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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-08 09:25:33 -0800 |
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+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
+
+
+Title: Christuslegenden
+
+Author: Selma Lagerlöf
+
+Translator: Francis Maro
+
+Release Date: August 29, 2018 [EBook #57807]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CHRISTUSLEGENDEN ***
+
+
+
+
+Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
+http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ ####################################################################
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+ Der vorliegende Text wurde anhand der 1921 erschienenen Buchausgabe
+ so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
+ Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche
+ Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert;
+ fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert. Wortvarianten,
+ wie z.B. ‚Knie‘ (Plural) und ‚Kniee‘, wurden nicht vereinheitlicht,
+ sofern diese im Text mehrfach auftreten.
+
+ Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit
+ den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
+
+ gesperrt: +Pluszeichen+
+ Antiqua: ~Tilden~
+
+ ####################################################################
+
+
+
+
+ Christuslegenden
+
+
+
+
+ Selma Lagerlöf
+
+ Christuslegenden
+
+ Berechtigte Übersetzung aus dem Schwedischen
+
+ von
+
+ Francis Maro
+
+ 28. bis 30. Tausend
+
+ [Illustration]
+
+ Albert Langen
+ Verlag für Literatur und Kunst
+ München 1921
+
+
+
+
+ Druck von Hesse & Becker in Leipzig
+ Einbände von E. A. Enders in Leipzig
+
+
+
+
+Inhalt[A]
+
+
+ Seite
+
+ Die heilige Nacht VII
+
+ Die Vision des Kaisers 11
+
+ Der Brunnen der weisen Männer 23
+
+ Das Kindlein von Bethlehem 37
+
+ Die Flucht nach Ägypten 69
+
+ In Nazareth 81
+
+ Im Tempel 91
+
+ Das Schweißtuch der heiligen Veronika 117
+
+ Das Rotkehlchen 187
+
+ Unser Herr und der heilige Petrus 199
+
+ Die Lichtflamme 215
+
+
+[A] Die Legende „Die Vision des Kaisers“ ist dem Lagerlöfschen Romane
+„Wunder des Antichrist“, die Legenden „Die Flucht nach Ägypten“ und
+„Unser Herr und der heilige Petrus“ sind dem Buche „Legenden und
+Erzählungen“ von Selma Lagerlöf entnommen. Autorisierte deutsche
+Übersetzungen beider Werke erschienen im Verlage von Franz Kirchheim in
+Mainz, der die Aufnahme der betreffenden drei Legenden in diesen Band
+freundlich gestattete.
+
+
+
+
+Die heilige Nacht
+
+
+[Illustration]
+
+
+Als ich fünf Jahre alt war, hatte ich einen großen Kummer. Ich weiß
+kaum, ob ich seitdem einen größeren gehabt habe.
+
+Das war, als meine Großmutter starb. Bis dahin hatte sie jeden Tag auf
+dem Ecksofa in ihrer Stube gesessen und Märchen erzählt.
+
+Ich weiß es nicht anders, als daß Großmutter dasaß und erzählte, vom
+Morgen bis zum Abend, und wir Kinder saßen still neben ihr und hörten
+zu. Das war ein herrliches Leben. Es gab keine Kinder, denen es so gut
+ging wie uns.
+
+Ich erinnere mich nicht an sehr viel von meiner Großmutter. Ich
+erinnere mich, daß sie schönes, kreideweißes Haar hatte, und daß sie
+sehr gebückt ging, und daß sie immer dasaß und an einem Strumpfe
+strickte.
+
+Dann erinnere ich mich auch, daß sie, wenn sie ein Märchen erzählt
+hatte, ihre Hand auf meinen Kopf zu legen pflegte, und dann sagte sie:
+„Und das alles ist so wahr, wie daß ich dich sehe und du mich siehst.“
+
+Ich entsinne mich auch, daß sie schöne Lieder singen konnte, aber das
+tat sie nicht alle Tage. Eines dieser Lieder handelte von einem Ritter
+und einer Meerjungfrau, und es hatte den Kehrreim: „Es weht so kalt, es
+weht so kalt, wohl über die weite See.“
+
+Dann entsinne ich mich eines kleinen Gebets, das sie mich lehrte, und
+eines Psalmverses.
+
+Von allen den Geschichten, die sie mir erzählte, habe ich nur eine
+schwache, unklare Erinnerung. Nur an eine einzige von ihnen erinnere
+ich mich so gut, daß ich sie erzählen könnte. Es ist eine kleine
+Geschichte von Jesu Geburt.
+
+Seht, das ist beinah alles, was ich noch von meiner Großmutter weiß,
+außer dem, woran ich mich am besten erinnere, nämlich dem großen
+Schmerz, als sie dahinging.
+
+Ich erinnere mich an den Morgen, an dem das Ecksofa leer stand und es
+unmöglich war, zu begreifen, wie die Stunden des Tages zu Ende gehen
+sollten Daran erinnere ich mich. Das vergesse ich nie.
+
+Und ich erinnere mich, daß wir Kinder hingeführt wurden, um die Hand
+der Toten zu küssen. Und wir hatten Angst, es zu tun, aber da sagte
+uns jemand, daß wir nun zum letztenmal Großmutter für alle die Freude
+danken könnten, die sie uns gebracht hatte.
+
+Und ich erinnere mich, wie Märchen und Lieder vom Hause wegfuhren, in
+einen langen, schwarzen Sarg gepackt, und niemals wiederkamen.
+
+Ich erinnere mich, daß etwas aus dem Leben verschwunden war. Es war,
+als hätte sich die Tür zu einer ganzen schönen, verzauberten Welt
+geschlossen, in der wir früher frei aus- und eingehen durften. Und nun
+gab es niemand mehr, der sich darauf verstand, diese Tür zu öffnen.
+
+Und ich erinnere mich, daß wir Kinder so allmählich lernten, mit
+Spielzeug und Puppen zu spielen und zu leben wie andere Kinder auch,
+und da konnte es ja den Anschein haben, als vermißten wir Großmutter
+nicht mehr, als erinnerten wir uns nicht mehr an sie.
+
+Aber noch heute, nach vierzig Jahren, wie ich da sitze und die Legenden
+über Christus sammle, die ich drüben im Morgenland gehört habe, wacht
+die kleine Geschichte von Jesu Geburt, die meine Großmutter zu erzählen
+pflegte, in mir auf. Und ich bekomme Lust, sie noch einmal zu erzählen
+und sie auch in meine Sammlung mit aufzunehmen.
+
+ * * * * *
+
+Es war an einem Weihnachtstag, alle waren zur Kirche gefahren, außer
+Großmutter und mir. Ich glaube, wir beide waren im ganzen Hause allein.
+Wir hatten nicht mitfahren können, weil die eine zu jung und die
+andere zu alt war. Und alle beide waren wir betrübt, daß wir nicht zum
+Mettegesang fahren und die Weihnachtslichter sehen konnten.
+
+Aber wie wir so in unserer Einsamkeit saßen, fing Großmutter zu
+erzählen an.
+
+„Es war einmal ein Mann,“ sagte sie, „der in die dunkle Nacht
+hinausging, um sich Feuer zu leihen. Er ging von Haus zu Haus und
+klopfte an. ‚Ihr lieben Leute, helft mir!‘ sagte er. ‚Mein Weib hat
+eben ein Kindlein geboren, und ich muß Feuer anzünden, um sie und den
+Kleinen zu erwärmen.‘
+
+Aber es war tiefe Nacht, so daß alle Menschen schliefen, und niemand
+antwortete ihm.
+
+Der Mann ging und ging. Endlich erblickte er in weiter Ferne einen
+Feuerschein. Da wanderte er dieser Richtung zu und sah, daß das Feuer
+im Freien brannte. Eine Menge weiße Schafe lagen rings um das Feuer und
+schliefen, und ein alter Hirt wachte über der Herde.
+
+Als der Mann, der Feuer leihen wollte, zu den Schafen kam, sah er,
+daß drei große Hunde zu Füßen des Hirten ruhten und schliefen. Sie
+erwachten alle drei bei seinem Kommen und sperrten ihre weiten Rachen
+auf, als ob sie bellen wollten, aber man vernahm keinen Laut. Der Mann
+sah, daß sich die Haare auf ihrem Rücken sträubten, er sah, wie ihre
+scharfen Zähne funkelnd weiß im Feuerschein leuchteten, und wie sie
+auf ihn losstürzten. Er fühlte, daß einer von ihnen nach seinen Beinen
+schnappte und einer nach seiner Hand, und daß einer sich an seine Kehle
+hängte. Aber die Kinnladen und die Zähne, mit denen die Hunde beißen
+wollten, gehorchten ihnen nicht, und der Mann litt nicht den kleinsten
+Schaden.
+
+Nun wollte der Mann weiter gehen, um das zu finden, was er brauchte.
+Aber die Schafe lagen so dicht nebeneinander, Rücken an Rücken, daß
+er nicht vorwärts kommen konnte. Da stieg der Mann auf die Rücken der
+Tiere und wanderte über sie hin dem Feuer zu. Und keins von den Tieren
+wachte auf oder regte sich.“
+
+So weit hatte Großmutter ungestört erzählen können, aber nun konnte ich
+es nicht lassen, sie zu unterbrechen. „Warum regten sie sich nicht,
+Großmutter?“ fragte ich. „Das wirst du nach einem Weilchen schon
+erfahren,“ sagte Großmutter und fuhr mit ihrer Geschichte fort.
+
+„Als der Mann fast beim Feuer angelangt war, sah der Hirt auf. Es war
+ein alter, mürrischer Mann, der unwirsch und hart gegen alle Menschen
+war. Und als er einen Fremden kommen sah, griff er nach einem langen,
+spitzigen Stabe, den er in der Hand zu halten pflegte, wenn er seine
+Herde hütete, und warf ihn nach ihm. Und der Stab fuhr zischend gerade
+auf den Mann los, aber ehe er ihn traf, wich er zur Seite und sauste,
+an ihm vorbei, weit über das Feld.“
+
+Als Großmutter soweit gekommen war, unterbrach ich sie abermals.
+„Großmutter, warum wollte der Stock den Mann nicht schlagen?“ Aber
+Großmutter ließ es sich nicht einfallen, mir zu antworten, sondern fuhr
+mit ihrer Erzählung fort.
+
+„Nun kam der Mann zu dem Hirten und sagte zu ihm: ‚Guter Freund, hilf
+mir, und leih mir ein wenig Feuer. Mein Weib hat eben ein Kindlein
+geboren, und ich muß Feuer machen, um sie und den Kleinen zu erwärmen.‘
+
+Der Hirt hätte am liebsten nein gesagt, aber als er daran dachte, daß
+die Hunde dem Manne nicht hatten schaden können, daß die Schafe nicht
+vor ihm davon gelaufen waren und daß sein Stab ihn nicht fällen wollte,
+da wurde ihm ein wenig bange, und er wagte es nicht, dem Fremden das
+abzuschlagen, was er begehrte.
+
+‚Nimm, soviel du brauchst,‘ sagte er zu dem Manne.
+
+Aber das Feuer war beinahe ausgebrannt. Es waren keine Scheite und
+Zweige mehr übrig, sondern nur ein großer Gluthaufen, und der Fremde
+hatte weder Schaufel noch Eimer, worin er die roten Kohlen hätte tragen
+können.
+
+Als der Hirt dies sah, sagte er abermals: ‚Nimm, soviel du brauchst!‘
+Und er freute sich, daß der Mann kein Feuer wegtragen konnte. Aber der
+Mann beugte sich hinunter, holte die Kohlen mit bloßen Händen aus der
+Asche und legte sie in seinen Mantel. Und weder versengten die Kohlen
+seine Hände, als er sie berührte, noch versengten sie seinen Mantel,
+sondern der Mann trug sie fort, als wenn es Nüsse oder Äpfel gewesen
+wären.“
+
+Aber hier wurde die Märchenerzählerin zum drittenmal unterbrochen.
+„Großmutter, warum wollte die Kohle den Mann nicht brennen?“
+
+„Das wirst du schon hören,“ sagte Großmutter, und dann erzählte sie
+weiter.
+
+„Als dieser Hirt, der ein so böser, mürrischer Mann war, dies alles
+sah, begann er sich bei sich selbst zu wundern: ‚Was kann dies für
+eine Nacht sein, wo die Hunde die Schafe nicht beißen, die Schafe nicht
+erschrecken, die Lanze nicht tötet und das Feuer nicht brennt?‘ Er rief
+den Fremden zurück und sagte zu ihm: ‚Was ist dies für eine Nacht? Und
+woher kommt es, daß alle Dinge dir Barmherzigkeit zeigen?‘
+
+Da sagte der Mann: ‚Ich kann es dir nicht sagen, wenn du selber es
+nicht siehst.‘ Und er wollte seiner Wege gehen, um bald ein Feuer
+anzünden und Weib und Kind wärmen zu können.
+
+Aber da dachte der Hirt, er wolle den Mann nicht ganz aus dem Gesicht
+verlieren, bevor er erfahren hätte, was dies alles bedeute. Er stand
+auf und ging ihm nach, bis er dorthin kam, wo der Fremde daheim war.
+
+Da sah der Hirt, daß der Mann nicht einmal eine Hütte hatte, um darin
+zu wohnen, sondern er hatte sein Weib und sein Kind in einer Berggrotte
+liegen, wo es nichts gab als nackte, kalte Steinwände.
+
+Aber der Hirt dachte, daß das arme unschuldige Kindlein vielleicht dort
+in der Grotte erfrieren würde, und obgleich er ein harter Mann war,
+wurde er davon doch ergriffen und beschloß, dem Kinde zu helfen. Und er
+löste sein Ränzel von der Schulter und nahm daraus ein weiches, weißes
+Schaffell hervor. Das gab er dem fremden Manne und sagte, er möge das
+Kind darauf betten.
+
+Aber in demselben Augenblick, in dem er zeigte, daß auch er barmherzig
+sein konnte, wurden ihm die Augen geöffnet, und er sah, was er vorher
+nicht hatte sehen, und hörte, was er vorher nicht hatte hören können.
+
+Er sah, daß rund um ihn ein dichter Kreis von kleinen,
+silberbeflügelten Englein stand. Und jedes von ihnen hielt ein
+Saitenspiel in der Hand, und alle sangen sie mit lauter Stimme, daß in
+dieser Nacht der Heiland geboren wäre, der die Welt von ihren Sünden
+erlösen solle.
+
+Da begriff er, warum in dieser Nacht alle Dinge so froh waren, daß sie
+niemand etwas zuleide tun wollten.
+
+Und nicht nur rings um den Hirten waren Engel, sondern er sah sie
+überall. Sie saßen in der Grotte, und sie saßen auf dem Berge, und
+sie flogen unter dem Himmel. Sie kamen in großen Scharen über den Weg
+gegangen, und wie sie vorbeikamen, blieben sie stehen und warfen einen
+Blick auf das Kind.
+
+Es herrschte eitel Jubel und Freude und Singen und Spiel, und das
+alles sah er in der dunkeln Nacht, in der er früher nichts zu gewahren
+vermocht hatte. Und er wurde so froh, daß seine Augen geöffnet waren,
+daß er auf die Kniee fiel und Gott dankte.“
+
+Aber als Großmutter soweit gekommen war, seufzte sie und sagte: „Aber
+was der Hirte sah, das könnten wir auch sehen, denn die Engel fliegen
+in jeder Weihnachtsnacht unter dem Himmel, wenn wir sie nur zu gewahren
+vermögen.“
+
+Und dann legte Großmutter ihre Hand auf meinen Kopf und sagte: „Dies
+sollst du dir merken, denn es ist so wahr, wie daß ich dich sehe und
+du mich siehst. Nicht auf Lichter und Lampen kommt es an, und es liegt
+nicht an Mond und Sonne, sondern was not tut, ist, daß wir Augen haben,
+die Gottes Herrlichkeit sehen können.“
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Die Vision des Kaisers
+
+
+[Illustration]
+
+
+Es war zu der Zeit, da Augustus Kaiser in Rom war und Herodes König in
+Jerusalem.
+
+Da geschah es einmal, daß eine sehr große und heilige Nacht sich auf
+die Erde herabsenkte. Es war die dunkelste Nacht, die man noch je
+gesehen hatte; man hätte glauben können, die ganze Erde sei unter
+ein Kellergewölbe geraten. Es war unmöglich, Wasser von Land zu
+unterscheiden, und man konnte sich auf dem vertrautesten Wege nicht
+zurechtfinden. Und dies konnte nicht anders sein, denn vom Himmel kam
+kein Lichtstrahl. Alle Sterne waren daheim in ihren Häusern geblieben,
+und der liebliche Mond hielt sein Gesicht abgewendet.
+
+Und ebenso tief wie die Dunkelheit war auch das Schweigen und die
+Stille. Die Flüsse hatten in ihrem Laufe innegehalten, kein Lüftchen
+regte sich, und selbst das Espenlaub hatte zu zittern aufgehört.
+Wäre man dem Meere entlang gegangen, so hätte man gefunden, daß die
+Welle nicht mehr an den Strand schlug, und wäre man durch die Wüste
+gewandert, so hätte der Sand nicht unter dem Fuße geknirscht. Alles
+war versteinert und regungslos, um nicht die heilige Nacht zu stören.
+Das Gras vermaß sich nicht zu wachsen, der Tau konnte nicht fallen, und
+die Blumen wagten nicht Wohlgeruch auszuhauchen.
+
+In dieser Nacht jagten die Raubtiere nicht, bissen die Schlangen nicht,
+bellten die Hunde nicht. Und was noch herrlicher war, keins von den
+leblosen Dingen hätte die Weihe der Nacht dadurch stören wollen, daß es
+sich zu einer bösen Tat hergab. Kein Dietrich hätte ein Schloß öffnen
+können, und kein Messer wäre imstande gewesen, Blut zu vergießen.
+
+Eben in dieser Nacht trat in Rom ein kleines Häuflein Menschen aus den
+kaiserlichen Gemächern auf den Palatin und nahm seinen Weg über das
+Forum hinauf zum Kapitol. An dem eben zur Neige gegangenen Tage hatten
+nämlich die Räte den Kaiser gefragt, ob er etwas dagegen einzuwenden
+habe, daß sie ihm auf Roms heiligem Berge einen Tempel errichteten.
+Aber Augustus hatte nicht sogleich seine Zustimmung gegeben. Er wußte
+nicht, ob es den Göttern wohlgefällig wäre, daß er einen Tempel
+neben dem ihren besäße, und er hatte geantwortet, daß er erst seinem
+Schutzgeist ein nächtliches Opfer bringen wolle, um dadurch ihren
+Willen in dieser Sache zu erforschen. Er war es nun, der, von einigen
+Vertrauten geleitet, daran ging, dieses Opfer darzubringen.
+
+Augustus ließ sich in seiner Sänfte tragen, denn er war alt, und die
+hohen Treppen des Kapitols fielen ihm beschwerlich. Er hielt selbst
+den Käfig mit den Tauben, die er opfern wollte. Nicht Priester, noch
+Soldaten oder Ratsherren begleiteten ihn, sondern nur seine nächsten
+Freunde. Fackelträger gingen ihm voran, gleichsam um einen Weg in
+das nächtliche Dunkel zu bahnen, und ihm folgten Sklaven, die den
+dreifüßigen Altar trugen, die Kohlen, die Messer, das heilige Feuer und
+alles andere, was für das Opfer erforderlich war.
+
+Auf dem Wege plauderte der Kaiser fröhlich mit seinen Vertrauten, und
+darum bemerkte niemand die unsägliche Stille und Verschwiegenheit der
+Nacht. Erst als sie auf dem obersten Teile des Kapitols den leeren
+Platz erreicht hatten, der für den neuen Tempel auserkoren war, wurde
+ihnen offenbar, daß etwas Ungewöhnliches bevorstand.
+
+Dies konnte nicht eine Nacht sein wie alle andern, denn oben auf dem
+Rande des Felsens sahen sie das wunderbarste Wesen. Zuerst glaubten
+sie, es sei ein alter, verwitterter Olivenstamm, dann meinten sie, ein
+uraltes Steinbild vom Jupitertempel sei auf den Felsen hinausgewandert.
+Endlich gewahrten sie, daß dies niemand sein konnte als die alte
+Sibylle.
+
+Etwas so Altes, so Wettergebräuntes und so Riesengroßes hatten sie
+niemals gesehen. Diese alte Frau war schreckenerregend. Wäre der Kaiser
+nicht gewesen, sie hätten sich alle heim in ihre Betten geflüchtet.
+„Sie ist es,“ flüsterten sie einander zu, „die der Jahre so viele
+zählt, wie es Sandkörner an der Küste ihres Heimatland gibt. Warum ist
+sie gerade in dieser Nacht aus ihrer Höhle gekommen? Was kündet sie
+dem Kaiser und dem Reiche, sie, die ihre Prophezeiungen auf die Blätter
+der Bäume schreibt und weiß, daß der Wind das Orakelwort dem zuträgt,
+für den es bestimmt ist?“
+
+Sie waren so erschrocken, daß sie alle auf die Knie gesunken wären und
+mit ihren Stirnen den Boden berührt hätten, wenn die Sibylle nur eine
+Bewegung gemacht hätte. Aber sie saß so still, als wäre sie leblos. Sie
+saß auf dem äußersten Rande des Felsens zusammengekauert, und die Augen
+mit der Hand beschattend, spähte sie hinaus in die Nacht. Sie saß da,
+als hätte sie den Hügel erstiegen, um etwas, was sich in weiter Ferne
+zutrug, besser zu sehen. Sie konnte also etwas sehen, sie, in einer
+solchen Nacht!
+
+In demselben Augenblick merkten der Kaiser und alle in seinem Gefolge,
+wie tief die Finsternis war. Keiner von ihnen konnte eine Handbreit
+vor sich sehen. Und welche Stille, welches Schweigen! Nicht einmal das
+dumpfe Gemurmel des Tiber konnten sie vernehmen. Aber die Luft wollte
+sie ersticken, der kalte Schweiß trat ihnen auf die Stirn, und ihre
+Hände waren starr und kraftlos. Sie dachten, es müsse etwas Furchtbares
+bevorstehen.
+
+Aber niemand wollte zeigen, daß er Angst hatte, sondern alle sagten dem
+Kaiser, daß dies ein gutes Omen sei: die ganze Natur hielte den Atem
+an, um einen neuen Gott zu grüßen.
+
+Sie forderten Augustus auf, an das Opfer zu gehen und sagten, daß die
+alte Sibylle wahrscheinlich aus ihrer Höhle gekommen wäre, um seinen
+Genius zu grüßen.
+
+Aber in Wahrheit war die alte Sibylle von einer Vision so gefesselt,
+daß sie es nicht einmal wußte, daß Augustus auf das Kapitol gekommen
+war. Sie war im Geiste in ein fernes Land versetzt, und dort meinte sie
+über eine große Ebene zu wandern. In der Dunkelheit stieß sie mit dem
+Fuße unablässig an etwas, was sie für Erdhügelchen hielt. Sie bückte
+sich und tastete mit der Hand. Nein, es waren keine Erdhügelchen,
+sondern Schafe. Sie wanderte zwischen großen schlafenden Schafherden.
+
+Nun gewahrte sie das Feuer der Hirten. Es brannte mitten auf dem Felde,
+und sie tastete sich hin. Die Hirten lagen um das Feuer und schliefen,
+und neben sich hatten sie lange, spitzige Stäbe, mit denen sie die
+Herden gegen wilde Tiere zu verteidigen pflegten. Aber die kleinen
+Tiere mit den funkelnden Augen und den buschigen Schwänzen, die sich
+zum Feuer schlichen, waren das nicht Schakale? Und doch schleuderten
+ihnen die Hirten keine Stäbe nach, die Hunde schliefen weiter, die
+Schafe flohen nicht, und die wilden Tiere legten sich an der Seite der
+Menschen zur Ruhe.
+
+Dies sah die Sibylle, aber sie wußte nichts von dem, was sich hinter
+ihr auf der Bergeshöhe zutrug. Sie wußte nicht, daß man da einen Altar
+errichtete, die Kohlen entzündete, das Räucherwerk ausstreute, und
+daß der Kaiser die eine Taube aus dem Käfig nahm, um sie zu opfern.
+Aber seine Hände waren so erstarrt, daß er den Vogel nicht zu halten
+vermochte. Mit einem einzigen Flügelschlage befreite sich die Taube und
+verschwand, hinauf in das nächtliche Dunkel.
+
+Als dies geschah, blickten die Hofleute mißtrauisch zu der alten
+Sibylle hin. Sie glaubten, daß sie es wäre, die das Unglück verschuldet
+hätte.
+
+Konnten sie wissen, daß die Sibylle noch immer an dem Kohlenfeuer
+der Hirten zu stehen meinte und daß sie nun einem schwachen Klange
+lauschte, der zitternd durch die totenstille Nacht drang? Sie hörte ihn
+lange, ehe sie merkte, daß er nicht von der Erde kam, sondern aus den
+Wolken. Endlich erhob sie das Haupt, und da sah sie lichte, schimmernde
+Gehalten durch die Dunkelheit gleiten. Es waren kleine Engelscharen,
+die gar holdselig singend und gleichsam suchend über der weiten Ebene
+hin und wieder flogen.
+
+Während die Sibylle so dem Engelgesange lauschte, bereitete sich der
+Kaiser gerade zu einem neuen Opfer. Er wusch seine Hände, reinigte den
+Altar und ließ sich die zweite Taube reichen. Aber obgleich er sich
+jetzt bis zum Äußersten anstrengte, um sie festzuhalten, entglitt der
+glatte Körper der Taube seiner Hand, und der Vogel schwang sich in die
+undurchdringliche Nacht empor.
+
+Den Kaiser faßte ein Grauen. Er stürzte vor dem leeren Altar auf die
+Kniee und betete zu seinem Genius. Er rief ihn um Kraft an, das Unheil
+abzuwenden, das diese Nacht zu künden schien.
+
+Auch davon hatte die Sibylle nichts gehört. Sie lauschte mit ganzer
+Seele dem Engelgesang, der immer stärker wurde. Schließlich wurde
+er so mächtig, daß er die Hirten erweckte. Sie richteten sich auf
+dem Ellenbogen empor und sahen leuchtende Scharen silberweißer Engel
+in langen, wogenden Reihen gleich Zugvögeln droben durch das Dunkel
+schweben. Einige hatten Lauten und Violinen in den Händen, andre hatten
+Zithern und Harfen, und ihr Gesang klang fröhlich wie Kinderlachen und
+sorglos wie Lerchenzwitschern. Als die Hirten dieses hörten, machten
+sie sich auf, um zu dem Bergstädtlein zu gehen, wo sie daheim waren,
+und von dem Wunder zu erzählen.
+
+Sie wanderten über einen schmalen, geschlängelten Pfad, und die alte
+Sibylle folgte ihnen. Mit einem Male wurde es oben auf dem Berge
+hell. Ein großer klarer Stern flammte mitten darüber auf, und die
+Stadt auf dem Berggipfel schimmerte wie Silber im Sternenlicht. Alle
+die umherirrenden Engelscharen eilten unter Jubelrufen hin, und die
+Hirten beschleunigten ihre Schritte, so daß sie beinahe liefen. Als sie
+die Stadt erreicht hatten, fanden sie, daß die Engel sich über einem
+niedrigen Stall in der Nähe des Stadttors gesammelt hatten. Es war ein
+ärmlicher Bau mit einem Dache aus Stroh und dem nackten Felsen als
+Rückwand. Darüber stand der Stern, und dahin scharten sich immer mehr
+und mehr Engel. Einige setzten sich auf das Strohdach oder ließen sich
+auf der steilen Felswand hinter dem Hause nieder, andere schwebten mit
+flatternden Flügeln darüber. Hoch, hoch hinauf war die Luft von den
+strahlenden Schwingen verklärt.
+
+In demselben Augenblick, in dem der Stern über dem Bergstädtchen
+aufflammte, erwachte die ganze Natur, und die Männer, die auf der Höhe
+des Kapitols standen, mußten es auch merken. Sie fühlten frische,
+aber kosende Winde den Raum durchwehen, süße Wohlgerüche strömten
+rings um sie empor, Bäume rauschten, der Tiber begann zu murmeln, die
+Sterne strahlten, und der Mond stand mit einem Male hoch am Himmel und
+erleuchtete die Welt. Und aus den Wolken schwangen sich zwei Tauben
+nieder und setzten sich dem Kaiser auf die Schultern.
+
+Als dies Wunder geschah, richtete sich Augustus in stolzer Freude
+empor, aber seine Freunde und Sklaven stürzten auf die Kniee. „~Ave
+Caesar!~“ riefen sie. „Dein Genius hat dir geantwortet. Du bist der
+Gott, der auf der Höhe des Kapitols angebetet werden soll.“
+
+Und die Huldigung, die die hingerissenen Männer dem Kaiser zujubelten,
+war so laut, daß die alte Sibylle sie hörte. Sie wurde davon aus ihren
+Gesichten erweckt. Sie erhob sich von ihrem Platze auf dem Felsenrand
+und trat unter die Menschen. Es war, als hätte eine dunkle Wolke sich
+aus dem Abgrund erhoben, um über die Bergeshöhe hinabzustürzen. Sie war
+erschreckend in ihrem Alter. Wirres Haar hing in spärlichen Zotteln
+um ihren Kopf, die Gelenke der Glieder waren vergrößert, und die
+gedunkelte Haut überzog den Körper hart wie Baumrinde, Runzel an Runzel.
+
+Aber gewaltig und ehrfurchtgebietend schritt sie auf den Kaiser zu. Mit
+der einen Hand umfaßte sie sein Handgelenk, mit der andern wies sie
+nach dem fernen Osten.
+
+„Sieh!“ gebot sie ihm, und der Kaiser schlug die Augen auf und sah.
+Der Raum tat sich vor seinen Blicken auf, und sie drangen ins ferne
+Morgenland. Und er sah einen dürftigen Stall unter einer steilen
+Felswand, und in der offenen Tür einige knieende Hirten. Im Stalle sah
+er eine junge Mutter auf den Knieen vor einem kleinen Kindlein, das auf
+einem Strohbündel am Boden lag.
+
+Und die großen knochigen Finger der Sibylle wiesen auf diesem arme Kind.
+
+„~Ave Caesar!~“ sagte die Sibylle mit einem Hohnlachen. „Da ist
+der Gott, der auf der Höhe des Kapitols angebetet werden wird!“
+
+Da prallte Augustus vor ihr zurück, wie vor einer Wahnsinnigen.
+
+Aber über die Sibylle kam der mächtige Sehergeist. Ihre trüben Augen
+begannen zu brennen, ihre Hände reckten sich zum Himmel empor, ihre
+Stimme verwandelte sich, so daß sie nicht ihre eigne zu sein schien,
+sondern solchen Klang und solche Kraft hatte, daß man sie über die
+ganze Welt hin hätte hören können. Und sie sprach Worte, die sie oben
+in den Sternen zu lesen schien.
+
+„Anbeten wird man auf den Höhen des Kapitols den Welterneuerer, Christ
+oder Antichrist, doch nicht hinfällige Menschen.“
+
+Als sie dies gesagt hatte, schritt sie durch die Reihen der
+schreckgelähmten Männer, ging langsam die Bergeshöhe hinunter und
+verschwand.
+
+Aber Augustus ließ am nächsten Tage dem Volke streng verbieten, ihm
+einen Tempel auf dem Kapitol zu errichten. Anstatt dessen erbaute er
+dort ein Heiligtum für das neugeborene Gotteskind und nannte es „Des
+Himmels Altar“, ~Ara Coeli~.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Der Brunnen der weisen Männer
+
+
+[Illustration]
+
+
+In dem alten Lande Juda zog die Dürre umher, hohläugig und herb
+wanderte sie über gelbes Gras und verschrumpfte Disteln.
+
+Es war Sommerzeit. Die Sonne brannte auf schattenlose Bergrücken,
+und der leiseste Wind wirbelte dichte Wolken von Kalkstaub aus dem
+weißgrauen Boden, die Herden standen in den Tälern um die versiegten
+Bäche geschart.
+
+Die Dürre ging umher und prüfte die Wasservorräte. Sie wanderte zu
+Salomos Teichen und sah seufzend, daß ihre felsigen Ufer noch eine
+Menge Wasser umschlossen. Dann ging sie hinunter zu dem berühmten
+Davidsbrunnen bei Bethlehem und fand auch dort Wasser. Hierauf wanderte
+sie mit schleppenden Schritten über die große Heerstraße, die von
+Bethlehem nach Jerusalem führt.
+
+Als sie ungefähr auf halbem Wege war, sah sie den Brunnen der weisen
+Männer, der dicht am Wegsaume liegt, und sie merkte alsogleich, daß er
+nahe am Versiegen war. Die Dürre setzte sich auf die Brunnenschale, die
+aus einem einzigen großen ausgehöhlten Steine besteht, und sah in den
+Brunnen hinunter. Der blanke Wasserspiegel, der sonst ganz nahe der
+Öffnung sichtbar zu werden pflegte, war tief hinabgesunken, und Schlamm
+und Morast vom Grunde machten ihn unrein und trübe.
+
+Als der Brunnen das braungebrannte Gesicht der Dürre sich auf seinem
+matten Spiegel malen sah, ließ er ein Plätschern der Angst hören.
+
+„Ich möchte wohl wissen, wann es mit dir zu Ende gehen wird,“ sagte die
+Dürre, „du kannst wohl dort unten in der Tiefe keine Wasserader finden,
+die käme und dir neues Leben gäbe. Und von Regen kann Gott sei Dank vor
+zwei, drei Monaten keine Rede sein.“
+
+„Du magst ruhig sein,“ seufzte der Brunnen. „Nichts kann mir helfen. Da
+wäre zum mindesten ein Quell vom Paradiese vonnöten.“
+
+„Dann will ich dich nicht verlassen, bevor alles aus ist,“ sagte die
+Dürre. Sie sah, daß der alte Brunnen in den letzten Zügen lag, und nun
+wollte sie die Freude haben, ihn Tropfen für Tropfen sterben zu sehen.
+
+Sie setzte sich wohlgemut auf dem Brunnenrande zurecht und freute sich
+zu hören, wie der Brunnen in der Tiefe seufzte. Sie hatte auch großes
+Wohlgefallen daran, durstige Wanderer herankommen zu sehen, zu sehen,
+wie sie den Eimer hinuntersenkten und ihn mit nur wenigen Tropfen
+schlammvermengten Wassers auf dem Grunde heraufzogen.
+
+So verging der ganze Tag, und als die Dunkelheit anbrach, sah die Dürre
+wieder in den Brunnen hinunter. Es blinkte noch ein wenig Wasser dort
+unten. „Ich bleibe hier, die ganze Nacht über,“ rief sie, „spute dich
+nur nicht. Wenn es so hell ist, daß ich wieder in dich hinabsehen kann,
+ist es sicherlich zu Ende mit dir.“
+
+Die Dürre kauerte sich auf dem Brunnendache zusammen, während die
+heiße Nacht, die noch grausamer und qualvoller war als der Tag, sich
+auf das Land Juda herniedersenkte. Hunde und Schakale heulten ohne
+Unterlaß, und durstige Kühe und Esel antworteten ihnen aus ihren heißen
+Ställen. Wenn sich zuweilen der Wind regte, brachte er keine Kühlung,
+sondern war heiß und schwül wie die keuchenden Atemzüge eines großen
+schlafenden Ungeheuers.
+
+Aber die Sterne leuchteten im allerholdesten Glanz, und ein kleiner,
+flimmernder Neumond warf ein schönes grünblaues Licht über die grauen
+Hügel. Und in diesem Schein sah die Dürre eine große Karawane zum Hügel
+heraufziehen, auf dem der Brunnen der weisen Männer lag.
+
+Die Dürre saß und blickte auf den langen Zug und frohlockte aufs
+neue bei dem Gedanken an allen den Durst, der zum Brunnen heraufzog
+und keinen Tropfen Wasser finden würde, um gelöscht zu werden. Da
+kamen so viele Tiere und Führer, daß sie den Brunnen hätten leeren
+können, selbst wenn er ganz voll gewesen wäre. Plötzlich wollte es sie
+bedünken, daß es etwas Ungewöhnliches, etwas Gespenstisches um diese
+Karawane wäre, die durch die Nacht daherzog. Alle Kamele kamen erst
+auf einem Hügel zum Vorschein, der gerade hinauf zum Horizonte ragte;
+es war, als wären sie vom Himmel herniedergestiegen. Sie sahen im
+Mondlicht größer aus als gewöhnliche Kamele und trugen allzu leicht die
+ungeheuern Bürden, die auf ihnen lasteten.
+
+Aber sie konnte doch nichts andres glauben, als daß sie ganz
+wirklich wären, denn sie sah sie ja ganz deutlich. Sie konnte sogar
+unterscheiden, daß die drei vordersten Tiere Dromedare waren, mit
+grauem, glänzendem Fell, und daß sie reich gezäumt, mit befransten
+Schabracken gesattelt waren und schöne, vornehme Reiter trugen.
+
+Der ganze Zug machte beim Brunnen Halt, die Dromedare legten sich mit
+dreimaligem scharfen Einknicken auf den Boden, und ihre Reiter stiegen
+ab. Die Packkamele blieben stehen, und wie sich ihrer immer mehr
+versammelten, schienen sie eine unübersehbare Wirrnis von hohen Hälsen
+und Buckeln und wunderlich aufgestapelten Bepackungen zu bilden.
+
+Die drei Dromedarreiter kamen sogleich auf die Dürre zu und begrüßten
+sie, indem sie die Hand an Stirn und Brust legten. Sie sah, daß sie
+blendend weiße Gewänder und ungeheure Turbane trugen, an deren oberm
+Rand ein klar funkelnder Stern befestigt war, der leuchtete, als sei er
+geradewegs vom Himmel genommen.
+
+„Wir kommen aus einem fernen Lande,“ sagte der eine der Fremdlinge,
+„und wir bitten dich, sag uns, ob dies wirklich der Brunnen der weisen
+Männer ist.“
+
+„Er wird heute so genannt,“ sagte die Dürre, „aber morgen gibt es hier
+keinen Brunnen mehr. Er wird heute nacht sterben.“
+
+„Das leuchtet mir wohl ein, da ich dich hier sehe,“ sagte der Mann.
+„Aber ist dies denn nicht einer der heiligen Brunnen, die niemals
+versiegen? Oder woher hat er sonst seinen Namen?“
+
+„Ich weiß, daß er heilig ist,“ sagte die Dürre, „aber was kann das
+helfen? Die drei Weisen sind im Paradiese.“
+
+Die drei Wanderer sahen einander an. „Kennst du wirklich die Geschichte
+des alten Brunnens?“ fragten sie.
+
+„Ich kenne die Geschichte aller Brunnen und Flüsse und Bäche und
+Quellen,“ sagte die Dürre stolz.
+
+„Mach uns doch die Freude und erzähl sie uns,“ baten die Fremdlinge.
+Und sie setzten sich um die alte Feindin alles Wachsenden und lauschten.
+
+Die Dürre räusperte sich und rückte sich auf dem Brunnenrande zurecht
+wie ein Märchenerzähler auf seinem Hochsitz; dann begann sie zu
+erzählen.
+
+„In Gabes in Medien, einer Stadt, die dicht am Rande der Wüste liegt
+und die mir daher oft eine liebe Zuflucht war, lebten vor vielen Jahren
+drei Männer, die ob ihrer Weisheit berühmt waren. Sie waren auch sehr
+arm, und das war etwas sehr Ungewöhnliches, denn in Gabes wurde das
+Wissen hoch in Ehren gehalten und reichlich bezahlt. Aber diesen drei
+Männern konnte es kaum anders gehen, denn der eine von ihnen war über
+die Maßen alt, einer war mit dem Aussatz behaftet, und der dritte war
+ein schwarzer Neger mit wulstigen Lippen. Die Menschen hielten den
+ersten für zu alt, um sie etwas lehren zu können, dem zweiten wichen
+sie aus Furcht vor Ansteckung aus, und dem dritten wollten sie nicht
+zuhören, weil sie zu wissen glaubten, daß noch niemals Weisheit aus
+Äthiopien gekommen wäre.
+
+„Die drei Weisen schlossen sich jedoch in ihrem Unglück aneinander.
+Sie bettelten tagsüber an derselben Tempelpforte und schliefen nachts
+auf demselben Dache. Auf diese Weise konnten sie sich wenigstens
+dadurch die Zeit verkürzen, daß sie gemeinsam über alles Wunderbare
+nachgrübelten, das sie an Dingen und Menschen bemerkten.
+
+„Eines Nachts, als sie Seite an Seite auf einem Dache schliefen, das
+dicht mit rotem, betäubendem Mohn bewachsen war, erwachte der älteste
+von ihnen, und kaum hatte er einen Blick um sich geworfen, als er auch
+die beiden andern weckte.
+
+„‚Gepriesen sei unsere Armut, die uns nötigt, im Freien zu schlafen,‘
+sprach er zu ihnen. ‚Wacht auf und erhebt eure Blicke zum Himmel.‘
+
+„Nun wohl,“ sagte die Dürre mit etwas milderer Stimme, „dies war eine
+Nacht, die keiner, der sie gesehen hat, vergessen kann. Der Raum war so
+hell, daß der Himmel, der zumeist doch einem festen Gewölbe gleicht,
+nun tief und durchsichtig erschien und mit Wogen erfüllt wie ein Meer.
+Das Licht wallte droben auf und nieder, und die Sterne schienen in
+verschiedenen Tiefen zu schwimmen, einzelne mitten in den Lichtwellen,
+andre auf deren Oberfläche.
+
+„Aber ganz fern, hoch oben sahen die drei Männer ein schwaches Dunkel
+auftauchen. Und dieses Dunkel durcheilte den Raum wie ein Ball und kam
+immer näher, und wie es so herankam, begann es sich zu erhellen, aber
+es erhellte sich so, wie Rosen, -- möge Gott sie alle welken lassen
+-- wenn sie aus der Knospe springen. Es wurde immer größer, und die
+dunkle Hülle darum ward nach und nach gesprengt, und das Licht strahlte
+in vier klaren Blättern zu seinen Seiten aus. Endlich, als es so tief
+hernieder gekommen war wie der nächste der Sterne, machte es Halt.
+Da bogen sich die dunkeln Enden ganz zur Seite, und Blatt um Blatt
+entfaltete sich schönes, rosenfarbenes Licht, bis es gleich einem Stern
+unter Sternen strahlte.
+
+„Als die armen Männer dies sahen, sagte ihnen ihre Weisheit, daß in
+dieser Stunde auf Erden ein mächtiger König geboren würde, einer,
+dessen Macht höher steigen sollte, als die Cyrus oder Alexanders. Und
+sie sagten zueinander: ‚Lasset uns zu den Eltern des Neugeborenen gehen
+und ihnen sagen, was wir gesehen haben. Vielleicht lohnen sie es uns
+mit einem Beutel Münzen oder einem Armband aus Gold.‘
+
+„Sie ergriffen ihre langen Wanderstäbe und machten sich auf den Weg.
+Sie wanderten durch die Stadt und hinaus zum Stadttor, aber da standen
+sie einen Augenblick unschlüssig, denn jetzt breitete sich vor ihnen
+die große Wüste, die die Menschen verabscheuen. Da sahen sie, wie der
+neue Stern einen schmalen Lichtstreifen über den Wüstensand warf, und
+sie wanderten voll Zuversicht weiter mit dem Stern als Wegweiser.
+
+„Sie gingen die ganze Nacht über das weite Sandfeld, und auf ihrer
+Wanderung sprachen sie von dem jungen neugeborenen Könige, den sie in
+einer Wiege aus Gold schlafend finden würden, mit Edelsteinen spielend.
+Sie kürzten die Stunden der Nacht, indem sie davon sprachen, wie sie
+vor seinen Vater, den König, und seine Mutter, die Königin, treten
+würden und ihnen sagen, daß der Himmel ihrem Sohne Macht und Stärke,
+Schönheit und Glück verheiße, größer als Salomos Glück.
+
+„Sie brüsteten sich damit, daß Gott sie erkoren hatte, den Stern zu
+sehen. Sie sagten sich, daß die Eltern des Neugeborenen sie nicht mit
+weniger als zwanzig Beuteln Gold entlohnen könnten, vielleicht würden
+sie ihnen sogar so viel geben, daß sie niemals mehr die Qualen der
+Armut zu fühlen brauchten.
+
+„Ich lag wie ein Löwe in der Wüste auf der Lauer,“ fuhr die Dürre fort,
+„um mich mit allen Qualen des Durstes auf diese Wandrer zu stürzen;
+aber sie entkamen mir, die ganze Nacht führte der Stern sie, und am
+Morgen, als der Himmel sich erhellte und die andern Sterne verblichen,
+blieb dieser beharrlich und leuchtete über der Wüste, bis er sie zu
+einer Oase geführt hatte, wo sie eine Quelle und Dattelbäume fanden.
+Da ruhten sie den ganzen Tag, und erst mit sinkender Nacht, als sie den
+Sternenstrahl wieder den Wüstensand umranden sahen, gingen sie weiter.
+
+„Nach Menschenweise, zu sehen,“ fuhr die Dürre fort, „war es eine
+schöne Wanderung. Der Stern geleitete sie, daß sie weder zu hungern
+noch zu dürsten brauchten. Er führte sie an den scharfen Disteln
+vorbei, er vermied den tiefen, losen Flugsand, sie entgingen dem
+grellen Sonnenschein und den heißen Wüstenstürmen. Die drei Weisen
+sagten beständig zueinander: ‚Gott schützt uns und segnet unsere
+Wanderung. Wir sind seine Sendboten.‘
+
+„Aber so allmählich gewann ich doch Macht über sie,“ erzählte die Dürre
+weiter, „und in einigen Tagen waren die Herzen dieser Sternenwanderer
+in eine Wüste verwandelt, ebenso trocken wie die, durch die sie
+wanderten. Sie waren mit unfruchtbarem Stolz und versengender Gier
+erfüllt.
+
+„‚Wir sind Gottes Sendboten,‘ wiederholten die drei Weisen, ‚der Vater
+des neugeborenen Königs belohnt uns nicht zu hoch, wenn er uns eine mit
+Gold beladene Karawane schenkt.‘
+
+„Endlich führte der Stern sie über den vielberühmten Jordanfluß und
+hinauf zu den Hügeln des Landes Juda. Und eines Nachts blieb er über
+der kleinen Stadt Bethlehem stehen, die unter grünen Olivenbäumen auf
+einem felsigen Hügel hervorschimmert.
+
+„Die drei Weisen sahen sich nach Schlössern und befestigten Türmen und
+Mauern und allem dem andern um, was zu einer Königsstadt gehört, aber
+davon sahen sie nichts. Und was noch schlimmer war, das Sternenlicht
+leitete sie nicht einmal in die Stadt hinein, sondern blieb bei einer
+Grotte am Wegsaum stehen. Da glitt das milde Licht durch die Öffnung
+hinein und zeigte den drei Wanderern ein kleines Kind, das im Schoße
+seiner Mutter lag und in Schlaf gesungen wurde.
+
+„Aber ob auch die drei Weisen nun sahen, daß das Licht gleich einer
+Krone das Haupt des Kindes umschloß, blieben sie vor der Grotte
+stehen. Sie traten nicht ein, um dem Kleinen Ruhm und Königreiche zu
+prophezeien. Sie wendeten sich, und ohne ihre Gegenwart zu verraten,
+flohen sie vor dem Kinde und gingen wieder den Hügel hinan.
+
+„‚Sind wir zu Bettlern ausgezogen, die ebenso arm und gering sind,
+wie wir selber?‘ sagten sie. ‚Hat Gott uns hierher geführt, damit
+wir unseren Scherz treiben und dem Sohn eines Schafhirten alle Ehren
+weissagen? Dieses Kind wird nie etwas andres erreichen, als hier im
+Tale seine Herden zu hüten.‘“
+
+Die Dürre hielt inne und nickte ihren Zuhörern bekräftigend zu. Hab
+ich nicht recht? schien sie sagen zu wollen. Es gibt mancherlei, was
+dürrer ist als der Wüstensand. Aber nichts ist unfruchtbarer als das
+Menschenherz.
+
+„Die drei Weisen waren nicht lange gegangen, als es ihnen einfiel, daß
+sie sich wohl verirrt hätten, dem Sterne nicht richtig gefolgt wären,“
+fuhr die Dürre fort, „und sie hoben ihre Augen empor, um den Stern
+und den rechten Weg wiederzufinden. Aber da war der Stern, dem sie vom
+Morgenland her gefolgt waren, vom Himmel verschwunden.“
+
+Die drei Fremdlinge machten eine heftige Bewegung, ihre Gesichter
+drückten tiefes Leiden aus.
+
+„Was sich nun begab,“ begann die Sprecherin von neuem, „ist, nach
+Menschenart, zu urteilen, vielleicht etwas Erfreuliches. Gewiß ist,
+daß die drei Männer, als sie den Stern nicht mehr sahen, sogleich
+begriffen, daß sie gegen Gott gesündigt hatten. Und es geschah mit
+ihnen,“ fuhr die Dürre schaudernd fort, „was mit dem Boden im Herbste
+geschieht, wenn die Regenzeit beginnt. Sie zitterten vor Schrecken wie
+die Erde vor Blitz und Donner, ihr Wesen erweichte sich, die Demut
+sproßte wie grünes Gras in ihren Sinnen empor.
+
+„Drei Tage und drei Nächte wanderten sie im Lande umher, um das Kind
+zu finden, das sie anbeten sollten. Aber der Stern zeigte sich ihnen
+nicht, sie verirrten sich immer mehr und fühlten die größte Trauer und
+Betrübnis. In der dritten Nacht langten sie bei diesem Brunnen an, um
+zu trinken. Und da hatte Gott ihnen ihre Sünde verziehen, so daß sie,
+als sie sich über das Wasser beugten, dort tief unten das Spiegelbild
+des Sternes sahen, der sie aus Morgenland hergeführt hatte.
+
+„Sogleich gewahrten sie ihn auch am Himmelszelt, und er führte sie
+aufs neue zur Grotte in Bethlehem, und sie fielen vor dem Kinde auf
+die Kniee und sagten: ‚Wir bringen dir Goldschalen voll Räucherwerk
+und köstlicher Gewürze. Du wirst der größte König werden, der auf
+Erden gelebt hat und leben wird von ihrer Erschaffung bis zu ihrem
+Untergange.‘ Da legte das Kind seine Hand auf ihre gesenkten Köpfe, und
+als sie sich erhoben -- siehe, da hatte es ihnen Gaben gegeben, größer,
+als ein König sie hätte schenken können. Denn der alte Bettler war jung
+geworden, und der Aussätzige gesund, und der Schwarze war ein schöner,
+weißer Mann. Und man sagt, sie waren so herrlich, daß sie von dannen
+zogen und Könige wurden, jeder in seinem Reich.“
+
+Die Dürre hielt in ihrer Erzählung inne, und die drei Fremdlinge
+priesen sie. „Du hast gut erzählt,“ sagten sie. „Aber es wundert mich,
+daß die drei Weisen nichts für den Brunnen tun, der ihnen den Stern
+zeigte. Sollten sie eine solche Wohltat ganz vergessen haben?“
+
+„Muß nicht dieser Brunnen immer da sein,“ sagte der zweite Fremdling,
+„um die Menschen daran zu erinnern, daß sich das Glück, das auf den
+Höhen des Stolzes entschwindet, in den Tiefen der Demut wiederfinden
+läßt?“
+
+„Sind die Dahingeschiedenen schlechter als die Lebenden?“ sagte der
+dritte. „Stirbt die Dankbarkeit bei denen, die im Paradiese leben?“
+
+Aber als sie dieses sagten, fuhr die Dürre mit einem Schrei empor. Sie
+hatte die Fremdlinge erkannt, sie sah, wer die Wanderer waren. Und sie
+entfloh wie eine Rasende, um nicht sehen zu müssen, wie die drei weisen
+Männer ihre Diener riefen und ihre Kamele, die alle mit Wassersäcken
+beladen waren, herbeiführten und den armen sterbenden Brunnen mit
+Wasser füllten, das sie aus dem Paradiese gebracht hatten.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Das Kindlein von Bethlehem
+
+
+[Illustration]
+
+
+Vor dem Stadttor in Bethlehem stand ein römischer Kriegsknecht Wache.
+Er trug Harnisch und Helm, er hatte ein kurzes Schwert an der Seite und
+hielt eine lange Lanze in der Hand. Den ganzen Tag stand er beinahe
+regungslos, so daß man ihn wirklich für einen Mann aus Eisen halten
+konnte. Die Stadtleute gingen durch das Tor aus und ein, Bettler
+ließen sich im Schatten unter dem Torbogen nieder, Obstverkäufer und
+Weinhändler stellten ihre Körbe und Gefäße auf den Boden neben den
+Kriegsknecht hin, aber er gab sich kaum die Mühe, den Kopf zu wenden,
+um ihnen nachzusehen.
+
+Das ist doch nichts, um es zu betrachten, schien er sagen zu wollen.
+Was kümmere ich mich um euch, die ihr arbeitet und Handel treibt
+und mit Ölkrügen und Weinschläuchen angezogen kommt! Laßt mich ein
+Kriegsheer sehen, das sich aufstellt, um dem Feinde entgegenzuziehen!
+Laßt mich das Gewühl sehen und den heißen Streit, wenn ein Reitertrupp
+sich auf eine Schar Fußvolk stürzt! Laßt mich die Tapfern sehen, die
+mit Sturmleitern vorwärts eilen, um die Mauern einer belagerten Stadt
+zu ersteigen! Nichts andres kann mein Auge erfreuen als der Krieg. Ich
+sehne mich danach, Roms Adler in der Luft blinken zu sehen. Ich sehne
+mich nach dem Schmettern der Kupferhörner, nach schimmernden Waffen,
+nach rot verspritzendem Blut.
+
+Gerade vor dem Stadttor erstreckte sich ein prächtiges Feld, das
+ganz mit Lilien bewachsen war. Der Kriegsknecht stand jeden Tag da,
+die Blicke gerade auf dieses Feld gerichtet, aber es kam ihm keinen
+Augenblick in den Sinn, die außerordentliche Schönheit der Blumen zu
+bewundern. Zuweilen merkte er, daß die Vorübergehenden stehen blieben
+und sich an den Lilien freuten, und dann staunte er, daß sie ihre
+Wanderung verzögerten, um etwas so Unbedeutendes anzuschauen. Diese
+Menschen wissen nicht, was schön ist, dachte er.
+
+Und wie er so dachte, sah er nicht mehr die grünenden Felder und die
+Olivenhügel rings um Bethlehem vor seinen Augen, sondern er träumte
+sich fort in eine glühend heiße Wüste in dem sonnenreichen Libyen. Er
+sah eine Legion Soldaten in einer langen geraden Linie über den gelben
+Sand ziehen. Nirgends gab es Schutz vor den Sonnenstrahlen, nirgends
+einen labenden Quell, nirgends war eine Grenze der Wüste oder ein
+Ziel der Wanderung zu erblicken. Er sah die Soldaten, von Hunger und
+Durst ermattet, mit schwankenden Schritten vorwärts wandern. Er sah
+einen nach dem andern zu Boden stürzen, von der glühenden Sonnenhitze
+gefällt. Aber trotz allem zog die Truppe stetig vorwärts, ohne zu
+zaudern, ohne daran zu denken, den Feldherrn im Stich zu lassen und
+umzukehren.
+
+Sehet hier, was schön ist! dachte der Kriegsknecht. Seht, was den Blick
+eines tapfern Mannes verdient!
+
+Während der Kriegsknecht Tag für Tag an demselben Platze auf seinem
+Posten stand, hatte er die beste Gelegenheit, die schönen Kinder zu
+betrachten, die rings um ihn spielten. Aber es war mit den Kindern wie
+mit den Blumen. Er begriff nicht, daß es der Mühe wert sein könnte, sie
+zu betrachten. Was ist dies, um sich daran zu freuen? dachte er, als er
+die Menschen lächeln sah, wenn sie den Spielen der Kinder zusahen. Es
+ist seltsam, daß sich jemand über ein Nichts freuen kann.
+
+Eines Tages, als der Kriegsknecht wie gewöhnlich auf seinem Posten vor
+dem Stadttore stand, sah er ein kleines Knäblein, das ungefähr drei
+Jahre alt sein mochte, auf die Wiese kommen, um zu spielen. Es war ein
+armes Kind, das in ein kleines Schaffell gekleidet war und ganz allein
+spielte. Der Soldat stand und beobachtete den kleinen Ankömmling,
+beinahe ohne es selbst zu merken. Das erste, was ihm auffiel, war, daß
+der Kleine so leicht über das Feld lief, daß er auf den Spitzen der
+Grashalme zu schweben schien. Aber als er dann anfing, seine Spiele zu
+verfolgen, da staunte er noch mehr. „Bei meinem Schwerte,“ sagte er
+schließlich, „dieses Kind spielt nicht wie andre! Was kann das sein,
+womit es sich da ergötzt?“
+
+Das Kind spielte nur wenige Schritte von dem Kriegsknecht entfernt, so
+daß er darauf achten konnte, was es vornahm. Er sah, wie es die Hand
+ausstreckte, um eine Biene einzufangen, die auf dem Rande einer Blume
+saß und so schwer mit Blütenstaub beladen war, daß sie kaum die Flügel
+zum Fluge zu heben vermochte. Er sah zu seiner großen Verwunderung
+daß die Biene sich ohne einen Versuch zu entfliehen, und ohne ihren
+Stachel zu gebrauchen, fangen ließ. Aber als der Kleine die Biene
+sicher zwischen seinen Fingern hielt, lief er fort zu einer Spalte in
+der Stadtmauer, wo ein Schwarm Bienen seine Wohnstatt hatte, und setzte
+das Tierchen dort ab. Und sowie er auf diese Weise einer Biene geholfen
+hatte, eilte er sogleich von dannen, um einer andern beizustehen. Den
+ganzen Tag sah ihn der Soldat Bienen einfangen und sie in ihr Heim
+tragen.
+
+Dieses Knäblein ist wahrlich törichter als irgend jemand, den ich bis
+heute gesehen habe, dachte der Kriegsknecht. Wie kann es ihm einfallen,
+zu versuchen, diesen Bienen beizustehen, die sich so gut ohne ihn
+helfen und die ihn obendrein mit ihrem Stachel stechen können? Was für
+ein Mensch soll aus ihm werden, wenn er am Leben bleibt?
+
+Der Kleine kam Tag für Tag wieder und spielte draußen auf der Wiese,
+und der Kriegsknecht konnte es nicht lassen, sich über ihn und seine
+Spiele zu wundern. Es ist recht seltsam, dachte er, nun habe ich volle
+drei Jahre an diesem Tor Wache gestanden, und noch niemals habe ich
+etwas zu Gesicht bekommen, was meine Gedanken beschäftigt hätte, außer
+diesem Kinde.
+
+Aber der Kriegsknecht hatte durchaus keine Freude an dem Kinde. Im
+Gegenteil, der Kleine erinnerte ihn an eine furchtbare Weissagung eines
+alten jüdischen Sehers. Dieser hatte nämlich prophezeit, daß einmal
+eine Zeit des Friedens sich auf die Erde senken würde. Während eines
+Zeitraums von tausend Jahren würde kein Blut vergossen, kein Krieg
+geführt werden, sondern die Menschen würden einander lieben wie Brüder.
+Wenn der Kriegsknecht daran dachte, daß etwas so Entsetzliches wirklich
+eintreffen könnte, dann durcheilte seinen Körper ein Schauder, und er
+umklammerte hart seine Lanze, gleichsam um eine Stütze zu suchen.
+
+Und je mehr nun der Kriegsknecht von dem Kleinen und seinen Spielen
+sah, desto häufiger mußte er an das Reich des tausendjährigen Friedens
+denken. Zwar fürchtete er nicht, daß es schon angebrochen sein könnte,
+aber er liebte es nicht, an etwas so Verabscheuungswürdiges auch nur
+denken zu müssen.
+
+Eines Tages, als der Kleine zwischen den Blumen auf dem schönen
+Felde spielte, kam ein sehr heftiger Regenschauer aus den Wolken
+herniedergeprasselt. Als er merkte, wie groß und schwer die Tropfen
+waren, die auf die zarten Lilien niederschlugen, schien er für seine
+schönen Freundinnen besorgt zu werden. Er eilte zu der schönsten und
+größten unter ihnen und beugte den steifen Stengel, der die Blüten
+trug, zur Erde, so daß die Regentropfen die untere Seite der Kelche
+trafen. Und sowie er mit einer Blumenstaude in dieser Weise verfahren
+war, eilte er zu einer anderen und beugte ihren Stengel in gleicher
+Weise, so daß die Blumenkelche sich der Erde zuwendeten. Und dann zu
+einer dritten und vierten, bis alle Blumen der Flur gegen den heftigen
+Regen geschützt waren.
+
+Der Kriegsknecht mußte bei sich lächeln, als er die Arbeit des Knaben
+sah. „Ich fürchte, die Lilien werden ihm keinen Dank dafür wissen,“
+sagte er. „Alle Stengel sind natürlich abgebrochen. Es geht nicht an,
+die steifen Pflanzen auf diese Art zu beugen.“
+
+Aber als der Regenschauer endlich aufhörte, sah der Kriegsknecht
+das Knäblein zu den Lilien eilen und sie aufrichten. Und zu seinem
+unbeschreiblichen Staunen richtete das Kind ohne die mindeste Mühe die
+steifen Stengel gerade. Es zeigte sich, daß kein einziger von ihnen
+gebrochen oder beschädigt war. Es eilte von Blume zu Blume, und alle
+geretteten Lilien strahlten bald in vollem Glanze auf der Flur.
+
+Als der Kriegsknecht dies sah, bemächtigte sich seiner ein seltsamer
+Groll. Sieh doch an, welch ein Kind! dachte er. Es ist kaum zu glauben,
+daß es etwas so Törichtes beginnen kann. Was für ein Mann soll aus
+diesem Kleinen werden, der es nicht einmal ertragen kann, eine Lilie
+zerstört zu sehen? Wie würde es ablaufen, wenn so einer in den Krieg
+müßte? Was würde er anfangen, wenn man ihm den Befehl gäbe, ein Haus
+anzuzünden, das voller Frauen und Kinder wäre, oder ein Schiff in Grund
+zu bohren, das mit seiner ganzen Besatzung über die Wellen führe?
+
+Wieder mußte er an die alte Prophezeiung denken, und er begann zu
+fürchten, daß die Zeit wirklich angebrochen sein könnte, zu der sie in
+Erfüllung gehen sollte. Sintemalen ein Kind gekommen ist wie dieses,
+ist diese fürchterliche Zeit vielleicht ganz nahe. Schon jetzt herrscht
+Friede auf der ganzen Welt, und sicherlich wird der Tag des Krieges
+niemals mehr anbrechen. Von nun an werden alle Menschen von derselben
+Gemütsart sein wie dieses Kind. Sie werden fürchten, einander zu
+schaden, ja, sie werden es nicht einmal übers Herz bringen, eine Biene
+oder eine Blume zu zerstören. Keine großen Heldentaten werden mehr
+vollbracht werden. Keine herrlichen Siege wird man erringen, und kein
+glänzender Triumphator wird zum Kapitol hinanziehen. Es wird für einen
+tapfern Mann nichts mehr geben, was er ersehnen könnte.
+
+Und der Kriegsknecht, der noch immer hoffte, neue Kriege zu erleben und
+sich durch Heldentaten zu Macht und Reichtum aufzuschwingen, war so
+ergrimmt gegen den kleinen Dreijährigen, daß er drohend die Lanze nach
+ihm ausstreckte, als er das nächstemal an ihm vorbeilief.
+
+An einem andern Tage jedoch waren es weder die Bienen noch die Lilien,
+denen der Kleine beizustehen suchte, sondern er tat etwas, was den
+Kriegsknecht noch viel unnötiger und undankbarer däuchte.
+
+Es war ein furchtbar heißer Tag, und die Sonnenstrahlen, die auf den
+Helm und die Rüstung des Soldaten fielen, erhitzten sie so, daß ihm
+war, als trüge er ein Kleid aus Feuer. Für die Vorübergehenden hatte
+es den Anschein, als müßte er schrecklich unter der Wärme leiden.
+Seine Augen traten blutunterlaufen aus dem Kopfe, und die Haut seiner
+Lippen verschrumpfte, aber dem Kriegsknechte, der gestählt war und die
+brennende Hitze in Afrikas Sandwüsten ertragen hatte, däuchte es, daß
+dies eine geringe Sache wäre, und er ließ es sich nicht einfallen,
+seinen gewohnten Platz zu verlassen. Er fand im Gegenteil Gefallen
+daran, den Vorübergehenden zu zeigen, daß er so stark und ausdauernd
+war und nicht Schutz vor der Sonne zu suchen brauchte.
+
+Während er so dastand und sich beinahe lebendig braten ließ, kam der
+kleine Knabe, der auf dem Felde zu spielen pflegte, plötzlich auf ihn
+zu. Er wußte wohl, daß der Legionär nicht zu seinen Freunden gehörte,
+und er pflegte sich zu hüten, in den Bereich seiner Lanze zu kommen,
+aber nun trat er dicht an ihn heran, betrachtete ihn lange und genau
+und eilte dann in vollem Laufe über den Weg. Als er nach einer Weile
+zurückkam, hielt er beide Hände ausgebreitet wie eine Schale und
+brachte auf diese Weise ein paar Tropfen Wasser mit.
+
+Ist dies Kind jetzt gar auf den Einfall gekommen, fortzulaufen und für
+mich Wasser zu holen? dachte der Soldat. Das ist doch wirklich ohne
+allen Verstand. Sollte ein römischer Legionär nicht ein bißchen Wärme
+ertragen können? Was braucht dieser Kleine herumzulaufen, um denen zu
+helfen, die keiner Hilfe bedürfen! Mich gelüstet nicht nach seiner
+Barmherzigkeit. Ich wünschte, daß er und alle, die ihm gleichen, nicht
+mehr auf dieser Welt wären.
+
+Der Kleine kam sehr behutsam heran. Er hielt seine Finger fest
+zusammengepreßt, damit nichts verschüttet werde oder überlaufe. Während
+er sich dem Kriegsknecht näherte, hielt er die Augen ängstlich auf das
+klein bißchen Wasser geheftet, das er mitbrachte, und sah also nicht,
+daß dieser mit tief gerunzelter Stirn und abweisenden Blicken dastand.
+Endlich blieb er dicht vor dem Legionär stehen und bot ihm das Wasser.
+
+Im Gehen waren seine schweren, lichten Locken ihm immer tiefer in die
+Stirn und die Augen gefallen. Er schüttelte ein paarmal den Kopf,
+um das Haar zurückzuwerfen, damit er aufblicken könnte. Als ihm
+dies endlich gelang und er den harten Ausdruck in dem Gesichte des
+Kriegsknechts gewahrte, erschrak er gar nicht, sondern blieb stehen und
+lud ihn mit einem bezaubernden Lächeln ein, von dem Wasser zu trinken,
+das er mitbrachte. Aber der Kriegsknecht hatte keine Lust, eine Wohltat
+von diesem Kinde zu empfangen, das er als seinen Feind betrachtete.
+Er sah nicht hinab in sein schönes Gesicht, sondern stand starr und
+regungslos und machte nicht Miene, als verstünde er, was das Kind für
+ihn tun wollte.
+
+Aber das Knäblein konnte gar nicht fassen, daß der andre es abweisen
+wollte. Es lächelte noch immer ebenso vertrauensvoll, stellte sich auf
+die Zehenspitzen und streckte die Hände so hoch in die Höhe, als es
+vermochte, damit der großgewachsene Soldat das Wasser leichter erreiche.
+
+Der Legionär fühlte sich jedoch so verunglimpft dadurch, daß ein Kind
+ihm helfen wollte, daß er nach seiner Lanze griff, um den Kleinen in
+die Flucht zu jagen.
+
+Aber nun begab es sich, daß gerade in demselben Augenblick die Hitze
+und der Sonnenschein mit solcher Heftigkeit auf den Kriegsknecht
+hereinbrachen, daß er rote Flammen vor seinen Augen lodern sah und
+fühlte, wie sein Gehirn im Kopfe schmolz. Er fürchtete, daß die Sonne
+ihn morden würde, wenn er nicht augenblicklich Linderung fände.
+
+Und außer sich vor Schrecken über die Gefahr, in der er schwebte,
+schleuderte er die Lanze zu Boden, umfaßte mit beiden Händen das Kind,
+hob es empor und schlürfte soviel er konnte von dem Wasser, das es in
+den Händen hielt.
+
+Es waren freilich nur ein paar Tropfen, die seine Zunge benetzten, aber
+mehr waren auch nicht vonnöten. Sowie er das Wasser gekostet hatte,
+durchrieselte wohlige Erquickung seinen Körper, und er fühlte Helm und
+Harnisch nicht mehr lasten und brennen. Die Sonnenstrahlen hatten ihre
+tödliche Macht verloren. Seine trockenen Lippen wurden wieder weich,
+und die roten Flammen tanzten nicht mehr vor seinen Augen.
+
+Bevor er noch Zeit hatte, dies alles zu merken, hatte er das Kind schon
+zu Boden gestellt, und es lief wieder fort und spielte auf der Flur.
+Nun begann er erstaunt zu sich selber zu sagen: Was war dies für ein
+Wasser, das das Kind mir bot? Es war ein herrlicher Trank. Ich muß ihm
+wahrlich meine Dankbarkeit zeigen.
+
+Aber da er den Kleinen haßte, schlug er sich diese Gedanken alsobald
+aus dem Sinn. Es ist ja nur ein Kind, dachte er, es weiß nicht, warum
+es so oder so handelt. Es spielt nur das Spiel, das ihm am besten
+gefällt. Findet es vielleicht Dankbarkeit bei den Bienen oder bei den
+Lilien? Um dieses Knäbleins willen brauche ich mir keinerlei Ungemach
+zu bereiten. Es weiß nicht einmal, daß es mir beigestanden hat.
+
+Und er empfand womöglich noch mehr Groll gegen das Kind, als er ein
+paar Augenblicke später den Anführer der römischen Soldaten, die in
+Bethlehem lagen, durch das Tor kommen sah. Man sehe nur, dachte er, in
+welcher Gefahr ich durch den Einfall des Kleinen geschwebt habe! Wäre
+Voltigius nur um ein weniges früher gekommen, er hätte mich mit einem
+Kinde in den Armen dastehen sehen.
+
+Der Hauptmann schritt jedoch gerade auf den Kriegsknecht zu und fragte
+ihn, ob sie hier miteinander sprechen könnten, ohne daß jemand sie
+belauschte. Er hätte ihm ein Geheimnis anzuvertrauen. „Wenn wir uns nur
+zehn Schritte von dem Tore entfernen,“ antwortete der Kriegsknecht, „so
+kann uns niemand hören.“
+
+„Du weißt,“ sagte der Hauptmann, „daß König Herodes einmal ums
+andre versucht hat, sich eines Kindleins zu bemächtigen, das hier
+in Bethlehem aufwächst. Seine Seher und Priester haben ihm gesagt,
+daß dieses Kind seinen Thron besteigen werde, und außerdem haben sie
+prophezeit, daß der neue König ein tausendjähriges Reich des Friedens
+und der Heiligkeit gründen werde. Du begreifst also, daß Herodes ihn
+gerne unschädlich machen will.“
+
+„Freilich begreife ich es,“ sagte der Kriegsknecht eifrig, „aber das
+muß doch das Leichteste auf der Welt sein.“
+
+„Es wäre allerdings sehr leicht,“ sagte der Hauptmann, „wenn der König
+nur wüßte, welches von allen den Kindern hier in Bethlehem gemeint ist.“
+
+Die Stirne des Kriegsknechts legte sich in tiefe Falten. „Es ist
+bedauerlich, daß seine Wahrsager ihm hierüber keinen Aufschluß geben
+können.“
+
+„Jetzt aber hat Herodes eine List gefunden, durch die er glaubt,
+den jungen Friedensfürsten unschädlich machen zu können,“ fuhr der
+Hauptmann fort. „Er verspricht jedem eine herrliche Gabe, der ihm
+hierin beistehen will.“
+
+„Was immer Voltigius befehlen mag, es wird auch ohne Lohn oder Gabe
+vollbracht werden,“ sagte der Soldat.
+
+„Habe Dank,“ sagte der Hauptmann. „Höre nun des Königs Plan! Er will
+den Jahrestag der Geburt seines jüngsten Sohnes durch ein Fest feiern,
+zu dem alle Knaben in Bethlehem, die zwischen zwei und drei Jahren alt
+sind, mit ihren Müttern geladen werden sollen. Und bei diesem Feste
+-- -- --“
+
+Er unterbrach sich und lachte, als er den Ausdruck des Abscheus sah,
+der sich auf dem Gesichte des Soldaten malte.
+
+„Guter Freund,“ fuhr er fort, „du brauchst nicht zu befürchten, daß
+Herodes uns als Kinderwärter verwenden will. Neige nun dein Ohr zu
+meinem Munde, so will ich dir seine Absichten anvertrauen.“
+
+Der Hauptmann flüsterte lange mit dem Kriegsknecht, und als er ihm
+alles mitgeteilt hatte, fügte er hinzu:
+
+„Ich brauche dir wohl nicht erst zu sagen, daß die strengste
+Verschwiegenheit nötig ist, wenn nicht das ganze Vorhaben mißlingen
+soll.“
+
+„Du weißt, Voltigius, daß du dich auf mich verlassen kannst,“ sagte der
+Kriegsknecht.
+
+Als der Anführer sich entfernt hatte und der Kriegsknecht wieder allein
+auf seinem Posten stand, sah er sich nach dem Kinde um. Das spielte
+noch immer unter den Blumen, und er ertappte sich bei dem Gedanken, daß
+es sie so leicht und anmutsvoll umschwebe wie ein Schmetterling.
+
+Auf einmal fing der Krieger zu lachen an. „Ja richtig,“ sagte er,
+„dieses Kind wird mir nicht lange mehr ein Dorn im Auge sein. Es wird
+ja auch an jenem Abende zum Fest des Herodes geladen werden.“
+
+Der Kriegsknecht harrte den ganzen Tag auf seinem Posten aus, bis
+der Abend anbrach und es Zeit wurde, die Stadttore für die Nacht zu
+schließen.
+
+Als dies geschehen war, wanderte er durch schmale, dunkle Gäßchen zu
+einem prächtigen Palaste, den Herodes in Bethlehem besaß.
+
+Im Innern dieses gewaltigen Palastes befand sich ein großer,
+steingepflasterter Hof, der von Gebäuden umkränzt war, an denen entlang
+drei offene Galerien liefen, eine über der anderen. Auf der obersten
+dieser Galerien sollte, so hatte es der König bestimmt, das Fest für
+die bethlehemitischen Kinder stattfinden.
+
+Diese Galerie war, gleichfalls auf den ausdrücklichen Befehl des
+Königs, so umgewandelt, daß sie einem gedeckten Gange in einem
+herrlichen Lustgarten glich. Über die Decke schlangen sich Weinranken,
+von denen üppige Trauben herabhingen, und den Wänden und Säulen entlang
+standen kleine Granat- und Orangenbäumchen, die über und über mit
+reifen Früchten bedeckt waren. Der Fußboden war mit Rosenblättern
+bestreut, die dicht und weich lagen wie ein Teppich, und entlang
+der Balustrade, den Deckengesimsen, den Tischen und den niedrigen
+Ruhebetten, überall erstreckten sich Girlanden von weißen strahlenden
+Lilien.
+
+In diesem Blumenhain standen hier und da große Marmorbassins, wo gold-
+und silberglitzernde Fischlein in durchsichtigem Wasser spielten. Auf
+den Bäumen saßen bunte Vögel aus fernen Ländern, und in einem Käfig
+hockte ein alter Rabe, der ohne Unterlaß sprach.
+
+Zu Beginn des Festes zogen Kinder und Mütter in die Galerie ein. Die
+Kinder waren gleich beim Betreten des Palastes in weiße Gewänder mit
+Purpurborten gekleidet worden, und man hatte ihnen Rosenkränze auf die
+dunkellockigen Köpfchen gedrückt. Die Frauen kamen stattlich heran in
+ihren roten und blauen Gewändern und ihren weißen Schleiern, die von
+hohen kegelförmigen Kopfbedeckungen, mit Goldmünzen und Ketten besetzt,
+herniederwallten. Einige trugen ihr Kind hoch auf der Schulter sitzend,
+andere führten ihr Söhnlein an der Hand, und einige wieder, deren
+Kinder scheu und verschüchtert waren, hatten sie auf ihre Arme gehoben.
+
+Die Frauen ließen sich auf dem Boden der Galerie nieder. Sowie sie
+Platz genommen hatten, kamen Sklaven herbei und stellten niedrige
+Tischchen vor sie hin, worauf sie auserlesene Speisen und Getränke
+stellten, so wie es sich bei dem Feste eines Königs geziemt. Und
+alle diese glücklichen Mütter begannen zu essen und zu trinken, ohne
+jene stolze anmutvolle Würde abzulegen, die die schönste Zier der
+bethlehemitischen Frauen ist.
+
+Der Wand der Galerie entlang und beinahe von Blumengirlanden
+und fruchtbeladenen Bäumen verdeckt, waren doppelte Reihen von
+Kriegsknechten in voller Rüstung aufgestellt. Sie standen vollkommen
+regungslos, als hätten sie nichts mit dem zu schaffen, was rund um
+sie vorging. Die Frauen konnten es nicht lassen, bisweilen einen
+verwunderten Blick auf diese Schar von Geharnischten zu werfen. „Wozu
+bedarf es ihrer?“ flüsterten sie. „Meint Herodes, daß wir uns nicht zu
+betragen wüßten? Glaubt er, daß es einer solchen Menge Kriegsknechte
+bedürfte, um uns im Zaume zu halten?“
+
+Aber andre flüsterten zurück, daß es so wäre, wie es bei einem König
+sein müßte. Herodes selbst gäbe niemals ein Fest, ohne daß sein ganzes
+Haus von Kriegsknechten erfüllt wäre. Um sie zu ehren, stünden die
+bewaffneten Legionäre da und hielten Wacht.
+
+Zu Beginn des Festes waren die kleinen Kinder scheu und unsicher und
+hielten sich still zu ihren Müttern. Aber bald begannen sie sich in
+Bewegung zu setzen und von den Herrlichkeiten Besitz zu ergreifen, die
+Herodes ihnen bot.
+
+Es war ein Zauberland, das der König für seine kleinen Gäste geschaffen
+hatte. Als sie die Galerie durchwanderten, fanden sie Bienenkörbe,
+deren Honig sie plündern konnten, ohne daß eine einzige erzürnte
+Biene sie daran hinderte. Sie fanden Bäume, die mit sanftem Neigen
+ihre fruchtbeladenen Zweige zu ihnen heruntersenkten. Sie fanden in
+einer Ecke Zauberkünstler, die in einem Nu ihre Taschen voll Spielzeug
+zauberten, und in einem andern Winkel der Galerie einen Tierbändiger,
+der ihnen ein paar Tiger zeigte so zahm, daß sie auf ihrem Rücken
+reiten konnten.
+
+Aber in diesem Paradiese mit allen seinen Wonnen gab es doch nichts,
+was den Sinn der Kleinen so angezogen hätte wie die lange Reihe von
+Kriegsknechten, die unbeweglich an der einen Seite der Galerie
+standen. Ihre Blicke wurden von den glänzenden Helmen gefesselt, von
+den strengen, stolzen Gesichtern, von den kurzen Schwertern, die in
+reichverzierten Scheiden staken.
+
+Während sie miteinander spielten und tollten, dachten sie doch
+unablässig an die Kriegsknechte. Sie hielten sich noch fern von ihnen,
+aber sie sehnten sich danach, ihnen nahezukommen, zu sehen, ob sie
+lebendig wären und sich wirklich bewegen könnten.
+
+Das Spiel und die Festesfreude steigerten sich mit jedem Augenblicke,
+aber die Soldaten standen noch immer regungslos. Es erschien den
+Kleinen unfaßlich, daß Menschen so nah bei diesen Trauben und allen
+diesen Leckerbissen stehen konnten, ohne die Hand auszustrecken und
+danach zu greifen.
+
+Endlich konnte einer der Knaben seine Neugierde nicht länger
+bemeistern. Er näherte sich behutsam, zu rascher Flucht bereit, einem
+der Geharnischten, und da der Soldat noch immer regungslos blieb, kam
+er immer näher. Schließlich war er ihm so nahe, daß er nach seinen
+Sandalenriemen und seinen Beinschienen tasten konnte.
+
+Da, als wäre dies ein unerhörtes Verbrechen gewesen, setzten sich mit
+einem Male alle diese Eisenmänner in Bewegung. In unbeschreiblicher
+Raserei stürzten sie sich auf die Kinder und packten sie. Einige
+schwangen sie über ihre Köpfe wie Wurfgeschosse und schleuderten sie
+zwischen den Lampen und Girlanden über die Balustrade der Galerie
+hinunter zu Boden, wo sie auf den Marmorfliesen zerschellten. Einige
+zogen ihr Schwert und durchbohrten die Herzen der Kinder, andere wieder
+zerschmetterten ihre Köpfe an der Wand, ehe sie sie auf den nächtlich
+dunkeln Hof warfen.
+
+Im ersten Augenblicke nach dem Vorfall herrschte Totenstille.
+Die kleinen Körper schwebten noch in der Luft, die Frauen waren
+vor Entsetzen versteinert. Aber auf einmal erwachten alle diese
+Unglücklichen zum Verständnis dessen, was geschehen war, und mit einem
+einzigen entsetzten Schrei stürzten sie auf die Schergen.
+
+Auf der Galerie waren noch Kinder, die beim ersten Anfall nicht
+eingefangen worden waren. Die Kriegsknechte jagten sie, und ihre Mütter
+warfen sich vor ihnen nieder und umfaßten mit bloßen Händen die blanken
+Schwerter, um den Todesstreich abzuwenden. Einige Frauen, deren Kinder
+schon tot waren, stürzten sich auf die Kriegsknechte, packten sie an
+der Kehle und versuchten Rache für ihre Kleinen zu nehmen, indem sie
+deren Mörder erdrosselten.
+
+In dieser wilden Verwirrung, während grauenvolle Schreie durch den
+Palast hallten und die grausamsten Bluttaten verübt wurden, stand
+der Kriegsknecht, der am Stadttor Wache zu halten pflegte, ohne
+sich zu regen, am obersten Absatz der Treppe, die von der Galerie
+hinunterführte. Er nahm nicht am Kampfe und am Morden teil; nur gegen
+die Frauen, denen es gelungen war, ihre Kinder an sich zu reißen und
+die nun versuchten, mit ihnen die Treppe hinunterzufliehen, erhob er
+das Schwert, und sein bloßer Anblick, wie er da düster und unerbittlich
+stand, war so schrecklich, daß die Fliehenden sich lieber die
+Balustrade hinunterstürzten oder in das Streitgewühl zurückkehrten, als
+daß sie sich der Gefahr abgesetzt hätten, sich an ihm vorbeizudrängen.
+
+Voltigius hat wahrlich recht daran getan, mir diesen Posten zuzuweisen,
+dachte der Kriegsknecht. Ein junger, unbedachter Krieger hätte seinen
+Posten verlassen und sich in das Gewühl gestürzt. Hätte ich mich
+von hier fortlocken lassen, so wären mindestens ein Dutzend Kinder
+entwischt.
+
+Während er so dachte, fiel sein Blick auf ein junges Weib, das sein
+Kind an sich gerissen hatte und jetzt in eiliger Flucht auf ihn
+zugestürzt kam. Keiner der Legionäre, an denen sie vorübereilen mußte,
+konnte ihr den Weg versperren, weil sich alle in vollem Kampfe mit
+andern Frauen befanden, und so war sie bis zum Ende der Galerie gelangt.
+
+Sieh da, eine, die drauf und dran ist, glücklich zu entwischen! dachte
+der Kriegsknecht. Weder sie noch das Kind ist verwundet. Stünd ich
+jetzt nicht hier -- -- --
+
+Die Frau stürzte so rasch auf den Kriegsknecht zu, als ob sie flöge,
+und er hatte nicht Zeit, ihr Gesicht oder das des Kindes deutlich zu
+sehen. Er streckte nur das Schwert gegen sie aus, und mit dem Kinde
+in ihren Armen stürzte sie darauf zu. Er erwartete, sie im nächsten
+Augenblicke mit dem Kinde durchbohrt zu Boden sinken zu sehen.
+
+Doch in demselben Augenblick hörte der Soldat ein zorniges Summen über
+seinem Haupte, und gleich darauf fühlte er einen heftigen Schmerz in
+einem Auge. Der war so scharf und peinvoll, daß er ganz verwirrt und
+betäubt ward, und das Schwert fiel aus seiner Hand auf den Boden.
+
+Er griff mit der Hand ans Auge, faßte eine Biene und begriff, daß,
+was ihm den entsetzlichen Schmerz verursacht hatte, nur der Stachel
+des kleinen Tieres gewesen war. Blitzschnell bückte er sich nach
+dem Schwerte, in der Hoffnung, daß es noch nicht zu spät wäre, die
+Fliehenden aufzuhalten.
+
+Aber das kleine Bienlein hatte seine Sache sehr gut gemacht. In der
+kurzen Zeit, für die es den Kriegsknecht geblendet hatte, war es der
+jungen Mutter gelungen, an ihm vorüber die Treppe hinunterzustürzen,
+und obschon er ihr in aller Hast nacheilte, konnte er sie nicht mehr
+finden. Sie war verschwunden, und in dem ganzen großen Palaste konnte
+niemand sie entdecken.
+
+ * * * * *
+
+An nächsten Morgen stand der Kriegsknecht mit einigen seiner Kameraden
+dicht vor dem Stadttore Wache. Es war früh am Tage, und die schweren
+Tore waren eben erst geöffnet worden. Aber es war, als ob niemand
+darauf gewartet hätte, daß sie sich an diesem Morgen auftun sollten,
+denn keine Scharen von Feldarbeitern strömten aus der Stadt, wie es
+sonst am Morgen der Brauch war. Alle Einwohner von Bethlehem waren so
+starr vor Entsetzen über das Blutbad der Nacht, daß niemand sein Heim
+zu verlassen wagte.
+
+„Bei meinem Schwerte,“ sagte der Soldat, wie er da stand und in die
+enge Gasse hinunterblickte, die zu dem Tore führte, „ich glaube, daß
+Voltigius einen unklugen Beschluß gefaßt hat. Es wäre besser gewesen,
+die Tore zu verschließen und jedes Haus der Stadt durchsuchen zu
+lassen, bis er den Knaben gefunden hätte, dem es gelang, bei dem Feste
+zu entkommen. Voltigius rechnet darauf, daß seine Eltern versuchen
+werden, ihn von hier fortzuführen, sobald sie erfahren, daß die Tore
+offen stehen, und er hofft auch, daß ich ihn gerade hier im Tore fangen
+werde. Aber ich fürchte, daß dies keine kluge Berechnung ist. Wie
+leicht kann es ihnen gelingen, ein Kind zu verstecken!“
+
+Und er erwog, ob sie wohl versuchen würden, das Kind in dem Obstkorb
+eines Esels zu verbergen oder in einem ungeheuern Ölkrug oder unter den
+Kornballen einer Karawane.
+
+Während er so stand und wartete, daß man versuche, ihn dergestalt zu
+überlisten, erblickte er einen Mann und eine Frau, die eilig die Gasse
+heraufschritten und sich dem Tore näherten. Sie gingen rasch und warfen
+ängstliche Blicke hinter sich, als wären sie auf der Flucht vor irgend
+einer Gefahr. Der Mann hielt eine Axt in der Hand und umklammerte sie
+mit festem Griff, als wäre er entschlossen, sich mit Gewalt seinen Weg
+zu bahnen, wenn jemand sich ihm entgegenstellte.
+
+Aber der Kriegsknecht sah nicht so sehr den Mann an als die Frau. Er
+sah, daß sie ebenso hochgewachsen war wie die junge Mutter, die ihm am
+Abend vorher entkommen war. Er bemerkte auch, daß sie ihren Rock über
+den Kopf geworfen trug. Sie trägt ihn vielleicht so, dachte er, um zu
+verbergen, daß sie ein Kind im Arm hält.
+
+Je näher sie kamen, desto deutlicher sah der Kriegsknecht das Kind, das
+die Frau auf dem Arme trug, sich unter dem gehobenen Kleide abzeichnen.
+Ich bin sicher, daß sie es ist, die mir gestern abend entschlüpfte,
+dachte er. Ich konnte ihr Gesicht freilich nicht sehen, aber ich
+erkenne die hohe Gestalt wieder. Und da kommt sie nun mit dem Kinde auf
+dem Arm, ohne auch nur zu versuchen, es verborgen zu halten. Wahrlich,
+ich hatte nicht gewagt, auf einen solchen Glücksfall zu hoffen.
+
+Der Mann und die Frau setzten ihre hurtige Wanderung bis zum Stadttor
+fort. Sie hatten offenbar nicht erwartet, daß man sie hier aufhalten
+würde, sie zuckten vor Schrecken zusammen, als der Kriegsknecht seine
+Lanze vor ihnen fällte und ihnen den Weg versperrte.
+
+„Warum verwehrst du uns, ins Feld hinaus an unsre Arbeit zu gehen?“
+fragte der Mann.
+
+„Du kannst gleich gehen,“ sagte der Soldat, „ich muß vorher nur sehen,
+was dein Weib unter dem Kleide verborgen hält?“
+
+„Was ist daran zu sehen?“ sagte der Mann. „Es ist nur Brot und Wein,
+wovon wir den Tag über leben müssen.“
+
+„Du sprichst vielleicht die Wahrheit,“ sagte der Soldat, „aber wenn es
+so ist, warum läßt sie mich nicht gutwillig sehen, was sie trägt?“
+
+„Ich will nicht, daß du es siehst,“ sagte der Mann. „Und ich rate dir,
+daß du uns vorbei läßt.“
+
+Damit erhob der Mann die Axt, aber die Frau legte die Hand auf seinen
+Arm.
+
+„Lasse dich nicht in Streit ein!“ bat sie. „Ich will etwas andres
+versuchen. Ich will ihn sehen lassen, was ich trage, und ich bin gewiß,
+daß er ihm nichts zuleide tun kann.“
+
+Und mit einem stolzen und vertrauenden Lächeln wendete sie sich dem
+Soldaten zu und lüftete einen Zipfel ihres Kleides.
+
+In demselben Augenblick prallte der Soldat zurück und schloß die Augen,
+wie von einem starken Glanze geblendet. Was die Frau unter ihrem Kleide
+verborgen hielt, strahlte ihm so blendendweiß entgegen, daß er zuerst
+gar nicht wußte, was er sah.
+
+„Ich glaubte, du hieltest ein Kind im Arme,“ sagte er.
+
+„Du siehst, was ich trage,“ erwiderte die Frau.
+
+Da endlich sah der Soldat, daß, was so blendete und leuchtete, nur ein
+Büschel weißer Lilien war, von derselben Art, wie sie draußen auf dem
+Felde wuchsen. Aber ihr Glanz war viel reicher und strahlender. Er
+konnte es kaum ertragen, sie anzusehen.
+
+Er steckte seine Hand zwischen die Blumen. Er konnte den Gedanken nicht
+loswerden, daß es ein Kind sein müsse, was die Frau da trug, aber er
+fühlte nur die weichen Blumenblätter.
+
+Er war bitter enttäuscht und hätte in seinem Zornesmute gern den Mann
+und auch die Frau gefangen genommen, aber er sah ein, daß er für ein
+solches Verfahren keinen Grund ins Treffen führen konnte.
+
+Als die Frau seine Verwirrung sah, sagte sie: „Willst du uns nicht
+ziehen lassen?“
+
+Der Kriegsknecht zog stumm die Lanze zurück, die er vor die Toröffnung
+gehalten hatte, und trat zur Seite.
+
+Aber die Frau zog ihr Kleid wieder über die Blumen und betrachtete
+gleichzeitig, was sie auf ihrem Arme trug, mit einem holdseligen
+Lächeln. „Ich wußte, du würdest ihm nichts zuleide tun können, wenn du
+es nur sähest,“ sagte sie zu dem Kriegsknechte.
+
+Hierauf eilten sie von dannen, aber der Kriegsknecht blieb stehen und
+blickte ihnen nach, so lange sie noch zu sehen waren.
+
+Und während er ihnen so mit den Blicken folgte, däuchte es ihn wieder
+ganz sicher, daß sie kein Büschel Lilien im Arm trüge, sondern ein
+wirkliches, lebendiges Kind.
+
+Indes er noch so stand und den beiden Wanderern nachsah, hörte er
+von der Straße her laute Rufe. Es waren Voltigius und einige seiner
+Mannen, die herbeigeeilt kamen.
+
+„Halte sie auf!“ riefen sie. „Schließe das Tor vor ihnen! Lasse sie
+nicht entkommen!“
+
+Und als sie bei dem Kriegsknecht angelangt waren, erzählten sie, daß
+sie die Spur des entronnenen Knaben gefunden hätten. Sie hätten ihn
+nun in seiner Behausung gesucht, aber da wäre er wieder entflohen.
+Sie hätten seine Eltern mit ihm forteilen sehen. Der Vater wäre ein
+starker, graubärtiger Mann, der eine Axt trüge, die Mutter eine
+hochgewachsene Frau, die das Kind unter den hinaufgenommenen Rockfalten
+verborgen hielte.
+
+In demselben Augenblick, wo Voltigius dies erzählte, kam ein Beduine
+auf einem guten Pferde zum Tore hereingeritten. Ohne ein Wort zu sagen,
+stürzte der Kriegsknecht auf den Reiter zu. Er riß ihn mit Gewalt vom
+Pferde herunter und warf ihn zu Boden. Und mit einem Satze war er
+selbst auf dem Pferde und sprengte den Weg entlang.
+
+ * * * * *
+
+Ein paar Tage darauf ritt der Kriegsknecht durch die furchtbare
+Bergwüste, die sich über den südlichen Teil von Judäa erstreckt. Er
+verfolgte noch immer die drei Flüchtlinge aus Bethlehem, und er war
+außer sich, daß diese fruchtlose Jagd niemals ein Ende nahm.
+
+„Es sieht wahrlich aus, als wenn diese Menschen die Gabe hätten, in
+den Erdboden zu versinken,“ murrte er. „Wie viele Male bin ich ihnen
+in diesen Tagen so nah gewesen, daß ich dem Kinde gerade meine Lanze
+nachschleudern wollte, und dennoch sind sie mir entkommen! Ich fange zu
+glauben an, daß ich sie nun und nimmer einholen werde.“
+
+Er fühlte sich mutlos wie einer, der zu merken glaubt, daß er gegen
+etwas Übermächtiges ankämpfe. Er fragte sich, ob es möglich sei, daß
+die Götter diese Menschen vor ihm beschützten.
+
+„Es ist alles vergebliche Mühe. Besser, ich kehre um, ehe ich vor
+Hunger und Durst in dieser öden Wildnis vergehe!“ sagte er einmal ums
+andere zu sich selber.
+
+Aber dann packte ihn die Furcht davor, was ihn bei der Heimkehr
+erwartete, wenn er unverrichteter Dinge zurückkäme. Er war es, der
+nun schon zweimal das Kind hatte entkommen lassen. Es war nicht
+wahrscheinlich, daß Voltigius oder Herodes ihm so etwas verzeihen
+würden.
+
+„Solange Herodes weiß, daß eins von Bethlehems Kindern noch lebt, wird
+er immer unter derselben Angst leiden,“ sagte der Kriegsknecht. „Das
+wahrscheinlichste ist, daß er versuchen wird, seine Qualen dadurch zu
+lindern, daß er mich ans Kreuz schlagen läßt.“
+
+Es war eine heiße Mittagstunde, und er litt furchtbar auf dem Ritt
+durch diese baumlose Felsgegend, auf einem Wege, der sich durch tiefe
+Talklüfte schlängelte, wo kein Lüftchen sich regte. Pferd und Reiter
+waren dem Umstürzen nahe.
+
+Seit mehreren Stunden hatte der Kriegsknecht jede Spur von den
+Fliehenden verloren, und er fühlte sich mutloser denn je.
+
+Ich muß es aufgeben, dachte er. Wahrlich, ich glaube nicht, daß es der
+Mühe lohnt, sie weiter zu verfolgen. Sie müssen in dieser furchtbaren
+Wüstenei ja so oder so zugrunde gehen.
+
+Während er diesen Gedanken nachhing, gewahrte er in einer Felswand, die
+sich nahe dem Wege erhob, den gewölbten Eingang einer Grotte.
+
+Sogleich lenkte er sein Pferd zu der Grottenöffnung. Ich will ein
+Weilchen in der kühlen Felshöhle rasten, dachte er. Vielleicht kann ich
+dann die Verfolgung mit frischer Kraft aufnehmen.
+
+Als er gerade in die Grotte treten wollte, wurde er von etwas
+Seltsamem überrascht. Zu den Seiten des Eingangs wuchsen zwei schöne
+Lilienstauden. Sie standen hoch und aufrecht, voller Blüten. Sie
+verbreiteten einen berauschenden Honigduft, und eine Menge Bienen
+umschwärmten sie.
+
+Dies war ein so ungewohnter Anblick in dieser Wüste, daß der
+Kriegsknecht etwas Wunderliches tat. Er brach eine große weiße Blume
+und nahm sie in die Felshöhle mit.
+
+Die Grotte war weder tief noch dunkel, und sowie er unter ihre Wölbung
+trat, sah er, daß schon drei Wanderer da weilten. Es waren ein Mann,
+eine Frau und ein Kind, die ausgestreckt auf dem Boden lagen, in tiefen
+Schlummer gesunken.
+
+Niemals hatte der Kriegsknecht sein Herz so pochen fühlen wie bei
+diesem Anblick. Es waren gerade die drei Flüchtlinge, denen er so
+lange nachgejagt war. Er erkannte sie alsogleich. Und hier lagen sie
+schlafend, außerstande, sich zu verteidigen, ganz und gar in seiner
+Gewalt.
+
+Sein Schwert fuhr rasselnd aus der Scheide, und er beugte sich hinunter
+über das schlummernde Kind.
+
+Behutsam senkte er das Schwert zu seinem Herzen und zielte genau, um es
+mit einem einzigen Stoße aus der Welt schaffen zu können.
+
+Mitten im Zustoßen hielt er einen Augenblick inne, um das Gesicht des
+Kindes zu sehen. Nun er sich des Sieges sicher wußte, war es ihm eine
+grausame Wollust, sein Opfer zu betrachten.
+
+Aber als er das Kind sah, da war seine Freude womöglich noch größer,
+denn er erkannte das kleine Knäblein wieder, das er mit Bienen und
+Lilien auf dem Felde vor dem Stadttor hatte spielen sehen.
+
+Ja, gewiß, dachte er, das hätte ich schon längst begreifen sollen.
+Darum habe ich dieses Kind immer gehaßt. Es ist der verheißene
+Friedensfürst.
+
+Er senkte das Schwert wieder, indes er dachte: Wenn ich den Kopf
+dieses Kindes vor Herodes niederlege, wird er mich zum Anführer seiner
+Leibwache machen.
+
+Während er die Schwertspitze dem Schlafenden immer näher brachte,
+sprach er voll Freude zu sich selber: „Diesmal wenigstens wird niemand
+dazwischen kommen und ihn meiner Gewalt entreißen!“
+
+Aber der Kriegsknecht hielt noch die Lilie in der Hand, die er am
+Eingang der Grotte gepflückt hatte, und während er so dachte, flog
+eine Biene, die in ihrem Kelch verborgen gewesen war, zu ihm auf und
+umkreiste summend einmal ums andre seinen Kopf.
+
+Der Kriegsknecht zuckte zusammen. Er erinnerte sich auf einmal der
+Bienen, denen das Knäblein beigestanden hatte, und ihm fiel ein, daß es
+eine Biene gewesen war, die dem Kinde geholfen hatte, vom Gastmahl des
+Herodes zu entrinnen.
+
+Dieser Gedanke versetzte ihn in Staunen. Er hielt das Schwert still und
+blieb stehen und horchte auf die Biene.
+
+Nun hörte er das Summen des kleinen Tierchens nicht mehr. Aber während
+er so ganz still stand, atmete er den starken süßen Duft ein, der von
+der Lilie ausströmte, die er in der Hand hielt.
+
+Da mußte er an die Lilien denken, denen das Knäblein beigestanden
+hatte, und er erinnerte sich, daß es ein Büschel Lilien war, die das
+Kind vor seinen Blicken verborgen und ihm geholfen hatten, durch das
+Stadttor zu entkommen.
+
+Er wurde immer gedankenvoller, und er zog das Schwert an sich.
+
+„Die Bienen und die Lilien haben ihm seine Wohltaten vergolten“
+flüsterte er sich selber zu.
+
+Er mußte daran denken, daß der Kleine einmal auch ihm eine Wohltat
+erwiesen hatte, und eine tiefe Röte stieg in sein Gesicht. „Kann ein
+römischer Legionär vergessen, einen empfangenen Dienst zu vergelten?“
+flüsterte er.
+
+Er kämpfte einen kurzen Kampf mit sich selbst. Er dachte an Herodes und
+an seine eigene Lust, den jungen Friedensfürsten zu vernichten.
+
+„Es steht mir nicht wohl an, dieses Kind zu töten, das mir das Leben
+gerettet hat,“ sagte er schließlich.
+
+Und er beugte sich nieder und legte sein Schwert neben das Kind, damit
+die Flüchtlinge beim Erwachen erführen, welcher Gefahr sie entgangen
+waren.
+
+Da sah er, daß das Kind wach war. Es lag und sah ihn mit seinen schönen
+Augen an, die gleich Sternen leuchteten.
+
+Und der Kriegsknecht beugte sein Knie vor dem Kinde.
+
+„Herr, du bist der Mächtige,“ sagte er. „Du bist der starke Sieger. Du
+bist der, den die Götter lieben. Du bist der, der auf Schlangen und
+Skorpione treten kann.“
+
+Er küßte seine Füße und ging dann sacht aus der Grotte, indes der
+Kleine dalag und ihm mit großen, erstaunten Kinderaugen nachsah.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Die Flucht nach Ägypten
+
+
+[Illustration]
+
+
+Fern in einer der Wüsten des Morgenlandes wuchs vor vielen, vielen
+Jahren eine Palme, die ungeheuer alt und ungeheuer hoch war. Alle, die
+durch die Wüste zogen, mußten stehen bleiben und sie betrachten, denn
+sie war viel größer als andre Palmen, und man pflegte von ihr zu sagen,
+daß sie sicherlich höher werden würde als Obeliske und Pyramiden.
+
+Wie nun diese große Palme in ihrer Einsamkeit dastand und hinaus über
+die Wüste schaute, sah sie eines Tages etwas, was sie dazu brachte,
+ihre gewaltige Blätterkrone vor Staunen auf dem schmalen Stamme hin-
+und herzuwiegen. Dort am Wüstenrande kamen zwei einsame Menschen
+herangewandert. Sie waren noch in der Entfernung, in der Kamele so
+klein wie Ameisen erscheinen, aber es waren sicherlich zwei Menschen.
+Zwei, die Fremdlinge in der Wüste waren, denn die Palme kannte das
+Wüstenvolk, ein Mann und ein Weib, die weder Wegweiser noch Lasttiere
+hatten, weder Zelte noch Wassersäcke.
+
+„Wahrlich,“ sagte die Palme zu sich selbst „diese beiden sind
+hergekommen, um zu sterben.“
+
+Die Palme warf rasche Blicke um sich.
+
+„Es wundert mich,“ fuhr sie fort, „daß die Löwen nicht schon zur Stelle
+sind, um diese Beute zu erjagen. Aber ich sehe keinen einzigen in
+Bewegung. Auch keinen Räuber der Wüste sehe ich. Aber sie kommen wohl
+noch.“
+
+„Ihrer harret ein siebenfältiger Tod,“ dachte die Palme weiter. „Die
+Löwen werden sie verschlingen, die Schlangen sie stechen, der Durst
+wird sie vertrocknen, der Sandsturm sie begraben, die Räuber werden sie
+fällen, der Sonnenstich wird sie verbrennen, die Furcht sie vernichten.“
+
+Und sie versuchte, an etwas andres zu denken. Dieser Menschen Schicksal
+stimmte sie wehmütig.
+
+Aber im ganzen Umkreis der Wüste, die unter der Palme ausgebreitet lag,
+fand sie nichts, was sie nicht schon seit Tausenden von Jahren gekannt
+und betrachtet hätte. Nichts konnte ihre Aufmerksamkeit fesseln. Sie
+mußte wieder an die beiden Wandrer denken.
+
+„Bei der Dürre und dem Sturme!“ sagte sie, des Lebens gefährlichste
+Feinde anrufend, „was ist es, was dieses Weib auf dem Arme trägt? Ich
+glaube gar, diese Toren führen auch ein kleines Kind mit sich.“
+
+Die Palme, die weitsichtig war, wie es die Alten zu sein pflegen, sah
+wirklich richtig. Die Frau trug auf dem Arme ein Kind, das den Kopf an
+ihre Schulter gelehnt hatte und schlief.
+
+„Das Kind ist nicht einmal hinlänglich bekleidet,“ fuhr die Palme fort.
+„Ich sehe, daß die Mutter ihren Rock aufgehoben und es damit eingehüllt
+hat. Sie hat es in großer Hast aus seinem Bette gerissen und ist
+mit ihm fortgestürzt. Jetzt verstehe ich alles: Diese Menschen sind
+Flüchtlinge --
+
+„Aber dennoch sind sie Toren,“ fuhr die Palme fort. „Wenn nicht ein
+Engel sie beschützt, hätten sie lieber die Feinde ihr Schlimmstes tun
+lassen sollen, statt sich hinaus in die Wüste zu begeben.
+
+„Ich kann mir denken, wie alles zugegangen ist. Der Mann stand bei der
+Arbeit, das Kind schlief in der Wiege, die Frau war abgegangen, um
+Wasser zu holen. Als sie zwei Schritte vor die Tür gemacht hatte, sah
+sie die Feinde angestürmt kommen. Sie ist zurückgestürzt, sie hat das
+Kind an sich gerissen, dem Manne zugerufen, er solle ihr folgen, und
+ist aufgebrochen. Dann sind sie tagelang auf der Flucht gewesen, sie
+haben ganz gewiß keinen Augenblick geruht. Ja, so ist alles zugegangen,
+aber ich sage dennoch, wenn nicht ein Engel sie beschützt -- -- --
+
+„Sie sind so erschrocken, daß sie weder Müdigkeit noch andere Leiden
+fühlen können, aber ich sehe, wie der Durst aus ihren Augen leuchtet.
+Ich kenne doch wohl das Gesicht eines dürstenden Menschen.“
+
+Und als die Palme an den Durst dachte, ging ein krampfhaftes Zucken
+durch ihren langen Stamm, und die zahllosen Spitzen ihrer langen
+Blätter rollten sich zusammen, als würden sie über ein Feuer gehalten.
+
+„Wäre ich ein Mensch,“ sagte sie, „ich würde mich nie in die Wüste
+hinaus wagen. Der ist gar mutig, der sich hierher wagt, ohne Wurzeln zu
+haben, die hinunter zu den niemals versiegenden Wasseradern dringen.
+Hier kann es gefährlich sein, selbst für Palmen. Selbst für eine solche
+Palme wie mich.
+
+„Wenn ich ihnen raten könnte, ich würde sie bitten, umzukehren.
+Ihre Feinde können niemals so grausam gegen sie sein wie die Wüste.
+Vielleicht glauben sie, daß es leicht sei, in der Wüste zu leben. Aber
+ich weiß, daß es selbst mir zuweilen schwer gefallen ist, am Leben
+zu bleiben. Ich weiß noch, wie einmal in meiner Jugend ein Sturmwind
+einen ganzen Berg von Sand über mich schüttete. Ich war nahe daran, zu
+ersticken. Wenn ich hätte sterben können, wäre dies meine letzte Stunde
+gewesen.“
+
+Die Palme fuhr fort, laut zu denken, wie alte Einsiedler zu tun pflegen.
+
+„Ich höre ein wunderbar melodisches Rauschen durch meine Krone eilen,“
+sagte sie. „Die Spitze aller meiner Blätter müssen in Schwingungen
+beben. Ich weiß nicht, was mich beim Anblick dieser armen Fremdlinge
+durchfährt. Aber dieses betrübte Weib ist so schön. Sie bringt mir das
+Wunderbarste, das ich erlebt, wieder in Erinnerung.“
+
+Und während die Blätter fortfuhren, sich in einer rauschenden Melodie
+zu regen, dachte die Palme daran, wie einmal, vor sehr langer Zeit,
+zwei strahlende Menschen Gäste der Oase gewesen waren. Es war die
+Königin von Saba, die hierher gekommen war, mit ihr der weise Salomo.
+Die schöne Königin wollte wieder heimkehren in ihr Land, der König
+hatte sie ein Stück Weges geleitet, und nun wollten sie sich trennen.
+-- „Zur Erinnerung an diese Stunde,“ sagte da die Königin, „pflanze
+ich einen Dattelkern in die Erde, und ich will, daß daraus eine Palme
+werde, die wachsen und leben soll, bis im Lande Juda ein König ersteht,
+der größer ist als Salomo.“ Und als sie dieses gesagt hatte, senkte sie
+den Kern in die Erde, und ihre Tränen netzten ihn.
+
+„Woher mag es kommen, daß ich just heute daran denke?“ fragte sich
+die Palme. „Sollte diese Frau so schön sein, daß sie mich an die
+herrlichste der Königinnen erinnert, an sie, auf deren Wort ich
+erwachsen bin und gelebt habe bis zum heutigen Tage?
+
+„Ich höre meine Blätter immer stärker rauschen,“ sagte die Palme, „und
+es klingt wehmütig wie ein Totengesang. Es ist, als weissagten sie, daß
+jemand bald aus dem Leben scheiden müsse. Es ist gut, zu wissen, daß es
+nicht mir gilt, da ich nicht sterben kann.“
+
+Die Palme nahm an, daß das Todesrauschen in ihren Blättern den beiden
+einsamen Wanderern gelten müsse. Sicherlich glaubten auch diese
+selbst, daß ihre letzte Stunde nahe. Man sah es an dem Ausdruck
+ihrer Züge, als sie an einem der Kamelskelette vorüberwanderten,
+die den Weg umgrenzten. Man sah es an den Blicken, die sie ein paar
+vorbeifliegenden Geiern nachsandten. Es konnte ja nicht anders sein.
+Sie waren verloren.
+
+Sie hatten die Palme und die Oase erblickt und eilten nun darauf zu,
+um Wasser zu finden. Aber als sie endlich herankamen, sanken sie
+in Verzweiflung zusammen, denn die Quelle war ausgetrocknet. Das
+ermattete Weib legte das Kind nieder und setzte sich weinend an den
+Rand der Quelle. Der Mann warf sich neben ihr hin, er lag und hämmerte
+mit beiden Fäusten auf die trockene Erde. Die Palme hörte, wie sie
+miteinander davon sprachen, daß sie sterben müßten.
+
+Sie hörte auch aus ihren Reden, daß König Herodes alle Kindlein im
+Alter von zwei und drei Jahren hatte töten lassen, aus Furcht, daß der
+große, erwartete König der Juden geboren sein könnte.
+
+„Es rauscht immer mächtiger in meinen Blättern,“ dachte die Palme.
+„Diesen armen Flüchtlingen schlägt bald ihr letztes Stündlein.“
+
+Sie vernahm auch, daß die beiden die Wüste fürchteten. Der Mann sagte,
+es wäre besser gewesen, zu bleiben und mit den Kriegsknechten zu
+kämpfen, statt zu fliehen. Sie hätten so einen leichteren Tod gefunden.
+
+„Gott wird uns beistehen,“ sagte die Frau.
+
+„Wir sind einsam unter Raubtieren und Schlangen,“ sagte der Mann. „Wir
+haben nicht Speise und Trank. Wie sollte Gott uns beistehen können?“
+
+Er zerriß seine Kleider in Verzweiflung und drückte sein Gesicht auf
+den Boden. Er war hoffnungslos, wie ein Mann mit einer Todeswunde im
+Herzen.
+
+Die Frau saß aufrecht, die Hände über den Knieen gefaltet. Doch die
+Blicke, die sie über die Wüste warf, sprachen von einer Trostlosigkeit
+ohne Grenzen.
+
+Die Palme hörte, wie das wehmütige Rauschen in ihren Blättern immer
+stärker wurde. Die Frau mußte es auch gehört haben, denn sie hob die
+Augen zur Baumkrone auf. Und zugleich erhob sie unwillkürlich ihre Arme
+und Hände.
+
+„O, Datteln, Datteln!“ rief sie.
+
+Es lag so große Sehnsucht in der Stimme, daß die alte Palme wünschte,
+sie wäre nicht höher als der Ginsterbusch, und ihre Datteln so leicht
+erreichbar wie die Hagebutten des Dornenstrauchs. Sie wußte wohl, daß
+ihre Krone voll von Dattelbüscheln hing, aber wie sollten wohl Menschen
+zu so schwindelnder Höhe hinaufreichen?
+
+Der Mann hatte schon gesehen, wie unerreichbar hoch die Datteln hingen.
+Er hob nicht einmal den Kopf. Er bat nur die Frau, sich nicht nach dem
+Unmöglichen zu sehnen.
+
+Aber das Kind, das für sich selbst umhergetrippelt war und mit Hälmchen
+und Gräsern gespielt hatte, hatte den Ausruf der Mutter gehört.
+
+Der Kleine konnte sich wohl nicht denken, daß seine Mutter nicht
+alles bekommen könnte, was sie sich wünschte. Sowie man von Datteln
+sprach, begann er den Baum anzugucken. Er sann und grübelte, wie er
+die Datteln herunterbekommen sollte. Seine Stirn legte sich beinah in
+Falten unter dem hellen Gelock. Endlich huschte ein Lächeln über sein
+Antlitz. Er hatte das Mittel herausgefunden. Er ging auf die Palme zu
+und streichelte sie mit seiner kleinen Hand und sagte mit einer süßen
+Kinderstimme:
+
+„Palme, beuge dich! Palme, beuge dich!“
+
+Aber, was war das nur? Was war das? Die Palmenblätter rauschten, als
+wäre ein Orkan durch sie gefahren, und den langen Palmenstamm hinauf
+lief Schauer um Schauer. Und die Palme fühlte, daß der Kleine Macht
+über sie hatte. Sie konnte ihm nicht widerstehen.
+
+Und sie beugte sich mit ihrem hohen Stamme vor dem Kinde, wie Menschen
+sich vor Fürsten beugen. In einem gewaltigen Bogen senkte sie sich zur
+Erde und kam endlich so tief hinunter, daß die große Krone mit den
+bebenden Blättern über den Wüstensand fegte.
+
+Das Kind schien weder erschrocken noch erstaunt zu sein, sondern mit
+einem Freudenrufe kam es und pflückte Traube um Traube aus der Krone
+der alten Palme.
+
+Als das Kind genug genommen hatte und der Baum noch immer auf der Erde
+lag, ging es wieder heran und liebkoste ihn und sagte mit der holdesten
+Stimme:
+
+„Palme, erhebe dich, Palme, erhebe dich!“
+
+Und der große Baum erhob sich still und ehrfürchtig auf seinem
+biegsamen Stamm, indes die Blätter gleich Harfen spielten.
+
+„Jetzt weiß ich, für wen sie die Todesmelodie spielen,“ sagte die alte
+Palme zu sich selbst, als sie wieder aufrecht stand. „Nicht für einen
+von diesen Menschen.“
+
+Aber der Mann und das Weib lagen auf den Knieen und lobten Gott.
+
+„Du hast unsre Angst gesehen und sie von uns genommen. Du bist der
+Starke, der den Stamm der Palme beugt wie schwankes Rohr. Vor welchem
+Feinde sollten wir erbeben, wenn deine Stärke uns schützt?“
+
+Als die nächste Karawane durch die Wüste zog, sahen die Reisenden, daß
+die Blätterkrone der großen Palme verwelkt war.
+
+„Wie kann das zugehen?“ sagte ein Wanderer. „Diese Palme sollte ja
+nicht sterben, bevor sie einen König gesehen hätte, der größer wäre als
+Salomo.“
+
+„Vielleicht hat sie ihn gesehen,“ antwortete ein andrer von den
+Wüstenfahrern.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+In Nazareth
+
+
+[Illustration]
+
+
+Einmal zu der Zeit, da Jesus erst fünf Jahre alt war, saß er auf
+der Schwelle vor seines Vaters Werkstatt in Nazareth und war damit
+beschäftigt, aus einem Klümpchen geschmeidigen Tons, das er von dem
+Töpfer auf der anderen Seite der Straße erhalten hatte, Tonkuckucke
+zu verfertigen. Er war so glücklich wie nie zuvor, denn alle Kinder
+des Viertels hatten Jesus gesagt, daß der Töpfer ein mürrischer Mann
+sei, der sich weder durch freundliche Blicke noch durch honigsüße
+Worte erweichen ließe, und er hatte niemals gewagt, etwas von ihm zu
+verlangen. Aber siehe da, er wußte kaum, wie es zugegangen war: er
+hatte nur auf seiner Schwelle gestanden und sehnsüchtig den Nachbar
+betrachtet, wie er da an seinen Formen arbeitete, und da war der aus
+seinem Laden gekommen und hatte ihm so viel Ton geschenkt daß er
+gereicht hätte, um einen Weinkrug daraus zu fertigen.
+
+Auf der Treppenstufe vor dem nächsten Hause saß Judas, der häßlich und
+rothaarig war und das Gesicht voller blauer Flecke und die Kleider
+voller Risse hatte, die er sich bei seinen beständigen Kämpfen mit
+den Gassenjungen zugezogen hatte. Für den Augenblick war er still, er
+reizte niemand und balgte sich nicht, sondern arbeitete an einem Stück
+Ton, in gleicher Weise wie Jesus. Aber diesen Ton hatte er sich nicht
+selbst verschaffen können: er traute sich kaum, dem Töpfer unter die
+Augen zu treten, denn dieser beschuldigte ihn, daß er Steine auf sein
+zerbrechliches Gut zu werfen pflege, und hätte ihn mit Stockhieben
+verjagt; Jesus war es, der seinen Vorrat mit ihm geteilt hatte.
+
+Wie die zwei Kinder ihre Tonkuckucke fertig machten, stellten sie sie
+in einem Kreise vor sich auf. Sie sahen so aus, wie Tonkuckucke zu
+allen Zeiten ausgesehen haben, sie hatten einen großen roten Klumpen
+als Füße, um darauf zu stehen, kurze Schwänze, keinen Hals und kaum
+sichtbare Flügel.
+
+Aber wie das auch sein mochte, alsbald zeigte sich ein Unterschied
+in der Arbeit der kleinen Kameraden. Judas Vögel waren so schief,
+daß sie immer umpurzelten, und wie er sich auch mit seinen kleinen
+harten Fingern mühte, er konnte ihre Körper doch nicht niedlich und
+wohlgeformt machen. Er sah zuweilen verstohlen zu Jesus hinüber, um zu
+sehen, wie der es anstellte, daß seine Vögel so gleichmäßig und glatt
+wurden wie die Eichenblätter in den Wäldern auf dem Berge Tabor.
+
+Mit jedem Vogel, den Jesus fertig hatte, wurde er glücklicher. Einer
+däuchte ihn schöner als der andre, und er betrachtete sie alle mit
+Stolz und Liebe. Sie sollten seine Spielgefährten werden, seine
+kleinen Geschwister, sie sollten in seinem Bette schlafen, mit ihm
+Zwiesprach halten, ihm ihre Lieder singen, wenn seine Mutter ihn allein
+ließ. Er hatte sich nie so reich gedünkt, niemals mehr würde er sich
+einsam oder verlassen fühlen können.
+
+Der hochgewachsene Wasserträger ging vorbei, gebeugt unter seinem
+schweren Sack, und gleich nach ihm kam der Gemüsehändler, der mitten
+zwischen den großen leeren Weidenkörben auf dem Rücken seines Esels
+baumelte. Der Wasserträger legte seine Hand auf Jesus blondlockigen
+Kopf und fragte ihn nach seinen Vögeln, und Jesus erzählte, daß sie
+Namen hätten und daß sie singen könnten. Alle seine kleinen Vögelchen
+wären aus fremden Ländern zu ihm gekommen und erzählten ihm Dinge, von
+denen nur sie und er wüßten. Und Jesus sprach so, daß der Wasserträger
+wie der Gemüsehändler lange ihre Verrichtungen vergaßen, um ihm zu
+lauschen.
+
+Als sie weiterziehen wollten, wies Jesus auf Judas. „Seht, was für
+schöne Vögel Judas macht!“ sagte er.
+
+Da hielt der Gemüsehändler gutmütig seinen Esel an und fragte Judas,
+ob auch seine Vögel Namen hätten und singen könnten. Aber Judas wußte
+nichts hierüber, er schwieg eigensinnig und hob die Augen nicht von
+seiner Arbeit; der Gemüsehändler stieß ärgerlich einen seiner Vögel mit
+dem Fuße weg und ritt weiter.
+
+So verstrich der Nachmittag und die Sonne sank so tief, daß ihr
+Schein durch das niedrige Stadttor hereinschreiten konnte, das sich,
+mit einem römischen Adler geschmückt, am Ende der Straße erhob. Dieses
+Sonnenlicht, das um die Neige des Tages kam, war ganz rosenrot, und
+als wäre es aus Blut gemischt, gab es seine Farben allem, was ihm in
+den Weg kam, während es durch das schmale Gäßchen rieselte. Es malte
+die Gefäße des Töpfers ebenso wie die Planke, die unter der Säge des
+Zimmermanns knirschte, und das weiße Tuch, das Marias Gesicht umgab.
+
+Aber am allerschönsten blinkte der Sonnenschein in den kleinen
+Wasserpfützen, die sich zwischen den großen holprigen Steinfliesen, die
+die Straße bedeckten, angesammelt hatten. Und plötzlich steckte Jesus
+seine Hand in die Pfütze, die ihm zunächst war. Es war ihm eingefallen,
+daß er seine grauen Vögel mit dem glitzernden Sonnenschein anmalen
+wollte, der dem Wasser, den Hausmauern, kurz allem ringsum eine so
+schöne Farbe verliehen hatte.
+
+Da war es dem Sonnenlicht eine Freude, sich auffangen zu lassen wie
+die Farbe aus einem Malertiegel, und als Jesus es über die kleinen
+Tonvögelchen strich, da lag es still und bedeckte sie vom Kopfe bis zum
+Fuße mit diamantenähnlichem Glanze.
+
+Judas, der hie und da einen Blick hinüber zu Jesus warf, um zu sehen,
+ob dieser mehr und schönere Vögel mache als er, stieß einen Ausruf
+des Entzückens aus, als er sah, wie Jesus seine Tonkuckucke mit
+Sonnenschein bemalte, den er aus den Wassertümpeln der Gasse auffing.
+Und Judas tauchte seine Hand auch in das leuchtende Wasser und suchte
+das Sonnenlicht aufzufangen.
+
+Aber das Sonnenlicht ließ sich nicht von ihm fangen. Es glitt zwischen
+seinen Fingern hindurch, und wie hurtig er sich auch mühte, die Hände
+zu regen, um es zu greifen, es entschlüpfte ihm doch, und er konnte
+seinen armen Vögeln kein bißchen Farbe schaffen.
+
+„Warte, Judas!“ sagte Jesus. „Ich will kommen und deine Vögel malen.“
+
+„Nein,“ sagte Judas, „du darfst sie nicht anrühren. Sie sind gut genug,
+wie sie sind.“
+
+Er stand auf, während seine Stirn sich furchte und seine Lippen sich
+aufeinander preßten. Und er setzte seinen breiten Fuß auf die Vögel
+und verwandelte sie einen nach dem andern in kleine abgeplattete
+Lehmklumpen.
+
+Als seine Vögel alle zerstört waren, ging er auf Jesus zu, der dasaß
+und seine kleinen Tonvögel streichelte, die wie Juwelen funkelten.
+Judas betrachtete sie eine Weile schweigend, aber dann hob er den Fuß
+und trat einen von ihnen nieder.
+
+Als Judas den Fuß zurückzog und den ganzen kleinen Vogel in grauen
+Lehm verwandelt sah, empfand er eine solche Wollust, daß er zu lachen
+begann, und er hob den Fuß, um noch einen zu zertreten.
+
+„Judas,“ rief Jesus, „was tust du? Weißt du nicht, sie sind lebendig
+und können singen?“
+
+Aber Judas lachte und zertrat noch einen Vogel.
+
+Jesus sah sich nach Hilfe um. Judas war groß, und Jesus hatte nicht die
+Kraft, ihn zurückzuhalten. Er schaute nach seiner Mutter aus. Sie war
+nicht weit weg, aber ehe sie herankäme, konnte Judas schon alle seine
+Vögel zerstört haben. Die Tränen traten Jesus in die Augen. Judas hatte
+schon vier seiner Vögel zertreten, es waren nur noch drei.
+
+Er war seinen Vögeln gram, daß sie so stille standen und sich
+niedertreten ließen, ohne auf die Gefahr zu achten. Jesus klatschte in
+die Hände, um sie zu wecken, und rief ihnen zu: „Fliegt, fliegt!“
+
+Da begannen die drei Vögel ihre kleinen Flügel zu regen, und ängstlich
+flatternd vermochten sie sich auf den Rand des Daches zu schwingen, wo
+sie geborgen waren.
+
+Aber als Judas sah, daß die Vögel auf Jesus Wort die Flügel regten und
+flogen, da fing er zu weinen an. Er raufte sein Haar, wie er es die
+Alten hatte tun sehen, wenn sie in großer Angst und Sorge waren, und
+warf sich Jesus zu Füßen.
+
+Und da lag Judas und wälzte sich vor Jesus im Staube wie ein Hund
+und küßte seine Füße und bat, daß er seinen Fuß erheben und ihn
+niedertreten möge, wie er mit den Tonvögeln getan hatte.
+
+Denn Judas liebte Jesus und bewunderte ihn und betete ihn an und haßte
+ihn zugleich.
+
+Aber Maria, die die ganze Zeit über das Spiel der Kinder mit angesehen
+hatte, stand jetzt auf und hob Judas empor und setzte ihn auf ihren
+Schoß und liebkoste ihn.
+
+„Du armes Kind!“ sagte sie zu ihm. „Du weißt nicht, daß du etwas
+versucht hast, was kein Geschöpf vermag. Vermiß dich nicht mehr,
+solches zu tun, wenn du nicht der unglücklichste aller Menschen werden
+willst! Wie sollte es wohl dem von uns ergehen, der es unternähme, mit
+ihm zu wetteifern, der mit Sonnenschein malt und dem toten Lehm den
+Odem des Lebens einhaucht?“
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Im Tempel
+
+
+[Illustration]
+
+
+Es waren einmal ein paar arme Leute, ein Mann, eine Frau und ihr
+kleines Söhnlein, die gingen in dem großen Tempel in Jerusalem umher.
+Der Sohn war ein bildschönes Kind. Er hatte Haare, die in weichen
+Locken lagen, und Augen, die ganz wie Sterne leuchteten.
+
+Der Sohn war nicht im Tempel gewesen, seit er so groß war, daß er
+verstehen konnte, was er sah; und jetzt gingen seine Eltern mit ihm
+umher und zeigten ihm alle Herrlichkeiten. Da waren lange Säulenreihen,
+da waren vergoldete Altäre, da waren heilige Männer, die saßen und ihre
+Schüler unterwiesen, da war der oberste Priester mit seinem Brustschild
+aus Edelsteinen, da waren Vorhänge aus Babylon, die mit Goldrosen
+durchwebt waren, da waren die großen Kupfertore, die so schwer waren,
+daß es eine Arbeit für dreißig Männer war, sie in ihren Angeln hin und
+her zu schwingen.
+
+Aber der kleine Knabe, der erst zwölf Jahre zählte, kümmerte sich nicht
+viel um das alles. Seine Mutter erzählte ihm, daß, was sie ihm zeigten,
+das Merkwürdigste auf der Welt sei. Sie sagte ihm, daß es wohl lange
+dauern würde, ehe er noch einmal so etwas zu sehen bekäme. In dem armen
+Nazareth, wo sie daheim waren, gab es nichts anderes anzugucken als die
+grauen Gassen.
+
+Ihre Ermahnungen fruchteten aber nicht viel. Der kleine Knabe sah aus,
+als wäre er gerne aus dem herrlichen Tempel fortgelaufen, wenn er dafür
+in der engen Gasse in Nazareth hätte spielen dürfen.
+
+Aber es war wunderlich: je gleichgültiger der Knabe sich zeigte, desto
+froher und vergnügter wurden die Eltern. Sie nickten einander über
+seinen Kopf hinweg zu und waren eitel Zufriedenheit.
+
+Endlich sah der Kleine so müde und erschöpft aus, daß er der Mutter
+leid tat. „Wir sind zu weit mit dir gegangen,“ sagte sie. „Komm, du
+sollst dich ein Weilchen ausruhen!“
+
+Sie ließ sich neben einer Säule nieder und sagte ihm, er solle sich auf
+den Boden legen und den Kopf in ihren Schoß betten. Und er tat es und
+schlummerte sogleich ein.
+
+Kaum war er eingeschlafen, da sagte die Frau zu dem Manne: „Ich habe
+nichts so gefürchtet wie die Stunde, da er Jerusalems Tempel betreten
+würde. Ich glaubte, wenn er dieses Haus Gottes erblickte, würde er für
+alle Zeit hier bleiben wollen.“
+
+„Auch mir hat vor dieser Fahrt gebangt,“ sagte der Mann. „Zur Zeit, da
+er geboren wurde, geschahen mancherlei Zeichen, die darauf deuteten,
+daß er ein großer Herrscher werden würde. Aber was sollte ihm die
+Königswürde bringen als Sorgen und Gefahren? Ich habe immer gesagt, daß
+es das beste für ihn wie für uns wäre, wenn er niemals etwas andres
+würde, als ein Zimmermann in Nazareth.“
+
+„Seit seinem fünften Jahre,“ sagte die Mutter nachdenklich, „sind
+keine Wunder um ihn geschehen. Und er selber erinnert sich an nichts
+von dem, was sich in seiner frühesten Kindheit zugetragen hat. Er ist
+jetzt ganz wie ein Kind unter andern Kindern. Gottes Wille möge vor
+allem geschehen, aber ich habe fast zu hoffen begonnen, daß der Herr in
+seiner Gnade einen andern für die großen Schicksale erwählen und mir
+meinen Sohn lassen werde.“
+
+„Was mich betrifft,“ sagte der Mann, „so bin ich gewiß, daß alles gut
+gehen wird, wenn er gar nichts von den Zeichen und Wundern erfährt, die
+sich in seinen ersten Lebensjahren begeben haben.“
+
+„Ich spreche nie mit ihm über etwas von diesem Wunderbaren,“ sagte die
+Frau. „Aber ich fürchte immer, daß ohne mein Hinzutun etwas geschehen
+könnte, was ihn erkennen läßt, wer er ist. Vor allem hatte ich Angst,
+ihn in diesen Tempel zu führen.“
+
+„Du kannst froh sein, daß die Gefahr nun vorüber ist,“ sagte der Mann.
+„Bald haben wir ihn wieder daheim in Nazareth.“
+
+„Ich habe mich vor den Schriftgelehrten im Tempel gefürchtet,“ sagte
+die Frau. „Ich fürchtete mich vor den Wahrsagern, die hier auf ihren
+Matten sitzen. Ich glaubte, wenn er ihnen unter die Augen träte,
+würden sie aufstehen und sich vor dem Kinde beugen und es als den
+König der Juden grüßen. Es ist seltsam, daß sie seiner Herrlichkeit
+nicht gewahr werden. Ein solches Kind ist ihnen noch niemals vor Augen
+gekommen.“
+
+Sie saß eine Weile schweigend und betrachtete das Kind. „Ich kann es
+kaum verstehen,“ sagte sie. „Ich glaubte, wenn er diese Richter sehen
+würde, die in dem heiligen Hause sitzen und die Zwiste des Volkes
+schlichten, und diese Lehrer, die zu ihren Jüngern sprechen, und diese
+Priester, die dem Herrn dienen, so würde er erwachen und rufen: ‚Hier
+unter diesen Richtern, diesen Lehrern, diesen Priestern zu leben bin
+ich geboren.‘“
+
+„Was sollte dies wohl für ein Glück sein, zwischen diesen Säulengängen
+eingesperrt zu sitzen?“ fiel der Mann ein. „Es ist besser für ihn, auf
+den Hügeln und Bergen rings um Nazareth umherzuwandern.“
+
+Die Mutter seufzte ein wenig. „Er ist so glücklich bei uns daheim,“
+sagte sie. „Wie zufrieden ist er, wenn er die Schafherden auf ihren
+einsamen Wanderungen begleiten darf, oder wenn er über die Felder geht
+und der Arbeit der Landleute zusieht! Ich kann nicht glauben, daß wir
+unrecht gegen ihn handeln, wenn wir versuchen, ihn für uns zu behalten.“
+
+„Wir ersparen ihm nur das größte Leid,“ sagte der Mann.
+
+Sie fuhren fort, so miteinander zu sprechen, bis das Kind aus seinem
+Schlummer erwachte.
+
+„Sieh da,“ sagte die Mutter, „hast du dich jetzt ausgeruht? Stehe nun
+auf, denn der Abend bricht an, und wir müssen heim zum Lagerplatz.“
+
+Sie befanden sich in dem entferntesten Teil des Gebäudes, als sie die
+Wanderung zum Ausgang antraten.
+
+Nach einigen Augenblicken hatten sie ein altes Gewölbe zu
+durchschreiten, das sich noch aus der Zeit erhalten hatte, als zum
+ersten Male ein Tempel an dieser Stelle errichtet worden war, und da,
+an eine Wand gelehnt, stand ein altes Kupferhorn von ungeheurer Länge
+und Schwere gleich einer Säule da, damit man es an den Mund führe und
+darauf blase. Es stand da, bucklig und verschrammt, innen und außen
+voll Staub und Spinngeweben, und von einer kaum sichtbaren Schlinge von
+altertümlichen Buchstaben umgeben. Tausend Jahre mochten wohl vergangen
+sein, seit jemand versucht hatte, ihm einen Ton zu entlocken.
+
+Aber als der kleine Knabe das ungeheure Horn erblickte, blieb er
+verwundert stehen. „Was ist das?“ fragte er.
+
+„Das ist das große Horn, das die Stimme des Weltenfürsten genannt
+wird,“ antwortete die Mutter. „Mit ihm rief Moses die Kinder Israels
+zusammen, als sie in der Wüste zerstreut waren. Nach seiner Zeit hat
+niemand es vermocht, ihm auch nur einen einzigen Ton zu entlocken.
+Aber wer dies vermag, wird alle Völker der Erde unter seiner Gewalt
+sammeln.“
+
+Sie lächelte über dies, was sie für ein altes Märchen hielt, aber der
+kleine Knabe blieb vor dem großen Horn stehen, bis sie ihn fortrief.
+Von allem, was er in dem Tempel gesehen, war dieses Horn das erste, was
+ihm wohlgefiel. Er hätte gern verweilt, um es lange und genau anzusehen.
+
+Sie waren nicht lange gegangen, als sie in einen großen, weiten
+Tempelhof kamen. Hier befand sich im Berggrunde selbst eine Kluft,
+tief und weit, so wie sie von Urzeit an gewesen war. Diese Spalte
+hatte König Salomo nicht ausfüllen wollen, als er den Tempel baute.
+Keine Brücke hatte er darüber geschlagen, kein Gitter hatte er vor dem
+schwindelnden Abgrund errichtet. Statt dessen hatte er über die Kluft
+eine mehrere Ellen lange Klinge aus Stahl gespannt, scharfgeschliffen,
+mit der Schneide nach oben. Und nach einer Unendlichkeit von Jahren
+und Wechselfällen lag die Klinge noch über dem Abgrund. Jetzt war sie
+doch beinahe verrostet, sie war nicht mehr sicher an ihren Endpunkten
+befestigt, sondern zitterte und schaukelte sich, sowie jemand mit
+schweren Schritten über den Tempelhof ging.
+
+Als die Mutter den Knaben über einen Umweg an der Kluft vorbeiführte,
+fragte er sie: „Was ist dies für eine Brücke?“
+
+„Die ist von König Salomo hingelegt worden,“ antwortete die Mutter,
+„und wir nennen sie die Paradiesbrücke. Wenn du diese Kluft auf dieser
+zitternden Brücke zu überschreiten vermagst, deren Schneide dünner ist
+als ein Sonnenstrahl, so kannst du gewiß sein, ins Paradies zu kommen.“
+
+Und sie lächelte und eilte weiter, aber der Knabe blieb stehen und
+betrachtete die schmale, bebende Stahlklinge, bis die Mutter nach ihm
+rief.
+
+Als er ihr gehorchte, seufzte er, weil sie ihm diese zwei wunderbaren
+Dinge nicht früher gezeigt hatte, so daß er vollauf Zeit gehabt hätte,
+sie zu betrachten.
+
+Sie gingen nun ohne Aufenthalt, bis sie den großen Eingangsportikus
+mit seinen fünffachen Säulenreihen erreichten. Hier standen in einer
+Ecke ein paar Säulen aus schwarzem Marmor, auf demselben Fußgestell so
+nahe aneinander aufgerichtet, daß man kaum einen Strohhalm dazwischen
+durchzuschieben vermochte. Sie waren hoch und majestätisch, mit
+reichgeschmückten Kapitälen, um die eine Reihe seltsam geformter
+Tierköpfe lief. Aber nicht ein Zoll breit dieser schönen Säulen war
+ohne Risse und Schrammen, sie waren beschädigt und abgenützt wie nichts
+andres im Tempel. Sogar der Boden rings um sie war blankgescheuert und
+ein wenig ausgehöhlt von den Tritten vieler Füße.
+
+Wieder hielt der Knabe seine Mutter an und fragte sie: „Was sind dies
+für Säulen?“
+
+„Es sind Säulen, die unser Vater Abraham aus dem fernen Chaldäa hierher
+nach Palästina gebracht hat und die er die Pforte der Gerechtigkeit
+nannte. Wer sich zwischen ihnen durchdrängen kann, der ist gerecht vor
+Gott und hat niemals eine Sünde begangen.“
+
+Der Knabe blieb stehen und sah mit großen Augen die Säulen an.
+
+„Du willst wohl nicht versuchen, dich zwischen ihnen durchzuzwängen?“
+sagte die Mutter und lachte. „Du siehst, wie ausgetreten der Boden
+rings um sie ist, von den vielen, die versucht haben, sich durch den
+schmalen Spalt zu drängen, aber du kannst es mir glauben, es ist keinem
+gelungen. Spute dich nun! Ich höre das Donnern der Kupfertore, an die
+die dreißig Tempeldiener ihre Schultern stemmen, um sie in Bewegung zu
+setzen.“
+
+Aber die ganze Nacht lag der kleine Knabe im Zelte wach, und er sah
+nichts andres vor sich als die Pforte der Gerechtigkeit und die
+Paradiesesbrücke und die Stimme des Weltenfürsten. Von so wunderbaren
+Dingen hatte er nie zuvor gehört. Und er konnte sie sich nicht aus dem
+Kopfe schlagen.
+
+Und am Morgen des nächsten Tages erging es ihm ebenso. Er konnte an
+nichts andres denken. An diesem Morgen sollten sie die Heimreise
+antreten. Die Eltern hatten viel zu tun, bis sie das Zelt abgebrochen
+und einem großen Kamel aufgeladen hatten und bis alles andere in
+Ordnung kam. Sie sollten nicht allein fahren, sondern in Gesellschaft
+von vielen Verwandten und Nachbarn, und da soviel Leute fortziehen
+sollten, ging das Einpacken natürlich sehr langsam vonstatten.
+
+Der kleine Knabe half nicht bei der Arbeit mit, sondern mitten in dem
+Hasten und Eilen saß er still da und dachte an die drei wunderbaren
+Dinge.
+
+Plötzlich fiel ihm ein, daß er noch Zeit hatte, in den Tempel zu gehen
+und sie noch einmal anzusehen. Da war noch viel, was aufgeladen werden
+mußte. Er könnte wohl noch vor dem Aufbruch vom Tempel zurückkommen.
+
+Er eilte von dannen, ohne jemand zu sagen, wohin er sich begab. Er
+glaubte nicht, daß dies nötig sei. Er wollte ja bald wieder da sein.
+
+Es währte nicht lange, so erreichte er den Tempel und trat in die
+Säulenhalle, wo die zwei schwarzen Geschwistersäulen aufgestellt waren.
+
+Sowie er sie erblickte, begannen seine Augen vor Freude zu leuchten. Er
+setzte sich auf den Boden neben sie und starrte zu ihnen empor. Wenn
+er daran dachte, daß wer sich zwischen diesen zwei Säulen durchdrängen
+könnte, gerecht vor Gott wäre und niemals eine Sünde begangen hätte, da
+däuchte es ihn, daß er niemals etwas so Wunderbares geschaut hätte.
+
+Er dachte, wie herrlich es sein müsse, sich zwischen diesen zwei Säulen
+durchdrängen zu können, aber sie standen so nah nebeneinander, daß es
+unmöglich war, es auch nur zu versuchen. So saß er wohl eine Stunde
+regungslos vor den Säulen, aber davon wußte er nichts. Er glaubte, daß
+er sie nur ein paar Augenblicke betrachtet hätte.
+
+Aber es begab sich, daß in der prächtigen Säulenhalle, in der der Knabe
+saß, die Richter des Hohen Rats versammelt waren, um dem Volke bei
+seinen Zwistigkeiten zurechtzuhelfen. Der ganze Portikus war voller
+Menschen, die wegen Grenzmarken klagten, die man verschoben hatte, über
+Schafe, die aus der Herde geraubt und mit falschen Zeichen versehen
+worden waren, über Schuldner, die ihre Schulden nicht bezahlen wollten.
+
+Unter allen den andern kam auch ein reicher Mann, der in schleppende
+Purpurgewänder gekleidet war und eine arme Witwe vor den Richterstuhl
+führte, die ihm einige Sekel Silber schuldig sein sollte. Die arme
+Witwe jammerte und sagte, daß der Reiche unrecht an ihr handele. Sie
+hätte ihm schon einmal ihre Schuld bezahlt, nun wolle er sie zwingen,
+es noch einmal zu tun, aber das vermöge sie nicht. Sie wäre so arm, daß
+sie, wenn die Richter sie verurteilten, zu bezahlen, gezwungen wäre,
+dem Reichen ihre Töchter als Sklavinnen zu geben.
+
+Der zuhöchst auf dem Richterstuhle saß, wendete sich an den reichen
+Mann und sprach zu ihm: „Wagst du einen Eid darauf zu leisten, daß
+diese arme Frau dir das Geld noch nicht bezahlt hat?“
+
+Da antwortete der Reiche: „Herr, ich bin ein reicher Mann. Sollte ich
+mir die Mühe machen, mein Geld von dieser armen Witwe zu fordern, wenn
+ich nicht das Recht dazu hätte? Ich schwöre dir, so gewiß niemand je
+durch die Pforte der Gerechtigkeit wandern wird, so gewiß ist mir
+diese Frau die Summe schuldig, die ich begehre.“
+
+Als die Richter diesen Eid vernahmen, glaubten sie seinen Worten und
+fällten den Spruch, daß die arme Witwe ihre Töchter als Sklavinnen
+hingeben solle.
+
+Aber der kleine Knabe saß dicht daneben und hörte das alles. Er dachte
+bei sich selbst: Wie gut wäre es doch, wenn jemand sich durch die
+Pforte der Gerechtigkeit drängen könnte! Dieser Reiche hat sicherlich
+nicht die Wahrheit gesprochen. Wie jammert mich die alte Frau, die ihre
+Töchter als Sklavinnen hingeben muß.
+
+Er sprang auf das Fußgestell, von dem die beiden Säulen in die Höhe
+strebten und blickte durch die Spalte.
+
+Ach, daß es doch nicht so ganz unmöglich wäre! dachte er.
+
+Er war so betrübt um der armen Frau willen. Nun dachte er gar nicht
+daran, daß wer sich durch dieses Tor zu drängen vermöchte, gerecht
+und ohne Sünde wäre. Er wollte nur um des armen Weibes willen
+hindurchkommen.
+
+Er stemmte seine Schulter in die Vertiefung zwischen den Säulen,
+gleichsam, um sich einen Weg zu bahnen.
+
+In diesem Augenblicke sahen alle Menschen, die in der Säulenhalle
+standen, zur Pforte der Gerechtigkeit hin. Denn es donnerte in den
+Gewölben, und es rauschte in den alten Säulen, und sie schoben sich
+zur Seite, eine nach rechts und eine nach links, und ließen einen so
+großen Raum frei, daß der schlanke Körper des Knaben zwischen ihnen
+durchschlüpfen konnte.
+
+Da entstand großes Staunen und Aufsehen. Im ersten Augenblick wußte
+niemand, was er sagen sollte. Die Leute standen nur und starrten den
+kleinen Knaben an, der ein so großes Wunder vollbracht hatte. Der
+erste, der seine Fassung wieder erlangte, war der älteste unter den
+Richtern. Er rief, man solle den reichen Kaufmann ergreifen und ihn vor
+den Richterstuhl führen. Und er verurteilte ihn, sein ganzes Hab und
+Gut der armen Witwe zu geben, weil er falsch geschworen hatte in Gottes
+Tempel.
+
+Als dies abgetan war, fragte der Richter nach dem Knaben, der die
+Pforte der Gerechtigkeit durchschritten hatte, aber da die Menschen
+sich nach ihm umsahen, war er verschwunden. Denn in demselben
+Augenblick, wo die Säulen auseinanderglitten, war er wie aus einem
+Traum erwacht, und er hatte sich an seine Eltern und die Heimreise
+erinnert. Jetzt muß ich von hier forteilen, damit meine Eltern nicht
+auf mich warten, dachte er.
+
+Aber er wußte gar nicht, daß er eine volle Stunde vor der Pforte der
+Gerechtigkeit zugebracht hatte, sondern er wähnte, nur ein paar Minuten
+dort verweilt zu haben, darum meinte er, daß er wohl noch Zeit hätte,
+einen Blick auf die Paradiesesbrücke zu werfen, ehe er den Tempel
+verließe.
+
+Und auf leichten Füßen glitt er durch die Volksmenge und kam auf die
+Paradiesesbrücke, die in einem ganz andern Teile des großen Tempels
+gelegen war.
+
+Aber als er die scharfe Stahlklinge sah, die sich über die Kluft
+spannte, und daran dachte, daß der Mensch, der über diese Brücke
+wandern könnte, gewiß wäre, ins Paradies zu kommen, da däuchte es ihn,
+daß dies das Merkwürdigste wäre, was er je geschaut hätte, und er
+setzte sich an den Rand der Kluft, um die Stahlklinge zu betrachten.
+
+Da saß er und dachte, wie lieblich es sein müßte, ins Paradies zu
+kommen und wie gern er über diese Brücke gehen wolle. Aber zugleich sah
+er, daß es ganz unmöglich war, dies auch nur zu versuchen.
+
+So saß er zwei Stunden und grübelte, aber er wußte nicht, daß soviel
+Zeit vergangen war. Er saß nur und dachte an das Paradies.
+
+Aber es war so, daß auf dem Hofe, wo die tiefe Kluft sich befand,
+ein großer Opferaltar stand, und um ihn herum gingen weißgekleidete
+Priester, die das Feuer auf dem Altar hüteten und Opfergaben in Empfang
+nahmen. Auf dem Hofe standen auch viele, die opferten, und eine große
+Menge, die dem Gottesdienste nur zusah.
+
+Kam da auch ein armer, alter Mann gegangen, der ein Lämmchen trug, das
+sehr klein und mager war und obendrein noch von einem Hunde gebissen
+worden war, so daß es eine große Wunde hatte.
+
+Der Mann ging mit diesem Lamme zu den Priestern und bat sie, es opfern
+zu dürfen, aber sie schlugen es ihm ab. Sie sagten ihm, eine so
+armselige Gabe könne er dem Herrn nicht darbringen. Der Alte bat, sie
+möchten doch um der Barmherzigkeit willen das Lamm annehmen, denn sein
+Sohn liege krank auf den Tod, und er besitze nichts andres, was er Gott
+für seine Genesung opfern könnte. „Ihr müßt es mich opfern lassen,“
+sagte er, „sonst kommt mein Gebet nicht vor Gottes Angesicht, und mein
+Sohn stirbt.“
+
+„Du kannst mir glauben, daß ich Mitleid mit dir habe,“ sagte der
+Priester, „aber das Gesetz verbietet uns, ein verletztes Tier zu
+opfern. Es ist ebenso unmöglich, deiner Bitte zu willfahren, wie es
+unmöglich ist, die Paradiesesbrücke zu überschreiten.“
+
+Der kleine Knabe saß so nah, daß er das alles hörte. Er dachte gleich,
+wie schade es doch wäre, daß niemand die Brücke zu überschreiten
+vermochte. Vielleicht könnte der Arme seinen Sohn behalten, wenn das
+Lamm geopfert würde.
+
+Der alte Mann ging betrübt vom Tempelhofe fort, aber der Knabe erhob
+sich, schritt auf die zitternde Brücke zu und setzte seinen Fuß darauf.
+
+Er dachte gar nicht daran, hinübergehen zu wollen, um des Paradieses
+gewiß zu sein. Seine Gedanken weilten bei dem Armen, dem er zu helfen
+wünschte.
+
+Aber er zog den Fuß wieder zurück, denn er dachte: es ist unmöglich.
+Sie ist gar zu alt und rostig, sie könnte mich nicht einmal tragen.
+
+Aber noch einmal schweiften seine Gedanken zu dem Armen, dessen Sohn
+krank auf den Tod lag. Wieder setzte er den Fuß auf die Schwertklinge.
+
+Da merkte er, daß sie zu zittern aufhörte und sich unter seinem Fuße
+breit und fest anfühlte.
+
+Und als er den nächsten Schritt darauf machte, fühlte er, daß die Luft
+rings umher ihn unterstützte, so daß er nicht fallen konnte. Sie trug
+ihn, als wenn er ein Vogel wäre und Flügel hätte.
+
+Aber aus der gespannten Klinge löste sich zitternd ein holder Ton, wie
+der Knabe darüber hinschritt, und einer von denen, die auf dem Hofe
+standen, wendete sich um, da er den Ton vernahm. Er stieß einen Ruf
+aus, und jetzt wendeten sich auch alle die andern, und sie gewahrten
+den kleinen Knaben, der über die Stahlklinge geschritten kam.
+
+Da gerieten alle, die da standen, in große Verwunderung und Bestürzung.
+Die ersten, die sich faßten, waren die Priester. Sie sendeten sogleich
+einen Boten nach dem Armen, und als dieser zurückkam, sagten sie zu
+ihm: „Gott hat ein Wunder getan, um uns zu zeigen, daß er deine Gabe
+empfangen will. Gib dein Lamm her, wir wollen es opfern!“
+
+Als dies geschehen war, fragten sie nach dem kleinen Knaben, der über
+die Kluft gewandert war. Aber als sie sich nach ihm umsahen, konnten
+sie ihn nicht finden.
+
+Denn gerade, als der Knabe die Kluft überschritten hatte, hatte er an
+die Heimreise und die Eltern denken müssen. Er wußte nicht, daß der
+Morgen und der Vormittag schon verstrichen waren, sondern er dachte:
+Ich muß mich jetzt sputen, heimzukommen, damit sie nicht zu warten
+brauchen. Ich will nur erst noch forteilen und einen Blick auf die
+Stimme des Weltenfürsten werfen.
+
+Und er schlich sich zwischen dem Volke durch und eilte auf leichten
+Sohlen nach dem halbdunkeln Säulengang, wo das Kupferhorn an die Wand
+gelehnt stand.
+
+Als er es sah und bedachte, daß wer ihm einen Ton entlocken konnte,
+alle Völker der Erde unter seiner Herrschaft versammeln würde, da
+däuchte es ihn, daß er niemals etwas so Merkwürdiges gesehen hätte, und
+er setzte sich daneben nieder und betrachtete es.
+
+Er dachte, wie groß es sein müßte, alle Menschen der Erde zu gewinnen,
+und wie sehnlich er sich wünschte, in das alte Horn blasen zu können.
+Aber er sah ein, daß dies unmöglich wäre, und so wagte er nicht einmal
+den Versuch.
+
+So saß er mehrere Stunden, aber er wußte nicht, daß die Zeit verstrich.
+Er dachte nur daran, was für ein Gefühl es sein müßte, alle Menschen
+der Erde unter seiner Herrschaft zu sammeln.
+
+Aber es war so, daß in diesem kühlen Säulengang ein heiliger Mann
+saß und seine Schüler unterwies. Und er wendete sich jetzt an einen
+der Jünglinge, die zu seinen Füßen saßen, und sagte ihm, daß er ein
+Betrüger sei. Der Geist hätte ihm verraten, sagte der Heilige, daß
+dieser Jüngling ein Fremder sei und kein Israelit. Und nun fragte ihn
+der Heilige, warum er sich unter einem falschen Namen unter seine
+Jünger eingeschlichen hätte.
+
+Da erhob sich der fremde Jüngling und sagte, er sei durch Wüsten
+gepilgert und über große Meere gezogen, um die wahre Weisheit und
+die Lehre des einzigen Gottes verkünden zu hören. „Meine Seele
+verschmachtete vor Sehnsucht,“ sagte er zu dem Heiligen. „Aber ich
+wußte, daß du mich nicht unterrichten würdest, wenn ich nicht sagte,
+daß ich ein Israelit sei. Darum belog ich dich, auf daß meine Sehnsucht
+gestillt würde. Und ich bitte dich, laß mich bei dir bleiben.“
+
+Aber der Heilige stand auf und streckte die Arme zum Himmel empor.
+„Ebensowenig sollst du bei mir bleiben, als jemand auferstehen wird und
+auf dem großen Kupferhorn blasen, das wir die Stimme des Weltenfürsten
+nennen. Es ist dir nicht einmal gestattet, diese Stelle des Tempels zu
+betreten, weil du ein Heide bist. Eile von hinnen, sonst werden meine
+andern Schüler sich auf dich stürzen und dich in Stücke reißen, denn
+deine Gegenwart schändet den Tempel.“
+
+Aber der Jüngling stand still und sprach: „Ich will nirgends hingehen,
+wo meine Seele keine Nahrung findet. Lieber will ich hier zu deinen
+Füßen sterben.“
+
+Kaum hatte er dies gesagt, als die Schüler des Heiligen aufsprangen, um
+ihn zu vertreiben. Und als er sich zur Wehr setzte, warfen sie ihn zu
+Boden und wollten ihn töten.
+
+Aber der Knabe saß ganz nahe, so daß er alles sah und hörte, und er
+dachte: Dies ist eine große Hartherzigkeit. Ach, könnte ich doch in das
+Kupferhorn blasen, dann wäre ihm geholfen.
+
+Er stand auf und legte seine Hand auf das Horn. In diesem Augenblick
+wünschte er nicht mehr, es an seine Lippen heben zu können, weil wer
+dies vermöchte, ein großer Herrscher werden würde, sondern weil er
+hoffte, einem beistehen zu können, dessen Leben in Gefahr war.
+
+Und er umklammerte das Kupferhorn mit seinen kleinen Händchen und
+versuchte es zu heben.
+
+Da fühlte er, daß das ungeheure Horn sich von selbst zu seinen Lippen
+hob. Und wie er nur atmete, drang ein starker, klingender Ton aus dem
+Horn und schallte durch den ganzen großen Tempelraum.
+
+Da wandten alle ihre Blicke hin, und sie sahen, daß es ein kleiner
+Knabe war, der mit dem Horn an seinen Lippen dastand und ihm Töne
+entlockte, die die Wölbungen und Säulen erzittern ließen.
+
+Allsogleich senkten sich da alle Hände, die sich erhoben hatten, um den
+fremden Jüngling zu schlagen, und der heilige Lehrer sprach zu ihm:
+
+„Komm und setz dich hier zu meinen Füßen, wo du früher gesessen hast!
+Gott hat ein Wunder getan, um mir zu zeigen, daß es sein Wunsch ist,
+daß du in seine Anbetung eingeweiht werdest.“
+
+ * * * * *
+
+Als der Tag zur Neige ging, wanderten ein Mann und ein Weib mit eiligen
+Schritten auf Jerusalem zu. Sie sahen erschrocken und unruhig aus, und
+sie riefen jedem, den sie trafen, zu: „Wir haben unseren Sohn verloren.
+Wir glaubten, er sei mit unsern Verwandten und Nachbarn gegangen, aber
+keiner von ihnen hat ihn gesehen. Ist jemand von euch unterwegs an
+einem einsamen Kinde vorbeigekommen?“
+
+Die Leute, die von Jerusalem kamen, antworteten ihnen: „Nein, euern
+Sohn haben wir nicht gesehen, aber im Tempel haben wir das schönste
+Kind geschaut. Es war wie ein Engel des Himmels, und es ist durch die
+Pforte der Gerechtigkeit gewandelt.“
+
+Sie hätten gern dies alles haarklein erzählt, doch die Eltern hatten
+nicht Zeit, ihnen zuzuhören.
+
+Als sie ein Stück weit gegangen waren, trafen sie andre Menschen und
+befragten diese.
+
+Aber die von Jerusalem kamen, wollten nur von dem allerschönsten Kinde
+erzählen, das aussehe, als wäre es vom Himmel herabgestiegen, und das
+die Paradiesesbrücke überschritten hätte.
+
+Sie wären gern stehen geblieben und hätten bis zum späten Abend davon
+gesprochen, allein der Mann und die Frau hatten nicht Zeit, ihnen zu
+lauschen, sondern sie eilten in die Stadt.
+
+Sie gingen straßauf und straßab, ohne das Kind zu finden. Endlich kamen
+sie zum Tempel.
+
+Als sie dort vorbeigingen, sagte die Frau: „Da wir nun hier sind, so
+laß uns doch eintreten und sehen, was für ein Kind das ist, von dem sie
+sagen, es sei vom Himmel herabgestiegen!“ Sie traten ein und fragten,
+wo sie das Kind sehen könnten.
+
+„Geht geradeaus, dorthin, wo die heiligen Lehrer mit ihren Schülern
+sitzen. Dort ist das Kind. Die alten Männer haben ihn in ihre Mitte
+gesetzt, sie fragen ihn, und er fragt sie, und sie verwundern sich alle
+über ihn. Aber alles Volk steht unten auf dem Tempelhofe, um nur einen
+Schimmer dessen zu sehen, der die Stimme des Weltenfürsten an seine
+Lippen geführt hat.“
+
+Der Mann und die Frau bahnten sich einen Weg durch den Volkshaufen, und
+sie sahen, daß das Kind, das unter den weisen Lehrern saß, ihr Sohn war.
+
+Aber sowie die Frau das Kind wiedererkannte, fing sie zu weinen an.
+
+Und der Knabe, der unter den weisen Männern saß, hörte, daß jemand
+weinte, und er erkannte, daß es seine Mutter war. Da stand er auf und
+kam zu seiner Mutter, und Vater und Mutter nahmen ihn in ihre Mitte und
+wanderten mit ihm aus dem Tempel fort.
+
+Aber die ganze Zeit hörte die Mutter nicht auf zu weinen, und das Kind
+fragte sie: „Warum weinest du? Ich kam ja zu dir, wie ich nur deine
+Stimme hörte.“
+
+„Wie sollte ich nicht weinen?“ sagte die Mutter. „Ich glaubte, du seist
+für mich verloren.“
+
+Sie gingen aus der Stadt, und die Dunkelheit brach an, und noch immer
+weinte die Mutter.
+
+„Warum weinst du?“ sagte das Kind. „Ich wußte nichts davon, daß der Tag
+verstrichen war. Ich glaubte, es sei noch Morgen, und ich kam zu dir,
+wie ich nur deine Stimme hörte.“
+
+„Wie sollte ich nicht weinen?“ sagte die Mutter. „Ich habe dich den
+ganzen Tag gesucht. Ich glaubte, du seist für mich verloren.“
+
+Sie wanderten die ganze Nacht, und immer weinte die Mutter.
+
+Da der Morgen zu grauen begann, sagte das Kind: „Warum weinst du? Ich
+habe nicht nach eignem Ruhm getrachtet, aber Gott hat mich das Wunder
+vollbringen lassen, weil er diesen drei armen Menschen helfen wollte.
+Und wie ich nur deine Stimme hörte, kam ich wieder zu dir.“
+
+„Mein Sohn,“ antwortete die Mutter, „ich weine, weil du gleichwohl für
+mich verloren bist. Du wirst mir nie mehr angehören. Von Stund an wird
+deines Daseins Streben Gerechtigkeit sein, und deine Sehnsucht das
+Paradies, und deine Liebe wird alle die armen Menschen umfassen, die
+die Erde erfüllen.“
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Das Schweißtuch der heiligen Veronika
+
+
+[Illustration]
+
+
+I
+
+In einem der letzten Jahre der Regierung des Kaisers Tiberius begab es
+sich, daß ein armer Winzer und sein Weib sich in einer einsamen Hütte
+hoch oben in den Sabiner Bergen niederließen. Sie waren Fremdlinge und
+lebten in der größten Einsamkeit, ohne je den Besuch eines Menschen zu
+empfangen. Aber eines Morgens, als der Arbeiter seine Türe öffnete,
+fand er zu seinem Staunen, daß eine alte Frau zusammengekauert auf der
+Schwelle saß. Sie war in einen schlichten, grauen Mantel gehüllt und
+sah aus, als wäre sie sehr arm. Und dennoch erschien sie ihm, als sie
+sich erhob und ihm entgegentrat, so ehrfurchtgebietend, daß er daran
+denken mußte, was die Sagen von Göttinnen erzählen, die in der Gestalt
+einer alten Frau die Menschen heimsuchen.
+
+„Mein Freund,“ sagte die Alte zu dem Winzer, „wundere dich nicht
+darüber, daß ich heute nacht auf deiner Schwelle geschlafen habe. Meine
+Eltern haben in dieser Hütte gewohnt, und hier wurde ich vor fast
+neunzig Jahren geboren. Ich hatte erwartet, sie leer und verlassen zu
+finden. Ich wußte nicht, daß aufs neue Menschen Besitz davon ergriffen
+hatten.“
+
+„Ich wundre mich nicht, daß du glaubtest, daß eine Hütte, die so hoch
+zwischen diesen einsamen Felsen liegt, leer und verlassen stehen
+würde,“ sagte der Winzer. „Aber ich und mein Weib, wir sind aus einem
+fernen Lande, und wir armen Fremdlinge haben keine bessere Wohnstätte
+finden können. Und dir, die nach der langen Wandrung, die du in deinem
+hohen Alter unternommen hast, müde und hungrig sein muß, dürfte es
+willkommener sein, daß die Hütte von Menschen bewohnt ist, anstatt von
+den Wölfen der Sabiner Berge. Du findest jetzt doch ein Bett drinnen,
+um darauf zu ruhen, sowie eine Schale Ziegenmilch und einen Laib Brot,
+wenn du damit vorlieb nehmen willst.“
+
+Die Alte lächelte ein wenig, aber dieses Lächeln war so flüchtig, daß
+es den Ausdruck schweren Kummers nicht zu zerstreuen vermochte, der
+auf ihrem Gesicht ruhte. „Ich habe meine ganze Jugend hier oben in den
+Bergen verlebt,“ sagte sie. „Ich habe die Kunst noch nicht verlernt,
+einen Wolf aus seiner Höhle zu vertreiben.“
+
+Und sie sah wirklich so stark und kräftig aus, daß der Arbeiter nicht
+daran zweifelte, daß sie trotz ihres hohen Alters noch Stärke genug
+besäße, um es mit den wilden Tieren des Waldes aufzunehmen.
+
+Er wiederholte jedoch sein Anerbieten, und die Alte trat in die Hütte
+ein. Sie ließ sich zu der Mahlzeit der armen Leute nieder und nahm ohne
+Zögern daran teil. Aber obgleich sie sehr zufrieden damit schien,
+grobes in Milch aufgeweichtes Brot essen zu dürfen, dachten doch der
+Mann und die Frau: Woher kann diese alte Wandrerin kommen? Sie hat
+gewiß öfter Fasane von Silberschüsseln gespeist, als Ziegenmilch aus
+irdnen Schalen getrunken.
+
+Zuweilen erhob sie die Augen vom Tische und sah sich um, als wolle
+sie versuchen, sich wieder in der Hütte zurechtzufinden. Die dürftige
+Behausung mit den nackten Lehmwänden und dem gestampften Boden war
+sicherlich nicht sehr verändert. Sie zeigte sogar ihren Wirtsleuten,
+daß an der Wand noch ein paar Spuren von Hunden und Hirschen sichtbar
+waren, die ihr Vater dorthin gezeichnet hatte, um seinen kleinen
+Kindern eine Freude zu machen. Und hoch oben auf einem Brett glaubte
+sie die Scherben eines Tongefäßes zu sehen, in das sie selbst einst
+Milch zu melken pflegte.
+
+Aber der Mann und sein Weib dachten bei sich selbst: Es mag freilich
+wahr sein, daß sie in dieser Hütte geboren ist, aber sie hat doch im
+Leben so manches andre zu bestellen gehabt als Ziegen melken und Butter
+und Käse bereiten.
+
+Sie merkten auch, daß sie oft mit ihren Gedanken weit weg war und daß
+sie jedesmal, wenn sie wieder zu sich selbst zurückkam, schwer und
+kummervoll seufzte.
+
+Endlich erhob sie sich von der Mahlzeit. Sie dankte freundlich für die
+Gastfreundschaft, die sie genossen hatte, und ging auf die Tür zu.
+
+Aber da däuchte sie den Winzer so beklagenswert einsam und arm, daß er
+ausrief: „Wenn ich mich nicht irre, war es keineswegs deine Absicht,
+als du gestern Nacht heraufstiegst, diese Hütte so bald zu verlassen.
+Wenn du wirklich so arm bist, wie es den Anschein hat, dann wird es
+wohl deine Meinung gewesen sein, alle die Jahre, die du noch zu leben
+hast, hierzubleiben. Aber jetzt willst du gehen, weil wir, mein Weib
+und ich, schon von der Hütte Besitz genommen haben.“
+
+Die Alte leugnete nicht, daß er richtig geraten hatte. „Aber diese
+Hütte, die so viele Jahre verlassen gestanden hat, gehört dir ebensogut
+wie mir,“ sagte sie. „Ich habe kein Recht, dich von hier zu vertreiben.“
+
+„Es ist aber doch deiner Eltern Hütte,“ sagte der Winzer, „und du hast
+sicherlich mehr Anspruch darauf als ich. Wir sind überdies jung, und du
+bist alt. Darum sollst du bleiben, und wir werden gehen.“
+
+Als die Alte diese Worte hörte, war sie ganz erstaunt. Sie wendete
+sich auf der Schwelle um und starrte den Mann an, als wenn sie nicht
+verstünde, was er mit seinen Worten meinte.
+
+Aber nun mischte sich das junge Weib ins Gespräch.
+
+„Wenn ich mitzureden hätte,“ sagte sie zu dem Manne, „würde ich dich
+bitten, diese alte Frau zu fragen, ob sie uns nicht als ihre Kinder
+ansehen und uns erlauben will, bei ihr zu bleiben und sie zu pflegen.
+Welchen Nutzen hätte sie davon, wenn wir ihr diese elende Hütte
+schenkten und sie dann allein ließen? Es wäre furchtbar für sie,
+einsam in der Wildnis zu hausen. Und wovon sollte sie leben? Es wäre
+dasselbe, als wollten wir sie dem Hungertode preisgeben.“
+
+Aber die Alte trat auf den Mann und die Frau zu und betrachtete sie
+prüfend. „Warum sprecht ihr so?“ fragte sie. „Warum beweist ihr mir
+Barmherzigkeit? Ihr seid doch Fremde.“
+
+Da antwortete ihr die junge Frau: „Darum, weil uns selbst einmal die
+große Barmherzigkeit begegnet ist.“
+
+
+II
+
+So kam es, daß die alte Frau in der Hütte des Winzers wohnte, und sie
+faßte große Freundschaft für die jungen Menschen. Aber dennoch sagte
+sie ihnen niemals, woher sie kam oder wer sie war, und sie begriffen,
+daß sie es nicht gut aufgenommen hätte, wenn sie sie danach gefragt
+hätten.
+
+Aber eines Abends, als die Arbeit getan war und sie alle drei auf der
+großen, flachen Felsplatte saßen, die vor dem Eingang lag, und ihr
+Abendbrot verzehrten, erblickten sie einen alten Mann, der den Pfad
+heranstieg.
+
+Es war ein hoher, kräftig gebauter Mann mit so breiten Schultern wie
+ein Ringer. Sein Gesicht trug einen düstern, herben Ausdruck. Die Stirn
+ragte über den tiefliegenden Augen vor, und die Linien des Mundes
+drückten Bitterkeit und Verachtung aus. Er ging in gerader Haltung und
+mit raschen Bewegungen.
+
+Der Mann trug ein schlichtes Gewand, und der Winzer dachte, sobald
+er ihn erblickt hatte: Das ist ein alter Legionär, einer, der seinen
+Abschied aus dem Dienste bekommen hat und nun auf der Wanderung nach
+seiner Heimat begriffen ist.
+
+Als der Fremde an die Essenden herangekommen war, blieb er wie
+unschlüssig stehen. Der Arbeiter, der wußte, daß der Weg ein kleines
+Stück oberhalb der Hütte ein Ende hatte, legte den Löffel nieder und
+rief ihm zu: „Hast du dich verirrt, Fremdling, daß du hierher zu
+dieser Hütte kommst? Niemand pflegt sich die Mühe zu machen, hier
+heraufzuklettern, es sei denn, er hätte eine Botschaft an einen von
+uns, die wir hier wohnen.“
+
+Während er so fragte, trat der Fremdling näher. „Ja, es ist so, wie
+du sagst,“ antwortete er, „ich habe den Weg verloren, und jetzt weiß
+ich nicht, wohin ich meine Schritte lenken soll. Wenn du mich hier ein
+Weilchen ruhen läßt und mir dann sagst, welchen Weg ich gehen muß, um
+zu einem Landgut zu kommen, will ich dir dankbar sein.“
+
+Mit diesen Worten ließ er sich auf einem der Steine nieder, die vor der
+Hütte lagen. Die junge Frau fragte ihn, ob er nicht an ihrer Mahlzeit
+teilnehmen wolle, doch dies lehnte er mit einem Lächeln ab. Hingegen
+zeigte es sich, daß er sehr geneigt war, mit ihnen zu plaudern, indes
+sie aßen. Er fragte die jungen Menschen nach ihrer Lebensweise und
+ihrer Arbeit, und sie antworteten ihm fröhlich und rückhaltlos.
+
+Aber auf einmal wendete sich der Arbeiter an den Fremden und begann ihn
+auszufragen: „Du siehst, wie abgeschieden und einsam wir leben,“ sagte
+er. „Es ist wohl schon ein Jahr her, seit ich mit andern als Hirten
+und Winzern gesprochen habe. Kannst du, der ja wohl aus irgend einem
+Feldlager kommt, uns nicht ein wenig von Rom und vom Kaiser erzählen?“
+
+Kaum hatte der Mann dies gesagt, als die junge Frau merkte, wie die
+Alte ihm einen warnenden Blick zuwarf und mit der Hand das Zeichen
+machte, das bedeutet, man möge wohl auf seiner Hut sein mit dem, was
+man sage.
+
+Der Fremdling antwortete dann aber ganz freundlich: „Ich sehe, daß du
+mich für einen Legionär hältst, und du hast wirklich nicht so ganz
+unrecht, obgleich ich schon vor langer Zeit den Dienst verlassen habe.
+Unter der Regierung des Tiberius hat es nicht viel Arbeit für uns
+Kriegsleute gegeben. Und er war doch einmal ein großer Feldherr. Das
+war die Zeit seines Glückes. Jetzt hat er nichts andres im Sinn, als
+sich vor Verschwörungen zu hüten. In Rom sprechen alle Menschen davon,
+daß er vorige Woche, nur auf den allerleisesten Verdacht hin, den
+Senator Titius greifen und hinrichten ließ.“
+
+„Der arme Kaiser, er weiß nicht mehr, was er tut,“ rief die junge Frau.
+Sie rang die Hände und schüttelte bedauernd und staunend das Haupt.
+
+„Du hast wirklich recht,“ sagte der Fremdling, während ein Zug tiefster
+Düsterkeit über sein Gesicht ging. „Tiberius weiß, daß alle Menschen
+ihn hassen, und dies treibt ihn noch zum Wahnsinn.“
+
+„Was sagst du da?“ rief die Frau. „Warum sollten wir ihn hassen? Wir
+beklagen ja nur, daß er nicht mehr ein so großer Kaiser ist wie am
+Anfang seiner Regierung.“
+
+„Du irrst dich,“ sagte der Fremde. „Alle Menschen verachten und hassen
+Tiberius. Warum sollten sie es nicht? Er ist ja nur ein grausamer,
+schonungsloser Tyrann. Und in Rom glaubt man, daß er in Zukunft noch
+unverbesserlicher sein wird als bisher.“
+
+„Hat sich denn etwas ereignet, was ihn zu einem noch ärgern Ungeheuer
+machen könnte, als er schon ist?“ fragte der Mann.
+
+Als er dies sagte, merkte die Frau, daß die Alte ihm abermals ein
+warnendes Zeichen machte, aber so verstohlen, daß er es nicht sehen
+konnte.
+
+Der Fremdling antwortete freundlich, aber gleichzeitig huschte ein
+eigentümliches Lächeln um seine Lippen.
+
+„Du hast vielleicht gehört, daß Tiberius bis jetzt in seiner Umgebung
+einen Freund gehabt hatte, dem er vertrauen konnte und der ihm immer
+die Wahrheit sagte. Alle andern, die an seinem Hofe leben, sind
+Glücksjäger und Heuchler, die seine bösen und hinterlistigen Handlungen
+ebenso preisen wie seine guten und vortrefflichen. Es hat aber doch,
+wie gesagt, ein Wesen gegeben, das niemals fürchtete, ihn wissen zu
+lassen, was seine Handlungen wert waren. Dieser Mensch, der mutiger
+war als Senatoren und Feldherrn, war des Kaisers alte Amme, Faustina.“
+
+„Jawohl, ich habe von ihr reden hören,“ sagte der Arbeiter. „Man sagte
+mir, daß der Kaiser ihr immer große Freundschaft bewiesen habe.“
+
+„Ja, Tiberius wußte ihre Ergebenheit und Treue zu schätzen. Er
+hat diese arme Bäuerin, die einst aus einer elenden Hütte in den
+Sabinerbergen kam, wie seine zweite Mutter behandelt. Solange er selbst
+in Rom weilte, ließ er sie in einem Hause auf dem Palatin wohnen, um
+sie immer in seiner Nähe zu haben. Keiner von Roms vornehmen Matronen
+ist es besser ergangen als ihr. Sie wurde in einer Sänfte über die
+Straße getragen, und ihre Kleidung war die einer Kaiserin. Als der
+Kaiser nach Capreae übersiedelte, mußte sie ihn begleiten, und er ließ
+ihr dort ein Landhaus voll Sklaven und kostbaren Hausrat kaufen.“
+
+„Sie hat es wahrlich gut gehabt,“ sagte der Mann.
+
+Er war es nun, der das Gespräch mit dem Fremden allein weiterführte.
+Die Frau saß stumm und beobachtete staunend die Veränderung, die mit
+der Alten vorgegangen war. Seit dem Kommen des Fremden hatte sie kein
+Wort gesprochen. Sie hatte ihr sanftes und freundliche Aussehen ganz
+verloren. Die Schüssel hatte sie von sich geschoben und saß jetzt starr
+und aufrecht, an den Türpfosten gelehnt und blickte mit strengem,
+versteinertem Gesicht gerade vor sich hin.
+
+„Es ist des Kaisers Wille gewesen, daß sie ein glückliches Leben
+genieße,“ sagte der Fremdling. „Aber trotz aller seiner Wohltaten hat
+nun auch sie ihn verlassen.“
+
+Die alte Frau zuckte bei diesen Worten zusammen, doch die Junge legte
+beschwichtigend die Hand auf ihren Arm. Dann begann sie mit ihrer
+warmen, milden Stimme zu sprechen. „Ich kann doch nicht glauben, daß
+die alte Faustina am Hofe so glücklich gewesen ist, wie du sagst,“
+sagte sie, indem sie sich an den Fremdling wendete. „Ich bin gewiß,
+daß sie Tiberius so geliebt hat, als wenn er ihr eigner Sohn wäre. Ich
+kann mir denken, wie stolz sie auf seine edle Jugend gewesen ist, und
+ich kann auch begreifen, welch ein Kummer es für sie war, daß er sich
+in seinem Alter dem Mißtrauen und der Grausamkeit überließ. Sie hat
+ihn sicherlich jeden Tag ermahnt und gewarnt. Es ist furchtbar für sie
+gewesen, immer vergeblich zu bitten. Schließlich hat sie es nicht mehr
+ertragen können, ihn immer tiefer und tiefer sinken zu sehen.“
+
+Der Fremdling beugte sich überrascht ein wenig vor, als er diese Worte
+vernahm. Aber das junge Weib sah nicht zu ihm auf. Sie hielt die Augen
+niederschlagen und sprach sehr leise und demütig.
+
+„Du hast vielleicht recht mit dem, was du von der alten Frau sagst,“
+antwortete er. „Faustina ist am Hofe wirklich nicht glücklich gewesen.
+Aber es scheint doch seltsam, daß sie den Kaiser in seinem hohen Alter
+verließ, nachdem sie ein ganzes Menschenleben bei ihm ausgeharrt
+hatte.“
+
+„Was sagst du da?“ rief der Mann. „Hat die alte Faustina den Kaiser
+verlassen?“
+
+„Sie hat sich, ohne daß jemand darum wußte, von Capreae
+weggeschlichen,“ sagte der Fremde. „Sie ist ebenso arm gegangen, wie
+sie gekommen war. Sie hat nichts von allen ihren Schätzen mitgenommen.“
+
+„Und weiß der Kaiser wirklich nicht, wohin sie gegangen ist?“ fragte
+die junge Frau mit ihrer sanften Stimme.
+
+„Nein, niemand weiß mit Bestimmtheit, welchen Weg die Alte
+eingeschlagen hat. Man hält es jedoch für wahrscheinlich, daß sie ihre
+Zuflucht in ihren heimatlichen Bergen gesucht habe.“
+
+„Und der Kaiser weiß auch nicht, warum sie von ihm fortgegangen ist?“
+fragte die junge Frau.
+
+„Nein, der Kaiser weiß nichts darüber. Er kann doch nicht glauben, daß
+sie ihn verlassen hat, weil er einmal zu ihr sagte, sie diene ihm, um
+Lohn und Gaben zu empfangen, sie, wie alle andern. Sie weiß doch, daß
+er niemals an ihrer Uneigennützigkeit gezweifelt hat. Er hoffte immer
+noch, daß sie freiwillig zu ihm zurückkehren würde, denn niemand weiß
+besser als sie, daß er jetzt ganz ohne Freunde ist.“
+
+„Ich kenne sie nicht,“ sagte das junge Weib, „aber ich glaube doch,
+daß ich dir sagen kann, warum sie den Kaiser verlassen hat. Diese alte
+Frau ist hier in diesen Bergen zu Einfachheit und Frömmigkeit erzogen
+worden, und sie hat sich immer hierher zurückgesehnt. Sicherlich hätte
+sie dennoch den Kaiser nie verlassen, wenn er sie nicht beleidigt
+hätte. Aber ich begreife, daß sie nun hiernach, da ihre Lebenstage
+bald zu Ende gehen müssen, das Recht zu haben meinte, an sich selbst
+zu denken. Wenn ich eine arme Frau aus den Bergen wäre, hätte ich
+vermutlich ebenso gehandelt wie sie. Ich hätte mir gedacht, daß ich
+genug getan hätte, wenn ich meinem Herrn ein ganzes Leben lang gedient
+habe. Ich wäre schließlich von Wohlleben und Kaisergunst fortgegangen,
+um meine Seele Ehre und Gerechtigkeit kosten zu lassen, ehe sie sich
+von mir scheidet, um die lange Fahrt anzutreten.“
+
+Der Fremdling blickte die junge Frau trüb und schwermütig an. „Du
+bedenkst nicht, daß des Kaisers Treiben jetzt schrecklicher werden wird
+denn je. Jetzt gibt es keinen mehr, der ihn beruhigen könnte, wenn
+Mißtrauen und Menschenverachtung sich seiner bemächtigen. Denke dir
+dies,“ fuhr er fort und bohrte seine düstern Blicke tief in die des
+jungen Weibes, „in der ganzen Welt gibt es jetzt keinen, den er nicht
+haßte, keinen, den er nicht verachtete, keinen.“
+
+Als er diese Worte bitterer Verzweigung aussprach, machte die Alte eine
+hastige Bewegung und wendete sich ihm zu, aber die Junge sah ihm fest
+in die Augen und antwortete: „Tiberius weiß, daß Faustina wieder zu ihm
+kommt, wann immer er es wünscht. Aber zuerst muß sie wissen, daß ihre
+alten Augen nicht mehr Laster und Schändlichkeit an seinem Hofe schauen
+müssen.“
+
+Sie hatten sich bei diesen Worten alle erhoben, aber der Winzer und
+seine Frau stellten sich vor die Alte, gleichsam um sie zu schützen.
+
+Der Fremdling sprach keine Silbe mehr, aber er betrachtete die Alte mit
+fragenden Blicken. Ist das auch +dein+ letztes Wort? schien er
+sagen zu wollen. Die Lippen der Alten zitterten, und die Worte wollten
+sich nicht von ihnen lösen.
+
+„Wenn der Kaiser seine alte Dienerin geliebt hat, so möge er ihr auch
+die Ruhe ihrer letzten Tage gönnen,“ sagte die junge Frau.
+
+Der Fremde zögerte noch, aber plötzlich erhellte sich sein düsteres
+Gesicht. „Meine Freunde,“ sagte er, „was man auch von Tiberius sagen
+mag, es gibt doch eines, was er besser gelernt hat, als andre, und das
+ist: verzichten. Ich habe euch nur noch eines zu sagen: Wenn diese
+alte Frau, von der wir gesprochen haben, diese Hütte aufsuchen sollte,
+so nehmet sie gut auf! Des Kaisers Gunst ruht über jedem, der ihr
+beisteht.“
+
+Er hüllte sich in seinen Mantel und entfernte sich auf demselben Wege,
+den er gekommen war.
+
+
+III
+
+Nach diesem Vorfall sprachen der Winzer und sein Weib nie mehr mit der
+alten Frau vom Kaiser. Untereinander wunderten sie sich darüber, daß
+sie in ihrem hohen Alter die Kraft gehabt hatte, allem dem Reichtum
+und der Macht zu entsagen, an die sie gewohnt war. Ob sie nicht
+doch bald zu Tiberius zurückkehren wird? fragten sie sich. Sie liebt
+ihn sicherlich noch. In der Hoffnung, daß dies ihn zur Besinnung
+bringen und ihn bewegen werde, sich von seiner bösen Handlungsweise zu
+bekehren, hat sie ihn verlassen.
+
+„Ein so alter Mann wie der Kaiser wird niemals mehr ein neues Leben
+beginnen,“ sagte der Arbeiter. „Wie willst du seine große Verachtung
+der Menschen von ihm nehmen? Wer könnte vor ihn hintreten und ihn
+lehren, sie zu lieben? Bevor dies geschieht, kann er nicht von seinem
+Argwohn und seiner Grausamkeit geheilt werden.“
+
+„Du weißt, daß es einen gibt, der dies in Wahrheit vermöchte,“ sagte
+die Frau. „Ich denke oft daran, wie es wäre, wenn diese Beiden sich
+begegneten. Aber Gottes Wege sind nicht unsre Wege.“
+
+Die alte Frau schien ihr früheres Leben gar nicht zu entbehren. Nach
+einiger Zeit gebar das junge Weib ein Kind, und als die Alte nun dieses
+zu pflegen hatte, schien sie so zufrieden zu sein, daß man glauben
+konnte, sie hätte alle ihre Sorgen vergessen.
+
+Jedes halbe Jahr einmal pflegte sie sich in den langen grauen Mantel
+zu hüllen und nach Rom hinunterzuwandern. Aber dort suchte sie keine
+Menschenseele auf, sondern ging geradewegs zum Forum. Hier blieb sie
+vor einem kleinen Tempel stehen, der sich auf der einen Seite des
+herrlich geschmückten Platzes erhob.
+
+Dieser Tempel bestand eigentlich nur aus einem außergewöhnlich großen
+Altar, der unter offnem Himmel auf einem marmorgepflasterten Hofe
+stand. Auf der Höhe des Altars tronte Fortuna, die Göttin des Glücks,
+und an seinem Fuße sah man eine Bildsäule des Tiberius. Rund um den Hof
+erhoben sich Gebäude für die Priester, Vorratskammern für Brennholz und
+Ställe für die Opfertiere.
+
+Die Wanderung der alten Faustina erstreckte sich niemals weiter als
+bis zu diesem Tempel, den die aufzusuchen pflegten, die um Glück für
+Tiberius beten wollten. Wenn sie einen Blick hineingeworfen und gesehen
+hatte, daß die Göttin und die Kaiserstatue mit Blumen bekränzt waren,
+daß das Opferfeuer loderte und Scharen ehrfürchtiger Anbeter vor dem
+Altare versammelt waren, und wenn sie vernommen hatte, daß die leisen
+Hymnen der Priester ringsumher erklangen, dann kehrte sie um und begab
+sich wieder in die Berge.
+
+So erfuhr sie, ohne einen Menschen fragen zu müssen, daß Tiberius noch
+unter den Lebenden weilte und daß es ihm wohl erging.
+
+Als sie diese Wanderung zum drittenmal antrat, harrte ihrer eine
+Überraschung. Als sie sich dem kleinen Tempel näherte, fand sie ihn
+verödet und leer. Kein Feuer flammte vor dem Bilde, und kein einziger
+Anbeter war davor zu sehen. Ein paar trockne Kränze hingen noch an
+der einen Seite des Altars, aber dies war alles, was von seiner
+früheren Herrlichkeit zeugte. Die Priester waren verschwunden, und die
+Kaiserstatue, die ohne Hüter dastand, war beschädigt und mit Schmutz
+beworfen.
+
+Die alte Frau wendete sich an den ersten Besten, der vorüberging. „Was
+hat dies zu bedeuten?“ fragte sie. „Ist Tiberius tot? Haben wir einen
+andern Kaiser?“
+
+„Nein,“ antwortete der Römer, „Tiberius ist noch Kaiser, aber wir
+haben aufgehört, für ihn zu beten. Unsere Gebete können ihm nicht mehr
+frommen.“
+
+„Mein Freund,“ sagte die Alte, „ich wohne weit von hier in den Bergen,
+wo man nichts davon erfährt, was sich draußen in der Welt zuträgt.
+Willst du mir nicht sagen, welches Unglück den Kaiser getroffen hat?“
+
+„Das furchtbarste Unglück,“ erwiderte der Mann. „Er ist von einer
+Krankheit befallen worden, die bisher in Italien unbekannt war, die
+aber im Morgenlande häufig sein soll. Seit diese Seuche über den Kaiser
+gekommen ist, hat sich sein Gesicht verwandelt, seine Stimme ist wie
+die Stimme eines grunzenden Tiers, und seine Zehen und Finger werden
+zerfressen. Und gegen diese Krankheit soll es kein Mittel geben. Man
+glaubt, daß er in ein paar Wochen tot sein wird, wenn er aber nicht
+stirbt, so muß man ihn absetzen, denn ein so kranker, elender Mann kann
+nicht weiter regieren. Du begreifst also, daß sein Schicksal besiegelt
+ist. Es nützt nichts, die Götter um Glück für ihn anzuflehen. Und es
+lohnt sich auch nicht,“ fügte er mit leisem Lächeln hinzu. „Niemand hat
+von ihm noch etwas zu fürchten oder zu hoffen. Warum sollten wir uns
+also um seinetwillen Mühe machen?“
+
+Er grüßte und ging, doch die Alte blieb wie betäubt stehen.
+
+Zum erstenmal in ihrem Leben brach sie zusammen und sah aus wie
+eine, die das Alter besiegt hat. Sie stand mit gebeugtem Rücken und
+zitterndem Kopfe da, und mit Händen, die kraftlos in der Luft tasteten.
+
+Sie sehnte sich, von dieser Stelle fortzukommen, aber sie hob die Füße
+nur langsam und bewegte sich strauchelnd vorwärts. Sie sah sich um, um
+etwas zu finden, was sie als Stab gebrauchen könnte.
+
+Nach einigen Augenblicken gelang es ihr doch, mit ungeheurer
+Willensanstrengung die Mattigkeit zurückzudrängen. Sie richtete
+sich wieder empor und zwang sich, mit festen Schritten durch die
+menschenerfüllten Gassen zu gehen.
+
+
+IV
+
+Eine Woche später wanderte die alte Faustina die steilen Abhänge der
+Insel Capreae hinan. Es war ein heißer Tag, und das furchtbare Gefühl
+des Alters und der Mattigkeit überkam sie wieder, während sie die
+geschlängelten Pfade und die in die Felsen gehauenen Stufen erklomm,
+die zu der Villa des Tiberius führten.
+
+Dieses Gefühl steigerte sich noch, als sie zu merken anfing, wie sehr
+sich alles während der Zeit, die sie fern gewesen war, verändert
+hatte. Früher waren immer große Scharen von Menschen diese Treppen
+hinauf und heruntergeeilt. Es hatte hier von Senatoren gewimmelt,
+die sich von riesigen Lybiern tragen ließen; von Sendboten aus
+den Provinzen, die von langen Sklavenzügen geleitet ankamen; von
+Stellensuchenden und von vornehmen Männern, die eingeladen waren, an
+den Festen des Kaisers teilzunehmen.
+
+Aber heute waren diese Treppen und Gänge ganz verödet. Die graugrünen
+Eidechsen waren die einzigen lebenden Wesen, die die alte Frau auf
+ihrem Wege bemerkte.
+
+Sie staunte, daß alles bereits zu verfallen schien. Die Krankheit des
+Kaisers konnte höchstens ein paar Monate gedauert haben, und doch war
+schon Unkraut in den Spalten zwischen den Marmorfliesen emporgewuchert.
+Edle Gewächse in schönen Vasen waren schon vertrocknet, und mutwillige
+Zerstörer, denen niemand Einhalt getan hatte, hatten an ein paar
+Stellen die Balustrade niedergebrochen.
+
+Aber am allerseltsamsten däuchte sie doch die völlige Menschenleere.
+Wenn es auch Fremdlingen verboten war, sich auf der Insel sehen zu
+lassen, so mußten sie doch wohl noch da sein, diese unendlichen Scharen
+von Kriegsknechten und Sklaven, von Tänzerinnen und Musikanten, von
+Köchen und Tafeldeckern, von Palastwachen und Gartenarbeitern, die zum
+Haushalt des Kaisers gehörten.
+
+Erst als Faustina die oberste Terrasse erreichte, erblickte sie ein
+paar alte Sklaven, die auf den Treppenstufen vor der Villa saßen. Als
+sie sich ihnen näherte, erhoben sie sich und neigten sich vor ihr.
+
+„Sei gegrüßt, Faustina,“ sagte der eine. „Ein Gott schickt dich, um
+unser Unglück zu lindern.“
+
+„Was ist dies, Milo?“ fragte Faustina. „Warum ist es hier so öde? Man
+hat mir doch gesagt, daß Tiberius noch auf Capreae weile?“
+
+„Der Kaiser hat alle seine Sklaven vertrieben, weil er den Verdacht
+hegt, einer von uns habe ihm vergifteten Wein zu trinken gegeben, und
+dies habe die Krankheit hervorgerufen. Er hätte auch mich und Tito
+fortgejagt, wenn wir uns nicht geweigert hätten, ihm zu gehorchen. Und
+du weißt doch, daß wir unser ganzes Leben lang dem Kaiser und seiner
+Mutter gedient haben.“
+
+„Ich frage nicht nur nach Sklaven,“ sagte Faustina. „Wo sind die
+Senatoren und Feldherrn? Wo sind des Kaisers Vertraute und alle
+schmeichelnden Speichellecker?“
+
+„Tiberius will sich nicht mehr vor Fremden zeigen,“ sagte der Sklave.
+„Der Senator Lucius und Macro, der Anführer der Leibwache, kommen jeden
+Tag her und nehmen seine Befehle entgegen. Sonst darf sich ihm niemand
+nahen.“
+
+Faustina hatte die Treppe erstiegen, um in das Landhaus einzutreten.
+Der Sklave schritt ihr voran, und im Gehen fragte sie ihn:
+
+„Was sagen die Ärzte über Tiberii Krankheit?“
+
+„Keiner von ihnen versteht diese Krankheit zu behandeln. Sie wissen
+nicht einmal, ob sie rasch oder langsam tötet. Aber eins kann ich dir
+sagen, Faustina, daß Tiberius sterben muß, wenn er sich weiter weigert,
+Nahrung zu sich zu nehmen, aus Furcht, daß sie vergiftet sein könnte.
+Und ich weiß, daß ein kranker Mann es nicht aushalten kann, Tag und
+Nacht zu wachen, wie der Kaiser tut, aus Angst, im Schlafe ermordet
+zu werden. Wenn er dir vertrauen will wie in frühern Tagen, wird es
+dir vielleicht gelingen, ihn zum Essen und Schlafen zu bewegen. Damit
+kannst du sein Leben um viele Tage verlängern.“
+
+Der Sklave führte Faustina durch mehrere Gänge und Höfe zu einer
+Terrasse, auf der Tiberius sich aufzuhalten pflegte, um die Aussicht
+über die schönen Meeresbuchten und den stolzen Vesuv zu genießen.
+
+Als Faustina die Terrasse betrat, sah sie dort ein grausiges Wesen
+mit aufgeschwollenem Gesicht und tierischen Zügen. Seine Hände und
+Füße waren mit weißen Binden umwickelt, aber aus den Binden kamen halb
+abgefressene Finger und Zehen hervor. Und die Kleider dieses Menschen
+waren staubig und besudelt. Man sah, daß er nicht imstande war,
+aufrecht zu gehen, sondern über die Terrasse hatte kriechen müssen.
+Er lag mit geschlossenen Augen am äußersten Ende der Balustrade und
+regte sich nicht, als der Sklave und Faustina herankamen. Doch Faustina
+flüsterte dem Sklaven, der ihr voranschritt, zu: „Aber, Milo, wie kann
+sich ein solcher Mensch hier auf der Kaiserterrasse aufhalten? Eile
+dich, ihn von hier fortzuschaffen!“
+
+Aber kaum hatte sie dies gesagt, als sie sah, wie der Sklave sich vor
+dem liegenden, elenden Menschen tief zur Erde neigte.
+
+„Cäsar Tiberius,“ sagte er, „endlich habe ich dir frohe Kunde zu
+bringen.“
+
+Zugleich wendete sich der Sklave an Faustina, prallte aber betroffen
+zurück und konnte kein Wort mehr hervorbringen.
+
+Er sah nicht mehr die stolze Matrone, die so stark ausgesehen
+hatte, daß man erwarten konnte, ihr Alter werde dem einer
+Sibylle gleichkommen. In diesem Augenblick war sie in kraftloser
+Greisenhaftigkeit zusammengesunken, und der Sklave sah ein gebeugtes
+Mütterchen mit trübem Blick und tastenden Händen vor sich.
+
+Denn wohl hatte man Faustina gesagt, daß der Kaiser furchtbar verändert
+sei, aber sie hatte doch keinen Augenblick aufgehört, sich ihn als
+den kräftigen Mann zu denken, der er gewesen war, als sie ihn das
+letzte Mal gesehen hatte. Sie hatte auch jemand sagen hören, daß diese
+Krankheit langsam wirke, und daß sie Jahre brauche, um einen Menschen
+zu verwandeln. Aber hier war sie mit solcher Heftigkeit vorgeschritten,
+daß sie den Kaiser in wenigen Monden schon unkenntlich gemacht hatte.
+
+Sie wankte auf den Kaiser zu. Sie vermochte nicht zu sprechen, sondern
+stand stumm neben ihm und weinte.
+
+„Bist du endlich gekommen, Faustina?“ sagte er, ohne die Augen zu
+öffnen. „Ich lag da und wähnte, du stündest hier und weintest über
+mich. Ich wage nicht aufzublicken, aus Furcht, daß dies nur ein
+Trugbild gewesen sein könnte.“
+
+Da setzte sich die Alte neben ihn. Sie hob seinen Kopf empor und
+bettete ihn in ihren Schoß.
+
+Aber Tiberius blieb still liegen, ohne sie anzusehen. Ein Gefühl süßen
+Friedens erfüllte ihn, und im nächsten Augenblicke versank er in
+ruhigen Schlummer.
+
+
+V
+
+Einige Wochen später wanderte einer der Sklaven des Kaisers der
+einsamen Hütte in den Sabiner Bergen zu. Der Abend brach an, und der
+Winzer und seine Frau standen in ihrer Tür und sahen die Sonne im
+fernen Westen sinken. Der Sklave bog vom Wege ab und kam heran und
+grüßte sie. Dann zog er einen schweren Beutel hervor, der ihm im Gürtel
+stak und legte ihn dem Manne in die Hand.
+
+„Dieses schickt dir Faustina, die alte Frau, der du Barmherzigkeit
+erwiesen hast,“ sagte der Sklave. „Sie läßt dir sagen, du mögest dir
+für dieses Geld einen eignen Weinberg kaufen und dir eine Wohnung
+erbauen, die nicht so hoch oben in den Lüften liegt, wie die Horste der
+Adler.“
+
+„Die alte Faustina lebt also wirklich noch?“ sagte der Mann. „Wir
+haben sie in Klüften und Sümpfen gesucht. Als sie nicht zu uns
+zurückkehrte, glaubte ich, sie hätte in diesen elenden Bergen den Tod
+gefunden.“
+
+„Erinnerst du dich nicht,“ fiel die Frau ein, „daß ich nicht glauben
+wollte, daß sie tot sei? Habe ich dir nicht gesagt, sie würde zum
+Kaiser zurückgekehrt sein?“
+
+„Ja,“ gab der Mann zu, „so sagtest du wirklich, und ich freue mich, daß
+du recht behalten hast, nicht nur, weil Faustina dadurch reich genug
+geworden ist, um uns aus unsrer Armut zu retten, sondern auch um des
+armen Kaisers willen.“
+
+Der Sklave wollte nun sogleich Abschied nehmen, um bewohnte Gegenden
+zu erreichen, bevor die Dunkelheit anbräche, aber dies ließen die
+beiden Eheleute nicht zu. „Du mußt bis zum Morgen bei uns bleiben,“
+sagten sie, „wir können dich nicht ziehen lassen, ehe du uns alles
+erzählt hast, was Faustina widerfahren ist. Warum ist sie zum Kaiser
+zurückgekehrt? Wie war ihre Begegnung? Sind sie nun glücklich, daß sie
+wieder vereint sind?“
+
+Der Sklave gab ihren Bitten nach. Er trat mit ihnen in die Hütte, und
+beim Abendbrot erzählte er von der Krankheit des Kaisers und Faustinas
+Rückkehr.
+
+Als der Sklave seine Erzählung beendet hatte, sah er, wie der Mann und
+die Frau regungslos und staunend sitzen blieben. Ihre Blicke waren zu
+Boden geschlagen, gleichsam, um die Erregung nicht zu verraten, die
+sich ihrer bemächtigt hatte.
+
+Endlich sah der Mann auf und sagte zu seinem Weibe: „Glaubst du nicht,
+daß dies eine Fügung Gottes ist?“
+
+„Ja,“ sagte die Frau, „sicherlich hat uns der Herr um dessentwillen
+über das Meer in diese Hütte gesendet. Gewiß war dies seine Absicht,
+als er die alte Frau an unsre Tür führte.“
+
+Sowie die Frau diese Worte gesprochen hatte, wendete sich der Winzer
+wieder an den Sklaven.
+
+„Freund,“ sagte er zu ihm. „Du sollst Faustina eine Botschaft von mir
+bringen! Sag ihr dies, Wort für Wort! Solches kündet dir dein Freund,
+der Winzer aus den Sabiner Bergen. Du hast die junge Frau gesehen, die
+mein Weib ist. Schien sie dir nicht hold in Schönheit und blühend in
+Gesundheit? Und doch hat diese junge Frau einmal an derselben Krankheit
+gelitten, die nun Tiberius befallen hat.“
+
+Der Sklave machte eine Bewegung des Staunens, aber der Winzer fuhr mit
+immer größerm Nachdruck fort.
+
+„Wenn Faustina sich weigert, meinen Worten Glauben zu schenken, so
+sag ihr, daß meine Frau und ich aus Palästina in Asien stammen, einem
+Lande, wo diese Krankheit häufig vorkommt. Und dort ist ein Gesetz, daß
+die Aussätzigen aus Städten und Dörfern vertrieben werden und auf öden
+Plätzen wohnen und ihre Zuflucht in Gräbern und Felsenhöhlen suchen
+müssen. Sage Faustina, daß mein Weib von kranken Eltern stammt und in
+einer Felsenhöhle geboren wurde. Und solange sie noch ein Kind war, war
+sie gesund, aber als sie zur Jungfrau heranwuchs, wurde sie von der
+Krankheit befallen.“
+
+Als der Winzer dies gesagt hatte, neigte der Sklave freundlich lächelnd
+das Haupt und sagte zu ihm: „Wie willst du, daß Faustina dies glaube?
+Sie hat ja deine Frau in ihrer Gesundheit und Blüte gesehen? Und sie
+weiß ja, daß es kein Heilmittel gegen diese Krankheit gibt.“
+
+Doch der Mann erwiderte: „Es wäre das beste für sie, wenn sie mir
+glauben wollte. Aber ich bin auch nicht ohne Zeugen. Sie möge
+Kundschafter hinüber nach Nazareth in Galiläa senden. Da wird jeder
+Mensch meine Aussage bestätigen!“
+
+„Ist deine Frau vielleicht durch das Wunderwerk irgend eines Gottes
+geheilt worden?“ fragte der Sklave.
+
+„Ja,“ antwortete der Arbeiter, „wie du sagst, so ist es. Eines Tages
+verbreitete sich ein Gerücht unter den Kranken, die in der Wildnis
+wohnten: ‚Sehet, es ist ein großer Prophet erstanden, in der Stadt
+Nazareth in Galiläa. Er ist voll der Kraft von Gottes Geist, und er
+kann eure Krankheit heilen, wenn er nur seine Hand auf eure Stirn
+legt.‘ Aber die Kranken, die in ihrem Elend lagen, wollten nicht
+glauben, daß dieses Gerücht Wahrheit sei. ‚Uns kann niemand heilen,‘
+sagten sie. ‚Seit den Tagen der großen Propheten hat niemand einen von
+uns aus seinem Unglück retten können.‘
+
+Aber es war eine unter ihnen, die glaubte, und diese eine war eine
+Jungfrau. Sie ging von den andern fort, um den Weg in die Stadt
+Nazareth zu suchen, wo der Prophet weilte. Und eines Tages, als sie
+über weite Ebnen wanderte, begegnete sie einem Manne, der hochgewachsen
+war und ein bleiches Gesicht hatte, und dessen Haar in blanken,
+schwarzen Locken lag. Seine dunkeln Augen leuchteten gleich Sternen
+und zogen sie zu ihm hin. Aber bevor sie sich noch begegneten, rief
+sie ihm zu: ‚Komm mir nicht nahe, denn ich bin eine Unreine, aber sage
+mir, wo kann ich den Propheten aus Nazareth finden?‘ Aber der Mann fuhr
+fort, ihr entgegenzugehen, und als er dicht vor ihr stand, sagte er: --
+‚Warum suchest du den Propheten aus Nazareth?‘ -- ‚Ich suche ihn, auf
+daß er seine Hand auf meine Stirn lege und mich von meiner Krankheit
+heile.‘ Da trat der Mann heran und legte seine Hand auf ihre Stirn. --
+Aber sie sprach zu ihm: ‚Was frommt es mir, daß du deine Hand auf meine
+Stirn legst? Du bist doch kein Prophet?‘ -- Da lächelte er ihr zu und
+sagte: ‚Gehe jetzt zur Stadt, die dort auf dem Bergesabhang liegt und
+zeige dich den Priestern.‘
+
+Die Kranke dachte bei sich selbst: Er treibt seinen Spott mit mir,
+weil ich glaube, daß ich geheilt werden kann. Von ihm kann ich nicht
+erfahren, was ich wissen will. Und sie ging weiter. Gleich darauf sah
+sie einen Mann, der zur Jagd auszog, über das weite Feld reiten. Als
+er ihr so nah gekommen war, daß er sie hören konnte, rief sie ihm zu:
+‚Komme nicht zu mir her, denn ich bin eine Unreine, aber sage mir, wo
+ich den Propheten aus Nazareth finden kann?‘ -- ‚Was willst du von
+dem Propheten?‘ fragte sie der Mann und ritt langsam auf sie zu. --
+‚Ich will nur, daß er seine Hand auf meine Stirn lege und mich gesund
+mache von meiner Krankheit.‘ Aber der Mann ritt noch näher. -- ‚Von
+welcher Krankheit willst du geheilt werden?‘ sagte er. ‚Du bedarfst
+doch keines Arztes.‘ -- ‚Siehst du nicht, daß ich eine Unreine bin?‘
+sagte sie. ‚Ich stamme von kranken Eltern und bin in einer Felsenhöhle
+geboren.‘ Aber der Mann ließ sich nicht abhalten, auf sie zuzureiten,
+denn sie war hold und lieblich, wie eine eben erblühte Blume. -- ‚Du
+bist die schönste Jungfrau im Lande Juda,‘ rief er. -- ‚Treibe nicht
+auch du deinen Spott mit mir,‘ sagte sie. ‚Ich weiß, daß meine Züge
+zerfressen sind und meine Stimme wie das Heulen eines wilden Tieres
+klingt.‘ Aber er sah ihr tief in die Augen und sprach zu ihr: ‚Deine
+Stimme ist klingend wie die Stimme des Frühlingsbächleins, wenn es
+über Kieselsteine rieselt, und dein Gesicht ist glatt wie ein Tuch aus
+weicher Seide.‘
+
+Zugleich ritt er so nahe an sie heran, daß sie ihr Gesicht in den
+blanken Beschlägen sehen konnte, die seinen Sattel zierten. ‚Du sollst
+dich hier spiegeln,‘ sagte er. Sie tat es, und sie sah ein Gesicht, das
+zart und weich war, wie ein eben entfalteter Schmetterlingsflügel. --
+‚Was ist dies, was ich sehe?‘ sagte sie. ‚Das ist nicht mein Gesicht.‘
+‚Doch, es ist dein Gesicht,‘ sagte der Reiter. -- ‚Aber meine Stimme,
+klingt sie nicht röchelnd? Klingt sie nicht, wie wenn Wagen über einen
+steinigen Weg gezogen werden?‘ -- ‚Nein, sie klingt wie die süßesten
+Weisen eines Harfenspielers,‘ sagte der Reiter.
+
+Sie wendete sich und wies über den Weg. ‚Weißt du, wer der Mann ist,
+der eben jetzt zwischen den zwei Eichen verschwindet?‘ fragte sie
+den Reiter. ‚Er ist es, nach dem du vorhin fragtest, der Prophet aus
+Nazareth,‘ sagte der Mann. Da schlug sie staunend die Hände zusammen,
+und ihre Augen füllten sich mit Tränen. ‚Oh, du Heiliger! Oh, du Träger
+von Gottes Macht!‘ rief sie. ‚Du hast mich geheilt!‘
+
+Aber der Reiter hob sie in den Sattel und führte sie zu der Stadt auf
+dem Bergesabhang und ging mit ihr zu den Ältesten und Priestern und
+berichtete ihnen, wie er sie gefunden hatte. Sie befragten ihn genau
+nach allem, aber als sie hörten, daß die Jungfrau in der Wildnis von
+kranken Eltern geboren war, da wollten sie nicht glauben, daß sie
+geheilt sei. ‚Gehe dorthin zurück, von wannen du gekommen bist,‘ sagten
+sie. ‚Wenn du krank warst, mußt du es dein ganzes Leben lang bleiben.
+Du sollst nicht hierher in die Stadt kommen, um uns andre mit deiner
+Krankheit anzustecken!‘
+
+Sie sagte zu ihnen: ‚Ich weiß, daß ich gesund bin, denn der Prophet aus
+Nazareth hat seine Hand auf meine Stirn gelegt.‘
+
+Als sie dies hörten, riefen sie: ‚Wer ist er, daß er die Unreinen rein
+machen könnte? Alles dies ist ein Blendwerk böser Geister. Kehre
+zurück zu den Deinen, auf daß du nicht uns alle ins Verderben stürzest!‘
+
+Sie wollten sie nicht für geheilt erklären, und sie verboten ihr, in
+der Stadt zu verweilen. Sie verordneten, daß jeglicher, der ihr Schutz
+gewähre, gleichfalls als unrein erklärt werde.
+
+Als die Priester dieses Urteil gefällt hatten, sagte die junge Jungfrau
+zu dem Manne, der sie draußen auf dem Felde gefunden hatte: ‚Wohin soll
+ich mich wenden? Muß ich zurück in die Wildnis zu den Kranken gehen?‘
+
+Aber der Mann hob sie wieder auf sein Pferd und sprach zu ihr: ‚Nein
+wahrlich, du sollst nicht zu den Kranken in ihre Felshöhlen gehen,
+sondern wir beide wollen fortziehen, über das Meer in ein andres Land,
+wo es nicht Gesetze gibt für Reine und Unreine.‘ Und sie -- --“
+
+Aber als der Winzer in seiner Erzählung so weit gekommen war, erhob
+sich der Sklave und fiel ihm in die Rede. „Du brauchst mir nichts mehr
+zu erzählen,“ sagte er. „Stehe lieber auf und führe mich ein Stück
+Weges, du, der die Berge kennt, damit ich noch in dieser Nacht meine
+Heimfahrt antreten kann und nicht bis zum Morgen zu warten brauche. Der
+Kaiser und Faustina können deine Nachrichten nicht einen Augenblick zu
+früh erfahren.“
+
+Als der Winzer dem Sklaven das Geleit gegeben hatte und wieder in die
+Hütte heimkam, fand er seine Frau noch wach.
+
+„Ich kann nicht schlafen,“ sagte sie, „ich denke daran, daß diese
+beiden sich begegnen werden. Er, der alle Menschen liebt, und er, der
+sie haßt. Es ist, als müßte diese Begegnung die Welt aus ihrer Bahn
+schleudern.“
+
+
+VI
+
+Die alte Faustina war in dem fernen Palästina, auf dem Wege nach
+Jerusalem. Sie hatte nicht gewollt, daß der Auftrag, den Propheten zu
+suchen und ihn zum Kaiser zu führen, einem andern als ihr anvertraut
+werde. Sicherlich hatte sie bei sich selbst gedacht: Was wir von diesem
+fremden Manne verlangen, ist etwas, was wir ihm weder durch Gewalt noch
+durch Gaben entlocken können. Aber vielleicht gewährt er es uns, wenn
+jemand ihm zu Füßen fällt und ihm sagt, in welcher Not sich der Kaiser
+befindet. Und wer kann die rechte Fürbitte für Tiberius tun, wenn nicht
+die, die unter seinem Unglück ebenso schwer leidet wie er selbst.
+
+Die Hoffnung, Tiberius vielleicht retten zu können, hatte die alte Frau
+verjüngt. Ohne Schwierigkeit hatte sie die lange Seereise nach Joppe
+überstanden, und auf der Fahrt nach Jerusalem bediente sie sich nicht
+eines Tragsessels, sondern sie ritt. Sie schien die beschwerliche Reise
+ebenso leicht zu ertragen, wie die edeln Römer, die Krieger und die
+Sklaven, die ihr Gefolge bildeten.
+
+Diese Fahrt von Joppe nach Jerusalem erfüllte das Herz der alten Frau
+mit Freude und lichter Hoffnung. Es war die Zeit des Frühlings, und
+die Ebne von Saron, die sie auf der ersten Tagesreise durchritten
+hatten, war ein einziger leuchtender Blumenteppich gewesen. Auch auf
+der Fahrt des zweiten Tages, als sie in die Berge von Judäa eindrangen,
+verließen die Blumen sie nicht. Alle die vielförmigen Hügel, zwischen
+denen der Weg sich durchschlängelte, waren mit Obstbäumen bepflanzt,
+die in reichster Blüte standen. Und wenn die Reisenden es müde wurden,
+die weißrosigen Blüten der Aprikosen und Pfirsichbäume zu betrachten,
+konnten sie ihre Augen erquicken, indem sie sie auf dem jungen Weinlaub
+ruhen ließen, das aus den schwarzbraunen Reben hervorquoll und dessen
+Wachstum so rasch war, daß man es mit den Augen verfolgen zu können
+meinte.
+
+Aber nicht nur Blumen und Frühlingsgrün machten die Wanderung lieblich.
+Der größte Reiz wurde ihr von allen den Menschenscharen verliehen, die
+an diesem Morgen auf dem Wege nach Jerusalem waren. Von allen Wegen
+und Stegen, von einsamen Höhen und aus den fernsten Winkeln der Ebene
+kamen Wandrer. Wenn sie die Straße nach Jerusalem erreicht hatten,
+schlossen sich die einzelnen Reisenden zu großen Scharen zusammen und
+zogen unter frohem Jubel dahin. Rings um einen alten Mann, der auf
+einem schaukelnden Kamele ritt, gingen seine Söhne und Töchter, seine
+Eidame und Schwiegertöchter, und alle seine Enkelkinder. Es war ein so
+großes Geschlecht, daß es ein ganzes kleines Heer bildete. Eine alte
+Mutter, die zu schwach war, um zu gehen, hatten die Söhne auf ihre
+Arme gehoben, und sie ließ sich stolz durch die ehrfürchtig zur Seite
+weichenden Scharen tragen.
+
+Das war in Wahrheit ein Morgen, der selbst den Betrübtesten mit
+Freude erfüllen konnte. Der Himmel war freilich nicht klar, sondern
+mit einer dünnen weißgrauen Wolkenschicht überzogen, aber keinem der
+Wandrer kam es in den Sinn, sich zu beklagen, daß der harte Glanz
+der Sonne gedämpft war. Unter diesem verschleierten Himmel strömten
+die Wohlgerüche der blühenden Bäume und des jungen Laubes nicht so
+rasch wie sonst in den weiten Raum, sondern sie verweilten über Wegen
+und Fluren. Und dieser schöne Tag, der mit seinem schwachen Licht
+und seinen reglosen Winden an die Ruhe und den Frieden der Nacht
+gemahnte, schien allen den vorwärtseilenden Menschenscharen etwas von
+seinem Wesen mitzuteilen, so daß sie fröhlich, aber doch weihevoll
+weiterzogen, mit gedämpfter Stimme uralte Hymnen singend, oder auf
+seltsamen, altertümlichen Instrumenten spielend, aus denen Töne kamen,
+die gleich dem Summen der Mücken oder dem Zirpen der Heimchen waren.
+
+Wie die alte Faustina zwischen allen diesen Menschen dahinritt, wurde
+auch sie von ihrem Eifer und ihrer Freude mitgerissen. Sie trieb ihren
+Zelter zu größerer Eile, während sie zu einem jungen Römer, der sich
+an ihrer Seite hielt, sagte: „Mir träumte heute nacht, daß ich Tiberius
+sähe und er mich bäte, die Reise ja nicht aufzuschieben, sondern gerade
+heute nach Jerusalem zu ziehen. Mich dünkt, die Götter wollten mir eine
+Mahnung schicken, es nicht zu verabsäumen, an diesem schönen Morgen
+hinzuwandern.“
+
+Als sie diese Worte sprach, hatten sie gerade die höchste Höhe eines
+langgestreckten Bergrückens erreicht, und dort hielt sie unwillkürlich
+an. Vor ihr lag ein großer, tiefer Talkessel, von schönen Anhöhen
+umkränzt, und aus der dunkeln, schattigen Tiefe dieses Tales hob sich
+der gewaltige Fels, der auf seinem Gipfel die Stadt Jerusalem trug.
+
+Aber das enge Bergstädtchen, das mit seinen Mauern und Türmen einem
+krönenden Geschmeide gleich auf der flachen Höhe des Felsens lag,
+war an diesem Tage tausendfältig vergrößert. Alle die rings um das
+Tal ansteigenden Höhen waren von bunten Zelten und einem Gewühl von
+Menschen bedeckt.
+
+Es wurde Faustina klar, daß die ganze Bevölkerung des Landes sich in
+Jerusalem sammelte, um irgend ein großes Fest zu feiern. Die entfernter
+Wohnenden waren schon angelangt und hatten ihre Zelte aufgeschlagen.
+Die hingegen in der Nachbarschaft der Stadt wohnten, waren noch im
+Anzuge. Alle die lichten Bergeshöhen hinunter sah man sie kommen,
+gleich einem ununterbrochenen Strome von weißen Gewändern, Gesängen und
+Festesfreude.
+
+Lange überschaute die alte Frau diese heranströmenden Menschenmengen
+und die langen Zeltreihen. Dann sagte sie zu dem jungen Römer, der an
+ihrer Seite ritt:
+
+„Wahrlich, Sulpicius, das ganze Volk muß nach Jerusalem gekommen sein.“
+
+„Es ist in Wirklichkeit so,“ antwortete der Römer, der von Tiberius
+ausersehen worden war, Faustina zu geleiten, weil er mehrere Jahre lang
+in Judäa gelebt hatte. „Sie feiern jetzt das große Frühlingsfest, und
+da ziehen alle Menschen, jung und alt, nach Jerusalem.“
+
+Faustina besann sich einen Augenblick. „Ich freue mich, daß wir an dem
+Tage in diese Stadt gekommen sind, wo das Volk seinen Feiertag begeht,“
+sagte sie. „Dies kann nichts andres bedeuten, als daß die Götter unsere
+Fahrt beschützen. Hältst du es nicht für wahrscheinlich, daß er, den
+wir suchen, der Prophet aus Nazareth, auch nach Jerusalem gekommen ist,
+um an dem Feste teilzunehmen?“
+
+„Du hast wirklich recht, Faustina,“ sagte der Römer. „Er ist vermutlich
+hier in Jerusalem. Dies ist in Wahrheit eine Fügung der Götter. So
+stark und kräftig du auch bist, du kannst dich doch glücklich preisen,
+wenn du nicht die lange, beschwerliche Reise nach Galiläa hinauf machen
+mußt.“
+
+Er ritt sogleich auf ein paar Wandrer zu, die eben vorbeizogen und
+fragte sie, ob sie glaubten, daß der Prophet aus Nazareth sich in
+Jerusalem befinde.
+
+„Wir haben ihn jedes Jahr um diese Zeit dort gesehen,“ antwortete
+einer der Wandersleute. „Sicherlich ist er auch dieses Jahr gekommen,
+denn er ist ein frommer und gerechter Mann.“
+
+Eine Frau streckte die Hand aus und wies auf eine Höhe, die östlich
+von der Stadt lag. „Siehst du diesen Bergabhang, der mit Olivenbäumen
+bewachsen ist?“ sagte sie. „Dort pflegen die Galiläer ihre Zelte
+aufzuschlagen, und da erhältst du die sichersten Nachrichten über den,
+den du suchst.“
+
+Sie zogen weiter, einen geschlängelten Pfad bis in die Tiefe des Tales
+hinunter und begannen dann, den Berg Zion emporzureiten, um die Stadt
+auf seinem Gipfel zu erreichen.
+
+Der steil ansteigende Weg war hier von niedrigen Mauern umsäumt, und
+auf ihnen saßen und lagen eine unzählige Menge Bettler und Krüppel, die
+die Barmherzigkeit der Reisenden anriefen.
+
+Während der langsamen Fahrt kam eine der jüdischen Frauen auf Faustina
+zu. „Sieh dort,“ sagte sie und wies auf einen Bettler, der auf der
+Mauer saß, „dies ist ein galiläischer Mann. Ich erinnere mich, ihn
+unter den Jüngern des Propheten gesehen zu haben. Er kann dir sagen, wo
+der zu finden ist, den du suchst.“
+
+Faustina ritt mit Sulpicius auf den Mann zu, den man ihr gezeigt hatte.
+Es war ein armer alter Mann mit großem, graugesprenkeltem Barte. Sein
+Gesicht war von Hitze und Sonnenschein gebräunt, und seine Hände waren
+schwielig von der Arbeit. Er begehrte keine Almosen, sondern schien
+im Gegenteil so tief in kummervolle Gedanken versunken zu sein, daß er
+nicht einmal zu den Vorüberziehenden aufsah.
+
+Er hörte auch nicht, daß Sulpicius ihn ansprach, sondern dieser mußte
+seine Frage ein paarmal wiederholen.
+
+„Mein Freund, man hat mir gesagt, daß du ein Galiläer seist. Ich bitte
+dich, sage mir, wo kann ich den Propheten aus Nazareth finden?“
+
+Der Galiläer fuhr heftig zusammen und sah sich verwirrt um. Aber als er
+endlich begriff, was man von ihm verlangte, geriet er in einen Zorn,
+in den sich Entsetzen mischte. „Was sagst du da?“ brach er los. „Warum
+fragst du mich nach dem Manne? Ich weiß nichts von ihm. Ich bin kein
+Galiläer.“
+
+Die jüdische Frau mischte sich jetzt ins Gespräch. „Ich habe dich doch
+mit ihm gesehen,“ fiel sie ein. „Hege keine Furcht, sondern sage dieser
+vornehmen Römerin, die die Freundin des Kaisers ist, wo sie ihn schnell
+finden kann.“
+
+Aber der erschrockene Jünger wurde immer erbitterter. „Sind heute alle
+Menschen wahnsinnig geworden?“ rief er. „Sind sie von einem bösen
+Geiste besessen, da sie einer um den andern kommen und mich nach diesem
+Manne fragen? Warum will mir niemand glauben, wenn ich sage, daß ich
+den Propheten nicht kenne? Ich bin nicht aus seinem Lande gekommen. Ich
+habe ihn niemals gesehen.“
+
+Seine Heftigkeit zog die Aufmerksamkeit auf ihn, und ein paar Bettler,
+die neben ihm auf der Mauer saßen, begannen gleichfalls seine Worte zu
+bestreiten.
+
+„Freilich hast du zu seinen Jüngern gehört,“ sagten sie. „Wir wissen
+alle, daß du mit ihm aus Galiläa gekommen bist.“
+
+Aber der Mann streckte beide Arme zum Himmel empor und rief: „Ich habe
+es heute in Jerusalem nicht aushalten können um dieses Mannes willen,
+und jetzt lassen sie mich nicht einmal hier draußen unter den Bettlern
+in Frieden. Warum wollt ihr mir nicht glauben, wenn ich euch sage, daß
+ich ihn nie gesehen habe?“
+
+Faustina wendete sich mit einem Achselzucken ab. „Laß uns
+weiterziehen,“ sagte sie. „Dieser Mann ist ja wahnsinnig. Von ihm
+können wir nichts erfahren.“
+
+Sie zogen weiter, den Bergeshang hinauf. Faustina war nicht mehr als
+zwei Schritte vom Stadttor entfernt, als die israelitische Frau, die
+ihr hatte helfen wollen, den Propheten zu finden, ihr zurief, sie
+solle sich in acht nehmen. Sie zog die Zügel an und sah, daß dicht vor
+den Füßen der Pferde ein Mann auf dem Wege lag. Wie er da im Staube
+ausgestreckt lag, gerade da, wo das Gedränge am lebhaftesten wogte,
+mußte man es ein Wunder nennen, daß er nicht schon von Tieren oder
+Menschen niedergetreten war.
+
+Der Mann lag auf dem Rücken und starrte mit erloschenen, glanzlosen
+Blicken empor. Er regte sich nicht, obgleich die Kamele ihre schweren
+Füße dicht neben ihm niedersetzten. Er war ärmlich gekleidet und
+überdies mit Staub und Erde besudelt. Ja, er hatte so viel Sand über
+sich geschüttet, daß es aussah, als suche er sich zu verbergen, um
+leichter überritten oder niedergetreten zu werden.
+
+„Was ist dies? Warum liegt dieser Mann hier auf dem Wege?“ fragte
+Faustina.
+
+In demselben Augenblicke begann der Liegende die Vorübergehenden
+anzurufen. „Bei eurer Barmherzigkeit, Brüder und Schwestern, führet
+eure Pferde und Lasttiere über mich hin! Weichet mir nicht aus!
+Zertretet mich zu Staub! Ich habe unschuldig Blut verraten. Zertretet
+mich zu Staub!“
+
+Sulpicius faßte Faustinas Pferd am Zügel und führte es zur Seite. „Das
+ist ein Sünder, der Buße tun will,“ sagte er. „Lasse dich dadurch nicht
+aufhalten. Diese Leute sind wunderlich, und man muß sie ihre eignen
+Wege gehen lassen.“
+
+Der Mann auf dem Wege fuhr fort zu rufen: „Setzet eure Fersen auf mein
+Herz! Lasset die Kamele meine Brust zertreten und den Esel seine Hufe
+in meine Augen versenken!“
+
+Aber Faustina brachte es nicht über sich, an diesem Elenden
+vorbeizureiten, ohne zu versuchen, ob sie ihn nicht bewegen könnte,
+aufzustehen. Sie hielt noch immer neben ihm.
+
+Die israelitische Frau, die ihr schon einmal hatte dienen wollen,
+drängte sich jetzt wieder an sie heran. „Dieser Mann hat auch zu den
+Jüngern des Propheten gehört,“ sagte sie. „Willst du, daß ich ihn nach
+seinem Meister frage?“
+
+Faustina nickte, und die Frau beugte sich über den Liegenden.
+
+„Was habt ihr Galiläer an diesem Tage mit euerm Meister gemacht?“
+fragte sie. „Ich treffe euch zerstreut auf Wegen und Stegen, aber ihn
+sehe ich nirgends.“
+
+Aber als sie so fragte, richtete sich der Mann, der im Straßenstaube
+lag, auf seine Kniee empor. „Was für ein böser Geist hat dir
+eingegeben, mich nach ihm zu fragen?“ sagte er mit einer Stimme, die
+voll Verzweiflung war. „Du siehst ja, daß ich mich in den Straßenstaub
+geworfen habe, um zertreten zu werden. Ist dir das nicht genug? Mußt du
+noch kommen und mich fragen, was ich mit ihm angefangen habe?“
+
+„Ich verstehe nicht, was du mir vorwirfst,“ sagte die Frau. „Ich wollte
+ja nur wissen, wo dein Meister ist.“
+
+Als sie die Frage wiederholte, sprang der Mann auf und steckte beide
+Zeigefinger in die Ohren.
+
+„Wehe dir, daß du mich nicht in Frieden sterben lassen kannst,“ rief
+er. Er bahnte sich einen Weg durch das Volk, das sich vor dem Tore
+drängte, und stürzte, vor Entsetzen brüllend, von dannen, während seine
+zerfetzten Kleider ihn gleich dunkeln Flügeln umflatterten.
+
+„Es will mich bedünken, daß wir zu einem Volke von Narren gekommen
+sind,“ sagte Faustina, als sie den Mann fliehen sah. Sie war durch
+den Anblick der Schüler des Propheten ganz niedergeschlagen. Konnte
+ein Mann, der solche Tollhäusler zu seinen Begleitern zählte, imstande
+sein, etwas für den Kaiser zu tun?
+
+Auch die israelitische Frau schaute betrübt drein, und sie sprach mit
+großem Ernste zu Faustina: „Herrscherin, zögere nicht, den aufzusuchen,
+den du finden willst. Ich fürchte, es ist ihm etwas Böses zugestoßen,
+da seine Jünger so von Sinnen sind und es nicht ertragen, von ihm reden
+zu hören.“
+
+Faustina und ihr Gefolge ritten endlich durch die Torwölbung und kamen
+in enge, dunkle Gassen, die von Menschen wimmelten. Es erschien beinahe
+unmöglich, durch die Stadt zu kommen. Einmal ums andere mußten die
+Reiter Halt machen. Vergebens suchten Sklaven und Kriegsknechte einen
+Weg zu bahnen. Die Menschen hörten nicht auf, sich in einem dichten und
+unaufhaltsamen Strome vorbeizuwälzen.
+
+„Wahrlich,“ sagte die alte Frau zu Sulpicius, „Roms Straßen sind stille
+Lustgärten im Vergleiche zu diesen Gassen.“
+
+Sulpicius sah bald, daß fast unübersteigliche Schwierigkeiten ihrer
+harrten.
+
+„In diesen überfüllten Gassen ist es beinahe leichter zu gehen als zu
+reiten,“ sagte er. „Wenn du nicht allzu müde bist, würde ich dir raten,
+zu Fuße zum Palaste des Landpflegers zu gehen. Er liegt freilich weit
+weg, aber wenn wir hin reiten wollen, kommen wir sicherlich nicht vor
+Mitternacht ans Ziel.“
+
+Faustina ging sogleich auf den Vorschlag ein. Sie stieg vom Pferde und
+überließ es der Obhut eines Sklaven. Dann begannen die reisenden Römer
+die Stadt zu Fuß zu durchwandern.
+
+Dies gelang ihnen weit besser. Sie drangen ziemlich rasch bis zum
+Herzen der Stadt vor, und Sulpicius zeigte Faustina gerade eine
+halbwegs breite Straße, die sie bald erreichen mußten.
+
+„Sieh dort, Faustina,“ sagte er, „wenn wir erst in dieser Straße sind,
+sind wir bald am Ziele. Sie führt uns geradeswegs zu unserer Herberge.“
+
+Aber als sie eben in diese Straße einbiegen wollten, begegnete ihnen
+das größte Hindernis.
+
+Es begab sich, daß in demselben Augenblick, wo Faustina die Straße
+erreichte, die sich vom Palaste des Landpflegers zur Pforte
+der Gerechtigkeit und nach Golgatha erstreckte, ein Gefangener
+vorbeigeführt wurde, der gekreuzigt werden sollte.
+
+Ihm voran eilte eine Schar junger, wilder Menschen, die die Hinrichtung
+mit ansehen wollten. Sie jagten in ungestümem Laufe durch die
+Straße, streckten die Arme verzückt in die Höhe und stießen ein
+unverständliches Geheul aus, in ihrer Freude, etwas zu schauen, was sie
+nicht alle Tage zu sehen bekamen.
+
+Nach ihnen kamen Scharen von Menschen in schleppenden Gewändern, die zu
+den Ersten und Vornehmsten der Stadt zu gehören schienen. Hinter denen
+wanderten Frauen, von denen viele tränenüberströmte Gesichter hatten.
+Eine Anzahl Arme und Krüppel schritten vorbei und stießen Schreie aus,
+die in die Ohren gellten.
+
+„O Gott!“ riefen sie, „rette ihn! Sende deinen Engel und rette ihn!
+Schicke einen Helfer in seiner äußersten Not!“
+
+Endlich kamen ein paar römische Kriegsknechte auf großen Pferden. Sie
+wachten darüber, daß niemand aus dem Volke zu dem Gefangenen hinstürze
+oder ihn zu befreien versuche.
+
+Gleich hinter ihnen schritten die Henkersknechte, die den Mann, der
+gekreuzigt werden sollte, zu führen hatten. Sie hatten ihm ein großes,
+schweres Kreuz aus Holz über die Schulter gelegt, aber er war zu
+schwach für diese Bürde. Sie drückte ihn, daß sein Körper ganz zu Boden
+gebeugt wurde. Er hielt den Kopf so tief gesenkt, daß niemand sein
+Gesicht sehen konnte.
+
+Faustina stand in der Mündung des kleinen Nebengäßchens und sah die
+schwere Wanderung des Todgeweihten an. Mit Staunen gewahrte sie, daß
+er einen Purpurmantel trug und daß eine Dornenkrone auf sein Haupt
+gedrückt war.
+
+„Wer ist dieser Mann?“ fragte sie.
+
+Einer der Umstehenden erwiderte: „Das ist einer, der sich zum Kaiser
+machen wollte.“
+
+„Dann muß er den Tod um einer Sache willen leiden, die wenig
+erstrebenswert ist,“ sagte die alte Frau wehmütig.
+
+Der Verurteilte wankte unter dem Kreuze. Immer langsamer schritt
+er vorwärts. Die Henkersknechte hatten einen Strick um seinen Leib
+geschlungen, und sie begannen daran zu ziehen, um ihn zu größerer Eile
+anzutreiben. Aber als sie an dem Stricke zogen, fiel der Mann hin und
+blieb mit dem Kreuze über sich liegen.
+
+Da entstand ein großer Aufruhr. Die römischen Reiter hatten die größte
+Mühe, das Volk zurückzuhalten. Sie zückten ihre Schwerter gegen
+ein paar Frauen, die herbeieilten und den Gefallenen aufzurichten
+bemüht waren. Die Henkersknechte suchten ihn durch Schläge und Stöße
+zu zwingen, daß er aufstehe, allein er vermochte es nicht, wegen
+des Kreuzes. Endlich ergriffen ein paar von ihnen das Kreuz, um es
+fortzuheben.
+
+Da richtete er das Haupt empor, und die alte Faustina konnte sein
+Gesicht sehen. Die Wangen trugen Striemen von Schlägen, und von
+seiner Stirn, die die Dornenkrone verwundet hatte, perlten ein paar
+Bluttropfen. Das Haar hing in wirren Büscheln, klebrig von Schweiß und
+Blut. Sein Mund war hart geschlossen, aber seine Lippen zitterten,
+als kämpften sie, um einen Schrei zurückzudrängen. Die Augen starrten
+tränenvoll und beinahe erloschen vor Qual und Mattigkeit.
+
+Aber hinter dem Gesichte dieses halbtoten Menschen sah die Alte
+gleichsam in einer Vision ein schönes und bleiches Gesicht mit
+herrlichen, majestätischen Augen und milden Zügen, und sie ward
+plötzlich von Trauer und Rührung über das Unglück und die Erniedrigung
+dieses fremden Mannes ergriffen.
+
+„O du armer Mensch, was hat man dir getan?“ rief sie und trat ihm einen
+Schritt entgegen, während ihre Augen sich mit Tränen füllten. Sie
+vergaß ihre eigene Sorge und Unruhe über dieses gequälten Menschen Not.
+Ihr war, als müßte ihr Herz vor Mitleid zerspringen. Sie wollte gleich
+den andern Frauen hineilen, um ihn den Schergen zu entreißen.
+
+Der Gefangene sah, wie sie auf ihn zukam, und er kroch näher an sie
+heran. Es war, als erwarte er bei ihr Schutz gegen alle zu finden, die
+ihn verfolgten und quälten. Er umfaßte ihre Kniee. Er schmiegte sich an
+sie wie ein Kind, das sich zu seiner Mutter rettet.
+
+Die Alte beugte sich über ihn, und während ihre Tränen strömten, fühlte
+sie die seligste Freude darüber, daß er gekommen war und bei ihr Schutz
+gesucht hatte. Sie legte ihren einen Arm um seinen Hals, und so wie
+eine Mutter zu allererst die Tränen aus den Augen des Kindes trocknet,
+so legte sie ihr Schweißtuch aus kühlem, feinem Linnen auf sein
+Gesicht, um die Tränen und das Blut fortzuwischen.
+
+Aber in diesem Augenblick waren die Henkersknechte mit dem Heben
+des Kreuzes fertig. Sie kamen und rissen den Gefangenen mit sich.
+Ungeduldig wegen des Aufenthalts, schleppten sie ihn in wilder Hast
+fort. Der Todgeweihte stöhnte auf, als er von der Freistatt fortgeführt
+wurde, die er gefunden hatte; aber er leistete keinen Widerstand.
+
+Jedoch Faustina umklammerte ihn, um ihn zurückzuhalten, und als ihre
+schwachen, alten Hände nichts vermochten und sie ihn fortführen sah,
+war es ihr, als hätte ihr jemand ihr eignes Kind entrissen, und sie
+rief: „Nein, nein! Nehmt ihn mir nicht! Er darf nicht sterben! Er darf
+nicht!“
+
+Sie empfand den furchtbarsten Schmerz und Groll, weil man ihn
+fortführte. Sie wollte ihm nacheilen. Sie wollte mit den Schergen
+kämpfen und ihn ihnen entreißen.
+
+Aber bei dem ersten Schritte, den sie machte, wurde sie von Schwindel
+und Ohnmacht befallen. Sulpicius beeilte sich, seinen Arm um sie zu
+legen, um sie vor dem Fallen zu bewahren.
+
+Auf der einen Seite der Gasse sah er einen kleinen, dunkeln Laden,
+und dort hinein trug er sie. Da war weder Stuhl noch Bank, aber der
+Kaufmann war ein barmherziger Mann. Er schleppte eine Matte herbei und
+bereitete der Alten ein Lager auf dem Steinboden.
+
+Sie war nicht besinnungslos, aber ein so starker Schwindel hatte sie
+befallen, daß sie sich nicht aufrecht halten konnte, sondern sich
+niederlegen mußte.
+
+„Sie hat heute eine lange Wanderung hinter sich, und der Lärm und das
+Gedränge in der Stadt sind ihr zu viel geworden,“ sagte Sulpicius zu
+dem Kaufmanne. „Sie ist sehr alt, und keiner ist so stark, daß das
+Alter ihn nicht schließlich niederwerfen könnte.“
+
+„Dies ist auch für jemand, der nicht alt ist, ein schwerer Tag,“ sagte
+der Kaufmann. „Die Luft ist fast zu drückend beim Atmen. Es sollte mich
+nicht Wunder nehmen, wenn wir ein schweres Unwetter bekämen.“
+
+Sulpicius beugte sich über die Alte. Sie war eingeschlummert und
+schlief, mit ruhigen, regelmäßigen Atemzügen nach der Ermüdung und der
+Gemütsbewegung.
+
+Er ging und stellte sich in die Ladentür, um die Volksmenge zu
+beobachten, während er auf ihr Erwachen wartete.
+
+
+VII
+
+Der römische Landpfleger in Jerusalem hatte eine junge Frau, und in der
+Nacht vor dem Tage, an dem Faustina in die Stadt einzog, lag die und
+träumte.
+
+Sie träumte, daß sie auf dem Dache ihres Hauses stünde und auf den
+großen, schönen Hofplan niedersähe, der nach der Sitte des Morgenlandes
+mit Marmor ausgelegt und mit edeln Gewächsen bepflanzt war.
+
+Aber auf dem Hofe sah sie alle Kranken und Blinden und Lahmen
+versammelt, die es auf der Welt gab. Sie sah die Pestkranken vor sich,
+mit beulengeschwollenen Körpern, die Aussätzigen mit zerfressenen
+Gesichtern, die Lahmen, die sich nicht zu rühren vermochten, sondern
+hilflos auf der Erde lagen, und alle Elenden, die sich in Qualen und
+Schmerzen krümmten.
+
+Und sie drängten sich alle zum Eingange, um in das Haus zu kommen,
+und einige der Vordersten klopften mit harten Schlägen an die Tür des
+Palastes.
+
+Endlich sah sie, daß ein Sklave die Türe öffnete und auf die Schwelle
+trat, und sie hörte, wie er fragte, was sie wollten.
+
+Da antworteten sie ihm und sprachen: „Wir suchen den großen Propheten,
+den Gott auf die Erde gesandt hat. Wo ist der Prophet aus Nazareth, er,
+der aller Qualen Herr ist? Wo ist er, der uns von allen unsern Leiden
+erlösen kann?“
+
+Da antwortete der Sklave in stolzem, gleichgiltigem Tone, so wie
+Palastdiener zu tun pflegen, wenn sie arme Fremdlinge abweisen.
+
+„Es hilft euch nichts, nach dem großen Propheten zu suchen. Pilatus hat
+ihn getötet.“
+
+Da erhob sich unter allen den Kranken ein Trauern und Jammern und
+Zähneknirschen, so daß sie nicht ertragen konnte, es zu hören. Ihr Herz
+wurde von Mitleid zerrissen, und Tränen strömten aus ihren Augen. Aber
+wie sie so zu weinen anfing, war sie erwacht.
+
+Wieder war sie eingeschlummert, und wieder träumte sie, daß sie auf dem
+Dache ihres Hauses stünde und auf den großen Hof hinabsähe, der so weit
+war wie ein Marktplatz.
+
+Und siehe da, der Hof war voll von allen Menschen, die wahnsinnig
+und toll waren und von bösen Geistern besessen. Und sie sah solche,
+die nackt waren und solche, die sich in ihr langes Haar hüllten, und
+solche, die sich Kronen aus Stroh geflochten hatten und Mäntel aus
+Gras, und sich für Könige hielten, und solche, die auf dem Boden
+krochen und Tiere zu sein wähnten, und solche, die beständig über einen
+Kummer weinten, den sie nicht zu nennen vermochten, und solche, die
+schwere Steine heranschleppten, die sie für Gold ausgaben, und solche,
+die glaubten, daß die bösen Dämonen aus ihrem Munde sprächen.
+
+Sie sah, wie alle diese Leute sich zum Tore des Palastes drängten; und
+die zuvorderst standen, klopften und pochten, um Einlaß zu finden.
+
+Endlich tat sich die Tür auf, und ein Sklave trat auf die Schwelle und
+fragte sie: „Was ist euer Begehr?“
+
+Da begannen sie alle zu rufen und zu sagen: „Wo ist der große Prophet
+aus Nazareth, er, der von Gott gesandt ist und der uns unsre Seele und
+unsre Vernunft wiedergeben soll?“
+
+Sie hörte, wie der Sklave ihnen im gleichgiltigsten Tone antwortete:
+
+„Es führt zu nichts, daß ihr nach dem großen Propheten sucht. Pilatus
+hat ihn getötet.“
+
+Als dies Wort gesprochen war, stießen alle die Wahnsinnigen einen
+Schrei aus, der dem Brüllen wilder Tiere gleich war, und in ihrer
+Verzweiflung begannen sie, sich selbst zu zerfleischen, daß das Blut
+auf die Steine floß. Und da sie, die träumte, all ihr Elend sah, begann
+sie die Hände zu ringen und zu jammern. Und ihr eigener Jammer hatte
+sie aufgeweckt.
+
+Aber wieder war sie eingeschlummert, und wieder befand sie sich im
+Traume auf dem Dache ihres Hauses. Und rings um sie her saßen ihre
+Sklavinnen, die ihr auf der Cymbel und der Laute vorspielten, und die
+Mandelbäume streuten ihre weißen Blütenblätter über sie hin, und die
+Blumen der Kletterrosen dufteten.
+
+Während sie da saß, sprach eine Stimme zu ihr: „Geh zu der Balustrade,
+die dein Dach umgibt, und sieh hinunter auf deinen Hof.“
+
+Aber im Traume weigerte sie sich und sagte: „Ich will nicht noch mehr
+von jenen sehen, die sich heute nacht auf meinem Hofe drängen.“
+
+In demselben Augenblick hörte sie von dort ein Rasseln von Ketten und
+ein Pochen schwerer Hämmer und ein Klopfen von Holz, das gegen Holz
+schlug. Ihre Sklavinnen hörten zu singen und zu spielen auf und eilten
+zum Dachgeländer und sahen hinab. Und auch sie konnte nicht still
+sitzen bleiben, sondern sie ging hin und sah auf den Hof hinunter.
+
+Da sah sie, daß der Hof ihres Hauses von allen armen Gefangenen erfüllt
+war, die es auf der Welt gab. Sie sah die Leute, die sonst in dunkeln
+Kerkerlöchern mit schweren Eisenketten gefesselt lagen. Sie sah die
+Leute, die in den dunkeln Gruben arbeiteten, ihre Hämmer schleppend,
+herankommen, und die, die Ruderer auf den Kriegsfahrzeugen waren, kamen
+mit ihren schweren, eisengeschmiedeten Rudern. Und die, die verurteilt
+waren, gekreuzigt zu werden, kamen und schleppten ihre Kreuze, und
+die, die geköpft werden sollten, kamen mit ihren Beilen. Sie sah
+die, die als Sklaven nach fremden Ländern geführt worden waren und
+deren Augen vor Heimweh brannten. Sie sah alle elenden Sklaven, die
+gleich Lasttieren arbeiten mußten und deren Rücken blutig waren von
+Geißelhieben.
+
+Alle diese unglücklichen Menschen riefen wie aus einem einzigen Munde
+und sprachen: „Öffne, öffne!“
+
+Da trat der Sklave, der den Eingang bewachte, zur Tür hinaus, und er
+fragte sie: „Was ist euer Begehr?“
+
+Und sie antworteten wie die andern: „Wir suchen den großen Propheten
+aus Nazareth, der auf die Erde gekommen ist, um den Gefangenen ihre
+Freiheit und den Sklaven ihr Glück wiederzugeben.“
+
+Der Sklave antwortete ihnen in müdem und gleichgiltigem Tone: „Ihr
+könnt ihn hier nicht finden. Pilatus hat ihn getötet.“
+
+Als dies Wort gesprochen war, däuchte es sie, die träumte, daß sich
+unter allen diesen Unglücklichen ein solcher Ausbruch der Lästerung und
+des Hohnes erhebe, daß sie vernahm, wie Erde und Himmel erzitterten.
+Sie selbst war starr vor Schrecken, und ein solches Beben durchfuhr
+ihren Körper, daß sie erwachte.
+
+Als sie ganz wach war, setzte sie sich im Bette auf und sagte zu sich
+selbst: Ich will nicht mehr träumen. Jetzt will ich mich die ganze
+Nacht wach halten, um nichts mehr von diesem Entsetzlichen sehen zu
+müssen.
+
+Aber beinahe in demselben Augenblick, wo sie dies gedacht hatte, hatte
+der Schlummer sie aufs neue überwältigt, und sie hatte ihren Kopf auf
+das Kissen gelegt und war eingeschlummert.
+
+Wieder träumte sie, daß sie auf dem Dache ihres Hauses säße, und ihr
+kleines Söhnlein liefe dort oben auf und ab und spielte Ball.
+
+Da hörte sie eine Stimme, die zu ihr sprach: „Geh zur Balustrade, die
+das Dach umgibt, und sieh, wer die sind, die auf dem Hofe stehen und
+warten.“
+
+Aber sie, die träumte, sagte zu sich selbst: „Ich habe in dieser Nacht
+genug Elend gesehen. Mehr kann ich nicht ertragen. Ich will bleiben, wo
+ich bin.“
+
+In demselben Augenblick warf ihr Söhnlein seinen Ball so, daß er über
+die Balustrade fiel, und das Kind eilte hin und kletterte auf das
+Gitterwerk. Da erschrak sie und lief hinzu und erfaßte das Kind.
+
+Aber dabei warf sie einen Blick hinunter, und noch einmal sah sie, daß
+der Hof voller Menschen war.
+
+Aber dort in dem Hofe waren alle Menschen der Erde, die im Kriege
+verwundet worden waren. Sie kamen mit verstümmelten Körpern, mit
+abgehauenen Gliedern und großen, offnen Wunden, aus denen das Blut
+strömte, so daß der ganze Hof davon überschwemmt wurde.
+
+Und neben ihnen drängten sich dort alle Menschen der Erde, die ihre
+Lieben auf dem Schlachtfelde verloren hatten. Es waren die Vaterlosen,
+die ihre Verteidiger betrauerten, und die jungen Frauen, die nach ihren
+Geliebten riefen, und die Alten, die nach ihren Söhnen seufzten.
+
+Die vordersten von ihnen drängten zur Tür, und der Türsteher kam wie
+früher und öffnete.
+
+Er fragte alle diese Leute, die in Fehden und Kämpfen verwundet worden
+waren: „Was sucht ihr in diesem Hause?“
+
+Und sie antworteten: „Wir suchen den großen Propheten aus Nazareth,
+der Krieg und Streit verbieten und Frieden auf Erden bringen wird. Wir
+suchen ihn, der die Lanzen zu Sensen machen wird und die Schwerter zu
+Rebenmessern.“
+
+Da antwortete der Sklave ein wenig ungeduldig: „Kommt doch nicht mehr,
+um mich zu quälen! Ich habe es schon oft genug gesagt. Der große
+Prophet ist nicht hier. Pilatus hat ihn getötet.“
+
+Damit schloß er das Tor. Aber sie, die träumte, dachte an allen den
+Jammer, der nun ausbrechen mußte. „Ich will ihn nicht hören,“ sagte sie
+und stürzte von der Balustrade fort. In demselben Augenblicke war sie
+erwacht. Und da hatte sie gesehen, daß sie in ihrer Angst aus dem Bette
+gesprungen war, hinunter auf den kalten Steinboden.
+
+Wieder hatte sie gedacht, daß sie in dieser Nacht nicht mehr träumen
+wollte, und wieder hatte der Schlummer sie überwältigt, so daß sie die
+Augen schloß und zu träumen begann.
+
+Noch einmal saß sie auf dem Dache ihres Hauses, und neben ihr stand ihr
+Mann. Und sie erzählte ihm von ihren Träumen, und er trieb seinen Spott
+mit ihr. Da hörte sie wieder eine Stimme, die zu ihr sagte: „Geh und
+sieh die Menschen, die auf deinem Hofe warten.“
+
+Aber sie dachte: Ich will sie nicht schauen. Ich habe heute nacht genug
+Unglückliche gesehen.
+
+In demselben Augenblick hörte sie drei harte Schläge an das Tor, und
+ihr Mann ging zur Balustrade, um zu sehen, wer es wäre, der Einlaß in
+sein Haus begehrte.
+
+Aber kaum hatte er sich über das Geländer gebeugt, als er auch schon
+seiner Frau winkte, sie solle zu ihm kommen.
+
+„Kennst du diesen Mann nicht?“ sagte er und wies hinunter.
+
+Als sie in den Hof hinuntersah, fand sie, daß er von Reitern und
+Pferden erfüllt war. Sklaven waren damit beschäftigt, Eseln und Kamelen
+ihre Bürden abzuladen. Es sah aus, als wäre ein vornehmer Reisender
+angekommen.
+
+An der Eingangstür stand der Fremde. Es war ein hochgewachsener alter
+Mann mit breiten Schultern und trüber, düstrer Miene.
+
+Die Träumerin erkannte den Fremdling sogleich, und sie flüsterte ihrem
+Manne zu: „Das ist Cäsar Tiberius, der nach Jerusalem gekommen ist. Es
+kann kein andrer sein.“
+
+„Auch ich glaube ihn zu erkennen,“ sagte ihr Mann und legte
+gleichzeitig den Finger auf den Mund, zum Zeichen, daß sie
+stillschweigen und darauf horchen solle, was unten auf dem Hofe
+gesprochen würde.
+
+Sie sahen, daß der Türhüter herauskam und den Fremden fragte: „Wer ist
+es, den du suchst?“
+
+Und der Reisende antwortete: „Ich suche den großen Propheten aus
+Nazareth, der mit Gottes wundertätiger Kraft begabt ist. Kaiser
+Tiberius ruft ihn, auf daß er ihn von einer entsetzlichen Krankheit
+befreie, die kein anderer Arzt zu heilen vermag.“
+
+Als er ausgesprochen hatte, neigte sich der Sklave sehr demütig, und
+sagte: „Herr, zürne nicht, aber dein Wunsch kann nicht erfüllt werden.“
+
+Da wendete sich der Kaiser an seine Sklaven, die unten im Hofe
+warteten, und gab ihnen einen Befehl.
+
+Da eilten die Sklaven herbei, einige hatten die Hände voll Geschmeide,
+andre hielten Schalen voll Perlen, wieder andre schleppten Säcke mit
+Goldmünzen.
+
+Der Kaiser wendete sich an den Sklaven, der die Pforte bewachte und
+sagte: „Dies alles soll ihm gehören, wenn er Tiberius beisteht. Damit
+kann er allen Armen der Erde Reichtum schenken.“
+
+Aber der Türhüter neigte sich noch tiefer denn zuvor und sagte: „Herr,
+zürne deinem Diener nicht, aber dein Verlangen kann nicht erfüllt
+werden.“
+
+Da winkte der Kaiser noch einmal seinen Sklaven, und ein paar von
+ihnen eilten mit einem reich bestickten Gewande herbei, auf dem ein
+Brustschild aus Juwelen erglänzte.
+
+Und der Kaiser sprach zu dem Sklaven: „Sieh hier: was ich ihm biete,
+ist die Macht über das Judenland. Er soll sein Volk als der höchste
+Richter lenken. Möge er mir nur zuerst folgen und Tiberius heilen.“
+
+Aber der Sklave neigte sich noch tiefer zur Erde und sagte: „Herr, es
+steht nicht in meiner Macht, dir zu helfen!“
+
+Da winkte der Kaiser noch einmal, und seine Sklaven eilten mit einem
+goldenen Stirnreif und einem Purpurmantel herbei.
+
+„Sieh,“ sagte er, „dies ist des Kaisers Wille: er gelobt, ihn zu seinem
+Erben zu ernennen und ihm die Herrschaft über die Welt zu geben. Er
+soll die Macht haben, die ganze Erde nach dem Willen seines Gottes
+zu regieren. Möge er zuerst nur seine Hand ausstrecken und Tiberius
+heilen!“
+
+Da warf sich der Sklave vor den Füßen des Kaisers zu Boden und sagte
+mit wehklagender Stimme: „Herr, es steht nicht in meiner Macht, dir zu
+gehorchen. Er, den du suchst, ist nicht mehr. Pilatus hat ihn getötet.“
+
+
+VIII
+
+Als die junge Frau erwachte, war es schon voller, klarer Tag, und ihre
+Sklavinnen standen da und warteten, um ihr beim Ankleiden behilflich zu
+sein.
+
+Sie war sehr schweigsam, während sie sich anziehen ließ, aber endlich
+fragte sie die Sklavin, die ihr Haar strählte, ob ihr Mann schon
+aufgestanden sei. Da erfuhr sie, daß er gerufen worden war, um über
+einen Verbrecher zu Gericht zu sitzen.
+
+„Ich würde gern mit ihm sprechen,“ sagte die junge Frau.
+
+„Herrin,“ sagte die Sklavin, „dies wird sich mitten in der Untersuchung
+schwer bewerkstelligen lassen. Wir werden dir Nachricht geben, sowie
+sie beendigt ist.“
+
+Sie saß nun schweigend, bis sie fertig angekleidet war. Dann fragte
+sie: „Hat jemand von Euch von dem Propheten aus Nazareth sprechen
+hören?“
+
+„Der Prophet aus Nazareth, das ist ein jüdischer Wundertäter,“
+antwortete eine der Sklavinnen sogleich.
+
+„Es ist seltsam, Gebieterin, daß du gerade heute nach ihm fragst,“
+sagte eine andere der Sklavinnen. „Er ist es eben, den die Juden
+hierher in den Palast geführt haben, damit der Landpfleger ihn verhöre.“
+
+Sie bat sie, allsogleich zu gehen und sich zu erkundigen, wessen er
+angeklagt werde, und eine der Sklavinnen entfernte sich. Als sie
+zurückkehrte, sagte sie: „Sie beschuldigen ihn, daß er sich zum König
+über dieses Land machen wolle, und sie rufen den Landpfleger an, er
+möge ihn kreuzigen lassen.“
+
+Aber als des Landpflegers Frau dies hörte, erschrak sie gar sehr und
+sagte: „Ich muß mit meinem Manne sprechen, sonst geschieht heute hier
+ein furchtbares Unglück.“
+
+Als die Sklavinnen ihr noch einmal sagten, daß dies unmöglich sei, da
+begann sie zu zittern und zu weinen. Und eine von ihnen wurde gerührt
+und sagte: „Wenn du dem Landpfleger eine geschriebne Botschaft senden
+willst, so will ich versuchen, sie ihm zu überbringen.“
+
+Da nahm sie allsogleich einen Stift und schrieb einige Worte auf ein
+Wachstäfelchen, und dieses wurde dem Pilatus gegeben.
+
+Aber ihn selber traf sie den ganzen Tag über nicht allein, denn als er
+die Juden fortgeschickt hatte und sie den Verurteilten zum Richtplatz
+führten, war die Stunde für die Mahlzeit angebrochen, und zu dieser
+hatte Pilatus einige von den Römern eingeladen, die sich zu dieser Zeit
+in Jerusalem aufhielten. Es waren der Anführer der Truppen und ein
+junger Lehrer der Beredsamkeit und noch einige andere.
+
+Dieses Mahl war nicht sehr fröhlich, denn die Frau des Landpflegers saß
+die ganze Zeit über stumm und niedergeschlagen, ohne an dem Gespräche
+teilzunehmen.
+
+Als die Tischgäste fragten, ob sie krank oder betrübt sei, erzählte der
+Landpfleger lachend von der Botschaft, die sie ihm am Morgen gesandt
+hatte. Und er neckte sie, weil sie geglaubt hatte, ein römischer
+Landpfleger würde sich in seinen Urteilen von den Träumen eines Weibes
+lenken lassen.
+
+Sie antwortete still und traurig: „Wahrlich, dies war kein Traum,
+sondern eine Warnung, die von den Göttern kam. Du hättest den Mann
+wenigstens diesen einen Tag noch leben lassen sollen.“
+
+Sie sahen, daß sie ernstlich betrübt war. Sie wollte sich nicht trösten
+lassen, wie sehr sich die Tafelgäste auch bemühten, sie durch ein
+unterhaltendes Gespräch diese leeren Hirngespinste vergessen zu lassen.
+
+Aber nach einer Weile erhob einer von ihnen den Kopf und sagte: „Was
+ist dies? Haben wir so lange bei Tisch gesessen, daß der Tag schon zur
+Neige gegangen ist?“
+
+Alle sahen nun auf, und sie merkten, daß eine schwache Dämmerung sich
+über die Natur senkte. Es war vor allem seltsam zu sehen, wie das ganze
+bunte Farbenspiel, das über allen Dingen und Wesen gebreitet liegt,
+sacht erlosch, so daß alles einfarbig grau erschien.
+
+Gleich allem andern verloren auch ihre eigenen Gesichter die Farbe.
+„Wir sehen wirklich wie Tote aus,“ sagte der junge Schönredner mit
+einem Schauer. „Unsre Wangen sind ja grau und unsre Lippen schwarz.“
+
+Während diese Dunkelheit immer tiefer wurde, nahm auch das Entsetzen
+der jungen Frau zu. „Ach, mein Freund,“ rief sie schließlich, „erkennst
+du auch jetzt nicht, daß die Unsterblichen dich warnen wollen?
+Sie zürnen, weil du einen heiligen und unschuldigen Mann zum Tode
+verurteilt hast. Ich denke mir, wenn er jetzt auch schon ans Kreuz
+geschlagen sein muß, kann er doch sicherlich noch nicht verblichen
+sein. Laß ihn vom Kreuze nehmen! Ich will mit meinen eignen Händen
+seiner Wunden pflegen. Erlaube nur, daß er ins Leben zurückgerufen
+werde.“
+
+Aber Pilatus antwortete lachend: „Sicherlich hast du recht damit, daß
+dies ein Zeichen der Götter ist. Aber keineswegs lassen sie die Sonne
+ihren Schein verlieren, weil ein jüdischer Irrlehrer zum Kreuzestode
+verurteilt ist. Vielmehr können wir erwarten, daß wichtige Ereignisse
+eintreten werden, die das ganze Reich betreffen. Wer kann wissen, wie
+lange der alte Tiberius -- -- --“
+
+Er vollendete den Satz nicht, denn die Dunkelheit war so tief geworden,
+daß er nicht einmal den Weinbecher sehen konnte, der vor ihm stand. Er
+unterbrach sich daher, um den Sklaven zu befehlen, eiligst ein paar
+Lampen hereinzubringen.
+
+Als es so hell geworden war, daß er die Gesichter seiner Gäste sehen
+konnte, mußte er die Verstimmung bemerken, die sich ihrer bemächtigt
+hatte.
+
+„Sieh doch,“ sagte er ein wenig unmutig zu seiner Gattin, „nun scheint
+es dir wirklich gelungen zu sein, die Tafelfreude mit deinen Träumen zu
+verscheuchen. Aber wenn es schon durchaus so sein muß, daß du heute an
+nichts andres denken kannst, dann laß uns lieber hören, was du geträumt
+hast. Erzähl es uns, und wir wollen versuchen, den Sinn zu deuten!“
+
+Dazu war die junge Frau sofort bereit. Und während sie Traumgesicht
+auf Traumgesicht erzählte, wurden die Gäste immer ernster. Sie hörten
+auf, ihre Becher zu leeren, und ihre Stirnen zogen sich kraus. Der
+einzige, der noch immer lachte und alles einen Wahnwitz nannte, war der
+Landpfleger selbst.
+
+Als die Erzählung zu Ende war, sagte der junge Rhetor: „Wahrlich, dies
+ist doch mehr als ein Traum, denn ich sah heute zwar nicht den Kaiser,
+aber seine alte Freundin Faustina in die Stadt einziehen. Es nimmt
+mich nur wunder, daß sie sich nicht schon im Palaste des Landpflegers
+gezeigt hat.“
+
+„Es geht ja wirklich das Gerücht, daß der Kaiser von einer
+entsetzlichen Krankheit befallen sei,“ bemerkte der Anführer der
+Truppen. „Es scheint auch mir möglich, daß der Traum deiner Gattin eine
+Warnung von den Göttern sein kann.“
+
+„Es liegt nichts Unglaubliches darin, daß Tiberius einen Boten nach
+dem Propheten ausgesandt hat, um ihn an sein Krankenlager zu rufen,“
+stimmte der junge Rhetor ein.
+
+Der Anführer wendete sich mit tiefem Ernst an Pilatus: „Wenn der Kaiser
+wirklich den Einfall gehabt hat, diesen Wundertäter zu sich rufen zu
+lassen, dann wäre es besser für dich und für uns alle, wenn er ihn
+lebend träfe.“
+
+Pilatus antwortete halb zürnend: „Ist es diese Dunkelheit, die euch zu
+Kindern gemacht hat? Man könnte glauben, ihr wäret alle in Traumdeuter
+und Propheten verwandelt.“
+
+Aber der Hauptmann ließ nicht ab, in ihn zu dringen: „Es wäre
+vielleicht nicht so unmöglich, das Leben des Mannes zu retten, wenn du
+einen eiligen Boten abschicktest.“
+
+„Ihr wollt mich wohl zum Gespött der Leute machen,“ antwortete der
+Landpfleger. „Sagt selbst, was sollte in diesem Lande aus Recht und
+Ordnung werden, wenn man erführe, daß der Landpfleger einen Verbrecher
+begnadigt, weil seine Frau einen bösen Traum geträumt hat?“
+
+„Es ist doch Wahrheit und kein Traum, daß ich Faustina in Jerusalem
+gesehen habe,“ sagte der junge Rhetor.
+
+„Ich nehme es auf mich, mein Vergehen vor dem Kaiser zu verantworten,“
+sagte Pilatus. „Er wird begreifen, daß dieser Schwärmer, der sich
+widerstandlos von meinen Knechten mißhandeln ließ, nicht die Macht
+gehabt hätte, ihm zu helfen.“
+
+In demselben Augenblick, wo diese Worte ausgesprochen wurden, wurde
+das Haus von einem Getöse erschüttert, das wie heftig grollender
+Donner klang, und ein Erdbeben ließ den Boden erzittern. Der Palast
+des Landpflegers blieb unversehrt stehen, aber unmittelbar nach dem
+Erdbeben vernahm man von allen Seiten das entsetzeneinflößende Krachen
+von einstürzenden Häusern und fallenden Säulen.
+
+Sowie eine Menschenstimme sich Gehör verschaffen konnte, rief der
+Landpfleger einen Sklaven zu sich.
+
+„Eile zum Richtplatz und befiehl in meinem Namen, daß der Prophet aus
+Nazareth vom Kreuze genommen werde!“
+
+Der Sklave eilte von dannen. Die Tischgesellschaft begab sich vom
+Speisesaale in das Peristyl, um unter offnem Himmel zu sein, falls das
+Erdbeben sich wiederholen sollte. Niemand wagte ein Wort zu sagen,
+während sie der Rückkehr des Sklaven harrten.
+
+Dieser kam sehr bald wieder. Er blieb vor dem Landpfleger stehen.
+
+„Du hast ihn am Leben gefunden?“ fragte dieser.
+
+„Herr, er war verschieden, und in demselben Augenblick, wo er seinen
+Geist aufgab, geschah das Erdbeben.“
+
+Kaum hatte er dies gesagt, als ein paar harte Schläge am äußeren Tor
+ertönten. Als sie diese Schläge hörten, zuckten alle zusammen und
+sprangen empor, als wäre wieder ein Erdbeben losgebrochen.
+
+Gleich darauf erschien ein Sklave.
+
+„Es sind die edle Faustina und Sulpicius, des Kaisers Verwandter. Sie
+sind gekommen, um dich zu bitten, du mögest ihnen helfen, den Propheten
+aus Nazareth zu finden.“
+
+Ein leises Gemurmel ging durch das Peristyl, und leichte Schritte
+wurden hörbar. Als der Landpfleger sich umsah, merkte er, daß seine
+Freunde von ihm zurückgewichen waren, wie von einem, der dem Unglück
+verfallen ist.
+
+
+IX
+
+Die alte Faustina war in Capreae ans Land gestiegen und hatte den
+Kaiser aufgesucht. Sie erzählte ihm ihre Geschichte, und während sie
+sprach, wagte sie kaum ihn anzusehen. Während ihrer Abwesenheit hatte
+die Krankheit furchtbare Fortschritte gemacht, und sie dachte bei sich
+selbst: „Wenn bei den Himmlischen Barmherzigkeit wäre, so hätten sie
+mich sterben lassen, bevor ich diesem armen, gequälten Menschen sagen
+mußte, daß alle Hoffnung vorüber ist.“
+
+Zu ihrem Staunen hörte ihr Tiberius aber mit der größten
+Gleichgiltigkeit zu. Als sie ihm erzählte, daß der große Wundertäter am
+selben Tage gekreuzigt worden war, an dem sie in Jerusalem anlangte,
+und wie nahe sie daran gewesen war, ihn zu retten, da begann sie unter
+der Schwere ihrer Enttäuschung zu weinen. Aber Tiberius sagte nur: „Du
+grämst dich also wirklich darüber. Ach, Faustina, ein ganzes Leben
+in Rom hat dir also den Glauben an Zauberer und Wundertäter nicht
+benommen, den du in deiner Kindheit in den Sabinerbergen eingesogen
+hast.“
+
+Da sah die Alte ein, daß Tiberius nie Hilfe von dem Propheten aus
+Nazareth erwartet hatte.
+
+„Warum ließest du mich dann diese Fahrt in das ferne Land machen, wenn
+du sie die ganze Zeit über für fruchtlos hieltest?“
+
+„Du bist mein einziger Freund,“ sagte der Kaiser. „Warum sollte ich dir
+eine Bitte abschlagen, solange es noch in meiner Macht steht, sie zu
+gewähren?“
+
+Aber die Alte wollte sich nicht darein schicken, daß der Kaiser sie zum
+Besten gehalten hatte.
+
+„Siehst du, das ist deine alte Hinterlist,“ sagte sie aufbrausend. „Das
+ist es eben, was ich am wenigsten an dir leiden kann.“
+
+„Du hättest nicht zu mir zurückkehren sollen,“ sagte Tiberius. „Du
+hättest in deinen Bergen bleiben müssen.“
+
+Für einen Augenblick sah es aus, als würden die beiden, die so oft
+aneinandergeraten waren, wieder in ein Wortgefecht geraten, aber der
+Groll der Alten verflog sogleich. Die Zeiten waren vorüber, wo sie
+ernstlich mit dem Kaiser hatte hadern können. Sie senkte die Stimme
+wieder. Doch konnte sie nicht ganz und gar von jedem Versuche, recht zu
+behalten, abstehen.
+
+„Aber dieser Mann war wirklich ein Prophet,“ sagte sie. „Ich habe ihn
+gesehen. Als seine Augen den meinen begegneten, glaubte ich, er sei ein
+Gott. Ich war wahnsinnig, daß ich ihn in den Tod gehen ließ.“
+
+„Ich bin froh, daß du ihn sterben ließest,“ sagte Tiberius. „Er war ein
+Majestätsverbrecher und Aufrührer.“
+
+Faustina war wieder nahe daran, in Zorn zu geraten.
+
+„Ich habe mit vielen seiner Freunde in Jerusalem über ihn gesprochen,“
+sagte sie. „Er hat die Verbrechen nicht begangen, deren er bezichtigt
+wurde.“
+
+„Wenn er auch nicht gerade diese Verbrechen begangen hat, so war er
+doch darum gewiß nicht besser als irgend ein andrer,“ sagte der Kaiser
+müde. „Wo ist der Mensch, der in seinem Leben nicht tausendmal den Tod
+verdient hätte?“
+
+Aber diese Worte des Kaisers bestimmten Faustina, etwas zu tun,
+weswegen sie bis dahin unschlüssig gewesen war. „Ich will dir doch eine
+Probe seiner Macht geben,“ sagte sie. „Ich sagte dir vorhin, daß ich
+mein Schweißtuch auf sein Gesicht legte. Es ist dasselbe Tuch, das ich
+jetzt in meiner Hand halte. Willst du es einen Augenblick betrachten?“
+
+Sie breitete das Schweißtuch vor dem Kaiser aus, und er sah darauf den
+schattenhaften Umriß eines Menschengesichtes abgezeichnet.
+
+Die Stimme der Alten zitterte vor Rührung, als sie fortfuhr: „Dieser
+Mann sah, daß ich ihn liebte. Ich weiß nicht, durch welche Macht er
+imstande war, mir sein Bild zu hinterlassen. Aber meine Augen füllen
+sich mit Tränen, da ich es sehe.“
+
+Der Kaiser beugte sich vor und betrachtete dieses Bild, das aus Blut
+und Tränen und den schwarzen Schatten des Schmerzes gemacht schien.
+So allmählich trat das ganze Gesicht vor ihm hervor, wie es in das
+Schweißtuch eingedrückt war. Er sah die Bluttropfen auf der Stirn, die
+stechende Dornenkrone, das Haar, das klebrig von Blut war, und den
+Mund, dessen Lippen in Leid zu beben schienen.
+
+Er beugte sich immer tiefer zu dem Bilde hinunter. Immer klarer trat
+das Gesicht hervor. Aus den schattenhaften Linien sah er mit einem Male
+die Augen gleichsam in verborgenem Leben strahlen. Und während sie zu
+ihm von dem furchtbarsten Leid sprachen, zeigten sie ihm zugleich eine
+Reinheit und Hoheit, wie er sie nie zuvor geschaut hatte.
+
+Er lag auf seiner Ruhebank und sog dieses Bild mit den Augen ein. „Ist
+dies ein Mensch?“ fragte er sacht und leise. „Ist dies ein Mensch?“
+
+Wieder lag er still und betrachtete das Bild. Die Tränen begannen über
+seine Wangen zu strömen. „Ich traure über deinen Tod, du Unbekannter,“
+flüsterte er.
+
+„Faustina,“ rief er endlich, „warum ließest du diesen Mann sterben? Er
+hätte mich geheilt.“
+
+Und wieder versank er in die Betrachtung des Bildes.
+
+„Du Mensch,“ sagte er nach einer Weile. „Wenn ich nicht mein Heil von
+dir empfangen kann, so kann ich dich doch rächen. Meine Hand wird
+schwer auf denen ruhen, die dich mir gestohlen haben.“
+
+Wieder lag er lange Zeit schweigend, dann aber ließ er sich zu Boden
+gleiten und sank vor dem Bilde auf die Kniee.
+
+„Du bist der Mensch,“ sagte er. „Du bist, was ich nie zu sehen gehofft
+habe.“ Und er deutete auf sich selbst, sein zerstörtes Gesicht und
+seine zerfressenen Hände. „Ich und alle andern, wir sind wilde Tiere
+und Ungeheuer, aber du bist der Mensch.“
+
+Er neigte den Kopf so tief vor dem Bilde, daß er die Erde berührte.
+„Erbarme dich meiner, du Unbekannter!“ sagte er, und seine Tränen
+benetzten die Steine.
+
+„Wenn du am Leben geblieben wärest, so hätte dein bloßer Anblick mich
+geheilt,“ sagte er.
+
+Die arme alte Frau erschrak darüber, was sie getan hatte. Es wäre
+klüger gewesen, dem Kaiser das Bild nicht zu zeigen, dachte sie. Sie
+hatte von Anfang an gefürchtet, daß sein Schmerz allzu groß sein würde,
+wenn er es sähe.
+
+Und in ihrer Verzweiflung über den Kummer des Kaisers riß sie das Bild
+an sich, gleichsam, um es seinem Blick zu entziehen.
+
+Da sah der Kaiser auf. Und siehe da, seine Gesichtszüge waren
+verwandelt, und er war, wie er vor der Krankheit gewesen war. Es
+war, als hätte diese ihre Wurzel und Nahrung in dem Hasse und der
+Menschenverachtung gehabt, die in seinem Herzen gewohnt hatten; und sie
+hatte in demselben Augenblick entfliehen müssen, in dem er Liebe und
+Mitleid gefühlt hatte.
+
+ * * * * *
+
+Aber am nächsten Tage sendete Tiberius drei Boten aus.
+
+Der erste Bote ging nach Rom und befahl, daß der Senat eine
+Untersuchung anstelle, wie der Landpfleger in Palästina sein Amt
+verwalte, und ihn bestrafe, wenn es sich erweisen solle, daß er das
+Volk unterdrücke und Unschuldige zum Tode verurteile.
+
+Der zweite Bote wurde zu dem Winzer und seiner Frau geschickt, um ihnen
+zu danken und sie für den Rat zu belohnen, den sie dem Kaiser gegeben
+hatten, und um ihnen zugleich zu sagen, wie alles abgelaufen war. Als
+sie alles bis zu Ende gehört hatten, weinten sie still, und der Mann
+sagte: „Ich weiß, daß ich meiner Lebtag darüber nachgrübeln werde,
+was geschehen wäre, wenn diese beiden sich begegnet wären.“ Aber die
+Frau erwiderte: „Es konnte nicht anders kommen. Es war ein zu großer
+Gedanke, daß diese beiden sich begegnen sollten. Gott der Herr wußte,
+daß die Welt ihn nicht zu ertragen vermochte.“
+
+Der dritte Bote ging nach Palästina und brachte von dort einige von
+Jesu Jüngern nach Capreae, und diese begannen hier die Lehre zu
+verkünden, die der Gekreuzigte gepredigt hatte.
+
+Als diese Lehrer in Capreae anlangten, lag die alte Faustina auf dem
+Totenbette. Aber sie konnten sie noch vor ihrem Tode zu der Jüngerin
+des großen Propheten machen und sie taufen. Und in der Taufe wurde sie
+Veronika genannt, weil es ihr beschieden gewesen war, den Menschen das
+wahre Bild ihres Erlösers zu bringen.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Das Rotkehlchen
+
+
+[Illustration]
+
+
+Es war zu der Zeit, da unser Herr die Welt erschuf, da er nicht nur
+Himmel und Erde schuf, sondern auch alle Tiere und Pflanzen, und ihnen
+zugleich ihre Namen gab.
+
+Es gibt viele Geschichten aus jener Zeit; und wüßte man sie alle, so
+wüßte man auch die Erklärung für alles in der Welt, was man jetzt nicht
+verstehen kann.
+
+Damals war es, daß es sich eines Tages begab, als unser Herr im
+Paradiese saß und die Vögel malte, daß die Farbe in unsers Herrn
+Farbenschalen ausging, so daß der Stieglitz ohne Farbe geblieben wäre,
+wenn unser Herr nicht alle Pinsel an seinen Federn abgewischt hätte.
+
+Und damals geschah es, daß der Esel seine langen Ohren bekam, weil er
+sich nicht merkte, welchen Namen er bekommen hatte. Er vergaß es, sowie
+er nur ein paar Schritte auf den Fluren des Paradieses gemacht hatte,
+und dreimal kam er zurück und fragte, wie er heiße, bis unser Herr ein
+klein wenig ungeduldig wurde, ihn bei beiden Ohren nahm und sagte:
+„Dein Name ist Esel, Esel, Esel.“
+
+Und während er so sprach, zog er seine Ohren lang, damit er ein
+besseres Gehör bekäme und sich merke, was man ihm sagte.
+
+An demselben Tage geschah es auch, daß die Biene bestraft wurde. Denn
+als die Biene erschaffen war, begann sie sogleich Honig zu sammeln,
+und Tiere und Menschen, die merkten, wie süß der Honig duftete, kamen
+und wollten ihn kosten. Aber die Biene wollte alles für sich behalten
+und jagte mit ihren giftigen Stichen alle fort, die sich der Honigwabe
+näherten. Dies sah unser Herr und alsogleich rief er die Biene zu sich
+und strafte sie. „Ich verlieh dir die Gabe, Honig zu sammeln, der das
+Süßeste in der Schöpfung ist,“ sagte unser Herr, „aber damit gab ich
+dir nicht das Recht, hart gegen deinen Nächsten zu sein. Merke dir nun,
+jedesmal, wenn du jemand stichst, der deinen Honig kosten will, mußt du
+sterben!“
+
+Ach ja, damals geschah es, daß die Grille blind wurde und die Ameise
+ihre Flügel verlor; es begab sich so viel Wunderliches an diesem Tage.
+
+Unser Herr saß den ganzen Tag groß und mild da und schuf und erweckte
+zum Leben, und gegen Abend kam es ihm in den Sinn, einen kleinen grauen
+Vogel zu erschaffen.
+
+„Merke dir, daß dein Name Rotkehlchen ist!“ sagte unser Herr zu dem
+Vogel, als er fertig war. Und er setzte ihn auf seine flache Hand und
+ließ ihn fliegen.
+
+Aber als der Vogel ein Weilchen umhergeflogen war und sich die schöne
+Erde besehen hatte, auf der er leben sollte, bekam er auch Lust, sich
+selbst zu betrachten. Da sah er, daß er ganz grau war, und seine Kehle
+war ebenso grau wie alles andre. Das Rotkehlchen wendete und drehte
+sich und spiegelte sich im Wasser, aber es konnte keine einzige rote
+Feder entdecken.
+
+Da flog der Vogel zu unserm Herrn zurück.
+
+Unser Herr thronte gut und milde, aus seinen Händen gingen
+Schmetterlinge hervor, die um sein Haupt flatterten, Tauben gurrten auf
+seinen Schultern, und aus dem Boden rings um ihn sproßten die Rose, die
+Lilie und das Tausendschönchen.
+
+Das Herz des kleinen Vogels pochte heftig vor Bangigkeit, aber in
+leichten Bogen flog er doch immer näher und näher zu unserm Herrn, und
+schließlich ließ er sich auf seiner Hand nieder.
+
+Da fragte unser Herr, was sein Begehr wäre.
+
+„Ich möchte dich nur um eines fragen,“ sagte der kleine Vogel.
+
+„Was willst du denn wissen?“ fragte unser Herr.
+
+„Warum soll ich Rotkehlchen heißen, wenn ich doch ganz grau bin vom
+Schnabel bis zum Schwanze? Warum werde ich Rotkehlchen genannt, wenn
+ich keine einzige rote Feder mein eigen nenne?“
+
+Und der Vogel sah unsern Herrn mit seinen kleinen schwarzen Äuglein
+flehend an und wendete das Köpfchen. Ringsum sah er Fasanen, ganz rot
+unter einem leichten Goldstaub, Papageien mit reichen roten Halskragen,
+Hähne mit roten Kämmen, ganz zu schweigen von den Schmetterlingen,
+den Goldfischen und den Rosen. Und natürlich dachte er sich, wie wenig
+vonnöten wäre, nur ein einziger kleiner Tropfen Farbe auf seiner Brust,
+und er wäre ein schöner Vogel, und sein Name schicke sich für ihn.
+
+„Warum soll ich Rotkehlchen heißen, wenn ich ganz grau bin,“ fragte der
+Vogel abermals und wartete, daß unser Herr sagen würde:
+
+„Ach, Freundchen, ich sehe, ich habe ganz vergessen, deine Brustfedern
+rot zu malen, aber wart nur einen Augenblick, dann wird es geschehen.“
+
+Aber unser Herr lächelte nur still und sagte:
+
+„Ich habe dich Rotkehlchen genannt, und Rotkehlchen sollst du heißen,
+aber du mußt selbst zusehen, daß du dir deine roten Brustfedern
+verdienst.“
+
+Und damit erhob unser Herr die Hand und ließ den Vogel aufs neue in die
+Welt hinausfliegen.
+
+Der Vogel flog sehr nachdenklich ins Paradies hinunter. Was sollte
+wohl ein kleiner Vogel, wie er, tun können, um sich rote Federn zu
+verschaffen?
+
+Das einzige, was ihm einfiel, war, daß er sein Nest in einen
+Dornenbusch baute. Er nistete zwischen den Stacheln in dem dichten
+Dornengestrüpp. Es war, als erwarte er, daß ein Rosenblatt an seiner
+Kehle haften bliebe und ihr seine Farbe gäbe.
+
+ * * * * *
+
+Eine unendliche Menge von Jahren war seit diesem Tage verflossen, der
+der fröhlichste der Erde war. Seit dieser Zeit hatten sowohl die Tiere
+als auch die Menschen das Paradies verlassen und sich über die Erde
+verbreitet. Und die Menschen hatten es soweit gebracht, daß sie gelernt
+hatten, den Boden zu bebauen und das Meer zu befahren, sie hatten sich
+Kleider und Zierrat geschaffen, ja, sie hatten längst gelernt, große
+Tempel und mächtige Städte zu bauen, wie Theben, Rom und Jerusalem.
+
+Da brach ein neuer Tag an, der auch in der Geschichte der Erde lange
+nicht vergessen werden sollte, und am Morgen dieses Tages saß das
+Rotkehlchen auf einem kleinen nackten Hügel vor den Mauern Jerusalems
+und sang seinen Jungen vor, die in dem kleinen Nest in einem niedrigen
+Dornenbusch lagen.
+
+Das Rotkehlchen erzählte seinen Kleinen von dem wunderbaren
+Schöpfungstage und von der Namengebung, wie jedes Rotkehlchen es seinen
+Kindern erzählt hatte, von dem ersten an, das Gottes Wort gehört hatte
+und aus Gottes Hand hervorgegangen war.
+
+„Und seht nun,“ schloß es betrübt, „so viele Jahre sind seit dem
+Schöpfungstage verflossen, so viele Rosen haben geblüht, so viele junge
+Vögel sind aus ihren Eiern gekrochen, so viele, daß keiner sie zählen
+kann, aber das Rotkehlchen ist noch immer ein kleiner, grauer Vogel, es
+ist ihm noch nicht gelungen, die roten Brustfedern zu erringen.“
+
+Die kleinen Jungen rissen ihre Schnäbel weit auf und fragten, ob ihre
+Vorfahren nicht versucht hätten irgend eine Großtat zu vollbringen, um
+die unschätzbare rote Farbe zu erringen.
+
+„Wir haben alle getan, was wir konnten,“ sagte der kleine Vogel, „aber
+es ist uns allen mißlungen. Schon das erste Rotkehlchen traf einmal
+einen andern Vogel, der ihm völlig glich, und es begann sogleich, ihn
+mit so heftiger Liebe zu lieben, daß es seine Brust erglühen fühlte.
+Ach, dachte es da, nun verstehe ich es: der liebe Gott will, daß ich
+so heiß liebe, daß meine Brustfedern sich von der Liebesglut, die in
+meinem Herzen wohnt, rot färben. Aber es mißlang ihm, wie es allen nach
+ihm mißlungen ist, und wie es auch euch mißlingen wird.“
+
+Die kleinen Jungen zwitscherten betrübt, sie begannen schon darüber zu
+trauern, daß die rote Farbe ihre kleine flaumige Kehle nicht schmücken
+sollte.
+
+„Wir hofften auch auf den Gesang,“ sagte der alte Vogel, in
+langgezognen Tönen sprechend. „Schon das erste Rotkehlchen sang so, daß
+seine Brust vor Begeisterung schwoll, und es wagte wieder zu hoffen.
+Ach, dachte es, die Sangesglut, die in meiner Seele wohnt, wird meine
+Brustfedern rot färben. Aber es täuschte sich, wie alle nach ihm sich
+getäuscht haben, und wie auch ihr euch täuschen werdet.“
+
+Wieder hörte man ein trübseliges Piepsen aus den halbnackten Kehlen der
+Jungen.
+
+„Wir hofften auch auf unsern Mut und unsre Tapferkeit,“ sagte der
+Vogel. „Schon das erste Rotkehlchen kämpfte tapfer mit andern
+Vögeln, und seine Brust glühte von Kampflust. Ach, dachte es, meine
+Brustfedern werden sich rot färben von der Kampflust, die in meinem
+Herzen flammt. Aber es scheiterte, wie alle nach ihm scheiterten, und
+wie auch ihr scheitern werdet.“
+
+Die winzigen Jungen piepsten mutig, daß sie es doch versuchen wollten,
+den erstrebten Preis zu gewinnen, aber der alte Vogel antwortete ihnen
+betrübt, daß dies unmöglich sei. Was könnten sie hoffen, wenn so viele
+ausgezeichnete Vorfahren das Ziel nicht erreicht hätten? Was könnten
+sie mehr tun als lieben, singen und kämpfen? Was könnten -- -- --
+
+Der Vogel hielt mitten im Satze inne, denn aus einem Tore Jerusalems
+kam eine Menschenmenge gezogen, und die ganze Schar eilte den Hügel
+hinan, wo der Vogel sein Nest hatte.
+
+Da waren Reiter auf stolzen Rossen, Krieger mit langen Lanzen,
+Henkersknechte mit Nägeln und Hämmern, da waren würdig
+einherschreitende Priester und Richter, weinende Frauen, und allen
+voran eine Menge wildumherlaufendes Volk, ein gräuliches, heulendes
+Geleite von Landstreichern.
+
+Der kleine graue Vogel saß zitternd auf dem Rande seines Nestes. Er
+fürchtete jeden Augenblick, daß der kleine Dornenbusch niedergetreten
+und seine kleinen Jungen getötet werden würden. „Nehmt euch in acht,“
+rief er den kleinen schutzlosen Jungen zu, „kriecht dicht zusammen
+und verhaltet euch still! Hier kommt ein Pferd, das gerade über uns
+hingeht! Hier kommt ein Krieger mit eisenbeschlagenen Sandalen! Hier
+kommt die ganze wilde Schar herangestürmt!“
+
+Mit einem Male hörte der Vogel mit seinen Warnungsrufen auf, er wurde
+still und stumm. Er vergaß beinahe die Gefahr, in der er schwebte.
+
+Plötzlich hüpfte er in das Nest hinunter und breitete die Flügel über
+seine Jungen.
+
+„Nein, das ist zu entsetzlich,“ sagte er. „Ich will nicht, daß ihr
+diesen Anblick seht -- da sind drei Missetäter, die gekreuzigt werden
+sollen.“
+
+Und er breitete ängstlich die Flügel aus, so daß die Kleinen nichts
+sehen konnten. Sie vernahmen nur donnernde Hammerschläge, Klagerufe und
+das wilde Geschrei des Volkes.
+
+Das Rotkehlchen folgte dem ganzen Schauspiel mit Augen, die sich
+vor Entsetzen weiteten. Es konnte die Blicke nicht von den drei
+Unglücklichen wenden.
+
+„Wie grausam die Menschen sind!“ sagte der Vogel nach einem Weilchen.
+„Es ist ihnen nicht genug, daß sie diese armen Wesen ans Kreuz nageln,
+nein, auf dem Kopfe des einen haben sie noch eine Krone aus stechenden
+Dornen befestigt.“
+
+„Ich sehe, daß die Dornen seine Stirn verwundet haben und das Blut
+fließt,“ fuhr es fort. „Und dieser Mann ist so schön und sieht mit so
+milden Blicken um sich, daß jeder ihn lieben müßte. Mir ist, als ginge
+eine Pfeilspitze durch mein Herz, wenn ich ihn leiden sehe.“
+
+Der kleine Vogel begann ein immer stärkeres Mitleid mit dem
+Dornengekrönten zu fühlen. „Wenn ich mein Bruder, der Adler, wäre,“
+dachte er, „würde ich die Nägel aus seinen Händen reißen und mit meinen
+starken Klauen alle die Leute verscheuchen, die ihn peinigen.“
+
+Es sah, wie das Blut auf die Stirn des Gekreuzigten tropfte, und da
+vermochte es nicht mehr still in seinem Neste zu bleiben.
+
+„Wenn ich auch nur klein und schwach bin, so muß ich doch etwas für
+diesen armen Gequälten tun können,“ dachte der Vogel, und er verließ
+sein Nest und flog hinaus in die Luft, weite Kreise um den Gekreuzigten
+beschreibend.
+
+Er umkreiste ihn mehrere Male, ohne daß er sich näherzukommen traute,
+denn er war ein scheuer kleiner Vogel, der es nie gewagt hatte, sich
+einem Menschen zu nähern. Aber allmählich faßte er Mut, flog ganz nah
+hinzu und zog mit seinem Schnabel einen Dorn aus, der in die Stirn des
+Gekreuzigten gedrungen war.
+
+Aber während er dies tat, fiel ein Tropfen von dem Blute des
+Gekreuzigten auf die Kehle des Vogels. Der verbreitete sich rasch und
+färbte alle die kleinen zarten Brustfedern.
+
+Wie der Vogel wieder in sein Nest kam, riefen ihm seine kleinen Jungen
+zu:
+
+„Deine Brust ist rot, deine Brustfedern sind roter als Rosen!“
+
+„Es ist nur ein Bluttropfen von der Stirn des armen Mannes,“ sagte der
+Vogel. „Er verschwindet, sobald ich in einem Bach bade oder in einer
+klaren Quelle.“
+
+Aber soviel der kleine Vogel auch badete, die rote Farbe verschwand
+nicht von seiner Kehle, und als seine Kleinen herangewachsen waren,
+leuchtete die blutrote Farbe auch von ihren Brustfedern, wie sie auf
+jedes Rotkehlchens Brust und Kehle leuchtet, bis auf den heutigen Tag.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Unser Herr und der heil. Petrus
+
+
+[Illustration]
+
+
+Es war um die Zeit, als unser Herr und der heilige Petrus eben ins
+Paradies gekommen waren, nachdem sie während vieler Jahre der Betrübnis
+auf Erden umhergewandert waren und manches erlitten hatten.
+
+Man kann sich denken, daß dies eine Freude für Sankt Petrus war. Man
+kann denken, daß es ein ander Ding war, auf dem Berge des Paradieses zu
+sitzen und über die Welt hinaus zu sehen, denn als Bettler von Tür zu
+Tür zu wandern. Es war ein ander Ding, in den Lustgärten des Paradieses
+umherzuschlendern, als auf Erden einherzugehen und nicht zu wissen,
+ob man in stürmischer Nacht Obdach bekäme, oder ob man genötigt sein
+würde, draußen auf der Landstraße in Kälte und Dunkel weiterzuwandern.
+
+Man muß nur bedenken, welche Freude es gewesen sein muß, nach solcher
+Reise endlich an den rechten Ort zu kommen. Er hatte wohl nicht immer
+so sicher sein können, daß alles ein gutes Ende nehmen würde. Er hatte
+es nicht lassen können, bisweilen zu zweifeln und unruhig zu sein,
+denn es war ja für Sankt Petrus, den Armen, beinahe unmöglich gewesen,
+zu begreifen, wozu es dienen solle, daß sie ein so schweres Dasein
+hatten, wenn unser Herr und Heiland der Herr der Welt war.
+
+Und nun sollte nie mehr die Sehnsucht kommen und ihn quälen. Man darf
+wohl glauben, daß er froh darüber war.
+
+Nun konnte er förmlich darüber lachen, wieviel Betrübnis er und unser
+Herr hatten erdulden und mit wie wenig sie sich hatten begnügen müssen.
+
+Einmal, als es ihnen so übel ergangen war, daß er gemeint hatte, es
+kaum länger ertragen zu können, hatte unser Herr ihn mit sich genommen
+und begonnen, einen hohen Berg hinanzusteigen, ohne ihm zu sagen, was
+sie dort oben zu tun hätten.
+
+Sie waren an den Städten vorübergewandert, die am Fuße des Berges
+lagen, und an den Schlössern, die höher oben waren. Sie waren über
+die Bauernhöfe und Sennhütten hinausgekommen, und sie hatten die
+Steingrotte des letzten Holzhauers hinter sich gelassen.
+
+Sie waren endlich dorthin gekommen, wo der Berg nackt, ohne Pflanzen
+und Bäume stand, und wo ein Eremit sich eine Hütte erbaut hatte, um in
+Not geratnen Wandersleuten beispringen zu können.
+
+Dann waren sie über die Schneefelder gegangen, wo die Murmeltiere
+schlafen, und hinauf zu den wilden, zusammengetürmten Eismassen
+gelangt, bis zu denen kaum ein Steinbock vordringen kann.
+
+Dort oben hatte unser Herr einen kleinen Vogel mit roter Brust
+gefunden, der erfroren auf dem Eise lag, und er hatte den kleinen
+Dompfaffen aufgehoben und eingesteckt. Und Sankt Petrus erinnerte sich,
+daß er neugierig gewesen war, ob dieser Vogel ihr Mittagbrot sein würde.
+
+Sie waren eine lange Strecke über die schlüpfrigen Eisstücke gewandert,
+und es wollte Sankt Peter bedünken, als wäre er dem Totenreiche nie
+so nah gewesen, denn ein todeskalter Wind und ein todesdunkler Nebel
+hüllten sie ein, und weit und breit fand sich nichts Lebendes. Und doch
+waren sie nicht höher gekommen, als bis zur Mitte des Berges. Da hatte
+er unsern Herrn gebeten, umkehren zu dürfen.
+
+„Noch nicht,“ sagte unser Herr, „denn ich will dir etwas weisen, was
+dir den Mut geben wird, alle Sorgen zu tragen.“
+
+Und sie waren durch Nebel und Kälte weiter gewandert, bis sie eine
+unendlich hohe Mauer erreicht hatten, die sie nicht weiterkommen ließ.
+
+„Diese Mauer geht rings um den Berg,“ sagte unser Herr, „und du kannst
+sie an keinem Punkte übersteigen. Auch kann kein Mensch etwas von
+dem erblicken, was dahinter liegt, denn hier ist es, wo das Paradies
+anfängt, und hier wohnen die seligen Toten den ganzen Berghang hinauf.“
+
+Da hatte der heilige Petrus es nicht lassen können, ein mißtrauisches
+Gesicht zu machen. „Dort drinnen ist nicht Dunkel und Kälte wie hier,“
+sagte unser Herr, „sondern dort ist grüner Sommer und heller Schein
+von Sonnen und Sternen.“ Aber Sankt Petrus vermochte ihm nicht zu
+glauben.
+
+Da nahm unser Herr den kleinen Vogel, den er vorhin auf dem Eisfelde
+gefunden hatte, und bog sich zurück und warf ihn über die Mauer, so daß
+er ins Paradies hineinfiel.
+
+Und gleich darauf hörte der heilige Petrus ein jubelndes, fröhliches
+Zwitschern und erkannte den Gesang eines Dompfaffen und verwunderte
+sich höchlich.
+
+Er wendete sich an unsern Herrn und sagte: „Laß uns wieder auf die Erde
+hinuntergehen und alles dulden, was erduldet werden muß, denn nun sehe
+ich, daß du wahr gesprochen hast, und daß es einen Ort gibt, wo das
+Leben den Tod überwindet.“
+
+Und sie waren den Berg hinuntergestiegen und hatten ihre Wandrung aufs
+neue begonnen.
+
+Dann hatte Sankt Petrus lange Jahre nichts mehr vom Paradiese gesehen,
+sondern war nur einher gegangen und hatte sich nach dem Lande hinter
+der Mauer gesehnt. Und jetzt war er endlich dort und brauchte sich
+nicht mehr zu sehnen, sondern konnte den ganzen Tag mit vollen Händen
+Freude aus niemals versiegenden Quellen schöpfen.
+
+Aber der heilige Petrus war kaum vierzehn Tage im Paradiese, als es
+geschah, daß ein Engel zu unserm Herrn kam, der auf seinem Stuhle saß,
+sich siebenmal vor ihm neigte und ihm sagte, es müsse ein schweres
+Unglück über Sankt Petrus gekommen sein. Er wolle weder essen und
+trinken, und seine Augen wären rotgerändert, als hätte er seit
+mehreren Nächten nicht geschlafen.
+
+Sobald unser Herr dies vernahm, erhob er sich und ging und suchte Sankt
+Petrus auf.
+
+Er fand ihn fern an der äußersten Grenze des Paradieses. Er lag auf dem
+Boden, als wäre er zu ermattet, um stehen zu können, und hatte seine
+Kleider zerrissen und Asche auf sein Haupt gestreut.
+
+Als unser Herr ihn so betrübt sah, setzte er sich neben ihm auf den
+Boden und sprach zu ihm, wie er getan hätte, wenn sie noch in der
+Betrübnis dieser Welt umhergewandert wären.
+
+„Was ist es, was dich so traurig macht, Sankt Petrus?“ fragte unser
+Herr. Aber der Schmerz übermannte Sankt Petrus so sehr, daß er nichts
+zu antworten vermochte.
+
+„Was ist es, was dich so traurig macht, Sankt Petrus?“ fragte unser
+Herr abermals. Als unser Herr die Frage wiederholte, nahm Sankt Petrus
+seine Goldkrone vom Kopfe und warf sie unserm Herrn zu Füßen, als
+wollte er sagen, daß er fürderhin keinen Teil mehr haben wolle an
+seiner Ehre und Herrlichkeit.
+
+Aber unser Herr begriff wohl, daß Sankt Petrus zu verzweifelt war, um
+zu wissen, was er tat, und so zeigte er ihm keinen Zorn. „Du mußt mir
+doch endlich sagen, was dich quält,“ sagte er ebenso sanftmütig wie
+zuvor und mit noch größrer Liebe in der Stimme.
+
+Jetzt aber sprang Sankt Petrus auf, und da sah unser Herr, daß er nicht
+nur betrübt war, sondern auch zornig.
+
+„Ich will Urlaub aus deinen Diensten haben,“ sagte Sankt Petrus. „Ich
+kann nicht einen Tag länger im Paradiese bleiben.“
+
+Aber unser Herr suchte ihn zu beschwichtigen, was er früher oft hatte
+tun müssen, wenn Sankt Petrus aufgebraust war.
+
+„Ich will dich wahrlich nicht hindern, zu gehen,“ sagte er, „aber erst
+mußt du mir sagen, was dir hier nicht gefällt.“
+
+„Ich kann dir sagen, daß ich mir bessern Lohn versprach, als wir beide
+drunten auf Erden jede Art Elend erduldeten,“ sagte Sankt Petrus. Unser
+Herr sah, daß Sankt Petrus Seele von Bitterkeit erfüllt war, und er
+fühlte keinen Groll gegen ihn.
+
+„Ich sage dir, daß du frei bist, zu ziehen, wohin du willst,“ sagte er,
+„wenn du mich nur wissen läßt, was dich betrübt.“
+
+Da endlich erzählte Sankt Petrus, warum er unglücklich war. „Ich hatte
+eine alte Mutter,“ sagte er, „und sie ist vor ein paar Tagen gestorben.“
+
+„Jetzt weiß ich, was dich quält,“ sagte unser Herr. „Du leidest, weil
+deine Mutter nicht hierher ins Paradies gekommen ist.“
+
+„So ist es,“ sagte Sankt Petrus, und zugleich überwältigte ihn der
+Schmerz so sehr, daß er zu jammern und zu schluchzen anfing.
+
+„Ich meine doch, ich hätte es wohl verdient, daß sie herkommen dürfte,“
+sagte er.
+
+Als aber unser Herr erfahren hatte, was es war, worüber der heilige
+Petrus trauerte, wurde er gleichfalls betrübt. Denn Sankt Petrus Mutter
+war nicht so gewesen, daß sie ins Himmelreich hätte kommen können.
+Sie hatte nie an etwas andres gedacht, als Geld zu sammeln; und armen
+Leuten, die vor ihre Türe gekommen waren, hatte sie niemals auch nur
+einen Groschen oder einen Bissen Brot gegeben. Aber unser Herr verstand
+es wohl: Sankt Petrus konnte es unmöglich wünschen, daß seine Mutter so
+geizig gewesen war, daß sie die Seligkeit nicht genießen konnte.
+
+„Sankt Petrus,“ sagte er, „woher weißt du, daß deine Mutter sich bei
+uns glücklich fühlen würde?“
+
+„Sieh, das sagst du nur, damit du mich nicht zu erhören brauchst,“
+sagte Sankt Petrus. „Wer sollte sich im Paradiese nicht glücklich
+fühlen?“
+
+„Wer nicht Freude über die Freude andrer fühlt, kann hier nicht
+glücklich sein,“ sagte unser Herr.
+
+„Dann sind noch andre hier als meine Mutter, die nicht hereinpassen,“
+sagte Sankt Petrus, und unser Herr merkte, daß er damit ihn im Sinne
+hatte.
+
+Und er war tief betrübt, weil Sankt Petrus von einem so schweren Kummer
+getroffen war, daß er nicht mehr wußte, was er sagte. Er blieb eine
+Weile stehen und wartete, ob Sankt Petrus nicht bereute und einsähe,
+daß seine Mutter nicht ins Paradies gehörte, aber der wollte gar nicht
+zu Vernunft kommen.
+
+Da rief unser Herr einen Engel zu sich und befahl ihm, zur Hölle
+hinunter zu fahren und die Mutter des heiligen Petrus ins Paradies
+heraufzuholen.
+
+„Laß mich dann auch sehen, wie er sie herausholt,“ sagte Sankt Petrus.
+Unser Herr nahm Sankt Petrus an der Hand und führte ihn auf einen
+Felsen hinaus, der auf der einen Seite kerzengerade und jäh abfiel. Und
+er zeigte ihm, daß er sich nur ein klein wenig über den Rand zu beugen
+brauchte, um gerade in die Hölle hinunter zu sehen.
+
+Als Sankt Petrus hinunterschaute, konnte er im Anfang nicht mehr
+unterscheiden, als wenn er in einen Brunnen hinabgesehen hätte. Es
+war, als öffne sich ein unendlicher, schwarzer Schlund unter ihm. Das
+erste, was er undeutlich unterschied, war der Engel, der sich schon
+auf den Weg in den Abgrund gemacht hatte. Er sah, wie er ohne jede
+Furcht in das große Dunkel hinunter eilte und nur die Flügel ein wenig
+ausbreitete, um nicht zu heftig zu fallen.
+
+Aber als Sankt Petrus seine Augen ein bißchen daran gewöhnt hatte,
+fing er an, mehr und immer mehr zu sehen. Er begriff zunächst, daß das
+Paradies auf einem Ringberge lag, der eine weite Kluft einschloß, und
+in der Tiefe dieser Kluft hatten die Verdammten ihre Wohnstatt. Er
+sah, wie der Engel eine lange Weile fiel und fiel, ohne in die Tiefe
+hinunter zu kommen. Er war ganz erschrocken darüber, daß es ein so
+weiter Weg war.
+
+„Möchte er doch nur wieder mit meiner Mutter heraufkommen können,“
+sagte er.
+
+Unser Heiland blickte nur mit großen, traurigen Augen auf Sankt Petrus.
+„Es gibt keine Last, die mein Engel nicht heben könnte,“ sagte er.
+
+Es ging so tief hinein in den Abgrund, daß kein Sonnenstrahl dorthin
+dringen konnte, sondern schwarze Schatten dort herrschten. Aber nun war
+es, als hätte der Engel mit seinem Fluge ein wenig Klarheit und Licht
+hingebracht, so daß es Sankt Petrus möglich wurde, zu unterscheiden,
+wie es dort unten aussah.
+
+Da war eine unendliche, schwarze Felsenwüste, scharfe, spitzige Klippen
+deckten den ganzen Grund, und zwischen ihnen blinkten Tümpel von
+schwarzem Wasser. Kein grünes Hälmchen, kein Baum, kein Zeichen des
+Lebens fand sich da.
+
+Aber überall auf die scharfen Felsen waren die unseligen Toten
+hinaufgeklettert. Sie hingen über den Felsenspitzen, die sie in
+der Hoffnung erklettert hatten, sich aus der Kluft emporschwingen
+zu können, und als sie gesehen hatten, daß sie nirgend hinzukommen
+vermochten, waren sie dort oben verblieben, vor Verzweiflung
+versteinert.
+
+Sankt Petrus sah einige von ihnen sitzen oder liegen, die Arme
+in ewiger Sehnsucht ausgestreckt, die Augen unverwandt nach oben
+gerichtet. Andre hatten die Hände vors Gesicht geschlagen, wie um das
+hoffnungslose Grauen um sich nicht sehen zu müssen. Sie waren alle
+reglos, keiner von ihnen bewegte sich. Manche lagen, ohne sich zu
+rühren, in den Wassertümpeln, ohne zu versuchen, herauszukommen.
+
+Das Entsetzlichste war, daß ihrer eine solche Menge waren. Es war, als
+bestünde der Grund der Kluft aus nichts anderm, als aus Leibern und
+Köpfen.
+
+Und Sankt Petrus ward von einer neuen Unruhe gepackt. „Du wirst sehen,
+er findet sie nicht,“ sagte er zu unserm Herrn.
+
+Unser Herr sah ihn nur mit demselben betrübten Blick an wie zuvor. Er
+wußte wohl, daß Sankt Petrus sich wegen des Engels nicht zu beunruhigen
+brauchte.
+
+Aber für Sankt Petrus hatte es noch immer den Anschein, als ob der
+Engel seine Mutter unter der großen Menge von Unseligen nicht gleich
+finden könnte. Er breitete die Flügel aus und schwebte über dem Abgrund
+hin und her, indes er sie suchte.
+
+Auf einmal gewahrte einer der unseligen Verdammten unten im Abgrunde
+den Engel. Und er sprang auf und streckte die Arme zu ihm empor und
+rief: „Nimm mich mit, nimm mich mit!“
+
+Da kam auf einmal Leben in die ganze Schar. Alle Millionen und
+Millionen, die unten in der Hölle verschmachteten, sprangen in
+demselben Augenblick auf und hoben ihre Arme und riefen den Engel an,
+er möchte sie hinauf zu dem seligen Paradiese führen.
+
+Ihre Schreie drangen bis zu unserm Herrn und Sankt Petrus hinauf, und
+ihre Herzen bebten vor Schmerz, als sie es hörten.
+
+Der Engel hielt sich schwebend hoch über den Verdammten, aber wie er
+hin und her glitt, um die zu entdecken, die er suchte, stürmten sie
+alle ihm nach, daß es aussah, als würden sie von einer Windsbraut
+dahingefegt.
+
+Endlich hatte der Engel die erblickt, die er holen sollte. Er faltete
+die Flügel auf dem Rücken zusammen und schoß hinab wie ein Pfeil. Und
+Sankt Petrus schrie in frohem Erstaunen auf, als er ihn den Arm um
+seine Mutter schlingen und sie emporheben sah.
+
+„Selig seist du, der mir die Mutter zuführt!“ sagte er.
+
+Unser Herr legte seine Hand warnend auf des heiligen Petrus Schultern,
+als wollte er ihn abhalten sich zu früh der Freude hinzugeben.
+
+Aber Sankt Petrus war nahe daran, vor Glück zu weinen, weil seine
+Mutter gerettet war, und er konnte nicht verstehen, daß sie noch etwas
+trennen könnte. Und noch größere Freude bereitete es ihm, zu sehen,
+daß einige der Verdammten, so hurtig der Engel auch gewesen war, als
+er seine Mutter emporhob, doch noch behender waren, so daß sie sich
+an sie, die erlöst werden sollte, hängten, um zugleich mit ihr ins
+Paradies geführt zu werden.
+
+Es waren ihrer etwa ein Dutzend, die sich an die alte Frau gehängt
+hatten, und Sankt Petrus dachte, daß es eine große Ehre für seine
+Mutter wäre, so vielen Unglücklichen aus der Verdammnis zu helfen.
+
+Der Engel tat auch nichts, um sie zu hindern. Er schien von der Bürde
+gar nicht beschwert, sondern stieg nur und stieg, und er regte die
+Schwingen nicht mühsamer, als wenn er ein totes Vögelchen zum Himmel
+getragen hätte.
+
+Aber da sah Sankt Petrus, wie seine Mutter anfing, die Unseligen von
+sich loszureißen, die an ihr festhingen. Sie packte ihre Hände und
+löste deren Griff, so daß einer nach dem andern hinuntertaumelte in die
+Hölle.
+
+Sankt Petrus konnte hören, wie sie baten und sie anflehten, aber die
+alte Frau schien es nicht dulden zu wollen, daß ein andrer außer ihr
+selbst selig werde. Sie machte sich von einem nach dem andern frei und
+ließ sie hinab ins Elend stürzen. Und wie sie stürzten, wurde der ganze
+Raum von Wehrufen und Verwünschungen erfüllt.
+
+Da rief Sankt Petrus und bat seine Mutter, sie solle doch
+Barmherzigkeit zeigen, aber sie wollte nichts hören, sondern fuhr fort,
+wie sie begonnen hatte.
+
+Und Sankt Petrus sah, wie der Engel immer langsamer und langsamer flog,
+je leichter seine Bürde wurde, und da wurde Sankt Petrus von solcher
+Angst gepackt, daß ihm seine Beine den Dienst versagten und er auf die
+Knie sinken mußte.
+
+Endlich war nur eine einzige übrig, die sich an Sankt Petrus Mutter
+festhielt. Es war eine junge Frau, die ihr am Halse hing und dicht an
+ihrem Ohr flehte und bat, sie möchte sie mit in das gesegnete Paradies
+lassen. Da war der Engel mit seiner Bürde so weit gekommen, daß Sankt
+Petrus schon die Arme ausstreckte, um die Mutter zu empfangen. Es
+däuchte ihn, der Engel brauchte nur noch ein paar Flügelschläge zu
+machen, um oben auf dem Berge zu sein.
+
+Aber da hielt der Engel auf einmal die Schwingen ganz still, und sein
+Gesicht wurde düster wie die Nacht.
+
+Denn jetzt streckte die alte Frau die Hände nach rückwärts und ergriff
+die andre, die an ihrem Halse hing, bei den Armen und riß und zerrte,
+bis es ihr glückte, die verschlungenen Hände zu trennen, so daß sie
+auch von der letzten befreit wurde.
+
+Als die Unselige fiel, sank der Engel mehrere Klafter tiefer, und es
+sah aus, als vermöchte er nicht mehr, die Schwingen zu heben.
+
+Mit tief betrübten Blicken sah er auf die alte Frau hinunter, sein
+Griff um ihren Leib lockerte sich, und er ließ sie fallen, als sei sie
+eine allzuschwere Bürde für ihn, jetzt, da sie allein geblieben war.
+
+Dann schwang er sich mit einem einzigen Flügelschlage ins Paradies
+hinauf.
+
+Aber Sankt Petrus blieb lange auf derselben Stelle liegen und
+schluchzte, und unser Herr stand still neben ihm.
+
+„Sankt Petrus,“ sagte unser Herr endlich, „nimmer hätte ich geglaubt,
+daß du so weinen würdest, nachdem du ins Paradies gekommen warst.“
+
+Da erhob Gottes alter Diener sein Haupt und antwortete: „Was ist das
+für ein Paradies, wo ich meiner Liebsten Jammer höre und meiner
+Mitmenschen Leiden sehe.“
+
+Aber unsres Herrn Angesicht verdüsterte sich in tiefstem Schmerze. „Was
+wollte ich lieber, als euch allen ein Paradies von eitel hellem Glück
+bereiten?“ sagte er. „Begreifst du nicht, daß ich um dessentwillen zu
+den Menschen hinunterging und sie lehrte, ihre Nächsten zu lieben wie
+sich selbst. Solange sie dies nicht tun, gibt es keine Freistatt, weder
+im Himmel noch auf Erden, wo Schmerz und Betrübnis sie nicht zu ereilen
+vermöchten.“
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Die Lichtflamme
+
+
+[Illustration]
+
+
+I
+
+Vor vielen, vielen Jahren, als die Stadt Florenz sich vor ganz kurzer
+Zeit zur Republik gemacht hatte, lebte dort ein Mann, der Raniero di
+Ranieri hieß. Er war der Sohn eines Waffenschmieds und hatte seines
+Vaters Gewerbe erlernt, aber er übte es nicht sonderlich gern aus.
+
+Dieser Raniero war ein sehr starker Mann. Es hieß von ihm, daß er eine
+schwere Eisenrüstung ebenso leicht trüge wie ein andrer ein Seidenhemd.
+Er war ein noch junger Mann, aber er hatte schon viele Proben seiner
+Kraft gezeigt. Einmal war er in einem Hause gewesen, wo sie Korn
+auf den Dachboden gelegt hatten. Aber es war dort oben zu viel Korn
+aufgehäuft, und während Raniero sich in dem Hause befand, brach einer
+der Dachbalken, und das ganze Dach war im Begriff einzustürzen. Da
+waren alle fortgeeilt bis auf Raniero. Er hatte die Arme emporgereckt
+und sie gegen das Dach gestemmt, bis die Leute Balken und Pfähle geholt
+hatten, um es zu stützen.
+
+Es hieß von Raniero auch, daß er der tapferste Mann wäre, den es
+jemals in Florenz gegeben hätte, und daß er am Kampfe niemals genug
+haben könnte. Sobald er von der Straße irgend einen Lärm hörte,
+stürzte er aus der Werkstatt, in der Hoffnung, daß eine Schlägerei
+entstanden sei, an der er teilnehmen könne. Wenn er nur vom Leder
+ziehen konnte, kämpfte er ebenso gern mit schlichten Landleuten, wie
+mit eisengepanzerten Rittern. Er stürzte sich wie ein Rasender in den
+Kampf, ohne seine Gegner zu zählen.
+
+Nun war Florenz zu dieser Zeit nicht besonders mächtig. Die Bevölkerung
+bestand zum größten Teil aus Wollspinnern und Tuchwebern, und diese
+begehrten nichts andres, als in Frieden ihre Arbeit zu verrichten. Es
+gab tüchtige Kerle genug, aber sie waren nicht kampflustig, sondern
+setzten eine Ehre darein, daß in ihrer Stadt bessere Ordnung herrsche
+als anderswo. Raniero klagte oft darüber, daß er nicht in einem Lande
+geboren war, wo ein König herrschte, der tapfere Männer um sich
+scharte, und er sagte, daß er in diesem Falle zu hohen Ehren und Würden
+gekommen wäre.
+
+Raniero war großsprecherisch und laut, grausam gegen Tiere, hart gegen
+seine Frau; es war nicht gut mit ihm leben. Er wäre ein schöner Mann
+gewesen, wenn er nicht quer über das Gesicht mehrere tiefe Narben
+gehabt hätte, die ihn entstellten. Er war rasch von Entschlüssen, und
+seine Art zu handeln war groß, wenn auch oft gewaltsam.
+
+Raniero war mit Francesca vermählt, die die Tochter Jacopo degli
+Ubertis war, eines weisen und mächtigen Mannes. Jacopo hatte sich
+nicht gern dazu verstanden, seine Tochter einem solchen Raufbold wie
+Raniero zu geben, sondern er hatte sich der Heirat so lange wie möglich
+widersetzt. Aber Francesca hatte ihn gezwungen, nachzugeben, indem sie
+sagte, sie würde niemals einen andern heiraten. Als Jacopo endlich
+seine Einwilligung gab, sagte er zu Raniero: „Ich glaube erfahren zu
+haben, daß Männer wie du die Liebe einer Frau leichter gewinnen als
+behalten, darum will ich dir ein Versprechen abnehmen: wenn meine
+Tochter bei dir ein so schweres Leben haben sollte, daß sie zu mir
+zurückkehren will, darfst du sie nicht daran hindern.“ Francesca sagte,
+es sei unnötig, ihm ein solches Versprechen abzunehmen, denn sie habe
+Raniero so lieb, daß nichts sie von ihm trennen könne. Aber Raniero gab
+das Versprechen sogleich. „Dessen kannst du sicher sein, Jacopo,“ sagte
+er, „daß ich nicht versuchen werde, ein Weib zurückzuhalten, das mir
+entfliehen will.“
+
+Francesca zog nun zu Raniero, und alles zwischen ihnen war gut. Als
+sie ein paar Wochen verheiratet waren, kam es Raniero in den Sinn,
+sich im Scheibenschießen zu üben. Er schoß ein paar Tage lang auf eine
+Tafel, die an einer Mauer hing. Er wurde bald sehr geschickt und traf
+jedesmal ins Schwarze. Schließlich wollte er jedoch versuchen, nach
+einem schwerern Ziel zu schießen. Er sah sich nach etwas Geeignetem um,
+entdeckte aber nichts außer einer Wachtel, die in einem Bauer über der
+Hoftür saß. Der Vogel gehörte Francesca, und sie hatte ihn sehr lieb,
+aber Raniero schickte gleichwohl einen Knecht hin, damit er den Käfig
+öffne, und schoß die Wachtel, als sie sich in die Luft schwang.
+
+Dies däuchte ihn ein guter Schuß, und er rühmte sich seiner vor jedem,
+der es hören wollte.
+
+Als Francesca erfuhr, daß Raniero ihren Vogel totgeschossen hatte,
+erblaßte sie und sah ihn groß an. Sie wunderte sich, daß er etwas hatte
+tun mögen, was ihr Schmerz verursachen mußte. Aber sie verzieh ihm
+sogleich und liebte ihn wie zuvor.
+
+Wieder ging eine Zeitlang alles gut.
+
+Ranieros Schwiegervater Jacopo war Leinenweber. Er hatte eine große
+Werkstatt, wo es viel zu tun gab. Raniero glaubte herausgefunden zu
+haben, daß in Jacopos Werkstatt Hanf in den Flachs gemischt werde, und
+behielt das nicht für sich, sondern sprach hier und dort in der ganzen
+Stadt davon. Endlich kam dieses Gerede auch Jacopo zu Ohren, und er
+suchte ihm sogleich ein Ende zu machen. Er ließ von mehreren andern
+Leinenwebern sein Garn und seine Gewebe untersuchen, und sie fanden,
+daß alles der feinste Flachs war. Nur in einem Packen, der außerhalb
+der Stadt Florenz verkauft werden sollte, fanden sie eine kleine
+Beimischung. Da sagte Jacopo, daß die Betrügerei ohne sein Wissen und
+seinen Willen von irgend einem seiner Gesellen begangen worden sein
+müsse. Er sah jedoch selber ein, daß es ihm schwer fallen würde, die
+Leute zu bewegen, dies zu glauben. Er hatte immer im Rufe großer
+Redlichkeit gestanden und empfand es schwer, daß seine Ehre befleckt
+worden war.
+
+Raniero hingegen brüstete sich, daß es ihm gelungen war, einen Betrug
+zu entlarven, und prahlte damit, auch wenn Francesca es hörte.
+
+Sie fühlte großen Kummer und zugleich große Verwundrung, wie damals,
+als er den Vogel totschoß. Während sie noch daran dachte, war es ihr
+plötzlich, als sähe sie ihre Liebe vor sich, und sie war wie ein großes
+Stück leuchtenden Goldstoffes. Sie konnte sehen, wie groß die Liebe
+war und wie schimmernd. Aber aus der einen Ecke war ein Zipfelchen
+fortgeschnitten, so daß sie nicht mehr so groß und herrlich war, wie
+anfangs.
+
+Immerhin war sie noch so wenig beschädigt, daß Francesca dachte: Sie
+wird schon so lange reichen, wie ich lebe. Sie ist so groß, daß sie nie
+ein Ende nehmen kann.
+
+Wieder verging eine Zeit, in der sie und Raniero ebenso glücklich
+waren, wie zu Anfang.
+
+Francesca hatte einen Bruder, der Taddeo hieß. Der war auf einer
+Geschäftsreise in Venedig gewesen, und dort hatte er sich Kleider aus
+Samt und Seide gekauft. Als er heimkam, ging er herum und prahlte
+damit, aber in Florenz war es nicht der Brauch, kostbar gekleidet zu
+gehen, so daß ihrer viele waren, die sich darüber lustig machten.
+
+Eines Nachts waren Taddeo und Raniero in einer Weinschenke. Taddeo
+hatte einen grünen Mantel mit Zobelfutter und ein violettes Wams an.
+Raniero verlockte ihn nun, so viel Wein zu trinken, daß er einschlief,
+dann nahm er ihm seinen Mantel ab und hängte ihn einer Vogelscheuche
+um, die in einem Kohlbeet stand.
+
+Als Francesca dies erfuhr, grollte sie Raniero wieder. Und zu gleicher
+Zeit sah sie das große Stück Goldstoff vor sich, das ihre Liebe war,
+und sie vermeinte zu sehen, wie es kleiner wurde, weil Raniero Stück
+für Stück abschnitt.
+
+Darnach wurde es zwischen ihnen wieder für eine Zeit gut, aber
+Francesca war nicht mehr so glücklich wie zuvor, weil sie immer
+erwartete, Raniero würde eine Tat begehen, die ihrer Liebe schaden
+könnte.
+
+Das ließ auch nicht lange auf sich warten, denn Raniero konnte sich
+nicht lange ruhig verhalten. Er wollte, daß die Menschen immer von ihm
+sprächen und seinen Mut und seine Unerschrockenheit rühmten.
+
+An der Domkirche, die damals in Florenz stand und die viel kleiner war
+als die jetzige, hing hoch oben auf dem einen Turm ein großer, schwerer
+Schild; der war von einem der Vorfahren Francescas dort aufgehängt
+worden. Es soll der schwerste Schild gewesen sein, den ein Mann in
+Florenz zu tragen vermochte, und das ganze Geschlecht der Uberti war
+stolz darauf, daß einer von den ihren es vermocht hatte, den Turm zu
+erklettern und ihn dort aufzuhängen.
+
+Aber nun klomm Raniero eines Tages zu dem Schilde hinauf, hängte ihn
+sich auf den Rücken und kam damit herunter.
+
+Als Francesca dies vernahm, sprach sie zum ersten Male mit Raniero
+darüber, was sie quälte, und bat ihn, er solle nicht versuchen,
+solchermaßen den Stamm zu demütigen, dem sie angehörte. Raniero, der
+erwartet hatte, daß sie ihn ob seiner Heldentat rühmen würde, wurde
+sehr zornig. Er sagte, er merke schon lange, daß sie sich seiner
+Erfolge nicht freue, sondern nur an ihr eignes Geschlecht denke. --
+„Ich denke an etwas andres,“ sagte Francesca, „das ist meine Liebe. Ich
+weiß nicht, wie es ihr ergehen soll, wenn du so fortfährst.“
+
+Von da ab wechselten sie oftmals böse Worte, denn es zeigte sich, daß
+Raniero fast immer gerade das tat, was Francesca am wenigsten ertragen
+konnte.
+
+Es gab in Ranieros Werkstatt einen Gesellen, der klein und hinkend war.
+Dieser Bursche hatte Francesca geliebt, bevor sie sich verheiratete,
+und er fuhr auch nach ihrer Heirat fort, sie zu lieben. Raniero, der
+darum wußte, ließ es sich angelegen sein, ihn zu hänseln, zumal wenn
+sie bei Tische saßen. Es kam schließlich dazu, daß sich dieser Mann,
+der es nicht ertragen konnte, in Francescas Gegenwart zum Gespött
+gemacht zu werden, einmal auf Raniero stürzte und mit ihm kämpfen
+wollte. Aber Raniero hohnlachte nur und stieß ihn beiseite. Da wollte
+der Arme nicht länger leben, sondern ging hin und erhenkte sich.
+
+Als dies geschah, waren Raniero und Francesca ungefähr ein Jahr
+verheiratet. Francesca däuchte es noch immer, daß sie ihre Liebe als
+ein schimmerndes Stück Stoff vor sich sah, aber auf allen Seiten waren
+große Stücke weggeschnitten, so daß es kaum halb so groß war, als es
+anfangs gewesen war.
+
+Sie erschrak sehr, als sie dies sah, und dachte: Bleibe ich noch ein
+Jahr bei Raniero, so wird er meine Liebe zerstört haben. Ich werde
+ebenso arm sein, wie ich bisher reich gewesen bin.
+
+Da entschloß sie sich, Ranieros Haus zu verlassen und zu ihrem Vater zu
+gehen und bei ihm zu leben. Auf daß nicht einmal der Tag käme, an dem
+sie Raniero ebensosehr haßte, wie sie ihn jetzt liebte!
+
+Jacopo degli Uberti saß an seinem Webstuhl, und alle seine Gesellen
+arbeiteten um ihn her, als er sie kommen sah. Er sagte, nun sei
+das eingetroffen, was er schon lange erwartet hätte, und hieß sie
+willkommen. Er ließ seine Leute sogleich die Arbeit unterbrechen und
+befahl ihnen, sich zu bewaffnen und das Haus zu verschließen.
+
+Dann begab sich Jacopo zu Raniero. Er traf ihn in der Werkstatt. „Meine
+Tochter ist heute zu mir zurückgekehrt und hat mich gebeten, wieder
+unter meinem Dache leben zu dürfen,“ sagte er zu seinem Eidam. „Und
+jetzt erwarte ich, daß du sie nicht zwingst, zu dir zurückzukehren,
+getreu dem Versprechen, das du mir gegeben hast.“
+
+Raniero schien das nicht sehr ernst zu nehmen, sondern antwortete
+gleichmütig: „Auch wenn ich dir kein Versprechen gegeben hätte, würde
+ich nicht verlangen, eine Frau zurückzubekommen, die mir nicht
+angehören will.“
+
+Er wußte, wie sehr Francesca ihn liebte, und sagte zu sich selbst: Ehe
+der Abend anbricht, ist sie wieder bei mir.
+
+Sie ließ sich jedoch weder an diesem Tage noch am folgenden blicken.
+
+Am dritten Tage zog Raniero aus und verfolgte ein paar Räuber, die die
+florentinischen Kaufleute seit lange beunruhigt hatten. Es gelang ihm,
+sie zu überwinden, und er brachte sie als Gefangene nach Florenz.
+
+Ein paar Tage verhielt er sich still, bis er gewiß sein konnte, daß
+diese Heldentat in der ganzen Stadt bekannt wäre. Es kam aber nicht
+so, wie er erwartet hatte und auch dies führte Francesca nicht zu ihm
+zurück.
+
+Raniero hätte nun die größte Lust gehabt, sie durch Gesetz und Recht
+zu zwingen, zu ihm zurückzukehren, aber er glaubte, daß er dies seines
+Versprechens wegen nicht tun könne. Es däuchte ihn aber unmöglich, in
+derselben Stadt mit einer Frau zu leben, die ihn verlassen hatte, und
+er zog von Florenz fort.
+
+Er wurde zuerst Söldner, und gar bald machte er sich zum Anführer einer
+Freischar. Er war immer im Kriege und diente vielen Herren.
+
+Er gewann viel Ehre als Krieger, wie er von jeher vorausgesagt hatte.
+Er wurde vom Kaiser zum Ritter geschlagen und wurde zu den mächtigen
+Männern gezählt.
+
+Bevor er Florenz verließ, hatte er vor einem heiligen Madonnenbild in
+der Domkirche das Gelöbnis abgelegt, der heiligen Jungfrau das beste
+und vornehmste zu schenken, was er in jedem Kampf erbeuten würde. Vor
+diesem Bilde sah man immer kostbare Gaben, die von Raniero gespendet
+waren.
+
+Raniero wußte also, daß alle seine Heldentaten in seiner Geburtsstadt
+bekannt waren. Er wunderte sich sehr, daß Francesca degli Uberti nicht
+zu ihm zurückkam, obgleich sie alle seine Erfolge kannte.
+
+Um diese Zeit wurde zu einem Kreuzzug zur Befreiung des Heiligen Grabes
+gepredigt, und Raniero nahm das Kreuz und zog ins Morgenland. Denn
+einmal erwartete er, daß er dort Schlösser und Land gewinnen würde, um
+darüber zu regieren, und dann dachte er, daß er dadurch in die Lage
+käme, so glänzende Heldentaten zu vollbringen, daß sein Weib ihn wieder
+lieb gewänne und zu ihm zurückkehrte.
+
+
+II
+
+In der Nacht nach dem Tage, an dem Jerusalem erobert worden war,
+herrschte in dem Lager der Kreuzfahrer vor der Stadt große Freude. Fast
+in jedem Zelte wurden Trinkgelage abgehalten, und das Lachen und Lärmen
+wurde weit im Umkreise gehört.
+
+Raniero di Ranieri saß mit einigen Kampfgenossen beim Weine, und bei
+ihm ging es fast noch wilder zu als sonst irgendwo. Die Knappen hatten
+die Becher kaum gefüllt, als sie auch schon wieder leer waren. Aber
+Raniero hatte auch die meiste Ursache, ein großes Fest zu feiern, denn
+er hatte an diesem Tage höhere Ehre gewonnen denn je zuvor. Am Morgen,
+als die Stadt gestürmt wurde, war er nächst Gottfried von Bouillon der
+erste gewesen, der die Mauern erstiegen hatte, und am Abend war er für
+seine Tapferkeit vor dem ganzen Heere geehrt worden.
+
+Als das Plündern und Morden ein Ende genommen hatte und die Kreuzfahrer
+in Büßermänteln mit unentzündeten Wachskerzen in den Händen in die
+heilige Grabeskirche eingezogen waren, war ihm nämlich von Gottfried
+verkündet worden, daß er der erste sein solle, der seine Kerze an den
+heiligen Flammen entzünden dürfe, die vor Christi Grab brennen. Es
+däuchte Raniero, daß Gottfried ihm damit zeigen wolle, daß er ihn für
+den Tapfersten im ganzen Heere ansehe; und er freute sich sehr über die
+Art, wie er für seine Heldentaten belohnt worden war.
+
+Bei einbrechender Nacht, als Raniero und seine Gäste in bester Laune
+waren, kamen ein Narr und ein paar Spielleute, die überall im Lager
+umhergewandert waren und alle mit ihren Einfällen ergötzt hatten,
+in Ranieros Zelt, und der Narr bat um die Erlaubnis, ein spaßhaftes
+Abenteuer erzählen zu dürfen.
+
+Raniero wußte, daß dieser Narr im Rufe großer Lustigkeit stand, und
+versprach seiner Erzählung Gehör zu schenken.
+
+„Es begab sich einmal,“ sagte der Narr, „daß unser Herr und der
+heilige Petrus einen ganzen Tag auf dem höchsten Turme der Burg des
+Paradieses gesessen und auf die Erde hinuntergesehen hatten. Sie hatten
+so viel anzugucken gehabt, daß sie kaum Zeit gefunden hatten, ein Wort
+miteinander zu wechseln. Unser Herr hatte sich die ganze Zeit still
+verhalten, aber der heilige Petrus hatte bald vor Freude in die Hände
+geklatscht und bald wieder den Kopf mit Abscheu abgewendet. Bald hatte
+er gelächelt und gejubelt, und bald hatte er geweint und gejammert.
+Endlich, als der Tag zur Neige ging und die Abenddämmerung sich auf
+das Paradies senkte, wendete sich unser Heiland an den heiligen Petrus
+und sagte, nun müsse er wohl froh und zufrieden sein. ‚Womit sollte
+ich wohl zufrieden sein?‘ fragte da Sankt Petrus in heftigem Tone. --
+‚Je nun,‘ sagte unser Herr sanftmütig, ‚ich glaubte, du würdest mit
+dem, was du heute gesehen hast, zufrieden sein.‘ -- Aber der heilige
+Petrus wollte sich nicht besänftigen lassen. -- ‚Es ist ja wahr,‘ sagte
+er, ‚daß ich so manches liebe Jahr darüber geklagt habe, daß Jerusalem
+in der Gewalt der Ungläubigen ist, aber nach allem, was sich heute
+zugetragen hat, meine ich, daß es ebensogut hätte bleiben können, wie
+es war‘.“
+
+Raniero begriff nun, daß der Narr davon sprach, was im Laufe des Tages
+geschehen war. Er und die andern Ritter begannen nun mit größerer
+Teilnahme zuzuhören als im Anfang.
+
+„Als der heilige Petrus dies gesagt hatte,“ fuhr der Narr fort, indem
+er einen pfiffigen Blick auf die Ritter warf, „beugte er sich über die
+Zinnen des Turmes und wies zur Erde hinunter. Er zeigte unserm Herrn
+eine Stadt, die auf einem großen einsamen Felsen lag, der aus einem
+Gebirgstal aufragte. ‚Siehst du diese Leichenhaufen?‘ sagte er, ‚und
+siehst du das Blut, das über die Straßen strömt, und siehst du die
+nackten elenden Gefangnen, die in der Nachtkälte jammern, und siehst
+du alle die rauchenden Brandstätten?‘ Unser Herr schien ihm nichts
+erwidern zu wollen, und der heilige Petrus fuhr mit seinem Gejammer
+fort. Er sagte, wohl habe er dieser Stadt oft gezürnt, aber so übel
+habe er ihr doch nicht gewollt, daß es dort einmal so aussehen solle.
+Da endlich antwortete unser Herr und versuchte einen Einwand. -- ‚Du
+kannst doch nicht leugnen, daß die christlichen Ritter ihr Leben mit
+der größten Unerschrockenheit gewagt haben,‘ sagte er.“
+
+Hier wurde der Narr von Beifallsrufen unterbrochen, aber er beeilte
+sich fortzufahren.
+
+„Nein, stört mich nicht,“ bat er. „Jetzt weiß ich nicht mehr, wo ich
+geblieben war. Ja, richtig, ich wollte eben sagen, daß der heilige
+Petrus sich ein paar Tränen wegwischte, die ihm in die Augen getreten
+waren und ihn am Sehen hinderten. ‚Nie hätte ich geglaubt, daß sie
+solche wilde Tiere sein würden,‘ sagte er. ‚Sie haben ja den ganzen
+Tag gemordet und geplündert. Ich verstehe gar nicht, daß du es dir
+beifallen lassen konntest, dich kreuzigen zu lassen, um dir solche
+Bekenner zu schaffen.‘“
+
+Die Ritter nahmen den Scherz gut auf. Sie begannen laut und fröhlich
+zu lachen. „Was, Narr, der heilige Petrus ist wirklich so böse auf
+uns?“ rief einer von ihnen.
+
+„Sei jetzt still und laß uns hören, ob unser Herr uns nicht in Schutz
+genommen hat!“ fiel ein andrer ein.
+
+„Nein, unser Herr schwieg fürs erste still,“ sagte der Narr. „Er wußte
+von altersher: wenn Sankt Petrus so recht in Eifer gekommen war, war es
+vergebliche Mühe, ihm zu widersprechen. Er eiferte weiter und sagte,
+unser Herr möge nicht einwenden, daß sie sich schließlich doch erinnert
+hätten, in welche Stadt sie gekommen waren, und auf bloßen Füßen im
+Büßergewand in die Kirche gegangen wären. Diese Andacht hätte ja gar
+nicht so lange gedauert, daß es überhaupt lohnte, davon zu sprechen.
+Und dann beugte er sich noch einmal über die Brüstung hinaus und wies
+auf Jerusalem hinunter. Er deutete auf das Lager der Christen davor.
+‚Siehst du, wie deine Ritter ihren Sieg feiern?‘ fragte er. Und unser
+Herr sah, daß überall im Lager Trinkgelage gefeiert wurden. Ritter und
+Knechte saßen da und sahen syrischen Tänzerinnen zu. Gefüllte Becher
+kreisten, man würfelte um die Kriegsbeute, und -- --“
+
+„Man hörte Narren an, die alberne Geschichten erzählten,“ fiel Raniero
+ein. „War das nicht auch eine große Sünde?“
+
+Der Narr lachte und nickte Raniero zu, als wollte er sagen: Na, warte
+nur, ich zahl dir's schon heim.
+
+„Nein, unterbrecht mich nicht,“ bat er abermals, „ein armer Narr
+vergißt so leicht, was er sagen wollte. Ja, richtig, der heilige
+Petrus fragte unsern Herrn mit der strengsten Stimme, ob er meine, daß
+ihm dieses Volk große Ehre mache. Darauf mußte unser Herr natürlich
+antworten, daß er das nicht meine. ‚Sie waren Räuber und Mörder, ehe
+sie von daheim auszogen,‘ sagte Sankt Petrus, ‚und Räuber und Mörder
+sind sie auch heute noch. Dieses Unternehmen hättest du ebensogut
+ungeschehen lassen können. Es kommt nichts Gutes dabei heraus‘.“
+
+„Na, na, Narr!“ sagte Raniero mit warnender Stimme.
+
+Aber der Narr schien eine Ehre darein zu setzen, zu probieren, wie weit
+er gehen könne, ohne daß jemand aufspränge und ihn hinauswürfe, und er
+fuhr unerschrocken fort:
+
+„Unser Herr neigte nur den Kopf wie einer, der zugesteht, daß er
+gerecht gestraft wird. Aber beinahe in demselben Augenblick beugte er
+sich eifrig vor und sah mit noch größerer Aufmerksamkeit als vorher
+hinunter. Da guckte Sankt Petrus ebenfalls hin. ‚Wonach blickst du denn
+aus?‘ fragte er.“
+
+Der Narr erzählte dies mit sehr lebhaftem Mienenspiel. Alle Ritter
+sahen sowohl unsern Herrn als auch Sankt Petrus vor Augen, und sie
+waren begierig was es wohl sein mochte, was unser Herr erblickt haben
+sollte.
+
+„Unser Herr antwortete, es sei nichts besonders“, sagte der Narr,
+„aber er ließ auf jeden Fall nicht davon ab, hinabzublicken. Sankt
+Petrus folgte der Richtung der Blicke unsres Herrn, und er konnte
+nichts andres finden, als daß unser Herr dasaß und in ein großes Zelt
+hinuntersah, vor dem ein paar Sarazenenköpfe auf lange Lanzen gespießt
+waren, und wo eine Menge prächtiger Teppiche, goldner Tischgefäße
+und kostbarer Waffen, die in der heiligen Stadt erbeutet waren,
+aufgestapelt lagen. In diesem Zelte ging es ebenso zu wie sonst überall
+im Lager. Da saß eine Schar Ritter und leerte die Becher. Der einzige
+Unterschied mochte sein, daß hier noch mehr gelärmt und gezecht wurde
+als an irgend einem andern Orte. Der heilige Petrus konnte nicht
+verstehen, warum unser Herr, als er dorthin blickte, so vergnügt war,
+daß ihm die Freude förmlich aus den Augen leuchtete. So viele strenge
+und furchtbare Gesichter, wie er dort erblickte, glaubte er kaum je
+um einen Zechtisch versammelt gesehen zu haben. Und der Wirt bei dem
+Gastmahl, der am obern Tischende saß, war der entsetzlichste von allen.
+Es war ein etwa fünfunddreißigjähriger Mann, furchtbar groß und grob,
+mit einem roten Gesicht, das von Narben und Schrammen durchkreuzt war,
+mit harten Fäusten und einer starken, polternden Stimme.“
+
+Hier hielt der Narr einen Augenblick inne, als fürchte er,
+weiterzugehen, aber Raniero und den andern machte es Spaß, von sich
+selbst sprechen zu hören, und sie lachten nur über seine Dreistigkeit.
+
+„Du bist ein kecker Bursche,“ sagte Raniero, „laß uns nun sehen, wo du
+hinaus willst!“
+
+„Endlich,“ fuhr der Narr fort, „sagte unser Herr ein paar Worte, aus
+denen Sankt Petrus erriet, was der Grund seiner Freude war. Er fragte
+Sankt Petrus, ob er fehl sähe oder ob es wirklich so wäre, daß einer
+der Ritter ein brennendes Licht neben sich hätte.“
+
+Raniero zuckte bei diesen Worten zusammen. Erst jetzt wurde er böse
+auf den Narren und streckte die Hand nach einem schweren Trinkhumpen
+aus, um ihn ihm ins Gesicht zu schleudern, aber er bezwang sich, um zu
+hören, ob der Bursche zu seiner Ehre oder zu seiner Schande sprechen
+wollte.
+
+„Sankt Petrus sah nun,“ erzählte der Narr, „daß das Zelt im übrigen
+zwar mit Fackeln beleuchtet war, daß aber einer der Ritter wirklich
+eine brennende Wachskerze neben sich stehen hatte. Es war eine große
+dicke Kerze, eine Kerze, die bestimmt war, einen ganzen Tag und eine
+ganze Nacht zu brennen. Der Ritter, der keinen Leuchter hatte, worein
+er sie hätte stecken können, hatte eine ganze Menge Steine ringsherum
+aufgehäuft, damit das Licht stehen könnte.“
+
+Die Tischgesellschaft brach bei diesen Worten in lautes Gelächter aus.
+Alle wiesen auf ein Licht, das neben Raniero auf dem Tische stand und
+ganz so aussah, wie der Narr es beschrieben hatte. Aber Raniero stieg
+das Blut zu Kopfe, denn dies war das Licht, das er vor ein paar Stunden
+am heiligen Grabe hatte anzünden dürfen. Er hatte es nicht über sich
+gebracht, es auszulöschen.
+
+„Als der heilige Petrus dieses Licht sah,“ sagte der Narr, „wurde es
+ihm freilich klar, woran unser Herr seine Freude gehabt hatte, aber
+zugleich konnte er es nicht lassen, ihn ein wenig zu bemitleiden.
+‚Jaso,‘ sagte er, ‚das ist der Ritter, der heute morgen hinter Herrn
+Gottfried von Bouillon auf die Mauer sprang und am Abend sein Licht vor
+allen andern am heiligen Grabe anzünden durfte.‘ -- ‚Ja, so ist es,‘
+sagte unser Herr, ‚und wie du siehst, hat er sein Licht noch brennen.‘“
+
+Der Narr sprach jetzt sehr rasch, während er ab und zu einen lauernden
+Blick auf Raniero warf: „Der heilige Petrus konnte es noch immer nicht
+lassen, unsern Herrn ein ganz klein wenig zu bemitleiden. ‚Verstehst du
+denn nicht, warum er dieses Licht brennen hat?‘ sagte er. ‚Du glaubst
+wohl, daß er an deine Qual und deinen Tod denke, wenn er es sieht. Aber
+er denkt an nichts anderes, als an den Ruhm, den er errang, als er als
+der Tapferste im ganzen Heere nach Gottfried von Bouillon anerkannt
+wurde.‘“
+
+Bei diesen Worten lachten alle Gäste Ranieros. Raniero war sehr zornig,
+aber er zwang sich, gleichfalls zu lachen. Er wußte, daß alle es
+lächerlich gefunden hätten, wenn er nicht ein bißchen Spaß vertragen
+hätte.
+
+„Aber unser Herr widersprach dem heiligen Petrus,“ sagte der Narr.
+„‚Siehst du nicht, wie ängstlich er um das Licht besorgt ist?‘ fragte
+er. ‚Er hält die Hand vor die Flamme, sobald jemand das Zelttuch
+lüftet, aus Furcht, daß die Zugluft es ausblasen könnte. Und er hat
+vollauf damit zu tun, die Nachtschmetterlinge zu verscheuchen, die
+herumfliegen und es zu verlöschen drohen.‘“
+
+Es wurde immer herzlicher gelacht, denn was der Narr sagte, war die
+reine Wahrheit. Raniero fiel es immer schwerer, sich zu beherrschen. Es
+war ihm, als könne er es nicht ertragen, daß jemand mit der heiligen
+Lichtflamme seinen Scherz trieb.
+
+„Der heilige Petrus war jedoch mißtrauisch,“ fuhr der Narr fort. „Er
+fragte unseren Herrn, ob er diesen Ritter kenne. ‚Er ist nicht gerade
+einer, der häufig zur Messe ginge oder den Betschemel abnützte,‘ sagte
+er. Aber unser Herr ließ sich von seiner Meinung nicht abbringen.
+‚Sankt Petrus, Sankt Petrus!‘ sagte er feierlich. ‚Merke dir, daß der
+Ritter hier fortan frommer werden wird als Gottfried! Von wo gehen
+Milde und Frömmigkeit aus, wenn nicht von meinem Grabe? Du wirst
+Raniero di Ranieri Witwen und notleidenden Gefangnen zu Hilfe kommen
+sehen. Du wirst sehen, wie er Kranke und Betrübte in seine Hut nimmt,
+so wie er jetzt die heilige Lichtflamme hütet.‘“
+
+Darüber erhob sich ein ungeheures Gelächter. Es däuchte alle, die
+Ranieros Laune und Leben kannten, sehr spaßhaft. Aber ihm selbst waren
+der Scherz und das Gelächter ganz unleidlich. Er sprang auf und wollte
+den Narren zurechtweisen. Dabei stieß er so heftig an den Tisch, der
+nichts andres war als eine auf lose Böcke gelegte Tür, daß er wackelte
+und das Licht umfiel. Es zeigte sich nun, wie sehr es Raniero am Herzen
+lag, das Licht brennend zu erhalten. Er dämpfte seinen Groll und nahm
+sich Zeit, das Licht aufzuheben und die Flamme anzufachen, bevor er
+sich auf den Narren stürzte. Aber als er mit dem Lichte fertig war, war
+der Narr schon aus dem Zelte geeilt, und Raniero sah ein, daß es nicht
+der Mühe lohne, ihn im nächtlichen Dunkel zu verfolgen. Ich treffe ihn
+wohl noch ein andermal, dachte er und setzte sich wieder.
+
+Die Tischgäste hatten inzwischen weidlich gelacht, und einer von ihnen
+wollte den Spaß fortsetzen und wendete sich an Raniero. „Eins steht
+aber fest, Raniero, und das ist, daß du diesmal der Madonna in Florenz
+nicht das Kostbarste schicken kannst, was du im Kampfe errungen hast,“
+sagte er.
+
+Raniero fragte, warum er glaube, daß er diesmal seinem alten Brauche
+nicht treu bleiben würde.
+
+„Aus keinem anderen Grunde,“ sagte der Ritter, „als weil das
+Kostbarste, was du errungen hast, diese Lichtflamme ist, die du
+angesichts des ganzen Heeres in der heiligen Grabeskirche entzünden
+durftest. Und die nach Florenz zu schicken, wirst du wohl nicht
+imstande sein.“
+
+Wieder lachten die anderen Ritter, aber Raniero war jetzt in einer
+Laune, daß er das Verwegenste unternommen hätte, nur um ihrem Gelächter
+ein Ende zu machen. Er faßte rasch seinen Entschluß, rief einen alten
+Waffenträger zu sich und sagte zu ihm: „Mache dich zu langer Fahrt
+bereit, Giovanni! Morgen sollst du mit dieser heiligen Lichtflamme nach
+Florenz ziehen.“
+
+Aber der Waffenträger weigerte sich schlankweg, diesen Befehl
+auszuführen. „Dies ist etwas, was ich nicht auf mich nehmen will,“
+sagte er. „Wie sollte es möglich sein, mit einer Lichtflamme nach
+Florenz zu reiten? Sie würde erlöschen, ehe ich noch das Lager
+verlasse.“
+
+Raniero fragte einen seiner Mannen nach dem andern. Er erhielt von
+allen dieselbe Antwort. Sie schienen seinen Befehl kaum ernst zu nehmen.
+
+Natürlich lachten die fremden Ritter, die seine Gäste waren, immer
+lauter und fröhlicher, je deutlicher es sich zeigte, daß keiner von den
+Mannen Ranieros Befehl ausführen wollte.
+
+Raniero geriet in immer größere Erregung. Schließlich verlor er die
+Geduld und rief: „Diese Lichtflamme wird dennoch nach Florenz gebracht
+werden, und da kein andrer damit hinreiten will, werde ich es selbst
+tun.“
+
+„Bedenke dich, bevor du so etwas versprichst!“ sagte ein Ritter. „Du
+reitest von einem Fürstentum fort!“
+
+„Ich schwöre euch, daß ich diese Lichtflamme nach Florenz bringen
+werde!“ rief Raniero. „Ich werde tun, was kein anderer auf sich nehmen
+wollte.“
+
+Der alte Waffenträger verteidigte sich: „Herr, für dich ist es ein
+ander Ding. Du kannst ein großes Gefolge mitnehmen, aber mich wolltest
+du allein ausschicken.“
+
+Raniero jedoch war ganz außer sich und überlegte seine Worte nicht.
+„Ich werde auch allein ziehen,“ sagte er.
+
+Aber damit hatte Raniero sein Ziel erreicht. Alle im Zelte hatten zu
+lachen aufgehört. Sie saßen erschrocken da und starrten ihn an.
+
+„Warum lacht ihr nicht mehr?“ fragte Raniero. „Für einen tapfern Mann
+ist dies Beginnen wohl für nichts mehr zu achten als ein Kinderspiel.“
+
+
+III
+
+Am nächsten Morgen, bei Tagesgrauen, bestieg Raniero sein Pferd. Er
+trug die volle Rüstung, aber darüber hatte er einen groben Pilgermantel
+geworfen, damit das Eisenkleid von den Sonnenstrahlen nicht allzusehr
+erhitzt werde. Er war mit einem Schwert und einer Streitaxt bewaffnet
+und ritt ein gutes Pferd. Ein brennendes Licht hielt er in der Hand,
+und am Sattel hatte er ein paar große Bündel langer Wachskerzen
+befestigt, damit die Flamme nicht aus Mangel an Nahrung sterbe.
+
+Raniero ritt langsam durch die überfüllte Zeltstraße, und so lange
+ging alles gut. Es war noch so früh, daß die Nebel, die aus den tiefen
+Tälern rings um Jerusalem aufgestiegen waren, sich nicht zerstreut
+hatten, und Raniero ritt wie durch eine weiße Nacht. Das ganze Lager
+schlief, und Raniero kam leicht an den Wachposten vorbei. Keiner von
+ihnen rief ihn an, denn durch den dichten Nebel konnten sie ihn nicht
+sehen, und auf den Wegen lag fußhoher Staub, der die Schritte des
+Pferdes unhörbar machte.
+
+Raniero war bald aus dem Bereiche des Lagers und schlug die Straße ein,
+die nach Joppe führte. Er hatte nun einen bessern Weg, aber er ritt
+noch immer ganz langsam, der Lichtflamme wegen. Die brannte schlecht
+in dem dichten Nebel, mit einem rötlichen, zitternden Schein. Und
+immer wieder kamen große Insekten, die mit knatternden Flügelschlägen
+gerade ins Licht stürzten. Raniero hatte vollauf damit zu tun, es zu
+hüten, aber er war guten Mutes und meinte noch immer, daß die Aufgabe,
+die er sich gestellt hätte, nicht schwerer wäre, als daß ein Kind sie
+bewältigen könnte.
+
+Doch das Pferd ermüdete bei dem langsamen Trott und setzte sich in
+Trab. Da begann die Lichtflamme in der Zugluft zu zucken. Es half
+nichts, daß Raniero sie mit der Hand und mit dem Mantel zu schützen
+suchte. Er sah, daß sie ganz nahe daran war, zu erlöschen.
+
+Aber er war durchaus nicht gewillt, sein Vorhaben so bald aufzugeben.
+Er hielt das Pferd an und saß ein Weilchen still und grübelte.
+Schließlich sprang er aus dem Sattel und versuchte, sich rücklings
+daraufzusetzen, so daß er die Flamme mit seinem Körper vor Wind und Zug
+schützte. So gelang es ihm, sie brennend zu erhalten, aber er merkte
+jetzt, daß die Reise sich beschwerlicher gestalten würde, als er
+anfangs geglaubt hatte.
+
+Als er die Berge, die Jerusalem umgeben, hinter sich gelassen hatte,
+hörte der Nebel auf. Er ritt nun durch die tiefste Einsamkeit. Es gab
+weder Menschen, noch Häuser, noch grüne Bäume oder Pflanzen, nur kahle
+Höhen.
+
+Hier wurde Raniero von Räubern angefallen. Es war loses Gesindel, das
+dem Heere ohne Erlaubnis folgte und vom Rauben und Plündern lebte.
+Sie hatten hinter einem Hügel im Hinterhalt gelegen, und Raniero, der
+rücklings ritt, sah sie erst, als sie ihn schon umringt hatten und ihre
+Schwerter gegen ihn zückten.
+
+Es waren etwa zwölf Männer, sie sahen recht jämmerlich aus und ritten
+auf erbärmlichen Pferden. Raniero sah gleich, daß es ihm nicht schwer
+fallen konnte, sich einen Weg durch die Schar zu bahnen und von dannen
+zu reiten. Aber er begriff, daß dies sich nicht tun ließe, ohne daß er
+das Licht von sich werfe. Und er wollte nach den stolzen Worten, die
+er heute Nacht gesprochen hatte, nicht so leicht von seinem Vorsatz
+abstehen.
+
+Er sah daher keinen anderen Ausweg, als mit den Räubern ein
+Übereinkommen zu schließen. Er sagte, daß es ihnen, da er wohl
+bewaffnet sei und ein gutes Pferd reite, schwer fallen würde, ihn zu
+überwinden, wenn er sich verteidige. Aber da er durch ein Gelöbnis
+gebunden sei, wolle er ihnen keinen Widerstand leisten, sondern sie
+dürften ohne Kampf alles nehmen, was sie begehrten, wenn sie nur
+versprächen, sein Licht nicht auszulöschen.
+
+Die Räuber hatten sich auf einen harten Strauß gefaßt gemacht. Sie
+waren über Ranieros Vorschlag sehr erfreut und machten sich sogleich
+daran, ihn auszuplündern. Sie nahmen ihm Rüstung und Roß, Waffen und
+Geld. Das einzige, was sie ihm ließen, waren der grobe Mantel und die
+beiden Kerzenbündel. Sie hielten auch ehrlich ihr Versprechen, die
+Lichtflamme nicht zu löschen.
+
+Einer von ihnen hatte sich auf Ranieros Pferd geschwungen. Als er
+merkte, wie gut es war, schien er ein wenig Mitleid mit dem Ritter zu
+empfinden. Er rief ihm zu: „Siehst du, wir wollen nicht gar zu hart
+gegen einen Christenmenschen sein. Du sollst mein altes Pferd haben, um
+darauf zu reiten.“
+
+Es war eine elende Schindmähre und bewegte sich so starr und steif, als
+wenn es aus Holz wäre.
+
+Als die Räuber endlich verschwunden waren und Raniero daran ging, sich
+auf den elenden Klepper zu setzen, sagte er zu sich selbst: „Ich muß
+wohl von dieser Lichtflamme verhext sein. Um ihretwillen reite ich nun
+wie ein toller Bettler meinen Weg.“
+
+Er sah ein, daß es das klügste gewesen wäre, umzukehren, weil das
+Vorhaben wirklich unausführbar war. Aber ein so heftiges Verlangen,
+es zu vollbringen, war über ihn gekommen, daß er der Lust nicht
+widerstehen konnte, auszuharren.
+
+Er zog also weiter. Noch immer sah er dieselben kahlen, lichtgelben
+Höhen um sich. Nach einer Weile ritt er an einem jungen Hirten vorbei,
+der vier Ziegen hütete. Als Raniero die Tiere auf dem nackten Boden
+weiden sah, fragte er sich, ob sie wohl Erde äßen.
+
+Dieser Hirte hatte wahrscheinlich früher eine größere Herde besessen,
+die ihm von den Kreuzfahrern gestohlen worden war. Als er nun einen
+einsamen Christen heranreiten sah, suchte er ihm alles böse zu tun,
+was er nur konnte. Er stürzte auf ihn zu und schlug mit einem Stab
+nach seinem Lichte. Raniero war von der Lichtflamme so gefesselt,
+daß er sich nicht einmal gegen einen Hirten verteidigen konnte. Er
+zog nur das Licht an sich, um es zu schützen. Der Hirte schlug noch
+ein paarmal danach, aber dann blieb er erstaunt stehen und hörte zu
+schlagen auf. Er sah, daß Ranieros Mantel in Brand geraten war, aber
+Raniero tat nichts, um das Feuer zu ersticken, so lange die Lichtflamme
+in Gefahr war. Man sah es dem Hirten an, daß er sich schämte. Er folgte
+Raniero lange nach, und an einer Stelle, wo der Weg sehr schmal an zwei
+Abgründen vorüberging, kam er heran und führte sein Pferd.
+
+Raniero lächelte und dachte, daß der Hirte ihn sicherlich für einen
+heiligen Mann halte, der eine Bußübung vornehme.
+
+Gegen Abend begannen Raniero Menschen entgegenzukommen. Es war nämlich
+so, daß das Gerücht vom Falle Jerusalems sich schon während der Nacht
+die Küste entlang verbreitet hatte, und eine Menge Leute hatten sich
+sogleich bereit gemacht, hinzuziehen. Es waren Pilger, die schon
+jahrelang auf die Gelegenheit warteten, Jerusalem zu betreten, es
+waren nachgesendete Truppen, und vor allem waren es Kaufleute, die mit
+Wagenladungen von Lebensmitteln hineilten.
+
+Als diese Scharen Raniero begegneten, der rücklings mit einem
+brennenden Lichte in der Hand geritten kam, riefen sie: „Ein Toller,
+ein Toller!“
+
+Die meinen waren Italiener, und Raniero hörte wie sie in seiner eigenen
+Zunge riefen: ~pazzo, pazzo!~ was: ein Toller, ein Toller!
+bedeutet.
+
+Raniero, der sich den ganzen Tag so wohl im Zaum zu halten verstanden
+hatte, wurde durch diese sich stets wiederholenden Rufe heftig gereizt.
+Mit einem Male sprang er aus dem Sattel und begann mit seinen harten
+Fäusten die Rufenden zu züchtigen. Als die Leute merkten, wie schwer
+die Schläge waren, die da fielen, entstand eine allgemeine Flucht, und
+er stand bald allein auf dem Wege.
+
+Nun kam Raniero wieder zu sich selbst. „Wahrlich, sie hatten recht,
+als sie dich einen Tollen nannten,“ sagte er, indem er sich nach dem
+Lichte umsah, denn er wußte nicht, was er damit angefangen hatte.
+Endlich sah er, daß es vom Wege in einen Graben gekollert war. Die
+Flamme war erloschen, aber er sah Feuer in einem trocknen Grasbüschel
+dicht daneben glimmen und begriff, daß das Glück ihn nicht verlassen
+hatte, denn das Licht mußte das Gras in Brand gesetzt haben, bevor es
+erloschen war.
+
+„Dies hätte leicht ein trauriges Ende großer Mühsal werden können,“
+dachte er, während er das Licht entzündete und sich wieder in den
+Sattel schwang. Er fühlte sich recht gedemütigt. Es kam ihm jetzt nicht
+sehr wahrscheinlich vor, daß seine Fahrt gelingen würde.
+
+Gegen Abend kam Raniero nach Ramle und ritt dort zu einem Hause, wo
+Karawanen Herberge für die Nacht zu suchen pflegten. Es war ein großer
+überbauter Hof. Ringsrum waren kleine Verschläge, wo die Reisenden ihre
+Pferde einstellen konnten. Es gab keine Stuben, sondern die Menschen
+schliefen neben den Tieren.
+
+Es war schon eine große Menschenmenge da, aber der Wirt schaffte doch
+Raum für Raniero und sein Pferd. Er gab auch dem Pferde Futter und dem
+Reiter Nahrung.
+
+Als Raniero merkte, daß er so gut behandelt wurde, dachte er: „Ich
+fange fast zu glauben an, daß die Räuber mir einen Dienst erwiesen
+haben, als sie mir meine Rüstung und mein Pferd raubten. Sicherlich
+komme ich mit meiner Bürde leichter durchs Land, wenn man mich für
+einen Wahnsinnigen hält.“
+
+Als Raniero das Pferd in den Stand geführt hatte, setzte er sich auf
+ein Bund Stroh und behielt das Licht in den Händen. Es war seine
+Absicht, nicht zu schlafen, sondern die ganze Nacht wach zu bleiben.
+
+Doch kaum hatte sich Raniero niedergesetzt, als er auch schon
+einschlummerte. Er war furchtbar müde, er streckte sich im Schlafe aus,
+so lang er war, und schlief bis zum Morgen.
+
+Als er erwachte, sah er weder die Lichtflamme noch die Kerze. Er suchte
+im Stroh danach, aber fand sie nirgends.
+
+„Jemand wird sie mir weggenommen und ausgelöscht haben,“ sagte er. Und
+er versuchte zu glauben, daß er sich freue, weil alles aus war und er
+ein unmögliches Vorhaben nicht zu verfolgen brauchte.
+
+Aber während er so dachte, empfand er zugleich eine innere Leere und
+Trauer. Es war ihm, als hätte er sich das Gelingen eines Vorsatzes nie
+sehnlicher gewünscht als eben diesmal.
+
+Er führte das Pferd aus dem Stande, striegelte es und legte den Sattel
+auf.
+
+Als er fertig war, kam der Wirt, dem die Karawanserei gehörte, mit
+einem brennenden Lichte auf ihn zu. Er sagte auf fränkisch: „Ich mußte
+dir gestern dein Licht nehmen, als du einschliefst, aber hier hast du
+es wieder.“
+
+Raniero ließ sich nichts anmerken, sondern sagte ganz gelassen: „Es war
+klug von dir, daß du es ausgelöscht hast.“
+
+„Ich habe es nicht ausgelöscht,“ sagte der Mann. „Ich sah, daß du es
+brennen hattest, als du kamst, und ich glaubte, es sei von Gewicht
+für dich, daß es weiter brenne. Wenn du siehst, um wie viel es sich
+verringert hat, wirst du begreifen, daß es die ganze Nacht gebrannt
+hat.“
+
+Raniero strahlte vor Freude. Er rühmte den Wirt sehr und ritt in bester
+Laune weiter.
+
+
+IV
+
+Als Raniero von Jerusalem aufbrach, hatte er den Seeweg von Joppe nach
+Italien nehmen wollen. Aber er änderte diesen Entschluß, als die Räuber
+ihn um sein Geld plünderten, und beschloß über Land zu ziehen.
+
+Es war eine lange Reise. Er zog von Joppe nördlich, der Küste Syriens
+entlang. Dann ging die Fahrt nach Westen, längs der Halbinsel von
+Kleinasien. Dann wieder nördlich bis hinauf nach Konstantinopel. Und
+von dort hatte er noch eine ansehnliche Strecke Wegs bis Florenz.
+
+Während dieser ganzen Zeit lebte Raniero von frommen Gaben. Meistens
+waren es die Pilger, die nun in Massen nach Jerusalem strömten, die ihr
+Brot mit ihm teilten.
+
+Obgleich Raniero fast immer allein ritt, waren seine Tage weder lang
+noch einförmig. Er hatte allezeit die Lichtflamme zu hüten und konnte
+sich um ihretwillen niemals ruhig fühlen. Es brauchte nur ein Wind, nur
+ein Regentropfen zu kommen, und es war um sie geschehen.
+
+Während Raniero einsame Wege ritt und nur daran dachte, die Lichtflamme
+am Leben zu erhalten, kam es ihm in den Sinn, daß er schon einmal
+zuvor etwas Ähnliches erlebt hatte. Er hatte schon einmal zuvor einen
+Menschen über etwas wachen sehen, was ebenso verletzlich war wie eine
+Lichtflamme.
+
+Dies schwebte ihm anfangs so undeutlich vor, daß er nicht recht wußte,
+ob es etwas war, was er geträumt hätte.
+
+Aber während er einsam durch das Land zog, kam der Gedanke, daß er
+schon einmal etwas Ähnliches mit erlebt habe, unablässig wieder.
+
+„Es ist, als hätte ich mein ganzes Leben lang von nichts anderm
+gehört,“ sagte er.
+
+Eines Abends ritt Raniero in eine Stadt ein. Es dunkelte, und die
+Frauen standen in den Türen und schauten nach ihren Männern aus. Da
+sah Raniero eine, die hoch und schlank war und ernste Augen hatte. Sie
+erinnerte ihn an Francesca degli Uberti.
+
+In demselben Augenblick gelangte Raniero zur Klarheit, worüber er
+nachgegrübelt hatte. Er dachte, daß für Francesca ihre Liebe sicherlich
+wie eine Lichtflamme gewesen war, die sie immer brennend hatte erhalten
+wollen, und von der sie stets gefürchtet hatte, daß Raniero sie
+verlöschen würde. Er wunderte sich über diesen Gedanken, aber immer
+mehr ward es ihm zur Gewißheit, daß es sich so verhielt. Zum ersten
+Male begann er zu verstehen, warum Francesca ihn verlassen hatte und
+daß er sie nicht durch Waffentaten wiedererobern konnte.
+
+ * * * * *
+
+Ranieros Reise wurde sehr langwierig. Und dies nicht zum wenigsten
+darum, weil er sie nicht fortsetzen konnte, wenn das Wetter ungünstig
+war. Dann saß er in der Karawanserei und bewachte die Lichtflamme. Das
+waren sehr harte Tage.
+
+Eines Tages, als Raniero über den Berg Libanon ritt, sah er, daß
+sich die Wolken zu einem Unwetter zusammenzogen. Er war da hoch
+oben zwischen furchtbaren Klüften und Abstürzen, fern von allen
+menschlichen Behausungen. Endlich erblickte er auf einer Felsspitze ein
+sarazenisches Heiligengrab. Es war ein kleiner viereckiger Steinbau mit
+gewölbtem Dache. Es däuchte ihn am besten, seine Zuflucht dorthin zu
+nehmen.
+
+Kaum war Raniero hineingekommen, als ein Schneesturm losbrach, der zwei
+Tage raste. Zugleich kam eine so furchtbare Kälte, daß er nahe daran
+war zu erfrieren.
+
+Raniero wußte, daß es draußen auf dem Berge genug Zweige und Reisig
+gab, so daß es ein leichtes für ihn gewesen wäre, Brennstoff zu einem
+Feuer zu sammeln. Allein er hielt die Lichtflamme, die er trug, sehr
+heilig, und wollte mit ihr nichts andres entzünden als die Lichter vor
+dem Altar der heiligen Jungfrau.
+
+Das Unwetter wurde immer ärger, und schließlich hörte er heftiges
+Donnern und sah Blitze.
+
+Und ein Blitz schlug auf dem Berge dicht vor dem Grabe ein und
+entzündete einen Baum. Und so hatte Raniero eine Flamme, ohne daß er
+das heilige Feuer anzutasten brauchte.
+
+ * * * * *
+
+Als Raniero durch einen öden Teil der Berggegend von Cilicien ritt,
+ging sein Licht zur Neige. Die Kerzenbündel, die er von Jerusalem
+mitgebracht hatte, waren längst aufgebraucht, aber er hatte sich doch
+weiterhelfen können, weil auf dem ganzen Wege christliche Gemeinden
+gewesen waren, wo er sich neue Lichter erbetteln konnte.
+
+Aber nun war sein Vorrat zu Ende, und er glaubte, daß dies das Ende
+seiner Fahrt sein würde.
+
+Als das Licht so tief herabgebrannt war, daß die Flamme seine Hand
+versengte, sprang er vom Pferde, sammelte Reisig und trockenes Gras und
+entzündete dies mit dem letzten Überbleibsel der Flamme. Aber auf dem
+Berge fand sich nicht viel, was brennen konnte, und das Feuer mußte
+bald verlöschen.
+
+Wie Raniero so saß und sich darüber betrübte, daß die heilige Flamme
+sterben mußte, hörte er vom Wege her Gesang, und eine Prozession von
+Wallfahrern kam mit Kerzen in den Händen den Pfad herangezogen. Sie
+waren auf dem Wege zu einer Grotte, in der ein heiliger Mann gelebt
+hatte, und Raniero schloß sich ihnen an. Unter ihnen befand sich auch
+eine Frau, die alt war und nur schwer gehen konnte, und Raniero half
+ihr und schleppte sie den Berg hinauf.
+
+Als sie ihm dann dankte, machte er ihr ein Zeichen, daß sie ihm ihre
+Kerze geben möge. Und sie tat es, und auch mehrere andre schenkten ihm
+die Kerzen, die sie trugen.
+
+Er löschte die Lichter und eilte den Pfad hinunter und entzündete eines
+von ihnen an der letzten Glut des Feuers, das von der heiligen Flamme
+entzündet war.
+
+ * * * * *
+
+Einmal um die Mittagstunde war es sehr heiß, und Raniero hatte sich
+in ein Gebüsch schlafen gelegt. Er schlief tief, und das Licht stand
+zwischen ein paar Steinen neben ihm. Aber als Raniero ein Weilchen
+geschlafen hatte, begann es zu regnen, und dies dauerte ziemlich lange
+an, ohne daß er erwachte. Als er endlich aus dem Schlummer auffuhr, war
+der Boden ringsum ihn naß, und er wagte kaum zu dem Lichte hinzusehen,
+aus Furcht, daß es erloschen sein könnte.
+
+Aber das Licht brannte still und ruhig mitten im Regen, und Raniero
+sah, daß dies daher kam, daß zwei kleine Vögelchen über der Flamme
+flogen und flatterten. Sie schnäbelten sich und hielten die Flügel
+ausgebreitet, und so hatten sie die Lichtflamme vor dem Regen geschützt.
+
+Raniero nahm sogleich seine Kapuze ab und hing sie über das Licht. Dann
+streckte er die Hand nach den kleinen Vögeln aus, denn er hatte Lust,
+sie zu liebkosen. Und sieh da, keiner von ihnen flog von ihm fort,
+sondern er konnte sie einfangen.
+
+Raniero staunte sehr, daß die Vögel keine Angst vor ihm hatten. Aber er
+dachte: das kommt daher, daß sie wissen, daß ich keinen andern Gedanken
+habe, als das zu schützen, was das schutzbedürftigste ist, darum
+fürchten sie mich nicht.
+
+ * * * * *
+
+Raniero ritt in der Nähe von Nicea. Da begegnete er ein paar
+abendländischen Rittern, die ein Entsatzheer ins heilige Land führten.
+In dieser Schar befand sich auch Robert Taillefer, der ein wandernder
+Ritter und Troubadour war.
+
+Raniero kam in seinem fadenscheinigen Mantel mit dem Lichte in der Hand
+herangeritten, und die Krieger begannen wie gewöhnlich zu rufen: „Ein
+Toller, ein Toller!“ Aber Robert hieß sie schweigen und sprach den
+Reiter an:
+
+„Bist du lange so gezogen?“ fragte er ihn.
+
+„Ich bin so von Jerusalem hergeritten,“ antwortete Raniero.
+
+„Ist dein Licht unterwegs nicht oftmals erloschen?“
+
+„An meiner Kerze brennt noch dieselbe Flamme, wie da ich von Jerusalem
+auszog,“ sagte Raniero.
+
+Da sprach Robert Taillefer zu ihm: „Ich bin auch einer von denen,
+die eine Flamme tragen, und ich wollte, daß sie ewig brennen könnte.
+Aber vielleicht kannst du, der du dein Licht brennend von Jerusalem
+hergebracht hast, mir sagen, was ich tun soll, auf daß sie nicht
+erlösche.“
+
+Da erwiderte Raniero: „Herr, das ist ein schweres Beginnen, obgleich
+es von geringem Gewichte scheint. Ich will euch wahrlich nicht zu
+solch einem Vorhaben raten. Denn diese kleine Flamme verlangt von euch,
+daß ihr ganz aufhört, an etwas andres zu denken. Sie gestattet euch
+nicht, eine Liebste zu haben, falls ihr zu derlei geneigt sein solltet,
+auch dürft ihr es um dieser Flamme willen nicht wagen, euch bei einem
+Trinkgelage niederzulassen. Ihr dürft nichts andres im Sinne haben als
+eben diese Flamme, und keine andre Freude darf euch eigen sein. Aber
+warum ich euch vor allem abrate, dieselbe Fahrt zu tun, die ich nun
+versucht habe, das ist, weil ihr euch keinen Augenblick sicher fühlen
+könnt. Aus wie vielen Gefahren ihr auch die Flamme gerettet haben mögt,
+ihr dürft euch doch keinen Augenblick geborgen wähnen, sondern ihr
+müßt darauf gefaßt sein, daß sie euch im nächsten Augenblick entrissen
+werde.“
+
+Aber Robert Taillefer warf den Kopf stolz zurück und sagte: „Was du für
+deine Lichtflamme getan hast, das werde ich auch für die meine zu tun
+wissen.“
+
+ * * * * *
+
+Raniero war nach Italien gekommen. Er ritt eines Tages auf einsamen
+Pfaden durch das Gebirge. Da kam ihm eine Frau nachgeeilt und bat ihn
+um Feuer von seinem Lichte. „Bei mir ist das Feuer erloschen,“ sagte
+sie, „meine Kinder hungern. Leihe mir Feuer, damit ich meinen Ofen
+wärmen und ihnen Brot backen kann!“
+
+Sie streckte die Hand nach dem Lichte aus, aber Raniero entzog es
+ihr, weil er nicht zulassen wollte, daß etwas andres an dieser Flamme
+entzündet werde, als die Lichter vor dem Bilde der Heiligen Jungfrau.
+
+Da sagte die Frau zu ihm: „Gib mir Feuer, Pilger, denn meiner Kinder
+Leben ist die Flamme, die brennend zu bewahren mir auferlegt ist!“ Und
+um dieser Worte willen ließ Raniero sie den Docht ihrer Lampe an seiner
+Flamme entzünden.
+
+Einige Stunden später ritt Raniero in ein Dorf. Es lag hoch oben auf
+dem Berge, so daß bittre Kälte dort herrschte. Ein junger Bauer stand
+am Wege und sah den armen Mann, der in seinem fadenscheinigen Rocke
+geritten kam. Rasch nahm er den kurzen Mantel ab, den er trug und
+warf ihn dem Reiter zu. Aber der Mantel fiel gerade auf das Licht und
+löschte die Flamme.
+
+Da erinnerte sich Raniero an die Frau, die Feuer von ihm geliehen
+hatte. Er kehrte zu ihr zurück und entzündete sein Licht wiederum mit
+heiligem Feuer.
+
+Als er weiter reiten wollte, sagte er zu ihr: „Du sagst, die
+Lichtflamme, die du zu hüten hast, sei das Leben deiner Kinder. Kannst
+du mir sagen, welchen Namen die Lichtflamme trägt, die ich so weither
+bringe?“
+
+„Wo wurde deine Lichtflamme entzündet?“ fragte die Frau.
+
+„Sie wurde an Christi Grab entzündet.“
+
+„Dann kann sie wohl nicht anders heißen als Milde und Menschenliebe,“
+sagte sie.
+
+Raniero mußte über die Antwort lachen. Er däuchte sich ein seltsamer
+Apostel für solche Tugenden.
+
+ * * * * *
+
+Raniero ritt zwischen blauen Hügeln von schöner Gestalt. Er sah, daß er
+sich in der Nähe von Florenz befand.
+
+Er dachte daran, daß er nun bald von der Lichtflamme befreit sein
+würde. Er erinnerte sich an sein Zelt in Jerusalem, das er voll
+Kriegsbeute zurückgelassen hatte, und an die tapferen Krieger, die
+er noch in Palästina hatte und die sich freuen wurden, wenn er das
+Kriegerhandwerk wieder aufnähme und sie zu Siegen und Eroberungen
+führte.
+
+Da merkte Raniero, daß er keineswegs Freude empfand, wenn er daran
+dachte, sondern, daß seine Gedanken lieber eine andre Richtung nahmen.
+
+Raniero sah zum ersten Male ein, daß er nicht mehr derselbe Mann war,
+als der er Jerusalem verlassen hatte. Dieser Ritt mit der Lichtflamme
+hatte ihn gezwungen, sich an allen zu freuen, die friedfertig und
+klug und barmherzig waren, und die Wilden und Streitsüchtigen zu
+verabscheuen.
+
+Er wurde jedesmal froh, wenn er an Menschen dachte, die friedlich in
+ihrem Heim arbeiteten, und es ging ihm durch den Sinn, daß er gern
+in seine alte Werkstatt in Florenz einziehen und schöne, kunstreiche
+Arbeit verfertigen wolle.
+
+„Wahrlich, diese Flamme hat mich umgewandelt,“ dachte er. „Ich glaube,
+sie hat einen andern Menschen aus mir gemacht.“
+
+
+V
+
+Es war Ostern, als Raniero in Florenz einritt.
+
+Kaum war er durch das Stadttor gekommen, rücklings reitend, die Kapuze
+über das Gesicht gezogen und das brennende Licht in der Hand, als auch
+schon ein Bettler aufsprang und das gewohnte: „~Pazzo, pazzo!~“
+rief.
+
+Auf diesen Ruf stürzte ein Gassenjunge aus einem Torweg, und ein
+Tagedieb, der die längste Zeit nichts andres zu tun gehabt hatte, als
+dazuliegen und den Himmel anzugucken, sprang auf seine Füße. Und beide
+begannen dasselbe zu rufen: „~Pazzo, pazzo!~“
+
+Da ihrer nun drei waren, die schrien, so machten sie Lärm genug, um
+alle Burschen aus der ganzen Straße aufzuscheuchen. Diese kamen aus
+Ecken und Winkeln herbeigestürzt, und sowie sie Raniero in seinem
+fadenscheinigen Mantel auf seinem elenden Klepper gewahrten, riefen
+sie: „~Pazzo, pazzo!~“
+
+Aber dies war nichts andres, als woran Raniero schon gewöhnt war. Er
+ritt still durch die Gasse ohne die Schreier zu beachten.
+
+Sie begnügten sich jedoch nicht damit, zu rufen, sondern einer von
+ihnen sprang in die Höhe und versuchte das Licht auszublasen.
+
+Raniero hob das Licht empor. Zugleich versuchte er, das Pferd
+anzutreiben, um den Jungen zu entkommen.
+
+Doch die hielten gleichen Schritt mit ihm und taten alles, was sie
+konnten, um das Licht auszulöschen.
+
+Je mehr Raniero sich anstrengte, die Flamme zu behüten, desto eifriger
+wurden sie. Sie sprangen einander auf den Rücken, sie bliesen die
+Backen auf und pusteten. Sie warfen ihre Mützen nach dem Licht. Nur
+weil ihrer so viele waren und sie einander wegdrängten, gelang es ihnen
+nicht, die Lichtflamme zu töten.
+
+Auf der Gasse herrschte das fröhlichste Treiben. An den Fenstern
+standen Leute und lachten. Niemand fühlte Mitleid mit dem Verrückten,
+der seine Lichtflamme verteidigen wollte. Es war Kirchenzeit, und viele
+Kirchenbesucher waren auf dem Wege zur Messe. Auch sie blieben stehen
+und lachten über den Spaß.
+
+Aber nun stand Raniero aufrecht im Sattel, um das Licht zu bergen. Er
+sah wild aus. Die Kapuze war hinabgesunken, und man sah sein Gesicht,
+das bleich und abgezehrt war wie das eines Märtyrers. Das Licht hielt
+er erhoben, so hoch er vermochte.
+
+Die ganze Gasse war ein einzige Gewühl. Auch die Eltern begannen an
+dem Spiele teilzunehmen. Die Frauen wehten mit ihren Kopftüchern, und
+die Männer schwenkten die Barette. Alle arbeiteten daran, das Licht zu
+verlöschen.
+
+Raniero ritt nun an einem Hause vorbei, das einen Altan hatte. In
+diesem stand eine Frau. Sie beugte sich über das Geländer, riß das
+Licht an sich und eilte damit hinein.
+
+Das ganze Volk brach in schallendes Gelächter und Jubel aus, aber
+Raniero wankte im Sattel und stürzte auf die Straße.
+
+Aber wie er da ohnmächtig und geschlagen lag, wurde die Straße sogleich
+menschenleer.
+
+Keiner wollte sich des Gefallenen annehmen. Sein Pferd allein blieb
+neben ihm stehen.
+
+Sowie die Volksmenge sich von der Straße zurückgezogen hatte, kam
+Francesca degli Uberti mit einem brennenden Lichte in der Hand aus
+ihrem Hause. Sie war noch schön, ihre Züge waren sanft, und ihre Augen
+ernst und tief.
+
+Sie ging auf Raniero zu und beugte sich über ihn. Raniero lag
+bewußtlos, aber in dem Augenblick, in dem der Lichtschein auf sein
+Antlitz fiel, machte er eine Bewegung und fuhr auf. Es sah aus, als ob
+die Lichtflamme alle Macht über ihn hätte. Als Francesca sah, daß er
+zur Besinnung erwacht war, sagte sie: „Hier hast du dein Licht. Ich
+entriß es dir, weil ich sah, wie sehr es dir am Herzen lag, es brennend
+zu erhalten. Ich wußte keinen andern Weg, um dir zu helfen.“
+
+Raniero hatte sich beim Fallen übel zugerichtet. Aber nun konnte
+niemand ihn halten. Er begann sich langsam aufzurichten. Er wollte
+gehen, schwankte aber und war nahe daran, wieder zu fallen. Da
+versuchte er sein Pferd zu besteigen. Francesca half ihm. „Wo willst
+du hin?“ fragte sie, als er wieder im Sattel saß. „Ich will zur
+Domkirche,“ sagte er. „Dann will ich dich geleiten,“ sagte sie, „denn
+ich gehe zur Messe.“ Und sie nahm den Zügel und führte sein Pferd.
+
+Francesca hatte Raniero vom ersten Augenblick an erkannt. Aber Raniero
+sah nicht, wer sie war, denn er gönnte sich nicht die Zeit, sie zu
+betrachten. Er hielt den Blick nur auf die Lichtflamme geheftet.
+
+Auf dem Wege sprachen sie kein Wort. Raniero dachte nur an die
+Lichtflamme, daran, sie in diesen letzten Augenblicken wohl zu hüten.
+Francesca konnte nicht sprechen, weil es sie däuchte, daß sie nicht
+klaren Bescheid über das haben wolle, was sie fürchtete. Sie konnte
+nichts andres glauben, als daß Raniero wahnsinnig heimgekommen wäre.
+Aber obgleich sie beinahe davon überzeugt war, wollte sie doch lieber
+nicht mit ihm sprechen, um nicht volle Gewißheit zu erlangen.
+
+Nach einer Weile hörte Raniero, wie jemand neben ihm weinte. Er sah
+sich um und merkte, daß es Francesca degli Uberti war, die neben ihm
+ging, und wie sie so ging, weinte sie. Aber Raniero sah sie nur einen
+Augenblick und sagte nichts zu ihr. Er wollte nur an die Lichtflamme
+denken.
+
+Raniero ließ sich zur Sakristei führen. Da stieg er vom Pferde. Er
+dankte Francesca für ihre Hilfe, sah aber noch immer nicht sie an,
+sondern das Licht. Er ging allein in die Sakristei zu den Geistlichen.
+
+Francesca trat in die Kirche. Es war Karsamstagabend, und alle Lichter
+in der Kirche standen unentzündet auf ihren Altären, zum Zeichen
+der Trauer. Francesca däuchte es, daß auch bei ihr jede Flamme der
+Hoffnung, die einst in ihr gebrannt hatte, erloschen wäre.
+
+In der Kirche ging es sehr feierlich zu. Vor dem Altare standen viele
+Priester. Zahlreiche Domherren saßen im Chore, und der Bischof zu
+oberst unter ihnen.
+
+Nach einer Weile merkte Francesca, daß unter den Geistlichen eine
+Bewegung entstand. Beinahe alle, die nicht bei der Messe anwesend sein
+mußten, erhoben sich und gingen in die Sakristei. Schließlich ging auch
+der Bischof.
+
+Als die Messe zu Ende war, betrat ein Geistlicher den Chor und begann
+zum Volke zu sprechen. Er erzählte, daß Raniero di Ranieri mit heiligem
+Feuer aus Jerusalem nach Florenz gekommen war. Er erzählte, was der
+Ritter auf dem Wege geduldet und erlitten hatte. Und er pries ihn über
+alle Maßen.
+
+Die Menschen saßen staunend da und hörten dies. Francesca hatte nie
+eine so selige Stunde erlebt. „Oh, Gott,“ seufzte sie, „dies ist mehr
+Glück, als ich tragen kann.“ Ihre Tränen strömten, während sie lauschte.
+
+Der Priester sprach lange und beredt. Zum Schlusse sagte er mit
+mächtiger Stimme: „Nun kann es gewißlich eine geringe Sache scheinen,
+daß eine Lichtflamme hierher nach Florenz gebracht wurde. Aber ich sage
+euch: Betet zu Gott, daß er Florenz viele Träger des ewigen Feuers
+schenke, dann wird es eine große Macht werden und gebenedeit unter den
+Städten!“
+
+Als der Priester zu Ende gesprochen hatte, wurden die Haupttore der
+Domkirche weit geöffnet, und eine Prozession, so gut sie sich in aller
+Eile hatte ordnen können, zog herein. Da gingen Domherren und Mönche
+und Geistliche, und sie zogen durch den Mittelgang zum Altare. Zu
+allerletzt ging der Bischof und an seiner Seite Raniero in demselben
+Mantel, den er auf dem ganzen Wege getragen hatte.
+
+Aber als Raniero über die Schwelle der Kirche trat, stand ein alter
+Mann auf und ging auf ihn zu. Es war Oddo, der Vater eines Gesellen,
+den Raniero in seiner Werkstatt gehabt hatte, und der sich um
+seinetwillen erhängt hatte.
+
+Als dieser Mann zum Bischof und zu Raniero gekommen war, neigte er
+sich vor ihnen. Hierauf sagte er mit so lauter Stimme, daß alle in der
+Kirche ihn hörten: „Es ist eine große Sache für Florenz, daß Raniero
+mit heiligem Feuer von Jerusalem gekommen ist. Solches ist nie zuvor
+vernommen worden. Vielleicht, daß darum auch manche sagen werden, es
+sei unmöglich. Darum bitte ich, daß man das ganze Volk wissen lasse,
+welche Beweise und Zeugen Raniero dafür gebracht hat, daß dies wirklich
+Feuer ist, das in Jerusalem entzündet wurde.“
+
+Als Raniero diese Worte vernahm, sagte er: „Nun helfe mir Gott. Wie
+könnte ich Zeugen haben? Ich habe den Weg allein gemacht. Wüsten und
+Wildnisse mögen kommen und für mich zeugen.“
+
+„Raniero ist ein ehrlicher Ritter,“ sagte der Bischof, „und wir glauben
+ihm auf sein Wort.“
+
+„Raniero hätte wohl selbst wissen können, daß hierüber Zweifel
+entstehen würden,“ sagte Oddo. „Er wird wohl nicht ganz allein geritten
+sein. Seine Knappen können wohl für ihn zeugen.“
+
+Da trat Francesca degli Uberti aus der Volksmenge und eilte auf Raniero
+zu. „Was braucht es Zeugen?“ rief sie. „Alle Frauen von Florenz wollen
+einen Eid darauf ablegen, daß Raniero die Wahrheit spricht.“
+
+Da lächelte Raniero, und sein Gesicht erhellte sich für einen
+Augenblick. Aber dann wendete er seine Blicke und seine Gedanken wieder
+der Lichtflamme zu.
+
+In der Kirche entstand ein großer Aufruhr. Einige sagten, daß Raniero
+die Lichter auf dem Altar nicht entzünden dürfe, ehe seine Sache
+bewiesen war. Zu diesen gesellten sich viele seiner alten Feinde.
+
+Da erhob sich Jacopo degli Uberti und sprach für Ranieros Sache. „Ich
+denke, daß alle hier wissen, daß zwischen mir und meinem Eidam nicht
+allzugroße Freundschaft geherrscht hat,“ sagte er, „aber jetzt wollen
+sowohl ich wie meine Söhne uns für ihn verbürgen. Wir glauben, daß
+er die Tat vollbracht hat, und wir wissen, daß der, der es vermocht
+hat, ein solches Unternehmen auszuführen, ein weiser, behutsamer
+und edelgesinnter Mann ist, den wir uns freuen, in unsrer Mitte
+aufzunehmen.“
+
+Aber Oddo und viele andre waren nicht gesonnen, Raniero das Glück, das
+er erstrebte, zu gönnen. Sie sammelten sich in einem dichten Haufen,
+und es war leicht zu sehen, daß sie von ihrer Forderung nicht abstehen
+wollten.
+
+Raniero begriff, daß sie, wenn es nun zum Kampfe käme, sie gleich
+versuchen würden, nach der Lichtflamme zu trachten. Während er die
+Blicke fest auf seine Widersacher geheftet hielt, hob er das Licht so
+hoch empor, als er nur konnte.
+
+Er sah todmüde und verzweifelt aus. Man sah ihm an, daß er, wenn er
+auch so lange wie möglich aushalten wollte, doch nur eine Niederlage
+erwartete. Was frommte es ihm nun, wenn er die Flamme entzünden dürfte!
+Oddos Worte waren ein Todesstreich gewesen. Wenn der Zweifel einmal
+geweckt war, dann mußte er sich verbreiten und wachsen. Es däuchte ihn,
+daß Oddo schon die Lichtflamme für alle Zeit gelöscht hätte.
+
+Ein kleines Vöglein flatterte durch die großen geöffneten Tore in die
+Kirche. Es flog geradewegs auf Ranieros Licht zu. Dieser konnte es
+nicht so rasch zurückziehen, der Vogel stieß daran und löschte die
+Flamme.
+
+Ranieros Arm sank herunter, und die Tränen traten ihm in die Augen.
+Aber im ersten Augenblick empfand er dies als eine Erleichterung. Es
+war besser, als daß Menschen sie getötet hätten.
+
+Das kleine Vöglein setzte seinen Flug in die Kirche fort, verwirrt
+hin und her flatternd, wie Vögel zu tun pflegen, wenn sie in einen
+geschlossenen Raum kommen.
+
+Da brauste mit einem Male durch die ganze Kirche der laute Ruf: „Der
+Vogel brennt! Die heilige Lichtflamme hat seine Flügel entzündet!“
+
+Der kleine Vogel piepste ängstlich. Er flog ein paar Augenblicke wie
+eine flatternde Flamme unter den hohen Wölbungen des Chors umher. Dann
+sank er rasch und fiel tot vor dem Altar der Madonna nieder.
+
+Aber in demselben Augenblick, wo der Vogel auf den Altar niederfiel,
+stand Raniero da. Er hatte sich einen Weg durch die Kirche gebahnt,
+nichts hatte ihn halten können. Und an den Flammen, die die Schwingen
+des Vogels verzehrten, entzündete er die Kerzen vor dem Altar der
+heiligen Jungfrau.
+
+Da erhob der Bischof seinen Stab und rief: „Gott wollte es! Gott hat
+für ihn gezeugt!“
+
+Und alles Volk in der Kirche, seine Freunde wie seine Widersacher,
+hörten auf zu zweifeln und zu staunen. Sie riefen alle, von Gottes
+Wunder hingerissen: „Gott wollte es! Gott hat für ihn gezeugt!“
+
+ * * * * *
+
+Von Raniero ist noch zu berichten, daß er hinfort seiner Lebtag großes
+Glück genoß und weise, behutsam und barmherzig war. Aber das Volk von
+Florenz nannte ihn immer Pazzo di Raniero, zur Erinnerung daran, daß
+man ihn für toll gehalten hatte. Und dies ward ein Ehrentitel für ihn.
+Er gründete ein edles Geschlecht, und dieses nahm den Namen Pazzo an,
+und so nennt es sich noch heute.
+
+Es mag weiter berichtet werden, daß es in Florenz Sitte wurde, jedes
+Jahr am Karsamstagabend ein Fest zur Erinnerung an Ranieros Heimkunft
+mit dem heiligen Feuer zu feiern, und daß man dabei immer einen
+künstlichen Vogel mit Feuer durch den Dom fliegen läßt. Und so wird
+dieses Fest wohl auch noch in diesem Jahre begangen worden sein, wenn
+nicht ganz vor kurzem eine Änderung eingetreten ist.
+
+Aber ob es wahr ist, wie viele meinen, daß die Träger heiligen Feuers,
+die in Florenz gelebt und die Stadt zu einer der herrlichsten der Erde
+gemacht haben, ihr Vorbild in Raniero fanden und dadurch ermutigt
+wurden, zu opfern, zu leiden und auszuharren, dies mag hier unausgesagt
+bleiben.
+
+Denn was von dem Lichte bewirkt wurde, das in dunkeln Zeiten von
+Jerusalem ausgegangen ist, läßt sich weder messen noch zählen.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Christuslegenden, by Selma Lagerlöf
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CHRISTUSLEGENDEN ***
+
+***** This file should be named 57807-0.txt or 57807-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/5/7/8/0/57807/
+
+Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
+http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
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+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
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+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
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+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
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+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
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+with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
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+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
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+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
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+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
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+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
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+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
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+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+<body>
+
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+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Christuslegenden, by Selma Lagerlöf
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
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+
+Title: Christuslegenden
+
+Author: Selma Lagerlöf
+
+Translator: Francis Maro
+
+Release Date: August 29, 2018 [EBook #57807]
+
+Language: German
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+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CHRISTUSLEGENDEN ***
+
+
+
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+Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
+http://www.pgdp.net
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+
+
+
+
+
+</pre>
+
+
+<div class="transnote">
+
+<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
+
+<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1921 erschienenen
+Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
+Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche
+Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert;
+fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert. Wortvarianten, wie
+z.B. ‚Knie‘ (Plural) und ‚Kniee‘, wurden nicht vereinheitlicht, sofern
+diese im Text mehrfach auftreten.</p>
+
+<p class="p0">Das Origial wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen in
+Antiquaschrift werden in der vorliegenden Fassung <span class="antiqua">kursiv</span>
+wiedergegeben. <span class="nohtml">Die ursprünglich <a href="#dein">gesperrt</a> gedruckte
+Passage erscheint hier in <b>Fettdruck</b>.</span></p>
+
+</div>
+
+<div class="titelei">
+
+<p class="s2 center padtop5 padbot5 break-before">Christuslegenden</p>
+
+
+<p class="s2 center break-before padtop1">Selma Lagerlöf</p>
+
+<h1><b>Christuslegenden</b></h1>
+
+<p class="center">Berechtigte Übersetzung aus dem Schwedischen</p>
+
+<p class="s5 center">von</p>
+
+<p class="s3 center"><b>Francis Maro</b></p>
+
+<p class="s3 center">8. bis 30. Tausend</p>
+
+<div class="figcenter padtop3">
+ <a id="signet" name="signet">
+ <img class="w6em" src="images/signet.jpg" alt="Verlagssignet" /></a>
+</div>
+
+<p class="s3 center padtop3">Albert Langen</p>
+
+<p class="s4 center">Verlag für Literatur und Kunst</p>
+
+<p class="s4 center"><b>München 1921</b></p>
+
+<p class="s5 center padtop5 break-before">Druck von Hesse & Becker in Leipzig<br />
+Einbände von E. A. Enders in Leipzig</p>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_v" id="Seite_v">[V]</a></span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt<a name="FNAnker_A_1" id="FNAnker_A_1"></a><a href="#Fussnote_A_1" class="fnanchor">[A]</a></h2>
+
+</div>
+
+<div class="csstoc">
+ <div class="cssrow">
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+
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+ <div class="s5 csscell right">
+ Seite
+ </div>
+ </div>
+ <div class="cssrow">
+ <div class="csscell">
+ Die heilige Nacht
+ </div>
+ <div class="csscell right">
+ <a href="#Die_heilige_Nacht">VII</a>
+ </div>
+ </div>
+ <div class="cssrow">
+ <div class="csscell">
+ Die Vision des Kaisers
+ </div>
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+ <a href="#Die_Vision_des_Kaisers">11</a>
+ </div>
+ </div>
+ <div class="cssrow">
+ <div class="csscell">
+ Der Brunnen der weisen Männer
+ </div>
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+ <a href="#Der_Brunnen_der_weisen_Maenner">23</a>
+ </div>
+ </div>
+ <div class="cssrow">
+ <div class="csscell">
+ Das Kindlein von Bethlehem
+ </div>
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+ </div>
+ </div>
+ <div class="cssrow">
+ <div class="csscell">
+ Die Flucht nach Ägypten
+ </div>
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+ <a href="#Die_Flucht_nach_AEgypten">69</a>
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+ </div>
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+ <div class="csscell">
+ In Nazareth
+ </div>
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+ <a href="#In_Nazareth">81</a>
+ </div>
+ </div>
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+ Im Tempel
+ </div>
+ <div class="csscell right">
+ <a href="#Im_Tempel">91</a>
+ </div>
+ </div>
+ <div class="cssrow">
+ <div class="csscell">
+ Das Schweißtuch der heiligen Veronika
+ </div>
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+ <a href="#Das_Schweisstuch_der_heiligen_Veronika">117</a>
+ </div>
+ </div>
+ <div class="cssrow">
+ <div class="csscell">
+ Das Rotkehlchen
+ </div>
+ <div class="csscell right">
+ <a href="#Das_Rotkehlchen">187</a>
+ </div>
+ </div>
+ <div class="cssrow">
+ <div class="csscell">
+ Unser Herr und der heilige Petrus
+ </div>
+ <div class="csscell right">
+ <a href="#Unser_Herr_und_der_heil_Petrus">199</a>
+ </div>
+ </div>
+ <div class="cssrow">
+ <div class="csscell">
+ Die Lichtflamme
+ </div>
+ <div class="csscell right">
+ <a href="#Die_Lichtflamme">215</a>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote">
+
+<p class="p0"><a name="Fussnote_A_1" id="Fussnote_A_1"></a><a href="#FNAnker_A_1"><span class="label">[A]</span></a> Die Legende „Die Vision des Kaisers“ ist dem Lagerlöfschen
+Romane „Wunder des Antichrist“, die Legenden „Die Flucht nach Ägypten“
+und „Unser Herr und der heilige Petrus“ sind dem Buche „Legenden und
+Erzählungen“ von Selma Lagerlöf entnommen. Autorisierte deutsche
+Übersetzungen beider Werke erschienen im Verlage von Franz Kirchheim in
+Mainz, der die Aufnahme der betreffenden drei Legenden in diesen Band
+freundlich gestattete.</p>
+</div>
+
+</div>
+
+<hr class="full" />
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_vii" id="Seite_vii">[VII]</a></span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Die_heilige_Nacht">Die heilige Nacht</h2>
+
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1">[1]</a></span></p>
+
+<div class="figcenter break-before">
+ <a id="p_1" name="p_1">
+ <img class="w20em mtop2 mbot3" src="images/p_1.jpg" alt="Kopfvignette Seite 1" /></a>
+</div>
+
+<p>Als ich fünf Jahre alt war, hatte ich einen großen Kummer. Ich weiß
+kaum, ob ich seitdem einen größeren gehabt habe.</p>
+
+<p>Das war, als meine Großmutter starb. Bis dahin hatte sie jeden Tag auf
+dem Ecksofa in ihrer Stube gesessen und Märchen erzählt.</p>
+
+<p>Ich weiß es nicht anders, als daß Großmutter dasaß und erzählte, vom
+Morgen bis zum Abend, und wir Kinder saßen still neben ihr und hörten
+zu. Das war ein herrliches Leben. Es gab keine Kinder, denen es so gut
+ging wie uns.</p>
+
+<p>Ich erinnere mich nicht an sehr viel von meiner Großmutter. Ich
+erinnere mich, daß sie schönes, kreideweißes Haar hatte, und daß sie
+sehr gebückt ging, und daß sie immer dasaß und an einem Strumpfe
+strickte.</p>
+
+<p>Dann erinnere ich mich auch, daß sie, wenn sie ein Märchen erzählt
+hatte, ihre Hand auf meinen Kopf zu legen pflegte, und dann sagte sie:
+„Und das alles ist so wahr, wie daß ich dich sehe und du mich siehst.“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2">[2]</a></span></p>
+
+<p>Ich entsinne mich auch, daß sie schöne Lieder singen konnte, aber das
+tat sie nicht alle Tage. Eines dieser Lieder handelte von einem Ritter
+und einer Meerjungfrau, und es hatte den Kehrreim: „Es weht so kalt, es
+weht so kalt, wohl über die weite See.“</p>
+
+<p>Dann entsinne ich mich eines kleinen Gebets, das sie mich lehrte, und
+eines Psalmverses.</p>
+
+<p>Von allen den Geschichten, die sie mir erzählte, habe ich nur eine
+schwache, unklare Erinnerung. Nur an eine einzige von ihnen erinnere
+ich mich so gut, daß ich sie erzählen könnte. Es ist eine kleine
+Geschichte von Jesu Geburt.</p>
+
+<p>Seht, das ist beinah alles, was ich noch von meiner Großmutter weiß,
+außer dem, woran ich mich am besten erinnere, nämlich dem großen
+Schmerz, als sie dahinging.</p>
+
+<p>Ich erinnere mich an den Morgen, an dem das Ecksofa leer stand und es
+unmöglich war, zu begreifen, wie die Stunden des Tages zu Ende gehen
+sollten Daran erinnere ich mich. Das vergesse ich nie.</p>
+
+<p>Und ich erinnere mich, daß wir Kinder hingeführt wurden, um die Hand
+der Toten zu küssen. Und wir hatten Angst, es zu tun, aber da sagte
+uns jemand, daß wir nun zum letztenmal Großmutter für alle die Freude
+danken könnten, die sie uns gebracht hatte.</p>
+
+<p>Und ich erinnere mich, wie Märchen und Lieder vom Hause wegfuhren, in
+einen langen, schwarzen Sarg gepackt, und niemals wiederkamen.</p>
+
+<p>Ich erinnere mich, daß etwas aus dem Leben<span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[3]</a></span> verschwunden war. Es war,
+als hätte sich die Tür zu einer ganzen schönen, verzauberten Welt
+geschlossen, in der wir früher frei aus- und eingehen durften. Und nun
+gab es niemand mehr, der sich darauf verstand, diese Tür zu öffnen.</p>
+
+<p>Und ich erinnere mich, daß wir Kinder so allmählich lernten, mit
+Spielzeug und Puppen zu spielen und zu leben wie andere Kinder auch,
+und da konnte es ja den Anschein haben, als vermißten wir Großmutter
+nicht mehr, als erinnerten wir uns nicht mehr an sie.</p>
+
+<p>Aber noch heute, nach vierzig Jahren, wie ich da sitze und die Legenden
+über Christus sammle, die ich drüben im Morgenland gehört habe, wacht
+die kleine Geschichte von Jesu Geburt, die meine Großmutter zu erzählen
+pflegte, in mir auf. Und ich bekomme Lust, sie noch einmal zu erzählen
+und sie auch in meine Sammlung mit aufzunehmen.</p>
+
+<p class="center">* <span class="mleft7">*<br />
+*</span></p>
+
+<p>Es war an einem Weihnachtstag, alle waren zur Kirche gefahren, außer
+Großmutter und mir. Ich glaube, wir beide waren im ganzen Hause allein.
+Wir hatten nicht mitfahren können, weil die eine zu jung und die
+andere zu alt war. Und alle beide waren wir betrübt, daß wir nicht zum
+Mettegesang fahren und die Weihnachtslichter sehen konnten.</p>
+
+<p>Aber wie wir so in unserer Einsamkeit saßen, fing Großmutter zu
+erzählen an.</p>
+
+<p>„Es war einmal ein Mann,“ sagte sie, „der in<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[4]</a></span> die dunkle Nacht
+hinausging, um sich Feuer zu leihen. Er ging von Haus zu Haus und
+klopfte an. ‚Ihr lieben Leute, helft mir!‘ sagte er. ‚Mein Weib hat
+eben ein Kindlein geboren, und ich muß Feuer anzünden, um sie und den
+Kleinen zu erwärmen.‘</p>
+
+<p>Aber es war tiefe Nacht, so daß alle Menschen schliefen, und niemand
+antwortete ihm.</p>
+
+<p>Der Mann ging und ging. Endlich erblickte er in weiter Ferne einen
+Feuerschein. Da wanderte er dieser Richtung zu und sah, daß das Feuer
+im Freien brannte. Eine Menge weiße Schafe lagen rings um das Feuer und
+schliefen, und ein alter Hirt wachte über der Herde.</p>
+
+<p>Als der Mann, der Feuer leihen wollte, zu den Schafen kam, sah er,
+daß drei große Hunde zu Füßen des Hirten ruhten und schliefen. Sie
+erwachten alle drei bei seinem Kommen und sperrten ihre weiten Rachen
+auf, als ob sie bellen wollten, aber man vernahm keinen Laut. Der Mann
+sah, daß sich die Haare auf ihrem Rücken sträubten, er sah, wie ihre
+scharfen Zähne funkelnd weiß im Feuerschein leuchteten, und wie sie
+auf ihn losstürzten. Er fühlte, daß einer von ihnen nach seinen Beinen
+schnappte und einer nach seiner Hand, und daß einer sich an seine Kehle
+hängte. Aber die Kinnladen und die Zähne, mit denen die Hunde beißen
+wollten, gehorchten ihnen nicht, und der Mann litt nicht den kleinsten
+Schaden.</p>
+
+<p>Nun wollte der Mann weiter gehen, um das zu finden, was er brauchte.
+Aber die Schafe lagen so dicht<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[5]</a></span> nebeneinander, Rücken an Rücken, daß
+er nicht vorwärts kommen konnte. Da stieg der Mann auf die Rücken der
+Tiere und wanderte über sie hin dem Feuer zu. Und keins von den Tieren
+wachte auf oder regte sich.“</p>
+
+<p>So weit hatte Großmutter ungestört erzählen können, aber nun konnte ich
+es nicht lassen, sie zu unterbrechen. „Warum regten sie sich nicht,
+Großmutter?“ fragte ich. „Das wirst du nach einem Weilchen schon
+erfahren,“ sagte Großmutter und fuhr mit ihrer Geschichte fort.</p>
+
+<p>„Als der Mann fast beim Feuer angelangt war, sah der Hirt auf. Es war
+ein alter, mürrischer Mann, der unwirsch und hart gegen alle Menschen
+war. Und als er einen Fremden kommen sah, griff er nach einem langen,
+spitzigen Stabe, den er in der Hand zu halten pflegte, wenn er seine
+Herde hütete, und warf ihn nach ihm. Und der Stab fuhr zischend gerade
+auf den Mann los, aber ehe er ihn traf, wich er zur Seite und sauste,
+an ihm vorbei, weit über das Feld.“</p>
+
+<p>Als Großmutter soweit gekommen war, unterbrach ich sie abermals.
+„Großmutter, warum wollte der Stock den Mann nicht schlagen?“ Aber
+Großmutter ließ es sich nicht einfallen, mir zu antworten, sondern fuhr
+mit ihrer Erzählung fort.</p>
+
+<p>„Nun kam der Mann zu dem Hirten und sagte zu ihm: ‚Guter Freund, hilf
+mir, und leih mir ein wenig Feuer. Mein Weib hat eben ein Kindlein
+geboren, und ich muß Feuer machen, um sie und den Kleinen zu erwärmen.‘</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[6]</a></span></p>
+
+<p>Der Hirt hätte am liebsten nein gesagt, aber als er daran dachte, daß
+die Hunde dem Manne nicht hatten schaden können, daß die Schafe nicht
+vor ihm davon gelaufen waren und daß sein Stab ihn nicht fällen wollte,
+da wurde ihm ein wenig bange, und er wagte es nicht, dem Fremden das
+abzuschlagen, was er begehrte.</p>
+
+<p>‚Nimm, soviel du brauchst,‘ sagte er zu dem Manne.</p>
+
+<p>Aber das Feuer war beinahe ausgebrannt. Es waren keine Scheite und
+Zweige mehr übrig, sondern nur ein großer Gluthaufen, und der Fremde
+hatte weder Schaufel noch Eimer, worin er die roten Kohlen hätte tragen
+können.</p>
+
+<p>Als der Hirt dies sah, sagte er abermals: ‚Nimm, soviel du brauchst!‘
+Und er freute sich, daß der Mann kein Feuer wegtragen konnte. Aber der
+Mann beugte sich hinunter, holte die Kohlen mit bloßen Händen aus der
+Asche und legte sie in seinen Mantel. Und weder versengten die Kohlen
+seine Hände, als er sie berührte, noch versengten sie seinen Mantel,
+sondern der Mann trug sie fort, als wenn es Nüsse oder Äpfel gewesen
+wären.“</p>
+
+<p>Aber hier wurde die Märchenerzählerin zum drittenmal unterbrochen.
+„Großmutter, warum wollte die Kohle den Mann nicht brennen?“</p>
+
+<p>„Das wirst du schon hören,“ sagte Großmutter, und dann erzählte sie
+weiter.</p>
+
+<p>„Als dieser Hirt, der ein so böser, mürrischer Mann war, dies alles
+sah, begann er sich bei sich selbst<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[7]</a></span> zu wundern: ‚Was kann dies für
+eine Nacht sein, wo die Hunde die Schafe nicht beißen, die Schafe nicht
+erschrecken, die Lanze nicht tötet und das Feuer nicht brennt?‘ Er rief
+den Fremden zurück und sagte zu ihm: ‚Was ist dies für eine Nacht? Und
+woher kommt es, daß alle Dinge dir Barmherzigkeit zeigen?‘</p>
+
+<p>Da sagte der Mann: ‚Ich kann es dir nicht sagen, wenn du selber es
+nicht siehst.‘ Und er wollte seiner Wege gehen, um bald ein Feuer
+anzünden und Weib und Kind wärmen zu können.</p>
+
+<p>Aber da dachte der Hirt, er wolle den Mann nicht ganz aus dem Gesicht
+verlieren, bevor er erfahren hätte, was dies alles bedeute. Er stand
+auf und ging ihm nach, bis er dorthin kam, wo der Fremde daheim war.</p>
+
+<p>Da sah der Hirt, daß der Mann nicht einmal eine Hütte hatte, um darin
+zu wohnen, sondern er hatte sein Weib und sein Kind in einer Berggrotte
+liegen, wo es nichts gab als nackte, kalte Steinwände.</p>
+
+<p>Aber der Hirt dachte, daß das arme unschuldige Kindlein vielleicht dort
+in der Grotte erfrieren würde, und obgleich er ein harter Mann war,
+wurde er davon doch ergriffen und beschloß, dem Kinde zu helfen. Und er
+löste sein Ränzel von der Schulter und nahm daraus ein weiches, weißes
+Schaffell hervor. Das gab er dem fremden Manne und sagte, er möge das
+Kind darauf betten.</p>
+
+<p>Aber in demselben Augenblick, in dem er zeigte, daß auch er barmherzig
+sein konnte, wurden ihm die Augen<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[8]</a></span> geöffnet, und er sah, was er vorher
+nicht hatte sehen, und hörte, was er vorher nicht hatte hören können.</p>
+
+<p>Er sah, daß rund um ihn ein dichter Kreis von kleinen,
+silberbeflügelten Englein stand. Und jedes von ihnen hielt ein
+Saitenspiel in der Hand, und alle sangen sie mit lauter Stimme, daß in
+dieser Nacht der Heiland geboren wäre, der die Welt von ihren Sünden
+erlösen solle.</p>
+
+<p>Da begriff er, warum in dieser Nacht alle Dinge so froh waren, daß sie
+niemand etwas zuleide tun wollten.</p>
+
+<p>Und nicht nur rings um den Hirten waren Engel, sondern er sah sie
+überall. Sie saßen in der Grotte, und sie saßen auf dem Berge, und
+sie flogen unter dem Himmel. Sie kamen in großen Scharen über den Weg
+gegangen, und wie sie vorbeikamen, blieben sie stehen und warfen einen
+Blick auf das Kind.</p>
+
+<p>Es herrschte eitel Jubel und Freude und Singen und Spiel, und das
+alles sah er in der dunkeln Nacht, in der er früher nichts zu gewahren
+vermocht hatte. Und er wurde so froh, daß seine Augen geöffnet waren,
+daß er auf die Kniee fiel und Gott dankte.“</p>
+
+<p>Aber als Großmutter soweit gekommen war, seufzte sie und sagte: „Aber
+was der Hirte sah, das könnten wir auch sehen, denn die Engel fliegen
+in jeder Weihnachtsnacht unter dem Himmel, wenn wir sie nur zu gewahren
+vermögen.“</p>
+
+<p>Und dann legte Großmutter ihre Hand auf meinen Kopf und sagte: „Dies
+sollst du dir merken,<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[9]</a></span> denn es ist so wahr, wie daß ich dich sehe und
+du mich siehst. Nicht auf Lichter und Lampen kommt es an, und es liegt
+nicht an Mond und Sonne, sondern was not tut, ist, daß wir Augen haben,
+die Gottes Herrlichkeit sehen können.“</p>
+
+<div class="figcenter">
+ <a id="p_9" name="p_9">
+ <img class="w12em mtop2 mbot3" src="images/p_9.jpg" alt="Schlussvignette Seite 9" /></a>
+</div>
+
+<div class="figcenter break-before">
+ <a id="p_10" name="p_10">
+ <img class="w12em mtop2" src="images/p_10.jpg" alt="Kopfvignette Seite 10" /></a>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Die_Vision_des_Kaisers">Die Vision des Kaisers</h2>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[13]</a></span></p>
+
+</div>
+
+<div class="figcenter break-before">
+ <a id="p_13" name="p_13">
+ <img class="w20em mtop2 mbot3" src="images/p_13.jpg" alt="Kopfvignette Seite 13" /></a>
+</div>
+
+<p>Es war zu der Zeit, da Augustus Kaiser in Rom war und Herodes König in
+Jerusalem.</p>
+
+<p>Da geschah es einmal, daß eine sehr große und heilige Nacht sich auf
+die Erde herabsenkte. Es war die dunkelste Nacht, die man noch je
+gesehen hatte; man hätte glauben können, die ganze Erde sei unter
+ein Kellergewölbe geraten. Es war unmöglich, Wasser von Land zu
+unterscheiden, und man konnte sich auf dem vertrautesten Wege nicht
+zurechtfinden. Und dies konnte nicht anders sein, denn vom Himmel kam
+kein Lichtstrahl. Alle Sterne waren daheim in ihren Häusern geblieben,
+und der liebliche Mond hielt sein Gesicht abgewendet.</p>
+
+<p>Und ebenso tief wie die Dunkelheit war auch das Schweigen und die
+Stille. Die Flüsse hatten in ihrem Laufe innegehalten, kein Lüftchen
+regte sich, und selbst das Espenlaub hatte zu zittern aufgehört.
+Wäre man dem Meere entlang gegangen, so hätte man gefunden, daß die
+Welle nicht mehr an den Strand schlug, und wäre man durch die Wüste
+gewandert, so hätte der Sand nicht unter dem Fuße geknirscht. Alles
+war<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[14]</a></span> versteinert und regungslos, um nicht die heilige Nacht zu stören.
+Das Gras vermaß sich nicht zu wachsen, der Tau konnte nicht fallen, und
+die Blumen wagten nicht Wohlgeruch auszuhauchen.</p>
+
+<p>In dieser Nacht jagten die Raubtiere nicht, bissen die Schlangen nicht,
+bellten die Hunde nicht. Und was noch herrlicher war, keins von den
+leblosen Dingen hätte die Weihe der Nacht dadurch stören wollen, daß es
+sich zu einer bösen Tat hergab. Kein Dietrich hätte ein Schloß öffnen
+können, und kein Messer wäre imstande gewesen, Blut zu vergießen.</p>
+
+<p>Eben in dieser Nacht trat in Rom ein kleines Häuflein Menschen aus den
+kaiserlichen Gemächern auf den Palatin und nahm seinen Weg über das
+Forum hinauf zum Kapitol. An dem eben zur Neige gegangenen Tage hatten
+nämlich die Räte den Kaiser gefragt, ob er etwas dagegen einzuwenden
+habe, daß sie ihm auf Roms heiligem Berge einen Tempel errichteten.
+Aber Augustus hatte nicht sogleich seine Zustimmung gegeben. Er wußte
+nicht, ob es den Göttern wohlgefällig wäre, daß er einen Tempel
+neben dem ihren besäße, und er hatte geantwortet, daß er erst seinem
+Schutzgeist ein nächtliches Opfer bringen wolle, um dadurch ihren
+Willen in dieser Sache zu erforschen. Er war es nun, der, von einigen
+Vertrauten geleitet, daran ging, dieses Opfer darzubringen.</p>
+
+<p>Augustus ließ sich in seiner Sänfte tragen, denn er war alt, und die
+hohen Treppen des Kapitols fielen ihm beschwerlich. Er hielt selbst
+den Käfig mit den<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[15]</a></span> Tauben, die er opfern wollte. Nicht Priester, noch
+Soldaten oder Ratsherren begleiteten ihn, sondern nur seine nächsten
+Freunde. Fackelträger gingen ihm voran, gleichsam um einen Weg in
+das nächtliche Dunkel zu bahnen, und ihm folgten Sklaven, die den
+dreifüßigen Altar trugen, die Kohlen, die Messer, das heilige Feuer und
+alles andere, was für das Opfer erforderlich war.</p>
+
+<p>Auf dem Wege plauderte der Kaiser fröhlich mit seinen Vertrauten, und
+darum bemerkte niemand die unsägliche Stille und Verschwiegenheit der
+Nacht. Erst als sie auf dem obersten Teile des Kapitols den leeren
+Platz erreicht hatten, der für den neuen Tempel auserkoren war, wurde
+ihnen offenbar, daß etwas Ungewöhnliches bevorstand.</p>
+
+<p>Dies konnte nicht eine Nacht sein wie alle andern, denn oben auf dem
+Rande des Felsens sahen sie das wunderbarste Wesen. Zuerst glaubten
+sie, es sei ein alter, verwitterter Olivenstamm, dann meinten sie, ein
+uraltes Steinbild vom Jupitertempel sei auf den Felsen hinausgewandert.
+Endlich gewahrten sie, daß dies niemand sein konnte als die alte
+Sibylle.</p>
+
+<p>Etwas so Altes, so Wettergebräuntes und so Riesengroßes hatten sie
+niemals gesehen. Diese alte Frau war schreckenerregend. Wäre der Kaiser
+nicht gewesen, sie hätten sich alle heim in ihre Betten geflüchtet.
+„Sie ist es,“ flüsterten sie einander zu, „die der Jahre so viele
+zählt, wie es Sandkörner an der Küste ihres Heimatland gibt. Warum ist
+sie gerade<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[16]</a></span> in dieser Nacht aus ihrer Höhle gekommen? Was kündet sie
+dem Kaiser und dem Reiche, sie, die ihre Prophezeiungen auf die Blätter
+der Bäume schreibt und weiß, daß der Wind das Orakelwort dem zuträgt,
+für den es bestimmt ist?“</p>
+
+<p>Sie waren so erschrocken, daß sie alle auf die Knie gesunken wären und
+mit ihren Stirnen den Boden berührt hätten, wenn die Sibylle nur eine
+Bewegung gemacht hätte. Aber sie saß so still, als wäre sie leblos. Sie
+saß auf dem äußersten Rande des Felsens zusammengekauert, und die Augen
+mit der Hand beschattend, spähte sie hinaus in die Nacht. Sie saß da,
+als hätte sie den Hügel erstiegen, um etwas, was sich in weiter Ferne
+zutrug, besser zu sehen. Sie konnte also etwas sehen, sie, in einer
+solchen Nacht!</p>
+
+<p>In demselben Augenblick merkten der Kaiser und alle in seinem Gefolge,
+wie tief die Finsternis war. Keiner von ihnen konnte eine Handbreit
+vor sich sehen. Und welche Stille, welches Schweigen! Nicht einmal das
+dumpfe Gemurmel des Tiber konnten sie vernehmen. Aber die Luft wollte
+sie ersticken, der kalte Schweiß trat ihnen auf die Stirn, und ihre
+Hände waren starr und kraftlos. Sie dachten, es müsse etwas Furchtbares
+bevorstehen.</p>
+
+<p>Aber niemand wollte zeigen, daß er Angst hatte, sondern alle sagten dem
+Kaiser, daß dies ein gutes Omen sei: die ganze Natur hielte den Atem
+an, um einen neuen Gott zu grüßen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[17]</a></span></p>
+
+<p>Sie forderten Augustus auf, an das Opfer zu gehen und sagten, daß die
+alte Sibylle wahrscheinlich aus ihrer Höhle gekommen wäre, um seinen
+Genius zu grüßen.</p>
+
+<p>Aber in Wahrheit war die alte Sibylle von einer Vision so gefesselt,
+daß sie es nicht einmal wußte, daß Augustus auf das Kapitol gekommen
+war. Sie war im Geiste in ein fernes Land versetzt, und dort meinte sie
+über eine große Ebene zu wandern. In der Dunkelheit stieß sie mit dem
+Fuße unablässig an etwas, was sie für Erdhügelchen hielt. Sie bückte
+sich und tastete mit der Hand. Nein, es waren keine Erdhügelchen,
+sondern Schafe. Sie wanderte zwischen großen schlafenden Schafherden.</p>
+
+<p>Nun gewahrte sie das Feuer der Hirten. Es brannte mitten auf dem Felde,
+und sie tastete sich hin. Die Hirten lagen um das Feuer und schliefen,
+und neben sich hatten sie lange, spitzige Stäbe, mit denen sie die
+Herden gegen wilde Tiere zu verteidigen pflegten. Aber die kleinen
+Tiere mit den funkelnden Augen und den buschigen Schwänzen, die sich
+zum Feuer schlichen, waren das nicht Schakale? Und doch schleuderten
+ihnen die Hirten keine Stäbe nach, die Hunde schliefen weiter, die
+Schafe flohen nicht, und die wilden Tiere legten sich an der Seite der
+Menschen zur Ruhe.</p>
+
+<p>Dies sah die Sibylle, aber sie wußte nichts von dem, was sich hinter
+ihr auf der Bergeshöhe zutrug. Sie wußte nicht, daß man da einen Altar
+errichtete,<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[18]</a></span> die Kohlen entzündete, das Räucherwerk ausstreute, und
+daß der Kaiser die eine Taube aus dem Käfig nahm, um sie zu opfern.
+Aber seine Hände waren so erstarrt, daß er den Vogel nicht zu halten
+vermochte. Mit einem einzigen Flügelschlage befreite sich die Taube und
+verschwand, hinauf in das nächtliche Dunkel.</p>
+
+<p>Als dies geschah, blickten die Hofleute mißtrauisch zu der alten
+Sibylle hin. Sie glaubten, daß sie es wäre, die das Unglück verschuldet
+hätte.</p>
+
+<p>Konnten sie wissen, daß die Sibylle noch immer an dem Kohlenfeuer
+der Hirten zu stehen meinte und daß sie nun einem schwachen Klange
+lauschte, der zitternd durch die totenstille Nacht drang? Sie hörte ihn
+lange, ehe sie merkte, daß er nicht von der Erde kam, sondern aus den
+Wolken. Endlich erhob sie das Haupt, und da sah sie lichte, schimmernde
+Gehalten durch die Dunkelheit gleiten. Es waren kleine Engelscharen,
+die gar holdselig singend und gleichsam suchend über der weiten Ebene
+hin und wieder flogen.</p>
+
+<p>Während die Sibylle so dem Engelgesange lauschte, bereitete sich der
+Kaiser gerade zu einem neuen Opfer. Er wusch seine Hände, reinigte den
+Altar und ließ sich die zweite Taube reichen. Aber obgleich er sich
+jetzt bis zum Äußersten anstrengte, um sie festzuhalten, entglitt der
+glatte Körper der Taube seiner Hand, und der Vogel schwang sich in die
+undurchdringliche Nacht empor.</p>
+
+<p>Den Kaiser faßte ein Grauen. Er stürzte vor dem leeren Altar auf die
+Kniee und betete zu seinem Genius.<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[19]</a></span> Er rief ihn um Kraft an, das Unheil
+abzuwenden, das diese Nacht zu künden schien.</p>
+
+<p>Auch davon hatte die Sibylle nichts gehört. Sie lauschte mit ganzer
+Seele dem Engelgesang, der immer stärker wurde. Schließlich wurde
+er so mächtig, daß er die Hirten erweckte. Sie richteten sich auf
+dem Ellenbogen empor und sahen leuchtende Scharen silberweißer Engel
+in langen, wogenden Reihen gleich Zugvögeln droben durch das Dunkel
+schweben. Einige hatten Lauten und Violinen in den Händen, andre hatten
+Zithern und Harfen, und ihr Gesang klang fröhlich wie Kinderlachen und
+sorglos wie Lerchenzwitschern. Als die Hirten dieses hörten, machten
+sie sich auf, um zu dem Bergstädtlein zu gehen, wo sie daheim waren,
+und von dem Wunder zu erzählen.</p>
+
+<p>Sie wanderten über einen schmalen, geschlängelten Pfad, und die alte
+Sibylle folgte ihnen. Mit einem Male wurde es oben auf dem Berge
+hell. Ein großer klarer Stern flammte mitten darüber auf, und die
+Stadt auf dem Berggipfel schimmerte wie Silber im Sternenlicht. Alle
+die umherirrenden Engelscharen eilten unter Jubelrufen hin, und die
+Hirten beschleunigten ihre Schritte, so daß sie beinahe liefen. Als sie
+die Stadt erreicht hatten, fanden sie, daß die Engel sich über einem
+niedrigen Stall in der Nähe des Stadttors gesammelt hatten. Es war ein
+ärmlicher Bau mit einem Dache aus Stroh und dem nackten Felsen als
+Rückwand. Darüber stand der Stern, und dahin scharten sich immer mehr
+und mehr Engel. Einige setzten sich<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[20]</a></span> auf das Strohdach oder ließen sich
+auf der steilen Felswand hinter dem Hause nieder, andere schwebten mit
+flatternden Flügeln darüber. Hoch, hoch hinauf war die Luft von den
+strahlenden Schwingen verklärt.</p>
+
+<p>In demselben Augenblick, in dem der Stern über dem Bergstädtchen
+aufflammte, erwachte die ganze Natur, und die Männer, die auf der Höhe
+des Kapitols standen, mußten es auch merken. Sie fühlten frische,
+aber kosende Winde den Raum durchwehen, süße Wohlgerüche strömten
+rings um sie empor, Bäume rauschten, der Tiber begann zu murmeln, die
+Sterne strahlten, und der Mond stand mit einem Male hoch am Himmel und
+erleuchtete die Welt. Und aus den Wolken schwangen sich zwei Tauben
+nieder und setzten sich dem Kaiser auf die Schultern.</p>
+
+<p>Als dies Wunder geschah, richtete sich Augustus in stolzer Freude
+empor, aber seine Freunde und Sklaven stürzten auf die Kniee. „<span class="antiqua">Ave
+Caesar!</span>“ riefen sie. „Dein Genius hat dir geantwortet. Du bist der
+Gott, der auf der Höhe des Kapitols angebetet werden soll.“</p>
+
+<p>Und die Huldigung, die die hingerissenen Männer dem Kaiser zujubelten,
+war so laut, daß die alte Sibylle sie hörte. Sie wurde davon aus ihren
+Gesichten erweckt. Sie erhob sich von ihrem Platze auf dem Felsenrand
+und trat unter die Menschen. Es war, als hätte eine dunkle Wolke sich
+aus dem Abgrund erhoben, um über die Bergeshöhe hinabzustürzen. Sie war
+erschreckend in ihrem Alter. Wirres Haar hing in spärlichen Zotteln
+um ihren Kopf, die Gelenke der Glieder waren ver<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[21]</a></span>größert, und die
+gedunkelte Haut überzog den Körper hart wie Baumrinde, Runzel an Runzel.</p>
+
+<p>Aber gewaltig und ehrfurchtgebietend schritt sie auf den Kaiser zu. Mit
+der einen Hand umfaßte sie sein Handgelenk, mit der andern wies sie
+nach dem fernen Osten.</p>
+
+<p>„Sieh!“ gebot sie ihm, und der Kaiser schlug die Augen auf und sah.
+Der Raum tat sich vor seinen Blicken auf, und sie drangen ins ferne
+Morgenland. Und er sah einen dürftigen Stall unter einer steilen
+Felswand, und in der offenen Tür einige knieende Hirten. Im Stalle sah
+er eine junge Mutter auf den Knieen vor einem kleinen Kindlein, das auf
+einem Strohbündel am Boden lag.</p>
+
+<p>Und die großen knochigen Finger der Sibylle wiesen auf diesem arme Kind.</p>
+
+<p>„<span class="antiqua">Ave Caesar!</span>“ sagte die Sibylle mit einem Hohnlachen. „Da ist
+der Gott, der auf der Höhe des Kapitols angebetet werden wird!“</p>
+
+<p>Da prallte Augustus vor ihr zurück, wie vor einer Wahnsinnigen.</p>
+
+<p>Aber über die Sibylle kam der mächtige Sehergeist. Ihre trüben Augen
+begannen zu brennen, ihre Hände reckten sich zum Himmel empor, ihre
+Stimme verwandelte sich, so daß sie nicht ihre eigne zu sein schien,
+sondern solchen Klang und solche Kraft hatte, daß man sie über die
+ganze Welt hin hätte hören können. Und sie sprach Worte, die sie oben
+in den Sternen zu lesen schien.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[22]</a></span></p>
+
+<p>„Anbeten wird man auf den Höhen des Kapitols den Welterneuerer, Christ
+oder Antichrist, doch nicht hinfällige Menschen.“</p>
+
+<p>Als sie dies gesagt hatte, schritt sie durch die Reihen der
+schreckgelähmten Männer, ging langsam die Bergeshöhe hinunter und
+verschwand.</p>
+
+<p>Aber Augustus ließ am nächsten Tage dem Volke streng verbieten, ihm
+einen Tempel auf dem Kapitol zu errichten. Anstatt dessen erbaute er
+dort ein Heiligtum für das neugeborene Gotteskind und nannte es „Des
+Himmels Altar“, <span class="antiqua">Ara Coeli</span>.</p>
+
+<div class="figcenter break-before">
+ <a id="p_22" name="p_22">
+ <img class="w8em mtop2 mbot3" src="images/p_22.jpg" alt="Schlussvignette Seite 22" /></a>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Der_Brunnen_der_weisen_Maenner">Der Brunnen der
+weisen Männer</h2>
+
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[25]</a></span></p>
+
+<div class="figcenter break-before">
+ <a id="p_25" name="p_25">
+ <img class="w20em mtop2 mbot3" src="images/p_25.jpg" alt="Kopfvignette Seite 25" /></a>
+</div>
+
+<p>In dem alten Lande Juda zog die Dürre umher, hohläugig und herb
+wanderte sie über gelbes Gras und verschrumpfte Disteln.</p>
+
+<p>Es war Sommerzeit. Die Sonne brannte auf schattenlose Bergrücken,
+und der leiseste Wind wirbelte dichte Wolken von Kalkstaub aus dem
+weißgrauen Boden, die Herden standen in den Tälern um die versiegten
+Bäche geschart.</p>
+
+<p>Die Dürre ging umher und prüfte die Wasservorräte. Sie wanderte zu
+Salomos Teichen und sah seufzend, daß ihre felsigen Ufer noch eine
+Menge Wasser umschlossen. Dann ging sie hinunter zu dem berühmten
+Davidsbrunnen bei Bethlehem und fand auch dort Wasser. Hierauf wanderte
+sie mit schleppenden Schritten über die große Heerstraße, die von
+Bethlehem nach Jerusalem führt.</p>
+
+<p>Als sie ungefähr auf halbem Wege war, sah sie den Brunnen der weisen
+Männer, der dicht am Wegsaume liegt, und sie merkte alsogleich, daß er
+nahe am Versiegen war. Die Dürre setzte sich auf die Brunnenschale, die
+aus einem einzigen großen ausgehöhlten Steine besteht, und sah in den
+Brunnen<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[26]</a></span> hinunter. Der blanke Wasserspiegel, der sonst ganz nahe der
+Öffnung sichtbar zu werden pflegte, war tief hinabgesunken, und Schlamm
+und Morast vom Grunde machten ihn unrein und trübe.</p>
+
+<p>Als der Brunnen das braungebrannte Gesicht der Dürre sich auf seinem
+matten Spiegel malen sah, ließ er ein Plätschern der Angst hören.</p>
+
+<p>„Ich möchte wohl wissen, wann es mit dir zu Ende gehen wird,“ sagte die
+Dürre, „du kannst wohl dort unten in der Tiefe keine Wasserader finden,
+die käme und dir neues Leben gäbe. Und von Regen kann Gott sei Dank vor
+zwei, drei Monaten keine Rede sein.“</p>
+
+<p>„Du magst ruhig sein,“ seufzte der Brunnen. „Nichts kann mir helfen. Da
+wäre zum mindesten ein Quell vom Paradiese vonnöten.“</p>
+
+<p>„Dann will ich dich nicht verlassen, bevor alles aus ist,“ sagte die
+Dürre. Sie sah, daß der alte Brunnen in den letzten Zügen lag, und nun
+wollte sie die Freude haben, ihn Tropfen für Tropfen sterben zu sehen.</p>
+
+<p>Sie setzte sich wohlgemut auf dem Brunnenrande zurecht und freute sich
+zu hören, wie der Brunnen in der Tiefe seufzte. Sie hatte auch großes
+Wohlgefallen daran, durstige Wanderer herankommen zu sehen, zu sehen,
+wie sie den Eimer hinuntersenkten und ihn mit nur wenigen Tropfen
+schlammvermengten Wassers auf dem Grunde heraufzogen.</p>
+
+<p>So verging der ganze Tag, und als die Dunkelheit anbrach, sah die Dürre
+wieder in den Brunnen<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[27]</a></span> hinunter. Es blinkte noch ein wenig Wasser dort
+unten. „Ich bleibe hier, die ganze Nacht über,“ rief sie, „spute dich
+nur nicht. Wenn es so hell ist, daß ich wieder in dich hinabsehen kann,
+ist es sicherlich zu Ende mit dir.“</p>
+
+<p>Die Dürre kauerte sich auf dem Brunnendache zusammen, während die
+heiße Nacht, die noch grausamer und qualvoller war als der Tag, sich
+auf das Land Juda herniedersenkte. Hunde und Schakale heulten ohne
+Unterlaß, und durstige Kühe und Esel antworteten ihnen aus ihren heißen
+Ställen. Wenn sich zuweilen der Wind regte, brachte er keine Kühlung,
+sondern war heiß und schwül wie die keuchenden Atemzüge eines großen
+schlafenden Ungeheuers.</p>
+
+<p>Aber die Sterne leuchteten im allerholdesten Glanz, und ein kleiner,
+flimmernder Neumond warf ein schönes grünblaues Licht über die grauen
+Hügel. Und in diesem Schein sah die Dürre eine große Karawane zum Hügel
+heraufziehen, auf dem der Brunnen der weisen Männer lag.</p>
+
+<p>Die Dürre saß und blickte auf den langen Zug und frohlockte aufs
+neue bei dem Gedanken an allen den Durst, der zum Brunnen heraufzog
+und keinen Tropfen Wasser finden würde, um gelöscht zu werden. Da
+kamen so viele Tiere und Führer, daß sie den Brunnen hätten leeren
+können, selbst wenn er ganz voll gewesen wäre. Plötzlich wollte es sie
+bedünken, daß es etwas Ungewöhnliches, etwas Gespenstisches um diese
+Karawane wäre, die durch die<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[28]</a></span> Nacht daherzog. Alle Kamele kamen erst
+auf einem Hügel zum Vorschein, der gerade hinauf zum Horizonte ragte;
+es war, als wären sie vom Himmel herniedergestiegen. Sie sahen im
+Mondlicht größer aus als gewöhnliche Kamele und trugen allzu leicht die
+ungeheuern Bürden, die auf ihnen lasteten.</p>
+
+<p>Aber sie konnte doch nichts andres glauben, als daß sie ganz
+wirklich wären, denn sie sah sie ja ganz deutlich. Sie konnte sogar
+unterscheiden, daß die drei vordersten Tiere Dromedare waren, mit
+grauem, glänzendem Fell, und daß sie reich gezäumt, mit befransten
+Schabracken gesattelt waren und schöne, vornehme Reiter trugen.</p>
+
+<p>Der ganze Zug machte beim Brunnen Halt, die Dromedare legten sich mit
+dreimaligem scharfen Einknicken auf den Boden, und ihre Reiter stiegen
+ab. Die Packkamele blieben stehen, und wie sich ihrer immer mehr
+versammelten, schienen sie eine unübersehbare Wirrnis von hohen Hälsen
+und Buckeln und wunderlich aufgestapelten Bepackungen zu bilden.</p>
+
+<p>Die drei Dromedarreiter kamen sogleich auf die Dürre zu und begrüßten
+sie, indem sie die Hand an Stirn und Brust legten. Sie sah, daß sie
+blendend weiße Gewänder und ungeheure Turbane trugen, an deren oberm
+Rand ein klar funkelnder Stern befestigt war, der leuchtete, als sei er
+geradewegs vom Himmel genommen.</p>
+
+<p>„Wir kommen aus einem fernen Lande,“ sagte der eine der Fremdlinge,
+„und wir bitten dich, sag<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[29]</a></span> uns, ob dies wirklich der Brunnen der weisen
+Männer ist.“</p>
+
+<p>„Er wird heute so genannt,“ sagte die Dürre, „aber morgen gibt es hier
+keinen Brunnen mehr. Er wird heute nacht sterben.“</p>
+
+<p>„Das leuchtet mir wohl ein, da ich dich hier sehe,“ sagte der Mann.
+„Aber ist dies denn nicht einer der heiligen Brunnen, die niemals
+versiegen? Oder woher hat er sonst seinen Namen?“</p>
+
+<p>„Ich weiß, daß er heilig ist,“ sagte die Dürre, „aber was kann das
+helfen? Die drei Weisen sind im Paradiese.“</p>
+
+<p>Die drei Wanderer sahen einander an. „Kennst du wirklich die Geschichte
+des alten Brunnens?“ fragten sie.</p>
+
+<p>„Ich kenne die Geschichte aller Brunnen und Flüsse und Bäche und
+Quellen,“ sagte die Dürre stolz.</p>
+
+<p>„Mach uns doch die Freude und erzähl sie uns,“ baten die Fremdlinge.
+Und sie setzten sich um die alte Feindin alles Wachsenden und lauschten.</p>
+
+<p>Die Dürre räusperte sich und rückte sich auf dem Brunnenrande zurecht
+wie ein Märchenerzähler auf seinem Hochsitz; dann begann sie zu
+erzählen.</p>
+
+<p>„In Gabes in Medien, einer Stadt, die dicht am Rande der Wüste liegt
+und die mir daher oft eine liebe Zuflucht war, lebten vor vielen Jahren
+drei Männer, die ob ihrer Weisheit berühmt waren. Sie waren auch sehr
+arm, und das war etwas sehr Ungewöhnliches, denn in Gabes wurde das
+Wissen hoch in Ehren gehalten<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[30]</a></span> und reichlich bezahlt. Aber diesen drei
+Männern konnte es kaum anders gehen, denn der eine von ihnen war über
+die Maßen alt, einer war mit dem Aussatz behaftet, und der dritte war
+ein schwarzer Neger mit wulstigen Lippen. Die Menschen hielten den
+ersten für zu alt, um sie etwas lehren zu können, dem zweiten wichen
+sie aus Furcht vor Ansteckung aus, und dem dritten wollten sie nicht
+zuhören, weil sie zu wissen glaubten, daß noch niemals Weisheit aus
+Äthiopien gekommen wäre.</p>
+
+<p>„Die drei Weisen schlossen sich jedoch in ihrem Unglück aneinander.
+Sie bettelten tagsüber an derselben Tempelpforte und schliefen nachts
+auf demselben Dache. Auf diese Weise konnten sie sich wenigstens
+dadurch die Zeit verkürzen, daß sie gemeinsam über alles Wunderbare
+nachgrübelten, das sie an Dingen und Menschen bemerkten.</p>
+
+<p>„Eines Nachts, als sie Seite an Seite auf einem Dache schliefen, das
+dicht mit rotem, betäubendem Mohn bewachsen war, erwachte der älteste
+von ihnen, und kaum hatte er einen Blick um sich geworfen, als er auch
+die beiden andern weckte.</p>
+
+<p>„‚Gepriesen sei unsere Armut, die uns nötigt, im Freien zu schlafen,‘
+sprach er zu ihnen. ‚Wacht auf und erhebt eure Blicke zum Himmel.‘</p>
+
+<p>„Nun wohl,“ sagte die Dürre mit etwas milderer Stimme, „dies war eine
+Nacht, die keiner, der sie gesehen hat, vergessen kann. Der Raum war so
+hell, daß der Himmel, der zumeist doch einem festen Gewölbe gleicht,
+nun tief und durchsichtig erschien und mit Wogen<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[31]</a></span> erfüllt wie ein Meer.
+Das Licht wallte droben auf und nieder, und die Sterne schienen in
+verschiedenen Tiefen zu schwimmen, einzelne mitten in den Lichtwellen,
+andre auf deren Oberfläche.</p>
+
+<p>„Aber ganz fern, hoch oben sahen die drei Männer ein schwaches Dunkel
+auftauchen. Und dieses Dunkel durcheilte den Raum wie ein Ball und kam
+immer näher, und wie es so herankam, begann es sich zu erhellen, aber
+es erhellte sich so, wie Rosen, — möge Gott sie alle welken lassen
+— wenn sie aus der Knospe springen. Es wurde immer größer, und die
+dunkle Hülle darum ward nach und nach gesprengt, und das Licht strahlte
+in vier klaren Blättern zu seinen Seiten aus. Endlich, als es so tief
+hernieder gekommen war wie der nächste der Sterne, machte es Halt.
+Da bogen sich die dunkeln Enden ganz zur Seite, und Blatt um Blatt
+entfaltete sich schönes, rosenfarbenes Licht, bis es gleich einem Stern
+unter Sternen strahlte.</p>
+
+<p>„Als die armen Männer dies sahen, sagte ihnen ihre Weisheit, daß in
+dieser Stunde auf Erden ein mächtiger König geboren würde, einer,
+dessen Macht höher steigen sollte, als die Cyrus oder Alexanders. Und
+sie sagten zueinander: ‚Lasset uns zu den Eltern des Neugeborenen gehen
+und ihnen sagen, was wir gesehen haben. Vielleicht lohnen sie es uns
+mit einem Beutel Münzen oder einem Armband aus Gold.‘</p>
+
+<p>„Sie ergriffen ihre langen Wanderstäbe und machten sich auf den Weg.
+Sie wanderten durch die Stadt und hinaus zum Stadttor, aber da standen
+sie<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[32]</a></span> einen Augenblick unschlüssig, denn jetzt breitete sich vor ihnen
+die große Wüste, die die Menschen verabscheuen. Da sahen sie, wie der
+neue Stern einen schmalen Lichtstreifen über den Wüstensand warf, und
+sie wanderten voll Zuversicht weiter mit dem Stern als Wegweiser.</p>
+
+<p>„Sie gingen die ganze Nacht über das weite Sandfeld, und auf ihrer
+Wanderung sprachen sie von dem jungen neugeborenen Könige, den sie in
+einer Wiege aus Gold schlafend finden würden, mit Edelsteinen spielend.
+Sie kürzten die Stunden der Nacht, indem sie davon sprachen, wie sie
+vor seinen Vater, den König, und seine Mutter, die Königin, treten
+würden und ihnen sagen, daß der Himmel ihrem Sohne Macht und Stärke,
+Schönheit und Glück verheiße, größer als Salomos Glück.</p>
+
+<p>„Sie brüsteten sich damit, daß Gott sie erkoren hatte, den Stern zu
+sehen. Sie sagten sich, daß die Eltern des Neugeborenen sie nicht mit
+weniger als zwanzig Beuteln Gold entlohnen könnten, vielleicht würden
+sie ihnen sogar so viel geben, daß sie niemals mehr die Qualen der
+Armut zu fühlen brauchten.</p>
+
+<p>„Ich lag wie ein Löwe in der Wüste auf der Lauer,“ fuhr die Dürre fort,
+„um mich mit allen Qualen des Durstes auf diese Wandrer zu stürzen;
+aber sie entkamen mir, die ganze Nacht führte der Stern sie, und am
+Morgen, als der Himmel sich erhellte und die andern Sterne verblichen,
+blieb dieser beharrlich und leuchtete über der Wüste, bis er sie zu
+einer Oase geführt hatte, wo sie eine Quelle und<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[33]</a></span> Dattelbäume fanden.
+Da ruhten sie den ganzen Tag, und erst mit sinkender Nacht, als sie den
+Sternenstrahl wieder den Wüstensand umranden sahen, gingen sie weiter.</p>
+
+<p>„Nach Menschenweise, zu sehen,“ fuhr die Dürre fort, „war es eine
+schöne Wanderung. Der Stern geleitete sie, daß sie weder zu hungern
+noch zu dürsten brauchten. Er führte sie an den scharfen Disteln
+vorbei, er vermied den tiefen, losen Flugsand, sie entgingen dem
+grellen Sonnenschein und den heißen Wüstenstürmen. Die drei Weisen
+sagten beständig zueinander: ‚Gott schützt uns und segnet unsere
+Wanderung. Wir sind seine Sendboten.‘</p>
+
+<p>„Aber so allmählich gewann ich doch Macht über sie,“ erzählte die Dürre
+weiter, „und in einigen Tagen waren die Herzen dieser Sternenwanderer
+in eine Wüste verwandelt, ebenso trocken wie die, durch die sie
+wanderten. Sie waren mit unfruchtbarem Stolz und versengender Gier
+erfüllt.</p>
+
+<p>„‚Wir sind Gottes Sendboten,‘ wiederholten die drei Weisen, ‚der Vater
+des neugeborenen Königs belohnt uns nicht zu hoch, wenn er uns eine mit
+Gold beladene Karawane schenkt.‘</p>
+
+<p>„Endlich führte der Stern sie über den vielberühmten Jordanfluß und
+hinauf zu den Hügeln des Landes Juda. Und eines Nachts blieb er über
+der kleinen Stadt Bethlehem stehen, die unter grünen Olivenbäumen auf
+einem felsigen Hügel hervorschimmert.</p>
+
+<p>„Die drei Weisen sahen sich nach Schlössern und<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[34]</a></span> befestigten Türmen und
+Mauern und allem dem andern um, was zu einer Königsstadt gehört, aber
+davon sahen sie nichts. Und was noch schlimmer war, das Sternenlicht
+leitete sie nicht einmal in die Stadt hinein, sondern blieb bei einer
+Grotte am Wegsaum stehen. Da glitt das milde Licht durch die Öffnung
+hinein und zeigte den drei Wanderern ein kleines Kind, das im Schoße
+seiner Mutter lag und in Schlaf gesungen wurde.</p>
+
+<p>„Aber ob auch die drei Weisen nun sahen, daß das Licht gleich einer
+Krone das Haupt des Kindes umschloß, blieben sie vor der Grotte
+stehen. Sie traten nicht ein, um dem Kleinen Ruhm und Königreiche zu
+prophezeien. Sie wendeten sich, und ohne ihre Gegenwart zu verraten,
+flohen sie vor dem Kinde und gingen wieder den Hügel hinan.</p>
+
+<p>„‚Sind wir zu Bettlern ausgezogen, die ebenso arm und gering sind,
+wie wir selber?‘ sagten sie. ‚Hat Gott uns hierher geführt, damit
+wir unseren Scherz treiben und dem Sohn eines Schafhirten alle Ehren
+weissagen? Dieses Kind wird nie etwas andres erreichen, als hier im
+Tale seine Herden zu hüten.‘“</p>
+
+<p>Die Dürre hielt inne und nickte ihren Zuhörern bekräftigend zu. Hab
+ich nicht recht? schien sie sagen zu wollen. Es gibt mancherlei, was
+dürrer ist als der Wüstensand. Aber nichts ist unfruchtbarer als das
+Menschenherz.</p>
+
+<p>„Die drei Weisen waren nicht lange gegangen, als es ihnen einfiel, daß
+sie sich wohl verirrt hätten, dem Sterne nicht richtig gefolgt wären,“
+fuhr die Dürre<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[35]</a></span> fort, „und sie hoben ihre Augen empor, um den Stern
+und den rechten Weg wiederzufinden. Aber da war der Stern, dem sie vom
+Morgenland her gefolgt waren, vom Himmel verschwunden.“</p>
+
+<p>Die drei Fremdlinge machten eine heftige Bewegung, ihre Gesichter
+drückten tiefes Leiden aus.</p>
+
+<p>„Was sich nun begab,“ begann die Sprecherin von neuem, „ist, nach
+Menschenart, zu urteilen, vielleicht etwas Erfreuliches. Gewiß ist,
+daß die drei Männer, als sie den Stern nicht mehr sahen, sogleich
+begriffen, daß sie gegen Gott gesündigt hatten. Und es geschah mit
+ihnen,“ fuhr die Dürre schaudernd fort, „was mit dem Boden im Herbste
+geschieht, wenn die Regenzeit beginnt. Sie zitterten vor Schrecken wie
+die Erde vor Blitz und Donner, ihr Wesen erweichte sich, die Demut
+sproßte wie grünes Gras in ihren Sinnen empor.</p>
+
+<p>„Drei Tage und drei Nächte wanderten sie im Lande umher, um das Kind
+zu finden, das sie anbeten sollten. Aber der Stern zeigte sich ihnen
+nicht, sie verirrten sich immer mehr und fühlten die größte Trauer und
+Betrübnis. In der dritten Nacht langten sie bei diesem Brunnen an, um
+zu trinken. Und da hatte Gott ihnen ihre Sünde verziehen, so daß sie,
+als sie sich über das Wasser beugten, dort tief unten das Spiegelbild
+des Sternes sahen, der sie aus Morgenland hergeführt hatte.</p>
+
+<p>„Sogleich gewahrten sie ihn auch am Himmelszelt, und er führte sie
+aufs neue zur Grotte in Bethlehem,<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[36]</a></span> und sie fielen vor dem Kinde auf
+die Kniee und sagten: ‚Wir bringen dir Goldschalen voll Räucherwerk
+und köstlicher Gewürze. Du wirst der größte König werden, der auf
+Erden gelebt hat und leben wird von ihrer Erschaffung bis zu ihrem
+Untergange.‘ Da legte das Kind seine Hand auf ihre gesenkten Köpfe, und
+als sie sich erhoben — siehe, da hatte es ihnen Gaben gegeben, größer,
+als ein König sie hätte schenken können. Denn der alte Bettler war jung
+geworden, und der Aussätzige gesund, und der Schwarze war ein schöner,
+weißer Mann. Und man sagt, sie waren so herrlich, daß sie von dannen
+zogen und Könige wurden, jeder in seinem Reich.“</p>
+
+<p>Die Dürre hielt in ihrer Erzählung inne, und die drei Fremdlinge
+priesen sie. „Du hast gut erzählt,“ sagten sie. „Aber es wundert mich,
+daß die drei Weisen nichts für den Brunnen tun, der ihnen den Stern
+zeigte. Sollten sie eine solche Wohltat ganz vergessen haben?“</p>
+
+<p>„Muß nicht dieser Brunnen immer da sein,“ sagte der zweite Fremdling,
+„um die Menschen daran zu erinnern, daß sich das Glück, das auf den
+Höhen des Stolzes entschwindet, in den Tiefen der Demut wiederfinden
+läßt?“</p>
+
+<p>„Sind die Dahingeschiedenen schlechter als die Lebenden?“ sagte der
+dritte. „Stirbt die Dankbarkeit bei denen, die im Paradiese leben?“</p>
+
+<p>Aber als sie dieses sagten, fuhr die Dürre mit einem Schrei empor. Sie
+hatte die Fremdlinge erkannt,<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[37]</a></span> sie sah, wer die Wanderer waren. Und sie
+entfloh wie eine Rasende, um nicht sehen zu müssen, wie die drei weisen
+Männer ihre Diener riefen und ihre Kamele, die alle mit Wassersäcken
+beladen waren, herbeiführten und den armen sterbenden Brunnen mit
+Wasser füllten, das sie aus dem Paradiese gebracht hatten.</p>
+
+<div class="figcenter">
+ <a id="p_37" name="p_37">
+ <img class="w12em mtop2 mbot3" src="images/p_37.jpg" alt="Schlussvignette Seite 37" /></a>
+</div>
+
+<div class="figcenter break-before">
+ <a id="p_38" name="p_38">
+ <img class="w15em mtop2 mbot3" src="images/p_38.jpg" alt="Kopfsvignette Seite 38" /></a>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Das_Kindlein_von_Bethlehem">Das Kindlein von
+Bethlehem</h2>
+
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[41]</a></span></p>
+
+<div class="figcenter break-before">
+ <a id="p_41" name="p_41">
+ <img class="w20em mtop2 mbot3" src="images/p_41.jpg" alt="Kopfsvignette Seite 41" /></a>
+</div>
+
+<p>Vor dem Stadttor in Bethlehem stand ein römischer Kriegsknecht Wache.
+Er trug Harnisch und Helm, er hatte ein kurzes Schwert an der Seite und
+hielt eine lange Lanze in der Hand. Den ganzen Tag stand er beinahe
+regungslos, so daß man ihn wirklich für einen Mann aus Eisen halten
+konnte. Die Stadtleute gingen durch das Tor aus und ein, Bettler
+ließen sich im Schatten unter dem Torbogen nieder, Obstverkäufer und
+Weinhändler stellten ihre Körbe und Gefäße auf den Boden neben den
+Kriegsknecht hin, aber er gab sich kaum die Mühe, den Kopf zu wenden,
+um ihnen nachzusehen.</p>
+
+<p>Das ist doch nichts, um es zu betrachten, schien er sagen zu wollen.
+Was kümmere ich mich um euch, die ihr arbeitet und Handel treibt
+und mit Ölkrügen und Weinschläuchen angezogen kommt! Laßt mich ein
+Kriegsheer sehen, das sich aufstellt, um dem Feinde entgegenzuziehen!
+Laßt mich das Gewühl sehen und den heißen Streit, wenn ein Reitertrupp
+sich auf eine Schar Fußvolk stürzt! Laßt mich die Tapfern sehen, die
+mit Sturmleitern vorwärts eilen, um die Mauern einer belagerten Stadt
+zu ersteigen! Nichts andres<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[42]</a></span> kann mein Auge erfreuen als der Krieg. Ich
+sehne mich danach, Roms Adler in der Luft blinken zu sehen. Ich sehne
+mich nach dem Schmettern der Kupferhörner, nach schimmernden Waffen,
+nach rot verspritzendem Blut.</p>
+
+<p>Gerade vor dem Stadttor erstreckte sich ein prächtiges Feld, das
+ganz mit Lilien bewachsen war. Der Kriegsknecht stand jeden Tag da,
+die Blicke gerade auf dieses Feld gerichtet, aber es kam ihm keinen
+Augenblick in den Sinn, die außerordentliche Schönheit der Blumen zu
+bewundern. Zuweilen merkte er, daß die Vorübergehenden stehen blieben
+und sich an den Lilien freuten, und dann staunte er, daß sie ihre
+Wanderung verzögerten, um etwas so Unbedeutendes anzuschauen. Diese
+Menschen wissen nicht, was schön ist, dachte er.</p>
+
+<p>Und wie er so dachte, sah er nicht mehr die grünenden Felder und die
+Olivenhügel rings um Bethlehem vor seinen Augen, sondern er träumte
+sich fort in eine glühend heiße Wüste in dem sonnenreichen Libyen. Er
+sah eine Legion Soldaten in einer langen geraden Linie über den gelben
+Sand ziehen. Nirgends gab es Schutz vor den Sonnenstrahlen, nirgends
+einen labenden Quell, nirgends war eine Grenze der Wüste oder ein
+Ziel der Wanderung zu erblicken. Er sah die Soldaten, von Hunger und
+Durst ermattet, mit schwankenden Schritten vorwärts wandern. Er sah
+einen nach dem andern zu Boden stürzen, von der glühenden Sonnenhitze
+gefällt. Aber trotz allem zog die Truppe stetig vorwärts, ohne zu
+zaudern, ohne<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[43]</a></span> daran zu denken, den Feldherrn im Stich zu lassen und
+umzukehren.</p>
+
+<p>Sehet hier, was schön ist! dachte der Kriegsknecht. Seht, was den Blick
+eines tapfern Mannes verdient!</p>
+
+<p>Während der Kriegsknecht Tag für Tag an demselben Platze auf seinem
+Posten stand, hatte er die beste Gelegenheit, die schönen Kinder zu
+betrachten, die rings um ihn spielten. Aber es war mit den Kindern wie
+mit den Blumen. Er begriff nicht, daß es der Mühe wert sein könnte, sie
+zu betrachten. Was ist dies, um sich daran zu freuen? dachte er, als er
+die Menschen lächeln sah, wenn sie den Spielen der Kinder zusahen. Es
+ist seltsam, daß sich jemand über ein Nichts freuen kann.</p>
+
+<p>Eines Tages, als der Kriegsknecht wie gewöhnlich auf seinem Posten vor
+dem Stadttore stand, sah er ein kleines Knäblein, das ungefähr drei
+Jahre alt sein mochte, auf die Wiese kommen, um zu spielen. Es war ein
+armes Kind, das in ein kleines Schaffell gekleidet war und ganz allein
+spielte. Der Soldat stand und beobachtete den kleinen Ankömmling,
+beinahe ohne es selbst zu merken. Das erste, was ihm auffiel, war, daß
+der Kleine so leicht über das Feld lief, daß er auf den Spitzen der
+Grashalme zu schweben schien. Aber als er dann anfing, seine Spiele zu
+verfolgen, da staunte er noch mehr. „Bei meinem Schwerte,“ sagte er
+schließlich, „dieses Kind spielt nicht wie andre! Was kann das sein,
+womit es sich da ergötzt?“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[44]</a></span></p>
+
+<p>Das Kind spielte nur wenige Schritte von dem Kriegsknecht entfernt, so
+daß er darauf achten konnte, was es vornahm. Er sah, wie es die Hand
+ausstreckte, um eine Biene einzufangen, die auf dem Rande einer Blume
+saß und so schwer mit Blütenstaub beladen war, daß sie kaum die Flügel
+zum Fluge zu heben vermochte. Er sah zu seiner großen Verwunderung
+daß die Biene sich ohne einen Versuch zu entfliehen, und ohne ihren
+Stachel zu gebrauchen, fangen ließ. Aber als der Kleine die Biene
+sicher zwischen seinen Fingern hielt, lief er fort zu einer Spalte in
+der Stadtmauer, wo ein Schwarm Bienen seine Wohnstatt hatte, und setzte
+das Tierchen dort ab. Und sowie er auf diese Weise einer Biene geholfen
+hatte, eilte er sogleich von dannen, um einer andern beizustehen. Den
+ganzen Tag sah ihn der Soldat Bienen einfangen und sie in ihr Heim
+tragen.</p>
+
+<p>Dieses Knäblein ist wahrlich törichter als irgend jemand, den ich bis
+heute gesehen habe, dachte der Kriegsknecht. Wie kann es ihm einfallen,
+zu versuchen, diesen Bienen beizustehen, die sich so gut ohne ihn
+helfen und die ihn obendrein mit ihrem Stachel stechen können? Was für
+ein Mensch soll aus ihm werden, wenn er am Leben bleibt?</p>
+
+<p>Der Kleine kam Tag für Tag wieder und spielte draußen auf der Wiese,
+und der Kriegsknecht konnte es nicht lassen, sich über ihn und seine
+Spiele zu wundern. Es ist recht seltsam, dachte er, nun habe ich volle
+drei Jahre an diesem Tor Wache gestanden,<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[45]</a></span> und noch niemals habe ich
+etwas zu Gesicht bekommen, was meine Gedanken beschäftigt hätte, außer
+diesem Kinde.</p>
+
+<p>Aber der Kriegsknecht hatte durchaus keine Freude an dem Kinde. Im
+Gegenteil, der Kleine erinnerte ihn an eine furchtbare Weissagung eines
+alten jüdischen Sehers. Dieser hatte nämlich prophezeit, daß einmal
+eine Zeit des Friedens sich auf die Erde senken würde. Während eines
+Zeitraums von tausend Jahren würde kein Blut vergossen, kein Krieg
+geführt werden, sondern die Menschen würden einander lieben wie Brüder.
+Wenn der Kriegsknecht daran dachte, daß etwas so Entsetzliches wirklich
+eintreffen könnte, dann durcheilte seinen Körper ein Schauder, und er
+umklammerte hart seine Lanze, gleichsam um eine Stütze zu suchen.</p>
+
+<p>Und je mehr nun der Kriegsknecht von dem Kleinen und seinen Spielen
+sah, desto häufiger mußte er an das Reich des tausendjährigen Friedens
+denken. Zwar fürchtete er nicht, daß es schon angebrochen sein könnte,
+aber er liebte es nicht, an etwas so Verabscheuungswürdiges auch nur
+denken zu müssen.</p>
+
+<p>Eines Tages, als der Kleine zwischen den Blumen auf dem schönen
+Felde spielte, kam ein sehr heftiger Regenschauer aus den Wolken
+herniedergeprasselt. Als er merkte, wie groß und schwer die Tropfen
+waren, die auf die zarten Lilien niederschlugen, schien er für seine
+schönen Freundinnen besorgt zu werden. Er eilte zu der schönsten und
+größten unter ihnen und beugte den steifen Stengel, der die Blüten
+trug, zur Erde, so daß die Regentropfen die untere Seite der Kelche<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[46]</a></span>
+trafen. Und sowie er mit einer Blumenstaude in dieser Weise verfahren
+war, eilte er zu einer anderen und beugte ihren Stengel in gleicher
+Weise, so daß die Blumenkelche sich der Erde zuwendeten. Und dann zu
+einer dritten und vierten, bis alle Blumen der Flur gegen den heftigen
+Regen geschützt waren.</p>
+
+<p>Der Kriegsknecht mußte bei sich lächeln, als er die Arbeit des Knaben
+sah. „Ich fürchte, die Lilien werden ihm keinen Dank dafür wissen,“
+sagte er. „Alle Stengel sind natürlich abgebrochen. Es geht nicht an,
+die steifen Pflanzen auf diese Art zu beugen.“</p>
+
+<p>Aber als der Regenschauer endlich aufhörte, sah der Kriegsknecht
+das Knäblein zu den Lilien eilen und sie aufrichten. Und zu seinem
+unbeschreiblichen Staunen richtete das Kind ohne die mindeste Mühe die
+steifen Stengel gerade. Es zeigte sich, daß kein einziger von ihnen
+gebrochen oder beschädigt war. Es eilte von Blume zu Blume, und alle
+geretteten Lilien strahlten bald in vollem Glanze auf der Flur.</p>
+
+<p>Als der Kriegsknecht dies sah, bemächtigte sich seiner ein seltsamer
+Groll. Sieh doch an, welch ein Kind! dachte er. Es ist kaum zu glauben,
+daß es etwas so Törichtes beginnen kann. Was für ein Mann soll aus
+diesem Kleinen werden, der es nicht einmal ertragen kann, eine Lilie
+zerstört zu sehen? Wie würde es ablaufen, wenn so einer in den Krieg
+müßte? Was würde er anfangen, wenn man ihm den Befehl gäbe, ein Haus
+anzuzünden, das voller Frauen und Kinder wäre, oder ein Schiff in Grund
+zu bohren,<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[47]</a></span> das mit seiner ganzen Besatzung über die Wellen führe?</p>
+
+<p>Wieder mußte er an die alte Prophezeiung denken, und er begann zu
+fürchten, daß die Zeit wirklich angebrochen sein könnte, zu der sie in
+Erfüllung gehen sollte. Sintemalen ein Kind gekommen ist wie dieses,
+ist diese fürchterliche Zeit vielleicht ganz nahe. Schon jetzt herrscht
+Friede auf der ganzen Welt, und sicherlich wird der Tag des Krieges
+niemals mehr anbrechen. Von nun an werden alle Menschen von derselben
+Gemütsart sein wie dieses Kind. Sie werden fürchten, einander zu
+schaden, ja, sie werden es nicht einmal übers Herz bringen, eine Biene
+oder eine Blume zu zerstören. Keine großen Heldentaten werden mehr
+vollbracht werden. Keine herrlichen Siege wird man erringen, und kein
+glänzender Triumphator wird zum Kapitol hinanziehen. Es wird für einen
+tapfern Mann nichts mehr geben, was er ersehnen könnte.</p>
+
+<p>Und der Kriegsknecht, der noch immer hoffte, neue Kriege zu erleben und
+sich durch Heldentaten zu Macht und Reichtum aufzuschwingen, war so
+ergrimmt gegen den kleinen Dreijährigen, daß er drohend die Lanze nach
+ihm ausstreckte, als er das nächstemal an ihm vorbeilief.</p>
+
+<p>An einem andern Tage jedoch waren es weder die Bienen noch die Lilien,
+denen der Kleine beizustehen suchte, sondern er tat etwas, was den
+Kriegsknecht noch viel unnötiger und undankbarer däuchte.</p>
+
+<p>Es war ein furchtbar heißer Tag, und die Sonnen<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[48]</a></span>strahlen, die auf den
+Helm und die Rüstung des Soldaten fielen, erhitzten sie so, daß ihm
+war, als trüge er ein Kleid aus Feuer. Für die Vorübergehenden hatte
+es den Anschein, als müßte er schrecklich unter der Wärme leiden.
+Seine Augen traten blutunterlaufen aus dem Kopfe, und die Haut seiner
+Lippen verschrumpfte, aber dem Kriegsknechte, der gestählt war und die
+brennende Hitze in Afrikas Sandwüsten ertragen hatte, däuchte es, daß
+dies eine geringe Sache wäre, und er ließ es sich nicht einfallen,
+seinen gewohnten Platz zu verlassen. Er fand im Gegenteil Gefallen
+daran, den Vorübergehenden zu zeigen, daß er so stark und ausdauernd
+war und nicht Schutz vor der Sonne zu suchen brauchte.</p>
+
+<p>Während er so dastand und sich beinahe lebendig braten ließ, kam der
+kleine Knabe, der auf dem Felde zu spielen pflegte, plötzlich auf ihn
+zu. Er wußte wohl, daß der Legionär nicht zu seinen Freunden gehörte,
+und er pflegte sich zu hüten, in den Bereich seiner Lanze zu kommen,
+aber nun trat er dicht an ihn heran, betrachtete ihn lange und genau
+und eilte dann in vollem Laufe über den Weg. Als er nach einer Weile
+zurückkam, hielt er beide Hände ausgebreitet wie eine Schale und
+brachte auf diese Weise ein paar Tropfen Wasser mit.</p>
+
+<p>Ist dies Kind jetzt gar auf den Einfall gekommen, fortzulaufen und für
+mich Wasser zu holen? dachte der Soldat. Das ist doch wirklich ohne
+allen Verstand. Sollte ein römischer Legionär nicht ein bißchen Wärme<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[49]</a></span>
+ertragen können? Was braucht dieser Kleine herumzulaufen, um denen zu
+helfen, die keiner Hilfe bedürfen! Mich gelüstet nicht nach seiner
+Barmherzigkeit. Ich wünschte, daß er und alle, die ihm gleichen, nicht
+mehr auf dieser Welt wären.</p>
+
+<p>Der Kleine kam sehr behutsam heran. Er hielt seine Finger fest
+zusammengepreßt, damit nichts verschüttet werde oder überlaufe. Während
+er sich dem Kriegsknecht näherte, hielt er die Augen ängstlich auf das
+klein bißchen Wasser geheftet, das er mitbrachte, und sah also nicht,
+daß dieser mit tief gerunzelter Stirn und abweisenden Blicken dastand.
+Endlich blieb er dicht vor dem Legionär stehen und bot ihm das Wasser.</p>
+
+<p>Im Gehen waren seine schweren, lichten Locken ihm immer tiefer in die
+Stirn und die Augen gefallen. Er schüttelte ein paarmal den Kopf,
+um das Haar zurückzuwerfen, damit er aufblicken könnte. Als ihm
+dies endlich gelang und er den harten Ausdruck in dem Gesichte des
+Kriegsknechts gewahrte, erschrak er gar nicht, sondern blieb stehen und
+lud ihn mit einem bezaubernden Lächeln ein, von dem Wasser zu trinken,
+das er mitbrachte. Aber der Kriegsknecht hatte keine Lust, eine Wohltat
+von diesem Kinde zu empfangen, das er als seinen Feind betrachtete.
+Er sah nicht hinab in sein schönes Gesicht, sondern stand starr und
+regungslos und machte nicht Miene, als verstünde er, was das Kind für
+ihn tun wollte.</p>
+
+<p>Aber das Knäblein konnte gar nicht fassen, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[50]</a></span> der andre es abweisen
+wollte. Es lächelte noch immer ebenso vertrauensvoll, stellte sich auf
+die Zehenspitzen und streckte die Hände so hoch in die Höhe, als es
+vermochte, damit der großgewachsene Soldat das Wasser leichter erreiche.</p>
+
+<p>Der Legionär fühlte sich jedoch so verunglimpft dadurch, daß ein Kind
+ihm helfen wollte, daß er nach seiner Lanze griff, um den Kleinen in
+die Flucht zu jagen.</p>
+
+<p>Aber nun begab es sich, daß gerade in demselben Augenblick die Hitze
+und der Sonnenschein mit solcher Heftigkeit auf den Kriegsknecht
+hereinbrachen, daß er rote Flammen vor seinen Augen lodern sah und
+fühlte, wie sein Gehirn im Kopfe schmolz. Er fürchtete, daß die Sonne
+ihn morden würde, wenn er nicht augenblicklich Linderung fände.</p>
+
+<p>Und außer sich vor Schrecken über die Gefahr, in der er schwebte,
+schleuderte er die Lanze zu Boden, umfaßte mit beiden Händen das Kind,
+hob es empor und schlürfte soviel er konnte von dem Wasser, das es in
+den Händen hielt.</p>
+
+<p>Es waren freilich nur ein paar Tropfen, die seine Zunge benetzten, aber
+mehr waren auch nicht vonnöten. Sowie er das Wasser gekostet hatte,
+durchrieselte wohlige Erquickung seinen Körper, und er fühlte Helm und
+Harnisch nicht mehr lasten und brennen. Die Sonnenstrahlen hatten ihre
+tödliche Macht verloren. Seine trockenen Lippen wurden wieder weich,
+und die roten Flammen tanzten nicht mehr vor seinen Augen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[51]</a></span></p>
+
+<p>Bevor er noch Zeit hatte, dies alles zu merken, hatte er das Kind schon
+zu Boden gestellt, und es lief wieder fort und spielte auf der Flur.
+Nun begann er erstaunt zu sich selber zu sagen: Was war dies für ein
+Wasser, das das Kind mir bot? Es war ein herrlicher Trank. Ich muß ihm
+wahrlich meine Dankbarkeit zeigen.</p>
+
+<p>Aber da er den Kleinen haßte, schlug er sich diese Gedanken alsobald
+aus dem Sinn. Es ist ja nur ein Kind, dachte er, es weiß nicht, warum
+es so oder so handelt. Es spielt nur das Spiel, das ihm am besten
+gefällt. Findet es vielleicht Dankbarkeit bei den Bienen oder bei den
+Lilien? Um dieses Knäbleins willen brauche ich mir keinerlei Ungemach
+zu bereiten. Es weiß nicht einmal, daß es mir beigestanden hat.</p>
+
+<p>Und er empfand womöglich noch mehr Groll gegen das Kind, als er ein
+paar Augenblicke später den Anführer der römischen Soldaten, die in
+Bethlehem lagen, durch das Tor kommen sah. Man sehe nur, dachte er, in
+welcher Gefahr ich durch den Einfall des Kleinen geschwebt habe! Wäre
+Voltigius nur um ein weniges früher gekommen, er hätte mich mit einem
+Kinde in den Armen dastehen sehen.</p>
+
+<p>Der Hauptmann schritt jedoch gerade auf den Kriegsknecht zu und fragte
+ihn, ob sie hier miteinander sprechen könnten, ohne daß jemand sie
+belauschte. Er hätte ihm ein Geheimnis anzuvertrauen. „Wenn wir uns nur
+zehn Schritte von dem Tore entfernen,“ antwortete der Kriegsknecht, „so
+kann uns niemand hören.“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[52]</a></span></p>
+
+<p>„Du weißt,“ sagte der Hauptmann, „daß König Herodes einmal ums
+andre versucht hat, sich eines Kindleins zu bemächtigen, das hier
+in Bethlehem aufwächst. Seine Seher und Priester haben ihm gesagt,
+daß dieses Kind seinen Thron besteigen werde, und außerdem haben sie
+prophezeit, daß der neue König ein tausendjähriges Reich des Friedens
+und der Heiligkeit gründen werde. Du begreifst also, daß Herodes ihn
+gerne unschädlich machen will.“</p>
+
+<p>„Freilich begreife ich es,“ sagte der Kriegsknecht eifrig, „aber das
+muß doch das Leichteste auf der Welt sein.“</p>
+
+<p>„Es wäre allerdings sehr leicht,“ sagte der Hauptmann, „wenn der König
+nur wüßte, welches von allen den Kindern hier in Bethlehem gemeint ist.“</p>
+
+<p>Die Stirne des Kriegsknechts legte sich in tiefe Falten. „Es ist
+bedauerlich, daß seine Wahrsager ihm hierüber keinen Aufschluß geben
+können.“</p>
+
+<p>„Jetzt aber hat Herodes eine List gefunden, durch die er glaubt,
+den jungen Friedensfürsten unschädlich machen zu können,“ fuhr der
+Hauptmann fort. „Er verspricht jedem eine herrliche Gabe, der ihm
+hierin beistehen will.“</p>
+
+<p>„Was immer Voltigius befehlen mag, es wird auch ohne Lohn oder Gabe
+vollbracht werden,“ sagte der Soldat.</p>
+
+<p>„Habe Dank,“ sagte der Hauptmann. „Höre nun des Königs Plan! Er will
+den Jahrestag der Geburt seines jüngsten Sohnes durch ein Fest feiern,
+zu dem<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[53]</a></span> alle Knaben in Bethlehem, die zwischen zwei und drei Jahren alt
+sind, mit ihren Müttern geladen werden sollen. Und bei diesem Feste
+— — —“</p>
+
+<p>Er unterbrach sich und lachte, als er den Ausdruck des Abscheus sah,
+der sich auf dem Gesichte des Soldaten malte.</p>
+
+<p>„Guter Freund,“ fuhr er fort, „du brauchst nicht zu befürchten, daß
+Herodes uns als Kinderwärter verwenden will. Neige nun dein Ohr zu
+meinem Munde, so will ich dir seine Absichten anvertrauen.“</p>
+
+<p>Der Hauptmann flüsterte lange mit dem Kriegsknecht, und als er ihm
+alles mitgeteilt hatte, fügte er hinzu:</p>
+
+<p>„Ich brauche dir wohl nicht erst zu sagen, daß die strengste
+Verschwiegenheit nötig ist, wenn nicht das ganze Vorhaben mißlingen
+soll.“</p>
+
+<p>„Du weißt, Voltigius, daß du dich auf mich verlassen kannst,“ sagte der
+Kriegsknecht.</p>
+
+<p>Als der Anführer sich entfernt hatte und der Kriegsknecht wieder allein
+auf seinem Posten stand, sah er sich nach dem Kinde um. Das spielte
+noch immer unter den Blumen, und er ertappte sich bei dem Gedanken, daß
+es sie so leicht und anmutsvoll umschwebe wie ein Schmetterling.</p>
+
+<p>Auf einmal fing der Krieger zu lachen an. „Ja richtig,“ sagte er,
+„dieses Kind wird mir nicht lange mehr ein Dorn im Auge sein. Es wird
+ja auch an jenem Abende zum Fest des Herodes geladen werden.“</p>
+
+<p>Der Kriegsknecht harrte den ganzen Tag auf<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[54]</a></span> seinem Posten aus, bis
+der Abend anbrach und es Zeit wurde, die Stadttore für die Nacht zu
+schließen.</p>
+
+<p>Als dies geschehen war, wanderte er durch schmale, dunkle Gäßchen zu
+einem prächtigen Palaste, den Herodes in Bethlehem besaß.</p>
+
+<p>Im Innern dieses gewaltigen Palastes befand sich ein großer,
+steingepflasterter Hof, der von Gebäuden umkränzt war, an denen entlang
+drei offene Galerien liefen, eine über der anderen. Auf der obersten
+dieser Galerien sollte, so hatte es der König bestimmt, das Fest für
+die bethlehemitischen Kinder stattfinden.</p>
+
+<p>Diese Galerie war, gleichfalls auf den ausdrücklichen Befehl des
+Königs, so umgewandelt, daß sie einem gedeckten Gange in einem
+herrlichen Lustgarten glich. Über die Decke schlangen sich Weinranken,
+von denen üppige Trauben herabhingen, und den Wänden und Säulen entlang
+standen kleine Granat- und Orangenbäumchen, die über und über mit
+reifen Früchten bedeckt waren. Der Fußboden war mit Rosenblättern
+bestreut, die dicht und weich lagen wie ein Teppich, und entlang
+der Balustrade, den Deckengesimsen, den Tischen und den niedrigen
+Ruhebetten, überall erstreckten sich Girlanden von weißen strahlenden
+Lilien.</p>
+
+<p>In diesem Blumenhain standen hier und da große Marmorbassins, wo gold-
+und silberglitzernde Fischlein in durchsichtigem Wasser spielten. Auf
+den Bäumen saßen bunte Vögel aus fernen Ländern, und in einem Käfig
+hockte ein alter Rabe, der ohne Unterlaß sprach.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[55]</a></span></p>
+
+<p>Zu Beginn des Festes zogen Kinder und Mütter in die Galerie ein. Die
+Kinder waren gleich beim Betreten des Palastes in weiße Gewänder mit
+Purpurborten gekleidet worden, und man hatte ihnen Rosenkränze auf die
+dunkellockigen Köpfchen gedrückt. Die Frauen kamen stattlich heran in
+ihren roten und blauen Gewändern und ihren weißen Schleiern, die von
+hohen kegelförmigen Kopfbedeckungen, mit Goldmünzen und Ketten besetzt,
+herniederwallten. Einige trugen ihr Kind hoch auf der Schulter sitzend,
+andere führten ihr Söhnlein an der Hand, und einige wieder, deren
+Kinder scheu und verschüchtert waren, hatten sie auf ihre Arme gehoben.</p>
+
+<p>Die Frauen ließen sich auf dem Boden der Galerie nieder. Sowie sie
+Platz genommen hatten, kamen Sklaven herbei und stellten niedrige
+Tischchen vor sie hin, worauf sie auserlesene Speisen und Getränke
+stellten, so wie es sich bei dem Feste eines Königs geziemt. Und
+alle diese glücklichen Mütter begannen zu essen und zu trinken, ohne
+jene stolze anmutvolle Würde abzulegen, die die schönste Zier der
+bethlehemitischen Frauen ist.</p>
+
+<p>Der Wand der Galerie entlang und beinahe von Blumengirlanden
+und fruchtbeladenen Bäumen verdeckt, waren doppelte Reihen von
+Kriegsknechten in voller Rüstung aufgestellt. Sie standen vollkommen
+regungslos, als hätten sie nichts mit dem zu schaffen, was rund um
+sie vorging. Die Frauen konnten es nicht lassen, bisweilen einen
+verwunderten Blick auf<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[56]</a></span> diese Schar von Geharnischten zu werfen. „Wozu
+bedarf es ihrer?“ flüsterten sie. „Meint Herodes, daß wir uns nicht zu
+betragen wüßten? Glaubt er, daß es einer solchen Menge Kriegsknechte
+bedürfte, um uns im Zaume zu halten?“</p>
+
+<p>Aber andre flüsterten zurück, daß es so wäre, wie es bei einem König
+sein müßte. Herodes selbst gäbe niemals ein Fest, ohne daß sein ganzes
+Haus von Kriegsknechten erfüllt wäre. Um sie zu ehren, stünden die
+bewaffneten Legionäre da und hielten Wacht.</p>
+
+<p>Zu Beginn des Festes waren die kleinen Kinder scheu und unsicher und
+hielten sich still zu ihren Müttern. Aber bald begannen sie sich in
+Bewegung zu setzen und von den Herrlichkeiten Besitz zu ergreifen, die
+Herodes ihnen bot.</p>
+
+<p>Es war ein Zauberland, das der König für seine kleinen Gäste geschaffen
+hatte. Als sie die Galerie durchwanderten, fanden sie Bienenkörbe,
+deren Honig sie plündern konnten, ohne daß eine einzige erzürnte
+Biene sie daran hinderte. Sie fanden Bäume, die mit sanftem Neigen
+ihre fruchtbeladenen Zweige zu ihnen heruntersenkten. Sie fanden in
+einer Ecke Zauberkünstler, die in einem Nu ihre Taschen voll Spielzeug
+zauberten, und in einem andern Winkel der Galerie einen Tierbändiger,
+der ihnen ein paar Tiger zeigte so zahm, daß sie auf ihrem Rücken
+reiten konnten.</p>
+
+<p>Aber in diesem Paradiese mit allen seinen Wonnen gab es doch nichts,
+was den Sinn der Kleinen so angezogen hätte wie die lange Reihe von
+Kriegsknechten,<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[57]</a></span> die unbeweglich an der einen Seite der Galerie
+standen. Ihre Blicke wurden von den glänzenden Helmen gefesselt, von
+den strengen, stolzen Gesichtern, von den kurzen Schwertern, die in
+reichverzierten Scheiden staken.</p>
+
+<p>Während sie miteinander spielten und tollten, dachten sie doch
+unablässig an die Kriegsknechte. Sie hielten sich noch fern von ihnen,
+aber sie sehnten sich danach, ihnen nahezukommen, zu sehen, ob sie
+lebendig wären und sich wirklich bewegen könnten.</p>
+
+<p>Das Spiel und die Festesfreude steigerten sich mit jedem Augenblicke,
+aber die Soldaten standen noch immer regungslos. Es erschien den
+Kleinen unfaßlich, daß Menschen so nah bei diesen Trauben und allen
+diesen Leckerbissen stehen konnten, ohne die Hand auszustrecken und
+danach zu greifen.</p>
+
+<p>Endlich konnte einer der Knaben seine Neugierde nicht länger
+bemeistern. Er näherte sich behutsam, zu rascher Flucht bereit, einem
+der Geharnischten, und da der Soldat noch immer regungslos blieb, kam
+er immer näher. Schließlich war er ihm so nahe, daß er nach seinen
+Sandalenriemen und seinen Beinschienen tasten konnte.</p>
+
+<p>Da, als wäre dies ein unerhörtes Verbrechen gewesen, setzten sich mit
+einem Male alle diese Eisenmänner in Bewegung. In unbeschreiblicher
+Raserei stürzten sie sich auf die Kinder und packten sie. Einige
+schwangen sie über ihre Köpfe wie Wurfgeschosse und schleuderten sie
+zwischen den Lampen und<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[58]</a></span> Girlanden über die Balustrade der Galerie
+hinunter zu Boden, wo sie auf den Marmorfliesen zerschellten. Einige
+zogen ihr Schwert und durchbohrten die Herzen der Kinder, andere wieder
+zerschmetterten ihre Köpfe an der Wand, ehe sie sie auf den nächtlich
+dunkeln Hof warfen.</p>
+
+<p>Im ersten Augenblicke nach dem Vorfall herrschte Totenstille.
+Die kleinen Körper schwebten noch in der Luft, die Frauen waren
+vor Entsetzen versteinert. Aber auf einmal erwachten alle diese
+Unglücklichen zum Verständnis dessen, was geschehen war, und mit einem
+einzigen entsetzten Schrei stürzten sie auf die Schergen.</p>
+
+<p>Auf der Galerie waren noch Kinder, die beim ersten Anfall nicht
+eingefangen worden waren. Die Kriegsknechte jagten sie, und ihre Mütter
+warfen sich vor ihnen nieder und umfaßten mit bloßen Händen die blanken
+Schwerter, um den Todesstreich abzuwenden. Einige Frauen, deren Kinder
+schon tot waren, stürzten sich auf die Kriegsknechte, packten sie an
+der Kehle und versuchten Rache für ihre Kleinen zu nehmen, indem sie
+deren Mörder erdrosselten.</p>
+
+<p>In dieser wilden Verwirrung, während grauenvolle Schreie durch den
+Palast hallten und die grausamsten Bluttaten verübt wurden, stand
+der Kriegsknecht, der am Stadttor Wache zu halten pflegte, ohne
+sich zu regen, am obersten Absatz der Treppe, die von der Galerie
+hinunterführte. Er nahm nicht am Kampfe und am Morden teil; nur gegen
+die Frauen,<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[59]</a></span> denen es gelungen war, ihre Kinder an sich zu reißen und
+die nun versuchten, mit ihnen die Treppe hinunterzufliehen, erhob er
+das Schwert, und sein bloßer Anblick, wie er da düster und unerbittlich
+stand, war so schrecklich, daß die Fliehenden sich lieber die
+Balustrade hinunterstürzten oder in das Streitgewühl zurückkehrten, als
+daß sie sich der Gefahr abgesetzt hätten, sich an ihm vorbeizudrängen.</p>
+
+<p>Voltigius hat wahrlich recht daran getan, mir diesen Posten zuzuweisen,
+dachte der Kriegsknecht. Ein junger, unbedachter Krieger hätte seinen
+Posten verlassen und sich in das Gewühl gestürzt. Hätte ich mich
+von hier fortlocken lassen, so wären mindestens ein Dutzend Kinder
+entwischt.</p>
+
+<p>Während er so dachte, fiel sein Blick auf ein junges Weib, das sein
+Kind an sich gerissen hatte und jetzt in eiliger Flucht auf ihn
+zugestürzt kam. Keiner der Legionäre, an denen sie vorübereilen mußte,
+konnte ihr den Weg versperren, weil sich alle in vollem Kampfe mit
+andern Frauen befanden, und so war sie bis zum Ende der Galerie gelangt.</p>
+
+<p>Sieh da, eine, die drauf und dran ist, glücklich zu entwischen! dachte
+der Kriegsknecht. Weder sie noch das Kind ist verwundet. Stünd ich
+jetzt nicht hier — — —</p>
+
+<p>Die Frau stürzte so rasch auf den Kriegsknecht zu, als ob sie flöge,
+und er hatte nicht Zeit, ihr Gesicht oder das des Kindes deutlich zu
+sehen. Er streckte nur das Schwert gegen sie aus, und mit dem Kinde
+in ihren Armen stürzte sie darauf zu. Er erwartete,<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[60]</a></span> sie im nächsten
+Augenblicke mit dem Kinde durchbohrt zu Boden sinken zu sehen.</p>
+
+<p>Doch in demselben Augenblick hörte der Soldat ein zorniges Summen über
+seinem Haupte, und gleich darauf fühlte er einen heftigen Schmerz in
+einem Auge. Der war so scharf und peinvoll, daß er ganz verwirrt und
+betäubt ward, und das Schwert fiel aus seiner Hand auf den Boden.</p>
+
+<p>Er griff mit der Hand ans Auge, faßte eine Biene und begriff, daß,
+was ihm den entsetzlichen Schmerz verursacht hatte, nur der Stachel
+des kleinen Tieres gewesen war. Blitzschnell bückte er sich nach
+dem Schwerte, in der Hoffnung, daß es noch nicht zu spät wäre, die
+Fliehenden aufzuhalten.</p>
+
+<p>Aber das kleine Bienlein hatte seine Sache sehr gut gemacht. In der
+kurzen Zeit, für die es den Kriegsknecht geblendet hatte, war es der
+jungen Mutter gelungen, an ihm vorüber die Treppe hinunterzustürzen,
+und obschon er ihr in aller Hast nacheilte, konnte er sie nicht mehr
+finden. Sie war verschwunden, und in dem ganzen großen Palaste konnte
+niemand sie entdecken.</p>
+
+<p class="center">* <span class="mleft7">*<br />
+*</span></p>
+
+<p>An nächsten Morgen stand der Kriegsknecht mit einigen seiner Kameraden
+dicht vor dem Stadttore Wache. Es war früh am Tage, und die schweren
+Tore waren eben erst geöffnet worden. Aber es war, als ob niemand
+darauf gewartet hätte, daß sie sich an diesem Morgen auftun sollten,
+denn keine Scharen von Feld<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[61]</a></span>arbeitern strömten aus der Stadt, wie es
+sonst am Morgen der Brauch war. Alle Einwohner von Bethlehem waren so
+starr vor Entsetzen über das Blutbad der Nacht, daß niemand sein Heim
+zu verlassen wagte.</p>
+
+<p>„Bei meinem Schwerte,“ sagte der Soldat, wie er da stand und in die
+enge Gasse hinunterblickte, die zu dem Tore führte, „ich glaube, daß
+Voltigius einen unklugen Beschluß gefaßt hat. Es wäre besser gewesen,
+die Tore zu verschließen und jedes Haus der Stadt durchsuchen zu
+lassen, bis er den Knaben gefunden hätte, dem es gelang, bei dem Feste
+zu entkommen. Voltigius rechnet darauf, daß seine Eltern versuchen
+werden, ihn von hier fortzuführen, sobald sie erfahren, daß die Tore
+offen stehen, und er hofft auch, daß ich ihn gerade hier im Tore fangen
+werde. Aber ich fürchte, daß dies keine kluge Berechnung ist. Wie
+leicht kann es ihnen gelingen, ein Kind zu verstecken!“</p>
+
+<p>Und er erwog, ob sie wohl versuchen würden, das Kind in dem Obstkorb
+eines Esels zu verbergen oder in einem ungeheuern Ölkrug oder unter den
+Kornballen einer Karawane.</p>
+
+<p>Während er so stand und wartete, daß man versuche, ihn dergestalt zu
+überlisten, erblickte er einen Mann und eine Frau, die eilig die Gasse
+heraufschritten und sich dem Tore näherten. Sie gingen rasch und warfen
+ängstliche Blicke hinter sich, als wären sie auf der Flucht vor irgend
+einer Gefahr. Der Mann hielt eine Axt in der Hand und umklammerte sie
+mit festem Griff, als wäre er entschlossen, sich mit<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[62]</a></span> Gewalt seinen Weg
+zu bahnen, wenn jemand sich ihm entgegenstellte.</p>
+
+<p>Aber der Kriegsknecht sah nicht so sehr den Mann an als die Frau. Er
+sah, daß sie ebenso hochgewachsen war wie die junge Mutter, die ihm am
+Abend vorher entkommen war. Er bemerkte auch, daß sie ihren Rock über
+den Kopf geworfen trug. Sie trägt ihn vielleicht so, dachte er, um zu
+verbergen, daß sie ein Kind im Arm hält.</p>
+
+<p>Je näher sie kamen, desto deutlicher sah der Kriegsknecht das Kind, das
+die Frau auf dem Arme trug, sich unter dem gehobenen Kleide abzeichnen.
+Ich bin sicher, daß sie es ist, die mir gestern abend entschlüpfte,
+dachte er. Ich konnte ihr Gesicht freilich nicht sehen, aber ich
+erkenne die hohe Gestalt wieder. Und da kommt sie nun mit dem Kinde auf
+dem Arm, ohne auch nur zu versuchen, es verborgen zu halten. Wahrlich,
+ich hatte nicht gewagt, auf einen solchen Glücksfall zu hoffen.</p>
+
+<p>Der Mann und die Frau setzten ihre hurtige Wanderung bis zum Stadttor
+fort. Sie hatten offenbar nicht erwartet, daß man sie hier aufhalten
+würde, sie zuckten vor Schrecken zusammen, als der Kriegsknecht seine
+Lanze vor ihnen fällte und ihnen den Weg versperrte.</p>
+
+<p>„Warum verwehrst du uns, ins Feld hinaus an unsre Arbeit zu gehen?“
+fragte der Mann.</p>
+
+<p>„Du kannst gleich gehen,“ sagte der Soldat, „ich muß vorher nur sehen,
+was dein Weib unter dem Kleide verborgen hält?“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[63]</a></span></p>
+
+<p>„Was ist daran zu sehen?“ sagte der Mann. „Es ist nur Brot und Wein,
+wovon wir den Tag über leben müssen.“</p>
+
+<p>„Du sprichst vielleicht die Wahrheit,“ sagte der Soldat, „aber wenn es
+so ist, warum läßt sie mich nicht gutwillig sehen, was sie trägt?“</p>
+
+<p>„Ich will nicht, daß du es siehst,“ sagte der Mann. „Und ich rate dir,
+daß du uns vorbei läßt.“</p>
+
+<p>Damit erhob der Mann die Axt, aber die Frau legte die Hand auf seinen
+Arm.</p>
+
+<p>„Lasse dich nicht in Streit ein!“ bat sie. „Ich will etwas andres
+versuchen. Ich will ihn sehen lassen, was ich trage, und ich bin gewiß,
+daß er ihm nichts zuleide tun kann.“</p>
+
+<p>Und mit einem stolzen und vertrauenden Lächeln wendete sie sich dem
+Soldaten zu und lüftete einen Zipfel ihres Kleides.</p>
+
+<p>In demselben Augenblick prallte der Soldat zurück und schloß die Augen,
+wie von einem starken Glanze geblendet. Was die Frau unter ihrem Kleide
+verborgen hielt, strahlte ihm so blendendweiß entgegen, daß er zuerst
+gar nicht wußte, was er sah.</p>
+
+<p>„Ich glaubte, du hieltest ein Kind im Arme,“ sagte er.</p>
+
+<p>„Du siehst, was ich trage,“ erwiderte die Frau.</p>
+
+<p>Da endlich sah der Soldat, daß, was so blendete und leuchtete, nur ein
+Büschel weißer Lilien war, von derselben Art, wie sie draußen auf dem
+Felde wuchsen.<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[64]</a></span> Aber ihr Glanz war viel reicher und strahlender. Er
+konnte es kaum ertragen, sie anzusehen.</p>
+
+<p>Er steckte seine Hand zwischen die Blumen. Er konnte den Gedanken nicht
+loswerden, daß es ein Kind sein müsse, was die Frau da trug, aber er
+fühlte nur die weichen Blumenblätter.</p>
+
+<p>Er war bitter enttäuscht und hätte in seinem Zornesmute gern den Mann
+und auch die Frau gefangen genommen, aber er sah ein, daß er für ein
+solches Verfahren keinen Grund ins Treffen führen konnte.</p>
+
+<p>Als die Frau seine Verwirrung sah, sagte sie: „Willst du uns nicht
+ziehen lassen?“</p>
+
+<p>Der Kriegsknecht zog stumm die Lanze zurück, die er vor die Toröffnung
+gehalten hatte, und trat zur Seite.</p>
+
+<p>Aber die Frau zog ihr Kleid wieder über die Blumen und betrachtete
+gleichzeitig, was sie auf ihrem Arme trug, mit einem holdseligen
+Lächeln. „Ich wußte, du würdest ihm nichts zuleide tun können, wenn du
+es nur sähest,“ sagte sie zu dem Kriegsknechte.</p>
+
+<p>Hierauf eilten sie von dannen, aber der Kriegsknecht blieb stehen und
+blickte ihnen nach, so lange sie noch zu sehen waren.</p>
+
+<p>Und während er ihnen so mit den Blicken folgte, däuchte es ihn wieder
+ganz sicher, daß sie kein Büschel Lilien im Arm trüge, sondern ein
+wirkliches, lebendiges Kind.</p>
+
+<p>Indes er noch so stand und den beiden Wanderern nachsah, hörte er
+von der Straße her laute Rufe. Es<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[65]</a></span> waren Voltigius und einige seiner
+Mannen, die herbeigeeilt kamen.</p>
+
+<p>„Halte sie auf!“ riefen sie. „Schließe das Tor vor ihnen! Lasse sie
+nicht entkommen!“</p>
+
+<p>Und als sie bei dem Kriegsknecht angelangt waren, erzählten sie, daß
+sie die Spur des entronnenen Knaben gefunden hätten. Sie hätten ihn
+nun in seiner Behausung gesucht, aber da wäre er wieder entflohen.
+Sie hätten seine Eltern mit ihm forteilen sehen. Der Vater wäre ein
+starker, graubärtiger Mann, der eine Axt trüge, die Mutter eine
+hochgewachsene Frau, die das Kind unter den hinaufgenommenen Rockfalten
+verborgen hielte.</p>
+
+<p>In demselben Augenblick, wo Voltigius dies erzählte, kam ein Beduine
+auf einem guten Pferde zum Tore hereingeritten. Ohne ein Wort zu sagen,
+stürzte der Kriegsknecht auf den Reiter zu. Er riß ihn mit Gewalt vom
+Pferde herunter und warf ihn zu Boden. Und mit einem Satze war er
+selbst auf dem Pferde und sprengte den Weg entlang.</p>
+
+<p class="center">* <span class="mleft7">*<br />
+*</span></p>
+
+<p>Ein paar Tage darauf ritt der Kriegsknecht durch die furchtbare
+Bergwüste, die sich über den südlichen Teil von Judäa erstreckt. Er
+verfolgte noch immer die drei Flüchtlinge aus Bethlehem, und er war
+außer sich, daß diese fruchtlose Jagd niemals ein Ende nahm.</p>
+
+<p>„Es sieht wahrlich aus, als wenn diese Menschen die Gabe hätten, in
+den Erdboden zu versinken,“ murrte er. „Wie viele Male bin ich ihnen
+in diesen Tagen<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[66]</a></span> so nah gewesen, daß ich dem Kinde gerade meine Lanze
+nachschleudern wollte, und dennoch sind sie mir entkommen! Ich fange zu
+glauben an, daß ich sie nun und nimmer einholen werde.“</p>
+
+<p>Er fühlte sich mutlos wie einer, der zu merken glaubt, daß er gegen
+etwas Übermächtiges ankämpfe. Er fragte sich, ob es möglich sei, daß
+die Götter diese Menschen vor ihm beschützten.</p>
+
+<p>„Es ist alles vergebliche Mühe. Besser, ich kehre um, ehe ich vor
+Hunger und Durst in dieser öden Wildnis vergehe!“ sagte er einmal ums
+andere zu sich selber.</p>
+
+<p>Aber dann packte ihn die Furcht davor, was ihn bei der Heimkehr
+erwartete, wenn er unverrichteter Dinge zurückkäme. Er war es, der
+nun schon zweimal das Kind hatte entkommen lassen. Es war nicht
+wahrscheinlich, daß Voltigius oder Herodes ihm so etwas verzeihen
+würden.</p>
+
+<p>„Solange Herodes weiß, daß eins von Bethlehems Kindern noch lebt, wird
+er immer unter derselben Angst leiden,“ sagte der Kriegsknecht. „Das
+wahrscheinlichste ist, daß er versuchen wird, seine Qualen dadurch zu
+lindern, daß er mich ans Kreuz schlagen läßt.“</p>
+
+<p>Es war eine heiße Mittagstunde, und er litt furchtbar auf dem Ritt
+durch diese baumlose Felsgegend, auf einem Wege, der sich durch tiefe
+Talklüfte schlängelte, wo kein Lüftchen sich regte. Pferd und Reiter
+waren dem Umstürzen nahe.</p>
+
+<p>Seit mehreren Stunden hatte der Kriegsknecht jede<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[67]</a></span> Spur von den
+Fliehenden verloren, und er fühlte sich mutloser denn je.</p>
+
+<p>Ich muß es aufgeben, dachte er. Wahrlich, ich glaube nicht, daß es der
+Mühe lohnt, sie weiter zu verfolgen. Sie müssen in dieser furchtbaren
+Wüstenei ja so oder so zugrunde gehen.</p>
+
+<p>Während er diesen Gedanken nachhing, gewahrte er in einer Felswand, die
+sich nahe dem Wege erhob, den gewölbten Eingang einer Grotte.</p>
+
+<p>Sogleich lenkte er sein Pferd zu der Grottenöffnung. Ich will ein
+Weilchen in der kühlen Felshöhle rasten, dachte er. Vielleicht kann ich
+dann die Verfolgung mit frischer Kraft aufnehmen.</p>
+
+<p>Als er gerade in die Grotte treten wollte, wurde er von etwas
+Seltsamem überrascht. Zu den Seiten des Eingangs wuchsen zwei schöne
+Lilienstauden. Sie standen hoch und aufrecht, voller Blüten. Sie
+verbreiteten einen berauschenden Honigduft, und eine Menge Bienen
+umschwärmten sie.</p>
+
+<p>Dies war ein so ungewohnter Anblick in dieser Wüste, daß der
+Kriegsknecht etwas Wunderliches tat. Er brach eine große weiße Blume
+und nahm sie in die Felshöhle mit.</p>
+
+<p>Die Grotte war weder tief noch dunkel, und sowie er unter ihre Wölbung
+trat, sah er, daß schon drei Wanderer da weilten. Es waren ein Mann,
+eine Frau und ein Kind, die ausgestreckt auf dem Boden lagen, in tiefen
+Schlummer gesunken.</p>
+
+<p>Niemals hatte der Kriegsknecht sein Herz so pochen<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[68]</a></span> fühlen wie bei
+diesem Anblick. Es waren gerade die drei Flüchtlinge, denen er so
+lange nachgejagt war. Er erkannte sie alsogleich. Und hier lagen sie
+schlafend, außerstande, sich zu verteidigen, ganz und gar in seiner
+Gewalt.</p>
+
+<p>Sein Schwert fuhr rasselnd aus der Scheide, und er beugte sich hinunter
+über das schlummernde Kind.</p>
+
+<p>Behutsam senkte er das Schwert zu seinem Herzen und zielte genau, um es
+mit einem einzigen Stoße aus der Welt schaffen zu können.</p>
+
+<p>Mitten im Zustoßen hielt er einen Augenblick inne, um das Gesicht des
+Kindes zu sehen. Nun er sich des Sieges sicher wußte, war es ihm eine
+grausame Wollust, sein Opfer zu betrachten.</p>
+
+<p>Aber als er das Kind sah, da war seine Freude womöglich noch größer,
+denn er erkannte das kleine Knäblein wieder, das er mit Bienen und
+Lilien auf dem Felde vor dem Stadttor hatte spielen sehen.</p>
+
+<p>Ja, gewiß, dachte er, das hätte ich schon längst begreifen sollen.
+Darum habe ich dieses Kind immer gehaßt. Es ist der verheißene
+Friedensfürst.</p>
+
+<p>Er senkte das Schwert wieder, indes er dachte: Wenn ich den Kopf
+dieses Kindes vor Herodes niederlege, wird er mich zum Anführer seiner
+Leibwache machen.</p>
+
+<p>Während er die Schwertspitze dem Schlafenden immer näher brachte,
+sprach er voll Freude zu sich selber: „Diesmal wenigstens wird niemand
+dazwischen kommen und ihn meiner Gewalt entreißen!“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[69]</a></span></p>
+
+<p>Aber der Kriegsknecht hielt noch die Lilie in der Hand, die er am
+Eingang der Grotte gepflückt hatte, und während er so dachte, flog
+eine Biene, die in ihrem Kelch verborgen gewesen war, zu ihm auf und
+umkreiste summend einmal ums andre seinen Kopf.</p>
+
+<p>Der Kriegsknecht zuckte zusammen. Er erinnerte sich auf einmal der
+Bienen, denen das Knäblein beigestanden hatte, und ihm fiel ein, daß es
+eine Biene gewesen war, die dem Kinde geholfen hatte, vom Gastmahl des
+Herodes zu entrinnen.</p>
+
+<p>Dieser Gedanke versetzte ihn in Staunen. Er hielt das Schwert still und
+blieb stehen und horchte auf die Biene.</p>
+
+<p>Nun hörte er das Summen des kleinen Tierchens nicht mehr. Aber während
+er so ganz still stand, atmete er den starken süßen Duft ein, der von
+der Lilie ausströmte, die er in der Hand hielt.</p>
+
+<p>Da mußte er an die Lilien denken, denen das Knäblein beigestanden
+hatte, und er erinnerte sich, daß es ein Büschel Lilien war, die das
+Kind vor seinen Blicken verborgen und ihm geholfen hatten, durch das
+Stadttor zu entkommen.</p>
+
+<p>Er wurde immer gedankenvoller, und er zog das Schwert an sich.</p>
+
+<p>„Die Bienen und die Lilien haben ihm seine Wohltaten vergolten“
+flüsterte er sich selber zu.</p>
+
+<p>Er mußte daran denken, daß der Kleine einmal auch ihm eine Wohltat
+erwiesen hatte, und eine tiefe Röte stieg in sein Gesicht. „Kann ein
+römischer Legionär<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[70]</a></span> vergessen, einen empfangenen Dienst zu vergelten?“
+flüsterte er.</p>
+
+<p>Er kämpfte einen kurzen Kampf mit sich selbst. Er dachte an Herodes und
+an seine eigene Lust, den jungen Friedensfürsten zu vernichten.</p>
+
+<p>„Es steht mir nicht wohl an, dieses Kind zu töten, das mir das Leben
+gerettet hat,“ sagte er schließlich.</p>
+
+<p>Und er beugte sich nieder und legte sein Schwert neben das Kind, damit
+die Flüchtlinge beim Erwachen erführen, welcher Gefahr sie entgangen
+waren.</p>
+
+<p>Da sah er, daß das Kind wach war. Es lag und sah ihn mit seinen schönen
+Augen an, die gleich Sternen leuchteten.</p>
+
+<p>Und der Kriegsknecht beugte sein Knie vor dem Kinde.</p>
+
+<p>„Herr, du bist der Mächtige,“ sagte er. „Du bist der starke Sieger. Du
+bist der, den die Götter lieben. Du bist der, der auf Schlangen und
+Skorpione treten kann.“</p>
+
+<p>Er küßte seine Füße und ging dann sacht aus der Grotte, indes der
+Kleine dalag und ihm mit großen, erstaunten Kinderaugen nachsah.</p>
+
+<div class="figcenter break-before">
+ <a id="p_70" name="p_70">
+ <img class="w8em mtop2 mbot3" src="images/p_70.jpg" alt="Schlussvignette Seite 70" /></a>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Die_Flucht_nach_AEgypten">Die Flucht nach Ägypten</h2>
+
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[73]</a></span></p>
+
+<div class="figcenter break-before">
+ <a id="p_73" name="p_73">
+ <img class="w20em mtop2 mbot3" src="images/p_73.jpg" alt="Kopfvignette Seite 73" /></a>
+</div>
+
+<p>Fern in einer der Wüsten des Morgenlandes wuchs vor vielen, vielen
+Jahren eine Palme, die ungeheuer alt und ungeheuer hoch war. Alle, die
+durch die Wüste zogen, mußten stehen bleiben und sie betrachten, denn
+sie war viel größer als andre Palmen, und man pflegte von ihr zu sagen,
+daß sie sicherlich höher werden würde als Obeliske und Pyramiden.</p>
+
+<p>Wie nun diese große Palme in ihrer Einsamkeit dastand und hinaus über
+die Wüste schaute, sah sie eines Tages etwas, was sie dazu brachte,
+ihre gewaltige Blätterkrone vor Staunen auf dem schmalen Stamme hin-
+und herzuwiegen. Dort am Wüstenrande kamen zwei einsame Menschen
+herangewandert. Sie waren noch in der Entfernung, in der Kamele so
+klein wie Ameisen erscheinen, aber es waren sicherlich zwei Menschen.
+Zwei, die Fremdlinge in der Wüste waren, denn die Palme kannte das
+Wüstenvolk, ein Mann und ein Weib, die weder Wegweiser noch Lasttiere
+hatten, weder Zelte noch Wassersäcke.</p>
+
+<p>„Wahrlich,“ sagte die Palme zu sich selbst „diese beiden sind
+hergekommen, um zu sterben.“</p>
+
+<p>Die Palme warf rasche Blicke um sich.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[74]</a></span></p>
+
+<p>„Es wundert mich,“ fuhr sie fort, „daß die Löwen nicht schon zur Stelle
+sind, um diese Beute zu erjagen. Aber ich sehe keinen einzigen in
+Bewegung. Auch keinen Räuber der Wüste sehe ich. Aber sie kommen wohl
+noch.“</p>
+
+<p>„Ihrer harret ein siebenfältiger Tod,“ dachte die Palme weiter. „Die
+Löwen werden sie verschlingen, die Schlangen sie stechen, der Durst
+wird sie vertrocknen, der Sandsturm sie begraben, die Räuber werden sie
+fällen, der Sonnenstich wird sie verbrennen, die Furcht sie vernichten.“</p>
+
+<p>Und sie versuchte, an etwas andres zu denken. Dieser Menschen Schicksal
+stimmte sie wehmütig.</p>
+
+<p>Aber im ganzen Umkreis der Wüste, die unter der Palme ausgebreitet lag,
+fand sie nichts, was sie nicht schon seit Tausenden von Jahren gekannt
+und betrachtet hätte. Nichts konnte ihre Aufmerksamkeit fesseln. Sie
+mußte wieder an die beiden Wandrer denken.</p>
+
+<p>„Bei der Dürre und dem Sturme!“ sagte sie, des Lebens gefährlichste
+Feinde anrufend, „was ist es, was dieses Weib auf dem Arme trägt? Ich
+glaube gar, diese Toren führen auch ein kleines Kind mit sich.“</p>
+
+<p>Die Palme, die weitsichtig war, wie es die Alten zu sein pflegen, sah
+wirklich richtig. Die Frau trug auf dem Arme ein Kind, das den Kopf an
+ihre Schulter gelehnt hatte und schlief.</p>
+
+<p>„Das Kind ist nicht einmal hinlänglich bekleidet,“ fuhr die Palme fort.
+„Ich sehe, daß die Mutter ihren Rock aufgehoben und es damit eingehüllt
+hat. Sie hat es in großer Hast aus seinem Bette gerissen und<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[75]</a></span> ist
+mit ihm fortgestürzt. Jetzt verstehe ich alles: Diese Menschen sind
+Flüchtlinge —</p>
+
+<p>„Aber dennoch sind sie Toren,“ fuhr die Palme fort. „Wenn nicht ein
+Engel sie beschützt, hätten sie lieber die Feinde ihr Schlimmstes tun
+lassen sollen, statt sich hinaus in die Wüste zu begeben.</p>
+
+<p>„Ich kann mir denken, wie alles zugegangen ist. Der Mann stand bei der
+Arbeit, das Kind schlief in der Wiege, die Frau war abgegangen, um
+Wasser zu holen. Als sie zwei Schritte vor die Tür gemacht hatte, sah
+sie die Feinde angestürmt kommen. Sie ist zurückgestürzt, sie hat das
+Kind an sich gerissen, dem Manne zugerufen, er solle ihr folgen, und
+ist aufgebrochen. Dann sind sie tagelang auf der Flucht gewesen, sie
+haben ganz gewiß keinen Augenblick geruht. Ja, so ist alles zugegangen,
+aber ich sage dennoch, wenn nicht ein Engel sie beschützt — — —</p>
+
+<p>„Sie sind so erschrocken, daß sie weder Müdigkeit noch andere Leiden
+fühlen können, aber ich sehe, wie der Durst aus ihren Augen leuchtet.
+Ich kenne doch wohl das Gesicht eines dürstenden Menschen.“</p>
+
+<p>Und als die Palme an den Durst dachte, ging ein krampfhaftes Zucken
+durch ihren langen Stamm, und die zahllosen Spitzen ihrer langen
+Blätter rollten sich zusammen, als würden sie über ein Feuer gehalten.</p>
+
+<p>„Wäre ich ein Mensch,“ sagte sie, „ich würde mich nie in die Wüste
+hinaus wagen. Der ist gar mutig, der sich hierher wagt, ohne Wurzeln zu
+haben, die hinunter zu den niemals versiegenden Wasseradern dringen.<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[76]</a></span>
+Hier kann es gefährlich sein, selbst für Palmen. Selbst für eine solche
+Palme wie mich.</p>
+
+<p>„Wenn ich ihnen raten könnte, ich würde sie bitten, umzukehren.
+Ihre Feinde können niemals so grausam gegen sie sein wie die Wüste.
+Vielleicht glauben sie, daß es leicht sei, in der Wüste zu leben. Aber
+ich weiß, daß es selbst mir zuweilen schwer gefallen ist, am Leben
+zu bleiben. Ich weiß noch, wie einmal in meiner Jugend ein Sturmwind
+einen ganzen Berg von Sand über mich schüttete. Ich war nahe daran, zu
+ersticken. Wenn ich hätte sterben können, wäre dies meine letzte Stunde
+gewesen.“</p>
+
+<p>Die Palme fuhr fort, laut zu denken, wie alte Einsiedler zu tun pflegen.</p>
+
+<p>„Ich höre ein wunderbar melodisches Rauschen durch meine Krone eilen,“
+sagte sie. „Die Spitze aller meiner Blätter müssen in Schwingungen
+beben. Ich weiß nicht, was mich beim Anblick dieser armen Fremdlinge
+durchfährt. Aber dieses betrübte Weib ist so schön. Sie bringt mir das
+Wunderbarste, das ich erlebt, wieder in Erinnerung.“</p>
+
+<p>Und während die Blätter fortfuhren, sich in einer rauschenden Melodie
+zu regen, dachte die Palme daran, wie einmal, vor sehr langer Zeit,
+zwei strahlende Menschen Gäste der Oase gewesen waren. Es war die
+Königin von Saba, die hierher gekommen war, mit ihr der weise Salomo.
+Die schöne Königin wollte wieder heimkehren in ihr Land, der König
+hatte sie ein Stück Weges geleitet, und nun wollten sie sich trennen.
+— „Zur<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[77]</a></span> Erinnerung an diese Stunde,“ sagte da die Königin, „pflanze
+ich einen Dattelkern in die Erde, und ich will, daß daraus eine Palme
+werde, die wachsen und leben soll, bis im Lande Juda ein König ersteht,
+der größer ist als Salomo.“ Und als sie dieses gesagt hatte, senkte sie
+den Kern in die Erde, und ihre Tränen netzten ihn.</p>
+
+<p>„Woher mag es kommen, daß ich just heute daran denke?“ fragte sich
+die Palme. „Sollte diese Frau so schön sein, daß sie mich an die
+herrlichste der Königinnen erinnert, an sie, auf deren Wort ich
+erwachsen bin und gelebt habe bis zum heutigen Tage?</p>
+
+<p>„Ich höre meine Blätter immer stärker rauschen,“ sagte die Palme, „und
+es klingt wehmütig wie ein Totengesang. Es ist, als weissagten sie, daß
+jemand bald aus dem Leben scheiden müsse. Es ist gut, zu wissen, daß es
+nicht mir gilt, da ich nicht sterben kann.“</p>
+
+<p>Die Palme nahm an, daß das Todesrauschen in ihren Blättern den beiden
+einsamen Wanderern gelten müsse. Sicherlich glaubten auch diese
+selbst, daß ihre letzte Stunde nahe. Man sah es an dem Ausdruck
+ihrer Züge, als sie an einem der Kamelskelette vorüberwanderten,
+die den Weg umgrenzten. Man sah es an den Blicken, die sie ein paar
+vorbeifliegenden Geiern nachsandten. Es konnte ja nicht anders sein.
+Sie waren verloren.</p>
+
+<p>Sie hatten die Palme und die Oase erblickt und eilten nun darauf zu,
+um Wasser zu finden. Aber als sie endlich herankamen, sanken sie
+in Verzweiflung<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[78]</a></span> zusammen, denn die Quelle war ausgetrocknet. Das
+ermattete Weib legte das Kind nieder und setzte sich weinend an den
+Rand der Quelle. Der Mann warf sich neben ihr hin, er lag und hämmerte
+mit beiden Fäusten auf die trockene Erde. Die Palme hörte, wie sie
+miteinander davon sprachen, daß sie sterben müßten.</p>
+
+<p>Sie hörte auch aus ihren Reden, daß König Herodes alle Kindlein im
+Alter von zwei und drei Jahren hatte töten lassen, aus Furcht, daß der
+große, erwartete König der Juden geboren sein könnte.</p>
+
+<p>„Es rauscht immer mächtiger in meinen Blättern,“ dachte die Palme.
+„Diesen armen Flüchtlingen schlägt bald ihr letztes Stündlein.“</p>
+
+<p>Sie vernahm auch, daß die beiden die Wüste fürchteten. Der Mann sagte,
+es wäre besser gewesen, zu bleiben und mit den Kriegsknechten zu
+kämpfen, statt zu fliehen. Sie hätten so einen leichteren Tod gefunden.</p>
+
+<p>„Gott wird uns beistehen,“ sagte die Frau.</p>
+
+<p>„Wir sind einsam unter Raubtieren und Schlangen,“ sagte der Mann. „Wir
+haben nicht Speise und Trank. Wie sollte Gott uns beistehen können?“</p>
+
+<p>Er zerriß seine Kleider in Verzweiflung und drückte sein Gesicht auf
+den Boden. Er war hoffnungslos, wie ein Mann mit einer Todeswunde im
+Herzen.</p>
+
+<p>Die Frau saß aufrecht, die Hände über den Knieen gefaltet. Doch die
+Blicke, die sie über die Wüste warf, sprachen von einer Trostlosigkeit
+ohne Grenzen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[79]</a></span></p>
+
+<p>Die Palme hörte, wie das wehmütige Rauschen in ihren Blättern immer
+stärker wurde. Die Frau mußte es auch gehört haben, denn sie hob die
+Augen zur Baumkrone auf. Und zugleich erhob sie unwillkürlich ihre Arme
+und Hände.</p>
+
+<p>„O, Datteln, Datteln!“ rief sie.</p>
+
+<p>Es lag so große Sehnsucht in der Stimme, daß die alte Palme wünschte,
+sie wäre nicht höher als der Ginsterbusch, und ihre Datteln so leicht
+erreichbar wie die Hagebutten des Dornenstrauchs. Sie wußte wohl, daß
+ihre Krone voll von Dattelbüscheln hing, aber wie sollten wohl Menschen
+zu so schwindelnder Höhe hinaufreichen?</p>
+
+<p>Der Mann hatte schon gesehen, wie unerreichbar hoch die Datteln hingen.
+Er hob nicht einmal den Kopf. Er bat nur die Frau, sich nicht nach dem
+Unmöglichen zu sehnen.</p>
+
+<p>Aber das Kind, das für sich selbst umhergetrippelt war und mit Hälmchen
+und Gräsern gespielt hatte, hatte den Ausruf der Mutter gehört.</p>
+
+<p>Der Kleine konnte sich wohl nicht denken, daß seine Mutter nicht
+alles bekommen könnte, was sie sich wünschte. Sowie man von Datteln
+sprach, begann er den Baum anzugucken. Er sann und grübelte, wie er
+die Datteln herunterbekommen sollte. Seine Stirn legte sich beinah in
+Falten unter dem hellen Gelock. Endlich huschte ein Lächeln über sein
+Antlitz. Er hatte das Mittel herausgefunden. Er ging auf die Palme zu
+und streichelte sie mit seiner kleinen Hand und sagte mit einer süßen
+Kinderstimme:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[80]</a></span></p>
+
+<p>„Palme, beuge dich! Palme, beuge dich!“</p>
+
+<p>Aber, was war das nur? Was war das? Die Palmenblätter rauschten, als
+wäre ein Orkan durch sie gefahren, und den langen Palmenstamm hinauf
+lief Schauer um Schauer. Und die Palme fühlte, daß der Kleine Macht
+über sie hatte. Sie konnte ihm nicht widerstehen.</p>
+
+<p>Und sie beugte sich mit ihrem hohen Stamme vor dem Kinde, wie Menschen
+sich vor Fürsten beugen. In einem gewaltigen Bogen senkte sie sich zur
+Erde und kam endlich so tief hinunter, daß die große Krone mit den
+bebenden Blättern über den Wüstensand fegte.</p>
+
+<p>Das Kind schien weder erschrocken noch erstaunt zu sein, sondern mit
+einem Freudenrufe kam es und pflückte Traube um Traube aus der Krone
+der alten Palme.</p>
+
+<p>Als das Kind genug genommen hatte und der Baum noch immer auf der Erde
+lag, ging es wieder heran und liebkoste ihn und sagte mit der holdesten
+Stimme:</p>
+
+<p>„Palme, erhebe dich, Palme, erhebe dich!“</p>
+
+<p>Und der große Baum erhob sich still und ehrfürchtig auf seinem
+biegsamen Stamm, indes die Blätter gleich Harfen spielten.</p>
+
+<p>„Jetzt weiß ich, für wen sie die Todesmelodie spielen,“ sagte die alte
+Palme zu sich selbst, als sie wieder aufrecht stand. „Nicht für einen
+von diesen Menschen.“</p>
+
+<p>Aber der Mann und das Weib lagen auf den Knieen und lobten Gott.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[81]</a></span></p>
+
+<p>„Du hast unsre Angst gesehen und sie von uns genommen. Du bist der
+Starke, der den Stamm der Palme beugt wie schwankes Rohr. Vor welchem
+Feinde sollten wir erbeben, wenn deine Stärke uns schützt?“</p>
+
+<p>Als die nächste Karawane durch die Wüste zog, sahen die Reisenden, daß
+die Blätterkrone der großen Palme verwelkt war.</p>
+
+<p>„Wie kann das zugehen?“ sagte ein Wanderer. „Diese Palme sollte ja
+nicht sterben, bevor sie einen König gesehen hätte, der größer wäre als
+Salomo.“</p>
+
+<p>„Vielleicht hat sie ihn gesehen,“ antwortete ein andrer von den
+Wüstenfahrern.</p>
+
+<div class="figcenter">
+ <a id="p_81" name="p_81">
+ <img class="w8em mtop2 mbot3" src="images/p_81.jpg" alt="Schlussvignette Seite 81" /></a>
+</div>
+
+<div class="figcenter break-before">
+ <a id="p_83" name="p_83">
+ <img class="w15em mtop2 mbot3" src="images/p_83.jpg" alt="Kopfvignette Seite 83" /></a>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="In_Nazareth">In Nazareth</h2>
+
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[85]</a></span></p>
+
+<div class="figcenter break-before">
+ <a id="p_85" name="p_85">
+ <img class="w20em mtop2 mbot3" src="images/p_85.jpg" alt="Kopfvignette Seite 85" /></a>
+</div>
+
+<p>Einmal zu der Zeit, da Jesus erst fünf Jahre alt war, saß er auf
+der Schwelle vor seines Vaters Werkstatt in Nazareth und war damit
+beschäftigt, aus einem Klümpchen geschmeidigen Tons, das er von dem
+Töpfer auf der anderen Seite der Straße erhalten hatte, Tonkuckucke
+zu verfertigen. Er war so glücklich wie nie zuvor, denn alle Kinder
+des Viertels hatten Jesus gesagt, daß der Töpfer ein mürrischer Mann
+sei, der sich weder durch freundliche Blicke noch durch honigsüße
+Worte erweichen ließe, und er hatte niemals gewagt, etwas von ihm zu
+verlangen. Aber siehe da, er wußte kaum, wie es zugegangen war: er
+hatte nur auf seiner Schwelle gestanden und sehnsüchtig den Nachbar
+betrachtet, wie er da an seinen Formen arbeitete, und da war der aus
+seinem Laden gekommen und hatte ihm so viel Ton geschenkt daß er
+gereicht hätte, um einen Weinkrug daraus zu fertigen.</p>
+
+<p>Auf der Treppenstufe vor dem nächsten Hause saß Judas, der häßlich und
+rothaarig war und das Gesicht voller blauer Flecke und die Kleider
+voller Risse hatte, die er sich bei seinen beständigen Kämpfen mit<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[86]</a></span>
+den Gassenjungen zugezogen hatte. Für den Augenblick war er still, er
+reizte niemand und balgte sich nicht, sondern arbeitete an einem Stück
+Ton, in gleicher Weise wie Jesus. Aber diesen Ton hatte er sich nicht
+selbst verschaffen können: er traute sich kaum, dem Töpfer unter die
+Augen zu treten, denn dieser beschuldigte ihn, daß er Steine auf sein
+zerbrechliches Gut zu werfen pflege, und hätte ihn mit Stockhieben
+verjagt; Jesus war es, der seinen Vorrat mit ihm geteilt hatte.</p>
+
+<p>Wie die zwei Kinder ihre Tonkuckucke fertig machten, stellten sie sie
+in einem Kreise vor sich auf. Sie sahen so aus, wie Tonkuckucke zu
+allen Zeiten ausgesehen haben, sie hatten einen großen roten Klumpen
+als Füße, um darauf zu stehen, kurze Schwänze, keinen Hals und kaum
+sichtbare Flügel.</p>
+
+<p>Aber wie das auch sein mochte, alsbald zeigte sich ein Unterschied
+in der Arbeit der kleinen Kameraden. Judas Vögel waren so schief,
+daß sie immer umpurzelten, und wie er sich auch mit seinen kleinen
+harten Fingern mühte, er konnte ihre Körper doch nicht niedlich und
+wohlgeformt machen. Er sah zuweilen verstohlen zu Jesus hinüber, um zu
+sehen, wie der es anstellte, daß seine Vögel so gleichmäßig und glatt
+wurden wie die Eichenblätter in den Wäldern auf dem Berge Tabor.</p>
+
+<p>Mit jedem Vogel, den Jesus fertig hatte, wurde er glücklicher. Einer
+däuchte ihn schöner als der andre, und er betrachtete sie alle mit
+Stolz und Liebe.<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[87]</a></span> Sie sollten seine Spielgefährten werden, seine
+kleinen Geschwister, sie sollten in seinem Bette schlafen, mit ihm
+Zwiesprach halten, ihm ihre Lieder singen, wenn seine Mutter ihn allein
+ließ. Er hatte sich nie so reich gedünkt, niemals mehr würde er sich
+einsam oder verlassen fühlen können.</p>
+
+<p>Der hochgewachsene Wasserträger ging vorbei, gebeugt unter seinem
+schweren Sack, und gleich nach ihm kam der Gemüsehändler, der mitten
+zwischen den großen leeren Weidenkörben auf dem Rücken seines Esels
+baumelte. Der Wasserträger legte seine Hand auf Jesus blondlockigen
+Kopf und fragte ihn nach seinen Vögeln, und Jesus erzählte, daß sie
+Namen hätten und daß sie singen könnten. Alle seine kleinen Vögelchen
+wären aus fremden Ländern zu ihm gekommen und erzählten ihm Dinge, von
+denen nur sie und er wüßten. Und Jesus sprach so, daß der Wasserträger
+wie der Gemüsehändler lange ihre Verrichtungen vergaßen, um ihm zu
+lauschen.</p>
+
+<p>Als sie weiterziehen wollten, wies Jesus auf Judas. „Seht, was für
+schöne Vögel Judas macht!“ sagte er.</p>
+
+<p>Da hielt der Gemüsehändler gutmütig seinen Esel an und fragte Judas,
+ob auch seine Vögel Namen hätten und singen könnten. Aber Judas wußte
+nichts hierüber, er schwieg eigensinnig und hob die Augen nicht von
+seiner Arbeit; der Gemüsehändler stieß ärgerlich einen seiner Vögel mit
+dem Fuße weg und ritt weiter.</p>
+
+<p>So verstrich der Nachmittag und die Sonne sank<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[88]</a></span> so tief, daß ihr
+Schein durch das niedrige Stadttor hereinschreiten konnte, das sich,
+mit einem römischen Adler geschmückt, am Ende der Straße erhob. Dieses
+Sonnenlicht, das um die Neige des Tages kam, war ganz rosenrot, und
+als wäre es aus Blut gemischt, gab es seine Farben allem, was ihm in
+den Weg kam, während es durch das schmale Gäßchen rieselte. Es malte
+die Gefäße des Töpfers ebenso wie die Planke, die unter der Säge des
+Zimmermanns knirschte, und das weiße Tuch, das Marias Gesicht umgab.</p>
+
+<p>Aber am allerschönsten blinkte der Sonnenschein in den kleinen
+Wasserpfützen, die sich zwischen den großen holprigen Steinfliesen, die
+die Straße bedeckten, angesammelt hatten. Und plötzlich steckte Jesus
+seine Hand in die Pfütze, die ihm zunächst war. Es war ihm eingefallen,
+daß er seine grauen Vögel mit dem glitzernden Sonnenschein anmalen
+wollte, der dem Wasser, den Hausmauern, kurz allem ringsum eine so
+schöne Farbe verliehen hatte.</p>
+
+<p>Da war es dem Sonnenlicht eine Freude, sich auffangen zu lassen wie
+die Farbe aus einem Malertiegel, und als Jesus es über die kleinen
+Tonvögelchen strich, da lag es still und bedeckte sie vom Kopfe bis zum
+Fuße mit diamantenähnlichem Glanze.</p>
+
+<p>Judas, der hie und da einen Blick hinüber zu Jesus warf, um zu sehen,
+ob dieser mehr und schönere Vögel mache als er, stieß einen Ausruf
+des Entzückens aus, als er sah, wie Jesus seine Tonkuckucke mit
+Sonnen<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[89]</a></span>schein bemalte, den er aus den Wassertümpeln der Gasse auffing.
+Und Judas tauchte seine Hand auch in das leuchtende Wasser und suchte
+das Sonnenlicht aufzufangen.</p>
+
+<p>Aber das Sonnenlicht ließ sich nicht von ihm fangen. Es glitt zwischen
+seinen Fingern hindurch, und wie hurtig er sich auch mühte, die Hände
+zu regen, um es zu greifen, es entschlüpfte ihm doch, und er konnte
+seinen armen Vögeln kein bißchen Farbe schaffen.</p>
+
+<p>„Warte, Judas!“ sagte Jesus. „Ich will kommen und deine Vögel malen.“</p>
+
+<p>„Nein,“ sagte Judas, „du darfst sie nicht anrühren. Sie sind gut genug,
+wie sie sind.“</p>
+
+<p>Er stand auf, während seine Stirn sich furchte und seine Lippen sich
+aufeinander preßten. Und er setzte seinen breiten Fuß auf die Vögel
+und verwandelte sie einen nach dem andern in kleine abgeplattete
+Lehmklumpen.</p>
+
+<p>Als seine Vögel alle zerstört waren, ging er auf Jesus zu, der dasaß
+und seine kleinen Tonvögel streichelte, die wie Juwelen funkelten.
+Judas betrachtete sie eine Weile schweigend, aber dann hob er den Fuß
+und trat einen von ihnen nieder.</p>
+
+<p>Als Judas den Fuß zurückzog und den ganzen kleinen Vogel in grauen
+Lehm verwandelt sah, empfand er eine solche Wollust, daß er zu lachen
+begann, und er hob den Fuß, um noch einen zu zertreten.</p>
+
+<p>„Judas,“ rief Jesus, „was tust du? Weißt du nicht, sie sind lebendig
+und können singen?“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[90]</a></span></p>
+
+<p>Aber Judas lachte und zertrat noch einen Vogel.</p>
+
+<p>Jesus sah sich nach Hilfe um. Judas war groß, und Jesus hatte nicht die
+Kraft, ihn zurückzuhalten. Er schaute nach seiner Mutter aus. Sie war
+nicht weit weg, aber ehe sie herankäme, konnte Judas schon alle seine
+Vögel zerstört haben. Die Tränen traten Jesus in die Augen. Judas hatte
+schon vier seiner Vögel zertreten, es waren nur noch drei.</p>
+
+<p>Er war seinen Vögeln gram, daß sie so stille standen und sich
+niedertreten ließen, ohne auf die Gefahr zu achten. Jesus klatschte in
+die Hände, um sie zu wecken, und rief ihnen zu: „Fliegt, fliegt!“</p>
+
+<p>Da begannen die drei Vögel ihre kleinen Flügel zu regen, und ängstlich
+flatternd vermochten sie sich auf den Rand des Daches zu schwingen, wo
+sie geborgen waren.</p>
+
+<p>Aber als Judas sah, daß die Vögel auf Jesus Wort die Flügel regten und
+flogen, da fing er zu weinen an. Er raufte sein Haar, wie er es die
+Alten hatte tun sehen, wenn sie in großer Angst und Sorge waren, und
+warf sich Jesus zu Füßen.</p>
+
+<p>Und da lag Judas und wälzte sich vor Jesus im Staube wie ein Hund
+und küßte seine Füße und bat, daß er seinen Fuß erheben und ihn
+niedertreten möge, wie er mit den Tonvögeln getan hatte.</p>
+
+<p>Denn Judas liebte Jesus und bewunderte ihn und betete ihn an und haßte
+ihn zugleich.</p>
+
+<p>Aber Maria, die die ganze Zeit über das Spiel der Kinder mit angesehen
+hatte, stand jetzt auf und hob<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[91]</a></span> Judas empor und setzte ihn auf ihren
+Schoß und liebkoste ihn.</p>
+
+<p>„Du armes Kind!“ sagte sie zu ihm. „Du weißt nicht, daß du etwas
+versucht hast, was kein Geschöpf vermag. Vermiß dich nicht mehr,
+solches zu tun, wenn du nicht der unglücklichste aller Menschen werden
+willst! Wie sollte es wohl dem von uns ergehen, der es unternähme, mit
+ihm zu wetteifern, der mit Sonnenschein malt und dem toten Lehm den
+Odem des Lebens einhaucht?“</p>
+
+<div class="figcenter">
+ <a id="p_91" name="p_91">
+ <img class="w8em mtop2 mbot3" src="images/p_91.jpg" alt="Schlussvignette Seite 91" /></a>
+</div>
+
+<div class="figcenter break-before">
+ <a id="p_92" name="p_92">
+ <img class="w15em mtop2 mbot3" src="images/p_92.jpg" alt="Kopfvignette Seite 92" /></a>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Im_Tempel">Im Tempel</h2>
+
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[95]</a></span></p>
+
+<div class="figcenter break-before">
+ <a id="p_95" name="p_95">
+ <img class="w20em mtop2 mbot3" src="images/p_95.jpg" alt="Kopfvignette Seite 95" /></a>
+</div>
+
+<p>Es waren einmal ein paar arme Leute, ein Mann, eine Frau und ihr
+kleines Söhnlein, die gingen in dem großen Tempel in Jerusalem umher.
+Der Sohn war ein bildschönes Kind. Er hatte Haare, die in weichen
+Locken lagen, und Augen, die ganz wie Sterne leuchteten.</p>
+
+<p>Der Sohn war nicht im Tempel gewesen, seit er so groß war, daß er
+verstehen konnte, was er sah; und jetzt gingen seine Eltern mit ihm
+umher und zeigten ihm alle Herrlichkeiten. Da waren lange Säulenreihen,
+da waren vergoldete Altäre, da waren heilige Männer, die saßen und ihre
+Schüler unterwiesen, da war der oberste Priester mit seinem Brustschild
+aus Edelsteinen, da waren Vorhänge aus Babylon, die mit Goldrosen
+durchwebt waren, da waren die großen Kupfertore, die so schwer waren,
+daß es eine Arbeit für dreißig Männer war, sie in ihren Angeln hin und
+her zu schwingen.</p>
+
+<p>Aber der kleine Knabe, der erst zwölf Jahre zählte, kümmerte sich nicht
+viel um das alles. Seine Mutter erzählte ihm, daß, was sie ihm zeigten,
+das Merkwürdigste auf der Welt sei. Sie sagte ihm, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[96]</a></span> es wohl lange
+dauern würde, ehe er noch einmal so etwas zu sehen bekäme. In dem armen
+Nazareth, wo sie daheim waren, gab es nichts anderes anzugucken als die
+grauen Gassen.</p>
+
+<p>Ihre Ermahnungen fruchteten aber nicht viel. Der kleine Knabe sah aus,
+als wäre er gerne aus dem herrlichen Tempel fortgelaufen, wenn er dafür
+in der engen Gasse in Nazareth hätte spielen dürfen.</p>
+
+<p>Aber es war wunderlich: je gleichgültiger der Knabe sich zeigte, desto
+froher und vergnügter wurden die Eltern. Sie nickten einander über
+seinen Kopf hinweg zu und waren eitel Zufriedenheit.</p>
+
+<p>Endlich sah der Kleine so müde und erschöpft aus, daß er der Mutter
+leid tat. „Wir sind zu weit mit dir gegangen,“ sagte sie. „Komm, du
+sollst dich ein Weilchen ausruhen!“</p>
+
+<p>Sie ließ sich neben einer Säule nieder und sagte ihm, er solle sich auf
+den Boden legen und den Kopf in ihren Schoß betten. Und er tat es und
+schlummerte sogleich ein.</p>
+
+<p>Kaum war er eingeschlafen, da sagte die Frau zu dem Manne: „Ich habe
+nichts so gefürchtet wie die Stunde, da er Jerusalems Tempel betreten
+würde. Ich glaubte, wenn er dieses Haus Gottes erblickte, würde er für
+alle Zeit hier bleiben wollen.“</p>
+
+<p>„Auch mir hat vor dieser Fahrt gebangt,“ sagte der Mann. „Zur Zeit, da
+er geboren wurde, geschahen mancherlei Zeichen, die darauf deuteten,
+daß er ein großer Herrscher werden würde. Aber was sollte ihm<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[97]</a></span> die
+Königswürde bringen als Sorgen und Gefahren? Ich habe immer gesagt, daß
+es das beste für ihn wie für uns wäre, wenn er niemals etwas andres
+würde, als ein Zimmermann in Nazareth.“</p>
+
+<p>„Seit seinem fünften Jahre,“ sagte die Mutter nachdenklich, „sind
+keine Wunder um ihn geschehen. Und er selber erinnert sich an nichts
+von dem, was sich in seiner frühesten Kindheit zugetragen hat. Er ist
+jetzt ganz wie ein Kind unter andern Kindern. Gottes Wille möge vor
+allem geschehen, aber ich habe fast zu hoffen begonnen, daß der Herr in
+seiner Gnade einen andern für die großen Schicksale erwählen und mir
+meinen Sohn lassen werde.“</p>
+
+<p>„Was mich betrifft,“ sagte der Mann, „so bin ich gewiß, daß alles gut
+gehen wird, wenn er gar nichts von den Zeichen und Wundern erfährt, die
+sich in seinen ersten Lebensjahren begeben haben.“</p>
+
+<p>„Ich spreche nie mit ihm über etwas von diesem Wunderbaren,“ sagte die
+Frau. „Aber ich fürchte immer, daß ohne mein Hinzutun etwas geschehen
+könnte, was ihn erkennen läßt, wer er ist. Vor allem hatte ich Angst,
+ihn in diesen Tempel zu führen.“</p>
+
+<p>„Du kannst froh sein, daß die Gefahr nun vorüber ist,“ sagte der Mann.
+„Bald haben wir ihn wieder daheim in Nazareth.“</p>
+
+<p>„Ich habe mich vor den Schriftgelehrten im Tempel gefürchtet,“ sagte
+die Frau. „Ich fürchtete mich vor den Wahrsagern, die hier auf ihren
+Matten<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[98]</a></span> sitzen. Ich glaubte, wenn er ihnen unter die Augen träte,
+würden sie aufstehen und sich vor dem Kinde beugen und es als den
+König der Juden grüßen. Es ist seltsam, daß sie seiner Herrlichkeit
+nicht gewahr werden. Ein solches Kind ist ihnen noch niemals vor Augen
+gekommen.“</p>
+
+<p>Sie saß eine Weile schweigend und betrachtete das Kind. „Ich kann es
+kaum verstehen,“ sagte sie. „Ich glaubte, wenn er diese Richter sehen
+würde, die in dem heiligen Hause sitzen und die Zwiste des Volkes
+schlichten, und diese Lehrer, die zu ihren Jüngern sprechen, und diese
+Priester, die dem Herrn dienen, so würde er erwachen und rufen: ‚Hier
+unter diesen Richtern, diesen Lehrern, diesen Priestern zu leben bin
+ich geboren.‘“</p>
+
+<p>„Was sollte dies wohl für ein Glück sein, zwischen diesen Säulengängen
+eingesperrt zu sitzen?“ fiel der Mann ein. „Es ist besser für ihn, auf
+den Hügeln und Bergen rings um Nazareth umherzuwandern.“</p>
+
+<p>Die Mutter seufzte ein wenig. „Er ist so glücklich bei uns daheim,“
+sagte sie. „Wie zufrieden ist er, wenn er die Schafherden auf ihren
+einsamen Wanderungen begleiten darf, oder wenn er über die Felder geht
+und der Arbeit der Landleute zusieht! Ich kann nicht glauben, daß wir
+unrecht gegen ihn handeln, wenn wir versuchen, ihn für uns zu behalten.“</p>
+
+<p>„Wir ersparen ihm nur das größte Leid,“ sagte der Mann.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[99]</a></span></p>
+
+<p>Sie fuhren fort, so miteinander zu sprechen, bis das Kind aus seinem
+Schlummer erwachte.</p>
+
+<p>„Sieh da,“ sagte die Mutter, „hast du dich jetzt ausgeruht? Stehe nun
+auf, denn der Abend bricht an, und wir müssen heim zum Lagerplatz.“</p>
+
+<p>Sie befanden sich in dem entferntesten Teil des Gebäudes, als sie die
+Wanderung zum Ausgang antraten.</p>
+
+<p>Nach einigen Augenblicken hatten sie ein altes Gewölbe zu
+durchschreiten, das sich noch aus der Zeit erhalten hatte, als zum
+ersten Male ein Tempel an dieser Stelle errichtet worden war, und da,
+an eine Wand gelehnt, stand ein altes Kupferhorn von ungeheurer Länge
+und Schwere gleich einer Säule da, damit man es an den Mund führe und
+darauf blase. Es stand da, bucklig und verschrammt, innen und außen
+voll Staub und Spinngeweben, und von einer kaum sichtbaren Schlinge von
+altertümlichen Buchstaben umgeben. Tausend Jahre mochten wohl vergangen
+sein, seit jemand versucht hatte, ihm einen Ton zu entlocken.</p>
+
+<p>Aber als der kleine Knabe das ungeheure Horn erblickte, blieb er
+verwundert stehen. „Was ist das?“ fragte er.</p>
+
+<p>„Das ist das große Horn, das die Stimme des Weltenfürsten genannt
+wird,“ antwortete die Mutter. „Mit ihm rief Moses die Kinder Israels
+zusammen, als sie in der Wüste zerstreut waren. Nach seiner Zeit hat
+niemand es vermocht, ihm auch nur einen<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[100]</a></span> einzigen Ton zu entlocken.
+Aber wer dies vermag, wird alle Völker der Erde unter seiner Gewalt
+sammeln.“</p>
+
+<p>Sie lächelte über dies, was sie für ein altes Märchen hielt, aber der
+kleine Knabe blieb vor dem großen Horn stehen, bis sie ihn fortrief.
+Von allem, was er in dem Tempel gesehen, war dieses Horn das erste, was
+ihm wohlgefiel. Er hätte gern verweilt, um es lange und genau anzusehen.</p>
+
+<p>Sie waren nicht lange gegangen, als sie in einen großen, weiten
+Tempelhof kamen. Hier befand sich im Berggrunde selbst eine Kluft,
+tief und weit, so wie sie von Urzeit an gewesen war. Diese Spalte
+hatte König Salomo nicht ausfüllen wollen, als er den Tempel baute.
+Keine Brücke hatte er darüber geschlagen, kein Gitter hatte er vor dem
+schwindelnden Abgrund errichtet. Statt dessen hatte er über die Kluft
+eine mehrere Ellen lange Klinge aus Stahl gespannt, scharfgeschliffen,
+mit der Schneide nach oben. Und nach einer Unendlichkeit von Jahren
+und Wechselfällen lag die Klinge noch über dem Abgrund. Jetzt war sie
+doch beinahe verrostet, sie war nicht mehr sicher an ihren Endpunkten
+befestigt, sondern zitterte und schaukelte sich, sowie jemand mit
+schweren Schritten über den Tempelhof ging.</p>
+
+<p>Als die Mutter den Knaben über einen Umweg an der Kluft vorbeiführte,
+fragte er sie: „Was ist dies für eine Brücke?“</p>
+
+<p>„Die ist von König Salomo hingelegt worden,“ antwortete die Mutter,
+„und wir nennen sie die<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[101]</a></span> Paradiesbrücke. Wenn du diese Kluft auf dieser
+zitternden Brücke zu überschreiten vermagst, deren Schneide dünner ist
+als ein Sonnenstrahl, so kannst du gewiß sein, ins Paradies zu kommen.“</p>
+
+<p>Und sie lächelte und eilte weiter, aber der Knabe blieb stehen und
+betrachtete die schmale, bebende Stahlklinge, bis die Mutter nach ihm
+rief.</p>
+
+<p>Als er ihr gehorchte, seufzte er, weil sie ihm diese zwei wunderbaren
+Dinge nicht früher gezeigt hatte, so daß er vollauf Zeit gehabt hätte,
+sie zu betrachten.</p>
+
+<p>Sie gingen nun ohne Aufenthalt, bis sie den großen Eingangsportikus
+mit seinen fünffachen Säulenreihen erreichten. Hier standen in einer
+Ecke ein paar Säulen aus schwarzem Marmor, auf demselben Fußgestell so
+nahe aneinander aufgerichtet, daß man kaum einen Strohhalm dazwischen
+durchzuschieben vermochte. Sie waren hoch und majestätisch, mit
+reichgeschmückten Kapitälen, um die eine Reihe seltsam geformter
+Tierköpfe lief. Aber nicht ein Zoll breit dieser schönen Säulen war
+ohne Risse und Schrammen, sie waren beschädigt und abgenützt wie nichts
+andres im Tempel. Sogar der Boden rings um sie war blankgescheuert und
+ein wenig ausgehöhlt von den Tritten vieler Füße.</p>
+
+<p>Wieder hielt der Knabe seine Mutter an und fragte sie: „Was sind dies
+für Säulen?“</p>
+
+<p>„Es sind Säulen, die unser Vater Abraham aus dem fernen Chaldäa hierher
+nach Palästina gebracht<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[102]</a></span> hat und die er die Pforte der Gerechtigkeit
+nannte. Wer sich zwischen ihnen durchdrängen kann, der ist gerecht vor
+Gott und hat niemals eine Sünde begangen.“</p>
+
+<p>Der Knabe blieb stehen und sah mit großen Augen die Säulen an.</p>
+
+<p>„Du willst wohl nicht versuchen, dich zwischen ihnen durchzuzwängen?“
+sagte die Mutter und lachte. „Du siehst, wie ausgetreten der Boden
+rings um sie ist, von den vielen, die versucht haben, sich durch den
+schmalen Spalt zu drängen, aber du kannst es mir glauben, es ist keinem
+gelungen. Spute dich nun! Ich höre das Donnern der Kupfertore, an die
+die dreißig Tempeldiener ihre Schultern stemmen, um sie in Bewegung zu
+setzen.“</p>
+
+<p>Aber die ganze Nacht lag der kleine Knabe im Zelte wach, und er sah
+nichts andres vor sich als die Pforte der Gerechtigkeit und die
+Paradiesesbrücke und die Stimme des Weltenfürsten. Von so wunderbaren
+Dingen hatte er nie zuvor gehört. Und er konnte sie sich nicht aus dem
+Kopfe schlagen.</p>
+
+<p>Und am Morgen des nächsten Tages erging es ihm ebenso. Er konnte an
+nichts andres denken. An diesem Morgen sollten sie die Heimreise
+antreten. Die Eltern hatten viel zu tun, bis sie das Zelt abgebrochen
+und einem großen Kamel aufgeladen hatten und bis alles andere in
+Ordnung kam. Sie sollten nicht allein fahren, sondern in Gesellschaft
+von vielen Verwandten und Nachbarn, und da soviel Leute fortziehen
+sollten, ging das Einpacken natürlich sehr langsam vonstatten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[103]</a></span></p>
+
+<p>Der kleine Knabe half nicht bei der Arbeit mit, sondern mitten in dem
+Hasten und Eilen saß er still da und dachte an die drei wunderbaren
+Dinge.</p>
+
+<p>Plötzlich fiel ihm ein, daß er noch Zeit hatte, in den Tempel zu gehen
+und sie noch einmal anzusehen. Da war noch viel, was aufgeladen werden
+mußte. Er könnte wohl noch vor dem Aufbruch vom Tempel zurückkommen.</p>
+
+<p>Er eilte von dannen, ohne jemand zu sagen, wohin er sich begab. Er
+glaubte nicht, daß dies nötig sei. Er wollte ja bald wieder da sein.</p>
+
+<p>Es währte nicht lange, so erreichte er den Tempel und trat in die
+Säulenhalle, wo die zwei schwarzen Geschwistersäulen aufgestellt waren.</p>
+
+<p>Sowie er sie erblickte, begannen seine Augen vor Freude zu leuchten. Er
+setzte sich auf den Boden neben sie und starrte zu ihnen empor. Wenn
+er daran dachte, daß wer sich zwischen diesen zwei Säulen durchdrängen
+könnte, gerecht vor Gott wäre und niemals eine Sünde begangen hätte, da
+däuchte es ihn, daß er niemals etwas so Wunderbares geschaut hätte.</p>
+
+<p>Er dachte, wie herrlich es sein müsse, sich zwischen diesen zwei Säulen
+durchdrängen zu können, aber sie standen so nah nebeneinander, daß es
+unmöglich war, es auch nur zu versuchen. So saß er wohl eine Stunde
+regungslos vor den Säulen, aber davon wußte er nichts. Er glaubte, daß
+er sie nur ein paar Augenblicke betrachtet hätte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[104]</a></span></p>
+
+<p>Aber es begab sich, daß in der prächtigen Säulenhalle, in der der Knabe
+saß, die Richter des Hohen Rats versammelt waren, um dem Volke bei
+seinen Zwistigkeiten zurechtzuhelfen. Der ganze Portikus war voller
+Menschen, die wegen Grenzmarken klagten, die man verschoben hatte, über
+Schafe, die aus der Herde geraubt und mit falschen Zeichen versehen
+worden waren, über Schuldner, die ihre Schulden nicht bezahlen wollten.</p>
+
+<p>Unter allen den andern kam auch ein reicher Mann, der in schleppende
+Purpurgewänder gekleidet war und eine arme Witwe vor den Richterstuhl
+führte, die ihm einige Sekel Silber schuldig sein sollte. Die arme
+Witwe jammerte und sagte, daß der Reiche unrecht an ihr handele. Sie
+hätte ihm schon einmal ihre Schuld bezahlt, nun wolle er sie zwingen,
+es noch einmal zu tun, aber das vermöge sie nicht. Sie wäre so arm, daß
+sie, wenn die Richter sie verurteilten, zu bezahlen, gezwungen wäre,
+dem Reichen ihre Töchter als Sklavinnen zu geben.</p>
+
+<p>Der zuhöchst auf dem Richterstuhle saß, wendete sich an den reichen
+Mann und sprach zu ihm: „Wagst du einen Eid darauf zu leisten, daß
+diese arme Frau dir das Geld noch nicht bezahlt hat?“</p>
+
+<p>Da antwortete der Reiche: „Herr, ich bin ein reicher Mann. Sollte ich
+mir die Mühe machen, mein Geld von dieser armen Witwe zu fordern, wenn
+ich nicht das Recht dazu hätte? Ich schwöre dir, so gewiß niemand je
+durch die Pforte der Gerechtigkeit wandern<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[105]</a></span> wird, so gewiß ist mir
+diese Frau die Summe schuldig, die ich begehre.“</p>
+
+<p>Als die Richter diesen Eid vernahmen, glaubten sie seinen Worten und
+fällten den Spruch, daß die arme Witwe ihre Töchter als Sklavinnen
+hingeben solle.</p>
+
+<p>Aber der kleine Knabe saß dicht daneben und hörte das alles. Er dachte
+bei sich selbst: Wie gut wäre es doch, wenn jemand sich durch die
+Pforte der Gerechtigkeit drängen könnte! Dieser Reiche hat sicherlich
+nicht die Wahrheit gesprochen. Wie jammert mich die alte Frau, die ihre
+Töchter als Sklavinnen hingeben muß.</p>
+
+<p>Er sprang auf das Fußgestell, von dem die beiden Säulen in die Höhe
+strebten und blickte durch die Spalte.</p>
+
+<p>Ach, daß es doch nicht so ganz unmöglich wäre! dachte er.</p>
+
+<p>Er war so betrübt um der armen Frau willen. Nun dachte er gar nicht
+daran, daß wer sich durch dieses Tor zu drängen vermöchte, gerecht
+und ohne Sünde wäre. Er wollte nur um des armen Weibes willen
+hindurchkommen.</p>
+
+<p>Er stemmte seine Schulter in die Vertiefung zwischen den Säulen,
+gleichsam, um sich einen Weg zu bahnen.</p>
+
+<p>In diesem Augenblicke sahen alle Menschen, die in der Säulenhalle
+standen, zur Pforte der Gerechtigkeit hin. Denn es donnerte in den
+Gewölben, und es rauschte in den alten Säulen, und sie schoben sich
+zur Seite, eine nach rechts und eine nach links, und ließen einen so
+großen Raum frei, daß der schlanke Körper des Knaben zwischen ihnen
+durchschlüpfen konnte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[106]</a></span></p>
+
+<p>Da entstand großes Staunen und Aufsehen. Im ersten Augenblick wußte
+niemand, was er sagen sollte. Die Leute standen nur und starrten den
+kleinen Knaben an, der ein so großes Wunder vollbracht hatte. Der
+erste, der seine Fassung wieder erlangte, war der älteste unter den
+Richtern. Er rief, man solle den reichen Kaufmann ergreifen und ihn vor
+den Richterstuhl führen. Und er verurteilte ihn, sein ganzes Hab und
+Gut der armen Witwe zu geben, weil er falsch geschworen hatte in Gottes
+Tempel.</p>
+
+<p>Als dies abgetan war, fragte der Richter nach dem Knaben, der die
+Pforte der Gerechtigkeit durchschritten hatte, aber da die Menschen
+sich nach ihm umsahen, war er verschwunden. Denn in demselben
+Augenblick, wo die Säulen auseinanderglitten, war er wie aus einem
+Traum erwacht, und er hatte sich an seine Eltern und die Heimreise
+erinnert. Jetzt muß ich von hier forteilen, damit meine Eltern nicht
+auf mich warten, dachte er.</p>
+
+<p>Aber er wußte gar nicht, daß er eine volle Stunde vor der Pforte der
+Gerechtigkeit zugebracht hatte, sondern er wähnte, nur ein paar Minuten
+dort verweilt zu haben, darum meinte er, daß er wohl noch Zeit hätte,
+einen Blick auf die Paradiesesbrücke zu werfen, ehe er den Tempel
+verließe.</p>
+
+<p>Und auf leichten Füßen glitt er durch die Volksmenge und kam auf die
+Paradiesesbrücke, die in einem ganz andern Teile des großen Tempels
+gelegen war.</p>
+
+<p>Aber als er die scharfe Stahlklinge sah, die sich<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[107]</a></span> über die Kluft
+spannte, und daran dachte, daß der Mensch, der über diese Brücke
+wandern könnte, gewiß wäre, ins Paradies zu kommen, da däuchte es ihn,
+daß dies das Merkwürdigste wäre, was er je geschaut hätte, und er
+setzte sich an den Rand der Kluft, um die Stahlklinge zu betrachten.</p>
+
+<p>Da saß er und dachte, wie lieblich es sein müßte, ins Paradies zu
+kommen und wie gern er über diese Brücke gehen wolle. Aber zugleich sah
+er, daß es ganz unmöglich war, dies auch nur zu versuchen.</p>
+
+<p>So saß er zwei Stunden und grübelte, aber er wußte nicht, daß soviel
+Zeit vergangen war. Er saß nur und dachte an das Paradies.</p>
+
+<p>Aber es war so, daß auf dem Hofe, wo die tiefe Kluft sich befand,
+ein großer Opferaltar stand, und um ihn herum gingen weißgekleidete
+Priester, die das Feuer auf dem Altar hüteten und Opfergaben in Empfang
+nahmen. Auf dem Hofe standen auch viele, die opferten, und eine große
+Menge, die dem Gottesdienste nur zusah.</p>
+
+<p>Kam da auch ein armer, alter Mann gegangen, der ein Lämmchen trug, das
+sehr klein und mager war und obendrein noch von einem Hunde gebissen
+worden war, so daß es eine große Wunde hatte.</p>
+
+<p>Der Mann ging mit diesem Lamme zu den Priestern und bat sie, es opfern
+zu dürfen, aber sie schlugen es ihm ab. Sie sagten ihm, eine so
+armselige Gabe könne er dem Herrn nicht darbringen. Der Alte bat, sie
+möchten doch um der Barmherzigkeit willen<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[108]</a></span> das Lamm annehmen, denn sein
+Sohn liege krank auf den Tod, und er besitze nichts andres, was er Gott
+für seine Genesung opfern könnte. „Ihr müßt es mich opfern lassen,“
+sagte er, „sonst kommt mein Gebet nicht vor Gottes Angesicht, und mein
+Sohn stirbt.“</p>
+
+<p>„Du kannst mir glauben, daß ich Mitleid mit dir habe,“ sagte der
+Priester, „aber das Gesetz verbietet uns, ein verletztes Tier zu
+opfern. Es ist ebenso unmöglich, deiner Bitte zu willfahren, wie es
+unmöglich ist, die Paradiesesbrücke zu überschreiten.“</p>
+
+<p>Der kleine Knabe saß so nah, daß er das alles hörte. Er dachte gleich,
+wie schade es doch wäre, daß niemand die Brücke zu überschreiten
+vermochte. Vielleicht könnte der Arme seinen Sohn behalten, wenn das
+Lamm geopfert würde.</p>
+
+<p>Der alte Mann ging betrübt vom Tempelhofe fort, aber der Knabe erhob
+sich, schritt auf die zitternde Brücke zu und setzte seinen Fuß darauf.</p>
+
+<p>Er dachte gar nicht daran, hinübergehen zu wollen, um des Paradieses
+gewiß zu sein. Seine Gedanken weilten bei dem Armen, dem er zu helfen
+wünschte.</p>
+
+<p>Aber er zog den Fuß wieder zurück, denn er dachte: es ist unmöglich.
+Sie ist gar zu alt und rostig, sie könnte mich nicht einmal tragen.</p>
+
+<p>Aber noch einmal schweiften seine Gedanken zu dem Armen, dessen Sohn
+krank auf den Tod lag. Wieder setzte er den Fuß auf die Schwertklinge.</p>
+
+<p>Da merkte er, daß sie zu zittern aufhörte und sich unter seinem Fuße
+breit und fest anfühlte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[109]</a></span></p>
+
+<p>Und als er den nächsten Schritt darauf machte, fühlte er, daß die Luft
+rings umher ihn unterstützte, so daß er nicht fallen konnte. Sie trug
+ihn, als wenn er ein Vogel wäre und Flügel hätte.</p>
+
+<p>Aber aus der gespannten Klinge löste sich zitternd ein holder Ton, wie
+der Knabe darüber hinschritt, und einer von denen, die auf dem Hofe
+standen, wendete sich um, da er den Ton vernahm. Er stieß einen Ruf
+aus, und jetzt wendeten sich auch alle die andern, und sie gewahrten
+den kleinen Knaben, der über die Stahlklinge geschritten kam.</p>
+
+<p>Da gerieten alle, die da standen, in große Verwunderung und Bestürzung.
+Die ersten, die sich faßten, waren die Priester. Sie sendeten sogleich
+einen Boten nach dem Armen, und als dieser zurückkam, sagten sie zu
+ihm: „Gott hat ein Wunder getan, um uns zu zeigen, daß er deine Gabe
+empfangen will. Gib dein Lamm her, wir wollen es opfern!“</p>
+
+<p>Als dies geschehen war, fragten sie nach dem kleinen Knaben, der über
+die Kluft gewandert war. Aber als sie sich nach ihm umsahen, konnten
+sie ihn nicht finden.</p>
+
+<p>Denn gerade, als der Knabe die Kluft überschritten hatte, hatte er an
+die Heimreise und die Eltern denken müssen. Er wußte nicht, daß der
+Morgen und der Vormittag schon verstrichen waren, sondern er dachte:
+Ich muß mich jetzt sputen, heimzukommen, damit sie nicht zu warten
+brauchen. Ich will nur erst noch<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[110]</a></span> forteilen und einen Blick auf die
+Stimme des Weltenfürsten werfen.</p>
+
+<p>Und er schlich sich zwischen dem Volke durch und eilte auf leichten
+Sohlen nach dem halbdunkeln Säulengang, wo das Kupferhorn an die Wand
+gelehnt stand.</p>
+
+<p>Als er es sah und bedachte, daß wer ihm einen Ton entlocken konnte,
+alle Völker der Erde unter seiner Herrschaft versammeln würde, da
+däuchte es ihn, daß er niemals etwas so Merkwürdiges gesehen hätte, und
+er setzte sich daneben nieder und betrachtete es.</p>
+
+<p>Er dachte, wie groß es sein müßte, alle Menschen der Erde zu gewinnen,
+und wie sehnlich er sich wünschte, in das alte Horn blasen zu können.
+Aber er sah ein, daß dies unmöglich wäre, und so wagte er nicht einmal
+den Versuch.</p>
+
+<p>So saß er mehrere Stunden, aber er wußte nicht, daß die Zeit verstrich.
+Er dachte nur daran, was für ein Gefühl es sein müßte, alle Menschen
+der Erde unter seiner Herrschaft zu sammeln.</p>
+
+<p>Aber es war so, daß in diesem kühlen Säulengang ein heiliger Mann
+saß und seine Schüler unterwies. Und er wendete sich jetzt an einen
+der Jünglinge, die zu seinen Füßen saßen, und sagte ihm, daß er ein
+Betrüger sei. Der Geist hätte ihm verraten, sagte der Heilige, daß
+dieser Jüngling ein Fremder sei und kein Israelit. Und nun fragte ihn
+der Heilige, warum er sich unter einem falschen Namen unter seine
+Jünger eingeschlichen hätte.</p>
+
+<p>Da erhob sich der fremde Jüngling und sagte, er<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[111]</a></span> sei durch Wüsten
+gepilgert und über große Meere gezogen, um die wahre Weisheit und
+die Lehre des einzigen Gottes verkünden zu hören. „Meine Seele
+verschmachtete vor Sehnsucht,“ sagte er zu dem Heiligen. „Aber ich
+wußte, daß du mich nicht unterrichten würdest, wenn ich nicht sagte,
+daß ich ein Israelit sei. Darum belog ich dich, auf daß meine Sehnsucht
+gestillt würde. Und ich bitte dich, laß mich bei dir bleiben.“</p>
+
+<p>Aber der Heilige stand auf und streckte die Arme zum Himmel empor.
+„Ebensowenig sollst du bei mir bleiben, als jemand auferstehen wird und
+auf dem großen Kupferhorn blasen, das wir die Stimme des Weltenfürsten
+nennen. Es ist dir nicht einmal gestattet, diese Stelle des Tempels zu
+betreten, weil du ein Heide bist. Eile von hinnen, sonst werden meine
+andern Schüler sich auf dich stürzen und dich in Stücke reißen, denn
+deine Gegenwart schändet den Tempel.“</p>
+
+<p>Aber der Jüngling stand still und sprach: „Ich will nirgends hingehen,
+wo meine Seele keine Nahrung findet. Lieber will ich hier zu deinen
+Füßen sterben.“</p>
+
+<p>Kaum hatte er dies gesagt, als die Schüler des Heiligen aufsprangen, um
+ihn zu vertreiben. Und als er sich zur Wehr setzte, warfen sie ihn zu
+Boden und wollten ihn töten.</p>
+
+<p>Aber der Knabe saß ganz nahe, so daß er alles sah und hörte, und er
+dachte: Dies ist eine große Hartherzigkeit. Ach, könnte ich doch in das
+Kupferhorn blasen, dann wäre ihm geholfen.</p>
+
+<p>Er stand auf und legte seine Hand auf das Horn.<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[112]</a></span> In diesem Augenblick
+wünschte er nicht mehr, es an seine Lippen heben zu können, weil wer
+dies vermöchte, ein großer Herrscher werden würde, sondern weil er
+hoffte, einem beistehen zu können, dessen Leben in Gefahr war.</p>
+
+<p>Und er umklammerte das Kupferhorn mit seinen kleinen Händchen und
+versuchte es zu heben.</p>
+
+<p>Da fühlte er, daß das ungeheure Horn sich von selbst zu seinen Lippen
+hob. Und wie er nur atmete, drang ein starker, klingender Ton aus dem
+Horn und schallte durch den ganzen großen Tempelraum.</p>
+
+<p>Da wandten alle ihre Blicke hin, und sie sahen, daß es ein kleiner
+Knabe war, der mit dem Horn an seinen Lippen dastand und ihm Töne
+entlockte, die die Wölbungen und Säulen erzittern ließen.</p>
+
+<p>Allsogleich senkten sich da alle Hände, die sich erhoben hatten, um den
+fremden Jüngling zu schlagen, und der heilige Lehrer sprach zu ihm:</p>
+
+<p>„Komm und setz dich hier zu meinen Füßen, wo du früher gesessen hast!
+Gott hat ein Wunder getan, um mir zu zeigen, daß es sein Wunsch ist,
+daß du in seine Anbetung eingeweiht werdest.“</p>
+
+<p class="center">* <span class="mleft7">*<br />
+*</span></p>
+
+<p>Als der Tag zur Neige ging, wanderten ein Mann und ein Weib mit eiligen
+Schritten auf Jerusalem zu. Sie sahen erschrocken und unruhig aus, und
+sie riefen jedem, den sie trafen, zu: „Wir haben unseren Sohn verloren.
+Wir glaubten, er sei mit unsern Verwandten<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[113]</a></span> und Nachbarn gegangen, aber
+keiner von ihnen hat ihn gesehen. Ist jemand von euch unterwegs an
+einem einsamen Kinde vorbeigekommen?“</p>
+
+<p>Die Leute, die von Jerusalem kamen, antworteten ihnen: „Nein, euern
+Sohn haben wir nicht gesehen, aber im Tempel haben wir das schönste
+Kind geschaut. Es war wie ein Engel des Himmels, und es ist durch die
+Pforte der Gerechtigkeit gewandelt.“</p>
+
+<p>Sie hätten gern dies alles haarklein erzählt, doch die Eltern hatten
+nicht Zeit, ihnen zuzuhören.</p>
+
+<p>Als sie ein Stück weit gegangen waren, trafen sie andre Menschen und
+befragten diese.</p>
+
+<p>Aber die von Jerusalem kamen, wollten nur von dem allerschönsten Kinde
+erzählen, das aussehe, als wäre es vom Himmel herabgestiegen, und das
+die Paradiesesbrücke überschritten hätte.</p>
+
+<p>Sie wären gern stehen geblieben und hätten bis zum späten Abend davon
+gesprochen, allein der Mann und die Frau hatten nicht Zeit, ihnen zu
+lauschen, sondern sie eilten in die Stadt.</p>
+
+<p>Sie gingen straßauf und straßab, ohne das Kind zu finden. Endlich kamen
+sie zum Tempel.</p>
+
+<p>Als sie dort vorbeigingen, sagte die Frau: „Da wir nun hier sind, so
+laß uns doch eintreten und sehen, was für ein Kind das ist, von dem sie
+sagen, es sei vom Himmel herabgestiegen!“ Sie traten ein und fragten,
+wo sie das Kind sehen könnten.</p>
+
+<p>„Geht geradeaus, dorthin, wo die heiligen Lehrer mit ihren Schülern
+sitzen. Dort ist das Kind. Die<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[114]</a></span> alten Männer haben ihn in ihre Mitte
+gesetzt, sie fragen ihn, und er fragt sie, und sie verwundern sich alle
+über ihn. Aber alles Volk steht unten auf dem Tempelhofe, um nur einen
+Schimmer dessen zu sehen, der die Stimme des Weltenfürsten an seine
+Lippen geführt hat.“</p>
+
+<p>Der Mann und die Frau bahnten sich einen Weg durch den Volkshaufen, und
+sie sahen, daß das Kind, das unter den weisen Lehrern saß, ihr Sohn war.</p>
+
+<p>Aber sowie die Frau das Kind wiedererkannte, fing sie zu weinen an.</p>
+
+<p>Und der Knabe, der unter den weisen Männern saß, hörte, daß jemand
+weinte, und er erkannte, daß es seine Mutter war. Da stand er auf und
+kam zu seiner Mutter, und Vater und Mutter nahmen ihn in ihre Mitte und
+wanderten mit ihm aus dem Tempel fort.</p>
+
+<p>Aber die ganze Zeit hörte die Mutter nicht auf zu weinen, und das Kind
+fragte sie: „Warum weinest du? Ich kam ja zu dir, wie ich nur deine
+Stimme hörte.“</p>
+
+<p>„Wie sollte ich nicht weinen?“ sagte die Mutter. „Ich glaubte, du seist
+für mich verloren.“</p>
+
+<p>Sie gingen aus der Stadt, und die Dunkelheit brach an, und noch immer
+weinte die Mutter.</p>
+
+<p>„Warum weinst du?“ sagte das Kind. „Ich wußte nichts davon, daß der Tag
+verstrichen war. Ich glaubte, es sei noch Morgen, und ich kam zu dir,
+wie ich nur deine Stimme hörte.“</p>
+
+<p>„Wie sollte ich nicht weinen?“ sagte die Mutter. „Ich habe dich den
+ganzen Tag gesucht. Ich glaubte, du seist für mich verloren.“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[115]</a></span></p>
+
+<p>Sie wanderten die ganze Nacht, und immer weinte die Mutter.</p>
+
+<p>Da der Morgen zu grauen begann, sagte das Kind: „Warum weinst du? Ich
+habe nicht nach eignem Ruhm getrachtet, aber Gott hat mich das Wunder
+vollbringen lassen, weil er diesen drei armen Menschen helfen wollte.
+Und wie ich nur deine Stimme hörte, kam ich wieder zu dir.“</p>
+
+<p>„Mein Sohn,“ antwortete die Mutter, „ich weine, weil du gleichwohl für
+mich verloren bist. Du wirst mir nie mehr angehören. Von Stund an wird
+deines Daseins Streben Gerechtigkeit sein, und deine Sehnsucht das
+Paradies, und deine Liebe wird alle die armen Menschen umfassen, die
+die Erde erfüllen.“</p>
+
+<div class="figcenter break-before">
+ <a id="p_115" name="p_115">
+ <img class="w8em mtop2 mbot3" src="images/p_115.jpg" alt="Schlussvignette Seite 115" /></a>
+</div>
+
+<div class="figcenter break-before">
+ <a id="p_116" name="p_116">
+ <img class="w15em mtop2 mbot3" src="images/p_116.jpg" alt="Kopfvignette Seite 116" /></a>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Das_Schweisstuch_der_heiligen_Veronika">Das
+Schweißtuch der heiligen Veronika</h2>
+
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[119]</a></span></p>
+
+<div class="figcenter break-before">
+ <a id="p_119" name="p_119">
+ <img class="w20em mtop2 mbot3" src="images/p_119.jpg" alt="Kopfvignette Seite 119" /></a>
+</div>
+
+<h3 id="Veronika_I">I</h3>
+
+<p>In einem der letzten Jahre der Regierung des Kaisers Tiberius begab es
+sich, daß ein armer Winzer und sein Weib sich in einer einsamen Hütte
+hoch oben in den Sabiner Bergen niederließen. Sie waren Fremdlinge und
+lebten in der größten Einsamkeit, ohne je den Besuch eines Menschen zu
+empfangen. Aber eines Morgens, als der Arbeiter seine Türe öffnete,
+fand er zu seinem Staunen, daß eine alte Frau zusammengekauert auf der
+Schwelle saß. Sie war in einen schlichten, grauen Mantel gehüllt und
+sah aus, als wäre sie sehr arm. Und dennoch erschien sie ihm, als sie
+sich erhob und ihm entgegentrat, so ehrfurchtgebietend, daß er daran
+denken mußte, was die Sagen von Göttinnen erzählen, die in der Gestalt
+einer alten Frau die Menschen heimsuchen.</p>
+
+<p>„Mein Freund,“ sagte die Alte zu dem Winzer, „wundere dich nicht
+darüber, daß ich heute nacht auf deiner Schwelle geschlafen habe. Meine
+Eltern haben in dieser Hütte gewohnt, und hier wurde ich vor fast
+neunzig Jahren geboren. Ich hatte erwartet, sie leer<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[120]</a></span> und verlassen zu
+finden. Ich wußte nicht, daß aufs neue Menschen Besitz davon ergriffen
+hatten.“</p>
+
+<p>„Ich wundre mich nicht, daß du glaubtest, daß eine Hütte, die so hoch
+zwischen diesen einsamen Felsen liegt, leer und verlassen stehen
+würde,“ sagte der Winzer. „Aber ich und mein Weib, wir sind aus einem
+fernen Lande, und wir armen Fremdlinge haben keine bessere Wohnstätte
+finden können. Und dir, die nach der langen Wandrung, die du in deinem
+hohen Alter unternommen hast, müde und hungrig sein muß, dürfte es
+willkommener sein, daß die Hütte von Menschen bewohnt ist, anstatt von
+den Wölfen der Sabiner Berge. Du findest jetzt doch ein Bett drinnen,
+um darauf zu ruhen, sowie eine Schale Ziegenmilch und einen Laib Brot,
+wenn du damit vorlieb nehmen willst.“</p>
+
+<p>Die Alte lächelte ein wenig, aber dieses Lächeln war so flüchtig, daß
+es den Ausdruck schweren Kummers nicht zu zerstreuen vermochte, der
+auf ihrem Gesicht ruhte. „Ich habe meine ganze Jugend hier oben in den
+Bergen verlebt,“ sagte sie. „Ich habe die Kunst noch nicht verlernt,
+einen Wolf aus seiner Höhle zu vertreiben.“</p>
+
+<p>Und sie sah wirklich so stark und kräftig aus, daß der Arbeiter nicht
+daran zweifelte, daß sie trotz ihres hohen Alters noch Stärke genug
+besäße, um es mit den wilden Tieren des Waldes aufzunehmen.</p>
+
+<p>Er wiederholte jedoch sein Anerbieten, und die Alte trat in die Hütte
+ein. Sie ließ sich zu der Mahlzeit der armen Leute nieder und nahm ohne
+Zögern<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[121]</a></span> daran teil. Aber obgleich sie sehr zufrieden damit schien,
+grobes in Milch aufgeweichtes Brot essen zu dürfen, dachten doch der
+Mann und die Frau: Woher kann diese alte Wandrerin kommen? Sie hat
+gewiß öfter Fasane von Silberschüsseln gespeist, als Ziegenmilch aus
+irdnen Schalen getrunken.</p>
+
+<p>Zuweilen erhob sie die Augen vom Tische und sah sich um, als wolle
+sie versuchen, sich wieder in der Hütte zurechtzufinden. Die dürftige
+Behausung mit den nackten Lehmwänden und dem gestampften Boden war
+sicherlich nicht sehr verändert. Sie zeigte sogar ihren Wirtsleuten,
+daß an der Wand noch ein paar Spuren von Hunden und Hirschen sichtbar
+waren, die ihr Vater dorthin gezeichnet hatte, um seinen kleinen
+Kindern eine Freude zu machen. Und hoch oben auf einem Brett glaubte
+sie die Scherben eines Tongefäßes zu sehen, in das sie selbst einst
+Milch zu melken pflegte.</p>
+
+<p>Aber der Mann und sein Weib dachten bei sich selbst: Es mag freilich
+wahr sein, daß sie in dieser Hütte geboren ist, aber sie hat doch im
+Leben so manches andre zu bestellen gehabt als Ziegen melken und Butter
+und Käse bereiten.</p>
+
+<p>Sie merkten auch, daß sie oft mit ihren Gedanken weit weg war und daß
+sie jedesmal, wenn sie wieder zu sich selbst zurückkam, schwer und
+kummervoll seufzte.</p>
+
+<p>Endlich erhob sie sich von der Mahlzeit. Sie dankte freundlich für die
+Gastfreundschaft, die sie genossen hatte, und ging auf die Tür zu.</p>
+
+<p>Aber da däuchte sie den Winzer so beklagenswert<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[122]</a></span> einsam und arm, daß er
+ausrief: „Wenn ich mich nicht irre, war es keineswegs deine Absicht,
+als du gestern Nacht heraufstiegst, diese Hütte so bald zu verlassen.
+Wenn du wirklich so arm bist, wie es den Anschein hat, dann wird es
+wohl deine Meinung gewesen sein, alle die Jahre, die du noch zu leben
+hast, hierzubleiben. Aber jetzt willst du gehen, weil wir, mein Weib
+und ich, schon von der Hütte Besitz genommen haben.“</p>
+
+<p>Die Alte leugnete nicht, daß er richtig geraten hatte. „Aber diese
+Hütte, die so viele Jahre verlassen gestanden hat, gehört dir ebensogut
+wie mir,“ sagte sie. „Ich habe kein Recht, dich von hier zu vertreiben.“</p>
+
+<p>„Es ist aber doch deiner Eltern Hütte,“ sagte der Winzer, „und du hast
+sicherlich mehr Anspruch darauf als ich. Wir sind überdies jung, und du
+bist alt. Darum sollst du bleiben, und wir werden gehen.“</p>
+
+<p>Als die Alte diese Worte hörte, war sie ganz erstaunt. Sie wendete
+sich auf der Schwelle um und starrte den Mann an, als wenn sie nicht
+verstünde, was er mit seinen Worten meinte.</p>
+
+<p>Aber nun mischte sich das junge Weib ins Gespräch.</p>
+
+<p>„Wenn ich mitzureden hätte,“ sagte sie zu dem Manne, „würde ich dich
+bitten, diese alte Frau zu fragen, ob sie uns nicht als ihre Kinder
+ansehen und uns erlauben will, bei ihr zu bleiben und sie zu pflegen.
+Welchen Nutzen hätte sie davon, wenn wir ihr diese elende Hütte
+schenkten und sie dann allein ließen? Es<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[123]</a></span> wäre furchtbar für sie,
+einsam in der Wildnis zu hausen. Und wovon sollte sie leben? Es wäre
+dasselbe, als wollten wir sie dem Hungertode preisgeben.“</p>
+
+<p>Aber die Alte trat auf den Mann und die Frau zu und betrachtete sie
+prüfend. „Warum sprecht ihr so?“ fragte sie. „Warum beweist ihr mir
+Barmherzigkeit? Ihr seid doch Fremde.“</p>
+
+<p>Da antwortete ihr die junge Frau: „Darum, weil uns selbst einmal die
+große Barmherzigkeit begegnet ist.“</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Veronika_II" class="mtop2">II</h3>
+
+</div>
+
+<p>So kam es, daß die alte Frau in der Hütte des Winzers wohnte, und sie
+faßte große Freundschaft für die jungen Menschen. Aber dennoch sagte
+sie ihnen niemals, woher sie kam oder wer sie war, und sie begriffen,
+daß sie es nicht gut aufgenommen hätte, wenn sie sie danach gefragt
+hätten.</p>
+
+<p>Aber eines Abends, als die Arbeit getan war und sie alle drei auf der
+großen, flachen Felsplatte saßen, die vor dem Eingang lag, und ihr
+Abendbrot verzehrten, erblickten sie einen alten Mann, der den Pfad
+heranstieg.</p>
+
+<p>Es war ein hoher, kräftig gebauter Mann mit so breiten Schultern wie
+ein Ringer. Sein Gesicht trug einen düstern, herben Ausdruck. Die Stirn
+ragte über den tiefliegenden Augen vor, und die Linien des Mundes
+drückten Bitterkeit und Verachtung aus. Er ging in gerader Haltung und
+mit raschen Bewegungen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[124]</a></span></p>
+
+<p>Der Mann trug ein schlichtes Gewand, und der Winzer dachte, sobald
+er ihn erblickt hatte: Das ist ein alter Legionär, einer, der seinen
+Abschied aus dem Dienste bekommen hat und nun auf der Wanderung nach
+seiner Heimat begriffen ist.</p>
+
+<p>Als der Fremde an die Essenden herangekommen war, blieb er wie
+unschlüssig stehen. Der Arbeiter, der wußte, daß der Weg ein kleines
+Stück oberhalb der Hütte ein Ende hatte, legte den Löffel nieder und
+rief ihm zu: „Hast du dich verirrt, Fremdling, daß du hierher zu
+dieser Hütte kommst? Niemand pflegt sich die Mühe zu machen, hier
+heraufzuklettern, es sei denn, er hätte eine Botschaft an einen von
+uns, die wir hier wohnen.“</p>
+
+<p>Während er so fragte, trat der Fremdling näher. „Ja, es ist so, wie
+du sagst,“ antwortete er, „ich habe den Weg verloren, und jetzt weiß
+ich nicht, wohin ich meine Schritte lenken soll. Wenn du mich hier ein
+Weilchen ruhen läßt und mir dann sagst, welchen Weg ich gehen muß, um
+zu einem Landgut zu kommen, will ich dir dankbar sein.“</p>
+
+<p>Mit diesen Worten ließ er sich auf einem der Steine nieder, die vor der
+Hütte lagen. Die junge Frau fragte ihn, ob er nicht an ihrer Mahlzeit
+teilnehmen wolle, doch dies lehnte er mit einem Lächeln ab. Hingegen
+zeigte es sich, daß er sehr geneigt war, mit ihnen zu plaudern, indes
+sie aßen. Er fragte die jungen Menschen nach ihrer Lebensweise und
+ihrer Arbeit, und sie antworteten ihm fröhlich und rückhaltlos.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[125]</a></span></p>
+
+<p>Aber auf einmal wendete sich der Arbeiter an den Fremden und begann ihn
+auszufragen: „Du siehst, wie abgeschieden und einsam wir leben,“ sagte
+er. „Es ist wohl schon ein Jahr her, seit ich mit andern als Hirten
+und Winzern gesprochen habe. Kannst du, der ja wohl aus irgend einem
+Feldlager kommt, uns nicht ein wenig von Rom und vom Kaiser erzählen?“</p>
+
+<p>Kaum hatte der Mann dies gesagt, als die junge Frau merkte, wie die
+Alte ihm einen warnenden Blick zuwarf und mit der Hand das Zeichen
+machte, das bedeutet, man möge wohl auf seiner Hut sein mit dem, was
+man sage.</p>
+
+<p>Der Fremdling antwortete dann aber ganz freundlich: „Ich sehe, daß du
+mich für einen Legionär hältst, und du hast wirklich nicht so ganz
+unrecht, obgleich ich schon vor langer Zeit den Dienst verlassen habe.
+Unter der Regierung des Tiberius hat es nicht viel Arbeit für uns
+Kriegsleute gegeben. Und er war doch einmal ein großer Feldherr. Das
+war die Zeit seines Glückes. Jetzt hat er nichts andres im Sinn, als
+sich vor Verschwörungen zu hüten. In Rom sprechen alle Menschen davon,
+daß er vorige Woche, nur auf den allerleisesten Verdacht hin, den
+Senator Titius greifen und hinrichten ließ.“</p>
+
+<p>„Der arme Kaiser, er weiß nicht mehr, was er tut,“ rief die junge Frau.
+Sie rang die Hände und schüttelte bedauernd und staunend das Haupt.</p>
+
+<p>„Du hast wirklich recht,“ sagte der Fremdling, während ein Zug tiefster
+Düsterkeit über sein Gesicht<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[126]</a></span> ging. „Tiberius weiß, daß alle Menschen
+ihn hassen, und dies treibt ihn noch zum Wahnsinn.“</p>
+
+<p>„Was sagst du da?“ rief die Frau. „Warum sollten wir ihn hassen? Wir
+beklagen ja nur, daß er nicht mehr ein so großer Kaiser ist wie am
+Anfang seiner Regierung.“</p>
+
+<p>„Du irrst dich,“ sagte der Fremde. „Alle Menschen verachten und hassen
+Tiberius. Warum sollten sie es nicht? Er ist ja nur ein grausamer,
+schonungsloser Tyrann. Und in Rom glaubt man, daß er in Zukunft noch
+unverbesserlicher sein wird als bisher.“</p>
+
+<p>„Hat sich denn etwas ereignet, was ihn zu einem noch ärgern Ungeheuer
+machen könnte, als er schon ist?“ fragte der Mann.</p>
+
+<p>Als er dies sagte, merkte die Frau, daß die Alte ihm abermals ein
+warnendes Zeichen machte, aber so verstohlen, daß er es nicht sehen
+konnte.</p>
+
+<p>Der Fremdling antwortete freundlich, aber gleichzeitig huschte ein
+eigentümliches Lächeln um seine Lippen.</p>
+
+<p>„Du hast vielleicht gehört, daß Tiberius bis jetzt in seiner Umgebung
+einen Freund gehabt hatte, dem er vertrauen konnte und der ihm immer
+die Wahrheit sagte. Alle andern, die an seinem Hofe leben, sind
+Glücksjäger und Heuchler, die seine bösen und hinterlistigen Handlungen
+ebenso preisen wie seine guten und vortrefflichen. Es hat aber doch,
+wie gesagt, ein Wesen gegeben, das niemals fürchtete, ihn wissen zu
+lassen, was seine Handlungen wert waren. Dieser Mensch,<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[127]</a></span> der mutiger
+war als Senatoren und Feldherrn, war des Kaisers alte Amme, Faustina.“</p>
+
+<p>„Jawohl, ich habe von ihr reden hören,“ sagte der Arbeiter. „Man sagte
+mir, daß der Kaiser ihr immer große Freundschaft bewiesen habe.“</p>
+
+<p>„Ja, Tiberius wußte ihre Ergebenheit und Treue zu schätzen. Er
+hat diese arme Bäuerin, die einst aus einer elenden Hütte in den
+Sabinerbergen kam, wie seine zweite Mutter behandelt. Solange er selbst
+in Rom weilte, ließ er sie in einem Hause auf dem Palatin wohnen, um
+sie immer in seiner Nähe zu haben. Keiner von Roms vornehmen Matronen
+ist es besser ergangen als ihr. Sie wurde in einer Sänfte über die
+Straße getragen, und ihre Kleidung war die einer Kaiserin. Als der
+Kaiser nach Capreae übersiedelte, mußte sie ihn begleiten, und er ließ
+ihr dort ein Landhaus voll Sklaven und kostbaren Hausrat kaufen.“</p>
+
+<p>„Sie hat es wahrlich gut gehabt,“ sagte der Mann.</p>
+
+<p>Er war es nun, der das Gespräch mit dem Fremden allein weiterführte.
+Die Frau saß stumm und beobachtete staunend die Veränderung, die mit
+der Alten vorgegangen war. Seit dem Kommen des Fremden hatte sie kein
+Wort gesprochen. Sie hatte ihr sanftes und freundliche Aussehen ganz
+verloren. Die Schüssel hatte sie von sich geschoben und saß jetzt starr
+und aufrecht, an den Türpfosten gelehnt und blickte mit strengem,
+versteinertem Gesicht gerade vor sich hin.</p>
+
+<p>„Es ist des Kaisers Wille gewesen, daß sie ein glückliches Leben
+genieße,“ sagte der Fremdling.<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[128]</a></span> „Aber trotz aller seiner Wohltaten hat
+nun auch sie ihn verlassen.“</p>
+
+<p>Die alte Frau zuckte bei diesen Worten zusammen, doch die Junge legte
+beschwichtigend die Hand auf ihren Arm. Dann begann sie mit ihrer
+warmen, milden Stimme zu sprechen. „Ich kann doch nicht glauben, daß
+die alte Faustina am Hofe so glücklich gewesen ist, wie du sagst,“
+sagte sie, indem sie sich an den Fremdling wendete. „Ich bin gewiß,
+daß sie Tiberius so geliebt hat, als wenn er ihr eigner Sohn wäre. Ich
+kann mir denken, wie stolz sie auf seine edle Jugend gewesen ist, und
+ich kann auch begreifen, welch ein Kummer es für sie war, daß er sich
+in seinem Alter dem Mißtrauen und der Grausamkeit überließ. Sie hat
+ihn sicherlich jeden Tag ermahnt und gewarnt. Es ist furchtbar für sie
+gewesen, immer vergeblich zu bitten. Schließlich hat sie es nicht mehr
+ertragen können, ihn immer tiefer und tiefer sinken zu sehen.“</p>
+
+<p>Der Fremdling beugte sich überrascht ein wenig vor, als er diese Worte
+vernahm. Aber das junge Weib sah nicht zu ihm auf. Sie hielt die Augen
+niederschlagen und sprach sehr leise und demütig.</p>
+
+<p>„Du hast vielleicht recht mit dem, was du von der alten Frau sagst,“
+antwortete er. „Faustina ist am Hofe wirklich nicht glücklich gewesen.
+Aber es scheint doch seltsam, daß sie den Kaiser in seinem hohen Alter
+verließ, nachdem sie ein ganzes Menschenleben bei ihm ausgeharrt
+hatte.“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[129]</a></span></p>
+
+<p>„Was sagst du da?“ rief der Mann. „Hat die alte Faustina den Kaiser
+verlassen?“</p>
+
+<p>„Sie hat sich, ohne daß jemand darum wußte, von Capreae
+weggeschlichen,“ sagte der Fremde. „Sie ist ebenso arm gegangen, wie
+sie gekommen war. Sie hat nichts von allen ihren Schätzen mitgenommen.“</p>
+
+<p>„Und weiß der Kaiser wirklich nicht, wohin sie gegangen ist?“ fragte
+die junge Frau mit ihrer sanften Stimme.</p>
+
+<p>„Nein, niemand weiß mit Bestimmtheit, welchen Weg die Alte
+eingeschlagen hat. Man hält es jedoch für wahrscheinlich, daß sie ihre
+Zuflucht in ihren heimatlichen Bergen gesucht habe.“</p>
+
+<p>„Und der Kaiser weiß auch nicht, warum sie von ihm fortgegangen ist?“
+fragte die junge Frau.</p>
+
+<p>„Nein, der Kaiser weiß nichts darüber. Er kann doch nicht glauben, daß
+sie ihn verlassen hat, weil er einmal zu ihr sagte, sie diene ihm, um
+Lohn und Gaben zu empfangen, sie, wie alle andern. Sie weiß doch, daß
+er niemals an ihrer Uneigennützigkeit gezweifelt hat. Er hoffte immer
+noch, daß sie freiwillig zu ihm zurückkehren würde, denn niemand weiß
+besser als sie, daß er jetzt ganz ohne Freunde ist.“</p>
+
+<p>„Ich kenne sie nicht,“ sagte das junge Weib, „aber ich glaube doch,
+daß ich dir sagen kann, warum sie den Kaiser verlassen hat. Diese alte
+Frau ist hier in diesen Bergen zu Einfachheit und Frömmigkeit erzogen
+worden, und sie hat sich immer hierher zurückgesehnt. Sicherlich hätte
+sie dennoch den Kaiser nie verlassen, wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[130]</a></span> er sie nicht beleidigt
+hätte. Aber ich begreife, daß sie nun hiernach, da ihre Lebenstage
+bald zu Ende gehen müssen, das Recht zu haben meinte, an sich selbst
+zu denken. Wenn ich eine arme Frau aus den Bergen wäre, hätte ich
+vermutlich ebenso gehandelt wie sie. Ich hätte mir gedacht, daß ich
+genug getan hätte, wenn ich meinem Herrn ein ganzes Leben lang gedient
+habe. Ich wäre schließlich von Wohlleben und Kaisergunst fortgegangen,
+um meine Seele Ehre und Gerechtigkeit kosten zu lassen, ehe sie sich
+von mir scheidet, um die lange Fahrt anzutreten.“</p>
+
+<p>Der Fremdling blickte die junge Frau trüb und schwermütig an. „Du
+bedenkst nicht, daß des Kaisers Treiben jetzt schrecklicher werden wird
+denn je. Jetzt gibt es keinen mehr, der ihn beruhigen könnte, wenn
+Mißtrauen und Menschenverachtung sich seiner bemächtigen. Denke dir
+dies,“ fuhr er fort und bohrte seine düstern Blicke tief in die des
+jungen Weibes, „in der ganzen Welt gibt es jetzt keinen, den er nicht
+haßte, keinen, den er nicht verachtete, keinen.“</p>
+
+<p>Als er diese Worte bitterer Verzweigung aussprach, machte die Alte eine
+hastige Bewegung und wendete sich ihm zu, aber die Junge sah ihm fest
+in die Augen und antwortete: „Tiberius weiß, daß Faustina wieder zu ihm
+kommt, wann immer er es wünscht. Aber zuerst muß sie wissen, daß ihre
+alten Augen nicht mehr Laster und Schändlichkeit an seinem Hofe schauen
+müssen.“</p>
+
+<p>Sie hatten sich bei diesen Worten alle erhoben,<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[131]</a></span> aber der Winzer und
+seine Frau stellten sich vor die Alte, gleichsam um sie zu schützen.</p>
+
+<p>Der Fremdling sprach keine Silbe mehr, aber er betrachtete die Alte mit
+fragenden Blicken. Ist das auch <em class="gesperrt" id="dein">dein</em> letztes Wort? schien er
+sagen zu wollen. Die Lippen der Alten zitterten, und die Worte wollten
+sich nicht von ihnen lösen.</p>
+
+<p>„Wenn der Kaiser seine alte Dienerin geliebt hat, so möge er ihr auch
+die Ruhe ihrer letzten Tage gönnen,“ sagte die junge Frau.</p>
+
+<p>Der Fremde zögerte noch, aber plötzlich erhellte sich sein düsteres
+Gesicht. „Meine Freunde,“ sagte er, „was man auch von Tiberius sagen
+mag, es gibt doch eines, was er besser gelernt hat, als andre, und das
+ist: verzichten. Ich habe euch nur noch eines zu sagen: Wenn diese
+alte Frau, von der wir gesprochen haben, diese Hütte aufsuchen sollte,
+so nehmet sie gut auf! Des Kaisers Gunst ruht über jedem, der ihr
+beisteht.“</p>
+
+<p>Er hüllte sich in seinen Mantel und entfernte sich auf demselben Wege,
+den er gekommen war.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Veronika_III" class="mtop2">III</h3>
+
+</div>
+
+<p>Nach diesem Vorfall sprachen der Winzer und sein Weib nie mehr mit der
+alten Frau vom Kaiser. Untereinander wunderten sie sich darüber, daß
+sie in ihrem hohen Alter die Kraft gehabt hatte, allem dem Reichtum
+und der Macht zu entsagen, an die sie ge<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[132]</a></span>wohnt war. Ob sie nicht
+doch bald zu Tiberius zurückkehren wird? fragten sie sich. Sie liebt
+ihn sicherlich noch. In der Hoffnung, daß dies ihn zur Besinnung
+bringen und ihn bewegen werde, sich von seiner bösen Handlungsweise zu
+bekehren, hat sie ihn verlassen.</p>
+
+<p>„Ein so alter Mann wie der Kaiser wird niemals mehr ein neues Leben
+beginnen,“ sagte der Arbeiter. „Wie willst du seine große Verachtung
+der Menschen von ihm nehmen? Wer könnte vor ihn hintreten und ihn
+lehren, sie zu lieben? Bevor dies geschieht, kann er nicht von seinem
+Argwohn und seiner Grausamkeit geheilt werden.“</p>
+
+<p>„Du weißt, daß es einen gibt, der dies in Wahrheit vermöchte,“ sagte
+die Frau. „Ich denke oft daran, wie es wäre, wenn diese Beiden sich
+begegneten. Aber Gottes Wege sind nicht unsre Wege.“</p>
+
+<p>Die alte Frau schien ihr früheres Leben gar nicht zu entbehren. Nach
+einiger Zeit gebar das junge Weib ein Kind, und als die Alte nun dieses
+zu pflegen hatte, schien sie so zufrieden zu sein, daß man glauben
+konnte, sie hätte alle ihre Sorgen vergessen.</p>
+
+<p>Jedes halbe Jahr einmal pflegte sie sich in den langen grauen Mantel
+zu hüllen und nach Rom hinunterzuwandern. Aber dort suchte sie keine
+Menschenseele auf, sondern ging geradewegs zum Forum. Hier blieb sie
+vor einem kleinen Tempel stehen, der sich auf der einen Seite des
+herrlich geschmückten Platzes erhob.</p>
+
+<p>Dieser Tempel bestand eigentlich nur aus einem<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[133]</a></span> außergewöhnlich großen
+Altar, der unter offnem Himmel auf einem marmorgepflasterten Hofe
+stand. Auf der Höhe des Altars tronte Fortuna, die Göttin des Glücks,
+und an seinem Fuße sah man eine Bildsäule des Tiberius. Rund um den Hof
+erhoben sich Gebäude für die Priester, Vorratskammern für Brennholz und
+Ställe für die Opfertiere.</p>
+
+<p>Die Wanderung der alten Faustina erstreckte sich niemals weiter als
+bis zu diesem Tempel, den die aufzusuchen pflegten, die um Glück für
+Tiberius beten wollten. Wenn sie einen Blick hineingeworfen und gesehen
+hatte, daß die Göttin und die Kaiserstatue mit Blumen bekränzt waren,
+daß das Opferfeuer loderte und Scharen ehrfürchtiger Anbeter vor dem
+Altare versammelt waren, und wenn sie vernommen hatte, daß die leisen
+Hymnen der Priester ringsumher erklangen, dann kehrte sie um und begab
+sich wieder in die Berge.</p>
+
+<p>So erfuhr sie, ohne einen Menschen fragen zu müssen, daß Tiberius noch
+unter den Lebenden weilte und daß es ihm wohl erging.</p>
+
+<p>Als sie diese Wanderung zum drittenmal antrat, harrte ihrer eine
+Überraschung. Als sie sich dem kleinen Tempel näherte, fand sie ihn
+verödet und leer. Kein Feuer flammte vor dem Bilde, und kein einziger
+Anbeter war davor zu sehen. Ein paar trockne Kränze hingen noch an
+der einen Seite des Altars, aber dies war alles, was von seiner
+früheren Herrlichkeit zeugte. Die Priester waren verschwunden, und die
+Kaiser<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[134]</a></span>statue, die ohne Hüter dastand, war beschädigt und mit Schmutz
+beworfen.</p>
+
+<p>Die alte Frau wendete sich an den ersten Besten, der vorüberging. „Was
+hat dies zu bedeuten?“ fragte sie. „Ist Tiberius tot? Haben wir einen
+andern Kaiser?“</p>
+
+<p>„Nein,“ antwortete der Römer, „Tiberius ist noch Kaiser, aber wir
+haben aufgehört, für ihn zu beten. Unsere Gebete können ihm nicht mehr
+frommen.“</p>
+
+<p>„Mein Freund,“ sagte die Alte, „ich wohne weit von hier in den Bergen,
+wo man nichts davon erfährt, was sich draußen in der Welt zuträgt.
+Willst du mir nicht sagen, welches Unglück den Kaiser getroffen hat?“</p>
+
+<p>„Das furchtbarste Unglück,“ erwiderte der Mann. „Er ist von einer
+Krankheit befallen worden, die bisher in Italien unbekannt war, die
+aber im Morgenlande häufig sein soll. Seit diese Seuche über den Kaiser
+gekommen ist, hat sich sein Gesicht verwandelt, seine Stimme ist wie
+die Stimme eines grunzenden Tiers, und seine Zehen und Finger werden
+zerfressen. Und gegen diese Krankheit soll es kein Mittel geben. Man
+glaubt, daß er in ein paar Wochen tot sein wird, wenn er aber nicht
+stirbt, so muß man ihn absetzen, denn ein so kranker, elender Mann kann
+nicht weiter regieren. Du begreifst also, daß sein Schicksal besiegelt
+ist. Es nützt nichts, die Götter um Glück für ihn anzuflehen. Und es
+lohnt sich auch nicht,“ fügte er mit leisem Lächeln hinzu. „Niemand hat
+von ihm noch etwas<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[135]</a></span> zu fürchten oder zu hoffen. Warum sollten wir uns
+also um seinetwillen Mühe machen?“</p>
+
+<p>Er grüßte und ging, doch die Alte blieb wie betäubt stehen.</p>
+
+<p>Zum erstenmal in ihrem Leben brach sie zusammen und sah aus wie
+eine, die das Alter besiegt hat. Sie stand mit gebeugtem Rücken und
+zitterndem Kopfe da, und mit Händen, die kraftlos in der Luft tasteten.</p>
+
+<p>Sie sehnte sich, von dieser Stelle fortzukommen, aber sie hob die Füße
+nur langsam und bewegte sich strauchelnd vorwärts. Sie sah sich um, um
+etwas zu finden, was sie als Stab gebrauchen könnte.</p>
+
+<p>Nach einigen Augenblicken gelang es ihr doch, mit ungeheurer
+Willensanstrengung die Mattigkeit zurückzudrängen. Sie richtete
+sich wieder empor und zwang sich, mit festen Schritten durch die
+menschenerfüllten Gassen zu gehen.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Veronika_IV" class="mtop2">IV</h3>
+
+</div>
+
+<p>Eine Woche später wanderte die alte Faustina die steilen Abhänge der
+Insel Capreae hinan. Es war ein heißer Tag, und das furchtbare Gefühl
+des Alters und der Mattigkeit überkam sie wieder, während sie die
+geschlängelten Pfade und die in die Felsen gehauenen Stufen erklomm,
+die zu der Villa des Tiberius führten.</p>
+
+<p>Dieses Gefühl steigerte sich noch, als sie zu merken anfing, wie sehr
+sich alles während der Zeit, die sie<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[136]</a></span> fern gewesen war, verändert
+hatte. Früher waren immer große Scharen von Menschen diese Treppen
+hinauf und heruntergeeilt. Es hatte hier von Senatoren gewimmelt,
+die sich von riesigen Lybiern tragen ließen; von Sendboten aus
+den Provinzen, die von langen Sklavenzügen geleitet ankamen; von
+Stellensuchenden und von vornehmen Männern, die eingeladen waren, an
+den Festen des Kaisers teilzunehmen.</p>
+
+<p>Aber heute waren diese Treppen und Gänge ganz verödet. Die graugrünen
+Eidechsen waren die einzigen lebenden Wesen, die die alte Frau auf
+ihrem Wege bemerkte.</p>
+
+<p>Sie staunte, daß alles bereits zu verfallen schien. Die Krankheit des
+Kaisers konnte höchstens ein paar Monate gedauert haben, und doch war
+schon Unkraut in den Spalten zwischen den Marmorfliesen emporgewuchert.
+Edle Gewächse in schönen Vasen waren schon vertrocknet, und mutwillige
+Zerstörer, denen niemand Einhalt getan hatte, hatten an ein paar
+Stellen die Balustrade niedergebrochen.</p>
+
+<p>Aber am allerseltsamsten däuchte sie doch die völlige Menschenleere.
+Wenn es auch Fremdlingen verboten war, sich auf der Insel sehen zu
+lassen, so mußten sie doch wohl noch da sein, diese unendlichen Scharen
+von Kriegsknechten und Sklaven, von Tänzerinnen und Musikanten, von
+Köchen und Tafeldeckern, von Palastwachen und Gartenarbeitern, die zum
+Haushalt des Kaisers gehörten.</p>
+
+<p>Erst als Faustina die oberste Terrasse erreichte,<span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[137]</a></span> erblickte sie ein
+paar alte Sklaven, die auf den Treppenstufen vor der Villa saßen. Als
+sie sich ihnen näherte, erhoben sie sich und neigten sich vor ihr.</p>
+
+<p>„Sei gegrüßt, Faustina,“ sagte der eine. „Ein Gott schickt dich, um
+unser Unglück zu lindern.“</p>
+
+<p>„Was ist dies, Milo?“ fragte Faustina. „Warum ist es hier so öde? Man
+hat mir doch gesagt, daß Tiberius noch auf Capreae weile?“</p>
+
+<p>„Der Kaiser hat alle seine Sklaven vertrieben, weil er den Verdacht
+hegt, einer von uns habe ihm vergifteten Wein zu trinken gegeben, und
+dies habe die Krankheit hervorgerufen. Er hätte auch mich und Tito
+fortgejagt, wenn wir uns nicht geweigert hätten, ihm zu gehorchen. Und
+du weißt doch, daß wir unser ganzes Leben lang dem Kaiser und seiner
+Mutter gedient haben.“</p>
+
+<p>„Ich frage nicht nur nach Sklaven,“ sagte Faustina. „Wo sind die
+Senatoren und Feldherrn? Wo sind des Kaisers Vertraute und alle
+schmeichelnden Speichellecker?“</p>
+
+<p>„Tiberius will sich nicht mehr vor Fremden zeigen,“ sagte der Sklave.
+„Der Senator Lucius und Macro, der Anführer der Leibwache, kommen jeden
+Tag her und nehmen seine Befehle entgegen. Sonst darf sich ihm niemand
+nahen.“</p>
+
+<p>Faustina hatte die Treppe erstiegen, um in das Landhaus einzutreten.
+Der Sklave schritt ihr voran, und im Gehen fragte sie ihn:</p>
+
+<p>„Was sagen die Ärzte über Tiberii Krankheit?“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[138]</a></span></p>
+
+<p>„Keiner von ihnen versteht diese Krankheit zu behandeln. Sie wissen
+nicht einmal, ob sie rasch oder langsam tötet. Aber eins kann ich dir
+sagen, Faustina, daß Tiberius sterben muß, wenn er sich weiter weigert,
+Nahrung zu sich zu nehmen, aus Furcht, daß sie vergiftet sein könnte.
+Und ich weiß, daß ein kranker Mann es nicht aushalten kann, Tag und
+Nacht zu wachen, wie der Kaiser tut, aus Angst, im Schlafe ermordet
+zu werden. Wenn er dir vertrauen will wie in frühern Tagen, wird es
+dir vielleicht gelingen, ihn zum Essen und Schlafen zu bewegen. Damit
+kannst du sein Leben um viele Tage verlängern.“</p>
+
+<p>Der Sklave führte Faustina durch mehrere Gänge und Höfe zu einer
+Terrasse, auf der Tiberius sich aufzuhalten pflegte, um die Aussicht
+über die schönen Meeresbuchten und den stolzen Vesuv zu genießen.</p>
+
+<p>Als Faustina die Terrasse betrat, sah sie dort ein grausiges Wesen
+mit aufgeschwollenem Gesicht und tierischen Zügen. Seine Hände und
+Füße waren mit weißen Binden umwickelt, aber aus den Binden kamen halb
+abgefressene Finger und Zehen hervor. Und die Kleider dieses Menschen
+waren staubig und besudelt. Man sah, daß er nicht imstande war,
+aufrecht zu gehen, sondern über die Terrasse hatte kriechen müssen.
+Er lag mit geschlossenen Augen am äußersten Ende der Balustrade und
+regte sich nicht, als der Sklave und Faustina herankamen. Doch Faustina
+flüsterte dem Sklaven, der ihr voranschritt, zu: „Aber, Milo, wie kann
+sich ein solcher Mensch hier auf der Kaiser<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[139]</a></span>terrasse aufhalten? Eile
+dich, ihn von hier fortzuschaffen!“</p>
+
+<p>Aber kaum hatte sie dies gesagt, als sie sah, wie der Sklave sich vor
+dem liegenden, elenden Menschen tief zur Erde neigte.</p>
+
+<p>„Cäsar Tiberius,“ sagte er, „endlich habe ich dir frohe Kunde zu
+bringen.“</p>
+
+<p>Zugleich wendete sich der Sklave an Faustina, prallte aber betroffen
+zurück und konnte kein Wort mehr hervorbringen.</p>
+
+<p>Er sah nicht mehr die stolze Matrone, die so stark ausgesehen
+hatte, daß man erwarten konnte, ihr Alter werde dem einer
+Sibylle gleichkommen. In diesem Augenblick war sie in kraftloser
+Greisenhaftigkeit zusammengesunken, und der Sklave sah ein gebeugtes
+Mütterchen mit trübem Blick und tastenden Händen vor sich.</p>
+
+<p>Denn wohl hatte man Faustina gesagt, daß der Kaiser furchtbar verändert
+sei, aber sie hatte doch keinen Augenblick aufgehört, sich ihn als
+den kräftigen Mann zu denken, der er gewesen war, als sie ihn das
+letzte Mal gesehen hatte. Sie hatte auch jemand sagen hören, daß diese
+Krankheit langsam wirke, und daß sie Jahre brauche, um einen Menschen
+zu verwandeln. Aber hier war sie mit solcher Heftigkeit vorgeschritten,
+daß sie den Kaiser in wenigen Monden schon unkenntlich gemacht hatte.</p>
+
+<p>Sie wankte auf den Kaiser zu. Sie vermochte nicht zu sprechen, sondern
+stand stumm neben ihm und weinte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[140]</a></span></p>
+
+<p>„Bist du endlich gekommen, Faustina?“ sagte er, ohne die Augen zu
+öffnen. „Ich lag da und wähnte, du stündest hier und weintest über
+mich. Ich wage nicht aufzublicken, aus Furcht, daß dies nur ein
+Trugbild gewesen sein könnte.“</p>
+
+<p>Da setzte sich die Alte neben ihn. Sie hob seinen Kopf empor und
+bettete ihn in ihren Schoß.</p>
+
+<p>Aber Tiberius blieb still liegen, ohne sie anzusehen. Ein Gefühl süßen
+Friedens erfüllte ihn, und im nächsten Augenblicke versank er in
+ruhigen Schlummer.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Veronika_V" class="mtop2">V</h3>
+
+</div>
+
+<p>Einige Wochen später wanderte einer der Sklaven des Kaisers der
+einsamen Hütte in den Sabiner Bergen zu. Der Abend brach an, und der
+Winzer und seine Frau standen in ihrer Tür und sahen die Sonne im
+fernen Westen sinken. Der Sklave bog vom Wege ab und kam heran und
+grüßte sie. Dann zog er einen schweren Beutel hervor, der ihm im Gürtel
+stak und legte ihn dem Manne in die Hand.</p>
+
+<p>„Dieses schickt dir Faustina, die alte Frau, der du Barmherzigkeit
+erwiesen hast,“ sagte der Sklave. „Sie läßt dir sagen, du mögest dir
+für dieses Geld einen eignen Weinberg kaufen und dir eine Wohnung
+erbauen, die nicht so hoch oben in den Lüften liegt, wie die Horste der
+Adler.“</p>
+
+<p>„Die alte Faustina lebt also wirklich noch?“ sagte<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[141]</a></span> der Mann. „Wir
+haben sie in Klüften und Sümpfen gesucht. Als sie nicht zu uns
+zurückkehrte, glaubte ich, sie hätte in diesen elenden Bergen den Tod
+gefunden.“</p>
+
+<p>„Erinnerst du dich nicht,“ fiel die Frau ein, „daß ich nicht glauben
+wollte, daß sie tot sei? Habe ich dir nicht gesagt, sie würde zum
+Kaiser zurückgekehrt sein?“</p>
+
+<p>„Ja,“ gab der Mann zu, „so sagtest du wirklich, und ich freue mich, daß
+du recht behalten hast, nicht nur, weil Faustina dadurch reich genug
+geworden ist, um uns aus unsrer Armut zu retten, sondern auch um des
+armen Kaisers willen.“</p>
+
+<p>Der Sklave wollte nun sogleich Abschied nehmen, um bewohnte Gegenden
+zu erreichen, bevor die Dunkelheit anbräche, aber dies ließen die
+beiden Eheleute nicht zu. „Du mußt bis zum Morgen bei uns bleiben,“
+sagten sie, „wir können dich nicht ziehen lassen, ehe du uns alles
+erzählt hast, was Faustina widerfahren ist. Warum ist sie zum Kaiser
+zurückgekehrt? Wie war ihre Begegnung? Sind sie nun glücklich, daß sie
+wieder vereint sind?“</p>
+
+<p>Der Sklave gab ihren Bitten nach. Er trat mit ihnen in die Hütte, und
+beim Abendbrot erzählte er von der Krankheit des Kaisers und Faustinas
+Rückkehr.</p>
+
+<p>Als der Sklave seine Erzählung beendet hatte, sah er, wie der Mann und
+die Frau regungslos und staunend sitzen blieben. Ihre Blicke waren zu
+Boden geschlagen, gleichsam, um die Erregung nicht zu verraten, die
+sich ihrer bemächtigt hatte.</p>
+
+<p>Endlich sah der Mann auf und sagte zu seinem<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[142]</a></span> Weibe: „Glaubst du nicht,
+daß dies eine Fügung Gottes ist?“</p>
+
+<p>„Ja,“ sagte die Frau, „sicherlich hat uns der Herr um dessentwillen
+über das Meer in diese Hütte gesendet. Gewiß war dies seine Absicht,
+als er die alte Frau an unsre Tür führte.“</p>
+
+<p>Sowie die Frau diese Worte gesprochen hatte, wendete sich der Winzer
+wieder an den Sklaven.</p>
+
+<p>„Freund,“ sagte er zu ihm. „Du sollst Faustina eine Botschaft von mir
+bringen! Sag ihr dies, Wort für Wort! Solches kündet dir dein Freund,
+der Winzer aus den Sabiner Bergen. Du hast die junge Frau gesehen, die
+mein Weib ist. Schien sie dir nicht hold in Schönheit und blühend in
+Gesundheit? Und doch hat diese junge Frau einmal an derselben Krankheit
+gelitten, die nun Tiberius befallen hat.“</p>
+
+<p>Der Sklave machte eine Bewegung des Staunens, aber der Winzer fuhr mit
+immer größerm Nachdruck fort.</p>
+
+<p>„Wenn Faustina sich weigert, meinen Worten Glauben zu schenken, so
+sag ihr, daß meine Frau und ich aus Palästina in Asien stammen, einem
+Lande, wo diese Krankheit häufig vorkommt. Und dort ist ein Gesetz, daß
+die Aussätzigen aus Städten und Dörfern vertrieben werden und auf öden
+Plätzen wohnen und ihre Zuflucht in Gräbern und Felsenhöhlen suchen
+müssen. Sage Faustina, daß mein Weib von kranken Eltern stammt und in
+einer Felsenhöhle geboren wurde. Und solange sie noch ein Kind war, war
+sie gesund, aber<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[143]</a></span> als sie zur Jungfrau heranwuchs, wurde sie von der
+Krankheit befallen.“</p>
+
+<p>Als der Winzer dies gesagt hatte, neigte der Sklave freundlich lächelnd
+das Haupt und sagte zu ihm: „Wie willst du, daß Faustina dies glaube?
+Sie hat ja deine Frau in ihrer Gesundheit und Blüte gesehen? Und sie
+weiß ja, daß es kein Heilmittel gegen diese Krankheit gibt.“</p>
+
+<p>Doch der Mann erwiderte: „Es wäre das beste für sie, wenn sie mir
+glauben wollte. Aber ich bin auch nicht ohne Zeugen. Sie möge
+Kundschafter hinüber nach Nazareth in Galiläa senden. Da wird jeder
+Mensch meine Aussage bestätigen!“</p>
+
+<p>„Ist deine Frau vielleicht durch das Wunderwerk irgend eines Gottes
+geheilt worden?“ fragte der Sklave.</p>
+
+<p>„Ja,“ antwortete der Arbeiter, „wie du sagst, so ist es. Eines Tages
+verbreitete sich ein Gerücht unter den Kranken, die in der Wildnis
+wohnten: ‚Sehet, es ist ein großer Prophet erstanden, in der Stadt
+Nazareth in Galiläa. Er ist voll der Kraft von Gottes Geist, und er
+kann eure Krankheit heilen, wenn er nur seine Hand auf eure Stirn
+legt.‘ Aber die Kranken, die in ihrem Elend lagen, wollten nicht
+glauben, daß dieses Gerücht Wahrheit sei. ‚Uns kann niemand heilen,‘
+sagten sie. ‚Seit den Tagen der großen Propheten hat niemand einen von
+uns aus seinem Unglück retten können.‘</p>
+
+<p>Aber es war eine unter ihnen, die glaubte, und diese eine war eine
+Jungfrau. Sie ging von den<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[144]</a></span> andern fort, um den Weg in die Stadt
+Nazareth zu suchen, wo der Prophet weilte. Und eines Tages, als sie
+über weite Ebnen wanderte, begegnete sie einem Manne, der hochgewachsen
+war und ein bleiches Gesicht hatte, und dessen Haar in blanken,
+schwarzen Locken lag. Seine dunkeln Augen leuchteten gleich Sternen
+und zogen sie zu ihm hin. Aber bevor sie sich noch begegneten, rief
+sie ihm zu: ‚Komm mir nicht nahe, denn ich bin eine Unreine, aber sage
+mir, wo kann ich den Propheten aus Nazareth finden?‘ Aber der Mann fuhr
+fort, ihr entgegenzugehen, und als er dicht vor ihr stand, sagte er: —
+‚Warum suchest du den Propheten aus Nazareth?‘ — ‚Ich suche ihn, auf
+daß er seine Hand auf meine Stirn lege und mich von meiner Krankheit
+heile.‘ Da trat der Mann heran und legte seine Hand auf ihre Stirn. —
+Aber sie sprach zu ihm: ‚Was frommt es mir, daß du deine Hand auf meine
+Stirn legst? Du bist doch kein Prophet?‘ — Da lächelte er ihr zu und
+sagte: ‚Gehe jetzt zur Stadt, die dort auf dem Bergesabhang liegt und
+zeige dich den Priestern.‘</p>
+
+<p>Die Kranke dachte bei sich selbst: Er treibt seinen Spott mit mir,
+weil ich glaube, daß ich geheilt werden kann. Von ihm kann ich nicht
+erfahren, was ich wissen will. Und sie ging weiter. Gleich darauf sah
+sie einen Mann, der zur Jagd auszog, über das weite Feld reiten. Als
+er ihr so nah gekommen war, daß er sie hören konnte, rief sie ihm zu:
+‚Komme nicht zu mir her, denn ich bin eine Unreine, aber sage mir, wo
+ich<span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[145]</a></span> den Propheten aus Nazareth finden kann?‘ — ‚Was willst du von
+dem Propheten?‘ fragte sie der Mann und ritt langsam auf sie zu. —
+‚Ich will nur, daß er seine Hand auf meine Stirn lege und mich gesund
+mache von meiner Krankheit.‘ Aber der Mann ritt noch näher. — ‚Von
+welcher Krankheit willst du geheilt werden?‘ sagte er. ‚Du bedarfst
+doch keines Arztes.‘ — ‚Siehst du nicht, daß ich eine Unreine bin?‘
+sagte sie. ‚Ich stamme von kranken Eltern und bin in einer Felsenhöhle
+geboren.‘ Aber der Mann ließ sich nicht abhalten, auf sie zuzureiten,
+denn sie war hold und lieblich, wie eine eben erblühte Blume. — ‚Du
+bist die schönste Jungfrau im Lande Juda,‘ rief er. — ‚Treibe nicht
+auch du deinen Spott mit mir,‘ sagte sie. ‚Ich weiß, daß meine Züge
+zerfressen sind und meine Stimme wie das Heulen eines wilden Tieres
+klingt.‘ Aber er sah ihr tief in die Augen und sprach zu ihr: ‚Deine
+Stimme ist klingend wie die Stimme des Frühlingsbächleins, wenn es
+über Kieselsteine rieselt, und dein Gesicht ist glatt wie ein Tuch aus
+weicher Seide.‘</p>
+
+<p>Zugleich ritt er so nahe an sie heran, daß sie ihr Gesicht in den
+blanken Beschlägen sehen konnte, die seinen Sattel zierten. ‚Du sollst
+dich hier spiegeln,‘ sagte er. Sie tat es, und sie sah ein Gesicht, das
+zart und weich war, wie ein eben entfalteter Schmetterlingsflügel. —
+‚Was ist dies, was ich sehe?‘ sagte sie. ‚Das ist nicht mein Gesicht.‘
+‚Doch, es ist dein Gesicht,‘ sagte der Reiter. — ‚Aber meine Stimme,
+klingt sie nicht röchelnd? Klingt sie nicht, wie wenn Wagen über<span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[146]</a></span> einen
+steinigen Weg gezogen werden?‘ — ‚Nein, sie klingt wie die süßesten
+Weisen eines Harfenspielers,‘ sagte der Reiter.</p>
+
+<p>Sie wendete sich und wies über den Weg. ‚Weißt du, wer der Mann ist,
+der eben jetzt zwischen den zwei Eichen verschwindet?‘ fragte sie
+den Reiter. ‚Er ist es, nach dem du vorhin fragtest, der Prophet aus
+Nazareth,‘ sagte der Mann. Da schlug sie staunend die Hände zusammen,
+und ihre Augen füllten sich mit Tränen. ‚Oh, du Heiliger! Oh, du Träger
+von Gottes Macht!‘ rief sie. ‚Du hast mich geheilt!‘</p>
+
+<p>Aber der Reiter hob sie in den Sattel und führte sie zu der Stadt auf
+dem Bergesabhang und ging mit ihr zu den Ältesten und Priestern und
+berichtete ihnen, wie er sie gefunden hatte. Sie befragten ihn genau
+nach allem, aber als sie hörten, daß die Jungfrau in der Wildnis von
+kranken Eltern geboren war, da wollten sie nicht glauben, daß sie
+geheilt sei. ‚Gehe dorthin zurück, von wannen du gekommen bist,‘ sagten
+sie. ‚Wenn du krank warst, mußt du es dein ganzes Leben lang bleiben.
+Du sollst nicht hierher in die Stadt kommen, um uns andre mit deiner
+Krankheit anzustecken!‘</p>
+
+<p>Sie sagte zu ihnen: ‚Ich weiß, daß ich gesund bin, denn der Prophet aus
+Nazareth hat seine Hand auf meine Stirn gelegt.‘</p>
+
+<p>Als sie dies hörten, riefen sie: ‚Wer ist er, daß er die Unreinen rein
+machen könnte? Alles dies ist ein<span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[147]</a></span> Blendwerk böser Geister. Kehre
+zurück zu den Deinen, auf daß du nicht uns alle ins Verderben stürzest!‘</p>
+
+<p>Sie wollten sie nicht für geheilt erklären, und sie verboten ihr, in
+der Stadt zu verweilen. Sie verordneten, daß jeglicher, der ihr Schutz
+gewähre, gleichfalls als unrein erklärt werde.</p>
+
+<p>Als die Priester dieses Urteil gefällt hatten, sagte die junge Jungfrau
+zu dem Manne, der sie draußen auf dem Felde gefunden hatte: ‚Wohin soll
+ich mich wenden? Muß ich zurück in die Wildnis zu den Kranken gehen?‘</p>
+
+<p>Aber der Mann hob sie wieder auf sein Pferd und sprach zu ihr: ‚Nein
+wahrlich, du sollst nicht zu den Kranken in ihre Felshöhlen gehen,
+sondern wir beide wollen fortziehen, über das Meer in ein andres Land,
+wo es nicht Gesetze gibt für Reine und Unreine.‘ Und sie — —“</p>
+
+<p>Aber als der Winzer in seiner Erzählung so weit gekommen war, erhob
+sich der Sklave und fiel ihm in die Rede. „Du brauchst mir nichts mehr
+zu erzählen,“ sagte er. „Stehe lieber auf und führe mich ein Stück
+Weges, du, der die Berge kennt, damit ich noch in dieser Nacht meine
+Heimfahrt antreten kann und nicht bis zum Morgen zu warten brauche. Der
+Kaiser und Faustina können deine Nachrichten nicht einen Augenblick zu
+früh erfahren.“</p>
+
+<p>Als der Winzer dem Sklaven das Geleit gegeben hatte und wieder in die
+Hütte heimkam, fand er seine Frau noch wach.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[148]</a></span></p>
+
+<p>„Ich kann nicht schlafen,“ sagte sie, „ich denke daran, daß diese
+beiden sich begegnen werden. Er, der alle Menschen liebt, und er, der
+sie haßt. Es ist, als müßte diese Begegnung die Welt aus ihrer Bahn
+schleudern.“</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Veronika_VI" class="mtop2">VI</h3>
+
+</div>
+
+<p>Die alte Faustina war in dem fernen Palästina, auf dem Wege nach
+Jerusalem. Sie hatte nicht gewollt, daß der Auftrag, den Propheten zu
+suchen und ihn zum Kaiser zu führen, einem andern als ihr anvertraut
+werde. Sicherlich hatte sie bei sich selbst gedacht: Was wir von diesem
+fremden Manne verlangen, ist etwas, was wir ihm weder durch Gewalt noch
+durch Gaben entlocken können. Aber vielleicht gewährt er es uns, wenn
+jemand ihm zu Füßen fällt und ihm sagt, in welcher Not sich der Kaiser
+befindet. Und wer kann die rechte Fürbitte für Tiberius tun, wenn nicht
+die, die unter seinem Unglück ebenso schwer leidet wie er selbst.</p>
+
+<p>Die Hoffnung, Tiberius vielleicht retten zu können, hatte die alte Frau
+verjüngt. Ohne Schwierigkeit hatte sie die lange Seereise nach Joppe
+überstanden, und auf der Fahrt nach Jerusalem bediente sie sich nicht
+eines Tragsessels, sondern sie ritt. Sie schien die beschwerliche Reise
+ebenso leicht zu ertragen, wie die edeln Römer, die Krieger und die
+Sklaven, die ihr Gefolge bildeten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[149]</a></span></p>
+
+<p>Diese Fahrt von Joppe nach Jerusalem erfüllte das Herz der alten Frau
+mit Freude und lichter Hoffnung. Es war die Zeit des Frühlings, und
+die Ebne von Saron, die sie auf der ersten Tagesreise durchritten
+hatten, war ein einziger leuchtender Blumenteppich gewesen. Auch auf
+der Fahrt des zweiten Tages, als sie in die Berge von Judäa eindrangen,
+verließen die Blumen sie nicht. Alle die vielförmigen Hügel, zwischen
+denen der Weg sich durchschlängelte, waren mit Obstbäumen bepflanzt,
+die in reichster Blüte standen. Und wenn die Reisenden es müde wurden,
+die weißrosigen Blüten der Aprikosen und Pfirsichbäume zu betrachten,
+konnten sie ihre Augen erquicken, indem sie sie auf dem jungen Weinlaub
+ruhen ließen, das aus den schwarzbraunen Reben hervorquoll und dessen
+Wachstum so rasch war, daß man es mit den Augen verfolgen zu können
+meinte.</p>
+
+<p>Aber nicht nur Blumen und Frühlingsgrün machten die Wanderung lieblich.
+Der größte Reiz wurde ihr von allen den Menschenscharen verliehen, die
+an diesem Morgen auf dem Wege nach Jerusalem waren. Von allen Wegen
+und Stegen, von einsamen Höhen und aus den fernsten Winkeln der Ebene
+kamen Wandrer. Wenn sie die Straße nach Jerusalem erreicht hatten,
+schlossen sich die einzelnen Reisenden zu großen Scharen zusammen und
+zogen unter frohem Jubel dahin. Rings um einen alten Mann, der auf
+einem schaukelnden Kamele ritt, gingen seine Söhne und Töchter, seine
+Eidame und Schwiegertöchter, und alle<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[150]</a></span> seine Enkelkinder. Es war ein so
+großes Geschlecht, daß es ein ganzes kleines Heer bildete. Eine alte
+Mutter, die zu schwach war, um zu gehen, hatten die Söhne auf ihre
+Arme gehoben, und sie ließ sich stolz durch die ehrfürchtig zur Seite
+weichenden Scharen tragen.</p>
+
+<p>Das war in Wahrheit ein Morgen, der selbst den Betrübtesten mit
+Freude erfüllen konnte. Der Himmel war freilich nicht klar, sondern
+mit einer dünnen weißgrauen Wolkenschicht überzogen, aber keinem der
+Wandrer kam es in den Sinn, sich zu beklagen, daß der harte Glanz
+der Sonne gedämpft war. Unter diesem verschleierten Himmel strömten
+die Wohlgerüche der blühenden Bäume und des jungen Laubes nicht so
+rasch wie sonst in den weiten Raum, sondern sie verweilten über Wegen
+und Fluren. Und dieser schöne Tag, der mit seinem schwachen Licht
+und seinen reglosen Winden an die Ruhe und den Frieden der Nacht
+gemahnte, schien allen den vorwärtseilenden Menschenscharen etwas von
+seinem Wesen mitzuteilen, so daß sie fröhlich, aber doch weihevoll
+weiterzogen, mit gedämpfter Stimme uralte Hymnen singend, oder auf
+seltsamen, altertümlichen Instrumenten spielend, aus denen Töne kamen,
+die gleich dem Summen der Mücken oder dem Zirpen der Heimchen waren.</p>
+
+<p>Wie die alte Faustina zwischen allen diesen Menschen dahinritt, wurde
+auch sie von ihrem Eifer und ihrer Freude mitgerissen. Sie trieb ihren
+Zelter zu größerer Eile, während sie zu einem jungen Römer, der sich<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[151]</a></span>
+an ihrer Seite hielt, sagte: „Mir träumte heute nacht, daß ich Tiberius
+sähe und er mich bäte, die Reise ja nicht aufzuschieben, sondern gerade
+heute nach Jerusalem zu ziehen. Mich dünkt, die Götter wollten mir eine
+Mahnung schicken, es nicht zu verabsäumen, an diesem schönen Morgen
+hinzuwandern.“</p>
+
+<p>Als sie diese Worte sprach, hatten sie gerade die höchste Höhe eines
+langgestreckten Bergrückens erreicht, und dort hielt sie unwillkürlich
+an. Vor ihr lag ein großer, tiefer Talkessel, von schönen Anhöhen
+umkränzt, und aus der dunkeln, schattigen Tiefe dieses Tales hob sich
+der gewaltige Fels, der auf seinem Gipfel die Stadt Jerusalem trug.</p>
+
+<p>Aber das enge Bergstädtchen, das mit seinen Mauern und Türmen einem
+krönenden Geschmeide gleich auf der flachen Höhe des Felsens lag,
+war an diesem Tage tausendfältig vergrößert. Alle die rings um das
+Tal ansteigenden Höhen waren von bunten Zelten und einem Gewühl von
+Menschen bedeckt.</p>
+
+<p>Es wurde Faustina klar, daß die ganze Bevölkerung des Landes sich in
+Jerusalem sammelte, um irgend ein großes Fest zu feiern. Die entfernter
+Wohnenden waren schon angelangt und hatten ihre Zelte aufgeschlagen.
+Die hingegen in der Nachbarschaft der Stadt wohnten, waren noch im
+Anzuge. Alle die lichten Bergeshöhen hinunter sah man sie kommen,
+gleich einem ununterbrochenen Strome von weißen Gewändern, Gesängen und
+Festesfreude.</p>
+
+<p>Lange überschaute die alte Frau diese heran<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[152]</a></span>strömenden Menschenmengen
+und die langen Zeltreihen. Dann sagte sie zu dem jungen Römer, der an
+ihrer Seite ritt:</p>
+
+<p>„Wahrlich, Sulpicius, das ganze Volk muß nach Jerusalem gekommen sein.“</p>
+
+<p>„Es ist in Wirklichkeit so,“ antwortete der Römer, der von Tiberius
+ausersehen worden war, Faustina zu geleiten, weil er mehrere Jahre lang
+in Judäa gelebt hatte. „Sie feiern jetzt das große Frühlingsfest, und
+da ziehen alle Menschen, jung und alt, nach Jerusalem.“</p>
+
+<p>Faustina besann sich einen Augenblick. „Ich freue mich, daß wir an dem
+Tage in diese Stadt gekommen sind, wo das Volk seinen Feiertag begeht,“
+sagte sie. „Dies kann nichts andres bedeuten, als daß die Götter unsere
+Fahrt beschützen. Hältst du es nicht für wahrscheinlich, daß er, den
+wir suchen, der Prophet aus Nazareth, auch nach Jerusalem gekommen ist,
+um an dem Feste teilzunehmen?“</p>
+
+<p>„Du hast wirklich recht, Faustina,“ sagte der Römer. „Er ist vermutlich
+hier in Jerusalem. Dies ist in Wahrheit eine Fügung der Götter. So
+stark und kräftig du auch bist, du kannst dich doch glücklich preisen,
+wenn du nicht die lange, beschwerliche Reise nach Galiläa hinauf machen
+mußt.“</p>
+
+<p>Er ritt sogleich auf ein paar Wandrer zu, die eben vorbeizogen und
+fragte sie, ob sie glaubten, daß der Prophet aus Nazareth sich in
+Jerusalem befinde.</p>
+
+<p>„Wir haben ihn jedes Jahr um diese Zeit dort<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[153]</a></span> gesehen,“ antwortete
+einer der Wandersleute. „Sicherlich ist er auch dieses Jahr gekommen,
+denn er ist ein frommer und gerechter Mann.“</p>
+
+<p>Eine Frau streckte die Hand aus und wies auf eine Höhe, die östlich
+von der Stadt lag. „Siehst du diesen Bergabhang, der mit Olivenbäumen
+bewachsen ist?“ sagte sie. „Dort pflegen die Galiläer ihre Zelte
+aufzuschlagen, und da erhältst du die sichersten Nachrichten über den,
+den du suchst.“</p>
+
+<p>Sie zogen weiter, einen geschlängelten Pfad bis in die Tiefe des Tales
+hinunter und begannen dann, den Berg Zion emporzureiten, um die Stadt
+auf seinem Gipfel zu erreichen.</p>
+
+<p>Der steil ansteigende Weg war hier von niedrigen Mauern umsäumt, und
+auf ihnen saßen und lagen eine unzählige Menge Bettler und Krüppel, die
+die Barmherzigkeit der Reisenden anriefen.</p>
+
+<p>Während der langsamen Fahrt kam eine der jüdischen Frauen auf Faustina
+zu. „Sieh dort,“ sagte sie und wies auf einen Bettler, der auf der
+Mauer saß, „dies ist ein galiläischer Mann. Ich erinnere mich, ihn
+unter den Jüngern des Propheten gesehen zu haben. Er kann dir sagen, wo
+der zu finden ist, den du suchst.“</p>
+
+<p>Faustina ritt mit Sulpicius auf den Mann zu, den man ihr gezeigt hatte.
+Es war ein armer alter Mann mit großem, graugesprenkeltem Barte. Sein
+Gesicht war von Hitze und Sonnenschein gebräunt, und seine Hände waren
+schwielig von der Arbeit. Er begehrte<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[154]</a></span> keine Almosen, sondern schien
+im Gegenteil so tief in kummervolle Gedanken versunken zu sein, daß er
+nicht einmal zu den Vorüberziehenden aufsah.</p>
+
+<p>Er hörte auch nicht, daß Sulpicius ihn ansprach, sondern dieser mußte
+seine Frage ein paarmal wiederholen.</p>
+
+<p>„Mein Freund, man hat mir gesagt, daß du ein Galiläer seist. Ich bitte
+dich, sage mir, wo kann ich den Propheten aus Nazareth finden?“</p>
+
+<p>Der Galiläer fuhr heftig zusammen und sah sich verwirrt um. Aber als er
+endlich begriff, was man von ihm verlangte, geriet er in einen Zorn,
+in den sich Entsetzen mischte. „Was sagst du da?“ brach er los. „Warum
+fragst du mich nach dem Manne? Ich weiß nichts von ihm. Ich bin kein
+Galiläer.“</p>
+
+<p>Die jüdische Frau mischte sich jetzt ins Gespräch. „Ich habe dich doch
+mit ihm gesehen,“ fiel sie ein. „Hege keine Furcht, sondern sage dieser
+vornehmen Römerin, die die Freundin des Kaisers ist, wo sie ihn schnell
+finden kann.“</p>
+
+<p>Aber der erschrockene Jünger wurde immer erbitterter. „Sind heute alle
+Menschen wahnsinnig geworden?“ rief er. „Sind sie von einem bösen
+Geiste besessen, da sie einer um den andern kommen und mich nach diesem
+Manne fragen? Warum will mir niemand glauben, wenn ich sage, daß ich
+den Propheten nicht kenne? Ich bin nicht aus seinem Lande gekommen. Ich
+habe ihn niemals gesehen.“</p>
+
+<p>Seine Heftigkeit zog die Aufmerksamkeit auf ihn,<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[155]</a></span> und ein paar Bettler,
+die neben ihm auf der Mauer saßen, begannen gleichfalls seine Worte zu
+bestreiten.</p>
+
+<p>„Freilich hast du zu seinen Jüngern gehört,“ sagten sie. „Wir wissen
+alle, daß du mit ihm aus Galiläa gekommen bist.“</p>
+
+<p>Aber der Mann streckte beide Arme zum Himmel empor und rief: „Ich habe
+es heute in Jerusalem nicht aushalten können um dieses Mannes willen,
+und jetzt lassen sie mich nicht einmal hier draußen unter den Bettlern
+in Frieden. Warum wollt ihr mir nicht glauben, wenn ich euch sage, daß
+ich ihn nie gesehen habe?“</p>
+
+<p>Faustina wendete sich mit einem Achselzucken ab. „Laß uns
+weiterziehen,“ sagte sie. „Dieser Mann ist ja wahnsinnig. Von ihm
+können wir nichts erfahren.“</p>
+
+<p>Sie zogen weiter, den Bergeshang hinauf. Faustina war nicht mehr als
+zwei Schritte vom Stadttor entfernt, als die israelitische Frau, die
+ihr hatte helfen wollen, den Propheten zu finden, ihr zurief, sie
+solle sich in acht nehmen. Sie zog die Zügel an und sah, daß dicht vor
+den Füßen der Pferde ein Mann auf dem Wege lag. Wie er da im Staube
+ausgestreckt lag, gerade da, wo das Gedränge am lebhaftesten wogte,
+mußte man es ein Wunder nennen, daß er nicht schon von Tieren oder
+Menschen niedergetreten war.</p>
+
+<p>Der Mann lag auf dem Rücken und starrte mit erloschenen, glanzlosen
+Blicken empor. Er regte sich nicht, obgleich die Kamele ihre schweren
+Füße dicht<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[156]</a></span> neben ihm niedersetzten. Er war ärmlich gekleidet und
+überdies mit Staub und Erde besudelt. Ja, er hatte so viel Sand über
+sich geschüttet, daß es aussah, als suche er sich zu verbergen, um
+leichter überritten oder niedergetreten zu werden.</p>
+
+<p>„Was ist dies? Warum liegt dieser Mann hier auf dem Wege?“ fragte
+Faustina.</p>
+
+<p>In demselben Augenblicke begann der Liegende die Vorübergehenden
+anzurufen. „Bei eurer Barmherzigkeit, Brüder und Schwestern, führet
+eure Pferde und Lasttiere über mich hin! Weichet mir nicht aus!
+Zertretet mich zu Staub! Ich habe unschuldig Blut verraten. Zertretet
+mich zu Staub!“</p>
+
+<p>Sulpicius faßte Faustinas Pferd am Zügel und führte es zur Seite. „Das
+ist ein Sünder, der Buße tun will,“ sagte er. „Lasse dich dadurch nicht
+aufhalten. Diese Leute sind wunderlich, und man muß sie ihre eignen
+Wege gehen lassen.“</p>
+
+<p>Der Mann auf dem Wege fuhr fort zu rufen: „Setzet eure Fersen auf mein
+Herz! Lasset die Kamele meine Brust zertreten und den Esel seine Hufe
+in meine Augen versenken!“</p>
+
+<p>Aber Faustina brachte es nicht über sich, an diesem Elenden
+vorbeizureiten, ohne zu versuchen, ob sie ihn nicht bewegen könnte,
+aufzustehen. Sie hielt noch immer neben ihm.</p>
+
+<p>Die israelitische Frau, die ihr schon einmal hatte dienen wollen,
+drängte sich jetzt wieder an sie heran. „Dieser Mann hat auch zu den
+Jüngern des Propheten<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[157]</a></span> gehört,“ sagte sie. „Willst du, daß ich ihn nach
+seinem Meister frage?“</p>
+
+<p>Faustina nickte, und die Frau beugte sich über den Liegenden.</p>
+
+<p>„Was habt ihr Galiläer an diesem Tage mit euerm Meister gemacht?“
+fragte sie. „Ich treffe euch zerstreut auf Wegen und Stegen, aber ihn
+sehe ich nirgends.“</p>
+
+<p>Aber als sie so fragte, richtete sich der Mann, der im Straßenstaube
+lag, auf seine Kniee empor. „Was für ein böser Geist hat dir
+eingegeben, mich nach ihm zu fragen?“ sagte er mit einer Stimme, die
+voll Verzweiflung war. „Du siehst ja, daß ich mich in den Straßenstaub
+geworfen habe, um zertreten zu werden. Ist dir das nicht genug? Mußt du
+noch kommen und mich fragen, was ich mit ihm angefangen habe?“</p>
+
+<p>„Ich verstehe nicht, was du mir vorwirfst,“ sagte die Frau. „Ich wollte
+ja nur wissen, wo dein Meister ist.“</p>
+
+<p>Als sie die Frage wiederholte, sprang der Mann auf und steckte beide
+Zeigefinger in die Ohren.</p>
+
+<p>„Wehe dir, daß du mich nicht in Frieden sterben lassen kannst,“ rief
+er. Er bahnte sich einen Weg durch das Volk, das sich vor dem Tore
+drängte, und stürzte, vor Entsetzen brüllend, von dannen, während seine
+zerfetzten Kleider ihn gleich dunkeln Flügeln umflatterten.</p>
+
+<p>„Es will mich bedünken, daß wir zu einem Volke von Narren gekommen
+sind,“ sagte Faustina, als sie<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[158]</a></span> den Mann fliehen sah. Sie war durch
+den Anblick der Schüler des Propheten ganz niedergeschlagen. Konnte
+ein Mann, der solche Tollhäusler zu seinen Begleitern zählte, imstande
+sein, etwas für den Kaiser zu tun?</p>
+
+<p>Auch die israelitische Frau schaute betrübt drein, und sie sprach mit
+großem Ernste zu Faustina: „Herrscherin, zögere nicht, den aufzusuchen,
+den du finden willst. Ich fürchte, es ist ihm etwas Böses zugestoßen,
+da seine Jünger so von Sinnen sind und es nicht ertragen, von ihm reden
+zu hören.“</p>
+
+<p>Faustina und ihr Gefolge ritten endlich durch die Torwölbung und kamen
+in enge, dunkle Gassen, die von Menschen wimmelten. Es erschien beinahe
+unmöglich, durch die Stadt zu kommen. Einmal ums andere mußten die
+Reiter Halt machen. Vergebens suchten Sklaven und Kriegsknechte einen
+Weg zu bahnen. Die Menschen hörten nicht auf, sich in einem dichten und
+unaufhaltsamen Strome vorbeizuwälzen.</p>
+
+<p>„Wahrlich,“ sagte die alte Frau zu Sulpicius, „Roms Straßen sind stille
+Lustgärten im Vergleiche zu diesen Gassen.“</p>
+
+<p>Sulpicius sah bald, daß fast unübersteigliche Schwierigkeiten ihrer
+harrten.</p>
+
+<p>„In diesen überfüllten Gassen ist es beinahe leichter zu gehen als zu
+reiten,“ sagte er. „Wenn du nicht allzu müde bist, würde ich dir raten,
+zu Fuße zum Palaste des Landpflegers zu gehen. Er liegt freilich weit
+weg, aber wenn wir hin reiten wollen, kommen wir sicherlich nicht vor
+Mitternacht ans Ziel.“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[159]</a></span></p>
+
+<p>Faustina ging sogleich auf den Vorschlag ein. Sie stieg vom Pferde und
+überließ es der Obhut eines Sklaven. Dann begannen die reisenden Römer
+die Stadt zu Fuß zu durchwandern.</p>
+
+<p>Dies gelang ihnen weit besser. Sie drangen ziemlich rasch bis zum
+Herzen der Stadt vor, und Sulpicius zeigte Faustina gerade eine
+halbwegs breite Straße, die sie bald erreichen mußten.</p>
+
+<p>„Sieh dort, Faustina,“ sagte er, „wenn wir erst in dieser Straße sind,
+sind wir bald am Ziele. Sie führt uns geradeswegs zu unserer Herberge.“</p>
+
+<p>Aber als sie eben in diese Straße einbiegen wollten, begegnete ihnen
+das größte Hindernis.</p>
+
+<p>Es begab sich, daß in demselben Augenblick, wo Faustina die Straße
+erreichte, die sich vom Palaste des Landpflegers zur Pforte
+der Gerechtigkeit und nach Golgatha erstreckte, ein Gefangener
+vorbeigeführt wurde, der gekreuzigt werden sollte.</p>
+
+<p>Ihm voran eilte eine Schar junger, wilder Menschen, die die Hinrichtung
+mit ansehen wollten. Sie jagten in ungestümem Laufe durch die
+Straße, streckten die Arme verzückt in die Höhe und stießen ein
+unverständliches Geheul aus, in ihrer Freude, etwas zu schauen, was sie
+nicht alle Tage zu sehen bekamen.</p>
+
+<p>Nach ihnen kamen Scharen von Menschen in schleppenden Gewändern, die zu
+den Ersten und Vornehmsten der Stadt zu gehören schienen. Hinter denen
+wanderten Frauen, von denen viele tränenüberströmte Gesichter hatten.
+Eine Anzahl Arme und Krüppel<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[160]</a></span> schritten vorbei und stießen Schreie aus,
+die in die Ohren gellten.</p>
+
+<p>„O Gott!“ riefen sie, „rette ihn! Sende deinen Engel und rette ihn!
+Schicke einen Helfer in seiner äußersten Not!“</p>
+
+<p>Endlich kamen ein paar römische Kriegsknechte auf großen Pferden. Sie
+wachten darüber, daß niemand aus dem Volke zu dem Gefangenen hinstürze
+oder ihn zu befreien versuche.</p>
+
+<p>Gleich hinter ihnen schritten die Henkersknechte, die den Mann, der
+gekreuzigt werden sollte, zu führen hatten. Sie hatten ihm ein großes,
+schweres Kreuz aus Holz über die Schulter gelegt, aber er war zu
+schwach für diese Bürde. Sie drückte ihn, daß sein Körper ganz zu Boden
+gebeugt wurde. Er hielt den Kopf so tief gesenkt, daß niemand sein
+Gesicht sehen konnte.</p>
+
+<p>Faustina stand in der Mündung des kleinen Nebengäßchens und sah die
+schwere Wanderung des Todgeweihten an. Mit Staunen gewahrte sie, daß
+er einen Purpurmantel trug und daß eine Dornenkrone auf sein Haupt
+gedrückt war.</p>
+
+<p>„Wer ist dieser Mann?“ fragte sie.</p>
+
+<p>Einer der Umstehenden erwiderte: „Das ist einer, der sich zum Kaiser
+machen wollte.“</p>
+
+<p>„Dann muß er den Tod um einer Sache willen leiden, die wenig
+erstrebenswert ist,“ sagte die alte Frau wehmütig.</p>
+
+<p>Der Verurteilte wankte unter dem Kreuze. Immer<span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[161]</a></span> langsamer schritt
+er vorwärts. Die Henkersknechte hatten einen Strick um seinen Leib
+geschlungen, und sie begannen daran zu ziehen, um ihn zu größerer Eile
+anzutreiben. Aber als sie an dem Stricke zogen, fiel der Mann hin und
+blieb mit dem Kreuze über sich liegen.</p>
+
+<p>Da entstand ein großer Aufruhr. Die römischen Reiter hatten die größte
+Mühe, das Volk zurückzuhalten. Sie zückten ihre Schwerter gegen
+ein paar Frauen, die herbeieilten und den Gefallenen aufzurichten
+bemüht waren. Die Henkersknechte suchten ihn durch Schläge und Stöße
+zu zwingen, daß er aufstehe, allein er vermochte es nicht, wegen
+des Kreuzes. Endlich ergriffen ein paar von ihnen das Kreuz, um es
+fortzuheben.</p>
+
+<p>Da richtete er das Haupt empor, und die alte Faustina konnte sein
+Gesicht sehen. Die Wangen trugen Striemen von Schlägen, und von
+seiner Stirn, die die Dornenkrone verwundet hatte, perlten ein paar
+Bluttropfen. Das Haar hing in wirren Büscheln, klebrig von Schweiß und
+Blut. Sein Mund war hart geschlossen, aber seine Lippen zitterten,
+als kämpften sie, um einen Schrei zurückzudrängen. Die Augen starrten
+tränenvoll und beinahe erloschen vor Qual und Mattigkeit.</p>
+
+<p>Aber hinter dem Gesichte dieses halbtoten Menschen sah die Alte
+gleichsam in einer Vision ein schönes und bleiches Gesicht mit
+herrlichen, majestätischen Augen und milden Zügen, und sie ward
+plötzlich von Trauer und Rührung über das Unglück und die Erniedrigung
+dieses fremden Mannes ergriffen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[162]</a></span></p>
+
+<p>„O du armer Mensch, was hat man dir getan?“ rief sie und trat ihm einen
+Schritt entgegen, während ihre Augen sich mit Tränen füllten. Sie
+vergaß ihre eigene Sorge und Unruhe über dieses gequälten Menschen Not.
+Ihr war, als müßte ihr Herz vor Mitleid zerspringen. Sie wollte gleich
+den andern Frauen hineilen, um ihn den Schergen zu entreißen.</p>
+
+<p>Der Gefangene sah, wie sie auf ihn zukam, und er kroch näher an sie
+heran. Es war, als erwarte er bei ihr Schutz gegen alle zu finden, die
+ihn verfolgten und quälten. Er umfaßte ihre Kniee. Er schmiegte sich an
+sie wie ein Kind, das sich zu seiner Mutter rettet.</p>
+
+<p>Die Alte beugte sich über ihn, und während ihre Tränen strömten, fühlte
+sie die seligste Freude darüber, daß er gekommen war und bei ihr Schutz
+gesucht hatte. Sie legte ihren einen Arm um seinen Hals, und so wie
+eine Mutter zu allererst die Tränen aus den Augen des Kindes trocknet,
+so legte sie ihr Schweißtuch aus kühlem, feinem Linnen auf sein
+Gesicht, um die Tränen und das Blut fortzuwischen.</p>
+
+<p>Aber in diesem Augenblick waren die Henkersknechte mit dem Heben
+des Kreuzes fertig. Sie kamen und rissen den Gefangenen mit sich.
+Ungeduldig wegen des Aufenthalts, schleppten sie ihn in wilder Hast
+fort. Der Todgeweihte stöhnte auf, als er von der Freistatt fortgeführt
+wurde, die er gefunden hatte; aber er leistete keinen Widerstand.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[163]</a></span></p>
+
+<p>Jedoch Faustina umklammerte ihn, um ihn zurückzuhalten, und als ihre
+schwachen, alten Hände nichts vermochten und sie ihn fortführen sah,
+war es ihr, als hätte ihr jemand ihr eignes Kind entrissen, und sie
+rief: „Nein, nein! Nehmt ihn mir nicht! Er darf nicht sterben! Er darf
+nicht!“</p>
+
+<p>Sie empfand den furchtbarsten Schmerz und Groll, weil man ihn
+fortführte. Sie wollte ihm nacheilen. Sie wollte mit den Schergen
+kämpfen und ihn ihnen entreißen.</p>
+
+<p>Aber bei dem ersten Schritte, den sie machte, wurde sie von Schwindel
+und Ohnmacht befallen. Sulpicius beeilte sich, seinen Arm um sie zu
+legen, um sie vor dem Fallen zu bewahren.</p>
+
+<p>Auf der einen Seite der Gasse sah er einen kleinen, dunkeln Laden,
+und dort hinein trug er sie. Da war weder Stuhl noch Bank, aber der
+Kaufmann war ein barmherziger Mann. Er schleppte eine Matte herbei und
+bereitete der Alten ein Lager auf dem Steinboden.</p>
+
+<p>Sie war nicht besinnungslos, aber ein so starker Schwindel hatte sie
+befallen, daß sie sich nicht aufrecht halten konnte, sondern sich
+niederlegen mußte.</p>
+
+<p>„Sie hat heute eine lange Wanderung hinter sich, und der Lärm und das
+Gedränge in der Stadt sind ihr zu viel geworden,“ sagte Sulpicius zu
+dem Kaufmanne. „Sie ist sehr alt, und keiner ist so stark, daß das
+Alter ihn nicht schließlich niederwerfen könnte.“</p>
+
+<p>„Dies ist auch für jemand, der nicht alt ist,<span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[164]</a></span> ein schwerer Tag,“ sagte
+der Kaufmann. „Die Luft ist fast zu drückend beim Atmen. Es sollte mich
+nicht Wunder nehmen, wenn wir ein schweres Unwetter bekämen.“</p>
+
+<p>Sulpicius beugte sich über die Alte. Sie war eingeschlummert und
+schlief, mit ruhigen, regelmäßigen Atemzügen nach der Ermüdung und der
+Gemütsbewegung.</p>
+
+<p>Er ging und stellte sich in die Ladentür, um die Volksmenge zu
+beobachten, während ertete.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Veronika_VII" class="mtop2">VII</h3>
+
+</div>
+
+<p>Der römische Landpfleger in Jerusalem hatte eine junge Frau, und in der
+Nacht vor dem Tage, an dem Faustina in die Stadt einzog, lag die und
+träumte.</p>
+
+<p>Sie träumte, daß sie auf dem Dache ihres Hauses stünde und auf den
+großen, schönen Hofplan niedersähe, der nach der Sitte des Morgenlandes
+mit Marmor ausgelegt und mit edeln Gewächsen bepflanzt war.</p>
+
+<p>Aber auf dem Hofe sah sie alle Kranken und Blinden und Lahmen
+versammelt, die es auf der Welt gab. Sie sah die Pestkranken vor sich,
+mit beulengeschwollenen Körpern, die Aussätzigen mit zerfressenen
+Gesichtern, die Lahmen, die sich nicht zu rühren vermochten, sondern
+hilflos auf der Erde lagen, und alle Elenden, die sich in Qualen und
+Schmerzen krümmten.</p>
+
+<p>Und sie drängten sich alle zum Eingange, um in<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[165]</a></span> das Haus zu kommen,
+und einige der Vordersten klopften mit harten Schlägen an die Tür des
+Palastes.</p>
+
+<p>Endlich sah sie, daß ein Sklave die Türe öffnete und auf die Schwelle
+trat, und sie hörte, wie er fragte, was sie wollten.</p>
+
+<p>Da antworteten sie ihm und sprachen: „Wir suchen den großen Propheten,
+den Gott auf die Erde gesandt hat. Wo ist der Prophet aus Nazareth, er,
+der aller Qualen Herr ist? Wo ist er, der uns von allen unsern Leiden
+erlösen kann?“</p>
+
+<p>Da antwortete der Sklave in stolzem, gleichgiltigem Tone, so wie
+Palastdiener zu tun pflegen, wenn sie arme Fremdlinge abweisen.</p>
+
+<p>„Es hilft euch nichts, nach dem großen Propheten zu suchen. Pilatus hat
+ihn getötet.“</p>
+
+<p>Da erhob sich unter allen den Kranken ein Trauern und Jammern und
+Zähneknirschen, so daß sie nicht ertragen konnte, es zu hören. Ihr Herz
+wurde von Mitleid zerrissen, und Tränen strömten aus ihren Augen. Aber
+wie sie so zu weinen anfing, war sie erwacht.</p>
+
+<p>Wieder war sie eingeschlummert, und wieder träumte sie, daß sie auf dem
+Dache ihres Hauses stünde und auf den großen Hof hinabsähe, der so weit
+war wie ein Marktplatz.</p>
+
+<p>Und siehe da, der Hof war voll von allen Menschen, die wahnsinnig
+und toll waren und von bösen Geistern besessen. Und sie sah solche,
+die nackt waren und solche, die sich in ihr langes Haar hüllten, und
+solche, die sich Kronen aus Stroh geflochten hatten<span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[166]</a></span> und Mäntel aus
+Gras, und sich für Könige hielten, und solche, die auf dem Boden
+krochen und Tiere zu sein wähnten, und solche, die beständig über einen
+Kummer weinten, den sie nicht zu nennen vermochten, und solche, die
+schwere Steine heranschleppten, die sie für Gold ausgaben, und solche,
+die glaubten, daß die bösen Dämonen aus ihrem Munde sprächen.</p>
+
+<p>Sie sah, wie alle diese Leute sich zum Tore des Palastes drängten; und
+die zuvorderst standen, klopften und pochten, um Einlaß zu finden.</p>
+
+<p>Endlich tat sich die Tür auf, und ein Sklave trat auf die Schwelle und
+fragte sie: „Was ist euer Begehr?“</p>
+
+<p>Da begannen sie alle zu rufen und zu sagen: „Wo ist der große Prophet
+aus Nazareth, er, der von Gott gesandt ist und der uns unsre Seele und
+unsre Vernunft wiedergeben soll?“</p>
+
+<p>Sie hörte, wie der Sklave ihnen im gleichgiltigsten Tone antwortete:</p>
+
+<p>„Es führt zu nichts, daß ihr nach dem großen Propheten sucht. Pilatus
+hat ihn getötet.“</p>
+
+<p>Als dies Wort gesprochen war, stießen alle die Wahnsinnigen einen
+Schrei aus, der dem Brüllen wilder Tiere gleich war, und in ihrer
+Verzweiflung begannen sie, sich selbst zu zerfleischen, daß das Blut
+auf die Steine floß. Und da sie, die träumte, all ihr Elend sah, begann
+sie die Hände zu ringen und zu jammern. Und ihr eigener Jammer hatte
+sie aufgeweckt.</p>
+
+<p>Aber wieder war sie eingeschlummert, und wieder<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[167]</a></span> befand sie sich im
+Traume auf dem Dache ihres Hauses. Und rings um sie her saßen ihre
+Sklavinnen, die ihr auf der Cymbel und der Laute vorspielten, und die
+Mandelbäume streuten ihre weißen Blütenblätter über sie hin, und die
+Blumen der Kletterrosen dufteten.</p>
+
+<p>Während sie da saß, sprach eine Stimme zu ihr: „Geh zu der Balustrade,
+die dein Dach umgibt, und sieh hinunter auf deinen Hof.“</p>
+
+<p>Aber im Traume weigerte sie sich und sagte: „Ich will nicht noch mehr
+von jenen sehen, die sich heute nacht auf meinem Hofe drängen.“</p>
+
+<p>In demselben Augenblick hörte sie von dort ein Rasseln von Ketten und
+ein Pochen schwerer Hämmer und ein Klopfen von Holz, das gegen Holz
+schlug. Ihre Sklavinnen hörten zu singen und zu spielen auf und eilten
+zum Dachgeländer und sahen hinab. Und auch sie konnte nicht still
+sitzen bleiben, sondern sie ging hin und sah auf den Hof hinunter.</p>
+
+<p>Da sah sie, daß der Hof ihres Hauses von allen armen Gefangenen erfüllt
+war, die es auf der Welt gab. Sie sah die Leute, die sonst in dunkeln
+Kerkerlöchern mit schweren Eisenketten gefesselt lagen. Sie sah die
+Leute, die in den dunkeln Gruben arbeiteten, ihre Hämmer schleppend,
+herankommen, und die, die Ruderer auf den Kriegsfahrzeugen waren, kamen
+mit ihren schweren, eisengeschmiedeten Rudern. Und die, die verurteilt
+waren, gekreuzigt zu werden, kamen und schleppten ihre Kreuze, und
+die, die geköpft werden sollten, kamen mit ihren Beilen. Sie sah
+die, die als Sklaven nach<span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[168]</a></span> fremden Ländern geführt worden waren und
+deren Augen vor Heimweh brannten. Sie sah alle elenden Sklaven, die
+gleich Lasttieren arbeiten mußten und deren Rücken blutig waren von
+Geißelhieben.</p>
+
+<p>Alle diese unglücklichen Menschen riefen wie aus einem einzigen Munde
+und sprachen: „Öffne, öffne!“</p>
+
+<p>Da trat der Sklave, der den Eingang bewachte, zur Tür hinaus, und er
+fragte sie: „Was ist euer Begehr?“</p>
+
+<p>Und sie antworteten wie die andern: „Wir suchen den großen Propheten
+aus Nazareth, der auf die Erde gekommen ist, um den Gefangenen ihre
+Freiheit und den Sklaven ihr Glück wiederzugeben.“</p>
+
+<p>Der Sklave antwortete ihnen in müdem und gleichgiltigem Tone: „Ihr
+könnt ihn hier nicht finden. Pilatus hat ihn getötet.“</p>
+
+<p>Als dies Wort gesprochen war, däuchte es sie, die träumte, daß sich
+unter allen diesen Unglücklichen ein solcher Ausbruch der Lästerung und
+des Hohnes erhebe, daß sie vernahm, wie Erde und Himmel erzitterten.
+Sie selbst war starr vor Schrecken, und ein solches Beben durchfuhr
+ihren Körper, daß sie erwachte.</p>
+
+<p>Als sie ganz wach war, setzte sie sich im Bette auf und sagte zu sich
+selbst: Ich will nicht mehr träumen. Jetzt will ich mich die ganze
+Nacht wach halten, um nichts mehr von diesem Entsetzlichen sehen zu
+müssen.</p>
+
+<p>Aber beinahe in demselben Augenblick, wo sie dies gedacht hatte, hatte
+der Schlummer sie aufs neue<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[169]</a></span> überwältigt, und sie hatte ihren Kopf auf
+das Kissen gelegt und war eingeschlummert.</p>
+
+<p>Wieder träumte sie, daß sie auf dem Dache ihres Hauses säße, und ihr
+kleines Söhnlein liefe dort oben auf und ab und spielte Ball.</p>
+
+<p>Da hörte sie eine Stimme, die zu ihr sprach: „Geh zur Balustrade, die
+das Dach umgibt, und sieh, wer die sind, die auf dem Hofe stehen und
+warten.“</p>
+
+<p>Aber sie, die träumte, sagte zu sich selbst: „Ich habe in dieser Nacht
+genug Elend gesehen. Mehr kann ich nicht ertragen. Ich will bleiben, wo
+ich bin.“</p>
+
+<p>In demselben Augenblick warf ihr Söhnlein seinen Ball so, daß er über
+die Balustrade fiel, und das Kind eilte hin und kletterte auf das
+Gitterwerk. Da erschrak sie und lief hinzu und erfaßte das Kind.</p>
+
+<p>Aber dabei warf sie einen Blick hinunter, und noch einmal sah sie, daß
+der Hof voller Menschen war.</p>
+
+<p>Aber dort in dem Hofe waren alle Menschen der Erde, die im Kriege
+verwundet worden waren. Sie kamen mit verstümmelten Körpern, mit
+abgehauenen Gliedern und großen, offnen Wunden, aus denen das Blut
+strömte, so daß der ganze Hof davon überschwemmt wurde.</p>
+
+<p>Und neben ihnen drängten sich dort alle Menschen der Erde, die ihre
+Lieben auf dem Schlachtfelde verloren hatten. Es waren die Vaterlosen,
+die ihre Verteidiger betrauerten, und die jungen Frauen, die nach ihren
+Geliebten riefen, und die Alten, die nach ihren Söhnen seufzten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[170]</a></span></p>
+
+<p>Die vordersten von ihnen drängten zur Tür, und der Türsteher kam wie
+früher und öffnete.</p>
+
+<p>Er fragte alle diese Leute, die in Fehden und Kämpfen verwundet worden
+waren: „Was sucht ihr in diesem Hause?“</p>
+
+<p>Und sie antworteten: „Wir suchen den großen Propheten aus Nazareth,
+der Krieg und Streit verbieten und Frieden auf Erden bringen wird. Wir
+suchen ihn, der die Lanzen zu Sensen machen wird und die Schwerter zu
+Rebenmessern.“</p>
+
+<p>Da antwortete der Sklave ein wenig ungeduldig: „Kommt doch nicht mehr,
+um mich zu quälen! Ich habe es schon oft genug gesagt. Der große
+Prophet ist nicht hier. Pilatus hat ihn getötet.“</p>
+
+<p>Damit schloß er das Tor. Aber sie, die träumte, dachte an allen den
+Jammer, der nun ausbrechen mußte. „Ich will ihn nicht hören,“ sagte sie
+und stürzte von der Balustrade fort. In demselben Augenblicke war sie
+erwacht. Und da hatte sie gesehen, daß sie in ihrer Angst aus dem Bette
+gesprungen war, hinunter auf den kalten Steinboden.</p>
+
+<p>Wieder hatte sie gedacht, daß sie in dieser Nacht nicht mehr träumen
+wollte, und wieder hatte der Schlummer sie überwältigt, so daß sie die
+Augen schloß und zu träumen begann.</p>
+
+<p>Noch einmal saß sie auf dem Dache ihres Hauses, und neben ihr stand ihr
+Mann. Und sie erzählte ihm von ihren Träumen, und er trieb seinen Spott
+mit ihr. Da hörte sie wieder eine Stimme, die zu ihr sagte:<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[171]</a></span> „Geh und
+sieh die Menschen, die auf deinem Hofe warten.“</p>
+
+<p>Aber sie dachte: Ich will sie nicht schauen. Ich habe heute nacht genug
+Unglückliche gesehen.</p>
+
+<p>In demselben Augenblick hörte sie drei harte Schläge an das Tor, und
+ihr Mann ging zur Balustrade, um zu sehen, wer es wäre, der Einlaß in
+sein Haus begehrte.</p>
+
+<p>Aber kaum hatte er sich über das Geländer gebeugt, als er auch schon
+seiner Frau winkte, sie solle zu ihm kommen.</p>
+
+<p>„Kennst du diesen Mann nicht?“ sagte er und wies hinunter.</p>
+
+<p>Als sie in den Hof hinuntersah, fand sie, daß er von Reitern und
+Pferden erfüllt war. Sklaven waren damit beschäftigt, Eseln und Kamelen
+ihre Bürden abzuladen. Es sah aus, als wäre ein vornehmer Reisender
+angekommen.</p>
+
+<p>An der Eingangstür stand der Fremde. Es war ein hochgewachsener alter
+Mann mit breiten Schultern und trüber, düstrer Miene.</p>
+
+<p>Die Träumerin erkannte den Fremdling sogleich, und sie flüsterte ihrem
+Manne zu: „Das ist Cäsar Tiberius, der nach Jerusalem gekommen ist. Es
+kann kein andrer sein.“</p>
+
+<p>„Auch ich glaube ihn zu erkennen,“ sagte ihr Mann und legte
+gleichzeitig den Finger auf den Mund, zum Zeichen, daß sie
+stillschweigen und darauf horchen solle, was unten auf dem Hofe
+gesprochen würde.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[172]</a></span></p>
+
+<p>Sie sahen, daß der Türhüter herauskam und den Fremden fragte: „Wer ist
+es, den du suchst?“</p>
+
+<p>Und der Reisende antwortete: „Ich suche den großen Propheten aus
+Nazareth, der mit Gottes wundertätiger Kraft begabt ist. Kaiser
+Tiberius ruft ihn, auf daß er ihn von einer entsetzlichen Krankheit
+befreie, die kein anderer Arzt zu heilen vermag.“</p>
+
+<p>Als er ausgesprochen hatte, neigte sich der Sklave sehr demütig, und
+sagte: „Herr, zürne nicht, aber dein Wunsch kann nicht erfüllt werden.“</p>
+
+<p>Da wendete sich der Kaiser an seine Sklaven, die unten im Hofe
+warteten, und gab ihnen einen Befehl.</p>
+
+<p>Da eilten die Sklaven herbei, einige hatten die Hände voll Geschmeide,
+andre hielten Schalen voll Perlen, wieder andre schleppten Säcke mit
+Goldmünzen.</p>
+
+<p>Der Kaiser wendete sich an den Sklaven, der die Pforte bewachte und
+sagte: „Dies alles soll ihm gehören, wenn er Tiberius beisteht. Damit
+kann er allen Armen der Erde Reichtum schenken.“</p>
+
+<p>Aber der Türhüter neigte sich noch tiefer denn zuvor und sagte: „Herr,
+zürne deinem Diener nicht, aber dein Verlangen kann nicht erfüllt
+werden.“</p>
+
+<p>Da winkte der Kaiser noch einmal seinen Sklaven, und ein paar von
+ihnen eilten mit einem reich bestickten Gewande herbei, auf dem ein
+Brustschild aus Juwelen erglänzte.</p>
+
+<p>Und der Kaiser sprach zu dem Sklaven: „Sieh hier: was ich ihm biete,
+ist die Macht über das Judenland. Er soll sein Volk als der höchste
+Richter<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[173]</a></span> lenken. Möge er mir nur zuerst folgen und Tiberius heilen.“</p>
+
+<p>Aber der Sklave neigte sich noch tiefer zur Erde und sagte: „Herr, es
+steht nicht in meiner Macht, dir zu helfen!“</p>
+
+<p>Da winkte der Kaiser noch einmal, und seine Sklaven eilten mit einem
+goldenen Stirnreif und einem Purpurmantel herbei.</p>
+
+<p>„Sieh,“ sagte er, „dies ist des Kaisers Wille: er gelobt, ihn zu seinem
+Erben zu ernennen und ihm die Herrschaft über die Welt zu geben. Er
+soll die Macht haben, die ganze Erde nach dem Willen seines Gottes
+zu regieren. Möge er zuerst nur seine Hand ausstrecken und Tiberius
+heilen!“</p>
+
+<p>Da warf sich der Sklave vor den Füßen des Kaisers zu Boden und sagte
+mit wehklagender Stimme: „Herr, es steht nicht in meiner Macht, dir zu
+gehorchen. Er, den du suchst, ist nicht mehr. Pilatus hat ihn getötet.“</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Veronika_VIII" class="mtop2">VIII</h3>
+
+</div>
+
+<p>Als die junge Frau erwachte, war es schon voller, klarer Tag, und ihre
+Sklavinnen standen da und warteten, um ihr beim Ankleiden behilflich zu
+sein.</p>
+
+<p>Sie war sehr schweigsam, während sie sich anziehen ließ, aber endlich
+fragte sie die Sklavin, die ihr Haar strählte, ob ihr Mann schon
+aufgestanden sei. Da erfuhr sie, daß er gerufen worden war, um über
+einen Verbrecher zu Gericht zu sitzen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[174]</a></span></p>
+
+<p>„Ich würde gern mit ihm sprechen,“ sagte die junge Frau.</p>
+
+<p>„Herrin,“ sagte die Sklavin, „dies wird sich mitten in der Untersuchung
+schwer bewerkstelligen lassen. Wir werden dir Nachricht geben, sowie
+sie beendigt ist.“</p>
+
+<p>Sie saß nun schweigend, bis sie fertig angekleidet war. Dann fragte
+sie: „Hat jemand von Euch von dem Propheten aus Nazareth sprechen
+hören?“</p>
+
+<p>„Der Prophet aus Nazareth, das ist ein jüdischer Wundertäter,“
+antwortete eine der Sklavinnen sogleich.</p>
+
+<p>„Es ist seltsam, Gebieterin, daß du gerade heute nach ihm fragst,“
+sagte eine andere der Sklavinnen. „Er ist es eben, den die Juden
+hierher in den Palast geführt haben, damit der Landpfleger ihn verhöre.“</p>
+
+<p>Sie bat sie, allsogleich zu gehen und sich zu erkundigen, wessen er
+angeklagt werde, und eine der Sklavinnen entfernte sich. Als sie
+zurückkehrte, sagte sie: „Sie beschuldigen ihn, daß er sich zum König
+über dieses Land machen wolle, und sie rufen den Landpfleger an, er
+möge ihn kreuzigen lassen.“</p>
+
+<p>Aber als des Landpflegers Frau dies hörte, erschrak sie gar sehr und
+sagte: „Ich muß mit meinem Manne sprechen, sonst geschieht heute hier
+ein furchtbares Unglück.“</p>
+
+<p>Als die Sklavinnen ihr noch einmal sagten, daß dies unmöglich sei, da
+begann sie zu zittern und zu weinen. Und eine von ihnen wurde gerührt
+und sagte: „Wenn du dem Landpfleger eine geschriebne Botschaft senden
+willst, so will ich versuchen, sie ihm zu überbringen.“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[175]</a></span></p>
+
+<p>Da nahm sie allsogleich einen Stift und schrieb einige Worte auf ein
+Wachstäfelchen, und dieses wurde dem Pilatus gegeben.</p>
+
+<p>Aber ihn selber traf sie den ganzen Tag über nicht allein, denn als er
+die Juden fortgeschickt hatte und sie den Verurteilten zum Richtplatz
+führten, war die Stunde für die Mahlzeit angebrochen, und zu dieser
+hatte Pilatus einige von den Römern eingeladen, die sich zu dieser Zeit
+in Jerusalem aufhielten. Es waren der Anführer der Truppen und ein
+junger Lehrer der Beredsamkeit und noch einige andere.</p>
+
+<p>Dieses Mahl war nicht sehr fröhlich, denn die Frau des Landpflegers saß
+die ganze Zeit über stumm und niedergeschlagen, ohne an dem Gespräche
+teilzunehmen.</p>
+
+<p>Als die Tischgäste fragten, ob sie krank oder betrübt sei, erzählte der
+Landpfleger lachend von der Botschaft, die sie ihm am Morgen gesandt
+hatte. Und er neckte sie, weil sie geglaubt hatte, ein römischer
+Landpfleger würde sich in seinen Urteilen von den Träumen eines Weibes
+lenken lassen.</p>
+
+<p>Sie antwortete still und traurig: „Wahrlich, dies war kein Traum,
+sondern eine Warnung, die von den Göttern kam. Du hättest den Mann
+wenigstens diesen einen Tag noch leben lassen sollen.“</p>
+
+<p>Sie sahen, daß sie ernstlich betrübt war. Sie wollte sich nicht trösten
+lassen, wie sehr sich die Tafelgäste auch bemühten, sie durch ein
+unterhaltendes Gespräch diese leeren Hirngespinste vergessen zu lassen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[176]</a></span></p>
+
+<p>Aber nach einer Weile erhob einer von ihnen den Kopf und sagte: „Was
+ist dies? Haben wir so lange bei Tisch gesessen, daß der Tag schon zur
+Neige gegangen ist?“</p>
+
+<p>Alle sahen nun auf, und sie merkten, daß eine schwache Dämmerung sich
+über die Natur senkte. Es war vor allem seltsam zu sehen, wie das ganze
+bunte Farbenspiel, das über allen Dingen und Wesen gebreitet liegt,
+sacht erlosch, so daß alles einfarbig grau erschien.</p>
+
+<p>Gleich allem andern verloren auch ihre eigenen Gesichter die Farbe.
+„Wir sehen wirklich wie Tote aus,“ sagte der junge Schönredner mit
+einem Schauer. „Unsre Wangen sind ja grau und unsre Lippen schwarz.“</p>
+
+<p>Während diese Dunkelheit immer tiefer wurde, nahm auch das Entsetzen
+der jungen Frau zu. „Ach, mein Freund,“ rief sie schließlich, „erkennst
+du auch jetzt nicht, daß die Unsterblichen dich warnen wollen?
+Sie zürnen, weil du einen heiligen und unschuldigen Mann zum Tode
+verurteilt hast. Ich denke mir, wenn er jetzt auch schon ans Kreuz
+geschlagen sein muß, kann er doch sicherlich noch nicht verblichen
+sein. Laß ihn vom Kreuze nehmen! Ich will mit meinen eignen Händen
+seiner Wunden pflegen. Erlaube nur, daß er ins Leben zurückgerufen
+werde.“</p>
+
+<p>Aber Pilatus antwortete lachend: „Sicherlich hast du recht damit, daß
+dies ein Zeichen der Götter ist. Aber keineswegs lassen sie die Sonne
+ihren Schein verlieren, weil ein jüdischer Irrlehrer zum Kreuzestode<span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[177]</a></span>
+verurteilt ist. Vielmehr können wir erwarten, daß wichtige Ereignisse
+eintreten werden, die das ganze Reich betreffen. Wer kann wissen, wie
+lange der alte Tiberius — — —“</p>
+
+<p>Er vollendete den Satz nicht, denn die Dunkelheit war so tief geworden,
+daß er nicht einmal den Weinbecher sehen konnte, der vor ihm stand. Er
+unterbrach sich daher, um den Sklaven zu befehlen, eiligst ein paar
+Lampen hereinzubringen.</p>
+
+<p>Als es so hell geworden war, daß er die Gesichter seiner Gäste sehen
+konnte, mußte er die Verstimmung bemerken, die sich ihrer bemächtigt
+hatte.</p>
+
+<p>„Sieh doch,“ sagte er ein wenig unmutig zu seiner Gattin, „nun scheint
+es dir wirklich gelungen zu sein, die Tafelfreude mit deinen Träumen zu
+verscheuchen. Aber wenn es schon durchaus so sein muß, daß du heute an
+nichts andres denken kannst, dann laß uns lieber hören, was du geträumt
+hast. Erzähl es uns, und wir wollen versuchen, den Sinn zu deuten!“</p>
+
+<p>Dazu war die junge Frau sofort bereit. Und während sie Traumgesicht
+auf Traumgesicht erzählte, wurden die Gäste immer ernster. Sie hörten
+auf, ihre Becher zu leeren, und ihre Stirnen zogen sich kraus. Der
+einzige, der noch immer lachte und alles einen Wahnwitz nannte, war der
+Landpfleger selbst.</p>
+
+<p>Als die Erzählung zu Ende war, sagte der junge Rhetor: „Wahrlich, dies
+ist doch mehr als ein Traum, denn ich sah heute zwar nicht den Kaiser,
+aber seine<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[178]</a></span> alte Freundin Faustina in die Stadt einziehen. Es nimmt
+mich nur wunder, daß sie sich nicht schon im Palaste des Landpflegers
+gezeigt hat.“</p>
+
+<p>„Es geht ja wirklich das Gerücht, daß der Kaiser von einer
+entsetzlichen Krankheit befallen sei,“ bemerkte der Anführer der
+Truppen. „Es scheint auch mir möglich, daß der Traum deiner Gattin eine
+Warnung von den Göttern sein kann.“</p>
+
+<p>„Es liegt nichts Unglaubliches darin, daß Tiberius einen Boten nach
+dem Propheten ausgesandt hat, um ihn an sein Krankenlager zu rufen,“
+stimmte der junge Rhetor ein.</p>
+
+<p>Der Anführer wendete sich mit tiefem Ernst an Pilatus: „Wenn der Kaiser
+wirklich den Einfall gehabt hat, diesen Wundertäter zu sich rufen zu
+lassen, dann wäre es besser für dich und für uns alle, wenn er ihn
+lebend träfe.“</p>
+
+<p>Pilatus antwortete halb zürnend: „Ist es diese Dunkelheit, die euch zu
+Kindern gemacht hat? Man könnte glauben, ihr wäret alle in Traumdeuter
+und Propheten verwandelt.“</p>
+
+<p>Aber der Hauptmann ließ nicht ab, in ihn zu dringen: „Es wäre
+vielleicht nicht so unmöglich, das Leben des Mannes zu retten, wenn du
+einen eiligen Boten abschicktest.“</p>
+
+<p>„Ihr wollt mich wohl zum Gespött der Leute machen,“ antwortete der
+Landpfleger. „Sagt selbst, was sollte in diesem Lande aus Recht und
+Ordnung werden, wenn man erführe, daß der Landpfleger einen<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[179]</a></span> Verbrecher
+begnadigt, weil seine Frau einen bösen Traum geträumt hat?“</p>
+
+<p>„Es ist doch Wahrheit und kein Traum, daß ich Faustina in Jerusalem
+gesehen habe,“ sagte der junge Rhetor.</p>
+
+<p>„Ich nehme es auf mich, mein Vergehen vor dem Kaiser zu verantworten,“
+sagte Pilatus. „Er wird begreifen, daß dieser Schwärmer, der sich
+widerstandlos von meinen Knechten mißhandeln ließ, nicht die Macht
+gehabt hätte, ihm zu helfen.“</p>
+
+<p>In demselben Augenblick, wo diese Worte ausgesprochen wurden, wurde
+das Haus von einem Getöse erschüttert, das wie heftig grollender
+Donner klang, und ein Erdbeben ließ den Boden erzittern. Der Palast
+des Landpflegers blieb unversehrt stehen, aber unmittelbar nach dem
+Erdbeben vernahm man von allen Seiten das entsetzeneinflößende Krachen
+von einstürzenden Häusern und fallenden Säulen.</p>
+
+<p>Sowie eine Menschenstimme sich Gehör verschaffen konnte, rief der
+Landpfleger einen Sklaven zu sich.</p>
+
+<p>„Eile zum Richtplatz und befiehl in meinem Namen, daß der Prophet aus
+Nazareth vom Kreuze genommen werde!“</p>
+
+<p>Der Sklave eilte von dannen. Die Tischgesellschaft begab sich vom
+Speisesaale in das Peristyl, um unter offnem Himmel zu sein, falls das
+Erdbeben sich wiederholen sollte. Niemand wagte ein Wort zu sagen,
+während sie der Rückkehr des Sklaven harrten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[180]</a></span></p>
+
+<p>Dieser kam sehr bald wieder. Er blieb vor dem Landpfleger stehen.</p>
+
+<p>„Du hast ihn am Leben gefunden?“ fragte dieser.</p>
+
+<p>„Herr, er war verschieden, und in demselben Augenblick, wo er seinen
+Geist aufgab, geschah das Erdbeben.“</p>
+
+<p>Kaum hatte er dies gesagt, als ein paar harte Schläge am äußeren Tor
+ertönten. Als sie diese Schläge hörten, zuckten alle zusammen und
+sprangen empor, als wäre wieder ein Erdbeben losgebrochen.</p>
+
+<p>Gleich darauf erschien ein Sklave.</p>
+
+<p>„Es sind die edle Faustina und Sulpicius, des Kaisers Verwandter. Sie
+sind gekommen, um dich zu bitten, du mögest ihnen helfen, den Propheten
+aus Nazareth zu finden.“</p>
+
+<p>Ein leises Gemurmel ging durch das Peristyl, und leichte Schritte
+wurden hörbar. Als der Landpfleger sich umsah, merkte er, daß seine
+Freunde von ihm zurückgewichen waren, wie von einem, der dem Unglück
+verfallen ist.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Veronika_IX" class="mtop2">IX</h3>
+
+</div>
+
+<p>Die alte Fa war in Capreae ans Land gestiegen und hatte den
+Kaiser aufgesucht. Sie erzählte ihm ihre Geschichte, und während sie
+sprach, wagte sie kaum ihn anzusehen. Während ihrer Abwesenheit hatte
+die Krankheit furchtbare Fortschritte gemacht, und sie dachte bei sich
+selbst: „Wenn bei den Himmlischen Barmherzigkeit wäre, so hätten sie
+mich sterben<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[181]</a></span> lassen, bevor ich diesem armen, gequälten Menschen sagen
+mußte, daß alle Hoffnung vorüber ist.“</p>
+
+<p>Zu ihrem Staunen hörte ihr Tiberius aber mit der größten
+Gleichgiltigkeit zu. Als sie ihm erzählte, daß der große Wundertäter am
+selben Tage gekreuzigt worden war, an dem sie in Jerusalem anlangte,
+und wie nahe sie daran gewesen war, ihn zu retten, da begann sie unter
+der Schwere ihrer Enttäuschung zu weinen. Aber Tiberius sagte nur: „Du
+grämst dich also wirklich darüber. Ach, Faustina, ein ganzes Leben
+in Rom hat dir also den Glauben an Zauberer und Wundertäter nicht
+benommen, den du in deiner Kindheit in den Sabinerbergen eingesogen
+hast.“</p>
+
+<p>Da sah die Alte ein, daß Tiberius nie Hilfe von dem Propheten aus
+Nazareth erwartet hatte.</p>
+
+<p>„Warum ließest du mich dann diese Fahrt in das ferne Land machen, wenn
+du sie die ganze Zeit über für fruchtlos hieltest?“</p>
+
+<p>„Du bist mein einziger Freund,“ sagte der Kaiser. „Warum sollte ich dir
+eine Bitte abschlagen, solange es noch in meiner Macht steht, sie zu
+gewähren?“</p>
+
+<p>Aber die Alte wollte sich nicht darein schicken, daß der Kaiser sie zum
+Besten gehalten hatte.</p>
+
+<p>„Siehst du, das ist deine alte Hinterlist,“ sagte sie aufbrausend. „Das
+ist es eben, was ich am wenigsten an dir leiden kann.“</p>
+
+<p>„Du hättest nicht zu mir zurückkehren sollen,“ sagte Tiberius. „Du
+hättest in deinen Bergen bleiben müssen.“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[182]</a></span></p>
+
+<p>Für einen Augenblick sah es aus, als würden die beiden, die so oft
+aneinandergeraten waren, wieder in ein Wortgefecht geraten, aber der
+Groll der Alten verflog sogleich. Die Zeiten waren vorüber, wo sie
+ernstlich mit dem Kaiser hatte hadern können. Sie senkte die Stimme
+wieder. Doch konnte sie nicht ganz und gar von jedem Versuche, recht zu
+behalten, abstehen.</p>
+
+<p>„Aber dieser Mann war wirklich ein Prophet,“ sagte sie. „Ich habe ihn
+gesehen. Als seine Augen den meinen begegneten, glaubte ich, er sei ein
+Gott. Ich war wahnsinnig, daß ich ihn in den Tod gehen ließ.“</p>
+
+<p>„Ich bin froh, daß du ihn sterben ließest,“ sagte Tiberius. „Er war ein
+Majestätsverbrecher und Aufrührer.“</p>
+
+<p>Faustina war wieder nahe daran, in Zorn zu geraten.</p>
+
+<p>„Ich habe mit vielen seiner Freunde in Jerusalem über ihn gesprochen,“
+sagte sie. „Er hat die Verbrechen nicht begangen, deren er bezichtigt
+wurde.“</p>
+
+<p>„Wenn er auch nicht gerade diese Verbrechen begangen hat, so war er
+doch darum gewiß nicht besser als irgend ein andrer,“ sagte der Kaiser
+müde. „Wo ist der Mensch, der in seinem Leben nicht tausendmal den Tod
+verdient hätte?“</p>
+
+<p>Aber diese Worte des Kaisers bestimmten Faustina, etwas zu tun,
+weswegen sie bis dahin unschlüssig gewesen war. „Ich will dir doch eine
+Probe seiner Macht geben,“ sagte sie. „Ich sagte dir vorhin, daß ich
+mein Schweißtuch auf sein Gesicht legte. Es ist das<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[183]</a></span>selbe Tuch, das ich
+jetzt in meiner Hand halte. Willst du es einen Augenblick betrachten?“</p>
+
+<p>Sie breitete das Schweißtuch vor dem Kaiser aus, und er sah darauf den
+schattenhaften Umriß eines Menschengesichtes abgezeichnet.</p>
+
+<p>Die Stimme der Alten zitterte vor Rührung, als sie fortfuhr: „Dieser
+Mann sah, daß ich ihn liebte. Ich weiß nicht, durch welche Macht er
+imstande war, mir sein Bild zu hinterlassen. Aber meine Augen füllen
+sich mit Tränen, da ich es sehe.“</p>
+
+<p>Der Kaiser beugte sich vor und betrachtete dieses Bild, das aus Blut
+und Tränen und den schwarzen Schatten des Schmerzes gemacht schien.
+So allmählich trat das ganze Gesicht vor ihm hervor, wie es in das
+Schweißtuch eingedrückt war. Er sah die Bluttropfen auf der Stirn, die
+stechende Dornenkrone, das Haar, das klebrig von Blut war, und den
+Mund, dessen Lippen in Leid zu beben schienen.</p>
+
+<p>Er beugte sich immer tiefer zu dem Bilde hinunter. Immer klarer trat
+das Gesicht hervor. Aus den schattenhaften Linien sah er mit einem Male
+die Augen gleichsam in verborgenem Leben strahlen. Und während sie zu
+ihm von dem furchtbarsten Leid sprachen, zeigten sie ihm zugleich eine
+Reinheit und Hoheit, wie er sie nie zuvor geschaut hatte.</p>
+
+<p>Er lag auf seiner Ruhebank und sog dieses Bild mit den Augen ein. „Ist
+dies ein Mensch?“ fragte er sacht und leise. „Ist dies ein Mensch?“</p>
+
+<p>Wieder lag er still und betrachtete das Bild.<span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[184]</a></span> Die Tränen begannen über
+seine Wangen zu strömen. „Ich traure über deinen Tod, du Unbekannter,“
+flüsterte er.</p>
+
+<p>„Faustina,“ rief er endlich, „warum ließest du diesen Mann sterben? Er
+hätte mich geheilt.“</p>
+
+<p>Und wieder versank er in die Betrachtung des Bildes.</p>
+
+<p>„Du Mensch,“ sagte er nach einer Weile. „Wenn ich nicht mein Heil von
+dir empfangen kann, so kann ich dich doch rächen. Meine Hand wird
+schwer auf denen ruhen, die dich mir gestohlen haben.“</p>
+
+<p>Wieder lag er lange Zeit schweigend, dann aber ließ er sich zu Boden
+gleiten und sank vor dem Bilde auf die Kniee.</p>
+
+<p>„Du bist der Mensch,“ sagte er. „Du bist, was ich nie zu sehen gehofft
+habe.“ Und er deutete auf sich selbst, sein zerstörtes Gesicht und
+seine zerfressenen Hände. „Ich und alle andern, wir sind wilde Tiere
+und Ungeheuer, aber du bist der Mensch.“</p>
+
+<p>Er neigte den Kopf so tief vor dem Bilde, daß er die Erde berührte.
+„Erbarme dich meiner, du Unbekannter!“ sagte er, und seine Tränen
+benetzten die Steine.</p>
+
+<p>„Wenn du am Leben geblieben wärest, so hätte dein bloßer Anblick mich
+geheilt,“ sagte er.</p>
+
+<p>Die arme alte Frau erschrak darüber, was sie getan hatte. Es wäre
+klüger gewesen, dem Kaiser das Bild nicht zu zeigen, dachte sie. Sie
+hatte von Anfang an gefürchtet, daß sein Schmerz allzu groß sein würde,
+wenn er es sähe.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[185]</a></span></p>
+
+<p>Und in ihrer Verzweiflung über den Kummer des Kaisers riß sie das Bild
+an sich, gleichsam, um es seinem Blick zu entziehen.</p>
+
+<p>Da sah der Kaiser auf. Und siehe da, seine Gesichtszüge waren
+verwandelt, und er war, wie er vor der Krankheit gewesen war. Es
+war, als hätte diese ihre Wurzel und Nahrung in dem Hasse und der
+Menschenverachtung gehabt, die in seinem Herzen gewohnt hatten; und sie
+hatte in demselben Augenblick entfliehen müssen, in dem er Liebe und
+Mitleid gefühlt hatte.</p>
+
+<p class="center">* <span class="mleft7">*<br />
+*</span></p>
+
+<p>Aber am nächsten Tage sendete Tiberius drei Boten aus.</p>
+
+<p>Der erste Bote ging nach Rom und befahl, daß der Senat eine
+Untersuchung anstelle, wie der Landpfleger in Palästina sein Amt
+verwalte, und ihn bestrafe, wenn es sich erweisen solle, daß er das
+Volk unterdrücke und Unschuldige zum Tode verurteile.</p>
+
+<p>Der zweite Bote wurde zu dem Winzer und seiner Frau geschickt, um ihnen
+zu danken und sie für den Rat zu belohnen, den sie dem Kaiser gegeben
+hatten, und um ihnen zugleich zu sagen, wie alles abgelaufen war. Als
+sie alles bis zu Ende gehört hatten, weinten sie still, und der Mann
+sagte: „Ich weiß, daß ich meiner Lebtag darüber nachgrübeln werde,
+was geschehen wäre, wenn diese beiden sich begegnet wären.“ Aber die
+Frau erwiderte: „Es konnte nicht anders kommen. Es war ein zu großer
+Gedanke, daß diese beiden sich<span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[186]</a></span> begegnen sollten. Gott der Herr wußte,
+daß die Welt ihn nicht zu ertragen vermochte.“</p>
+
+<p>Der dritte Bote ging nach Palästina und brachte von dort einige von
+Jesu Jüngern nach Capreae, und diese begannen hier die Lehre zu
+verkünden, die der Gekreuzigte gepredigt hatte.</p>
+
+<p>Als diese Lehrer in Capreae anlangten, lag die alte Faustina auf dem
+Totenbette. Aber sie konnten sie noch vor ihrem Tode zu der Jüngerin
+des großen Propheten machen und sie taufen. Und in der Taufe wurde sie
+Veronika genannt, weil es ihr beschieden gewesen war, den Menschen das
+wahre Bild ihres Erlösers zu bringen.</p>
+
+<div class="figcenter break-before">
+ <a id="p_186" name="p_186">
+ <img class="w8em mtop2 mbot3" src="images/p_186.jpg" alt="Schlussvignette Seite 186" /></a>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Das_Rotkehlchen">Das Rotkehlchen</h2>
+
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[189]</a></span></p>
+
+<div class="figcenter break-before">
+ <a id="p_189" name="p_189">
+ <img class="w20em mtop2 mbot3" src="images/p_189.jpg" alt="Kopfvignette Seite 189" /></a>
+</div>
+
+<p>Es war zu der Zeit, da unser Herr die Welt erschuf, da er nicht nur
+Himmel und Erde schuf, sondern auch alle Tiere und Pflanzen, und ihnen
+zugleich ihre Namen gab.</p>
+
+<p>Es gibt viele Geschichten aus jener Zeit; und wüßte man sie alle, so
+wüßte man auch die Erklärung für alles in der Welt, was man jetzt nicht
+verstehen kann.</p>
+
+<p>Damals war es, daß es sich eines Tages begab, als unser Herr im
+Paradiese saß und die Vögel malte, daß die Farbe in unsers Herrn
+Farbenschalen ausging, so daß der Stieglitz ohne Farbe geblieben wäre,
+wenn unser Herr nicht alle Pinsel an seinen Federn abgewischt hätte.</p>
+
+<p>Und damals geschah es, daß der Esel seine langen Ohren bekam, weil er
+sich nicht merkte, welchen Namen er bekommen hatte. Er vergaß es, sowie
+er nur ein paar Schritte auf den Fluren des Paradieses gemacht hatte,
+und dreimal kam er zurück und fragte, wie er heiße, bis unser Herr ein
+klein wenig ungeduldig wurde, ihn bei beiden Ohren nahm und sagte:
+„Dein Name ist Esel, Esel, Esel.“</p>
+
+<p>Und während er so sprach, zog er seine Ohren<span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[190]</a></span> lang, damit er ein
+besseres Gehör bekäme und sich merke, was man ihm sagte.</p>
+
+<p>An demselben Tage geschah es auch, daß die Biene bestraft wurde. Denn
+als die Biene erschaffen war, begann sie sogleich Honig zu sammeln,
+und Tiere und Menschen, die merkten, wie süß der Honig duftete, kamen
+und wollten ihn kosten. Aber die Biene wollte alles für sich behalten
+und jagte mit ihren giftigen Stichen alle fort, die sich der Honigwabe
+näherten. Dies sah unser Herr und alsogleich rief er die Biene zu sich
+und strafte sie. „Ich verlieh dir die Gabe, Honig zu sammeln, der das
+Süßeste in der Schöpfung ist,“ sagte unser Herr, „aber damit gab ich
+dir nicht das Recht, hart gegen deinen Nächsten zu sein. Merke dir nun,
+jedesmal, wenn du jemand stichst, der deinen Honig kosten will, mußt du
+sterben!“</p>
+
+<p>Ach ja, damals geschah es, daß die Grille blind wurde und die Ameise
+ihre Flügel verlor; es begab sich so viel Wunderliches an diesem Tage.</p>
+
+<p>Unser Herr saß den ganzen Tag groß und mild da und schuf und erweckte
+zum Leben, und gegen Abend kam es ihm in den Sinn, einen kleinen grauen
+Vogel zu erschaffen.</p>
+
+<p>„Merke dir, daß dein Name Rotkehlchen ist!“ sagte unser Herr zu dem
+Vogel, als er fertig war. Und er setzte ihn auf seine flache Hand und
+ließ ihn fliegen.</p>
+
+<p>Aber als der Vogel ein Weilchen umhergeflogen war und sich die schöne
+Erde besehen hatte, auf der<span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[191]</a></span> er leben sollte, bekam er auch Lust, sich
+selbst zu betrachten. Da sah er, daß er ganz grau war, und seine Kehle
+war ebenso grau wie alles andre. Das Rotkehlchen wendete und drehte
+sich und spiegelte sich im Wasser, aber es konnte keine einzige rote
+Feder entdecken.</p>
+
+<p>Da flog der Vogel zu unserm Herrn zurück.</p>
+
+<p>Unser Herr thronte gut und milde, aus seinen Händen gingen
+Schmetterlinge hervor, die um sein Haupt flatterten, Tauben gurrten auf
+seinen Schultern, und aus dem Boden rings um ihn sproßten die Rose, die
+Lilie und das Tausendschönchen.</p>
+
+<p>Das Herz des kleinen Vogels pochte heftig vor Bangigkeit, aber in
+leichten Bogen flog er doch immer näher und näher zu unserm Herrn, und
+schließlich ließ er sich auf seiner Hand nieder.</p>
+
+<p>Da fragte unser Herr, was sein Begehr wäre.</p>
+
+<p>„Ich möchte dich nur um eines fragen,“ sagte der kleine Vogel.</p>
+
+<p>„Was willst du denn wissen?“ fragte unser Herr.</p>
+
+<p>„Warum soll ich Rotkehlchen heißen, wenn ich doch ganz grau bin vom
+Schnabel bis zum Schwanze? Warum werde ich Rotkehlchen genannt, wenn
+ich keine einzige rote Feder mein eigen nenne?“</p>
+
+<p>Und der Vogel sah unsern Herrn mit seinen kleinen schwarzen Äuglein
+flehend an und wendete das Köpfchen. Ringsum sah er Fasanen, ganz rot
+unter einem leichten Goldstaub, Papageien mit reichen roten Halskragen,
+Hähne mit roten Kämmen, ganz zu<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[192]</a></span> schweigen von den Schmetterlingen,
+den Goldfischen und den Rosen. Und natürlich dachte er sich, wie wenig
+vonnöten wäre, nur ein einziger kleiner Tropfen Farbe auf seiner Brust,
+und er wäre ein schöner Vogel, und sein Name schicke sich für ihn.</p>
+
+<p>„Warum soll ich Rotkehlchen heißen, wenn ich ganz grau bin,“ fragte der
+Vogel abermals und wartete, daß unser Herr sagen würde:</p>
+
+<p>„Ach, Freundchen, ich sehe, ich habe ganz vergessen, deine Brustfedern
+rot zu malen, aber wart nur einen Augenblick, dann wird es geschehen.“</p>
+
+<p>Aber unser Herr lächelte nur still und sagte:</p>
+
+<p>„Ich habe dich Rotkehlchen genannt, und Rotkehlchen sollst du heißen,
+aber du mußt selbst zusehen, daß du dir deine roten Brustfedern
+verdienst.“</p>
+
+<p>Und damit erhob unser Herr die Hand und ließ den Vogel aufs neue in die
+Welt hinausfliegen.</p>
+
+<p>Der Vogel flog sehr nachdenklich ins Paradies hinunter. Was sollte
+wohl ein kleiner Vogel, wie er, tun können, um sich rote Federn zu
+verschaffen?</p>
+
+<p>Das einzige, was ihm einfiel, war, daß er sein Nest in einen
+Dornenbusch baute. Er nistete zwischen den Stacheln in dem dichten
+Dornengestrüpp. Es war, als erwarte er, daß ein Rosenblatt an seiner
+Kehle haften bliebe und ihr seine Farbe gäbe.</p>
+
+<p class="center">* <span class="mleft7">*<br />
+*</span></p>
+
+<p>Eine unendliche Menge von Jahren war seit diesem Tage verflossen, der
+der fröhlichste der Erde war. Seit<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[193]</a></span> dieser Zeit hatten sowohl die Tiere
+als auch die Menschen das Paradies verlassen und sich über die Erde
+verbreitet. Und die Menschen hatten es soweit gebracht, daß sie gelernt
+hatten, den Boden zu bebauen und das Meer zu befahren, sie hatten sich
+Kleider und Zierrat geschaffen, ja, sie hatten längst gelernt, große
+Tempel und mächtige Städte zu bauen, wie Theben, Rom und Jerusalem.</p>
+
+<p>Da brach ein neuer Tag an, der auch in der Geschichte der Erde lange
+nicht vergessen werden sollte, und am Morgen dieses Tages saß das
+Rotkehlchen auf einem kleinen nackten Hügel vor den Mauern Jerusalems
+und sang seinen Jungen vor, die in dem kleinen Nest in einem niedrigen
+Dornenbusch lagen.</p>
+
+<p>Das Rotkehlchen erzählte seinen Kleinen von dem wunderbaren
+Schöpfungstage und von der Namengebung, wie jedes Rotkehlchen es seinen
+Kindern erzählt hatte, von dem ersten an, das Gottes Wort gehört hatte
+und aus Gottes Hand hervorgegangen war.</p>
+
+<p>„Und seht nun,“ schloß es betrübt, „so viele Jahre sind seit dem
+Schöpfungstage verflossen, so viele Rosen haben geblüht, so viele junge
+Vögel sind aus ihren Eiern gekrochen, so viele, daß keiner sie zählen
+kann, aber das Rotkehlchen ist noch immer ein kleiner, grauer Vogel, es
+ist ihm noch nicht gelungen, die roten Brustfedern zu erringen.“</p>
+
+<p>Die kleinen Jungen rissen ihre Schnäbel weit auf und fragten, ob ihre
+Vorfahren nicht versucht hätten<span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[194]</a></span> irgend eine Großtat zu vollbringen, um
+die unschätzbare rote Farbe zu erringen.</p>
+
+<p>„Wir haben alle getan, was wir konnten,“ sagte der kleine Vogel, „aber
+es ist uns allen mißlungen. Schon das erste Rotkehlchen traf einmal
+einen andern Vogel, der ihm völlig glich, und es begann sogleich, ihn
+mit so heftiger Liebe zu lieben, daß es seine Brust erglühen fühlte.
+Ach, dachte es da, nun verstehe ich es: der liebe Gott will, daß ich
+so heiß liebe, daß meine Brustfedern sich von der Liebesglut, die in
+meinem Herzen wohnt, rot färben. Aber es mißlang ihm, wie es allen nach
+ihm mißlungen ist, und wie es auch euch mißlingen wird.“</p>
+
+<p>Die kleinen Jungen zwitscherten betrübt, sie begannen schon darüber zu
+trauern, daß die rote Farbe ihre kleine flaumige Kehle nicht schmücken
+sollte.</p>
+
+<p>„Wir hofften auch auf den Gesang,“ sagte der alte Vogel, in
+langgezognen Tönen sprechend. „Schon das erste Rotkehlchen sang so, daß
+seine Brust vor Begeisterung schwoll, und es wagte wieder zu hoffen.
+Ach, dachte es, die Sangesglut, die in meiner Seele wohnt, wird meine
+Brustfedern rot färben. Aber es täuschte sich, wie alle nach ihm sich
+getäuscht haben, und wie auch ihr euch täuschen werdet.“</p>
+
+<p>Wieder hörte man ein trübseliges Piepsen aus den halbnackten Kehlen der
+Jungen.</p>
+
+<p>„Wir hofften auch auf unsern Mut und unsre Tapferkeit,“ sagte der
+Vogel. „Schon das erste Rotkehlchen kämpfte tapfer mit andern
+Vögeln, und seine<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[195]</a></span> Brust glühte von Kampflust. Ach, dachte es, meine
+Brustfedern werden sich rot färben von der Kampflust, die in meinem
+Herzen flammt. Aber es scheiterte, wie alle nach ihm scheiterten, und
+wie auch ihr scheitern werdet.“</p>
+
+<p>Die winzigen Jungen piepsten mutig, daß sie es doch versuchen wollten,
+den erstrebten Preis zu gewinnen, aber der alte Vogel antwortete ihnen
+betrübt, daß dies unmöglich sei. Was könnten sie hoffen, wenn so viele
+ausgezeichnete Vorfahren das Ziel nicht erreicht hätten? Was könnten
+sie mehr tun als lieben, singen und kämpfen? Was könnten — — —</p>
+
+<p>Der Vogel hielt mitten im Satze inne, denn aus einem Tore Jerusalems
+kam eine Menschenmenge gezogen, und die ganze Schar eilte den Hügel
+hinan, wo der Vogel sein Nest hatte.</p>
+
+<p>Da waren Reiter auf stolzen Rossen, Krieger mit langen Lanzen,
+Henkersknechte mit Nägeln und Hämmern, da waren würdig
+einherschreitende Priester und Richter, weinende Frauen, und allen
+voran eine Menge wildumherlaufendes Volk, ein gräuliches, heulendes
+Geleite von Landstreichern.</p>
+
+<p>Der kleine graue Vogel saß zitternd auf dem Rande seines Nestes. Er
+fürchtete jeden Augenblick, daß der kleine Dornenbusch niedergetreten
+und seine kleinen Jungen getötet werden würden. „Nehmt euch in acht,“
+rief er den kleinen schutzlosen Jungen zu, „kriecht dicht zusammen
+und verhaltet euch still! Hier kommt ein Pferd, das gerade über uns
+hingeht!<span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[196]</a></span> Hier kommt ein Krieger mit eisenbeschlagenen Sandalen! Hier
+kommt die ganze wilde Schar herangestürmt!“</p>
+
+<p>Mit einem Male hörte der Vogel mit seinen Warnungsrufen auf, er wurde
+still und stumm. Er vergaß beinahe die Gefahr, in der er schwebte.</p>
+
+<p>Plötzlich hüpfte er in das Nest hinunter und breitete die Flügel über
+seine Jungen.</p>
+
+<p>„Nein, das ist zu entsetzlich,“ sagte er. „Ich will nicht, daß ihr
+diesen Anblick seht — da sind drei Missetäter, die gekreuzigt werden
+sollen.“</p>
+
+<p>Und er breitete ängstlich die Flügel aus, so daß die Kleinen nichts
+sehen konnten. Sie vernahmen nur donnernde Hammerschläge, Klagerufe und
+das wilde Geschrei des Volkes.</p>
+
+<p>Das Rotkehlchen folgte dem ganzen Schauspiel mit Augen, die sich
+vor Entsetzen weiteten. Es konnte die Blicke nicht von den drei
+Unglücklichen wenden.</p>
+
+<p>„Wie grausam die Menschen sind!“ sagte der Vogel nach einem Weilchen.
+„Es ist ihnen nicht genug, daß sie diese armen Wesen ans Kreuz nageln,
+nein, auf dem Kopfe des einen haben sie noch eine Krone aus stechenden
+Dornen befestigt.“</p>
+
+<p>„Ich sehe, daß die Dornen seine Stirn verwundet haben und das Blut
+fließt,“ fuhr es fort. „Und dieser Mann ist so schön und sieht mit so
+milden Blicken um sich, daß jeder ihn lieben müßte. Mir ist, als ginge
+eine Pfeilspitze durch mein Herz, wenn ich ihn leiden sehe.“</p>
+
+<p>Der kleine Vogel begann ein immer stärkeres<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[197]</a></span> Mitleid mit dem
+Dornengekrönten zu fühlen. „Wenn ich mein Bruder, der Adler, wäre,“
+dachte er, „würde ich die Nägel aus seinen Händen reißen und mit meinen
+starken Klauen alle die Leute verscheuchen, die ihn peinigen.“</p>
+
+<p>Es sah, wie das Blut auf die Stirn des Gekreuzigten tropfte, und da
+vermochte es nicht mehr still in seinem Neste zu bleiben.</p>
+
+<p>„Wenn ich auch nur klein und schwach bin, so muß ich doch etwas für
+diesen armen Gequälten tun können,“ dachte der Vogel, und er verließ
+sein Nest und flog hinaus in die Luft, weite Kreise um den Gekreuzigten
+beschreibend.</p>
+
+<p>Er umkreiste ihn mehrere Male, ohne daß er sich näherzukommen traute,
+denn er war ein scheuer kleiner Vogel, der es nie gewagt hatte, sich
+einem Menschen zu nähern. Aber allmählich faßte er Mut, flog ganz nah
+hinzu und zog mit seinem Schnabel einen Dorn aus, der in die Stirn des
+Gekreuzigten gedrungen war.</p>
+
+<p>Aber während er dies tat, fiel ein Tropfen von dem Blute des
+Gekreuzigten auf die Kehle des Vogels. Der verbreitete sich rasch und
+färbte alle die kleinen zarten Brustfedern.</p>
+
+<p>Wie der Vogel wieder in sein Nest kam, riefen ihm seine kleinen Jungen
+zu:</p>
+
+<p>„Deine Brust ist rot, deine Brustfedern sind roter als Rosen!“</p>
+
+<p>„Es ist nur ein Bluttropfen von der Stirn<span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[198]</a></span> des armen Mannes,“ sagte der
+Vogel. „Er verschwindet, sobald ich in einem Bach bade oder in einer
+klaren Quelle.“</p>
+
+<p>Aber soviel der kleine Vogel auch badete, die rote Farbe verschwand
+nicht von seiner Kehle, und als seine Kleinen herangewachsen waren,
+leuchtete die blutrote Farbe auch von ihren Brustfedern, wie sie auf
+jedes Rotkehlchens Brust und Kehle leuchtet, bis auf den heutigen Tag.</p>
+
+<div class="figcenter break-before">
+ <a id="p_198" name="p_198">
+ <img class="w8em mtop2 mbot3" src="images/p_198.jpg" alt="Schlussvignette Seite 198" /></a>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Unser_Herr_und_der_heil_Petrus">Unser Herr und
+der heil. Petrus</h2>
+
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[201]</a></span></p>
+
+<div class="figcenter break-before">
+ <a id="p_201" name="p_201">
+ <img class="w20em mtop2 mbot3" src="images/p_201.jpg" alt="Kopfvignette Seite 201" /></a>
+</div>
+
+<p>Es war um die Zeit, als unser Herr und der heilige Petrus eben ins
+Paradies gekommen waren, nachdem sie während vieler Jahre der Betrübnis
+auf Erden umhergewandert waren und manches erlitten hatten.</p>
+
+<p>Man kann sich denken, daß dies eine Freude für Sankt Petrus war. Man
+kann denken, daß es ein ander Ding war, auf dem Berge des Paradieses zu
+sitzen und über die Welt hinaus zu sehen, denn als Bettler von Tür zu
+Tür zu wandern. Es war ein ander Ding, in den Lustgärten des Paradieses
+umherzuschlendern, als auf Erden einherzugehen und nicht zu wissen,
+ob man in stürmischer Nacht Obdach bekäme, oder ob man genötigt sein
+würde, draußen auf der Landstraße in Kälte und Dunkel weiterzuwandern.</p>
+
+<p>Man muß nur bedenken, welche Freude es gewesen sein muß, nach solcher
+Reise endlich an den rechten Ort zu kommen. Er hatte wohl nicht immer
+so sicher sein können, daß alles ein gutes Ende nehmen würde. Er hatte
+es nicht lassen können, bisweilen zu zweifeln und unruhig zu sein,
+denn es war ja für Sankt Petrus, den Armen, beinahe unmöglich gewesen,
+zu begreifen,<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[202]</a></span> wozu es dienen solle, daß sie ein so schweres Dasein
+hatten, wenn unser Herr und Heiland der Herr der Welt war.</p>
+
+<p>Und nun sollte nie mehr die Sehnsucht kommen und ihn quälen. Man darf
+wohl glauben, daß er froh darüber war.</p>
+
+<p>Nun konnte er förmlich darüber lachen, wieviel Betrübnis er und unser
+Herr hatten erdulden und mit wie wenig sie sich hatten begnügen müssen.</p>
+
+<p>Einmal, als es ihnen so übel ergangen war, daß er gemeint hatte, es
+kaum länger ertragen zu können, hatte unser Herr ihn mit sich genommen
+und begonnen, einen hohen Berg hinanzusteigen, ohne ihm zu sagen, was
+sie dort oben zu tun hätten.</p>
+
+<p>Sie waren an den Städten vorübergewandert, die am Fuße des Berges
+lagen, und an den Schlössern, die höher oben waren. Sie waren über
+die Bauernhöfe und Sennhütten hinausgekommen, und sie hatten die
+Steingrotte des letzten Holzhauers hinter sich gelassen.</p>
+
+<p>Sie waren endlich dorthin gekommen, wo der Berg nackt, ohne Pflanzen
+und Bäume stand, und wo ein Eremit sich eine Hütte erbaut hatte, um in
+Not geratnen Wandersleuten beispringen zu können.</p>
+
+<p>Dann waren sie über die Schneefelder gegangen, wo die Murmeltiere
+schlafen, und hinauf zu den wilden, zusammengetürmten Eismassen
+gelangt, bis zu denen kaum ein Steinbock vordringen kann.</p>
+
+<p>Dort oben hatte unser Herr einen kleinen Vogel<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[203]</a></span> mit roter Brust
+gefunden, der erfroren auf dem Eise lag, und er hatte den kleinen
+Dompfaffen aufgehoben und eingesteckt. Und Sankt Petrus erinnerte sich,
+daß er neugierig gewesen war, ob dieser Vogel ihr Mittagbrot sein würde.</p>
+
+<p>Sie waren eine lange Strecke über die schlüpfrigen Eisstücke gewandert,
+und es wollte Sankt Peter bedünken, als wäre er dem Totenreiche nie
+so nah gewesen, denn ein todeskalter Wind und ein todesdunkler Nebel
+hüllten sie ein, und weit und breit fand sich nichts Lebendes. Und doch
+waren sie nicht höher gekommen, als bis zur Mitte des Berges. Da hatte
+er unsern Herrn gebeten, umkehren zu dürfen.</p>
+
+<p>„Noch nicht,“ sagte unser Herr, „denn ich will dir etwas weisen, was
+dir den Mut geben wird, alle Sorgen zu tragen.“</p>
+
+<p>Und sie waren durch Nebel und Kälte weiter gewandert, bis sie eine
+unendlich hohe Mauer erreicht hatten, die sie nicht weiterkommen ließ.</p>
+
+<p>„Diese Mauer geht rings um den Berg,“ sagte unser Herr, „und du kannst
+sie an keinem Punkte übersteigen. Auch kann kein Mensch etwas von
+dem erblicken, was dahinter liegt, denn hier ist es, wo das Paradies
+anfängt, und hier wohnen die seligen Toten den ganzen Berghang hinauf.“</p>
+
+<p>Da hatte der heilige Petrus es nicht lassen können, ein mißtrauisches
+Gesicht zu machen. „Dort drinnen ist nicht Dunkel und Kälte wie hier,“
+sagte unser Herr, „sondern dort ist grüner Sommer und<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[204]</a></span> heller Schein
+von Sonnen und Sternen.“ Aber Sankt Petrus vermochte ihm nicht zu
+glauben.</p>
+
+<p>Da nahm unser Herr den kleinen Vogel, den er vorhin auf dem Eisfelde
+gefunden hatte, und bog sich zurück und warf ihn über die Mauer, so daß
+er ins Paradies hineinfiel.</p>
+
+<p>Und gleich darauf hörte der heilige Petrus ein jubelndes, fröhliches
+Zwitschern und erkannte den Gesang eines Dompfaffen und verwunderte
+sich höchlich.</p>
+
+<p>Er wendete sich an unsern Herrn und sagte: „Laß uns wieder auf die Erde
+hinuntergehen und alles dulden, was erduldet werden muß, denn nun sehe
+ich, daß du wahr gesprochen hast, und daß es einen Ort gibt, wo das
+Leben den Tod überwindet.“</p>
+
+<p>Und sie waren den Berg hinuntergestiegen und hatten ihre Wandrung aufs
+neue begonnen.</p>
+
+<p>Dann hatte Sankt Petrus lange Jahre nichts mehr vom Paradiese gesehen,
+sondern war nur einher gegangen und hatte sich nach dem Lande hinter
+der Mauer gesehnt. Und jetzt war er endlich dort und brauchte sich
+nicht mehr zu sehnen, sondern konnte den ganzen Tag mit vollen Händen
+Freude aus niemals versiegenden Quellen schöpfen.</p>
+
+<p>Aber der heilige Petrus war kaum vierzehn Tage im Paradiese, als es
+geschah, daß ein Engel zu unserm Herrn kam, der auf seinem Stuhle saß,
+sich siebenmal vor ihm neigte und ihm sagte, es müsse ein schweres
+Unglück über Sankt Petrus gekommen sein. Er wolle weder essen und
+trinken, und seine<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[205]</a></span> Augen wären rotgerändert, als hätte er seit
+mehreren Nächten nicht geschlafen.</p>
+
+<p>Sobald unser Herr dies vernahm, erhob er sich und ging und suchte Sankt
+Petrus auf.</p>
+
+<p>Er fand ihn fern an der äußersten Grenze des Paradieses. Er lag auf dem
+Boden, als wäre er zu ermattet, um stehen zu können, und hatte seine
+Kleider zerrissen und Asche auf sein Haupt gestreut.</p>
+
+<p>Als unser Herr ihn so betrübt sah, setzte er sich neben ihm auf den
+Boden und sprach zu ihm, wie er getan hätte, wenn sie noch in der
+Betrübnis dieser Welt umhergewandert wären.</p>
+
+<p>„Was ist es, was dich so traurig macht, Sankt Petrus?“ fragte unser
+Herr. Aber der Schmerz übermannte Sankt Petrus so sehr, daß er nichts
+zu antworten vermochte.</p>
+
+<p>„Was ist es, was dich so traurig macht, Sankt Petrus?“ fragte unser
+Herr abermals. Als unser Herr die Frage wiederholte, nahm Sankt Petrus
+seine Goldkrone vom Kopfe und warf sie unserm Herrn zu Füßen, als
+wollte er sagen, daß er fürderhin keinen Teil mehr haben wolle an
+seiner Ehre und Herrlichkeit.</p>
+
+<p>Aber unser Herr begriff wohl, daß Sankt Petrus zu verzweifelt war, um
+zu wissen, was er tat, und so zeigte er ihm keinen Zorn. „Du mußt mir
+doch endlich sagen, was dich quält,“ sagte er ebenso sanftmütig wie
+zuvor und mit noch größrer Liebe in der Stimme.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[206]</a></span></p>
+
+<p>Jetzt aber sprang Sankt Petrus auf, und da sah unser Herr, daß er nicht
+nur betrübt war, sondern auch zornig.</p>
+
+<p>„Ich will Urlaub aus deinen Diensten haben,“ sagte Sankt Petrus. „Ich
+kann nicht einen Tag länger im Paradiese bleiben.“</p>
+
+<p>Aber unser Herr suchte ihn zu beschwichtigen, was er früher oft hatte
+tun müssen, wenn Sankt Petrus aufgebraust war.</p>
+
+<p>„Ich will dich wahrlich nicht hindern, zu gehen,“ sagte er, „aber erst
+mußt du mir sagen, was dir hier nicht gefällt.“</p>
+
+<p>„Ich kann dir sagen, daß ich mir bessern Lohn versprach, als wir beide
+drunten auf Erden jede Art Elend erduldeten,“ sagte Sankt Petrus. Unser
+Herr sah, daß Sankt Petrus Seele von Bitterkeit erfüllt war, und er
+fühlte keinen Groll gegen ihn.</p>
+
+<p>„Ich sage dir, daß du frei bist, zu ziehen, wohin du willst,“ sagte er,
+„wenn du mich nur wissen läßt, was dich betrübt.“</p>
+
+<p>Da endlich erzählte Sankt Petrus, warum er unglücklich war. „Ich hatte
+eine alte Mutter,“ sagte er, „und sie ist vor ein paar Tagen gestorben.“</p>
+
+<p>„Jetzt weiß ich, was dich quält,“ sagte unser Herr. „Du leidest, weil
+deine Mutter nicht hierher ins Paradies gekommen ist.“</p>
+
+<p>„So ist es,“ sagte Sankt Petrus, und zugleich überwältigte ihn der
+Schmerz so sehr, daß er zu jammern und zu schluchzen anfing.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[207]</a></span></p>
+
+<p>„Ich meine doch, ich hätte es wohl verdient, daß sie herkommen dürfte,“
+sagte er.</p>
+
+<p>Als aber unser Herr erfahren hatte, was es war, worüber der heilige
+Petrus trauerte, wurde er gleichfalls betrübt. Denn Sankt Petrus Mutter
+war nicht so gewesen, daß sie ins Himmelreich hätte kommen können.
+Sie hatte nie an etwas andres gedacht, als Geld zu sammeln; und armen
+Leuten, die vor ihre Türe gekommen waren, hatte sie niemals auch nur
+einen Groschen oder einen Bissen Brot gegeben. Aber unser Herr verstand
+es wohl: Sankt Petrus konnte es unmöglich wünschen, daß seine Mutter so
+geizig gewesen war, daß sie die Seligkeit nicht genießen konnte.</p>
+
+<p>„Sankt Petrus,“ sagte er, „woher weißt du, daß deine Mutter sich bei
+uns glücklich fühlen würde?“</p>
+
+<p>„Sieh, das sagst du nur, damit du mich nicht zu erhören brauchst,“
+sagte Sankt Petrus. „Wer sollte sich im Paradiese nicht glücklich
+fühlen?“</p>
+
+<p>„Wer nicht Freude über die Freude andrer fühlt, kann hier nicht
+glücklich sein,“ sagte unser Herr.</p>
+
+<p>„Dann sind noch andre hier als meine Mutter, die nicht hereinpassen,“
+sagte Sankt Petrus, und unser Herr merkte, daß er damit ihn im Sinne
+hatte.</p>
+
+<p>Und er war tief betrübt, weil Sankt Petrus von einem so schweren Kummer
+getroffen war, daß er nicht mehr wußte, was er sagte. Er blieb eine
+Weile stehen und wartete, ob Sankt Petrus nicht bereute und einsähe,
+daß seine Mutter nicht ins Paradies gehörte, aber der wollte gar nicht
+zu Vernunft kommen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[208]</a></span></p>
+
+<p>Da rief unser Herr einen Engel zu sich und befahl ihm, zur Hölle
+hinunter zu fahren und die Mutter des heiligen Petrus ins Paradies
+heraufzuholen.</p>
+
+<p>„Laß mich dann auch sehen, wie er sie herausholt,“ sagte Sankt Petrus.
+Unser Herr nahm Sankt Petrus an der Hand und führte ihn auf einen
+Felsen hinaus, der auf der einen Seite kerzengerade und jäh abfiel. Und
+er zeigte ihm, daß er sich nur ein klein wenig über den Rand zu beugen
+brauchte, um gerade in die Hölle hinunter zu sehen.</p>
+
+<p>Als Sankt Petrus hinunterschaute, konnte er im Anfang nicht mehr
+unterscheiden, als wenn er in einen Brunnen hinabgesehen hätte. Es
+war, als öffne sich ein unendlicher, schwarzer Schlund unter ihm. Das
+erste, was er undeutlich unterschied, war der Engel, der sich schon
+auf den Weg in den Abgrund gemacht hatte. Er sah, wie er ohne jede
+Furcht in das große Dunkel hinunter eilte und nur die Flügel ein wenig
+ausbreitete, um nicht zu heftig zu fallen.</p>
+
+<p>Aber als Sankt Petrus seine Augen ein bißchen daran gewöhnt hatte,
+fing er an, mehr und immer mehr zu sehen. Er begriff zunächst, daß das
+Paradies auf einem Ringberge lag, der eine weite Kluft einschloß, und
+in der Tiefe dieser Kluft hatten die Verdammten ihre Wohnstatt. Er
+sah, wie der Engel eine lange Weile fiel und fiel, ohne in die Tiefe
+hinunter zu kommen. Er war ganz erschrocken darüber, daß es ein so
+weiter Weg war.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[209]</a></span></p>
+
+<p>„Möchte er doch nur wieder mit meiner Mutter heraufkommen können,“
+sagte er.</p>
+
+<p>Unser Heiland blickte nur mit großen, traurigen Augen auf Sankt Petrus.
+„Es gibt keine Last, die mein Engel nicht heben könnte,“ sagte er.</p>
+
+<p>Es ging so tief hinein in den Abgrund, daß kein Sonnenstrahl dorthin
+dringen konnte, sondern schwarze Schatten dort herrschten. Aber nun war
+es, als hätte der Engel mit seinem Fluge ein wenig Klarheit und Licht
+hingebracht, so daß es Sankt Petrus möglich wurde, zu unterscheiden,
+wie es dort unten aussah.</p>
+
+<p>Da war eine unendliche, schwarze Felsenwüste, scharfe, spitzige Klippen
+deckten den ganzen Grund, und zwischen ihnen blinkten Tümpel von
+schwarzem Wasser. Kein grünes Hälmchen, kein Baum, kein Zeichen des
+Lebens fand sich da.</p>
+
+<p>Aber überall auf die scharfen Felsen waren die unseligen Toten
+hinaufgeklettert. Sie hingen über den Felsenspitzen, die sie in
+der Hoffnung erklettert hatten, sich aus der Kluft emporschwingen
+zu können, und als sie gesehen hatten, daß sie nirgend hinzukommen
+vermochten, waren sie dort oben verblieben, vor Verzweiflung
+versteinert.</p>
+
+<p>Sankt Petrus sah einige von ihnen sitzen oder liegen, die Arme
+in ewiger Sehnsucht ausgestreckt, die Augen unverwandt nach oben
+gerichtet. Andre hatten die Hände vors Gesicht geschlagen, wie um das
+hoffnungslose Grauen um sich nicht sehen zu müssen.<span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[210]</a></span> Sie waren alle
+reglos, keiner von ihnen bewegte sich. Manche lagen, ohne sich zu
+rühren, in den Wassertümpeln, ohne zu versuchen, herauszukommen.</p>
+
+<p>Das Entsetzlichste war, daß ihrer eine solche Menge waren. Es war, als
+bestünde der Grund der Kluft aus nichts anderm, als aus Leibern und
+Köpfen.</p>
+
+<p>Und Sankt Petrus ward von einer neuen Unruhe gepackt. „Du wirst sehen,
+er findet sie nicht,“ sagte er zu unserm Herrn.</p>
+
+<p>Unser Herr sah ihn nur mit demselben betrübten Blick an wie zuvor. Er
+wußte wohl, daß Sankt Petrus sich wegen des Engels nicht zu beunruhigen
+brauchte.</p>
+
+<p>Aber für Sankt Petrus hatte es noch immer den Anschein, als ob der
+Engel seine Mutter unter der großen Menge von Unseligen nicht gleich
+finden könnte. Er breitete die Flügel aus und schwebte über dem Abgrund
+hin und her, indes er sie suchte.</p>
+
+<p>Auf einmal gewahrte einer der unseligen Verdammten unten im Abgrunde
+den Engel. Und er sprang auf und streckte die Arme zu ihm empor und
+rief: „Nimm mich mit, nimm mich mit!“</p>
+
+<p>Da kam auf einmal Leben in die ganze Schar. Alle Millionen und
+Millionen, die unten in der Hölle verschmachteten, sprangen in
+demselben Augenblick auf und hoben ihre Arme und riefen den Engel an,
+er möchte sie hinauf zu dem seligen Paradiese führen.</p>
+
+<p>Ihre Schreie drangen bis zu unserm Herrn und Sankt Petrus hinauf, und
+ihre Herzen bebten vor Schmerz, als sie es hörten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[211]</a></span></p>
+
+<p>Der Engel hielt sich schwebend hoch über den Verdammten, aber wie er
+hin und her glitt, um die zu entdecken, die er suchte, stürmten sie
+alle ihm nach, daß es aussah, als würden sie von einer Windsbraut
+dahingefegt.</p>
+
+<p>Endlich hatte der Engel die erblickt, die er holen sollte. Er faltete
+die Flügel auf dem Rücken zusammen und schoß hinab wie ein Pfeil. Und
+Sankt Petrus schrie in frohem Erstaunen auf, als er ihn den Arm um
+seine Mutter schlingen und sie emporheben sah.</p>
+
+<p>„Selig seist du, der mir die Mutter zuführt!“ sagte er.</p>
+
+<p>Unser Herr legte seine Hand warnend auf des heiligen Petrus Schultern,
+als wollte er ihn abhalten sich zu früh der Freude hinzugeben.</p>
+
+<p>Aber Sankt Petrus war nahe daran, vor Glück zu weinen, weil seine
+Mutter gerettet war, und er konnte nicht verstehen, daß sie noch etwas
+trennen könnte. Und noch größere Freude bereitete es ihm, zu sehen,
+daß einige der Verdammten, so hurtig der Engel auch gewesen war, als
+er seine Mutter emporhob, doch noch behender waren, so daß sie sich
+an sie, die erlöst werden sollte, hängten, um zugleich mit ihr ins
+Paradies geführt zu werden.</p>
+
+<p>Es waren ihrer etwa ein Dutzend, die sich an die alte Frau gehängt
+hatten, und Sankt Petrus dachte, daß es eine große Ehre für seine
+Mutter wäre, so vielen Unglücklichen aus der Verdammnis zu helfen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[212]</a></span></p>
+
+<p>Der Engel tat auch nichts, um sie zu hindern. Er schien von der Bürde
+gar nicht beschwert, sondern stieg nur und stieg, und er regte die
+Schwingen nicht mühsamer, als wenn er ein totes Vögelchen zum Himmel
+getragen hätte.</p>
+
+<p>Aber da sah Sankt Petrus, wie seine Mutter anfing, die Unseligen von
+sich loszureißen, die an ihr festhingen. Sie packte ihre Hände und
+löste deren Griff, so daß einer nach dem andern hinuntertaumelte in die
+Hölle.</p>
+
+<p>Sankt Petrus konnte hören, wie sie baten und sie anflehten, aber die
+alte Frau schien es nicht dulden zu wollen, daß ein andrer außer ihr
+selbst selig werde. Sie machte sich von einem nach dem andern frei und
+ließ sie hinab ins Elend stürzen. Und wie sie stürzten, wurde der ganze
+Raum von Wehrufen und Verwünschungen erfüllt.</p>
+
+<p>Da rief Sankt Petrus und bat seine Mutter, sie solle doch
+Barmherzigkeit zeigen, aber sie wollte nichts hören, sondern fuhr fort,
+wie sie begonnen hatte.</p>
+
+<p>Und Sankt Petrus sah, wie der Engel immer langsamer und langsamer flog,
+je leichter seine Bürde wurde, und da wurde Sankt Petrus von solcher
+Angst gepackt, daß ihm seine Beine den Dienst versagten und er auf die
+Knie sinken mußte.</p>
+
+<p>Endlich war nur eine einzige übrig, die sich an Sankt Petrus Mutter
+festhielt. Es war eine junge Frau, die ihr am Halse hing und dicht an
+ihrem Ohr flehte und bat, sie möchte sie mit in das gesegnete<span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[213]</a></span> Paradies
+lassen. Da war der Engel mit seiner Bürde so weit gekommen, daß Sankt
+Petrus schon die Arme ausstreckte, um die Mutter zu empfangen. Es
+däuchte ihn, der Engel brauchte nur noch ein paar Flügelschläge zu
+machen, um oben auf dem Berge zu sein.</p>
+
+<p>Aber da hielt der Engel auf einmal die Schwingen ganz still, und sein
+Gesicht wurde düster wie die Nacht.</p>
+
+<p>Denn jetzt streckte die alte Frau die Hände nach rückwärts und ergriff
+die andre, die an ihrem Halse hing, bei den Armen und riß und zerrte,
+bis es ihr glückte, die verschlungenen Hände zu trennen, so daß sie
+auch von der letzten befreit wurde.</p>
+
+<p>Als die Unselige fiel, sank der Engel mehrere Klafter tiefer, und es
+sah aus, als vermöchte er nicht mehr, die Schwingen zu heben.</p>
+
+<p>Mit tief betrübten Blicken sah er auf die alte Frau hinunter, sein
+Griff um ihren Leib lockerte sich, und er ließ sie fallen, als sei sie
+eine allzuschwere Bürde für ihn, jetzt, da sie allein geblieben war.</p>
+
+<p>Dann schwang er sich mit einem einzigen Flügelschlage ins Paradies
+hinauf.</p>
+
+<p>Aber Sankt Petrus blieb lange auf derselben Stelle liegen und
+schluchzte, und unser Herr stand still neben ihm.</p>
+
+<p>„Sankt Petrus,“ sagte unser Herr endlich, „nimmer hätte ich geglaubt,
+daß du so weinen würdest, nachdem du ins Paradies gekommen warst.“</p>
+
+<p>Da erhob Gottes alter Diener sein Haupt und antwortete: „Was ist das
+für ein Paradies, wo ich<span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[214]</a></span> meiner Liebsten Jammer höre und meiner
+Mitmenschen Leiden sehe.“</p>
+
+<p>Aber unsres Herrn Angesicht verdüsterte sich in tiefstem Schmerze. „Was
+wollte ich lieber, als euch allen ein Paradies von eitel hellem Glück
+bereiten?“ sagte er. „Begreifst du nicht, daß ich um dessentwillen zu
+den Menschen hinunterging und sie lehrte, ihre Nächsten zu lieben wie
+sich selbst. Solange sie dies nicht tun, gibt es keine Freistatt, weder
+im Himmel noch auf Erden, wo Schmerz und Betrübnis sie nicht zu ereilen
+vermöchten.“</p>
+
+<div class="figcenter break-before">
+ <a id="p_214" name="p_214">
+ <img class="w8em mtop2 mbot3" src="images/p_214.jpg" alt="Schlussvignette Seite 214" /></a>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Die_Lichtflamme">Die Lichtflamme</h2>
+
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[217]</a></span></p>
+
+<div class="figcenter break-before">
+ <a id="p_217" name="p_217">
+ <img class="w20em mtop2 mbot3" src="images/p_217.jpg" alt="Kopfvignette Seite 217" /></a>
+</div>
+
+<h3 id="Lichtflamme_I">I</h3>
+
+<p>Vor vielen, vielen Jahren, als die Stadt Florenz sich vor ganz kurzer
+Zeit zur Republik gemacht hatte, lebte dort ein Mann, der Raniero di
+Ranieri hieß. Er war der Sohn eines Waffenschmieds und hatte seines
+Vaters Gewerbe erlernt, aber er übte es nicht sonderlich gern aus.</p>
+
+<p>Dieser Raniero war ein sehr starker Mann. Es hieß von ihm, daß er eine
+schwere Eisenrüstung ebenso leicht trüge wie ein andrer ein Seidenhemd.
+Er war ein noch junger Mann, aber er hatte schon viele Proben seiner
+Kraft gezeigt. Einmal war er in einem Hause gewesen, wo sie Korn
+auf den Dachboden gelegt hatten. Aber es war dort oben zu viel Korn
+aufgehäuft, und während Raniero sich in dem Hause befand, brach einer
+der Dachbalken, und das ganze Dach war im Begriff einzustürzen. Da
+waren alle fortgeeilt bis auf Raniero. Er hatte die Arme emporgereckt
+und sie gegen das Dach gestemmt, bis die Leute Balken und Pfähle geholt
+hatten, um es zu stützen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[218]</a></span></p>
+
+<p>Es hieß von Raniero auch, daß er der tapferste Mann wäre, den es
+jemals in Florenz gegeben hätte, und daß er am Kampfe niemals genug
+haben könnte. Sobald er von der Straße irgend einen Lärm hörte,
+stürzte er aus der Werkstatt, in der Hoffnung, daß eine Schlägerei
+entstanden sei, an der er teilnehmen könne. Wenn er nur vom Leder
+ziehen konnte, kämpfte er ebenso gern mit schlichten Landleuten, wie
+mit eisengepanzerten Rittern. Er stürzte sich wie ein Rasender in den
+Kampf, ohne seine Gegner zu zählen.</p>
+
+<p>Nun war Florenz zu dieser Zeit nicht besonders mächtig. Die Bevölkerung
+bestand zum größten Teil aus Wollspinnern und Tuchwebern, und diese
+begehrten nichts andres, als in Frieden ihre Arbeit zu verrichten. Es
+gab tüchtige Kerle genug, aber sie waren nicht kampflustig, sondern
+setzten eine Ehre darein, daß in ihrer Stadt bessere Ordnung herrsche
+als anderswo. Raniero klagte oft darüber, daß er nicht in einem Lande
+geboren war, wo ein König herrschte, der tapfere Männer um sich
+scharte, und er sagte, daß er in diesem Falle zu hohen Ehren und Würden
+gekommen wäre.</p>
+
+<p>Raniero war großsprecherisch und laut, grausam gegen Tiere, hart gegen
+seine Frau; es war nicht gut mit ihm leben. Er wäre ein schöner Mann
+gewesen, wenn er nicht quer über das Gesicht mehrere tiefe Narben
+gehabt hätte, die ihn entstellten. Er war rasch von Entschlüssen, und
+seine Art zu handeln war groß, wenn auch oft gewaltsam.</p>
+
+<p>Raniero war mit Francesca vermählt, die die<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[219]</a></span> Tochter Jacopo degli
+Ubertis war, eines weisen und mächtigen Mannes. Jacopo hatte sich
+nicht gern dazu verstanden, seine Tochter einem solchen Raufbold wie
+Raniero zu geben, sondern er hatte sich der Heirat so lange wie möglich
+widersetzt. Aber Francesca hatte ihn gezwungen, nachzugeben, indem sie
+sagte, sie würde niemals einen andern heiraten. Als Jacopo endlich
+seine Einwilligung gab, sagte er zu Raniero: „Ich glaube erfahren zu
+haben, daß Männer wie du die Liebe einer Frau leichter gewinnen als
+behalten, darum will ich dir ein Versprechen abnehmen: wenn meine
+Tochter bei dir ein so schweres Leben haben sollte, daß sie zu mir
+zurückkehren will, darfst du sie nicht daran hindern.“ Francesca sagte,
+es sei unnötig, ihm ein solches Versprechen abzunehmen, denn sie habe
+Raniero so lieb, daß nichts sie von ihm trennen könne. Aber Raniero gab
+das Versprechen sogleich. „Dessen kannst du sicher sein, Jacopo,“ sagte
+er, „daß ich nicht versuchen werde, ein Weib zurückzuhalten, das mir
+entfliehen will.“</p>
+
+<p>Francesca zog nun zu Raniero, und alles zwischen ihnen war gut. Als
+sie ein paar Wochen verheiratet waren, kam es Raniero in den Sinn,
+sich im Scheibenschießen zu üben. Er schoß ein paar Tage lang auf eine
+Tafel, die an einer Mauer hing. Er wurde bald sehr geschickt und traf
+jedesmal ins Schwarze. Schließlich wollte er jedoch versuchen, nach
+einem schwerern Ziel zu schießen. Er sah sich nach etwas Geeignetem um,
+entdeckte aber nichts außer einer Wachtel, die in einem Bauer über der
+Hoftür saß. Der Vogel gehörte<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[220]</a></span> Francesca, und sie hatte ihn sehr lieb,
+aber Raniero schickte gleichwohl einen Knecht hin, damit er den Käfig
+öffne, und schoß die Wachtel, als sie sich in die Luft schwang.</p>
+
+<p>Dies däuchte ihn ein guter Schuß, und er rühmte sich seiner vor jedem,
+der es hören wollte.</p>
+
+<p>Als Francesca erfuhr, daß Raniero ihren Vogel totgeschossen hatte,
+erblaßte sie und sah ihn groß an. Sie wunderte sich, daß er etwas hatte
+tun mögen, was ihr Schmerz verursachen mußte. Aber sie verzieh ihm
+sogleich und liebte ihn wie zuvor.</p>
+
+<p>Wieder ging eine Zeitlang alles gut.</p>
+
+<p>Ranieros Schwiegervater Jacopo war Leinenweber. Er hatte eine große
+Werkstatt, wo es viel zu tun gab. Raniero glaubte herausgefunden zu
+haben, daß in Jacopos Werkstatt Hanf in den Flachs gemischt werde, und
+behielt das nicht für sich, sondern sprach hier und dort in der ganzen
+Stadt davon. Endlich kam dieses Gerede auch Jacopo zu Ohren, und er
+suchte ihm sogleich ein Ende zu machen. Er ließ von mehreren andern
+Leinenwebern sein Garn und seine Gewebe untersuchen, und sie fanden,
+daß alles der feinste Flachs war. Nur in einem Packen, der außerhalb
+der Stadt Florenz verkauft werden sollte, fanden sie eine kleine
+Beimischung. Da sagte Jacopo, daß die Betrügerei ohne sein Wissen und
+seinen Willen von irgend einem seiner Gesellen begangen worden sein
+müsse. Er sah jedoch selber ein, daß es ihm schwer fallen würde, die
+Leute zu bewegen, dies zu glauben. Er hatte<span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[221]</a></span> immer im Rufe großer
+Redlichkeit gestanden und empfand es schwer, daß seine Ehre befleckt
+worden war.</p>
+
+<p>Raniero hingegen brüstete sich, daß es ihm gelungen war, einen Betrug
+zu entlarven, und prahlte damit, auch wenn Francesca es hörte.</p>
+
+<p>Sie fühlte großen Kummer und zugleich große Verwundrung, wie damals,
+als er den Vogel totschoß. Während sie noch daran dachte, war es ihr
+plötzlich, als sähe sie ihre Liebe vor sich, und sie war wie ein großes
+Stück leuchtenden Goldstoffes. Sie konnte sehen, wie groß die Liebe
+war und wie schimmernd. Aber aus der einen Ecke war ein Zipfelchen
+fortgeschnitten, so daß sie nicht mehr so groß und herrlich war, wie
+anfangs.</p>
+
+<p>Immerhin war sie noch so wenig beschädigt, daß Francesca dachte: Sie
+wird schon so lange reichen, wie ich lebe. Sie ist so groß, daß sie nie
+ein Ende nehmen kann.</p>
+
+<p>Wieder verging eine Zeit, in der sie und Raniero ebenso glücklich
+waren, wie zu Anfang.</p>
+
+<p>Francesca hatte einen Bruder, der Taddeo hieß. Der war auf einer
+Geschäftsreise in Venedig gewesen, und dort hatte er sich Kleider aus
+Samt und Seide gekauft. Als er heimkam, ging er herum und prahlte
+damit, aber in Florenz war es nicht der Brauch, kostbar gekleidet zu
+gehen, so daß ihrer viele waren, die sich darüber lustig machten.</p>
+
+<p>Eines Nachts waren Taddeo und Raniero in einer Weinschenke. Taddeo
+hatte einen grünen Mantel mit Zobelfutter und ein violettes Wams an.
+Raniero<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[222]</a></span> verlockte ihn nun, so viel Wein zu trinken, daß er einschlief,
+dann nahm er ihm seinen Mantel ab und hängte ihn einer Vogelscheuche
+um, die in einem Kohlbeet stand.</p>
+
+<p>Als Francesca dies erfuhr, grollte sie Raniero wieder. Und zu gleicher
+Zeit sah sie das große Stück Goldstoff vor sich, das ihre Liebe war,
+und sie vermeinte zu sehen, wie es kleiner wurde, weil Raniero Stück
+für Stück abschnitt.</p>
+
+<p>Darnach wurde es zwischen ihnen wieder für eine Zeit gut, aber
+Francesca war nicht mehr so glücklich wie zuvor, weil sie immer
+erwartete, Raniero würde eine Tat begehen, die ihrer Liebe schaden
+könnte.</p>
+
+<p>Das ließ auch nicht lange auf sich warten, denn Raniero konnte sich
+nicht lange ruhig verhalten. Er wollte, daß die Menschen immer von ihm
+sprächen und seinen Mut und seine Unerschrockenheit rühmten.</p>
+
+<p>An der Domkirche, die damals in Florenz stand und die viel kleiner war
+als die jetzige, hing hoch oben auf dem einen Turm ein großer, schwerer
+Schild; der war von einem der Vorfahren Francescas dort aufgehängt
+worden. Es soll der schwerste Schild gewesen sein, den ein Mann in
+Florenz zu tragen vermochte, und das ganze Geschlecht der Uberti war
+stolz darauf, daß einer von den ihren es vermocht hatte, den Turm zu
+erklettern und ihn dort aufzuhängen.</p>
+
+<p>Aber nun klomm Raniero eines Tages zu dem Schilde hinauf, hängte ihn
+sich auf den Rücken und kam damit herunter.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[223]</a></span></p>
+
+<p>Als Francesca dies vernahm, sprach sie zum ersten Male mit Raniero
+darüber, was sie quälte, und bat ihn, er solle nicht versuchen,
+solchermaßen den Stamm zu demütigen, dem sie angehörte. Raniero, der
+erwartet hatte, daß sie ihn ob seiner Heldentat rühmen würde, wurde
+sehr zornig. Er sagte, er merke schon lange, daß sie sich seiner
+Erfolge nicht freue, sondern nur an ihr eignes Geschlecht denke. —
+„Ich denke an etwas andres,“ sagte Francesca, „das ist meine Liebe. Ich
+weiß nicht, wie es ihr ergehen soll, wenn du so fortfährst.“</p>
+
+<p>Von da ab wechselten sie oftmals böse Worte, denn es zeigte sich, daß
+Raniero fast immer gerade das tat, was Francesca am wenigsten ertragen
+konnte.</p>
+
+<p>Es gab in Ranieros Werkstatt einen Gesellen, der klein und hinkend war.
+Dieser Bursche hatte Francesca geliebt, bevor sie sich verheiratete,
+und er fuhr auch nach ihrer Heirat fort, sie zu lieben. Raniero, der
+darum wußte, ließ es sich angelegen sein, ihn zu hänseln, zumal wenn
+sie bei Tische saßen. Es kam schließlich dazu, daß sich dieser Mann,
+der es nicht ertragen konnte, in Francescas Gegenwart zum Gespött
+gemacht zu werden, einmal auf Raniero stürzte und mit ihm kämpfen
+wollte. Aber Raniero hohnlachte nur und stieß ihn beiseite. Da wollte
+der Arme nicht länger leben, sondern ging hin und erhenkte sich.</p>
+
+<p>Als dies geschah, waren Raniero und Francesca ungefähr ein Jahr
+verheiratet. Francesca däuchte es noch immer, daß sie ihre Liebe als
+ein schimmerndes<span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[224]</a></span> Stück Stoff vor sich sah, aber auf allen Seiten waren
+große Stücke weggeschnitten, so daß es kaum halb so groß war, als es
+anfangs gewesen war.</p>
+
+<p>Sie erschrak sehr, als sie dies sah, und dachte: Bleibe ich noch ein
+Jahr bei Raniero, so wird er meine Liebe zerstört haben. Ich werde
+ebenso arm sein, wie ich bisher reich gewesen bin.</p>
+
+<p>Da entschloß sie sich, Ranieros Haus zu verlassen und zu ihrem Vater zu
+gehen und bei ihm zu leben. Auf daß nicht einmal der Tag käme, an dem
+sie Raniero ebensosehr haßte, wie sie ihn jetzt liebte!</p>
+
+<p>Jacopo degli Uberti saß an seinem Webstuhl, und alle seine Gesellen
+arbeiteten um ihn her, als er sie kommen sah. Er sagte, nun sei
+das eingetroffen, was er schon lange erwartet hätte, und hieß sie
+willkommen. Er ließ seine Leute sogleich die Arbeit unterbrechen und
+befahl ihnen, sich zu bewaffnen und das Haus zu verschließen.</p>
+
+<p>Dann begab sich Jacopo zu Raniero. Er traf ihn in der Werkstatt. „Meine
+Tochter ist heute zu mir zurückgekehrt und hat mich gebeten, wieder
+unter meinem Dache leben zu dürfen,“ sagte er zu seinem Eidam. „Und
+jetzt erwarte ich, daß du sie nicht zwingst, zu dir zurückzukehren,
+getreu dem Versprechen, das du mir gegeben hast.“</p>
+
+<p>Raniero schien das nicht sehr ernst zu nehmen, sondern antwortete
+gleichmütig: „Auch wenn ich dir kein Versprechen gegeben hätte, würde
+ich nicht ver<span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225">[225]</a></span>langen, eine Frau zurückzubekommen, die mir nicht
+angehören will.“</p>
+
+<p>Er wußte, wie sehr Francesca ihn liebte, und sagte zu sich selbst: Ehe
+der Abend anbricht, ist sie wieder bei mir.</p>
+
+<p>Sie ließ sich jedoch weder an diesem Tage noch am folgenden blicken.</p>
+
+<p>Am dritten Tage zog Raniero aus und verfolgte ein paar Räuber, die die
+florentinischen Kaufleute seit lange beunruhigt hatten. Es gelang ihm,
+sie zu überwinden, und er brachte sie als Gefangene nach Florenz.</p>
+
+<p>Ein paar Tage verhielt er sich still, bis er gewiß sein konnte, daß
+diese Heldentat in der ganzen Stadt bekannt wäre. Es kam aber nicht
+so, wie er erwartet hatte und auch dies führte Francesca nicht zu ihm
+zurück.</p>
+
+<p>Raniero hätte nun die größte Lust gehabt, sie durch Gesetz und Recht
+zu zwingen, zu ihm zurückzukehren, aber er glaubte, daß er dies seines
+Versprechens wegen nicht tun könne. Es däuchte ihn aber unmöglich, in
+derselben Stadt mit einer Frau zu leben, die ihn verlassen hatte, und
+er zog von Florenz fort.</p>
+
+<p>Er wurde zuerst Söldner, und gar bald machte er sich zum Anführer einer
+Freischar. Er war immer im Kriege und diente vielen Herren.</p>
+
+<p>Er gewann viel Ehre als Krieger, wie er von jeher vorausgesagt hatte.
+Er wurde vom Kaiser zum Ritter geschlagen und wurde zu den mächtigen
+Männern gezählt.</p>
+
+<p>Bevor er Florenz verließ, hatte er vor einem<span class="pagenum"><a name="Seite_226" id="Seite_226">[226]</a></span> heiligen Madonnenbild in
+der Domkirche das Gelöbnis abgelegt, der heiligen Jungfrau das beste
+und vornehmste zu schenken, was er in jedem Kampf erbeuten würde. Vor
+diesem Bilde sah man immer kostbare Gaben, die von Raniero gespendet
+waren.</p>
+
+<p>Raniero wußte also, daß alle seine Heldentaten in seiner Geburtsstadt
+bekannt waren. Er wunderte sich sehr, daß Francesca degli Uberti nicht
+zu ihm zurückkam, obgleich sie alle seine Erfolge kannte.</p>
+
+<p>Um diese Zeit wurde zu einem Kreuzzug zur Befreiung des Heiligen Grabes
+gepredigt, und Raniero nahm das Kreuz und zog ins Morgenland. Denn
+einmal erwartete er, daß er dort Schlösser und Land gewinnen würde, um
+darüber zu regieren, und dann dachte er, daß er dadurch in die Lage
+käme, so glänzende Heldentaten zu vollbringen, daß sein Weib ihn wieder
+lieb gewänne und zu ihm zurückkehrte.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Lichtflamme_II" class="mtop2">II</h3>
+
+</div>
+
+<p>In der Nacht nach dem Tage, an dem Jerusalem erobert worden war,
+herrschte in dem Lager der Kreuzfahrer vor der Stadt große Freude. Fast
+in jedem Zelte wurden Trinkgelage abgehalten, und das Lachen und Lärmen
+wurde weit im Umkreise gehört.</p>
+
+<p>Raniero di Ranieri saß mit einigen Kampfgenossen beim Weine, und bei
+ihm ging es fast noch wilder zu als sonst irgendwo. Die Knappen hatten
+die Becher kaum gefüllt, als sie auch schon wieder leer waren.<span class="pagenum"><a name="Seite_227" id="Seite_227">[227]</a></span> Aber
+Raniero hatte auch die meiste Ursache, ein großes Fest zu feiern, denn
+er hatte an diesem Tage höhere Ehre gewonnen denn je zuvor. Am Morgen,
+als die Stadt gestürmt wurde, war er nächst Gottfried von Bouillon der
+erste gewesen, der die Mauern erstiegen hatte, und am Abend war er für
+seine Tapferkeit vor dem ganzen Heere geehrt worden.</p>
+
+<p>Als das Plündern und Morden ein Ende genommen hatte und die Kreuzfahrer
+in Büßermänteln mit unentzündeten Wachskerzen in den Händen in die
+heilige Grabeskirche eingezogen waren, war ihm nämlich von Gottfried
+verkündet worden, daß er der erste sein solle, der seine Kerze an den
+heiligen Flammen entzünden dürfe, die vor Christi Grab brennen. Es
+däuchte Raniero, daß Gottfried ihm damit zeigen wolle, daß er ihn für
+den Tapfersten im ganzen Heere ansehe; und er freute sich sehr über die
+Art, wie er für seine Heldentaten belohnt worden war.</p>
+
+<p>Bei einbrechender Nacht, als Raniero und seine Gäste in bester Laune
+waren, kamen ein Narr und ein paar Spielleute, die überall im Lager
+umhergewandert waren und alle mit ihren Einfällen ergötzt hatten,
+in Ranieros Zelt, und der Narr bat um die Erlaubnis, ein spaßhaftes
+Abenteuer erzählen zu dürfen.</p>
+
+<p>Raniero wußte, daß dieser Narr im Rufe großer Lustigkeit stand, und
+versprach seiner Erzählung Gehör zu schenken.</p>
+
+<p>„Es begab sich einmal,“ sagte der Narr, „daß unser Herr und der
+heilige Petrus einen ganzen Tag<span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">[228]</a></span> auf dem höchsten Turme der Burg des
+Paradieses gesessen und auf die Erde hinuntergesehen hatten. Sie hatten
+so viel anzugucken gehabt, daß sie kaum Zeit gefunden hatten, ein Wort
+miteinander zu wechseln. Unser Herr hatte sich die ganze Zeit still
+verhalten, aber der heilige Petrus hatte bald vor Freude in die Hände
+geklatscht und bald wieder den Kopf mit Abscheu abgewendet. Bald hatte
+er gelächelt und gejubelt, und bald hatte er geweint und gejammert.
+Endlich, als der Tag zur Neige ging und die Abenddämmerung sich auf
+das Paradies senkte, wendete sich unser Heiland an den heiligen Petrus
+und sagte, nun müsse er wohl froh und zufrieden sein. ‚Womit sollte
+ich wohl zufrieden sein?‘ fragte da Sankt Petrus in heftigem Tone. —
+‚Je nun,‘ sagte unser Herr sanftmütig, ‚ich glaubte, du würdest mit
+dem, was du heute gesehen hast, zufrieden sein.‘ — Aber der heilige
+Petrus wollte sich nicht besänftigen lassen. — ‚Es ist ja wahr,‘ sagte
+er, ‚daß ich so manches liebe Jahr darüber geklagt habe, daß Jerusalem
+in der Gewalt der Ungläubigen ist, aber nach allem, was sich heute
+zugetragen hat, meine ich, daß es ebensogut hätte bleiben können, wie
+es war‘.“</p>
+
+<p>Raniero begriff nun, daß der Narr davon sprach, was im Laufe des Tages
+geschehen war. Er und die andern Ritter begannen nun mit größerer
+Teilnahme zuzuhören als im Anfang.</p>
+
+<p>„Als der heilige Petrus dies gesagt hatte,“ fuhr der Narr fort, indem
+er einen pfiffigen Blick auf die<span class="pagenum"><a name="Seite_229" id="Seite_229">[229]</a></span> Ritter warf, „beugte er sich über die
+Zinnen des Turmes und wies zur Erde hinunter. Er zeigte unserm Herrn
+eine Stadt, die auf einem großen einsamen Felsen lag, der aus einem
+Gebirgstal aufragte. ‚Siehst du diese Leichenhaufen?‘ sagte er, ‚und
+siehst du das Blut, das über die Straßen strömt, und siehst du die
+nackten elenden Gefangnen, die in der Nachtkälte jammern, und siehst
+du alle die rauchenden Brandstätten?‘ Unser Herr schien ihm nichts
+erwidern zu wollen, und der heilige Petrus fuhr mit seinem Gejammer
+fort. Er sagte, wohl habe er dieser Stadt oft gezürnt, aber so übel
+habe er ihr doch nicht gewollt, daß es dort einmal so aussehen solle.
+Da endlich antwortete unser Herr und versuchte einen Einwand. — ‚Du
+kannst doch nicht leugnen, daß die christlichen Ritter ihr Leben mit
+der größten Unerschrockenheit gewagt haben,‘ sagte er.“</p>
+
+<p>Hier wurde der Narr von Beifallsrufen unterbrochen, aber er beeilte
+sich fortzufahren.</p>
+
+<p>„Nein, stört mich nicht,“ bat er. „Jetzt weiß ich nicht mehr, wo ich
+geblieben war. Ja, richtig, ich wollte eben sagen, daß der heilige
+Petrus sich ein paar Tränen wegwischte, die ihm in die Augen getreten
+waren und ihn am Sehen hinderten. ‚Nie hätte ich geglaubt, daß sie
+solche wilde Tiere sein würden,‘ sagte er. ‚Sie haben ja den ganzen
+Tag gemordet und geplündert. Ich verstehe gar nicht, daß du es dir
+beifallen lassen konntest, dich kreuzigen zu lassen, um dir solche
+Bekenner zu schaffen.‘“</p>
+
+<p>Die Ritter nahmen den Scherz gut auf. Sie<span class="pagenum"><a name="Seite_230" id="Seite_230">[230]</a></span> begannen laut und fröhlich
+zu lachen. „Was, Narr, der heilige Petrus ist wirklich so böse auf
+uns?“ rief einer von ihnen.</p>
+
+<p>„Sei jetzt still und laß uns hören, ob unser Herr uns nicht in Schutz
+genommen hat!“ fiel ein andrer ein.</p>
+
+<p>„Nein, unser Herr schwieg fürs erste still,“ sagte der Narr. „Er wußte
+von altersher: wenn Sankt Petrus so recht in Eifer gekommen war, war es
+vergebliche Mühe, ihm zu widersprechen. Er eiferte weiter und sagte,
+unser Herr möge nicht einwenden, daß sie sich schließlich doch erinnert
+hätten, in welche Stadt sie gekommen waren, und auf bloßen Füßen im
+Büßergewand in die Kirche gegangen wären. Diese Andacht hätte ja gar
+nicht so lange gedauert, daß es überhaupt lohnte, davon zu sprechen.
+Und dann beugte er sich noch einmal über die Brüstung hinaus und wies
+auf Jerusalem hinunter. Er deutete auf das Lager der Christen davor.
+‚Siehst du, wie deine Ritter ihren Sieg feiern?‘ fragte er. Und unser
+Herr sah, daß überall im Lager Trinkgelage gefeiert wurden. Ritter und
+Knechte saßen da und sahen syrischen Tänzerinnen zu. Gefüllte Becher
+kreisten, man würfelte um die Kriegsbeute, und — —“</p>
+
+<p>„Man hörte Narren an, die alberne Geschichten erzählten,“ fiel Raniero
+ein. „War das nicht auch eine große Sünde?“</p>
+
+<p>Der Narr lachte und nickte Raniero zu, als wollte er sagen: Na, warte
+nur, ich zahl dir's schon heim.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_231" id="Seite_231">[231]</a></span></p>
+
+<p>„Nein, unterbrecht mich nicht,“ bat er abermals, „ein armer Narr
+vergißt so leicht, was er sagen wollte. Ja, richtig, der heilige
+Petrus fragte unsern Herrn mit der strengsten Stimme, ob er meine, daß
+ihm dieses Volk große Ehre mache. Darauf mußte unser Herr natürlich
+antworten, daß er das nicht meine. ‚Sie waren Räuber und Mörder, ehe
+sie von daheim auszogen,‘ sagte Sankt Petrus, ‚und Räuber und Mörder
+sind sie auch heute noch. Dieses Unternehmen hättest du ebensogut
+ungeschehen lassen können. Es kommt nichts Gutes dabei heraus‘.“</p>
+
+<p>„Na, na, Narr!“ sagte Raniero mit warnender Stimme.</p>
+
+<p>Aber der Narr schien eine Ehre darein zu setzen, zu probieren, wie weit
+er gehen könne, ohne daß jemand aufspränge und ihn hinauswürfe, und er
+fuhr unerschrocken fort:</p>
+
+<p>„Unser Herr neigte nur den Kopf wie einer, der zugesteht, daß er
+gerecht gestraft wird. Aber beinahe in demselben Augenblick beugte er
+sich eifrig vor und sah mit noch größerer Aufmerksamkeit als vorher
+hinunter. Da guckte Sankt Petrus ebenfalls hin. ‚Wonach blickst du denn
+aus?‘ fragte er.“</p>
+
+<p>Der Narr erzählte dies mit sehr lebhaftem Mienenspiel. Alle Ritter
+sahen sowohl unsern Herrn als auch Sankt Petrus vor Augen, und sie
+waren begierig was es wohl sein mochte, was unser Herr erblickt haben
+sollte.</p>
+
+<p>„Unser Herr antwortete, es sei nichts besonders“, sagte der Narr,
+„aber er ließ auf jeden<span class="pagenum"><a name="Seite_232" id="Seite_232">[232]</a></span> Fall nicht davon ab, hinabzublicken. Sankt
+Petrus folgte der Richtung der Blicke unsres Herrn, und er konnte
+nichts andres finden, als daß unser Herr dasaß und in ein großes Zelt
+hinuntersah, vor dem ein paar Sarazenenköpfe auf lange Lanzen gespießt
+waren, und wo eine Menge prächtiger Teppiche, goldner Tischgefäße
+und kostbarer Waffen, die in der heiligen Stadt erbeutet waren,
+aufgestapelt lagen. In diesem Zelte ging es ebenso zu wie sonst überall
+im Lager. Da saß eine Schar Ritter und leerte die Becher. Der einzige
+Unterschied mochte sein, daß hier noch mehr gelärmt und gezecht wurde
+als an irgend einem andern Orte. Der heilige Petrus konnte nicht
+verstehen, warum unser Herr, als er dorthin blickte, so vergnügt war,
+daß ihm die Freude förmlich aus den Augen leuchtete. So viele strenge
+und furchtbare Gesichter, wie er dort erblickte, glaubte er kaum je
+um einen Zechtisch versammelt gesehen zu haben. Und der Wirt bei dem
+Gastmahl, der am obern Tischende saß, war der entsetzlichste von allen.
+Es war ein etwa fünfunddreißigjähriger Mann, furchtbar groß und grob,
+mit einem roten Gesicht, das von Narben und Schrammen durchkreuzt war,
+mit harten Fäusten und einer starken, polternden Stimme.“</p>
+
+<p>Hier hielt der Narr einen Augenblick inne, als fürchte er,
+weiterzugehen, aber Raniero und den andern machte es Spaß, von sich
+selbst sprechen zu hören, und sie lachten nur über seine Dreistigkeit.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_233" id="Seite_233">[233]</a></span></p>
+
+<p>„Du bist ein kecker Bursche,“ sagte Raniero, „laß uns nun sehen, wo du
+hinaus willst!“</p>
+
+<p>„Endlich,“ fuhr der Narr fort, „sagte unser Herr ein paar Worte, aus
+denen Sankt Petrus erriet, was der Grund seiner Freude war. Er fragte
+Sankt Petrus, ob er fehl sähe oder ob es wirklich so wäre, daß einer
+der Ritter ein brennendes Licht neben sich hätte.“</p>
+
+<p>Raniero zuckte bei diesen Worten zusammen. Erst jetzt wurde er böse
+auf den Narren und streckte die Hand nach einem schweren Trinkhumpen
+aus, um ihn ihm ins Gesicht zu schleudern, aber er bezwang sich, um zu
+hören, ob der Bursche zu seiner Ehre oder zu seiner Schande sprechen
+wollte.</p>
+
+<p>„Sankt Petrus sah nun,“ erzählte der Narr, „daß das Zelt im übrigen
+zwar mit Fackeln beleuchtet war, daß aber einer der Ritter wirklich
+eine brennende Wachskerze neben sich stehen hatte. Es war eine große
+dicke Kerze, eine Kerze, die bestimmt war, einen ganzen Tag und eine
+ganze Nacht zu brennen. Der Ritter, der keinen Leuchter hatte, worein
+er sie hätte stecken können, hatte eine ganze Menge Steine ringsherum
+aufgehäuft, damit das Licht stehen könnte.“</p>
+
+<p>Die Tischgesellschaft brach bei diesen Worten in lautes Gelächter aus.
+Alle wiesen auf ein Licht, das neben Raniero auf dem Tische stand und
+ganz so aussah, wie der Narr es beschrieben hatte. Aber Raniero stieg
+das Blut zu Kopfe, denn dies war das Licht, das er vor ein paar Stunden
+am heiligen Grabe hatte<span class="pagenum"><a name="Seite_234" id="Seite_234">[234]</a></span> anzünden dürfen. Er hatte es nicht über sich
+gebracht, es auszulöschen.</p>
+
+<p>„Als der heilige Petrus dieses Licht sah,“ sagte der Narr, „wurde es
+ihm freilich klar, woran unser Herr seine Freude gehabt hatte, aber
+zugleich konnte er es nicht lassen, ihn ein wenig zu bemitleiden.
+‚Jaso,‘ sagte er, ‚das ist der Ritter, der heute morgen hinter Herrn
+Gottfried von Bouillon auf die Mauer sprang und am Abend sein Licht vor
+allen andern am heiligen Grabe anzünden durfte.‘ — ‚Ja, so ist es,‘
+sagte unser Herr, ‚und wie du siehst, hat er sein Licht noch brennen.‘“</p>
+
+<p>Der Narr sprach jetzt sehr rasch, während er ab und zu einen lauernden
+Blick auf Raniero warf: „Der heilige Petrus konnte es noch immer nicht
+lassen, unsern Herrn ein ganz klein wenig zu bemitleiden. ‚Verstehst du
+denn nicht, warum er dieses Licht brennen hat?‘ sagte er. ‚Du glaubst
+wohl, daß er an deine Qual und deinen Tod denke, wenn er es sieht. Aber
+er denkt an nichts anderes, als an den Ruhm, den er errang, als er als
+der Tapferste im ganzen Heere nach Gottfried von Bouillon anerkannt
+wurde.‘“</p>
+
+<p>Bei diesen Worten lachten alle Gäste Ranieros. Raniero war sehr zornig,
+aber er zwang sich, gleichfalls zu lachen. Er wußte, daß alle es
+lächerlich gefunden hätten, wenn er nicht ein bißchen Spaß vertragen
+hätte.</p>
+
+<p>„Aber unser Herr widersprach dem heiligen Petrus,“ sagte der Narr.
+„‚Siehst du nicht, wie ängstlich er um das Licht besorgt ist?‘ fragte
+er. ‚Er hält<span class="pagenum"><a name="Seite_235" id="Seite_235">[235]</a></span> die Hand vor die Flamme, sobald jemand das Zelttuch
+lüftet, aus Furcht, daß die Zugluft es ausblasen könnte. Und er hat
+vollauf damit zu tun, die Nachtschmetterlinge zu verscheuchen, die
+herumfliegen und es zu verlöschen drohen.‘“</p>
+
+<p>Es wurde immer herzlicher gelacht, denn was der Narr sagte, war die
+reine Wahrheit. Raniero fiel es immer schwerer, sich zu beherrschen. Es
+war ihm, als könne er es nicht ertragen, daß jemand mit der heiligen
+Lichtflamme seinen Scherz trieb.</p>
+
+<p>„Der heilige Petrus war jedoch mißtrauisch,“ fuhr der Narr fort. „Er
+fragte unseren Herrn, ob er diesen Ritter kenne. ‚Er ist nicht gerade
+einer, der häufig zur Messe ginge oder den Betschemel abnützte,‘ sagte
+er. Aber unser Herr ließ sich von seiner Meinung nicht abbringen.
+‚Sankt Petrus, Sankt Petrus!‘ sagte er feierlich. ‚Merke dir, daß der
+Ritter hier fortan frommer werden wird als Gottfried! Von wo gehen
+Milde und Frömmigkeit aus, wenn nicht von meinem Grabe? Du wirst
+Raniero di Ranieri Witwen und notleidenden Gefangnen zu Hilfe kommen
+sehen. Du wirst sehen, wie er Kranke und Betrübte in seine Hut nimmt,
+so wie er jetzt die heilige Lichtflamme hütet.‘“</p>
+
+<p>Darüber erhob sich ein ungeheures Gelächter. Es däuchte alle, die
+Ranieros Laune und Leben kannten, sehr spaßhaft. Aber ihm selbst waren
+der Scherz und das Gelächter ganz unleidlich. Er sprang auf und wollte
+den Narren zurechtweisen. Dabei stieß er so<span class="pagenum"><a name="Seite_236" id="Seite_236">[236]</a></span> heftig an den Tisch, der
+nichts andres war als eine auf lose Böcke gelegte Tür, daß er wackelte
+und das Licht umfiel. Es zeigte sich nun, wie sehr es Raniero am Herzen
+lag, das Licht brennend zu erhalten. Er dämpfte seinen Groll und nahm
+sich Zeit, das Licht aufzuheben und die Flamme anzufachen, bevor er
+sich auf den Narren stürzte. Aber als er mit dem Lichte fertig war, war
+der Narr schon aus dem Zelte geeilt, und Raniero sah ein, daß es nicht
+der Mühe lohne, ihn im nächtlichen Dunkel zu verfolgen. Ich treffe ihn
+wohl noch ein andermal, dachte er und setzte sich wieder.</p>
+
+<p>Die Tischgäste hatten inzwischen weidlich gelacht, und einer von ihnen
+wollte den Spaß fortsetzen und wendete sich an Raniero. „Eins steht
+aber fest, Raniero, und das ist, daß du diesmal der Madonna in Florenz
+nicht das Kostbarste schicken kannst, was du im Kampfe errungen hast,“
+sagte er.</p>
+
+<p>Raniero fragte, warum er glaube, daß er diesmal seinem alten Brauche
+nicht treu bleiben würde.</p>
+
+<p>„Aus keinem anderen Grunde,“ sagte der Ritter, „als weil das
+Kostbarste, was du errungen hast, diese Lichtflamme ist, die du
+angesichts des ganzen Heeres in der heiligen Grabeskirche entzünden
+durftest. Und die nach Florenz zu schicken, wirst du wohl nicht
+imstande sein.“</p>
+
+<p>Wieder lachten die anderen Ritter, aber Raniero war jetzt in einer
+Laune, daß er das Verwegenste unternommen hätte, nur um ihrem Gelächter
+ein Ende zu machen. Er faßte rasch seinen Entschluß, rief einen<span class="pagenum"><a name="Seite_237" id="Seite_237">[237]</a></span> alten
+Waffenträger zu sich und sagte zu ihm: „Mache dich zu langer Fahrt
+bereit, Giovanni! Morgen sollst du mit dieser heiligen Lichtflamme nach
+Florenz ziehen.“</p>
+
+<p>Aber der Waffenträger weigerte sich schlankweg, diesen Befehl
+auszuführen. „Dies ist etwas, was ich nicht auf mich nehmen will,“
+sagte er. „Wie sollte es möglich sein, mit einer Lichtflamme nach
+Florenz zu reiten? Sie würde erlöschen, ehe ich noch das Lager
+verlasse.“</p>
+
+<p>Raniero fragte einen seiner Mannen nach dem andern. Er erhielt von
+allen dieselbe Antwort. Sie schienen seinen Befehl kaum ernst zu nehmen.</p>
+
+<p>Natürlich lachten die fremden Ritter, die seine Gäste waren, immer
+lauter und fröhlicher, je deutlicher es sich zeigte, daß keiner von den
+Mannen Ranieros Befehl ausführen wollte.</p>
+
+<p>Raniero geriet in immer größere Erregung. Schließlich verlor er die
+Geduld und rief: „Diese Lichtflamme wird dennoch nach Florenz gebracht
+werden, und da kein andrer damit hinreiten will, werde ich es selbst
+tun.“</p>
+
+<p>„Bedenke dich, bevor du so etwas versprichst!“ sagte ein Ritter. „Du
+reitest von einem Fürstentum fort!“</p>
+
+<p>„Ich schwöre euch, daß ich diese Lichtflamme nach Florenz bringen
+werde!“ rief Raniero. „Ich werde tun, was kein anderer auf sich nehmen
+wollte.“</p>
+
+<p>Der alte Waffenträger verteidigte sich: „Herr, für dich ist es ein
+ander Ding. Du kannst ein großes<span class="pagenum"><a name="Seite_238" id="Seite_238">[238]</a></span> Gefolge mitnehmen, aber mich wolltest
+du allein ausschicken.“</p>
+
+<p>Raniero jedoch war ganz außer sich und überlegte seine Worte nicht.
+„Ich werde auch allein ziehen,“ sagte er.</p>
+
+<p>Aber damit hatte Raniero sein Ziel erreicht. Alle im Zelte hatten zu
+lachen aufgehört. Sie saßen erschrocken da und starrten ihn an.</p>
+
+<p>„Warum lacht ihr nicht mehr?“ fragte Raniero. „Für einen tapfern Mann
+ist dies Beginnen wohl für nichts mehr zu achten als ein Kinderspiel.“</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Lichtflamme_III" class="mtop2">III</h3>
+
+</div>
+
+<p>Am nächsten Morgen, bei Tagesgrauen, bestieg Raniero sein Pferd. Er
+trug die volle Rüstung, aber darüber hatte er einen groben Pilgermantel
+geworfen, damit das Eisenkleid von den Sonnenstrahlen nicht allzusehr
+erhitzt werde. Er war mit einem Schwert und einer Streitaxt bewaffnet
+und ritt ein gutes Pferd. Ein brennendes Licht hielt er in der Hand,
+und am Sattel hatte er ein paar große Bündel langer Wachskerzen
+befestigt, damit die Flamme nicht aus Mangel an Nahrung sterbe.</p>
+
+<p>Raniero ritt langsam durch die überfüllte Zeltstraße, und so lange
+ging alles gut. Es war noch so früh, daß die Nebel, die aus den tiefen
+Tälern rings um Jerusalem aufgestiegen waren, sich nicht zerstreut
+hatten, und Raniero ritt wie durch eine weiße Nacht.<span class="pagenum"><a name="Seite_239" id="Seite_239">[239]</a></span> Das ganze Lager
+schlief, und Raniero kam leicht an den Wachposten vorbei. Keiner von
+ihnen rief ihn an, denn durch den dichten Nebel konnten sie ihn nicht
+sehen, und auf den Wegen lag fußhoher Staub, der die Schritte des
+Pferdes unhörbar machte.</p>
+
+<p>Raniero war bald aus dem Bereiche des Lagers und schlug die Straße ein,
+die nach Joppe führte. Er hatte nun einen bessern Weg, aber er ritt
+noch immer ganz langsam, der Lichtflamme wegen. Die brannte schlecht
+in dem dichten Nebel, mit einem rötlichen, zitternden Schein. Und
+immer wieder kamen große Insekten, die mit knatternden Flügelschlägen
+gerade ins Licht stürzten. Raniero hatte vollauf damit zu tun, es zu
+hüten, aber er war guten Mutes und meinte noch immer, daß die Aufgabe,
+die er sich gestellt hätte, nicht schwerer wäre, als daß ein Kind sie
+bewältigen könnte.</p>
+
+<p>Doch das Pferd ermüdete bei dem langsamen Trott und setzte sich in
+Trab. Da begann die Lichtflamme in der Zugluft zu zucken. Es half
+nichts, daß Raniero sie mit der Hand und mit dem Mantel zu schützen
+suchte. Er sah, daß sie ganz nahe daran war, zu erlöschen.</p>
+
+<p>Aber er war durchaus nicht gewillt, sein Vorhaben so bald aufzugeben.
+Er hielt das Pferd an und saß ein Weilchen still und grübelte.
+Schließlich sprang er aus dem Sattel und versuchte, sich rücklings
+daraufzusetzen, so daß er die Flamme mit seinem Körper vor Wind und Zug
+schützte. So gelang es ihm, sie brennend zu erhalten, aber er merkte
+jetzt, daß die Reise sich<span class="pagenum"><a name="Seite_240" id="Seite_240">[240]</a></span> beschwerlicher gestalten würde, als er
+anfangs geglaubt hatte.</p>
+
+<p>Als er die Berge, die Jerusalem umgeben, hinter sich gelassen hatte,
+hörte der Nebel auf. Er ritt nun durch die tiefste Einsamkeit. Es gab
+weder Menschen, noch Häuser, noch grüne Bäume oder Pflanzen, nur kahle
+Höhen.</p>
+
+<p>Hier wurde Raniero von Räubern angefallen. Es war loses Gesindel, das
+dem Heere ohne Erlaubnis folgte und vom Rauben und Plündern lebte.
+Sie hatten hinter einem Hügel im Hinterhalt gelegen, und Raniero, der
+rücklings ritt, sah sie erst, als sie ihn schon umringt hatten und ihre
+Schwerter gegen ihn zückten.</p>
+
+<p>Es waren etwa zwölf Männer, sie sahen recht jämmerlich aus und ritten
+auf erbärmlichen Pferden. Raniero sah gleich, daß es ihm nicht schwer
+fallen konnte, sich einen Weg durch die Schar zu bahnen und von dannen
+zu reiten. Aber er begriff, daß dies sich nicht tun ließe, ohne daß er
+das Licht von sich werfe. Und er wollte nach den stolzen Worten, die
+er heute Nacht gesprochen hatte, nicht so leicht von seinem Vorsatz
+abstehen.</p>
+
+<p>Er sah daher keinen anderen Ausweg, als mit den Räubern ein
+Übereinkommen zu schließen. Er sagte, daß es ihnen, da er wohl
+bewaffnet sei und ein gutes Pferd reite, schwer fallen würde, ihn zu
+überwinden, wenn er sich verteidige. Aber da er durch ein Gelöbnis
+gebunden sei, wolle er ihnen keinen Widerstand leisten, sondern sie
+dürften ohne Kampf<span class="pagenum"><a name="Seite_241" id="Seite_241">[241]</a></span> alles nehmen, was sie begehrten, wenn sie nur
+versprächen, sein Licht nicht auszulöschen.</p>
+
+<p>Die Räuber hatten sich auf einen harten Strauß gefaßt gemacht. Sie
+waren über Ranieros Vorschlag sehr erfreut und machten sich sogleich
+daran, ihn auszuplündern. Sie nahmen ihm Rüstung und Roß, Waffen und
+Geld. Das einzige, was sie ihm ließen, waren der grobe Mantel und die
+beiden Kerzenbündel. Sie hielten auch ehrlich ihr Versprechen, die
+Lichtflamme nicht zu löschen.</p>
+
+<p>Einer von ihnen hatte sich auf Ranieros Pferd geschwungen. Als er
+merkte, wie gut es war, schien er ein wenig Mitleid mit dem Ritter zu
+empfinden. Er rief ihm zu: „Siehst du, wir wollen nicht gar zu hart
+gegen einen Christenmenschen sein. Du sollst mein altes Pferd haben, um
+darauf zu reiten.“</p>
+
+<p>Es war eine elende Schindmähre und bewegte sich so starr und steif, als
+wenn es aus Holz wäre.</p>
+
+<p>Als die Räuber endlich verschwunden waren und Raniero daran ging, sich
+auf den elenden Klepper zu setzen, sagte er zu sich selbst: „Ich muß
+wohl von dieser Lichtflamme verhext sein. Um ihretwillen reite ich nun
+wie ein toller Bettler meinen Weg.“</p>
+
+<p>Er sah ein, daß es das klügste gewesen wäre, umzukehren, weil das
+Vorhaben wirklich unausführbar war. Aber ein so heftiges Verlangen,
+es zu vollbringen, war über ihn gekommen, daß er der Lust nicht
+widerstehen konnte, auszuharren.</p>
+
+<p>Er zog also weiter. Noch immer sah er dieselben kahlen, lichtgelben
+Höhen um sich. Nach einer Weile<span class="pagenum"><a name="Seite_242" id="Seite_242">[242]</a></span> ritt er an einem jungen Hirten vorbei,
+der vier Ziegen hütete. Als Raniero die Tiere auf dem nackten Boden
+weiden sah, fragte er sich, ob sie wohl Erde äßen.</p>
+
+<p>Dieser Hirte hatte wahrscheinlich früher eine größere Herde besessen,
+die ihm von den Kreuzfahrern gestohlen worden war. Als er nun einen
+einsamen Christen heranreiten sah, suchte er ihm alles böse zu tun,
+was er nur konnte. Er stürzte auf ihn zu und schlug mit einem Stab
+nach seinem Lichte. Raniero war von der Lichtflamme so gefesselt,
+daß er sich nicht einmal gegen einen Hirten verteidigen konnte. Er
+zog nur das Licht an sich, um es zu schützen. Der Hirte schlug noch
+ein paarmal danach, aber dann blieb er erstaunt stehen und hörte zu
+schlagen auf. Er sah, daß Ranieros Mantel in Brand geraten war, aber
+Raniero tat nichts, um das Feuer zu ersticken, so lange die Lichtflamme
+in Gefahr war. Man sah es dem Hirten an, daß er sich schämte. Er folgte
+Raniero lange nach, und an einer Stelle, wo der Weg sehr schmal an zwei
+Abgründen vorüberging, kam er heran und führte sein Pferd.</p>
+
+<p>Raniero lächelte und dachte, daß der Hirte ihn sicherlich für einen
+heiligen Mann halte, der eine Bußübung vornehme.</p>
+
+<p>Gegen Abend begannen Raniero Menschen entgegenzukommen. Es war nämlich
+so, daß das Gerücht vom Falle Jerusalems sich schon während der Nacht
+die Küste entlang verbreitet hatte, und eine Menge Leute hatten sich
+sogleich bereit gemacht, hinzuziehen. Es<span class="pagenum"><a name="Seite_243" id="Seite_243">[243]</a></span> waren Pilger, die schon
+jahrelang auf die Gelegenheit warteten, Jerusalem zu betreten, es
+waren nachgesendete Truppen, und vor allem waren es Kaufleute, die mit
+Wagenladungen von Lebensmitteln hineilten.</p>
+
+<p>Als diese Scharen Raniero begegneten, der rücklings mit einem
+brennenden Lichte in der Hand geritten kam, riefen sie: „Ein Toller,
+ein Toller!“</p>
+
+<p>Die meinen waren Italiener, und Raniero hörte wie sie in seiner eigenen
+Zunge riefen: <span class="antiqua">pazzo, pazzo!</span> was: ein Toller, ein Toller!
+bedeutet.</p>
+
+<p>Raniero, der sich den ganzen Tag so wohl im Zaum zu halten verstanden
+hatte, wurde durch diese sich stets wiederholenden Rufe heftig gereizt.
+Mit einem Male sprang er aus dem Sattel und begann mit seinen harten
+Fäusten die Rufenden zu züchtigen. Als die Leute merkten, wie schwer
+die Schläge waren, die da fielen, entstand eine allgemeine Flucht, und
+er stand bald allein auf dem Wege.</p>
+
+<p>Nun kam Raniero wieder zu sich selbst. „Wahrlich, sie hatten recht,
+als sie dich einen Tollen nannten,“ sagte er, indem er sich nach dem
+Lichte umsah, denn er wußte nicht, was er damit angefangen hatte.
+Endlich sah er, daß es vom Wege in einen Graben gekollert war. Die
+Flamme war erloschen, aber er sah Feuer in einem trocknen Grasbüschel
+dicht daneben glimmen und begriff, daß das Glück ihn nicht verlassen
+hatte, denn das Licht mußte das Gras in Brand gesetzt haben, bevor es
+erloschen war.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_244" id="Seite_244">[244]</a></span></p>
+
+<p>„Dies hätte leicht ein trauriges Ende großer Mühsal werden können,“
+dachte er, während er das Licht entzündete und sich wieder in den
+Sattel schwang. Er fühlte sich recht gedemütigt. Es kam ihm jetzt nicht
+sehr wahrscheinlich vor, daß seine Fahrt gelingen würde.</p>
+
+<p>Gegen Abend kam Raniero nach Ramle und ritt dort zu einem Hause, wo
+Karawanen Herberge für die Nacht zu suchen pflegten. Es war ein großer
+überbauter Hof. Ringsrum waren kleine Verschläge, wo die Reisenden ihre
+Pferde einstellen konnten. Es gab keine Stuben, sondern die Menschen
+schliefen neben den Tieren.</p>
+
+<p>Es war schon eine große Menschenmenge da, aber der Wirt schaffte doch
+Raum für Raniero und sein Pferd. Er gab auch dem Pferde Futter und dem
+Reiter Nahrung.</p>
+
+<p>Als Raniero merkte, daß er so gut behandelt wurde, dachte er: „Ich
+fange fast zu glauben an, daß die Räuber mir einen Dienst erwiesen
+haben, als sie mir meine Rüstung und mein Pferd raubten. Sicherlich
+komme ich mit meiner Bürde leichter durchs Land, wenn man mich für
+einen Wahnsinnigen hält.“</p>
+
+<p>Als Raniero das Pferd in den Stand geführt hatte, setzte er sich auf
+ein Bund Stroh und behielt das Licht in den Händen. Es war seine
+Absicht, nicht zu schlafen, sondern die ganze Nacht wach zu bleiben.</p>
+
+<p>Doch kaum hatte sich Raniero niedergesetzt, als er auch schon
+einschlummerte. Er war furchtbar müde, er streckte sich im Schlafe aus,
+so lang er war, und schlief bis zum Morgen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_245" id="Seite_245">[245]</a></span></p>
+
+<p>Als er erwachte, sah er weder die Lichtflamme noch die Kerze. Er suchte
+im Stroh danach, aber fand sie nirgends.</p>
+
+<p>„Jemand wird sie mir weggenommen und ausgelöscht haben,“ sagte er. Und
+er versuchte zu glauben, daß er sich freue, weil alles aus war und er
+ein unmögliches Vorhaben nicht zu verfolgen brauchte.</p>
+
+<p>Aber während er so dachte, empfand er zugleich eine innere Leere und
+Trauer. Es war ihm, als hätte er sich das Gelingen eines Vorsatzes nie
+sehnlicher gewünscht als eben diesmal.</p>
+
+<p>Er führte das Pferd aus dem Stande, striegelte es und legte den Sattel
+auf.</p>
+
+<p>Als er fertig war, kam der Wirt, dem die Karawanserei gehörte, mit
+einem brennenden Lichte auf ihn zu. Er sagte auf fränkisch: „Ich mußte
+dir gestern dein Licht nehmen, als du einschliefst, aber hier hast du
+es wieder.“</p>
+
+<p>Raniero ließ sich nichts anmerken, sondern sagte ganz gelassen: „Es war
+klug von dir, daß du es ausgelöscht hast.“</p>
+
+<p>„Ich habe es nicht ausgelöscht,“ sagte der Mann. „Ich sah, daß du es
+brennen hattest, als du kamst, und ich glaubte, es sei von Gewicht
+für dich, daß es weiter brenne. Wenn du siehst, um wie viel es sich
+verringert hat, wirst du begreifen, daß es die ganze Nacht gebrannt
+hat.“</p>
+
+<p>Raniero strahlte vor Freude. Er rühmte den Wirt sehr und ritt in bester
+Laune weiter.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_246" id="Seite_246">[246]</a></span></p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Lichtflamme_IV" class="mtop2">IV</h3>
+
+</div>
+
+<p>Als Raniero von Jerusalem aufbrach, hatte er den Seeweg von Joppe nach
+Italien nehmen wollen. Aber er änderte diesen Entschluß, als die Räuber
+ihn um sein Geld plünderten, und beschloß über Land zu ziehen.</p>
+
+<p>Es war eine lange Reise. Er zog von Joppe nördlich, der Küste Syriens
+entlang. Dann ging die Fahrt nach Westen, längs der Halbinsel von
+Kleinasien. Dann wieder nördlich bis hinauf nach Konstantinopel. Und
+von dort hatte er noch eine ansehnliche Strecke Wegs bis Florenz.</p>
+
+<p>Während dieser ganzen Zeit lebte Raniero von frommen Gaben. Meistens
+waren es die Pilger, die nun in Massen nach Jerusalem strömten, die ihr
+Brot mit ihm teilten.</p>
+
+<p>Obgleich Raniero fast immer allein ritt, waren seine Tage weder lang
+noch einförmig. Er hatte allezeit die Lichtflamme zu hüten und konnte
+sich um ihretwillen niemals ruhig fühlen. Es brauchte nur ein Wind, nur
+ein Regentropfen zu kommen, und es war um sie geschehen.</p>
+
+<p>Während Raniero einsame Wege ritt und nur daran dachte, die Lichtflamme
+am Leben zu erhalten, kam es ihm in den Sinn, daß er schon einmal
+zuvor etwas Ähnliches erlebt hatte. Er hatte schon einmal zuvor einen
+Menschen über etwas wachen sehen, was ebenso verletzlich war wie eine
+Lichtflamme.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_247" id="Seite_247">[247]</a></span></p>
+
+<p>Dies schwebte ihm anfangs so undeutlich vor, daß er nicht recht wußte,
+ob es etwas war, was er geträumt hätte.</p>
+
+<p>Aber während er einsam durch das Land zog, kam der Gedanke, daß er
+schon einmal etwas Ähnliches mit erlebt habe, unablässig wieder.</p>
+
+<p>„Es ist, als hätte ich mein ganzes Leben lang von nichts anderm
+gehört,“ sagte er.</p>
+
+<p>Eines Abends ritt Raniero in eine Stadt ein. Es dunkelte, und die
+Frauen standen in den Türen und schauten nach ihren Männern aus. Da
+sah Raniero eine, die hoch und schlank war und ernste Augen hatte. Sie
+erinnerte ihn an Francesca degli Uberti.</p>
+
+<p>In demselben Augenblick gelangte Raniero zur Klarheit, worüber er
+nachgegrübelt hatte. Er dachte, daß für Francesca ihre Liebe sicherlich
+wie eine Lichtflamme gewesen war, die sie immer brennend hatte erhalten
+wollen, und von der sie stets gefürchtet hatte, daß Raniero sie
+verlöschen würde. Er wunderte sich über diesen Gedanken, aber immer
+mehr ward es ihm zur Gewißheit, daß es sich so verhielt. Zum ersten
+Male begann er zu verstehen, warum Francesca ihn verlassen hatte und
+daß er sie nicht durch Waffentaten wiedererobern konnte.</p>
+
+<p class="center">* <span class="mleft7">*<br />
+*</span></p>
+
+<p>Ranieros Reise wurde sehr langwierig. Und dies nicht zum wenigsten
+darum, weil er sie nicht fortsetzen konnte, wenn das Wetter ungünstig
+war. Dann saß<span class="pagenum"><a name="Seite_248" id="Seite_248">[248]</a></span> er in der Karawanserei und bewachte die Lichtflamme. Das
+waren sehr harte Tage.</p>
+
+<p>Eines Tages, als Raniero über den Berg Libanon ritt, sah er, daß
+sich die Wolken zu einem Unwetter zusammenzogen. Er war da hoch
+oben zwischen furchtbaren Klüften und Abstürzen, fern von allen
+menschlichen Behausungen. Endlich erblickte er auf einer Felsspitze ein
+sarazenisches Heiligengrab. Es war ein kleiner viereckiger Steinbau mit
+gewölbtem Dache. Es däuchte ihn am besten, seine Zuflucht dorthin zu
+nehmen.</p>
+
+<p>Kaum war Raniero hineingekommen, als ein Schneesturm losbrach, der zwei
+Tage raste. Zugleich kam eine so furchtbare Kälte, daß er nahe daran
+war zu erfrieren.</p>
+
+<p>Raniero wußte, daß es draußen auf dem Berge genug Zweige und Reisig
+gab, so daß es ein leichtes für ihn gewesen wäre, Brennstoff zu einem
+Feuer zu sammeln. Allein er hielt die Lichtflamme, die er trug, sehr
+heilig, und wollte mit ihr nichts andres entzünden als die Lichter vor
+dem Altar der heiligen Jungfrau.</p>
+
+<p>Das Unwetter wurde immer ärger, und schließlich hörte er heftiges
+Donnern und sah Blitze.</p>
+
+<p>Und ein Blitz schlug auf dem Berge dicht vor dem Grabe ein und
+entzündete einen Baum. Und so hatte Raniero eine Flamme, ohne daß er
+das heilige Feuer anzutasten brauchte.</p>
+
+<p class="center">* <span class="mleft7">*<br />
+*</span></p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_249" id="Seite_249">[249]</a></span></p>
+
+<p>Als Raniero durch einen öden Teil der Berggegend von Cilicien ritt,
+ging sein Licht zur Neige. Die Kerzenbündel, die er von Jerusalem
+mitgebracht hatte, waren längst aufgebraucht, aber er hatte sich doch
+weiterhelfen können, weil auf dem ganzen Wege christliche Gemeinden
+gewesen waren, wo er sich neue Lichter erbetteln konnte.</p>
+
+<p>Aber nun war sein Vorrat zu Ende, und er glaubte, daß dies das Ende
+seiner Fahrt sein würde.</p>
+
+<p>Als das Licht so tief herabgebrannt war, daß die Flamme seine Hand
+versengte, sprang er vom Pferde, sammelte Reisig und trockenes Gras und
+entzündete dies mit dem letzten Überbleibsel der Flamme. Aber auf dem
+Berge fand sich nicht viel, was brennen konnte, und das Feuer mußte
+bald verlöschen.</p>
+
+<p>Wie Raniero so saß und sich darüber betrübte, daß die heilige Flamme
+sterben mußte, hörte er vom Wege her Gesang, und eine Prozession von
+Wallfahrern kam mit Kerzen in den Händen den Pfad herangezogen. Sie
+waren auf dem Wege zu einer Grotte, in der ein heiliger Mann gelebt
+hatte, und Raniero schloß sich ihnen an. Unter ihnen befand sich auch
+eine Frau, die alt war und nur schwer gehen konnte, und Raniero half
+ihr und schleppte sie den Berg hinauf.</p>
+
+<p>Als sie ihm dann dankte, machte er ihr ein Zeichen, daß sie ihm ihre
+Kerze geben möge. Und sie tat es, und auch mehrere andre schenkten ihm
+die Kerzen, die sie trugen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_250" id="Seite_250">[250]</a></span></p>
+
+<p>Er löschte die Lichter und eilte den Pfad hinunter und entzündete eines
+von ihnen an der letzten Glut des Feuers, das von der heiligen Flamme
+entzündet war.</p>
+
+<p class="center">* <span class="mleft7">*<br />
+*</span></p>
+
+<p>Einmal um die Mittagstunde war es sehr heiß, und Raniero hatte sich
+in ein Gebüsch schlafen gelegt. Er schlief tief, und das Licht stand
+zwischen ein paar Steinen neben ihm. Aber als Raniero ein Weilchen
+geschlafen hatte, begann es zu regnen, und dies dauerte ziemlich lange
+an, ohne daß er erwachte. Als er endlich aus dem Schlummer auffuhr, war
+der Boden ringsum ihn naß, und er wagte kaum zu dem Lichte hinzusehen,
+aus Furcht, daß es erloschen sein könnte.</p>
+
+<p>Aber das Licht brannte still und ruhig mitten im Regen, und Raniero
+sah, daß dies daher kam, daß zwei kleine Vögelchen über der Flamme
+flogen und flatterten. Sie schnäbelten sich und hielten die Flügel
+ausgebreitet, und so hatten sie die Lichtflamme vor dem Regen geschützt.</p>
+
+<p>Raniero nahm sogleich seine Kapuze ab und hing sie über das Licht. Dann
+streckte er die Hand nach den kleinen Vögeln aus, denn er hatte Lust,
+sie zu liebkosen. Und sieh da, keiner von ihnen flog von ihm fort,
+sondern er konnte sie einfangen.</p>
+
+<p>Raniero staunte sehr, daß die Vögel keine Angst vor ihm hatten. Aber er
+dachte: das kommt daher, daß sie wissen, daß ich keinen andern Gedanken
+habe,<span class="pagenum"><a name="Seite_251" id="Seite_251">[251]</a></span> als das zu schützen, was das schutzbedürftigste ist, darum
+fürchten sie mich nicht.</p>
+
+<p class="center">* <span class="mleft7">*<br />
+*</span></p>
+
+<p>Raniero ritt in der Nähe von Nicea. Da begegnete er ein paar
+abendländischen Rittern, die ein Entsatzheer ins heilige Land führten.
+In dieser Schar befand sich auch Robert Taillefer, der ein wandernder
+Ritter und Troubadour war.</p>
+
+<p>Raniero kam in seinem fadenscheinigen Mantel mit dem Lichte in der Hand
+herangeritten, und die Krieger begannen wie gewöhnlich zu rufen: „Ein
+Toller, ein Toller!“ Aber Robert hieß sie schweigen und sprach den
+Reiter an:</p>
+
+<p>„Bist du lange so gezogen?“ fragte er ihn.</p>
+
+<p>„Ich bin so von Jerusalem hergeritten,“ antwortete Raniero.</p>
+
+<p>„Ist dein Licht unterwegs nicht oftmals erloschen?“</p>
+
+<p>„An meiner Kerze brennt noch dieselbe Flamme, wie da ich von Jerusalem
+auszog,“ sagte Raniero.</p>
+
+<p>Da sprach Robert Taillefer zu ihm: „Ich bin auch einer von denen,
+die eine Flamme tragen, und ich wollte, daß sie ewig brennen könnte.
+Aber vielleicht kannst du, der du dein Licht brennend von Jerusalem
+hergebracht hast, mir sagen, was ich tun soll, auf daß sie nicht
+erlösche.“</p>
+
+<p>Da erwiderte Raniero: „Herr, das ist ein schweres Beginnen, obgleich
+es von geringem Gewichte scheint.<span class="pagenum"><a name="Seite_252" id="Seite_252">[252]</a></span> Ich will euch wahrlich nicht zu
+solch einem Vorhaben raten. Denn diese kleine Flamme verlangt von euch,
+daß ihr ganz aufhört, an etwas andres zu denken. Sie gestattet euch
+nicht, eine Liebste zu haben, falls ihr zu derlei geneigt sein solltet,
+auch dürft ihr es um dieser Flamme willen nicht wagen, euch bei einem
+Trinkgelage niederzulassen. Ihr dürft nichts andres im Sinne haben als
+eben diese Flamme, und keine andre Freude darf euch eigen sein. Aber
+warum ich euch vor allem abrate, dieselbe Fahrt zu tun, die ich nun
+versucht habe, das ist, weil ihr euch keinen Augenblick sicher fühlen
+könnt. Aus wie vielen Gefahren ihr auch die Flamme gerettet haben mögt,
+ihr dürft euch doch keinen Augenblick geborgen wähnen, sondern ihr
+müßt darauf gefaßt sein, daß sie euch im nächsten Augenblick entrissen
+werde.“</p>
+
+<p>Aber Robert Taillefer warf den Kopf stolz zurück und sagte: „Was du für
+deine Lichtflamme getan hast, das werde ich auch für die meine zu tun
+wissen.“</p>
+
+<p class="center">* <span class="mleft7">*<br />
+*</span></p>
+
+<p>Raniero war nach Italien gekommen. Er ritt eines Tages auf einsamen
+Pfaden durch das Gebirge. Da kam ihm eine Frau nachgeeilt und bat ihn
+um Feuer von seinem Lichte. „Bei mir ist das Feuer erloschen,“ sagte
+sie, „meine Kinder hungern. Leihe mir Feuer, damit ich meinen Ofen
+wärmen und ihnen Brot backen kann!“</p>
+
+<p>Sie streckte die Hand nach dem Lichte aus, aber<span class="pagenum"><a name="Seite_253" id="Seite_253">[253]</a></span> Raniero entzog es
+ihr, weil er nicht zulassen wollte, daß etwas andres an dieser Flamme
+entzündet werde, als die Lichter vor dem Bilde der Heiligen Jungfrau.</p>
+
+<p>Da sagte die Frau zu ihm: „Gib mir Feuer, Pilger, denn meiner Kinder
+Leben ist die Flamme, die brennend zu bewahren mir auferlegt ist!“ Und
+um dieser Worte willen ließ Raniero sie den Docht ihrer Lampe an seiner
+Flamme entzünden.</p>
+
+<p>Einige Stunden später ritt Raniero in ein Dorf. Es lag hoch oben auf
+dem Berge, so daß bittre Kälte dort herrschte. Ein junger Bauer stand
+am Wege und sah den armen Mann, der in seinem fadenscheinigen Rocke
+geritten kam. Rasch nahm er den kurzen Mantel ab, den er trug und
+warf ihn dem Reiter zu. Aber der Mantel fiel gerade auf das Licht und
+löschte die Flamme.</p>
+
+<p>Da erinnerte sich Raniero an die Frau, die Feuer von ihm geliehen
+hatte. Er kehrte zu ihr zurück und entzündete sein Licht wiederum mit
+heiligem Feuer.</p>
+
+<p>Als er weiter reiten wollte, sagte er zu ihr: „Du sagst, die
+Lichtflamme, die du zu hüten hast, sei das Leben deiner Kinder. Kannst
+du mir sagen, welchen Namen die Lichtflamme trägt, die ich so weither
+bringe?“</p>
+
+<p>„Wo wurde deine Lichtflamme entzündet?“ fragte die Frau.</p>
+
+<p>„Sie wurde an Christi Grab entzündet.“</p>
+
+<p>„Dann kann sie wohl nicht anders heißen als Milde und Menschenliebe,“
+sagte sie.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_254" id="Seite_254">[254]</a></span></p>
+
+<p>Raniero mußte über die Antwort lachen. Er däuchte sich ein seltsamer
+Apostel für solche Tugenden.</p>
+
+<p class="center">* <span class="mleft7">*<br />
+*</span></p>
+
+<p>Raniero ritt zwischen blauen Hügeln von schöner Gestalt. Er sah, daß er
+sich in der Nähe von Florenz befand.</p>
+
+<p>Er dachte daran, daß er nun bald von der Lichtflamme befreit sein
+würde. Er erinnerte sich an sein Zelt in Jerusalem, das er voll
+Kriegsbeute zurückgelassen hatte, und an die tapferen Krieger, die
+er noch in Palästina hatte und die sich freuen wurden, wenn er das
+Kriegerhandwerk wieder aufnähme und sie zu Siegen und Eroberungen
+führte.</p>
+
+<p>Da merkte Raniero, daß er keineswegs Freude empfand, wenn er daran
+dachte, sondern, daß seine Gedanken lieber eine andre Richtung nahmen.</p>
+
+<p>Raniero sah zum ersten Male ein, daß er nicht mehr derselbe Mann war,
+als der er Jerusalem verlassen hatte. Dieser Ritt mit der Lichtflamme
+hatte ihn gezwungen, sich an allen zu freuen, die friedfertig und
+klug und barmherzig waren, und die Wilden und Streitsüchtigen zu
+verabscheuen.</p>
+
+<p>Er wurde jedesmal froh, wenn er an Menschen dachte, die friedlich in
+ihrem Heim arbeiteten, und es ging ihm durch den Sinn, daß er gern
+in seine alte Werkstatt in Florenz einziehen und schöne, kunstreiche
+Arbeit verfertigen wolle.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_255" id="Seite_255">[255]</a></span></p>
+
+<p>„Wahrlich, diese Flamme hat mich umgewandelt,“ dachte er. „Ich glaube,
+sie hat einen andern Menschen aus mir gemacht.“</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Lichtflamme_V" class="mtop2">V</h3>
+
+</div>
+
+<p>Es war Ostern, als Raniero in Florenz einritt.</p>
+
+<p>Kaum war er durch das Stadttor gekommen, rücklings reitend, die Kapuze
+über das Gesicht gezogen und das brennende Licht in der Hand, als auch
+schon ein Bettler aufsprang und das gewohnte: „<span class="antiqua">Pazzo, pazzo!</span>“
+rief.</p>
+
+<p>Auf diesen Ruf stürzte ein Gassenjunge aus einem Torweg, und ein
+Tagedieb, der die längste Zeit nichts andres zu tun gehabt hatte, als
+dazuliegen und den Himmel anzugucken, sprang auf seine Füße. Und beide
+begannen dasselbe zu rufen: „<span class="antiqua">Pazzo, pazzo!</span>“</p>
+
+<p>Da ihrer nun drei waren, die schrien, so machten sie Lärm genug, um
+alle Burschen aus der ganzen Straße aufzuscheuchen. Diese kamen aus
+Ecken und Winkeln herbeigestürzt, und sowie sie Raniero in seinem
+fadenscheinigen Mantel auf seinem elenden Klepper gewahrten, riefen
+sie: „<span class="antiqua">Pazzo, pazzo!</span>“</p>
+
+<p>Aber dies war nichts andres, als woran Raniero schon gewöhnt war. Er
+ritt still durch die Gasse ohne die Schreier zu beachten.</p>
+
+<p>Sie begnügten sich jedoch nicht damit, zu rufen, sondern einer von
+ihnen sprang in die Höhe und versuchte das Licht auszublasen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_256" id="Seite_256">[256]</a></span></p>
+
+<p>Raniero hob das Licht empor. Zugleich versuchte er, das Pferd
+anzutreiben, um den Jungen zu entkommen.</p>
+
+<p>Doch die hielten gleichen Schritt mit ihm und taten alles, was sie
+konnten, um das Licht auszulöschen.</p>
+
+<p>Je mehr Raniero sich anstrengte, die Flamme zu behüten, desto eifriger
+wurden sie. Sie sprangen einander auf den Rücken, sie bliesen die
+Backen auf und pusteten. Sie warfen ihre Mützen nach dem Licht. Nur
+weil ihrer so viele waren und sie einander wegdrängten, gelang es ihnen
+nicht, die Lichtflamme zu töten.</p>
+
+<p>Auf der Gasse herrschte das fröhlichste Treiben. An den Fenstern
+standen Leute und lachten. Niemand fühlte Mitleid mit dem Verrückten,
+der seine Lichtflamme verteidigen wollte. Es war Kirchenzeit, und viele
+Kirchenbesucher waren auf dem Wege zur Messe. Auch sie blieben stehen
+und lachten über den Spaß.</p>
+
+<p>Aber nun stand Raniero aufrecht im Sattel, um das Licht zu bergen. Er
+sah wild aus. Die Kapuze war hinabgesunken, und man sah sein Gesicht,
+das bleich und abgezehrt war wie das eines Märtyrers. Das Licht hielt
+er erhoben, so hoch er vermochte.</p>
+
+<p>Die ganze Gasse war ein einzige Gewühl. Auch die Eltern begannen an
+dem Spiele teilzunehmen. Die Frauen wehten mit ihren Kopftüchern, und
+die Männer schwenkten die Barette. Alle arbeiteten daran, das Licht zu
+verlöschen.</p>
+
+<p>Raniero ritt nun an einem Hause vorbei, das einen Altan hatte. In
+diesem stand eine Frau. Sie beugte<span class="pagenum"><a name="Seite_257" id="Seite_257">[257]</a></span> sich über das Geländer, riß das
+Licht an sich und eilte damit hinein.</p>
+
+<p>Das ganze Volk brach in schallendes Gelächter und Jubel aus, aber
+Raniero wankte im Sattel und stürzte auf die Straße.</p>
+
+<p>Aber wie er da ohnmächtig und geschlagen lag, wurde die Straße sogleich
+menschenleer.</p>
+
+<p>Keiner wollte sich des Gefallenen annehmen. Sein Pferd allein blieb
+neben ihm stehen.</p>
+
+<p>Sowie die Volksmenge sich von der Straße zurückgezogen hatte, kam
+Francesca degli Uberti mit einem brennenden Lichte in der Hand aus
+ihrem Hause. Sie war noch schön, ihre Züge waren sanft, und ihre Augen
+ernst und tief.</p>
+
+<p>Sie ging auf Raniero zu und beugte sich über ihn. Raniero lag
+bewußtlos, aber in dem Augenblick, in dem der Lichtschein auf sein
+Antlitz fiel, machte er eine Bewegung und fuhr auf. Es sah aus, als ob
+die Lichtflamme alle Macht über ihn hätte. Als Francesca sah, daß er
+zur Besinnung erwacht war, sagte sie: „Hier hast du dein Licht. Ich
+entriß es dir, weil ich sah, wie sehr es dir am Herzen lag, es brennend
+zu erhalten. Ich wußte keinen andern Weg, um dir zu helfen.“</p>
+
+<p>Raniero hatte sich beim Fallen übel zugerichtet. Aber nun konnte
+niemand ihn halten. Er begann sich langsam aufzurichten. Er wollte
+gehen, schwankte aber und war nahe daran, wieder zu fallen. Da
+versuchte er sein Pferd zu besteigen. Francesca half ihm. „Wo<span class="pagenum"><a name="Seite_258" id="Seite_258">[258]</a></span> willst
+du hin?“ fragte sie, als er wieder im Sattel saß. „Ich will zur
+Domkirche,“ sagte er. „Dann will ich dich geleiten,“ sagte sie, „denn
+ich gehe zur Messe.“ Und sie nahm den Zügel und führte sein Pferd.</p>
+
+<p>Francesca hatte Raniero vom ersten Augenblick an erkannt. Aber Raniero
+sah nicht, wer sie war, denn er gönnte sich nicht die Zeit, sie zu
+betrachten. Er hielt den Blick nur auf die Lichtflamme geheftet.</p>
+
+<p>Auf dem Wege sprachen sie kein Wort. Raniero dachte nur an die
+Lichtflamme, daran, sie in diesen letzten Augenblicken wohl zu hüten.
+Francesca konnte nicht sprechen, weil es sie däuchte, daß sie nicht
+klaren Bescheid über das haben wolle, was sie fürchtete. Sie konnte
+nichts andres glauben, als daß Raniero wahnsinnig heimgekommen wäre.
+Aber obgleich sie beinahe davon überzeugt war, wollte sie doch lieber
+nicht mit ihm sprechen, um nicht volle Gewißheit zu erlangen.</p>
+
+<p>Nach einer Weile hörte Raniero, wie jemand neben ihm weinte. Er sah
+sich um und merkte, daß es Francesca degli Uberti war, die neben ihm
+ging, und wie sie so ging, weinte sie. Aber Raniero sah sie nur einen
+Augenblick und sagte nichts zu ihr. Er wollte nur an die Lichtflamme
+denken.</p>
+
+<p>Raniero ließ sich zur Sakristei führen. Da stieg er vom Pferde. Er
+dankte Francesca für ihre Hilfe, sah aber noch immer nicht sie an,
+sondern das Licht. Er ging allein in die Sakristei zu den Geistlichen.</p>
+
+<p>Francesca trat in die Kirche. Es war Karsamstagabend, und alle Lichter
+in der Kirche standen un<span class="pagenum"><a name="Seite_259" id="Seite_259">[259]</a></span>entzündet auf ihren Altären, zum Zeichen
+der Trauer. Francesca däuchte es, daß auch bei ihr jede Flamme der
+Hoffnung, die einst in ihr gebrannt hatte, erloschen wäre.</p>
+
+<p>In der Kirche ging es sehr feierlich zu. Vor dem Altare standen viele
+Priester. Zahlreiche Domherren saßen im Chore, und der Bischof zu
+oberst unter ihnen.</p>
+
+<p>Nach einer Weile merkte Francesca, daß unter den Geistlichen eine
+Bewegung entstand. Beinahe alle, die nicht bei der Messe anwesend sein
+mußten, erhoben sich und gingen in die Sakristei. Schließlich ging auch
+der Bischof.</p>
+
+<p>Als die Messe zu Ende war, betrat ein Geistlicher den Chor und begann
+zum Volke zu sprechen. Er erzählte, daß Raniero di Ranieri mit heiligem
+Feuer aus Jerusalem nach Florenz gekommen war. Er erzählte, was der
+Ritter auf dem Wege geduldet und erlitten hatte. Und er pries ihn über
+alle Maßen.</p>
+
+<p>Die Menschen saßen staunend da und hörten dies. Francesca hatte nie
+eine so selige Stunde erlebt. „Oh, Gott,“ seufzte sie, „dies ist mehr
+Glück, als ich tragen kann.“ Ihre Tränen strömten, während sie lauschte.</p>
+
+<p>Der Priester sprach lange und beredt. Zum Schlusse sagte er mit
+mächtiger Stimme: „Nun kann es gewißlich eine geringe Sache scheinen,
+daß eine Lichtflamme hierher nach Florenz gebracht wurde. Aber ich sage
+euch: Betet zu Gott, daß er Florenz viele Träger des ewigen Feuers
+schenke, dann wird es eine große Macht werden und gebenedeit unter den
+Städten!“</p>
+
+<p>Als der Priester zu Ende gesprochen hatte, wurden<span class="pagenum"><a name="Seite_260" id="Seite_260">[260]</a></span> die Haupttore der
+Domkirche weit geöffnet, und eine Prozession, so gut sie sich in aller
+Eile hatte ordnen können, zog herein. Da gingen Domherren und Mönche
+und Geistliche, und sie zogen durch den Mittelgang zum Altare. Zu
+allerletzt ging der Bischof und an seiner Seite Raniero in demselben
+Mantel, den er auf dem ganzen Wege getragen hatte.</p>
+
+<p>Aber als Raniero über die Schwelle der Kirche trat, stand ein alter
+Mann auf und ging auf ihn zu. Es war Oddo, der Vater eines Gesellen,
+den Raniero in seiner Werkstatt gehabt hatte, und der sich um
+seinetwillen erhängt hatte.</p>
+
+<p>Als dieser Mann zum Bischof und zu Raniero gekommen war, neigte er
+sich vor ihnen. Hierauf sagte er mit so lauter Stimme, daß alle in der
+Kirche ihn hörten: „Es ist eine große Sache für Florenz, daß Raniero
+mit heiligem Feuer von Jerusalem gekommen ist. Solches ist nie zuvor
+vernommen worden. Vielleicht, daß darum auch manche sagen werden, es
+sei unmöglich. Darum bitte ich, daß man das ganze Volk wissen lasse,
+welche Beweise und Zeugen Raniero dafür gebracht hat, daß dies wirklich
+Feuer ist, das in Jerusalem entzündet wurde.“</p>
+
+<p>Als Raniero diese Worte vernahm, sagte er: „Nun helfe mir Gott. Wie
+könnte ich Zeugen haben? Ich habe den Weg allein gemacht. Wüsten und
+Wildnisse mögen kommen und für mich zeugen.“</p>
+
+<p>„Raniero ist ein ehrlicher Ritter,“ sagte der Bischof, „und wir glauben
+ihm auf sein Wort.“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_261" id="Seite_261">[261]</a></span></p>
+
+<p>„Raniero hätte wohl selbst wissen können, daß hierüber Zweifel
+entstehen würden,“ sagte Oddo. „Er wird wohl nicht ganz allein geritten
+sein. Seine Knappen können wohl für ihn zeugen.“</p>
+
+<p>Da trat Francesca degli Uberti aus der Volksmenge und eilte auf Raniero
+zu. „Was braucht es Zeugen?“ rief sie. „Alle Frauen von Florenz wollen
+einen Eid darauf ablegen, daß Raniero die Wahrheit spricht.“</p>
+
+<p>Da lächelte Raniero, und sein Gesicht erhellte sich für einen
+Augenblick. Aber dann wendete er seine Blicke und seine Gedanken wieder
+der Lichtflamme zu.</p>
+
+<p>In der Kirche entstand ein großer Aufruhr. Einige sagten, daß Raniero
+die Lichter auf dem Altar nicht entzünden dürfe, ehe seine Sache
+bewiesen war. Zu diesen gesellten sich viele seiner alten Feinde.</p>
+
+<p>Da erhob sich Jacopo degli Uberti und sprach für Ranieros Sache. „Ich
+denke, daß alle hier wissen, daß zwischen mir und meinem Eidam nicht
+allzugroße Freundschaft geherrscht hat,“ sagte er, „aber jetzt wollen
+sowohl ich wie meine Söhne uns für ihn verbürgen. Wir glauben, daß
+er die Tat vollbracht hat, und wir wissen, daß der, der es vermocht
+hat, ein solches Unternehmen auszuführen, ein weiser, behutsamer
+und edelgesinnter Mann ist, den wir uns freuen, in unsrer Mitte
+aufzunehmen.“</p>
+
+<p>Aber Oddo und viele andre waren nicht gesonnen, Raniero das Glück, das
+er erstrebte, zu gönnen. Sie sammelten sich in einem dichten Haufen,
+und es war<span class="pagenum"><a name="Seite_262" id="Seite_262">[262]</a></span> leicht zu sehen, daß sie von ihrer Forderung nicht abstehen
+wollten.</p>
+
+<p>Raniero begriff, daß sie, wenn es nun zum Kampfe käme, sie gleich
+versuchen würden, nach der Lichtflamme zu trachten. Während er die
+Blicke fest auf seine Widersacher geheftet hielt, hob er das Licht so
+hoch empor, als er nur konnte.</p>
+
+<p>Er sah todmüde und verzweifelt aus. Man sah ihm an, daß er, wenn er
+auch so lange wie möglich aushalten wollte, doch nur eine Niederlage
+erwartete. Was frommte es ihm nun, wenn er die Flamme entzünden dürfte!
+Oddos Worte waren ein Todesstreich gewesen. Wenn der Zweifel einmal
+geweckt war, dann mußte er sich verbreiten und wachsen. Es däuchte ihn,
+daß Oddo schon die Lichtflamme für alle Zeit gelöscht hätte.</p>
+
+<p>Ein kleines Vöglein flatterte durch die großen geöffneten Tore in die
+Kirche. Es flog geradewegs auf Ranieros Licht zu. Dieser konnte es
+nicht so rasch zurückziehen, der Vogel stieß daran und löschte die
+Flamme.</p>
+
+<p>Ranieros Arm sank herunter, und die Tränen traten ihm in die Augen.
+Aber im ersten Augenblick empfand er dies als eine Erleichterung. Es
+war besser, als daß Menschen sie getötet hätten.</p>
+
+<p>Das kleine Vöglein setzte seinen Flug in die Kirche fort, verwirrt
+hin und her flatternd, wie Vögel zu tun pflegen, wenn sie in einen
+geschlossenen Raum kommen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_263" id="Seite_263">[263]</a></span></p>
+
+<p>Da brauste mit einem Male durch die ganze Kirche der laute Ruf: „Der
+Vogel brennt! Die heilige Lichtflamme hat seine Flügel entzündet!“</p>
+
+<p>Der kleine Vogel piepste ängstlich. Er flog ein paar Augenblicke wie
+eine flatternde Flamme unter den hohen Wölbungen des Chors umher. Dann
+sank er rasch und fiel tot vor dem Altar der Madonna nieder.</p>
+
+<p>Aber in demselben Augenblick, wo der Vogel auf den Altar niederfiel,
+stand Raniero da. Er hatte sich einen Weg durch die Kirche gebahnt,
+nichts hatte ihn halten können. Und an den Flammen, die die Schwingen
+des Vogels verzehrten, entzündete er die Kerzen vor dem Altar der
+heiligen Jungfrau.</p>
+
+<p>Da erhob der Bischof seinen Stab und rief: „Gott wollte es! Gott hat
+für ihn gezeugt!“</p>
+
+<p>Und alles Volk in der Kirche, seine Freunde wie seine Widersacher,
+hörten auf zu zweifeln und zu staunen. Sie riefen alle, von Gottes
+Wunder hingerissen: „Gott wollte es! Gott hat für ihn gezeugt!“</p>
+
+<p class="center">* <span class="mleft7">*<br />
+*</span></p>
+
+<p>Von Raniero ist noch zu berichten, daß er hinfort seiner Lebtag großes
+Glück genoß und weise, behutsam und barmherzig war. Aber das Volk von
+Florenz nannte ihn immer Pazzo di Raniero, zur Erinnerung daran, daß
+man ihn für toll gehalten hatte. Und dies ward ein Ehrentitel für ihn.
+Er gründete ein edles Geschlecht, und dieses nahm den Namen Pazzo an,
+und so nennt es sich noch heute.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_264" id="Seite_264">[264]</a></span></p>
+
+<p>Es mag weiter berichtet werden, daß es in Florenz Sitte wurde, jedes
+Jahr am Karsamstagabend ein Fest zur Erinnerung an Ranieros Heimkunft
+mit dem heiligen Feuer zu feiern, und daß man dabei immer einen
+künstlichen Vogel mit Feuer durch den Dom fliegen läßt. Und so wird
+dieses Fest wohl auch noch in diesem Jahre begangen worden sein, wenn
+nicht ganz vor kurzem eine Änderung eingetreten ist.</p>
+
+<p>Aber ob es wahr ist, wie viele meinen, daß die Träger heiligen Feuers,
+die in Florenz gelebt und die Stadt zu einer der herrlichsten der Erde
+gemacht haben, ihr Vorbild in Raniero fanden und dadurch ermutigt
+wurden, zu opfern, zu leiden und auszuharren, dies mag hier unausgesagt
+bleiben.</p>
+
+<p>Denn was von dem Lichte bewirkt wurde, das in dunkeln Zeiten von
+Jerusalem ausgegangen ist, läßt sich weder messen noch zählen.</p>
+
+<div class="figcenter break-before">
+ <a id="p_264" name="p_264">
+ <img class="w15em mtop2 mbot3" src="images/p_264.jpg" alt="Schlussvignette Seite 264" /></a>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Christuslegenden, by Selma Lagerlöf
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CHRISTUSLEGENDEN ***
+
+***** This file should be named 57807-h.htm or 57807-h.zip *****
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
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+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
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