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-The Project Gutenberg EBook of Gegen den Strich, by Joris-Karl Huysmans
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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-
-Title: Gegen den Strich
-
-Author: Joris-Karl Huysmans
-
-Translator: Marie Capsius
-
-Release Date: February 23, 2019 [EBook #58941]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEGEN DEN STRICH ***
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-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This file was
-produced from images generously made available by The
-Internet Archive
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- GEGEN DEN STRICH.
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- GEGEN DEN
- STRICH
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- (À REBOURS) VON
- J. K. HUYSMANS
-
- AUTORISIERTE UEBERSETZUNG
- VON M. CAPSIUS
-
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- 1897
-
- IM VERLAG VON SCHUSTER
- U. LÖFFLER BERLIN
-
-
- Ich muss mich über die Zeit
- hinaus belustigen ..., obwohl
- meine Freude der Welt ein Greuel
- ist, und ihr Stumpfsinn gar nicht
- erfasst, was ich sagen will.
-
- Busbrock, l'Admirable.
-
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- EINLEITUNG.
-
-
-Wenn man nach den Porträts urteilen sollte, die im Schloss Lourps
-aufbewahrt werden, so müsste die Familie Floressas des Esseintes in
-alten Zeiten aus athletischen alten Haudegen und rauhen Kriegsmannen
-bestanden haben.
-
-Gedrängt und eingeengt in ihre alten Rahmen, die sie mit ihren breiten
-Schultern gänzlich ausfüllen, könnten sie uns mit ihren starren Augen,
-den à la yatagans gedrehten Schnurrbärten und ihrer mit gewölbtem Panzer
-bedeckten Brust nahezu erschrecken.
-
-So sahen die Ahnen der berühmten Familie des Esseintes aus; die Bilder
-der Nachkommen fehlen, da die Reihenfolge unterbrochen. Ein einziges
-Gemälde dient als Mittelglied, Vergangenheit und Gegenwart verbindend.
-Es war dies ein gar eigentümliches, schlaues Gesicht mit bleichen,
-schlaffen Zügen, die Backenknochen wie rot punktiert, das Haar wie
-angeklebt und von Perlen durchflochten, mit ausgestrecktem, geschminktem
-Hals, der aus den tiefen Falten einer steifen Krause hervortritt.
-
-Schon auf diesem Bilde eines der intimsten Vertrauten des Herzogs von
-Epernon und des Marquis d'O machten sich die Gebrechen einer
-untergrabenen Gesundheit wie der Einfluss des lymphatischen Blutes
-bemerkbar.
-
-Der Verfall dieser Familie hatte zweifellos seinen regelmässigen Verlauf
-genommen; die Verweichlichung der männlichen Linie war immer mehr
-hervorgetreten, und als ob die des Esseintes das Werk der Zeit hätten
-selbst vollenden wollen, hatten sie während zweier Jahrhunderte ihre
-Kinder unter sich verheiratet, wodurch der Rest ihrer Kraft in naher
-verwandtschaftlicher Verbindung noch mehr geschwächt worden war.
-
-Von dieser einst so zahlreichen Familie, welche fast das ganze Gebiet
-von Isle-de-France und Brie bewohnte, lebte nur noch ein einziger
-Nachkomme, der Herzog Jean, ein schmächtiger junger Mann von dreissig
-Jahren, blutarm und nervös, mit eingefallenen Backen, kalten stahlblauen
-Augen, gerader feiner Nase und dürren schmalen Händen.
-
-Durch ein seltsames Vorkommnis der Vererbung hatte dieser letzte Sprosse
-eine ganz auffällige Ähnlichkeit mit dem Urahnen, von dem er den spitzen
-Bart von ausserordentlich hellem Blond und den doppelsinnigen Ausdruck
-des sehr ermüdeten und doch lebendigen Gesichtes hatte.
-
-Seine Kindheit war eine traurige gewesen; bedroht von Skrofeln und
-heimgesucht von hartnäckigen Fiebern war er dennoch mit Hülfe frischer
-Luft und Pflege so weit gediehen, dass er die Klippen der Reifezeit
-überschritt. Von da ab hielten seine Nerven stand, so dass er, die
-Schwächen der Bleichsucht überwindend, es schliesslich bis zur
-vollständigen Entwickelung brachte.
-
-Seine Mutter, eine sehr blasse Frau, still und schweigsam, starb an
-Entkräftung, während sein Vater einer unbestimmbaren Krankheit erlag,
-als Jean des Esseintes eben sein achtzehntes Jahr erreichte.
-
-Von seinen Eltern war ihm nur eine Erinnerung verblieben, die einer
-gewissen Furcht, die jedes kindliche Gefühl erstickte. Seinen Vater, der
-fast immer in Paris lebte, kannte er kaum; und seine Mutter vermochte er
-sich nur in einem dunklen Zimmer des Schlosses von Lourps unbeweglich
-auf dem Schlummerbette liegend vorzustellen. Selten nur waren die Gatten
-vereint gewesen, und von jenen Tagen erinnerte er sich nur noch der gar
-einförmigen Zusammenkünfte, wo beide sich gegenüber sassen, zwischen
-sich einen Tisch, auf dem eine grosse Lampe brannte, die durch einen
-Lampenschirm tief verhängt war, da die Frau Herzogin weder Licht noch
-Lärm zu ertragen vermochte, ohne einer Nervenkrisis zu verfallen. Hier
-im Halbdunkel wechselten die Gatten wohl einige wenige Worte, bis der
-Herzog aufstand, sich verabschiedete und gleichsam erleichtert den
-nächsten besten Zug nahm, der ihn wieder nach Paris zurückführte. --
-
-Bei den Jesuiten, zu denen Jean zur Erziehung geschickt wurde, fand er
-wohlwollend freundliche Aufnahme. Die Pater gewannen das Kind, dessen
-Fassungskraft sie in Erstaunen setzte, recht lieb. Dennoch aber
-vermochten sie nicht, es trotz all ihrer Bemühungen dahin zu bringen,
-dass es sich den geregelten Studien widmete. Wohl fand es Geschmack an
-gewissen Arbeiten, so dass es frühzeitig der lateinischen Sprache
-mächtig ward, dagegen war es aber unfähig, nur zwei Worte griechisch zu
-erklären. Es hatte durchaus keine Befähigung für das Erlernen der
-lebenden Sprachen und zeigte sich geradezu stumpf, sobald man sich
-bemühte, es in die Anfangsgründe der exakten Wissenschaften einzuführen.
-
-Seine Familie kümmerte sich wenig um Jean; dann und wann besuchte ihn
-sein Vater auf einen Augenblick in der Pension: »Guten Tag! -- Adieu! --
-Sei artig! Arbeite tüchtig!« -- dies war alles, was er zu hören bekam.
-
-Die Sommerferien verbrachte er im Schlosse von Lourps; doch vermochte
-seine Gegenwart nicht, die Mutter ihrem träumerischen Zustande zu
-entreissen. Sie bemerkte ihn oft kaum oder betrachtete ihn während
-einiger Sekunden mit fast schmerzlichem Lächeln und versenkte sich dann
-wieder von neuem in die durch dicke Gardinen erzeugte künstliche Nacht.
-
-Die Dienstboten waren langweilig und alt. Der Knabe, sich selbst
-überlassen, durchstöberte an Regentagen die Bücher der Bibliothek und
-streifte bei schönem Wetter in der Umgegend umher.
-
-Seine grösste Freude war, in das kleine Thal hinunter zu gehen bis nach
-Jutigny, einem kleinen Dörfchen, das sich am Fusse der Hügel ausdehnte
-und aus wenigen kleinen Häusern und Hütten bestand, die, meist mit Stroh
-bedeckt, gleichsam aus dem Moos herauswuchsen. Er warf sich dann wohl
-auf die Wiesen im Schatten eines hohen Heuschobers nieder, dem dumpfen
-Geplätscher der Wassermühle lauschend, oder auch die frische Luft der
-Voulzie einatmend. Manchmal dehnte er seinen Spaziergang bis zum
-Torfmoor oder bis zu dem grünen und schwarzen Weiler von Longueville
-aus, oder er kletterte gar die Anhöhen hinauf, wo der Wind schärfer
-wehte und von wo er eine schönere Aussicht genoss. An der einen Seite
-hatte er unter sich das Seine-Thal, das sich in weiter Ferne mit dem
-Blau des Himmels mischte; an der anderen Seite hatte er den Blick hoch
-oben gen Westen auf die Kirchen und den Turm von Provins, welche in der
-Sonne und dem goldigen Luftstaub zu zittern schienen.
-
-Er las oder träumte, in vollen Zügen die Abgeschlossenheit einsaugend,
-wohl bis zur Dunkelheit; und da er sich immer grübelnd denselben
-Gedanken hingab, so konzentrierte sich sein Geist, und seine bis dahin
-noch unbestimmten Ideen begannen vorzeitig zu reifen. Nach den Ferien
-kam er jedesmal nachdenklicher und störrischer zu seinen Lehrern zurück,
-denen diese Veränderung keineswegs entging. Scharfsinnig und schlau --
-durch ihren Beruf daran gewöhnt, die Seelen bis ins Innere zu ergründen
--- liessen sie sich durch seine aufgeweckte, doch unlenksame Intelligenz
-durchaus nicht hinters Licht führen. Sie erkannten wohl, dass dieser
-Schüler niemals zum Ruhme ihrer Anstalt beitragen werde; da aber seine
-Familie reich war und sich wenig um seine Zukunft bekümmerte, so
-verzichteten sie vollständig darauf, ihn auf den einträglichen
-Schulberuf hinzulenken, obgleich er gern diejenigen der theologischen
-Doktrinen mit ihnen erörterte, welche ihn durch ihre Spitzfindigkeit und
-ihren Scharfsinn reizten. Dachten sie doch nicht einmal daran, ihn für
-ihren Orden zu gewinnen; denn trotz aller ihrer Bemühungen blieb sein
-Glaube schwach, weil sie ihn, aus Klugheit und Furcht vor etwas
-Unvorhergesehenem, auch ruhig die Studien verfolgen liessen, die ihm
-eben zusagten, und andere dagegen vernachlässigen, damit ihnen sein
-selbständiger Charakter nicht durch die Plackereien weltlicher
-Studienlehrer noch mehr entfremdet werde.
-
-So lebte er vollständig zufrieden, das väterliche Joch der Priester kaum
-fühlend, indem er mit seinen lateinischen und französischen Studien ganz
-in seiner Weise fortfuhr, und, obgleich Theologie nicht auf dem
-Schulplan stand, widmete er sich doch den Lehren derselben, deren
-Studium er bereits im Schlosse Lourps in der vom Urgrossonkel, dem
-Domherrn Prosper, dem vormaligen Prior der Ordensstiftsherren von
-Saint-Ruf, hinterlassenen Bibliothek begonnen hatte.
-
-Als er die Erziehungsanstalt der Jesuiten bei seiner Grossjährigkeit
-verlassen musste, wurde er Herr seines Vermögens; sein Vetter und
-Vormund, der Graf von Montchevrel, legte ihm Rechenschaft über seinen
-Besitz ab. Die Beziehungen zwischen ihnen aber waren nur von kurzer
-Dauer, da es keinen Berührungspunkt zwischen beiden gab, weil der eine
-alt, der andere jung war. Aus Neugier, Langeweile und Höflichkeit setzte
-der junge Herzog dennoch eine Weile den Umgang mit der Familie fort. Er
-machte einige Besuche in ihrem Palais in der Rue de la Chaise;
-entsetzlich langweilige Abende, an denen die steinalten Verwandten sich
-über adelige Familien, heraldische Monde und veraltetes Ceremoniel
-unterhielten.
-
-Mehr noch als diese vornehmen alten Damen hier erschienen ihm jene
-hochadeligen Herren, welche die Whisttische umsassen, als verknöcherte,
-höchst unbedeutende Menschen.
-
-Die Nachkommen der alten Helden, die letzten Zweige der feudalen
-Geschlechter erwiesen sich dem Auge des Herzogs Jean des Esseintes nach
-Lüftung ihrer Maske meist nur als vom Katarrh geplagte arg verschrobene
-Käuze, die immer wieder dieselben faden Redensarten und hundertjährigen
-Phrasen im Munde führten.
-
-Nachdem er einige Abende in solcher Gesellschaft zugebracht, fasste er
-den Entschluss, trotz aller Einladungen und Vorwürfe nie wieder dort
-hinzugehen.
-
-Jetzt fing er an mit jungen Leuten seines Alters und seines Standes zu
-verkehren.
-
-Einige von ihnen waren mit ihm in der Ordensschule erzogen und hatten
-durch diese Erziehungsweise gleichsam einen besonderen Stempel
-aufgedrückt erhalten. Sie gingen regelmässig zur Messe, beichteten zu
-Ostern, besuchten die katholischen Kreise und hielten jeden ihrer
-Angriffe, die sie auf schöne Mädchen niedergeschlagenen Auges
-unternahmen, geheim wie ein Verbrechen. Es waren dies meist geistlos
-unselbständige Zierpuppen, welche die Geduld ihrer Lehrer ermüdet
-hatten, die aber trotzdem ihren Wünschen soweit nachgekommen waren, sie
-in der menschlichen Gesellschaft als gehorsame und fromme Wesen
-hinzustellen.
-
-Die andern, meist Schüler der Staats-Gymnasien, waren weniger Heuchler,
-sondern im allgemeinen freier, aber sie waren weder interessanter noch
-aufgeweckter als jene. Sie liebten die Vergnügungen jeder Art, waren
-grosse Freunde der Operette und des Turfs, waren an jedem Spieltisch zu
-finden, ihr Vermögen auf Pferde und Karten verwettend.
-
-Nach Verlauf eines Jahres war der junge Herzog dieser Gesellschaft müde
-und überdrüssig. Ihren Ausschweifungen sich hinzugeben, die sie ohne
-Unterscheidung, ohne fieberhafte Vorbereitung, ohne wirkliche Wallung
-und Aufregung des Blutes und der Nerven durchmachten, erschien ihm mehr
-als flach und geradezu gemein.
-
-Nach und nach zog er sich daher von ihnen zurück und schloss sich den
-Litteraten an, bei denen er mehr geistige Verwandtschaft zu finden und
-sich wohler zu fühlen hoffte. Dies aber führte nur neue Enttäuschungen
-mit sich, denn er war empört, ihre kleinlichen und rachsüchtigen Urteile
-zu erkennen, ihre banale Unterhaltung und ihre widerlichen
-Streitigkeiten zu hören, wonach der Wert eines Werkes einfach nach der
-Zahl der Auflagen und dem Ertrag des Verkaufes bemessen wurde.
-
-Er lernte zu gleicher Zeit die Freidenker wie die Prinzipienreiter des
-Bürgerstandes kennen, Leute die alle Freiheit beanspruchten, um die
-Meinungen der andern zu ersticken; habsüchtige, schamlose Puritaner,
-deren Bildung er noch geringer schätzte als die des ersten besten
-Eckenstehers.
-
-Seine Menschenverachtung nahm immer mehr zu; er erkannte, dass die
-Menschheit zum grossen Teil aus leeren Prahlhänsen und Dummköpfen
-besteht, so dass er die Hoffnung aufgab, bei anderen wahre Seelengrösse
-oder reinen Hass zu entdecken. Er verzichtete darauf, einer
-Fassungskraft zu begegnen, die sich wie die seine in einer arbeitsamen
-Abgeschlossenheit gefiel, oder in einem Schriftsteller oder Gelehrten
-den scharf durcharbeiteten Geist zu finden, der sich dem seinen
-anschliessen konnte.
-
-Er fühlte sich nervös und mehr als unbehaglich, war von der Flachheit
-der Ideen, die man gegenseitig austauschte, angewidert, und wurde wie
-die Leute, von denen Pierre Nicole sagt, dass sie überall empfindlich
-und gereizt seien. Es kam so weit, dass er sich fortwährend seine Haut
-aufritzte. Geradezu unerträglich litt er bei der Lektüre patriotischer
-oder sozialer Thorheiten, die jeden Morgen von den Zeitungen unter die
-Leute gebracht und mit denen die ehrsamen Leser abgespeist wurden.
-
-Er begann schon von einer abgeschiedenen Thebaïde, einer komfortablen
-Wüstenei, einer unbeweglichen und angenehm durchwärmten Arche zu
-träumen, wohinein er sich vor der wachsenden Flut des schon mehr
-unmenschlichen Blödsinns zu flüchten gedachte.
-
-Eine einzige Leidenschaft, das Weib, hätte ihn von dieser allgemeinen
-Verachtung, welche ihn erdrückte, zurückhalten können, aber diese Saite
-war ja leider auch verbraucht.
-
-Hatte er doch an dieser Fleischestafel mit dem launenhaften Heisshunger
-eines Menschen gelagert, der an krankhafter Esslust leidet, und dessen
-Gaumen bald abgestumpft und übersättigt ist. Während der Zeit, in der er
-mit den Junkern verkehrte, hatte er an ihren tollen Gelagen
-teilgenommen, bei denen trunkene Dirnen sich zum Nachtisch die Kleider
-lüften und mit dem Kopfe, wenn nicht unter, so doch auf dem Tische
-liegen. Selbstredend war er hinter den Coulissen gewesen; er hatte es
-mit Schauspielerinnen und Sängerinnen versucht und ausser der den Frauen
-angeborenen Dummheit die rasende Eitelkeit elender Künstlerinnen zu
-ertragen gehabt; er hatte mit galanten, ihrer Schönheit wegen berühmten
-Frauenzimmern in Verbindung gestanden und gewaltiges Geld an gewisse
-Agenturen bezahlt, wofür er sehr zweifelhafte Vergnügungen genossen, um
-sich schliesslich übersättigt und dieses gleichförmigen Luxus, dieser
-erkünstelten Zärtlichkeiten überdrüssig, in die untersten Schichten der
-Gesellschaft zu stürzen. Hier hoffte er seine nimmersatte Gier durch den
-Kontrast neu aufstacheln und seine schlummernde Sinnlichkeit durch die
-aufreizende Unreinheit des Elends wieder anfachen zu können.
-
-Doch was er auch versuchen mochte, ein ungeheurer Weltschmerz drückte
-ihn nieder. Er gab dennoch den Kampf nicht auf. Er nahm seine letzte
-Zuflucht zu den gefährlichen Liebkosungen der Virtuosinnen; seine
-Gesundheit wurde schwach und seine Nerven zermürbten mehr und mehr. Sein
-Nacken wurde empfindlich und seine Hand fing schon zu zittern an.
-Allerdings hielt er sie noch gerade, sobald er einen schweren Gegenstand
-ergriff, doch war sie kraftlos, sobald er etwas Leichtes, zum Beispiel
-ein Glas zu Munde führen wollte.
-
-Die Prognose der Ärzte beunruhigte ihn. Es war Zeit, diesem Leben
-Einhalt zu thun und auf jene Experimente zu verzichten, die nur die
-letzten Kräfte raubten. Während einiger Zeit verhielt er sich ruhig;
-aber sein Gehirn erhitzte sich bald von neuem und rief ihn wieder zu den
-Waffen. Wie die jungen Mädchen in der Reife ein Verlangen nach allen
-möglichen aufreizenden Dingen empfinden, kam er dahin, sich ganz
-absonderlich sinnliche Freuden und Genüsse auszumalen und sich solchen
-hinzugeben. Dies aber war der Anfang vom Ende. Übersättigt und erschöpft
-von allem verfielen seine überreizten Sinne einer Art Lethargie -- das
-sichere Anzeichen eines herannahenden Unvermögens.
-
-Er kam dann wieder von seinen Verirrungen ernüchtert, entsetzlich
-ermattet zurück, ein Ende herbeisehnend, vor dem die Feigheit seines in
-Sinnlichkeit versunkenen Charakters zurückschauderte.
-
-Seine Idee, sich irgendwo fern von der Welt niederzulassen, sich
-gleichsam in einem Winkel einzunisten und wie ein Kranker zu leben, der
-die Strasse mit Stroh bedecken lässt, um den Lärm des unerbittlichen
-Lebens zu dämpfen, wurde immer stärker in ihm.
-
-Zudem war auch der Zeitpunkt gekommen, einen Entschluss zu fassen, denn
-seine Vermögensverhältnisse erschreckten ihn. Den grössten Teil seines
-Erbgutes hatte er thörichterweise längst vergeudet, und der Rest steckte
-in Ländereien, die ihm lächerlich wenig einbrachten.
-
-Er entschloss sich daher, Schloss Lourps zu verkaufen, wohin er doch
-nicht mehr ging, und wo ihn keine Erinnerung und kein Bedauern fesselte;
-er liquidierte ebenfalls seine andern Güter, kaufte sich Staatspapiere
-und machte sich in solcher Weise ein jährliches Einkommen von 50,000
-Franken. Er behielt ausserdem noch eine ansehnliche Summe zurück, die er
-für den Kauf und die Einrichtung des Häuschens bestimmte, in welchem er
-in völliger Stille und Zurückgezogenheit leben wollte.
-
-Er suchte die Umgegend von Paris ab und entdeckte ein kleines Häuschen
-hoch oben in Fontenay-aux-Roses, das billig zu verkaufen war, weil es an
-einem entlegenen Platze ganz ohne Nachbarn in der Nähe der Feste lag.
-Sein Traum erfüllte sich, denn in diesem Orte, der wenig von Parisern
-heimgesucht ist, war er ziemlich sicher, die gewünschte
-Zurückgezogenheit zu finden. Die Schwierigkeit der unzuverlässigen
-Verbindung mittels Eisen- und Pferdebahn, die am Ende des Städtchens
-stationiert waren, und die gingen und kamen, wie es ihnen passte,
-beruhigte ihn sehr. Wenn er an diese neue Existenz dachte, die er sich
-daselbst gründen wollte, empfand er eine grosse Freude, und dies um so
-mehr, als die Wohnung ziemlich weit vom Seineufer entfernt lag, so dass
-ihn der Menschenstrom selbst nicht erreichte, während er dennoch in der
-Nähe der Hauptstadt verblieb, so dass ihm seine Zurückgezogenheit nicht
-gerade fühlbar wurde.
-
-Er schickte die Maurer in das neu erstandene Haus, und eines Tages, ohne
-irgend jemand etwas von seinen Plänen zu verraten, verkaufte er sein
-Mobiliar, entliess seine Diener und verschwand, ohne seine Adresse zu
-hinterlassen.
-
-
-
-
- ERSTES KAPITEL.
-
-
-Mehr als zwei Monate vergingen noch, bevor sich Herzog Jean in die
-stille Zurückgezogenheit seines Häuschens in Fontenay vergraben konnte.
-Einkäufe aller Art nötigten ihn, noch eine Weile in Paris zu verbleiben
-und die Stadt oft von einem Ende bis zum andern zu durchlaufen.
-
-Lange hatte er nachgeforscht und gegrübelt, ehe er die neue Wohnung
-endlich den Tapezierern überlassen konnte. --
-
-Vormals, da er noch schöne Frauen zu sich kommen liess, hatte er ein
-Boudoir nach seiner Angabe einrichten lassen, wo sich inmitten kleiner
-geschnitzter Möbel aus hellem japanischen Kampferholz unter einem Zelt
-von indischem Rosa-Atlas der nackte Körper beim künstlichen Wiederschein
-des bauschigen Stoffes noch zarter färbte.
-
-Jenes Gemach, dessen grosse Spiegel sich beständig reflektierten und so
-eine ganze Reihe von Rosa-Boudoirs darstellten, war bei den Damen der
-galanten Welt sehr berühmt gewesen; denn es machte ihnen grosses
-Vergnügen, ihre Nacktheit in dieses sanfte Inkarnat zu tauchen, wie auch
-den starken Duft der Möbel einzuatmen.
-
-So hatte er unter anderem aus Hass und Verachtung seiner Kindheit unter
-dem Plafond dieses Boudoirs einen kleinen Käfig aufgehängt, in dem ein
-kleines Heimchen zirpte, wie er's oft in der Asche der hohen Kamine im
-Schlosse Lourps gehört, während jener langen stillen Abende, die er bei
-seiner Mutter zubringen musste; und die Erinnerung daran, wie an das
-Alleinsein in seiner traurigen Jugend stieg in wirrem Durcheinander vor
-ihm auf. Bei den Bewegungen des Weibes, welches er liebkoste, und dessen
-Geschwätz oder Lachen seine Vision verscheuchte und ihn plötzlich in die
-Wirklichkeit versetzte, -- in diesem so weltlichen Boudoir entstand ein
-Kampf in seiner Seele, ein Bedürfnis, alle die erlittenen Trübsale
-zu rächen, eine Wut, durch schändliche Gemeinheiten die
-Familienerinnerungen zu besudeln, das rasende Verlangen, auszukeuchen
-auf diesem Menschenleib, bis zum letzten Tropfen die wahnsinnigsten der
-sinnlichen Verirrungen auszukosten.
-
-Dann wieder einmal, wenn der Spleen ihn packte und wenn bei nassem
-Herbstwetter der Widerwille gegen sein Heim und gegen den trüben
-wolkenschweren Himmel draussen ihn erfasste, dann flüchtete er sich an
-das verborgene Plätzchen, bewegte leise den Käfig und beobachtete, wie
-derselbe sich rings herum unzählige Male wiederspiegelte, bis es seinen
-trunkenen Augen endlich vorkam, als ob der Käfig sich nicht mehr
-bewegte, dass aber das ganze Boudoir schwanke und sich drehe wie in
-einem sanften rosa Walzer.
-
-Ein anderes Mal, als Jean des Esseintes sich wieder durch seine
-Sonderbarkeit auszeichnen wollte, hatte er ein Möblement nach seltsamem
-Geschmack zusammengestellt. Er teilte seinen Salon in eine Reihe von
-Nischen, die alle verschieden ausgeschmückt waren und die miteinander
-vereinigt werden konnten. Es waltete hier eine tolle Übereinstimmung von
-freundlichen und düstern, von zarten und krassen Farben. Dann liess er
-sich in einer dieser Nischen nieder, deren Dekoration ihm am besten mit
-der Eigenart des Werkes, welches er gerade las, zu harmonieren schien.
-
-Schliesslich hatte er noch einen hohen Saal herrichten lassen, in dem er
-seine Lieferanten empfing. Sie mussten sich nebeneinander in eine Art
-von Kirchenstühlen setzen. Hier bestieg er eine hohe Kanzel, von der
-herab er ihnen eine Predigt über die Eitelkeit und das Geckentum der
-Welt hielt. Er forderte von hier aus seinen Schuhmacher und Schneider
-feierlich auf, sich aufs genaueste nach seinem päpstlichen Schreiben
-hinsichtlich des Schnittes zu richten, wobei er sie mit einem pekuniären
-Kirchenbann bedrohte, so sie nicht die in seinem väterlichen
-Ermahnungsschreiben und seinen Encykliken gegebenen Anweisungen
-buchstäblich zur Ausführung brächten.
-
-So erlangte er bald den Ruf eines höchst excentrischen Menschen, den er
-dadurch zu krönen suchte, dass er sich Anzüge aus weissem Sammt
-anfertigen liess; wie er auch Westen aus Goldbrokat trug und statt der
-Krawatte einfach einen grossen Veilchenstrauss in den weiten Ausschnitt
-seines Hemdes steckte. Dann gab er den Litteraten oft grossartige
-Diners, unter anderm ein Trauerdiner nach dem Muster des achtzehnten
-Jahrhunderts, um ein ganz unbedeutendes kleines Missgeschick, das ihm
-zugestossen, klassisch zu feiern.
-
-Der Esssaal war ganz schwarz ausgeschlagen. Er führte nach dem völlig
-umgestalteten Garten hinaus, dessen Alleen zu diesem Zweck mit feinem
-Kohlenstaub bestreut waren; das kleine mit Basaltstein umrandete
-Wasserbecken war mit schwarzer Tinte gefüllt, die Gebüsche bildeten
-Fichten und Cypressen. Die Mahlzeit wurde auf einem schwarzen Tischtuch
-serviert, auf dessen Mitte sich Blumenkörbe, mit Veilchen und Skabiosen
-gefüllt, befanden. In hohen Kandelabern brannten grünliche Flammen, und
-Wachskerzen in Armleuchtern erhellten den Saal. Ein unsichtbares
-Orchester spielte Trauermärsche, und die Gäste wurden von nackten
-Negerinnen, bekleidet mit Pantoffeln und kleinen Strümpfen aus
-Silbergewebe, die mit glänzenden Kügelchen besäet waren, bedient.
-
-Man ass von Tellern mit schwarzem Rande: Schildkrötensuppe, russisches
-Schwarzbrot, reife türkische Oliven, Kaviar, Seebarben (ein im Süden von
-Frankreich sehr beliebtes Gericht), Wildpret in schwarzer Sauce, so
-schwarz als wär's Lakritzensaft und Stiefelwichse, Trüffelpurée,
-Schokoladenpudding, dem dann ganz dunkle Blutpfirsiche, blauschwarze
-Trauben, Maulbeeren und schwarze Kirschen folgten. Man trank aus dunklen
-Gläsern die Weine von Limagne und Roussillon, von Tenedos, Val de Peñas
-und Porto und labte sich schliesslich nach dem Kaffee mit Nussschnaps,
-Kwas, Porter und Stout.
-
-Die Einladungen zu diesem Diner waren auf Papier mit breitem, schwarzem
-Trauerrand geschrieben. -- --
-
-Aber diese Extravaganzen und Tollheiten, in denen er früher seinen Ruhm
-suchte, hatten sich erschöpft.
-
-Heute gedachte er nur mit Verachtung jener kindischen Albernheiten und
-veralteten Prahlereien, jener absurden Kleidung und seltsamen
-Ausschmückungen seiner Wohnung. Jetzt beabsichtigte er, sich einfach ein
-bequemes Heim zu seinem persönlichen Vergnügen zu schaffen und nicht das
-Staunen anderer zu wecken. Er hatte jetzt nur vor, sich eine ruhige,
-wenn auch barocke Wohnung einzurichten, die sich für seine künftige
-einsame Lebensweise am besten eignen sollte.
-
- * * * * *
-
-Als das Haus in Fontenay von seinem Architekten schliesslich hergestellt
-und nach seinen Wünschen und Plänen eingerichtet war, und als ihm nur
-noch die innere Ausschmückung zu erledigen übrig blieb, da stellten sich
-ihm die ersten Schwierigkeiten in den Weg.
-
-Das was er wollte, waren nämlich Farben, welche beim Lampenlichte Stich
-hielten. Ob sie bei Tage hart oder unschön, war ihm gleich, da er die
-Nacht zum Tage zu machen gedachte, da er sich sagte, dass man dann erst
-ganz allein sei, und der Geist erst wirklich bei der näheren Berührung
-der Schatten der Nacht belebt und erregt werde. Er fand eine gewisse
-Befriedigung darin, sich ganz allein in einem grossen, hell erleuchteten
-Raume aufzuhalten, während alles um ihn herum wie ausgestorben war.
-
-Sorgfältig überlegend wählte er die Farben.
-
-Blau wird bei Licht ein ungewisses Grün; und wenn es Kobalt oder
-Indigoblau ist, so wird es schwarz aussehen; ist es hell, so verändert
-es sich in grau, und ist es blau wie der Türkis, so nimmt es eine trübe
-eisige Färbung an, es sei denn, dass man es mit einer anderen Farbe
-mischt; sonst kann man es kaum in einem Raum verwerten. Andererseits
-nimmt das Eisengrau ebenfalls eine unfreundlich schwere Färbung an;
-Perlgrau verliert seine Zartheit und verwandelt sich in schmutziges
-Weiss; Braun wirkt trübe und erkaltend; und was Dunkelgrün, Kaisergrün
-und Olivengrün anbelangt, so hat es denselben Nachteil wie Dunkelblau
-und verschmilzt mit Schwarz; bleiben also nur noch die blassgrüneren
-Farben, wie Pfauengrün, dann Zinnober, die Lackfarben, hier aber verjagt
-das Licht das Blau und lässt das Gelb hervortreten, welches wieder einen
-unnatürlich verschwommenen Ton annimmt.
-
-Es war auch nicht daran zu denken, Lachsfarbe, Maisgelb oder Rosenrot zu
-nehmen, denn diese weichen Farben standen im Widerspruch mit den
-Gedanken seiner Abgeschiedenheit; unmöglich war ebenfalls Veilchenblau,
-da es bei Licht verschwimmt und das Rot darin allein des Abends
-hervortritt, doch was für ein Rot! Dick und klebrig! Es schien ihm
-ausserdem überflüssig, zu dieser Farbe seine Zuflucht zu nehmen, denn
-wenn man ein wenig Santonine einmischt, so erscheint es violett; diese
-Farbe ist nicht leicht zur Wandbekleidung zu verwenden.
-
-Er nahm daher von diesen Farben Abstand, und so blieben ihm nur noch
-drei übrig: Orangegelb, Citronengelb und Rot.
-
-Er zog das Orangegelb vor, indem er durch sein eigenes Beispiel die
-Wahrheit einer Theorie bestätigte, welche er im Übrigen für
-mathematische Richtigkeit erklärte: nämlich, dass eine Harmonie zwischen
-der sinnlichen Natur eines Menschen, der wirklich Künstler ist, und der
-Farbe existiert, welche sein Auge besonders lebhaft sieht.
-
-Wenn man die grosse Menge beiseite lässt, deren grobe Netzhaut weder die
-eigenartige Harmonie der Farben bemerkt, noch den geheimnisvollen Reiz
-ihrer Abstufungen und ihrer Zusammenstellung kennt; wenn man gleichfalls
-die Bürger-Philister beiseite lässt, welche unempfänglich für die Pracht
-und den Sieg der starken kräftigen Nuancen sind, und um sich nur auf
-diejenigen zu beschränken, deren Augen durch Litteratur und Kunst
-verfeinert sind, so erscheint es zweifellos, dass das Auge desjenigen,
-der Ideales träumt und der Illusionen bedarf, gewöhnlich eine Vorliebe
-für Blau und dessen Abstufungen, sowie für die lila und perlgraue Farbe
-habe, vorausgesetzt, dass diese Nuancen weich und verschwommen bleiben
-und nicht die Grenze überschreiten, wo sie in ein bestimmtes Violett und
-scharfes Grau übergehen.
-
-Diejenigen aber, die frei und ungebunden leben, kräftige Sanguiniker,
-starke energische Menschen sind, gefallen sich meistens in schimmernden
-Farben, wie Rot und Gelb, wie sie auch die Zimbelschläge des Zinnobers
-und der Chromfarben lieben, die sie blenden und berauschen.
-
-Die geschwächten und nervösen Menschen dagegen, deren sinnlicher Appetit
-nach Speisen sucht, welche scharf gewürzt sind, -- die Augen dieser
-hektischen, überreizten Naturen lieben fast alle die krankhaft
-aufregende Farbe mit täuschendem Glanze, mit scharfem, unruhigem
-Wechsel: das Orangegelb.
-
-Die Wahl, welche der Herzog Jean treffen würde, liess also kaum Zweifel
-zu; dennoch aber entstanden neue Schwierigkeiten, denn wenn auch das Rot
-und Gelb sich bei Lichte glänzend bewährten, so geschieht das nicht
-immer bei ihrer Zusammenstellung. Das Orangegelb verschärft und
-verwandelt sich oft in Dunkelrot oder gar in Feuerrot.
-
-Bei Kerzenlicht versuchte er alle seine Farbenzusammenstellungen und
-entdeckte eine, welche gleich zu bleiben und sich nicht den
-Anforderungen zu entziehen schien, die er an sie stellte. Nachdem diese
-Vorkehrungen beendet waren, bemühte er sich, so viel es eben möglich
-war, für sein Arbeitszimmer die orientalischen Farben und Teppiche zu
-vermeiden, die prahlend und gewöhnlich geworden sind, seit Parvenüs sie
-sich in den grossen Modemagazinen zu herabgesetzten Preisen leicht
-verschaffen können.
-
-Nach reiflicher Überlegung entschloss er sich dazu, die Wände wie seine
-Bücher mit Saffian-Leder mit breitgedrückten Narben oder mit satiniertem
-Kap-Leder bekleiden zu lassen.
-
-Als das Getäfel derartig geschmückt war, liess er die Leisten und
-Gesimse mit dunkler Indigofarbe und einer blauen Lackfarbe bestreichen,
-so, wie sie die Wagenbauer für das Äussere der Wagen verwenden; und der
-etwas gewölbte Plafond, ebenfalls mit Saffian-Leder bezogen, öffnete
-sich wie ein ungeheures rundes Fenster, eingefasst von orangegelbem
-Leder: ein kreisförmiges Himmelszelt von königsblauer Seide, in dessen
-Mitte silberne Seraphine mit ausgebreiteten Flügeln schwebten.
-
-Er hatte richtig kalkuliert: Das Getäfel veränderte sein Blau nicht, es
-wurde gehalten und erwärmt durch das Orangegelb, welches ebenfalls Farbe
-hielt, unterstützt und belebt durch den kräftigen Zug der blauen Farben.
-
-Was die Möbel anbetrifft, so hatte Herzog Jean keine allzu grosse Mühe,
-da der einzige Luxus dieses Zimmers nur aus Büchern und seltenen Blumen
-bestehen sollte; er begnügte sich damit, an den Wänden Bücher- und
-Fachschränke aus Ebenholz aufzustellen, indem er sich für später
-vorbehielt, die frei gebliebenen Zwischenräume mit einigen Bildern und
-Zeichnungen zu schmücken. Dann liess er den getäfelten Fussboden mit
-Fellen von wilden Tieren belegen. In der Nähe eines grossen massiven
-Tisches aus der Mitte des 15. Jahrhunderts standen tiefe Lehnstühle und
-ein altes Kirchenpult aus Schmiedeeisen -- eines jener antiken
-Chorpulte, auf welches ehemals der Diakonus das Chorbuch gelegt, und auf
-dem jetzt einer der schweren Folianten des ¤Glossarium mediae et infimae
-latinitatis¤ von dem Gerichtsschreiber du Cange stand.
-
-Die Fenster, mit Scheiben aus bläulichen Flaschenböden von rissigem
-Schmelz und Goldrand, schnitten die Aussicht auf das Land ab und liessen
-nur ein gedämpftes Licht eindringen; sie wurden ausserdem mit Vorhängen
-aus alten Messgewändern verhängt, deren dunkles, fast rauchiges Gold
-sich in einem matt rotgelben Gewebe verlor.
-
-Und endlich noch befand sich auf dem Kamine, dessen Bekleidung ebenfalls
-aus einem prachtvollen florentinischen Messgewand hergestellt war,
-zwischen zwei Monstranzen aus vergoldetem Kupfer byzantischen Stils,
-welche der alten Abtei Bois-de-Bievre entnommen waren, eine wunderbar
-schöne Messtafel mit drei getrennten Fächern von ausserordentlicher
-Zartheit; unter dem Glas ihres Rahmens sah man ferner auf Pergament in
-entzückender Messbuchschrift kopiert und mit kostbarer Ausmalung
-versehen drei Werke von Baudelaire: zur Rechten und Linken Sonette mit
-dem Titel »der Tod der Verliebten«, »der Feind« -- und in der Mitte in
-Prosa: »¤Any where out of the world¤«.
-
-
-
-
- ZWEITES KAPITEL.
-
-
-Nach dem Verkauf seiner Güter nahm Herzog Jean die alten verheirateten
-Dienstleute zu sich, welche seine Mutter gepflegt und die zu gleicher
-Zeit dem Amte als Verwalter und Kastellane in Schloss Lourps
-vorgestanden hatten, das bis zur Feststellung des gerichtlichen Verkaufs
-unbewohnt und leer geblieben war.
-
-Er liess das Ehepaar nach Fontenay kommen. Sie waren an die Thätigkeit
-der Krankenwärter, an die Regelmässigkeit, mit der von Stunde zu Stunde
-die Arzeneien verabreicht wurden, wie an das starre Schweigen des
-Klosterslebens gewöhnt. Ohne mit der Aussenwelt im geringsten zu
-verkehren, verblieben sie stets in geschlossenen Zimmern hinter
-verschlossenen Fenstern.
-
-Dem Mann wurde die Reinigung der Zimmer und das Einholen übertragen, die
-Frau mit dem Kochen beauftragt. Er überliess ihnen den ersten Stock des
-Hauses, doch mussten sie dicke Filzschuhe tragen. Er liess Windfänge vor
-den gut geölten Thüren anbringen und ihre Fussböden mit dicken Teppichen
-belegen, so dass er ihre Schritte über seinem Kopfe nicht hörte.
-
-Er verabredete ebenfalls mit ihnen eine gewisse Art zu klingeln und
-bestimmte die Bedeutung der einzelnen Klingelzeichen nach ihrer Kürze
-und Länge; bezeichnete auf seinem Schreibtisch den Platz, wo sie jeden
-Monat das Rechnungsbuch hinlegen mussten -- kurz er richtete sich so
-ein, dass er nicht oft genötigt war, sie zu sehen.
-
-Ebensowenig wollte er, da die alte Dienerin manches Mal am Hause vorüber
-gehen musste, um aus einem kleinen Schuppen Holz zu holen, dass ihn ihr
-Schatten störe, welcher dann durch die Scheiben seiner Fenster fiel. Er
-liess ihr daher ein besonderes Kostüm aus flandrischer Seide mit weisser
-Mütze und niedergeschlagener breiter schwarzer Kapuze anfertigen, in der
-Art, wie sie die Frauen des Beguinenklosters in Gent tragen.
-
-Wenn der Schatten dieser Kopfbedeckung in der Dämmerung an seinen
-Fenstern vorüberglitt, so gab er ihm das Gefühl, dass er sich in einem
-Kloster befinde. Es erinnerte ihn an die stillen frommen Dörfer, die
-toten und versteckten Stadtviertel einer thätigen und lebhaften Stadt.
-
-Er regelte und stellte auch die Stunden der Mahlzeiten fest, die
-übrigens wenig gewählt, vielmehr überaus einfach waren, denn die
-Schwäche seines Magens erlaubte ihm nicht, verschiedene oder schwere
-Gerichte zu geniessen.
-
-Um fünf Uhr im Winter, beim Herannahen der Dunkelheit, nahm er ein
-leichtes Frühstück ein, welches aus zwei Eiern, kaltem Fleisch und Thee
-bestand. Um elf Uhr hielt er seine Hauptmahlzeit; manchmal trank er
-etwas Kaffee, Thee oder Wein während der Nacht, und gegen fünf Uhr
-morgens naschte er wohl noch ein paar leichte Sachen, worauf er sich
-schlafen legte.
-
-Er nahm diese Mahlzeiten, deren Anordnung und Reihenfolge ein für alle
-Mal zu Anfang jeder Jahreszeit festgesetzt wurde, an einem Tisch in der
-Mitte eines kleinen Zimmers ein, welches von seinem Arbeitszimmer durch
-einen ganz mit dickem Stoff ausgeschlagenen Korridor getrennt und ganz
-hermetisch verschlossen war, so dass weder Geruch noch Lärm in die
-beiden andern Gemächer dringen konnte.
-
-Dieses Esszimmer glich einer Schiffskajüte mit gewölbtem Plafond, im
-Halbkreis mit Balken, Wänden und Fussböden aus hellem Fichtenholz
-versehen, mit dem kleinen, runden, ins Holz eingelassenen Fenster, das
-der Luftöffnung an den Seiten eines Schiffes nicht unähnlich war.
-
-Gleich japanischen Schachteln, von denen die eine immer in die andere
-hineinpasst, war dieser Raum vom Architekten in einen grösseren
-eingeschaltet, der als eigentlicher Esssaal erbaut war.
-
-Dieser hatte zwei Fenster, eines unsichtbar durch eine leichte
-Bretterwand den Blicken entzogen, das aber durch eine Feder nach Wunsch
-niedergelassen werden konnte, damit frische Luft durch die Öffnung
-eindringe, um die Fichtenholzkajüte cirkuliere und sich hier verbreite.
-Das andere sichtbare Fenster befand sich grade gegenüber dem runden
-Kajütenfensterchen in der Holzbekleidung, jedoch zugesetzt durch ein
-grosses Aquarium, welches den ganzen Raum zwischen dem kleinen runden
-und dem wirklichen Fenster in der Mauer ausfüllte. Das Tageslicht drang
-also durch das grosse Fenster, durch das Wasser und schliesslich durch
-das runde Fenster in die Kajüte.
-
-Wenn dann der Samowar auf dem Tische dampfte und die Sonne im Herbste
-unterging, so rötete sich das Wasser im Aquarium trübe und gläsern und
-warf einen leichtfeurigen Schimmer auf das helle Getäfel.
-
-Nachmittags manchmal, wenn der Herzog Jean zufällig wach war und
-aufstand, setzte er den Betrieb der Wasserröhren welche das Aquarium
-leerten, in Bewegung, und liess es sich wieder von neuem mit frischem
-Wasser füllen. Indem er dann einige Tropfen farbiger Essenz hineinthat,
-erzeugte er grünliche und gelbliche, milchweisse oder silberne
-Färbungen, wie die natürlichen Gewässer je nach der Farbe des Himmels,
-der mehr oder minder starken Glut der Sonne, oder des nahenden Regens
-erscheinen, mit einem Wort: wie es die Jahreszeit der Atmosphäre
-verursacht.
-
-Er bildete sich dann ein, in dem Zwischendeck einer Brigg zu sein; und
-neugierig betrachtete er wunderbar gearbeitete Fische, die, aufgezogen
-durch ein Uhrwerk, vor der Scheibe des runden Kajütenfensters
-vorbeischwammen und in dem künstlichen Gras hängen blieben. Oder er
-betrachtete, während er den Theergeruch einsog, mit dem man den Raum
-besprengt hatte, bevor er ihn betrat, die an den Wänden
-aufgehängten farbigen Stiche, welche -- wie in den Agenturen der
-Schiffahrtsgesellschaften -- Dampfschiffe auf dem Weg nach Valparaiso
-oder La Plata vorstellten. Oder er besah die eingerahmten Tabellen, auf
-welchen die Reiseroute der Linie der Postdampfer der Compagnieen Lopez
-und Valéry, die Frachtgelder, die Häfen des Postdienstes im Atlantischen
-Meer verzeichnet waren.
-
-Dann, wenn er müde war diese Fahrpläne zu Rate zu ziehen, liess er seine
-Blicke über die Chronometer und Kompasse schweifen, über die
-Winkelmesser und Zirkel, die Fernrohre und Karten, die zerstreut auf dem
-Tisch lagen, auf dem sonst nur ein einziges Buch aufgestellt war,
-gebunden in Seehundsleder: Arthur Gordon Pyms Abenteuer, welches
-besonders für ihn auf streifiges Papier reinster Faser gedruckt war,
-jedes Blatt sorgfältig ausgesucht und mit einer Schwalbe im
-Wasserzeichen.
-
-Da waren ausserdem Fischereigeräte, durch Lehm gezogene Netze,
-aufgerollte braune Segel, ein kleiner schwarz gestrichener Anker aus
-Kork, zu einem Haufen nahe der Thür vereinigt, welche durch einen
-kleinen ausgepolsterten Flur in die Küche führte, und der ebenso wie der
-Korridor den Esssaal mit dem Arbeitszimmer verband, um die Gerüche und
-den Lärm aufzusaugen.
-
-Auf diese Art verschaffte er sich ohne grosse Mühe sofort die
-augenscheinlichsten Eindrücke einer Seereise. Besteht doch das Vergnügen
-der Abwechslung im Grunde genommen einzig in der Erinnerung und fast
-niemals in der Gegenwart, in dem Augenblicke selbst. Er kostete sonach
-diese Abwechslung in vollen Zügen, mit aller Bequemlichkeit, ohne jede
-Anstrengung und ohne die sonst unvermeidlichen Verdriesslichkeiten in
-dieser erdachten Kajüte.
-
-Bewegung schien ihm zudem überflüssig, da ihm die Einbildung leicht die
-gewohnte Wirklichkeit des Lebens zu ersetzen vermochte.
-
-Nach seiner Ansicht war es nämlich möglich, sich die Wünsche, die für
-die schwierigsten gelten, im normalen Leben künstlich selbst zu
-befriedigen und dies mittels Täuschung durch eine genaue Fälschung der
-erwünschten Gegenstände zu thun. Ist es doch klar, dass jeder
-Feinschmecker heutigen Tages entzückt ist, wenn er in einem wegen der
-Vortrefflichkeit seines Kellers berühmten Restaurant die teuren Weine
-schlürft, welche nach Pasteurs Methode aus leichten billigen Weinen
-hergestellt sind. Falsch oder echt, diese Weine haben ganz dasselbe
-Aroma, dieselbe Farbe, dieselbe Blume, und verursachen also auch
-dasselbe Vergnügen, das man beim Kosten und Geniessen echter und reiner
-Weine empfindet, die infolge starker Nachfrage schliesslich für Gold
-kaum aufzutreiben sein möchten.
-
-Es unterliegt nach alledem keinem Zweifel, dass sich diese berauschende
-Abweichung, diese geschickte Lüge und Täuschung des Geistes in die Welt
-des realen Verstandes übertragen lassen, und dass man mithin ebenso
-leicht wie in der materiellen Welt eingebildete Wonnen geniessen kann,
-die fast in allen Punkten den wirklichen gleichen. Kein Zweifel zum
-Beispiel, dass man im Notfall dem störrisch langsamen Geiste nachhelfen,
-beim Lesen einer fesselnd geschriebenen Reisebeschreibung ruhig am Kamin
-verweilen und sich erfolgreich angenehmen Forschungen hingeben kann. Wie
-man sich auch -- ohne Paris zu verlassen -- das wohlthuende Gefühl eines
-Seebades suggerieren kann, da es ja genügt, sich nach Vigier zu begeben,
-dessen Bäder mitten in der Seine liegen.
-
-Wenn man dort das Wasser der Wanne salzen lässt und nach der Vorschrift
-des Arzeneibuches schwefelsaures Sodasalz und Magnesia hinzufügt und ein
-kleines Ende Kabeltau aus einer Seilerei mitnimmt und dann den Duft,
-welchen dieses Tau noch bewahrt hat, einsaugt und dabei eifrig Joanne's
-Handbuch liest, welches die Schönheiten des Strandes, an dem man sein
-möchte, beschreibt; und wenn man sich dann schliesslich noch leise von
-den Wellen schaukeln lässt, welche die Dampfschiffe, die an der
-schwimmenden Badeanstalt vorbeifahren, in der Badezelle aufwerfen, wenn
-man das Ächzen des Windes hört, der sich unter den Brücken fängt, und
-dem dumpfen Lärm der Omnibusse lauscht, die wenige Schritte weiter über
-Pont-Royal hinwegrollen -- ist da nicht die Illusion des Meeres
-unleugbar da?
-
-Es handelt sich eben nur darum, seinen Geist auf einen bestimmten Punkt
-zu richten.
-
-Da ist nicht eine ihrer Erfindungen, möge sie für noch so feinsinnig
-oder noch so grossartig gelten, die das Genie des Menschen nicht zu
-schaffen imstande wäre! Da ist kein Wald von Fontainebleau, kein
-Mondschein, welchen nicht eine von elektrischem Licht überflutete
-Dekoration hervorzuzaubern vermöchte; kein Wasserfall, welchen die
-Wasserleitungskunst nicht täuschend nachahmen könnte, kein Felsen, der
-nicht durch Papiermaché herzustellen wäre, keine Blume, die nicht durch
-besonderen Taffet und zart bemaltes Papier genau so wiedergegeben werden
-könnte!
-
-Unzweifelhaft hat diese uralte Schwätzerin Natur die gutmütige
-Bewunderung der wirklichen Künstler erschöpft, und der Augenblick ist
-gekommen, sie verbessert zu ersetzen, so weit es sich eben durch die
-Kunst ermöglichen lässt.
-
-Und dann, um ehrlich zu sein: dasjenige ihrer Werke, welches fraglos als
-das künstlichste gilt, diejenige ihrer Schöpfungen, deren Schönheit nach
-Aller Ansicht die ursprünglichste und vollkommenste ist, das _Weib_! Hat
-der Mensch nicht seinerseits ein ebenso künstliches Wesen voll von Leben
-geschaffen, welches vom Gesichtspunkt der plastischen Schönheit aus ihr
-vollkommen gleichwertig ist? Giebt es wohl hienieden ein Wesen, das, in
-Freuden der Brunst empfangen und mit Schmerzen aus der Mutterschaft
-hervorgegangen, an Form und Race strahlender und prächtiger sei, als
-dasjenige der beiden Lokomotiven, die auf der Nordbahn ihren Dienst
-verrichten?
-
-Die eine, die Crampton, eine entzückende Blondine, mit scharfer Stimme,
-von hohem, schlankem Wuchs, eingeschnürt in ein glänzendes
-Kupferkorsett, geschmeidig -- nervös wie eine Katze -- eine schmucke
-goldige Blondine, deren aussergewöhnliche Anmut nahezu erschreckt, wenn
-sie ihre Stahlmuskeln steift und den Schweiss ihrer warmen Schenkel
-dadurch erhöht, dass sie die ungeheure Rosette ihres zarten Rades in
-Bewegung setzt und wie rasend an der Spitze des Schnellzuges vorwärts
-stürmt!
-
-Die andere, die Engerth, eine monumentale, dunkle Brünette mit dumpfen
-rauhen Tönen, mit stämmigen Lenden, eingepresst in ihren gusseisernen
-Panzer, ein unförmiges Wesen mit wilder Mähne schwarzen Rauches und mit
-sechs niedrigen gepaarten Rädern; welche erdrückende Macht, wenn sie die
-Erde erzittern macht und plump und langsam den schweren Güterzug hinter
-sich drein schleppt!
-
-Sicherlich giebt es unter den zarten blonden und den majestätischen
-brünetten Schönheiten keine derartigen Typen zarter Schlankheit und
-erschreckender Kraft; auch kann man mit Recht sagen: der Mensch hat, in
-seiner Art, ebenso Gutes geschaffen wie Gott. --
-
-Diese Betrachtungen kamen des Esseintes, wenn ihm der Wind das sanfte
-Pfeifen der kleinen Eisenbahn zutrug, welche sich wie ein Kreisel
-zwischen Paris und Sceaux hin und her bewegt.
-
-Sein Haus war ungefähr zwanzig Minuten von der Station Fontenay
-entfernt; aber die Höhe, auf welcher es stand, und seine einsame Lage
-liessen nicht den Lärm des gemeinen Lebens bis zu ihm dringen.
-
-Das Dorf selbst kannte er kaum. Durch seine Fenster hatte er eines
-Nachts die stille Landschaft betrachtet, die sich vor ihm ausbreitete
-und hinunterzog bis zum Fuss des Hügels, auf dessen Spitze die
-Batterieen des Gehölzes von Verrières aufgepflanzt sind.
-
-In der Dunkelheit rechts und links stiegen verworrene Massen stufenweise
-auf, in der Ferne von anderen Batterieen und anderen Forts überragt,
-deren hohe Böschungen im Mondlicht wie in Wasserfarben mit schimmerndem
-Silber auf dunklem Himmelsgrund gemalt erschienen.
-
-Zusammengeschrumpft im Schatten der Hügel erschien die Ebene in der
-Mitte wie mit Mehl bestreut und mit weissem Cold-cream bestrichen. In
-der warmen Luft, die leise die farblosen Gräser fächelte und würzigen
-Duft verbreitete, schüttelten die wie mit Kreide übertünchten Bäume im
-Mondlicht ihr fahles Laubwerk und vergrösserten ihre Stämme, deren
-Schatten den Gipsboden mit schwarzen Streifen furchten, auf dem die
-Kieselsteine wie Tellerscherben glänzten. Ihres verkünstelt geschminkten
-Aussehens wegen missfiel dem Herzog Jean diese Landschaft nicht. Seit
-dem Nachmittag, den er auf der Suche nach dem Hause im Dörfchen von
-Fontenay zugebracht hatte, war er niemals mehr am Tage den Weg gegangen.
-Das grüne Laub dieser Gegend flösste ihm ausserdem kein Interesse ein,
-bot es doch nicht einmal den zarten melancholischen Reiz dar, welcher
-der oft rührend kränklichen Vegetation entströmt, die notdürftig
-zwischen dem Schutt des Weichbildes nahe den Wällen hervorschiesst.
-
-Überdies waren ihm an jenem Nachmittage im Dörfchen einige dickbäuchige
-Einwohner mit Backenbärten und Leute in Gehröcken mit Schnurrbärten
-begegnet -- Köpfe, die ohne Zweifel der Obrigkeit oder dem Militär
-angehörten; und seit dieser Begegnung hatte sein Widerwille gegen jedes
-menschliche Gesicht noch mehr zugenommen.
-
-Während der letzten Monate seines Aufenthaltes in Paris, als er alles
-überwunden hatte, empört durch die allgemeine Heuchelei und vom
-Weltschmerz niedergedrückt, war die Überreiztheit seiner Nerven derartig
-gestiegen, dass sich der Anblick mancher Gegenstände oder Wesen seinem
-Gehirne so tief einprägte, dass es mehrerer Tage bedurfte, um nur die
-Spuren davon zu verwischen. Unangenehme Gesichter, die sein Blick auf
-der Strasse streifte, waren ihm zur wahren Qual geworden.
-
-So litt er entschieden beim Anblick gewisser Physiognomieen, deren
-hausbackener unfreundlicher Typus ihm wie eine Beleidigung erschienen;
-es wandelte ihn eine wahre Lust an, diejenigen zu ohrfeigen, welche da
-langsamen Schrittes mit gelehrter Miene und gesenkten Augen über die
-Strasse gingen, wie auch jene, die sich in den Hüften wiegen und sich
-gar wohlgefällig in Spiegelscheiben zulächeln, oder jene anderen wieder,
-die eine ganze Welt von Gedanken zu bewältigen scheinen, indem sie mit
-der wichtigsten Miene den albernsten Klatsch und den haarsträubendsten
-Blödsinn der Tagesblätter verschlingen und einfach wiederkäuen.
-
-Er witterte bei allen eine so eingewurzelte Dummheit, einen solchen
-Abscheu gegen seine eigenen Ideen, eine solche Verachtung der
-Litteratur, der Kunst, kurz, was er verehrte, als wäre es ihnen erblich
-angeboren oder in ihre beschränkten Krämerseelen eingeankert, die,
-schliesslich nur auf Gaunerei und Geld erpicht, wie alle unbedeutenden
-und schwachen Geister, nur für niedrige Zerstreuungen der gemeinen
-Politik eingenommen sind, so dass er wütend nach Hause ging, um sich mit
-seinen Büchern einzuschliessen.
-
-Kurz, er hasste mit ganzer Kraft die neuen Generationen, diese Vertreter
-moderner Flegelei, die das Bedürfnis haben, überall in den Speisesälen
-und Kaffeehäusern laut zu schreien und unverschämt zu lachen, die uns
-auf der Strasse wüst anrennen, ohne um Verzeihung zu bitten, oder einem
-auch wohl einen Kinderwagen zwischen die Beine schieben, ohne sich zu
-entschuldigen oder kaum den Hut zu lüften.
-
-
-
-
- DRITTES KAPITEL.
-
-
-Ein Teil der Büchergestelle, die an den Wänden seines orangegelben und
-blauen Arbeitszimmers aufgestellt waren, enthielten ausschliesslich
-lateinische Werke; doch nur solcher Autoren, die von den in der Sorbonne
-gedrillten Fachgelehrten mit dem Sammelnamen »Dekadenten« abgethan
-werden.
-
-War doch die lateinische Sprache so, wie sie Mode war zu jener Zeit,
-welche die Gelehrten hartnäckig als das grosse Jahrhundert zu bezeichnen
-belieben, in der That wenig dazu angethan, ihn zu reizen. Jene lackierte
-Sprache mit ihren berechneten, fast unveränderlichen Wendungen, ohne
-irgend eine Geschmeidigkeit der Syntax, ohne Farbe, ohne
-Unterscheidungen. Jene an allen Nähten abgetragene, von holperigen
-Ausdrücken befreite, wenn auch zuweilen bilderreiche Sprache vermag
-allenfalls die seichten Redensarten, die unbestimmten Gemeinplätze
-amtlicher Perrückenstöcke und Laureat-Poeten auszudrücken, erzeugt aber
-eine solche Langeweile, dass man sich beim Studium ihres Stils fast ins
-grosse Jahrhundert des französischen Sonnengottes -- Ludwigs XIV. --
-versetzt wähnen dürfte, wo man einzig einer gleichen Kraftlosigkeit und
-Entmannung begegnet.
-
-Da ist unter andern der sanfte Virgil, den Schulfüchse gern den Schwan
-von Mantua nennen, wahrscheinlich darum, weil er nicht in dieser Stadt
-geboren ist. Virgil kam ihm als einer der schrecklichsten Pedanten und
-unausstehlich langweiligsten Schwätzer vor, den jemals das Altertum
-erzeugt; was waren denn seine so sauber gewaschenen und herausgeputzten
-Schäfer, die sich der Reihe nach ganze Töpfe voll gezierter, eiskalter
-Verse über den Kopf schütten? Vergleicht er seinen Orpheus doch mit
-einer weinenden Nachtigall! Sein Aristeus, der Sohn des Apollo, ist ein
-jammernder Bienenzüchter, während sein Aeneas, eine überaus verwaschene
-schmächtige Persönlichkeit, die mit steifen Gebärden wie ein
-Schattenbild in dem fadenscheinigen, lose gebundenen und öligen Gedichte
-umherwandelt. Alles dieses brachte ihn natürlich ausser sich.
-
-Die langweiligen Albernheiten, die diese Gliederpuppen in den Coulissen
-austauschen, würde er wie die unverschämten Entlehnungen, welche bei
-Homer, Theokrit, Ennius und Lucrez gemacht sind, selbst nach dem
-Plagiat, das uns Makrobius als fast wörtliche Abschrift eines Gedichtes
-von Pisander nachweist, -- kurz, all die unaussprechliche Leere seiner
-als klassisch geltenden Gesänge noch allenfalls ruhig hingenommen haben.
-Wobei ihn aber wirklich die Gänsehaut überlief, das waren seine
-sechsfüssigen Verse, dieses wahre Blech, wie eine leere Kanne klingend.
-
-Jene starre Verskunst, der Meisterschmiede des Catull entnommen,
-phantasiearm, einförmig, vollgestopft mit unnützen Wörtern und
-Lückenbüssern, eine Anhäufung feststehender Wendungen und dem Homer
-sklavisch nachgebildeter Epitheta, die schliesslich nichts bezeichnen
-und nichts zeigen -- dieser ganze armselige Wortschwall klanglos platter
-Vergleiche spannte ihn geradezu auf die Folter.
-
-Es muss noch hinzugefügt werden, dass, wenn seine Bewunderung für Virgil
-schon mehr als mässig war, der offene Unflat des Ovid noch geringere
-Anziehungskraft für ihn hatte, wie auch sein Widerwille gegen die
-ungeschlachte Grazie und das hohle Geschwätz des Horaz, jenes trostlosen
-Tölpels, der sich mit übertüncht alten Clown-Zoten zierte, schon mehr
-als grenzenlos war.
-
-Auch Ciceros und Cäsars berühmter Lakonismus vermochte ihn wenig zu
-begeistern, denn da zeigte sich eine Trockenheit des Redestils, eine
-Armut des Gedächtnisses, eine unglaubliche Hartleibigkeit.
-
-Somit fand er seine Rechnung weder hier noch dort, ebensowenig bei den
-Lieblingsschriftstellern, die als Tonangebende falscher Gelehrsamkeit in
-den Himmel gehoben wurden, wie bei den übrigen allen: Sallust, der
-weniger farblos als die andern; Titus Livius, der sentimental und
-schwülstig; Seneka, aufgedunsen und matt; Suetonius, lymphatisch und
-fiebernd; Tacitus, der nervöseste, obgleich in seiner Kürze der
-schärfste und der muskulöseste von Allen.
-
-In der Poesie liessen ihn Juvenal trotz seiner zeitweilig gestiefelten
-und gespornten Verse, Persius trotz seiner geheimnisvollen
-Zuflüsterungen völlig kalt. Indem er Tibull und Properz, Quintil und
-Plinius, Statius und Martial gern überging, vermochte ihm Terenz und
-selbst Plautus, deren Kauderwälsch von neugebildeten Wörtern und
-zusammengesetzten Diminutiven wimmelte, schon eher zu gefallen; aber die
-niedrige Komik und das grobe Salz widerten ihn an.
-
-Herzog Jean fing erst beim Lucan an sich für die lateinische Sprache zu
-interessieren, denn da war sie schon reicher und ausdrucksvoller. Seine
-sorgfältig gearbeiteten, mit Schmelz bedeckten und mit Juwelen gezierten
-Verse fesselten ihn; aber diese ausschliessliche Pflege der leidigen
-Form, dieser Klang hellschreiender Töne, dieser metallische Glanz
-verdeckte ihm keineswegs die arge Gedankenleere, das Geschwollene und
-Aufgeblasene.
-
-Der Schriftsteller aber, welchen er wirklich gern hatte und der ihn für
-immer vom Lesen der tönenden Schriften eines Lucan entfernte, war
-Petronius.
-
-Dieser war ihm ein scharfsichtiger Beobachter, ein zarter Analytiker,
-ein vortrefflicher Maler; ruhig, ohne vorgefasste Meinung und ohne Hass
-beschreibt er das tägliche Leben in Rom, die Sitten seiner Zeit als
-munterer satirischer Erzähler.
-
-Er zeichnet Thatsachen im richtigen Licht und Verhältnis, er stellt sie
-in der bestimmten Form und Ordnung fest, enthüllt das Kleinleben des
-Volkes, seine Erlebnisse, seine Rohheiten wie sein sinnliches Treiben.
-
-Hier ist es ein Inspektor, der im Hôtel garni die Namen der kürzlich
-angekommenen Reisenden zu wissen verlangt; da sind es verrufene Häuser,
-in denen Männer um nackte Weiber herumschleichen, während man durch die
-schlecht schliessenden Thüren der Kammern den Belustigungen der Paare
-zusieht; dann wieder in den Villen des tollen Luxus und der unsinnigen
-Pracht übermütigen Reichtums, wie in den armen Herbergen mit ihren
-durchwühlten Gurtbetten voll Wanzen bewegt sich die Gesellschaft der
-Zeit: Schurken wie Ascyltus und Eumolpus auf der Suche nach einem
-unverhofften Fund; alte Knabenschänder im aufgeschürzten Kleide mit
-weiss und rot bemalten Backen; sechzehnjährige Liederlinge, feist mit
-gekräuseltem Haar; Weiber, die eine Beute ihrer hysterischen Anfälle
-werden; Erbschaftsjäger, die ihre Knaben und Mädchen den Ausschweifungen
-der Erblasser überliefern -- alle diese Typen folgen einander auf der
-Strasse streitend, die Bäder besuchend, sich krumm und lahm schlagend,
-wie solches wohl in einer Pantomime zu geschehen pflegt.
-
-Und dies mit einer Frische erzählt, in schönstem Kolorit und kräftigem
-Stil aller Mundarten, die Ausdrücke allen in Rom untergegangenen
-Sprachen entlehnt, alle Grenzen und alle Fesseln des sogenannten grossen
-Jahrhunderts überschreitend. Er lässt jeden seinen Jargon reden: die
-Freigelassenen und jeglicher Bildung baren das Pöbellatein und gemeine
-Kauderwälsch, die Fremden ihre barbarischen Mundarten, vermischt mit
-Afrikanisch, Syrisch und Griechisch, und die pedantischen Dummköpfe, wie
-jenen Agamemnon des Buches, seine gemachte Redeweise zum besten geben.
-Diese Menschen sind alle mit einem Federstrich gezeichnet; sie lagern um
-einen Tisch, tauschen den abgestandenen Ideenbrei Trunkener aus und
-überbieten sich in der Verausgabung verschimmelter Grundsätze und
-alberner Sticheleien, das Maul stets gegen Trimalchio gerichtet, der
-sich in den Zähnen stochert, über die Gesundheit seines Innern und seine
-Blähungen spricht, indem er die Gäste einladet, es sich bequem zu machen
-und sich ja keinen Zwang anzuthun.
-
-Dieser realistische Roman, dieses aus dem vollen Fleisch des römischen
-Lebens geschnittene Stück, ohne ängstliche Sorge, wie man darüber
-urteilen werde, voll von lebendiger Satire, ohne Schielen nach Sitte
-noch Moral, diese Geschichte, ohne Intrigue, fast ohne Handlung, welche
-dieses sodomitische Treiben darstellt und mit seltener Feinheit die
-Freuden und Schmerzen der Liebeleien in farbenprächtiger Sprache malt,
-ohne dass der Verfasser nur ein einziges Mal in den Vordergrund tritt --
-sie packte den Herzog Jean, denn er ersah in der Verfeinerung des Stils,
-in der Schärfe der Beobachtung, in der Festigkeit der Methode eine
-eigentümliche Ähnlichkeit mit den wenigen modernen französischen
-Romanen, die er erträglich fand.
-
-Ernstlich bedauerte er, »Eustion« und »Albutia« nicht zu besitzen, jene
-beiden Werke des Petronius, die auf immer verloren sind; aber der
-Bücherliebhaber in ihm tröstete den Gelehrten, besass er doch die
-prächtige Ausgabe in Oktav des »Satyricon« mit der Jahresziffer 1585 und
-dem Drucker J. Dousa, Leyden.
-
-Von Petronius ab leitete seine lateinische Sammlung in das zweite
-Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung über, zu dem schwülstigen
-Phrasenhelden Fronto sowie zu den Attischen Nächten des Aulus Gellius,
-seinem Schüler und Freund, den er ebenfalls überging, um Halt zu machen
-bei Apulejus, von dem er eine erste Ausgabe in Folio aufbewahrte,
-gedruckt zu Rom 1469.
-
-Dieser Afrikaner machte ihm Vergnügen. Die lateinische Sprache zeigte
-sich in seinen »Metamorphosen« in ihrem vollen Glanze.
-
-Er öffnete nur noch selten Tertullians »Schutzrede der Christen« und die
-»Abhandlung über die Geduld«; höchstens las er einige Seiten aus »De
-cultu feminarum«, worin Tertullian die Frauen rügt, die sich mit
-Kleinodien und kostbaren Stoffen putzen und ihnen den Gebrauch von
-Schönheitsmitteln verbietet, weil sie zu täuschen versuchen, indem sie
-die Natur zu verbessern und zu verschönern sich bemühen.
-
-Diese Ideen, die den seinigen schnurstracks widersprachen, machten ihn
-lächeln. Doch die Rolle, die Tertullian in seiner bischöflichen Residenz
-Karthago spielte, schien ihn zu süssen Träumereien zu verleiten; mehr
-als seine Werke zog ihn in Wirklichkeit aber der Mann selbst an.
-
-Hatte er doch während der aufrührerischen Zeiten gelebt, heimgesucht von
-schrecklichen Aufständen unter Caracalla, unter Macrin, unter dem
-sonderbaren Hohenpriester Heliagabal, dessen Predigten und dogmatischen
-Schriften, dessen Verteidigungsreden und Auszüge aus den Homilien der
-Kirchenväter er verfasste, während das Kaiserreich in all seinen Fugen
-krachte. Mit grösster Kaltblütigkeit lehrt er die fleischliche
-Enthaltsamkeit, Genügsamkeit beim Mahl und Einfachheit der Kleidung,
-während zur selben Zeit Heliagabal in Silberstaub und Goldsand
-herumspazierte, auf dem Kopfe die dreifache päpstliche Krone trug, seine
-Kleider mit kostbaren Steinen besetzte und, umgeben von Eunuchen, sich
-mit weiblichen Handarbeiten beschäftigte, sich Kaiserin nennen liess und
-jede Nacht den Kaiser, den er mit Vorliebe unter Barbieren, Köchen und
-Zirkusleuten auswählte, wechselte.
-
-Dieser Gegensatz entzückte den Herzog; denn die lateinische Litteratur,
-unter Petronius zur höchsten Reife gelangt, fing an sich aufzulösen. Die
-christliche Litteratur brach sich Bahn und brachte mit neuen Ideen nie
-gebrauchte Ausdrücke und neue Satzbildungen, sowie bislang unbekannte
-Zeit- und Eigenschaftswörter mit weit hergeholten Bedeutungen, abstrakte
-Begriffe, die in der römischen Sprache selten angewendet und von denen
-Tertullian als einer der ersten Gebrauch gemacht hatte.
-
-Alles was nach dem Tode Tertullians von seinen Schülern, dem heiligen
-Cyprianus, von Arnobius und dem unklaren Lactantius verfasst wurde, war
-ohne Reiz für ihn. Jene unvollkommene schwerfällige Mache war ein
-linkischer Rückschritt zum ciceronianisch hochtrabenden Ton. Ihr fehlte
-jener besondere Duft des vierten wie der folgenden Jahrhunderte, jener
-Duft des Christentums, der der heidnischen Sprache den Hautgout des
-Wildprets verliehen hatte, der aber mit der Civilisation der alten Welt
-gleichzeitig aufhörte.
-
-Ein einziger Dichter, Commodian aus Gaza, vertrat in seiner Bibliothek
-die Kunst des dritten Jahrhunderts.
-
-Das »Carmen apologeticum«, im Jahre 259 geschrieben, ist eine Sammlung
-von Sprüchen in den beliebten Hexametern, die hier manchmal gereimt sind
-und schon an das Kirchenlatein späterer Zeiten erinnern.
-
-Seine überspannt dunklen Verse, voll von Ausdrücken der Tagessprache,
-von Wörtern ursprünglich verdrehter Bedeutung, fesselten ihn mehr als
-der reife gesättigte Stil der Geschichtsschreiber: Ammianus Marcellinus
-und Aurelian Victor, der berühmte Briefschreiber Symmachus und der
-Kompilator und Grammatiker Macrobius; er zog sie sogar den wirklich
-skandierten Versen jener buntscheckig herrlichen Sprache vor, wie sie
-Claudius, Rutilius und Ausonius sprachen.
-
-Waren jene doch damals die Meister der Kunst. Sie erfüllten das
-untergehende Reich mit ihren Warnungen, der christliche Ausonius mit
-seinem Cento nuptialis und seiner üppigen Dichtung von der Mosella;
-Rutilius mit seinen Hymnen zum Ruhme Roms, seiner Verfluchung der Juden
-und Mönche, der Reisebeschreibung von Italien nach Gallien, in der es
-ihm gelingt, bestimmte Eindrücke des Gesehenen gut wiederzugeben:
-Landschaften, die sich zitternd im Wasser spiegeln, aufsteigende Nebel,
-schwere Wolken, die um die Berge brauen.
-
-Endlich im fünften Jahrhundert Augustin, Bischof von Hippo. Diesen
-kannte Herzog Jean nur zu gut, denn er ist ja der angesehenste
-Schriftsteller der Kirche, der Gründer der christlichen Orthodoxie, der
-den Katholiken als ein Orakel gilt, und vor dem sie sich alle beugen.
-Diesen öffnete er nicht mehr, obgleich Augustin in seinen
-»Bekenntnissen« den Widerwillen gegen das Irdische ebenfalls besungen
-und in seiner »Gottesstadt« versucht hatte, das entsetzliche Elend des
-Jahrhunderts durch Vertröstung auf eine bessere Zukunft zu besänftigen.
-
-Die zweite Hälfte des fünften Jahrhunderts war gekommen, die
-entsetzliche Zeit, in der die gewaltigsten Stösse die Erde
-erschütterten.
-
-Die Barbaren verwüsteten Gallien; Rom, der Plünderung der Westgoten
-preisgegeben, fühlte sein Leben erstarren, sah seine äussersten Grenzen,
-den Occident und den Orient, sich im Blute wälzend von Tag zu Tag mehr
-erschöpfen und dem Untergange verfallen.
-
-In dieser allgemeinen Auflösung, diesem Meuchelmorde der Cäsaren, welche
-rasch aufeinander folgten, in diesem Lärm bluttriefenden Gemetzels,
-welches sich von einem Ende Europas zum andern wälzte, ertönte ein
-fürchterliches Hurrageschrei, das allen Unwillen und alles Geheul zum
-Schweigen brachte.
-
-An dem Ufer der Donau erschienen Tausende von Männern auf kleinen
-Pferden, eingehüllt in weite Oberkleider von Rattenfell, scheussliche
-Tartaren mit enormen Köpfen, platter Nase, das Kinn durch Schmarren und
-Narben entstellt, bartlose, citronengelbe Gesichter stürzten sich
-vorwärts im gestreckten Galopp, alle Reiche gleichsam in einen
-Wirbelwind einhüllend und niederreissend.
-
-Alles verschwand in den Staubwolken dieser wilden Reiter wie in Rauch
-von Feuerbrünsten. Die Finsternis verbreitete sich, und die bestürzten
-Völker erzitterten, wenn sie diesen entsetzlichen Staubwirbel mit dem
-Getöse des Donners vorübersausen hörten. Jene Hunnenherde machte
-Ost-Europa dem Erdboden gleich, stürzte sich auf Gallien, wo sie in den
-Ebenen von Châlons durch den römischen General Aetius niedergeworfen und
-im Sturm vernichtet wurde. Die mit Blut überschwemmten Wiesen kräuselten
-sich wie ein Purpurmeer; zweihunderttausend Leichen versperrten den Weg
-und brachen den Anlauf dieser aus der Richtung gekommenen Lawine, die
-wie mit Donnerschlägen in Italien einfiel, wo die zerstörten Städte
-gleich Heuschobern brannten.
-
-Das weströmische Reich brach unter dem Stoss zusammen; sein mit dem Tode
-ringendes Dasein, das es stumpfsinnig im Kot hinschleppte, erlosch; es
-schien überdies das Ende der Welt nahe; die Städte, welche von Attila
-vergessen, wurden durch Hungersnot und Pest dahingerafft, das Latein
-schien unter den Ruinen der Welt mit zu versinken.
-
-Jahre vergingen; die barbarischen Idiome fingen an sich zu regeln und
-wirkliche Sprachen zu bilden. Das Latein, das während der allgemeinen
-Zerrüttung in die Klöster geflüchtet war, verblieb dort, wie in den
-Pfarrhäusern; hier und da erstanden einige Poeten frostig und träge: der
-Afrikaner Dracontius mit seinem »Hexameron«; Claudius Mamertius mit
-seinen liturgischen Poesien; Avitus von Wien. Dann die Biographen, wie
-Ennodius, der die Wunder des heiligen Epiphanias erzählt, jenes
-scharfsichtigen, verehrten Diplomaten, des biederen und umsichtigen
-Seelsorgers; wie Eugippius, der uns das unvergleichliche Leben des
-heiligen Severinus wieder vor Augen führt, diesen geheimnisvollen
-Einsiedler und demütigen Asketen, der den trostlosen, vor Furcht und
-Schmerz wahnsinnigen Völkern wie ein Engel der Barmherzigkeit erschien;
-Schriftsteller wie Veranius du Gévaudan, der eine kleine Abhandlung über
-die Enthaltsamkeit verfasste; wie Aurelian und Ferreolus, die die
-kirchlichen Satzungen zusammengestellt; Geschichtsschreiber wie
-Rotherius, berühmt durch ein Geschichtswerk, das aber verloren gegangen
-ist.
-
-Die Werke der nachfolgenden Jahrhunderte wurden in der Bibliothek des
-Herzogs Jean spärlicher. Indessen war das sechste Jahrhundert noch durch
-Fortunatus, Bischof von Poitiers, durch Boëthius, den alten Gregor von
-Tours, und Jornandes vertreten.
-
-Wenig entzückt von der Schwerfälligkeit der karolingischen Lateiner, wie
-Eginhart und Alcuin, begnügte er sich als Sprachprobe des neunten
-Jahrhunderts mit den Chroniken des Anonymus von St. Gallen, des Frechulf
-und des Regino, mit dem Gedichte von der Belagerung von Paris, verfasst
-von Abbo le Courbé, mit dem »Hortulus«, mit der Dichtung von Ermold le
-Noir, die Thaten Ludwigs des Frommen preisend, und einigen nicht zu
-klassificierenden moderneren Werken ohne Jahreszahl, Werken der
-Geheimlehre, der Arzeneikunde, der Pflanzenkunde, einzelnen Bänden der
-Kirchenväterkunde von Migne, welche nirgends mehr zu findende
-christliche Poesieen enthielten, und mit der Blumenlehre der kleinen
-lateinischen Poeten von Wernsdorff.
-
-Mit dem Anfang des zehnten Jahrhunderts hörte seine lateinische
-Bibliothek auf.
-
-Die alten Ausgaben, die Herzog Jean sorgfältig gesammelt hatte, waren
-hiermit erschöpft, und mit einem jähen Sprunge über Jahrhunderte hinweg
-leiteten seine Bücher direkt zu der französischen Sprache des jetzigen
-Jahrhunderts über.
-
-
-
-
- VIERTES KAPITEL.
-
-
-Eines Nachmittags hielt ein Wagen vor dem Hause in Fontenay. Da Herzog
-Jean keine Besuche empfing und sich selbst der Briefträger nicht einmal
-in dieser unbewohnten Gegend zeigte, weil er niemals einen Brief oder
-eine Zeitung zu bestellen hatte, so zögerten anfänglich die beiden alten
-Dienstboten, nicht wissend, ob sie öffnen durften. Auf das laute
-Geklingel der Glocke, die mit aller Kraft gezogen wurde, wagten sie es
-endlich, durch das kleine Schiebfenster, welches in der Thür angebracht
-war, zu sehen; vor derselben stand ein Herr, dessen ganze Brust vom Hals
-bis zum Leib mit einem ungeheuren goldenen Schild bedeckt war.
-
-Sie benachrichtigten hierauf ihren Herrn, der am Frühstückstisch sass.
-
-»Ganz richtig, führen Sie ihn herein,« sagte er -- denn er erinnerte
-sich, dass er vor einiger Zeit einem Edelsteinhändler, der eine
-schwierige Bestellung für ihn ausführen sollte, seine Adresse gegeben
-hatte.
-
-Der Herr grüsste und setzte ohne Umstände auf den Boden des Esszimmers
-seinen Schild nieder, der sich bewegte, sich dann ein wenig erhob, unter
-dem der kleine schlangenartige Kopf einer Schildkröte hervorlugte, um
-sich plötzlich wieder erschrocken unter die Schale zurückzuziehen.
-
-Diese Schildkröte war eine phantastische Idee des Herzogs Jean, die ihm
-einige Zeit vor dem Verlassen von Paris gekommen war.
-
-Eines Tages, da er einen orientalischen Teppich besah und die Reflexe
-desselben bewunderte, die je nach dem Silberglanz, der über das Gewebe
-lief, bald aladingelb, bald pflaumenblau leuchteten, sagte er sich, dass
-es sich nicht übel ausnehmen müsse, etwas Bewegliches auf den Teppich zu
-setzen, um den Farbenreiz durch einen dunklen Ton zu erhöhen.
-
-Von dieser Idee ganz eingenommen, war er aufs Geratewohl durch die
-Strassen geschlendert und bis zum Palais-Royal gekommen. Als er hier im
-Schaufenster bei Chevet eine Schildkröte in einem Bassin bemerkte, da
-schlug er sich vor die Stirn, wie jemand, dem plötzlich ein Gedanke
-gekommen.
-
-Er kaufte das Tier, setzte es dann auf den Teppich und sich davor. Lange
-hatte er das Tier mit halbgeschlossenen Augen aufmerksam betrachtet.
-
-Der Ton des harten Braunes des Rückenschildes verdunkelte die Reflexe
-des Teppichs, ohne sie zu beleben; der vorherrschende Silberglanz
-strahlte jetzt kaum und streifte mit seinem kalten zinkfarbigen Ton den
-Rand dieser harten glanzlosen Schale.
-
-Er biss sich auf den Finger, ein Mittel suchend, diese Missverbindung zu
-versöhnen und die offenbare Scheidung der Töne zu verhindern, wobei er
-schliesslich entdeckte, dass seine erste Idee, die darin bestand, die
-Flammen des Gewebes mit einem darauf gesetzten beweglichen dunklen
-Gegenstand zu schüren, falsch war. Im Grunde genommen war dieser Teppich
-noch zu auffällig, zu lebhaft und zu neu. Die Farben waren noch nicht
-genügend abgestumpft und gedämpft; es handelte sich darum, den Satz
-umzukehren, die Töne abzuschwächen, sie durch den Kontrast eines
-glänzenden Gegenstandes zu erlöschen, alles um sich zu erdrücken und
-goldiges Licht auf das matt silberne zu werfen.
-
-In dieser Weise dargestellt, war die Frage leichter zu entscheiden. Er
-beschloss infolgedessen, den Panzer der Schildkröte mit einer Goldglasur
-überziehen zu lassen.
-
-Als das Tier von dem Praktikus, der es in Arbeit gehabt hatte, wieder
-zurückkam, leuchtete es wie die Sonne.
-
-Anfänglich war Herzog Jean ganz entzückt von der Wirkung; dann kam ihm
-der Gedanke, dass dieses riesengrosse Schmuckstück bis jetzt nur
-flüchtig entworfen, und dass es erst vollendet wäre, wenn es mit
-eingelegten seltenen und kostbaren Steinen besetzt sein würde.
-
-Er wählte aus einer japanischen Sammlung eine Zeichnung, die ein
-Arrangement von Blumen vorstellte, die von einem dünnen Stengel wie
-Raketen ausgingen. Er brachte das Muster zu einem Goldschmied, zeichnete
-eine Einfassung darum, die das Bouquet in einen ovalen Rahmen
-einschloss, und erklärte dem verdutzten Juwelenhändler, dass die Blätter
-und die Kelche jeder der Blumen in Edelsteinen ausgeführt und in das
-Schild des Tieres selbst eingelassen werden sollten.
-
-Die Wahl der Edelsteine war nicht leicht: der Diamant ist zu gewöhnlich
-geworden, seit die Kaufleute ihn am kleinen Finger tragen; die Smaragde
-und die Rubinen des Orients sind weniger entwürdigt, aber sie erinnern
-zu sehr an die grünen und roten Omnibus-Laternen. Was die Topase
-anbelangt, geglüht oder roh, so sind es nur wohlfeile Steine, der
-kleinen Bürgersfrau überaus wert, die ihre Schmucksachen noch mit
-Wohlgefallen in ihren Leinenschrank verschliesst; anderseits hat der
-Amethyst, obgleich ihm die Kirche den priesterlich-ernsten Charakter
-bewahrt, in den roten Ohren und an den feisten Händen der
-Schlächterfrauen, welche sich für einen bescheidenen Preis gern mit
-schwerfälligem Schmuck behängen, an Wert sehr verloren. Dem Saphir
-allein ist sein unverletztes Feuer nicht durch spekulative Ausnutzung
-genommen. Seine Strahlen rieseln wie klares kaltes Wasser und haben
-sozusagen seinen zurückhaltenden und hochmütigen Adel gegen jeden
-Schmutz bewahrt. Unglücklicherweise funkeln seine frischen Farben nicht
-bei Licht; das blaue Wasser geht in sich selbst zurück, scheint
-einzuschlafen, um erst wieder beim Anblick des Tages aufzuwachen und zu
-blitzen.
-
-Schliesslich befriedigte nicht einer von diesen Steinen den Herzog Jean;
-ausserdem waren sie zu civilisiert und zu bekannt. Er liess
-wunderlichere und seltsamere Steine durch seine Finger gleiten, und
-zuletzt suchte er eine Serie von wirklichen und künstlichen Steinen aus,
-deren Mischung eine bezaubernde und überraschende Harmonie hervorbringen
-sollte.
-
-Er setzte in folgender Weise das Bouquet seiner Blumen zusammen: die
-Blätter wurden von klarem bestimmten Grün gefasst mit dem Chrysoberill,
-einem spargelgrünen Edelstein; grünem Chrysolith; dunkelgrünem Olivin.
-Diese hoben sich von den Zweigen aus Almadin und Ouwarovit ab, einem
-blauroten Stein, der in kaltem Glanze flimmert, wie etwa das Glimmen des
-Weinsteins im Innern der Fässer.
-
-Für die Blumen, die strahlenförmig vom Stengel ausgehen, benutzte er
-bläuliche Aschfarbe; aber er vermied streng den orientalischen Türkis,
-den man für Busennadeln und Ringe verwendet und der mit der alltäglichen
-Perle und der abscheulichen Koralle das Entzücken des Kleinbürgertums
-ist. Dagegen wählte er schliesslich die Türkise des Abendlandes, Steine,
-die im eigentlichen Sinne des Wortes nur fossiles Elfenbein sind, von
-einer kupferfarbigen Substanz durchdrungen, wie von schmachtendem Blau
-erfüllt, undurchsichtig, schwefelhaltig und wie mit Galle gefärbt.
-
-Als dies geschehen, machte er sich daran, die Kelche seiner aufgeblühten
-Blumen mitten im Strausse einzufassen und für die Blumen, die
-dem Stengel am nächsten standen, durchsichtige Steine mit
-gläsern-krankhaftem Glanz, mit fieberhaft scharfem Strahl zu wählen.
-
-Er setzte sie einzig und allein aus indischen Katzenaugen, Cymophanen
-und saphirartigen Steinen zusammen.
-
-Von diesen drei Steinen ging in der That ein geheimnisvoll-wunderlicher
-Schimmer aus, der schmerzlich aus dem kalten Grunde trüben Wassers
-herausgerissen schien: das Katzenauge von einem grünlichen Grau, von
-schwachen Adern durchzogen, welche sich zu bewegen schienen und jeden
-Augenblick den Platz wechselten, je nach dem darauf fallenden Lichte;
-der Cymophan mit dem moirierten Azurblau, das über die milchweisse
-Farbe hinläuft, die im Innern lebt; der Saphirin, der auf
-dunkelbraun-schokoladefarbigem Grunde phosphorbläuliche Feuer entzündet.
-
-Der Juwelenhändler machte sich Notizen betreffs der Stellen, in welche
-die Steine eingesetzt werden sollten.
-
-»Und die Einfassung der Schale der Schildkröte?« fragte er schliesslich.
-
-Herzog Jean hatte zuerst an einige Opale und Hydrophane, -- eine Art
-Opal, welcher Wasser einsaugt und dadurch durchsichtiger und
-farbenspielender wird, -- gedacht; aber die Verwendbarkeit dieser
-interessanten Steine ist wegen der Unbestimmtheit ihrer Farben und des
-Zweifelhaften ihres Feuers zu schwierig. Der Opal hat eine geradezu
-rheumatische Empfindlichkeit. Das Spiel seiner Strahlen verändert sich
-je nach der Feuchtigkeit, der Wärme oder Kälte; und was den Hydrophan
-anbelangt, so blitzt er nur im Wasser und scheint seine Glut zu
-entzünden, wenn man ihn anfeuchtet.
-
-Zuletzt entschloss er sich zu den Steinen, deren Reflexe sich
-abwechseln: zu dem Hiazinth von Compostella, einem rötlich-gelben
-Edelstein; Aquamarin, meergrün; Ballas-Rubin, blassrot;
-Südermannlands-Rubin, rotgelb. Ihr schwaches Schimmern genügte, um die
-dunklen Schatten des Rückenschildes zu erhellen und das Blühen der
-Edelsteine nicht zu beeinträchtigen, welche sie mit einer schmalen
-Guirlande von unbestimmter Leuchtkraft umgaben. --
-
-Und nun setzte sich Herzog Jean in eine Ecke seines Esszimmers und
-betrachtete mit Wohlgefallen die im Schatten goldglänzende Schildkröte.
-
-Er fühlte sich vollkommen glücklich; seine Blicke berauschten sich an
-dem hellen Glanz der Blumenkronen auf goldenem Grund. Dann aber -- ganz
-gegen seine Gewohnheit -- stellte sich eine gewisse Esslust bei ihm ein.
-Er tunkte seine gerösteten Brotschnitte, die mit einer ganz besonderen
-Butter bestrichen waren, in eine Tasse Thee, eine treffliche Mischung
-von Si-a-Fayoune, Mo-you-tann und Khansky, gelben Theesorten, die von
-China nach Russland durch besondere Karawanen geschickt werden, wodurch
-sie den famosen Kameelduft angenommen haben.
-
-Der Herzog trank diese duftige Flüssigkeit aus dem feinsten chinesischen
-Porzellan, das man wegen seiner Durchsichtigkeit als Eierschalen
-bezeichnet. Zu diesen entzückenden Tassen benutzte er nur Bestecke aus
-altem vergoldeten Silber, das die Vergoldung schon etwas verloren hatte,
-so dass das Silber unter dem Gold ein wenig zum Vorschein kam und ihm so
-die Färbung vormaliger Zartheit ganz diskret wiedergab.
-
-Nachdem er einen letzten Schluck genommen, ging er in sein Arbeitszimmer
-zurück und liess sich durch den Diener die Schildkröte bringen, die in
-ihrer hartnäckigen Unbeweglichkeit verharrte.
-
-Der Schnee fiel in dichten Flocken. Bei dem Licht der Lampen bildeten
-sich Eisblumen hinter den bläulichen Scheiben, und der Reif, der in den
-Flaschenböden der mit Gold besprenkelten Fenster glänzte, glich
-geschmolzenem Zucker.
-
-Ein tiefes Schweigen hüllte das Häuschen wie in Finsternis erstarrt ein.
-
-Herzog Jean träumte; die brennenden Holzscheite im Kamin erfüllten mit
-ihrer wärmenden Ausströmung das Gemach; er öffnete halb das Fenster.
-
-Wie ein hoher Vorhang verkehrten Hermelins hob sich der Himmel vor ihm
-schwarz mit weissen Tüpfchen ab. Ein eiskalter Wind wehte, der den
-Schneeflug beschleunigte. Der heraldische Vorhang des Himmels kehrte
-sich bald um und wurde ein wirklich weisser Hermelin, nun wieder schwarz
-getupft.
-
-Er schloss das Fenster wieder. Der schroffe Wechsel von grosser Hitze
-und der Kälte des Winters hatte ihn gepackt; er zog sich ans Feuer
-zurück. Es kam ihm der Gedanke, ein geistiges Getränk zu geniessen, das
-ihn wieder erwärmte.
-
-Er ging ins Esszimmer, wo ein Wandschrank in der Mauer angebracht war,
-in dem sich eine Reihe kleiner Tonnen dicht nebeneinander auf kleinen
-Blöcken von Sandelholz befanden, die alle mit kleinen silbernen Hähnchen
-am unteren Ende versehen waren.
-
-Er nannte diese Sammlung von Likören seine Mundorgel.
-
-Eine Röhre konnte alle Hähne vereinigen. Wenn das Instrument richtig
-gestellt war, brauchte er nur auf den Knopf, der in dem Holzwerk
-verborgen war, zu drücken, um alle Hähne auf einmal aufzudrehen, worauf
-sich die winzigen Becher, die unter ihnen standen, mit Likör füllten.
-
-Diese Orgel, auf die bezeichneten Stimmen Flöte, Waldhorn, Vox Divina u.
-s. w. gestellt, war stets zu seiner Benutzung bereit. Herzog Jean trank
-von diesem und jenem Likör einige Tropfen, spielte sich innere
-Symphonieen vor, und es gelang ihm, seinem Gaumen ähnliche Genüsse zu
-verschaffen, wie solche die Musik dem Ohre bereitet. Ausserdem stimmte
-jeder Likör seiner Ansicht nach mit dem Ton eines Instrumentes überein.
-
-Der trockene Curaçao zum Beispiel mit der Klarinette, deren Töne spitz
-und weich sind; der Kornbranntwein mit der Hoboe, deren Klang näselt;
-der Pfefferminz und Anisette mit der Flöte, süss und scharf, schrill und
-sanft zugleich; das Kirschwasser mit der Trompete; Gin und Whisky
-erschraken den Gaumen durch ihren schrillen Schall, wie Klapphorn und
-Posaune das Ohr heftig mitnehmen, während der Weinträberschnaps
-gleichsam den betäubenden Lärm der Tuba verursacht, und der russische
-Raky und der Mastic der Mundhaut die Schläge der Zimbel und der Pauke
-mitteilen.
-
-Er meinte auch, dass diese Vergleiche sich auf
-Quartett-Saiteninstrumente übertragen lassen, indem unter dem
-Gaumengewölbe die Geige den alten Cognac vorstellt, berauschend und
-zart, scharf und spröde, während die Bratsche kräftiger, voller, dumpfer
-den Rum simuliert; der Magenbitter zerreissend, melancholisch und
-schmeichelnd wie ein Violoncell erklingt, die Bassgeige dagegen schwer,
-stark und düster wie ein scharfer alter Bitter wirkt. Man könnte selbst
--- ein Quintett bildend -- die Harfe hinzufügen, die mit einer gleichen
-Wahrscheinlichkeit die mächtige Kraft und ihre silbernen Klänge, frei
-und zart wie der Kümmel wiedergäbe.
-
-Diese Voraussetzungen einmal angenommen, war er so weit gekommen,
-infolge rastloser Versuche auf seiner Zunge stille Melodieen zu spielen,
-stumme Trauermärsche mit grossem Gepränge aufzuführen, Soli von
-Pfefferminz, Duette zwischen Bittern und Rum zu hören.
-
-Es gelang ihm so, in seine Kinnbacken wirkliche Musikstücke den Wünschen
-des Komponisten gemäss zu übertragen, Takt für Takt seine Gedanken,
-seine Wirkungen, seine Nüancen wiedergebend und durch nahe Verbindungen
-oder Kontraste der Liköre, durch geschickte Mischungen Accorde
-erzeugend.
-
-Früher komponierte er seine Melodieen selbst und führte seine Idyllen
-mit dem gutmütigen Johannisbeerlikör auf, der ihm den perlenden Gesang
-der Nachtigall in der Kehle trillern machte, oder er sang mit dem
-sanften Kakao-Chouva die süsslichen Schäferlieder, wie: die Romanzen von
-Estella und die »Ach! ich sage Ihnen, Mama« aus der alten Zeit.
-
-Aber heute Abend hatte der Herzog durchaus keine Lust, der Musik zu
-fröhnen; er begnügte sich damit, einen einzigen Ton auf der Klaviatur
-seiner Orgel anzuschlagen; er nahm seinen kleinen Becher, den er zuvor
-einfach mit echtem irländischen Whisky gefüllt hatte und machte es sich
-in seinem Sessel bequem, ganz langsam diesen aus Hafer und Gerste
-gegohrenen Saft schlürfend, der seinen Mund mit einem starken
-Kreosotgeruch erfüllte.
-
-Nach und nach beim Trinken folgten seine Gedanken wieder dem belebten
-Eindruck seines Gaumens; er erweckte so durch eine fatale Ähnlichkeit
-von Gerüchen eine seit Jahren verwischte Erinnerung.
-
-Dieser scharfe Karbolduft erinnerte ihn an den gleichen Geruch, der zu
-einer Zeit, da die Zahnärzte an seinem Zahnfleisch herumarbeiteten,
-seinen Mund erfüllt hatte.
-
-Einmal auf diesen Weg gebracht, erging er sich zuerst in Träumereien
-über all die Praktikusse, die er kennen gelernt hatte, er sammelte sich
-und konzentrierte seine Erinnerung auf einen, dessen seltsame
-Erscheinung ihm besonders im Gedächtnis verblieben.
-
-Es war vor drei Jahren, als er mitten in der Nacht von einem rasenden
-Zahnschmerz befallen wurde; er wickelte sich den Kopf ein, stiess in
-Verzweiflung gegen alle Möbel und rannte wie ein Wahnsinniger im Zimmer
-umher.
-
-Es war ein schon plombierter Backenzahn und keine Heilung möglich; die
-Zange des Zahnarztes allein konnte dem Übel abhelfen.
-
-Fieberhaft erwartete er den Tag, entschlossen, die schrecklichsten
-Operationen zu erdulden, wenn sie nur seinem Leiden ein Ende machen
-würden.
-
-Sich fortwährend den Mund zuhaltend, fragte er sich, was er thun solle.
-Die Zahnärzte, die ihn gewöhnlich behandelten, waren reiche Leute, die
-man nicht so nach seinem Gefallen sprechen konnte; da mussten erst mit
-ihnen die Besuche und die Stunden der Konsultationen ordentlich
-verabredet werden. Das war jedoch unmöglich. »Ich kann es nicht länger
-hinausschieben,« sagte er sich; und er entschloss sich, zu dem ersten
-besten zu gehen, zu einem Zahnausreisser gewöhnlichen Schlages, einem
-jener Leute mit eiserner Faust, welche mit einer Geschwindigkeit
-ohnegleichen die hartnäckigsten Zahnstümpfe zu entfernen wissen. Diese
-sind vom frühen Morgen an zu sprechen und bei ihnen braucht man nicht zu
-warten.
-
-Endlich schlug es sieben Uhr. Er lief aus dem Hause, sich des Namens
-eines bekannten Technikers erinnernd, der sich »Volkszahnarzt« nannte
-und an der Ecke eines Quais wohnte. Er durchrannte die Strassen und biss
-verzweiflungsvoll in sein Taschentuch, um die Thränen zurückzuhalten.
-
-Er war eben vor dem Hause angelangt, das man schon von weitem an dem
-grossen schwarzen Holzschilde erkennen konnte, auf dem mit enorm grossen
-Buchstaben der Name »Gatonax« gemalt war; in zwei kleinen Glaskästen sah
-man Zähne in Zahnfleisch aus rosa Wachs sorgfältig aufgereiht und durch
-eine mechanische Feder aus Draht miteinander verbunden. Er keuchte, der
-Schweiss trat ihm auf die Stirn und eine wahnsinnige Angst befiel ihn,
-ein Schauer durchrieselte seine Haut, worauf sich urplötzlich eine
-Linderung fühlbar machte: er litt nicht mehr, der Zahn that nicht mehr
-weh.
-
-Wie verdummt blieb er auf dem Trottoir stehen; schliesslich aber stemmte
-er sich gegen die Angst und kletterte eine dunkle Treppe bis zum dritten
-Stock hinauf. Da stand er vor einer Thür; ein Porzellanschild mit
-himmelblauen Buchstaben: es war derselbe Name wie unten an der Thür.
-
-Er zog die Klingel; doch entsetzt durch die Blutauswürfe, die er auf den
-Treppenstufen bemerkte, wollte er jetzt umkehren, entschlossen, sein
-ganzes Leben lang Zahnschmerz zu erdulden, als ein Schrei das
-Treppenhaus erfüllte, der den Entsetzten auf seinen Platz bannte. Im
-selben Augenblick öffnete sich die Thür und eine alte Frau bat ihn
-einzutreten.
-
-Die Scham überwand die Furcht. Man führte ihn in das Esszimmer, eine
-andere Thür ward zugeschlagen, und ein grosser vierschrötiger Mann im
-schwarzen Gehrock und schwarzen Beinkleidern trat ein und forderte ihn
-auf, ihm in ein anderes Zimmer zu folgen.
-
-Seine Empfindungen wurden von diesem Augenblicke ab undeutlich. Er
-erinnerte sich, sich auf einen Sessel neben dem Fenster niedergesetzt
-und etwas gestammelt zu haben, während er den Finger auf seinen Zahn
-legte: »Schon mal plombiert ... fürchte, es ist nichts zu machen ...«
-
-Der Mann hob schnell die Auseinandersetzung auf, indem er dem Herzog
-seinen enormen Zeigefinger in den Mund schob; dann etwas in seinen
-gewichsten und spitz gedrehten Schnurrbart brummend nahm er ein
-Instrument vom Tisch, womit er die grosse Szene begann.
-
-Herzog Jean hatte sich krampfhaft an die Lehne des Sessels geklammert
-und gefühlt, wie etwas Kaltes seine Backe berührte; hierauf hatte er vor
-den Augen nur Funken gesehen; er wurde von entsetzlichsten Schmerzen
-erfasst, und so brüllte er, mit den Füssen strampelnd, wie ein wildes
-Tier.
-
-Man hörte ein Knacken, der Backenzahn war beim Herausziehen abgebrochen;
-ihm war, als ob man ihm den Kopf abrisse oder den Schädel einschlüge. Er
-hatte aus Leibeskräften geheult und sich wütend gegen den Mann gewehrt,
-der sich von neuem auf ihn stürzte, als ob er mit seinem Arm ihm in den
-Leib dringen wolle.
-
-Der Arzt war nach der zweiten Operation einen Schritt zurückgetreten,
-hatte den Herzog wieder in den Sitz zurückfallen lassen, worauf er an
-das Fenster ging, schwer Atem holte und am Ende seiner Zange einen
-blauen Zahnstumpf hielt, an dem etwas Rotes hing.
-
-Wie vernichtet hatte Herzog Jean eine ganze Schale voll Blut
-ausgebrochen, mit einer heftigen Bewegung den Zahnstumpf verweigert,
-welchen ihm die alte Frau, in ein Stück Zeitungspapier gewickelt,
-darreichte und war davongestürzt, nachdem er zwei Franken gezahlt hatte.
-
-Auf der Strasse war er ganz heiter, wie um zehn Jahre jünger, sich für
-alles und jedes interessierend. -- -- --
-
-»Brr!« murmelte er jetzt, ganz erschreckt von dem Gang, den seine
-Gedanken genommen hatten.
-
-Er stand auf, um diese Vision zu zerstören, und um in die Wirklichkeit
-zurückzukehren, fing er an, sich wieder mit der Schildkröte zu
-beschäftigen.
-
-Sie rührte sich noch immer nicht, er befühlte sie, sie war tot. Sie war
-an eine ruhige Existenz, an ein demütiges Leben, das sie unter ihrer
-ärmlichen Schale zubrachte, gewöhnt; sie hatte den glänzenden Luxus, den
-man ihr aufdrang, den goldglänzenden Überzug, mit dem man sie bekleidet,
-die Edelsteine, mit denen man ihr den Rücken gepflastert, nicht
-vertragen können.
-
-
-
-
- FÜNFTES KAPITEL.
-
-
-Zur selben Zeit, da sich sein Wunsch verschärfte, sich einem
-hassenswerten Zeitalter von unwürdigen Stockfischen zu entziehen, machte
-sich das Bedürfnis, keine Bilder mehr zu sehen, welche das menschliche
-Antlitz darstellten, Bilder solcher Personen, die in Paris nur zwischen
-ihren vier Wänden herumkrauchen, oder auf den Strassen auf der Suche
-nach Geld lungern, immer gewaltsamer geltend.
-
-Nachdem er sich mit dem Leben und Treiben seiner Zeit abgefunden, hatte
-er sich vorgenommen, keine Larven, die ihm nur Widerwillen oder Bedauern
-einflössten, in seine Zelle einzuführen; er wünschte Gemälde, welche
-zarte und köstliche Phantasieen alter Zeit und klassischer Verderbtheit
-vorstellten, die unsern Tagen und Sitten fern liegen.
-
-Er brauchte zum Ergötzen seines Geistes wie zur Freude seiner Augen
-einige Gemälde, die ihn in eine unbekannte Welt einführen, ihm die
-Spuren neuer Ideen enthüllen und sein Nervensystem durch hysterische
-Sensationen erschüttern sollten.
-
-Da gab es einen Künstler vor allen, der ihn zu grosser Begeisterung
-hinriss: Gustav Moreau.
-
-Zwei seiner Meisterwerke befanden sich in seinem Besitz; und während der
-Nacht sass er oft träumend vor einem derselben, dem Gemälde der Salome:
-
-Ein Thron, dem Hochaltar einer Kathedrale gleich, stand unter gewaltigen
-Wölbungen, die aus niedrigen Säulen emporwachsen, ähnlich römischen
-Pfeilern, glasiert mit bunten Ziegeln, in Mosaik gefasst und mit
-Lasursteinen und Sardonyxen eingelegt: ein Palast, einer Basilika
-ähnlich, in muhammedanisch-byzantinischer Architektur aufgeführt.
-
-In der Mitte des Tabernakels, welches den Altar überragte, zu dem einige
-Stufen in halbrunder Form hinanführten, sass der Tetrarch Herodes, auf
-dem Kopfe die Tiara, die Beine emporgezogen und die Hände auf den Knieen
-ruhend.
-
-Sein Gesicht war gelb wie Pergament, alterzerstört und voller Falten;
-sein langer Bart wallte wie eine weisse Wolke über das Edelgestein, mit
-dem sein aus Goldstoff gefertigtes und die Brust bedeckendes Gewand
-besäet war.
-
-Um diese unbewegliche Statue, die in der eigentümlichen Stellung des
-Hindu-Gottes wie erstarrt dasass, brannten Spezereien, die leichte
-Rauchwolken verbreiteten und den Glanz der Edelsteine, die in den
-Thronhimmel eingefügt waren, weckten. Der Dampf stieg höher und
-verbreitete sich unter den Bogengängen, wo der bläuliche Rauch sich mit
-dem Goldstaube der hellen Sonnenstrahlen mischte, die durch die Kuppel
-fielen.
-
-In dieser heissen, von Wohlgerüchen geschwängerten Luft des Tempels
-steht Salome, den linken Arm gebieterisch ausgestreckt, den rechten
-gebogen, eine grosse Lotusblume in Gesichtshöhe haltend; sie nähert sich
-langsam auf den Fussspitzen nach den Klängen einer Guitarre, deren
-Saiten eine am Boden hockende Frau schlägt.
-
-Das Gesicht andächtig, feierlich, beginnt sie fast erhaben ihren
-wollüstigen Tanz, der die schlummernden Sinne des alten Herodes wecken
-soll. Ihr Busen wogt und bei der Berührung der im Kreise wirbelnden
-Halskette richten sich ihre Brüste in die Höhe. Auf der feuchten Haut
-blitzen die Diamanten, ihre Armbänder, ihre Gürtel, ihre Ringe warfen
-strahlende Funken über ihr prunkhaftes, mit Perlen benähtes, mit Gold
-und Silber gesticktes Gewand.
-
-Es ist ein zarter Panzer aus feiner Goldarbeit, dessen Maschen je ein
-Edelstein ziert, deren Feuer sich schlangenartig kreuzt über der matten,
-theerosen-zarten Haut, wie glänzende Insekten mit strahlenden
-Flügeldecken, rot marmoriert, hochgelb punktiert, stahlblau gefleckt,
-pfauengrün getigert.
-
-Die Augen, denjenigen einer Nachtwandlerin ähnlich, sind starr auf einen
-Punkt gerichtet und sehen weder den Tetrarchen, der erbebt, noch ihre
-Mutter, die entsetzliche Herodias, welche sie beobachtet, noch den
-Eunuchen, der am Fusse des Thrones mit dem Säbel in der Hand unbeweglich
-dasteht, sein schreckliches Gesicht bis an die Backen verhüllt, seine
-Brust wie ein vertrockneter Kürbis unter der gelbbunten Tunika
-hervorhängend.
-
-Dieses Urbild der Salome verfolgte seit Jahren den Herzog Jean. Wie oft
-hatte er in der alten Bibel, von Peter Variquet, dem Gottesgelehrten der
-Universität Löwen, übersetzt, das Evangelium des heiligen Matthäus
-gelesen, der in kurzen, naiven Sätzen die Enthauptung des Vorgängers
-Christi erzählt. Wie oft war er nicht in tiefes Nachdenken versunken
-beim Lesen jener Zeilen:
-
-»Am Jahrestagfeste des Herodes tanzte die Tochter der Herodias und
-gefiel dem Herodes sehr.
-
-Da versprach er ihr und schwur's mit einem Eide, ihr alles zu geben, was
-sie erbitten würde.
-
-Und sie, von ihrer Mutter verleitet, sagte: Gieb mir das Haupt Johannes
-des Täufers auf einer Schüssel.
-
-Der König aber wurde betrübt; doch um des Eides und derer willen, die
-mit ihm am Tische sassen, befahl er, dass es ihr überbracht würde.
-
-Und er schickte alsbald hin und liess Johannes im Kerker enthaupten.
-
-Und man brachte sein Haupt auf einer Schüssel und gab's dem Mägdelein;
-und diese überreichte es ihrer Mutter.«
-
-Aber weder Matthäus, noch Markus, noch Lukas verbreiten sich über den
-berauschenden Zauber, über die moralische Versunkenheit der Tänzerin.
-Sie bleibt verwischt, geheimnisvoll und verloren in dem fernen Nebel der
-Jahrhunderte, unfassbar für die realen, alltäglichen Geister, nur den
-erschütterten und geschärften Gehirnen zugängig, die durch
-Nervenkrankheit hellsehend geworden; spröde auch gegenüber dem Maler des
-Fleisches, Rubens, der sie in eine flanderische Schlächtersfrau
-verwandelte; unverständlich allen Schriftstellern, die niemals die
-aufregende Begeisterung der Tänzerin, die raffinierte Geistesgrösse der
-Mörderin darzustellen vermochten.
-
-In dem Werk von Gustav Moreau, in seinem Entwurfe frei von aller
-Tradition, sah Herzog Jean endlich diese übermenschliche und seltsame
-Salome verkörpert. Sie war nicht allein die Tänzerin, welche durch
-wollüstige Windungen ihrer Hüften einem geschwächten Greise den Schrei
-frivoler Begier entlockt, indem sie sich den Willen eines Königs durch
-die Bewegungen ihres Leibes und das Zittern ihrer Schenkel unterwirft;
-sie wurde sozusagen die sinnbildliche Gottheit unzerstörbarer Wollust,
-die Göttin der unsterblichen Hysterie; jenes einfache Sinnentier,
-ungeheuer, gefühllos, unempfindlich, alles, was sich ihr nähert, sie
-berührt und sie sieht, vergiftend.
-
-Ein unwiderstehlicher Zauber ging von diesem Bilde aus. Aber das
-Aquarell, betitelt »Die Erscheinung«, wirkte vielleicht noch
-aufregender.
-
-Auf diesem Gemälde hob sich der Palast des Herodes wie eine Alhambra,
-auf schlanken regenbogenfarbigen Säulen von maurischen Kacheln, wie mit
-silbernem Mörtel und goldenem Cement zusammengefügt, ab; Arabesken
-gingen von Lasursteinen aus, schlängelten sich um Kuppeln und auf den
-mit Perlmutter eingelegten Arbeiten entlang, die in regenbogenfarbige,
-prismatische Strahlen ausliefen.
-
-Hier war der Mord vollzogen; der Henker stand jetzt unbeweglich, die
-Hände auf den Knauf seines langen mit Blut befleckten Schwertes
-stützend.
-
-Das abgeschlagene Haupt des Heiligen hatte sich in der Schüssel, die auf
-den Steinplatten stand, in die Höhe gerichtet, fahl, den bleichen Mund
-offen, den Hals karmoisinrot, triefend von Blut. Eine Musivarbeit umgab
-den Kopf, von dem ein leuchtender Glorienschein seine Lichtstrahlen auf
-die Säulenhalle warf, die schreckliche Erhebung des Kopfes beleuchtend,
-die gläsernen Augäpfel entzündend, die sozusagen fest auf der Tänzerin
-haften.
-
-Mit einer Gebärde des Entsetzens stösst Salome die schreckliche Vision
-zurück, die sie unbeweglich auf den Fussspitzen festhält. Mit
-weitgeöffneten Augen, die Hand krampfhaft ihren Busen umklammernd,
-starrt sie die Erscheinung an.
-
-Sie ist fast nackt; in der Aufregung des Tanzes haben sich die Schleier
-gelöst, die Goldstoffe sind herabgefallen; sie ist nur noch mit dem
-Goldschmuck und den durchsichtigen Juwelen behangen.
-
-Der schreckliche Kopf strahlt, immer noch blutend, kleine dunkelpurpurne
-Kiesel an den Spitzen des Bartes und Haares ansetzend. Sichtbar ist er
-für Salome allein. Sie streift mit ihrem düstern Blick weder die
-Herodias, die an ihren endlich gestillten Hass denkt, noch den
-Tetrarchen, der, etwas vorgebeugt, die Hände auf den Knieen, keuchend
-dasitzt und wahnsinnig bethört ist durch die Nacktheit dieses jungen
-Körpers, der von wild aufregenden Wohlgerüchen, von Weihrauch und
-Myrrhen umduftet ist. --
-
-So wie der alte König blieb auch Herzog Jean zermalmt und vernichtet,
-vom Schwindel ergriffen vor dieser Tänzerin, die weniger majestätisch,
-weniger hochmütig, aber verwirrender als die Salome des Ölgemäldes auf
-ihn wirkte.
-
-Verloren in diese seine Betrachtungen versuchte der Herzog dem Ursprung
-dieses grossen Künstlers, dieses mystischen Heiden, dieses Illuminaten,
-der sich so völlig von der Welt abzusondern vermochte, um mitten in
-Paris grausame Visionen, feenhafte Apotheosen der vergangenen Zeitalter
-erstrahlen zu sehen, auf die Spur zu kommen.
-
-Mantegna und Jacopo de Barbarj, hie und da verworrene Verbindung mit
-Vinci, Farbenfieber à la Delacroix; aber der Einfluss dieser seiner
-Meister blieb im ganzen genommen unmerklich. Ohne wirkliche Anlehnung
-blieb Moreau in der Kunst seiner Zeit einzig. Er stieg bis zu den
-ethnographischen Quellen hinauf, zu den Entstehungen der Götterlehre,
-deren blutige Rätsel er verglich und entwickelte; er vereinigte die
-Legenden des äussersten Orients, die sich danach mit dem Glauben der
-andern Völker zu einer einzigen verschmolzen.
-
-Er rechtfertigte somit seine architektonischen Verschmelzungen, sein
-verschwenderisch unerwartetes Gemisch von Stoffen, seine unheimlich
-sinnbildlichen Darstellungen, verschärft durch die aufregende
-Deutlichkeit einer modernen Nervosität.
-
-Es war in seinen Werken ein eigentümlicher Zauber, ein Reiz, der einen
-bis ins tiefste Innere bewegt, wie in einigen Dichtungen von Baudelaire;
-man bleibt erstaunt, träumerisch und bestürzt von dieser Kunst, die die
-Grenzen der Malerei überschreitet und der Dichtung ihre zartesten
-Gestaltungen entlehnt. Diese zwei Bilder der Salome, für welche Herzog
-Jean eine Bewunderung ohne Grenzen hegte, lebten unter seinen Augen, an
-den Wänden seines Arbeitszimmers.
-
-Aber darauf beschränkten sich keineswegs seine Bilderankäufe.
-
-Obgleich er den ersten und einzigen Stock seines Hauses, den er selbst
-nicht bewohnte, geopfert hatte, hatte das Erdgeschoss allein schon eine
-ganze Reihe Bilder verlangt.
-
-Das Erdgeschoss war folgendermassen eingeteilt: Ein Ankleidezimmer, das
-mit dem Schlafzimmer in Verbindung stand, befand sich in einem Flügel
-des Hauses; von dem Schlafzimmer ging man in das Bibliothekzimmer, von
-dort ins Esszimmer, welches den anderen Flügel bildete.
-
-Diese Zimmer, welche die eine Vorderseite der Wohnung darstellten,
-dehnten sich in gerader Linie aus und die Fenster sahen auf das Thal von
-Aunay hinaus.
-
-Die andere Seite der Behausung bestand aus vier, den ersteren ganz
-gleichen Zimmern. Die Küche, auf der entsprechenden Seite, stand mit dem
-Esszimmer in Verbindung; dann folgte ein grosser Hausflur, der als
-Eingang in das Bibliothekzimmer diente; eine Art Boudoir in Verbindung
-mit dem Schlafzimmer.
-
-Diese letzteren Zimmer gingen nach der entgegengesetzten Seite des
-Thales hinaus und sahen auf den Turm von Croy und Châtillon.
-
-Die Treppe war an einem der Flügel des Hauses von aussen angebracht;
-Herzog Jean hörte dadurch die Tritte seiner Dienstboten weniger
-deutlich.
-
-Er hatte das Boudoir mit einem lebhaft roten Stoff ausschlagen lassen,
-und an allen Wänden des Raumes hingen in schwarzen Ebenholzrahmen
-Kupferstiche von Johann von Luyken, einem alten holländischen
-Kupferstecher, der in Frankreich fast unbekannt war.
-
-Er besass von diesem phantastischen, unheimlichen und grausamen Künstler
-die Serie seiner »Religionsverfolgungen«, wahrhaft entsetzliche Blätter,
-die die Martern des religiösen Wahnsinns vorstellten, Bilder, auf denen
-der Anblick unheimlicher menschlicher Qualen geboten wurde: Körper auf
-Kohlenglut gebraten, der Schädelhaut beraubte Köpfe, von Nägeln
-durchbohrt, tiefe Einschnitte von Sägen herrührend, Eingeweide aus dem
-Leibe gerissen und auf Knäule gerollt, langsam mit Zangen losgelöste
-Fingernägel, ausgestochene Augäpfel, Augenlider, die mittels spitzer
-Instrumente umgekehrt waren, verrenkte Glieder, mit Sorgfalt gebrochen,
-blossgelegte Knochen, langsam mit der Klinge des Messers abgeschabt.
-
-Diese Werke, abscheuliche Phantasiegebilde, die nach verbranntem
-Menschenfleisch rochen, Blut schwitzten und erfüllt waren vom Schrei des
-Entsetzens und der Verfluchung, liessen dem Herzog Jean, den sie mit
-verhaltenem Atem in dieses rote Kabinett bannten, geradezu die Gänsehaut
-überlaufen.
-
-Aber ausser dem Schauder, den sie ihm bereiteten, ausser der gewaltigen
-Begabung dieses Künstlers, dem ausserordentlichen Leben seiner Figuren
-entdeckt man bei seinem erstaunlichen, seltenen Talent zur Gruppierung,
-die er mit einer an Callot erinnernden Geschicklichkeit und Schärfe zur
-Ausführung bringt, wunderbare Fähigkeiten zur Wiedergabe gewisser
-Zeitstadien: z. B. seine Architekturen, Kostüme und Sitten zur Zeit der
-Makkabäer, dann während der Christenverfolgung zu Rom; in Spanien, unter
-der Herrschaft der Inquisition; in Frankreich im Mittelalter, sowie zur
-Zeit der Pariser Bluthochzeit und der Dragonaden, die alle mit
-peinlicher Sorgfalt aufgefasst und mit ausserordentlicher Kunst
-wiedergegeben sind.
-
-Diese Kupferstiche waren treffliche Quellen für mancherlei Aufschlüsse;
-man konnte sie stundenlang betrachten, ohne zu ermüden; sie führten zum
-Nachdenken und halfen dem Herzog Jean oft die Zeit töten, wenn er keinen
-Sinn zum Lesen hatte.
-
-Auch das Leben von Luyken hatte einen gewissen Reiz für ihn. Eifriger
-Calvinist, verstockter Sektierer, vernarrt in Hymnen und Gebete, stellte
-er religiöse Poesien zusammen, die er gleichsam illustrierte. Er schrieb
-die Psalme in Verse um, vertiefte sich in die Bibel, von der er entzückt
-und gleichzeitig erschüttert wurde.
-
-Dabei die Welt verachtend überliess Luyken all seinen Besitz den Armen
-und lebte von trockenem Brot; schliesslich hatte er sich mit einer
-alten, durch ihn fanatisierten Dienerin eingeschifft. Er fuhr aufs
-Geratewohl hinaus, lief mit seinem Schiff hier und dort an und predigte
-überall das Evangelium, versuchte selbst ohne Essen zu leben, bis er
-beinahe verrückt geworden. --
-
-In dem grösseren Raum nebenan, in der mit Cedernholz in
-Cigarrenkistenfarbe bekleideten Vorhalle hingen andere Kupferstiche,
-andere Zeichnungen übereinander.
-
-Die »Todes-Komödie« von Bresdin. In einer unmöglichen Landschaft, mit
-Bäumen, Dickicht und Gehölz bedeckt, welche die Formen von Dämonen und
-Gespenstern angenommen und zwischen welchen sich Vögel mit Rattenköpfen
-mischten, auf einem Boden, der mit Rippen, Wirbelknochen und Schädeln
-besäet war, richteten sich knorrige, gespaltene Weiden in die Höhe, von
-Skeletten überragt, die die Arme in der Luft bewegen; ein Strauch stimmt
-einen Siegesgesang an, während Christus in den mit Wölkchen bedeckten
-Himmel flieht, ein Einsiedler im Hintergrunde einer Grotte, den Kopf in
-den Händen vergraben, nachdenkend sitzt, und ein Bettler, durch
-Entbehrungen und Hunger abgezehrt, ausgestreckt auf dem Rücken, die
-Füsse in einem Pfuhl, der Entkräftung erliegt.
-
-Der »Gute Samariter« von demselben Künstler, als grosse Federzeichnung
-auf Stein abgezogen. Ein wunderlicher Wirrwarr von Palmenbäumen,
-Ebereschen und Eichen, die nebeneinander wachsen, ohne Rücksicht auf
-Jahreszeit und Klima; ein Stück Urwald, übersäet mit Affen, Eulen,
-Nachtfaltern und bucklig-alten Baumstümpfen, so missgestaltet wie die
-Wurzeln des Alrauns.
-
-Aber obgleich Herzog Jean die Feinheit der Details und die hohen
-Schönheiten dieses Kupferstiches schätzte, so hielt er sich doch noch
-öfter vor den Zeichnungen auf, die den Raum schmückten.
-
-Es waren in ihren Leisten aus rohem Birnbaumholz mit schmalem Goldrand
-unbegreifliche Erscheinungen von Odilon Redon. Das Haupt eines
-Merowingers auf einer Schale; das eines bärtigen Mannes, ein Mittelding
-zwischen einem chinesischen Priester und einem Volksredner, der mit
-seinem Finger eine kolossale Kanonenkugel berührt; dann eine
-abscheuliche Spinne, die in der Mitte ihres Körpers ein menschliches
-Angesicht trägt. Ferner Kohlenzeichnungen, die den Schrecken des
-Träumers darstellen, der von Verdauungsqualen gepeinigt wird.
-
-Dann wieder ein grosser Würfel, aus dem ein halbgeschlossenes trauriges
-Auge blinzelt; dort dürre unfruchtbare Landschaften, kalcinierte Ebenen,
-Umwälzungen des Erdbodens, vulkanische Aufruhre, vom Sturm gepeitschte
-Wolken und unbeweglich fahle Himmel; ein unnatürlicher Blumenreichtum
-entfaltet sich auf Felsen; überall erratische Blöcke, schmutzige
-Eisgruben, Gestalten, deren affenartiger Typus und dicke Backenknochen,
-deren hervorstehende Augenbrauen, schiefe Stirn und eingedrückte Schädel
-an die Köpfe unserer Vorfahren erinnern.
-
-Diese Zeichnungen waren ohne Beispiele in der Kunst, sie überschritten
-die Grenzen der Malerei und führten wunderlich phantastische Neuerungen
-ein, Gebilde der Krankheit und des Fieberwahns.
-
-Diese Gesichter, diese masslos vergrösserten und missgestalteten wie
-durch eine Karaffe gesehenen Körper riefen bei Herzog Jean Erinnerungen
-an Typhus wach, Erinnerungen, die ihm von fieberhaften Nächten und
-schrecklichen Visionen seiner Kindheit geblieben waren.
-
-Erfasst von einem unbeschreiblichen, durch diese Zeichnungen erzeugten
-Unbehagen, wie er es empfand bei gewissen »Sprichwörtern« Goyas, an die
-sie erinnerten, oder wie beim Schluss einer Lektüre von Edgar Poë, von
-dem Odilon Redon die Fata Morgana der Sinnestäuschungen und die
-Wirkungen der Furcht in verschiedenartiger Kunst ererbt zu haben schien,
-rieb er sich die Augen und betrachtete eine strahlende Figur, betitelt
-die »Schwermut«, die vor der Sonnenscheibe in einer gedrückten, trüben
-Stellung auf einem Felsen sitzt.
-
-Wie durch Zauber verschwinden diese Schatten, eine sanfte Traurigkeit,
-eine kraftlose Verzweiflung bemächtigt sich seiner Gedanken und er
-stellt lange Betrachtungen vor diesem Werke an.
-
-Ausser dieser Sammlung von Zeichnungen von Redon, die fast alle Wände
-des Vorzimmers zierten, hatte Herzog Jean in seinem Schlafzimmer eine
-sonderbare Skizze von Theocopuli: einen Christus. Es war ein Bild in
-unnatürlichen Farbentönen, von übertriebenen Linien und grausamer
-Färbung, ein Bild der zweiten Periode dieses Künstlers, als er die Idee
-aufgegeben hatte, nicht mehr Tizian ähnlich zu sein.
-
-Diese unheimliche Malerei, die in Wachsfarbe und Leichengrün ausgeführt
-zu sein schien, entsprach nach des Herzogs Ansicht einer gewissen
-Übereinstimmung mit dem Mobiliar.
-
-Seiner Meinung nach gab es nur zwei Arten, um ein Schlafzimmer
-einzurichten: entweder ein Alkoven, der Ort nächtlicher Ergötzung, oder
-ein Plätzchen der Ruhe und Einsamkeit, eine Zufluchtsstätte des
-Gedankens, eine Art Betzimmer.
-
-Nachdem er die Frage von allen Seiten beleuchtet hatte, folgerte er,
-dass das zu erreichende Ziel sich darin zusammenfassen liesse: mit
-freundlichen Gegenständen eine traurige Sache zu schaffen, oder
-vielmehr, wenn man dem Schlafgemach auch den Charakter der Hässlichkeit
-lässt, doch dem Ganzen eine Art von Eleganz und Vornehmheit
-aufzudrücken. Durch die Optik des Theaters, dessen gemeiner Flitterkram
-wie kostbare und teure Gewebe aussieht, die absolut entgegengesetzte
-Wirkung zu erzielen, indem man sich prächtiger Stoffe bedient, um ihnen
-den Anstrich der Dürftigkeit zu verleihen; mit einem Wort eine
-Karthäuserklause herzustellen, die aussah wie eine wirkliche.
-
-Er verfuhr in folgender Weise: um die ockerartige Mauerfarbe, das
-vorgeschriebene geistliche Gelb, nachzuahmen, liess er die Wände mit
-safrangelber Seide bekleiden. Um aber die Schokoladenfarbe der Panele
-wiederzugeben, liess er sie mit violettfarbenen Holzleisten, die mit
-Amarantfarbe dunkel gebeizt waren, bekleiden. Die Wirkung war frappant;
-sie konnte von weitem an die düstere Starrheit des Vorbildes erinnern.
-Der Plafond wurde in Gelbweiss tapeziert, das den Kalk ersetzte, ohne
-dessen grellen Schein zu haben. Die kalten Steine der Zelle gelangen in
-der Nachbildung ziemlich gut dank einem Teppich, dessen Muster rote
-Fliesen vorstellte, mit weisslichen Stellen in der Wolle, welche die
-Abnutzung durch Sandalen und die Reibung durch Stiefel darstellen
-sollten.
-
-Er möblierte dieses Gemach mit einem kleinen eisernen Bett, einer Art
-Mönchsbett, aus antikem Eisen geschmiedet und poliert, am Fussende mit
-reich aufgetragenen Verzierungen versehen.
-
-Die Stelle eines Nachttisches vertrat ein Betstuhl, dessen Inneres ein
-Nachtgeschirr enthalten konnte und dessen Aussenseite eine Kirchenagenda
-trug. Gegenüber an der Mauer liess er einen Kirchenstuhl anbringen, der
-von einem durchbrochenen Altarhimmel überragt wurde, verziert mit
-vorspringenden Stützen. Die hohen Kirchenleuchter ersetzte er durch
-Lichter aus reinem Wachs, die er in einem besonderen Geschäft kaufte,
-das nur Kirchenartikel führte, denn er hegte eine grosse Abneigung gegen
-Petroleum oder Stearin, kurz gegen alle und jede moderne Beleuchtung, da
-sie ihm zu grell und unzart erschien. --
-
-Des Morgens in seinem Bett, ehe er einschlief, den Kopf auf dem
-Kopfkissen, seine Umgebung betrachtend, stellte er sich leicht vor, dass
-er sich hundert Meilen von Paris befinde, weit weg von der Welt, im
-Innern eines Klosters.
-
-Und im Grunde genommen war die Täuschung leicht, da er ein Leben führte,
-das dem eines Mönches fast gleichkam. Er hatte sich auf diese Weise die
-Vorteile der Abgeschlossenheit verschafft. Wie er seine Zelle zu einem
-warmen, angenehmen Zimmer gemacht, hatte er sein Leben regelmässig und
-bequem gestaltet, umgeben von Wohlbehagen, beschäftigt und dennoch frei.
---
-
-Vom Leben abgenutzt, von dem er nichts mehr erwartete, ward er einem
-Einsiedler gleich, reif für die Einsamkeit. Niedergedrückt wie ein Mönch
-und voll unendlicher Müdigkeit, war er beseelt von dem Bedürfnis nach
-Ruhe, von dem Wunsche, nichts mehr gemein zu haben mit den Profanen, die
-bei ihm für Utilitarier und Dummköpfe galten.
-
-
-
-
- SECHSTES KAPITEL.
-
-
-Tief in seinen bequemen Lehnsessel vergraben, die Füsse auf den
-vergoldeten Kugeln der Feuerböcke, die Pantoffel fast brennend von den
-Holzscheiten, die knisternd lebhafte Flammen ausstrahlten, legte Herzog
-Jean den alten Quartanten, in welchem er las, auf einen Tisch, dehnte
-sich, zündete sich eine Cigarette an und verfiel dann in köstliche
-Träumereien, mit verhängten Zügeln die Spur der Erinnerung verfolgend,
-die ihm seit Monaten entfallen und jetzt plötzlich wieder, durch das
-Beifallen eines Namens, hervorgerufen wurde.
-
-Mit wunderbarer Deutlichkeit sah er nämlich die Verlegenheit seines
-Kameraden d'Aigurande vor Augen, als derselbe in einer Versammlung
-standhafter Junggesellen die letzten Vorbereitungen zu einer Heirat
-offen gestehen musste. Man protestierte laut dagegen, man malte ihm die
-Abscheulichkeit eines Zusammenschlafens in demselben Bette aus. Nichts
-half; vollständig in ihrem Banne glaubte er an die Intelligenz seiner
-künftigen Frau und behauptete sogar bei ihr aussergewöhnliche
-Eigenschaften von Hingebung und Zärtlichkeit erkannt zu haben.
-
-Herzog Jean war es, der von all den jungen Leuten allein den Freund in
-seinem Entschluss ermutigte, und dies von dem Augenblick ab, als er in
-Erfahrung gebracht hatte, seine Braut wünsche an der Ecke eines neuen
-Boulevards eine der modernen Wohnungen in Rotundenform zu beziehen.
-
-Überzeugt von der unbarmherzigen Macht kleiner Misèren, die unheilvoller
-für starke Naturen sind als grosse, sowie sich auf die Thatsache
-stützend, dass d'Aigurande kein Vermögen besass und die Mitgift seiner
-Frau so gut wie Null war, sah er in diesem einfachen Wunsch eine
-unendliche Aussicht für lächerliche Unannehmlichkeiten.
-
-D'Aigurande kaufte Möbel von runder Form, Spiegeltische, die, hinten
-ausgehöhlt, einen Kreis bildeten, die Gardinenstützen in Bogenform,
-Teppiche in Halbmondform, kurz ein ganzes Mobiliar, wie es eben auf
-Bestellung angefertigt wird.
-
-Er bezahlte das Doppelte dafür. Als später seine Frau für ihre Toilette
-zu knapp bei Geld und endlich der Rotundenwohnung überdrüssig war und
-eine viereckige Etage beziehen wollte, da passte eben keins der Möbel
-mehr. Nach und nach wurde dieses lästige Mobiliar eine Quelle endlosen
-Verdrusses. Das frühere gute Einvernehmen, das schon durch das
-gemeinschaftliche Leben etwas locker geworden war, schrumpfte von Woche
-zu Woche mehr zusammen; sie gerieten in Zorn, warfen sich gegenseitig
-vor, nicht in einem Salon bleiben zu können, wo die Kanapees und
-Spiegeltische nicht einmal die Wände berührten und bei der geringsten
-Bewegung, trotz aller Keile, die man darunter gelegt, wackelten. Auch
-fehlte das nötige Geld für die Ausbesserungen. Alles wurde ein
-Gegenstand des Streites und der Bitterkeit, von den Schubladen an, die
-sich in den nicht ordentlich feststehenden Möbeln gezogen hatten, bis zu
-den Spitzbübereien des Dienstmädchens, das von der Unachtsamkeit und den
-Zwistigkeiten profitierte, um die Kasse zu erleichtern. Mit einem Wort:
-das Leben wurde ihnen unerträglich. Er amüsierte sich ausserhalb des
-Hauses; sie suchte daheim durch Übertretung des Ehegebotes das Vergessen
-ihrer trüben und langweiligen Existenz zu ermöglichen.
-
-»Mein Schlachtplan war richtig,« hatte sich damals der Herzog gesagt,
-der dies mit der Befriedigung eines Strategen vernahm, dessen Manöver
-gelungen waren. --
-
-Er dachte jetzt vor seinem Feuer sitzend an die Trümmer dieses ehelichen
-Heims, deren Veranlassung sein guter Rat gewesen war. Er warf neue
-Scheite Holz in den Kamin und nahm flugs seine Träumereien wieder auf.
-
-Andere Erinnerungen kamen ihm jetzt, die derselben Gedankenreihe
-angehörten.
-
-Es war schon einige Jahre her, als er eines Abends in der Rue de Rivoli
-einem Laufburschen von ungefähr sechzehn Jahren begegnete, einem
-blassen, verschmitzt aussehenden Jungen, verführerisch wie ein Mädchen.
-Derselbe sog mühevoll an einer Cigarette, deren Papier geplatzt war.
-Schimpfend rieb er gewöhnliche Küchenstreichhölzer an seiner Hose ab,
-die nicht fangen wollten, bis ihm keins mehr übrig blieb. Jetzt bemerkte
-er den Herzog, der ihn beobachtete. Er näherte sich ihm und an den Rand
-seiner Mütze greifend bat er ihn um Feuer. Herr des Esseintes reichte
-ihm einige duftige Cigaretten von Dubêque, knüpfte dann eine
-Unterhaltung mit ihm an und veranlasste ihn, seine Geschichte zu
-erzählen.
-
-Diese war äusserst einfach. Der Junge hiess Auguste Langlois und war bei
-einem Papparbeiter in der Lehre; er hatte seine Mutter früh verloren und
-wurde von seinem Vater oft nach Noten geprügelt.
-
-Herzog Jean hörte ihn nachdenklich an: »Komm, wir wollen etwas zusammen
-trinken,« sagte er und führte ihn in eine Wirtschaft, wo er ihm starken
-Punsch vorsetzen liess. Der Junge trank, ohne ein Wort zu sprechen. --
-»Möchtest Du Dich heute Abend amüsieren?« fragte der Herzog. Dann hatte
-er den Kleinen zu Madame Laura, einer Dame geführt, die in der Rue
-Mosnier in der dritten Etage eine Auswahl von Blumenmacherinnen wie eine
-Reihe roter Zimmer, die mit runden Spiegeln, Kanapees, etc. etc.
-ausgestattet waren, hielt.
-
-Dort hatte Auguste ganz verdutzt seine Mütze zwischen seinen Fingern
-drehend ein kleines Bataillon Frauenzimmer gesehen, die alle wie aus
-einem Munde riefen:
-
-»Ach, der hübsche Junge!«
-
-»Aber sag mal, Kleiner, Du hast noch nicht das richtige Alter,« fügte
-eine stattliche Brünette mit gebogener Nase und grossen dunklen Augen
-hinzu, die bei Madame Laura die unvermeidliche Rolle der schönen Jüdin
-vertrat.
-
-Herzog Jean schien dort zu Hause zu sein und unterhielt sich leise mit
-der Wirtin.
-
-»Sei doch nicht bange, Dummkopf,« rief er dem Jungen zu. »Triff Deine
-Wahl, ich bezahle.« Und er gab dem Kleinen einen leichten Stoss, so dass
-er auf den Divan zwischen zwei der Schönen fiel.
-
-Auf ein Zeichen der Wirtin rückten diese etwas zusammen, hüllten die
-Kniee des Jungen mit ihren Röcken ein und hielten ihm ihre entblössten
-Schultern, die stark nach einem betäubenden Puder rochen, unter die
-Nase. Der arme Kleine rührte sich nicht mehr; sein Kopf wurde ganz heiss
-und rot, der Mund trocken; die Augen niederschlagend wagte er nur
-verstohlen einige neugierige Blicke.
-
-Wanda, die schöne Jüdin, küsste ihn und gab ihm gute Ratschläge, empfahl
-ihm, seinem Vater und seiner Mutter zu gehorchen und zur selben Zeit
-glitten ihre Hände langsam über den Jungen hin, dessen veränderte
-Gesichtszüge konvulsivisch zuckten.
-
-»Es ist also nicht Deinetwegen, dass Du heute Abend kommst?« fragte
-Madame Laura den Herzog. »Aber zum Teufel, wo hast Du nur den Schlingel
-aufgetrieben?« fing sie wieder an, als Auguste mit der Schönen in einem
-Nebenzimmer verschwunden war.
-
-»Auf der Strasse, meine Beste.«
-
-»Du bist doch nicht betrunken?« murmelte die alte Wirtin. Und nach
-einiger Überlegung fügte sie mit einem mütterlichen Lächeln hinzu: »Du
-liederlicher Strick, Dir steht nach frischer Ware der Sinn!«
-
-Herzog Jean zuckte mit den Achseln. »Du irrst Dich gehörig! ja
-vollständig,« entgegnete er. »Die Wahrheit ist, dass ich einfach
-versuche, mir einen Mörder zu bilden. Folge einmal aufmerksam meiner
-Beweisführung. Dieser Junge ist noch rein, doch hat er das Alter
-erreicht, wo das Blut zu wallen anfängt; er würde hinter den jungen
-Mädchen in seinem Viertel herlaufen, sich amüsieren und doch noch
-rechtschaffen bleiben, um schliesslich sein bescheidenes Teil an einem
-momentanen Glück zu geniessen, wie es den Armen eben beschieden ist. --
-So aber, wo ich ihn hierher führe, in die Mitte Eures Paradieses, das er
-gar nicht ahnt und das ihm notgedrungen im Gedächtnis verbleibt, und
-indem ich ihm alle vierzehn Tage eine solch unverhoffte Wonne zuteil
-werden lasse, wird er sich an den Genuss des Fleisches gewöhnen. Es wird
-ihm systematisch zum Bedürfnis werden! Nehmen wir selbst an, dass er
-drei Monate braucht, bis der Genuss ihm absolut notwendig geworden --
-und mit den langen Zwischenräumen, die ich mache, laufe ich keine
-Gefahr, ihn zu übersättigen -- nun, am Ende dieser drei Monate werde ich
-die kleine Rente, die ich Dir einzahlen werde, aufheben, und dann wird
-er stehlen wie ein Rabe, um hierher kommen zu können; er wird alle Hebel
-in Bewegung setzen, um sich auf diesem Divan und unter diesem Gas wälzen
-zu können.
-
-Die Sache zum äussersten getrieben: er wird, wie ich hoffe, eines Tages
-seinem Herrn, der ihn dabei betrifft, wie er dessen Geldschrank öffnet,
-einfach den Hals umdrehen, und so ist, wie Du siehst, mein schöner Zweck
-erreicht. Ich werde im Verhältnis meiner Mittel eben dazu beigetragen
-haben, einen Schurken mehr zu schaffen, ein Nahrungsmittel der edlen
-Justitia, was mir als Feind dieser verabscheuten Gesellschaft, die uns
-brandschatzt, gerade recht ist.« --
-
-Die Frauenzimmer sahen ihn mit grossen Augen an.
-
-»Da bist Du ja!« fing er wieder an, als er Auguste in den Salon
-zurückkommen sah, der sich rot und verlegen hinter der schönen Jüdin zu
-verstecken suchte.
-
-»Nun, mein Junge, es ist schon spät, sag diesen netten Damen gefälligst
-Adieu.«
-
-Und auf der Treppe teilte er ihm mit, dass er alle vierzehn Tage, ohne
-dass es ihn einen Heller koste, zu Madame Laura gehen könne; dann auf
-der Strasse angelangt, sah er den ganz betäubten Jungen einen Augenblick
-lang an, und schloss:
-
-»Wir werden uns wohl nicht wieder sehen; geh schnell heim zu Deinem
-Vater, dessen Hand ihm unthätig juckt und behalte das gewissermassen
-schöne evangelische Wort: >Thue den andern das, was Du nicht willst, das
-sie Dir thun< wohl im Gedächtnis. Mit dieser Lebensregel wirst Du weit
-kommen. -- Gute Nacht! Vor allen Dingen sei nicht undankbar, lass so
-bald wie möglich von Dir hören, das heisst auf dem Wege der
-hochlöblichen Gerichtszeitung.« -- -- -- --
-
-»Der kleine Judas!« murmelte Herzog Jean vor sich, das Feuer schürend;
--- »sich sagen zu müssen, dass ich seinen Namen noch niemals unter
-Vermischtes gelesen habe! -- Es sei denn, dass er schon mit dem Gericht
-zu thun gehabt hätte, seit ich in Fontenay bin, wo ich keine Zeitungen
-mehr lese.«
-
-Er stand auf und ging ein paarmal im Zimmer auf und ab.
-
-»Es wäre trotz alledem schade,« sagte er sich, »denn indem ich so
-handelte, machte ich das weltliche Gleichnis wahr, die Allegorie der
-allgemeinen Lehre, die nach nichts Geringerem strebt, als alle Menschen
-in einen >Langlois< zu verwandeln, und sich den Kopf zerbricht, statt
-endlich den Elenden aus Mitleid die Augen auszustechen, um sie ihnen
-ganz und mit Gewalt zu öffnen, damit sie um sich herum nur unverdiente
-und mildere Schicksale sehen, verfeinerte und schärfere Genüsse wittern,
-die ihnen darum um so ersehnter und begehrenswerter erscheinen. --«
-
-»Und die Thatsache ist,« fuhr der Herzog in seiner Schlussfolgerung
-fort, »die Thatsache ist die, dass der Schmerz eine Wirkung der
-Erziehung ist, dass er sich erweitert und schärft, je nachdem die Ideen
-entstehen: je mehr man sich also befleissigt, den Verstand und das
-Nervensystem der armen Teufel zu verfeinern, desto mehr wird man die
-gewaltig lebenskräftigen Keime des moralischen Leidens und Hasses in
-ihnen anfachen und entwickeln.« -- --
-
-Die Lampen kohlten. Er zog sie auf und sah nach der Uhr: drei Uhr
-Morgens. -- Er zündete sich eine Cigarette an und vertiefte sich von
-neuem in die durch seine Träumereien unterbrochene Lektüre des
-lateinischen Gedichts »De laude castitatis«, das unter der Regierung des
-Gondebald von Avitus, des Erzbischofes von Wien, geschrieben worden ist.
-
-
-
-
- SIEBENTES KAPITEL.
-
-
-Seit jener Nacht, in der er ohne augenscheinliche Ursache die
-melancholische Erinnerung an Auguste Langlois wachgerufen, lebte sein
-ganzes früheres Leben wieder in ihm auf.
-
-Er war unfähig, ein Wort der Bücher zu verstehen, die er zu Rate zog;
-selbst seine Augen lasen nicht mehr; es war ihm, als wenn sein Geist,
-von Litteratur und Kunst übersättigt, sich weigerte, mehr in sich
-aufzunehmen.
-
-Er lebte nur noch in sich selbst, nährte sich von seinem eigenen Mark,
-gleich Tieren während des Winterschlafes; denn die Einsamkeit hatte wie
-ein Schlaftrunk auf sein Gehirn gewirkt. Nachdem diese ihn anfangs
-entkräftet und hingehalten hatte, brachte sie schliesslich eine
-Empfindungslosigkeit mit unbestimmten Träumereien in ihm hervor; sie
-vernichtete seine Absichten, brach seinen Willen, führte ihm eine Reihe
-von Träumen vor, die er passiv ertrug, ohne auch nur zu versuchen, sich
-ihnen zu entziehen.
-
-Die verworrene und ungeregelte Lektüre, das künstliche Denken, dem er
-sich seit seiner Zurückgezogenheit hingegeben hatte, glich einem Damm,
-mit dem er seine alten Erinnerungen umgab; dieser Damm war plötzlich
-gewaltsam durchbrochen, die Flut setzte sich in Bewegung, riss Gegenwart
-und Zukunft mit sich, um alles gleichsam unter Wasser zu setzen und
-seinen Geist mit einer unendlichen Traurigkeit zu erfüllen, auf der
-unbedeutende Ereignisse seines Lebens und alberne Nichtigkeiten wie
-Strandgut umherschwammen.
-
-Das Buch, welches er in der Hand hielt, fiel oft achtlos auf den Boden;
-er liess sich gehen, liess voll Widerwillen und Scham die Jahre seines
-vergangenen Lebens an sich vorüberziehen.
-
-Was war das für eine Epoche!
-
-Er versetzte sich in die Zeit der vornehmen Abendgesellschaften, der
-Rennen, des Spiels, seiner Liebeleien. Er erinnerte sich der Gesichter,
-der Mienen, der nichtssagenden Worte, welche ihn mit der Hartnäckigkeit
-jener trivialen Melodieen verfolgten, die man wohl gegen seinen Willen
-summt, die sich aber schliesslich mit einem Mal und ohne dass man daran
-denkt wieder verlieren. Diese Periode war von kurzer Dauer. Es trat
-darauf Gedächtnisruhe ein; er versenkte sich aufs neue in seine
-lateinischen Studien, um die Rückblicke selbst bis zum Eindruck zu
-verwischen.
-
-Doch der Reigen war eröffnet, fast unmittelbar folgte eine zweite Phase,
-nämlich die Erinnerungen seiner Kindheit, besonders diejenigen der
-Jahre, welche er bei den Jesuiten zugebracht hatte.
-
-Diese Erinnerungen waren die entferntesten und doch klarsten seines
-Gedächtnisses, ihm scharf und tief eingegraben: der schattige Park, die
-langen Alleen, die Blumenbeete, die Bänke -- alle die kleinen
-Einzelheiten stiegen in seiner Einsamkeit vor ihm auf. Er sah die Gärten
-sich beleben, hörte das Geschrei der Schüler, das Lachen der Lehrer, die
-sich während der Erholungsstunden unter die Schüler mischten und sich,
-den hochgeschürzten Priesterrock zwischen den Knieen haltend, dem
-Ballspiel hingaben oder auch mit den jungen Leuten ganz ungezwungen wie
-Kameraden unter den Bäumen plauderten.
-
-Die Jesuiten erlangten durch diese Methode einen wirklichen Einfluss auf
-das Kind, brachten es dahin, die geistigen Gaben, welche sie
-kultivierten, gewissermassen zu kneten, sie in eine bestimmte Richtung
-zu lenken, sie gleichsam mit besondern Ideen zu pfropfen, ihre
-Gedankenzunahme durch eine eindringlich einschmeichelnde Methode zu
-fördern, indem sie sich bemühten, ihren Schülern später, beim Eintritt
-in die Welt, zu folgen und sie zu unterstützen, indem sie ihnen
-liebevolle Briefe sandten, wie sie der Dominikaner Lacordaire an seine
-ehemaligen Zöglinge zu schreiben verstand.
-
-Herzog Jean gab sich von dem Erziehungs-Verfahren Rechenschaft, welches
-er, wie er sich einbildete, ohne Resultat hatte über sich ergehen
-lassen; sein Charakter, der allen Ratschlägen gegenüber rebellisch,
-spitzfindig, argwöhnisch und zum Widerspruch geneigt war, hatte ihn
-verhindert, durch ihre Zucht gebildet, ihren Lehren unterworfen zu
-werden. Einmal dem Kollegium entwachsen, hatte sein Skepticismus nur
-noch zugenommen; sein Weg durch eine legitimistisch-unduldsame und
-beschränkte Welt, die Unterhaltung mit unwissenden Kirchenvorstehern und
-niedrigen Geistlichen, deren Ungeschicktheit den Schleier zerrissen, der
-so kunstgerecht von den Jesuiten gewebt war, bestärkten nur noch seinen
-unabhängigen Geist und vermehrten sein Misstrauen gegen jeden Glauben.
-
-Er erachtete sich im ganzen genommen frei von jedem Band, von jedem
-Zwang; er hatte einfach, anders als alle andern, die im Lyceum oder in
-weltlichen Pensionaten erzogen waren, der Anstalt und seinen Lehrern ein
-vortreffliches Andenken bewahrt; und jetzt, wo er mit sich zu Rate ging,
-kam er dahin, sich zu fragen, ob der Same, bislang auf unfruchtbaren
-Boden gefallen, nicht anfinge aufzugehen.
-
-Und wirklich, seit einigen Tagen befand er sich in einem
-unbeschreiblichen Seelenzustand. Während eines Augenblickes glaubte er
-sich instinktmässig der Religion zugeführt; bei der geringsten
-Beweisführung aber verflog seine Hinneigung zum Glauben; trotzdem blieb
-er voll Unruhe und Verwirrung.
-
-Er wusste indessen wohl, indem er in sich ging, dass er niemals den
-Geist der wahrhaft christlichen Demütigung und Reue haben würde; er
-wusste, dass der Augenblick, von dem der Pater Lacordaire spricht,
-dieser Augenblick der Gnade, »wo der letzte Lichtstrahl in die Seele
-dringt und die dort zerstreuten Wahrheiten in einem gemeinsamen Centrum
-wieder fixiert«, für ihn niemals kommen würde; er fühlte nicht das
-Bedürfnis der Demütigung und des Gebetes, ohne welches nach der Wahrheit
-der Priester keine Bekehrung möglich ist; er empfand nicht den Wunsch,
-Gott anzuflehen, dessen Barmherzigkeit ihm am wenigsten wahrscheinlich
-schien; und doch brachte es die Sympathie, die er für seine ehemaligen
-Lehrer bewahrte, dahin, ihn für sie und ihre Doktrinen zu interessieren.
-Diese unnachahmliche Sprache der Überzeugung, diese begeisternden
-Stimmen höherer Intelligenz fielen ihm wieder ein und hatten zur Folge,
-dass er an seinem Geist und seinen Kräften zweifelte. In seiner
-Einsamkeit, ohne neue Nahrung, ohne frisch empfundene Eindrücke, ohne
-Erneuerung der Gedanken und Austausch von Empfindungen, die von aussen
-kommen, in dieser unnatürlichen Verbannung, in der er eigensinnig
-verharrte, stellten sich alle Streitfragen, die er während seines
-Aufenthaltes in Paris vergessen hatte, von neuem wie aufregende Rätsel
-vor seinem Geist dar.
-
-Die Lektüre der lateinischen Werke, die ihm sonst angenehm war, Werke
-meist von Bischöfen und Mönchen verfasst, hatte ohne Zweifel zu dieser
-Krisis beigetragen. Eingehüllt in eine Klosteratmosphäre, in einen Duft
-von Weihrauch, der ihm den Kopf benahm, hatten sich die Nerven
-aufgeregt; durch eine Ideenverbindung hatten diese Bücher die
-Erinnerungen an seine Jugendzeit bei den Jesuiten wieder ans Licht
-gefördert.
-
-»Die Sache ist klar,« sagte sich der Herzog Jean, indem er vernünftig
-nachzudenken und dem Gang dieser Einführung des Jesuitenelementes in
-Fontenay zu folgen versuchte -- »ich habe seit meiner Kindheit, und ohne
-es je gewusst zu haben, diesen Stoff, der noch nicht gegärt hatte, in
-mir selbst; diese Vorliebe, die ich immer für alle religiösen Sachen
-gehabt habe, ist vielleicht ein Beweis dafür.«
-
-Dennoch versuchte er sich vom Gegenteil zu überzeugen; unzufrieden,
-nicht mehr unumschränkter Herr über sich selbst zu sein, holte er Gründe
-herbei. Er hatte sich notgedrungen der Geistlichkeit zuwenden müssen, da
-die Kirche allein die verlorengegangene Kunst und Form der Jahrhunderte
-gesammelt hatte; sie hat selbst bis zu den gewöhnlichen modernen
-Erzeugnissen herab die Formen der Goldschmiedekunst bewahrt, den Zauber
-der schlanken Kelche und der Hostiengefässe in ihrer edlen Rundung auf
-uns gebracht, sie hat sogar in dem modernen Aluminium, in unedlen
-Metallen, in farbigem Glas die Grazie der mittelalterlichen Formen
-beibehalten.
-
-Die meisten der kostbaren Gegenstände, welche im Museum von Cluny
-klassifiziert und wie durch Wunder der gemeinen Raubgier der
-Sansculotten entgangen sind, stammen aus den alten Abteien Frankreichs
-her. Ebenso wie die Kirche im Mittelalter die Philosophie, die
-Geschichte und Sprache vor dem Verfall geschützt hat, so hat sie auch
-die plastische Kunst hinübergerettet.
-
-Bis zu unsern Tagen haben sich jene wunderbaren Muster von Geweben und
-Goldschmiedekunst erhalten, welche die Fabrikanten kirchlicher
-Gegenstände verhunzen, ohne ganz auf die ursprüngliche entzückende Form
-verzichten zu können. Es war daher durchaus nicht überraschend, dass er
-hinter antiken Nippsachen hergejagt, dass er mit Hilfe zahlreicher
-Sammler die Reliquien bei den Antiquitätenhändlern in Paris und den
-Trödlern auf dem Lande aufgestöbert hatte.
-
-Aber vergebens berief er sich auf diese Gründe; es gelang ihm nicht,
-sich vollständig zu beruhigen. Gewiss, indem er alles kurz
-zusammenfasste, beharrte er dabei, die Religion als eine herrliche
-Legende, als eine grossartige Betrügerei zu betrachten, und doch trotz
-all seiner Auslegungen fing sein Skepticismus an zu wanken.
-
-Die seltsame Thatsache bestand: er war jetzt weniger sicher als in
-seiner Kindheit, wo die Fürsorge der Jesuiten unmittelbar auf ihn
-gewirkt, als er in ihren Händen, ohne Familienbande, ohne Einfluss von
-aussen her, ihnen sozusagen mit Körper und Geist angehörte. Sie hatten
-ihm ebenfalls einen gewissen Geschmack für das Wunderbare eingeflösst,
-der sich langsam und unbemerkt in seiner Seele verzweigt hatte und der
-jetzt in der Einsamkeit aufblühte.
-
-Beim Prüfen dieser seiner Gedanken, beim Suchen, ihre Fäden zu
-verbinden, die Quellen und Ursachen zu entdecken, kam er zu der
-Überzeugung, dass seine Handlungsweise während seines gesellschaftlichen
-Lebens von seiner Erziehung herrührte. Waren nicht seine Neigungen für
-das Verkünstelte, sein Verlangen nach dem Excentrischen die Resultate
-besonderer Studien und Raffiniertheit? Gewissermassen theologische
-Forschungen? Es waren im Grunde Erregungen und Begeisterungen zum
-Idealen, zum unbekannten Weltall, zu einer fern ersehnten
-Glückseligkeit, wie jene, die uns die heilige Schrift verspricht.
-
-Er hielt plötzlich an und brach den Faden seiner Betrachtungen ab.
-
-»Mir scheint,« murmelte er verdriesslich, »dass ich noch mehr getroffen
-bin, als ich glaubte, da ich mich selbst mit Worten, wie ein Kasuist,
-bekämpfe.«
-
-Er verblieb nachdenklich, von einer unbestimmten Furcht bewegt.
-
-»Ach! ich werde stumpfsinnig,« sagte sich der herzogliche Einsiedler;
-»die Furcht vor dieser Krankheit wird, wenn das so weitergeht,
-schliesslich die Krankheit selbst herbeiführen.«
-
-Es gelang ihm, diesen Einfluss etwas abzuschütteln; seine Erinnerungen
-liessen nach, aber andere krankhafte Symptome machten sich bemerkbar;
-jetzt waren es die Gegenstände der Streitigkeiten allein, die ihn
-heimsuchten. Der Park, die Lehrer, die Jesuiten waren entschwunden. Er
-war gänzlich vom Abstrakten beherrscht; gegen seinen Willen dachte er an
-die widersprechenden Auslegungen der Glaubenssätze, an die verloren
-gegangenen Lossagungen von den Klostergelübden, die Pater Labbe in dem
-Werk über die Konzilien erwähnt. Brocken von diesen Kirchenspaltungen,
-Überbleibsel dieser Ketzereien, die während mehrerer Jahrhunderte die
-Kirchen des Westens und des Ostens trennten, fielen ihm wieder ein. Hier
-war es Nestorius, der der Jungfrau Maria den Titel Muttergottes streitig
-machte, weil im Mysterium der Inkarnation nicht Gott, sondern nur die
-menschliche Kreatur vorhanden war, die sie in ihrem Leibe getragen habe;
-da war es Eutyches, der da erklärte, dass das Bildnis Christi nicht
-demjenigen der andern Menschen gleichen könnte, da die Gottheit, in
-seinem Körper domizilierend, die Form ganz und gar verändert habe; dann
-waren es wieder andere Zänker, welche behaupteten, dass der Erlöser gar
-keinen Körper gehabt, dass dieser Ausdruck der heiligen Schrift nur
-bildlich zu nehmen sei; während Tertullian sich in seinem berühmten,
-beinahe materialistischen Axiom äussert: »Nichts, das ist, ist
-unverkörpert; alles was ist, hat einen Körper, der ihm eigen;« und
-schliesslich diese alte, während langer Jahre erörterte Frage: »Ist
-Christus allein ans Kreuz geschlagen, oder hat die Dreieinigkeit, eins
-in drei Personen, in ihrer dreifachen Persönlichkeit am Kreuze Golgathas
-gelitten?«
-
-Alles das trieb ihn an, drängte ihn -- und mechanisch wie eine einmal
-gelernte Aufgabe stellte er sich selber Fragen und suchte sich dieselben
-zu beantworten. --
-
-Während einiger Tage war es in seinem Gehirn wie ein Wimmeln von
-Paradoxen, wie ein Flug von Haarspaltereien. Dann verwischte sich aber
-die abstrakte Seite und eine ganz plastische folgte ihr unter der
-Wirkung der Gustav Moreauschen Bilder, die an den Wänden aufgehängt
-waren.
-
-Er sah eine ganze Prozession von Prälaten an sich vorüber ziehen:
-Archimandriten, Patriarchen, die ihre goldbekleideten Arme emporheben,
-um die knieende Menge zu segnen, und ihre weissen Bärte beim Lesen und
-Gebeteleiern schütteln; er sah ganze Züge schweigender Büsser in die
-dunklen Totengrüfte hinabsteigen, dann wieder sich unermessliche Dome
-erheben, in denen weiss gekleidete Mönche von der Kanzel herunter
-donnerten.
-
-Nach und nach verschwanden schliesslich diese Gesichte. Er sah von der
-Höhe seines Geistes herab das Panorama der Kirche wie ihren erblichen
-Einfluss auf die Menschheit seit Jahrhunderten; er stellte sie sich
-verzweifelnd und grossartig vor, dem Menschen das Schreckliche des
-Lebens und die Unfreundlichkeit des Schicksals darthuend, Geduld, Reue
-und Aufopferung predigend, versuchend die Schmerzen zu heilen durch den
-Hinweis auf die blutenden Wunden Christi, göttliche Vorrechte
-versichernd, den Betrübten den besten Teil des Paradieses versprechend,
-die menschliche Kreatur zum Leiden ermahnend, damit der Mensch Gott
-seine Trübsale und Sünden, seine Missgeschicke und seine Sorgen als
-Sühnopfer darbringe.
-
-Hier fasste Herzog Jean wieder Fuss. Gewiss war er durch dieses
-Geständnis der sozialen Schändlichkeit befriedigt, wieder aber empörte
-ihn das unbestimmte Heilmittel der Hoffnung auf ein besseres Leben.
-
-Schopenhauer war ehrlicher, seine Doktrinen und die der Kirche gingen
-von einem gemeinschaftlichen Standpunkt aus; er stützte sich ebenfalls
-auf die Ungerechtigkeit und Schändlichkeit der Welt, er stiess auch mit
-seiner »Nachfolge Jesu Christi« den schmerzlichen Ruf aus: »Es ist
-wirklich ein Elend, auf der Welt zu sein!« Er predigte auch die
-Erbärmlichkeit der Existenz, die Vorteile der Zurückgezogenheit, warnte
-die Menschheit, dass, was sie auch thun möge und nach welcher Seite sie
-sich auch drehe, sie immer nur unglücklich bleibe: arm wegen der Leiden,
-die aus den Entbehrungen hervorgehen, reich im Verhältnis zu der
-unbesiegbaren Langenweile, welche der Überfluss erzeugt; aber er pries
-kein Universalmittel an, vertröstete mit keinem Köder, um dem
-unvermeidlichen Übel abzuhelfen.
-
-Er unterstützt nicht das empörende System der Erbsünde; versucht nicht
-zu beweisen, dass derjenige ein allgütiger Gott sei, der die Spitzbuben
-beschützt, der den Dummköpfen hilft, die Kindheit vernichtet, das Alter
-verdummt und die Unschuldigen bestraft; er rühmt nicht die Wohlthaten
-einer Vorsehung, die diese nutzlose, unverständliche, ungerechte und
-alberne Abscheulichkeit, das physische Leiden, erfunden hat; er versucht
-keineswegs zu rechtfertigen, wie die Kirche die Notwendigkeit der Qualen
-und Prüfungen. Ruft er doch in seiner empörten Barmherzigkeit aus: »Wenn
-ein Gott diese Welt gemacht hat, so möchte ich nicht dieser Gott sein;
-das menschliche Elend würde mir das Herz brechen!«
-
-Ach! er allein hatte das Richtige getroffen! Was waren alle die
-evangelischen Quacksalber neben seinen Abhandlungen von geistiger
-Gesundheitspflege? Er beabsichtigte nichts zu heilen, bot dem Kranken
-keine Entschädigung, keine Hoffnung an; aber seine Theorie des
-Pessimismus war im Grunde genommen die grosse Trösterin der auserwählten
-Geister, aller erhabenen Seelen. Sie offenbarte die Gesellschaft so wie
-sie ist und hob die angeborene Dummheit der Frauen hervor.
-
-Diese Betrachtungen erleichterten den Herzog von einer schweren Last.
-Dieser grosse Deutsche bannte seinen Gedankenschauer und brachte ihn
-durch die Berührungspunkte seiner beiden Doktrinen dahin, dass er diesen
-ebenso poetischen wie rührenden Katholizismus, in dem er erzogen war und
-von dem er in seiner Jugend die Essenz in allen Poren eingesogen hatte,
-nicht zu vergessen vermochte.
-
-Diese Rückgänge zur Gläubigkeit quälten ihn, besonders seit sich
-Verschlimmerungen seiner Gesundheit zeigten; sie trafen mit den neu
-hinzugetretenen nervösen Störungen zusammen.
-
-Seit seiner jüngsten Kindheit war er von unerklärlichen Abneigungen
-gemartert worden, von Schauern, welche ihm den Rücken kalt
-hinunterliefen, ihm die Zähne zusammenpressten, wenn er zum Beispiel
-nasse Wäsche sah, die von einem Mädchen ausgewrungen wurde. Diese
-Wirkungen waren verblieben; noch heute litt er ganz besonders, wenn er
-einen Stoff zerreissen oder mit dem Finger auf Kreide reiben hörte, oder
-wenn er moirierte Seide anfasste.
-
-Die Ausschweifungen seines Junggesellenlebens, die übertriebenen
-Anstrengungen seines Gehirns hatten sein ursprüngliches Nervenleiden
-ausserordentlich verschlimmert und das schon von seinen Vorfahren arg
-verbrauchte gesunde Blut nur noch verringert. In Paris hatte er bereits
-Kuren der Kaltwasserheilkunst durchmachen müssen, vornehmlich gegen das
-Zittern der Hände und gegen die entsetzlichen Schmerzen der Neuralgie,
-die ihm das Gesicht zerrissen, die Schläfen wie mit Hammerschlägen
-bearbeiteten, ihm die Augenlider wie mit Nadeln zerstachen und ihm
-Übelkeit erzeugten, die er nicht anders zu bekämpfen vermochte, als
-dadurch, dass er sich im Dunkeln auf den Rücken legte.
-
-Diese Zufälle waren infolge seines geregelteren, ruhigeren Lebens
-langsam verschwunden. Jetzt machten sie sich aber von neuem in anderer
-Form geltend, indem sie den ganzen Körper durchliefen; die Schmerzen
-gingen vom Schädel zum Leib, ihm denselben gleichsam mit einem glühenden
-Eisen durchbohrend. Dann folgte ein nervös trockner Husten, der zu einer
-bestimmten Stunde anfing, eine immer gleiche Anzahl von Minuten währte,
-ihn aufweckte und ihn im Bett fast erstickte. Sein Appetit hörte
-ebenfalls auf. Nach jedem Versuch zum Essen konnte er kein zugeknöpftes
-Beinkleid, keine fest zugemachte Weste mehr ertragen.
-
-Er enthielt sich aller geistigen Getränke, des Kaffees und Thees, trank
-nur noch Milch, nahm seine Zuflucht wieder zu den kalten Abwaschungen,
-stopfte sich voll Assa foetida, Baldrian und Chinin, wollte selbst das
-Haus verlassen, um ein wenig im Freien zu spazieren, als eben die
-Regentage eintraten, die das Land schweigend und eintönig machten. Als
-letztes Mittel verzichtete er vorläufig auf jede Lektüre und, von
-Langeweile verzehrt, entschloss er sich, um sein müssiges Dasein zu
-ändern, ein Projekt auszuführen, welches er aus Bequemlichkeit und Hass
-gegen jede Störung fortwährend aufgeschoben, seitdem er sich in Fontenay
-niedergelassen hatte.
-
-Da er sich nicht mehr an den bezaubernden Wirkungen des Stils zu
-berauschen vermochte, sich nicht mehr an den entzückenden Überraschungen
-des schönen Pathos aufregen konnte, beschloss er die Ausstattung seiner
-Wohnung zu vollenden, sich seltene Treibhausblumen anzuschaffen, um sich
-auf diese Weise eine materielle Beschäftigung zuzugestehen, die ihn
-zerstreuen, seine Nerven erholen, sein Gehirn ausruhen lassen würde. Er
-hoffte, dass der Anblick ihrer seltsamen und prachtvollen Schattierungen
-ihn etwas entschädigen würde für die wahrhaft wunderlichen Farben des
-Stils, welchen seine litterarische Diät ihn momentan vergessen oder
-verlieren liess.
-
-
-
-
- ACHTES KAPITEL.
-
-
-Von jeher hatte der Herzog für Blumen geschwärmt.
-
-Seit langem schon verachtete er die gewöhnlichen Pflanzen, denen man
-wohl in den flachen Körben auf den Pariser Märkten in angefeuchteten
-Töpfen unter den grünen Zelttüchern und roten Schirmen begegnet.
-
-Wie sich sein litterarischer Geschmack und sein Kunsturteil verfeinert
-und sich sein Überdruss an allgemein verbreiteten Ideen verstärkt hatte,
-so hatte sich auch seine Zärtlichkeit für Blumen von jedem Bodensatz und
-jeder Hefe losgemacht und geklärt.
-
-Er verglich den Laden eines Gärtners mit einem Mikrokosmus, wo alle
-Klassen der Gesellschaft vertreten sind: jämmerliche, elende und
-erbärmliche Blumen, die sich nur auf den Fensterbrettern der Dachkammern
-wohl befinden, deren Wurzel oft in Milchtöpfe und alte Schalen gesteckt
-wird, wie zum Beispiel der Goldlack; anspruchsvolle und dumm
-gefallsüchtige Blumen, wie sie von jungen Mädchen auf Porzellantöpfe,
-wie zum Beispiel die Rose, gemalt werden; schliesslich die Blumen hohen
-Geschlechtes, wie die Orchideen, zart und reizend, zitternd und
-fröstelnd, exotische Blumen, die, nach Paris verbannt, warmen
-Glaspalästen gezüchtet werden, Prinzessinnen des Pflanzenreichs, die,
-für sich lebend, nichts gemein haben mit den Pflanzen der Strasse und
-dem bürgerlichen Blumenflor.
-
-Nichtsdestoweniger fühlte er ein gewisses Mitleid mit den niederen
-Blumen, die durch die Ausströmungen der Kloaken und Dünste aller Art in
-den ärmlichen Vierteln entkräftet werden; seine wirkliche Augenfreude
-waren die vornehmen und seltenen Pflanzen von weit her, die mit grösster
-Sorgfalt durch künstliche Ofenwärme erhalten werden.
-
-Dieser entschiedene Vorzug für die Treibhausblume hatte sich ebenfalls
-durch den Einfluss seiner allgemeinen Ideen modifiziert. Damals in Paris
-hatte seine natürliche Vorliebe für das Künstliche ihn dahin geführt,
-die wirkliche Blume gegen ihr treu nachgeahmtes Bild aufzugeben, das
-dank den Wundern des Gummis, des Drahtes, des Taffets, des Papiers und
-des Sammets sein buntes Scheinleben führte.
-
-Er besass eine wunderbare Sammlung künstlicher tropischer Pflanzen, von
-den Händen tüchtiger Arbeiter angefertigt.
-
-Diese bewunderungswürdige Kunst hatte ihn lange bezaubert, aber er
-träumte jetzt von der Zusammenstellung einer andern Flora.
-
-Er machte sich daher daran, die Treibhäuser der Avenue de Châtillon und
-des Dorfes d'Aunay zu besuchen, kam todmüde nach Hause, die Börse leer,
-aber entzückt über die Tollheiten der Pflanzenwelt, die er gesehen
-hatte.
-
-Er dachte nur noch an die Sorten, die er erworben, ruhelos verfolgt von
-dem Gedanken an die prachtvollen und seltsamen Blumenbeete.
-
-Zwei Tage später kamen mehrere Wagen. Mit der Liste in der Hand rief der
-Herzog seine Einkäufe auf und prüfte einen nach dem andern.
-
-Die Gärtner hoben von ihrem Karren eine Sammlung von Caladien, die an
-gedunsenen haarigen Stielen enorme schildförmige Blätter trugen. Alle
-hatten einen Zug von Verwandtschaft miteinander, ohne sich indessen
-gleich zu sein.
-
-Es waren darunter ganz ungewöhnliche rosenfarbige, solche wie die
-Virginale, die aus Wachstuch oder englischem Pflaster geschnitten zu
-sein schien; ganz weisse, wie der Alban, den man aus einer
-durchsichtigen Schweinsblase hergestellt glaubte; einige, besonders
-Madame Mame, sahen aus wie Zink, auf dem kleine Stückchen gestanzten
-Metalls glänzen, in kaisergrüner Farbe, wie mit Tropfen Ölfarbe, rotem
-Bleioxyd oder Bleiweiss bespritzt; andere, wie der Bosporus, glichen
-täuschend gestreiftem Kattun, rot und myrtengrün gesprenkelt; wieder
-andere, wie die Aurora Borealis, breiteten ihre fleischfarbenen Blätter
-aus, mit purpurroten Rändern und violetten Fäserchen, ein
-aufgeschwollenes Blatt, das rötlichen Wein und Blut schwitzte.
-
-Die Gärtner brachten neue Varietäten, die einer künstlichen Haut, von
-roten Adern durchzogen glichen; und die Mehrzahl, wie zerfressen von
-Aussatz, spannten ihr bleiches Fleisch aus, gefleckt mit Ausschlag und
-behaftet mit Flechten; andere hatten den hellen rosa Ton von sich
-schliessenden Wunden, oder die bräunliche Färbung des sich bildenden
-Schorfes; noch andere waren wie von Ätzmitteln verbrüht und von
-Brandwunden zerstört; wieder andere zeigten eine haarige Haut wie von
-Geschwüren ausgehöhlt und vom Krebs zerfressen; noch andere schienen mit
-Verband belegt, mit quecksilberhaltiger schwarzer Schmiere und grüner
-Belladonnasalbe bestrichen, mit dem gelben Glimmer des Jodpulvers
-gesprenkelt.
-
-»Potztausend!« rief er entzückt aus.
-
-Eine neue Pflanze von gleichartigem Modell wie das des Caladium, die
-Alocasia Metallica begeisterte ihn noch mehr. Diese war wie mit einer
-Schicht grüner Bronze überstrichen, über welche silberne Reflexe
-hinliefen; es war ein Meisterwerk der Unnatürlichkeit, man möchte sagen,
-es gliche einem Stück Ofenrohr, von einem Töpfer aus grünem Eisen
-gefertigt.
-
-Die Leute luden dann rautenförmige, flaschengrüne Blattpflanzen ab, in
-deren Mitte ein Stäbchen aufstieg, an dessen Ende ein grosses Herzass
-schwankte, gelackt wie die spanische Pfefferschote. Wie um die
-alltäglichen Erscheinungen der Pflanzen zu verhöhnen, sprang aus der
-Mitte von scharfem Rot ein fleischiger, faseriger, weiss und gelber
-Schwanz hervor, aufrecht bei den einen, bei den anderen geringelt wie
-der Schwanz eines Schweines.
-
-Es war das Anthurium, eine Arumart, kürzlich von Kolumbia nach
-Frankreich eingeführt; sie bildete einen Teil dieser Familie, zu welcher
-auch ein Amorphophallus gehörte; eine Pflanze aus Kochinchina mit
-fischstecherartig geschnittenen Blättern, mit langen schwarzen, mit
-Narben bedeckten Stielen, gleich vernarbten Gliedern eines Negers.
-
-Herzog Jean frohlockte.
-
-Man hob einen neuen Schub von Ungeheuern vom Wagen: Echinopsen, deren in
-Watte gehüllte Blüten das hässliche Rosa eines verstümmelten Gliedes
-hatten; Nidularium, in Säbelscheiden eine gähnende Öffnung zeigend;
-Tillandsia Lindeni, schartige Messer von dicker roter Farbe
-hervorsteckend; Cypripedium, mit wirrigen, zerrissenen Rändern, eine
-wahnsinnige Hervorbringung der Natur. Sie glichen einer kleinen Schale,
-einem Holzschuh, über welchem sich eine menschliche Zunge aufschürzte
-mit ausgestrecktem Zungenband, wie man sie wohl in Werken, die Hals- und
-Mundkrankheiten behandeln, abgebildet findet. Zwei kleine Flügelchen,
-rot wie Ebereschen, die einer Kindermühle entnommen zu sein schienen,
-vervollständigten dieses lächerliche Gesamtbild.
-
-Er konnte seine Augen nicht abwenden von dieser unglaublichen aus Indien
-kommenden Orchidee. Die Gärtner, durch die Zögerung gelangweilt, fingen
-jetzt selbst an, mit lauter Stimme die an den Töpfen steckenden Zettel
-vorzulesen.
-
-Herzog Jean setzte seine Betrachtungen fort; er hörte nahezu bestürzt
-die rauhen Namen der grünen Pflanzen ankündigen: Encephalartos Horridus,
-eine riesenhaft eiserne Artischocke, rostfarbig gezeichnet, so, wie man
-sie auf die Thüren der Schlossmauern steckt, um das Übersteigen zu
-verhindern; Cocos Micania, eine Art Palme, zackig und schlank, allseitig
-von hohen Blättern gleich indianischen Rudern umgeben; Zamia Lehmanni,
-eine ungeheure Ananas, wie ein gewaltiger Chesterkäse in Heideland
-gepflanzt und auf seiner Spitze mit widerhakigen Wurfspiessen besät;
-Cibotium Spectabile, alle Gattungen durch seine wahnsinnige Form
-überbietend: aus einem palmigen Blätterwerk schiesst der enorme Schwanz
-eines Orang-Utang heraus, ein haarig brauner Schwanz, am Ende wie zu
-einem Bischofsstab abgerundet.
-
-Aber der Herzog beachtete sie kaum und wartete nur mit Ungeduld die
-Serie von Pflanzen ab, welche ihn vor allen bezauberten, die
-vegetabilischen leichenfressenden Kobolde, die fleischverzehrenden
-Pflanzen, Gobe-Mouche, der Fliegenfänger der Antillen, mit dem faserigen
-Rand, eine Verdauungsflüssigkeit absondernd, mit gebogenen Stacheln
-versehen, die sich übereinander krümmen, ein Gitter über dem Insekt
-bildend, welches er einschliesst; die Drosera des Torflandes, mit
-drüsenartigen Haaren besetzt; die Sarracena, der Cephalothus, seine
-gefrässigen Hörnchen öffnend, fähig, wirkliches Fleisch zu verdauen und
-aufzuzehren; schliesslich noch Nepenthes, dessen Phantasieen alle
-Grenzen der excentrischen Form überschreiten.
-
-Er wurde nicht müde, den Topf in seinen Händen zu drehen und umzudrehen,
-aus dem diese Extravaganz der Flora hervorkam. Die Pflanze erinnerte an
-den Gummibaum, von dem sie auch die länglichen Blätter hatte, mit ihrem
-dunklen metallischen Grün; aber am Ende dieses Blattes hing ein grüner
-Bindfaden, der sich einer Nabelschnur vergleichen lässt, eine grünliche
-Urne tragend, violett marmoriert, eine Art deutsche Porzellanpfeife oder
-sonderbares Vogelnest, welches sich ruhig hin und her wiegte, ein mit
-Haaren besetztes Inneres zeigend.
-
-»Diese hat es weit gebracht,« murmelte der Herzog.
-
-Er musste sich seinem Entzücken entreissen, denn die Gärtner, die es
-eilig hatten, leerten den Boden ihrer Karren und stellten knollige
-Begonien und schwarze Krebsblumen auf die Erde.
-
-Der Herzog bemerkte, dass noch ein Name auf der Liste blieb. Der
-Cattleya von Neu-Granada; man bezeichnete ihm eine geflügelte Glocke von
-verwischtem, fast verblasstem Lilablau; er ging näher und steckte seine
-Nase hinein, doch prallte er erschrocken zurück; sie strömte nämlich
-einen Geruch von lackiertem Tannenholz aus, wie der von
-Spielzeugschachteln, die ihm die Schrecken eines Neujahrstages
-wachriefen.
-
-Er dachte, dass es gut wäre, ihr zu misstrauen, bedauerte fast, zwischen
-den geruchlosen Pflanzen, die er besass, diese Orchidee zugelassen zu
-haben, die so unangenehme Erinnerungen erweckte.
-
-Als er allein war, betrachtete er diese Menge von Gewächsen, die sein
-Vorzimmer füllte; sie mischten sich miteinander, kreuzten ihre Degen,
-ihre langen Dolche, ihre eisernen Lanzen, sie bildeten eine grüne
-Gewehrpyramide, über welcher, gleich barbarischen Lanzenfähnlein, Blumen
-von blendendem, hartem Ton schwebten.
-
-Die Luft in dem Raum verdünnte sich; bald darauf, im Dunkel eines
-Winkels und nahe dem Fussboden, schlängelte sich ein weisses, sanftes
-Licht.
-
-Er trat hinzu und bemerkte, dass es die Rhizomorphen waren, welche beim
-Atmen gleichsam einen Nachtlampenschimmer ausstrahlen.
-
-»Diese Pflanzen sind geradezu erstaunlich,« sagte er zu sich; dann trat
-er zurück und warf einen Blick auf den Haufen: sein Zweck war erreicht.
-Keine einzige machte den Eindruck des Natürlichen; Stoff, Papier,
-Porzellan, Metall, sie schienen der Natur vom Menschen geliehen zu sein,
-um solche Extravaganzen hervorzubringen.
-
-»Es ist wahr,« fuhr Herzog Jean fort, »dass in den meisten Fällen die
-Natur allein unfähig ist, solche ungesunden, verdorbenen Gattungen zu
-erzeugen; sie liefert den ersten Stoff, den Keim und den Boden, die
-Nährmutter und die wesentlichen Bestandteile der Pflanze, die der Mensch
-aufzieht, modelliert, malt und schnitzt je nach seinem Gefallen.
-
-So eigensinnig, so verworren, so beschränkt sie auch ist, sie hat sich
-schliesslich ergeben und ihr Meister hat es dahin gebracht, durch
-chemische Gegenwirkungen die Substanzen der Erde zu verändern, lang
-gereifte Zusammenstellungen, langsam vorbereitete Kreuzungen anzuwenden,
-sich geschickter Ableger, methodischer Pfropfreiser zu bedienen, und er
-bildet jetzt auf demselben Zweig Blumen verschiedener Farbe, erfindet
-für sie neue Nüancen und ändert nach seinem Willen die hundertjährige
-Form ihrer Pflanzen; er schleift die Blöcke ab, vollendet die Entwürfe,
-zeichnet sie mit seinem Stempel, drückt ihnen sein Kunstsiegel auf.
-
-Kein Zweifel,« meinte er, seine Betrachtungen zusammenfassend, »der
-Mensch kann in wenigen Jahren eine Zuchtwahl herbeiführen, die die faule
-Natur nur nach Jahrhunderten hervorzubringen vermag; heutzutage sind
-entschieden die Gärtner allein die wahren Künstler.«
-
-Er fühlte sich etwas angegriffen und erstickte fast in der Atmosphäre
-der eingeschlossenen Pflanzen; die Wege, die er seit ein paar Tagen
-gemacht, hatten ihn ermüdet; der Wechsel der freien Luft und der
-lauwarmen Temperatur seiner Wohnung, die Unbeweglichkeit eines
-zurückgezogenen Lebens und die Bewegung eines freien Daseins waren zu
-schroff gewesen. Er verliess sein Vorzimmer und legte sich aufs Bett;
-aber mit einem einzigen Gegenstand beschäftigt, wie durch eine
-Federkraft in Bewegung gesetzt, fuhr der Geist, obgleich eingeschläfert,
-fort, seine Kette abzuwickeln; und es dauerte nicht lange, bis er der
-düstern Macht des Alps verfiel.
-
-Er befand sich in einer Allee mitten im Gehölz. Es dämmerte; er ging an
-der Seite einer Frau, die er nie gekannt, noch je gesehen hatte. Sie war
-mager, hatte flachsgelbes Haar, ein Bulldoggengesicht voller
-Sommersprossen, schiefe Zähne, die unter der Stumpfnase hervorstanden.
-Sie trug eine grosse weisse Schürze, ein Tuch aus Büffelleder über die
-Brust geschlagen, halbhohe preussische Soldatenstiefel und eine schwarze
-Haube mit Rüschen verziert.
-
-Sie schien eine Fremde und sah aus wie eine dem Jahrmarkt entlaufene
-Gauklerin.
-
-Er fragte sich, wer dieses Weib sein möge, das er schon seit langem in
-seiner Intimität fühlte; er suchte vergeblich nach ihrem Ursprung, ihrem
-Namen, ihrem Gewerbe, ihrem Recht, neben ihm zu sein; ihm kam keine
-Erinnerung an diese unerklärliche Bekanntschaft, die doch zweifellos
-war.
-
-Er forschte noch immer in seinem Gedächtnis, als plötzlich vor ihnen
-eine seltsame Figur zu Pferde erschien, die plötzlich herantrabte und
-sich dann im Sattel herumdrehte.
-
-Jetzt erstarrte sein Blut vor Schreck in den Adern, wie gebannt blieb er
-an seinem Platz. Dieses doppelsinnige Gesicht, ohne Geschlecht, war
-grün, mit entsetzlichen Augen von kaltem, klarem Blau, die unter
-violetten Augenlidern hervorsahen; Ausschlag umgab den Mund;
-aussergewöhnlich magere Arme, wie die eines Skelettes, nackt bis zum
-Ellbogen, steckten aus zerrissenen Ärmeln hervor, zitternd vor Fieber,
-und fleischlose Lenden klapperten in übergrossen Reiterstiefeln.
-
-Der entsetzliche Blick dieser Augen heftete sich auf Herzog Jean,
-durchdrang ihn, erstarrte ihn bis zum Mark; die Frau mit dem
-Bulldoggengesicht klammerte sich in wahnsinniger Angst an ihn, stiess
-ein Todesgeheul aus, den Kopf auf den steifen Hals hintenüber geworfen.
-
-Und sogleich begriff er den Sinn dieser furchtbaren Erscheinung. Er
-hatte das Bildnis der Lustseuche vor sich.
-
-Ausser sich und von Furcht getrieben warf er sich in einen Querweg,
-erreichte laufend einen Pavillon, der zwischen Ebenholzbäumen stand;
-dort sank er in einem Korridor auf einen Stuhl nieder.
-
-Nach einigen Minuten, als er anfing wieder zu Atem zu kommen, vernahm er
-ein Schluchzen neben sich, er richtete den Kopf in die Höhe ... die Frau
-mit dem Bulldoggenkopf stand vor ihm; und jämmerlich grotesk weinte sie
-heisse Thränen, jammernd, dass sie während der Flucht ihre Zähne
-verloren habe, indem sie aus der Tasche ihrer grossen weissen Schürze
-Thonpfeifen hervorzog, die sie zerbrach, und die Stücke der weissen
-Röhren in die Löcher ihres Zahnfleisches steckte.
-
-Teufel, jetzt wird sie ganz verrückt, dachte der Herzog, die
-Pfeifenrohrstücke werden niemals festsitzen, -- und in der That, sie
-fielen auch alle eines nach dem andern wieder aus.
-
-Im selben Augenblick vernahm er den Galopp eines Pferdes. Ein
-furchtbarer Schreck erfasste den Herzog; fast brachen seine Kniee unter
-ihm zusammen; der Galopp kam näher; die Verzweiflung trieb ihn wie mit
-einem Peitschenhieb in die Höhe. Er warf sich auf das Weib, das auf den
-zerbrochenen Thonstücken herumtrampelte, sie anflehend, ruhig zu sein,
-sie beide nicht zu verraten durch den Lärm ihrer Stiefel. Sie schlug mit
-Händen und Füssen um sich, er schleifte sie bis zum Ende des Korridors,
-sie fast erwürgend, um sie am Schreien zu hindern; plötzlich bemerkte er
-eine Wirtshausthür mit grünem Laden, ohne Klinke; er stiess sie auf,
-nahm einen Anlauf, blieb aber plötzlich stehen.
-
-Vor sich, mitten in einer weiten Lichtung, sah er riesige, weisse
-Pierrots bei hellem Mondschein Bocksprünge machen.
-
-Thränen der Entmutigung stiegen ihm in die Augen; niemals, nein niemals
-würde er die Schwelle der Thür überschreiten können.
-
-Ich würde zertreten werden, dachte er, -- und wie um seine Befürchtungen
-zu rechtfertigen, vervielfältigte sich die Zahl der ungeheuren
-Hanswurste; ihre Sprünge nahmen jetzt den ganzen Horizont und den ganzen
-Himmel ein, gegen welchen sie abwechselnd bald mit ihren Köpfen, bald
-mit ihren Füssen stiessen.
-
-Jetzt hielt das Pferd an. Es war da, ... hinter einem runden Fenster in
-dem Korridor; mehr tot als lebendig drehte sich der Herzog um und sah
-durch das Fensterchen hindurch die steifen graden Ohren, die gelben
-Zähne, die Nasenlöcher, aus denen Dampf strömte, der nach Phenol roch.
-
-Er sank nieder, auf ferneren Kampf wie auf die Flucht verzichtend; er
-schloss die Augen und machte sich auf alles gefasst, ersehnte selbst,
-nur um zu endigen, den Gnadenstoss. Ein Jahrhundert, das zweifellos nur
-eine Minute dauerte, verging; zitternd und schaudernd öffnete er wieder
-die Augen. -- Alles war verschwunden; ohne Übergang, wie durch einen
-Aussichtswechsel, wie durch einen Dekorationstrick sah er eine
-abscheuliche Landschaft von Gestein in der Ferne verschwinden, eine
-wüste, bleiche, durchwühlte, tote Landschaft; diese schaurige Gegend war
-von einem ruhigen weissen Licht erhellt, das an die Strahlen des in Öl
-aufgelösten Phosphors erinnerte.
-
-Auf dem Boden bewegte sich etwas, das sich als ein sehr blasses, nacktes
-Weib erwies, dessen Beine mit grünen Strümpfen bekleidet waren.
-
-Er betrachtete sie neugierig; wie mit heissem Eisen gebrannte
-Pferdehaare kräuselte sich ihr Haar, an der Spitze gespalten; Urnen von
-Nepenthes hingen an ihren Ohren; wie gekochtes Kalbfleisch glänzte das
-Innere ihrer weit geöffneten Nasenlöcher. Mit verzückten Augen rief sie
-ihn leise.
-
-Er hatte nicht Zeit zu antworten, denn schon veränderte sich das
-Aussehen dieses Weibes; Flammen schossen aus ihren Augen; ihre Lippen
-färbten sich mit wildem feurigen Rot.
-
-Eine plötzliche Erkenntnis überkam ihn: das ist die Blume, sagte er
-sich.
-
-Er entdeckte auf der Haut des Körpers schwarzbraune, kupferrote Flecke;
-er schreckte verstört zurück, aber das Auge des Weibes zog ihn
-zauberisch an und langsam trat er näher, versuchend, nicht weiter zu
-gehen, niedersinkend, und sich dennoch wieder aufraffend, um sich ihr zu
-nähern. Schon berührte er sie fast, als plötzlich schwarze
-Amorphophallen von allen Seiten hervorsprangen und sich auf den Leib des
-Weibes losstürzten, der sich hob und senkte wie ein wildbewegtes Meer.
-Er schob sie beiseite, stiess sie zurück, einen grenzenlosen Widerwillen
-empfindend, während er zwischen seinen Fingern diese warmen aber festen
-Stengel wimmeln sah; dann waren die abscheulichen Pflanzen plötzlich
-wieder verschwunden und zwei Arme suchten ihn zu umschlingen; die Angst
-machte sein Herz heftig schlagen, denn die Augen, die schrecklichen
-Augen des Weibes hatten einen kalten grausamen, entsetzlichen Ausdruck
-angenommen. Er machte eine übermenschliche Anstrengung, um sich ihrer
-Umarmung zu entwinden, aber mit unwiderstehlicher Gewalt hielt sie ihn
-zurück, erfasste ihn, und mit irrem Blick sah er unter dem hochgehobenen
-Schenkel das wilde Nidularium sich klaffend und blutend entfalten.
-
-Er streifte mit seinem Körper die scheussliche Wunde dieser Pflanze; er
-fühlte sich dem Tode nahe ... da fuhr er plötzlich aus dem Schlafe auf,
-halb erstickt, eiskalt, fast wahnsinnig vor Angst, und erleichtert
-aufatmend seufzte er:
-
-»Gott sei Dank, dass es nur ein Traum!«
-
-
-
-
- NEUNTES KAPITEL.
-
-
-Dieses Alpdrücken wiederholte sich; er fürchtete sich vor dem
-Einschlafen. Er blieb stundenlang auf seinem Bett ausgestreckt, bald in
-anhaltender Schlaflosigkeit und fieberhafter Aufregung, bald in
-schrecklichen Träumen, in denen er den Boden unter den Füssen verlor,
-eine Treppe hinunterstürzte oder in einen Abgrund fiel, ohne sich
-festhalten zu können.
-
-Das während einiger Tage eingelullte Nervenleiden gewann wieder die
-Oberhand und trat heftiger und eigensinniger unter neuen Formen auf.
-
-Jetzt belästigten ihn die Decken; er erstickte unter ihnen, hatte ein
-Kribbeln im ganzen Körper, Hitze im Blut. Ein Prickeln peinigte ihn am
-ganzen Leibe. Zu diesen Symptomen kam bald ein dumpfer Schmerz in den
-Kinnbacken hinzu und das Gefühl, als wenn seine Schläfen in einen
-Schraubstock gepresst würden.
-
-Seine Befürchtungen wuchsen; unglücklicherweise fehlten die Mittel,
-diese hartnäckige Krankheit zu bezwingen.
-
-Ohne Erfolg hatte er Kaltwasserapparate in seinem Ankleidezimmer
-herrichten zu lassen versucht. Die Unmöglichkeit, das Wasser auf die
-Höhe, auf der sein Haus lag, hinaufzuleiten, die Schwierigkeit, es sich
-in genügender Quantität zu verschaffen in einem Dorf, wo die Brunnen
-sparsamkeitshalber nur zu gewissen Stunden im Betrieb waren, verhinderte
-die Benutzung; da er sich nicht durch den Wasserstrahl peitschen lassen
-konnte, der, kräftig auf die Wirbelsäule gerichtet, mächtig genug war,
-um die Schlaflosigkeit zu bekämpfen und die Ruhe herbeizuführen, musste
-er sich mit kurzen Abwaschungen in seiner Badewanne oder mit einfachen
-Übergiessungen begnügen, worauf er sich von seinem Diener mit
-Pferdehaarhandschuhen frottieren liess.
-
-Aber dieses schwache Mittel hemmte das Vorschreiten des Nervenleidens
-keineswegs; höchstens empfand er während einiger Stunden etwas
-Erleichterung, übrigens teuer genug bezahlt durch die Rückfälle, die
-sich immer heftiger erneuerten.
-
-Seine Unzufriedenheit nahm mehr und mehr zu; die Freude, einen seltenen
-Blumenflor zu besitzen, war verflogen; er war schon gegen ihre Farben
-und Formen abgestumpft; denn trotz aller Sorgfalt, mit der er sie
-pflegte, verwelkten die meisten seiner Pflanzen. Er liess sie daher aus
-seinen Zimmern entfernen.
-
-Jetzt ärgerte ihn wieder bei seiner Reizbarkeit der leere Raum, den sie
-vorher eingenommen hatten.
-
-Um sich zu zerstreuen und die endlosen Stunden zu töten, nahm er
-Zuflucht zu seinen Kupferstichen und ordnete seine Goyas. Die ersten
-Drucke der »Capriccios«, an ihrem rötlichen Ton erkennbar, früher einmal
-mit schwerem Gelde erstanden, heiterten ihn auf. Er vertiefte sich in
-sie, den Phantasieen des Künstlers folgend, verliebt in seine
-phantastischen Scenen, seine auf Katzen reitenden Hexen, seine Weiber,
-die da versuchen, einem Gehängten die Zähne auszureissen, seine Räuber,
-seine Dämonen und Zwerge.
-
-Dann durchblätterte er alle andern Serien seiner Radierungen und
-Aquatintazeichnungen, seine unheimlichen »Sprichwörter«, seine wilden
-Kriegs-Skizzen, seinen Kupferstich des Garot, von dem er einen
-wunderbaren Künstlerabdruck auf dickem Papier von sichtbaren
-Wasserstreifen durchzogen, besonders gern hatte.
-
-Das wilde Feuer, das herbe, stürmische Talent von Goya fesselte ihn;
-aber die allgemeine Bewunderung, die seine Werke erlangt hatten,
-brachten ihn trotzdem etwas von ihm ab, und er hatte daher davon
-abgesehen, sie einrahmen zu lassen, aus Furcht, dass, wenn er sie zur
-Schau stellte, der erste beste Einfaltspinsel es für nötig hielte,
-Dummheiten darüber loszulassen oder vor Entzücken ausser sich zu
-geraten.
-
-Es ging ihm ebenso mit seinen Rembrandts, die er dann und wann mit
-heimlichem Entzücken betrachtete; denn wie die schönste Arie der Welt
-unausstehlich wird, sobald sie der Pöbel summt und die Strassenorgel
-sich ihrer bemächtigt, so wird das Kunstwerk, das den unselbständigen
-Künstler zur Nachahmung reizt, das die Dummköpfe loben und das sich
-nicht damit begnügt, die Begeisterung von wenigen zu erregen, ebenfalls
-für die Kenner entweiht, banal, ja widerwärtig.
-
-Dieses Schwanken in seiner Bewunderung war übrigens mit sein grösster
-Kummer; äusserliche Erfolge hatten ihm Bilder und Bücher, die ihm
-ehemals teuer waren, für immer verleidet; infolge des Beifalls der
-Stimmenmehrheit entdeckte er zuletzt Mängel, die gar nicht da waren, er
-wies sie zurück, indem er sich fragte, ob sein Scharfsinn sich nicht
-abstumpfe und ihn betrüge.
-
-Er schloss seine Mappen und verfiel wieder einmal seinen schwankenden
-Gefühlen und unfruchtbaren Grübeleien. Um den Lauf seiner Gedanken zu
-ändern, nahm er besänftigende Lektüre zur Hand, versuchte sich das
-Gehirn abzukühlen. Er las die Romane von Dickens, an denen sich die
-Genesenden und die Unglücklichen entzücken.
-
-Aber diese Bücher brachten die entgegengesetzten Wirkungen hervor, als
-er erwartet hatte: er sah nur keusch Liebende, steif gekleidete
-Heldinnen, die nur beim Sternenlicht lieben und sich begnügen, die Augen
-zu senken, zu erröten oder vor Glück zu weinen, indem sie sich die Hände
-drücken. Diese übertriebene Keuschheit führte ihn der entgegengesetzten
-Übertreibung zu; so dass er von einem Extrem ins andere fiel, sich
-mächtig bewegter Scenen erinnerte, an die sexuellen Beziehungen zwischen
-Mann und Weib und an ihre Küsse dachte.
-
-Er unterbrach seine Lektüre und grübelte weiter über die Prüderie
-Englands. Er wurde von einer seltsamen Aufregung befallen. Die
-Zeugungsunfähigkeit seines Gehirns und seines Körpers, die er für eine
-permanente gehalten hatte, verschwand. Die Einsamkeit wirkte belebend
-auf seine Nerven. Die sinnliche Seite, seit Monaten ganz unempfindlich,
-war zuerst wieder durch die entnervende fromme Lektüre angeregt, dann
-durch die englische Ziererei zu einer Nervenkrisis gesteigert und stand
-jetzt in voller Blüte da; durch die Erregtheit seiner Sinne in die
-Vergangenheit zurückgeführt, watete er im Schmutz seiner alten
-Erinnerungen herum. --
-
-Er stand auf und öffnete schwermütig eine kleine vergoldete Dose, deren
-Deckel mit glitzernden Steinen besetzt war.
-
-Sie war voll von violetten Bonbons; er nahm einen heraus und ihn mit den
-Fingerspitzen leicht berührend, dachte er an die seltsamen
-Eigentümlichkeiten dieses Bonbons. Damals, als er sich seiner Impotenz
-klar ward, als er noch ohne Bitterkeit, ohne Bedauern, ohne neues
-Verlangen an das Weib dachte, legte er einen dieser Bonbons auf die
-Zunge, liess ihn zergehen, und plötzlich stiegen mit einer unendlichen
-Sanftheit verwischte Rückerinnerungen an wollüstige Ausschweifungen in
-ihm auf.
-
-Diese Bonbons, von Siraudin erfunden und mit dem lächerlichen Namen
-»Perles de Pyrénées« bezeichnet, enthielten einen Tropfen Sarcanthusöl.
-Sie drangen in die Schleimhäute ein und erinnerten ihn an die Wollust
-aromatischer Küsse.
-
-Gewöhnlich lächelte er beim Einatmen dieses verliebten Aromas, das ihm
-ein Teilchen Nacktheit vor das geistige Auge führte und für einen
-Augenblick wieder das Verlangen nach dem noch vor kurzem angebeteten
-Geruch bestimmter Frauen in ihm rege machte.
-
-Jetzt wirkten sie nicht mehr heimlich und leise, sie beschränkten sich
-nicht mehr darauf, das Bild ferner und konfuser Ausschweifungen
-anzufachen -- im Gegenteil, die Schleier zerrissen, und vor seinen Augen
-entstand die verkörperte, zudringliche, brutale Wirklichkeit.
-
-An der Spitze der Fata morgana ehemaliger Geliebten, welche der Genuss
-dieses Bonbons in klaren Zügen zu zeichnen half, befand sich eine mit
-grossen weissen Zähnen, mit einer Haut wie von rosa Atlas, die Nase wie
-gemeisselt, mit kleinen Mäuseaugen und kurz abgeschnittenem blonden
-Haar.
-
-Sie hiess Miss Urania, war Amerikanerin und eine der berühmtesten
-Akrobatinnen des Cirkus, deren schön proportionierter Körper, kräftige
-Schenkel und Muskeln von Stahl und Eisen Aufsehen erregte.
-
-Herzog Jean hatte sie während langer Abende aufmerksam beobachtet; die
-ersten Male war sie ihm wie sie wirklich war erschienen, das heisst
-kräftig und hübsch, aber der Wunsch, sich ihr zu nähern, packte ihn
-nicht; sie besass nichts, was sie der Lüsternheit eines blasierten
-Menschen begehrlich machen konnte, und doch ging er wieder nach dem
-Cirkus hin, angelockt, ohne zu wissen wovon, getrieben von einem schwer
-zu erklärenden Gefühl.
-
-Während er ihre Bewegungen verfolgte, machte er eine sonderbare
-Beobachtung; in dem Masse, wie er ihre Geschmeidigkeit und ihre Kraft
-bewunderte, sah er eine Geschlechtsveränderung mit ihr vorgehen: ihre
-zierlichen und weiblichen Bewegungen verwischten sich mehr und mehr,
-während sich die gewandten und kräftigen Reize des Mannes dafür
-vordrängten; kurz, nachdem sie sich zuerst als Weib gezeigt, dann für
-eine kurze Zeit geschlechtslos gewesen war, schien sie vollständig Mann
-geworden zu sein. »Diese Akrobatin könnte sich, wie sich ein kräftiger
-Kerl in ein zartes Mädchen verliebt, auch in einen Schwächling, wie ich
-es bin, verlieben,« sagte sich der Herzog; und indem er sich betrachtete
-und Vergleiche zog, wurde es ihm klar, dass er immer femininer wurde;
-und er sehnte sich nach dem Besitz dieser Frau und begehrte sie, wie
-sich ein bleichsüchtiges junges Mädchen wohl nach einem robusten Manne
-sehnt, dessen Liebkosungen sie zu erdrücken drohen.
-
-Dieser Austausch des Geschlechtes zwischen der Akrobatin und ihm
-begeisterte ihn. »Wir sind für einander bestimmt,« überzeugte er sich
-selbst.
-
-Eines schönen Abends entschloss er sich, die Logenschliesserin
-abzuschicken. Aber Miss Urania hielt es für angemessen, ihm nicht eher
-Gehör zu schenken, bis er ihr den üblichen Hof gemacht; doch zeigte sie
-sich wenig grausam, denn durch Hörensagen wusste sie, dass der Herzog
-des Esseintes reich war und dass sein Name genügte, um eine Frau in Mode
-zu bringen.
-
-Aber sobald seine Wünsche Erhörung gefunden hatten, übertraf seine
-Enttäuschung alle bisherige Erfahrung. Er hatte sich die Akrobatin dumm
-und roh wie einen Jahrmarktsringer vorgestellt, ihre Dummheit war aber
-unglücklicherweise nur weiblich. Gewiss, es fehlte ihr an Erziehung und
-an Takt, sie hatte weder Verstand noch Geist und sie bewies bei Tisch
-einen tierischen Eifer, anderseits aber waren alle kindlichen Gefühle
-des Weibes in ihr vorhanden; sie schwatzte auch und kokettierte wie alle
-von ihren Albernheiten eingenommenen Frauenzimmer.
-
-Dabei bewahrte sie im Bett eine puritanische Zurückhaltung und zeigte
-keine jener athletischen Roheiten, die er ersehnte, aber auch
-gleichzeitig fürchtete. Sie war nicht, wie er es einen Augenblick
-gehofft, den Aufregungen ihres Geschlechts unterworfen. Doch wenn er den
-Mangel ihrer Sinnlichkeit recht untersucht hätte, so würde er eine
-Neigung zu einem zarten, schmächtigen Wesen, zu einem ihm ganz
-entgegengesetzten Temperamente, einem mageren Clown, entdeckt haben.
-
-Unglücklicherweise trat der junge Herzog wieder in die einen Moment
-vergessene Männerrolle zurück; seine Eindrücke von weiblicher Natur, von
-Schwäche, verschwanden; die Illusion war nicht mehr möglich. Miss Urania
-war eine ganz gewöhnliche Maitresse, die in keiner Weise den neugierigen
-Erwartungen des Gehirns entsprach, die sie anfangs hervorgerufen hatte.
-
-Obgleich der Reiz ihrer weichen, frischen Haut, ihrer prächtigen
-Schönheit den Herzog zuerst überrascht und bei ihr zurückgehalten hatte,
-suchte er dieses Verhältnis schnell wieder zu lösen und den Bruch zu
-beschleunigen, denn seine frühzeitige Impotenz verschlimmerte sich noch
-bei den eisigen Liebkosungen, bei dem gezierten Wesen dieses Mädchens.
-
-Und doch war sie die erste, die vor ihm stehen blieb bei dem
-ununterbrochenen Vorbeimarsch dieser wollüstigen Bilder; wenn sie sich
-aber schliesslich seinem Gedächtnis doch fester eingeprägt hatte als
-eine Menge anderer, deren Reize weniger trügerisch und deren Genüsse
-weniger beschränkt gewesen waren, so lag das an dem gesunden und
-kräftigen Geruch ihres weiblichen Körpers; dieser Überfluss an
-Gesundheit war das Gegenteil der Blutarmut, die man mit Parfüms
-auffrischte, deren feinen Geruch er in dem zarten Siraudin-Bonbon
-wiederfand.
-
-Er gedachte seiner andern Geliebten. Sie drängten sich wie eine Herde in
-seinem Gehirn zusammen, doch alle überragte ein Weib, dessen
-eigentümlicher Reiz ihn während mehrerer Monate aussergewöhnlich
-gefesselt hatte.
-
-Es war eine kleine, magere Brünette mit schwarzen Augen und
-pomadisierten Haaren, die auf dem Kopfe wie mit einem Pinsel angeklebt
-waren, mit einem Scheitel auf der linken Seite, der ihr das Aussehen
-eines Jungen gab.
-
-Er hatte sie in einem Café-Konzert kennen gelernt, wo sie
-Bauchredner-Vorstellungen gab.
-
-Zum Erstaunen der Zuschauer, die sich fast unbehaglich bei diesen
-Ausführungen fühlten, liess sie abwechselnd Kinder aus Pappe sprechen,
-die wie Orgelpfeifen auf Stühlen aufgestellt waren.
-
-Herzog Jean war bezaubert gewesen; eine Menge von Ideen keimten in ihm
-auf. Zuerst beeilte er sich, die Bauchrednerin mit Haufen von Banknoten
-zu bändigen, da sie ihm gerade wegen des Kontrastes, den sie zu der
-Amerikanerin bildete, gefiel. Diese kleine Brünette brannte wie ein
-Krater; aber trotz all ihrer angewandten künstlichen Mittel erschöpfte
-sich der Herzog in wenigen Stunden; er fuhr indessen fort, sich
-willfährig von ihr ausziehen zu lassen, denn mehr als die Geliebte zog
-ihn das Phänomen an.
-
-Endlich waren die Pläne, die er gemacht hatte, gereift.
-
-Er liess eines Abends eine Sphinx aus schwarzem Marmor bringen, in der
-klassischen Stellung liegend, mit ausgestreckten Tatzen, mit steifem,
-geradem Kopf, und eine Chimäre aus buntem Thon, mit gesträubter Mähne,
-wilde Blicke werfend, mit den Strähnen ihres Schweifes ihre
-geschwollenen Seiten fächelnd. Er stellte die beiden Tiere in seinem
-Zimmer auf und löschte die Lampen aus. Die glühenden Kohlen im Kamin
-glommen weiter und vergrösserten alle Gegenstände, die wie im Schatten
-verschwanden.
-
-Dann streckte er sich auf dem Sofa aus, nahe seiner Geliebten, deren
-unbewegliches Gesicht von dem Schein der Glut erleuchtet wurde, und
-wartete.
-
-Mit seltsamen Tönen und Ausdrücken, welche er sie lange und geduldig
-vorher hatte einüben lassen, belebte sie, ohne die Lippen zu bewegen,
-ohne sie nur anzusehen, die beiden Ungeheuer.
-
-Und in der Stille der Nacht begann jetzt der wunderbare Dialog zwischen
-der Chimäre und der Sphinx, vorgetragen mit tiefen, rauhen Kehllauten,
-dann in scharfer, feiner Stimme:
-
-»Hier, Chimäre, halte still.«
-
-»Nie und nimmer.«
-
-Gewiegt von der entzückenden Prosa Flauberts, hörte er schwer atmend das
-schreckliche Duett, und ein Schauder durchflog ihn vom Nacken bis zur
-Zehe, als die Chimäre die feierlichen und zauberhaften Worte ausspricht:
-
-»Ich suche neue Wohlgerüche, prächtigere Blumen, unbekannte Genüsse.« --
-
-Ach! es war ihm, als ob diese Stimme zu ihm selbst, geheimnisvoll, wie
-in einer Beschwörung, sprach.
-
-Das ganze Elend seiner eigenen nutzlosen Anstrengungen strömte ihm zum
-Herzen zurück. Sanft umfasste er das schweigende Weib wie ein
-ungetröstetes Kind; nicht einmal das verdriessliche Gesicht der
-Komödiantin beachtete er, die genötigt war, eine Scene zu spielen und
-ihr Handwerk noch während ihrer Mussestunden auszuüben.
-
-Ihr Verhältnis dauerte fort, doch bald verschlimmerte sich die Schwäche
-des Herzogs; die Aufwallungen seines Gehirns schmolzen nicht mehr das
-Eis seines Körpers; die Nerven gehorchten nicht mehr seinem Willen; die
-leidenschaftlichen Thorheiten der Greise beherrschten ihn. Da er sich
-mehr und mehr bei seiner Geliebten schwach werden fühlte, nahm er seine
-Zuflucht zu dem wirksamsten Hilfsmittel der alten und unbeständigen
-Aufreizung, zu der Furcht.
-
-Während er seine Maitresse in seinen Armen hielt, erscholl hinter der
-Thür eine rauhe Säuferstimme: »Wirst du gleich öffnen? Ich weiss sehr
-gut, dass du mit einem reichen Gimpel zusammen bist, na warte nur, du
-Schlange!«
-
-Wie die Wüstlinge in der Gefahr einen Reiz empfinden und im Freien, auf
-den Böschungen, im Garten der Tuilerieen, im Wald oder auf einer Bank
-ihre Sinnlichkeit befriedigen, so fand der Herzog vorübergehend seine
-Kräfte wieder und stürzte sich auf die Bauchrednerin, deren Stimme
-hinter der Thür tobte, und empfand unerhörte Genüsse in diesem
-Herumstossen, in dieser Angst des Mannes, der sich in Gefahr befindet.
-
-Unglücklicherweise waren diese Freuden von kurzer Dauer, denn trotz der
-enormen Summen, die er der Bauchrednerin bezahlte, verabschiedete ihn
-diese schliesslich und gab sich noch demselben Abend einem strammen
-Burschen hin, dessen Ansprüche weniger kompliziert, dessen Lenden aber
-kräftiger waren.
-
-Diese Komödiantin hatte er wirklich bedauert und bei der Erinnerung an
-ihre Geschicklichkeit schienen ihm die andern Frauen anmutlos.
-
-Eines Tages, da er allein in der Avenue de Latour-Maubourg spazieren
-ging, in seine Betrachtungen und seinen Widerwillen gegen das weibliche
-Geschlecht vertieft, wurde er nahe bei der Esplanade des Invalides von
-einem jungen Menschen angeredet, der ihn bat, ihm den kürzesten Weg nach
-der Rue de Babylone zu zeigen.
-
-Herzog Jean bezeichnete ihm den Weg, welchen er einzuschlagen hatte, und
-da auch er die Esplanade entlang ging, so schritten sie zusammen weiter.
-
-»Sie glauben, dass es, wenn ich links gehen würde, ein Umweg wäre,« fuhr
-der junge Mann zu fragen fort, »man hatte mir gesagt, die Avenue in
-schräger Richtung zu verfolgen« ... seine Stimme klang leise und
-schüchtern, fast bittend.
-
-Der Herzog betrachtete ihn näher. Er schien aus dem Gymnasium gekommen
-zu sein, war ärmlich gekleidet, trug eine kurze Jacke aus Cheviot, eine
-schwarze enge Hose, niedergeschlagenen Kragen und eine lose dunkelblaue
-Krawatte mit weissen Punkten.
-
-In der Hand hielt er ein Schulbuch und hatte auf dem Kopf einen runden
-braunen Hut mit glattem Rand.
-
-Sein Gesicht war beunruhigend; blass und müde, doch ziemlich regelmässig
-und von langem, schwarzem Haar umrahmt; er hatte grosse feuchte Augen
-mit blauen Rändern, um die Nase herum einige Sommersprossen und einen
-kleinen Mund mit starken Lippen, die in der Mitte wie eine Kirsche
-gespalten waren.
-
-Sie sahen sich eine Weile an, gerade ins Gesicht, dann schlug der junge
-Mensch die Augen nieder und kam näher; sein Arm streifte bald den des
-Herzogs, der seinen Schritt mässigte und nachdenklich den wiegenden Gang
-des Jünglings betrachtete.
-
-Und aus dieser zufälligen Begegnung war eine Freundschaft entstanden,
-die sich Monate lang hinzog.
-
-Der Herzog dachte mit Schaudern an sie zurück, niemals hatte er einen
-anziehenderen und herrischeren Pakt ertragen, niemals hatte er solche
-Gefahren gekannt und niemals noch sich so schmerzhaft befriedigt
-gefühlt.
-
-Unter allen Erinnerungen, die ihn in seiner Einsamkeit bestürmten,
-beherrschte dieses Liebesverhältnis alle andern. --
-
-Jetzt erwachte er aus seinen Träumereien, gebrochen, vernichtet,
-sterbend, und schnell alle Lichte und Lampen anzündend, hoffte er in
-dieser Flut von Licht weniger deutlich das dumpfe, unaufhörliche,
-unausstehliche Klopfen der Pulsadern zu vernehmen.
-
-
-
-
- ZEHNTES KAPITEL.
-
-
-Während dieser seltsamen Krankheit, die blutarme Menschen hinwegrafft,
-traten plötzlich kurze Pausen der Krisen ein. Ohne dass er sich ihren
-Grund zu erklären vermochte, wachte der Herzog eines Tages ganz kräftig
-auf. Da war nichts mehr von aufreibendem Husten zu spüren, keine
-stechenden Schmerzen mehr im Nacken, nur ein unbeschreibliches Gefühl
-von Wohlbehagen, eine Leichtigkeit des Hirns, dessen Gedanken sich
-erhellten.
-
-Dieser Zustand währte mehrere Tage; dann plötzlich zeigten sich eines
-Nachmittags wiederum Hallucinationen des Geruchssinnes.
-
-Sein Zimmer duftete wie von Backwerk und Parfüm; er sah nach, ob nicht
-ein geöffnetes Flacon umherstand; doch nirgends war ein solches zu
-finden. Er lief durch alle seine Gemächer: der Geruch dauerte fort.
-
-Er klingelte seinem Diener:
-
-»Riechen Sie nichts?« fragte er.
-
-Der alte Mann erklärte, dass er keinen Blumengeruch bemerke: es konnte
-kein Zweifel mehr bestehen, das Nervenleiden zeigte sich wieder unter
-einer neuen Sinnestäuschung.
-
-Gelangweilt von der Hartnäckigkeit dieses eingebildeten Aromas,
-beschloss er, sich in wirkliche Parfüms zu tauchen, hoffend, dass diese
-Nasenhomöopathie ihn heilen, oder wenigstens die Verfolgung des lästigen
-Geruches aufhören würde.
-
-Er begab sich in sein Ankleidezimmer. Dort standen nahe bei einem
-antiken Taufbecken, das ihm als Waschgefäss diente, unter einem breiten
-Spiegel von getriebenem Eisen Flaschen in allen Grössen und allen Formen
-auf Etageren aus Elfenbein übereinander.
-
-Er stellte sie auf einen Tisch und teilte sie in zwei Serien: die eine
-mit einfachen Parfüms, Extrakten und Spiritussen, die andere mit
-zusammengesetzten Parfüms, die man mit dem allgemeinen Ausdruck
-»Bouquets« bezeichnet.
-
-Er drückte sich in seinen Sessel und sammelte sich.
-
-Er war schon seit Jahren in der Wissenschaft des Riechens geübt und war
-überzeugt, dass man durch den Geruch die gleichen Genüsse empfinden
-könne wie durch das Gehör und das Gesicht, indem jeder Sinn infolge
-einer natürlichen Neigung und Angewöhnung genugsam empfindlich sei, neue
-Eindrücke aufzunehmen, sie zu verzehnfachen und zu verarbeiten.
-
-In der Kunst der Parfümbereitung hatte ihn eine Seite vor allem
-angezogen, nämlich die der künstlichen Genauigkeit.
-
-Das Parfüm stammt fast niemals von den Blumen, deren Namen es trägt; der
-Fabrikant, der es wagen würde, nur einzig der Natur ihre Elemente zu
-entlehnen, würde doch nur ein unechtes Werk schaffen, ohne
-Natürlichkeit.
-
-Mit Ausnahme des unnachahmlichen Jasmin, welcher keine Fälschung
-zulässt, sind alle Blumengerüche genau durch Verbindungen mit
-aromatischem Weingeist und Spiritus darstellbar.
-
-Nach und nach hatten sich die geheimen Operationen dieser so arg
-vernachlässigten Kunst vor dem Herzog erschlossen, der ihren geheimen
-Wegen nachging.
-
-Um dies zu erreichen, hatte er zuerst die Grammatik durchgearbeitet, die
-Syntax der Gerüche erlernt, wie auch die Regeln, die sie regieren,
-ergründet. Mit dieser Sprache einmal vertraut, musste er die Werke der
-Meister wie Atkinson und Lubin, Chardin und Violet, Legrand und Piesse
-vergleichen, die Konstruktion ihrer Sätze zerlegen, das Verhältnis ihrer
-Worte und die Aufstellung ihrer Satzgefüge abwägen.
-
-Die klassische Parfümerie war ziemlich einförmig, fast farblos, vor
-langer Zeit von Chemikern in eine gleichmässige Form gegossen.
-
-Ihre Geschichte folgte Schritt für Schritt der Sprache unserer Zeit.
-
-Der parfümierte Stil Ludwigs XIII., aus teuren Bestandteilen
-zusammengesetzt, aus Iris, Moschus, Zibeth-Puder, Myrtenwasser, schon
-damals unter dem Namen »Eau des Anges« bekannt, war kaum genügend, um
-die ungezwungenen Reize, die etwas rohen Färbungen jener Zeit
-auszudrücken, welche uns gewisse Sonette von Saint-Armand aufbewahrt
-haben.
-
-Später, mit der Myrrhe, dem Oliban, einer Art Weihrauch, wurden die
-mystischen Wohlgerüche kräftig und streng; die pomphafte Art des grossen
-Jahrhunderts, die weitschweifigen Feinheiten der Redekunst, der breite,
-getragene Stil Bossuets und der Kanzelredner fanden ihren Niederschlag.
-Noch später fanden die erschlafften, kunstvollen Reize der französischen
-Gesellschaft unter Ludwig XV. leichter ihren Dolmetscher in dem
-Frangipan und dem Maréchale, die gleichsam die Synthese dieser Epoche
-selbst gaben. Dann, nach der Langeweile und Gleichgültigkeit des ersten
-Kaiserreichs, in dem man die Eaux de Cologne sowie die Präparationen von
-Rosmarin missbrauchte, stürzte sich die Parfümerie hinter Victor Hugo
-und Gautier her in das Land der Sonne; sie schuf orientalische
-Wohlgerüche, scharfwürzige Bouquets, entdeckte neue Zusammenstellungen,
-bis jetzt nicht gewagte Gegensätze, wählte aus und nahm wieder alte
-Nüancen auf, welche sie komplizierte, verfeinerte und passend
-zusammensetzte. Sie verwarf schliesslich energisch diese freiwillige
-Abgelebtheit, zu welcher sie Malesherbes, Boileau, Andrieux,
-Baour-Lormian herabgesetzt hatten, diese niedrigen Destillateure ihrer
-Gedichte.
-
-Aber auch seit der Periode von 1830 war diese Sprache nicht stehen
-geblieben. Sie hatte sich noch weiter fortentwickelt und, sich nach dem
-Gang des Jahrhunderts formend, war sie gleichlaufend mit den andern
-Künsten vorgeschritten, hatte sich auch den Wünschen der Kunstfreunde
-und Künstler gefügt, sich auf die Chinesen und Japaner gestürzt,
-duftende Stammbücher erfunden, Blumensträusse von Takéoka nachgeahmt,
-durch Mischungen von Lavendel und Goldlack den Geruch des Rondeletia,
-durch eine Verbindung von Patschuli und Kampfer den sonderbaren Duft der
-chinesischen Tinte, durch die Zusammensetzung von Citrone, Levkoje und
-Pommeranzblütessenz die Ausströmung des japanesischen Hovénia erhalten.
-
-Der Herzog studierte und analysierte die Seele dieser Fluida, machte die
-Exegese dieser Texte; er gefiel sich zu seiner eigenen Befriedigung
-darin, die Rolle eines Psychologen zu spielen, das Räderwerk auseinander
-zu nehmen und wieder zusammenzustellen, die Stücke abzuschrauben, die
-die Struktur einer zusammengesetzten Ausströmung bildeten, und bei
-dieser Ausübung hatte sein Geruchssinn die Sicherheit eines fast
-unfehlbaren Prüfsteins erlangt.
-
-Wie ein Weinhändler das Gewächs an einem Tropfen, den er schlürft,
-erkennt, wie ein Hopfenhändler an dem Geruch des Sackes den genauen Wert
-der Ware bestimmen kann, wie ein chinesischer Kaufmann sofort die
-Herkunft des Thees, der ihm vorgehalten wird, anzugeben vermag und sagen
-kann, auf welchen Pachtungen des Berges Bohées, in welchen
-buddhistischen Klöstern er gezogen ist, und selbst den Zeitpunkt, an dem
-seine Blätter gepflückt, und den Grad des Dörrens zu bezeichnen weiss,
-sowie den Einfluss, dem er in der Nähe der Pflaumenblüte, der Aglaia,
-der duftenden Olea, aller dieser Wohlgerüche ausgesetzt gewesen ist, die
-dazu dienen, seine Natur zu verändern, eine unvermutete Steigerung
-hervorzurufen und in seinem trockenen Geruch einen Duft ferner frischer
-Blumen zu erzeugen -- ebenso konnte der Herzog auch, wenn er nur ein
-Tröpfchen Parfüm einatmete, gleich die Dosis seiner Mischung hernennen,
-die Psychologie seiner Mixtur erklären und den Künstler erkennen, der
-das Aroma hergestellt und ihm die persönliche Marke seines Stils
-aufgedrückt hatte.
-
-Es versteht sich von selbst, dass er die Sammlung aller von den
-Parfümeuren angewendeten Produkte besass; er hatte selbst das echte
-Mekkabalsamkraut, dieses seltene Kraut, das nur in gewissen Teilen des
-steinigen Arabiens wächst und dessen Monopol dem Sultan gehört. --
-
-Und nun sass Herzog Jean in seinem Ankleidezimmer und sann darauf, ein
-neues Bouquet zu erfinden, er war von dem Augenblick des Zögerns
-erfasst, den die Schriftsteller nur zu gut kennen, wenn sie nach Monaten
-der Ruhe ein neues Werk beginnen.
-
-Ebenso wie Balzac, der von dem unabweislichen Bedürfnis verfolgt war,
-erst viel Papier zu bekritzeln, ehe er imstande war zu schreiben, so
-erkannte Herzog Jean die Notwendigkeit, sich erst durch einige leichtere
-Arbeiten in Gang zu bringen.
-
-Er fing an, die Flaschen mit Mandeln und Vanille zu wägen, um Heliotrop
-herzustellen, dann besann er sich anders und entschloss sich, mit der
-Riecherbse zu beginnen.
-
-Die Formel, das Verfahren waren ihm entfallen; er tastete. Im
-allgemeinen herrscht bei dem Duft dieser Blume die Orange vor; er
-versuchte mehrere Zusammensetzungen und erreichte schliesslich den
-richtigen Ton, indem er der Orange die Tuberose und die Rose hinzufügte,
-welche er mit einem Tropfen Vanille verband.
-
-Die Ungewissheiten verschwanden; ein leichtes Fieber erfasste ihn, er
-fühlte sich zur Arbeit angeregt und beschloss, weiter zu gehen und einen
-fulminanten Satz loszulassen, dessen stolzes Geprassel das Geflüster
-dieses arglistigen Parfüms niederwerfen würde, der noch immer im Zimmer
-lastete.
-
-Er experimentierte mit dem Amber, dem Tonkin-Moschus, dem Patschuli, dem
-schärfsten aller vegetabilischen Parfüms, dessen Blume einen Geruch von
-Schimmel und Rost ausströmt.
-
-Aber was er auch versuchte, die Liebeleien des XVIII. Jahrhunderts
-verfolgten ihn; die Reifröcke und seidenen Garnierungen schwebten vor
-seinen Augen, die Erinnerungen der Venusse von Boucher, aus vollem
-Fleisch, ohne Knochen, in üppigster Gestalt, liessen sich an seinen
-Wänden nieder; der Rückblick auf den Roman Thermidor, auf die
-entzückende Rosette mit hochgeschürztem Rock peinigte ihn.
-
-Wütend stand er auf, und um sich frei zu machen, sog er mit aller Kraft
-die reine Essenz des Spika-Nard ein, der den Orientalen so teuer und den
-Europäern so unangenehm ist wegen seines zu starken Geruchs von
-Baldrian. Er war fast betäubt von der Heftigkeit der Erschütterung.
-
-Wie durch einen Hammerschlag zermalmt verschwand das Filigran des zarten
-Duftes.
-
-Früher hatte er sich gern in Akkorden von Düften gewiegt; er gebrauchte
-ähnliche Effekte wie die der Poeten, wendete gewissermassen die
-vortreffliche Anordnung der Stücke von Baudelaire an, wie zum Beispiel
-in »L'Irréparable« und »Le Balcon«, wo der letzte der fünf Verse, welche
-die Strophe bilden, das Echo des ersten ist und wie ein Refrain
-zurückkommt und die Seele in die Unendlichkeit von Schwermut und
-Sehnsucht taucht.
-
-Er verlor sich in den Träumen, welche diese duftenden Stanzen in ihm
-hervorriefen; ihn verlangte, in einer wunderbaren und wechselnden
-Landschaft herumzustreichen, und deshalb fing er mit einem vollen und
-stattlichen Satz an, der plötzlich einen Durchblick auf eine grossartige
-Landschaft eröffnete.
-
-Mit seinen Vaporisateuren spritzte er im Zimmer eine Essenz, aus
-Ambrosia, Mitcham-Lavendel, Riecherbse und Bouquet gebildet, umher, eine
-Essenz, die, wenn sie von einem Künstler destilliert, den Namen
-verdient, den man ihr zuerkannt hat: »Extrait de Pré fleuri«; in diese
-blühende Wiese führte er dann eine genaue Fusion von Tuberose,
-Orangeblüte und Mandel ein; und alsbald entstand künstlicher Flieder und
-der Wind schien leise durch blühende Linden zu streichen, ihre zarten
-Ausströmungen auf den Boden niederdrückend, welche dem Extrakt der
-englischen Tilia ähneln.
-
-Dann liess er durch einen Ventilator die duftenden Wellen entfliehen,
-nur die Landschaft beibehaltend, die er erneute und deren Dosis er
-verstärkte, um ihre Rückkehr zu erzwingen.
-
-Bald stiegen Hüttenwerke gen Himmel auf.
-
-Ein starker Geruch von Fabriken, von chemischen Produkten verbreitete
-sich, und doch hauchte die Natur noch in dieser verpesteten Luft ihre
-süssen Düfte aus.
-
-Der Herzog bearbeitete und wärmte zwischen seinen Fingern eine
-Storax-Kugel, und ein höchst eigentümlicher Geruch verbreitete sich im
-Zimmer, ein Geruch, widerlich und köstlich zugleich, dem entzückenden
-Geruch der Jonquille und dem hässlichen Gestank der Guttapercha und dem
-Steinkohlenöl ähnlich.
-
-Er desinfizierte sich die Hände, legte sein Harz in einen hermetisch
-verschlossenen Kasten, und die Fabriken verschwanden. Dann schleuderte
-er zwischen die wieder belebten Linden und Wiesen einige Tropfen New
-Mown Hay, und mitten in der zauberhaften Landschaft, ihres Flieders
-beraubt, stiegen Heugarben empor, eine neue Jahreszeit suggerierend und
-ihre feinen Ausströmungen aushauchend.
-
-Endlich, als er diesen Anblick genügend genossen, versprengte er eiligst
-noch einige exotische Parfüms, leerte seine Vaporisateure, verflüchtete
-seine konzentrierten Spritsorten, liess all den Balsamen die Zügel
-schiessen, und in dem heissen aufregenden Dunst des Raumes entwickelte
-sich eine wahnsinnig sublimierte Temperatur, die seinen Atem
-beschleunigte.
-
-Plötzlich empfand er einen heftigen Schmerz. Es war ihm, als wenn man
-ihm mit einem Instrument die Schläfen durchbohre. Er öffnete die Augen
-und befand sich in der Mitte seines Ankleidezimmers, vor seinem Tisch
-sitzend; mühevoll erhob er sich und schleppte sich zum Fenster, das er
-halb öffnete. Ein Luftstoss klärte die erstickende Atmosphäre, die ihn
-einhüllte; er ging im Zimmer auf und ab, die Augen gegen den Plafond
-gerichtet, wo Krabben und salzgepuderte Algen auf einem gekörnten Grund
-hell wie der Sand des Meeresufers im Relief aufstiegen. Eine gleiche
-Dekoration schmückte auch die Fussgesimse, die, mit japanesisch
-wassergrüner, etwas zerdrückter Kreppseide die Wände einfassend, das
-Gekräusel eines Flusses, von Wind bewegt, nachahmten, und in diesem
-leicht fliessenden Wasser schwamm das Blatt einer Rose, um welches ein
-Schwarm kleiner Fische wirbelte, mit leichten Federstrichen gezeichnet.
-
-Aber seine Augenlider blieben schwer; das Hin- und Hergehen ermüdete
-ihn, er lehnte sich auf die Fensterbrüstung; allmählich verschwand seine
-Betäubung. Sorgsam korkte er die Fläschchen wieder zu und benutzte diese
-Gelegenheit, um die Unordnung in seiner reichen Schminksammlung zu
-beseitigen. Er hatte seit seiner Ankunft in Fontenay nicht daran
-gerührt, und er verwunderte sich fast, diese Kollektion jetzt
-wiederzusehen, die früher von so vielen Frauen besichtigt und bewundert
-worden war.
-
-Die Kruken und Fläschchen häuften sich auf- und übereinander. Hier war
-es ein Porzellantopf, Schnouda enthaltend, diesen wunderbaren weissen
-Creme, der, wenn er auf der Wange aufgerieben, unter dem Einfluss der
-Luft in zartes Rosa, dann in ein so echtes Inkarnat übergeht, dass er
-die wirklich genaue Täuschung einer durch Blutwallung geröteten Haut
-hervorbringt. Dort sind es mit Perlmutter eingelegte Lackkasten, die
-japanesisches Gold und athenisches Grün einschliessen, die Farbe des
-Flügels einer spanischen Fliege, Gold und Grün, das sich in ein tiefes
-Purpur verwandelt, sobald man es anfeuchtet. Nahe den vollen Kruken mit
-Pasten von Lambertsnuss, Serkis des Harems, Emulsinen der Kaschmirlilie,
-Waschwasser von Erdbeeren und Holunder für den Teint und bei den kleinen
-Flaschen, die mit einer Auflösung von chinesischer Tinte und Rosenwasser
-zum Gebrauch der Augen bestimmt waren, lagen Utensilien aus Elfenbein,
-Perlmutter und Silber durcheinander mit Bürsten aus Luzern für das
-Zahnfleisch: Pinsel, Scheren, Wischer, Schminkläppchen und Puderquasten,
-Rückenkratzer und Schönheitspflästerchen.
-
-Er betrachtete all diese Toilettengeräte, die er auf die Bitte einer
-seiner Geliebten gekauft hatte, die unter dem Einfluss gewisser Gerüche,
-gewisser Balsame vor Entzücken verging.
-
-Er grübelte über die Erinnerungen nach und es fiel ihm ein Nachmittag
-ein, den er mit dieser Frau, aus Langeweile und Neugier, in Pantin bei
-ihrer Schwester zugebracht hatte und der in ihm eine ganze Welt
-vergessener Ideen und alter Parfüms wachrief.
-
-Er flüchtete in sein Arbeitszimmer zurück und öffnete das Fenster weit,
-glücklich, sich in der frischen Luft zu baden. Aber plötzlich war es
-ihm, als wenn der Wind ihm einen unbestimmten Geruch von
-Bergamottenessenz entgegentrieb, mit welchem sich der Jasminsprit, die
-Cassie und das Rosenwasser verband.
-
-Er atmete schwer auf.
-
-Der Geruch wechselte und veränderte sich, ohne zu verschwinden. Ein
-unbestimmter Duft von Tolutinktur, von Perubalsam, von Safran,
-verschmolzen mit einigen Tropfen Amber und Moschus, stieg jetzt aus der
-schlafenden Stadt empor, von dem Fusse der Anhöhe her, und plötzlich
-vollzog sich eine Metamorphose, die getrennten Gerüche verbanden sich
-und von neuem verbreitete sich der Frangipan, dessen Geruch die Elemente
-und die Analyse herbeigeführt hatten, über das Thal Fontenay bis zum
-Festungswerk hinauf. Sie erschütterten seine erschöpften und
-angegriffenen Nerven noch mehr, so dass er ohnmächtig an der
-Fensterbrüstung niedersank.
-
-
-
-
- ELFTES KAPITEL.
-
-
-Die erschrockenen Dienstboten beeilten sich, einen Arzt aus Fontenay
-herbeizuholen, der absolut nichts von dem Zustand des Herzogs verstand.
-
-Er brummte einige medizinische Ausdrücke, fühlte den Puls, besah die
-Zunge des Kranken, versuchte, allerdings vergebens, ihn zum Sprechen zu
-bringen, verordnete lindernde Mittel und grosse Ruhe und versprach, den
-andern Tag wieder zu kommen.
-
-Auf ein verneinendes Zeichen des Herzogs, der Kraft genug fand, den
-Eifer seiner Dienstboten zu missbilligen und diesen lästigen
-Eindringling zu verabschieden, ging dieser fort und machte sich daran,
-im ganzen Dorf von den Excentrizitäten dieses Hauses zu erzählen, dessen
-Einrichtung ihn geradezu mit Verwunderung erfüllt und ihn verblüfft
-hatte.
-
-Zum grössten Erstaunen der beiden alten Diener, die nicht mehr das
-Dienstzimmer zu verlassen wagten, erholte sich ihr Herr in einigen Tagen
-wieder. Sie überraschten ihn, wie er an die Scheiben trommelte und den
-Himmel mit ungeduldiger Miene betrachtete.
-
-Eines Nachmittags klingelte der Herzog mehrere Male hintereinander und
-befahl dem eintretenden Diener, seine Koffer für eine längere Reise
-fertig zu machen.
-
-Während das alte Ehepaar auf seine Angaben hin die als notwendig
-mitzunehmenden Gegenstände wählte, durchschritt er fieberhaft erregt die
-Kabine seines Esszimmers, studierte die Abfahrtszeiten der Packetboote,
-durcheilte hastig sein Arbeitszimmer, wobei er ungeduldig die Wolken mit
-zufriedener Miene beobachtete.
-
-Das Wetter war schon seit einer Woche abscheulich, dicke Nebel lagerten
-über der Erde. Starke Regengüsse hatten das Thal in einen schwarzen See
-verwandelt.
-
-An jenem Tage war der Himmel heller geworden.
-
-Der Regen stürzte nicht mehr wie den Tag vorher in Strömen herab,
-sondern fiel unablässig fein und durchdringend und schien mit seinen
-unzähligen Fäden die Erde mit dem Himmel zu verbinden.
-
-Das Licht trübte sich; ein fahler Tag beleuchtete das Dorf, und in
-dieser Trostlosigkeit der Natur verschwammen alle Farben und nur die
-Dächer glänzten in diesem Grau in Grau.
-
-»Welch ein Wetter!« seufzte der alte Diener, der die Kleidungsstücke,
-die sein Herr verlangt hatte, auf einen Stuhl legte.
-
-Statt jeder Antwort rieb sich der Herzog die Hände und setzte sich vor
-einen Schrank mit bunten Scheiben, in dem ein Stoss von seidenen Socken
-in Fächerform aufgehäuft lag. Er war über die Nüancen unschlüssig. Seine
-Wahl fiel in anbetracht der Trostlosigkeit des Tages und des düsteren
-Graus seines Anzuges, sowie im Hinblick auf sein Ziel auf ein Paar in
-mattgrüner Seide. Er zog ein Paar Halbstiefel darüber und den mausgrauen
-karrierten Anzug an, setzte sich einen kleinen runden Hut auf und hüllte
-sich in einen dunkelblauen Wettermantel. Von seinem Diener gefolgt, der
-unter dem Gewicht eines Koffers, einer Reisetasche, einer Hutschachtel
-und einer Reisedecke, in welche Schirme und Spazierstöcke gewickelt
-waren, fast zusammenbrach, kam er auf dem Bahnhof an.
-
-Hier erklärte er dem Diener, dass er nicht das Datum seiner Rückkehr
-bestimmen könne, er würde in einem Jahr, in einem Monat, in einer Woche,
-vielleicht noch früher zurückkommen, befahl, dass nichts in seiner
-Wohnung geändert würde, händigte ihm die nötige Summe, die zum Unterhalt
-des Hauses während seiner Abwesenheit nötig war, ein und stieg in den
-Waggon, den alten Diener ganz verstört mit schlotternden Armen und
-offenem Mund auf dem Perron zurücklassend.
-
-Er war in seinem Coupé allein. Eine verschwommene, schmutzige
-Landschaft, wie durch das trübe Wasser eines Aquariums gesehen, flog in
-grösster Eile an dem vom Regen gepeitschten Zug vorbei. In Nachdenken
-versunken, schloss der Herzog die Augen.
-
-Das Schweigen, das ihm bisher wie eine Entschädigung für die
-Albernheiten, die er jahrelang über sich hatte ergehen lassen müssen,
-erschienen war, drückte ihn plötzlich mit unerträglicher Schwere.
-
-Eines Morgens nämlich war er aufgewacht, erregt, wie ein Gefangener, der
-in einer Zelle eingeschlossen ist; seine entnervten Lippen murmelten
-unzusammenhängende Worte, Thränen stiegen ihm in die Augen, ihm war es,
-als sollte er ersticken.
-
-Das Verlangen, ein menschliches Gesicht zu sehen, mit einem andern Wesen
-zu sprechen, sich in das flutende Leben zu stürzen, verzehrte ihn. Es
-kam sogar dahin, dass er seine Dienstboten unter einem Vorwand zu sich
-kommen liess und in Gespräche verwickelte. Aber die Unterhaltung war
-unmöglich; denn die alten Leute waren durch jahrelanges Schweigen und
-durch die Gewohnheit der Krankenpflege fast stumm geworden; dann
-verhinderte auch die Entfernung, in welcher sie der Herzog immer von
-sich gehalten, jedes Plaudern.
-
-Übrigens besassen sie nur ein träges Gehirn und waren fast unfähig,
-anders als einsilbig auf die Fragen, die man an sie richtete, zu
-antworten.
-
-Er konnte also auf sie nicht rechnen.
-
-Die Lektüre von Dickens, welche er unlängst gepflegt, um seine Nerven zu
-beruhigen und die nur die entgegengesetzte Wirkung hervorgebracht hatte,
-begann langsam in einer unerwarteten Weise zu wirken.
-
-Er vertiefte sich in das englische Leben. Seine Betrachtungen
-vermischten sich mit den Eindrücken aus der Lektüre.
-
-So hoffte er durch eine Reise den erschlaffenden Ausschweifungen seines
-Geistes zu entgehen.
-
-Er hielt es nicht länger aus; eines Tages entschloss er sich plötzlich,
-dem allen ein Ende zu machen. Seine Eile war so gross, dass er lange vor
-der anberaumten Zeit schon die Flucht ergriff.
-
-Er wollte sich der Gegenwart entziehen und sich herumgestossen fühlen in
-dem Strassenlärm und in dem Getöse der Welt.
-
-»Ich atme auf,« murmelte er, als der Zug seine Bewegungen einstellte und
-in der Pariser Bahnhofshalle anhielt.
-
-Auf dem Boulevard d'Enfer rief er einen Kutscher an, ganz vergnügt, mit
-seinen Koffern und Decken so ins Gewühl geraten zu sein. Durch ein
-reichliches Trinkgeld verständigte er sich mit dem Mann in nussbraunem
-Beinkleid und roter Weste:
-
-»Auf Zeit,« sagte er, »zunächst nach der Rue de Rivoli zu >Galignani's
-Messenger<!«
-
-Er beabsichtigte, vor seiner Abreise einen Führer durch London zu
-kaufen.
-
-Der Wagen schwankte schwerfällig durch den entsetzlichen Schmutz
-vorwärts.
-
-Der Regen schlug schräg in den Wagen, so dass der Herzog die Fenster
-schliessen musste.
-
-Bei dem monotonen Geräusch des auf seine Koffer und den Lederschutz
-niederströmenden Regens, der sich wie ein Sack geschüttelter Erbsen
-anhörte, träumte der Herzog von seiner Reise; dies war schon ein
-Vorspiel von England, das ihm Paris bei diesem schauderhaften Wetter
-bot. Das regnerische, riesengrosse, weite London, das unablässig im
-Seenebel lag, entrollte sich vor seinen Augen. Lange Reihen Docks
-breiteten sich unabsehbar vor ihm aus, besät mit Hebemaschinen,
-Schiffswinden und Ballen; allerwärts wimmelt es von Menschen, die hier
-an Masten hängen, dort rittlings auf Raaen sitzen.
-
-Alles das lebte und bewegte sich an den Ufern in den riesigen Docks, die
-von dem grünlichen Wasser der Themse bespült werden, in einem Wald von
-Masten und Balken.
-
-Es bereitete dem Herzog ein Gruseln, dass er sich in eine Welt von
-Kaufleuten stürzen sollte, in diesen Nebel, in diese atemlose
-Thätigkeit, dieses unbarmherzige Räderwerk, das Millionen Enterbter
-zermalmt.
-
-Dann verschwand diese Vision plötzlich durch einen Stoss des Wagens, der
-ihn auf seinen Sitz zurückprallen liess.
-
-Er sah durch das Fenster; es war Nacht geworden. Die Gasflammen
-blinzelten mitten in einem gelblichen Hofe durch den Nebel,
-Lichtstreifen schwammen auf den Pfützen.
-
-Er versuchte sich zurechtzufinden; er erblickte das Carrousel.
-Plötzlich, aus seinen Träumen aufgescheucht, fiel ihm ein höchst
-trivialer Umstand ein: sein Diener hatte beim Kofferpacken eine
-Zahnbürste vergessen.
-
-Er unterwarf die Liste der eingepackten Gegenstände einer Musterung,
-alle lagen geordnet in seiner Reisetasche, nur die Bürste fehlte, und
-sein Ärger darüber dauerte fort, bis ihm das Halten des Wagens ein Ende
-machte.
-
-Er befand sich in der Rue de Rivoli, vor »Galignani's Messenger«. Neben
-einer Thür von mattem Glas, die mit Zeitungsausschnitten und Telegrammen
-beklebt war, hingen zwei grosse Glaskasten mit Albums und Büchern. Er
-trat näher, angezogen von den buntfarbigen Büchereinbänden, die in allen
-Formen und Grössen dort ausgestellt waren. Alles hatte einen
-kaufmännisch antiparisischen Anstrich, die Einbände waren gröber, aber
-weniger geschmacklos als die schlechten französischen.
-
-Dann öffnete er die Thür und trat in ein grosses Bibliothekzimmer, das
-mit Menschen angefüllt war. Fremde sassen umher und entfalteten Karten
-und radebrechten in unbekannten Sprachen.
-
-Ein Kommis brachte ihm eine ganze Kollektion von Reisehandbüchern. Er
-setzte sich nieder und sah sich die Bücher, deren biegsamer Pappband
-sich unter dem Druck seiner Finger bog, durch. Er durchblätterte sie und
-blieb bei einer Seite des Baedeker stehen, auf welcher die Museen
-Londons beschrieben sind.
-
-Er interessierte sich für die kurzen und graziösen Details des Führers;
-seine Aufmerksamkeit ging von der alten englischen Malerei zu der neuen
-über, die ihn mehr reizte. Er erinnerte sich einiger Bilder, die er in
-internationalen Ausstellungen gesehen hatte, und hoffte, dass er sie
-vielleicht in London wiederfinden würde, wie die Gemälde von Millais:
-»die Krankenwache der heiligen Agnes«, mit jenem seltsamen
-grünlich-silbernen Mondlicht, dann Bilder von Watts, von eigentümlichem
-Farbengemisch, die von einem kranken Gustav Moreau entworfen und von
-einem blutarmen Michel-Angelo ausgeführt sein konnten.
-
-Unter anderm erinnerte er sich einer »Denunziation des Kain« und einer
-»Ida«.
-
-Alle diese Gemälde traten vor sein Gedächtnis. Der Kommis, erstaunt,
-diesen Käufer so in Gedanken verloren am Tische sitzen zu sehen, fragte
-ihn endlich, ob er schon eine Wahl getroffen habe.
-
-Der Herzog starrte ihn ganz verdutzt an, entschuldigte sich, kaufte
-einen Baedeker und ging hinaus.
-
-Die feuchte Luft machte ihn schaudern, der Wind blies von der Seite her
-und peitschte den Regen unter die Arkaden.
-
-»Fahrt ein paar Schritte weiter!« rief er dem Kutscher zu, indem er ihm
-mit dem Finger einen Laden am Ende des Bogenganges bezeichnete, der die
-Ecke der Rue de Rivoli und der Rue Castiglione bildete und, von innen
-erhellt, mit seinen weisslichen Scheiben einer riesigen Nachtlampe
-glich, die in dem Missbehagen dieses Nebels und in dem Elend dieses
-abscheulichen Wetters den Spaziergänger lockte.
-
-Es war die »Bodega«.
-
-Der Herzog ging in einen grossen Saal, der sich zu einem langen Gang
-formte und von gusseisernen Pfeilern getragen war. An den Seitenwänden
-lagerten hohe Fässer, die mit königlichen Wappen bemalt waren und in
-farbigen Aufschriften den Namen ihres Inhalts bezeichneten.
-
-In dem freigelassenen Raume zwischen den Fässern, unter den summenden
-Flammen einer abscheulich hässlichen, eisengrau bemalten Gaskrone
-standen Tische mit Körben voll trockenen oder salzigen Gebäcks, mit
-Tellern, auf welchen Brötchen gehäuft lagen, die mit scharfer,
-senfhaltiger Butter bestrichen oder mit altem Holländerkäse belegt
-waren.
-
-Ein Dunst von Alkohol schlug dem Herzog entgegen, als er in dem Saal
-Platz nahm.
-
-Der Saal war mit Menschen angefüllt; um ihn herum wimmelte es von
-Engländern: blasse Geistliche von lächerlichem Aussehen, vom Kopf bis zu
-den Füssen in Schwarz gekleidet, mit weichen Hüten, geschnürten Schuhen,
-in endlosen Röcken, die auf der Brust mit kleinen Knöpfen besetzt waren,
-mit glattem Kinn, runden Brillen und glattem, fettigem Haar;
-aufgedunsene Weingesichter früherer Schweinehändler und
-Bulldoggengesichter mit Ohren wie Tomaten, blauroten Backen und Nase,
-blöden, blutunterlaufenen Augen und Bärten, die ihnen ein Pavian-Ansehen
-gaben.
-
-Eine eigentümliche Erschlaffung befiel den Herzog in dieser
-Wachtstubenatmosphäre; betäubt von dem Geschwätz der um ihn
-herumsitzenden Engländer träumte er, und aus dem purpurnen Inhalt seines
-mit Portwein gefüllten Glases stiegen die Dickens'schen Typen herauf,
-die so gern tranken, und bevölkerten so den Raum mit neuen imaginären
-Gestalten.
-
-Er sah hier die weissen Haare und den feuerroten Teint Wickfields; dort
-das phlegmatische und schlaue Gesicht mit dem unversöhnlichen Blick
-Tulkinghorns, des unheimlichen Sachwalters von Bleak-House.
-
-Ganz klar und bestimmt sonderten sich jetzt alle diese Figuren in seiner
-Erinnerung ab und liessen sich mit ihren Bewegungen in der Bodega
-nieder; sein Gedächtnis, durch die kürzliche Lektüre aufgefrischt,
-vergegenwärtigte ihm alles in den klarsten Farben.
-
-Die Stadt, in der der Romanschreiber gelebt, das hell erleuchtete Haus,
-schön durchwärmt, gut versorgt und verschlossen, wo der Wein sorgsam
-eingeschenkt wurde von der kleinen Dorrit, Dora Copperfield und der
-Schwester des Tom Pinch, erschienen ihm eine wohlige Arche in einer
-Sündflut von Schmutz.
-
-Er faulenzte in diesem erträumten London, glücklich, in Sicherheit zu
-sein.
-
-Sein Glas war leer. Trotz des dichten Dunstes, der in dem grossen Raum
-herrschte, erhöht durch den Rauch von Cigarren und Pfeifen, empfand er
-ein leichtes Frösteln.
-
-Er bestellte ein Glas Amontillado. Dieser herbe, helle Wein zerstörte
-die sanften Geschichten des englischen Dichters sehr bald und die
-aufregend rauhen Phantasieen des Edgar Poë tauchten wieder vor ihm auf.
-Plötzlich bemerkte er, dass er beinahe ganz allein in dem grossen Saal
-war, die Dinerstunde war nahe; er zahlte und erhob sich hastig von
-seinem Sitz und gewann ganz betäubt die Thür.
-
-Als er hinaustrat, schlug ihm der Regen heftig ins Gesicht, die Flammen
-der Strassenlaternen flackerten ängstlich hin und her.
-
-Der Herzog betrachtete die Arkaden der Rue de Rivoli, die mit Wasser
-überschwemmt sich im Schatten verloren, und es war ihm, als wenn er sich
-im düstern Tunnel unter der Themse befand; doch eine gewisse Leere im
-Magen, die sich sehr fühlbar machte, rief ihn in die Wirklichkeit
-zurück.
-
-Er ging zu seinem Wagen und befahl dem Kutscher nach einem englischen
-Restaurant in der Rue d'Amsterdam, nahe dem Bahnhof, zu fahren. Er sah
-nach der Uhr: es war gerade sieben. Er hatte also noch Zeit zu speisen;
-der Zug ging erst um acht Uhr fünfzig Minuten, und an seinen Fingern
-zählend, berechnete er ungefähr die Stunden der Überfahrt von Dieppe
-nach Newhaven und sagte sich:
-
-»Morgen Mittag um halb eins werde ich in London sein.«
-
-Der Fiaker hielt vor dem Restaurant still; wiederum stieg der Herzog aus
-und schritt in einen langen schmucklosen Saal.
-
-Zahlreiche Bierpumpen waren auf dem Schenktisch aufgestellt, daneben
-lagen Schinken, so stark geräuchert, dass sie wie alte Violinen
-aussahen, Hummern wie mit rotem Bleioxyd gefärbt, marinierte Makrelen,
-die in einer trüben Sauce schwammen.
-
-Er nahm in einer der leeren Nischen Platz und rief einen jungen Mann in
-schwarzem Anzug, der sich verbeugte und ihm etwas in einem
-unverständlichen Kauderwelsch erzählte.
-
-Während man den Tisch deckte, musterte der Herzog seine Nachbarn. Es
-waren wie in der Bodega Söhne Albions, mit den bekannten Fayence-Augen,
-mit karmoisinrotem Teint, die mit bedächtiger und anmassender Miene
-auswärtige Zeitungen lasen.
-
-Damen ohne Herrenbegleitung speisten miteinander, robuste Engländerinnen
-mit männlichen Zügen und Zähnen so breit und gross wie Klaviertasten,
-mit vorstehenden Backenknochen, langen Händen und noch längeren Füssen.
-
-Sie fielen mit wahrem Heisshunger über die gebrachten Gerichte her, die
-mit überraschender Geschwindigkeit verschwanden.
-
-Da er schon seit langem keinen Appetit mehr verspürt, war er von der
-Gefrässigkeit dieser Frauenzimmer ganz verblüfft, fühlte aber, dass
-seine Esslust dadurch angeregt wurde.
-
-Er bestellte eine Oxtailsuppe und ass mit nicht geringem Behagen diese
-kräftige Brühe. Darauf wählte er einen Haddock, eine Art geräucherten
-Stockfisch, der ihm sehr schmackhaft schien, und da er die anderen so
-einhauen sah, so ass auch er noch ein Roastbeef mit Kartoffeln und trank
-zwei Glas Ale dazu, das ihn durch seinen herben, eigentümlichen
-Geschmack reizte.
-
-Sein Hunger war bald gestillt, doch verarbeitete er noch ein Stück
-Stiltonkäse und beendete sein Diner mit einer Rhabarbertorte und der
-Abwechslung wegen befriedigte er seinen Durst noch mit einem Glas
-Porter.
-
-Er atmete auf; seit Jahren hatte er nicht soviel gegessen und getrunken,
-diese Veränderung in seinen Gewohnheiten, diese Wahl unvermuteter,
-schwerer Nahrung hatte seinen Magen seiner schwerfälligen Ruhe entzogen.
-Er drückte sich tiefer in seinen Stuhl, zündete eine Cigarette an und
-machte sich daran, eine Tasse Kaffee, in den er Gin goss, zu schlürfen.
-
-Der Regen fiel noch immer in Strömen vom Himmel, er hörte ihn auf das
-Glasdach prasseln, das den Hintergrund des Saales überdeckte, und wie in
-Wasserfällen aus den Dachrinnen stürzen. Niemand rührte sich im Saal,
-alle Gäste waren froh, hier im Trockenen und vor ihren gefüllten Gläsern
-zu sitzen.
-
-Die Zungen lösten sich, und da fast alle diese Engländer beim Sprechen
-die Augen in die Höhe hoben, schloss der Herzog daraus, dass sie sich
-über das schlechte Wetter unterhielten. Nicht einer lachte. Fast alle
-waren in grauen, gelb und rosa gesprenkelten Cheviot gekleidet.
-
-Er warf einen entzückten Blick auf seinen Anzug, der in Farbe und
-Schnitt wenig von dem der andern abstach, und es war ihm eine
-Befriedigung, in ihrer Mitte durchaus nicht aufzufallen.
-
-Da schreckte er plötzlich auf.
-
-»Und die Stunde der Abfahrt?« ...
-
-Er zog rasch seine Uhr, sie zeigte jetzt sieben Uhr fünfzig Minuten.
-
-»Ich habe also noch eine halbe Stunde Zeit hier zu bleiben,« murmelte er
-und überdachte nochmals den Plan, den er gemacht hatte.
-
-In seinem zurückgezogenen Leben hatten ihn nur zwei Länder angezogen:
-Holland und England.
-
-Er hatte den ersten seiner Wünsche befriedigt; eines schönen Tages, als
-er es nicht mehr aushalten konnte, hatte er Paris verlassen und die
-Städte der Niederlande eine nach der andern besichtigt.
-
-Im ganzen genommen hatte er nur Enttäuschungen auf dieser Reise erlebt.
-Hatte er sich doch ein Holland nach den Werken von Teniers und Steen,
-von Rembrandt und Ostade vorgestellt; er hoffte Kirmesse, beständige
-Schmausereien auf dem Lande und die von den alten Meistern so gepriesene
-patriarchalische Gutmütigkeit und joviale Liederlichkeit zu finden.
-
-Zwar hatten ihn Haarlem und Amsterdam bezaubert mit dem noch
-ungehobelten Benehmen des Volkes auf dem Lande. Aber von der
-ungezügelten Fröhlichkeit und der harmlosen Völlerei hatte er keine Spur
-bemerkt. Kurz, er musste zugeben, dass ihn die holländische Schule des
-Louvre genasführt hatte. Sie war ihm nur ein Sprungbrett zu seinen
-Träumen gewesen.
-
-Von alledem war nichts zu sehen; Holland war ein Land wie alle anderen.
-
-Er sah von neuem nach der Uhr: es fehlten noch zehn Minuten bis zur
-Abfahrt des Zuges. Es war die höchste Zeit, die Rechnung zu begleichen
-und hinüberzugehen.
-
-Er verspürte plötzlich eine ausserordentliche Schwere im Magen wie im
-ganzen Körper.
-
-»Mut!« murmelte er, und noch schnell ein Glas Brandy hinunterstürzend,
-verlangte er seine Rechnung.
-
-Ein Individuum in schwarzem Frack und einer Serviette unter dem Arm, mit
-spitzem, kahlem Schädel, steifem grauen Backenbart trat heran, einen
-Bleistift hinter dem Ohr, und ein Bein vor das andere stellend, zog er
-ein Notizbuch aus seiner Tasche und, ohne sein Papier anzusehen, die
-Augen auf die Gaskrone gerichtet, schrieb er alles auf und berechnete
-die Zeche.
-
-»Hier,« sagte er, das Blatt aus seinem Buche reissend und es dem Herzog
-überreichend, der ihn neugierig ansah.
-
-»Welch seltsamer John Bull,« dachte er.
-
-In diesem Augenblick öffnete sich die Thür der Kneipe, Leute kamen
-herein, die einen Geruch wie von durchnässten Pudeln mitbrachten. Eine
-süsse und wohlige Erschlaffung bemächtigte sich des Herzogs Jean; er
-fühlte sich unfähig, seine Beine zu bewegen, ja selbst die Hand
-auszustrecken, um sich eine Cigarre anzuzünden.
-
-»Vorwärts, es ist die höchste Zeit!« sagte er sich, ohne sich zu rühren.
-
-Wozu war es nötig, in grösster Eile fortzustürzen, wenn man so bequem
-und so prächtig auf einem Stuhl reisen konnte?
-
-War er nicht eigentlich schon in London, dessen Geruch, dessen
-Atmosphäre, dessen Einwohner, dessen Futter, dessen Geräte ihn umgaben?
-
-Was konnte er denn erhoffen, wenn nicht neue Enttäuschungen, wie in
-Holland?
-
-Er hatte gerade noch so viel Zeit, um nach dem Bahnhof gegenüber zu
-laufen, doch ein gewaltiger Widerwille gegen die Reise erfasste ihn und
-ein unabweisliches Bedürfnis, ruhig zu sitzen, drängte sich ihm mit
-Gewalt auf.
-
-Nachdenklich liess er einige Minuten verstreichen, sich auf diese Weise
-den Rückweg abschneidend, und sagte sich: »Jetzt würde ich mich in die
-Billetausgabe stürzen, mich mit meinem Gepäck herumstossen müssen; wie
-verdriesslich!« --
-
-Dann wiederholte er sich von neuem: »Im ganzen genommen habe ich gesehen
-und empfunden, was ich sehen und empfinden wollte. Ich bin mit
-englischem Leben seit meiner Abreise von Fontenay übersättigt und müsste
-wahnsinnig sein, wenn ich durch Umherirren meine Eindrücke zerstören
-sollte.«
-
-»Sieh da,« fuhr er in seinem Monolog fort, seine Uhr ansehend, »die Zeit
-ist da heimzukehren!«
-
-Jetzt stand er wirklich auf, ging hinaus und befahl seinem Kutscher, ihn
-nach dem Bahnhof von Sceaux zurückzufahren, und er kam wieder in
-Fontenay an mit seinen Koffern, Paketen, Reisedecken, Regenschirmen und
-Spazierstöcken und empfand die körperliche Abgehetztheit, die moralische
-Ermüdung eines Menschen, der nach einer langen, gefahrvollen Reise
-endlich wieder zu Hause anlangt.
-
-
-
-
- ZWOELFTES KAPITEL.
-
-
-Während der Tage, die seiner Rückkehr folgten, betrachtete Herzog Jean
-mit Wohlgefallen seine Bücher, und bei dem Gedanken, dass er sich lange
-Zeit von ihnen hatte trennen können, empfand er eine ebenso wirkliche
-Befriedigung, wie er sie genossen, wenn er sie nach einer ernstlichen
-Reise wiedergefunden hätte. Unter dem Impuls dieses Gefühls schienen ihm
-die Gegenstände neu, denn er nahm an ihnen Schönheiten wahr, die er
-vergessen, seitdem er sie erworben hatte.
-
-Alles: Bücher, Nippsachen, Möbel, nahm in seinen Augen einen neuen Reiz
-an. Sein Bett schien ihm weicher im Vergleich zu dem Lager, das er in
-London eingenommen haben würde; der diskrete, schweigsame Dienst des
-alten Ehepaares entzückte ihn, da er sich von dem Gedanken an die
-lärmende Redseligkeit der Hotelkellner ermüdet fühlte.
-
-Er schöpfte frische Lebenskraft aus dem Bad der Gewohnheit.
-
-Aber seine Bücher beschäftigten ihn hauptsächlich. Er prüfte sie,
-ordnete sie von neuem auf den Gestellen, sah genau nach, ob seit seiner
-Ankunft in Fontenay die Hitze und Feuchtigkeit ihre Einbände nicht
-beschädigt und ihr kostbares Papier nicht zerfressen hatte.
-
-Er fing an, seine ganze lateinische Bibliothek umzuordnen, dann stellte
-er die Werke von Archelaus, Albert le Grand, Lulle, Arnold de Villanova,
-welche die Kabbala und geheimen Wissenschaften behandelten, in neuer
-Ordnung auf. Dann sah er seine modernen Bücher nacheinander durch und
-stellte mit Vergnügen fest, dass alle trocken und unversehrt geblieben
-waren.
-
-Diese Sammlung hatte ihn bedeutende Summen gekostet. Denn er hatte sich
-die von ihm bevorzugten Verfasser in besonderen Luxus-Ausgaben
-angeschafft. In seiner Pariser Zeit hatte er für sich allein bestimmte
-Bücher herstellen lassen. Er liess von England und Amerika neue
-Buchstaben für die Anfertigung von Werken dieses Jahrhunderts kommen;
-oder wendete sich an ein Geschäft in Lille, das einen ganzen Satz
-gotischer Typen besass.
-
-Er hatte es ebenso mit seinem Papier gemacht, denn er war eines Tages
-der silbernen Chinas, der perlmutternen und goldenen Japans überdrüssig
-geworden, wie auch der weissen Wathmans, der dunkelbraunen
-Holländischen, der Turkeys und Seychal-Mills in Gemsfarben. Ebenso
-befriedigte ihn nicht mehr das mit Maschinen angefertigte Papier.
-Deshalb hatte er besonders gestreiftes Papier in den alten Fabriken von
-Vire bestellt, wo man sich noch der Stampfe bediente, die man früher
-anwendete, um Hanf zu verarbeiten.
-
-Um ein wenig Abwechselung in seine Sammlungen zu bringen, hatte er sich
-verschiedentlich Ripspapier aus London schicken lassen; auch bereitete
-ihm ein Lübecker Fabrikant ein Pressbalkenpapier, bläulich, kräftig,
-etwas spröde, in dessen Stoff die Fasern durch Goldkörnerchen, wie sie
-in dem Danziger Goldwasser flimmern, ersetzt waren.
-
-Dadurch hatte er sich Bücher einzig in ihrer Art verschafft. Sie waren
-in ungebräuchlichem Formate, die er von Künstlern in antiker Seide,
-geprägtem Ochsen- und Coy-Leder artistisch einbinden liess. Auch besass
-er kostbare Einbände aus moirierter Seide und Taffet und einige sogar
-mit oxydiertem Silberbeschlag und hellem Email ausgelegt.
-
-So hatte er sich von dem bekannten alten Geschäft Le Clere die Werke von
-Baudelaire in grossem Format wie Messbücher mit grossen steilen
-Buchstaben auf sehr feinem japanischen Filzpapier drucken lassen.
-
-Der Herzog hatte dieses unvergleichliche Werk aus seinem Bücherschrank
-herausgezogen; er befühlte es andächtig und las gewisse Stellen wieder
-durch, die ihm in diesem einfachen aber unschätzbaren Rahmen
-ergreifender als gewöhnlich erschienen.
-
-Seine Bewunderung für diesen Schriftsteller war grenzenlos. Seiner
-Meinung nach hatte man sich bis jetzt in der Litteratur darauf
-beschränkt, das Äussere der Seele zu erforschen. Baudelaire war weiter
-gegangen; er war bis zum Grund der unerschöpflichen Mine hinabgestiegen,
-hatte sich weit in die verlassenen und unbekannten Gänge hineingewagt,
-war in den Distrikten der Seele angelangt, wo sich die widernatürliche
-Vegetation der Gedanken verzweigt.
-
-Zu einer Zeit, wo die Litteratur fast ausschliesslich den Lebensschmerz
-dem Unglück einer verkannten Liebe oder den Eifersüchteleien des
-Ehebruchs zuschrieb, hatte Baudelaire diese kindischen Krankheiten
-überwunden und die unheilbareren, tieferen Schäden untersucht, die durch
-Übersättigung und Enttäuschung die Gegenwart martern, die Vergangenheit
-anwidern und die Zukunft erschrecken und beunruhigen.
-
-Und je mehr der Herzog wieder Baudelaire durchlas, desto mehr erkannte
-er einen unendlichen Zauber in diesem Schriftsteller, der in einer Zeit,
-wo Verse nur dazu dienten, die äusseren Erscheinungen von Wesen und
-Sachen wiederzugeben, es dahin gebracht hatte, das Unaussprechliche
-auszudrücken, dank einer kräftigen und vollen Sprache, die mehr als jede
-andere diese wunderbare Macht besass, mit einer seltenen Gesundheit von
-Ausdrücken krankhafte Zustände der flüchtigsten und zitterndsten Art,
-der erschöpften Geister und traurigen Seelen festzustellen.
-
-Ausser Baudelaire waren die französischen Bücher in seiner Bibliothek
-ziemlich beschränkt. Er war gänzlich unempfänglich für die Werke, vor
-denen es zum guten Ton gehört, in Entzücken zu geraten.
-
-»Der herzhafte Humor von Rabelais« und »die gesunde Komik Molières«
-brachten ihn nicht zum Lachen und seine Antipathie gegen diese Possen
-ging sogar so weit, dass er sich nicht scheute, sie mit Jahrmarktstand
-zu vergleichen.
-
-Von den alten Dichtern las er nur Villon, dessen melancholische Balladen
-ihn rührten; hier und da einige Sachen von Aubigné, die durch die
-unglaubliche Heftigkeit ihrer Ausfälle und durch ihre Flüche sein Blut
-in Wallung brachten.
-
-Von den Prosaisten beschäftigten ihn Voltaire und Rousseau sehr wenig,
-noch weniger Diderot, dessen so sehr gerühmte »Salons« ihm ganz
-besonders mit moralischen Abgeschmacktheiten und einfältigen
-Bestrebungen angefüllt schienen; aus Hass gegen all diesen Plunder
-vertiefte er sich fast ausschliesslich in die Lektüre der christlichen
-Beredsamkeit, wie Bourdaloue und Bossuet, deren kräftige und
-bilderreiche Sprache ihm imponierte. Aber vorzugsweise erquickte er sich
-an den ernsten und markigen Sätzen, welche Nicole und besonders Pascal
-aufbauten, dessen strenger Pessimismus und schmerzliche Zerknirschung
-ihm zu Herzen gingen.
-
-Diese wenigen Bücher ausgenommen, fing die französische Litteratur in
-seiner Bibliothek erst mit dem neunzehnten Jahrhundert an.
-
-Sie teilte sich in zwei Gruppen: die eine bestand aus der gewöhnlichen,
-profanen, die andere aus der Kirchen-Litteratur.
-
-Aus der Menge seichter Schwätzer, die die Kirchenlitteratur auf ihrem
-Gewissen hatte, ragte besonders Lacordaire hervor, einer der wenigen
-wirklichen Schriftsteller, den die Kirche seit Jahren hervorgebracht
-hatte.
-
-Höchstens waren noch einige Seiten seines Schülers, des Abtes Peyreyve,
-lesbar. Dieser hatte eine rührende Biographie seines Lehrers
-hinterlassen, einige liebenswürdige Briefe geschrieben, Artikel in
-klangvoller Rednersprache verfasst und Lobreden gehalten, in denen aber
-ein schwülstiger Ton zu sehr vorherrschte.
-
-In Wahrheit aber hatte der Abt Peyreyve weder die Erregung noch die
-flammende Begeisterung eines Lacordaire.
-
-Der im allgemeinen abgedroschene bischöfliche, von den Prälaten
-gehandhabte Stil war wieder etwas männlicher geworden. Dies zeigte sich
-besonders bei dem Grafen de Falloux.
-
-Unter dem Schein der Mässigung schwitzte dieser Akademiker geradezu
-Galle. Seine im Parlament 1848 gehaltenen Reden waren dagegen
-weitschweifig und matt, aber seine in dem »Correspondent«
-veröffentlichten und seitdem in Sammlungen vereinigten Artikel waren
-beissend und scharf und von einer übertriebenen Höflichkeit in ihrer
-Form.
-
-Er war ein gefährlicher Polemiker wegen seiner Hinterhalte, ein schlauer
-Logiker, seitwärts gehend und unvermutet treffend.
-
-Etwas geschraubter, gezwungener, ernster war Ozanam, der geliebte
-Schutzredner der Kirche, der Glaubensrichter der christlichen Sprache.
-
-Obgleich Herzog Jean schwer zu überraschen war, war er dennoch erstaunt
-über die Dreistigkeit dieses Schriftstellers, der von den unerklärlichen
-Absichten Gottes redete, als ob er die Beweise der unwahrscheinlichen
-Behauptungen, die er vorbrachte, hätte beibringen können.
-
-Ein Buch, das sein Interesse in hohem Grade zu erwecken vermocht hatte,
-war: »Der Mensch« von Ernest Hello.
-
-Dieser war die absolute Antithese seiner religiösen Mitbrüder. Fast
-isoliert in der gottesfürchtigen Gruppe, die seine Art abschreckte,
-hatte Ernest Hello schliesslich den grossen Verbindungsweg, der von der
-Erde zum Himmel führt, verlassen. Ohne Zweifel angewidert von der
-langweiligen Einförmigkeit der Strasse und von dem Gewühl dieser
-Schriftpilger, die im Gänsemarsch seit Jahrhunderten hintereinander
-dieselbe Chaussee gingen, einer in des andern Fussstapfen tretend, an
-denselben Orten anhaltend, um dieselben Gemeinplätze über die Religion,
-die Kirchenväter, über ihre gleichen Überzeugungen und ihre gleichen
-Meister auszutauschen, war er durch die Seitenpfade gegangen und war in
-der düstern Waldlichtung von Paschalis gemündet, wo er lange gehalten
-hatte, um Atem zu schöpfen. Dann hatte Hello seinen Weg fortgesetzt und
-war weiter als der Jansenist vorgedrungen, den er übrigens verspottete.
-
-Gewunden und geziert, pedantisch und verwickelt, wie Hello war,
-erinnerte er den Herzog durch die eindringlichen Spitzfindigkeiten
-seiner Analyse an die forschenden, kritischen Studien einiger
-Psychologen des vergangenen und dieses Jahrhunderts.
-
-In diesem eigentümlich gebildeten Geist existierten wundersame
-Gedankenverbindungen, unvermutete Annäherungen und Widersprüche. Ihm
-imponierte Hellos seltsame Art, von der Etymologie der Wörter auf
-geistreiche Beziehungen zu kommen, die manchmal etwas dünn wurden, aber
-fast immer blendend waren. --
-
-Zwei Werke von Barbey d'Aurévilly reizten den Herzog ganz besonders: »Le
-Prêtre marié« und »Les Diaboliques«. In diesen eigentümlichen Büchern
-hatte der Verfasser beständig zwischen den beiden Extremen der
-katholischen Religion laviert, die sich vereinigen: Mysticismus und
-Sadismus.
-
-In diesen zwei Büchern, die der Herzog wieder durchblätterte, hatte
-Barbey jede Klugheit verloren, seinem Pferde die Zügel schiessen lassen
-und war in gestrecktem Galopp auf Wegen davon geritten, die er bis zu
-ihrem äussersten Ende verfolgte.
-
-Der ganze Schrecken des Mittelalters schwebte über diesem
-unwahrscheinlichen Buch des »verheirateten Priesters«; die Magie
-vermischte sich mit der Religion, und unbarmherziger und grausamer als
-der Teufel quälte der Gott der Erbsünde die unschuldige Calixte, seine
-Verstossene, die er mit einem roten Kreuz auf der Stirne gezeichnet, wie
-er ehemals von seinem Engel die Häuser der Abtrünnigen, die er verderben
-wollte, hatte zeichnen lassen.
-
-Nach diesen mystischen Abschweifungen hatte der Schriftsteller eine
-Periode der Ruhe gehabt; dann aber war ein schrecklicher Rückfall
-eingetreten.
-
-In dem »verheirateten Priester« wurde das Lob Christi von Barbey
-d'Aurévilly gesungen; in »Les Diaboliques« hatte sich der Verfasser dem
-Teufel ergeben, den er pries; und jetzt erschien der Sadismus, dieser
-Bastard des Katholizismus, den die Religion in allen Formen mit
-Exorcismen und Scheiterhaufen durch alle Jahrhunderte verfolgt hat.
-
-Mit Barbey d'Aurévilly nahm die Serie der religiösen Schriftsteller ein
-Ende. Eigentlich gehörte dieser Paria in jeder Hinsicht mehr zur
-weltlichen Litteratur als zu jener andern, bei der er einen Platz
-beanspruchte, den man ihm verweigerte. Seine Sprache war die des wilden
-Romantismus, voll gewundener Wendungen und übertriebener Vergleiche, und
-eigentlich erschien d'Aurévilly wie ein Zuchthengst unter diesen
-Wallachen, die die ultramontanen Ställe füllen.
-
-Dem Herzog kamen diese Betrachtungen beim gelegentlichen Wiederlesen
-einiger Stellen dieses Schriftstellers, und wenn er diesen nervösen,
-abwechslungsreichen Stil mit der lymphatischen und unbeweglichen Art
-seiner Mitbrüder verglich, gedachte er ebenfalls der Fortentwickelung
-der Sprache, die uns Darwin so klar dargestellt hat.
-
-Mittlerweile kündigte der silberne Ton einer Glocke, die auf den Ton der
-Angelusglocke abgestimmt war, dem Herzog an, dass das Frühstück
-aufgetragen sei.
-
-Er liess seine Bücher liegen, trocknete sich die Stirn und ging nach dem
-Esszimmer, indem er sich sagte, dass von all den Büchern, die er soeben
-geordnet hatte, die Werke von Barbey d'Aurévilly noch die einzigen
-waren, bei denen Gedanken und Stil an den Hautgoût der decadenten
-lateinischen Schriftsteller der alten Zeit, die ihm so sympathisch
-waren, erinnerten.
-
-
-
-
- DREIZEHNTES KAPITEL.
-
-
-Das Wetter war in diesem Jahre ganz ungewöhnlich: nach den Stosswinden
-und Nebeln lag ein weissglühender Himmel über der Gegend ausgebreitet.
-
-In zwei Tagen war ohne jeden Übergang der feuchten Kälte und den
-Regengüssen eine brennende Hitze, eine Luft von entsetzlicher Schwere
-gefolgt. Wie mit Feuerhaken geschürt strahlte die Sonne, gleich der
-Öffnung eines Backofens, ein fast weisses Licht aus, das das Auge
-blendete; ein heisser Staub erhob sich von den kalkigen Chausseen und
-verdorrte die Bäume und den Rasen. Die Sonne, die auf die weiss
-getünchten Mauern, die Zinkdächer und die Fensterscheiben niederbrannte,
-blendete förmlich. Die Glut einer Giesserei lag auf dem Hause des
-Herzogs Jean.
-
-Halb nackt öffnete er ein Fenster, eine Welle heisser Luft schlug ihm
-ins Gesicht; in dem Esssaal, in den er sich flüchtete, war es glühend.
-
-Er setzte sich ganz verzweifelt nieder, denn die Überreizung, die ihn
-aufrecht hielt, solange er beim Ordnen seiner Bücher seinen Träumen
-nachgehangen hatte, war jetzt vorüber.
-
-Wie alle nervösen Leute wurde er durch die Hitze sehr angegriffen. Die
-Bleichsucht, durch die Kälte zurückgehalten, machte sich wieder
-bemerkbar und schwächte den ohnedies schon matten Körper noch mehr durch
-übermässigen Schweiss.
-
-Das Hemd auf dem nassen Rücken klebend, die Beine und Arme kraftlos, die
-Stirn mit Schweiss bedeckt, der in salzigen Tropfen die Backen
-hinablief, lag der Herzog wie gebrochen in seinem Sessel. Der Anblick
-des Fleisches, das auf dem Tische stand, widerte ihn in diesem
-Augenblick an und er befahl, es fortzutragen; er bestellte sich Eier und
-versuchte Stückchen Brot, ins weiche Gelbe getunkt, hinunter zu würgen;
-aber sie blieben ihm in der Kehle sitzen. Die Neigung zum Erbrechen kam.
-Er trank einige Tropfen Wein, die ihm wie Feuer im Magen brannten.
-
-Er wischte sich das Gesicht ab; der Schweiss, noch eben warm, floss kalt
-an den Schläfen entlang. Er sog einige Stückchen Eis langsam auf, um die
-Übelkeit zu vertreiben. Doch vergeblich.
-
-Eine grenzenlose Mattigkeit drückte ihn nieder; er meinte zu ersticken
-und stand auf.
-
-Noch nie hatte er sich so beunruhigt, so zerrüttet, so elend gefühlt.
-Dabei quollen seine Augen, er sah die Gegenstände doppelt und um sich
-selbst drehend. Bald verschwand ihm das Gefühl für die richtigen
-Entfernungen, sein Glas schien ihm eine Meile von ihm zu stehen. Er
-verhehlte sich nicht, dass er der Spielball seiner sensationellen
-Täuschungen war, und unfähig, dagegen zu reagieren, legte er sich auf
-das Sofa im Salon.
-
-Da aber wiegte ihn ein Schwanken, wie das Schwanken eines Schiffes, und
-die Übelkeit wurde stärker; er stand wieder auf und entschloss sich,
-durch ein Verdauungsmittel die Eier, die ihn nahezu erstickten,
-hinunterzubringen.
-
-Er ging nach dem Esszimmer zurück und verglich sich in dieser Kabine
-melancholisch mit einem Seereisenden. Er kam sich wie ein von
-Seekrankheit befallener Passagier vor.
-
-Schwankenden Schrittes wendete er sich dann zu dem Wandschrank, prüfte
-seine Mundorgel, doch öffnete er sie nicht, sondern nahm von dem oberen
-Brett eine Flasche mit Benediktiner, die er ihrer Form wegen
-aufbewahrte.
-
-Aber für den Augenblick war ihm alles gleichgültig; mit mattem Auge
-betrachtete er die dickbäuchige dunkelgrüne Flasche, die sonst in ihm
-die Vorstellung eines mittelalterlichen Klosters wachgerufen hätte: mit
-ihrem antiken Mönchsbauch, ihrem Kopf und Hals, mit einer
-Pergament-Kapuze versehen, ihrem roten Wachssiegel mit den drei
-silbernen Bischofshüten am Halse, gesiegelt wie eine Bulle, und einer
-Etikette, auf deren gelblichem Papier in Mönchslatein stand: »Liquor
-Monachorum Benedictinorum Abbatiae Fiscanensis«.
-
-Diese klösterliche Hülle barg einen safrangelben Likör von entzückender
-Zartheit.
-
-Er trank einige Tropfen von diesem Likör und fühlte während eines
-Augenblicks etwas Erleichterung, aber bald brannte das Feuer wieder von
-neuem in seinen Eingeweiden.
-
-Er warf verzweifelt seine Serviette hin und begab sich wieder in sein
-Arbeitszimmer, wo er langsam auf und ab ging.
-
-Es war ihm, als sei er unter einer Luftglocke, in der ihm die Luft nach
-und nach entzogen wurde, und eine wonnige grausame Schwäche bemächtigte
-sich seiner, vom Rückenmark durch alle Glieder gehend. Er sträubte sich
-dagegen, und da er es nicht mehr aushalten konnte, flüchtete er sich,
-vielleicht zum ersten Mal seit seiner Ankunft in Fontenay, in seinen
-Garten und suchte Schutz unter einem Baum, der einen runden Schatten
-warf.
-
-Auf dem Rasen sitzend, sah er mit stumpfer Miene auf die viereckigen
-Gartenbeete, auf denen seine alten Dienstboten Gemüse gepflanzt hatten.
-
-Er sah sie wohl an, aber erst nach Verlauf einer Stunde bemerkte er sie,
-denn ein gräulicher Nebel schwebte vor seinen Augen und liess ihn nichts
-unterscheiden, ähnlich wie auf dem Meeresgrund, wo man nur unbestimmte
-Bilder gewahrt.
-
-Schliesslich fand er sein geistiges Gleichgewicht wieder und unterschied
-deutlich Zwiebeln vom Kohl, sowie etwas weiter ein Feld mit Kopfsalat
-und im Hintergrunde die ganze Hecke entlang eine Reihe weisser Lilien,
-die unbeweglich in der schweren Luft ihren Duft ausströmten.
-
-Er durchstöberte den Garten, sich für die in der Hitze verwelkten
-Pflanzen und den heissen Erdboden interessierend, der in dem glühenden
-Staub der Luft dampfte. Dann bemerkte er oberhalb der Hecke, die den
-tiefer gelegenen Garten von der erhöhten Strasse, die nach dem Vorwerke
-führte, trennte, einige Jungen, die sich in vollem Sonnenbrand im Staube
-wälzten.
-
-Er konzentrirte seine Aufmerksamkeit eben auf sie, als ein anderer,
-kleinerer erschien; er sah schmutzig aus, hatte Haar wie Seegras und war
-voll von Sand; zwei grüne Blasen hatte er unter der Nase, widerliche
-Lippen, weiss beschmiert mit weichem Käse, der auf Brot gestrichen und
-mit gehackten Zwiebeln bestreut war.
-
-Der Herzog sog den Geruch davon ein; ein krankhaftes Gelüst bemächtigte
-sich seiner. Die schmutzigen Brotschnitte liessen ihm das Wasser in den
-Mund treten. Es schien ihm, als wenn sein Magen, der jede Nahrung
-verweigerte, dies abscheuliche Essen verdauen würde und sich sein Gaumen
-wie an einem Leckerbissen daran laben könne.
-
-Er sprang auf, lief nach der Küche, befahl, aus dem Dorf einen Laib
-Brot, weissen Käse und Zwiebeln zu holen, bestimmte, wie man ihm die
-Brotschnitte bereiten solle, genau wie die, an denen der Junge
-herumwürgte, und ging zu seinem Baum zurück, unter dem er sich wieder
-niederliess.
-
-Jetzt schlugen sich die Jungen. Sie entrissen sich Stücke Brot, die sie
-sich in die Backen stopften, wobei sie sich die Finger ableckten. Es
-hagelte dabei Fusstritte, Faustschläge, und die Schwächsten, die zur
-Erde geworfen wurden, schlugen mit den Beinen um sich und heulten.
-
-Dieses Schauspiel belebte den Herzog; das Interesse, das er an dem Kampf
-nahm, wendete seine Gedanken von seinem Übel ab; bei der Erbitterung der
-Bengel dachte er an das grausame Gesetz vom Kampf ums Dasein, und
-obgleich diese Jungen nur aus niedrigem Stande waren, konnte er sich
-doch nicht erwehren, sich für ihr Los zu interessieren und zu glauben,
-dass es besser für sie gewesen wäre, wenn ihre Mütter sie nicht in die
-Welt gesetzt hätten.
-
-»Welcher Wahnsinn,« dachte der Herzog, »Kinder zu zeugen!«
-
-Der Diener unterbrach die wohlgemeinten Betrachtungen, über welche der
-Herzog nachgrübelte, und überreichte ihm auf einem silbernen Teller das
-gewünschte Käsebrot.
-
-Eine Übelkeit überkam ihn; er hatte nicht den Mut, dieses Butterbrot zu
-essen, denn die krankhafte Überreizung seines Magens war vergangen. Ein
-Gefühl entsetzlicher Zerrüttung befiel ihn von neuem; er musste
-aufstehen. Die Sonne drehte sich und nahm nach und nach seinen Platz
-ein, die Hitze wurde noch drückender und lästiger. -- »Werfen Sie das
-Butterbrot jenen Jungen hin,« sagte der Herzog zu dem alten Diener,
-»mögen die sich darum schlagen; mögen sich die Schwächeren verkrüppeln
-und keinen Teil an den Leckerbissen haben; mögen sie obendrein von ihren
-Eltern tüchtig durchgeprügelt werden, wenn sie mit zerrissenen Hosen und
-blauen Augen nach Hause kommen; das wird ihnen einen Vorgeschmack von
-dem Leben, das ihrer wartet, geben!«
-
-Mit diesen Worten ging er langsam seinem Hause zu und sank halb
-ohnmächtig auf einem Sessel nieder.
-
-»Ich muss indessen versuchen, etwas zu essen,« murmelte er, und er
-tunkte einen Zwieback in einen alten Constantia, von dem er noch einige
-Flaschen im Keller hatte.
-
-Dieser Wein in der Farbe leicht angebrannter Zwiebelschale, die Mitte
-zwischen Malaga und Portwein haltend, doch mit einem besonders zuckrigen
-Bouquet und einem Nachgeschmack von Weintrauben hatte ihn oft gestärkt
-und manchmal sogar seinem durch gezwungenes Fasten geschwächten Magen
-neue Kraft eingeflösst. Aber diese Herzstärkung, sonst treu und
-zuverlässig, verfehlte heut ihre Wirkung.
-
-Nun hoffte er, dass ein linderndes Mittel die glühenden Eisen, die ihm
-gleichsam den Magen zerrissen, vielleicht abkühlen würde, und er nahm
-seine Zuflucht zu dem Nalifka, einem russischen Likör in einer
-mattgolden glasierten Flasche. Aber dieser ölige und himbeerartige Saft
-war ebenfalls wirkungslos.
-
-Leider! Die Zeit war fern, wo der Herzog sich noch einer guten
-Gesundheit erfreute, wo er in voller Hundstagshitze auf seinem Besitztum
-einen Schlitten bestieg und da, eingewickelt in Pelze, die er bis zur
-Brust hinaufzog, zu frösteln versuchte und sich sagte, indem er sich mit
-den Zähnen zu klappern bemühte: »Ah! dieser Wind ist eisig, man erfriert
-fast, man erstarrt wirklich!« bis es ihm fast gelang, sich zu
-überzeugen, dass es recht bitterlich kalt sei!
-
-Unglücklicherweise wirkten diese Mittel nicht mehr, seit seine Leiden
-thatsächlich überhandgenommen hatten.
-
-Dabei blieb ihm nicht einmal die Zuflucht, zur Opiumtinktur zu greifen;
-denn anstatt ihn zu beruhigen, regte ihn dies schmerzstillende Mittel
-derartig auf, dass es ihm die Ruhe raubte.
-
-Früher hatte er sich mit Opium und Haschisch Visionen erzeugen wollen,
-aber diese beiden Substanzen hatten Erbrechen und heftige nervöse
-Aufregungen herbeigeführt, er hatte sofort darauf verzichtet und ohne
-Hilfe dieser derben Reizmittel von seinem Gehirn allein verlangt, ihn
-weit von dem Leben ab ins Reich der Träume zu führen.
-
-»Welch ein Tag!« seufzte der Herzog, sich den Hals trocknend und
-fühlend, dass das, was ihm noch an Kräften geblieben war, sich in neuem
-Schweiss auflöste. Eine fieberhafte Erregung verhinderte ihn still zu
-sitzen. Von neuem irrte er durch alle Zimmer, alle Sitze nacheinander
-versuchend.
-
-Des Kampfes müde sank er endlich vor seinem Schreibtisch nieder. Den
-Ellbogen auf die Platte gestützt, bewegte er mechanisch, ohne an etwas
-zu denken, einen Sternhöhenmesser, der anstatt eines Briefbeschwerers
-auf einem Haufen Bücher und Notizen stand.
-
-Er hatte dieses Instrument aus graviertem, vergoldetem Kupfer, aus
-Deutschland stammend und im siebzehnten Jahrhundert gearbeitet, bei
-einem Trödler in Paris gekauft nach einem Besuch des Cluny-Museum, wo er
-lange in Entzücken vor einem wunderbaren Astrolabium aus geschnitztem
-Elfenbein gestanden hatte, dessen kabbalistische Art ihn geradezu
-bezauberte.
-
-Dieser Briefbeschwerer rief einen ganzen Schwarm Erinnerungen in ihm
-wach. Der Anblick dieser Seltenheit liess ihn vergessen, wo er sich
-befand, seine Gedanken schweiften zurück zu dem Trödler in Paris, der
-ihm das Instrument verkauft hatte.
-
-Er sah sich im Geist wieder im Museum vor dem Astrolabium aus Elfenbein,
-während seine Augen fortfuhren, den Sternhöhenmesser aus Kupfer vor sich
-auf dem Tische zu betrachten, ohne ihn zu sehen.
-
-
-
-
- VIERZEHNTES KAPITEL.
-
-
-Einige Tage lang war sein Zustand erträglich, dank der Mittel, die er
-seinem Magen anbot. Aber eines Morgens wollte er die marinierten
-Gerichte nicht mehr annehmen, und der Herzog fragte sich beunruhigt, ob
-seine grosse Schwäche nicht noch zunehmen und ihn nötigen würde, das
-Bett zu hüten.
-
-Es fiel ihm plötzlich ein, dass einer seiner Freunde es mit Hilfe eines
-gewissen Nahrungsmittels erreicht hatte, seiner Blutarmut Einhalt zu
-thun und sich das bisschen Kraft zu erhalten.
-
-Er schickte schnell seinen Diener nach Paris, um sich dieses kostbare
-Mittel zu verschaffen; nach dem Prospekt, den der Fabrikant beigelegt
-hatte, unterrichtete er selbst seine Köchin, wie das Rindfleisch in
-kleine Stücke zu schneiden und zuzubereiten sei.
-
-Den durch diese Prozedur gewonnenen Saft nahm er löffelweise ein.
-
-Durch diese Kur wurde das Nervenleiden aufgehalten und der Herzog sagte
-sich:
-
-»Das hätten wir immerhin erreicht; vielleicht dass die Temperatur sich
-ändert und der Himmel etwas Asche auf diese abscheuliche Sonne wirft,
-die mich völlig erschöpft, und dass ich mich ohne grosse Schwierigkeit
-bis zur ersten Kälte durchschlagen werde.«
-
-In dieser Erschlaffung und müssigen Langeweile, in die er versunken,
-ärgerte ihn seine Bibliothek, deren Ordnung unvollendet geblieben war;
-da er nicht mehr aus seinem Lehnstuhl aufstehen konnte, hatte er
-unaufhörlich seine profanen Bücher vor sich, die wie Kraut und Rüben in
-den Fächern standen und lagen. Die Unordnung verletzte ihn um so mehr,
-da sie zu der sorgfältigen Ordnung der religiösen Bibliothek in
-schreiendem Widerspruch stand.
-
-Er versuchte dieser Verwirrung ein wenig abzuhelfen, aber nachdem er
-zehn Minuten gearbeitet, war er wie in Schweiss gebadet; die Anstrengung
-erschöpfte ihn. Wie gebrochen legte er sich aufs Sofa und klingelte
-seinem Diener.
-
-Auf seine Angabe hin machte sich der alte Mann ans Werk, ihm einzeln die
-Bücher zuzutragen, die er prüfte und deren Platz er bezeichnete.
-
-Diese Arbeit war von kurzer Dauer, denn die Bibliothek des Herzogs Jean
-schloss nur eine ausserordentlich kleine Zahl moderner weltlicher Werke
-ein.
-
-Er war nämlich zu dem Resultat gelangt, dass er nicht mehr ein Buch
-entdecken könne, das seinen geheimen Wünschen entsprach; und seine
-Bewunderung liess sogar für diejenigen Bücher nach, die dazu beigetragen
-hatten, seinen Geist zu schärfen und ihn so argwöhnisch und so
-wählerisch zu machen.
-
-In der Kunst waren seine Ideen von dem eigentlich selbständigen
-Standpunkt ausgegangen: für ihn existierten keine Schulen, das
-Temperament des Schriftstellers allein war für ihn massgebend. Die
-Arbeit seines Gehirns interessierte ihn, welches Thema er sich auch
-gestellt haben mochte.
-
-Leider war in Wahrheit diese Schätzung, eines La Palisse würdig, beinahe
-undurchführbar, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil jeder, wenn er
-es auch wünscht, sich von allen Vorurteilen loszumachen, und sich jeder
-Parteinahme zu enthalten sucht, sich aber doch mit Vorzug zu den Werken
-hingezogen fühlt, die mit seinem Temperament am meisten übereinstimmen.
-
-Dieser Prozess der Auswahl hatte sich langsam in ihm vollzogen; er hatte
-vor kurzem noch den grossen Balzac angebetet, aber zur selben Zeit, als
-sein Organismus aus dem Gleichgewicht geriet und seine Nerven die
-Herrschaft übernahmen, hatten sich auch seine Neigungen modifiziert und
-seine Bewunderungen vermindert.
-
-Seit kurzem sogar, und obwohl er sich Rechenschaft von seiner
-Ungerechtigkeit gegen den trefflichen Verfasser der »menschlichen
-Komödie« ablegte, war er dahin gekommen, seine Werke nicht mehr zu
-öffnen. Andere Wünsche bewegten ihn jetzt, die kaum definierbar waren.
-
-Er sah bei einiger Prüfung zwar ein, dass ein Werk, das ihn anziehen
-sollte, den Stempel der Seltsamkeit tragen müsse, wie zum Beispiel Edgar
-Poës Kunst; aber er wagte sich häufig noch weiter vor auf diesem Wege.
-
-Er wollte durchaus ein Kunstwerk, das für sich Bedeutung hatte. Er
-wollte ihm folgen, wie gestützt und getragen von einem freundlichen
-Helfer, in eine Sphäre, in der ihm die erhabenen Empfindungen eine
-ungeahnte Sensation einflössten, bei denen er lange nach der Ursache
-forschen konnte.
-
-Er entfernte sich mehr und mehr von der Wirklichkeit und besonders von
-der heutigen Gesellschaft, gegen die er einen wachsenden Abscheu
-empfand. Dieser Hass hatte notgedrungen auf seinen litterarischen und
-künstlerischen Geschmack gewirkt, und er wandte sich soviel wie möglich
-von den Bildern und Büchern ab, deren in der Stoffwahl eng begrenzte
-Themata sich auf das moderne Leben beschränkten.
-
-Somit verlor er die Fähigkeit, die Schönheit, unter welcher Form sie
-sich auch darbot, gleichgültig zu bewundern und zog bei Flaubert »die
-Versuchung des heiligen Antonius« der »sentimentalen Erziehung«, bei
-Goncourt »die Faustina« der »Germinie Lacerteux«, bei Zola »die Schuld
-des Abtes Mouret« dem »Assommoir« vor.
-
-Dieser Gesichtspunkt schien ihm logisch. Diese weniger unmittelbar
-wirkenden, aber so mächtigen, so menschlichen Werke liessen ihn tiefer
-in den Schacht des Temperamentes dieser Meister eindringen, die mit
-aufrichtiger Ungezwungenheit die geheimnisvollsten Erregungen ihres
-Wesens offenbarten.
-
-Und so trat er in vollständige Ideenübereinstimmung zu ihren Verfassern,
-weil sie sich wohl in einer gleichen Geistesverfassung wie er befunden
-haben mochten.
-
-Bei Flaubert waren es die feierlichen, ungeheuren Gemälde, grossartiger
-Prunk in barbarisch prachtvoller Umrahmung, auf welchen entzückend
-zarte, geheimnisvolle und stolze Wesen Leben annahmen: Frauen in
-höchster Vollendung ihrer Schönheit, mit kranken Seelen, in ihrem Innern
-schreckliche Verwüstungen und wahnsinnige Wünsche.
-
-Das ganze Temperament des grossen Künstlers zeigte sich in den
-unvergleichlichen Seiten der »Versuchung des heiligen Antonius« und in
-»Salambo«, wo er weit ab von unserm armseligen Leben den Glanz der alten
-Zeiten heraufbeschwor mit ihren mystischen Gebeten, ihrem Verfall und
-ihren Grausamkeiten.
-
-Bei Edmond de Goncourt war es das Heimweh nach dem vorigen Jahrhundert,
-eine Rückkehr zu der Eleganz einer für immer verschwundenen
-Gesellschaft; der begeisterte Lobgesang auf das Meer, das sich an den
-Hafendämmen bricht. Die Wüsten, die sich in endloser Ferne unter dem
-heissen Himmel verlieren, existierten nicht in seinem Heimweh-Werk, das
-sich in einen königlichen Park oder in ein Boudoir zurückzog, das durch
-die wollüstigen Ausströmungen eines Weibes mit müdem Lächeln, lüsternem
-Mund und sinnenden Augen erwärmt wird. Die Seele, mit denen Goncourt
-seine Menschen belebte, war nicht die Seele, die Flaubert seinen
-Geschöpfen eingab.
-
-Obgleich sie unter uns gelebt hatte, obgleich sie ganz Leben und Körper
-unserer Zeit, war die Faustina dennoch durch erbliche Einflüsse ein
-Wesen des vergangenen Jahrhunderts, von dem sie die Würze der Seele, die
-geistige Müdigkeit und die sinnliche Ausschweifung hatte.
-
-Dieses Buch von Goncourt war eins der Lieblingsbücher des Herzogs. Sein
-Verlangen, über einem Werke träumen zu können, wurde in diesem Werke
-gestillt, wo man überall zwischen den Zeilen lesen konnte.
-
-Es war nicht die Sprache Flauberts, diese Sprache unnachahmlicher
-Pracht, sondern es war ein durchsichtig-krankhaft-nervöser Stil, ein
-Stil, der fähig war, die komplizierten Nüancen einer Epoche
-auszudrücken, welche an und für sich schon ausserordentlich verwickelt
-waren.
-
-In Paris war das in der Litteraturgeschichte beinahe Unglaubliche
-geschehen: die mit dem Tode ringende Gesellschaft des achtzehnten
-Jahrhunderts, das Maler, Bildhauer, Musiker, Architekten in Fülle
-hervorgebracht hatte, die von seinem Stil durchdrungen und seinen
-Doktrinen erfüllt waren, hatte nicht einen wirklichen Schriftsteller
-gehabt, der seine morbide Grazie darzustellen verstand. Man hatte das
-Auftreten Goncourts abwarten müssen, dessen Kunst aus Erinnerungen
-bestand, aus wieder aufgefrischten Klagen über den leidigen Anblick des
-geistigen Elends und des niedrigen Trachtens seiner Zeit, damit er,
-nicht nur in seinen Geschichtsbüchern, sondern auch in seinem
-Heimweh-Werk, wie die »Faustina«, die Seele dieser Epoche wieder
-auferwecken, ihre nervösen Zartheiten in dieser Künstlerin verkörpern
-konnte.
-
-Bei Zola war das Heimweh nach dem Jenseits anders geartet.
-
-In ihm war nicht der Wunsch nach Auswanderung in verschwundene Regionen,
-nicht das Bedürfnis, in vergangene Zeiten zu flüchten. Sein mächtiges
-zielbewusstes Temperament, verliebt in die Üppigkeiten des Lebens, in
-die sanguinischen Kräfte und moralische Gesundheit, liess ihn sich von
-den künstlichen Reizen und der geschminkten Blutarmut des vergangenen
-Jahrhunderts fern halten, wie auch von der hierarischen Feierlichkeit,
-der brutalen Grausamkeit und den verweichlichten, zweideutigen
-Träumereien des alten Orients.
-
-An dem Tage, an dem auch er von diesem Heimweh, von dem Bedürfnis und
-Sehnen erfasst worden war, das im Grunde die Poesie selbst ist, da hatte
-er sich in ein ideales Gefilde gestürzt, wo der Saft in voller Sonne
-schäumte; er hatte von der phantastischen Brunst des Himmels, von dem
-berauschenden Entzücken der Erde, von dem befruchtenden Regen des
-Blütenstaubes, der in die lechzenden Organe der Blumen fällt, geträumt.
-So war er zu einem riesenhaften Pantheismus gekommen, hatte, gegen
-seinen Willen vielleicht, mit diesem paradiesischen Milieu, in das er
-seinen Adam und seine Eva stellte, eine wunderbare indische Dichtung
-geschaffen, in einem Stil, dessen kühne, roh aufgetragene Farbe einen
-seltsamen Glanz, wie die der indischen Malerei hatte, indem er die Hymne
-der Fleischeslust anstimmte, das belebte und lebende Sinnliche feierte
-und durch das Betonen des Fortpflanzungsdranges der menschlichen Kreatur
-die verbotene Frucht der Liebe, ihre instinktiven Liebkosungen, ihre
-natürliche Stellung offenbarte.
-
-Mit Baudelaire waren diese drei Meister in der französischen modernen
-profanen Litteratur diejenigen, die den Geist des Herzogs am meisten
-gefesselt hatten; aber dadurch, dass er sie zu oft gelesen, war er von
-diesen Werken übersättigt.
-
-Er kannte sie auswendig, und um sich noch wieder in sie versenken zu
-können, hatte er sich bemüht, sie zu vergessen und sie einige Zeit in
-ihren Fächern ruhen zu lassen.
-
-Deshalb öffnete er sie auch kaum, als der Diener sie ihm jetzt hinhielt.
-Er begnügte sich, den Platz zu bezeichnen, den sie einnehmen sollten,
-nur beachtend, dass sie auch richtig und gut geordnet wurden.
-
-Der Diener brachte ihm einen neuen Stoss Bücher. Es waren dies zwar
-weniger bedeutende Werke, zu welchen er aber doch nach und nach eine
-Neigung gefasst hatte.
-
-Gerade ihre Unvollkommenheiten gefielen ihm, vorausgesetzt, dass sie
-nicht unselbständig waren; und vielleicht enthält die Behauptung eine
-Dosis Wahrheit, welche meint, dass uns der Schriftsteller zweiten
-Ranges, der wohl eine Individualität darstellt, aber seiner
-Selbständigkeit noch nicht bewusst geworden ist, einen noch kräftigeren
-Trank zumutet, als der Künstler derselben Zeit, der wirklich gross und
-wirklich vollkommen ist.
-
-Daher wendete er sich notgedrungen von den Meistern ab und den
-Schriftstellern zu, die ihm dadurch noch teurer wurden, dass sie das
-Publikum, das sie nicht verstand, verachtete.
-
-Einer von ihnen, Paul Verlaine, hatte mit einem Band Verse »Poèmes
-Saturniens« debütiert, einem ziemlich schwachen Werk, in dem sich die
-Nachahmungen von Leconte de Lisle und romantische Rhetorik berührten,
-aber in dem schon in gewissen Teilen, wie in dem Sonett: »Rêve familier«
-die wirkliche Persönlichkeit des Poeten durchschimmerte.
-
-Beim Studium seiner frühen Gedichte erkannte der Herzog unter seinen
-unselbständigen Versuchen ein Talent, das schon von Baudelaire tief
-durchdrungen war, dessen Einfluss sich später noch mehr geltend machte,
-ohne dass er ein erdrückender geworden wäre.
-
-Seine späteren Bücher, die »Bonne Chanson«, die »Fêtes galantes«, die
-»Romances sans paroles«, schliesslich sein letzter Band »Sagesse«
-enthielten Gedichte, in denen sich der originelle Schriftsteller
-offenbarte und sich von dem grossen Haufen seiner Kollegen glänzend
-abhob.
-
-Im Gegensatz zu Verlaine, der direkt von Baudelaire abstammte und
-besonders durch die psychologische Seite, durch die köstliche Färbung
-des Gedankens, durch die gelehrte Quintessenz des Gefühls mit ihm
-verwandt war, näherte sich Théodore Hannon besonders dem Meister in der
-plastischen Form, in der äusserlichen Erscheinung der Wesen und Dinge.
-
-Seine entzückende Korruption stimmte merkwürdig mit den Neigungen des
-Herzogs überein, der bei Nebel und Regentagen sich in den von dem Poeten
-erdachten Schmollwinkel einschloss und seine Augen an dem Schillern
-seiner Stoffe, an dem Funkeln seiner Edelsteine, an der ausschliesslich
-materiellen Pracht berauschte, die zu den Aufreizungen des Gehirns
-beitrugen.
-
-Mit Ausnahme dieses Poeten und Stéphane Mallarmé's, die er seinem Diener
-beiseite zu legen befahl, um sie abseits aufzustellen, fühlte sich der
-Herzog nur wenig von den Dichtern angezogen.
-
-Trotz ihrer prächtigen Form, trotz der imposanten Wendung seiner Verse,
-die sich mit solchem Glanz ausbreiteten, dass die Hexameter von Hugo
-sogar im Vergleich düster und klanglos schienen, konnte ihn Leconte de
-Lisle jetzt nicht mehr befriedigen.
-
-Das Altertum, das Flaubert so wunderbar wieder belebt hatte, blieb unter
-seinen Händen leblos und kalt. Es war kein Blut in diesen Versen, alles
-war nur Aussenseite; nichts atmete in diesen öden Gedichten, deren
-kaltblütige Mythologieen ihn schliesslich erstarrten.
-
-Auch an Gautiers Werken fand er kein Interesse mehr, nachdem er ihn
-lange gern gehabt hatte; seine Bewunderung für einen so
-unvergleichlichen Maler, wie dieser Mann es war, war von Tag zu Tag mehr
-verschwunden, und jetzt war er erstaunter als entzückt über diese
-indifferenten Beschreibungen.
-
-Zweifellos liebte der Herzog die Werke dieser beiden Poeten, wie er
-seltene und kostbare Steine liebte, aber keine der Variationen dieser
-vollkommenen Instrumentisten konnte ihn mehr entzücken, denn keine war
-dem Träumen zugänglich, keine zeigte, wenigstens nicht für ihn, einen
-jener lebhaften Durchblicke, die ihm erlaubten, den langsamen Flug der
-Stunden zu beschleunigen.
-
-Er ging hungrig von diesen Büchern weg; ähnlich erging es ihm bei Victor
-Hugo.
-
-Die psychologischen Labyrinthe Stendhals, die analytischen Irrgänge
-Durantys lockten ihn, aber ihre farblose, steife Sprache, gut genug für
-die gewöhnlichen Theaterstücke, stiess ihn andrerseits ab.
-
-Um sich an einem Werk zu erfreuen, das nach seinem Geschmack einen
-prägnanten Stil mit einer scharfsinnig-katzenhaften Beweisführung
-verband, musste er auf Edgar Poë zurückgreifen, für den seine Liebe nur
-gewachsen war, seitdem er sich öfter mit ihm beschäftigt hatte.
-
-Mehr als jeder andere entsprach gerade dieser durch eine geistige
-Verwandtschaft den Träumereien des Herzogs.
-
-Dem Tod, den alle Dramatiker so sehr gemissbraucht hatten, hatte er ein
-anderes Aussehen gegeben; es war eigentlich weniger der wirkliche
-Todeskampf eines Sterbenden, den er beschrieb, sondern der moralische
-Todeskampf des Überlebenden, der vor dem elenden Bett von grässlichen
-Hirngebilden, welche der Schmerz und die Ermüdung erzeugt, erfasst wird.
-Mit grausamem Zauber hob er besonders die Handlungen des Entsetzens, den
-Zusammenbruch des Willens hervor, begründete sie kaltblütig, schnürte
-nach und nach die Kehle des keuchenden erstickenden Lesers vor diesem
-künstlich zurecht gemachten Alpdrücken des heissen Fiebers zu. Von
-erblichem Nervenleiden krampfhaft verzerrt, halb wahnsinnig von dem
-moralischen Veitstanz lebten seine Kreaturen nur durch die Nerven; seine
-Frauengestalten, wie Morella, Ligeia, besassen eine ungeheure
-Gelehrsamkeit, durchdrungen von dem Nebel der deutschen Philosophie und
-den kabbalistischen Geheimnissen des alten Orients, und alle hatten sie
-Knabenbrüste und waren geschlechtslos.
-
-Baudelaire und Poë, diese beiden Geister, die man oft zusammengestellt
-hatte wegen ihrer poetischen Berührungspunkte, ihrer gleichen Neigung in
-dem Vorwurfe geistiger Krankheiten, waren vollständig verschieden durch
-ihre Auffassungen vom Gemüt, das in ihren Werken einen so grossen Platz
-einnahm. Baudelaire mit seiner gierigen Liebe, deren grausame Lust an
-die Verfolgungen einer Inquisition erinnert; Poë mit seinen keuschen
-ätherischen Leidenschaften, in denen keine Sinnlichkeit lebte, in denen
-das Gehirn allein Geltung hatte, ohne Zusammenhang mit den Organen, die,
-wenn sie überhaupt vorhanden waren, nur kalt und jungfräulich blieben.
-
-Diese Klinik, in der der geistreiche Chirurg in einer bedrückenden
-Atmosphäre Gehirne zerlegte, war für den Herzog eine Quelle
-unermüdlichen Nachdenkens; aber seitdem sein Nervenleiden zugenommen
-hatte, gab es Tage, wo diese Lektüre ihn vollständig niederwarf, Tage,
-wo er mit zitternden Händen ängstlich lauschend dasass und sich, wie der
-verzweifelte Usher, von einer unsinnigen Todesangst, einem dumpfen
-Schrecken erfasst fühlte.
-
-Notgedrungen musste er sich schonen und diese fürchterlichen Reizmittel
-vermeiden. Ebenso vermochte er nicht mehr ungestraft sein rotes
-Vorzimmer zu besichtigen und sich an dem Anblick der Unheimlichkeiten
-Odilon Redons und den Martern Jan Luykens zu berauschen.
-
-Und doch schien ihm, wenn er in dieser Geistesverfassung war, jede
-Litteratur ungeniessbar nach diesem amerikanischen Poeten.
-
-Er wendete sich dann wohl zu Villiers de l'Isle-Adam, in dessen
-zerfahrenem Werke er wohl noch Anreizendes fand, das ihn jedoch nicht
-mehr wirklich packte, mit Ausnahme allerdings seiner Claire Lenoir,
-einem wahrhaft beunruhigenden Scheusal.
-
-Es existierte wohl kein anderes Buch in Frankreich in diesem Stil des
-ernsten und zugleich herben Spottes, ausser der Novelle von Charles
-Cros: »la science de l'amour«. Diese konnte noch durch ihren stichelnden
-Humor und ihre kalt spasshaften Beobachtungen auffallen, aber das
-Vergnügen war nur relativ, denn die Ausführung liess alles zu wünschen
-übrig.
-
-»Mein Gott! mein Gott! giebt es doch wenig Bücher, die man zweimal lesen
-kann,« seufzte der Herzog, seinem Diener zusehend, der vom Schemel
-herunterstieg, indem er zur Seite ging, damit der Herzog alle Fächer
-überblicken konnte.
-
-Herzog Jean nickte Genehmigung mit dem Kopfe. Es blieben nur noch zwei
-dünne Einbände auf dem Tische. Eine Handbewegung verabschiedete den
-alten Diener. Er ergriff eines der Bücher, das in Eselshaut gebunden
-war, eingehüllt in eine Schutzdecke aus altem chinesischen Seidenstoff,
-der verblasst war und den Reiz verblasster Stoffe hatte, wie sie
-Mallarmé in einem entzückenden Gedichte rühmte.
-
-Das Buch bestand aus nur neun Seiten und enthielt Auszüge aus Mallarmés
-ersten beiden Büchern. Sie waren auf Pergament gedruckt und unter dem
-Titel: »Einige Verse von Mallarmé« vereinigt. Sie waren von einem
-geschickten Kalligraphen in goldenen und farbigen Buchstaben mit der
-Hand im Stil der alten Handschriften gemalt.
-
-Einige dieser Stücke interessierten ihn, aber besonders ein Bruchstück
-der Herodias wusste ihn in gewissen Stunden wie durch einen Zauber zu
-bannen.
-
-Wie oft hatte er sich nicht des Abends unter der Lampe, die mit ihrem
-gedämpften Licht das stille Zimmer beleuchtete, hingerissen gefühlt von
-dieser Herodias, die in dem Bilde Gustav Moreaus, das jetzt im Schatten
-hing, nur noch die undeutlichen Umrisse ihres Körpers durch ihren Behang
-von Edelsteinen durchblicken liess.
-
-Die Dunkelheit unterdrückte das Leben, dämpfte die Reflexe und den
-goldigen Hintergrund, warf Schatten auf den Tempel, bedeckte die
-Nebenpersonen, begrub sie in ihren toten Farben, und nun das Weisse des
-Bildes verschwand, liess sie das Weib aus ihrem Juwelenbehang noch
-leuchtender heraustreten und sie noch nackter erscheinen.
-
-Unwillkürlich hob er zu ihr das Auge empor, erkannte sie in ihren
-unvergesslichen Umrissen und sie wurde wieder lebendig und rief auf
-ihren Lippen die seltsamen und süssen Verse wach, die ihr Mallarmé
-eingiebt.
-
-Er liebte diese Verse, wie er die Werke dieses Dichters liebte, der im
-Jahrhundert des allgemeinen Wahlrechts und in einer Zeit der Geldgier
-abseits vom litterarischen Wege lebte, geschützt durch seine Verachtung
-vor der ihn umgebenden Dummheit. Er gefiel sich, fern von dem Treiben
-der Welt in dem wechselnden Spiel des Verstandes, in den Visionen des
-Gehirns, indem er noch mit den schon an sich gekünstelten Gedanken
-jonglierte und ihnen byzantinische Lichterchen aufsetzte.
-
-Von allen Formen der Litteratur war die des Gedichtes in Prosa
-diejenige, die der Herzog am meisten liebte. Von einem Genie gehandhabt,
-musste sie in ihrem kleinen Raum die Gewalt eines Romans, dessen
-zergliederte Längen und beschreibende unnütze Wiederholungen sie
-wegliess, einschliessen.
-
-Schon oft hatte der Herzog über das grosse Problem nachgegrübelt, einen
-Roman in wenige Sätze zusammengedrängt zu schreiben, die die
-kondensierte Last von hunderten von Seiten enthielten. Dann würden die
-gewählten Worte an ihrem richtigen Platze stehen, so, dass man keines
-umstellen könnte.
-
-Der auf diese Weise abgefasste Roman, in eine oder zwei Seiten
-zusammengedrängt, würde eine Gedankenübereinstimmung zwischen dem
-Dichter und dem idealen Leser, eine geistige Zusammenarbeit zwischen
-wenigen auserwählten Personen, die in der Welt zerstreut sind, ein nur
-wenigen Feinsinnigen zugänglicher Genuss werden.
-
-Mit einem Wort, das Gedicht in Prosa stellte für den Herzog den Extrakt
-der Litteratur, das Rückgrat der Kunst vor.
-
-Dieser auf ein Minimum kondensierte Extrakt existierte schon bei
-Baudelaire und ebenfalls in den Gedichten von Mallarmé, den er mit
-tiefem Entzücken in sich sog.
-
-Als er dieses letzte Buch zuklappte, sagte sich der Herzog, dass sich
-jetzt wohl seine Bibliothek nie mehr vermehren würde.
-
-
-
-
- FÜNFZEHNTES KAPITEL.
-
-
-Die nervöse Verdauungsschwäche zeigte sich von neuem. Das neue Mittel
-brachte eine solche Reizung in seinem Magen hervor, dass der Herzog so
-schnell wie möglich mit seinem Gebrauch aufhören musste.
-
-Die Krankheit nahm ihren gewöhnlichen Verlauf; unbekannte Erscheinungen
-begleiteten sie. Nach den Alpdrücken, den Geruchseinbildungen,
-Gesichtsstörungen, dem harten, hartnäckigen Husten, dem Klopfen der
-Pulsadern und des Herzens, dem kalten Schweiss traten Täuschungen des
-Gehörs ein, Verschlimmerungen, die sich nur in der letzten Periode des
-Übels zu zeigen pflegen.
-
-Von einem hitzigen Fieber verzehrt, hörte der Herzog plötzlich ein
-Wasserrauschen, das Summen von Bienenschwärmen; dann verschmolzen diese
-Geräusche zu einem einzigen zusammen, das dem Schnarren einer Drehbank
-ähnelte. Dieses Schnarren wurde nach und nach schwächer und löste sich
-in hellen Glockenklängen auf.
-
-Bald fühlte er sein fieberndes Hirn wie emporgetragen in musikalischen
-Wellen, eingehüllt in den mystischen Taumel seiner Kindheit.
-
-Die bei den Jesuiten erlernten Gesänge fielen ihm wieder ein, durch sie
-wieder das Pensionat und die Kapelle, in dem sie erklangen.
-
-Bei den Patern wurden die religiösen Feierlichkeiten mit grosser Pracht
-ausgeführt; ein vortrefflicher Organist und ein ausgezeichneter
-Chorknabengesang machten diese religiösen Übungen zu einem
-künstlerischen Genuss, der dem Kultus zu gute kam.
-
-Der Organist war in die alten Meister verliebt und bei hohen Festtagen
-spielte er Messen von Palestrina und Orlando Lasso, Psalmen von
-Marcello, Oratorien von Händel, Motetten von Sebastian Bach und trug
-gerne des Paters Lambilottes weiche und leichte Kompositionen vor, wie
-auch die »Laudi spirituali« des sechzehnten Jahrhunderts, deren
-priesterliche Weihe den jungen Herzog oft entzückt hatte.
-
-Besonders aber empfand er eine unbeschreibliche Wonne beim Hören des
-einstimmigen Kirchengesangs, den der Organist beibehalten hatte.
-
-Die jetzt für veraltet und altertümelnd geltende Liturgie war das Wort
-und der Geist der antiken Kirche, die Seele des Mittelalters; es war das
-ewig gesungene Gebet, nach den Begeisterungen der Seele harmonisiert,
-eine beständige Hymne, die seit Jahrhunderten zu dem Allerhöchsten
-hinaufgesandt wurde.
-
-Diese traditionelle Melodie war die einzige, die sich mit ihrem
-mächtigen Gleichklang, ihren feierlich massiven Harmonieen den
-Quadersteinen der alten Basiliken anpasste und die römischen Gewölbe
-ausfüllte.
-
-Wie oft war der Herzog nicht ergriffen und niedergedrückt gewesen von
-dem unwiderstehlichen Hauch, als der »Christus factus est« des
-gregorianischen Gesanges zu dem Kirchenschiff emporstieg, dessen Pfeiler
-unter den schwebenden Wolken des Weihrauchkessels zu zittern schienen;
-oder wenn die einförmige Melodie des »De profundis« klagend ertönte,
-traurig wie ein Schluchzen, durchdringend wie der verzweifelte Ruf der
-Menschheit, die ihr sterbliches Schicksal beweint, die rührende
-Barmherzigkeit ihres Erlösers anfleht!
-
-Im Vergleich zu diesem prachtvollen Gesang, den kein Einzelner, sondern
-der Genius der Kirche geschaffen, unpersönlich, namenlos wie die Orgel
-selbst, deren Erfinder unbekannt ist, schien ihm jede religiöse Musik
-profan.
-
-Dagegen war in allen den Werken Jomellis und Porporas, Carissimis und
-Durantes, in den bewundernswürdigsten geistigen Schöpfungen von Händel
-und Bach keine Verzichtleistung auf einen öffentlichen Erfolg, keine
-Aufopferung einer Kunstwirkung, keine Entsagung des menschlichen Stolzes
-zu finden.
-
-Höchstens in der imposanten Hochamtsmusik von Lesueur bestätigte sich
-der religiöse Stil ernst und streng und näherte sich der erhabenen
-Majestät des alten Chorals.
-
-Übrigens waren die Ideen des Herzogs in absolutem Widerspruch mit den
-Theorieen, die er in Bezug auf alle andern Künste bekannte. Was die
-religiöse Musik anbelangte, so billigte er eigentlich nur die
-klösterliche Musik des Mittelalters, diese abgezehrte Musik, die
-instinktmässig auf die Nerven wirkt. Dann gestand er auch selbst zu,
-dass er unfähig war, die Schliche zu verstehen, die die Meister der
-Gegenwart in der katholischen Kunst eingeführt hatten; auch hatte er die
-Musik nicht mit derselben Leidenschaft studiert, mit der er sich zur
-Malerei und zu den litterarischen Wissenschaften hingezogen fühlte.
-
-Er spielte wie der erste beste Klavier, war nach längerem Studium
-imstande, eine Partitur zu entziffern, aber er verstand nichts von der
-Harmonie und der nötigen Technik, um wirklich eine Feinheit zu schätzen
-und mit Sachverständnis zu geniessen.
-
-Mit der profanen Orchestermusik konnte er sich nicht befreunden, weil
-man sie nicht bei sich allein hören kann, wie man ein Buch zu lesen
-pflegt. Um sie zu geniessen, hätte er sich unter dieses immer gleiche
-Publikum mischen müssen, das die Theater füllt und den Winter-Cirkus
-belagert, wo man in einer Waschhausatmosphäre einen Menschen bewundert,
-welcher in der Luft herumfuchtelt und aus Wagner herausgerissene
-Episoden zur ungeheuren Freude eines unwissenden Haufens grausam zu Tode
-hetzt.
-
-Er hatte nicht den Mut gehabt, sich in dieses Volksbad zu tauchen, um
-Berlioz zu hören, von dem ihn indessen einige Bruchstücke durch ihre
-leidenschaftliche Begeisterung und ihr schwungvolles Feuer gefangen
-genommen hatten; und er sah auch ein, dass keine Scene, ja selbst nicht
-mal ein Satz einer Oper des wunderbaren Wagner aus ihrem Gefüge
-ungestraft losgelöst werden durfte.
-
-Und deshalb war der Herzog auch der Meinung, dass von diesem Haufen von
-Musikfreunden, die des Sonntags ausser sich gerieten, kaum zwanzig die
-Partitur kannten, die man verhunzte.
-
-Die bekanntere, leichtere Musik und die unabhängigen Stücke der alten
-Opern fesselten ihn sehr wenig; die leichten Piècen von Auber und
-Boïeldieu, Adam und Flotow und die Banalitäten eines Ambroise Thomas und
-Bazin widerten ihn in gleichem Masse an, wie die veralteten Zierereien
-und die pöbelhaften Reize der Italiener.
-
-Er hatte sich deshalb von der Musik fern zu halten entschlossen und seit
-den Jahren dieser seiner Enthaltung erinnerte er sich nur gewisser
-Kammermusik-Soiréen, in denen er Beethoven und besonders Schumann und
-Schubert gehört hatte, die seine Nerven derart zermürbt hatten wie die
-innigsten und qualvollsten Dichtungen Edgar Poës.
-
-Gewisse Partieen für Violoncello von Schumann hatten ihn ganz atemlos
-gelassen; es waren besonders die Lieder von Schubert, die ihn vor
-Entzücken ausser sich gebracht hatten.
-
-Diese Musik drang in sein tiefstes Inneres und machte sein Herz erbeben
-wie von vergessenen Leiden alter Melancholie; und er fühlte sich ganz
-betäubt, plötzlich so viel wirres Elend und unbestimmten Schmerz zu
-empfinden.
-
-Diese Musik der Verzweiflung, die aus dem Tiefsten des Seins aufschrie,
-entsetzte und entzückte ihn zugleich. Niemals hatte er »des Mädchens
-Klage« hören können, ohne dass ihm nicht nervöse Thränen in die Augen
-stiegen, denn es war in diesem Klagelied mehr als Betrübnis, etwas
-Entrissenes, das ihm das Herz zerwühlte, wie das Sterben eines Lieben in
-einer düsteren, öden Landschaft.
-
-Und immer wieder, wenn ihm diese entzückend traurigen Klagen über die
-Lippen kamen, riefen sie in ihm diese einsame Landschaft wach, in der
-geräuschlos in der Ferne vom Leben abgehetzte Menschen in der Dämmerung
-verschwanden. Er fühlte sich dann in dieser trostlosen Natur so allein,
-durch Herzeleid und Widerwillen verbittert, von einer namenlosen
-Melancholie erdrückt, von einer tödlichen Herzensangst erfasst, deren
-geheimnisvolle Macht jeden Trost, jedes Mitleid, jede Ruhe ausschloss.
-
-Gleich einem Totengeläute verfolgte ihn dieser verzweiflungsvolle
-Gesang, jetzt, wo er durch Fieber vernichtet darniederlag, von toller
-Angst erregt, die zu beschwichtigen ihm um so weniger gelang, als er
-deren Ursache nicht erkannte.
-
-Er überliess sich schliesslich dem Spiel der Wellen. Des Kampfes müde,
-liess er sich von dem Strom der Angst hin und her werfen, der sich in
-klagenden Tönen durch seinen schmerzenden Kopf und stechende Schläfe
-ergoss.
-
-Eines Morgens hörte aber dieses Singen und Klingen auf; der Herzog war
-wieder seiner mächtig und ersuchte den Diener, ihm einen Spiegel zu
-bringen. Vor Entsetzen glitt ihm dieser fast aus der Hand; er erkannte
-sich kaum wieder.
-
-Sein Gesicht hatte eine Erdfarbe angenommen, die Lippen waren
-aufgedunsen und trocken, die Zunge welk, die Haut runzelig. Sein Haar
-und Bart, seit seiner Krankheit nicht geschnitten, erhöhten noch das
-Entsetzliche seines eingefallenen Gesichtes mit den hohlen,
-verschwommenen Augen, die im Fieberglanz in seinem borstigen Schädel
-brannten.
-
-Mehr als seine Schwäche, als seine Erbrechungen, die jeden Versuch von
-Nahrung zurückwiesen, mehr als dieser Marasmus, in dem er steckte,
-erschreckte ihn diese Veränderung seines Äussern.
-
-Er glaubte sich verloren; doch trotz der Ermattung, die ihn
-niederdrückte, richtete ihn die Energie eines gehetzten Menschen
-plötzlich auf und gab ihm die Kraft, einen Brief an seinen Arzt in Paris
-zu schreiben und seinem Diener zu befehlen, denselben auf der Stelle
-aufzusuchen und ihn um jeden Preis sofort herzuschaffen.
-
-Sein vollständiges Sichgehenlassen ging in plötzliche Hoffnung über;
-denn dieser Arzt war ein berühmter Spezialist, ein Doktor, bekannt durch
-seine Kuren nervöser Krankheiten.
-
-»Er hat sicher schon eigensinnigere und gefährlichere Fälle als den
-meinen behandelt,« sagte sich der Herzog; »er wird mich zweifellos in
-einigen Tagen wieder auf die Beine bringen.«
-
-Dann aber folgte diesem Vertrauen eine vollständige Hoffnungslosigkeit.
-
-»So gelehrt, so geschickt sie auch sein mögen, von Nervenleiden
-verstehen die Ärzte nichts, ja sie kennen nicht einmal ihren Ursprung.
-Wie alle anderen wird auch dieser mir das ewige Zinkoxyd, Chinarinde,
-Bromkali und Baldrian verschreiben.«
-
-»Aber wer weiss,« fuhr er dann fort, sich an eine letzte Hoffnung
-klammernd, »wenn mir diese Mittel bis jetzt nicht geholfen haben, so
-kommt es vielleicht daher, dass ich sie nicht in richtiger Dosis
-gebraucht habe.«
-
-Trotz alledem aber gab ihm die Erwartung einer möglichen Linderung schon
-neuen Lebensmut.
-
-Dann befiel ihn die neue Befürchtung, ob sich der Arzt in Paris befände
-und sich hierher bemühen würde. Und wieder überwältigte ihn die Furcht,
-dass der Diener ihn nicht antreffen könnte.
-
-Er fühlte aufs neue seine Kräfte schwinden, er ging von einer Sekunde
-zur andern von tollster Hoffnung zur wahnsinnigsten Angst über,
-übertrieb die Aussichten plötzlicher Heilung, wie die Befürchtungen
-einer nahen Gefahr. So verflossen die Stunden und der Augenblick kam, wo
-es zu Ende war mit seiner Kraft, wo er an dem Kommen des Arztes
-verzweifelte und sich wütend sagte, dass er sicherlich gerettet würde,
-wenn ihm rechtzeitig beigestanden worden wäre. Dann wieder verflog sein
-Zorn gegen den Diener und den Arzt, die er beschuldigte, ihn sterben zu
-lassen, und schliesslich raste er gegen sich selbst und warf sich vor,
-so lange gewartet zu haben, um Hilfe zu holen, und bildete sich ein,
-dass er jetzt geheilt sein würde, wenn er nur einen Tag früher kräftige
-Arzeneien und vernünftige Pflege gehabt hätte.
-
-Nach und nach besänftigte sich dieser Wechsel von Beunruhigungen und
-neuen Hoffnungen, die sich in seinem leeren Hirn jagten. Diese
-Widersprüche rieben ihn vollends auf. Er verfiel in einen Schlaf der
-Ermattung, den unzusammenhängende Träume durchzogen, in eine Art von
-Ohnmacht, die von bewusstlosem Erwachen unterbrochen wurde. Er hatte den
-Begriff seiner Wünsche und Befürchtungen derart verloren, dass er ganz
-apathisch war und kein Erstaunen und keine Freude empfand, als der Arzt
-plötzlich ins Zimmer trat.
-
-Der Diener hatte ihn jedenfalls von der Lebensweise des Herzogs
-unterrichtet und auch von den verschiedenen Symptomen, die er selbst
-beobachtet hatte seit dem Tage, als er seinen Herrn nahe dem Fenster,
-von der Heftigkeit der Parfüms ohnmächtig, aufgehoben hatte; denn der
-Arzt stellte nur wenige Fragen an den Kranken, dessen Verhältnisse er
-übrigens seit Jahren kannte. Er untersuchte ihn, klopfte und horchte an
-ihm herum und prüfte aufmerksam den Urin, in welchem ihm gewisse weisse
-Streifen eine der ausgesprochensten Ursachen des Nervenleidens
-offenbarten.
-
-Er schrieb ein Rezept, und ohne noch etwas hinzuzufügen, ging er fort,
-seine baldige Rückkehr zusagend.
-
-Dieser Besuch tröstete den Herzog, den jedoch das Schweigen sehr
-befremdete, und er beschwor seinen Diener, ihm nicht länger die Wahrheit
-vorzuenthalten. Dieser bestätigte ihm, dass der Arzt keinerlei
-Beunruhigung an den Tag gelegt hätte, und so misstrauisch auch Herzog
-Jean war, er fand kein Anzeichen, welches eine Lüge auf dem ruhigen
-Gesicht des alten Mannes verriet.
-
-Bald heiterten sich seine Gedanken auf; überdies waren seine Leiden
-verstummt und zu der Schwäche, die er in allen Gliedern verspürte,
-gesellte sich eine gewisse Sanftheit, eine gewisse Wohligkeit, leise und
-unbestimmt. Und endlich war er ganz zufrieden, nicht mit Arzeneien und
-Flaschen überbürdet zu sein. Ein schwaches Lächeln glitt um seine
-blassen Lippen, als der Diener ein mit Pepton gemischtes Klystier
-brachte und ihm bedeutete, dass er dasselbe dreimal in vierundzwanzig
-Stunden wiederholen müsse.
-
-Es müsste köstlich sein, dachte er, wenn man bei voller Gesundheit
-dieses einfache Mittel fortsetzen könnte! Welch eine Ersparnis an Zeit,
-welch eine radikale Erlösung der Abneigung, welche das Fleisch den
-Leuten ohne Appetit einflösst! Welch endgültige Befreiung des
-Überdrusses, der immer aus der notgedrungen beschränkten Wahl der
-Speisen sich ergiebt! Welch energische Verwahrung gegen die gemeine
-Sünde der Gefrässigkeit!
-
-Einige Tage darauf brachte der Diener ein Klystier, dessen Farbe und
-Geruch anders war als das von Pepton.
-
-»Aber das ist ja nicht dasselbe!« rief der Herzog aus, der sehr
-aufgeregt war über die in das Instrument gegossene Flüssigkeit.
-
-Er verlangte wie in einem Restaurant die Karte, und das Rezept des
-Arztes entfaltend las er:
-
- Leberthran 20 Gramm
- Kraftbouillon 200 Gramm
- Burgunderwein 200 Gramm
- Eigelb 1 Gramm.
-
-Aber er brauchte bald nicht mehr über die nährenden Flüssigkeiten
-nachzudenken, denn es gelang dem Arzt, nach und nach die Erbrechungen zu
-bezwingen und ihm auf gewöhnlichem Wege einen süsslichen Punsch mit
-Fleischpulver gemischt beizubringen, dessen unbestimmtes Aroma von Kakao
-seinem Mund zusagte.
-
-Wochen vergingen, und sein Magen entschloss sich endlich wieder zu
-arbeiten; zu gewissen Zeiten kam die Übelkeit noch wieder, die indessen
-durch das Ingwerbier und durch eine Arzenei von der Riviera
-eingeschränkt wurde.
-
-Schliesslich kräftigten sich auch nach und nach die Organe wieder, und
-mit Hilfe der Pepsine konnte er wirkliches Fleisch verdauen. Die Kräfte
-nahmen zu, und bald konnte der Herzog schon in seinem Zimmer aufrecht
-stehen und versuchen zu gehen, sich auf einen Stock stützend und an den
-Ecken der Möbel festhaltend. Anstatt sich dieses Erfolges zu freuen,
-vergass er seine vergangenen Leiden, wurde gereizt über die Länge der
-Rekonvalescenz und warf dem Arzt vor, dass er seine Genesung
-hinauszögere.
-
-Endlich war er so weit wieder hergestellt, dass er während ganzer
-Nachmittage aufbleiben konnte und ohne Hilfe in seinem Zimmer
-umherzugehen vermochte.
-
-Jetzt ärgerte ihn sein Arbeitszimmer; Fehler, an die er sich durch die
-Länge der Zeit gewöhnt hatte, fielen ihm in die Augen, als er nach
-langer Zwischenzeit wieder dorthin kam.
-
-Die Farben, die gewählt waren, um bei Licht gesehen zu werden,
-erschienen ihm bei Tageslicht unharmonisch. Er dachte daran, sie zu
-ändern und stellte stundenlang künstliche Farbenharmonieen zusammen.
-
-Es ist kein Zweifel, ich bin auf dem Wege der Besserung, dachte er, die
-Rückkehr zu seinen früheren Beschäftigungen und alten Liebhabereien
-wahrnehmend.
-
-Eines Morgens, während er seine orange-gelben und blauen Wände
-betrachtete und dabei von den idealen Wandbekleidungen träumte, die aus
-griechischen Kirchenstolas, russischen Messgewändern in Goldstoff,
-Chormänteln aus Brokat, mit slavonischen Buchstaben gemustert, aus
-Edelsteinen des Ural und aus Reihen Perlen gebildet waren, trat der Arzt
-ins Zimmer, und die Blicke seines Kranken beobachtend, erkundigte er
-sich nach seinem Befinden.
-
-Der Herzog teilte ihm seine unausführbaren Wünsche mit und fing an, neue
-Farbenmischungen vor ihm zu entwickeln, von Paarungen und Auflösungen
-der Nüancen zu sprechen, als ihm der Arzt einen energischen Dämpfer
-aufsetzte und ihm in einer keinen Widerspruch duldenden Weise erklärte,
-dass er jedenfalls nicht in dieser Wohnung seine Pläne zur Ausführung
-bringen werde.
-
-Und ohne ihm die Zeit zu einer Entgegnung zu lassen, setzte er ihm
-auseinander, dass er zuerst zum wichtigsten geschritten sei, indem er
-die Verdauungsfunktionen wieder hergestellt habe, und dass er jetzt das
-Nervenleiden selbst in Behandlung nehmen müsse, das keineswegs geheilt
-sei und Jahre der Schonung und Pflege erfordere.
-
-Er fügte hinzu, dass, bevor er irgend ein Mittel versuchen oder eine
-Kaltwasserkur anfangen könne, was ausserdem in Fontenay unmöglich sei,
-er diese Zurückgezogenheit aufgeben, nach Paris zurückkehren, in das
-allgemeine Leben wieder eintreten und endlich versuchen müsse, sich wie
-jeder andere Mensch zu zerstreuen.
-
-»Aber die Vergnügungen der Anderen zerstreuen mich nicht!« rief der
-Herzog empört aus.
-
-Ohne sich in Diskussion einzulassen, versicherte der Arzt einfach, dass
-die gänzliche Lebensveränderung in seinen Augen eine Lebensfrage wäre.
-
-»Das heisst also der Tod oder die Galeerenstrafe!« rief der Herzog
-erbittert aus.
-
-Der Arzt, von allen Vorurteilen eines Weltmannes durchdrungen, lächelte
-und schritt ohne zu antworten der Thür zu.
-
-
-
-
- SECHZEHNTES KAPITEL.
-
-
-Der Herzog hatte sich in seinem Schlafzimmer eingeschlossen und sich die
-Ohren verstopft, um nicht die Hammerschläge zu hören, die vom Zunageln
-der Packkisten, die die beiden alten Diener fertig machten,
-herüberhallten. Jeder Schlag traf sein Herz und schlug ihm eine tiefe
-Wunde ins volle Fleisch.
-
-Der Ausspruch des Arztes verwirklichte sich. Die Furcht, nochmals die
-Schmerzen, die er ertragen hatte, durchmachen zu müssen und die Angst
-vor einem grässlichen Todeskampf hatten mächtiger auf den Herzog
-gewirkt, als der Hass der niederträchtigen Existenz, zu welcher ihn das
-Urteil des Arztes verdammte.
-
-»Und doch giebt es Leute,« murmelte er, »die zurückgezogen leben, ohne
-mit jemand zu sprechen, die sich fern von der Welt verzehren, so wie die
-Zuchthäusler und die Trappisten, und nichts beweist, dass diese
-Unglücklichen, wie auch die Weisen wahnsinnig oder schwindsüchtig
-werden.«
-
-Er hatte diese Beispiele dem Doktor ohne Erfolg angeführt. Dieser hatte
-ihm in trocknem Ton wiederholt, der keine Einrede zuliess, dass seine
-Ansicht, die übrigens durch die Ansicht aller Krankheitsbeschreiber des
-Nervenleidens bestätigt wurde, dass allein Zerstreuung, Vergnügen,
-Freude auf die Krankheit Einfluss haben könnte, die richtige wäre.
-Ungeduldig gemacht durch die Gegenklagen seines Kranken, hatte er ein
-für allemal erklärt, dass er sich weigere, seine Behandlung
-fortzusetzen, wenn er nicht einwillige, die Luft zu wechseln und nach
-den neuen Vorschriften der Gesundheitslehre zu leben.
-
-Herzog Jean hatte sich nach Paris begeben und andere Specialisten zu
-Rate gezogen, ihnen unparteiisch seinen Fall vorgelegt, und nachdem alle
-ohne Zögern die Verschreibungen ihres Fachgenossen gebilligt, hatte er
-eine leere Wohnung in einem neuen Hause gemietet, war nach Fontenay
-zurückgekehrt und hatte, ausser sich vor Wut, den alten Dienern
-befohlen, die Koffer zu packen.
-
-Tief in seinen Sessel gedrückt, grübelte er jetzt über die Wandlung
-nach, die seine Pläne umstürzte, die die Neigungen seines jetzigen
-Lebens zerstörte, seine zukünftigen Projekte begrub. Er musste diesen
-Hafen, der ihn schützte, verlassen, wieder von neuem in den Sturm von
-Albernheiten hinaustreten, der ihn früher niedergeworfen hatte!
-
-Die Ärzte sprachen von Vergnügungen, Zerstreuungen; ja aber mit wem und
-womit sollte er sich denn erheitern und zerstreuen?
-
-Hatte er sich nicht selbst aus der Gesellschaft gestossen? Kannte er
-einen Menschen, der es versuchen möchte, so wie er sich in Betrachtungen
-zu verbannen, sich in Träumereien zu verlieren? Kannte er auch nur einen
-Menschen, der imstande war, den Scharfsinn eines Satzes, die Feinheit
-einer Malerei, die Quintessenz eines Gedankens zu schätzen, einen
-Menschen, dessen Seele fein genug war, einen Mallarmé zu verstehen,
-einen Verlaine zu lieben?
-
-Wo, wann und in welcher Gesellschaft sollte er suchen, einen
-Geistesgenossen zu finden, einen Geist, abgesondert von allen
-Gemeinplätzen, der das Schweigen wie eine Wohlthat, den Undank wie eine
-Erleichterung, das Misstrauen wie einen Schutz, wie einen Hafen segnete?
-In der Welt, in der er vor seiner Abreise nach Fontenay gelebt hatte? --
-Die meisten dieser Junker, mit denen er verkehrt, hatten sich seit jener
-Zeit noch mehr in den Salons verdummt, waren noch mehr an den
-Spieltischen versumpft, an den Küssen der Dirnen noch mehr verliedert.
-Die meisten mochten sogar verheiratet sein.
-
-»Welch hübscher Wechsel, welch schöner Tausch war doch diese von der
-sonst so prüden Gesellschaft angenommene Gewohnheit!« träumte der Herzog
-vor sich hin.
-
-War denn nicht auch der alte Adel in Fäulnis geraten? War die
-Aristokratie nicht dem Stumpfsinn und der Versumpfung anheimgefallen?
-Sie erlosch in der Herabgekommenheit ihrer Nachkommen, deren Fähigkeiten
-bei jeder Generation schwächer wurden und deren Gorilla-Instinkte eines
-Stallknechtes und Jockeys würdig waren.
-
-Die Klöster waren in Apotheken und Likörfabriken verwandelt. Sie
-verkauften Rezepte oder machten sie selbst: der Orden der Cistercienser
-zum Beispiel Schokolade; Trappisten Nudeln und aromatische
-Weingeistarnika; die Dominikanermönche fabrizierten gegen den
-Schlagfluss wirkende Elixiere; die Jünger des heiligen Benedikt
-Benediktiner-Likör; die Mönche des heiligen Bruno Chartreuse.
-
-Der Handel hatte die Klöster überschwemmt: statt der Chorbücher standen
-grosse Handels-Register auf den Kirchenpulten. Dem Aussatze gleich
-zerstörte die Gier die Kirche, sie beugte die Mönche über die Inventuren
-und Rechnungen, verwandelte die Kirchenväter in Zuckerbäcker und
-Quacksalber, die Laienbrüder und Klosterdiener in gewöhnliche Packer und
-Krukenverschliesser.
-
-Und dennoch waren es nur noch die Geistlichen, bei denen der Herzog
-Verbindungen erhoffen konnte, die bis auf einen gewissen Grad seinem
-Geschmack gleichkamen. In der Gesellschaft der Stiftsherren, im
-allgemeinen gelehrt und wohlerzogen, würde er einige angenehme und
-interessante Abende verbringen können. Aber dazu war es nötig, dass er
-ihren Glauben teilte, dass er nicht zwischen skeptischen Ideen und
-Überzeugungssprüngen schwankte, die von Zeit zu Zeit, durch die
-Erinnerungen seiner Kindheit unterstützt, auftauchten.
-
-Er hätte identische Meinungen hegen müssen und nicht, wie er es gern in
-den Augenblicken der Erregung that, einen mit etwas Magie gesalzenen
-Katholizismus anerkennen dürfen.
-
-Dieser besondere Klerikalismus, dieser verderbte und künstlich
-lasterhafte Mystizismus, auf welchen er in gewissen Stunden lossteuerte,
-konnte sogar mit einem Priester nicht besprochen werden, der ihn nicht
-begriffen und ihn sofort mit Entsetzen verbannt haben würde.
-
-Zum zwanzigsten Mal erregte ihn dies unlösliche Rätsel. Er hätte
-gewünscht, dass dieser argwöhnische Zustand, gegen den er vergeblich in
-Fontenay gekämpft hatte, ein Ende nähme, jetzt, wo er aus sich
-herausgehen sollte; er hätte sich zwingen mögen, den wahren Glauben zu
-besitzen, sich ihn tief einzuprägen, sobald er ihn halten würde, ihn mit
-Klammern in seiner Seele zu befestigen, ihn endlich in Sicherheit zu
-bringen vor allen Grübeleien, die ihn schwankend machten.
-
-»Könnte man doch jedes Grübeln aufgeben!« murmelte der Herzog mit einem
-schmerzlichen Seufzer; »man müsste die Augen schliessen können, sich
-durch die Strömung forttreiben lassen und diese verfluchten Entdeckungen
-vergessen können, die das religiöse Gebäude seit zwei Jahrhunderten von
-oben bis unten erschüttert haben.«
-
-»Und noch dazu sind es nicht einmal die Ungläubigen, noch die
-Physiologen,« seufzte er, »die den Katholizismus niederreissen; es sind
-die Priester selbst, deren ungeschickte Werke die hartnäckigsten
-Überzeugungen ausrotten können.
-
-Hatte sich nicht ein Doktor der Theologie, ein Predigerbruder, der
-hochwürdige Pater Rouard de Card, erdreistet, in einer Broschüre: >Die
-Fälschungen der sakramentalen Substanzen< unumstösslich zu beweisen,
-dass der grösste Teil der Messen aus dem Grunde nicht gültig war, weil
-die dem Kultus dienenden Stoffe durch die Verkäufer gefälscht waren?«
-
-Seit Jahren waren die heiligen Öle mit Hühnerfett, das Wachs mit
-verkalkten Knochen, das Weihrauch mit gewöhnlichem und altem Benzoeharz
-verfälscht worden.
-
-Aber was noch schlimmer, war, dass Substanzen, die dem heiligen Opfer
-unentbehrlich waren, verfälscht wurden; der Wein durch mannigfaltiges
-Verschneiden, durch unerlaubte Einführung von Fernambukoholz,
-Attichbeeren, Alkohol, Alaun, Salicylsäure, Bleiglätte; das Brot, dies
-Brot des heiligen Abendmahls, das aus dem feinsten Weizen geknetet
-werden soll, durch Erbsenmehl, Pottasche und Pfeifenerde.
-
-Ja man war noch weiter gegangen, man hatte gewagt, das Korn vollständig
-wegzulassen und schamlose Händler fabrizierten fast alle Hostien aus
-Kartoffelmehl!
-
-Ach! die Zeit war fern, wo Radegonde, Königin von Frankreich, selbst das
-für den Altar bestimmte Brot bereitete, wo nach den Gebräuchen von Cluny
-drei Priester oder drei Diakonen, nüchtern, mit weissem Chorhemd und
-Achseltüchern bekleidet, sich das Gesicht und die Hände wuschen und den
-Weizen Korn für Korn aussuchten, ihn unter dem Mühlstein zermalmten, den
-Teig in kaltem reinen Wasser kneteten und ihn selbst auf einem hellen
-Feuer backten und Psalme dabei sangen!
-
-Diese Betrachtungen verdüsterten noch mehr die Aussicht auf sein
-künftiges Leben und färbten seinen Horizont noch drohender und dunkler.
-
-Wahrlich, ihm blieb keine Rhede, kein Ufer offen! Was würde aus ihm
-werden in diesem Paris, wo er weder Familie noch Freunde besass? Kein
-Band verknüpfte ihn mehr mit dem Faubourg Saint-Germain, das vor
-Altersschwäche zitterte, sich im Staub des Verfalls abbröckelte und in
-einer neuen Gesellschaft wie eine zerbrochene, leere Schale dalag!
-
-Und welch eine Verbindung konnte zwischen ihm und der bürgerlichen
-Klasse existieren, die nach und nach emporgestiegen war, die Vorteil aus
-allen Missgeschicken zog, um sich zu bereichern?
-
-Nach der Aristokratie der Geburt war es jetzt die Geldaristokratie, der
-Despotismus des Handels mit feilen und engherzigen Ideen, eitlen und
-schurkischen Instinkten.
-
-Gemeiner, ruchloser als der entartete Adel und die gesunkene
-Geistlichkeit war das Bürgertum, das ihnen ihre eitlen Prahlereien, ihre
-einfältige Ruhmredigkeit entlehnte, die es durch seinen Mangel an
-Lebensart erniedrigte, während es ihre Fehler in heuchlerische Laster
-verwandelte. Und wie herrisch und tückisch, wie niedrig und feige schoss
-es mitleidslos auf seinen ewigen und doch unentbehrlichen Geprellten,
-den Pöbel, seine Kartätschen ab, dem es selbst den Maulkorb abgenommen
-und entmündigt hatte, um den alten Ständen den Garaus zu machen.
-
-Das war jetzt eine abgemachte Thatsache. Nun, wo seine Arbeit gethan,
-hatte man gesundheitshalber den Pöbel bis aufs Blut geschröpft; und der
-nun beruhigte Bürger herrschte vergnügt durch die Macht des Geldes und
-die Ansteckung seiner Dummheit.
-
-Die Folge seiner Erhebung war die Vernichtung aller Intelligenz, die
-Verneinung aller Rechtschaffenheit, der Tod jeder Kunst. So lagen die
-verächtlichen Künstler auf den Knieen und küssten inbrünstig die Füsse
-der hohen Pferdehändler und gemeinen Satrapen, deren Almosen sie
-ernährte!
-
-Es war über die Malerei eine Sintflut von kraftlosen Albernheiten, in
-der eine Völlerei glatten Stils und feiger Ideen herrschte,
-hereingebrochen. Denn der Geschäftsintrigant will Rechtschaffenheit; der
-Freibeuter will Tugend; wer nach einer Mitgift für seinen Sohn jagt,
-sträubt sich, sie für seine Tochter zu zahlen; der Anhänger Voltaires
-sucht keusche Liebe; wer die Geistlichkeit der Notzucht beschuldigt,
-treibt sich dumm und heuchlerisch in den unordentlichen Zimmern der
-Dirnen herum.
-
-Es war die grosse Galeere Amerikas, die nach Europa verschlagen war. Es
-war die ungeheure und unerhörte Anmassung des Geldmenschen und
-Emporkömmlings, die wie eine gemeine Sonne über die götzendienerische
-Stadt strahlte, die im Staube vor dem ruchlosen Tabernakel der
-Bankhäuser zotige Gesänge ausstösst.
-
-»Stürze doch zusammen, Gesellschaft! Stirb doch, alte Welt!« rief der
-Herzog empört über das gemeine Schauspiel, das er heraufbeschwor; dieser
-Schrei brach den Alp, der ihn bedrückte.
-
-»Ach!« seufzte er, »und sich sagen zu müssen, dass dies alles kein Traum
-ist! Dass ich wieder in das schändlich gemeine Gewühl des Jahrhunderts
-hineingeworfen werde!« Um sich zu beschwichtigen, rief er die tröstenden
-Lebensregeln Schopenhauers zu Hilfe; er wiederholte sich den
-schmerzlichen Grundsatz Pascals: »Die Seele sieht nichts, was sie nicht
-betrübt, wenn sie daran denkt.« Aber die Worte hallten in seinem Gehirn
-wider wie Laute ohne Sinn; sein Verdruss zersplitterte sie, entzog ihnen
-jede Bedeutung, jede beruhigende Wirkung, jede wirkliche und sanfte
-Kraft.
-
-Er sah schliesslich ein, dass die Beweisgründe des Pessimismus
-ohnmächtig waren ihn zu erleichtern, dass der unmögliche Glaube an ein
-zukünftiges Leben allein beruhigend wirken würde.
-
-Ein Wutausbruch fegte gleich einem Orkan seine Versuche der Entsagung
-und der Gleichgültigkeit hinweg. Er konnte es sich nicht mehr verhehlen,
-es gab nichts, garnichts mehr. Alles war vernichtet!
-
-Würde der schreckliche Gott der Schöpfung und der blasse Losgenagelte
-von Golgatha nicht einmal wirklich zeigen, dass er existierte, nicht die
-Sintfluten wieder erneuern, die Flammenregen wieder anzünden, die einst
-die verdammten und toten Städte verzehrt hatten!?
-
-Würde dieser Schlamm fortfahren zu fliessen und mit seinem Pesthauch die
-alte Welt vergiften, wo nur noch Saaten von Frevelthaten und Ernten von
-Schande aufgingen!? -- -- --
-
-Plötzlich ging die Thür auf. In der Ferne, von den Thürpfosten umrahmt,
-sah man kräftige Männer in Arbeitstracht, die grosse Kisten und Möbel
-auf den breiten Nacken hinaustrugen. Dann schloss sich die Thür wieder
-hinter dem alten Diener, der Packete mit Büchern geholt hatte.
-
-Der Herzog fiel vernichtet auf einen Stuhl.
-
-»In zwei Tagen werde ich in Paris sein,« murmelte er, »nun ist alles zu
-Ende! Wie eine Springflut steigen die Wogen der menschlichen
-Mittelmässigkeit bis zum Himmel und sie werden den Zufluchtsort
-verschlingen, dessen Dämme ich wider meinen Willen öffnen muss. Ach! Mir
-fehlt der Mut!
-
-Jesus Christus habe Mitleid mit dem Christen, der zweifelt, mit dem
-Ungläubigen, der glauben möchte, dem Sklaven des Lebens, der allein
-hinaussteuert in die Nacht unter einen Himmel, an dem keine tröstenden
-Sterne alter Hoffnungen mehr leuchten.«
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Offensichtliche Fehler wurden stillscheigend korrigert. Weitere
-Änderungen, teilweise unter Verwendung anderer Ausgaben und des
-französischen Originals, sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. 70]:
- ... spärlicher. Indessen war das sechzehnte Jahrhundert ...
- ... spärlicher. Indessen war das sechste Jahrhundert ...
-
- [S. 133]:
- ... der ihn den Kopf benahm, hatten sich die Nerven ...
- ... der ihm den Kopf benahm, hatten sich die Nerven ...
-
- [S. 149]:
- ... glaubte; einige, besonders Madame Mama, sahen ...
- ... glaubte; einige, besonders Madame Mame, sahen ...
-
- [S. 154]:
- ... Haaren besetztes Innere zeigend. ...
- ... Haaren besetztes Inneres zeigend. ...
-
- [S. 156]:
- ... ist, solche ungesunden, verdorbene Gattungen zu ...
- ... ist, solche ungesunden, verdorbenen Gattungen zu ...
-
- [S. 193]:
- ... Früher hatte er sich gern in Ackorde von ...
- ... Früher hatte er sich gern in Akkorden von ...
-
- [S. 209]: (mehrfache Fälle)
- ... Seite des Bädecker stehen, auf welcher die Museen ...
- ... Seite des Baedeker stehen, auf welcher die Museen ...
-
- [S. 260]:
- ... diesen öden Gedichten, dessen kaltblütige Mythologieen ...
- ... diesen öden Gedichten, deren kaltblütige Mythologieen ...
-
- [S. 296]:
- ... seine Mangel an Lebensart erniedrigte, während es ...
- ... seinen Mangel an Lebensart erniedrigte, während es ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Gegen den Strich, by Joris-Karl Huysmans
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEGEN DEN STRICH ***
-
-***** This file should be named 58941-8.txt or 58941-8.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
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-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This file was
-produced from images generously made available by The
-Internet Archive
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
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-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
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-electronic works. See paragraph 1.E below.
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