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Fischer, Verlag - Berlin-Wien - - - Erste bis achte Auflage. - - - Alle Rechte vorbehalten, besonders das der Übersetzung. - Copyright 1919 S. Fischer, Verlag, Berlin. - - - Romain Rolland dankbarst - für viele Güte und Freundschaft - - - »Ich nenne sie deshalb - Vögelchen, weil es - etwas Reizenderes als Vögelchen - nicht gibt.« - - Dostojewski »Der Idiot«. - - Fürsten der Erde und Sklaven, blutig gegeißelt, - Kamen wie Brüder zusammen im Dome unserer - Andacht: - Den Friedenskuß brachten wir allen gezeichneten - Stirnen, - Der Erde drückendste Träume wie heimlich Seufzen - der Mutter waren uns verständlich - Und, wo sich abwandten unsere Brüder voll - Grau'n, liebten wir noch. - - Ottokar Brezina »Wahnbethörte«. - - - - - Kindheit - - -Etwa um das Jahr 1860 fand in Wien, im Hause einer adeligen Dame, eine -Ausstellung von Miniaturen statt, in der besonders zwei Sammlungen, die -Adalbert Mannsthals, des Besitzers oder Großaktionärs der -Mannsthal-Werke, und die des Nervenarztes Dr. Clemens Urbacher, -Aufmerksamkeit erregten. - -Mannsthals Sammlung war die eines sehr reichen Mannes, der sich sowohl -Bestes als auch Reichhaltigkeit gönnen konnte. Sie unterschied sich -wesentlich von der Urbachers, der als theoretischer Gelehrter über -geringe Einkünfte verfügte, als wohlhabender Bürgerssohn nicht mehr als -einer angenehmen Sorglosigkeit sich erfreute. Seine Miniaturen waren mit -Bedachtsamkeit ausgewählt und niemals ohne das Bewußtsein des Luxus, den -der Ankauf bedeutete. Er fand es sündhaft für ein Bildchen, für eine -bemalte Dose oder Brosche viel Geld auszugeben, als Philanthrop fühlte -er dies angesichts des menschlichen Elends, der Spitalsnot, der -wirtschaftlichen Wirren. War er nun aber wahrhaftig solch ein Sünder, -der vor einem Elfenbeinangesicht, das mit verträumten Augen in ein -entschwundenes Leben lächelt, an schlecht dotierte Nervenanstalten, -skrofulöse Kinder und rekonvaleszente Frauen vergessen konnte, so mußte -Adalbert Mannsthal, trotz seiner wohltätigen Aktionen, ein noch viel -größerer Frevler gewesen sein. Seine Leidenschaft für diese -verbleichende Kunst, die um so rührender ist, weil sie wohl auf immer -der Vergangenheit angehört, war so groß, daß er ihr seine lebendige Frau -geopfert hat, seine liebliche und sanftmütige und noch jugendliche Frau. -Die Sache hatte seinerzeit in Wien viel von sich sprechen gemacht, denn -das kleine Mädchen, das Frau Martha Mannsthal in die Ehe gebracht hatte, -verblieb bei dem Stiefvater. Es verlautete, daß zur Zeit der Heirat ein -Kontrakt zustande gekommen war, wonach Arabella, das Kind, im Falle -einer Scheidung, wie ein in der Ehe geborenes, dem schuldlosen Teile -zugesprochen werden sollte. Man hatte herumgedeutet, was wohl die -Beweggründe dieses nicht alltäglichen Vertrages sein mochten. Die einen -waren der Ansicht, daß Mannsthal dadurch die Frau fester an sich binden -wollte. Böse Zungen meinten darin ein Warnungszeichen zu erblicken, ein -Mißtrauen gegen die Beständigkeit der Dame. Andere behaupteten, -Mannsthal hätte das kleine Mädchen so lieb gewonnen, daß ein etwaiger -Verlust ihm unerträglich schien, und ein nicht ganz harmloser Spötter, -der zu dieser Gruppe gehörte, deutete, daß es ja immerhin möglich wäre, -daß das kleine Mädchen der entscheidende Grund zur Heirat gewesen sei, -und daß nicht die Frau, sondern das Kind es vermocht hatte, aus dem -Sonderling und Eigenbrödler einen seßhaften Ehemann zu machen. -Keinesfalls konnte ein Zweifel darüber herrschen, daß Mannsthal seine -Frau nach der Geburt des Töchterchens kennen lernte, denn sie hatte mit -ihrem kranken Manne in Ägypten gelebt, während Mannsthal gerade in -diesen Jahren keine größere Reise unternommen hatte. Das Gericht hatte -möglicherweise Mannsthal als den richtigen Vater anerkannt, was wohl -eine Bedingung zur Abfassung des Vertrages gewesen sein mochte. Wenige -Wochen vor der Scheidung hatte man in Gesellschaft der hübschen Frau -einen Ausländer auftauchen sehen, dem alle äußeren Merkzeichen eines -Frauenverführers zuzusprechen waren. Diejenigen, die die Vereinbarung -dieser Eheschließung kannten, waren über die Kühnheit verwundert, mit -der die Mutter mit dem Feuer spielte. Zu dieser Zeit hatte Mannsthals -Sammlerleidenschaft ihren Höhepunkt erreicht und man schwärzt ihn nicht -an, wenn man behauptet, daß er ihr seine Frau hintanstellte und deren -Wünsche den Unsummen opferte, die er für seine Miniaturen verausgabte. -Auffällig war, daß das kleine, ungemein zarte Mädchen nach wie vor wie -ein Prinzeßchen gehalten wurde und sich über keinerlei Zurücksetzung von -seiten des Stiefvaters zu beklagen hatte. - -Urbacher kam kurze Zeit nach der Scheidung in Mannsthals Haus, um eine -seiner Neuerwerbungen zu besichtigen, und bei dieser Gelegenheit lernte -er sein Töchterchen Arabella, das Vögelchen, kennen. Niemand dachte -daran, daß dieses Mädchen -- es war damals etwa fünf Jahre alt -- einen -andern Namen führen könnte. Es war scheu, lebhaft, sanft und versonnen, -zart und wärmebedürftig, irgendwie der Natur, ja dem Erdmagnetismus -verschwistert, und seine Stimme war wie ein Sang, der durch eine Stille -tönt. Unwillkürlich schwieg alles, wenn Vögelchen sprach. Jeder fühlte -sich geneigt, es wie ein aus dem Nest gefallenes Junges gleichsam mit -der warmen, gehöhlten Hand zu decken und zu schützen, und blieb dennoch -zaghaft, vorausahnend, daß es mit leichten Flügeln den zarten Körper -heben und entflattern würde, wenn man sich ihm allzusehr näherte. Und -doch war es so zutraulich, daß von ihm selbst Ermutigung auszugehen -schien, es zu greifen. - -Was Vögelchen auch in den späteren Jahren über die Maßen reizend machte, -war das völlig Unbewußte, fast Heilige ihres Wesens, das nicht dem eines -Menschenkindes glich und etwas von der berückenden Schuldlosigkeit der -Tiere an sich hatte. Urbacher fiel es gleich an ihrem Äußern auf, daß -sie eine große Ähnlichkeit mit jenen malerischen Gebilden hatte, die -Adalbert Mannsthal zu seiner Gesellschaft erkoren hatte. Ihr Gesichtchen -war so weich, zart und unwirklich wie das der Miniaturen, ihre Züge wie -mit einer leisen Feder gezeichnet, ihre Augen klug, lächelnd und von -Sehnsucht erleuchtet, so stark im Ausdruck, daß dies unheimlich -Heimliche der Seele klar zu sprechen schien und gewiß nur die -menschliche Stumpfheit schuld trug, wenn sie diese Botschaft nicht -erfassen konnte. Alles Beiwerk ihrer Erscheinung verflüchtigte sich -gänzlich, war wie aufgelöst durch ihren überstrahlenden Blick. Als -Urbacher Vögelchen inmitten dieser Bildchen sah, die ihren Namen, wie -Diderot behauptete, von dem zart einschmeichlerischen Worte mignard -ableiten, fiel ihm jener Spötter ein, der vielleicht im bösen Sinne die -wahre Deutung von Adalbert Mannsthals Ehe gefunden hatte. - -Wenn man also mit hinlänglicher Sicherheit davon ausgehen konnte, daß -die erblühte Anmut der geschiedenen Frau den Schönheitssucher Mannsthal -weniger gefesselt hatte als die des kleinen Mädchens, so war die -Eifersucht, die ihre Mutter der Sammelwut ihres Gatten entgegenbrachte, -ein Kampf um die Vorzugsstellung, die dieser der Tochter einräumte, der -Kampf der Blüte gegen die Knospe. Man bedenke, daß sie die Klausel des -Ehekontraktes kannte, in die sie in der vollsten Sicherheit ihrer selbst -wie in eine Laune gewilligt hatte, da sie in ihr nur den Beweis einer -starken Zuneigung vermutete. Man mußte jedoch Adalbert Mannsthal kennen, -um es zu wagen, den Verdacht auszusprechen, daß er vom Augenblick, da er -Vögelchen sah, planmäßig vorging, um eines Tages in ihren alleinigen -Besitz zu gelangen. Man mußte seine Natur kennen, die es glaubhaft -machte, daß er seine Frau nicht einmal als die beste Pflegerin -Vögelchens neben diesem duldete, wiewohl er an dieser etwas willensmüden -Gefährtin sicherlich seine Freuden hatte. - -Mannsthal hatte jene Freundschaft mit dem Ausländer, die ihm den Vorwand -zur Scheidung bot, gleichmütig, ja wie mit Schadenfreude geduldet. Weiß -Gott, welch teuflischer Plan in ihm erwacht war. Es erscheint nicht -unmöglich, daß er selbst es gewesen sein konnte, der diesen Aventurier -gedungen, seine Frau zu versuchen. - -Die Sammler sind ein eigenartiger Menschenschlag. Sie haben etwas von -den rastlosen, unterirdischen Tieren, von den neidischen Hamstern und -Mardern. Von diesen heißt es, sie seien klug, listig, mißtrauisch, -behutsam, äußerst mutig, blutdürstig und grausam, gegen ihre Jungen aber -ungemein zärtlich. Die Art, wie der Hamster sich für magere Zeiten -versorgt, ist allen bekannt. Jedenfalls schien Mannsthals Bemühen um -dieses Kind ein Aufsparen für die Zukunft. - -Die Erziehung und Pflege, die der Kleinen zuteil wurde, war ganz darauf -gerichtet, lange in ihr das Kindliche zu schonen und zu erhalten. -Vögelchen besuchte niemals eine Schule, ja, es fanden sich erstaunliche -Lücken in ihrem Wissen, als sie den Jahren nach schon ein großes Mädchen -war. Von den Zielen der Aufklärung, die damals im Unterrichtswesen -allmählich Wurzel faßten, blieb Vögelchen gänzlich unberührt. Ihre -Körperpflege war danach angetan, ihr eine kühle Zartheit zu bewahren. -Mannsthal ließ sie niemals aus den Augen; ohne daß sie dies fühlte, war -sie allüberall von seiner Wachsamkeit umstellt. Das bedeutete nicht, daß -Vögelchen ängstlich abgeschlossen war. Sie sah Kinder um sich, aber sie -waren meist viel jünger als sie selbst und niemals altklug. Auch vom -Kreise der Erwachsenen, die in Wien bei ihrem Stiefvater aus- und -eingingen, verbannte man sie nicht, wohl weil sie selbst niemals unter -ihnen blieb, sie flatterte an ihnen vorüber. Anders wollte sie es selbst -nicht. Sei es daß Mannsthal eine Art Hypnose auf das Kind ausübte oder -daß alles, was sie tat, sein Wunsch zu sein schien, weil er nichts -anderes zu wünschen vermochte, eine seltsame Harmonie herrschte zwischen -den beiden, die manchmal ein leidenschaftliches Aufflammen der Seelen -krönte. Trotz allem schien es, daß Vögelchen Mannsthal nicht liebte wie -einen Vater. Es war auch etwas von der Anhänglichkeit der Zirkuskinder -für ihren Peiniger, der Wunderkinder für ihren Impresario in ihrem -Gefühl. Ein viel zu starkes Innenleben wohnte ihr inne, um nicht im -Unbewußten zumindest Ahnung zu erwecken, daß man an ihrer Mutter -gefrevelt und sie um diese beraubt hatte. Man hatte ihr nichts erklärt, -und sie schwieg. Aber, wenn sich der Eindruck des nestlosen, frierenden -Vögelchens verstärkte, war es, als dächte sie an die Mutter, die nach -einem hartnäckigen Kampf es aufgegeben hatte, ihr Töchterchen -zurückzugewinnen. Dennoch war ihr Verteidiger und Anwalt ein -leidenschaftlicher junger Geist, ein fulminanter Redner gewesen, von dem -die Rechtswelt noch viel erwartete. In seinem Plaidoyer hatte er den -Spieß umgekehrt und Mannsthal des Treubruches angeklagt. »Ist es nicht -ganz unwesentlich,« hatte er gesagt, »ob die Frau, der ich ein Vermögen -opfere, der ich mich mit allen Fibern hingebe, um derentwillen ich mein -angetrautes Weib der Verlassenheit und ihren Gefahren preisgebe, ist es -nicht unwesentlich, daß diese Frau nicht eine greifbare Verführerin ist? -Der Sammelleidenschaft hat Herr Adalbert Mannsthal gehuldigt, mit ihr -hat er Orgien gefeiert. Er hat dem Laster gefrönt. Und wenn in Ihren -Augen auch der Verdacht gegen Frau Mannsthal berechtigt erscheinen -könnte, wenn man auch sie des Lasters bezichtigen könnte, Sie werden -sich nicht der Gerechtigkeit versagen, Adalbert und nicht Martha -Mannsthal als den schuldigen Teil zu erkennen. Denn, meine Herren, was -ist das Laster überhaupt? Laster ist unendliche Hingabe. Vielleicht -finden wir darin den Schlüssel, daß es Menschen gibt, die durch die -Gewalt ihrer Hingebungsfähigkeit zugleich Heilige und Lasterhafte sind. -Wenn nun ein Mensch seine Hingebungsfähigkeit, die ein anderer verkannt -und verraten hat, einem Menschen schenkt, der mit den heißesten Wünschen -darum wirbt, der Verräter und Verkenner dieses Gefühles sich hingegen an -ein Phantom verliert, einer Unwirklichkeit das lebendig zuckende Herz -opfert: welcher von den beiden, meine Herren, ist der Sündhaftere, der -Schuldige?« - -Der junge Verteidiger vermochte die Herren des Gerichts nicht zu -überstimmen, der Prozeß konnte nur im Vergleichsweg ausgetragen werden. -Martha Mannsthal aber verheiratete sich nach Jahresfrist mit ihrem -Rechtsanwalt. - -»Aller guten Dinge sind drei,« sagte ihr zweiter Mann, als er es erfuhr. - -Vögelchen aber wußte nichts von dem freiwilligen Verzicht, den der -feurige junge Redner ihrer rechtsunkundigen Mutter abgezwungen hatte zur -Erlangung eines beträchtlichen Vermögens, das Mannsthal bot, und zur -Vermeidung einer allfälligen strafrechtlichen Verfolgung. Vögelchens -Augen fragten zwar unablässig in das Leben, das ihr fremd und weit war, -aber sie schienen eine Antwort nicht abzuwarten, als scheuten sie ihr -Wissen. Nirgends verblieben sie lange, als fürchteten sie, zu warm zu -werden, so stark war ihr Schauen. So hielt sie denn bei niemandem still. -Urbacher war es damals allein beschieden, ihres Rastens froh zu werden. -Von allen Menschen, die bei Adalbert verkehrten, war er der einzige -(wohl auch dank seiner Eigenschaft als Arzt), dem Vögelchen sorglos -anvertraut wurde. Niemals aber -- und wie recht gaben die zukünftigen -Ereignisse diesem Empfinden -- fühlte er dieses Vertrauen als festen -Besitz. Dennoch gelang es ihm im nahen Beisammensein den Sinn zu -erforschen, der Vögelchens Fliehen und Flattern bewegte. Sie war ein -kleiner Zugvogel, der in unserer Kühle nicht Heimat hat, einer großen -Wärme bedürftig und dennoch die große Flamme fürchtend; einer Glut -schien sie aufgespart, die sie ersehnte und scheute. Irgendwo im Leben -wartete sie und vielleicht war sie nicht allzu ferne. Dem Freund ward -nicht bange. Vögelchen hatte Schwingen, die kein Feuer versengen und -verzehren würde. - -Urbacher schrieb damals in sein Tagebuch, das nach seinem Tode einigen -vertrauten Freunden zugänglich gemacht wurde: »Ich kann es nicht -verschweigen, daß jede Guttat, die ich verrichtete, mir auf -geheimnisvolle Weise von Vögelchen abgefordert wurde. Ich befand mich -oft in einem Zustand äußerster Anspannung, in einem traumhaften Bann, -der mich zum Vollstrecker allerlei Zartheiten machte und meine -Feinfühligkeit erregte. Aber ich muß gestehen, daß ich meine Sehnsucht -nach einem Übermaß der Güte, ja eines Heiligseins schließlich nur aus -dunklen Trieben zu sättigen vermochte. Es ist ein eigen Ding um solches -Sehnen, das sich mit einer falschen Antwort auf seine Fragen beruhigen -läßt, als müßte aus dem wissentlichen Unterliegen rein und klar die -Demut erwachsen, wie oft eine wunderliebe Blume aus dem Morast ihre -Reinheit erhebt. Meine eigene Schwachheit flößte mir Mitleid ein und -Verstehen. Daraus erklärt sich, daß ich Mannsthals Freund geblieben war, -als ich ihn vor meinem innern Auge entlarvt hatte. Um Vögelchens willen -mußte ich ihm Handlungen verzeihen, die ich selbst wohl niemals begangen -hätte. Ich empfand vor der Planmäßigkeit, mit der er seinen Besitz -erschlichen, bewahrte und verwahrte, ein fast physisches Gefühl, das -Grauen und Lust in sich paarte. Mannsthal schien ein Kühler. Sein Geist -war durch nichts überwuchert, mit nichts durchsetzt, er war gleichsam -durch die Sinne zur äußersten Oberfläche seiner Handlungen getrieben, -und hier in stetem Spiel. Ich habe niemals ein Gefühl bei ihm entdeckt, -das ganz schlackenlos und, wenn ich sagen dürfte, geistlos aus ihm -loderte. Ich ahnte, daß er äußerster Dinge bedurfte, um seinen Geist zum -Scheintod zu zwingen. Ein Hang zur Unmäßigkeit war ihm eigen. -Entschlüsse brachen blitzartig aus ihm, er war ihnen verfallen wie einem -geheimen Befehl seines Unterbewußtseins. Der Abbruch unserer Beziehungen -war ein solcher Entschluß. Und dennoch war Mannsthal unbedingt das, was -man einen edlen und in mehrfachem Sinn einen gemeinnützigen Menschen -nennt. Es fehlte ihm weder an impulsiver noch an wohlbedachter Güte, -obwohl auch an seiner Schädlichkeit nicht zu zweifeln war.« - -Zu jener Zeit verfolgte Mannsthal dem Kinde gegenüber die Verwirklichung -seiner Vorstellungen in einer Art, die grausam zu nennen war. Er wollte -Vögelchen wie ein Wesenloses, ein Bild genießen, er hätte sie hungern -lassen, damit sie leicht bleibe wie ein Schmetterling. Er wollte sie wie -eine Vision in seinem Leben haben, er vergötterte und förderte ihre -Zerbrechlichkeit. Urbacher aber liebte ihre Zartheit, die ihm wie eine -Gefahr schien, für die er immer bereit sein mußte. »Wundersam war es -mir,« so schrieb er, »die Wandlungen zu beobachten, denen Vögelchens -Wesen unterworfen war. Wie die starre Unzugänglichkeit der -byzantinischen Malerei sich in die kindliche Freundlichkeit der -toskanischen und sienensischen Mystiker wandelt, so erblühte aus dem -strengen Kind ein magdhaftes, stolzes und doch schüchternes Wesen, wie -Ambruogio Lorenzetti, der stille seine Madonnen malte, als eben der -heilige Franziskus die Natur entsühnt hatte. Das sinnend zur Seite -geneigte Köpfchen, die minnigliche Holdseligkeit der schmalen Arme und -Hände, die Biegung der Gestalt, über all dies körperlich Verengte, über -die überirdische Lieblichkeit, diese Schwingungen der Zartheit, schwebte -der träumerische, himmlische Friede des Trecento. Als wäre sie aus den -Bildern jenes anmutreichsten Deutschen, aus Stephan Lochners Tafeln, zu -uns herabgestiegen mit der mädchenhaften Schalkhaftigkeit seiner -Madonnen, als käme sie aus den Welten jenes Fraters, der hinter den -Klostermauern von San Marco schuf. Ihr Füßchen schien feucht von den -Wiesen auf Fra Angelicos Bildern, die im Frühlingsschmuck prangen, und -manchmal waren kleine, ungefährliche Teufelchen um sie, wie sie der -Gute, Lichte gemalt. Oft aber, wenn sie eben getollt und gelacht hatte, -geschah es, daß sie reglos still wurde, als horche sie. Da konnte sie -ihre artigen Manieren vergessen und minutenlang in ein Antlitz starren -mit einer Neugier, die grausam schien. Wenn der von ihr Gemusterte -umgesunken, wenn vor der Tür ein Schuß gefallen wäre oder eine ersehnte, -unerwartete Stimme sie gerufen, sie hätte den festgesaugten Blick nicht -von dem Gegenstand ihrer Wißbegierde gewandt. Was sie erforschte, -erzählte sie nicht, doch war es oft erstaunlich, wie unterrichtet sie -war. Ihre kindliche Ahnungslosigkeit blieb dennoch unerschütterlich. Sie -selbst aber glaubte mit einer gar zu drolligen Genugtuung, den Dingen -auf den Grund gekommen zu sein.« - -Adalbert Mannsthal hatte gleich nach seiner Scheidung das alte -Familienhaus verlassen und ein Haus gekauft, in einem Bezirk, in dem -noch alte Gärten vom merkantilen Unternehmersinn verschont geblieben -waren. Es wäre ganz undenkbar gewesen, daß Mannsthal, der in feudaler -Umgebung aufgewachsen war, mit fremden Leuten in einem Hause wohne, in -einem Zinshaus. In seinem Heim erinnerte eigentlich nichts an eine -bestimmte Zeit. Die Räume waren alle groß, still und nicht sehr hell. -Die Luster waren Kerzenträger, die Spiegel hatten Metallrahmen, die -Bücher standen hinter schweren smaragdfarbenen Seidenvorhängen, die -Sitzmöbel schienen unbeweglich, so massiv waren sie. Antike Kunstwerke -und wertvolles Porzellan schmückten die Wände. Vögelchen sah um so -zierlicher aus in dieser Umgebung. Aber die ein wenig düstere Lage des -Hauses und der tiefe Schatten des umschlossenen Gartens machten einen -längeren Sommeraufenthalt für das Kind unumgänglich. Mannsthal besaß aus -der Erbschaft nach einer Tante ein Landhaus an einem See der Kalkalpen. -Dieses bestimmte er für Vögelchens Sommersitz. Er selbst verbrachte -gewohnheitgemäß einen Teil der warmen Jahreszeit in einem Wildbad, das -er einmal wegen eines Leidens aufgesucht hatte. Seltsam verjüngt kehrte -er immer von dort zurück. Während seines Fernseins wohnte Urbacher in -dem Landhaus am See und verließ es gewöhnlich bald nach Mannsthals -Eintreffen, um seine einsamen Gebirgswanderungen anzutreten. - -Der Aufenthalt am See ward Urbacher die schönste Lebenszeit. Wie -beglückend war ihm das Bewußtsein, daß der künftige Tag und die vielen -folgenden ein Wiedersehen mit Vögelchen bargen, daß er sie sehen konnte, -wann er wollte, bei ihren kleinen Gärtnerarbeiten, bei den ergötzlichen -Schulstunden, die sie, die Unbelehrte, mit den Bauernkindern abhielt, im -Kahn, im Bade, im Walde, wo sie so durchscheinend blaß erschien, in -ihrem Zimmerchen, das ein wenig phantastisch war, etwa wie das Zelt -eines kleinen Indianerhäuptlings. Vögelchen liebte Fische. In dem Teich -mit der Fontäne, deren Stimme sich in ihre Träume mischte, zog sie große -Goldfische und eine andere weißliche Art, die sie Mondstrählchen nannte. -Sie verehrte sie wie heilige Tiere. - -Die Wochen, da ihr Stiefvater abwesend war, benützte Urbacher, sie zu -belehren, und ihren Geist von dem eigenen bewegten Innern auf dieses -anderer Menschen und Geschehnisse zu lenken. Märchen ergötzten sie -nicht. Sie schienen farblos zu sein gegen solche, die sie selbst ersann. -Waren ihr doch die wirklichen Ereignisse wundersame Begebenheiten, für -die sie absonderliche und unzutreffende Deutungen fand. Daß sie das -Leben wie ein Wunderland sah, unheimlich und doch nach ihrem Sinne, ohne -Unerklärlichkeit, das erfüllte den Freund oft mit dem Bangen wie vor -einer unabwendbaren Katastrophe. So marionettenhaft ihr auch die -erdachten Märchen erschienen, so unermüdlich horchte sie den Berichten -aus fremden Ländern. Sie war darin wie ein Junge. Ihre Bibliothek -bestand aus Reisebeschreibungen. Sie liebte auch die Berichte von großen -Taten und die Schicksale der Hilfsbedürftigen und Bresthaften fesselten -sie. Aber auch das Dämonische und Grausame erweckten in ihr eine fast -fieberhafte Neugier und es war unklar, ob dies aus Mitleid für die Opfer -oder aus jenem bösen Instinkt geschah, der Kindern mehr als Tieren eigen -ist. Urbacher fragte sich oft, ob Vögelchen ihre Lebensweise nicht eines -Tages als Zwang empfinden würde, ob nicht schon Sehnsucht heimlich an -ihr zehrte. Man ergründete niemals die eigentliche Quelle ihrer -Zartheit. Noch schien sie ganz ruhig, ausschließlich auf die kleinen -Dinge gerichtet, mit denen sie ihr Leben bevölkerte. Sie hatte eine -seidenhaarige Katze, Fische, Reisebücher, Blumen und einen kleinen -buckligen Bauernbuben zum Pagen. Sie trug jahraus jahrein weiße Kleider -und farbige Ketten, die sie selbst verfertigte, des Sonntags eine -zierliche echte Perlenschnur, ein Andenken von der Mutter. Sie sammelte -Muscheln, Schmetterlinge und Käfer und nähte mit ihrer alten Wartefrau -Kleidchen für arme Kinder, die meist zu klein ausfielen. Mit Mannsthals -Gästen freute sie sich, obwohl sie viele unter ihnen nicht liebte, und -stürzte sich mit hungrigen Fragen auf sie. Von der Welt, die man die -Gesellschaft nennt, schien sie nichts zu wissen. Ihr war jeder Mensch -ein zusammenhangloses Wesen und sie hielt ihm nichts zugute, da sie die -Beziehungen seines Lebens nicht kannte und verstand. Oft aber entzückte -sie ein Selbstverständliches. Urbacher verfiel immer wieder in -Grübeleien über Vögelchens Zukunft. Mannsthal aber war keinerlei -Erwägungen zugänglich. Man schlug ihm vor, mit Vögelchen zu reisen, da -ihr Interesse für fremde Gegenden oft leidenschaftlich hervorbrach. Wenn -nun auch Arabella noch keinerlei Unruhe zeigte, durfte Mannsthal ganz -sicher sein, daß sie nicht in ihr unsichtbar sich vorbereitete? Als man -ihm darüber Vorstellungen machte, meinte er, die Kleine sei eben nicht -wie andere Vierzehnjährige, und sein Lächeln schien hinzuzufügen, er -habe dafür gesorgt, daß ihr noch keine Flügel wüchsen. Es geschah -jedoch, wie Urbacher es voraussah. - -Es begab sich, daß Mannsthal, der Doktor und Vögelchen an einem blauen -Juliabend an das jenseitige Ufer des Sees ruderten. Dort war vor kurzem -ein verlassenes Schloß zu einer Fremdenherberge verwandelt worden. Auf -der Terrasse, die weit ins Wasser hinausgebaut war, standen die Tische -und Sessel, in denen die Reisenden und erholungsuchende Menschen sich -müßig gegenüber saßen. Man konnte weithin den erhellten Saal sehen, aus -dem oft wiegende Tanzmelodien klangen. Modisch gezierte Leute gingen hin -und wieder. Adalbert, der diese Welt nicht suchte, aber niemals mied, -begann mit Spott über dies Leben zu sprechen, das die Menschen zu -Pagoden mache, in die Landschaft schlechte Farben und grelle Töne -brächte. Es schien plötzlich eine Unrast in ihm zu sein wie in einem -Tier, das etwas wittert. Der Abend barg eine von fremdem Duft beladene -Schwüle, wie sie Gewitternächten vorangeht. Adalbert und der Doktor -hatten fast den ganzen Tag im Studierzimmer verbracht, in die -Angelegenheit einer Fälschung vertieft, der sie auf der Spur zu sein -glaubten. Auch Vögelchen war den ganzen Tag über allein gewesen, wie -vergraben zwischen ihren Blumen und Tieren. Das belebte Gelände am See -erschien den aus der Einsamkeit Tauchenden wie eine Luftspiegelung; ganz -fremd sah es in ihr Leben. Aber während Adalbert weiter sprach, als -fürchtete er eine Stille, in die dies Fremde lauter tönen könnte, waren -Vögelchens Augen mit jenem sich ansaugenden Ausdruck auf das Gestade -gerichtet. Mannsthal saß am Steuer, während Urbacher in lässiger -Betrachtung des neuen Bildes die Ruder gesenkt hielt. - -Als er sie wieder aufnahm, sagte Vögelchen: »Bleiben wir noch.« - -»Nein, wir müssen zurück. Es kommt Sturm,« mahnte Mannsthal. - -»Steigen wir aus,« bat Vögelchen. »Ich will nicht bei Sturm auf dem See -sein, bitte, Va.« Sie sagte Va. Sie vermied, Vater zu sagen. - -»Unmöglich, Kind.« - -In dem völligen Gleichklang der Wünsche, der zwischen Vögelchen und -ihrem Stiefvater herrschte, war dieser Mißton ein Ereignis, der schon -einer starken Reibung gleichkam. Vögelchen biß die Lippen zusammen und -preßte erbleichend die Hände aneinander. Ihr Blick blieb unverwandt auf -das Ufer gerichtet, während Urbacher langsam heimwärts ruderte. Doch -plötzlich schien sich die Pein zu lösen und einer neuen Hoffnung zu -weichen. - -»Ich möchte dort wohnen,« sagte sie und ihr schmales Gesichtchen war von -einer Freude und wie von einem Erstaunen über diese erhellt. Aber in -diesem Augenblick, da ein heißer, plötzlicher Wunsch ihrer Sehnsucht die -Tore brechen wollte, sah sie den Widerstand und der Anprall war stark. - -»Was müßte geschehen, Va, daß ich in diesem Schlosse wohnen kann?« rief -sie. - -»Nichts kann hiezu geschehen,« sagte er. - -»Müßte das Schiff brechen und wir von den Leuten dort gerettet werden?« -fragte sie weiter. - -»Keiner würde für uns seine feinen Schuhe naß machen,« erwiderte -Mannsthal. - -»Wenn wir nun heimkämen und das Haus stünde nicht mehr da,« fragte sie, -sich an das Wunder klammernd. Und als sie Mannsthal lächeln sah, fuhr -sie fast böse auf. »Könnte es denn nicht abgebrannt sein oder -eingestürzt? Wenn ich es ganz fest wollte, Va. Dann müßten wir im Schloß -bleiben, es ist das einzige Obdach,« jubelte sie. - -»Und dein Dachzimmer mit den Puppen, Ari,« sagte Mannsthal fast -höhnisch, als wollte er sich rächen. - -Vögelchen errötete und verstummte. In einer Mansarde bewahrte sie noch -Spielzeug auf und ihr kleiner buckliger Page hatte jüngstens verraten, -daß sie dort heimlich spiele. - -Spät abends an dem darauffolgenden Tage, da Mannsthal in einer -geschäftlichen Angelegenheit in die Kreisstadt gefahren war, spürte man -plötzlich im Wohnhaus einen beizenden Geruch. Rauch schlug aus dem -schwedischen Ofen. Gleichzeitig polterte der Knecht aus seiner Kammer -die Bodenstiege herab. Das Haus brannte. Urbacher warf sich in seine -Kleider und stürzte in Vögelchens Zimmer. Das Bett war zerwühlt. Er rief -nach dem Kinde -- kein Laut. Die Dienerschaft war schon auf den Beinen. -Niemand hatte Arabella gesehen. Er gab Befehle, aber alles schien -unwichtig, ehe man nicht Vögelchen gefunden hatte. Das Feuer ging von -einer Vorratskammer am Dach aus. Es war zweifelhaft, ob man das Haus -würde retten können, da es fast ganz aus Holz gebaut war. Das Wasser war -nahe, aber außer einem Gartenschlauch gab es keine wirksamen -Löschgeräte. Etwa zehn Minuten entfernt lagen drei kleinere Ansitze, das -Dorf war doppelt so weit und seine Bewohner waren Mannsthal übel gesinnt -seit einer Straßenangelegenheit, die er durchquert hatte. Es war nicht -viel Hilfe zu erhoffen. Alles lief in fieberhafter Angst umher, hatte -man nur Vögelchen in Sicherheit, dann mochten Hof und Haus in Trümmer -zerfallen! Urbacher riß Türen auf, lief in den Garten, stürzte ins Haus -zurück, hinauf bis zum qualmenden Dachboden. Da hörte er schluchzen. Es -war das Weinen eines Kindes, das sich verlassen fühlt und dennoch, wie -von Trotz gehalten, nicht um Hilfe rufen will. -- In der kleinen -Mansarde neben ihren verborgenen Puppen kniete Vögelchen. Der Rauch wob -einen Schleier um sie, in ihrem Nachtkleid mit dem aufgelösten Haar war -sie einem Engel vergleichbar. Dies hatte sie heraufgetrieben: sie wollte -die Puppen retten und schämte sich, sie aus ihrem Versteck zu ziehen. -»Vögelchen,« rief Urbacher glückselig, und gleichzeitig fühlte er, wie -eine andere Angst noch als die um des Kindes Sicherheit ihn freiließ. -Sie war es nicht, die den Brand gelegt hatte. In diesem Falle hätte sie -die Puppen, an denen sie so sehr hing, schon früher in Sicherheit -gebracht. Aber warum weinte sie nun, da sie das Feuer tags zuvor -erwünscht hatte? Sie sah Urbacher nun aus einem totenbleichen Antlitz -regungslos an. Er riß sie auf, während sie noch rasch eine der Puppen an -sich preßte, und trug sie in die Nacht hinaus. Niemals hatte Urbacher -sie so in den Armen gehalten, »zurückgewichen in die bewußtlos-fromme -Majestät der Kindlichkeit, der sie ihr Schmerz entriß«. Er fühlte ihren -zarten Körper durch die leichte Hülle und hätte weinen mögen. Schon lag -der Widerschein der Flammen auf dem See und tanzte in den Wellen, die -der Nachtwind mit leiser Hand aufwarf. Im Bootshaus bettete er sie in -den Kahn, doch als er sich wenden wollte, zum Rettungswerk -zurückzukehren, fühlte er sich von zwei schlanken Armen umhalst und ein -tränennasses Gesichtchen preßte sich an seine Wangen. Eine heiße Stimme, -in der die Vögelchens kaum wiederzuerkennen war, flüsterte flehend: -»Führ' mich hinüber, dorthin, siehst Du? Es sind noch Lichter dort. Ich -will das Feuer nicht sehen.« - -»Kind, Kind,« bat er und wollte sich losmachen. Aber ihre Finger gaben -ihn nicht frei. Es war, als hätte sie Eisen in ihren mageren Händchen. -»Ich komme wieder,« sagte er. Da ließ sie ihn. - -Die Löschaktionen waren im Gange. Auf der Landstraße, die längs des Sees -lief, sah man ein Licht tanzen. In rasender Eile näherte es sich dem -Brandplatz. Das war des heimkehrenden Adalbert Wagen. Urbacher stürzte -in das Studierzimmer, warf einige kostbare Bücher und Manuskripte ins -Freie, fand tastend im Rauch in dem aufgesprengten Kasten Mannsthals -Wertgegenstände, die er seinem Diener übergab. Im Schein der Flammen -raffte man etwas von Vögelchens aus den Fenstern geworfenen Kleidern -zusammen. Urbacher stürzte zurück in das Bootshaus. Vögelchen lag -ausgestreckt im Kahn, sie schien zu fiebern. Sie griff nach seiner Hand, -preßte sie an ihre Lippen. Wenige Augenblicke später stieß das Boot ab. -Das brennende Haus war die Leuchte. - -Mannsthal verlangte keine Erklärung. Es mag sein, daß er sich den -Vorgang selbst gedeutet hatte. Einem Menschen, der das Schicksal mit -kühler, ruhiger Hand nach seinen Wünschen zu lenken schien, mußte diese -Nacht mehr als eine schreckhafte Episode bedeuten. Er bestand auf einer -genauen Untersuchung der Brandursache und merkwürdigerweise fiel der -Verdacht auf den buckligen, halb blöden Bauernjungen, der nicht -leugnete, auf dem Dachboden mit Zündhölzchen gespielt zu haben. -Mannsthal veranlaßte vorläufig nicht die Wiederherstellung des Hauses, -das dank einem starken Regen, der unmittelbar nach dem Eintreffen am -jenseitigen Ufer niedergegangen war, teilweise verschont geblieben war. -Er selbst reiste am Morgen der Brandnacht ab ohne Vögelchen zu sprechen, -über deren Aufenthalt ihn der Diener gleich bei seiner Rückkehr -aufgeklärt hatte. Er ließ sie in Urbachers Hut, als wäre dieser -verantwortlich für des Kindes Flucht zu den Menschen, die ihm das -Scheitern seiner Hoffnung bedeuten mochte. Sei es, daß er sich in einer -Krisis befand, die er allein besser zu überwinden hoffte, sei es, daß er -nicht mit ansehen wollte, wie Vögelchen sich selbst die Welt gewann, -oder gar am Ende ihr böse war, er war nicht zu bewegen, ihr zu folgen -oder sie zu sich zu rufen. - -Arabella wohnte nun an dem modischen Gestade. - -Am Morgen nach der Ankunft sah man sie bei einer alten Dame sitzen, -eifrig plaudernd. Sie erzählte später, daß sie nicht geschlafen hätte -und gleich, nachdem die Dienerin mit ihren Kleidern angelangt war, auf -die Terrasse gekommen sei, voll Neugierde das neue Leben erwartend. Um -nicht allein zu sein, hätte sie sich gleich zu der alten Dame gesetzt, -die sich sehr freundlich ihrer angenommen habe. Wie es schien, hatte -sich bei Vögelchen eine Schleuse geöffnet, aus der nun alles, was sie in -ihrer Einsamkeit erlebt hatte, hervorstürzte. Die Dame, die, wie eine -allseits verehrte Tante, unter den jüngeren Hotelgästen lebte, nahm -Vögelchen, die ihr ein lächelndes Entzücken entlockt hatte, völlig unter -ihren Schutz. Und bald war das Kind mit Jung und Alt befreundet und der -Mittelpunkt des Interesses. Vögelchen schien es ganz selbstverständlich -offene Türen zu finden. - -Die Schloßgesellschaft war nicht gerade die übelste Auswahl jener -Herdenmenschen, die weder vom Spiel der Nerven noch von bedeutenderen -Geistesanlagen zu einem Abweichen von gewohnten Wegen und Gesetzen -gedrängt werden. Ihre gewandte Beherrschung der Lebensformen erinnerte -an die Sicherheit, mit der oft ahnungslose Kinder Gefahren bestehen. -Immerhin hatte sie etwas Bestechendes. Vögelchen aber war nicht -geblendet und besonders den jungen Männern gegenüber benahm sie sich -fast geringschätzig. Offenbar glichen sie ganz und gar nicht den Helden, -die in ihrem kindlichen Hirn thronten. Urbacher gefielen sie auch nicht -sonderlich. Es waren Familiensöhne, Jünglinge, die sich ihrem Namen -gegenüber verpflichtet fühlten einen bestimmten Lebensweg einzuschlagen, -was ihnen beinahe etwas greisenhaft Abgeschlossenes gab. Sie waren in -Leibesübungen gewandt und in deren Betätigung fast leidenschaftlich und -ehrgeizig. Ihr geistiges Bestreben hingegen beschränkte sich auf eine -flüchtige Umsicht, die möglichst viel umspannen sollte. Die Mädchen -waren bescheidener. Die natürlichste Form guter Lebensart schien der -Familie Normayr eigen. Man sprach von einem Sohn, einem jungen -Seeoffizier, der erwartet wurde. Am Vorabend seiner Ankunft, es war -zweifelhaft, ob Vögelchen sie wußte (keinesfalls schenkte sie dem -Umstand Beachtung), hatte sich ihrer Unrast bemächtigt. Am folgenden -Morgen, als Vögelchen die Stiege hinabschreitet und der jugendliche -Offizier in der sommerlichen weißen Seemannstracht ihr an der Seite -seiner Schwester entgegenkommt, ist ihr Blick mit einem Male wie gebannt -gewesen, verstrickt in dies gebräunte Jünglingsangesicht. Auch Urbachers -bemächtigte sich ein freudiges und beklommenes Staunen, als ginge es von -Vögelchen auf ihn über. Der junge Seeoffizier, auf dem ein Abglanz lag -von den siegreichen Tagen von Lissa, unterschied sich allerdings schon -auf den ersten Blick von den anderen jungen Leuten. Er war über sein -Alter ernst und bei aller Bescheidenheit in sich gefestigt. Eine -Herbheit ging von ihm aus, wie die Seeluft rein und erfrischend. Auch er -besaß Unterwerfung in den herkömmlichen Willen der Familie, nur war sie -bei ihm nicht Dünkel, sondern Ehrfurcht und vielleicht deshalb -bedingungsloser, denn sie lebte neben seinem klaren, menschlichen Blick. - -Er war streng gegen Vögelchen von der ersten Stunde ihrer rasch -aufblühenden Freundschaft an. Ihm war wohl, er dürfe es, er hätte dies -Amt über sie. Ihrer kleinen Teufeleien mußte er Herr werden, wollte er -auf den Grund ihrer Seele schauen. Und Vögelchen ging umher in Leuchten -und Staunen und hin- und hergewiegt zwischen Furcht und Frage. Dennoch -formte sich zu dieser Zeit ihr Wesen zu etwas Festerem. Aus ihren -Instinkten wollte sich Bewußtes entwickeln. Die vielen Plauderstunden -mit dem neuen Freund begannen aus ihrer süßen, kleinen Tier- und -Kindseele den Menschen zu wecken. Der junge Offizier, darüber konnte -kein Zweifel sein, stand ebenfalls unter einem jener leisen Wunder, wie -sie in der rückhaltsvollen Welt immer seltener werden, und er mochte -ganz und gar bereit sein, sich dem neuen Zauber hinzugeben. Auch seine -Mutter war Vögelchen gewogen und scheinbar erfreut, dereinst vielleicht -das vermögende Mädchen als Tochter willkommen zu heißen. Urbacher sah -des Kindes Strahlen und erlebte im Vorgefühl Mannsthals ohnmächtige -Trauer, den Zusammenbruch seines geheimen Planes, der in seinen Zielen -ihm unheimlich erschien und dennoch erhellt von dem Wetterleuchten -seines eigenen zwiespältigen Herzens. Eine abwartende Scheu hemmte ihn -dem Freunde Mitteilung zu machen, obwohl er in dunklen Augenblicken sein -blitzartig zerstörendes Eintreffen beschwor. Er begnügte sich indes noch -die Aufforderung, sich ihnen zuzugesellen, auf das dringendste zu -wiederholen. - -Der Gesellschaft hatte sich eine Spannung bemächtigt. Es lag ein -Ereignis in der Luft. Auch das Wetter war in diesen Tagen schwül und -lastend, bis es sich schließlich unter Donner und Blitzen gesäubert -hatte. Der Regen, der so andauernd und heftig gewesen, daß der See über -seine Ufer trat, brachte aus den Felsen, die die Landstraße längs des -Wassers säumten, Sturzbäche hervor. Man sprach davon, die Straße für den -Wagenverkehr zu sperren. Das Zögern des Verbotes hatte ein Unglück zur -Folge, aus dem sich die Begebenheit entwickelte, die jene Spannung auf -eine merkwürdige Art löste. - -An dem Morgen, der den Wettertagen folgte, fuhr nämlich Mila Maquard mit -ihrem Wagen von einem der nahen Kurplätze über die gefährdete Straße. -Mila Maquard war eine jener Frauen, deren Haar nicht ganz die Farben der -Natur hat, deren Perlen ungewöhnlich groß sind, deren Kleidung eine -verschwiegene Sorgfalt aufweist und deren Hochmut Triumphen entspringt, -über die man bedeutsam zu schweigen pflegt. Mila Maquard war von großer -Schönheit und es war ihr eine natürliche Anmut geblieben, die auch -Frauen entzücken mußte, deren Auge nicht von bürgerlicher Verachtung -trübe war. - -Als sie nun ahnungslos jene Stelle der Fahrstraße passierte, wo das -Wasser in den Felspartien verheerend gewirkt hatte, ging eine -Erdrutschung nieder. Ihr Kutscher wurde schwer verwundet, sie selbst aus -dem Wagen geschleudert, wodurch sie einen Bruch des Armes und einen -leichten Nervenschock erlitt. Die Unfallsstelle war nicht weit vom -Schlosse und der herbeigerufene Landarzt verfügte dahin den Transport -der Verletzten. Man war zu der verhängnisvollen Stätte geeilt und einige -Herren hatten die Verunglückte erkannt. Alsbald waren auch die Damen -unterrichtet und eine eisige Teilnahme wurde der schönen Maquard zuteil. - -Während man sie und den Kutscher in den Saal hingebettet hatte und der -Arzt sich um sie bemühte, standen die Gäste auf der Terrasse in Gruppen -umher. Lebhafte Gespräche entwickelten sich. Man schien nicht geneigt, -der Fremden Gastfreundschaft zu gewähren. Frau von G., die Mutter von -vier Töchtern, deren Verheiratung das Ziel der Sommerreise war, -ereiferte sich ganz besonders. Ebenso Baron M., der sich abseits, wie -man bemerkt hatte, für sein korrektes Benehmen in ausgiebigster Weise -schadlos zu halten verstand. Er mochte Gründe haben diese Begegnung -unter dem Auge der Familie zu scheuen. - -Als die Debatte, die wegen der Nähe der jungen Mädchen nur -andeutungsweise und im Flüstertone geführt wurde, ihren Höhepunkt -erreicht hatte, erschien der Pächter und fragte auf das höflichste an, -ob man die Güte haben würde, der Verunglückten in dem vollbesetzten -Hause dadurch Platz zu machen, daß etwa zwei der jungen Leute in einem -Zimmer schlafen würden, so daß man einen Raum gewänne. Es sei bemerkt, -daß von dem Augenblick, da Mila Maquard sich in dem Hause befand, eine -Veränderung mit der Gesellschaft sich vollzogen hatte. Die Herren waren -mit einem Male sehr angeregt, als wäre nicht eben ein Unglück geschehen, -das einen tödlichen Verlauf hätte nehmen können. Besonders die Jünglinge -bezeigten ein lebhaftes, wichtigtuendes Wesen und den Fräulein ihres -Kreises eine gewisse Geringschätzung. Ihre Beflissenheit beim Transport -der blonden Dame war auch ganz außerordentlich gewesen. Aber auch die -Damen wurden lebendiger, die Freudigkeit einer Abwechslung war auch in -ihre Nerven gefahren, nur daß sich ihr Verhalten sogleich kriegerisch -färbte. Der junge Normayr war mit seinem Segler am See. Da es sehr -stürmisch war, hatte man Vögelchen bestimmt, ihn nicht zu begleiten, so -daß es auch Zeugin des Unfalls gewesen war. Wo aber trieb es sich nun -herum? Urbacher näherte sich der Terrasse und sah seine Vermutung -bestätigt: Vögelchens weiße Gestalt lehnte dort an einer Holzsäule. Ihre -Kinderaugen wandten den Blick nicht von der hübschen Frau, die auch in -der Lage, in der sie sich augenblicklich befand, nichts von ihrer -typischen Eigenart verloren hatte, die zu der des Kindes in einem so -starken Gegensatz stand, daß die Frage nahe lag, ob die beiden denn -Wesen einer Art seien. Als Vögelchen Urbacher sah, kam sie auf ihn zu -und flüsterte: »Ist sie nicht schön? Glaubst du, daß es eine Prinzessin -ist?« - -Die gute Frau von G. war mittlerweile in so große Aufregung geraten, daß -sie das »_pas avant les enfants_« vergessen hatte, als sie nun das Wort -ergriff, um dem Hotelier zu antworten: »Wir sind alle der Meinung, daß -es unmöglich ist, diese -- diese Frau hier aufzunehmen. Wir können Ihnen -nun freilich keine Vorschriften machen, aber ich für meine Person -versichere Ihnen, daß ich mit meiner Familie morgen abreise, wenn sich -diese Person hier auf einen längeren Aufenthalt einrichten wollte, und -ich bin sicher, daß wir nicht die einzigen wären.« - -»Ich bitte, sich zu beruhigen, gnädige Frau,« sagte der Pächter. »Wir -befinden uns ja noch unter dem ersten Eindruck dieses Unfalles. Was die -Dame weiterhin zu tun gedenkt, ist mir völlig unbekannt, aber jedenfalls -ist ihr für die nächsten Tage die Weiterfahrt ärztlich verboten.« - -»Das ist ja sehr traurig, mein lieber Rösler,« sagte die Baronin. »Man -hätte eben die Straße für Wagen sperren sollen. Wir wollen aber in -unserem Aufenthalt nicht gestört sein und Sie können uns nicht zumuten, -mit dieser -- dieser Frau unter einem Dache zu wohnen.« - -Herr Rösler bemühte sich, ein Lächeln zu unterdrücken. »Verzeihen Sie, -Gnädigste, aber versetzen Sie sich in meine Lage. Kann man eine -Verunglückte vor die Türe setzen?« - -»Nun dafür gibt es Beispiele,« erklärte Frau Kommerzialrat Lobling. »Ich -habe es selbst mitgemacht, daß man in K. zwei Lungenkranke abwies, die -in unserem Hotel einkehren wollten.« - -»Das ist abscheulich,« sagte da eine bebende Stimme, und Vögelchen stand -plötzlich im Vordergrund. Sie war bleicher als sonst und sprach in -sichtlicher Erregung. »Ja, warum soll denn diese liebe Dame nicht hier -schlafen?« rief sie. »Wo soll sie nun denn wohnen? Vielleicht wäre es -mir auch so ergangen, als uns das Dach wegbrannte, wenn ich am Tage -gekommen wäre und man über mich abgestimmt hätte. Vielleicht hätte man -mich auch verjagt.« - -Einer der Jünglinge lachte, und im nächsten Augenblick entlud sich eine -allgemeine Lachsalve. Vögelchen wurde glühend rot. Sie fühlte jetzt, daß -sie etwas Einfältiges gesagt hatte, und große Tränen traten in ihre -Augen. - -»Ich bin natürlich gern bereit, mein Zimmer abzutreten, falls sich -keiner der jungen Leute bereit erklärt,« sagte Urbacher. - -»Nein, das dürfen Sie nicht,« unterbrach ihn der Baron. »Ich wäre ja -auch bereit. Aber das ist nun einmal eine Prinzipiensache. (Wir sprechen -ja wohl noch darüber, wenn wir unter uns sind.) Sie beschämen unsere -jungen Leute oder drängen sie, den Damen gegenüber einen Taktfehler zu -begehen.« - -»Ich habe mein Wort verpfändet das Hotel nicht zu verlassen. Wenn mir -keiner der Herren in seinem Zimmer Gastfreundschaft gewährt, ist meine -Bereitwilligkeit leider ohne Wirkung.« - -Eisige Stille folgte seinen Worten. Der Hotelier zuckte die Achseln und -entfernte sich. Ihm war es ja schließlich auch lieber, wenn ein Fräulein -Maquard nicht unter den Gästen seines Familienhotels erschien. Er selbst -hatte sein Zimmer vermietet und wohnte in einer schlechten Mansarde. - -Die Gesellschaft zerstreute sich. Die Herren waren froh unter sich zu -sein. Die jungen Mädchen blieben beisammen und ließen ihrer Neugier -freien Lauf. - -Indessen war der junge Normayr gelandet und sogleich von den -Begebenheiten unterrichtet worden. Als er nun zu Vögelchen trat, umwogte -sie eine Welle von Zärtlichkeit, die aus seinen klaren Augen zu ihr -ging. Sicher hatte er von ihrer rührenden, kleinen Standrede gehört. Als -sie dann plaudernd auf- und abwanderten, kam Ruhe über sie. - -Für den Nachmittag projektierten die Damen nicht ohne Hintergedanken -einen Ausflug. Fräulein Maquard war indessen in dem Rauchzimmer -untergebracht. Der Pächter war in einer verzweifelten Lage. Die -Gesellschaft brach auf, ehe er nochmals an sie herantreten konnte. Auf -diesem Ausflug schien sich zwischen Vögelchen und ihrem schönen Freunde -eine Annäherung vollzogen zu haben, die nun manches bisher -Unausgesprochene zur Wortschwelle gedrängt hatte. An diesem Abend -entschloß sich Urbacher, Mannsthal von dieser Annäherung zu -verständigen. - -Was Fräulein Maquard betrifft, so fand man, vom Ausfluge zurückgekehrt, -keine Spur mehr von ihr. Eine gewisse Scheu der Beschämung, wie sie -Menschen oft befällt, wenn ihnen eine schlechte Tat gelungen, hielt die -Frage zurück, wohin sich die Verunglückte gewendet habe. Die Lustigkeit, -die die Gesellschaft an diesem Abend entfaltete, war nicht ehrlich. Man -wollte sich über sein schlechtes Gewissen hinwegamüsieren. Selbst die -Admiralsfrau von Normayr war geräuschvoll und ganz besonders -liebenswürdig Vögelchen gegenüber, wohl um zu beweisen, daß sie ihre -vorlaute Ansprache nicht übel genommen habe, da nun alles sich zur -Befriedigung der gefährdeten Ehrbarkeit gewendet hatte. - -Wie sehr erstaunte man aber, als am darauffolgenden Morgen Mila Maquard, -den Arm in der Schlinge, ein wenig bleich, unter den Frühstücksgästen -erschien und mit der größten Ruhe, ohne irgend jemanden zu beachten, in -der guten Morgensonne, die sich nicht scheute auch sie zu bescheinen, -ihr umfangreiches Frühstück einnahm. - -Die Gespräche verstummten. Frau von G. schien von Gelbsucht befallen, -die Mädchen wagten nicht aufzusehen, die jungen Leute sprachen lauter, -als ihre Gewohnheit war, und prahlten mit bereits bekannten Ereignissen. -Ein Sturm der Entrüstung brach los, als Mila Maquard die Terrasse -verließ. - -Urbacher war die ganze Zeit über ein wenig unruhig gewesen, weil er -Vögelchen, die eine Frühaufsteherin war, vermißte. Ihr Freund, der bei -ihm saß, teilte seine Unruhe. Nun kam sie, eben als der Redeschwall -losbrach, langsam und verschlafen die Stufen des Hauses herab. - -»Das ist unerhört,« erklärte Frau Kommerzialrat Lobling, deren Kleid -entschieden von dem Mila Maquards geschlagen worden war. - -»Eine Hinterhältigkeit, eine Unverschämtheit von diesem Rösler,« rief -Frau von G. - -»Meine Meinung wird er hören,« pfiff die Baronin. - -Auch die Admiralin war so ungehalten, daß ihr Sohn sie zu beruhigen -trachtete. - -»Wissen möchte ich, wer den Mut gehabt hat, ihr das Zimmer abzutreten,« -sagte der Baron. »Wissen Sie es vielleicht?« fragte er die Kellnerin. - -Da trat Vögelchen dicht heran. Sie sagte mit leiser, aber fester Stimme: -»Das Fräulein hat in meinem Zimmer übernachtet.« - -»Und du,« fragte arglos Fräulein von Normayr in die peinliche Stille. -»Hast du die Nacht im Walde verbracht?« - -Vögelchen schüttelte den Kopf. Ihr Blick suchte den ihres Freundes, der -dem ihren nur scheu begegnete. - -»Nein,« sagte sie. »Das Fräulein und ich schliefen in einem Bett.« - -Die Admiralin stand auf und sagte: »Pfui, schämen Sie sich.« Vögelchen -erbleichte. Einen Augenblick hielt sie den Atem an, dann brach es aus -ihr aus: »Pfui, ja pfui über Sie alle, über Ihren Hochmut, Ihre -Unbarmherzigkeit.« Erhobenen Hauptes entfernte sie sich. - -Was nun folgte, war schmerzlich. Der junge Seeoffizier mied Vögelchen, -die sich geweigert hatte, seine Mutter um Entschuldigung zu bitten. In -einer Unterredung bat er den Doktor Urbacher, die Annäherungen an seinen -Schützling zu entschuldigen. Gegensätzlichkeiten einschneidender Art -nötigten ihn, den Verkehr aufzugeben, wie schwer dieser Verzicht ihn -auch getroffen. Vögelchen erwiderte hoheitsvoll die Geringschätzung, die -ihr von allen Seiten zuteil ward. Was Urbacher am bittersten schmerzte, -war, daß sie ihm gegenüber den Vorwurf zu hegen schien, daß er sie vor -den Menschen nicht gewarnt habe. Dies Erlebnis der Enttäuschung setzte -Mannsthal wieder in seine Rechte ein. Zwei Tage nach diesen -Begebenheiten fuhr er vor. Er hatte sich bis zur Unkenntlichkeit -verjüngt. Die alljährliche Wirkung seiner Sommerkur wurde diesmal noch -durch seine Bartlosigkeit unterstützt. Selbst seine Kleider hatten einen -andern Schnitt. Vom neu erworbenen Wagen sprang ein weißhaariger -Kammerdiener und öffnete dem Herrn, der neben ihm ein Jüngling schien, -den Schlag. Merkwürdigerweise war Mannsthal über alles Vorgefallene -unterrichtet. Die Auseinandersetzung, die nun zwischen ihm und Urbacher -stattfand, hatte den Abbruch ihrer vertrauten Beziehungen zur Folge. - - - - - Erwachen - - -Das Zerwürfnis der beiden Freunde wäre unter anderen Umständen kaum so -einschneidend und unwiderruflich gewesen. Mannsthal aber mußte bei der -Ausführung eines Planes, der zu diesem Zeitpunkt einsetzte, vollständig -ungestört und unbeobachtet sein. Er war durch einen berufsmäßigen -Vertrauten, dessen Gewandtheit er schon mehrmals erprobt und der -seinerseits sich mit einer im Schlosse wohnenden Erzieherin in -Verbindung gesetzt hatte, über Vögelchens Leben daselbst aufs genaueste -unterrichtet gewesen. Der gefürchtete Augenblick, den er noch in weiter -Ferne wähnte, war gekommen. Vögelchen war einem Manne begegnet, einem -Jüngling, dem sie sich geneigt fühlte. Solange alles furchtbar -gefahrvoll schien, der junge Normayr Aussicht hatte, des Kindes vollstes -Vertrauen zu erwerben, kostete Mannsthal die Lust, jene Gefahr bis zum -Äußersten zu erleben. Es bestand ja immer noch die Möglichkeit, wenn -alles verloren schien, ein grausames Nein zu sprechen. Nun aber hatte -die Sachlage für ihn eine überraschend günstige Wendung genommen. Es lag -etwas Unwahrscheinliches über diesem Naturereignis, das ihm so trefflich -in die Hände gearbeitet hatte. Er zweifelte nicht, daß sein geheimer -Wille Anschluß an höhere Macht gewonnen habe. An die Verwirklichung -seiner Wünsche heftete sich kein Zweifel mehr. Als Sieger schon fuhr er -in K. ein. - -Vögelchen war in grausamere Fremdheit zurückgestürzt, in eine Öde, die -mit jener nicht vergleichbar war, aus der sie sich zuweilen an das -belebte Gestade gesehnt hatte. Jetzt schien ihr schon die Insel des -Lebens durchquert und einer Wüste vergleichbar. Wäre nicht jene Nacht -gewesen, die sie mit Mila Maquard verbracht! Irgendwo gleißte aus ihr -ein Unbekanntes in die Ferne, schien selbst ein feuriger Faden, der -durch Dunkelheiten lief, einer großen Flamme entgegen. Die scheue Freude -und Ruhe, die sie im Umgang mit dem jungen Normayr genossen, sie wußte -sie nicht mehr, seitdem er ihr wie erloschen schien. An ihrer Stelle saß -ein kleiner Wurm in ihrem ehemals so aufgeschlossenen Herzen, das sich -nun gefaltet hatte wie ein Blümlein zur Nacht. Als sie Mannsthal -erblickte, stürmte sie auf ihn zu, aber sein verändertes Aussehen -stürzte die Freude zurück in ihre Brust. War er es? Er folgte ihr auf -das Zimmer, hielt prüfend seine kühle Hand an ihre Wange, fand, daß sie -fiebere, und gebot ihr sich hinzulegen. Während sie in leiser Furcht und -dennoch beglückt seiner Anordnung gehorchte, stand er vor ihr und -meisterte die eigene Erregung. Er selbst war ihr behilflich, als sie dem -Mädchen klingeln wollte. »Ich weiß, was vorgefallen ist,« sagte er und -setzte sich zu ihr. »Du mußt jetzt ganz ruhig bleiben, es wird sich -alles von selbst lösen. Du mußt mir nur wieder vertrauen.« Er -streichelte leise ihr Haar, das aufknisterte wie nie zuvor, und seine -Hand glitt wie beschwichtigend über ihre Schultern hinab. Da sah er Glut -in ihre Wangen steigen. Eine Erinnerung hatte sie überwältigt und -plötzlich riß sie sich aus der Betäubung, die er über sie hingoß, preßte -ihre Arme um seinen Hals und schmiegte das heiße Antlitz an seine Wange. -Sie hatte küssen gelernt. - -Er atmete schwer, machte sich los. »Kind,« sagte er, »wie bin ich jetzt -erschrocken. Das Fieber macht dich so stürmisch. Ich gehe jetzt, du mußt -ruhiger werden. Ich muß ja nun dringend Urbacher sprechen.« Er verließ -sie fliehend. - -Vögelchen lag nun und die Stille tat ihr wohl. Denn nun war sie -innerlich beruhigt wie nie zuvor, nun fühlte sie Geborgenheit und jenes -Gleißende, womit ihr die verunglückte Frau für ihre Gastfreundschaft -gedankt, glühte ihr näher und wärmer. Spät abends trat Mannsthal zu ihr -und berichtete, daß Urbacher abgereist sei. Um die Aufregung des -Abschiedes zu meiden, hätte er nur einige Worte für sie hingeschrieben. -Vögelchen las: »Mein gutes Kind. Wir alten Freunde sind uneins geworden. -Vergiß darüber nicht, daß in Treuen dir zugeneigt bleibt dein Freund -Clemens Urbacher. - -Ich meinte es gut. Trauere nicht über Leid. Schmerz erhöht.« - -Vögelchen begann zu weinen, lautlos wie immer, wenn es weinte. Große -Tränen rollten aus leuchtenden Augen über ein bewegungsloses Antlitz. So -war Vögelchens Weinen. Mannsthal saß an ihrem Bett und küßte ihr Stirn -und Haar. Sein Taschentuch, dem ein seltener, ihr unbekannter Duft -entströmte, trocknete langsam die mählich versiegenden Tränen. Am -folgenden Morgen saß Arabella, vom Schlaf erquickt, am Strande beim -Frühstück. Die Leute schienen nun nicht mehr für sie vorhanden, obwohl -die prunkvolle Ankunft Mannsthals nicht ohne Wirkung auf ihr Benehmen -geblieben war. Vögelchen aber bemerkte es nicht, sie sah niemanden, sie -wartete auf Va. Adalbert Mannsthal erschien im indischen Seidenanzug und -erregte die Aufmerksamkeit der Sommergäste. Er küßte Vögelchens Stirn, -im Flüsterton unterhielt er sich mit ihr. »Wie ich höre, war es die -Maquard, die hier war. Ich werde mich nach ihrem Befinden erkundigen.« - -»Du kennst sie?« - -»Wer kennt sie nicht?« - -Vögelchen errötete. - -»Eine so schöne Erscheinung,« fügte er hinzu. »Eine scharmante Frau. Ich -werde sie bitten, dir bei ihren Kaufleuten einige neuartige Kleider und -was du sonst noch brauchst zu bestellen. Da sie dich kennt, wird sie das -Richtige treffen. Sie hat dich ja auch entkleidet gesehen und weiß -ungefähr deine Maße, nicht wahr?« Wieder errötete das Mädchen und -blickte auf ihren Teller herab. Mannsthal lächelte fast unmerklich. -»Wird es dir Freude machen, Ari, wie eine kleine Prinzessin gekleidet zu -gehen?« sagte er dann. »Sieh mich doch an.« Er zwang ihren Blick in den -seinen. »Denn wenn wir jetzt reisen, brauchst du schöne Dinge.« -Vögelchens Hände klammerten sich an seinen Arm und mit verzücktem -Ausdruck preßte sie die Lippen zusammen, als müßte sie ein Jauchzen in -ihrer Brust verschließen. - -»Nun ja, wir wollen jetzt reisen, da du nun einmal unter die Menschen -gegangen und an ihnen klug geworden bist,« antwortete er. »Nun bleibst -du ja auch eine Weile bei mir?« Sie preßte seine Hand: ein glühendes -Versprechen. - -Vögelchen sah mit Erstaunen, wie er, den sie lässig und oft müde -gekannt, die Segel meisterte. Sie war stolz darauf, daß er sich Normayr -zur Seite stellen konnte. Wie er nun zur Maquard fahren wollte, machte -sie sich eiligst bereit, ihn zu begleiten. Ihr Gesichtchen wurde -nachdenklich, als er erklärte, sie nicht mitnehmen zu können. »Nicht -etwa, weil ich sie aussätzig finde, wie diese Leute hier.« Da hob sie -den Kopf und sagte eigensinnig: »Du willst allein sein mit ihr.« -Vögelchen blickte Mannsthal an vom Kopf bis zu den Füßen. Sie schien -erst jetzt bewußt zu empfinden, daß er ein Mann sei, und so gut wie ein -anderer mit jener Frau in einer dieser geheimnisvollen Verknüpfungen -stehen konnte, von denen die Leute gemunkelt hatten. Sie gedachte der -seltsamen Nacht und Schauer von Ahnungen durchbebten sie. Zugleich -empfand sie Eifersucht und verfiel in Unmut. Mehr als Ärger war es, der -sich schon bis zu Zornausbrüchen bei ihr steigern konnte, wenn sie sich -vor Rätseln sah, die den Andern völlig klar waren. Er gab nach, verschob -den Besuch. Sie machten eine Spazierfahrt, stiegen aus und gingen durch -ein benachbartes Dorf. Sie trafen dort den jungen Normayr mit einem -älteren Offizier. Er erschrak, grüßte ehrerbietig. Vögelchen nickte ihm -zu. »Das war er,« sagte sie nach einer Weile. - -»Ich dachte es mir,« sagte Mannsthal erschauernd. Dann schwiegen sie. -Aber auf der Rückfahrt nahm er plötzlich ihren Kopf zwischen seine Hände -und küßte sie. Vögelchen sah eine Träne in seinem Auge. - -»Va,« rief sie und drückte seine Hände leidenschaftlich an die Lippen. - -Als Vögelchen nach dem Essen auf ihr Zimmer gegangen war, schritt -Mannsthal etwa zehn Minuten den See entlang. Dort stand sein Wagen. Er -fuhr zur Maquard. - -Des Morgens war er zurück. Nun wußte er mehr, als ihm lieb war. Die -Maquard hatte ihm vorgearbeitet. Vielleicht hatte sie seine Absichten -unbewußt gefördert. Er verschwieg Vögelchen den Besuch, ja er versuchte -diese Begegnung in ihrer Erinnerung zu verdunkeln. Andere Eindrücke -sollten sie verdrängen. Indessen kamen die Koffer mit den bestellten -Kleidern, Mänteln, Hüten, Schuhen, mit blütenfeiner Wäsche, neuen -Gepäckstücken und Toilettegegenstände mit Vögelchens Namenszug -»Arabella«. Das Kind freute sich und auch das Mädchen schon, das -gefallen wollte. Das Vögelchen von früher hätte manches abgelehnt von -den neuen Dingen, die allerdings die Maquard mit seltenem Gefühl der -Anpassung gewählt hatte. Ihre Jungfer hatte zurechtgemacht, was da und -dort noch fehlte, und Vögelchen meinte, sie wäre zu ihr von einer -Putzmacherin gesandt. Tags darauf veranlaßte Mannsthal die Übersiedlung -in einen Gasthof an einen der benachbarten Seen, wo er Vögelchen mit dem -Diener Camill allein ließ, um einige Geschäfte zu ordnen, ehe sie die -Auslandsreise antraten. - - - - - Student Kruger - - -Vögelchen begann sich nun langsam der Welt zu besinnen, wie die sich nun -zu ihr, der kleinen Arabella Rutland, verhalten mochte. Sie lernte -bewußt sich als Einzelwesen fühlen. Als sie eines Morgens im Rasen lag -und von ihrer Anhöhe bald zum See herab, bald zum unendlich blauen -Himmel aufblickte, empfand sie sich als ein wanderndes Stäubchen, ein -losgelöstes Fünkchen auf Wanderschaft. Immer wieder sah sie noch das -Feuerzeichen des Brandes, sah den Funkenregen und wie Teile sich -loslösten und in der Luft verglühten oder im Wasser einen vorzeitigen -Tod fanden. Alle schienen bis ans Ende ihrer Kraft zu fliegen und wurden -Asche und Erde, nachdem ihr Leuchten in Dunkelheit untergegangen. Asche -und Erde aber wurden von Wetter und Zeit zu feuchtem warmen Boden. Da -grünten die Fünkchen von neuem ins Leben. Über ihr blitzte der Flügel -einer Schwalbe im Sonnenlicht. »Flieg, Fünkchen, flieg,« sang sie leise -und es war ihr, als würde sie selbst ganz leicht und brauchte nur -aufzuflattern. Waren alle Menschen beschwingt wie sie? In den Familien, -in deren Nähe sie nach dem Brande gelebt, schienen kleine Widerhaken die -Einzelnen aneinander festzuhalten. Wäre »Er« denn sonst nicht mit ihr -geflogen? Ach, sie war ein Sonderwesen, hatte nicht Vater, nicht Mutter, -nicht Schwesterlein und Brüderlein. Va war ja nicht ihr Vater, das wußte -sie. Aber auch für sie mußte es kleine Quellen geben, wo sie trinken -konnte, Nester, wo sie ruhen würde, wenn die Wanderschaft begann und sie -ermüdete. Va wußte alles. Er würde sie weisen. Va, der Zauberer, würde -ihr die Türen öffnen. Die Reise, das wußte sie, die war der Anbeginn -ihrer Wanderung, und die Wanderung würde ihr Leben sein. Die Leute in -den Kirchen blickten zum Himmel auf, wenn sie beteten. Dort wohnte wohl -Gott. Aber da unten im Seegrunde hauste ein anderer. Oder war das nur -der Himmelsgott, der sich im Wasser spiegelte? Nein, der Gott da unten -war verflochten in den Pflanzen der Tiefe und Fischlein schwammen -silbern um seinen Bart. Der Gott im Himmel war sein Bruder und ewige -Sehnsucht stieg auf und ab von ihnen. Vögelchen war es, als ginge der -Strom ihrer Sehnsucht durch ihren eigenen Leib, aufsteigend und -absteigend. In ihrem Herzen begegnete er sich, floß ein, floß aus. Ihr -Blut nährte sich von ihm. Er hielt sie. Sie konnte nicht fallen. Sie -bekam Weisungen von Höhe und Tiefe, in ihr verschwisterten sie sich. -Dies alles war nicht Traum. Ließ es sich in Worte bilden? - -Ja, sie konnte es in wirklichen Worten aus sich herausstellen. Von -diesen Dingen erzählte sie dem Studenten Kruger, dem mißratenen -Hofratssohne, der in ihrem Gasthof wohnte. Der hatte die -Familienwiderhaken sich blutig aus dem Fleische gerissen. Nun heilte er -die Wunden in Einsamkeit. Aber der Brand seiner Seele riß sie immer -wieder auf. Schmerzten sie, so ward er wunderlich. Der Geist war ihm -Seelsorger und Hofnarr zugleich. Vögelchen störte ihn nicht. Er nannte -sie Ariel. Arabella klang ihm zu menschlich. - -Student Kruger war ein wenig verwachsen oder es schien so. Man wußte -nicht, wo und wie seine Gestalt abnorm war. Seine Augen hatten etwas -Überraschendes wie die eines Falken oder Adlers, die sich, seltsam an -der Ferne geschärft, unter bergenden Lidern enthüllen, und seine hohe -Stirn, sein dichtes Haar ließen die Gestalt noch dürftiger erscheinen. -Sein Mund aber war wie ein Hohn auf die Geistigkeit seiner blaugeäderten -Schläfen. Er hockte wie ein Affe mit langen Armen neben Ariel und sprach -in sie ein, bis er das Geheimnis des »Stromes« aus ihr holte. - -»Wer ist Gott?« fragte sie. - -»Gott ist ein einförmiges, göttliches, einfältiges Wesen und wirkt doch -alle Mannigfaltigkeit und ist alles in allen Dingen, eines in allem und -alles in einem, sagt der heilige Augustin. Gott sind Sie, Ariel, Gott -bin ich, Konrad Kruger, Student der Theologie, Verkünder meiner -Religion.« - -»Und was ist das, was ihr die Seele nennt?« fragte Vögelchen. - -»Seele ist ein Aufgang zu Gott durch das Getümmel der Welt. Seele ist -das Entsinken deiner selbst, dein Schauen, dein Warten, dein Empfangen, -dein Geben in Demut.« - -»Und was ist Demut?« fragte Vögelchen. - -»Demut ist Aufgeschlossensein, Demut ist Einlaß und Ausströmen der -Liebe, Erkennen, Duldung und Dank, Bewährung im Glück und Schmerz, Demut -ist Liebe gewordenes Leid.« - -»Trauere nicht über Leid, Schmerz erhöht,« sagte Vögelchen und -bescheiden setzte sie hinzu: »Das weiß ich von Onkel Clemens, er schrieb -mir das zum Abschied.« Und plötzlich brach sie aus: »Ach, warum ist er -fort, der gute, gute Onkel Clemens?« Sie begann zu weinen. Student -Kruger saß dabei und grinste aus Verlegenheit. - -»Schmerz, wenn ein Rad über mein Bein fährt,« fragte sie dann und -trocknete ihre Tränen. - -»Nein, Ariel, körperlichen Schmerz, sofern er nicht maßlos und andauernd -ist, verspüren wir nicht, du und ich und die anderen, die wie wir sind.« - -»Ich war nie krank,« sagte Vögelchen. - -»Und bist doch so zart. Sind Blumen krank? Die Narzisse auf wiegendem -Stiel, das Buschwindröschen, die Orchidee? Nein.« - -»Ich hatte eine schwarze Amme, eine Negerin säugte mich.« Sie sah ihn -kindlich triumphierend an. Das kann nicht jeder von sich erzählen, -prahlte ihr Blick. - -»Hattest du nicht die Masern, Scharlach, den Keuchhusten? Nein, daran -wärest du gestorben,« sagte Student Kruger. Er starrte sie eine Weile -an. »Bist du eigentlich schon ein Mädchen?« fragte er plötzlich. »Wie -alt bist du?« - -Vögelchen verschwieg gern ihr Alter. »Ich war immer ein Mädchen,« -antwortete Vögelchen ernsthaft. - -»Ich meine, ob du noch Kind bist?« - -Vögelchen richtete sich zornig auf. »Ich wäre ja beinahe Braut -geworden,« rief sie. »Und wenn wir nun reisen, so bin ich Frau -Mannsthal. Das haben wir beschlossen. Va ist nicht mein Vater, müssen -Sie wissen. Ich habe keinen Vater.« - -»Und deine Mutter?« Vögelchen erbleichte. Sie riß einen Halm aus und -warf ihn von sich. Dies war die Antwort. - -»Aber das mit dem Schmerz, daß wir es, ich und die anderen (sie ging -immer auf seine Andeutungen einer geheimen Gemeinschaft ein), daß wir -den Schmerz nicht spüren! Geben Sie mir Ihr Federmesser, ich will das -versuchen.« Gehorsam zog er es hervor. Soll ich öffnen, deutet er. Sie -nickte. - -»Rasch, sonst verliere ich den Mut.« Er tat es. Sie ritzte sich in der -Handfläche. Es ging nicht leicht. Ihre Haut wehrte sich des stählernen -Eindringlings. Plötzlich sprang ein kleiner roter Strahl empor. -Vögelchen war kreideweiß im Gesicht. »Wahrhaftig, es schmerzte nicht,« -sagte sie. Aber sie hielt den Atem an. Es wurde ihr übel. Student Kruger -hockte neben ihr, seine Haare sträubten sich vor Erregung, seine Ohren -reckten sich spitz, seine Augen hatten einen stumpfen, fast blödsinnigen -Glanz. - -»Ariels Blut,« sagte er leise. »Wein des Lebens.« - -»Ich kann es nicht sehen,« sagte Vögelchen, die immer bleicher wurde. - -»Und müßt doch bluten, ihr Frauen.« - -»Red' nicht so hoch daher,« rief sie unwillig und wand ihr Tuch um die -Hand. »Ich hasse euer ewiges Gescheitsein.« - -»Ich möchte dir alles geben, was ich habe, Ariel, alles Gescheitsein -auch.« - -»Ich mag nichts von dir,« sagte sie. Er sah sie an wie ein getretener -Hund, dann beugte er sich über sie und flüsterte angstvoll: »Aber ich -lasse dich nicht.« Vögelchen sah zu ihm auf; wie sein Antlitz über ihr -schwebte, war ihr, als ob das Grauen sich in einer Wolke über ihr -ballte. Ein Druck legte sich wie eine eisern würgende Faust auf ihren -Hals, ein blauer Strom ging an beiden Schläfen zu ihrem Herzen hinab. -Sie wurde ohnmächtig. - -Camill, der Kammerdiener, kam, vom Ruf des Studenten angetrieben. Er -rieb ihr die Stirne mit Essig. Man trug sie auf ihr Zimmer. Dort schlug -sie die Augen auf. »Er hat mich gebissen,« sagte sie und deutete erzürnt -auf Kruger, der bestürzt da stand. Der Kammerdiener machte ihm hinter -Vögelchens Lager ein Zeichen. Er tippte mit dem Finger an seine Stirn, -andeutend, daß er an der Vernunft seines Fräuleins zweifle. - -Vögelchen streifte tags darauf wieder allein im Wald umher und war -einsam bei den Mahlzeiten. Kruger begrüßte sie mit tiefen Verbeugungen. -Er saß in einem Gartenhaus hinter Büchern bei einer Schreibarbeit. -Manchmal stand er auf und fuhr wild gestikulierend mit den Armen in die -Luft. Vögelchen war sehr neugierig, was er da treibe. Sie ging einige -Mal um das Häuschen herum, setzte sich dann in Hör- und Sehweite, mit -dem Schnitzen einer Gerte beschäftigt. - -»Ja, da brauchte man ein Papier,« sagte sie, scheinbar zu sich selbst -sprechend. Ein kleiner Junge lief vorüber und sah das kleine Fräulein -an. »Ich mache eine Fahne,« sagte sie, »für mein Schiff. Aber dies ist -erst der Mast. Ich brauche ein Papier. Und dann schreib' ich darauf ->Fünkchen, flieg<. So heißt mein Schiff. Hast du verstanden, Peter? Oder -heißt du vielleicht Seppel?« Der Junge nickte. »Nun, kannst du nicht -reden? Aber nicken kannst du doch? Andere können nicht einmal nicken, -und wenn du ein Student wärst, hättest du auch ein Papier.« Seppel -murmelte etwas, das seine Zahnlosigkeit unverständlich machte, und -verschwand auf das schrille Pfeifen eines Genossen. - -Jetzt erschien Kruger vor dem Gartentor und hielt einen Bogen in der -Hand. - -»Ach, Sie sind hier?« sagte Vögelchen. - -»Sie suchen mich ja schon eine gute Weile.« - -»Einbildung,« sagte sie. - -»Das ist keine Schande unter guten Freunden.« - -»Freunden? Ich kenne Sie doch kaum. Vor acht Tagen wußte ich noch nichts -von Ihnen.« - -»Oh, das tut nichts zur Sache. Liebe auf den ersten Blick.« - -»Ich, Sie lieben!« Sie lachte. - -»Lieben Sie den Vogel dort, der über dem Baum schwirrt? Vor einer -Sekunde noch war er nicht in Ihrem Leben und vielleicht werden Sie ihn -nie wiedersehen. Lieben Sie dieses Marienkäferchen, das morgen tot sein -wird, den Fisch, der dort aufblitzt im See, den Seppel, der eben -fortlief?« - -Sie dachte nach. »Ja,« sagte sie. »Aber Sie? Nein.« - -»Auch mich, aber das ist nichts.« Er machte eine Handbewegung, als -schöbe er etwas weit weg, und immerzu noch lächelte er unter dem Glück, -daß sie wieder zu ihm gekommen. »Auch mich, aber Ihre Liebe gehört allen -und niemandem. Sie bleiben nirgends. Ihr Herz hat Flügel. Es saugt sich -dort an und da an und es wird süß werden wie Honig. Dies ist der Sinn -Ihres Lebens, Honig des Herzens zu geben und den Gesang Ihrer Seele. Sie -werden nicht Landschaften malen, nicht auf den Brettern agieren und -nicht studieren, es sei denn, Sie täten es einem Menschen zulieb. Sie -werden nicht sticken und Bücher lesen, und ich glaube, daß Sie niemals -ein Kind haben werden.« - -Vögelchen hatte still zugehört. Jetzt kam Bewegung in sie. »Ich will -Kinder haben, sehr bald will ich kleine Kinder haben. Nächstes Jahr -vielleicht schon,« sagte sie. - -Kruger lachte, aber plötzlich standen seine Augen voll Tränen. Er hatte -tagsüber in Ekstase gearbeitet und war sehr erregt. »Deine Wiege stand -im Wüstensand, im Land des Morgens,« sagte er mit weitausschauendem -Blick, als predigte er. »Ehelich gebunden bist du, ehe du zum Weibe -wardst. Du bist gebenedeit, denn zwischen dir und Gott ist kein Ich und -Du.« Und plötzlich beugte er sich herab, rasch hinknieend wie ein -Frommer, der eine Kirche verläßt, und küßte den Saum ihres Kleidchens. -Sie warf eine Blume, einen himmelblauen Enzian, auf ihn herab. Er barg -ihn in seiner Brust. - -Am Kiesweg knirschte ein Tritt. Camill, der Kammerdiener, stand hinter -ihnen. - -»Der gnädige Herr sind angekommen,« sagte er. - -Student Kruger war nun abgesetzt. Er war jetzt ganz auf Camill -angewiesen, der eine starke Anziehungskraft für ihn hatte. Wenn -Vögelchen zur Ruhe gegangen war, pflegte er mit ihm, der gern trank, im -Schankzimmer des Gasthofes zu sitzen. Diese Freundschaft anzubahnen, -schien ihm wichtig. Durch Camill hoffte er Vögelchens Wege verfolgen zu -können. Der Diener sprach nicht wenig von schlüpfrigen Dingen und -Student Kruger, mißratener Hofratssohn und Hörer der Theologie, vernahm -sie mit Verständnis und Wohlbehagen. Er erfuhr auch einiges über -Mannsthal, den er als Vögelchens Besitzer bewunderte und haßte. Camill -ließ Andeutungen fallen von Abreibungen, elektrischen Kuren, von -Medikamenten und Bädern, von gymnastischen Übungen, die alle der -Erhaltung jugendlicher Manneskraft dienten. Konrad Kruger versuchte sich -heimlich in ähnlichen Prozeduren und sie hatten die Wirkung, daß Minna, -das Schankmädchen, ihm eine Ohrfeige gab. Eine Reihe von Gedichten -entstand aus dem neuentfachten Brand seiner Sinne. Sie verklärten sich -alle ins Mystische und alle waren an Ariel-Vögelchen gerichtet, das ihm -von ferne ernsthaft zulächelte. Mannsthal hatte die Versuche, ihm Kruger -näher zu bringen, mit leichtem Spott abgewiesen. - -Da geschah es am Tage vor der Abreise, daß am späten Nachmittag eine -Dame vorfuhr und nach Mannsthal fragte. Suchend irrte ihr erregter Blick -umher. Sie war beinahe korpulent, was zu ihrem merkwürdig zarten, von -Leid gezeichneten Gesicht im Widerspruch stand. Vögelchen sah, wie -Mannsthal vorsprang und sich mit bleichem Gesicht kühl und wie abwehrend -verbeugte. Die Dame sah forschend auf Arabella und ein schmerzliches, -mit Neugier gepaartes Lächeln streifte sie. Dann folgte sie Mannsthal, -der ihr Vorwürfe zu machen schien, in das nahe Wäldchen. - -Vögelchen war sogleich von Argwohn erfüllt. Sie haßte es, von fremden -Leuten betrachtet zu werden. Blicke krochen ihr bis an die Haut und -verursachten ihr oft Unbehagen. So hatte sie sich auch unter diesem -Lorgnettieren abgewandt und den forschenden Blick durch eine rasche -Umdrehung der Schultern gleichsam abgeschüttelt. Eine vielleicht -geplante Annäherung der Dame schien dadurch augenblicklich unmöglich -geworden. Arabellas Mißtrauen war nach den Erlebnissen in K. -begreiflicherweise noch nicht geschwunden und, wäre sie nicht Kruger -begegnet, der ihrer innern Welt schon durch die Hemmungslosigkeit seiner -Rede näher stand, sie hätte den Zweifel an einen möglichen -Zusammenschluß mit Menschen nicht so bald überwunden. Aber noch -beherrschte er sie. Mit dieser Fremden wollte sie nicht sprechen. Va -schien über ihr Kommen erzürnt. Eine geplante Segelfahrt war nun -überdies versäumt. Obwohl Arabella zu einem Buch griff, war sie -innerlich aufgewühlt und las nicht. Sie ahnte wieder die Geheimnisse, -die um sie wuchsen, wie undurchdringliches Gestrüpp. Ein Gefühl, aus -Trotz und Scham gemengt, drängte jede Frage zurück. Dennoch zehrte -Neugier an ihr und Grübeln, ob sie mit Wissen ein Drohendes, -Unheimliches nicht würde bannen können. - -Kruger lag im Walde, als Mannsthal mit der Dame herankam. In seiner -grünen Lodenjoppe war er vom Moosboden nicht zu unterscheiden. Er las. -Da hörte er eine Frauenstimme erregt sagen: »Bitte, setzen wir uns doch -endlich, ich bin müde.« Die nächste Bank war nicht in Hörweite. Student -Kruger kroch auf allen Vieren, bis er Brocken des Gespräches erhaschen -konnte. - -»Was nützte dir der neuerliche Prozeß? Sie ginge ja doch nicht mit dir. -Willst du das Kind gegen seinen Willen zwingen?« Dann hörte er weiter -aus Mannsthals Munde das Wort »Erbin«. »Du willst ihr ein glänzendes -Leben verscherzen? Du, eine Fremde! Denn sie kennt dich ja nicht mehr.« -Die Frau antwortete: »Ein glänzendes Leben? Du wirst sie zugrunde -richten. Du hast eine Wilde aus ihr gemacht. Ich dulde das nicht -länger.« - -»Man hat dich nicht gewarnt? -- Urbacher? Oder spionierst du?« - -»Nein, verdächtige niemanden. Gewissen --« - -»Warum schwieg es denn damals? Warum hast du das Kind deinem Mann -geopfert, der von mir bezahlt war? Muß ich dich wieder daran erinnern?« -Die Stimmen wurden lauter. - -»Du lügst. Deine Spitzfindigkeiten boten uns keinen Ausweg.« - -»Willst du endlich seine Unterschrift sehen? Ich habe diese kleine -Kostbarkeit immer bei mir. Für alle Fälle.« - -»Aber ich dulde nicht, daß du im Ausland lebst. Daß du das Kind -verschleppst.« - -»Sie haben keine Rechte zu verbieten.« - -»Und wenn ich dich verdächtige, daß du nicht als Vater an ihr handelst?« - -»So werde ich vor den gröbsten Mitteln nicht zurückscheuen. Noch einmal -solch ein Überfall und ich erzähle Arabella alles.« - -»Willst du ihr verächtlich werden?« - -»Willst du, daß sie die Erinnerung an dich, daß sie das Wort >Mutter< -für immer austilgt?« - -»Erpresser,« sagte die Frau. - -»Du reizt mich zum Äußersten. Du weißt, ich liebe sie unüberwindlich, -mehr als Recht und Ehre. Kehr' in dein Leben zurück, das du dir -freiwillig gewählt hast, und beunruhige das Kind nicht.« - -Die Frau stand auf. »Treib' es nicht zu weit. Gott gebe, daß ich dir -Unrecht tue. Aber auch, wenn du reist, werde ich Mittel finden, das Kind -im Auge zu behalten.« Sie schluchzte. Sie entfernten sich. Kruger sprang -auf. Er lief durch den Wald bis zu jener Stelle, wo die Fahrstraße -ansteigt und Wagen im Schritt fahren. Dort wartete er. Als das Gefährt -herankam, grüßte er. - -»Auf ein Wort, bitte.« Die Dame fuhr erschrocken auf und fragte: - -»Was wollen Sie?« Ein Bettler war das nicht. - -»Ihre Adresse,« sagte Kruger -- »für alle Fälle.« - -Die Dame erbleichte. »Wer sind Sie,« stieß sie hervor. - -»Wozu? Nebensache. Zu Ihrem Vorteil frage ich. Geben Sie zumindest eine -Deckadresse. Den Namen Ihrer Tochter Arabella zum Beispiel. Welches -Postamt?« - -Die Dame sah den Menschen an. Sie besann sich mühselig. Zögernd nannte -sie das Verlangte. Kruger zog rasch den Hut und verschwand im Walde. - -Vögelchen konnte nicht einschlafen. Sie saß auf ihrem Balkon im Dunkel -und kämmte ihr Haar. Sie tat das gern und immer länger, als es nötig -war. Vor dem Gartenhaus sah sie Kruger herumwandern. Er sah ernst und -vergrämt aus, schwer von Wissen. Mannsthal hatte sich zurückgezogen und -ihr jede Frage abgeschnitten. Er wollte sie nicht mehr belügen. Seitdem -er sie in ein neues Leben aufgenommen, versuchte er so ehrlich zu sein -als möglich. Später würde er ihr für alle Teile gleich schonungslos die -Wahrheit sagen. Später! Vögelchen starrte auf das Licht seines Zimmers. -Jetzt losch es. Zorn stieg in ihr auf. War sie denn immer noch das Kind, -dem versagt wird, was der bloße Anstand erforderte? Aufklärung von -Vorgängen, die sich vor ihr abspielten und dies alles mit -Selbstverständlichkeit. Ihre Freundschaft mit Urbacher, mit dem -Studenten, wortlos wurden sie ihr genommen. Warum war dies zwischen ihr -und Va, daß sie nachts sich nicht mehr zu ihm getraute, wenn ihr -ängstlich zu Mute war? Alles schien ihr nun unnatürlich. Wie -traumverloren stand sie auf, stieg mit ihren roten Pantöffelchen und -aufgelöstem Haar zu dem Menschen, den sie da unten bei der Arbeit wußte, -zu ihm, der die Tore seines Wesens für sie aufgeschlossen hatte. Morgen -würden sie ja reisen. Da mußte alles anders werden. Dann würde wohl auch -Va sie einnehmen in sein eigenes Leben. Aber, wenn das nicht geschah? -Wenn sie allein bliebe? Gab es einen Weg aus ihrem Bangen? Nun würde sie -Kruger Adieu sagen und seinen Predigersegen empfangen. Als sie so -plötzlich vor ihm aufstieg, weiß und lautlos, griff er in die Luft, als -gelte es eine Erscheinung zu fassen: »Wieder auferstanden?« sagte er -grinsend. - -»Schweig,« flüsterte sie. »Va braucht uns nicht gleich zu hören und -Camill verrät uns.« - -»Nein, der tut es nicht, und wenn auch? Morgen fährt Frau Arabella -Mannsthal in die Welt.« - -»Ja, morgen fahren wir in die Welt.« - -»Du Glückliche,« seufzte Kruger, »wenn du wüßtest, wie ich mich -hinaussehne, wie ich es erlechze, die weißen Firne im Spiegelbild der -blauen Seen zu erblicken, die berühmten Stätten der Kunst, die uralten -Baudenkmäler, deren lebendiges Geschehen mir gegenwärtig ist! Wie ich -mich nun doppelt sehnen werde, in diese schon von alter Kunstheiligkeit -schaurig gewordenen Kirchen zu treten. Wird er dir auch alles zeigen -können, wie ich es könnte? Wird er dich beten lehren und dichten, wenn -Bewunderung keine täglichen Worte mehr findet? Wird er jene -unzerreißbaren Fäden ziehen, die unsere Sterblichkeit an das göttliche -Ewige binden? Für dich müßten die Steine wieder ihre alten Worte finden. -Von den Wänden der Kapellen müßten Schwester und Brüder aus heiligen -Landen herabsteigen und Zwiesprache halten mit dir. Statt dessen, Ariel, -wird der große Brand über dich kommen. Sieh,« fuhr er in schlichter -Ergriffenheit fort, »dein Blut wird sich entzünden, es harrt schon des -Feuersteines. Aus der schmalen Schale deines Kinderleibes werden Flammen -brechen. Hüte ihre Heiligkeit. Möge es dich nicht vernichten, das -Feuer.« - -Vögelchen sah das Feuer, das die Stätte ihrer Kindheit verheert hatte. -Es war eins mit dem Brande, vor dem er warnte. Welch Wunder, sie -verstand ihn! Endlich kam ein Licht über ihr dumpfes Ahnen. In jener -Nacht mit Mila Maquard, in jenen Stunden, da seltsame Liebkosungen -Fluten von Wärme und heißer Gier in ihr erweckt hatten, da hatte -zugleich ein Gefühl traurig beseligter Weltflucht, ein Enteilen ihres -Körpers über alles Irdische sie erhöht. Sie ahnte, seine Warnung hieß: -»Lass' dich gleiten, verweile nicht auf den Wogenkämmen der Eigenlust. -Ströme aus in unendlichem Geben.« - -Daß sie ihn verstand, beglückte sie. Und nun war darüber kein Zweifel -mehr, als er sagte: »Tu es mit ganzer Seele.« Sie sah nicht, wie seine -bebende Hand sich ballte und wie zum Fluch sie sich aufrecken wollte zum -erloschenen Fenster Mannsthals. - -»Ich werde dich wohl nie mehr sehen,« sagte sie traurig. - -»Du wirst mich sehen. Ich werde dir nahe sein, immer, immer wirst du nur -zu rufen brauchen. Immer wird dein Bild vor mir schweben und mich zum -Äußersten stärken.« Er blickte auf sie mit halbgeschlossenen Augen und -leicht geöffnetem Mund wie einer, der einen lieblichen Traum erschaut. -Dann schlug er den Blick nieder zu ihren roten Pantöffelchen, ein -Märchen kam ihm in den Sinn. Sie tippte ihn leise an der Schulter. - -»Schreib mir,« hauchte sie. Und dann verschwand sie, von seinen Worten -durchschauert. - -Tags darauf fuhr der Wagen vor, die riesigen Koffer aufgeschnallt. -Vögelchen stieg ein wie eine Braut, ihr Schleier flatterte in der Brise -des Morgens. Mannsthal folgte ihr, bettete sie ein in weiche Decken. -Eine feierliche Entschlossenheit lag kalt wie Marmor auf seinem Antlitz. -Camill sprang auf und blinzelte zu einem Fenster. Dort stand Kruger. Der -Wagenlenker tat seine Arbeit. Ein leichtes Grüßen. Nun flog das Gefährt -in die Landschaft ... - -Hunde, die man zu Hause läßt, brechen zuweilen ihre Fesseln, Wagen oder -Eisenbahn nachzujagen mit hängender Zunge. Also flog schweißtriefend -Konrad Krugers Seele neben Vögelchens Wagen und heulte auf zu ihr in -verschmachtendem Schmerz. - - - - - Adalbert Mannsthal - - - »_Il avait toujours eu le - malheur d'être riche._« - - (_Romain Rolland - »Dans la Maison«_) - -Fünfundzwanzig Jahre vor diesen Begebenheiten saßen in dem Parke der -Mannsthal-Villa in Hellwang einige Jungen und sprachen -- sie waren etwa -fünfzehnjährig -- von »Unerlaubtem«. Einer von ihnen führte das Wort, -manche warfen Bemerkungen ein, um Kenntnisse zu beweisen, andere -stellten ab und zu eine zaghafte Frage. Nur Adalbert schwieg und es -schien, als höre er nichts als das Brausen der nahen Stahlwerke und sähe -nichts anderes als die feine Holzschnitzarbeit, die er eben handhabte. -(Es war ein Kästchen, das einem besonderen Mineral als Aufbewahrungsort -dienen sollte.) Immer wieder trieb es die Jungen an, vor ihm ihre -Eröffnungen ins Lügenhafte zu steigern, um ihn endlich zur Anteilnahme -hinzureißen. Während er äußerlich kühl blieb, entfiel ihm kein Wort des -Gespräches, aber zum ersten Male bemächtigte sich nun seiner Unruhe. Er -selbst war wohl von einem vernünftigen Vater hinreichend aufgeklärt -worden, aber seine beherrschte Lebensart, die Beschäftigung mit -künstlerischen Dingen, sein Interesse für das große Unternehmen des -Vaters, sein stark entwickelter Schönheitsinn hatten ihn bisher vor den -oft im Müßiggang vorzeitig aufkeimenden Trieben bewahrt. Zum ersten -Male, obwohl älter als die Vettern und Freunde, begann nun ein heißer -Drang in ihm aufzusteigen, der ihn so sehr betroffen machte, daß eine -Beteiligung am Gespräche seine körperliche Anteilnahme verraten hätte. -Während er nun mit unruhiger Hand die Laubsäge zu meistern suchte, ging -quer über die Auffahrt zur Villa eine Dame mit einem etwa zwölfjährigen -Mädchen. Dieses war sehr zart und blaß, ein Stadtkind. Ein leichtes, -weißes Röckchen flatterte um gut gewachsene Beine, die zwischen den -modisch hervorlugenden Spitzenhöschen und den Strümpfen nackt waren. Der -Wind drohte sie noch weiter zu entblößen. Die Dame war die Frau eines -neuernannten Werkdirektors, die Kleine ihre Tochter, die nun mit den -Eltern in der Fabrik wohnen sollte. Sie waren gekommen einen -Antrittsbesuch abzustatten. Adalberts Blicke folgten dem wehenden -Röckchen, bis es hinter einer Baumgruppe verschwand. Nach einer Weile -sandte die Tante, die Mutterstelle an ihm vertrat, Botschaft, um ihn in -das Empfangszimmer zu rufen. Die Dame verneigte sich vor dem Sohn des -mächtigen Fabriksherrn und sagte: - -»Mach deinen Knix, Loli.« - -Loli schien der Knix nicht am Platze. Sie reichte ihre Hand und sagte -treuherzig: »Grüß Gott!« - -Adalbert blieb eine Weile, aber so wohlerzogen er auch war, er fühlte -seine Blicke immer wieder zu den nackten Knieen Lolis entgleiten, die -ein blonder Flaum bedeckte, und weiterirren zu dem Höschen, das noch -nackter schien, dann auf zu dem weißen Röckchen, das, vom Winde wie ein -weißes Blütenblatt zerzaust, nun müde von ihren schmalen Hüften hing. Er -wußte, daß er in diesem Augenblicke alles darum gegeben hätte, seine -wertvolle geologische Sammlung, seine Eisenkristalle, seine Bücher, wenn -der Sturm, der sich nun draußen erhob, durch die Türe der Terrasse -brechend, ihm das enthüllen wollte, was ihn zu sehen gelüstete. Er war -sehr blaß am nächsten Morgen. Als der Nachmittag kam, ein schwüler -Julinachmittag, mit Lindenduft und müdem Gesang der Vögel, schlich er an -das Gärtchen des neuen Direktors und sah Loli an einem Beet beschäftigt. -Er pfiff leise. Sie horchte auf, sah ihn und sagte lächelnd: »Grüß -Gott!« - -»Willst du spazieren gehen?« fragte er. - -»Gern,« sagte sie freudigst, rief ins Haus und kam dann aus dem Tor. Sie -nahm ihre Schürze ab, warf sie auf die Hecke hinter den Zaun und reichte -ihm kräftig die Hand. Wie frisch sie ihm erschien. Es ging ein -Wohlbehagen von ihr aus, wie von neugesteifter, blütenreiner Wäsche, die -sorgfältige Hände in einem Spind verwahrt hielten. - -»Wollen wir in den Wald gehen?« fragte er. Sie klatschte in die Hände. - -»Fein,« rief sie. Sie begannen zu plaudern nach Kinderart. »Wie alt bist -du? In welche Schule gehst du? Was lernst du am liebsten? Hast du -Geschwister?« - -»Wo sind die vielen Jungen?« fragte sie dann. - -»Sie haben einen Ausflug gemacht.« - -»Und du bist zu Hause?« - -»Ich war zu müde, habe wenig geschlafen. Dann wollte ich dich -herumführen. Du kennst hier noch nichts.« - -»Wie freundlich von dir. Es ist so schön da. Mama hofft auch, daß ich -hier stärker werde.« - -»Ja, das könnte nicht schaden. Du siehst noch aus wie ein Junge. -Vielleicht bist du einer.« - -Loli wurde rot. »Was fällt dir ein!« - -»Nun so beweise mir's, daß du keiner bist.« - -»Soll ich mit dir balgen?« - -»Nein, das tut ihr Mädel ja auch. Anders sollst du mir's zeigen, daß du -kein Junge bist.« Er sah sie von der Seite an und lächelte wie im Spott. - -»Pfui, du bist ungezogen,« rief Loli entrüstet. »Ich dachte, daß du ein -feiner Junge bist. Und vor dir hätte ich knixen sollen.« - -»Nun, sei nicht böse und verzünde mich nicht gleich bei deiner Mutter. -Dann ist's aus mit unseren Spaziergängen. Sieh, Loli, diesen kleinen -Gefallen könntest du mir schon tun, damit ich sehe, daß du einer -Freundschaft auch etwas zu Liebe tust. Und damit ich ganz sicher bin, -daß du kein Junge bist.« Er lachte, als scherze er. Sie waren schon im -Walde, der hinter den großen Holzplätzen, die würzig in der Sonne -dufteten, hinanstieg. Es war dunkel und still um sie. Loli sah blaß und -erschrocken aus. »Ihr Jungen seid böse,« sagte sie. - -»Hat denn schon einer das von dir verlangt?« - -»Ja,« sagte sie. »Aber ich habe es nicht getan. Es waren fünf, alle -meine Vettern. Hinter der Scheune bei Onkel Rudolf. Sie baten so, aber -ich tat es nicht. Du hättest sie sehen sollen, sie wurden böse.« - -»Willst du nun, daß auch ich böse werde? Und ich bin doch nur einer, da -ist es dir doch leichter. Dann wollen wir doch auch Freunde werden. Im -Winter fahren wir dann Schlitten, wenn ich zu den Ferien komme. Bitte, -Loli!« Seine Augen, die groß, grau und tief umschattet waren, leuchteten -flehend in die ihren. »Einen Augenblick nur! Hier, siehst du, hinter -diesem dicken Stamm. Hier sieht es niemand.« - -Loli sah den hübschen Jungen, vor dem ihre Mutter sich verneigt hatte, -sie leicht und dennoch herrisch an der Schulter berühren. Das -Sonnengeflimmer rieselte grünlich durch die Zweige. Es war so still um -sie her. Man hörte nur des Knaben erregten Atem. Da hieß das Äußerste -seines Wunsches ihre Händchen seiner Bitte willfahren. Er kniete vor -ihr. Ihre Haut war weißer als der Schnee. Er krampfte seine Fäuste ins -Moos. Da raschelte ein Vogel auf. Loli erschrak. Bebend fiel die Hülle. -Adalbert war auf dem Waldboden niedergesunken, vergrub sein Gesicht. -Dann sprang er auf. Nun liefen sie aus dem Wald, als fürchteten sie -Verfolger. Seine Überlegenheit war geschwunden. - -Die folgenden Tage umgaben ihn die Kameraden. Adalbert schien ein -anderer. Er war heiter und beweglich, beinahe rauflustig. Dann wieder -verschwand er aus dem Freundeskreise. Er wollte sich abseits halten, um -Loli wieder, ohne daß es die anderen gewahrten, zu einem Waldspaziergang -aufzufordern. Es hätte ihm schon genügt, sie zu sehen, die Hand, die -seinen Wunsch erfüllt, leicht zu berühren, unmerklich an ihr Röckchen -anzustreifen. Aber immer war einer der Jungen hinter ihm her und es war -ihm, als dürfe er keinen auf seine Fährte bringen. Er haßte sie alle in -diesen Tagen, weil sie wie er vielleicht ein Gleiches erreicht hätten. -Wenn ihm etwas lieb war, bekam es die Glorie der Heiligkeit. Es war -nicht Neid, der ihn ängstlich seine Sammlung verschließen hieß. Er -fühlte sich als Kronhüter. - -Da geschah es, daß einer der Knaben vom Scharlachfieber ergriffen wurde. -Er reiste, noch ehe die Krankheit sich entschieden geäußert, nach Hause, -aber bald darauf erkrankte auch Adalbert. Er war in diesen Tagen in -seinen Kräften sehr herabgekommen gewesen, hatte wenig geschlafen und -gegessen. Nachdem der Ausschlag geschwunden war, stellten sich -Folgekrankheiten ein. Er magerte ab. Das Fieber hatte ihn fast -aufgezehrt. Die Schwäche löschte das Feuer der eben erwachten Sinne, die -noch in den Phantasien der ersten Krankheitsnächte aufgeflammt waren. -Eine seiner Lungen schien gefährdet. Im Spätherbst reiste man mit ihm -nach dem Süden, dann in die Schweiz, deren Höhenkuren empfohlen wurden. -Zwei Jahre lang lag er auf Terrassen, den Blick auf enzianfarbigen -Himmel, von Schneekuppen gesäumt. Er las viel, lernte mit seinem -Hauslehrer, einem Hochschulstudenten, der schwächlich war wie er. Lange -Zeit war in der Liegehalle ein Russe sein Nachbar. Der war älter als er -und eine brennende Seele wohnte in ihm. Sie sprachen leise, daß Arzt und -Pflegerin sie nicht hörten, stundenlang. Der Geist war jetzt Herrscher -über Adalbert. Nur ganz selten, wenn er die Augen schloß, müde des -vielen Lichtes, sah er im Waldglanz an einen Baum gelehnt, ein fernes -Bild. Wie im Traum. - -Zu dieser Zeit bewegten ihn leidenschaftlich grundsätzliche Fragen. Daß -man sein Vaterland vor allen anderen lieben müsse? Nikolai Karinski tat -es. Nicht etwa daß er seine Nation über die anderen stellte. Rußlands -Seele wolle den anderen dienen, es beugt sich vor der Kultur Europas, -seit Peter sie heimgebracht. Nein, Rußland wäre wie kein anderes Land -fähig, den Wert der anderen Nationen zu erkennen, und dennoch müsse die -Erlösung der Welt von ihm ausgehen. Das Allmenschliche der russischen -Seele sei die große Botschaft an Europa. - -Adalbert verstand ihn zuerst nicht. Er meinte, daß Rußland und Zarismus -das gleiche sei: eine ameisenhafte Anhäufung dürftiger Menschen, über -der ewig die Knute des Despotismus drohe. Wie konnte Karinski sein Land -lieben, wie von ihm Erlösung hoffen für die Welt. Und wie kam es, daß er -das seine mit seinen alten Kulturtraditionen, seinen landschaftlichen -Schönheiten nicht über alles lieben gelernt? Liebe fürs Vaterland, das -war ihm nicht viel mehr als ein Schulgegenstand. Während der Reisen, die -er mit seinem Vater unternommen hatte, war er in fremden Ländern -gleichermaßen in Begeisterung entflammt, wenn das Schöne ihm begegnete. -Karinski, der Graf, aber liebte sein Land im Volke, in der einfältigen -Seele des Russen, die durch alle »Fegefeuer der Zweifel« zu Gott ging -und die Barmherzigkeit Christi auf Erden vertrat. Aber Adalbert hatte -immer gehört, daß in Rußland die Korruption zu Hause, Bestechung und -Grausamkeiten alltäglich seien. Dies habe ja das Volk groß gemacht, groß -im Leiden, meinte Karinski. Dies habe die Seele des einzelnen erhöht und -verbrüdert mit dem Niedersten seines Landes. Qualen, unsäglichste Leiden -hatten den russischen Menschen widerstandslos gemacht gegen die -Anfechtungen seiner dunklen Triebe und die Inbrunst seiner Gefühle. -Deshalb sei er tierisch und kindlich, lasterhaft und einfältig zugleich, -deshalb sei er grausam und gottesfürchtig, niedrig und großmütig, im -Glück frevelnd, im Elend edel, eigensüchtig und freigebig, furchtlos bis -zum Aberwitz und zernichtet in Angst und Schrecken. Immer ist er von den -entgegengesetzten Polen seines Wesens abgestoßen und angezogen, Engel -und Teufel, Kind und Verderber. Niemals könne das Gefühl für ihn -erkalten, immer erregt er Bewunderung oder Mitleid, Abscheu oder -Anbetungswürdigkeit. - -Und Adalbert sah auf sein eigenes Volk zurück, er dachte an die Arbeiter -seines Vaters, an arme Leute. Ja, auch sie lebten mit Leiden und -seltenen kleinen Freuden, aber er sah nichts, was an ihnen begeistern -konnte. Er erinnerte sich, wie er in seiner früheren Kindheit sich eins -gefühlt mit den Kindern der Werkleute, daß ihn aber sogleich Befremden -überkommen, wenn er einem Erwachsenen aus dem Volke sich gegenübersah. -Nicht von ihm, dem Kinde, ging dies aus. Er liebte die arbeitenden Leute -mit ihrem fremden Leben, das ihm unheimlich geheimnisvoll schien. Ihr -Können, ihre Fertigkeiten waren ihm oft unerreichbar und reizvoll -erschienen. Aber sie traten nicht als freie Menschen vor ihn, sie waren -Diener, Sklaven oder mißlaunige Neider, die ihr wahres Gefühl schlecht -verbargen. Wie mußten erst Rußlands Leibeigene hündisch unterworfen -sein, wie unmöglich schien da eine Brüderschaft mit den Armen. Aber das -war es ja, was Karinski so sehr an seinem Volke liebte, daß es seine -eigene Würde bewahrte. Die Demut, die Neidlosigkeit, sie gaben dem -Russen aus dem Volke das Selbstgefühl. Adalbert hatte geträumt dereinst -als Fabriksherr der Wohltäter und Freund seiner Arbeiter zu sein. -Nikolais Reden überzeugten ihn von neuem, daß ihn dieses Bestreben -enttäuschen würde. Sein Widerwille dereinst über Tausende von Menschen -zu herrschen wuchs stetig. Im Volk eine tote Masse zu sehen, die der -Wille der Machthaber bewegt, war ihm unmöglich. Er sah den Einzelnen und -sah die Vielen als Ausdruck einer Wesensart mit Wunsch und Willen, mit -ihrem Eigenleben. Wäre er nicht unter den Arbeitern aufgewachsen, er -hätte sie vielleicht wie eine ihm fremd geartete Masse angesehen, der er -seinen Willen aufzulegen imstande gewesen wäre. Aber viele der Arbeiter -waren seine Spielkameraden und deren Väter. Es fehlte ihm nicht an -Herrschsucht, aber diese kam ihm einzig aus geistiger Überlegenheit oder -Begierde. Eben deshalb kapitulierte sie hier vor seiner Einsicht. - -Seines Vaters Tod traf ihn daher zwiefach. Er hatte sich mit dessen -Einverständnis eine mehrjährige Lehrzeit in großen Unternehmen Amerikas -gesetzt. Nun hieß es auf halbem Wege heimkehren. Er brach seinen -Aufenthalt in England ab, wo er zwei Jahre studiert hatte, und begab -sich sogleich nach Hellwang zur Übernahme des Werkes. Er war von seinem -Leiden völlig ausgeheilt, aber anstrengende Tätigkeit machte bald wieder -einen Urlaub notwendig. Als er zurückkehrte, begegnete ihm Lola Ritter, -die Werkdirektorstochter. Sie war aus der Stadt gekommen, in der sie zur -Sängerin ausgebildet wurde. Die Gesangsübungen hatten ihre Muskeln -gekräftigt, so daß sie über ihr Alter entwickelt war. Als Adalbert sie -sah, staunte er. »Sie ist erblüht,« sagte er sich. Er erkannte den -klugen Gesichtsausdruck, die Zartheit der Hände und Füße, ein blaues -Äderchen zwischen den Augenbrauen, die noch immer unruhig waren wie -damals. Seit jener kleinen Episode hatte er wohl Abenteuer mit Frauen -gehabt und hatte mit Freunden die gebräuchlichen Stationen des Lasters -kennen gelernt. Niemals hatte ihn seither eine Leidenschaft erfaßt und -keine andere Neigung hatte das Bild der kleinen Loli verdrängt. Auch -Lola Ritter, die Jungfrau, vermochte das nicht. Aber es war denkbar, das -Kind in seinem erwachsenen Ebenbild stärker zu spüren. - -Adalbert Mannsthal war damals zweiundzwanzig Jahre alt, aber auch er -schien älter in seiner Selbständigkeit und er war in jeder Weise -beherrscht und sicher in seinem Auftreten. Als er ihr in Hellwang -begegnete, wo sie die Weihnachtsferien verbrachte, war er sich völlig -klar, daß er sie besitzen würde, daß aber ein dauerndes Verhältnis an -Ort und Stelle unmöglich sei. Warten aber bedeutete ihm nur Genuß. Lola, -die in sich die Weihe der künftigen Sängerin trug, sah die Welt nur -durch das Licht ihrer Kunst. Alles, was sich nicht auf sie beziehen -ließ, war ihrer warmen Lebendigkeit fremd. So schien sie es auch mit der -Liebe zu halten. Sie hatte, vierzehnjährig, mit einem seiner Vettern -eine Freundschaft gehabt, die ihrer Neugier nur wenig mehr zu wünschen -übrig gelassen hatte. Seither war sie gewarnt und hatte sich nur an ihre -Kunstbegeisterung verschwendet. So hatte sie denn auch wieder ihre -ursprüngliche Reinheit zurückgewonnen und war errötet in der Erinnerung -jener Begebenheit im Walde, als ihr nun der Fabriksherr erschienen war. -Aber bald fand sie ihm gegenüber die alte treuherzige Art wieder, die er -an ihr so froh empfunden hatte. Sie erzählte ihm, wie sie damals um sein -Fenster geschlichen sei, als er krank gelegen, alle Warnungen -mißachtend, daß sie sich kindisch gewünscht, statt seiner zu erkranken. -Wie sie gewartet habe, daß er dann zurückkehre, und daß sie sehr -bestürzt gewesen, ihn während seines kurzen Aufenthaltes in der Stadt, -ehe er nach England gereist sei, nicht gesehen zu haben. Seither gab es -immer junge Leute, die ihr gut wären, aber sie sei nun schon zu -erwachsen, um diese Dinge auf die leichte Achsel zu nehmen, und außerdem -lenke dies alles vom Studium ab. Adalbert fühlte sich leicht und -beruhigt, wenn sie bei ihm war. Unbewußt schien etwas an ihm gezehrt zu -haben, das nun in des Mädchens Gegenwart schwand. Es war ihm -gleichgültig, was sie sprach. Am liebsten hörte er sie von ihrer -Kinderzeit erzählen. Zwei Tage nach ihrer Begegnung trafen sie sich -heimlich zu einem Spaziergang und er lenkte ihre Schritte zu jener -Stelle im Walde, die seinen Träumen so oft Nahrung gegeben. Sie erriet -seine Absicht auf halbem Wege. Scham hinderte sie, ihm eine andere -Richtung vorzuschlagen. Sie wollte sich lieber den Anschein geben, alles -vergessen zu haben. Am nämlichen Platz blieb er stehen und zündete sich -eine Zigarette an. Sein Blick brannte in dem ihren. Sie sprachen über -gleichgültige Dinge. »Nun muß ich zurück,« sagte er. Sie traten den -Heimweg an. - -Wenige Tage nach ihrer Rückkehr zur Stadt sandte er ihr (sie wohnte bei -ihrer Großmutter) ein Billet zu einem Konzert. Er erwartete sie dann -nach Schluß und bat sie, mit ihm zu nachtmahlen. Sie dankte mit -Begeisterung für das seltene Fest; die Einladung zum Nachtmahl nahm sie -an, für den Fall, als ihr ein baldiges Zuhausesein möglich wäre, damit -ihre Großmutter nicht in Sorge sei. Sie verbrachten einen Abend, der -Lola überzeugte, daß der junge Fabriksherr nicht zu fürchten sei. Bald -sandte er ihr wieder eine Karte ins Theater unter dem Vorwand, daß die -Trauer ihn verhindere, sie selbst zu benützen. Mählich waren es Stücke, -zu denen er sie lud, die nicht nur Lolas Kunstbegeisterung erregten. -Nach den Vorstellungen speisten sie in einem stillen, vornehmen Lokal. -Wenig nach elf war sie zu Hause. Vor den Osterfeiertagen verabredete er -mit Lola wieder eine gemeinsame Fahrt nach Hellwang. Er bat sie, ihn in -seiner Wohnung zu erwarten, da er nicht gewiß sei, wann er abkommen -würde. Keinesfalls sollte sie eine Ankunftsstunde ankündigen, da -möglicherweise ein Hindernis eintreten könne. Lola war nach fünf Uhr -gekommen. Sie trat in ein kleines palastartiges Haus. Der Diener bat -sie, seinen Herrn zu erwarten. Als sie, noch ein wenig betäubt, sich in -dem Zimmer umsah, hörte sie draußen die Eingangstür ins Schloß fallen. -Sie war allein. Der Raum, in dem sie sich befand, war in einer ihr -fremden Art eingerichtet. Hohe Kasten mit groß gemusterten Vorhängen -verbargen Bücher und Sammlungen. In einer Kristallkugel, die in einer -Sofaecke von der Decke herabhing, spiegelte sich regenbogenfarben der -Glanz der verscheidenden Sonne. Jenseits der vornehmen Straße lag die -Mauer eines Parkes, eben ergrünende Bäume streckten ihre Zweige hervor. -»Frühling,« dachte sie und es fuhr ihr ein süßer Schauer durch die -Glieder. Wo blieb er nur? Es war bald sechs Uhr. Zweieinhalb Stunden -hatten sie Fahrzeit. Die Türen der beiden Nebenzimmer waren geöffnet. In -dem einen stand ein übermächtig großes Bett, große Kasten, eine Tür mit -einem gerafften Vorhang ließ einen Baderaum sehen. Im anderen Zimmer -stand ein Flügel, kostbare Bilder hingen an den Wänden. Lola erinnerte -sich jetzt, daß Adalbert ihr einmal gesagt habe, er lebe mit seiner -Tante in dem Hause, das seine Familie seit vielen Jahren inne hatte. Von -einem Umzug hatte er ihr nichts erzählt. Wenn sie ihm etwas mitzuteilen -hatte, schrieb sie ihm in sein Bureau. Plötzlich befiel sie jetzt in der -fremden Behausung heftige Sehnsucht nach seiner beruhigenden Gegenwart. -Es war dunkel geworden, als draußen Adalbert die Tür aufsperrte. Er bat, -zu entschuldigen. Nun sei es ja wohl zu spät, hinauszufahren, zumal für -sie, denn augenblicklich könnte er auch nicht fort. Ob sie ihm nicht ein -wenig vorsingen wolle, er würde sie begleiten, und ob sie sich bei der -Großmutter abgemeldet hätte. Er war sehr unruhig. Schließlich setzte er -sich neben sie, nahm ihre Hände, küßte sie und meinte, es wären noch -ganz der kleinen Loli Hände. Dann wieder sprang er auf und sagte, er -wolle den Wagen für den Morgen bestellen, und ob ihre Großmutter nicht -gestört sei, wenn sie so zeitig das Haus weckte. Lola hatte kaum Zeit zu -antworten, da bat er sie, mit ihm zu nachtmahlen. Es war von einem -gedeckten Tischchen, das immer bereit stand, nur ein Deckel zu heben. -Sie aßen und Lola erschien alles unwirklich, zauberhaft. Nach dem Essen -bat er sie, die Nacht bei ihm zu verbringen, dies wäre doch weitaus -bequemer, niemand würde etwas erfahren und auch von ihm brauche sie -nichts zu fürchten. Sie durchblätterten Bücher, er zeigte ihr nicht ganz -einwandfreie Bilder, sie tranken Likör, setzten sich an den Flügel, aber -Unruhe jagte sie von dort wieder auf. Schließlich bat er sie, sich zu -legen, da sie früh am Morgen aufbrechen mußten. Er selbst würde sich auf -dem Sofa des Bücherzimmers zurecht machen, er wolle ihr nur brüderlich -behilflich sein. Sie lachte und lachte immer wieder in Verlegenheit und -Ungeduld. Ein starkes Licht brannte in ihren Augen. Er öffnete, kaum -ihre Haut berührend, die Knöpfe ihres Kleides. Dann entfernte er sich -mit seltsamem Lächeln. Als er sein Lager aufgesucht hatte, hörte er ein -leises Schreiten. Er schloß einen Augenblick die Augen. Dann hielt er -sie still in den Armen. Sie blieben schlaflos aneinandergeschmiegt, bis -drüben im Park die Vögel zu singen begannen. Sie konnte sich kaum -erheben, die unerfüllte Begierde lag ihr lähmend in den Gliedern. In -seinen Augen flammte ein böses und gleichfalls beseligtes Licht. Sie war -ihm verfallen. Er wußte es. - -Während der Osterfeiertage sah er sie nicht. In den ersten Tagen des -Juli traf er, nach einer kleinen Reise, wieder in Hellwang ein. Als er -Lola begegnete, war er herzlich und artig. Er machte spät abends -Spaziergänge und ließ sie das wissen. Einmal trat sie plötzlich aus dem -Dunkel auf ihn zu. Ein Mann tauchte auf und verscheuchte sie. Eines -Tages fragte er sie -- er sprach sie niemals allein, ob sie nicht wieder -im Walde gewesen wäre, an jener Stelle, wo sie vor Jahren ihm ein Bild -gezeigt, die heilige Elisabeth, die sich eines Sünders erbarmt. Sie -antwortete leise, sie würde nachts dort sein. Er verbarg sich, ließ sie -warten. Und dann, als sie schon müde ins Moos hinsank, kam er zu ihr und -nahm sie ohne Zärtlichkeit. Er reiste bald darauf ab. Als er wiederkam, -sagte sie ihm, daß sie guter Hoffnung sei. Da ging er zu ihrem Vater und -hielt um ihre Hand an. Alles sollte vorläufig geheim bleiben. - -»Aber du liebst mich ja nicht,« sagte sie, als sie allein waren. Seine -Werbung schien ihr unwahrscheinlich. - -»Nein, ich liebe dich nicht,« antwortete er. »Ich liebe die kleine -Loli.« - -Lola war in den folgenden Tagen recht wunderlich. Sie aß wenig und -magerte ab. Stundenlang stand sie vor dem Spiegel und versuchte allerlei -Verkleidungen. Ihre Mutter überraschte sie, als sie eben im Begriffe -war, den Saum ihres Rockes zu kürzen. Sie ging mit hängendem Zopf umher, -sang Kinderlieder und kramte in ihren alten Schulheften. Eines Tages -mischte sie sich unter die Schulkinder und war eben daran, eines der -Klassenzimmer zu betreten, als ihr Vater bestürzt hinzukam. Gewaltsam -mußte sie aus dem Schulgebäude entfernt werden. Zu Hause befiel sie ein -hysterisches Kichern, dann heftige Weinkrämpfe. Allmählich beruhigte sie -sich und lag willenlos in unheimlichem Schweigen. Als Adalbert sie zu -sprechen kam, weigerte sie sich des Wiedersehens, sie ließ ihm sagen: -Loli sei tot. Man brachte sie in eine Nervenheilanstalt. Dort wurde die -traurige Hoffnung auf das Kind zunichte. Die Verlobung ward aufgelöst. -Der Direktor avancierte. Adalbert ging auf Reisen, um Karinski zu -treffen. - -»Nun, wie stehst du mit deinen Fabriksleuten?« fragte ihn der Graf. - -»Meine erste Tat war, die Tochter eines Werkdirektors zu verführen und -ihren Verstand zu verwirren,« erwiderte er. - -»Gib es auf, ein Herr zu sein,« riet Karinski. - -Adalbert verfiel in Schwermut, wenn er an Lola Ritter dachte. Er wußte -nun, daß er die kleine Loli getötet hatte. Er fühlte sie nicht mehr wie -ein menschliches Wesen, wie ein Geist und Dämon stand sie unentrinnbar -in seinem Leben. Mit jener Armen, deren Verstand getrübt war, hatte sie -nichts mehr gemein. Lola Ritter wurde jedoch bald aus der Anstalt -entlassen und es zeigten sich keine Symptome mehr. Sie versuchte wieder -zu singen, aber die Stimme, so schön sie auch ansetzte, brach mißfarben -ab. Adalbert bat den Direktor, ihr eine Rente aussetzen zu dürfen. -Später verheiratete sie sich. - -Mannsthal wußte jetzt: das Geld kauft los von Gewissensschuld. Mit Geld -kann man zerbrochene Seelen leimen und Jungfräulichkeit vergüten, ein -schlechtes Gewissen beruhigen. Aber eben deshalb verachtete er es und -fühlte sich gemeiner als der Arme, der seine Schuld austragen muß ein -Leben lang, Armut ist ihm Warnung und Verhängnis. Hätte er Lola -geheiratet? Vielleicht -- weil seine Eitelkeit es gefordert hätte, nicht -als Verführer gezeichnet zu sein. Aber er wußte, er konnte diese Heirat -nur zum Schein eingehen. Seine Mittel erlaubten ihm, an anderen Orten zu -leben als seine Frau, Abenteuern nachzustreben und sich der Ehe zu -entledigen. Für ihn war sie nicht der eiserne Ring, der den Armen in das -Leben des Gefährten einkettet. Und er fühlte sich nicht verantwortlich -für die Einrichtungen des Staates. - -Ein Vetter seines Vaters und dessen Sohn, die höhere Stellen im Werk -innehatten, räumten ihm mit unverhohlenem Widerwillen eine Machtstellung -ein, die er selbst nur ungern auf sich nahm. Sie warteten, daß er sich -unfähig erweise. Diesen Verhältnissen für einige Zeit völlig entfliehen -zu können, lockte ihn. Er hatte das Werk so sehr geliebt, jede Maschine -war ihm Freund gewesen als Knaben. Aber er hatte gehofft, dies alles -noch lange genießen zu können wie einen großen Konstruierkasten, -spielerisch, da und dort Versuche anstellen zu dürfen, ohne die Lasten -der Verantwortung zu tragen. Was kümmerte ihn der Vertrieb, die Erfolge -der Reisenden, die Preisunterbietungen der Konkurrenz, die -Repräsentation unter den Industriellen. Bestenfalls war er Ingenieur und -Erfinder, und er war es weit weniger als in seiner Knabenzeit, denn nun -lockte ihn das Leben in seiner Vielfalt. Wäre sein Vater am Leben -gewesen, er wäre mählich hineingewachsen in all die Notwendigkeiten und -hätte sie schließlich als selbstverständlich empfunden. Nun aber ließ -ihn sein Hang zum Wesentlichsein erkennen, daß es sich letzten Endes um -Geldverdienen handle, um Zuhäufung des großen Vermögens. Er dachte an -Beteiligung der Arbeiter. Seine erste Tat war gewesen, die Gehalte -aufzubessern, ging er noch weiter, so wurde er beinahe lächerlich. Und -er betrachtete das Unternehmen immer noch als Besitz und Werk des -Großvaters und Vaters. Ein Kongreß im Ausland, dem er als Chef der -großen Firma beiwohnen mußte, war ihm willkommen. Bei diesem Anlaß -lernte er den Neffen eines Teilnehmers kennen, Gilbert von Tirotzky. Mit -seinem märchenhaft schönen Gesicht bezauberte der ihn. Seine Augen waren -zuweilen die eines in seiner Ehre gekränkten Mädchens. Aber -nichts Weibliches war sonst an ihm: er war die Vollendung der -Jünglingsschönheit. Adalbert konnte den Blick nicht von ihm wenden. Es -ergötzte ihn, die heimliche Empörung zu beobachten, die in Gilbert -aufstieg, wenn bei den reichlich tagenden Banketten die Gespräche frei -wurden und sich in saftigen Anekdoten bewegten. Zu Adalberts maßlosem -Erstaunen war der Jüngling, der im Begriffe stand, wie er ein großes -Unternehmen zu leiten, unschuldig wie ein Kind. Da sie die Jüngsten -waren, schien es natürlich, daß sie sich einander näherten. Eine -gemeinsame Reise zur Besichtigung eines Eisenwerkes wurde unternommen. -Als sie Munitionsfabriken besuchten, stieg plötzlich die Vision des -Krieges vor ihnen auf. Sie sahen blutende, hinsterbende Menschen, -eingeäscherte Gegenden, verwüstete Kunstdenkmäler. In ihren Schauern -erinnerten sie sich, daß ihre Unternehmen Munition erzeugten und so den -Kriegsgeist förderten. Derselbe Mannsthal, der wissentlich Lola Ritter -gequält hatte und sich nun heimlich daran machte, Gilberts Reinheit zu -zerstören, derselbe Mensch schwor sich, seine Hand aus einem Unternehmen -zu ziehen, das Vernichtungszwecken der Menschheit sein Hauptaugenmerk -widmete. Derselbe Adalbert auch, der sich mit seinem jungen Freund -stundenlang über die Gedichte des Novalis und Hölderlin, über die -Märtyrer des Mantegna und die Jungfrauen des Botticelli begeistern -konnte, lenkte, wenn sie nachts im selben Zimmer lagen, zielbewußt das -Gespräch auf die Jünglingsliebe, für die er sich entflammt fühlte, -seitdem er Gilbert kannte. Er hütete sich, ihm dies zu beweisen, aber -als sie sich trennten, war sein Freund in Bahnen gelenkt, die ihn -dereinst ins Verderben stürzen sollten. Adalbert befiel eine böse -Nervenkrise. Er litt um Gilbert, um die Erfüllung seiner frevelhaften -Wünsche, die, wie er bald erfuhr, ein anderer erntete. Wie ein Strahl -aus himmlischen Reichen erschien ihm Angele von Tirotzky, Gilberts -kleine Schwester, die er anläßlich des Besuches, den er der Familie auf -ihrem Gute abstattete, kennen lernte. Seltsam, als sie nach vielen -Jahren wieder in sein Leben trat, glaubte er an eine himmlische Sendung, -an eine Mission, die sie an ihm zu vollziehen hatte. Vor dieser -entscheidenden Begegnung traf er sie einmal mit ihrer Mutter in Homburg, -ohne sie sprechen zu können. Von Gilbert aber hatte er schon zur Zeit -jenes Besuches keine Nachricht mehr. In diesen bösen Tagen rettete ihn -vor dem Zusammenbruch ein Miniaturbild auf poliertem Gold, eine alte -Brosche darstellend, die er bei einer Auktion erblickte und die die -erste Erwerbung seiner kostbaren Sammlung wurde. Dieses Bild ähnelte -Loli und Angele und sollte dereinst noch ein deutlicheres Ebenbild -finden. Kenner bezeichneten es als Kopie einer Buchminiatur. Ein leiser -Heiligenschein schimmerte um ein kindliches Haupt. - -Bald waren ihm Namen und Werke Müelichs und Holbeins des Älteren, -Luithard und Berengar, geläufig. Petitot, den Schweizer, die Deutschen -Grahl, Hengel, Glocker, Aldenraths, Graff kannte er, Bouvier, Bossi und -Harper, Füger und die Österreicher Daffinger, Theer, Saar, Peter. Er -kannte alle Manieren, die auf Pergament, Elfenbein, Gold, Silber, -Kupfer. Er reiste in süddeutsche Städte die preziöse Kunst des -sechzehnten Jahrhunderts kennen zu lernen und kaufte und kaufte. Als er -zurückkam, waren seine Nerven scheinbar in Ordnung. Nun arbeitete er im -Werk, drei Jahre lang, fast ohne Unterbrechung. Er musizierte dort, -hatte irgendeine Geliebte und war mit Sammlern und Kunsthändlern in -Verbindung. - -Er hatte keine Freunde, nur Genossen, von deren wesentlichem Leben man -ebensowenig wußte wie von dem seinen: Männer, die etwa Beziehungen zu -Courtisanen von Rang hatten und hinter einem Sport oder Spleen sich -verbargen. Adalbert Mannsthal war wohltätig, aber auch dies erfuhr man -nur durch Zufälligkeiten. Seine größte Schöpfung aus späteren Jahren -(als er das Werk schon in eine Aktiengesellschaft verwandelt hatte) war -eine Anstalt für blinde Mädchen. Er besichtigte jeden neuen Zögling, -hatte unter ihnen seine Lieblinge, die er auch zu sich nach Hause nahm. -Mehreren dieser Mädchen ward durch ihn eine musikalische Ausbildung -zuteil. Sein Wesen blieb verborgen. Er genoß den Leumund hoher -Moralität. Seine Heirat mit Frau Ruthland befestigte seinen Ruf. Seine -Scheidung bekräftigte ihn. Ein Mann wie er konnte begreiflicherweise -nicht die Auffassung teilen, die in einer Ehe Entgleisungen duldet. -Mehrere Jahre vor seiner Heirat, nachdem er das Werk umgestaltet, reiste -er ins Ausland, in ferne Weltteile. Einige Zeit schien er verschollen. -Dann arbeitete er an neuen Maschinen und schloß sich einem berühmten -Physiker in bewunderndem Dienst an. Zuweilen lebte er in dem Landhaus am -See, das ihm seine mütterliche Tante vererbt hatte. Er besaß im Seehaus -eine Voliere mit fünfunddreißig Vögeln, die er zum Teil aus fremden -Ländern mitgebracht hatte. Als ein Marder mehr als die Hälfte von ihnen -zerrissen hatte, aß er zwei Tage lang nichts und schenkte den anderen -Tieren die Freiheit. Seine Miniaturensammlung betrieb er mit wachsendem -Eifer. Durch sie lernte er Urbacher kennen, der menschliche Kuriositäten -studiert hatte, aber dessen überdrüssig nunmehr seine Kenntnisse nur -gelegentlich verwertete. Gleichfalls unabhängig, Herr seiner Zeit und -seines Vermögens, war dieser in allerlei Leidenschaften verfallen, die -in Müßiggang und Überfluß gedeihen, aber sein Wesen war durch seine Güte -zwiespältig und durch fixe Vorstellungen skuril geworden. Er konnte -keinen entscheidenden Einfluß auf Mannsthal gewinnen, wiewohl er in das -Verborgene seines Wesens einzudringen imstande war. Hingegen war -Adalbert durch Verstand, Schlauheit, Überredungskunst und durch eine Art -Unwiderstehlichkeit befähigt, Menschen zu beeinflussen, wie es ihm gut -dünkte. Er selbst fragte nicht danach, wie man sein Leben beurteilte. -Äußere Ehrbarkeit hält die Neugier fern. Er trug sie wie ein schützendes -Kleid. - - - - - Am Wege - - -Vögelchen schrieb an Student Kruger: »Ich weiß Ihre Adresse nicht. -Camill verspricht, den Brief zu besorgen. Sie sind wohl schon zur Stadt -zurück. Am Ende vergessen Sie, sich mit Onkel Clemens anzufreunden und -ihm meinen Gruß zu bestellen. Dies haben Sie versprochen. Und, Herr -Prediger, was ist's mit Ihnen? Was treiben Sie? Ist ein Buch schon -fertig? Haben Sie eine Braut genommen? - -Ich will Ihnen von mir erzählen, von uns. Und Sie dürfen Va nicht länger -böse sein. Va ist jetzt mein Freund, der so gut zu mir ist, daß ich es -gar nicht aufzählen kann. Zuerst waren wir in einer Stadt und blieben -dort, um Bilder anzusehen. Mögen Sie heilige Bilder? Gewiß, Herr -Prediger. Die Leute sehen meist dumm darauf aus. Ich finde das so -rührend. Das Jesukind ist oft reizend. Aber das mag ich nicht, wenn -Teufel mit Gabeln sich überpurzeln. Die Farben waren auch oft so -geschmacklos früher und vieles sieht jetzt so unbeholfen aus, weil man -auf den Photographien die wirklichen Menschen sieht. Aber die neuen -Bilder mag ich noch weniger. Ich finde sie oft roh und sie sehen -zerstört aus. Landschaften gefielen mir z. B. ein Tal, auf das ein -Wanderbursch hinuntersieht, so einer, der im Lindenbaum vorkommt, den -wir zusammen gesungen haben. Da ist der Himmel und die Bäume und die -Berge wie nach einem Gewitter. Aber alles zu erzählen, das geht nicht -an. Niedliche Sachen bekam man zu kaufen aus Ton und hübsche Stoffe, -alles sehr bunt. Ich trank schwarzes Bier aus Steinkrügen auf einem Faß, -auf das mich Va hinaufgesetzt hatte. Alle Leute sahen mich an und waren -freundlich. Abends fuhren wir in einen Garten und fütterten weiße -Hirsche. Wie die seltsam sind, wie aus einem Märchen glotzen sie. Auch -an Seen waren wir, die groß sind, und alles ist überfüllt, die Ufer und -die Kähne. Ich wollte wieder schwimmen. Das Wasser war schmutzig. Va hat -bekannte Leute getroffen. Ich mag fremde Leute nicht. Sie reden immer -Gleichgültiges und man wartet immer, daß sie schon fertig sind. Wir -haben auch Musik gehört, das war das Schönste. Va hat sich eine neue -Geige gekauft. Dann fuhren wir. Es tanzte eine halbe Welt vor unseren -Coupefenstern vorüber und jetzt sind wir wieder an einem See, wo es warm -ist und nie regnet. Die Berge sind in der Ferne, der Himmel sehr blau, -die Bäume Pinien und Zypressen und ähnliches, viele blühende Sträucher, -Blumen, wie man sie bei uns nur in den Läden und Glashäusern sieht, -wachsen in den Gärten und duften, daß man wie im Traum ist. Manchmal -flimmert es über den See, den ich eben vor mir sehe, als wären viele -Libellenflügel wie ein Schleier vor ihm aufgehängt. Nachts seh ich noch -das Flimmern und die vielen Blumengesichter. Es sind auch viel andere -Menschen da und sprechen fremde Sprachen. Wir wohnen nicht im großen -Hotel, gehen nur zum Speisen hin. Wir haben ein Häuschen, auf dessen -Dach man spazierengehen kann, mit einem großen Garten, der an der -Seepromenade unten eine Türe hat. Abends ist auf der Hotelterrasse Musik -und alles wie im Fest. Va ist vergnügt wie nie zuvor. Wir laufen um die -Wette. Ich sage jetzt Albert. Camill wohnt im Hotel, ich habe kein -Mädchen. Va wollte es nicht. Ich fürchte mich nachts manchmal, weil es -seltsame Tiere gibt, die rufen. Aber die Tür zu Alberts Zimmer ist offen -und er sieht zuweilen nach mir und ist gut zu mir, wenn ich böse Träume -habe. Dann sprechen wir oft lange. Auch über den lieben Gott. Er sagt, -Frauen müßten Gott in dem Menschen lieben, der ihnen am liebsten ist. -Albert liest mir auch vor: aus der Bibel von Ruth und Josef und seinen -Brüdern, vom armen Hiob und dann vom Heiland. Das muß schön gewesen -sein, eine Frau zu sein, die ihm die Füße mit ihrem Haar trocknet. Aber -meine Haare sind nicht so lang. Einmal träumte ich, daß ich Jairis -Töchterlein sei und er mich aufgeweckt hat. Dann lesen wir auch Märchen, -die aber auch für große Leute sind, und Theaterstücke von großen -Dichtern. Die kennen Sie wohl alle. Auch spreche ich wieder fremde -Sprachen, die ich früher einmal konnte, sagt Va. Bei manchen Worten -fällt mir meine Mutter ein. Sie haben mich einmal nach ihr gefragt. -Albert hat es mir gesagt; sie konnte nicht bei ihm bleiben. Ich möchte -auch nicht, daß eine andere Frau bei Albert ist. Ich erinnere mich -nicht, wie meine Mutter aussah. Warum ist sie aber weggegangen und hat -mir nie einen Brief geschrieben? Nun schreibe ich schon so lange und -weiß gar nicht, ob Sie noch an Ariel denken. - -Machen Sie noch Verse, Herr Prediger? Wenn Sie Geld brauchen, so -schreiben Sie gleich. Ich habe viel; Albert sagt, ich müsse damit selbst -zurechtkommen. Also nur zu, wenn Sie Not daran haben und wenn man zu -Hause wieder böse zu Ihnen ist. Es grüßt Sie bestens - - Arabella Mannsthal. - -_P. S._ Erinnern Sie sich noch an unser Sterngucken? Nicht weit von hier -soll eine Sternwarte sein, von wo aus man durch lange Rohre die Augen am -Himmel spazieren schicken kann und dort viele Geheimnisse sieht. Das muß -das Schönste sein. Ich möchte zu gern hin. Albert hat mir eine -Überraschung versprochen. Er ist manchmal abwesend, um sie -vorzubereiten.« - -Als Vögelchen den Brief verschloß, träumte ihr Blick den Garten hinab -zum See, der sich dort wie eine tiefblaue Wand aufstellte. An seinem -Ende erblickte sie einen aufschnellenden Gegenstand, der einem -pfeilgeschwind hinsausenden Vogel glich, vor dem das Wasser in weißem -Gischt zur Seite rauschte. Es war ein Gleitboot. Wie ein tierisches -Wunder schoß es daher. An den Ufern hörte man rufen. Vögelchen eilte -hinab. Schon sieht man es näher, es vergrößert sich in rasender -Geschwindigkeit, nun erblickt man den schmalen Schiffskörper, hört das -Knattern eines Motors. Die seitlich geschleuderten Wassermassen -überfluten ihn, ein Mensch in Taucherkleidung wird sichtbar. Nun ist das -Sausen ganz laut, das Boot schnellt aufbäumend glatt auf das beruhigte -Wasser hin und schwebt ans Ufer heran. Arabella ist unter den Leuten, -die sich in Neugier und Bewunderung am Dampferplatz zusammengeschart -haben. Der Gleitflieger springt ans Land. Es ist Mannsthal. Vögelchen -fällt ihm um den Hals. Sie zittert am ganzen Körper. Er hebt sie auf wie -eine Feder und trägt sie durch die gaffende Menge. Nun ist ihr der -Zauberer zum Helden geworden. - -»Das ist dein Geheimnis?« fragte Arabella noch atemlos. - -»Ein Scherz vorläufig,« sagte er lächelnd. - -Adalbert pflegte mit Arabella auf der Terrasse an einem Tischchen -abseits zu speisen. Als sie eines Abends, von neugierigen Blicken -empfangen, eintraten, sprang rasch ein hochgewachsener Herr, der allein -an einem Tische saß, auf, blieb wie vor einer Erscheinung stehen und -stürzte dann auf Mannsthal zu. Es war Nikolai Karinski, von dem er schon -mehrere Jahre nichts gehört hatte. Zum Erstaunen der Gäste, die -ringsumher saßen, küßten sich die beiden Männer, blickten einander -prüfend an, schüttelten sich die Hände und umarmten einander abermals. - -»Das ist Arabella, du weißt --« stellt Mannsthal vor. »Ein alter Freund, -Graf Karinski.« Sie waren abgesondert in ihrer Freude unter den fremden -Menschen und Vögelchen war gleich die Dritte im Bunde. Der Russe, von -dem sie kaum etwas wußte, war ihr nach wenigen Augenblicken kein Fremder -mehr. Er trug sich ein wenig _à la_ Lord Byron und hatte ein Gesicht, -dem man immer neue Reize abgewann, obwohl es nicht schön war. Nichts -schien in ihm aufeinander gestimmt, selbst die dunklen, sanften und doch -flammenden Augen waren ungleich, das linke höher als das rechte, wie man -es bei Menschen sieht, die lange ein Monocle getragen haben. Die Nase -stach absonderlich hervor, sie war wie ein Haken kühn und adelig. Auch -das Kinn unter dem breit geradlinigen Mund war kantig. Sein Haar, von -einem weichen, metallenen Braun, war in kindhaften Scheiteln -zurückgelegt und wenig dicht. Die starken Backenknochen, der Ausdruck -der Augen, die Gestalt verrieten den Russen. Was diesem Antlitz das -farbig Wechselnde des Kaleidoskops gab, war sein Lächeln und Schauen. -Das konnte bald dem eines fröhlichen Kindes, bald dem eines weisen -Greises gleichen und es konnte Verklärung und Andacht und tiefste -Zerknirschung spiegeln. Übermut und Trauer flogen schattenhaft wie Licht -und Dunkel darüber hin und zuweilen wurde es fratzenhaft (ganz selten in -Vögelchens Gegenwart) und oft brach die Flamme des Geistes aus ihm und -brannte heiß über seinen Zügen. Und dies alles schien oft -zurückzustürzen, auszulöschen. Dann war das Antlitz einer verkohlten -Landschaft gleich, über die fahler Nebel schwelt. Er hatte große Hände -und starke Arme. Vögelchen dachte, daß er sie bis ans Ende der Welt -würde tragen können ohne zu erlahmen. - -»Also dies ist dein Kind, dein Täubchen, dein Weibchen,« sagte er und -sah sie an wie ein treues, derbes Tier. »Ich darf du zu ihr sagen, darf -ich das, Porzellankindchen?« - -»Ihr werdet bald gute Freunde sein,« ermunterte Mannsthal. - -»Habe ja auch ein Kleinod zu Hause. Du weißt, wie ich auf die Frauen zu -sprechen war -- aber die Gräfin! Ja, die meine, hat mich beten gelehrt.« - -Und er begann von Tanjä zu erzählen. Eine barmherzige Schwester sei sie -und ihre Seele wäre eine Wünschelrute, die jede Quelle des Leides -aufspüre in der Menschen Drangsal. Ihre Stimme glätte Aufruhr und -Zwiespalt, ihrer Worte Balsam sei Sanftmut ohne Ende! Und Nikolai -Karinskis Augen waren die eines Beters und gleich darauf fiel sein Kopf -zur Brust herab und er glich einem Büßer, der eine Züchtigung gewärtigt. -Er erinnerte sich wie immer, wenn er von ihr erzählte, daß er sie einmal -geschlagen, von Neugier getrieben, ob sie böse werden konnte. Er hatte -einen Streit vom Zaune gebrochen, indem er eine Rücksicht, die sie üben -wollte, barsch abwies, und als sie, seine Worte nicht ernst nehmend, -sich anschickte, ihr sorgliches Vorhaben auszuführen, hatte er ihr mit -Schlägen erwidert, die aus den Riemen einer Hundspeitsche auf sie -niedergingen. Sie hatte sich, noch immer an Scherz glaubend, zu ihrem -Bett geflüchtet und sich darin vergraben. Als es vorüber war, lag sie -still und starrte zu ihm auf, als wäre ein Wunder geschehen. Aber kalt -und starr war sie anzufühlen, als er sich in grenzenloser -Selbstverdammung vor ihr auf die Kniee hinstürzte. Kein Schauer -durchbebte sie. Wie eine Tote lag sie ihm im Arm. Tags darauf war sie -still und gütig wie zuvor. Er bekam Krankenkost, das bedeutete eine -Anzahl leichter Leckerbissen, und die Kinder mußten leise sein. Karinski -erzählte das Arabella, als sie schon gute Freunde waren. Es tat ihm wohl -einem Kinde zu beichten. - -»Du wirst bis in den Tod daran denken müssen,« sagte Vögelchen böse. -»Ich wäre daran gestorben.« - -»Ja, vielleicht ist auch sie daran gestorben und ich weiß es nicht. Ich -fühle alle Schuld in dieser Erinnerung,« sagte Karinski, »alle Qual, die -seit Weltbeginn Menschenherzen gemartert hat. Und Tanjä ist eine Heilige -geworden und viele Frauen sind Heilige. Sieh das Gesicht der Schwangeren -und vergleiche es mit dem der Gottesfrauen und Gottesmänner in den -Kirchen, und Gott liebt sie, weil sie Schuld abtragen in ihrer -Mutterschaft. Und auch die Armen liebt er und tröstet sie in seinen -Kirchen. Wir Reichen aber und im Geist Mächtigen, wir können nur unsere -Inbrunst aufheben zu ihm mit verzückten Händen, bis sie erlahmen und -wieder nur taugen zum Verzagen, zum Laster und zur Knute.« Und er fuhr -fort, von Tanjä in Ehrfurcht zu sprechen, und hatte dennoch keine Eile, -obwohl sie sich in Sehnsucht nach ihm verzehrte und mit vielen kleinen -Kindern sich sorgte, zu ihr zurückzukehren. - -Eines Tages erschien dann eine russische Familie und Karinski umarmte -sie, wie er Mannsthal umarmt hatte. Wenige Tage später reiste er mit den -Landsleuten ab, nachdem er unter Tränen von Adalbert und Arabella -Abschied genommen. Vögelchen trauerte ihm nach. Bald bekam sie ein -Schreiben von Tatjana Gräfin Karinska, die sie ihrer Freundschaft -versicherte und zu einem Briefwechsel lud. - -Auch Mannsthal war jetzt schweigsamer als zuvor. Karinski hatte ihm die -Ereignisse seines Lebens erzählt, die in die Zeit fielen, wo ihr -Briefaustausch aufgehört hatte. Aber Adalbert hatte geschwiegen. In ihm -war alles aufgewacht, was er seither erfahren, und hatte sich -vorgedrängt bis zur Schwelle des Vertrauens. Nikolai hatte ihm dunkle -Dinge gebeichtet und Reue und Scham, die er dabei empfand, waren ihm -erwünschte Strafe. Was er selbst zu sagen hatte, war in seinen -Einzelheiten so unfaßbar, daß er vermeinte, die Luft nicht weiter atmen -zu können, in die der Hauch seines Geständnisses sich mengte. Er konnte -nur eines bekennen, daß Arabella ihn gerettet und daß er sich aufgespart -für sie. In diesen Tagen war nichts mehr von Strenge in ihm, sein Wille -wollte sie nicht zwingen mit geheimen Mitteln. Eine grenzenlose -Dankbarkeit floß zu ihr hin, fand seine Sinne in Gehorsam und -entwaffnete seine List. Zu dieser Zeit lag glosende Hitze über dem -südlichen See. Mählich verödeten die Straßen. Das Hotel, die Villen -waren fast unbewohnt. Kaum daß die Häuser der Einwohner tagsüber die -schirmenden Läden hoben. Die Bäume und Sträucher waren so üppig im Laub, -daß sie ineinander sich verstrickten und Blüte an Blüte sich drängte. -Die Insekten wurden gefährlich, die Nächte seltsam duftend und voll der -Wunder. Aber weder die Nächte noch der See brachten Abkühlung. Vögelchen -vertrug die Hitze besser als er, ja sie breitete sich aus wie eine -treibende Pflanze. Leise Anzeichen sprachen dafür, daß ihr Körper reife. -Auf ihren Wangen lag ein Schein erblaßter Rosen, die das Leuchten ihrer -Augen steigerte, ihre Lippen öffnete ein scheuer Durst. Er sah es in -unendlicher Entzückung. Seine Versuche mit dem »Mannsthal-Gleitboot« -hatte er aufgegeben. Er begnügte sich, den Stand seiner technischen -Leistung in verschlossenem Brief in der Akademie der Erfindungen zu -hinterlegen. - -Eines Abends brachte Mannsthal ein etwa vierzehnjähriges Mädchen in den -Garten. Es war blind. Vögelchen war erschüttert, als es die Kleine -erblickte. Sie hörte nicht auf sie zu streicheln und schließlich küßte -sie die leblosen Augen. Sie brachte ihm eisgekühlte Früchte, wusch ihm -die heißen Wangen, erzählte ihm allerlei, sang ihm vor, so gut sie es -konnte. Adalbert aber war weitaus gewandter im Umgang mit Blinden und -seine Zärtlichkeit für die Unglückliche hatte für Vögelchen etwas -Erstaunliches. Er schien ein anderer, wenn er Rosina berührte, als wisse -er, wie Blinde empfänden. Vögelchen holte sie zuweilen aus dem -Uhrmacherladen, wo sie zu Hause war, und schlich sich mit ihr in einen -entfernten Teil des Gartens und verbarg sie vor Mannsthal. Oder sie -entfernte sich, wenn dieser sich mit Rosina befaßte. War es möglich, daß -sie dem Kinde Adalberts Güte neidete, oder wollte sie in ihren -Bemühungen nicht übertroffen werden? Mannsthal entging das nicht. Er -verdoppelte seinen Eifer um Rosina und seine Zärtlichkeit war nicht mehr -verstohlen wie bisher. Vögelchen selbst suchte sie und erwiderte sie. - -Die Landschaft lechzte nach Regen. Die Einwohner aber wußten, daß keiner -zu erwarten war. Mannsthal fühlte feurige Dämonen um sich kreisen. -Manchmal war ihm, als erhöbe sich lautlos ein glühender Gewittersturm -und jage ihn. Ein anderer Mensch in ihm riet zur Flucht, zu Tod, zu -Verwandlung. Er trug es nicht länger. Kam ihm nicht Erlösung, so brach -er zusammen und die Frucht seiner Sehnsucht schnellte für ewig aus den -erlahmenden Händen. Aber er wußte auch, plötzlich konnte »es« geschehen, -ohne Warnung und Zeichen, ohne Donner und Posaunenschall. - -Auch Vögelchen war voll Unruhe jetzt. In der Dunkelheit trieb es sie in -den Garten oder sie schlich Adalbert nach, wenn er noch spät sich -entfernte, und wartete am Gartengitter auf seine Rückkehr. Einmal -nachts, als er wie betäubt auf seinem Bette lag, weckte ihn das Leuchten -eines Scheinwerfers. Weiße Lichtgarben sprengte er über das Land. Er -tauchte den Garten von Dunkelheit rein, weckte die Statuen in den Hainen -und die schlummernden Farben der blühenden Büsche. Vögel fuhren -erschreckt aus ihrem Schlaf und huschten dann ängstlich wieder in ihre -Nester nieder. Als der Schein wiederkam, war es Adalbert, als sähe er -nächst den Rhododendrenbüschen eine lichte Gestalt, die traumhaft ihre -Arme in das fliehende Licht hob. Der Strahl schien sie aufzunehmen und -aufzulösen in seiner Helle. Mannsthal stieg zum Garten herab. Unhörbar -war sein leichter Schritt im Moos. Er war sehr schlank geworden in -diesen Tagen der zehrenden Sehnsucht. Die Luft schien um ihn zu -knistern, als wären Millionen dunkeläugiger Fünkchen in ihr verborgen. -Ihm war, als griffe der Duft der Blumen nach ihm und umstricke ihn. Er -suchte die Hängematte, ein Frauengewand lag da. Seine Hände fieberten, -als er es an seine Lippen hielt und seinen Kopf darein verwühlte. Dort -im Rhododendrenhain stand die Statue nicht mehr. Der Mantel der Nacht -hing ihr um die Schultern, aber leuchtender als Marmor schimmerte es im -Moos: Schlafend lag ihm Arabella zu Füßen. Ihr Atem zog leise in die -Nacht, der seine war verhalten in Grauen und Lust. Lange mußte sie -gekämpft haben um diesen tiefen Schlaf. Er kniete neben ihr hin in Glut -und Anbetung und segnete die Luft, die zwischen ihm und ihr war und ihm -Raum gab, seine schauernde Seligkeit auszugießen über ihre ahnunglose -Nacktheit. Warum, oh warum hatte die Nacht sich dem Licht geöffnet, -warum, warum hatte der Strahl, aus den sein Schlummer ihn gerufen, ihn -zu dieser Stätte geführt! Lenkte nicht einer unbezwinglichen Macht -gefügiger Geist das Ziel seinem brennenden Wunsch entgegen? Nein, sein -Schicksal weigerte sich nicht. Es entzündete ihm die Brautfackel und -ließ sie leuchten über die Lande. Aber noch wollte er die Qual erdulden, -sie neben sich zu fühlen, ohne sie zu berühren. Nicht im Schlafe wollte -er sie aus der Kindheit wecken. Nicht doppelt unbewußt durfte sie -erwachen in ihre Vermählung. Noch wollte er sich die Drohung ins Herz -stoßen, von ihr zu lassen, wenn sie nicht erwachte, ehe vom Glockenturm -der dumpfe Schlag der nächsten Stunde anschlug. Er fühlte ringsum den -unsichtbaren Garten, der Dolden regungsloses Blühen und wie sich das -Netz von Düften immer enger um ihn spannte, wie der Wohlgeruch von -tausend Rosen sich mit dem der Glycinen verband und weiter wob zum -leisen Hauch der Iris, zum goldenen Atem der Azaleen, zum linden Duft -der Karthäusernelken. Erinnerung ferner Gärten stieg vor ihm auf, Wälder -hoben ihre Dunkelheiten, Indiens Haine erstanden ihm, die ansteigenden -Wege zu den heiligen Bergen des Ostens, gesäumt von Kirschblüte und -Chrysanthemum. Affen saßen auf Zweigen, bunte Vögel flitzten durch -beerenbeladene Äste. Fern blaute das Meer. Landschaft war ihm nur Rahmen -der Erinnerung. Ein Zug von Frauen begann zu schreiten. Er sah sie alle -wieder, die fremdartigen, die aus einer Stunde traten und sie bunt -färbten, Loli, jenes Bild seiner Kindheit, der Wald hinter dem Werk, -Tirotzky, Angele, dann das lachende Kirschengesicht einer Tänzerin, die -Blinden, die bleiche Frau, die er zu sich nahm, auf daß sie bei ihm -verstürbe, und die Entstellte dann, die er so namenlos beglückt, das -Bettelkind in jenem irischen Dorf, in dem er unversehens genächtigt, die -Fürstin C., dann die erträumten Wirklichkeiten seiner Miniaturen, -Camilla, die an einem Kinde starb, das nicht das seine gewesen, Mila, -das Weinstubenmädchen, mit der wahnsinnigen Mutter, das aufstieg zur -Halbweltdame, Landmädchen, Courtisanen, dann -- ein verhüllter Zug, der -ihn erschauern machte. Geisterhaft stumm zogen sie. Aus aller Welt waren -sie gekommen, aus Gräbern und Himmeln, aus Leben, das er nicht mehr -kannte, über fremde Schwellen schreitend, aus fremder Umarmung sich -lösend, aus Häusern des Lasters, aus Klöstern und vom trauten Tische -sich stehlend, über dem Kinder und Gatte sich zum Mahle neigten. Ledig -der Last der Jahre waren sie gekommen ihn zu grüßen, ehe sie versanken -vor einem großen Licht. Denn sie waren alle Priesterinnen in seinem -Liebestempel gewesen, nur daß keine ihm gefolgt war über die letzten -Stufen des Hochaltars. Nun waren sie vorbei. Da fühlte er den Einstrom -eines Lichtes. Wolken aus milchweißen Schleiern verbreiteten blendende -Helle, Sterne schwebten wie Silberbienen zu knospenden Lilien, deren -Kelch goldener Tau benetzte. Auf den Wellen des Lichtes schwebten weiße -Wasserrosen. Da sah jene Sterbende aus spiegelnden Tiefen und goß ihm -ihren mahnenden Blick ins Herz. Der Blick ging durch die Hallen des -Lichtes, wie durch gläserne Wände, metallisch, rieselnd wie heiliges -Wasser bespülte er Adalberts Seele. Er baute einen Baldachin weißer -Blüten über das schlummernde Kleinod im Moos. Wie ein Taubenpaar -schwebten der Bleichen Hände schützend über ihm. Ein Chor kleiner Engel -schwebte heran. »Laß ab,« beteten die Seelen der blinden Mädchen. »Wirf -nicht Brand in den Schnee,« flehten die Kelche der Lilien. »Rühr mich -nicht an,« sangen die Sterne, die wie Silberbienen schwebten. »Fliehe,« -säuselten die milchweißen Schleier. Und die Wasserrosen öffneten die -siebenfach verschlossenen Lippen und seufzten: - -»Laß ab!« - -Und das Licht war ein Mund und posaunte: - -»Laß ab!« - -Aber lauter als sein Schall war der linde Atem der Schlafenden, denn er -war lebendig. Schmal und flüchtig wie einen Traum wußte er sie -hingebettet und dennoch wirklich, wie nur Leben sein kann. Und wenn er -ging und abließ, dachte er, würde der glitzernde Leib einer Schlange -sich aus dem Dunkel ringeln und Giftzähne in ihr Fleisch graben? Sie war -einer Glut hingegeben, die sie ahnte und ersehnte. Konnten nicht Helden -oder Unglückliche, die ihr mitleidiges Herz gewannen, sie ihm entreißen, -morgen schon, und sie verheeren für immer. Denn er nur würde sie -befähigen, höchste Lust zu geben und zu nehmen, eine Göttin, nicht eine -Magd der Liebe zu sein. Er nur, der sie kannte wie kein anderer, würde -sie, wie die Mutter sprechen lehrt, die Welt der Liebe lehren. Er würde -Schätze heben aus ihrem aufpochenden Blut, Kleinode entsiegeln in ihren -geheimsten Schreinen und unlösbar würde er ihre Seele mit ihrem Blut -vermählen und so sie feien vor der Erniedrigung der wissenden -Liebesglut. An ihr sollte das Laster sich heiligen und Keuschheit -menschlich werden. Er nur, er konnte sie wecken zu verklärtem Brand, zu -heiligem Genuß. Und doch, dies hatte der Dämon seiner Selbstqual über -ihn verhängt, wenn die Turmuhr schlug, eh' sie ihm erwachte, war sie ihm -und sich selbst verloren in ewigem Durst. Er wußte, jenes blinde Kind -wachte im Turm und hütete die Glockensträhne. Oft war er bei ihr -gewesen. Konnte nicht jetzt ihr rächender Wille, müde seiner zu harren, -die Strähne ziehen, ehe die Geliebte erwachte? - -Da plötzlich griff es, ehe die Versuchung ihn überkam sie zu wecken, mit -weißen Fingern in die Luft. Des Scheinwerfers Geisterhand schwebte auf -und nieder, kaum die Baumwipfel berührend, und jetzt fiel sie -pfeilschnell herab und ließ den Garten aufstrahlen in Licht. Vögelchens -Schlaf zerriß, mit leisem Aufschrei haschte sie die Helle und im letzten -aufstrebenden Strahl erblickte sie den Mann. Als würde Traum zur -Wirklichkeit, schlang sie ihren Arm um seinen Hals, preßte die -schlafheißen Wangen an seine Brust. Langsam ließ er sie zurückgleiten -ins Moos, Hände kosten sie und grüßten die Kleinode ihres Leibes. Ihre -Haare waren wie besonnte Seide, darunter die Pulse in den Schläfen -pochten, wie kleine gläserne Hämmerchen. Auf die Wangen senkten sich die -Lider herab wie bebende Schmetterlingsflügel. Ihre Lippen öffneten sich -und er erschauerte, bald würde er ihre Süße kosten. Nun fühlte er die -gläsernen Hämmerchen durch die feine Haut des Halses an seinem Mund und -vor der Zartheit ihrer Schultern erbebte er, denn sie waren die eines -Kindes. Ihre Brüstlein waren jungen Tauben gleich, die rosige -Schnäbelchen aus dem Gefieder spreizten, wenn der Flügelschlag der Liebe -ihrem Durste naht. Er meinte zu vergehen. Einen Augenblick vergrub er, -Ruhe suchend, seinen Kopf an ihrem Halse, aber da fühlte er ihren Duft -und war völlig berauscht. Er sah sich selbst und spürte, was er sah. Der -andere Mensch, den er nicht mehr hielt und kannte, war an der Arbeit. -Noch einmal verdrängte er ihn. Er faßte das Wesen und hob es von sich -weg, um warnend es vor sich zu sehen. Federleicht spürte er seine -Wehrlosigkeit. Aber dem andern war das nur recht, er riß dem Zauderer -die Beute aus dem Arm und flüsterte betörende Worte. Oh, diese Worte! -Arabella vergaß sie niemals. Ihre Erinnerung übergoß sie mit Gluthauch -bis spät in die Jahre. Und wie gefällig machten sie diese Worte, wie -beflissen ihn zu verstehen, wie willig alles zu erdulden, den Schmerz -und die Lust. Aber dann, als nur mehr der andere herrschte und der -Zaudernde verschwunden war hinter glühenden und tobenden Wolken, als -Feuer auf sie niederbrach und sie unbarmherzig sengte mit Eisen und -Schwert, über ihre Kraft es zu bergen, da befiel sie eine wahnwitzige, -grenzenlose Furcht, die sie mit wunderbaren Schauern durchdrang. Aber -nur bei ihm gab es Schutz, Zuflucht nur an seiner Brust, zu der sie -hindrängte. War er ihr böse, daß er sie von sich stieß, um gleich wieder -sich eisern in sie einzuschmieden? Da, als er wie ein von göttlichem -Zorn Besessener über ihr raste, fühlte sie plötzlich namenlose Erlösung -und während ihr ganzes Sein ausströmte in demütiger Verzückung zu -randloser Ewigkeit, sah sie im ersten fahlen Licht des Morgens ihn zur -Seite stürzen, als hätte Gott ihn an Felsen zerschellt. Die Vögel -erwachten in ihren Nestern. Ein leiser Wind strich kühlend vorbei. -Vögelchen richtete sich steil auf und sah über den Regungslosen mit -großen, erstaunten Augen in das erwachende Leben. - - - - - Die Blinde - - -Simonne Nerat hieß ihre Mutter. Leichtfertig war sie wohl anfangs nicht -gewesen, aber die Leute vermuteten es. Sie kam aus südlicherer Gegend. -In ihrer Beweglichkeit erblickten sie nicht natürliche Anmut, sondern -abgefeimte Gefallsucht. Thomas Janele, der sie nach seiner Gesellenzeit -heimbrachte, war ihr natürlich auf den Leim gegangen, meinten sie. -Solange der alte Uhrmacher, sein Vater, lebte, der gutmütige, -weißlockige Greis mit dem Kinderantlitz, da ging noch alles gut. Simonne -war auch eine Meisterstochter, und was zur Gilde gehörte, gleichviel ob -es unter seinem Dache als Schwieger hauste, genoß seines Schutzes. Geld -hatte sie keines mitgebracht, denn Vater Nerat war zwar berühmt in -seinem Fach, aber wie man sein Schäflein ins Trockene bringt, darin war -er keineswegs Meister. Mochte sein, daß Simonne auch deshalb bei kleinen -Leuten nicht voll genommen wurde. Und Ulrich war ein Käsegesicht und ein -Duckmäuser. Warum hatte sie gerade ihn genommen? Das Kind war bald da: -ein blindes Mädchen. Da schien des Teufels Hand im Spiel. Im ganzen Dorf -gab es keine Blinde. Man verachtete die Fremde, daß sie es um eine -Mißgeburt bereichert hatte. Der alte Janele weinte wie ein Kind, als der -Arzt das Unglück feststellte. Längst waren seine Augen zu schwach, um -über seine Räderchen und Federn zu herrschen; des kleinen Mädchens -Führer zu sein, dazu taugten sie noch. Nun war sein Alter nicht nutzlos -mehr. - -Fragt nicht, wie es der Rosina erging, als der Großvater gestorben war! -Niemand wußte mit dem blinden Kind umzugehen, man hatte sich völlig auf -des Alten Sorgfalt verlassen. Der allein hatte um der Kleinen -Eigentümlichkeiten gewußt und sie aus den eigenen Hinfälligkeiten -verstanden. Er hatte sie ihr eifrig abgelauscht, sie selbst wußte ja -nichts über sich und nun konnte sie nicht nach außen tasten mit Bitte -und Frage, denn die Brücke, die sie getragen hatte, war eingestürzt. - -Der Respekt vor dem Vater hatte den jungen Uhrmacher bislang gehindert, -sein wahres Gefühl zu zeigen. Er liebte Rosina nicht mehr, er schämte -sich ihrer und immer gab es ihretwegen Streit zwischen ihm und Simonne. -Als des Schwiegervaters schlichtende Stimme erloschen war, züngelten -wieder die bösen Zungen hervor. Dazu kam noch, daß Thomas noch zu -Lebzeiten des alten Janele die Bestellung der neuen Turmuhr aufgetragen -wurde und daß er die Erwartungen der Gemeinde aufs gröbste enttäuschte. -Thomas hatte sich erbötig gemacht, eine Erfindung des Meisters Nerat zu -verwerten und eine Uhr anzufertigen, die automatisch den Klöppel der -Glocke zu leisen Schlägen bewege, so daß man nachts den Glöckner -ersparen konnte. Das Werk mißlang. Es wurde eine gewöhnliche Turmuhr -daraus. Weil aber Janele sich weigerte, der Gemeinde den im voraus -bezahlten Mehrbetrag, den er schon für die teuren Bestandteile -verbraucht hatte, zurückzuerstatten, mußte er sich verpflichten, den -Glöckner selbst zu bestellen. Da zu dieser Zeit die Geschäfte schlecht -standen, verlangte er von Simonne, daß sie die Glocken läute. Die Frau -weigerte sich. Nun schloß er sich den Spöttern an, die Simonne der -väterlichen Erfindung wegen, die ihrem Manne mißlungen war, verhöhnten. -Die Frau schrieb dem Vater, er möge ihr helfen, aber dieser hatte sich -verheiratet und die Stiefmutter säte Zwietracht. Zu dieser Zeit kam eine -Putzmacherin ins Dorf und die Uhrmacherin, die mit der Nadel gewandt -war, verdingte sich bei ihr. Den Haushalt konnte sie wohl nebstbei -versehen, aber für die kleine Rosina blieb ihr wenig Zeit. Einige Wochen -gestattete die Modistin, daß die kleine Blinde hinter dem Ladentisch -säße und Perlen auffasse und Spulen aufwickle. Dann aber meinte sie, das -Unglück schrecke die Kunden ab. So blieb denn Rosina zu Hause bei dem -mürrischen Vater. Dieser war ganz böse geworden, seitdem er Simonne in -guter Laune und nicht mehr von seinem Geiz abhängig sah. Er konnte sie -nicht an ihren Reisen behindern, die sie mit Einkäufen für den Laden -verband, und mußte es mit ansehen, daß der Sohn der Modistin, ein -Student, ihr huldigte. Sie wollte Rosina in eine Anstalt geben, sie -etwas lernen zu lassen. Der Mann duldete es nicht. Sie sollte ihr -Sündengeld für sich behalten. Einmal nachts, als sie spät nach Hause -kam, schlug er sie. Am nächsten Morgen war sie verschwunden. Für Rosina -hatte sie ihre Ersparnisse zurückgelassen. Das blinde Mädchen in seiner -Nacht wußte, daß draußen im Licht etwas Böses geschehen war. Sie fühlte -nun die Gefahren um sich drohender werden. In ihrer Angst wurde sie noch -folgsamer und erlernte es, dem Vater gefällig zu sein. Eines Tages -führte er sie auf den Turm und zeigte ihr, wie man die Glocken läutet. -Immer wenn die Uhr ein leises Knarren und Stöhnen von sich gab, mußte -sie an den Strängen ziehen, je nach der Stunde. Nach einem Monat hatte -sie alles begriffen. Zuerst ließ er sie nur tagsüber im Turm, von ihrem -zwölften Jahr an zog sie auch nachts die Stränge. Zweimal in der Woche -war sie frei, um zur Stadt in die Blindenschule zu fahren, wohin ein -Frächter sie unentgeltlich auf seinem Schiffe mitnahm. Es war eine -ermüdende Fahrt, sie sah ja nicht wie andere Kinder, deren Jauchzen aus -fremder Welt zu ihr drang, das silbernde Wasser, den Schatten der Berge -im leuchtenden Spiegel des tiefblauen Himmels. Müdigkeit bewirkte, daß -Rosina dort nicht so recht aufmerken konnte. Auch hatten ja die anderen -Blinden täglichen Unterricht. So kam es, daß sie selbst unter den -Gefährten des Unglückes eine untergeordnete Rolle einnahm. Als sie -vierzehn Jahre alt war, sprach sie auf der Straße ein Herr an. Seine -Stimme war anders als die der Mitleidigen, die zu ihr geredet hatten. Er -fragte sie, wo sie wohne, ging mit ihr, ließ sich ihre Arbeiten zeigen. -Der Herr verstand die Blindenschrift und schien noch weit mehr zu wissen -als der Lehrer in der Stadtschule. Adalbert Mannsthal, der Herr, sprach -mit ihrem Vater und von nun an wurde Rosina statt in die Blindenschule -zu ihm gebracht, in einen Garten und in ein Haus, in dem es nicht wie in -dem ihren nach schlechtem Öl roch, sondern nach Blumen und seltenen -Essenzen. Er selbst, der Herr, unterwies sie oder auch ein Mädchen, das -ganz leise und gütig war und sie mit Kleidern und Zuckerwerk beschenkte. -Lange Zeit hielt es Thomas Janele vor dem Wohltäter geheim, daß Rosina -die Glocken läute, und auch diese selbst schwieg darüber. Sie wollte -nicht prahlen mit ihrem Amt, auf das sie stolz war. Aber eines Tages, -als ihr mehrmals die Augen zufielen, fragte Herr Mannsthal, ob sie nicht -geschlafen habe. Da gestand sie, daß sie nun schon drei Nächte »oben« -gewesen sei. - -»Oben?« - -»Im Turm. Vater muß die Glocken läuten. Ich besorge es seit vier -Jahren.« Ihre Wangen färbten sich rot bis zum schwarzen gewellten Haar. -Die erloschenen Augen schienen sich zu vergrößern. Ja, sie, eine Blinde, -läutete die Glocken. - -»Tust du es gern?« fragte er, seiner Tochter Mitleid niederhaltend. - -»Ja,« sagte Rosina, und sie erzählte, wie sie sich anfangs vor den -Fledermäusen gefürchtet habe und vor großen Vögeln, die oben im Gestühl -hausten und deren Flügel sie zuweilen streiften, und wie ihr dann auch -vor der großen Stille bangte und vor dem Raunen tief unten. Auch sei sie -immer ängstlich, bevor das Knarren und Stöhnen im Uhrwerk hörbar werde, -das ihr die abgelaufene Stunde anzeige. All die Jahre war es nur einmal -ausgeblieben, nach einem Blitzschlag. Da habe sie der Vater vom Turm -geholt und den Schaden ausgebessert. - -»Ob sie sich nicht vor dem Einschlafen fürchte,« fragte Vögelchen. Davor -bewahre sie der Hunger nachts. Vater sagte ihr, daß Hunger den Schlaf -fernhalte. Am liebsten lausche sie dem Nachklingen der Glocken, da höre -man die Engelstimmen leise entschweben. Sie liebte Musik wie alle -Blinden. Mannsthal nahm seine Geige und spielte. Beide Mädchen saßen, -Hand in Hand, ergriffen. Aber der Blinden war er ein Gott, der Einlaß -wußte durch ihre Nacht. - -Der Wohltäter ging mit ihr zu einem Arzt, aber es ergab sich, daß -geringe Hoffnung für ihr Augenlicht war, überdies fand er bei der -Kleinen einen Herzfehler. Der Wohltäter stieg nun zuweilen in den heißen -Nächten in den Turm und brachte seinem Schützling kühlende -Erfrischungen. Er blieb bei ihr und nun fürchtete sie nicht -einzuschlafen. Er wußte sie zu ergötzen. Wohl hätte er sie loskaufen -können von ihrem schweren Amt, aber er wußte, sie war stolz es zu -versehen und für Blinde ist es ein Glück, solchen Stolz zu haben. Auch -liebte er seine nächtlichen Aufstiege zu dem Kinde. Rosina war -glücklich. - -Es kamen Nächte, wo sie sich unruhig fühlte und nach dem Manne sehnte, -der so gut zu ihr war. Da begann ihr Herz heftig zu pochen und sie -wartete in fiebernder Ungeduld. Es war auch die Zeit, wo die kleine -Rosina vom Kinde zur Jungfrau wurde. Das Blut wallte in ihr. Das -bresthafte Herzchen bestand den neuen Ansturm nicht. - -In jener Nacht, da Mannsthal seinem Wunsch eine letzte Gefahr gesetzt im -Schlag der Turmuhr, als er mit allen Fiebern es beschwor, da wurden -plötzlich der Blinden Hände starr und zurückstürzend fand sie die -Strähne nicht mehr. Ein Herzschlag hatte sie getötet. - - - - - Minen - - -An einer Bucht des Sees, die zu einem Felshügel ansteigt, lag der -Friedhof und die Totenkammer. Mannsthal ging, begleitet vom Küster, an -den unscheinbaren Gräbern vorbei. - -»Hier liegt sie, Herr,« sagte der alte Mann und trat zur Seite, die -Kappe in der Hand. - -Auch Mannsthal griff nach seinem Hute. Das arme Kind, nun bezeugt man -ihr ein erstes und letztes Mal Ehrfurcht. Ein Lichtband fiel durch die -Türöffnung über die Mitte der traurigen Kapelle. Die Aufbahrung war -schlicht und deshalb um so ergreifender. In einem weißen Kleide lag -Rosina wie schlummernd und hielt in den bleichen, besonnten, mühsam -gefalteten Händen ein Holzkreuz. Ihre Haare waren matt geworden, die -geschlossenen Lider, die sich über das Unglück ihres Lebens gesenkt -hatten, ließen vergessen, daß sie eine Blinde, eine Gezeichnete, -gewesen. Da lag ein totes Mädchen, das einer sanften Jungfrau glich. -Verstorben schien sie sehend geworden. Sie glich einem Kinde nicht mehr, -der Tod hatte sie gealtert. Immer, wenn Mannsthal Tote sah, fühlte er -sich erschauernd Urewigkeitgeheimnissen nahe, aber er empfand hier nicht -Beängstigung. Er hatte gefürchtet, daß eine unheimliche Drohung aus -dieser Toten zu ihm aufsteigen würde, mit kalter Hand ihm anklagend ans -Herz zu greifen. Vor der Milde dieses friedlichen Antlitzes schwand -seine Furcht. Er war gekommen, weil er nicht feige der quälenden -Erschütterung entgehen wollte; nun blieb er straflos. Oder war es das -selig erhöhte Lebensgefühl, das seit dem Morgen in ihm sang, das ihn nun -gegen das Übel feite? Eine überwältigende Dankbarkeit zwang ihn auf die -Kniee. Er fühlte in diesem Augenblick, wie sehr er das Leben liebte. Oft -schon nach entronnener Gefahr hatte er es so mit seinem ganzen Sein -liebend bejaht. Er verharrte in tiefer Andacht vor dem Lebendigen an der -Bahre der Toten. Dorfleute, die ihn sahen, bewunderten die Frömmigkeit -des vornehmen Wohltäters. Als er aber sich wieder erhob, fuhr er -entsetzt zurück und seine Hand legte sich schirmend über die Augen. Das -Gewand, das man Rosina angelegt, kleidete noch vor wenigen Tagen -Arabella. Der Geliebten zarte Haut hatte er durch sein Gewebe leuchten -gesehen. Erschrocken verließ er die Kammer. Da erhob sich eine Fliege, -die auf der Toten Mund gesessen, Anofeles mit Namen, und folgte ihm. Er -wehrte sie ab, doch schon holte sie ihn ein und träufelte ihm ihr Gift -ins Blut. Eine Mine war gelegt. - -Es war möglich, Vögelchen den Tod Rosinas zu verheimlichen. Sie hatte -sich in ihr Zimmer eingeschlossen und Adalbert gab Auftrag, daß man ihr -zu den Mahlzeiten die Speisen in dem anstoßenden Raum bereit halte. -Durch Camill ließ er sie des Mittags wissen, er sei ausgegangen, damit -sie nicht fürchte ihr Zimmer zu verlassen. Er ließ ihr überdies die -Nachricht zukommen, Rosina sei auf einige Zeit bei ihrem Großvater -Nerat, damit sie nicht auf den Einfall käme, die Entschwundene -aufzusuchen. Er war keineswegs in Erstaunen versetzt über Vögelchens -Verhalten. Er wußte, ihre Rückkehr würde nicht auf sich warten lassen -und um so köstlicher für ihn sein. Abends ließ er ihr bestellen, er sei -heimgekehrt und erwarte sie im Garten; falls sie es vorzöge allein zu -bleiben, möge sie aber auf ihn keine Rücksicht nehmen. Vor Anbruch der -Dunkelheit entließ er Camill mit dem Auftrag, frühmorgens zur Besorgung -eines Reisewagens zur Stadt zu fahren. Dies würde ihn bis nachmittags -fern halten. Von diesen Begebenheiten erstattete Camill sogleich seinem -Freunde Konrad Kruger Mitteilung. - -Als im Garten der lärmende Gesang der Vögel verscholl, durch die üppigen -Efeuranken kaum mehr ein Lichtdämmern in die Zimmer drang, hörte -Vögelchen Adalbert die Treppe heraufkommen. Bald darauf herrschte -Stille. Sie stieg in den Garten hinab und wartete auf den Scheinwerfer, -aber das Licht kam noch nicht und die schwüle Ruhe bedrückte sie. Im -Hause blieb das Fenster des Freundes dunkel und unbewegt. Warum rief er -nicht, warum holte er sie nicht? Sie brannte nach ihm. Aber noch immer -lag ihr die Scheu, sich vor ihm blicken zu lassen, lähmend in den -Gliedern. Nein, zur Tür eintreten bei ihm, sie vermochte es nicht. Warum -konnte sie nicht unsichtbar, unhörbar sich ihm in die Arme betten und -das Ungeheure fühlen? Leise ging sie ans Haus heran und nun maß sie die -Höhe des Fensters. Die Mauer war aus Ziegeln, deren Mörtel vielfach -herausgefallen war, Efeuranken bildeten an mancher Stelle eine -natürliche Strickleiter. Nun versuchte ihr Fuß, von dem sie die Schuhe -gestreift, nun zog sie den anderen nach und geschmeidig kletterte sie in -wenigen Sätzen zur Brüstung. Es war nicht anders, als wenn ein Vogel im -Blätterwerk raschelt. Nun schwang sie sich ins Zimmer, nun zog er sie an -sich, nun ging sie unter im unendlichen Meer der Lust. Sie blieben -zusammen, bis spät am Tage Rosinas Grabgeläute erklang. - - * * * * * - -Konrad Kruger schrieb an Arabella: - -»Gnädigste Frau, was meinen Sie zu dieser Ansprache? Ich danke Ihnen für -Ihren Brief. Ich hielt mein Versprechen und schrieb. Diese Briefe waren -meine Zuflucht. Aber vielleicht kommt auch dieser Brief nicht an. Soll -ich Dir sagen, Ariel, wie ich Sehnsucht gelitten habe von dem Augenblick -an, als die Staubwolken Deines Wagens Dich meinem Blick verbargen, bis -zum heutigen, da ich an Frau Adalbert Mannsthal schreibe? Erschrick -nicht, daß ich Dein Geheimnis kenne. Ich werde immer Deine Geheimnisse -kennen, Ariel. Was immer Dir das Schicksal bringt, es ist verknüpft mit -dem meinen. - -Ich war bei Deinem Freund. Er ist verreist. Lange blieb ich an dem Ort, -wo Dein Bild noch lebendig war. Immer wieder erwartete ich Dich. Da Du -eingingst in die Welt der Liebe, wirst auch Du bald verstehen lernen, -wie man des geliebten Menschen harrt und an das Wunder glaubt, das ihn -wiederbringt. Das Unmögliche zwingt man ins Natürliche und jeden -Augenblick, der entschwindet und uns der trügerischen Hoffnung näher -bringt durch seinen Abgang, möchte man segnen als Gewinn. Ariel, Ariel, -ich habe Dich erwartet des Morgens mit dem Briefboten, in jedem Kahn, -den ich von fernher kommen sah, in jedem Wagen, der weitab auftauchte, -in jeder Frau, die irgendwo aus der Ferne trat, wähnte ich, oh Frevel, -Dich Unvergleichliche. Und doch war nichts unmöglicher, als daß Du -wiederkehrtest. Und weißt Du, was Angst ist um ein geliebtes Wesen, das -man in Gefahr glaubt? Nein, das wirst Du nie wissen, denn Dir hat Gott -die Kräfte Deines Wunsches gegeben, statt zu erbeben wird Deine Seele -handeln. »Inwendiges Gebet durchdringt die Himmel.« Sie wird sich -anspannen bis zum Äußersten und es wird ihrer Sorge aller Grund genommen -sein. - -Ich aber bin ein Ohnmächtiger und habe vorerst nur den Willen. Darum -flehe ich zu Dir, Ariel, hilf mir. Nun ziehst Du wohl weiter, sag' ein -Wort nur und ich atme Deine Nähe. Geld will ich nicht von Dir und müßte -ich zu Fuß nach Mekka pilgern um mein Heil. Ich flehe um Deinen Segen. -In unwandelbarer Treue - - Konrad Kruger.« - -Arabella antwortete: - -»Wir sind eben daran, westwärts in die Berge zu reisen. Sie irren, Herr -Prediger, Ariel ist nicht gnädige Frau geworden. Es ist wie im Traum, so -als lebte ich nicht. Nur wenn es ruft, weiß ich es. Wenn es wirklich -wäre? Es ist vielleicht häßlich, wenn es wirklich ist. Aber in -Unwirklichkeit kann es grenzenlos sein. Sie können jetzt nicht kommen. -Ich habe keinen anderen Gedanken als ihn. Woher wissen Sie dies alles? -Sie wußten es schon damals. Quälen Sie sich nicht. Was soll ich Ihnen -denn? Nein, Sie können jetzt nicht kommen. Er würde Sie gleich erblicken -und es gäbe Streit. Warten Sie ab. Ihre - - Arabella.« - -Diesem Briefe war ein Schreiben Camills angeschlossen, das -folgendermaßen lautete: - -»Werter Herr Student, indem ich Ihnen den Brief des gnädigen Fräuleins -sende, welchen am Tage der Abreise das Fräulein mir übergeben haben, -ersuche ich die Verzögerung zu entschuldigen, daß ich ihn erst heute -sende und die ersuchte Auskunft sende. Wir sind wegen der Hitze und weil -es schon schwer war mit der Abwirtung im Hotel in kühlere Gegend -gezogen. Der Herr und das Fräulein wohnen am Berge in einer -Alpenherberge. Ich bin eine Stunde unterhalb im Postgasthof einlogiert, -bringe mittags die Briefe hinauf und besorge das Nötige. Von dem, was -ich im vorigen Schreiben mitgeteilt habe, ist alles bewahrheitet und man -verstellt sich auch vor mir nicht mehr. Ich vertrage die hohe Luft -schlecht, nachdem ich kein junger Mensch mehr bin, der Wein ist schlecht -und wäre gern schon fort. Vielleicht ist es einem studierten Menschen -wie Ihnen möglich, darauf hinzuwirken, daß das Fräulein den gnädigen -Herrn eilt, daß wir bald nach Paris kommen, was geplant ist. Dort ist es -dann auch für Sie leichter und Paris ist etwas für Sie. Da werden Sie -erst Ohren und Augen aufmachen. Für die Zigarren schönen Dank. Es ist -aber nicht nötig. Ich tue es gern. Wenn Sie etwas übrig haben, bringen -Sie es meiner Landsmännin, der Monika Gallo, in der Brunnberggasse Nr. -12. Das ist ein liederliches Frauenzimmer, aber ich unterstütze sie, -weil sie ein gutes Mensch ist und ihre Großmutter mich aufgezogen hat. -Nachher bin ich zum Militär gekommen und nach der Dienstzeit bei meinem -Offizier geblieben. So hat es mit meinem Beruf angefangen, so daß ich -mich gut fortgebracht habe. - -Wenn es ein Wiedersehen gibt, erzählt man sich wieder Verschiedenes von -einst und jetzt. Aber schauen Sie, daß wir hier fortkommen. Der Wein ist -hier ganz ungenießbar. Auch Weiber gibt es nicht. Ich empfehle mich -Ihnen und verbleibe grüßend - - Camillo Custove.« - - - - - Ein Heim - - -Konrad war heimgekehrt. Herr Hofrat Engelbert Kruger, der verdiente -Landesschulinspektor, der aussah wie ein nordischer Fischer (sein weißer -Bart lief wie ein Röllchen unter dem Kinn zu den Schläfen hinauf bis zu -den Brillenhaken), Herr Hofrat kam des Nachmittags später ins Amt und -versäumte abends seine Kartenpartie. Das bedeutete nichts anderes als: -Konrad ist heimgekehrt. Frau Hofrats rundliche Wangen hatten rote -Flecken -- Frau Rat nannten sie die Kinder, weil sie Goethes Mutter -glich --, Frau Rats flinke Augen schossen umher wie ein Eichkätzchen in -seinem Bauer und liefen forschend und erschrocken umher und sie suchten -Schlüssel und fanden sie nicht. Anselma Kruger, der Tochter zärtlich -verblühtes Gesicht, sah plötzlich böse aus und sie hatte ihre äußerst -sorgfältig ausgeführten Spitzen zur Seite gelegt, weil sie eine Migräne -nahen fühlte. Das hieß: Konrad ist heimgekehrt. Lisbeth, das Mädchen, -vertauschte ihre verwaschene Bluse mit einer neueren, die ihren Busen -vorteilhafter erscheinen ließ, denn diesen hatte »der junge Herr« schon -des öfteren belobt. Fürbaß, der Dackel, verübte mit seinem Schwänzchen -die kunstvollsten Windungen und war gleichgültig gegen Lisbeth. Der -Hausmeister sandte seinen Jungen um Bier, denn er wußte, die nächsten -Abende brachten reichlicheres Sperrgeld. Dies alles besagte: Konrad ist -heimgekehrt. - -Ob aber mit Ausnahme von Fürbaß irgend jemand an des verlorenen Sohnes -Heimkunft menschlich Anteil nahm, schien zweifelhaft. - -Warum war er zurückgekehrt? Er wußte, wenn er Arabella folgte, war der -Bruch mit dem Elternhaus besiegelt. Er besaß kein Geld für Lustreisen -und konnte es sich in kurzer Zeit nicht standesgemäß erwerben. Das -Honorar seiner geheim erteilten Privatlektion hatte er eben aufgezehrt. -Wenn er nicht wieder sein gedankenschweres Haupt unter das häusliche -Joch beugen wollte, war es ihm unmöglich, die Sekretärstelle jenes -einflußreichen Vereines zu erlangen, die ihm sein Vater für alle Fälle -bereit hielt. Wenn er sich liederlich in die Welt schlug, war er ein für -alle Mal unbrauchbar geworden für die Zucht des hofrätlichen -Familienherdes. Aber er wußte auch abseits seiner Selbstgefühle, der -Vater war alt, die Pension würde einst nicht reichen, wenn dann auch -Anselma ihre aufgestapelten Spitzen verkaufte. Das wenige Geld, das -vorhanden gewesen war, hatte man für Anselmas Aussteuer (die in einer -Truhe verschlossen blieb) und für die Hedwigs verausgabt. Für Hedwig, -die nun verstoßen war. Und deshalb hatten sich die Eltern, wiewohl sie -fromm waren, seinem Vorsatz, Pfarrer zu werden, widersetzt. Sie ahnten, -er wähle dies Amt, um seine ekstatische Seele jubilieren zu lassen, und -daß diese durch alle beruflichen Schranken durchbrechen würde. Frau -Hofrats Vater war akademischer Maler gewesen und in der Schule, wo -Engelbert Kruger seine erste Supplentenstelle einnahm, Professor im -Zeichnen. Er trank gern und liebte die Frauen, er spielte sogar und -arbeitete wenig. Kruger wollte das mutterlose Töchterchen geborgen -wissen und heiratete sie bei der ersten Gehaltsaufbesserung. Aber er -ließ die Frau niemals vergessen, daß er eine Edeltat an ihr verrichtet -hatte. Nun waren zwei Kinder mißraten und zeugten wider sie. Oder war -dem nicht so? Manchmal stiegen ihr Zweifel auf, ob denn Hedwig und -Konrad, diese begabten, schöpferischen Menschen, wirklich mißlungen -waren. Aber diese zweifelnde Stimme kam aus dem Grab einer Gewesenen, -denn die müde, alte Frau widersprach Herrn Hofrat Engelbert Kruger -längst nicht mehr. Konrads Willen aber bis zum äußersten zu -durchkreuzen, war nun auch dem Hofrat nicht möglich gewesen. Er war also -für Theologie auf der Hochschule eingeschrieben. Nun war aber der Junge -ein Sonderling. Er liebte es, allerlei Vorgänge haargenau zu beobachten. -Kinder, die sich prügelten, Menschen, die sich betranken, Eheleute, die -sich zankten, und besonders fesselte ihn das Treiben der Liebespaare. Er -nannte das Psychologie zu seelsorgenden Zwecken betreiben, hatte aber -wohl seine heimliche Freude daran und vergaffte seine Lehrzeit dabei. Er -kam spät abends, oft erst nachts nach Hause, weil er in Kneipen saß ohne -zu trinken oder des Frühlings in Gärten zwischen heimlichem -Liebesgetändel ohne selbst zu tändeln. Schließlich begann er ein -umfangreiches Buch zu schreiben und veröffentlichte eine Studie über die -Schriften Athenagoras, an die er eine neue Auffassung des Logos knüpfte, -die ihm einen Verweis seiner Lehrer eintrug. Bald war es auch kein -Geheimnis mehr, wer der Verfasser der in der »Hochwarte« erscheinenden -»Kritiken der Lebensführung« war, die eine stupende Kenntnis geheimer -Dinge bezeugten, zu denen sonst ein junger Theologe weder eine bejahende -noch eine verneinende Beziehung hat. Sein Vater nannte sie den Auswurf -eines Verlorenen und Anselma, die sie heimlich las, behauptete, daß der -letzte ihrer Freier ihnen zum Opfer gefallen sei, da kein anständiger -Mensch sich einfallen lasse, mit dem Verfasser dieser Schändlichkeiten -eine Verwandtschaft einzugehen. Wenn Konrad nicht rechtzeitig zu Hause -war, wurde ihm fortan das Essen entzogen, das Taschengeld wurde gekürzt -und alle seine Bücher, die dem Hofrat verdächtig erschienen, verkauft. -Als der Vater erfuhr, daß er Hedwig besuche, gab er ihm eine Ohrfeige. -Daraufhin verließ Konrad das Haus. - -Nun aber war er dennoch zurückgekehrt. Eine plötzlich erwachte -Zärtlichkeit hatte, alle Einwände besiegend, ihn nach Hause getrieben. -Er liebte des Vaters Art, über die Brille hinwegzusehen, seine -liebreiche Beschäftigung mit Blumen und Tieren bei den gemeinsamen -Ausflügen, er liebte der Mutter dunkle Augen, die allmählich heller -geworden waren, ihre geheime Nachgiebigkeit, ihr Leid um Hedwig, er -liebte Anselmas zärtlich verblühtes Gesicht und ihre nach Quittenäpfeln -duftende Ordnungsliebe, ihre Trauer um den gestorbenen Verlobten. Er -erinnerte sich an Fürbaß, den Dackel, und an Weihnachten. So war er denn -wieder da und trotz allem entschlossen zu bleiben, wenn man ihn gut -empfing und rücksichtsvoll behandeln wollte. Er erwartete -Zugeständnisse, aber seine Abwesenheit hatte sich als eine sorgenlose -Zeit bewährt und seine Rückkehr wurde nicht einer Belohnung wert -befunden. So wurde denn der Spieß umgekehrt und Konrad dazu verhalten -auf die Veröffentlichung bedenklicher Aufsätze zu verzichten, seine -Besuche bei Hedwig zu unterlassen und nur ausnahmeweise die Abende außer -Hause zu verbringen. Man behandelte ihn wie einen Mieter, der das -Kostgeld nicht mehr bezahlt, den man aber nicht unverblümt vor die Türe -setzen will. Im Spätherbst wurde die Sekretärstelle frei. Bis dahin -mußte Konrads Aufführung musterhaft sein, auch sollte er schon einen -Monat vorher als Volontär sich einarbeiten. Er ließ sich einige Tage -Bedenkzeit. Dann kam Vögelchens Brief, darin standen hell drei Worte: -»Warten Sie ab.« - -Ausreißen konnte man immer noch. So gab er sich scheinbar zufrieden. -Aber die Stadt begann ihren verderblichen Einfluß zu üben. Hatte er am -See nur seiner Arbeit an dem Buche »Von St. Bernhard«, den Wanderungen -in der Landschaft und seinen Träumen um Arabella gelebt, so begannen nun -die erregten Nerven ihre Gifte auszuscheiden. Seine Arbeiten wurden -wieder eifernden Geistes, seine Spaziergänge jenen hämischen -Beobachtungen gewidmet, seine Sehnsucht nach dem geliebten Wesen Wahn -und Eifersucht. So entstand der teuflische Plan in ihm, Mannsthal an -Vögelchens Mutter zu verraten und ihr Geld zu entlocken unter dem -Vorwand, die Vorgänge aus nächster Nähe beobachten zu wollen. Es schien -ihm zweifelhaft, daß ein Brief an jene Deckadresse die Dame noch -erreichen würde; geschah dies dennoch, so hatte sich eben der Zufall für -seine Absicht entschieden. Er schrieb: - -»Gnädige Frau, es gehen Dinge vor, die Ihre Duldung nicht finden würden. -Gestatten Sie, daß ich Ihnen mündlich berichte. Ich habe die Gefahr -erkannt, in der Ihre Tochter schwebt, und stelle mich Ihnen zur -Verfügung, um ihre Errettung zu bewerkstelligen. Hochachtend ergeben -Konrad Kruger, Student der Theologie, Sohn des Hofrats Engelbert Kruger, -Landesschulinspektors usw. Postlagernd Treustraße. - -_P. S._ Bitte um Diskretion.« - -Konrad war bald als lästiger Nachfrager auf dem bezeichneten Postamt -bekannt. Vierzehn Tage lang stahl er sich, vorsichtig auslugend, ob -niemand ihm folge, dahin, und als ihm tatsächlich am fünfzehnten Tage -ein Brief eingehändigt wurde, erbleichte er vor staunender Erregung und -Erwartung. - -Er las: »Mein Herr, finden Sie sich, bitte, am 3. dieses um zehn Uhr -vormittags in meiner Stadtwohnung, Ring Nr. 3, Tür 5, in der ich mich -eben vorübergehend aufhalte, ein. Sollten wir einander versäumen, -erbitte ich sogleich Nachricht nach Hetzendorf bei Wien, Villa Martha.« - -Konrad sah auf die Uhr. Es war zehn Uhr vorbei, aber das Datum stimmte. -Er konnte nun nicht mehr nach Hause, um seinen Anzug zu wechseln, alles, -was er riskierte, war, sich beim nächstbesten Friseur rasieren zu -lassen. Es war elf Uhr, als er in das kühle, vornehme Haus eintrat und -im ersten Stock klingelte. Nach angstvollem Horchen vernahm er Schritte -und, während er auf der gegenüberliegenden Türe las: Dr. Franz Gunter, -Hof- und Gerichtsadvokat, vernahm er, wie das Guckloch an der Türe sich -bewegte. Frau Martha Gunter öffnete. Es war noch alles verdunkelt in der -Wohnung, die Luft war dumpf trotz des geöffneten Fensters in dem Raum, -in den Konrad ihr folgte. Bilder und Lampen waren verhängt, an ihrer -Größe und den kostbaren Wandbehängen ließ sich eine prunkvolle -Einrichtung erkennen. Im Nebenzimmer wurde ein Kamin abgetragen. Aus -diesem Grunde war Frau Gunter zur Stadt gekommen und hatte bei dieser -Gelegenheit nach dem Brief jenes rätselhaften Waldmenschen gefragt, der -auf geheimnisvolle Weise in die Erlebnisse ihrer Tochter eingeweiht -schien. Die Stimme der Dame war nicht dieselbe, die erregt und heiser -aus jenem Gespräch am See geklungen hatte. Der schwere Schlag der -Augenlider und der Schleier der Wimpern jagten ihm Fieber der Erinnerung -durch die Glieder. Und des geliebten Wesens deutlichere Gestalt gab ihm -Mut und er begann: - -»Meine Gnädige, Sie werden mich für einen Narrn oder für einen -Schwindler halten, jedenfalls für einen Menschen, der sich dreist in -fremde Angelegenheiten mengt und der deshalb wenig vertrauenerweckend -scheint. Ich will Ihnen aufrichtig die Wahrheit sagen. Ich habe Ihre -Tochter sehr lieb gewonnen und die Eifersucht hat mir die Gefahr -gezeigt, in der sie schwebt. Weniger Tage der Freundschaft hat es -bedurft, um zu erkennen, daß ihr Stiefvater sie liebt und daß dieser -Herr nur wartete, bis ihm sein Opfer mundgerecht war.« - -»Was sagen Sie! Schweigen Sie, schweigen Sie,« unterbrach die -erbleichende Frau die einstudierte Rede. »Machen Sie mich nicht noch -unglücklicher. Woher wissen Sie, daß es geschehen ist? Es ist furchtbar. -War je eine Mutter unglücklicher?« - -»Beruhigen Sie sich, gnädige Frau. Noch ist nicht alles verloren. -Arabella ist ein himmlisches Wesen. Noch reicht ihr der Schmutz nicht -bis zu den Knöchelchen der Füße. Sie kann nicht, sie wird nicht -verderben. Ich glaube an sie, wie an ein göttliches Wesen. Aber sie muß -fort von dem Verführer, sie muß zu Ihnen zurückkehren.« - -»Sprechen Sie sich deutlicher aus! Haben Sie Nachrichten von dort? Haben -Sie Briefe?« - -Konrad zog ein Schreiben Camills hervor und zeigte, indem er es -vorsichtig festhielt, der Dame folgende Stelle: - -»Sie wohnen allein und schicken mich fort, wann es nur angeht. Das -Fräulein ist ganz verändert und läßt sich vor ihm nicht blicken. Dann -wieder sind die Kissen noch am Nachmittag in Unordnung. Ich schreibe -Ihnen das, weil ich Ihnen es versprochen habe und wir Freunde sind. Wenn -Sie es weiterreden, verlier ich den Posten, also denken Sie an die -Freundschaft, die wir uns zugetrunken haben.« Es folgten noch einige -zweideutige Ausführungen über den Geschlechtsverkehr ungleichaltriger -Menschen, die an ein Gespräch anzuknüpfen schienen, das der Schreiber -mit Konrad geführt hatte. Offenbar lag für Camill hier die Basis der -seltsamen Freundschaft mit dem Studenten. Frau Gunter las nur die ersten -Zeilen dieser Bemerkungen, dann legte sie errötend die Hände vor ihr -Gesicht. - -»Es ist so gut wie sicher,« sagte sie, ohne ihr Antlitz zu enthüllen, -mit erstorbener Stimme. »Aber Beweise sind das nicht und rechtlich kann -ich nichts erwirken. Es ist ungeheuerlich!« - -»Ich will Ihnen Beweise schaffen. Ich werde es bezeugen können. Es wird -mir nicht an Mut und Schlauheit fehlen, glauben Sie mir.« - -»Und was dann?« sagte Frau Gunter, deren Körper wie im Frost -erschauerte. »Mein Mann wird einen Prozeß zu verhindern wissen und -niemals werde ich ihm das arme Kind entreißen können. Es ist mir fremd -geworden. Es kennt mich nicht mehr.« - -»Sie irren, man muß Ihre Tochter erwecken mit geistlicher Kraft und ihn -mit Drohungen erschrecken. Geben Sie mir die Befugnis, in Ihrem Namen -den Verführer zu entlarven. Ich will alles aufgeben, Beruf und -Elternhaus. Ich habe nur einen Gedanken, das himmlische Wesen in -Sicherheit zu bringen. Um des Seelenheiles willen ...« - -»Und wenn nur ein Wahn Sie treibt, wenn nichts geschehen oder nur ein -unschuldiges Spiel, nur Zärtlichkeit --« Sie sah fern ein Bild. Eine -Frau am Traualtar, die nach bangen Jahren wieder Geborgenheit fühlt. Es -war so schwer, das Böse zu denken. - -»Wenn Sie zweifeln, wenn Ihr Gewissen Sie nicht antreibt, dem Retter, -der durch scheinbare Zufälligkeiten zu Ihnen gelangt ist, zu vertrauen --- -- Meine Nachforschungen können ja nur nützlich sein.« - -»Warten Sie einige Tage, ich will mich beraten. Nein, nicht meinen Mann -will ich fragen, für den ist die Sache erledigt --« - -»Jede Mitwisserschaft kann unseren Plan vereiteln. Wir haben keine Zeit -zu verlieren.« - -»Und was verlangen Sie?« fragte die gequälte Frau. - -»Nichts als die Reisekosten und eine geringe Vergütung meines -Lebensunterhaltes.« - -Frau Gunter streifte einen Perlenring vom Finger, der von Brillanten -eingefaßt war. Aus ihrem Portemonnaie nahm sie eine Geldnote. »Dies ist -für die Reise. Den Ring versetzen Sie und bringen mir gleich den -Versatzschein. Ich habe jetzt nicht mehr entbehrliches Bargeld und, da -ich die Sache geheim halten muß, können Sie auch in nächster Zeit nichts -erwarten.« Sie legte den Kopf auf den Arm, als wollte sie nichts hören -mehr und sehen. Ein lautloses Schluchzen erschütterte sie. Konrad nahm -Geld und Ring, verbeugte sich und verließ rasch die Wohnung. - -Er ging zunächst in das Versatzhaus, erhielt eine erstaunlich hohe Summe -für den Ring und machte sich dann auf den Weg zu Hedwig, bei der er das -Geld bis zu seiner Abreise aufbewahren wollte. Sie war nicht zu Hause. -Nachmittags brachte er den Schein zu Frau Gunter, die ihn nochmals über -seine Absichten ausforschte und, nun ruhiger geworden, Weisungen gab, -wie er sie benachrichtigen und was er im Notfall veranlassen sollte. Er -fühlte, daß es ihr unmöglich gewesen war, seine Hilfe abzuweisen, da ihr -Gewissen sich belastet fühlte, aber er empfand deutlich, daß er als -Ruhestörer aufgetreten sei und eine schon begrabene Hoffnung aufgewühlt -hatte. Er ersah, daß Vögelchen heimatlos war und daß nur Leidenschaft -ihr Obdach bot. Aber hinter all den Zweifeln über seine Mission stand -die Gewißheit, er würde Ariel wiedersehen. - -Als es dämmerte, klingelte er nochmals bei Hedwig an. Sie wohnte weit -draußen in der Vorstadt, im entgegengesetzten Stadtteil der väterlichen -Wohnung. An der Türe war mit einem Reißnagel eine Visitenkarte -angebracht. Auf dieser stand: Hedwig Torn-Kruger, Malerin. - - - - - Hedwig - - -»Wahrhaftig, der Konrad,« rief eine helle, klingende Stimme zwischen dem -leicht geöffneten Türspalt und schon flog die Tür auf und die Schwester -zog ihn in den Vorraum. Hedwig, das sah man auf den ersten Blick, war -aus der Art geschlagen. Vielleicht war die Mutter einst ihr ähnlich -gewesen. Nun schien sie gegen die Angehörigen gesehen ein Kolibri in -einer Gemeinschaft von Fledermäusen. Konrad war zwei Monate nicht da -gewesen und der Geruch der Ölfarben, die saubere, eigenartige, wenn auch -mit den primitivsten Mitteln hergestellte Einrichtung heimelten ihn -gleich wieder an. Und Hedwig sah gebräunt aus und hübscher denn je. - -»Wo ist der Junge?« fragte Konrad und deutete auf das leere Stühlchen, -auf dem nun des Kleinen Harlekin sich breit machte. - -»Endlich in guten Händen,« sagte Hedwig lachend. »Meine Freundin Marie, -weißt du, die Kollegin aus der Malschule, hat ihn seit drei Wochen in -Mödling draußen. Mir ist nicht wenig bang nach ihm, das kannst dir -denken. Er ist ja so lieb jetzt. Weißt du auch, daß er dein Bild -erkennt? Okki sagt er.« - -Konrad liebte den kleinen Jungen und war sichtlich verstimmt, daß er -abwesend war. - -»Daß du dich aber wieder hergetraut hast nach der Ohrfeigengeschichte, -Konni,« sagte sie und sah ihn zärtlich an. Eine Träne schimmerte in den -dunklen Augen, die jenen der Mutter glichen. Sie streichelte seine -behaarten Hände. - -»Ich bin gekommen, um Abschied zu nehmen, Hedi,« sagte er und setzte -sich neben sie. »Ich reise nach Paris.« - -»Nach Paris!« Hedwig schlug die Hände zusammen und lachte. »Ei, was du -nicht sagst! Du Glücklicher! Grüß mir die Annaselbdritt und die Mona -Lisa und die Wasserspeier von Notre Dame.« - -»Nein, ich spaße nicht,« sagte er und zog bekräftigend das Kuvert mit -dem Geld aus der Brusttasche. »Ich möchte dich auch bitten mir dies -aufzubewahren und es mir Samstag auf den Bahnhof zu bringen.« - -»Samstag schon? Mit deinem Französisch traust du dich nach Paris?« - -»Habe seit zwei Wochen eifrig aufgefrischt.« - -Eine Pause entstand mit der stummen Frage, was es mit der Reise für eine -Bewandtnis habe. Aber Hedwig liebte es nicht, befragt zu werden, so war -auch sie diskret. - -»So, so. Und was sagt man zu Hause dazu?« fragte sie nach einer Weile. - -»Niemand weiß etwas. Ich verschwinde. In zwei oder drei Tagen trage ich -zwei Pakete mit meinen Sachen von zu Hause weg und bringe sie zu dir. -Dann esse ich mit ihnen, sage Gute Nacht, ziehe mich in meine Bude -zurück und verschwinde unter Zurücklassung einiger sachlichen -Abschiedsworte.« - -»Hat man dich wieder gehunzt?« fragte Hedwig. »Kann denn nicht Friede -werden! Weißt du auch, was du tust? Die Eltern sind doch alt. Sollen sie -zwei Kinder verloren haben? Wie wirst du dich fortbringen?« - -»Wenn du es kannst und mit dem Jungen, dann werde ich es wohl auch -können.« - -»Ja Frauen, die haben geheime Kräfte.« Ein trauriges Lächeln umspielte -ihren Mund und ihre Augen hatten einen schmerzlich verklärten Aufblick. - -»Weißt du aber auch, durch wieviel Elend ich gegangen bin, Konni? Wie -ich gehungert habe, ehe ich die Anstellung und die Privatstunden -bekommen hatte und endlich wieder ein Bild verkauft war? Nein, nichts -weißt du. Hast nur gehört, daß ich ein leichtfertiges Frauenzimmer bin -und die Ehre der Familie nicht respektiert hab' und schließlich nicht zu -Kreuze kriechen wollt'. Ich will dir dein Geheimnis nicht abfragen, aber -meines will ich dir jetzt sagen, damit du klüger wirst daran.« - -»Aber reg' dich nicht auf, Hedi, hörst du. Dann will ich lieber nichts -wissen.« - -»Also erinnerst du dich, daß man mich zuerst wie Selma in die -Lehrerinnenbildungsanstalt steckte. Selma hatte schon ihre Anstellung -als Industriallehrerin, als ich eintrat. Da war ein Professor im -Zeichnen, ein aufgeklärter Mensch. Nun du weißt, wen ich meine. Der ging -zu Vater und sagte, ich hätte Talent und ich sollt' das zweite Jahr noch -absitzen und dann ernstlich auf Malerei studieren. Zunächst -unterrichtete er mich zwei Jahre privat. Vater war dagegen, aber Mutter, -die Malerstochter, hat es durchgesetzt. Der Professor riet zu einer -Schule in München. Vater zeigte meine Arbeiten mehreren Fachleuten, die -alle sehr für meine Ausbildung waren. Du warst damals im Konvikt. Ehe -ich abfuhr, besuchte ich dich. Erinnerst du dich noch?« - -»Die Jungens verliebten sich alle in dich.« - -»Ja, es hatte sich auch ein anderer in mich verliebt. Torn, der -Bildhauer, des Professors Bruder. Wir waren viel allein. Ich dachte, es -wäre alles nur Spiel. Ich war so furchtbar dumm. Torns waren in München -bekannt und sie rieten zu einem Familienheim, wo ich solide -untergebracht sein würde. Es ging alles gut anfangs, denn ich war in -Hans Torn verliebt und keiner kam an mich heran. Ich habe gute -Fortschritte gemacht. Bei der Schulausstellung schon wurden alle meine -Bilder angekauft. Den Sommer verbrachten Selma und ich in einem -Malerdorf. Dort hat sie den unglücklichen Hügler kennen gelernt. Wäre -der dann nicht abgestürzt, es wäre vielleicht manches anders geworden. -Er war so klug und die Eltern schworen auf ihn und reich war er auch. Er -hätte auch mir geholfen. Die Torns waren auch da und dort merkte ich -erst, daß auch der Professor in mich verliebt war; und auf einmal wußte -ich selbst nicht mehr, welchen ich lieber hatte. Und das Seltsame war, -keiner schien es vom anderen zu wissen, daß er mich zur Frau wollte. -Aber mich reizte das so und ich trieb ein elendes Spiel mit ihnen. Ich -traf beide heimlicherweise und hätte weder den einen noch den anderen -verstoßen können. Im Fasching kam dann Hans, um in München zu bleiben, -gleich nachher sollte ich nach Hause fahren, weil der Kurs der -Lehramtsprüfung für Zeichnen begann, den ich für alle Fälle machen -sollte. Weißt du, Konni, schon damals war mir meine Arbeit wichtiger als -alles andere auf der Welt und das hat mich dann auch später gerettet. -Ich hatte auch schon öffentlich ausgestellt nach vier Jahren Studium. -Aber ich wußte: nun geht es ins Elternhaus und in den Erwerb zurück; das -ist deine letzte ganz freie Zeit, sagte ich mir. Niemand fragt dich, -wann du nach Hause kommst, wo du geschlafen und gegessen hast. Hans und -ich durchtobten den Fasching. Aber da spürte ich plötzlich, ich liebe ja -gar nicht den Hans, es ist der andere, es ist Hermann, nach dem ich mich -all die Zeit gesehnt habe. Halb scherzend beichte ich es ihm und denke -mir, er muß sich doch freuen, daß ich den Bruder, den er so verehrt, so -lieb habe. Und nun geschieht etwas Häßliches. Hans sagt mir, daß er -selbst ja nur sein Spiel mit mir wollte, daß er von meiner frommen -Liebschaft mit dem Bruder gewußt habe und daß er, Hans, uns beide oft -belauscht habe. Dann zeigte er mir Briefe, aus denen ich ersah, daß er -immer neben mir andere Frauen gehabt hatte, schon damals, als ich nur -ihn liebte, das war so seine Rache. Ich packte verstört meine Sachen. -Auf der Reise faßte ich den Plan, nicht direkt nach Hause zu fahren. Ich -telegraphierte, daß ich später eintreffen würde, und fuhr zu Hermann. -Der erschrak freudigst, als er mich kommen sah, und ich wußte nun: da -ist dein Glück. Wir verlobten uns. Wir blieben die ganze Nacht -beisammen. Er rührte mich nicht an. Es war alles so heilig. Tags darauf -kam ich nach Hause, begann den Kurs. Zwei Wochen später wußte ich, daß -ich guter Hoffnung war. In meiner Verzweiflung vertraute ich mich Mutter -an. Sie hörte es mit Grauen. Der Traum und Taumel fiel von mir ab, als -ich sie noch starr vor Entsetzen sagen hörte: »Du darfst Hermann nichts -sagen, du mußt dir das Kind nehmen lassen.« »Das ist ja Betrug, Mutter,« -sagte ich, »Verbrechen!« Alles, alles wollt' ich, nur nicht tiefer in -Lügen geraten und Abscheulichkeit. »Du hast den Weg des Bösen -eingeschlagen,« antwortete sie. »Jetzt geh den, der nicht andere mit ins -Unglück stürzt.« Da lief ich zu Hermann und sagte ihm alles. Hermann -schrieb an Hans, er müsse zurückkehren und mich heiraten. Aber dem -widersetzte ich mich. Ich liebte ja Hermann und nie und nimmer hätte ich -Hans, der sich heimlich an mir rächte, zum Manne wollen. Nach schwerem -Kampf schloß mich Hermann wieder an sein Herz, er würde zu vergessen -suchen, daß Hans und nicht er der Vater sei. Aber dann kam der Brief aus -München. Hans war vom älteren Bruder abhängig und wollte nicht -eingestehen, daß er ihm weggenommen, was er sich aufgespart hatte. Er -erklärte, ich wäre ihm nachgelaufen und hätte mich ihm aufgedrängt. Den -Fasching hätte ich so wüst verbracht -- daß wohl ebensogut Herr X. oder -Herr Y. Vater meines Kindes sein konnte. Er dächte nicht daran, mich zu -heiraten, da ich ja vor kurzem erst ihm eröffnet hätte, daß ich -keinerlei Neigung mehr für ihn habe. Er sei überdies so gut wie verlobt -mit einer Brauerstochter, einem reichen und anständigen Mädchen.« - -»Hund,« knirschte Konrad. - -»Ach!« sagte Hedwig traurig. »Er war kein Hund. Er liebte mich und -deshalb trieb ihn der Haß. Er hat die Brauerstochter geheiratet, nun -hält er's bei ihr nicht aus und läuft mir die Türen ein. Aber ich habe -den Kleinen gelehrt, mit Bausteinen nach ihm zu werfen und ihm das -Gesicht zu zerkratzen, wenn er ihn küssen will. Nun höre weiter, das -Böseste kommt erst. Hermann erklärte also daraufhin, von mir nichts -wissen zu wollen. Selma fuhr heimlich zu Hans, aber auch der war -unerbittlich. Da sagte Mutter alles dem Vater und der schlug mich -blutig. Tags darauf ging er zu Hermann und bat ihn, er, der stolze -Mensch, bat Hermann, mich zur Frau zu nehmen. Aber der Vater kam -verstört nach Hause und sprach zwei Tage mit keinem von uns ein Wort. -Indessen hatte Mutter eine Frau ausfindig gemacht, die alles ungeschehen -machen würde. Aber in mir war der feste Entschluß das Kind zu behalten. -Ich war sehr leidend von all den Aufregungen und man schonte mich in -keiner Weise. Das Einzige, was Vater für mich tat, war, zu erwirken, daß -ich meine Lehramtsprüfung vorzeitig ablegen konnte. Man bewachte mich. -Selma und Mutter waren immer hinter mir. Ich widersetzte mich nicht mehr -zu der schrecklichen Frau zu ziehen, dort würde ich wohl freier sein und -vielleicht die Möglichkeit haben zu entfliehen. Aber schon vorher gelang -mir das. Ich hatte noch das Geld von den verkauften Bildern und fuhr -nach München, wo ich ja Freunde hatte, auf die ich mich verlassen -konnte. Freilich Geld hatten die keines, aber Arbeit würden sie mir -verschaffen. Mutter kam mir nachgefahren, sie hatten mich ausgeforscht. -Ich lebte recht schlecht und sie lockte mit Unterstützungen und -Verzeihen, aber alle ihre Vorstellungen, auf das Kind zu verzichten, -waren fruchtlos. So fuhr sie denn wieder ab. Es kam kein Brief mehr. -Einmal sah ich Hans. Es war im Sommer, die Stadt verödet. Ich saß im -englischen Garten, da fuhr er mit seiner Braut an mir vorüber. Noch -heute weiß ich nicht, ob er mich gesehen hat, aber damals lernte ich -Gretchens Gebet im Kerker aus tiefster Qual verstehen. Einen Monat vor -der Zeit kam eine Depesche von Selma, Vater liege im Sterben, ich sollte -zurückkehren. Ich reiste. Abends trat ich verschleiert ins Zimmer. Alles -war düster und leise. Es fiel mir zuerst auf, daß man dich weggeschickt -hatte, aber ich war doch gleich von der Sorge der anderen erfüllt und -maß dem keine Bedeutung bei. Vater sagte mir mit schwacher Stimme, ich -sollt' mich nicht länger widersetzen. Er habe mit Hermann gesprochen, er -würde mich heiraten, wenn ich mich nach der Geburt des Kindes von diesem -trennen würde, da doch nun einmal der Vater nicht nachweisbar wäre. -Mutter brachte mich zu dieser Frau. Sie hatten schon alles vereinbart -und sprachen abseits leise wie alte Bekannte. Ich besah mir den Raum. -Die Luft schon war bedrückend. Zwei Betten standen da, in dem einen -schlief schnarchend ein alter Hund. Ich war einer Ohnmacht nahe, die -Reise, die schlaflose Nacht, die Aufregungen hatten mich ganz -heruntergebracht. Ich hatte Schmerzen. Meine Füße trugen mich nur mehr -zu dem Sofa. In einem Winkel des Zimmers sah ich einen schmutzigen -Waschtisch mit allerlei unbekanntem Gerät. Ich wußte mit Grauen, hier -wurden dem Tod Opfer gebracht. Ich rief nach der Mutter, sie war -heimlich weggegangen. Die Alte brachte mir Tee, entschuldigte sich, sie -müsse ausgehen, ich sollte unbesorgt sein, es würde niemand zu mir -hereinkommen. Mir war es, als entferne sich die alte Hexe, um den -giftigen Apfel zu bereiten. Ich schlummerte ein und sah mich in einem -gläsernen Sarg. Ich erwachte, als draußen die Tür aufgesperrt wurde und -das Zimmer neben dem meinen von einem Mann und einer Frau betreten -wurde. Bald war kein Zweifel mehr, zu welchen Zweck. Arme Mutter, sie -ahnte nicht, wohin sie mich gebracht hatte. Die Schmerzen kamen wieder -und eine entsetzliche Angst befiel mich, daß es vorzeitig geschehen -konnte, daß das Kind und ich in Schmutz und Gift zugrunde gehen würden. -In den Schmerzen fühlte ich nur meine Qual, die Krankheit des Vaters war -ja nichts gegen die Gefahr, die in jedem neuen Anfall zu drohen schien. -Ich war voller Haß, daß man mich hier elend verkommen ließ, daß man mich -morden wollte. Ja, ich verglich erbittert den Wert meines Lebens mit dem -des Vaters, dem man das meine aufopferte. Aber nach einer Weile hörten -die Schmerzen auf. Ich lag wie gerädert. Die nebenan rüsteten indes -wieder zum Aufbruch. Das Leben stand grell vor mir. Ich war wie -hellsichtig geworden. Mann und Weib nebenan, die sich umschlingen, dann -die Tragödie der Geburt, der Tod, der Kampf um Ehre, alles stand in -nackten Bildern vor mir. Aber nun wußte ich auch, was ich zu tun hatte. -Ich stand auf; eh' die Alte wiederkam, war ich auf der Straße. Es war -spät abends, ich rief einen Kutscher an, ließ mich auf die Klinik -fahren. Als ich ihn bezahlt hatte, blieb mir fast nichts mehr. Die -Schwestern und Ärzte nahmen mich mit freundlicher Ruhe in Pflege. Aber -erst eine Woche später kam das Kind zur Welt. Ich schrieb Mutter, wo ich -sei, und daß sie doch meinen Tod nicht hätte verantworten wollen, bat -Selma, mich zu besuchen und mir Nachricht von Vater zu geben. Niemand -kam, niemand antwortete. Ich durchforschte die Zeitungen, ob ich das -Schreckliche lesen würde, sah schon den geliebten Namen schwarz -umrändert mir entgegenstarren. Zum Glück blieb Vater am Leben. Er war -gar nicht sterbenskrank gewesen. Das wenige Geld, das ich hatte, -verausgabte ich für Marken und Karten. Ich schrieb an Freundinnen, die -mir ewige Treue geschworen hatten, aber jede hatte eine andere Ausrede, -niemand kam mir zu Hilfe. Neben mir lag eine Arbeiterfrau. Sie erriet -bald meine Verlassenheit und mit einer gewissen Schadenfreude über die -Hartherzigkeit der »Herrschaften« lud sie mich zu sich ein. Als der Mann -des Sonntags sie besuchen kam, brachte auch er treuherzig seine -Einladung vor. Tags darauf brachte uns eine Droschke ans Ende der Stadt. -Nicht weit von hier lud sie uns ab mit den sorgsam verhüllten -Säuglingen. Seither habe ich gelernt, unter armen Leuten zu wohnen. Da -gibt es keine Unzufriedenheit, wenn man sieht, wie diese Armen hinter -dem Bollwerk ihrer Stumpfheit darben. Sie hatte es gut gemeint, die -brave Frau, aber nach zwei Tagen erkrankte ich an Kindbettfieber. Nun -brachte man mich ins Spital zurück und das Ärgste war, man trennte mich -von dem Kinde. Man brachte es mir nur, wenn es gestillt werden sollte. -Nachts hörte ich sein Schreien lange in den hallenden Gängen, wenn man -es mir hungrig brachte, und wieder schrie es, wenn man es forttrug. -Einer meiner Hilferufe, die bisher unbeantwortet geblieben waren, hatte -indes Widerhall gefunden. Marie hatte mich auf der Klinik, dann bei der -Arbeiterfrau, die sie sogleich belohnte, dann wieder im andern Spital -gesucht. Nun mietete sie mir ein Zimmerchen in ihrer Nähe. Das Kind -wurde vom Spital aus auf das Land in Pflege gegeben. Als ich so weit -hergestellt war, fuhr ich nach Neudorf hinaus, um es zu besuchen. Nie -werde ich diesen Anblick vergessen. Es war so lieblich und rosig -gewesen. Jetzt glich es einem kranken Greislein. Erstaunlich auch war -es, wie es nun Hans ähnlich war. Die Nachbarinnen raunten mir zu, daß -das Kind Hunger leide und in Schmutz liege. Vor wenigen Tagen wäre es -dem Tode nahe gewesen. Ich nahm es eigenmächtig fort. Konnte ich denn -das Kind dieser Engelmacherin überlassen? Es mußte ins Spital, es war -ernstlich krank. Dort bedeutete man mir, es würde erst in einigen Tagen -ein Platz frei. Die Frau, bei der mich Marie eingemietet hatte, war -natürlich nicht erbaut über den kleinen Mitbewohner, der nachts -erbärmlich schrie. Maries Unterstützung war nahezu aufgebraucht. Da trug -ich das Kind abermals zur Klinik. Es war ein warmer Oktober, noch lagen -die Kinder in den Wiegen im Garten draußen. Als ich an einem leeren -Bettchen vorbeikam, kam mir der Einfall, das Kind hineinzulegen. So -entging ich der Abweisung. Ich tat es und flüchtete dann wie eine -Diebin. Indessen hoffte ich Hilfe zu finden. Zwei Tage machte ich -vergebens Anstrengungen mir Geld zu verschaffen. Ich konnte ja nur an -Menschen herantreten, die in keiner Beziehung zu den Eltern standen und -die halbwegs verschwiegen waren. In meiner Verzweiflung ging ich zu -Hermann. Ich fand ihn, erschrocken über mein Aussehen, erschüttert über -das, was ich erlebt hatte. Ich erzählte ihm, daß ich eben das Kind durch -das Gitter des Spitalgartens beobachtet, daß es schon wohler scheine, -ich beschwor ihn, den Jungen zu sehen, er würde dann nicht mehr -zweifeln, wer sein Vater sei. Er ging mit mir, er sah das Kind und nun -sagte er mir, er sei bereit, eine Scheinehe mit mir einzugehen und das -Kind als das seine anzuerkennen. Er würde dann sogleich um seine -Versetzung einkommen, falls ich selbst nicht die Stadt verlassen würde. -Er riet mir zu bleiben, um dem kranken Vater nahe zu sein, der -vielleicht andern Sinnes werden würde, auch würde er mir noch eine -staatliche Anstellung sichern können. Hans war verheiratet und verdiente -nichts. Ich lehnte es ab Unterstützungen von dem Geld seiner Frau zu -beziehen. Hermann war ein gebrochener Mann. Er sagte mir, daß er nach -reiflicher Überlegung zu der Überzeugung gekommen sei, daß er ja an -meinem Verkehr mit Hans, an meiner Abwesenheit vom Elternhaus, daß er an -meinem Elend Schuld trage. Einige Wochen später, als alle Formen erfüllt -waren, heirateten wir. Nach der Trauung fuhren wir zu den Eltern. -Hermann verlangte, daß ich ihre Verzeihung erbitte. Als Hermann -erklärte, daß er nun getrennt von mir leben würde und ihren Schutz für -mich erbäte, brauste Vater auf. Abermals kam alles zur Sprache. Aber -obwohl ich wußte, daß unsere Ehe nur zum Schein war, ich mußte Hermann -verteidigen, ich mußte an seiner Seite stehen. Ich war durch nichts -geblendet, Hermann war im Recht. So gingen wir beide im Streit mit den -Eltern auseinander.« - -»Und er ließ dich dann mit dem Kind allein zurück?« fragte Konrad. -Hedwig senkte den Kopf. Es war ganz finster geworden. Er sah nicht, daß -sie weinte, aber er fühlte es. - -»Ich selbst habe ihn fortgeschickt,« sagte sie. »Ich hatte ihn zu lieb.« - -Eine Weile blieb es still, dann griff Konrad ungeschickt nach Hedwigs -Hand und küßte sie. - -»Ich hab' immer gespürt, was du wert bist,« sagte er. - -»Auch jetzt noch, Konni?« - -»Auch jetzt noch, jetzt erst recht.« - - - - - »Mit der Seele Lauterkeit ...« - - -Nun waren Konrads letzte Skrupel, das Elternhaus heimlich zu verlassen, -erledigt. Als er nach Hause kam, wollte Anselma eben sein Nachtessen -wegsperren. Sie setzte es ihm wortlos vor. Er schob es weg. Er schloß -sich in seine Kammer ein und schrieb an Ariel: - -»Du mein Engel, Du mein Licht, nun ist es gewiß, ich werde Dich -wiedersehen. Ich werde um Dich sein, und wenn es nötig sein wird, werde -ich Dich mit meinen Händen aus allen Fährnissen tragen. Immer werde ich -in Deiner Nähe sein. Vergiß das nicht, Du brauchst nur zu rufen. Ich -weiß, Du fürchtest Dich vor dem Rätselvollen, vor dem Wunderbaren. Doch -ich bin fortan bei Dir. Du mußt bald, bald Deinen Berg verlassen, denn -sonst müßte ich in einer Eishöhle hausen oder mich als Kellner oder -Hausknecht verkleidet in Deinem Gasthof verdingen. Und Paris ist so -schön. Dort kann ich Dir Wunder weisen. Ich habe alles studiert. Wenn -mein Brief Dich erreicht, brichst Du wohl auf! Noch bin ich ganz -aufgewühlt. Hedwig hat mir heute ihr Leben erzählt, Hedwig, weißt Du, -die von den Eltern verstoßen wurde. Ihr war viel Leid zugemessen. »Wenn -Du ißt und trinkst, so sollst Du jeden Bissen in seine Liebeswunden -tauchen,« das stand über ihrem Leben geschrieben. Als ich nach Hause -kam, nahm man eben mein Essen fort. Ich kann nichts mehr zu mir nehmen -von ihrem knausernden Tisch. Auch sie haben des Lebens Bitternis -gekostet, aber sie selbst hatten nichts es milde zu machen. Und das, -mein Ariel, ist das Geheimnis: mit der Seele Lauterkeit muß man es -durchtränken, mit des Herzens Honigseim es versüßen, und sei es aus -Galle und Unflat. Merke Dir das, Ariel, wenn dennoch der Ekel an Dich -herankriecht. - - Konrad.« - -Er ging nicht zu Bette. Er saß über den französischen Büchern, bis das -Licht erlosch, spät nachts. Am nächsten Tag, als er einen Teil seiner -Bücher und Schriften zu Hedwig geschafft hatte, fiel ihm ein, daß Camill -ihn beauftragt habe, die Enkelin seiner Ziehmutter aufzusuchen. Er -kannte die Straße schon aus den Erzählungen seiner Gymnasialfreunde. Ja, -er war selbst mit einem von ihnen, ehe dieser es gewagt hatte, eines der -geheimnisvollen Häuser zu betreten, an ihr vorbeigestrichen, um doch -irgendwie an der unheimlichen Angelegenheit beteiligt zu sein. Es war -nun eben vor Anbruch der Dämmerung, als er sie erblickte, schmal -ansteigend zwischen alten Häusern, die mit allerlei Sandsteinzierat, -Schutzheiligen und alten Schildern ein Stück Altstadt bildeten. Aus der -lärmenden Hauptstraße kommend, fand man hier plötzlich Schweigen, -verschlossene Tore. Die Sonne selbst schien nur verstohlen, noch ehe sie -schied, an den einförmigen Fassaden hinzuhuschen. Sah man aber näher -hin, stachen grell die roten Vorhänge der halbgeöffneten Parterrefenster -hervor und hinter ihnen, Konrad erschrak, kauerten Frauen mit sorgfältig -frisierten Köpfen und grellgeschminkten Gesichtern in durchsichtigen, -bebänderten Morgenjacken und lächelten, spitzten die Lippen oder riefen -leise, mit der Zunge schnalzend. Eine oder die andere warf ihm auch ein -grobes Spottwort nach, weil er nur scheu hinblinzelte und in seiner -Bestürzung seine Blicke suchend nach den Hausschildern aussandte. Am -liebsten wäre er umgekehrt und hätte seinen Auftrag brieflich erledigt, -aber dies schien ihm eines zukünftigen Weltreisenden unwürdig. Er fand -das Haus und während sich dasselbe Spiel wiederholte, ein Fenster sich -leise bewegte und ein aufgedunsenes Gesicht sich lächelnd zeigte und -noch süßlicher lächelte, als er die Türschnalle ergriff, trat er in den -Hausflur. Eine Wohnungstür öffnete ihren Spalt und dieselbe Frau zeigte -sich. Sie hatte offenbar, um ihres Geschäftes ganz sicher zu sein, eine -ihrer schönen Schultern entblößt. Ihre Füße, die in roten -Saffianpantoffelchen saßen, waren nackt. Aber plötzlich fiel Konrad ein -Märchen ein, das Märchen von den roten Schuhen. Die abenteuerliche -Atmosphäre dieser Straße hatte ihn nach Traumland versetzt. Er sah das -kleine Mädchen, das mit roten Schuhen, freilich war es nicht, um damit -zu trauern, aber sie hatte keine anderen, als sie hinter dem ärmlichen -Sarge der Mutter daherging. Und dann kam die alte Dame im großen Wagen -und nahm das Mädchen mit sich. Das kleine Mädchen hieß Marie. Und als -sie eingesegnet werden sollte, ging die alte Dame mit Marie zum -Schuhmacher und Marie wählte sich rote Saffianschuhe. Aber die alte Dame -sah nicht, daß sie rot waren, weil sie nicht gut sehen konnte. Als sie -dann zur Chortüre kam, schienen selbst die alten Bilder auf den -Grabstätten, die Prediger und Predigerfrauen mit steifen Kragen und -langen, schwarzen Kleidern, die Augen auf ihre roten Schuhe zu richten. -Doch als der Prediger von der heiligen Taufe und vom Bunde mit Gott -sprach, dachte Marie nur immerzu an ihre roten Schuhe. - -»Na, Kleiner, was spinnst denn, komm doch, mein Schatz,« rief leise eine -heisere Stimme aus der Türe. Aber Konrad sah den alten Soldaten an der -Kirche, der dem kleinen Mädchen mit seinem Krückstock die roten Schuhe -anzauberte, daß es ewig darin tanzen mußte. Die Schuhe trugen es über -Dorn und Sumpf, über die Heide hinweg zum Scharfrichterhaus. »Komm -heraus! Komm heraus!« rief es dort. »Ich kann nicht hineinkommen, denn -ich muß tanzen.« Und Marie bat, schlag mir nicht den Kopf ab, schlag -meine Füße ab. Der Scharfrichter hieb ihr die Füße mit den roten Schuhen -ab und die Schuhe tanzten mit den kleinen Füßen über das Feld in Nacht -und Wald hinein. - -»Komm doch, mein Schätzchen,« schnalzte die Stimme aus der Tür und nun -sah Konrad zwei entblößte Brüste durch den Spalt schimmern. - -Da schien die Sonne ganz hell und gerade vor ihr stand Gottes Engel mit -einem herrlichen grünen Zweig. Er berührte damit die Decke und sie erhob -sich und die Orgel spielte und die Gemeinde saß in den geputzten Stühlen -und sang aus ihren Gesangbüchern. Und die Leute sagten: »Das war recht, -daß du kamst, Marie.« »Das war Gnade,« sagte sie. Der klare Sonnenschein -strömte durch die farbige Fensterrose in den Kirchenstuhl und Mariens -Herz wurde so voll Sonnenschein, daß es brach. »Ihre Seele flog auf -Sonnenschein, zu Gott, und dort war niemand, der nach den roten Schuhen -fragte.« Die kleine Marie war Konrads erste Liebe gewesen. Nun war sein -Herz mit einem Male voll Mitleid. Er sah gar nicht ängstlich mehr auf -die entblößte Frau und sagte ruhig, indem sein Blick noch auf ihren -Pantoffeln haftete: »Ich suche die Monika Gallo, ich hab' ihr etwas von -einem Landsmann zu bestellen. Bist du die?« - -»Mußt ein' Stock höher gehen. Die schlaft jetzten, hat die ganze Nacht -an Besuch g'habt. Geh', bleib indes bei mir.« - -Konrad sah noch immer auf des üppigen Weibes rote Pantoffel. »Wir sind -allesamt Sünder,« sprach er zu sich. Er nickte nur und ging zur Stiege. -Die Frau warf heftig die Türe hinter ihm zu. Im Stiegenhaus sah er die -Wände mit obszönen Zeichnungen bekritzelt, die ihn wahnsinnig erregten. -Seine Hand zitterte, als er bei der Monika Gallo anklopfte. Eine -verdrießliche Stimme rief: »Wer ist's?« Er öffnete. Im Hintergrund des -Zimmers richtete sich auf einem geblumten Sofa ein Mädchen auf und -blinzelte mit mandelförmigen Augen zu ihm hin, eine blasse Hand strich -kastanienbraunes, wirr lockiges Haar aus der Stirn. Monika Gallo gähnte. - -»Ich komme von Custove,« sagte Konrad statt jeder Begrüßung. - -»Vom Onkel, von Onkel Camill,« rief sie mit italienischem Akzent. Mit -einem Satz stand sie auf und kam näher. Die Monika Gallo glich ganz und -gar nicht den anderen Frauen, die Konrad in dieser Gasse gesehen. Sie -sah aus wie eine slowenische Obstverkäuferin und ihr schönentwickelter -Hals und die stolze Haltung ihres schmalen Kopfes verrieten, daß sie auf -ihm den Obstkorb getragen, ehe sie in ihren jetzigen Beruf geraten war. -Sie war wohl noch nicht lange dabei, denn sie sah leidlich frisch aus. -Ihre Haut war weich und glatt, noch nicht von Schminke und Krankheit -verheert. Konrad legte sein Geld hin, sie griff nach seiner Hand und -drückte sie warmblütig. Nun sollte er erzählen, woher er den Onkel -Camill kenne und wie es ihm im Ausland erginge. Während er sprach, sah -er sich im Zimmer um. Es war recht reinlich, ein wenig ärmlich und bunt. -Das Bett war offen, die seidene Decke stach grell aus der Dürftigkeit. -Über einer kleinen Kommode hingen Bilder aus der Heimat. Eine Frau in -südtirolischer Tracht, eine Welsche, und ein alter Mann mit dem großen -Hut der Passeier Bauern. Zwischen ihnen ein gußeiserner Christus mit -einem Rosenkranz, dessen Perlen in einen Weihkessel tauchten. Konrad -fühlte sich sehr wohl bei Monika. Sie war nun leidlich ausgeschlafen und -er blieb bis gegen Mitternacht bei ihr. Ihm war es ja schon einerlei, -wann er nach Hause kam. Wer aber, dem Augenschein folgend, Konrad -verdächtigt hätte, seinen Besuch in jeder Art genossen zu haben, der -hätte fehlgeraten. Dennoch zählte er den Abend zu seinen guten -Erinnerungen. Nichts war ihm verhaßter als bürgerliche Scheinheiligkeit, -hier gab es weder Lüge noch Verstellung und, da er als Gast gekommen -war, wurde er mit Herzlichkeit und Offenheit aufgenommen. Er war auch -nicht knauserig gewesen mit seinem Geschenk und betrachtete es reinen -Gewissens als die erste Auslage seines Betriebskapitals. Camill mußte -ihm ja gewogen bleiben. Das Mädchen brachte Bier und Käse. Da sie so -reichlich beschenkt war, vergönnte sie sich's an diesem Abend, nicht auf -Beute auszugehen. Konrad erfuhr ihre simple Geschichte. Ein -Mädchenhändler hatte sie zu bereden verstanden ihr Dorf zu verlassen, -sie dann einer Frau übergeben, in deren Haus sie geschmachtet, bis die -Polizei die Bude ausgehoben, wonach sie sich selbständig gemacht hatte. -Der Onkel Camill hatte ihr wohl Geld gegeben für einen Obsthandel, aber -sie hatte zuerst einer armen Freundin aus jenem Hause ausgeholfen, die -an einer »Berufskrankheit« hinstarb. Auch war sie ohne ein eigenes -Kleidungsstück zurückgeblieben, da alles, womit sie sich bisher -geschmückt hatte, der Frau gehört habe. Dann hatte sie »ihn« gefunden, -den sie liebte und der ihr das letzte Geld durchgebracht. Jetzt »säße« -er, weil er einer Messerstecherei angeklagt worden, die ein schlechtes -Ende genommen hatte. Die Monika dachte nicht daran, sich Konrad etwa aus -Dankbarkeit für das Geld anzubieten. Ihr waren diese Freuden längst ein -lästiges Geschäft, galten sie nicht dem Messerstecher, den sie jeden -Monat im Gefängnis besuchte, um ihm Zigarren und Schnaps zu bringen. Sie -lud Konrad ein wiederzukommen, falls er die Reise verschöbe. Als er an -der Türe jener anderen vorüberkam, besann er sich, ob er nicht eintreten -sollte, aber das Bier hatte ihn träge gemacht. Er scheute die Auslage -und er mußte wieder an das Märchen von den roten Schuhen denken, an die -Mutter, die es ihm einst vorgelesen, als er im Fieber gelegen, an Ariel, -die alle Märchenmarien in seinem Herzen verdrängt hatte. Traurig ging er -auf die Gasse hinaus. Die roten Vorhänge, dahinter jetzt die Lampen -entzündet waren, leuchteten geheimnisvoll. Da und dort trat eine -hochbusige Frauensperson mit wiegendem Gang aus der Tür oder zeigte, von -der Straßenecke kommend, einem Willfährigen vorausschreitend, den Weg. -Konrad trat auf die Hauptstraße, die nun öder war, und schlenderte mit -dumpfem Kopf der elterlichen Wohnung zu. Aber plötzlich war ihm, als -könne er jetzt nicht nach Hause. Man hatte ihm den Türschlüssel entzogen -und er mußte Lisbeth, die Magd, aus dem Schlafe wecken. Sie würde in -ihrer Nachtjacke kommen, die Hand schützend vor die Kerze halten, so daß -ihr junger Busen beleuchtet war, und heute, das wußte er, würde er ihr -nachdrängen in ihr heißes Bett. Nein, so sollte nicht die letzte Nacht -zu Hause sein. Er kam durch einen Garten, da lockte eine Bank. Des -Morgens erst rüttelte ihn dort ein Schutzmann aus dem Schlaf. Er schlich -nach Hause, Lisbeth holte eben die Milch. Er stahl sich ungesehen in -sein Zimmer. Seine Abwesenheit war nicht bemerkt worden. - -Hedwig aber ging mit schweren Sorgen. Soviel hatte sie aus Konrad -herausgebracht, daß er einem Menschen, dem er nicht gewachsen war, die -Geliebte abjagen wollte, deren Besitz ihm selbst niemals blühen würde. -Sie sah, wie er seine Zukunft hinopferte und sich in Gefahr brachte ohne -Lohn und Dank. Aber auch bei den Eltern schien ihm sein Leben unmöglich -geworden und sie hatte keinen Weg zu ihnen, sie zu warnen und zu bitten. -Alles, was sie selbst unternähme, würde dort seine Lage verschlechtern. -Sie brachte ihm denn Geld und Gepäck zur Bahn und nahm den Anschein auf -sich, an seiner Flucht mitschuldig zu sein. - -»Nun verlasse ich dich denn auch,« rief er anklägerisch. »Gott verzeihe -mir, aber es gilt, einen ahnungslosen Engel zu beschützen.« - -»Der bin ich nicht,« sagte Hedwig mit einem trotzigen Lachen und reichte -ihm die Hand in den abfahrenden Zug. »Gott schütze dich. Komm, komm -wieder!« Und als sie traurig nach Hause ging, wiederholte sie es -angstvoll wie im Gebet: »Komm wieder, komm wieder!« - - - - - Paris - - - Jesus antwortete ihnen - und sprach: Wahrlich, wahrlich, - ich sage euch, wer Sünde - tut, der ist der Sünde Knecht. - - (Joh. 3. 8.) - -Es war im Park von Versailles, Werktag vormittags, am einsamen Teich. -Arabella saß im Gras. Sie hatte den breiten Florentinerhut neben sich -gelegt. Eine weißliche Oktobersonne schimmerte auf ihrem Haar, das sie -nun, wie es in Paris in diesen Tagen Mode war, in einer Krone aufgetürmt -trug. Sie sah zu Mannsthal auf, der neben ihr stand und zu ihr -herablächelte. - -»Ich glaube, du warst einmal eine Bachstelze oder ein Reiherweibchen, -Vögelchen,« sagte er, »oder gar eine Schilfnymphe, eine Nixe. Es zieht -dich immer zum Wasser.« - -»Hier ist es schön,« sagte sie. »In der Stadt dort ist alles so -betäubend. Hier habe ich auch dich. Auch in der Nacht kommt noch all das -Viele von den fremden Frauen dir nach. Da denkest du an sie. Hier ist -Ruhe.« Sie legte sich zurück und kreuzte die Arme hinter dem Kopf. Er -blickte auf sie herab, als sähe er sie anders als sonst. Er antwortete -ihr nicht, er wußte nur zu gut, was sie beunruhigte. Ihre Augen glänzten -zu ihm auf, um ihre Lippen zuckte es und sie schien sie zu ihm -emporzuheben, während ihre Arme eine kleine hilflose Gebärde nach ihm -sandten. - -»Hier nicht,« sagte er leise. »Brennt es wieder?« - -»Ja, es brennt,« sagte sie mit einem wundersamen Lächeln. - -Sie wohnten seit mehreren Tagen in Versailles, nachdem sie zuerst in -Paris selbst abgestiegen waren, um später wieder dahin zurückzukehren. -Mannsthal hatte jetzt müde Tage. Sein Magen widersetzte sich zuweilen -selbst der leichten Pariser Kost. Er hatte Schmerzen. Der Gedanke, daß -er ernstlich erkranken könne, verdarb ihm die Freude an Paris. Auch -Vögelchen sah zuvörderst nicht die Stadt, sah alles, was sie umgab als -Rahmen ihrer Leidenschaft, die im hellsten Feuer stand. Er fühlte in -ohnmächtiger Furcht, wie alles das erreicht war, wie nur seine heißesten -Träume es entzündet hatten und daß Gefahr drohte, es verloren zu geben, -ehe es zur Neige gekostet war. Wenn er das geliebte Kind betrachtete, -das so willig und eins mit ihm bis an die Grenzen der Lust gegangen war, -kam ihn ein Grauen an bei dem Gedanken, sie diesem Feuer zu überlassen, -das er nur mühsam mehr zu löschen vermochte. In diesen Tagen hatte -Mannsthal Stunden höchster und nie gekannter Lust mit einer Gefährtin, -die ihm völlig gewachsen war und ihm die Wunder märchenhafter Instinkte -bescherte. Diese fast heilige Einigkeit ihres Feuers glühte den besten -Kern seines Wesens rein und verursachte ihm Qualen, die nur die -Erkenntnis seelischer Liebe zu geben vermag, wenn sie das angebetete -Wesen durch eigene Schuld am Rand eines Abgrundes erblickt. Vermochte er -an das Wunder zu glauben, daß ihre Liebe sich jeder Wandlung ergeben -konnte? In Vögelchen, er wußte es und empfand es noch täglich glückhaft, -in ihrer Umarmung war Trieb und Seele so innig verschmolzen, daß nur ein -blutiger Riß, der ihr tiefstes Wesen zerstören mußte, diese beiden -trennen konnte. Und war ein junger Organismus imstande Schmerz so tief -zu erleiden, daß er das ganze Wesen durchdringen und wandeln konnte? -Nein, es wehrte ihn mit starkem Gegenstoß ab, wenn er sein Innerstes -berührte. Junge Menschen haben nicht die Porosität des Schmerzduldens, -die Schmerzverwandlungsfähigkeit. Das wußte und fürchtete er. All diese -Fragen waren Beschwichtigungen, Wahrheit blieb ihr heißes, immer -verlangendes Blut. Sie konnte es nur durch Güte beschwatzen, sie konnte -es nur niederringen, bis es dann selbst rächend sich wehren würde. Doch -noch hatte er Zeit und vielleicht geschah das Wunder und eine leichte -Ernüchterung brachte ihr Kühlung. Es peinigte ihn, daß er dies erhoffte, -was er gleichzeitig fürchtete, und daß das, was er fürchtete, ihm wenig -Hoffnung brachte. Denn noch war Arabella weißgeglüht vom Scheitel bis -zur Sohle. An der Oberfläche ihrer Haut mußten Millionen elektrischer -Fünkchen hausen, die seine Nähe schon zum leisen Aufknistern weckten. -Sie war wie die Mahd blühender Wiesen, auf die Sonnenglut herabgesengt -war und die nur eines glimmenden Hölzchens bedarf, um in Flammen -aufzugehen. Sie war wie ein Sommertag, der an tausend Enden aufsprießt -und ausbricht, der besprengt ist mit unendlichen Keimen. Er versuchte -kleine Ablenkungen, er beschenkte sie mit Dingen, die sie beschäftigen -sollten, mit erlesenen Kleidern und Schmuck. Aber sie besah sich kaum -mit den kostbaren Perlen, mit der spitzendurchfluteten Wäsche, den -ausgesuchten Gewändern und Pelzen. Sie war schon wissend genug, zu -ahnen, daß ihre Liebe nicht von der Art war, die solcher Behelfe bedarf. -Und er selbst schuf sich nur neue Qualen, wenn der Blick der Männer -durch die Kostbarkeiten, die er ihr bescherte, stärkere Anziehung fand. -Sie selbst sah die Aufmerksamkeit nicht, die ihr in dieser Stadt, in der -wenige junge Mädchen zu sehen sind, zuteil wurde. Die Art, wie sie sich -trug, ließ ja dem erfahrenen Pariser keinen Zweifel, in welcher -Beziehung sie zu dem viel älteren und scheinbar reichen Herrn an ihrer -Seite stand. Aber all die lächelnde Mitwisserschaft, die sie mit Blick -und Wunsch streifte, erregte sie unbewußt noch mehr und das Augenspiel -der Frauen, das Mannsthal und zuweilen ihr selbst galt, beunruhigte sie. -Ihr Instinkt und ihre junge Erfahrung ließen sie sogleich erkennen, wie -stark die sinnliche Atmosphäre hier das Leben durchwogte, daß alles -rascher, häufiger, unausweichlicher geschah. Sie glaubte, daß diese Luft -allein schon Mannsthal sättige, daß die Frauen ihn vielleicht besaßen, -wenn er auch nicht von ihrer Seite ging: sie war eifersüchtig auf Paris. -Aber sie täuschte sich. Adalbert fühlte ihren Wert hier mehr als an -irgendeinem anderen Orte der Welt. Die Pariser Frau, die bewußte, stets -wache, war ihm entwertet. Einmal verließ er Arabella und versuchte es -mit äußersten Dingen, aber er kam angewidert und wie verarmt zu ihr -zurück und jede ihrer Berührungen waren ihm Pein, weil sein Blick sich -beschmutzt fühlte wie nie bisher. Und Vögelchens Aufblühen erlosch -wieder, sie sah jetzt noch kindlicher aus in ihrer Blässe und Zartheit. -Sie quälte sich an ihm und er mußte, sie zu beruhigen, Mittel anwenden, -die sie erschöpften. Da plötzlich kam ihm ein feuriger Gast zu Hilfe. Er -durchtobte sein Blut, warf neue Brände in seine Sinne, er durchraste -seine Träume und rüttelte dunkle Kräfte in ihm auf: das Fieber! Aus -jener Stunde an Rosinas Grab trug er es im Blute. Einmal schwanden ihm -die Sinne, da fing sein löschender Blick Vögelchens Bild, wie es über -ihm geschwebt hatte. In seinem Traum war sie Europa, in deren blondem -Gelock wild der Sturm des Meeres sauste, wie er, der Stier, sie über den -See trug. Und es war ihm, als schwinge Europa über ihm, dem Stier, eine -feurige Peitsche, die Fackel der empörten Lust. Als er erwachte, saß ein -taubenhaftes Wesen, im langen Nachtkleid wie in ein Büßerhemd gehüllt, -an seinem Bettrand und kühlte ihm mit Madonnenhänden die heiße Stirn. - -Nach den Fieberanfällen schien die Krankheit erloschen. Er fühlte sich -wieder ganz wohl. Allerlei kräftigende Mittel hatten die Mattigkeit -behoben. Aber er war doch ein anderer jetzt auch äußerlich, fahl und -gelb, und Vögelchen schlich ängstlich um ihn her. Sie zwang sich ihn zu -schonen, aber er empfand ihre Fürsorglichkeit als Kälte. Heimlich -ersehnte er wieder das anfeuernde Fieber und er hatte, wenn sie nachts -sich zärtlich, aber ohne Verlangen an ihn schmiegte, seine Freude daran, -auch ihr eine böse Lust zu erwecken, es herbeizusehnen. Malaria, das -schien nicht tödlich für ihn, nicht ansteckend von Mensch zu Mensch, -aber es war zehrende Vergiftung und das vorzeitige Ende ihrer Freuden, -die sich zur Sünde verzerrten, wenn sie nicht weiterglühten. - -Um seiner Unruhe Herr zu werden, begann er sich mit Neuerwerbungen -seiner Sammlung zu beschäftigen. Viele Stunden verbrachte er im Hotel -Drouot, neue Schätze zu erwerben. Wieder faßte ihn Sehnsucht nach -Erlösung, die ihm aus diesen Gebilden einer zärtlichen Kunst leuchtete. -Als er eines Abends an der Rive gauche aus dem Laden eines Kunsthändlers -trat, hielt eben eine Equipage und eine Dame, deren Gesicht halb -verschleiert war, entstieg ihr und eilte an ihm vorbei. War sie es, war -das Angele von Tirotzky hinter zwiefachem Schleier: dem der Jahre auch, -die sich zwischen die kindlichen Erinnerungen gedrängt hatten, zu denen -er oft in Not und Verderben Zuflucht genommen? Es trieb ihn zu dem -Händler zurück und er fragte nach der Dame. »Eine Fremde,« hieß es, -»Madame de Twede, Frau eines Legationsrates.« Würde er ihr wieder -begegnen? Sie befaßte sich mit Kunstsammeln. Da war ein Weg und er -konnte ein Wiedersehen dem Zufall überlassen. - -Zu dieser Zeit begann Arabella mit Camill in Paris Wohnung zu suchen. -Bald hatte sie eine passende gefunden, mit Garderoben und -Dienermansarde. Sie eignete sich einige praktische Geschicklichkeit an, -sie feilschte sogar mit Händlern und benahm sich überall wie eine -leutselige kleine Königin, der man alle Gefälligkeiten schuldet. -Mannsthal war verblüfft über ihren Ortssinn. In kürzester Zeit fühlte -sie sich in den fremdesten Stadtteilen zu Hause. Sie wußte jede -Abkürzung des Weges, jede Richtung, sie kannte die Häuser, die Gärten, -die Kirchen. So ließ er sie denn auch ohne Camill allein umherstreifen. -Er war sicher, sie würde, wie die Zugvögel im Herbst zu ihrem Nest -jenseits der Meere, abends im Gewirr der fremden Straßen zu ihm -zurückfinden. Dieser Instinkt hatte sie geleitet dort Wohnung zu suchen, -wo Gärten und ein weiter Ausblick zu finden waren. Von einer Terrasse -aus übersah man durch die schmalen, hohen Fenster des Hauses alte Bäume, -eine verwitterte Kirche und in der Ferne Türme und Hügel. - -Während Adalbert wieder müde war und kaum das Versailler Hotel verließ, -entdeckte sich Vögelchen das Paris der alten Kirchen, die Gärten, den -Louvre, die Museen, das Bois. Meist fuhr hinter ihr der Wagen, den -Camill für den Herrn gemietet hatte, aber zuweilen entschlüpfte sie ihm -und er erwartete sie erst an dem von ihr bestimmten Ort, von wo aus sie -wieder nach Versailles zurückfuhr. Sie fand da Adalbert mehrmals in -Gesellschaft eines jungen Engländers von außergewöhnlicher Schönheit, -den er aber stets verabschiedete, um sie zu begrüßen. Der Jüngling erhob -sich hünenhaft, verbeugte sich mit scheuem Blick auf die junge Dame und -Mannsthal entließ ihn, ohne ihn jemals mit Arabella bekanntzumachen. Als -Adalbert eines Morgens zum Frühstück kam, fand er Vögelchen im Gespräch -mit dem Engländer. Arabella hatte selbst den Jüngling angesprochen. Es -schien ihr selbstverständlich, einen Bekannten Vas als den ihren zu -betrachten. An den darauffolgenden Tagen blieb sie in Versailles, fuhr -mit dem großen Menschen im Kahn und besichtigte nochmals mit ihm das -Schloß. Ein Ausdruck der Qual lag auf Adalberts gelblichem Antlitz, wenn -Vögelchen dann vergnügt ins Hotel zurückflatterte. Als sie ihn neben dem -schönen jungen Menschen sah, floß ihr Herz über vor Mitleid und Liebe -und die Zärtlichkeit, die sie dem Freund erwies, machten den jungen -Engländer erröten. Seit Mannsthals Krankheit war sie nicht mehr so -lebhaft gewesen und sie riß beide Männer zu einer Fröhlichkeit hin, die -dann noch der Champagner befeuerte. In Adalbert brannte gleichzeitig -eine wahnsinnige Erregung und Bestürzung. Er wußte, ihr Trunkensein, das -ja der Wein kaum noch erhöht hatte, gehörte nicht mehr ihm allein, es -gehörte auch Norton nicht, es strömt schon ins Leben. Eine Kraft war in -ihr geworden, die er erweckt und deren Herr er nicht mehr war. Er konnte -sie nicht zurückleiten, sie war herrenlos, denn Arabella selbst besaß -nichts, womit sie selbst sie hätte zügeln können. Sie lebte ja unbewußt -ihrer selbst. Sie zu erwecken würde vielleicht den Todessturz der -Nachtwandlerin bedeutet haben. Er hatte, da Arabella seiner nicht -sorglich wie sonst geachtet, Diätfehler gemacht, er hatte getrunken und -sich tagsüber in größter Unruhe über Vögelchens Spaziergang mit Cecil -befunden. Er fühlte das Fieber aufsteigen. Als sie die Stiegen -hinaufgingen, die nur mehr matt erleuchtet waren und Cecil in seinen -Zimmern verschwunden war, drückte er sie an sich und die Liebkosungen -seiner Hände versprachen ihr wieder die langersehnte Umarmung. Seine -Augen leuchteten im Fieber, aber sie sah es nicht, sie hörte aus seinem -raschen Atem nur die Ungeduld der Lust, die auch sie empfand. In dieser -Nacht war sie wie rasend und am darauf folgenden Tag schloß sie sich ein -wie damals, als es zum ersten Mal geschehen war. - -Als sie abends erfuhr, daß Adalbert fiebere, kam sie leise zu ihm, -kniete an seinem Bett nieder und weinte lange. - - - - - Der Retter - - -Vögelchen hatte Konrad all die Zeit her vergessen und es war ihr nicht -eingefallen, ihm zu schreiben. In der Sainte Chapelle, in der sie in -Verzückung stand, kam sein Bild und seine Worte sprachen zu ihr. »Und -das, mein Ariel, ist das Geheimnis des Lebens, mit der Seele Lauterkeit -muß man es durchtränken, mit des Herzens Honigseim es versüßen und sei -es aus Galle und Unflat.« In dieser hochaufstrebenden Kapelle, in dieser -Kirche, die aus heiligem Stein und heiligem Glas gebildet schien, war -ihr Herz Gott aufgeschlossen und gedachte derer, die seine Worte in ihr -gestärkt. Und aus der Bedrängnis, in der sie lebte und in der nur Taumel -und Trunkenheit ihr Ruhe brachten, sah sie nun einen Weg und ein Tor. -Das Tor war strahlend wie die Fensterrose der Sainte Chapelle und sie -wußte, hinter ihr blaute der Himmel, den sie vergessen hatte. Während -sie stand und das Licht durch tausend Farben der Glasmalereien über sich -ergossen sah, während sie sich eingeschlossen fühlte von den Legenden -der Bibeln und ihre Augen an den Bildern streiften, wie man neugierig -und doch mit halber Aufmerksamkeit in einem Buche blättert, da trat -leise von der Vorhalle her Imanuel Givo ein. Er ging ganz leise, als -wollte er die Andächtige nicht stören und, als sie mit einem leisen -Rauschen des seidigen Gewandes sich zu ihm wandte, begegneten stille, -dunkle und weise Augen aus einem schmalen Gesichte den ihren. Schwarz -war alles an ihm, Haare, Anzug, Hut, das Buch, das er in schwarz -behandschuhten Händen hielt. Nur seine Hautfarbe war leuchtend hell und -ein rosiger, fast frauenhafter Hauch lag auf seinen Wangen. Es war Ruhe -und Sammlung in ihm und eine freundlich wissende Anteilnahme an der -Umwelt. Er glich einem weltlichen Mönch. Vor der Darstellung der -Propheten stand er lange und trug Notizen in ein Buch ein. Dann wandte -er sich gegen die Vorhalle und seine Gestalt war in ihren Rändern von -Licht umflossen. Er hatte breite Schultern und schmale Hüften, was ihm -eine edle Biegsamkeit verlieh. In der Haltung seines Kopfes drückte sich -eine fast demütige Anmut aus. Als Arabella an ihm vorüberglitt, fiel ihr -das Schultertuch herab und schleifte den Boden, so daß er sich wohl -darin verfangen hätte, wäre nicht eben ein leichter Blick zu ihr -gegangen. Das war nicht derbe Absicht und doch wie durch beider Wunsch -herbeigeführt. Er beugte sich herab, ihr zuvorkommend, und sah dann in -ihre Augen, die aufleuchtend dankten und groß und hell wurden an den -seinen. Ihr blasses, ungeschminktes Gesicht mit den feinen Nüstern, dem -schmal blühenden Mund schien ihm ortsfremd, und seine freundlich -wissende Anteilnahme wandelte sich in ein zärtlich kühles Grüßen des -Blickes, wie es etwa Könige haben, wenn ihnen ein schönes Weib Blumen in -die Karosse wirft. Er ging hinter ihr her und sie fühlte seinen Blick -wie ein Streicheln zwischen ihre Schultern rieseln. Sie ging über den -Platz hinüber gegen Notre Dame zu, blieb dann am Pont Neuf stehen und -blickte auf die Seine herab, die vom Regen der letzten Tage gelblich -war. Hier packte sie ein Schwindel und sie hielt sich am Geländer fest. - -»Sie sind nicht wohl,« fragte Imanuel Givo hinter ihr. Er umfaßte mit -einem leisen, angenehmen Griff ihre Hand. »Darf ich Ihnen einen Wagen -besorgen? Oder wollten Sie --?« Er wies mit einem vorwurfsvollen Lächeln -auf den Fluß hinab. »Sie ist doch so schmutzig heute, die Seine.« - -Arabella war bleich und unwirklicher war ihm niemals eine Frau -erschienen. Ihre Augen sprachen immer noch hell aufgeschlossen in die -seinen. Sie war unfähig ihm mit Worten zu antworten. Sie fühlte, etwas -Entscheidendes war ihr geschehen. Er sah, daß sie sich in einem -außergewöhnlichen Zustande befand. Sie bebte am ganzen Körper. Er -wartete ihre Antwort nicht ab, rief einen Wagen an. - -»Ihre Adresse?« - -Sie nannte sie, während er scheinbar ohne Neugier, sie zu vernehmen, den -Kutscher, der sie leise wiederholte, bezahlte. Er grüßte ernst, -freundlich und ging wie einer, der nun seine Pflicht getan hat. Arabella -hätte ihm folgen, ihn bitten mögen, ihr unter seinem weisen, stillen -Blick länger noch Obdach zu gewähren. Aber der schwarze Engel mit dem -wissenden Lächeln schickte sie fort aus seinem Leben und ging seiner -Wege. Als sie vor ihr Haus kam, stand ein zerlumpter Mensch am -gegenüberliegenden Haustor und verschwand alsbald im Dunkel der Flur. -Ihr Blick war nach innen gekehrt. Sie erkannte Konrad Kruger nicht. - -Wie im Traum lag sie dann auf dem Sofa in dem kleinen Salon mit den -weißen Boiserien, die den Marmorkamin einschlossen, in dem schon Feuer -brannte, weil Adalbert so häufig fror. Da trat unangemeldet Cecil Norton -ein. Er hatte die Tür offen gefunden. Camill stand unten bei Konrad -Kruger. Der junge Engländer, den Arabella ohne Mannsthals Zustimmung -eingeladen hatte, legte einen Strauß kostbarer Blumen an ihre Seite -nieder und blieb mit einem fragenden, unbeholfenen Lächeln vor ihr -stehen. Sie lächelte wie durch einen Schleier zu ihm auf, ohne seine -Frage, ob sie leidend sei, und seine Entschuldigung, sie derart -überfallen zu haben, zu beantworten. Es war in ihr eine Unfähigkeit zu -sprechen. Auch sah sie ihn kaum: sie spürte ihn. So blieben sie eine -ganze Weile, nur daß sein Gesicht, als er die Hingestreckte anstarrte, -allmählich den Ausdruck der Begierde annahm und sie ahnungslos, wessen -Mienenspiel sie nachahmte, leise mit der Zunge schnalzte und mit den -Augen blinzelte. Er verstand sie und erschrak, wiewohl ihre Gebärde ihm -verhieß, wonach er ja verlangte, und er kniete nieder und berührte die -Seide ihrer Strümpfe. Ganz leise zog sie ihr Kleid kniewärts, während -ihr Kopf zurücksank und ein wundersames Lächeln über ihr Antlitz sich -breitete. - -Camill stand unten am Tor und hielt Wache, Ausschau nach Mannsthals -Heimkunft. Indes schlich Konrad in die Wohnung. Einem Lichtstrahl -folgend, kam er an die Türe des Salons. Da hörte er Stimmen, verworrene -Laute. Zutiefst erschrocken, floh er zu Camill zurück. - -»Jetzt nicht,« keuchte er. »Es ist einer bei ihr.« Sein Freund, der -Kammerdiener, lachte boshaft. Konrad bezog wieder die Flur des -gegenüberliegenden Hauses, in der er mehrere Stunden des Tages -verbrachte. Bald darauf sah er Mannsthal heimkehren. Er erblickte seinen -Schatten, dann ihn selbst auf der Terrasse, durch deren Fenster man in -Vögelchens Zimmer sehen konnte. Adalbert stand unbeweglich, wohl durch -die Vorhänge verborgen. Was er sah, erschien vollendet schön, aber eben -dieses Entzücken, das weder Eifersucht noch Erregung in ihm aufkeimen -ließ, diese Anteilnahme an dem Geschauten, die der Ehrfurcht beim -Anblick eines Kunstwerkes glich, ließ ihn wie einen Unbeteiligten, der -Arabella vor wenigen Monaten noch als Kind gekannt, das erschauernd -sehen, was die Menschen ein Verbrechen nennen. Und kalt und schonungslos -stellte er sich an den Pranger seines Gewissens. Wie hatte er jemals -glauben können, Vögelchen sei vor der Berührung Fremder gefeit durch -ihre Unschuld? Eben diese, die nicht ahnte, was ihr Blut befahl, ließ -sie frei ihren Trieben folgen. Hatte sie denn eine Seele? Er durfte -nicht mehr ihrer sicher sein, konnte sie nicht mehr sich selbst -überlassen und, wenn er jemals ganz ruhig werden wollte, mußte er gesund -sein und jung oder sie wegsperren in Einsamkeit. - -Er gab Camill den Auftrag den Herrn abzuweisen, wenn er wiederkäme; aber -dessen bedurfte es nicht, denn als Cecil Norton das Haus verließ, trat -unten ein zerlumpter Mensch auf ihn zu und sagte: »Mein Herr, folgen Sie -mir auf die Polizei. Sie haben gegen das Gesetz gehandelt.« - -»Hund,« knirschte Norton zwischen den Zähnen. - -Aber der andere sah zu ihm auf wie ein gehetztes Wild, das sich -plötzlich gewendet hat und seinen Verfolger angreift. »Ich weiß, was ich -sage, mein Herr. Aber ich kann schweigen, wenn man meinen Hunger stillt. -Ich habe auch nichts mehr anzuziehen. Ich habe die da oben wochenlang -vergeblich gesucht, nachdem ich von weither ihr nachreiste. Als ich die -Gottesbraut wiederfand, hieltest du, Elender, sie in deinen Pranken.« - -»Sie sind wahnsinnig!« - -»Das wird das Gericht feststellen müssen.« - -»Ich habe nichts getan, was nicht schon an ihr geschehen war. Sie können -nichts beweisen.« - -»Ich bin nicht so einer, nein. Aber an Ihrer Achtung ist mir wenig -gelegen,« sagte der Zerlumpte. »Zahlen Sie -- und wenn Sie wiederkämen, -dann würde ich Sie aufs neue verfolgen. Hüten Sie sich, dieses Mädchen -zu berühren. Es ist meinem Schutz unterstellt.« - -Norton streifte den Verfolger mit einem scheuen Blick. Der Mensch sah -ihn mit schrecklichen Augen an, murmelte einen Fluch. Der Engländer -griff in die Tasche, zog Geld hervor und hielt es erwägend in der Hand, -indem er eilig weiterschritt. Aber als er sich wandte, um es seinem -Bedränger zuzuwerfen, war dieser wie ein Schatten im Gewühle -verschwunden. - -Zu Mannsthals großem Erstaunen erwähnte Vögelchen beim Abendessen nur -flüchtig des Engländers Besuch, dagegen erzählte sie eingehend von jenem -Fremden, der ihr in der Sainte Chapelle begegnet war. Immer wieder kam -sie auf ihn zu sprechen und erging sich in Mutmaßungen, wer er wohl -gewesen sein mochte. Die Stadt war jetzt für sie der Wunder voll. Würde -er sich melden, der Seltsame? Sie lag nachts in tiefem Schlaf neben -Adalbert, der wach war, ihren Atem belauschend und ihr leises Seufzen. -In ihrem Traum sandte sie ihre Sehnsucht aus nach dem Fremden und -beschwor seine Gedanken. Der Traum aber war nicht erdgebunden, nicht -wunsch- und drangvoll. Es war ihr Traum von Gott, von Demut und -Unendlichkeit, der um Imanuel Givo blühte. - - - - - Konrads Irrfahrt - - -Als er in Paris angekommen war, fand er es zunächst erstaunlich, daß, -wiewohl die Mitternachtstunde nicht fern, viele Menschen vor kleinen -Tischen dichtgedrängt auf der Straße saßen und trotz des betäubenden -Straßenlärms sich mit lebhafter Behendigkeit gegeneinander gebärdeten. -Nach der Schwüle der unbequemen Fahrt atmete er erlöst die Luft, in der -er wie in einem flüssigen Duft die Meeresnähe zu spüren meinte. Wie ein -Genesender empfand er, der nach dem Kerker der Krankheit wieder das -Leben umfängt. Die Haft seiner Sehnsucht, die rasselnden Ketten seiner -Gedanken, die ihn so lange gekerkert hielten, das Fieber seiner Unrast -fiel von ihm ab. Am liebsten hätte er den heiligen Boden, der Ariel -trug, geküßt, knieend ihn begrüßt und schwer nur trennte er sich von den -Straßen, um den Gasthof aufzusuchen, den er in seinem Reiseführer -ausgewählt. Dahin hatte er sich auch Camills Nachricht erbeten. Nach -seiner Berechnung konnte sie schon am künftigen Tage eintreffen. Ja, es -war nicht unmöglich, daß er selbst erschien und heimlich Vögelchen -mitgeflattert kam. Es fand sich, daß die Angaben des Führers in bezug -auf Hotel Riat von der Wirklichkeit überholt waren. Man hatte da einige -Neuerungen und Verschönerungen ausgeführt, die den mäßigen Preis, der -Konrad dahin gelockt hatte, um ein Beträchtliches erhöht hatten. Man -empfing ihn mit seinem kleinen Handkoffer -- eine Kiste mit Büchern und -Manuskripten hatte er noch auf dem Bahnhof belassen -- nicht sonderlich -erfreut. Er war indes vorläufig mit allem zufrieden und tröstete sich -mit dem Gedanken, daß er, sobald Camills Botschaft eingetroffen, sich -billigeres Quartier suchen wollte. Als er nach neun Uhr erwachte, rasch -angekleidet in das Bureau hinabstieg, wo unter einem Haken für den -Türschlüssel das Brieffach der Mieter sich befand, gähnte ihm das seine -leer entgegen. Zu seiner Befriedigung erfuhr er, daß alsbald die zweite -Post eintreffen würde. Er setzte sich in die Frühstücksstube, nahm, da -er tags zuvor nicht zu Abend gegessen, ein reichliches Mahl und wartete. -Wiewohl er voll Ungeduld war die Stadt zu sehen, schien ihm doch nichts -wichtiger als Camills Brief. Aber bald erfuhr er zwiefache Enttäuschung. -Der Kellner erschien mit einem Teller, auf dem ein Papier lag. Ein -freudiger Schreck durchfuhr ihn, Camill oder gar Vögelchen waren da und -sandten ihm ein Wort. Oh weh, es war die Rechnung nur und sie war -wahrlich nicht gering. Der Kellner meinte, des Jünglings Bestürzung -gelte dieser allein und mitleidig riet er ihm, da er kein Trinkgeld -erhalten hatte, doch in Zukunft in einem der kleinen Kaffeehäuser zu -frühstücken, wo man stehend seine Tasse Kaffee tränke und nur wenig zu -bezahlen hätte. Konrad zog nun aus, beschwingt wie einer, vor dem eine -zauberhafte Welt sich auftut. Das zirkusbunte Straßenleben, das starke -Augenblicksgefühl, das hier den Menschen zu eigen und atmosphärisch sich -mitteilt, berauschte ihn, daß wie in einer Vision, wie aus einer -Versenkung, mit der Kraft des Wunders das alte Paris erstand. Es -erschien ihm nun ferner und märchenhafter denn zu Hause, als er aus -Büchern und Bildern seine Schönheit zu enträtseln sich mühte. Er -verstand sogleich, weshalb es die Künstler aller Länder in diese Stadt -zog und was hier ihre Kunst erneute und fruchtbar machte. Es war der -Kontrast vom heiß pulsenden Leben, der Geist und Sinne anfeuerte, und -jenes zauberhafte Verlorensein in einer betäubenden Vergangenheit. Das -Erlebte konnte sich in die Dämmerung des Entschwundenen retten, das -seine Denkmäler zurückgelassen, es blieb nicht Leben allein, es wurde -Bild, Idee, Traum, Sehnsucht, Ekstase. Denn niemals drang man ganz ein, -immer blieb dies Wechselspiel vom Wachsein des Blutes und den Symbolen -der Zeitenläufe, die starke Lebendigkeit und das legendäre Schweigen der -Steine rätselvoll. Alles Geschaut-Erträumte lebte sich aus in diesem -Verlorensein und erzeugte neues Leben. Genießen schien nicht Müßiggang -und Arbeit Genuß. Hier konnte man der Welt abhanden kommen und spürte -sie nirgend stärker. Als er im Luxembourggarten saß, von Studenten -umgeben, die von den nahen Hochschulen kamen, wo er von dem Geist der -Dichter, die hier geträumt hatten, sich umschwebt glaubte, vom vielen -Wandern wohlig ausruhend, den Blick auf Terrassen, Fontänen und -Kunstwerke, umzwitschert von puppenhaften Kindern, glaubte er zu träumen -und fürchtete den Augenblick des Erwachens in seiner kleinen Stube im -Elternhaus oder in einem der gewohnten Gärten der Vaterstadt. Er -betastete die Bank, er horchte auf die fremden Laute der -Vorübergehenden, er atmete die Luft, die nicht die heimatliche war und -sich köstlich einsog: nein, er irrte nicht. Und dies war nicht nur -Paris, dies war Ariels Wohnstatt. Verzückung machte sein Herz schwellen. -Warum brach er nicht auf, sie zu suchen, fragte die vornehmen Hotels ab, -belauerte die Wagen, die ins Bois fuhren? Warum saß er da, dieweil schon -in seinem Gasthof ein Brief ihn zu ihr rief? Er vermied Fahrgelegenheit -aus Ersparungsrücksichten und auch, um nichts vom Straßenbilde zu -versäumen. Eilig stand er auf. Am Seineufer aber fesselten ihn die -Buchtrödler, er wühlte in Kisten, er las stehend, er gab Geld aus. Dann -befiel ihn Hunger. In einer kleinen Butike sah er die Speisekarte -ausgehängt und kulinarische Kostbarkeiten, die er nur von Festen kannte, -waren um geringes Geld ausgeschrieben. So tafelte er denn. Um so -gewisser würde der Brief eingetroffen sein, wenn er ins Hotel -zurückgekehrt war. Als er dessen Flur betrat, starrte ihm schon sein -Brieffach entgegen: es war leer. Er ging auf sein Zimmer, in dem es -dumpf nach der Seife seines Vorgängers roch, und warf sich auf das Bett. -Von draußen kam der Straßenlärm, den der nahende Abend zu verdoppeln -schien. Er fühlte sich mit einem Male verlassen in dem Getriebe der -großen, fremden, rätselhaften Stadt. Und plötzlich fiel ihm auch seine -Mission ein und legte sich lastend auf sein Gewissen. Schon war ein Tag -versäumt, es war nichts geschehen für das Brot, das ihn nährte. Wo war -Ariel? - -Am nächsten Morgen suchte er ein Meldeamt, aber er fand es nicht. Auf -dem Konsulat fragte er dann nach Arabella Mannsthal, schließlich nach -Camill Custove. Die Formulare kosteten einiges Kleingeld und brachten -die Antwort: unbekannt. Er schrieb nach dem Schweizer Gasthof, ersuchte -um die Adresse des zugereisten Camill Custove. Er schrieb an Monika -Gallo, sie möge ihm Camills Aufenthalt angeben. Er wartete noch einen -Tag ab. Er bat Hedwig nachzufragen, ob daheim für ihn nicht postlagernde -Briefe eingelangt seien. Aber all dies blieb erfolglos. Zunächst bezog -er ein billiges Zimmer am linken Ufer unweit von Saint Etienne, nachdem -er Auftrag gegeben, ihm einlangende Briefe sogleich nachzusenden. Aber -seine Unruhe trieb ihn selbst immer wieder nach dem Hotel Riat zurück, -bis man ihn dort unfreundlich empfing. Indes begann er sich mit dem -Gedanken abzuquälen, Vögelchen sei unterwegs erkrankt, es sei Unheil -über sie hereingebrochen, während er, der Retter, vielleicht ganz nahe, -ohnmächtig sie suche. Stundenlang saß er in den Champs Elysees und -fragte die Wagen nach ihren Insassen ab oder er beobachtete die Leute, -die in den vornehmen Hotels aus- und eingingen. Nach einigen Tagen erst -entsann er sich seiner Bücherkiste. Er trat den Weg zum Bahnhof an. Zu -seinem Schrecken erfuhr er, daß diese mangels Nachfrage in ein -entferntes Depot geschafft worden sei. Er verbrachte einen Tag, um -wieder in ihren Besitz zu gelangen, und verausgabte in der Angst sie zu -verlieren einen beträchtlichen Finderlohn. Die Kiste enthielt das -Manuskript seines Heiligen Bernhard. Als er endlich das schon verloren -Gegebene in seinem engen Zimmerchen vor sich ausbreitete, kam ihm neuer -Lebensmut. Er sagte sich, daß er es so nicht weitertreiben könne, lieber -wollte er still auf den Zufall warten als sich müde hetzen, ihn -gewaltsam zu erzwingen. Er begab sich auf das Konsulat, wies seine -Papiere vor und ersuchte um Zuwendung eines Schreiberpostens. Es war -kein geeigneter Posten frei, man merkte sein Ansuchen vor. Die nächsten -Tage galten dem Besuch des Louvre und der übrigen leicht zugänglichen -Museen. Dann wanderte er von Kirche zu Kirche. In der Sainte Chapelle -geriet er in ekstatische Ergriffenheit. Vor Notre Dame erlebte er -Verzückungen. Stundenlang forschte er in den Reliefs, studierte die -Martyrien, suchte sich die Gestalten des alten und neuen Testaments zu -erklären, die Giebelfelder, Balustraden und Nischen bevölkern. -Geheimnisvoll zogen ihn die Ungeheuer an, die dort, wo die breiten Türme -sich massig in die Luft erheben, grinsend auf Paris herabblicken. Die -sagenhaften Vögel mit riesenhaften Klauen angeklammert, die Teufelchen, -Drachen, Affen, Gespenster und Höllenzwerge, gepaart oder einzeln, -stierten ihn wissend an, als ständen sie gerade mit ihm in -geheimnisvollem Einverständnis, als hätten sie Jahrhunderte lang -geharrt, ihm verschwiegene Botschaft zu übermitteln, ihre Rätsel nur ihm -zu entsiegeln. Er schwelgte weiter vor St. Julien le Pauvre und glaubte -das zwölfte Jahrhundert zu erwecken, indem seine Hand den kalten Stein -berührte. In Saint Germain l'Auxerois entzückte ihn die heilige -Genovefa, die Schutzheilige von Paris, die seine Träume mit Ariel -vermengten. Sie trägt dort eine kleine Kerze, die ein Teufelchen sich -auszulöschen müht. Er meinte Vögelchens Kinderhände zu sehen und das -Licht, das flackernd ihr Antlitz bescheint. Schon war er acht Tage in -Paris und ein Drittel seines Geldes war aufgebraucht. Mehrmals hatte ihn -der Regen durchnäßt, sein Schirm war ihm in einer Brasserie gestohlen -worden. Manchmal fühlte er die ganze Stadt als ein Fremdes, das ihn mit -allen Mitteln ausstoßen wollte. Die fremde Sprache schob sich wie eine -Wand zwischen sie und ihn. Oft fürchtete er nach dem Mindesten zu -fragen, um nicht lächerlich zu scheinen. Er beneidete den Pflasterstein, -der hier zu Hause war, und seine Sehnsucht war, was immer für einen -Beruf zu bekleiden, um nur irgend zur großen Maschine dieser Stadt zu -gehören, die ihn um so mehr reizte, als sie ihn verstieß. - -In der zweiten Woche begab er sich in die Nationalbibliothek und -erstickte seine Unrast in den Büchern. Sein Zimmer war ja nur ein -finsteres Loch, in ein düsteres Gemäuer gehöhlt, das ameisengleich -bewohnt war. In den schönen Sälen sparte er Licht und der Regen -verschonte ihn. Er fand sich so gut zurecht, daß er seinen Heiligen -Bernhard umzuarbeiten begann. Zwischendurch grinste ihm aus der Zukunft -das Gespenst des Hungers und der Verzweiflung entgegen. Was ihm sonst -Lebenszweck in erhöhter Form gewesen wäre, Studium, Kunstbetrachtung, -innere Bereicherung im neuen Erleben, es war ihm nun Betäubung, gelinder -Rausch, der eine Wirklichkeit vergessen ließ, die ihn Ariels beraubte. -Ihm war wie dem Verdurstenden, der die Quelle rauschen hört, verborgen, -unerreichbar. Sein Ohr trinkt den Laut, aber sein Gaumen verdorrt. Gott -ist ihm nahe, aber er geht nicht ein in ihn. Er kann der Seligkeit nicht -teilhaftig werden. - -Witwe Leroux kramte in Konrads Kasten. Ei, was für vornehme Sachen -dieser Hungerleider hatte! Diese Krawatte würde für Charles sein, wenn -er des Sonntags aus der Fabrik kam, und diese Kragen für Gaston. -Vermißte er sie, mochte er sie eben beim Umzug vergessen haben. Sie -besorgte ihm die Wäsche, ein oder das andere Hemd konnte da immerhin -auch verloren gehen. Sonntag erschienen Gaston und Charles, ihre Söhne. -Sie waren beide Maschinenschlosser. Nach kurzer Beratung klopften sie -bei Konrad an. Sie stellten sich vor, verschwiegen ihre Vorzüge nicht, -Charles war Kunstfahrer auf dem Rade, Gaston verdiente als Clown -zuweilen ein paar Francs über seinen Fabrikslohn. Sie luden Konrad -umständlich ein, den Nachmittag mit ihnen zu verbringen. Er hätte sicher -Paris nicht von der heiteren Seite gesehen. Niemand würde ihn besser zu -führen verstehen als die Brüder Leroux. Die Mutter kam hinzu und hörte -mit geheuchelter Entrüstung die Vorschläge ihrer Sprößlinge. »Aber nein, -welch ein Einfall, der Herr ist doch zukünftiger Priester,« rief sie -aus. »Und was macht das,« fiel ihr Gaston in die Rede. »Was, Charles, du -erinnerst dich doch an Abbe Griot, welch guter Kamerad!« »Nun ja, aber -treibt es nicht zu bunt,« sagte die Witwe mit Würde. Konrad war nicht -gerade abgeneigt die Einladung anzunehmen. Seine psychologischen -Beobachtungen, seine Kritiken über Lebensführung hatten hier noch keine -Bereicherung erfahren. Noch waren ihm die Sitten, die Sprache in all -ihren zarten und rohen Feinheiten nicht vertraut genug. Er willigte ein -die Brüder zu begleiten. Er wolle nur den Zuschauer abgeben, sie sollten -für ihn ihre Gewohnheiten in keiner Weise ändern. »Es gibt Sonntage und -Sonntage,« sagte Charles, und sie zogen aus. »Wissen Sie, bei uns -unternimmt man nichts ohne die kleinen Frauen,« erklärte Gaston und -sogleich, als hätte ein Zauberstab sie aus der Erde geholt, traten aus -dem gegenüberliegenden Haustor zwei geschminkte Mädchen, die dort schon -auf den Auszug der Brüder gewartet hatten. »Seid vernünftig, Kinder,« -ermahnte Charles, »der Herr, der uns die Ehre gibt, mitzuhalten, ist -beinahe Priester. Dies, Herr Kruger (Krüschee sprach er es aus), sind -Germaine und Marguerite, unsere Nachbarinnen, beide in einer -Posamenteriefabrik beschäftigt, wenn sie nicht eben daran verhindert -sind.« Sogleich bekam Charles einen Schlag für seine allzu ausführliche -Vorstellung. Marguerite, die einen sanften Augenaufschlag hatte, der -ihre geschminkten Wangen komisch erscheinen ließ, hielt sich sogleich an -den »Herrn Abbe« und erzählte ihm, sie habe ihn schon mehrmals in der -Gasse gesehen und bedauert, daß er von ihr keine Notiz genommen. Gaston -schlug vor, daß man tanzen gehe. Man nahm den Weg nach den äußeren -Boulevards. Nach verschiedenen Beratungen, von denen Konrad wenig -verstand, landete man in einem rauchigen, trotz Tageslicht stark -beleuchteten Saal, den eine niedere, in Logen eingeteilte Galerie umgab. -Germaine und Marguerite hatten sogleich eine ausfindig gemacht, die noch -unbesetzt war. Der Kellner kam und sie bestellten Wein und Backwerk. »Da -ist es doch hübsch,« sagten die Vier im Chorus und begannen gleich das -Gelage. »Sind Sie mit unserer Wahl zufrieden, Herr Abbe?« In diesem -Augenblick setzte die Musik ein. Germaine packte Gaston und gleich -verschwanden sie im rauchigen, denn noch grellfarbigen Gewühle der -tanzenden Paare. Die Frauen schienen, so vermerkte Konrad, hier der -angreifende Teil. Sie waren alle ausnahmelos aus irgend einem Grunde -begeistert. Die einen trugen Bebekostüme aus hellfarbigem Atlas, die -anderen große Federhüte und Ballerinenröckchen, elegant stachen die -Mädchen in einfach geschnittenen Straßenkleidern ab. Sie sahen aus wie -Damen der guten Gesellschaft, die sich herabgelassen haben, das Fest zu -ehren. Dazwischen tummelten sich die Germaines und Marguerites, die -sonntäglich aufgeputzt waren. Als die Musik, ein entsetzliches -Geknirsche und Gekreische, innehielt, kam das tanzende Paar zurück. -Germaine warf sich erschöpft auf einen Stuhl und man stürzte rasch -einige Gläser hinunter. Gleich begann wieder die Kapelle ihr Gefiedel. -Germaine sprang auf, zerrte wieder Gaston mit sich und nun brach auch -Charles auf, winkte einem roten Domino und walzte mit ihm in das Chaos -hinein. Marguerite rückte nun Konrad ganz nahe. Sie hatte die Ellbogen -auf den Tisch aufgestützt und blinzelte zu ihm auf. »Du tanzt wohl -nicht, kleiner Abbe,« sagte sie und lehnte ihr Knie gegen das seine. -»Nun, man ist auch ganz gut hier, nicht wahr? Später werden wir -herumgehen. Man kann sich auch zurückziehen. Mußt nicht so schüchtern -sein, Herr Abbe. Bei uns ist das nicht üblich.« Konrad, der Einsame, -fühlte die Wärme eines menschlichen Körpers neben dem seinen. Daß die da -unten walzten, daß sie sich aneinander warfen, sich preßten und zerrten, -das hatte wohl die Natur so vorgesehen. Und er fühlte merklich, daß sie -auch in ihm ein Wörtchen zugunsten des benachbarten menschlichen Körpers -sprach. Er erwiderte zunächst alles, was sie tat, mit tiefem Ernst -allerdings. Er sagte sich, daß er zwar, beteiligte er sich nun gegen -seine Gewohnheit am Treiben der anderen, seine Beobachtungen nicht -objektiv bereichern würde, aber er versuchte sich zu überzeugen, daß ein -wahrer Kritiker eigener Erlebnisse bedurfte. Marguerite hatte Mühe, dem -schwermütig agierenden Abbe gegenüber ernst zu bleiben, aber sie hatte -sich eine erstaunliche Anpassungsfähigkeit angeeignet. Sie verfiel denn -alsbald auch in tiefe Melancholie. Konrad war nun überzeugt von der -Notwendigkeit eines engeren Anschlusses an Marguerite. »Gehen wir -herum,« sagte sie und stützte sich schwer auf ihren Begleiter. »Kellner, -die Rechnung.« Konrad erschrak. Sie bemerkte es. »Zahlen Sie -einstweilen, wir können sonst nicht die Loge verlassen.« »Und die -Anderen?« »Ich hoffe, die werden uns nicht stören,« sagte Marguerite und -blinzelte. Der Kellner überreichte die Rechnung. Konrad nahm sie und mit -schweren Händen das Geld aus seiner Brieftasche. Er sah nicht, wie der -Bursche dem Mädchen etwas hinschob, den Gewinnanteil für den neuen Gast. -Marguerite liebte dies Lokal, nicht überall war man so large. Sie verlor -sich sogleich mit ihrem Kavalier in den Seitengängen. Es gab da -neuerdings Logen mit Vorhängen. Vor einem verdunkelten Saal wurde Entree -abverlangt. Dort ließen sich Nackttänzerinnen sehen. Marguerite nahm -zwei Karten. Konrad bezahlte. In dem übelduftenden Zimmer war solch ein -Gedränge, daß man wenig nur von den Tänzerinnen erblicken konnte, die -überdies nicht viel mehr sehen ließen als manche der kostümierten Frauen -des großen Tanzsaales. Aber das Gedränge gestattete den Paaren allerlei -Freiheiten. Bald sah Marguerite den Augenblick gekommen, Konrad in eine -der verhängten Logen zu ziehen, wofür neuerdings bezahlt werden mußte. -Champagner zweifelhafter Sorte stand bereit. Marguerite hatte bald -Gelegenheit, ihren Abbe etwas lächerlich zu finden. Aber sie war trotz -aller Routine im Geldverdienen ein leidlich gutes Mädchen. Sie entließ -Konrad ähnlich wie jene venezianische Courtisane Rousseau, die ihm -sagte: »_Zanetto lascia le donne e studia la matematica._« Konrad war -froh, daß Marguerite sich bald unter dem Vorwand, im Saale eine Freundin -zu suchen, entfernte. Im Tanzsaal sah er wohl die beiden Brüder Leroux. -Gaston war eben im Begriffe, mit rotgeschminkter Nase und eingedrücktem -Claquehut seine Clownspäße zum besten zu geben. Aber Konrad zog es vor -sich heimlich davonzustehlen. Diese merkantile Gesellschaft flößte ihm -Schrecken ein. - -Um dreißig Francs ärmer, schlenderte er geknickten Herzens über den -Boulevard nach Hause und schlich dort leise in sein Zimmer, damit die -würdige Mutter ihrer Söhne ihn nicht störe. Er verriegelte die Türe und -fiel bald darauf dank der ungewohnten Genüsse in tiefen Schlaf. Man -sollte glauben, daß es Konrad nach diesen Erfahrungen nicht weiter -gelüstete das heitere Paris zu genießen. Nachdem er schließlich immer -bereit, die anderen zu rechtfertigen, zu der Meinung gelangt war, daß -die beiden Leroux an der Geldausgabe und an der Unzulänglichkeit dieser -einen Genuß zu verdanken, unschuldig seien, er hingegen ein eitler Tropf -gewesen, der seine Armut nicht rechtzeitig eingestanden habe, ertappte -er sich dabei, nach Marguerite auszuspähen, wenn er durch ihre Gasse -ging. Er fand sie auch eines Tages wie zufällig an einer Ecke stehend -und, da sie augenblicklich kein Geld hatte, war ihr auch mindere -Kundschaft willkommen. »Mein armer Junge,« sagte sie, »diese Leroux -haben dich neulich schön gewurzt.« Sie sagte etwas von »poire«, das -Konrad nicht verstand, aber er fühlte ihre Teilnahme und das beglückte -den Einsamen. »Als ob man nicht auch ganz solide miteinander fröhlich -sein könnte. Wenn du mir ein Drittel dieses Geldes gegeben hättest, -würde ich dir das schönste Fest verschafft haben und wir hätten es -bequemer gehabt als dort, wo es kein Wunder ist, wenn ein guter Junge, -wie du -- --« Sie vollendete nicht, sondern kniff ihn in den Arm. Sie -merkte, daß ihm das wohl tat. »Nun, bist du jetzt frei? Wollen wir ein -kleines Abendessen besorgen und zu Mutter Leroux hinaufsteigen? Sie wird -uns nicht stören, ich kenne sie.« Marguerite lachte und kniff ihn von -neuem. Konrad war mit allem einverstanden. Sie kauften ein, indem sie -sich den Anschein gab, nur für Konrad auszuwählen. »Nun haben wir Wein -und allerlei Leckerbissen und das Ganze kostet nur sechs Francs. Hast du -sie bei der Hand?« Konrad fand das wirklich preiswürdig, obwohl er mit -dieser Summe sonst drei ganze Tage sich verköstigte. Mutter Leroux war -nicht zu Hause. Marguerite aber wußte Bescheid. Sie deckte den Tisch und -brachte alles Nötige herbei. Nachdem sie gegessen hatten und der Wein -Konrad mutig gemacht hatte, zog er Marguerite auf das Bett, aber sie -sprang rasch auf, indem sie ihm lachend einige Püffe versetzte, und -sagte: »Halt, mir fällt ein, Frau Lapin, die Kaufmannsfrau, hat mir drei -Francs zuviel herausgegeben. Ich habe sie in dein Portemonnaie gesteckt. -Ich war so verwirrt und sie hatte eben so viele Kunden.« Sie öffnete -rasch seine Börse und entnahm ihr fünf Francs, die sie in ihre Tasche -gleiten ließ. »Ich will sie ihr morgen zurückgeben.« Dann kam sie zu ihm -zurück und diesmal gab er ihr keine Gelegenheit zum Spott. Als sie noch -nebeneinander lagen, kam die Leroux herein. Sie begann zu schimpfen, daß -man ihr schönstes Geschirr verschleppt hätte ohne sie zu fragen, daß dem -Herrn weder Service noch derartige Bedienung in seinen Zins eingerechnet -sei und daß man sie außerdem der Gefahr ausgesetzt wegen Kuppelei -bestraft zu werden. Sie werde dies alles nicht auf sich beruhen lassen, -wenn man sie nicht im voraus für alle Unzukömmlichkeiten entschädige. -Konrad war jäh aus seinem Traum erwacht. Des Morgens hatte er -Beaudelaires Gedichte gelesen (er wollte das eine oder das andere -übersetzen). In ihm sangen noch die Verse von »Parfum exotique«: - - »Quand, les deux yeux fermés, en un soir chaud d'automne, - Je respire l'odeur de ton sein chaleureux - Je vois se dérouler des rivages heureux - Qu'éblouissent les feux d'un soleil monotone --« - -Und Vögelchens Bild stieg in einer Gloriole auf: - - »Und sei's zur Nacht, im einsamen Gelaß, - Im Straßenlärm, im wüsten Stadtgetriebe, - Ihr Bild in Lüften strahlt mir wie die Sonne. - Manchmal da spricht es: Ich bin schön, oh laß - Vom Schönen nur dich leiten, mir zu Liebe, - Schutzengel, Muse bin ich dir, Madonne!« - -Vögelchens Lippen lispelten es und sie waren bleich wie die einer Toten. -Und nun hörte er die Stimme der Leroux, die heiser kreischte, und er -hörte sie nicht. Marguerite hatte sich unter die Decke versteckt, -kicherte und biß ihn dabei in den Arm. Er riß sich los, sprang auf und -indem er mit drohender Gebärde der Leroux den Weg verstellte, schrie er: -»Wenn Sie nicht schweigen, werde ich die Anzeige machen, daß Sie mir -meine Wäsche gestohlen haben. Morgen verlasse ich Ihr Haus. Adieu.« Die -Frau hob die Hände, als fürchte sie, der Wütende würde sie schlagen. Sie -hatte alles eher erwartet als in dem linkischen Mieter, der sich so viel -gefallen ließ, einen Herrn zu erblicken, der ihr nun gebieterisch die -Türe wies. Als sie draußen war, hüpfte Marguerite aus dem Bett. -»Ungeheuer,« sagte sie, »diese schmutzige Witwe! Ich suche dir eine -andere Wohnung. Indessen kannst du bei mir schlafen. Da machst du noch -ein Geschäft dabei.« Als sie gegangen war, vermißte Konrad seine Uhr. Er -wußte nicht, ob nicht etwa die Leroux sie rasch entwendet hatte, während -der Traum ihn noch in Marguerites Armen umfangen hielt. Er packte seine -Sachen, schlief dann bis gegen Mittag, bezahlte die Leroux, indem er ihr -noch einen Teil der gestohlenen Wäsche abpreßte, und verließ fast -mittellos das Haus. Sein erster Weg war aufs Postamt. Dort fand er ein -Schreiben von Monika Gallo, die ihm mitteilte, daß sie vom Onkel Camill -eine Karte aus Paris erhalten habe ohne Angabe der Adresse. Sein zweiter -Weg war auf das Konsulat, um nachzufragen, ob man dort eine Stellung für -ihn gefunden. Die Antwort war abweisend. Man käme nicht nach Paris ohne -Mittel und Empfehlungen, man täte besser, keine Vergnügungsreisen zu -machen, wenn es einem an Geld fehle. Wenn er hungere, könne man ihn -schließlich in die Heimat befördern, das wäre alles, was von Amts wegen -vorgesehen sei. Aber Konrad wollte nicht in jene Heimat. Seine Heimat -hieß: Ariel. So wurde er denn vorderhand Zuhälter bei Marguerite Aupin. - -Er hatte an Monika geschrieben und sie ersucht, bei Custoves Bekannten -nachzuforschen, er schrieb an Hedwig, ob sie ihm Rat wisse, aber er -verschwieg ihr seine Notlage. Um keinen Preis hätte er von Hedwig Geld -genommen. Marguerite erhielt ihn. Sein Leben war nun geteilt zwischen -der Bibliotheque nationale, den Kirchen, dem Luxembourggarten und den -Schenken, in die er das Mädchen begleitete. Er war verliebt in -Marguerite und er reizte sie, damit sie ihn schlüge. Sie hatte ihm sein -letztes Geld abgenommen unter dem Vorwand, ihn zu verköstigen, was -indessen nur geschah, wenn sie zusammen in Kneipen gingen. Einige Tage -arbeitete er für das Mittagessen als Messerputzer in einem Gasthaus. Als -es bekannt wurde, wie er zu der Aupin stünde, die dort Geld schuldig -war, entließ man ihn. Das Ärgste war, daß er dabei sein mußte oder im -Vorraum ihres Zimmers, wenn sie Besuch hatte. Oft hatte er das Geld -entgegen zu nehmen für ihre Gefälligkeiten. Eine tierische Eifersucht -hatte ihn befallen. Marguerite ließ sich kaum mehr von ihm berühren. Er -sollte doch zu den »_femmes à cheveux_« gehen, den Dirnen ohne Hut, und -sich das Geld vorerst für sie zusammenbetteln. Einmal aber, als sie ihn -weinen sah wie ein kleines Kind, blieb sie eine Nacht lang in seinen -Armen. Er hatte ihr in diesen Stunden sein Leid geklagt und sie war -ergriffen. Sie versprach ihm die Hilfe eines befreundeten Detektives. -Indes suchte er wieder Paris ab. Die Gewißheit, daß Vögelchen ihm nahe -war, machte ihn in all seiner Verblendung oft trunken vor Glück. Es war -schon kalt geworden und er hatte seinen Mantel versetzt. Niemand kannte -wie er die Besuchstunden der Galerien und Bibliotheken, die er zu seinen -Wärmestuben erwählt hatte. Er kam als erster und die Diener rasselten -schon mit den Schlüsseln, wenn er ging. Nun stand er auch wieder vor den -Brasserien und sättigte sich an dem Bratenduft, der aus den Räumen -drang. Manchmal trat er in einen Laden, wartete geduldig, wenn Käufer -anwesend waren, und verlangte dann etwas, das man gewiß nicht bekommen -konnte, nur um sich zu wärmen. Endlich brachte ihm Marguerite Nachricht -von Camillo. - - - - - Bei Angele - - -Vögelchen hatte nun von Konrads Anwesenheit und seiner traurigen -Verfassung erfahren und ihm durch den Diener Geld gesandt. Sie lief -Geschäfte ab, um für ihn einzukaufen. Sie besorgte feine Krawatten, -nicht ahnend, daß er längst nicht mehr den Kragen dazu besaß, und -Leckerbissen, zu denen es ihm an Brot fehlte. All dies versteckte sie -wie ein Kind, das sich eines Geheimnisses freut. Schließlich forderte -sie von Camill Konrads Adresse. Indes ereignete sich folgendes: Der -Salon der Karikaturisten veranstaltete seine Ausstellung. Mannsthal, der -unter Künstlern und Händlern bekannt war, bekam eine Einladung zur -Eröffnung. Dort sah er Angele von Twede wieder und ein Attache der xten -Gesandtschaft stellte ihn der Frau des ausländischen Kollegen vor. -Angele begrüßte Adalbert Mannsthal freudigst. Als er aber nach Gilbert -von Tirotzky, ihrem Bruder, fragte, von dem er seit Jahren nichts mehr -gehört hatte, breitete sich ein Schatten über die Lichtheit ihres -Antlitzes. Warum sollte sie es seinem ehemaligen Kameraden -verheimlichen? Er sei in der Bedrängnis einer der Familie unerklärlichen -Erpressungsaffäre freiwillig aus dem Leben geschieden: Mannsthal erbebte -in seinen Festen, als er es erfuhr. Er wurde bleich und fand kaum die -Sprache, seine Bestürzung zu äußern. Er wußte, wer einst der Verführer -Gilberts gewesen, und ahnte, welcher Art die Erpressung gewesen sein -mochte, die ihn schließlich zum selbstgewählten Tode trieb. Diese -königliche Frau, die mich mit ihrer Huld beglückt, sagte er sich, sie -weiß nicht, daß sie mit dem Mörder ihres Bruders spricht. »Mama ist -daran gestorben, bald nachdem wir Ihnen in Homburg begegnet waren,« -sagte Frau von Twede. »Ihr Herzleiden verschlechterte sich rapid. Papa -war nicht mehr, Gilbert tot, ich selbst in der Ferne. Herr von Twede war -damals in Konstantinopel stationiert. Seit zwei Jahren leben wir hier.« -Und um die Schatten der Vergangenheit zu bannen, neigte sie sich zu -einem Bildchen herab. »Ach, sehen Sie doch, wie köstlich,« und dann nach -einer Weile »und Sie? Sie waren verheiratet oder sind es noch?« -Mannsthal schüttelte den Kopf. »Ich habe eine Stieftochter. Sie lebt bei -mir. Darf ich sie Ihnen bringen?« Er sah diese lichte Frau und wie eine -Rettung schien sie ihm in seiner Not um Arabella. »Wie lieb wäre das von -Ihnen. Ein junges Mädchen aus der Heimat. Das wird so sein, als sähe man -sich selbst wieder.« »Nein, erwarten Sie das nicht -- oder« in -Mannsthals Auge blitzte es plötzlich auf, »oder erschrecken Sie nicht. -Sie gleicht jenem Kinderbilde, das Gilbert von Ihnen besaß, dieser -Miniatur, die er bei sich trug.« Es war merkwürdig zu sehen, wie ein -verräterisches Rot in seine Wangen stieg und unter ihrer Gelblichkeit -sich entflammte. »Ein Mann allein mit einem jungen Mädchen in Paris. -Bringen Sie mir das Töchterchen.« - -»Wann dürfen wir kommen?« - -»Heute, wollen Sie? Zum Tee. Man soll niemals den Wink des Zufalls -unbeachtet lassen. Ich habe immer Gäste zur Teestunde. Ah, Baron, da -sind Sie ja wieder! Dank, daß Sie mir Mannsthal brachten! Nun auf -Wiedersehen heute nachmittags.« - -Während Adalbert mit dem Baron noch einmal die Säle durchschritt, erfuhr -er, daß Herr von Twede, ein ehrgeiziger Diplomat, wenig Sinn für anderes -habe als seine Karriere, daß Angeles Ruf tadellos sei. Ihre -Leidenschaften gälten der Malerei und der Musik. Sie hätte ein einziges -Kind am Tropenfieber verloren, einen Knaben Gilbert, nach dem Bruder -benannt. - -Gilbert! Konnte er, durfte er zu ihr gehen, da er sich an seinem -Untergang schuldig fühlte? Aber gerade das verstärkte die Anziehung, die -ihre Lichtgestalt ihm einflößte. Er holte Arabella ein, die im Bois -spazieren ging. Er hatte es vorgezogen, sie nicht zur Besichtigung der -Karikaturen mitzunehmen. »Eine Dame lädt dich ein. Oh, sie ist so schön, -eine Königin! Sie wird dich lieb haben. Wir wollen heute nachmittags zu -ihr. Es werden auch andere Leute dort sein.« - -»Gern, aber ich habe dann zu tun --« - -»Ein Geheimnis?« - -»Ja,« aber sie lächelte so unbefangen, daß er nicht mißtraute. - -»Nun vorher also. Sei um fünf Uhr bereit.« - -»Wer ist sie?« Adalbert erzählte. - -Um halb fünf traten sie in Frau von Twedes Salon. Vögelchen erschrak -zuerst ein wenig über die vielen Leute, die alle fremdländisch und so -sicher waren. Aus ihrer Mitte aber schien ein lichter Strahl sie zu -bescheinen, eine Stimme voll Güte und Feinheit brach sich oft Stille -durch das wirre Geplauder. Angele von Twede hatte die sanfte Schwermut -und die volle Tiefe deutscher Musik in ihrer Kehle. Arabella reichte ihr -errötend die Hand und fühlte unter einem Freudeschauer den Hauch eines -leisen Kusses auf ihrer Stirne. Angele hielt ihre Hand, während sie mit -den anderen sprach. Eine Balkandame, eine Musikerin, setzte sich an den -Flügel und spielte Wagner, der eben in Paris bekannt wurde. Vögelchen -wurde traurig. Diese Musik griff in ihr Innerstes. Sie fühlte sich -plötzlich verlassen. Adalbert war ihr hier wie ein Fremder. Zum ersten -Male fühlte sie, daß ihre eigentliche Gemeinschaft ein Geheimnis war, -etwas, das verborgen sein mußte, weil es nicht selbstverständlich war. -Oder spürte ihr seltsamer Instinkt, daß der Geliebte hier einer andern -Frau gehörte? Frau von Twede sprach nur für ihn. Arabella sah es, aber -Frau von Twede hielt ihre Hand wie eine Freundin. Sie konnte ihr nicht -böse sein. Sie liebte sie. Und plötzlich streichelte sie selbst diese -Hand. Dann trat Herr von Twede ein. Seine Frau ward stiller in seiner -Gegenwart und schien in leiser Schwermut der Musik zu lauschen. Um -Adalbert hatte sich eine Gruppe gebildet. Er war brillant im Gespräch. -Aus allen Zeiten und Erdteilen, aus allen Welten der Arbeit und der -Kunst, allem Wissen des Menschlichen und Menschlichsten flocht er seine -Rede, seine Antworten, Beispiele und Anekdoten. Er selbst entzündete -sich an seiner Rede. Einzelne Worte blitzten auf wie Solitärs in -kostbarer Fassung, schon fühlte er den unzerreißbaren Kontakt mit seinen -Zuhörern, er sah und hörte selbst, was er sagte, und seine Sätze und -Wortbilder veredelten sich in seiner Gewalt: sein Gespräch war ein -Kunstwerk. Angele schien nur Musik zu hören: sie hörte nur Mannsthal. -Als Herr von Twede sich zurückgezogen hatte, wandten die beiden sich -wieder einander zu. Die Musik war verstummt. Vögelchen saß wie -eingeduckt unter den vielen fremden Menschen, deren Sprache sie nicht zu -kennen schien. Warum blieb sie hier, hatte sie nicht Wichtiges zu tun? -Leise stahl sie sich hinaus. Sie ließ sich ihren Mantel umlegen und gab -dem Diener Auftrag zu bestellen, sie würde wieder kommen. In ihren -Taschen hatte sie zwei Pakete verborgen. Sie hieß einen Wagen holen, -nannte Konrads Adresse und fuhr ab. Kutscher wundern sich ganz selten -nur. Sie kennen alle Stadien des Lebens. Sie führen die Schwangere auf -die Gebärklinik, den Säugling zur Taufe, den Trauernden hinter dem Sarge -zum Friedhof, den Deserteur zur Bahn, sie gewähren Liebenden Obdach und -geben ahnungslos Selbstmördern ein letztes Asyl, sie führen die Dirne -zum Palast des Fürsten und die Dame, der ein Lakai den Pelzmantel um die -Schultern legt, zu der Mansarde des Studenten. So führte denn der -Kutscher Vögelchen zur schmutzigen Behausung jener Marguerite -Aupin, deren Zuhälter Konrad Kruger, stud. theol., Sohn des -Landesschulinspektors und Hofrats Engelbert Kruger war. Sie ließ den -Wagen warten und stieg die zwei Treppen hoch. Auf den Gängen standen die -Frauen im Gespräch. Die Wasserleitung stellte den Brunnen dar, der Gang -den ländlichen Dorfplatz, an dem die Mägde, den Krug auf dem Kopfe, -plaudernd verweilen. Einige kümmerlich blühende Blumenstöcke am Fenster -ersetzten die Landschaft. Wie dürftig er wohnt, dachte mitleidig -Arabella, als sie die unordentlichen Gestalten sah und den fast -unverständlichen Argot ihrer Rede vernahm, die, als sie vorüberkam, -verstummte und hinter ihr wie zischelndes Kielwasser wieder -zusammenfloß. Sie fürchtete sich vor diesen schmutzigen Frauen und -bewunderte Konrads Mut, der wohl täglich an ihnen vorüberging. So -tastete sie sich, ohne nach ihm zu fragen, die ausgehöhlten Stufen -hinauf, bis sie an einer Türe jenen Namen fand: Aupin. Ja, hier wohnte -er. Hinter der Türe fand eine laute Unterredung statt. Mann und Frau -wechselten die Rede. Nicht Konrads Stimme war es. Auf Vögelchens Klopfen -öffnete jemand und schloß gleich wieder, von einer kreischenden -Zurechtweisung ermahnt. Im Spalt der Türe hatte Arabella eine -Frauensperson in mangelhafter Bekleidung und einen Mann gesehen, einen -Arbeiter mit braunen Samethosen, die an den Schuhen zugebunden waren. -Nach einer Weile wurde wieder geöffnet. Der Mann fragte nach Vögelchens -Begehr mit der Höflichkeit und dem Anstand des Parisers. »Kruger? -Kruger!« Er rief den Namen aus der Küche ins Zimmer zurück. »Hm, -Marguerite, ist das dein --? Eine kleine Dame sucht ihn. Vielleicht eine -Prinzessin aus seinem Lande. Treten Sie ein, Madame.« Drinnen rief die -Stimme nun höflich: »Gleich, Fräulein, ich komme gleich.« Marguerite -erschien in einem rosa Schlafrock. »Er ist nicht zu Hause. Mein Gott, -wie wird er sich kränken, der arme Junge. Geh, Ernest, sieh mal vors -Haus oder zu Cuvier hinüber, dort hilft er zuweilen aus. Er scheut keine -Arbeit, wissen Sie, um sich ehrlich durchzubringen. Setzen Sie sich, -Fräulein.« Sie rief es aus dem Zimmer, in das sie zurückgeeilt war, um -das Bett zurecht zu machen. Ernest war verduftet. - -»Wollen Sie nun eintreten, Sie müssen die Unordnung entschuldigen. Wenn -man nicht vorbereitet ist, nicht wahr?« - -»Wo ist Konrads Zimmer?« fragte Vögelchen. - -»Hier oder draußen, er hält sich überall auf. Ich nehme es nicht so -genau.« - -Sie schlafen zusammen, dachte Arabella und besah sich Marguerite. Sie -mißfiel ihr. Alle Frauen in Paris mißfielen ihr. Die dicke Schminke, mit -der sie bedeckt waren, ekelte sie. Marguerite war zart, sie hatte große -Augen, die klug leuchteten, aber sie waren dunkel untermalt und die -grellen Wangen ließen sie derb und roh scheinen. Aber gleichzeitig -empfand Vögelchen Mitleid mit ihr wie mit einem Tiere. In Marguerites -Blick, der forschend und furchtsam zugleich zu Arabellas Vornehmheit -aufsah, lag etwas hündisch Zerbrochenes, etwas, das plötzlich selbst -hineinsah in den eigenen Abgrund und um Vergebung bettelte. - -Arabella hatte sich gesetzt, ganz vorsichtig an den Rand des Stuhles, -als fürchte sie sich zu beschmutzen und sah nun selbst ein wenig hilflos -zu der fremden Frau hinüber. »Ich habe ihm etwas mitgebracht.« Sie zog -die Pakete hervor. »Bitte, geben Sie ihm das. Ich kann nicht lange -warten. Haben Sie vielleicht ein Stückchen Papier. Danke, einen -Bleistift hab' ich selbst.« Sie nahm den goldenen Stift, den sie an -einer kostbaren Chatelaine trug. Auf das ein bischen fette Papier -schrieb sie in einer Marguerite unverständlichen Sprache. - -»Mein armer Herr Prediger, wie schlecht ist es Ihnen bekommen mir -nachzureisen! Wie können Sie leben in dieser häßlichen Wirtschaft! Ich -habe Ihnen Krawatten und Leckerbissen gebracht. Schade, daß ich Sie -nicht angetroffen habe. Soll ich Va sagen, daß er Ihnen helfen soll? Nun -muß ich wieder zu den Menschen zurück, denen ich eben davonlief. Wir -waren zu Besuch. Dort ist eine schöne Frau, die ich küssen möchte, so -ein Engel ist sie. Ihnen muß geholfen werden! Kommen Sie morgen früh vor -unser Haus. Ich werde durch Camill Nachricht schicken. In Eile - - Arabella.« - -Vögelchen stand auf und schüttelte den Blick des Mädchens ab, der die -ganze Zeit über sie umfaßt hielt. Es roch nach schlechtem Parfüm und -Abfällen aller Art. »Armer Konrad,« dachte sie, und dann wieder, »um -meinetwillen«. »Bitte, geben Sie ihm diesen Brief und die Pakete,« sagte -sie. Marguerite griff nach den Sachen. Sie, die Konrad schlug, war gegen -dieses junge Mädchen schüchtern und linkisch. Sie wußte als Pariserin -sehr gut, daß ihr Schlafrock schlechter Sorte war und ihre Schminke -billig, an Arabella aber alles aus ersten Quellen. Das machte sie -unsicher und neidisch. Und wenn sie auch Konrad nicht liebte, er war ihr -Knecht und sollte es bleiben. Diese fremde Puppe würde sehen, wer die -Stärkere war. - -Als Vögelchen gegangen war, öffnete sie die Pakete. Sie verzehrte, da -sie eben sehr hungrig war, den größten Teil der Leckerbissen und als -Ernest zurückkam, um zu melden, daß Konrad einen Weg für Cuvier gemacht, -schenkte sie ihm eine der teueren Krawatten. Spät abends kam Konrad aus -dem Gasthaus herüber, in dem er eine Stelle als Aushilfekellner erhalten -hatte, weil dort deutsche Studenten verkehrten. Marguerite hatte sich zu -Bette gelegt und brummte, als sie geweckt wurde. Dann erinnerte sie sich -des Besuches und wurde freundlich. »Sieh doch, mein Kleiner, wer -dagewesen ist und was man dir mitgebracht hat.« Sie richtete sich im -Bett auf und sah ihn bei der Kerze lesen. Er sah alt aus und übermüdet, -aber die Erregung und Freude veredelten sein Gesicht. Seine Gestalt war -männlicher geworden. Nein, er war so übel nicht, der kleine Abbe. Sie -dachte nicht daran ihn preiszugeben. Mit ihm konnte man sich auch sehen -lassen, wenn bessere Zeiten kamen. - -»Nun, hast du ihn wieder, deinen kleinen Schatz,« sagte sie. »Und wem -verdankst du es? Deiner Marguerite! Komm her und zeig, daß du ein guter -Junge bist.« - -»Gleich, gleich,« sagte er. »Ich bin bald wieder hier. Ich muß noch zu -Cuvier hinüber.« - -Er lief, den kommenden Morgen frei zu bitten, um an Vögelchens Tür auf -ihren Ruf warten zu können. An einem Sonntag, ob er denn bei Sinnen -wäre, unmöglich! Dann träte er aus dem Dienst. Den morgigen Vormittag -müßte er frei haben. Der Wirt wurde ärgerlich. Er warf ihm den Lohn für -drei Arbeitstage hin. Er war entlassen. Befreit, lief er zurück zu -Marguerite. Sie schmollte wie eine Verliebte. Oh, wie er sich freute, -wie begnadet er war! Wo war Vögelchen gesessen? Dieses Papier mit ihrer -kindischen Schrift, wie heilig war es ihm! Und der künftige Morgen! Er -umarmte die gefügige Marguerite mit der Glut seiner unbändigen Freude. - -Vögelchen war froh gewesen, den Wagen, der sie gebracht, vorzufinden. -Der führte sie ja so weit sie nur wollte. Wie häßlich es in diesem -Hause, in dieser Straße war! Wie ihr das Elend in alle Glieder kroch! -Adalbert war ihr so weit, so unerreichbar unter Fremden. Hatte sie denn -niemanden, zu dem sie flüchten konnte? Wo war jener Jüngling aus der -Sainte Chapelle? In seinem Blick nur hätte sie Zuflucht gefunden. War -das Unrecht gegen Adalbert, der so unermeßlich gut zu ihr war, dürfte -sie eines andern Zuflucht begehren? Sie dachte an Norton. Plötzlich -tauchte seine junge Hünenhaftigkeit vor ihr auf. Sie litt so sehr, wenn -sie sich seiner erinnerte, und doch, warum kam er nicht wieder? Konrad -war ihr nachgereist. Nun lebte er mit diesem Mädchen. Er hatte dort -nicht einmal einen Tisch mit seinen Büchern. Wie karg das Leben sein -konnte! Es wurde dunkel. Sie lehnte sich in den Wagen zurück, sie wollte -nichts sehen von den Straßen. Jetzt blinzelten die in der Seine sich -spiegelnden Lichtkugeln zu ihr auf. War das die Brücke, an der der -Helfer zu ihr getreten? Er dachte, sie sei eine, die sich ins Wasser -stürzen wollte. Oh nein, damals nicht. Aber heute? Sie war so traurig. -Diese fremde Frau, zu der sie nun fuhr, streichelte ihre Hand, aber sie -ließ sie nicht ein in ihr Herz. Vielleicht wollte sie nur Va für sich -haben, wußte nicht, daß er schon eine Frau hatte. Frau und Kind! -Arabella sagte es sich zum ersten Male, wie eine Fremde es gesagt hätte, -nicht freudig mehr, sondern erschrocken. Vielleicht war das Sünde? -Konnte es Sünde sein, da sie in seiner Umarmung sich heilig fühlte und -erhoben? Oh, nur wieder ihn fühlen, wieder zermalmt sein unter seiner -Kraft wie in den ersten Nächten, alles geben, alles erleiden. Durfte sie -es noch? Blickte nicht jenes Jünglings Auge wissend in ihr Leben? Durfte -sie noch in Feuer hinschmelzen, rief nicht er sie zu anderem Dienst? Und -Adalbert hielt sie ja nicht wie früher. Er war wieder Va und sprach nun -mit dieser engelgleichen Frau, die er eine Königin genannt hatte. Ach, -ein Nest, eine Zuflucht ihrer frierenden Seele! - - - - - Imanuel Givo - - - Motto: - - »Es war etwas in ihm, - das ihm die Menschen zu - richten verbot und in seinem - ganzen Leben ihm zuflüsterte, - daß er nicht der Richter - der Menschen sein, nicht das - Verurteilen auf sich nehmen - wollte und darum auch unter - keiner Bedingung verurteilen - würde. Es schien sogar, - daß er alles zugab und nichts - verurteilte, wenn er auch - oftmals schwer darunter - litt. Ja schließlich konnte - ihn nichts und niemand - mehr weder in Erstaunen - setzen noch erschrecken.« - - (Dostojewski »Die Brüder - Karamasoff«.) - -Indessen hatten sich allmählich Frau von Twedes Gäste empfohlen. -»Seltsames Elfchen, Ihr Töchterchen,« sagte sie zu Mannsthal. »Gewiß -fühlte es sich hier nicht wohl und flatterte hinaus, als jemand einen -Spalt der Tür öffnete. Oh, bitte, entschuldigen Sie sich nicht, das Kind -ist bezaubernd.« - -»Nun will ich Sie aber nicht länger stören. Ich lasse den Wagen zurück -und werde auftragen, daß man Arabella sage, ich sei bereits nach Hause -gefahren.« - -»Ach, das sollten Sie nicht. Die Kleine würde sich dann nicht von mir -verabschieden können und sich unbehaglich fühlen. Warum soll ich es -diesem Einfall nicht danken länger mit Ihnen plaudern zu können? Herr -von Twede arbeitet immer des Abends. Meine intimsten Freunde kommen -meist nach den Teegästen. Givo zum Beispiel, der niemals in große -Gesellschaften geht.« - -»Ich bleibe,« sagte Mannsthal mit seinem zuweilen kindlich strahlenden -Lächeln. - -»Diese Kleine,« begann Angele, indem sie sich in dem kleinen Salon -bequem zurecht rückte. »Diese Kleine muß Sie entzücken und ich verstehe, -daß Sie sich selbst der Autorität entschlugen, Sie nannten sie -Vögelchen. In der Tat erinnert sie mich an diese ursprünglich wilden -Tauben, denen die Mongolen Bambusflötchen unter die Flügel binden. Ihr -Flug ist Musik geworden, aber er kann sie nicht mehr zur Höhe tragen.« - -»Sie meinen, daß ich um dieser Musik willen ihren Flug gedrosselt habe?« - -»Ja, und ich glaube, daß sie eines Tages die Flötchen abschütteln wird, -um zur Sonne aufzusteigen.« - -»Das fürchte ich,« sagte Adalbert leise. Seit Wochen beängstigt sprach -er nun wie eine Selbstbeichte diese Worte und sie erleichterten ihn. -- -»Wie klug Sie sind, Angele Tirotzky,« und wie immer, wenn er bewunderte, -war sein bewegter vieldeutiger Blick kindlich demütig. - -»Wenn es wirklich die Sonne ist, brauchen Sie nichts zu fürchten. Nur -jene Pseudosonne kann gefährlich sein, die uns Frauen so oft verlockend -leuchtet. Lassen Sie Ihr Vögelchen fliegen. Oder sollten Väter -egoistischer sein als es Mütter wären?« - -Es trieb ihn an, sich dieser Frau gegenüber zu offenbaren. - -»Ich bin nicht nur ihr Vater,« sagte er und senkte den Blick wie ein -Knabe. Er hatte, ach wie oft sich nach Verachtung gesehnt und überall -nur Achtung erfahren. Langsam hob er das Antlitz zu der auf, die er nun -zu seiner Richterin machen wollte. - -»Ich wußte es,« sagte sie leise. »Damals auf der Stiege im -Schloßhofturm! Erinnern Sie sich! Ich habe es später begriffen. Damals -erschrak ich nur, als Sie mich, die Zwölfjährige --« - -»Und jetzt?« fragte er mit tiefem Ernst. - -»Mich machen diese Dinge unsagbar traurig,« erwiderte sie. »Ich kann -niemals über sie scherzen, so wenig als ich lachen könnte, wenn jemandes -Gesicht von Blatternarben seltsam verzerrt ist.« - -»Sie sollten strafen können,« sagte er. »Das täte wohl!« - -»Was nützte es? Mein Mitleid würde den Schlag kühlen, eh' er noch -gefallen wäre.« - -»Sie sind ein Engel,« sagte er. - -»Ich bin nur eine Frau.« - -»Ja,« erwiderte er voll Andacht, »denn es gibt auch rächende Engel. Die -Frau aber in ihrer Vollendung kennt nur Linderung und Verzeihen. Aber an -sie zu glauben, ich hielt es für verwegener als das Wunder zu erhoffen.« - -»Und dennoch täte Strafen wohler denn Verzeihen?« fragte sie -schmerzlich. - -»Verzeihen bedeutet Vertrauen,« sagte er. »Die Strafe bejaht die Schuld, -indem sie bestraft, das Verzeihen macht sie unwirklich. Der Verzeihende -allein ist es, von dessen Herzensreinheit wir Strafe wünschten, vom -Strafenden ist uns selbst Verzeihen bitter.« - -»Sie sollten Givo kennen, Imanuel Givo.« Sie sah auf die Uhr. -»Vielleicht kommt er noch heute! Er ist der Apostel eines wunderbaren -Heiles. Es heißt schauende und wirkende Demut. Er hat eine heimliche -Gemeinde, seine Lehre ist eine zugleich neue und uralte Religion. Er hat -sie weitergegeben und nun erfüllt sie sich stündlich. Wer in ihr ist, -lebt in Seligkeit und nichts stört seine Weihe. Und nichts, nichts -vermag ihn zur Überhebung zu verleiten und zum strafenden Urteil. Denn -in ihm ist nichts, was sich mit anderen mißt und andere wägt, weil er -einzigartig ist und der andere wieder ein anderer und eigener.« - -»So gibt es denn Einklang von Wissen und Tun?« fragte Mannsthal. - -»Es gibt diese Wahrheit und diese Liebe,« erwiderte Angele. »Liebe -allein kann heilen und wie oft hat Lieblosigkeit das Laster verschuldet. -Wenn ich einen auf Abwegen sehe, frage ich mich: ist er denn auch genug -geliebt worden?« - -Und sie begann wieder von Givo zu erzählen. Er sei Spanier und stamme -von Mystikern ab. Das Leben, das jahrhundertelang in seiner Familie -geübt worden, war in ihm als Jüngling zur Ekstase aufgeblüht. An seinem -Wort hätten andere sich entzündet. Als er die Menschen kennen lernte in -der Klarheit der Ernüchterung, in die ihn die Großstädte versetzten, -hätte Mitleid seinen Abscheu vor den menschlichen Lastern besiegt. Er -wollte lieber selbst schuldig werden, um nicht erhöht zu sein über die -Schuldigen. Nun sei wohl die Heiligkeit seines Feuers erloschen, sie sei -nur ein unterirdisches Leuchten mehr, aber seine Seele wärme jeden, der -ihm nahe. Er lebe wie ein Einsiedler und dennoch in Fühlung mit den -Menschen aller Welten. Seine Lebensflucht seien die Sterne. Er wäre -Astronom. In der Atmosphäre bade er sich rein. Sein Wissen knüpfte sich -an uralte Wissenschaften. Dabei sei er klar und einfältig wie ein Kind -in den menschlichen Dingen und im Menschlichsten wissend und rein -zugleich. Sein Handeln folge seinem Instinkt, so sei er denn zuweilen -erstaunlich. - -Als Givo eintrat, mit leichtem freudigen Gang auf Angele zueilend, deren -Hände er küßte, dann ein wenig erschrocken vor dem Fremden sich -verneigend, erkannte Mannsthal blitzartig Vögelchens schwarzen Ritter. -Sie war ja nicht müde geworden, ihn auf das genaueste zu beschreiben. -Seine Handlungsweise paßte auch völlig zu dem, was Frau von Twede -erzählte. Das übrige besorgte einer jener merkwürdigen Instinkte, den -oft Frauen besitzen, wenn ihre Sinne durch Eifersucht geschärft sind. -Aber ehe Mannsthal an eine bevorstehende Begegnung Givos mit Vögelchen -dachte, rascher also als ein Gefühl der Abwehr ihn befallen mochte, -bezauberte ihn dieser Jüngling im Mannesalter, dieser Mann mit der -knabenhaften Feurigkeit einer fanatischen Seele. Und er erkannte seine -Lehre. Sie war ein Kampf gegen die geistigen Gifte, die verborgenen, die -bekannten und die unentdeckten, deren Wirkungen kaum als -Folgeerscheinungen von geheimnisvollen Vergiftungen gekennzeichnet -waren. Auch der Wahn war ein Gift und wie vielfältig war er! Auch die -Lieblosigkeit war vielleicht nur eines jener Toxine, die Ermüdung -erzeugt und jene Nervenverfassung, die das Leben und das Lebendige -herabsetzt, statt es zu erhöhen. Kraftlosigkeit, die neben sich für -andere nicht mehr das Auskommen findet. Givo sah eine Welt von Menschen, -die es zu lieben und zu heilen galt ohne Strenge, ohne Drohung, ohne -Versprechen, Liebe durch Liebe, Weisheit durch Liebe, Segen durch Liebe. -Und diese Liebe selbst? Sie war nicht Nachahmung eines erhabenen -Lebenswandels, der entrückt war, nicht Liebe um eines Liebenden willen, -Christi Nachfolge nur um des Himmelreiches Lohn, sie war die Einsicht, -das Handeln des Menschen, der sich seiner begibt im Erkennen und sich -genießt in diesem Sichbegeben. Um keines Dankes willen im Himmel oder -auf Erden, um keiner Tugend, keiner Unsterblichkeit willen, um keines -Glaubens willen waltete diese Liebe. Sie war die Weisheit und die -Weisheit um alles Menschliche war ihr Glauben. Sie war die Ruhe und das -Ruhen in allem Lebendigen war ihr Leben. Sie war das Leben, und das Sein -ihr Paradies in allen Zeiten. Für sie war nicht Anfang und Ende, sie -hörte nimmer auf, ihr Anbeginn tauchte in der Zeiten Urnebel und -reichte, soweit Raum war. Sie war der Glauben der Liebe und der Glauben -der ewigen Weisheit war ihre Ewigkeit. Ihr Ewigsein war ihre Ruhe. Und -sie war zu Hause, im Kelch der Blüten, der sich auftut für Biene und -Rosenkäfer, in der Wolke, die als Regen den Durst der Felder labt, sie -nistete wartend um die Wiege des Säuglings und hütete der Kinder -Entfaltung, sie war im Schoß des Weibes und in der zeugenden Kraft des -Mannes, sie beugte sich über das Lager des Fiebernden und saß bei dem -Ratlosen, sie zündete die Lampe an in des Verlassenen Haus und -beschwichtigte den Verfolgten und barg den Verstoßenen. Sie forschte in -den Laboratorien und sang ihre Kunde in unsterblichen Melodien. Und oft -tat sie nichts als stillehalten. Sie schwieg dem Zornigen, sie erwiderte -nicht dem Bösen, sie strafte nicht den Verleumder und höhnte nicht den -Höhnenden. Und zuweilen tat sie mehr noch, sie machte den Zorn, das -Böse, die Verleumdung, den Hohn zunichte im Vergessen. Sie versenkte -sie, streute ihren Samen auf und ließ frische Blumen erblühen. Und wenn -sie mit ihrem eigenen Blute die Erde des Vergessens düngte, so war es -der Seele Acker, der Blumen Trieb und die hießen Verstehen, Vergeben, -Verwinden, und andere wieder hießen: Verschenken, Verwandeln, Vergolden -und Vertrauen. Im täglichen Leben tat Givo für eine häßliche alte Frau -dasselbe, was er für die junge Arabella getan. Er war der Freund seiner -Nachbarn, unter denen er stille hauste und fast ungekannt war bis zu dem -Augenblick, wo sie seiner bedurften. In seiner Wissenschaft ging er -seine Wege und was den anderen frommen konnte auf den Entdeckungsfahrten -seines Forschens warf er ab, verschenkte es, ohne ein Quentchen nur des -Ruhmes zu erheischen. Was er in seinem Fach erstrebte, war ein Spiel -fast. Er suchte Fäden von den mittelalterlichen Gelehrten in die -Forschungen der Neuzeit zu spinnen. Sein Werk war eine Andachtübung, ein -Dank für verschollene Arbeit. Dazwischen arbeitete er »exakt«, aber nur -nebstbei, doch dies zwang, seine Werke ernst zu nehmen, und zu der Zeit, -als Mannsthal ihn kennen lernte, wurden sie bereits als eine Art -preziöser Kostbarkeit geschätzt. Angele von Twede meinte, daß er sich -dies scheinbar müßige Treiben erlauben dürfe, weil sein Leben von Mensch -zu Mensch werktätig war wie kaum ein anderes. Mannsthal fieberte, Givo -näher kennen zu lernen. Er selbst hatte ja, verborgener vielleicht als -dieser junge Prophet, Menschen hingebend geholfen, das Äußerste oft -gewagt nicht um Dank und ohne Pflicht. Das Pflichtgefühl der anderen, er -besaß es nicht. Sein Gefühl für die Menschen war brennende Neugier und -Wissen um Ungeahntes. Dies allein verpflichtete ihn zuweilen, daß er -Verborgenes wußte, weil er mitschuldig wurde an Unglück und Schuld, wenn -er nicht warnte, riet und half. Aber dies hinwieder hatte ihn -hartgesotten Verfehlungen gegenüber und den leichteren Leiden. Oft war -er Menschen wie ein Engel erschienen und es quälte ihn, daß er nicht zu -sagen vermochte, wie sehr er heimlich bedankt war auf seine Weise und -nichts geopfert hatte. Ihm, der jede zarte Regung des Wunschgefühles, -die Einschätzung des anderen völlig erriet, ward zum Kinderspiel ein -Leben zu krönen. Aber letzten Endes war seine Güte Können, Abfall seines -Überflusses, Virtuosität und nicht Wille zum Guten. Sie war Reichtum, -Mut, Waghalsigkeit, Experiment, Spiel. Givo aber? Er wußte um alle -Laster, aber keines schien um ihn zu wissen. Er hatte sie gesucht, um -ihre Geheimnisse zu erkennen, hatte ihr Leid, ihre Reue auf sich -genommen um wenig Freude und um der Wollust willen, den Elenden näher zu -sein. Die Gefahr war an ihn herangeschlichen in diesen Leiden zu -versinken. Sein Sieg, seine Beschlossenheit hatte etwas Weihevolles. -Vielleicht war er alt, wiewohl er ein Jüngling schien, war Mensch -gewesen, da andere noch Kinder sind, vielleicht lag jene Zeit, in der -die Seele durch feurige Tiefen geht und abstürzt aus frevelhaften Höhen, -weit zurück, getrennt durch ein Leben, das schon Ewigkeit war? Einer -seiner Vorfahren hatte als Knabe im Tempel gepredigt. - -Angele sah die Wirkung, die Givo auf Mannsthal ausübte. Sie verstummte, -sie wollte kein Wort und Gegenwort der beiden mit dem eigenen -durchkreuzen. Ihre Seele hielt Wache und hütete den Faden, der von dem -einen zum anderen sich spann. Aber Givo, das sah sie, wiewohl er in -Mannsthal vielleicht wie in keinem anderen einen Ebenbürtigen im -Menschlichen spürte, Givo blieb in seiner Welt und zögerte ihm die Gabe -seiner Inbrunst zu reichen. - -Adalbert hatte ihn nach der Stätte seiner Arbeit gefragt. Givo -berichtete, daß er zu Gaste sei bald da, bald dort. Später gedenke er in -einer eigenen Sternwarte zu arbeiten und seßhafter zu werden seiner -Mutter zuliebe. Aber noch wisse er den Platz nicht. Angele meinte -lächelnd, er warte ein Zeichen ab, ein Meteor. - -»Wo soll der Tempel stehen?« sagte er lächelnd, den Scherz aufnehmend. -»Eine schöne Legende aus dem Palästinischen fällt mir ein.« - -»Erzählen Sie,« bat Frau von Twede. - -In diesem Augenblick öffnete der Diener leise die Tür und ebenso leise -trat Arabella ein. Der Saal war groß, sie durchschritt ihn, der dicke -Teppich verschlang das Geräusch ihres Schrittes, sie blieb an der Türe -des kleinen Zimmers stehen. Da drinnen sprach einer, da erzählte einer. -Wessen war diese Stimme, oh diese Stimme! Er sah sie nicht, sie horchte -atemlos. »Der Tempelplatz war einst eine Dreschtenne, die zwei Brüdern -gehörte. Es war der eine verheiratet, der andere lebte allein. Als die -Ernte vorüber war und sie geteilt hatten, legte sich ein jeder zu seinem -Kornhaufen, um das Gedroschene zu behüten. Da erwachte einst nachts der -Verheiratete, sann über seine Ernte und sagte sich: »Ich bin reich, habe -Frau und Kinder und hoch ist mein Korn. Er aber, der Bruder, ist einsam, -es betreut ihn keiner, einsamem Alter geht er entgegen. Warum soll ich -glücklicher sein als er? Ich will ihn erfreuen, will ihm von meiner -Ernte geben. Leise stand er auf und schleppte emsig einen Teil seines -Kornes zum Haufen des Schlafenden. Die Arbeit hatte ihn müde gemacht und -nun störte nichts mehr seinen Schlummer. Indes erwachte der andere. War -nicht ein Flüstern in dem Stoppelfeld, nicht ein Rieseln im goldenen -Korn? Wie reich war sein Haufen und er bedurfte so wenig, indes der -Bruder Weib und Kind besaß. Böte er ihm Geschenke an, wies der ihn wohl -ab, so stand er auf und trug einen Teil seines Kornes hinüber zum -schlafenden Bruder. Des Morgens hatte ein jeder gleich viel Getreide, -keiner wußte, wie ihm geschehen, und sie fragten einander nicht. Gott -aber erwählte die Dreschtenne zur Stätte des Tempels.« - -Givo wandte sich zur Türe. Es raschelte wie damals ein seidiges Gewand. -Er sah Arabella. Sie hatte beide Hände wie eine Blinde, die sich einen -Weg tastet, vorgestreckt. Er lächelte, er kam ihr entgegen. - -»Sie sind es, Sie sind hier,« sagte sie wie in Verzückung. Er reichte -ihr die Hand. - -»Wir sind einander in der Sainte Chapelle begegnet,« erklärte er -lächelnd, doch ohne Erstaunen. - -»Ach,« sagte Frau von Twede. »So kennen Sie einander?« - -»Ich heiße Givo,« sagte er. »Und Sie?« - -»Arabella.« Sie fuhr sich über die Stirn, einen Schleier abzustreifen, -der ihr die Wirklichkeit zu decken schien. Sie ging auf Angele zu. -»Verzeihen Sie mir, aber eine Sorge rief mich fort. Verzeih auch du, Va! -Daß ich Sie hier finde!?« - -»So muß Jairis Töchterchen ausgesehen haben, als der Herr sie erweckte,« -sagte Frau von Twede lächelnd. - -»Ist es Ihre Tochter, Herr Mannsthal?« fragte Givo. - -Angele nickte wortlos. - -»Nun aber müssen wir gehen, Vögelchen,« mahnte Mannsthal. - -Frau von Twede hatte das junge Mädchen an sich gezogen. - -»Sie gleichen einander,« sagte Givo, die beiden Frauen betrachtend. - -»Komm, komm, Kind,« drängte Mannsthal. - -Vögelchen, an Angele gelehnt, wandte sich zu Givo. - -»Ich habe Ihnen immer noch gedankt all die Tage.« - -»Ich hätte fragen sollen, ob Ihnen auch bald wohl geworden ist. Das habe -ich versäumt, um nicht dreist zu scheinen. Ich freue mich, Ihnen zu -begegnen. Sie sind sehr zart, nicht wahr? Oder sind Sie noch so jung? -Ein Kind vielleicht?« - -»Das davonläuft,« sagte Mannsthal. - -»Trag mir das nicht nach,« bat Vögelchen. Sie sah unverwandt Givo an, -seine matte Stirn, seine glatten, glänzenden Haare, seine Augen unter -den langen Wimpern, die Nase mit den feinen Flügeln, die zarte Gestalt, -die sehnigen Hände. Auch er blickte sie an, nahm sie mit seinem Blick an -sich, freute sich ihrer Haare, die wie ein blonder Schatten waren, ihrer -großen, runden, blauen Augen mit dem feinen Bogen darüber, ihrer Nase, -die immer leis zu wittern schien, ihres zuckenden, durstigen Mundes, -ihres ein wenig kantigen Kinnes, des sehr schmalen Halses, durch dessen -Haut man die blauen Äderchen sah, ihres Busens, der eben erst der eines -Mädchens zu werden begann, ihrer braungebrannten Kinderhände. - -Es war Givos Treue und Untreue zugleich, sich ganz dem Augenblick -hinzugeben. In diesen Minuten war er so sehr Vögelchen zugeneigt, so -tief erfreut über ihre kindliche Aufgeschlossenheit, daß er selbst wie -ein Kind, das eben ein Geschenk erhält, nichts anderes sah als diesen -Menschen. Die ihm so flüchtig begegneten und seine Liebe erfuhren, -behielten ihn immer dankbar in ihren Herzen. Andere aber, die in seinem -Umkreise blieben, waren enttäuscht, ein anderes Mal ihn dann nicht -minder freundlich, aber dennoch anderem hingegeben zu finden, das sie -selbst ausschaltete in den Schatten seiner Liebe. Als Vögelchen zum -Abschied seinen Handkuß fühlte, glaubte sie das Paradies gewonnen zu -haben. Sie ging in andächtiger Gehobenheit an Mannsthals Arm. Nachts -schlief sie sanft und selig ein. Sie fühlte kaum die Liebkosungen -Adalberts und erwiderte sie nur leis in einem Zustand von Entrücktheit, -in den er sie um so leichter versetzen konnte, wenn sie freudig erregt -war. Aber ein zweites Selbst war in ihrem Schlummer verborgen, das ihm -verschlossen war. - - - - - Entscheidungen - - -Arabella erwachte spät am Morgen und als sie ans Fenster trat, erblickte -sie Konrad, der im Torbogen des gegenüberliegenden Hauses stand. Es war -ein kalter, klarer Tag. Er hatte keinen Mantel und fror. Die Krawatte, -die Vögelchen in der Rue de la Paix gekauft hatte, war ihm von -Marguerite kunstgerecht um einen Kragen aus künstlicher Leinwand -geschlungen worden. Vögelchen hatte ihn ja herbestellt, nun stand er -wohl lange schon unten. Sie rief Camill und erfuhr, daß Adalbert -ausgegangen sei und in einer Stunde wiederkehren würde. Da bat sie rasch -Konrad heraufzuholen. In einem Morgenkleidchen, selbst ein wenig -frierend, vor dem Kaminfeuer auf einem weißen Fell kauernd, empfing sie -den Gequälten, Verfehmten. Er stürzte vor sie hin und küßte ihre Füße. -Ein Zittern und Schluchzen ging durch seinen Körper. »Steh auf, ach, -steh doch auf,« sagte sie voll leisem Erbarmen und fuhr ihm mit den -kleinen, kalten Fingern durchs Haar. »Aller Qual Segen ist dieser -Augenblick,« sagte er und stand vor ihr auf und sein Lächeln war -Vergessen vieler Abgründe. Als sie zu sprechen begann und jene Frau -nannte, Marguerite, tauchte deren Bild wie aus fernem Hades auf. Er -wußte nicht mehr, daß er nachts in ihren Armen gelegen war, wie Arabella -nichts von Adalberts Liebkosungen mehr wußte. Aber sie sah Konrad in der -Ekstase, in die sie die Sehnsucht nach Givo versetzt hatte, und war gut -zu ihm. Geld nehmen wollte er nicht, doch er versprach ab und zu von ihr -ein Geschenk anzunehmen, einen warmen Mantel würde er nicht -zurückweisen, wenn er bis zum Einbruch des Frostes nichts verdient -hätte. Während er sprach, löffelte Vögelchen in ihrer Schokolade. Sie -bot ihm feines Backwerk, zartes Fleisch an. Wiewohl er nicht -gefrühstückt hatte, rührte er nichts an. Er trank nur ihren Blick, -nährte sich nur von der Speise ihrer guten Worte. War nicht alles plump, -leer und ihrer unwürdig, was er, der Erniedrigte, zu stammeln versuchte? -»Was wird nun aus Ihnen, Herr Prediger? Sie müssen jemand haben, der -Ihnen hilft,« sagte Arabella traurig. »Gehen Sie zu Frau von Twede, aber -sagen Sie nichts von mir, kein Wort, hören Sie. Aber gehen Sie zu ihr, -sie wird Ihnen Arbeit verschaffen. Nun müssen Sie gehen. Schreiben Sie -mir dann.« Und sie stand auf, reichte ihm beide Hände und nickte noch -von der Türe her. Sie eilte in ihr Zimmer zurück, um allein zu sein, so -stark übermannte sie wieder der Gedanke an dies wunderbare Wiedersehen -am Vorabend. Konrad sah ihr nach wie einem verlöschenden Stern. - -Nun geschah es, daß Adalbert krank wurde, kränker als er es bisher -gewesen. Er lag matt und abgezehrt und Vögelchen saß an seinem Bett und -hielt seine trockenen Fieberhände, aus denen ein unheimliches Feuer zu -knistern schien. Er blickte auf sie wie auf das Leben, das ihm -entflattern wollte. Sie liebte ihn so sehr in diesen Tagen, sie klagte -sich an, daß die Krankheit über ihn gekommen sei, weil nicht ihm mehr -ihr Gefühl zuströmen wollte wie bisher. Sie wußte, sie konnte es nicht -wenden. Daß sie Givo wiedergesehen, war ihr wie eine Bestätigung, wie -ein Wink von Gott, ihre Liebe wandle den rechten Weg und sei erhört. -Aber konnte sie nicht kraft dieser Liebe Adalbert heilen und auch -Konrads Hilfe sein, war sie nicht doppelt so stark jetzt? - -Zu dieser Zeit tauchte zum ersten Mal in Adalbert der Wunsch als Vorsatz -auf Vögelchen wegzusperren, sie irgendwie zu verklostern. Er meinte nur -so gesund werden zu können, wenn er Ruhe gewänne über sie. Sie nicht zu -sehen schien ihm qualvoll, sie neben sich zu haben ohne sie besitzen zu -können noch unerträglicher. Er wagte nicht mehr sie zu berühren. Angele -von Twede, von Arabella herbeigerufen, besuchte ihn. Sie riet ihm, ans -Meer zu reisen, auch sie würde gern für einige Zeit Paris verlassen. -Gleichzeitig erhielt er einen Brief von Vögelchens Mutter. Sie forderte -ihn auf Arabella unverzüglich in die Heimat zurückzubringen, -widrigenfalls sie sein ungesetzliches Treiben zur Anzeige bringen wolle. -Ein Pariser Advokat, dem offenbar die Angelegenheit übergeben worden -war, sandte zu ihm und forderte Erklärungen über Einzelheiten seines -Lebens und zeigte sich in erstaunlicher Weise unterrichtet. Mannsthal -wies ihm die Tür, aber er war unruhig fortan. War es nicht genug, daß -ihm seine Krankheit die Freude an Vögelchen verstörte! Alles schien sich -gegen ihn zu verschwören. Er witterte Feinde im Hause, sah sich umstellt -und ausgeforscht. Um dieser Mißlichkeiten Herr zu werden, mußte er zu -Kräften kommen. Ortsveränderung war zur Gesundung geboten. Oft sandte er -auch Vögelchen unter einem Vorwand aus dem Hause. Ihr Anblick schmerzte -ihn. Er wußte, daß sie von Givo träumte und daß er ihr vielleicht ein -Glück vernichtet hatte, ehe es zur Blüte kam. Dann war er dankbar, wenn -Angele kam und die bösen Geister bannte. Und ein neues Abenteuer lockte: -durch sie die Schwester jenes Gilbert an sich zu fesseln. Er sah nur -Vorteile in einer Verbindung mit dieser sanften, vornehmen Frau, die -nicht mehr brennen wollte wie Arabella und dennoch ein Glück in der -Gemeinschaft mit dem Manne noch ersehnte. Herr von Twede war -rücksichtvoll und feinfühlig, er hatte sie niemals verletzt, aber sie -erfror neben ihm und wußte, es war Zeit sich zu entscheiden. Hier war -ein Mensch mit außerordentlichen Gaben, von dunkler Vergangenheit -belastet, von Anfechtungen verfolgt, ein Mann, den man retten konnte, -wenn man sich selbst aufs Spiel setzte. Und sie hatte gespart, jetzt -wollte sie von ihrem Reichtum geben. So waren sie denn bald einig, zu -reisen. Was aber sollte mit Vögelchen geschehen? Angele war nicht -verlegen. Sie würde Givo zu sich bitten, der wußte immer zu helfen, und -Arabella selbst würde gern seinem Rate folgen. Sie erinnerte sich eines -Heimes, von dem er ihr einmal gesprochen. Keine Sorge, Vögelchen würde -ein Nestchen finden. - -Angele war Adalbert bald unentbehrlich. Ihre Nähe war Sänftigung aller -Selbstqual und sie beherrschte den Gang der äußerlichen Täglichkeiten, -denen Verwirrung drohte. - -Camill, der sich als Diener immer anständig gehalten hatte, begann zu -trinken. Der französische Wein hatte es ihm angetan. Da auch sonst Paris -mehr Gelegenheit zu Ausgaben bot und alles teuer bezahlt werden mußte, -wurde ihm bald sein anständiger Gehalt zu knapp. Aber auch die -Aufbesserung, die ihm sein Herr gewährte, reichte bald nicht mehr. Da er -als Mitwisser von Mannsthals Geheimnissen nicht Sorge trug, von diesem -angezeigt zu werden, begann er allerlei Unehrlichkeiten zu begehen, die -sich schließlich zum frechen Diebstahl steigerten. Nach wie vor war er -tadellos in Pflege und Bedienung, aber Adalbert hatte jegliches -Vertrauen verloren. Er sah in dem Dieb schon den Erpresser, der -bestochen worden war, um seine Beziehung zu Arabella auszuforschen. -Eines Tages, als ihm der Zustand unerträglich geworden, bezahlte er ihm -Lohn, Verpflegung und die Reisekosten in seine Heimat und entließ ihn -ohne Aufklärung. Nun fehlte er überall. Angele sandte ihre Beschließerin -und sie brachte einige Ordnung ins Haus. Die Abreise ans Meer aber wurde -nun um so dringlicher. - -Während dieser Zeit hatte Givo Arabella ein einziges Mal gesehen, der -Besuch seiner Mutter hatte ihn verhindert zu Angele zu kommen. Dies eine -Mal hatte er sie in der Nähe des Observatoire getroffen. Er zweifelte, -daß dies ein Zufall gewesen. Er war nicht allein und hatte sie nur -flüchtig gesprochen. Sie möge doch ihr Versprechen erfüllen und die -Sternwarte besuchen, er würde ihr bald schreiben. Aber er hatte bisher -nicht geschrieben. Vögelchen wartete. Sie fragte in Bangen jede Stunde -ab nach einer Botschaft. Ihm gegenüber war sie nicht das Kind, das -blindlings seinem Triebe folgt. Sie erinnerte ihn nicht an seinen Brief, -sie erschien nicht unaufgefordert, sie wartete. Durch Frau von Twede -fühlte er sich an sein Versprechen gemahnt und sogleich empfand er Lust -ihr zu schreiben. Er sah sie mit einem Mal hilflos allein, wie damals am -Pont Neuf, Sehnsucht, sie zu beschützen, erfüllte ihn, Reue, daß er den -Trost seines Briefes ihr vorenthalten. Er ging umher und hatte Vögelchen -mit sich. Er wußte, wo er es bergen würde. Sie war die erste Heimatlose -nicht, für die er Asyl Gloriot wählte. Immer war er von Wehmut und Liebe -erfüllt, wenn er einen neuen Schützling der kleinen Anstalt empfahl, bei -deren Gründung und Erhaltung er mittätig gewesen war. Das Asyl war dazu -bestimmt, Kinder aus unglücklichen Lebensverhältnissen aufzunehmen. Da -eine bestimmte Summe beim Eintritt bezahlt werden mußte, war die Anstalt -nur den besitzenden Klassen zugänglich. Sie war auch in der Aufnahme der -Zöglinge beschränkt, damit der Charakter eines Heimes gewahrt bliebe. Es -wurden Kinder ohne Unterschied des Alters, auf jede Dauer und mit der -Erlaubnis, immer wieder in das Asyl zurückkehren zu dürfen, aufgenommen. -Givo, der die Erziehungsresultate des Asyls kannte, zögerte niemals, es -zu empfehlen. Von anderen Pensionaten war es, abgesehen von den -andersartigen Aufnahmebedingungen, durch den ihn leitenden Geist -unterschieden. Wer das Asyl kennen wollte, mußte allerdings Cecile -Gloriot kennen. Givo gedachte ihrer nie ohne Erhebung. Und dennoch, ihm -ward weh ums Herz. Ausgestoßene, bedrohte Kinder waren es, die man ihr -sandte, die sie durch ihre Mütterlichkeit errettete und erwärmte. Sollte -auch dieses teure Mädchen den Stempel der Unglücklichen und Heimatlosen -tragen? Fast hätte sie es überstanden, fast wäre sie heil und stark ins -wache Leben getreten, sie war ja beinahe erwachsen, da lauerte der Dämon -auf dem letzten Ende ihres kindlichen Weges und drohte sie zu -überfallen. Denn mehr wußte Givo nicht, als daß Mannsthal nicht -väterlich für sie empfand und daß die Mutter sie ihm vor Jahren -überlassen hatte, so daß sie jetzt Vögelchen nur eine peinliche Fremde -war. Nach kurzer Überlegung verstand er Angele. Sie und er sollten sich -in die Arbeit teilen. Sie wollte den Mann, er sollte das Mädchen in -seine Obhut nehmen. Wie aber sollte er es dem Mädchen sagen, dem zarten? -War es nur Vorwand, wenn er ihr schrieb, daß er litte, sie im wirren, -betörenden Paris so schlecht behütet zu finden, daß er sie gern bei -einer mütterlichen Freundin wissen wollte? Nein, er fühlte wahrhaftig -Besorgnis und eine Zärtlichkeit des Gedankens für sie, die er bisher nur -bei den Begegnungen empfunden hatte. Gerne hätte er sie lebendig bei -sich gehabt und warm in die Arme geschlossen, an seiner Brust geborgen. -Zugleich aber fühlte er sich unwürdig vor ihr und seiner dunklen Wege -bewußt. Er war in den Straßen umhergegangen, nun trat er in ein -Restaurant; ließ sich Schreibzeug geben und begann seinen Brief, dessen -Buchstaben an alte Schriftzeichen erinnerten: - -»Arabella, liebe Kleine, ich darf so sagen, darf Mademoiselle weglassen. -Seele zu Seele sagt nicht Name und Würden. Wollen Sie in mein -Sternenheim kommen, nein, das meine ist es nicht allein, ich teile es -mit vielen Wißbegierigen und es ist großer Geister Stätte gewesen. -Wollen Sie nun kommen? Oder sind Sie durch Monsieur Mannsthals -Unpäßlichkeit ganz an ihn gefesselt? Sie sollten ihm raten ans Meer zu -gehen. Die Wellen und Winde bringen große Botschaft, darin des Einzelnen -Wehe ertrinkt. Er wird dort Gesundheit finden. Sie selbst aber sollten -bei Frauen sein und unter gleichaltrigen Jungfrauen und unter Kindern. -Ich wüßte sie gern geborgen bei meiner Freundin Cecile Gloriot, einer -ausgezeichneten, liebreichen Frau, die Ihnen Ruhe und Freude geben wird. -Ich werde Frau von Twede bitten bei Herrn Mannsthal Fürsprecherin dieses -Planes zu sein. Was meinen Sie dazu, Seelchen? Ach ja, ein Seelchen sind -Sie, aber unter Cecile Gloriots Sonne werden Sie Seele werden. Kommen -Sie oder schreiben Sie mir Antwort. Ich bin Ihr treuer Diener - - Imanuel Givo.« - -Der Kellner stellte das Essen vor ihn hin. Er nahm sein schlichtes Mahl. -Dann trug er selbst den Brief in Vögelchens Haus. - -Vögelchen erwartete Antwort von Konrad. Indessen kam Marguerite. Sie -hätte ein Anliegen an das Fräulein. Ob man denn auch ungestört sprechen -konnte. Arabella schloß die Tür ihres Zimmers und hieß sie Platz nehmen. -Das Mädchen sah bei weitem besser aus in ihrem einfachen Straßenkleid -als in dem grellen Schlafrock, in dem sie Vögelchen zum ersten Male -gesehen. Es bat höflichst, die Belästigung zu entschuldigen und käme -ohne Konrads Wissen. Der arme Junge sei zu stolz von dem Fräulein etwas -anzunehmen, sie aber, Marguerite, wisse, woran es ihm fehle, und sie -würde ihm gern das Nötige besorgen. Leider befinde er sich gar nicht -wohl, seit dieser Deutsche zu ihnen käme. Es sei wohl der entlassene -Diener. Sie wolle dem Fräulein durch diese Mitteilung ihre Ergebenheit -beweisen. Der Diener spreche gemeine Dinge über sie und verleite Konrad -zum Trunke. Sie hätte nun Aussicht einen kleinen Laden zu übernehmen und -würde Konrad bei sich anstellen, wenn das Fräulein ein wenig beisteuern -wollte, das würde ihn auch dem schlechten Einfluß dieses Custove -entziehen, der überdies Konrad von ihr trennen wollte, um ungestört ihn -zu Schlechtigkeiten zu verleiten, für die sie nicht zu haben wäre. Die -beiden hätten auch beschlossen das Fräulein zu entführen. Vögelchen war -es, als würge sie etwas am Halse. Sie ging zu ihrem Schrank, nahm etwas -Geld. »Das ist alles, was ich habe.« »Besten Dank,« sagte Marguerite, -ein wenig kühl. »Ich bin selbst arm,« sagte Vögelchen, das Wenige -entschuldigend. »Oh, Sie und arm; wenn man einen älteren Mann hat, der -reich ist, ist man nicht arm. Ob sie sich denn nichts für später -zurücklege -- es sei kein Verlaß auf die Männer --« Vögelchen -schauderte. Sie verstand nicht den vollen Sinn dieser Worte, aber etwas -Häßliches kroch an sie heran, das ihr Leben verunstalten wollte. »Bitte, -gehen Sie jetzt,« sagte sie. »Mein Verwandter kann mich jeden Augenblick -rufen. Ich möchte nicht, daß er sie sieht. Sagen Sie Konrad, ich hätte -ihm geraten zu einer Dame zu gehen. Ist er nicht dort gewesen?« - -»Nein, er traf sie nicht an, er will nicht lästig fallen.« - -»Mich aber will er überfallen und davonschleppen. Oh, gehen Sie, ich -will allein sein, will nichts mehr wissen von ihm.« - -Sie setzte sich hin und weinte. Sie weinte ihr Leid um Va, um ihre -Kindheit, um Konrad und sie weinte um Givo, von dem sie sich vergessen -glaubte. Sie fürchtete sich. Sie war sehend geworden ohne wissend zu -sein. Sie litt in dumpfer Anklage. An den folgenden Tagen saß sie fast -immer bei Mannsthal. Es war besser bei ihm zu sein, da schwieg der Groll -gegen ihn. Und hier konnte keiner sie fortreißen, wenn auch Va zu -schwach war sie zu schützen. Sein Wille bannte die Bedrohung von innen -und außen. Wäre nicht Angele aus- und eingegangen mit leise -schlichtendem Walten, im Hause und an Adalberts Liegestätte verweilend, -hätte Vögelchen sich unentbehrlich gefühlt und daraus wieder Kraft -gewonnen. So aber war sie auch vor sich selbst nur ein bleicher Schatten -von dem, was sie noch in den ersten Tagen des Versailler Aufenthaltes -gewesen. Sie schlief nicht und ging wenig aus. Seitdem sie sich vor -Konrads und Camills Anschlag fürchtete und diese Furcht in sich -verschloß, aß sie auch nur notdürftig mehr. Angele fütterte sie wie ein -Hühnchen. Givos Brief kam, als ihr Angst und Sehnsucht die Kräfte zu -erschöpfen drohten. Sie las den Brief, las ihn abermals, sann vor sich -hin, drückte ihn ans Herz. Wie ein Gebet war ihr Dank. Ja, sie wollte -alles, was er wollte. Er war ja ihr Schutzgeist. Oh, daß sie zu ihm -durfte, endlich! Leise schlich sie in Adalberts Zimmer. Es war zehn Uhr -abends, er schlief. Rasch warf sie über das weißwollene Hauskleid den -Pelz, schlang einen Schal aus spanischer Spitze um ihr Haar und eilte in -die nächtlichen Straßen hinab. Konrad, der vor dem Hause gestanden war, -folgte ihr. Die Straße war einsam, sie hörte Schritte hinter sich, sie -fühlte im Rücken, daß sie verfolgt wurde. Sie wagte nicht sich -umzuwenden. War es einer, waren es beide, er und Custove? Konnte sie -rascher sein als ihre Feinde? Wohin fliehen? Alle Haustore waren -verschlossen. Zu ihm, zu ihm! Nun brach Licht vom Boulevard des -Invalides, nun kamen Menschen, Lokale leuchteten auf, aus denen Lärm -drang. Vielleicht war der Verfolger jetzt dicht hinter ihr. Mit letzter -Kraft rief sie einen Droschkenkutscher an. Ein Wagen hielt: -»Observatoire«, hauchte sie. Sie war geborgen! - -Givo war nicht da. Möglich, daß er noch käme. Man führte sie in einen -Saal nächst der Kuppel. Im Halbdunkel saß sie, schauernd vor Angst noch -und Erwartung. Sie wartete. Es war kühl, sie hüllte sich dicht in ihren -Mantel. So schlief sie ein. Gegen Mitternacht kam Imanuel. Der -diensthabende Diener war gegangen, der ihn ablösende wußte nichts von -des jungen Fräuleins Anwesenheit. Givo setzte sich an seinen -Schreibtisch und sah die Abendpost durch. Dann ging er auf und ab, wie -er bei vorbereitender Arbeit zu tun pflegte. Auf einer dieser -Wanderungen kam er hinaus in die Halle bis zu der Bank, die von dem -Fundament eines eingebauten Fernrohres beschattet war. Da sah er die -Schlafende. Ihr Kopf war zur Schulter herabgesunken, die Wimpern -dunkelten über die bleichen Wangen, die Hände lagen hilflos still und -wehrlos gefaltet über den Knieen, die Haare hatten sich ein wenig gelöst -und quollen aus den Spitzen auf den Pelz des Mantels. Ihr Atem ging -ruhig und friedvoll wie der eines müden Kindes, das traumlos -eingeschlummert ist. So war sie denn ohne Säumen gekommen und hatte, -seiner wartend, ihre kindliche Schlafensstunde eingehalten! Er rührte -sich nicht, er atmete leiser, er stand vor ihr und mühte sich nur ganz -sacht sie zu betrachten, daß auch sein Blick nicht ihren Schlaf unsanft -berühre. Sehr müde mußte sie sein! Die Lippen waren wie im Schmerz -herabgebogen. Wie gern hätte er im Kuß ihre bange Starrheit gelöst. -Ärgerlich über eine Störung fuhr er auf. Ein Knirschen deutete an, daß -die große Kuppel aufgerollt wurde. Es war Mitternacht und die Wende, wo -man die Novemberschwärme suchte. Mit dem bestirnten Blau der Nacht -schwebte vielstimmiges Glockenläuten in den Raum. Die Kirchtürme von -Paris sandten am lautesten und klarsten den nächtlichen Arbeitern der -Sternwarte ihre tönenden Grüße. Givo kannte sie alle, dies war die -Stimme der Jacqueline Montague, der Glocke von Notre Dame, deren Tore -sein astronomischer Ahne Dupuis vor der Verwüstung der Revolution -beschützt, da war der ein wenig heisere Klang von Julien le Pauvre, der -wie der Ruf eines alten Mannes war, das helle kindliche Läuten wohl von -St. Gervais, die schallenden Rufe der Madeleine, dann ein banges, -mahnendes Klingen von weither. Er wußte, jetzt kam dieses und nun tönten -jene beiden zusammen und dann wie eine, die sich verspätet hat, lief aus -der Ferne noch wie in zärtlicher Sorge eine feine Glockenstimme daher, -die er Cecile nannte. Dann kam die Stille der Nacht, die Lichter der -Stadt funkelten wie ängstlich, die roten Laternen der kleinen -Seinedampfer erloschen, das Raunen von Paris erstarb, auch die ewig -wache Stadt schien mählich zu schlafen. Nun aber gingen Türen, eine -Zimmerglocke läutete. Hier war man wach zur Arbeit. Arabella schlug die -Augen auf. Givo trat rasch zur Seite. Sie sollte nicht erschrecken, -sollte sich nicht im wehrlosen Schlaf Blicken preisgegeben fühlen, doch -sollte sie ihn gleich bemerken, damit sie in fremder Umgebung nicht -erschrecke. Als er sich wandte, saß sie aufrecht und blickte ihn an. Er -erinnerte sich später immer wieder dieses Ausdruckes ihrer Augen. Er -schien aus Meertiefen zu kommen, der feuchte Glanz unendlich dunkelnder -Tiefe und die unbewußte gefährliche Schönheit einer rätselvollen Welt -war in ihm eingefangen wie in einem einsamen Teich, der Nixen und -vorzeitliche Tiere spiegelte. - -»Haben Sie Hunger?« fragte er und lächelte ihr zu. Er wollte sie -freundlich in die Wirklichkeit zurückrufen. - -»Ich habe geschlafen,« sagte sie. »Ich bin ein wenig müde gewesen all -die Zeit, das war wohl der Grund. Ich lief so sehr, man verfolgte mich« --- nun war die Furcht wieder da, aber ebenso rasch schwand sie. Lächelnd -streckte sie ihm die Hand entgegen, die er mit beiden Händen ergriff. - -»Hier verfolgt Sie niemand, Seelchen,« sagte er. - -»Wie schön es hier ist, welch schöne bestirnte Decke. Oh, ich habe die -Sterne so lieb. Man wird so arm in der Stadt. Auf dem Lande da haben -auch die ganz armen Leute die schönen Dinge.« - -»Cecile Gloriot hat einen großen Garten und dort werden Sie geborgen -sein. Niemand wird Sie verfolgen. Kein häßlicher Brief darf dort zu -Ihnen.« - -»Und Sie, werden Sie mir schreiben?« - -»Ich werde Ihnen schreiben und werde Sie besuchen.« - -»Sie schrieben so lange nicht.« - -»Ja, das ist nun vorbei. Von nun an werde ich häufig schreiben und, wenn -dann einmal eine Pause eintritt, werden Sie wissen, er denkt doch an -mich, der Herr Sterngucker. Wollen Sie einmal durch das große Fernrohr -sehen? Es ist nur neun Meter lang und reicht bis in den Himmel.« - -Er führte sie im Gebäude umher, erklärte ihr Apparate und Pläne. -Plötzlich hielt er inne. »Nun haben Sie mir meine erste Frage noch immer -nicht beantwortet. Haben Sie Hunger?« - -Sie nickte. - -»Kommen Sie. Ein wenig Zwieback ist vorhanden, einige Krumen für ein -Vögelchen.« - -»Wissen Sie, wer auch sehr, sehr gut ist?« sagte sie. »Urbacher und -Karinski.« Und sie erzählte ihm von den beiden, während sie mit ihren -länglichen schmalen Zähnen am Zwieback knabberte. »Glauben Sie, daß Va -mich zu Ihrer Freundin fahren läßt? Ach nein! Und was wird dann aus -mir?« Sie berichtete ihm all das, was Marguerite ihr gesagt. Von Konrad -mußte sie ausführlich erzählen. Givo schrieb, während sie von ihm -sprach, auf einen kleinen Block einige Worte nieder. Als er genug wußte -und Arabella sich blaß gesprochen hatte, sagte er: »Ach, das Seelchen -ist schon müde. Ich bringe es nach Hause.« Sie gingen in die Stadt -hinaus. Die Straßenlaternen waren verloschen, leer glänzte der Asphalt -wie ein grüner See. Schwerpolternd kamen ab und zu die breiten -Gemüsewagen angefahren, die zu den Hallen rollten; ein scharfer Duft von -Kräutern mengte sich plötzlich in die Nachtluft. Vor den Cafes standen -umgestürzt die Sessel an den Marmortischen, manchmal umschlich sie eine -müde Gestalt und stocherte mit einer Gabel nach Tabakresten. An den -geschlossenen Kiosken lehnten Dirnen in leisem Gespräch und duckten sich -in ihren Schatten, wenn der Schutzmann vorüberkam. Aus einer Nebengasse -schrillten plötzlich Pfiffe, eine Gestalt lief quer über den Damm, dann -ward es wieder still und sie hörten ihr eigenes Schreiten. Er wollte in -einem Wagen sie rascher zur Ruhe bringen, vielleicht auch erwartete man -sie. Es kam keiner. Ihr war es um so lieber. Wäre der Weg nur länger -noch gewesen! Es ward nun ausgemacht, daß er mit Mannsthal sprechen -würde, nachdem Angele von Twede ihn vorbereitet, und daß er dann selbst -sie zu Cecile Gloriot bringen würde, die er lange nicht gesehen. Als sie -bei ihrem Haustor angelangt waren und er schon die übliche Aufforderung -an den Portier zur Öffnung des Tores hatte ergehen lassen, ergriff -Vögelchen seine Hand, zog ihn heftig näher und rascher, als er es wehren -konnte, drückte sie einen heißen Kuß auf seinen Mund. Dann verschwand -sie mit leuchtendem Blick, ihn noch einmal umfassend, in der Dunkelheit -des Flures. - - - - - Konrad an Hedwig - - - »Wenn Du nicht Mensch mehr - bist und Dich verleugnet - hast, - So ist Gott selber Mensch - und traget Deine Last.« - - (Angelus Silesius.) - -Zwei Wochen nach diesem Abend etwa schrieb Konrad an Hedwig: - -»Liebe Schwester, als ein anderer Mensch schreibe ich Dir heute als der -alte vielleicht. Ich habe reine Wäsche, ich trage ordentliche Kleider, -ich verdiene vorläufig durch Abschriften wissenschaftlicher Arbeiten -Frühstück, Abendessen und Wohnung. Den Mittagstisch habe ich frei. Ja, -der Mittagstisch, so begann es. Ich bekam vor zehn Tagen die -Aufforderung, mich um zwölf Uhr bei Frau Calou, rue de quatre Portes, -zum Speisen einzufinden. Wenn der Magen leer ist, besinnt man sich nicht -lange, auch eine fast anonyme Einladung anzunehmen. Ich fand einen -kleinen Saal, in dessen Mitte eine sauber und schlicht gedeckte Tafel -wie in einem privaten Speisehaus seine Gäste erwartete. Nebenan war ein -Arbeitszimmerchen. An einem Schreibtisch saß inmitten von Rechnungen und -Briefen Frau Calou, eine grauhaarige Vierzigerin mit derben Zügen und -den lebhaftesten, gütigsten Augen, die ich jemals sah. Die Art, mit der -sie mich aufnahm, war die eines Untersuchungsrichters. »Ihr Fall wurde -mir von einem Mitglied des »Sozialen Dienstes« gemeldet, die Recherchen -wurden heute beendigt.« Und nun rollte sie mein Leben auf, mein -erbärmliches Leben. »Wollen Sie wieder ein anständiger Mensch werden?« -fragte sie. »Ja,« sage ich. »Dann ist unser Geschäft gemacht,« ruft sie -aus. »Sie finden sich täglich um halb ein Uhr hier zum Mittagstisch ein, -Sie wählen ein Zimmer bei einer der vorgeschriebenen Vermieterinnen, Sie -übernehmen vorläufig Schreibarbeiten für M. Tallandre vom Observatoire, -der aus einem ziemlich unleserlichen Manuskript eine anständige -Abschrift wünscht. Diese Arbeit wird Sie einen Monat in Anspruch nehmen, -wobei Sie Ihre Privatstudien verfolgen können. Sie erhalten täglich zwei -Francs von M. Tallandre, dem Sie Ihre Arbeit wöchentlich abzuliefern -haben, weitere drei Francs von einem unbekannten Wohltäter, von denen -ich 1 Francs für Ihre Bekleidung, die ich besorge, zurückbehalte. Nach -der Schreibarbeit werden Ihnen, falls Sie diese anständig verrichtet -haben, neue Wege offen stehen. Jedenfalls ist zwei Monate lang für Sie -gesorgt. Die Recherchen bleiben aufrecht. Wenn man Sie wieder mit dem -Trunkenbold antrifft, verlieren Sie alle Begünstigungen, desgleichen -wenn Sie die Wege jenes Mädchens aus Ihrer Heimat kreuzen. Gegen Ihre -Beziehung zu der Aupin ist nichts einzuwenden, wenn Sie dort nicht -anders verkehren als irgend einer ihrer anderen Kunden. Sie sehen, wir -sind nicht strenge. Aber wir sind rachsüchtig. Verfallen Sie in Ihre -vormalige Lebensweise, so verfolgen wir Sie und erwirken, daß Sie -bestraft oder in Ihre Heimat abgeschoben werden. Sie sind uns verfallen. -Nun blicken Sie nicht so düster. Ich hoffe, dieser Blick gilt Ihrer -Vergangenheit, nicht der Zukunft, die wir Ihnen ebnen wollen. Und nun -gehen Sie in den Eßsaal und guten Appetit. Man lärmt schon drinnen. -Unsere Schützlinge versammeln sich. Es ist hier nicht Sitte, daß einer -dem anderen von seinem Schicksal erzählt. Wir haben hier lediglich -Hungrige, Schwächliche des Lebenskampfes, Rekonvaleszente, Entgleiste. -Niemals war ein Fall hoffnungslos, den wir behandelt haben. Aber wir -wollen durch schlechte Beispiele und Depressionen nicht unsere Arbeit -erschwert finden. Deshalb fordern wir Diskretion. Auf Wiedersehen bei -Tisch.« Dies alles war trotz aller Schroffheit so gütig vorgebracht. Ich -drehte meinen Hut in der Hand wie ein Bettler, der aus Rührung und -Beschämung keine Worte des Dankes findet. Man schob mir noch ein -Zettelchen hin, auf dem Adressen von Wohnungen standen, unter denen ich -zu wählen hatte. Dann stand ich in dem Saal. Es waren etwa -fünfundzwanzig Menschen da, Frauen, Mädchen, Studenten, ein alter Mann, -zwei Kinder. Ein Mädchen hatte einen dreijährigen Jungen neben sich -sitzen, mit ernstem ältlichen Gesicht, er war musterhaft brav, benahm -sich wie ein Erwachsener. Er glich ihr, offenbar war es ihr Kind. Ich -mußte an Deinen Jungen denken, Hedwig, und an Deine bösen bangen Zeiten, -in denen Dir nicht geholfen ward wie dieser dort. Und daß Du allein bist -und unbeschützt, will ich an ihr gut machen, damit auch Dir geholfen -werde. Seither sind wir einander nähergekommen, haben vergangenen -Sonntag einen Ausflug miteinander gemacht. Der Kleine hat sich sehr an -mich angeschlossen. Er sitzt nun neben mir bei Tische. Frau Calou -präsidiert der Tafel. An jenem ersten Tage fand ich bereits meinen Namen -an einem der Plätze neben einer Frau Lövgard (einer Übersetzerin, die -mir riet, meinem Gelehrten anzutragen die Arbeit von mir ins Deutsche -übertragen zu lassen, was ich denn auch mit Erfolg vortrug). Mein -zweiter Nachbar war ein Mediziner, der über die Schädlichkeit des -übermäßigen Alkoholgenusses kürzlich eine preisgekrönte Abhandlung -schrieb. Ich vermute, daß er selbst Trinker war. Nach dem Essen werden -des Sonntags kurze Vorträge veranstaltet. Auch ich werde sprechen über -ein historisch-theologisches Thema. - -Marguerite machte eine »Szene«. Sie verstieß mich, aber tagsdarauf paßte -sie mir auf und fragte mich, wie ich mit der neuen Wohnung zufrieden -sei. Ich war und bin es durchaus. Wir verabredeten ein Wiedersehen, sie -hielt es nicht ein. Schließlich bin ich wieder unter einem Vorwand zu -ihr gegangen. Ich habe mit Frau Calou über sie gesprochen, aber sie -sagte, daß solche Fälle immer hoffnunglos seien. Sie erzählte mir, daß -Marguerite bei Ariel gewesen und Geld für mich erpreßt habe. Von dem -Geld habe ich nichts bekommen. Mein armer Ariel, er ist fort. Ich weiß -nicht wohin. Ich habe ihn vertrieben, ich käufliches Untier. Aber -erreicht ist es doch: ich habe sie von dem Verführer getrennt, meine -Mission ist erfüllt, ihre Mutter hat mich nicht umsonst bezahlt. Ein -neues Leben kann beginnen. Und Du, Hedwig, die ich anfülle randvoll mit -meinen Schicksalen, sag' auch Du mir Deine Mühsale. Deinen Briefen danke -ich es, daß ich in diesem Schlamm nicht völlig erstickte und meiner -Rettung aufgespart blieb. Ich küsse Deine Dulderhände und bin in Treue -Dein - - Bruder Konrad, der Narr. - -_P. S._ Finde Zeit zu Doktor Urbacher zu gehen und ihm von Arabella zu -erzählen. Es könnte vorteilhaft sein diese Verbindung anzuknüpfen.« - - - - - Asyl Gloriot - - -Der erste Frühschnee lag wie ein Flor auf den alten Bäumen, die den -großen Bauernhof umstanden, den Cecile Gloriot zu einem ihren Zwecken -aufs beste entsprechenden Wohnhaus umgewandelt hatte. In der Diele -brannten schon im großen Steinkamin die wohlriechenden Holzscheite. Es -war halb zwölf Uhr. Anna Bergmann, Ceciles Stellvertreterin, eine -hellblonde Deutsche, saß vor einem Wäschekorb, der mit Nüssen angefüllt -war. Fräulein Anna erzählte selbsterdachte Märchen. - -Cecile Gloriot war in die nahe Stadt gefahren, um Einkäufe zu erledigen. -Ihre Post lag auf dem Tisch bereit, der unter der Stiege, die zu den -Schlafräumen führte, an dem blumenbesetzten Fenster mit den weißen -Mullvorhängen stand. Man erwartete Tante Cecile für den Nachmittag. - -Eine hellklingende Glocke rief um zwölf Uhr alle Bewohner zu Tische. Ein -Säugling und ein Zweijähriges blieben mit der Amme auf dem Zimmer. Vor -dem Essen mußte immer ein anderes Kind ein paar selbstgewählte -Dankesworte an Stelle eines Tischgebetes sagen. Heute war die Reihe an -Gil Colombe. Sie stand auf, lächelte zuerst zu Fräulein Anna hin, die -heute an der Spitze der Tafel saß, und sagte dann: »Wir freuen uns schon -auf das gute Essen und denken an alle armen Kinder, die nichts haben.« -Kathlin, die Rothaarige, stieß sie an. Nini blieb eine Weile noch stehen -und wehrte sich gegen Kathlins Einflüsterung. Aber sie blieb die -Schwächere und sprudelte noch hervor: »Und wir hoffen alle, daß Tante -Cecile auch ein gutes Mittagessen hat und recht gute Sachen aus der -Stadt mitbringt.« Nini sah stolz umher und viele Bravos beglückwünschten -sie. Gil, ihr jüngeres Schwesterchen aber, die sie abgöttisch liebte und -ihren neunjährigen Geist maßlos bewunderte, war ganz blaß vor Staunen -über Ninis Kühnheit. Die Kinder setzten alle einen Stolz darein, ein -möglichst originelles Tischgebet zu sprechen, aber Witze waren verboten. -Nun, dieser ging durch. Fräulein Anna lächelte sogar. Gaston hatte -einmal gesagt: »Komm, Herr Jesus, und sei unser Geist und segne unsere -Creme und Tante Cecile dazu.« Und Philipp, der schon galant war, hatte -gerufen: »Und lasse auch Taute Anna nicht leer ausgehen.« Helene aber -hatte gebetet. »Hab' Dank, lieber Gott, für Speis' und Trank und bescher -sie mir mein Leben lang. Und schenke Tante Anna einen Bräutigam und mir -auch einen.« Es dauerte auch nicht lange und Tante Anna hatte einen. Er -hieß Felix Blanc, war leitender Arzt des städtischen Spitals, ein junger -Gelehrter, der im Asyl Gloriot erschien, wenn einer seiner Schützlinge -erkrankte. Er hatte Anna lieben gelernt, als er sie Kathlin Drew während -einer langwierigen Krankheit aufopfernd pflegen sah. Als das Verlöbnis -geschlossen ward, meinte lächelnd die ernste Clothilde, Helenens Wunsch -habe geholfen. Doktor Blanc erfuhr überdies, daß die kleine -Wunschträgerin in Anna nach der Art kleiner Mädchen verliebt sei, und -dies sicherte Helene sein besonderes Interesse. Er fand sie blaß und -über Gebühr müde und reizbar. Bald glaubte er mit Hilfe Annas die -Ursache zu kennen. Helene war aufrichtig. Sie gestand ihr kleines Laster -und versprach Besserung. Aber sie war nun oft von Schwermut befallen, -weil Anna nicht mehr ihr gehörte. Sie sehnte sich nach einem sicheren -Besitz. Bald sollte ihre Sehnsucht Erhörung finden. - -An dem Tage nun, da Cecile Gloriot erwartet wurde, übte Anna mit den -Kleinen die Lieder, die Clothilde und Helene mit ihrer Hilfe gedichtet -und Cecile vertont hatte. Die kleine Gil war gerade dabei, mit ihrem -zarten Stimmchen als Nixenbaby, mit einem Schilfkranz um das Köpfchen, -ihre Ansprache an Helene, die Nixenmutter, zu halten, als man draußen -Cecile Gloriot vorfahren hörte. Gleich hatte der Mummenschanz ein Ende, -alles drängte Tante Cecile entgegen. Seltsam, sie sah selbst aus wie ein -Kind, ein zartes Mädchen, das Schutzes bedurfte, obwohl ihre Haare grau -waren. Aber hinter dieser Zartheit verbarg sich eine eiserne Tüchtigkeit -und eine unversiegbare Hilfsbereitschaft. Ihre Stimme war tief und -klangvoll, als käme sie aus einem anderen Körper. Ihr entsprachen -Haltung und Geste. Die Augen aber, die stahlgrauen, schwarzgeränderten, -waren ein Wunder von Innigkeit und sanftem tiefen Wissen für alles, was -sie sah und ahnte. Niemals ratlos, doch stets bereit Rat zu empfangen, -schien sie nichts zu bedürfen und nahm dankbar an. Sie erwarb jedermanns -Zutrauen, weil geheime Brücken von ihrem Herzen zu dem der anderen -führten. Wie Givo hatte sie nur einen Ausweg gehabt, ihr Allwissen über -die Menschen und ihre geheimsten Instinkte und seelischen Schicksale in -werktätige Liebe zu verwandeln. Das Wissen hätte sie zum Wahnsinn -getrieben, die Verachtung gewürgt, der Ekel beschmutzt, hätten sie nicht -Weisheit, Gerechtigkeit, Liebe das Mitleben gelehrt. Sie wußte, daß es -nichts Verläßlicheres gab, nichts, was die vernichtenden Grausamkeiten -der Natur und Unnatur, nichts, was die Verzweiflung und den Wahn, der -hinter allem triebhaften Geschehen, hinter aller Raserei der Selbstsucht -lauerte, beschwichtigen konnte, als Demut und Liebe und der -allumfassende Blick der Erkenntnis. Aber sie wußte von all dem nichts -mehr. Die Motive ihres Wirkens hatte sie vergessen oder wollte sie auf -immer vergessen haben. - -Cecile und Anna schritten der Diele zu. Anna berichtete über kleine -Vorfälle. »Ja, danke, nun geh aber und ruh' dich aus.« - -»Nein, du wirst müder sein, Cecile.« - -»Niemals, du weißt es. Sehen wir noch die Post zusammen durch.« - -Ein Stoß Briefe. Cecile stand in brieflichem Verkehr mit allen -Schützlingen, die das Asyl verlassen hatten und deren Asyl die Briefe -Ceciles geblieben waren. Sie hatte überdies viele Freunde, Gelehrte, -Künstler, Arme, Kranke. »Von Givo!« rief sie nun und vor allen anderen -öffnete sie seinen Brief. »Endlich wieder einmal.« Sie las: »Liebe -Celia, so lange schwieg ich, aber Du weißt, daß ich in Gedanken Dir -nicht schweige. Wie oft entbehre ich eine Aussprache mit Dir. Jetzt war -meine Mutter da. Es war der alte Kampf auf beiden Seiten, jeder wollte -dem anderen verbergen, wie unmöglich es ist des anderen Wünsche mit den -eigenen zu vereinen. Ich soll in ihre zweite Heimat, nach Deutschland -zurück, dort nach unserer Sitte ein Mädchen unserer Sippen heiraten und -sie zur Großmutter machen. Ich hingegen wünschte, sie richtete sich in -Paris ein für mehrere Monate des Jahres. Aber sie liebt Paris nicht, -weil sie nicht durch innere Arbeit imstande ist, den vielen Tand, die -große Geste des Kleinen zu übersehen und zum Menschlichen zu gelangen, -das dort am stärksten sich zur Wirkung bietet, wo es am freiesten und -dichtesten gemengt seiner eigenen Tragik zu unterliegen droht. Daß -gerade dieser vorletzte Augenblick der Drohung mein Augenblick (und auch -der Deine, Celia) ist, das kann sie nicht, will sie nicht miterleben, -dazu ist sie zu untadelhaft, zu kühl, zu sehr von einem starken Gatten -gefestigt gewesen, um diese Niedergänge so rasch zu fassen, als er -nötig, denn ihre Strenge würde sie immer zu spät kommen lassen. Bis ihre -Einsicht sie überwunden hätte, wäre alles verloren. Sie würde mich -hemmen, weil sie zu wach ist und doch nicht überwach, hellsichtig wie Du -etwa. Aber sie ist nicht weise genug, um wach sein zu dürfen. Wie wenig -Frauen sind es auch noch außerhalb ihrer utilitaristischen Duldsamkeit! -Es gibt keine Cecile Gloriots und wenige, die ihr nur nahe kommen. Oh, -wie menschlich wertvoll ist sie aber dennoch, meine Mutter, wie klar und -rein, daß ich erschauere über diese Möglichkeit. Ich werde ihren Willen -erfüllen, wenn sie älter ist, ich bin es ihr schuldig, Kinder zu haben -und die Regeln der Väter, denen ich so viel verdanke, zu erfüllen. Aber -noch kann ich es nicht. Es ist genug geopfert schon heute, daß ich diese -vorgebaute Zukunft weiß. Ich wage nicht ein weibliches Wesen an mich zu -binden und liebte es mich noch so selbstlos, weil ich weiß, daß meine -Mutter für mich wählen wird eine in unseren Regeln Aufgewachsene, die -jung und seltsam aus Frauengemächern zu mir kommen wird. Oder ist es -Gleichgültigkeit gegen das Einzelne. So ist mir alles mit Frauen -episodenhaft und oft doch schmerzlich, um so süßer auch. Ich bringe Dir -ein Mädchen, das so recht Deines Asyls bedürftig ist. Vielleicht ist es -auch gut, daß es nicht in meiner Nähe bleibt. Auch ich könnte ihr -gefährlich sein, der Gefährdeten. Ihr Fall erinnert flüchtig an den von -Kathlin Drew, deren verwitwete Mutter von ihrem Stiefvater in Liebe -verfolgt wurde, bis sie sich ihm ergab, nur daß die Verfolgte, die -willig Verfolgte, diesmal Dein Schützling selbst, ein halbes Kind ist, -das bei Dir geborgen werden soll, um seiner selbst und des Vaters -willen. Es ist ein zartes, nicht einzuordnendes Wesen. Ich nenne es -Seelchen, weil es noch sehr triebhaft ist, und ich versprach ihr, daß Du -aus dem Seelchen eine Seele wecken würdest. In vielem wirst Du sie -wissend finden wie eine Lebenserfahrene, die in Höhen und Tiefen -geblickt, aber sie hat keinen Ausdruck dafür, nur ein ungereimtes -Einahnen und Austräumen. In ihrer Bildung ist sie der Form nach durch -geistige und reflektierende Umgebung reif, aber sie hat viele Lücken im -Lapidarsten. Du wirst gut tun sie sehr ernst zu nehmen, ihr -Verantwortungen zu geben, etwa die Aufsicht einer Angefochtenen. Sie ist -sehr stark. Zarte, engelhafte Wesen sind das zuweilen, Celia! Angele von -Twede grüßt Dich. Sie versucht den Vater über die Trennung zu trösten. -Ich fürchte, es wird ihr nur gelingen, wenn sie, wie nie bisher, Heilige -Elisabeth ist und statt Brotes sich selbst verschenkt. Du verstehst den -Fall, Celia? -- Ich bringe Dir das Kind in den allernächsten Tagen und -bin glücklich, Dich zu sehen, Du Liebe. - - Treulichst Dein Freund - Imanuel.« - -Cecile Gloriot hielt den Brief zwischen den schmalen, sehnigen Fingern -und blickte wie träumend zum Fenster hinaus. »Ruf doch Gil herein, sie -läuft draußen ohne Umhülle herum,« sagte sie ablenkend. Als Anna -zurückkam, lächelte sie wie ein Kind, das sich freut. »Givo kommt heute -oder morgen und bringt ein Mädchen, einen neuen Schützling mit. Wir -wollen für ihn das große Mansardenzimmer zurecht machen und das Haus mit -den Glashauspflanzen schmücken. Das Mädchen bekommt das Alkovenzimmer -mit Helene.« Cecile ging auf ihr Zimmer. Sie las nochmals Givos Brief. -»Seine Mutter tut unrecht,« sagte sie sich. »Er wird auch seine Frau -einmal nur als eine Episode behandeln. Er wird jede Treue verlernen und -sich an das Naschen gewöhnen, das den Charakter verdirbt und Unglück im -Leben des anderen anrichtet. Er wird niemals zur Ruhe kommen mit den -Frauen. Ich muß ihn warnen. Und mein neuer Schützling? Möge es mir -gelingen an ihm Gutes zu tun!« - -Abends um halb sieben Uhr hielt Celia Andachtstunde in ihrem -Bücherzimmer. Vor den breiten Fenstern flimmerte ein leiser Schnee. Es -war ganz still im Raum. Zehn kindliche Augenpaare hafteten an Celias -Lippen. Sie begann: »Helene hat mir berichtet, daß sie mit Kathlin -Streit hatte. Ich will gar nicht untersuchen, wer recht hatte, denn es -ist fast ebenso bedrückend recht zu behalten als schuldig zu sein. Es -gelüstet uns ja oft dem anderen zu widersprechen, denn jeder Mensch ist -einzigartig und hat seine einzigartigen Gedanken, wenn er auf -rechtschaffene Art denkt und nicht seine Denkungsweise vom anderen -borgt. Oder wir wünschen etwas, das der andere nicht wünschen kann. Da -ist es uns geboten zu fragen, nicht einmal nur zu fragen: Ist mir denn -der eigene Wunsch, der eigene Widerspruch wichtig genug, daß ich den -anderen betrübe. Und wenn etwas in uns mehrmals antwortet: ich kann -nicht ablassen, so müssen wir so milde, als es uns gegeben ist, unserem -Willen nachgehen und des anderen Kränkung dabei zu lindern trachten. Ihr -Kinder glaubt manchmal euere Schwäche und Unerfahrenheit sei ein Makel, -der schwindet, wenn ein anderes noch schwächer und unerfahrener aus -einem Streit hervorgeht. Das ist ein Irrtum, denn ihr habt durch eure -Eitelkeit recht zu behalten noch eine größere Schwäche dazu bekommen. -Betrachtet eine Wage mit ihren Maßen. Sie sind nichts, wenn auch das -eine schwerer wiegt als das andere. Sie sind nur Begriffe und erst ein -Ding aus dem wirklichen Leben, dessen Schwere sie vorstellen, gibt ihnen -Sinn und Wert. Darum ist eitler Streit sinnlos. Nur wirkliche Werte -dürfen sich aneinander messen. Darüber aber steht dem Menschen oft -selbst in seiner Reife noch kein Urteil zu, ob sein Wille wertvoller ist -als der des anderen. Wißt ihr denn auch, daß ihr lieblos werdet, wenn -ihr streitet? Ihr haßt am Ende den anderen in der Blindheit, in die euch -eure Rechthaberei versetzt, und ihr liebt die übrige Welt nicht, weil -ihr über dem Streit alles vergesset und nur euren scheinbaren Vorteil -sehet. Die erzürnbare Seele nannte Plato die niedere Form der Seele, die -tierische. Wer streitet, versteht nicht mitzuleben und sich in des -anderen Leben zu versetzen. Mitleben, mitwissen aber ist das, was euch -erst zum gerechten Menschen macht. Erlebt ihr des anderen Wunsch und -Willen neben dem euren, wird der Streit gebrochen sein, eh' er beginnt. -Denn ihr Kathlin werdet ebenso Helene sein, als Kathlin und Helene -- -Kathlin so gut wie Helene. Lernet einander verstehen, dann werdet ihr im -Frieden leben. Und die Menschheit wird Frieden haben, wenn sie sich -versteht.« Noch herrschte Stille. Da schritten Kathlin und Helene -zaghaft anfangs, dann stürmisch einander entgegen und umarmten sich. - -Jetzt sollte ein wenig Musik gemacht werden. Gaston wollte Clothilde zum -Gesang begleiten. Als sie eben begonnen hatten, hörte Ceciles feines Ohr -einen Wagen heranrollen. Sie ging zur Diele herab und erwartete dort -allein Givo und seinen Schützling. Oben begann das Spiel. Musik war es, -die Vögelchen empfing, als der Wagen durch den leicht verschneiten -Garten ihrem neuen Heim entgegenrollte. - - * * * * * - - Süß ist das Leben - Um des strenggekehrten - geistigen Blickes willen, - Der gleichzeitig umfängt die - Erde von allen Seiten - Die kristallenen Öden der - Pole, der Vorzeit, - Des Urgebirges, der Zahlen - Gesetze. - - (Ottokar Brezina.) - -Nach dem Abendessen nahm Arabella die Aufforderung, sich zurückzuziehen, -um ungehindert auszuruhen, gern an. Sie fand ihr Zimmer hart an der -Stiege, die zu dem breiten, altertümlichen Turm führte, und durch diese -ein wenig überwölbt. In dieser Wölbung stand ein großes Bett mit hellen -Mullgardinen, ein ähnliches an der gegenüberliegenden Wand. Ein -geblumter Teppich erhöhte die Wohnlichkeit. In einer Nische erblickte -sie einen weißen, runden Kachelofen, in dem ein leises Feuer -verknisterte, neben diesem einen Waschtisch und zu ihrem Gebrauch -bereitet ein breites Badebecken. Neben dem Ofen einen Armstuhl, über dem -ein großes Tuch zum Abtrocknen hing. Wie wohl tat diese Sorgfalt! Ihr -Koffer stand vor dem Kasten, der für sie bestimmt schien. Sie entnahm -ihm sogleich eines ihrer weichen, mantelartigen Gewänder, in denen sie -einer kleinen Griechin glich, und streckte sich nach dem Bad auf das -Bettchen hin, nur um eine Weile so zu verharren. Durch die breiten, -kleinen Fenster sah eine stille, bestirnte Nacht, die über eine sanfte, -stadtferne Landschaft gewandelt war. Durch diese Landschaft war sie mit -Givo gefahren, neben ihm im ländlichen Gefährt mit hohem Sitz und ein -und dieselbe Decke hatte sie vor der Kälte geschützt. Viele Stunden -waren sie gefahren, denn Givo liebte Wagenreisen über Land und hatte nur -eine kurze Strecke die Eisenbahn benutzen wollen. Arabella war es -gewesen, als führe sie durch den Äther der Unendlichkeit. - -Givo hatte zu ihr gesprochen all die Stunden mit der ihr märchenhaften -Stimme, sie angesehen mit dem Blick, in dem sie ruhte wie in göttlichem -Schutz, er hatte zuweilen leise ihre Hand in die seine gelegt und -süßeste Geborgenheit war von ihrer guten Wärme ausgeströmt. Und er hatte -zu ihr geredet nicht wie zu einem Kind, nein, wie zu einem verstehenden, -ahnenden Wesen, das er in das Wesentlichste seiner Weltanschauung -einweihen wollte. Seine Welt war das unendliche Gebiet der Erforschungen -über Eindrücke und unbewußte Erfahrungen, die durch die Art der -menschlichen Empfänglichkeiten möglich sind, zu deren Vervollkommnung -Instrumente erdacht werden. Was der Mensch durch das begriff, was wir -Ahnungen nennen, war ihm ein Teil des göttlichen Lichtes. Ein Ding an -sich, ein Unabhängiges unserer Erkennbarkeit, einen Gott mit langem Bart -im Sinne des gedrillten Glaubens, der zwischen sich und dem Himmel einen -leeren Raum voraussetzt, sah er nicht. Ihm war Gott das Licht, jener -wissende oder nur ahnende Strahl, jenes sich selbst vergessende -Aufstreben zu einem Höheren, zu einer Fortsetzung unseres Selbst, in der -wir uns überwinden und durch die wir verbunden sind mit dem Höheren der -anderen. Die Seele war ihm hierzu die vorbereitende Stätte, wo Mittel -geborgen waren, das Leben über seine tierischen Forderungen zu begreifen -und zu bereichern, diesen ein Gegengewicht zu schaffen, aus dessen -Wirksamkeit der Wert und die Vollkommenheit des Menschen zu beurteilen -sei. Im genialen und produktiven Menschen sah er die Vorbedingungen zu -dieser Vollkommenheit mitgeboren, oft aber im Werk erstarrt, im Kinde -jedoch oder Kindgebliebenen in Ahnungen und Nebelbilder der Gedanken und -Gefühle gegründet. Diese konnten die ganze Welt umspannen in ihrer -Einfalt vor dem Unmöglichen und mählich von der Ferne zurückkehrend das -Naheliegende begreifen. Kinder und Künstler sah er diesen Weg von der -Imagination zum Nahen am langsamsten zurücklegen. Er wollte in der -Schauung der märchenhaften Zusammenhänge in der Natur einen Ersatz -geboten sehen für den selbstischen schwächlichen Traum dieser -Lebenskinder. Die reale Welt war ein Wunder, wenn man sie mit dem Blick -der Schauenden sah, sie entthronte den Traum und machte ungeheure -Sphären frei zur Wanderschaft. Der Astronom weiß um die Unermeßlichkeit. -Welcher Künstler könnte sie in seinem Hirne mächtiger gebären? Vögelchen -begriff nun wie in einem Zauber und dennoch zum ersten Male zauberlos, -daß sie unendlich weit sich aus dem Ich, das in die Umwelt gebannt ist, -entfernen konnte, daß alle Fernen in ihr waren, alles Licht, alle -Gottheit und ihre vielfältige Einheit und ganz dunkel ahnte sie schon -das Ichlose, das ihr früher schon gedämmert war, da sie sich als ein -Fünkchen auf Wanderschaft empfunden hatte. Sie sah sich geweiht Givo zu -verstehen. Sie war gespeist vom Lichte seines Lebenssternes, sie fühlte -sich selbst als Stern, erkoren von dem seinen. Und sie fühlte sich -erlöst von jenem Schwanken der Wagschalen, wenn Tier und Mensch sich -messen, um Gleichmaß bebend. Denn er lehrte sie, daß das Weltall und der -Mensch selbst Vorgängen im Einzelnsten unterworfen sind, zwischen denen -ewige Beziehungen und ewige Folgen bestehen. Vom gleichen Lichtgesetz -sei der Mensch und sein Geist und seine Mutter, die Natur, gespeist. So -lehrte er sie die Versöhnung von Körper und Geist und setzte die Seele -als Vermittlerin ein, so zeigte er ihr auf, daß das Ich ein Gemenge von -Vorgängen ist, die sich im Austausch mit den Vorgängen jener Umgebung -befinden. So verstand sie auch Karinskis Wort, daß jeder Mensch an der -Schuld des anderen und jeder andere an der eigenen Schuld mitschuldig -sei. Sie begriff den Sitz seiner Güte, seiner verzeihenden -Hilfsbereitschaft, da er die Verwicklungen erkannte, in die der Mensch -mit seiner Umwelt geraten konnte, oftmals geraten mußte, wenn seine -beste Einsicht der Schauung der Zusammenhänge versagte oder schwächer -war als die Einwirkung des Außen auf die körperliche Schwäche und -Lustbereitschaft. Denn das Licht allein schien ihm die Kraft, die -unbewußte Kraft oft den bösen Folgen des Übels zu widerstehen. Dies -Licht bedingt die Seele, die Seele selbst war von seinem Urstoff -geschaffen. Sie erfaßte ahnend, was er von den Sternen wollte, daß er -hart an der Himmelstüre der Unendlichkeit seiner Wissensarbeit einen -Sitz errichtet hatte, um der Erde Wesen in dem Gesetz des Alls zu -begreifen. Daß er in den Werken der Astrologen forschte (so sehr er auch -das Horoskopieren als bösen Nebenverdienst wissenschaftlicher -Quacksalber verwarf), daß er den Sehnsuchtkulten der letzten Dinge, den -Mythen der Religionen nachhing, geschah in seiner Liebe zu einer neuen -lichtvollen Gerechtigkeit, in seinem Trieb, das Dunkle zu entwirren und -den Zauber der Wirklichkeit aufzurichten in der Legende. - -Er erzählte ihr von erleuchteten Menschen und, während er sprach, drang -ihre Gnade auf sie ein. Christus brachte ihr die große Tröstung der -Liebe, Heilige kamen und ließen sie ihrer Einkehr teilhaftig werden, -Gelehrte schenkten ihr die Früchte ihres Forschens, edle Menschen -beglückten sie mit Zuversicht. Sie erlebte, als er sprach, wieder den -Aufgang ihrer Gefühle über ihre Körperlichkeit wie in den Kinderjahren, -wo ihr war, als flöge sie ins Weite, wie dann in den Nächten, da sie in -den Schauern der Liebeslust sich hingegeben fühlte einer Unendlichkeit. -Und alle Trostlosigkeit und Unwiederbringlichkeit, alle Anklage war -gefallen. Sie richtete nun nicht mehr und sie wurde nicht gerichtet. -Nicht ob ihrer Hingabe an Va, ob ihres Spieles mit jenem Jüngling, nicht -um ihrer sinnlichen Träume, die nun mit ihrer Liebe zu Givo verschmolzen -waren! Und als er schwieg und sie im Blick zu sich zog in all seiner -Liebe, sagte sie leise, ganz leise: »Mir ist so wunderbar. Hab' Dank.« -Und von diesem Augenblick an sagte sie du zu ihm wie im Gebet zu Gott. - -Mit vollem Vertrauen war sie auch in Celias Asyl getreten wie an der -Hand eines Engels und sie verlebte da den ersten Abend der Ruhe und des -furchtlosen Vertrauens in das Leben, das nicht mehr wie eine unheimliche -und verführerische Drohung sich auftat. Aber die Nacht rief sie zurück -in ihr früheres Leben, ihr Traumzustand griff wirr in das Chaos von -Vergangenheit und Zukunft. - -Als Arabella auf ihr Zimmer gegangen war, saß Givo mit Celia beim Tee im -Bücherzimmer, einem Raum edler Wohnlichkeit, während die Kinder mit Anna -im Saal mit Gesellschaftspielen sich unterhielten. - -»Und du willst auch an ihr wieder vorübergehen, obwohl du jetzt schon -schmerzlich dein Entgleiten vorausfühlst, auch an diesem Mädchen, das -dir teuerer ist als dir andere waren?« sagte Celia mit schmerzlichem -Vorwurf. - -»Gerade sie darf ich nicht halten,« sagte Givo, »weil so seltsam und -unentwirrbar fein die Fäden ihres Wesens sind.« - -»Du mußt sie stärker machen,« erwiderte Celia. - -»Damit ich sie doch dann zerreißen muß?« - -»Lehrst du nicht selbst, der Zukunft unbesorgt zu sein?« - -»Nicht meine Zukunft fürchte ich, nicht mein Leiden oder Unterliegen, -sondern das ihre.« - -»Du vergißt, wie selbstlos Frauen in ihrem Glück sind.« - -»Und wie undankbar oft, denn ihr Genuß ist nicht der Genuß selbst, es -ist das Lieben und höret nimmer auf.« - -»Das macht uns ja so stark in der Liebe, daß wir doppelt gebunden sind, -an sie selbst und an ihren Gegenstand. Und gerade unsere Ausdauer läßt -sie Kränkungen und Zurücksetzungen überleben.« - -»Aber es wird dann oft Haß aus ihr: eine andere Form der Liebe. Haß für -den, der sie leichthin genoß, und wenn nicht Verbitterung, Liebe den -Leidenden der Mehrheit.« - -»Vergiß nicht, daß dieses Mädchen sehr jung ist. Deine Mutter mag -anderer Meinung werden, du selbst zu eigenem Wählenmüssen reifen. Und -wird es, wie du voraussiehst, mußt du sie lassen, so liegt noch das -Leben vor ihr verklärt durch dich. Sie ist ja so jung, so köstlich -jung.« - -»Eine Frau ist so alt, Celia, als sie zu lieben und zu wissen begann um -die Liebe. Deshalb bist du so jung, Celia, weil du an Jahren schon -Mutter hättest sein können, als du erst wissend wardst.« - -»Jung mit grauen Haaren,« sagte Celia. »Um so stärker erleben wir die -Liebe, wenn sie spät kommt. Aber wie immer wir sie erfahren, sie muß uns -willkommen sein. Wir dürfen nicht wägen und wehren. Auch du nicht, Givo, -wenn du auch deinen vorgeschriebenen Weg hast, deinen Weg der wissenden -Hilfe. Muß er sich denn nicht behaupten gegen alle Proben, dein Weg der -Liebe, auch gegen die Liebe? Und sieh, dies Mädchen ist Wachs unter -deinen Händen. Ihr Blick hing an dir wie an einem einzigen Heil. Wir -Frauen erkennen dergleichen. Da gibt es keine Verstellung. Du kannst aus -ihr vielleicht die beste Frau erwecken. Deine Liebe könnte die Seele, -die du mir anvertraust, im guten Feuer stählen und groß machen. Im Glück -könnte sie reifen, an deiner Sonne köstlich werden. Nur im Glück, Givo, -nicht in entsagender Sehnsucht. Die macht milde zuweilen, manchmal böse -auch, aber immer schwächt sie und wirft uns aus den Reihen der -Lebendigen.« Celias Stimme erhob sich zu heißer Klage. »Wehe der Frau, -der am Verlorenen ihr Herz hinblutet, wehe der Lebendig-Begrabenen, die -unfruchtbar liebt!« - -Givo erschrak. Er nahm Celias Hand. »Unfruchtbar, Liebe?« fragte er -leise besorgt. »Gibt es denn unfruchtbare Liebe? Verwandelt sie sich -nicht bei den wahrhaftigen Seelen in tausendfältiges Lieben?« - -»Ja,« sagte Celia und drückte seine Hand, wie in einem Versprechen. »Der -Mehrheit, wie du vorhin sagtest. Aber diese Verwandlung ist eine -leidvolle Maske, die wir schließlich für unser wahres Gesicht halten -müssen. Verschon' dies Kind, wenn dein Herz ihm warm ist. Und sei -gewarnt, Imanuel, daß deine Fügsamkeit sich nicht in Selbstsucht wandle, -deine Freiheit zu behalten.« - -Es klopfte leise. Anna fragte, ob Felix Blanc eintreten dürfe. Er wäre -so erfreut gewesen von Givos Anwesenheit zu erfahren, als er eben, von -einem Kranken kommend, seiner Braut Guten Abend sagen wollte. Blanc war -längst Mitglied des »Sozialen Dienstes« und ein Freund Givos. Es war -Zeit, die Kinder zur Ruhe zu schicken. Cecile, Givo, Anna und Felix -saßen noch lange beisammen. - - - - - Die erste Nacht - - -Indessen huschte Helene zu ihrer neuen Zimmergenossin. »Oh, ich weckte -Sie,« rief sie, als Arabella sich aufrichtete. - -»Nein, ich schlief nicht.« - -»Ich habe mich schon so sehr auf dich gefreut,« sagte das liebliche -Mädchen. »Ich darf doch du sagen, wir sagen hier alle einander du. Am -liebsten hätte ich mich leise davon gemacht, als wir zu spielen -begannen. Wie schön du aussiehst in dem weißen Gewand!« - -»Und du hast so schöne blauschwarze Haare,« sagte Arabella und -streichelte Helene. Die beiden Mädchen schritten zaghaft aufeinander zu -wie zwei Täubchen, die aneinander Gefallen finden und sich leise mit -ihren Schwingen berühren wollen. - -»Du duftest,« sagte Helene und öffnete ihre feinen Nüstern. »Hast du -gebadet? Du mußt eine ganz feine fremdartige Seife haben. Darf ich dir -nun auspacken helfen, damit deine Sachen nicht gedrückt bleiben über -Nacht? Oder bist du zu müde?« - -»Nein, ich bin schon ausgeruht, Helene; nicht wahr, du bist Helene?« - -»Daß du dir meinen Namen gemerkt hast!« sagte Helene erfreut. Sie kniete -vor Vögelchens Koffer und reichte ihr die Sachen hin. »Oh, so schöne -Kleider hast du und die Wäsche, wie fein! Mama hat auch so schöne -Wäsche. Wirst du das alles tragen, werde ich dich in all dem sehen und -dir immer helfen dürfen?« - -»Mein großer Koffer kommt noch,« sagte Vögelchen ein wenig traurig. Sie -dachte an die vielen schönen kostbaren Sachen einer kleinen Weltdame, -die sie nun nutzlos besaß, und auf einmal stand Va vor ihr, der sie so -fürstlich beschenkt hatte. Sie fühlte wieder seine Zärtlichkeit, -verdrängte Bilder stiegen in ihr auf und trieben ihr heiße Röte in die -Wangen. Und der Abschied! Va hatte gescherzt und alles nur als vorläufig -betrachtet. Er haßte Sentimentalitäten. Von jeher hatte er Leidgefühle -zurückgedrängt und die erstarrten Tränen hatten in seinen Leidenschaften -Erlösung gesucht. Er würde ihr vorläufig nicht schreiben, denn das -allein bedeutete Trennung, wenn sie von einander ganz frei wären, eine -Zeitlang. Und die Trennung wäre ja nun einmal unter gemeinsamem -Einverständnis beschlossen. Wie war das nur möglich gewesen! Dann hatte -er sie geküßt unter Scherzen und liebevoller Peinigung, bis sie sich ihm -lachend entwunden, weil Givos Wagen eben vorfuhr. Angele von Twede war -auch gekommen. Und es war Vögelchen, als wäre die schöne Frau eine Fee, -die alles mildern und schmerzlos machen konnte. Man blieb heiter bis zur -Abfahrt. - -»Denkst du an zu Hause?« fragte Helene in Vögelchens Sinnen. »Hier ist -es sehr schön bei Tante Celia. Du mußt nicht bange sein. Ach, wenn man -doch nur ganz brav sein könnte, um es ihr zu danken. Sie ist so gut! -Aber ich -- -- ich kann mich nicht beherrschen -- -- Vielleicht werde -ich jetzt anders, weil du hier bist.« - -Vögelchen freute sich der neuen Freundschaft. Sie packten aus und -ordneten ein. Dann entkleidete und wusch sich Helene. Arabella half ihr. -Sie küßten sich. Auf der Stiege erschollen Stimmen. - -»Nun geht Herr Givo auf sein Zimmer.« - -Vögelchen steckte den Kopf zur Türe hinaus und sah, wie eine der Mägde -Givo die Treppe zur Turmzimmertüre hinaufleuchtete. »Gute Nacht!« rief -sie durch den Spalt. - -»Gute Nacht, mein gutes Kind,« rief er von seiner Türschwelle zu ihr -hinab. - -Helene lag schon in ihrem Bette. »Ich kam mit Großpapa,« sagte sie, -ihres Einzuges in Asyl Gloriot gedenkend. »Großpapa ist tot.« - -»Und deine Eltern?« fragte Vögelchen. - -»Mama hat geheiratet, aber der Mann ist fort. Papa kannte ich nicht. Als -Großmama starb, kam ich hierher. Mama ist jetzt Schauspielerin. Morgen -zeig' ich dir ihr Bild. Nun gute Nacht, schlaf wohl und sei glücklich -hier. Ich werde dich lieb haben.« Vögelchen setzte sich an Helenes Bett, -ließ die weichen, blauschwarzen Ringeln durch ihre Fingerchen gleiten, -nahm das blasse Gesichtchen zwischen ihre Hände und küßte es. - -»Ich will dich auch lieb haben, Helene.« Dann löschte sie das Licht und -legte sich zur Ruhe. Bald schlief Helene fest und tief, wie Kinder -schlafen. Vögelchen aber lag im Traum. - -In einem Muschelwagen fuhr sie durch die Länder -- Wiesen und Meere -- -und am Ende der Welt erglänzte ein Licht, es kam näher. Da stand Givo -vor ihr. »Ich bin König des Morgenlands,« sagte er. »Willst du ein Stern -sein an meinem Himmel, der die Welten durchleuchtet? Mein Himmel ist der -Mantel, der mich umhüllt, er ist mit Augen bestirnt und durchwirkt von -Mondstrahlen. Dein Stern soll an meinem Herzen liegen und so hell -erstrahlen, daß die Menschen es weithin sehen in ihrer Finsternis. -Später, wenn unsere Arbeit getan ist, wirst du meine Braut sein. Jetzt -wollen wir es einander geloben, Braut und Bräutigam zu sein. Niemand -soll es erfahren, weil du nur ein Vögelchen bist, nur ein fliegender -Stern im Äther, der nun an meiner Brust wohnt. Vor dem lieben Gott aber -sollst du meine Frau sein, Arabella.« Vögelchen richtete sich auf. Aus -dem Fensterrahmen blickten zwei bleiche Vierecke sie an. In milchigem -Glanz lag draußen die Nacht. Sie starrte hinaus und mählich erlosch das -bleiche Licht und die Fenster waren nur mehr zwei schwarze Löcher -Finsternis. Wenn es nicht wahr wäre, wenn er wieder ginge, wenn er ins -Ausland reiste, wie er oft zu tun pflegte und sie allein zurückließe! -Nein, sie war nicht allein, sie war unter freundlich klugen Menschen. -Und sie konnte ja zu Va zurückkehren! Ob Angele von Twede immer bei ihm -bleiben würde? Ob die nun seine Frau war, wie sie selbst es gewesen? -Hatte man sie deshalb hierher gebracht? Hier waren alle Verlassenen und -Cecile Gloriot ihre Mutter. Aber sie war ja ohne Mutter aufgewachsen und -hatte nicht Sehnsucht nach einer Mutter. Va hatte ihr alle Menschen -genommen, die sie liebten: die alte Amme, Urbacher, Konrad. Würde Va -selbst nun nicht mehr schützend zu ihr stehen und ihr gehören? Hatte er -sie verlassen, brachte Givo sie zu den verlassenen Kindern, weil sie -selbst auch eines war? Die schwarzen Löcher Finsternis starrten sie an -wie erloschene Augen, wie ihre eigene Angst blickten sie ihr entgegen. -Da fiel ihr ein, wie Givo ihr die Qual genommen, sündig zu sein, wie -sein Blick sie heilte und beruhigte, sein Wort sie rettete. Er würde ihr -auch diese Furcht nehmen, die aus der Finsternis starrte. Mit einem Satz -war sie aus dem Bett gesprungen. Helene schlief. Schon war sie draußen -auf dem kalten Flur, huschte die Stiegen hinauf zur Türe, hinter der sie -Givo hatte verschwinden sehen. Ach, durfte sie ihn wecken, ihn -erschrecken? Sie stand, horchte und ihre Hand lag auf der Klinke und -drückte. Da stand sie auch schon im Zimmer. Es war ganz finster, sie -wagte nicht weiterzugeben, aus Furcht an ein Möbel zu stoßen, ihn -unsanft zu wecken. Sein Atem war nicht hörbar, der Raum war groß. Im -Kamin war noch ein verlöschender Schein der Glut. Nun sah sie die -Fenster, sie gewöhnte sich an die Finsternis. Sachte schlich sie -vorwärts. Da regte er sich im Schlafe, ganz leise seufzte er und wandte -sich. Stille. Vögelchen hatte ihr Leid vergessen. Sie war bei ihm. Ihre -Beseligung strömte ihm zu, schwebte um ihn wie warmer Flügelschlag. Er -fühlte ihre Nähe, sein Auge, kundig im Finstern zu forschen, erblickte -sie. - -»Bist du's, Kind?« fragte er. - -Sie erschauerte und kam näher. »War dir bange?« fragte er. »Warum kommst -du? Willst du mir die Hand geben und dann wieder in dein Zimmer gehen?« - -»Ich fürchtete mich und ich fürchtete auch, du würdest des Morgens -zeitig fortfahren ohne mich zu sehen.« - -»Das konntest du glauben, Vögelchen?« - -»Ich fürchte mich nicht mehr, selbst wenn alles wahr wäre.« - -»Was wahr wäre?« - -»Daß ich nun eine Verlassene bin.« - -»Nein, sieh, das dachte ich nicht, daß du dich als eine Verlassene -fühlen könntest, weil es hier Kinder gibt, die einmal verlassen waren. -Du aber bist es nicht.« - -»Doch, ich glaube, Va hat mich verlassen. Er ist ja nicht mein Vater, er -nimmt eine andere Frau und ich habe keine Wohnung mehr bei ihm.« - -Sollte er sie vertrösten? Würde denn Mannsthal nicht mehr nach ihr -verlangen? Er wußte es nicht. Er konnte nichts versprechen. »Und ich, -Vögelchen?« sagte er. - -»Du?« rief sie in tiefem Gefühl. »Wie darf ich denn das, wie darf ich -mich zu dir zählen? Wie darf ich denn dir gehören?« - -Givo wußte, in diesem Augenblick schmiedete sich Arabellas Schicksal. -Nahm er sie in sein Leben auf, so blieb sie heil an Körper und Seele, -aber am Ende ihrer Gemeinschaft stand ein Schmerz, der war so groß wie -ihr Glück, und er wußte nicht, ob sie es bestünde. Schob er sie aber -leise begütigend in die Ungewißheit einer zerspalteten Zukunft, würde -sie dann ihre erwachende Seele behaupten gegen Verführung und -Anfechtung? Würde Cecile, so groß und rein ihr bildender Wille war, die -leidenschaftliche Naturgewalt, die in diesem kindhaften Weibe lebte, -meistern können, bis sie selbst sie zu besiegen Kraft fand oder um so -wilder sie entfesselte? Nein. Cecile selbst hatte es ihm gesagt: -Verschone das Kind. Nur im Glück wird seine Seele reifen. - -»Fühlst du denn nicht, daß ich dich lieb habe?« sagte er. »Du, die den -Flug der Wolken, den Ruf der Vögel, die Stimme der Ewigkeiten begreift? -Und wehrte ich mich dich zu lieben, ich betröge mich. Ich muß dich -halten, Kind. Es muß wohl so sein. Und nun will ich es auch so. Ich -komme wieder, bald komme ich wieder. Ich komme immer wieder zu dir.« - -Sie hielt seine Hand, sie drückte sie, unfähig zu erwidern. - -»Aber nun geh, Kind, du frierst, geh, bitte. Du sollst nicht hier sein -zur Nacht.« - -Vögelchen beugte sich zu ihm, sie umschlang seinen Hals. Sie suchte -seine Lippen. Wie ein Hauch aus Wunder gewoben streifte ihr Atem seine -Wange. Nun küßte sie ihn. Mit Worten konnte sie nicht Antwort sagen. Wie -lange hatte er nicht einen jungen Mund an dem seinen gefühlt! Er hatte -es selbst nicht gewußt, seit Wochen schon, seitdem er ihrer in -Zärtlichkeit gedachte, hatte er keine andere Frau in seinen Armen -gehalten. Ganz absichtlos war es unterblieben. Nun fühlte er es, nun -reifte die grausame süße Frucht seiner Enthaltsamkeit. Nun war er ihr -Beschützer nicht mehr. Und ihr Kuß, der bis in die Wurzeln seiner Sinne -brannte, es war nicht der Kuß eines Kindes. Er flehte: »Geh, geh!« Es -war, als hörte sie nicht, als schliefe sie, als wären ihre Küsse die -einer Träumenden. Ihre wundersam zarten Formen, wie sie sich -anzuschmiegen verstand, wie sie zu vergehen schien! Sie war ganz Körper -und doch war ihre Zärtlichkeit körperlos, ganz Seele, und doch schien -ihre Umarmung die einer seelenlosen Nachtelfe, des Weibes, das nicht -Name hat und Zeit. Ihm war, er müsse sie zerreißen, sie vernichten in -seinem aufglühenden Feuer. Da ermannte er sich, trug sie in seinen -Armen, oh, wie sie, die Kundige, jetzt seine begehrende Kraft erkannte! -Aber willenlos war sie seinem Willen untertan, auch dem entsagenden. Und -sein Überwille trug sie vor die Türe, sachte die Stufen hinab. Mit einem -Kuß, tief in ihre Lippen gesenkt, dem ersten und letzten dieser Nacht, -ließ er sie vor ihrem Zimmer aus seinen Armen gleiten. - - - - - Hedwig an Konrad - - -»Lieber Kon, da Du nun wieder auf möglichen Wegen gehst, muß ich Dich -doch recht fest an den Ohren nehmen. Sag', Junge, hast Du ein Recht, -Dein Leben den Schweinen zum Fraße hinzuwerfen, Du, der Du die Lehren -des heiligen Augustin predigst, daß jeder den Gott in sich trägt, jeder -ein Teilchen Gott ist? Nun, Gott wird sich bedanken für Dein Teilchen, -wenn Du es ihm nun nicht reinwäscht und rein erhältst. Du weißt, Kon, -ich hab' geschwiegen, solange Du bedrängt warst, hab' nur geraten, -ohnmächtig aus der Ferne, nicht gescholten. Wie hätte ich Dir denn eine -Stütze sein können, wenn ich sie Dir unter dem Arme weggezogen hätte, um -Dich damit zu schlagen? Aber sieh Dich vor, Kon, Du weißt selbst nicht, -wie tief der Abgrund war, an dessen Ufern Du einhergingst. Ich weiß es, -Kon, denn im Elend durchmißt man alle Tiefen der anderen. Auch Du wirst -später schaudernd an diesen Abgrund denken. Enttäusche die Menschen -nicht, die Dir geholfen haben, erwarte nicht das Unmögliche, daß sie Dir -endlos helfen. Die Wohltätigkeit, sei sie noch so persönlich gemeint, -ist demütigend und erkaltet, wenn sie sich blamiert. Sie hat nicht die -Ausdauer einer freundschaftlichen Hilfe, sie ist wie der Zahnarzt, der -keine Geduld hat, wenn in seinem Wartezimmer sich die Patienten drängen. -Nütz' Deine Zeit, Koni. - -Ich streu mir heißblühenden Mohn in meinen Werktagsacker. Ein Wind -verweht ihn. Ich wein' ihm nicht nach. Der Kleine hat den Scharlach -gehabt. Ich wollte es Dir nicht schreiben, damit Du nicht eine Sorge -dazu hast. Selma hat es erfahren. Da ist sie eines Abends gekommen. Und -nun ist es, als wäre sie täglich bei mir, obwohl ich ihr das Versprechen -abgenommen habe nicht wieder zu kommen. Es brächte ihr Gewissenskämpfe. -Grüße Deine Freundin Jeanne. Sag' ihr, Arbeit und ein Kind helfen den -Traum »Mann« ersetzen, nicht seine Wirklichkeit. Ich helfe mir mit -Episoden, das aber sag' ihr nicht. Ihnen ist nicht jede Frau gewachsen. -Die Eltern sind gesund. Denk auch an sie, Kon. Käme doch über uns alle -Licht und Segen. Der meine ist bei Dir. Mach' keine Sorgen mehr Deiner -treuen - - Hedwig.« - -Er schämte sich, er schämte sich so sehr und das trieb ihn an, seine -Eigenart besonders auszuspielen, damit man nur ja nicht merke, wie -übervoll der Liebe er war, der Dankbarkeit und Reue. Gerade deshalb -wollte er hart und streng erscheinen. Der Kreis der zu Rettenden bei -Frau Calou wurde ihm bald lieb und vertraut und er wollte gern ihr -Prediger werden, ihr Tröster. Heimlich hielt er sich für einen -Nachkommen der Therapeuten, die sich Heilande genannt hatten und -Seelenärzte gewesen waren. Jeanne Mercier war die erste, die er sich für -seine Wirksamkeit auserkoren. Es war ja ein ganz banaler Fall, eine -verlassene Geliebte, aber er spürte, da war ein ganzer Mensch. Jeanne -hatte nicht von der Pariser Einrichtung Gebrauch gemacht ihr Kind auf -die Drehlade des Findelhauses zu legen und frei wieder ihres Weges zu -gehen. Warum? Aus Trotz, aus Liebe zu dem Manne, aus Mutterliebe? Nein, -sie trotzte nicht, sie dachte nur nicht daran, sich dem Verführer mit -seinem Kind im Arm in den Weg zu stellen. War er nicht unschuldig wie -sie an dem Werk der Natur, das aus einem Vergnügen lebenslängliche -Pflichten und einen Weg ins Ewige folgert? Sie dachte an den Mann mit -Wehmut und mit dem leisen Schauer des Wunders, daß er ihren Leib -fruchtbar gemacht, und sie hatte das Kind auf sich genommen, weil es -hilflos war und sie sich scheute, nun allein zu bleiben. Sie gehörte -nicht zu den Leichtblütigen und fürchtete fortan den Mann. Darum behielt -sie das Kind und leistete Übermenschliches, um es zu behalten. Nein, sie -wollte nicht eine Ausgestoßene sein in der Heimat der Liebe, ein -Schatten nur der Mutter, zu der sie erwählt worden war. Sie wollte sich -mit dieser Gnade bekleiden wie mit dem einzigen Festkleid, das ihr das -Leben verliehen. Und Konrad fühlte sich zu ihr hingezogen um Hedwigs -willen und weil er sah, daß sie das Kind nicht behielt, um den Mann an -sich zu zwingen oder eine Märtyrerin zu scheinen wie andere. Sie tat das -Natürliche ihrer Bestimmung, obgleich es unnatürlich schien der -Gesellschaft zu trotzen, die Ehelichkeit fordert und kein Erbarmen hat -mit Gesetzesstörern. So war ihr Konrad mit Ehrfurcht genaht und hatte -der schüchternen jungen Frau eine Sicherheit zurückgegeben, die ihr -Stärke und Lebensfreude bedeutete. Der anderen Genossen Schicksal war -ihm fremder als das Jeannes. Er scheute jede Frage, um selbst ungefragt -zu bleiben. Es kam der Sonntag, an dem er seinen Vortrag halten sollte. -Er nannte ihn »Vai, das Vermischen«. Er, der vor wenigen Wochen bald -Zuhälter, bald Messerputzer in einem Dirnenwirtshaus gewesen, weihte die -Tischgenossen ein in die Lehren der persischen Religion. Er sprach ihnen -von Ormuzd, dem Licht, dem Gott der Verklärung und von Ahriman, dem Gott -der Weltlichkeit und Dunkelheiten. Er wies ihnen das Wesentliche des -persischen Glaubens, Vai, die Vermischung, die Versöhnung des Dunklen im -Triebleben und der geistig erkennenden Welt. Aber er ließ es sich nicht -genügen, schlicht aus der eigenen Herzensnot zu sprechen, die auch jene -seiner Genossen gewesen sein mochte, der Kampf um das Licht des -Erkennens. Ihm saß das Polemisieren zu sehr im Fleische, als daß er -nicht jede Gelegenheit wahrgenommen hätte, um möglichst vielen Menschen -eben das zu sagen, was gerade seine geistige Streitbarkeit reizte. Er -hatte in der Bibliotheque ein Büchlein über Amalrich von Bena -aufgestöbert, der um 1200 n. Chr. Lehrer zu Paris gewesen, und darin ein -Wort gefunden, das ihn erschütterte. - -_Quod in charitate constitutis nullum peccatum imputetur_ (den in der -Liebe Verharrenden werden keine Sünden zugezählt). Der über jenen -Lichtsucher Amalrich schrieb, Konrad fühlte das erschauernd, mußte einer -von den großen Erkennern sein. Eine geheime Lehre der Liebe, die ihre -Wege in die verworrenste Vergangenheit hat, leuchtete wie unterirdisch -heiliges Gold unter dem Kristall der Worte und berauschte wie -Himmelstrank. Konrad fühlte, wie ihm die kalte Betrachtung benommen war, -wie seine eigene Heilgabe schal wurde und wirkungslos. Noch war sein -Besinnen ganz in Gärung und Wachstum, sein geistiger Organismus -verlangte selbsthafte Entwicklung. Hier gab es für ihn nur ein Hinknien -und Sichselbstaufgeben oder Rettung im Widerspruche, den Fehdehandschuh, -die eigene Kraft zu versuchen. Den warf er diesem Dichtergelehrten hin, -der Givo war. Ja, Givo, seinem unbekannten Wohltäter. - -Unter den »Geretteten« war auch ein junger Mathematiker, der im -Observatoire arbeitete. Tagsdarauf erzählte er dort von dem Vortrag, der -außerordentlich gewesen wäre, wenn er nicht mit einem läppisch frechen -Angriff auf Imanuel Givos Lehre geschlossen hätte. Givo erfuhr davon. -Gerade unter den Geretteten wünschte er sich Freunde. Sie ahnten dort -nichts von seiner Hilfe an ihrem Lebensunterhalt. Warum wütete dieser -Jüngling gegen ihn? Wenige Tage später erhielt er die Anfrage, ob er die -unter anderem an Student Kruger gewährte Unterstützung, die in der -folgenden Woche ablaufe, fortzusetzen gedenke. Er gewährte sie für zwei -weitere Monate. Der Gefährdete und der Widersacher, sie waren ihm nicht -ein und derselbe. Bald darauf erhielt Konrad einen Brief von Givo, in -dem dieser ihn Bruder nannte und ihn an die Worte Thomas von Kempens -erinnerte: daß es ein groß Ding um die Liebe sei, weil sie allein alles -Ungleiche mit gleichem Mut dulde. Konrad empfand Abscheu vor sich -selbst. Die Umkehrungen seines Wesens folterten ihn. War es nicht Hohn, -daß er, der lügenhafte Lästerer, über »Vai, die Vermischung« sprach, daß -er die Klärung des göttlichen Lichtes pries, da er selbst allen Dämonen -verfallen war? War es nicht würdiger und wahrer und ihm gemäßer, -Messerputzer zu sein oder Zuhälter? Er blieb zwei Tage fern dem -Mittagstisch der Frau Calou. In diesen Stunden des Selbstkampfes -beschwor er Vögelchens Bild und setzte sich hin, ihr zu schreiben, -wiewohl es ihm verboten war sich abermals ihr zu nähern. Er wünschte sie -in die Heimat zurück, denn er selbst begann sich nach ihr zu sehnen, -nicht nach dem Vaterhaus, aber nach den heimischen Lauten, der -vertrauten Landschaft. Und vor allem nach etwas Ehrbarkeit sehnte er -sich. Aber gerade dieser Sehnsucht schämte er sich. Als er sich -Vögelchen nun gegenüber befand, indem er ihr schrieb, hatte er -vergessen, daß sie an jenem Abend vor ihm geflohen war. Auch ahnte er -nicht, daß sie von seinem und Camills Plan gewußt. Er sah Ariel wie -vordem und wunderte sich, daß er nun nicht wußte, wo Ariels weltlicher -Wohnsitz war. Wenn er zu Marguerite ginge und seine Liebessehnsucht so -recht eindringlich ihr schilderte, vielleicht würde sie wieder wie -damals sich aufmachen, Vögelchens Aufenthalt auszuspähen. Er war drei -Wochen lang nicht bei Marguerite gewesen, da er die Sonntage mit Jeanne -und ihrem Kleinen verbracht hatte, aber er war gewiß freundlich -aufgenommen zu werden, denn Marguerite schätzte das Seltene und -Ungewisse. Zu seiner Überraschung fand er das Zimmer der benachbarten -Wohnung dem der Aupin angeschlossen und in diesem ihm fremden Raum saß -Camill Custove in mangelhafter Bekleidung mit Marguerite vor Büchern und -Heften. Er war im Begriff das Mädchen im Deutschen zu unterrichten. »Ich -wandere aus,« sagte Marguerite. »Dein Freund nimmt mich mit nach -Österreich. Er sagt, ich würde dort als Gouvernante in feinen Familien -mein Glück machen.« - -»Du willst junge Mädchen erziehen?« fragte Konrad und lächelte -schmerzlich. Camill wollte sich diskret zurückziehen, aber Konrad wehrte -ab. »Ich wollte nur fragen, ob ihr --« Nun brachte er es nicht heraus, -Vögelchens Namen zu nennen, hier vor Marguerite, der Dirne und -zukünftigen Erzieherin und ihrem neuesten Liebhaber, dem Trunkenbold und -Diebsgesellen Custove. »Was wolltest du fragen, mein Sohn? A propos, -dein Liebchen sitzt im Kloster, Asyl Gloriot heißt die Klause, im -Departement X, nahe von Chaly. Willst du sie nicht holen gehen und mit -uns nach Hause fahren? Der Finderlohn wird dir über die ersten Sorgen -hinweghelfen. Die Fahrt schieß ich dir vor.« - -Konrad wehrte mit wortloser Geste dem Redeschwall. Nun rückte Marguerite -nahe an ihn heran, legte den Arm um seine Schulter, kniff ihn ermunternd -in den Arm und sagte: »Wer weiß, wie sie dort schmachtet, die Ärmste! -Ach, solch ein Täubchen! Sie war voll Zärtlichkeit für dich. Sieh, Geld -hat sie mir noch, ehe man sie fortbrachte, aus ihrer armen kleinen -Sparbüchse für dich gegeben. Ich bin selbst arm, hatte sie gesagt. Mir -sind die Tränen gekommen. Am liebsten hätte ich ihr statt das Geschenk -zu nehmen selbst etwas geschenkt.« Konrad drückte gutgläubig Marguerites -gepolstertes Händchen. Aber er stand auf, reichte wie widerwillig dem -Custove die Hand, nickte dem Mädchen traurig zu und ging wie unter der -Last seines aufquellenden Schmerzes gebückt und geduckt die Stiegen -herunter. Dieselben Stufen hatten Ariels Füßchen berührt, das -feinbeschuhte, um ihm Hilfe zu bringen. Mutig war sie zu ihm in seine -zweifelhafte Behausung gekommen. Und er sollte nun nicht die Möglichkeit -finden nach ihrem Ergehen zu fragen? Feige, nein feige war er nie -gewesen. Sein Gewissen gebot ihm den Weg, so war das Verbot seiner -Retter nichtig. Und wenn sie fort wollte, fort mit ihm, zurück in seine -Heimat, zur unbekannten Mutter? Er lief nach Hause, nahm seine Arbeit -vor, schrieb bis zum Morgengrauen und brachte vorzeitig den letzten Teil -der Abschrift fertig. Nun entschloß sich M. Tallandre, da der Kopist -sich so fleißig und pünktlich erwiesen hatte, ihm die Übersetzung der -Arbeit zu übergeben. Wenn er sie nun abwies, bekam sie ein anderer und -ein Bruch mit den Rettern war möglich. Das reichliche Honorar hingegen -würde ihm die Schritte, die er für Vögelchen unternehmen wollte, -ermöglichen. Indessen bekam er wohl auch Antwort auf seine Briefe. Ein -übriges an Fleiß gewährte ihm vielleicht einen Urlaub vor Abschluß der -umfangreichen Arbeit. War es nicht Vögelchen, um deretwillen er -Tallandre so prompt bedient hatte, war es nicht Ariel, sein Schutzgeist, -der ihm diesen reichlichen Verdienst verschafft hatte? So ging er denn -mit neuen Kräften wieder zu Frau Calou und vergaß auch die beschämende -Polemik über seiner neuen Arbeit. - - - - - Der Gatte - - -Givo traf Herrn von Twede im Foyer der Großen Oper. »Angele schreibt -Ihnen nicht? Nun, sie hatte keine Zeit. Es gab allerlei zu unterhandeln, -ehe wir einander das große Schweigen besiegelten. Ja, das hat nun schon -seit Jahren zwischen uns gedämmert. Nun gab es noch geschäftliche -Abwicklungen, der Scheidung wegen.« - -»Oh!« - -»Keine Kondolenzen, mon cher. Ich leide nicht sehr, es ist ein wenig -peinlich, alles andere ist schon durchlitten. Auch dürfte ich nicht zehn -Jahre lang Angeles Lebensgefährte gewesen sein, wenn ich mich nicht zu -dem Grundsatz bekennen würde, daß es verboten ist allzuviel zu leiden, -um nicht andere leiden zu machen. Meine Zwillingsschwester lebt jetzt -bei mir.« - -Die beiden Herren gingen noch auf und ab, als das Glockenzeichen die -Fortsetzung der Vorstellung anzeigte und das Foyer sich zu leeren -begann. - -»Sagen Sie, cher Givo,« begann Herr von Twede nach einer Pause. »Wer ist -eigentlich der zukünftige Mann Angeles? Ist es eine Persönlichkeit? Ich -fürchte für sie. Ist er nicht ein Viveur?« - -Givo sagte mit milder, trauriger Stimme und voll Herzlichkeit: »Fürchten -Sie nichts für Angele. Sie sucht die großen Aufgaben. Wären Sie weniger -unfehlbar gewesen, sie hätte Sie niemals verlassen.« - -»Ich liebe es nicht, wenn Frauen Berufe haben,« erwiderte ablenkend Herr -von Twede, »selbst Angeles, Liebe und Heilung zu sein, hat mich immer -peinlich berührt. Ich weiß, sie hatte kein Wirkungsfeld bei mir.« Und -nach einer Pause des Nachsinnens, in die beim Öffnen einer Türe von der -Bühne her ein wehmütiges Aufschluchzen einer schmetternden Sopranstimme -klang, sagte der hochgewachsene, weißblonde Herr: »Das aber war es, was -sie mir einst geneigt machte. Wie seltsam die Wege des Lebens sind!« - -»Bleiben Sie ihr gut,« wollte Givo sagen. Aber Herr von Twede kam ihm -zuvor. - -»Ich werde sie nun auch verehren können wie Ihr alle, jetzt, wo ich -keine Rechte mehr habe. Rechte setzen einen immer ins Unrecht auch vor -demjenigen, von dem wir sie zu erwarten haben. Nun treten wir ein. Meine -Schwester erwartet mich. Wollen Sie ihr Guten Abend sagen?« - - - - - Unheil auf dem Wege - - -Der Frühling hatte auch Celias Garten geschmückt, die Hecke ans Gitter -gedichtet und in den Beeten lichte Farben angezündet. Die Wege waren mit -Kies bestreut, Gil und Nini hatten die Paquerettes, die Gänseblümchen -aus dem seidigen Rasen gepflückt und jedes der Kleinen hatte sein Beet -bestellt. Unter der alten Linde mit der weißen Rundbank saß Arabella in -der Stille des Vormittags mit einem Buch. Nicht weit von ihr schlummerte -ihr kleiner Liebling Alphonse, warm besonnt in seinem Korbwagen. Seit -mehreren Wochen versorgte sie tagsüber das neun Monate alte Kindchen, -das seine Amme plötzlich hatte verlassen müssen. Sie selbst hatte es -entwöhnt und freute sich nun seines Gedeihens. Nichts konnte ihr lieber -sein mit Ausnahme von Givos Briefen und Besuchen als der Augenblick, wo -des Kleinen Brei, sorgsam ausgekühlt, nun löffelweise in das rundlich -geöffnete Mündchen spazierte, wobei die großen dunkelblauen Augen sich -mit zärtlich ängstlicher Frage zu ihr wandten, ob denn auch der nächste -Löffel gewiß sei. Arabella gab sich Mühe, das Kind nicht durch Küsse -während dieser heiligen Handlung zu stören. Wenn es dann satt war, mußte -sie, so hatte Felix Blanc sie belehrt, es ganz still hinlegen, damit der -kleine Magen das Genossene ungestört verarbeiten konnte. Dann aber -schlief es. Ach, so spärlich war die Zeit, wo man es unbeschadet -liebkosen konnte! Felix Blanc war sehr oft in der Säuglingsstube, -während Alphonse von Vögelchen entwöhnt wurde. Er wurde in lange -Gespräche verwickelt, denn sie war so gründlich, daß er sie neugierig -nannte, und so pedant, daß er sie nur mehr Frau Professorin ansprach. -Wenn er bei Anna sich um ein krankes Kind erkundigte, sagte diese -lächelnd: »Die Frau Professorin wird es wohl besser wissen.« Und sie sah -dabei ihren langgewachsenen Bräutigam schalkhaft lächelnd an, als wisse -sie Bescheid um sein verhohlenes Entzücken. Vögelchen fragte Anna, warum -sie nicht Hochzeit halte mit Felix Blanc, aber Anna antwortete, daß sie -immer ein Brautpaar bleiben würden wie die heilige Cecilie und der -Römerjüngling Valerian. Arabella sann und sie fragte sich, ob denn auch -sie und Givo immer Braut und Bräutigam sein würden. Seit jener Nacht -hatte sie ihn nicht mehr aufgesucht, wenn er, was seither mehrmals -geschehen war, zu Gaste kam. Aber sie begleitete ihn, wenn er abreiste, -und sie blieben dann mehrere Stunden beisammen in sanftem Gespräch und -guter Zärtlichkeit. Nachts, wenn eine unbestimmte Sehnsucht sie befiel, -sie hütete sich, dafür Givo verantwortlich zu machen, wenn sie dann in -ihrem Bette sich regte oder gar ans Fenster ging, war sie gewiß Helenes -leises Rufen zu vernehmen und dann fühlte sie sich von schlanken Armen -umschlungen und eng aneinander geschmiegt schlummerten dann beide -Mädchen ein. »Nur nicht allein sein mit seiner Sehnsucht,« sagte Helene, -die ihr kleines Laster aufgegeben hatte, seitdem Arabella bei ihr -wohnte. Während dieser Zeit waren zahlreiche Briefe Konrad Krugers an -Vögelchen eingelaufen. Celia zeigte sie Givo, der die Schrift erkannte -und entschied, daß sie Arabella nicht ausgefolgt würden. Er sandte sie -uneröffnet an Konrad zurück. Er bat ihn zu sich. Er wollte ihn fragen, -was er bei Arabella zu erreichen gedenke, er wollte ihre Ruhe ihm ans -Herz binden. Aber Konrad kam nicht. Zu dieser Zeit war er bereits nach -Chaly abgereist. Da er keine Antwort bekommen hatte, vermutete er, daß -seine Briefe nicht bis zu Vögelchen gelangt waren. Er hatte in sie sein -Bestes ausgeströmt, sie hätten nicht nur Vergebung erlangt, sondern -Vögelchens warme Teilnahme erweckt. So entschloß er sich, von Tallandre -Urlaub zu erbitten und ein Äußerstes einzusetzen, um Arabella auf sich -aufmerksam zu machen. Er betrog seine Wohltäter, aber er beruhigte sich -damit, daß er ja auch jener Frau und Mutter über Vögelchens Verbleiben -Rechenschaft schuldig sei. Wie ein Flug ins Freie nach dunkler -Umkerkerung erschien ihm die Reise in den strahlenden Frühsommer, die -ihn in Vögelchens Nähe führen sollte. Die geliebten Chalets der Pariser -erschienen ihm rührend bescheiden wie kindische Baukastenspielerei gegen -die Landhäuser zu Hause, von denen jedes eine kleine Welt für sich war. -Wie wenig ausgenützt war dort der Grund, sorglos nur dem Lustwandeln -geweiht, während hier jeder Bahndamm genutzt zur Anpflanzung, zur -Kaninchenzucht jeder Bretterverschlag, jedes Haus umrankt war von -Obstbäumen und Rebe. Er erinnerte sich der Spaziergänge mit dem Vater an -den Geländen der Stadt, wo schon einsame Landschaft sich aufschloß, -wußte von einem Abend längs der Mauer des kaiserlichen Tiergartens, wo -sie zwischen dunkelndem Kieferwald Wiesen entdeckt hatten und häuserfern -einen von Pappeln umstandenen Teich: vorzeitliche Haine. Das Wiesel war -ihnen über den Weg geflirrt. Wie ein Erlebnis brachten sie das mit zur -Stadt, er und der Vater. Er und der Vater! Einen Augenblick starrte er -hinaus auf die fremde Landschaft. Dann quoll etwas Heißes in sein Auge, -kollerte hastig, als hätte es Eile zu verschwinden die Wange herab. -Lautlos perlte es nun durch seine vom Schreiben gekrümmten Finger, -rieselte über und unter ihnen hervor. Da ... eine fremde Hand tastete -sich zu ihm hin, legte sich begütigend auf sein Knie. Er sah sie tief -erschrocken. Eine Frauenhand war es im grauen, ehemals wohl teuren -Handschuh, der jetzt schmutzig und geflickt war. Nun kam er zu sich. Nun -würgte er es hinab, was als Knollen von Schande und Leid um -Unwiederbringliches in seinem schluchzenden Halse saß. »Es ist nichts, -es ist nichts,« sagte er und schob die Hand leise weg. Durch die Finger -der seinen, die ihn verbergen sollte, sah er die Frau ihm gegenüber. Sie -war nicht hübsch, verlebt die Haut, grob die noch jungen Züge, aber der -Blick ihrer großen, runden Augen war treuherzig wie der eines Hundes, -der bittend und teilnahmevoll auf seinen Herrn gerichtet ist. »Lachen -Sie doch lieber, lachen Sie den großen Menschen aus, der weint wie ein -Schuljunge,« sagte er. »Ich weiß selbst nicht, wie das gekommen ist, ich -dachte an meine Heimat.« - -»Nostalgie,« sagte sie mit tiefer Stimme und sie dehnte das e wie die -Schauspieler der _Comédie française_. »Nun, ich lache nicht, es gibt so -wenige Männer mit Gefühl.« Sie wäre Schmierenschauspielerin, erzählte -sie, und eben auf dem Wege zu einer neuen Anstellung. Einmal, da hatte -sie sichere Aussichten gehabt in Paris ein gutes Rollenfach an einem -zweiten Theater zu bekommen. Der Kontrakt war unterschrieben. Da war ein -Mann in ihr Leben gekommen, ein Abenteurer, der riß sie mit nach -Brasilien. Oh dort, eine Hölle war es gewesen! Dann -- als sie -zurückkam, hatte sie sich mit schlechter Provinz begnügen müssen. Aber -sie genoß Ansehen unter ihren Kollegen, denn den Kontrakt besaß sie -noch. Sie zog ihn hervor und zeigte ihn. - -Konrad stieg mit ihr aus an der Station, wo sie beide den Zug zu -wechseln hatten. Er wollte mit ihr warten und dann weiterfahren. Nun, -sie hätte auch keine Eile. Ob sie nicht das kleine Städtchen besehen -wollten? Das Gepäck konnte an der Bahn bleiben oder in die »Sonne« -geschafft werden, den kleinen Gasthof, in dem es so gemütlich sei. Sie -hatte da schon einmal übernachtet. Konrads Neugier lehnte nicht ab. -»Nun, und erzählen Sie weiter,« bat er, nachdem er dem Lohndiener die -Koffer übergeben. »Wie war das auf dem schrecklichen Schiff, mit dem Sie -abfuhren?« - -Sie sprachen die halbe Nacht und dann geschah etwas, das böse Folgen -nach sich zog. Am Morgen trennten sie sich herzlich ohne Versprechen -einander wiederzusehen, denn er fuhr südwärts, sie ostwärts und sie -sollte ein halbes Jahr in ihrer neuen Anstellung verbleiben. Ihre Züge -verwischten sich in seiner Erinnerung, bald vergaß er ihren Namen, aber -die Keime einer Krankheit, von der sie ergriffen zu sein vielleicht -selbst nicht gewußt, blieben in ihm und verheerten sein Leben. - -Noch wußte er nichts von dem Gift, das in ihm seine unheimliche -Tätigkeit entfaltete, er fuhr in Ariels Nähe und das verlöschte die -Erinnerung an diese zufällige Nacht. - -In Chaly wußte er bald Näheres über Asyl Gloriot, daß es kein Kloster -sei, daß niemals ein Geistlicher dorthin gelange. Man sei zwar fromm -dort und wohltätig, aber auf seine Art. Das Haus liege inmitten von -Feldern, weithin sei jeder sichtbar, der sich ihm nähere zu Wagen oder -zu Fuß. Nachts lagen zwei Bernhardshunde zur Wache. Konrad kaufte sich -eine schwarze Brille und eine Botanisierbüchse. Er gab sich den Anschein -Heuschrecken zu fangen und näherte sich den Feldern, die Asyl Gloriot -umfriedeten. Er kam an das Gitter, sah die Kinder, Anna, Helene mit dem -Schützling Vögelchens. Vögelchen war auf ihrem Zimmer. Sie fühlte sich -jetzt manchmal, obwohl sie aufblühte, matt und schwindelig. Felix Blanc -wunderte sich, daß sie noch nicht, wie selbst Helene, die jünger war, -zur Jungfrau gereift war. Das war wohl die Ursache ihrer Kopfschmerzen, -die noch ohne weitere Begleiterscheinungen allmonatlich bei ihr -auftraten. Ruhe allein half ihr. Konrad hatte vergeblich über das Gitter -gelugt. Ein zweites Mal kam er auf dem Wagen des Wäschers angefahren. -Den hatte er auf der Landstraße angesprochen und ihn, neugierig wie er -war, nach seinem Fahrziel gefragt. Asyl Gloriot war die Antwort. Ob er -ihn nicht aufsitzen lassen möchte um einen Franc für Hin- und Rückfahrt. -Gern; wenn er mit ihm zurückfahren wolle, müsse er auf dem Bock sitzen -bleiben, bis er die Wäsche abgeliefert. Das war ihm gerade recht. Vom -Bock aus sah er besser über die Hecke. Clothilde erschien. Sie hieß den -Wäscher den Korb vor die Türe hinsetzen, rief die Kinder herzu, jedes -nahm seine Sachen in Empfang und brachte ein Säckchen mit. Da erschien -Vögelchen an einem der Fenster, Alphonse auf dem Arm, der zärtlich sein -Köpfchen an ihre Schulter schmiegte. Sie sah rosig aus, hold in ihrem -mütterlichen Glück, umrahmt vom Fensterbogen, ein heiliges Bild. Sie -rief: »Helene, vergiß nicht meinen Zettel, ich füttere Alphi eben.« Dann -verschwand sie. Der Wäscher kam, sprang auf den Bock, zählte das Geld, -das er erhalten, rückte die Körbe zurecht und wandte den Wagen. Sie -fuhren ab. Konrads Blick rüttelte an dem dunkeln Viereck des Fensters. -»Noch einmal komm, Jungfrau Maria,« stöhnte sein Herz. Der Wagen -holperte über eine Biegung der Straße. Das Haus verschwand hinter -Bäumen. - -Bald darauf ging er zu dem Wäscher, dessen Häuschen ihm nun bekannt war. -Er legte Geld auf den Tisch und bat ihn, einen Brief in die Wäsche zu -spendeln, die mit A. M. gemärkt sei, eine feine Wäsche müsse es sein. -Der Wäscher schlug es ab. Er könne die Kundschaft verlieren. Die Frau -kam neugierig herzu, die Sache interessierte sie. Konrad sagte, dies sei -das Geheimnis einer unglücklichen Mutter, der man das Kind geraubt habe. -Er bat ihm diesen kleinen Dienst zu erweisen. Niemand würde es erfahren, -diejenige, für die der Auftrag bestimmt sei, erwarte dies Schreiben. Er -legte noch einen Franc hin, aber schon ehe er dies getan, ward schon die -Frau seine Fürsprecherin. Der Mann sah neue Schwierigkeiten. Es wären -zwei A. M. da. Er wisse so gut wie sie selbst, meinte die Frau, daß A. -M. mit dem roten Kreuze Fräulein Anna sei. Sie suchte in den -Wäschestößen, die schon wieder bereit lagen in das Asyl gebracht zu -werden, und zog eine duftige Morgenjacke hervor, die eben noch -überplättet werden sollte. »Da geben Sie Ihren Zettel, ich weiß schon -Bescheid. Sie meinen die Zarte, die immer das schwere Kind schleppt, -seit dem Herbst ist sie hier. Sagte ich Dir nicht kürzlich, daß Fräulein -Gloriot doch noch ein Kindermädchen aufnehmen sollte. Unsere Louise wäre -gerade recht.« Sie steckte geschickt das Briefchen unter die Fälbchen. -Konrad bedankte sich und ging. - -In dem Briefchen stand: - -»Ariel, mein Ariel, oh, daß Du diesen Gruß erhieltest, einen von den -vielen, die ich Dir sandte aus dunkler Zeit. Mir ward Hilfe, noch weiß -ich nicht, wer es begann. Ich bin wieder ein geistig arbeitender Mensch -mit reiner Wäsche, alles andere ist gleichgültig, wenn ich noch Deinen -Segen dazu habe. Ich habe Dich mit dem Kinde gesehen, Maria, und seither -ist Ruhe in mir. Ich wandere durch die Felder und lobsinge zu Deinem -Preise. Ariel, der Du ein Kindlein liebst, ist es nicht Zeit, daß Du -Deiner Mutter gedenkest, die mich zu Dir sandte? Sie härmt sich um Dich -seit Jahren, ohnmächtig war sie Dich Deinem Versucher zu entreißen. Ich -aber will Dich zu ihr geleiten. Vertrau Dich meiner Liebe. Komm mit mir -in die Heimat, in Dein Mutterland. Ruh aus bei Deiner Mutter von Kampf -und Krampf, gib von Deiner Sonne ihr, die Dich gebar, der Du das Licht -schuldest, das Ormuzd in sie strömte um Deinetwillen. Ich erwarte Deinen -Wink und führe Dich ihr zu. - -In Treue bin ich immerdar - - Konrad.« - - - - - Gestörter Friede - - -Arabella war mit Helene in ihrem Zimmer. Helene plauderte immerzu. Aber -nicht wie andere junge Mädchen sprachen sie von verborgenen Dingen, denn -diese erregten ihre Neugierde nicht mehr. Jenes verborgene Leben aber, -das sie kannten, hatte das andere nicht berührt, das sie mit -Altersgenossinnen gemein hatten. Auch waren sie beide schamhaft im Wort. -Sie sprachen über Blumen, Spiele, Bücher, Musik, Kleider, Ausflüge, über -Anna, Felix Blanc und über Alphi. Er hatte zwei kleine Mütter an ihnen, -die mit ihm spielten wie mit ihrer letzten Puppe. Heute sprachen sie -auch von Alphis Eltern. Seine Mutter war tot, der Vater, ein Gelehrter, -war dem jähen Schmerz geflohen. Eine Forschungsreise hielt ihn seit -Monaten fern. Er war ein Freund Givos, Tallandres jüngerer Bruder. Wenn -sie von Alphis Zukunft sprachen, wurde Vögelchens Blick ernst und -träumerisch. Helene wußte, die Freundin fühle sich gebunden, könnte auch -Alphi nichts versprechen. Helene aber wollte bei ihm bleiben, bis er ein -großer Junge war. »Mama will keine große Tochter haben. Ich bin ihr -immer im Wege. Es ist so unruhig bei ihr, meinte sie. Immer kommen -Schneiderinnen und Herren und Freundinnen, die aufgeregt sind. Ich habe -dort keinen Winkel für mich und die vielen fremden Leute sehen mich alle -neugierig an. Ich möchte bei Tante Cecile bleiben oder Gouvernante -werden. Kinder sind doch das Netteste auf der Welt.« - -»Ich möchte gern eigene haben,« sagte Arabella nachdenklich und schwieg -dann, wie immer, wenn sie an Verborgenes ihres Lebens dachte, von dem -Helene nur ein weniges ahnte. Sie nahm ein Wäschestück aus dem Kasten, -um sich damit zu bekleiden, ehe sie sich an den Frisiertisch setzte. Da -fiel etwas zur Erde. Sie bückte sich. Es war Konrads Brief. Sie besah -ihn erstaunt und las ihn erbleichend. Helene war um Alphi beschäftigt -und schenkte dem Vorgang keine Aufmerksamkeit. Erst als Vögelchen lange -schwieg, sah sie auf. - -»Helene,« sagte Arabella, »kannst Du Alphi einige Tage allein versorgen? -Ich muß verreisen. Du allein sollst es wissen. Ich werde heimlich -fahren. Man ließe mich nicht fort, wenn ich darum bitten würde. Ich will -zu meinem Stiefvater. Ich muß Aufschluß haben über, über meine -- -Mutter. Du mußt über alles schweigen. Versprich mir's, Helene.« -Vögelchen umfaßte Helene, die zu ihr geeilt war. Die beiden Mädchen -hielten sich umschlungen. Sie bebten vor Erregung. - -Nachmittags entfernte sich Arabella, nachdem sie Cecile einen Brief -zurückgelassen. Helene sah ihr angstvoll nach. In einem Päckchen hatte -sie das Nötigste für die Reise. Es war ihr, als folge sie -schlafwandlerisch einer Macht, die dies alles für sie bestimmte. Zuerst -telegraphierte sie Givo das Ziel der Reise. Dann ging sie in die -größeren Gasthöfe und fragte nach Konrad. Er war abgereist. Zehn Tage -waren vergangen, seitdem er das Briefchen zu dem Wäscher gebracht. Auf -dem Bahnhof erfuhr sie, daß Quesdon, Mannsthals Aufenthaltsort, nicht an -der Bahn liege, daß sie bis zu der zunächst liegenden Station Balogne in -Louvais den Zug zu wechseln habe. Das Warten am Bahnhof zu Chaly war -peinlich. Sie fürchtete überrascht zu werden, so ging sie bis zur -nächsten Haltestelle, eine Stunde weit. Dort hatte sie noch eine weitere -Stunde den Zug abzuwarten. Wie ungeduldig war sie! Endlich saß sie im -Wagen. Da stieg ein Geistlicher ein. Sie bat ihn um Auskunft. Er riet -ihr, in Louvais zu übernachten und früh am Morgen nach Balogne weiter zu -fahren. Ob sie sich denn nicht fürchte allein zu reisen? Er würde ihr -gern die Adresse einer frommen Herberge in Louvais geben und ein -Briefchen dazu, damit sie nicht im Gasthof übernachten müsse. Arabella -nahm dankbar an. Es war ihr, als hätte ein Schutzgeist ihr den alten -Mann gesandt, der nun mit zitternder Altmännerschrift ihr die Adresse -schrieb: »Empfohlen von Thomas Brueuil, Dechant von St. Jacques in -Trouai.« Er stieg bald wieder aus. Es war nicht anders, als ob er nur -erschienen wäre, ihr die Weisung zu geben. Es dämmerte, geisterhaft flog -draußen die Landschaft an ihr vorbei. Eine warme, süße Nacht warf ihre -Schwaden über den eilenden Zug hin, Ausstrom der reifenden Felder, die -er durchmaß. Ein Gruß ferner Welten floß in sie ein und stärkte ihre -verängstigte Kraft. Nach fünfstündiger Fahrt war sie in Louvais. Wie -Meerluft trank sich der Atem der Nacht. Sie sprach eine Frau aus den -ärmeren Klassen an, die zeigte ihr den Weg nach der Herberge. Die Stadt -lag im Mondschein gebadet. Die keine Kathedrale war wie beeist, dunkle -Schatten lagen zwischen den gothischen Mauern, in einer Glasrosette -glitzerte ein Mondstrahl und sah wie ein göttliches Auge in das -Helldunkel. Auf dem Hauptplatz plätscherte ein Brunnen, unbesorgt der -Stille, in die er sprach. Da und dort gingen noch Leute, huschten wie -Schemen vom Glast zu Dunkelheit, verschwanden in winkeligen Gassen oder -in den stillen, verschlafenen Häusern, deren Läden sich selbst dem -warmen Sommerabend verschlossen. Arabella wagte nicht mit lebendiger -Sprache eine der Schattengestalten festzuhalten, um nochmals nach Straße -und Haus zu fragen. Sie war müde und traumselig berührt vom Zauber der -schlafenden Welt. Sie fühlte noch das Kreisen der Waggonräder in den -Gliedern. Es war gut zu schreiten in der linden Stille. Sie erinnerte -sich eines Kindermärchens, eines der wenigen, die ihrer seltsamen Jugend -beschert waren, sah eine fremde Stadt, in der eine Prinzessin einen -Königssohn sucht, der verzaubert bei der Fee Conta wohnt, in einem alten -gläsernen Palast, dessen verrostete Türklinke aufschluchzt, wenn einer -sie berührt. Und nun stand sie vor einem der alten Gebäude, dessen -gewölbte Erker tiefe Schatten auf die Straße warfen und wußte, dies Haus -ist Kloster und Herberge. Nur ein schwaches Licht hinter bleichem -Vorhang kündete, daß sich noch Leben regte in dem Hause, das aus vielen -Jahrhunderten zu kommen schien. Arabella erschauerte, ihre einsame -Wanderschaft zur Nacht wurde ihr einen Augenblick zum Symbol für ihr -Leben. Nicht anders als wie eine kleine vom Wind betäubte Meise klopfte -ihr Fingerchen an die durchleuchtete Scheibe. Eine Nonne öffnete ihr, -das Antlitz von der Laterne beschienen, und sprach den frommen Gruß. -Vögelchen fühlte, wie ein musternder Blick ihre modische Kleidung -streifte. Wie zur Gegenwehr streckte sie den Zettel des Pfarrers hin und -nun stand sie in einer kühlen Halle, über deren Mauer das Licht der -Laterne tanzte. Ihr war, als wölbten sich massive Spinnweben über ihr. -Irgendwo tickte eine Uhr, während die Nonne mühselig las. »Ein Plätzchen -für die Nacht?« sagte sie dann mit jener oft den Nonnen eigenen Stimme. -»Im Vorderhaus ist nichts frei,« überlegte sie. »Nun, wir müssen eben -durch den Saal und leise sein. Folgen Sie mir.« Nachdem sie aus einer -Zelle einen Schlüsselbund geholt hatte, schritt sie Arabella voran. »Wir -haben heute die Prozession aus Aisle zur Nächtigung,« sagte sie. Nun -traten sie auf einen großen Hof. Ein steinernes Marienbild leuchtete -hell zwischen Birkenstämmen, deren Laub rieselnde Schatten über die -Steinfliesen malte. Ziegen und Schafe lagen da im Schlafe. Von ihren -Leibern ging atmende Wärme aus. Kreuze ragten aus Büschen. Vögelchen sah -es nicht anders als Druidensteine. Unheimlich fremd waren der in allen -Kulten Unbelehrten die frommen Wahrzeichen. Aber der Frieden, der -ausging selbst von dem voranleuchtenden Schreiten der Nonne, stimmte sie -dankbar. Das Hinterhaus, zu dem sie sich begaben, ragte dunkel, von -Jahrhunderte altem Efeu umrahmt. Über der gotischen Türe brannte unter -einem Heiligenbild ein ewiges Licht, einem ängstlich flackernden -Blutstropfen gleich. Die Nonne öffnete. Sie schritten durch die -Sakristei an der Kirche vorbei, dann öffnete sich behutsam eine riesige -Türe, nachdem die Nonne die Laterne zurückgelassen hatte. Sie tasteten -sich durch einen Saal, darin lagen zehn Nonnen. Sie waren nicht -entkleidet und hatten nur niedere, mit Gurten bespannte Betten ohne -Polster und Decken. In ihren weißen Gewändern glichen sie Schwänen, die -auf dunklen Wellen schweben. Eine oder die andere rührte sich im -Schlafe, eine hochgewachsene Gestalt richtete sich spähend auf und -schien wie in Verzweiflung zusammenzusinken. Leise ging der Atem von -anderen, deren friedliche Züge Mondschein überglänzte. Das Nebenzimmer -wurde nun Vögelchen zur Nächtigung angewiesen. Neben einem -altertümlichen Bett stand ein zinnernes Waschbecken und ein Stuhl. -»Schlafen Sie in Frieden,« sagte die Pförtnerin und verschwand. -Vögelchen ging ans Fenster, fast taghell strömte nun das Mondlicht in -den kahlen Raum. Ihr war, als wäre sie gefangen und müsse einen Ausgang -erspähen. Unten im Hof entschwebte das Licht der Laterne. Da erblickte -sie schräg gegenüber zwei erleuchtete Spitzbogenfenster. Welch seltsames -Treiben bot sich ihr dar. Nonnen saßen über Spitzenarbeiten gebeugt. -Riesige Kreuze und heilige Wappen streuten ihre kunstfertigen Finger in -weißes Gespinst. Jahr und Tag saßen sie wohl so, ein Leben lang über die -heilige Spitze gebeugt, die Altäre, Pulte und Priestergewänder schmücken -oder jahrhundertelang in Klosterschreinen modern sollte. Weltfern lag -ihnen das lebendige Leben, wahnvoll waren ihre Gedanken eingesponnen in -die Gewebe. Ihre Gebete und Litaneien rankten sich verworren um Kreuz -und Krummstab und dumpfe Sehnsucht um Lilie, Rose und Akanthusblatt. -Vögelchen wurde nicht müde hinüberzuschauen, aber plötzlich tappte etwas -neben ihr über die Steinfliesen. Blitzschnell flitzte ein grauer -Schatten vorbei: Mäuse. Da eilte sie ins Bett und zog die Decke eng an -sich. Irgendwo tickte es in altem Holz. Fast hörbare Schwüle tastete -sich über Nonnenschlaf zu ihr und hüllte sie in jene Dämmer, die -Erlebnis, Wunsch und Furcht vermengen. Sie sah Givo sie irgendwo -erwarten und alle Einsamkeit hatte ein Ende und sie stand vor Adalbert -und bat ihn sie von der Mutter zu erlösen, die rief und sie nicht fand -und die sie nur sah wie einen Schatten, der nicht wärmt. Aber Adalbert -sprach nicht, er blickte sie an wie in fernen Nächten mit dem -Tierbändigerblick, der ihr wie ein süßer Befehl durch die Glieder rann. -Da fühlte sie wieder, nur bei Givo war Erlösung, denn sein Blick -entwaffnete den des Zauberers. Vor Tagesanbruch weckte sie leiser, -eintöniger Gesang. Die Nonnen beteten. Immer lauter wurde das Singen, -immer heller das Tagen vor den Fenstern. Es war, als riefen sie das -Licht im Gebet, und es antwortete ihnen mit silbernem Ruf. Als der -Gesang verstummte, brach Sonnenschein in das Gemach. Vögelchen ließ -Wasser durch ihre Finger perlen und kühlte sich die schlafheißen Wangen. -Neugierig ging sie ans Fenster, die Stätte der Nacht im Tag zu sehen. -Alles war heiter jetzt und von schlichter Ehrwürdigkeit. Die Nonnen -drüben waren von anderen abgelöst worden. Kinder gingen über den Hof, -Bäuerinnen mit großen weißen Hauben flügelten umher, dazwischen weiße -und schwarze Nonnen. Die Pförtnerin war unter ihnen und Vögelchen -verließ nicht ohne Scheu ihres modischen Kleides wegen das Zimmer, -schritt durch den leeren Saal und begrüßte die Nonne. Die führte sie zu -einer Greisin, deren Blick geistesabwesend war wie der eines kleinen -Kindes. Sie reichte Arabella mit einem erstarrten Lächeln ein Brot. -Vögelchen streifte ein schmales Ringlein, das sie seit Kinderzeit trug, -vom Finger und legte es der Priorin in den Brotkorb. Die nickte und -murmelte einen Segen. Dann trat Arabella auf die Straße und durch die -erwachte Stadt fand sie den Weg zum Bahnhof. - - - - - Guy de Malpasse - - -Das Reisen war damals noch nicht, was es heute ist. Kleine Fahrten, -zumal in der Provinz, galten schon als Abenteuer. Die Lokomotive hatte -noch etwas von der Hexenmaschine. Die Bürger von Louvais wunderten sich -nicht wenig, dies fremdartige kleine Wesen am Bahnhof zu erblicken, wie -es gewandt sich ein Billett nach Balogne löste und ohne ihrer zu achten -längs der Geleise auf und ab wanderte. Arabella fühlte selbst oft mit -Erstaunen diese Unabhängigkeit in sich, die sie, die Zarte, mit Kraft -und Sicherheit ausstattete, überraschende Entschlüsse fassen ließ, ohne -daß ihnen bewußte Erwägungen vorangegangen waren. Gleichzeitig aber -entsprang diese Freiheit einer Unterwürfigkeit für mystisch vorbestimmte -Wege und Ziele ihres Lebens und ihr Gewissen war daher ohne Schranken -und Reue. Diese scheinbar nebelhaften Vorgänge, ein Teil ihrer -wesentlichsten Art, waren ihr nun viel klarer und selbstverständlicher -und erfüllten sie mit zuversichtlicher Ruhe, denn sie überzeugte sich, -daß diese heimlichen Gebote ihr Gewissen selbst waren, das für sie -dachte und erwog und befahl, ehe ihr ein Urteil zufiel. Sie erfuhr, daß -stets alle Mittel bereit waren, diese Gebote zu fördern und zu erfüllen. -Was andere Zufall und Wunder nennen, war ihr natürlich und es schien ihr -gegeben diese Wunder anzuziehen. Am Großen und Kleinen erlebte sie dies -und war bedient von jenen unbewußten Witterungen und Ahnungen, die Givo -ihr gedeutet hatte. Dies auch war es, was sie Lichtsuchern als ein -astrales Wesen erscheinen ließ, das mühelos besaß, um was sie selbst -sich in Geisteskämpfen mühten. Ihr war es gegeben in den göttlich -wissenden Lichtsphären zu wandeln, wiewohl das tägliche Leben sie umgab, -eine Aeonin im lebendigen Leben zu sein. Fremde lasen ihr diese -Besonderheit von der Kinderstirn, ein Heiliges haftete ihr an, dem -Halbkind, das schon durch alle Feuer der Sinnenlust gegangen war. - -Ein Herr, kein Bürger, ein Gutsbesitzer vielleicht, sprach sie an. Er -war schlank, schwarzbärtig, korrekt gekleidet. Ein Diener hielt sich in -seiner Nähe auf. »Madame, darf ich Ihnen in irgendeiner Weise behilflich -sein? Mein Bedienter wird Ihr Gepäck versorgen.« Vögelchen erwachte aus -ihren Träumereien. - -»Danke,« sagte sie. »Ich fahre nur nach Balogne, von dort aus will ich -nach Quesdon. Dahin finde ich wohl einen Wagen.« - -»Man geht eine Stunde zu Fuß bis an die Dünen,« sagte der Herr. - -»Ach, das Meer!« rief sie. Sie hatte bisher nicht daran gedacht, daß sie -es sehen sollte. Der Fremde lächelte. Sie sah erst jetzt, wie klug und -ernst er aussah. Schwermut lag hinter weltmännischer Haltung verborgen, -ein fast düsterer Blick, anders als Givos wissendes Schauen betrachtete -sie, das neugierige flammende Auge eines Künstlers. - -»Sie haben in Louvais übernachtet, darf man fragen, wo? Ich habe im -besten Gasthof geschlafen. Sie waren nicht dort, wie schade! Sie sind ja -fremd hier, eine Ausländerin, wie ich vermute.« - -»Ich schlief bei den Ursulinerinnen in Louvais.« Wieder lächelte er, -aber unmerklich, schon mit der Absicht, sie nicht zu verletzen. - -»Wie schade, daß Sie nach Quesdon fahren, ich reise nach Paris. Wie -hübsch wäre es gewesen Ihnen Gesellschaft leisten zu dürfen. Sie haben -den bessern Teil erwählt. Jetzt ist es schön am Meer. Ich komme von -Etretat und spüre noch seinen Hauch in der Seele. Wäre ich doch dort -geblieben, aber ich bin voll Unrast, mich jagt es umher, es jagt, es -kreist --. Unzählige Briefe erwarten mich, Verabredungen, -Korrekturbogen, meine Verleger, mir graut davor --.« Er sprach es wie zu -sich selbst. Und wie in plötzlicher Nervosität: »Francois, wir haben -vergessen, unsere Goldfische zu füttern.« - -Arabella sah plötzlich in der morgenhellen Landschaft nur seine düster -flammenden Augen, diesen dennoch warmherzigen und gequälten Blick, -hinter dem es noch wie Erinnerung an Schönheit und Lebensfreude -aufzuckte. Sie empfand Mitleid mit der Unrast, die sie aus seinen Nerven -knistern fühlte. »Sie sind krank?« fragte sie. »Sie sollten Ruhe -suchen.« Ein Ausstrahl ihres Herzens war in ihrer Stimme. - -»Ja,« sagte er. »Ich bin müde, müde. Und man quält mich? Wenn Sie in -Paris sind, rufen Sie mich zu sich, kleine Fremde. Ich spare Ihnen eine -freie Stunde.« Er reichte ihr seine Karte: Guy de Malpasse. - -»Der Dichter?« fragte sie. - -»Um Gotteswillen, ja,« sagte er. »Sie haben doch nichts von mir -gelesen?« - -»Nein, ich habe nur kürzlich Ihre Bücher auf dem Regal meiner -Vorsteherin abgestaubt.« - -»Lassen Sie es daran bewenden oder lassen Sie lieber den Staub darauf -liegen. Ich schreibe nichts für Elfen aus Fremdland.« Sein Zug setzte -sich in Bewegung. Sein Blick flackte über sie hin, zurück in die -Landschaft, zu La Guilette mit seinen _carrés normands_, dem -Goldfischteich, den Erdbeerbeeten, den weißen Pappeln. - - - - - Die Frage - - -Als sie gegen Balogne fuhr, wandten sich ihre Gedanken wieder bewußt dem -Zweck ihrer Reise zu. Die Frage, die sie an Mannsthal stellen wollte, -begann sie von neuem zu beängstigen. Ungeduld und Grauen auch trieb sie -an ihn wieder zu sehen, den Zauberer. Sie dachte nicht daran, daß er -selbst nicht den Wunsch geäußert hatte, sie in den Sommermonaten aus dem -Asyl zu rufen. Er hatte vor einigen Monaten wieder begonnen, ihr zu -schreiben, freundlich scherzhafte Briefe, in denen er auch zuweilen nach -ihren Wünschen fragte. Sie hatte keine. Sie war mit allem reichlich -versorgt, ja, sie schämte sich ihres Überflusses. Von Angele reihte er -Grüße an. Von einer Veränderung, die er plane, schrieb er ihr und die er -zu rechter Zeit ihr mitteilen würde. Was mochte er gemeint haben? -Während sie sann, drängten sich einige Fahrgäste an die Fenster. Die -Bahn überschritt die Somme. Sie selbst erhob sich, sie sah die Dünen -und, durch einen Einschnitt ward das Meer sichtbar. Unendlich blau und -still, ein Ebenbild des Himmels schien es dort wie eine riesige Wiese zu -planen. Balogne wirkte gegen Louvais wie ein Variete gegen ein -Passionsspiel. Ein geschäftiges modisches Treiben und die Emsigkeit, die -aus dem Räderwerk der Stahlfederfabriken auszulaufen schien, umgaben -sie. Bald war ein Wagen gefunden, aber als sie an die Dünen kam und der -Kutscher ihr den Weg nach Quesnon zeigte, dessen Villen schon hinter -einem schmalen Band von Bäumen auftauchten, sprang sie rasch aus dem -Wagen und bezahlte. Sie wollte allein sein mit dem Meer. Der Sand war da -und dort zu Hügeln aufgewirbelt. Auf einen solchen setzte sie sich und -ließ das Wunder der See auf sich zuschreiten. Es war ein Sonnenwunder. -Milliarden weißblitzender Fünkchen tanzten auf blauen Wasserhügeln, die -in unabsehbaren Reihen aus unendlichen Fernen auf das Ufer zueilten. War -es möglich, daß das große Meer nur ein Teil der Welt, ein Teil eines -Teiles war? Die Luft, das Reich des Lichtes, war unendlicher noch, sie -sah in den Himmel hinauf, wie ein Abgrund war die Höhe, sie war von -seligster Bläue und diese Bläue nur war die Unendlichkeit. Ihr war, als -wenn sie längst gestorben wäre und selbst durchsichtig wie Luft und -Wasser, ein Teil der unfaßlichen Unendlichkeiten, hinzöge ins Maßlose. -Und sie fühlte Givo in sich, wie sie ihn trug auf Flügeln ihrer Seele, -wie er sie trug, wie sie wie ein Libellenpaar hinschwebten über Meere, -Welten -- Welten, Meere, Himmel -- Unendlichkeiten. Eine Nebelpfeife -weckte sie. Sie sprang auf, eilte den Bäumen zu. Landsitze standen dort -in Gärten, spärliche Anlagen, dem Dünenland abgetrotzt. Sie wußte nicht, -in welchem Haus Adalbert wohnte, aber sie vermutete, daß es das war, das -auf festgefügtem Steindamm gegen die Dünen stand, den Blick frei auf das -Meer gerichtet, während seitlich ein großes Stück Gartenland sich an die -Felder und Anlagen schloß, die die Villenanlage von dem Ort trennte, -dessen ländliche Kirche hinter kleinen Häusern sichtbar wurde. Vögelchen -sah den Gasthof, ein breitspuriges Gebäude mit dicken Mauern, hinter -denen es wohnlich aussah. Einige Tische standen vor dem Hause, Landleute -und bescheidene Reisende saßen und standen davor. Auch sie setzte sich -hin und bestellte ein Frühstück. Außer dem Brot der Ursulinerinnen hatte -sie seit dem Mittagessen des vorigen Tages nichts mehr zu sich genommen. -Sie aß Eierkuchen, trank dicke Milchcreme. Oh, wie hungrig hatte sie die -Seeluft gemacht! Hier hätte sie Adalberts Wohnung erfahren, aber wer -weiß, unter welchem Namen er im Ort bekannt war. Eine Scheu hielt sie -ab, nach dem Haus zu fragen, das das einzige war, das sie allenfalls als -ihr Vaterhaus bezeichnen konnte. So ging sie und spähte hinter Hecke und -Zaun. Sie hatte nicht fehlgeraten, das stattlichste gegen Sturm und -Winter geschützte war Vas Wohnstatt. Denn -- ihre Hände griffen in die -Eisenstäbe des Gitters, da ging zwischen bunten Vervenenbeeten eine -hochgewachsene blonde Frau: Angele. Sie war schwanger. Sie sah kräftig -aus und um vieles jünger in ihrem rosafarbenen Morgenkleid, das keinen -Zweifel über die Veränderung ihrer schlanken Gestalt ließ. Adalbert, -auch er war verjüngt wie vor der Krankheit, ein wenig stärker -vielleicht. Er kam aus dem Hause wie zum Ausgehen bereit, küßte die Hand -der Frau, umfing sie sanft, streifte ihr Haar aus der Stirn. Vögelchen -erschrak, sie kannte diese Geste. Er lächelte dankbar einem Wort aus -ihrem Munde. Dann kam er dem Ausgang zu. Vögelchen stand und es -schüttelte sie, als hätte sie Fieber. Die Vergangenheit trieb ihr -Blutwellen ins Antlitz beim Anblick ihrer Nachfolgerin, die die Frucht -dieser Nachfolgerschaft so sichtbar trug. Weh ihr, wo sollte sie sich -verbergen? Aber im selben Augenblick ging das Tor und Mannsthal stand -vor ihr. Er erbleichte. Nun aber ersah sie seine Züge, seine Augen, -seinen Mund, wußte, fühlte es wieder, daß er sie besessen, wußte um das, -was in ihr im Dämmerschlaf gelegen, um jenes Leben der verebbten -Sinnenlust. Sie hatte ihre Frage vergessen, sie fühlte nur jenes andere, -fühlte den Zauberer. Aber auch er überwand seine erste Erschrockenheit -und fragte mit Besorgnis: »Kind, warum bist du da? Ist Dir etwas -geschehen? Allein diese Reise?!« Er legte die Hand um ihre Schultern, -wie er es eben bei Angele getan. Diese Bewegung brachte sie zu sich, -rüttelte sie wieder zurück in die Erniedrigung, die sie empfunden hatte. - -»Nicht da hinein,« sagte sie. »Komm weg von hier,« und sie entfernte -sich eilig. Er folgte ihr. - -»Du hast sie gesehen,« sagte Adalbert mit warmem Bedauern in der Stimme, -etwas Mildes klang mit, das neu war in ihr. »Bist du ihr denn böse, mein -Liebes, Kleines, du? Verzeih mir, Kind, verzeih mir. Aber es mußte sein, -das brachte mich dem Leben zurück, das abzuwarten. Das allein half mir -meine Krankheit zu überwinden. Vielleicht wirst du das alles einmal -verstehen.« Schon war es Vögelchen, als spräche ein Fremder zu ihr. Es -schmerzte, daß sie ihn als Fremden empfand, den ihre Augen, ihr Blut so -gut kannten. Und jenes Haus, jene Frau ward ihr eine fremde Stätte, aus -der sie ausgeschlossen und in die übrige, unendlich große Welt gestoßen -war! Jetzt, ja jetzt mußte die Frage gestellt werden. Sie stieß sie -unvermittelt hervor: »Wo ist, wer ist meine Mutter?« Er fühlte es wie -Rache und seine Antwort sollte mit gleicher Münze zahlen. - -»Oh, eine gute, langweilige Frau, die dich wenig fesseln würde. Ich -schätzte sie leidlich, als sie jung war und vor allem nur deinetwillen. -Ich habe dich ihr abgekauft, als sie zu einem anderen und bald dann auch -zu einem zweiten Manne ging. Das heißt, es war ihr vierter, falls dein -Vater ihr erster gewesen, was wahrscheinlich ist. Dein Vater war ein -Kranker, ein Dichter und Träumer. Deine Papiere waren nicht in Ordnung. -Es war nicht schwer für mich dich als Tochter anzuerkennen.« Als -Mannsthal nun Vögelchens leichenblasses Gesicht sah, sagte er -besänftigend: »Deine Mutter war nicht schlecht, nur völlig willenlos und -sehnte sich nach einer Heimat bei einem Mann, der nicht zu viel und -nicht zu wenig von ihr wollte. Jetzt hat sie ihn seit vielen Jahren und -einen Sohn dazu. Ich war nicht gerade aufopfernd gegen sie -- das will -ich dir gestehen, aber sie lebt jetzt in glücklicher Ehe und verdankt -diese Ehe dem Umstand, daß ich dich behielt. Du wärest eine Fremde dort. -Bist du nun gekommen, mich anzuklagen? Bist du mir böse geworden, weil -ich an dir Mutterstelle vertreten habe? Du warst doch recht zufrieden -bei mir. Oder solltest du bereuen, daß wir, daß es -- war es nicht -schön? Sag« -- er faßte sie leidenschaftlich an -- »war es nicht schön? -Nichts, nichts konnte mir das, kann mir jemals das verschaffen. Hast du -es abgeschüttelt wie eine Schande, weil es die stumpfen, heuchlerischen -Menschen so nennen würden, wenn sie wüßten, wie glücklich wir gewesen -sind in unserer Leidenschaft. Und nun hast du ja deine Schwärmerei und -eine heilige noch dazu. Ich trete dich ab an Imanuel Givo. Bist du's -zufrieden?« - -Vögelchen atmete schwer. Es war zu viel, dies alles zu bewältigen. »Sie -ruft nach mir -- diese Frau,« sagte sie schließlich mühselig. - -»Sie wird sich beruhigen, wenn sie erfährt, daß ich mich mit Frau von -Twede vermähle,« erwiderte Mannsthal. »Erspar' dir also eine -Enttäuschung und vertrau' mir. Was hat dich denn getrieben, wer hat dich -verhetzt? Givo schrieb, du wärest so glücklich in dem Heim!« Sie waren -in den Dünen draußen in der Einsamkeit und in die Stille sprach nun das -Meer mit seinem rieselnden Raunen und Rauschen. »Du hast es nie gesehen, -nicht wahr?« sagte Mannsthal, als er sah, wie sie von der Gewalt des -Elementes ergriffen wurde. »Ich denke oft an dich, wenn ich hier sitze, -sehne mich nach deinem Plaudern, nach deinem kleinen Körper auch. Du -bist sehr wohl, nicht wahr? Siehst frisch aus trotz der Reise und der -überflüssigen Aufregungen, in die du dich versetzt hast.« Er nahm ihre -Hand in die seine und drückte sie heftig. »Komm, setzen wir uns hierher. -Ist es nicht einzig, das Meer?« - -»Ich will jetzt zurück in den Gasthof,« wehrte sie. »Dort habe ich meine -Sachen gelassen und erwarte Briefe. Ich will auch heute noch zurück. -Fräulein Gloriot könnte mir böse sein.« - -»So rasch willst du fort und willst nicht deine Scheu überwinden und zu -Angele kommen?« - -Vögelchen schüttelte den Kopf. »Es ist zu viel auf einmal,« sagte sie -und setzte sich müde hin. Er war gleich bei ihr, kniete zu ihr hin, -küßte ihre Hände. »Mein kleines, mein geliebtes Kind! Laß dich nicht -verwirren. Gehören wir denn zu den anderen, mit denen du vergleichst? -Oh, du Liebes, du Schönes, du!« Er bog sie zurück, er küßte sie, er -liebkoste sie, er flüsterte ihr vergessene Worte ins Ohr. »Ist es nicht -wie ein Wunder, es ist heute Nacht ein Jahr gewesen. Denkst du daran, -jene Nacht, in der Rosina starb. Unsere schönen, heißen Nächte, -Vögelchen!« - -Nonnengesang hatte sie an diesem Morgen geweckt. Sie sah das fast -blödsinnige Lächeln der Priorin, das aus einer Welt heiliger Einfalt zu -kommen schien. Dort im Gasthof erwartete sie vielleicht eine Antwort von -Givo oder er selbst. Sie sah die schwangere Frau im Garten und in der -Ferne eine Familie, die sie fremd ansah, während sie auf eine Frau -zutrat und Mutter sagen wollte. Wahnsinn grinste sie an. Aber dazwischen -sang das Meer das ewige Lied, das alles Einzelne in seiner -Unaufhaltsamkeit aufsaugt, alles Zeitliche in seiner Ewigkeit -verschlingt. »Laß mich,« sagte sie ohne Abscheu und Hast. Sie reichte -ihm zum Abschied die Hand. - -»Ich bringe dich zurück nach Chaly,« sagte er. - -»Jetzt will ich in den Gasthof und allein sein,« erwiderte sie. Ihr -Gesichtchen verzog sich, aber sie schämte sich der Tränen des Mitleides -über sich selbst und gleich darauf zieh sie sich der Undankbarkeit gegen -Givo, der sie unter seinen Schutz genommen. So eilte sie hinweg. -Mannsthal stand auf, ihr zu folgen. Aber sie wandte sich und hob -beschwörend die Hände. Nun schien sie über die Dünen zu fliegen. Sie -entschwebte ihm. Seine Gewalt war gebrochen. - -Sie lag im Gasthof zu Quesdon, dumpf, zerbrochen. In die gesteiften -Vorhänge des Bettes schlug der Meerwind. Die Türe ging auf und Givo trat -ein. Sie rührte sich nicht, sah nur in hilfloser Dankbarkeit zu ihm auf. -»Warum hast du es getan, ohne mich?« sagte er. »Es wäre alles besser, -leichter gewesen.« Er sah, daß sie gelitten hatte. Er streichelte sie. -Ihr Atem wurde ruhiger. Sie sprachen lange. Aber als sie dann ihm, ja -selbst ihm nicht alles sagen konnte, kam wieder Verzweiflung über sie. -Sie lag wie abgestorben. Da wuchs seine Angst um sie, da wollte er mit -ihr fühlen, daß es kein Traum war, daß sie zu einander gehörten. Er -wollte sie wärmen mit dem Zustrom seines Gefühles, mit seinen Küssen -ihre Erstarrung lösen und sie schloß die Arme um seinen Hals und hielt -ihn und er wollte spüren, daß ihr Herz pochte, an seine Lippen sollte es -schlagen. Er löste ihre Kleider in Zärtlichkeit, er fühlte sie wie eine -lose Blüte duftend in seinem Arm verhangen, keine Abwehr war in ihr, -wissend sog sie sich seinen Wünschen entgegen. Aber dann hielt er sie -nur warm an sich, wagte nicht, sie ganz an sich zu nehmen, und selig -spürte er, wie sie den Schmerz vergaß über der drängenden Sehnsucht sich -ihm zu schenken. Lange lagen sie in sinnenraubenden Flammen regungslos -verschmolzen, bis er, seiner nicht mehr mächtig, in sie eindrang. Da -wußte er nebelhaft im Rausche, daß sie nicht mehr Jungfrau war. Sein -Schmerz erstickte in Mitleid und Erstaunen überwältigte ihn, daß sie in -Liebeskünsten gewandt wie Courtisanen und doch unbewußt war wie ein Kind -und verklärt in ihrem Feuer. Während er sie besaß, stürzten Tränen -heißer Trauer aus seinen Augen, während er sie glühend an sich riß, -entsagte er seinem liebsten Traum. Aber Vögelchen wußte nicht mehr, daß -sie ein anderer besessen, ahnte nicht, daß es eine Jungfräulichkeit gab, -die geraubt werden konnte, und daß nicht Givo allein genommen, was sie -einzig für ihn besaß. Viel später erst erfuhr sie, durchschauert von der -Ungeheuerlichkeit ihrer kindlichen Vergangenheit, in einem zufälligen -Gespräch die Veränderung vom Mädchen zur Frau. Und dennoch hatte Givo -sie, die nicht mehr Jungfrau war, in anderem Sinne vom Kind zur Jungfrau -gemacht, denn am Morgen nach jener Liebesnacht trafen Dr. Felix Blancs -Voraussagungen ein. Givo schrieb an Celia, daß er in einigen Tagen erst -Vögelchen ihr wiederbringen würde. Er ließ sie ruhen und umsorgte sie -mit andächtigem Gefühl. - - - - - Lea Givo - - -Imanuels Vater war Spanier, Chemiker von Beruf und hatte sich mit dem -Studium offizinaler Pflanzen befaßt. In Indien und Südamerika hatte er -Plantagen besessen, in einer deutschen Hafenstadt sein Lager und eine -Fabrik zur Verwertung der Rohprodukte mit umfangreichem chemischen -Betrieb. Seine schwankende Gesundheit war durch Seereisen gefestigt, als -er sich noch mit fünfzig Jahren ein zweites Mal zur Ehe entschloß. Er -heiratete Lea Jakobs. Ihr Vater war Holländer, die Mutter eine -Norddeutsche, in Hamburg begütert. Amos Givo war ein Mann von seltener -Schönheit gewesen. Immanuel erinnerte sich mit Andacht des schwarzen -Feuerblickes unter weißen Brauen, der edlen elastischen Gestalt, der -klangvoll starken Stimme, deren Ausdruck unvergeßlich war. Lea war -achtzehn Jahre alt gewesen, kaum ihrer Glaubensschule entwachsen, als -der Bund geschlossen ward. Die Eheleute der Sekte, deren Givos Eltern -angehörten, heirateten nur selten nach der Staatsreligion, zu der sie -sich bekannten, und wenn dies geschah, so hatte diese formelle Trauung -nur den Zweck, alles zu vermeiden, was die geheime Sekte gefährden -könnte. Ihren Vorschriften nach blieb die Ehe frei und ward ohne -jegliches Gelübde geschlossen. Ihre Verpflichtungen waren religiöser und -seelischer, nicht gesetzlicher Natur. Die Heirat bedeutete bei ihnen die -Verschmelzung des Lichtes mit der Erde, die Vereinigung von Geist und -Blut, die Verklärung der Leidenschaft, sie war nicht Schwur einer Frau -und eines Mannes einander zu dienen und Treue zu bewahren, sie war -unlösliche Vermischung ohne äußeren Zwang und erzwungenes Gesetz, eine -elementare Verbindung, deren Vollzog rein innerlich ist. Der Himmel, in -dem diese Ehen geschlossen werden, ist das Weltenlicht, das die Erde -durchdringt. - -Lea Jakobs war siebenunddreißig Jahre alt, als ihr Mann starb. Ihre -Liebe für ihn war exstatischer Überschwang, die Treue nach seinem Tode -nährte den Glauben an ihre gemeinsame Lehre. Manuel war damals 17 Jahre -alt. Sein Vater hatte vor seinem Tod alle Liegenschaften verkauft, um -den Sohn nicht an Geschäfte zu binden, ihm volle Freiheit für das -erwählte Studium der Astronomie zu gewähren. Der Jüngling reiste zwei -Jahre lang, traf dann seine Mutter in Spanien, wo sie gemeinsam die -Familien der Sekte besuchten, die dem Vater verwandt oder nah -befreundet waren. Imanuel lernte Uhari, einen Weisen und zugleich -Leidenschaftlichen, kennen, mit dem er seit seinem vierzehnten -Lebensjahr in Briefwechsel gestanden hatte. Er liebte ihn mit -ehrfurchtvoller Glut. Doch lange war ihm die Freundschaft mit diesem -Mutigsten der Sekte nicht vergönnt. Eine tückische Krankheit raffte -zugleich den noch jungen Mann und seine Frau hinweg. Die -Glaubensgenossen vermuteten einen Giftmord und hielten sein Andenken wie -das eines Märtyrers ihrer Lehre. Uhari hinterließ eine Tochter Zora, die -zur Zeit, als Givo Arabella in sein Leben nahm, in die Glaubensschule -eingekleidet werden sollte, nachdem sie unter Lea Givos Wohltaten -herangewachsen war. - -Fünf Jahre nach dem Tode ihres Mannes, als Imanuel in Paris und -Greenwich studierte, erbte Frau Givo nach ihrer Mutter deren Villa in -H., ein ehrwürdiges Haus am stahlblauen Wasserbecken, in dem schon der -Wellenschlag des Meeres sich kräuselt und die weißen Mövenschwärme sich -wiegen. Samtene Rasenflächen senkten sich vor dem Hause zu einer -vornehmen Straße herab. Hinter alten Bäumen stand das Gebäude, Lea Givos -einsamer Wohnsitz. Manuel war fern. Er hatte sein Wirken in der Welt -angetreten. - -Lea ging durch die Straßen, niemand kannte sie. Ihre Nachbarn wußten -nicht, ob das Haus bewohnt sei, so still blieb es. Sie war noch schön -und wußte es im Spiegel der fremden Blicke. Ängstlich versenkte sie sich -in den Glauben, ihr begehrendes Blut zu beruhigen, und es war ihr, als -müsse sie um des neugläubigen Sohnes willen ihrer alten frommen Lehre -getreuer sein. So fand sie auch unter den Genossen wenige, die ihren -Eifer in gleichem Maße teilten. - -Givo bat in jedem Briefe, sie möge ihren Starrsinn lösen und seinen -Wohnsitz teilen, und obwohl sie nichts heißer ersehnte als den Sohn, -entschloß sie sich nur schwer ihn zu besuchen, Kämpfe fürchtend. All -ihre Liebesfähigkeit hatte sich in ihren einsamen Stunden in die -selbstvernichtende Sucht ergossen, ihn allein zu besitzen, ihn nicht zu -teilen mit anderen Frauen. Heimlich hatte sie ihm Uharis Waise, Zora, -ihren Schützling, zur künftigen Frau erwählt. Diese würde sie nicht -berauben, da sie ihr alles verdankte, was sie genoß. Zuweilen kam -Imanuel und sie reisten. Sie hatten in allen Ländern Verwandte wohnen -und die Sippen der geheimen Glaubensgemeinschaft. Einmal besuchten sie -gemeinsam Zora Uhari in Dresden, wo diese in einem Pensionat lebte. Als -Givo dann nach Frankreich zurückkehrte, wurde sie ihm zur Begleitung -nach Lausanne anvertraut. Sie saß ihm gegenüber, trotzig, schweigsam, -eine Welt von Geheimnissen hinter der bleichen Stirn und den -verschleierten, mandelförmigen Augen. Sie war schön wie ein »Bild«, eine -Schönheit ohne Wort und Geste. Es war ein unlösliches Schweigen in ihr, -als hätte der jähe Tod der Eltern ein trauerndes Standbild in ihr und -sie schien auf ihren Schultern jene Knechtschaft zu tragen, gegen die -ihr Vater sich nutzlos aufgelehnt, um daran zugrunde zu gehen. War -jemals der Verdacht jenes Giftmordes zu ihr gedrungen, hatte der in ihr -das Lachen, die Jugend in der Seele erstickt? Aber Givo ahnte: sie -liebte die Lehre nicht, ja ihm war, als haßte sie ihre Besonderheit und -er erschauerte, ihres Vaters gedenkend, der ihr Held gewesen war. Sie -schrieben einander nicht und er erfuhr auch vorerst nichts von seiner -Mutter Absicht sie zu vereinen. Diese meldete ihm nur, daß Zora das -Schweizer Pensionat verlassen hatte, um in die Glaubensschule -einzutreten. Am Wege würde sie bei ihr ausruhen, dann werde sie ihm wohl -noch mehr von Zora zu erzählen haben. Der nächste Brief aber enthielt -nichts von Zora. Er lautete: »Mein Manuel, Du hast mich tief betrübt mit -Deiner Nachricht. Ich habe es immer gefürchtet, daß Deine neuen -Anschauungen Dich auf Abwege führen werden. Du mußt von dem fremden -Mädchen lassen. Glaub mir, es ist nur ein Betrug Deiner Wünsche, daß Du -in ihr ein Wesen siehst, das unsere Schauung ohne die Lehre so tief -erlebt haben soll. Bei vielen findest Du ähnliches, aber das ist dennoch -nicht unser Glauben. Ich quäle mich ab, daß ich Dich nicht strenger in -der Altgläubigkeit gehalten habe und nun der Fluch auf mich Mutter -fällt. Warum bin ich nicht bei Dir geblieben in der verwirrenden Stadt -und habe Dich bewahrt? Nun liege ich wie gelähmt vom Schrecken und kann -nicht zu Dir, Dich Herz an Herz zu beschwören von diesem Wesen zu -lassen, das ich niemals lieben kann. Du hast sie zu Deiner Frau, sagst -Du, zu Deiner Geliebten gemacht? Und das sollte ein Grund sein, sie für -Dein Leben zu wählen, wo unsere Vorschriften verlangen, daß der Geist -sich mit der unberührten Erde vermählt! Ist dieses Mädchen eine Jungfrau -gewesen? Ich will sie gern bewundern, wenn Du sie würdig hältst, aber -als die Frau, die Du in ihr erhoffst, verabscheue ich sie und hasse sie, -denn Du mißachtest darin Deiner Lehre vornehmste Gebote. Weißt Du nicht, -daß Frauen nur als Kinder unserem Glauben eingekleidet werden können, -damit nur die Töchter der Sekte gewählt werden? Wie stünde es um unsere -Gemeinschaft, wäre dem nicht so? Die fremden Frauen hätten sie längst -vernichtet. Ich beschwöre Dich, mein Sohn, komm zu mir. Ein fremder Mann -ist nicht von gleichem Übel, lehrte Makar Hildar, aber die Erde darf -nicht Fremdland sein, in die Du säest. Lege Deine Hände auf die Wunden, -die Du geschlagen hast. Bring mir das gute Licht des Glaubens, wie Du es -an Deines Vaters Bahre geschworen als sein Vertreter im Geist, der die -Leuchte des Hauses hält. Komm, denn ich liege gelähmt und fürchte für -meine Genesung. Ich bin in Verzweiflung Deine - - Mutter Lea.« - -Sie lag im verdunkelten Gemach, der alten Magd weiße Haube leuchtete im -Raum. Ab und zu plätscherte das Wasser im Kupferbecken, wenn Minka die -Kompressen auf der Herrin Stirn wechselte. Eine große Balkontüre, halb -von wildem Wein verhangen, stand offen. Vom Hafen her kam der Ruf der -Dampfpfeifen wie angstvoller Aufschrei. Frau Lea Givos Qual war in dem -Wehruf, der in die Unendlichkeit des Meeres klagte. Sie lag und rührte -kein Glied. Sie hatte sich's verschworen, wie lahm zu liegen, bis daß -der Sohn ihr wieder Ruhe und Zuversicht brächte. Sie wartete auf ihn. -Flog nicht sein leichter Schritt über den Kies? Der Abend kam, die -Amseln lärmten im Garten. Schlaflose Nacht senkte sich mählich herab. -Die alte Minka war im hohen Armstuhl eingeschlafen. - - * * * * * - - »Und wo sich abwandten - unsere Brüder --« - -Als Givo früh am Morgen Vögelchens Zimmer verlassen hatte, um das seine -aufzusuchen, begegnete ihm auf der halbdunklen Treppe Mannsthal. Sie -standen einander gegenüber, der Ältere mit flüchtigem Lächeln, der -Jüngere mit verhaltener Abweisung. »Sie wollen zu Arabella?« fragte Givo -nach der Begrüßung, ohne Wärme, ohne des anderen Lächeln zu erwidern. - -»Ja, ich erfuhr abends, daß sie sich noch hier aufhalte, und wollte -nicht, daß sie wieder allein fährt.« - -»Sie wird nicht allein fahren,« sagte Givo. »Darf ich Sie bitten, sie -jetzt nicht aufzusuchen. Es würde ihr die Ruhe rauben, die sie kaum erst -wiedergefunden hat. Wollen Sie mir die Ehre erweisen, mit mir zu -frühstücken?« - -Mannsthal folgte Givo in das Gastzimmer hinab. »Vielleicht haben wir -einander noch einiges zu sagen,« sprach er. »Frau von Twede ist wohl?« -fragte Givo. »Darf man vorsprechen?« - -»Frau Mannsthal empfängt jetzt nicht gern. Sie wissen wohl: sie erwartet -ein Kind. Sie würde zwar Ihnen gegenüber gern eine Ausnahme machen. -Wollen Sie heute kommen?« - -»Ich will nicht lästig fallen. Verzeihen Sie überdies, ich wußte nicht, -daß Angele sich wieder verheiratet hat. Ihre Stieftochter war auch nicht -verständigt?!« - -»Ich hatte Arabella erst vorbereitet. Über unsere Verheiratung -unterblieb aus Rücksicht für den Legationsrat jede öffentliche -Mitteilung. Angele wollte Ihnen indes selbst Mitteilung machen.« - -»Es wird mich sehr glücklich machen von ihr Nachricht zu erhalten. Sie -wissen, ich schätze sie über die Maßen. Wie froh bin ich, daß sie ein -Kind haben wird. Es empfiehlt sich wohl doch nicht, daß ich sie besuche. -Es wird besser sein, wenn Arabella nicht einer Peinlichkeit ausgesetzt -ist, und ich möchte gerade vor Angele nicht mein Hiersein bemänteln. Ich -bin gewiß, daß Arabella nur Freundliches für Angele empfindet und diese -für sie, aber lassen wir erst Gras über diese aufgewühlte Erde wachsen.« - -»Sie haben wahrscheinlich recht und ich sehe, daß ich keinem -gewissenhafteren Freund Vögelchen anvertrauen könnte.« - -»Noch eines möchte ich zur Sprache bringen,« unterbrach Givo. »Sie -wissen, daß Arabella sich zufolge eines Briefes jenes Studenten, den ich -schon beruhigt glaubte, um ihre Mutter abquält. Halten Sie eine -Vereinigung der beiden Frauen für möglich?« - -»Vögelchen hat keine Mutter,« sagte Mannsthal kühl. - -Givo runzelte die Stirn. - -»Diese Dame hat Arabella gegen eine sehr hohe Summe an mich abgetreten, -auch ihr Mann wurde von mir bezahlt. Nennen Sie mich einen Verbrecher, -weil ich sie kaufte und so Mutter und Kind getrennt habe, aber fragen -Sie sich selbst, ob eine Mutter, die diesen Namen verdient, sich ein -Kind abkaufen ließe! Sie hat ihre Mutterschaft veräußert. Unser Vertrag -war vor Gericht nichtig. Sie hat es aber nie zu einem Prozeß kommen -lassen, weil sie sich zu unsicher fühlte.« - -»_Bien_, aber sie hat es bereut, sie wünschte das Kind zurückzugewinnen. -Sie haben es verweigert, weil Sie selbst es nicht lassen wollten. Jetzt -aber?« Givo war blaß, er neigte sich vor, die Antwort rasch aufzufangen. -Er selbst wünschte nicht Vögelchen an die ihr fremde Mutter zu -verlieren. - -»Jetzt aber fände Arabella an dieser Mutter eine in ihrer zweiten Ehe -glücklich verankerte Frau, die im Grunde nur ein Kind hat, das sie ihrem -zweiten Mann geboren. Daß sie sich nach Vögelchen sehnt, ist eine -Erfindung dieses Verrückten, der Arabella in seine Heimat zurücknötigen -will. Ich bin gewiß, daß Frau Gunter beruhigt war, als sie erfuhr, daß -ich ihre Tochter nicht heiraten werde und daß sie zufrieden unter gutem -Schutze lebt. Am Tage meiner Verheiratung habe ich Arabella eine -lebenslängliche Rente ausgesetzt, die ihr erlaubt in bestem Wohlstand zu -leben. Dies habe ich Frau Gunter mitgeteilt und sie hat seither ihrem -Pariser Vertreter geschrieben, daß er nunmehr seine Nachforschungen, die -ihr wohl auch zu kostspielig geworden sind, nicht weiter verfolge. -Würden Sie selbst Arabella raten sich in dieses fremde Heim -einzudrängen?« - -Givo hatte den Kopf in die Hand gestützt. Er empfand in diesem -Augenblick eine grenzenlose Liebe für das Mädchen, das seine Geliebte -war und dem er Obdach und Zuflucht sein wollte. Hatte er aber nicht das -Unrecht gehäuft, wenn er es als Unrecht empfand, daß der Mann ihm -gegenüber das Kind besessen, der Mann, dessen Schutz sie noch -unterstellt war. Oh, daß er sie nicht für alle Zeiten jedem fremden -Anrecht entreißen konnte! Das Bild seiner zelotischen Mutter stand -säulenhaft aufgereckt vor ihm auf und drängte die Worte in seine Kehle -zurück. Noch konnte er sie nicht zur Frau verlangen. - -»Nun, lieber Givo,« sagte Mannsthal, der nicht mehr auf Antwort wartete. -»Ich halte es für besser, wenn ich Ihren Rat befolge, mich jetzt zu -entfernen. Sie reisen --?« - -»Morgen in der Früh --« - -»Auf Wiedersehen, _cher_ Givo -- bis -- wie sagten Sie doch, Gras über -der aufgewühlten Erde steht. Und -- -- ich würde Ihnen danken, aber Sie --- ja selbst Sie verachten mich ja --« - -Givo sah fragend in Mannsthals Blick. Spottete er oder war er ernst? -»Ich achte Sie als den Gatten Angeles,« sagte er. »Ich liebe Sie als -einen, der gelitten hat.« Mannsthal reichte ihm die Hand, Givo berührte -sie leicht, er geleitete ihn zur Türe. Dann ließ er sich Papier geben -und schrieb an seine Mutter. - - * * * * * - -Celia hielt Andachtsstunde in der Glycinenlaube. - -»Ich will euch vom heiligen Coemgen, dem Gründer und Vorsteher des -Klosters Glendalough, erzählen,« sprach sie. »Der war schon ein -Greislein geworden, ging vornübergebeugt wie die Bauern, denen lange -Arbeit den Rücken gekrümmt. Der heilige Coemgen war auch ein emsiger -Ackersmann gewesen, er hatte Liebe gesäet sein Leben lang. Nun war er -hochbetagt, da überkam ihn Wanderlust. Als er Wiesen und Wälder -durchschritt, öffnete sich ihm eine moosige Zelle und der heilige -Einsiedler Barban trat hervor und sagte: »Wohin, Mann Gottes? Was -wanderst du umher statt still an Ort und Stelle abzuwarten, bis sich die -Unruhe in dir löst. Oder hast du jemals vernommen, daß ein Vögelchen -seine Eier im Flug ausbrütet?« Heilsam beschämt kehrte Coemgen zurück -gegen Glendalough. Am Wege aber wollte er noch den blinden heiligen -Berchan besuchen. Der ließ dem staubbedeckten Pilger ein laues Bad -bereiten und, als nun die beiden heiligen Männer beisammen saßen, da -rief der Blinde, als wäre er sehend geworden: »Was sitzt denn auf den -Schuhen dieses frommen Pilgrims? Ich glaube gar, es ist ein Dämon! -Hinweg, du Ausgeburt, wie wagst du es, den Schuh des Abtes zu berühren! -Fort mit dir!« Aber das Teufelchen auf dem Holzschuh rief: »Wir haben -uns lange abgeplagt und konnten dem Braven nichts anhaben. So mußten wir -es versuchen, ihn unter dem Schein des Guten aus seiner heiligen Ruhe zu -locken. Ich schlüpfte in seinen Schuh und habe ihn zu dieser Pilgerreise -verführt.« So sprach das Teufelchen und verschwand. Der heilige Coemgen -gelangte nach Glendalough und verharrte fortan in Frieden, bis er -verstarb. Das Schuhteufelchen aber blieb am Leben und jüngst hat es -seinen Besuch in Chaly gemacht. Da gefiel ihm ein kleines Stiefelchen -aus schwarzer Seide an einem zierlichen Füßchen, das viel kleiner war -als der Holzschuh des heiligen Coemgen, in den schlüpfte es und hieß es -davoneilen, ohne Beratung. Wohl ihm, daß es auf dem Wege Schutz gefunden -hat und klüger zurückgekehrt ist nach seinem Glendalough.« - -Das war alles, was Celia über Arabellas heimliche Reise sprach. -Vögelchen aber wartete, bis die anderen gegangen waren, dann kniete sie -vor Celia hin und küßte ihre Hand und obwohl Givo im Hause war, blieb -sie um Alphi beschäftigt und all die versäumten Vorfälle seines kleinen -Lebens, die ihr Helene berichtete, schienen ihr von größter Wichtigkeit. -Givo aber saß wie an jenem ersten Abend, da er Vögelchen zu Celia -gebracht, im Bücherzimmer beim Abendtee mit der Freundin allein. - -»Du mußt deiner Mutter Widerstand besiegen,« sagte sie. »Oder willst du -sie nicht aufnehmen in dein Leben um des einen willen, das sie dir teuer -gemacht hat, daß sie rein durch das Laster gegangen ist?« - -»Ich will sie aufnehmen in mein Leben, sobald du sie mir zuführst,« -sagte er. - -»Ja, nun ist sie unter meinem Schutz und soll es noch eine Weile -bleiben. Du magst um sie werben.« - -»Wie soll ich das! Mein Glaube kennt keine Vermählung in Gotteshäusern. -Was verlangst du an äußeren Zeichen?« - -»Daß du sie hältst wie deine Frau und niemals mit einer anderen wohnst, -daß du sie nicht verlassest oder ihr Schmerz bereitest, der ihr die -Heimstatt verstört. Daß du ihr die Ruhe des Verweilens schenkest ohne -sie fühlen zu lassen, daß du einen Teil deiner Freiheit um ihretwillen -aufgegeben hast. Nichts ist beschämender für die Frau, als wenn der Mann -mit der Sklavenkette klirrt. Denn wisse, Frauen, deren Rechte nicht in -den Gesetzesbüchern der Menschen stehen, sie können nur vor Gott -hintreten, wenn sie verletzt werden. Und sie müssen ihres Besitzes weit -sicherer sein als die Ehefrauen, die das äußere Band stützt und hält, -wenn sie für ihr Glück fürchten könnten. Und oft ist uns das nicht -haltenswert, um das wir fürchten müssen aus fühlbarer Rechtlosigkeit.« - -»Celia,« sagte Givo, »Arabella ist nicht vom Dämon des Stolzes -heimgesucht. Du warfest einst ein Glück von dir, weil du meintest, es -sei dir nur gnädig zugemessen bis auf Widerruf.« - -»Ja, ich fühlte die Stunde des Abschiedes in jedem Kusse bis zur -Unerträglichkeit. So warne ich dich denn: gib ihr die Ruhe des Bleibens. -Wenn du erwogen hast, daß du dies kannst, dann nimm sie in deine Tage -und Nächte, Manuel!« - -»Wie schlicht du es siehst. Es gibt Bündnisse, die uns erwählen, ein -solches ist das unsrige, es ist bedingungslos geschlossen und Gott hat -den Schlüssel zu sich gesteckt. Ich wollte, er behielte ihn und waltete -unseres Friedens. Dir hat er ihn einst zurückgegeben, vielleicht zur -Probe nur, da liefst du hin und befreitest dich. Ob nicht der andere -sich umschlossen fühlt von der Erinnerung! Warum kommt er niemals, den -kleinen Neffen zu sehen, Vögelchens Liebling? Er fürchtet sich vor dem -lebendigen Bild. Wirst du niemals versuchen Gott den Schlüssel -wiederzugeben?« - -»Vorbei,« sagte Celia und legte die Hände vor die Augen. »Es ist nicht -gut den Stolz der Frau zu versuchen. Wozu die Kraftprobe, da ihr euch -doch die Starken nennt!« - -»Ach, Celia, ihr wäret nicht stolz, wüßtet ihr immer das Ende. Aber ihr -glaubt, wenn ihr geht, man holt euch zurück und ihr habt es dann besser -denn je,« sagte er. - -»Hüte dich davor, Vögelchens Stolz zu reizen!« rief sie. - -»Warum sagst du das, Celia? Sie ist nicht stolz. Das liebe ich an ihr. -Sie ist vor allem selbstlos.« - -»Aber die Selbstlosen sind die Leichtestverletzlichen. Ihr Einsatz ist -immer größer als der der anderen.« - -»Wenn eine Frau von mir ginge, die ich an mein Herz geschlossen habe, -ich folgte ihr nicht, ich riefe sie nicht.« - -»Aus Stolz, du, Manuel?!« - -»Nein,« sagte er lächelnd, »wie kann man stolz werden an Besitz, der -sich nicht erweist. Ich habe kein Besitzgefühl, das hat die Frauen oft -glauben gemacht, sie wären mir wertlos. Und dies Gefühl, ihrer nicht -wert zu sein, läßt mich oft die Gesellschaft der Dirnen suchen. Da fühle -ich mich freier und entbehre doch nicht das Weib. Ja, ja, Celia, ich -weiß, was du sagen willst, ich bin nicht undankbar. Frauen, wie du und -Angele es sind, gibt es wenige. Was mich bei euch freier machte, -verpflichtete mich auch. Ich konnte nur nehmen und nicht leicht nahm -ich, konnte nie fordern und halten, was sich wenden wollte.« - -Die Türe wurde aufgerissen, Gaston, der Sechzehnjährige, stand auf der -Schwelle, er wurde rot vor Scham, als Celia erschrocken aufstand. - -»Ich dachte, du wärest allein, Tante Cecile,« sagte er. Er würdigte Givo -keines Blickes. - -»Das dachtest du, Gaston? Wolltest mir wohl Gute Nacht sagen?« fragte -Celia mit Milde. »Ein anderes Mal stürm' nicht so, Gaston.« Er küßte -ihre Hand, vor Givo verneigte er sich und ging. - -»Eifersucht,« sagte Celia lächelnd. »Ich nenne ihn Nemidh mit der reinen -Hand. Kennst du die Legende von der heiligen Brigitta, die einen jungen -eleganten Kleriker zur Bescheidenheit bekehrt und ihm verheißt, daß er -ihr die letzte Ölung spenden werde. Er hütete sich die Hand zu -verunreinigen, die einst seiner Heiligen das Salböl reichen sollte, -daher erhielt er diesen Namen »Nemidh«.« - -»Ich fürchte, er ist ganz weltlich in dich verliebt,« sagte Givo -lachend. - -»Sein Vater, der Bildhauer, ist im Zuchthause,« sagte sie. »Man hat ihn -verurteilt, weil er angeblich seine eigene Geliebte getötet. Ich war zu -jener Zeit mit ihm verlobt. Gaston weiß das. Begreifst du, daß seine -kindische Liebe mir heilig ist, daß ich diesen Unglücklichen niemals -kränken werde!« - -»Oh, du liebe Gute,« sagte Givo und freute sich, daß Celias Hand die -seine warm umfing, dem alten Bund zur Bekräftigung. - - - - - Zora Uhari - - -Ein Wagen hielt vor Frau Givos Haus. Ein junges Mädchen sprang ab, -schlug den Reiseschleier zurück, lugte durch das Gartengitter und setzte -die Türklingel in Bewegung. Oben schreckte die alte Magd auf. Die Herrin -schlief. Minka sah über den Balkon hinab, sah das Gefährte, von dem der -Kutscher eben Koffer und Schachteln abräumte. »Gott sei gelobt, der -junge Herr!« Aber als sie unten mit dem Gärtner zusammenstieß und der -Gast eben in den Garten trat, sah sie, daß es Zora Uhari war, Zora, die -sie als kleines Mädchen gekannt. Wie groß war sie geworden, wie schön! -Zora umarmte die alte Minka und drehte sie im Kreise umher. - -»Ach, ich bin froh, bei euch zu sein; schläft die Tante?« - -Die Alte hatte mit glücklichem Erschrecken des jungen Mädchens Ungestüm -abgewehrt. Schläft und ist krank, sehr krank, böse Zeiten. Gut, daß du -gekommen bist! Oder muß ich schon Fräulein sagen? - -»Versteht sich,« sagte Zora. »Aber sag doch, was ist's mit Tante? Ja, -das ist ja schrecklich, Minka,« und leise flüsterte sie der Alten hinter -die Haube. »Ich bin um zwei Tage früher abgefahren. Die Vorsteherin -wollte, daß ich auf Begleitung warte. Da wird Tante nun am Ende noch -böser sein!« - -»Nein, nein, gut, daß du da bist. Wir erwarten auch den jungen Herrn und -er kommt nicht. Sie spricht ganz irre. Eine böse Zeit, eine böse Zeit!« - -Minka hatte Zora in das Zimmer geführt, das für sie vorbereitet war. Die -legte nun Hut und Mantel ab. Man sah es ihr an, es fiel ihr schwer sich -der drückenden Atmosphäre anzupassen. Sie hatte sich ihrer Freiheit -gefreut. »Also sprich doch, was ist geschehen? Oder soll ich's nicht -wissen? Gehör ich denn nicht zu euch?« - -»Ja, Zorachen, das ist es ja, das ist es ja,« sagte die Alte -geheimnisvoll. - -»Minka, ich zwicke dich, wenn du nicht endlich 'rausrückst. Ich verkomme -ja vor Angst und Neugierde.« - -»Ein Brief ist gekommen.« - -»Von wem?« - -»Vom Manuel, er will heiraten. Nicht dich, Zorachen, keine von euch, -eine Fremde! Und da liegt die Frau wie lahm, ißt kaum und horcht nur, ob -er nicht schon kommt und wieder zurücknimmt, was er geschrieben hat. Leg -dich hin, Kind, und ruh dich aus. Bist ja so weit hergekommen. Ich will -wieder zu ihr, wachen.« - -»Bleib weg,« sagte Zora. »Ich wasch mich nur, dann löse ich dich ab. Ich -will sie schon beruhigen.« - -»Vielleicht erschrickt sie, wenn sie dich so plötzlich sieht.« Die alte -Frau trippelte zur Tür und sah leise ins Zimmer, in dem die Herrin -schlief. »Sie schläft fest, der Brief liegt neben ihr. Ich kann nicht -lesen. Was wohl alles drinnen steht!« - -»Geh schlafen,« sagte Zora. »Ich bleibe bei ihr und rufe nach dir, wenn -sie dich braucht.« Sie schob sanft und kräftig zugleich die Dienerin -hinaus. Leise trat sie ins Gemach, in dem nur ein gelbliches Nachtlicht -brannte. Die Tante lag da, wie steinern war ihr Gesicht, es sah nicht -mehr gütig aus, wie Zora als Kind es ehemals kannte. Sie setzte sich in -den Stuhl, den die Alte verlassen. Einen Augenblick griff dies alles -nach ihr wie ein Traum, der Abschied vom Pensionat, den sie gewaltsam -erzwungen, die Tränen ihrer Freundin, der Rosenstrauß des jungen -Musikprofessors, dann die Reise, die zu ihrem Leidwesen ganz -uninteressant verlaufen war. Die Hand der Tante hielt einen Brief. Sie -erkannte Givos eigenartige Schrift. Der eine Teil des Blattes war -herabgebogen. Was Zora im schwachen Licht der Nachtlampe lesen konnte, -lautete: ».... unmöglich abkommen, dann aber kann ich Monate bleiben. -Aber wie soll ich vor dich hintreten mit leeren Händen? Ich kann nicht -widerrufen, was ich sagte. Ich habe dies Kind in mein Herz geschlossen -und es hat vielleicht niemanden auf Erden als mich. Vernichtung -bedeutete es, verließe ich es, indes ich die Frau nicht kenne, die du -mir gewählt hättest. Wäre dein Herz nicht vor allem das einer Mutter, -imstande die Qual, die der Sohn ihm schuf, um seiner tieferen Pflicht -willen zu verwinden? Lasse ruhiger werden den Widerstreit, denn ich will -kommen, ihn ganz zu besänftigen. Oh, kenntest du sie, ihr Antlitz zart -wie ein fernes Bild, über das noch ein Schleier sich breitet, nur die -Augen durchdringen ihn mit himmlischer Klarheit --« Zora Uhari lächelte. -Wie er sie liebt, die Fremde, das hätte sie ihm gar nicht zugemutet, dem -Heiligen! Sie war verliebt in Givo, obwohl sie immer trotzig gegen ihn -gewesen, aber nun hatte ihr ja der junge Geiger einen Rosenstrauß zum -Abschied geschenkt und ihr heimlich geraten, sie sollte sich für Musik -ausbilden. Der herrschte nun an erster Stelle. Daß die Tante sie mit -Manuel verheiraten wollte, das wußte sie aus untrüglichen Zeichen, aber -sie hatte das niemals ernst genommen. Vor allem war sie gewiß, daß sie -mit ihrem Trotz Givos Zutrauen verscherzt hatte, und er wußte es ja als -der Einzige, daß sie sich nicht freudig der geheimen Gemeinschaft -einordnete, der ihre Eltern zum Opfer gefallen waren. Sie schämte sich -der frommen Umständlichkeiten aus einer tiefen Keuschheit und Herbheit -der Seele. Sich sichtbar zu Abseitigem bekennen, erschien ihr wie eine -Entblößung heiligster Gefühle. War nicht Heirat auch das offene -Eingeständnis des Beischlafes, der Schwangerschaft, das Kind die -schamlose Schaustellung seines Vollzuges? Zora Uhari war wissend und -wach, sie war nicht naiv und rein im Denken, aber ihr Gefühl hüllte sich -vor dem eigenen Wissen in den Mantel der Keuschheit. Nein, Manuel -brauchte nichts von ihrer Seite zu fürchten. Sie selbst würde seine -Verbündete sein im Kampfe gegen die Mutter. Er sollte nur sehen, wie -klug sie war und wie treu, wenn er sie auch noch für ein dummes Kind -hielt, sie, die eine geheime Freundschaft mit einem Musiker hatte, der -schon einmal in Genf öffentlich konzertiert hatte. Nein, sie wollte -nicht heiraten und auch nur ein Jahr in der Glaubensschule bleiben, dann -würde auch sie sich ganz dem Geigenspiel widmen. Viel Geld würde sie -verdienen und niemandem gehorchen in der Welt als ihrer Kunst. Daß sie -eine Waise war und es immer gewußt, das hatte sie stark gemacht und auf -sich gestellt. Sie trat auf den Balkon, horchte auf das Plätschern der -Alster. Ein süßes Gefühl der Freiheit strömte durch ihre Glieder, ihre -jungen starken Muskeln dehnten sich wohlig. Vor ihr lag das Leben weit -beschiffbar wie das Meer, das sie in einer Brise grüßte. Es war nichts -Rätselvolles, was sie mit dem Atem der Freiheit einsog, nichts -Ängstliches, und sie spürte auch das, daß es nichts Geheimnisvolles für -sie gab. Die Tante quälte sich, arme eigensinnige Frau, dachte sie, aber -sie fühlte ihre eigenen Wünsche viel zu stark, um eines anderen Leid in -eigenes zu verwandeln. Minkas Stimme weckte sie aus ihrem Denken. - -»Zora ist angekommen, euer Gnaden, Zorachen. Wo ist sie nun?« - -Zora trat ein und küßte die Tante. - - - - - Ein Ende und ein Anbeginn - - -Es war Jeanne Cochard, Konrads Tischgenossin, gelungen Heimarbeit zu -bekommen. Nun konnte sie den Kleinen und sich ernähren. Sie bot Konrad -um geringes Geld einen guten Mittagstisch. So nahm er denn von Frau -Calou dankenden Abschied und entschwand ihrem Kreise. Die Arbeit für -Tallandre ging ihrem Ende entgegen. Sein deutscher Verleger lud ihn zu -mündlicher Aussprache und versprach einen schönen Vorschuß für seinen -Heiligen Bernhard. Er hatte sparsam gelebt: das Honorar für die -Übersetzung und für das neue Werk würden für Heimreise und ein halbes -Jahr Lebensunterhalt reichen. Dann würde man weiter sehen. Von Arabella -hatte er einen Brief bekommen, der bedeutete Abschied: »Es freut mich, -lieber Konrad, daß es Ihnen wieder gut geht. Ich glaube, es ist ganz -richtig, wenn Sie in die Heimat zurückfahren. Ich kann nicht mit Ihnen, -weil mich nichts abzieht von hier, wo ich gern bin. Ein Mensch wacht -über mich, der ist mir gut und ich habe nur einen Gedanken, ihm wert zu -sein und seine Nähe zu verdienen. Sagen Sie der Frau, die Sie meine -Mutter nennen, falls es wahr ist, daß sie nach mir verlangt, ich -fürchte, wir sind einander fremd und ich möchte nicht fort von hier. -Warum hat sie mir niemals geschrieben? Sie hätte Wege gefunden wie Sie, -auch wenn man sie gehindert hätte. Nun bin ich nicht mehr das ängstliche -Kind, das sich nach ihr sehnte und sich schämt allein zu sein. -Vielleicht war sie es, nach der ich manchmal weinte in all meiner -Unwissenheit. Jetzt habe ich es verwunden und sie würde mich mit einer -plötzlichen Liebe erschrecken. Haben Sie Dank für die Sorgen um mich und -fahren Sie nun ruhig zurück. Ich bin nicht Ariel, ich bin nur ein dummes -Mädchen, das Ihnen seltsam erschienen ist, weil niemand es in seinen -Träumen und Ängsten gestört hatte. Aber auch das ist vorbei. Es soll -jetzt ein neues Leben werden. Auch für Sie, Herr Prediger. Darum nichts -mehr von unseren Narrheiten! - -In Freundschaft Ihre - - Arabella.« - -Er las ihn oft und oft diesen Brief und, wenn er den Kopf in die Hand -stützte und seine Augen feucht wurden, fuhr ihm Jeanne Cochard durchs -Haar und scherzte ihm den Kummer hinweg. Wurde er dann zärtlich, so -hielt sie seine Hände fest und in ihren Augen war ein Flehen. Sie -fürchtete sich vor Männerliebe. Es kam ein Tag, da blieb Konrad aus. Zu -Mittag wartete sie hilflos, dann noch einen weiteren Tag, schließlich -ging sie zu seiner Vermieterin. Sie erfuhr, daß er sich elend gefühlt -und fortgegangen sei, ohne seither wiedergekommen zu sein. Dann wäre ein -Bursche da gewesen und hätte etwas Wäsche für ihn abgeholt. Jeanne -fühlte, wie eine eiserne Hand ihr Herz zusammenkrampfte. Sie schüttelte -den Kopf mit dem aschblonden Haar, das Konrad so gern hatte. Sie wußte -nichts von Marguerite. Sie ging Frau Calous Rat erbitten. »Ich gebe -Ihnen Nachricht,« versprach diese. Sie schickte zu Marguerite, die -verweigerte die Auskunft, aber der Kundschafter erfuhr von der -Hausmeisterin, daß Konrad bei ihr sei und im Fieber läge. Frau Calou -hatte Mitleid mit Jeanne, sie ahnte den Sachverhalt: Konrad war krank -und glaubte Ursache zu haben sich dessen zu schämen. Er hatte sich zu -Marguerite geschleppt, der alles Menschliche menschlich war. Sie pflegte -ihn ohne viel zu fragen und sie, die ihn geschlagen, wenn sie in Zorn -geriet, war nun sanft und gut, weil er bedauernswert war und einen Makel -trug. Nun war er ihresgleichen. Was sollte nun Frau Calou Jeanne -antworten? Sie vertröstete sie. Aber wenige Tage später ging sie selbst -zu Marguerite, da hieß es, Konrad wäre im Spital. Es wäre ein böser -Fall. »Dieses schmutzige Tier,« fluchte Marguerite: »Er hat es sich auf -der Reise geholt.« Frau Calou schickte Jeanne ins Spital, aber als diese -nach Konrad fragte, führte die diensthabende Nonne sie an die Schwelle -der Totenkapelle und mit weinseliger Stimme erzählte sie. Der Arzt hatte -wenig Hoffnung auf eine baldige und völlige Genesung gegeben und als das -Fieber gestiegen, hätte der Ärmste sich des Nachts draußen im Waschraum -erhängt. Schwester Philiberte hatte Nachtdienst gehabt, da konnte eben -dergleichen geschehen. Die ängstliche Jeanne trat nicht ein in die -Kapelle, sie fragte auch nicht nach Konrads Krankheit. Eine andere Frau -kam und schob sie gleichgültig beiseite. Es war Marguerite, die einen -Kranz brachte. Jeanne ging nach Hause, wo sie der Kleine erwartete. -Währenddem sie ihm den Brei kochte, tropften die Tränen über ihre -blassen Wangen in das Gefäß. Der Junge sah es und er fürchtete sich vor -dem seltsamen Salz, das ihm die Mutter in die Speise träufelte. »Wo ist -Herr Konrad?« fragte er. Da weinte sie laut auf. Die Milch lief zischend -über. - -Marguerite ging allein hinter Konrads Sarg. Custove war betrunken. Sie -hatte ihn beredet zu Hause zu bleiben. In Konrads Brieftasche hatte man -eine verblaßte Blume gefunden, eine Enzianblüte. Sie war in ein Papier -gewickelt, darauf hatte er sich angemerkt: _Quod in charitate -constitutis nullum peccatum imputetur_. Marguerite nahm es an sich. Weiß -Gott, wie man das Zettelchen noch brauchen konnte! - - * * * * * - -Und wie die Schwester es erfuhr: - -In Heiligenstadt bei Wien, unweit der Villenstraße, die heute den Namen -Springsiedelweg führt, stand im Glanz der Abendsonne stadtwärts blickend -ein einsamer Spaziergänger. Immer wieder ergötzte sich sein Schauen an -der feinen Silhouette des Stephansturmes, der goldig umnebelt über die -Häuser der Wiener Stadtbezirke ragte. Der Mann lüftete den Hut, ließ das -graugemengte Haar frei, weitete sein Samtjackett, als wollte er hier auf -der Höhe mit allen Poren Luft schöpfen. Dann wandte er sich und wie -unter ein Joch sich zu beugen, das er plötzlich stärker zu verspüren -schien, schritt er geduckt, ein frühzeitig Alternder, gegen den -Beethovengang, wo einst gleich ihm ein sonderbarer Junggeselle gewandelt -war, unsterbliche Harmonien im Klang des Baches erlauschend. Als er so -hinschritt, vernahm er das Säuseln der fallenden Blätter und gedachte -des entschwundenen Sommers. Es war ihm, als hätte er in Verbannung -gelebt, wiewohl er ihn im eigenen Heim verbracht hatte. Ein Landhaus an -einem See tauchte in seinem Erinnern auf, ein feines Blondwesen ging -dort elfengleich über die Wege, dann wieder sah er Flammen, nächtliche -Kahnfahrt, einen rollenden Berg, dem, unheilbringend, eine Circe -entstieg. Seine Sommerheimat lag verwüstet. Immer wieder brach die Wunde -auf, wenn er sie eben schon verharrscht glaubte, und ärgerlich über die -eigene Weichlichkeit, machte er nun kehrt und stieg in das Dorf hinab. -An dem Hause kam er vorbei, in dem einst sein Vater Meister Grillparzer -besuchte, nebenan hörte er im Heurigengarten das halb wehmütige, halb -lustige Gefiedel des »Schrammelquartetts«, Fiaker und »Zeiserlwagen« -standen die Straße entlang. Die Wiener Melodien schmolzen ihm die -Bitternis in der Brust und es blieb ihm nur eine lächelnde Traurigkeit, -als er sein Gartentor an der Probusgasse erreichte. Wie er nun dem alten -Haus entgegenschritt, trat aus der rotverhangenen Weinlaube eine junge -Frau in die Abendsonne heraus. Ihr Haar schimmerte rötlich, sie hielt -den Florentiner Hut in der Hand, ein kleiner Junge stand hinter ihr. - -»Verzeihen Sie, daß ich störe. Sie sind ja wohl Herr Doktor Urbacher? -Ich bin Hedwig Torn, die Malerin.« - -»Sie sind die Torn,« sagte er, sich verbeugend, »die den Prater so schön -malt? Und der da hier, ist das auch ein eigenes Werk?« Er deutete auf -den Jungen, der wie verzaubert im fremden Garten stand. - -»Er kann wohl hier bleiben, indes ich Sie um eine Auskunft ersuche?« -fragte sie. - -»Gewiß, gnädige Frau, darf ich Sie ins Haus bitten? Er fürchtet sich -doch nicht, Bube?« Hedwig schritt voran. »Eine hübsche Frau und wie -bescheiden sie sich gibt trotz dieses Könnens! Was mag sie wollen,« -dachte Urbacher und öffnete die Türe zum Flur. - -»Wie schön er es hat,« dachte hier wieder Hedwig, als sie die Diele -durchschritten, in der angedunkelte Bilder über alten Truhen hingen. -Eine Uhr aus der Maria-Theresien-Zeit mit bemaltem Zifferblatt tickte -laut in der Stille. Er öffnet eine Türe, dann aber, wohl einer kleinen -Eitelkeit gehorchend, führte er sie weiter in den Gartensaal und nun -hätte Hedwig fast vergessen, welch trauriger Anlaß sie hergeführt. Hier -waren die Wände des großen Raumes über und über bedeckt mit den -herrlichen Miniaturen der Urbacherschen Sammlung, aus Vitrinen lugten -ihre besonderen Kostbarkeiten. Sie erblickte alte Möbel, seltene Bücher; -durch die Bogenfenster grüßten die bunten Herbstbäume: zu viel für das -Auge der Malerin, um sogleich ihrer Frage sich zu besinnen. - -»Ich stehe zu Ihren Diensten,« hatte Urbacher gesagt. Sie ließ sich in -den grünen Ripsfauteuil nieder und, indem sie zur Entschuldigung -vorbrachte, daß all dies Schöne sie geradezu verwirre, suchte sie nach -Worten. - -»Es handelt sich um eine Adresse. Mein Bruder, ein Student, ist nach -Paris gefahren, eines jungen Mädchens wegen, das Sie kennen. Nun habe -ich seit Wochen keine Nachricht von ihm. Alle Briefe kommen zurück. Ich -bin voll Sorge. Ich möchte diesem Fräulein Mannsthal schreiben, sie weiß -vielleicht, wo er sich aufhält, was vor sich geht -- --« - -»Seltsam,« dachte Urbacher. »Nun kommt eine Fremde und spricht ihren -siebenfach versiegelten Namen. Die Schwester jenes Menschen ist sie?!« -»Ja, ich habe von Ihrem Bruder gehört. Mein Freund Mannsthal hat mich -vor einem Jahr etwa gebeten Schritte einzuleiten, um den jungen Mann, -der ihm lästig war, in seine Heimat zurückbefördern zu lassen. Ich -wollte mich an Ihren Vater wenden, erfuhr aber, daß der junge Mann schon -großjährig sei. Ich hatte auch wenig Lust mich einzumengen. Kurze Zeit -nachher verheiratete sich Herr Mannsthal und seine Tochter kam in ein -Pensionat. Seither habe ich keine Nachrichten.« - -»Mein Bruder hat sich lächerlich aufgeführt. Weiß Gott, wie ihm sein -Dämon mitgespielt hat. Er ist von jeher ein unglücklicher Mensch -gewesen. Es ist mir sehr peinlich -- --« - -»Ungewöhnliche Verhältnisse,« beschwichtigte Urbacher. »Das hat ihn wohl -auch verwirrt. Leider kann ich Ihnen mit der gewünschten Adresse nicht -dienen. Ich kenne sie nicht.« Seine Züge verkrampften sich, als er dies -sagte. Es wurde still im Raum, Musik schwirrte herein, aus einem der -Heurigengärten ins Zimmer getragen. Hedwig stand auf, bedrückt und von -böser Ahnung befallen. Sie sah nun zum ersten Mal in Urbachers Gesicht --- die Umgebung hatte sie bislang davon abgelenkt und mit dem feinen -Instinkt der leiderfahrenen Frau erriet sie, daß auch er irgendwie -verstrickt war in diese »ungewöhnlichen Verhältnisse«. - -Er fühlte Wärme aus diesem Blick und er brauchte sie an diesem Abend. -Rasch legte er seine Hand auf Hedwigs Arm und sagte: »Bleiben Sie.« Dann -schritt er zu einem kleinen Kästchen, entnahm ihm eine Dose, deren -Deckel ein auf Elfenbein gemaltes Bildnis trug, und hielt es vor sie -hin. - -»Dies ist Arabella,« sagte er. »Können Sie ihn nun verstehen, den -Bruder?« Seine Hand zitterte. Er hatte etwas getan, das ihn selbst -überraschte und wie Verrat schien. »Das ist sie,« sagte er und atmete -schwer. »Ein schönes Kind, ein armes Kind,« sagte Hedwig ergriffen. - -Er gewann die Frau lieb, die dies sagte, er gewann wieder die reife, -verstehende Frau lieb, und mit einem Male stand das Ungeheuerliche, das -Unnatürliche mit beschämendem Schmerz vor seiner Seele, daß er um ein -Kind sich in Qualen verzehrt hatte, sich weichlich ihnen hingegeben -hatte. Wie ein Engel, der ihn aus Trübnis erweckte, erschien ihm Hedwig. -Das Gefühl, das ihn plötzlich zu ihr hinzog, machte ihn wieder zum -Manne, der sich des Weibes besinnt. Leise faltete er die mit Schildpatt -gefütterte Dose auseinander, eine blonde Flechte lag darin. Unendlich -fern schien ihm die, der sie angehörte, ein Traum, ein Wahn! - -»Ich will nach Paris an einen Bekannten schreiben, daß er sich -erkundige,« sagte er und räumte die Dose weg. »Wohin darf ich Ihnen dann -Antwort senden?« Sie nannte die Adresse. - -»Was mag ihm zugestoßen sein?« entfuhr es ihr. - -»Beunruhigen Sie sich nicht. Allen Anschein nach ist das ein sonderbarer -Kauz, Ihr Bruder. Weiß Gott, was für Grillen er eben fängt. Ich freue -mich, daß Sie den Weg zu mir gefunden haben. Hoffentlich kann ich Ihnen -bald Nachricht geben.« - -»Ich bin Ihnen von Herzen dankbar. Und diese Dame, ihre Mutter, sollte -ich nicht zu ihr, vielleicht weiß sie etwas von ihm? Er war mit ihr in -Verbindung,« sagte Hedwig. - -Urbacher biß die Lippen zusammen, eine Frage zu unterdrücken. Es tat ihm -weh, daß dieser Mensch, der gleich ihm dieses Kind vergötterte, Verrat -trieb. Und dennoch focht ihn Neugier an zu erfahren, was jener -erkundschaftet hatte. Mannsthal hatte ihm geschrieben, ehe er sich -verheiratet hatte. »Verzeih mir, um Arabella,« schrieb er. »Jetzt bin -ich selbst nur mehr ihr ferner Schutzgeist, soweit ich selbst dieses -nicht verscherzt habe. Sie hat einen Beschützer gefunden, der besser ist -als wir, einer, der eines Menschen Seele und Willen in seine Seele und -seinen Willen aufnimmt.« Das war alles, was er wußte. »Laß es begraben -sein,« sagte er sich immer wieder. - -»Der Bub,« rief nun Hedwig erschrocken und sprang auf. - -»Ja, was die Mutter betrifft,« sagte Urbacher, sich ihrer Frage -besinnend, die ohne Antwort verklungen war, »da bin ich nun noch weniger -unterrichtet. Aber mir will scheinen, als ob man sie nicht zu oft -erinnern sollte an ihre Tochter. Wunden brauchen oft Jahre, um zu -vernarben, und ein Wort kann mühseliges Heilen ungeschehen machen. Auch -diese Frau wurde verwirrt in diesen -- Verhältnissen. Lassen wir ihr das -späte Glück, das über diesem Grabe blüht. Ich sah sie jüngst vergnügt -mit Mann und Kind auf dem Kahlenberg. Gibt es einem Hoffnung, daß man -auch wieder sorglos werde.« - -Er geleitete Hedwig hinaus. Der Garten lag erloschen. Herbst feuchtelte -aus den Büschen. Der Bub kam ihr entgegengelaufen und klammerte sich an -sie. - -»Der braucht Sie! Beneidenswert, ein Kind zu haben,« sagte er. »Ein -Muttersöhnchen, was? Versteckt sich gar!« - -»Er hat nur mich,« sagte Hedwig. Sie sprach ihr tiefstes Leid aus, den -ängstlichen Kleinen zu rechtfertigen. - -»So, so,« sagte Urbacher. Seine Stimme war ganz weich, als wollte sie -ein Frauenherz streicheln. »Ich bringe Sie zum Stellwagen, zum -Rauschinger hinüber. Wird Ihnen ein wenig die Seele herausrumpeln, das -alte Gefährt. Lassen Sie sich's nicht verdrießen und kommen Sie wieder.« - -Aber wenige Tage später klomm er selbst in Hernals die schmale Stiege -empor zu dem Photographen-Atelier, das Hedwig als Werkstatt diente. Sein -Pariser Kunstfreund hatte ihm geantwortet, er werde sogleich die -gewünschte Nachforschung einleiten. Das genügte als Vorwand die Frau -aufzusuchen, die nun seine Gedanken beschäftigte. Maler gingen bei ihm -ein und aus, er hätte einen oder den anderen nach der Kollegin fragen -können. Aber schon hielt ihn die Scheu zurück, die ein ernstes Gefühl -ankündigt. Der ehemalige Nervenforscher wußte über sich und andere -Bescheid und gleich stellte er sich an den Pranger, als er sich dabei -ertappte, der Einschichtigkeit dieser Frau nachspüren zu wollen. - -»Da sind sie alle gleich sprungbereit, die Herren Böcke, ich natürlich -mit inbegriffen,« sagte er zu sich. »Aber immerhin ist das noch besser -als Kindern nachzulaufen, die sich nicht wehren, weil sie unsere -Niedertracht nicht kennen.« Er läutete. Es wurde nicht gleich geöffnet. -Er hörte erregte Stimmen und wollte schon wieder gehen, als die -Nachbarin, die Hedwigs Türe mit ihrer Neugier bewachte, sich einmengte. - -»Warten S', ich läut', es ist der ihrige drin,« und ehe der Erschrockene -es verhindern konnte, versetzte sie die alte Ziehglocke in stürmische -Bewegung. - -Im selben Augenblick öffnete sich die Tür und ein junger Mensch mit -zorngerötetem Gesicht stürmte an Urbacher vorbei. Peinlich berührt stand -der da und schon sagte er sich: »Da hast du wieder einmal Pech, du -unverbesserlicher Narr« -- als Hedwig zum Vorschein kam. Er erkannte sie -kaum wieder. Sie war in diesem Augenblick geradezu -- schön. Auch ihr -Antlitz war gerötet, in ihren Augen schimmerte noch eine Träne, aber sie -lächelten Urbacher zu. Obwohl ihr Mund noch wie in Spott und -Geringschätzung sich kräuselte. - -»Ach Gott, Sie haben geläutet,« rief sie -- sie bemerkte die Nachbarin, -schlug ihr die Türe vor der Nase zu und geleitete den Gast in das -Atelier, das ihr und dem eben abwesenden Buben auch als Wohnstatt -diente. »Nun werden Sie eine schöne Meinung von mir haben,« sagte sie -noch mit erregter Stimme. »Dieser junge Mensch der eben an Ihnen -vorbeigestürmt ist, hat mich beleidigt und ich habe ihm die Türe -gewiesen.« - -»Da muß ich Unglücksmensch Ihnen gerade in den Weg laufen.« - -»Nein, nein, Sie kamen eben recht. Ihr Sturmläuten hat mich -aufgerüttelt, noch schnell das letzte, das entscheidende Wort zu sagen. -Wenn wir noch lange herumgeredet hätten, wäre am Ende wieder eine -Versöhnung zustande gekommen. Wissen Sie, was er gesagt hat, dieser -Mensch? Er könne nicht mit mir ausgehen, ich sei ihm zu simpel -gekleidet. Und da, da,« sie hieb mit ihrer kleinen Faust auf den Tisch, -»da hat er mir Geld hergelegt, einen Hunderter. Der ist ihm aber rasch -an den Kopf geflogen. Andere Künstlerinnen nehmen auch von ihren -Geliebten Geld an, hat er gesagt, der unverschämte Grünschnabel.« Sie -besann sich, wurde feuerrot und trat ans Fenster, Urbacher den Rücken -kehrend. »Sie werden sich was Schönes denken, Herr Doktor,« sagte sie -leise. »Der Bruder ein Landstreicher und die Schwester -- -- Aber wissen -S' (sie begann in der Erregung im Dialekt zu sprechen), man ist doch -noch jung und man kann nicht all'weil allein sein. Der da ist der -Hausherrnsohn vom Fünfer-Haus. So ganz aus der Art g'schlagen ist er, -malt auch ein bissel und war lieb zum Buben. Da bin ich halt mit ihm -gangen. Und wegen der paar Busseln wird er jetzt frech und legt mir ein' -Hunderter hin. >Angabe<, hat er gesagt und hat dabei g'lacht, daß ich -ihm eine hätt' geben können, daß ihm die Zähne« -- sie mußte selbst über -ihren neuerlichen Zornausbruch lachen und unterbrach sich -- »um seine -Zahnderln wär' schade g'wesen, aber sonst ist kein Schad' um ihn. Bin -froh, daß alles aus ist, hat mir schon lang nicht gepaßt.« - -Urbacher dachte: »Zum Fressen ist sie, wenn sie zornig ist.« Er ging die -Wände entlang, die Bilder betrachtend: »Ihr einschichtigen Frauen habt -es ja noch schlechter als wir,« sagte er. »Warum kauft ihr der Tölpel -nicht die Bilder ab statt ihr Geld anzubieten,« dachte er. »Hören Sie, -Frau Meisterin, dieses Bild aus Grinzing müssen Sie mir überlassen. Das -ist ein feines Stück,« rief er aus. - -»Beschämen Sie mich nicht, Herr Doktor, das ist schon eine alte Arbeit. -Aber wie lieb von Ihnen, daß Sie selbst gekommen sind! Haben Sie am Ende -schon Nachricht? Sie haben mich letzthin so beruhigt. Aber nun ist mir -auf einmal wieder bange.« - -»Ich habe von meinem Bekannten die Zusicherung bekommen, daß er sich -sogleich aufmacht, in der Wohnung, die Ihr Bruder zuletzt bewohnt hat, -nachzufragen. Das wollte ich Ihnen vorläufig melden.« - -»Danke, danke! Wenn nur nichts passiert ist.« - -»Wo ist der Junge?« fragte Urbacher, der sich fast fürchtete, mit ihr -allein zu bleiben. »Nun will ich aber gehen. Ich komme wieder, wenn ich -Nachricht habe. Dann sprechen wir auch von dem Bild. Schreiben Sie aber -gleich darunter >Angekauft<. Oder läßt sich's gleich machen? Dreihundert -Gulden biet' ich dafür.« - -»200 ist schon zu gut bezahlt, Herr Doktor, und gar für die Umgebung, in -die es kommt. Da sollte man mit der Ehre vorlieb nehmen.« Nun setzte er -sich auf ihr Drängen wieder hin. - -»Sie sollten sich nicht aufregen, Frau Meisterin; sehen Sie, das -Äderchen, das Ihnen da angeschwollen ist.« Er nannte einen lateinischen -Namen. »Schonen sollen Sie sich. Sie haben gewiß schon viel mitgemacht!« - -»Das erraten Sie?« - -»Ja, wenn mir das nicht geblieben wäre von meiner Nervendoktorei!« sagte -er. - -»Warum haben Sie es aufgegeben, das Doktern?« - -»Es hat mich aufgegeben. Ich war zu neugierig, wissen Sie. Ich bin jedem -Fall nachgegangen bis in seine tiefsten Ursprünge und darüber bin ich -ins Philosophieren geraten.« Er wunderte sich, daß er ihr so schlicht -erklären konnte, was einst so viel Verwirrungen in ihm angerichtet -hatte. - -»Und die Miniaturen?« - -»Die waren die Erholung, die Betäubung, der gefeite Boden sozusagen, wo -nicht gekämpft wurde. Denn da drinnen,« er zeigte auf seinen Kopf, »sah -es aus wie auf einem Schlachtfeld.« - -»Auf dem schließlich ein Sieg erfochten wurde?« - -»Der steht noch aus,« sagte er. »Ich brauchte halt Hilfe.« Er lächelte -ungeschickt. Das rührte sie. - -»So, so, nun da stell' ich mir vor, daß sich jemand finden könnte.« - -»Glauben Sie?« - -»Ja.« Sie sagte es mit den Augen. - -Und als er dann die böse Nachricht erhielt, ging er zu ihr. Er hörte sie -mit dem Buben lachen. Da hatte er nicht das Herz es ihr zu sagen. -Weggehen wollte er auch nicht. Er trat ein und log, er wüßte noch -nichts, wäre nur wegen des Bildes gekommen, sie möchte es selbst hängen, -draußen in seinem Haus. Sie fuhren zu ihm, im Fiaker, in dem er gekommen -war. Der Bub saß auf dem kleinen Klappbänkchen. Da hatte sich ihm ein -Traum verwirklicht, dessen Erfüllung er erst mit der Firmung erwartete, -auf einem Klappbänkchen im Fiaker zu sitzen. Bei der »Linie«, die jetzt -schon tief im Weichbild der Stadt ist, mußte der Wagen stehen bleiben, -vom Zollbeamten angerufen. Hedwig verschloß ihr Bangen um Konrad und war -fröhlich mit dem Buben. Bei einem Heurigen beschlossen sie den Abend. -Wochenlang schob er es auf, von Begegnung zu Begegnung, ihr die -Todesnachricht zu sagen. Eines Abends schlug er ihr vor mit dem Buben zu -ihm zu ziehen, das Haus ihm zu leiten. Als sein Entschluß gefestigt war, -nicht länger ihr die traurige Wahrheit vorzuenthalten, schwoll seine -Zuneigung zu unaufhaltsamem Begehren. Er nahm sie zu eigen. Längst hatte -auch sie ihn liebgewonnen, den sanften Spötter. Er würde dem Kleinen ein -Vater sein, das fühlte sie, obwohl er oft selbst wie ein Kind war, das -sie schützend sich in ihren Schutz begeben. Am Morgen ihrer Vereinigung -sagte er ihr, daß der Bruder tot sei. Nun hatte sie ein Heim, darin ihr -Schmerz sich mählich auflösen konnte in ein stilles Glück. - - - - - Doppelleben - - -Arabella erfuhr nichts von Konrads Tod. Und noch ahnte sie nicht, daß -sich eine willensstarke Frau um ihres Sohnes willen gegen sie -verschworen, um mit zäher Sicherheit ihr die neue süße Ruhe zu rauben. -Sie hing mit großer Zärtlichkeit an Cecile und, da Clothilde das Asyl -verlassen hatte und Anna auf einige Zeit in ihre Heimat gereist war, -nahm sie allerlei Pflichten auf sich und wurde ein brauchbarer Mensch in -den täglichen Anforderungen des Lebens. Wenn Alphi schlief, beteiligte -sie sich mit Inbrunst an den der Musik gewidmeten Stunden und las mit -Helene die wertvollen Bücher aus Ceciles Bibliothek. Givo kam ein, auch -zwei Mal des Monats, blieb den Sonntag und gab noch ein oder zwei Tage -dazu. Er sah mit Kummer, daß Ceciles Gesundheit immer gebrechlicher -wurde und beriet sich mit Dr. Blanc. Den drückte noch eine andere Sorge. -In Chaly begannen Stimmen laut zu werden, daß man im Asyl ketzerisch -lebe, niemals sei von seinen Bewohnern jemand in der Messe zu sehen. Da -machte sich Givo auf und ging mit Arabella zum Segen. Stickig war es und -finster in der Kirche, ernst, fast drohend stiegen die gotischen Pfeiler -auf, ohne Tröstung. Die Menge schien zusammengeschweißt im Gebet, wie -ein Leib waren ihre knieenden Leiber, wie Murmeln eines Einzelnen ihre -Zwiesprache mit Gott. Über all das Dunkel streckten sich die -vielfarbigen Fenster und spannen blumige Lichtgarben zu einander. -Arabella, die selten nur eine Kirche besuchte, war ergriffen. Die Orgel -begann ihr erlösendes Spiel. Sie stand neben Givo aufrecht zwischen den -Knieenden und hielt ihr Herz zu Gott hinauf inmitten der inbrünstigen -Ströme der Fugen. Dank kam über sie und Demut des Gebetes. Sie kniete -hin und ließ die Seele mitjauchzen im Gesang, der aufrauschte aus der -Menge. Givo sah, wie sie ohne sich zu besinnen niedergekniet und tief -versunken war. Wieder war er von zärtlicher Rührung übermannt und wieder -mischte sich dieser, wie so oft schon, ein Gefühl schicksalschweren -Wissens über dieses in seiner Hingebung wehrlose Wesen, das seinem -Schutze anvertraut schien und das er dennoch nicht würde bewahren können -vor der allzu großen Last der Liebe. Ja, vielleicht würde er selbst sie -beschweren! Schon war alle Freiheit verwirkt, sie konnten einander nicht -lassen. Givo war froh, als sie aus der Kirche traten. Zu dick war ihm -dort die Luft. Aber er hatte Cecile geholfen und dem Asyl. Man hatte -Arabella gesehen, wie sie in aufrichtigem Beten kniete. Ihre Andacht -sicherte, ohne daß sie selbst den Sachverhalt ahnte, den Bestand des -Asyls auf weitere Zeit. Denn nun schwiegen die bösen Zungen. - -Als Vögelchen Manuel zur Bahn geleitete, hielt er sie lange im Dunkel -des Weges im Arm. Schwer nur gestand er ihr, daß er auf längere Zeit -verreise, zu seiner Mutter, in den Norden Deutschlands. Arabella nahm -erschrocken seine Hand: »Nimm mich mit zu ihr, nimm mich mit! Ich will -sie lieb haben.« Da trieb es Manuel die Tränen in die Augen. - -»Nein, Kind, es geht nicht. Aber wenn ich wiederkomme, hol' ich dich zu -mir, ganz zu mir!« Vögelchen sagte kein Wort mehr. »Es geht nicht,« -sprach es immer wieder in ihr, es geht nicht! Zum ersten Male hatte er -sie verwundet, sie, die kaum geheilt war von altem Leid. - - * * * * * - -Zora hatte an Givo geschrieben. Er kannte die Schrift nicht. Es war der -erste Brief, den er von ihr empfing. Sie schrieb ihm, daß die Mutter -schon etwas gesprächiger sei und nun stündlich seine versprochene -Ankunft erwarte. Er möchte nur getrost kommen und nicht allzusehr -erschrecken, wenn er erführe, wer die Braut sei, die ihm erwählt worden. -Denn diese wäre ja fest entschlossen niemals zu heiraten, da sie einzig -ihrer Geige Treue geschworen. Und er, Givo, der Heilige, werde doch -nicht ein Zigeunermädchen aus Hispaniens Fluren ehelichen, das nichts -Schöneres sich erträumte als sich heimatlos durch die Welt zu geigen. Er -sollte der Mutter nicht trotzen, die von ihr erwählte Braut würde ihm -Treue bewahren, indem sie sich weigere seine Frau zu werden. So hätte er -denn weniger zu fürchten, als wenn die Zukunft ihm eine Willfährige -entgegenführte. Nur eilig kommen möge er, denn sie wolle die Tante nicht -verlassen, ehe er nicht eingetroffen sei, und jeder Tag, den sie später -eintrete in die Glaubensschule, bedeutete Aufschub ihrer späteren -Freiheit. Er möge ihr beistehen, schon in einem halben Jahre die Schule -verlassen zu dürfen, um bei einem berühmten Geiger in die Lehre zu -treten. Als Givo in Hamburg ankam, war Zora des Morgens heimlich -abgereist. Sie hatte der Tante einen Brief hinterlassen, in dem es hieß, -es dränge sie nicht eine Stunde mehr zu zögern, da ja nun Manuel sie -entbehrlich machen würde. Geheimnisvoller Ruf wäre an sie ergangen ohne -Abschied in ihr Kloster zu eilen. - -»Wie fromm sie ist,« sagte Frau Givo, die aufrecht saß, aber noch immer -nicht das Bett verließ. »Ich bedaure es aber, daß du sie nicht gesehen -hast. Sie ist schön geworden: eine Jungfrau.« Sie betonte das Wort. -Weder sie noch Manuel erwähnten Vögelchens Namen. Die Mutter schwieg und -verlangte nichts und er ließ sein letztes Briefwort bestehen, daß er -nicht lassen würde von Arabella. Zwei Monate blieben sie beisammen ohne -Vorwurf und Zank, aber das Schweigen lag oft schwer zwischen ihnen und -hemmte die alte Vertrautheit. Als Givo abgereist war, verfiel Frau Lea -wieder in tiefes Brüten. Sie versuchte zu gehen, sie hatte es beinahe -verlernt. Sie schien um vieles gealtert, als sie nach viermonatiger -Weltflucht wieder auf die stille Straße trat, ihren Wagen bestieg, um -ihre Glaubenswerke zu üben. - - * * * * * - -Eine ganz kleine Türe hatte sich in Vögelchens Herzen geöffnet und ließ -Angst ein. Sie war manchmal fest verschlossen, wie von guten Geistern -gehütet, dann wieder sprang sie auf. Über ihrer Einfriedung stand: es -geht nicht. Da war eine große düstere Frau, die ging aus und ein und -sagte: »Er gehört mir, mir allein.« Fremde Frauen mit wehenden Federn am -Hute nickten ihr aus Karossen, in denen sie mit dem Herzensfreund saßen -und riefen: »Sieh, Kleine, wer mein Ritter ist!« - -Givo blieb lang aus. Als er wiederkam, schloß sich die kleine Tür und -die guten Geister hielten vor ihr Wache. - -Arabella schrieb an Adalbert: »Lieber Va, ich wohne von nun ab bei -Imanuel Givo. Er hat ein kleines Haus in St. Cloud gemietet. Willst Du -mir erlauben die Möbel meiner Zimmer, die wohl noch im Magazin -eingestellt sind, dahin schaffen zu lassen? Du wirst Dich nicht wundern, -daß ich nicht Givos Namen haben werde. Er sagte mir, daß dies vielleicht -erst in einer späteren Zeit möglich sein könnte. Ich glaube zu ahnen -weshalb und Du wirst es wohl ebenso deuten können. Seine Mutter will -mich nicht als seine Frau. Wir wollen jetzt ganz still für uns leben. -Später besuchen wir Dich einmal. Frau Angele möchte doch auch an mich -schreiben, falls sie Rat braucht, wenn das Kind geboren ist. Ich habe -Alphi Tallandre gepflegt und weiß Bescheid um die Kleinen. Der Abschied -wird mir schwer von ihm. Er ist so niedlich und fängt schon an zu -plaudern. Aber Manuel erlaubt, daß Helene und der Kleine uns im Frühling -besuchen. Ich habe Cecile Gloriot viel zu danken und ich hoffe, sie -weiß, wie ich sie liebe. Aber wie kann ich gut sein und bei ihr bleiben, -um ihr zu helfen, wenn ich mit Givo leben will, und das muß ich von -ganzem Herzen. Hab auch Du Dank für Gutes und Böses. - -Es küßt Dich Dein Vögelchen.« - - * * * * * - -Auf einem kleinen Dampfer fährt Givo die Seine entlang. Er blickt in das -schäumende Kielwasser, er beobachtet die Fahrgäste, aber nichts kann -seine Ungeduld bezwingen. Und so ergeht es täglich, seitdem er mit -Arabella draußen in St. Cloud wohnt. Eilig geht er dann ans Land und ist -bald an der Pforte, über der Weinlaub hängt. Frieden umfängt ihn, sobald -er eintritt. Er ist meist müde von der Arbeit, die er nun emsig ihrem -Ende zudrängt, weil jetzt Neues so reichlich aus ihm quellen will. Es -ist, als wäre der Antrieb seiner Kräfte jene warme Erdenglut, die -täglich aus einem geliebten Frauenleib in ihn einströmt. Er sieht so -viel jetzt, was geschehen muß, was gesagt und gewirkt sein will, und er -sieht es neu, er, der immer ein Schauender war. Noch beben in ihm die -Räder der Arbeit, wenn er Arabella begrüßt, die mit kindlicher Scheu ihm -entgegentritt, als teilte sie mit ihm nicht Tisch und Bett. Aber sie ist -für ihn wie ein Engel der Verkündigung, der aus seiner lichten Welt der -Inbrunst fromm eintritt in seinen heißen Arbeitstag und ihm ein neues -Heil weist. Geschmückt ist der Tisch, festlich winken die Bücher und das -Bett ist der fromme Altar ihrer Vereinigung. Über ihrem Lager sind blaue -Nebel göttlicher Unendlichkeit, umschwebt ist es von berauschenden -Tönen, über deren Wellen kein Schiff gelangt aus Tagland. Seine Kissen -haben Engel geschlichtet aus Lämmerwolken, seine Decken sind aus -Sonnenfäden gewirkt und sie wärmen die Liebenden, die nur ein Leib sind -auf ihrem heiligen Lager. Manchmal ist ein leises Lachen in der Luft wie -von unsichtbaren Amoretten, die Stimmchen der Kinder, die sie ihm -schenken möchte, und dann, ach, ein Seufzen des Kampfes, den er mit -seinen Sinnen ringt, um ihren zarten Leib nicht mit der ersehnten Bürde -zu beschweren. Denn weit ab und nur wie das Auffunkeln eines wachen -bösen Blickes leuchtet ein Auge und nimmt ihm den Traum Vater zu werden -aus dem Herzen. Doch Glückes genug! Er hält nicht ein Weib mehr, die -Liebe selbst, wie sie durch Ewigkeiten schwingt, pocht mit lebendigem -Herzen an dem seinen und er fühlt, er hat ihr Wahrsein gebraucht, ihr -frauliches Dasein, daß auch seine Arbeit ausströme als eine große -Wirklichkeit der Liebe. - -Als ein Vergangenes liegt das Lebendigste seines Lebens, sein Kampf mit -dem Dunkel, unter dieser Liebe eingesargt. Schatten sind die Genossen im -Laster geworden, die er zuweilen suchte, weil auch er eindringen wollte -in die Tiefe, Schemen die Dirnen, Nebelgebilde die lichtscheuen Stätten. -Sein Fuß strauchelt nicht mehr über diese Erinnerungen. Licht ist um ihn -und seine Lust hat sich verklärt. - -Arabella hat einen Garten und Glashäuser, ihre Pflanzen zu schützen. Was -will sie nur mit ihren Blumen? Sie fährt sie zur Stadt, aufgetürmt auf -starkem Wagen. Der hält vor den Häusern der Siechen. Sie trägt sie -hinauf über die weißen Stiegen der Spitäler und mischt ihren Duft in den -des Äther und der Essenzen der Reinigung. Sie tritt in die Krankenzimmer -und stellt sie auf die Tische. Da richten sich die Blicke steil auf in -den Betten. Es wird lichter im Raum. Ging da eine Elfe vorbei und ließ -Linderung zurück? Sie kommt auf ihren Gängen auch in das Zimmer, darin -Konrad gelegen, bevor er hinausschlich, die Erdenhülle abzuschütteln. -Ahnunglos streift ihr Kleid das Bett an, in dem er gestrandet. Da liegen -Menschen umher nach Gottes Ebenbild geformt und sind ein elendes Stück -Fleisch, schlotternd in Weh und ihr Blick sucht ein Endchen -Himmelsbläue, ausgespart zwischen Mauern. Sieh, da blüht ein Busch -Vervenen auf dem Tisch und speist ihr Auge. In einem Saale sind Kinder -gebettet, fiebrig glimmen die Augen durch den Schlitz der Lider, die -zuckende Hand hält den farblosen Wurstel, der vom reichen Kind abfiel -fürs Spital. Hier kann Arabella nicht enteilen. Die Schwester müht sich -einem schwarzlockigen Püppchen mit dünnem Hälslein den Verband zu -wechseln am bresthaften Bein, während seine Augen in hilfloser Klage -sein Weh künden. Bittend tritt Vögelchen näher und die Schwester läßt -ihr willig den Dienst. Die Kleine blickt in zärtlichem Bangen auf zu dem -Engel, der zu ihm niederrauscht, Chrysam auf seine Wunde zu legen. Wie -Flügel bauscht sich die Seide ihres Kleides und die mageren Händchen -greifen nach den Perlen an des Engels Hals. Löffel auf Löffel füttert -die Lichte ihm zu. Der Verband ist angelegt. Nun kommt die Mahlzeit und -es weiß nicht mehr, daß ihm die Suppe vergällt ist durch Schmerz in den -armen kleinen Eingeweiden. Leise bettet Vögelchen es zurück in die -Kissen, wischt den Schweiß ihm mit ihrem feinen Tüchlein von der Stirn -und hält sein Händchen, bis es entschlummert ist. Nun tritt sie zu den -anderen, reicht ihnen Backwerk und Spielzeug. Abends beten sie für -Arabella. - -Aber Givo bittet Arabella eindringlich nicht mehr in die Spitäler zu -gehen. Tiefer sei dann das Dunkel, wenn sie den Kranken entschwunden, -und er fürchte, sie könne selbst erkranken. Nun sandte sie Bücher, las -emsig, um die rechte Auswahl zu treffen, und manchmal schrieb sie -Tröstungen an den Blattrand. Zu dieser Zeit dichtete Givo Psalmen und -Hymnen. Arabella findet die Verse in ihre Tage gestreut und sie singen -in ihr durch die Stunden ihrer häuslichen Andachten. Da ist eines »Passi -flora«, genannt nach jener Blume, die Spanier fanden, seine Vorfahren -als sie in Amerika landeten. - - Du rotgetupfter Nektarienkranz, - Wie gleichst Du dem blutigen Dornenglanz: - Fünf Staubgefäd dem Wundenmal - Fruchtknoten dem Kelch, der Griffel dem Pfahl, - Die Narben den Nägeln, drei an Zahl, - Das Blatt der Lanze geschärfter Qual. - Du ranktest Dich auf in liebender Glut, - Du Engel der Blumen, aus Gottes Blut. - -Immer wieder liehen ihm die gläubigen Sagen seiner Vorväter Gleichnisse. -Vom Paradiesvogel erzählte er ihr: - - Von einem Vogel sprach mir auch die Ahne, - Den sie in Neu-Guinea fliegen sahen: - Von Düften lebt er, leuchtend in der Nacht, - Fliegt unaufhörlich in des Himmels Wonne, - Borgt seine Strahlen vom Geschmeid der Sonne, - Aufschwung und Licht, das ob dem Dunkel wacht. - -Er hatte ein Leid, aber er nahm es hervor, nur wenn er allein war, -abseits dem Hause, das seine Geliebte hielt wie einen lebendigen Balsam. -Das Leid war es um der Mutter Wahn. Er sah sie dort in ihrem kalten -Haus, unbeweglich erstarrt in ihrem Trotz, fern seinem blühenden Leben. - -Wie sollte er Arabella Vorbereiten, daß er für Wochen, Monate nun wieder -dort mit der Mutter leben, sie aber nur besuchen würde wie ein -Bekannter. Eine Zeit des Jahres gehörte der Mutter ganz, die seiner -Freiheit willen all die übrigen Monde opfervoll in Einsamkeit lebte. Er -lud Freunde ein, daß Arabella nicht allzu einsam würde ohne ihn. Da war -nun auch Frederic Tallandre von seiner Afrikareise heimgekehrt und -freute sich, daß Alphi ihn mit seinem dritten Mütterchen, Helene, -besuchen würde. Er war scheu gegen Frauen, der junge Gelehrte, er war es -immer gewesen und bereute es, eine Ausnahme gemacht zu haben mit der -eignen, indem er sich verheiratete. Er hatte seine Frau wie gegen seinen -Willen geliebt und nun war fast Groll in ihm gegen die lebendigen -Frauen, die sie überlebten. Er war ein wenig wunderlich, aber kindlich -gut und einfältig zuweilen. Da war Hettwer, ein junger Aristokrat, der -Givo schwärmerisch liebte und dessen Freundin dienen wollte wie ein -Page. Aber Vögelchen fühlte seine Gebrechlichkeit, auf die wohl er -selbst sich stützte, die anderen aber niemals Halt geben konnte. Dennoch -erregte Mitleid ihr eine leise Zärtlichkeit. Sie hätte ihn erwärmen -mögen an ihrem Herzen. Ihre Bewunderung aber galt Frau Calou, die -zuweilen an Abenden kam, um zu beraten, und mehreren jungen feurigen -Menschen, die in Givos Lehre vom wissenden Licht ihre Daseinsform -erkannten. Aber da waren auch mehrere, deren Weltauffassung sich nur -scheinbar mit der Givos deckte. Sie erhoben den Geist zu ihrem rettenden -Gott. Freilich, er sah alles, befehligte alles, aber er thronte oft über -dem Dunkel als ein Dünkel und, wiewohl Arabella sein Licht sah, fühlte -sie sich diesem Gottesgeist fremd, der sich nur vom eigenen Feuer nährte -und selbstsüchtig sich selbst verzehrte. Sie sprach wenig und erhorchte -sich viel. Ihr war manches fremd, mit dessen Wissen andere heranwachsen, -und von vielem hatte sie Ahnungen, durch die sie das Gehörte auf eigene -Art fortspinnen und ausbauen konnte. Eines Abends, nachdem Hettwer und -die Schauspielerin Larousse gegangen waren, blieb sie lange traurig. Die -Larousse hatte von einem Mädchen gesprochen, das gegen die Behauptung -ihres Verlobten ihre Jungfräulichkeit durch einen Arzt hatte nachweisen -lassen. Vögelchen war still und nachdenklich, dann als sie allein waren, -in Scheu und Scham in sich gekehrt, als Givo sie liebkoste. Eine leise -Frage hatte ihm ihre Traurigkeit verständlich gemacht. Es war ihr -unbekannt gewesen, daß es solche Jungfräulichkeit gab. Ihre Seele litt -Heimweh nach Kindheit, der sie sich entgleiten fühlte. Mit einem Male -wußte sie, daß sie Givo reicher hätte beschenken können. Sie fühlte, daß -sie ihrem ersten Freunde nachtwandlerisch vergeben, was sie wachend noch -nicht besessen, es verloren, ehe sie darum gewußt. Sie wunderte sich, -daß Manuel Va nicht strenge abwies. Aber Manuel Givo wußte zu sehr um -die Schuld, die jeder einzelne um die des anderen trägt. Er genoß -Vögelchens Liebesreife, die Mannsthal gefördert hatte, und er lebte ohne -gesetzliche Trauung und dies war ihm eben möglich, weil schon ein -anderer es getan hatte. Wer ohne Sünden ist unter euch, der werfe den -ersten Stein ... Sie aber war ihm schuldlos, wie Tier und Blume, und wo -ihre Seele aufwachte, ward Schönheit und Güte. In ihrer Bewußtheit war -nichts sündig, so lange sie mit ihm lebte. Und um die leise Trauer zu -heilen, ließ er tagsdarauf die folgenden Verse auf ihrem Tisch zurück: - - Mir ist Dein Leib ein lichtes Himmelstor, - Durch das ich ströme in mein Paradies, - Und wenn kein Engel mich aus seinen Hallen wies - Ist's, weil Du selbst bist Metathron im Chor. - Aeonin bist Du, doch im Dienen groß, - Sieh, Deine Schwingen ruhen mir im Arm. - Noch sind sie Dir von weitem Fluge warm, - Gebenedeit ist Göttin mir Dein Schoß. - -Wie konnte sie einhergehen, anderen Frauen gleich, da ihr Herz in -Seligkeit, von den Kräften seiner Anbetung getragen, sie aufhob, daß ihr -Fuß kaum die Erde streifte. - - * * * * * - -Nun kam der Tag, wo Givo ihr sagen mußte, daß er nun mit der Mutter -wohnen würde. Mutter, konnte sie es begreifen, war ihr nicht ein leeres -Wort, was andere als unantastbares Gut empfanden und ihm so viel noch -bedeutete! Als er es ihr sagte, verstand sie vor allem das eine, daß er -schon lange der Mutter Beschützer war, an des toten Vaters statt und sie -nicht verlassen durfte um der Pflicht willen, die er schon früh -getragen. Daß sie Vögelchen ausgeschlossen haben wollte aus diesem -Lebenskreis, das faßte sie nicht und es war ihr so fremd und -unentwirrbar, daß sie daran in ihrem Denken wie an einen Felsen stieß, -den sie umgehen, aber nicht übersteigen konnte. Und Givo wußte, nur ihre -Ergebenheit würde es überwinden. Er war ihrer so sicher, er glaubte den -kindlichen Geist plötzlich erwachender Auflehnung in ihr schon völlig in -Liebe gelöst. Gewiß wäre es das Klügste gewesen, wenn er Arabella -veranlaßt hätte, einige Wochen bei Cecile zu verbringen, aber er -fürchtete ihr Mißtrauen, daß ihr das Heim wieder genommen sei, indem er -freiwillig eine Trennung herbeiführte, während er, wenn sie in St. Cloud -blieb, sie täglich besuchen konnte. Frau Givo war nun angekommen. Sie -ging auf einen Stock gestützt und hatte allerlei Eigentümlichkeiten -angenommen, die sie alt und wunderlich machten. Sie schien nicht mehr -die vornehme, herb verborgene Frau. Es war, als ob eine Angst sie jage, -und ihre Unruhe teilte sich anderen mit. Zu Givos Erstaunen stieg hinter -ihr Zora aus dem Zug. Er erschrak fast über die Schönheit des jungen -Mädchens und seine Mutter bemerkte es mit einem Lächeln, das in ihr -edles Antlitz einen bösen Zug zeichnete. - -»Was sagst du nun zu diesem Kind, ich habe es mitgebracht, daß du es auf -den rechten Weg bringst.« - -»Ich bin ausgerissen,« sagte Zora. - -Als sie im Wagen saßen, erfuhr er, daß Zora, die sich in der -Glaubensschule als störendes Element erwiesen, mit Zustimmung der Tante -einige Wochen Ferien erwirkt hatte. Givo war es recht, daß Zora -mitgekommen war, so konnte er denn in St. Cloud unter dem Vorwand wohnen -bleiben, den beiden Frauen genügend Platz in seiner Stadtwohnung zu -belassen. Eine seltsame Scheu hielt ihn zurück, Arabella von Zora zu -sprechen, auch von der Mutter erzählte er nicht und dieser niemals von -Arabella. Er lebte während dieser Wochen zwei vor einander verborgene -Leben. Er stand zwischen zwei Notwendigkeiten und, daß er sie nicht -vereinen konnte, ließ ihn selbst oft minutenlang außerhalb, als einen, -der sich selbst sieht und abwartet. Aber er fühlte, daß diese -Zwiespältigkeit nicht andauern konnte, sie war zu sehr seinem Wesen -fremd und verächtlich. - -Zora hatte begonnen bei dem berühmten Geigenkünstler Mabese Stunden zu -nehmen und Frau Givo sah sich vor einem neuen Konflikt. Die Rückkehr in -die Glaubensschule schien ihr auch aus anderen Gründen nicht ratsam. Sie -fürchtete, Zora könne sich dort durch ihre Heftigkeit neuerdings -unmöglich machen und vor allen Mitgliedern der Gemeinschaft befleckt -sein. Dann aber würde eine Ehe mit dem Sohn ausgeschlossen sein. Ihr -Talent könnte immerhin die Möglichkeit bieten sie teilweise von der -Schule zu befreien. Der Name Uhari war einer der besten unter den -Schauenden. Aber gerade deshalb sollte Zora ihn nicht gefährden. Die -Bitternis um Manuel hatte sie schlau gemacht und nachgiebig, wenn es -galt, dem Ziele näher zu kommen. Sie hoffte schließlich, den Sohn für -Zora zu gewinnen. Und Zora war ja hilflos ohne sie, denn Zora liebte das -Wohlleben und den Luxus, obwohl ihr Vater Enthaltsamkeit gepredigt -hatte, und sie gab ihr darin nach, gewöhnte sie an das Teuerste, nur um -sie ganz in der Hand zu haben. Den tieferen Sinn der Lehre beachtete -Frau Givo nicht mehr. Ihr galt einzig, ihren Willen, der ihr zum Wahn -geworden war, durchzusetzen. Sie rechnete und berechnete. Mochte Manuel -die Nächte mit dem fremden Mädchen verbringen, mochte er es verzehren in -Liebe, um so rascher würde er frei werden für Zora. Sie täuschte sich: -Manuels Leben mit Arabella war die edelste Erfüllung dessen, was seine -Lehre unter Geschlechtsgemeinschaft versteht, es war ihm jenes -Untrennbare, das keines äußeren Bandes bedarf, die erdenhafte -Verschmelzung, aus der die göttliche Flamme schlug, das Licht über -seinem Wandel, das nichts Irdisches zerstören, nichts Himmlisches -verdunkeln konnte. Mochte sein Gehen und Stehen von ihr getrennt sein, -ihr Einssein blieb unlöslich. - -Aber zu dieser Zeit geschah es, daß Arabella zu Givo in die Sternwarte -kam, was lange nicht geschehen war, um ihm Ceciles Ankunft zu melden, -die ihres Leidens wegen zu ihrem Pariser Arzt gekommen war. »Es ist eine -Dame bei Herrn Givo,« sagte der Diener mit verschwiegenem Lächeln. -Arabella hörte Zoras Lachen. Sie wartete eine Weile, aber es war irgend -peinlich wie lauschend an der Türe zu stehen, während bittere Gedanken -kamen, die sie nicht bannen konnte: Wer ist sie? Sie ist jung und -lustig. Es duftet hier nach Parfüm. Warum sprach er nicht von ihr? Kann -ich nicht immer eintreten zu ihm? Ist es nicht häßlich, wenn ich nicht -sorglos ihn begrüße? Niemals war ihr Mißtrauen gekommen und, überdachte -sie es, so gönnte sie ihn anderen Frauen. Aber nun stand sie und etwas -machte ihr angst und kalt. Sie wußte es gleich, sie liebte nicht die da -drinnen und gleich verurteilte sie es, einer Fremden, von der sie nichts -wußte, übel zu wollen. Weil es sich aber nicht begründen ließ, weil sie -nicht Beweise hatte für ihr abweisendes Gefühl, lag wohl ein Grund vor, -ein geheimer Sinn, dem sie Glauben schenkte. Plötzlich ging die Tür auf -und Givo trat heraus. Er wurde -- er selbst spürte es mit Schrecken -- -bleich. War es Vögelchens Gefühl, das sich ihm mitteilte, war es der -ganze Zusammenhang, der Umstand, daß er nie über Zora gesprochen, die -zufällig gekommen war, mit einer Bestellung seiner Mutter, ebenso -zufällig wie Arabella? Aber Givo sah sich plötzlich umstellt, verfolgt -in seiner Arbeitzelle oder er täuschte sich unbewußt dies vor, um nicht -sein wirkliches Gefühl der Scham über sein doppeltes Leben zu empfinden, -da er, der immer gerade Wege ging und für alles Tun einstand, vor diesem -Wesen, das ihm vertraute, scheinbar ein Geheimnis hatte. Er wußte, dies -war nichts als der flüchtige Besuch eines Mädchens, mit dem er in -heiterem und zugleich feindlichem Einverständnis stand, aber er sah es, -wie Arabella es sehen mochte, als eine heimliche Zusammenkunft und -vielleicht nur eine von vielen. Sie wollte sprechen, aber die Scheu, die -sie zuweilen empfand, war so groß, daß sie kein Wort hervorbrachte. »Ich -kann jetzt nicht mit dir gehen, es ist jemand bei mir. Willst du mich -irgendwo erwarten? Wir können dann eine Weile zusammen bleiben.« - -»Eine Weile?« fragte sie. »Und jetzt?« - -»Jetzt ist ein Mädchen da, das mir meine Mutter mit einem Brief -geschickt hat. Ich kann es nicht rasch fortschicken, ohne es zu -kränken.« - -Vögelchen wollte ihn bitten: schicke _sie_ fort, _sie_, nicht mich. Aber -sie brachte es nicht über die starren Lippen. Sie nickte nur und ging -die Stiegen hinab. Die Kniee zitterten ihr. »Wo sehe ich dich?« rief er -ihr nach. - -»Cecile ist hier,« sagte sie von unten mit mühsamer Stimme. Dann ging -sie. Er blieb stehen, seine Füße waren bleischwer. Hinter ihm stand -Zora. »War sie das?« fragte sie und ihre mandelförmigen Augen -leuchteten. - -»Wer denn? Ach, ihr Frauen, ihr Neugierigen,« sagte er. Als Zora -gegangen war, stand unten an der Tür Arabella. Sie hatte den Schleier -über ihr Antlitz gesenkt, aber Zora wußte: das ist sie. Und Zora schritt -sorglos weiter, hob ein wenig trotzig den Kopf, als sie an ihr -vorüberkam, und Arabella schien es, als kräusle ein Lächeln ihren Mund. -Ein kleiner Funken knisterte zwischen ihnen: Feindschaft. - -Als Manuel nach St. Cloud kam, fand es sich, daß Arabella mit Cecile zur -Bahn gefahren war. Er hatte zwar eine Verabredung mit seiner Mutter, -aber nun hatte ihn Unruhe und Sehnsucht befallen, sie an sein Herz zu -drücken. War es möglich, daß sie etwa, ohne ein Wort zu hinterlassen, -weggefahren war? Welcher Teufel hatte ihn gejagt, nicht das, was ihm das -Wertvollere und das Natürlichere war, zu tun? Er quälte sich. Warum -hatte er sie, nicht Zora weggeschickt! - -Vögelchen kam spät nach Hause. »Allein bist du den einsamen Weg -gegangen?« sagte er und nahm sie in die Arme wie eine Mutter ihr Kind. -Er war so froh, daß sie zurückgekommen war. Da weinte sie, weinte all -ihre unausgesprochene Angst um jenes Leben, in dem er war abseits von -ihr, in einer fremden Welt, die ihr feind war. - - - - - Flucht - - -Der Mai, mit seinem Zustrom von Fremden, war Givo nicht lieb in Paris. -Die Stadt schien ihm da von ihrer vielfältigen Wirklichkeit zu einer -Stätte wahnvoller Lustbarkeit gewandelt. Er aber kannte die Kehrseite, -das Elend, die nachbetende Verlogenheit, die die Prostitution -verherrlichte, all die geistige Verlotterung und die Eintagsfreude des -Luxus. Die Regsamkeit der Menschen drängte ihnen nach in ihre -Zurückgezogenheit. Sie riefen die Menschen nicht zu sich, aber ihr -Helfen rief sie: wer unberaten, bedrückt, bedrängt oder begeistert war, -sehnte sich in ihre Nähe. Künstler verlangten die Weihe ihres -Verständnisses, täglich liefen Briefe und Bücher ein, Bilder wurden vor -ihnen aufgerollt, sie mußten in Ateliers klettern, uneheliche Kinder aus -der Taufe heben, Kranke besuchen, die nach ihnen riefen, Streitigkeiten -von Liebespaaren, Diskussionen über geistige Uneinigkeiten, seelische -Rechtsbrüche wurden von ihnen abgehandelt. Wiewohl es nicht unbekannt -war, daß Givo einen großen Teil seines väterlichen Erbteiles für -wohltätige und wissenschaftliche Zwecke verbraucht hatte, hielt man ihn -für genügend reich immer noch helfen zu können. Die Mannsthal-Aktien -waren sehr gestiegen. Adalbert hatte Vögelchen ein großes Vermögen -angelegt. Givo wollte nicht ärmer werden, um nicht in die Lage zu -kommen, aus diesem Gelde Nutzen zu ziehen. Und vor allem sehnte er sich -nach Abgeschlossenheit, um neue Kräfte zu sammeln. Givo wollte die -Haustüre sperren, einen Zettel hinaushängen und darauf schreiben: »Hier -wird gearbeitet, man bittet um ein wenig Ruhe.« Aber da blickten die -Freunde durch die Hecke am Gartengitter und riefen: »Ach, ihr spaziert -ja eben herum, da kommen wir nur auf fünf Minuten.« Oder Givo bringt -selbst einen Verstörten, den Arabella aufrichten soll. Sie fühlen eines -Tages, daß die Freunde ihre Feinde sind, daß ihnen der Fremde, der auf -der Straße vorbeigeht, mehr Freund ist, weil er ihnen nicht von ihrem -Leben nimmt, wie man Äpfel vom Baum bricht. Und sie fühlen auch, daß sie -ärmer werden an ihnen, weil diese mit der Gewaltsamkeit des eigenen -Wichtignehmens ihre Existenz in die ihre drängen und ihnen den eigenen -Atem rauben. Sie haben keine Einkehr mehr mit sich selbst. Der Traum ist -ihnen verscheucht, selbst aus dem Schlaf, der sie so bleiern anfällt, -daß sie sich nur leise mehr durch ihn spüren und nur selten mehr die -Frische haben, sich einander hinzugeben. Vögelchen wird blaß und müde -und eines Tages läßt sie die Koffer herbeischaffen und Givo findet alles -vorbereitet zu einer Reise. - -Er wollte gern mit Arabella noch einige Tage nach Chaly, reine Luft zu -trinken. Der Arzt aber hatte Cecile auf eindringlichstes Fragen eine -schlechte Prognose gestellt; keine Hoffnung auf Genesung. Sie hatte es -geahnt, aber nun befiel es sie wie Grauen über sich selbst, beinahe -Verächtlichkeit war es für den hinsiechenden Körper. Zählte sie noch -mit, konnte sie noch auf Menschen wirken, da sie nicht mehr ganz zu den -Lebendigen gehörte? Gab es nicht etwas zu tun, das der Menschheit -nützlich sein konnte und das nur einer vollbringen mochte, der ein Leben -zu opfern hat! Sie wollte ihr Augenmerk auf nützliche Taten lenken, -deren Folgen andere zu fürchten hatten. Aber noch war ihr der Gedanke zu -neu eine Sterbende zu sein. Sie mußte allein sein mit diesem Übergang -und keiner, dem sie lieb war, sollte den Urteilsspruch des Arztes -erfahren oder erraten. So schrieb sie Givo, er möge den Besuch -verschieben. Gleichzeitig aber erhielt dieser einen Brief von Mannsthal, -er sei im Begriff zu verreisen, er wolle vermögensrechtlicher -Angelegenheiten wegen, auch um Vögelchens Freiheit zu schützen, deren -vorzeitige Großjährigkeit erwirken. Angele würde sich freuen, ihn und -Arabella während dieser Zeit bei sich zu sehen. Sie würde auch -Vermittlerin sein in einer Angelegenheit, die er gern bereinigt sähe. -Arabella machte sich bereit, Givo nach Quesnon zu begleiten, wo sie -mehrere Tage verbringen wollten. Da kam Helene mit Alphi und Manuel -reiste allein. - -Er fand Angele verändert, mütterlich froh und gerundet, verjüngt und -gereift zugleich. Sie war unablässig bemüht um das Kind. Es war -schwächlich und sie hatte deshalb mit Adalbert beschlossen im Süden sich -anzusiedeln. Bevor sie aber Nordfrankreich verließen, wollte Mannsthal -gern Arabellas Zukunft gesichert sehen und das quälende Bewußtsein der -Vergangenheit völlig überwinden. Er, Givo, wäre wohl großzügig genug, um -Mannsthal nicht das Recht zu schmälern, Vögelchen zu beschützen, solange -kein anderer diese Rolle dauernd übernahm. Es bedrücke ihn, daß Givo -Arabella bislang nicht zur Frau begehrt, obwohl er ihre Seelenreinheit -erkannt habe. Mannsthal habe geschwiegen, weil seine Lage Vögelchen -gegenüber eine außergewöhnliche sei und er selbst scheinbar deren -Anspruch auf Rechtmäßigkeit verwirkt habe. Sie aber, die Freundin und -Frau, der es gelungen, den Dämon aus Adalberts Leben zu bannen, sie bäte -Givo flehentlich gerade um dieser Umstände willen, nicht zu zwangloser -und unsicherer Beziehung die Sachlage auszunützen. Sie kenne seine losen -Verbindungen mit Frauen, als des Mädchens Stiefmutter bäte sie um -Bescheid. Givo ward in den Grundfesten seines Wesens erschüttert, als er -die Freundin solchermaßen sanft und eindringlich sprechen hörte. Die -Einstellung war falsch. Niemand wollte wie er Vögelchens glückliche -Geborgenheit. Aber Angele hatte recht, das durfte er nicht, wie er es -bisher stillschweigend getan, jenes Mannes Unrecht nützen. Während -Angele gesprochen, wußte er es mit einem Male, er handelte schlecht an -Vögelchen. Er dachte ja nicht daran sie zu verlassen und ihre Liebe war -groß genug sich in außergewöhnliche Verhältnisse zu fügen. Seiner -Glaubenslehre war die freie eheliche Verbindung gemäß, nicht zwanglose -Leichtfertigkeit lenkte ihn und Scheu sich für alle Zukunft zu -entscheiden. Aber er sah sich gehemmt Frauen gegenüber frei zu handeln -und was aussah wie Libertinage, war in Wahrheit Zwang. Was ihn -erschütterte, war, daß er sich greller bewußt ward, daß seine Mutter, -indem sie seine Lehre, die mit überzeugtem Handeln so enge zusammenhing, -schützen wollte, ihn zu zweifelhaften Kompromissen verurteilte. Seine -Männlichkeit, seine Ehrlichkeit sträubte sich gegen gebundene Hände. -Wohin er sah, es war nicht Freiheit mehr um ihn. Wie aber sollte er -wirken ohne sie? Er verabschiedete sich von Angele, es drängte ihn mit -seiner Mutter zu sprechen. Nach Paris zurückgekehrt suchte er sie gleich -auf. Er fand sie lesend, Zora übte im Nebenzimmer eine schwierige -Sonate. Jenseits der Seine waren Türme und Dächer in das Rot der -untergehenden Sonne getaucht, der Fluß, dessen Lauf man von den Fenstern -aus verfolgen konnte, hatte etwas feierlich Hinschwebendes. - -»Ich möchte mit dir sprechen, Mutter.« Frau Givo erbleichte. Sie fühlte -das Außerordentliche des Augenblickes. - -»Was wünschest du?« fragte sie. - -»Ich will nun dieses Mädchen zu meiner Frau machen.« Die Frau mit dem -wachsgelben Gesicht sah starr auf den Mund, der das Gefürchtete -ausgesprochen, sie blieb still, aber es war nur der Augenblick, -währenddessen die Keule ausholt, ihren wuchtigsten Schlag zu tun. Sie -sagte langsam mit unendlichem Hohn: - -»Die Geliebte ihres Vaters?!« - -Wie stand es mit der Lüge, konnte er nicht Entsetzen über Verleumdung -heucheln? Der Schlag brannte. Erst als seine Betäubung schwand, konnte -er erwidern: »Wer hat dir diese Ungeheuerlichkeit hinterbracht?« Nun -wurde Frau Givo gesprächig. Gleich, als sie angekommen waren, hätte sich -eine Person gemeldet, die geschickt worden sei, ihn, Givo, nach der -Adresse des Fräuleins Mannsthal zu fragen. Es handelte sich um die -Übermittlung einer Todesnachricht. Sie sei dann mit diesem Mädchen ins -Gespräch gekommen und habe so die sauberen Dinge erfahren, die dieses -von dem Kammerdiener Mannsthals und von jenem Toten wußte. Sie habe auch -von diesem ein Andenken mitgebracht mit dem Ersuchen, es dieser -Mannsthal zukommen zu lassen. Frau Givo holte aus einer Lade ein Kuvert -hervor, in dem ein Zettel lag. Manuel las: - -_Quod in charitate constitutis nullum peccatum imputetur._ - -Ein himmelblauer Enzian war aus dem Zettelchen gefallen. Er war nicht -vergilbt und wie ein unschuldvolles Auge aus einer reinen, fernen -Bergwelt sah er in die Schwüle dieser Stunde. Givo sagte: »Von diesem -Unglücklichen ist es, dessen Tod ihr verheimlicht wurde.« Er las die -Worte laut. »Verstehst du das? Er hatte es wohl aus meiner Schrift, -gegen die er polemisierte. Verstehst du es, Mutter?« - -»Und wenn ich es verstünde, ich will es hier nicht bestehen lassen. Um -der Sünde willen, die an ihr begangen wurde und die sie selbst, wie es -heißt, nicht von sich wies. Ich sage nein und nicht um der Liebe willen, -in der sie leben mag, sagte ich jemals ja. Sie ist und bleibt eine -Fremde.« Und kraftvoll, daß im Nebenzimmer das Geigenspiel zerbrach, -sprach sie: »Wisse es, Manuel: Nur über meine Leiche geht dein Weg in -diese Ehe.« Da packte Givo ein heiliger Zorn. - -»Das ist Lästerung!« rief er und er, der Sanfte, warf den Stuhl, den -seine Hände umklammert hielten, zu Boden. Er nahm seinen Hut und eilte -hinweg. - -Einige Tage später verließ er mit Arabella Paris. Der Mutter schrieb er, -daß er sie wiedersehen würde, wenn sie, von ihrem Wahn geheilt, die -entsetzliche Weigerung einstellen würde. Er wollte nicht zum Verbrecher -werden an der Ehrfurcht, die er ihr zolle, und nicht zum unglückseligen -Schurken an einem Wesen, das er liebe wie seinen Glauben. Angele bat er -Mannsthal zu vermitteln, daß es über seine Kraft ginge, Arabella zurzeit -seinen Namen zu geben. Es gäbe Verwicklungen, die jenseits der üblichen -Lebenswege sich nicht in gewaltsamer Entwirrung lösten. Er könne nur -wiederholen, daß sie ihm teurer sei als sein Leben und ihrer Liebe so -sicher wie der eigenen. - -Vögelchen erfuhr nichts von den Verhandlungen. Sie war glücklich nun des -Geliebten Nähe, losgelöst von allen Beziehungen, zu genießen. Sorglos -hingegeben fragte sie nicht nach Gesetzen und Verträgen. - -Es kommt eine Zeit, in der die Freunde nichts hören von Manuel und -Arabella. Sie wohnen im Garten des Glückes und der hat seine Tore -geschlossen und läßt niemanden ein. Sie hausen hinter Mauern, über die -bunte Blumen sich chaotisch ranken und hinter ihnen im Paradies der -Landschaft sprießen sie selbst ineinander, durchweben, durchranken, -durchsonnen sich. Einmal nachts ist ihre Umarmung so vollkommen, daß sie -der Frucht dieser Stunde gewiß sind. Da kommt am folgenden Tag eine -Depesche von Zora, die der Mutter lebensgefährliche Erkrankung meldet -und schleunige Abreise empfiehlt. Auf ihr Blühen fällt Frost. Sie raffen -sich schwer auf und ziehen gegen Norden. Er will gern Arabella zu Cecile -schicken für diese düstere Zeit, die aber ist krank. So muß er sie -mitführen in das Fremdland, das seiner Mutter Krankenlager umgibt. Ein -Schlaganfall hat in der Stunde ihrer innigsten Vereinigung das Leben Lea -Givos bedroht. Es war, als hätten Tod und Zeugung hier geheimnisvollen -Zusammenhang. - - - - - Cecile führt ihren Plan aus - - -Das Asyl hatte nur wenige Zöglinge mehr aufgenommen, seitdem Cecile ihre -Helferinnen verloren hatte. Clothilde war Krankenpflegerin geworden, -Anna leitete in Felix Blancs Lungenheilstätte den wirtschaftlichen -Betrieb. Helene war in ihrem Heim beschäftigt. Die Behörden von Chaly -wurden überdies von Jahr zu Jahr unduldsamer gegen das Asyl. Cecile -verlängerte den Pachtvertrag nicht mehr, als er abgelaufen war. Es -gelang ihr mit Hilfe ihrer Schwester das Häuschen Givos in St. Cloud -einzurichten und darin die Schützlinge unterzubringen. In Paris gewann -sie leichter Hilfe und im Notfall Ersatz für sich selbst. - -Besonders lieb war es ihr, daß sie sich von Gaston Lantrec, der nun die -Hochschule besuchen sollte, nicht zu trennen brauchte. Dieser junge -Mensch fürchtete sich vor dem Gespenst jenes Mordes, das ihm nun oft und -oft erschien. Ein Besuch bei dem Vater im Gefangenenhaus hatte ihn in -tiefste Schwermut gestürzt und Cecile wußte es, sein brennendster Wunsch -war alles aufzubieten, des Vaters Begnadigung herbeizuführen. Er wollte -unmäßig viel Geld verdienen, Stunden geben, Erfindungen machen, den -besten Verteidiger zu bezahlen, daß der alte Prozeß wieder aufgenommen -würde. Nachdem Cecile das Heim in St. Cloud eingerichtet hatte, löschte -sie ihren Namen aus der Leitung. Sie fühlte sich sehr müde. Man riet ihr -zu Kuren und Reisen, aber sie wußte Bescheid, es half ja nur zu einer -Galgenfrist. Eines Tages gab sie Gaston einen Brief, er möge ihn -heimlich dem Vater zustecken. Bald darauf erkrankte sie ernstlich, sie -begab sich in Spitalspflege und starb nach wenigen Wochen. Gaston war -bei ihr in den letzten Stunden. Ninidh mit der weißen Hand drückte ihr -die Augen zu. Unter ihren Papieren fand sich ein Brief, der für das -Gericht bestimmt war. Sie teilte darin mit, daß sie vor sechzehn Jahren -aus Eifersucht Frau X. erschossen habe, weil diese die Geliebte des -Bildhauers Lantrec, ihres heimlich Verlobten, gewesen sei. Der Mann habe -die Schuld auf sich genommen und ihr das Gelübde abgerungen zu -schweigen. Nun aber brachte sie die Wahrheit an den Tag. Der Tod löse -ihre schweigenden Lippen. Sie testierte eine größere Summe für die -Kosten des neuen Prozesses und für Gefangenenfürsorge. In einem Brief an -Givo bat sie ihn, Gaston in seinen Bemühungen zu unterstützen. Man solle -nicht versuchen sie für die Öffentlichkeit reinzuwaschen. Sie hoffte, -daß ihr Leben ein solches gewesen, daß ihre Freunde, was immer sie auch -in Leidenschaft getan habe, sich ihrer nicht zu schämen brauchten. -Hector Lantrecs Prozeß wurde wieder aufgenommen. Zwei Monate nach -Ceciles Tod wurde er aus dem Gefängnis entlassen. - - - - - Das dritte Mütterchen - - -Helene war nach ihrem Aufenthalt bei Arabella mit Alphi zu dessen Vater -übergesiedelt und hatte das verwaiste Hauswesen neu eingerichtet. Sie -war fast siebzehn Jahre alt und ihre Mutter billigte es nicht, daß sie -in Paris in einem frauenlosen Haushalt leben sollte. Aber es zeigte -sich, daß Helene kaum Zeit hatte auszugehen und der junge Gelehrte -flößte ihr ein Vertrauen ein, das sich in einer Art verächtlichem -Zweifel über seine tatsächliche Zugehörigkeit zum männlichen Geschlecht -ausdrückte. Zudem sah Cecile, die der Schauspielerin als ein höheres -Wesen galt, hier für Helene eine Lebensaufgabe. Was sollte sie auch mit -der großen Tochter anfangen! Sie hatte einen Hund, den sie in ihrem Muff -trug und abgöttisch liebte. Dieses Format war ihrer mütterlichen Liebe -gemäßer. Helene fühlte sich sehr wohl bei Tallandre, sie war trotz ihrer -jungen Jahre ihm in mancher Weise überlegen. So hatte sie bald zu ihrem -Ergötzen entdeckt, daß er sich vor ihr fürchtete und sich alle Mühe gab -vor ihr den Wüstling zu spielen, der mit anständigen Mädchen nichts -anzufangen weiß. Es war auch ein Teil Wahrheit dabei, denn er war ein -wenig ausgehungert auf seiner Afrikareise. Aber eben deshalb wußte er, -daß ihm Helene nicht ungefährlich war. Der gute Fifi, wie ihn seine -Freunde nannten, war zudem ein großes Kind, das auch gern vor sich -selbst prahlte. Er wollte schon fertig werden mit dieser Anfechtung. -Bah, solch ein kleines Mädchen und er, der Elefanten gejagt hatte! Wenn -aber Helene Alphi liebkoste, bekam er alle Zustände. »Ob es denn -eigentlich gesund sei, daß sie und das Kind einander so oft küßten?« -fragte er eines Tages erbost. »Gesund nicht eben, aber gut sei es,« -antwortete Helene und, als er den Kopf schüttelte, sagte sie lachend: -»Wenn Sie nicht glauben, daß es gut ist, so versuchen Sie es doch -- bei -Alphi natürlich.« Eines Tages hatte seine Schwägerin den Kleinen für -einen Ausflug aufs Land abgeholt. Helene saß vereinsamt über ein Buch -gebeugt, als er nach Hause kam. Sie sah ihn an und lächelte vertraulich. -Aber er wußte, es war nicht der borstige, nörgelnde Tallandre, den sie -anlächelte, sondern der wirkliche, der in Helene verliebt war. Sie war -also liebevoll, ohne von ihm Notiz zu nehmen, sie liebäugelte mit ihm -über seinen eigenen Kopf hinweg, mit seinem freundlicheren Ich. Er -ärgerte sich über die Geringschätzung eines Anwesenden. »Nun, wen haben -Sie heute zu küssen?« fragt er hämisch. - -»Alphis Vater,« sagte sie, stand auf und trat mit strahlenden -Schelmenaugen auf ihn zu. Da packte ihn die Liebeswut und er vergaß -seine schnöde Verachtung für die anständigen Frauen. Er vergaß sie so -gründlich, daß nach einem Monat Helenes Mutter in ihrem Freundeskreis -erzählte: »Meine Kleine ist ein Ungeheuer, sie hat mich zur wirklichen -Stiefgroßmutter gemacht.« Und sie zeigte mit Stolz das Bild Alphis. Zur -Großmutter war sie begabt. Sie entschädigte Alphi für die Zärtlichkeit, -die nun sein drittes Mütterchen Helene zum Teil seinem Vater zuwandte. - -Helene schrieb überschwengliche Briefe an Vögelchen. Das Einzige, was -ihr junges Eheglück trübte, war Ceciles fortschreitende Krankheit und -schließlich ihr opfergekrönter Tod. - - - - - Im Norden - - -Arabella und Givo erhielten die Nachricht von Helenes Verheiratung in -Hamburg, wohin sie eiligst gereist waren. Wenn Vögelchen an diese -Lebenszeit zurückdachte, sah sie bleischweren Nebel, hörte Stürme an -ihre Fenster trommeln und den Schrei der Dampfpfeifen des Hafens. Und -doch war Frühling und an der Elbe blühte es in den Gärten. Givos Mutter -lag wochenlang zwischen Leben und Tod. Er konnte sich kaum wegstehlen -von dem Krankenlager. Vögelchen war allein in der fremden Stadt und ihr -Leid mußte schweigen, weil der Geliebte mehr litt als sie selbst. Als -sie angekommen waren, hatte er sie in einem Hotel an der Alster -untergebracht. Der Zustand der Mutter erwies sich wohl bedenklich, aber -eine unmittelbare Gefahr bestand nicht mehr. Der Arzt war es zufrieden, -daß Givo gekommen war, aber er schlug vor, daß er sich vorläufig der -Mutter nicht zeige. Er wolle sie zuvor im Verein mit Zora langsam -vorbereiten. So war es Givo möglich gewesen, die ersten Tage mit -Arabella zu verbringen. Wiewohl hinter jedem freudigen Augenblick das -Bewußtsein lauerte, an der Mutter Krankheit mitschuldig zu sein, und -dunkle Ahnungen über neue Verwicklungen ihn beschatteten, führte er -Vögelchen umher zu den Stätten seiner Kindheit. Sie war bemüht ihn -aufzuheitern und es fiel ihr seltsam leicht, heiter, ja freudig zu sein. -Es war, als sprudelte noch immer ihr Blut in heißem Takt. Sie fand das -Essen köstlich, sie fühlte ihre Muskeln in neuer Kraft. Manuel sah sie -zuweilen forschend an, ohne daß sie es bemerkte. Eine Vermutung war in -ihm aufgestiegen, die ihn aufs tiefste bewegte. - -Nun war es so weit, daß Givo die Mutter besuchen konnte. Sie beherrschte -wieder die Sprache, nur ab und zu machte ein Wort ihr Mühe. Sie lag zu -Bett und sah ihm mit sanfter Freude entgegen. Er mußte sich beherrschen, -um die Tränen zurückzudrängen: es ging eine Milde von der Mutter aus, -die nicht mehr von dieser Welt schien. In ihrer Rede kam etwas mühsam -von weither, als hätte er sich von neuem des gewohnten Lebens zu -besinnen. Sie verschwieg ihm ihre Sehnsucht, wie ihre Gedanken durch -Qualen ihn stündlich gesucht, wie sie in ihren welkenden Tagen jede -Stunde als eine unwiederbringliche fühlte, das Entbehren seiner Nähe als -einen Fluch, der sie vergiftete. Nichts von der gefährlichen Warnung des -Wahnsinns sagte sie ihm. Aber eben in dem Schweigen spürte er in -aufflammender Liebe ihre Peinigung. Sie sprach ihm von allerlei, von -ihrer Krankheit erwähnte sie nichts. Sie gab ihm wohl die Schuld und in -ihrem Bemühen, sie im Gespräche zu übergehen, lag die Anschuldigung am -deutlichsten. Givo beachtete nicht, daß Geisteskranke zuweilen das -wirksamste Mittel wählen ihr Ziel zu erreichen, daß auch ihrer Ruhe -nicht zu trauen ist. Dankbar ließ er die Milde auf sich wirken, er sah -der Mutter Bild wieder rein und hell, umstrahlt von der Märtyrerkrone -ihrer Duldung, die Zukunft schon gelöst in Einigkeit. Freundlichst kam -er Zora entgegen. Ihre Treue für die Kranke bewegte ihn. Die verhaltene -Glut ihres Blickes konnte er sich nicht deuten. Liebe oder Haß? Beides -vielleicht? - -Als Frau Givo ermüdet den Sohn verabschiedete, ließ sie Zora zu sich -rufen. - -»Er wohnt nicht im Hause?« fragte sie. - -»Nein,« antwortete Zora. - -»Dieses Mädchen ist bei ihm?« - -Zora zuckte die Achseln, aber ein Zucken um ihren Mund bedeutete, daß -die Kranke richtig geraten habe. - -»So will ich morgen ein Ende machen zwischen ihm und ihr,« sagte sie. -»Nun will ich mir Kraft zuschlafen. Gute Nacht!« - -Da sagte Zora: »Kann Glück sein, wo so harte Weigerung ist? Hab' Mitleid -mit uns beiden. Ich fühle, wie das Böse in mir aufsteigt, Rache um seine -Liebe für die andere.« - -Da richtete sich die Frau auf, so gut sie konnte. »Gott will es. Er -stählt mir den Willen bis in den Tod. Vertrau ihm. Willst du ihm -ungehorsam sein, dann geh aus meinen Augen! Geh!« - -»Wohin?« fragte Zora tonlos. In diesem Augenblick rissen in ihrer jungen -Brust alle Fäden der Zusammengehörigkeit. Ihr heimatloser Sinn kehrte -von Suchen und Sehnen zurück und wandte sich auf immer ab vom -Gemeinwesen der Menschen. - -»Du kennst deinen Weg, wenn du dich deinem eigenen Glück widersetzt. Dem -höchsten Glück, das je einer Frau zuteil werden kann! Fort in die -Glaubensschule und dann in Stellung.« - -Und als Zoras Schweigen wie Unheil sich im Zimmer breitete, sagte sie -beschwörend: »Laß es reifen in ihm, erobere ihn dir. Rette ihn zu dir, -aus der Verhexung dieser Fremden.« - -Die Kerze flackte auf von unsichtbarem Hauch geschreckt. Zora stierte -ins Feuer und wünschte, daß es sie und die Welt verschlänge. »Lösch -aus,« sagte Frau Givo. »Morgen muß wieder Klarheit kommen: das Licht,« -und wie im Traum schon lallte sie: »Licht.« - - * * * * * - -Das Licht aber drohte ihrer Lebensflamme zu verlöschen. Givo sagte: »Laß -ab, Mutter. Diese Gemeinschaft kannst du nicht trennen.« Als sie -erwidern wollte, fiel ihr Kopf zur Seite, die Zunge ward ihr schwer, die -Augen blickten stier, die Glieder wurden lahm. Zwei Tage darauf erwachte -sie aus todesähnlicher Bewußtlosigkeit. Manuel hatte lange Beratungen -mit dem Arzt und Zora. »Es wird nicht mehr lange dauern. Belügen wir -sie,« sagte das Mädchen. Ihre schwarzen Augen flackten zu bläulichem -Glanz, als sie Givo fragend anblickte. Der Arzt mahnte. »Nehmen Sie ihr -die Qual.« Die Mutter lag im Nebenzimmer und kämpfte sich ins Leben -zurück. Plötzlich schrie sie auf, dumpf wie ein geängstigtes Tier. Givo -stand auf, nahm Zora an der Hand und trat an ihr Bett. »Mutter,« rief er -leise. Und Zora lehnte den Kopf an Givos Schulter und weinte. Da -lächelte Lea Givo und wollte das Zeichen des Segnens machen. Sie war zu -schwach, aber sie verfiel in ruhigen Schlaf und, als sie erwachte, war -die drohende Gefahr vorüber. - -Vögelchen hatte Manuel fröhlich erwartet. Er war voll Hoffnung von ihr -gegangen. Nun kam er nicht. Des Abends erst sandte er Botschaft, die -Mutter sei schwer erkrankt. Zwei Tage vergingen, bedrückt von der -plötzlichen Einsamkeit und der Qual, in der sie ihn wußte, um -ihretwillen vielleicht. Sie hatte ihn der Mutter genommen und jenem -Mädchen, das fühlte sie. Aber warum konnten sie nicht beide an ihm froh -werden? Wenn er aber ihr genommen würde, was dann? Zurück zu Cecile? -Nein, nicht arm und verwaist ins Asyl, nach St. Cloud, wo sie mit Givo -glücklich gewesen. Sie würde Va besuchen und dann reisen, bis sie ein -Ziel fand, irgendein Ziel. Welches? Nein, nein, sie würde bleiben, wo er -war. Konnte es denn sein, daß er sie von sich ließ, daß er nicht ein -Leben fand, in dem auch sie war? Allem wollte sie zustimmen, was nicht -Trennung hieß. Und vielleicht, vielleicht gab er ihr ein Kind! Wer -konnte ihr verbieten ein Kind zu haben? Dann würde sie die Einsamkeit -schon leichter tragen. Und als sie darüber sann, war es ihr, als sei ihr -der Wunsch erhört. Sie legte die Hände auf ihren Schoß und erlebte die -Verkündigung. Wie im Traum lag sie und war gefeit vor Schmerz. Spät -abends kam Givo, bleich, seine Augen brannten. So hatte sie ihn nie -gesehen, ihn, den Ruhigen, den immer Befestigten. Er kniete vor ihr hin -und legte den Kopf in ihren Schoß. Lange lag er so und schien Ruhe zu -schöpfen und nachzusinnen. - -Da fragte sie leise, wie aus einem Traum: »Hörst du unseres Kindes -Herzchen schlagen?« - -Er schüttelte den Kopf. Tränen gebadet hob er sein Gesicht zu ihr auf. -»Es wurde in der Nacht, als der Tod die Mutter anfiel,« sagte er. »Darum -darf es nicht sein, du mußt es ungeschehen machen mit deinem Willen. Es -ist mir Schweres geschehen. Ich habe meine Hand in die einer anderen -gelegt um der Mutter Leben und Ruhe willen. Kannst du mir verzeihen? -Kannst du mir vertrauen, trotz allem?« Sie lag starr. Gigantische Kräfte -hätten ihr jetzt die Zunge nicht gelöst. Wille und Wort waren in einen -tiefen Schacht gefallen, der hieß Verzweiflung. Nach einer Stunde erst, -in der sie beide regungslos gelegen, hauchte sie: »Ich vertraue dir. Ich -lebe ja nur durch dich. Tu, was du mußt. Nur töte mich nicht, töte mich -nicht.« Er hatte sie umfangen, während sie aus den Tiefen des Schmerzes -zu ihm sprach und in unendlicher Liebe nahm er sie zueigen. Dumpf -heulten die Dampfpfeifen im Hafen. Nordwind peitschte die Wolken. -Angstvoll war das Flattern der Sturmvögel und Möven. - - * * * * * - -Zu dieser Zeit erfuhren sie Ceciles Tod. Zum ersten Male griff die -schwarze Hand in Arabellas Nähe, zum ersten Male konnte sie erfassen, -was es heißt: ein Mensch ist ausgelöscht, der dir lieb war, und ein -Stück deiner eigenen Seele ist mit ihm gewandert. Und während Givo nur -Trauer empfand, quälte sie sich über Ceciles Geständnis. War es möglich -zu töten? Seltsam, sie mußte an jene Begegnung vor Manuels Tür im -Observatoire denken, an den triumphierenden Blick jenes Mädchens. Sie -fragte sich, ob sie selbst würde ein Leben vernichten können, das ihren -heiligsten Besitz bedrohte. Und daß der Geliebte dann für Cecile -geschmachtet hatte! All das quälte, bis Givo ihr bewies, daß Cecile -einen frommen Trug, nicht einen Mord begangen hatte. Das Leben war ihr -beschattet von allen Seiten und Givos Sonne hellte es nicht; die trug ja -selbst den Flor der Trauer. Nein, kein Kind in dieses Leben setzen, das -sie nicht zu enträtseln vermochte. Nie hätte sie es beschützen können in -der Wildnis, die sich vor ihr auftat. Sie war so sehr versonnen, daß sie -ihrer täglichen Bedürfnisse kaum achtete. Givo war oft Tag und Nacht an -das Krankenlager der Mutter gebunden. Er konnte nicht acht haben auf -sie. Vögelchens wandernder Sinn blieb nicht haften am eigenen Schmerz, -er verirrte sich in alle Labyrinthe menschlichen Leidens. Manchmal -stieß sie die Kinderstirne wund an den nächtlichen Toren der -Unwiederbringlichkeiten und trug aus dieser Zeit unauslöschbare Narben -in ihr Leben mit. Der Schmerz tötete das keimende Leben in ihr und, als -sie dessen bewußt war, beweinte sie es. Zu zart war ihr Körper, den -Unbilden der Seele zu trotzen. Wie ein Schifflein, das von leichtem -Segel beflügelt auf dem Schrecken des Meeres tanzt, ward er vom Sturm -ergriffen und seine Ladung über Bord geschleudert. Ein Krönlein lag am -Meeresgrund. Zuweilen schimmerte es zu ihr auf und sie sandte ihm die -Perlen der Tränen, es zu schmücken. Aber das Meer trank sie auf in -dumpfer Unersättlichkeit. - -Frau Givo lag gelähmt. Man ging auf Zehenspitzen, es war gesorgt, daß -keine Tür ins Schloß falle. Ein Erschrecken konnte sie töten. Man hatte -ihr gesagt, die Heirat sei vorbereitet, und eines Tages trat Zora vor -sie in festlichem Kleid. »Heute wird es sein.« Givo kam herzu. Der -Mutter Hand wollte nach seiner Stirne tasten. »Der Wagen ist schon -vorgefahren,« drängte Zora. Sie verließen die Kranke. Zora ergriff ein -Weinkrampf, als sie die Stiegen abwärts schritten. Der Schleier fiel -über ihre Tränen. Der Arzt blieb bei Frau Givo zurück, während Zora und -Manuel, die Zeit hinzubringen, eine Rundfahrt durch die Stadt machten. -An dem Krankenbett war dann ein Mahl gerichtet, dem nur der Arzt -zugezogen war. Die alte Minka weinte verstohlen. Sie allein unter den -Dienstboten ahnte das Verschwiegene. Ihre Herrin lag mit einem Lächeln, -das wie Eisglanz über dem gelblichen, halb gelähmten Gesicht funkelte. -Bald schlummerte sie wieder ein. Givo küßte Zoras Hand. »Hab Dank für -dies traurige Spiel,« sagte er. Ihre Mundwinkel bogen sich nach abwärts, -sie senkte die Lider über den Fluch ihres Blickes. Er stürzte davon, dem -Ersticken nahe, Betrug würgte ihn tödlich. Seine Seele schrie nach -Unbeflecktheit, aber wohin er auch blickte, war Schuld. - -Frau Givo wollte nicht so rasch aus einem Dasein gehen, in dem sie nun -endlich ihren heißesten Wunsch erfüllt sah. Zähe Kräfte hielten sie am -Leben und schmiedeten Zora und Manuel an ihr Krankenzimmer. Gäste wurden -nicht vorgelassen, einige Glückwünsche fingiert. Die Kranke hatte -aufgetragen, daß das untere Geschoß des Hauses für Zora und den Sohn -eingerichtet würde, und es traf sich günstig, daß der Raum, in dem -Imanuel die kostbare Sammlung alter astronomischer Instrumente -aufbewahrte, zu diesem Zwecke geräumt werden sollte. Er träumte von -einem Uraniaborg, einer Sternwarte am Meer, wie sie sein geistiger Ahne -Tycho de Brahe besessen, einer Insel Gwenna, auf die er nachts zu Liebe -und Arbeit entfliehen wollte, vom Zwang und Trug an der Mutter -Krankenbett. Es fand sich bald ein turmartiges Gebäude mit drei riesigen -Räumen, die er sogleich für seine Zwecke umgestalten ließ. Das eine -diente zur Aufstellung der Sammlung, die anderen als Schlaf- und -Arbeitsräume. Er scheute keine Kosten, um rasch das Gemäuer wohnlich zu -machen. Eine Fischersfrau wurde zur Bedienung gedungen. Als Arabella -nach öden Wartetagen in dem Hotel, das sie kaum verlassen hatte, von -Givos Plan erfuhr, war sie glückselig. Endlich würde sie wieder mit ihm -vereint sein, sein Leben erhellen und seine Arbeit teilen. Sogleich sah -sie sich als sein Famulus, der Knabengewänder trug, um in der einsamen -Behausung unbehelligt zu sein. Glücklich, sie wieder ermutigt zu sehen, -duldete er freudig ihre romantischen Einfälle und war selbst darin -nachgiebig, als sie nach Besichtigung des Turmes erklärte, daselbst auch -dann wohnen zu wollen, wenn er gezwungen sein würde bei der Mutter zu -bleiben. Das Befinden Frau Givos verschlechterte sich indes nicht und -Manuel konnte unter dem Vorwand, auf seiner Sternwarte zu arbeiten, die -Nächte unbehelligt außer Hause verbringen. Die ersten Wochen verflogen -unter emsigem Auspacken, Ordnen und Reinigen der alten Geräte und der -vielen astronomischen Bücher und Schriften. Givo wollte den Turm -allmählich zu einem historischen Museum der Sternkunde ausbauen. Mit dem -ihr eigenen Eifer vertiefte sich Vögelchen in das Studium der alten -Bücher, legte Kataloge an und gefiel sich in ihrer Verkleidung. -Stundenlang blickte sie aufs Meer, das hinter dem Fjord sich weit -öffnete, und erdachte sich Wunder. Sie ging meist nur abends aus. In -weiten Mantel gehüllt, den Lockenkopf unter einer Samtkappe verborgen, -kam sie Manuel entgegen, dem die kurze Bahnfahrt endlos dünkte. Er -brachte allerlei Leckerbissen mit, die sie für das schlechte Essen, das -die Fischersfrau bereitete, entschädigen sollte. Bis Mitternacht -arbeiteten sie, verbrachten dann Stunden heiligster Liebeseinigkeit und, -während Arabella in den späten Morgen schlief, verließ Givo sie fast bei -Tagesanbruch. Dieses Leben, so sehr es sie auch beglücken mochte, -untergrub ihre Gesundheit. Dann kamen Abende, wo sie vergeblich Manuel -entgegenging. Die Fischersleute in der Umgebung begannen neugierig zu -werden und blickten ihr nach. Stürme durchbrausten den Turm und -durchheulten die Nächte, die sie schlaflos verbrachte, wenn der Geliebte -ihr fern war. Kam dann Givo, schien ein ihr verborgenes Leben noch an -ihm zu haften. Aus der Ferne hörte sie ein Mädchenlachen wie hinter der -Tür im Observatoire und ein häßliches Gefühl ließ ihr das Zutrauen -erkalten. Hielt ihn die andere dort auch oder allein der Mutter -Krankheit? Zu lange schon dauerte diese Wartezeit, die sie so viele -Stunden von ihm trennte, in der er ihr unzugänglich war wie ein Fremder. -Givo aber lebte nun kaum mehr ein eigenes Leben. Er wußte längst, daß er -den Tod der Mutter ersehnte, immer dringlicher. Nichts anderes mehr -konnte ihn befreien von der Lüge und auch der Tod nicht, der die -Gequälte erlösen sollte, wenn er zu kommen zögerte. Denn er fühlte, wie -die Kraft seiner Seele sich spaltete an der Ungeheuerlichkeit, daß er, -dem der rechte Weg bewußt war wie kaum einem jungen und warmfühlenden -Menschen, nun belastet war mit Schuld. Schwer trug er es, Arabella -unbeschützt zu wissen, ehelos ihm angetraut, schwer drückte ihn ihre -Klage um das Kind, das sie sich erhofft, qualvoll war ihm sein Wunsch -nach der Mutter Tod, peinigend Zoras ihn suchende Nähe. Denn neben -Arabella schien ihm Zora noch schwereres Los zu tragen. Ihr Opfer war -größer noch, weil es nicht bedankt war durch seine Liebe. Verwaister war -sie und zur Unglückseligkeit bestimmt, weil sich ihr junges Blut in -Hoffnunglosigkeit vergiftete. Nun wußte er es, sie liebte ihn. Da wollte -er ihr Gutes erweisen und schlug ihr in Gegenwart der Mutter vor, ihr -Geigenspiel wieder aufzunehmen, vorerst auf eine Woche zu verreisen, um -sich an guter Musik zu erfrischen. Sie nickte nur freudlos. Auch hier -hatte der zehrende Brand ihrer unerfüllten Liebessehnsucht gewütet. Seit -jener Scheinhochzeit fühlte sie sich nicht mehr jungfräulich gehemmt. -Heiß sengten sie die Blicke fremder Männer. Ihr Blut siedete. Sie wußte, -ihre Zeit war gekommen, unaufhaltsam drängte es sie zum Manne. Wenn sie -sich wegwarf -- und das würde sein -- konnte täglich, plötzlich aus -einer Stunde brechen, warum nicht an ihn, an Manuel, warum nicht besser -an ihn! Dann würde sie gehen und nie wiederkehren! Wäre das nicht -Erlösung auch für ihn? Einmal hatte sie eifersüchtiger Verdacht -hinausgetrieben auf sein Riff, das zu besuchen er ihr untersagt hatte. -Sie hatte der Fischersfrau aufgepaßt und erfahren, es sei nur ein Junge -im Turm, der die Instrumente putze. Dies gab ihr Mut ein Letztes für -sich zu erhoffen. Aber ein dumpfes Mißtrauen beschlich dennoch die -Nächte, die er auf der Warte verbrachte. Wenn er ihr Erleichterung -schaffen wolle, bat sie, so möge er ihr einige von seinen Arbeitsnächten -opfern, damit sie sorgloser schlafe. Zu ängstlich wache sie über der -Kranken Schlummer. Seine Stirne verfinsterte sich, aber er schlug ihr -die Bitte nicht ab. So blieb er denn zuweilen nachts in der Stadt. Und -einmal spät abends, als er über ein Buch geneigt in seinem Zimmer saß, -rauschte der Vorhang auf, der seine Türe von der Zoras noch dichter -abschloß; als er sich wandte, stand das Mädchen im Nachtkleid an der -Schwelle. Wie ein Mantel umwallte sie das schwarze Haar. Die Nacht -selbst schien zu ihm gekommen und blickte ihm düster, rätselvoll -verlangend ins Gesicht. Und mit seltsam ferner Stimme lispelte Zora: -»Ich will bei dir sein, eine letzte Nacht.« Er blickte sie an -erschrocken und wie verwundet. - -»Kind, warum, warum? Warum es uns so schwer machen?« - -»Ich habe Sehnsucht,« sagte sie klagend. Er war ergriffen, daß sie -gekommen war, ihm verlangend ihr Leid zu sagen, sie, die Verschlossene, -deren Stolz er mit seiner Kälte so oft geknechtet haben mochte. Er nahm -sie in seine Arme wie ein fieberkrankes Kind. Da fühlte er die -Köstlichkeit ihrer reifen unberührten Jugend. Aber er trug kein -Verlangen nach ihr. Des Morgens bat sie, »laß mich bei dir, nimm mich -auf die Warte, nur eine Weile, dann gehe ich fort.« - -»Du kannst nicht gehen,« sagte er traurig, »du gingest denn in dein -Unglück, heiß wie du bist, mein armes Kind.« - -»Nenn mich nicht arm nach dieser Nacht,« flüsterte sie. Sie war nicht -stolz mehr, sie wußte flehentlich zu bitten, wenn er des Abends wegging. -Er mußte ihr Drängen vertrösten auf kommende Nächte. - -Aber Vögelchen, die wenig wußte, fühlte, erahnte viel. Es war ihr -Gewißheit, bevor Givo sprach, daß eine Frau ihr die Nächte stahl. »Laß -ein Ende kommen, dann reisen wir,« bat er. Sie sah ihn stumm an. Sie -verstand dieses fremde Mädchen, sie, die ihm selbst so gut war, und sie -verstand seine Nachgiebigkeit, aber seltsam, er wurde ihr ferner, -fremder in dem Wissen, daß sie ihn nicht allein besaß. Sie war nun scheu -in ihrer Hingabe, als wäre noch der Blick eines Dritten in ihm, und sie -fürchtete sich, sein Mitleid könne Freude werden an der anderen. Dann -wieder schämte sie sich, ihm Freude zu mißgönnen. Ehe ihr offenbar war, -was geschehen, hatte sie, wenn Givo klagte, er fürchte im nordischen -Winter für ihre Gesundheit, den Plan erwogen, zu Helene zu fahren. Nun -aber hieß dies, der anderen das Feld zu räumen. Sie blieb, aber sie -verachtete sich darob und sie wußte, daß sie selbst ihr teuerstes -inneres Gut opfern würde, wenn sich diese Selbstverachtung zum Äußersten -steigern würde. - -Da kam ein Brief von Adalbert und Angele, dem einige Zeilen von -Karinskis Hand beigefügt waren. Man war zusammen in Nizza, in dem -unvergleichlich schönen Villenbesitz Mannsthals. Der Kleine erstarke in -der südlichen Luft, es sei auch Olga, Karinskis reizendes Töchterchen, -da, denn Gräfin Tanja sei vor einem halben Jahre gestorben und der Graf -habe seine Töchter in Schweizer Pensionaten untergebracht. Ob denn -Vögelchen nicht friere im garstigen Norden, hier sei ihr ein warmer -Empfang bereitet. Gab es das, irgendwo Wärme, Menschen, die sie liebten, -die sie nachts nicht allein ließen, gab es Blumen, tropisches Blühen, -Frauen in schönen Kleidern und weltmännische Kavaliere, die von früh bis -abends ihre Damen umsorgen, gab es Bäder, reinliches Essen, -Sorglosigkeit? Wer aber würde Manuels Instrumente putzen, seine -Schriften in Ordnung halten? Nun, jene andere doch! Befreite sie ihn -nicht von dem Zwiespalt, wenn sie ging? Nicht die Mutter war es, die sie -trennte, die Gelähmte, die ihr Bett nicht mehr verließ. Der Freund hätte -sie ja selbst im Hause halten können, ohne daß die Kranke es jemals -hätte erfahren müssen. War Givo nicht dort Herr des Hauses? Nein, jenes -Mädchen war es, die sie fern hielt, und sie fühlte den bösen Zauber, der -zwischen diesen beiden Welten spann. Es kam der Tag, wo sie es nicht -mehr ertrug, ihn in der Nähe der anderen zu wissen, wo sie unter seinen -Liebkosungen litt und seine zärtlichen Worte nur mit Bitternis genoß. -Der Bissen, den sie aß, war ihr vergällt, sie schämte sich der -Verkleidung. Ihre erschütterten Nerven brachen ihr die sanfte Geduld. - -Eines Abends fand Givo die Warte verödet. Er rief nach dem geliebten -Wesen. Seine Stimme hallte erschrocken zurück vom alten Gemäuer. -Irgendwo klirrte ein Instrument wie leises Wimmern. Vögelchen war -fortgeflogen. - - - - - Entflogen - - -Wie ein sinneraubender Taumel war die Fahrt von Meer zu Meer. Sie -erwachte erst aus dumpfer Verzweiflung, als Mannsthal und dann Karinski, -die an die Bahn gekommen waren, sie umarmten. Zwei Tage war sie rastlos -unterwegs gewesen. Schmeichelnd umgab sie nun die süße südliche Wärme. -Jetzt erst fühlte sie, wie oft sie gedarbt hatte nach der warmen, -kosenden Luft, in der sie geboren war. Nach kurzer Wagenfahrt durch -festliche Straßen trat aus dem Dunkel eines tropischen Villengartens -Angele mit dem blassen Knaben Gilbert. Sie küßten einander. Es war keine -Scheu mehr zwischen ihnen. Schlaftrunken sah Arabella die kleine Olga, -die nach ihr lugte, dann folgte sie Angele in das Zimmer, das man ihr -bereitet hatte, und verfiel totmüde in tiefen Schlaf. Als sie erwachte, -war Mitternacht nahe. Sie tastete sich hinunter in das Speisezimmer, die -Türe zur Terrasse stand offen. Es war nichts zu sehen als das Glimmen -einer Zigarre. Der einsame Raucher draußen wandte sich, es war Karinski. - -»Nun, war ich nicht klug? Die anderen sind endlich zu Bett gegangen. Ich -wußte, daß das Vögelchen bald ausgeschlafen hat.« Er zog sie auf seine -Kniee und küßte sie wie vor Jahren. Ihm war sie das Kind geblieben, das -Porzellankindchen, wie er sie genannt. Und Arabella lachte wieder, es -ging so viel warmer, kindlicher Frohsinn von ihm aus. Wochen schienen -vergangen, seitdem sie nicht mehr gelacht. Alles war hier weich und -sorglos. Wie eine Geisterburg stand fern im nördlichen Sturm die -Sternwarte. Weh ihr, sie sah den Verlassenen dort. - -Es sei eine Depesche von ihrem Freund eingetroffen, ob sie angekommen -wäre, Angele hätte gleich beruhigend geantwortet, sagte Karinski, doch -er fragte nichts. Als sie lange schwieg, sagte er: »Wir haben beide viel -gelitten, seit Tresano. Nun soll es besser werden.« Ach, Arabella wußte -nicht, ob es besser werden konnte. Karinski aber begann ihr zu erzählen, -wie er Tanja verloren und nun die Kinder untergebracht hatte. Olga wolle -er hier lassen, um weiter zu reisen. Da sagte Vögelchen traurig: »Nein, -laß sie nicht hier.« Er nahm ihre Hand, er erriet sie. »Das ist wohl -vorbei bei ihm,« sagte er. »Du mußt ihm verzeihen,« bat Karinski. »Es -fehlt ihm sonst nichts zu seinem Glück als das deine. Die Frau hat Ruhe -in sein Leben gebracht. Auch du wirst Ruhe haben, wart' es ab.« - -»Ich werde niemals Ruhe haben,« sagte Arabella. »Ihr nennt mich -Vögelchen. Ich werde immer wandern, von Süd zu Nord, von Nord zu Süd, -immer!« - -»Hier ist gut sein eine Weile,« sagte er. »Willst du dann mit mir -wandern?« - -»Wenn er mich ruft, muß ich zu ihm. Solange bin ich frei. Wie gern will -ich da mit dir sein.« Sie sprachen die ganze Nacht. Als sie in ihr -Zimmer zurückging, beim Morgengrauen auf eine Weile sich hinzulegen, -suchte sie, aus Halbschlummer erwachend, den Geliebten neben sich. Dies -war die Stunde, da er sie, bevor der Tag ihn zu der Kranken rief, noch -einmal in seine Arme schloß. Erinnerung überkam sie so stark, daß sie -vor ihrer Flucht zu tiefst erschrak. Sie hatte nicht bedacht, daß ihr -Handeln Givo zu anderer Besinnung bringen konnte, als möglichst bald dem -zwiespältigen Zustand zu ihren Gunsten ein Ende zu bereiten. Aber auch -dies hatte sie nicht bewußt erwogen. Sie war der Unerträglichkeit -entlaufen. Wie so oft schon hatte sie besinnungslos und wahrhaftig -gehandelt, einem inneren Ruf folgend. Aber nun litt sie herbes Leid um -ihn und seine Not. Sie faßte ihre Tat nicht mehr. Sie setzte sich hin, -ihm zu schreiben. Zwei Stunden lang stammelte sie Worte der Reue, der -Liebe. »Mußte nicht ich dich der Freiheit wiedergeben, daß du wählen -konntest? Die anderen hatten dich nicht lieb genug, sie dir zu geben. -Ich ertrug es nicht, das mit der anderen in meiner Abgeschiedenheit. -Nicht Neid war es, aber es war so unheimlich, weil es doch geschehen war -gegen deinen Willen, wie deine Mutter wollte. Und mein Stolz tat weh, so -weh! Ich fühlte die andere bei dir, wenn ich in deinen Armen war. So -ging ich plötzlich weg und hab es nicht auf mich genommen zu warten. -Hättest du mich freiwillig gehen lassen? Es wäre noch trauriger gewesen, -wenn du mich nicht gehalten hättest. Ich bin treulos und doch bleibt -mein Herz auf immer bei dir, wie es bei Gott bleibt, Manuel. Leb wohl -und wähle, ruf mich. Ich komme, sobald du rufst. Dein - - Vögelchen.« - -Es kam nur eine kurze Antwort. »Geliebte, mein stärkstes Gefühl ist -Reue, Reue, daß ich dich weggesperrt hielt, dich junge Blüte, dem Sturm -ließ und der Verlassenheit. Denn ich selbst war ja nicht mehr das Leben, -das zu dir kam. Ich lebte tagsüber im Hause des Todes und nachts stahl -ich seiner Gier die Stunden, den Sternen und unserer Umarmung. Aber er -war immer da, der Tod schlich mir nach. Das Licht hat nicht Gewalt über -mich vor seinem allgegenwärtigen Angesicht. Dich, Vögelchen des Lichtes, -hielt ich im Bauer der Dunkelheit, aber der Tod ging dich nichts an. Das -war es. Es war ein fremder Tod. So gingst du und du hast es entschieden. -Nie forderte ich; du hast gegeben, du tatest, was Gott dich tun hieß, du -hast genommen. Nicht stündlich wußte ich, wer du seiest. Ich hielt dich -nicht mit jedem Atemzug. Nun trennt uns die äußere Welt. Sei frei und -laß die Wege walten. Jene andere dauerte mich. Nun ist es geschehen. Daß -ich nur dich liebe und immer lieben werde, wie könntest du daran -zweifeln. Nur daß mein Lieben nicht abhängt vom Geschehen, das wisse. -Meine Lehre verbietet es, an Zufälle zu glauben, alles hat seine -geheimen Fäden. Vielleicht war es nur zu früh, Arabella, zusammen zu -bleiben. Vielleicht müssen wir noch durchs Feuer gehen, ehe wir -hienieden den Himmel gewinnen, in dem unsere Sterne gepaart sind. Bis -dahin leb wohl, mein Nachbarstern. - - Imanuel.« - -Der Brief erhob sie über den Schmerz. Ihre Sehnsucht ward wie einst -Aufstieg zum göttlichen Licht. Ihre Liebe war Demut auf allen Wegen und -trug nicht irdische Fessel mehr. Um sie war alles Lustbarkeit, müßiges -Sonnen in der Stadt der Blumen. Sie konnte mit den Freunden lange auf -dem Boulevard des Anglais sitzen und scherzen wie andere schöne Frauen. -Klima und Menschen umgaben sie mit Zärtlichkeiten. Olga vergötterte sie -und Mannsthal war eifersüchtig auf diese Liebe. Neben der viel jüngeren -Olga war ihm Arabella nur die Tochter, auf deren reizvolle Erscheinung -er stolz war. Ein leichter wissender Ton des Scherzes war zwischen -ihnen. Sie war sich selbst verwandelt, ihre Schwere aufgelöst im -Einatmen der Freude, ihre Tränen wie aufgesogen vom heißen Blau des -Meeres und von dieser berauschenden Lichtfülle, die im Süden wie ein -Wunder beglückt. Zuweilen im Gespräche mit Angele kam Erinnern an -Schmerz und Glück. Sie war mit ihr ernst und vertraut und unterhielt -sich mit ihr über das Kind, als wäre sie selbst schon Mutter gewesen. -Dem Kleinen gegenüber war sie nicht so kindlich aufgeschlossen mehr, wie -sie es zu Alphi gewesen. Da mußte sie an ihre Fahrt nach Quesnon denken, -an den Augenblick, wo sie Angele im Garten erblickt, und zuweilen auch -an ihre verlorene Hoffnung auf ein Kind. Eine andere wieder war sie mit -Karinski. Ihm war sie ein Fabelwesen, das man vor der Wirklichkeit -schützen mußte. Er ließ sie selten allein, wenn sie ohne die anderen -ausgegangen war, schlenderte ihr nach, wanderte mit ihr von Laden zu -Laden, um schöne Dinge für sie auszuwählen, entrückte ihr das Leben, in -dem es Arme und Unglückliche gab, daß ihr nicht, wie ehedem, die -Sorglosigkeit geraubt sei. Er war fast immer bei ihr, ohne sie zu -hindern sich unbewacht zu fühlen. Er lenkte selbst ihre Aufmerksamkeit -auf Bewundernde und hielt sich abseits, wenn sie sich mit jungen Leuten -vergnügte. Einmal sah sie auf dem Boulevard des Anglais Guy de Malpasse, -der ihr in Louvais nach jener Klosternacht begegnet war. Er erkannte sie -nicht. Sein Blick hatte sich verdüstert, er flammte dunkel auf, als er -in den ihren brannte. Sie wandte sich leichthin, er desgleichen. Sie -lächelten fast schmerzhaft. Dies war das erste Mal, daß Arabella jenes -Spiel der Augen übte, bewußt des Spielens und der Lockung. An Tagen -irdischer Sehnsucht, wo sie sich hinsetzte an Givo zu schreiben, um dann -den Brief in tausend Fetzen zu reißen und diese rasch irgendwo -unsichtbar zu machen, wie um die Schmach ihrer Schwäche zu verwischen, -kleidete sie sich mit Sorgfalt und flog unter die schaulustigen -Menschen, hungrig nach bewundernden Blicken, die ihr Feuer sänftigten. -Sie fühlte, daß sie auch Adalbert nicht widerstehen würde, wenn sein nun -an der fremden Bewunderung aufflackerndes Begehren mehr als Blick und -Scherz wurde. Da machte Karinski der Schwüle ein Ende und bat sie, ihn -auf seiner Reise nach der Schweiz zu begleiten, wohin er Olga bringen -wollte. - - * * * * * - -_Mon cher_ Pierre, zuerst von den Kindern. Ich danke dir, daß du auf -Schloß Wolonsk die Vorkehrungen für meiner Schwester Ankunft getroffen -hast. Nadescha und Maria haben mit ihrer Freundin, der Prinzeß Lisa, die -Pension verlassen und Melissa Wolonskaja, meine Base, bringt die Mädchen -nach Hause. Boris bleibt noch ein Jahr in der Akademie. Bis dahin bringe -ich Olga und --? -- dann? - -Ja, Pierre, ich liebe sie, ich liebe Arabella, dieses Wesen aus Traum, -Leidenschaft und Sanftmut gewoben, diese Blume, dieses Kind, diesen -Engel, diese kleine Dirne. Ich habe Tanja geliebt, wie man zur schwarzen -Mutter Gottes in seiner Schloßkapelle zu Hause betet, aber Vögelchen, -Vögelchen bete ich an wie eine heidnische Gottheit, vor der nackte -Sklaven die Stirne in brennenden Wüstensand tauchen. Sie lebt bei mir. -Nachts schläft sie im anstoßenden Gemach. Ich sehe, wie sie die Perlen -vom Halse löst, ihre Locken herabwallen läßt auf die elfenbeinernen -Schultern und ich warte auf den Augenblick, wo sie das Hemd gegen ihr -Nachtgewand vertauscht und ab und zu -- vielleicht zweimal in acht Tagen --- eine ihrer kleinen Brüste dabei sichtbar wird. Dann fühle ich ihren -Kuß, halte sie drei Minuten lang im Arm, trage sie in ihr Bett und -verlasse sie rasch. Und morgens bin ich dabei, wenn sie Toilette macht. -Wir reisen nun schon zwei Jahre und es wird immer köstlicher. Meine -Liebe will nicht mehr als dies: sie zu begehren und dennoch nicht zu -besitzen. Darin liegt alle Läuterung, aller Buße Süßigkeit. Pierre, du -hattest viel Weiber, aber du hattest dies nicht, diese Nächte des -Fiebers, diesen Wahnsinn einer freiwilligen Entsagung. Einmal -- in Genf -war es -- da erwachte sie aus der Ekstase der Sehnsucht um ihren -verlorenen Geliebten. Sie erwachte aus diesem Bann, der sie keusch hält, -sie, die schon viel Lust genossen hat. Es war, wie seltsam ist das, zur -Zeit, als sich ihr Geliebter verheiratete, denn wir verheimlichten es -vor ihr. Sie hat es erst kürzlich erfahren. Zu dieser Zeit war sie -wieder im wachen Leben, schmückte sich sorgfältiger und erwiderte den -Blick der Männer. Und eines Tages traf sie Hettwer, den Dichter, einen -Freund ihres Geliebten. Ich fuhr zu meinen drei Mädchen nach Lausanne. -Als ich zurückkam, erzählte sie mir, sie habe auswärts geschlafen bei -einem Unglücklichen. »Schade um jede einsame Nacht, in der auch ein Mann -allein ist und sich nach Frauen sehnt.« »Und jetzt, jetzt hast du ihn -wieder verlassen?« »Ja, jetzt bist du wieder hier.« »Ich, alter Mann?« -»Ja, du alter Mann, der mir meine Sehnsucht läßt.« So ist Arabella. Ich -werde ihr meinen Namen geben, wenn ich sie verlassen muß, um mit Olga -nach Hause zu fahren, die Kinder zu verheiraten und die Güter zu -besorgen, auf denen jetzt der Teufel haust. Ich werde sie verlassen mit -gebrochenem Herzen und ihr lächelnd sagen: ich gehe, damit ihr ein -Junger die Sehnsucht -- nimmt. Manchmal wünschte ich -- obwohl sie reich -ist -- und es durch mich noch mehr sein wird -- sie wählte einen Beruf, -eine Beschäftigung, wenn ich von ihr gehe. Aber sie will nichts hören -davon: Ich kann nur Briefe schreiben, sagt sie oder Tagebuchblätter, -aber auch die zerreiße ich und vernichte ihre Spuren. Manchmal verbrenne -ich sie oder ich gehe weit und werfe sie in treibendes Wasser. Soll ich -auf Leinwand malen, wo ich doch in mir viel schönere Bilder habe? Soll -ich Schauspielerin werden und vor Ehrgeiz häßlich werden? Hettwer kannte -eine Schauspielerin, die in einem seiner Stücke spielte. Sie gönnte -keiner anderen ihre Rolle; als sie Masern hatte, trat sie mit den roten -Flecken im Gesicht auf, damit keine andere sie verträte. Nein, das -Theater ist häßlich. Ich möchte tanzen, tanzen, die Kleider von mir -werfen und die Luft umkreisen, daß sie mir Flügel gäbe und mich zu sich -nähme. Soll ich einmal vor dir tanzen, Nicolai, wie Salome vor Herodes? -Und wahrhaftig, Pierre, sie tanzte einmal vor mir. Sie hatte sich in -Schleier und Ketten gehüllt und das Licht mit gelben Tüchern verhängt -und sie tanzte vor dem Spiegel und die Perlen rollten um sie, sie tanzte -sich die Schleier von ihrem unbändigen, knabenhaften Leib. Dann sank sie -auf den Teppich und schlief sogleich ein, als wäre das alles -nachtwandlerisch gewesen. Ich ließ sie allein, versperrte die Türen und -ging -- und du kannst dir denken, wohin ich gehen wollte. An der -Schwelle kehrte ich dort um. - -Seit vier Tagen sind wir in München. Es ist Karneval. Ich möchte sie -heiter sehen. Seitdem sie von dieser Heirat weiß, geht sie oft in -Schwermut einher. Nun leb wohl, Pierre. Ich bin sehr glücklich. -Erinnerst du dich noch, wie wir, siebzehnjährig, auf den Scheunen von -Wolonskaja den Dorfmädchen Kinder machten? Nun haben uns diese gewiß -schon zu Großvätern gemacht und ich liebe noch immer, liebe wieder zum -ersten Mal. - -Es umarmt dich dein - - Nikolai. - - - - - Ein Wiedersehen - - -Als sie in München abstiegen, Arabella und der Graf, hieß es, daß abends -Bal pare sei in ihrem Hotel. Sie speiste mit Karinski zeitig abends, ehe -der Trubel begann. Die Vorbereitungen des Festes fesselten sie. -Musikinstrumente wurden vorbeigetragen, Blumen in bunten Buschen, -Sektflaschen in Körben, verfrühte Masken schon stahlen sich vorbei, -lugten in den noch leeren Saal, in dessen Parkett die Kronleuchter sich -müßig spiegelten. - -»Willst du dabei sein?« fragte sie der Graf. Sie schlug in die Hände vor -Freude. - -»Deine Toilette?« - -»Ach, ich habe allerlei,« sagte sie und sprang auf. Die Jungfer mußte -rasch nach einer Maske fahnden, eine ganz kleine schwarze nur, ordnete -Karinski an. Er half ihr unter ihren Abendkleidern wählen. Mit ihrem -Wirbelhaar im schwarzen glitzernden Kleide sah sie wie ein blondes -Teufelchen aus. Er begleitete sie in das bunte Wimmeln des Saales. Sie -trennten sich lachend. Bald erblickte sie ihn fröhlich am Arme zweier -Dominos. Vögelchen fühlte sich wohl hinter der Maske. Sie mischte sich -ins Getriebe, fing Gespräche auf, blieb stehen und lachte mit den -anderen, wenn es etwas zu lachen gab. Mehrmals näherten sich Herren, ihr -die zögernde Ansprache zu erleichtern, flüsterten Koseworte. Die Frauen -musterten ihren Schmuck, ihr Kleid, das der deutschen Mode noch fremd -war. Wort und Blicke glitten von ihr ab. Manche der Anspielungen waren -ihr neu und drollig, vieles völlig unverständlich, das aus den -Gesprächen sie streifte. Sie empfand nicht Lockung sich an eines fremden -Mannes Arm zu hängen, da war kein Gesicht, das ihr eine innere Welt -verriet. Auch die Männer schienen Masken zu tragen. Als sie schon -mehrmals den Saal durchschritten, sah sie an einer Säule gelehnt einen -vornehm aussehenden Herrn stehen. Wie einsam versprengt, unbeteiligt wie -sie selbst, in stillem, beschaulichem Ernst, ließ er das Treiben an sich -vorüberziehen. Glitt ihm eine Maske näher heran, sagte er ihr lächelnd -ein dankbares, aber abweisendes Wort, ohne ihr zu folgen. Es schien, als -erwarte er eine Frau oder zöge es aus irgendeinem Grunde vor allein zu -sein. Vögelchen blieb unweit von ihm stehen und forschte in seinem -ebenmäßigen, noch immer knabenhaften Gesicht. Sie hatte ihn gleich -erkannt, es war Franz von Normayr. Ein wenig gealtert schien er, die -Haut von Seereisen gebräunt, noch heller stach der Blick, noch klarer -schien die Stirne und etwas, das wie Unfehlbarkeit wirkte, schmückte -noch immer die Haltung. - -»Sie läßt dich warten,« sagte Arabella mit einem leisen Beben in der -Stimme, als sie eine Weile neben ihm gestanden, während sein Blick -lächelnd zu ihr herabgekommen war. - -»Sie ließ mich warten,« antwortete er. »Aber nun ist sie ja gekommen.« - -»Es waren so viele, die dich mitführen wollten.« - -»Ich wartete auf dich.« - -»Kennst du mich denn? Wie heiße ich?« - -»Vögelchen,« sagte er. - -»Das ist doch kein Name,« sagte sie erschauernd. - -»Eben deshalb heißt du so, kleine Unbekannte. Es gibt Namen, die wie ein -Bild sind unter Schleiern und Masken. Vielleicht ähnelst du auch einer, -die man so nannte.« - -»Ach geh, solch ein Name! War die denn wirklich?« Er schwieg. »Dein -Vögelchen ist wohl nur eine Ente. Nenn mich lieber Salome Maria. Den -Namen las ich einmal auf einem alten Friedhof in Salzburg.« - -»Aber du bist doch lebendig. Laß fühlen, ob du lebendig bist oder eine -Elfe.« Er legte mit kundigem Griff seinen Arm um ihre Taille und zog sie -mit sanfter Kraft in eine der Nischen. - -»Du gleichst einem jungen Seemann,« sagte sie. »Dein Blick sieht auf das -Meer.« - -»Liebst du das Meer?« fragte er. - -»Ich habe einmal auf einem Leuchtturm gehaust.« - -»Wie interessant,« sagte er mit leichtem Spott. »Da warst du wohl -verzaubert wie Rapunzel. Dabei siehst du so aus, als ob du in Palästen -gewohnt hättest. Oder warst du des Leuchtturmwächters Töchterchen in -einem anderen Leben?« - -»Ja, in einem anderen Leben.« - -»Erzähle mir von diesem Leben. Wo hast du denn da noch gehaust und -genächtigt, als Schwalbe oder Kolibri?« - -»Ich erinnere mich zunächst, in einem Kloster geschlafen zu haben. -Mondschein kam zum Bogenfenster herein und die Spinnweben aus den alten -Mauern waren die Gitter. Mir gegenüber über den Hof saßen im Saal Nonnen -über Spitzenarbeiten gebeugt, Tag und Nacht. Es waren Mäuse im Zimmer. -Kennst du den Dichter Malpasse?« - -»Ja, ich kenne seine Novellen. Hatte der sich etwa in eine Maus -verwandelt?« - -»Nein, er fiel mir nur eben ein. Oh, wie schlecht euer Champagner ist,« -sagte sie französisch. - -»Bist du Französin?« - -»Nein, mein Mann ist Spanier und ich bin ein wenig von überall.« - -»Salome Maria Überall,« sagte er. - -»Und du, wie heißt du, laß mich raten und warte -- Gottfried? Nein, -Franz. Das wird es sein.« - -»Du bist hellsichtig,« sagte er. »Also dein Mann ist Spanier. Liebst du -ihn?« - -»Ja, ich liebe ihn.« - -»Und doch bist du hier?« - -»Ja, mein Gott, er läßt mich allein und ich liebe die Männer so sehr. -Ich liebe es, ihnen ganz nahe zu sein, ganz nahe.« - -»Nun war es, als hättest du zum ersten Male mit deiner eigenen Stimme -gesprochen.« - -»Erschreckt dich das?« - -»Du bist so seltsam. Es ist eine Traurigkeit in deiner Glut.« Er nahm -ihre Hand und spielte mit ihren Fingern, er preßte sie zwischen den -seinen, die sehnig und kühl waren. »Und bist du immer so -- -- frei? -Nicht nur im Karneval?« - -»Ich bin immer so frei. Mein Leben ist ein Fest der Liebe.« - -»Wie viele Männer haben dich schon besessen?« - -»Das zählst du kaum!?« - -»Das zähl' ich kaum?« - -Er sagte es sehr traurig. »Und wie begann es?« - -»Da war einer, dem vertraute ich. Ein Kind war ich damals, weißt du, und -er war mir wie ein Engel, der mich durch alles Irren führen sollte. Aber -da mißfiel ihm meine Dummheit. Sie »schickte« sich nicht. Ich hatte -nicht gelernt mich zu verstellen. Er überließ mich meiner Dummheit mit -Haut und Haar.« - -»Und dann?« - -»Dann nahm ich den Vater zum Mann, meinen Stiefvater.« - -»Du scherzest jetzt.« - -»Er war ein guter Lehrmeister. Warte, wie ging es weiter? Dann kam ein -junger Lord. Das war nur Spiel für ein paar Nachmittage. Später --« - -»Später?« - -»Später -- ach, sieh dies arme Ding dort! Wie ärmlich ist ihr Domino, -wie schlecht ihre Schminke! Sie sind mir so leid diese Mädchen. In Paris -kannte ich eine Dirne. Ein Freund von mir war ihr Zuhälter. Der Arme hat -sich erhängt, einer bösen Krankheit wegen. Ich erfuhr es lange nicht. -Was ich dich fragen wollte! Wie geht es deiner Schwester?« - -Sein Gesicht war bleich, seine Augen glühten in Leidenschaft. Ihre -Stimme sprach zu ihm aus dunkel funkelnder Welt. Log sie? War sie es? -Nein, das war nur Spuk seiner Phantasie. Warum ergriff ihn dann ihr -seltsames Sprechen? »Meine Schwester laß beiseite,« sagte er. »Du willst -dir den Anschein geben, mich zu kennen. Wozu? Ist es nicht schöner, sich -aus fremdem Leben zu begegnen?« - -»Dich schaudert, daß ich deine Schwester kenne, weil mein Freund -Zuhälter war und ich die Männer so sehr liebe. Aber sieh, ich habe auch -für die Frauen ein Herz. Diese Dirne dort, wie dauert sie mich. Sie tut -es um Geld, sie muß es tun. Während ich mir wähle, was mich freut. In -Nizza, da ging ich einmal an einem Fenster vorbei, es war hart an dem -Laden eines Antiquitätenhändlers, alte Bilder hingen da, hölzerne -Heilige, Kupferkessel. Das Fenster hatte rote Scheiben und dahinter saß -in rosigem Schein, wie ein Page gekleidet mit langen, blonden Locken, -eine Dirne. Ich ging gern dort vorüber. Sie tat mir leid, immer mußte -sie sitzen und warten und dann --? Ich wäre gern zu ihr gegangen und -hätte sie abgelöst für einen Abend.« - -»Aus Mitleid nur?« - -»Ja, aus Mitleid. Denn damals schlief ich wieder bei meinem Vater. Er -stahl sich nachts leise zu mir, daß seine Frau ihn nicht höre, die -hütete ihres Kindes Schlaf.« Das log sie. - -»Du freust dich deiner Sünden?« - -»Sprich das Wort nicht aus, es hat einen falschen Klang. Ist es denn -Sünde, wenn man beglückt?« - -»Es hätte dir richtig geklungen, wenn dich jener erste Mann nicht, wie -sagtest du doch -- deiner Dummheit überlassen hätte. Daran wurdest du -klug und --« - -»Warum hältst du inne?« - -»Eine Erinnerung kam mir. Komm mit mir, willst du?« sagte er plötzlich -wild ausbrechend. Sie sprach nicht mehr, sie schmiegte sich an ihn, -saugte seinen Blick in ihr Auge. - -»Erwarte mich,« lispelte sie und ging, noch immer nach ihm -zurückstarrend. In ihr Zimmer drang ihr noch Festlärm nach. Es war spät -in der Nacht. Der Graf war schon zur Ruhe gegangen. Sie nahm leise den -Pelz. Nun lief sie zu dem, der im Vestibule ihrer harrte. - -»Du zauberst?« sagte er. »Wohin bist du verschwunden? Schon fürchtete -ich, nach deinem Schuh suchen zu müssen, dich wiederzufinden.« Er legte -den Arm um sie, rief nach einem Wagen. Er fuhr sie zu seiner Wohnung am -englischen Garten. - -»Jetzt darf ich dich sehen,« bat er in der ersten Umarmung. - -»Nein, laß, morgen früh. Mach dunkel jetzt!« befahl sie. »Rasch, ich -verbrenne.« - -Als er des Morgens erwachte, erkannte er sie im Dämmerlicht. Sie schlug -die Augen auf und lächelte. Er sah fern den Strand, ihr Kindergesicht -mit den klaren Augen, die zu ihm aufstrahlten, er hörte ihr Geplauder. -Todernst sah er sie nun an. Es schien ihr, als feuchtete sich sein Auge. -Er wollte sprechen, aber sie scherzte nur. Einen Augenblick dachte sie: -Es war eine gute Nacht. Konnte es nicht so bleiben, ein neues Leben -beginnen? Sie würden Kinder haben, ernste Seemannskinder. Und auch er -dachte es. Aber die Wirklichkeit sah aus einem silbernen Rahmen unter -einem schwarzen Spitzenhäubchen mit strengen Augen zu ihnen herüber. Die -Mütter! Die Mütter, sie kreuzten den Weg der Mutterlosen. - -»Einen hübschen Ausblick hat deine Wohnung,« sagte Vögelchen und warf -die Decke zurück. »Nun aber heißt es, rasch Toilette machen. Mein Graf -wird schon unruhig sein. Ich werde dich nicht wiedersehen. Wir reisen -bald.« - -Er war sprachlos, zerschmettert. Feuchten Auges küßte sie ihn und kehrte -zu Karinski zurück. - - - - - Im Schatten des Todes - - -Als Imanuel nach der ersten einsamen Nacht in Alvemünde in das Haus an -der Alster zurückgekehrt war, empfingen ihn Zoras Geigenklänge. Lauschte -man ihrem Spiel, so war es, als hätte man sie niemals sprechen gehört, -oder als wäre Zora die Spielende und Zora die Sprechende nicht dieselbe. -Sonst herb und spöttisch, schmolz ihr, hielt sie die Geige im Arm, das -Eis in der Brust und je verschlossener sie war in Rede und Tun, desto -beredter wurde die Stimme der Geige. Givo war übernächtig und zerquält, -dies Spiel war Linderung. Als er später in das Krankenzimmer trat, sah -er Zora eifrig um die Mutter bemüht. Sie oblag mit größter -Gewissenhaftigkeit ihrer Pflege. Immer wieder, wenn Manuel diese -Sorgfalt beobachtete, sagte er sich: »Sie ist besser als ich, sie will -ihr das Leben erhalten, währenddem ich --« Aber seltsam, nun empfand er -auch selbst nicht mehr den quälenden Wunsch, die verruchte Ungeduld, vom -Kummerzwang befreit zu sein, seitdem ihm das liebste Ziel der Freiheit -entflattert war. Es gehörte zu seinen Eigenheiten und mochte wie Untreue -scheinen, daß er nicht dringlich war, nicht hielt und rief, was ihm sein -Gott nicht freiwillig schenkte. Er war einer, der sich selbst Besitz -nicht anmaßt und doch zuweilen anmaßend erscheint, weil er um nichts -sich bemüht. Er gönnte anderen, was er besaß, trug er doch nicht die -Last der Schuld, allein zu besitzen. Er war von der Art jenes Mönches, -dem römische Gassenbuben ein Geldstück in seinen Bettelsack schmuggeln -und den selbst solch kleine Bürde zur Erde drückte. So verwarf er den -Wunsch, Arabella einzuholen, sie zu rufen. Er war im Grunde seiner Seele -ihrer gewiß und in Entbehrungen nicht weichlich. Er lebte in seinen -Träumen und in der Ekstase, in die ihn seine Liebe zur Menschheit -versetzte. Vögelchen verstärkte den Traum und Rauschzustand seiner -Seele. War sie ihm fern, siedete unter diesem das Begehren nach ihrer -Nähe wie heiliges Feuer, das ihn bis in seine Lebenswurzeln sengte und -ihn wie einen Märtyrer zum Opfer antrieb. Mochte das Leben seinen Weg -ziehen, sie begegneten einander eines Tages, dessen war er gewiß. Man -sieht zuweilen Menschen mit seltsamem Ausdruck der Augen, mit einem -zweiten Blick sozusagen, der nur notdürftig die Umwelt anfaßt, als wäre -seine Glut in eine eigenste Welt nach innen gerichtet. Ihr Handeln ist -ruhig und sicher, weil es nichts fordert für sich selbst. Das Leben -Givos war solcher Art. Zu viel leiden macht die anderen leiden, sagte -auch er sich. Als Zora wieder versuchte, sich ihm zu nähern, wehrte er -sich nicht. Als sie von ihm ein Kind trug, machte er die Scheinhochzeit -zur Wahrheit. Daß Vögelchen davongeflattert war, galt ihm als ein -Zeichen, das sie, die Unbewußte, selbst erhalten. Zwischen ihm und ihr -sollten fortan keine irdischen Bande sein. - -Nun aber ging eine seltsame Veränderung mit Zora vor. Ihre Sorgfalt für -die Kranke ließ plötzlich nach. Sie war meist ungeduldig, sprach von -Reisen und schürte Givos Unlust an der langen Absperrung. Imanuel sah es -mit leisem Grauen. Er erriet sie: nun, da sie ihr Ziel erreicht, zu dem -ihr die Kranke unentbehrlich schien, war auch die Bemühung erlahmt, ihr -Leben zu verlängern. Der aufreibende Pflegedienst war also nichts -gewesen als Eigennutz. Als er eines Abends nach Hause kam, empfing ihn -die alte Minka mit kreideweißem Gesicht. Die Mutter war gestorben. Sie -hatte wie gewöhnlich nachmittags die schmerzstillenden Tropfen genommen, -war eingeschlummert und nicht wieder erwacht. Frau Zora hatte ihr die -Augen zugedrückt. Givo sah das bleiche Gesicht, es lag wie Erstaunen -darin, eine Frage, als wäre der Geist noch rege in dem stummen Leib! -Givo kniete hin und nahm die kühle, vergilbte Hand. Wie hatten sie beide -gelitten, ehe sie wieder zu einander gefunden, wie glücklich war er, daß -er gerade in den letzten Wochen ihr zurückgekehrt war in Gehorsam und -Liebe. Von dem Tage, da sein Bund mit Zora Wahrheit geworden, war die -alte Eintracht wiedergekehrt. Sie mußte doch vordem etwas in seinem -Wesen gelegen sein, das ihrer Seele den Weg verschlossen hatte zu der -seinen. Wie seltsam auch, am Abend des vergangenen Tages hatte sie ihn -lange zärtlich sorgenvoll betrachtet und dann wie aus einer großen -Stille heraus leise gefragt: »Wie ist es diesem Mädchen ergangen? Möge -auch sie glücklich sein!« Er hatte zum Dank ihre Hand ergriffen, so wie -er nun die Hand der Toten hielt. Frühe Kindheiterinnerungen kamen ihm. -Der Mutter Leben blätterte sich ihm auf. Er weinte nicht. Dem Schauenden -ist der Tod ein Fest der Verschmelzung, vor dem er in Ehrfurcht -verharrt. Als er aufstand, sah er unter dem Nachtkästchen eine kleine -Phiole liegen. Er hob sie auf. Sie war leer. Er klingelte der alten -Minka. »Ruf mir die junge Frau,« sagte er. - -»Herr Manuel, sie ist ausgegangen.« - -»Unmöglich, sieh nach.« - -»Gewiß, Herr Manuel, ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen. -Vielleicht wollte sie ausschauen nach Ihnen.« - -»Dies ist das Fläschchen, in dem der Mutter Tropfen enthalten waren?« -fragte er. - -»Ja gewiß, Herr Manuel.« - -»Dies Fläschchen wurde heute morgens erst aus der Pharmacie geholt, ist -es so?« - -»Ja, ja, Herr Manuel.« - -»Die Mutter hat also zwei Mal daraus genommen, zehn Tropfen. Du sagtest, -sie hätte, bevor es geschah --« - -»Jawohl, Herr Manuel,« die alte Minka begann von neuem zu weinen in der -Erinnerung an Frau Leas letzte irdische Verrichtung. - -»Wer hat ihr die Tropfen gegeben?« - -»Die junge Frau, wie immer --« - -»Die Flasche lag auf der Erde und war leer. Ihr habt sie wohl -umgestoßen. Nun danke, Minka.« Die Alte ging. Er beugte sich zur Erde -und suchte die Stelle, wo das Fläschchen gelegen war, tastete den Boden -ab, ob er feucht wäre von vergossener Flüssigkeit. Bleich erhob er sich. -Zora stand hinter ihm. Sie hielt Blumen in der Hand. Sie legte sie auf -die Decke hin. Sie fand kein Wort des Trostes. - -»Laß doch, später,« sagte er und schob die Blumen beiseite. Dann ging er -ans Fenster und blieb regungslos. »Wenn sie mir folgt,« sprach sein -Herz, »wenn sie kommt, wenn sie ihren Kopf an meine Schulter lehnt, wie -sie zu tun pflegt --« Aber er hörte, wie Zora das Zimmer verließ. -Später, als er sich quälte, um seinen Verdacht zu besiegen, sagte er -sich, daß wohl Mißtrauen aus seinem Blick geglommen war und ihre -Annäherung verscheuchte. - -Er sprach das Sterbegebet, sprach vor der kleinen Gemeinde die Worte: -»Herr des Seraphs und des Wurms, Herr des Lebens und des Todes, ich bin -in deiner Hand. Wenn du mich abrufst, ist mein Glück dein Wille, denn du -bist die Liebe und wer in der Liebe bleibet, der bleibet in dir und du -in ihm. Du Licht und Heil, ich fürchte mich nicht, denn meine Seele ist -bei dir.« Als er so sprach, da war Zora bleicher als das Bahrtuch. -Dennoch, sie trug sein Kind und er wandte sich ihr zu und bannte mit dem -äußeren Willen die Dämonen des Verdachtes. - -Seine Stelle im Observatoire war besetzt, so ging er mit Zora nach -England, wo eine Zusammenkunft der Schauenden einberufen war. Givo -gründete dort die weltliche Seelsorge. Er ging dabei von dem Standpunkt -aus, daß der kirchliche Priester in seinem abgeschlossenen Lebenswandel -nicht Einblick gewinnen könne in die mannigfaltigen Verwicklungen des -Lebens, daß er ein Schauender nur des Himmels und ein Wegschauender der -Erde sei. Aber um der Menschen Seele zu versorgen, müsse man ein -Schauender des Lebens sein. Er rief die Priester in den lichten Tag -hinaus, zu forschen nach den Quellen der Schuld, die ihnen gebeichtet -werden, wenn sie erst schal geworden und unwiderruflich trotz der Sühne. -Er wies die Bedrängten an eine neue Art von Helfenden, an die weltlichen -Seelsorger, die auf dem ganzen Erdenrund ihre ratende, warnende, -tröstende und verzeihende, heilende Tätigkeit entwickeln sollten. - -Er half Settlements einrichten, Arbeitererholungsheime, die sich -allmählich zu Volksuniversitäten ausbilden sollten. Er arbeitete im -Sinne Elihu Burrits am Entstehen der Friedensbewegung. Oft aber sehnte -er sich zurück nach der nächtlichen Stille seiner Sternwarten. Er war -nun niemals allein. Zora erwartete das Kind. Durfte er sie da auf -unbegrenzte Zeit verlassen? Er war neuerdings gebunden und seine Pläne -waren es mit ihm. Seine Gedanken an Arabella und seine freudige Ungeduld -um das Kind begegneten sich in seinem Herzen. Zuweilen erschrak er, daß -er von einer anderen als von der Geliebten ein Kind haben sollte, die -vor Gott seine Frau war. Aber ihm war, dieses wäre in Liebe um sie -gezeugt. War er denn nicht ganz erfüllt von ihr! - -Zora hatte nun erreicht, was ihr äußerlich zu erreichen möglich war, -aber was galt ihr nun die Fessel, die Imanuel an sie schmiedete, da sie -erkannte, daß ihr spröder Unmut, der immer wieder bei ihr die Oberhand -gewann, sein Herz ihr abkehrte, so sehr er es auch verbarg. Wie oft -schrie sie es ihm, dem Stillen, Freundlichen ins Gesicht: »Sag doch, daß -du mich hassest, so sag es doch!« Givo konnte den Zeitpunkt nicht -erwarten, bis das Kind sich aus dieser Hülle begeben würde, die ihm -vergiftet schien von dunklen Leidenschaften. Er, der für alle Menschen -ein Heilmittel zu finden meinte, er versagte kläglich an Zoras -Bitterkeit. Sie wollte Liebe, Leidenschaft. Er konnte sie ihr nicht -geben, er besaß sie nicht mehr. - -Als seine Kräfte zu versagen drohten und er die hohe Welt seiner eigenen -Lebensinsel aufs äußerste bedrängt sah, als er schon verzagte Arabella -erhoffen zu dürfen, ward ihm ein Mädchen geboren und oh Wunder, es glich -der Geliebten. Zora erkrankte an der Geburt und war lange unfähig sich -des Kindes anzunehmen. Ja, sie selbst wollte, daß man es aus dem Hause -entferne. Ihr war, als könne es in ihrer Nähe Schaden nehmen. Ihr Wesen -verdüsterte sich zunehmend. Sie wußte, das Kind glich nicht ihr, nicht -Givo, sondern jener anderen, an die auch sie oft und oft gedacht hatte, -weil sie ihr Manuels Herz neidete. Sie hatte in eifernder Qual ihr Bild -immer wieder wachgerufen, jenen flüchtigen Augenblick, da sie -verächtlich an ihr vorübergeschritten war, daß sie wohl auch damals von -ihrem Antlitz besessen war, als sie es empfangen hatte. Und er, dachte -er denn jemals an sie, Zora? Nein, das fühlte sie zu jeder Stunde, der -Himmel, zu dem er aufsah, war bestrahlt von der einen, anderen. Zora -konnte es körperlich spüren, wenn er mit seiner Sehnsucht bei dieser -weilte. - -Da das Kind seinen Sinn nicht gewendet, da sie vielmehr glaubte, ihr -entstellter Körper entfremde ihn, hatte es ihr gefallen mit ihrer -Mutterschaft Spott zu treiben. Mit einem Male war wieder der Ehrgeiz der -Künstlerin ihn ihr erwacht. Sie wollte nur bald sich der engeren -Gemeinschaft mit dem Kinde entledigen. Als ihr zugemutet wurde, es -selbst zu nähren, lachte sie verächtlich. »Mit Galle statt mit Milch!« - -In einem englischen Dorf vor der erwarteten Zeit gebar sie das Mädchen. -Daß es Arabella glich, schien Trug zuerst, Wunsch dem einen, Befürchtung -dem anderen, aber als das Kind einige Monate zählte, war eine -Ähnlichkeit nicht zu verkennen. - -Zora hatte, als sie sich wieder wohler fühlte, zu geigen begonnen, doch -es war das alte Spiel nicht, und Givo schien es bedeutsam, daß es -zerrissen klang, gequält, niemals sehnsüchtig hingegeben mehr. Er fühlte -die Schuld, die er an seiner Frau innerer Verwüstung trug. Seit jener -unselige Verdacht in ihm aufgestiegen, hatte er sie nicht mehr berührt, -kaum daß seine Lippen ihre Stirne streiften. War dieser Bann des Blutes -nicht Zeuge, daß mehr als Verdacht ihn hemmte! Ein Wissen mußte tief -unten in der Welt der Instinkte sein Blut gewarnt haben. Aber er -beklagte ihre Verlassenheit an seiner Seite, ihre Freudlosigkeit an dem -Kinde, wie ein Fernstehender sah er alles und dieser war milde und -freundlich zu Zora Uhari. - - - - - Noemi - - - »Kinder und Gräber sein - Weibersachen.« - - (Gerhart Hauptmann - »Rose Bernd«.) - -Als sie von England nach Paris kamen, bat sie ihn, mit ihr die Gräber -ihrer Eltern in Spanien zu besuchen. Er willigte ein. Er ging zu Helene -und gab ihr das kleine Mädchen in Obhut, bis daß sie zur Weiterreise -nach Deutschland und Österreich zurückgekehrt wären. Alphi klatschte in -die Hände, daß er nun ein Schwesterchen haben solle. Helene Tallandre -war erschüttert über die Ähnlichkeit der kleinen Noemi mit ihrer -Herzensfreundin. Kaum war Imanuel abgereist, telegraphierte sie an -Arabella Karinski. »Mache dich reisebereit, Brief folgt.« In diesem -schrieb Helene, sie müsse ihr von einem Wunder berichten. Givos Kind -gleiche ihr. Es wäre für wenige Wochen in ihre Hut gegeben. Sie möge -kommen, um es zu sehen. Sie und Tallandre würden sorgen, daß ihr Besuch -Geheimnis bleibe. Helene hatte richtig geraten. Arabella depeschierte: -»Ich komme.« An einem der nächsten Abende trat sie leise mit traurig -fragendem Lächeln ein. Sie war so seltsam geworden in ihrer reisenden, -dennoch febrilen Schönheit, der Schmerz hatte ihren großen Kinderaugen -etwas Überirdisches gegeben. Das Kindliche lag nur mehr um den Mund in -dem Lächeln, in den Händen und Bewegungen. Ihre Augen waren wissender -und auch ihre Art zu sprechen die einer sichern anmutigen Weltdame, die -immer Bescheid weiß und die gewohnt ist, von jedermann Dienste dankbar -zu empfangen. Helene küßte sie. In wortloser Rührung führte sie die -Freundin in die Kinderstube. Da saß in Alphis Gitterbettchen ein kleines -Mädchen mit strahlenden blauen Augen und fahlblondem Gelock um ein -schmales Gesichtchen mit durstigrotem Mund, der es noch blasser -erscheinen ließ. Es sah auf ohne Lächeln, ohne Furcht in ernsthafter -Aufmerksamkeit. Dies schien kein Kind zu sein, kein Engel, keine Elfe -und war doch etwas von all dem, eine Pflanze, Menschenkind genannt, aus -Seelenland kommend. Man vergaß es nicht, wenn man es einmal sah. Es war -schlank, fast gebrechlich, mager, seine Haut hatte einen leichten -bräunlichen Stich, als glühte es unter ihr. Seine Augen leuchteten in -einem fiebrigen Glanz und in ihnen war diese Fremdheit einer anderen -Welt und die Sehnsucht nach zärtlicher Wärme. Arabella kniete vor dem -Kind in tiefster Ergriffenheit. Es langte mit ernster Gebärde in ihre -Haare, die den seinen glichen, und plötzlich lachte es laut auf, wie -Kinder lachen, irdische Kinder. Es freute sich. Arabella hatte es -angesehen mit heißester Liebe. War ihm zumute, als blickte es in einen -Spiegel? Lachte es deshalb mit so holdem Laut? Sie stand auf, reichte -der Kleinen ein Perlenkettchen, das sie seit Kindheit trug, eilte aus -dem Zimmer. Schluchzen machte ihren Körper erbeben. Während sie weinend -Helenens Hand hielt, sagte sie: »Bin ich nicht kindisch! Wie reizend ist -es! Ein Engel! Hab Dank!« Sie blieb den ganzen Abend an Noemis Bettchen, -bis die Kleine schläfrig wurde und sie selbst auch die Müdigkeit der -langen Reise übermannte. Am Morgen fuhr sie zu Ceciles Grabstätte. Sie -fand sie in reichem Blumenflor. Gaston und sein Vater schmückten sie in -dankbarer Liebe. Dann ließ sie nach Konrads Grab forschen. Es dauerte -lange, bis man es in den Büchern verzeichnet fand. Sie hatte weit zu -gehen und Mühe, es zu entdecken. Nur ein Schildchen bezeichnete es. -Arabella blieb stehen und betete auf ihre Weise. Draußen vor den Toren -des Friedhofes bestellte sie im Laden eines Steinmetz ein kleines -Grabmal aus Porphyr. »_Quod in charitate constitutis nullum peccatum -imputetur._« Dies sollte in Konrads Stein gemeißelt sein. - -Sie stand zu sehr unter dem Eindruck, den das Kind auf sie gemacht -hatte, um die Stadt wiederzufinden. Einen Augenblick dachte sie daran, -die Sainte Chapelle zu besuchen, aber sie schämte sich dieser -Wallfahrtsgelüste. Die Bilder der Straßen flogen an ihr vorbei und taten -ihr nicht wohl. Die Menschen waren ihr fremd geworden und sie empfand -fast Unlust, in die Läden zu gehen und die schmeichlerischen Laute der -Verkäufer zu hören. Zu Mittag war sie wieder bei der kleinen Noemi. Ein -Wagen wartete vor dem Tor und nach dem Essen nahm Helene Alphi an der -Hand, sie selbst das kleine Mädchen auf den Arm und trug es behutsam -hinab ins Freie. Es war ein schöner Vorfrühlingstag. Sie fuhren ins -Bois, hielten dann vor einem Spielzeugladen und Arabella kaufte ein. Wie -glücklich war sie mit den Kindern. Einen Augenblick kam es wie ein -Rausch über sie. Nimm die Kleine und entflieh! Gehört sie denn nicht dir -vor Gott? Aber sie biß die Lippen zusammen und reichte sie abends -Helene, die sie ins Bettchen zurücklegte. Noemi hielt die Püppchen in -der Hand, die sie sich gewählt hatte, und sah mit ihrer ernsten -Aufmerksamkeit bald auf Arabella, bald auf das Spielzeug. Noch hatte sie -das Perlenkettchen um den Hals und seltsam, es wollte sich nicht von ihm -trennen, hielt es fest und verzerrte schmerzvoll das Gesichtchen, als -man es ihm nehmen wollte. Arabella hatte es als einen Talisman getragen -seit ihrem fünften Jahr. Es war, sie ahnte es dunkel, ein Geschenk ihrer -Mutter. Aber wie froh war sie, daß es die kleinen Händchen hielten wie -ihr eigen. - -Als sie die Kleine verließ, wollte Tallandre sie zurückhalten. Ob nicht -das Wohl des Freundes über alle Bedenken ginge, Givo sei am Ende seiner -Kräfte, sie zu ersehnen. Sie möge seine Rückkehr abwarten. Da verhärtete -sich ihr Herz. »Nein, nein, nein,« rief sie und wies auf die Türe, -hinter der das Kind schlummerte. »Da dies hat er mir geraubt, auch ich -hätte ein Kind von ihm, auch ich,« und sie barg schluchzend ihr Antlitz. -»Warum ist er mir nicht gefolgt nach seiner Mutter Tod, warum hat er -mich verlassen und nicht diese Frau? Aber er hatte mir ja nichts -geraubt, nein, er hatte mich ja gerettet aus den Armen meines Verführers -und so eine, die darf man wieder hinausstoßen -- in anderer Männer Arme, -von Bett zu Bett.« -- Tallandre war erschüttert, in seiner -Ungeschicklichkeit wußte er nichts zu sagen als: »Aber waren denn Sie es -nicht, die ihm davonlief?« - -Arabella war erschrocken über die eigene Heftigkeit. Die Anklage gegen -den Geliebten, die sie selbst sich verschwiegen, hatte sie nun laut vor -einem anderen ausgestoßen. Tallandres Bemerkung brachte sie völlig zu -sich. Sie hob den Kopf, sah seine Bestürzung und unter Tränen lächelnd -sagte sie, ihn mit du anredend: »Mein armer, lieber Fifi, das verstehst -du nicht.« Und als eben Helene eintrat, umarmte sie die Freundin, -drückte Tallandre die Hand und eilte davon. - -Leer war ihr Kopf und Herz, als sie in den Straßen irrte. Sie lechzte -nach Betäubung, nach Brand, der ihr Erinnerung ausmerzte für Stunden, -für einen Tag, für eine Nacht. Sie erinnerte sich blitzartig Malpasses -und seines funkelnden Begehrens im Blick. Jahre waren vergangen seit -jenen beiden flüchtigen Begegnungen in Louvais und Nizza, seit jener -Aufforderung, sich bei ihm zu melden. Aber war sie nicht seither schöner -geworden? Sie hatte kürzlich in den Zeitungen gelesen, er sei erkrankt. -Aber dies war ja ein Grund mehr, ihn aufzusuchen. Der Portier des Hotels -fand die Adresse im Anzeiger. Sie ließ sich zu ihm fahren und schon -läutete sie an der Türe. Der Diener Francois, der nämliche, der Malpasse -in Louvais begleitet hatte, öffnete mit düsterem Antlitz. - -»Der Herr empfängt nicht.« - -»Sagen Sie ihm, jene Dame, die er vor Jahren am Bahnhof zu Louvais -- -Sie waren mit ihm damals --« - -»Ist es dringend?« - -Die Gräfin nickte. Francois kam zurück. »Monsieur erinnert sich nicht, -aber er hat gefragt, ob Madame schön seien --« Francois verbeugte sich, -es zu bekräftigen, indem er die Tür öffnete. Malpasse kam ihr entgegen. -Er schien ihr jünger als damals, so schlank war er, er hatte die Gestalt -eines Jünglings. Sein Blick war noch sengender geworden, ein ängstliches -Licht flackte darin. - -»Soll ich heucheln, Madame, ich erinnere mich nicht mehr. Um so -freundlicher von Ihnen, da Sie vielleicht auch erfahren haben, daß ich -mich elend fühle -- --. Ich habe mich allen Bekannten verleugnen lassen. -Oh bitte, nehmen Sie hier Platz -- aber zuweilen sehne ich mich aus dem -Kerker meiner Krankheit wieder zu jenem Unbekannten, jenem fremden -Leben, das uns auf der Straße streift. Frauen, deren Antlitz dann -plötzlich im Tag auftaucht, Frauen, die wir vielleicht vor Jahren sahen ---« - -»Am Boulevard des Anglais zum Beispiel.« - -»Sind wir einander dort begegnet? Lassen Sie es vergessen sein. Bleiben -Sie die Unbekannte, die schöne Unbekannte dieser Stunde --« - -»Auch ich bin nicht zu dem Berühmten gekommen, nur zu jenem Fremden, von -dem ich hörte, daß er leidend sei, eine plötzliche Eingebung hat mich zu -Ihnen getrieben.« - -»Das ist gut so -- und sollte mich dennoch Neugierde antreiben, -antworten Sie mir nicht. Wenn Sie Ihr Taschentuch ziehen, verbergen Sie -Ihr Monogramm. Ich will nicht einmal die Anfangsbuchstaben Ihres Namens -wissen, will nicht wissen, ob eine Krone sie ziert und wie viel Zacken -sie trägt. Ich will Sie nur sehen -- -- Sie sind schön. Ihre Augen -strahlen so seltsam --« - -»Von Tränen!« - -»Von Tränen, oh, diese kostbaren Karfunkel. Wir sollten Sie aufsparen -für die Stunden unseres höchsten Glückes.« - -»Nicht für die, da wir ihm nachweinen?« -- - -»Man kann nie wissen, ob nicht ein Größerer noch kommt, dem wir dann -noch heißere Tränen weihen müßten. Mögen sie uns nie versiegen, diese -posthumen Glückstränen. Madame, ich gestehe Ihnen, meine Augen waren -feucht, ehe Sie kamen. Nun werden sie es sein, nachdem Sie gegangen -sind.« - -»Sie werden eine neue Geschichte schreiben und die Tinte wird die Tränen -aufsaugen -- --« - -»Sie verachten die Dichter?« - -»Ich liebe die Künstler nicht. Sind sie nicht der Abfallstoff der Kunst? -Ein verbrannter Rest --« - -»Ja, ein trauriger Stoff sind sie und einer der traurigsten steht vor -Ihnen.« - -Sie reichte ihm die Hand. »Verzeihen Sie mir.« - -»Verzeihen Sie -- daß ich wage, diese kleine Hand zu umfassen.« - -»Sie wehrt sich nicht, die Hand.« - -»Doch,« sagte er mit einem kindlichen Lächeln, das rührend war auf dem -zuweilen greisenhaft Wissenden seines Antlitzes. »Doch, sie hat sich -eben gerührt.« Und er küßte die zuckende Hand. - -»Francois,« sagte er später zu dem Diener, »lassen Sie niemanden vor. -Weder heute noch morgen früh. Auch den Arzt nicht, Francois, hörst du, -auch den Arzt nicht --!« - - * * * * * - -Als Zora mit Manuel kam, die Kleine zu holen, ließ Helene das Kettchen -unter das Kleidchen der Kleinen gleiten. Als es abends im Eisenbahnzug -entkleidet wurde, sah es Givo. Er erkannte es. Wie kam dies Zeichen an -der Kleinen Hals? Ein Wunder rührte ihn an. Zora fragte die Nurse, ob -Frau Tallandre das kostbare Kettlein geschenkt hätte. Es mußte wohl so -sein, sie hatte es an Noemis Hals gesehen, als sie von ihrem Ausgang -zurückgekommen sei. Aber Noemi, als fürchtete sie, man könne es ihm -nehmen, hielt die kleinen Perlen fest zwischen ihren mageren Fingerchen -und lag so die ganze Nacht, neben sich die Puppe und in sich noch das -Bild der Fremden, in das sie geblickt hatte wie in einen Spiegel. Givo -war wach, er sah auf das Kind, als könnte es im Schlaf die Lippen auftun -und das Geheimnis lösen. Aber schließlich sagte er sich, daß Arabella -wohl Helene das Kettlein geschenkt und diese es dem Kind angelegt haben -mochte. Warum war er der Versuchung widerstanden, Helene nach der -Geliebten zu fragen! Zu lange litt er schon. Er sehnte sich nach -lösender Wiederkehr. Wenn er nun die kleine Noemi im Arme hielt und sie -ihr Hälslein an ihn schmiegte, fühlte er, ach wie so oft in fernen -glücklichen Nächten, das kindische Kettlein kühl seine Lippen streifen -und es mahnte ihn und rief. Da beschwor er Arabellas Nähe heißer und -heißer von Tag zu Tag. - - - - - In Wien - - -Arabella kehrte nach fünftägiger Abwesenheit zu Karinski zurück, den sie -in einem deutschen Badeort verlassen hatte. Sie war müde und -gedankenvoll, aber die schützende Nähe des Grafen beruhigte sie. - -»Wie gern wäre ich mit dir gefahren, Bella,« sagte er. »Aber ich wollte, -daß du dich ganz frei fühltest, falls du Entschließungen treffen -wolltest. Und dann, meine Zeit ist bald abgelaufen. Ich muß mit Olga -zurück, muß die Güter in Ordnung bringen, die Mädchen verheiraten und -dich von einem alten Mann befreien, damit dir noch ein Lebensglück -zuteil wird.« - -»Sprich nicht so,« bat Arabella. »Wenn ich dich ziehen lasse, geschieht -es nur, weil ich deiner unwürdig bin. Dein Name schon war ein -Gnadengeschenk.« - -»Du belügst dich und mich, Bella,« sagte er und küßte ihre Hand. »Du -hast mir noch ein spätes Glück geschenkt und ich will es dir nicht -danken, indem ich in deiner Gegenwart alt werde. Du sollst nicht das -Opfer der Tatjana bringen, obgleich ich dir keinen Onegin wünsche. Dort -bei uns ist es zu kalt und Nadescha wäre eifersüchtig auf dich -- und -ich selbst bin dort nur ein Bauer. Nein, täusch dir nichts vor. Weißt du -aber, woran ich oft denken muß? Daß der arme Narr, der Student, recht -gehabt hat, als er dich zu deiner Mutter bringen wollte. Adalbert -schrieb mir, daß ihr Mann gestorben sei -- --« - -Vögelchen sann eine Weile. »So ist sie allein jetzt. Und glaubst du, daß -sie von der Landstreicherin, ihrer Tochter, noch etwas wissen will?« - -»Ich werde zu ihr fahren und mich als der Mann dieser Landstreicherin -vorstellen und dich ihrem Schutz empfehlen.« - -Vögelchen sann wieder. Dann sagte sie: »Du Guter, ja, fahre zu ihr.« - -Sie sehnte sich nach einem ruhigen Ausblick in ihre Zukunft. Jetzt war -alles Verworrenheit, seitdem sie sich in Verzweiflung gegen den -Geliebten aufgelehnt, der zu kommen zögerte. Mit aller Gewalt begann sie -den Zufall zu beschwören, der ihre Wege zusammenführen sollte. - -Wenige Tage nach des Grafen Abreise erhielt sie von ihm einen Brief aus -Wien. - -»Mein geliebtes Vögelchen, eben komme ich von Deiner Mutter. Gott sei es -gedankt, daß ich diesen Weg gemacht habe. Wie soll ich Dir diese Frau -schildern, diese Sanfte, diese Wehrlose. Jetzt besitzt sie die Kraft, -die der Schmerz verleiht und die jede Gabe als ein unverdientes Geschenk -ansieht. In ihrem Gesicht ist das Lächeln der Sonne über viel Wetter und -Verwüstung. Nun hat sie auch den Mann verloren, mit dem sie gut gelebt -hat, und hat das Opfer gebracht, sich von ihrem Jungen zu trennen und -ihn in ein Konvikt zu geben, weil sie sich seiner Erziehung nicht -gewachsen fühlte. Zu keiner Zeit hast Du so sehr in ihrem Leben gefehlt -als gerade jetzt. Mein Täubchen, ich erwarte Dich hier. Laß mich noch -die Vereinigung mitansehen und einige Wochen hier mit Dir verbringen. -Heute will ich mir das kleine Palais besichtigen, von dem uns Adalbert -geschrieben hat. Paßt es Dir, so wollen wir es Dir wohnlich machen. Auch -darüber möchte ich beruhigt sein, wie Du wohnst. Wird es Dir Mühe -machen, mein Gepäck zu versorgen? Gedenkst Du Deine Jungfer mitzunehmen? -Deine Mutter will Dich mit allem versorgen. Mein Liebling, laß mich -stark bleiben. Wäre es besser vielleicht zu gehen, ohne Abschied zu -nehmen? Versprichst Du täglich zu schreiben im Anfang unserer Trennung? -Oh, Du geliebtes Vögelchen. Komm, laß den Alten noch einmal vor Dir -knien, laß mich Deine schmalen Fesseln umspannen mit meinen Bärentatzen -und gib, gib mir das Versprechen, daß Du Dein liebes, launiges -- und -zuweilen erstaunlich gescheites Geplauder mir bis ans Ende der Welt -schicken wirst. - -Es umarmt Dich Dein - - Karinski.« - -In einer stillen Straße eines südlichen Bezirkes von Wien, einem Parke -gegenüber, wie es deren dort mehrere gibt, lag der Wohnsitz Arabella -Karinskas, das nämliche Haus, in das einst Mannsthal Lola Ritter -geladen. Hinter den Erkern und Fenstern sah man zwischen den Spitzen der -Vorhänge Tropenpflanzen und abends das Licht kristallfunkelnder Lampen. -Vor dem Hause stand zuweilen ein Kutschierwagen, vor dem in kaum -gebändigter Unruhe ein Paar herrlicher russischer Pferde gespannt waren, -die ihre Besitzerin aus dem Karinskischen Gestüt als einen sehr -lebendigen Gruß bald nach ihres Mannes Abreise erhalten hatte. Zuweilen -fuhr ein anderer Wagen vor und eine ältere Dame, die immer schwarz -gekleidet war, entstieg ihm. Putzi, die Lachtaube, die eben vor dem -Teegeschirr oder den Bronzekübeln der Azaleenbäume ihre Komplimente -machte, flog dem willkommenen Gast auf die Schulter und rief die Herrin -des Hauses herbei, die schon zur besprochenen Ausfahrt in den Prater -bereit war. Arabella umarmte die Mutter und ein glückliches Lächeln -sprach von der Eintracht der beiden Frauen. Sie hatten ein schweigendes -Übereinkommen getroffen, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Arabella -wußte mehr von dem verstorbenen Doktor Gunter als von ihrem Vater. Aber -im Laufe der Zeit erkannte sie in der Liebe der Mutter zu diesem, ihrem -ersten Mann, den sie als Schwerkranken schon geheiratet, viel von ihrer -eigenen heilbringenden und hilfsbereiten Sehnsucht. - -Jedem, der Arabellas Heim sah, schien es undenkbar, daß hier eine Frau -allein hause, eine junge reizende Frau, die in dem kleinstädtischen Wien -Aufsehen erregte. Alles schien weich und einladend, die harten Wände -verborgen hinter Kakemanos und Karamanien. Auf den Sofas häuften sich -die Kissen, von Palmen beschattet. Die vielen kleinen Kostbarkeiten, die -ihr Karinski auf den Reisen angehäuft hatte, machten das Haus zu einem -kleinen Museum. Tiere belebten es, ein Papagei, ein Affe, die Taube und -ein King Charles, der laut durch die Nase atmete und gern wie eine -seidene Kugel auf Arabellas Schoße lag. Aber dies äußere Leben, das nun -gefestigt war und sich zwischen Vergnügen und geräuschloser -Wohltätigkeit bewegte, bildete nur eine trügerische Decke ihrer gärenden -Unruhe. Sie sehnte sich quälend nach dem Geliebten. Ihr war, als hätte -die Unrast nach seiner Nähe unter des Grafen Liebkosungen geschlummert, -sie einwiegend in ein Leben, das der Luxus berauschte. Nun aber war sie -erwacht und lechzte aus Scham und Ernüchterung nach Beruhigung. Hätte -sie die Mutter nicht gefunden, sie wäre, das wußte sie, in das -hemmungslose Leben jener Lust geraten, die immer in ihr gärte. Sie wäre -eine der großen Amoureusen geworden, die zu den Sehenswürdigkeiten einer -Stadt gehören. So aber war sie eine versehnte, im Traum lebende Frau, -die vor episodenhaften Erlebnissen zurückzuschrecken begann und sich, -immer des Geliebten gewärtig, scheute, eine sie fesselnde Liaison -einzugehen. Sie hatte ihn nicht gewaltsam aus ihrer Sehnsucht zu drängen -versucht, um der Qual ledig zu sein und frei dem Neuen. Wie der Fromme -Gott, mit dem er hadert, dennoch aus tiefstem Herzen liebt und seine -Gnade ersehnt, so behielt sie Givo in sich und rief nach einem geheimen -Auftrag, den er ihr erteilen sollte, für den sie zu leben vermochte, -wenn sie seiner Nähe nicht teilhaftig werden konnte. Wäre er nur einmal -freiwillig herausgetreten aus der Ferne, um ihr Kraft zu geben. Sie -wußte nicht, wo er war, und lange hatte sie sich enthalten, ihn und das -Kind bewußt herbeizuwünschen. Nun brach ihr Widerstand. Mit aller Kraft -ihres Seins in Tagen und Nächten schwor sie ihn nun herbei. Schaudernd -erinnerte sie sich, wie sie als Kind oft bei heftigsten Wünschen kein -Mittel gescheut hatte, ihren Willen dem Schicksal aufzutrotzen. Konnte -es nicht wieder so sein wie damals, als sie das Feuer erzwang? Ein Jahr -war hingegangen, daß die Tallandres nichts mehr von ihm zu wissen -vorgaben. Das Kind war so zart gewesen. Verheimlichte man ihr Schlimmes? -Sie wagte auch Angele nicht nach ihm zu fragen. - -Frau Gunter sah, daß Arabella immer zarter und empfindlicher wurde. Der -Arzt empfahl zunächst größere Spaziergänge vor der Stadt. Meist fuhr sie -nach Schönbrunn hinaus. An sonnenklaren Nachmittagen war der Park wie -unter einem Zauber von Licht und Klarheit in die goldene Ruhe seines -herbstlichen Farbenspieles getaucht. Ergriffen fühlte sie das Vergehen, -das sanfte Sterben und fern das Wiederaufstehen der Natur, jenes -köstliche Empfinden der Kreatur, das Tat twam asi -- ich bin in allem, -alle in jedem -- war in ihr. Die Natur wies ihr das Rätselangesicht. -»Sie spricht unaufhörlich mit uns und verrät uns ihr Geheimnis nicht.« -Givo hatte ihr dies Goethe-Wort in ein Buch geschrieben, das immer in -ihrem Wäschekasten zwischen Spitzen lag. - -Manchmal schien es Arabella, als hätte sie als Kind in diesem Park -gespielt. In einem anderen Leben war es. Mit leisen Fäden war ihr hier -das Herz verankert an die Irrwege und Rondells, an die Volieren und -Glashäuser, an deren Fenstern sich Orchideen und Kamelien drängten, an -die vielen verborgenen Wege und abgesperrten Teile, undurchdringbar der -kindlichen Neugier. - -Hier fühlte sie sich den Kindern ganz nahe. In der Menagerie plauderte -sie mit ihnen und fütterte mit ihnen die Tiere. Musterten sie neugierige -Blicke, ließ sie ihren Schleier fallen oder sie bedeckte wie absichtlos -ihr Gesicht mit dem Fächer, den sie meist mit sich trug. »Die Kaiserin,« -flüsterte einmal eine Dame einer anderen zu. Einmal sprach sie ein Herr -an, anscheinend ein Würdenträger, der aus dem Schlosse kam. Er wäre ihr -schon mehrmals bewundernd gefolgt. Seine Stimme war angenehm, sein Wuchs -dem eines edlen Hengstes gleichend, seine Augen liebkosten sie, während -ein herrliches Raubtiergebiß sichtbar ward. Er bat sie um eine -Zusammenkunft. Aber als dann die Stunde kam, flüchtete sie zu ihrer -Mutter und ließ sich entschuldigen. Sie hatte all ihre Leichtigkeit -verloren. - -Da die Spaziergänge sie nicht sonderlich kräftigten und der Winter -nahte, riet der Arzt zu einer Fahrt nach dem Süden. Sie wählten einen -Ort, der, eben im Aufblühen, noch nicht die Masse der Reisenden anzog. -Auf hellen Felsen lagen zwischen Pinienwäldchen die Villen über dem -blauen See gelagert, durch schmale, säuberliche Fahrwege verbunden. -Wieder empfand sie, die Südgeborene, die heimatliche Liebkosung der -sonndurchwärmten, lichtgetränkten Luft. Sie spürte nun ihre Sehnsucht -genährt von Kräften, die sie nur geahnt und die sie nun in einen -ekstatischen Zustand von Lust und Wehmut versetzten. Der Zauber blauer, -flüsternder Nächte lag ihr tagsüber noch in den Gliedern und mancher -Kranke, der ihren strahlenden und dennoch schmerzwissenden Blick -empfing, fühlte sich durch ein leisseliges Gefühl beglückt. Zuweilen -wurde sie düster und floh selbst die Mutter. Denn da wurde ihr plötzlich -ihre Vergangenheit bewußt: mit Grauen erinnerte sie sich, daß sie und -die Mutter den selben Mann besessen hatten. - -Den Verkehr mit Männern vermeidend suchte sie die Bekanntschaft der -berühmten Schauspielerin Calese, die nach kurzem Aufenthalt am See zu -einem Gastspiel nach Wien reisen sollte. Arabella fühlte sich hingezogen -zu dieser Schwester im Wandern. Vogelfrei waren sie beide. Der Calese -Gesicht war oft wie erloschen hinter Schminke und Grimasse und wie nackt -lag die verwüstete Schönheit des Antlitzes. Sie hatte ein Kind und -Arabella sah den verzweifelten Abschied, als sie es in die Heimat -zurücksandte, um ihr mehrmonatiges Gastspiel im Norden anzutreten. -Vögelchen mußte an Noemi denken, als sie die Kleine sah, und bat die -Calese es ihr anzuvertrauen. Die aber fürchtete das rauhe Winterklima -für das wärmebedürftige Kind. - -Frau Gunter war abgereist, um ihrem Sohn nicht allzulange ihre Besuche -im Konvikt zu entziehen. Arabella und die Schauspielerin beschlossen -gemeinsame Rückfahrt. Als sie über den Brenner fuhren, lagen Berge und -Wälder im Märchenglanz des Schnees. Reich wie Tropenpflanzen starrten -die Bäume in ihrer üppigen weißen Pracht. Das Geheimnis der Wälder, wie -es ihr Givo einst gelehrt, erwachte in Arabellas Erinnerung. Sie sah -vorzeitliche Menschen, hochgewachsen, rothaarig, blauäugig, das Beil in -den behaarten Händen, von riesigen Hunden gefolgt, über die beschneiten -Pfade schreiten. Frauen mit fliegenden Haaren weissagten unter den -Bäumen. Auerochsen und Einhorn lugten am Weges, Bärenspuren, die Male -jagender Pferde waren in den Schnee geschrieben. Sie dachte an Rama, den -sanften Friedensverkünder, von dem ihr Givo nicht müde geworden zu -erzählen und dessen Bild ihr mit dem seinen verschmolz. Sie sah ihn -unter dem Baume sinnend, wie er die Pest banne, sah die goldene Sichel -des Fremden, der ihm erschien, und wie diese den Mistelzweig des Heiles -bruderselig vom Stamme schnitt. Aesc-heyl-hopa, die Hoffnung des Heiles, -ist im Walde. Weihnachten nennen es die Menschen und legen unter den -winterlichen Baum die Symbole ihres Erlösers. Die Stimme der Calese -weckte sie. Arabella erzählte ihre Legenden aus östlichen Sagenkreisen. -»Uns verdrängt der Heiland alle anderen Sinnbilder,« sagte die Calese. -»Mir ist er immer gegenwärtig. Ich weiß, Sie werden nicht lächeln über -die Geschichte, die ich Ihnen jetzt erzählen werde.« Und mit ihrer -seltsam erzenen, oft aufschluchzenden Stimme begann sie: »Im Anfang -meiner Laufbahn, ehe ich mich zu jenem Glanz gekämpft hatte, den die -Menschen Ruhm nennen, war ich eines Tages durch viele Qual bis zu dem -Entschluß gejagt, freiwillig aus dem Leben zu gehen. Es war Sommer, ein -schwüler Abend, als ich in einer Phiole Gift bereitete. Der Gesang der -Vögel lockte mich hinaus. Ich wollte noch einmal, bevor ich trank, das -Leben der Glücklichen sehen. Als ich unter den Menschen umherirrte, in -den Gärten und Straßen, begegnete mir ein Fremder. Er blieb vor mir -stehen und sein Blick zwang auch mich stehen zu bleiben. Ich glaubte, es -wäre der Herr selbst, so milde war sein Antlitz. Er geleitet mich, -spricht freundlich zu mir wie zu einem Kinde, bisweilen nimmt er meine -Hand, als könnte ich straucheln. - -Vor der Stadt heißt er mich in eine Schenke treten und schenkt mir Glas -auf Glas eines berauschenden Weines. Wir scherzen einfältig wie Kinder -und plötzlich sinkt mein Kopf, mein müdgesorgter, an seine Schulter und -ich schlafe ein. Als ich erwache, ist er verschwunden. Ich suche ihn in -allen Ecken, ich laufe verzweifelt auf die Straße hinaus, nirgends eine -Spur. Ich irre weiter, da steht an einer Brücke -- -- ein -- -- -hölzerner Heiland. Es ist -- sein Antlitz, er bewegt die schweren -Augenlider, sein Mund lächelt Wiedererkennen in unnennbarer Süße. Ich -sinke vor ihm zusammen. Ich erwache zu Hause, eine Pflegeschwester ist -um mich. Ich hatte lange Fieber gehabt. Die Phiole war verschwunden. -Eine edle Frau nahm sich meiner an. Ich war gerettet.« - -Arabella reicht ihr die Hand. »Er war es. Weil du an ihn glaubtest,« -sagte sie. Und sie denkt: »Auch mir wird Rama begegnen, weil ich an ihn -glaube -- Rama Imanuel.« - -In Villach kaufen sie eine Zeitung. Da liest Arabella, daß Zora -Uhari-Givo eine Konzertreise angetreten habe, die sie nach Wien führt. - - - - - Wetterleuchten - - -Arabella fand ihr Heim wohlig und warm. Lora, der Papagei, begrüßte sie, -indem er sich mehrmals mit seinem Namen vorstellte, der Affe sprang ihr -auf die Schulter und zauste ihr Haar. Putzi, die Lachtaube, die Arabella -überall hin begleitete, wurde aus dem Reisekäfig in ihr schönes, großes -Haus befördert und bedankte sich mit ihrem inbrünstigen Kukuru. Frau -Gunter war mit ihrem Jungen gekommen, dem die gräfliche Stiefschwester -ein unentwirrbares Geheimnis war, eine kostbare Zusammensetzung von -Fraulichkeit, Duft, Spitzen und tausend kleinen Unerklärlichkeiten. Von -ihr zu träumen aber war möglicher als mit ihr zu sprechen. Die -Dienstboten eilten mit fröhlichem Eifer umher, Befehle auszuführen, die -ihre Herrin ebenso rasch erteilte als widerrief. Arabella hatte von -Karinski die Gewohnheit angenommen Dienstleute zu duzen. Sie rief sie -herbei, teilte Geschenke aus, umarmte des öfteren die Mutter und den -Bruder, der verlegen sich bemühte, in seiner Konviktsuniform zu -imponieren, eilte von Zimmer zu Zimmer, alles von neuem betrachtend, als -sähe sie es nun mit anderen Augen. Eine prickelnde Unrast trieb sie -umher. Die Stadt war ihr eines heimlichen Zaubers voll: sie ahnte Givos -Gegenwart oder erhoffte sie so warm, daß sie ihr schon Gewißheit schien. -Was durfte sie beginnen, fragte sie sich, da er all die Jahre -geschwiegen? Oft und oft hatte sie sich damit beschwichtigt, daß er sich -ihr nicht genähert hätte in der Meinung, er, der Unfreie, dürfe nicht -ihr Leben kreuzen, da auch sie in Gemeinschaft lebe. So durfte sie ihm -doch zu wissen geben, daß sie frei sei, es immer gewesen war für ihn. -Der Gedanke, es könne Zora Uhari ohne ihn die angekündigte -Konzerttournee unternehmen, kam ihr gar nicht in den Sinn, so sicher -fühlte sie den Augenblick eines Wiedersehens gekommen, und gleichfalls -war sie dessen gewiß, daß auch er der Wiedervereinigung gewärtig war. -Würde er sie finden? - -So sehr sich auch um diese Zeit das ländlich umgürtete Wien zu -vergrößern begann, es hatte sich kürzlich sogar, wie eine richtige -Großstadt, in ein Netz von Telephondrähten eingesponnen, so klein blieb -es dennoch und es war nicht leicht, unbekannt in seinen Bezirken zu -leben. Arabella aber hatte eine fast kindische Angst vor neugierigen -Menschen. Da ward das Wandervögelchen in ihr wach, das nur überall zu -Gaste sein will und hinter Blätterwerk recht ab- und obseits sich sein -Nest erbaut. Bekam ihre Mutter, während sie bei ihr weilte, Besuch, -schlüpfte sie durch eine Hintertüre davon und Frau Gunter sah sich um -ihr Vergnügen betrogen, mit der Tochter Staat zu machen. Neugierige -Fragen konnte die immer Freundliche und im Gespräch stets zum Scherz -Gelaunte mit hochmütiger Schärfe beantworten. Anonymität bedeutete ihr -die große unbehelligte Welt, das unmittelbare Leben von Mensch zu Mensch -ohne Beschränkungen. Um nicht das Interesse der Leute zu erregen, -verweigerte sie lange Zeit ihr Mitwirken zu wohltätigen Veranstaltungen. -Häufig aber geschah es, daß sie durch Luise, ihre Jungfer, Arme und -Kranke, die irgendwo ihren Weg gekreuzt, besuchen und beschenken ließ. -Ihre Leute bezahlte sie fürstlich und kümmerte sich überdies um das Wohl -ihrer Familien. Unbemittelte und schlichte Menschen interessierten sie -weit mehr als die »Gesellschaft«, deren Banalität sie fürchtete und die -sie vielleicht instinktgemäß um der Einschätzung willen verachtete, die -sie von ihr zu erfahren meinte. Es gab indes eine Welt, in der die -Gräfin Karinska wohlbekannt war. Bei Trödlern, Antiquitäten- und -Spitzenhändlern konnte man sie stundenlang sitzen sehen, um zu wählen, -zu betrachten, zu gustieren, bis sie ermüdet in den wartenden Wagen -flüchtete, in den die neu erworbenen Schätze verladen wurden. Da sie die -Dinge um sich häufte, lernte sie die Menschen entbehren. Ihre Tiere -waren ihr treuer als eigennützige Freunde und sie war glücklich, daß -gleichgültiges Geschwätz ihr nicht die Muße ihrer Sehnsucht störte. Ihr -Leben war, flüchtig gesehen, dem Luxus und Wohlleben geweiht. Eine -grande Dame schien sie, die nur ihren Prunk im Auge hat und weder einem -Manne noch einem Kinde lebt. Des äußeren Scheines fast unbewußt gab sie -sich sorglos dem Dasein hin, wie ihr der Tag es bescherte, ahnungslos, -daß der erwartete Geliebte ihr Leben erschaute. - -Bei einem Kunsthändler erfuhr sie zu jener Zeit von der Versteigerung -und Vorbesichtigung einer Sammlung von Miniaturen, deren Besitzer ihr -alter Freund, der Doktor Clemens Urbacher, war. Sie hatte oft daran -gedacht, den verschollenen Freund aufzusuchen. Das Erleben all der Jahre -aber hemmte sie. Dem einst so Vertrauten wollte sie nicht aufrollen, was -sie vor sich selbst ins Vergessen drängte. Nun aber entschied das -Schicksal. Ein Wink von außen rief sie zu ihm, in sein Haus nach -Heiligenstadt, von dem er ihr oft erzählt und das sie nie betreten -hatte. Sie erinnerte sich, wie gern sie den Onkel Clemens besucht hätte, -und heftiger als sonst empörte sie sich gegen den Zwang, in dem sie -Adalbert einst gehalten hatte. Immer klarer ward ihr nun rückblickend -sein absichtvolles Wesen, die Schliche und Schlingen, die er ihr gelegt -hatte, denn oft mußte sie jetzt in ihrem Entbehren um Givo ihrer frühen -Entweihung die Schuld geben. Niemals hatte es ihr der Geliebte bekannt, -aber es war ihr zur Gewißheit geworden, daß sie nun um ihrer -Vergangenheit willen verlassen war. Mehrere Equipagen standen vor Doktor -Urbachers Haus, als auch ihr Wagen vorfuhr. Der Garten lag im Schnee, -die alten Sandsteinstatuen, die kleinen Pavillons waren unter seiner -Last verborgen, das Haus selbst mit seinem vorspringenden Dach schien -sich traulich zu verschließen, wiewohl sein Eintritt heute jedermann -frei stand, der sich für die Kunstschätze des Hausherrn interessierte. -Am Tor war überdies eine Tafel angebracht, die den Verkauf des Besitzes -anbot. In der Diele schon erblickte sie Urbacher, der gerade Gäste zur -Türe begleitete. Das Antlitz einer Frau verschwand eben noch grüßend -hinter einer Türe. Dies Frauengesicht, wie seltsam, es rief ihr eine -ungeklärte, unerkannte Erinnerung wach, etwa ein »Wo sah ich es schon?« -und gleichzeitig ergriff sie der Anblick Urbachers. Wie war er gealtert, -der einst so treue Freund! Auf dem Kragen seines schwarzen Samtrockes -kräuselte sich Silberhaar, über den einstmals so hellen Augen lagen -Brillen mit dunklen Gläsern. - -Die Türen der anstoßenden Räume waren offen und darin die kleinen -Kunstwerke auf Tischen mit schwarzen Tüchern aufgereiht. »Wie eine -Aufbahrung,« dachte Vögelchen und es war ihr, als läge inmitten der -bunten Bildchen und Blätter ihre eigene Kindheit hingebettet. Immer -wieder mußte sie beim Anblick der Miniaturen an Adalbert, den Sammler, -denken und vergleichend lernte sie nun auch seine Auswahl besser -verstehen. In diesen Tagen der äußersten Erregung war sie hellsichtig -und spürte den geheimen Zusammenhang, die geheime Verknüpfung ihrer -selbst mit den zarten Gebilden der Mannsthalschen Sammlung, von denen -die Urbachers eine auserwählte, aber viel geringere Anzahl besaß. Ein -Haß quoll plötzlich gegen diese Bildchen in ihr auf, genährt durch die -Erzählungen ihrer Mutter, die vor Jahren gegen die Sammelleidenschaft -Adalberts vergeblich gekämpft hatte. Dieser Haß aber lag in seinen -Wurzeln viel tiefer: Arabella witterte das lasterhafte Tier, die -grausame Gier eines kalten Genießers, der ihr Leben für immer aus den -natürlichen Bahnen gelenkt hatte. Eine Liste der Besucher lag auf, sie -unterschrieb sich und las den Namen von Mannsthals Kunsthändler. Es war -ihr sofort klar, daß dieser für ihn eine Sammlung erwerben wollte, die -Adalbert locken mußte wie keine andere. Blitzartig entschloß sie sich, -diesen Kauf zu vereiteln. Indes hatte der Hausherr seine Gäste -begleitet, er kam zurück und verneigte sich artig vor ihr. Er sah sie -nur als eine vornehme junge Frau und hörte einen undeutlich gesprochenen -gräflichen Namen. Ihr ward so wohl, heimatlich wohl, als sie neben ihm -von Bild zu Bild schritt. Ihr Wissen, geschult durch einen so -bedeutenden Sammler wie es Mannsthal war, entzückte ihn und er fühlte -mehr, als er ihn sah, den Liebreiz dieser Frau, die er, als sie Kind -war, mehr geliebt hatte als sein Leben. Oder war es die Stimme, die -dunkler gewordene, die noch in ihren kindlichen Ausrufen der Vögelchens -des Kindes glich!? Er wurde gesprächig, so daß Arabella die Frage wagen -konnte, warum er sich von einer so liebevoll angehäuften Sammlung -trenne. Nun, er könne ihre Feinheiten nur mehr erinnernd genießen, da er -im Begriff sei zu erblinden. Aus diesem Grunde wolle er auch das alte -Haus verkaufen und nach Bozen oder Trient übersiedeln, um in der milden -Luft noch einen Schimmer südlicher Farben zu verspüren. »Allein?« -entfuhr es ihr voll Mitleid. »Nein, ach nein, meine Gefährtin begleitet -mich mit ihrem Sohne. Sie ist Malerin und braucht die Farben noch -notwendiger als ich Erblindender.« Da nahm ihn Arabella bei der Hand und -führte den Erstaunten an das Fenster. Sie neigte sich nahe zu ihm und -sagte bittend: »Onkel Clemens, erkennst du Vögelchen nicht mehr?« Da -rückte er sich die Brille rasch zurecht und sah ihr angestrengt ins -Gesicht. - -»Ja, Kind, du bist ja, bist ja eine Prinzessin geworden, Gräfin sagtest -du?« - -»Ja, ist es denn nicht einerlei, wie ich nun heiße?« erwiderte sie. »Bin -ich nicht mehr dein Vögelchen, bin ich dir ganz fremd geworden?« - -»Da bist du nun,« sagte er wie aus einem Traum. »Ja, jetzt sehe ich, daß -du es bist, höre deine Stimme, ja. Siehst du, mir bist du eben noch -immer das Kind geblieben, das ich an dieses Unglücksufer gerudert habe. -Gott sei es gedankt, daß du nicht später gekommen bist. Nun kann ich -dich noch sehen hinter einem leichten Flor wie ein Engelsbild. Bald wird -der Schleier dichter fallen,« und er nahm ihren Kopf zwischen seine -Hände und betrachtete sie prüfend wie eines seiner kostbaren Bildchen. -»Du hast manches erlebt, Kind,« sagte er. »Heißes und Kaltes lese ich -da. Ich wußte es ja und es ist noch viel Unruhe in dir. Nicht wahr, es -ist, als wäre alles, was in der Kindheit gewesen ist, überbaut wie ein -Gewässer durch eine Straße. Oben geht das Leben mit seinen neuen -Menschen und seinem Geschehen, seinem Gegenwartstreiben, unten sprudelt -das Element weiter in die Ferne, ins Unendliche, ins Meer.« - -Vögelchen nickte. »Wer war die Frau, die ich vorhin sah? Ist es die, die -du deine Gefährtin nanntest? Ich muß sie schon gesehen haben, vor Jahren -vielleicht.« - -»Oh, Kind, es ist ja Hedwig, Konrad Krugers, dieses Unglücklichen, -Schwester.« - -»Ach, wie kamt ihr denn zusammen!?« - -»Durch dich, Vögelchen, durch dich! Der Bruder hatte von dir meine -Adresse, um mir Grüße zu bestellen. Als der Arme gestorben war und seine -Briefe ausblieben, kam sie zu mir, hoffend, ich könne durch dich sein -Schweigen aufklären. So kamen Hedwig und ich einander näher. Und so -danke ich einem Unglück dies späte Glück.« - -»Seltsam,« sagte Vögelchen bewegt. »Und weißt du auch, was aus dem Buch -geworden ist, an dem der Arme geschrieben hat?« - -»Es ist kürzlich in neuer Auflage erschienen. Du sollst es haben. Es ist -der Stolz seiner Schwester. Komm zu ihr, willst du? Ich will sie -vorbereiten. Es wird sie sehr erschüttern. Da höre ich Leute kommen. -Könnte ich sie doch alle wegschicken und gleich mit dir plaudern, von -deinem Wandern hören.« - -»Tu das, Onkel Clemens. Niemand soll uns jetzt stören. Ich kaufe die -Sammlung um die höchsten Preise. Ich wäre untröstlich, wenn ein anderer -sie erwerben würde. Und dein schönes, altes Haus kaufe ich auch, wenn -ich es erschwingen kann. Du sollst keine Sorge haben, Onkel Clemens.« - -Der alte Herr geriet in freudige Aufregung. »Das wolltest du tun, du -gutes Kind,« rief er aus. »Es ist nicht leicht die Sammlung an den Mann -zu bringen, deshalb habe ich sie der öffentlichen Versteigerung -preisgegeben. Ja, preisgegeben allen Gaffern, der Gasse. Wie Kinder sind -mir diese behüteten Dinger, um jedes habe ich meine Sorgen gehabt, jedes -habe ich gehegt und gepflegt in Liebe.« - -»Ja, Kinder, wie Kinder,« sagte Arabella und ein heiliger Zorn stieg in -ihr auf. Unbezwinglich ward der Wunsch in ihr, Urbachers kleine -Heiligtümer vor Mannsthal zu schützen. Ja, auch ihr erschienen diese -zarten Gebilde wie Kinder. Lebendig wurden die Gesichter und rührend in -ihrer Wehrlosigkeit und sie spürte es, wie Adalbert sich ergötzen würde -an jedem einzelnen. Aber keines, keines sollte er besitzen, an keinem -sich gierig erlechzen. Und wenn es ihr halbes Vermögen kosten sollte, -sie mußte ihn besiegen. - -»Und nun wird er kommen,« fuhr Urbacher, wie zu sich selbst redend, -fort. »Er, der sich mir jahrelang verborgen hat, nachdem er dich mir -geraubt hat, jetzt ist der Augenblick, wo er auftaucht, mir diese Opfer -zu entreißen.« - -»Hat er sich schon gemeldet?« - -»Nein, Kind, das ist es eben. Ich weiß nichts von ihm, aber ich spüre -ihn, spüre, wie er die Beute umlauert, wie er schon seine Netze legt. In -jedem Käufer wittere ich seinen Mittelsmann. Er wird es schlau -anstellen. Wer immer die Sammlung erwirbt, schließlich fällt sie ihm -anheim. Bin ich denn deiner so gewiß?« - -»Nein, Onkel Clemens, nein, von mir wird er sie nie und nimmer -herausbekommen. Oh, sehen möchte ich es, sehen, wie er bittet und bietet -und schmeichelt um jedes kleine Bildchen. Aber ich will es ihm -entgegenschleudern, wie sehr ich ihn durchschaut habe, wie ich ihn -verlache, verhöhne, verachte!« - -»Kind,« stammelte Urbacher erschrocken. »Kind, so hat es dich gegen ihn -ergriffen? Ist es also doch so gekommen, daß du ihn hassest?« - -Sie erschrak. Haßte, haßte sie ihn denn? War sie nicht all die Jahre in -freundlichem Briefwechsel mit ihm gestanden, lebte sie nicht auch von -seiner Großmut? Oder war dies Vermögen, das er ihr zugewendet, etwa -Bezahlung, Abfindung? Waren sie nicht quitt? Nein, sie schuldete ihm -nichts, sie durfte ihn hassen. Sie war ja um seinetwillen verlassen, -verstoßen. Aber plötzlich sah sie durch die rote Wolke des Zornes Givo, -den sie zur Stunde fast vergessen hatte. Es war ihr, als blickte er sie -erstaunt an, als fragte er in ihre Seele, die sein Werk war: »Wie, du -hassest? Vögelchens Seele birgt Haß?« - -»Es war nur eine plötzliche Aufwallung, Onkel Clemens,« sagte sie. »Aber -hier nimm mein Versprechen. Adalbert wird nie, niemals deine Bilder -besitzen.« Er hielt ihre Hand, besah sie mit seinen verlöschenden Augen, -dann küßte er sie. »Daß dies eine Frauenhand werden konnte, mit -Brillant- und Perlenringen, dieser Schmetterling von einem -Kinderhändchen, dieses Rosenblatt im Wind deiner Launen. Kind, Kind, was -hat man dir getan?! Ich fürchte es zu hören, ich fürchte es.« - -Arabella sah ihr Leben, ihre Nächte. Der Reigen flüchtiger Liebesstunden -umkreiste sie. Das zehrende Warten um Givo trug sie als Heil und Last. - -»Ich bin jetzt allein,« sagte sie. »Vielleicht kommt er jetzt bald, den -ich erwarte, vielleicht nie wieder, weil es so mit mir gewesen ist.« - -Er verstand sie nur halb, aber dies, »weil es so gewesen ist«, das wußte -er ja, hatte es immer geahnt. Daß es nicht verschmerzt war? Oder war -eine Wunde aufgebrochen, die sie selbst kaum gespürt hatte? War er die -Ursache bösen Erinnerns? Er selbst war ja mitschuldig. Warum hatte er -sie nicht verborgen, beschützt, gerettet, wie jener andere es gewollt, -Konrad, der Narr? - -»Willst du jetzt zu Hedwig kommen?« sagte er traurig und rührte sie -sanft aus ihrem Sinnen. »Ich folge dir, sowie ich die Besucher -weggeschickt habe. Nun soll mir keiner mehr herein. Die Bilder sind -verkauft.« - - - - - Kampf - - -Als Adalbert Mannsthal erfuhr, daß die Sammlung Urbachers, die er um -jeden Preis zu erwerben suchte, von einem Agenten für eine unbekannte -Persönlichkeit angekauft worden sei, setzte er sich sofort auf und fuhr -nach Wien. Er wollte mit allen Mitteln den Kauf rückgängig machen, ihn -überbieten, ja selbst seine Scheu überwinden, sich Urbacher zu nähern -und ihn an ein vages Versprechen zu erinnern, die Miniaturen nicht ohne -sein Wissen aus den Händen zu geben. Arabella hatte, um Adalbert in -Unkenntnis zu lassen, einen Kunstagenten als Käufer vorgeschoben, dieser -war bestechlich und Adalbert schon seiner Sache gewiß, als er mit dem -Mittelsmann nach Heiligenstadt fuhr, wo sie die wirkliche Käuferin, eine -angebliche Frau von Werter, treffen sollten. Arabella hielt sich gern in -dem alten verlassenen Hause auf. Urbacher und Hedwig waren schon -abgereist. Sie ordnete und veränderte und im Geheimen künstelte sie -schon an einem Raum, der Givos Arbeitszimmer werden sollte. Ihr -Stiefbruder, der fünfzehnjährige Wolfgang, war eben bei ihr zu Besuch -gewesen, als sie sich zur Fahrt nach Heiligenstadt rüstete, und sie -hatte ihn mitgenommen. Währenddem sie mit den Gärtnersleuten sprach, -machte sich Wolfgang in der Bibliothek zu schaffen. Er saß in einer Ecke -über einem Mappenwerk, als Arabella eintrat. »Was studierst du da?« -fragte sie nähertretend, aber im selben Augenblick gewahrte sie die -seltsame Veränderung in des Jungen Gesichtszügen. Blaß und verzerrt -stierte er auf ein Bild, das seine zitternden Hände hielten. Ein Blick -genügte und Arabella packte das Heft, es ihm zu entreißen. Auf dem -Umschlag las sie von Urbachers sauberer Schrift geschrieben: »Kopien aus -der Sammlung Mannsthal.« Dazu ein P. in der Klammer. Es erwies sich, daß -sie zu schwach war, dem Jungen den gefährlichen Band aus den Händen zu -winden. Wie ein hungriges Tier, das um seine Futterschüssel kämpft, sah -er sie aus seinen glühenden Augen an, während seine verklammerten Finger -sich zu Eisen krampften. Als sie dennoch siegte, lachte er blödsinnig, -drohte sie zu küssen und frech zu werden. Scherz schien dieser Kampf und -war doch von beiden Seiten viel mehr als Spiel und Weigerung. Eines der -Bilder war zerfetzt und zur Erde gefallen, es stellte ein kleines -Mädchen dar, das in einer Speisekammer auf einen Sessel steigt, um -Süßigkeiten zu erhaschen, während ein Mann in türkischem Schlafrock und -Mütze sie auf unzweideutige Weise an den Röcken faßt. Arabella fühlte -die merkwürdige Fügung, durch die sie nun Tag für Tag an gewisse -Vorgänge gemahnt wurde. Eine seltsame Erregung erfaßte sie. Sie selbst -war ja damals fünfzehnjährig gewesen wie dieser Junge, der jetzt -keuchend die Arme um sie breitete. In diesem Augenblick fuhr knarrend am -hartgefrorenen Pflaster ein Wagen vor. Der Agent und jener Fremde, der -sie zu sprechen wünschte, waren angelangt. Wolfgang ließ ab und stürzte -aus dem Zimmer, während Arabella hastig das Mappenwerk zusammenraffte. -Gleich darauf trat Herr Blumenstock ein, hinter ihm -- Mannsthal. Sie -erschraken, er und sie. Sie hatte den Hut, nicht den Pelz abgelegt, ihr -Blondhaar, das verwirrt war, leuchtete über dem dunkeln Zobel. Er sah -ihr vom Ringen gerötetes Gesicht, ihre zornfunkelnden Augen, er fand sie -sehr schön. Nur eine Sekunde hatte er, als er so Arabella erblickte, -sich der Täuschung hingegeben, sie hätte, um Urbacher zu überlisten, -anonym für ihn die Sammlung gekauft. Aber sie sah ihn nicht an wie -einen, den man freundlich überraschen will, sie hatte ihm nicht die Hand -gereicht, sie stand sprachlos und bebte. - -»Das ist ja ein seltsames Wiedersehen. Habe ich dich am Ende angesteckt -mit dem Sammeln,« sagte er und ging sogleich an die Tische heran. »Du -wußtest ja, was ich von Urbachers Sammlung halte. Nun und was gedenkst -du mit ihr anzufangen? Man wird doch noch ein Angebot stellen können, -hm?« Während er sprach, umkreiste sein Blick mit heißer Gier die Bilder -und er schien allmählich zu vergessen, daß jemand im Zimmer war, daß er -mit Arabella sprach, die er Jahre nicht gesehen hatte. Er beugte sich -tief herab, umschlang, verschlang mit den Augen die kleinen Kunstwerke -und streckte die zitternden Finger aus, ein oder das andere zu erfassen. -Mit Grauen erkannte Arabella den Blick, den heißkalten Blick, die -bebenden Finger, die mit derselben Gier sie spinnengleich umgarnt -hatten, dieselbe konzentrierte Aufmerksamkeit, dieselbe bebende -Besessenheit drückte sich in seinen Zügen aus. Noch brannten ihre Arme -von Wolfgangs starken Griffen, Adalberts Hände waren greisenhaft, -trocken wie verkohltes Holz. Sie sah die Einzelheiten der Veränderungen, -die mit ihm vor sich gegangen waren, sie gewahrte die vergeblichen -Verjüngungsversuche an dem gealterten Körper. Zum ersten Male fühlte sie -zu tiefst das Abnorme ihres kindlichen Erlebnisses, es schnürte, es -umpreßte ihre Kehle, es blies ihr den Atem stoßweise aus der Brust, es -sträubte ihr Haar, als stünde der Teufel in Person vor ihr und tränkte -die Luft um sie her mit Schwefelgestank. Und wie er nun lauernd von -Tisch zu Tisch schritt, war ihr, als müsse sie gleich Simson Säulen -umfassen und sich mit ihm und den Bildern in Trümmern begraben. Aber da -stand er ja noch, da ging er ja noch, ohne sie zu beachten, umher und -tat, als wäre dies alles doch schon unantastbar sein Eigen. Sie wollte, -sie mußte ihn aufrütteln mit bösen Worten aus der Benommenheit seiner -Gier. »Du bist also nur der Bilder wegen hergereist? Das ist wichtiger -als ich es dir bin. Hättest mich vielleicht gar nicht aufgesucht? Man -könnte ersticken in Verlassenheit. Wären Karinskis Briefe nicht, ich -wüßte überhaupt nicht mehr, was Treue und Dankbarkeit ist.« - -»Ach so, Dankbarkeit. Ich soll dir also dankbar sein. Ach ja, mein Kind. -Bin ein wenig zerstreut. Diese süßen, kleinen Dinger da nehmen mich ganz -gefangen. Einzig! Was sagst du von Verlassensein? Sagtest du nicht etwas -Derartiges? Ich wollte dir übrigens von Givo erzählen, vom _ancien -ami_.« In diesem Augenblick bemerkte er eine Miniatur, die eine Brosche -vorstellte, und ihn über die Maßen zu fesseln schien. »Nein, so ein -Glückspilz, hat er dich erobert, dich Perle, Kleinod. Ja, sehe ich dich -wieder!« Er nahm das Bildchen zur Hand. »Wahrhaftig, du, du!« - -»Givo,« stieß Arabella hervor. »Was weißt du von ihm?« - -»Und das hat er mir verschwiegen,« sagte er, sich erregt zu Vögelchen -wendend. »Ich hatte eine Unsumme für dieses Stück geboten. Aber nun -werde ich es ja besitzen. Du wirst mir doch keine Schwierigkeiten -machen, Bella?« - -»Du wolltest mir etwas von Givo ...« - -»Ja, ich glaube, ich habe es nun vergessen, mußt Angele fragen. Reden -wir jetzt von Wichtigerem. Dieses Bild habe ich gesucht, gesucht! Warum -hast du die Sammlung gekauft? Um deinem alten Freund Urbacher eine -Freude zu machen, der sie bei dir natürlich am liebsten sehen wollte, -der dich so gegen mich aufgehetzt hat, daß er sicher zu sein glaubt, daß -ich sie nicht doch bekomme? Aber da hat er sich geirrt, nicht wahr, mein -Liebling! Wir werden uns schon verständigen.« Und in freudiger Erregung -war er ganz nahe an sie herangekommen. »Wie schön du geworden bist, -Bella,« sagte er. »Und das gibt vor, verlassen zu sein! Hast -wahrscheinlich täglich zehn Anbeter. Und sag, bist du, bist du noch -immer so, so erpicht darauf, so inpitoyable?« Er hatte sie umfaßt und -blickte sie mit faunischem Lachen an. »Da hätte man ja im Notfall noch -Glück bei dir. Im Notfall meine ich.« Ihr war wie im Angsttraum, wenn -man laufen will und nicht kann, wenn man schreien will und wie der -Taubstumme lallt. - -»Wolfgang,« preßte sie hervor. »Wolfgang!« Es war nur ein Gestammel, das -der Junge draußen nicht vernahm. - -»Wen rufst du da? Ist ein Retter in der Nähe, ein Ritter? Ich sagte es -ja. Hab keine Angst. Aber Spaß beiseite, ich biete dir das Doppelte des -Preises, den du für die Sammlung bezahlt hast, und lasse dir noch dazu -einige Stücke.« - -»Du und Karinski, ihr habt dafür gesorgt, daß ich keine Geschäfte zu -machen brauche,« sagte sie. - -»Wenn ich dir nun sage, daß mir unendlich viel an dem Besitz liegt, -willst du da mit Hilfe dieses Geldes, von dem du eben sprichst, willst -du mit meinem Gelde --« - -»Pfui!« sagte Arabella und wandte sich ab. - -»Sieh, Kind, du zwingst mich, so deutlich zu sein. Warum stellst du dich -so feindlich, was ist plötzlich in dich gefahren?« - -»Plötzlich?!« - -»Ja, denn früher warst du es, die dankbar war, nicht von mir verlangtest -du Dankbarkeit. Dankbar warst du mir, wie ich dir für wundervolle -Stunden, Stunden, die mir nie wiedergekehrt sind, Arabella, die mich -jetzt noch mit Schauern erfüllen. Nein, weiche nicht zurück, süßes Kind. -Ich habe zu viel Ehrfurcht vor dieser Oase in meinem oft qualvollen -Leben. Du hast mich beseligt, willst du mir jetzt einen Wunsch versagen, -dessen Erfüllung dir keine Entbehrung, mir aber eine Sehnsucht stillt, -die du nicht verstehen kannst. Denn sieh, Arabella,« begann er leise, -als flüstere er zu sich selbst. »Wirklich geliebt habe ich in meinem -Leben nur diese blassen Frauen und Kinderbilder, die wie ein Hauch sind, -daß jeder Blick schon Schändung bedeutet. Ja, die Wirklichkeit, sie ist -willfährig, oder wenn sie es nicht ist, so ist sie nicht so wehrlos wie -diese Gebilde, diese Opfer des Blickes! Könnte ich dir deutlicher sagen, -was für himmlische Gelüste sie mir bereiten und erfüllen -- --« Seine -Augen waren die eines Irren, seine tastenden Hände suchten die ihren. -Eiskalt kroch es ihr an den Gliedern empor. - -»Das ist ja Wahnsinn,« sagte sie heiser vor Entsetzen. - -»Ja, nenn' es Wahnsinn, ein heiliger Wahnsinn ist es. Aber nur so sind -wir glücklich, Bella. Das wahre Leben ist unerträglich. Sei behütet -davor, den Mut, den Wahn aus deinem Leben zu weisen. Hast du nicht -selbst dich betäubt, spieltest die Samariterin und glaubtest dem Elend -abzubitten. So sei doch wieder Samariterin. Man spricht noch jetzt von -dir in den Pariser Hospitälern. Wo ist deine Milde hingeschwunden? Gib, -gib mir sie, die Bilder, diese süßen kleinen Elfenkinder. Gib sie mir, -als hättest du sie mir geboren aus unserer Umarmung, Arabella, Ariel, -süßer Ariel.« Wieder war er ihr ganz nahe. - -»Wolfgang,« rief Arabella nun laut und befehlend, und diesmal gab die -umklammerte Kehle den Laut frei. - -Wolfgang trat ängstlich ein. -- »Hier stelle ich dir meinen Stiefbruder -vor,« sagte sie bebend. Und zu dem Jungen: »Dies ist Herr Mannsthal. Es -wird dich interessieren, ihn kennen zu lernen. Bitte, führe ihn dann zu -seinem Wagen, er weiß nicht, wie das Schloß funktioniert an der -Gartentüre.« Sie war an die Bilder und Dosen herangetreten und warf ein -schwarzes Tuch über einen der Tische. »Ich muß nun Vorkehrungen treffen, -daß die Dinge sogleich verpackt werden und der Galerie zugestellt -werden, der ich sie zugedacht habe.« - -»Das wirst du nicht tun,« rief in zornigem Schreck Adalbert. - -»Wir sehen uns wohl noch, ehe du reisest, etwa heute Abend in der Oper,« -sprach sie, atemlos Fassung erkämpfend. »Man spielt >Les Contes -d'Hoffmann<,« sagte sie mit böser Gleichgültigkeit. Sie nahm die -Brosche, deren Anblick seinen Bericht über Givo verdrängt hatte, und -steckte sie an. »Aber über die Miniaturen wollen wir dann nicht mehr -sprechen. Es langweilt mich. Vielleicht erinnerst du dich aber dessen, -was du mir von Givo sagen wolltest?!« - -»Du bist schlagfertig geworden,« sagte Mannsthal mit verbissener Wut. -»Also, dies ist Wolfgang Gunter. Nicht übel. Diese Frau hat Talent, -deine Mutter nämlich -- -- Grüße sie herzlich von mir. Wollen wir aber -nicht alle gemeinsam zur Stadt fahren?« - -»Ja, geht beide, nimm Wolfgang mit und bring ihn seiner Mutter. -Vielleicht hat sie mit dir zu sprechen. Sie ist oft so ratlos in ihren -Angelegenheiten. Ruf mir den Gärtner, Wolfgang. Ich bleibe noch hier. -Auf Wiedersehen heute Abend!« - -Sie sah ihnen nach, dem gealterten Mann und dem Knaben. Im Bestreben -schlank zu bleiben war Mannsthal mager geworden. Sein Hals war gehöhlt, -sein Rücken rund, die ehemals prächtigen Schultern hatten sich gesenkt -wie ein morsches Gerüst. Arabella erschrak. Sie ersah das unbarmherzige -Schreiten der Zeit. Einen Augenblick durchzuckte es sie wie Mitleid: Mag -er sie haben, die Bilder. Dann erinnerte sie sich Urbachers. Seine -Kinder hatte er sie genannt, um die er sich gesorgt hatte. Ihr war nun, -als beschütze sie sich selbst in ihnen. »Aber es ist ja zu spät,« -murmelte sie, »längst zu spät.« - -Der Gärtner kam, sie ließ die Truhen holen, die sein Herr zur Verpackung -der Bilder bestimmt hatte. Sie selbst legte Hand an, bettete sie sanft -ein wie in ein Grab. Als die Mappen daran kamen mit der Aufschrift P., -zögerte sie. Sie blickte ins Feuer, beutegierig gab es den Blick zurück. -Schon sah sie es die ungeheuerlichen Blätter verschlingen, da tauchte -eine Nacht in ihrer Erinnerung auf. Von Givos Kind war sie gekommen, -gebrochenen Herzens. Ein Kranker mit verzerrtem Blicke hatte sie -umschlungen, während er auf ihren Knieen ein Buch hielt, in dem sie -lächelnd blätterten. Eine böse Lust war in ihr sich zu erniedrigen, das -Unrecht, das ihr geschehen war, zu rechtfertigen. Es gewährte Freude, -diese lüsternen schamlosen Bilder mit Malpasse zu besehen und sich -schamlos zu gebärden, während sie vor Scham verging. Gab es nichts -Böseres noch, sich zu brandmarken, daß die quälende Anklage in ihr -erstürbe?! - -Dieser Stunde gedachte sie nun und ihre rächende Hand verschonte die -Mappen. »Nicht an mir ist es, zu richten,« sagte sie sich. Aber ihr -Blick ins Feuer wurde unheimlich starr, visionär. Sie sah die Scheite -knistern und stürzen. Es war ihr, als ginge dort unter stürzenden Balken -sie selbst und die Welt zugrunde. - - * * * * * - -Eine Woche nach Adalberts Abreise erhielt Arabella eine Depesche von -Karinski, die seine Ankunft meldete. Mannsthal hatte auch seine Hilfe -angerufen, seine Frau zu bestimmen, die Miniaturen auszuliefern. Er -hatte ihm nicht verschwiegen, daß es um ihre Nerven nicht am besten -stünde. Eine plötzlich unüberwindlich gewordene Sehnsucht und Sorge -hatte den Grafen zu Vögelchen getrieben. Auch er hatte sie fast zwei -Jahre nicht gesehen. »Wer weiß, ob du noch lange frei bist. Ich mußte -eilen,« hatte er gesagt. - -»Hängt meine Freiheit denn nicht von dir ab,« fragte Arabella und -schmiegte sich dankbar an ihn. Wie edel erschien er ihr neben Mannsthal, -der nicht abließ sie in vielen Briefen um die Sammlung zu bitten. - -»Um Johannis blühen manchmal die Bäume wieder, aber darum ist es doch -nicht Frühling,« sagte der Graf und zog mit wehmütigem Lächeln ein -Schriftstück aus der Tasche. »Hier der Scheidungsbrief, falls du ihn -brauchen solltest.« - -»Ich habe einen Aberglauben gegen gut vorbereitete Dinge,« erwiderte -Vögelchen. »Behalte den Brief, mein Guter.« - -Nachdem der Graf abgereist war, bemächtigte sich Arabellas fieberhafte -Unruhe. Immer deutlicher fühlte sie das Ereignis nahen, Wetterleuchten -zuckte in ihrem Blut. - -Es war an dem Tag, der dem Eröffnungsabend des Gastspieles Calese -voranging, als Arabella, von plötzlichem Lufthunger ergriffen, das -Fenster ihres Salons öffnete. Ein föhnartiger Wind strich über die Bäume -des botanischen Gartens. Sie beugte sich hinaus und erblickte am Ende -der Straße einen Mann, der sich entfernte. Es durchzuckte sie seltsam. -Im selben Augenblick hörte sie der Taube Flügelschlag und fühlte, wie -sie sich auf ihre Schultern niederließ. Wie so oft neigte sie ihr die -Wange und empfing ihre Küsse. Da plötzlich begann die Taube unruhig zu -flattern, hob die Schwingen und schon flog sie über die Straße den -Bäumen zu. Der Ruf erstarrte Arabella in der Kehle. Die Taube ließ sich -auf einem der höchsten Gipfel nieder, um gleich wieder, wie gescheucht, -in den dämmerigen Himmel aufzusteigen, wo sie schließlich, ein kleiner -schwarzer Punkt, ihrem angstvollen Blick entschwand. Mit einem Schrei -sank Arabella in Luisens Arme, die eben die Robe für den Theaterbesuch -hereinbrachte. Nun lag sie in Tränen, von den jammernden Dienstboten -umgeben, die alle die Taube lieb gehabt hatten. Der Portier war auf die -Polizei gegangen und hatte Annoncen an die Zeitungen getragen, die dem -redlichen Finder der Lachtaube Putzi, die ein goldenes Herzchen an einer -Halskette trug, einen märchenhaften Finderlohn versprach. Arabella hätte -am liebsten auf den Theaterbesuch verzichtet, um so mehr als Frau Gunter -die Post sandte, Kopfschmerzen hinderten sie die Gräfin zu begleiten. -Luise, das Kammermädchen, die nun gewiß war ihre Herrin vom Theater -abholen zu dürfen, was ihr, einer Theaternärrin, schon Vergnügen -bereitete, bettelte in ihrer eindringlichen Art, Euer Gnaden dürfe sich -der Traurigkeit nicht hingeben. Im Theater würden die Frau Gräfin -vergessen. »Vergessen, Luisel, was glaubst denn, mein Tauberl -vergessen?« Aber schon fühlte sie das Außergewöhnliche, das ihr -geschehen sein mochte, ein Zeichen vielleicht, das sie annehmen sollte -ohne zu klagen. Und sie mußte an all die Wunder ihres Lebens denken. Sie -stand vor dem venetianischen Spiegel, in dessen geschliffenen Blumen die -Kerzen sich funkelnd spiegelten. In ihren Augen glitzerten noch die -Tränen, der Schmerz gab ihrem Antlitz etwas rührend Kindliches. Luise -heftete ihr eine tiefrote Rose in die fahlblonden Wolken ihres Haares -und öffnete die Schmuckkassette, die neuerdings von Karinski bereichert -worden war. Aber Arabella wollte Trauer um das Täubchen und schob sie -weg. Ach, nun würde sie der Calese schmerzdurchfurchtes Antlitz um so -tiefer bewegen, da sie selbst sich so seltsam verworren fühlte im -Rätselhaften. Die Qual um die Heimat, die sie von dem Tag an genährt -hatte, als Givos Kampf an der Mutter Krankenlager begann, sie spürte sie -nun zu einem Ende gesteigert. Wie der Vogel, dessen Flügel vor dem Ziel -zu erlahmen drohen, während tief unten die Wellen des Meeres -unerbittlich drohen, sah sie sich mit letzten Anstrengungen dem Ufer -zusteuern, das ihr die Entscheidung bergen mußte. - - - - - Gottesgericht - - -Wien war nach der großen Börsenderoute, die so viele Existenzen gestürzt -und bedroht hatte, rasch wieder aufgeblüht. Dem Luxus waren zwar die -Flügel gestutzt worden und manch einer und mit ihm die Seinen, von der -Höhe üppiger Lebensführung herabgestürzt, gewahrte, daß er aus den -Trümmern einstiger Pracht nur innere Werte hatte retten können, etwa die -Liebe zur Kunst und Wissenschaft, die Fühlung mit einer Welt, die ihre -Grenzen erst dort findet, wo die Kultur aufhört. Dies gab den geistigen -Menschen und den Leuten von Welt einen internationalen Zug, der auch -geeignet war, chauvinistische Stimmungen auszugleichen. Die Kunst und -ihre Altäre verbanden alle Welt. Ein Jahrzehnt nach dem »Krach« aber -hatte sich diese scheinbare Verinnerlichung zur Sensationslust -vergröbert. Andere Schichten waren zu Reichtum gelangt und suchten es -den Kultivierten gleich zu tun. - -Als zu Anfang der Achtzigerjahre die berühmte italienische Tragödin -Gabriela Calese ihr Gastspiel ankündigte, drängte sich Arm und Reich, -die Jemands und Niemands, die Größen von gestern und heute, von morgen -und übermorgen und alle, die ihnen so gern nachbeten, zu diesem -Theaterereignis, neben ihnen der Troß ehrlich Begeisterter. Alle -Vorstellungen waren vor Beginn der ersten ausverkauft. Das Phäakentum -der Wiener trat offensichtlich zutage: man wollte, wenn auch des -Genusses selbst nicht teilhaftig, zumindest Augenzeuge des Genießens der -anderen sein. In allen Kreisen wurde zu dieser Zeit viel gewettet und -gespielt. Der kleine Mann, ja selbst der Arbeiter spielte und das leicht -erworbene und leicht verlierbare Geld wurde sorglos wieder ausgegeben. -Wenn »etwas los« war, gebot es der Lokalpatriotismus mitzutun. Manch -einer, der sein Volk liebte, sah es mit Sorge hinter dem Fortschritt der -anderen mit leichtfertiger Gleichgültigkeit zurückbleiben und war -erschüttert über seine soziale und politische Teilnahmelosigkeit. Die -demokratische Gemeindeverwaltung, in der es noch keine konfessionelle -Spaltung gab, versuchte, selbst ohnmächtig, ihre verirrte Herde -aufzurütteln. Ein Sturmwind mußte es sein, der diese wurmstichige -Gesellschaft erfassen, sie aufzurütteln vermochte, und kein Wunder, wenn -er wie ein Springteufel der eigenen Fahrlässigkeit entfuhr! Sorglos wie -immer war man ins Theater gegangen. Das Parkett, das Parterre, die Logen -waren ein Wogen und Murmeln von Farben und Stimmen, von blendenden -Frackhemdbrüsten, dekolletierten Frauen, ein Nebeneinander ergreifender -Geschmacklosigkeit und erschlaffter Eleganz. Emporkömmlinge mit dem -Bedürfnis nach Beglaubigung blähten sich neben schlichter Echtheit. Die -Galerien sahen ganz fern aus, unheimlich hoch schienen sie aufzusteigen. -Türme von Menschen bergend, Abgesonderte, die möglicherweise ein -verworrenes Sprechen erhaschen würden, aber jedenfalls anwesend waren -als Publikum des Publikums. Flaubert hat irgendwo gesagt: »Lieben wir -uns in der Kunst wie die Mystiker sich in Gott lieben und möge alles vor -dieser Liebe erblassen.« Auch der Neid möge es, der blasse Neid, der -zwischen Orden, Frisuren, Schleppen und Bücklingen vor den Altären der -Kunst sein Spiel treibt. Mit Schadenfreude sahen die Menschen, die -einander so sattsam gut kannten, wie eine fremde Erscheinung ihren Glanz -verschattete. Es trat ein mittelgroßes, überschlankes Persönchen ein, -das blonde Lockenhaar mit der roten Rose verdeckte fast das schmale -Gesicht. Der vom Karminstift leicht gestreifte Mund verriet die Sitte -der Ausländerin, die sich ihrer Schminke nicht schämt; dennoch hatte er -etwas Rührendes, es zuckte noch ein Schmerz um seine Winkel. Der weiße -Atlas des Kleides nähte sie der letzten Mode nach eng ein. Eine -entzückende Eleganz und Originalität lag in der fast hageren -Erscheinung. Der Gang stolz und doch sieghaft leicht, die Haltung des -Kopfes mädchenhaft und dennoch fast königlich. Von solchen Frauen denkt -man, sie seien eines Großen heimliche Beherrscherin; ihr Thron ist -gebaut über dem sichtlichen, dem Fürsten dienen. Eine Seele vibrierte -hier durch den Körper und verklärte ihn. »_Un prétexte pour qu'une âme -restât sur la terre_,« hatte Givo seinen Freund Hugo zitiert, als er -einst mit Hettwer Arabella betrachtete. Die Dame nahm Platz, lehnte sich -zurück, leicht den Kopf erhoben, den Blick in die gemalten Ranken des -Vorhanges verloren und so wie abwesend sich scheinbar vor der Neugier -bergend. Man hat sie vielleicht schon im Prater gesehen. Ist es nicht -dieses Mädchen, diese Frau mit dem schönen Kutschierwagen? Wer mag ihr -Mann, ihr Geliebter sein? Ist sie eine Französin, eine Russin? Aber mit -einem Male reißt unter den vielen ein einziger Blick sie auf. Sengend -packt er sie, bis ins Tiefste dringt er ein. Es ist ihr, als müßte sie -aufstehen und ihm entgegentaumeln. Er zwingt sie ehern, sie fühlt ihn -über ihre Haut tanzen mit kleinen blauen Flammen. Er ist ihr ganz nahe -dieser eine Blick, ganz innen in ihrem Sein, aber wo, wo ist er, der ihn -zückt, noch sieht sie ihn nicht, wagt ihn nicht zu sehen unter den -Vielen! Er reißt ihr die Haut blutig, er wühlt in ihr, er gräbt sich in -sie. Ihr Widerstand ist vergeblich, immer näher weiß sie ihn. Dort, dort -ist es, dort starrt einer her aus leichenblassem Gesicht, brennt seinen -Blick auf sie hin. Neben einer schwarzhaarigen Frau steht er, die -unruhig geworden ist, steht vornübergebeugt über der Brüstung der Loge -und reißt ihren Blick zu sich, in die Flamme des eigenen hinein. Seine -Gestalt ist noch immer die eines Jünglings, seine Züge sind zart und von -leuchtender Geistigkeit, nur die Augen, die Augen haben etwas vom ewigen -Feuer, das durch alle Zeiten brennt. Eines Wetterleuchtens Widerschein -liegt um Stirn und Schläfen. Aber jetzt ist die Flamme dieses Auges nur -einem Ziel entzündet. Und nun weiß die Gräfin Karinska, von wo der Blick -ruft: Arabella weiß, daß Manuel sie erblickt. Doch seltsam, fast im -selben Augenblick wird ein eigentümliches Sausen im Theater hörbar, vor -den ersten Bänken steigt ein kleines Rauchwölkchen auf, der Vorhang -bäumt sich wie eine flatternde Fahne, eine unheimliche Stille tritt ein. -Eine Stimme schmettert über die Menge fanfarengleich: »Feuer, Feuer!« Im -Nu sind die Menschen ein zäher, drängender Knäuel, zusammengeballt von -der Faust der Gefahr. Angst ist aus jedem als eine einzige Gewalt -gepreßt, zu einem einzigen Ziele drängend, vorwärts, zur Tür, an die -Luft, ins Leben. Über eine Logenbrüstung schwingt sich ein Mann, stürzt -sich in das Gewühl des Parterres, der Todesgefahr und seinem -brennendsten Wunsch entgegen. Versteinert starrt die Frau, die ihn -halten wollte, der eigenen Rettung nicht achtend, ihm nach, entgeistert -von einem Schrecknis, das nur sie empfindet, im Schrecken aller. Schon -strahlen die goldenen Karyatiden der Brüstungen in feenhafter -Beleuchtung. Zwei Choristinnen in Flitterkleidchen flattern wie von der -Zugluft der Flammen getrieben über die leere Bühne. Rauch schlägt -schwarz aus der leuchtenden Lohe und schwingt sich auf zu den Galerien. -Das Entsetzen ist zum Schrei aus hundert Kehlen geworden. Menschen -stürzen zur Erde und sind nur ein Sprungbrett der Nachdrängenden. Doch -wehe, plötzlich stockt das Drängen. Gänge und Türen sind zu klein, alles -kann nicht hinaus an die Luft, in die Freiheit aus der Umarmung des -Todes in das Leben. In Verzweiflung drängen sie anderen Wegen zu, -geraten in Sackgassen und entlegene Räume und überall schwärzt der Rauch -den Weg. Sie gelangen in Gänge, die sich labyrinthisch verwirren, -hinauf, hinunter, von Grauen gepackt und verwirrt, durch Fenster winkt -für viele nur Rettung, denn der Weg zurück ist abgesperrt vom -todbringenden Qualm. Ersticken droht. Fast scheint es, als würde es -allen Menschen gelingen, aus dem Innenraum in Gänge und Seitentrakte -gedrängt, sich dem Ausgang zu nähern, da erlischt das Gaslicht. Die -Notausgänge bezeichnet keine wachende Lampe. In entsetzlicher Finsternis -sind die Menschen aneinandergepreßt, zu grauenvoller Gemeinsamkeit -ineinander verkrampft. Dunkel versperrt ihnen den rettenden Weg. In -grausamem Ringen drängen Männer Mütter zurück, reißen einander Kleider -und Haut in Fetzen. -- In der Stadt hat sich blitzschnell die Nachricht -des Brandes verbreitet. Pferde vor schleudernden Wagen rasen, Schaum vor -dem Munde, durch die Straßen. Fenster öffnen sich, Rufe, Fragen werden -getauscht. Wer ein Liebes dort im Theater vermutet, stürzt besessen -davon. - -Frau Martha Gunter hatte abgesagt Arabella ins Theater zu begleiten. -Kopfschmerz, ihr altes Übel aus nervenzerrüttender Zeit, hatte sie -tagsüber geplagt. Abends hatte sie sich erleichtert gefühlt und saß nun -still versonnen beim Abendessen. Wie wohl es das Schicksal doch mit ihr -gemeint hatte, daß es ihr die Tochter wiedergegeben, als der Mann ihr -verstarb! Und wie gut sie war, wie schön, ihre Tochter, ihr großes Kind. -Auch der Groll gegen Mannsthal, der wie Asasel, der Böse, ihr Leben -verschattete, war gewichen: denn Arabella war unversehrt. Sie war zwar -traurig zuweilen und eigen, aber kindlich war sie geblieben und verderbt -schien sie ganz und gar nicht. Und wenn sie jetzt auch einsam lebte, was -absonderlich war für ein Wesen ihrer Art, so hatte das gewiß seine guten -Gründe. Instinktmäßig erriet Frau Gunter in Arabellas Leben dennoch den -Mann. Aber fragen, nein, das konnte sie nicht. Wie hätte sie es über -sich gebracht, dies Kleinod, diesen späten Sonnenstrahl zu beunruhigen, -zu verscheuchen! Qualvoll schon war der Gedanke, sie wieder verlieren zu -können! Da war plötzlich ein Raunen und Rauschen auf der Straße -vernehmbar geworden, fast gleichzeitig kam Luise, Arabellas -Kammermädchen, mit dem Schreckensgerücht und war von der alten Dienerin -sogleich weggeschickt worden, nach Hause zu laufen, ob ihre Herrin -zurückgekommen sei. Sie erblickte, als sie eintrat die gefährliche -Botschaft zu melden, Frau Gunter am geöffneten Fenster. Sie mußte von -der Straße her die Nachricht vernommen haben. Sogleich brachte die alte -Magd Mantel und Schal. »Vielleicht bringt man sie hierher. Gott gebe es, -daß sie heil ist,« betete die Mutter. Sie wollte Luise nicht abwarten. -So eilig sie konnte, lief sie den Ring entlang zwischen den erregten -Menschenmassen. Feuerschein stieg zum Himmel und sengte ihr ins -zitternde Herz unaussprechliche Angst. Atemlos kam sie näher und näher. -Aus drei Feuerherden vom Parterre, dem Dach, den Galerien, loderte wie -aus Riesenessen der Brand. Noch war die Feuerwehr nicht in voller -Tätigkeit, da sieht die bebende Frau hinter der Statue, die den -Dachfirst krönt, die Flamme durchbrechen und in entsetzlicher Gewalt -steil zum Himmel steigen. Auf den Balkons, an den Fenstern erscheinen -Menschen, ihr Schrei erstickt im Prasseln, gleich Gespenstern strecken -sie Hilfe erflehend die Arme in die Höhe, schwarz sich von den Flammen -ihres feurigen Hintergrundes abhebend. Jedes Fenster, jede Türe verhüllt -ein Flammenvorhang, das feurige, gierige Maul frißt rückwärts die -Treppen ab, läßt nur die eisernen Träger zurück und die Gitter, die in -Schlangen und Feuerblumen phantastisch glühen. Das Zischen der Flammen -übertönt das Krachen des Gebälkes. Um das brennende Haus steht immer -noch anwachsend die Menge der Stadt. Dampffeuerspritzen arbeiten, -Löschtruppen, Wachleute, Männer aus dem Volke dringen in die feurige -Hölle, um zu retten. Funkengarben fliegen ins Weite, auf brennender -Zunge tragen sie die Botschaft. Hilflos unter Hilflosen laufen die Leute -um das prasselnde Haus, ziehen die stürzenden, erstickenden Menschen aus -dem Gewühl, laben die Verschmachtenden, raffen Tote hinweg, trösten -Besorgte. Ein alter Mann in feinem Pelz steht neben der bebenden Frau -und ruft mit der gebrochenen Stimme des Greises in französischer -Sprache: »_Es-tu en haut, Julie?_« Die Leitern kommen. Sie sind zu kurz. -Dunkelheit und Rauch verschlingen die wechselnden Vorgänge, wenn nicht -blitzartig die Flammen sie erhellen. Nun breiten sich die Sprungtücher. -Ein Mann in Hemdärmeln kriecht längs des Balkongeländers, steht auf -einmal aufrecht, wendet sich und verschwindet. Inmitten der Menge unten -steht ein Statist in rosa Trikot. Er dreht sich unaufhörlich, wie ein -brennender Kreisel, ein Spielzeug, das auch Musik machen kann. -»Arabella,« ruft es da; eine zitternde, des lauten Rufens ungewohnte -Stimme preßt den Schrei hervor. »Arabella!« Keine Antwort. Und wieder, -wieder ruft es gellend vor Angst, ein Mutterschrei: »Arabella!« - -In den umliegenden Kaffeehäusern sammeln sich Leute an, die, erschöpft -oder leicht verwundet, mangelhaft bekleidet, die Brandstätte verließen. -Damen in Soireetoiletten, Offiziere in Waffenröcken, Herren ohne -Übermäntel, Schauspieler in Kostümen, grellgeschminkte Statisten und -Statistinnen strömen in die Lokale, sich vor Kälte zu schützen. Vielen -wird erst jetzt die Todesgefahr bewußt, der sie entronnen. Grauenhafte -Schilderungen erhitzen die Gemüter. Angst treibt Geängstigte wieder -hinaus. Blutiger Schein dringt durch die Fenster, das jüngste Gericht -scheint hereingebrochen, das Gottesgericht. Auf seinen Armen trägt ein -schlanker Mann in zerfetztem Abendanzug eine weibliche Gestalt. Ihr -Blondhaar ist aufgelöst, beschmutzt ihr weißes Kleid. Ihr Kopf ist an -die Schulter des Retters geschmiegt. Nun setzt er sanft seine Last ab, -bettet sie auf eine Wandbank. Auf ihre Wange hat das Feuer sein Mal -gezeichnet. Nun kniet er vor ihr, forscht nach der Verwundung. Noch -haben sich ihre Arme nicht von seinem Nacken gelöst. Seltsam ist ihr -Blick, als sähe sie das Wunder blickt sie ihn an. Nun senken sich die -Lippen zu einander, bleiben lang im Kuß geeint. Die beiden wissen nicht, -was um sie ist. Draußen tobt Feuer. Durch seine Schrecken sind sie ins -Leben gelangt, Herz an Herz geschmiegt, verklammert zu einem Körper -haben sie die Wiedergeburt ihrer Vereinigung erlebt. Nun erwacht der -Mann, er erinnert sich, daß, ehe das Große geschah, das Wiedersehen mit -der Geliebten, neben ihm eine Frau geweilt hat, seine eigene ihm -angetraute Frau. Er greift sich an den Kopf, er reibt sich den Rauch aus -den Augen, er stürzt davon. Er eilt nach Hause ins Hotel. Die Frau ist -nicht heimgekehrt. Nun ist Givo zur Brandstätte zurückgestürzt. Da hört -er den Schrei, den geliebten Namen »Arabella«. Rasch drängt er sich in -die Richtung des Rufes, da erstickt der Schrei. Ihre Mutter muß es -gewesen sein. So ruft nur eine Mutter. Er reckt sich auf und antwortet -der Stimme. Laut schreit er, jubelt er, wiewohl er die Ruferin nicht -sieht, nicht findet. »Arabella ist gerettet. Vögelchen ist gerettet.« -Die Frau preßt die Hände an die Brust. Wer antwortet ihr? Ist es -Gottesstimme, welches Wunder geschah ihr? War es die Stimme eines -Lebenden? Sie wankt. Halb entgeistert führt die Beseligte ein Herr -hinweg. - -Als Arabella aus der Ohnmacht erwacht, steht ein Fremder neben ihr, hält -ein Stück einer Pelzboa in der Hand, sein Haar ist versengt und er ruft -unaufhörlich mit heiserer, tränenerstickter Stimme, wie ein Papagei, den -man um seinen Namen fragt: »Mali! Mali! Meine Mali! Sie brennt drin, -Mali!« Man bringt ihn fort. Arabella will denken, will sich mit Angst -und Gebet ins Feuer tasten. Stimmen übertönen die mühsam gesammelten -Gedanken. Zwei Schauspielerinnen am Nebentisch erzählen laut, erregt: -»Wir sitzen in unserer Garderobe, schminken uns für die Vorstellung, da -stürzt ein Herr herein und schreit: Wo ist ein Ausgang? Ich erwürge Sie, -wenn Sie mir nicht den Ausgang zeigen. Wir glauben, daß es ein -Wahnsinniger ist, er stürzt davon. Kein Wort vom Feuer. Nach zehn -Minuten erst hören wir ein Raunen. Ich öffne die Türe. Das Haus brennt!« -Arabella richtet sich auf. - -»Wo ist die Calese?« - -»Sie hatte ja erst im zweiten Akt aufzutreten. Man sagt, sie schläft vor -den Vorstellungen und meist nicht allein. Man hat oft darüber gespottet. -Das hat sie gerettet.« - -Wie durch einen Nebel hört Arabella der Calese umflorte Stimme: »Alles -ist vorbestimmt, wozu sich wehren!« - -Ein Herr jammert: »Sie sagen, alle seien gerettet, das kann nicht sein. -Ich sah Hunderte, die so erschöpft waren, daß sie nicht mehr kämpfen -konnten. Ein Verbrechen wurde begangen, Fahrlässigkeit ist Verbrechen, -böser als Totschlag, wenn Hunderte daran zugrunde gehen.« »Schicksal ist -es, Gericht Gottes,« schreit eine alte Jüdin, die bisher heulend wie ein -Klageweib dagesessen. »Mein Ignaz!« Arabella horcht auf. »Schicksal? -Gottesgericht um den Tod der anderen? Jahrelang habe ich mich gequält, -zu wissen, was ich, was ihm die andere wert ist. Mußte eine Volksmenge -brennen, daß ich die Wahrheit wisse, daß er mich rettet und nicht sie?« - -»Was Schicksal,« schreit da ein Offizier. »Eine Schweinerei ist es, eine -verantwortunglose Schweinerei! Wer schwätzt hier noch? Die stark genug -sind, mögen retten und laben, wer schwach ist, halte Ruhe oder schleppe -sich nach Hause.« Arabella erhebt sich. Ja, auch sie will retten, will -ihm nach. Kann sie ihn verlieren jetzt? Nein, er wird leben, muß leben. -Sie steckt rasch ihr Haar auf. Ihre Kniee zittern, sie muß sich -festhalten, ehe sie den Ausgang erreicht. Draußen schlägt ihr der -glühende Atem des tobenden Elementes entgegen. Die Wange schmerzt und -auch am Knöchel ist sie verwundet. Sie fühlt, wie das Blut, wie den -falschen Schwestern Aschenputtels, ihr in den Atlasschuh rieselt. Aber -darf sie, die noch aufrecht geht, etwas anderes wollen als helfen? Der -Offizier hat recht. Sie drängt sich durch die Menge dem Brandplatz zu -und je näher sie kommt, desto wacher wird sie. Nun zweifelt sie nicht -mehr. Er ist zurück in den Brand, er sollte nicht unter den Rettern -sein, sollte seine Frau nicht retten wollen, die er um ihretwillen -zurückgelassen hat? Eine wahnsinnige Angst packt sie, schüttelt sie mit -dem Frost zugleich. Das Gedränge wird immer stärker. Wachleute haben -einen Kordon gebildet. Sie lassen niemanden durch. Man trägt schauerlich -entstellte Leichen an ihr vorüber. Neben ihr schreit ein etwa -zwölfjähriges Mädchen, dessen offene Haare halb verbrannt sind, -herzzerbrechend: »Mama, Mama!« Arabella nimmt das Kind an der Hand. Der -fremde Schmerz gibt ihr Kraft. Sie führt die wankende Kleine zur Seite, -trocknet mit ihrem Taschentuch das Blut, das ihr von der Schläfe rinnt, -läßt sich von der Schluchzenden erzählen, daß sie die Mutter in der -Finsternis des Hauses verloren, noch oben auf einer Stiege, die zum -Dache führte; ein Mann habe sie hinausgetragen und hier abgesetzt. »Du -mußt gleich nach Hause, vielleicht sind die deinen schon zu Hause und -sorgen sich. Ich führe dich.« Arabella geht mit dem fremden Kinde durch -die Straßen. Sie weiß, das, was sie hilft, ist nichts, doch Tun ist -Rettung vor dem Denken und Wissen all des Entsetzlichen. Wüßte sie Givos -Wohnung, sie ginge hin, selbst wenn sie der Frau begegnen müßte, und -wartete dort ab, sähe Noemi, beruhigte sie, wenn sie Angst hätte, weil -Vater und Mutter nicht kommen. Und nun ist ihr, als führe sie Noemi an -der Hand, wie sie so mit dem fremden Kinde dahingeht. Es wohnt nur eine -Viertelstunde weit, aber der Weg dünkt beiden endlos. Aus dem Hause, auf -das die Kleine lossteuert, läuft ein Herr. Das Kind stürzt ihm entgegen. -Da versagen Arabellas Kräfte. Sie kann nur rasch den Helfenden die -Adresse ihrer Mutter sagen, dann weiß sie nichts mehr. - -Überall sind nun die Eingänge in das brennende Haus von drängenden -Menschen verrammt, von übelriechendem Qualm und Finsternis. Givo aber -hat sich einen Weg erkämpft, eine Türe reißt er auf, da fährt er -entsetzt zurück, über eine Stiege kommt glühendes Blei geflossen, in -Kaskaden springt es daher. Ein Ausgang wird endlich freigelegt, Beamte, -Feuerwehrleute, Offiziere versuchen mit Fackeln einzudringen, manch -einer kehrt wieder um, aber Givo tastet ihnen nach und bald ist er im -Innenraum, sucht in den entsetzlichen Trümmern die Logen zu erkennen. -Aber von oben her sind die Galerien herabgestürzt und der Platz, der -ehemals das Parterre vorgestellt, ist ein entsetzlicher Trümmerhaufen -von qualmendem Holz und Menschenresten. Noch ist die Hitze und der Rauch -so groß, daß ein übermenschlicher Wille nur das Vordringen möglich -macht. Grauenvoll ist der Anblick der ragenden Traversen der Galerien, -an denen Leichenteile hängen, hohnvoll sind noch da und dort metallene -Schnüre zierlich um verkohlte Stoffdraperien geschlungen, glühend -schmelzende Gasrohre ragen wie feurige Bäume empor. Givo weiß, in diesem -Hause ist niemand mehr am Leben, auch Zora nicht, wenn sie nicht gleich -die Loge verlassen hat, von der aus sie sich leicht hatte retten können. -Aber er folgt den Männern und, wo sie eingreifen um Leichen zu bergen, -ist er an erster Stelle. Dann fällt ihm ein, daß Zora seither in ihre -Wohnung zurückgefahren sei und ihn dort erwarten mochte. Er sieht es -wieder vor sich, wie sie ihn am Arm faßt, um mit ihm hinauszudrängen, -und er sich losreißt, über die Brüstung ins Parkett springt und in -rasender Angst, er könne die fliehende weiße Gestalt aus dem Auge -verlieren, nach rückwärts drängt, wo sie durchkommen muß, ehe sich der -Weg vor dem Ausgang teilt. Wie er dann, auf einem Sitze stehend, um -nicht abgedrängt zu werden, Arabella zuruft und winkt und -- Ewigkeit -dünkten ihm diese Augenblicke -- endlich sie in seinen Armen hochhebt -und hinausträgt. Im Gang draußen, im atemberaubenden Gedränge erlischt -das Licht. Arabella sprach nicht, sie preßte nur fester die Arme um -seinen Nacken, zwischen Qual und Gefahr fühlten sie traumhaft das -unfaßbare Glück des Wiedersehens. Dann trat die Stockung ein und erst -da, im endlos scheinenden Warten, wußte er, daß er nicht beide mehr -retten kann, die Geliebte und die Frau. Blitzschnell hatte er es -überdacht, Arabella, die Gefährdete, hinauszutragen und gleich dann nach -Zora auszuschauen, die den näheren Weg ins Freie hatte. In der -Finsternis aber hätte er Zora nicht wiedergefunden. Und ebensowenig -vermöchte er nun nach Stunden eine Spur von ihr zu erblicken. Ein -grausiges Abwarten steht ihm bevor, falls er die Frau nicht zu Hause -findet. Als man im Hotel die Frage, ob seine Frau heimgekehrt sei, -verneint, fühlt er nicht Schmerz und Sorge um sie, die vielleicht durch -seine Schuld zugrunde geht. Er weiß nur dumpf das Elend der vielen dort; -das seine ist ein Teil von dem ihren. Die englische Bonne, die über -Noemis Schlaf wacht, weiß nichts vom Feuer. Er sagt ihr rasch, was -geschehen ist und daß er zurückkehre zu helfen und zu bergen. Für Zora -nichts. Er zweifelt an ihrer Rückkehr. Er hat sie aufgegeben. - -Die folgenden Tage vergehen unter Nachforschen zwischen entstellten -Leichen und Leichenresten auf der Brandstätte, in Spitälern und -Totenkammern. Von verkohlten Klumpen, zerbrochenen Skeletten, deren -Gesichter keine Spur mehr eines physiognomischen Ausdruckes trugen, -nährte sich stundenlang sein suchender Blick. Hier und dort klebte noch -ein Fetzen eines Kleidungsstückes, an manchen Fingern glänzte ein Ring. -Auf der Brust lag manchem das vorgefundene Geld, das in der Hitze seine -Formen verändert hatte. Das Kind war neben dem Greise gebettet, der -Handwerker im Kittel neben der reichgekleideten Dame, um die noch -goldene Ketten hingen, kunterbunt waren sie aneinandergereiht, furchtbar -zur Strecke gebracht. Aus dem entsetzlichen Gemenge verkohlter Leichen -wurde in den Foyers nach Reliquien gesiebt und geschaufelt. Weniges nur -bot Anhaltepunkte zur Agnoszierung der Toten. Eine kleine rührend zarte -Hand fand sich, die Hand eines Kindes oder einer jugendlichen Frau, -verkalkt und am Gelenk abgetrennt, die Nägel schmal und gepflegt. Givo -erschrak, denn sie erinnerte ihn an Vögelchens Zartheit. Inmitten des -Grauens stürzte er weg, um sich zu vergewissern, daß sie lebe, daß sie -nicht etwa, aus Angst um ihn sich in den Brand wagend, ihr Leben -verloren hat. Wieder stand er vor ihrem Hause, zu dem ihn vor dem -tragischen Wiedersehen schon Sehnsucht getrieben hatte. Er erfuhr vom -Portier, daß die Gräfin bei ihrer Mutter sei, er hätte Auftrag ihn -zurückzuhalten, falls er Herr Givo wäre. Aber Imanuel kann und will -nicht, will Arabella nicht sehen, bevor die traurige Arbeit nicht zu -einem Ende gekommen ist. Eine schauererregende Ausstellung muß er -besuchen. Auf weißen Porzellantellern liegen im Polizeihause die -gesammelten Reliquien der Toten. Kleiderfetzen, Schmuckstücke, -Sacktücher, Schlüssel, Kämme, Liebespfänder, allerlei Kleinigkeiten, die -man bei sich zu tragen pflegt. In einem Zimmer ist auf Tischen eine -große Anzahl von Uhren zur Schau gestellt. Manche ticken noch laut, als -wäre ein Rest vom Leben ihrer Besitzer in ihnen zurückgeblieben. -Geisterhaft stille und laut erregte Menschen irren mit Givo zwischen den -tragischen Resten. Traurige Gewißheit wird manchem zuteil, der die -armseligen Überbleibsel des Vermißten wiederfindet. Aber Givo, wiewohl -er vor dem Schauerlichsten nicht zurückschreckt, um eine Spur zu finden, -erforscht nichts. Ist Zora -- immer wieder kommt ihm dieser Gedanke -- -freiwillig verschwunden, wie sie so oft gedroht, wenn ihre Nerven -anstürmten gegen Givos kühlen Frieden. Aber sie, die sich einen -Künstlernamen erworben, konnte sie im Leben untertauchen, als wäre sie -wirklich verbrannt, konnte sie zu einem ungenannten Stäubchen werden, -sie, die mit aller Kraft nach Ruhm gestrebt? - -Machte sie es wahr, was die Asketen ihrer Sekte predigen, aufzugehen im -lebendigen All, ein heimlich beseelter Teil, sonst nichts? Und Noemi, -deren Zärtlichkeit sie nur ungern geduldet, würde die sie nicht aus -ihrem Verborgensein locken? Er wußte dies eine: wo immer sie war, sie -hatte verschwinden wollen. Rettung war ihr möglich gewesen trotz aller -Verhängnisse. Zunächst dem Ausgang war ihre Loge gelegen. War sie um -seinetwillen, um der Gefährdung willen, in die er sich begeben, -zurückgeblieben? Es kam keine Antwort auf diese Fragen. - - - - - Asche - - - »So jemand zu mir kommt - und haßt nicht seinen Vater, - Mutter, Weib, Kinder, - Brüder, - Schwester und dazu sein - eigenes Leben, - der kann nicht mein Jünger - sein.« - - (Lukas 14, 33.) - -Arabella, deren Nerven schon vor der Katastrophe mit Hochdruck -gearbeitet hatten, fand kaum die Kraft sich all des Entsetzlichen zu -besinnen. In ihren Fieberträumen sah sie ein blutendes Feuermeer und -daraus hervorsteigen ihn, den Geliebten, den Erwarteten, das Heiligtum -ihrer Liebe zu Himmeln entführend, die kein Rauch mehr von irdischem -Geschehen berühren kann. Und sie sah wahr, Givo hatte sie gerettet, -hatte nach jahrelanger Trennung das Kleinod seines Gefühles aus dem -brennenden Unheil getragen. Wie körperlos war diese Rettung, nicht die -Frau hatte er dem Untergang entrissen, das Weib, das er besitzen wollte, -die Hülle war es seines geheimen Heils, das er durch Jahre der Kämpfe, -der Sehnsucht hinter siebenfach verschlossenen Altären anbetend -verwahrte. Ihn verlangte nicht nach Lebendigem. Was er über die Gräfin -Arabella Karinska erfuhr, das hatte wenig gemein mit dem Gral seiner -Seele. Eine junge Frau, vom Geld ihrer Anbeter in einem kleinen Palast -lebend -- Vollblutpferde, die ein niedliches Kammermädchen mit Zucker -füttert, scharren vor dem Tor -- während oben ein Fenster sich öffnet -und die Herrin zusieht, wie es den Lieblingen mundet: so hatte, im Parke -verborgen, Givo, der Mann, der nach der Geliebten Sehnsucht trug, sie -erblickt. Eine verwöhnte Frau, die nichts mehr weiß vom Jammer der Welt, -von den Elendvierteln von London, den Judenverfolgungen in Rußland, dem -Sklavenhandel und der Nachtarbeit der Fabrikskinder. Zwischen seinem -Leben und Streben und dem ihren, das im Luxus versandet, liegt eine -Welt. Aber ihre Seelen wissen nichts von dieser Kluft, sie leben vereint -untrennbar, unentwirrbar. Daß er sie retten konnte und darob Zora -verlor, daß diese ins Unerklärliche verschwand, es erstaunte ihn nicht. -Nichts war ihm wunderbar, ihm, der im Wunderbaren lebte, ihm, der Erden -des Schmerzes wie unter den gekrampften Händen eines ohnmächtigen und -dennoch unablässig schöpferischen Gottes tief unter sich zucken fühlte. -Wie weit war er gewandert seit jener Nacht, da ihm das lichte Vögelchen -mit dem zuweilen so schwermütigen Gezwitscher entflogen war! An die -Gestade mythischer Welten war er gelangt. Er schrieb ihr: - -»Geliebte, ich sende Dir mein Kind. Seine Mutter ist tot, verschwunden. -Sie war eine Unglückliche. Ich habe, wie Du weißt, auch meine Mutter -getötet, nun diese Frau. Laß mich Dir fern bleiben. Ich tauge nicht zu -Frauen. Mein Weg ist nicht wirtlich. Bleib fern ihm! Ich will Deine -heiligen Füße nicht blutig sehen im Dornengestrüpp dieses Weges. Du -sollst die Musik der Sphären mit mir teilen, nicht das Wimmern der -Menschenqual, das meinen Tag einsingt: Wenn mein Kind bei Dir Heimat -fände, wie dankte ich es Dir! Sei ihm, was Cecile Dir einst war. Ich -komme, wenn ich nicht mehr besessen bin von den Bildern des Grauens, die -in den Leichenkammern der Verkohlten sich in meine Augen brannten. Ich -komme, Dich zu umarmen und zu -- gehen. Dein - - Givo.« - -Luise meldet einen Herrn. »Ein Herr in Uniform, von der Marine,« sagt -sie. Arabella liegt müde danieder und immer schreckt sie zusammen, wenn -es läutet, denn sie erwartet Givo. Zuerst meint sie, wenn er käme, würde -alles gut, die Vereinigung vollendet, wenn er auch vom Gehen schrieb, -aber wie sie so lange wartend liegt, kommt wieder Hellsichtigkeit über -sie und sie weiß, daß sie ihn nicht wieder gewinnen kann. Die Stunden -schleiern wie Asche auf sie herab und sargen sie ein. Als Luise den -Marineoffizier meldet, weiß sie gleich, daß es Normayr ist. Sie hat ihn -nicht gesehen seit jener Fastnacht, nur einmal dem immer in der Ferne -Versprengten einen Gruß durch einen Kameraden gesandt. Nun ist er -gekommen, weil er in Triest, sich eben ausschiffend, in den Zeitungen -las, daß auch sie im brennenden Theater gefährdet gewesen. Seltsam, oft -muß sie an ihn gedacht haben, denn er ist ihr nicht fremd; sie fühlt -plötzlich eine stille Geborgenheit, die von seiner Ruhe ausgeht und die -ihr die Qual der Wartestunden nimmt. Und obwohl das Gespräch -konventionell bleibt, ist eine verborgene Herzlichkeit, eine wissende -Wärme unter den Worten geborgen: die Hoffnung auf ein sicheres -Wiedersehen zu ruhigerer Zeit. Wie er dann gegangen ist, um bald wieder -sich für eine Nordpolexpedition einzuschiffen, rinnen rasch, sie selbst -überraschend, Tränen über ihre Wangen herab. Sie weiß selbst nicht, wem -sie gelten, ihm, Givo, sich selbst. Dem Leben wohl, dem Leben! - -Und tagsdarauf stand ein blasses Kind mit großen, stillen Augen und dem -lieblichsten Mund neben seiner englischen Nurse vor der Türe der fremden -Gräfin, bei der es nun wohnen sollte. »Gehen wir nicht hinein?« fragte -es. »Oh luk!« Die Kleine hatte glückselig den Papagei erblickt. Arabella -hörte den Ausruf des Kindes und stürzte aus ihrem Bette, ihrer -entkräfteten Glieder wieder mächtig. »Mein Kind, mein Liebling!« Noemi -erschrak nicht. Die Frau im weißen Gewand mit dem blassen -Dulderangesicht glich einem Engel. Es kam ihr eine Erinnerung, ohne daß -sie es wußte, und unwillkürlich griff sie an ihr Perlenkettchen. Dann -sagte sie leise der knieenden Frau, auf die Wange deutend, in deren -Blässe das Feuermal brannte: »Was hast du da? Tut es weh?« - -»Nein, Kind, nein, nichts schmerzt mehr, denn nun bist du ja bei mir, -bei mir,« und sie verbarg ihr Antlitz in der Kleinen Lockenhaar. - -Etwa drei Monate nach diesen Begebenheiten erhielt der Graf wieder ein -Schreiben: - -»_Mon cher_ Nicolai, es geht besser, seitdem ich draußen in -Heiligenstadt wohne. Mutter ist bei mir. Sie, die alles stiller um mich -macht. Und Noemi heißt der Glücksquell, aus dem ich schöpfe. Ich brauche -Dir nichts zu sagen von diesem meinem zweiten Leben, in das ich -zurückgekehrt bin, nachdem ich es damals in Tresano in den Tagen, als -ich Dich zum ersten Male sah, verließ. Unbewußt war ich ja wohl oft -darin zu Gaste und gefühlt hab' ich es immer in den Liebesumarmungen, -und wenn ich schöner Musik lauschte, da war ich ihm am nächsten. -- -Jetzt aber lebe ich in Weihe. Du wirst es mir nicht glauben, ich war -froh, als Givo abgereist war. Ich ertrug seine Nähe nicht, es war, als -müßte ich vor Glück vergehen, als müßte er in diesem zweiten Feuer mit -mir verbrennen. Es war zu viel. Das ist nichts für Menschen, so ein -überirdisches Glück! Givo ist jetzt in Russisch-Polen, lebt dort unter -den orthodoxen Juden, die er erretten will. Ich verstehe nicht ganz, wie -er es plant. Ich glaube, er will ihnen Liebe wecken, Sie leben nur im -Geist, sagt er, er möchte sie zurückführen zu den Dingen. Er möchte -ihnen das ruhelose Irren nehmen, ihre Seelen sollen in ein höheres -leibliches Leben eintreten, um zu gesunden. Er sieht das heutige -Judentum wie eine Abnormität, eine Krankheit. Dort, wo es auf schönen -Wegen war, soll es in ein Sektenwesen ausgeartet sein, das er -zurückleiten will zur Liebe. Wer könnte es besser als er, der sich -niemals über die anderen erhebt, sondern ihresgleichen wird, um zu -helfen. Aber ich fürchte, er wagt zu viel. Wirst Du ihn beschützen dort? -Ich weiß, daß er schwach ist, ich weiß es. Ich vertraue ihn Dir an, -Nikolai! - -Und was mich betrifft? Dein Scheidungsbrief ist vorläufig überflüssig. -Manuel ist vor den Gerichten nicht Witwer, weil er keinen Beweis -erbringen konnte, daß seine Frau verbrannt ist. Eine Reihe von Jahren -muß hingehen, bis der Tod gesetzlich beglaubigt ist. Und wozu auch eine -Ehe eingehen? Wir sind einig, wie wir es immer waren, und ein Leben wie -Mann und Weib es führen, scheint uns nicht beschieden zu sein. Er muß -seinem Genius Deva Nahuscha folgen und sein Lebenswerk weiterfördern in -Klüften und Bergen, in denen ihm göttliche Sonne strahlt. Vielleicht ist -er ein Märtyrer und ich muß ihm dereinst mit meinen Haaren das Herzblut -stillen wie Magdalena des Heilands Füße trocknete. Leb wohl. Du hörst -Heiteres, sobald der Frühling mich Frierende erwärmt. Deine - - Bella.« - - - - - Ende - - -Aus den nachgelassenen Schriften des Maurus Perbon geht hervor, daß sein -Meister Imanuel Givo, dem er sich anläßlich seiner Lehrerschaft in Polen -und Rußland anschloß, während eines Pogroms, fälschlich für einen Juden -gehalten, deren Verteidigung er übernommen hatte, um das Leben kam. Dem -Bericht ist hinzugefügt: »Seine Tochter Noemi Cecilia lebt bei seiner -Herzensfreundin, der Frau Arabella von Normayr.« - -Wie ersichtlich, hatte sich Arabella mit ihrem Jugendfreund, dem -nachmaligen Admiral, vermählt. Mannsthal besuchte sie vor ihrer -Verheiratung und bei dieser Gelegenheit soll sich ein Unglück ereignet -haben, das allerdings glimpflich ablief. Auf nicht völlig aufgeklärte -Art ging in den Händen der Gräfin ein Revolver los und traf ihren -Stiefvater an der Schulter. Die Dienstboten behaupteten, daß zur -nämlichen Stunde die Herrin im Hause vergeblich und sehr erregt nach -ihrer heißgeliebten Ziehtochter, der vierzehnjährigen Noemi, gesucht -habe und diese schließlich schwer geängstigt bei dem wunderlichen Herrn -Mannsthal angetroffen hatte. Luise, die noch immer bei ihr diente, -wollte gehört haben, wie die Gräfin zu der alten Frau Gunter gesagt -hatte: »Gott sei Dank, ich kam gerade recht.« Der alte Herr Mannsthal -war dann vor der Hochzeit, die in aller Stille stattfand, noch mit dem -Arm in der Schlinge abgereist. - -Die zweite Ehe der Gräfin Karinska, die mit dem Grafen Nicolai bis zu -dessen Tode in regem Briefwechsel verblieb, soll still und sehr -glücklich gewesen sein. Doch starb Arabella von Normayr allzufrüh an -einer akuten Herzkrankheit. - -Angele hatte die traurige Pflicht ihren Gatten, den Admiral, zu -verständigen, der sich eben auf einer Seereise befand. Über das Meer -dröhnte ein Kanonenschuß. Dreihundertzwanzig Matrosen knieten und -beteten. Eine schwarze Fahne stieg langsam mastaufwärts und flatterte im -Abendwind, der von den Küsten Japans Blütenduft auf den Schwingen trug. -Leise löste sich über den gleichmäßigen Wellen der grünlichen See die -schmale Rauchsäule in die Unendlichkeit. - - Ende - - - Druck von »Norbertus« Buch- und Kunstdruckerei vorm. J. Roller & Co. - Gesellsch. m. b. H., Wien. - - - Anmerkungen zur Transkription - -Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere -Korrekturen sind hier aufgeführt (vorher/nachher): - [S. 98]: - ... Flügel sie zuweilen streiften, und wir ihr dann auch vor ... - ... Flügel sie zuweilen streiften, und wie ihr dann auch vor ... - - [S. 237]: - ... versorgte sie tagsüber das neun Monate alt Kindchen, ... - ... versorgte sie tagsüber das neun Monate alte Kindchen, ... - - [S. 270]: - ... blaß, er neigte sie vor, die Antwort rasch aufzufangen. ... - ... blaß, er neigte sich vor, die Antwort rasch aufzufangen. ... - - [S. 371]: - ... Mistelweg des Heiles bruderselig vom Stamme schnitt. ... - ... Mistelzweig des Heiles bruderselig vom Stamme schnitt. ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Vögelchen, by Friderike Maria Winternitz - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VÖGELCHEN *** - -***** This file should be named 57114-8.txt or 57114-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/7/1/1/57114/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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