und Psalme dabei sangen! - -Diese Betrachtungen verdüsterten noch mehr die Aussicht auf sein -künftiges Leben und färbten seinen Horizont noch drohender und dunkler. - -Wahrlich, ihm blieb keine Rhede, kein Ufer offen! Was würde aus ihm -werden in diesem Paris, wo er weder Familie noch Freunde besass? Kein -Band verknüpfte ihn mehr mit dem Faubourg Saint-Germain, das vor -Altersschwäche zitterte, sich im Staub des Verfalls abbröckelte und in -einer neuen Gesellschaft wie eine zerbrochene, leere Schale dalag! - -Und welch eine Verbindung konnte zwischen ihm und der bürgerlichen -Klasse existieren, die nach und nach emporgestiegen war, die Vorteil aus -allen Missgeschicken zog, um sich zu bereichern? - -Nach der Aristokratie der Geburt war es jetzt die Geldaristokratie, der -Despotismus des Handels mit feilen und engherzigen Ideen, eitlen und -schurkischen Instinkten. - -Gemeiner, ruchloser als der entartete Adel und die gesunkene -Geistlichkeit war das Bürgertum, das ihnen ihre eitlen Prahlereien, ihre -einfältige Ruhmredigkeit entlehnte, die es durch seinen Mangel an -Lebensart erniedrigte, während es ihre Fehler in heuchlerische Laster -verwandelte. Und wie herrisch und tückisch, wie niedrig und feige schoss -es mitleidslos auf seinen ewigen und doch unentbehrlichen Geprellten, -den Pöbel, seine Kartätschen ab, dem es selbst den Maulkorb abgenommen -und entmündigt hatte, um den alten Ständen den Garaus zu machen. - -Das war jetzt eine abgemachte Thatsache. Nun, wo seine Arbeit gethan, -hatte man gesundheitshalber den Pöbel bis aufs Blut geschröpft; und der -nun beruhigte Bürger herrschte vergnügt durch die Macht des Geldes und -die Ansteckung seiner Dummheit. - -Die Folge seiner Erhebung war die Vernichtung aller Intelligenz, die -Verneinung aller Rechtschaffenheit, der Tod jeder Kunst. So lagen die -verächtlichen Künstler auf den Knieen und küssten inbrünstig die Füsse -der hohen Pferdehändler und gemeinen Satrapen, deren Almosen sie -ernährte! - -Es war über die Malerei eine Sintflut von kraftlosen Albernheiten, in -der eine Völlerei glatten Stils und feiger Ideen herrschte, -hereingebrochen. Denn der Geschäftsintrigant will Rechtschaffenheit; der -Freibeuter will Tugend; wer nach einer Mitgift für seinen Sohn jagt, -sträubt sich, sie für seine Tochter zu zahlen; der Anhänger Voltaires -sucht keusche Liebe; wer die Geistlichkeit der Notzucht beschuldigt, -treibt sich dumm und heuchlerisch in den unordentlichen Zimmern der -Dirnen herum. - -Es war die grosse Galeere Amerikas, die nach Europa verschlagen war. Es -war die ungeheure und unerhörte Anmassung des Geldmenschen und -Emporkömmlings, die wie eine gemeine Sonne über die götzendienerische -Stadt strahlte, die im Staube vor dem ruchlosen Tabernakel der -Bankhäuser zotige Gesänge ausstösst. - -»Stürze doch zusammen, Gesellschaft! Stirb doch, alte Welt!« rief der -Herzog empört über das gemeine Schauspiel, das er heraufbeschwor; dieser -Schrei brach den Alp, der ihn bedrückte. - -»Ach!« seufzte er, »und sich sagen zu müssen, dass dies alles kein Traum -ist! Dass ich wieder in das schändlich gemeine Gewühl des Jahrhunderts -hineingeworfen werde!« Um sich zu beschwichtigen, rief er die tröstenden -Lebensregeln Schopenhauers zu Hilfe; er wiederholte sich den -schmerzlichen Grundsatz Pascals: »Die Seele sieht nichts, was sie nicht -betrübt, wenn sie daran denkt.« Aber die Worte hallten in seinem Gehirn -wider wie Laute ohne Sinn; sein Verdruss zersplitterte sie, entzog ihnen -jede Bedeutung, jede beruhigende Wirkung, jede wirkliche und sanfte -Kraft. - -Er sah schliesslich ein, dass die Beweisgründe des Pessimismus -ohnmächtig waren ihn zu erleichtern, dass der unmögliche Glaube an ein -zukünftiges Leben allein beruhigend wirken würde. - -Ein Wutausbruch fegte gleich einem Orkan seine Versuche der Entsagung -und der Gleichgültigkeit hinweg. Er konnte es sich nicht mehr verhehlen, -es gab nichts, garnichts mehr. Alles war vernichtet! - -Würde der schreckliche Gott der Schöpfung und der blasse Losgenagelte -von Golgatha nicht einmal wirklich zeigen, dass er existierte, nicht die -Sintfluten wieder erneuern, die Flammenregen wieder anzünden, die einst -die verdammten und toten Städte verzehrt hatten!? - -Würde dieser Schlamm fortfahren zu fliessen und mit seinem Pesthauch die -alte Welt vergiften, wo nur noch Saaten von Frevelthaten und Ernten von -Schande aufgingen!? -- -- -- - -Plötzlich ging die Thür auf. In der Ferne, von den Thürpfosten umrahmt, -sah man kräftige Männer in Arbeitstracht, die grosse Kisten und Möbel -auf den breiten Nacken hinaustrugen. Dann schloss sich die Thür wieder -hinter dem alten Diener, der Packete mit Büchern geholt hatte. - -Der Herzog fiel vernichtet auf einen Stuhl. - -»In zwei Tagen werde ich in Paris sein,« murmelte er, »nun ist alles zu -Ende! Wie eine Springflut steigen die Wogen der menschlichen -Mittelmässigkeit bis zum Himmel und sie werden den Zufluchtsort -verschlingen, dessen Dämme ich wider meinen Willen öffnen muss. Ach! Mir -fehlt der Mut! - -Jesus Christus habe Mitleid mit dem Christen, der zweifelt, mit dem -Ungläubigen, der glauben möchte, dem Sklaven des Lebens, der allein -hinaussteuert in die Nacht unter einen Himmel, an dem keine tröstenden -Sterne alter Hoffnungen mehr leuchten.« - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - -Offensichtliche Fehler wurden stillscheigend korrigert. Weitere -Änderungen, teilweise unter Verwendung anderer Ausgaben und des -französischen Originals, sind hier aufgeführt (vorher/nachher): - - [S. 70]: - ... spärlicher. Indessen war das sechzehnte Jahrhundert ... - ... spärlicher. Indessen war das sechste Jahrhundert ... - - [S. 133]: - ... der ihn den Kopf benahm, hatten sich die Nerven ... - ... der ihm den Kopf benahm, hatten sich die Nerven ... - - [S. 149]: - ... glaubte; einige, besonders Madame Mama, sahen ... - ... glaubte; einige, besonders Madame Mame, sahen ... - - [S. 154]: - ... Haaren besetztes Innere zeigend. ... - ... Haaren besetztes Inneres zeigend. ... - - [S. 156]: - ... ist, solche ungesunden, verdorbene Gattungen zu ... - ... ist, solche ungesunden, verdorbenen Gattungen zu ... - - [S. 193]: - ... Früher hatte er sich gern in Ackorde von ... - ... Früher hatte er sich gern in Akkorden von ... - - [S. 209]: (mehrfache Fälle) - ... Seite des Bädecker stehen, auf welcher die Museen ... - ... Seite des Baedeker stehen, auf welcher die Museen ... - - [S. 260]: - ... diesen öden Gedichten, dessen kaltblütige Mythologieen ... - ... diesen öden Gedichten, deren kaltblütige Mythologieen ... - - [S. 296]: - ... seine Mangel an Lebensart erniedrigte, während es ... - ... seinen Mangel an Lebensart erniedrigte, während es ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Gegen den Strich, by Joris-Karl Huysmans - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEGEN DEN STRICH *** - -***** This file should be named 58941-8.txt or 58941-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/8/9/4/58941/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. 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