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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-09 11:20:32 -0800 |
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LÖFFLER BERLIN + + + Ich muss mich über die Zeit + hinaus belustigen ..., obwohl + meine Freude der Welt ein Greuel + ist, und ihr Stumpfsinn gar nicht + erfasst, was ich sagen will. + + Busbrock, l'Admirable. + + + + + EINLEITUNG. + + +Wenn man nach den Porträts urteilen sollte, die im Schloss Lourps +aufbewahrt werden, so müsste die Familie Floressas des Esseintes in +alten Zeiten aus athletischen alten Haudegen und rauhen Kriegsmannen +bestanden haben. + +Gedrängt und eingeengt in ihre alten Rahmen, die sie mit ihren breiten +Schultern gänzlich ausfüllen, könnten sie uns mit ihren starren Augen, +den à la yatagans gedrehten Schnurrbärten und ihrer mit gewölbtem Panzer +bedeckten Brust nahezu erschrecken. + +So sahen die Ahnen der berühmten Familie des Esseintes aus; die Bilder +der Nachkommen fehlen, da die Reihenfolge unterbrochen. Ein einziges +Gemälde dient als Mittelglied, Vergangenheit und Gegenwart verbindend. +Es war dies ein gar eigentümliches, schlaues Gesicht mit bleichen, +schlaffen Zügen, die Backenknochen wie rot punktiert, das Haar wie +angeklebt und von Perlen durchflochten, mit ausgestrecktem, geschminktem +Hals, der aus den tiefen Falten einer steifen Krause hervortritt. + +Schon auf diesem Bilde eines der intimsten Vertrauten des Herzogs von +Epernon und des Marquis d'O machten sich die Gebrechen einer +untergrabenen Gesundheit wie der Einfluss des lymphatischen Blutes +bemerkbar. + +Der Verfall dieser Familie hatte zweifellos seinen regelmässigen Verlauf +genommen; die Verweichlichung der männlichen Linie war immer mehr +hervorgetreten, und als ob die des Esseintes das Werk der Zeit hätten +selbst vollenden wollen, hatten sie während zweier Jahrhunderte ihre +Kinder unter sich verheiratet, wodurch der Rest ihrer Kraft in naher +verwandtschaftlicher Verbindung noch mehr geschwächt worden war. + +Von dieser einst so zahlreichen Familie, welche fast das ganze Gebiet +von Isle-de-France und Brie bewohnte, lebte nur noch ein einziger +Nachkomme, der Herzog Jean, ein schmächtiger junger Mann von dreissig +Jahren, blutarm und nervös, mit eingefallenen Backen, kalten stahlblauen +Augen, gerader feiner Nase und dürren schmalen Händen. + +Durch ein seltsames Vorkommnis der Vererbung hatte dieser letzte Sprosse +eine ganz auffällige Ähnlichkeit mit dem Urahnen, von dem er den spitzen +Bart von ausserordentlich hellem Blond und den doppelsinnigen Ausdruck +des sehr ermüdeten und doch lebendigen Gesichtes hatte. + +Seine Kindheit war eine traurige gewesen; bedroht von Skrofeln und +heimgesucht von hartnäckigen Fiebern war er dennoch mit Hülfe frischer +Luft und Pflege so weit gediehen, dass er die Klippen der Reifezeit +überschritt. Von da ab hielten seine Nerven stand, so dass er, die +Schwächen der Bleichsucht überwindend, es schliesslich bis zur +vollständigen Entwickelung brachte. + +Seine Mutter, eine sehr blasse Frau, still und schweigsam, starb an +Entkräftung, während sein Vater einer unbestimmbaren Krankheit erlag, +als Jean des Esseintes eben sein achtzehntes Jahr erreichte. + +Von seinen Eltern war ihm nur eine Erinnerung verblieben, die einer +gewissen Furcht, die jedes kindliche Gefühl erstickte. Seinen Vater, der +fast immer in Paris lebte, kannte er kaum; und seine Mutter vermochte er +sich nur in einem dunklen Zimmer des Schlosses von Lourps unbeweglich +auf dem Schlummerbette liegend vorzustellen. Selten nur waren die Gatten +vereint gewesen, und von jenen Tagen erinnerte er sich nur noch der gar +einförmigen Zusammenkünfte, wo beide sich gegenüber sassen, zwischen +sich einen Tisch, auf dem eine grosse Lampe brannte, die durch einen +Lampenschirm tief verhängt war, da die Frau Herzogin weder Licht noch +Lärm zu ertragen vermochte, ohne einer Nervenkrisis zu verfallen. Hier +im Halbdunkel wechselten die Gatten wohl einige wenige Worte, bis der +Herzog aufstand, sich verabschiedete und gleichsam erleichtert den +nächsten besten Zug nahm, der ihn wieder nach Paris zurückführte. -- + +Bei den Jesuiten, zu denen Jean zur Erziehung geschickt wurde, fand er +wohlwollend freundliche Aufnahme. Die Pater gewannen das Kind, dessen +Fassungskraft sie in Erstaunen setzte, recht lieb. Dennoch aber +vermochten sie nicht, es trotz all ihrer Bemühungen dahin zu bringen, +dass es sich den geregelten Studien widmete. Wohl fand es Geschmack an +gewissen Arbeiten, so dass es frühzeitig der lateinischen Sprache +mächtig ward, dagegen war es aber unfähig, nur zwei Worte griechisch zu +erklären. Es hatte durchaus keine Befähigung für das Erlernen der +lebenden Sprachen und zeigte sich geradezu stumpf, sobald man sich +bemühte, es in die Anfangsgründe der exakten Wissenschaften einzuführen. + +Seine Familie kümmerte sich wenig um Jean; dann und wann besuchte ihn +sein Vater auf einen Augenblick in der Pension: »Guten Tag! -- Adieu! -- +Sei artig! Arbeite tüchtig!« -- dies war alles, was er zu hören bekam. + +Die Sommerferien verbrachte er im Schlosse von Lourps; doch vermochte +seine Gegenwart nicht, die Mutter ihrem träumerischen Zustande zu +entreissen. Sie bemerkte ihn oft kaum oder betrachtete ihn während +einiger Sekunden mit fast schmerzlichem Lächeln und versenkte sich dann +wieder von neuem in die durch dicke Gardinen erzeugte künstliche Nacht. + +Die Dienstboten waren langweilig und alt. Der Knabe, sich selbst +überlassen, durchstöberte an Regentagen die Bücher der Bibliothek und +streifte bei schönem Wetter in der Umgegend umher. + +Seine grösste Freude war, in das kleine Thal hinunter zu gehen bis nach +Jutigny, einem kleinen Dörfchen, das sich am Fusse der Hügel ausdehnte +und aus wenigen kleinen Häusern und Hütten bestand, die, meist mit Stroh +bedeckt, gleichsam aus dem Moos herauswuchsen. Er warf sich dann wohl +auf die Wiesen im Schatten eines hohen Heuschobers nieder, dem dumpfen +Geplätscher der Wassermühle lauschend, oder auch die frische Luft der +Voulzie einatmend. Manchmal dehnte er seinen Spaziergang bis zum +Torfmoor oder bis zu dem grünen und schwarzen Weiler von Longueville +aus, oder er kletterte gar die Anhöhen hinauf, wo der Wind schärfer +wehte und von wo er eine schönere Aussicht genoss. An der einen Seite +hatte er unter sich das Seine-Thal, das sich in weiter Ferne mit dem +Blau des Himmels mischte; an der anderen Seite hatte er den Blick hoch +oben gen Westen auf die Kirchen und den Turm von Provins, welche in der +Sonne und dem goldigen Luftstaub zu zittern schienen. + +Er las oder träumte, in vollen Zügen die Abgeschlossenheit einsaugend, +wohl bis zur Dunkelheit; und da er sich immer grübelnd denselben +Gedanken hingab, so konzentrierte sich sein Geist, und seine bis dahin +noch unbestimmten Ideen begannen vorzeitig zu reifen. Nach den Ferien +kam er jedesmal nachdenklicher und störrischer zu seinen Lehrern zurück, +denen diese Veränderung keineswegs entging. Scharfsinnig und schlau -- +durch ihren Beruf daran gewöhnt, die Seelen bis ins Innere zu ergründen +-- liessen sie sich durch seine aufgeweckte, doch unlenksame Intelligenz +durchaus nicht hinters Licht führen. Sie erkannten wohl, dass dieser +Schüler niemals zum Ruhme ihrer Anstalt beitragen werde; da aber seine +Familie reich war und sich wenig um seine Zukunft bekümmerte, so +verzichteten sie vollständig darauf, ihn auf den einträglichen +Schulberuf hinzulenken, obgleich er gern diejenigen der theologischen +Doktrinen mit ihnen erörterte, welche ihn durch ihre Spitzfindigkeit und +ihren Scharfsinn reizten. Dachten sie doch nicht einmal daran, ihn für +ihren Orden zu gewinnen; denn trotz aller ihrer Bemühungen blieb sein +Glaube schwach, weil sie ihn, aus Klugheit und Furcht vor etwas +Unvorhergesehenem, auch ruhig die Studien verfolgen liessen, die ihm +eben zusagten, und andere dagegen vernachlässigen, damit ihnen sein +selbständiger Charakter nicht durch die Plackereien weltlicher +Studienlehrer noch mehr entfremdet werde. + +So lebte er vollständig zufrieden, das väterliche Joch der Priester kaum +fühlend, indem er mit seinen lateinischen und französischen Studien ganz +in seiner Weise fortfuhr, und, obgleich Theologie nicht auf dem +Schulplan stand, widmete er sich doch den Lehren derselben, deren +Studium er bereits im Schlosse Lourps in der vom Urgrossonkel, dem +Domherrn Prosper, dem vormaligen Prior der Ordensstiftsherren von +Saint-Ruf, hinterlassenen Bibliothek begonnen hatte. + +Als er die Erziehungsanstalt der Jesuiten bei seiner Grossjährigkeit +verlassen musste, wurde er Herr seines Vermögens; sein Vetter und +Vormund, der Graf von Montchevrel, legte ihm Rechenschaft über seinen +Besitz ab. Die Beziehungen zwischen ihnen aber waren nur von kurzer +Dauer, da es keinen Berührungspunkt zwischen beiden gab, weil der eine +alt, der andere jung war. Aus Neugier, Langeweile und Höflichkeit setzte +der junge Herzog dennoch eine Weile den Umgang mit der Familie fort. Er +machte einige Besuche in ihrem Palais in der Rue de la Chaise; +entsetzlich langweilige Abende, an denen die steinalten Verwandten sich +über adelige Familien, heraldische Monde und veraltetes Ceremoniel +unterhielten. + +Mehr noch als diese vornehmen alten Damen hier erschienen ihm jene +hochadeligen Herren, welche die Whisttische umsassen, als verknöcherte, +höchst unbedeutende Menschen. + +Die Nachkommen der alten Helden, die letzten Zweige der feudalen +Geschlechter erwiesen sich dem Auge des Herzogs Jean des Esseintes nach +Lüftung ihrer Maske meist nur als vom Katarrh geplagte arg verschrobene +Käuze, die immer wieder dieselben faden Redensarten und hundertjährigen +Phrasen im Munde führten. + +Nachdem er einige Abende in solcher Gesellschaft zugebracht, fasste er +den Entschluss, trotz aller Einladungen und Vorwürfe nie wieder dort +hinzugehen. + +Jetzt fing er an mit jungen Leuten seines Alters und seines Standes zu +verkehren. + +Einige von ihnen waren mit ihm in der Ordensschule erzogen und hatten +durch diese Erziehungsweise gleichsam einen besonderen Stempel +aufgedrückt erhalten. Sie gingen regelmässig zur Messe, beichteten zu +Ostern, besuchten die katholischen Kreise und hielten jeden ihrer +Angriffe, die sie auf schöne Mädchen niedergeschlagenen Auges +unternahmen, geheim wie ein Verbrechen. Es waren dies meist geistlos +unselbständige Zierpuppen, welche die Geduld ihrer Lehrer ermüdet +hatten, die aber trotzdem ihren Wünschen soweit nachgekommen waren, sie +in der menschlichen Gesellschaft als gehorsame und fromme Wesen +hinzustellen. + +Die andern, meist Schüler der Staats-Gymnasien, waren weniger Heuchler, +sondern im allgemeinen freier, aber sie waren weder interessanter noch +aufgeweckter als jene. Sie liebten die Vergnügungen jeder Art, waren +grosse Freunde der Operette und des Turfs, waren an jedem Spieltisch zu +finden, ihr Vermögen auf Pferde und Karten verwettend. + +Nach Verlauf eines Jahres war der junge Herzog dieser Gesellschaft müde +und überdrüssig. Ihren Ausschweifungen sich hinzugeben, die sie ohne +Unterscheidung, ohne fieberhafte Vorbereitung, ohne wirkliche Wallung +und Aufregung des Blutes und der Nerven durchmachten, erschien ihm mehr +als flach und geradezu gemein. + +Nach und nach zog er sich daher von ihnen zurück und schloss sich den +Litteraten an, bei denen er mehr geistige Verwandtschaft zu finden und +sich wohler zu fühlen hoffte. Dies aber führte nur neue Enttäuschungen +mit sich, denn er war empört, ihre kleinlichen und rachsüchtigen Urteile +zu erkennen, ihre banale Unterhaltung und ihre widerlichen +Streitigkeiten zu hören, wonach der Wert eines Werkes einfach nach der +Zahl der Auflagen und dem Ertrag des Verkaufes bemessen wurde. + +Er lernte zu gleicher Zeit die Freidenker wie die Prinzipienreiter des +Bürgerstandes kennen, Leute die alle Freiheit beanspruchten, um die +Meinungen der andern zu ersticken; habsüchtige, schamlose Puritaner, +deren Bildung er noch geringer schätzte als die des ersten besten +Eckenstehers. + +Seine Menschenverachtung nahm immer mehr zu; er erkannte, dass die +Menschheit zum grossen Teil aus leeren Prahlhänsen und Dummköpfen +besteht, so dass er die Hoffnung aufgab, bei anderen wahre Seelengrösse +oder reinen Hass zu entdecken. Er verzichtete darauf, einer +Fassungskraft zu begegnen, die sich wie die seine in einer arbeitsamen +Abgeschlossenheit gefiel, oder in einem Schriftsteller oder Gelehrten +den scharf durcharbeiteten Geist zu finden, der sich dem seinen +anschliessen konnte. + +Er fühlte sich nervös und mehr als unbehaglich, war von der Flachheit +der Ideen, die man gegenseitig austauschte, angewidert, und wurde wie +die Leute, von denen Pierre Nicole sagt, dass sie überall empfindlich +und gereizt seien. Es kam so weit, dass er sich fortwährend seine Haut +aufritzte. Geradezu unerträglich litt er bei der Lektüre patriotischer +oder sozialer Thorheiten, die jeden Morgen von den Zeitungen unter die +Leute gebracht und mit denen die ehrsamen Leser abgespeist wurden. + +Er begann schon von einer abgeschiedenen Thebaïde, einer komfortablen +Wüstenei, einer unbeweglichen und angenehm durchwärmten Arche zu +träumen, wohinein er sich vor der wachsenden Flut des schon mehr +unmenschlichen Blödsinns zu flüchten gedachte. + +Eine einzige Leidenschaft, das Weib, hätte ihn von dieser allgemeinen +Verachtung, welche ihn erdrückte, zurückhalten können, aber diese Saite +war ja leider auch verbraucht. + +Hatte er doch an dieser Fleischestafel mit dem launenhaften Heisshunger +eines Menschen gelagert, der an krankhafter Esslust leidet, und dessen +Gaumen bald abgestumpft und übersättigt ist. Während der Zeit, in der er +mit den Junkern verkehrte, hatte er an ihren tollen Gelagen +teilgenommen, bei denen trunkene Dirnen sich zum Nachtisch die Kleider +lüften und mit dem Kopfe, wenn nicht unter, so doch auf dem Tische +liegen. Selbstredend war er hinter den Coulissen gewesen; er hatte es +mit Schauspielerinnen und Sängerinnen versucht und ausser der den Frauen +angeborenen Dummheit die rasende Eitelkeit elender Künstlerinnen zu +ertragen gehabt; er hatte mit galanten, ihrer Schönheit wegen berühmten +Frauenzimmern in Verbindung gestanden und gewaltiges Geld an gewisse +Agenturen bezahlt, wofür er sehr zweifelhafte Vergnügungen genossen, um +sich schliesslich übersättigt und dieses gleichförmigen Luxus, dieser +erkünstelten Zärtlichkeiten überdrüssig, in die untersten Schichten der +Gesellschaft zu stürzen. Hier hoffte er seine nimmersatte Gier durch den +Kontrast neu aufstacheln und seine schlummernde Sinnlichkeit durch die +aufreizende Unreinheit des Elends wieder anfachen zu können. + +Doch was er auch versuchen mochte, ein ungeheurer Weltschmerz drückte +ihn nieder. Er gab dennoch den Kampf nicht auf. Er nahm seine letzte +Zuflucht zu den gefährlichen Liebkosungen der Virtuosinnen; seine +Gesundheit wurde schwach und seine Nerven zermürbten mehr und mehr. Sein +Nacken wurde empfindlich und seine Hand fing schon zu zittern an. +Allerdings hielt er sie noch gerade, sobald er einen schweren Gegenstand +ergriff, doch war sie kraftlos, sobald er etwas Leichtes, zum Beispiel +ein Glas zu Munde führen wollte. + +Die Prognose der Ärzte beunruhigte ihn. Es war Zeit, diesem Leben +Einhalt zu thun und auf jene Experimente zu verzichten, die nur die +letzten Kräfte raubten. Während einiger Zeit verhielt er sich ruhig; +aber sein Gehirn erhitzte sich bald von neuem und rief ihn wieder zu den +Waffen. Wie die jungen Mädchen in der Reife ein Verlangen nach allen +möglichen aufreizenden Dingen empfinden, kam er dahin, sich ganz +absonderlich sinnliche Freuden und Genüsse auszumalen und sich solchen +hinzugeben. Dies aber war der Anfang vom Ende. Übersättigt und erschöpft +von allem verfielen seine überreizten Sinne einer Art Lethargie -- das +sichere Anzeichen eines herannahenden Unvermögens. + +Er kam dann wieder von seinen Verirrungen ernüchtert, entsetzlich +ermattet zurück, ein Ende herbeisehnend, vor dem die Feigheit seines in +Sinnlichkeit versunkenen Charakters zurückschauderte. + +Seine Idee, sich irgendwo fern von der Welt niederzulassen, sich +gleichsam in einem Winkel einzunisten und wie ein Kranker zu leben, der +die Strasse mit Stroh bedecken lässt, um den Lärm des unerbittlichen +Lebens zu dämpfen, wurde immer stärker in ihm. + +Zudem war auch der Zeitpunkt gekommen, einen Entschluss zu fassen, denn +seine Vermögensverhältnisse erschreckten ihn. Den grössten Teil seines +Erbgutes hatte er thörichterweise längst vergeudet, und der Rest steckte +in Ländereien, die ihm lächerlich wenig einbrachten. + +Er entschloss sich daher, Schloss Lourps zu verkaufen, wohin er doch +nicht mehr ging, und wo ihn keine Erinnerung und kein Bedauern fesselte; +er liquidierte ebenfalls seine andern Güter, kaufte sich Staatspapiere +und machte sich in solcher Weise ein jährliches Einkommen von 50,000 +Franken. Er behielt ausserdem noch eine ansehnliche Summe zurück, die er +für den Kauf und die Einrichtung des Häuschens bestimmte, in welchem er +in völliger Stille und Zurückgezogenheit leben wollte. + +Er suchte die Umgegend von Paris ab und entdeckte ein kleines Häuschen +hoch oben in Fontenay-aux-Roses, das billig zu verkaufen war, weil es an +einem entlegenen Platze ganz ohne Nachbarn in der Nähe der Feste lag. +Sein Traum erfüllte sich, denn in diesem Orte, der wenig von Parisern +heimgesucht ist, war er ziemlich sicher, die gewünschte +Zurückgezogenheit zu finden. Die Schwierigkeit der unzuverlässigen +Verbindung mittels Eisen- und Pferdebahn, die am Ende des Städtchens +stationiert waren, und die gingen und kamen, wie es ihnen passte, +beruhigte ihn sehr. Wenn er an diese neue Existenz dachte, die er sich +daselbst gründen wollte, empfand er eine grosse Freude, und dies um so +mehr, als die Wohnung ziemlich weit vom Seineufer entfernt lag, so dass +ihn der Menschenstrom selbst nicht erreichte, während er dennoch in der +Nähe der Hauptstadt verblieb, so dass ihm seine Zurückgezogenheit nicht +gerade fühlbar wurde. + +Er schickte die Maurer in das neu erstandene Haus, und eines Tages, ohne +irgend jemand etwas von seinen Plänen zu verraten, verkaufte er sein +Mobiliar, entliess seine Diener und verschwand, ohne seine Adresse zu +hinterlassen. + + + + + ERSTES KAPITEL. + + +Mehr als zwei Monate vergingen noch, bevor sich Herzog Jean in die +stille Zurückgezogenheit seines Häuschens in Fontenay vergraben konnte. +Einkäufe aller Art nötigten ihn, noch eine Weile in Paris zu verbleiben +und die Stadt oft von einem Ende bis zum andern zu durchlaufen. + +Lange hatte er nachgeforscht und gegrübelt, ehe er die neue Wohnung +endlich den Tapezierern überlassen konnte. -- + +Vormals, da er noch schöne Frauen zu sich kommen liess, hatte er ein +Boudoir nach seiner Angabe einrichten lassen, wo sich inmitten kleiner +geschnitzter Möbel aus hellem japanischen Kampferholz unter einem Zelt +von indischem Rosa-Atlas der nackte Körper beim künstlichen Wiederschein +des bauschigen Stoffes noch zarter färbte. + +Jenes Gemach, dessen grosse Spiegel sich beständig reflektierten und so +eine ganze Reihe von Rosa-Boudoirs darstellten, war bei den Damen der +galanten Welt sehr berühmt gewesen; denn es machte ihnen grosses +Vergnügen, ihre Nacktheit in dieses sanfte Inkarnat zu tauchen, wie auch +den starken Duft der Möbel einzuatmen. + +So hatte er unter anderem aus Hass und Verachtung seiner Kindheit unter +dem Plafond dieses Boudoirs einen kleinen Käfig aufgehängt, in dem ein +kleines Heimchen zirpte, wie er's oft in der Asche der hohen Kamine im +Schlosse Lourps gehört, während jener langen stillen Abende, die er bei +seiner Mutter zubringen musste; und die Erinnerung daran, wie an das +Alleinsein in seiner traurigen Jugend stieg in wirrem Durcheinander vor +ihm auf. Bei den Bewegungen des Weibes, welches er liebkoste, und dessen +Geschwätz oder Lachen seine Vision verscheuchte und ihn plötzlich in die +Wirklichkeit versetzte, -- in diesem so weltlichen Boudoir entstand ein +Kampf in seiner Seele, ein Bedürfnis, alle die erlittenen Trübsale +zu rächen, eine Wut, durch schändliche Gemeinheiten die +Familienerinnerungen zu besudeln, das rasende Verlangen, auszukeuchen +auf diesem Menschenleib, bis zum letzten Tropfen die wahnsinnigsten der +sinnlichen Verirrungen auszukosten. + +Dann wieder einmal, wenn der Spleen ihn packte und wenn bei nassem +Herbstwetter der Widerwille gegen sein Heim und gegen den trüben +wolkenschweren Himmel draussen ihn erfasste, dann flüchtete er sich an +das verborgene Plätzchen, bewegte leise den Käfig und beobachtete, wie +derselbe sich rings herum unzählige Male wiederspiegelte, bis es seinen +trunkenen Augen endlich vorkam, als ob der Käfig sich nicht mehr +bewegte, dass aber das ganze Boudoir schwanke und sich drehe wie in +einem sanften rosa Walzer. + +Ein anderes Mal, als Jean des Esseintes sich wieder durch seine +Sonderbarkeit auszeichnen wollte, hatte er ein Möblement nach seltsamem +Geschmack zusammengestellt. Er teilte seinen Salon in eine Reihe von +Nischen, die alle verschieden ausgeschmückt waren und die miteinander +vereinigt werden konnten. Es waltete hier eine tolle Übereinstimmung von +freundlichen und düstern, von zarten und krassen Farben. Dann liess er +sich in einer dieser Nischen nieder, deren Dekoration ihm am besten mit +der Eigenart des Werkes, welches er gerade las, zu harmonieren schien. + +Schliesslich hatte er noch einen hohen Saal herrichten lassen, in dem er +seine Lieferanten empfing. Sie mussten sich nebeneinander in eine Art +von Kirchenstühlen setzen. Hier bestieg er eine hohe Kanzel, von der +herab er ihnen eine Predigt über die Eitelkeit und das Geckentum der +Welt hielt. Er forderte von hier aus seinen Schuhmacher und Schneider +feierlich auf, sich aufs genaueste nach seinem päpstlichen Schreiben +hinsichtlich des Schnittes zu richten, wobei er sie mit einem pekuniären +Kirchenbann bedrohte, so sie nicht die in seinem väterlichen +Ermahnungsschreiben und seinen Encykliken gegebenen Anweisungen +buchstäblich zur Ausführung brächten. + +So erlangte er bald den Ruf eines höchst excentrischen Menschen, den er +dadurch zu krönen suchte, dass er sich Anzüge aus weissem Sammt +anfertigen liess; wie er auch Westen aus Goldbrokat trug und statt der +Krawatte einfach einen grossen Veilchenstrauss in den weiten Ausschnitt +seines Hemdes steckte. Dann gab er den Litteraten oft grossartige +Diners, unter anderm ein Trauerdiner nach dem Muster des achtzehnten +Jahrhunderts, um ein ganz unbedeutendes kleines Missgeschick, das ihm +zugestossen, klassisch zu feiern. + +Der Esssaal war ganz schwarz ausgeschlagen. Er führte nach dem völlig +umgestalteten Garten hinaus, dessen Alleen zu diesem Zweck mit feinem +Kohlenstaub bestreut waren; das kleine mit Basaltstein umrandete +Wasserbecken war mit schwarzer Tinte gefüllt, die Gebüsche bildeten +Fichten und Cypressen. Die Mahlzeit wurde auf einem schwarzen Tischtuch +serviert, auf dessen Mitte sich Blumenkörbe, mit Veilchen und Skabiosen +gefüllt, befanden. In hohen Kandelabern brannten grünliche Flammen, und +Wachskerzen in Armleuchtern erhellten den Saal. Ein unsichtbares +Orchester spielte Trauermärsche, und die Gäste wurden von nackten +Negerinnen, bekleidet mit Pantoffeln und kleinen Strümpfen aus +Silbergewebe, die mit glänzenden Kügelchen besäet waren, bedient. + +Man ass von Tellern mit schwarzem Rande: Schildkrötensuppe, russisches +Schwarzbrot, reife türkische Oliven, Kaviar, Seebarben (ein im Süden von +Frankreich sehr beliebtes Gericht), Wildpret in schwarzer Sauce, so +schwarz als wär's Lakritzensaft und Stiefelwichse, Trüffelpurée, +Schokoladenpudding, dem dann ganz dunkle Blutpfirsiche, blauschwarze +Trauben, Maulbeeren und schwarze Kirschen folgten. Man trank aus dunklen +Gläsern die Weine von Limagne und Roussillon, von Tenedos, Val de Peñas +und Porto und labte sich schliesslich nach dem Kaffee mit Nussschnaps, +Kwas, Porter und Stout. + +Die Einladungen zu diesem Diner waren auf Papier mit breitem, schwarzem +Trauerrand geschrieben. -- -- + +Aber diese Extravaganzen und Tollheiten, in denen er früher seinen Ruhm +suchte, hatten sich erschöpft. + +Heute gedachte er nur mit Verachtung jener kindischen Albernheiten und +veralteten Prahlereien, jener absurden Kleidung und seltsamen +Ausschmückungen seiner Wohnung. Jetzt beabsichtigte er, sich einfach ein +bequemes Heim zu seinem persönlichen Vergnügen zu schaffen und nicht das +Staunen anderer zu wecken. Er hatte jetzt nur vor, sich eine ruhige, +wenn auch barocke Wohnung einzurichten, die sich für seine künftige +einsame Lebensweise am besten eignen sollte. + + * * * * * + +Als das Haus in Fontenay von seinem Architekten schliesslich hergestellt +und nach seinen Wünschen und Plänen eingerichtet war, und als ihm nur +noch die innere Ausschmückung zu erledigen übrig blieb, da stellten sich +ihm die ersten Schwierigkeiten in den Weg. + +Das was er wollte, waren nämlich Farben, welche beim Lampenlichte Stich +hielten. Ob sie bei Tage hart oder unschön, war ihm gleich, da er die +Nacht zum Tage zu machen gedachte, da er sich sagte, dass man dann erst +ganz allein sei, und der Geist erst wirklich bei der näheren Berührung +der Schatten der Nacht belebt und erregt werde. Er fand eine gewisse +Befriedigung darin, sich ganz allein in einem grossen, hell erleuchteten +Raume aufzuhalten, während alles um ihn herum wie ausgestorben war. + +Sorgfältig überlegend wählte er die Farben. + +Blau wird bei Licht ein ungewisses Grün; und wenn es Kobalt oder +Indigoblau ist, so wird es schwarz aussehen; ist es hell, so verändert +es sich in grau, und ist es blau wie der Türkis, so nimmt es eine trübe +eisige Färbung an, es sei denn, dass man es mit einer anderen Farbe +mischt; sonst kann man es kaum in einem Raum verwerten. Andererseits +nimmt das Eisengrau ebenfalls eine unfreundlich schwere Färbung an; +Perlgrau verliert seine Zartheit und verwandelt sich in schmutziges +Weiss; Braun wirkt trübe und erkaltend; und was Dunkelgrün, Kaisergrün +und Olivengrün anbelangt, so hat es denselben Nachteil wie Dunkelblau +und verschmilzt mit Schwarz; bleiben also nur noch die blassgrüneren +Farben, wie Pfauengrün, dann Zinnober, die Lackfarben, hier aber verjagt +das Licht das Blau und lässt das Gelb hervortreten, welches wieder einen +unnatürlich verschwommenen Ton annimmt. + +Es war auch nicht daran zu denken, Lachsfarbe, Maisgelb oder Rosenrot zu +nehmen, denn diese weichen Farben standen im Widerspruch mit den +Gedanken seiner Abgeschiedenheit; unmöglich war ebenfalls Veilchenblau, +da es bei Licht verschwimmt und das Rot darin allein des Abends +hervortritt, doch was für ein Rot! Dick und klebrig! Es schien ihm +ausserdem überflüssig, zu dieser Farbe seine Zuflucht zu nehmen, denn +wenn man ein wenig Santonine einmischt, so erscheint es violett; diese +Farbe ist nicht leicht zur Wandbekleidung zu verwenden. + +Er nahm daher von diesen Farben Abstand, und so blieben ihm nur noch +drei übrig: Orangegelb, Citronengelb und Rot. + +Er zog das Orangegelb vor, indem er durch sein eigenes Beispiel die +Wahrheit einer Theorie bestätigte, welche er im Übrigen für +mathematische Richtigkeit erklärte: nämlich, dass eine Harmonie zwischen +der sinnlichen Natur eines Menschen, der wirklich Künstler ist, und der +Farbe existiert, welche sein Auge besonders lebhaft sieht. + +Wenn man die grosse Menge beiseite lässt, deren grobe Netzhaut weder die +eigenartige Harmonie der Farben bemerkt, noch den geheimnisvollen Reiz +ihrer Abstufungen und ihrer Zusammenstellung kennt; wenn man gleichfalls +die Bürger-Philister beiseite lässt, welche unempfänglich für die Pracht +und den Sieg der starken kräftigen Nuancen sind, und um sich nur auf +diejenigen zu beschränken, deren Augen durch Litteratur und Kunst +verfeinert sind, so erscheint es zweifellos, dass das Auge desjenigen, +der Ideales träumt und der Illusionen bedarf, gewöhnlich eine Vorliebe +für Blau und dessen Abstufungen, sowie für die lila und perlgraue Farbe +habe, vorausgesetzt, dass diese Nuancen weich und verschwommen bleiben +und nicht die Grenze überschreiten, wo sie in ein bestimmtes Violett und +scharfes Grau übergehen. + +Diejenigen aber, die frei und ungebunden leben, kräftige Sanguiniker, +starke energische Menschen sind, gefallen sich meistens in schimmernden +Farben, wie Rot und Gelb, wie sie auch die Zimbelschläge des Zinnobers +und der Chromfarben lieben, die sie blenden und berauschen. + +Die geschwächten und nervösen Menschen dagegen, deren sinnlicher Appetit +nach Speisen sucht, welche scharf gewürzt sind, -- die Augen dieser +hektischen, überreizten Naturen lieben fast alle die krankhaft +aufregende Farbe mit täuschendem Glanze, mit scharfem, unruhigem +Wechsel: das Orangegelb. + +Die Wahl, welche der Herzog Jean treffen würde, liess also kaum Zweifel +zu; dennoch aber entstanden neue Schwierigkeiten, denn wenn auch das Rot +und Gelb sich bei Lichte glänzend bewährten, so geschieht das nicht +immer bei ihrer Zusammenstellung. Das Orangegelb verschärft und +verwandelt sich oft in Dunkelrot oder gar in Feuerrot. + +Bei Kerzenlicht versuchte er alle seine Farbenzusammenstellungen und +entdeckte eine, welche gleich zu bleiben und sich nicht den +Anforderungen zu entziehen schien, die er an sie stellte. Nachdem diese +Vorkehrungen beendet waren, bemühte er sich, so viel es eben möglich +war, für sein Arbeitszimmer die orientalischen Farben und Teppiche zu +vermeiden, die prahlend und gewöhnlich geworden sind, seit Parvenüs sie +sich in den grossen Modemagazinen zu herabgesetzten Preisen leicht +verschaffen können. + +Nach reiflicher Überlegung entschloss er sich dazu, die Wände wie seine +Bücher mit Saffian-Leder mit breitgedrückten Narben oder mit satiniertem +Kap-Leder bekleiden zu lassen. + +Als das Getäfel derartig geschmückt war, liess er die Leisten und +Gesimse mit dunkler Indigofarbe und einer blauen Lackfarbe bestreichen, +so, wie sie die Wagenbauer für das Äussere der Wagen verwenden; und der +etwas gewölbte Plafond, ebenfalls mit Saffian-Leder bezogen, öffnete +sich wie ein ungeheures rundes Fenster, eingefasst von orangegelbem +Leder: ein kreisförmiges Himmelszelt von königsblauer Seide, in dessen +Mitte silberne Seraphine mit ausgebreiteten Flügeln schwebten. + +Er hatte richtig kalkuliert: Das Getäfel veränderte sein Blau nicht, es +wurde gehalten und erwärmt durch das Orangegelb, welches ebenfalls Farbe +hielt, unterstützt und belebt durch den kräftigen Zug der blauen Farben. + +Was die Möbel anbetrifft, so hatte Herzog Jean keine allzu grosse Mühe, +da der einzige Luxus dieses Zimmers nur aus Büchern und seltenen Blumen +bestehen sollte; er begnügte sich damit, an den Wänden Bücher- und +Fachschränke aus Ebenholz aufzustellen, indem er sich für später +vorbehielt, die frei gebliebenen Zwischenräume mit einigen Bildern und +Zeichnungen zu schmücken. Dann liess er den getäfelten Fussboden mit +Fellen von wilden Tieren belegen. In der Nähe eines grossen massiven +Tisches aus der Mitte des 15. Jahrhunderts standen tiefe Lehnstühle und +ein altes Kirchenpult aus Schmiedeeisen -- eines jener antiken +Chorpulte, auf welches ehemals der Diakonus das Chorbuch gelegt, und auf +dem jetzt einer der schweren Folianten des ¤Glossarium mediae et infimae +latinitatis¤ von dem Gerichtsschreiber du Cange stand. + +Die Fenster, mit Scheiben aus bläulichen Flaschenböden von rissigem +Schmelz und Goldrand, schnitten die Aussicht auf das Land ab und liessen +nur ein gedämpftes Licht eindringen; sie wurden ausserdem mit Vorhängen +aus alten Messgewändern verhängt, deren dunkles, fast rauchiges Gold +sich in einem matt rotgelben Gewebe verlor. + +Und endlich noch befand sich auf dem Kamine, dessen Bekleidung ebenfalls +aus einem prachtvollen florentinischen Messgewand hergestellt war, +zwischen zwei Monstranzen aus vergoldetem Kupfer byzantischen Stils, +welche der alten Abtei Bois-de-Bievre entnommen waren, eine wunderbar +schöne Messtafel mit drei getrennten Fächern von ausserordentlicher +Zartheit; unter dem Glas ihres Rahmens sah man ferner auf Pergament in +entzückender Messbuchschrift kopiert und mit kostbarer Ausmalung +versehen drei Werke von Baudelaire: zur Rechten und Linken Sonette mit +dem Titel »der Tod der Verliebten«, »der Feind« -- und in der Mitte in +Prosa: »¤Any where out of the world¤«. + + + + + ZWEITES KAPITEL. + + +Nach dem Verkauf seiner Güter nahm Herzog Jean die alten verheirateten +Dienstleute zu sich, welche seine Mutter gepflegt und die zu gleicher +Zeit dem Amte als Verwalter und Kastellane in Schloss Lourps +vorgestanden hatten, das bis zur Feststellung des gerichtlichen Verkaufs +unbewohnt und leer geblieben war. + +Er liess das Ehepaar nach Fontenay kommen. Sie waren an die Thätigkeit +der Krankenwärter, an die Regelmässigkeit, mit der von Stunde zu Stunde +die Arzeneien verabreicht wurden, wie an das starre Schweigen des +Klosterslebens gewöhnt. Ohne mit der Aussenwelt im geringsten zu +verkehren, verblieben sie stets in geschlossenen Zimmern hinter +verschlossenen Fenstern. + +Dem Mann wurde die Reinigung der Zimmer und das Einholen übertragen, die +Frau mit dem Kochen beauftragt. Er überliess ihnen den ersten Stock des +Hauses, doch mussten sie dicke Filzschuhe tragen. Er liess Windfänge vor +den gut geölten Thüren anbringen und ihre Fussböden mit dicken Teppichen +belegen, so dass er ihre Schritte über seinem Kopfe nicht hörte. + +Er verabredete ebenfalls mit ihnen eine gewisse Art zu klingeln und +bestimmte die Bedeutung der einzelnen Klingelzeichen nach ihrer Kürze +und Länge; bezeichnete auf seinem Schreibtisch den Platz, wo sie jeden +Monat das Rechnungsbuch hinlegen mussten -- kurz er richtete sich so +ein, dass er nicht oft genötigt war, sie zu sehen. + +Ebensowenig wollte er, da die alte Dienerin manches Mal am Hause vorüber +gehen musste, um aus einem kleinen Schuppen Holz zu holen, dass ihn ihr +Schatten störe, welcher dann durch die Scheiben seiner Fenster fiel. Er +liess ihr daher ein besonderes Kostüm aus flandrischer Seide mit weisser +Mütze und niedergeschlagener breiter schwarzer Kapuze anfertigen, in der +Art, wie sie die Frauen des Beguinenklosters in Gent tragen. + +Wenn der Schatten dieser Kopfbedeckung in der Dämmerung an seinen +Fenstern vorüberglitt, so gab er ihm das Gefühl, dass er sich in einem +Kloster befinde. Es erinnerte ihn an die stillen frommen Dörfer, die +toten und versteckten Stadtviertel einer thätigen und lebhaften Stadt. + +Er regelte und stellte auch die Stunden der Mahlzeiten fest, die +übrigens wenig gewählt, vielmehr überaus einfach waren, denn die +Schwäche seines Magens erlaubte ihm nicht, verschiedene oder schwere +Gerichte zu geniessen. + +Um fünf Uhr im Winter, beim Herannahen der Dunkelheit, nahm er ein +leichtes Frühstück ein, welches aus zwei Eiern, kaltem Fleisch und Thee +bestand. Um elf Uhr hielt er seine Hauptmahlzeit; manchmal trank er +etwas Kaffee, Thee oder Wein während der Nacht, und gegen fünf Uhr +morgens naschte er wohl noch ein paar leichte Sachen, worauf er sich +schlafen legte. + +Er nahm diese Mahlzeiten, deren Anordnung und Reihenfolge ein für alle +Mal zu Anfang jeder Jahreszeit festgesetzt wurde, an einem Tisch in der +Mitte eines kleinen Zimmers ein, welches von seinem Arbeitszimmer durch +einen ganz mit dickem Stoff ausgeschlagenen Korridor getrennt und ganz +hermetisch verschlossen war, so dass weder Geruch noch Lärm in die +beiden andern Gemächer dringen konnte. + +Dieses Esszimmer glich einer Schiffskajüte mit gewölbtem Plafond, im +Halbkreis mit Balken, Wänden und Fussböden aus hellem Fichtenholz +versehen, mit dem kleinen, runden, ins Holz eingelassenen Fenster, das +der Luftöffnung an den Seiten eines Schiffes nicht unähnlich war. + +Gleich japanischen Schachteln, von denen die eine immer in die andere +hineinpasst, war dieser Raum vom Architekten in einen grösseren +eingeschaltet, der als eigentlicher Esssaal erbaut war. + +Dieser hatte zwei Fenster, eines unsichtbar durch eine leichte +Bretterwand den Blicken entzogen, das aber durch eine Feder nach Wunsch +niedergelassen werden konnte, damit frische Luft durch die Öffnung +eindringe, um die Fichtenholzkajüte cirkuliere und sich hier verbreite. +Das andere sichtbare Fenster befand sich grade gegenüber dem runden +Kajütenfensterchen in der Holzbekleidung, jedoch zugesetzt durch ein +grosses Aquarium, welches den ganzen Raum zwischen dem kleinen runden +und dem wirklichen Fenster in der Mauer ausfüllte. Das Tageslicht drang +also durch das grosse Fenster, durch das Wasser und schliesslich durch +das runde Fenster in die Kajüte. + +Wenn dann der Samowar auf dem Tische dampfte und die Sonne im Herbste +unterging, so rötete sich das Wasser im Aquarium trübe und gläsern und +warf einen leichtfeurigen Schimmer auf das helle Getäfel. + +Nachmittags manchmal, wenn der Herzog Jean zufällig wach war und +aufstand, setzte er den Betrieb der Wasserröhren welche das Aquarium +leerten, in Bewegung, und liess es sich wieder von neuem mit frischem +Wasser füllen. Indem er dann einige Tropfen farbiger Essenz hineinthat, +erzeugte er grünliche und gelbliche, milchweisse oder silberne +Färbungen, wie die natürlichen Gewässer je nach der Farbe des Himmels, +der mehr oder minder starken Glut der Sonne, oder des nahenden Regens +erscheinen, mit einem Wort: wie es die Jahreszeit der Atmosphäre +verursacht. + +Er bildete sich dann ein, in dem Zwischendeck einer Brigg zu sein; und +neugierig betrachtete er wunderbar gearbeitete Fische, die, aufgezogen +durch ein Uhrwerk, vor der Scheibe des runden Kajütenfensters +vorbeischwammen und in dem künstlichen Gras hängen blieben. Oder er +betrachtete, während er den Theergeruch einsog, mit dem man den Raum +besprengt hatte, bevor er ihn betrat, die an den Wänden +aufgehängten farbigen Stiche, welche -- wie in den Agenturen der +Schiffahrtsgesellschaften -- Dampfschiffe auf dem Weg nach Valparaiso +oder La Plata vorstellten. Oder er besah die eingerahmten Tabellen, auf +welchen die Reiseroute der Linie der Postdampfer der Compagnieen Lopez +und Valéry, die Frachtgelder, die Häfen des Postdienstes im Atlantischen +Meer verzeichnet waren. + +Dann, wenn er müde war diese Fahrpläne zu Rate zu ziehen, liess er seine +Blicke über die Chronometer und Kompasse schweifen, über die +Winkelmesser und Zirkel, die Fernrohre und Karten, die zerstreut auf dem +Tisch lagen, auf dem sonst nur ein einziges Buch aufgestellt war, +gebunden in Seehundsleder: Arthur Gordon Pyms Abenteuer, welches +besonders für ihn auf streifiges Papier reinster Faser gedruckt war, +jedes Blatt sorgfältig ausgesucht und mit einer Schwalbe im +Wasserzeichen. + +Da waren ausserdem Fischereigeräte, durch Lehm gezogene Netze, +aufgerollte braune Segel, ein kleiner schwarz gestrichener Anker aus +Kork, zu einem Haufen nahe der Thür vereinigt, welche durch einen +kleinen ausgepolsterten Flur in die Küche führte, und der ebenso wie der +Korridor den Esssaal mit dem Arbeitszimmer verband, um die Gerüche und +den Lärm aufzusaugen. + +Auf diese Art verschaffte er sich ohne grosse Mühe sofort die +augenscheinlichsten Eindrücke einer Seereise. Besteht doch das Vergnügen +der Abwechslung im Grunde genommen einzig in der Erinnerung und fast +niemals in der Gegenwart, in dem Augenblicke selbst. Er kostete sonach +diese Abwechslung in vollen Zügen, mit aller Bequemlichkeit, ohne jede +Anstrengung und ohne die sonst unvermeidlichen Verdriesslichkeiten in +dieser erdachten Kajüte. + +Bewegung schien ihm zudem überflüssig, da ihm die Einbildung leicht die +gewohnte Wirklichkeit des Lebens zu ersetzen vermochte. + +Nach seiner Ansicht war es nämlich möglich, sich die Wünsche, die für +die schwierigsten gelten, im normalen Leben künstlich selbst zu +befriedigen und dies mittels Täuschung durch eine genaue Fälschung der +erwünschten Gegenstände zu thun. Ist es doch klar, dass jeder +Feinschmecker heutigen Tages entzückt ist, wenn er in einem wegen der +Vortrefflichkeit seines Kellers berühmten Restaurant die teuren Weine +schlürft, welche nach Pasteurs Methode aus leichten billigen Weinen +hergestellt sind. Falsch oder echt, diese Weine haben ganz dasselbe +Aroma, dieselbe Farbe, dieselbe Blume, und verursachen also auch +dasselbe Vergnügen, das man beim Kosten und Geniessen echter und reiner +Weine empfindet, die infolge starker Nachfrage schliesslich für Gold +kaum aufzutreiben sein möchten. + +Es unterliegt nach alledem keinem Zweifel, dass sich diese berauschende +Abweichung, diese geschickte Lüge und Täuschung des Geistes in die Welt +des realen Verstandes übertragen lassen, und dass man mithin ebenso +leicht wie in der materiellen Welt eingebildete Wonnen geniessen kann, +die fast in allen Punkten den wirklichen gleichen. Kein Zweifel zum +Beispiel, dass man im Notfall dem störrisch langsamen Geiste nachhelfen, +beim Lesen einer fesselnd geschriebenen Reisebeschreibung ruhig am Kamin +verweilen und sich erfolgreich angenehmen Forschungen hingeben kann. Wie +man sich auch -- ohne Paris zu verlassen -- das wohlthuende Gefühl eines +Seebades suggerieren kann, da es ja genügt, sich nach Vigier zu begeben, +dessen Bäder mitten in der Seine liegen. + +Wenn man dort das Wasser der Wanne salzen lässt und nach der Vorschrift +des Arzeneibuches schwefelsaures Sodasalz und Magnesia hinzufügt und ein +kleines Ende Kabeltau aus einer Seilerei mitnimmt und dann den Duft, +welchen dieses Tau noch bewahrt hat, einsaugt und dabei eifrig Joanne's +Handbuch liest, welches die Schönheiten des Strandes, an dem man sein +möchte, beschreibt; und wenn man sich dann schliesslich noch leise von +den Wellen schaukeln lässt, welche die Dampfschiffe, die an der +schwimmenden Badeanstalt vorbeifahren, in der Badezelle aufwerfen, wenn +man das Ächzen des Windes hört, der sich unter den Brücken fängt, und +dem dumpfen Lärm der Omnibusse lauscht, die wenige Schritte weiter über +Pont-Royal hinwegrollen -- ist da nicht die Illusion des Meeres +unleugbar da? + +Es handelt sich eben nur darum, seinen Geist auf einen bestimmten Punkt +zu richten. + +Da ist nicht eine ihrer Erfindungen, möge sie für noch so feinsinnig +oder noch so grossartig gelten, die das Genie des Menschen nicht zu +schaffen imstande wäre! Da ist kein Wald von Fontainebleau, kein +Mondschein, welchen nicht eine von elektrischem Licht überflutete +Dekoration hervorzuzaubern vermöchte; kein Wasserfall, welchen die +Wasserleitungskunst nicht täuschend nachahmen könnte, kein Felsen, der +nicht durch Papiermaché herzustellen wäre, keine Blume, die nicht durch +besonderen Taffet und zart bemaltes Papier genau so wiedergegeben werden +könnte! + +Unzweifelhaft hat diese uralte Schwätzerin Natur die gutmütige +Bewunderung der wirklichen Künstler erschöpft, und der Augenblick ist +gekommen, sie verbessert zu ersetzen, so weit es sich eben durch die +Kunst ermöglichen lässt. + +Und dann, um ehrlich zu sein: dasjenige ihrer Werke, welches fraglos als +das künstlichste gilt, diejenige ihrer Schöpfungen, deren Schönheit nach +Aller Ansicht die ursprünglichste und vollkommenste ist, das _Weib_! Hat +der Mensch nicht seinerseits ein ebenso künstliches Wesen voll von Leben +geschaffen, welches vom Gesichtspunkt der plastischen Schönheit aus ihr +vollkommen gleichwertig ist? Giebt es wohl hienieden ein Wesen, das, in +Freuden der Brunst empfangen und mit Schmerzen aus der Mutterschaft +hervorgegangen, an Form und Race strahlender und prächtiger sei, als +dasjenige der beiden Lokomotiven, die auf der Nordbahn ihren Dienst +verrichten? + +Die eine, die Crampton, eine entzückende Blondine, mit scharfer Stimme, +von hohem, schlankem Wuchs, eingeschnürt in ein glänzendes +Kupferkorsett, geschmeidig -- nervös wie eine Katze -- eine schmucke +goldige Blondine, deren aussergewöhnliche Anmut nahezu erschreckt, wenn +sie ihre Stahlmuskeln steift und den Schweiss ihrer warmen Schenkel +dadurch erhöht, dass sie die ungeheure Rosette ihres zarten Rades in +Bewegung setzt und wie rasend an der Spitze des Schnellzuges vorwärts +stürmt! + +Die andere, die Engerth, eine monumentale, dunkle Brünette mit dumpfen +rauhen Tönen, mit stämmigen Lenden, eingepresst in ihren gusseisernen +Panzer, ein unförmiges Wesen mit wilder Mähne schwarzen Rauches und mit +sechs niedrigen gepaarten Rädern; welche erdrückende Macht, wenn sie die +Erde erzittern macht und plump und langsam den schweren Güterzug hinter +sich drein schleppt! + +Sicherlich giebt es unter den zarten blonden und den majestätischen +brünetten Schönheiten keine derartigen Typen zarter Schlankheit und +erschreckender Kraft; auch kann man mit Recht sagen: der Mensch hat, in +seiner Art, ebenso Gutes geschaffen wie Gott. -- + +Diese Betrachtungen kamen des Esseintes, wenn ihm der Wind das sanfte +Pfeifen der kleinen Eisenbahn zutrug, welche sich wie ein Kreisel +zwischen Paris und Sceaux hin und her bewegt. + +Sein Haus war ungefähr zwanzig Minuten von der Station Fontenay +entfernt; aber die Höhe, auf welcher es stand, und seine einsame Lage +liessen nicht den Lärm des gemeinen Lebens bis zu ihm dringen. + +Das Dorf selbst kannte er kaum. Durch seine Fenster hatte er eines +Nachts die stille Landschaft betrachtet, die sich vor ihm ausbreitete +und hinunterzog bis zum Fuss des Hügels, auf dessen Spitze die +Batterieen des Gehölzes von Verrières aufgepflanzt sind. + +In der Dunkelheit rechts und links stiegen verworrene Massen stufenweise +auf, in der Ferne von anderen Batterieen und anderen Forts überragt, +deren hohe Böschungen im Mondlicht wie in Wasserfarben mit schimmerndem +Silber auf dunklem Himmelsgrund gemalt erschienen. + +Zusammengeschrumpft im Schatten der Hügel erschien die Ebene in der +Mitte wie mit Mehl bestreut und mit weissem Cold-cream bestrichen. In +der warmen Luft, die leise die farblosen Gräser fächelte und würzigen +Duft verbreitete, schüttelten die wie mit Kreide übertünchten Bäume im +Mondlicht ihr fahles Laubwerk und vergrösserten ihre Stämme, deren +Schatten den Gipsboden mit schwarzen Streifen furchten, auf dem die +Kieselsteine wie Tellerscherben glänzten. Ihres verkünstelt geschminkten +Aussehens wegen missfiel dem Herzog Jean diese Landschaft nicht. Seit +dem Nachmittag, den er auf der Suche nach dem Hause im Dörfchen von +Fontenay zugebracht hatte, war er niemals mehr am Tage den Weg gegangen. +Das grüne Laub dieser Gegend flösste ihm ausserdem kein Interesse ein, +bot es doch nicht einmal den zarten melancholischen Reiz dar, welcher +der oft rührend kränklichen Vegetation entströmt, die notdürftig +zwischen dem Schutt des Weichbildes nahe den Wällen hervorschiesst. + +Überdies waren ihm an jenem Nachmittage im Dörfchen einige dickbäuchige +Einwohner mit Backenbärten und Leute in Gehröcken mit Schnurrbärten +begegnet -- Köpfe, die ohne Zweifel der Obrigkeit oder dem Militär +angehörten; und seit dieser Begegnung hatte sein Widerwille gegen jedes +menschliche Gesicht noch mehr zugenommen. + +Während der letzten Monate seines Aufenthaltes in Paris, als er alles +überwunden hatte, empört durch die allgemeine Heuchelei und vom +Weltschmerz niedergedrückt, war die Überreiztheit seiner Nerven derartig +gestiegen, dass sich der Anblick mancher Gegenstände oder Wesen seinem +Gehirne so tief einprägte, dass es mehrerer Tage bedurfte, um nur die +Spuren davon zu verwischen. Unangenehme Gesichter, die sein Blick auf +der Strasse streifte, waren ihm zur wahren Qual geworden. + +So litt er entschieden beim Anblick gewisser Physiognomieen, deren +hausbackener unfreundlicher Typus ihm wie eine Beleidigung erschienen; +es wandelte ihn eine wahre Lust an, diejenigen zu ohrfeigen, welche da +langsamen Schrittes mit gelehrter Miene und gesenkten Augen über die +Strasse gingen, wie auch jene, die sich in den Hüften wiegen und sich +gar wohlgefällig in Spiegelscheiben zulächeln, oder jene anderen wieder, +die eine ganze Welt von Gedanken zu bewältigen scheinen, indem sie mit +der wichtigsten Miene den albernsten Klatsch und den haarsträubendsten +Blödsinn der Tagesblätter verschlingen und einfach wiederkäuen. + +Er witterte bei allen eine so eingewurzelte Dummheit, einen solchen +Abscheu gegen seine eigenen Ideen, eine solche Verachtung der +Litteratur, der Kunst, kurz, was er verehrte, als wäre es ihnen erblich +angeboren oder in ihre beschränkten Krämerseelen eingeankert, die, +schliesslich nur auf Gaunerei und Geld erpicht, wie alle unbedeutenden +und schwachen Geister, nur für niedrige Zerstreuungen der gemeinen +Politik eingenommen sind, so dass er wütend nach Hause ging, um sich mit +seinen Büchern einzuschliessen. + +Kurz, er hasste mit ganzer Kraft die neuen Generationen, diese Vertreter +moderner Flegelei, die das Bedürfnis haben, überall in den Speisesälen +und Kaffeehäusern laut zu schreien und unverschämt zu lachen, die uns +auf der Strasse wüst anrennen, ohne um Verzeihung zu bitten, oder einem +auch wohl einen Kinderwagen zwischen die Beine schieben, ohne sich zu +entschuldigen oder kaum den Hut zu lüften. + + + + + DRITTES KAPITEL. + + +Ein Teil der Büchergestelle, die an den Wänden seines orangegelben und +blauen Arbeitszimmers aufgestellt waren, enthielten ausschliesslich +lateinische Werke; doch nur solcher Autoren, die von den in der Sorbonne +gedrillten Fachgelehrten mit dem Sammelnamen »Dekadenten« abgethan +werden. + +War doch die lateinische Sprache so, wie sie Mode war zu jener Zeit, +welche die Gelehrten hartnäckig als das grosse Jahrhundert zu bezeichnen +belieben, in der That wenig dazu angethan, ihn zu reizen. Jene lackierte +Sprache mit ihren berechneten, fast unveränderlichen Wendungen, ohne +irgend eine Geschmeidigkeit der Syntax, ohne Farbe, ohne +Unterscheidungen. Jene an allen Nähten abgetragene, von holperigen +Ausdrücken befreite, wenn auch zuweilen bilderreiche Sprache vermag +allenfalls die seichten Redensarten, die unbestimmten Gemeinplätze +amtlicher Perrückenstöcke und Laureat-Poeten auszudrücken, erzeugt aber +eine solche Langeweile, dass man sich beim Studium ihres Stils fast ins +grosse Jahrhundert des französischen Sonnengottes -- Ludwigs XIV. -- +versetzt wähnen dürfte, wo man einzig einer gleichen Kraftlosigkeit und +Entmannung begegnet. + +Da ist unter andern der sanfte Virgil, den Schulfüchse gern den Schwan +von Mantua nennen, wahrscheinlich darum, weil er nicht in dieser Stadt +geboren ist. Virgil kam ihm als einer der schrecklichsten Pedanten und +unausstehlich langweiligsten Schwätzer vor, den jemals das Altertum +erzeugt; was waren denn seine so sauber gewaschenen und herausgeputzten +Schäfer, die sich der Reihe nach ganze Töpfe voll gezierter, eiskalter +Verse über den Kopf schütten? Vergleicht er seinen Orpheus doch mit +einer weinenden Nachtigall! Sein Aristeus, der Sohn des Apollo, ist ein +jammernder Bienenzüchter, während sein Aeneas, eine überaus verwaschene +schmächtige Persönlichkeit, die mit steifen Gebärden wie ein +Schattenbild in dem fadenscheinigen, lose gebundenen und öligen Gedichte +umherwandelt. Alles dieses brachte ihn natürlich ausser sich. + +Die langweiligen Albernheiten, die diese Gliederpuppen in den Coulissen +austauschen, würde er wie die unverschämten Entlehnungen, welche bei +Homer, Theokrit, Ennius und Lucrez gemacht sind, selbst nach dem +Plagiat, das uns Makrobius als fast wörtliche Abschrift eines Gedichtes +von Pisander nachweist, -- kurz, all die unaussprechliche Leere seiner +als klassisch geltenden Gesänge noch allenfalls ruhig hingenommen haben. +Wobei ihn aber wirklich die Gänsehaut überlief, das waren seine +sechsfüssigen Verse, dieses wahre Blech, wie eine leere Kanne klingend. + +Jene starre Verskunst, der Meisterschmiede des Catull entnommen, +phantasiearm, einförmig, vollgestopft mit unnützen Wörtern und +Lückenbüssern, eine Anhäufung feststehender Wendungen und dem Homer +sklavisch nachgebildeter Epitheta, die schliesslich nichts bezeichnen +und nichts zeigen -- dieser ganze armselige Wortschwall klanglos platter +Vergleiche spannte ihn geradezu auf die Folter. + +Es muss noch hinzugefügt werden, dass, wenn seine Bewunderung für Virgil +schon mehr als mässig war, der offene Unflat des Ovid noch geringere +Anziehungskraft für ihn hatte, wie auch sein Widerwille gegen die +ungeschlachte Grazie und das hohle Geschwätz des Horaz, jenes trostlosen +Tölpels, der sich mit übertüncht alten Clown-Zoten zierte, schon mehr +als grenzenlos war. + +Auch Ciceros und Cäsars berühmter Lakonismus vermochte ihn wenig zu +begeistern, denn da zeigte sich eine Trockenheit des Redestils, eine +Armut des Gedächtnisses, eine unglaubliche Hartleibigkeit. + +Somit fand er seine Rechnung weder hier noch dort, ebensowenig bei den +Lieblingsschriftstellern, die als Tonangebende falscher Gelehrsamkeit in +den Himmel gehoben wurden, wie bei den übrigen allen: Sallust, der +weniger farblos als die andern; Titus Livius, der sentimental und +schwülstig; Seneka, aufgedunsen und matt; Suetonius, lymphatisch und +fiebernd; Tacitus, der nervöseste, obgleich in seiner Kürze der +schärfste und der muskulöseste von Allen. + +In der Poesie liessen ihn Juvenal trotz seiner zeitweilig gestiefelten +und gespornten Verse, Persius trotz seiner geheimnisvollen +Zuflüsterungen völlig kalt. Indem er Tibull und Properz, Quintil und +Plinius, Statius und Martial gern überging, vermochte ihm Terenz und +selbst Plautus, deren Kauderwälsch von neugebildeten Wörtern und +zusammengesetzten Diminutiven wimmelte, schon eher zu gefallen; aber die +niedrige Komik und das grobe Salz widerten ihn an. + +Herzog Jean fing erst beim Lucan an sich für die lateinische Sprache zu +interessieren, denn da war sie schon reicher und ausdrucksvoller. Seine +sorgfältig gearbeiteten, mit Schmelz bedeckten und mit Juwelen gezierten +Verse fesselten ihn; aber diese ausschliessliche Pflege der leidigen +Form, dieser Klang hellschreiender Töne, dieser metallische Glanz +verdeckte ihm keineswegs die arge Gedankenleere, das Geschwollene und +Aufgeblasene. + +Der Schriftsteller aber, welchen er wirklich gern hatte und der ihn für +immer vom Lesen der tönenden Schriften eines Lucan entfernte, war +Petronius. + +Dieser war ihm ein scharfsichtiger Beobachter, ein zarter Analytiker, +ein vortrefflicher Maler; ruhig, ohne vorgefasste Meinung und ohne Hass +beschreibt er das tägliche Leben in Rom, die Sitten seiner Zeit als +munterer satirischer Erzähler. + +Er zeichnet Thatsachen im richtigen Licht und Verhältnis, er stellt sie +in der bestimmten Form und Ordnung fest, enthüllt das Kleinleben des +Volkes, seine Erlebnisse, seine Rohheiten wie sein sinnliches Treiben. + +Hier ist es ein Inspektor, der im Hôtel garni die Namen der kürzlich +angekommenen Reisenden zu wissen verlangt; da sind es verrufene Häuser, +in denen Männer um nackte Weiber herumschleichen, während man durch die +schlecht schliessenden Thüren der Kammern den Belustigungen der Paare +zusieht; dann wieder in den Villen des tollen Luxus und der unsinnigen +Pracht übermütigen Reichtums, wie in den armen Herbergen mit ihren +durchwühlten Gurtbetten voll Wanzen bewegt sich die Gesellschaft der +Zeit: Schurken wie Ascyltus und Eumolpus auf der Suche nach einem +unverhofften Fund; alte Knabenschänder im aufgeschürzten Kleide mit +weiss und rot bemalten Backen; sechzehnjährige Liederlinge, feist mit +gekräuseltem Haar; Weiber, die eine Beute ihrer hysterischen Anfälle +werden; Erbschaftsjäger, die ihre Knaben und Mädchen den Ausschweifungen +der Erblasser überliefern -- alle diese Typen folgen einander auf der +Strasse streitend, die Bäder besuchend, sich krumm und lahm schlagend, +wie solches wohl in einer Pantomime zu geschehen pflegt. + +Und dies mit einer Frische erzählt, in schönstem Kolorit und kräftigem +Stil aller Mundarten, die Ausdrücke allen in Rom untergegangenen +Sprachen entlehnt, alle Grenzen und alle Fesseln des sogenannten grossen +Jahrhunderts überschreitend. Er lässt jeden seinen Jargon reden: die +Freigelassenen und jeglicher Bildung baren das Pöbellatein und gemeine +Kauderwälsch, die Fremden ihre barbarischen Mundarten, vermischt mit +Afrikanisch, Syrisch und Griechisch, und die pedantischen Dummköpfe, wie +jenen Agamemnon des Buches, seine gemachte Redeweise zum besten geben. +Diese Menschen sind alle mit einem Federstrich gezeichnet; sie lagern um +einen Tisch, tauschen den abgestandenen Ideenbrei Trunkener aus und +überbieten sich in der Verausgabung verschimmelter Grundsätze und +alberner Sticheleien, das Maul stets gegen Trimalchio gerichtet, der +sich in den Zähnen stochert, über die Gesundheit seines Innern und seine +Blähungen spricht, indem er die Gäste einladet, es sich bequem zu machen +und sich ja keinen Zwang anzuthun. + +Dieser realistische Roman, dieses aus dem vollen Fleisch des römischen +Lebens geschnittene Stück, ohne ängstliche Sorge, wie man darüber +urteilen werde, voll von lebendiger Satire, ohne Schielen nach Sitte +noch Moral, diese Geschichte, ohne Intrigue, fast ohne Handlung, welche +dieses sodomitische Treiben darstellt und mit seltener Feinheit die +Freuden und Schmerzen der Liebeleien in farbenprächtiger Sprache malt, +ohne dass der Verfasser nur ein einziges Mal in den Vordergrund tritt -- +sie packte den Herzog Jean, denn er ersah in der Verfeinerung des Stils, +in der Schärfe der Beobachtung, in der Festigkeit der Methode eine +eigentümliche Ähnlichkeit mit den wenigen modernen französischen +Romanen, die er erträglich fand. + +Ernstlich bedauerte er, »Eustion« und »Albutia« nicht zu besitzen, jene +beiden Werke des Petronius, die auf immer verloren sind; aber der +Bücherliebhaber in ihm tröstete den Gelehrten, besass er doch die +prächtige Ausgabe in Oktav des »Satyricon« mit der Jahresziffer 1585 und +dem Drucker J. Dousa, Leyden. + +Von Petronius ab leitete seine lateinische Sammlung in das zweite +Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung über, zu dem schwülstigen +Phrasenhelden Fronto sowie zu den Attischen Nächten des Aulus Gellius, +seinem Schüler und Freund, den er ebenfalls überging, um Halt zu machen +bei Apulejus, von dem er eine erste Ausgabe in Folio aufbewahrte, +gedruckt zu Rom 1469. + +Dieser Afrikaner machte ihm Vergnügen. Die lateinische Sprache zeigte +sich in seinen »Metamorphosen« in ihrem vollen Glanze. + +Er öffnete nur noch selten Tertullians »Schutzrede der Christen« und die +»Abhandlung über die Geduld«; höchstens las er einige Seiten aus »De +cultu feminarum«, worin Tertullian die Frauen rügt, die sich mit +Kleinodien und kostbaren Stoffen putzen und ihnen den Gebrauch von +Schönheitsmitteln verbietet, weil sie zu täuschen versuchen, indem sie +die Natur zu verbessern und zu verschönern sich bemühen. + +Diese Ideen, die den seinigen schnurstracks widersprachen, machten ihn +lächeln. Doch die Rolle, die Tertullian in seiner bischöflichen Residenz +Karthago spielte, schien ihn zu süssen Träumereien zu verleiten; mehr +als seine Werke zog ihn in Wirklichkeit aber der Mann selbst an. + +Hatte er doch während der aufrührerischen Zeiten gelebt, heimgesucht von +schrecklichen Aufständen unter Caracalla, unter Macrin, unter dem +sonderbaren Hohenpriester Heliagabal, dessen Predigten und dogmatischen +Schriften, dessen Verteidigungsreden und Auszüge aus den Homilien der +Kirchenväter er verfasste, während das Kaiserreich in all seinen Fugen +krachte. Mit grösster Kaltblütigkeit lehrt er die fleischliche +Enthaltsamkeit, Genügsamkeit beim Mahl und Einfachheit der Kleidung, +während zur selben Zeit Heliagabal in Silberstaub und Goldsand +herumspazierte, auf dem Kopfe die dreifache päpstliche Krone trug, seine +Kleider mit kostbaren Steinen besetzte und, umgeben von Eunuchen, sich +mit weiblichen Handarbeiten beschäftigte, sich Kaiserin nennen liess und +jede Nacht den Kaiser, den er mit Vorliebe unter Barbieren, Köchen und +Zirkusleuten auswählte, wechselte. + +Dieser Gegensatz entzückte den Herzog; denn die lateinische Litteratur, +unter Petronius zur höchsten Reife gelangt, fing an sich aufzulösen. Die +christliche Litteratur brach sich Bahn und brachte mit neuen Ideen nie +gebrauchte Ausdrücke und neue Satzbildungen, sowie bislang unbekannte +Zeit- und Eigenschaftswörter mit weit hergeholten Bedeutungen, abstrakte +Begriffe, die in der römischen Sprache selten angewendet und von denen +Tertullian als einer der ersten Gebrauch gemacht hatte. + +Alles was nach dem Tode Tertullians von seinen Schülern, dem heiligen +Cyprianus, von Arnobius und dem unklaren Lactantius verfasst wurde, war +ohne Reiz für ihn. Jene unvollkommene schwerfällige Mache war ein +linkischer Rückschritt zum ciceronianisch hochtrabenden Ton. Ihr fehlte +jener besondere Duft des vierten wie der folgenden Jahrhunderte, jener +Duft des Christentums, der der heidnischen Sprache den Hautgout des +Wildprets verliehen hatte, der aber mit der Civilisation der alten Welt +gleichzeitig aufhörte. + +Ein einziger Dichter, Commodian aus Gaza, vertrat in seiner Bibliothek +die Kunst des dritten Jahrhunderts. + +Das »Carmen apologeticum«, im Jahre 259 geschrieben, ist eine Sammlung +von Sprüchen in den beliebten Hexametern, die hier manchmal gereimt sind +und schon an das Kirchenlatein späterer Zeiten erinnern. + +Seine überspannt dunklen Verse, voll von Ausdrücken der Tagessprache, +von Wörtern ursprünglich verdrehter Bedeutung, fesselten ihn mehr als +der reife gesättigte Stil der Geschichtsschreiber: Ammianus Marcellinus +und Aurelian Victor, der berühmte Briefschreiber Symmachus und der +Kompilator und Grammatiker Macrobius; er zog sie sogar den wirklich +skandierten Versen jener buntscheckig herrlichen Sprache vor, wie sie +Claudius, Rutilius und Ausonius sprachen. + +Waren jene doch damals die Meister der Kunst. Sie erfüllten das +untergehende Reich mit ihren Warnungen, der christliche Ausonius mit +seinem Cento nuptialis und seiner üppigen Dichtung von der Mosella; +Rutilius mit seinen Hymnen zum Ruhme Roms, seiner Verfluchung der Juden +und Mönche, der Reisebeschreibung von Italien nach Gallien, in der es +ihm gelingt, bestimmte Eindrücke des Gesehenen gut wiederzugeben: +Landschaften, die sich zitternd im Wasser spiegeln, aufsteigende Nebel, +schwere Wolken, die um die Berge brauen. + +Endlich im fünften Jahrhundert Augustin, Bischof von Hippo. Diesen +kannte Herzog Jean nur zu gut, denn er ist ja der angesehenste +Schriftsteller der Kirche, der Gründer der christlichen Orthodoxie, der +den Katholiken als ein Orakel gilt, und vor dem sie sich alle beugen. +Diesen öffnete er nicht mehr, obgleich Augustin in seinen +»Bekenntnissen« den Widerwillen gegen das Irdische ebenfalls besungen +und in seiner »Gottesstadt« versucht hatte, das entsetzliche Elend des +Jahrhunderts durch Vertröstung auf eine bessere Zukunft zu besänftigen. + +Die zweite Hälfte des fünften Jahrhunderts war gekommen, die +entsetzliche Zeit, in der die gewaltigsten Stösse die Erde +erschütterten. + +Die Barbaren verwüsteten Gallien; Rom, der Plünderung der Westgoten +preisgegeben, fühlte sein Leben erstarren, sah seine äussersten Grenzen, +den Occident und den Orient, sich im Blute wälzend von Tag zu Tag mehr +erschöpfen und dem Untergange verfallen. + +In dieser allgemeinen Auflösung, diesem Meuchelmorde der Cäsaren, welche +rasch aufeinander folgten, in diesem Lärm bluttriefenden Gemetzels, +welches sich von einem Ende Europas zum andern wälzte, ertönte ein +fürchterliches Hurrageschrei, das allen Unwillen und alles Geheul zum +Schweigen brachte. + +An dem Ufer der Donau erschienen Tausende von Männern auf kleinen +Pferden, eingehüllt in weite Oberkleider von Rattenfell, scheussliche +Tartaren mit enormen Köpfen, platter Nase, das Kinn durch Schmarren und +Narben entstellt, bartlose, citronengelbe Gesichter stürzten sich +vorwärts im gestreckten Galopp, alle Reiche gleichsam in einen +Wirbelwind einhüllend und niederreissend. + +Alles verschwand in den Staubwolken dieser wilden Reiter wie in Rauch +von Feuerbrünsten. Die Finsternis verbreitete sich, und die bestürzten +Völker erzitterten, wenn sie diesen entsetzlichen Staubwirbel mit dem +Getöse des Donners vorübersausen hörten. Jene Hunnenherde machte +Ost-Europa dem Erdboden gleich, stürzte sich auf Gallien, wo sie in den +Ebenen von Châlons durch den römischen General Aetius niedergeworfen und +im Sturm vernichtet wurde. Die mit Blut überschwemmten Wiesen kräuselten +sich wie ein Purpurmeer; zweihunderttausend Leichen versperrten den Weg +und brachen den Anlauf dieser aus der Richtung gekommenen Lawine, die +wie mit Donnerschlägen in Italien einfiel, wo die zerstörten Städte +gleich Heuschobern brannten. + +Das weströmische Reich brach unter dem Stoss zusammen; sein mit dem Tode +ringendes Dasein, das es stumpfsinnig im Kot hinschleppte, erlosch; es +schien überdies das Ende der Welt nahe; die Städte, welche von Attila +vergessen, wurden durch Hungersnot und Pest dahingerafft, das Latein +schien unter den Ruinen der Welt mit zu versinken. + +Jahre vergingen; die barbarischen Idiome fingen an sich zu regeln und +wirkliche Sprachen zu bilden. Das Latein, das während der allgemeinen +Zerrüttung in die Klöster geflüchtet war, verblieb dort, wie in den +Pfarrhäusern; hier und da erstanden einige Poeten frostig und träge: der +Afrikaner Dracontius mit seinem »Hexameron«; Claudius Mamertius mit +seinen liturgischen Poesien; Avitus von Wien. Dann die Biographen, wie +Ennodius, der die Wunder des heiligen Epiphanias erzählt, jenes +scharfsichtigen, verehrten Diplomaten, des biederen und umsichtigen +Seelsorgers; wie Eugippius, der uns das unvergleichliche Leben des +heiligen Severinus wieder vor Augen führt, diesen geheimnisvollen +Einsiedler und demütigen Asketen, der den trostlosen, vor Furcht und +Schmerz wahnsinnigen Völkern wie ein Engel der Barmherzigkeit erschien; +Schriftsteller wie Veranius du Gévaudan, der eine kleine Abhandlung über +die Enthaltsamkeit verfasste; wie Aurelian und Ferreolus, die die +kirchlichen Satzungen zusammengestellt; Geschichtsschreiber wie +Rotherius, berühmt durch ein Geschichtswerk, das aber verloren gegangen +ist. + +Die Werke der nachfolgenden Jahrhunderte wurden in der Bibliothek des +Herzogs Jean spärlicher. Indessen war das sechste Jahrhundert noch durch +Fortunatus, Bischof von Poitiers, durch Boëthius, den alten Gregor von +Tours, und Jornandes vertreten. + +Wenig entzückt von der Schwerfälligkeit der karolingischen Lateiner, wie +Eginhart und Alcuin, begnügte er sich als Sprachprobe des neunten +Jahrhunderts mit den Chroniken des Anonymus von St. Gallen, des Frechulf +und des Regino, mit dem Gedichte von der Belagerung von Paris, verfasst +von Abbo le Courbé, mit dem »Hortulus«, mit der Dichtung von Ermold le +Noir, die Thaten Ludwigs des Frommen preisend, und einigen nicht zu +klassificierenden moderneren Werken ohne Jahreszahl, Werken der +Geheimlehre, der Arzeneikunde, der Pflanzenkunde, einzelnen Bänden der +Kirchenväterkunde von Migne, welche nirgends mehr zu findende +christliche Poesieen enthielten, und mit der Blumenlehre der kleinen +lateinischen Poeten von Wernsdorff. + +Mit dem Anfang des zehnten Jahrhunderts hörte seine lateinische +Bibliothek auf. + +Die alten Ausgaben, die Herzog Jean sorgfältig gesammelt hatte, waren +hiermit erschöpft, und mit einem jähen Sprunge über Jahrhunderte hinweg +leiteten seine Bücher direkt zu der französischen Sprache des jetzigen +Jahrhunderts über. + + + + + VIERTES KAPITEL. + + +Eines Nachmittags hielt ein Wagen vor dem Hause in Fontenay. Da Herzog +Jean keine Besuche empfing und sich selbst der Briefträger nicht einmal +in dieser unbewohnten Gegend zeigte, weil er niemals einen Brief oder +eine Zeitung zu bestellen hatte, so zögerten anfänglich die beiden alten +Dienstboten, nicht wissend, ob sie öffnen durften. Auf das laute +Geklingel der Glocke, die mit aller Kraft gezogen wurde, wagten sie es +endlich, durch das kleine Schiebfenster, welches in der Thür angebracht +war, zu sehen; vor derselben stand ein Herr, dessen ganze Brust vom Hals +bis zum Leib mit einem ungeheuren goldenen Schild bedeckt war. + +Sie benachrichtigten hierauf ihren Herrn, der am Frühstückstisch sass. + +»Ganz richtig, führen Sie ihn herein,« sagte er -- denn er erinnerte +sich, dass er vor einiger Zeit einem Edelsteinhändler, der eine +schwierige Bestellung für ihn ausführen sollte, seine Adresse gegeben +hatte. + +Der Herr grüsste und setzte ohne Umstände auf den Boden des Esszimmers +seinen Schild nieder, der sich bewegte, sich dann ein wenig erhob, unter +dem der kleine schlangenartige Kopf einer Schildkröte hervorlugte, um +sich plötzlich wieder erschrocken unter die Schale zurückzuziehen. + +Diese Schildkröte war eine phantastische Idee des Herzogs Jean, die ihm +einige Zeit vor dem Verlassen von Paris gekommen war. + +Eines Tages, da er einen orientalischen Teppich besah und die Reflexe +desselben bewunderte, die je nach dem Silberglanz, der über das Gewebe +lief, bald aladingelb, bald pflaumenblau leuchteten, sagte er sich, dass +es sich nicht übel ausnehmen müsse, etwas Bewegliches auf den Teppich zu +setzen, um den Farbenreiz durch einen dunklen Ton zu erhöhen. + +Von dieser Idee ganz eingenommen, war er aufs Geratewohl durch die +Strassen geschlendert und bis zum Palais-Royal gekommen. Als er hier im +Schaufenster bei Chevet eine Schildkröte in einem Bassin bemerkte, da +schlug er sich vor die Stirn, wie jemand, dem plötzlich ein Gedanke +gekommen. + +Er kaufte das Tier, setzte es dann auf den Teppich und sich davor. Lange +hatte er das Tier mit halbgeschlossenen Augen aufmerksam betrachtet. + +Der Ton des harten Braunes des Rückenschildes verdunkelte die Reflexe +des Teppichs, ohne sie zu beleben; der vorherrschende Silberglanz +strahlte jetzt kaum und streifte mit seinem kalten zinkfarbigen Ton den +Rand dieser harten glanzlosen Schale. + +Er biss sich auf den Finger, ein Mittel suchend, diese Missverbindung zu +versöhnen und die offenbare Scheidung der Töne zu verhindern, wobei er +schliesslich entdeckte, dass seine erste Idee, die darin bestand, die +Flammen des Gewebes mit einem darauf gesetzten beweglichen dunklen +Gegenstand zu schüren, falsch war. Im Grunde genommen war dieser Teppich +noch zu auffällig, zu lebhaft und zu neu. Die Farben waren noch nicht +genügend abgestumpft und gedämpft; es handelte sich darum, den Satz +umzukehren, die Töne abzuschwächen, sie durch den Kontrast eines +glänzenden Gegenstandes zu erlöschen, alles um sich zu erdrücken und +goldiges Licht auf das matt silberne zu werfen. + +In dieser Weise dargestellt, war die Frage leichter zu entscheiden. Er +beschloss infolgedessen, den Panzer der Schildkröte mit einer Goldglasur +überziehen zu lassen. + +Als das Tier von dem Praktikus, der es in Arbeit gehabt hatte, wieder +zurückkam, leuchtete es wie die Sonne. + +Anfänglich war Herzog Jean ganz entzückt von der Wirkung; dann kam ihm +der Gedanke, dass dieses riesengrosse Schmuckstück bis jetzt nur +flüchtig entworfen, und dass es erst vollendet wäre, wenn es mit +eingelegten seltenen und kostbaren Steinen besetzt sein würde. + +Er wählte aus einer japanischen Sammlung eine Zeichnung, die ein +Arrangement von Blumen vorstellte, die von einem dünnen Stengel wie +Raketen ausgingen. Er brachte das Muster zu einem Goldschmied, zeichnete +eine Einfassung darum, die das Bouquet in einen ovalen Rahmen +einschloss, und erklärte dem verdutzten Juwelenhändler, dass die Blätter +und die Kelche jeder der Blumen in Edelsteinen ausgeführt und in das +Schild des Tieres selbst eingelassen werden sollten. + +Die Wahl der Edelsteine war nicht leicht: der Diamant ist zu gewöhnlich +geworden, seit die Kaufleute ihn am kleinen Finger tragen; die Smaragde +und die Rubinen des Orients sind weniger entwürdigt, aber sie erinnern +zu sehr an die grünen und roten Omnibus-Laternen. Was die Topase +anbelangt, geglüht oder roh, so sind es nur wohlfeile Steine, der +kleinen Bürgersfrau überaus wert, die ihre Schmucksachen noch mit +Wohlgefallen in ihren Leinenschrank verschliesst; anderseits hat der +Amethyst, obgleich ihm die Kirche den priesterlich-ernsten Charakter +bewahrt, in den roten Ohren und an den feisten Händen der +Schlächterfrauen, welche sich für einen bescheidenen Preis gern mit +schwerfälligem Schmuck behängen, an Wert sehr verloren. Dem Saphir +allein ist sein unverletztes Feuer nicht durch spekulative Ausnutzung +genommen. Seine Strahlen rieseln wie klares kaltes Wasser und haben +sozusagen seinen zurückhaltenden und hochmütigen Adel gegen jeden +Schmutz bewahrt. Unglücklicherweise funkeln seine frischen Farben nicht +bei Licht; das blaue Wasser geht in sich selbst zurück, scheint +einzuschlafen, um erst wieder beim Anblick des Tages aufzuwachen und zu +blitzen. + +Schliesslich befriedigte nicht einer von diesen Steinen den Herzog Jean; +ausserdem waren sie zu civilisiert und zu bekannt. Er liess +wunderlichere und seltsamere Steine durch seine Finger gleiten, und +zuletzt suchte er eine Serie von wirklichen und künstlichen Steinen aus, +deren Mischung eine bezaubernde und überraschende Harmonie hervorbringen +sollte. + +Er setzte in folgender Weise das Bouquet seiner Blumen zusammen: die +Blätter wurden von klarem bestimmten Grün gefasst mit dem Chrysoberill, +einem spargelgrünen Edelstein; grünem Chrysolith; dunkelgrünem Olivin. +Diese hoben sich von den Zweigen aus Almadin und Ouwarovit ab, einem +blauroten Stein, der in kaltem Glanze flimmert, wie etwa das Glimmen des +Weinsteins im Innern der Fässer. + +Für die Blumen, die strahlenförmig vom Stengel ausgehen, benutzte er +bläuliche Aschfarbe; aber er vermied streng den orientalischen Türkis, +den man für Busennadeln und Ringe verwendet und der mit der alltäglichen +Perle und der abscheulichen Koralle das Entzücken des Kleinbürgertums +ist. Dagegen wählte er schliesslich die Türkise des Abendlandes, Steine, +die im eigentlichen Sinne des Wortes nur fossiles Elfenbein sind, von +einer kupferfarbigen Substanz durchdrungen, wie von schmachtendem Blau +erfüllt, undurchsichtig, schwefelhaltig und wie mit Galle gefärbt. + +Als dies geschehen, machte er sich daran, die Kelche seiner aufgeblühten +Blumen mitten im Strausse einzufassen und für die Blumen, die +dem Stengel am nächsten standen, durchsichtige Steine mit +gläsern-krankhaftem Glanz, mit fieberhaft scharfem Strahl zu wählen. + +Er setzte sie einzig und allein aus indischen Katzenaugen, Cymophanen +und saphirartigen Steinen zusammen. + +Von diesen drei Steinen ging in der That ein geheimnisvoll-wunderlicher +Schimmer aus, der schmerzlich aus dem kalten Grunde trüben Wassers +herausgerissen schien: das Katzenauge von einem grünlichen Grau, von +schwachen Adern durchzogen, welche sich zu bewegen schienen und jeden +Augenblick den Platz wechselten, je nach dem darauf fallenden Lichte; +der Cymophan mit dem moirierten Azurblau, das über die milchweisse +Farbe hinläuft, die im Innern lebt; der Saphirin, der auf +dunkelbraun-schokoladefarbigem Grunde phosphorbläuliche Feuer entzündet. + +Der Juwelenhändler machte sich Notizen betreffs der Stellen, in welche +die Steine eingesetzt werden sollten. + +»Und die Einfassung der Schale der Schildkröte?« fragte er schliesslich. + +Herzog Jean hatte zuerst an einige Opale und Hydrophane, -- eine Art +Opal, welcher Wasser einsaugt und dadurch durchsichtiger und +farbenspielender wird, -- gedacht; aber die Verwendbarkeit dieser +interessanten Steine ist wegen der Unbestimmtheit ihrer Farben und des +Zweifelhaften ihres Feuers zu schwierig. Der Opal hat eine geradezu +rheumatische Empfindlichkeit. Das Spiel seiner Strahlen verändert sich +je nach der Feuchtigkeit, der Wärme oder Kälte; und was den Hydrophan +anbelangt, so blitzt er nur im Wasser und scheint seine Glut zu +entzünden, wenn man ihn anfeuchtet. + +Zuletzt entschloss er sich zu den Steinen, deren Reflexe sich +abwechseln: zu dem Hiazinth von Compostella, einem rötlich-gelben +Edelstein; Aquamarin, meergrün; Ballas-Rubin, blassrot; +Südermannlands-Rubin, rotgelb. Ihr schwaches Schimmern genügte, um die +dunklen Schatten des Rückenschildes zu erhellen und das Blühen der +Edelsteine nicht zu beeinträchtigen, welche sie mit einer schmalen +Guirlande von unbestimmter Leuchtkraft umgaben. -- + +Und nun setzte sich Herzog Jean in eine Ecke seines Esszimmers und +betrachtete mit Wohlgefallen die im Schatten goldglänzende Schildkröte. + +Er fühlte sich vollkommen glücklich; seine Blicke berauschten sich an +dem hellen Glanz der Blumenkronen auf goldenem Grund. Dann aber -- ganz +gegen seine Gewohnheit -- stellte sich eine gewisse Esslust bei ihm ein. +Er tunkte seine gerösteten Brotschnitte, die mit einer ganz besonderen +Butter bestrichen waren, in eine Tasse Thee, eine treffliche Mischung +von Si-a-Fayoune, Mo-you-tann und Khansky, gelben Theesorten, die von +China nach Russland durch besondere Karawanen geschickt werden, wodurch +sie den famosen Kameelduft angenommen haben. + +Der Herzog trank diese duftige Flüssigkeit aus dem feinsten chinesischen +Porzellan, das man wegen seiner Durchsichtigkeit als Eierschalen +bezeichnet. Zu diesen entzückenden Tassen benutzte er nur Bestecke aus +altem vergoldeten Silber, das die Vergoldung schon etwas verloren hatte, +so dass das Silber unter dem Gold ein wenig zum Vorschein kam und ihm so +die Färbung vormaliger Zartheit ganz diskret wiedergab. + +Nachdem er einen letzten Schluck genommen, ging er in sein Arbeitszimmer +zurück und liess sich durch den Diener die Schildkröte bringen, die in +ihrer hartnäckigen Unbeweglichkeit verharrte. + +Der Schnee fiel in dichten Flocken. Bei dem Licht der Lampen bildeten +sich Eisblumen hinter den bläulichen Scheiben, und der Reif, der in den +Flaschenböden der mit Gold besprenkelten Fenster glänzte, glich +geschmolzenem Zucker. + +Ein tiefes Schweigen hüllte das Häuschen wie in Finsternis erstarrt ein. + +Herzog Jean träumte; die brennenden Holzscheite im Kamin erfüllten mit +ihrer wärmenden Ausströmung das Gemach; er öffnete halb das Fenster. + +Wie ein hoher Vorhang verkehrten Hermelins hob sich der Himmel vor ihm +schwarz mit weissen Tüpfchen ab. Ein eiskalter Wind wehte, der den +Schneeflug beschleunigte. Der heraldische Vorhang des Himmels kehrte +sich bald um und wurde ein wirklich weisser Hermelin, nun wieder schwarz +getupft. + +Er schloss das Fenster wieder. Der schroffe Wechsel von grosser Hitze +und der Kälte des Winters hatte ihn gepackt; er zog sich ans Feuer +zurück. Es kam ihm der Gedanke, ein geistiges Getränk zu geniessen, das +ihn wieder erwärmte. + +Er ging ins Esszimmer, wo ein Wandschrank in der Mauer angebracht war, +in dem sich eine Reihe kleiner Tonnen dicht nebeneinander auf kleinen +Blöcken von Sandelholz befanden, die alle mit kleinen silbernen Hähnchen +am unteren Ende versehen waren. + +Er nannte diese Sammlung von Likören seine Mundorgel. + +Eine Röhre konnte alle Hähne vereinigen. Wenn das Instrument richtig +gestellt war, brauchte er nur auf den Knopf, der in dem Holzwerk +verborgen war, zu drücken, um alle Hähne auf einmal aufzudrehen, worauf +sich die winzigen Becher, die unter ihnen standen, mit Likör füllten. + +Diese Orgel, auf die bezeichneten Stimmen Flöte, Waldhorn, Vox Divina u. +s. w. gestellt, war stets zu seiner Benutzung bereit. Herzog Jean trank +von diesem und jenem Likör einige Tropfen, spielte sich innere +Symphonieen vor, und es gelang ihm, seinem Gaumen ähnliche Genüsse zu +verschaffen, wie solche die Musik dem Ohre bereitet. Ausserdem stimmte +jeder Likör seiner Ansicht nach mit dem Ton eines Instrumentes überein. + +Der trockene Curaçao zum Beispiel mit der Klarinette, deren Töne spitz +und weich sind; der Kornbranntwein mit der Hoboe, deren Klang näselt; +der Pfefferminz und Anisette mit der Flöte, süss und scharf, schrill und +sanft zugleich; das Kirschwasser mit der Trompete; Gin und Whisky +erschraken den Gaumen durch ihren schrillen Schall, wie Klapphorn und +Posaune das Ohr heftig mitnehmen, während der Weinträberschnaps +gleichsam den betäubenden Lärm der Tuba verursacht, und der russische +Raky und der Mastic der Mundhaut die Schläge der Zimbel und der Pauke +mitteilen. + +Er meinte auch, dass diese Vergleiche sich auf +Quartett-Saiteninstrumente übertragen lassen, indem unter dem +Gaumengewölbe die Geige den alten Cognac vorstellt, berauschend und +zart, scharf und spröde, während die Bratsche kräftiger, voller, dumpfer +den Rum simuliert; der Magenbitter zerreissend, melancholisch und +schmeichelnd wie ein Violoncell erklingt, die Bassgeige dagegen schwer, +stark und düster wie ein scharfer alter Bitter wirkt. Man könnte selbst +-- ein Quintett bildend -- die Harfe hinzufügen, die mit einer gleichen +Wahrscheinlichkeit die mächtige Kraft und ihre silbernen Klänge, frei +und zart wie der Kümmel wiedergäbe. + +Diese Voraussetzungen einmal angenommen, war er so weit gekommen, +infolge rastloser Versuche auf seiner Zunge stille Melodieen zu spielen, +stumme Trauermärsche mit grossem Gepränge aufzuführen, Soli von +Pfefferminz, Duette zwischen Bittern und Rum zu hören. + +Es gelang ihm so, in seine Kinnbacken wirkliche Musikstücke den Wünschen +des Komponisten gemäss zu übertragen, Takt für Takt seine Gedanken, +seine Wirkungen, seine Nüancen wiedergebend und durch nahe Verbindungen +oder Kontraste der Liköre, durch geschickte Mischungen Accorde +erzeugend. + +Früher komponierte er seine Melodieen selbst und führte seine Idyllen +mit dem gutmütigen Johannisbeerlikör auf, der ihm den perlenden Gesang +der Nachtigall in der Kehle trillern machte, oder er sang mit dem +sanften Kakao-Chouva die süsslichen Schäferlieder, wie: die Romanzen von +Estella und die »Ach! ich sage Ihnen, Mama« aus der alten Zeit. + +Aber heute Abend hatte der Herzog durchaus keine Lust, der Musik zu +fröhnen; er begnügte sich damit, einen einzigen Ton auf der Klaviatur +seiner Orgel anzuschlagen; er nahm seinen kleinen Becher, den er zuvor +einfach mit echtem irländischen Whisky gefüllt hatte und machte es sich +in seinem Sessel bequem, ganz langsam diesen aus Hafer und Gerste +gegohrenen Saft schlürfend, der seinen Mund mit einem starken +Kreosotgeruch erfüllte. + +Nach und nach beim Trinken folgten seine Gedanken wieder dem belebten +Eindruck seines Gaumens; er erweckte so durch eine fatale Ähnlichkeit +von Gerüchen eine seit Jahren verwischte Erinnerung. + +Dieser scharfe Karbolduft erinnerte ihn an den gleichen Geruch, der zu +einer Zeit, da die Zahnärzte an seinem Zahnfleisch herumarbeiteten, +seinen Mund erfüllt hatte. + +Einmal auf diesen Weg gebracht, erging er sich zuerst in Träumereien +über all die Praktikusse, die er kennen gelernt hatte, er sammelte sich +und konzentrierte seine Erinnerung auf einen, dessen seltsame +Erscheinung ihm besonders im Gedächtnis verblieben. + +Es war vor drei Jahren, als er mitten in der Nacht von einem rasenden +Zahnschmerz befallen wurde; er wickelte sich den Kopf ein, stiess in +Verzweiflung gegen alle Möbel und rannte wie ein Wahnsinniger im Zimmer +umher. + +Es war ein schon plombierter Backenzahn und keine Heilung möglich; die +Zange des Zahnarztes allein konnte dem Übel abhelfen. + +Fieberhaft erwartete er den Tag, entschlossen, die schrecklichsten +Operationen zu erdulden, wenn sie nur seinem Leiden ein Ende machen +würden. + +Sich fortwährend den Mund zuhaltend, fragte er sich, was er thun solle. +Die Zahnärzte, die ihn gewöhnlich behandelten, waren reiche Leute, die +man nicht so nach seinem Gefallen sprechen konnte; da mussten erst mit +ihnen die Besuche und die Stunden der Konsultationen ordentlich +verabredet werden. Das war jedoch unmöglich. »Ich kann es nicht länger +hinausschieben,« sagte er sich; und er entschloss sich, zu dem ersten +besten zu gehen, zu einem Zahnausreisser gewöhnlichen Schlages, einem +jener Leute mit eiserner Faust, welche mit einer Geschwindigkeit +ohnegleichen die hartnäckigsten Zahnstümpfe zu entfernen wissen. Diese +sind vom frühen Morgen an zu sprechen und bei ihnen braucht man nicht zu +warten. + +Endlich schlug es sieben Uhr. Er lief aus dem Hause, sich des Namens +eines bekannten Technikers erinnernd, der sich »Volkszahnarzt« nannte +und an der Ecke eines Quais wohnte. Er durchrannte die Strassen und biss +verzweiflungsvoll in sein Taschentuch, um die Thränen zurückzuhalten. + +Er war eben vor dem Hause angelangt, das man schon von weitem an dem +grossen schwarzen Holzschilde erkennen konnte, auf dem mit enorm grossen +Buchstaben der Name »Gatonax« gemalt war; in zwei kleinen Glaskästen sah +man Zähne in Zahnfleisch aus rosa Wachs sorgfältig aufgereiht und durch +eine mechanische Feder aus Draht miteinander verbunden. Er keuchte, der +Schweiss trat ihm auf die Stirn und eine wahnsinnige Angst befiel ihn, +ein Schauer durchrieselte seine Haut, worauf sich urplötzlich eine +Linderung fühlbar machte: er litt nicht mehr, der Zahn that nicht mehr +weh. + +Wie verdummt blieb er auf dem Trottoir stehen; schliesslich aber stemmte +er sich gegen die Angst und kletterte eine dunkle Treppe bis zum dritten +Stock hinauf. Da stand er vor einer Thür; ein Porzellanschild mit +himmelblauen Buchstaben: es war derselbe Name wie unten an der Thür. + +Er zog die Klingel; doch entsetzt durch die Blutauswürfe, die er auf den +Treppenstufen bemerkte, wollte er jetzt umkehren, entschlossen, sein +ganzes Leben lang Zahnschmerz zu erdulden, als ein Schrei das +Treppenhaus erfüllte, der den Entsetzten auf seinen Platz bannte. Im +selben Augenblick öffnete sich die Thür und eine alte Frau bat ihn +einzutreten. + +Die Scham überwand die Furcht. Man führte ihn in das Esszimmer, eine +andere Thür ward zugeschlagen, und ein grosser vierschrötiger Mann im +schwarzen Gehrock und schwarzen Beinkleidern trat ein und forderte ihn +auf, ihm in ein anderes Zimmer zu folgen. + +Seine Empfindungen wurden von diesem Augenblicke ab undeutlich. Er +erinnerte sich, sich auf einen Sessel neben dem Fenster niedergesetzt +und etwas gestammelt zu haben, während er den Finger auf seinen Zahn +legte: »Schon mal plombiert ... fürchte, es ist nichts zu machen ...« + +Der Mann hob schnell die Auseinandersetzung auf, indem er dem Herzog +seinen enormen Zeigefinger in den Mund schob; dann etwas in seinen +gewichsten und spitz gedrehten Schnurrbart brummend nahm er ein +Instrument vom Tisch, womit er die grosse Szene begann. + +Herzog Jean hatte sich krampfhaft an die Lehne des Sessels geklammert +und gefühlt, wie etwas Kaltes seine Backe berührte; hierauf hatte er vor +den Augen nur Funken gesehen; er wurde von entsetzlichsten Schmerzen +erfasst, und so brüllte er, mit den Füssen strampelnd, wie ein wildes +Tier. + +Man hörte ein Knacken, der Backenzahn war beim Herausziehen abgebrochen; +ihm war, als ob man ihm den Kopf abrisse oder den Schädel einschlüge. Er +hatte aus Leibeskräften geheult und sich wütend gegen den Mann gewehrt, +der sich von neuem auf ihn stürzte, als ob er mit seinem Arm ihm in den +Leib dringen wolle. + +Der Arzt war nach der zweiten Operation einen Schritt zurückgetreten, +hatte den Herzog wieder in den Sitz zurückfallen lassen, worauf er an +das Fenster ging, schwer Atem holte und am Ende seiner Zange einen +blauen Zahnstumpf hielt, an dem etwas Rotes hing. + +Wie vernichtet hatte Herzog Jean eine ganze Schale voll Blut +ausgebrochen, mit einer heftigen Bewegung den Zahnstumpf verweigert, +welchen ihm die alte Frau, in ein Stück Zeitungspapier gewickelt, +darreichte und war davongestürzt, nachdem er zwei Franken gezahlt hatte. + +Auf der Strasse war er ganz heiter, wie um zehn Jahre jünger, sich für +alles und jedes interessierend. -- -- -- + +»Brr!« murmelte er jetzt, ganz erschreckt von dem Gang, den seine +Gedanken genommen hatten. + +Er stand auf, um diese Vision zu zerstören, und um in die Wirklichkeit +zurückzukehren, fing er an, sich wieder mit der Schildkröte zu +beschäftigen. + +Sie rührte sich noch immer nicht, er befühlte sie, sie war tot. Sie war +an eine ruhige Existenz, an ein demütiges Leben, das sie unter ihrer +ärmlichen Schale zubrachte, gewöhnt; sie hatte den glänzenden Luxus, den +man ihr aufdrang, den goldglänzenden Überzug, mit dem man sie bekleidet, +die Edelsteine, mit denen man ihr den Rücken gepflastert, nicht +vertragen können. + + + + + FÜNFTES KAPITEL. + + +Zur selben Zeit, da sich sein Wunsch verschärfte, sich einem +hassenswerten Zeitalter von unwürdigen Stockfischen zu entziehen, machte +sich das Bedürfnis, keine Bilder mehr zu sehen, welche das menschliche +Antlitz darstellten, Bilder solcher Personen, die in Paris nur zwischen +ihren vier Wänden herumkrauchen, oder auf den Strassen auf der Suche +nach Geld lungern, immer gewaltsamer geltend. + +Nachdem er sich mit dem Leben und Treiben seiner Zeit abgefunden, hatte +er sich vorgenommen, keine Larven, die ihm nur Widerwillen oder Bedauern +einflössten, in seine Zelle einzuführen; er wünschte Gemälde, welche +zarte und köstliche Phantasieen alter Zeit und klassischer Verderbtheit +vorstellten, die unsern Tagen und Sitten fern liegen. + +Er brauchte zum Ergötzen seines Geistes wie zur Freude seiner Augen +einige Gemälde, die ihn in eine unbekannte Welt einführen, ihm die +Spuren neuer Ideen enthüllen und sein Nervensystem durch hysterische +Sensationen erschüttern sollten. + +Da gab es einen Künstler vor allen, der ihn zu grosser Begeisterung +hinriss: Gustav Moreau. + +Zwei seiner Meisterwerke befanden sich in seinem Besitz; und während der +Nacht sass er oft träumend vor einem derselben, dem Gemälde der Salome: + +Ein Thron, dem Hochaltar einer Kathedrale gleich, stand unter gewaltigen +Wölbungen, die aus niedrigen Säulen emporwachsen, ähnlich römischen +Pfeilern, glasiert mit bunten Ziegeln, in Mosaik gefasst und mit +Lasursteinen und Sardonyxen eingelegt: ein Palast, einer Basilika +ähnlich, in muhammedanisch-byzantinischer Architektur aufgeführt. + +In der Mitte des Tabernakels, welches den Altar überragte, zu dem einige +Stufen in halbrunder Form hinanführten, sass der Tetrarch Herodes, auf +dem Kopfe die Tiara, die Beine emporgezogen und die Hände auf den Knieen +ruhend. + +Sein Gesicht war gelb wie Pergament, alterzerstört und voller Falten; +sein langer Bart wallte wie eine weisse Wolke über das Edelgestein, mit +dem sein aus Goldstoff gefertigtes und die Brust bedeckendes Gewand +besäet war. + +Um diese unbewegliche Statue, die in der eigentümlichen Stellung des +Hindu-Gottes wie erstarrt dasass, brannten Spezereien, die leichte +Rauchwolken verbreiteten und den Glanz der Edelsteine, die in den +Thronhimmel eingefügt waren, weckten. Der Dampf stieg höher und +verbreitete sich unter den Bogengängen, wo der bläuliche Rauch sich mit +dem Goldstaube der hellen Sonnenstrahlen mischte, die durch die Kuppel +fielen. + +In dieser heissen, von Wohlgerüchen geschwängerten Luft des Tempels +steht Salome, den linken Arm gebieterisch ausgestreckt, den rechten +gebogen, eine grosse Lotusblume in Gesichtshöhe haltend; sie nähert sich +langsam auf den Fussspitzen nach den Klängen einer Guitarre, deren +Saiten eine am Boden hockende Frau schlägt. + +Das Gesicht andächtig, feierlich, beginnt sie fast erhaben ihren +wollüstigen Tanz, der die schlummernden Sinne des alten Herodes wecken +soll. Ihr Busen wogt und bei der Berührung der im Kreise wirbelnden +Halskette richten sich ihre Brüste in die Höhe. Auf der feuchten Haut +blitzen die Diamanten, ihre Armbänder, ihre Gürtel, ihre Ringe warfen +strahlende Funken über ihr prunkhaftes, mit Perlen benähtes, mit Gold +und Silber gesticktes Gewand. + +Es ist ein zarter Panzer aus feiner Goldarbeit, dessen Maschen je ein +Edelstein ziert, deren Feuer sich schlangenartig kreuzt über der matten, +theerosen-zarten Haut, wie glänzende Insekten mit strahlenden +Flügeldecken, rot marmoriert, hochgelb punktiert, stahlblau gefleckt, +pfauengrün getigert. + +Die Augen, denjenigen einer Nachtwandlerin ähnlich, sind starr auf einen +Punkt gerichtet und sehen weder den Tetrarchen, der erbebt, noch ihre +Mutter, die entsetzliche Herodias, welche sie beobachtet, noch den +Eunuchen, der am Fusse des Thrones mit dem Säbel in der Hand unbeweglich +dasteht, sein schreckliches Gesicht bis an die Backen verhüllt, seine +Brust wie ein vertrockneter Kürbis unter der gelbbunten Tunika +hervorhängend. + +Dieses Urbild der Salome verfolgte seit Jahren den Herzog Jean. Wie oft +hatte er in der alten Bibel, von Peter Variquet, dem Gottesgelehrten der +Universität Löwen, übersetzt, das Evangelium des heiligen Matthäus +gelesen, der in kurzen, naiven Sätzen die Enthauptung des Vorgängers +Christi erzählt. Wie oft war er nicht in tiefes Nachdenken versunken +beim Lesen jener Zeilen: + +»Am Jahrestagfeste des Herodes tanzte die Tochter der Herodias und +gefiel dem Herodes sehr. + +Da versprach er ihr und schwur's mit einem Eide, ihr alles zu geben, was +sie erbitten würde. + +Und sie, von ihrer Mutter verleitet, sagte: Gieb mir das Haupt Johannes +des Täufers auf einer Schüssel. + +Der König aber wurde betrübt; doch um des Eides und derer willen, die +mit ihm am Tische sassen, befahl er, dass es ihr überbracht würde. + +Und er schickte alsbald hin und liess Johannes im Kerker enthaupten. + +Und man brachte sein Haupt auf einer Schüssel und gab's dem Mägdelein; +und diese überreichte es ihrer Mutter.« + +Aber weder Matthäus, noch Markus, noch Lukas verbreiten sich über den +berauschenden Zauber, über die moralische Versunkenheit der Tänzerin. +Sie bleibt verwischt, geheimnisvoll und verloren in dem fernen Nebel der +Jahrhunderte, unfassbar für die realen, alltäglichen Geister, nur den +erschütterten und geschärften Gehirnen zugängig, die durch +Nervenkrankheit hellsehend geworden; spröde auch gegenüber dem Maler des +Fleisches, Rubens, der sie in eine flanderische Schlächtersfrau +verwandelte; unverständlich allen Schriftstellern, die niemals die +aufregende Begeisterung der Tänzerin, die raffinierte Geistesgrösse der +Mörderin darzustellen vermochten. + +In dem Werk von Gustav Moreau, in seinem Entwurfe frei von aller +Tradition, sah Herzog Jean endlich diese übermenschliche und seltsame +Salome verkörpert. Sie war nicht allein die Tänzerin, welche durch +wollüstige Windungen ihrer Hüften einem geschwächten Greise den Schrei +frivoler Begier entlockt, indem sie sich den Willen eines Königs durch +die Bewegungen ihres Leibes und das Zittern ihrer Schenkel unterwirft; +sie wurde sozusagen die sinnbildliche Gottheit unzerstörbarer Wollust, +die Göttin der unsterblichen Hysterie; jenes einfache Sinnentier, +ungeheuer, gefühllos, unempfindlich, alles, was sich ihr nähert, sie +berührt und sie sieht, vergiftend. + +Ein unwiderstehlicher Zauber ging von diesem Bilde aus. Aber das +Aquarell, betitelt »Die Erscheinung«, wirkte vielleicht noch +aufregender. + +Auf diesem Gemälde hob sich der Palast des Herodes wie eine Alhambra, +auf schlanken regenbogenfarbigen Säulen von maurischen Kacheln, wie mit +silbernem Mörtel und goldenem Cement zusammengefügt, ab; Arabesken +gingen von Lasursteinen aus, schlängelten sich um Kuppeln und auf den +mit Perlmutter eingelegten Arbeiten entlang, die in regenbogenfarbige, +prismatische Strahlen ausliefen. + +Hier war der Mord vollzogen; der Henker stand jetzt unbeweglich, die +Hände auf den Knauf seines langen mit Blut befleckten Schwertes +stützend. + +Das abgeschlagene Haupt des Heiligen hatte sich in der Schüssel, die auf +den Steinplatten stand, in die Höhe gerichtet, fahl, den bleichen Mund +offen, den Hals karmoisinrot, triefend von Blut. Eine Musivarbeit umgab +den Kopf, von dem ein leuchtender Glorienschein seine Lichtstrahlen auf +die Säulenhalle warf, die schreckliche Erhebung des Kopfes beleuchtend, +die gläsernen Augäpfel entzündend, die sozusagen fest auf der Tänzerin +haften. + +Mit einer Gebärde des Entsetzens stösst Salome die schreckliche Vision +zurück, die sie unbeweglich auf den Fussspitzen festhält. Mit +weitgeöffneten Augen, die Hand krampfhaft ihren Busen umklammernd, +starrt sie die Erscheinung an. + +Sie ist fast nackt; in der Aufregung des Tanzes haben sich die Schleier +gelöst, die Goldstoffe sind herabgefallen; sie ist nur noch mit dem +Goldschmuck und den durchsichtigen Juwelen behangen. + +Der schreckliche Kopf strahlt, immer noch blutend, kleine dunkelpurpurne +Kiesel an den Spitzen des Bartes und Haares ansetzend. Sichtbar ist er +für Salome allein. Sie streift mit ihrem düstern Blick weder die +Herodias, die an ihren endlich gestillten Hass denkt, noch den +Tetrarchen, der, etwas vorgebeugt, die Hände auf den Knieen, keuchend +dasitzt und wahnsinnig bethört ist durch die Nacktheit dieses jungen +Körpers, der von wild aufregenden Wohlgerüchen, von Weihrauch und +Myrrhen umduftet ist. -- + +So wie der alte König blieb auch Herzog Jean zermalmt und vernichtet, +vom Schwindel ergriffen vor dieser Tänzerin, die weniger majestätisch, +weniger hochmütig, aber verwirrender als die Salome des Ölgemäldes auf +ihn wirkte. + +Verloren in diese seine Betrachtungen versuchte der Herzog dem Ursprung +dieses grossen Künstlers, dieses mystischen Heiden, dieses Illuminaten, +der sich so völlig von der Welt abzusondern vermochte, um mitten in +Paris grausame Visionen, feenhafte Apotheosen der vergangenen Zeitalter +erstrahlen zu sehen, auf die Spur zu kommen. + +Mantegna und Jacopo de Barbarj, hie und da verworrene Verbindung mit +Vinci, Farbenfieber à la Delacroix; aber der Einfluss dieser seiner +Meister blieb im ganzen genommen unmerklich. Ohne wirkliche Anlehnung +blieb Moreau in der Kunst seiner Zeit einzig. Er stieg bis zu den +ethnographischen Quellen hinauf, zu den Entstehungen der Götterlehre, +deren blutige Rätsel er verglich und entwickelte; er vereinigte die +Legenden des äussersten Orients, die sich danach mit dem Glauben der +andern Völker zu einer einzigen verschmolzen. + +Er rechtfertigte somit seine architektonischen Verschmelzungen, sein +verschwenderisch unerwartetes Gemisch von Stoffen, seine unheimlich +sinnbildlichen Darstellungen, verschärft durch die aufregende +Deutlichkeit einer modernen Nervosität. + +Es war in seinen Werken ein eigentümlicher Zauber, ein Reiz, der einen +bis ins tiefste Innere bewegt, wie in einigen Dichtungen von Baudelaire; +man bleibt erstaunt, träumerisch und bestürzt von dieser Kunst, die die +Grenzen der Malerei überschreitet und der Dichtung ihre zartesten +Gestaltungen entlehnt. Diese zwei Bilder der Salome, für welche Herzog +Jean eine Bewunderung ohne Grenzen hegte, lebten unter seinen Augen, an +den Wänden seines Arbeitszimmers. + +Aber darauf beschränkten sich keineswegs seine Bilderankäufe. + +Obgleich er den ersten und einzigen Stock seines Hauses, den er selbst +nicht bewohnte, geopfert hatte, hatte das Erdgeschoss allein schon eine +ganze Reihe Bilder verlangt. + +Das Erdgeschoss war folgendermassen eingeteilt: Ein Ankleidezimmer, das +mit dem Schlafzimmer in Verbindung stand, befand sich in einem Flügel +des Hauses; von dem Schlafzimmer ging man in das Bibliothekzimmer, von +dort ins Esszimmer, welches den anderen Flügel bildete. + +Diese Zimmer, welche die eine Vorderseite der Wohnung darstellten, +dehnten sich in gerader Linie aus und die Fenster sahen auf das Thal von +Aunay hinaus. + +Die andere Seite der Behausung bestand aus vier, den ersteren ganz +gleichen Zimmern. Die Küche, auf der entsprechenden Seite, stand mit dem +Esszimmer in Verbindung; dann folgte ein grosser Hausflur, der als +Eingang in das Bibliothekzimmer diente; eine Art Boudoir in Verbindung +mit dem Schlafzimmer. + +Diese letzteren Zimmer gingen nach der entgegengesetzten Seite des +Thales hinaus und sahen auf den Turm von Croy und Châtillon. + +Die Treppe war an einem der Flügel des Hauses von aussen angebracht; +Herzog Jean hörte dadurch die Tritte seiner Dienstboten weniger +deutlich. + +Er hatte das Boudoir mit einem lebhaft roten Stoff ausschlagen lassen, +und an allen Wänden des Raumes hingen in schwarzen Ebenholzrahmen +Kupferstiche von Johann von Luyken, einem alten holländischen +Kupferstecher, der in Frankreich fast unbekannt war. + +Er besass von diesem phantastischen, unheimlichen und grausamen Künstler +die Serie seiner »Religionsverfolgungen«, wahrhaft entsetzliche Blätter, +die die Martern des religiösen Wahnsinns vorstellten, Bilder, auf denen +der Anblick unheimlicher menschlicher Qualen geboten wurde: Körper auf +Kohlenglut gebraten, der Schädelhaut beraubte Köpfe, von Nägeln +durchbohrt, tiefe Einschnitte von Sägen herrührend, Eingeweide aus dem +Leibe gerissen und auf Knäule gerollt, langsam mit Zangen losgelöste +Fingernägel, ausgestochene Augäpfel, Augenlider, die mittels spitzer +Instrumente umgekehrt waren, verrenkte Glieder, mit Sorgfalt gebrochen, +blossgelegte Knochen, langsam mit der Klinge des Messers abgeschabt. + +Diese Werke, abscheuliche Phantasiegebilde, die nach verbranntem +Menschenfleisch rochen, Blut schwitzten und erfüllt waren vom Schrei des +Entsetzens und der Verfluchung, liessen dem Herzog Jean, den sie mit +verhaltenem Atem in dieses rote Kabinett bannten, geradezu die Gänsehaut +überlaufen. + +Aber ausser dem Schauder, den sie ihm bereiteten, ausser der gewaltigen +Begabung dieses Künstlers, dem ausserordentlichen Leben seiner Figuren +entdeckt man bei seinem erstaunlichen, seltenen Talent zur Gruppierung, +die er mit einer an Callot erinnernden Geschicklichkeit und Schärfe zur +Ausführung bringt, wunderbare Fähigkeiten zur Wiedergabe gewisser +Zeitstadien: z. B. seine Architekturen, Kostüme und Sitten zur Zeit der +Makkabäer, dann während der Christenverfolgung zu Rom; in Spanien, unter +der Herrschaft der Inquisition; in Frankreich im Mittelalter, sowie zur +Zeit der Pariser Bluthochzeit und der Dragonaden, die alle mit +peinlicher Sorgfalt aufgefasst und mit ausserordentlicher Kunst +wiedergegeben sind. + +Diese Kupferstiche waren treffliche Quellen für mancherlei Aufschlüsse; +man konnte sie stundenlang betrachten, ohne zu ermüden; sie führten zum +Nachdenken und halfen dem Herzog Jean oft die Zeit töten, wenn er keinen +Sinn zum Lesen hatte. + +Auch das Leben von Luyken hatte einen gewissen Reiz für ihn. Eifriger +Calvinist, verstockter Sektierer, vernarrt in Hymnen und Gebete, stellte +er religiöse Poesien zusammen, die er gleichsam illustrierte. Er schrieb +die Psalme in Verse um, vertiefte sich in die Bibel, von der er entzückt +und gleichzeitig erschüttert wurde. + +Dabei die Welt verachtend überliess Luyken all seinen Besitz den Armen +und lebte von trockenem Brot; schliesslich hatte er sich mit einer +alten, durch ihn fanatisierten Dienerin eingeschifft. Er fuhr aufs +Geratewohl hinaus, lief mit seinem Schiff hier und dort an und predigte +überall das Evangelium, versuchte selbst ohne Essen zu leben, bis er +beinahe verrückt geworden. -- + +In dem grösseren Raum nebenan, in der mit Cedernholz in +Cigarrenkistenfarbe bekleideten Vorhalle hingen andere Kupferstiche, +andere Zeichnungen übereinander. + +Die »Todes-Komödie« von Bresdin. In einer unmöglichen Landschaft, mit +Bäumen, Dickicht und Gehölz bedeckt, welche die Formen von Dämonen und +Gespenstern angenommen und zwischen welchen sich Vögel mit Rattenköpfen +mischten, auf einem Boden, der mit Rippen, Wirbelknochen und Schädeln +besäet war, richteten sich knorrige, gespaltene Weiden in die Höhe, von +Skeletten überragt, die die Arme in der Luft bewegen; ein Strauch stimmt +einen Siegesgesang an, während Christus in den mit Wölkchen bedeckten +Himmel flieht, ein Einsiedler im Hintergrunde einer Grotte, den Kopf in +den Händen vergraben, nachdenkend sitzt, und ein Bettler, durch +Entbehrungen und Hunger abgezehrt, ausgestreckt auf dem Rücken, die +Füsse in einem Pfuhl, der Entkräftung erliegt. + +Der »Gute Samariter« von demselben Künstler, als grosse Federzeichnung +auf Stein abgezogen. Ein wunderlicher Wirrwarr von Palmenbäumen, +Ebereschen und Eichen, die nebeneinander wachsen, ohne Rücksicht auf +Jahreszeit und Klima; ein Stück Urwald, übersäet mit Affen, Eulen, +Nachtfaltern und bucklig-alten Baumstümpfen, so missgestaltet wie die +Wurzeln des Alrauns. + +Aber obgleich Herzog Jean die Feinheit der Details und die hohen +Schönheiten dieses Kupferstiches schätzte, so hielt er sich doch noch +öfter vor den Zeichnungen auf, die den Raum schmückten. + +Es waren in ihren Leisten aus rohem Birnbaumholz mit schmalem Goldrand +unbegreifliche Erscheinungen von Odilon Redon. Das Haupt eines +Merowingers auf einer Schale; das eines bärtigen Mannes, ein Mittelding +zwischen einem chinesischen Priester und einem Volksredner, der mit +seinem Finger eine kolossale Kanonenkugel berührt; dann eine +abscheuliche Spinne, die in der Mitte ihres Körpers ein menschliches +Angesicht trägt. Ferner Kohlenzeichnungen, die den Schrecken des +Träumers darstellen, der von Verdauungsqualen gepeinigt wird. + +Dann wieder ein grosser Würfel, aus dem ein halbgeschlossenes trauriges +Auge blinzelt; dort dürre unfruchtbare Landschaften, kalcinierte Ebenen, +Umwälzungen des Erdbodens, vulkanische Aufruhre, vom Sturm gepeitschte +Wolken und unbeweglich fahle Himmel; ein unnatürlicher Blumenreichtum +entfaltet sich auf Felsen; überall erratische Blöcke, schmutzige +Eisgruben, Gestalten, deren affenartiger Typus und dicke Backenknochen, +deren hervorstehende Augenbrauen, schiefe Stirn und eingedrückte Schädel +an die Köpfe unserer Vorfahren erinnern. + +Diese Zeichnungen waren ohne Beispiele in der Kunst, sie überschritten +die Grenzen der Malerei und führten wunderlich phantastische Neuerungen +ein, Gebilde der Krankheit und des Fieberwahns. + +Diese Gesichter, diese masslos vergrösserten und missgestalteten wie +durch eine Karaffe gesehenen Körper riefen bei Herzog Jean Erinnerungen +an Typhus wach, Erinnerungen, die ihm von fieberhaften Nächten und +schrecklichen Visionen seiner Kindheit geblieben waren. + +Erfasst von einem unbeschreiblichen, durch diese Zeichnungen erzeugten +Unbehagen, wie er es empfand bei gewissen »Sprichwörtern« Goyas, an die +sie erinnerten, oder wie beim Schluss einer Lektüre von Edgar Poë, von +dem Odilon Redon die Fata Morgana der Sinnestäuschungen und die +Wirkungen der Furcht in verschiedenartiger Kunst ererbt zu haben schien, +rieb er sich die Augen und betrachtete eine strahlende Figur, betitelt +die »Schwermut«, die vor der Sonnenscheibe in einer gedrückten, trüben +Stellung auf einem Felsen sitzt. + +Wie durch Zauber verschwinden diese Schatten, eine sanfte Traurigkeit, +eine kraftlose Verzweiflung bemächtigt sich seiner Gedanken und er +stellt lange Betrachtungen vor diesem Werke an. + +Ausser dieser Sammlung von Zeichnungen von Redon, die fast alle Wände +des Vorzimmers zierten, hatte Herzog Jean in seinem Schlafzimmer eine +sonderbare Skizze von Theocopuli: einen Christus. Es war ein Bild in +unnatürlichen Farbentönen, von übertriebenen Linien und grausamer +Färbung, ein Bild der zweiten Periode dieses Künstlers, als er die Idee +aufgegeben hatte, nicht mehr Tizian ähnlich zu sein. + +Diese unheimliche Malerei, die in Wachsfarbe und Leichengrün ausgeführt +zu sein schien, entsprach nach des Herzogs Ansicht einer gewissen +Übereinstimmung mit dem Mobiliar. + +Seiner Meinung nach gab es nur zwei Arten, um ein Schlafzimmer +einzurichten: entweder ein Alkoven, der Ort nächtlicher Ergötzung, oder +ein Plätzchen der Ruhe und Einsamkeit, eine Zufluchtsstätte des +Gedankens, eine Art Betzimmer. + +Nachdem er die Frage von allen Seiten beleuchtet hatte, folgerte er, +dass das zu erreichende Ziel sich darin zusammenfassen liesse: mit +freundlichen Gegenständen eine traurige Sache zu schaffen, oder +vielmehr, wenn man dem Schlafgemach auch den Charakter der Hässlichkeit +lässt, doch dem Ganzen eine Art von Eleganz und Vornehmheit +aufzudrücken. Durch die Optik des Theaters, dessen gemeiner Flitterkram +wie kostbare und teure Gewebe aussieht, die absolut entgegengesetzte +Wirkung zu erzielen, indem man sich prächtiger Stoffe bedient, um ihnen +den Anstrich der Dürftigkeit zu verleihen; mit einem Wort eine +Karthäuserklause herzustellen, die aussah wie eine wirkliche. + +Er verfuhr in folgender Weise: um die ockerartige Mauerfarbe, das +vorgeschriebene geistliche Gelb, nachzuahmen, liess er die Wände mit +safrangelber Seide bekleiden. Um aber die Schokoladenfarbe der Panele +wiederzugeben, liess er sie mit violettfarbenen Holzleisten, die mit +Amarantfarbe dunkel gebeizt waren, bekleiden. Die Wirkung war frappant; +sie konnte von weitem an die düstere Starrheit des Vorbildes erinnern. +Der Plafond wurde in Gelbweiss tapeziert, das den Kalk ersetzte, ohne +dessen grellen Schein zu haben. Die kalten Steine der Zelle gelangen in +der Nachbildung ziemlich gut dank einem Teppich, dessen Muster rote +Fliesen vorstellte, mit weisslichen Stellen in der Wolle, welche die +Abnutzung durch Sandalen und die Reibung durch Stiefel darstellen +sollten. + +Er möblierte dieses Gemach mit einem kleinen eisernen Bett, einer Art +Mönchsbett, aus antikem Eisen geschmiedet und poliert, am Fussende mit +reich aufgetragenen Verzierungen versehen. + +Die Stelle eines Nachttisches vertrat ein Betstuhl, dessen Inneres ein +Nachtgeschirr enthalten konnte und dessen Aussenseite eine Kirchenagenda +trug. Gegenüber an der Mauer liess er einen Kirchenstuhl anbringen, der +von einem durchbrochenen Altarhimmel überragt wurde, verziert mit +vorspringenden Stützen. Die hohen Kirchenleuchter ersetzte er durch +Lichter aus reinem Wachs, die er in einem besonderen Geschäft kaufte, +das nur Kirchenartikel führte, denn er hegte eine grosse Abneigung gegen +Petroleum oder Stearin, kurz gegen alle und jede moderne Beleuchtung, da +sie ihm zu grell und unzart erschien. -- + +Des Morgens in seinem Bett, ehe er einschlief, den Kopf auf dem +Kopfkissen, seine Umgebung betrachtend, stellte er sich leicht vor, dass +er sich hundert Meilen von Paris befinde, weit weg von der Welt, im +Innern eines Klosters. + +Und im Grunde genommen war die Täuschung leicht, da er ein Leben führte, +das dem eines Mönches fast gleichkam. Er hatte sich auf diese Weise die +Vorteile der Abgeschlossenheit verschafft. Wie er seine Zelle zu einem +warmen, angenehmen Zimmer gemacht, hatte er sein Leben regelmässig und +bequem gestaltet, umgeben von Wohlbehagen, beschäftigt und dennoch frei. +-- + +Vom Leben abgenutzt, von dem er nichts mehr erwartete, ward er einem +Einsiedler gleich, reif für die Einsamkeit. Niedergedrückt wie ein Mönch +und voll unendlicher Müdigkeit, war er beseelt von dem Bedürfnis nach +Ruhe, von dem Wunsche, nichts mehr gemein zu haben mit den Profanen, die +bei ihm für Utilitarier und Dummköpfe galten. + + + + + SECHSTES KAPITEL. + + +Tief in seinen bequemen Lehnsessel vergraben, die Füsse auf den +vergoldeten Kugeln der Feuerböcke, die Pantoffel fast brennend von den +Holzscheiten, die knisternd lebhafte Flammen ausstrahlten, legte Herzog +Jean den alten Quartanten, in welchem er las, auf einen Tisch, dehnte +sich, zündete sich eine Cigarette an und verfiel dann in köstliche +Träumereien, mit verhängten Zügeln die Spur der Erinnerung verfolgend, +die ihm seit Monaten entfallen und jetzt plötzlich wieder, durch das +Beifallen eines Namens, hervorgerufen wurde. + +Mit wunderbarer Deutlichkeit sah er nämlich die Verlegenheit seines +Kameraden d'Aigurande vor Augen, als derselbe in einer Versammlung +standhafter Junggesellen die letzten Vorbereitungen zu einer Heirat +offen gestehen musste. Man protestierte laut dagegen, man malte ihm die +Abscheulichkeit eines Zusammenschlafens in demselben Bette aus. Nichts +half; vollständig in ihrem Banne glaubte er an die Intelligenz seiner +künftigen Frau und behauptete sogar bei ihr aussergewöhnliche +Eigenschaften von Hingebung und Zärtlichkeit erkannt zu haben. + +Herzog Jean war es, der von all den jungen Leuten allein den Freund in +seinem Entschluss ermutigte, und dies von dem Augenblick ab, als er in +Erfahrung gebracht hatte, seine Braut wünsche an der Ecke eines neuen +Boulevards eine der modernen Wohnungen in Rotundenform zu beziehen. + +Überzeugt von der unbarmherzigen Macht kleiner Misèren, die unheilvoller +für starke Naturen sind als grosse, sowie sich auf die Thatsache +stützend, dass d'Aigurande kein Vermögen besass und die Mitgift seiner +Frau so gut wie Null war, sah er in diesem einfachen Wunsch eine +unendliche Aussicht für lächerliche Unannehmlichkeiten. + +D'Aigurande kaufte Möbel von runder Form, Spiegeltische, die, hinten +ausgehöhlt, einen Kreis bildeten, die Gardinenstützen in Bogenform, +Teppiche in Halbmondform, kurz ein ganzes Mobiliar, wie es eben auf +Bestellung angefertigt wird. + +Er bezahlte das Doppelte dafür. Als später seine Frau für ihre Toilette +zu knapp bei Geld und endlich der Rotundenwohnung überdrüssig war und +eine viereckige Etage beziehen wollte, da passte eben keins der Möbel +mehr. Nach und nach wurde dieses lästige Mobiliar eine Quelle endlosen +Verdrusses. Das frühere gute Einvernehmen, das schon durch das +gemeinschaftliche Leben etwas locker geworden war, schrumpfte von Woche +zu Woche mehr zusammen; sie gerieten in Zorn, warfen sich gegenseitig +vor, nicht in einem Salon bleiben zu können, wo die Kanapees und +Spiegeltische nicht einmal die Wände berührten und bei der geringsten +Bewegung, trotz aller Keile, die man darunter gelegt, wackelten. Auch +fehlte das nötige Geld für die Ausbesserungen. Alles wurde ein +Gegenstand des Streites und der Bitterkeit, von den Schubladen an, die +sich in den nicht ordentlich feststehenden Möbeln gezogen hatten, bis zu +den Spitzbübereien des Dienstmädchens, das von der Unachtsamkeit und den +Zwistigkeiten profitierte, um die Kasse zu erleichtern. Mit einem Wort: +das Leben wurde ihnen unerträglich. Er amüsierte sich ausserhalb des +Hauses; sie suchte daheim durch Übertretung des Ehegebotes das Vergessen +ihrer trüben und langweiligen Existenz zu ermöglichen. + +»Mein Schlachtplan war richtig,« hatte sich damals der Herzog gesagt, +der dies mit der Befriedigung eines Strategen vernahm, dessen Manöver +gelungen waren. -- + +Er dachte jetzt vor seinem Feuer sitzend an die Trümmer dieses ehelichen +Heims, deren Veranlassung sein guter Rat gewesen war. Er warf neue +Scheite Holz in den Kamin und nahm flugs seine Träumereien wieder auf. + +Andere Erinnerungen kamen ihm jetzt, die derselben Gedankenreihe +angehörten. + +Es war schon einige Jahre her, als er eines Abends in der Rue de Rivoli +einem Laufburschen von ungefähr sechzehn Jahren begegnete, einem +blassen, verschmitzt aussehenden Jungen, verführerisch wie ein Mädchen. +Derselbe sog mühevoll an einer Cigarette, deren Papier geplatzt war. +Schimpfend rieb er gewöhnliche Küchenstreichhölzer an seiner Hose ab, +die nicht fangen wollten, bis ihm keins mehr übrig blieb. Jetzt bemerkte +er den Herzog, der ihn beobachtete. Er näherte sich ihm und an den Rand +seiner Mütze greifend bat er ihn um Feuer. Herr des Esseintes reichte +ihm einige duftige Cigaretten von Dubêque, knüpfte dann eine +Unterhaltung mit ihm an und veranlasste ihn, seine Geschichte zu +erzählen. + +Diese war äusserst einfach. Der Junge hiess Auguste Langlois und war bei +einem Papparbeiter in der Lehre; er hatte seine Mutter früh verloren und +wurde von seinem Vater oft nach Noten geprügelt. + +Herzog Jean hörte ihn nachdenklich an: »Komm, wir wollen etwas zusammen +trinken,« sagte er und führte ihn in eine Wirtschaft, wo er ihm starken +Punsch vorsetzen liess. Der Junge trank, ohne ein Wort zu sprechen. -- +»Möchtest Du Dich heute Abend amüsieren?« fragte der Herzog. Dann hatte +er den Kleinen zu Madame Laura, einer Dame geführt, die in der Rue +Mosnier in der dritten Etage eine Auswahl von Blumenmacherinnen wie eine +Reihe roter Zimmer, die mit runden Spiegeln, Kanapees, etc. etc. +ausgestattet waren, hielt. + +Dort hatte Auguste ganz verdutzt seine Mütze zwischen seinen Fingern +drehend ein kleines Bataillon Frauenzimmer gesehen, die alle wie aus +einem Munde riefen: + +»Ach, der hübsche Junge!« + +»Aber sag mal, Kleiner, Du hast noch nicht das richtige Alter,« fügte +eine stattliche Brünette mit gebogener Nase und grossen dunklen Augen +hinzu, die bei Madame Laura die unvermeidliche Rolle der schönen Jüdin +vertrat. + +Herzog Jean schien dort zu Hause zu sein und unterhielt sich leise mit +der Wirtin. + +»Sei doch nicht bange, Dummkopf,« rief er dem Jungen zu. »Triff Deine +Wahl, ich bezahle.« Und er gab dem Kleinen einen leichten Stoss, so dass +er auf den Divan zwischen zwei der Schönen fiel. + +Auf ein Zeichen der Wirtin rückten diese etwas zusammen, hüllten die +Kniee des Jungen mit ihren Röcken ein und hielten ihm ihre entblössten +Schultern, die stark nach einem betäubenden Puder rochen, unter die +Nase. Der arme Kleine rührte sich nicht mehr; sein Kopf wurde ganz heiss +und rot, der Mund trocken; die Augen niederschlagend wagte er nur +verstohlen einige neugierige Blicke. + +Wanda, die schöne Jüdin, küsste ihn und gab ihm gute Ratschläge, empfahl +ihm, seinem Vater und seiner Mutter zu gehorchen und zur selben Zeit +glitten ihre Hände langsam über den Jungen hin, dessen veränderte +Gesichtszüge konvulsivisch zuckten. + +»Es ist also nicht Deinetwegen, dass Du heute Abend kommst?« fragte +Madame Laura den Herzog. »Aber zum Teufel, wo hast Du nur den Schlingel +aufgetrieben?« fing sie wieder an, als Auguste mit der Schönen in einem +Nebenzimmer verschwunden war. + +»Auf der Strasse, meine Beste.« + +»Du bist doch nicht betrunken?« murmelte die alte Wirtin. Und nach +einiger Überlegung fügte sie mit einem mütterlichen Lächeln hinzu: »Du +liederlicher Strick, Dir steht nach frischer Ware der Sinn!« + +Herzog Jean zuckte mit den Achseln. »Du irrst Dich gehörig! ja +vollständig,« entgegnete er. »Die Wahrheit ist, dass ich einfach +versuche, mir einen Mörder zu bilden. Folge einmal aufmerksam meiner +Beweisführung. Dieser Junge ist noch rein, doch hat er das Alter +erreicht, wo das Blut zu wallen anfängt; er würde hinter den jungen +Mädchen in seinem Viertel herlaufen, sich amüsieren und doch noch +rechtschaffen bleiben, um schliesslich sein bescheidenes Teil an einem +momentanen Glück zu geniessen, wie es den Armen eben beschieden ist. -- +So aber, wo ich ihn hierher führe, in die Mitte Eures Paradieses, das er +gar nicht ahnt und das ihm notgedrungen im Gedächtnis verbleibt, und +indem ich ihm alle vierzehn Tage eine solch unverhoffte Wonne zuteil +werden lasse, wird er sich an den Genuss des Fleisches gewöhnen. Es wird +ihm systematisch zum Bedürfnis werden! Nehmen wir selbst an, dass er +drei Monate braucht, bis der Genuss ihm absolut notwendig geworden -- +und mit den langen Zwischenräumen, die ich mache, laufe ich keine +Gefahr, ihn zu übersättigen -- nun, am Ende dieser drei Monate werde ich +die kleine Rente, die ich Dir einzahlen werde, aufheben, und dann wird +er stehlen wie ein Rabe, um hierher kommen zu können; er wird alle Hebel +in Bewegung setzen, um sich auf diesem Divan und unter diesem Gas wälzen +zu können. + +Die Sache zum äussersten getrieben: er wird, wie ich hoffe, eines Tages +seinem Herrn, der ihn dabei betrifft, wie er dessen Geldschrank öffnet, +einfach den Hals umdrehen, und so ist, wie Du siehst, mein schöner Zweck +erreicht. Ich werde im Verhältnis meiner Mittel eben dazu beigetragen +haben, einen Schurken mehr zu schaffen, ein Nahrungsmittel der edlen +Justitia, was mir als Feind dieser verabscheuten Gesellschaft, die uns +brandschatzt, gerade recht ist.« -- + +Die Frauenzimmer sahen ihn mit grossen Augen an. + +»Da bist Du ja!« fing er wieder an, als er Auguste in den Salon +zurückkommen sah, der sich rot und verlegen hinter der schönen Jüdin zu +verstecken suchte. + +»Nun, mein Junge, es ist schon spät, sag diesen netten Damen gefälligst +Adieu.« + +Und auf der Treppe teilte er ihm mit, dass er alle vierzehn Tage, ohne +dass es ihn einen Heller koste, zu Madame Laura gehen könne; dann auf +der Strasse angelangt, sah er den ganz betäubten Jungen einen Augenblick +lang an, und schloss: + +»Wir werden uns wohl nicht wieder sehen; geh schnell heim zu Deinem +Vater, dessen Hand ihm unthätig juckt und behalte das gewissermassen +schöne evangelische Wort: >Thue den andern das, was Du nicht willst, das +sie Dir thun< wohl im Gedächtnis. Mit dieser Lebensregel wirst Du weit +kommen. -- Gute Nacht! Vor allen Dingen sei nicht undankbar, lass so +bald wie möglich von Dir hören, das heisst auf dem Wege der +hochlöblichen Gerichtszeitung.« -- -- -- -- + +»Der kleine Judas!« murmelte Herzog Jean vor sich, das Feuer schürend; +-- »sich sagen zu müssen, dass ich seinen Namen noch niemals unter +Vermischtes gelesen habe! -- Es sei denn, dass er schon mit dem Gericht +zu thun gehabt hätte, seit ich in Fontenay bin, wo ich keine Zeitungen +mehr lese.« + +Er stand auf und ging ein paarmal im Zimmer auf und ab. + +»Es wäre trotz alledem schade,« sagte er sich, »denn indem ich so +handelte, machte ich das weltliche Gleichnis wahr, die Allegorie der +allgemeinen Lehre, die nach nichts Geringerem strebt, als alle Menschen +in einen >Langlois< zu verwandeln, und sich den Kopf zerbricht, statt +endlich den Elenden aus Mitleid die Augen auszustechen, um sie ihnen +ganz und mit Gewalt zu öffnen, damit sie um sich herum nur unverdiente +und mildere Schicksale sehen, verfeinerte und schärfere Genüsse wittern, +die ihnen darum um so ersehnter und begehrenswerter erscheinen. --« + +»Und die Thatsache ist,« fuhr der Herzog in seiner Schlussfolgerung +fort, »die Thatsache ist die, dass der Schmerz eine Wirkung der +Erziehung ist, dass er sich erweitert und schärft, je nachdem die Ideen +entstehen: je mehr man sich also befleissigt, den Verstand und das +Nervensystem der armen Teufel zu verfeinern, desto mehr wird man die +gewaltig lebenskräftigen Keime des moralischen Leidens und Hasses in +ihnen anfachen und entwickeln.« -- -- + +Die Lampen kohlten. Er zog sie auf und sah nach der Uhr: drei Uhr +Morgens. -- Er zündete sich eine Cigarette an und vertiefte sich von +neuem in die durch seine Träumereien unterbrochene Lektüre des +lateinischen Gedichts »De laude castitatis«, das unter der Regierung des +Gondebald von Avitus, des Erzbischofes von Wien, geschrieben worden ist. + + + + + SIEBENTES KAPITEL. + + +Seit jener Nacht, in der er ohne augenscheinliche Ursache die +melancholische Erinnerung an Auguste Langlois wachgerufen, lebte sein +ganzes früheres Leben wieder in ihm auf. + +Er war unfähig, ein Wort der Bücher zu verstehen, die er zu Rate zog; +selbst seine Augen lasen nicht mehr; es war ihm, als wenn sein Geist, +von Litteratur und Kunst übersättigt, sich weigerte, mehr in sich +aufzunehmen. + +Er lebte nur noch in sich selbst, nährte sich von seinem eigenen Mark, +gleich Tieren während des Winterschlafes; denn die Einsamkeit hatte wie +ein Schlaftrunk auf sein Gehirn gewirkt. Nachdem diese ihn anfangs +entkräftet und hingehalten hatte, brachte sie schliesslich eine +Empfindungslosigkeit mit unbestimmten Träumereien in ihm hervor; sie +vernichtete seine Absichten, brach seinen Willen, führte ihm eine Reihe +von Träumen vor, die er passiv ertrug, ohne auch nur zu versuchen, sich +ihnen zu entziehen. + +Die verworrene und ungeregelte Lektüre, das künstliche Denken, dem er +sich seit seiner Zurückgezogenheit hingegeben hatte, glich einem Damm, +mit dem er seine alten Erinnerungen umgab; dieser Damm war plötzlich +gewaltsam durchbrochen, die Flut setzte sich in Bewegung, riss Gegenwart +und Zukunft mit sich, um alles gleichsam unter Wasser zu setzen und +seinen Geist mit einer unendlichen Traurigkeit zu erfüllen, auf der +unbedeutende Ereignisse seines Lebens und alberne Nichtigkeiten wie +Strandgut umherschwammen. + +Das Buch, welches er in der Hand hielt, fiel oft achtlos auf den Boden; +er liess sich gehen, liess voll Widerwillen und Scham die Jahre seines +vergangenen Lebens an sich vorüberziehen. + +Was war das für eine Epoche! + +Er versetzte sich in die Zeit der vornehmen Abendgesellschaften, der +Rennen, des Spiels, seiner Liebeleien. Er erinnerte sich der Gesichter, +der Mienen, der nichtssagenden Worte, welche ihn mit der Hartnäckigkeit +jener trivialen Melodieen verfolgten, die man wohl gegen seinen Willen +summt, die sich aber schliesslich mit einem Mal und ohne dass man daran +denkt wieder verlieren. Diese Periode war von kurzer Dauer. Es trat +darauf Gedächtnisruhe ein; er versenkte sich aufs neue in seine +lateinischen Studien, um die Rückblicke selbst bis zum Eindruck zu +verwischen. + +Doch der Reigen war eröffnet, fast unmittelbar folgte eine zweite Phase, +nämlich die Erinnerungen seiner Kindheit, besonders diejenigen der +Jahre, welche er bei den Jesuiten zugebracht hatte. + +Diese Erinnerungen waren die entferntesten und doch klarsten seines +Gedächtnisses, ihm scharf und tief eingegraben: der schattige Park, die +langen Alleen, die Blumenbeete, die Bänke -- alle die kleinen +Einzelheiten stiegen in seiner Einsamkeit vor ihm auf. Er sah die Gärten +sich beleben, hörte das Geschrei der Schüler, das Lachen der Lehrer, die +sich während der Erholungsstunden unter die Schüler mischten und sich, +den hochgeschürzten Priesterrock zwischen den Knieen haltend, dem +Ballspiel hingaben oder auch mit den jungen Leuten ganz ungezwungen wie +Kameraden unter den Bäumen plauderten. + +Die Jesuiten erlangten durch diese Methode einen wirklichen Einfluss auf +das Kind, brachten es dahin, die geistigen Gaben, welche sie +kultivierten, gewissermassen zu kneten, sie in eine bestimmte Richtung +zu lenken, sie gleichsam mit besondern Ideen zu pfropfen, ihre +Gedankenzunahme durch eine eindringlich einschmeichelnde Methode zu +fördern, indem sie sich bemühten, ihren Schülern später, beim Eintritt +in die Welt, zu folgen und sie zu unterstützen, indem sie ihnen +liebevolle Briefe sandten, wie sie der Dominikaner Lacordaire an seine +ehemaligen Zöglinge zu schreiben verstand. + +Herzog Jean gab sich von dem Erziehungs-Verfahren Rechenschaft, welches +er, wie er sich einbildete, ohne Resultat hatte über sich ergehen +lassen; sein Charakter, der allen Ratschlägen gegenüber rebellisch, +spitzfindig, argwöhnisch und zum Widerspruch geneigt war, hatte ihn +verhindert, durch ihre Zucht gebildet, ihren Lehren unterworfen zu +werden. Einmal dem Kollegium entwachsen, hatte sein Skepticismus nur +noch zugenommen; sein Weg durch eine legitimistisch-unduldsame und +beschränkte Welt, die Unterhaltung mit unwissenden Kirchenvorstehern und +niedrigen Geistlichen, deren Ungeschicktheit den Schleier zerrissen, der +so kunstgerecht von den Jesuiten gewebt war, bestärkten nur noch seinen +unabhängigen Geist und vermehrten sein Misstrauen gegen jeden Glauben. + +Er erachtete sich im ganzen genommen frei von jedem Band, von jedem +Zwang; er hatte einfach, anders als alle andern, die im Lyceum oder in +weltlichen Pensionaten erzogen waren, der Anstalt und seinen Lehrern ein +vortreffliches Andenken bewahrt; und jetzt, wo er mit sich zu Rate ging, +kam er dahin, sich zu fragen, ob der Same, bislang auf unfruchtbaren +Boden gefallen, nicht anfinge aufzugehen. + +Und wirklich, seit einigen Tagen befand er sich in einem +unbeschreiblichen Seelenzustand. Während eines Augenblickes glaubte er +sich instinktmässig der Religion zugeführt; bei der geringsten +Beweisführung aber verflog seine Hinneigung zum Glauben; trotzdem blieb +er voll Unruhe und Verwirrung. + +Er wusste indessen wohl, indem er in sich ging, dass er niemals den +Geist der wahrhaft christlichen Demütigung und Reue haben würde; er +wusste, dass der Augenblick, von dem der Pater Lacordaire spricht, +dieser Augenblick der Gnade, »wo der letzte Lichtstrahl in die Seele +dringt und die dort zerstreuten Wahrheiten in einem gemeinsamen Centrum +wieder fixiert«, für ihn niemals kommen würde; er fühlte nicht das +Bedürfnis der Demütigung und des Gebetes, ohne welches nach der Wahrheit +der Priester keine Bekehrung möglich ist; er empfand nicht den Wunsch, +Gott anzuflehen, dessen Barmherzigkeit ihm am wenigsten wahrscheinlich +schien; und doch brachte es die Sympathie, die er für seine ehemaligen +Lehrer bewahrte, dahin, ihn für sie und ihre Doktrinen zu interessieren. +Diese unnachahmliche Sprache der Überzeugung, diese begeisternden +Stimmen höherer Intelligenz fielen ihm wieder ein und hatten zur Folge, +dass er an seinem Geist und seinen Kräften zweifelte. In seiner +Einsamkeit, ohne neue Nahrung, ohne frisch empfundene Eindrücke, ohne +Erneuerung der Gedanken und Austausch von Empfindungen, die von aussen +kommen, in dieser unnatürlichen Verbannung, in der er eigensinnig +verharrte, stellten sich alle Streitfragen, die er während seines +Aufenthaltes in Paris vergessen hatte, von neuem wie aufregende Rätsel +vor seinem Geist dar. + +Die Lektüre der lateinischen Werke, die ihm sonst angenehm war, Werke +meist von Bischöfen und Mönchen verfasst, hatte ohne Zweifel zu dieser +Krisis beigetragen. Eingehüllt in eine Klosteratmosphäre, in einen Duft +von Weihrauch, der ihm den Kopf benahm, hatten sich die Nerven +aufgeregt; durch eine Ideenverbindung hatten diese Bücher die +Erinnerungen an seine Jugendzeit bei den Jesuiten wieder ans Licht +gefördert. + +»Die Sache ist klar,« sagte sich der Herzog Jean, indem er vernünftig +nachzudenken und dem Gang dieser Einführung des Jesuitenelementes in +Fontenay zu folgen versuchte -- »ich habe seit meiner Kindheit, und ohne +es je gewusst zu haben, diesen Stoff, der noch nicht gegärt hatte, in +mir selbst; diese Vorliebe, die ich immer für alle religiösen Sachen +gehabt habe, ist vielleicht ein Beweis dafür.« + +Dennoch versuchte er sich vom Gegenteil zu überzeugen; unzufrieden, +nicht mehr unumschränkter Herr über sich selbst zu sein, holte er Gründe +herbei. Er hatte sich notgedrungen der Geistlichkeit zuwenden müssen, da +die Kirche allein die verlorengegangene Kunst und Form der Jahrhunderte +gesammelt hatte; sie hat selbst bis zu den gewöhnlichen modernen +Erzeugnissen herab die Formen der Goldschmiedekunst bewahrt, den Zauber +der schlanken Kelche und der Hostiengefässe in ihrer edlen Rundung auf +uns gebracht, sie hat sogar in dem modernen Aluminium, in unedlen +Metallen, in farbigem Glas die Grazie der mittelalterlichen Formen +beibehalten. + +Die meisten der kostbaren Gegenstände, welche im Museum von Cluny +klassifiziert und wie durch Wunder der gemeinen Raubgier der +Sansculotten entgangen sind, stammen aus den alten Abteien Frankreichs +her. Ebenso wie die Kirche im Mittelalter die Philosophie, die +Geschichte und Sprache vor dem Verfall geschützt hat, so hat sie auch +die plastische Kunst hinübergerettet. + +Bis zu unsern Tagen haben sich jene wunderbaren Muster von Geweben und +Goldschmiedekunst erhalten, welche die Fabrikanten kirchlicher +Gegenstände verhunzen, ohne ganz auf die ursprüngliche entzückende Form +verzichten zu können. Es war daher durchaus nicht überraschend, dass er +hinter antiken Nippsachen hergejagt, dass er mit Hilfe zahlreicher +Sammler die Reliquien bei den Antiquitätenhändlern in Paris und den +Trödlern auf dem Lande aufgestöbert hatte. + +Aber vergebens berief er sich auf diese Gründe; es gelang ihm nicht, +sich vollständig zu beruhigen. Gewiss, indem er alles kurz +zusammenfasste, beharrte er dabei, die Religion als eine herrliche +Legende, als eine grossartige Betrügerei zu betrachten, und doch trotz +all seiner Auslegungen fing sein Skepticismus an zu wanken. + +Die seltsame Thatsache bestand: er war jetzt weniger sicher als in +seiner Kindheit, wo die Fürsorge der Jesuiten unmittelbar auf ihn +gewirkt, als er in ihren Händen, ohne Familienbande, ohne Einfluss von +aussen her, ihnen sozusagen mit Körper und Geist angehörte. Sie hatten +ihm ebenfalls einen gewissen Geschmack für das Wunderbare eingeflösst, +der sich langsam und unbemerkt in seiner Seele verzweigt hatte und der +jetzt in der Einsamkeit aufblühte. + +Beim Prüfen dieser seiner Gedanken, beim Suchen, ihre Fäden zu +verbinden, die Quellen und Ursachen zu entdecken, kam er zu der +Überzeugung, dass seine Handlungsweise während seines gesellschaftlichen +Lebens von seiner Erziehung herrührte. Waren nicht seine Neigungen für +das Verkünstelte, sein Verlangen nach dem Excentrischen die Resultate +besonderer Studien und Raffiniertheit? Gewissermassen theologische +Forschungen? Es waren im Grunde Erregungen und Begeisterungen zum +Idealen, zum unbekannten Weltall, zu einer fern ersehnten +Glückseligkeit, wie jene, die uns die heilige Schrift verspricht. + +Er hielt plötzlich an und brach den Faden seiner Betrachtungen ab. + +»Mir scheint,« murmelte er verdriesslich, »dass ich noch mehr getroffen +bin, als ich glaubte, da ich mich selbst mit Worten, wie ein Kasuist, +bekämpfe.« + +Er verblieb nachdenklich, von einer unbestimmten Furcht bewegt. + +»Ach! ich werde stumpfsinnig,« sagte sich der herzogliche Einsiedler; +»die Furcht vor dieser Krankheit wird, wenn das so weitergeht, +schliesslich die Krankheit selbst herbeiführen.« + +Es gelang ihm, diesen Einfluss etwas abzuschütteln; seine Erinnerungen +liessen nach, aber andere krankhafte Symptome machten sich bemerkbar; +jetzt waren es die Gegenstände der Streitigkeiten allein, die ihn +heimsuchten. Der Park, die Lehrer, die Jesuiten waren entschwunden. Er +war gänzlich vom Abstrakten beherrscht; gegen seinen Willen dachte er an +die widersprechenden Auslegungen der Glaubenssätze, an die verloren +gegangenen Lossagungen von den Klostergelübden, die Pater Labbe in dem +Werk über die Konzilien erwähnt. Brocken von diesen Kirchenspaltungen, +Überbleibsel dieser Ketzereien, die während mehrerer Jahrhunderte die +Kirchen des Westens und des Ostens trennten, fielen ihm wieder ein. Hier +war es Nestorius, der der Jungfrau Maria den Titel Muttergottes streitig +machte, weil im Mysterium der Inkarnation nicht Gott, sondern nur die +menschliche Kreatur vorhanden war, die sie in ihrem Leibe getragen habe; +da war es Eutyches, der da erklärte, dass das Bildnis Christi nicht +demjenigen der andern Menschen gleichen könnte, da die Gottheit, in +seinem Körper domizilierend, die Form ganz und gar verändert habe; dann +waren es wieder andere Zänker, welche behaupteten, dass der Erlöser gar +keinen Körper gehabt, dass dieser Ausdruck der heiligen Schrift nur +bildlich zu nehmen sei; während Tertullian sich in seinem berühmten, +beinahe materialistischen Axiom äussert: »Nichts, das ist, ist +unverkörpert; alles was ist, hat einen Körper, der ihm eigen;« und +schliesslich diese alte, während langer Jahre erörterte Frage: »Ist +Christus allein ans Kreuz geschlagen, oder hat die Dreieinigkeit, eins +in drei Personen, in ihrer dreifachen Persönlichkeit am Kreuze Golgathas +gelitten?« + +Alles das trieb ihn an, drängte ihn -- und mechanisch wie eine einmal +gelernte Aufgabe stellte er sich selber Fragen und suchte sich dieselben +zu beantworten. -- + +Während einiger Tage war es in seinem Gehirn wie ein Wimmeln von +Paradoxen, wie ein Flug von Haarspaltereien. Dann verwischte sich aber +die abstrakte Seite und eine ganz plastische folgte ihr unter der +Wirkung der Gustav Moreauschen Bilder, die an den Wänden aufgehängt +waren. + +Er sah eine ganze Prozession von Prälaten an sich vorüber ziehen: +Archimandriten, Patriarchen, die ihre goldbekleideten Arme emporheben, +um die knieende Menge zu segnen, und ihre weissen Bärte beim Lesen und +Gebeteleiern schütteln; er sah ganze Züge schweigender Büsser in die +dunklen Totengrüfte hinabsteigen, dann wieder sich unermessliche Dome +erheben, in denen weiss gekleidete Mönche von der Kanzel herunter +donnerten. + +Nach und nach verschwanden schliesslich diese Gesichte. Er sah von der +Höhe seines Geistes herab das Panorama der Kirche wie ihren erblichen +Einfluss auf die Menschheit seit Jahrhunderten; er stellte sie sich +verzweifelnd und grossartig vor, dem Menschen das Schreckliche des +Lebens und die Unfreundlichkeit des Schicksals darthuend, Geduld, Reue +und Aufopferung predigend, versuchend die Schmerzen zu heilen durch den +Hinweis auf die blutenden Wunden Christi, göttliche Vorrechte +versichernd, den Betrübten den besten Teil des Paradieses versprechend, +die menschliche Kreatur zum Leiden ermahnend, damit der Mensch Gott +seine Trübsale und Sünden, seine Missgeschicke und seine Sorgen als +Sühnopfer darbringe. + +Hier fasste Herzog Jean wieder Fuss. Gewiss war er durch dieses +Geständnis der sozialen Schändlichkeit befriedigt, wieder aber empörte +ihn das unbestimmte Heilmittel der Hoffnung auf ein besseres Leben. + +Schopenhauer war ehrlicher, seine Doktrinen und die der Kirche gingen +von einem gemeinschaftlichen Standpunkt aus; er stützte sich ebenfalls +auf die Ungerechtigkeit und Schändlichkeit der Welt, er stiess auch mit +seiner »Nachfolge Jesu Christi« den schmerzlichen Ruf aus: »Es ist +wirklich ein Elend, auf der Welt zu sein!« Er predigte auch die +Erbärmlichkeit der Existenz, die Vorteile der Zurückgezogenheit, warnte +die Menschheit, dass, was sie auch thun möge und nach welcher Seite sie +sich auch drehe, sie immer nur unglücklich bleibe: arm wegen der Leiden, +die aus den Entbehrungen hervorgehen, reich im Verhältnis zu der +unbesiegbaren Langenweile, welche der Überfluss erzeugt; aber er pries +kein Universalmittel an, vertröstete mit keinem Köder, um dem +unvermeidlichen Übel abzuhelfen. + +Er unterstützt nicht das empörende System der Erbsünde; versucht nicht +zu beweisen, dass derjenige ein allgütiger Gott sei, der die Spitzbuben +beschützt, der den Dummköpfen hilft, die Kindheit vernichtet, das Alter +verdummt und die Unschuldigen bestraft; er rühmt nicht die Wohlthaten +einer Vorsehung, die diese nutzlose, unverständliche, ungerechte und +alberne Abscheulichkeit, das physische Leiden, erfunden hat; er versucht +keineswegs zu rechtfertigen, wie die Kirche die Notwendigkeit der Qualen +und Prüfungen. Ruft er doch in seiner empörten Barmherzigkeit aus: »Wenn +ein Gott diese Welt gemacht hat, so möchte ich nicht dieser Gott sein; +das menschliche Elend würde mir das Herz brechen!« + +Ach! er allein hatte das Richtige getroffen! Was waren alle die +evangelischen Quacksalber neben seinen Abhandlungen von geistiger +Gesundheitspflege? Er beabsichtigte nichts zu heilen, bot dem Kranken +keine Entschädigung, keine Hoffnung an; aber seine Theorie des +Pessimismus war im Grunde genommen die grosse Trösterin der auserwählten +Geister, aller erhabenen Seelen. Sie offenbarte die Gesellschaft so wie +sie ist und hob die angeborene Dummheit der Frauen hervor. + +Diese Betrachtungen erleichterten den Herzog von einer schweren Last. +Dieser grosse Deutsche bannte seinen Gedankenschauer und brachte ihn +durch die Berührungspunkte seiner beiden Doktrinen dahin, dass er diesen +ebenso poetischen wie rührenden Katholizismus, in dem er erzogen war und +von dem er in seiner Jugend die Essenz in allen Poren eingesogen hatte, +nicht zu vergessen vermochte. + +Diese Rückgänge zur Gläubigkeit quälten ihn, besonders seit sich +Verschlimmerungen seiner Gesundheit zeigten; sie trafen mit den neu +hinzugetretenen nervösen Störungen zusammen. + +Seit seiner jüngsten Kindheit war er von unerklärlichen Abneigungen +gemartert worden, von Schauern, welche ihm den Rücken kalt +hinunterliefen, ihm die Zähne zusammenpressten, wenn er zum Beispiel +nasse Wäsche sah, die von einem Mädchen ausgewrungen wurde. Diese +Wirkungen waren verblieben; noch heute litt er ganz besonders, wenn er +einen Stoff zerreissen oder mit dem Finger auf Kreide reiben hörte, oder +wenn er moirierte Seide anfasste. + +Die Ausschweifungen seines Junggesellenlebens, die übertriebenen +Anstrengungen seines Gehirns hatten sein ursprüngliches Nervenleiden +ausserordentlich verschlimmert und das schon von seinen Vorfahren arg +verbrauchte gesunde Blut nur noch verringert. In Paris hatte er bereits +Kuren der Kaltwasserheilkunst durchmachen müssen, vornehmlich gegen das +Zittern der Hände und gegen die entsetzlichen Schmerzen der Neuralgie, +die ihm das Gesicht zerrissen, die Schläfen wie mit Hammerschlägen +bearbeiteten, ihm die Augenlider wie mit Nadeln zerstachen und ihm +Übelkeit erzeugten, die er nicht anders zu bekämpfen vermochte, als +dadurch, dass er sich im Dunkeln auf den Rücken legte. + +Diese Zufälle waren infolge seines geregelteren, ruhigeren Lebens +langsam verschwunden. Jetzt machten sie sich aber von neuem in anderer +Form geltend, indem sie den ganzen Körper durchliefen; die Schmerzen +gingen vom Schädel zum Leib, ihm denselben gleichsam mit einem glühenden +Eisen durchbohrend. Dann folgte ein nervös trockner Husten, der zu einer +bestimmten Stunde anfing, eine immer gleiche Anzahl von Minuten währte, +ihn aufweckte und ihn im Bett fast erstickte. Sein Appetit hörte +ebenfalls auf. Nach jedem Versuch zum Essen konnte er kein zugeknöpftes +Beinkleid, keine fest zugemachte Weste mehr ertragen. + +Er enthielt sich aller geistigen Getränke, des Kaffees und Thees, trank +nur noch Milch, nahm seine Zuflucht wieder zu den kalten Abwaschungen, +stopfte sich voll Assa foetida, Baldrian und Chinin, wollte selbst das +Haus verlassen, um ein wenig im Freien zu spazieren, als eben die +Regentage eintraten, die das Land schweigend und eintönig machten. Als +letztes Mittel verzichtete er vorläufig auf jede Lektüre und, von +Langeweile verzehrt, entschloss er sich, um sein müssiges Dasein zu +ändern, ein Projekt auszuführen, welches er aus Bequemlichkeit und Hass +gegen jede Störung fortwährend aufgeschoben, seitdem er sich in Fontenay +niedergelassen hatte. + +Da er sich nicht mehr an den bezaubernden Wirkungen des Stils zu +berauschen vermochte, sich nicht mehr an den entzückenden Überraschungen +des schönen Pathos aufregen konnte, beschloss er die Ausstattung seiner +Wohnung zu vollenden, sich seltene Treibhausblumen anzuschaffen, um sich +auf diese Weise eine materielle Beschäftigung zuzugestehen, die ihn +zerstreuen, seine Nerven erholen, sein Gehirn ausruhen lassen würde. Er +hoffte, dass der Anblick ihrer seltsamen und prachtvollen Schattierungen +ihn etwas entschädigen würde für die wahrhaft wunderlichen Farben des +Stils, welchen seine litterarische Diät ihn momentan vergessen oder +verlieren liess. + + + + + ACHTES KAPITEL. + + +Von jeher hatte der Herzog für Blumen geschwärmt. + +Seit langem schon verachtete er die gewöhnlichen Pflanzen, denen man +wohl in den flachen Körben auf den Pariser Märkten in angefeuchteten +Töpfen unter den grünen Zelttüchern und roten Schirmen begegnet. + +Wie sich sein litterarischer Geschmack und sein Kunsturteil verfeinert +und sich sein Überdruss an allgemein verbreiteten Ideen verstärkt hatte, +so hatte sich auch seine Zärtlichkeit für Blumen von jedem Bodensatz und +jeder Hefe losgemacht und geklärt. + +Er verglich den Laden eines Gärtners mit einem Mikrokosmus, wo alle +Klassen der Gesellschaft vertreten sind: jämmerliche, elende und +erbärmliche Blumen, die sich nur auf den Fensterbrettern der Dachkammern +wohl befinden, deren Wurzel oft in Milchtöpfe und alte Schalen gesteckt +wird, wie zum Beispiel der Goldlack; anspruchsvolle und dumm +gefallsüchtige Blumen, wie sie von jungen Mädchen auf Porzellantöpfe, +wie zum Beispiel die Rose, gemalt werden; schliesslich die Blumen hohen +Geschlechtes, wie die Orchideen, zart und reizend, zitternd und +fröstelnd, exotische Blumen, die, nach Paris verbannt, warmen +Glaspalästen gezüchtet werden, Prinzessinnen des Pflanzenreichs, die, +für sich lebend, nichts gemein haben mit den Pflanzen der Strasse und +dem bürgerlichen Blumenflor. + +Nichtsdestoweniger fühlte er ein gewisses Mitleid mit den niederen +Blumen, die durch die Ausströmungen der Kloaken und Dünste aller Art in +den ärmlichen Vierteln entkräftet werden; seine wirkliche Augenfreude +waren die vornehmen und seltenen Pflanzen von weit her, die mit grösster +Sorgfalt durch künstliche Ofenwärme erhalten werden. + +Dieser entschiedene Vorzug für die Treibhausblume hatte sich ebenfalls +durch den Einfluss seiner allgemeinen Ideen modifiziert. Damals in Paris +hatte seine natürliche Vorliebe für das Künstliche ihn dahin geführt, +die wirkliche Blume gegen ihr treu nachgeahmtes Bild aufzugeben, das +dank den Wundern des Gummis, des Drahtes, des Taffets, des Papiers und +des Sammets sein buntes Scheinleben führte. + +Er besass eine wunderbare Sammlung künstlicher tropischer Pflanzen, von +den Händen tüchtiger Arbeiter angefertigt. + +Diese bewunderungswürdige Kunst hatte ihn lange bezaubert, aber er +träumte jetzt von der Zusammenstellung einer andern Flora. + +Er machte sich daher daran, die Treibhäuser der Avenue de Châtillon und +des Dorfes d'Aunay zu besuchen, kam todmüde nach Hause, die Börse leer, +aber entzückt über die Tollheiten der Pflanzenwelt, die er gesehen +hatte. + +Er dachte nur noch an die Sorten, die er erworben, ruhelos verfolgt von +dem Gedanken an die prachtvollen und seltsamen Blumenbeete. + +Zwei Tage später kamen mehrere Wagen. Mit der Liste in der Hand rief der +Herzog seine Einkäufe auf und prüfte einen nach dem andern. + +Die Gärtner hoben von ihrem Karren eine Sammlung von Caladien, die an +gedunsenen haarigen Stielen enorme schildförmige Blätter trugen. Alle +hatten einen Zug von Verwandtschaft miteinander, ohne sich indessen +gleich zu sein. + +Es waren darunter ganz ungewöhnliche rosenfarbige, solche wie die +Virginale, die aus Wachstuch oder englischem Pflaster geschnitten zu +sein schien; ganz weisse, wie der Alban, den man aus einer +durchsichtigen Schweinsblase hergestellt glaubte; einige, besonders +Madame Mame, sahen aus wie Zink, auf dem kleine Stückchen gestanzten +Metalls glänzen, in kaisergrüner Farbe, wie mit Tropfen Ölfarbe, rotem +Bleioxyd oder Bleiweiss bespritzt; andere, wie der Bosporus, glichen +täuschend gestreiftem Kattun, rot und myrtengrün gesprenkelt; wieder +andere, wie die Aurora Borealis, breiteten ihre fleischfarbenen Blätter +aus, mit purpurroten Rändern und violetten Fäserchen, ein +aufgeschwollenes Blatt, das rötlichen Wein und Blut schwitzte. + +Die Gärtner brachten neue Varietäten, die einer künstlichen Haut, von +roten Adern durchzogen glichen; und die Mehrzahl, wie zerfressen von +Aussatz, spannten ihr bleiches Fleisch aus, gefleckt mit Ausschlag und +behaftet mit Flechten; andere hatten den hellen rosa Ton von sich +schliessenden Wunden, oder die bräunliche Färbung des sich bildenden +Schorfes; noch andere waren wie von Ätzmitteln verbrüht und von +Brandwunden zerstört; wieder andere zeigten eine haarige Haut wie von +Geschwüren ausgehöhlt und vom Krebs zerfressen; noch andere schienen mit +Verband belegt, mit quecksilberhaltiger schwarzer Schmiere und grüner +Belladonnasalbe bestrichen, mit dem gelben Glimmer des Jodpulvers +gesprenkelt. + +»Potztausend!« rief er entzückt aus. + +Eine neue Pflanze von gleichartigem Modell wie das des Caladium, die +Alocasia Metallica begeisterte ihn noch mehr. Diese war wie mit einer +Schicht grüner Bronze überstrichen, über welche silberne Reflexe +hinliefen; es war ein Meisterwerk der Unnatürlichkeit, man möchte sagen, +es gliche einem Stück Ofenrohr, von einem Töpfer aus grünem Eisen +gefertigt. + +Die Leute luden dann rautenförmige, flaschengrüne Blattpflanzen ab, in +deren Mitte ein Stäbchen aufstieg, an dessen Ende ein grosses Herzass +schwankte, gelackt wie die spanische Pfefferschote. Wie um die +alltäglichen Erscheinungen der Pflanzen zu verhöhnen, sprang aus der +Mitte von scharfem Rot ein fleischiger, faseriger, weiss und gelber +Schwanz hervor, aufrecht bei den einen, bei den anderen geringelt wie +der Schwanz eines Schweines. + +Es war das Anthurium, eine Arumart, kürzlich von Kolumbia nach +Frankreich eingeführt; sie bildete einen Teil dieser Familie, zu welcher +auch ein Amorphophallus gehörte; eine Pflanze aus Kochinchina mit +fischstecherartig geschnittenen Blättern, mit langen schwarzen, mit +Narben bedeckten Stielen, gleich vernarbten Gliedern eines Negers. + +Herzog Jean frohlockte. + +Man hob einen neuen Schub von Ungeheuern vom Wagen: Echinopsen, deren in +Watte gehüllte Blüten das hässliche Rosa eines verstümmelten Gliedes +hatten; Nidularium, in Säbelscheiden eine gähnende Öffnung zeigend; +Tillandsia Lindeni, schartige Messer von dicker roter Farbe +hervorsteckend; Cypripedium, mit wirrigen, zerrissenen Rändern, eine +wahnsinnige Hervorbringung der Natur. Sie glichen einer kleinen Schale, +einem Holzschuh, über welchem sich eine menschliche Zunge aufschürzte +mit ausgestrecktem Zungenband, wie man sie wohl in Werken, die Hals- und +Mundkrankheiten behandeln, abgebildet findet. Zwei kleine Flügelchen, +rot wie Ebereschen, die einer Kindermühle entnommen zu sein schienen, +vervollständigten dieses lächerliche Gesamtbild. + +Er konnte seine Augen nicht abwenden von dieser unglaublichen aus Indien +kommenden Orchidee. Die Gärtner, durch die Zögerung gelangweilt, fingen +jetzt selbst an, mit lauter Stimme die an den Töpfen steckenden Zettel +vorzulesen. + +Herzog Jean setzte seine Betrachtungen fort; er hörte nahezu bestürzt +die rauhen Namen der grünen Pflanzen ankündigen: Encephalartos Horridus, +eine riesenhaft eiserne Artischocke, rostfarbig gezeichnet, so, wie man +sie auf die Thüren der Schlossmauern steckt, um das Übersteigen zu +verhindern; Cocos Micania, eine Art Palme, zackig und schlank, allseitig +von hohen Blättern gleich indianischen Rudern umgeben; Zamia Lehmanni, +eine ungeheure Ananas, wie ein gewaltiger Chesterkäse in Heideland +gepflanzt und auf seiner Spitze mit widerhakigen Wurfspiessen besät; +Cibotium Spectabile, alle Gattungen durch seine wahnsinnige Form +überbietend: aus einem palmigen Blätterwerk schiesst der enorme Schwanz +eines Orang-Utang heraus, ein haarig brauner Schwanz, am Ende wie zu +einem Bischofsstab abgerundet. + +Aber der Herzog beachtete sie kaum und wartete nur mit Ungeduld die +Serie von Pflanzen ab, welche ihn vor allen bezauberten, die +vegetabilischen leichenfressenden Kobolde, die fleischverzehrenden +Pflanzen, Gobe-Mouche, der Fliegenfänger der Antillen, mit dem faserigen +Rand, eine Verdauungsflüssigkeit absondernd, mit gebogenen Stacheln +versehen, die sich übereinander krümmen, ein Gitter über dem Insekt +bildend, welches er einschliesst; die Drosera des Torflandes, mit +drüsenartigen Haaren besetzt; die Sarracena, der Cephalothus, seine +gefrässigen Hörnchen öffnend, fähig, wirkliches Fleisch zu verdauen und +aufzuzehren; schliesslich noch Nepenthes, dessen Phantasieen alle +Grenzen der excentrischen Form überschreiten. + +Er wurde nicht müde, den Topf in seinen Händen zu drehen und umzudrehen, +aus dem diese Extravaganz der Flora hervorkam. Die Pflanze erinnerte an +den Gummibaum, von dem sie auch die länglichen Blätter hatte, mit ihrem +dunklen metallischen Grün; aber am Ende dieses Blattes hing ein grüner +Bindfaden, der sich einer Nabelschnur vergleichen lässt, eine grünliche +Urne tragend, violett marmoriert, eine Art deutsche Porzellanpfeife oder +sonderbares Vogelnest, welches sich ruhig hin und her wiegte, ein mit +Haaren besetztes Inneres zeigend. + +»Diese hat es weit gebracht,« murmelte der Herzog. + +Er musste sich seinem Entzücken entreissen, denn die Gärtner, die es +eilig hatten, leerten den Boden ihrer Karren und stellten knollige +Begonien und schwarze Krebsblumen auf die Erde. + +Der Herzog bemerkte, dass noch ein Name auf der Liste blieb. Der +Cattleya von Neu-Granada; man bezeichnete ihm eine geflügelte Glocke von +verwischtem, fast verblasstem Lilablau; er ging näher und steckte seine +Nase hinein, doch prallte er erschrocken zurück; sie strömte nämlich +einen Geruch von lackiertem Tannenholz aus, wie der von +Spielzeugschachteln, die ihm die Schrecken eines Neujahrstages +wachriefen. + +Er dachte, dass es gut wäre, ihr zu misstrauen, bedauerte fast, zwischen +den geruchlosen Pflanzen, die er besass, diese Orchidee zugelassen zu +haben, die so unangenehme Erinnerungen erweckte. + +Als er allein war, betrachtete er diese Menge von Gewächsen, die sein +Vorzimmer füllte; sie mischten sich miteinander, kreuzten ihre Degen, +ihre langen Dolche, ihre eisernen Lanzen, sie bildeten eine grüne +Gewehrpyramide, über welcher, gleich barbarischen Lanzenfähnlein, Blumen +von blendendem, hartem Ton schwebten. + +Die Luft in dem Raum verdünnte sich; bald darauf, im Dunkel eines +Winkels und nahe dem Fussboden, schlängelte sich ein weisses, sanftes +Licht. + +Er trat hinzu und bemerkte, dass es die Rhizomorphen waren, welche beim +Atmen gleichsam einen Nachtlampenschimmer ausstrahlen. + +»Diese Pflanzen sind geradezu erstaunlich,« sagte er zu sich; dann trat +er zurück und warf einen Blick auf den Haufen: sein Zweck war erreicht. +Keine einzige machte den Eindruck des Natürlichen; Stoff, Papier, +Porzellan, Metall, sie schienen der Natur vom Menschen geliehen zu sein, +um solche Extravaganzen hervorzubringen. + +»Es ist wahr,« fuhr Herzog Jean fort, »dass in den meisten Fällen die +Natur allein unfähig ist, solche ungesunden, verdorbenen Gattungen zu +erzeugen; sie liefert den ersten Stoff, den Keim und den Boden, die +Nährmutter und die wesentlichen Bestandteile der Pflanze, die der Mensch +aufzieht, modelliert, malt und schnitzt je nach seinem Gefallen. + +So eigensinnig, so verworren, so beschränkt sie auch ist, sie hat sich +schliesslich ergeben und ihr Meister hat es dahin gebracht, durch +chemische Gegenwirkungen die Substanzen der Erde zu verändern, lang +gereifte Zusammenstellungen, langsam vorbereitete Kreuzungen anzuwenden, +sich geschickter Ableger, methodischer Pfropfreiser zu bedienen, und er +bildet jetzt auf demselben Zweig Blumen verschiedener Farbe, erfindet +für sie neue Nüancen und ändert nach seinem Willen die hundertjährige +Form ihrer Pflanzen; er schleift die Blöcke ab, vollendet die Entwürfe, +zeichnet sie mit seinem Stempel, drückt ihnen sein Kunstsiegel auf. + +Kein Zweifel,« meinte er, seine Betrachtungen zusammenfassend, »der +Mensch kann in wenigen Jahren eine Zuchtwahl herbeiführen, die die faule +Natur nur nach Jahrhunderten hervorzubringen vermag; heutzutage sind +entschieden die Gärtner allein die wahren Künstler.« + +Er fühlte sich etwas angegriffen und erstickte fast in der Atmosphäre +der eingeschlossenen Pflanzen; die Wege, die er seit ein paar Tagen +gemacht, hatten ihn ermüdet; der Wechsel der freien Luft und der +lauwarmen Temperatur seiner Wohnung, die Unbeweglichkeit eines +zurückgezogenen Lebens und die Bewegung eines freien Daseins waren zu +schroff gewesen. Er verliess sein Vorzimmer und legte sich aufs Bett; +aber mit einem einzigen Gegenstand beschäftigt, wie durch eine +Federkraft in Bewegung gesetzt, fuhr der Geist, obgleich eingeschläfert, +fort, seine Kette abzuwickeln; und es dauerte nicht lange, bis er der +düstern Macht des Alps verfiel. + +Er befand sich in einer Allee mitten im Gehölz. Es dämmerte; er ging an +der Seite einer Frau, die er nie gekannt, noch je gesehen hatte. Sie war +mager, hatte flachsgelbes Haar, ein Bulldoggengesicht voller +Sommersprossen, schiefe Zähne, die unter der Stumpfnase hervorstanden. +Sie trug eine grosse weisse Schürze, ein Tuch aus Büffelleder über die +Brust geschlagen, halbhohe preussische Soldatenstiefel und eine schwarze +Haube mit Rüschen verziert. + +Sie schien eine Fremde und sah aus wie eine dem Jahrmarkt entlaufene +Gauklerin. + +Er fragte sich, wer dieses Weib sein möge, das er schon seit langem in +seiner Intimität fühlte; er suchte vergeblich nach ihrem Ursprung, ihrem +Namen, ihrem Gewerbe, ihrem Recht, neben ihm zu sein; ihm kam keine +Erinnerung an diese unerklärliche Bekanntschaft, die doch zweifellos +war. + +Er forschte noch immer in seinem Gedächtnis, als plötzlich vor ihnen +eine seltsame Figur zu Pferde erschien, die plötzlich herantrabte und +sich dann im Sattel herumdrehte. + +Jetzt erstarrte sein Blut vor Schreck in den Adern, wie gebannt blieb er +an seinem Platz. Dieses doppelsinnige Gesicht, ohne Geschlecht, war +grün, mit entsetzlichen Augen von kaltem, klarem Blau, die unter +violetten Augenlidern hervorsahen; Ausschlag umgab den Mund; +aussergewöhnlich magere Arme, wie die eines Skelettes, nackt bis zum +Ellbogen, steckten aus zerrissenen Ärmeln hervor, zitternd vor Fieber, +und fleischlose Lenden klapperten in übergrossen Reiterstiefeln. + +Der entsetzliche Blick dieser Augen heftete sich auf Herzog Jean, +durchdrang ihn, erstarrte ihn bis zum Mark; die Frau mit dem +Bulldoggengesicht klammerte sich in wahnsinniger Angst an ihn, stiess +ein Todesgeheul aus, den Kopf auf den steifen Hals hintenüber geworfen. + +Und sogleich begriff er den Sinn dieser furchtbaren Erscheinung. Er +hatte das Bildnis der Lustseuche vor sich. + +Ausser sich und von Furcht getrieben warf er sich in einen Querweg, +erreichte laufend einen Pavillon, der zwischen Ebenholzbäumen stand; +dort sank er in einem Korridor auf einen Stuhl nieder. + +Nach einigen Minuten, als er anfing wieder zu Atem zu kommen, vernahm er +ein Schluchzen neben sich, er richtete den Kopf in die Höhe ... die Frau +mit dem Bulldoggenkopf stand vor ihm; und jämmerlich grotesk weinte sie +heisse Thränen, jammernd, dass sie während der Flucht ihre Zähne +verloren habe, indem sie aus der Tasche ihrer grossen weissen Schürze +Thonpfeifen hervorzog, die sie zerbrach, und die Stücke der weissen +Röhren in die Löcher ihres Zahnfleisches steckte. + +Teufel, jetzt wird sie ganz verrückt, dachte der Herzog, die +Pfeifenrohrstücke werden niemals festsitzen, -- und in der That, sie +fielen auch alle eines nach dem andern wieder aus. + +Im selben Augenblick vernahm er den Galopp eines Pferdes. Ein +furchtbarer Schreck erfasste den Herzog; fast brachen seine Kniee unter +ihm zusammen; der Galopp kam näher; die Verzweiflung trieb ihn wie mit +einem Peitschenhieb in die Höhe. Er warf sich auf das Weib, das auf den +zerbrochenen Thonstücken herumtrampelte, sie anflehend, ruhig zu sein, +sie beide nicht zu verraten durch den Lärm ihrer Stiefel. Sie schlug mit +Händen und Füssen um sich, er schleifte sie bis zum Ende des Korridors, +sie fast erwürgend, um sie am Schreien zu hindern; plötzlich bemerkte er +eine Wirtshausthür mit grünem Laden, ohne Klinke; er stiess sie auf, +nahm einen Anlauf, blieb aber plötzlich stehen. + +Vor sich, mitten in einer weiten Lichtung, sah er riesige, weisse +Pierrots bei hellem Mondschein Bocksprünge machen. + +Thränen der Entmutigung stiegen ihm in die Augen; niemals, nein niemals +würde er die Schwelle der Thür überschreiten können. + +Ich würde zertreten werden, dachte er, -- und wie um seine Befürchtungen +zu rechtfertigen, vervielfältigte sich die Zahl der ungeheuren +Hanswurste; ihre Sprünge nahmen jetzt den ganzen Horizont und den ganzen +Himmel ein, gegen welchen sie abwechselnd bald mit ihren Köpfen, bald +mit ihren Füssen stiessen. + +Jetzt hielt das Pferd an. Es war da, ... hinter einem runden Fenster in +dem Korridor; mehr tot als lebendig drehte sich der Herzog um und sah +durch das Fensterchen hindurch die steifen graden Ohren, die gelben +Zähne, die Nasenlöcher, aus denen Dampf strömte, der nach Phenol roch. + +Er sank nieder, auf ferneren Kampf wie auf die Flucht verzichtend; er +schloss die Augen und machte sich auf alles gefasst, ersehnte selbst, +nur um zu endigen, den Gnadenstoss. Ein Jahrhundert, das zweifellos nur +eine Minute dauerte, verging; zitternd und schaudernd öffnete er wieder +die Augen. -- Alles war verschwunden; ohne Übergang, wie durch einen +Aussichtswechsel, wie durch einen Dekorationstrick sah er eine +abscheuliche Landschaft von Gestein in der Ferne verschwinden, eine +wüste, bleiche, durchwühlte, tote Landschaft; diese schaurige Gegend war +von einem ruhigen weissen Licht erhellt, das an die Strahlen des in Öl +aufgelösten Phosphors erinnerte. + +Auf dem Boden bewegte sich etwas, das sich als ein sehr blasses, nacktes +Weib erwies, dessen Beine mit grünen Strümpfen bekleidet waren. + +Er betrachtete sie neugierig; wie mit heissem Eisen gebrannte +Pferdehaare kräuselte sich ihr Haar, an der Spitze gespalten; Urnen von +Nepenthes hingen an ihren Ohren; wie gekochtes Kalbfleisch glänzte das +Innere ihrer weit geöffneten Nasenlöcher. Mit verzückten Augen rief sie +ihn leise. + +Er hatte nicht Zeit zu antworten, denn schon veränderte sich das +Aussehen dieses Weibes; Flammen schossen aus ihren Augen; ihre Lippen +färbten sich mit wildem feurigen Rot. + +Eine plötzliche Erkenntnis überkam ihn: das ist die Blume, sagte er +sich. + +Er entdeckte auf der Haut des Körpers schwarzbraune, kupferrote Flecke; +er schreckte verstört zurück, aber das Auge des Weibes zog ihn +zauberisch an und langsam trat er näher, versuchend, nicht weiter zu +gehen, niedersinkend, und sich dennoch wieder aufraffend, um sich ihr zu +nähern. Schon berührte er sie fast, als plötzlich schwarze +Amorphophallen von allen Seiten hervorsprangen und sich auf den Leib des +Weibes losstürzten, der sich hob und senkte wie ein wildbewegtes Meer. +Er schob sie beiseite, stiess sie zurück, einen grenzenlosen Widerwillen +empfindend, während er zwischen seinen Fingern diese warmen aber festen +Stengel wimmeln sah; dann waren die abscheulichen Pflanzen plötzlich +wieder verschwunden und zwei Arme suchten ihn zu umschlingen; die Angst +machte sein Herz heftig schlagen, denn die Augen, die schrecklichen +Augen des Weibes hatten einen kalten grausamen, entsetzlichen Ausdruck +angenommen. Er machte eine übermenschliche Anstrengung, um sich ihrer +Umarmung zu entwinden, aber mit unwiderstehlicher Gewalt hielt sie ihn +zurück, erfasste ihn, und mit irrem Blick sah er unter dem hochgehobenen +Schenkel das wilde Nidularium sich klaffend und blutend entfalten. + +Er streifte mit seinem Körper die scheussliche Wunde dieser Pflanze; er +fühlte sich dem Tode nahe ... da fuhr er plötzlich aus dem Schlafe auf, +halb erstickt, eiskalt, fast wahnsinnig vor Angst, und erleichtert +aufatmend seufzte er: + +»Gott sei Dank, dass es nur ein Traum!« + + + + + NEUNTES KAPITEL. + + +Dieses Alpdrücken wiederholte sich; er fürchtete sich vor dem +Einschlafen. Er blieb stundenlang auf seinem Bett ausgestreckt, bald in +anhaltender Schlaflosigkeit und fieberhafter Aufregung, bald in +schrecklichen Träumen, in denen er den Boden unter den Füssen verlor, +eine Treppe hinunterstürzte oder in einen Abgrund fiel, ohne sich +festhalten zu können. + +Das während einiger Tage eingelullte Nervenleiden gewann wieder die +Oberhand und trat heftiger und eigensinniger unter neuen Formen auf. + +Jetzt belästigten ihn die Decken; er erstickte unter ihnen, hatte ein +Kribbeln im ganzen Körper, Hitze im Blut. Ein Prickeln peinigte ihn am +ganzen Leibe. Zu diesen Symptomen kam bald ein dumpfer Schmerz in den +Kinnbacken hinzu und das Gefühl, als wenn seine Schläfen in einen +Schraubstock gepresst würden. + +Seine Befürchtungen wuchsen; unglücklicherweise fehlten die Mittel, +diese hartnäckige Krankheit zu bezwingen. + +Ohne Erfolg hatte er Kaltwasserapparate in seinem Ankleidezimmer +herrichten zu lassen versucht. Die Unmöglichkeit, das Wasser auf die +Höhe, auf der sein Haus lag, hinaufzuleiten, die Schwierigkeit, es sich +in genügender Quantität zu verschaffen in einem Dorf, wo die Brunnen +sparsamkeitshalber nur zu gewissen Stunden im Betrieb waren, verhinderte +die Benutzung; da er sich nicht durch den Wasserstrahl peitschen lassen +konnte, der, kräftig auf die Wirbelsäule gerichtet, mächtig genug war, +um die Schlaflosigkeit zu bekämpfen und die Ruhe herbeizuführen, musste +er sich mit kurzen Abwaschungen in seiner Badewanne oder mit einfachen +Übergiessungen begnügen, worauf er sich von seinem Diener mit +Pferdehaarhandschuhen frottieren liess. + +Aber dieses schwache Mittel hemmte das Vorschreiten des Nervenleidens +keineswegs; höchstens empfand er während einiger Stunden etwas +Erleichterung, übrigens teuer genug bezahlt durch die Rückfälle, die +sich immer heftiger erneuerten. + +Seine Unzufriedenheit nahm mehr und mehr zu; die Freude, einen seltenen +Blumenflor zu besitzen, war verflogen; er war schon gegen ihre Farben +und Formen abgestumpft; denn trotz aller Sorgfalt, mit der er sie +pflegte, verwelkten die meisten seiner Pflanzen. Er liess sie daher aus +seinen Zimmern entfernen. + +Jetzt ärgerte ihn wieder bei seiner Reizbarkeit der leere Raum, den sie +vorher eingenommen hatten. + +Um sich zu zerstreuen und die endlosen Stunden zu töten, nahm er +Zuflucht zu seinen Kupferstichen und ordnete seine Goyas. Die ersten +Drucke der »Capriccios«, an ihrem rötlichen Ton erkennbar, früher einmal +mit schwerem Gelde erstanden, heiterten ihn auf. Er vertiefte sich in +sie, den Phantasieen des Künstlers folgend, verliebt in seine +phantastischen Scenen, seine auf Katzen reitenden Hexen, seine Weiber, +die da versuchen, einem Gehängten die Zähne auszureissen, seine Räuber, +seine Dämonen und Zwerge. + +Dann durchblätterte er alle andern Serien seiner Radierungen und +Aquatintazeichnungen, seine unheimlichen »Sprichwörter«, seine wilden +Kriegs-Skizzen, seinen Kupferstich des Garot, von dem er einen +wunderbaren Künstlerabdruck auf dickem Papier von sichtbaren +Wasserstreifen durchzogen, besonders gern hatte. + +Das wilde Feuer, das herbe, stürmische Talent von Goya fesselte ihn; +aber die allgemeine Bewunderung, die seine Werke erlangt hatten, +brachten ihn trotzdem etwas von ihm ab, und er hatte daher davon +abgesehen, sie einrahmen zu lassen, aus Furcht, dass, wenn er sie zur +Schau stellte, der erste beste Einfaltspinsel es für nötig hielte, +Dummheiten darüber loszulassen oder vor Entzücken ausser sich zu +geraten. + +Es ging ihm ebenso mit seinen Rembrandts, die er dann und wann mit +heimlichem Entzücken betrachtete; denn wie die schönste Arie der Welt +unausstehlich wird, sobald sie der Pöbel summt und die Strassenorgel +sich ihrer bemächtigt, so wird das Kunstwerk, das den unselbständigen +Künstler zur Nachahmung reizt, das die Dummköpfe loben und das sich +nicht damit begnügt, die Begeisterung von wenigen zu erregen, ebenfalls +für die Kenner entweiht, banal, ja widerwärtig. + +Dieses Schwanken in seiner Bewunderung war übrigens mit sein grösster +Kummer; äusserliche Erfolge hatten ihm Bilder und Bücher, die ihm +ehemals teuer waren, für immer verleidet; infolge des Beifalls der +Stimmenmehrheit entdeckte er zuletzt Mängel, die gar nicht da waren, er +wies sie zurück, indem er sich fragte, ob sein Scharfsinn sich nicht +abstumpfe und ihn betrüge. + +Er schloss seine Mappen und verfiel wieder einmal seinen schwankenden +Gefühlen und unfruchtbaren Grübeleien. Um den Lauf seiner Gedanken zu +ändern, nahm er besänftigende Lektüre zur Hand, versuchte sich das +Gehirn abzukühlen. Er las die Romane von Dickens, an denen sich die +Genesenden und die Unglücklichen entzücken. + +Aber diese Bücher brachten die entgegengesetzten Wirkungen hervor, als +er erwartet hatte: er sah nur keusch Liebende, steif gekleidete +Heldinnen, die nur beim Sternenlicht lieben und sich begnügen, die Augen +zu senken, zu erröten oder vor Glück zu weinen, indem sie sich die Hände +drücken. Diese übertriebene Keuschheit führte ihn der entgegengesetzten +Übertreibung zu; so dass er von einem Extrem ins andere fiel, sich +mächtig bewegter Scenen erinnerte, an die sexuellen Beziehungen zwischen +Mann und Weib und an ihre Küsse dachte. + +Er unterbrach seine Lektüre und grübelte weiter über die Prüderie +Englands. Er wurde von einer seltsamen Aufregung befallen. Die +Zeugungsunfähigkeit seines Gehirns und seines Körpers, die er für eine +permanente gehalten hatte, verschwand. Die Einsamkeit wirkte belebend +auf seine Nerven. Die sinnliche Seite, seit Monaten ganz unempfindlich, +war zuerst wieder durch die entnervende fromme Lektüre angeregt, dann +durch die englische Ziererei zu einer Nervenkrisis gesteigert und stand +jetzt in voller Blüte da; durch die Erregtheit seiner Sinne in die +Vergangenheit zurückgeführt, watete er im Schmutz seiner alten +Erinnerungen herum. -- + +Er stand auf und öffnete schwermütig eine kleine vergoldete Dose, deren +Deckel mit glitzernden Steinen besetzt war. + +Sie war voll von violetten Bonbons; er nahm einen heraus und ihn mit den +Fingerspitzen leicht berührend, dachte er an die seltsamen +Eigentümlichkeiten dieses Bonbons. Damals, als er sich seiner Impotenz +klar ward, als er noch ohne Bitterkeit, ohne Bedauern, ohne neues +Verlangen an das Weib dachte, legte er einen dieser Bonbons auf die +Zunge, liess ihn zergehen, und plötzlich stiegen mit einer unendlichen +Sanftheit verwischte Rückerinnerungen an wollüstige Ausschweifungen in +ihm auf. + +Diese Bonbons, von Siraudin erfunden und mit dem lächerlichen Namen +»Perles de Pyrénées« bezeichnet, enthielten einen Tropfen Sarcanthusöl. +Sie drangen in die Schleimhäute ein und erinnerten ihn an die Wollust +aromatischer Küsse. + +Gewöhnlich lächelte er beim Einatmen dieses verliebten Aromas, das ihm +ein Teilchen Nacktheit vor das geistige Auge führte und für einen +Augenblick wieder das Verlangen nach dem noch vor kurzem angebeteten +Geruch bestimmter Frauen in ihm rege machte. + +Jetzt wirkten sie nicht mehr heimlich und leise, sie beschränkten sich +nicht mehr darauf, das Bild ferner und konfuser Ausschweifungen +anzufachen -- im Gegenteil, die Schleier zerrissen, und vor seinen Augen +entstand die verkörperte, zudringliche, brutale Wirklichkeit. + +An der Spitze der Fata morgana ehemaliger Geliebten, welche der Genuss +dieses Bonbons in klaren Zügen zu zeichnen half, befand sich eine mit +grossen weissen Zähnen, mit einer Haut wie von rosa Atlas, die Nase wie +gemeisselt, mit kleinen Mäuseaugen und kurz abgeschnittenem blonden +Haar. + +Sie hiess Miss Urania, war Amerikanerin und eine der berühmtesten +Akrobatinnen des Cirkus, deren schön proportionierter Körper, kräftige +Schenkel und Muskeln von Stahl und Eisen Aufsehen erregte. + +Herzog Jean hatte sie während langer Abende aufmerksam beobachtet; die +ersten Male war sie ihm wie sie wirklich war erschienen, das heisst +kräftig und hübsch, aber der Wunsch, sich ihr zu nähern, packte ihn +nicht; sie besass nichts, was sie der Lüsternheit eines blasierten +Menschen begehrlich machen konnte, und doch ging er wieder nach dem +Cirkus hin, angelockt, ohne zu wissen wovon, getrieben von einem schwer +zu erklärenden Gefühl. + +Während er ihre Bewegungen verfolgte, machte er eine sonderbare +Beobachtung; in dem Masse, wie er ihre Geschmeidigkeit und ihre Kraft +bewunderte, sah er eine Geschlechtsveränderung mit ihr vorgehen: ihre +zierlichen und weiblichen Bewegungen verwischten sich mehr und mehr, +während sich die gewandten und kräftigen Reize des Mannes dafür +vordrängten; kurz, nachdem sie sich zuerst als Weib gezeigt, dann für +eine kurze Zeit geschlechtslos gewesen war, schien sie vollständig Mann +geworden zu sein. »Diese Akrobatin könnte sich, wie sich ein kräftiger +Kerl in ein zartes Mädchen verliebt, auch in einen Schwächling, wie ich +es bin, verlieben,« sagte sich der Herzog; und indem er sich betrachtete +und Vergleiche zog, wurde es ihm klar, dass er immer femininer wurde; +und er sehnte sich nach dem Besitz dieser Frau und begehrte sie, wie +sich ein bleichsüchtiges junges Mädchen wohl nach einem robusten Manne +sehnt, dessen Liebkosungen sie zu erdrücken drohen. + +Dieser Austausch des Geschlechtes zwischen der Akrobatin und ihm +begeisterte ihn. »Wir sind für einander bestimmt,« überzeugte er sich +selbst. + +Eines schönen Abends entschloss er sich, die Logenschliesserin +abzuschicken. Aber Miss Urania hielt es für angemessen, ihm nicht eher +Gehör zu schenken, bis er ihr den üblichen Hof gemacht; doch zeigte sie +sich wenig grausam, denn durch Hörensagen wusste sie, dass der Herzog +des Esseintes reich war und dass sein Name genügte, um eine Frau in Mode +zu bringen. + +Aber sobald seine Wünsche Erhörung gefunden hatten, übertraf seine +Enttäuschung alle bisherige Erfahrung. Er hatte sich die Akrobatin dumm +und roh wie einen Jahrmarktsringer vorgestellt, ihre Dummheit war aber +unglücklicherweise nur weiblich. Gewiss, es fehlte ihr an Erziehung und +an Takt, sie hatte weder Verstand noch Geist und sie bewies bei Tisch +einen tierischen Eifer, anderseits aber waren alle kindlichen Gefühle +des Weibes in ihr vorhanden; sie schwatzte auch und kokettierte wie alle +von ihren Albernheiten eingenommenen Frauenzimmer. + +Dabei bewahrte sie im Bett eine puritanische Zurückhaltung und zeigte +keine jener athletischen Roheiten, die er ersehnte, aber auch +gleichzeitig fürchtete. Sie war nicht, wie er es einen Augenblick +gehofft, den Aufregungen ihres Geschlechts unterworfen. Doch wenn er den +Mangel ihrer Sinnlichkeit recht untersucht hätte, so würde er eine +Neigung zu einem zarten, schmächtigen Wesen, zu einem ihm ganz +entgegengesetzten Temperamente, einem mageren Clown, entdeckt haben. + +Unglücklicherweise trat der junge Herzog wieder in die einen Moment +vergessene Männerrolle zurück; seine Eindrücke von weiblicher Natur, von +Schwäche, verschwanden; die Illusion war nicht mehr möglich. Miss Urania +war eine ganz gewöhnliche Maitresse, die in keiner Weise den neugierigen +Erwartungen des Gehirns entsprach, die sie anfangs hervorgerufen hatte. + +Obgleich der Reiz ihrer weichen, frischen Haut, ihrer prächtigen +Schönheit den Herzog zuerst überrascht und bei ihr zurückgehalten hatte, +suchte er dieses Verhältnis schnell wieder zu lösen und den Bruch zu +beschleunigen, denn seine frühzeitige Impotenz verschlimmerte sich noch +bei den eisigen Liebkosungen, bei dem gezierten Wesen dieses Mädchens. + +Und doch war sie die erste, die vor ihm stehen blieb bei dem +ununterbrochenen Vorbeimarsch dieser wollüstigen Bilder; wenn sie sich +aber schliesslich seinem Gedächtnis doch fester eingeprägt hatte als +eine Menge anderer, deren Reize weniger trügerisch und deren Genüsse +weniger beschränkt gewesen waren, so lag das an dem gesunden und +kräftigen Geruch ihres weiblichen Körpers; dieser Überfluss an +Gesundheit war das Gegenteil der Blutarmut, die man mit Parfüms +auffrischte, deren feinen Geruch er in dem zarten Siraudin-Bonbon +wiederfand. + +Er gedachte seiner andern Geliebten. Sie drängten sich wie eine Herde in +seinem Gehirn zusammen, doch alle überragte ein Weib, dessen +eigentümlicher Reiz ihn während mehrerer Monate aussergewöhnlich +gefesselt hatte. + +Es war eine kleine, magere Brünette mit schwarzen Augen und +pomadisierten Haaren, die auf dem Kopfe wie mit einem Pinsel angeklebt +waren, mit einem Scheitel auf der linken Seite, der ihr das Aussehen +eines Jungen gab. + +Er hatte sie in einem Café-Konzert kennen gelernt, wo sie +Bauchredner-Vorstellungen gab. + +Zum Erstaunen der Zuschauer, die sich fast unbehaglich bei diesen +Ausführungen fühlten, liess sie abwechselnd Kinder aus Pappe sprechen, +die wie Orgelpfeifen auf Stühlen aufgestellt waren. + +Herzog Jean war bezaubert gewesen; eine Menge von Ideen keimten in ihm +auf. Zuerst beeilte er sich, die Bauchrednerin mit Haufen von Banknoten +zu bändigen, da sie ihm gerade wegen des Kontrastes, den sie zu der +Amerikanerin bildete, gefiel. Diese kleine Brünette brannte wie ein +Krater; aber trotz all ihrer angewandten künstlichen Mittel erschöpfte +sich der Herzog in wenigen Stunden; er fuhr indessen fort, sich +willfährig von ihr ausziehen zu lassen, denn mehr als die Geliebte zog +ihn das Phänomen an. + +Endlich waren die Pläne, die er gemacht hatte, gereift. + +Er liess eines Abends eine Sphinx aus schwarzem Marmor bringen, in der +klassischen Stellung liegend, mit ausgestreckten Tatzen, mit steifem, +geradem Kopf, und eine Chimäre aus buntem Thon, mit gesträubter Mähne, +wilde Blicke werfend, mit den Strähnen ihres Schweifes ihre +geschwollenen Seiten fächelnd. Er stellte die beiden Tiere in seinem +Zimmer auf und löschte die Lampen aus. Die glühenden Kohlen im Kamin +glommen weiter und vergrösserten alle Gegenstände, die wie im Schatten +verschwanden. + +Dann streckte er sich auf dem Sofa aus, nahe seiner Geliebten, deren +unbewegliches Gesicht von dem Schein der Glut erleuchtet wurde, und +wartete. + +Mit seltsamen Tönen und Ausdrücken, welche er sie lange und geduldig +vorher hatte einüben lassen, belebte sie, ohne die Lippen zu bewegen, +ohne sie nur anzusehen, die beiden Ungeheuer. + +Und in der Stille der Nacht begann jetzt der wunderbare Dialog zwischen +der Chimäre und der Sphinx, vorgetragen mit tiefen, rauhen Kehllauten, +dann in scharfer, feiner Stimme: + +»Hier, Chimäre, halte still.« + +»Nie und nimmer.« + +Gewiegt von der entzückenden Prosa Flauberts, hörte er schwer atmend das +schreckliche Duett, und ein Schauder durchflog ihn vom Nacken bis zur +Zehe, als die Chimäre die feierlichen und zauberhaften Worte ausspricht: + +»Ich suche neue Wohlgerüche, prächtigere Blumen, unbekannte Genüsse.« -- + +Ach! es war ihm, als ob diese Stimme zu ihm selbst, geheimnisvoll, wie +in einer Beschwörung, sprach. + +Das ganze Elend seiner eigenen nutzlosen Anstrengungen strömte ihm zum +Herzen zurück. Sanft umfasste er das schweigende Weib wie ein +ungetröstetes Kind; nicht einmal das verdriessliche Gesicht der +Komödiantin beachtete er, die genötigt war, eine Scene zu spielen und +ihr Handwerk noch während ihrer Mussestunden auszuüben. + +Ihr Verhältnis dauerte fort, doch bald verschlimmerte sich die Schwäche +des Herzogs; die Aufwallungen seines Gehirns schmolzen nicht mehr das +Eis seines Körpers; die Nerven gehorchten nicht mehr seinem Willen; die +leidenschaftlichen Thorheiten der Greise beherrschten ihn. Da er sich +mehr und mehr bei seiner Geliebten schwach werden fühlte, nahm er seine +Zuflucht zu dem wirksamsten Hilfsmittel der alten und unbeständigen +Aufreizung, zu der Furcht. + +Während er seine Maitresse in seinen Armen hielt, erscholl hinter der +Thür eine rauhe Säuferstimme: »Wirst du gleich öffnen? Ich weiss sehr +gut, dass du mit einem reichen Gimpel zusammen bist, na warte nur, du +Schlange!« + +Wie die Wüstlinge in der Gefahr einen Reiz empfinden und im Freien, auf +den Böschungen, im Garten der Tuilerieen, im Wald oder auf einer Bank +ihre Sinnlichkeit befriedigen, so fand der Herzog vorübergehend seine +Kräfte wieder und stürzte sich auf die Bauchrednerin, deren Stimme +hinter der Thür tobte, und empfand unerhörte Genüsse in diesem +Herumstossen, in dieser Angst des Mannes, der sich in Gefahr befindet. + +Unglücklicherweise waren diese Freuden von kurzer Dauer, denn trotz der +enormen Summen, die er der Bauchrednerin bezahlte, verabschiedete ihn +diese schliesslich und gab sich noch demselben Abend einem strammen +Burschen hin, dessen Ansprüche weniger kompliziert, dessen Lenden aber +kräftiger waren. + +Diese Komödiantin hatte er wirklich bedauert und bei der Erinnerung an +ihre Geschicklichkeit schienen ihm die andern Frauen anmutlos. + +Eines Tages, da er allein in der Avenue de Latour-Maubourg spazieren +ging, in seine Betrachtungen und seinen Widerwillen gegen das weibliche +Geschlecht vertieft, wurde er nahe bei der Esplanade des Invalides von +einem jungen Menschen angeredet, der ihn bat, ihm den kürzesten Weg nach +der Rue de Babylone zu zeigen. + +Herzog Jean bezeichnete ihm den Weg, welchen er einzuschlagen hatte, und +da auch er die Esplanade entlang ging, so schritten sie zusammen weiter. + +»Sie glauben, dass es, wenn ich links gehen würde, ein Umweg wäre,« fuhr +der junge Mann zu fragen fort, »man hatte mir gesagt, die Avenue in +schräger Richtung zu verfolgen« ... seine Stimme klang leise und +schüchtern, fast bittend. + +Der Herzog betrachtete ihn näher. Er schien aus dem Gymnasium gekommen +zu sein, war ärmlich gekleidet, trug eine kurze Jacke aus Cheviot, eine +schwarze enge Hose, niedergeschlagenen Kragen und eine lose dunkelblaue +Krawatte mit weissen Punkten. + +In der Hand hielt er ein Schulbuch und hatte auf dem Kopf einen runden +braunen Hut mit glattem Rand. + +Sein Gesicht war beunruhigend; blass und müde, doch ziemlich regelmässig +und von langem, schwarzem Haar umrahmt; er hatte grosse feuchte Augen +mit blauen Rändern, um die Nase herum einige Sommersprossen und einen +kleinen Mund mit starken Lippen, die in der Mitte wie eine Kirsche +gespalten waren. + +Sie sahen sich eine Weile an, gerade ins Gesicht, dann schlug der junge +Mensch die Augen nieder und kam näher; sein Arm streifte bald den des +Herzogs, der seinen Schritt mässigte und nachdenklich den wiegenden Gang +des Jünglings betrachtete. + +Und aus dieser zufälligen Begegnung war eine Freundschaft entstanden, +die sich Monate lang hinzog. + +Der Herzog dachte mit Schaudern an sie zurück, niemals hatte er einen +anziehenderen und herrischeren Pakt ertragen, niemals hatte er solche +Gefahren gekannt und niemals noch sich so schmerzhaft befriedigt +gefühlt. + +Unter allen Erinnerungen, die ihn in seiner Einsamkeit bestürmten, +beherrschte dieses Liebesverhältnis alle andern. -- + +Jetzt erwachte er aus seinen Träumereien, gebrochen, vernichtet, +sterbend, und schnell alle Lichte und Lampen anzündend, hoffte er in +dieser Flut von Licht weniger deutlich das dumpfe, unaufhörliche, +unausstehliche Klopfen der Pulsadern zu vernehmen. + + + + + ZEHNTES KAPITEL. + + +Während dieser seltsamen Krankheit, die blutarme Menschen hinwegrafft, +traten plötzlich kurze Pausen der Krisen ein. Ohne dass er sich ihren +Grund zu erklären vermochte, wachte der Herzog eines Tages ganz kräftig +auf. Da war nichts mehr von aufreibendem Husten zu spüren, keine +stechenden Schmerzen mehr im Nacken, nur ein unbeschreibliches Gefühl +von Wohlbehagen, eine Leichtigkeit des Hirns, dessen Gedanken sich +erhellten. + +Dieser Zustand währte mehrere Tage; dann plötzlich zeigten sich eines +Nachmittags wiederum Hallucinationen des Geruchssinnes. + +Sein Zimmer duftete wie von Backwerk und Parfüm; er sah nach, ob nicht +ein geöffnetes Flacon umherstand; doch nirgends war ein solches zu +finden. Er lief durch alle seine Gemächer: der Geruch dauerte fort. + +Er klingelte seinem Diener: + +»Riechen Sie nichts?« fragte er. + +Der alte Mann erklärte, dass er keinen Blumengeruch bemerke: es konnte +kein Zweifel mehr bestehen, das Nervenleiden zeigte sich wieder unter +einer neuen Sinnestäuschung. + +Gelangweilt von der Hartnäckigkeit dieses eingebildeten Aromas, +beschloss er, sich in wirkliche Parfüms zu tauchen, hoffend, dass diese +Nasenhomöopathie ihn heilen, oder wenigstens die Verfolgung des lästigen +Geruches aufhören würde. + +Er begab sich in sein Ankleidezimmer. Dort standen nahe bei einem +antiken Taufbecken, das ihm als Waschgefäss diente, unter einem breiten +Spiegel von getriebenem Eisen Flaschen in allen Grössen und allen Formen +auf Etageren aus Elfenbein übereinander. + +Er stellte sie auf einen Tisch und teilte sie in zwei Serien: die eine +mit einfachen Parfüms, Extrakten und Spiritussen, die andere mit +zusammengesetzten Parfüms, die man mit dem allgemeinen Ausdruck +»Bouquets« bezeichnet. + +Er drückte sich in seinen Sessel und sammelte sich. + +Er war schon seit Jahren in der Wissenschaft des Riechens geübt und war +überzeugt, dass man durch den Geruch die gleichen Genüsse empfinden +könne wie durch das Gehör und das Gesicht, indem jeder Sinn infolge +einer natürlichen Neigung und Angewöhnung genugsam empfindlich sei, neue +Eindrücke aufzunehmen, sie zu verzehnfachen und zu verarbeiten. + +In der Kunst der Parfümbereitung hatte ihn eine Seite vor allem +angezogen, nämlich die der künstlichen Genauigkeit. + +Das Parfüm stammt fast niemals von den Blumen, deren Namen es trägt; der +Fabrikant, der es wagen würde, nur einzig der Natur ihre Elemente zu +entlehnen, würde doch nur ein unechtes Werk schaffen, ohne +Natürlichkeit. + +Mit Ausnahme des unnachahmlichen Jasmin, welcher keine Fälschung +zulässt, sind alle Blumengerüche genau durch Verbindungen mit +aromatischem Weingeist und Spiritus darstellbar. + +Nach und nach hatten sich die geheimen Operationen dieser so arg +vernachlässigten Kunst vor dem Herzog erschlossen, der ihren geheimen +Wegen nachging. + +Um dies zu erreichen, hatte er zuerst die Grammatik durchgearbeitet, die +Syntax der Gerüche erlernt, wie auch die Regeln, die sie regieren, +ergründet. Mit dieser Sprache einmal vertraut, musste er die Werke der +Meister wie Atkinson und Lubin, Chardin und Violet, Legrand und Piesse +vergleichen, die Konstruktion ihrer Sätze zerlegen, das Verhältnis ihrer +Worte und die Aufstellung ihrer Satzgefüge abwägen. + +Die klassische Parfümerie war ziemlich einförmig, fast farblos, vor +langer Zeit von Chemikern in eine gleichmässige Form gegossen. + +Ihre Geschichte folgte Schritt für Schritt der Sprache unserer Zeit. + +Der parfümierte Stil Ludwigs XIII., aus teuren Bestandteilen +zusammengesetzt, aus Iris, Moschus, Zibeth-Puder, Myrtenwasser, schon +damals unter dem Namen »Eau des Anges« bekannt, war kaum genügend, um +die ungezwungenen Reize, die etwas rohen Färbungen jener Zeit +auszudrücken, welche uns gewisse Sonette von Saint-Armand aufbewahrt +haben. + +Später, mit der Myrrhe, dem Oliban, einer Art Weihrauch, wurden die +mystischen Wohlgerüche kräftig und streng; die pomphafte Art des grossen +Jahrhunderts, die weitschweifigen Feinheiten der Redekunst, der breite, +getragene Stil Bossuets und der Kanzelredner fanden ihren Niederschlag. +Noch später fanden die erschlafften, kunstvollen Reize der französischen +Gesellschaft unter Ludwig XV. leichter ihren Dolmetscher in dem +Frangipan und dem Maréchale, die gleichsam die Synthese dieser Epoche +selbst gaben. Dann, nach der Langeweile und Gleichgültigkeit des ersten +Kaiserreichs, in dem man die Eaux de Cologne sowie die Präparationen von +Rosmarin missbrauchte, stürzte sich die Parfümerie hinter Victor Hugo +und Gautier her in das Land der Sonne; sie schuf orientalische +Wohlgerüche, scharfwürzige Bouquets, entdeckte neue Zusammenstellungen, +bis jetzt nicht gewagte Gegensätze, wählte aus und nahm wieder alte +Nüancen auf, welche sie komplizierte, verfeinerte und passend +zusammensetzte. Sie verwarf schliesslich energisch diese freiwillige +Abgelebtheit, zu welcher sie Malesherbes, Boileau, Andrieux, +Baour-Lormian herabgesetzt hatten, diese niedrigen Destillateure ihrer +Gedichte. + +Aber auch seit der Periode von 1830 war diese Sprache nicht stehen +geblieben. Sie hatte sich noch weiter fortentwickelt und, sich nach dem +Gang des Jahrhunderts formend, war sie gleichlaufend mit den andern +Künsten vorgeschritten, hatte sich auch den Wünschen der Kunstfreunde +und Künstler gefügt, sich auf die Chinesen und Japaner gestürzt, +duftende Stammbücher erfunden, Blumensträusse von Takéoka nachgeahmt, +durch Mischungen von Lavendel und Goldlack den Geruch des Rondeletia, +durch eine Verbindung von Patschuli und Kampfer den sonderbaren Duft der +chinesischen Tinte, durch die Zusammensetzung von Citrone, Levkoje und +Pommeranzblütessenz die Ausströmung des japanesischen Hovénia erhalten. + +Der Herzog studierte und analysierte die Seele dieser Fluida, machte die +Exegese dieser Texte; er gefiel sich zu seiner eigenen Befriedigung +darin, die Rolle eines Psychologen zu spielen, das Räderwerk auseinander +zu nehmen und wieder zusammenzustellen, die Stücke abzuschrauben, die +die Struktur einer zusammengesetzten Ausströmung bildeten, und bei +dieser Ausübung hatte sein Geruchssinn die Sicherheit eines fast +unfehlbaren Prüfsteins erlangt. + +Wie ein Weinhändler das Gewächs an einem Tropfen, den er schlürft, +erkennt, wie ein Hopfenhändler an dem Geruch des Sackes den genauen Wert +der Ware bestimmen kann, wie ein chinesischer Kaufmann sofort die +Herkunft des Thees, der ihm vorgehalten wird, anzugeben vermag und sagen +kann, auf welchen Pachtungen des Berges Bohées, in welchen +buddhistischen Klöstern er gezogen ist, und selbst den Zeitpunkt, an dem +seine Blätter gepflückt, und den Grad des Dörrens zu bezeichnen weiss, +sowie den Einfluss, dem er in der Nähe der Pflaumenblüte, der Aglaia, +der duftenden Olea, aller dieser Wohlgerüche ausgesetzt gewesen ist, die +dazu dienen, seine Natur zu verändern, eine unvermutete Steigerung +hervorzurufen und in seinem trockenen Geruch einen Duft ferner frischer +Blumen zu erzeugen -- ebenso konnte der Herzog auch, wenn er nur ein +Tröpfchen Parfüm einatmete, gleich die Dosis seiner Mischung hernennen, +die Psychologie seiner Mixtur erklären und den Künstler erkennen, der +das Aroma hergestellt und ihm die persönliche Marke seines Stils +aufgedrückt hatte. + +Es versteht sich von selbst, dass er die Sammlung aller von den +Parfümeuren angewendeten Produkte besass; er hatte selbst das echte +Mekkabalsamkraut, dieses seltene Kraut, das nur in gewissen Teilen des +steinigen Arabiens wächst und dessen Monopol dem Sultan gehört. -- + +Und nun sass Herzog Jean in seinem Ankleidezimmer und sann darauf, ein +neues Bouquet zu erfinden, er war von dem Augenblick des Zögerns +erfasst, den die Schriftsteller nur zu gut kennen, wenn sie nach Monaten +der Ruhe ein neues Werk beginnen. + +Ebenso wie Balzac, der von dem unabweislichen Bedürfnis verfolgt war, +erst viel Papier zu bekritzeln, ehe er imstande war zu schreiben, so +erkannte Herzog Jean die Notwendigkeit, sich erst durch einige leichtere +Arbeiten in Gang zu bringen. + +Er fing an, die Flaschen mit Mandeln und Vanille zu wägen, um Heliotrop +herzustellen, dann besann er sich anders und entschloss sich, mit der +Riecherbse zu beginnen. + +Die Formel, das Verfahren waren ihm entfallen; er tastete. Im +allgemeinen herrscht bei dem Duft dieser Blume die Orange vor; er +versuchte mehrere Zusammensetzungen und erreichte schliesslich den +richtigen Ton, indem er der Orange die Tuberose und die Rose hinzufügte, +welche er mit einem Tropfen Vanille verband. + +Die Ungewissheiten verschwanden; ein leichtes Fieber erfasste ihn, er +fühlte sich zur Arbeit angeregt und beschloss, weiter zu gehen und einen +fulminanten Satz loszulassen, dessen stolzes Geprassel das Geflüster +dieses arglistigen Parfüms niederwerfen würde, der noch immer im Zimmer +lastete. + +Er experimentierte mit dem Amber, dem Tonkin-Moschus, dem Patschuli, dem +schärfsten aller vegetabilischen Parfüms, dessen Blume einen Geruch von +Schimmel und Rost ausströmt. + +Aber was er auch versuchte, die Liebeleien des XVIII. Jahrhunderts +verfolgten ihn; die Reifröcke und seidenen Garnierungen schwebten vor +seinen Augen, die Erinnerungen der Venusse von Boucher, aus vollem +Fleisch, ohne Knochen, in üppigster Gestalt, liessen sich an seinen +Wänden nieder; der Rückblick auf den Roman Thermidor, auf die +entzückende Rosette mit hochgeschürztem Rock peinigte ihn. + +Wütend stand er auf, und um sich frei zu machen, sog er mit aller Kraft +die reine Essenz des Spika-Nard ein, der den Orientalen so teuer und den +Europäern so unangenehm ist wegen seines zu starken Geruchs von +Baldrian. Er war fast betäubt von der Heftigkeit der Erschütterung. + +Wie durch einen Hammerschlag zermalmt verschwand das Filigran des zarten +Duftes. + +Früher hatte er sich gern in Akkorden von Düften gewiegt; er gebrauchte +ähnliche Effekte wie die der Poeten, wendete gewissermassen die +vortreffliche Anordnung der Stücke von Baudelaire an, wie zum Beispiel +in »L'Irréparable« und »Le Balcon«, wo der letzte der fünf Verse, welche +die Strophe bilden, das Echo des ersten ist und wie ein Refrain +zurückkommt und die Seele in die Unendlichkeit von Schwermut und +Sehnsucht taucht. + +Er verlor sich in den Träumen, welche diese duftenden Stanzen in ihm +hervorriefen; ihn verlangte, in einer wunderbaren und wechselnden +Landschaft herumzustreichen, und deshalb fing er mit einem vollen und +stattlichen Satz an, der plötzlich einen Durchblick auf eine grossartige +Landschaft eröffnete. + +Mit seinen Vaporisateuren spritzte er im Zimmer eine Essenz, aus +Ambrosia, Mitcham-Lavendel, Riecherbse und Bouquet gebildet, umher, eine +Essenz, die, wenn sie von einem Künstler destilliert, den Namen +verdient, den man ihr zuerkannt hat: »Extrait de Pré fleuri«; in diese +blühende Wiese führte er dann eine genaue Fusion von Tuberose, +Orangeblüte und Mandel ein; und alsbald entstand künstlicher Flieder und +der Wind schien leise durch blühende Linden zu streichen, ihre zarten +Ausströmungen auf den Boden niederdrückend, welche dem Extrakt der +englischen Tilia ähneln. + +Dann liess er durch einen Ventilator die duftenden Wellen entfliehen, +nur die Landschaft beibehaltend, die er erneute und deren Dosis er +verstärkte, um ihre Rückkehr zu erzwingen. + +Bald stiegen Hüttenwerke gen Himmel auf. + +Ein starker Geruch von Fabriken, von chemischen Produkten verbreitete +sich, und doch hauchte die Natur noch in dieser verpesteten Luft ihre +süssen Düfte aus. + +Der Herzog bearbeitete und wärmte zwischen seinen Fingern eine +Storax-Kugel, und ein höchst eigentümlicher Geruch verbreitete sich im +Zimmer, ein Geruch, widerlich und köstlich zugleich, dem entzückenden +Geruch der Jonquille und dem hässlichen Gestank der Guttapercha und dem +Steinkohlenöl ähnlich. + +Er desinfizierte sich die Hände, legte sein Harz in einen hermetisch +verschlossenen Kasten, und die Fabriken verschwanden. Dann schleuderte +er zwischen die wieder belebten Linden und Wiesen einige Tropfen New +Mown Hay, und mitten in der zauberhaften Landschaft, ihres Flieders +beraubt, stiegen Heugarben empor, eine neue Jahreszeit suggerierend und +ihre feinen Ausströmungen aushauchend. + +Endlich, als er diesen Anblick genügend genossen, versprengte er eiligst +noch einige exotische Parfüms, leerte seine Vaporisateure, verflüchtete +seine konzentrierten Spritsorten, liess all den Balsamen die Zügel +schiessen, und in dem heissen aufregenden Dunst des Raumes entwickelte +sich eine wahnsinnig sublimierte Temperatur, die seinen Atem +beschleunigte. + +Plötzlich empfand er einen heftigen Schmerz. Es war ihm, als wenn man +ihm mit einem Instrument die Schläfen durchbohre. Er öffnete die Augen +und befand sich in der Mitte seines Ankleidezimmers, vor seinem Tisch +sitzend; mühevoll erhob er sich und schleppte sich zum Fenster, das er +halb öffnete. Ein Luftstoss klärte die erstickende Atmosphäre, die ihn +einhüllte; er ging im Zimmer auf und ab, die Augen gegen den Plafond +gerichtet, wo Krabben und salzgepuderte Algen auf einem gekörnten Grund +hell wie der Sand des Meeresufers im Relief aufstiegen. Eine gleiche +Dekoration schmückte auch die Fussgesimse, die, mit japanesisch +wassergrüner, etwas zerdrückter Kreppseide die Wände einfassend, das +Gekräusel eines Flusses, von Wind bewegt, nachahmten, und in diesem +leicht fliessenden Wasser schwamm das Blatt einer Rose, um welches ein +Schwarm kleiner Fische wirbelte, mit leichten Federstrichen gezeichnet. + +Aber seine Augenlider blieben schwer; das Hin- und Hergehen ermüdete +ihn, er lehnte sich auf die Fensterbrüstung; allmählich verschwand seine +Betäubung. Sorgsam korkte er die Fläschchen wieder zu und benutzte diese +Gelegenheit, um die Unordnung in seiner reichen Schminksammlung zu +beseitigen. Er hatte seit seiner Ankunft in Fontenay nicht daran +gerührt, und er verwunderte sich fast, diese Kollektion jetzt +wiederzusehen, die früher von so vielen Frauen besichtigt und bewundert +worden war. + +Die Kruken und Fläschchen häuften sich auf- und übereinander. Hier war +es ein Porzellantopf, Schnouda enthaltend, diesen wunderbaren weissen +Creme, der, wenn er auf der Wange aufgerieben, unter dem Einfluss der +Luft in zartes Rosa, dann in ein so echtes Inkarnat übergeht, dass er +die wirklich genaue Täuschung einer durch Blutwallung geröteten Haut +hervorbringt. Dort sind es mit Perlmutter eingelegte Lackkasten, die +japanesisches Gold und athenisches Grün einschliessen, die Farbe des +Flügels einer spanischen Fliege, Gold und Grün, das sich in ein tiefes +Purpur verwandelt, sobald man es anfeuchtet. Nahe den vollen Kruken mit +Pasten von Lambertsnuss, Serkis des Harems, Emulsinen der Kaschmirlilie, +Waschwasser von Erdbeeren und Holunder für den Teint und bei den kleinen +Flaschen, die mit einer Auflösung von chinesischer Tinte und Rosenwasser +zum Gebrauch der Augen bestimmt waren, lagen Utensilien aus Elfenbein, +Perlmutter und Silber durcheinander mit Bürsten aus Luzern für das +Zahnfleisch: Pinsel, Scheren, Wischer, Schminkläppchen und Puderquasten, +Rückenkratzer und Schönheitspflästerchen. + +Er betrachtete all diese Toilettengeräte, die er auf die Bitte einer +seiner Geliebten gekauft hatte, die unter dem Einfluss gewisser Gerüche, +gewisser Balsame vor Entzücken verging. + +Er grübelte über die Erinnerungen nach und es fiel ihm ein Nachmittag +ein, den er mit dieser Frau, aus Langeweile und Neugier, in Pantin bei +ihrer Schwester zugebracht hatte und der in ihm eine ganze Welt +vergessener Ideen und alter Parfüms wachrief. + +Er flüchtete in sein Arbeitszimmer zurück und öffnete das Fenster weit, +glücklich, sich in der frischen Luft zu baden. Aber plötzlich war es +ihm, als wenn der Wind ihm einen unbestimmten Geruch von +Bergamottenessenz entgegentrieb, mit welchem sich der Jasminsprit, die +Cassie und das Rosenwasser verband. + +Er atmete schwer auf. + +Der Geruch wechselte und veränderte sich, ohne zu verschwinden. Ein +unbestimmter Duft von Tolutinktur, von Perubalsam, von Safran, +verschmolzen mit einigen Tropfen Amber und Moschus, stieg jetzt aus der +schlafenden Stadt empor, von dem Fusse der Anhöhe her, und plötzlich +vollzog sich eine Metamorphose, die getrennten Gerüche verbanden sich +und von neuem verbreitete sich der Frangipan, dessen Geruch die Elemente +und die Analyse herbeigeführt hatten, über das Thal Fontenay bis zum +Festungswerk hinauf. Sie erschütterten seine erschöpften und +angegriffenen Nerven noch mehr, so dass er ohnmächtig an der +Fensterbrüstung niedersank. + + + + + ELFTES KAPITEL. + + +Die erschrockenen Dienstboten beeilten sich, einen Arzt aus Fontenay +herbeizuholen, der absolut nichts von dem Zustand des Herzogs verstand. + +Er brummte einige medizinische Ausdrücke, fühlte den Puls, besah die +Zunge des Kranken, versuchte, allerdings vergebens, ihn zum Sprechen zu +bringen, verordnete lindernde Mittel und grosse Ruhe und versprach, den +andern Tag wieder zu kommen. + +Auf ein verneinendes Zeichen des Herzogs, der Kraft genug fand, den +Eifer seiner Dienstboten zu missbilligen und diesen lästigen +Eindringling zu verabschieden, ging dieser fort und machte sich daran, +im ganzen Dorf von den Excentrizitäten dieses Hauses zu erzählen, dessen +Einrichtung ihn geradezu mit Verwunderung erfüllt und ihn verblüfft +hatte. + +Zum grössten Erstaunen der beiden alten Diener, die nicht mehr das +Dienstzimmer zu verlassen wagten, erholte sich ihr Herr in einigen Tagen +wieder. Sie überraschten ihn, wie er an die Scheiben trommelte und den +Himmel mit ungeduldiger Miene betrachtete. + +Eines Nachmittags klingelte der Herzog mehrere Male hintereinander und +befahl dem eintretenden Diener, seine Koffer für eine längere Reise +fertig zu machen. + +Während das alte Ehepaar auf seine Angaben hin die als notwendig +mitzunehmenden Gegenstände wählte, durchschritt er fieberhaft erregt die +Kabine seines Esszimmers, studierte die Abfahrtszeiten der Packetboote, +durcheilte hastig sein Arbeitszimmer, wobei er ungeduldig die Wolken mit +zufriedener Miene beobachtete. + +Das Wetter war schon seit einer Woche abscheulich, dicke Nebel lagerten +über der Erde. Starke Regengüsse hatten das Thal in einen schwarzen See +verwandelt. + +An jenem Tage war der Himmel heller geworden. + +Der Regen stürzte nicht mehr wie den Tag vorher in Strömen herab, +sondern fiel unablässig fein und durchdringend und schien mit seinen +unzähligen Fäden die Erde mit dem Himmel zu verbinden. + +Das Licht trübte sich; ein fahler Tag beleuchtete das Dorf, und in +dieser Trostlosigkeit der Natur verschwammen alle Farben und nur die +Dächer glänzten in diesem Grau in Grau. + +»Welch ein Wetter!« seufzte der alte Diener, der die Kleidungsstücke, +die sein Herr verlangt hatte, auf einen Stuhl legte. + +Statt jeder Antwort rieb sich der Herzog die Hände und setzte sich vor +einen Schrank mit bunten Scheiben, in dem ein Stoss von seidenen Socken +in Fächerform aufgehäuft lag. Er war über die Nüancen unschlüssig. Seine +Wahl fiel in anbetracht der Trostlosigkeit des Tages und des düsteren +Graus seines Anzuges, sowie im Hinblick auf sein Ziel auf ein Paar in +mattgrüner Seide. Er zog ein Paar Halbstiefel darüber und den mausgrauen +karrierten Anzug an, setzte sich einen kleinen runden Hut auf und hüllte +sich in einen dunkelblauen Wettermantel. Von seinem Diener gefolgt, der +unter dem Gewicht eines Koffers, einer Reisetasche, einer Hutschachtel +und einer Reisedecke, in welche Schirme und Spazierstöcke gewickelt +waren, fast zusammenbrach, kam er auf dem Bahnhof an. + +Hier erklärte er dem Diener, dass er nicht das Datum seiner Rückkehr +bestimmen könne, er würde in einem Jahr, in einem Monat, in einer Woche, +vielleicht noch früher zurückkommen, befahl, dass nichts in seiner +Wohnung geändert würde, händigte ihm die nötige Summe, die zum Unterhalt +des Hauses während seiner Abwesenheit nötig war, ein und stieg in den +Waggon, den alten Diener ganz verstört mit schlotternden Armen und +offenem Mund auf dem Perron zurücklassend. + +Er war in seinem Coupé allein. Eine verschwommene, schmutzige +Landschaft, wie durch das trübe Wasser eines Aquariums gesehen, flog in +grösster Eile an dem vom Regen gepeitschten Zug vorbei. In Nachdenken +versunken, schloss der Herzog die Augen. + +Das Schweigen, das ihm bisher wie eine Entschädigung für die +Albernheiten, die er jahrelang über sich hatte ergehen lassen müssen, +erschienen war, drückte ihn plötzlich mit unerträglicher Schwere. + +Eines Morgens nämlich war er aufgewacht, erregt, wie ein Gefangener, der +in einer Zelle eingeschlossen ist; seine entnervten Lippen murmelten +unzusammenhängende Worte, Thränen stiegen ihm in die Augen, ihm war es, +als sollte er ersticken. + +Das Verlangen, ein menschliches Gesicht zu sehen, mit einem andern Wesen +zu sprechen, sich in das flutende Leben zu stürzen, verzehrte ihn. Es +kam sogar dahin, dass er seine Dienstboten unter einem Vorwand zu sich +kommen liess und in Gespräche verwickelte. Aber die Unterhaltung war +unmöglich; denn die alten Leute waren durch jahrelanges Schweigen und +durch die Gewohnheit der Krankenpflege fast stumm geworden; dann +verhinderte auch die Entfernung, in welcher sie der Herzog immer von +sich gehalten, jedes Plaudern. + +Übrigens besassen sie nur ein träges Gehirn und waren fast unfähig, +anders als einsilbig auf die Fragen, die man an sie richtete, zu +antworten. + +Er konnte also auf sie nicht rechnen. + +Die Lektüre von Dickens, welche er unlängst gepflegt, um seine Nerven zu +beruhigen und die nur die entgegengesetzte Wirkung hervorgebracht hatte, +begann langsam in einer unerwarteten Weise zu wirken. + +Er vertiefte sich in das englische Leben. Seine Betrachtungen +vermischten sich mit den Eindrücken aus der Lektüre. + +So hoffte er durch eine Reise den erschlaffenden Ausschweifungen seines +Geistes zu entgehen. + +Er hielt es nicht länger aus; eines Tages entschloss er sich plötzlich, +dem allen ein Ende zu machen. Seine Eile war so gross, dass er lange vor +der anberaumten Zeit schon die Flucht ergriff. + +Er wollte sich der Gegenwart entziehen und sich herumgestossen fühlen in +dem Strassenlärm und in dem Getöse der Welt. + +»Ich atme auf,« murmelte er, als der Zug seine Bewegungen einstellte und +in der Pariser Bahnhofshalle anhielt. + +Auf dem Boulevard d'Enfer rief er einen Kutscher an, ganz vergnügt, mit +seinen Koffern und Decken so ins Gewühl geraten zu sein. Durch ein +reichliches Trinkgeld verständigte er sich mit dem Mann in nussbraunem +Beinkleid und roter Weste: + +»Auf Zeit,« sagte er, »zunächst nach der Rue de Rivoli zu >Galignani's +Messenger<!« + +Er beabsichtigte, vor seiner Abreise einen Führer durch London zu +kaufen. + +Der Wagen schwankte schwerfällig durch den entsetzlichen Schmutz +vorwärts. + +Der Regen schlug schräg in den Wagen, so dass der Herzog die Fenster +schliessen musste. + +Bei dem monotonen Geräusch des auf seine Koffer und den Lederschutz +niederströmenden Regens, der sich wie ein Sack geschüttelter Erbsen +anhörte, träumte der Herzog von seiner Reise; dies war schon ein +Vorspiel von England, das ihm Paris bei diesem schauderhaften Wetter +bot. Das regnerische, riesengrosse, weite London, das unablässig im +Seenebel lag, entrollte sich vor seinen Augen. Lange Reihen Docks +breiteten sich unabsehbar vor ihm aus, besät mit Hebemaschinen, +Schiffswinden und Ballen; allerwärts wimmelt es von Menschen, die hier +an Masten hängen, dort rittlings auf Raaen sitzen. + +Alles das lebte und bewegte sich an den Ufern in den riesigen Docks, die +von dem grünlichen Wasser der Themse bespült werden, in einem Wald von +Masten und Balken. + +Es bereitete dem Herzog ein Gruseln, dass er sich in eine Welt von +Kaufleuten stürzen sollte, in diesen Nebel, in diese atemlose +Thätigkeit, dieses unbarmherzige Räderwerk, das Millionen Enterbter +zermalmt. + +Dann verschwand diese Vision plötzlich durch einen Stoss des Wagens, der +ihn auf seinen Sitz zurückprallen liess. + +Er sah durch das Fenster; es war Nacht geworden. Die Gasflammen +blinzelten mitten in einem gelblichen Hofe durch den Nebel, +Lichtstreifen schwammen auf den Pfützen. + +Er versuchte sich zurechtzufinden; er erblickte das Carrousel. +Plötzlich, aus seinen Träumen aufgescheucht, fiel ihm ein höchst +trivialer Umstand ein: sein Diener hatte beim Kofferpacken eine +Zahnbürste vergessen. + +Er unterwarf die Liste der eingepackten Gegenstände einer Musterung, +alle lagen geordnet in seiner Reisetasche, nur die Bürste fehlte, und +sein Ärger darüber dauerte fort, bis ihm das Halten des Wagens ein Ende +machte. + +Er befand sich in der Rue de Rivoli, vor »Galignani's Messenger«. Neben +einer Thür von mattem Glas, die mit Zeitungsausschnitten und Telegrammen +beklebt war, hingen zwei grosse Glaskasten mit Albums und Büchern. Er +trat näher, angezogen von den buntfarbigen Büchereinbänden, die in allen +Formen und Grössen dort ausgestellt waren. Alles hatte einen +kaufmännisch antiparisischen Anstrich, die Einbände waren gröber, aber +weniger geschmacklos als die schlechten französischen. + +Dann öffnete er die Thür und trat in ein grosses Bibliothekzimmer, das +mit Menschen angefüllt war. Fremde sassen umher und entfalteten Karten +und radebrechten in unbekannten Sprachen. + +Ein Kommis brachte ihm eine ganze Kollektion von Reisehandbüchern. Er +setzte sich nieder und sah sich die Bücher, deren biegsamer Pappband +sich unter dem Druck seiner Finger bog, durch. Er durchblätterte sie und +blieb bei einer Seite des Baedeker stehen, auf welcher die Museen +Londons beschrieben sind. + +Er interessierte sich für die kurzen und graziösen Details des Führers; +seine Aufmerksamkeit ging von der alten englischen Malerei zu der neuen +über, die ihn mehr reizte. Er erinnerte sich einiger Bilder, die er in +internationalen Ausstellungen gesehen hatte, und hoffte, dass er sie +vielleicht in London wiederfinden würde, wie die Gemälde von Millais: +»die Krankenwache der heiligen Agnes«, mit jenem seltsamen +grünlich-silbernen Mondlicht, dann Bilder von Watts, von eigentümlichem +Farbengemisch, die von einem kranken Gustav Moreau entworfen und von +einem blutarmen Michel-Angelo ausgeführt sein konnten. + +Unter anderm erinnerte er sich einer »Denunziation des Kain« und einer +»Ida«. + +Alle diese Gemälde traten vor sein Gedächtnis. Der Kommis, erstaunt, +diesen Käufer so in Gedanken verloren am Tische sitzen zu sehen, fragte +ihn endlich, ob er schon eine Wahl getroffen habe. + +Der Herzog starrte ihn ganz verdutzt an, entschuldigte sich, kaufte +einen Baedeker und ging hinaus. + +Die feuchte Luft machte ihn schaudern, der Wind blies von der Seite her +und peitschte den Regen unter die Arkaden. + +»Fahrt ein paar Schritte weiter!« rief er dem Kutscher zu, indem er ihm +mit dem Finger einen Laden am Ende des Bogenganges bezeichnete, der die +Ecke der Rue de Rivoli und der Rue Castiglione bildete und, von innen +erhellt, mit seinen weisslichen Scheiben einer riesigen Nachtlampe +glich, die in dem Missbehagen dieses Nebels und in dem Elend dieses +abscheulichen Wetters den Spaziergänger lockte. + +Es war die »Bodega«. + +Der Herzog ging in einen grossen Saal, der sich zu einem langen Gang +formte und von gusseisernen Pfeilern getragen war. An den Seitenwänden +lagerten hohe Fässer, die mit königlichen Wappen bemalt waren und in +farbigen Aufschriften den Namen ihres Inhalts bezeichneten. + +In dem freigelassenen Raume zwischen den Fässern, unter den summenden +Flammen einer abscheulich hässlichen, eisengrau bemalten Gaskrone +standen Tische mit Körben voll trockenen oder salzigen Gebäcks, mit +Tellern, auf welchen Brötchen gehäuft lagen, die mit scharfer, +senfhaltiger Butter bestrichen oder mit altem Holländerkäse belegt +waren. + +Ein Dunst von Alkohol schlug dem Herzog entgegen, als er in dem Saal +Platz nahm. + +Der Saal war mit Menschen angefüllt; um ihn herum wimmelte es von +Engländern: blasse Geistliche von lächerlichem Aussehen, vom Kopf bis zu +den Füssen in Schwarz gekleidet, mit weichen Hüten, geschnürten Schuhen, +in endlosen Röcken, die auf der Brust mit kleinen Knöpfen besetzt waren, +mit glattem Kinn, runden Brillen und glattem, fettigem Haar; +aufgedunsene Weingesichter früherer Schweinehändler und +Bulldoggengesichter mit Ohren wie Tomaten, blauroten Backen und Nase, +blöden, blutunterlaufenen Augen und Bärten, die ihnen ein Pavian-Ansehen +gaben. + +Eine eigentümliche Erschlaffung befiel den Herzog in dieser +Wachtstubenatmosphäre; betäubt von dem Geschwätz der um ihn +herumsitzenden Engländer träumte er, und aus dem purpurnen Inhalt seines +mit Portwein gefüllten Glases stiegen die Dickens'schen Typen herauf, +die so gern tranken, und bevölkerten so den Raum mit neuen imaginären +Gestalten. + +Er sah hier die weissen Haare und den feuerroten Teint Wickfields; dort +das phlegmatische und schlaue Gesicht mit dem unversöhnlichen Blick +Tulkinghorns, des unheimlichen Sachwalters von Bleak-House. + +Ganz klar und bestimmt sonderten sich jetzt alle diese Figuren in seiner +Erinnerung ab und liessen sich mit ihren Bewegungen in der Bodega +nieder; sein Gedächtnis, durch die kürzliche Lektüre aufgefrischt, +vergegenwärtigte ihm alles in den klarsten Farben. + +Die Stadt, in der der Romanschreiber gelebt, das hell erleuchtete Haus, +schön durchwärmt, gut versorgt und verschlossen, wo der Wein sorgsam +eingeschenkt wurde von der kleinen Dorrit, Dora Copperfield und der +Schwester des Tom Pinch, erschienen ihm eine wohlige Arche in einer +Sündflut von Schmutz. + +Er faulenzte in diesem erträumten London, glücklich, in Sicherheit zu +sein. + +Sein Glas war leer. Trotz des dichten Dunstes, der in dem grossen Raum +herrschte, erhöht durch den Rauch von Cigarren und Pfeifen, empfand er +ein leichtes Frösteln. + +Er bestellte ein Glas Amontillado. Dieser herbe, helle Wein zerstörte +die sanften Geschichten des englischen Dichters sehr bald und die +aufregend rauhen Phantasieen des Edgar Poë tauchten wieder vor ihm auf. +Plötzlich bemerkte er, dass er beinahe ganz allein in dem grossen Saal +war, die Dinerstunde war nahe; er zahlte und erhob sich hastig von +seinem Sitz und gewann ganz betäubt die Thür. + +Als er hinaustrat, schlug ihm der Regen heftig ins Gesicht, die Flammen +der Strassenlaternen flackerten ängstlich hin und her. + +Der Herzog betrachtete die Arkaden der Rue de Rivoli, die mit Wasser +überschwemmt sich im Schatten verloren, und es war ihm, als wenn er sich +im düstern Tunnel unter der Themse befand; doch eine gewisse Leere im +Magen, die sich sehr fühlbar machte, rief ihn in die Wirklichkeit +zurück. + +Er ging zu seinem Wagen und befahl dem Kutscher nach einem englischen +Restaurant in der Rue d'Amsterdam, nahe dem Bahnhof, zu fahren. Er sah +nach der Uhr: es war gerade sieben. Er hatte also noch Zeit zu speisen; +der Zug ging erst um acht Uhr fünfzig Minuten, und an seinen Fingern +zählend, berechnete er ungefähr die Stunden der Überfahrt von Dieppe +nach Newhaven und sagte sich: + +»Morgen Mittag um halb eins werde ich in London sein.« + +Der Fiaker hielt vor dem Restaurant still; wiederum stieg der Herzog aus +und schritt in einen langen schmucklosen Saal. + +Zahlreiche Bierpumpen waren auf dem Schenktisch aufgestellt, daneben +lagen Schinken, so stark geräuchert, dass sie wie alte Violinen +aussahen, Hummern wie mit rotem Bleioxyd gefärbt, marinierte Makrelen, +die in einer trüben Sauce schwammen. + +Er nahm in einer der leeren Nischen Platz und rief einen jungen Mann in +schwarzem Anzug, der sich verbeugte und ihm etwas in einem +unverständlichen Kauderwelsch erzählte. + +Während man den Tisch deckte, musterte der Herzog seine Nachbarn. Es +waren wie in der Bodega Söhne Albions, mit den bekannten Fayence-Augen, +mit karmoisinrotem Teint, die mit bedächtiger und anmassender Miene +auswärtige Zeitungen lasen. + +Damen ohne Herrenbegleitung speisten miteinander, robuste Engländerinnen +mit männlichen Zügen und Zähnen so breit und gross wie Klaviertasten, +mit vorstehenden Backenknochen, langen Händen und noch längeren Füssen. + +Sie fielen mit wahrem Heisshunger über die gebrachten Gerichte her, die +mit überraschender Geschwindigkeit verschwanden. + +Da er schon seit langem keinen Appetit mehr verspürt, war er von der +Gefrässigkeit dieser Frauenzimmer ganz verblüfft, fühlte aber, dass +seine Esslust dadurch angeregt wurde. + +Er bestellte eine Oxtailsuppe und ass mit nicht geringem Behagen diese +kräftige Brühe. Darauf wählte er einen Haddock, eine Art geräucherten +Stockfisch, der ihm sehr schmackhaft schien, und da er die anderen so +einhauen sah, so ass auch er noch ein Roastbeef mit Kartoffeln und trank +zwei Glas Ale dazu, das ihn durch seinen herben, eigentümlichen +Geschmack reizte. + +Sein Hunger war bald gestillt, doch verarbeitete er noch ein Stück +Stiltonkäse und beendete sein Diner mit einer Rhabarbertorte und der +Abwechslung wegen befriedigte er seinen Durst noch mit einem Glas +Porter. + +Er atmete auf; seit Jahren hatte er nicht soviel gegessen und getrunken, +diese Veränderung in seinen Gewohnheiten, diese Wahl unvermuteter, +schwerer Nahrung hatte seinen Magen seiner schwerfälligen Ruhe entzogen. +Er drückte sich tiefer in seinen Stuhl, zündete eine Cigarette an und +machte sich daran, eine Tasse Kaffee, in den er Gin goss, zu schlürfen. + +Der Regen fiel noch immer in Strömen vom Himmel, er hörte ihn auf das +Glasdach prasseln, das den Hintergrund des Saales überdeckte, und wie in +Wasserfällen aus den Dachrinnen stürzen. Niemand rührte sich im Saal, +alle Gäste waren froh, hier im Trockenen und vor ihren gefüllten Gläsern +zu sitzen. + +Die Zungen lösten sich, und da fast alle diese Engländer beim Sprechen +die Augen in die Höhe hoben, schloss der Herzog daraus, dass sie sich +über das schlechte Wetter unterhielten. Nicht einer lachte. Fast alle +waren in grauen, gelb und rosa gesprenkelten Cheviot gekleidet. + +Er warf einen entzückten Blick auf seinen Anzug, der in Farbe und +Schnitt wenig von dem der andern abstach, und es war ihm eine +Befriedigung, in ihrer Mitte durchaus nicht aufzufallen. + +Da schreckte er plötzlich auf. + +»Und die Stunde der Abfahrt?« ... + +Er zog rasch seine Uhr, sie zeigte jetzt sieben Uhr fünfzig Minuten. + +»Ich habe also noch eine halbe Stunde Zeit hier zu bleiben,« murmelte er +und überdachte nochmals den Plan, den er gemacht hatte. + +In seinem zurückgezogenen Leben hatten ihn nur zwei Länder angezogen: +Holland und England. + +Er hatte den ersten seiner Wünsche befriedigt; eines schönen Tages, als +er es nicht mehr aushalten konnte, hatte er Paris verlassen und die +Städte der Niederlande eine nach der andern besichtigt. + +Im ganzen genommen hatte er nur Enttäuschungen auf dieser Reise erlebt. +Hatte er sich doch ein Holland nach den Werken von Teniers und Steen, +von Rembrandt und Ostade vorgestellt; er hoffte Kirmesse, beständige +Schmausereien auf dem Lande und die von den alten Meistern so gepriesene +patriarchalische Gutmütigkeit und joviale Liederlichkeit zu finden. + +Zwar hatten ihn Haarlem und Amsterdam bezaubert mit dem noch +ungehobelten Benehmen des Volkes auf dem Lande. Aber von der +ungezügelten Fröhlichkeit und der harmlosen Völlerei hatte er keine Spur +bemerkt. Kurz, er musste zugeben, dass ihn die holländische Schule des +Louvre genasführt hatte. Sie war ihm nur ein Sprungbrett zu seinen +Träumen gewesen. + +Von alledem war nichts zu sehen; Holland war ein Land wie alle anderen. + +Er sah von neuem nach der Uhr: es fehlten noch zehn Minuten bis zur +Abfahrt des Zuges. Es war die höchste Zeit, die Rechnung zu begleichen +und hinüberzugehen. + +Er verspürte plötzlich eine ausserordentliche Schwere im Magen wie im +ganzen Körper. + +»Mut!« murmelte er, und noch schnell ein Glas Brandy hinunterstürzend, +verlangte er seine Rechnung. + +Ein Individuum in schwarzem Frack und einer Serviette unter dem Arm, mit +spitzem, kahlem Schädel, steifem grauen Backenbart trat heran, einen +Bleistift hinter dem Ohr, und ein Bein vor das andere stellend, zog er +ein Notizbuch aus seiner Tasche und, ohne sein Papier anzusehen, die +Augen auf die Gaskrone gerichtet, schrieb er alles auf und berechnete +die Zeche. + +»Hier,« sagte er, das Blatt aus seinem Buche reissend und es dem Herzog +überreichend, der ihn neugierig ansah. + +»Welch seltsamer John Bull,« dachte er. + +In diesem Augenblick öffnete sich die Thür der Kneipe, Leute kamen +herein, die einen Geruch wie von durchnässten Pudeln mitbrachten. Eine +süsse und wohlige Erschlaffung bemächtigte sich des Herzogs Jean; er +fühlte sich unfähig, seine Beine zu bewegen, ja selbst die Hand +auszustrecken, um sich eine Cigarre anzuzünden. + +»Vorwärts, es ist die höchste Zeit!« sagte er sich, ohne sich zu rühren. + +Wozu war es nötig, in grösster Eile fortzustürzen, wenn man so bequem +und so prächtig auf einem Stuhl reisen konnte? + +War er nicht eigentlich schon in London, dessen Geruch, dessen +Atmosphäre, dessen Einwohner, dessen Futter, dessen Geräte ihn umgaben? + +Was konnte er denn erhoffen, wenn nicht neue Enttäuschungen, wie in +Holland? + +Er hatte gerade noch so viel Zeit, um nach dem Bahnhof gegenüber zu +laufen, doch ein gewaltiger Widerwille gegen die Reise erfasste ihn und +ein unabweisliches Bedürfnis, ruhig zu sitzen, drängte sich ihm mit +Gewalt auf. + +Nachdenklich liess er einige Minuten verstreichen, sich auf diese Weise +den Rückweg abschneidend, und sagte sich: »Jetzt würde ich mich in die +Billetausgabe stürzen, mich mit meinem Gepäck herumstossen müssen; wie +verdriesslich!« -- + +Dann wiederholte er sich von neuem: »Im ganzen genommen habe ich gesehen +und empfunden, was ich sehen und empfinden wollte. Ich bin mit +englischem Leben seit meiner Abreise von Fontenay übersättigt und müsste +wahnsinnig sein, wenn ich durch Umherirren meine Eindrücke zerstören +sollte.« + +»Sieh da,« fuhr er in seinem Monolog fort, seine Uhr ansehend, »die Zeit +ist da heimzukehren!« + +Jetzt stand er wirklich auf, ging hinaus und befahl seinem Kutscher, ihn +nach dem Bahnhof von Sceaux zurückzufahren, und er kam wieder in +Fontenay an mit seinen Koffern, Paketen, Reisedecken, Regenschirmen und +Spazierstöcken und empfand die körperliche Abgehetztheit, die moralische +Ermüdung eines Menschen, der nach einer langen, gefahrvollen Reise +endlich wieder zu Hause anlangt. + + + + + ZWOELFTES KAPITEL. + + +Während der Tage, die seiner Rückkehr folgten, betrachtete Herzog Jean +mit Wohlgefallen seine Bücher, und bei dem Gedanken, dass er sich lange +Zeit von ihnen hatte trennen können, empfand er eine ebenso wirkliche +Befriedigung, wie er sie genossen, wenn er sie nach einer ernstlichen +Reise wiedergefunden hätte. Unter dem Impuls dieses Gefühls schienen ihm +die Gegenstände neu, denn er nahm an ihnen Schönheiten wahr, die er +vergessen, seitdem er sie erworben hatte. + +Alles: Bücher, Nippsachen, Möbel, nahm in seinen Augen einen neuen Reiz +an. Sein Bett schien ihm weicher im Vergleich zu dem Lager, das er in +London eingenommen haben würde; der diskrete, schweigsame Dienst des +alten Ehepaares entzückte ihn, da er sich von dem Gedanken an die +lärmende Redseligkeit der Hotelkellner ermüdet fühlte. + +Er schöpfte frische Lebenskraft aus dem Bad der Gewohnheit. + +Aber seine Bücher beschäftigten ihn hauptsächlich. Er prüfte sie, +ordnete sie von neuem auf den Gestellen, sah genau nach, ob seit seiner +Ankunft in Fontenay die Hitze und Feuchtigkeit ihre Einbände nicht +beschädigt und ihr kostbares Papier nicht zerfressen hatte. + +Er fing an, seine ganze lateinische Bibliothek umzuordnen, dann stellte +er die Werke von Archelaus, Albert le Grand, Lulle, Arnold de Villanova, +welche die Kabbala und geheimen Wissenschaften behandelten, in neuer +Ordnung auf. Dann sah er seine modernen Bücher nacheinander durch und +stellte mit Vergnügen fest, dass alle trocken und unversehrt geblieben +waren. + +Diese Sammlung hatte ihn bedeutende Summen gekostet. Denn er hatte sich +die von ihm bevorzugten Verfasser in besonderen Luxus-Ausgaben +angeschafft. In seiner Pariser Zeit hatte er für sich allein bestimmte +Bücher herstellen lassen. Er liess von England und Amerika neue +Buchstaben für die Anfertigung von Werken dieses Jahrhunderts kommen; +oder wendete sich an ein Geschäft in Lille, das einen ganzen Satz +gotischer Typen besass. + +Er hatte es ebenso mit seinem Papier gemacht, denn er war eines Tages +der silbernen Chinas, der perlmutternen und goldenen Japans überdrüssig +geworden, wie auch der weissen Wathmans, der dunkelbraunen +Holländischen, der Turkeys und Seychal-Mills in Gemsfarben. Ebenso +befriedigte ihn nicht mehr das mit Maschinen angefertigte Papier. +Deshalb hatte er besonders gestreiftes Papier in den alten Fabriken von +Vire bestellt, wo man sich noch der Stampfe bediente, die man früher +anwendete, um Hanf zu verarbeiten. + +Um ein wenig Abwechselung in seine Sammlungen zu bringen, hatte er sich +verschiedentlich Ripspapier aus London schicken lassen; auch bereitete +ihm ein Lübecker Fabrikant ein Pressbalkenpapier, bläulich, kräftig, +etwas spröde, in dessen Stoff die Fasern durch Goldkörnerchen, wie sie +in dem Danziger Goldwasser flimmern, ersetzt waren. + +Dadurch hatte er sich Bücher einzig in ihrer Art verschafft. Sie waren +in ungebräuchlichem Formate, die er von Künstlern in antiker Seide, +geprägtem Ochsen- und Coy-Leder artistisch einbinden liess. Auch besass +er kostbare Einbände aus moirierter Seide und Taffet und einige sogar +mit oxydiertem Silberbeschlag und hellem Email ausgelegt. + +So hatte er sich von dem bekannten alten Geschäft Le Clere die Werke von +Baudelaire in grossem Format wie Messbücher mit grossen steilen +Buchstaben auf sehr feinem japanischen Filzpapier drucken lassen. + +Der Herzog hatte dieses unvergleichliche Werk aus seinem Bücherschrank +herausgezogen; er befühlte es andächtig und las gewisse Stellen wieder +durch, die ihm in diesem einfachen aber unschätzbaren Rahmen +ergreifender als gewöhnlich erschienen. + +Seine Bewunderung für diesen Schriftsteller war grenzenlos. Seiner +Meinung nach hatte man sich bis jetzt in der Litteratur darauf +beschränkt, das Äussere der Seele zu erforschen. Baudelaire war weiter +gegangen; er war bis zum Grund der unerschöpflichen Mine hinabgestiegen, +hatte sich weit in die verlassenen und unbekannten Gänge hineingewagt, +war in den Distrikten der Seele angelangt, wo sich die widernatürliche +Vegetation der Gedanken verzweigt. + +Zu einer Zeit, wo die Litteratur fast ausschliesslich den Lebensschmerz +dem Unglück einer verkannten Liebe oder den Eifersüchteleien des +Ehebruchs zuschrieb, hatte Baudelaire diese kindischen Krankheiten +überwunden und die unheilbareren, tieferen Schäden untersucht, die durch +Übersättigung und Enttäuschung die Gegenwart martern, die Vergangenheit +anwidern und die Zukunft erschrecken und beunruhigen. + +Und je mehr der Herzog wieder Baudelaire durchlas, desto mehr erkannte +er einen unendlichen Zauber in diesem Schriftsteller, der in einer Zeit, +wo Verse nur dazu dienten, die äusseren Erscheinungen von Wesen und +Sachen wiederzugeben, es dahin gebracht hatte, das Unaussprechliche +auszudrücken, dank einer kräftigen und vollen Sprache, die mehr als jede +andere diese wunderbare Macht besass, mit einer seltenen Gesundheit von +Ausdrücken krankhafte Zustände der flüchtigsten und zitterndsten Art, +der erschöpften Geister und traurigen Seelen festzustellen. + +Ausser Baudelaire waren die französischen Bücher in seiner Bibliothek +ziemlich beschränkt. Er war gänzlich unempfänglich für die Werke, vor +denen es zum guten Ton gehört, in Entzücken zu geraten. + +»Der herzhafte Humor von Rabelais« und »die gesunde Komik Molières« +brachten ihn nicht zum Lachen und seine Antipathie gegen diese Possen +ging sogar so weit, dass er sich nicht scheute, sie mit Jahrmarktstand +zu vergleichen. + +Von den alten Dichtern las er nur Villon, dessen melancholische Balladen +ihn rührten; hier und da einige Sachen von Aubigné, die durch die +unglaubliche Heftigkeit ihrer Ausfälle und durch ihre Flüche sein Blut +in Wallung brachten. + +Von den Prosaisten beschäftigten ihn Voltaire und Rousseau sehr wenig, +noch weniger Diderot, dessen so sehr gerühmte »Salons« ihm ganz +besonders mit moralischen Abgeschmacktheiten und einfältigen +Bestrebungen angefüllt schienen; aus Hass gegen all diesen Plunder +vertiefte er sich fast ausschliesslich in die Lektüre der christlichen +Beredsamkeit, wie Bourdaloue und Bossuet, deren kräftige und +bilderreiche Sprache ihm imponierte. Aber vorzugsweise erquickte er sich +an den ernsten und markigen Sätzen, welche Nicole und besonders Pascal +aufbauten, dessen strenger Pessimismus und schmerzliche Zerknirschung +ihm zu Herzen gingen. + +Diese wenigen Bücher ausgenommen, fing die französische Litteratur in +seiner Bibliothek erst mit dem neunzehnten Jahrhundert an. + +Sie teilte sich in zwei Gruppen: die eine bestand aus der gewöhnlichen, +profanen, die andere aus der Kirchen-Litteratur. + +Aus der Menge seichter Schwätzer, die die Kirchenlitteratur auf ihrem +Gewissen hatte, ragte besonders Lacordaire hervor, einer der wenigen +wirklichen Schriftsteller, den die Kirche seit Jahren hervorgebracht +hatte. + +Höchstens waren noch einige Seiten seines Schülers, des Abtes Peyreyve, +lesbar. Dieser hatte eine rührende Biographie seines Lehrers +hinterlassen, einige liebenswürdige Briefe geschrieben, Artikel in +klangvoller Rednersprache verfasst und Lobreden gehalten, in denen aber +ein schwülstiger Ton zu sehr vorherrschte. + +In Wahrheit aber hatte der Abt Peyreyve weder die Erregung noch die +flammende Begeisterung eines Lacordaire. + +Der im allgemeinen abgedroschene bischöfliche, von den Prälaten +gehandhabte Stil war wieder etwas männlicher geworden. Dies zeigte sich +besonders bei dem Grafen de Falloux. + +Unter dem Schein der Mässigung schwitzte dieser Akademiker geradezu +Galle. Seine im Parlament 1848 gehaltenen Reden waren dagegen +weitschweifig und matt, aber seine in dem »Correspondent« +veröffentlichten und seitdem in Sammlungen vereinigten Artikel waren +beissend und scharf und von einer übertriebenen Höflichkeit in ihrer +Form. + +Er war ein gefährlicher Polemiker wegen seiner Hinterhalte, ein schlauer +Logiker, seitwärts gehend und unvermutet treffend. + +Etwas geschraubter, gezwungener, ernster war Ozanam, der geliebte +Schutzredner der Kirche, der Glaubensrichter der christlichen Sprache. + +Obgleich Herzog Jean schwer zu überraschen war, war er dennoch erstaunt +über die Dreistigkeit dieses Schriftstellers, der von den unerklärlichen +Absichten Gottes redete, als ob er die Beweise der unwahrscheinlichen +Behauptungen, die er vorbrachte, hätte beibringen können. + +Ein Buch, das sein Interesse in hohem Grade zu erwecken vermocht hatte, +war: »Der Mensch« von Ernest Hello. + +Dieser war die absolute Antithese seiner religiösen Mitbrüder. Fast +isoliert in der gottesfürchtigen Gruppe, die seine Art abschreckte, +hatte Ernest Hello schliesslich den grossen Verbindungsweg, der von der +Erde zum Himmel führt, verlassen. Ohne Zweifel angewidert von der +langweiligen Einförmigkeit der Strasse und von dem Gewühl dieser +Schriftpilger, die im Gänsemarsch seit Jahrhunderten hintereinander +dieselbe Chaussee gingen, einer in des andern Fussstapfen tretend, an +denselben Orten anhaltend, um dieselben Gemeinplätze über die Religion, +die Kirchenväter, über ihre gleichen Überzeugungen und ihre gleichen +Meister auszutauschen, war er durch die Seitenpfade gegangen und war in +der düstern Waldlichtung von Paschalis gemündet, wo er lange gehalten +hatte, um Atem zu schöpfen. Dann hatte Hello seinen Weg fortgesetzt und +war weiter als der Jansenist vorgedrungen, den er übrigens verspottete. + +Gewunden und geziert, pedantisch und verwickelt, wie Hello war, +erinnerte er den Herzog durch die eindringlichen Spitzfindigkeiten +seiner Analyse an die forschenden, kritischen Studien einiger +Psychologen des vergangenen und dieses Jahrhunderts. + +In diesem eigentümlich gebildeten Geist existierten wundersame +Gedankenverbindungen, unvermutete Annäherungen und Widersprüche. Ihm +imponierte Hellos seltsame Art, von der Etymologie der Wörter auf +geistreiche Beziehungen zu kommen, die manchmal etwas dünn wurden, aber +fast immer blendend waren. -- + +Zwei Werke von Barbey d'Aurévilly reizten den Herzog ganz besonders: »Le +Prêtre marié« und »Les Diaboliques«. In diesen eigentümlichen Büchern +hatte der Verfasser beständig zwischen den beiden Extremen der +katholischen Religion laviert, die sich vereinigen: Mysticismus und +Sadismus. + +In diesen zwei Büchern, die der Herzog wieder durchblätterte, hatte +Barbey jede Klugheit verloren, seinem Pferde die Zügel schiessen lassen +und war in gestrecktem Galopp auf Wegen davon geritten, die er bis zu +ihrem äussersten Ende verfolgte. + +Der ganze Schrecken des Mittelalters schwebte über diesem +unwahrscheinlichen Buch des »verheirateten Priesters«; die Magie +vermischte sich mit der Religion, und unbarmherziger und grausamer als +der Teufel quälte der Gott der Erbsünde die unschuldige Calixte, seine +Verstossene, die er mit einem roten Kreuz auf der Stirne gezeichnet, wie +er ehemals von seinem Engel die Häuser der Abtrünnigen, die er verderben +wollte, hatte zeichnen lassen. + +Nach diesen mystischen Abschweifungen hatte der Schriftsteller eine +Periode der Ruhe gehabt; dann aber war ein schrecklicher Rückfall +eingetreten. + +In dem »verheirateten Priester« wurde das Lob Christi von Barbey +d'Aurévilly gesungen; in »Les Diaboliques« hatte sich der Verfasser dem +Teufel ergeben, den er pries; und jetzt erschien der Sadismus, dieser +Bastard des Katholizismus, den die Religion in allen Formen mit +Exorcismen und Scheiterhaufen durch alle Jahrhunderte verfolgt hat. + +Mit Barbey d'Aurévilly nahm die Serie der religiösen Schriftsteller ein +Ende. Eigentlich gehörte dieser Paria in jeder Hinsicht mehr zur +weltlichen Litteratur als zu jener andern, bei der er einen Platz +beanspruchte, den man ihm verweigerte. Seine Sprache war die des wilden +Romantismus, voll gewundener Wendungen und übertriebener Vergleiche, und +eigentlich erschien d'Aurévilly wie ein Zuchthengst unter diesen +Wallachen, die die ultramontanen Ställe füllen. + +Dem Herzog kamen diese Betrachtungen beim gelegentlichen Wiederlesen +einiger Stellen dieses Schriftstellers, und wenn er diesen nervösen, +abwechslungsreichen Stil mit der lymphatischen und unbeweglichen Art +seiner Mitbrüder verglich, gedachte er ebenfalls der Fortentwickelung +der Sprache, die uns Darwin so klar dargestellt hat. + +Mittlerweile kündigte der silberne Ton einer Glocke, die auf den Ton der +Angelusglocke abgestimmt war, dem Herzog an, dass das Frühstück +aufgetragen sei. + +Er liess seine Bücher liegen, trocknete sich die Stirn und ging nach dem +Esszimmer, indem er sich sagte, dass von all den Büchern, die er soeben +geordnet hatte, die Werke von Barbey d'Aurévilly noch die einzigen +waren, bei denen Gedanken und Stil an den Hautgoût der decadenten +lateinischen Schriftsteller der alten Zeit, die ihm so sympathisch +waren, erinnerten. + + + + + DREIZEHNTES KAPITEL. + + +Das Wetter war in diesem Jahre ganz ungewöhnlich: nach den Stosswinden +und Nebeln lag ein weissglühender Himmel über der Gegend ausgebreitet. + +In zwei Tagen war ohne jeden Übergang der feuchten Kälte und den +Regengüssen eine brennende Hitze, eine Luft von entsetzlicher Schwere +gefolgt. Wie mit Feuerhaken geschürt strahlte die Sonne, gleich der +Öffnung eines Backofens, ein fast weisses Licht aus, das das Auge +blendete; ein heisser Staub erhob sich von den kalkigen Chausseen und +verdorrte die Bäume und den Rasen. Die Sonne, die auf die weiss +getünchten Mauern, die Zinkdächer und die Fensterscheiben niederbrannte, +blendete förmlich. Die Glut einer Giesserei lag auf dem Hause des +Herzogs Jean. + +Halb nackt öffnete er ein Fenster, eine Welle heisser Luft schlug ihm +ins Gesicht; in dem Esssaal, in den er sich flüchtete, war es glühend. + +Er setzte sich ganz verzweifelt nieder, denn die Überreizung, die ihn +aufrecht hielt, solange er beim Ordnen seiner Bücher seinen Träumen +nachgehangen hatte, war jetzt vorüber. + +Wie alle nervösen Leute wurde er durch die Hitze sehr angegriffen. Die +Bleichsucht, durch die Kälte zurückgehalten, machte sich wieder +bemerkbar und schwächte den ohnedies schon matten Körper noch mehr durch +übermässigen Schweiss. + +Das Hemd auf dem nassen Rücken klebend, die Beine und Arme kraftlos, die +Stirn mit Schweiss bedeckt, der in salzigen Tropfen die Backen +hinablief, lag der Herzog wie gebrochen in seinem Sessel. Der Anblick +des Fleisches, das auf dem Tische stand, widerte ihn in diesem +Augenblick an und er befahl, es fortzutragen; er bestellte sich Eier und +versuchte Stückchen Brot, ins weiche Gelbe getunkt, hinunter zu würgen; +aber sie blieben ihm in der Kehle sitzen. Die Neigung zum Erbrechen kam. +Er trank einige Tropfen Wein, die ihm wie Feuer im Magen brannten. + +Er wischte sich das Gesicht ab; der Schweiss, noch eben warm, floss kalt +an den Schläfen entlang. Er sog einige Stückchen Eis langsam auf, um die +Übelkeit zu vertreiben. Doch vergeblich. + +Eine grenzenlose Mattigkeit drückte ihn nieder; er meinte zu ersticken +und stand auf. + +Noch nie hatte er sich so beunruhigt, so zerrüttet, so elend gefühlt. +Dabei quollen seine Augen, er sah die Gegenstände doppelt und um sich +selbst drehend. Bald verschwand ihm das Gefühl für die richtigen +Entfernungen, sein Glas schien ihm eine Meile von ihm zu stehen. Er +verhehlte sich nicht, dass er der Spielball seiner sensationellen +Täuschungen war, und unfähig, dagegen zu reagieren, legte er sich auf +das Sofa im Salon. + +Da aber wiegte ihn ein Schwanken, wie das Schwanken eines Schiffes, und +die Übelkeit wurde stärker; er stand wieder auf und entschloss sich, +durch ein Verdauungsmittel die Eier, die ihn nahezu erstickten, +hinunterzubringen. + +Er ging nach dem Esszimmer zurück und verglich sich in dieser Kabine +melancholisch mit einem Seereisenden. Er kam sich wie ein von +Seekrankheit befallener Passagier vor. + +Schwankenden Schrittes wendete er sich dann zu dem Wandschrank, prüfte +seine Mundorgel, doch öffnete er sie nicht, sondern nahm von dem oberen +Brett eine Flasche mit Benediktiner, die er ihrer Form wegen +aufbewahrte. + +Aber für den Augenblick war ihm alles gleichgültig; mit mattem Auge +betrachtete er die dickbäuchige dunkelgrüne Flasche, die sonst in ihm +die Vorstellung eines mittelalterlichen Klosters wachgerufen hätte: mit +ihrem antiken Mönchsbauch, ihrem Kopf und Hals, mit einer +Pergament-Kapuze versehen, ihrem roten Wachssiegel mit den drei +silbernen Bischofshüten am Halse, gesiegelt wie eine Bulle, und einer +Etikette, auf deren gelblichem Papier in Mönchslatein stand: »Liquor +Monachorum Benedictinorum Abbatiae Fiscanensis«. + +Diese klösterliche Hülle barg einen safrangelben Likör von entzückender +Zartheit. + +Er trank einige Tropfen von diesem Likör und fühlte während eines +Augenblicks etwas Erleichterung, aber bald brannte das Feuer wieder von +neuem in seinen Eingeweiden. + +Er warf verzweifelt seine Serviette hin und begab sich wieder in sein +Arbeitszimmer, wo er langsam auf und ab ging. + +Es war ihm, als sei er unter einer Luftglocke, in der ihm die Luft nach +und nach entzogen wurde, und eine wonnige grausame Schwäche bemächtigte +sich seiner, vom Rückenmark durch alle Glieder gehend. Er sträubte sich +dagegen, und da er es nicht mehr aushalten konnte, flüchtete er sich, +vielleicht zum ersten Mal seit seiner Ankunft in Fontenay, in seinen +Garten und suchte Schutz unter einem Baum, der einen runden Schatten +warf. + +Auf dem Rasen sitzend, sah er mit stumpfer Miene auf die viereckigen +Gartenbeete, auf denen seine alten Dienstboten Gemüse gepflanzt hatten. + +Er sah sie wohl an, aber erst nach Verlauf einer Stunde bemerkte er sie, +denn ein gräulicher Nebel schwebte vor seinen Augen und liess ihn nichts +unterscheiden, ähnlich wie auf dem Meeresgrund, wo man nur unbestimmte +Bilder gewahrt. + +Schliesslich fand er sein geistiges Gleichgewicht wieder und unterschied +deutlich Zwiebeln vom Kohl, sowie etwas weiter ein Feld mit Kopfsalat +und im Hintergrunde die ganze Hecke entlang eine Reihe weisser Lilien, +die unbeweglich in der schweren Luft ihren Duft ausströmten. + +Er durchstöberte den Garten, sich für die in der Hitze verwelkten +Pflanzen und den heissen Erdboden interessierend, der in dem glühenden +Staub der Luft dampfte. Dann bemerkte er oberhalb der Hecke, die den +tiefer gelegenen Garten von der erhöhten Strasse, die nach dem Vorwerke +führte, trennte, einige Jungen, die sich in vollem Sonnenbrand im Staube +wälzten. + +Er konzentrirte seine Aufmerksamkeit eben auf sie, als ein anderer, +kleinerer erschien; er sah schmutzig aus, hatte Haar wie Seegras und war +voll von Sand; zwei grüne Blasen hatte er unter der Nase, widerliche +Lippen, weiss beschmiert mit weichem Käse, der auf Brot gestrichen und +mit gehackten Zwiebeln bestreut war. + +Der Herzog sog den Geruch davon ein; ein krankhaftes Gelüst bemächtigte +sich seiner. Die schmutzigen Brotschnitte liessen ihm das Wasser in den +Mund treten. Es schien ihm, als wenn sein Magen, der jede Nahrung +verweigerte, dies abscheuliche Essen verdauen würde und sich sein Gaumen +wie an einem Leckerbissen daran laben könne. + +Er sprang auf, lief nach der Küche, befahl, aus dem Dorf einen Laib +Brot, weissen Käse und Zwiebeln zu holen, bestimmte, wie man ihm die +Brotschnitte bereiten solle, genau wie die, an denen der Junge +herumwürgte, und ging zu seinem Baum zurück, unter dem er sich wieder +niederliess. + +Jetzt schlugen sich die Jungen. Sie entrissen sich Stücke Brot, die sie +sich in die Backen stopften, wobei sie sich die Finger ableckten. Es +hagelte dabei Fusstritte, Faustschläge, und die Schwächsten, die zur +Erde geworfen wurden, schlugen mit den Beinen um sich und heulten. + +Dieses Schauspiel belebte den Herzog; das Interesse, das er an dem Kampf +nahm, wendete seine Gedanken von seinem Übel ab; bei der Erbitterung der +Bengel dachte er an das grausame Gesetz vom Kampf ums Dasein, und +obgleich diese Jungen nur aus niedrigem Stande waren, konnte er sich +doch nicht erwehren, sich für ihr Los zu interessieren und zu glauben, +dass es besser für sie gewesen wäre, wenn ihre Mütter sie nicht in die +Welt gesetzt hätten. + +»Welcher Wahnsinn,« dachte der Herzog, »Kinder zu zeugen!« + +Der Diener unterbrach die wohlgemeinten Betrachtungen, über welche der +Herzog nachgrübelte, und überreichte ihm auf einem silbernen Teller das +gewünschte Käsebrot. + +Eine Übelkeit überkam ihn; er hatte nicht den Mut, dieses Butterbrot zu +essen, denn die krankhafte Überreizung seines Magens war vergangen. Ein +Gefühl entsetzlicher Zerrüttung befiel ihn von neuem; er musste +aufstehen. Die Sonne drehte sich und nahm nach und nach seinen Platz +ein, die Hitze wurde noch drückender und lästiger. -- »Werfen Sie das +Butterbrot jenen Jungen hin,« sagte der Herzog zu dem alten Diener, +»mögen die sich darum schlagen; mögen sich die Schwächeren verkrüppeln +und keinen Teil an den Leckerbissen haben; mögen sie obendrein von ihren +Eltern tüchtig durchgeprügelt werden, wenn sie mit zerrissenen Hosen und +blauen Augen nach Hause kommen; das wird ihnen einen Vorgeschmack von +dem Leben, das ihrer wartet, geben!« + +Mit diesen Worten ging er langsam seinem Hause zu und sank halb +ohnmächtig auf einem Sessel nieder. + +»Ich muss indessen versuchen, etwas zu essen,« murmelte er, und er +tunkte einen Zwieback in einen alten Constantia, von dem er noch einige +Flaschen im Keller hatte. + +Dieser Wein in der Farbe leicht angebrannter Zwiebelschale, die Mitte +zwischen Malaga und Portwein haltend, doch mit einem besonders zuckrigen +Bouquet und einem Nachgeschmack von Weintrauben hatte ihn oft gestärkt +und manchmal sogar seinem durch gezwungenes Fasten geschwächten Magen +neue Kraft eingeflösst. Aber diese Herzstärkung, sonst treu und +zuverlässig, verfehlte heut ihre Wirkung. + +Nun hoffte er, dass ein linderndes Mittel die glühenden Eisen, die ihm +gleichsam den Magen zerrissen, vielleicht abkühlen würde, und er nahm +seine Zuflucht zu dem Nalifka, einem russischen Likör in einer +mattgolden glasierten Flasche. Aber dieser ölige und himbeerartige Saft +war ebenfalls wirkungslos. + +Leider! Die Zeit war fern, wo der Herzog sich noch einer guten +Gesundheit erfreute, wo er in voller Hundstagshitze auf seinem Besitztum +einen Schlitten bestieg und da, eingewickelt in Pelze, die er bis zur +Brust hinaufzog, zu frösteln versuchte und sich sagte, indem er sich mit +den Zähnen zu klappern bemühte: »Ah! dieser Wind ist eisig, man erfriert +fast, man erstarrt wirklich!« bis es ihm fast gelang, sich zu +überzeugen, dass es recht bitterlich kalt sei! + +Unglücklicherweise wirkten diese Mittel nicht mehr, seit seine Leiden +thatsächlich überhandgenommen hatten. + +Dabei blieb ihm nicht einmal die Zuflucht, zur Opiumtinktur zu greifen; +denn anstatt ihn zu beruhigen, regte ihn dies schmerzstillende Mittel +derartig auf, dass es ihm die Ruhe raubte. + +Früher hatte er sich mit Opium und Haschisch Visionen erzeugen wollen, +aber diese beiden Substanzen hatten Erbrechen und heftige nervöse +Aufregungen herbeigeführt, er hatte sofort darauf verzichtet und ohne +Hilfe dieser derben Reizmittel von seinem Gehirn allein verlangt, ihn +weit von dem Leben ab ins Reich der Träume zu führen. + +»Welch ein Tag!« seufzte der Herzog, sich den Hals trocknend und +fühlend, dass das, was ihm noch an Kräften geblieben war, sich in neuem +Schweiss auflöste. Eine fieberhafte Erregung verhinderte ihn still zu +sitzen. Von neuem irrte er durch alle Zimmer, alle Sitze nacheinander +versuchend. + +Des Kampfes müde sank er endlich vor seinem Schreibtisch nieder. Den +Ellbogen auf die Platte gestützt, bewegte er mechanisch, ohne an etwas +zu denken, einen Sternhöhenmesser, der anstatt eines Briefbeschwerers +auf einem Haufen Bücher und Notizen stand. + +Er hatte dieses Instrument aus graviertem, vergoldetem Kupfer, aus +Deutschland stammend und im siebzehnten Jahrhundert gearbeitet, bei +einem Trödler in Paris gekauft nach einem Besuch des Cluny-Museum, wo er +lange in Entzücken vor einem wunderbaren Astrolabium aus geschnitztem +Elfenbein gestanden hatte, dessen kabbalistische Art ihn geradezu +bezauberte. + +Dieser Briefbeschwerer rief einen ganzen Schwarm Erinnerungen in ihm +wach. Der Anblick dieser Seltenheit liess ihn vergessen, wo er sich +befand, seine Gedanken schweiften zurück zu dem Trödler in Paris, der +ihm das Instrument verkauft hatte. + +Er sah sich im Geist wieder im Museum vor dem Astrolabium aus Elfenbein, +während seine Augen fortfuhren, den Sternhöhenmesser aus Kupfer vor sich +auf dem Tische zu betrachten, ohne ihn zu sehen. + + + + + VIERZEHNTES KAPITEL. + + +Einige Tage lang war sein Zustand erträglich, dank der Mittel, die er +seinem Magen anbot. Aber eines Morgens wollte er die marinierten +Gerichte nicht mehr annehmen, und der Herzog fragte sich beunruhigt, ob +seine grosse Schwäche nicht noch zunehmen und ihn nötigen würde, das +Bett zu hüten. + +Es fiel ihm plötzlich ein, dass einer seiner Freunde es mit Hilfe eines +gewissen Nahrungsmittels erreicht hatte, seiner Blutarmut Einhalt zu +thun und sich das bisschen Kraft zu erhalten. + +Er schickte schnell seinen Diener nach Paris, um sich dieses kostbare +Mittel zu verschaffen; nach dem Prospekt, den der Fabrikant beigelegt +hatte, unterrichtete er selbst seine Köchin, wie das Rindfleisch in +kleine Stücke zu schneiden und zuzubereiten sei. + +Den durch diese Prozedur gewonnenen Saft nahm er löffelweise ein. + +Durch diese Kur wurde das Nervenleiden aufgehalten und der Herzog sagte +sich: + +»Das hätten wir immerhin erreicht; vielleicht dass die Temperatur sich +ändert und der Himmel etwas Asche auf diese abscheuliche Sonne wirft, +die mich völlig erschöpft, und dass ich mich ohne grosse Schwierigkeit +bis zur ersten Kälte durchschlagen werde.« + +In dieser Erschlaffung und müssigen Langeweile, in die er versunken, +ärgerte ihn seine Bibliothek, deren Ordnung unvollendet geblieben war; +da er nicht mehr aus seinem Lehnstuhl aufstehen konnte, hatte er +unaufhörlich seine profanen Bücher vor sich, die wie Kraut und Rüben in +den Fächern standen und lagen. Die Unordnung verletzte ihn um so mehr, +da sie zu der sorgfältigen Ordnung der religiösen Bibliothek in +schreiendem Widerspruch stand. + +Er versuchte dieser Verwirrung ein wenig abzuhelfen, aber nachdem er +zehn Minuten gearbeitet, war er wie in Schweiss gebadet; die Anstrengung +erschöpfte ihn. Wie gebrochen legte er sich aufs Sofa und klingelte +seinem Diener. + +Auf seine Angabe hin machte sich der alte Mann ans Werk, ihm einzeln die +Bücher zuzutragen, die er prüfte und deren Platz er bezeichnete. + +Diese Arbeit war von kurzer Dauer, denn die Bibliothek des Herzogs Jean +schloss nur eine ausserordentlich kleine Zahl moderner weltlicher Werke +ein. + +Er war nämlich zu dem Resultat gelangt, dass er nicht mehr ein Buch +entdecken könne, das seinen geheimen Wünschen entsprach; und seine +Bewunderung liess sogar für diejenigen Bücher nach, die dazu beigetragen +hatten, seinen Geist zu schärfen und ihn so argwöhnisch und so +wählerisch zu machen. + +In der Kunst waren seine Ideen von dem eigentlich selbständigen +Standpunkt ausgegangen: für ihn existierten keine Schulen, das +Temperament des Schriftstellers allein war für ihn massgebend. Die +Arbeit seines Gehirns interessierte ihn, welches Thema er sich auch +gestellt haben mochte. + +Leider war in Wahrheit diese Schätzung, eines La Palisse würdig, beinahe +undurchführbar, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil jeder, wenn er +es auch wünscht, sich von allen Vorurteilen loszumachen, und sich jeder +Parteinahme zu enthalten sucht, sich aber doch mit Vorzug zu den Werken +hingezogen fühlt, die mit seinem Temperament am meisten übereinstimmen. + +Dieser Prozess der Auswahl hatte sich langsam in ihm vollzogen; er hatte +vor kurzem noch den grossen Balzac angebetet, aber zur selben Zeit, als +sein Organismus aus dem Gleichgewicht geriet und seine Nerven die +Herrschaft übernahmen, hatten sich auch seine Neigungen modifiziert und +seine Bewunderungen vermindert. + +Seit kurzem sogar, und obwohl er sich Rechenschaft von seiner +Ungerechtigkeit gegen den trefflichen Verfasser der »menschlichen +Komödie« ablegte, war er dahin gekommen, seine Werke nicht mehr zu +öffnen. Andere Wünsche bewegten ihn jetzt, die kaum definierbar waren. + +Er sah bei einiger Prüfung zwar ein, dass ein Werk, das ihn anziehen +sollte, den Stempel der Seltsamkeit tragen müsse, wie zum Beispiel Edgar +Poës Kunst; aber er wagte sich häufig noch weiter vor auf diesem Wege. + +Er wollte durchaus ein Kunstwerk, das für sich Bedeutung hatte. Er +wollte ihm folgen, wie gestützt und getragen von einem freundlichen +Helfer, in eine Sphäre, in der ihm die erhabenen Empfindungen eine +ungeahnte Sensation einflössten, bei denen er lange nach der Ursache +forschen konnte. + +Er entfernte sich mehr und mehr von der Wirklichkeit und besonders von +der heutigen Gesellschaft, gegen die er einen wachsenden Abscheu +empfand. Dieser Hass hatte notgedrungen auf seinen litterarischen und +künstlerischen Geschmack gewirkt, und er wandte sich soviel wie möglich +von den Bildern und Büchern ab, deren in der Stoffwahl eng begrenzte +Themata sich auf das moderne Leben beschränkten. + +Somit verlor er die Fähigkeit, die Schönheit, unter welcher Form sie +sich auch darbot, gleichgültig zu bewundern und zog bei Flaubert »die +Versuchung des heiligen Antonius« der »sentimentalen Erziehung«, bei +Goncourt »die Faustina« der »Germinie Lacerteux«, bei Zola »die Schuld +des Abtes Mouret« dem »Assommoir« vor. + +Dieser Gesichtspunkt schien ihm logisch. Diese weniger unmittelbar +wirkenden, aber so mächtigen, so menschlichen Werke liessen ihn tiefer +in den Schacht des Temperamentes dieser Meister eindringen, die mit +aufrichtiger Ungezwungenheit die geheimnisvollsten Erregungen ihres +Wesens offenbarten. + +Und so trat er in vollständige Ideenübereinstimmung zu ihren Verfassern, +weil sie sich wohl in einer gleichen Geistesverfassung wie er befunden +haben mochten. + +Bei Flaubert waren es die feierlichen, ungeheuren Gemälde, grossartiger +Prunk in barbarisch prachtvoller Umrahmung, auf welchen entzückend +zarte, geheimnisvolle und stolze Wesen Leben annahmen: Frauen in +höchster Vollendung ihrer Schönheit, mit kranken Seelen, in ihrem Innern +schreckliche Verwüstungen und wahnsinnige Wünsche. + +Das ganze Temperament des grossen Künstlers zeigte sich in den +unvergleichlichen Seiten der »Versuchung des heiligen Antonius« und in +»Salambo«, wo er weit ab von unserm armseligen Leben den Glanz der alten +Zeiten heraufbeschwor mit ihren mystischen Gebeten, ihrem Verfall und +ihren Grausamkeiten. + +Bei Edmond de Goncourt war es das Heimweh nach dem vorigen Jahrhundert, +eine Rückkehr zu der Eleganz einer für immer verschwundenen +Gesellschaft; der begeisterte Lobgesang auf das Meer, das sich an den +Hafendämmen bricht. Die Wüsten, die sich in endloser Ferne unter dem +heissen Himmel verlieren, existierten nicht in seinem Heimweh-Werk, das +sich in einen königlichen Park oder in ein Boudoir zurückzog, das durch +die wollüstigen Ausströmungen eines Weibes mit müdem Lächeln, lüsternem +Mund und sinnenden Augen erwärmt wird. Die Seele, mit denen Goncourt +seine Menschen belebte, war nicht die Seele, die Flaubert seinen +Geschöpfen eingab. + +Obgleich sie unter uns gelebt hatte, obgleich sie ganz Leben und Körper +unserer Zeit, war die Faustina dennoch durch erbliche Einflüsse ein +Wesen des vergangenen Jahrhunderts, von dem sie die Würze der Seele, die +geistige Müdigkeit und die sinnliche Ausschweifung hatte. + +Dieses Buch von Goncourt war eins der Lieblingsbücher des Herzogs. Sein +Verlangen, über einem Werke träumen zu können, wurde in diesem Werke +gestillt, wo man überall zwischen den Zeilen lesen konnte. + +Es war nicht die Sprache Flauberts, diese Sprache unnachahmlicher +Pracht, sondern es war ein durchsichtig-krankhaft-nervöser Stil, ein +Stil, der fähig war, die komplizierten Nüancen einer Epoche +auszudrücken, welche an und für sich schon ausserordentlich verwickelt +waren. + +In Paris war das in der Litteraturgeschichte beinahe Unglaubliche +geschehen: die mit dem Tode ringende Gesellschaft des achtzehnten +Jahrhunderts, das Maler, Bildhauer, Musiker, Architekten in Fülle +hervorgebracht hatte, die von seinem Stil durchdrungen und seinen +Doktrinen erfüllt waren, hatte nicht einen wirklichen Schriftsteller +gehabt, der seine morbide Grazie darzustellen verstand. Man hatte das +Auftreten Goncourts abwarten müssen, dessen Kunst aus Erinnerungen +bestand, aus wieder aufgefrischten Klagen über den leidigen Anblick des +geistigen Elends und des niedrigen Trachtens seiner Zeit, damit er, +nicht nur in seinen Geschichtsbüchern, sondern auch in seinem +Heimweh-Werk, wie die »Faustina«, die Seele dieser Epoche wieder +auferwecken, ihre nervösen Zartheiten in dieser Künstlerin verkörpern +konnte. + +Bei Zola war das Heimweh nach dem Jenseits anders geartet. + +In ihm war nicht der Wunsch nach Auswanderung in verschwundene Regionen, +nicht das Bedürfnis, in vergangene Zeiten zu flüchten. Sein mächtiges +zielbewusstes Temperament, verliebt in die Üppigkeiten des Lebens, in +die sanguinischen Kräfte und moralische Gesundheit, liess ihn sich von +den künstlichen Reizen und der geschminkten Blutarmut des vergangenen +Jahrhunderts fern halten, wie auch von der hierarischen Feierlichkeit, +der brutalen Grausamkeit und den verweichlichten, zweideutigen +Träumereien des alten Orients. + +An dem Tage, an dem auch er von diesem Heimweh, von dem Bedürfnis und +Sehnen erfasst worden war, das im Grunde die Poesie selbst ist, da hatte +er sich in ein ideales Gefilde gestürzt, wo der Saft in voller Sonne +schäumte; er hatte von der phantastischen Brunst des Himmels, von dem +berauschenden Entzücken der Erde, von dem befruchtenden Regen des +Blütenstaubes, der in die lechzenden Organe der Blumen fällt, geträumt. +So war er zu einem riesenhaften Pantheismus gekommen, hatte, gegen +seinen Willen vielleicht, mit diesem paradiesischen Milieu, in das er +seinen Adam und seine Eva stellte, eine wunderbare indische Dichtung +geschaffen, in einem Stil, dessen kühne, roh aufgetragene Farbe einen +seltsamen Glanz, wie die der indischen Malerei hatte, indem er die Hymne +der Fleischeslust anstimmte, das belebte und lebende Sinnliche feierte +und durch das Betonen des Fortpflanzungsdranges der menschlichen Kreatur +die verbotene Frucht der Liebe, ihre instinktiven Liebkosungen, ihre +natürliche Stellung offenbarte. + +Mit Baudelaire waren diese drei Meister in der französischen modernen +profanen Litteratur diejenigen, die den Geist des Herzogs am meisten +gefesselt hatten; aber dadurch, dass er sie zu oft gelesen, war er von +diesen Werken übersättigt. + +Er kannte sie auswendig, und um sich noch wieder in sie versenken zu +können, hatte er sich bemüht, sie zu vergessen und sie einige Zeit in +ihren Fächern ruhen zu lassen. + +Deshalb öffnete er sie auch kaum, als der Diener sie ihm jetzt hinhielt. +Er begnügte sich, den Platz zu bezeichnen, den sie einnehmen sollten, +nur beachtend, dass sie auch richtig und gut geordnet wurden. + +Der Diener brachte ihm einen neuen Stoss Bücher. Es waren dies zwar +weniger bedeutende Werke, zu welchen er aber doch nach und nach eine +Neigung gefasst hatte. + +Gerade ihre Unvollkommenheiten gefielen ihm, vorausgesetzt, dass sie +nicht unselbständig waren; und vielleicht enthält die Behauptung eine +Dosis Wahrheit, welche meint, dass uns der Schriftsteller zweiten +Ranges, der wohl eine Individualität darstellt, aber seiner +Selbständigkeit noch nicht bewusst geworden ist, einen noch kräftigeren +Trank zumutet, als der Künstler derselben Zeit, der wirklich gross und +wirklich vollkommen ist. + +Daher wendete er sich notgedrungen von den Meistern ab und den +Schriftstellern zu, die ihm dadurch noch teurer wurden, dass sie das +Publikum, das sie nicht verstand, verachtete. + +Einer von ihnen, Paul Verlaine, hatte mit einem Band Verse »Poèmes +Saturniens« debütiert, einem ziemlich schwachen Werk, in dem sich die +Nachahmungen von Leconte de Lisle und romantische Rhetorik berührten, +aber in dem schon in gewissen Teilen, wie in dem Sonett: »Rêve familier« +die wirkliche Persönlichkeit des Poeten durchschimmerte. + +Beim Studium seiner frühen Gedichte erkannte der Herzog unter seinen +unselbständigen Versuchen ein Talent, das schon von Baudelaire tief +durchdrungen war, dessen Einfluss sich später noch mehr geltend machte, +ohne dass er ein erdrückender geworden wäre. + +Seine späteren Bücher, die »Bonne Chanson«, die »Fêtes galantes«, die +»Romances sans paroles«, schliesslich sein letzter Band »Sagesse« +enthielten Gedichte, in denen sich der originelle Schriftsteller +offenbarte und sich von dem grossen Haufen seiner Kollegen glänzend +abhob. + +Im Gegensatz zu Verlaine, der direkt von Baudelaire abstammte und +besonders durch die psychologische Seite, durch die köstliche Färbung +des Gedankens, durch die gelehrte Quintessenz des Gefühls mit ihm +verwandt war, näherte sich Théodore Hannon besonders dem Meister in der +plastischen Form, in der äusserlichen Erscheinung der Wesen und Dinge. + +Seine entzückende Korruption stimmte merkwürdig mit den Neigungen des +Herzogs überein, der bei Nebel und Regentagen sich in den von dem Poeten +erdachten Schmollwinkel einschloss und seine Augen an dem Schillern +seiner Stoffe, an dem Funkeln seiner Edelsteine, an der ausschliesslich +materiellen Pracht berauschte, die zu den Aufreizungen des Gehirns +beitrugen. + +Mit Ausnahme dieses Poeten und Stéphane Mallarmé's, die er seinem Diener +beiseite zu legen befahl, um sie abseits aufzustellen, fühlte sich der +Herzog nur wenig von den Dichtern angezogen. + +Trotz ihrer prächtigen Form, trotz der imposanten Wendung seiner Verse, +die sich mit solchem Glanz ausbreiteten, dass die Hexameter von Hugo +sogar im Vergleich düster und klanglos schienen, konnte ihn Leconte de +Lisle jetzt nicht mehr befriedigen. + +Das Altertum, das Flaubert so wunderbar wieder belebt hatte, blieb unter +seinen Händen leblos und kalt. Es war kein Blut in diesen Versen, alles +war nur Aussenseite; nichts atmete in diesen öden Gedichten, deren +kaltblütige Mythologieen ihn schliesslich erstarrten. + +Auch an Gautiers Werken fand er kein Interesse mehr, nachdem er ihn +lange gern gehabt hatte; seine Bewunderung für einen so +unvergleichlichen Maler, wie dieser Mann es war, war von Tag zu Tag mehr +verschwunden, und jetzt war er erstaunter als entzückt über diese +indifferenten Beschreibungen. + +Zweifellos liebte der Herzog die Werke dieser beiden Poeten, wie er +seltene und kostbare Steine liebte, aber keine der Variationen dieser +vollkommenen Instrumentisten konnte ihn mehr entzücken, denn keine war +dem Träumen zugänglich, keine zeigte, wenigstens nicht für ihn, einen +jener lebhaften Durchblicke, die ihm erlaubten, den langsamen Flug der +Stunden zu beschleunigen. + +Er ging hungrig von diesen Büchern weg; ähnlich erging es ihm bei Victor +Hugo. + +Die psychologischen Labyrinthe Stendhals, die analytischen Irrgänge +Durantys lockten ihn, aber ihre farblose, steife Sprache, gut genug für +die gewöhnlichen Theaterstücke, stiess ihn andrerseits ab. + +Um sich an einem Werk zu erfreuen, das nach seinem Geschmack einen +prägnanten Stil mit einer scharfsinnig-katzenhaften Beweisführung +verband, musste er auf Edgar Poë zurückgreifen, für den seine Liebe nur +gewachsen war, seitdem er sich öfter mit ihm beschäftigt hatte. + +Mehr als jeder andere entsprach gerade dieser durch eine geistige +Verwandtschaft den Träumereien des Herzogs. + +Dem Tod, den alle Dramatiker so sehr gemissbraucht hatten, hatte er ein +anderes Aussehen gegeben; es war eigentlich weniger der wirkliche +Todeskampf eines Sterbenden, den er beschrieb, sondern der moralische +Todeskampf des Überlebenden, der vor dem elenden Bett von grässlichen +Hirngebilden, welche der Schmerz und die Ermüdung erzeugt, erfasst wird. +Mit grausamem Zauber hob er besonders die Handlungen des Entsetzens, den +Zusammenbruch des Willens hervor, begründete sie kaltblütig, schnürte +nach und nach die Kehle des keuchenden erstickenden Lesers vor diesem +künstlich zurecht gemachten Alpdrücken des heissen Fiebers zu. Von +erblichem Nervenleiden krampfhaft verzerrt, halb wahnsinnig von dem +moralischen Veitstanz lebten seine Kreaturen nur durch die Nerven; seine +Frauengestalten, wie Morella, Ligeia, besassen eine ungeheure +Gelehrsamkeit, durchdrungen von dem Nebel der deutschen Philosophie und +den kabbalistischen Geheimnissen des alten Orients, und alle hatten sie +Knabenbrüste und waren geschlechtslos. + +Baudelaire und Poë, diese beiden Geister, die man oft zusammengestellt +hatte wegen ihrer poetischen Berührungspunkte, ihrer gleichen Neigung in +dem Vorwurfe geistiger Krankheiten, waren vollständig verschieden durch +ihre Auffassungen vom Gemüt, das in ihren Werken einen so grossen Platz +einnahm. Baudelaire mit seiner gierigen Liebe, deren grausame Lust an +die Verfolgungen einer Inquisition erinnert; Poë mit seinen keuschen +ätherischen Leidenschaften, in denen keine Sinnlichkeit lebte, in denen +das Gehirn allein Geltung hatte, ohne Zusammenhang mit den Organen, die, +wenn sie überhaupt vorhanden waren, nur kalt und jungfräulich blieben. + +Diese Klinik, in der der geistreiche Chirurg in einer bedrückenden +Atmosphäre Gehirne zerlegte, war für den Herzog eine Quelle +unermüdlichen Nachdenkens; aber seitdem sein Nervenleiden zugenommen +hatte, gab es Tage, wo diese Lektüre ihn vollständig niederwarf, Tage, +wo er mit zitternden Händen ängstlich lauschend dasass und sich, wie der +verzweifelte Usher, von einer unsinnigen Todesangst, einem dumpfen +Schrecken erfasst fühlte. + +Notgedrungen musste er sich schonen und diese fürchterlichen Reizmittel +vermeiden. Ebenso vermochte er nicht mehr ungestraft sein rotes +Vorzimmer zu besichtigen und sich an dem Anblick der Unheimlichkeiten +Odilon Redons und den Martern Jan Luykens zu berauschen. + +Und doch schien ihm, wenn er in dieser Geistesverfassung war, jede +Litteratur ungeniessbar nach diesem amerikanischen Poeten. + +Er wendete sich dann wohl zu Villiers de l'Isle-Adam, in dessen +zerfahrenem Werke er wohl noch Anreizendes fand, das ihn jedoch nicht +mehr wirklich packte, mit Ausnahme allerdings seiner Claire Lenoir, +einem wahrhaft beunruhigenden Scheusal. + +Es existierte wohl kein anderes Buch in Frankreich in diesem Stil des +ernsten und zugleich herben Spottes, ausser der Novelle von Charles +Cros: »la science de l'amour«. Diese konnte noch durch ihren stichelnden +Humor und ihre kalt spasshaften Beobachtungen auffallen, aber das +Vergnügen war nur relativ, denn die Ausführung liess alles zu wünschen +übrig. + +»Mein Gott! mein Gott! giebt es doch wenig Bücher, die man zweimal lesen +kann,« seufzte der Herzog, seinem Diener zusehend, der vom Schemel +herunterstieg, indem er zur Seite ging, damit der Herzog alle Fächer +überblicken konnte. + +Herzog Jean nickte Genehmigung mit dem Kopfe. Es blieben nur noch zwei +dünne Einbände auf dem Tische. Eine Handbewegung verabschiedete den +alten Diener. Er ergriff eines der Bücher, das in Eselshaut gebunden +war, eingehüllt in eine Schutzdecke aus altem chinesischen Seidenstoff, +der verblasst war und den Reiz verblasster Stoffe hatte, wie sie +Mallarmé in einem entzückenden Gedichte rühmte. + +Das Buch bestand aus nur neun Seiten und enthielt Auszüge aus Mallarmés +ersten beiden Büchern. Sie waren auf Pergament gedruckt und unter dem +Titel: »Einige Verse von Mallarmé« vereinigt. Sie waren von einem +geschickten Kalligraphen in goldenen und farbigen Buchstaben mit der +Hand im Stil der alten Handschriften gemalt. + +Einige dieser Stücke interessierten ihn, aber besonders ein Bruchstück +der Herodias wusste ihn in gewissen Stunden wie durch einen Zauber zu +bannen. + +Wie oft hatte er sich nicht des Abends unter der Lampe, die mit ihrem +gedämpften Licht das stille Zimmer beleuchtete, hingerissen gefühlt von +dieser Herodias, die in dem Bilde Gustav Moreaus, das jetzt im Schatten +hing, nur noch die undeutlichen Umrisse ihres Körpers durch ihren Behang +von Edelsteinen durchblicken liess. + +Die Dunkelheit unterdrückte das Leben, dämpfte die Reflexe und den +goldigen Hintergrund, warf Schatten auf den Tempel, bedeckte die +Nebenpersonen, begrub sie in ihren toten Farben, und nun das Weisse des +Bildes verschwand, liess sie das Weib aus ihrem Juwelenbehang noch +leuchtender heraustreten und sie noch nackter erscheinen. + +Unwillkürlich hob er zu ihr das Auge empor, erkannte sie in ihren +unvergesslichen Umrissen und sie wurde wieder lebendig und rief auf +ihren Lippen die seltsamen und süssen Verse wach, die ihr Mallarmé +eingiebt. + +Er liebte diese Verse, wie er die Werke dieses Dichters liebte, der im +Jahrhundert des allgemeinen Wahlrechts und in einer Zeit der Geldgier +abseits vom litterarischen Wege lebte, geschützt durch seine Verachtung +vor der ihn umgebenden Dummheit. Er gefiel sich, fern von dem Treiben +der Welt in dem wechselnden Spiel des Verstandes, in den Visionen des +Gehirns, indem er noch mit den schon an sich gekünstelten Gedanken +jonglierte und ihnen byzantinische Lichterchen aufsetzte. + +Von allen Formen der Litteratur war die des Gedichtes in Prosa +diejenige, die der Herzog am meisten liebte. Von einem Genie gehandhabt, +musste sie in ihrem kleinen Raum die Gewalt eines Romans, dessen +zergliederte Längen und beschreibende unnütze Wiederholungen sie +wegliess, einschliessen. + +Schon oft hatte der Herzog über das grosse Problem nachgegrübelt, einen +Roman in wenige Sätze zusammengedrängt zu schreiben, die die +kondensierte Last von hunderten von Seiten enthielten. Dann würden die +gewählten Worte an ihrem richtigen Platze stehen, so, dass man keines +umstellen könnte. + +Der auf diese Weise abgefasste Roman, in eine oder zwei Seiten +zusammengedrängt, würde eine Gedankenübereinstimmung zwischen dem +Dichter und dem idealen Leser, eine geistige Zusammenarbeit zwischen +wenigen auserwählten Personen, die in der Welt zerstreut sind, ein nur +wenigen Feinsinnigen zugänglicher Genuss werden. + +Mit einem Wort, das Gedicht in Prosa stellte für den Herzog den Extrakt +der Litteratur, das Rückgrat der Kunst vor. + +Dieser auf ein Minimum kondensierte Extrakt existierte schon bei +Baudelaire und ebenfalls in den Gedichten von Mallarmé, den er mit +tiefem Entzücken in sich sog. + +Als er dieses letzte Buch zuklappte, sagte sich der Herzog, dass sich +jetzt wohl seine Bibliothek nie mehr vermehren würde. + + + + + FÜNFZEHNTES KAPITEL. + + +Die nervöse Verdauungsschwäche zeigte sich von neuem. Das neue Mittel +brachte eine solche Reizung in seinem Magen hervor, dass der Herzog so +schnell wie möglich mit seinem Gebrauch aufhören musste. + +Die Krankheit nahm ihren gewöhnlichen Verlauf; unbekannte Erscheinungen +begleiteten sie. Nach den Alpdrücken, den Geruchseinbildungen, +Gesichtsstörungen, dem harten, hartnäckigen Husten, dem Klopfen der +Pulsadern und des Herzens, dem kalten Schweiss traten Täuschungen des +Gehörs ein, Verschlimmerungen, die sich nur in der letzten Periode des +Übels zu zeigen pflegen. + +Von einem hitzigen Fieber verzehrt, hörte der Herzog plötzlich ein +Wasserrauschen, das Summen von Bienenschwärmen; dann verschmolzen diese +Geräusche zu einem einzigen zusammen, das dem Schnarren einer Drehbank +ähnelte. Dieses Schnarren wurde nach und nach schwächer und löste sich +in hellen Glockenklängen auf. + +Bald fühlte er sein fieberndes Hirn wie emporgetragen in musikalischen +Wellen, eingehüllt in den mystischen Taumel seiner Kindheit. + +Die bei den Jesuiten erlernten Gesänge fielen ihm wieder ein, durch sie +wieder das Pensionat und die Kapelle, in dem sie erklangen. + +Bei den Patern wurden die religiösen Feierlichkeiten mit grosser Pracht +ausgeführt; ein vortrefflicher Organist und ein ausgezeichneter +Chorknabengesang machten diese religiösen Übungen zu einem +künstlerischen Genuss, der dem Kultus zu gute kam. + +Der Organist war in die alten Meister verliebt und bei hohen Festtagen +spielte er Messen von Palestrina und Orlando Lasso, Psalmen von +Marcello, Oratorien von Händel, Motetten von Sebastian Bach und trug +gerne des Paters Lambilottes weiche und leichte Kompositionen vor, wie +auch die »Laudi spirituali« des sechzehnten Jahrhunderts, deren +priesterliche Weihe den jungen Herzog oft entzückt hatte. + +Besonders aber empfand er eine unbeschreibliche Wonne beim Hören des +einstimmigen Kirchengesangs, den der Organist beibehalten hatte. + +Die jetzt für veraltet und altertümelnd geltende Liturgie war das Wort +und der Geist der antiken Kirche, die Seele des Mittelalters; es war das +ewig gesungene Gebet, nach den Begeisterungen der Seele harmonisiert, +eine beständige Hymne, die seit Jahrhunderten zu dem Allerhöchsten +hinaufgesandt wurde. + +Diese traditionelle Melodie war die einzige, die sich mit ihrem +mächtigen Gleichklang, ihren feierlich massiven Harmonieen den +Quadersteinen der alten Basiliken anpasste und die römischen Gewölbe +ausfüllte. + +Wie oft war der Herzog nicht ergriffen und niedergedrückt gewesen von +dem unwiderstehlichen Hauch, als der »Christus factus est« des +gregorianischen Gesanges zu dem Kirchenschiff emporstieg, dessen Pfeiler +unter den schwebenden Wolken des Weihrauchkessels zu zittern schienen; +oder wenn die einförmige Melodie des »De profundis« klagend ertönte, +traurig wie ein Schluchzen, durchdringend wie der verzweifelte Ruf der +Menschheit, die ihr sterbliches Schicksal beweint, die rührende +Barmherzigkeit ihres Erlösers anfleht! + +Im Vergleich zu diesem prachtvollen Gesang, den kein Einzelner, sondern +der Genius der Kirche geschaffen, unpersönlich, namenlos wie die Orgel +selbst, deren Erfinder unbekannt ist, schien ihm jede religiöse Musik +profan. + +Dagegen war in allen den Werken Jomellis und Porporas, Carissimis und +Durantes, in den bewundernswürdigsten geistigen Schöpfungen von Händel +und Bach keine Verzichtleistung auf einen öffentlichen Erfolg, keine +Aufopferung einer Kunstwirkung, keine Entsagung des menschlichen Stolzes +zu finden. + +Höchstens in der imposanten Hochamtsmusik von Lesueur bestätigte sich +der religiöse Stil ernst und streng und näherte sich der erhabenen +Majestät des alten Chorals. + +Übrigens waren die Ideen des Herzogs in absolutem Widerspruch mit den +Theorieen, die er in Bezug auf alle andern Künste bekannte. Was die +religiöse Musik anbelangte, so billigte er eigentlich nur die +klösterliche Musik des Mittelalters, diese abgezehrte Musik, die +instinktmässig auf die Nerven wirkt. Dann gestand er auch selbst zu, +dass er unfähig war, die Schliche zu verstehen, die die Meister der +Gegenwart in der katholischen Kunst eingeführt hatten; auch hatte er die +Musik nicht mit derselben Leidenschaft studiert, mit der er sich zur +Malerei und zu den litterarischen Wissenschaften hingezogen fühlte. + +Er spielte wie der erste beste Klavier, war nach längerem Studium +imstande, eine Partitur zu entziffern, aber er verstand nichts von der +Harmonie und der nötigen Technik, um wirklich eine Feinheit zu schätzen +und mit Sachverständnis zu geniessen. + +Mit der profanen Orchestermusik konnte er sich nicht befreunden, weil +man sie nicht bei sich allein hören kann, wie man ein Buch zu lesen +pflegt. Um sie zu geniessen, hätte er sich unter dieses immer gleiche +Publikum mischen müssen, das die Theater füllt und den Winter-Cirkus +belagert, wo man in einer Waschhausatmosphäre einen Menschen bewundert, +welcher in der Luft herumfuchtelt und aus Wagner herausgerissene +Episoden zur ungeheuren Freude eines unwissenden Haufens grausam zu Tode +hetzt. + +Er hatte nicht den Mut gehabt, sich in dieses Volksbad zu tauchen, um +Berlioz zu hören, von dem ihn indessen einige Bruchstücke durch ihre +leidenschaftliche Begeisterung und ihr schwungvolles Feuer gefangen +genommen hatten; und er sah auch ein, dass keine Scene, ja selbst nicht +mal ein Satz einer Oper des wunderbaren Wagner aus ihrem Gefüge +ungestraft losgelöst werden durfte. + +Und deshalb war der Herzog auch der Meinung, dass von diesem Haufen von +Musikfreunden, die des Sonntags ausser sich gerieten, kaum zwanzig die +Partitur kannten, die man verhunzte. + +Die bekanntere, leichtere Musik und die unabhängigen Stücke der alten +Opern fesselten ihn sehr wenig; die leichten Piècen von Auber und +Boïeldieu, Adam und Flotow und die Banalitäten eines Ambroise Thomas und +Bazin widerten ihn in gleichem Masse an, wie die veralteten Zierereien +und die pöbelhaften Reize der Italiener. + +Er hatte sich deshalb von der Musik fern zu halten entschlossen und seit +den Jahren dieser seiner Enthaltung erinnerte er sich nur gewisser +Kammermusik-Soiréen, in denen er Beethoven und besonders Schumann und +Schubert gehört hatte, die seine Nerven derart zermürbt hatten wie die +innigsten und qualvollsten Dichtungen Edgar Poës. + +Gewisse Partieen für Violoncello von Schumann hatten ihn ganz atemlos +gelassen; es waren besonders die Lieder von Schubert, die ihn vor +Entzücken ausser sich gebracht hatten. + +Diese Musik drang in sein tiefstes Inneres und machte sein Herz erbeben +wie von vergessenen Leiden alter Melancholie; und er fühlte sich ganz +betäubt, plötzlich so viel wirres Elend und unbestimmten Schmerz zu +empfinden. + +Diese Musik der Verzweiflung, die aus dem Tiefsten des Seins aufschrie, +entsetzte und entzückte ihn zugleich. Niemals hatte er »des Mädchens +Klage« hören können, ohne dass ihm nicht nervöse Thränen in die Augen +stiegen, denn es war in diesem Klagelied mehr als Betrübnis, etwas +Entrissenes, das ihm das Herz zerwühlte, wie das Sterben eines Lieben in +einer düsteren, öden Landschaft. + +Und immer wieder, wenn ihm diese entzückend traurigen Klagen über die +Lippen kamen, riefen sie in ihm diese einsame Landschaft wach, in der +geräuschlos in der Ferne vom Leben abgehetzte Menschen in der Dämmerung +verschwanden. Er fühlte sich dann in dieser trostlosen Natur so allein, +durch Herzeleid und Widerwillen verbittert, von einer namenlosen +Melancholie erdrückt, von einer tödlichen Herzensangst erfasst, deren +geheimnisvolle Macht jeden Trost, jedes Mitleid, jede Ruhe ausschloss. + +Gleich einem Totengeläute verfolgte ihn dieser verzweiflungsvolle +Gesang, jetzt, wo er durch Fieber vernichtet darniederlag, von toller +Angst erregt, die zu beschwichtigen ihm um so weniger gelang, als er +deren Ursache nicht erkannte. + +Er überliess sich schliesslich dem Spiel der Wellen. Des Kampfes müde, +liess er sich von dem Strom der Angst hin und her werfen, der sich in +klagenden Tönen durch seinen schmerzenden Kopf und stechende Schläfe +ergoss. + +Eines Morgens hörte aber dieses Singen und Klingen auf; der Herzog war +wieder seiner mächtig und ersuchte den Diener, ihm einen Spiegel zu +bringen. Vor Entsetzen glitt ihm dieser fast aus der Hand; er erkannte +sich kaum wieder. + +Sein Gesicht hatte eine Erdfarbe angenommen, die Lippen waren +aufgedunsen und trocken, die Zunge welk, die Haut runzelig. Sein Haar +und Bart, seit seiner Krankheit nicht geschnitten, erhöhten noch das +Entsetzliche seines eingefallenen Gesichtes mit den hohlen, +verschwommenen Augen, die im Fieberglanz in seinem borstigen Schädel +brannten. + +Mehr als seine Schwäche, als seine Erbrechungen, die jeden Versuch von +Nahrung zurückwiesen, mehr als dieser Marasmus, in dem er steckte, +erschreckte ihn diese Veränderung seines Äussern. + +Er glaubte sich verloren; doch trotz der Ermattung, die ihn +niederdrückte, richtete ihn die Energie eines gehetzten Menschen +plötzlich auf und gab ihm die Kraft, einen Brief an seinen Arzt in Paris +zu schreiben und seinem Diener zu befehlen, denselben auf der Stelle +aufzusuchen und ihn um jeden Preis sofort herzuschaffen. + +Sein vollständiges Sichgehenlassen ging in plötzliche Hoffnung über; +denn dieser Arzt war ein berühmter Spezialist, ein Doktor, bekannt durch +seine Kuren nervöser Krankheiten. + +»Er hat sicher schon eigensinnigere und gefährlichere Fälle als den +meinen behandelt,« sagte sich der Herzog; »er wird mich zweifellos in +einigen Tagen wieder auf die Beine bringen.« + +Dann aber folgte diesem Vertrauen eine vollständige Hoffnungslosigkeit. + +»So gelehrt, so geschickt sie auch sein mögen, von Nervenleiden +verstehen die Ärzte nichts, ja sie kennen nicht einmal ihren Ursprung. +Wie alle anderen wird auch dieser mir das ewige Zinkoxyd, Chinarinde, +Bromkali und Baldrian verschreiben.« + +»Aber wer weiss,« fuhr er dann fort, sich an eine letzte Hoffnung +klammernd, »wenn mir diese Mittel bis jetzt nicht geholfen haben, so +kommt es vielleicht daher, dass ich sie nicht in richtiger Dosis +gebraucht habe.« + +Trotz alledem aber gab ihm die Erwartung einer möglichen Linderung schon +neuen Lebensmut. + +Dann befiel ihn die neue Befürchtung, ob sich der Arzt in Paris befände +und sich hierher bemühen würde. Und wieder überwältigte ihn die Furcht, +dass der Diener ihn nicht antreffen könnte. + +Er fühlte aufs neue seine Kräfte schwinden, er ging von einer Sekunde +zur andern von tollster Hoffnung zur wahnsinnigsten Angst über, +übertrieb die Aussichten plötzlicher Heilung, wie die Befürchtungen +einer nahen Gefahr. So verflossen die Stunden und der Augenblick kam, wo +es zu Ende war mit seiner Kraft, wo er an dem Kommen des Arztes +verzweifelte und sich wütend sagte, dass er sicherlich gerettet würde, +wenn ihm rechtzeitig beigestanden worden wäre. Dann wieder verflog sein +Zorn gegen den Diener und den Arzt, die er beschuldigte, ihn sterben zu +lassen, und schliesslich raste er gegen sich selbst und warf sich vor, +so lange gewartet zu haben, um Hilfe zu holen, und bildete sich ein, +dass er jetzt geheilt sein würde, wenn er nur einen Tag früher kräftige +Arzeneien und vernünftige Pflege gehabt hätte. + +Nach und nach besänftigte sich dieser Wechsel von Beunruhigungen und +neuen Hoffnungen, die sich in seinem leeren Hirn jagten. Diese +Widersprüche rieben ihn vollends auf. Er verfiel in einen Schlaf der +Ermattung, den unzusammenhängende Träume durchzogen, in eine Art von +Ohnmacht, die von bewusstlosem Erwachen unterbrochen wurde. Er hatte den +Begriff seiner Wünsche und Befürchtungen derart verloren, dass er ganz +apathisch war und kein Erstaunen und keine Freude empfand, als der Arzt +plötzlich ins Zimmer trat. + +Der Diener hatte ihn jedenfalls von der Lebensweise des Herzogs +unterrichtet und auch von den verschiedenen Symptomen, die er selbst +beobachtet hatte seit dem Tage, als er seinen Herrn nahe dem Fenster, +von der Heftigkeit der Parfüms ohnmächtig, aufgehoben hatte; denn der +Arzt stellte nur wenige Fragen an den Kranken, dessen Verhältnisse er +übrigens seit Jahren kannte. Er untersuchte ihn, klopfte und horchte an +ihm herum und prüfte aufmerksam den Urin, in welchem ihm gewisse weisse +Streifen eine der ausgesprochensten Ursachen des Nervenleidens +offenbarten. + +Er schrieb ein Rezept, und ohne noch etwas hinzuzufügen, ging er fort, +seine baldige Rückkehr zusagend. + +Dieser Besuch tröstete den Herzog, den jedoch das Schweigen sehr +befremdete, und er beschwor seinen Diener, ihm nicht länger die Wahrheit +vorzuenthalten. Dieser bestätigte ihm, dass der Arzt keinerlei +Beunruhigung an den Tag gelegt hätte, und so misstrauisch auch Herzog +Jean war, er fand kein Anzeichen, welches eine Lüge auf dem ruhigen +Gesicht des alten Mannes verriet. + +Bald heiterten sich seine Gedanken auf; überdies waren seine Leiden +verstummt und zu der Schwäche, die er in allen Gliedern verspürte, +gesellte sich eine gewisse Sanftheit, eine gewisse Wohligkeit, leise und +unbestimmt. Und endlich war er ganz zufrieden, nicht mit Arzeneien und +Flaschen überbürdet zu sein. Ein schwaches Lächeln glitt um seine +blassen Lippen, als der Diener ein mit Pepton gemischtes Klystier +brachte und ihm bedeutete, dass er dasselbe dreimal in vierundzwanzig +Stunden wiederholen müsse. + +Es müsste köstlich sein, dachte er, wenn man bei voller Gesundheit +dieses einfache Mittel fortsetzen könnte! Welch eine Ersparnis an Zeit, +welch eine radikale Erlösung der Abneigung, welche das Fleisch den +Leuten ohne Appetit einflösst! Welch endgültige Befreiung des +Überdrusses, der immer aus der notgedrungen beschränkten Wahl der +Speisen sich ergiebt! Welch energische Verwahrung gegen die gemeine +Sünde der Gefrässigkeit! + +Einige Tage darauf brachte der Diener ein Klystier, dessen Farbe und +Geruch anders war als das von Pepton. + +»Aber das ist ja nicht dasselbe!« rief der Herzog aus, der sehr +aufgeregt war über die in das Instrument gegossene Flüssigkeit. + +Er verlangte wie in einem Restaurant die Karte, und das Rezept des +Arztes entfaltend las er: + + Leberthran 20 Gramm + Kraftbouillon 200 Gramm + Burgunderwein 200 Gramm + Eigelb 1 Gramm. + +Aber er brauchte bald nicht mehr über die nährenden Flüssigkeiten +nachzudenken, denn es gelang dem Arzt, nach und nach die Erbrechungen zu +bezwingen und ihm auf gewöhnlichem Wege einen süsslichen Punsch mit +Fleischpulver gemischt beizubringen, dessen unbestimmtes Aroma von Kakao +seinem Mund zusagte. + +Wochen vergingen, und sein Magen entschloss sich endlich wieder zu +arbeiten; zu gewissen Zeiten kam die Übelkeit noch wieder, die indessen +durch das Ingwerbier und durch eine Arzenei von der Riviera +eingeschränkt wurde. + +Schliesslich kräftigten sich auch nach und nach die Organe wieder, und +mit Hilfe der Pepsine konnte er wirkliches Fleisch verdauen. Die Kräfte +nahmen zu, und bald konnte der Herzog schon in seinem Zimmer aufrecht +stehen und versuchen zu gehen, sich auf einen Stock stützend und an den +Ecken der Möbel festhaltend. Anstatt sich dieses Erfolges zu freuen, +vergass er seine vergangenen Leiden, wurde gereizt über die Länge der +Rekonvalescenz und warf dem Arzt vor, dass er seine Genesung +hinauszögere. + +Endlich war er so weit wieder hergestellt, dass er während ganzer +Nachmittage aufbleiben konnte und ohne Hilfe in seinem Zimmer +umherzugehen vermochte. + +Jetzt ärgerte ihn sein Arbeitszimmer; Fehler, an die er sich durch die +Länge der Zeit gewöhnt hatte, fielen ihm in die Augen, als er nach +langer Zwischenzeit wieder dorthin kam. + +Die Farben, die gewählt waren, um bei Licht gesehen zu werden, +erschienen ihm bei Tageslicht unharmonisch. Er dachte daran, sie zu +ändern und stellte stundenlang künstliche Farbenharmonieen zusammen. + +Es ist kein Zweifel, ich bin auf dem Wege der Besserung, dachte er, die +Rückkehr zu seinen früheren Beschäftigungen und alten Liebhabereien +wahrnehmend. + +Eines Morgens, während er seine orange-gelben und blauen Wände +betrachtete und dabei von den idealen Wandbekleidungen träumte, die aus +griechischen Kirchenstolas, russischen Messgewändern in Goldstoff, +Chormänteln aus Brokat, mit slavonischen Buchstaben gemustert, aus +Edelsteinen des Ural und aus Reihen Perlen gebildet waren, trat der Arzt +ins Zimmer, und die Blicke seines Kranken beobachtend, erkundigte er +sich nach seinem Befinden. + +Der Herzog teilte ihm seine unausführbaren Wünsche mit und fing an, neue +Farbenmischungen vor ihm zu entwickeln, von Paarungen und Auflösungen +der Nüancen zu sprechen, als ihm der Arzt einen energischen Dämpfer +aufsetzte und ihm in einer keinen Widerspruch duldenden Weise erklärte, +dass er jedenfalls nicht in dieser Wohnung seine Pläne zur Ausführung +bringen werde. + +Und ohne ihm die Zeit zu einer Entgegnung zu lassen, setzte er ihm +auseinander, dass er zuerst zum wichtigsten geschritten sei, indem er +die Verdauungsfunktionen wieder hergestellt habe, und dass er jetzt das +Nervenleiden selbst in Behandlung nehmen müsse, das keineswegs geheilt +sei und Jahre der Schonung und Pflege erfordere. + +Er fügte hinzu, dass, bevor er irgend ein Mittel versuchen oder eine +Kaltwasserkur anfangen könne, was ausserdem in Fontenay unmöglich sei, +er diese Zurückgezogenheit aufgeben, nach Paris zurückkehren, in das +allgemeine Leben wieder eintreten und endlich versuchen müsse, sich wie +jeder andere Mensch zu zerstreuen. + +»Aber die Vergnügungen der Anderen zerstreuen mich nicht!« rief der +Herzog empört aus. + +Ohne sich in Diskussion einzulassen, versicherte der Arzt einfach, dass +die gänzliche Lebensveränderung in seinen Augen eine Lebensfrage wäre. + +»Das heisst also der Tod oder die Galeerenstrafe!« rief der Herzog +erbittert aus. + +Der Arzt, von allen Vorurteilen eines Weltmannes durchdrungen, lächelte +und schritt ohne zu antworten der Thür zu. + + + + + SECHZEHNTES KAPITEL. + + +Der Herzog hatte sich in seinem Schlafzimmer eingeschlossen und sich die +Ohren verstopft, um nicht die Hammerschläge zu hören, die vom Zunageln +der Packkisten, die die beiden alten Diener fertig machten, +herüberhallten. Jeder Schlag traf sein Herz und schlug ihm eine tiefe +Wunde ins volle Fleisch. + +Der Ausspruch des Arztes verwirklichte sich. Die Furcht, nochmals die +Schmerzen, die er ertragen hatte, durchmachen zu müssen und die Angst +vor einem grässlichen Todeskampf hatten mächtiger auf den Herzog +gewirkt, als der Hass der niederträchtigen Existenz, zu welcher ihn das +Urteil des Arztes verdammte. + +»Und doch giebt es Leute,« murmelte er, »die zurückgezogen leben, ohne +mit jemand zu sprechen, die sich fern von der Welt verzehren, so wie die +Zuchthäusler und die Trappisten, und nichts beweist, dass diese +Unglücklichen, wie auch die Weisen wahnsinnig oder schwindsüchtig +werden.« + +Er hatte diese Beispiele dem Doktor ohne Erfolg angeführt. Dieser hatte +ihm in trocknem Ton wiederholt, der keine Einrede zuliess, dass seine +Ansicht, die übrigens durch die Ansicht aller Krankheitsbeschreiber des +Nervenleidens bestätigt wurde, dass allein Zerstreuung, Vergnügen, +Freude auf die Krankheit Einfluss haben könnte, die richtige wäre. +Ungeduldig gemacht durch die Gegenklagen seines Kranken, hatte er ein +für allemal erklärt, dass er sich weigere, seine Behandlung +fortzusetzen, wenn er nicht einwillige, die Luft zu wechseln und nach +den neuen Vorschriften der Gesundheitslehre zu leben. + +Herzog Jean hatte sich nach Paris begeben und andere Specialisten zu +Rate gezogen, ihnen unparteiisch seinen Fall vorgelegt, und nachdem alle +ohne Zögern die Verschreibungen ihres Fachgenossen gebilligt, hatte er +eine leere Wohnung in einem neuen Hause gemietet, war nach Fontenay +zurückgekehrt und hatte, ausser sich vor Wut, den alten Dienern +befohlen, die Koffer zu packen. + +Tief in seinen Sessel gedrückt, grübelte er jetzt über die Wandlung +nach, die seine Pläne umstürzte, die die Neigungen seines jetzigen +Lebens zerstörte, seine zukünftigen Projekte begrub. Er musste diesen +Hafen, der ihn schützte, verlassen, wieder von neuem in den Sturm von +Albernheiten hinaustreten, der ihn früher niedergeworfen hatte! + +Die Ärzte sprachen von Vergnügungen, Zerstreuungen; ja aber mit wem und +womit sollte er sich denn erheitern und zerstreuen? + +Hatte er sich nicht selbst aus der Gesellschaft gestossen? Kannte er +einen Menschen, der es versuchen möchte, so wie er sich in Betrachtungen +zu verbannen, sich in Träumereien zu verlieren? Kannte er auch nur einen +Menschen, der imstande war, den Scharfsinn eines Satzes, die Feinheit +einer Malerei, die Quintessenz eines Gedankens zu schätzen, einen +Menschen, dessen Seele fein genug war, einen Mallarmé zu verstehen, +einen Verlaine zu lieben? + +Wo, wann und in welcher Gesellschaft sollte er suchen, einen +Geistesgenossen zu finden, einen Geist, abgesondert von allen +Gemeinplätzen, der das Schweigen wie eine Wohlthat, den Undank wie eine +Erleichterung, das Misstrauen wie einen Schutz, wie einen Hafen segnete? +In der Welt, in der er vor seiner Abreise nach Fontenay gelebt hatte? -- +Die meisten dieser Junker, mit denen er verkehrt, hatten sich seit jener +Zeit noch mehr in den Salons verdummt, waren noch mehr an den +Spieltischen versumpft, an den Küssen der Dirnen noch mehr verliedert. +Die meisten mochten sogar verheiratet sein. + +»Welch hübscher Wechsel, welch schöner Tausch war doch diese von der +sonst so prüden Gesellschaft angenommene Gewohnheit!« träumte der Herzog +vor sich hin. + +War denn nicht auch der alte Adel in Fäulnis geraten? War die +Aristokratie nicht dem Stumpfsinn und der Versumpfung anheimgefallen? +Sie erlosch in der Herabgekommenheit ihrer Nachkommen, deren Fähigkeiten +bei jeder Generation schwächer wurden und deren Gorilla-Instinkte eines +Stallknechtes und Jockeys würdig waren. + +Die Klöster waren in Apotheken und Likörfabriken verwandelt. Sie +verkauften Rezepte oder machten sie selbst: der Orden der Cistercienser +zum Beispiel Schokolade; Trappisten Nudeln und aromatische +Weingeistarnika; die Dominikanermönche fabrizierten gegen den +Schlagfluss wirkende Elixiere; die Jünger des heiligen Benedikt +Benediktiner-Likör; die Mönche des heiligen Bruno Chartreuse. + +Der Handel hatte die Klöster überschwemmt: statt der Chorbücher standen +grosse Handels-Register auf den Kirchenpulten. Dem Aussatze gleich +zerstörte die Gier die Kirche, sie beugte die Mönche über die Inventuren +und Rechnungen, verwandelte die Kirchenväter in Zuckerbäcker und +Quacksalber, die Laienbrüder und Klosterdiener in gewöhnliche Packer und +Krukenverschliesser. + +Und dennoch waren es nur noch die Geistlichen, bei denen der Herzog +Verbindungen erhoffen konnte, die bis auf einen gewissen Grad seinem +Geschmack gleichkamen. In der Gesellschaft der Stiftsherren, im +allgemeinen gelehrt und wohlerzogen, würde er einige angenehme und +interessante Abende verbringen können. Aber dazu war es nötig, dass er +ihren Glauben teilte, dass er nicht zwischen skeptischen Ideen und +Überzeugungssprüngen schwankte, die von Zeit zu Zeit, durch die +Erinnerungen seiner Kindheit unterstützt, auftauchten. + +Er hätte identische Meinungen hegen müssen und nicht, wie er es gern in +den Augenblicken der Erregung that, einen mit etwas Magie gesalzenen +Katholizismus anerkennen dürfen. + +Dieser besondere Klerikalismus, dieser verderbte und künstlich +lasterhafte Mystizismus, auf welchen er in gewissen Stunden lossteuerte, +konnte sogar mit einem Priester nicht besprochen werden, der ihn nicht +begriffen und ihn sofort mit Entsetzen verbannt haben würde. + +Zum zwanzigsten Mal erregte ihn dies unlösliche Rätsel. Er hätte +gewünscht, dass dieser argwöhnische Zustand, gegen den er vergeblich in +Fontenay gekämpft hatte, ein Ende nähme, jetzt, wo er aus sich +herausgehen sollte; er hätte sich zwingen mögen, den wahren Glauben zu +besitzen, sich ihn tief einzuprägen, sobald er ihn halten würde, ihn mit +Klammern in seiner Seele zu befestigen, ihn endlich in Sicherheit zu +bringen vor allen Grübeleien, die ihn schwankend machten. + +»Könnte man doch jedes Grübeln aufgeben!« murmelte der Herzog mit einem +schmerzlichen Seufzer; »man müsste die Augen schliessen können, sich +durch die Strömung forttreiben lassen und diese verfluchten Entdeckungen +vergessen können, die das religiöse Gebäude seit zwei Jahrhunderten von +oben bis unten erschüttert haben.« + +»Und noch dazu sind es nicht einmal die Ungläubigen, noch die +Physiologen,« seufzte er, »die den Katholizismus niederreissen; es sind +die Priester selbst, deren ungeschickte Werke die hartnäckigsten +Überzeugungen ausrotten können. + +Hatte sich nicht ein Doktor der Theologie, ein Predigerbruder, der +hochwürdige Pater Rouard de Card, erdreistet, in einer Broschüre: >Die +Fälschungen der sakramentalen Substanzen< unumstösslich zu beweisen, +dass der grösste Teil der Messen aus dem Grunde nicht gültig war, weil +die dem Kultus dienenden Stoffe durch die Verkäufer gefälscht waren?« + +Seit Jahren waren die heiligen Öle mit Hühnerfett, das Wachs mit +verkalkten Knochen, das Weihrauch mit gewöhnlichem und altem Benzoeharz +verfälscht worden. + +Aber was noch schlimmer, war, dass Substanzen, die dem heiligen Opfer +unentbehrlich waren, verfälscht wurden; der Wein durch mannigfaltiges +Verschneiden, durch unerlaubte Einführung von Fernambukoholz, +Attichbeeren, Alkohol, Alaun, Salicylsäure, Bleiglätte; das Brot, dies +Brot des heiligen Abendmahls, das aus dem feinsten Weizen geknetet +werden soll, durch Erbsenmehl, Pottasche und Pfeifenerde. + +Ja man war noch weiter gegangen, man hatte gewagt, das Korn vollständig +wegzulassen und schamlose Händler fabrizierten fast alle Hostien aus +Kartoffelmehl! + +Ach! die Zeit war fern, wo Radegonde, Königin von Frankreich, selbst das +für den Altar bestimmte Brot bereitete, wo nach den Gebräuchen von Cluny +drei Priester oder drei Diakonen, nüchtern, mit weissem Chorhemd und +Achseltüchern bekleidet, sich das Gesicht und die Hände wuschen und den +Weizen Korn für Korn aussuchten, ihn unter dem Mühlstein zermalmten, den +Teig in kaltem reinen Wasser kneteten und ihn selbst auf einem hellen +Feuer backten und Psalme dabei sangen! + +Diese Betrachtungen verdüsterten noch mehr die Aussicht auf sein +künftiges Leben und färbten seinen Horizont noch drohender und dunkler. + +Wahrlich, ihm blieb keine Rhede, kein Ufer offen! Was würde aus ihm +werden in diesem Paris, wo er weder Familie noch Freunde besass? Kein +Band verknüpfte ihn mehr mit dem Faubourg Saint-Germain, das vor +Altersschwäche zitterte, sich im Staub des Verfalls abbröckelte und in +einer neuen Gesellschaft wie eine zerbrochene, leere Schale dalag! + +Und welch eine Verbindung konnte zwischen ihm und der bürgerlichen +Klasse existieren, die nach und nach emporgestiegen war, die Vorteil aus +allen Missgeschicken zog, um sich zu bereichern? + +Nach der Aristokratie der Geburt war es jetzt die Geldaristokratie, der +Despotismus des Handels mit feilen und engherzigen Ideen, eitlen und +schurkischen Instinkten. + +Gemeiner, ruchloser als der entartete Adel und die gesunkene +Geistlichkeit war das Bürgertum, das ihnen ihre eitlen Prahlereien, ihre +einfältige Ruhmredigkeit entlehnte, die es durch seinen Mangel an +Lebensart erniedrigte, während es ihre Fehler in heuchlerische Laster +verwandelte. Und wie herrisch und tückisch, wie niedrig und feige schoss +es mitleidslos auf seinen ewigen und doch unentbehrlichen Geprellten, +den Pöbel, seine Kartätschen ab, dem es selbst den Maulkorb abgenommen +und entmündigt hatte, um den alten Ständen den Garaus zu machen. + +Das war jetzt eine abgemachte Thatsache. Nun, wo seine Arbeit gethan, +hatte man gesundheitshalber den Pöbel bis aufs Blut geschröpft; und der +nun beruhigte Bürger herrschte vergnügt durch die Macht des Geldes und +die Ansteckung seiner Dummheit. + +Die Folge seiner Erhebung war die Vernichtung aller Intelligenz, die +Verneinung aller Rechtschaffenheit, der Tod jeder Kunst. So lagen die +verächtlichen Künstler auf den Knieen und küssten inbrünstig die Füsse +der hohen Pferdehändler und gemeinen Satrapen, deren Almosen sie +ernährte! + +Es war über die Malerei eine Sintflut von kraftlosen Albernheiten, in +der eine Völlerei glatten Stils und feiger Ideen herrschte, +hereingebrochen. Denn der Geschäftsintrigant will Rechtschaffenheit; der +Freibeuter will Tugend; wer nach einer Mitgift für seinen Sohn jagt, +sträubt sich, sie für seine Tochter zu zahlen; der Anhänger Voltaires +sucht keusche Liebe; wer die Geistlichkeit der Notzucht beschuldigt, +treibt sich dumm und heuchlerisch in den unordentlichen Zimmern der +Dirnen herum. + +Es war die grosse Galeere Amerikas, die nach Europa verschlagen war. Es +war die ungeheure und unerhörte Anmassung des Geldmenschen und +Emporkömmlings, die wie eine gemeine Sonne über die götzendienerische +Stadt strahlte, die im Staube vor dem ruchlosen Tabernakel der +Bankhäuser zotige Gesänge ausstösst. + +»Stürze doch zusammen, Gesellschaft! Stirb doch, alte Welt!« rief der +Herzog empört über das gemeine Schauspiel, das er heraufbeschwor; dieser +Schrei brach den Alp, der ihn bedrückte. + +»Ach!« seufzte er, »und sich sagen zu müssen, dass dies alles kein Traum +ist! Dass ich wieder in das schändlich gemeine Gewühl des Jahrhunderts +hineingeworfen werde!« Um sich zu beschwichtigen, rief er die tröstenden +Lebensregeln Schopenhauers zu Hilfe; er wiederholte sich den +schmerzlichen Grundsatz Pascals: »Die Seele sieht nichts, was sie nicht +betrübt, wenn sie daran denkt.« Aber die Worte hallten in seinem Gehirn +wider wie Laute ohne Sinn; sein Verdruss zersplitterte sie, entzog ihnen +jede Bedeutung, jede beruhigende Wirkung, jede wirkliche und sanfte +Kraft. + +Er sah schliesslich ein, dass die Beweisgründe des Pessimismus +ohnmächtig waren ihn zu erleichtern, dass der unmögliche Glaube an ein +zukünftiges Leben allein beruhigend wirken würde. + +Ein Wutausbruch fegte gleich einem Orkan seine Versuche der Entsagung +und der Gleichgültigkeit hinweg. Er konnte es sich nicht mehr verhehlen, +es gab nichts, garnichts mehr. Alles war vernichtet! + +Würde der schreckliche Gott der Schöpfung und der blasse Losgenagelte +von Golgatha nicht einmal wirklich zeigen, dass er existierte, nicht die +Sintfluten wieder erneuern, die Flammenregen wieder anzünden, die einst +die verdammten und toten Städte verzehrt hatten!? + +Würde dieser Schlamm fortfahren zu fliessen und mit seinem Pesthauch die +alte Welt vergiften, wo nur noch Saaten von Frevelthaten und Ernten von +Schande aufgingen!? -- -- -- + +Plötzlich ging die Thür auf. In der Ferne, von den Thürpfosten umrahmt, +sah man kräftige Männer in Arbeitstracht, die grosse Kisten und Möbel +auf den breiten Nacken hinaustrugen. Dann schloss sich die Thür wieder +hinter dem alten Diener, der Packete mit Büchern geholt hatte. + +Der Herzog fiel vernichtet auf einen Stuhl. + +»In zwei Tagen werde ich in Paris sein,« murmelte er, »nun ist alles zu +Ende! Wie eine Springflut steigen die Wogen der menschlichen +Mittelmässigkeit bis zum Himmel und sie werden den Zufluchtsort +verschlingen, dessen Dämme ich wider meinen Willen öffnen muss. Ach! Mir +fehlt der Mut! + +Jesus Christus habe Mitleid mit dem Christen, der zweifelt, mit dem +Ungläubigen, der glauben möchte, dem Sklaven des Lebens, der allein +hinaussteuert in die Nacht unter einen Himmel, an dem keine tröstenden +Sterne alter Hoffnungen mehr leuchten.« + + + + + Anmerkungen zur Transkription + + +Offensichtliche Fehler wurden stillscheigend korrigert. Weitere +Änderungen, teilweise unter Verwendung anderer Ausgaben und des +französischen Originals, sind hier aufgeführt (vorher/nachher): + + [S. 70]: + ... spärlicher. Indessen war das sechzehnte Jahrhundert ... + ... spärlicher. Indessen war das sechste Jahrhundert ... + + [S. 133]: + ... der ihn den Kopf benahm, hatten sich die Nerven ... + ... der ihm den Kopf benahm, hatten sich die Nerven ... + + [S. 149]: + ... glaubte; einige, besonders Madame Mama, sahen ... + ... glaubte; einige, besonders Madame Mame, sahen ... + + [S. 154]: + ... Haaren besetztes Innere zeigend. ... + ... Haaren besetztes Inneres zeigend. ... + + [S. 156]: + ... ist, solche ungesunden, verdorbene Gattungen zu ... + ... ist, solche ungesunden, verdorbenen Gattungen zu ... + + [S. 193]: + ... Früher hatte er sich gern in Ackorde von ... + ... Früher hatte er sich gern in Akkorden von ... + + [S. 209]: (mehrfache Fälle) + ... Seite des Bädecker stehen, auf welcher die Museen ... + ... Seite des Baedeker stehen, auf welcher die Museen ... + + [S. 260]: + ... diesen öden Gedichten, dessen kaltblütige Mythologieen ... + ... diesen öden Gedichten, deren kaltblütige Mythologieen ... + + [S. 296]: + ... seine Mangel an Lebensart erniedrigte, während es ... + ... seinen Mangel an Lebensart erniedrigte, während es ... + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Gegen den Strich, by Joris-Karl Huysmans + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 58941 *** |
