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-The Project Gutenberg EBook of Vögelchen, by Friderike Maria Winternitz
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Vögelchen
-
-Author: Friderike Maria Winternitz
-
-Release Date: May 8, 2018 [EBook #57114]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VÖGELCHEN ***
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-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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- Friderike Maria Winternitz
-
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-
- Vögelchen
-
-
- Roman
-
-
- 1919
- S. Fischer, Verlag
- Berlin-Wien
-
-
- Erste bis achte Auflage.
-
-
- Alle Rechte vorbehalten, besonders das der Übersetzung.
- Copyright 1919 S. Fischer, Verlag, Berlin.
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-
- Romain Rolland dankbarst
- für viele Güte und Freundschaft
-
-
- »Ich nenne sie deshalb
- Vögelchen, weil es
- etwas Reizenderes als Vögelchen
- nicht gibt.«
-
- Dostojewski »Der Idiot«.
-
- Fürsten der Erde und Sklaven, blutig gegeißelt,
- Kamen wie Brüder zusammen im Dome unserer
- Andacht:
- Den Friedenskuß brachten wir allen gezeichneten
- Stirnen,
- Der Erde drückendste Träume wie heimlich Seufzen
- der Mutter waren uns verständlich
- Und, wo sich abwandten unsere Brüder voll
- Grau'n, liebten wir noch.
-
- Ottokar Brezina »Wahnbethörte«.
-
-
-
-
- Kindheit
-
-
-Etwa um das Jahr 1860 fand in Wien, im Hause einer adeligen Dame, eine
-Ausstellung von Miniaturen statt, in der besonders zwei Sammlungen, die
-Adalbert Mannsthals, des Besitzers oder Großaktionärs der
-Mannsthal-Werke, und die des Nervenarztes Dr. Clemens Urbacher,
-Aufmerksamkeit erregten.
-
-Mannsthals Sammlung war die eines sehr reichen Mannes, der sich sowohl
-Bestes als auch Reichhaltigkeit gönnen konnte. Sie unterschied sich
-wesentlich von der Urbachers, der als theoretischer Gelehrter über
-geringe Einkünfte verfügte, als wohlhabender Bürgerssohn nicht mehr als
-einer angenehmen Sorglosigkeit sich erfreute. Seine Miniaturen waren mit
-Bedachtsamkeit ausgewählt und niemals ohne das Bewußtsein des Luxus, den
-der Ankauf bedeutete. Er fand es sündhaft für ein Bildchen, für eine
-bemalte Dose oder Brosche viel Geld auszugeben, als Philanthrop fühlte
-er dies angesichts des menschlichen Elends, der Spitalsnot, der
-wirtschaftlichen Wirren. War er nun aber wahrhaftig solch ein Sünder,
-der vor einem Elfenbeinangesicht, das mit verträumten Augen in ein
-entschwundenes Leben lächelt, an schlecht dotierte Nervenanstalten,
-skrofulöse Kinder und rekonvaleszente Frauen vergessen konnte, so mußte
-Adalbert Mannsthal, trotz seiner wohltätigen Aktionen, ein noch viel
-größerer Frevler gewesen sein. Seine Leidenschaft für diese
-verbleichende Kunst, die um so rührender ist, weil sie wohl auf immer
-der Vergangenheit angehört, war so groß, daß er ihr seine lebendige Frau
-geopfert hat, seine liebliche und sanftmütige und noch jugendliche Frau.
-Die Sache hatte seinerzeit in Wien viel von sich sprechen gemacht, denn
-das kleine Mädchen, das Frau Martha Mannsthal in die Ehe gebracht hatte,
-verblieb bei dem Stiefvater. Es verlautete, daß zur Zeit der Heirat ein
-Kontrakt zustande gekommen war, wonach Arabella, das Kind, im Falle
-einer Scheidung, wie ein in der Ehe geborenes, dem schuldlosen Teile
-zugesprochen werden sollte. Man hatte herumgedeutet, was wohl die
-Beweggründe dieses nicht alltäglichen Vertrages sein mochten. Die einen
-waren der Ansicht, daß Mannsthal dadurch die Frau fester an sich binden
-wollte. Böse Zungen meinten darin ein Warnungszeichen zu erblicken, ein
-Mißtrauen gegen die Beständigkeit der Dame. Andere behaupteten,
-Mannsthal hätte das kleine Mädchen so lieb gewonnen, daß ein etwaiger
-Verlust ihm unerträglich schien, und ein nicht ganz harmloser Spötter,
-der zu dieser Gruppe gehörte, deutete, daß es ja immerhin möglich wäre,
-daß das kleine Mädchen der entscheidende Grund zur Heirat gewesen sei,
-und daß nicht die Frau, sondern das Kind es vermocht hatte, aus dem
-Sonderling und Eigenbrödler einen seßhaften Ehemann zu machen.
-Keinesfalls konnte ein Zweifel darüber herrschen, daß Mannsthal seine
-Frau nach der Geburt des Töchterchens kennen lernte, denn sie hatte mit
-ihrem kranken Manne in Ägypten gelebt, während Mannsthal gerade in
-diesen Jahren keine größere Reise unternommen hatte. Das Gericht hatte
-möglicherweise Mannsthal als den richtigen Vater anerkannt, was wohl
-eine Bedingung zur Abfassung des Vertrages gewesen sein mochte. Wenige
-Wochen vor der Scheidung hatte man in Gesellschaft der hübschen Frau
-einen Ausländer auftauchen sehen, dem alle äußeren Merkzeichen eines
-Frauenverführers zuzusprechen waren. Diejenigen, die die Vereinbarung
-dieser Eheschließung kannten, waren über die Kühnheit verwundert, mit
-der die Mutter mit dem Feuer spielte. Zu dieser Zeit hatte Mannsthals
-Sammlerleidenschaft ihren Höhepunkt erreicht und man schwärzt ihn nicht
-an, wenn man behauptet, daß er ihr seine Frau hintanstellte und deren
-Wünsche den Unsummen opferte, die er für seine Miniaturen verausgabte.
-Auffällig war, daß das kleine, ungemein zarte Mädchen nach wie vor wie
-ein Prinzeßchen gehalten wurde und sich über keinerlei Zurücksetzung von
-seiten des Stiefvaters zu beklagen hatte.
-
-Urbacher kam kurze Zeit nach der Scheidung in Mannsthals Haus, um eine
-seiner Neuerwerbungen zu besichtigen, und bei dieser Gelegenheit lernte
-er sein Töchterchen Arabella, das Vögelchen, kennen. Niemand dachte
-daran, daß dieses Mädchen -- es war damals etwa fünf Jahre alt -- einen
-andern Namen führen könnte. Es war scheu, lebhaft, sanft und versonnen,
-zart und wärmebedürftig, irgendwie der Natur, ja dem Erdmagnetismus
-verschwistert, und seine Stimme war wie ein Sang, der durch eine Stille
-tönt. Unwillkürlich schwieg alles, wenn Vögelchen sprach. Jeder fühlte
-sich geneigt, es wie ein aus dem Nest gefallenes Junges gleichsam mit
-der warmen, gehöhlten Hand zu decken und zu schützen, und blieb dennoch
-zaghaft, vorausahnend, daß es mit leichten Flügeln den zarten Körper
-heben und entflattern würde, wenn man sich ihm allzusehr näherte. Und
-doch war es so zutraulich, daß von ihm selbst Ermutigung auszugehen
-schien, es zu greifen.
-
-Was Vögelchen auch in den späteren Jahren über die Maßen reizend machte,
-war das völlig Unbewußte, fast Heilige ihres Wesens, das nicht dem eines
-Menschenkindes glich und etwas von der berückenden Schuldlosigkeit der
-Tiere an sich hatte. Urbacher fiel es gleich an ihrem Äußern auf, daß
-sie eine große Ähnlichkeit mit jenen malerischen Gebilden hatte, die
-Adalbert Mannsthal zu seiner Gesellschaft erkoren hatte. Ihr Gesichtchen
-war so weich, zart und unwirklich wie das der Miniaturen, ihre Züge wie
-mit einer leisen Feder gezeichnet, ihre Augen klug, lächelnd und von
-Sehnsucht erleuchtet, so stark im Ausdruck, daß dies unheimlich
-Heimliche der Seele klar zu sprechen schien und gewiß nur die
-menschliche Stumpfheit schuld trug, wenn sie diese Botschaft nicht
-erfassen konnte. Alles Beiwerk ihrer Erscheinung verflüchtigte sich
-gänzlich, war wie aufgelöst durch ihren überstrahlenden Blick. Als
-Urbacher Vögelchen inmitten dieser Bildchen sah, die ihren Namen, wie
-Diderot behauptete, von dem zart einschmeichlerischen Worte mignard
-ableiten, fiel ihm jener Spötter ein, der vielleicht im bösen Sinne die
-wahre Deutung von Adalbert Mannsthals Ehe gefunden hatte.
-
-Wenn man also mit hinlänglicher Sicherheit davon ausgehen konnte, daß
-die erblühte Anmut der geschiedenen Frau den Schönheitssucher Mannsthal
-weniger gefesselt hatte als die des kleinen Mädchens, so war die
-Eifersucht, die ihre Mutter der Sammelwut ihres Gatten entgegenbrachte,
-ein Kampf um die Vorzugsstellung, die dieser der Tochter einräumte, der
-Kampf der Blüte gegen die Knospe. Man bedenke, daß sie die Klausel des
-Ehekontraktes kannte, in die sie in der vollsten Sicherheit ihrer selbst
-wie in eine Laune gewilligt hatte, da sie in ihr nur den Beweis einer
-starken Zuneigung vermutete. Man mußte jedoch Adalbert Mannsthal kennen,
-um es zu wagen, den Verdacht auszusprechen, daß er vom Augenblick, da er
-Vögelchen sah, planmäßig vorging, um eines Tages in ihren alleinigen
-Besitz zu gelangen. Man mußte seine Natur kennen, die es glaubhaft
-machte, daß er seine Frau nicht einmal als die beste Pflegerin
-Vögelchens neben diesem duldete, wiewohl er an dieser etwas willensmüden
-Gefährtin sicherlich seine Freuden hatte.
-
-Mannsthal hatte jene Freundschaft mit dem Ausländer, die ihm den Vorwand
-zur Scheidung bot, gleichmütig, ja wie mit Schadenfreude geduldet. Weiß
-Gott, welch teuflischer Plan in ihm erwacht war. Es erscheint nicht
-unmöglich, daß er selbst es gewesen sein konnte, der diesen Aventurier
-gedungen, seine Frau zu versuchen.
-
-Die Sammler sind ein eigenartiger Menschenschlag. Sie haben etwas von
-den rastlosen, unterirdischen Tieren, von den neidischen Hamstern und
-Mardern. Von diesen heißt es, sie seien klug, listig, mißtrauisch,
-behutsam, äußerst mutig, blutdürstig und grausam, gegen ihre Jungen aber
-ungemein zärtlich. Die Art, wie der Hamster sich für magere Zeiten
-versorgt, ist allen bekannt. Jedenfalls schien Mannsthals Bemühen um
-dieses Kind ein Aufsparen für die Zukunft.
-
-Die Erziehung und Pflege, die der Kleinen zuteil wurde, war ganz darauf
-gerichtet, lange in ihr das Kindliche zu schonen und zu erhalten.
-Vögelchen besuchte niemals eine Schule, ja, es fanden sich erstaunliche
-Lücken in ihrem Wissen, als sie den Jahren nach schon ein großes Mädchen
-war. Von den Zielen der Aufklärung, die damals im Unterrichtswesen
-allmählich Wurzel faßten, blieb Vögelchen gänzlich unberührt. Ihre
-Körperpflege war danach angetan, ihr eine kühle Zartheit zu bewahren.
-Mannsthal ließ sie niemals aus den Augen; ohne daß sie dies fühlte, war
-sie allüberall von seiner Wachsamkeit umstellt. Das bedeutete nicht, daß
-Vögelchen ängstlich abgeschlossen war. Sie sah Kinder um sich, aber sie
-waren meist viel jünger als sie selbst und niemals altklug. Auch vom
-Kreise der Erwachsenen, die in Wien bei ihrem Stiefvater aus- und
-eingingen, verbannte man sie nicht, wohl weil sie selbst niemals unter
-ihnen blieb, sie flatterte an ihnen vorüber. Anders wollte sie es selbst
-nicht. Sei es daß Mannsthal eine Art Hypnose auf das Kind ausübte oder
-daß alles, was sie tat, sein Wunsch zu sein schien, weil er nichts
-anderes zu wünschen vermochte, eine seltsame Harmonie herrschte zwischen
-den beiden, die manchmal ein leidenschaftliches Aufflammen der Seelen
-krönte. Trotz allem schien es, daß Vögelchen Mannsthal nicht liebte wie
-einen Vater. Es war auch etwas von der Anhänglichkeit der Zirkuskinder
-für ihren Peiniger, der Wunderkinder für ihren Impresario in ihrem
-Gefühl. Ein viel zu starkes Innenleben wohnte ihr inne, um nicht im
-Unbewußten zumindest Ahnung zu erwecken, daß man an ihrer Mutter
-gefrevelt und sie um diese beraubt hatte. Man hatte ihr nichts erklärt,
-und sie schwieg. Aber, wenn sich der Eindruck des nestlosen, frierenden
-Vögelchens verstärkte, war es, als dächte sie an die Mutter, die nach
-einem hartnäckigen Kampf es aufgegeben hatte, ihr Töchterchen
-zurückzugewinnen. Dennoch war ihr Verteidiger und Anwalt ein
-leidenschaftlicher junger Geist, ein fulminanter Redner gewesen, von dem
-die Rechtswelt noch viel erwartete. In seinem Plaidoyer hatte er den
-Spieß umgekehrt und Mannsthal des Treubruches angeklagt. »Ist es nicht
-ganz unwesentlich,« hatte er gesagt, »ob die Frau, der ich ein Vermögen
-opfere, der ich mich mit allen Fibern hingebe, um derentwillen ich mein
-angetrautes Weib der Verlassenheit und ihren Gefahren preisgebe, ist es
-nicht unwesentlich, daß diese Frau nicht eine greifbare Verführerin ist?
-Der Sammelleidenschaft hat Herr Adalbert Mannsthal gehuldigt, mit ihr
-hat er Orgien gefeiert. Er hat dem Laster gefrönt. Und wenn in Ihren
-Augen auch der Verdacht gegen Frau Mannsthal berechtigt erscheinen
-könnte, wenn man auch sie des Lasters bezichtigen könnte, Sie werden
-sich nicht der Gerechtigkeit versagen, Adalbert und nicht Martha
-Mannsthal als den schuldigen Teil zu erkennen. Denn, meine Herren, was
-ist das Laster überhaupt? Laster ist unendliche Hingabe. Vielleicht
-finden wir darin den Schlüssel, daß es Menschen gibt, die durch die
-Gewalt ihrer Hingebungsfähigkeit zugleich Heilige und Lasterhafte sind.
-Wenn nun ein Mensch seine Hingebungsfähigkeit, die ein anderer verkannt
-und verraten hat, einem Menschen schenkt, der mit den heißesten Wünschen
-darum wirbt, der Verräter und Verkenner dieses Gefühles sich hingegen an
-ein Phantom verliert, einer Unwirklichkeit das lebendig zuckende Herz
-opfert: welcher von den beiden, meine Herren, ist der Sündhaftere, der
-Schuldige?«
-
-Der junge Verteidiger vermochte die Herren des Gerichts nicht zu
-überstimmen, der Prozeß konnte nur im Vergleichsweg ausgetragen werden.
-Martha Mannsthal aber verheiratete sich nach Jahresfrist mit ihrem
-Rechtsanwalt.
-
-»Aller guten Dinge sind drei,« sagte ihr zweiter Mann, als er es erfuhr.
-
-Vögelchen aber wußte nichts von dem freiwilligen Verzicht, den der
-feurige junge Redner ihrer rechtsunkundigen Mutter abgezwungen hatte zur
-Erlangung eines beträchtlichen Vermögens, das Mannsthal bot, und zur
-Vermeidung einer allfälligen strafrechtlichen Verfolgung. Vögelchens
-Augen fragten zwar unablässig in das Leben, das ihr fremd und weit war,
-aber sie schienen eine Antwort nicht abzuwarten, als scheuten sie ihr
-Wissen. Nirgends verblieben sie lange, als fürchteten sie, zu warm zu
-werden, so stark war ihr Schauen. So hielt sie denn bei niemandem still.
-Urbacher war es damals allein beschieden, ihres Rastens froh zu werden.
-Von allen Menschen, die bei Adalbert verkehrten, war er der einzige
-(wohl auch dank seiner Eigenschaft als Arzt), dem Vögelchen sorglos
-anvertraut wurde. Niemals aber -- und wie recht gaben die zukünftigen
-Ereignisse diesem Empfinden -- fühlte er dieses Vertrauen als festen
-Besitz. Dennoch gelang es ihm im nahen Beisammensein den Sinn zu
-erforschen, der Vögelchens Fliehen und Flattern bewegte. Sie war ein
-kleiner Zugvogel, der in unserer Kühle nicht Heimat hat, einer großen
-Wärme bedürftig und dennoch die große Flamme fürchtend; einer Glut
-schien sie aufgespart, die sie ersehnte und scheute. Irgendwo im Leben
-wartete sie und vielleicht war sie nicht allzu ferne. Dem Freund ward
-nicht bange. Vögelchen hatte Schwingen, die kein Feuer versengen und
-verzehren würde.
-
-Urbacher schrieb damals in sein Tagebuch, das nach seinem Tode einigen
-vertrauten Freunden zugänglich gemacht wurde: »Ich kann es nicht
-verschweigen, daß jede Guttat, die ich verrichtete, mir auf
-geheimnisvolle Weise von Vögelchen abgefordert wurde. Ich befand mich
-oft in einem Zustand äußerster Anspannung, in einem traumhaften Bann,
-der mich zum Vollstrecker allerlei Zartheiten machte und meine
-Feinfühligkeit erregte. Aber ich muß gestehen, daß ich meine Sehnsucht
-nach einem Übermaß der Güte, ja eines Heiligseins schließlich nur aus
-dunklen Trieben zu sättigen vermochte. Es ist ein eigen Ding um solches
-Sehnen, das sich mit einer falschen Antwort auf seine Fragen beruhigen
-läßt, als müßte aus dem wissentlichen Unterliegen rein und klar die
-Demut erwachsen, wie oft eine wunderliebe Blume aus dem Morast ihre
-Reinheit erhebt. Meine eigene Schwachheit flößte mir Mitleid ein und
-Verstehen. Daraus erklärt sich, daß ich Mannsthals Freund geblieben war,
-als ich ihn vor meinem innern Auge entlarvt hatte. Um Vögelchens willen
-mußte ich ihm Handlungen verzeihen, die ich selbst wohl niemals begangen
-hätte. Ich empfand vor der Planmäßigkeit, mit der er seinen Besitz
-erschlichen, bewahrte und verwahrte, ein fast physisches Gefühl, das
-Grauen und Lust in sich paarte. Mannsthal schien ein Kühler. Sein Geist
-war durch nichts überwuchert, mit nichts durchsetzt, er war gleichsam
-durch die Sinne zur äußersten Oberfläche seiner Handlungen getrieben,
-und hier in stetem Spiel. Ich habe niemals ein Gefühl bei ihm entdeckt,
-das ganz schlackenlos und, wenn ich sagen dürfte, geistlos aus ihm
-loderte. Ich ahnte, daß er äußerster Dinge bedurfte, um seinen Geist zum
-Scheintod zu zwingen. Ein Hang zur Unmäßigkeit war ihm eigen.
-Entschlüsse brachen blitzartig aus ihm, er war ihnen verfallen wie einem
-geheimen Befehl seines Unterbewußtseins. Der Abbruch unserer Beziehungen
-war ein solcher Entschluß. Und dennoch war Mannsthal unbedingt das, was
-man einen edlen und in mehrfachem Sinn einen gemeinnützigen Menschen
-nennt. Es fehlte ihm weder an impulsiver noch an wohlbedachter Güte,
-obwohl auch an seiner Schädlichkeit nicht zu zweifeln war.«
-
-Zu jener Zeit verfolgte Mannsthal dem Kinde gegenüber die Verwirklichung
-seiner Vorstellungen in einer Art, die grausam zu nennen war. Er wollte
-Vögelchen wie ein Wesenloses, ein Bild genießen, er hätte sie hungern
-lassen, damit sie leicht bleibe wie ein Schmetterling. Er wollte sie wie
-eine Vision in seinem Leben haben, er vergötterte und förderte ihre
-Zerbrechlichkeit. Urbacher aber liebte ihre Zartheit, die ihm wie eine
-Gefahr schien, für die er immer bereit sein mußte. »Wundersam war es
-mir,« so schrieb er, »die Wandlungen zu beobachten, denen Vögelchens
-Wesen unterworfen war. Wie die starre Unzugänglichkeit der
-byzantinischen Malerei sich in die kindliche Freundlichkeit der
-toskanischen und sienensischen Mystiker wandelt, so erblühte aus dem
-strengen Kind ein magdhaftes, stolzes und doch schüchternes Wesen, wie
-Ambruogio Lorenzetti, der stille seine Madonnen malte, als eben der
-heilige Franziskus die Natur entsühnt hatte. Das sinnend zur Seite
-geneigte Köpfchen, die minnigliche Holdseligkeit der schmalen Arme und
-Hände, die Biegung der Gestalt, über all dies körperlich Verengte, über
-die überirdische Lieblichkeit, diese Schwingungen der Zartheit, schwebte
-der träumerische, himmlische Friede des Trecento. Als wäre sie aus den
-Bildern jenes anmutreichsten Deutschen, aus Stephan Lochners Tafeln, zu
-uns herabgestiegen mit der mädchenhaften Schalkhaftigkeit seiner
-Madonnen, als käme sie aus den Welten jenes Fraters, der hinter den
-Klostermauern von San Marco schuf. Ihr Füßchen schien feucht von den
-Wiesen auf Fra Angelicos Bildern, die im Frühlingsschmuck prangen, und
-manchmal waren kleine, ungefährliche Teufelchen um sie, wie sie der
-Gute, Lichte gemalt. Oft aber, wenn sie eben getollt und gelacht hatte,
-geschah es, daß sie reglos still wurde, als horche sie. Da konnte sie
-ihre artigen Manieren vergessen und minutenlang in ein Antlitz starren
-mit einer Neugier, die grausam schien. Wenn der von ihr Gemusterte
-umgesunken, wenn vor der Tür ein Schuß gefallen wäre oder eine ersehnte,
-unerwartete Stimme sie gerufen, sie hätte den festgesaugten Blick nicht
-von dem Gegenstand ihrer Wißbegierde gewandt. Was sie erforschte,
-erzählte sie nicht, doch war es oft erstaunlich, wie unterrichtet sie
-war. Ihre kindliche Ahnungslosigkeit blieb dennoch unerschütterlich. Sie
-selbst aber glaubte mit einer gar zu drolligen Genugtuung, den Dingen
-auf den Grund gekommen zu sein.«
-
-Adalbert Mannsthal hatte gleich nach seiner Scheidung das alte
-Familienhaus verlassen und ein Haus gekauft, in einem Bezirk, in dem
-noch alte Gärten vom merkantilen Unternehmersinn verschont geblieben
-waren. Es wäre ganz undenkbar gewesen, daß Mannsthal, der in feudaler
-Umgebung aufgewachsen war, mit fremden Leuten in einem Hause wohne, in
-einem Zinshaus. In seinem Heim erinnerte eigentlich nichts an eine
-bestimmte Zeit. Die Räume waren alle groß, still und nicht sehr hell.
-Die Luster waren Kerzenträger, die Spiegel hatten Metallrahmen, die
-Bücher standen hinter schweren smaragdfarbenen Seidenvorhängen, die
-Sitzmöbel schienen unbeweglich, so massiv waren sie. Antike Kunstwerke
-und wertvolles Porzellan schmückten die Wände. Vögelchen sah um so
-zierlicher aus in dieser Umgebung. Aber die ein wenig düstere Lage des
-Hauses und der tiefe Schatten des umschlossenen Gartens machten einen
-längeren Sommeraufenthalt für das Kind unumgänglich. Mannsthal besaß aus
-der Erbschaft nach einer Tante ein Landhaus an einem See der Kalkalpen.
-Dieses bestimmte er für Vögelchens Sommersitz. Er selbst verbrachte
-gewohnheitgemäß einen Teil der warmen Jahreszeit in einem Wildbad, das
-er einmal wegen eines Leidens aufgesucht hatte. Seltsam verjüngt kehrte
-er immer von dort zurück. Während seines Fernseins wohnte Urbacher in
-dem Landhaus am See und verließ es gewöhnlich bald nach Mannsthals
-Eintreffen, um seine einsamen Gebirgswanderungen anzutreten.
-
-Der Aufenthalt am See ward Urbacher die schönste Lebenszeit. Wie
-beglückend war ihm das Bewußtsein, daß der künftige Tag und die vielen
-folgenden ein Wiedersehen mit Vögelchen bargen, daß er sie sehen konnte,
-wann er wollte, bei ihren kleinen Gärtnerarbeiten, bei den ergötzlichen
-Schulstunden, die sie, die Unbelehrte, mit den Bauernkindern abhielt, im
-Kahn, im Bade, im Walde, wo sie so durchscheinend blaß erschien, in
-ihrem Zimmerchen, das ein wenig phantastisch war, etwa wie das Zelt
-eines kleinen Indianerhäuptlings. Vögelchen liebte Fische. In dem Teich
-mit der Fontäne, deren Stimme sich in ihre Träume mischte, zog sie große
-Goldfische und eine andere weißliche Art, die sie Mondstrählchen nannte.
-Sie verehrte sie wie heilige Tiere.
-
-Die Wochen, da ihr Stiefvater abwesend war, benützte Urbacher, sie zu
-belehren, und ihren Geist von dem eigenen bewegten Innern auf dieses
-anderer Menschen und Geschehnisse zu lenken. Märchen ergötzten sie
-nicht. Sie schienen farblos zu sein gegen solche, die sie selbst ersann.
-Waren ihr doch die wirklichen Ereignisse wundersame Begebenheiten, für
-die sie absonderliche und unzutreffende Deutungen fand. Daß sie das
-Leben wie ein Wunderland sah, unheimlich und doch nach ihrem Sinne, ohne
-Unerklärlichkeit, das erfüllte den Freund oft mit dem Bangen wie vor
-einer unabwendbaren Katastrophe. So marionettenhaft ihr auch die
-erdachten Märchen erschienen, so unermüdlich horchte sie den Berichten
-aus fremden Ländern. Sie war darin wie ein Junge. Ihre Bibliothek
-bestand aus Reisebeschreibungen. Sie liebte auch die Berichte von großen
-Taten und die Schicksale der Hilfsbedürftigen und Bresthaften fesselten
-sie. Aber auch das Dämonische und Grausame erweckten in ihr eine fast
-fieberhafte Neugier und es war unklar, ob dies aus Mitleid für die Opfer
-oder aus jenem bösen Instinkt geschah, der Kindern mehr als Tieren eigen
-ist. Urbacher fragte sich oft, ob Vögelchen ihre Lebensweise nicht eines
-Tages als Zwang empfinden würde, ob nicht schon Sehnsucht heimlich an
-ihr zehrte. Man ergründete niemals die eigentliche Quelle ihrer
-Zartheit. Noch schien sie ganz ruhig, ausschließlich auf die kleinen
-Dinge gerichtet, mit denen sie ihr Leben bevölkerte. Sie hatte eine
-seidenhaarige Katze, Fische, Reisebücher, Blumen und einen kleinen
-buckligen Bauernbuben zum Pagen. Sie trug jahraus jahrein weiße Kleider
-und farbige Ketten, die sie selbst verfertigte, des Sonntags eine
-zierliche echte Perlenschnur, ein Andenken von der Mutter. Sie sammelte
-Muscheln, Schmetterlinge und Käfer und nähte mit ihrer alten Wartefrau
-Kleidchen für arme Kinder, die meist zu klein ausfielen. Mit Mannsthals
-Gästen freute sie sich, obwohl sie viele unter ihnen nicht liebte, und
-stürzte sich mit hungrigen Fragen auf sie. Von der Welt, die man die
-Gesellschaft nennt, schien sie nichts zu wissen. Ihr war jeder Mensch
-ein zusammenhangloses Wesen und sie hielt ihm nichts zugute, da sie die
-Beziehungen seines Lebens nicht kannte und verstand. Oft aber entzückte
-sie ein Selbstverständliches. Urbacher verfiel immer wieder in
-Grübeleien über Vögelchens Zukunft. Mannsthal aber war keinerlei
-Erwägungen zugänglich. Man schlug ihm vor, mit Vögelchen zu reisen, da
-ihr Interesse für fremde Gegenden oft leidenschaftlich hervorbrach. Wenn
-nun auch Arabella noch keinerlei Unruhe zeigte, durfte Mannsthal ganz
-sicher sein, daß sie nicht in ihr unsichtbar sich vorbereitete? Als man
-ihm darüber Vorstellungen machte, meinte er, die Kleine sei eben nicht
-wie andere Vierzehnjährige, und sein Lächeln schien hinzuzufügen, er
-habe dafür gesorgt, daß ihr noch keine Flügel wüchsen. Es geschah
-jedoch, wie Urbacher es voraussah.
-
-Es begab sich, daß Mannsthal, der Doktor und Vögelchen an einem blauen
-Juliabend an das jenseitige Ufer des Sees ruderten. Dort war vor kurzem
-ein verlassenes Schloß zu einer Fremdenherberge verwandelt worden. Auf
-der Terrasse, die weit ins Wasser hinausgebaut war, standen die Tische
-und Sessel, in denen die Reisenden und erholungsuchende Menschen sich
-müßig gegenüber saßen. Man konnte weithin den erhellten Saal sehen, aus
-dem oft wiegende Tanzmelodien klangen. Modisch gezierte Leute gingen hin
-und wieder. Adalbert, der diese Welt nicht suchte, aber niemals mied,
-begann mit Spott über dies Leben zu sprechen, das die Menschen zu
-Pagoden mache, in die Landschaft schlechte Farben und grelle Töne
-brächte. Es schien plötzlich eine Unrast in ihm zu sein wie in einem
-Tier, das etwas wittert. Der Abend barg eine von fremdem Duft beladene
-Schwüle, wie sie Gewitternächten vorangeht. Adalbert und der Doktor
-hatten fast den ganzen Tag im Studierzimmer verbracht, in die
-Angelegenheit einer Fälschung vertieft, der sie auf der Spur zu sein
-glaubten. Auch Vögelchen war den ganzen Tag über allein gewesen, wie
-vergraben zwischen ihren Blumen und Tieren. Das belebte Gelände am See
-erschien den aus der Einsamkeit Tauchenden wie eine Luftspiegelung; ganz
-fremd sah es in ihr Leben. Aber während Adalbert weiter sprach, als
-fürchtete er eine Stille, in die dies Fremde lauter tönen könnte, waren
-Vögelchens Augen mit jenem sich ansaugenden Ausdruck auf das Gestade
-gerichtet. Mannsthal saß am Steuer, während Urbacher in lässiger
-Betrachtung des neuen Bildes die Ruder gesenkt hielt.
-
-Als er sie wieder aufnahm, sagte Vögelchen: »Bleiben wir noch.«
-
-»Nein, wir müssen zurück. Es kommt Sturm,« mahnte Mannsthal.
-
-»Steigen wir aus,« bat Vögelchen. »Ich will nicht bei Sturm auf dem See
-sein, bitte, Va.« Sie sagte Va. Sie vermied, Vater zu sagen.
-
-»Unmöglich, Kind.«
-
-In dem völligen Gleichklang der Wünsche, der zwischen Vögelchen und
-ihrem Stiefvater herrschte, war dieser Mißton ein Ereignis, der schon
-einer starken Reibung gleichkam. Vögelchen biß die Lippen zusammen und
-preßte erbleichend die Hände aneinander. Ihr Blick blieb unverwandt auf
-das Ufer gerichtet, während Urbacher langsam heimwärts ruderte. Doch
-plötzlich schien sich die Pein zu lösen und einer neuen Hoffnung zu
-weichen.
-
-»Ich möchte dort wohnen,« sagte sie und ihr schmales Gesichtchen war von
-einer Freude und wie von einem Erstaunen über diese erhellt. Aber in
-diesem Augenblick, da ein heißer, plötzlicher Wunsch ihrer Sehnsucht die
-Tore brechen wollte, sah sie den Widerstand und der Anprall war stark.
-
-»Was müßte geschehen, Va, daß ich in diesem Schlosse wohnen kann?« rief
-sie.
-
-»Nichts kann hiezu geschehen,« sagte er.
-
-»Müßte das Schiff brechen und wir von den Leuten dort gerettet werden?«
-fragte sie weiter.
-
-»Keiner würde für uns seine feinen Schuhe naß machen,« erwiderte
-Mannsthal.
-
-»Wenn wir nun heimkämen und das Haus stünde nicht mehr da,« fragte sie,
-sich an das Wunder klammernd. Und als sie Mannsthal lächeln sah, fuhr
-sie fast böse auf. »Könnte es denn nicht abgebrannt sein oder
-eingestürzt? Wenn ich es ganz fest wollte, Va. Dann müßten wir im Schloß
-bleiben, es ist das einzige Obdach,« jubelte sie.
-
-»Und dein Dachzimmer mit den Puppen, Ari,« sagte Mannsthal fast
-höhnisch, als wollte er sich rächen.
-
-Vögelchen errötete und verstummte. In einer Mansarde bewahrte sie noch
-Spielzeug auf und ihr kleiner buckliger Page hatte jüngstens verraten,
-daß sie dort heimlich spiele.
-
-Spät abends an dem darauffolgenden Tage, da Mannsthal in einer
-geschäftlichen Angelegenheit in die Kreisstadt gefahren war, spürte man
-plötzlich im Wohnhaus einen beizenden Geruch. Rauch schlug aus dem
-schwedischen Ofen. Gleichzeitig polterte der Knecht aus seiner Kammer
-die Bodenstiege herab. Das Haus brannte. Urbacher warf sich in seine
-Kleider und stürzte in Vögelchens Zimmer. Das Bett war zerwühlt. Er rief
-nach dem Kinde -- kein Laut. Die Dienerschaft war schon auf den Beinen.
-Niemand hatte Arabella gesehen. Er gab Befehle, aber alles schien
-unwichtig, ehe man nicht Vögelchen gefunden hatte. Das Feuer ging von
-einer Vorratskammer am Dach aus. Es war zweifelhaft, ob man das Haus
-würde retten können, da es fast ganz aus Holz gebaut war. Das Wasser war
-nahe, aber außer einem Gartenschlauch gab es keine wirksamen
-Löschgeräte. Etwa zehn Minuten entfernt lagen drei kleinere Ansitze, das
-Dorf war doppelt so weit und seine Bewohner waren Mannsthal übel gesinnt
-seit einer Straßenangelegenheit, die er durchquert hatte. Es war nicht
-viel Hilfe zu erhoffen. Alles lief in fieberhafter Angst umher, hatte
-man nur Vögelchen in Sicherheit, dann mochten Hof und Haus in Trümmer
-zerfallen! Urbacher riß Türen auf, lief in den Garten, stürzte ins Haus
-zurück, hinauf bis zum qualmenden Dachboden. Da hörte er schluchzen. Es
-war das Weinen eines Kindes, das sich verlassen fühlt und dennoch, wie
-von Trotz gehalten, nicht um Hilfe rufen will. -- In der kleinen
-Mansarde neben ihren verborgenen Puppen kniete Vögelchen. Der Rauch wob
-einen Schleier um sie, in ihrem Nachtkleid mit dem aufgelösten Haar war
-sie einem Engel vergleichbar. Dies hatte sie heraufgetrieben: sie wollte
-die Puppen retten und schämte sich, sie aus ihrem Versteck zu ziehen.
-»Vögelchen,« rief Urbacher glückselig, und gleichzeitig fühlte er, wie
-eine andere Angst noch als die um des Kindes Sicherheit ihn freiließ.
-Sie war es nicht, die den Brand gelegt hatte. In diesem Falle hätte sie
-die Puppen, an denen sie so sehr hing, schon früher in Sicherheit
-gebracht. Aber warum weinte sie nun, da sie das Feuer tags zuvor
-erwünscht hatte? Sie sah Urbacher nun aus einem totenbleichen Antlitz
-regungslos an. Er riß sie auf, während sie noch rasch eine der Puppen an
-sich preßte, und trug sie in die Nacht hinaus. Niemals hatte Urbacher
-sie so in den Armen gehalten, »zurückgewichen in die bewußtlos-fromme
-Majestät der Kindlichkeit, der sie ihr Schmerz entriß«. Er fühlte ihren
-zarten Körper durch die leichte Hülle und hätte weinen mögen. Schon lag
-der Widerschein der Flammen auf dem See und tanzte in den Wellen, die
-der Nachtwind mit leiser Hand aufwarf. Im Bootshaus bettete er sie in
-den Kahn, doch als er sich wenden wollte, zum Rettungswerk
-zurückzukehren, fühlte er sich von zwei schlanken Armen umhalst und ein
-tränennasses Gesichtchen preßte sich an seine Wangen. Eine heiße Stimme,
-in der die Vögelchens kaum wiederzuerkennen war, flüsterte flehend:
-»Führ' mich hinüber, dorthin, siehst Du? Es sind noch Lichter dort. Ich
-will das Feuer nicht sehen.«
-
-»Kind, Kind,« bat er und wollte sich losmachen. Aber ihre Finger gaben
-ihn nicht frei. Es war, als hätte sie Eisen in ihren mageren Händchen.
-»Ich komme wieder,« sagte er. Da ließ sie ihn.
-
-Die Löschaktionen waren im Gange. Auf der Landstraße, die längs des Sees
-lief, sah man ein Licht tanzen. In rasender Eile näherte es sich dem
-Brandplatz. Das war des heimkehrenden Adalbert Wagen. Urbacher stürzte
-in das Studierzimmer, warf einige kostbare Bücher und Manuskripte ins
-Freie, fand tastend im Rauch in dem aufgesprengten Kasten Mannsthals
-Wertgegenstände, die er seinem Diener übergab. Im Schein der Flammen
-raffte man etwas von Vögelchens aus den Fenstern geworfenen Kleidern
-zusammen. Urbacher stürzte zurück in das Bootshaus. Vögelchen lag
-ausgestreckt im Kahn, sie schien zu fiebern. Sie griff nach seiner Hand,
-preßte sie an ihre Lippen. Wenige Augenblicke später stieß das Boot ab.
-Das brennende Haus war die Leuchte.
-
-Mannsthal verlangte keine Erklärung. Es mag sein, daß er sich den
-Vorgang selbst gedeutet hatte. Einem Menschen, der das Schicksal mit
-kühler, ruhiger Hand nach seinen Wünschen zu lenken schien, mußte diese
-Nacht mehr als eine schreckhafte Episode bedeuten. Er bestand auf einer
-genauen Untersuchung der Brandursache und merkwürdigerweise fiel der
-Verdacht auf den buckligen, halb blöden Bauernjungen, der nicht
-leugnete, auf dem Dachboden mit Zündhölzchen gespielt zu haben.
-Mannsthal veranlaßte vorläufig nicht die Wiederherstellung des Hauses,
-das dank einem starken Regen, der unmittelbar nach dem Eintreffen am
-jenseitigen Ufer niedergegangen war, teilweise verschont geblieben war.
-Er selbst reiste am Morgen der Brandnacht ab ohne Vögelchen zu sprechen,
-über deren Aufenthalt ihn der Diener gleich bei seiner Rückkehr
-aufgeklärt hatte. Er ließ sie in Urbachers Hut, als wäre dieser
-verantwortlich für des Kindes Flucht zu den Menschen, die ihm das
-Scheitern seiner Hoffnung bedeuten mochte. Sei es, daß er sich in einer
-Krisis befand, die er allein besser zu überwinden hoffte, sei es, daß er
-nicht mit ansehen wollte, wie Vögelchen sich selbst die Welt gewann,
-oder gar am Ende ihr böse war, er war nicht zu bewegen, ihr zu folgen
-oder sie zu sich zu rufen.
-
-Arabella wohnte nun an dem modischen Gestade.
-
-Am Morgen nach der Ankunft sah man sie bei einer alten Dame sitzen,
-eifrig plaudernd. Sie erzählte später, daß sie nicht geschlafen hätte
-und gleich, nachdem die Dienerin mit ihren Kleidern angelangt war, auf
-die Terrasse gekommen sei, voll Neugierde das neue Leben erwartend. Um
-nicht allein zu sein, hätte sie sich gleich zu der alten Dame gesetzt,
-die sich sehr freundlich ihrer angenommen habe. Wie es schien, hatte
-sich bei Vögelchen eine Schleuse geöffnet, aus der nun alles, was sie in
-ihrer Einsamkeit erlebt hatte, hervorstürzte. Die Dame, die, wie eine
-allseits verehrte Tante, unter den jüngeren Hotelgästen lebte, nahm
-Vögelchen, die ihr ein lächelndes Entzücken entlockt hatte, völlig unter
-ihren Schutz. Und bald war das Kind mit Jung und Alt befreundet und der
-Mittelpunkt des Interesses. Vögelchen schien es ganz selbstverständlich
-offene Türen zu finden.
-
-Die Schloßgesellschaft war nicht gerade die übelste Auswahl jener
-Herdenmenschen, die weder vom Spiel der Nerven noch von bedeutenderen
-Geistesanlagen zu einem Abweichen von gewohnten Wegen und Gesetzen
-gedrängt werden. Ihre gewandte Beherrschung der Lebensformen erinnerte
-an die Sicherheit, mit der oft ahnungslose Kinder Gefahren bestehen.
-Immerhin hatte sie etwas Bestechendes. Vögelchen aber war nicht
-geblendet und besonders den jungen Männern gegenüber benahm sie sich
-fast geringschätzig. Offenbar glichen sie ganz und gar nicht den Helden,
-die in ihrem kindlichen Hirn thronten. Urbacher gefielen sie auch nicht
-sonderlich. Es waren Familiensöhne, Jünglinge, die sich ihrem Namen
-gegenüber verpflichtet fühlten einen bestimmten Lebensweg einzuschlagen,
-was ihnen beinahe etwas greisenhaft Abgeschlossenes gab. Sie waren in
-Leibesübungen gewandt und in deren Betätigung fast leidenschaftlich und
-ehrgeizig. Ihr geistiges Bestreben hingegen beschränkte sich auf eine
-flüchtige Umsicht, die möglichst viel umspannen sollte. Die Mädchen
-waren bescheidener. Die natürlichste Form guter Lebensart schien der
-Familie Normayr eigen. Man sprach von einem Sohn, einem jungen
-Seeoffizier, der erwartet wurde. Am Vorabend seiner Ankunft, es war
-zweifelhaft, ob Vögelchen sie wußte (keinesfalls schenkte sie dem
-Umstand Beachtung), hatte sich ihrer Unrast bemächtigt. Am folgenden
-Morgen, als Vögelchen die Stiege hinabschreitet und der jugendliche
-Offizier in der sommerlichen weißen Seemannstracht ihr an der Seite
-seiner Schwester entgegenkommt, ist ihr Blick mit einem Male wie gebannt
-gewesen, verstrickt in dies gebräunte Jünglingsangesicht. Auch Urbachers
-bemächtigte sich ein freudiges und beklommenes Staunen, als ginge es von
-Vögelchen auf ihn über. Der junge Seeoffizier, auf dem ein Abglanz lag
-von den siegreichen Tagen von Lissa, unterschied sich allerdings schon
-auf den ersten Blick von den anderen jungen Leuten. Er war über sein
-Alter ernst und bei aller Bescheidenheit in sich gefestigt. Eine
-Herbheit ging von ihm aus, wie die Seeluft rein und erfrischend. Auch er
-besaß Unterwerfung in den herkömmlichen Willen der Familie, nur war sie
-bei ihm nicht Dünkel, sondern Ehrfurcht und vielleicht deshalb
-bedingungsloser, denn sie lebte neben seinem klaren, menschlichen Blick.
-
-Er war streng gegen Vögelchen von der ersten Stunde ihrer rasch
-aufblühenden Freundschaft an. Ihm war wohl, er dürfe es, er hätte dies
-Amt über sie. Ihrer kleinen Teufeleien mußte er Herr werden, wollte er
-auf den Grund ihrer Seele schauen. Und Vögelchen ging umher in Leuchten
-und Staunen und hin- und hergewiegt zwischen Furcht und Frage. Dennoch
-formte sich zu dieser Zeit ihr Wesen zu etwas Festerem. Aus ihren
-Instinkten wollte sich Bewußtes entwickeln. Die vielen Plauderstunden
-mit dem neuen Freund begannen aus ihrer süßen, kleinen Tier- und
-Kindseele den Menschen zu wecken. Der junge Offizier, darüber konnte
-kein Zweifel sein, stand ebenfalls unter einem jener leisen Wunder, wie
-sie in der rückhaltsvollen Welt immer seltener werden, und er mochte
-ganz und gar bereit sein, sich dem neuen Zauber hinzugeben. Auch seine
-Mutter war Vögelchen gewogen und scheinbar erfreut, dereinst vielleicht
-das vermögende Mädchen als Tochter willkommen zu heißen. Urbacher sah
-des Kindes Strahlen und erlebte im Vorgefühl Mannsthals ohnmächtige
-Trauer, den Zusammenbruch seines geheimen Planes, der in seinen Zielen
-ihm unheimlich erschien und dennoch erhellt von dem Wetterleuchten
-seines eigenen zwiespältigen Herzens. Eine abwartende Scheu hemmte ihn
-dem Freunde Mitteilung zu machen, obwohl er in dunklen Augenblicken sein
-blitzartig zerstörendes Eintreffen beschwor. Er begnügte sich indes noch
-die Aufforderung, sich ihnen zuzugesellen, auf das dringendste zu
-wiederholen.
-
-Der Gesellschaft hatte sich eine Spannung bemächtigt. Es lag ein
-Ereignis in der Luft. Auch das Wetter war in diesen Tagen schwül und
-lastend, bis es sich schließlich unter Donner und Blitzen gesäubert
-hatte. Der Regen, der so andauernd und heftig gewesen, daß der See über
-seine Ufer trat, brachte aus den Felsen, die die Landstraße längs des
-Wassers säumten, Sturzbäche hervor. Man sprach davon, die Straße für den
-Wagenverkehr zu sperren. Das Zögern des Verbotes hatte ein Unglück zur
-Folge, aus dem sich die Begebenheit entwickelte, die jene Spannung auf
-eine merkwürdige Art löste.
-
-An dem Morgen, der den Wettertagen folgte, fuhr nämlich Mila Maquard mit
-ihrem Wagen von einem der nahen Kurplätze über die gefährdete Straße.
-Mila Maquard war eine jener Frauen, deren Haar nicht ganz die Farben der
-Natur hat, deren Perlen ungewöhnlich groß sind, deren Kleidung eine
-verschwiegene Sorgfalt aufweist und deren Hochmut Triumphen entspringt,
-über die man bedeutsam zu schweigen pflegt. Mila Maquard war von großer
-Schönheit und es war ihr eine natürliche Anmut geblieben, die auch
-Frauen entzücken mußte, deren Auge nicht von bürgerlicher Verachtung
-trübe war.
-
-Als sie nun ahnungslos jene Stelle der Fahrstraße passierte, wo das
-Wasser in den Felspartien verheerend gewirkt hatte, ging eine
-Erdrutschung nieder. Ihr Kutscher wurde schwer verwundet, sie selbst aus
-dem Wagen geschleudert, wodurch sie einen Bruch des Armes und einen
-leichten Nervenschock erlitt. Die Unfallsstelle war nicht weit vom
-Schlosse und der herbeigerufene Landarzt verfügte dahin den Transport
-der Verletzten. Man war zu der verhängnisvollen Stätte geeilt und einige
-Herren hatten die Verunglückte erkannt. Alsbald waren auch die Damen
-unterrichtet und eine eisige Teilnahme wurde der schönen Maquard zuteil.
-
-Während man sie und den Kutscher in den Saal hingebettet hatte und der
-Arzt sich um sie bemühte, standen die Gäste auf der Terrasse in Gruppen
-umher. Lebhafte Gespräche entwickelten sich. Man schien nicht geneigt,
-der Fremden Gastfreundschaft zu gewähren. Frau von G., die Mutter von
-vier Töchtern, deren Verheiratung das Ziel der Sommerreise war,
-ereiferte sich ganz besonders. Ebenso Baron M., der sich abseits, wie
-man bemerkt hatte, für sein korrektes Benehmen in ausgiebigster Weise
-schadlos zu halten verstand. Er mochte Gründe haben diese Begegnung
-unter dem Auge der Familie zu scheuen.
-
-Als die Debatte, die wegen der Nähe der jungen Mädchen nur
-andeutungsweise und im Flüstertone geführt wurde, ihren Höhepunkt
-erreicht hatte, erschien der Pächter und fragte auf das höflichste an,
-ob man die Güte haben würde, der Verunglückten in dem vollbesetzten
-Hause dadurch Platz zu machen, daß etwa zwei der jungen Leute in einem
-Zimmer schlafen würden, so daß man einen Raum gewänne. Es sei bemerkt,
-daß von dem Augenblick, da Mila Maquard sich in dem Hause befand, eine
-Veränderung mit der Gesellschaft sich vollzogen hatte. Die Herren waren
-mit einem Male sehr angeregt, als wäre nicht eben ein Unglück geschehen,
-das einen tödlichen Verlauf hätte nehmen können. Besonders die Jünglinge
-bezeigten ein lebhaftes, wichtigtuendes Wesen und den Fräulein ihres
-Kreises eine gewisse Geringschätzung. Ihre Beflissenheit beim Transport
-der blonden Dame war auch ganz außerordentlich gewesen. Aber auch die
-Damen wurden lebendiger, die Freudigkeit einer Abwechslung war auch in
-ihre Nerven gefahren, nur daß sich ihr Verhalten sogleich kriegerisch
-färbte. Der junge Normayr war mit seinem Segler am See. Da es sehr
-stürmisch war, hatte man Vögelchen bestimmt, ihn nicht zu begleiten, so
-daß es auch Zeugin des Unfalls gewesen war. Wo aber trieb es sich nun
-herum? Urbacher näherte sich der Terrasse und sah seine Vermutung
-bestätigt: Vögelchens weiße Gestalt lehnte dort an einer Holzsäule. Ihre
-Kinderaugen wandten den Blick nicht von der hübschen Frau, die auch in
-der Lage, in der sie sich augenblicklich befand, nichts von ihrer
-typischen Eigenart verloren hatte, die zu der des Kindes in einem so
-starken Gegensatz stand, daß die Frage nahe lag, ob die beiden denn
-Wesen einer Art seien. Als Vögelchen Urbacher sah, kam sie auf ihn zu
-und flüsterte: »Ist sie nicht schön? Glaubst du, daß es eine Prinzessin
-ist?«
-
-Die gute Frau von G. war mittlerweile in so große Aufregung geraten, daß
-sie das »_pas avant les enfants_« vergessen hatte, als sie nun das Wort
-ergriff, um dem Hotelier zu antworten: »Wir sind alle der Meinung, daß
-es unmöglich ist, diese -- diese Frau hier aufzunehmen. Wir können Ihnen
-nun freilich keine Vorschriften machen, aber ich für meine Person
-versichere Ihnen, daß ich mit meiner Familie morgen abreise, wenn sich
-diese Person hier auf einen längeren Aufenthalt einrichten wollte, und
-ich bin sicher, daß wir nicht die einzigen wären.«
-
-»Ich bitte, sich zu beruhigen, gnädige Frau,« sagte der Pächter. »Wir
-befinden uns ja noch unter dem ersten Eindruck dieses Unfalles. Was die
-Dame weiterhin zu tun gedenkt, ist mir völlig unbekannt, aber jedenfalls
-ist ihr für die nächsten Tage die Weiterfahrt ärztlich verboten.«
-
-»Das ist ja sehr traurig, mein lieber Rösler,« sagte die Baronin. »Man
-hätte eben die Straße für Wagen sperren sollen. Wir wollen aber in
-unserem Aufenthalt nicht gestört sein und Sie können uns nicht zumuten,
-mit dieser -- dieser Frau unter einem Dache zu wohnen.«
-
-Herr Rösler bemühte sich, ein Lächeln zu unterdrücken. »Verzeihen Sie,
-Gnädigste, aber versetzen Sie sich in meine Lage. Kann man eine
-Verunglückte vor die Türe setzen?«
-
-»Nun dafür gibt es Beispiele,« erklärte Frau Kommerzialrat Lobling. »Ich
-habe es selbst mitgemacht, daß man in K. zwei Lungenkranke abwies, die
-in unserem Hotel einkehren wollten.«
-
-»Das ist abscheulich,« sagte da eine bebende Stimme, und Vögelchen stand
-plötzlich im Vordergrund. Sie war bleicher als sonst und sprach in
-sichtlicher Erregung. »Ja, warum soll denn diese liebe Dame nicht hier
-schlafen?« rief sie. »Wo soll sie nun denn wohnen? Vielleicht wäre es
-mir auch so ergangen, als uns das Dach wegbrannte, wenn ich am Tage
-gekommen wäre und man über mich abgestimmt hätte. Vielleicht hätte man
-mich auch verjagt.«
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-Einer der Jünglinge lachte, und im nächsten Augenblick entlud sich eine
-allgemeine Lachsalve. Vögelchen wurde glühend rot. Sie fühlte jetzt, daß
-sie etwas Einfältiges gesagt hatte, und große Tränen traten in ihre
-Augen.
-
-»Ich bin natürlich gern bereit, mein Zimmer abzutreten, falls sich
-keiner der jungen Leute bereit erklärt,« sagte Urbacher.
-
-»Nein, das dürfen Sie nicht,« unterbrach ihn der Baron. »Ich wäre ja
-auch bereit. Aber das ist nun einmal eine Prinzipiensache. (Wir sprechen
-ja wohl noch darüber, wenn wir unter uns sind.) Sie beschämen unsere
-jungen Leute oder drängen sie, den Damen gegenüber einen Taktfehler zu
-begehen.«
-
-»Ich habe mein Wort verpfändet das Hotel nicht zu verlassen. Wenn mir
-keiner der Herren in seinem Zimmer Gastfreundschaft gewährt, ist meine
-Bereitwilligkeit leider ohne Wirkung.«
-
-Eisige Stille folgte seinen Worten. Der Hotelier zuckte die Achseln und
-entfernte sich. Ihm war es ja schließlich auch lieber, wenn ein Fräulein
-Maquard nicht unter den Gästen seines Familienhotels erschien. Er selbst
-hatte sein Zimmer vermietet und wohnte in einer schlechten Mansarde.
-
-Die Gesellschaft zerstreute sich. Die Herren waren froh unter sich zu
-sein. Die jungen Mädchen blieben beisammen und ließen ihrer Neugier
-freien Lauf.
-
-Indessen war der junge Normayr gelandet und sogleich von den
-Begebenheiten unterrichtet worden. Als er nun zu Vögelchen trat, umwogte
-sie eine Welle von Zärtlichkeit, die aus seinen klaren Augen zu ihr
-ging. Sicher hatte er von ihrer rührenden, kleinen Standrede gehört. Als
-sie dann plaudernd auf- und abwanderten, kam Ruhe über sie.
-
-Für den Nachmittag projektierten die Damen nicht ohne Hintergedanken
-einen Ausflug. Fräulein Maquard war indessen in dem Rauchzimmer
-untergebracht. Der Pächter war in einer verzweifelten Lage. Die
-Gesellschaft brach auf, ehe er nochmals an sie herantreten konnte. Auf
-diesem Ausflug schien sich zwischen Vögelchen und ihrem schönen Freunde
-eine Annäherung vollzogen zu haben, die nun manches bisher
-Unausgesprochene zur Wortschwelle gedrängt hatte. An diesem Abend
-entschloß sich Urbacher, Mannsthal von dieser Annäherung zu
-verständigen.
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-Was Fräulein Maquard betrifft, so fand man, vom Ausfluge zurückgekehrt,
-keine Spur mehr von ihr. Eine gewisse Scheu der Beschämung, wie sie
-Menschen oft befällt, wenn ihnen eine schlechte Tat gelungen, hielt die
-Frage zurück, wohin sich die Verunglückte gewendet habe. Die Lustigkeit,
-die die Gesellschaft an diesem Abend entfaltete, war nicht ehrlich. Man
-wollte sich über sein schlechtes Gewissen hinwegamüsieren. Selbst die
-Admiralsfrau von Normayr war geräuschvoll und ganz besonders
-liebenswürdig Vögelchen gegenüber, wohl um zu beweisen, daß sie ihre
-vorlaute Ansprache nicht übel genommen habe, da nun alles sich zur
-Befriedigung der gefährdeten Ehrbarkeit gewendet hatte.
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-Wie sehr erstaunte man aber, als am darauffolgenden Morgen Mila Maquard,
-den Arm in der Schlinge, ein wenig bleich, unter den Frühstücksgästen
-erschien und mit der größten Ruhe, ohne irgend jemanden zu beachten, in
-der guten Morgensonne, die sich nicht scheute auch sie zu bescheinen,
-ihr umfangreiches Frühstück einnahm.
-
-Die Gespräche verstummten. Frau von G. schien von Gelbsucht befallen,
-die Mädchen wagten nicht aufzusehen, die jungen Leute sprachen lauter,
-als ihre Gewohnheit war, und prahlten mit bereits bekannten Ereignissen.
-Ein Sturm der Entrüstung brach los, als Mila Maquard die Terrasse
-verließ.
-
-Urbacher war die ganze Zeit über ein wenig unruhig gewesen, weil er
-Vögelchen, die eine Frühaufsteherin war, vermißte. Ihr Freund, der bei
-ihm saß, teilte seine Unruhe. Nun kam sie, eben als der Redeschwall
-losbrach, langsam und verschlafen die Stufen des Hauses herab.
-
-»Das ist unerhört,« erklärte Frau Kommerzialrat Lobling, deren Kleid
-entschieden von dem Mila Maquards geschlagen worden war.
-
-»Eine Hinterhältigkeit, eine Unverschämtheit von diesem Rösler,« rief
-Frau von G.
-
-»Meine Meinung wird er hören,« pfiff die Baronin.
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-Auch die Admiralin war so ungehalten, daß ihr Sohn sie zu beruhigen
-trachtete.
-
-»Wissen möchte ich, wer den Mut gehabt hat, ihr das Zimmer abzutreten,«
-sagte der Baron. »Wissen Sie es vielleicht?« fragte er die Kellnerin.
-
-Da trat Vögelchen dicht heran. Sie sagte mit leiser, aber fester Stimme:
-»Das Fräulein hat in meinem Zimmer übernachtet.«
-
-»Und du,« fragte arglos Fräulein von Normayr in die peinliche Stille.
-»Hast du die Nacht im Walde verbracht?«
-
-Vögelchen schüttelte den Kopf. Ihr Blick suchte den ihres Freundes, der
-dem ihren nur scheu begegnete.
-
-»Nein,« sagte sie. »Das Fräulein und ich schliefen in einem Bett.«
-
-Die Admiralin stand auf und sagte: »Pfui, schämen Sie sich.« Vögelchen
-erbleichte. Einen Augenblick hielt sie den Atem an, dann brach es aus
-ihr aus: »Pfui, ja pfui über Sie alle, über Ihren Hochmut, Ihre
-Unbarmherzigkeit.« Erhobenen Hauptes entfernte sie sich.
-
-Was nun folgte, war schmerzlich. Der junge Seeoffizier mied Vögelchen,
-die sich geweigert hatte, seine Mutter um Entschuldigung zu bitten. In
-einer Unterredung bat er den Doktor Urbacher, die Annäherungen an seinen
-Schützling zu entschuldigen. Gegensätzlichkeiten einschneidender Art
-nötigten ihn, den Verkehr aufzugeben, wie schwer dieser Verzicht ihn
-auch getroffen. Vögelchen erwiderte hoheitsvoll die Geringschätzung, die
-ihr von allen Seiten zuteil ward. Was Urbacher am bittersten schmerzte,
-war, daß sie ihm gegenüber den Vorwurf zu hegen schien, daß er sie vor
-den Menschen nicht gewarnt habe. Dies Erlebnis der Enttäuschung setzte
-Mannsthal wieder in seine Rechte ein. Zwei Tage nach diesen
-Begebenheiten fuhr er vor. Er hatte sich bis zur Unkenntlichkeit
-verjüngt. Die alljährliche Wirkung seiner Sommerkur wurde diesmal noch
-durch seine Bartlosigkeit unterstützt. Selbst seine Kleider hatten einen
-andern Schnitt. Vom neu erworbenen Wagen sprang ein weißhaariger
-Kammerdiener und öffnete dem Herrn, der neben ihm ein Jüngling schien,
-den Schlag. Merkwürdigerweise war Mannsthal über alles Vorgefallene
-unterrichtet. Die Auseinandersetzung, die nun zwischen ihm und Urbacher
-stattfand, hatte den Abbruch ihrer vertrauten Beziehungen zur Folge.
-
-
-
-
- Erwachen
-
-
-Das Zerwürfnis der beiden Freunde wäre unter anderen Umständen kaum so
-einschneidend und unwiderruflich gewesen. Mannsthal aber mußte bei der
-Ausführung eines Planes, der zu diesem Zeitpunkt einsetzte, vollständig
-ungestört und unbeobachtet sein. Er war durch einen berufsmäßigen
-Vertrauten, dessen Gewandtheit er schon mehrmals erprobt und der
-seinerseits sich mit einer im Schlosse wohnenden Erzieherin in
-Verbindung gesetzt hatte, über Vögelchens Leben daselbst aufs genaueste
-unterrichtet gewesen. Der gefürchtete Augenblick, den er noch in weiter
-Ferne wähnte, war gekommen. Vögelchen war einem Manne begegnet, einem
-Jüngling, dem sie sich geneigt fühlte. Solange alles furchtbar
-gefahrvoll schien, der junge Normayr Aussicht hatte, des Kindes vollstes
-Vertrauen zu erwerben, kostete Mannsthal die Lust, jene Gefahr bis zum
-Äußersten zu erleben. Es bestand ja immer noch die Möglichkeit, wenn
-alles verloren schien, ein grausames Nein zu sprechen. Nun aber hatte
-die Sachlage für ihn eine überraschend günstige Wendung genommen. Es lag
-etwas Unwahrscheinliches über diesem Naturereignis, das ihm so trefflich
-in die Hände gearbeitet hatte. Er zweifelte nicht, daß sein geheimer
-Wille Anschluß an höhere Macht gewonnen habe. An die Verwirklichung
-seiner Wünsche heftete sich kein Zweifel mehr. Als Sieger schon fuhr er
-in K. ein.
-
-Vögelchen war in grausamere Fremdheit zurückgestürzt, in eine Öde, die
-mit jener nicht vergleichbar war, aus der sie sich zuweilen an das
-belebte Gestade gesehnt hatte. Jetzt schien ihr schon die Insel des
-Lebens durchquert und einer Wüste vergleichbar. Wäre nicht jene Nacht
-gewesen, die sie mit Mila Maquard verbracht! Irgendwo gleißte aus ihr
-ein Unbekanntes in die Ferne, schien selbst ein feuriger Faden, der
-durch Dunkelheiten lief, einer großen Flamme entgegen. Die scheue Freude
-und Ruhe, die sie im Umgang mit dem jungen Normayr genossen, sie wußte
-sie nicht mehr, seitdem er ihr wie erloschen schien. An ihrer Stelle saß
-ein kleiner Wurm in ihrem ehemals so aufgeschlossenen Herzen, das sich
-nun gefaltet hatte wie ein Blümlein zur Nacht. Als sie Mannsthal
-erblickte, stürmte sie auf ihn zu, aber sein verändertes Aussehen
-stürzte die Freude zurück in ihre Brust. War er es? Er folgte ihr auf
-das Zimmer, hielt prüfend seine kühle Hand an ihre Wange, fand, daß sie
-fiebere, und gebot ihr sich hinzulegen. Während sie in leiser Furcht und
-dennoch beglückt seiner Anordnung gehorchte, stand er vor ihr und
-meisterte die eigene Erregung. Er selbst war ihr behilflich, als sie dem
-Mädchen klingeln wollte. »Ich weiß, was vorgefallen ist,« sagte er und
-setzte sich zu ihr. »Du mußt jetzt ganz ruhig bleiben, es wird sich
-alles von selbst lösen. Du mußt mir nur wieder vertrauen.« Er
-streichelte leise ihr Haar, das aufknisterte wie nie zuvor, und seine
-Hand glitt wie beschwichtigend über ihre Schultern hinab. Da sah er Glut
-in ihre Wangen steigen. Eine Erinnerung hatte sie überwältigt und
-plötzlich riß sie sich aus der Betäubung, die er über sie hingoß, preßte
-ihre Arme um seinen Hals und schmiegte das heiße Antlitz an seine Wange.
-Sie hatte küssen gelernt.
-
-Er atmete schwer, machte sich los. »Kind,« sagte er, »wie bin ich jetzt
-erschrocken. Das Fieber macht dich so stürmisch. Ich gehe jetzt, du mußt
-ruhiger werden. Ich muß ja nun dringend Urbacher sprechen.« Er verließ
-sie fliehend.
-
-Vögelchen lag nun und die Stille tat ihr wohl. Denn nun war sie
-innerlich beruhigt wie nie zuvor, nun fühlte sie Geborgenheit und jenes
-Gleißende, womit ihr die verunglückte Frau für ihre Gastfreundschaft
-gedankt, glühte ihr näher und wärmer. Spät abends trat Mannsthal zu ihr
-und berichtete, daß Urbacher abgereist sei. Um die Aufregung des
-Abschiedes zu meiden, hätte er nur einige Worte für sie hingeschrieben.
-Vögelchen las: »Mein gutes Kind. Wir alten Freunde sind uneins geworden.
-Vergiß darüber nicht, daß in Treuen dir zugeneigt bleibt dein Freund
-Clemens Urbacher.
-
-Ich meinte es gut. Trauere nicht über Leid. Schmerz erhöht.«
-
-Vögelchen begann zu weinen, lautlos wie immer, wenn es weinte. Große
-Tränen rollten aus leuchtenden Augen über ein bewegungsloses Antlitz. So
-war Vögelchens Weinen. Mannsthal saß an ihrem Bett und küßte ihr Stirn
-und Haar. Sein Taschentuch, dem ein seltener, ihr unbekannter Duft
-entströmte, trocknete langsam die mählich versiegenden Tränen. Am
-folgenden Morgen saß Arabella, vom Schlaf erquickt, am Strande beim
-Frühstück. Die Leute schienen nun nicht mehr für sie vorhanden, obwohl
-die prunkvolle Ankunft Mannsthals nicht ohne Wirkung auf ihr Benehmen
-geblieben war. Vögelchen aber bemerkte es nicht, sie sah niemanden, sie
-wartete auf Va. Adalbert Mannsthal erschien im indischen Seidenanzug und
-erregte die Aufmerksamkeit der Sommergäste. Er küßte Vögelchens Stirn,
-im Flüsterton unterhielt er sich mit ihr. »Wie ich höre, war es die
-Maquard, die hier war. Ich werde mich nach ihrem Befinden erkundigen.«
-
-»Du kennst sie?«
-
-»Wer kennt sie nicht?«
-
-Vögelchen errötete.
-
-»Eine so schöne Erscheinung,« fügte er hinzu. »Eine scharmante Frau. Ich
-werde sie bitten, dir bei ihren Kaufleuten einige neuartige Kleider und
-was du sonst noch brauchst zu bestellen. Da sie dich kennt, wird sie das
-Richtige treffen. Sie hat dich ja auch entkleidet gesehen und weiß
-ungefähr deine Maße, nicht wahr?« Wieder errötete das Mädchen und
-blickte auf ihren Teller herab. Mannsthal lächelte fast unmerklich.
-»Wird es dir Freude machen, Ari, wie eine kleine Prinzessin gekleidet zu
-gehen?« sagte er dann. »Sieh mich doch an.« Er zwang ihren Blick in den
-seinen. »Denn wenn wir jetzt reisen, brauchst du schöne Dinge.«
-Vögelchens Hände klammerten sich an seinen Arm und mit verzücktem
-Ausdruck preßte sie die Lippen zusammen, als müßte sie ein Jauchzen in
-ihrer Brust verschließen.
-
-»Nun ja, wir wollen jetzt reisen, da du nun einmal unter die Menschen
-gegangen und an ihnen klug geworden bist,« antwortete er. »Nun bleibst
-du ja auch eine Weile bei mir?« Sie preßte seine Hand: ein glühendes
-Versprechen.
-
-Vögelchen sah mit Erstaunen, wie er, den sie lässig und oft müde
-gekannt, die Segel meisterte. Sie war stolz darauf, daß er sich Normayr
-zur Seite stellen konnte. Wie er nun zur Maquard fahren wollte, machte
-sie sich eiligst bereit, ihn zu begleiten. Ihr Gesichtchen wurde
-nachdenklich, als er erklärte, sie nicht mitnehmen zu können. »Nicht
-etwa, weil ich sie aussätzig finde, wie diese Leute hier.« Da hob sie
-den Kopf und sagte eigensinnig: »Du willst allein sein mit ihr.«
-Vögelchen blickte Mannsthal an vom Kopf bis zu den Füßen. Sie schien
-erst jetzt bewußt zu empfinden, daß er ein Mann sei, und so gut wie ein
-anderer mit jener Frau in einer dieser geheimnisvollen Verknüpfungen
-stehen konnte, von denen die Leute gemunkelt hatten. Sie gedachte der
-seltsamen Nacht und Schauer von Ahnungen durchbebten sie. Zugleich
-empfand sie Eifersucht und verfiel in Unmut. Mehr als Ärger war es, der
-sich schon bis zu Zornausbrüchen bei ihr steigern konnte, wenn sie sich
-vor Rätseln sah, die den Andern völlig klar waren. Er gab nach, verschob
-den Besuch. Sie machten eine Spazierfahrt, stiegen aus und gingen durch
-ein benachbartes Dorf. Sie trafen dort den jungen Normayr mit einem
-älteren Offizier. Er erschrak, grüßte ehrerbietig. Vögelchen nickte ihm
-zu. »Das war er,« sagte sie nach einer Weile.
-
-»Ich dachte es mir,« sagte Mannsthal erschauernd. Dann schwiegen sie.
-Aber auf der Rückfahrt nahm er plötzlich ihren Kopf zwischen seine Hände
-und küßte sie. Vögelchen sah eine Träne in seinem Auge.
-
-»Va,« rief sie und drückte seine Hände leidenschaftlich an die Lippen.
-
-Als Vögelchen nach dem Essen auf ihr Zimmer gegangen war, schritt
-Mannsthal etwa zehn Minuten den See entlang. Dort stand sein Wagen. Er
-fuhr zur Maquard.
-
-Des Morgens war er zurück. Nun wußte er mehr, als ihm lieb war. Die
-Maquard hatte ihm vorgearbeitet. Vielleicht hatte sie seine Absichten
-unbewußt gefördert. Er verschwieg Vögelchen den Besuch, ja er versuchte
-diese Begegnung in ihrer Erinnerung zu verdunkeln. Andere Eindrücke
-sollten sie verdrängen. Indessen kamen die Koffer mit den bestellten
-Kleidern, Mänteln, Hüten, Schuhen, mit blütenfeiner Wäsche, neuen
-Gepäckstücken und Toilettegegenstände mit Vögelchens Namenszug
-»Arabella«. Das Kind freute sich und auch das Mädchen schon, das
-gefallen wollte. Das Vögelchen von früher hätte manches abgelehnt von
-den neuen Dingen, die allerdings die Maquard mit seltenem Gefühl der
-Anpassung gewählt hatte. Ihre Jungfer hatte zurechtgemacht, was da und
-dort noch fehlte, und Vögelchen meinte, sie wäre zu ihr von einer
-Putzmacherin gesandt. Tags darauf veranlaßte Mannsthal die Übersiedlung
-in einen Gasthof an einen der benachbarten Seen, wo er Vögelchen mit dem
-Diener Camill allein ließ, um einige Geschäfte zu ordnen, ehe sie die
-Auslandsreise antraten.
-
-
-
-
- Student Kruger
-
-
-Vögelchen begann sich nun langsam der Welt zu besinnen, wie die sich nun
-zu ihr, der kleinen Arabella Rutland, verhalten mochte. Sie lernte
-bewußt sich als Einzelwesen fühlen. Als sie eines Morgens im Rasen lag
-und von ihrer Anhöhe bald zum See herab, bald zum unendlich blauen
-Himmel aufblickte, empfand sie sich als ein wanderndes Stäubchen, ein
-losgelöstes Fünkchen auf Wanderschaft. Immer wieder sah sie noch das
-Feuerzeichen des Brandes, sah den Funkenregen und wie Teile sich
-loslösten und in der Luft verglühten oder im Wasser einen vorzeitigen
-Tod fanden. Alle schienen bis ans Ende ihrer Kraft zu fliegen und wurden
-Asche und Erde, nachdem ihr Leuchten in Dunkelheit untergegangen. Asche
-und Erde aber wurden von Wetter und Zeit zu feuchtem warmen Boden. Da
-grünten die Fünkchen von neuem ins Leben. Über ihr blitzte der Flügel
-einer Schwalbe im Sonnenlicht. »Flieg, Fünkchen, flieg,« sang sie leise
-und es war ihr, als würde sie selbst ganz leicht und brauchte nur
-aufzuflattern. Waren alle Menschen beschwingt wie sie? In den Familien,
-in deren Nähe sie nach dem Brande gelebt, schienen kleine Widerhaken die
-Einzelnen aneinander festzuhalten. Wäre »Er« denn sonst nicht mit ihr
-geflogen? Ach, sie war ein Sonderwesen, hatte nicht Vater, nicht Mutter,
-nicht Schwesterlein und Brüderlein. Va war ja nicht ihr Vater, das wußte
-sie. Aber auch für sie mußte es kleine Quellen geben, wo sie trinken
-konnte, Nester, wo sie ruhen würde, wenn die Wanderschaft begann und sie
-ermüdete. Va wußte alles. Er würde sie weisen. Va, der Zauberer, würde
-ihr die Türen öffnen. Die Reise, das wußte sie, die war der Anbeginn
-ihrer Wanderung, und die Wanderung würde ihr Leben sein. Die Leute in
-den Kirchen blickten zum Himmel auf, wenn sie beteten. Dort wohnte wohl
-Gott. Aber da unten im Seegrunde hauste ein anderer. Oder war das nur
-der Himmelsgott, der sich im Wasser spiegelte? Nein, der Gott da unten
-war verflochten in den Pflanzen der Tiefe und Fischlein schwammen
-silbern um seinen Bart. Der Gott im Himmel war sein Bruder und ewige
-Sehnsucht stieg auf und ab von ihnen. Vögelchen war es, als ginge der
-Strom ihrer Sehnsucht durch ihren eigenen Leib, aufsteigend und
-absteigend. In ihrem Herzen begegnete er sich, floß ein, floß aus. Ihr
-Blut nährte sich von ihm. Er hielt sie. Sie konnte nicht fallen. Sie
-bekam Weisungen von Höhe und Tiefe, in ihr verschwisterten sie sich.
-Dies alles war nicht Traum. Ließ es sich in Worte bilden?
-
-Ja, sie konnte es in wirklichen Worten aus sich herausstellen. Von
-diesen Dingen erzählte sie dem Studenten Kruger, dem mißratenen
-Hofratssohne, der in ihrem Gasthof wohnte. Der hatte die
-Familienwiderhaken sich blutig aus dem Fleische gerissen. Nun heilte er
-die Wunden in Einsamkeit. Aber der Brand seiner Seele riß sie immer
-wieder auf. Schmerzten sie, so ward er wunderlich. Der Geist war ihm
-Seelsorger und Hofnarr zugleich. Vögelchen störte ihn nicht. Er nannte
-sie Ariel. Arabella klang ihm zu menschlich.
-
-Student Kruger war ein wenig verwachsen oder es schien so. Man wußte
-nicht, wo und wie seine Gestalt abnorm war. Seine Augen hatten etwas
-Überraschendes wie die eines Falken oder Adlers, die sich, seltsam an
-der Ferne geschärft, unter bergenden Lidern enthüllen, und seine hohe
-Stirn, sein dichtes Haar ließen die Gestalt noch dürftiger erscheinen.
-Sein Mund aber war wie ein Hohn auf die Geistigkeit seiner blaugeäderten
-Schläfen. Er hockte wie ein Affe mit langen Armen neben Ariel und sprach
-in sie ein, bis er das Geheimnis des »Stromes« aus ihr holte.
-
-»Wer ist Gott?« fragte sie.
-
-»Gott ist ein einförmiges, göttliches, einfältiges Wesen und wirkt doch
-alle Mannigfaltigkeit und ist alles in allen Dingen, eines in allem und
-alles in einem, sagt der heilige Augustin. Gott sind Sie, Ariel, Gott
-bin ich, Konrad Kruger, Student der Theologie, Verkünder meiner
-Religion.«
-
-»Und was ist das, was ihr die Seele nennt?« fragte Vögelchen.
-
-»Seele ist ein Aufgang zu Gott durch das Getümmel der Welt. Seele ist
-das Entsinken deiner selbst, dein Schauen, dein Warten, dein Empfangen,
-dein Geben in Demut.«
-
-»Und was ist Demut?« fragte Vögelchen.
-
-»Demut ist Aufgeschlossensein, Demut ist Einlaß und Ausströmen der
-Liebe, Erkennen, Duldung und Dank, Bewährung im Glück und Schmerz, Demut
-ist Liebe gewordenes Leid.«
-
-»Trauere nicht über Leid, Schmerz erhöht,« sagte Vögelchen und
-bescheiden setzte sie hinzu: »Das weiß ich von Onkel Clemens, er schrieb
-mir das zum Abschied.« Und plötzlich brach sie aus: »Ach, warum ist er
-fort, der gute, gute Onkel Clemens?« Sie begann zu weinen. Student
-Kruger saß dabei und grinste aus Verlegenheit.
-
-»Schmerz, wenn ein Rad über mein Bein fährt,« fragte sie dann und
-trocknete ihre Tränen.
-
-»Nein, Ariel, körperlichen Schmerz, sofern er nicht maßlos und andauernd
-ist, verspüren wir nicht, du und ich und die anderen, die wie wir sind.«
-
-»Ich war nie krank,« sagte Vögelchen.
-
-»Und bist doch so zart. Sind Blumen krank? Die Narzisse auf wiegendem
-Stiel, das Buschwindröschen, die Orchidee? Nein.«
-
-»Ich hatte eine schwarze Amme, eine Negerin säugte mich.« Sie sah ihn
-kindlich triumphierend an. Das kann nicht jeder von sich erzählen,
-prahlte ihr Blick.
-
-»Hattest du nicht die Masern, Scharlach, den Keuchhusten? Nein, daran
-wärest du gestorben,« sagte Student Kruger. Er starrte sie eine Weile
-an. »Bist du eigentlich schon ein Mädchen?« fragte er plötzlich. »Wie
-alt bist du?«
-
-Vögelchen verschwieg gern ihr Alter. »Ich war immer ein Mädchen,«
-antwortete Vögelchen ernsthaft.
-
-»Ich meine, ob du noch Kind bist?«
-
-Vögelchen richtete sich zornig auf. »Ich wäre ja beinahe Braut
-geworden,« rief sie. »Und wenn wir nun reisen, so bin ich Frau
-Mannsthal. Das haben wir beschlossen. Va ist nicht mein Vater, müssen
-Sie wissen. Ich habe keinen Vater.«
-
-»Und deine Mutter?« Vögelchen erbleichte. Sie riß einen Halm aus und
-warf ihn von sich. Dies war die Antwort.
-
-»Aber das mit dem Schmerz, daß wir es, ich und die anderen (sie ging
-immer auf seine Andeutungen einer geheimen Gemeinschaft ein), daß wir
-den Schmerz nicht spüren! Geben Sie mir Ihr Federmesser, ich will das
-versuchen.« Gehorsam zog er es hervor. Soll ich öffnen, deutet er. Sie
-nickte.
-
-»Rasch, sonst verliere ich den Mut.« Er tat es. Sie ritzte sich in der
-Handfläche. Es ging nicht leicht. Ihre Haut wehrte sich des stählernen
-Eindringlings. Plötzlich sprang ein kleiner roter Strahl empor.
-Vögelchen war kreideweiß im Gesicht. »Wahrhaftig, es schmerzte nicht,«
-sagte sie. Aber sie hielt den Atem an. Es wurde ihr übel. Student Kruger
-hockte neben ihr, seine Haare sträubten sich vor Erregung, seine Ohren
-reckten sich spitz, seine Augen hatten einen stumpfen, fast blödsinnigen
-Glanz.
-
-»Ariels Blut,« sagte er leise. »Wein des Lebens.«
-
-»Ich kann es nicht sehen,« sagte Vögelchen, die immer bleicher wurde.
-
-»Und müßt doch bluten, ihr Frauen.«
-
-»Red' nicht so hoch daher,« rief sie unwillig und wand ihr Tuch um die
-Hand. »Ich hasse euer ewiges Gescheitsein.«
-
-»Ich möchte dir alles geben, was ich habe, Ariel, alles Gescheitsein
-auch.«
-
-»Ich mag nichts von dir,« sagte sie. Er sah sie an wie ein getretener
-Hund, dann beugte er sich über sie und flüsterte angstvoll: »Aber ich
-lasse dich nicht.« Vögelchen sah zu ihm auf; wie sein Antlitz über ihr
-schwebte, war ihr, als ob das Grauen sich in einer Wolke über ihr
-ballte. Ein Druck legte sich wie eine eisern würgende Faust auf ihren
-Hals, ein blauer Strom ging an beiden Schläfen zu ihrem Herzen hinab.
-Sie wurde ohnmächtig.
-
-Camill, der Kammerdiener, kam, vom Ruf des Studenten angetrieben. Er
-rieb ihr die Stirne mit Essig. Man trug sie auf ihr Zimmer. Dort schlug
-sie die Augen auf. »Er hat mich gebissen,« sagte sie und deutete erzürnt
-auf Kruger, der bestürzt da stand. Der Kammerdiener machte ihm hinter
-Vögelchens Lager ein Zeichen. Er tippte mit dem Finger an seine Stirn,
-andeutend, daß er an der Vernunft seines Fräuleins zweifle.
-
-Vögelchen streifte tags darauf wieder allein im Wald umher und war
-einsam bei den Mahlzeiten. Kruger begrüßte sie mit tiefen Verbeugungen.
-Er saß in einem Gartenhaus hinter Büchern bei einer Schreibarbeit.
-Manchmal stand er auf und fuhr wild gestikulierend mit den Armen in die
-Luft. Vögelchen war sehr neugierig, was er da treibe. Sie ging einige
-Mal um das Häuschen herum, setzte sich dann in Hör- und Sehweite, mit
-dem Schnitzen einer Gerte beschäftigt.
-
-»Ja, da brauchte man ein Papier,« sagte sie, scheinbar zu sich selbst
-sprechend. Ein kleiner Junge lief vorüber und sah das kleine Fräulein
-an. »Ich mache eine Fahne,« sagte sie, »für mein Schiff. Aber dies ist
-erst der Mast. Ich brauche ein Papier. Und dann schreib' ich darauf
->Fünkchen, flieg<. So heißt mein Schiff. Hast du verstanden, Peter? Oder
-heißt du vielleicht Seppel?« Der Junge nickte. »Nun, kannst du nicht
-reden? Aber nicken kannst du doch? Andere können nicht einmal nicken,
-und wenn du ein Student wärst, hättest du auch ein Papier.« Seppel
-murmelte etwas, das seine Zahnlosigkeit unverständlich machte, und
-verschwand auf das schrille Pfeifen eines Genossen.
-
-Jetzt erschien Kruger vor dem Gartentor und hielt einen Bogen in der
-Hand.
-
-»Ach, Sie sind hier?« sagte Vögelchen.
-
-»Sie suchen mich ja schon eine gute Weile.«
-
-»Einbildung,« sagte sie.
-
-»Das ist keine Schande unter guten Freunden.«
-
-»Freunden? Ich kenne Sie doch kaum. Vor acht Tagen wußte ich noch nichts
-von Ihnen.«
-
-»Oh, das tut nichts zur Sache. Liebe auf den ersten Blick.«
-
-»Ich, Sie lieben!« Sie lachte.
-
-»Lieben Sie den Vogel dort, der über dem Baum schwirrt? Vor einer
-Sekunde noch war er nicht in Ihrem Leben und vielleicht werden Sie ihn
-nie wiedersehen. Lieben Sie dieses Marienkäferchen, das morgen tot sein
-wird, den Fisch, der dort aufblitzt im See, den Seppel, der eben
-fortlief?«
-
-Sie dachte nach. »Ja,« sagte sie. »Aber Sie? Nein.«
-
-»Auch mich, aber das ist nichts.« Er machte eine Handbewegung, als
-schöbe er etwas weit weg, und immerzu noch lächelte er unter dem Glück,
-daß sie wieder zu ihm gekommen. »Auch mich, aber Ihre Liebe gehört allen
-und niemandem. Sie bleiben nirgends. Ihr Herz hat Flügel. Es saugt sich
-dort an und da an und es wird süß werden wie Honig. Dies ist der Sinn
-Ihres Lebens, Honig des Herzens zu geben und den Gesang Ihrer Seele. Sie
-werden nicht Landschaften malen, nicht auf den Brettern agieren und
-nicht studieren, es sei denn, Sie täten es einem Menschen zulieb. Sie
-werden nicht sticken und Bücher lesen, und ich glaube, daß Sie niemals
-ein Kind haben werden.«
-
-Vögelchen hatte still zugehört. Jetzt kam Bewegung in sie. »Ich will
-Kinder haben, sehr bald will ich kleine Kinder haben. Nächstes Jahr
-vielleicht schon,« sagte sie.
-
-Kruger lachte, aber plötzlich standen seine Augen voll Tränen. Er hatte
-tagsüber in Ekstase gearbeitet und war sehr erregt. »Deine Wiege stand
-im Wüstensand, im Land des Morgens,« sagte er mit weitausschauendem
-Blick, als predigte er. »Ehelich gebunden bist du, ehe du zum Weibe
-wardst. Du bist gebenedeit, denn zwischen dir und Gott ist kein Ich und
-Du.« Und plötzlich beugte er sich herab, rasch hinknieend wie ein
-Frommer, der eine Kirche verläßt, und küßte den Saum ihres Kleidchens.
-Sie warf eine Blume, einen himmelblauen Enzian, auf ihn herab. Er barg
-ihn in seiner Brust.
-
-Am Kiesweg knirschte ein Tritt. Camill, der Kammerdiener, stand hinter
-ihnen.
-
-»Der gnädige Herr sind angekommen,« sagte er.
-
-Student Kruger war nun abgesetzt. Er war jetzt ganz auf Camill
-angewiesen, der eine starke Anziehungskraft für ihn hatte. Wenn
-Vögelchen zur Ruhe gegangen war, pflegte er mit ihm, der gern trank, im
-Schankzimmer des Gasthofes zu sitzen. Diese Freundschaft anzubahnen,
-schien ihm wichtig. Durch Camill hoffte er Vögelchens Wege verfolgen zu
-können. Der Diener sprach nicht wenig von schlüpfrigen Dingen und
-Student Kruger, mißratener Hofratssohn und Hörer der Theologie, vernahm
-sie mit Verständnis und Wohlbehagen. Er erfuhr auch einiges über
-Mannsthal, den er als Vögelchens Besitzer bewunderte und haßte. Camill
-ließ Andeutungen fallen von Abreibungen, elektrischen Kuren, von
-Medikamenten und Bädern, von gymnastischen Übungen, die alle der
-Erhaltung jugendlicher Manneskraft dienten. Konrad Kruger versuchte sich
-heimlich in ähnlichen Prozeduren und sie hatten die Wirkung, daß Minna,
-das Schankmädchen, ihm eine Ohrfeige gab. Eine Reihe von Gedichten
-entstand aus dem neuentfachten Brand seiner Sinne. Sie verklärten sich
-alle ins Mystische und alle waren an Ariel-Vögelchen gerichtet, das ihm
-von ferne ernsthaft zulächelte. Mannsthal hatte die Versuche, ihm Kruger
-näher zu bringen, mit leichtem Spott abgewiesen.
-
-Da geschah es am Tage vor der Abreise, daß am späten Nachmittag eine
-Dame vorfuhr und nach Mannsthal fragte. Suchend irrte ihr erregter Blick
-umher. Sie war beinahe korpulent, was zu ihrem merkwürdig zarten, von
-Leid gezeichneten Gesicht im Widerspruch stand. Vögelchen sah, wie
-Mannsthal vorsprang und sich mit bleichem Gesicht kühl und wie abwehrend
-verbeugte. Die Dame sah forschend auf Arabella und ein schmerzliches,
-mit Neugier gepaartes Lächeln streifte sie. Dann folgte sie Mannsthal,
-der ihr Vorwürfe zu machen schien, in das nahe Wäldchen.
-
-Vögelchen war sogleich von Argwohn erfüllt. Sie haßte es, von fremden
-Leuten betrachtet zu werden. Blicke krochen ihr bis an die Haut und
-verursachten ihr oft Unbehagen. So hatte sie sich auch unter diesem
-Lorgnettieren abgewandt und den forschenden Blick durch eine rasche
-Umdrehung der Schultern gleichsam abgeschüttelt. Eine vielleicht
-geplante Annäherung der Dame schien dadurch augenblicklich unmöglich
-geworden. Arabellas Mißtrauen war nach den Erlebnissen in K.
-begreiflicherweise noch nicht geschwunden und, wäre sie nicht Kruger
-begegnet, der ihrer innern Welt schon durch die Hemmungslosigkeit seiner
-Rede näher stand, sie hätte den Zweifel an einen möglichen
-Zusammenschluß mit Menschen nicht so bald überwunden. Aber noch
-beherrschte er sie. Mit dieser Fremden wollte sie nicht sprechen. Va
-schien über ihr Kommen erzürnt. Eine geplante Segelfahrt war nun
-überdies versäumt. Obwohl Arabella zu einem Buch griff, war sie
-innerlich aufgewühlt und las nicht. Sie ahnte wieder die Geheimnisse,
-die um sie wuchsen, wie undurchdringliches Gestrüpp. Ein Gefühl, aus
-Trotz und Scham gemengt, drängte jede Frage zurück. Dennoch zehrte
-Neugier an ihr und Grübeln, ob sie mit Wissen ein Drohendes,
-Unheimliches nicht würde bannen können.
-
-Kruger lag im Walde, als Mannsthal mit der Dame herankam. In seiner
-grünen Lodenjoppe war er vom Moosboden nicht zu unterscheiden. Er las.
-Da hörte er eine Frauenstimme erregt sagen: »Bitte, setzen wir uns doch
-endlich, ich bin müde.« Die nächste Bank war nicht in Hörweite. Student
-Kruger kroch auf allen Vieren, bis er Brocken des Gespräches erhaschen
-konnte.
-
-»Was nützte dir der neuerliche Prozeß? Sie ginge ja doch nicht mit dir.
-Willst du das Kind gegen seinen Willen zwingen?« Dann hörte er weiter
-aus Mannsthals Munde das Wort »Erbin«. »Du willst ihr ein glänzendes
-Leben verscherzen? Du, eine Fremde! Denn sie kennt dich ja nicht mehr.«
-Die Frau antwortete: »Ein glänzendes Leben? Du wirst sie zugrunde
-richten. Du hast eine Wilde aus ihr gemacht. Ich dulde das nicht
-länger.«
-
-»Man hat dich nicht gewarnt? -- Urbacher? Oder spionierst du?«
-
-»Nein, verdächtige niemanden. Gewissen --«
-
-»Warum schwieg es denn damals? Warum hast du das Kind deinem Mann
-geopfert, der von mir bezahlt war? Muß ich dich wieder daran erinnern?«
-Die Stimmen wurden lauter.
-
-»Du lügst. Deine Spitzfindigkeiten boten uns keinen Ausweg.«
-
-»Willst du endlich seine Unterschrift sehen? Ich habe diese kleine
-Kostbarkeit immer bei mir. Für alle Fälle.«
-
-»Aber ich dulde nicht, daß du im Ausland lebst. Daß du das Kind
-verschleppst.«
-
-»Sie haben keine Rechte zu verbieten.«
-
-»Und wenn ich dich verdächtige, daß du nicht als Vater an ihr handelst?«
-
-»So werde ich vor den gröbsten Mitteln nicht zurückscheuen. Noch einmal
-solch ein Überfall und ich erzähle Arabella alles.«
-
-»Willst du ihr verächtlich werden?«
-
-»Willst du, daß sie die Erinnerung an dich, daß sie das Wort >Mutter<
-für immer austilgt?«
-
-»Erpresser,« sagte die Frau.
-
-»Du reizt mich zum Äußersten. Du weißt, ich liebe sie unüberwindlich,
-mehr als Recht und Ehre. Kehr' in dein Leben zurück, das du dir
-freiwillig gewählt hast, und beunruhige das Kind nicht.«
-
-Die Frau stand auf. »Treib' es nicht zu weit. Gott gebe, daß ich dir
-Unrecht tue. Aber auch, wenn du reist, werde ich Mittel finden, das Kind
-im Auge zu behalten.« Sie schluchzte. Sie entfernten sich. Kruger sprang
-auf. Er lief durch den Wald bis zu jener Stelle, wo die Fahrstraße
-ansteigt und Wagen im Schritt fahren. Dort wartete er. Als das Gefährt
-herankam, grüßte er.
-
-»Auf ein Wort, bitte.« Die Dame fuhr erschrocken auf und fragte:
-
-»Was wollen Sie?« Ein Bettler war das nicht.
-
-»Ihre Adresse,« sagte Kruger -- »für alle Fälle.«
-
-Die Dame erbleichte. »Wer sind Sie,« stieß sie hervor.
-
-»Wozu? Nebensache. Zu Ihrem Vorteil frage ich. Geben Sie zumindest eine
-Deckadresse. Den Namen Ihrer Tochter Arabella zum Beispiel. Welches
-Postamt?«
-
-Die Dame sah den Menschen an. Sie besann sich mühselig. Zögernd nannte
-sie das Verlangte. Kruger zog rasch den Hut und verschwand im Walde.
-
-Vögelchen konnte nicht einschlafen. Sie saß auf ihrem Balkon im Dunkel
-und kämmte ihr Haar. Sie tat das gern und immer länger, als es nötig
-war. Vor dem Gartenhaus sah sie Kruger herumwandern. Er sah ernst und
-vergrämt aus, schwer von Wissen. Mannsthal hatte sich zurückgezogen und
-ihr jede Frage abgeschnitten. Er wollte sie nicht mehr belügen. Seitdem
-er sie in ein neues Leben aufgenommen, versuchte er so ehrlich zu sein
-als möglich. Später würde er ihr für alle Teile gleich schonungslos die
-Wahrheit sagen. Später! Vögelchen starrte auf das Licht seines Zimmers.
-Jetzt losch es. Zorn stieg in ihr auf. War sie denn immer noch das Kind,
-dem versagt wird, was der bloße Anstand erforderte? Aufklärung von
-Vorgängen, die sich vor ihr abspielten und dies alles mit
-Selbstverständlichkeit. Ihre Freundschaft mit Urbacher, mit dem
-Studenten, wortlos wurden sie ihr genommen. Warum war dies zwischen ihr
-und Va, daß sie nachts sich nicht mehr zu ihm getraute, wenn ihr
-ängstlich zu Mute war? Alles schien ihr nun unnatürlich. Wie
-traumverloren stand sie auf, stieg mit ihren roten Pantöffelchen und
-aufgelöstem Haar zu dem Menschen, den sie da unten bei der Arbeit wußte,
-zu ihm, der die Tore seines Wesens für sie aufgeschlossen hatte. Morgen
-würden sie ja reisen. Da mußte alles anders werden. Dann würde wohl auch
-Va sie einnehmen in sein eigenes Leben. Aber, wenn das nicht geschah?
-Wenn sie allein bliebe? Gab es einen Weg aus ihrem Bangen? Nun würde sie
-Kruger Adieu sagen und seinen Predigersegen empfangen. Als sie so
-plötzlich vor ihm aufstieg, weiß und lautlos, griff er in die Luft, als
-gelte es eine Erscheinung zu fassen: »Wieder auferstanden?« sagte er
-grinsend.
-
-»Schweig,« flüsterte sie. »Va braucht uns nicht gleich zu hören und
-Camill verrät uns.«
-
-»Nein, der tut es nicht, und wenn auch? Morgen fährt Frau Arabella
-Mannsthal in die Welt.«
-
-»Ja, morgen fahren wir in die Welt.«
-
-»Du Glückliche,« seufzte Kruger, »wenn du wüßtest, wie ich mich
-hinaussehne, wie ich es erlechze, die weißen Firne im Spiegelbild der
-blauen Seen zu erblicken, die berühmten Stätten der Kunst, die uralten
-Baudenkmäler, deren lebendiges Geschehen mir gegenwärtig ist! Wie ich
-mich nun doppelt sehnen werde, in diese schon von alter Kunstheiligkeit
-schaurig gewordenen Kirchen zu treten. Wird er dir auch alles zeigen
-können, wie ich es könnte? Wird er dich beten lehren und dichten, wenn
-Bewunderung keine täglichen Worte mehr findet? Wird er jene
-unzerreißbaren Fäden ziehen, die unsere Sterblichkeit an das göttliche
-Ewige binden? Für dich müßten die Steine wieder ihre alten Worte finden.
-Von den Wänden der Kapellen müßten Schwester und Brüder aus heiligen
-Landen herabsteigen und Zwiesprache halten mit dir. Statt dessen, Ariel,
-wird der große Brand über dich kommen. Sieh,« fuhr er in schlichter
-Ergriffenheit fort, »dein Blut wird sich entzünden, es harrt schon des
-Feuersteines. Aus der schmalen Schale deines Kinderleibes werden Flammen
-brechen. Hüte ihre Heiligkeit. Möge es dich nicht vernichten, das
-Feuer.«
-
-Vögelchen sah das Feuer, das die Stätte ihrer Kindheit verheert hatte.
-Es war eins mit dem Brande, vor dem er warnte. Welch Wunder, sie
-verstand ihn! Endlich kam ein Licht über ihr dumpfes Ahnen. In jener
-Nacht mit Mila Maquard, in jenen Stunden, da seltsame Liebkosungen
-Fluten von Wärme und heißer Gier in ihr erweckt hatten, da hatte
-zugleich ein Gefühl traurig beseligter Weltflucht, ein Enteilen ihres
-Körpers über alles Irdische sie erhöht. Sie ahnte, seine Warnung hieß:
-»Lass' dich gleiten, verweile nicht auf den Wogenkämmen der Eigenlust.
-Ströme aus in unendlichem Geben.«
-
-Daß sie ihn verstand, beglückte sie. Und nun war darüber kein Zweifel
-mehr, als er sagte: »Tu es mit ganzer Seele.« Sie sah nicht, wie seine
-bebende Hand sich ballte und wie zum Fluch sie sich aufrecken wollte zum
-erloschenen Fenster Mannsthals.
-
-»Ich werde dich wohl nie mehr sehen,« sagte sie traurig.
-
-»Du wirst mich sehen. Ich werde dir nahe sein, immer, immer wirst du nur
-zu rufen brauchen. Immer wird dein Bild vor mir schweben und mich zum
-Äußersten stärken.« Er blickte auf sie mit halbgeschlossenen Augen und
-leicht geöffnetem Mund wie einer, der einen lieblichen Traum erschaut.
-Dann schlug er den Blick nieder zu ihren roten Pantöffelchen, ein
-Märchen kam ihm in den Sinn. Sie tippte ihn leise an der Schulter.
-
-»Schreib mir,« hauchte sie. Und dann verschwand sie, von seinen Worten
-durchschauert.
-
-Tags darauf fuhr der Wagen vor, die riesigen Koffer aufgeschnallt.
-Vögelchen stieg ein wie eine Braut, ihr Schleier flatterte in der Brise
-des Morgens. Mannsthal folgte ihr, bettete sie ein in weiche Decken.
-Eine feierliche Entschlossenheit lag kalt wie Marmor auf seinem Antlitz.
-Camill sprang auf und blinzelte zu einem Fenster. Dort stand Kruger. Der
-Wagenlenker tat seine Arbeit. Ein leichtes Grüßen. Nun flog das Gefährt
-in die Landschaft ...
-
-Hunde, die man zu Hause läßt, brechen zuweilen ihre Fesseln, Wagen oder
-Eisenbahn nachzujagen mit hängender Zunge. Also flog schweißtriefend
-Konrad Krugers Seele neben Vögelchens Wagen und heulte auf zu ihr in
-verschmachtendem Schmerz.
-
-
-
-
- Adalbert Mannsthal
-
-
- »_Il avait toujours eu le
- malheur d'être riche._«
-
- (_Romain Rolland
- »Dans la Maison«_)
-
-Fünfundzwanzig Jahre vor diesen Begebenheiten saßen in dem Parke der
-Mannsthal-Villa in Hellwang einige Jungen und sprachen -- sie waren etwa
-fünfzehnjährig -- von »Unerlaubtem«. Einer von ihnen führte das Wort,
-manche warfen Bemerkungen ein, um Kenntnisse zu beweisen, andere
-stellten ab und zu eine zaghafte Frage. Nur Adalbert schwieg und es
-schien, als höre er nichts als das Brausen der nahen Stahlwerke und sähe
-nichts anderes als die feine Holzschnitzarbeit, die er eben handhabte.
-(Es war ein Kästchen, das einem besonderen Mineral als Aufbewahrungsort
-dienen sollte.) Immer wieder trieb es die Jungen an, vor ihm ihre
-Eröffnungen ins Lügenhafte zu steigern, um ihn endlich zur Anteilnahme
-hinzureißen. Während er äußerlich kühl blieb, entfiel ihm kein Wort des
-Gespräches, aber zum ersten Male bemächtigte sich nun seiner Unruhe. Er
-selbst war wohl von einem vernünftigen Vater hinreichend aufgeklärt
-worden, aber seine beherrschte Lebensart, die Beschäftigung mit
-künstlerischen Dingen, sein Interesse für das große Unternehmen des
-Vaters, sein stark entwickelter Schönheitsinn hatten ihn bisher vor den
-oft im Müßiggang vorzeitig aufkeimenden Trieben bewahrt. Zum ersten
-Male, obwohl älter als die Vettern und Freunde, begann nun ein heißer
-Drang in ihm aufzusteigen, der ihn so sehr betroffen machte, daß eine
-Beteiligung am Gespräche seine körperliche Anteilnahme verraten hätte.
-Während er nun mit unruhiger Hand die Laubsäge zu meistern suchte, ging
-quer über die Auffahrt zur Villa eine Dame mit einem etwa zwölfjährigen
-Mädchen. Dieses war sehr zart und blaß, ein Stadtkind. Ein leichtes,
-weißes Röckchen flatterte um gut gewachsene Beine, die zwischen den
-modisch hervorlugenden Spitzenhöschen und den Strümpfen nackt waren. Der
-Wind drohte sie noch weiter zu entblößen. Die Dame war die Frau eines
-neuernannten Werkdirektors, die Kleine ihre Tochter, die nun mit den
-Eltern in der Fabrik wohnen sollte. Sie waren gekommen einen
-Antrittsbesuch abzustatten. Adalberts Blicke folgten dem wehenden
-Röckchen, bis es hinter einer Baumgruppe verschwand. Nach einer Weile
-sandte die Tante, die Mutterstelle an ihm vertrat, Botschaft, um ihn in
-das Empfangszimmer zu rufen. Die Dame verneigte sich vor dem Sohn des
-mächtigen Fabriksherrn und sagte:
-
-»Mach deinen Knix, Loli.«
-
-Loli schien der Knix nicht am Platze. Sie reichte ihre Hand und sagte
-treuherzig: »Grüß Gott!«
-
-Adalbert blieb eine Weile, aber so wohlerzogen er auch war, er fühlte
-seine Blicke immer wieder zu den nackten Knieen Lolis entgleiten, die
-ein blonder Flaum bedeckte, und weiterirren zu dem Höschen, das noch
-nackter schien, dann auf zu dem weißen Röckchen, das, vom Winde wie ein
-weißes Blütenblatt zerzaust, nun müde von ihren schmalen Hüften hing. Er
-wußte, daß er in diesem Augenblicke alles darum gegeben hätte, seine
-wertvolle geologische Sammlung, seine Eisenkristalle, seine Bücher, wenn
-der Sturm, der sich nun draußen erhob, durch die Türe der Terrasse
-brechend, ihm das enthüllen wollte, was ihn zu sehen gelüstete. Er war
-sehr blaß am nächsten Morgen. Als der Nachmittag kam, ein schwüler
-Julinachmittag, mit Lindenduft und müdem Gesang der Vögel, schlich er an
-das Gärtchen des neuen Direktors und sah Loli an einem Beet beschäftigt.
-Er pfiff leise. Sie horchte auf, sah ihn und sagte lächelnd: »Grüß
-Gott!«
-
-»Willst du spazieren gehen?« fragte er.
-
-»Gern,« sagte sie freudigst, rief ins Haus und kam dann aus dem Tor. Sie
-nahm ihre Schürze ab, warf sie auf die Hecke hinter den Zaun und reichte
-ihm kräftig die Hand. Wie frisch sie ihm erschien. Es ging ein
-Wohlbehagen von ihr aus, wie von neugesteifter, blütenreiner Wäsche, die
-sorgfältige Hände in einem Spind verwahrt hielten.
-
-»Wollen wir in den Wald gehen?« fragte er. Sie klatschte in die Hände.
-
-»Fein,« rief sie. Sie begannen zu plaudern nach Kinderart. »Wie alt bist
-du? In welche Schule gehst du? Was lernst du am liebsten? Hast du
-Geschwister?«
-
-»Wo sind die vielen Jungen?« fragte sie dann.
-
-»Sie haben einen Ausflug gemacht.«
-
-»Und du bist zu Hause?«
-
-»Ich war zu müde, habe wenig geschlafen. Dann wollte ich dich
-herumführen. Du kennst hier noch nichts.«
-
-»Wie freundlich von dir. Es ist so schön da. Mama hofft auch, daß ich
-hier stärker werde.«
-
-»Ja, das könnte nicht schaden. Du siehst noch aus wie ein Junge.
-Vielleicht bist du einer.«
-
-Loli wurde rot. »Was fällt dir ein!«
-
-»Nun so beweise mir's, daß du keiner bist.«
-
-»Soll ich mit dir balgen?«
-
-»Nein, das tut ihr Mädel ja auch. Anders sollst du mir's zeigen, daß du
-kein Junge bist.« Er sah sie von der Seite an und lächelte wie im Spott.
-
-»Pfui, du bist ungezogen,« rief Loli entrüstet. »Ich dachte, daß du ein
-feiner Junge bist. Und vor dir hätte ich knixen sollen.«
-
-»Nun, sei nicht böse und verzünde mich nicht gleich bei deiner Mutter.
-Dann ist's aus mit unseren Spaziergängen. Sieh, Loli, diesen kleinen
-Gefallen könntest du mir schon tun, damit ich sehe, daß du einer
-Freundschaft auch etwas zu Liebe tust. Und damit ich ganz sicher bin,
-daß du kein Junge bist.« Er lachte, als scherze er. Sie waren schon im
-Walde, der hinter den großen Holzplätzen, die würzig in der Sonne
-dufteten, hinanstieg. Es war dunkel und still um sie. Loli sah blaß und
-erschrocken aus. »Ihr Jungen seid böse,« sagte sie.
-
-»Hat denn schon einer das von dir verlangt?«
-
-»Ja,« sagte sie. »Aber ich habe es nicht getan. Es waren fünf, alle
-meine Vettern. Hinter der Scheune bei Onkel Rudolf. Sie baten so, aber
-ich tat es nicht. Du hättest sie sehen sollen, sie wurden böse.«
-
-»Willst du nun, daß auch ich böse werde? Und ich bin doch nur einer, da
-ist es dir doch leichter. Dann wollen wir doch auch Freunde werden. Im
-Winter fahren wir dann Schlitten, wenn ich zu den Ferien komme. Bitte,
-Loli!« Seine Augen, die groß, grau und tief umschattet waren, leuchteten
-flehend in die ihren. »Einen Augenblick nur! Hier, siehst du, hinter
-diesem dicken Stamm. Hier sieht es niemand.«
-
-Loli sah den hübschen Jungen, vor dem ihre Mutter sich verneigt hatte,
-sie leicht und dennoch herrisch an der Schulter berühren. Das
-Sonnengeflimmer rieselte grünlich durch die Zweige. Es war so still um
-sie her. Man hörte nur des Knaben erregten Atem. Da hieß das Äußerste
-seines Wunsches ihre Händchen seiner Bitte willfahren. Er kniete vor
-ihr. Ihre Haut war weißer als der Schnee. Er krampfte seine Fäuste ins
-Moos. Da raschelte ein Vogel auf. Loli erschrak. Bebend fiel die Hülle.
-Adalbert war auf dem Waldboden niedergesunken, vergrub sein Gesicht.
-Dann sprang er auf. Nun liefen sie aus dem Wald, als fürchteten sie
-Verfolger. Seine Überlegenheit war geschwunden.
-
-Die folgenden Tage umgaben ihn die Kameraden. Adalbert schien ein
-anderer. Er war heiter und beweglich, beinahe rauflustig. Dann wieder
-verschwand er aus dem Freundeskreise. Er wollte sich abseits halten, um
-Loli wieder, ohne daß es die anderen gewahrten, zu einem Waldspaziergang
-aufzufordern. Es hätte ihm schon genügt, sie zu sehen, die Hand, die
-seinen Wunsch erfüllt, leicht zu berühren, unmerklich an ihr Röckchen
-anzustreifen. Aber immer war einer der Jungen hinter ihm her und es war
-ihm, als dürfe er keinen auf seine Fährte bringen. Er haßte sie alle in
-diesen Tagen, weil sie wie er vielleicht ein Gleiches erreicht hätten.
-Wenn ihm etwas lieb war, bekam es die Glorie der Heiligkeit. Es war
-nicht Neid, der ihn ängstlich seine Sammlung verschließen hieß. Er
-fühlte sich als Kronhüter.
-
-Da geschah es, daß einer der Knaben vom Scharlachfieber ergriffen wurde.
-Er reiste, noch ehe die Krankheit sich entschieden geäußert, nach Hause,
-aber bald darauf erkrankte auch Adalbert. Er war in diesen Tagen in
-seinen Kräften sehr herabgekommen gewesen, hatte wenig geschlafen und
-gegessen. Nachdem der Ausschlag geschwunden war, stellten sich
-Folgekrankheiten ein. Er magerte ab. Das Fieber hatte ihn fast
-aufgezehrt. Die Schwäche löschte das Feuer der eben erwachten Sinne, die
-noch in den Phantasien der ersten Krankheitsnächte aufgeflammt waren.
-Eine seiner Lungen schien gefährdet. Im Spätherbst reiste man mit ihm
-nach dem Süden, dann in die Schweiz, deren Höhenkuren empfohlen wurden.
-Zwei Jahre lang lag er auf Terrassen, den Blick auf enzianfarbigen
-Himmel, von Schneekuppen gesäumt. Er las viel, lernte mit seinem
-Hauslehrer, einem Hochschulstudenten, der schwächlich war wie er. Lange
-Zeit war in der Liegehalle ein Russe sein Nachbar. Der war älter als er
-und eine brennende Seele wohnte in ihm. Sie sprachen leise, daß Arzt und
-Pflegerin sie nicht hörten, stundenlang. Der Geist war jetzt Herrscher
-über Adalbert. Nur ganz selten, wenn er die Augen schloß, müde des
-vielen Lichtes, sah er im Waldglanz an einen Baum gelehnt, ein fernes
-Bild. Wie im Traum.
-
-Zu dieser Zeit bewegten ihn leidenschaftlich grundsätzliche Fragen. Daß
-man sein Vaterland vor allen anderen lieben müsse? Nikolai Karinski tat
-es. Nicht etwa daß er seine Nation über die anderen stellte. Rußlands
-Seele wolle den anderen dienen, es beugt sich vor der Kultur Europas,
-seit Peter sie heimgebracht. Nein, Rußland wäre wie kein anderes Land
-fähig, den Wert der anderen Nationen zu erkennen, und dennoch müsse die
-Erlösung der Welt von ihm ausgehen. Das Allmenschliche der russischen
-Seele sei die große Botschaft an Europa.
-
-Adalbert verstand ihn zuerst nicht. Er meinte, daß Rußland und Zarismus
-das gleiche sei: eine ameisenhafte Anhäufung dürftiger Menschen, über
-der ewig die Knute des Despotismus drohe. Wie konnte Karinski sein Land
-lieben, wie von ihm Erlösung hoffen für die Welt. Und wie kam es, daß er
-das seine mit seinen alten Kulturtraditionen, seinen landschaftlichen
-Schönheiten nicht über alles lieben gelernt? Liebe fürs Vaterland, das
-war ihm nicht viel mehr als ein Schulgegenstand. Während der Reisen, die
-er mit seinem Vater unternommen hatte, war er in fremden Ländern
-gleichermaßen in Begeisterung entflammt, wenn das Schöne ihm begegnete.
-Karinski, der Graf, aber liebte sein Land im Volke, in der einfältigen
-Seele des Russen, die durch alle »Fegefeuer der Zweifel« zu Gott ging
-und die Barmherzigkeit Christi auf Erden vertrat. Aber Adalbert hatte
-immer gehört, daß in Rußland die Korruption zu Hause, Bestechung und
-Grausamkeiten alltäglich seien. Dies habe ja das Volk groß gemacht, groß
-im Leiden, meinte Karinski. Dies habe die Seele des einzelnen erhöht und
-verbrüdert mit dem Niedersten seines Landes. Qualen, unsäglichste Leiden
-hatten den russischen Menschen widerstandslos gemacht gegen die
-Anfechtungen seiner dunklen Triebe und die Inbrunst seiner Gefühle.
-Deshalb sei er tierisch und kindlich, lasterhaft und einfältig zugleich,
-deshalb sei er grausam und gottesfürchtig, niedrig und großmütig, im
-Glück frevelnd, im Elend edel, eigensüchtig und freigebig, furchtlos bis
-zum Aberwitz und zernichtet in Angst und Schrecken. Immer ist er von den
-entgegengesetzten Polen seines Wesens abgestoßen und angezogen, Engel
-und Teufel, Kind und Verderber. Niemals könne das Gefühl für ihn
-erkalten, immer erregt er Bewunderung oder Mitleid, Abscheu oder
-Anbetungswürdigkeit.
-
-Und Adalbert sah auf sein eigenes Volk zurück, er dachte an die Arbeiter
-seines Vaters, an arme Leute. Ja, auch sie lebten mit Leiden und
-seltenen kleinen Freuden, aber er sah nichts, was an ihnen begeistern
-konnte. Er erinnerte sich, wie er in seiner früheren Kindheit sich eins
-gefühlt mit den Kindern der Werkleute, daß ihn aber sogleich Befremden
-überkommen, wenn er einem Erwachsenen aus dem Volke sich gegenübersah.
-Nicht von ihm, dem Kinde, ging dies aus. Er liebte die arbeitenden Leute
-mit ihrem fremden Leben, das ihm unheimlich geheimnisvoll schien. Ihr
-Können, ihre Fertigkeiten waren ihm oft unerreichbar und reizvoll
-erschienen. Aber sie traten nicht als freie Menschen vor ihn, sie waren
-Diener, Sklaven oder mißlaunige Neider, die ihr wahres Gefühl schlecht
-verbargen. Wie mußten erst Rußlands Leibeigene hündisch unterworfen
-sein, wie unmöglich schien da eine Brüderschaft mit den Armen. Aber das
-war es ja, was Karinski so sehr an seinem Volke liebte, daß es seine
-eigene Würde bewahrte. Die Demut, die Neidlosigkeit, sie gaben dem
-Russen aus dem Volke das Selbstgefühl. Adalbert hatte geträumt dereinst
-als Fabriksherr der Wohltäter und Freund seiner Arbeiter zu sein.
-Nikolais Reden überzeugten ihn von neuem, daß ihn dieses Bestreben
-enttäuschen würde. Sein Widerwille dereinst über Tausende von Menschen
-zu herrschen wuchs stetig. Im Volk eine tote Masse zu sehen, die der
-Wille der Machthaber bewegt, war ihm unmöglich. Er sah den Einzelnen und
-sah die Vielen als Ausdruck einer Wesensart mit Wunsch und Willen, mit
-ihrem Eigenleben. Wäre er nicht unter den Arbeitern aufgewachsen, er
-hätte sie vielleicht wie eine ihm fremd geartete Masse angesehen, der er
-seinen Willen aufzulegen imstande gewesen wäre. Aber viele der Arbeiter
-waren seine Spielkameraden und deren Väter. Es fehlte ihm nicht an
-Herrschsucht, aber diese kam ihm einzig aus geistiger Überlegenheit oder
-Begierde. Eben deshalb kapitulierte sie hier vor seiner Einsicht.
-
-Seines Vaters Tod traf ihn daher zwiefach. Er hatte sich mit dessen
-Einverständnis eine mehrjährige Lehrzeit in großen Unternehmen Amerikas
-gesetzt. Nun hieß es auf halbem Wege heimkehren. Er brach seinen
-Aufenthalt in England ab, wo er zwei Jahre studiert hatte, und begab
-sich sogleich nach Hellwang zur Übernahme des Werkes. Er war von seinem
-Leiden völlig ausgeheilt, aber anstrengende Tätigkeit machte bald wieder
-einen Urlaub notwendig. Als er zurückkehrte, begegnete ihm Lola Ritter,
-die Werkdirektorstochter. Sie war aus der Stadt gekommen, in der sie zur
-Sängerin ausgebildet wurde. Die Gesangsübungen hatten ihre Muskeln
-gekräftigt, so daß sie über ihr Alter entwickelt war. Als Adalbert sie
-sah, staunte er. »Sie ist erblüht,« sagte er sich. Er erkannte den
-klugen Gesichtsausdruck, die Zartheit der Hände und Füße, ein blaues
-Äderchen zwischen den Augenbrauen, die noch immer unruhig waren wie
-damals. Seit jener kleinen Episode hatte er wohl Abenteuer mit Frauen
-gehabt und hatte mit Freunden die gebräuchlichen Stationen des Lasters
-kennen gelernt. Niemals hatte ihn seither eine Leidenschaft erfaßt und
-keine andere Neigung hatte das Bild der kleinen Loli verdrängt. Auch
-Lola Ritter, die Jungfrau, vermochte das nicht. Aber es war denkbar, das
-Kind in seinem erwachsenen Ebenbild stärker zu spüren.
-
-Adalbert Mannsthal war damals zweiundzwanzig Jahre alt, aber auch er
-schien älter in seiner Selbständigkeit und er war in jeder Weise
-beherrscht und sicher in seinem Auftreten. Als er ihr in Hellwang
-begegnete, wo sie die Weihnachtsferien verbrachte, war er sich völlig
-klar, daß er sie besitzen würde, daß aber ein dauerndes Verhältnis an
-Ort und Stelle unmöglich sei. Warten aber bedeutete ihm nur Genuß. Lola,
-die in sich die Weihe der künftigen Sängerin trug, sah die Welt nur
-durch das Licht ihrer Kunst. Alles, was sich nicht auf sie beziehen
-ließ, war ihrer warmen Lebendigkeit fremd. So schien sie es auch mit der
-Liebe zu halten. Sie hatte, vierzehnjährig, mit einem seiner Vettern
-eine Freundschaft gehabt, die ihrer Neugier nur wenig mehr zu wünschen
-übrig gelassen hatte. Seither war sie gewarnt und hatte sich nur an ihre
-Kunstbegeisterung verschwendet. So hatte sie denn auch wieder ihre
-ursprüngliche Reinheit zurückgewonnen und war errötet in der Erinnerung
-jener Begebenheit im Walde, als ihr nun der Fabriksherr erschienen war.
-Aber bald fand sie ihm gegenüber die alte treuherzige Art wieder, die er
-an ihr so froh empfunden hatte. Sie erzählte ihm, wie sie damals um sein
-Fenster geschlichen sei, als er krank gelegen, alle Warnungen
-mißachtend, daß sie sich kindisch gewünscht, statt seiner zu erkranken.
-Wie sie gewartet habe, daß er dann zurückkehre, und daß sie sehr
-bestürzt gewesen, ihn während seines kurzen Aufenthaltes in der Stadt,
-ehe er nach England gereist sei, nicht gesehen zu haben. Seither gab es
-immer junge Leute, die ihr gut wären, aber sie sei nun schon zu
-erwachsen, um diese Dinge auf die leichte Achsel zu nehmen, und außerdem
-lenke dies alles vom Studium ab. Adalbert fühlte sich leicht und
-beruhigt, wenn sie bei ihm war. Unbewußt schien etwas an ihm gezehrt zu
-haben, das nun in des Mädchens Gegenwart schwand. Es war ihm
-gleichgültig, was sie sprach. Am liebsten hörte er sie von ihrer
-Kinderzeit erzählen. Zwei Tage nach ihrer Begegnung trafen sie sich
-heimlich zu einem Spaziergang und er lenkte ihre Schritte zu jener
-Stelle im Walde, die seinen Träumen so oft Nahrung gegeben. Sie erriet
-seine Absicht auf halbem Wege. Scham hinderte sie, ihm eine andere
-Richtung vorzuschlagen. Sie wollte sich lieber den Anschein geben, alles
-vergessen zu haben. Am nämlichen Platz blieb er stehen und zündete sich
-eine Zigarette an. Sein Blick brannte in dem ihren. Sie sprachen über
-gleichgültige Dinge. »Nun muß ich zurück,« sagte er. Sie traten den
-Heimweg an.
-
-Wenige Tage nach ihrer Rückkehr zur Stadt sandte er ihr (sie wohnte bei
-ihrer Großmutter) ein Billet zu einem Konzert. Er erwartete sie dann
-nach Schluß und bat sie, mit ihm zu nachtmahlen. Sie dankte mit
-Begeisterung für das seltene Fest; die Einladung zum Nachtmahl nahm sie
-an, für den Fall, als ihr ein baldiges Zuhausesein möglich wäre, damit
-ihre Großmutter nicht in Sorge sei. Sie verbrachten einen Abend, der
-Lola überzeugte, daß der junge Fabriksherr nicht zu fürchten sei. Bald
-sandte er ihr wieder eine Karte ins Theater unter dem Vorwand, daß die
-Trauer ihn verhindere, sie selbst zu benützen. Mählich waren es Stücke,
-zu denen er sie lud, die nicht nur Lolas Kunstbegeisterung erregten.
-Nach den Vorstellungen speisten sie in einem stillen, vornehmen Lokal.
-Wenig nach elf war sie zu Hause. Vor den Osterfeiertagen verabredete er
-mit Lola wieder eine gemeinsame Fahrt nach Hellwang. Er bat sie, ihn in
-seiner Wohnung zu erwarten, da er nicht gewiß sei, wann er abkommen
-würde. Keinesfalls sollte sie eine Ankunftsstunde ankündigen, da
-möglicherweise ein Hindernis eintreten könne. Lola war nach fünf Uhr
-gekommen. Sie trat in ein kleines palastartiges Haus. Der Diener bat
-sie, seinen Herrn zu erwarten. Als sie, noch ein wenig betäubt, sich in
-dem Zimmer umsah, hörte sie draußen die Eingangstür ins Schloß fallen.
-Sie war allein. Der Raum, in dem sie sich befand, war in einer ihr
-fremden Art eingerichtet. Hohe Kasten mit groß gemusterten Vorhängen
-verbargen Bücher und Sammlungen. In einer Kristallkugel, die in einer
-Sofaecke von der Decke herabhing, spiegelte sich regenbogenfarben der
-Glanz der verscheidenden Sonne. Jenseits der vornehmen Straße lag die
-Mauer eines Parkes, eben ergrünende Bäume streckten ihre Zweige hervor.
-»Frühling,« dachte sie und es fuhr ihr ein süßer Schauer durch die
-Glieder. Wo blieb er nur? Es war bald sechs Uhr. Zweieinhalb Stunden
-hatten sie Fahrzeit. Die Türen der beiden Nebenzimmer waren geöffnet. In
-dem einen stand ein übermächtig großes Bett, große Kasten, eine Tür mit
-einem gerafften Vorhang ließ einen Baderaum sehen. Im anderen Zimmer
-stand ein Flügel, kostbare Bilder hingen an den Wänden. Lola erinnerte
-sich jetzt, daß Adalbert ihr einmal gesagt habe, er lebe mit seiner
-Tante in dem Hause, das seine Familie seit vielen Jahren inne hatte. Von
-einem Umzug hatte er ihr nichts erzählt. Wenn sie ihm etwas mitzuteilen
-hatte, schrieb sie ihm in sein Bureau. Plötzlich befiel sie jetzt in der
-fremden Behausung heftige Sehnsucht nach seiner beruhigenden Gegenwart.
-Es war dunkel geworden, als draußen Adalbert die Tür aufsperrte. Er bat,
-zu entschuldigen. Nun sei es ja wohl zu spät, hinauszufahren, zumal für
-sie, denn augenblicklich könnte er auch nicht fort. Ob sie ihm nicht ein
-wenig vorsingen wolle, er würde sie begleiten, und ob sie sich bei der
-Großmutter abgemeldet hätte. Er war sehr unruhig. Schließlich setzte er
-sich neben sie, nahm ihre Hände, küßte sie und meinte, es wären noch
-ganz der kleinen Loli Hände. Dann wieder sprang er auf und sagte, er
-wolle den Wagen für den Morgen bestellen, und ob ihre Großmutter nicht
-gestört sei, wenn sie so zeitig das Haus weckte. Lola hatte kaum Zeit zu
-antworten, da bat er sie, mit ihm zu nachtmahlen. Es war von einem
-gedeckten Tischchen, das immer bereit stand, nur ein Deckel zu heben.
-Sie aßen und Lola erschien alles unwirklich, zauberhaft. Nach dem Essen
-bat er sie, die Nacht bei ihm zu verbringen, dies wäre doch weitaus
-bequemer, niemand würde etwas erfahren und auch von ihm brauche sie
-nichts zu fürchten. Sie durchblätterten Bücher, er zeigte ihr nicht ganz
-einwandfreie Bilder, sie tranken Likör, setzten sich an den Flügel, aber
-Unruhe jagte sie von dort wieder auf. Schließlich bat er sie, sich zu
-legen, da sie früh am Morgen aufbrechen mußten. Er selbst würde sich auf
-dem Sofa des Bücherzimmers zurecht machen, er wolle ihr nur brüderlich
-behilflich sein. Sie lachte und lachte immer wieder in Verlegenheit und
-Ungeduld. Ein starkes Licht brannte in ihren Augen. Er öffnete, kaum
-ihre Haut berührend, die Knöpfe ihres Kleides. Dann entfernte er sich
-mit seltsamem Lächeln. Als er sein Lager aufgesucht hatte, hörte er ein
-leises Schreiten. Er schloß einen Augenblick die Augen. Dann hielt er
-sie still in den Armen. Sie blieben schlaflos aneinandergeschmiegt, bis
-drüben im Park die Vögel zu singen begannen. Sie konnte sich kaum
-erheben, die unerfüllte Begierde lag ihr lähmend in den Gliedern. In
-seinen Augen flammte ein böses und gleichfalls beseligtes Licht. Sie war
-ihm verfallen. Er wußte es.
-
-Während der Osterfeiertage sah er sie nicht. In den ersten Tagen des
-Juli traf er, nach einer kleinen Reise, wieder in Hellwang ein. Als er
-Lola begegnete, war er herzlich und artig. Er machte spät abends
-Spaziergänge und ließ sie das wissen. Einmal trat sie plötzlich aus dem
-Dunkel auf ihn zu. Ein Mann tauchte auf und verscheuchte sie. Eines
-Tages fragte er sie -- er sprach sie niemals allein, ob sie nicht wieder
-im Walde gewesen wäre, an jener Stelle, wo sie vor Jahren ihm ein Bild
-gezeigt, die heilige Elisabeth, die sich eines Sünders erbarmt. Sie
-antwortete leise, sie würde nachts dort sein. Er verbarg sich, ließ sie
-warten. Und dann, als sie schon müde ins Moos hinsank, kam er zu ihr und
-nahm sie ohne Zärtlichkeit. Er reiste bald darauf ab. Als er wiederkam,
-sagte sie ihm, daß sie guter Hoffnung sei. Da ging er zu ihrem Vater und
-hielt um ihre Hand an. Alles sollte vorläufig geheim bleiben.
-
-»Aber du liebst mich ja nicht,« sagte sie, als sie allein waren. Seine
-Werbung schien ihr unwahrscheinlich.
-
-»Nein, ich liebe dich nicht,« antwortete er. »Ich liebe die kleine
-Loli.«
-
-Lola war in den folgenden Tagen recht wunderlich. Sie aß wenig und
-magerte ab. Stundenlang stand sie vor dem Spiegel und versuchte allerlei
-Verkleidungen. Ihre Mutter überraschte sie, als sie eben im Begriffe
-war, den Saum ihres Rockes zu kürzen. Sie ging mit hängendem Zopf umher,
-sang Kinderlieder und kramte in ihren alten Schulheften. Eines Tages
-mischte sie sich unter die Schulkinder und war eben daran, eines der
-Klassenzimmer zu betreten, als ihr Vater bestürzt hinzukam. Gewaltsam
-mußte sie aus dem Schulgebäude entfernt werden. Zu Hause befiel sie ein
-hysterisches Kichern, dann heftige Weinkrämpfe. Allmählich beruhigte sie
-sich und lag willenlos in unheimlichem Schweigen. Als Adalbert sie zu
-sprechen kam, weigerte sie sich des Wiedersehens, sie ließ ihm sagen:
-Loli sei tot. Man brachte sie in eine Nervenheilanstalt. Dort wurde die
-traurige Hoffnung auf das Kind zunichte. Die Verlobung ward aufgelöst.
-Der Direktor avancierte. Adalbert ging auf Reisen, um Karinski zu
-treffen.
-
-»Nun, wie stehst du mit deinen Fabriksleuten?« fragte ihn der Graf.
-
-»Meine erste Tat war, die Tochter eines Werkdirektors zu verführen und
-ihren Verstand zu verwirren,« erwiderte er.
-
-»Gib es auf, ein Herr zu sein,« riet Karinski.
-
-Adalbert verfiel in Schwermut, wenn er an Lola Ritter dachte. Er wußte
-nun, daß er die kleine Loli getötet hatte. Er fühlte sie nicht mehr wie
-ein menschliches Wesen, wie ein Geist und Dämon stand sie unentrinnbar
-in seinem Leben. Mit jener Armen, deren Verstand getrübt war, hatte sie
-nichts mehr gemein. Lola Ritter wurde jedoch bald aus der Anstalt
-entlassen und es zeigten sich keine Symptome mehr. Sie versuchte wieder
-zu singen, aber die Stimme, so schön sie auch ansetzte, brach mißfarben
-ab. Adalbert bat den Direktor, ihr eine Rente aussetzen zu dürfen.
-Später verheiratete sie sich.
-
-Mannsthal wußte jetzt: das Geld kauft los von Gewissensschuld. Mit Geld
-kann man zerbrochene Seelen leimen und Jungfräulichkeit vergüten, ein
-schlechtes Gewissen beruhigen. Aber eben deshalb verachtete er es und
-fühlte sich gemeiner als der Arme, der seine Schuld austragen muß ein
-Leben lang, Armut ist ihm Warnung und Verhängnis. Hätte er Lola
-geheiratet? Vielleicht -- weil seine Eitelkeit es gefordert hätte, nicht
-als Verführer gezeichnet zu sein. Aber er wußte, er konnte diese Heirat
-nur zum Schein eingehen. Seine Mittel erlaubten ihm, an anderen Orten zu
-leben als seine Frau, Abenteuern nachzustreben und sich der Ehe zu
-entledigen. Für ihn war sie nicht der eiserne Ring, der den Armen in das
-Leben des Gefährten einkettet. Und er fühlte sich nicht verantwortlich
-für die Einrichtungen des Staates.
-
-Ein Vetter seines Vaters und dessen Sohn, die höhere Stellen im Werk
-innehatten, räumten ihm mit unverhohlenem Widerwillen eine Machtstellung
-ein, die er selbst nur ungern auf sich nahm. Sie warteten, daß er sich
-unfähig erweise. Diesen Verhältnissen für einige Zeit völlig entfliehen
-zu können, lockte ihn. Er hatte das Werk so sehr geliebt, jede Maschine
-war ihm Freund gewesen als Knaben. Aber er hatte gehofft, dies alles
-noch lange genießen zu können wie einen großen Konstruierkasten,
-spielerisch, da und dort Versuche anstellen zu dürfen, ohne die Lasten
-der Verantwortung zu tragen. Was kümmerte ihn der Vertrieb, die Erfolge
-der Reisenden, die Preisunterbietungen der Konkurrenz, die
-Repräsentation unter den Industriellen. Bestenfalls war er Ingenieur und
-Erfinder, und er war es weit weniger als in seiner Knabenzeit, denn nun
-lockte ihn das Leben in seiner Vielfalt. Wäre sein Vater am Leben
-gewesen, er wäre mählich hineingewachsen in all die Notwendigkeiten und
-hätte sie schließlich als selbstverständlich empfunden. Nun aber ließ
-ihn sein Hang zum Wesentlichsein erkennen, daß es sich letzten Endes um
-Geldverdienen handle, um Zuhäufung des großen Vermögens. Er dachte an
-Beteiligung der Arbeiter. Seine erste Tat war gewesen, die Gehalte
-aufzubessern, ging er noch weiter, so wurde er beinahe lächerlich. Und
-er betrachtete das Unternehmen immer noch als Besitz und Werk des
-Großvaters und Vaters. Ein Kongreß im Ausland, dem er als Chef der
-großen Firma beiwohnen mußte, war ihm willkommen. Bei diesem Anlaß
-lernte er den Neffen eines Teilnehmers kennen, Gilbert von Tirotzky. Mit
-seinem märchenhaft schönen Gesicht bezauberte der ihn. Seine Augen waren
-zuweilen die eines in seiner Ehre gekränkten Mädchens. Aber
-nichts Weibliches war sonst an ihm: er war die Vollendung der
-Jünglingsschönheit. Adalbert konnte den Blick nicht von ihm wenden. Es
-ergötzte ihn, die heimliche Empörung zu beobachten, die in Gilbert
-aufstieg, wenn bei den reichlich tagenden Banketten die Gespräche frei
-wurden und sich in saftigen Anekdoten bewegten. Zu Adalberts maßlosem
-Erstaunen war der Jüngling, der im Begriffe stand, wie er ein großes
-Unternehmen zu leiten, unschuldig wie ein Kind. Da sie die Jüngsten
-waren, schien es natürlich, daß sie sich einander näherten. Eine
-gemeinsame Reise zur Besichtigung eines Eisenwerkes wurde unternommen.
-Als sie Munitionsfabriken besuchten, stieg plötzlich die Vision des
-Krieges vor ihnen auf. Sie sahen blutende, hinsterbende Menschen,
-eingeäscherte Gegenden, verwüstete Kunstdenkmäler. In ihren Schauern
-erinnerten sie sich, daß ihre Unternehmen Munition erzeugten und so den
-Kriegsgeist förderten. Derselbe Mannsthal, der wissentlich Lola Ritter
-gequält hatte und sich nun heimlich daran machte, Gilberts Reinheit zu
-zerstören, derselbe Mensch schwor sich, seine Hand aus einem Unternehmen
-zu ziehen, das Vernichtungszwecken der Menschheit sein Hauptaugenmerk
-widmete. Derselbe Adalbert auch, der sich mit seinem jungen Freund
-stundenlang über die Gedichte des Novalis und Hölderlin, über die
-Märtyrer des Mantegna und die Jungfrauen des Botticelli begeistern
-konnte, lenkte, wenn sie nachts im selben Zimmer lagen, zielbewußt das
-Gespräch auf die Jünglingsliebe, für die er sich entflammt fühlte,
-seitdem er Gilbert kannte. Er hütete sich, ihm dies zu beweisen, aber
-als sie sich trennten, war sein Freund in Bahnen gelenkt, die ihn
-dereinst ins Verderben stürzen sollten. Adalbert befiel eine böse
-Nervenkrise. Er litt um Gilbert, um die Erfüllung seiner frevelhaften
-Wünsche, die, wie er bald erfuhr, ein anderer erntete. Wie ein Strahl
-aus himmlischen Reichen erschien ihm Angele von Tirotzky, Gilberts
-kleine Schwester, die er anläßlich des Besuches, den er der Familie auf
-ihrem Gute abstattete, kennen lernte. Seltsam, als sie nach vielen
-Jahren wieder in sein Leben trat, glaubte er an eine himmlische Sendung,
-an eine Mission, die sie an ihm zu vollziehen hatte. Vor dieser
-entscheidenden Begegnung traf er sie einmal mit ihrer Mutter in Homburg,
-ohne sie sprechen zu können. Von Gilbert aber hatte er schon zur Zeit
-jenes Besuches keine Nachricht mehr. In diesen bösen Tagen rettete ihn
-vor dem Zusammenbruch ein Miniaturbild auf poliertem Gold, eine alte
-Brosche darstellend, die er bei einer Auktion erblickte und die die
-erste Erwerbung seiner kostbaren Sammlung wurde. Dieses Bild ähnelte
-Loli und Angele und sollte dereinst noch ein deutlicheres Ebenbild
-finden. Kenner bezeichneten es als Kopie einer Buchminiatur. Ein leiser
-Heiligenschein schimmerte um ein kindliches Haupt.
-
-Bald waren ihm Namen und Werke Müelichs und Holbeins des Älteren,
-Luithard und Berengar, geläufig. Petitot, den Schweizer, die Deutschen
-Grahl, Hengel, Glocker, Aldenraths, Graff kannte er, Bouvier, Bossi und
-Harper, Füger und die Österreicher Daffinger, Theer, Saar, Peter. Er
-kannte alle Manieren, die auf Pergament, Elfenbein, Gold, Silber,
-Kupfer. Er reiste in süddeutsche Städte die preziöse Kunst des
-sechzehnten Jahrhunderts kennen zu lernen und kaufte und kaufte. Als er
-zurückkam, waren seine Nerven scheinbar in Ordnung. Nun arbeitete er im
-Werk, drei Jahre lang, fast ohne Unterbrechung. Er musizierte dort,
-hatte irgendeine Geliebte und war mit Sammlern und Kunsthändlern in
-Verbindung.
-
-Er hatte keine Freunde, nur Genossen, von deren wesentlichem Leben man
-ebensowenig wußte wie von dem seinen: Männer, die etwa Beziehungen zu
-Courtisanen von Rang hatten und hinter einem Sport oder Spleen sich
-verbargen. Adalbert Mannsthal war wohltätig, aber auch dies erfuhr man
-nur durch Zufälligkeiten. Seine größte Schöpfung aus späteren Jahren
-(als er das Werk schon in eine Aktiengesellschaft verwandelt hatte) war
-eine Anstalt für blinde Mädchen. Er besichtigte jeden neuen Zögling,
-hatte unter ihnen seine Lieblinge, die er auch zu sich nach Hause nahm.
-Mehreren dieser Mädchen ward durch ihn eine musikalische Ausbildung
-zuteil. Sein Wesen blieb verborgen. Er genoß den Leumund hoher
-Moralität. Seine Heirat mit Frau Ruthland befestigte seinen Ruf. Seine
-Scheidung bekräftigte ihn. Ein Mann wie er konnte begreiflicherweise
-nicht die Auffassung teilen, die in einer Ehe Entgleisungen duldet.
-Mehrere Jahre vor seiner Heirat, nachdem er das Werk umgestaltet, reiste
-er ins Ausland, in ferne Weltteile. Einige Zeit schien er verschollen.
-Dann arbeitete er an neuen Maschinen und schloß sich einem berühmten
-Physiker in bewunderndem Dienst an. Zuweilen lebte er in dem Landhaus am
-See, das ihm seine mütterliche Tante vererbt hatte. Er besaß im Seehaus
-eine Voliere mit fünfunddreißig Vögeln, die er zum Teil aus fremden
-Ländern mitgebracht hatte. Als ein Marder mehr als die Hälfte von ihnen
-zerrissen hatte, aß er zwei Tage lang nichts und schenkte den anderen
-Tieren die Freiheit. Seine Miniaturensammlung betrieb er mit wachsendem
-Eifer. Durch sie lernte er Urbacher kennen, der menschliche Kuriositäten
-studiert hatte, aber dessen überdrüssig nunmehr seine Kenntnisse nur
-gelegentlich verwertete. Gleichfalls unabhängig, Herr seiner Zeit und
-seines Vermögens, war dieser in allerlei Leidenschaften verfallen, die
-in Müßiggang und Überfluß gedeihen, aber sein Wesen war durch seine Güte
-zwiespältig und durch fixe Vorstellungen skuril geworden. Er konnte
-keinen entscheidenden Einfluß auf Mannsthal gewinnen, wiewohl er in das
-Verborgene seines Wesens einzudringen imstande war. Hingegen war
-Adalbert durch Verstand, Schlauheit, Überredungskunst und durch eine Art
-Unwiderstehlichkeit befähigt, Menschen zu beeinflussen, wie es ihm gut
-dünkte. Er selbst fragte nicht danach, wie man sein Leben beurteilte.
-Äußere Ehrbarkeit hält die Neugier fern. Er trug sie wie ein schützendes
-Kleid.
-
-
-
-
- Am Wege
-
-
-Vögelchen schrieb an Student Kruger: »Ich weiß Ihre Adresse nicht.
-Camill verspricht, den Brief zu besorgen. Sie sind wohl schon zur Stadt
-zurück. Am Ende vergessen Sie, sich mit Onkel Clemens anzufreunden und
-ihm meinen Gruß zu bestellen. Dies haben Sie versprochen. Und, Herr
-Prediger, was ist's mit Ihnen? Was treiben Sie? Ist ein Buch schon
-fertig? Haben Sie eine Braut genommen?
-
-Ich will Ihnen von mir erzählen, von uns. Und Sie dürfen Va nicht länger
-böse sein. Va ist jetzt mein Freund, der so gut zu mir ist, daß ich es
-gar nicht aufzählen kann. Zuerst waren wir in einer Stadt und blieben
-dort, um Bilder anzusehen. Mögen Sie heilige Bilder? Gewiß, Herr
-Prediger. Die Leute sehen meist dumm darauf aus. Ich finde das so
-rührend. Das Jesukind ist oft reizend. Aber das mag ich nicht, wenn
-Teufel mit Gabeln sich überpurzeln. Die Farben waren auch oft so
-geschmacklos früher und vieles sieht jetzt so unbeholfen aus, weil man
-auf den Photographien die wirklichen Menschen sieht. Aber die neuen
-Bilder mag ich noch weniger. Ich finde sie oft roh und sie sehen
-zerstört aus. Landschaften gefielen mir z. B. ein Tal, auf das ein
-Wanderbursch hinuntersieht, so einer, der im Lindenbaum vorkommt, den
-wir zusammen gesungen haben. Da ist der Himmel und die Bäume und die
-Berge wie nach einem Gewitter. Aber alles zu erzählen, das geht nicht
-an. Niedliche Sachen bekam man zu kaufen aus Ton und hübsche Stoffe,
-alles sehr bunt. Ich trank schwarzes Bier aus Steinkrügen auf einem Faß,
-auf das mich Va hinaufgesetzt hatte. Alle Leute sahen mich an und waren
-freundlich. Abends fuhren wir in einen Garten und fütterten weiße
-Hirsche. Wie die seltsam sind, wie aus einem Märchen glotzen sie. Auch
-an Seen waren wir, die groß sind, und alles ist überfüllt, die Ufer und
-die Kähne. Ich wollte wieder schwimmen. Das Wasser war schmutzig. Va hat
-bekannte Leute getroffen. Ich mag fremde Leute nicht. Sie reden immer
-Gleichgültiges und man wartet immer, daß sie schon fertig sind. Wir
-haben auch Musik gehört, das war das Schönste. Va hat sich eine neue
-Geige gekauft. Dann fuhren wir. Es tanzte eine halbe Welt vor unseren
-Coupefenstern vorüber und jetzt sind wir wieder an einem See, wo es warm
-ist und nie regnet. Die Berge sind in der Ferne, der Himmel sehr blau,
-die Bäume Pinien und Zypressen und ähnliches, viele blühende Sträucher,
-Blumen, wie man sie bei uns nur in den Läden und Glashäusern sieht,
-wachsen in den Gärten und duften, daß man wie im Traum ist. Manchmal
-flimmert es über den See, den ich eben vor mir sehe, als wären viele
-Libellenflügel wie ein Schleier vor ihm aufgehängt. Nachts seh ich noch
-das Flimmern und die vielen Blumengesichter. Es sind auch viel andere
-Menschen da und sprechen fremde Sprachen. Wir wohnen nicht im großen
-Hotel, gehen nur zum Speisen hin. Wir haben ein Häuschen, auf dessen
-Dach man spazierengehen kann, mit einem großen Garten, der an der
-Seepromenade unten eine Türe hat. Abends ist auf der Hotelterrasse Musik
-und alles wie im Fest. Va ist vergnügt wie nie zuvor. Wir laufen um die
-Wette. Ich sage jetzt Albert. Camill wohnt im Hotel, ich habe kein
-Mädchen. Va wollte es nicht. Ich fürchte mich nachts manchmal, weil es
-seltsame Tiere gibt, die rufen. Aber die Tür zu Alberts Zimmer ist offen
-und er sieht zuweilen nach mir und ist gut zu mir, wenn ich böse Träume
-habe. Dann sprechen wir oft lange. Auch über den lieben Gott. Er sagt,
-Frauen müßten Gott in dem Menschen lieben, der ihnen am liebsten ist.
-Albert liest mir auch vor: aus der Bibel von Ruth und Josef und seinen
-Brüdern, vom armen Hiob und dann vom Heiland. Das muß schön gewesen
-sein, eine Frau zu sein, die ihm die Füße mit ihrem Haar trocknet. Aber
-meine Haare sind nicht so lang. Einmal träumte ich, daß ich Jairis
-Töchterlein sei und er mich aufgeweckt hat. Dann lesen wir auch Märchen,
-die aber auch für große Leute sind, und Theaterstücke von großen
-Dichtern. Die kennen Sie wohl alle. Auch spreche ich wieder fremde
-Sprachen, die ich früher einmal konnte, sagt Va. Bei manchen Worten
-fällt mir meine Mutter ein. Sie haben mich einmal nach ihr gefragt.
-Albert hat es mir gesagt; sie konnte nicht bei ihm bleiben. Ich möchte
-auch nicht, daß eine andere Frau bei Albert ist. Ich erinnere mich
-nicht, wie meine Mutter aussah. Warum ist sie aber weggegangen und hat
-mir nie einen Brief geschrieben? Nun schreibe ich schon so lange und
-weiß gar nicht, ob Sie noch an Ariel denken.
-
-Machen Sie noch Verse, Herr Prediger? Wenn Sie Geld brauchen, so
-schreiben Sie gleich. Ich habe viel; Albert sagt, ich müsse damit selbst
-zurechtkommen. Also nur zu, wenn Sie Not daran haben und wenn man zu
-Hause wieder böse zu Ihnen ist. Es grüßt Sie bestens
-
- Arabella Mannsthal.
-
-_P. S._ Erinnern Sie sich noch an unser Sterngucken? Nicht weit von hier
-soll eine Sternwarte sein, von wo aus man durch lange Rohre die Augen am
-Himmel spazieren schicken kann und dort viele Geheimnisse sieht. Das muß
-das Schönste sein. Ich möchte zu gern hin. Albert hat mir eine
-Überraschung versprochen. Er ist manchmal abwesend, um sie
-vorzubereiten.«
-
-Als Vögelchen den Brief verschloß, träumte ihr Blick den Garten hinab
-zum See, der sich dort wie eine tiefblaue Wand aufstellte. An seinem
-Ende erblickte sie einen aufschnellenden Gegenstand, der einem
-pfeilgeschwind hinsausenden Vogel glich, vor dem das Wasser in weißem
-Gischt zur Seite rauschte. Es war ein Gleitboot. Wie ein tierisches
-Wunder schoß es daher. An den Ufern hörte man rufen. Vögelchen eilte
-hinab. Schon sieht man es näher, es vergrößert sich in rasender
-Geschwindigkeit, nun erblickt man den schmalen Schiffskörper, hört das
-Knattern eines Motors. Die seitlich geschleuderten Wassermassen
-überfluten ihn, ein Mensch in Taucherkleidung wird sichtbar. Nun ist das
-Sausen ganz laut, das Boot schnellt aufbäumend glatt auf das beruhigte
-Wasser hin und schwebt ans Ufer heran. Arabella ist unter den Leuten,
-die sich in Neugier und Bewunderung am Dampferplatz zusammengeschart
-haben. Der Gleitflieger springt ans Land. Es ist Mannsthal. Vögelchen
-fällt ihm um den Hals. Sie zittert am ganzen Körper. Er hebt sie auf wie
-eine Feder und trägt sie durch die gaffende Menge. Nun ist ihr der
-Zauberer zum Helden geworden.
-
-»Das ist dein Geheimnis?« fragte Arabella noch atemlos.
-
-»Ein Scherz vorläufig,« sagte er lächelnd.
-
-Adalbert pflegte mit Arabella auf der Terrasse an einem Tischchen
-abseits zu speisen. Als sie eines Abends, von neugierigen Blicken
-empfangen, eintraten, sprang rasch ein hochgewachsener Herr, der allein
-an einem Tische saß, auf, blieb wie vor einer Erscheinung stehen und
-stürzte dann auf Mannsthal zu. Es war Nikolai Karinski, von dem er schon
-mehrere Jahre nichts gehört hatte. Zum Erstaunen der Gäste, die
-ringsumher saßen, küßten sich die beiden Männer, blickten einander
-prüfend an, schüttelten sich die Hände und umarmten einander abermals.
-
-»Das ist Arabella, du weißt --« stellt Mannsthal vor. »Ein alter Freund,
-Graf Karinski.« Sie waren abgesondert in ihrer Freude unter den fremden
-Menschen und Vögelchen war gleich die Dritte im Bunde. Der Russe, von
-dem sie kaum etwas wußte, war ihr nach wenigen Augenblicken kein Fremder
-mehr. Er trug sich ein wenig _à la_ Lord Byron und hatte ein Gesicht,
-dem man immer neue Reize abgewann, obwohl es nicht schön war. Nichts
-schien in ihm aufeinander gestimmt, selbst die dunklen, sanften und doch
-flammenden Augen waren ungleich, das linke höher als das rechte, wie man
-es bei Menschen sieht, die lange ein Monocle getragen haben. Die Nase
-stach absonderlich hervor, sie war wie ein Haken kühn und adelig. Auch
-das Kinn unter dem breit geradlinigen Mund war kantig. Sein Haar, von
-einem weichen, metallenen Braun, war in kindhaften Scheiteln
-zurückgelegt und wenig dicht. Die starken Backenknochen, der Ausdruck
-der Augen, die Gestalt verrieten den Russen. Was diesem Antlitz das
-farbig Wechselnde des Kaleidoskops gab, war sein Lächeln und Schauen.
-Das konnte bald dem eines fröhlichen Kindes, bald dem eines weisen
-Greises gleichen und es konnte Verklärung und Andacht und tiefste
-Zerknirschung spiegeln. Übermut und Trauer flogen schattenhaft wie Licht
-und Dunkel darüber hin und zuweilen wurde es fratzenhaft (ganz selten in
-Vögelchens Gegenwart) und oft brach die Flamme des Geistes aus ihm und
-brannte heiß über seinen Zügen. Und dies alles schien oft
-zurückzustürzen, auszulöschen. Dann war das Antlitz einer verkohlten
-Landschaft gleich, über die fahler Nebel schwelt. Er hatte große Hände
-und starke Arme. Vögelchen dachte, daß er sie bis ans Ende der Welt
-würde tragen können ohne zu erlahmen.
-
-»Also dies ist dein Kind, dein Täubchen, dein Weibchen,« sagte er und
-sah sie an wie ein treues, derbes Tier. »Ich darf du zu ihr sagen, darf
-ich das, Porzellankindchen?«
-
-»Ihr werdet bald gute Freunde sein,« ermunterte Mannsthal.
-
-»Habe ja auch ein Kleinod zu Hause. Du weißt, wie ich auf die Frauen zu
-sprechen war -- aber die Gräfin! Ja, die meine, hat mich beten gelehrt.«
-
-Und er begann von Tanjä zu erzählen. Eine barmherzige Schwester sei sie
-und ihre Seele wäre eine Wünschelrute, die jede Quelle des Leides
-aufspüre in der Menschen Drangsal. Ihre Stimme glätte Aufruhr und
-Zwiespalt, ihrer Worte Balsam sei Sanftmut ohne Ende! Und Nikolai
-Karinskis Augen waren die eines Beters und gleich darauf fiel sein Kopf
-zur Brust herab und er glich einem Büßer, der eine Züchtigung gewärtigt.
-Er erinnerte sich wie immer, wenn er von ihr erzählte, daß er sie einmal
-geschlagen, von Neugier getrieben, ob sie böse werden konnte. Er hatte
-einen Streit vom Zaune gebrochen, indem er eine Rücksicht, die sie üben
-wollte, barsch abwies, und als sie, seine Worte nicht ernst nehmend,
-sich anschickte, ihr sorgliches Vorhaben auszuführen, hatte er ihr mit
-Schlägen erwidert, die aus den Riemen einer Hundspeitsche auf sie
-niedergingen. Sie hatte sich, noch immer an Scherz glaubend, zu ihrem
-Bett geflüchtet und sich darin vergraben. Als es vorüber war, lag sie
-still und starrte zu ihm auf, als wäre ein Wunder geschehen. Aber kalt
-und starr war sie anzufühlen, als er sich in grenzenloser
-Selbstverdammung vor ihr auf die Kniee hinstürzte. Kein Schauer
-durchbebte sie. Wie eine Tote lag sie ihm im Arm. Tags darauf war sie
-still und gütig wie zuvor. Er bekam Krankenkost, das bedeutete eine
-Anzahl leichter Leckerbissen, und die Kinder mußten leise sein. Karinski
-erzählte das Arabella, als sie schon gute Freunde waren. Es tat ihm wohl
-einem Kinde zu beichten.
-
-»Du wirst bis in den Tod daran denken müssen,« sagte Vögelchen böse.
-»Ich wäre daran gestorben.«
-
-»Ja, vielleicht ist auch sie daran gestorben und ich weiß es nicht. Ich
-fühle alle Schuld in dieser Erinnerung,« sagte Karinski, »alle Qual, die
-seit Weltbeginn Menschenherzen gemartert hat. Und Tanjä ist eine Heilige
-geworden und viele Frauen sind Heilige. Sieh das Gesicht der Schwangeren
-und vergleiche es mit dem der Gottesfrauen und Gottesmänner in den
-Kirchen, und Gott liebt sie, weil sie Schuld abtragen in ihrer
-Mutterschaft. Und auch die Armen liebt er und tröstet sie in seinen
-Kirchen. Wir Reichen aber und im Geist Mächtigen, wir können nur unsere
-Inbrunst aufheben zu ihm mit verzückten Händen, bis sie erlahmen und
-wieder nur taugen zum Verzagen, zum Laster und zur Knute.« Und er fuhr
-fort, von Tanjä in Ehrfurcht zu sprechen, und hatte dennoch keine Eile,
-obwohl sie sich in Sehnsucht nach ihm verzehrte und mit vielen kleinen
-Kindern sich sorgte, zu ihr zurückzukehren.
-
-Eines Tages erschien dann eine russische Familie und Karinski umarmte
-sie, wie er Mannsthal umarmt hatte. Wenige Tage später reiste er mit den
-Landsleuten ab, nachdem er unter Tränen von Adalbert und Arabella
-Abschied genommen. Vögelchen trauerte ihm nach. Bald bekam sie ein
-Schreiben von Tatjana Gräfin Karinska, die sie ihrer Freundschaft
-versicherte und zu einem Briefwechsel lud.
-
-Auch Mannsthal war jetzt schweigsamer als zuvor. Karinski hatte ihm die
-Ereignisse seines Lebens erzählt, die in die Zeit fielen, wo ihr
-Briefaustausch aufgehört hatte. Aber Adalbert hatte geschwiegen. In ihm
-war alles aufgewacht, was er seither erfahren, und hatte sich
-vorgedrängt bis zur Schwelle des Vertrauens. Nikolai hatte ihm dunkle
-Dinge gebeichtet und Reue und Scham, die er dabei empfand, waren ihm
-erwünschte Strafe. Was er selbst zu sagen hatte, war in seinen
-Einzelheiten so unfaßbar, daß er vermeinte, die Luft nicht weiter atmen
-zu können, in die der Hauch seines Geständnisses sich mengte. Er konnte
-nur eines bekennen, daß Arabella ihn gerettet und daß er sich aufgespart
-für sie. In diesen Tagen war nichts mehr von Strenge in ihm, sein Wille
-wollte sie nicht zwingen mit geheimen Mitteln. Eine grenzenlose
-Dankbarkeit floß zu ihr hin, fand seine Sinne in Gehorsam und
-entwaffnete seine List. Zu dieser Zeit lag glosende Hitze über dem
-südlichen See. Mählich verödeten die Straßen. Das Hotel, die Villen
-waren fast unbewohnt. Kaum daß die Häuser der Einwohner tagsüber die
-schirmenden Läden hoben. Die Bäume und Sträucher waren so üppig im Laub,
-daß sie ineinander sich verstrickten und Blüte an Blüte sich drängte.
-Die Insekten wurden gefährlich, die Nächte seltsam duftend und voll der
-Wunder. Aber weder die Nächte noch der See brachten Abkühlung. Vögelchen
-vertrug die Hitze besser als er, ja sie breitete sich aus wie eine
-treibende Pflanze. Leise Anzeichen sprachen dafür, daß ihr Körper reife.
-Auf ihren Wangen lag ein Schein erblaßter Rosen, die das Leuchten ihrer
-Augen steigerte, ihre Lippen öffnete ein scheuer Durst. Er sah es in
-unendlicher Entzückung. Seine Versuche mit dem »Mannsthal-Gleitboot«
-hatte er aufgegeben. Er begnügte sich, den Stand seiner technischen
-Leistung in verschlossenem Brief in der Akademie der Erfindungen zu
-hinterlegen.
-
-Eines Abends brachte Mannsthal ein etwa vierzehnjähriges Mädchen in den
-Garten. Es war blind. Vögelchen war erschüttert, als es die Kleine
-erblickte. Sie hörte nicht auf sie zu streicheln und schließlich küßte
-sie die leblosen Augen. Sie brachte ihm eisgekühlte Früchte, wusch ihm
-die heißen Wangen, erzählte ihm allerlei, sang ihm vor, so gut sie es
-konnte. Adalbert aber war weitaus gewandter im Umgang mit Blinden und
-seine Zärtlichkeit für die Unglückliche hatte für Vögelchen etwas
-Erstaunliches. Er schien ein anderer, wenn er Rosina berührte, als wisse
-er, wie Blinde empfänden. Vögelchen holte sie zuweilen aus dem
-Uhrmacherladen, wo sie zu Hause war, und schlich sich mit ihr in einen
-entfernten Teil des Gartens und verbarg sie vor Mannsthal. Oder sie
-entfernte sich, wenn dieser sich mit Rosina befaßte. War es möglich, daß
-sie dem Kinde Adalberts Güte neidete, oder wollte sie in ihren
-Bemühungen nicht übertroffen werden? Mannsthal entging das nicht. Er
-verdoppelte seinen Eifer um Rosina und seine Zärtlichkeit war nicht mehr
-verstohlen wie bisher. Vögelchen selbst suchte sie und erwiderte sie.
-
-Die Landschaft lechzte nach Regen. Die Einwohner aber wußten, daß keiner
-zu erwarten war. Mannsthal fühlte feurige Dämonen um sich kreisen.
-Manchmal war ihm, als erhöbe sich lautlos ein glühender Gewittersturm
-und jage ihn. Ein anderer Mensch in ihm riet zur Flucht, zu Tod, zu
-Verwandlung. Er trug es nicht länger. Kam ihm nicht Erlösung, so brach
-er zusammen und die Frucht seiner Sehnsucht schnellte für ewig aus den
-erlahmenden Händen. Aber er wußte auch, plötzlich konnte »es« geschehen,
-ohne Warnung und Zeichen, ohne Donner und Posaunenschall.
-
-Auch Vögelchen war voll Unruhe jetzt. In der Dunkelheit trieb es sie in
-den Garten oder sie schlich Adalbert nach, wenn er noch spät sich
-entfernte, und wartete am Gartengitter auf seine Rückkehr. Einmal
-nachts, als er wie betäubt auf seinem Bette lag, weckte ihn das Leuchten
-eines Scheinwerfers. Weiße Lichtgarben sprengte er über das Land. Er
-tauchte den Garten von Dunkelheit rein, weckte die Statuen in den Hainen
-und die schlummernden Farben der blühenden Büsche. Vögel fuhren
-erschreckt aus ihrem Schlaf und huschten dann ängstlich wieder in ihre
-Nester nieder. Als der Schein wiederkam, war es Adalbert, als sähe er
-nächst den Rhododendrenbüschen eine lichte Gestalt, die traumhaft ihre
-Arme in das fliehende Licht hob. Der Strahl schien sie aufzunehmen und
-aufzulösen in seiner Helle. Mannsthal stieg zum Garten herab. Unhörbar
-war sein leichter Schritt im Moos. Er war sehr schlank geworden in
-diesen Tagen der zehrenden Sehnsucht. Die Luft schien um ihn zu
-knistern, als wären Millionen dunkeläugiger Fünkchen in ihr verborgen.
-Ihm war, als griffe der Duft der Blumen nach ihm und umstricke ihn. Er
-suchte die Hängematte, ein Frauengewand lag da. Seine Hände fieberten,
-als er es an seine Lippen hielt und seinen Kopf darein verwühlte. Dort
-im Rhododendrenhain stand die Statue nicht mehr. Der Mantel der Nacht
-hing ihr um die Schultern, aber leuchtender als Marmor schimmerte es im
-Moos: Schlafend lag ihm Arabella zu Füßen. Ihr Atem zog leise in die
-Nacht, der seine war verhalten in Grauen und Lust. Lange mußte sie
-gekämpft haben um diesen tiefen Schlaf. Er kniete neben ihr hin in Glut
-und Anbetung und segnete die Luft, die zwischen ihm und ihr war und ihm
-Raum gab, seine schauernde Seligkeit auszugießen über ihre ahnunglose
-Nacktheit. Warum, oh warum hatte die Nacht sich dem Licht geöffnet,
-warum, warum hatte der Strahl, aus den sein Schlummer ihn gerufen, ihn
-zu dieser Stätte geführt! Lenkte nicht einer unbezwinglichen Macht
-gefügiger Geist das Ziel seinem brennenden Wunsch entgegen? Nein, sein
-Schicksal weigerte sich nicht. Es entzündete ihm die Brautfackel und
-ließ sie leuchten über die Lande. Aber noch wollte er die Qual erdulden,
-sie neben sich zu fühlen, ohne sie zu berühren. Nicht im Schlafe wollte
-er sie aus der Kindheit wecken. Nicht doppelt unbewußt durfte sie
-erwachen in ihre Vermählung. Noch wollte er sich die Drohung ins Herz
-stoßen, von ihr zu lassen, wenn sie nicht erwachte, ehe vom Glockenturm
-der dumpfe Schlag der nächsten Stunde anschlug. Er fühlte ringsum den
-unsichtbaren Garten, der Dolden regungsloses Blühen und wie sich das
-Netz von Düften immer enger um ihn spannte, wie der Wohlgeruch von
-tausend Rosen sich mit dem der Glycinen verband und weiter wob zum
-leisen Hauch der Iris, zum goldenen Atem der Azaleen, zum linden Duft
-der Karthäusernelken. Erinnerung ferner Gärten stieg vor ihm auf, Wälder
-hoben ihre Dunkelheiten, Indiens Haine erstanden ihm, die ansteigenden
-Wege zu den heiligen Bergen des Ostens, gesäumt von Kirschblüte und
-Chrysanthemum. Affen saßen auf Zweigen, bunte Vögel flitzten durch
-beerenbeladene Äste. Fern blaute das Meer. Landschaft war ihm nur Rahmen
-der Erinnerung. Ein Zug von Frauen begann zu schreiten. Er sah sie alle
-wieder, die fremdartigen, die aus einer Stunde traten und sie bunt
-färbten, Loli, jenes Bild seiner Kindheit, der Wald hinter dem Werk,
-Tirotzky, Angele, dann das lachende Kirschengesicht einer Tänzerin, die
-Blinden, die bleiche Frau, die er zu sich nahm, auf daß sie bei ihm
-verstürbe, und die Entstellte dann, die er so namenlos beglückt, das
-Bettelkind in jenem irischen Dorf, in dem er unversehens genächtigt, die
-Fürstin C., dann die erträumten Wirklichkeiten seiner Miniaturen,
-Camilla, die an einem Kinde starb, das nicht das seine gewesen, Mila,
-das Weinstubenmädchen, mit der wahnsinnigen Mutter, das aufstieg zur
-Halbweltdame, Landmädchen, Courtisanen, dann -- ein verhüllter Zug, der
-ihn erschauern machte. Geisterhaft stumm zogen sie. Aus aller Welt waren
-sie gekommen, aus Gräbern und Himmeln, aus Leben, das er nicht mehr
-kannte, über fremde Schwellen schreitend, aus fremder Umarmung sich
-lösend, aus Häusern des Lasters, aus Klöstern und vom trauten Tische
-sich stehlend, über dem Kinder und Gatte sich zum Mahle neigten. Ledig
-der Last der Jahre waren sie gekommen ihn zu grüßen, ehe sie versanken
-vor einem großen Licht. Denn sie waren alle Priesterinnen in seinem
-Liebestempel gewesen, nur daß keine ihm gefolgt war über die letzten
-Stufen des Hochaltars. Nun waren sie vorbei. Da fühlte er den Einstrom
-eines Lichtes. Wolken aus milchweißen Schleiern verbreiteten blendende
-Helle, Sterne schwebten wie Silberbienen zu knospenden Lilien, deren
-Kelch goldener Tau benetzte. Auf den Wellen des Lichtes schwebten weiße
-Wasserrosen. Da sah jene Sterbende aus spiegelnden Tiefen und goß ihm
-ihren mahnenden Blick ins Herz. Der Blick ging durch die Hallen des
-Lichtes, wie durch gläserne Wände, metallisch, rieselnd wie heiliges
-Wasser bespülte er Adalberts Seele. Er baute einen Baldachin weißer
-Blüten über das schlummernde Kleinod im Moos. Wie ein Taubenpaar
-schwebten der Bleichen Hände schützend über ihm. Ein Chor kleiner Engel
-schwebte heran. »Laß ab,« beteten die Seelen der blinden Mädchen. »Wirf
-nicht Brand in den Schnee,« flehten die Kelche der Lilien. »Rühr mich
-nicht an,« sangen die Sterne, die wie Silberbienen schwebten. »Fliehe,«
-säuselten die milchweißen Schleier. Und die Wasserrosen öffneten die
-siebenfach verschlossenen Lippen und seufzten:
-
-»Laß ab!«
-
-Und das Licht war ein Mund und posaunte:
-
-»Laß ab!«
-
-Aber lauter als sein Schall war der linde Atem der Schlafenden, denn er
-war lebendig. Schmal und flüchtig wie einen Traum wußte er sie
-hingebettet und dennoch wirklich, wie nur Leben sein kann. Und wenn er
-ging und abließ, dachte er, würde der glitzernde Leib einer Schlange
-sich aus dem Dunkel ringeln und Giftzähne in ihr Fleisch graben? Sie war
-einer Glut hingegeben, die sie ahnte und ersehnte. Konnten nicht Helden
-oder Unglückliche, die ihr mitleidiges Herz gewannen, sie ihm entreißen,
-morgen schon, und sie verheeren für immer. Denn er nur würde sie
-befähigen, höchste Lust zu geben und zu nehmen, eine Göttin, nicht eine
-Magd der Liebe zu sein. Er nur, der sie kannte wie kein anderer, würde
-sie, wie die Mutter sprechen lehrt, die Welt der Liebe lehren. Er würde
-Schätze heben aus ihrem aufpochenden Blut, Kleinode entsiegeln in ihren
-geheimsten Schreinen und unlösbar würde er ihre Seele mit ihrem Blut
-vermählen und so sie feien vor der Erniedrigung der wissenden
-Liebesglut. An ihr sollte das Laster sich heiligen und Keuschheit
-menschlich werden. Er nur, er konnte sie wecken zu verklärtem Brand, zu
-heiligem Genuß. Und doch, dies hatte der Dämon seiner Selbstqual über
-ihn verhängt, wenn die Turmuhr schlug, eh' sie ihm erwachte, war sie ihm
-und sich selbst verloren in ewigem Durst. Er wußte, jenes blinde Kind
-wachte im Turm und hütete die Glockensträhne. Oft war er bei ihr
-gewesen. Konnte nicht jetzt ihr rächender Wille, müde seiner zu harren,
-die Strähne ziehen, ehe die Geliebte erwachte?
-
-Da plötzlich griff es, ehe die Versuchung ihn überkam sie zu wecken, mit
-weißen Fingern in die Luft. Des Scheinwerfers Geisterhand schwebte auf
-und nieder, kaum die Baumwipfel berührend, und jetzt fiel sie
-pfeilschnell herab und ließ den Garten aufstrahlen in Licht. Vögelchens
-Schlaf zerriß, mit leisem Aufschrei haschte sie die Helle und im letzten
-aufstrebenden Strahl erblickte sie den Mann. Als würde Traum zur
-Wirklichkeit, schlang sie ihren Arm um seinen Hals, preßte die
-schlafheißen Wangen an seine Brust. Langsam ließ er sie zurückgleiten
-ins Moos, Hände kosten sie und grüßten die Kleinode ihres Leibes. Ihre
-Haare waren wie besonnte Seide, darunter die Pulse in den Schläfen
-pochten, wie kleine gläserne Hämmerchen. Auf die Wangen senkten sich die
-Lider herab wie bebende Schmetterlingsflügel. Ihre Lippen öffneten sich
-und er erschauerte, bald würde er ihre Süße kosten. Nun fühlte er die
-gläsernen Hämmerchen durch die feine Haut des Halses an seinem Mund und
-vor der Zartheit ihrer Schultern erbebte er, denn sie waren die eines
-Kindes. Ihre Brüstlein waren jungen Tauben gleich, die rosige
-Schnäbelchen aus dem Gefieder spreizten, wenn der Flügelschlag der Liebe
-ihrem Durste naht. Er meinte zu vergehen. Einen Augenblick vergrub er,
-Ruhe suchend, seinen Kopf an ihrem Halse, aber da fühlte er ihren Duft
-und war völlig berauscht. Er sah sich selbst und spürte, was er sah. Der
-andere Mensch, den er nicht mehr hielt und kannte, war an der Arbeit.
-Noch einmal verdrängte er ihn. Er faßte das Wesen und hob es von sich
-weg, um warnend es vor sich zu sehen. Federleicht spürte er seine
-Wehrlosigkeit. Aber dem andern war das nur recht, er riß dem Zauderer
-die Beute aus dem Arm und flüsterte betörende Worte. Oh, diese Worte!
-Arabella vergaß sie niemals. Ihre Erinnerung übergoß sie mit Gluthauch
-bis spät in die Jahre. Und wie gefällig machten sie diese Worte, wie
-beflissen ihn zu verstehen, wie willig alles zu erdulden, den Schmerz
-und die Lust. Aber dann, als nur mehr der andere herrschte und der
-Zaudernde verschwunden war hinter glühenden und tobenden Wolken, als
-Feuer auf sie niederbrach und sie unbarmherzig sengte mit Eisen und
-Schwert, über ihre Kraft es zu bergen, da befiel sie eine wahnwitzige,
-grenzenlose Furcht, die sie mit wunderbaren Schauern durchdrang. Aber
-nur bei ihm gab es Schutz, Zuflucht nur an seiner Brust, zu der sie
-hindrängte. War er ihr böse, daß er sie von sich stieß, um gleich wieder
-sich eisern in sie einzuschmieden? Da, als er wie ein von göttlichem
-Zorn Besessener über ihr raste, fühlte sie plötzlich namenlose Erlösung
-und während ihr ganzes Sein ausströmte in demütiger Verzückung zu
-randloser Ewigkeit, sah sie im ersten fahlen Licht des Morgens ihn zur
-Seite stürzen, als hätte Gott ihn an Felsen zerschellt. Die Vögel
-erwachten in ihren Nestern. Ein leiser Wind strich kühlend vorbei.
-Vögelchen richtete sich steil auf und sah über den Regungslosen mit
-großen, erstaunten Augen in das erwachende Leben.
-
-
-
-
- Die Blinde
-
-
-Simonne Nerat hieß ihre Mutter. Leichtfertig war sie wohl anfangs nicht
-gewesen, aber die Leute vermuteten es. Sie kam aus südlicherer Gegend.
-In ihrer Beweglichkeit erblickten sie nicht natürliche Anmut, sondern
-abgefeimte Gefallsucht. Thomas Janele, der sie nach seiner Gesellenzeit
-heimbrachte, war ihr natürlich auf den Leim gegangen, meinten sie.
-Solange der alte Uhrmacher, sein Vater, lebte, der gutmütige,
-weißlockige Greis mit dem Kinderantlitz, da ging noch alles gut. Simonne
-war auch eine Meisterstochter, und was zur Gilde gehörte, gleichviel ob
-es unter seinem Dache als Schwieger hauste, genoß seines Schutzes. Geld
-hatte sie keines mitgebracht, denn Vater Nerat war zwar berühmt in
-seinem Fach, aber wie man sein Schäflein ins Trockene bringt, darin war
-er keineswegs Meister. Mochte sein, daß Simonne auch deshalb bei kleinen
-Leuten nicht voll genommen wurde. Und Ulrich war ein Käsegesicht und ein
-Duckmäuser. Warum hatte sie gerade ihn genommen? Das Kind war bald da:
-ein blindes Mädchen. Da schien des Teufels Hand im Spiel. Im ganzen Dorf
-gab es keine Blinde. Man verachtete die Fremde, daß sie es um eine
-Mißgeburt bereichert hatte. Der alte Janele weinte wie ein Kind, als der
-Arzt das Unglück feststellte. Längst waren seine Augen zu schwach, um
-über seine Räderchen und Federn zu herrschen; des kleinen Mädchens
-Führer zu sein, dazu taugten sie noch. Nun war sein Alter nicht nutzlos
-mehr.
-
-Fragt nicht, wie es der Rosina erging, als der Großvater gestorben war!
-Niemand wußte mit dem blinden Kind umzugehen, man hatte sich völlig auf
-des Alten Sorgfalt verlassen. Der allein hatte um der Kleinen
-Eigentümlichkeiten gewußt und sie aus den eigenen Hinfälligkeiten
-verstanden. Er hatte sie ihr eifrig abgelauscht, sie selbst wußte ja
-nichts über sich und nun konnte sie nicht nach außen tasten mit Bitte
-und Frage, denn die Brücke, die sie getragen hatte, war eingestürzt.
-
-Der Respekt vor dem Vater hatte den jungen Uhrmacher bislang gehindert,
-sein wahres Gefühl zu zeigen. Er liebte Rosina nicht mehr, er schämte
-sich ihrer und immer gab es ihretwegen Streit zwischen ihm und Simonne.
-Als des Schwiegervaters schlichtende Stimme erloschen war, züngelten
-wieder die bösen Zungen hervor. Dazu kam noch, daß Thomas noch zu
-Lebzeiten des alten Janele die Bestellung der neuen Turmuhr aufgetragen
-wurde und daß er die Erwartungen der Gemeinde aufs gröbste enttäuschte.
-Thomas hatte sich erbötig gemacht, eine Erfindung des Meisters Nerat zu
-verwerten und eine Uhr anzufertigen, die automatisch den Klöppel der
-Glocke zu leisen Schlägen bewege, so daß man nachts den Glöckner
-ersparen konnte. Das Werk mißlang. Es wurde eine gewöhnliche Turmuhr
-daraus. Weil aber Janele sich weigerte, der Gemeinde den im voraus
-bezahlten Mehrbetrag, den er schon für die teuren Bestandteile
-verbraucht hatte, zurückzuerstatten, mußte er sich verpflichten, den
-Glöckner selbst zu bestellen. Da zu dieser Zeit die Geschäfte schlecht
-standen, verlangte er von Simonne, daß sie die Glocken läute. Die Frau
-weigerte sich. Nun schloß er sich den Spöttern an, die Simonne der
-väterlichen Erfindung wegen, die ihrem Manne mißlungen war, verhöhnten.
-Die Frau schrieb dem Vater, er möge ihr helfen, aber dieser hatte sich
-verheiratet und die Stiefmutter säte Zwietracht. Zu dieser Zeit kam eine
-Putzmacherin ins Dorf und die Uhrmacherin, die mit der Nadel gewandt
-war, verdingte sich bei ihr. Den Haushalt konnte sie wohl nebstbei
-versehen, aber für die kleine Rosina blieb ihr wenig Zeit. Einige Wochen
-gestattete die Modistin, daß die kleine Blinde hinter dem Ladentisch
-säße und Perlen auffasse und Spulen aufwickle. Dann aber meinte sie, das
-Unglück schrecke die Kunden ab. So blieb denn Rosina zu Hause bei dem
-mürrischen Vater. Dieser war ganz böse geworden, seitdem er Simonne in
-guter Laune und nicht mehr von seinem Geiz abhängig sah. Er konnte sie
-nicht an ihren Reisen behindern, die sie mit Einkäufen für den Laden
-verband, und mußte es mit ansehen, daß der Sohn der Modistin, ein
-Student, ihr huldigte. Sie wollte Rosina in eine Anstalt geben, sie
-etwas lernen zu lassen. Der Mann duldete es nicht. Sie sollte ihr
-Sündengeld für sich behalten. Einmal nachts, als sie spät nach Hause
-kam, schlug er sie. Am nächsten Morgen war sie verschwunden. Für Rosina
-hatte sie ihre Ersparnisse zurückgelassen. Das blinde Mädchen in seiner
-Nacht wußte, daß draußen im Licht etwas Böses geschehen war. Sie fühlte
-nun die Gefahren um sich drohender werden. In ihrer Angst wurde sie noch
-folgsamer und erlernte es, dem Vater gefällig zu sein. Eines Tages
-führte er sie auf den Turm und zeigte ihr, wie man die Glocken läutet.
-Immer wenn die Uhr ein leises Knarren und Stöhnen von sich gab, mußte
-sie an den Strängen ziehen, je nach der Stunde. Nach einem Monat hatte
-sie alles begriffen. Zuerst ließ er sie nur tagsüber im Turm, von ihrem
-zwölften Jahr an zog sie auch nachts die Stränge. Zweimal in der Woche
-war sie frei, um zur Stadt in die Blindenschule zu fahren, wohin ein
-Frächter sie unentgeltlich auf seinem Schiffe mitnahm. Es war eine
-ermüdende Fahrt, sie sah ja nicht wie andere Kinder, deren Jauchzen aus
-fremder Welt zu ihr drang, das silbernde Wasser, den Schatten der Berge
-im leuchtenden Spiegel des tiefblauen Himmels. Müdigkeit bewirkte, daß
-Rosina dort nicht so recht aufmerken konnte. Auch hatten ja die anderen
-Blinden täglichen Unterricht. So kam es, daß sie selbst unter den
-Gefährten des Unglückes eine untergeordnete Rolle einnahm. Als sie
-vierzehn Jahre alt war, sprach sie auf der Straße ein Herr an. Seine
-Stimme war anders als die der Mitleidigen, die zu ihr geredet hatten. Er
-fragte sie, wo sie wohne, ging mit ihr, ließ sich ihre Arbeiten zeigen.
-Der Herr verstand die Blindenschrift und schien noch weit mehr zu wissen
-als der Lehrer in der Stadtschule. Adalbert Mannsthal, der Herr, sprach
-mit ihrem Vater und von nun an wurde Rosina statt in die Blindenschule
-zu ihm gebracht, in einen Garten und in ein Haus, in dem es nicht wie in
-dem ihren nach schlechtem Öl roch, sondern nach Blumen und seltenen
-Essenzen. Er selbst, der Herr, unterwies sie oder auch ein Mädchen, das
-ganz leise und gütig war und sie mit Kleidern und Zuckerwerk beschenkte.
-Lange Zeit hielt es Thomas Janele vor dem Wohltäter geheim, daß Rosina
-die Glocken läute, und auch diese selbst schwieg darüber. Sie wollte
-nicht prahlen mit ihrem Amt, auf das sie stolz war. Aber eines Tages,
-als ihr mehrmals die Augen zufielen, fragte Herr Mannsthal, ob sie nicht
-geschlafen habe. Da gestand sie, daß sie nun schon drei Nächte »oben«
-gewesen sei.
-
-»Oben?«
-
-»Im Turm. Vater muß die Glocken läuten. Ich besorge es seit vier
-Jahren.« Ihre Wangen färbten sich rot bis zum schwarzen gewellten Haar.
-Die erloschenen Augen schienen sich zu vergrößern. Ja, sie, eine Blinde,
-läutete die Glocken.
-
-»Tust du es gern?« fragte er, seiner Tochter Mitleid niederhaltend.
-
-»Ja,« sagte Rosina, und sie erzählte, wie sie sich anfangs vor den
-Fledermäusen gefürchtet habe und vor großen Vögeln, die oben im Gestühl
-hausten und deren Flügel sie zuweilen streiften, und wie ihr dann auch
-vor der großen Stille bangte und vor dem Raunen tief unten. Auch sei sie
-immer ängstlich, bevor das Knarren und Stöhnen im Uhrwerk hörbar werde,
-das ihr die abgelaufene Stunde anzeige. All die Jahre war es nur einmal
-ausgeblieben, nach einem Blitzschlag. Da habe sie der Vater vom Turm
-geholt und den Schaden ausgebessert.
-
-»Ob sie sich nicht vor dem Einschlafen fürchte,« fragte Vögelchen. Davor
-bewahre sie der Hunger nachts. Vater sagte ihr, daß Hunger den Schlaf
-fernhalte. Am liebsten lausche sie dem Nachklingen der Glocken, da höre
-man die Engelstimmen leise entschweben. Sie liebte Musik wie alle
-Blinden. Mannsthal nahm seine Geige und spielte. Beide Mädchen saßen,
-Hand in Hand, ergriffen. Aber der Blinden war er ein Gott, der Einlaß
-wußte durch ihre Nacht.
-
-Der Wohltäter ging mit ihr zu einem Arzt, aber es ergab sich, daß
-geringe Hoffnung für ihr Augenlicht war, überdies fand er bei der
-Kleinen einen Herzfehler. Der Wohltäter stieg nun zuweilen in den heißen
-Nächten in den Turm und brachte seinem Schützling kühlende
-Erfrischungen. Er blieb bei ihr und nun fürchtete sie nicht
-einzuschlafen. Er wußte sie zu ergötzen. Wohl hätte er sie loskaufen
-können von ihrem schweren Amt, aber er wußte, sie war stolz es zu
-versehen und für Blinde ist es ein Glück, solchen Stolz zu haben. Auch
-liebte er seine nächtlichen Aufstiege zu dem Kinde. Rosina war
-glücklich.
-
-Es kamen Nächte, wo sie sich unruhig fühlte und nach dem Manne sehnte,
-der so gut zu ihr war. Da begann ihr Herz heftig zu pochen und sie
-wartete in fiebernder Ungeduld. Es war auch die Zeit, wo die kleine
-Rosina vom Kinde zur Jungfrau wurde. Das Blut wallte in ihr. Das
-bresthafte Herzchen bestand den neuen Ansturm nicht.
-
-In jener Nacht, da Mannsthal seinem Wunsch eine letzte Gefahr gesetzt im
-Schlag der Turmuhr, als er mit allen Fiebern es beschwor, da wurden
-plötzlich der Blinden Hände starr und zurückstürzend fand sie die
-Strähne nicht mehr. Ein Herzschlag hatte sie getötet.
-
-
-
-
- Minen
-
-
-An einer Bucht des Sees, die zu einem Felshügel ansteigt, lag der
-Friedhof und die Totenkammer. Mannsthal ging, begleitet vom Küster, an
-den unscheinbaren Gräbern vorbei.
-
-»Hier liegt sie, Herr,« sagte der alte Mann und trat zur Seite, die
-Kappe in der Hand.
-
-Auch Mannsthal griff nach seinem Hute. Das arme Kind, nun bezeugt man
-ihr ein erstes und letztes Mal Ehrfurcht. Ein Lichtband fiel durch die
-Türöffnung über die Mitte der traurigen Kapelle. Die Aufbahrung war
-schlicht und deshalb um so ergreifender. In einem weißen Kleide lag
-Rosina wie schlummernd und hielt in den bleichen, besonnten, mühsam
-gefalteten Händen ein Holzkreuz. Ihre Haare waren matt geworden, die
-geschlossenen Lider, die sich über das Unglück ihres Lebens gesenkt
-hatten, ließen vergessen, daß sie eine Blinde, eine Gezeichnete,
-gewesen. Da lag ein totes Mädchen, das einer sanften Jungfrau glich.
-Verstorben schien sie sehend geworden. Sie glich einem Kinde nicht mehr,
-der Tod hatte sie gealtert. Immer, wenn Mannsthal Tote sah, fühlte er
-sich erschauernd Urewigkeitgeheimnissen nahe, aber er empfand hier nicht
-Beängstigung. Er hatte gefürchtet, daß eine unheimliche Drohung aus
-dieser Toten zu ihm aufsteigen würde, mit kalter Hand ihm anklagend ans
-Herz zu greifen. Vor der Milde dieses friedlichen Antlitzes schwand
-seine Furcht. Er war gekommen, weil er nicht feige der quälenden
-Erschütterung entgehen wollte; nun blieb er straflos. Oder war es das
-selig erhöhte Lebensgefühl, das seit dem Morgen in ihm sang, das ihn nun
-gegen das Übel feite? Eine überwältigende Dankbarkeit zwang ihn auf die
-Kniee. Er fühlte in diesem Augenblick, wie sehr er das Leben liebte. Oft
-schon nach entronnener Gefahr hatte er es so mit seinem ganzen Sein
-liebend bejaht. Er verharrte in tiefer Andacht vor dem Lebendigen an der
-Bahre der Toten. Dorfleute, die ihn sahen, bewunderten die Frömmigkeit
-des vornehmen Wohltäters. Als er aber sich wieder erhob, fuhr er
-entsetzt zurück und seine Hand legte sich schirmend über die Augen. Das
-Gewand, das man Rosina angelegt, kleidete noch vor wenigen Tagen
-Arabella. Der Geliebten zarte Haut hatte er durch sein Gewebe leuchten
-gesehen. Erschrocken verließ er die Kammer. Da erhob sich eine Fliege,
-die auf der Toten Mund gesessen, Anofeles mit Namen, und folgte ihm. Er
-wehrte sie ab, doch schon holte sie ihn ein und träufelte ihm ihr Gift
-ins Blut. Eine Mine war gelegt.
-
-Es war möglich, Vögelchen den Tod Rosinas zu verheimlichen. Sie hatte
-sich in ihr Zimmer eingeschlossen und Adalbert gab Auftrag, daß man ihr
-zu den Mahlzeiten die Speisen in dem anstoßenden Raum bereit halte.
-Durch Camill ließ er sie des Mittags wissen, er sei ausgegangen, damit
-sie nicht fürchte ihr Zimmer zu verlassen. Er ließ ihr überdies die
-Nachricht zukommen, Rosina sei auf einige Zeit bei ihrem Großvater
-Nerat, damit sie nicht auf den Einfall käme, die Entschwundene
-aufzusuchen. Er war keineswegs in Erstaunen versetzt über Vögelchens
-Verhalten. Er wußte, ihre Rückkehr würde nicht auf sich warten lassen
-und um so köstlicher für ihn sein. Abends ließ er ihr bestellen, er sei
-heimgekehrt und erwarte sie im Garten; falls sie es vorzöge allein zu
-bleiben, möge sie aber auf ihn keine Rücksicht nehmen. Vor Anbruch der
-Dunkelheit entließ er Camill mit dem Auftrag, frühmorgens zur Besorgung
-eines Reisewagens zur Stadt zu fahren. Dies würde ihn bis nachmittags
-fern halten. Von diesen Begebenheiten erstattete Camill sogleich seinem
-Freunde Konrad Kruger Mitteilung.
-
-Als im Garten der lärmende Gesang der Vögel verscholl, durch die üppigen
-Efeuranken kaum mehr ein Lichtdämmern in die Zimmer drang, hörte
-Vögelchen Adalbert die Treppe heraufkommen. Bald darauf herrschte
-Stille. Sie stieg in den Garten hinab und wartete auf den Scheinwerfer,
-aber das Licht kam noch nicht und die schwüle Ruhe bedrückte sie. Im
-Hause blieb das Fenster des Freundes dunkel und unbewegt. Warum rief er
-nicht, warum holte er sie nicht? Sie brannte nach ihm. Aber noch immer
-lag ihr die Scheu, sich vor ihm blicken zu lassen, lähmend in den
-Gliedern. Nein, zur Tür eintreten bei ihm, sie vermochte es nicht. Warum
-konnte sie nicht unsichtbar, unhörbar sich ihm in die Arme betten und
-das Ungeheure fühlen? Leise ging sie ans Haus heran und nun maß sie die
-Höhe des Fensters. Die Mauer war aus Ziegeln, deren Mörtel vielfach
-herausgefallen war, Efeuranken bildeten an mancher Stelle eine
-natürliche Strickleiter. Nun versuchte ihr Fuß, von dem sie die Schuhe
-gestreift, nun zog sie den anderen nach und geschmeidig kletterte sie in
-wenigen Sätzen zur Brüstung. Es war nicht anders, als wenn ein Vogel im
-Blätterwerk raschelt. Nun schwang sie sich ins Zimmer, nun zog er sie an
-sich, nun ging sie unter im unendlichen Meer der Lust. Sie blieben
-zusammen, bis spät am Tage Rosinas Grabgeläute erklang.
-
- * * * * *
-
-Konrad Kruger schrieb an Arabella:
-
-»Gnädigste Frau, was meinen Sie zu dieser Ansprache? Ich danke Ihnen für
-Ihren Brief. Ich hielt mein Versprechen und schrieb. Diese Briefe waren
-meine Zuflucht. Aber vielleicht kommt auch dieser Brief nicht an. Soll
-ich Dir sagen, Ariel, wie ich Sehnsucht gelitten habe von dem Augenblick
-an, als die Staubwolken Deines Wagens Dich meinem Blick verbargen, bis
-zum heutigen, da ich an Frau Adalbert Mannsthal schreibe? Erschrick
-nicht, daß ich Dein Geheimnis kenne. Ich werde immer Deine Geheimnisse
-kennen, Ariel. Was immer Dir das Schicksal bringt, es ist verknüpft mit
-dem meinen.
-
-Ich war bei Deinem Freund. Er ist verreist. Lange blieb ich an dem Ort,
-wo Dein Bild noch lebendig war. Immer wieder erwartete ich Dich. Da Du
-eingingst in die Welt der Liebe, wirst auch Du bald verstehen lernen,
-wie man des geliebten Menschen harrt und an das Wunder glaubt, das ihn
-wiederbringt. Das Unmögliche zwingt man ins Natürliche und jeden
-Augenblick, der entschwindet und uns der trügerischen Hoffnung näher
-bringt durch seinen Abgang, möchte man segnen als Gewinn. Ariel, Ariel,
-ich habe Dich erwartet des Morgens mit dem Briefboten, in jedem Kahn,
-den ich von fernher kommen sah, in jedem Wagen, der weitab auftauchte,
-in jeder Frau, die irgendwo aus der Ferne trat, wähnte ich, oh Frevel,
-Dich Unvergleichliche. Und doch war nichts unmöglicher, als daß Du
-wiederkehrtest. Und weißt Du, was Angst ist um ein geliebtes Wesen, das
-man in Gefahr glaubt? Nein, das wirst Du nie wissen, denn Dir hat Gott
-die Kräfte Deines Wunsches gegeben, statt zu erbeben wird Deine Seele
-handeln. »Inwendiges Gebet durchdringt die Himmel.« Sie wird sich
-anspannen bis zum Äußersten und es wird ihrer Sorge aller Grund genommen
-sein.
-
-Ich aber bin ein Ohnmächtiger und habe vorerst nur den Willen. Darum
-flehe ich zu Dir, Ariel, hilf mir. Nun ziehst Du wohl weiter, sag' ein
-Wort nur und ich atme Deine Nähe. Geld will ich nicht von Dir und müßte
-ich zu Fuß nach Mekka pilgern um mein Heil. Ich flehe um Deinen Segen.
-In unwandelbarer Treue
-
- Konrad Kruger.«
-
-Arabella antwortete:
-
-»Wir sind eben daran, westwärts in die Berge zu reisen. Sie irren, Herr
-Prediger, Ariel ist nicht gnädige Frau geworden. Es ist wie im Traum, so
-als lebte ich nicht. Nur wenn es ruft, weiß ich es. Wenn es wirklich
-wäre? Es ist vielleicht häßlich, wenn es wirklich ist. Aber in
-Unwirklichkeit kann es grenzenlos sein. Sie können jetzt nicht kommen.
-Ich habe keinen anderen Gedanken als ihn. Woher wissen Sie dies alles?
-Sie wußten es schon damals. Quälen Sie sich nicht. Was soll ich Ihnen
-denn? Nein, Sie können jetzt nicht kommen. Er würde Sie gleich erblicken
-und es gäbe Streit. Warten Sie ab. Ihre
-
- Arabella.«
-
-Diesem Briefe war ein Schreiben Camills angeschlossen, das
-folgendermaßen lautete:
-
-»Werter Herr Student, indem ich Ihnen den Brief des gnädigen Fräuleins
-sende, welchen am Tage der Abreise das Fräulein mir übergeben haben,
-ersuche ich die Verzögerung zu entschuldigen, daß ich ihn erst heute
-sende und die ersuchte Auskunft sende. Wir sind wegen der Hitze und weil
-es schon schwer war mit der Abwirtung im Hotel in kühlere Gegend
-gezogen. Der Herr und das Fräulein wohnen am Berge in einer
-Alpenherberge. Ich bin eine Stunde unterhalb im Postgasthof einlogiert,
-bringe mittags die Briefe hinauf und besorge das Nötige. Von dem, was
-ich im vorigen Schreiben mitgeteilt habe, ist alles bewahrheitet und man
-verstellt sich auch vor mir nicht mehr. Ich vertrage die hohe Luft
-schlecht, nachdem ich kein junger Mensch mehr bin, der Wein ist schlecht
-und wäre gern schon fort. Vielleicht ist es einem studierten Menschen
-wie Ihnen möglich, darauf hinzuwirken, daß das Fräulein den gnädigen
-Herrn eilt, daß wir bald nach Paris kommen, was geplant ist. Dort ist es
-dann auch für Sie leichter und Paris ist etwas für Sie. Da werden Sie
-erst Ohren und Augen aufmachen. Für die Zigarren schönen Dank. Es ist
-aber nicht nötig. Ich tue es gern. Wenn Sie etwas übrig haben, bringen
-Sie es meiner Landsmännin, der Monika Gallo, in der Brunnberggasse Nr.
-12. Das ist ein liederliches Frauenzimmer, aber ich unterstütze sie,
-weil sie ein gutes Mensch ist und ihre Großmutter mich aufgezogen hat.
-Nachher bin ich zum Militär gekommen und nach der Dienstzeit bei meinem
-Offizier geblieben. So hat es mit meinem Beruf angefangen, so daß ich
-mich gut fortgebracht habe.
-
-Wenn es ein Wiedersehen gibt, erzählt man sich wieder Verschiedenes von
-einst und jetzt. Aber schauen Sie, daß wir hier fortkommen. Der Wein ist
-hier ganz ungenießbar. Auch Weiber gibt es nicht. Ich empfehle mich
-Ihnen und verbleibe grüßend
-
- Camillo Custove.«
-
-
-
-
- Ein Heim
-
-
-Konrad war heimgekehrt. Herr Hofrat Engelbert Kruger, der verdiente
-Landesschulinspektor, der aussah wie ein nordischer Fischer (sein weißer
-Bart lief wie ein Röllchen unter dem Kinn zu den Schläfen hinauf bis zu
-den Brillenhaken), Herr Hofrat kam des Nachmittags später ins Amt und
-versäumte abends seine Kartenpartie. Das bedeutete nichts anderes als:
-Konrad ist heimgekehrt. Frau Hofrats rundliche Wangen hatten rote
-Flecken -- Frau Rat nannten sie die Kinder, weil sie Goethes Mutter
-glich --, Frau Rats flinke Augen schossen umher wie ein Eichkätzchen in
-seinem Bauer und liefen forschend und erschrocken umher und sie suchten
-Schlüssel und fanden sie nicht. Anselma Kruger, der Tochter zärtlich
-verblühtes Gesicht, sah plötzlich böse aus und sie hatte ihre äußerst
-sorgfältig ausgeführten Spitzen zur Seite gelegt, weil sie eine Migräne
-nahen fühlte. Das hieß: Konrad ist heimgekehrt. Lisbeth, das Mädchen,
-vertauschte ihre verwaschene Bluse mit einer neueren, die ihren Busen
-vorteilhafter erscheinen ließ, denn diesen hatte »der junge Herr« schon
-des öfteren belobt. Fürbaß, der Dackel, verübte mit seinem Schwänzchen
-die kunstvollsten Windungen und war gleichgültig gegen Lisbeth. Der
-Hausmeister sandte seinen Jungen um Bier, denn er wußte, die nächsten
-Abende brachten reichlicheres Sperrgeld. Dies alles besagte: Konrad ist
-heimgekehrt.
-
-Ob aber mit Ausnahme von Fürbaß irgend jemand an des verlorenen Sohnes
-Heimkunft menschlich Anteil nahm, schien zweifelhaft.
-
-Warum war er zurückgekehrt? Er wußte, wenn er Arabella folgte, war der
-Bruch mit dem Elternhaus besiegelt. Er besaß kein Geld für Lustreisen
-und konnte es sich in kurzer Zeit nicht standesgemäß erwerben. Das
-Honorar seiner geheim erteilten Privatlektion hatte er eben aufgezehrt.
-Wenn er nicht wieder sein gedankenschweres Haupt unter das häusliche
-Joch beugen wollte, war es ihm unmöglich, die Sekretärstelle jenes
-einflußreichen Vereines zu erlangen, die ihm sein Vater für alle Fälle
-bereit hielt. Wenn er sich liederlich in die Welt schlug, war er ein für
-alle Mal unbrauchbar geworden für die Zucht des hofrätlichen
-Familienherdes. Aber er wußte auch abseits seiner Selbstgefühle, der
-Vater war alt, die Pension würde einst nicht reichen, wenn dann auch
-Anselma ihre aufgestapelten Spitzen verkaufte. Das wenige Geld, das
-vorhanden gewesen war, hatte man für Anselmas Aussteuer (die in einer
-Truhe verschlossen blieb) und für die Hedwigs verausgabt. Für Hedwig,
-die nun verstoßen war. Und deshalb hatten sich die Eltern, wiewohl sie
-fromm waren, seinem Vorsatz, Pfarrer zu werden, widersetzt. Sie ahnten,
-er wähle dies Amt, um seine ekstatische Seele jubilieren zu lassen, und
-daß diese durch alle beruflichen Schranken durchbrechen würde. Frau
-Hofrats Vater war akademischer Maler gewesen und in der Schule, wo
-Engelbert Kruger seine erste Supplentenstelle einnahm, Professor im
-Zeichnen. Er trank gern und liebte die Frauen, er spielte sogar und
-arbeitete wenig. Kruger wollte das mutterlose Töchterchen geborgen
-wissen und heiratete sie bei der ersten Gehaltsaufbesserung. Aber er
-ließ die Frau niemals vergessen, daß er eine Edeltat an ihr verrichtet
-hatte. Nun waren zwei Kinder mißraten und zeugten wider sie. Oder war
-dem nicht so? Manchmal stiegen ihr Zweifel auf, ob denn Hedwig und
-Konrad, diese begabten, schöpferischen Menschen, wirklich mißlungen
-waren. Aber diese zweifelnde Stimme kam aus dem Grab einer Gewesenen,
-denn die müde, alte Frau widersprach Herrn Hofrat Engelbert Kruger
-längst nicht mehr. Konrads Willen aber bis zum äußersten zu
-durchkreuzen, war nun auch dem Hofrat nicht möglich gewesen. Er war also
-für Theologie auf der Hochschule eingeschrieben. Nun war aber der Junge
-ein Sonderling. Er liebte es, allerlei Vorgänge haargenau zu beobachten.
-Kinder, die sich prügelten, Menschen, die sich betranken, Eheleute, die
-sich zankten, und besonders fesselte ihn das Treiben der Liebespaare. Er
-nannte das Psychologie zu seelsorgenden Zwecken betreiben, hatte aber
-wohl seine heimliche Freude daran und vergaffte seine Lehrzeit dabei. Er
-kam spät abends, oft erst nachts nach Hause, weil er in Kneipen saß ohne
-zu trinken oder des Frühlings in Gärten zwischen heimlichem
-Liebesgetändel ohne selbst zu tändeln. Schließlich begann er ein
-umfangreiches Buch zu schreiben und veröffentlichte eine Studie über die
-Schriften Athenagoras, an die er eine neue Auffassung des Logos knüpfte,
-die ihm einen Verweis seiner Lehrer eintrug. Bald war es auch kein
-Geheimnis mehr, wer der Verfasser der in der »Hochwarte« erscheinenden
-»Kritiken der Lebensführung« war, die eine stupende Kenntnis geheimer
-Dinge bezeugten, zu denen sonst ein junger Theologe weder eine bejahende
-noch eine verneinende Beziehung hat. Sein Vater nannte sie den Auswurf
-eines Verlorenen und Anselma, die sie heimlich las, behauptete, daß der
-letzte ihrer Freier ihnen zum Opfer gefallen sei, da kein anständiger
-Mensch sich einfallen lasse, mit dem Verfasser dieser Schändlichkeiten
-eine Verwandtschaft einzugehen. Wenn Konrad nicht rechtzeitig zu Hause
-war, wurde ihm fortan das Essen entzogen, das Taschengeld wurde gekürzt
-und alle seine Bücher, die dem Hofrat verdächtig erschienen, verkauft.
-Als der Vater erfuhr, daß er Hedwig besuche, gab er ihm eine Ohrfeige.
-Daraufhin verließ Konrad das Haus.
-
-Nun aber war er dennoch zurückgekehrt. Eine plötzlich erwachte
-Zärtlichkeit hatte, alle Einwände besiegend, ihn nach Hause getrieben.
-Er liebte des Vaters Art, über die Brille hinwegzusehen, seine
-liebreiche Beschäftigung mit Blumen und Tieren bei den gemeinsamen
-Ausflügen, er liebte der Mutter dunkle Augen, die allmählich heller
-geworden waren, ihre geheime Nachgiebigkeit, ihr Leid um Hedwig, er
-liebte Anselmas zärtlich verblühtes Gesicht und ihre nach Quittenäpfeln
-duftende Ordnungsliebe, ihre Trauer um den gestorbenen Verlobten. Er
-erinnerte sich an Fürbaß, den Dackel, und an Weihnachten. So war er denn
-wieder da und trotz allem entschlossen zu bleiben, wenn man ihn gut
-empfing und rücksichtsvoll behandeln wollte. Er erwartete
-Zugeständnisse, aber seine Abwesenheit hatte sich als eine sorgenlose
-Zeit bewährt und seine Rückkehr wurde nicht einer Belohnung wert
-befunden. So wurde denn der Spieß umgekehrt und Konrad dazu verhalten
-auf die Veröffentlichung bedenklicher Aufsätze zu verzichten, seine
-Besuche bei Hedwig zu unterlassen und nur ausnahmeweise die Abende außer
-Hause zu verbringen. Man behandelte ihn wie einen Mieter, der das
-Kostgeld nicht mehr bezahlt, den man aber nicht unverblümt vor die Türe
-setzen will. Im Spätherbst wurde die Sekretärstelle frei. Bis dahin
-mußte Konrads Aufführung musterhaft sein, auch sollte er schon einen
-Monat vorher als Volontär sich einarbeiten. Er ließ sich einige Tage
-Bedenkzeit. Dann kam Vögelchens Brief, darin standen hell drei Worte:
-»Warten Sie ab.«
-
-Ausreißen konnte man immer noch. So gab er sich scheinbar zufrieden.
-Aber die Stadt begann ihren verderblichen Einfluß zu üben. Hatte er am
-See nur seiner Arbeit an dem Buche »Von St. Bernhard«, den Wanderungen
-in der Landschaft und seinen Träumen um Arabella gelebt, so begannen nun
-die erregten Nerven ihre Gifte auszuscheiden. Seine Arbeiten wurden
-wieder eifernden Geistes, seine Spaziergänge jenen hämischen
-Beobachtungen gewidmet, seine Sehnsucht nach dem geliebten Wesen Wahn
-und Eifersucht. So entstand der teuflische Plan in ihm, Mannsthal an
-Vögelchens Mutter zu verraten und ihr Geld zu entlocken unter dem
-Vorwand, die Vorgänge aus nächster Nähe beobachten zu wollen. Es schien
-ihm zweifelhaft, daß ein Brief an jene Deckadresse die Dame noch
-erreichen würde; geschah dies dennoch, so hatte sich eben der Zufall für
-seine Absicht entschieden. Er schrieb:
-
-»Gnädige Frau, es gehen Dinge vor, die Ihre Duldung nicht finden würden.
-Gestatten Sie, daß ich Ihnen mündlich berichte. Ich habe die Gefahr
-erkannt, in der Ihre Tochter schwebt, und stelle mich Ihnen zur
-Verfügung, um ihre Errettung zu bewerkstelligen. Hochachtend ergeben
-Konrad Kruger, Student der Theologie, Sohn des Hofrats Engelbert Kruger,
-Landesschulinspektors usw. Postlagernd Treustraße.
-
-_P. S._ Bitte um Diskretion.«
-
-Konrad war bald als lästiger Nachfrager auf dem bezeichneten Postamt
-bekannt. Vierzehn Tage lang stahl er sich, vorsichtig auslugend, ob
-niemand ihm folge, dahin, und als ihm tatsächlich am fünfzehnten Tage
-ein Brief eingehändigt wurde, erbleichte er vor staunender Erregung und
-Erwartung.
-
-Er las: »Mein Herr, finden Sie sich, bitte, am 3. dieses um zehn Uhr
-vormittags in meiner Stadtwohnung, Ring Nr. 3, Tür 5, in der ich mich
-eben vorübergehend aufhalte, ein. Sollten wir einander versäumen,
-erbitte ich sogleich Nachricht nach Hetzendorf bei Wien, Villa Martha.«
-
-Konrad sah auf die Uhr. Es war zehn Uhr vorbei, aber das Datum stimmte.
-Er konnte nun nicht mehr nach Hause, um seinen Anzug zu wechseln, alles,
-was er riskierte, war, sich beim nächstbesten Friseur rasieren zu
-lassen. Es war elf Uhr, als er in das kühle, vornehme Haus eintrat und
-im ersten Stock klingelte. Nach angstvollem Horchen vernahm er Schritte
-und, während er auf der gegenüberliegenden Türe las: Dr. Franz Gunter,
-Hof- und Gerichtsadvokat, vernahm er, wie das Guckloch an der Türe sich
-bewegte. Frau Martha Gunter öffnete. Es war noch alles verdunkelt in der
-Wohnung, die Luft war dumpf trotz des geöffneten Fensters in dem Raum,
-in den Konrad ihr folgte. Bilder und Lampen waren verhängt, an ihrer
-Größe und den kostbaren Wandbehängen ließ sich eine prunkvolle
-Einrichtung erkennen. Im Nebenzimmer wurde ein Kamin abgetragen. Aus
-diesem Grunde war Frau Gunter zur Stadt gekommen und hatte bei dieser
-Gelegenheit nach dem Brief jenes rätselhaften Waldmenschen gefragt, der
-auf geheimnisvolle Weise in die Erlebnisse ihrer Tochter eingeweiht
-schien. Die Stimme der Dame war nicht dieselbe, die erregt und heiser
-aus jenem Gespräch am See geklungen hatte. Der schwere Schlag der
-Augenlider und der Schleier der Wimpern jagten ihm Fieber der Erinnerung
-durch die Glieder. Und des geliebten Wesens deutlichere Gestalt gab ihm
-Mut und er begann:
-
-»Meine Gnädige, Sie werden mich für einen Narrn oder für einen
-Schwindler halten, jedenfalls für einen Menschen, der sich dreist in
-fremde Angelegenheiten mengt und der deshalb wenig vertrauenerweckend
-scheint. Ich will Ihnen aufrichtig die Wahrheit sagen. Ich habe Ihre
-Tochter sehr lieb gewonnen und die Eifersucht hat mir die Gefahr
-gezeigt, in der sie schwebt. Weniger Tage der Freundschaft hat es
-bedurft, um zu erkennen, daß ihr Stiefvater sie liebt und daß dieser
-Herr nur wartete, bis ihm sein Opfer mundgerecht war.«
-
-»Was sagen Sie! Schweigen Sie, schweigen Sie,« unterbrach die
-erbleichende Frau die einstudierte Rede. »Machen Sie mich nicht noch
-unglücklicher. Woher wissen Sie, daß es geschehen ist? Es ist furchtbar.
-War je eine Mutter unglücklicher?«
-
-»Beruhigen Sie sich, gnädige Frau. Noch ist nicht alles verloren.
-Arabella ist ein himmlisches Wesen. Noch reicht ihr der Schmutz nicht
-bis zu den Knöchelchen der Füße. Sie kann nicht, sie wird nicht
-verderben. Ich glaube an sie, wie an ein göttliches Wesen. Aber sie muß
-fort von dem Verführer, sie muß zu Ihnen zurückkehren.«
-
-»Sprechen Sie sich deutlicher aus! Haben Sie Nachrichten von dort? Haben
-Sie Briefe?«
-
-Konrad zog ein Schreiben Camills hervor und zeigte, indem er es
-vorsichtig festhielt, der Dame folgende Stelle:
-
-»Sie wohnen allein und schicken mich fort, wann es nur angeht. Das
-Fräulein ist ganz verändert und läßt sich vor ihm nicht blicken. Dann
-wieder sind die Kissen noch am Nachmittag in Unordnung. Ich schreibe
-Ihnen das, weil ich Ihnen es versprochen habe und wir Freunde sind. Wenn
-Sie es weiterreden, verlier ich den Posten, also denken Sie an die
-Freundschaft, die wir uns zugetrunken haben.« Es folgten noch einige
-zweideutige Ausführungen über den Geschlechtsverkehr ungleichaltriger
-Menschen, die an ein Gespräch anzuknüpfen schienen, das der Schreiber
-mit Konrad geführt hatte. Offenbar lag für Camill hier die Basis der
-seltsamen Freundschaft mit dem Studenten. Frau Gunter las nur die ersten
-Zeilen dieser Bemerkungen, dann legte sie errötend die Hände vor ihr
-Gesicht.
-
-»Es ist so gut wie sicher,« sagte sie, ohne ihr Antlitz zu enthüllen,
-mit erstorbener Stimme. »Aber Beweise sind das nicht und rechtlich kann
-ich nichts erwirken. Es ist ungeheuerlich!«
-
-»Ich will Ihnen Beweise schaffen. Ich werde es bezeugen können. Es wird
-mir nicht an Mut und Schlauheit fehlen, glauben Sie mir.«
-
-»Und was dann?« sagte Frau Gunter, deren Körper wie im Frost
-erschauerte. »Mein Mann wird einen Prozeß zu verhindern wissen und
-niemals werde ich ihm das arme Kind entreißen können. Es ist mir fremd
-geworden. Es kennt mich nicht mehr.«
-
-»Sie irren, man muß Ihre Tochter erwecken mit geistlicher Kraft und ihn
-mit Drohungen erschrecken. Geben Sie mir die Befugnis, in Ihrem Namen
-den Verführer zu entlarven. Ich will alles aufgeben, Beruf und
-Elternhaus. Ich habe nur einen Gedanken, das himmlische Wesen in
-Sicherheit zu bringen. Um des Seelenheiles willen ...«
-
-»Und wenn nur ein Wahn Sie treibt, wenn nichts geschehen oder nur ein
-unschuldiges Spiel, nur Zärtlichkeit --« Sie sah fern ein Bild. Eine
-Frau am Traualtar, die nach bangen Jahren wieder Geborgenheit fühlt. Es
-war so schwer, das Böse zu denken.
-
-»Wenn Sie zweifeln, wenn Ihr Gewissen Sie nicht antreibt, dem Retter,
-der durch scheinbare Zufälligkeiten zu Ihnen gelangt ist, zu vertrauen
--- -- Meine Nachforschungen können ja nur nützlich sein.«
-
-»Warten Sie einige Tage, ich will mich beraten. Nein, nicht meinen Mann
-will ich fragen, für den ist die Sache erledigt --«
-
-»Jede Mitwisserschaft kann unseren Plan vereiteln. Wir haben keine Zeit
-zu verlieren.«
-
-»Und was verlangen Sie?« fragte die gequälte Frau.
-
-»Nichts als die Reisekosten und eine geringe Vergütung meines
-Lebensunterhaltes.«
-
-Frau Gunter streifte einen Perlenring vom Finger, der von Brillanten
-eingefaßt war. Aus ihrem Portemonnaie nahm sie eine Geldnote. »Dies ist
-für die Reise. Den Ring versetzen Sie und bringen mir gleich den
-Versatzschein. Ich habe jetzt nicht mehr entbehrliches Bargeld und, da
-ich die Sache geheim halten muß, können Sie auch in nächster Zeit nichts
-erwarten.« Sie legte den Kopf auf den Arm, als wollte sie nichts hören
-mehr und sehen. Ein lautloses Schluchzen erschütterte sie. Konrad nahm
-Geld und Ring, verbeugte sich und verließ rasch die Wohnung.
-
-Er ging zunächst in das Versatzhaus, erhielt eine erstaunlich hohe Summe
-für den Ring und machte sich dann auf den Weg zu Hedwig, bei der er das
-Geld bis zu seiner Abreise aufbewahren wollte. Sie war nicht zu Hause.
-Nachmittags brachte er den Schein zu Frau Gunter, die ihn nochmals über
-seine Absichten ausforschte und, nun ruhiger geworden, Weisungen gab,
-wie er sie benachrichtigen und was er im Notfall veranlassen sollte. Er
-fühlte, daß es ihr unmöglich gewesen war, seine Hilfe abzuweisen, da ihr
-Gewissen sich belastet fühlte, aber er empfand deutlich, daß er als
-Ruhestörer aufgetreten sei und eine schon begrabene Hoffnung aufgewühlt
-hatte. Er ersah, daß Vögelchen heimatlos war und daß nur Leidenschaft
-ihr Obdach bot. Aber hinter all den Zweifeln über seine Mission stand
-die Gewißheit, er würde Ariel wiedersehen.
-
-Als es dämmerte, klingelte er nochmals bei Hedwig an. Sie wohnte weit
-draußen in der Vorstadt, im entgegengesetzten Stadtteil der väterlichen
-Wohnung. An der Türe war mit einem Reißnagel eine Visitenkarte
-angebracht. Auf dieser stand: Hedwig Torn-Kruger, Malerin.
-
-
-
-
- Hedwig
-
-
-»Wahrhaftig, der Konrad,« rief eine helle, klingende Stimme zwischen dem
-leicht geöffneten Türspalt und schon flog die Tür auf und die Schwester
-zog ihn in den Vorraum. Hedwig, das sah man auf den ersten Blick, war
-aus der Art geschlagen. Vielleicht war die Mutter einst ihr ähnlich
-gewesen. Nun schien sie gegen die Angehörigen gesehen ein Kolibri in
-einer Gemeinschaft von Fledermäusen. Konrad war zwei Monate nicht da
-gewesen und der Geruch der Ölfarben, die saubere, eigenartige, wenn auch
-mit den primitivsten Mitteln hergestellte Einrichtung heimelten ihn
-gleich wieder an. Und Hedwig sah gebräunt aus und hübscher denn je.
-
-»Wo ist der Junge?« fragte Konrad und deutete auf das leere Stühlchen,
-auf dem nun des Kleinen Harlekin sich breit machte.
-
-»Endlich in guten Händen,« sagte Hedwig lachend. »Meine Freundin Marie,
-weißt du, die Kollegin aus der Malschule, hat ihn seit drei Wochen in
-Mödling draußen. Mir ist nicht wenig bang nach ihm, das kannst dir
-denken. Er ist ja so lieb jetzt. Weißt du auch, daß er dein Bild
-erkennt? Okki sagt er.«
-
-Konrad liebte den kleinen Jungen und war sichtlich verstimmt, daß er
-abwesend war.
-
-»Daß du dich aber wieder hergetraut hast nach der Ohrfeigengeschichte,
-Konni,« sagte sie und sah ihn zärtlich an. Eine Träne schimmerte in den
-dunklen Augen, die jenen der Mutter glichen. Sie streichelte seine
-behaarten Hände.
-
-»Ich bin gekommen, um Abschied zu nehmen, Hedi,« sagte er und setzte
-sich neben sie. »Ich reise nach Paris.«
-
-»Nach Paris!« Hedwig schlug die Hände zusammen und lachte. »Ei, was du
-nicht sagst! Du Glücklicher! Grüß mir die Annaselbdritt und die Mona
-Lisa und die Wasserspeier von Notre Dame.«
-
-»Nein, ich spaße nicht,« sagte er und zog bekräftigend das Kuvert mit
-dem Geld aus der Brusttasche. »Ich möchte dich auch bitten mir dies
-aufzubewahren und es mir Samstag auf den Bahnhof zu bringen.«
-
-»Samstag schon? Mit deinem Französisch traust du dich nach Paris?«
-
-»Habe seit zwei Wochen eifrig aufgefrischt.«
-
-Eine Pause entstand mit der stummen Frage, was es mit der Reise für eine
-Bewandtnis habe. Aber Hedwig liebte es nicht, befragt zu werden, so war
-auch sie diskret.
-
-»So, so. Und was sagt man zu Hause dazu?« fragte sie nach einer Weile.
-
-»Niemand weiß etwas. Ich verschwinde. In zwei oder drei Tagen trage ich
-zwei Pakete mit meinen Sachen von zu Hause weg und bringe sie zu dir.
-Dann esse ich mit ihnen, sage Gute Nacht, ziehe mich in meine Bude
-zurück und verschwinde unter Zurücklassung einiger sachlichen
-Abschiedsworte.«
-
-»Hat man dich wieder gehunzt?« fragte Hedwig. »Kann denn nicht Friede
-werden! Weißt du auch, was du tust? Die Eltern sind doch alt. Sollen sie
-zwei Kinder verloren haben? Wie wirst du dich fortbringen?«
-
-»Wenn du es kannst und mit dem Jungen, dann werde ich es wohl auch
-können.«
-
-»Ja Frauen, die haben geheime Kräfte.« Ein trauriges Lächeln umspielte
-ihren Mund und ihre Augen hatten einen schmerzlich verklärten Aufblick.
-
-»Weißt du aber auch, durch wieviel Elend ich gegangen bin, Konni? Wie
-ich gehungert habe, ehe ich die Anstellung und die Privatstunden
-bekommen hatte und endlich wieder ein Bild verkauft war? Nein, nichts
-weißt du. Hast nur gehört, daß ich ein leichtfertiges Frauenzimmer bin
-und die Ehre der Familie nicht respektiert hab' und schließlich nicht zu
-Kreuze kriechen wollt'. Ich will dir dein Geheimnis nicht abfragen, aber
-meines will ich dir jetzt sagen, damit du klüger wirst daran.«
-
-»Aber reg' dich nicht auf, Hedi, hörst du. Dann will ich lieber nichts
-wissen.«
-
-»Also erinnerst du dich, daß man mich zuerst wie Selma in die
-Lehrerinnenbildungsanstalt steckte. Selma hatte schon ihre Anstellung
-als Industriallehrerin, als ich eintrat. Da war ein Professor im
-Zeichnen, ein aufgeklärter Mensch. Nun du weißt, wen ich meine. Der ging
-zu Vater und sagte, ich hätte Talent und ich sollt' das zweite Jahr noch
-absitzen und dann ernstlich auf Malerei studieren. Zunächst
-unterrichtete er mich zwei Jahre privat. Vater war dagegen, aber Mutter,
-die Malerstochter, hat es durchgesetzt. Der Professor riet zu einer
-Schule in München. Vater zeigte meine Arbeiten mehreren Fachleuten, die
-alle sehr für meine Ausbildung waren. Du warst damals im Konvikt. Ehe
-ich abfuhr, besuchte ich dich. Erinnerst du dich noch?«
-
-»Die Jungens verliebten sich alle in dich.«
-
-»Ja, es hatte sich auch ein anderer in mich verliebt. Torn, der
-Bildhauer, des Professors Bruder. Wir waren viel allein. Ich dachte, es
-wäre alles nur Spiel. Ich war so furchtbar dumm. Torns waren in München
-bekannt und sie rieten zu einem Familienheim, wo ich solide
-untergebracht sein würde. Es ging alles gut anfangs, denn ich war in
-Hans Torn verliebt und keiner kam an mich heran. Ich habe gute
-Fortschritte gemacht. Bei der Schulausstellung schon wurden alle meine
-Bilder angekauft. Den Sommer verbrachten Selma und ich in einem
-Malerdorf. Dort hat sie den unglücklichen Hügler kennen gelernt. Wäre
-der dann nicht abgestürzt, es wäre vielleicht manches anders geworden.
-Er war so klug und die Eltern schworen auf ihn und reich war er auch. Er
-hätte auch mir geholfen. Die Torns waren auch da und dort merkte ich
-erst, daß auch der Professor in mich verliebt war; und auf einmal wußte
-ich selbst nicht mehr, welchen ich lieber hatte. Und das Seltsame war,
-keiner schien es vom anderen zu wissen, daß er mich zur Frau wollte.
-Aber mich reizte das so und ich trieb ein elendes Spiel mit ihnen. Ich
-traf beide heimlicherweise und hätte weder den einen noch den anderen
-verstoßen können. Im Fasching kam dann Hans, um in München zu bleiben,
-gleich nachher sollte ich nach Hause fahren, weil der Kurs der
-Lehramtsprüfung für Zeichnen begann, den ich für alle Fälle machen
-sollte. Weißt du, Konni, schon damals war mir meine Arbeit wichtiger als
-alles andere auf der Welt und das hat mich dann auch später gerettet.
-Ich hatte auch schon öffentlich ausgestellt nach vier Jahren Studium.
-Aber ich wußte: nun geht es ins Elternhaus und in den Erwerb zurück; das
-ist deine letzte ganz freie Zeit, sagte ich mir. Niemand fragt dich,
-wann du nach Hause kommst, wo du geschlafen und gegessen hast. Hans und
-ich durchtobten den Fasching. Aber da spürte ich plötzlich, ich liebe ja
-gar nicht den Hans, es ist der andere, es ist Hermann, nach dem ich mich
-all die Zeit gesehnt habe. Halb scherzend beichte ich es ihm und denke
-mir, er muß sich doch freuen, daß ich den Bruder, den er so verehrt, so
-lieb habe. Und nun geschieht etwas Häßliches. Hans sagt mir, daß er
-selbst ja nur sein Spiel mit mir wollte, daß er von meiner frommen
-Liebschaft mit dem Bruder gewußt habe und daß er, Hans, uns beide oft
-belauscht habe. Dann zeigte er mir Briefe, aus denen ich ersah, daß er
-immer neben mir andere Frauen gehabt hatte, schon damals, als ich nur
-ihn liebte, das war so seine Rache. Ich packte verstört meine Sachen.
-Auf der Reise faßte ich den Plan, nicht direkt nach Hause zu fahren. Ich
-telegraphierte, daß ich später eintreffen würde, und fuhr zu Hermann.
-Der erschrak freudigst, als er mich kommen sah, und ich wußte nun: da
-ist dein Glück. Wir verlobten uns. Wir blieben die ganze Nacht
-beisammen. Er rührte mich nicht an. Es war alles so heilig. Tags darauf
-kam ich nach Hause, begann den Kurs. Zwei Wochen später wußte ich, daß
-ich guter Hoffnung war. In meiner Verzweiflung vertraute ich mich Mutter
-an. Sie hörte es mit Grauen. Der Traum und Taumel fiel von mir ab, als
-ich sie noch starr vor Entsetzen sagen hörte: »Du darfst Hermann nichts
-sagen, du mußt dir das Kind nehmen lassen.« »Das ist ja Betrug, Mutter,«
-sagte ich, »Verbrechen!« Alles, alles wollt' ich, nur nicht tiefer in
-Lügen geraten und Abscheulichkeit. »Du hast den Weg des Bösen
-eingeschlagen,« antwortete sie. »Jetzt geh den, der nicht andere mit ins
-Unglück stürzt.« Da lief ich zu Hermann und sagte ihm alles. Hermann
-schrieb an Hans, er müsse zurückkehren und mich heiraten. Aber dem
-widersetzte ich mich. Ich liebte ja Hermann und nie und nimmer hätte ich
-Hans, der sich heimlich an mir rächte, zum Manne wollen. Nach schwerem
-Kampf schloß mich Hermann wieder an sein Herz, er würde zu vergessen
-suchen, daß Hans und nicht er der Vater sei. Aber dann kam der Brief aus
-München. Hans war vom älteren Bruder abhängig und wollte nicht
-eingestehen, daß er ihm weggenommen, was er sich aufgespart hatte. Er
-erklärte, ich wäre ihm nachgelaufen und hätte mich ihm aufgedrängt. Den
-Fasching hätte ich so wüst verbracht -- daß wohl ebensogut Herr X. oder
-Herr Y. Vater meines Kindes sein konnte. Er dächte nicht daran, mich zu
-heiraten, da ich ja vor kurzem erst ihm eröffnet hätte, daß ich
-keinerlei Neigung mehr für ihn habe. Er sei überdies so gut wie verlobt
-mit einer Brauerstochter, einem reichen und anständigen Mädchen.«
-
-»Hund,« knirschte Konrad.
-
-»Ach!« sagte Hedwig traurig. »Er war kein Hund. Er liebte mich und
-deshalb trieb ihn der Haß. Er hat die Brauerstochter geheiratet, nun
-hält er's bei ihr nicht aus und läuft mir die Türen ein. Aber ich habe
-den Kleinen gelehrt, mit Bausteinen nach ihm zu werfen und ihm das
-Gesicht zu zerkratzen, wenn er ihn küssen will. Nun höre weiter, das
-Böseste kommt erst. Hermann erklärte also daraufhin, von mir nichts
-wissen zu wollen. Selma fuhr heimlich zu Hans, aber auch der war
-unerbittlich. Da sagte Mutter alles dem Vater und der schlug mich
-blutig. Tags darauf ging er zu Hermann und bat ihn, er, der stolze
-Mensch, bat Hermann, mich zur Frau zu nehmen. Aber der Vater kam
-verstört nach Hause und sprach zwei Tage mit keinem von uns ein Wort.
-Indessen hatte Mutter eine Frau ausfindig gemacht, die alles ungeschehen
-machen würde. Aber in mir war der feste Entschluß das Kind zu behalten.
-Ich war sehr leidend von all den Aufregungen und man schonte mich in
-keiner Weise. Das Einzige, was Vater für mich tat, war, zu erwirken, daß
-ich meine Lehramtsprüfung vorzeitig ablegen konnte. Man bewachte mich.
-Selma und Mutter waren immer hinter mir. Ich widersetzte mich nicht mehr
-zu der schrecklichen Frau zu ziehen, dort würde ich wohl freier sein und
-vielleicht die Möglichkeit haben zu entfliehen. Aber schon vorher gelang
-mir das. Ich hatte noch das Geld von den verkauften Bildern und fuhr
-nach München, wo ich ja Freunde hatte, auf die ich mich verlassen
-konnte. Freilich Geld hatten die keines, aber Arbeit würden sie mir
-verschaffen. Mutter kam mir nachgefahren, sie hatten mich ausgeforscht.
-Ich lebte recht schlecht und sie lockte mit Unterstützungen und
-Verzeihen, aber alle ihre Vorstellungen, auf das Kind zu verzichten,
-waren fruchtlos. So fuhr sie denn wieder ab. Es kam kein Brief mehr.
-Einmal sah ich Hans. Es war im Sommer, die Stadt verödet. Ich saß im
-englischen Garten, da fuhr er mit seiner Braut an mir vorüber. Noch
-heute weiß ich nicht, ob er mich gesehen hat, aber damals lernte ich
-Gretchens Gebet im Kerker aus tiefster Qual verstehen. Einen Monat vor
-der Zeit kam eine Depesche von Selma, Vater liege im Sterben, ich sollte
-zurückkehren. Ich reiste. Abends trat ich verschleiert ins Zimmer. Alles
-war düster und leise. Es fiel mir zuerst auf, daß man dich weggeschickt
-hatte, aber ich war doch gleich von der Sorge der anderen erfüllt und
-maß dem keine Bedeutung bei. Vater sagte mir mit schwacher Stimme, ich
-sollt' mich nicht länger widersetzen. Er habe mit Hermann gesprochen, er
-würde mich heiraten, wenn ich mich nach der Geburt des Kindes von diesem
-trennen würde, da doch nun einmal der Vater nicht nachweisbar wäre.
-Mutter brachte mich zu dieser Frau. Sie hatten schon alles vereinbart
-und sprachen abseits leise wie alte Bekannte. Ich besah mir den Raum.
-Die Luft schon war bedrückend. Zwei Betten standen da, in dem einen
-schlief schnarchend ein alter Hund. Ich war einer Ohnmacht nahe, die
-Reise, die schlaflose Nacht, die Aufregungen hatten mich ganz
-heruntergebracht. Ich hatte Schmerzen. Meine Füße trugen mich nur mehr
-zu dem Sofa. In einem Winkel des Zimmers sah ich einen schmutzigen
-Waschtisch mit allerlei unbekanntem Gerät. Ich wußte mit Grauen, hier
-wurden dem Tod Opfer gebracht. Ich rief nach der Mutter, sie war
-heimlich weggegangen. Die Alte brachte mir Tee, entschuldigte sich, sie
-müsse ausgehen, ich sollte unbesorgt sein, es würde niemand zu mir
-hereinkommen. Mir war es, als entferne sich die alte Hexe, um den
-giftigen Apfel zu bereiten. Ich schlummerte ein und sah mich in einem
-gläsernen Sarg. Ich erwachte, als draußen die Tür aufgesperrt wurde und
-das Zimmer neben dem meinen von einem Mann und einer Frau betreten
-wurde. Bald war kein Zweifel mehr, zu welchen Zweck. Arme Mutter, sie
-ahnte nicht, wohin sie mich gebracht hatte. Die Schmerzen kamen wieder
-und eine entsetzliche Angst befiel mich, daß es vorzeitig geschehen
-konnte, daß das Kind und ich in Schmutz und Gift zugrunde gehen würden.
-In den Schmerzen fühlte ich nur meine Qual, die Krankheit des Vaters war
-ja nichts gegen die Gefahr, die in jedem neuen Anfall zu drohen schien.
-Ich war voller Haß, daß man mich hier elend verkommen ließ, daß man mich
-morden wollte. Ja, ich verglich erbittert den Wert meines Lebens mit dem
-des Vaters, dem man das meine aufopferte. Aber nach einer Weile hörten
-die Schmerzen auf. Ich lag wie gerädert. Die nebenan rüsteten indes
-wieder zum Aufbruch. Das Leben stand grell vor mir. Ich war wie
-hellsichtig geworden. Mann und Weib nebenan, die sich umschlingen, dann
-die Tragödie der Geburt, der Tod, der Kampf um Ehre, alles stand in
-nackten Bildern vor mir. Aber nun wußte ich auch, was ich zu tun hatte.
-Ich stand auf; eh' die Alte wiederkam, war ich auf der Straße. Es war
-spät abends, ich rief einen Kutscher an, ließ mich auf die Klinik
-fahren. Als ich ihn bezahlt hatte, blieb mir fast nichts mehr. Die
-Schwestern und Ärzte nahmen mich mit freundlicher Ruhe in Pflege. Aber
-erst eine Woche später kam das Kind zur Welt. Ich schrieb Mutter, wo ich
-sei, und daß sie doch meinen Tod nicht hätte verantworten wollen, bat
-Selma, mich zu besuchen und mir Nachricht von Vater zu geben. Niemand
-kam, niemand antwortete. Ich durchforschte die Zeitungen, ob ich das
-Schreckliche lesen würde, sah schon den geliebten Namen schwarz
-umrändert mir entgegenstarren. Zum Glück blieb Vater am Leben. Er war
-gar nicht sterbenskrank gewesen. Das wenige Geld, das ich hatte,
-verausgabte ich für Marken und Karten. Ich schrieb an Freundinnen, die
-mir ewige Treue geschworen hatten, aber jede hatte eine andere Ausrede,
-niemand kam mir zu Hilfe. Neben mir lag eine Arbeiterfrau. Sie erriet
-bald meine Verlassenheit und mit einer gewissen Schadenfreude über die
-Hartherzigkeit der »Herrschaften« lud sie mich zu sich ein. Als der Mann
-des Sonntags sie besuchen kam, brachte auch er treuherzig seine
-Einladung vor. Tags darauf brachte uns eine Droschke ans Ende der Stadt.
-Nicht weit von hier lud sie uns ab mit den sorgsam verhüllten
-Säuglingen. Seither habe ich gelernt, unter armen Leuten zu wohnen. Da
-gibt es keine Unzufriedenheit, wenn man sieht, wie diese Armen hinter
-dem Bollwerk ihrer Stumpfheit darben. Sie hatte es gut gemeint, die
-brave Frau, aber nach zwei Tagen erkrankte ich an Kindbettfieber. Nun
-brachte man mich ins Spital zurück und das Ärgste war, man trennte mich
-von dem Kinde. Man brachte es mir nur, wenn es gestillt werden sollte.
-Nachts hörte ich sein Schreien lange in den hallenden Gängen, wenn man
-es mir hungrig brachte, und wieder schrie es, wenn man es forttrug.
-Einer meiner Hilferufe, die bisher unbeantwortet geblieben waren, hatte
-indes Widerhall gefunden. Marie hatte mich auf der Klinik, dann bei der
-Arbeiterfrau, die sie sogleich belohnte, dann wieder im andern Spital
-gesucht. Nun mietete sie mir ein Zimmerchen in ihrer Nähe. Das Kind
-wurde vom Spital aus auf das Land in Pflege gegeben. Als ich so weit
-hergestellt war, fuhr ich nach Neudorf hinaus, um es zu besuchen. Nie
-werde ich diesen Anblick vergessen. Es war so lieblich und rosig
-gewesen. Jetzt glich es einem kranken Greislein. Erstaunlich auch war
-es, wie es nun Hans ähnlich war. Die Nachbarinnen raunten mir zu, daß
-das Kind Hunger leide und in Schmutz liege. Vor wenigen Tagen wäre es
-dem Tode nahe gewesen. Ich nahm es eigenmächtig fort. Konnte ich denn
-das Kind dieser Engelmacherin überlassen? Es mußte ins Spital, es war
-ernstlich krank. Dort bedeutete man mir, es würde erst in einigen Tagen
-ein Platz frei. Die Frau, bei der mich Marie eingemietet hatte, war
-natürlich nicht erbaut über den kleinen Mitbewohner, der nachts
-erbärmlich schrie. Maries Unterstützung war nahezu aufgebraucht. Da trug
-ich das Kind abermals zur Klinik. Es war ein warmer Oktober, noch lagen
-die Kinder in den Wiegen im Garten draußen. Als ich an einem leeren
-Bettchen vorbeikam, kam mir der Einfall, das Kind hineinzulegen. So
-entging ich der Abweisung. Ich tat es und flüchtete dann wie eine
-Diebin. Indessen hoffte ich Hilfe zu finden. Zwei Tage machte ich
-vergebens Anstrengungen mir Geld zu verschaffen. Ich konnte ja nur an
-Menschen herantreten, die in keiner Beziehung zu den Eltern standen und
-die halbwegs verschwiegen waren. In meiner Verzweiflung ging ich zu
-Hermann. Ich fand ihn, erschrocken über mein Aussehen, erschüttert über
-das, was ich erlebt hatte. Ich erzählte ihm, daß ich eben das Kind durch
-das Gitter des Spitalgartens beobachtet, daß es schon wohler scheine,
-ich beschwor ihn, den Jungen zu sehen, er würde dann nicht mehr
-zweifeln, wer sein Vater sei. Er ging mit mir, er sah das Kind und nun
-sagte er mir, er sei bereit, eine Scheinehe mit mir einzugehen und das
-Kind als das seine anzuerkennen. Er würde dann sogleich um seine
-Versetzung einkommen, falls ich selbst nicht die Stadt verlassen würde.
-Er riet mir zu bleiben, um dem kranken Vater nahe zu sein, der
-vielleicht andern Sinnes werden würde, auch würde er mir noch eine
-staatliche Anstellung sichern können. Hans war verheiratet und verdiente
-nichts. Ich lehnte es ab Unterstützungen von dem Geld seiner Frau zu
-beziehen. Hermann war ein gebrochener Mann. Er sagte mir, daß er nach
-reiflicher Überlegung zu der Überzeugung gekommen sei, daß er ja an
-meinem Verkehr mit Hans, an meiner Abwesenheit vom Elternhaus, daß er an
-meinem Elend Schuld trage. Einige Wochen später, als alle Formen erfüllt
-waren, heirateten wir. Nach der Trauung fuhren wir zu den Eltern.
-Hermann verlangte, daß ich ihre Verzeihung erbitte. Als Hermann
-erklärte, daß er nun getrennt von mir leben würde und ihren Schutz für
-mich erbäte, brauste Vater auf. Abermals kam alles zur Sprache. Aber
-obwohl ich wußte, daß unsere Ehe nur zum Schein war, ich mußte Hermann
-verteidigen, ich mußte an seiner Seite stehen. Ich war durch nichts
-geblendet, Hermann war im Recht. So gingen wir beide im Streit mit den
-Eltern auseinander.«
-
-»Und er ließ dich dann mit dem Kind allein zurück?« fragte Konrad.
-Hedwig senkte den Kopf. Es war ganz finster geworden. Er sah nicht, daß
-sie weinte, aber er fühlte es.
-
-»Ich selbst habe ihn fortgeschickt,« sagte sie. »Ich hatte ihn zu lieb.«
-
-Eine Weile blieb es still, dann griff Konrad ungeschickt nach Hedwigs
-Hand und küßte sie.
-
-»Ich hab' immer gespürt, was du wert bist,« sagte er.
-
-»Auch jetzt noch, Konni?«
-
-»Auch jetzt noch, jetzt erst recht.«
-
-
-
-
- »Mit der Seele Lauterkeit ...«
-
-
-Nun waren Konrads letzte Skrupel, das Elternhaus heimlich zu verlassen,
-erledigt. Als er nach Hause kam, wollte Anselma eben sein Nachtessen
-wegsperren. Sie setzte es ihm wortlos vor. Er schob es weg. Er schloß
-sich in seine Kammer ein und schrieb an Ariel:
-
-»Du mein Engel, Du mein Licht, nun ist es gewiß, ich werde Dich
-wiedersehen. Ich werde um Dich sein, und wenn es nötig sein wird, werde
-ich Dich mit meinen Händen aus allen Fährnissen tragen. Immer werde ich
-in Deiner Nähe sein. Vergiß das nicht, Du brauchst nur zu rufen. Ich
-weiß, Du fürchtest Dich vor dem Rätselvollen, vor dem Wunderbaren. Doch
-ich bin fortan bei Dir. Du mußt bald, bald Deinen Berg verlassen, denn
-sonst müßte ich in einer Eishöhle hausen oder mich als Kellner oder
-Hausknecht verkleidet in Deinem Gasthof verdingen. Und Paris ist so
-schön. Dort kann ich Dir Wunder weisen. Ich habe alles studiert. Wenn
-mein Brief Dich erreicht, brichst Du wohl auf! Noch bin ich ganz
-aufgewühlt. Hedwig hat mir heute ihr Leben erzählt, Hedwig, weißt Du,
-die von den Eltern verstoßen wurde. Ihr war viel Leid zugemessen. »Wenn
-Du ißt und trinkst, so sollst Du jeden Bissen in seine Liebeswunden
-tauchen,« das stand über ihrem Leben geschrieben. Als ich nach Hause
-kam, nahm man eben mein Essen fort. Ich kann nichts mehr zu mir nehmen
-von ihrem knausernden Tisch. Auch sie haben des Lebens Bitternis
-gekostet, aber sie selbst hatten nichts es milde zu machen. Und das,
-mein Ariel, ist das Geheimnis: mit der Seele Lauterkeit muß man es
-durchtränken, mit des Herzens Honigseim es versüßen, und sei es aus
-Galle und Unflat. Merke Dir das, Ariel, wenn dennoch der Ekel an Dich
-herankriecht.
-
- Konrad.«
-
-Er ging nicht zu Bette. Er saß über den französischen Büchern, bis das
-Licht erlosch, spät nachts. Am nächsten Tag, als er einen Teil seiner
-Bücher und Schriften zu Hedwig geschafft hatte, fiel ihm ein, daß Camill
-ihn beauftragt habe, die Enkelin seiner Ziehmutter aufzusuchen. Er
-kannte die Straße schon aus den Erzählungen seiner Gymnasialfreunde. Ja,
-er war selbst mit einem von ihnen, ehe dieser es gewagt hatte, eines der
-geheimnisvollen Häuser zu betreten, an ihr vorbeigestrichen, um doch
-irgendwie an der unheimlichen Angelegenheit beteiligt zu sein. Es war
-nun eben vor Anbruch der Dämmerung, als er sie erblickte, schmal
-ansteigend zwischen alten Häusern, die mit allerlei Sandsteinzierat,
-Schutzheiligen und alten Schildern ein Stück Altstadt bildeten. Aus der
-lärmenden Hauptstraße kommend, fand man hier plötzlich Schweigen,
-verschlossene Tore. Die Sonne selbst schien nur verstohlen, noch ehe sie
-schied, an den einförmigen Fassaden hinzuhuschen. Sah man aber näher
-hin, stachen grell die roten Vorhänge der halbgeöffneten Parterrefenster
-hervor und hinter ihnen, Konrad erschrak, kauerten Frauen mit sorgfältig
-frisierten Köpfen und grellgeschminkten Gesichtern in durchsichtigen,
-bebänderten Morgenjacken und lächelten, spitzten die Lippen oder riefen
-leise, mit der Zunge schnalzend. Eine oder die andere warf ihm auch ein
-grobes Spottwort nach, weil er nur scheu hinblinzelte und in seiner
-Bestürzung seine Blicke suchend nach den Hausschildern aussandte. Am
-liebsten wäre er umgekehrt und hätte seinen Auftrag brieflich erledigt,
-aber dies schien ihm eines zukünftigen Weltreisenden unwürdig. Er fand
-das Haus und während sich dasselbe Spiel wiederholte, ein Fenster sich
-leise bewegte und ein aufgedunsenes Gesicht sich lächelnd zeigte und
-noch süßlicher lächelte, als er die Türschnalle ergriff, trat er in den
-Hausflur. Eine Wohnungstür öffnete ihren Spalt und dieselbe Frau zeigte
-sich. Sie hatte offenbar, um ihres Geschäftes ganz sicher zu sein, eine
-ihrer schönen Schultern entblößt. Ihre Füße, die in roten
-Saffianpantoffelchen saßen, waren nackt. Aber plötzlich fiel Konrad ein
-Märchen ein, das Märchen von den roten Schuhen. Die abenteuerliche
-Atmosphäre dieser Straße hatte ihn nach Traumland versetzt. Er sah das
-kleine Mädchen, das mit roten Schuhen, freilich war es nicht, um damit
-zu trauern, aber sie hatte keine anderen, als sie hinter dem ärmlichen
-Sarge der Mutter daherging. Und dann kam die alte Dame im großen Wagen
-und nahm das Mädchen mit sich. Das kleine Mädchen hieß Marie. Und als
-sie eingesegnet werden sollte, ging die alte Dame mit Marie zum
-Schuhmacher und Marie wählte sich rote Saffianschuhe. Aber die alte Dame
-sah nicht, daß sie rot waren, weil sie nicht gut sehen konnte. Als sie
-dann zur Chortüre kam, schienen selbst die alten Bilder auf den
-Grabstätten, die Prediger und Predigerfrauen mit steifen Kragen und
-langen, schwarzen Kleidern, die Augen auf ihre roten Schuhe zu richten.
-Doch als der Prediger von der heiligen Taufe und vom Bunde mit Gott
-sprach, dachte Marie nur immerzu an ihre roten Schuhe.
-
-»Na, Kleiner, was spinnst denn, komm doch, mein Schatz,« rief leise eine
-heisere Stimme aus der Türe. Aber Konrad sah den alten Soldaten an der
-Kirche, der dem kleinen Mädchen mit seinem Krückstock die roten Schuhe
-anzauberte, daß es ewig darin tanzen mußte. Die Schuhe trugen es über
-Dorn und Sumpf, über die Heide hinweg zum Scharfrichterhaus. »Komm
-heraus! Komm heraus!« rief es dort. »Ich kann nicht hineinkommen, denn
-ich muß tanzen.« Und Marie bat, schlag mir nicht den Kopf ab, schlag
-meine Füße ab. Der Scharfrichter hieb ihr die Füße mit den roten Schuhen
-ab und die Schuhe tanzten mit den kleinen Füßen über das Feld in Nacht
-und Wald hinein.
-
-»Komm doch, mein Schätzchen,« schnalzte die Stimme aus der Tür und nun
-sah Konrad zwei entblößte Brüste durch den Spalt schimmern.
-
-Da schien die Sonne ganz hell und gerade vor ihr stand Gottes Engel mit
-einem herrlichen grünen Zweig. Er berührte damit die Decke und sie erhob
-sich und die Orgel spielte und die Gemeinde saß in den geputzten Stühlen
-und sang aus ihren Gesangbüchern. Und die Leute sagten: »Das war recht,
-daß du kamst, Marie.« »Das war Gnade,« sagte sie. Der klare Sonnenschein
-strömte durch die farbige Fensterrose in den Kirchenstuhl und Mariens
-Herz wurde so voll Sonnenschein, daß es brach. »Ihre Seele flog auf
-Sonnenschein, zu Gott, und dort war niemand, der nach den roten Schuhen
-fragte.« Die kleine Marie war Konrads erste Liebe gewesen. Nun war sein
-Herz mit einem Male voll Mitleid. Er sah gar nicht ängstlich mehr auf
-die entblößte Frau und sagte ruhig, indem sein Blick noch auf ihren
-Pantoffeln haftete: »Ich suche die Monika Gallo, ich hab' ihr etwas von
-einem Landsmann zu bestellen. Bist du die?«
-
-»Mußt ein' Stock höher gehen. Die schlaft jetzten, hat die ganze Nacht
-an Besuch g'habt. Geh', bleib indes bei mir.«
-
-Konrad sah noch immer auf des üppigen Weibes rote Pantoffel. »Wir sind
-allesamt Sünder,« sprach er zu sich. Er nickte nur und ging zur Stiege.
-Die Frau warf heftig die Türe hinter ihm zu. Im Stiegenhaus sah er die
-Wände mit obszönen Zeichnungen bekritzelt, die ihn wahnsinnig erregten.
-Seine Hand zitterte, als er bei der Monika Gallo anklopfte. Eine
-verdrießliche Stimme rief: »Wer ist's?« Er öffnete. Im Hintergrund des
-Zimmers richtete sich auf einem geblumten Sofa ein Mädchen auf und
-blinzelte mit mandelförmigen Augen zu ihm hin, eine blasse Hand strich
-kastanienbraunes, wirr lockiges Haar aus der Stirn. Monika Gallo gähnte.
-
-»Ich komme von Custove,« sagte Konrad statt jeder Begrüßung.
-
-»Vom Onkel, von Onkel Camill,« rief sie mit italienischem Akzent. Mit
-einem Satz stand sie auf und kam näher. Die Monika Gallo glich ganz und
-gar nicht den anderen Frauen, die Konrad in dieser Gasse gesehen. Sie
-sah aus wie eine slowenische Obstverkäuferin und ihr schönentwickelter
-Hals und die stolze Haltung ihres schmalen Kopfes verrieten, daß sie auf
-ihm den Obstkorb getragen, ehe sie in ihren jetzigen Beruf geraten war.
-Sie war wohl noch nicht lange dabei, denn sie sah leidlich frisch aus.
-Ihre Haut war weich und glatt, noch nicht von Schminke und Krankheit
-verheert. Konrad legte sein Geld hin, sie griff nach seiner Hand und
-drückte sie warmblütig. Nun sollte er erzählen, woher er den Onkel
-Camill kenne und wie es ihm im Ausland erginge. Während er sprach, sah
-er sich im Zimmer um. Es war recht reinlich, ein wenig ärmlich und bunt.
-Das Bett war offen, die seidene Decke stach grell aus der Dürftigkeit.
-Über einer kleinen Kommode hingen Bilder aus der Heimat. Eine Frau in
-südtirolischer Tracht, eine Welsche, und ein alter Mann mit dem großen
-Hut der Passeier Bauern. Zwischen ihnen ein gußeiserner Christus mit
-einem Rosenkranz, dessen Perlen in einen Weihkessel tauchten. Konrad
-fühlte sich sehr wohl bei Monika. Sie war nun leidlich ausgeschlafen und
-er blieb bis gegen Mitternacht bei ihr. Ihm war es ja schon einerlei,
-wann er nach Hause kam. Wer aber, dem Augenschein folgend, Konrad
-verdächtigt hätte, seinen Besuch in jeder Art genossen zu haben, der
-hätte fehlgeraten. Dennoch zählte er den Abend zu seinen guten
-Erinnerungen. Nichts war ihm verhaßter als bürgerliche Scheinheiligkeit,
-hier gab es weder Lüge noch Verstellung und, da er als Gast gekommen
-war, wurde er mit Herzlichkeit und Offenheit aufgenommen. Er war auch
-nicht knauserig gewesen mit seinem Geschenk und betrachtete es reinen
-Gewissens als die erste Auslage seines Betriebskapitals. Camill mußte
-ihm ja gewogen bleiben. Das Mädchen brachte Bier und Käse. Da sie so
-reichlich beschenkt war, vergönnte sie sich's an diesem Abend, nicht auf
-Beute auszugehen. Konrad erfuhr ihre simple Geschichte. Ein
-Mädchenhändler hatte sie zu bereden verstanden ihr Dorf zu verlassen,
-sie dann einer Frau übergeben, in deren Haus sie geschmachtet, bis die
-Polizei die Bude ausgehoben, wonach sie sich selbständig gemacht hatte.
-Der Onkel Camill hatte ihr wohl Geld gegeben für einen Obsthandel, aber
-sie hatte zuerst einer armen Freundin aus jenem Hause ausgeholfen, die
-an einer »Berufskrankheit« hinstarb. Auch war sie ohne ein eigenes
-Kleidungsstück zurückgeblieben, da alles, womit sie sich bisher
-geschmückt hatte, der Frau gehört habe. Dann hatte sie »ihn« gefunden,
-den sie liebte und der ihr das letzte Geld durchgebracht. Jetzt »säße«
-er, weil er einer Messerstecherei angeklagt worden, die ein schlechtes
-Ende genommen hatte. Die Monika dachte nicht daran, sich Konrad etwa aus
-Dankbarkeit für das Geld anzubieten. Ihr waren diese Freuden längst ein
-lästiges Geschäft, galten sie nicht dem Messerstecher, den sie jeden
-Monat im Gefängnis besuchte, um ihm Zigarren und Schnaps zu bringen. Sie
-lud Konrad ein wiederzukommen, falls er die Reise verschöbe. Als er an
-der Türe jener anderen vorüberkam, besann er sich, ob er nicht eintreten
-sollte, aber das Bier hatte ihn träge gemacht. Er scheute die Auslage
-und er mußte wieder an das Märchen von den roten Schuhen denken, an die
-Mutter, die es ihm einst vorgelesen, als er im Fieber gelegen, an Ariel,
-die alle Märchenmarien in seinem Herzen verdrängt hatte. Traurig ging er
-auf die Gasse hinaus. Die roten Vorhänge, dahinter jetzt die Lampen
-entzündet waren, leuchteten geheimnisvoll. Da und dort trat eine
-hochbusige Frauensperson mit wiegendem Gang aus der Tür oder zeigte, von
-der Straßenecke kommend, einem Willfährigen vorausschreitend, den Weg.
-Konrad trat auf die Hauptstraße, die nun öder war, und schlenderte mit
-dumpfem Kopf der elterlichen Wohnung zu. Aber plötzlich war ihm, als
-könne er jetzt nicht nach Hause. Man hatte ihm den Türschlüssel entzogen
-und er mußte Lisbeth, die Magd, aus dem Schlafe wecken. Sie würde in
-ihrer Nachtjacke kommen, die Hand schützend vor die Kerze halten, so daß
-ihr junger Busen beleuchtet war, und heute, das wußte er, würde er ihr
-nachdrängen in ihr heißes Bett. Nein, so sollte nicht die letzte Nacht
-zu Hause sein. Er kam durch einen Garten, da lockte eine Bank. Des
-Morgens erst rüttelte ihn dort ein Schutzmann aus dem Schlaf. Er schlich
-nach Hause, Lisbeth holte eben die Milch. Er stahl sich ungesehen in
-sein Zimmer. Seine Abwesenheit war nicht bemerkt worden.
-
-Hedwig aber ging mit schweren Sorgen. Soviel hatte sie aus Konrad
-herausgebracht, daß er einem Menschen, dem er nicht gewachsen war, die
-Geliebte abjagen wollte, deren Besitz ihm selbst niemals blühen würde.
-Sie sah, wie er seine Zukunft hinopferte und sich in Gefahr brachte ohne
-Lohn und Dank. Aber auch bei den Eltern schien ihm sein Leben unmöglich
-geworden und sie hatte keinen Weg zu ihnen, sie zu warnen und zu bitten.
-Alles, was sie selbst unternähme, würde dort seine Lage verschlechtern.
-Sie brachte ihm denn Geld und Gepäck zur Bahn und nahm den Anschein auf
-sich, an seiner Flucht mitschuldig zu sein.
-
-»Nun verlasse ich dich denn auch,« rief er anklägerisch. »Gott verzeihe
-mir, aber es gilt, einen ahnungslosen Engel zu beschützen.«
-
-»Der bin ich nicht,« sagte Hedwig mit einem trotzigen Lachen und reichte
-ihm die Hand in den abfahrenden Zug. »Gott schütze dich. Komm, komm
-wieder!« Und als sie traurig nach Hause ging, wiederholte sie es
-angstvoll wie im Gebet: »Komm wieder, komm wieder!«
-
-
-
-
- Paris
-
-
- Jesus antwortete ihnen
- und sprach: Wahrlich, wahrlich,
- ich sage euch, wer Sünde
- tut, der ist der Sünde Knecht.
-
- (Joh. 3. 8.)
-
-Es war im Park von Versailles, Werktag vormittags, am einsamen Teich.
-Arabella saß im Gras. Sie hatte den breiten Florentinerhut neben sich
-gelegt. Eine weißliche Oktobersonne schimmerte auf ihrem Haar, das sie
-nun, wie es in Paris in diesen Tagen Mode war, in einer Krone aufgetürmt
-trug. Sie sah zu Mannsthal auf, der neben ihr stand und zu ihr
-herablächelte.
-
-»Ich glaube, du warst einmal eine Bachstelze oder ein Reiherweibchen,
-Vögelchen,« sagte er, »oder gar eine Schilfnymphe, eine Nixe. Es zieht
-dich immer zum Wasser.«
-
-»Hier ist es schön,« sagte sie. »In der Stadt dort ist alles so
-betäubend. Hier habe ich auch dich. Auch in der Nacht kommt noch all das
-Viele von den fremden Frauen dir nach. Da denkest du an sie. Hier ist
-Ruhe.« Sie legte sich zurück und kreuzte die Arme hinter dem Kopf. Er
-blickte auf sie herab, als sähe er sie anders als sonst. Er antwortete
-ihr nicht, er wußte nur zu gut, was sie beunruhigte. Ihre Augen glänzten
-zu ihm auf, um ihre Lippen zuckte es und sie schien sie zu ihm
-emporzuheben, während ihre Arme eine kleine hilflose Gebärde nach ihm
-sandten.
-
-»Hier nicht,« sagte er leise. »Brennt es wieder?«
-
-»Ja, es brennt,« sagte sie mit einem wundersamen Lächeln.
-
-Sie wohnten seit mehreren Tagen in Versailles, nachdem sie zuerst in
-Paris selbst abgestiegen waren, um später wieder dahin zurückzukehren.
-Mannsthal hatte jetzt müde Tage. Sein Magen widersetzte sich zuweilen
-selbst der leichten Pariser Kost. Er hatte Schmerzen. Der Gedanke, daß
-er ernstlich erkranken könne, verdarb ihm die Freude an Paris. Auch
-Vögelchen sah zuvörderst nicht die Stadt, sah alles, was sie umgab als
-Rahmen ihrer Leidenschaft, die im hellsten Feuer stand. Er fühlte in
-ohnmächtiger Furcht, wie alles das erreicht war, wie nur seine heißesten
-Träume es entzündet hatten und daß Gefahr drohte, es verloren zu geben,
-ehe es zur Neige gekostet war. Wenn er das geliebte Kind betrachtete,
-das so willig und eins mit ihm bis an die Grenzen der Lust gegangen war,
-kam ihn ein Grauen an bei dem Gedanken, sie diesem Feuer zu überlassen,
-das er nur mühsam mehr zu löschen vermochte. In diesen Tagen hatte
-Mannsthal Stunden höchster und nie gekannter Lust mit einer Gefährtin,
-die ihm völlig gewachsen war und ihm die Wunder märchenhafter Instinkte
-bescherte. Diese fast heilige Einigkeit ihres Feuers glühte den besten
-Kern seines Wesens rein und verursachte ihm Qualen, die nur die
-Erkenntnis seelischer Liebe zu geben vermag, wenn sie das angebetete
-Wesen durch eigene Schuld am Rand eines Abgrundes erblickt. Vermochte er
-an das Wunder zu glauben, daß ihre Liebe sich jeder Wandlung ergeben
-konnte? In Vögelchen, er wußte es und empfand es noch täglich glückhaft,
-in ihrer Umarmung war Trieb und Seele so innig verschmolzen, daß nur ein
-blutiger Riß, der ihr tiefstes Wesen zerstören mußte, diese beiden
-trennen konnte. Und war ein junger Organismus imstande Schmerz so tief
-zu erleiden, daß er das ganze Wesen durchdringen und wandeln konnte?
-Nein, es wehrte ihn mit starkem Gegenstoß ab, wenn er sein Innerstes
-berührte. Junge Menschen haben nicht die Porosität des Schmerzduldens,
-die Schmerzverwandlungsfähigkeit. Das wußte und fürchtete er. All diese
-Fragen waren Beschwichtigungen, Wahrheit blieb ihr heißes, immer
-verlangendes Blut. Sie konnte es nur durch Güte beschwatzen, sie konnte
-es nur niederringen, bis es dann selbst rächend sich wehren würde. Doch
-noch hatte er Zeit und vielleicht geschah das Wunder und eine leichte
-Ernüchterung brachte ihr Kühlung. Es peinigte ihn, daß er dies erhoffte,
-was er gleichzeitig fürchtete, und daß das, was er fürchtete, ihm wenig
-Hoffnung brachte. Denn noch war Arabella weißgeglüht vom Scheitel bis
-zur Sohle. An der Oberfläche ihrer Haut mußten Millionen elektrischer
-Fünkchen hausen, die seine Nähe schon zum leisen Aufknistern weckten.
-Sie war wie die Mahd blühender Wiesen, auf die Sonnenglut herabgesengt
-war und die nur eines glimmenden Hölzchens bedarf, um in Flammen
-aufzugehen. Sie war wie ein Sommertag, der an tausend Enden aufsprießt
-und ausbricht, der besprengt ist mit unendlichen Keimen. Er versuchte
-kleine Ablenkungen, er beschenkte sie mit Dingen, die sie beschäftigen
-sollten, mit erlesenen Kleidern und Schmuck. Aber sie besah sich kaum
-mit den kostbaren Perlen, mit der spitzendurchfluteten Wäsche, den
-ausgesuchten Gewändern und Pelzen. Sie war schon wissend genug, zu
-ahnen, daß ihre Liebe nicht von der Art war, die solcher Behelfe bedarf.
-Und er selbst schuf sich nur neue Qualen, wenn der Blick der Männer
-durch die Kostbarkeiten, die er ihr bescherte, stärkere Anziehung fand.
-Sie selbst sah die Aufmerksamkeit nicht, die ihr in dieser Stadt, in der
-wenige junge Mädchen zu sehen sind, zuteil wurde. Die Art, wie sie sich
-trug, ließ ja dem erfahrenen Pariser keinen Zweifel, in welcher
-Beziehung sie zu dem viel älteren und scheinbar reichen Herrn an ihrer
-Seite stand. Aber all die lächelnde Mitwisserschaft, die sie mit Blick
-und Wunsch streifte, erregte sie unbewußt noch mehr und das Augenspiel
-der Frauen, das Mannsthal und zuweilen ihr selbst galt, beunruhigte sie.
-Ihr Instinkt und ihre junge Erfahrung ließen sie sogleich erkennen, wie
-stark die sinnliche Atmosphäre hier das Leben durchwogte, daß alles
-rascher, häufiger, unausweichlicher geschah. Sie glaubte, daß diese Luft
-allein schon Mannsthal sättige, daß die Frauen ihn vielleicht besaßen,
-wenn er auch nicht von ihrer Seite ging: sie war eifersüchtig auf Paris.
-Aber sie täuschte sich. Adalbert fühlte ihren Wert hier mehr als an
-irgendeinem anderen Orte der Welt. Die Pariser Frau, die bewußte, stets
-wache, war ihm entwertet. Einmal verließ er Arabella und versuchte es
-mit äußersten Dingen, aber er kam angewidert und wie verarmt zu ihr
-zurück und jede ihrer Berührungen waren ihm Pein, weil sein Blick sich
-beschmutzt fühlte wie nie bisher. Und Vögelchens Aufblühen erlosch
-wieder, sie sah jetzt noch kindlicher aus in ihrer Blässe und Zartheit.
-Sie quälte sich an ihm und er mußte, sie zu beruhigen, Mittel anwenden,
-die sie erschöpften. Da plötzlich kam ihm ein feuriger Gast zu Hilfe. Er
-durchtobte sein Blut, warf neue Brände in seine Sinne, er durchraste
-seine Träume und rüttelte dunkle Kräfte in ihm auf: das Fieber! Aus
-jener Stunde an Rosinas Grab trug er es im Blute. Einmal schwanden ihm
-die Sinne, da fing sein löschender Blick Vögelchens Bild, wie es über
-ihm geschwebt hatte. In seinem Traum war sie Europa, in deren blondem
-Gelock wild der Sturm des Meeres sauste, wie er, der Stier, sie über den
-See trug. Und es war ihm, als schwinge Europa über ihm, dem Stier, eine
-feurige Peitsche, die Fackel der empörten Lust. Als er erwachte, saß ein
-taubenhaftes Wesen, im langen Nachtkleid wie in ein Büßerhemd gehüllt,
-an seinem Bettrand und kühlte ihm mit Madonnenhänden die heiße Stirn.
-
-Nach den Fieberanfällen schien die Krankheit erloschen. Er fühlte sich
-wieder ganz wohl. Allerlei kräftigende Mittel hatten die Mattigkeit
-behoben. Aber er war doch ein anderer jetzt auch äußerlich, fahl und
-gelb, und Vögelchen schlich ängstlich um ihn her. Sie zwang sich ihn zu
-schonen, aber er empfand ihre Fürsorglichkeit als Kälte. Heimlich
-ersehnte er wieder das anfeuernde Fieber und er hatte, wenn sie nachts
-sich zärtlich, aber ohne Verlangen an ihn schmiegte, seine Freude daran,
-auch ihr eine böse Lust zu erwecken, es herbeizusehnen. Malaria, das
-schien nicht tödlich für ihn, nicht ansteckend von Mensch zu Mensch,
-aber es war zehrende Vergiftung und das vorzeitige Ende ihrer Freuden,
-die sich zur Sünde verzerrten, wenn sie nicht weiterglühten.
-
-Um seiner Unruhe Herr zu werden, begann er sich mit Neuerwerbungen
-seiner Sammlung zu beschäftigen. Viele Stunden verbrachte er im Hotel
-Drouot, neue Schätze zu erwerben. Wieder faßte ihn Sehnsucht nach
-Erlösung, die ihm aus diesen Gebilden einer zärtlichen Kunst leuchtete.
-Als er eines Abends an der Rive gauche aus dem Laden eines Kunsthändlers
-trat, hielt eben eine Equipage und eine Dame, deren Gesicht halb
-verschleiert war, entstieg ihr und eilte an ihm vorbei. War sie es, war
-das Angele von Tirotzky hinter zwiefachem Schleier: dem der Jahre auch,
-die sich zwischen die kindlichen Erinnerungen gedrängt hatten, zu denen
-er oft in Not und Verderben Zuflucht genommen? Es trieb ihn zu dem
-Händler zurück und er fragte nach der Dame. »Eine Fremde,« hieß es,
-»Madame de Twede, Frau eines Legationsrates.« Würde er ihr wieder
-begegnen? Sie befaßte sich mit Kunstsammeln. Da war ein Weg und er
-konnte ein Wiedersehen dem Zufall überlassen.
-
-Zu dieser Zeit begann Arabella mit Camill in Paris Wohnung zu suchen.
-Bald hatte sie eine passende gefunden, mit Garderoben und
-Dienermansarde. Sie eignete sich einige praktische Geschicklichkeit an,
-sie feilschte sogar mit Händlern und benahm sich überall wie eine
-leutselige kleine Königin, der man alle Gefälligkeiten schuldet.
-Mannsthal war verblüfft über ihren Ortssinn. In kürzester Zeit fühlte
-sie sich in den fremdesten Stadtteilen zu Hause. Sie wußte jede
-Abkürzung des Weges, jede Richtung, sie kannte die Häuser, die Gärten,
-die Kirchen. So ließ er sie denn auch ohne Camill allein umherstreifen.
-Er war sicher, sie würde, wie die Zugvögel im Herbst zu ihrem Nest
-jenseits der Meere, abends im Gewirr der fremden Straßen zu ihm
-zurückfinden. Dieser Instinkt hatte sie geleitet dort Wohnung zu suchen,
-wo Gärten und ein weiter Ausblick zu finden waren. Von einer Terrasse
-aus übersah man durch die schmalen, hohen Fenster des Hauses alte Bäume,
-eine verwitterte Kirche und in der Ferne Türme und Hügel.
-
-Während Adalbert wieder müde war und kaum das Versailler Hotel verließ,
-entdeckte sich Vögelchen das Paris der alten Kirchen, die Gärten, den
-Louvre, die Museen, das Bois. Meist fuhr hinter ihr der Wagen, den
-Camill für den Herrn gemietet hatte, aber zuweilen entschlüpfte sie ihm
-und er erwartete sie erst an dem von ihr bestimmten Ort, von wo aus sie
-wieder nach Versailles zurückfuhr. Sie fand da Adalbert mehrmals in
-Gesellschaft eines jungen Engländers von außergewöhnlicher Schönheit,
-den er aber stets verabschiedete, um sie zu begrüßen. Der Jüngling erhob
-sich hünenhaft, verbeugte sich mit scheuem Blick auf die junge Dame und
-Mannsthal entließ ihn, ohne ihn jemals mit Arabella bekanntzumachen. Als
-Adalbert eines Morgens zum Frühstück kam, fand er Vögelchen im Gespräch
-mit dem Engländer. Arabella hatte selbst den Jüngling angesprochen. Es
-schien ihr selbstverständlich, einen Bekannten Vas als den ihren zu
-betrachten. An den darauffolgenden Tagen blieb sie in Versailles, fuhr
-mit dem großen Menschen im Kahn und besichtigte nochmals mit ihm das
-Schloß. Ein Ausdruck der Qual lag auf Adalberts gelblichem Antlitz, wenn
-Vögelchen dann vergnügt ins Hotel zurückflatterte. Als sie ihn neben dem
-schönen jungen Menschen sah, floß ihr Herz über vor Mitleid und Liebe
-und die Zärtlichkeit, die sie dem Freund erwies, machten den jungen
-Engländer erröten. Seit Mannsthals Krankheit war sie nicht mehr so
-lebhaft gewesen und sie riß beide Männer zu einer Fröhlichkeit hin, die
-dann noch der Champagner befeuerte. In Adalbert brannte gleichzeitig
-eine wahnsinnige Erregung und Bestürzung. Er wußte, ihr Trunkensein, das
-ja der Wein kaum noch erhöht hatte, gehörte nicht mehr ihm allein, es
-gehörte auch Norton nicht, es strömt schon ins Leben. Eine Kraft war in
-ihr geworden, die er erweckt und deren Herr er nicht mehr war. Er konnte
-sie nicht zurückleiten, sie war herrenlos, denn Arabella selbst besaß
-nichts, womit sie selbst sie hätte zügeln können. Sie lebte ja unbewußt
-ihrer selbst. Sie zu erwecken würde vielleicht den Todessturz der
-Nachtwandlerin bedeutet haben. Er hatte, da Arabella seiner nicht
-sorglich wie sonst geachtet, Diätfehler gemacht, er hatte getrunken und
-sich tagsüber in größter Unruhe über Vögelchens Spaziergang mit Cecil
-befunden. Er fühlte das Fieber aufsteigen. Als sie die Stiegen
-hinaufgingen, die nur mehr matt erleuchtet waren und Cecil in seinen
-Zimmern verschwunden war, drückte er sie an sich und die Liebkosungen
-seiner Hände versprachen ihr wieder die langersehnte Umarmung. Seine
-Augen leuchteten im Fieber, aber sie sah es nicht, sie hörte aus seinem
-raschen Atem nur die Ungeduld der Lust, die auch sie empfand. In dieser
-Nacht war sie wie rasend und am darauf folgenden Tag schloß sie sich ein
-wie damals, als es zum ersten Mal geschehen war.
-
-Als sie abends erfuhr, daß Adalbert fiebere, kam sie leise zu ihm,
-kniete an seinem Bett nieder und weinte lange.
-
-
-
-
- Der Retter
-
-
-Vögelchen hatte Konrad all die Zeit her vergessen und es war ihr nicht
-eingefallen, ihm zu schreiben. In der Sainte Chapelle, in der sie in
-Verzückung stand, kam sein Bild und seine Worte sprachen zu ihr. »Und
-das, mein Ariel, ist das Geheimnis des Lebens, mit der Seele Lauterkeit
-muß man es durchtränken, mit des Herzens Honigseim es versüßen und sei
-es aus Galle und Unflat.« In dieser hochaufstrebenden Kapelle, in dieser
-Kirche, die aus heiligem Stein und heiligem Glas gebildet schien, war
-ihr Herz Gott aufgeschlossen und gedachte derer, die seine Worte in ihr
-gestärkt. Und aus der Bedrängnis, in der sie lebte und in der nur Taumel
-und Trunkenheit ihr Ruhe brachten, sah sie nun einen Weg und ein Tor.
-Das Tor war strahlend wie die Fensterrose der Sainte Chapelle und sie
-wußte, hinter ihr blaute der Himmel, den sie vergessen hatte. Während
-sie stand und das Licht durch tausend Farben der Glasmalereien über sich
-ergossen sah, während sie sich eingeschlossen fühlte von den Legenden
-der Bibeln und ihre Augen an den Bildern streiften, wie man neugierig
-und doch mit halber Aufmerksamkeit in einem Buche blättert, da trat
-leise von der Vorhalle her Imanuel Givo ein. Er ging ganz leise, als
-wollte er die Andächtige nicht stören und, als sie mit einem leisen
-Rauschen des seidigen Gewandes sich zu ihm wandte, begegneten stille,
-dunkle und weise Augen aus einem schmalen Gesichte den ihren. Schwarz
-war alles an ihm, Haare, Anzug, Hut, das Buch, das er in schwarz
-behandschuhten Händen hielt. Nur seine Hautfarbe war leuchtend hell und
-ein rosiger, fast frauenhafter Hauch lag auf seinen Wangen. Es war Ruhe
-und Sammlung in ihm und eine freundlich wissende Anteilnahme an der
-Umwelt. Er glich einem weltlichen Mönch. Vor der Darstellung der
-Propheten stand er lange und trug Notizen in ein Buch ein. Dann wandte
-er sich gegen die Vorhalle und seine Gestalt war in ihren Rändern von
-Licht umflossen. Er hatte breite Schultern und schmale Hüften, was ihm
-eine edle Biegsamkeit verlieh. In der Haltung seines Kopfes drückte sich
-eine fast demütige Anmut aus. Als Arabella an ihm vorüberglitt, fiel ihr
-das Schultertuch herab und schleifte den Boden, so daß er sich wohl
-darin verfangen hätte, wäre nicht eben ein leichter Blick zu ihr
-gegangen. Das war nicht derbe Absicht und doch wie durch beider Wunsch
-herbeigeführt. Er beugte sich herab, ihr zuvorkommend, und sah dann in
-ihre Augen, die aufleuchtend dankten und groß und hell wurden an den
-seinen. Ihr blasses, ungeschminktes Gesicht mit den feinen Nüstern, dem
-schmal blühenden Mund schien ihm ortsfremd, und seine freundlich
-wissende Anteilnahme wandelte sich in ein zärtlich kühles Grüßen des
-Blickes, wie es etwa Könige haben, wenn ihnen ein schönes Weib Blumen in
-die Karosse wirft. Er ging hinter ihr her und sie fühlte seinen Blick
-wie ein Streicheln zwischen ihre Schultern rieseln. Sie ging über den
-Platz hinüber gegen Notre Dame zu, blieb dann am Pont Neuf stehen und
-blickte auf die Seine herab, die vom Regen der letzten Tage gelblich
-war. Hier packte sie ein Schwindel und sie hielt sich am Geländer fest.
-
-»Sie sind nicht wohl,« fragte Imanuel Givo hinter ihr. Er umfaßte mit
-einem leisen, angenehmen Griff ihre Hand. »Darf ich Ihnen einen Wagen
-besorgen? Oder wollten Sie --?« Er wies mit einem vorwurfsvollen Lächeln
-auf den Fluß hinab. »Sie ist doch so schmutzig heute, die Seine.«
-
-Arabella war bleich und unwirklicher war ihm niemals eine Frau
-erschienen. Ihre Augen sprachen immer noch hell aufgeschlossen in die
-seinen. Sie war unfähig ihm mit Worten zu antworten. Sie fühlte, etwas
-Entscheidendes war ihr geschehen. Er sah, daß sie sich in einem
-außergewöhnlichen Zustande befand. Sie bebte am ganzen Körper. Er
-wartete ihre Antwort nicht ab, rief einen Wagen an.
-
-»Ihre Adresse?«
-
-Sie nannte sie, während er scheinbar ohne Neugier, sie zu vernehmen, den
-Kutscher, der sie leise wiederholte, bezahlte. Er grüßte ernst,
-freundlich und ging wie einer, der nun seine Pflicht getan hat. Arabella
-hätte ihm folgen, ihn bitten mögen, ihr unter seinem weisen, stillen
-Blick länger noch Obdach zu gewähren. Aber der schwarze Engel mit dem
-wissenden Lächeln schickte sie fort aus seinem Leben und ging seiner
-Wege. Als sie vor ihr Haus kam, stand ein zerlumpter Mensch am
-gegenüberliegenden Haustor und verschwand alsbald im Dunkel der Flur.
-Ihr Blick war nach innen gekehrt. Sie erkannte Konrad Kruger nicht.
-
-Wie im Traum lag sie dann auf dem Sofa in dem kleinen Salon mit den
-weißen Boiserien, die den Marmorkamin einschlossen, in dem schon Feuer
-brannte, weil Adalbert so häufig fror. Da trat unangemeldet Cecil Norton
-ein. Er hatte die Tür offen gefunden. Camill stand unten bei Konrad
-Kruger. Der junge Engländer, den Arabella ohne Mannsthals Zustimmung
-eingeladen hatte, legte einen Strauß kostbarer Blumen an ihre Seite
-nieder und blieb mit einem fragenden, unbeholfenen Lächeln vor ihr
-stehen. Sie lächelte wie durch einen Schleier zu ihm auf, ohne seine
-Frage, ob sie leidend sei, und seine Entschuldigung, sie derart
-überfallen zu haben, zu beantworten. Es war in ihr eine Unfähigkeit zu
-sprechen. Auch sah sie ihn kaum: sie spürte ihn. So blieben sie eine
-ganze Weile, nur daß sein Gesicht, als er die Hingestreckte anstarrte,
-allmählich den Ausdruck der Begierde annahm und sie ahnungslos, wessen
-Mienenspiel sie nachahmte, leise mit der Zunge schnalzte und mit den
-Augen blinzelte. Er verstand sie und erschrak, wiewohl ihre Gebärde ihm
-verhieß, wonach er ja verlangte, und er kniete nieder und berührte die
-Seide ihrer Strümpfe. Ganz leise zog sie ihr Kleid kniewärts, während
-ihr Kopf zurücksank und ein wundersames Lächeln über ihr Antlitz sich
-breitete.
-
-Camill stand unten am Tor und hielt Wache, Ausschau nach Mannsthals
-Heimkunft. Indes schlich Konrad in die Wohnung. Einem Lichtstrahl
-folgend, kam er an die Türe des Salons. Da hörte er Stimmen, verworrene
-Laute. Zutiefst erschrocken, floh er zu Camill zurück.
-
-»Jetzt nicht,« keuchte er. »Es ist einer bei ihr.« Sein Freund, der
-Kammerdiener, lachte boshaft. Konrad bezog wieder die Flur des
-gegenüberliegenden Hauses, in der er mehrere Stunden des Tages
-verbrachte. Bald darauf sah er Mannsthal heimkehren. Er erblickte seinen
-Schatten, dann ihn selbst auf der Terrasse, durch deren Fenster man in
-Vögelchens Zimmer sehen konnte. Adalbert stand unbeweglich, wohl durch
-die Vorhänge verborgen. Was er sah, erschien vollendet schön, aber eben
-dieses Entzücken, das weder Eifersucht noch Erregung in ihm aufkeimen
-ließ, diese Anteilnahme an dem Geschauten, die der Ehrfurcht beim
-Anblick eines Kunstwerkes glich, ließ ihn wie einen Unbeteiligten, der
-Arabella vor wenigen Monaten noch als Kind gekannt, das erschauernd
-sehen, was die Menschen ein Verbrechen nennen. Und kalt und schonungslos
-stellte er sich an den Pranger seines Gewissens. Wie hatte er jemals
-glauben können, Vögelchen sei vor der Berührung Fremder gefeit durch
-ihre Unschuld? Eben diese, die nicht ahnte, was ihr Blut befahl, ließ
-sie frei ihren Trieben folgen. Hatte sie denn eine Seele? Er durfte
-nicht mehr ihrer sicher sein, konnte sie nicht mehr sich selbst
-überlassen und, wenn er jemals ganz ruhig werden wollte, mußte er gesund
-sein und jung oder sie wegsperren in Einsamkeit.
-
-Er gab Camill den Auftrag den Herrn abzuweisen, wenn er wiederkäme; aber
-dessen bedurfte es nicht, denn als Cecil Norton das Haus verließ, trat
-unten ein zerlumpter Mensch auf ihn zu und sagte: »Mein Herr, folgen Sie
-mir auf die Polizei. Sie haben gegen das Gesetz gehandelt.«
-
-»Hund,« knirschte Norton zwischen den Zähnen.
-
-Aber der andere sah zu ihm auf wie ein gehetztes Wild, das sich
-plötzlich gewendet hat und seinen Verfolger angreift. »Ich weiß, was ich
-sage, mein Herr. Aber ich kann schweigen, wenn man meinen Hunger stillt.
-Ich habe auch nichts mehr anzuziehen. Ich habe die da oben wochenlang
-vergeblich gesucht, nachdem ich von weither ihr nachreiste. Als ich die
-Gottesbraut wiederfand, hieltest du, Elender, sie in deinen Pranken.«
-
-»Sie sind wahnsinnig!«
-
-»Das wird das Gericht feststellen müssen.«
-
-»Ich habe nichts getan, was nicht schon an ihr geschehen war. Sie können
-nichts beweisen.«
-
-»Ich bin nicht so einer, nein. Aber an Ihrer Achtung ist mir wenig
-gelegen,« sagte der Zerlumpte. »Zahlen Sie -- und wenn Sie wiederkämen,
-dann würde ich Sie aufs neue verfolgen. Hüten Sie sich, dieses Mädchen
-zu berühren. Es ist meinem Schutz unterstellt.«
-
-Norton streifte den Verfolger mit einem scheuen Blick. Der Mensch sah
-ihn mit schrecklichen Augen an, murmelte einen Fluch. Der Engländer
-griff in die Tasche, zog Geld hervor und hielt es erwägend in der Hand,
-indem er eilig weiterschritt. Aber als er sich wandte, um es seinem
-Bedränger zuzuwerfen, war dieser wie ein Schatten im Gewühle
-verschwunden.
-
-Zu Mannsthals großem Erstaunen erwähnte Vögelchen beim Abendessen nur
-flüchtig des Engländers Besuch, dagegen erzählte sie eingehend von jenem
-Fremden, der ihr in der Sainte Chapelle begegnet war. Immer wieder kam
-sie auf ihn zu sprechen und erging sich in Mutmaßungen, wer er wohl
-gewesen sein mochte. Die Stadt war jetzt für sie der Wunder voll. Würde
-er sich melden, der Seltsame? Sie lag nachts in tiefem Schlaf neben
-Adalbert, der wach war, ihren Atem belauschend und ihr leises Seufzen.
-In ihrem Traum sandte sie ihre Sehnsucht aus nach dem Fremden und
-beschwor seine Gedanken. Der Traum aber war nicht erdgebunden, nicht
-wunsch- und drangvoll. Es war ihr Traum von Gott, von Demut und
-Unendlichkeit, der um Imanuel Givo blühte.
-
-
-
-
- Konrads Irrfahrt
-
-
-Als er in Paris angekommen war, fand er es zunächst erstaunlich, daß,
-wiewohl die Mitternachtstunde nicht fern, viele Menschen vor kleinen
-Tischen dichtgedrängt auf der Straße saßen und trotz des betäubenden
-Straßenlärms sich mit lebhafter Behendigkeit gegeneinander gebärdeten.
-Nach der Schwüle der unbequemen Fahrt atmete er erlöst die Luft, in der
-er wie in einem flüssigen Duft die Meeresnähe zu spüren meinte. Wie ein
-Genesender empfand er, der nach dem Kerker der Krankheit wieder das
-Leben umfängt. Die Haft seiner Sehnsucht, die rasselnden Ketten seiner
-Gedanken, die ihn so lange gekerkert hielten, das Fieber seiner Unrast
-fiel von ihm ab. Am liebsten hätte er den heiligen Boden, der Ariel
-trug, geküßt, knieend ihn begrüßt und schwer nur trennte er sich von den
-Straßen, um den Gasthof aufzusuchen, den er in seinem Reiseführer
-ausgewählt. Dahin hatte er sich auch Camills Nachricht erbeten. Nach
-seiner Berechnung konnte sie schon am künftigen Tage eintreffen. Ja, es
-war nicht unmöglich, daß er selbst erschien und heimlich Vögelchen
-mitgeflattert kam. Es fand sich, daß die Angaben des Führers in bezug
-auf Hotel Riat von der Wirklichkeit überholt waren. Man hatte da einige
-Neuerungen und Verschönerungen ausgeführt, die den mäßigen Preis, der
-Konrad dahin gelockt hatte, um ein Beträchtliches erhöht hatten. Man
-empfing ihn mit seinem kleinen Handkoffer -- eine Kiste mit Büchern und
-Manuskripten hatte er noch auf dem Bahnhof belassen -- nicht sonderlich
-erfreut. Er war indes vorläufig mit allem zufrieden und tröstete sich
-mit dem Gedanken, daß er, sobald Camills Botschaft eingetroffen, sich
-billigeres Quartier suchen wollte. Als er nach neun Uhr erwachte, rasch
-angekleidet in das Bureau hinabstieg, wo unter einem Haken für den
-Türschlüssel das Brieffach der Mieter sich befand, gähnte ihm das seine
-leer entgegen. Zu seiner Befriedigung erfuhr er, daß alsbald die zweite
-Post eintreffen würde. Er setzte sich in die Frühstücksstube, nahm, da
-er tags zuvor nicht zu Abend gegessen, ein reichliches Mahl und wartete.
-Wiewohl er voll Ungeduld war die Stadt zu sehen, schien ihm doch nichts
-wichtiger als Camills Brief. Aber bald erfuhr er zwiefache Enttäuschung.
-Der Kellner erschien mit einem Teller, auf dem ein Papier lag. Ein
-freudiger Schreck durchfuhr ihn, Camill oder gar Vögelchen waren da und
-sandten ihm ein Wort. Oh weh, es war die Rechnung nur und sie war
-wahrlich nicht gering. Der Kellner meinte, des Jünglings Bestürzung
-gelte dieser allein und mitleidig riet er ihm, da er kein Trinkgeld
-erhalten hatte, doch in Zukunft in einem der kleinen Kaffeehäuser zu
-frühstücken, wo man stehend seine Tasse Kaffee tränke und nur wenig zu
-bezahlen hätte. Konrad zog nun aus, beschwingt wie einer, vor dem eine
-zauberhafte Welt sich auftut. Das zirkusbunte Straßenleben, das starke
-Augenblicksgefühl, das hier den Menschen zu eigen und atmosphärisch sich
-mitteilt, berauschte ihn, daß wie in einer Vision, wie aus einer
-Versenkung, mit der Kraft des Wunders das alte Paris erstand. Es
-erschien ihm nun ferner und märchenhafter denn zu Hause, als er aus
-Büchern und Bildern seine Schönheit zu enträtseln sich mühte. Er
-verstand sogleich, weshalb es die Künstler aller Länder in diese Stadt
-zog und was hier ihre Kunst erneute und fruchtbar machte. Es war der
-Kontrast vom heiß pulsenden Leben, der Geist und Sinne anfeuerte, und
-jenes zauberhafte Verlorensein in einer betäubenden Vergangenheit. Das
-Erlebte konnte sich in die Dämmerung des Entschwundenen retten, das
-seine Denkmäler zurückgelassen, es blieb nicht Leben allein, es wurde
-Bild, Idee, Traum, Sehnsucht, Ekstase. Denn niemals drang man ganz ein,
-immer blieb dies Wechselspiel vom Wachsein des Blutes und den Symbolen
-der Zeitenläufe, die starke Lebendigkeit und das legendäre Schweigen der
-Steine rätselvoll. Alles Geschaut-Erträumte lebte sich aus in diesem
-Verlorensein und erzeugte neues Leben. Genießen schien nicht Müßiggang
-und Arbeit Genuß. Hier konnte man der Welt abhanden kommen und spürte
-sie nirgend stärker. Als er im Luxembourggarten saß, von Studenten
-umgeben, die von den nahen Hochschulen kamen, wo er von dem Geist der
-Dichter, die hier geträumt hatten, sich umschwebt glaubte, vom vielen
-Wandern wohlig ausruhend, den Blick auf Terrassen, Fontänen und
-Kunstwerke, umzwitschert von puppenhaften Kindern, glaubte er zu träumen
-und fürchtete den Augenblick des Erwachens in seiner kleinen Stube im
-Elternhaus oder in einem der gewohnten Gärten der Vaterstadt. Er
-betastete die Bank, er horchte auf die fremden Laute der
-Vorübergehenden, er atmete die Luft, die nicht die heimatliche war und
-sich köstlich einsog: nein, er irrte nicht. Und dies war nicht nur
-Paris, dies war Ariels Wohnstatt. Verzückung machte sein Herz schwellen.
-Warum brach er nicht auf, sie zu suchen, fragte die vornehmen Hotels ab,
-belauerte die Wagen, die ins Bois fuhren? Warum saß er da, dieweil schon
-in seinem Gasthof ein Brief ihn zu ihr rief? Er vermied Fahrgelegenheit
-aus Ersparungsrücksichten und auch, um nichts vom Straßenbilde zu
-versäumen. Eilig stand er auf. Am Seineufer aber fesselten ihn die
-Buchtrödler, er wühlte in Kisten, er las stehend, er gab Geld aus. Dann
-befiel ihn Hunger. In einer kleinen Butike sah er die Speisekarte
-ausgehängt und kulinarische Kostbarkeiten, die er nur von Festen kannte,
-waren um geringes Geld ausgeschrieben. So tafelte er denn. Um so
-gewisser würde der Brief eingetroffen sein, wenn er ins Hotel
-zurückgekehrt war. Als er dessen Flur betrat, starrte ihm schon sein
-Brieffach entgegen: es war leer. Er ging auf sein Zimmer, in dem es
-dumpf nach der Seife seines Vorgängers roch, und warf sich auf das Bett.
-Von draußen kam der Straßenlärm, den der nahende Abend zu verdoppeln
-schien. Er fühlte sich mit einem Male verlassen in dem Getriebe der
-großen, fremden, rätselhaften Stadt. Und plötzlich fiel ihm auch seine
-Mission ein und legte sich lastend auf sein Gewissen. Schon war ein Tag
-versäumt, es war nichts geschehen für das Brot, das ihn nährte. Wo war
-Ariel?
-
-Am nächsten Morgen suchte er ein Meldeamt, aber er fand es nicht. Auf
-dem Konsulat fragte er dann nach Arabella Mannsthal, schließlich nach
-Camill Custove. Die Formulare kosteten einiges Kleingeld und brachten
-die Antwort: unbekannt. Er schrieb nach dem Schweizer Gasthof, ersuchte
-um die Adresse des zugereisten Camill Custove. Er schrieb an Monika
-Gallo, sie möge ihm Camills Aufenthalt angeben. Er wartete noch einen
-Tag ab. Er bat Hedwig nachzufragen, ob daheim für ihn nicht postlagernde
-Briefe eingelangt seien. Aber all dies blieb erfolglos. Zunächst bezog
-er ein billiges Zimmer am linken Ufer unweit von Saint Etienne, nachdem
-er Auftrag gegeben, ihm einlangende Briefe sogleich nachzusenden. Aber
-seine Unruhe trieb ihn selbst immer wieder nach dem Hotel Riat zurück,
-bis man ihn dort unfreundlich empfing. Indes begann er sich mit dem
-Gedanken abzuquälen, Vögelchen sei unterwegs erkrankt, es sei Unheil
-über sie hereingebrochen, während er, der Retter, vielleicht ganz nahe,
-ohnmächtig sie suche. Stundenlang saß er in den Champs Elysees und
-fragte die Wagen nach ihren Insassen ab oder er beobachtete die Leute,
-die in den vornehmen Hotels aus- und eingingen. Nach einigen Tagen erst
-entsann er sich seiner Bücherkiste. Er trat den Weg zum Bahnhof an. Zu
-seinem Schrecken erfuhr er, daß diese mangels Nachfrage in ein
-entferntes Depot geschafft worden sei. Er verbrachte einen Tag, um
-wieder in ihren Besitz zu gelangen, und verausgabte in der Angst sie zu
-verlieren einen beträchtlichen Finderlohn. Die Kiste enthielt das
-Manuskript seines Heiligen Bernhard. Als er endlich das schon verloren
-Gegebene in seinem engen Zimmerchen vor sich ausbreitete, kam ihm neuer
-Lebensmut. Er sagte sich, daß er es so nicht weitertreiben könne, lieber
-wollte er still auf den Zufall warten als sich müde hetzen, ihn
-gewaltsam zu erzwingen. Er begab sich auf das Konsulat, wies seine
-Papiere vor und ersuchte um Zuwendung eines Schreiberpostens. Es war
-kein geeigneter Posten frei, man merkte sein Ansuchen vor. Die nächsten
-Tage galten dem Besuch des Louvre und der übrigen leicht zugänglichen
-Museen. Dann wanderte er von Kirche zu Kirche. In der Sainte Chapelle
-geriet er in ekstatische Ergriffenheit. Vor Notre Dame erlebte er
-Verzückungen. Stundenlang forschte er in den Reliefs, studierte die
-Martyrien, suchte sich die Gestalten des alten und neuen Testaments zu
-erklären, die Giebelfelder, Balustraden und Nischen bevölkern.
-Geheimnisvoll zogen ihn die Ungeheuer an, die dort, wo die breiten Türme
-sich massig in die Luft erheben, grinsend auf Paris herabblicken. Die
-sagenhaften Vögel mit riesenhaften Klauen angeklammert, die Teufelchen,
-Drachen, Affen, Gespenster und Höllenzwerge, gepaart oder einzeln,
-stierten ihn wissend an, als ständen sie gerade mit ihm in
-geheimnisvollem Einverständnis, als hätten sie Jahrhunderte lang
-geharrt, ihm verschwiegene Botschaft zu übermitteln, ihre Rätsel nur ihm
-zu entsiegeln. Er schwelgte weiter vor St. Julien le Pauvre und glaubte
-das zwölfte Jahrhundert zu erwecken, indem seine Hand den kalten Stein
-berührte. In Saint Germain l'Auxerois entzückte ihn die heilige
-Genovefa, die Schutzheilige von Paris, die seine Träume mit Ariel
-vermengten. Sie trägt dort eine kleine Kerze, die ein Teufelchen sich
-auszulöschen müht. Er meinte Vögelchens Kinderhände zu sehen und das
-Licht, das flackernd ihr Antlitz bescheint. Schon war er acht Tage in
-Paris und ein Drittel seines Geldes war aufgebraucht. Mehrmals hatte ihn
-der Regen durchnäßt, sein Schirm war ihm in einer Brasserie gestohlen
-worden. Manchmal fühlte er die ganze Stadt als ein Fremdes, das ihn mit
-allen Mitteln ausstoßen wollte. Die fremde Sprache schob sich wie eine
-Wand zwischen sie und ihn. Oft fürchtete er nach dem Mindesten zu
-fragen, um nicht lächerlich zu scheinen. Er beneidete den Pflasterstein,
-der hier zu Hause war, und seine Sehnsucht war, was immer für einen
-Beruf zu bekleiden, um nur irgend zur großen Maschine dieser Stadt zu
-gehören, die ihn um so mehr reizte, als sie ihn verstieß.
-
-In der zweiten Woche begab er sich in die Nationalbibliothek und
-erstickte seine Unrast in den Büchern. Sein Zimmer war ja nur ein
-finsteres Loch, in ein düsteres Gemäuer gehöhlt, das ameisengleich
-bewohnt war. In den schönen Sälen sparte er Licht und der Regen
-verschonte ihn. Er fand sich so gut zurecht, daß er seinen Heiligen
-Bernhard umzuarbeiten begann. Zwischendurch grinste ihm aus der Zukunft
-das Gespenst des Hungers und der Verzweiflung entgegen. Was ihm sonst
-Lebenszweck in erhöhter Form gewesen wäre, Studium, Kunstbetrachtung,
-innere Bereicherung im neuen Erleben, es war ihm nun Betäubung, gelinder
-Rausch, der eine Wirklichkeit vergessen ließ, die ihn Ariels beraubte.
-Ihm war wie dem Verdurstenden, der die Quelle rauschen hört, verborgen,
-unerreichbar. Sein Ohr trinkt den Laut, aber sein Gaumen verdorrt. Gott
-ist ihm nahe, aber er geht nicht ein in ihn. Er kann der Seligkeit nicht
-teilhaftig werden.
-
-Witwe Leroux kramte in Konrads Kasten. Ei, was für vornehme Sachen
-dieser Hungerleider hatte! Diese Krawatte würde für Charles sein, wenn
-er des Sonntags aus der Fabrik kam, und diese Kragen für Gaston.
-Vermißte er sie, mochte er sie eben beim Umzug vergessen haben. Sie
-besorgte ihm die Wäsche, ein oder das andere Hemd konnte da immerhin
-auch verloren gehen. Sonntag erschienen Gaston und Charles, ihre Söhne.
-Sie waren beide Maschinenschlosser. Nach kurzer Beratung klopften sie
-bei Konrad an. Sie stellten sich vor, verschwiegen ihre Vorzüge nicht,
-Charles war Kunstfahrer auf dem Rade, Gaston verdiente als Clown
-zuweilen ein paar Francs über seinen Fabrikslohn. Sie luden Konrad
-umständlich ein, den Nachmittag mit ihnen zu verbringen. Er hätte sicher
-Paris nicht von der heiteren Seite gesehen. Niemand würde ihn besser zu
-führen verstehen als die Brüder Leroux. Die Mutter kam hinzu und hörte
-mit geheuchelter Entrüstung die Vorschläge ihrer Sprößlinge. »Aber nein,
-welch ein Einfall, der Herr ist doch zukünftiger Priester,« rief sie
-aus. »Und was macht das,« fiel ihr Gaston in die Rede. »Was, Charles, du
-erinnerst dich doch an Abbe Griot, welch guter Kamerad!« »Nun ja, aber
-treibt es nicht zu bunt,« sagte die Witwe mit Würde. Konrad war nicht
-gerade abgeneigt die Einladung anzunehmen. Seine psychologischen
-Beobachtungen, seine Kritiken über Lebensführung hatten hier noch keine
-Bereicherung erfahren. Noch waren ihm die Sitten, die Sprache in all
-ihren zarten und rohen Feinheiten nicht vertraut genug. Er willigte ein
-die Brüder zu begleiten. Er wolle nur den Zuschauer abgeben, sie sollten
-für ihn ihre Gewohnheiten in keiner Weise ändern. »Es gibt Sonntage und
-Sonntage,« sagte Charles, und sie zogen aus. »Wissen Sie, bei uns
-unternimmt man nichts ohne die kleinen Frauen,« erklärte Gaston und
-sogleich, als hätte ein Zauberstab sie aus der Erde geholt, traten aus
-dem gegenüberliegenden Haustor zwei geschminkte Mädchen, die dort schon
-auf den Auszug der Brüder gewartet hatten. »Seid vernünftig, Kinder,«
-ermahnte Charles, »der Herr, der uns die Ehre gibt, mitzuhalten, ist
-beinahe Priester. Dies, Herr Kruger (Krüschee sprach er es aus), sind
-Germaine und Marguerite, unsere Nachbarinnen, beide in einer
-Posamenteriefabrik beschäftigt, wenn sie nicht eben daran verhindert
-sind.« Sogleich bekam Charles einen Schlag für seine allzu ausführliche
-Vorstellung. Marguerite, die einen sanften Augenaufschlag hatte, der
-ihre geschminkten Wangen komisch erscheinen ließ, hielt sich sogleich an
-den »Herrn Abbe« und erzählte ihm, sie habe ihn schon mehrmals in der
-Gasse gesehen und bedauert, daß er von ihr keine Notiz genommen. Gaston
-schlug vor, daß man tanzen gehe. Man nahm den Weg nach den äußeren
-Boulevards. Nach verschiedenen Beratungen, von denen Konrad wenig
-verstand, landete man in einem rauchigen, trotz Tageslicht stark
-beleuchteten Saal, den eine niedere, in Logen eingeteilte Galerie umgab.
-Germaine und Marguerite hatten sogleich eine ausfindig gemacht, die noch
-unbesetzt war. Der Kellner kam und sie bestellten Wein und Backwerk. »Da
-ist es doch hübsch,« sagten die Vier im Chorus und begannen gleich das
-Gelage. »Sind Sie mit unserer Wahl zufrieden, Herr Abbe?« In diesem
-Augenblick setzte die Musik ein. Germaine packte Gaston und gleich
-verschwanden sie im rauchigen, denn noch grellfarbigen Gewühle der
-tanzenden Paare. Die Frauen schienen, so vermerkte Konrad, hier der
-angreifende Teil. Sie waren alle ausnahmelos aus irgend einem Grunde
-begeistert. Die einen trugen Bebekostüme aus hellfarbigem Atlas, die
-anderen große Federhüte und Ballerinenröckchen, elegant stachen die
-Mädchen in einfach geschnittenen Straßenkleidern ab. Sie sahen aus wie
-Damen der guten Gesellschaft, die sich herabgelassen haben, das Fest zu
-ehren. Dazwischen tummelten sich die Germaines und Marguerites, die
-sonntäglich aufgeputzt waren. Als die Musik, ein entsetzliches
-Geknirsche und Gekreische, innehielt, kam das tanzende Paar zurück.
-Germaine warf sich erschöpft auf einen Stuhl und man stürzte rasch
-einige Gläser hinunter. Gleich begann wieder die Kapelle ihr Gefiedel.
-Germaine sprang auf, zerrte wieder Gaston mit sich und nun brach auch
-Charles auf, winkte einem roten Domino und walzte mit ihm in das Chaos
-hinein. Marguerite rückte nun Konrad ganz nahe. Sie hatte die Ellbogen
-auf den Tisch aufgestützt und blinzelte zu ihm auf. »Du tanzt wohl
-nicht, kleiner Abbe,« sagte sie und lehnte ihr Knie gegen das seine.
-»Nun, man ist auch ganz gut hier, nicht wahr? Später werden wir
-herumgehen. Man kann sich auch zurückziehen. Mußt nicht so schüchtern
-sein, Herr Abbe. Bei uns ist das nicht üblich.« Konrad, der Einsame,
-fühlte die Wärme eines menschlichen Körpers neben dem seinen. Daß die da
-unten walzten, daß sie sich aneinander warfen, sich preßten und zerrten,
-das hatte wohl die Natur so vorgesehen. Und er fühlte merklich, daß sie
-auch in ihm ein Wörtchen zugunsten des benachbarten menschlichen Körpers
-sprach. Er erwiderte zunächst alles, was sie tat, mit tiefem Ernst
-allerdings. Er sagte sich, daß er zwar, beteiligte er sich nun gegen
-seine Gewohnheit am Treiben der anderen, seine Beobachtungen nicht
-objektiv bereichern würde, aber er versuchte sich zu überzeugen, daß ein
-wahrer Kritiker eigener Erlebnisse bedurfte. Marguerite hatte Mühe, dem
-schwermütig agierenden Abbe gegenüber ernst zu bleiben, aber sie hatte
-sich eine erstaunliche Anpassungsfähigkeit angeeignet. Sie verfiel denn
-alsbald auch in tiefe Melancholie. Konrad war nun überzeugt von der
-Notwendigkeit eines engeren Anschlusses an Marguerite. »Gehen wir
-herum,« sagte sie und stützte sich schwer auf ihren Begleiter. »Kellner,
-die Rechnung.« Konrad erschrak. Sie bemerkte es. »Zahlen Sie
-einstweilen, wir können sonst nicht die Loge verlassen.« »Und die
-Anderen?« »Ich hoffe, die werden uns nicht stören,« sagte Marguerite und
-blinzelte. Der Kellner überreichte die Rechnung. Konrad nahm sie und mit
-schweren Händen das Geld aus seiner Brieftasche. Er sah nicht, wie der
-Bursche dem Mädchen etwas hinschob, den Gewinnanteil für den neuen Gast.
-Marguerite liebte dies Lokal, nicht überall war man so large. Sie verlor
-sich sogleich mit ihrem Kavalier in den Seitengängen. Es gab da
-neuerdings Logen mit Vorhängen. Vor einem verdunkelten Saal wurde Entree
-abverlangt. Dort ließen sich Nackttänzerinnen sehen. Marguerite nahm
-zwei Karten. Konrad bezahlte. In dem übelduftenden Zimmer war solch ein
-Gedränge, daß man wenig nur von den Tänzerinnen erblicken konnte, die
-überdies nicht viel mehr sehen ließen als manche der kostümierten Frauen
-des großen Tanzsaales. Aber das Gedränge gestattete den Paaren allerlei
-Freiheiten. Bald sah Marguerite den Augenblick gekommen, Konrad in eine
-der verhängten Logen zu ziehen, wofür neuerdings bezahlt werden mußte.
-Champagner zweifelhafter Sorte stand bereit. Marguerite hatte bald
-Gelegenheit, ihren Abbe etwas lächerlich zu finden. Aber sie war trotz
-aller Routine im Geldverdienen ein leidlich gutes Mädchen. Sie entließ
-Konrad ähnlich wie jene venezianische Courtisane Rousseau, die ihm
-sagte: »_Zanetto lascia le donne e studia la matematica._« Konrad war
-froh, daß Marguerite sich bald unter dem Vorwand, im Saale eine Freundin
-zu suchen, entfernte. Im Tanzsaal sah er wohl die beiden Brüder Leroux.
-Gaston war eben im Begriffe, mit rotgeschminkter Nase und eingedrücktem
-Claquehut seine Clownspäße zum besten zu geben. Aber Konrad zog es vor
-sich heimlich davonzustehlen. Diese merkantile Gesellschaft flößte ihm
-Schrecken ein.
-
-Um dreißig Francs ärmer, schlenderte er geknickten Herzens über den
-Boulevard nach Hause und schlich dort leise in sein Zimmer, damit die
-würdige Mutter ihrer Söhne ihn nicht störe. Er verriegelte die Türe und
-fiel bald darauf dank der ungewohnten Genüsse in tiefen Schlaf. Man
-sollte glauben, daß es Konrad nach diesen Erfahrungen nicht weiter
-gelüstete das heitere Paris zu genießen. Nachdem er schließlich immer
-bereit, die anderen zu rechtfertigen, zu der Meinung gelangt war, daß
-die beiden Leroux an der Geldausgabe und an der Unzulänglichkeit dieser
-einen Genuß zu verdanken, unschuldig seien, er hingegen ein eitler Tropf
-gewesen, der seine Armut nicht rechtzeitig eingestanden habe, ertappte
-er sich dabei, nach Marguerite auszuspähen, wenn er durch ihre Gasse
-ging. Er fand sie auch eines Tages wie zufällig an einer Ecke stehend
-und, da sie augenblicklich kein Geld hatte, war ihr auch mindere
-Kundschaft willkommen. »Mein armer Junge,« sagte sie, »diese Leroux
-haben dich neulich schön gewurzt.« Sie sagte etwas von »poire«, das
-Konrad nicht verstand, aber er fühlte ihre Teilnahme und das beglückte
-den Einsamen. »Als ob man nicht auch ganz solide miteinander fröhlich
-sein könnte. Wenn du mir ein Drittel dieses Geldes gegeben hättest,
-würde ich dir das schönste Fest verschafft haben und wir hätten es
-bequemer gehabt als dort, wo es kein Wunder ist, wenn ein guter Junge,
-wie du -- --« Sie vollendete nicht, sondern kniff ihn in den Arm. Sie
-merkte, daß ihm das wohl tat. »Nun, bist du jetzt frei? Wollen wir ein
-kleines Abendessen besorgen und zu Mutter Leroux hinaufsteigen? Sie wird
-uns nicht stören, ich kenne sie.« Marguerite lachte und kniff ihn von
-neuem. Konrad war mit allem einverstanden. Sie kauften ein, indem sie
-sich den Anschein gab, nur für Konrad auszuwählen. »Nun haben wir Wein
-und allerlei Leckerbissen und das Ganze kostet nur sechs Francs. Hast du
-sie bei der Hand?« Konrad fand das wirklich preiswürdig, obwohl er mit
-dieser Summe sonst drei ganze Tage sich verköstigte. Mutter Leroux war
-nicht zu Hause. Marguerite aber wußte Bescheid. Sie deckte den Tisch und
-brachte alles Nötige herbei. Nachdem sie gegessen hatten und der Wein
-Konrad mutig gemacht hatte, zog er Marguerite auf das Bett, aber sie
-sprang rasch auf, indem sie ihm lachend einige Püffe versetzte, und
-sagte: »Halt, mir fällt ein, Frau Lapin, die Kaufmannsfrau, hat mir drei
-Francs zuviel herausgegeben. Ich habe sie in dein Portemonnaie gesteckt.
-Ich war so verwirrt und sie hatte eben so viele Kunden.« Sie öffnete
-rasch seine Börse und entnahm ihr fünf Francs, die sie in ihre Tasche
-gleiten ließ. »Ich will sie ihr morgen zurückgeben.« Dann kam sie zu ihm
-zurück und diesmal gab er ihr keine Gelegenheit zum Spott. Als sie noch
-nebeneinander lagen, kam die Leroux herein. Sie begann zu schimpfen, daß
-man ihr schönstes Geschirr verschleppt hätte ohne sie zu fragen, daß dem
-Herrn weder Service noch derartige Bedienung in seinen Zins eingerechnet
-sei und daß man sie außerdem der Gefahr ausgesetzt wegen Kuppelei
-bestraft zu werden. Sie werde dies alles nicht auf sich beruhen lassen,
-wenn man sie nicht im voraus für alle Unzukömmlichkeiten entschädige.
-Konrad war jäh aus seinem Traum erwacht. Des Morgens hatte er
-Beaudelaires Gedichte gelesen (er wollte das eine oder das andere
-übersetzen). In ihm sangen noch die Verse von »Parfum exotique«:
-
- »Quand, les deux yeux fermés, en un soir chaud d'automne,
- Je respire l'odeur de ton sein chaleureux
- Je vois se dérouler des rivages heureux
- Qu'éblouissent les feux d'un soleil monotone --«
-
-Und Vögelchens Bild stieg in einer Gloriole auf:
-
- »Und sei's zur Nacht, im einsamen Gelaß,
- Im Straßenlärm, im wüsten Stadtgetriebe,
- Ihr Bild in Lüften strahlt mir wie die Sonne.
- Manchmal da spricht es: Ich bin schön, oh laß
- Vom Schönen nur dich leiten, mir zu Liebe,
- Schutzengel, Muse bin ich dir, Madonne!«
-
-Vögelchens Lippen lispelten es und sie waren bleich wie die einer Toten.
-Und nun hörte er die Stimme der Leroux, die heiser kreischte, und er
-hörte sie nicht. Marguerite hatte sich unter die Decke versteckt,
-kicherte und biß ihn dabei in den Arm. Er riß sich los, sprang auf und
-indem er mit drohender Gebärde der Leroux den Weg verstellte, schrie er:
-»Wenn Sie nicht schweigen, werde ich die Anzeige machen, daß Sie mir
-meine Wäsche gestohlen haben. Morgen verlasse ich Ihr Haus. Adieu.« Die
-Frau hob die Hände, als fürchte sie, der Wütende würde sie schlagen. Sie
-hatte alles eher erwartet als in dem linkischen Mieter, der sich so viel
-gefallen ließ, einen Herrn zu erblicken, der ihr nun gebieterisch die
-Türe wies. Als sie draußen war, hüpfte Marguerite aus dem Bett.
-»Ungeheuer,« sagte sie, »diese schmutzige Witwe! Ich suche dir eine
-andere Wohnung. Indessen kannst du bei mir schlafen. Da machst du noch
-ein Geschäft dabei.« Als sie gegangen war, vermißte Konrad seine Uhr. Er
-wußte nicht, ob nicht etwa die Leroux sie rasch entwendet hatte, während
-der Traum ihn noch in Marguerites Armen umfangen hielt. Er packte seine
-Sachen, schlief dann bis gegen Mittag, bezahlte die Leroux, indem er ihr
-noch einen Teil der gestohlenen Wäsche abpreßte, und verließ fast
-mittellos das Haus. Sein erster Weg war aufs Postamt. Dort fand er ein
-Schreiben von Monika Gallo, die ihm mitteilte, daß sie vom Onkel Camill
-eine Karte aus Paris erhalten habe ohne Angabe der Adresse. Sein zweiter
-Weg war auf das Konsulat, um nachzufragen, ob man dort eine Stellung für
-ihn gefunden. Die Antwort war abweisend. Man käme nicht nach Paris ohne
-Mittel und Empfehlungen, man täte besser, keine Vergnügungsreisen zu
-machen, wenn es einem an Geld fehle. Wenn er hungere, könne man ihn
-schließlich in die Heimat befördern, das wäre alles, was von Amts wegen
-vorgesehen sei. Aber Konrad wollte nicht in jene Heimat. Seine Heimat
-hieß: Ariel. So wurde er denn vorderhand Zuhälter bei Marguerite Aupin.
-
-Er hatte an Monika geschrieben und sie ersucht, bei Custoves Bekannten
-nachzuforschen, er schrieb an Hedwig, ob sie ihm Rat wisse, aber er
-verschwieg ihr seine Notlage. Um keinen Preis hätte er von Hedwig Geld
-genommen. Marguerite erhielt ihn. Sein Leben war nun geteilt zwischen
-der Bibliotheque nationale, den Kirchen, dem Luxembourggarten und den
-Schenken, in die er das Mädchen begleitete. Er war verliebt in
-Marguerite und er reizte sie, damit sie ihn schlüge. Sie hatte ihm sein
-letztes Geld abgenommen unter dem Vorwand, ihn zu verköstigen, was
-indessen nur geschah, wenn sie zusammen in Kneipen gingen. Einige Tage
-arbeitete er für das Mittagessen als Messerputzer in einem Gasthaus. Als
-es bekannt wurde, wie er zu der Aupin stünde, die dort Geld schuldig
-war, entließ man ihn. Das Ärgste war, daß er dabei sein mußte oder im
-Vorraum ihres Zimmers, wenn sie Besuch hatte. Oft hatte er das Geld
-entgegen zu nehmen für ihre Gefälligkeiten. Eine tierische Eifersucht
-hatte ihn befallen. Marguerite ließ sich kaum mehr von ihm berühren. Er
-sollte doch zu den »_femmes à cheveux_« gehen, den Dirnen ohne Hut, und
-sich das Geld vorerst für sie zusammenbetteln. Einmal aber, als sie ihn
-weinen sah wie ein kleines Kind, blieb sie eine Nacht lang in seinen
-Armen. Er hatte ihr in diesen Stunden sein Leid geklagt und sie war
-ergriffen. Sie versprach ihm die Hilfe eines befreundeten Detektives.
-Indes suchte er wieder Paris ab. Die Gewißheit, daß Vögelchen ihm nahe
-war, machte ihn in all seiner Verblendung oft trunken vor Glück. Es war
-schon kalt geworden und er hatte seinen Mantel versetzt. Niemand kannte
-wie er die Besuchstunden der Galerien und Bibliotheken, die er zu seinen
-Wärmestuben erwählt hatte. Er kam als erster und die Diener rasselten
-schon mit den Schlüsseln, wenn er ging. Nun stand er auch wieder vor den
-Brasserien und sättigte sich an dem Bratenduft, der aus den Räumen
-drang. Manchmal trat er in einen Laden, wartete geduldig, wenn Käufer
-anwesend waren, und verlangte dann etwas, das man gewiß nicht bekommen
-konnte, nur um sich zu wärmen. Endlich brachte ihm Marguerite Nachricht
-von Camillo.
-
-
-
-
- Bei Angele
-
-
-Vögelchen hatte nun von Konrads Anwesenheit und seiner traurigen
-Verfassung erfahren und ihm durch den Diener Geld gesandt. Sie lief
-Geschäfte ab, um für ihn einzukaufen. Sie besorgte feine Krawatten,
-nicht ahnend, daß er längst nicht mehr den Kragen dazu besaß, und
-Leckerbissen, zu denen es ihm an Brot fehlte. All dies versteckte sie
-wie ein Kind, das sich eines Geheimnisses freut. Schließlich forderte
-sie von Camill Konrads Adresse. Indes ereignete sich folgendes: Der
-Salon der Karikaturisten veranstaltete seine Ausstellung. Mannsthal, der
-unter Künstlern und Händlern bekannt war, bekam eine Einladung zur
-Eröffnung. Dort sah er Angele von Twede wieder und ein Attache der xten
-Gesandtschaft stellte ihn der Frau des ausländischen Kollegen vor.
-Angele begrüßte Adalbert Mannsthal freudigst. Als er aber nach Gilbert
-von Tirotzky, ihrem Bruder, fragte, von dem er seit Jahren nichts mehr
-gehört hatte, breitete sich ein Schatten über die Lichtheit ihres
-Antlitzes. Warum sollte sie es seinem ehemaligen Kameraden
-verheimlichen? Er sei in der Bedrängnis einer der Familie unerklärlichen
-Erpressungsaffäre freiwillig aus dem Leben geschieden: Mannsthal erbebte
-in seinen Festen, als er es erfuhr. Er wurde bleich und fand kaum die
-Sprache, seine Bestürzung zu äußern. Er wußte, wer einst der Verführer
-Gilberts gewesen, und ahnte, welcher Art die Erpressung gewesen sein
-mochte, die ihn schließlich zum selbstgewählten Tode trieb. Diese
-königliche Frau, die mich mit ihrer Huld beglückt, sagte er sich, sie
-weiß nicht, daß sie mit dem Mörder ihres Bruders spricht. »Mama ist
-daran gestorben, bald nachdem wir Ihnen in Homburg begegnet waren,«
-sagte Frau von Twede. »Ihr Herzleiden verschlechterte sich rapid. Papa
-war nicht mehr, Gilbert tot, ich selbst in der Ferne. Herr von Twede war
-damals in Konstantinopel stationiert. Seit zwei Jahren leben wir hier.«
-Und um die Schatten der Vergangenheit zu bannen, neigte sie sich zu
-einem Bildchen herab. »Ach, sehen Sie doch, wie köstlich,« und dann nach
-einer Weile »und Sie? Sie waren verheiratet oder sind es noch?«
-Mannsthal schüttelte den Kopf. »Ich habe eine Stieftochter. Sie lebt bei
-mir. Darf ich sie Ihnen bringen?« Er sah diese lichte Frau und wie eine
-Rettung schien sie ihm in seiner Not um Arabella. »Wie lieb wäre das von
-Ihnen. Ein junges Mädchen aus der Heimat. Das wird so sein, als sähe man
-sich selbst wieder.« »Nein, erwarten Sie das nicht -- oder« in
-Mannsthals Auge blitzte es plötzlich auf, »oder erschrecken Sie nicht.
-Sie gleicht jenem Kinderbilde, das Gilbert von Ihnen besaß, dieser
-Miniatur, die er bei sich trug.« Es war merkwürdig zu sehen, wie ein
-verräterisches Rot in seine Wangen stieg und unter ihrer Gelblichkeit
-sich entflammte. »Ein Mann allein mit einem jungen Mädchen in Paris.
-Bringen Sie mir das Töchterchen.«
-
-»Wann dürfen wir kommen?«
-
-»Heute, wollen Sie? Zum Tee. Man soll niemals den Wink des Zufalls
-unbeachtet lassen. Ich habe immer Gäste zur Teestunde. Ah, Baron, da
-sind Sie ja wieder! Dank, daß Sie mir Mannsthal brachten! Nun auf
-Wiedersehen heute nachmittags.«
-
-Während Adalbert mit dem Baron noch einmal die Säle durchschritt, erfuhr
-er, daß Herr von Twede, ein ehrgeiziger Diplomat, wenig Sinn für anderes
-habe als seine Karriere, daß Angeles Ruf tadellos sei. Ihre
-Leidenschaften gälten der Malerei und der Musik. Sie hätte ein einziges
-Kind am Tropenfieber verloren, einen Knaben Gilbert, nach dem Bruder
-benannt.
-
-Gilbert! Konnte er, durfte er zu ihr gehen, da er sich an seinem
-Untergang schuldig fühlte? Aber gerade das verstärkte die Anziehung, die
-ihre Lichtgestalt ihm einflößte. Er holte Arabella ein, die im Bois
-spazieren ging. Er hatte es vorgezogen, sie nicht zur Besichtigung der
-Karikaturen mitzunehmen. »Eine Dame lädt dich ein. Oh, sie ist so schön,
-eine Königin! Sie wird dich lieb haben. Wir wollen heute nachmittags zu
-ihr. Es werden auch andere Leute dort sein.«
-
-»Gern, aber ich habe dann zu tun --«
-
-»Ein Geheimnis?«
-
-»Ja,« aber sie lächelte so unbefangen, daß er nicht mißtraute.
-
-»Nun vorher also. Sei um fünf Uhr bereit.«
-
-»Wer ist sie?« Adalbert erzählte.
-
-Um halb fünf traten sie in Frau von Twedes Salon. Vögelchen erschrak
-zuerst ein wenig über die vielen Leute, die alle fremdländisch und so
-sicher waren. Aus ihrer Mitte aber schien ein lichter Strahl sie zu
-bescheinen, eine Stimme voll Güte und Feinheit brach sich oft Stille
-durch das wirre Geplauder. Angele von Twede hatte die sanfte Schwermut
-und die volle Tiefe deutscher Musik in ihrer Kehle. Arabella reichte ihr
-errötend die Hand und fühlte unter einem Freudeschauer den Hauch eines
-leisen Kusses auf ihrer Stirne. Angele hielt ihre Hand, während sie mit
-den anderen sprach. Eine Balkandame, eine Musikerin, setzte sich an den
-Flügel und spielte Wagner, der eben in Paris bekannt wurde. Vögelchen
-wurde traurig. Diese Musik griff in ihr Innerstes. Sie fühlte sich
-plötzlich verlassen. Adalbert war ihr hier wie ein Fremder. Zum ersten
-Male fühlte sie, daß ihre eigentliche Gemeinschaft ein Geheimnis war,
-etwas, das verborgen sein mußte, weil es nicht selbstverständlich war.
-Oder spürte ihr seltsamer Instinkt, daß der Geliebte hier einer andern
-Frau gehörte? Frau von Twede sprach nur für ihn. Arabella sah es, aber
-Frau von Twede hielt ihre Hand wie eine Freundin. Sie konnte ihr nicht
-böse sein. Sie liebte sie. Und plötzlich streichelte sie selbst diese
-Hand. Dann trat Herr von Twede ein. Seine Frau ward stiller in seiner
-Gegenwart und schien in leiser Schwermut der Musik zu lauschen. Um
-Adalbert hatte sich eine Gruppe gebildet. Er war brillant im Gespräch.
-Aus allen Zeiten und Erdteilen, aus allen Welten der Arbeit und der
-Kunst, allem Wissen des Menschlichen und Menschlichsten flocht er seine
-Rede, seine Antworten, Beispiele und Anekdoten. Er selbst entzündete
-sich an seiner Rede. Einzelne Worte blitzten auf wie Solitärs in
-kostbarer Fassung, schon fühlte er den unzerreißbaren Kontakt mit seinen
-Zuhörern, er sah und hörte selbst, was er sagte, und seine Sätze und
-Wortbilder veredelten sich in seiner Gewalt: sein Gespräch war ein
-Kunstwerk. Angele schien nur Musik zu hören: sie hörte nur Mannsthal.
-Als Herr von Twede sich zurückgezogen hatte, wandten die beiden sich
-wieder einander zu. Die Musik war verstummt. Vögelchen saß wie
-eingeduckt unter den vielen fremden Menschen, deren Sprache sie nicht zu
-kennen schien. Warum blieb sie hier, hatte sie nicht Wichtiges zu tun?
-Leise stahl sie sich hinaus. Sie ließ sich ihren Mantel umlegen und gab
-dem Diener Auftrag zu bestellen, sie würde wieder kommen. In ihren
-Taschen hatte sie zwei Pakete verborgen. Sie hieß einen Wagen holen,
-nannte Konrads Adresse und fuhr ab. Kutscher wundern sich ganz selten
-nur. Sie kennen alle Stadien des Lebens. Sie führen die Schwangere auf
-die Gebärklinik, den Säugling zur Taufe, den Trauernden hinter dem Sarge
-zum Friedhof, den Deserteur zur Bahn, sie gewähren Liebenden Obdach und
-geben ahnungslos Selbstmördern ein letztes Asyl, sie führen die Dirne
-zum Palast des Fürsten und die Dame, der ein Lakai den Pelzmantel um die
-Schultern legt, zu der Mansarde des Studenten. So führte denn der
-Kutscher Vögelchen zur schmutzigen Behausung jener Marguerite
-Aupin, deren Zuhälter Konrad Kruger, stud. theol., Sohn des
-Landesschulinspektors und Hofrats Engelbert Kruger war. Sie ließ den
-Wagen warten und stieg die zwei Treppen hoch. Auf den Gängen standen die
-Frauen im Gespräch. Die Wasserleitung stellte den Brunnen dar, der Gang
-den ländlichen Dorfplatz, an dem die Mägde, den Krug auf dem Kopfe,
-plaudernd verweilen. Einige kümmerlich blühende Blumenstöcke am Fenster
-ersetzten die Landschaft. Wie dürftig er wohnt, dachte mitleidig
-Arabella, als sie die unordentlichen Gestalten sah und den fast
-unverständlichen Argot ihrer Rede vernahm, die, als sie vorüberkam,
-verstummte und hinter ihr wie zischelndes Kielwasser wieder
-zusammenfloß. Sie fürchtete sich vor diesen schmutzigen Frauen und
-bewunderte Konrads Mut, der wohl täglich an ihnen vorüberging. So
-tastete sie sich, ohne nach ihm zu fragen, die ausgehöhlten Stufen
-hinauf, bis sie an einer Türe jenen Namen fand: Aupin. Ja, hier wohnte
-er. Hinter der Türe fand eine laute Unterredung statt. Mann und Frau
-wechselten die Rede. Nicht Konrads Stimme war es. Auf Vögelchens Klopfen
-öffnete jemand und schloß gleich wieder, von einer kreischenden
-Zurechtweisung ermahnt. Im Spalt der Türe hatte Arabella eine
-Frauensperson in mangelhafter Bekleidung und einen Mann gesehen, einen
-Arbeiter mit braunen Samethosen, die an den Schuhen zugebunden waren.
-Nach einer Weile wurde wieder geöffnet. Der Mann fragte nach Vögelchens
-Begehr mit der Höflichkeit und dem Anstand des Parisers. »Kruger?
-Kruger!« Er rief den Namen aus der Küche ins Zimmer zurück. »Hm,
-Marguerite, ist das dein --? Eine kleine Dame sucht ihn. Vielleicht eine
-Prinzessin aus seinem Lande. Treten Sie ein, Madame.« Drinnen rief die
-Stimme nun höflich: »Gleich, Fräulein, ich komme gleich.« Marguerite
-erschien in einem rosa Schlafrock. »Er ist nicht zu Hause. Mein Gott,
-wie wird er sich kränken, der arme Junge. Geh, Ernest, sieh mal vors
-Haus oder zu Cuvier hinüber, dort hilft er zuweilen aus. Er scheut keine
-Arbeit, wissen Sie, um sich ehrlich durchzubringen. Setzen Sie sich,
-Fräulein.« Sie rief es aus dem Zimmer, in das sie zurückgeeilt war, um
-das Bett zurecht zu machen. Ernest war verduftet.
-
-»Wollen Sie nun eintreten, Sie müssen die Unordnung entschuldigen. Wenn
-man nicht vorbereitet ist, nicht wahr?«
-
-»Wo ist Konrads Zimmer?« fragte Vögelchen.
-
-»Hier oder draußen, er hält sich überall auf. Ich nehme es nicht so
-genau.«
-
-Sie schlafen zusammen, dachte Arabella und besah sich Marguerite. Sie
-mißfiel ihr. Alle Frauen in Paris mißfielen ihr. Die dicke Schminke, mit
-der sie bedeckt waren, ekelte sie. Marguerite war zart, sie hatte große
-Augen, die klug leuchteten, aber sie waren dunkel untermalt und die
-grellen Wangen ließen sie derb und roh scheinen. Aber gleichzeitig
-empfand Vögelchen Mitleid mit ihr wie mit einem Tiere. In Marguerites
-Blick, der forschend und furchtsam zugleich zu Arabellas Vornehmheit
-aufsah, lag etwas hündisch Zerbrochenes, etwas, das plötzlich selbst
-hineinsah in den eigenen Abgrund und um Vergebung bettelte.
-
-Arabella hatte sich gesetzt, ganz vorsichtig an den Rand des Stuhles,
-als fürchte sie sich zu beschmutzen und sah nun selbst ein wenig hilflos
-zu der fremden Frau hinüber. »Ich habe ihm etwas mitgebracht.« Sie zog
-die Pakete hervor. »Bitte, geben Sie ihm das. Ich kann nicht lange
-warten. Haben Sie vielleicht ein Stückchen Papier. Danke, einen
-Bleistift hab' ich selbst.« Sie nahm den goldenen Stift, den sie an
-einer kostbaren Chatelaine trug. Auf das ein bischen fette Papier
-schrieb sie in einer Marguerite unverständlichen Sprache.
-
-»Mein armer Herr Prediger, wie schlecht ist es Ihnen bekommen mir
-nachzureisen! Wie können Sie leben in dieser häßlichen Wirtschaft! Ich
-habe Ihnen Krawatten und Leckerbissen gebracht. Schade, daß ich Sie
-nicht angetroffen habe. Soll ich Va sagen, daß er Ihnen helfen soll? Nun
-muß ich wieder zu den Menschen zurück, denen ich eben davonlief. Wir
-waren zu Besuch. Dort ist eine schöne Frau, die ich küssen möchte, so
-ein Engel ist sie. Ihnen muß geholfen werden! Kommen Sie morgen früh vor
-unser Haus. Ich werde durch Camill Nachricht schicken. In Eile
-
- Arabella.«
-
-Vögelchen stand auf und schüttelte den Blick des Mädchens ab, der die
-ganze Zeit über sie umfaßt hielt. Es roch nach schlechtem Parfüm und
-Abfällen aller Art. »Armer Konrad,« dachte sie, und dann wieder, »um
-meinetwillen«. »Bitte, geben Sie ihm diesen Brief und die Pakete,« sagte
-sie. Marguerite griff nach den Sachen. Sie, die Konrad schlug, war gegen
-dieses junge Mädchen schüchtern und linkisch. Sie wußte als Pariserin
-sehr gut, daß ihr Schlafrock schlechter Sorte war und ihre Schminke
-billig, an Arabella aber alles aus ersten Quellen. Das machte sie
-unsicher und neidisch. Und wenn sie auch Konrad nicht liebte, er war ihr
-Knecht und sollte es bleiben. Diese fremde Puppe würde sehen, wer die
-Stärkere war.
-
-Als Vögelchen gegangen war, öffnete sie die Pakete. Sie verzehrte, da
-sie eben sehr hungrig war, den größten Teil der Leckerbissen und als
-Ernest zurückkam, um zu melden, daß Konrad einen Weg für Cuvier gemacht,
-schenkte sie ihm eine der teueren Krawatten. Spät abends kam Konrad aus
-dem Gasthaus herüber, in dem er eine Stelle als Aushilfekellner erhalten
-hatte, weil dort deutsche Studenten verkehrten. Marguerite hatte sich zu
-Bette gelegt und brummte, als sie geweckt wurde. Dann erinnerte sie sich
-des Besuches und wurde freundlich. »Sieh doch, mein Kleiner, wer
-dagewesen ist und was man dir mitgebracht hat.« Sie richtete sich im
-Bett auf und sah ihn bei der Kerze lesen. Er sah alt aus und übermüdet,
-aber die Erregung und Freude veredelten sein Gesicht. Seine Gestalt war
-männlicher geworden. Nein, er war so übel nicht, der kleine Abbe. Sie
-dachte nicht daran ihn preiszugeben. Mit ihm konnte man sich auch sehen
-lassen, wenn bessere Zeiten kamen.
-
-»Nun, hast du ihn wieder, deinen kleinen Schatz,« sagte sie. »Und wem
-verdankst du es? Deiner Marguerite! Komm her und zeig, daß du ein guter
-Junge bist.«
-
-»Gleich, gleich,« sagte er. »Ich bin bald wieder hier. Ich muß noch zu
-Cuvier hinüber.«
-
-Er lief, den kommenden Morgen frei zu bitten, um an Vögelchens Tür auf
-ihren Ruf warten zu können. An einem Sonntag, ob er denn bei Sinnen
-wäre, unmöglich! Dann träte er aus dem Dienst. Den morgigen Vormittag
-müßte er frei haben. Der Wirt wurde ärgerlich. Er warf ihm den Lohn für
-drei Arbeitstage hin. Er war entlassen. Befreit, lief er zurück zu
-Marguerite. Sie schmollte wie eine Verliebte. Oh, wie er sich freute,
-wie begnadet er war! Wo war Vögelchen gesessen? Dieses Papier mit ihrer
-kindischen Schrift, wie heilig war es ihm! Und der künftige Morgen! Er
-umarmte die gefügige Marguerite mit der Glut seiner unbändigen Freude.
-
-Vögelchen war froh gewesen, den Wagen, der sie gebracht, vorzufinden.
-Der führte sie ja so weit sie nur wollte. Wie häßlich es in diesem
-Hause, in dieser Straße war! Wie ihr das Elend in alle Glieder kroch!
-Adalbert war ihr so weit, so unerreichbar unter Fremden. Hatte sie denn
-niemanden, zu dem sie flüchten konnte? Wo war jener Jüngling aus der
-Sainte Chapelle? In seinem Blick nur hätte sie Zuflucht gefunden. War
-das Unrecht gegen Adalbert, der so unermeßlich gut zu ihr war, dürfte
-sie eines andern Zuflucht begehren? Sie dachte an Norton. Plötzlich
-tauchte seine junge Hünenhaftigkeit vor ihr auf. Sie litt so sehr, wenn
-sie sich seiner erinnerte, und doch, warum kam er nicht wieder? Konrad
-war ihr nachgereist. Nun lebte er mit diesem Mädchen. Er hatte dort
-nicht einmal einen Tisch mit seinen Büchern. Wie karg das Leben sein
-konnte! Es wurde dunkel. Sie lehnte sich in den Wagen zurück, sie wollte
-nichts sehen von den Straßen. Jetzt blinzelten die in der Seine sich
-spiegelnden Lichtkugeln zu ihr auf. War das die Brücke, an der der
-Helfer zu ihr getreten? Er dachte, sie sei eine, die sich ins Wasser
-stürzen wollte. Oh nein, damals nicht. Aber heute? Sie war so traurig.
-Diese fremde Frau, zu der sie nun fuhr, streichelte ihre Hand, aber sie
-ließ sie nicht ein in ihr Herz. Vielleicht wollte sie nur Va für sich
-haben, wußte nicht, daß er schon eine Frau hatte. Frau und Kind!
-Arabella sagte es sich zum ersten Male, wie eine Fremde es gesagt hätte,
-nicht freudig mehr, sondern erschrocken. Vielleicht war das Sünde?
-Konnte es Sünde sein, da sie in seiner Umarmung sich heilig fühlte und
-erhoben? Oh, nur wieder ihn fühlen, wieder zermalmt sein unter seiner
-Kraft wie in den ersten Nächten, alles geben, alles erleiden. Durfte sie
-es noch? Blickte nicht jenes Jünglings Auge wissend in ihr Leben? Durfte
-sie noch in Feuer hinschmelzen, rief nicht er sie zu anderem Dienst? Und
-Adalbert hielt sie ja nicht wie früher. Er war wieder Va und sprach nun
-mit dieser engelgleichen Frau, die er eine Königin genannt hatte. Ach,
-ein Nest, eine Zuflucht ihrer frierenden Seele!
-
-
-
-
- Imanuel Givo
-
-
- Motto:
-
- »Es war etwas in ihm,
- das ihm die Menschen zu
- richten verbot und in seinem
- ganzen Leben ihm zuflüsterte,
- daß er nicht der Richter
- der Menschen sein, nicht das
- Verurteilen auf sich nehmen
- wollte und darum auch unter
- keiner Bedingung verurteilen
- würde. Es schien sogar,
- daß er alles zugab und nichts
- verurteilte, wenn er auch
- oftmals schwer darunter
- litt. Ja schließlich konnte
- ihn nichts und niemand
- mehr weder in Erstaunen
- setzen noch erschrecken.«
-
- (Dostojewski »Die Brüder
- Karamasoff«.)
-
-Indessen hatten sich allmählich Frau von Twedes Gäste empfohlen.
-»Seltsames Elfchen, Ihr Töchterchen,« sagte sie zu Mannsthal. »Gewiß
-fühlte es sich hier nicht wohl und flatterte hinaus, als jemand einen
-Spalt der Tür öffnete. Oh, bitte, entschuldigen Sie sich nicht, das Kind
-ist bezaubernd.«
-
-»Nun will ich Sie aber nicht länger stören. Ich lasse den Wagen zurück
-und werde auftragen, daß man Arabella sage, ich sei bereits nach Hause
-gefahren.«
-
-»Ach, das sollten Sie nicht. Die Kleine würde sich dann nicht von mir
-verabschieden können und sich unbehaglich fühlen. Warum soll ich es
-diesem Einfall nicht danken länger mit Ihnen plaudern zu können? Herr
-von Twede arbeitet immer des Abends. Meine intimsten Freunde kommen
-meist nach den Teegästen. Givo zum Beispiel, der niemals in große
-Gesellschaften geht.«
-
-»Ich bleibe,« sagte Mannsthal mit seinem zuweilen kindlich strahlenden
-Lächeln.
-
-»Diese Kleine,« begann Angele, indem sie sich in dem kleinen Salon
-bequem zurecht rückte. »Diese Kleine muß Sie entzücken und ich verstehe,
-daß Sie sich selbst der Autorität entschlugen, Sie nannten sie
-Vögelchen. In der Tat erinnert sie mich an diese ursprünglich wilden
-Tauben, denen die Mongolen Bambusflötchen unter die Flügel binden. Ihr
-Flug ist Musik geworden, aber er kann sie nicht mehr zur Höhe tragen.«
-
-»Sie meinen, daß ich um dieser Musik willen ihren Flug gedrosselt habe?«
-
-»Ja, und ich glaube, daß sie eines Tages die Flötchen abschütteln wird,
-um zur Sonne aufzusteigen.«
-
-»Das fürchte ich,« sagte Adalbert leise. Seit Wochen beängstigt sprach
-er nun wie eine Selbstbeichte diese Worte und sie erleichterten ihn. --
-»Wie klug Sie sind, Angele Tirotzky,« und wie immer, wenn er bewunderte,
-war sein bewegter vieldeutiger Blick kindlich demütig.
-
-»Wenn es wirklich die Sonne ist, brauchen Sie nichts zu fürchten. Nur
-jene Pseudosonne kann gefährlich sein, die uns Frauen so oft verlockend
-leuchtet. Lassen Sie Ihr Vögelchen fliegen. Oder sollten Väter
-egoistischer sein als es Mütter wären?«
-
-Es trieb ihn an, sich dieser Frau gegenüber zu offenbaren.
-
-»Ich bin nicht nur ihr Vater,« sagte er und senkte den Blick wie ein
-Knabe. Er hatte, ach wie oft sich nach Verachtung gesehnt und überall
-nur Achtung erfahren. Langsam hob er das Antlitz zu der auf, die er nun
-zu seiner Richterin machen wollte.
-
-»Ich wußte es,« sagte sie leise. »Damals auf der Stiege im
-Schloßhofturm! Erinnern Sie sich! Ich habe es später begriffen. Damals
-erschrak ich nur, als Sie mich, die Zwölfjährige --«
-
-»Und jetzt?« fragte er mit tiefem Ernst.
-
-»Mich machen diese Dinge unsagbar traurig,« erwiderte sie. »Ich kann
-niemals über sie scherzen, so wenig als ich lachen könnte, wenn jemandes
-Gesicht von Blatternarben seltsam verzerrt ist.«
-
-»Sie sollten strafen können,« sagte er. »Das täte wohl!«
-
-»Was nützte es? Mein Mitleid würde den Schlag kühlen, eh' er noch
-gefallen wäre.«
-
-»Sie sind ein Engel,« sagte er.
-
-»Ich bin nur eine Frau.«
-
-»Ja,« erwiderte er voll Andacht, »denn es gibt auch rächende Engel. Die
-Frau aber in ihrer Vollendung kennt nur Linderung und Verzeihen. Aber an
-sie zu glauben, ich hielt es für verwegener als das Wunder zu erhoffen.«
-
-»Und dennoch täte Strafen wohler denn Verzeihen?« fragte sie
-schmerzlich.
-
-»Verzeihen bedeutet Vertrauen,« sagte er. »Die Strafe bejaht die Schuld,
-indem sie bestraft, das Verzeihen macht sie unwirklich. Der Verzeihende
-allein ist es, von dessen Herzensreinheit wir Strafe wünschten, vom
-Strafenden ist uns selbst Verzeihen bitter.«
-
-»Sie sollten Givo kennen, Imanuel Givo.« Sie sah auf die Uhr.
-»Vielleicht kommt er noch heute! Er ist der Apostel eines wunderbaren
-Heiles. Es heißt schauende und wirkende Demut. Er hat eine heimliche
-Gemeinde, seine Lehre ist eine zugleich neue und uralte Religion. Er hat
-sie weitergegeben und nun erfüllt sie sich stündlich. Wer in ihr ist,
-lebt in Seligkeit und nichts stört seine Weihe. Und nichts, nichts
-vermag ihn zur Überhebung zu verleiten und zum strafenden Urteil. Denn
-in ihm ist nichts, was sich mit anderen mißt und andere wägt, weil er
-einzigartig ist und der andere wieder ein anderer und eigener.«
-
-»So gibt es denn Einklang von Wissen und Tun?« fragte Mannsthal.
-
-»Es gibt diese Wahrheit und diese Liebe,« erwiderte Angele. »Liebe
-allein kann heilen und wie oft hat Lieblosigkeit das Laster verschuldet.
-Wenn ich einen auf Abwegen sehe, frage ich mich: ist er denn auch genug
-geliebt worden?«
-
-Und sie begann wieder von Givo zu erzählen. Er sei Spanier und stamme
-von Mystikern ab. Das Leben, das jahrhundertelang in seiner Familie
-geübt worden, war in ihm als Jüngling zur Ekstase aufgeblüht. An seinem
-Wort hätten andere sich entzündet. Als er die Menschen kennen lernte in
-der Klarheit der Ernüchterung, in die ihn die Großstädte versetzten,
-hätte Mitleid seinen Abscheu vor den menschlichen Lastern besiegt. Er
-wollte lieber selbst schuldig werden, um nicht erhöht zu sein über die
-Schuldigen. Nun sei wohl die Heiligkeit seines Feuers erloschen, sie sei
-nur ein unterirdisches Leuchten mehr, aber seine Seele wärme jeden, der
-ihm nahe. Er lebe wie ein Einsiedler und dennoch in Fühlung mit den
-Menschen aller Welten. Seine Lebensflucht seien die Sterne. Er wäre
-Astronom. In der Atmosphäre bade er sich rein. Sein Wissen knüpfte sich
-an uralte Wissenschaften. Dabei sei er klar und einfältig wie ein Kind
-in den menschlichen Dingen und im Menschlichsten wissend und rein
-zugleich. Sein Handeln folge seinem Instinkt, so sei er denn zuweilen
-erstaunlich.
-
-Als Givo eintrat, mit leichtem freudigen Gang auf Angele zueilend, deren
-Hände er küßte, dann ein wenig erschrocken vor dem Fremden sich
-verneigend, erkannte Mannsthal blitzartig Vögelchens schwarzen Ritter.
-Sie war ja nicht müde geworden, ihn auf das genaueste zu beschreiben.
-Seine Handlungsweise paßte auch völlig zu dem, was Frau von Twede
-erzählte. Das übrige besorgte einer jener merkwürdigen Instinkte, den
-oft Frauen besitzen, wenn ihre Sinne durch Eifersucht geschärft sind.
-Aber ehe Mannsthal an eine bevorstehende Begegnung Givos mit Vögelchen
-dachte, rascher also als ein Gefühl der Abwehr ihn befallen mochte,
-bezauberte ihn dieser Jüngling im Mannesalter, dieser Mann mit der
-knabenhaften Feurigkeit einer fanatischen Seele. Und er erkannte seine
-Lehre. Sie war ein Kampf gegen die geistigen Gifte, die verborgenen, die
-bekannten und die unentdeckten, deren Wirkungen kaum als
-Folgeerscheinungen von geheimnisvollen Vergiftungen gekennzeichnet
-waren. Auch der Wahn war ein Gift und wie vielfältig war er! Auch die
-Lieblosigkeit war vielleicht nur eines jener Toxine, die Ermüdung
-erzeugt und jene Nervenverfassung, die das Leben und das Lebendige
-herabsetzt, statt es zu erhöhen. Kraftlosigkeit, die neben sich für
-andere nicht mehr das Auskommen findet. Givo sah eine Welt von Menschen,
-die es zu lieben und zu heilen galt ohne Strenge, ohne Drohung, ohne
-Versprechen, Liebe durch Liebe, Weisheit durch Liebe, Segen durch Liebe.
-Und diese Liebe selbst? Sie war nicht Nachahmung eines erhabenen
-Lebenswandels, der entrückt war, nicht Liebe um eines Liebenden willen,
-Christi Nachfolge nur um des Himmelreiches Lohn, sie war die Einsicht,
-das Handeln des Menschen, der sich seiner begibt im Erkennen und sich
-genießt in diesem Sichbegeben. Um keines Dankes willen im Himmel oder
-auf Erden, um keiner Tugend, keiner Unsterblichkeit willen, um keines
-Glaubens willen waltete diese Liebe. Sie war die Weisheit und die
-Weisheit um alles Menschliche war ihr Glauben. Sie war die Ruhe und das
-Ruhen in allem Lebendigen war ihr Leben. Sie war das Leben, und das Sein
-ihr Paradies in allen Zeiten. Für sie war nicht Anfang und Ende, sie
-hörte nimmer auf, ihr Anbeginn tauchte in der Zeiten Urnebel und
-reichte, soweit Raum war. Sie war der Glauben der Liebe und der Glauben
-der ewigen Weisheit war ihre Ewigkeit. Ihr Ewigsein war ihre Ruhe. Und
-sie war zu Hause, im Kelch der Blüten, der sich auftut für Biene und
-Rosenkäfer, in der Wolke, die als Regen den Durst der Felder labt, sie
-nistete wartend um die Wiege des Säuglings und hütete der Kinder
-Entfaltung, sie war im Schoß des Weibes und in der zeugenden Kraft des
-Mannes, sie beugte sich über das Lager des Fiebernden und saß bei dem
-Ratlosen, sie zündete die Lampe an in des Verlassenen Haus und
-beschwichtigte den Verfolgten und barg den Verstoßenen. Sie forschte in
-den Laboratorien und sang ihre Kunde in unsterblichen Melodien. Und oft
-tat sie nichts als stillehalten. Sie schwieg dem Zornigen, sie erwiderte
-nicht dem Bösen, sie strafte nicht den Verleumder und höhnte nicht den
-Höhnenden. Und zuweilen tat sie mehr noch, sie machte den Zorn, das
-Böse, die Verleumdung, den Hohn zunichte im Vergessen. Sie versenkte
-sie, streute ihren Samen auf und ließ frische Blumen erblühen. Und wenn
-sie mit ihrem eigenen Blute die Erde des Vergessens düngte, so war es
-der Seele Acker, der Blumen Trieb und die hießen Verstehen, Vergeben,
-Verwinden, und andere wieder hießen: Verschenken, Verwandeln, Vergolden
-und Vertrauen. Im täglichen Leben tat Givo für eine häßliche alte Frau
-dasselbe, was er für die junge Arabella getan. Er war der Freund seiner
-Nachbarn, unter denen er stille hauste und fast ungekannt war bis zu dem
-Augenblick, wo sie seiner bedurften. In seiner Wissenschaft ging er
-seine Wege und was den anderen frommen konnte auf den Entdeckungsfahrten
-seines Forschens warf er ab, verschenkte es, ohne ein Quentchen nur des
-Ruhmes zu erheischen. Was er in seinem Fach erstrebte, war ein Spiel
-fast. Er suchte Fäden von den mittelalterlichen Gelehrten in die
-Forschungen der Neuzeit zu spinnen. Sein Werk war eine Andachtübung, ein
-Dank für verschollene Arbeit. Dazwischen arbeitete er »exakt«, aber nur
-nebstbei, doch dies zwang, seine Werke ernst zu nehmen, und zu der Zeit,
-als Mannsthal ihn kennen lernte, wurden sie bereits als eine Art
-preziöser Kostbarkeit geschätzt. Angele von Twede meinte, daß er sich
-dies scheinbar müßige Treiben erlauben dürfe, weil sein Leben von Mensch
-zu Mensch werktätig war wie kaum ein anderes. Mannsthal fieberte, Givo
-näher kennen zu lernen. Er selbst hatte ja, verborgener vielleicht als
-dieser junge Prophet, Menschen hingebend geholfen, das Äußerste oft
-gewagt nicht um Dank und ohne Pflicht. Das Pflichtgefühl der anderen, er
-besaß es nicht. Sein Gefühl für die Menschen war brennende Neugier und
-Wissen um Ungeahntes. Dies allein verpflichtete ihn zuweilen, daß er
-Verborgenes wußte, weil er mitschuldig wurde an Unglück und Schuld, wenn
-er nicht warnte, riet und half. Aber dies hinwieder hatte ihn
-hartgesotten Verfehlungen gegenüber und den leichteren Leiden. Oft war
-er Menschen wie ein Engel erschienen und es quälte ihn, daß er nicht zu
-sagen vermochte, wie sehr er heimlich bedankt war auf seine Weise und
-nichts geopfert hatte. Ihm, der jede zarte Regung des Wunschgefühles,
-die Einschätzung des anderen völlig erriet, ward zum Kinderspiel ein
-Leben zu krönen. Aber letzten Endes war seine Güte Können, Abfall seines
-Überflusses, Virtuosität und nicht Wille zum Guten. Sie war Reichtum,
-Mut, Waghalsigkeit, Experiment, Spiel. Givo aber? Er wußte um alle
-Laster, aber keines schien um ihn zu wissen. Er hatte sie gesucht, um
-ihre Geheimnisse zu erkennen, hatte ihr Leid, ihre Reue auf sich
-genommen um wenig Freude und um der Wollust willen, den Elenden näher zu
-sein. Die Gefahr war an ihn herangeschlichen in diesen Leiden zu
-versinken. Sein Sieg, seine Beschlossenheit hatte etwas Weihevolles.
-Vielleicht war er alt, wiewohl er ein Jüngling schien, war Mensch
-gewesen, da andere noch Kinder sind, vielleicht lag jene Zeit, in der
-die Seele durch feurige Tiefen geht und abstürzt aus frevelhaften Höhen,
-weit zurück, getrennt durch ein Leben, das schon Ewigkeit war? Einer
-seiner Vorfahren hatte als Knabe im Tempel gepredigt.
-
-Angele sah die Wirkung, die Givo auf Mannsthal ausübte. Sie verstummte,
-sie wollte kein Wort und Gegenwort der beiden mit dem eigenen
-durchkreuzen. Ihre Seele hielt Wache und hütete den Faden, der von dem
-einen zum anderen sich spann. Aber Givo, das sah sie, wiewohl er in
-Mannsthal vielleicht wie in keinem anderen einen Ebenbürtigen im
-Menschlichen spürte, Givo blieb in seiner Welt und zögerte ihm die Gabe
-seiner Inbrunst zu reichen.
-
-Adalbert hatte ihn nach der Stätte seiner Arbeit gefragt. Givo
-berichtete, daß er zu Gaste sei bald da, bald dort. Später gedenke er in
-einer eigenen Sternwarte zu arbeiten und seßhafter zu werden seiner
-Mutter zuliebe. Aber noch wisse er den Platz nicht. Angele meinte
-lächelnd, er warte ein Zeichen ab, ein Meteor.
-
-»Wo soll der Tempel stehen?« sagte er lächelnd, den Scherz aufnehmend.
-»Eine schöne Legende aus dem Palästinischen fällt mir ein.«
-
-»Erzählen Sie,« bat Frau von Twede.
-
-In diesem Augenblick öffnete der Diener leise die Tür und ebenso leise
-trat Arabella ein. Der Saal war groß, sie durchschritt ihn, der dicke
-Teppich verschlang das Geräusch ihres Schrittes, sie blieb an der Türe
-des kleinen Zimmers stehen. Da drinnen sprach einer, da erzählte einer.
-Wessen war diese Stimme, oh diese Stimme! Er sah sie nicht, sie horchte
-atemlos. »Der Tempelplatz war einst eine Dreschtenne, die zwei Brüdern
-gehörte. Es war der eine verheiratet, der andere lebte allein. Als die
-Ernte vorüber war und sie geteilt hatten, legte sich ein jeder zu seinem
-Kornhaufen, um das Gedroschene zu behüten. Da erwachte einst nachts der
-Verheiratete, sann über seine Ernte und sagte sich: »Ich bin reich, habe
-Frau und Kinder und hoch ist mein Korn. Er aber, der Bruder, ist einsam,
-es betreut ihn keiner, einsamem Alter geht er entgegen. Warum soll ich
-glücklicher sein als er? Ich will ihn erfreuen, will ihm von meiner
-Ernte geben. Leise stand er auf und schleppte emsig einen Teil seines
-Kornes zum Haufen des Schlafenden. Die Arbeit hatte ihn müde gemacht und
-nun störte nichts mehr seinen Schlummer. Indes erwachte der andere. War
-nicht ein Flüstern in dem Stoppelfeld, nicht ein Rieseln im goldenen
-Korn? Wie reich war sein Haufen und er bedurfte so wenig, indes der
-Bruder Weib und Kind besaß. Böte er ihm Geschenke an, wies der ihn wohl
-ab, so stand er auf und trug einen Teil seines Kornes hinüber zum
-schlafenden Bruder. Des Morgens hatte ein jeder gleich viel Getreide,
-keiner wußte, wie ihm geschehen, und sie fragten einander nicht. Gott
-aber erwählte die Dreschtenne zur Stätte des Tempels.«
-
-Givo wandte sich zur Türe. Es raschelte wie damals ein seidiges Gewand.
-Er sah Arabella. Sie hatte beide Hände wie eine Blinde, die sich einen
-Weg tastet, vorgestreckt. Er lächelte, er kam ihr entgegen.
-
-»Sie sind es, Sie sind hier,« sagte sie wie in Verzückung. Er reichte
-ihr die Hand.
-
-»Wir sind einander in der Sainte Chapelle begegnet,« erklärte er
-lächelnd, doch ohne Erstaunen.
-
-»Ach,« sagte Frau von Twede. »So kennen Sie einander?«
-
-»Ich heiße Givo,« sagte er. »Und Sie?«
-
-»Arabella.« Sie fuhr sich über die Stirn, einen Schleier abzustreifen,
-der ihr die Wirklichkeit zu decken schien. Sie ging auf Angele zu.
-»Verzeihen Sie mir, aber eine Sorge rief mich fort. Verzeih auch du, Va!
-Daß ich Sie hier finde!?«
-
-»So muß Jairis Töchterchen ausgesehen haben, als der Herr sie erweckte,«
-sagte Frau von Twede lächelnd.
-
-»Ist es Ihre Tochter, Herr Mannsthal?« fragte Givo.
-
-Angele nickte wortlos.
-
-»Nun aber müssen wir gehen, Vögelchen,« mahnte Mannsthal.
-
-Frau von Twede hatte das junge Mädchen an sich gezogen.
-
-»Sie gleichen einander,« sagte Givo, die beiden Frauen betrachtend.
-
-»Komm, komm, Kind,« drängte Mannsthal.
-
-Vögelchen, an Angele gelehnt, wandte sich zu Givo.
-
-»Ich habe Ihnen immer noch gedankt all die Tage.«
-
-»Ich hätte fragen sollen, ob Ihnen auch bald wohl geworden ist. Das habe
-ich versäumt, um nicht dreist zu scheinen. Ich freue mich, Ihnen zu
-begegnen. Sie sind sehr zart, nicht wahr? Oder sind Sie noch so jung?
-Ein Kind vielleicht?«
-
-»Das davonläuft,« sagte Mannsthal.
-
-»Trag mir das nicht nach,« bat Vögelchen. Sie sah unverwandt Givo an,
-seine matte Stirn, seine glatten, glänzenden Haare, seine Augen unter
-den langen Wimpern, die Nase mit den feinen Flügeln, die zarte Gestalt,
-die sehnigen Hände. Auch er blickte sie an, nahm sie mit seinem Blick an
-sich, freute sich ihrer Haare, die wie ein blonder Schatten waren, ihrer
-großen, runden, blauen Augen mit dem feinen Bogen darüber, ihrer Nase,
-die immer leis zu wittern schien, ihres zuckenden, durstigen Mundes,
-ihres ein wenig kantigen Kinnes, des sehr schmalen Halses, durch dessen
-Haut man die blauen Äderchen sah, ihres Busens, der eben erst der eines
-Mädchens zu werden begann, ihrer braungebrannten Kinderhände.
-
-Es war Givos Treue und Untreue zugleich, sich ganz dem Augenblick
-hinzugeben. In diesen Minuten war er so sehr Vögelchen zugeneigt, so
-tief erfreut über ihre kindliche Aufgeschlossenheit, daß er selbst wie
-ein Kind, das eben ein Geschenk erhält, nichts anderes sah als diesen
-Menschen. Die ihm so flüchtig begegneten und seine Liebe erfuhren,
-behielten ihn immer dankbar in ihren Herzen. Andere aber, die in seinem
-Umkreise blieben, waren enttäuscht, ein anderes Mal ihn dann nicht
-minder freundlich, aber dennoch anderem hingegeben zu finden, das sie
-selbst ausschaltete in den Schatten seiner Liebe. Als Vögelchen zum
-Abschied seinen Handkuß fühlte, glaubte sie das Paradies gewonnen zu
-haben. Sie ging in andächtiger Gehobenheit an Mannsthals Arm. Nachts
-schlief sie sanft und selig ein. Sie fühlte kaum die Liebkosungen
-Adalberts und erwiderte sie nur leis in einem Zustand von Entrücktheit,
-in den er sie um so leichter versetzen konnte, wenn sie freudig erregt
-war. Aber ein zweites Selbst war in ihrem Schlummer verborgen, das ihm
-verschlossen war.
-
-
-
-
- Entscheidungen
-
-
-Arabella erwachte spät am Morgen und als sie ans Fenster trat, erblickte
-sie Konrad, der im Torbogen des gegenüberliegenden Hauses stand. Es war
-ein kalter, klarer Tag. Er hatte keinen Mantel und fror. Die Krawatte,
-die Vögelchen in der Rue de la Paix gekauft hatte, war ihm von
-Marguerite kunstgerecht um einen Kragen aus künstlicher Leinwand
-geschlungen worden. Vögelchen hatte ihn ja herbestellt, nun stand er
-wohl lange schon unten. Sie rief Camill und erfuhr, daß Adalbert
-ausgegangen sei und in einer Stunde wiederkehren würde. Da bat sie rasch
-Konrad heraufzuholen. In einem Morgenkleidchen, selbst ein wenig
-frierend, vor dem Kaminfeuer auf einem weißen Fell kauernd, empfing sie
-den Gequälten, Verfehmten. Er stürzte vor sie hin und küßte ihre Füße.
-Ein Zittern und Schluchzen ging durch seinen Körper. »Steh auf, ach,
-steh doch auf,« sagte sie voll leisem Erbarmen und fuhr ihm mit den
-kleinen, kalten Fingern durchs Haar. »Aller Qual Segen ist dieser
-Augenblick,« sagte er und stand vor ihr auf und sein Lächeln war
-Vergessen vieler Abgründe. Als sie zu sprechen begann und jene Frau
-nannte, Marguerite, tauchte deren Bild wie aus fernem Hades auf. Er
-wußte nicht mehr, daß er nachts in ihren Armen gelegen war, wie Arabella
-nichts von Adalberts Liebkosungen mehr wußte. Aber sie sah Konrad in der
-Ekstase, in die sie die Sehnsucht nach Givo versetzt hatte, und war gut
-zu ihm. Geld nehmen wollte er nicht, doch er versprach ab und zu von ihr
-ein Geschenk anzunehmen, einen warmen Mantel würde er nicht
-zurückweisen, wenn er bis zum Einbruch des Frostes nichts verdient
-hätte. Während er sprach, löffelte Vögelchen in ihrer Schokolade. Sie
-bot ihm feines Backwerk, zartes Fleisch an. Wiewohl er nicht
-gefrühstückt hatte, rührte er nichts an. Er trank nur ihren Blick,
-nährte sich nur von der Speise ihrer guten Worte. War nicht alles plump,
-leer und ihrer unwürdig, was er, der Erniedrigte, zu stammeln versuchte?
-»Was wird nun aus Ihnen, Herr Prediger? Sie müssen jemand haben, der
-Ihnen hilft,« sagte Arabella traurig. »Gehen Sie zu Frau von Twede, aber
-sagen Sie nichts von mir, kein Wort, hören Sie. Aber gehen Sie zu ihr,
-sie wird Ihnen Arbeit verschaffen. Nun müssen Sie gehen. Schreiben Sie
-mir dann.« Und sie stand auf, reichte ihm beide Hände und nickte noch
-von der Türe her. Sie eilte in ihr Zimmer zurück, um allein zu sein, so
-stark übermannte sie wieder der Gedanke an dies wunderbare Wiedersehen
-am Vorabend. Konrad sah ihr nach wie einem verlöschenden Stern.
-
-Nun geschah es, daß Adalbert krank wurde, kränker als er es bisher
-gewesen. Er lag matt und abgezehrt und Vögelchen saß an seinem Bett und
-hielt seine trockenen Fieberhände, aus denen ein unheimliches Feuer zu
-knistern schien. Er blickte auf sie wie auf das Leben, das ihm
-entflattern wollte. Sie liebte ihn so sehr in diesen Tagen, sie klagte
-sich an, daß die Krankheit über ihn gekommen sei, weil nicht ihm mehr
-ihr Gefühl zuströmen wollte wie bisher. Sie wußte, sie konnte es nicht
-wenden. Daß sie Givo wiedergesehen, war ihr wie eine Bestätigung, wie
-ein Wink von Gott, ihre Liebe wandle den rechten Weg und sei erhört.
-Aber konnte sie nicht kraft dieser Liebe Adalbert heilen und auch
-Konrads Hilfe sein, war sie nicht doppelt so stark jetzt?
-
-Zu dieser Zeit tauchte zum ersten Mal in Adalbert der Wunsch als Vorsatz
-auf Vögelchen wegzusperren, sie irgendwie zu verklostern. Er meinte nur
-so gesund werden zu können, wenn er Ruhe gewänne über sie. Sie nicht zu
-sehen schien ihm qualvoll, sie neben sich zu haben ohne sie besitzen zu
-können noch unerträglicher. Er wagte nicht mehr sie zu berühren. Angele
-von Twede, von Arabella herbeigerufen, besuchte ihn. Sie riet ihm, ans
-Meer zu reisen, auch sie würde gern für einige Zeit Paris verlassen.
-Gleichzeitig erhielt er einen Brief von Vögelchens Mutter. Sie forderte
-ihn auf Arabella unverzüglich in die Heimat zurückzubringen,
-widrigenfalls sie sein ungesetzliches Treiben zur Anzeige bringen wolle.
-Ein Pariser Advokat, dem offenbar die Angelegenheit übergeben worden
-war, sandte zu ihm und forderte Erklärungen über Einzelheiten seines
-Lebens und zeigte sich in erstaunlicher Weise unterrichtet. Mannsthal
-wies ihm die Tür, aber er war unruhig fortan. War es nicht genug, daß
-ihm seine Krankheit die Freude an Vögelchen verstörte! Alles schien sich
-gegen ihn zu verschwören. Er witterte Feinde im Hause, sah sich umstellt
-und ausgeforscht. Um dieser Mißlichkeiten Herr zu werden, mußte er zu
-Kräften kommen. Ortsveränderung war zur Gesundung geboten. Oft sandte er
-auch Vögelchen unter einem Vorwand aus dem Hause. Ihr Anblick schmerzte
-ihn. Er wußte, daß sie von Givo träumte und daß er ihr vielleicht ein
-Glück vernichtet hatte, ehe es zur Blüte kam. Dann war er dankbar, wenn
-Angele kam und die bösen Geister bannte. Und ein neues Abenteuer lockte:
-durch sie die Schwester jenes Gilbert an sich zu fesseln. Er sah nur
-Vorteile in einer Verbindung mit dieser sanften, vornehmen Frau, die
-nicht mehr brennen wollte wie Arabella und dennoch ein Glück in der
-Gemeinschaft mit dem Manne noch ersehnte. Herr von Twede war
-rücksichtvoll und feinfühlig, er hatte sie niemals verletzt, aber sie
-erfror neben ihm und wußte, es war Zeit sich zu entscheiden. Hier war
-ein Mensch mit außerordentlichen Gaben, von dunkler Vergangenheit
-belastet, von Anfechtungen verfolgt, ein Mann, den man retten konnte,
-wenn man sich selbst aufs Spiel setzte. Und sie hatte gespart, jetzt
-wollte sie von ihrem Reichtum geben. So waren sie denn bald einig, zu
-reisen. Was aber sollte mit Vögelchen geschehen? Angele war nicht
-verlegen. Sie würde Givo zu sich bitten, der wußte immer zu helfen, und
-Arabella selbst würde gern seinem Rate folgen. Sie erinnerte sich eines
-Heimes, von dem er ihr einmal gesprochen. Keine Sorge, Vögelchen würde
-ein Nestchen finden.
-
-Angele war Adalbert bald unentbehrlich. Ihre Nähe war Sänftigung aller
-Selbstqual und sie beherrschte den Gang der äußerlichen Täglichkeiten,
-denen Verwirrung drohte.
-
-Camill, der sich als Diener immer anständig gehalten hatte, begann zu
-trinken. Der französische Wein hatte es ihm angetan. Da auch sonst Paris
-mehr Gelegenheit zu Ausgaben bot und alles teuer bezahlt werden mußte,
-wurde ihm bald sein anständiger Gehalt zu knapp. Aber auch die
-Aufbesserung, die ihm sein Herr gewährte, reichte bald nicht mehr. Da er
-als Mitwisser von Mannsthals Geheimnissen nicht Sorge trug, von diesem
-angezeigt zu werden, begann er allerlei Unehrlichkeiten zu begehen, die
-sich schließlich zum frechen Diebstahl steigerten. Nach wie vor war er
-tadellos in Pflege und Bedienung, aber Adalbert hatte jegliches
-Vertrauen verloren. Er sah in dem Dieb schon den Erpresser, der
-bestochen worden war, um seine Beziehung zu Arabella auszuforschen.
-Eines Tages, als ihm der Zustand unerträglich geworden, bezahlte er ihm
-Lohn, Verpflegung und die Reisekosten in seine Heimat und entließ ihn
-ohne Aufklärung. Nun fehlte er überall. Angele sandte ihre Beschließerin
-und sie brachte einige Ordnung ins Haus. Die Abreise ans Meer aber wurde
-nun um so dringlicher.
-
-Während dieser Zeit hatte Givo Arabella ein einziges Mal gesehen, der
-Besuch seiner Mutter hatte ihn verhindert zu Angele zu kommen. Dies eine
-Mal hatte er sie in der Nähe des Observatoire getroffen. Er zweifelte,
-daß dies ein Zufall gewesen. Er war nicht allein und hatte sie nur
-flüchtig gesprochen. Sie möge doch ihr Versprechen erfüllen und die
-Sternwarte besuchen, er würde ihr bald schreiben. Aber er hatte bisher
-nicht geschrieben. Vögelchen wartete. Sie fragte in Bangen jede Stunde
-ab nach einer Botschaft. Ihm gegenüber war sie nicht das Kind, das
-blindlings seinem Triebe folgt. Sie erinnerte ihn nicht an seinen Brief,
-sie erschien nicht unaufgefordert, sie wartete. Durch Frau von Twede
-fühlte er sich an sein Versprechen gemahnt und sogleich empfand er Lust
-ihr zu schreiben. Er sah sie mit einem Mal hilflos allein, wie damals am
-Pont Neuf, Sehnsucht, sie zu beschützen, erfüllte ihn, Reue, daß er den
-Trost seines Briefes ihr vorenthalten. Er ging umher und hatte Vögelchen
-mit sich. Er wußte, wo er es bergen würde. Sie war die erste Heimatlose
-nicht, für die er Asyl Gloriot wählte. Immer war er von Wehmut und Liebe
-erfüllt, wenn er einen neuen Schützling der kleinen Anstalt empfahl, bei
-deren Gründung und Erhaltung er mittätig gewesen war. Das Asyl war dazu
-bestimmt, Kinder aus unglücklichen Lebensverhältnissen aufzunehmen. Da
-eine bestimmte Summe beim Eintritt bezahlt werden mußte, war die Anstalt
-nur den besitzenden Klassen zugänglich. Sie war auch in der Aufnahme der
-Zöglinge beschränkt, damit der Charakter eines Heimes gewahrt bliebe. Es
-wurden Kinder ohne Unterschied des Alters, auf jede Dauer und mit der
-Erlaubnis, immer wieder in das Asyl zurückkehren zu dürfen, aufgenommen.
-Givo, der die Erziehungsresultate des Asyls kannte, zögerte niemals, es
-zu empfehlen. Von anderen Pensionaten war es, abgesehen von den
-andersartigen Aufnahmebedingungen, durch den ihn leitenden Geist
-unterschieden. Wer das Asyl kennen wollte, mußte allerdings Cecile
-Gloriot kennen. Givo gedachte ihrer nie ohne Erhebung. Und dennoch, ihm
-ward weh ums Herz. Ausgestoßene, bedrohte Kinder waren es, die man ihr
-sandte, die sie durch ihre Mütterlichkeit errettete und erwärmte. Sollte
-auch dieses teure Mädchen den Stempel der Unglücklichen und Heimatlosen
-tragen? Fast hätte sie es überstanden, fast wäre sie heil und stark ins
-wache Leben getreten, sie war ja beinahe erwachsen, da lauerte der Dämon
-auf dem letzten Ende ihres kindlichen Weges und drohte sie zu
-überfallen. Denn mehr wußte Givo nicht, als daß Mannsthal nicht
-väterlich für sie empfand und daß die Mutter sie ihm vor Jahren
-überlassen hatte, so daß sie jetzt Vögelchen nur eine peinliche Fremde
-war. Nach kurzer Überlegung verstand er Angele. Sie und er sollten sich
-in die Arbeit teilen. Sie wollte den Mann, er sollte das Mädchen in
-seine Obhut nehmen. Wie aber sollte er es dem Mädchen sagen, dem zarten?
-War es nur Vorwand, wenn er ihr schrieb, daß er litte, sie im wirren,
-betörenden Paris so schlecht behütet zu finden, daß er sie gern bei
-einer mütterlichen Freundin wissen wollte? Nein, er fühlte wahrhaftig
-Besorgnis und eine Zärtlichkeit des Gedankens für sie, die er bisher nur
-bei den Begegnungen empfunden hatte. Gerne hätte er sie lebendig bei
-sich gehabt und warm in die Arme geschlossen, an seiner Brust geborgen.
-Zugleich aber fühlte er sich unwürdig vor ihr und seiner dunklen Wege
-bewußt. Er war in den Straßen umhergegangen, nun trat er in ein
-Restaurant; ließ sich Schreibzeug geben und begann seinen Brief, dessen
-Buchstaben an alte Schriftzeichen erinnerten:
-
-»Arabella, liebe Kleine, ich darf so sagen, darf Mademoiselle weglassen.
-Seele zu Seele sagt nicht Name und Würden. Wollen Sie in mein
-Sternenheim kommen, nein, das meine ist es nicht allein, ich teile es
-mit vielen Wißbegierigen und es ist großer Geister Stätte gewesen.
-Wollen Sie nun kommen? Oder sind Sie durch Monsieur Mannsthals
-Unpäßlichkeit ganz an ihn gefesselt? Sie sollten ihm raten ans Meer zu
-gehen. Die Wellen und Winde bringen große Botschaft, darin des Einzelnen
-Wehe ertrinkt. Er wird dort Gesundheit finden. Sie selbst aber sollten
-bei Frauen sein und unter gleichaltrigen Jungfrauen und unter Kindern.
-Ich wüßte sie gern geborgen bei meiner Freundin Cecile Gloriot, einer
-ausgezeichneten, liebreichen Frau, die Ihnen Ruhe und Freude geben wird.
-Ich werde Frau von Twede bitten bei Herrn Mannsthal Fürsprecherin dieses
-Planes zu sein. Was meinen Sie dazu, Seelchen? Ach ja, ein Seelchen sind
-Sie, aber unter Cecile Gloriots Sonne werden Sie Seele werden. Kommen
-Sie oder schreiben Sie mir Antwort. Ich bin Ihr treuer Diener
-
- Imanuel Givo.«
-
-Der Kellner stellte das Essen vor ihn hin. Er nahm sein schlichtes Mahl.
-Dann trug er selbst den Brief in Vögelchens Haus.
-
-Vögelchen erwartete Antwort von Konrad. Indessen kam Marguerite. Sie
-hätte ein Anliegen an das Fräulein. Ob man denn auch ungestört sprechen
-konnte. Arabella schloß die Tür ihres Zimmers und hieß sie Platz nehmen.
-Das Mädchen sah bei weitem besser aus in ihrem einfachen Straßenkleid
-als in dem grellen Schlafrock, in dem sie Vögelchen zum ersten Male
-gesehen. Es bat höflichst, die Belästigung zu entschuldigen und käme
-ohne Konrads Wissen. Der arme Junge sei zu stolz von dem Fräulein etwas
-anzunehmen, sie aber, Marguerite, wisse, woran es ihm fehle, und sie
-würde ihm gern das Nötige besorgen. Leider befinde er sich gar nicht
-wohl, seit dieser Deutsche zu ihnen käme. Es sei wohl der entlassene
-Diener. Sie wolle dem Fräulein durch diese Mitteilung ihre Ergebenheit
-beweisen. Der Diener spreche gemeine Dinge über sie und verleite Konrad
-zum Trunke. Sie hätte nun Aussicht einen kleinen Laden zu übernehmen und
-würde Konrad bei sich anstellen, wenn das Fräulein ein wenig beisteuern
-wollte, das würde ihn auch dem schlechten Einfluß dieses Custove
-entziehen, der überdies Konrad von ihr trennen wollte, um ungestört ihn
-zu Schlechtigkeiten zu verleiten, für die sie nicht zu haben wäre. Die
-beiden hätten auch beschlossen das Fräulein zu entführen. Vögelchen war
-es, als würge sie etwas am Halse. Sie ging zu ihrem Schrank, nahm etwas
-Geld. »Das ist alles, was ich habe.« »Besten Dank,« sagte Marguerite,
-ein wenig kühl. »Ich bin selbst arm,« sagte Vögelchen, das Wenige
-entschuldigend. »Oh, Sie und arm; wenn man einen älteren Mann hat, der
-reich ist, ist man nicht arm. Ob sie sich denn nichts für später
-zurücklege -- es sei kein Verlaß auf die Männer --« Vögelchen
-schauderte. Sie verstand nicht den vollen Sinn dieser Worte, aber etwas
-Häßliches kroch an sie heran, das ihr Leben verunstalten wollte. »Bitte,
-gehen Sie jetzt,« sagte sie. »Mein Verwandter kann mich jeden Augenblick
-rufen. Ich möchte nicht, daß er sie sieht. Sagen Sie Konrad, ich hätte
-ihm geraten zu einer Dame zu gehen. Ist er nicht dort gewesen?«
-
-»Nein, er traf sie nicht an, er will nicht lästig fallen.«
-
-»Mich aber will er überfallen und davonschleppen. Oh, gehen Sie, ich
-will allein sein, will nichts mehr wissen von ihm.«
-
-Sie setzte sich hin und weinte. Sie weinte ihr Leid um Va, um ihre
-Kindheit, um Konrad und sie weinte um Givo, von dem sie sich vergessen
-glaubte. Sie fürchtete sich. Sie war sehend geworden ohne wissend zu
-sein. Sie litt in dumpfer Anklage. An den folgenden Tagen saß sie fast
-immer bei Mannsthal. Es war besser bei ihm zu sein, da schwieg der Groll
-gegen ihn. Und hier konnte keiner sie fortreißen, wenn auch Va zu
-schwach war sie zu schützen. Sein Wille bannte die Bedrohung von innen
-und außen. Wäre nicht Angele aus- und eingegangen mit leise
-schlichtendem Walten, im Hause und an Adalberts Liegestätte verweilend,
-hätte Vögelchen sich unentbehrlich gefühlt und daraus wieder Kraft
-gewonnen. So aber war sie auch vor sich selbst nur ein bleicher Schatten
-von dem, was sie noch in den ersten Tagen des Versailler Aufenthaltes
-gewesen. Sie schlief nicht und ging wenig aus. Seitdem sie sich vor
-Konrads und Camills Anschlag fürchtete und diese Furcht in sich
-verschloß, aß sie auch nur notdürftig mehr. Angele fütterte sie wie ein
-Hühnchen. Givos Brief kam, als ihr Angst und Sehnsucht die Kräfte zu
-erschöpfen drohten. Sie las den Brief, las ihn abermals, sann vor sich
-hin, drückte ihn ans Herz. Wie ein Gebet war ihr Dank. Ja, sie wollte
-alles, was er wollte. Er war ja ihr Schutzgeist. Oh, daß sie zu ihm
-durfte, endlich! Leise schlich sie in Adalberts Zimmer. Es war zehn Uhr
-abends, er schlief. Rasch warf sie über das weißwollene Hauskleid den
-Pelz, schlang einen Schal aus spanischer Spitze um ihr Haar und eilte in
-die nächtlichen Straßen hinab. Konrad, der vor dem Hause gestanden war,
-folgte ihr. Die Straße war einsam, sie hörte Schritte hinter sich, sie
-fühlte im Rücken, daß sie verfolgt wurde. Sie wagte nicht sich
-umzuwenden. War es einer, waren es beide, er und Custove? Konnte sie
-rascher sein als ihre Feinde? Wohin fliehen? Alle Haustore waren
-verschlossen. Zu ihm, zu ihm! Nun brach Licht vom Boulevard des
-Invalides, nun kamen Menschen, Lokale leuchteten auf, aus denen Lärm
-drang. Vielleicht war der Verfolger jetzt dicht hinter ihr. Mit letzter
-Kraft rief sie einen Droschkenkutscher an. Ein Wagen hielt:
-»Observatoire«, hauchte sie. Sie war geborgen!
-
-Givo war nicht da. Möglich, daß er noch käme. Man führte sie in einen
-Saal nächst der Kuppel. Im Halbdunkel saß sie, schauernd vor Angst noch
-und Erwartung. Sie wartete. Es war kühl, sie hüllte sich dicht in ihren
-Mantel. So schlief sie ein. Gegen Mitternacht kam Imanuel. Der
-diensthabende Diener war gegangen, der ihn ablösende wußte nichts von
-des jungen Fräuleins Anwesenheit. Givo setzte sich an seinen
-Schreibtisch und sah die Abendpost durch. Dann ging er auf und ab, wie
-er bei vorbereitender Arbeit zu tun pflegte. Auf einer dieser
-Wanderungen kam er hinaus in die Halle bis zu der Bank, die von dem
-Fundament eines eingebauten Fernrohres beschattet war. Da sah er die
-Schlafende. Ihr Kopf war zur Schulter herabgesunken, die Wimpern
-dunkelten über die bleichen Wangen, die Hände lagen hilflos still und
-wehrlos gefaltet über den Knieen, die Haare hatten sich ein wenig gelöst
-und quollen aus den Spitzen auf den Pelz des Mantels. Ihr Atem ging
-ruhig und friedvoll wie der eines müden Kindes, das traumlos
-eingeschlummert ist. So war sie denn ohne Säumen gekommen und hatte,
-seiner wartend, ihre kindliche Schlafensstunde eingehalten! Er rührte
-sich nicht, er atmete leiser, er stand vor ihr und mühte sich nur ganz
-sacht sie zu betrachten, daß auch sein Blick nicht ihren Schlaf unsanft
-berühre. Sehr müde mußte sie sein! Die Lippen waren wie im Schmerz
-herabgebogen. Wie gern hätte er im Kuß ihre bange Starrheit gelöst.
-Ärgerlich über eine Störung fuhr er auf. Ein Knirschen deutete an, daß
-die große Kuppel aufgerollt wurde. Es war Mitternacht und die Wende, wo
-man die Novemberschwärme suchte. Mit dem bestirnten Blau der Nacht
-schwebte vielstimmiges Glockenläuten in den Raum. Die Kirchtürme von
-Paris sandten am lautesten und klarsten den nächtlichen Arbeitern der
-Sternwarte ihre tönenden Grüße. Givo kannte sie alle, dies war die
-Stimme der Jacqueline Montague, der Glocke von Notre Dame, deren Tore
-sein astronomischer Ahne Dupuis vor der Verwüstung der Revolution
-beschützt, da war der ein wenig heisere Klang von Julien le Pauvre, der
-wie der Ruf eines alten Mannes war, das helle kindliche Läuten wohl von
-St. Gervais, die schallenden Rufe der Madeleine, dann ein banges,
-mahnendes Klingen von weither. Er wußte, jetzt kam dieses und nun tönten
-jene beiden zusammen und dann wie eine, die sich verspätet hat, lief aus
-der Ferne noch wie in zärtlicher Sorge eine feine Glockenstimme daher,
-die er Cecile nannte. Dann kam die Stille der Nacht, die Lichter der
-Stadt funkelten wie ängstlich, die roten Laternen der kleinen
-Seinedampfer erloschen, das Raunen von Paris erstarb, auch die ewig
-wache Stadt schien mählich zu schlafen. Nun aber gingen Türen, eine
-Zimmerglocke läutete. Hier war man wach zur Arbeit. Arabella schlug die
-Augen auf. Givo trat rasch zur Seite. Sie sollte nicht erschrecken,
-sollte sich nicht im wehrlosen Schlaf Blicken preisgegeben fühlen, doch
-sollte sie ihn gleich bemerken, damit sie in fremder Umgebung nicht
-erschrecke. Als er sich wandte, saß sie aufrecht und blickte ihn an. Er
-erinnerte sich später immer wieder dieses Ausdruckes ihrer Augen. Er
-schien aus Meertiefen zu kommen, der feuchte Glanz unendlich dunkelnder
-Tiefe und die unbewußte gefährliche Schönheit einer rätselvollen Welt
-war in ihm eingefangen wie in einem einsamen Teich, der Nixen und
-vorzeitliche Tiere spiegelte.
-
-»Haben Sie Hunger?« fragte er und lächelte ihr zu. Er wollte sie
-freundlich in die Wirklichkeit zurückrufen.
-
-»Ich habe geschlafen,« sagte sie. »Ich bin ein wenig müde gewesen all
-die Zeit, das war wohl der Grund. Ich lief so sehr, man verfolgte mich«
--- nun war die Furcht wieder da, aber ebenso rasch schwand sie. Lächelnd
-streckte sie ihm die Hand entgegen, die er mit beiden Händen ergriff.
-
-»Hier verfolgt Sie niemand, Seelchen,« sagte er.
-
-»Wie schön es hier ist, welch schöne bestirnte Decke. Oh, ich habe die
-Sterne so lieb. Man wird so arm in der Stadt. Auf dem Lande da haben
-auch die ganz armen Leute die schönen Dinge.«
-
-»Cecile Gloriot hat einen großen Garten und dort werden Sie geborgen
-sein. Niemand wird Sie verfolgen. Kein häßlicher Brief darf dort zu
-Ihnen.«
-
-»Und Sie, werden Sie mir schreiben?«
-
-»Ich werde Ihnen schreiben und werde Sie besuchen.«
-
-»Sie schrieben so lange nicht.«
-
-»Ja, das ist nun vorbei. Von nun an werde ich häufig schreiben und, wenn
-dann einmal eine Pause eintritt, werden Sie wissen, er denkt doch an
-mich, der Herr Sterngucker. Wollen Sie einmal durch das große Fernrohr
-sehen? Es ist nur neun Meter lang und reicht bis in den Himmel.«
-
-Er führte sie im Gebäude umher, erklärte ihr Apparate und Pläne.
-Plötzlich hielt er inne. »Nun haben Sie mir meine erste Frage noch immer
-nicht beantwortet. Haben Sie Hunger?«
-
-Sie nickte.
-
-»Kommen Sie. Ein wenig Zwieback ist vorhanden, einige Krumen für ein
-Vögelchen.«
-
-»Wissen Sie, wer auch sehr, sehr gut ist?« sagte sie. »Urbacher und
-Karinski.« Und sie erzählte ihm von den beiden, während sie mit ihren
-länglichen schmalen Zähnen am Zwieback knabberte. »Glauben Sie, daß Va
-mich zu Ihrer Freundin fahren läßt? Ach nein! Und was wird dann aus
-mir?« Sie berichtete ihm all das, was Marguerite ihr gesagt. Von Konrad
-mußte sie ausführlich erzählen. Givo schrieb, während sie von ihm
-sprach, auf einen kleinen Block einige Worte nieder. Als er genug wußte
-und Arabella sich blaß gesprochen hatte, sagte er: »Ach, das Seelchen
-ist schon müde. Ich bringe es nach Hause.« Sie gingen in die Stadt
-hinaus. Die Straßenlaternen waren verloschen, leer glänzte der Asphalt
-wie ein grüner See. Schwerpolternd kamen ab und zu die breiten
-Gemüsewagen angefahren, die zu den Hallen rollten; ein scharfer Duft von
-Kräutern mengte sich plötzlich in die Nachtluft. Vor den Cafes standen
-umgestürzt die Sessel an den Marmortischen, manchmal umschlich sie eine
-müde Gestalt und stocherte mit einer Gabel nach Tabakresten. An den
-geschlossenen Kiosken lehnten Dirnen in leisem Gespräch und duckten sich
-in ihren Schatten, wenn der Schutzmann vorüberkam. Aus einer Nebengasse
-schrillten plötzlich Pfiffe, eine Gestalt lief quer über den Damm, dann
-ward es wieder still und sie hörten ihr eigenes Schreiten. Er wollte in
-einem Wagen sie rascher zur Ruhe bringen, vielleicht auch erwartete man
-sie. Es kam keiner. Ihr war es um so lieber. Wäre der Weg nur länger
-noch gewesen! Es ward nun ausgemacht, daß er mit Mannsthal sprechen
-würde, nachdem Angele von Twede ihn vorbereitet, und daß er dann selbst
-sie zu Cecile Gloriot bringen würde, die er lange nicht gesehen. Als sie
-bei ihrem Haustor angelangt waren und er schon die übliche Aufforderung
-an den Portier zur Öffnung des Tores hatte ergehen lassen, ergriff
-Vögelchen seine Hand, zog ihn heftig näher und rascher, als er es wehren
-konnte, drückte sie einen heißen Kuß auf seinen Mund. Dann verschwand
-sie mit leuchtendem Blick, ihn noch einmal umfassend, in der Dunkelheit
-des Flures.
-
-
-
-
- Konrad an Hedwig
-
-
- »Wenn Du nicht Mensch mehr
- bist und Dich verleugnet
- hast,
- So ist Gott selber Mensch
- und traget Deine Last.«
-
- (Angelus Silesius.)
-
-Zwei Wochen nach diesem Abend etwa schrieb Konrad an Hedwig:
-
-»Liebe Schwester, als ein anderer Mensch schreibe ich Dir heute als der
-alte vielleicht. Ich habe reine Wäsche, ich trage ordentliche Kleider,
-ich verdiene vorläufig durch Abschriften wissenschaftlicher Arbeiten
-Frühstück, Abendessen und Wohnung. Den Mittagstisch habe ich frei. Ja,
-der Mittagstisch, so begann es. Ich bekam vor zehn Tagen die
-Aufforderung, mich um zwölf Uhr bei Frau Calou, rue de quatre Portes,
-zum Speisen einzufinden. Wenn der Magen leer ist, besinnt man sich nicht
-lange, auch eine fast anonyme Einladung anzunehmen. Ich fand einen
-kleinen Saal, in dessen Mitte eine sauber und schlicht gedeckte Tafel
-wie in einem privaten Speisehaus seine Gäste erwartete. Nebenan war ein
-Arbeitszimmerchen. An einem Schreibtisch saß inmitten von Rechnungen und
-Briefen Frau Calou, eine grauhaarige Vierzigerin mit derben Zügen und
-den lebhaftesten, gütigsten Augen, die ich jemals sah. Die Art, mit der
-sie mich aufnahm, war die eines Untersuchungsrichters. »Ihr Fall wurde
-mir von einem Mitglied des »Sozialen Dienstes« gemeldet, die Recherchen
-wurden heute beendigt.« Und nun rollte sie mein Leben auf, mein
-erbärmliches Leben. »Wollen Sie wieder ein anständiger Mensch werden?«
-fragte sie. »Ja,« sage ich. »Dann ist unser Geschäft gemacht,« ruft sie
-aus. »Sie finden sich täglich um halb ein Uhr hier zum Mittagstisch ein,
-Sie wählen ein Zimmer bei einer der vorgeschriebenen Vermieterinnen, Sie
-übernehmen vorläufig Schreibarbeiten für M. Tallandre vom Observatoire,
-der aus einem ziemlich unleserlichen Manuskript eine anständige
-Abschrift wünscht. Diese Arbeit wird Sie einen Monat in Anspruch nehmen,
-wobei Sie Ihre Privatstudien verfolgen können. Sie erhalten täglich zwei
-Francs von M. Tallandre, dem Sie Ihre Arbeit wöchentlich abzuliefern
-haben, weitere drei Francs von einem unbekannten Wohltäter, von denen
-ich 1 Francs für Ihre Bekleidung, die ich besorge, zurückbehalte. Nach
-der Schreibarbeit werden Ihnen, falls Sie diese anständig verrichtet
-haben, neue Wege offen stehen. Jedenfalls ist zwei Monate lang für Sie
-gesorgt. Die Recherchen bleiben aufrecht. Wenn man Sie wieder mit dem
-Trunkenbold antrifft, verlieren Sie alle Begünstigungen, desgleichen
-wenn Sie die Wege jenes Mädchens aus Ihrer Heimat kreuzen. Gegen Ihre
-Beziehung zu der Aupin ist nichts einzuwenden, wenn Sie dort nicht
-anders verkehren als irgend einer ihrer anderen Kunden. Sie sehen, wir
-sind nicht strenge. Aber wir sind rachsüchtig. Verfallen Sie in Ihre
-vormalige Lebensweise, so verfolgen wir Sie und erwirken, daß Sie
-bestraft oder in Ihre Heimat abgeschoben werden. Sie sind uns verfallen.
-Nun blicken Sie nicht so düster. Ich hoffe, dieser Blick gilt Ihrer
-Vergangenheit, nicht der Zukunft, die wir Ihnen ebnen wollen. Und nun
-gehen Sie in den Eßsaal und guten Appetit. Man lärmt schon drinnen.
-Unsere Schützlinge versammeln sich. Es ist hier nicht Sitte, daß einer
-dem anderen von seinem Schicksal erzählt. Wir haben hier lediglich
-Hungrige, Schwächliche des Lebenskampfes, Rekonvaleszente, Entgleiste.
-Niemals war ein Fall hoffnungslos, den wir behandelt haben. Aber wir
-wollen durch schlechte Beispiele und Depressionen nicht unsere Arbeit
-erschwert finden. Deshalb fordern wir Diskretion. Auf Wiedersehen bei
-Tisch.« Dies alles war trotz aller Schroffheit so gütig vorgebracht. Ich
-drehte meinen Hut in der Hand wie ein Bettler, der aus Rührung und
-Beschämung keine Worte des Dankes findet. Man schob mir noch ein
-Zettelchen hin, auf dem Adressen von Wohnungen standen, unter denen ich
-zu wählen hatte. Dann stand ich in dem Saal. Es waren etwa
-fünfundzwanzig Menschen da, Frauen, Mädchen, Studenten, ein alter Mann,
-zwei Kinder. Ein Mädchen hatte einen dreijährigen Jungen neben sich
-sitzen, mit ernstem ältlichen Gesicht, er war musterhaft brav, benahm
-sich wie ein Erwachsener. Er glich ihr, offenbar war es ihr Kind. Ich
-mußte an Deinen Jungen denken, Hedwig, und an Deine bösen bangen Zeiten,
-in denen Dir nicht geholfen ward wie dieser dort. Und daß Du allein bist
-und unbeschützt, will ich an ihr gut machen, damit auch Dir geholfen
-werde. Seither sind wir einander nähergekommen, haben vergangenen
-Sonntag einen Ausflug miteinander gemacht. Der Kleine hat sich sehr an
-mich angeschlossen. Er sitzt nun neben mir bei Tische. Frau Calou
-präsidiert der Tafel. An jenem ersten Tage fand ich bereits meinen Namen
-an einem der Plätze neben einer Frau Lövgard (einer Übersetzerin, die
-mir riet, meinem Gelehrten anzutragen die Arbeit von mir ins Deutsche
-übertragen zu lassen, was ich denn auch mit Erfolg vortrug). Mein
-zweiter Nachbar war ein Mediziner, der über die Schädlichkeit des
-übermäßigen Alkoholgenusses kürzlich eine preisgekrönte Abhandlung
-schrieb. Ich vermute, daß er selbst Trinker war. Nach dem Essen werden
-des Sonntags kurze Vorträge veranstaltet. Auch ich werde sprechen über
-ein historisch-theologisches Thema.
-
-Marguerite machte eine »Szene«. Sie verstieß mich, aber tagsdarauf paßte
-sie mir auf und fragte mich, wie ich mit der neuen Wohnung zufrieden
-sei. Ich war und bin es durchaus. Wir verabredeten ein Wiedersehen, sie
-hielt es nicht ein. Schließlich bin ich wieder unter einem Vorwand zu
-ihr gegangen. Ich habe mit Frau Calou über sie gesprochen, aber sie
-sagte, daß solche Fälle immer hoffnunglos seien. Sie erzählte mir, daß
-Marguerite bei Ariel gewesen und Geld für mich erpreßt habe. Von dem
-Geld habe ich nichts bekommen. Mein armer Ariel, er ist fort. Ich weiß
-nicht wohin. Ich habe ihn vertrieben, ich käufliches Untier. Aber
-erreicht ist es doch: ich habe sie von dem Verführer getrennt, meine
-Mission ist erfüllt, ihre Mutter hat mich nicht umsonst bezahlt. Ein
-neues Leben kann beginnen. Und Du, Hedwig, die ich anfülle randvoll mit
-meinen Schicksalen, sag' auch Du mir Deine Mühsale. Deinen Briefen danke
-ich es, daß ich in diesem Schlamm nicht völlig erstickte und meiner
-Rettung aufgespart blieb. Ich küsse Deine Dulderhände und bin in Treue
-Dein
-
- Bruder Konrad, der Narr.
-
-_P. S._ Finde Zeit zu Doktor Urbacher zu gehen und ihm von Arabella zu
-erzählen. Es könnte vorteilhaft sein diese Verbindung anzuknüpfen.«
-
-
-
-
- Asyl Gloriot
-
-
-Der erste Frühschnee lag wie ein Flor auf den alten Bäumen, die den
-großen Bauernhof umstanden, den Cecile Gloriot zu einem ihren Zwecken
-aufs beste entsprechenden Wohnhaus umgewandelt hatte. In der Diele
-brannten schon im großen Steinkamin die wohlriechenden Holzscheite. Es
-war halb zwölf Uhr. Anna Bergmann, Ceciles Stellvertreterin, eine
-hellblonde Deutsche, saß vor einem Wäschekorb, der mit Nüssen angefüllt
-war. Fräulein Anna erzählte selbsterdachte Märchen.
-
-Cecile Gloriot war in die nahe Stadt gefahren, um Einkäufe zu erledigen.
-Ihre Post lag auf dem Tisch bereit, der unter der Stiege, die zu den
-Schlafräumen führte, an dem blumenbesetzten Fenster mit den weißen
-Mullvorhängen stand. Man erwartete Tante Cecile für den Nachmittag.
-
-Eine hellklingende Glocke rief um zwölf Uhr alle Bewohner zu Tische. Ein
-Säugling und ein Zweijähriges blieben mit der Amme auf dem Zimmer. Vor
-dem Essen mußte immer ein anderes Kind ein paar selbstgewählte
-Dankesworte an Stelle eines Tischgebetes sagen. Heute war die Reihe an
-Gil Colombe. Sie stand auf, lächelte zuerst zu Fräulein Anna hin, die
-heute an der Spitze der Tafel saß, und sagte dann: »Wir freuen uns schon
-auf das gute Essen und denken an alle armen Kinder, die nichts haben.«
-Kathlin, die Rothaarige, stieß sie an. Nini blieb eine Weile noch stehen
-und wehrte sich gegen Kathlins Einflüsterung. Aber sie blieb die
-Schwächere und sprudelte noch hervor: »Und wir hoffen alle, daß Tante
-Cecile auch ein gutes Mittagessen hat und recht gute Sachen aus der
-Stadt mitbringt.« Nini sah stolz umher und viele Bravos beglückwünschten
-sie. Gil, ihr jüngeres Schwesterchen aber, die sie abgöttisch liebte und
-ihren neunjährigen Geist maßlos bewunderte, war ganz blaß vor Staunen
-über Ninis Kühnheit. Die Kinder setzten alle einen Stolz darein, ein
-möglichst originelles Tischgebet zu sprechen, aber Witze waren verboten.
-Nun, dieser ging durch. Fräulein Anna lächelte sogar. Gaston hatte
-einmal gesagt: »Komm, Herr Jesus, und sei unser Geist und segne unsere
-Creme und Tante Cecile dazu.« Und Philipp, der schon galant war, hatte
-gerufen: »Und lasse auch Taute Anna nicht leer ausgehen.« Helene aber
-hatte gebetet. »Hab' Dank, lieber Gott, für Speis' und Trank und bescher
-sie mir mein Leben lang. Und schenke Tante Anna einen Bräutigam und mir
-auch einen.« Es dauerte auch nicht lange und Tante Anna hatte einen. Er
-hieß Felix Blanc, war leitender Arzt des städtischen Spitals, ein junger
-Gelehrter, der im Asyl Gloriot erschien, wenn einer seiner Schützlinge
-erkrankte. Er hatte Anna lieben gelernt, als er sie Kathlin Drew während
-einer langwierigen Krankheit aufopfernd pflegen sah. Als das Verlöbnis
-geschlossen ward, meinte lächelnd die ernste Clothilde, Helenens Wunsch
-habe geholfen. Doktor Blanc erfuhr überdies, daß die kleine
-Wunschträgerin in Anna nach der Art kleiner Mädchen verliebt sei, und
-dies sicherte Helene sein besonderes Interesse. Er fand sie blaß und
-über Gebühr müde und reizbar. Bald glaubte er mit Hilfe Annas die
-Ursache zu kennen. Helene war aufrichtig. Sie gestand ihr kleines Laster
-und versprach Besserung. Aber sie war nun oft von Schwermut befallen,
-weil Anna nicht mehr ihr gehörte. Sie sehnte sich nach einem sicheren
-Besitz. Bald sollte ihre Sehnsucht Erhörung finden.
-
-An dem Tage nun, da Cecile Gloriot erwartet wurde, übte Anna mit den
-Kleinen die Lieder, die Clothilde und Helene mit ihrer Hilfe gedichtet
-und Cecile vertont hatte. Die kleine Gil war gerade dabei, mit ihrem
-zarten Stimmchen als Nixenbaby, mit einem Schilfkranz um das Köpfchen,
-ihre Ansprache an Helene, die Nixenmutter, zu halten, als man draußen
-Cecile Gloriot vorfahren hörte. Gleich hatte der Mummenschanz ein Ende,
-alles drängte Tante Cecile entgegen. Seltsam, sie sah selbst aus wie ein
-Kind, ein zartes Mädchen, das Schutzes bedurfte, obwohl ihre Haare grau
-waren. Aber hinter dieser Zartheit verbarg sich eine eiserne Tüchtigkeit
-und eine unversiegbare Hilfsbereitschaft. Ihre Stimme war tief und
-klangvoll, als käme sie aus einem anderen Körper. Ihr entsprachen
-Haltung und Geste. Die Augen aber, die stahlgrauen, schwarzgeränderten,
-waren ein Wunder von Innigkeit und sanftem tiefen Wissen für alles, was
-sie sah und ahnte. Niemals ratlos, doch stets bereit Rat zu empfangen,
-schien sie nichts zu bedürfen und nahm dankbar an. Sie erwarb jedermanns
-Zutrauen, weil geheime Brücken von ihrem Herzen zu dem der anderen
-führten. Wie Givo hatte sie nur einen Ausweg gehabt, ihr Allwissen über
-die Menschen und ihre geheimsten Instinkte und seelischen Schicksale in
-werktätige Liebe zu verwandeln. Das Wissen hätte sie zum Wahnsinn
-getrieben, die Verachtung gewürgt, der Ekel beschmutzt, hätten sie nicht
-Weisheit, Gerechtigkeit, Liebe das Mitleben gelehrt. Sie wußte, daß es
-nichts Verläßlicheres gab, nichts, was die vernichtenden Grausamkeiten
-der Natur und Unnatur, nichts, was die Verzweiflung und den Wahn, der
-hinter allem triebhaften Geschehen, hinter aller Raserei der Selbstsucht
-lauerte, beschwichtigen konnte, als Demut und Liebe und der
-allumfassende Blick der Erkenntnis. Aber sie wußte von all dem nichts
-mehr. Die Motive ihres Wirkens hatte sie vergessen oder wollte sie auf
-immer vergessen haben.
-
-Cecile und Anna schritten der Diele zu. Anna berichtete über kleine
-Vorfälle. »Ja, danke, nun geh aber und ruh' dich aus.«
-
-»Nein, du wirst müder sein, Cecile.«
-
-»Niemals, du weißt es. Sehen wir noch die Post zusammen durch.«
-
-Ein Stoß Briefe. Cecile stand in brieflichem Verkehr mit allen
-Schützlingen, die das Asyl verlassen hatten und deren Asyl die Briefe
-Ceciles geblieben waren. Sie hatte überdies viele Freunde, Gelehrte,
-Künstler, Arme, Kranke. »Von Givo!« rief sie nun und vor allen anderen
-öffnete sie seinen Brief. »Endlich wieder einmal.« Sie las: »Liebe
-Celia, so lange schwieg ich, aber Du weißt, daß ich in Gedanken Dir
-nicht schweige. Wie oft entbehre ich eine Aussprache mit Dir. Jetzt war
-meine Mutter da. Es war der alte Kampf auf beiden Seiten, jeder wollte
-dem anderen verbergen, wie unmöglich es ist des anderen Wünsche mit den
-eigenen zu vereinen. Ich soll in ihre zweite Heimat, nach Deutschland
-zurück, dort nach unserer Sitte ein Mädchen unserer Sippen heiraten und
-sie zur Großmutter machen. Ich hingegen wünschte, sie richtete sich in
-Paris ein für mehrere Monate des Jahres. Aber sie liebt Paris nicht,
-weil sie nicht durch innere Arbeit imstande ist, den vielen Tand, die
-große Geste des Kleinen zu übersehen und zum Menschlichen zu gelangen,
-das dort am stärksten sich zur Wirkung bietet, wo es am freiesten und
-dichtesten gemengt seiner eigenen Tragik zu unterliegen droht. Daß
-gerade dieser vorletzte Augenblick der Drohung mein Augenblick (und auch
-der Deine, Celia) ist, das kann sie nicht, will sie nicht miterleben,
-dazu ist sie zu untadelhaft, zu kühl, zu sehr von einem starken Gatten
-gefestigt gewesen, um diese Niedergänge so rasch zu fassen, als er
-nötig, denn ihre Strenge würde sie immer zu spät kommen lassen. Bis ihre
-Einsicht sie überwunden hätte, wäre alles verloren. Sie würde mich
-hemmen, weil sie zu wach ist und doch nicht überwach, hellsichtig wie Du
-etwa. Aber sie ist nicht weise genug, um wach sein zu dürfen. Wie wenig
-Frauen sind es auch noch außerhalb ihrer utilitaristischen Duldsamkeit!
-Es gibt keine Cecile Gloriots und wenige, die ihr nur nahe kommen. Oh,
-wie menschlich wertvoll ist sie aber dennoch, meine Mutter, wie klar und
-rein, daß ich erschauere über diese Möglichkeit. Ich werde ihren Willen
-erfüllen, wenn sie älter ist, ich bin es ihr schuldig, Kinder zu haben
-und die Regeln der Väter, denen ich so viel verdanke, zu erfüllen. Aber
-noch kann ich es nicht. Es ist genug geopfert schon heute, daß ich diese
-vorgebaute Zukunft weiß. Ich wage nicht ein weibliches Wesen an mich zu
-binden und liebte es mich noch so selbstlos, weil ich weiß, daß meine
-Mutter für mich wählen wird eine in unseren Regeln Aufgewachsene, die
-jung und seltsam aus Frauengemächern zu mir kommen wird. Oder ist es
-Gleichgültigkeit gegen das Einzelne. So ist mir alles mit Frauen
-episodenhaft und oft doch schmerzlich, um so süßer auch. Ich bringe Dir
-ein Mädchen, das so recht Deines Asyls bedürftig ist. Vielleicht ist es
-auch gut, daß es nicht in meiner Nähe bleibt. Auch ich könnte ihr
-gefährlich sein, der Gefährdeten. Ihr Fall erinnert flüchtig an den von
-Kathlin Drew, deren verwitwete Mutter von ihrem Stiefvater in Liebe
-verfolgt wurde, bis sie sich ihm ergab, nur daß die Verfolgte, die
-willig Verfolgte, diesmal Dein Schützling selbst, ein halbes Kind ist,
-das bei Dir geborgen werden soll, um seiner selbst und des Vaters
-willen. Es ist ein zartes, nicht einzuordnendes Wesen. Ich nenne es
-Seelchen, weil es noch sehr triebhaft ist, und ich versprach ihr, daß Du
-aus dem Seelchen eine Seele wecken würdest. In vielem wirst Du sie
-wissend finden wie eine Lebenserfahrene, die in Höhen und Tiefen
-geblickt, aber sie hat keinen Ausdruck dafür, nur ein ungereimtes
-Einahnen und Austräumen. In ihrer Bildung ist sie der Form nach durch
-geistige und reflektierende Umgebung reif, aber sie hat viele Lücken im
-Lapidarsten. Du wirst gut tun sie sehr ernst zu nehmen, ihr
-Verantwortungen zu geben, etwa die Aufsicht einer Angefochtenen. Sie ist
-sehr stark. Zarte, engelhafte Wesen sind das zuweilen, Celia! Angele von
-Twede grüßt Dich. Sie versucht den Vater über die Trennung zu trösten.
-Ich fürchte, es wird ihr nur gelingen, wenn sie, wie nie bisher, Heilige
-Elisabeth ist und statt Brotes sich selbst verschenkt. Du verstehst den
-Fall, Celia? -- Ich bringe Dir das Kind in den allernächsten Tagen und
-bin glücklich, Dich zu sehen, Du Liebe.
-
- Treulichst Dein Freund
- Imanuel.«
-
-Cecile Gloriot hielt den Brief zwischen den schmalen, sehnigen Fingern
-und blickte wie träumend zum Fenster hinaus. »Ruf doch Gil herein, sie
-läuft draußen ohne Umhülle herum,« sagte sie ablenkend. Als Anna
-zurückkam, lächelte sie wie ein Kind, das sich freut. »Givo kommt heute
-oder morgen und bringt ein Mädchen, einen neuen Schützling mit. Wir
-wollen für ihn das große Mansardenzimmer zurecht machen und das Haus mit
-den Glashauspflanzen schmücken. Das Mädchen bekommt das Alkovenzimmer
-mit Helene.« Cecile ging auf ihr Zimmer. Sie las nochmals Givos Brief.
-»Seine Mutter tut unrecht,« sagte sie sich. »Er wird auch seine Frau
-einmal nur als eine Episode behandeln. Er wird jede Treue verlernen und
-sich an das Naschen gewöhnen, das den Charakter verdirbt und Unglück im
-Leben des anderen anrichtet. Er wird niemals zur Ruhe kommen mit den
-Frauen. Ich muß ihn warnen. Und mein neuer Schützling? Möge es mir
-gelingen an ihm Gutes zu tun!«
-
-Abends um halb sieben Uhr hielt Celia Andachtstunde in ihrem
-Bücherzimmer. Vor den breiten Fenstern flimmerte ein leiser Schnee. Es
-war ganz still im Raum. Zehn kindliche Augenpaare hafteten an Celias
-Lippen. Sie begann: »Helene hat mir berichtet, daß sie mit Kathlin
-Streit hatte. Ich will gar nicht untersuchen, wer recht hatte, denn es
-ist fast ebenso bedrückend recht zu behalten als schuldig zu sein. Es
-gelüstet uns ja oft dem anderen zu widersprechen, denn jeder Mensch ist
-einzigartig und hat seine einzigartigen Gedanken, wenn er auf
-rechtschaffene Art denkt und nicht seine Denkungsweise vom anderen
-borgt. Oder wir wünschen etwas, das der andere nicht wünschen kann. Da
-ist es uns geboten zu fragen, nicht einmal nur zu fragen: Ist mir denn
-der eigene Wunsch, der eigene Widerspruch wichtig genug, daß ich den
-anderen betrübe. Und wenn etwas in uns mehrmals antwortet: ich kann
-nicht ablassen, so müssen wir so milde, als es uns gegeben ist, unserem
-Willen nachgehen und des anderen Kränkung dabei zu lindern trachten. Ihr
-Kinder glaubt manchmal euere Schwäche und Unerfahrenheit sei ein Makel,
-der schwindet, wenn ein anderes noch schwächer und unerfahrener aus
-einem Streit hervorgeht. Das ist ein Irrtum, denn ihr habt durch eure
-Eitelkeit recht zu behalten noch eine größere Schwäche dazu bekommen.
-Betrachtet eine Wage mit ihren Maßen. Sie sind nichts, wenn auch das
-eine schwerer wiegt als das andere. Sie sind nur Begriffe und erst ein
-Ding aus dem wirklichen Leben, dessen Schwere sie vorstellen, gibt ihnen
-Sinn und Wert. Darum ist eitler Streit sinnlos. Nur wirkliche Werte
-dürfen sich aneinander messen. Darüber aber steht dem Menschen oft
-selbst in seiner Reife noch kein Urteil zu, ob sein Wille wertvoller ist
-als der des anderen. Wißt ihr denn auch, daß ihr lieblos werdet, wenn
-ihr streitet? Ihr haßt am Ende den anderen in der Blindheit, in die euch
-eure Rechthaberei versetzt, und ihr liebt die übrige Welt nicht, weil
-ihr über dem Streit alles vergesset und nur euren scheinbaren Vorteil
-sehet. Die erzürnbare Seele nannte Plato die niedere Form der Seele, die
-tierische. Wer streitet, versteht nicht mitzuleben und sich in des
-anderen Leben zu versetzen. Mitleben, mitwissen aber ist das, was euch
-erst zum gerechten Menschen macht. Erlebt ihr des anderen Wunsch und
-Willen neben dem euren, wird der Streit gebrochen sein, eh' er beginnt.
-Denn ihr Kathlin werdet ebenso Helene sein, als Kathlin und Helene --
-Kathlin so gut wie Helene. Lernet einander verstehen, dann werdet ihr im
-Frieden leben. Und die Menschheit wird Frieden haben, wenn sie sich
-versteht.« Noch herrschte Stille. Da schritten Kathlin und Helene
-zaghaft anfangs, dann stürmisch einander entgegen und umarmten sich.
-
-Jetzt sollte ein wenig Musik gemacht werden. Gaston wollte Clothilde zum
-Gesang begleiten. Als sie eben begonnen hatten, hörte Ceciles feines Ohr
-einen Wagen heranrollen. Sie ging zur Diele herab und erwartete dort
-allein Givo und seinen Schützling. Oben begann das Spiel. Musik war es,
-die Vögelchen empfing, als der Wagen durch den leicht verschneiten
-Garten ihrem neuen Heim entgegenrollte.
-
- * * * * *
-
- Süß ist das Leben
- Um des strenggekehrten
- geistigen Blickes willen,
- Der gleichzeitig umfängt die
- Erde von allen Seiten
- Die kristallenen Öden der
- Pole, der Vorzeit,
- Des Urgebirges, der Zahlen
- Gesetze.
-
- (Ottokar Brezina.)
-
-Nach dem Abendessen nahm Arabella die Aufforderung, sich zurückzuziehen,
-um ungehindert auszuruhen, gern an. Sie fand ihr Zimmer hart an der
-Stiege, die zu dem breiten, altertümlichen Turm führte, und durch diese
-ein wenig überwölbt. In dieser Wölbung stand ein großes Bett mit hellen
-Mullgardinen, ein ähnliches an der gegenüberliegenden Wand. Ein
-geblumter Teppich erhöhte die Wohnlichkeit. In einer Nische erblickte
-sie einen weißen, runden Kachelofen, in dem ein leises Feuer
-verknisterte, neben diesem einen Waschtisch und zu ihrem Gebrauch
-bereitet ein breites Badebecken. Neben dem Ofen einen Armstuhl, über dem
-ein großes Tuch zum Abtrocknen hing. Wie wohl tat diese Sorgfalt! Ihr
-Koffer stand vor dem Kasten, der für sie bestimmt schien. Sie entnahm
-ihm sogleich eines ihrer weichen, mantelartigen Gewänder, in denen sie
-einer kleinen Griechin glich, und streckte sich nach dem Bad auf das
-Bettchen hin, nur um eine Weile so zu verharren. Durch die breiten,
-kleinen Fenster sah eine stille, bestirnte Nacht, die über eine sanfte,
-stadtferne Landschaft gewandelt war. Durch diese Landschaft war sie mit
-Givo gefahren, neben ihm im ländlichen Gefährt mit hohem Sitz und ein
-und dieselbe Decke hatte sie vor der Kälte geschützt. Viele Stunden
-waren sie gefahren, denn Givo liebte Wagenreisen über Land und hatte nur
-eine kurze Strecke die Eisenbahn benutzen wollen. Arabella war es
-gewesen, als führe sie durch den Äther der Unendlichkeit.
-
-Givo hatte zu ihr gesprochen all die Stunden mit der ihr märchenhaften
-Stimme, sie angesehen mit dem Blick, in dem sie ruhte wie in göttlichem
-Schutz, er hatte zuweilen leise ihre Hand in die seine gelegt und
-süßeste Geborgenheit war von ihrer guten Wärme ausgeströmt. Und er hatte
-zu ihr geredet nicht wie zu einem Kind, nein, wie zu einem verstehenden,
-ahnenden Wesen, das er in das Wesentlichste seiner Weltanschauung
-einweihen wollte. Seine Welt war das unendliche Gebiet der Erforschungen
-über Eindrücke und unbewußte Erfahrungen, die durch die Art der
-menschlichen Empfänglichkeiten möglich sind, zu deren Vervollkommnung
-Instrumente erdacht werden. Was der Mensch durch das begriff, was wir
-Ahnungen nennen, war ihm ein Teil des göttlichen Lichtes. Ein Ding an
-sich, ein Unabhängiges unserer Erkennbarkeit, einen Gott mit langem Bart
-im Sinne des gedrillten Glaubens, der zwischen sich und dem Himmel einen
-leeren Raum voraussetzt, sah er nicht. Ihm war Gott das Licht, jener
-wissende oder nur ahnende Strahl, jenes sich selbst vergessende
-Aufstreben zu einem Höheren, zu einer Fortsetzung unseres Selbst, in der
-wir uns überwinden und durch die wir verbunden sind mit dem Höheren der
-anderen. Die Seele war ihm hierzu die vorbereitende Stätte, wo Mittel
-geborgen waren, das Leben über seine tierischen Forderungen zu begreifen
-und zu bereichern, diesen ein Gegengewicht zu schaffen, aus dessen
-Wirksamkeit der Wert und die Vollkommenheit des Menschen zu beurteilen
-sei. Im genialen und produktiven Menschen sah er die Vorbedingungen zu
-dieser Vollkommenheit mitgeboren, oft aber im Werk erstarrt, im Kinde
-jedoch oder Kindgebliebenen in Ahnungen und Nebelbilder der Gedanken und
-Gefühle gegründet. Diese konnten die ganze Welt umspannen in ihrer
-Einfalt vor dem Unmöglichen und mählich von der Ferne zurückkehrend das
-Naheliegende begreifen. Kinder und Künstler sah er diesen Weg von der
-Imagination zum Nahen am langsamsten zurücklegen. Er wollte in der
-Schauung der märchenhaften Zusammenhänge in der Natur einen Ersatz
-geboten sehen für den selbstischen schwächlichen Traum dieser
-Lebenskinder. Die reale Welt war ein Wunder, wenn man sie mit dem Blick
-der Schauenden sah, sie entthronte den Traum und machte ungeheure
-Sphären frei zur Wanderschaft. Der Astronom weiß um die Unermeßlichkeit.
-Welcher Künstler könnte sie in seinem Hirne mächtiger gebären? Vögelchen
-begriff nun wie in einem Zauber und dennoch zum ersten Male zauberlos,
-daß sie unendlich weit sich aus dem Ich, das in die Umwelt gebannt ist,
-entfernen konnte, daß alle Fernen in ihr waren, alles Licht, alle
-Gottheit und ihre vielfältige Einheit und ganz dunkel ahnte sie schon
-das Ichlose, das ihr früher schon gedämmert war, da sie sich als ein
-Fünkchen auf Wanderschaft empfunden hatte. Sie sah sich geweiht Givo zu
-verstehen. Sie war gespeist vom Lichte seines Lebenssternes, sie fühlte
-sich selbst als Stern, erkoren von dem seinen. Und sie fühlte sich
-erlöst von jenem Schwanken der Wagschalen, wenn Tier und Mensch sich
-messen, um Gleichmaß bebend. Denn er lehrte sie, daß das Weltall und der
-Mensch selbst Vorgängen im Einzelnsten unterworfen sind, zwischen denen
-ewige Beziehungen und ewige Folgen bestehen. Vom gleichen Lichtgesetz
-sei der Mensch und sein Geist und seine Mutter, die Natur, gespeist. So
-lehrte er sie die Versöhnung von Körper und Geist und setzte die Seele
-als Vermittlerin ein, so zeigte er ihr auf, daß das Ich ein Gemenge von
-Vorgängen ist, die sich im Austausch mit den Vorgängen jener Umgebung
-befinden. So verstand sie auch Karinskis Wort, daß jeder Mensch an der
-Schuld des anderen und jeder andere an der eigenen Schuld mitschuldig
-sei. Sie begriff den Sitz seiner Güte, seiner verzeihenden
-Hilfsbereitschaft, da er die Verwicklungen erkannte, in die der Mensch
-mit seiner Umwelt geraten konnte, oftmals geraten mußte, wenn seine
-beste Einsicht der Schauung der Zusammenhänge versagte oder schwächer
-war als die Einwirkung des Außen auf die körperliche Schwäche und
-Lustbereitschaft. Denn das Licht allein schien ihm die Kraft, die
-unbewußte Kraft oft den bösen Folgen des Übels zu widerstehen. Dies
-Licht bedingt die Seele, die Seele selbst war von seinem Urstoff
-geschaffen. Sie erfaßte ahnend, was er von den Sternen wollte, daß er
-hart an der Himmelstüre der Unendlichkeit seiner Wissensarbeit einen
-Sitz errichtet hatte, um der Erde Wesen in dem Gesetz des Alls zu
-begreifen. Daß er in den Werken der Astrologen forschte (so sehr er auch
-das Horoskopieren als bösen Nebenverdienst wissenschaftlicher
-Quacksalber verwarf), daß er den Sehnsuchtkulten der letzten Dinge, den
-Mythen der Religionen nachhing, geschah in seiner Liebe zu einer neuen
-lichtvollen Gerechtigkeit, in seinem Trieb, das Dunkle zu entwirren und
-den Zauber der Wirklichkeit aufzurichten in der Legende.
-
-Er erzählte ihr von erleuchteten Menschen und, während er sprach, drang
-ihre Gnade auf sie ein. Christus brachte ihr die große Tröstung der
-Liebe, Heilige kamen und ließen sie ihrer Einkehr teilhaftig werden,
-Gelehrte schenkten ihr die Früchte ihres Forschens, edle Menschen
-beglückten sie mit Zuversicht. Sie erlebte, als er sprach, wieder den
-Aufgang ihrer Gefühle über ihre Körperlichkeit wie in den Kinderjahren,
-wo ihr war, als flöge sie ins Weite, wie dann in den Nächten, da sie in
-den Schauern der Liebeslust sich hingegeben fühlte einer Unendlichkeit.
-Und alle Trostlosigkeit und Unwiederbringlichkeit, alle Anklage war
-gefallen. Sie richtete nun nicht mehr und sie wurde nicht gerichtet.
-Nicht ob ihrer Hingabe an Va, ob ihres Spieles mit jenem Jüngling, nicht
-um ihrer sinnlichen Träume, die nun mit ihrer Liebe zu Givo verschmolzen
-waren! Und als er schwieg und sie im Blick zu sich zog in all seiner
-Liebe, sagte sie leise, ganz leise: »Mir ist so wunderbar. Hab' Dank.«
-Und von diesem Augenblick an sagte sie du zu ihm wie im Gebet zu Gott.
-
-Mit vollem Vertrauen war sie auch in Celias Asyl getreten wie an der
-Hand eines Engels und sie verlebte da den ersten Abend der Ruhe und des
-furchtlosen Vertrauens in das Leben, das nicht mehr wie eine unheimliche
-und verführerische Drohung sich auftat. Aber die Nacht rief sie zurück
-in ihr früheres Leben, ihr Traumzustand griff wirr in das Chaos von
-Vergangenheit und Zukunft.
-
-Als Arabella auf ihr Zimmer gegangen war, saß Givo mit Celia beim Tee im
-Bücherzimmer, einem Raum edler Wohnlichkeit, während die Kinder mit Anna
-im Saal mit Gesellschaftspielen sich unterhielten.
-
-»Und du willst auch an ihr wieder vorübergehen, obwohl du jetzt schon
-schmerzlich dein Entgleiten vorausfühlst, auch an diesem Mädchen, das
-dir teuerer ist als dir andere waren?« sagte Celia mit schmerzlichem
-Vorwurf.
-
-»Gerade sie darf ich nicht halten,« sagte Givo, »weil so seltsam und
-unentwirrbar fein die Fäden ihres Wesens sind.«
-
-»Du mußt sie stärker machen,« erwiderte Celia.
-
-»Damit ich sie doch dann zerreißen muß?«
-
-»Lehrst du nicht selbst, der Zukunft unbesorgt zu sein?«
-
-»Nicht meine Zukunft fürchte ich, nicht mein Leiden oder Unterliegen,
-sondern das ihre.«
-
-»Du vergißt, wie selbstlos Frauen in ihrem Glück sind.«
-
-»Und wie undankbar oft, denn ihr Genuß ist nicht der Genuß selbst, es
-ist das Lieben und höret nimmer auf.«
-
-»Das macht uns ja so stark in der Liebe, daß wir doppelt gebunden sind,
-an sie selbst und an ihren Gegenstand. Und gerade unsere Ausdauer läßt
-sie Kränkungen und Zurücksetzungen überleben.«
-
-»Aber es wird dann oft Haß aus ihr: eine andere Form der Liebe. Haß für
-den, der sie leichthin genoß, und wenn nicht Verbitterung, Liebe den
-Leidenden der Mehrheit.«
-
-»Vergiß nicht, daß dieses Mädchen sehr jung ist. Deine Mutter mag
-anderer Meinung werden, du selbst zu eigenem Wählenmüssen reifen. Und
-wird es, wie du voraussiehst, mußt du sie lassen, so liegt noch das
-Leben vor ihr verklärt durch dich. Sie ist ja so jung, so köstlich
-jung.«
-
-»Eine Frau ist so alt, Celia, als sie zu lieben und zu wissen begann um
-die Liebe. Deshalb bist du so jung, Celia, weil du an Jahren schon
-Mutter hättest sein können, als du erst wissend wardst.«
-
-»Jung mit grauen Haaren,« sagte Celia. »Um so stärker erleben wir die
-Liebe, wenn sie spät kommt. Aber wie immer wir sie erfahren, sie muß uns
-willkommen sein. Wir dürfen nicht wägen und wehren. Auch du nicht, Givo,
-wenn du auch deinen vorgeschriebenen Weg hast, deinen Weg der wissenden
-Hilfe. Muß er sich denn nicht behaupten gegen alle Proben, dein Weg der
-Liebe, auch gegen die Liebe? Und sieh, dies Mädchen ist Wachs unter
-deinen Händen. Ihr Blick hing an dir wie an einem einzigen Heil. Wir
-Frauen erkennen dergleichen. Da gibt es keine Verstellung. Du kannst aus
-ihr vielleicht die beste Frau erwecken. Deine Liebe könnte die Seele,
-die du mir anvertraust, im guten Feuer stählen und groß machen. Im Glück
-könnte sie reifen, an deiner Sonne köstlich werden. Nur im Glück, Givo,
-nicht in entsagender Sehnsucht. Die macht milde zuweilen, manchmal böse
-auch, aber immer schwächt sie und wirft uns aus den Reihen der
-Lebendigen.« Celias Stimme erhob sich zu heißer Klage. »Wehe der Frau,
-der am Verlorenen ihr Herz hinblutet, wehe der Lebendig-Begrabenen, die
-unfruchtbar liebt!«
-
-Givo erschrak. Er nahm Celias Hand. »Unfruchtbar, Liebe?« fragte er
-leise besorgt. »Gibt es denn unfruchtbare Liebe? Verwandelt sie sich
-nicht bei den wahrhaftigen Seelen in tausendfältiges Lieben?«
-
-»Ja,« sagte Celia und drückte seine Hand, wie in einem Versprechen. »Der
-Mehrheit, wie du vorhin sagtest. Aber diese Verwandlung ist eine
-leidvolle Maske, die wir schließlich für unser wahres Gesicht halten
-müssen. Verschon' dies Kind, wenn dein Herz ihm warm ist. Und sei
-gewarnt, Imanuel, daß deine Fügsamkeit sich nicht in Selbstsucht wandle,
-deine Freiheit zu behalten.«
-
-Es klopfte leise. Anna fragte, ob Felix Blanc eintreten dürfe. Er wäre
-so erfreut gewesen von Givos Anwesenheit zu erfahren, als er eben, von
-einem Kranken kommend, seiner Braut Guten Abend sagen wollte. Blanc war
-längst Mitglied des »Sozialen Dienstes« und ein Freund Givos. Es war
-Zeit, die Kinder zur Ruhe zu schicken. Cecile, Givo, Anna und Felix
-saßen noch lange beisammen.
-
-
-
-
- Die erste Nacht
-
-
-Indessen huschte Helene zu ihrer neuen Zimmergenossin. »Oh, ich weckte
-Sie,« rief sie, als Arabella sich aufrichtete.
-
-»Nein, ich schlief nicht.«
-
-»Ich habe mich schon so sehr auf dich gefreut,« sagte das liebliche
-Mädchen. »Ich darf doch du sagen, wir sagen hier alle einander du. Am
-liebsten hätte ich mich leise davon gemacht, als wir zu spielen
-begannen. Wie schön du aussiehst in dem weißen Gewand!«
-
-»Und du hast so schöne blauschwarze Haare,« sagte Arabella und
-streichelte Helene. Die beiden Mädchen schritten zaghaft aufeinander zu
-wie zwei Täubchen, die aneinander Gefallen finden und sich leise mit
-ihren Schwingen berühren wollen.
-
-»Du duftest,« sagte Helene und öffnete ihre feinen Nüstern. »Hast du
-gebadet? Du mußt eine ganz feine fremdartige Seife haben. Darf ich dir
-nun auspacken helfen, damit deine Sachen nicht gedrückt bleiben über
-Nacht? Oder bist du zu müde?«
-
-»Nein, ich bin schon ausgeruht, Helene; nicht wahr, du bist Helene?«
-
-»Daß du dir meinen Namen gemerkt hast!« sagte Helene erfreut. Sie kniete
-vor Vögelchens Koffer und reichte ihr die Sachen hin. »Oh, so schöne
-Kleider hast du und die Wäsche, wie fein! Mama hat auch so schöne
-Wäsche. Wirst du das alles tragen, werde ich dich in all dem sehen und
-dir immer helfen dürfen?«
-
-»Mein großer Koffer kommt noch,« sagte Vögelchen ein wenig traurig. Sie
-dachte an die vielen schönen kostbaren Sachen einer kleinen Weltdame,
-die sie nun nutzlos besaß, und auf einmal stand Va vor ihr, der sie so
-fürstlich beschenkt hatte. Sie fühlte wieder seine Zärtlichkeit,
-verdrängte Bilder stiegen in ihr auf und trieben ihr heiße Röte in die
-Wangen. Und der Abschied! Va hatte gescherzt und alles nur als vorläufig
-betrachtet. Er haßte Sentimentalitäten. Von jeher hatte er Leidgefühle
-zurückgedrängt und die erstarrten Tränen hatten in seinen Leidenschaften
-Erlösung gesucht. Er würde ihr vorläufig nicht schreiben, denn das
-allein bedeutete Trennung, wenn sie von einander ganz frei wären, eine
-Zeitlang. Und die Trennung wäre ja nun einmal unter gemeinsamem
-Einverständnis beschlossen. Wie war das nur möglich gewesen! Dann hatte
-er sie geküßt unter Scherzen und liebevoller Peinigung, bis sie sich ihm
-lachend entwunden, weil Givos Wagen eben vorfuhr. Angele von Twede war
-auch gekommen. Und es war Vögelchen, als wäre die schöne Frau eine Fee,
-die alles mildern und schmerzlos machen konnte. Man blieb heiter bis zur
-Abfahrt.
-
-»Denkst du an zu Hause?« fragte Helene in Vögelchens Sinnen. »Hier ist
-es sehr schön bei Tante Celia. Du mußt nicht bange sein. Ach, wenn man
-doch nur ganz brav sein könnte, um es ihr zu danken. Sie ist so gut!
-Aber ich -- -- ich kann mich nicht beherrschen -- -- Vielleicht werde
-ich jetzt anders, weil du hier bist.«
-
-Vögelchen freute sich der neuen Freundschaft. Sie packten aus und
-ordneten ein. Dann entkleidete und wusch sich Helene. Arabella half ihr.
-Sie küßten sich. Auf der Stiege erschollen Stimmen.
-
-»Nun geht Herr Givo auf sein Zimmer.«
-
-Vögelchen steckte den Kopf zur Türe hinaus und sah, wie eine der Mägde
-Givo die Treppe zur Turmzimmertüre hinaufleuchtete. »Gute Nacht!« rief
-sie durch den Spalt.
-
-»Gute Nacht, mein gutes Kind,« rief er von seiner Türschwelle zu ihr
-hinab.
-
-Helene lag schon in ihrem Bette. »Ich kam mit Großpapa,« sagte sie,
-ihres Einzuges in Asyl Gloriot gedenkend. »Großpapa ist tot.«
-
-»Und deine Eltern?« fragte Vögelchen.
-
-»Mama hat geheiratet, aber der Mann ist fort. Papa kannte ich nicht. Als
-Großmama starb, kam ich hierher. Mama ist jetzt Schauspielerin. Morgen
-zeig' ich dir ihr Bild. Nun gute Nacht, schlaf wohl und sei glücklich
-hier. Ich werde dich lieb haben.« Vögelchen setzte sich an Helenes Bett,
-ließ die weichen, blauschwarzen Ringeln durch ihre Fingerchen gleiten,
-nahm das blasse Gesichtchen zwischen ihre Hände und küßte es.
-
-»Ich will dich auch lieb haben, Helene.« Dann löschte sie das Licht und
-legte sich zur Ruhe. Bald schlief Helene fest und tief, wie Kinder
-schlafen. Vögelchen aber lag im Traum.
-
-In einem Muschelwagen fuhr sie durch die Länder -- Wiesen und Meere --
-und am Ende der Welt erglänzte ein Licht, es kam näher. Da stand Givo
-vor ihr. »Ich bin König des Morgenlands,« sagte er. »Willst du ein Stern
-sein an meinem Himmel, der die Welten durchleuchtet? Mein Himmel ist der
-Mantel, der mich umhüllt, er ist mit Augen bestirnt und durchwirkt von
-Mondstrahlen. Dein Stern soll an meinem Herzen liegen und so hell
-erstrahlen, daß die Menschen es weithin sehen in ihrer Finsternis.
-Später, wenn unsere Arbeit getan ist, wirst du meine Braut sein. Jetzt
-wollen wir es einander geloben, Braut und Bräutigam zu sein. Niemand
-soll es erfahren, weil du nur ein Vögelchen bist, nur ein fliegender
-Stern im Äther, der nun an meiner Brust wohnt. Vor dem lieben Gott aber
-sollst du meine Frau sein, Arabella.« Vögelchen richtete sich auf. Aus
-dem Fensterrahmen blickten zwei bleiche Vierecke sie an. In milchigem
-Glanz lag draußen die Nacht. Sie starrte hinaus und mählich erlosch das
-bleiche Licht und die Fenster waren nur mehr zwei schwarze Löcher
-Finsternis. Wenn es nicht wahr wäre, wenn er wieder ginge, wenn er ins
-Ausland reiste, wie er oft zu tun pflegte und sie allein zurückließe!
-Nein, sie war nicht allein, sie war unter freundlich klugen Menschen.
-Und sie konnte ja zu Va zurückkehren! Ob Angele von Twede immer bei ihm
-bleiben würde? Ob die nun seine Frau war, wie sie selbst es gewesen?
-Hatte man sie deshalb hierher gebracht? Hier waren alle Verlassenen und
-Cecile Gloriot ihre Mutter. Aber sie war ja ohne Mutter aufgewachsen und
-hatte nicht Sehnsucht nach einer Mutter. Va hatte ihr alle Menschen
-genommen, die sie liebten: die alte Amme, Urbacher, Konrad. Würde Va
-selbst nun nicht mehr schützend zu ihr stehen und ihr gehören? Hatte er
-sie verlassen, brachte Givo sie zu den verlassenen Kindern, weil sie
-selbst auch eines war? Die schwarzen Löcher Finsternis starrten sie an
-wie erloschene Augen, wie ihre eigene Angst blickten sie ihr entgegen.
-Da fiel ihr ein, wie Givo ihr die Qual genommen, sündig zu sein, wie
-sein Blick sie heilte und beruhigte, sein Wort sie rettete. Er würde ihr
-auch diese Furcht nehmen, die aus der Finsternis starrte. Mit einem Satz
-war sie aus dem Bett gesprungen. Helene schlief. Schon war sie draußen
-auf dem kalten Flur, huschte die Stiegen hinauf zur Türe, hinter der sie
-Givo hatte verschwinden sehen. Ach, durfte sie ihn wecken, ihn
-erschrecken? Sie stand, horchte und ihre Hand lag auf der Klinke und
-drückte. Da stand sie auch schon im Zimmer. Es war ganz finster, sie
-wagte nicht weiterzugeben, aus Furcht an ein Möbel zu stoßen, ihn
-unsanft zu wecken. Sein Atem war nicht hörbar, der Raum war groß. Im
-Kamin war noch ein verlöschender Schein der Glut. Nun sah sie die
-Fenster, sie gewöhnte sich an die Finsternis. Sachte schlich sie
-vorwärts. Da regte er sich im Schlafe, ganz leise seufzte er und wandte
-sich. Stille. Vögelchen hatte ihr Leid vergessen. Sie war bei ihm. Ihre
-Beseligung strömte ihm zu, schwebte um ihn wie warmer Flügelschlag. Er
-fühlte ihre Nähe, sein Auge, kundig im Finstern zu forschen, erblickte
-sie.
-
-»Bist du's, Kind?« fragte er.
-
-Sie erschauerte und kam näher. »War dir bange?« fragte er. »Warum kommst
-du? Willst du mir die Hand geben und dann wieder in dein Zimmer gehen?«
-
-»Ich fürchtete mich und ich fürchtete auch, du würdest des Morgens
-zeitig fortfahren ohne mich zu sehen.«
-
-»Das konntest du glauben, Vögelchen?«
-
-»Ich fürchte mich nicht mehr, selbst wenn alles wahr wäre.«
-
-»Was wahr wäre?«
-
-»Daß ich nun eine Verlassene bin.«
-
-»Nein, sieh, das dachte ich nicht, daß du dich als eine Verlassene
-fühlen könntest, weil es hier Kinder gibt, die einmal verlassen waren.
-Du aber bist es nicht.«
-
-»Doch, ich glaube, Va hat mich verlassen. Er ist ja nicht mein Vater, er
-nimmt eine andere Frau und ich habe keine Wohnung mehr bei ihm.«
-
-Sollte er sie vertrösten? Würde denn Mannsthal nicht mehr nach ihr
-verlangen? Er wußte es nicht. Er konnte nichts versprechen. »Und ich,
-Vögelchen?« sagte er.
-
-»Du?« rief sie in tiefem Gefühl. »Wie darf ich denn das, wie darf ich
-mich zu dir zählen? Wie darf ich denn dir gehören?«
-
-Givo wußte, in diesem Augenblick schmiedete sich Arabellas Schicksal.
-Nahm er sie in sein Leben auf, so blieb sie heil an Körper und Seele,
-aber am Ende ihrer Gemeinschaft stand ein Schmerz, der war so groß wie
-ihr Glück, und er wußte nicht, ob sie es bestünde. Schob er sie aber
-leise begütigend in die Ungewißheit einer zerspalteten Zukunft, würde
-sie dann ihre erwachende Seele behaupten gegen Verführung und
-Anfechtung? Würde Cecile, so groß und rein ihr bildender Wille war, die
-leidenschaftliche Naturgewalt, die in diesem kindhaften Weibe lebte,
-meistern können, bis sie selbst sie zu besiegen Kraft fand oder um so
-wilder sie entfesselte? Nein. Cecile selbst hatte es ihm gesagt:
-Verschone das Kind. Nur im Glück wird seine Seele reifen.
-
-»Fühlst du denn nicht, daß ich dich lieb habe?« sagte er. »Du, die den
-Flug der Wolken, den Ruf der Vögel, die Stimme der Ewigkeiten begreift?
-Und wehrte ich mich dich zu lieben, ich betröge mich. Ich muß dich
-halten, Kind. Es muß wohl so sein. Und nun will ich es auch so. Ich
-komme wieder, bald komme ich wieder. Ich komme immer wieder zu dir.«
-
-Sie hielt seine Hand, sie drückte sie, unfähig zu erwidern.
-
-»Aber nun geh, Kind, du frierst, geh, bitte. Du sollst nicht hier sein
-zur Nacht.«
-
-Vögelchen beugte sich zu ihm, sie umschlang seinen Hals. Sie suchte
-seine Lippen. Wie ein Hauch aus Wunder gewoben streifte ihr Atem seine
-Wange. Nun küßte sie ihn. Mit Worten konnte sie nicht Antwort sagen. Wie
-lange hatte er nicht einen jungen Mund an dem seinen gefühlt! Er hatte
-es selbst nicht gewußt, seit Wochen schon, seitdem er ihrer in
-Zärtlichkeit gedachte, hatte er keine andere Frau in seinen Armen
-gehalten. Ganz absichtlos war es unterblieben. Nun fühlte er es, nun
-reifte die grausame süße Frucht seiner Enthaltsamkeit. Nun war er ihr
-Beschützer nicht mehr. Und ihr Kuß, der bis in die Wurzeln seiner Sinne
-brannte, es war nicht der Kuß eines Kindes. Er flehte: »Geh, geh!« Es
-war, als hörte sie nicht, als schliefe sie, als wären ihre Küsse die
-einer Träumenden. Ihre wundersam zarten Formen, wie sie sich
-anzuschmiegen verstand, wie sie zu vergehen schien! Sie war ganz Körper
-und doch war ihre Zärtlichkeit körperlos, ganz Seele, und doch schien
-ihre Umarmung die einer seelenlosen Nachtelfe, des Weibes, das nicht
-Name hat und Zeit. Ihm war, er müsse sie zerreißen, sie vernichten in
-seinem aufglühenden Feuer. Da ermannte er sich, trug sie in seinen
-Armen, oh, wie sie, die Kundige, jetzt seine begehrende Kraft erkannte!
-Aber willenlos war sie seinem Willen untertan, auch dem entsagenden. Und
-sein Überwille trug sie vor die Türe, sachte die Stufen hinab. Mit einem
-Kuß, tief in ihre Lippen gesenkt, dem ersten und letzten dieser Nacht,
-ließ er sie vor ihrem Zimmer aus seinen Armen gleiten.
-
-
-
-
- Hedwig an Konrad
-
-
-»Lieber Kon, da Du nun wieder auf möglichen Wegen gehst, muß ich Dich
-doch recht fest an den Ohren nehmen. Sag', Junge, hast Du ein Recht,
-Dein Leben den Schweinen zum Fraße hinzuwerfen, Du, der Du die Lehren
-des heiligen Augustin predigst, daß jeder den Gott in sich trägt, jeder
-ein Teilchen Gott ist? Nun, Gott wird sich bedanken für Dein Teilchen,
-wenn Du es ihm nun nicht reinwäscht und rein erhältst. Du weißt, Kon,
-ich hab' geschwiegen, solange Du bedrängt warst, hab' nur geraten,
-ohnmächtig aus der Ferne, nicht gescholten. Wie hätte ich Dir denn eine
-Stütze sein können, wenn ich sie Dir unter dem Arme weggezogen hätte, um
-Dich damit zu schlagen? Aber sieh Dich vor, Kon, Du weißt selbst nicht,
-wie tief der Abgrund war, an dessen Ufern Du einhergingst. Ich weiß es,
-Kon, denn im Elend durchmißt man alle Tiefen der anderen. Auch Du wirst
-später schaudernd an diesen Abgrund denken. Enttäusche die Menschen
-nicht, die Dir geholfen haben, erwarte nicht das Unmögliche, daß sie Dir
-endlos helfen. Die Wohltätigkeit, sei sie noch so persönlich gemeint,
-ist demütigend und erkaltet, wenn sie sich blamiert. Sie hat nicht die
-Ausdauer einer freundschaftlichen Hilfe, sie ist wie der Zahnarzt, der
-keine Geduld hat, wenn in seinem Wartezimmer sich die Patienten drängen.
-Nütz' Deine Zeit, Koni.
-
-Ich streu mir heißblühenden Mohn in meinen Werktagsacker. Ein Wind
-verweht ihn. Ich wein' ihm nicht nach. Der Kleine hat den Scharlach
-gehabt. Ich wollte es Dir nicht schreiben, damit Du nicht eine Sorge
-dazu hast. Selma hat es erfahren. Da ist sie eines Abends gekommen. Und
-nun ist es, als wäre sie täglich bei mir, obwohl ich ihr das Versprechen
-abgenommen habe nicht wieder zu kommen. Es brächte ihr Gewissenskämpfe.
-Grüße Deine Freundin Jeanne. Sag' ihr, Arbeit und ein Kind helfen den
-Traum »Mann« ersetzen, nicht seine Wirklichkeit. Ich helfe mir mit
-Episoden, das aber sag' ihr nicht. Ihnen ist nicht jede Frau gewachsen.
-Die Eltern sind gesund. Denk auch an sie, Kon. Käme doch über uns alle
-Licht und Segen. Der meine ist bei Dir. Mach' keine Sorgen mehr Deiner
-treuen
-
- Hedwig.«
-
-Er schämte sich, er schämte sich so sehr und das trieb ihn an, seine
-Eigenart besonders auszuspielen, damit man nur ja nicht merke, wie
-übervoll der Liebe er war, der Dankbarkeit und Reue. Gerade deshalb
-wollte er hart und streng erscheinen. Der Kreis der zu Rettenden bei
-Frau Calou wurde ihm bald lieb und vertraut und er wollte gern ihr
-Prediger werden, ihr Tröster. Heimlich hielt er sich für einen
-Nachkommen der Therapeuten, die sich Heilande genannt hatten und
-Seelenärzte gewesen waren. Jeanne Mercier war die erste, die er sich für
-seine Wirksamkeit auserkoren. Es war ja ein ganz banaler Fall, eine
-verlassene Geliebte, aber er spürte, da war ein ganzer Mensch. Jeanne
-hatte nicht von der Pariser Einrichtung Gebrauch gemacht ihr Kind auf
-die Drehlade des Findelhauses zu legen und frei wieder ihres Weges zu
-gehen. Warum? Aus Trotz, aus Liebe zu dem Manne, aus Mutterliebe? Nein,
-sie trotzte nicht, sie dachte nur nicht daran, sich dem Verführer mit
-seinem Kind im Arm in den Weg zu stellen. War er nicht unschuldig wie
-sie an dem Werk der Natur, das aus einem Vergnügen lebenslängliche
-Pflichten und einen Weg ins Ewige folgert? Sie dachte an den Mann mit
-Wehmut und mit dem leisen Schauer des Wunders, daß er ihren Leib
-fruchtbar gemacht, und sie hatte das Kind auf sich genommen, weil es
-hilflos war und sie sich scheute, nun allein zu bleiben. Sie gehörte
-nicht zu den Leichtblütigen und fürchtete fortan den Mann. Darum behielt
-sie das Kind und leistete Übermenschliches, um es zu behalten. Nein, sie
-wollte nicht eine Ausgestoßene sein in der Heimat der Liebe, ein
-Schatten nur der Mutter, zu der sie erwählt worden war. Sie wollte sich
-mit dieser Gnade bekleiden wie mit dem einzigen Festkleid, das ihr das
-Leben verliehen. Und Konrad fühlte sich zu ihr hingezogen um Hedwigs
-willen und weil er sah, daß sie das Kind nicht behielt, um den Mann an
-sich zu zwingen oder eine Märtyrerin zu scheinen wie andere. Sie tat das
-Natürliche ihrer Bestimmung, obgleich es unnatürlich schien der
-Gesellschaft zu trotzen, die Ehelichkeit fordert und kein Erbarmen hat
-mit Gesetzesstörern. So war ihr Konrad mit Ehrfurcht genaht und hatte
-der schüchternen jungen Frau eine Sicherheit zurückgegeben, die ihr
-Stärke und Lebensfreude bedeutete. Der anderen Genossen Schicksal war
-ihm fremder als das Jeannes. Er scheute jede Frage, um selbst ungefragt
-zu bleiben. Es kam der Sonntag, an dem er seinen Vortrag halten sollte.
-Er nannte ihn »Vai, das Vermischen«. Er, der vor wenigen Wochen bald
-Zuhälter, bald Messerputzer in einem Dirnenwirtshaus gewesen, weihte die
-Tischgenossen ein in die Lehren der persischen Religion. Er sprach ihnen
-von Ormuzd, dem Licht, dem Gott der Verklärung und von Ahriman, dem Gott
-der Weltlichkeit und Dunkelheiten. Er wies ihnen das Wesentliche des
-persischen Glaubens, Vai, die Vermischung, die Versöhnung des Dunklen im
-Triebleben und der geistig erkennenden Welt. Aber er ließ es sich nicht
-genügen, schlicht aus der eigenen Herzensnot zu sprechen, die auch jene
-seiner Genossen gewesen sein mochte, der Kampf um das Licht des
-Erkennens. Ihm saß das Polemisieren zu sehr im Fleische, als daß er
-nicht jede Gelegenheit wahrgenommen hätte, um möglichst vielen Menschen
-eben das zu sagen, was gerade seine geistige Streitbarkeit reizte. Er
-hatte in der Bibliotheque ein Büchlein über Amalrich von Bena
-aufgestöbert, der um 1200 n. Chr. Lehrer zu Paris gewesen, und darin ein
-Wort gefunden, das ihn erschütterte.
-
-_Quod in charitate constitutis nullum peccatum imputetur_ (den in der
-Liebe Verharrenden werden keine Sünden zugezählt). Der über jenen
-Lichtsucher Amalrich schrieb, Konrad fühlte das erschauernd, mußte einer
-von den großen Erkennern sein. Eine geheime Lehre der Liebe, die ihre
-Wege in die verworrenste Vergangenheit hat, leuchtete wie unterirdisch
-heiliges Gold unter dem Kristall der Worte und berauschte wie
-Himmelstrank. Konrad fühlte, wie ihm die kalte Betrachtung benommen war,
-wie seine eigene Heilgabe schal wurde und wirkungslos. Noch war sein
-Besinnen ganz in Gärung und Wachstum, sein geistiger Organismus
-verlangte selbsthafte Entwicklung. Hier gab es für ihn nur ein Hinknien
-und Sichselbstaufgeben oder Rettung im Widerspruche, den Fehdehandschuh,
-die eigene Kraft zu versuchen. Den warf er diesem Dichtergelehrten hin,
-der Givo war. Ja, Givo, seinem unbekannten Wohltäter.
-
-Unter den »Geretteten« war auch ein junger Mathematiker, der im
-Observatoire arbeitete. Tagsdarauf erzählte er dort von dem Vortrag, der
-außerordentlich gewesen wäre, wenn er nicht mit einem läppisch frechen
-Angriff auf Imanuel Givos Lehre geschlossen hätte. Givo erfuhr davon.
-Gerade unter den Geretteten wünschte er sich Freunde. Sie ahnten dort
-nichts von seiner Hilfe an ihrem Lebensunterhalt. Warum wütete dieser
-Jüngling gegen ihn? Wenige Tage später erhielt er die Anfrage, ob er die
-unter anderem an Student Kruger gewährte Unterstützung, die in der
-folgenden Woche ablaufe, fortzusetzen gedenke. Er gewährte sie für zwei
-weitere Monate. Der Gefährdete und der Widersacher, sie waren ihm nicht
-ein und derselbe. Bald darauf erhielt Konrad einen Brief von Givo, in
-dem dieser ihn Bruder nannte und ihn an die Worte Thomas von Kempens
-erinnerte: daß es ein groß Ding um die Liebe sei, weil sie allein alles
-Ungleiche mit gleichem Mut dulde. Konrad empfand Abscheu vor sich
-selbst. Die Umkehrungen seines Wesens folterten ihn. War es nicht Hohn,
-daß er, der lügenhafte Lästerer, über »Vai, die Vermischung« sprach, daß
-er die Klärung des göttlichen Lichtes pries, da er selbst allen Dämonen
-verfallen war? War es nicht würdiger und wahrer und ihm gemäßer,
-Messerputzer zu sein oder Zuhälter? Er blieb zwei Tage fern dem
-Mittagstisch der Frau Calou. In diesen Stunden des Selbstkampfes
-beschwor er Vögelchens Bild und setzte sich hin, ihr zu schreiben,
-wiewohl es ihm verboten war sich abermals ihr zu nähern. Er wünschte sie
-in die Heimat zurück, denn er selbst begann sich nach ihr zu sehnen,
-nicht nach dem Vaterhaus, aber nach den heimischen Lauten, der
-vertrauten Landschaft. Und vor allem nach etwas Ehrbarkeit sehnte er
-sich. Aber gerade dieser Sehnsucht schämte er sich. Als er sich
-Vögelchen nun gegenüber befand, indem er ihr schrieb, hatte er
-vergessen, daß sie an jenem Abend vor ihm geflohen war. Auch ahnte er
-nicht, daß sie von seinem und Camills Plan gewußt. Er sah Ariel wie
-vordem und wunderte sich, daß er nun nicht wußte, wo Ariels weltlicher
-Wohnsitz war. Wenn er zu Marguerite ginge und seine Liebessehnsucht so
-recht eindringlich ihr schilderte, vielleicht würde sie wieder wie
-damals sich aufmachen, Vögelchens Aufenthalt auszuspähen. Er war drei
-Wochen lang nicht bei Marguerite gewesen, da er die Sonntage mit Jeanne
-und ihrem Kleinen verbracht hatte, aber er war gewiß freundlich
-aufgenommen zu werden, denn Marguerite schätzte das Seltene und
-Ungewisse. Zu seiner Überraschung fand er das Zimmer der benachbarten
-Wohnung dem der Aupin angeschlossen und in diesem ihm fremden Raum saß
-Camill Custove in mangelhafter Bekleidung mit Marguerite vor Büchern und
-Heften. Er war im Begriff das Mädchen im Deutschen zu unterrichten. »Ich
-wandere aus,« sagte Marguerite. »Dein Freund nimmt mich mit nach
-Österreich. Er sagt, ich würde dort als Gouvernante in feinen Familien
-mein Glück machen.«
-
-»Du willst junge Mädchen erziehen?« fragte Konrad und lächelte
-schmerzlich. Camill wollte sich diskret zurückziehen, aber Konrad wehrte
-ab. »Ich wollte nur fragen, ob ihr --« Nun brachte er es nicht heraus,
-Vögelchens Namen zu nennen, hier vor Marguerite, der Dirne und
-zukünftigen Erzieherin und ihrem neuesten Liebhaber, dem Trunkenbold und
-Diebsgesellen Custove. »Was wolltest du fragen, mein Sohn? A propos,
-dein Liebchen sitzt im Kloster, Asyl Gloriot heißt die Klause, im
-Departement X, nahe von Chaly. Willst du sie nicht holen gehen und mit
-uns nach Hause fahren? Der Finderlohn wird dir über die ersten Sorgen
-hinweghelfen. Die Fahrt schieß ich dir vor.«
-
-Konrad wehrte mit wortloser Geste dem Redeschwall. Nun rückte Marguerite
-nahe an ihn heran, legte den Arm um seine Schulter, kniff ihn ermunternd
-in den Arm und sagte: »Wer weiß, wie sie dort schmachtet, die Ärmste!
-Ach, solch ein Täubchen! Sie war voll Zärtlichkeit für dich. Sieh, Geld
-hat sie mir noch, ehe man sie fortbrachte, aus ihrer armen kleinen
-Sparbüchse für dich gegeben. Ich bin selbst arm, hatte sie gesagt. Mir
-sind die Tränen gekommen. Am liebsten hätte ich ihr statt das Geschenk
-zu nehmen selbst etwas geschenkt.« Konrad drückte gutgläubig Marguerites
-gepolstertes Händchen. Aber er stand auf, reichte wie widerwillig dem
-Custove die Hand, nickte dem Mädchen traurig zu und ging wie unter der
-Last seines aufquellenden Schmerzes gebückt und geduckt die Stiegen
-herunter. Dieselben Stufen hatten Ariels Füßchen berührt, das
-feinbeschuhte, um ihm Hilfe zu bringen. Mutig war sie zu ihm in seine
-zweifelhafte Behausung gekommen. Und er sollte nun nicht die Möglichkeit
-finden nach ihrem Ergehen zu fragen? Feige, nein feige war er nie
-gewesen. Sein Gewissen gebot ihm den Weg, so war das Verbot seiner
-Retter nichtig. Und wenn sie fort wollte, fort mit ihm, zurück in seine
-Heimat, zur unbekannten Mutter? Er lief nach Hause, nahm seine Arbeit
-vor, schrieb bis zum Morgengrauen und brachte vorzeitig den letzten Teil
-der Abschrift fertig. Nun entschloß sich M. Tallandre, da der Kopist
-sich so fleißig und pünktlich erwiesen hatte, ihm die Übersetzung der
-Arbeit zu übergeben. Wenn er sie nun abwies, bekam sie ein anderer und
-ein Bruch mit den Rettern war möglich. Das reichliche Honorar hingegen
-würde ihm die Schritte, die er für Vögelchen unternehmen wollte,
-ermöglichen. Indessen bekam er wohl auch Antwort auf seine Briefe. Ein
-übriges an Fleiß gewährte ihm vielleicht einen Urlaub vor Abschluß der
-umfangreichen Arbeit. War es nicht Vögelchen, um deretwillen er
-Tallandre so prompt bedient hatte, war es nicht Ariel, sein Schutzgeist,
-der ihm diesen reichlichen Verdienst verschafft hatte? So ging er denn
-mit neuen Kräften wieder zu Frau Calou und vergaß auch die beschämende
-Polemik über seiner neuen Arbeit.
-
-
-
-
- Der Gatte
-
-
-Givo traf Herrn von Twede im Foyer der Großen Oper. »Angele schreibt
-Ihnen nicht? Nun, sie hatte keine Zeit. Es gab allerlei zu unterhandeln,
-ehe wir einander das große Schweigen besiegelten. Ja, das hat nun schon
-seit Jahren zwischen uns gedämmert. Nun gab es noch geschäftliche
-Abwicklungen, der Scheidung wegen.«
-
-»Oh!«
-
-»Keine Kondolenzen, mon cher. Ich leide nicht sehr, es ist ein wenig
-peinlich, alles andere ist schon durchlitten. Auch dürfte ich nicht zehn
-Jahre lang Angeles Lebensgefährte gewesen sein, wenn ich mich nicht zu
-dem Grundsatz bekennen würde, daß es verboten ist allzuviel zu leiden,
-um nicht andere leiden zu machen. Meine Zwillingsschwester lebt jetzt
-bei mir.«
-
-Die beiden Herren gingen noch auf und ab, als das Glockenzeichen die
-Fortsetzung der Vorstellung anzeigte und das Foyer sich zu leeren
-begann.
-
-»Sagen Sie, cher Givo,« begann Herr von Twede nach einer Pause. »Wer ist
-eigentlich der zukünftige Mann Angeles? Ist es eine Persönlichkeit? Ich
-fürchte für sie. Ist er nicht ein Viveur?«
-
-Givo sagte mit milder, trauriger Stimme und voll Herzlichkeit: »Fürchten
-Sie nichts für Angele. Sie sucht die großen Aufgaben. Wären Sie weniger
-unfehlbar gewesen, sie hätte Sie niemals verlassen.«
-
-»Ich liebe es nicht, wenn Frauen Berufe haben,« erwiderte ablenkend Herr
-von Twede, »selbst Angeles, Liebe und Heilung zu sein, hat mich immer
-peinlich berührt. Ich weiß, sie hatte kein Wirkungsfeld bei mir.« Und
-nach einer Pause des Nachsinnens, in die beim Öffnen einer Türe von der
-Bühne her ein wehmütiges Aufschluchzen einer schmetternden Sopranstimme
-klang, sagte der hochgewachsene, weißblonde Herr: »Das aber war es, was
-sie mir einst geneigt machte. Wie seltsam die Wege des Lebens sind!«
-
-»Bleiben Sie ihr gut,« wollte Givo sagen. Aber Herr von Twede kam ihm
-zuvor.
-
-»Ich werde sie nun auch verehren können wie Ihr alle, jetzt, wo ich
-keine Rechte mehr habe. Rechte setzen einen immer ins Unrecht auch vor
-demjenigen, von dem wir sie zu erwarten haben. Nun treten wir ein. Meine
-Schwester erwartet mich. Wollen Sie ihr Guten Abend sagen?«
-
-
-
-
- Unheil auf dem Wege
-
-
-Der Frühling hatte auch Celias Garten geschmückt, die Hecke ans Gitter
-gedichtet und in den Beeten lichte Farben angezündet. Die Wege waren mit
-Kies bestreut, Gil und Nini hatten die Paquerettes, die Gänseblümchen
-aus dem seidigen Rasen gepflückt und jedes der Kleinen hatte sein Beet
-bestellt. Unter der alten Linde mit der weißen Rundbank saß Arabella in
-der Stille des Vormittags mit einem Buch. Nicht weit von ihr schlummerte
-ihr kleiner Liebling Alphonse, warm besonnt in seinem Korbwagen. Seit
-mehreren Wochen versorgte sie tagsüber das neun Monate alte Kindchen,
-das seine Amme plötzlich hatte verlassen müssen. Sie selbst hatte es
-entwöhnt und freute sich nun seines Gedeihens. Nichts konnte ihr lieber
-sein mit Ausnahme von Givos Briefen und Besuchen als der Augenblick, wo
-des Kleinen Brei, sorgsam ausgekühlt, nun löffelweise in das rundlich
-geöffnete Mündchen spazierte, wobei die großen dunkelblauen Augen sich
-mit zärtlich ängstlicher Frage zu ihr wandten, ob denn auch der nächste
-Löffel gewiß sei. Arabella gab sich Mühe, das Kind nicht durch Küsse
-während dieser heiligen Handlung zu stören. Wenn es dann satt war, mußte
-sie, so hatte Felix Blanc sie belehrt, es ganz still hinlegen, damit der
-kleine Magen das Genossene ungestört verarbeiten konnte. Dann aber
-schlief es. Ach, so spärlich war die Zeit, wo man es unbeschadet
-liebkosen konnte! Felix Blanc war sehr oft in der Säuglingsstube,
-während Alphonse von Vögelchen entwöhnt wurde. Er wurde in lange
-Gespräche verwickelt, denn sie war so gründlich, daß er sie neugierig
-nannte, und so pedant, daß er sie nur mehr Frau Professorin ansprach.
-Wenn er bei Anna sich um ein krankes Kind erkundigte, sagte diese
-lächelnd: »Die Frau Professorin wird es wohl besser wissen.« Und sie sah
-dabei ihren langgewachsenen Bräutigam schalkhaft lächelnd an, als wisse
-sie Bescheid um sein verhohlenes Entzücken. Vögelchen fragte Anna, warum
-sie nicht Hochzeit halte mit Felix Blanc, aber Anna antwortete, daß sie
-immer ein Brautpaar bleiben würden wie die heilige Cecilie und der
-Römerjüngling Valerian. Arabella sann und sie fragte sich, ob denn auch
-sie und Givo immer Braut und Bräutigam sein würden. Seit jener Nacht
-hatte sie ihn nicht mehr aufgesucht, wenn er, was seither mehrmals
-geschehen war, zu Gaste kam. Aber sie begleitete ihn, wenn er abreiste,
-und sie blieben dann mehrere Stunden beisammen in sanftem Gespräch und
-guter Zärtlichkeit. Nachts, wenn eine unbestimmte Sehnsucht sie befiel,
-sie hütete sich, dafür Givo verantwortlich zu machen, wenn sie dann in
-ihrem Bette sich regte oder gar ans Fenster ging, war sie gewiß Helenes
-leises Rufen zu vernehmen und dann fühlte sie sich von schlanken Armen
-umschlungen und eng aneinander geschmiegt schlummerten dann beide
-Mädchen ein. »Nur nicht allein sein mit seiner Sehnsucht,« sagte Helene,
-die ihr kleines Laster aufgegeben hatte, seitdem Arabella bei ihr
-wohnte. Während dieser Zeit waren zahlreiche Briefe Konrad Krugers an
-Vögelchen eingelaufen. Celia zeigte sie Givo, der die Schrift erkannte
-und entschied, daß sie Arabella nicht ausgefolgt würden. Er sandte sie
-uneröffnet an Konrad zurück. Er bat ihn zu sich. Er wollte ihn fragen,
-was er bei Arabella zu erreichen gedenke, er wollte ihre Ruhe ihm ans
-Herz binden. Aber Konrad kam nicht. Zu dieser Zeit war er bereits nach
-Chaly abgereist. Da er keine Antwort bekommen hatte, vermutete er, daß
-seine Briefe nicht bis zu Vögelchen gelangt waren. Er hatte in sie sein
-Bestes ausgeströmt, sie hätten nicht nur Vergebung erlangt, sondern
-Vögelchens warme Teilnahme erweckt. So entschloß er sich, von Tallandre
-Urlaub zu erbitten und ein Äußerstes einzusetzen, um Arabella auf sich
-aufmerksam zu machen. Er betrog seine Wohltäter, aber er beruhigte sich
-damit, daß er ja auch jener Frau und Mutter über Vögelchens Verbleiben
-Rechenschaft schuldig sei. Wie ein Flug ins Freie nach dunkler
-Umkerkerung erschien ihm die Reise in den strahlenden Frühsommer, die
-ihn in Vögelchens Nähe führen sollte. Die geliebten Chalets der Pariser
-erschienen ihm rührend bescheiden wie kindische Baukastenspielerei gegen
-die Landhäuser zu Hause, von denen jedes eine kleine Welt für sich war.
-Wie wenig ausgenützt war dort der Grund, sorglos nur dem Lustwandeln
-geweiht, während hier jeder Bahndamm genutzt zur Anpflanzung, zur
-Kaninchenzucht jeder Bretterverschlag, jedes Haus umrankt war von
-Obstbäumen und Rebe. Er erinnerte sich der Spaziergänge mit dem Vater an
-den Geländen der Stadt, wo schon einsame Landschaft sich aufschloß,
-wußte von einem Abend längs der Mauer des kaiserlichen Tiergartens, wo
-sie zwischen dunkelndem Kieferwald Wiesen entdeckt hatten und häuserfern
-einen von Pappeln umstandenen Teich: vorzeitliche Haine. Das Wiesel war
-ihnen über den Weg geflirrt. Wie ein Erlebnis brachten sie das mit zur
-Stadt, er und der Vater. Er und der Vater! Einen Augenblick starrte er
-hinaus auf die fremde Landschaft. Dann quoll etwas Heißes in sein Auge,
-kollerte hastig, als hätte es Eile zu verschwinden die Wange herab.
-Lautlos perlte es nun durch seine vom Schreiben gekrümmten Finger,
-rieselte über und unter ihnen hervor. Da ... eine fremde Hand tastete
-sich zu ihm hin, legte sich begütigend auf sein Knie. Er sah sie tief
-erschrocken. Eine Frauenhand war es im grauen, ehemals wohl teuren
-Handschuh, der jetzt schmutzig und geflickt war. Nun kam er zu sich. Nun
-würgte er es hinab, was als Knollen von Schande und Leid um
-Unwiederbringliches in seinem schluchzenden Halse saß. »Es ist nichts,
-es ist nichts,« sagte er und schob die Hand leise weg. Durch die Finger
-der seinen, die ihn verbergen sollte, sah er die Frau ihm gegenüber. Sie
-war nicht hübsch, verlebt die Haut, grob die noch jungen Züge, aber der
-Blick ihrer großen, runden Augen war treuherzig wie der eines Hundes,
-der bittend und teilnahmevoll auf seinen Herrn gerichtet ist. »Lachen
-Sie doch lieber, lachen Sie den großen Menschen aus, der weint wie ein
-Schuljunge,« sagte er. »Ich weiß selbst nicht, wie das gekommen ist, ich
-dachte an meine Heimat.«
-
-»Nostalgie,« sagte sie mit tiefer Stimme und sie dehnte das e wie die
-Schauspieler der _Comédie française_. »Nun, ich lache nicht, es gibt so
-wenige Männer mit Gefühl.« Sie wäre Schmierenschauspielerin, erzählte
-sie, und eben auf dem Wege zu einer neuen Anstellung. Einmal, da hatte
-sie sichere Aussichten gehabt in Paris ein gutes Rollenfach an einem
-zweiten Theater zu bekommen. Der Kontrakt war unterschrieben. Da war ein
-Mann in ihr Leben gekommen, ein Abenteurer, der riß sie mit nach
-Brasilien. Oh dort, eine Hölle war es gewesen! Dann -- als sie
-zurückkam, hatte sie sich mit schlechter Provinz begnügen müssen. Aber
-sie genoß Ansehen unter ihren Kollegen, denn den Kontrakt besaß sie
-noch. Sie zog ihn hervor und zeigte ihn.
-
-Konrad stieg mit ihr aus an der Station, wo sie beide den Zug zu
-wechseln hatten. Er wollte mit ihr warten und dann weiterfahren. Nun,
-sie hätte auch keine Eile. Ob sie nicht das kleine Städtchen besehen
-wollten? Das Gepäck konnte an der Bahn bleiben oder in die »Sonne«
-geschafft werden, den kleinen Gasthof, in dem es so gemütlich sei. Sie
-hatte da schon einmal übernachtet. Konrads Neugier lehnte nicht ab.
-»Nun, und erzählen Sie weiter,« bat er, nachdem er dem Lohndiener die
-Koffer übergeben. »Wie war das auf dem schrecklichen Schiff, mit dem Sie
-abfuhren?«
-
-Sie sprachen die halbe Nacht und dann geschah etwas, das böse Folgen
-nach sich zog. Am Morgen trennten sie sich herzlich ohne Versprechen
-einander wiederzusehen, denn er fuhr südwärts, sie ostwärts und sie
-sollte ein halbes Jahr in ihrer neuen Anstellung verbleiben. Ihre Züge
-verwischten sich in seiner Erinnerung, bald vergaß er ihren Namen, aber
-die Keime einer Krankheit, von der sie ergriffen zu sein vielleicht
-selbst nicht gewußt, blieben in ihm und verheerten sein Leben.
-
-Noch wußte er nichts von dem Gift, das in ihm seine unheimliche
-Tätigkeit entfaltete, er fuhr in Ariels Nähe und das verlöschte die
-Erinnerung an diese zufällige Nacht.
-
-In Chaly wußte er bald Näheres über Asyl Gloriot, daß es kein Kloster
-sei, daß niemals ein Geistlicher dorthin gelange. Man sei zwar fromm
-dort und wohltätig, aber auf seine Art. Das Haus liege inmitten von
-Feldern, weithin sei jeder sichtbar, der sich ihm nähere zu Wagen oder
-zu Fuß. Nachts lagen zwei Bernhardshunde zur Wache. Konrad kaufte sich
-eine schwarze Brille und eine Botanisierbüchse. Er gab sich den Anschein
-Heuschrecken zu fangen und näherte sich den Feldern, die Asyl Gloriot
-umfriedeten. Er kam an das Gitter, sah die Kinder, Anna, Helene mit dem
-Schützling Vögelchens. Vögelchen war auf ihrem Zimmer. Sie fühlte sich
-jetzt manchmal, obwohl sie aufblühte, matt und schwindelig. Felix Blanc
-wunderte sich, daß sie noch nicht, wie selbst Helene, die jünger war,
-zur Jungfrau gereift war. Das war wohl die Ursache ihrer Kopfschmerzen,
-die noch ohne weitere Begleiterscheinungen allmonatlich bei ihr
-auftraten. Ruhe allein half ihr. Konrad hatte vergeblich über das Gitter
-gelugt. Ein zweites Mal kam er auf dem Wagen des Wäschers angefahren.
-Den hatte er auf der Landstraße angesprochen und ihn, neugierig wie er
-war, nach seinem Fahrziel gefragt. Asyl Gloriot war die Antwort. Ob er
-ihn nicht aufsitzen lassen möchte um einen Franc für Hin- und Rückfahrt.
-Gern; wenn er mit ihm zurückfahren wolle, müsse er auf dem Bock sitzen
-bleiben, bis er die Wäsche abgeliefert. Das war ihm gerade recht. Vom
-Bock aus sah er besser über die Hecke. Clothilde erschien. Sie hieß den
-Wäscher den Korb vor die Türe hinsetzen, rief die Kinder herzu, jedes
-nahm seine Sachen in Empfang und brachte ein Säckchen mit. Da erschien
-Vögelchen an einem der Fenster, Alphonse auf dem Arm, der zärtlich sein
-Köpfchen an ihre Schulter schmiegte. Sie sah rosig aus, hold in ihrem
-mütterlichen Glück, umrahmt vom Fensterbogen, ein heiliges Bild. Sie
-rief: »Helene, vergiß nicht meinen Zettel, ich füttere Alphi eben.« Dann
-verschwand sie. Der Wäscher kam, sprang auf den Bock, zählte das Geld,
-das er erhalten, rückte die Körbe zurecht und wandte den Wagen. Sie
-fuhren ab. Konrads Blick rüttelte an dem dunkeln Viereck des Fensters.
-»Noch einmal komm, Jungfrau Maria,« stöhnte sein Herz. Der Wagen
-holperte über eine Biegung der Straße. Das Haus verschwand hinter
-Bäumen.
-
-Bald darauf ging er zu dem Wäscher, dessen Häuschen ihm nun bekannt war.
-Er legte Geld auf den Tisch und bat ihn, einen Brief in die Wäsche zu
-spendeln, die mit A. M. gemärkt sei, eine feine Wäsche müsse es sein.
-Der Wäscher schlug es ab. Er könne die Kundschaft verlieren. Die Frau
-kam neugierig herzu, die Sache interessierte sie. Konrad sagte, dies sei
-das Geheimnis einer unglücklichen Mutter, der man das Kind geraubt habe.
-Er bat ihm diesen kleinen Dienst zu erweisen. Niemand würde es erfahren,
-diejenige, für die der Auftrag bestimmt sei, erwarte dies Schreiben. Er
-legte noch einen Franc hin, aber schon ehe er dies getan, ward schon die
-Frau seine Fürsprecherin. Der Mann sah neue Schwierigkeiten. Es wären
-zwei A. M. da. Er wisse so gut wie sie selbst, meinte die Frau, daß A.
-M. mit dem roten Kreuze Fräulein Anna sei. Sie suchte in den
-Wäschestößen, die schon wieder bereit lagen in das Asyl gebracht zu
-werden, und zog eine duftige Morgenjacke hervor, die eben noch
-überplättet werden sollte. »Da geben Sie Ihren Zettel, ich weiß schon
-Bescheid. Sie meinen die Zarte, die immer das schwere Kind schleppt,
-seit dem Herbst ist sie hier. Sagte ich Dir nicht kürzlich, daß Fräulein
-Gloriot doch noch ein Kindermädchen aufnehmen sollte. Unsere Louise wäre
-gerade recht.« Sie steckte geschickt das Briefchen unter die Fälbchen.
-Konrad bedankte sich und ging.
-
-In dem Briefchen stand:
-
-»Ariel, mein Ariel, oh, daß Du diesen Gruß erhieltest, einen von den
-vielen, die ich Dir sandte aus dunkler Zeit. Mir ward Hilfe, noch weiß
-ich nicht, wer es begann. Ich bin wieder ein geistig arbeitender Mensch
-mit reiner Wäsche, alles andere ist gleichgültig, wenn ich noch Deinen
-Segen dazu habe. Ich habe Dich mit dem Kinde gesehen, Maria, und seither
-ist Ruhe in mir. Ich wandere durch die Felder und lobsinge zu Deinem
-Preise. Ariel, der Du ein Kindlein liebst, ist es nicht Zeit, daß Du
-Deiner Mutter gedenkest, die mich zu Dir sandte? Sie härmt sich um Dich
-seit Jahren, ohnmächtig war sie Dich Deinem Versucher zu entreißen. Ich
-aber will Dich zu ihr geleiten. Vertrau Dich meiner Liebe. Komm mit mir
-in die Heimat, in Dein Mutterland. Ruh aus bei Deiner Mutter von Kampf
-und Krampf, gib von Deiner Sonne ihr, die Dich gebar, der Du das Licht
-schuldest, das Ormuzd in sie strömte um Deinetwillen. Ich erwarte Deinen
-Wink und führe Dich ihr zu.
-
-In Treue bin ich immerdar
-
- Konrad.«
-
-
-
-
- Gestörter Friede
-
-
-Arabella war mit Helene in ihrem Zimmer. Helene plauderte immerzu. Aber
-nicht wie andere junge Mädchen sprachen sie von verborgenen Dingen, denn
-diese erregten ihre Neugierde nicht mehr. Jenes verborgene Leben aber,
-das sie kannten, hatte das andere nicht berührt, das sie mit
-Altersgenossinnen gemein hatten. Auch waren sie beide schamhaft im Wort.
-Sie sprachen über Blumen, Spiele, Bücher, Musik, Kleider, Ausflüge, über
-Anna, Felix Blanc und über Alphi. Er hatte zwei kleine Mütter an ihnen,
-die mit ihm spielten wie mit ihrer letzten Puppe. Heute sprachen sie
-auch von Alphis Eltern. Seine Mutter war tot, der Vater, ein Gelehrter,
-war dem jähen Schmerz geflohen. Eine Forschungsreise hielt ihn seit
-Monaten fern. Er war ein Freund Givos, Tallandres jüngerer Bruder. Wenn
-sie von Alphis Zukunft sprachen, wurde Vögelchens Blick ernst und
-träumerisch. Helene wußte, die Freundin fühle sich gebunden, könnte auch
-Alphi nichts versprechen. Helene aber wollte bei ihm bleiben, bis er ein
-großer Junge war. »Mama will keine große Tochter haben. Ich bin ihr
-immer im Wege. Es ist so unruhig bei ihr, meinte sie. Immer kommen
-Schneiderinnen und Herren und Freundinnen, die aufgeregt sind. Ich habe
-dort keinen Winkel für mich und die vielen fremden Leute sehen mich alle
-neugierig an. Ich möchte bei Tante Cecile bleiben oder Gouvernante
-werden. Kinder sind doch das Netteste auf der Welt.«
-
-»Ich möchte gern eigene haben,« sagte Arabella nachdenklich und schwieg
-dann, wie immer, wenn sie an Verborgenes ihres Lebens dachte, von dem
-Helene nur ein weniges ahnte. Sie nahm ein Wäschestück aus dem Kasten,
-um sich damit zu bekleiden, ehe sie sich an den Frisiertisch setzte. Da
-fiel etwas zur Erde. Sie bückte sich. Es war Konrads Brief. Sie besah
-ihn erstaunt und las ihn erbleichend. Helene war um Alphi beschäftigt
-und schenkte dem Vorgang keine Aufmerksamkeit. Erst als Vögelchen lange
-schwieg, sah sie auf.
-
-»Helene,« sagte Arabella, »kannst Du Alphi einige Tage allein versorgen?
-Ich muß verreisen. Du allein sollst es wissen. Ich werde heimlich
-fahren. Man ließe mich nicht fort, wenn ich darum bitten würde. Ich will
-zu meinem Stiefvater. Ich muß Aufschluß haben über, über meine --
-Mutter. Du mußt über alles schweigen. Versprich mir's, Helene.«
-Vögelchen umfaßte Helene, die zu ihr geeilt war. Die beiden Mädchen
-hielten sich umschlungen. Sie bebten vor Erregung.
-
-Nachmittags entfernte sich Arabella, nachdem sie Cecile einen Brief
-zurückgelassen. Helene sah ihr angstvoll nach. In einem Päckchen hatte
-sie das Nötigste für die Reise. Es war ihr, als folge sie
-schlafwandlerisch einer Macht, die dies alles für sie bestimmte. Zuerst
-telegraphierte sie Givo das Ziel der Reise. Dann ging sie in die
-größeren Gasthöfe und fragte nach Konrad. Er war abgereist. Zehn Tage
-waren vergangen, seitdem er das Briefchen zu dem Wäscher gebracht. Auf
-dem Bahnhof erfuhr sie, daß Quesdon, Mannsthals Aufenthaltsort, nicht an
-der Bahn liege, daß sie bis zu der zunächst liegenden Station Balogne in
-Louvais den Zug zu wechseln habe. Das Warten am Bahnhof zu Chaly war
-peinlich. Sie fürchtete überrascht zu werden, so ging sie bis zur
-nächsten Haltestelle, eine Stunde weit. Dort hatte sie noch eine weitere
-Stunde den Zug abzuwarten. Wie ungeduldig war sie! Endlich saß sie im
-Wagen. Da stieg ein Geistlicher ein. Sie bat ihn um Auskunft. Er riet
-ihr, in Louvais zu übernachten und früh am Morgen nach Balogne weiter zu
-fahren. Ob sie sich denn nicht fürchte allein zu reisen? Er würde ihr
-gern die Adresse einer frommen Herberge in Louvais geben und ein
-Briefchen dazu, damit sie nicht im Gasthof übernachten müsse. Arabella
-nahm dankbar an. Es war ihr, als hätte ein Schutzgeist ihr den alten
-Mann gesandt, der nun mit zitternder Altmännerschrift ihr die Adresse
-schrieb: »Empfohlen von Thomas Brueuil, Dechant von St. Jacques in
-Trouai.« Er stieg bald wieder aus. Es war nicht anders, als ob er nur
-erschienen wäre, ihr die Weisung zu geben. Es dämmerte, geisterhaft flog
-draußen die Landschaft an ihr vorbei. Eine warme, süße Nacht warf ihre
-Schwaden über den eilenden Zug hin, Ausstrom der reifenden Felder, die
-er durchmaß. Ein Gruß ferner Welten floß in sie ein und stärkte ihre
-verängstigte Kraft. Nach fünfstündiger Fahrt war sie in Louvais. Wie
-Meerluft trank sich der Atem der Nacht. Sie sprach eine Frau aus den
-ärmeren Klassen an, die zeigte ihr den Weg nach der Herberge. Die Stadt
-lag im Mondschein gebadet. Die keine Kathedrale war wie beeist, dunkle
-Schatten lagen zwischen den gothischen Mauern, in einer Glasrosette
-glitzerte ein Mondstrahl und sah wie ein göttliches Auge in das
-Helldunkel. Auf dem Hauptplatz plätscherte ein Brunnen, unbesorgt der
-Stille, in die er sprach. Da und dort gingen noch Leute, huschten wie
-Schemen vom Glast zu Dunkelheit, verschwanden in winkeligen Gassen oder
-in den stillen, verschlafenen Häusern, deren Läden sich selbst dem
-warmen Sommerabend verschlossen. Arabella wagte nicht mit lebendiger
-Sprache eine der Schattengestalten festzuhalten, um nochmals nach Straße
-und Haus zu fragen. Sie war müde und traumselig berührt vom Zauber der
-schlafenden Welt. Sie fühlte noch das Kreisen der Waggonräder in den
-Gliedern. Es war gut zu schreiten in der linden Stille. Sie erinnerte
-sich eines Kindermärchens, eines der wenigen, die ihrer seltsamen Jugend
-beschert waren, sah eine fremde Stadt, in der eine Prinzessin einen
-Königssohn sucht, der verzaubert bei der Fee Conta wohnt, in einem alten
-gläsernen Palast, dessen verrostete Türklinke aufschluchzt, wenn einer
-sie berührt. Und nun stand sie vor einem der alten Gebäude, dessen
-gewölbte Erker tiefe Schatten auf die Straße warfen und wußte, dies Haus
-ist Kloster und Herberge. Nur ein schwaches Licht hinter bleichem
-Vorhang kündete, daß sich noch Leben regte in dem Hause, das aus vielen
-Jahrhunderten zu kommen schien. Arabella erschauerte, ihre einsame
-Wanderschaft zur Nacht wurde ihr einen Augenblick zum Symbol für ihr
-Leben. Nicht anders als wie eine kleine vom Wind betäubte Meise klopfte
-ihr Fingerchen an die durchleuchtete Scheibe. Eine Nonne öffnete ihr,
-das Antlitz von der Laterne beschienen, und sprach den frommen Gruß.
-Vögelchen fühlte, wie ein musternder Blick ihre modische Kleidung
-streifte. Wie zur Gegenwehr streckte sie den Zettel des Pfarrers hin und
-nun stand sie in einer kühlen Halle, über deren Mauer das Licht der
-Laterne tanzte. Ihr war, als wölbten sich massive Spinnweben über ihr.
-Irgendwo tickte eine Uhr, während die Nonne mühselig las. »Ein Plätzchen
-für die Nacht?« sagte sie dann mit jener oft den Nonnen eigenen Stimme.
-»Im Vorderhaus ist nichts frei,« überlegte sie. »Nun, wir müssen eben
-durch den Saal und leise sein. Folgen Sie mir.« Nachdem sie aus einer
-Zelle einen Schlüsselbund geholt hatte, schritt sie Arabella voran. »Wir
-haben heute die Prozession aus Aisle zur Nächtigung,« sagte sie. Nun
-traten sie auf einen großen Hof. Ein steinernes Marienbild leuchtete
-hell zwischen Birkenstämmen, deren Laub rieselnde Schatten über die
-Steinfliesen malte. Ziegen und Schafe lagen da im Schlafe. Von ihren
-Leibern ging atmende Wärme aus. Kreuze ragten aus Büschen. Vögelchen sah
-es nicht anders als Druidensteine. Unheimlich fremd waren der in allen
-Kulten Unbelehrten die frommen Wahrzeichen. Aber der Frieden, der
-ausging selbst von dem voranleuchtenden Schreiten der Nonne, stimmte sie
-dankbar. Das Hinterhaus, zu dem sie sich begaben, ragte dunkel, von
-Jahrhunderte altem Efeu umrahmt. Über der gotischen Türe brannte unter
-einem Heiligenbild ein ewiges Licht, einem ängstlich flackernden
-Blutstropfen gleich. Die Nonne öffnete. Sie schritten durch die
-Sakristei an der Kirche vorbei, dann öffnete sich behutsam eine riesige
-Türe, nachdem die Nonne die Laterne zurückgelassen hatte. Sie tasteten
-sich durch einen Saal, darin lagen zehn Nonnen. Sie waren nicht
-entkleidet und hatten nur niedere, mit Gurten bespannte Betten ohne
-Polster und Decken. In ihren weißen Gewändern glichen sie Schwänen, die
-auf dunklen Wellen schweben. Eine oder die andere rührte sich im
-Schlafe, eine hochgewachsene Gestalt richtete sich spähend auf und
-schien wie in Verzweiflung zusammenzusinken. Leise ging der Atem von
-anderen, deren friedliche Züge Mondschein überglänzte. Das Nebenzimmer
-wurde nun Vögelchen zur Nächtigung angewiesen. Neben einem
-altertümlichen Bett stand ein zinnernes Waschbecken und ein Stuhl.
-»Schlafen Sie in Frieden,« sagte die Pförtnerin und verschwand.
-Vögelchen ging ans Fenster, fast taghell strömte nun das Mondlicht in
-den kahlen Raum. Ihr war, als wäre sie gefangen und müsse einen Ausgang
-erspähen. Unten im Hof entschwebte das Licht der Laterne. Da erblickte
-sie schräg gegenüber zwei erleuchtete Spitzbogenfenster. Welch seltsames
-Treiben bot sich ihr dar. Nonnen saßen über Spitzenarbeiten gebeugt.
-Riesige Kreuze und heilige Wappen streuten ihre kunstfertigen Finger in
-weißes Gespinst. Jahr und Tag saßen sie wohl so, ein Leben lang über die
-heilige Spitze gebeugt, die Altäre, Pulte und Priestergewänder schmücken
-oder jahrhundertelang in Klosterschreinen modern sollte. Weltfern lag
-ihnen das lebendige Leben, wahnvoll waren ihre Gedanken eingesponnen in
-die Gewebe. Ihre Gebete und Litaneien rankten sich verworren um Kreuz
-und Krummstab und dumpfe Sehnsucht um Lilie, Rose und Akanthusblatt.
-Vögelchen wurde nicht müde hinüberzuschauen, aber plötzlich tappte etwas
-neben ihr über die Steinfliesen. Blitzschnell flitzte ein grauer
-Schatten vorbei: Mäuse. Da eilte sie ins Bett und zog die Decke eng an
-sich. Irgendwo tickte es in altem Holz. Fast hörbare Schwüle tastete
-sich über Nonnenschlaf zu ihr und hüllte sie in jene Dämmer, die
-Erlebnis, Wunsch und Furcht vermengen. Sie sah Givo sie irgendwo
-erwarten und alle Einsamkeit hatte ein Ende und sie stand vor Adalbert
-und bat ihn sie von der Mutter zu erlösen, die rief und sie nicht fand
-und die sie nur sah wie einen Schatten, der nicht wärmt. Aber Adalbert
-sprach nicht, er blickte sie an wie in fernen Nächten mit dem
-Tierbändigerblick, der ihr wie ein süßer Befehl durch die Glieder rann.
-Da fühlte sie wieder, nur bei Givo war Erlösung, denn sein Blick
-entwaffnete den des Zauberers. Vor Tagesanbruch weckte sie leiser,
-eintöniger Gesang. Die Nonnen beteten. Immer lauter wurde das Singen,
-immer heller das Tagen vor den Fenstern. Es war, als riefen sie das
-Licht im Gebet, und es antwortete ihnen mit silbernem Ruf. Als der
-Gesang verstummte, brach Sonnenschein in das Gemach. Vögelchen ließ
-Wasser durch ihre Finger perlen und kühlte sich die schlafheißen Wangen.
-Neugierig ging sie ans Fenster, die Stätte der Nacht im Tag zu sehen.
-Alles war heiter jetzt und von schlichter Ehrwürdigkeit. Die Nonnen
-drüben waren von anderen abgelöst worden. Kinder gingen über den Hof,
-Bäuerinnen mit großen weißen Hauben flügelten umher, dazwischen weiße
-und schwarze Nonnen. Die Pförtnerin war unter ihnen und Vögelchen
-verließ nicht ohne Scheu ihres modischen Kleides wegen das Zimmer,
-schritt durch den leeren Saal und begrüßte die Nonne. Die führte sie zu
-einer Greisin, deren Blick geistesabwesend war wie der eines kleinen
-Kindes. Sie reichte Arabella mit einem erstarrten Lächeln ein Brot.
-Vögelchen streifte ein schmales Ringlein, das sie seit Kinderzeit trug,
-vom Finger und legte es der Priorin in den Brotkorb. Die nickte und
-murmelte einen Segen. Dann trat Arabella auf die Straße und durch die
-erwachte Stadt fand sie den Weg zum Bahnhof.
-
-
-
-
- Guy de Malpasse
-
-
-Das Reisen war damals noch nicht, was es heute ist. Kleine Fahrten,
-zumal in der Provinz, galten schon als Abenteuer. Die Lokomotive hatte
-noch etwas von der Hexenmaschine. Die Bürger von Louvais wunderten sich
-nicht wenig, dies fremdartige kleine Wesen am Bahnhof zu erblicken, wie
-es gewandt sich ein Billett nach Balogne löste und ohne ihrer zu achten
-längs der Geleise auf und ab wanderte. Arabella fühlte selbst oft mit
-Erstaunen diese Unabhängigkeit in sich, die sie, die Zarte, mit Kraft
-und Sicherheit ausstattete, überraschende Entschlüsse fassen ließ, ohne
-daß ihnen bewußte Erwägungen vorangegangen waren. Gleichzeitig aber
-entsprang diese Freiheit einer Unterwürfigkeit für mystisch vorbestimmte
-Wege und Ziele ihres Lebens und ihr Gewissen war daher ohne Schranken
-und Reue. Diese scheinbar nebelhaften Vorgänge, ein Teil ihrer
-wesentlichsten Art, waren ihr nun viel klarer und selbstverständlicher
-und erfüllten sie mit zuversichtlicher Ruhe, denn sie überzeugte sich,
-daß diese heimlichen Gebote ihr Gewissen selbst waren, das für sie
-dachte und erwog und befahl, ehe ihr ein Urteil zufiel. Sie erfuhr, daß
-stets alle Mittel bereit waren, diese Gebote zu fördern und zu erfüllen.
-Was andere Zufall und Wunder nennen, war ihr natürlich und es schien ihr
-gegeben diese Wunder anzuziehen. Am Großen und Kleinen erlebte sie dies
-und war bedient von jenen unbewußten Witterungen und Ahnungen, die Givo
-ihr gedeutet hatte. Dies auch war es, was sie Lichtsuchern als ein
-astrales Wesen erscheinen ließ, das mühelos besaß, um was sie selbst
-sich in Geisteskämpfen mühten. Ihr war es gegeben in den göttlich
-wissenden Lichtsphären zu wandeln, wiewohl das tägliche Leben sie umgab,
-eine Aeonin im lebendigen Leben zu sein. Fremde lasen ihr diese
-Besonderheit von der Kinderstirn, ein Heiliges haftete ihr an, dem
-Halbkind, das schon durch alle Feuer der Sinnenlust gegangen war.
-
-Ein Herr, kein Bürger, ein Gutsbesitzer vielleicht, sprach sie an. Er
-war schlank, schwarzbärtig, korrekt gekleidet. Ein Diener hielt sich in
-seiner Nähe auf. »Madame, darf ich Ihnen in irgendeiner Weise behilflich
-sein? Mein Bedienter wird Ihr Gepäck versorgen.« Vögelchen erwachte aus
-ihren Träumereien.
-
-»Danke,« sagte sie. »Ich fahre nur nach Balogne, von dort aus will ich
-nach Quesdon. Dahin finde ich wohl einen Wagen.«
-
-»Man geht eine Stunde zu Fuß bis an die Dünen,« sagte der Herr.
-
-»Ach, das Meer!« rief sie. Sie hatte bisher nicht daran gedacht, daß sie
-es sehen sollte. Der Fremde lächelte. Sie sah erst jetzt, wie klug und
-ernst er aussah. Schwermut lag hinter weltmännischer Haltung verborgen,
-ein fast düsterer Blick, anders als Givos wissendes Schauen betrachtete
-sie, das neugierige flammende Auge eines Künstlers.
-
-»Sie haben in Louvais übernachtet, darf man fragen, wo? Ich habe im
-besten Gasthof geschlafen. Sie waren nicht dort, wie schade! Sie sind ja
-fremd hier, eine Ausländerin, wie ich vermute.«
-
-»Ich schlief bei den Ursulinerinnen in Louvais.« Wieder lächelte er,
-aber unmerklich, schon mit der Absicht, sie nicht zu verletzen.
-
-»Wie schade, daß Sie nach Quesdon fahren, ich reise nach Paris. Wie
-hübsch wäre es gewesen Ihnen Gesellschaft leisten zu dürfen. Sie haben
-den bessern Teil erwählt. Jetzt ist es schön am Meer. Ich komme von
-Etretat und spüre noch seinen Hauch in der Seele. Wäre ich doch dort
-geblieben, aber ich bin voll Unrast, mich jagt es umher, es jagt, es
-kreist --. Unzählige Briefe erwarten mich, Verabredungen,
-Korrekturbogen, meine Verleger, mir graut davor --.« Er sprach es wie zu
-sich selbst. Und wie in plötzlicher Nervosität: »Francois, wir haben
-vergessen, unsere Goldfische zu füttern.«
-
-Arabella sah plötzlich in der morgenhellen Landschaft nur seine düster
-flammenden Augen, diesen dennoch warmherzigen und gequälten Blick,
-hinter dem es noch wie Erinnerung an Schönheit und Lebensfreude
-aufzuckte. Sie empfand Mitleid mit der Unrast, die sie aus seinen Nerven
-knistern fühlte. »Sie sind krank?« fragte sie. »Sie sollten Ruhe
-suchen.« Ein Ausstrahl ihres Herzens war in ihrer Stimme.
-
-»Ja,« sagte er. »Ich bin müde, müde. Und man quält mich? Wenn Sie in
-Paris sind, rufen Sie mich zu sich, kleine Fremde. Ich spare Ihnen eine
-freie Stunde.« Er reichte ihr seine Karte: Guy de Malpasse.
-
-»Der Dichter?« fragte sie.
-
-»Um Gotteswillen, ja,« sagte er. »Sie haben doch nichts von mir
-gelesen?«
-
-»Nein, ich habe nur kürzlich Ihre Bücher auf dem Regal meiner
-Vorsteherin abgestaubt.«
-
-»Lassen Sie es daran bewenden oder lassen Sie lieber den Staub darauf
-liegen. Ich schreibe nichts für Elfen aus Fremdland.« Sein Zug setzte
-sich in Bewegung. Sein Blick flackte über sie hin, zurück in die
-Landschaft, zu La Guilette mit seinen _carrés normands_, dem
-Goldfischteich, den Erdbeerbeeten, den weißen Pappeln.
-
-
-
-
- Die Frage
-
-
-Als sie gegen Balogne fuhr, wandten sich ihre Gedanken wieder bewußt dem
-Zweck ihrer Reise zu. Die Frage, die sie an Mannsthal stellen wollte,
-begann sie von neuem zu beängstigen. Ungeduld und Grauen auch trieb sie
-an ihn wieder zu sehen, den Zauberer. Sie dachte nicht daran, daß er
-selbst nicht den Wunsch geäußert hatte, sie in den Sommermonaten aus dem
-Asyl zu rufen. Er hatte vor einigen Monaten wieder begonnen, ihr zu
-schreiben, freundlich scherzhafte Briefe, in denen er auch zuweilen nach
-ihren Wünschen fragte. Sie hatte keine. Sie war mit allem reichlich
-versorgt, ja, sie schämte sich ihres Überflusses. Von Angele reihte er
-Grüße an. Von einer Veränderung, die er plane, schrieb er ihr und die er
-zu rechter Zeit ihr mitteilen würde. Was mochte er gemeint haben?
-Während sie sann, drängten sich einige Fahrgäste an die Fenster. Die
-Bahn überschritt die Somme. Sie selbst erhob sich, sie sah die Dünen
-und, durch einen Einschnitt ward das Meer sichtbar. Unendlich blau und
-still, ein Ebenbild des Himmels schien es dort wie eine riesige Wiese zu
-planen. Balogne wirkte gegen Louvais wie ein Variete gegen ein
-Passionsspiel. Ein geschäftiges modisches Treiben und die Emsigkeit, die
-aus dem Räderwerk der Stahlfederfabriken auszulaufen schien, umgaben
-sie. Bald war ein Wagen gefunden, aber als sie an die Dünen kam und der
-Kutscher ihr den Weg nach Quesnon zeigte, dessen Villen schon hinter
-einem schmalen Band von Bäumen auftauchten, sprang sie rasch aus dem
-Wagen und bezahlte. Sie wollte allein sein mit dem Meer. Der Sand war da
-und dort zu Hügeln aufgewirbelt. Auf einen solchen setzte sie sich und
-ließ das Wunder der See auf sich zuschreiten. Es war ein Sonnenwunder.
-Milliarden weißblitzender Fünkchen tanzten auf blauen Wasserhügeln, die
-in unabsehbaren Reihen aus unendlichen Fernen auf das Ufer zueilten. War
-es möglich, daß das große Meer nur ein Teil der Welt, ein Teil eines
-Teiles war? Die Luft, das Reich des Lichtes, war unendlicher noch, sie
-sah in den Himmel hinauf, wie ein Abgrund war die Höhe, sie war von
-seligster Bläue und diese Bläue nur war die Unendlichkeit. Ihr war, als
-wenn sie längst gestorben wäre und selbst durchsichtig wie Luft und
-Wasser, ein Teil der unfaßlichen Unendlichkeiten, hinzöge ins Maßlose.
-Und sie fühlte Givo in sich, wie sie ihn trug auf Flügeln ihrer Seele,
-wie er sie trug, wie sie wie ein Libellenpaar hinschwebten über Meere,
-Welten -- Welten, Meere, Himmel -- Unendlichkeiten. Eine Nebelpfeife
-weckte sie. Sie sprang auf, eilte den Bäumen zu. Landsitze standen dort
-in Gärten, spärliche Anlagen, dem Dünenland abgetrotzt. Sie wußte nicht,
-in welchem Haus Adalbert wohnte, aber sie vermutete, daß es das war, das
-auf festgefügtem Steindamm gegen die Dünen stand, den Blick frei auf das
-Meer gerichtet, während seitlich ein großes Stück Gartenland sich an die
-Felder und Anlagen schloß, die die Villenanlage von dem Ort trennte,
-dessen ländliche Kirche hinter kleinen Häusern sichtbar wurde. Vögelchen
-sah den Gasthof, ein breitspuriges Gebäude mit dicken Mauern, hinter
-denen es wohnlich aussah. Einige Tische standen vor dem Hause, Landleute
-und bescheidene Reisende saßen und standen davor. Auch sie setzte sich
-hin und bestellte ein Frühstück. Außer dem Brot der Ursulinerinnen hatte
-sie seit dem Mittagessen des vorigen Tages nichts mehr zu sich genommen.
-Sie aß Eierkuchen, trank dicke Milchcreme. Oh, wie hungrig hatte sie die
-Seeluft gemacht! Hier hätte sie Adalberts Wohnung erfahren, aber wer
-weiß, unter welchem Namen er im Ort bekannt war. Eine Scheu hielt sie
-ab, nach dem Haus zu fragen, das das einzige war, das sie allenfalls als
-ihr Vaterhaus bezeichnen konnte. So ging sie und spähte hinter Hecke und
-Zaun. Sie hatte nicht fehlgeraten, das stattlichste gegen Sturm und
-Winter geschützte war Vas Wohnstatt. Denn -- ihre Hände griffen in die
-Eisenstäbe des Gitters, da ging zwischen bunten Vervenenbeeten eine
-hochgewachsene blonde Frau: Angele. Sie war schwanger. Sie sah kräftig
-aus und um vieles jünger in ihrem rosafarbenen Morgenkleid, das keinen
-Zweifel über die Veränderung ihrer schlanken Gestalt ließ. Adalbert,
-auch er war verjüngt wie vor der Krankheit, ein wenig stärker
-vielleicht. Er kam aus dem Hause wie zum Ausgehen bereit, küßte die Hand
-der Frau, umfing sie sanft, streifte ihr Haar aus der Stirn. Vögelchen
-erschrak, sie kannte diese Geste. Er lächelte dankbar einem Wort aus
-ihrem Munde. Dann kam er dem Ausgang zu. Vögelchen stand und es
-schüttelte sie, als hätte sie Fieber. Die Vergangenheit trieb ihr
-Blutwellen ins Antlitz beim Anblick ihrer Nachfolgerin, die die Frucht
-dieser Nachfolgerschaft so sichtbar trug. Weh ihr, wo sollte sie sich
-verbergen? Aber im selben Augenblick ging das Tor und Mannsthal stand
-vor ihr. Er erbleichte. Nun aber ersah sie seine Züge, seine Augen,
-seinen Mund, wußte, fühlte es wieder, daß er sie besessen, wußte um das,
-was in ihr im Dämmerschlaf gelegen, um jenes Leben der verebbten
-Sinnenlust. Sie hatte ihre Frage vergessen, sie fühlte nur jenes andere,
-fühlte den Zauberer. Aber auch er überwand seine erste Erschrockenheit
-und fragte mit Besorgnis: »Kind, warum bist du da? Ist Dir etwas
-geschehen? Allein diese Reise?!« Er legte die Hand um ihre Schultern,
-wie er es eben bei Angele getan. Diese Bewegung brachte sie zu sich,
-rüttelte sie wieder zurück in die Erniedrigung, die sie empfunden hatte.
-
-»Nicht da hinein,« sagte sie. »Komm weg von hier,« und sie entfernte
-sich eilig. Er folgte ihr.
-
-»Du hast sie gesehen,« sagte Adalbert mit warmem Bedauern in der Stimme,
-etwas Mildes klang mit, das neu war in ihr. »Bist du ihr denn böse, mein
-Liebes, Kleines, du? Verzeih mir, Kind, verzeih mir. Aber es mußte sein,
-das brachte mich dem Leben zurück, das abzuwarten. Das allein half mir
-meine Krankheit zu überwinden. Vielleicht wirst du das alles einmal
-verstehen.« Schon war es Vögelchen, als spräche ein Fremder zu ihr. Es
-schmerzte, daß sie ihn als Fremden empfand, den ihre Augen, ihr Blut so
-gut kannten. Und jenes Haus, jene Frau ward ihr eine fremde Stätte, aus
-der sie ausgeschlossen und in die übrige, unendlich große Welt gestoßen
-war! Jetzt, ja jetzt mußte die Frage gestellt werden. Sie stieß sie
-unvermittelt hervor: »Wo ist, wer ist meine Mutter?« Er fühlte es wie
-Rache und seine Antwort sollte mit gleicher Münze zahlen.
-
-»Oh, eine gute, langweilige Frau, die dich wenig fesseln würde. Ich
-schätzte sie leidlich, als sie jung war und vor allem nur deinetwillen.
-Ich habe dich ihr abgekauft, als sie zu einem anderen und bald dann auch
-zu einem zweiten Manne ging. Das heißt, es war ihr vierter, falls dein
-Vater ihr erster gewesen, was wahrscheinlich ist. Dein Vater war ein
-Kranker, ein Dichter und Träumer. Deine Papiere waren nicht in Ordnung.
-Es war nicht schwer für mich dich als Tochter anzuerkennen.« Als
-Mannsthal nun Vögelchens leichenblasses Gesicht sah, sagte er
-besänftigend: »Deine Mutter war nicht schlecht, nur völlig willenlos und
-sehnte sich nach einer Heimat bei einem Mann, der nicht zu viel und
-nicht zu wenig von ihr wollte. Jetzt hat sie ihn seit vielen Jahren und
-einen Sohn dazu. Ich war nicht gerade aufopfernd gegen sie -- das will
-ich dir gestehen, aber sie lebt jetzt in glücklicher Ehe und verdankt
-diese Ehe dem Umstand, daß ich dich behielt. Du wärest eine Fremde dort.
-Bist du nun gekommen, mich anzuklagen? Bist du mir böse geworden, weil
-ich an dir Mutterstelle vertreten habe? Du warst doch recht zufrieden
-bei mir. Oder solltest du bereuen, daß wir, daß es -- war es nicht
-schön? Sag« -- er faßte sie leidenschaftlich an -- »war es nicht schön?
-Nichts, nichts konnte mir das, kann mir jemals das verschaffen. Hast du
-es abgeschüttelt wie eine Schande, weil es die stumpfen, heuchlerischen
-Menschen so nennen würden, wenn sie wüßten, wie glücklich wir gewesen
-sind in unserer Leidenschaft. Und nun hast du ja deine Schwärmerei und
-eine heilige noch dazu. Ich trete dich ab an Imanuel Givo. Bist du's
-zufrieden?«
-
-Vögelchen atmete schwer. Es war zu viel, dies alles zu bewältigen. »Sie
-ruft nach mir -- diese Frau,« sagte sie schließlich mühselig.
-
-»Sie wird sich beruhigen, wenn sie erfährt, daß ich mich mit Frau von
-Twede vermähle,« erwiderte Mannsthal. »Erspar' dir also eine
-Enttäuschung und vertrau' mir. Was hat dich denn getrieben, wer hat dich
-verhetzt? Givo schrieb, du wärest so glücklich in dem Heim!« Sie waren
-in den Dünen draußen in der Einsamkeit und in die Stille sprach nun das
-Meer mit seinem rieselnden Raunen und Rauschen. »Du hast es nie gesehen,
-nicht wahr?« sagte Mannsthal, als er sah, wie sie von der Gewalt des
-Elementes ergriffen wurde. »Ich denke oft an dich, wenn ich hier sitze,
-sehne mich nach deinem Plaudern, nach deinem kleinen Körper auch. Du
-bist sehr wohl, nicht wahr? Siehst frisch aus trotz der Reise und der
-überflüssigen Aufregungen, in die du dich versetzt hast.« Er nahm ihre
-Hand in die seine und drückte sie heftig. »Komm, setzen wir uns hierher.
-Ist es nicht einzig, das Meer?«
-
-»Ich will jetzt zurück in den Gasthof,« wehrte sie. »Dort habe ich meine
-Sachen gelassen und erwarte Briefe. Ich will auch heute noch zurück.
-Fräulein Gloriot könnte mir böse sein.«
-
-»So rasch willst du fort und willst nicht deine Scheu überwinden und zu
-Angele kommen?«
-
-Vögelchen schüttelte den Kopf. »Es ist zu viel auf einmal,« sagte sie
-und setzte sich müde hin. Er war gleich bei ihr, kniete zu ihr hin,
-küßte ihre Hände. »Mein kleines, mein geliebtes Kind! Laß dich nicht
-verwirren. Gehören wir denn zu den anderen, mit denen du vergleichst?
-Oh, du Liebes, du Schönes, du!« Er bog sie zurück, er küßte sie, er
-liebkoste sie, er flüsterte ihr vergessene Worte ins Ohr. »Ist es nicht
-wie ein Wunder, es ist heute Nacht ein Jahr gewesen. Denkst du daran,
-jene Nacht, in der Rosina starb. Unsere schönen, heißen Nächte,
-Vögelchen!«
-
-Nonnengesang hatte sie an diesem Morgen geweckt. Sie sah das fast
-blödsinnige Lächeln der Priorin, das aus einer Welt heiliger Einfalt zu
-kommen schien. Dort im Gasthof erwartete sie vielleicht eine Antwort von
-Givo oder er selbst. Sie sah die schwangere Frau im Garten und in der
-Ferne eine Familie, die sie fremd ansah, während sie auf eine Frau
-zutrat und Mutter sagen wollte. Wahnsinn grinste sie an. Aber dazwischen
-sang das Meer das ewige Lied, das alles Einzelne in seiner
-Unaufhaltsamkeit aufsaugt, alles Zeitliche in seiner Ewigkeit
-verschlingt. »Laß mich,« sagte sie ohne Abscheu und Hast. Sie reichte
-ihm zum Abschied die Hand.
-
-»Ich bringe dich zurück nach Chaly,« sagte er.
-
-»Jetzt will ich in den Gasthof und allein sein,« erwiderte sie. Ihr
-Gesichtchen verzog sich, aber sie schämte sich der Tränen des Mitleides
-über sich selbst und gleich darauf zieh sie sich der Undankbarkeit gegen
-Givo, der sie unter seinen Schutz genommen. So eilte sie hinweg.
-Mannsthal stand auf, ihr zu folgen. Aber sie wandte sich und hob
-beschwörend die Hände. Nun schien sie über die Dünen zu fliegen. Sie
-entschwebte ihm. Seine Gewalt war gebrochen.
-
-Sie lag im Gasthof zu Quesdon, dumpf, zerbrochen. In die gesteiften
-Vorhänge des Bettes schlug der Meerwind. Die Türe ging auf und Givo trat
-ein. Sie rührte sich nicht, sah nur in hilfloser Dankbarkeit zu ihm auf.
-»Warum hast du es getan, ohne mich?« sagte er. »Es wäre alles besser,
-leichter gewesen.« Er sah, daß sie gelitten hatte. Er streichelte sie.
-Ihr Atem wurde ruhiger. Sie sprachen lange. Aber als sie dann ihm, ja
-selbst ihm nicht alles sagen konnte, kam wieder Verzweiflung über sie.
-Sie lag wie abgestorben. Da wuchs seine Angst um sie, da wollte er mit
-ihr fühlen, daß es kein Traum war, daß sie zu einander gehörten. Er
-wollte sie wärmen mit dem Zustrom seines Gefühles, mit seinen Küssen
-ihre Erstarrung lösen und sie schloß die Arme um seinen Hals und hielt
-ihn und er wollte spüren, daß ihr Herz pochte, an seine Lippen sollte es
-schlagen. Er löste ihre Kleider in Zärtlichkeit, er fühlte sie wie eine
-lose Blüte duftend in seinem Arm verhangen, keine Abwehr war in ihr,
-wissend sog sie sich seinen Wünschen entgegen. Aber dann hielt er sie
-nur warm an sich, wagte nicht, sie ganz an sich zu nehmen, und selig
-spürte er, wie sie den Schmerz vergaß über der drängenden Sehnsucht sich
-ihm zu schenken. Lange lagen sie in sinnenraubenden Flammen regungslos
-verschmolzen, bis er, seiner nicht mehr mächtig, in sie eindrang. Da
-wußte er nebelhaft im Rausche, daß sie nicht mehr Jungfrau war. Sein
-Schmerz erstickte in Mitleid und Erstaunen überwältigte ihn, daß sie in
-Liebeskünsten gewandt wie Courtisanen und doch unbewußt war wie ein Kind
-und verklärt in ihrem Feuer. Während er sie besaß, stürzten Tränen
-heißer Trauer aus seinen Augen, während er sie glühend an sich riß,
-entsagte er seinem liebsten Traum. Aber Vögelchen wußte nicht mehr, daß
-sie ein anderer besessen, ahnte nicht, daß es eine Jungfräulichkeit gab,
-die geraubt werden konnte, und daß nicht Givo allein genommen, was sie
-einzig für ihn besaß. Viel später erst erfuhr sie, durchschauert von der
-Ungeheuerlichkeit ihrer kindlichen Vergangenheit, in einem zufälligen
-Gespräch die Veränderung vom Mädchen zur Frau. Und dennoch hatte Givo
-sie, die nicht mehr Jungfrau war, in anderem Sinne vom Kind zur Jungfrau
-gemacht, denn am Morgen nach jener Liebesnacht trafen Dr. Felix Blancs
-Voraussagungen ein. Givo schrieb an Celia, daß er in einigen Tagen erst
-Vögelchen ihr wiederbringen würde. Er ließ sie ruhen und umsorgte sie
-mit andächtigem Gefühl.
-
-
-
-
- Lea Givo
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-
-Imanuels Vater war Spanier, Chemiker von Beruf und hatte sich mit dem
-Studium offizinaler Pflanzen befaßt. In Indien und Südamerika hatte er
-Plantagen besessen, in einer deutschen Hafenstadt sein Lager und eine
-Fabrik zur Verwertung der Rohprodukte mit umfangreichem chemischen
-Betrieb. Seine schwankende Gesundheit war durch Seereisen gefestigt, als
-er sich noch mit fünfzig Jahren ein zweites Mal zur Ehe entschloß. Er
-heiratete Lea Jakobs. Ihr Vater war Holländer, die Mutter eine
-Norddeutsche, in Hamburg begütert. Amos Givo war ein Mann von seltener
-Schönheit gewesen. Immanuel erinnerte sich mit Andacht des schwarzen
-Feuerblickes unter weißen Brauen, der edlen elastischen Gestalt, der
-klangvoll starken Stimme, deren Ausdruck unvergeßlich war. Lea war
-achtzehn Jahre alt gewesen, kaum ihrer Glaubensschule entwachsen, als
-der Bund geschlossen ward. Die Eheleute der Sekte, deren Givos Eltern
-angehörten, heirateten nur selten nach der Staatsreligion, zu der sie
-sich bekannten, und wenn dies geschah, so hatte diese formelle Trauung
-nur den Zweck, alles zu vermeiden, was die geheime Sekte gefährden
-könnte. Ihren Vorschriften nach blieb die Ehe frei und ward ohne
-jegliches Gelübde geschlossen. Ihre Verpflichtungen waren religiöser und
-seelischer, nicht gesetzlicher Natur. Die Heirat bedeutete bei ihnen die
-Verschmelzung des Lichtes mit der Erde, die Vereinigung von Geist und
-Blut, die Verklärung der Leidenschaft, sie war nicht Schwur einer Frau
-und eines Mannes einander zu dienen und Treue zu bewahren, sie war
-unlösliche Vermischung ohne äußeren Zwang und erzwungenes Gesetz, eine
-elementare Verbindung, deren Vollzog rein innerlich ist. Der Himmel, in
-dem diese Ehen geschlossen werden, ist das Weltenlicht, das die Erde
-durchdringt.
-
-Lea Jakobs war siebenunddreißig Jahre alt, als ihr Mann starb. Ihre
-Liebe für ihn war exstatischer Überschwang, die Treue nach seinem Tode
-nährte den Glauben an ihre gemeinsame Lehre. Manuel war damals 17 Jahre
-alt. Sein Vater hatte vor seinem Tod alle Liegenschaften verkauft, um
-den Sohn nicht an Geschäfte zu binden, ihm volle Freiheit für das
-erwählte Studium der Astronomie zu gewähren. Der Jüngling reiste zwei
-Jahre lang, traf dann seine Mutter in Spanien, wo sie gemeinsam die
-Familien der Sekte besuchten, die dem Vater verwandt oder nah
-befreundet waren. Imanuel lernte Uhari, einen Weisen und zugleich
-Leidenschaftlichen, kennen, mit dem er seit seinem vierzehnten
-Lebensjahr in Briefwechsel gestanden hatte. Er liebte ihn mit
-ehrfurchtvoller Glut. Doch lange war ihm die Freundschaft mit diesem
-Mutigsten der Sekte nicht vergönnt. Eine tückische Krankheit raffte
-zugleich den noch jungen Mann und seine Frau hinweg. Die
-Glaubensgenossen vermuteten einen Giftmord und hielten sein Andenken wie
-das eines Märtyrers ihrer Lehre. Uhari hinterließ eine Tochter Zora, die
-zur Zeit, als Givo Arabella in sein Leben nahm, in die Glaubensschule
-eingekleidet werden sollte, nachdem sie unter Lea Givos Wohltaten
-herangewachsen war.
-
-Fünf Jahre nach dem Tode ihres Mannes, als Imanuel in Paris und
-Greenwich studierte, erbte Frau Givo nach ihrer Mutter deren Villa in
-H., ein ehrwürdiges Haus am stahlblauen Wasserbecken, in dem schon der
-Wellenschlag des Meeres sich kräuselt und die weißen Mövenschwärme sich
-wiegen. Samtene Rasenflächen senkten sich vor dem Hause zu einer
-vornehmen Straße herab. Hinter alten Bäumen stand das Gebäude, Lea Givos
-einsamer Wohnsitz. Manuel war fern. Er hatte sein Wirken in der Welt
-angetreten.
-
-Lea ging durch die Straßen, niemand kannte sie. Ihre Nachbarn wußten
-nicht, ob das Haus bewohnt sei, so still blieb es. Sie war noch schön
-und wußte es im Spiegel der fremden Blicke. Ängstlich versenkte sie sich
-in den Glauben, ihr begehrendes Blut zu beruhigen, und es war ihr, als
-müsse sie um des neugläubigen Sohnes willen ihrer alten frommen Lehre
-getreuer sein. So fand sie auch unter den Genossen wenige, die ihren
-Eifer in gleichem Maße teilten.
-
-Givo bat in jedem Briefe, sie möge ihren Starrsinn lösen und seinen
-Wohnsitz teilen, und obwohl sie nichts heißer ersehnte als den Sohn,
-entschloß sie sich nur schwer ihn zu besuchen, Kämpfe fürchtend. All
-ihre Liebesfähigkeit hatte sich in ihren einsamen Stunden in die
-selbstvernichtende Sucht ergossen, ihn allein zu besitzen, ihn nicht zu
-teilen mit anderen Frauen. Heimlich hatte sie ihm Uharis Waise, Zora,
-ihren Schützling, zur künftigen Frau erwählt. Diese würde sie nicht
-berauben, da sie ihr alles verdankte, was sie genoß. Zuweilen kam
-Imanuel und sie reisten. Sie hatten in allen Ländern Verwandte wohnen
-und die Sippen der geheimen Glaubensgemeinschaft. Einmal besuchten sie
-gemeinsam Zora Uhari in Dresden, wo diese in einem Pensionat lebte. Als
-Givo dann nach Frankreich zurückkehrte, wurde sie ihm zur Begleitung
-nach Lausanne anvertraut. Sie saß ihm gegenüber, trotzig, schweigsam,
-eine Welt von Geheimnissen hinter der bleichen Stirn und den
-verschleierten, mandelförmigen Augen. Sie war schön wie ein »Bild«, eine
-Schönheit ohne Wort und Geste. Es war ein unlösliches Schweigen in ihr,
-als hätte der jähe Tod der Eltern ein trauerndes Standbild in ihr und
-sie schien auf ihren Schultern jene Knechtschaft zu tragen, gegen die
-ihr Vater sich nutzlos aufgelehnt, um daran zugrunde zu gehen. War
-jemals der Verdacht jenes Giftmordes zu ihr gedrungen, hatte der in ihr
-das Lachen, die Jugend in der Seele erstickt? Aber Givo ahnte: sie
-liebte die Lehre nicht, ja ihm war, als haßte sie ihre Besonderheit und
-er erschauerte, ihres Vaters gedenkend, der ihr Held gewesen war. Sie
-schrieben einander nicht und er erfuhr auch vorerst nichts von seiner
-Mutter Absicht sie zu vereinen. Diese meldete ihm nur, daß Zora das
-Schweizer Pensionat verlassen hatte, um in die Glaubensschule
-einzutreten. Am Wege würde sie bei ihr ausruhen, dann werde sie ihm wohl
-noch mehr von Zora zu erzählen haben. Der nächste Brief aber enthielt
-nichts von Zora. Er lautete: »Mein Manuel, Du hast mich tief betrübt mit
-Deiner Nachricht. Ich habe es immer gefürchtet, daß Deine neuen
-Anschauungen Dich auf Abwege führen werden. Du mußt von dem fremden
-Mädchen lassen. Glaub mir, es ist nur ein Betrug Deiner Wünsche, daß Du
-in ihr ein Wesen siehst, das unsere Schauung ohne die Lehre so tief
-erlebt haben soll. Bei vielen findest Du ähnliches, aber das ist dennoch
-nicht unser Glauben. Ich quäle mich ab, daß ich Dich nicht strenger in
-der Altgläubigkeit gehalten habe und nun der Fluch auf mich Mutter
-fällt. Warum bin ich nicht bei Dir geblieben in der verwirrenden Stadt
-und habe Dich bewahrt? Nun liege ich wie gelähmt vom Schrecken und kann
-nicht zu Dir, Dich Herz an Herz zu beschwören von diesem Wesen zu
-lassen, das ich niemals lieben kann. Du hast sie zu Deiner Frau, sagst
-Du, zu Deiner Geliebten gemacht? Und das sollte ein Grund sein, sie für
-Dein Leben zu wählen, wo unsere Vorschriften verlangen, daß der Geist
-sich mit der unberührten Erde vermählt! Ist dieses Mädchen eine Jungfrau
-gewesen? Ich will sie gern bewundern, wenn Du sie würdig hältst, aber
-als die Frau, die Du in ihr erhoffst, verabscheue ich sie und hasse sie,
-denn Du mißachtest darin Deiner Lehre vornehmste Gebote. Weißt Du nicht,
-daß Frauen nur als Kinder unserem Glauben eingekleidet werden können,
-damit nur die Töchter der Sekte gewählt werden? Wie stünde es um unsere
-Gemeinschaft, wäre dem nicht so? Die fremden Frauen hätten sie längst
-vernichtet. Ich beschwöre Dich, mein Sohn, komm zu mir. Ein fremder Mann
-ist nicht von gleichem Übel, lehrte Makar Hildar, aber die Erde darf
-nicht Fremdland sein, in die Du säest. Lege Deine Hände auf die Wunden,
-die Du geschlagen hast. Bring mir das gute Licht des Glaubens, wie Du es
-an Deines Vaters Bahre geschworen als sein Vertreter im Geist, der die
-Leuchte des Hauses hält. Komm, denn ich liege gelähmt und fürchte für
-meine Genesung. Ich bin in Verzweiflung Deine
-
- Mutter Lea.«
-
-Sie lag im verdunkelten Gemach, der alten Magd weiße Haube leuchtete im
-Raum. Ab und zu plätscherte das Wasser im Kupferbecken, wenn Minka die
-Kompressen auf der Herrin Stirn wechselte. Eine große Balkontüre, halb
-von wildem Wein verhangen, stand offen. Vom Hafen her kam der Ruf der
-Dampfpfeifen wie angstvoller Aufschrei. Frau Lea Givos Qual war in dem
-Wehruf, der in die Unendlichkeit des Meeres klagte. Sie lag und rührte
-kein Glied. Sie hatte sich's verschworen, wie lahm zu liegen, bis daß
-der Sohn ihr wieder Ruhe und Zuversicht brächte. Sie wartete auf ihn.
-Flog nicht sein leichter Schritt über den Kies? Der Abend kam, die
-Amseln lärmten im Garten. Schlaflose Nacht senkte sich mählich herab.
-Die alte Minka war im hohen Armstuhl eingeschlafen.
-
- * * * * *
-
- »Und wo sich abwandten
- unsere Brüder --«
-
-Als Givo früh am Morgen Vögelchens Zimmer verlassen hatte, um das seine
-aufzusuchen, begegnete ihm auf der halbdunklen Treppe Mannsthal. Sie
-standen einander gegenüber, der Ältere mit flüchtigem Lächeln, der
-Jüngere mit verhaltener Abweisung. »Sie wollen zu Arabella?« fragte Givo
-nach der Begrüßung, ohne Wärme, ohne des anderen Lächeln zu erwidern.
-
-»Ja, ich erfuhr abends, daß sie sich noch hier aufhalte, und wollte
-nicht, daß sie wieder allein fährt.«
-
-»Sie wird nicht allein fahren,« sagte Givo. »Darf ich Sie bitten, sie
-jetzt nicht aufzusuchen. Es würde ihr die Ruhe rauben, die sie kaum erst
-wiedergefunden hat. Wollen Sie mir die Ehre erweisen, mit mir zu
-frühstücken?«
-
-Mannsthal folgte Givo in das Gastzimmer hinab. »Vielleicht haben wir
-einander noch einiges zu sagen,« sprach er. »Frau von Twede ist wohl?«
-fragte Givo. »Darf man vorsprechen?«
-
-»Frau Mannsthal empfängt jetzt nicht gern. Sie wissen wohl: sie erwartet
-ein Kind. Sie würde zwar Ihnen gegenüber gern eine Ausnahme machen.
-Wollen Sie heute kommen?«
-
-»Ich will nicht lästig fallen. Verzeihen Sie überdies, ich wußte nicht,
-daß Angele sich wieder verheiratet hat. Ihre Stieftochter war auch nicht
-verständigt?!«
-
-»Ich hatte Arabella erst vorbereitet. Über unsere Verheiratung
-unterblieb aus Rücksicht für den Legationsrat jede öffentliche
-Mitteilung. Angele wollte Ihnen indes selbst Mitteilung machen.«
-
-»Es wird mich sehr glücklich machen von ihr Nachricht zu erhalten. Sie
-wissen, ich schätze sie über die Maßen. Wie froh bin ich, daß sie ein
-Kind haben wird. Es empfiehlt sich wohl doch nicht, daß ich sie besuche.
-Es wird besser sein, wenn Arabella nicht einer Peinlichkeit ausgesetzt
-ist, und ich möchte gerade vor Angele nicht mein Hiersein bemänteln. Ich
-bin gewiß, daß Arabella nur Freundliches für Angele empfindet und diese
-für sie, aber lassen wir erst Gras über diese aufgewühlte Erde wachsen.«
-
-»Sie haben wahrscheinlich recht und ich sehe, daß ich keinem
-gewissenhafteren Freund Vögelchen anvertrauen könnte.«
-
-»Noch eines möchte ich zur Sprache bringen,« unterbrach Givo. »Sie
-wissen, daß Arabella sich zufolge eines Briefes jenes Studenten, den ich
-schon beruhigt glaubte, um ihre Mutter abquält. Halten Sie eine
-Vereinigung der beiden Frauen für möglich?«
-
-»Vögelchen hat keine Mutter,« sagte Mannsthal kühl.
-
-Givo runzelte die Stirn.
-
-»Diese Dame hat Arabella gegen eine sehr hohe Summe an mich abgetreten,
-auch ihr Mann wurde von mir bezahlt. Nennen Sie mich einen Verbrecher,
-weil ich sie kaufte und so Mutter und Kind getrennt habe, aber fragen
-Sie sich selbst, ob eine Mutter, die diesen Namen verdient, sich ein
-Kind abkaufen ließe! Sie hat ihre Mutterschaft veräußert. Unser Vertrag
-war vor Gericht nichtig. Sie hat es aber nie zu einem Prozeß kommen
-lassen, weil sie sich zu unsicher fühlte.«
-
-»_Bien_, aber sie hat es bereut, sie wünschte das Kind zurückzugewinnen.
-Sie haben es verweigert, weil Sie selbst es nicht lassen wollten. Jetzt
-aber?« Givo war blaß, er neigte sich vor, die Antwort rasch aufzufangen.
-Er selbst wünschte nicht Vögelchen an die ihr fremde Mutter zu
-verlieren.
-
-»Jetzt aber fände Arabella an dieser Mutter eine in ihrer zweiten Ehe
-glücklich verankerte Frau, die im Grunde nur ein Kind hat, das sie ihrem
-zweiten Mann geboren. Daß sie sich nach Vögelchen sehnt, ist eine
-Erfindung dieses Verrückten, der Arabella in seine Heimat zurücknötigen
-will. Ich bin gewiß, daß Frau Gunter beruhigt war, als sie erfuhr, daß
-ich ihre Tochter nicht heiraten werde und daß sie zufrieden unter gutem
-Schutze lebt. Am Tage meiner Verheiratung habe ich Arabella eine
-lebenslängliche Rente ausgesetzt, die ihr erlaubt in bestem Wohlstand zu
-leben. Dies habe ich Frau Gunter mitgeteilt und sie hat seither ihrem
-Pariser Vertreter geschrieben, daß er nunmehr seine Nachforschungen, die
-ihr wohl auch zu kostspielig geworden sind, nicht weiter verfolge.
-Würden Sie selbst Arabella raten sich in dieses fremde Heim
-einzudrängen?«
-
-Givo hatte den Kopf in die Hand gestützt. Er empfand in diesem
-Augenblick eine grenzenlose Liebe für das Mädchen, das seine Geliebte
-war und dem er Obdach und Zuflucht sein wollte. Hatte er aber nicht das
-Unrecht gehäuft, wenn er es als Unrecht empfand, daß der Mann ihm
-gegenüber das Kind besessen, der Mann, dessen Schutz sie noch
-unterstellt war. Oh, daß er sie nicht für alle Zeiten jedem fremden
-Anrecht entreißen konnte! Das Bild seiner zelotischen Mutter stand
-säulenhaft aufgereckt vor ihm auf und drängte die Worte in seine Kehle
-zurück. Noch konnte er sie nicht zur Frau verlangen.
-
-»Nun, lieber Givo,« sagte Mannsthal, der nicht mehr auf Antwort wartete.
-»Ich halte es für besser, wenn ich Ihren Rat befolge, mich jetzt zu
-entfernen. Sie reisen --?«
-
-»Morgen in der Früh --«
-
-»Auf Wiedersehen, _cher_ Givo -- bis -- wie sagten Sie doch, Gras über
-der aufgewühlten Erde steht. Und -- -- ich würde Ihnen danken, aber Sie
--- ja selbst Sie verachten mich ja --«
-
-Givo sah fragend in Mannsthals Blick. Spottete er oder war er ernst?
-»Ich achte Sie als den Gatten Angeles,« sagte er. »Ich liebe Sie als
-einen, der gelitten hat.« Mannsthal reichte ihm die Hand, Givo berührte
-sie leicht, er geleitete ihn zur Türe. Dann ließ er sich Papier geben
-und schrieb an seine Mutter.
-
- * * * * *
-
-Celia hielt Andachtsstunde in der Glycinenlaube.
-
-»Ich will euch vom heiligen Coemgen, dem Gründer und Vorsteher des
-Klosters Glendalough, erzählen,« sprach sie. »Der war schon ein
-Greislein geworden, ging vornübergebeugt wie die Bauern, denen lange
-Arbeit den Rücken gekrümmt. Der heilige Coemgen war auch ein emsiger
-Ackersmann gewesen, er hatte Liebe gesäet sein Leben lang. Nun war er
-hochbetagt, da überkam ihn Wanderlust. Als er Wiesen und Wälder
-durchschritt, öffnete sich ihm eine moosige Zelle und der heilige
-Einsiedler Barban trat hervor und sagte: »Wohin, Mann Gottes? Was
-wanderst du umher statt still an Ort und Stelle abzuwarten, bis sich die
-Unruhe in dir löst. Oder hast du jemals vernommen, daß ein Vögelchen
-seine Eier im Flug ausbrütet?« Heilsam beschämt kehrte Coemgen zurück
-gegen Glendalough. Am Wege aber wollte er noch den blinden heiligen
-Berchan besuchen. Der ließ dem staubbedeckten Pilger ein laues Bad
-bereiten und, als nun die beiden heiligen Männer beisammen saßen, da
-rief der Blinde, als wäre er sehend geworden: »Was sitzt denn auf den
-Schuhen dieses frommen Pilgrims? Ich glaube gar, es ist ein Dämon!
-Hinweg, du Ausgeburt, wie wagst du es, den Schuh des Abtes zu berühren!
-Fort mit dir!« Aber das Teufelchen auf dem Holzschuh rief: »Wir haben
-uns lange abgeplagt und konnten dem Braven nichts anhaben. So mußten wir
-es versuchen, ihn unter dem Schein des Guten aus seiner heiligen Ruhe zu
-locken. Ich schlüpfte in seinen Schuh und habe ihn zu dieser Pilgerreise
-verführt.« So sprach das Teufelchen und verschwand. Der heilige Coemgen
-gelangte nach Glendalough und verharrte fortan in Frieden, bis er
-verstarb. Das Schuhteufelchen aber blieb am Leben und jüngst hat es
-seinen Besuch in Chaly gemacht. Da gefiel ihm ein kleines Stiefelchen
-aus schwarzer Seide an einem zierlichen Füßchen, das viel kleiner war
-als der Holzschuh des heiligen Coemgen, in den schlüpfte es und hieß es
-davoneilen, ohne Beratung. Wohl ihm, daß es auf dem Wege Schutz gefunden
-hat und klüger zurückgekehrt ist nach seinem Glendalough.«
-
-Das war alles, was Celia über Arabellas heimliche Reise sprach.
-Vögelchen aber wartete, bis die anderen gegangen waren, dann kniete sie
-vor Celia hin und küßte ihre Hand und obwohl Givo im Hause war, blieb
-sie um Alphi beschäftigt und all die versäumten Vorfälle seines kleinen
-Lebens, die ihr Helene berichtete, schienen ihr von größter Wichtigkeit.
-Givo aber saß wie an jenem ersten Abend, da er Vögelchen zu Celia
-gebracht, im Bücherzimmer beim Abendtee mit der Freundin allein.
-
-»Du mußt deiner Mutter Widerstand besiegen,« sagte sie. »Oder willst du
-sie nicht aufnehmen in dein Leben um des einen willen, das sie dir teuer
-gemacht hat, daß sie rein durch das Laster gegangen ist?«
-
-»Ich will sie aufnehmen in mein Leben, sobald du sie mir zuführst,«
-sagte er.
-
-»Ja, nun ist sie unter meinem Schutz und soll es noch eine Weile
-bleiben. Du magst um sie werben.«
-
-»Wie soll ich das! Mein Glaube kennt keine Vermählung in Gotteshäusern.
-Was verlangst du an äußeren Zeichen?«
-
-»Daß du sie hältst wie deine Frau und niemals mit einer anderen wohnst,
-daß du sie nicht verlassest oder ihr Schmerz bereitest, der ihr die
-Heimstatt verstört. Daß du ihr die Ruhe des Verweilens schenkest ohne
-sie fühlen zu lassen, daß du einen Teil deiner Freiheit um ihretwillen
-aufgegeben hast. Nichts ist beschämender für die Frau, als wenn der Mann
-mit der Sklavenkette klirrt. Denn wisse, Frauen, deren Rechte nicht in
-den Gesetzesbüchern der Menschen stehen, sie können nur vor Gott
-hintreten, wenn sie verletzt werden. Und sie müssen ihres Besitzes weit
-sicherer sein als die Ehefrauen, die das äußere Band stützt und hält,
-wenn sie für ihr Glück fürchten könnten. Und oft ist uns das nicht
-haltenswert, um das wir fürchten müssen aus fühlbarer Rechtlosigkeit.«
-
-»Celia,« sagte Givo, »Arabella ist nicht vom Dämon des Stolzes
-heimgesucht. Du warfest einst ein Glück von dir, weil du meintest, es
-sei dir nur gnädig zugemessen bis auf Widerruf.«
-
-»Ja, ich fühlte die Stunde des Abschiedes in jedem Kusse bis zur
-Unerträglichkeit. So warne ich dich denn: gib ihr die Ruhe des Bleibens.
-Wenn du erwogen hast, daß du dies kannst, dann nimm sie in deine Tage
-und Nächte, Manuel!«
-
-»Wie schlicht du es siehst. Es gibt Bündnisse, die uns erwählen, ein
-solches ist das unsrige, es ist bedingungslos geschlossen und Gott hat
-den Schlüssel zu sich gesteckt. Ich wollte, er behielte ihn und waltete
-unseres Friedens. Dir hat er ihn einst zurückgegeben, vielleicht zur
-Probe nur, da liefst du hin und befreitest dich. Ob nicht der andere
-sich umschlossen fühlt von der Erinnerung! Warum kommt er niemals, den
-kleinen Neffen zu sehen, Vögelchens Liebling? Er fürchtet sich vor dem
-lebendigen Bild. Wirst du niemals versuchen Gott den Schlüssel
-wiederzugeben?«
-
-»Vorbei,« sagte Celia und legte die Hände vor die Augen. »Es ist nicht
-gut den Stolz der Frau zu versuchen. Wozu die Kraftprobe, da ihr euch
-doch die Starken nennt!«
-
-»Ach, Celia, ihr wäret nicht stolz, wüßtet ihr immer das Ende. Aber ihr
-glaubt, wenn ihr geht, man holt euch zurück und ihr habt es dann besser
-denn je,« sagte er.
-
-»Hüte dich davor, Vögelchens Stolz zu reizen!« rief sie.
-
-»Warum sagst du das, Celia? Sie ist nicht stolz. Das liebe ich an ihr.
-Sie ist vor allem selbstlos.«
-
-»Aber die Selbstlosen sind die Leichtestverletzlichen. Ihr Einsatz ist
-immer größer als der der anderen.«
-
-»Wenn eine Frau von mir ginge, die ich an mein Herz geschlossen habe,
-ich folgte ihr nicht, ich riefe sie nicht.«
-
-»Aus Stolz, du, Manuel?!«
-
-»Nein,« sagte er lächelnd, »wie kann man stolz werden an Besitz, der
-sich nicht erweist. Ich habe kein Besitzgefühl, das hat die Frauen oft
-glauben gemacht, sie wären mir wertlos. Und dies Gefühl, ihrer nicht
-wert zu sein, läßt mich oft die Gesellschaft der Dirnen suchen. Da fühle
-ich mich freier und entbehre doch nicht das Weib. Ja, ja, Celia, ich
-weiß, was du sagen willst, ich bin nicht undankbar. Frauen, wie du und
-Angele es sind, gibt es wenige. Was mich bei euch freier machte,
-verpflichtete mich auch. Ich konnte nur nehmen und nicht leicht nahm
-ich, konnte nie fordern und halten, was sich wenden wollte.«
-
-Die Türe wurde aufgerissen, Gaston, der Sechzehnjährige, stand auf der
-Schwelle, er wurde rot vor Scham, als Celia erschrocken aufstand.
-
-»Ich dachte, du wärest allein, Tante Cecile,« sagte er. Er würdigte Givo
-keines Blickes.
-
-»Das dachtest du, Gaston? Wolltest mir wohl Gute Nacht sagen?« fragte
-Celia mit Milde. »Ein anderes Mal stürm' nicht so, Gaston.« Er küßte
-ihre Hand, vor Givo verneigte er sich und ging.
-
-»Eifersucht,« sagte Celia lächelnd. »Ich nenne ihn Nemidh mit der reinen
-Hand. Kennst du die Legende von der heiligen Brigitta, die einen jungen
-eleganten Kleriker zur Bescheidenheit bekehrt und ihm verheißt, daß er
-ihr die letzte Ölung spenden werde. Er hütete sich die Hand zu
-verunreinigen, die einst seiner Heiligen das Salböl reichen sollte,
-daher erhielt er diesen Namen »Nemidh«.«
-
-»Ich fürchte, er ist ganz weltlich in dich verliebt,« sagte Givo
-lachend.
-
-»Sein Vater, der Bildhauer, ist im Zuchthause,« sagte sie. »Man hat ihn
-verurteilt, weil er angeblich seine eigene Geliebte getötet. Ich war zu
-jener Zeit mit ihm verlobt. Gaston weiß das. Begreifst du, daß seine
-kindische Liebe mir heilig ist, daß ich diesen Unglücklichen niemals
-kränken werde!«
-
-»Oh, du liebe Gute,« sagte Givo und freute sich, daß Celias Hand die
-seine warm umfing, dem alten Bund zur Bekräftigung.
-
-
-
-
- Zora Uhari
-
-
-Ein Wagen hielt vor Frau Givos Haus. Ein junges Mädchen sprang ab,
-schlug den Reiseschleier zurück, lugte durch das Gartengitter und setzte
-die Türklingel in Bewegung. Oben schreckte die alte Magd auf. Die Herrin
-schlief. Minka sah über den Balkon hinab, sah das Gefährte, von dem der
-Kutscher eben Koffer und Schachteln abräumte. »Gott sei gelobt, der
-junge Herr!« Aber als sie unten mit dem Gärtner zusammenstieß und der
-Gast eben in den Garten trat, sah sie, daß es Zora Uhari war, Zora, die
-sie als kleines Mädchen gekannt. Wie groß war sie geworden, wie schön!
-Zora umarmte die alte Minka und drehte sie im Kreise umher.
-
-»Ach, ich bin froh, bei euch zu sein; schläft die Tante?«
-
-Die Alte hatte mit glücklichem Erschrecken des jungen Mädchens Ungestüm
-abgewehrt. Schläft und ist krank, sehr krank, böse Zeiten. Gut, daß du
-gekommen bist! Oder muß ich schon Fräulein sagen?
-
-»Versteht sich,« sagte Zora. »Aber sag doch, was ist's mit Tante? Ja,
-das ist ja schrecklich, Minka,« und leise flüsterte sie der Alten hinter
-die Haube. »Ich bin um zwei Tage früher abgefahren. Die Vorsteherin
-wollte, daß ich auf Begleitung warte. Da wird Tante nun am Ende noch
-böser sein!«
-
-»Nein, nein, gut, daß du da bist. Wir erwarten auch den jungen Herrn und
-er kommt nicht. Sie spricht ganz irre. Eine böse Zeit, eine böse Zeit!«
-
-Minka hatte Zora in das Zimmer geführt, das für sie vorbereitet war. Die
-legte nun Hut und Mantel ab. Man sah es ihr an, es fiel ihr schwer sich
-der drückenden Atmosphäre anzupassen. Sie hatte sich ihrer Freiheit
-gefreut. »Also sprich doch, was ist geschehen? Oder soll ich's nicht
-wissen? Gehör ich denn nicht zu euch?«
-
-»Ja, Zorachen, das ist es ja, das ist es ja,« sagte die Alte
-geheimnisvoll.
-
-»Minka, ich zwicke dich, wenn du nicht endlich 'rausrückst. Ich verkomme
-ja vor Angst und Neugierde.«
-
-»Ein Brief ist gekommen.«
-
-»Von wem?«
-
-»Vom Manuel, er will heiraten. Nicht dich, Zorachen, keine von euch,
-eine Fremde! Und da liegt die Frau wie lahm, ißt kaum und horcht nur, ob
-er nicht schon kommt und wieder zurücknimmt, was er geschrieben hat. Leg
-dich hin, Kind, und ruh dich aus. Bist ja so weit hergekommen. Ich will
-wieder zu ihr, wachen.«
-
-»Bleib weg,« sagte Zora. »Ich wasch mich nur, dann löse ich dich ab. Ich
-will sie schon beruhigen.«
-
-»Vielleicht erschrickt sie, wenn sie dich so plötzlich sieht.« Die alte
-Frau trippelte zur Tür und sah leise ins Zimmer, in dem die Herrin
-schlief. »Sie schläft fest, der Brief liegt neben ihr. Ich kann nicht
-lesen. Was wohl alles drinnen steht!«
-
-»Geh schlafen,« sagte Zora. »Ich bleibe bei ihr und rufe nach dir, wenn
-sie dich braucht.« Sie schob sanft und kräftig zugleich die Dienerin
-hinaus. Leise trat sie ins Gemach, in dem nur ein gelbliches Nachtlicht
-brannte. Die Tante lag da, wie steinern war ihr Gesicht, es sah nicht
-mehr gütig aus, wie Zora als Kind es ehemals kannte. Sie setzte sich in
-den Stuhl, den die Alte verlassen. Einen Augenblick griff dies alles
-nach ihr wie ein Traum, der Abschied vom Pensionat, den sie gewaltsam
-erzwungen, die Tränen ihrer Freundin, der Rosenstrauß des jungen
-Musikprofessors, dann die Reise, die zu ihrem Leidwesen ganz
-uninteressant verlaufen war. Die Hand der Tante hielt einen Brief. Sie
-erkannte Givos eigenartige Schrift. Der eine Teil des Blattes war
-herabgebogen. Was Zora im schwachen Licht der Nachtlampe lesen konnte,
-lautete: ».... unmöglich abkommen, dann aber kann ich Monate bleiben.
-Aber wie soll ich vor dich hintreten mit leeren Händen? Ich kann nicht
-widerrufen, was ich sagte. Ich habe dies Kind in mein Herz geschlossen
-und es hat vielleicht niemanden auf Erden als mich. Vernichtung
-bedeutete es, verließe ich es, indes ich die Frau nicht kenne, die du
-mir gewählt hättest. Wäre dein Herz nicht vor allem das einer Mutter,
-imstande die Qual, die der Sohn ihm schuf, um seiner tieferen Pflicht
-willen zu verwinden? Lasse ruhiger werden den Widerstreit, denn ich will
-kommen, ihn ganz zu besänftigen. Oh, kenntest du sie, ihr Antlitz zart
-wie ein fernes Bild, über das noch ein Schleier sich breitet, nur die
-Augen durchdringen ihn mit himmlischer Klarheit --« Zora Uhari lächelte.
-Wie er sie liebt, die Fremde, das hätte sie ihm gar nicht zugemutet, dem
-Heiligen! Sie war verliebt in Givo, obwohl sie immer trotzig gegen ihn
-gewesen, aber nun hatte ihr ja der junge Geiger einen Rosenstrauß zum
-Abschied geschenkt und ihr heimlich geraten, sie sollte sich für Musik
-ausbilden. Der herrschte nun an erster Stelle. Daß die Tante sie mit
-Manuel verheiraten wollte, das wußte sie aus untrüglichen Zeichen, aber
-sie hatte das niemals ernst genommen. Vor allem war sie gewiß, daß sie
-mit ihrem Trotz Givos Zutrauen verscherzt hatte, und er wußte es ja als
-der Einzige, daß sie sich nicht freudig der geheimen Gemeinschaft
-einordnete, der ihre Eltern zum Opfer gefallen waren. Sie schämte sich
-der frommen Umständlichkeiten aus einer tiefen Keuschheit und Herbheit
-der Seele. Sich sichtbar zu Abseitigem bekennen, erschien ihr wie eine
-Entblößung heiligster Gefühle. War nicht Heirat auch das offene
-Eingeständnis des Beischlafes, der Schwangerschaft, das Kind die
-schamlose Schaustellung seines Vollzuges? Zora Uhari war wissend und
-wach, sie war nicht naiv und rein im Denken, aber ihr Gefühl hüllte sich
-vor dem eigenen Wissen in den Mantel der Keuschheit. Nein, Manuel
-brauchte nichts von ihrer Seite zu fürchten. Sie selbst würde seine
-Verbündete sein im Kampfe gegen die Mutter. Er sollte nur sehen, wie
-klug sie war und wie treu, wenn er sie auch noch für ein dummes Kind
-hielt, sie, die eine geheime Freundschaft mit einem Musiker hatte, der
-schon einmal in Genf öffentlich konzertiert hatte. Nein, sie wollte
-nicht heiraten und auch nur ein Jahr in der Glaubensschule bleiben, dann
-würde auch sie sich ganz dem Geigenspiel widmen. Viel Geld würde sie
-verdienen und niemandem gehorchen in der Welt als ihrer Kunst. Daß sie
-eine Waise war und es immer gewußt, das hatte sie stark gemacht und auf
-sich gestellt. Sie trat auf den Balkon, horchte auf das Plätschern der
-Alster. Ein süßes Gefühl der Freiheit strömte durch ihre Glieder, ihre
-jungen starken Muskeln dehnten sich wohlig. Vor ihr lag das Leben weit
-beschiffbar wie das Meer, das sie in einer Brise grüßte. Es war nichts
-Rätselvolles, was sie mit dem Atem der Freiheit einsog, nichts
-Ängstliches, und sie spürte auch das, daß es nichts Geheimnisvolles für
-sie gab. Die Tante quälte sich, arme eigensinnige Frau, dachte sie, aber
-sie fühlte ihre eigenen Wünsche viel zu stark, um eines anderen Leid in
-eigenes zu verwandeln. Minkas Stimme weckte sie aus ihrem Denken.
-
-»Zora ist angekommen, euer Gnaden, Zorachen. Wo ist sie nun?«
-
-Zora trat ein und küßte die Tante.
-
-
-
-
- Ein Ende und ein Anbeginn
-
-
-Es war Jeanne Cochard, Konrads Tischgenossin, gelungen Heimarbeit zu
-bekommen. Nun konnte sie den Kleinen und sich ernähren. Sie bot Konrad
-um geringes Geld einen guten Mittagstisch. So nahm er denn von Frau
-Calou dankenden Abschied und entschwand ihrem Kreise. Die Arbeit für
-Tallandre ging ihrem Ende entgegen. Sein deutscher Verleger lud ihn zu
-mündlicher Aussprache und versprach einen schönen Vorschuß für seinen
-Heiligen Bernhard. Er hatte sparsam gelebt: das Honorar für die
-Übersetzung und für das neue Werk würden für Heimreise und ein halbes
-Jahr Lebensunterhalt reichen. Dann würde man weiter sehen. Von Arabella
-hatte er einen Brief bekommen, der bedeutete Abschied: »Es freut mich,
-lieber Konrad, daß es Ihnen wieder gut geht. Ich glaube, es ist ganz
-richtig, wenn Sie in die Heimat zurückfahren. Ich kann nicht mit Ihnen,
-weil mich nichts abzieht von hier, wo ich gern bin. Ein Mensch wacht
-über mich, der ist mir gut und ich habe nur einen Gedanken, ihm wert zu
-sein und seine Nähe zu verdienen. Sagen Sie der Frau, die Sie meine
-Mutter nennen, falls es wahr ist, daß sie nach mir verlangt, ich
-fürchte, wir sind einander fremd und ich möchte nicht fort von hier.
-Warum hat sie mir niemals geschrieben? Sie hätte Wege gefunden wie Sie,
-auch wenn man sie gehindert hätte. Nun bin ich nicht mehr das ängstliche
-Kind, das sich nach ihr sehnte und sich schämt allein zu sein.
-Vielleicht war sie es, nach der ich manchmal weinte in all meiner
-Unwissenheit. Jetzt habe ich es verwunden und sie würde mich mit einer
-plötzlichen Liebe erschrecken. Haben Sie Dank für die Sorgen um mich und
-fahren Sie nun ruhig zurück. Ich bin nicht Ariel, ich bin nur ein dummes
-Mädchen, das Ihnen seltsam erschienen ist, weil niemand es in seinen
-Träumen und Ängsten gestört hatte. Aber auch das ist vorbei. Es soll
-jetzt ein neues Leben werden. Auch für Sie, Herr Prediger. Darum nichts
-mehr von unseren Narrheiten!
-
-In Freundschaft Ihre
-
- Arabella.«
-
-Er las ihn oft und oft diesen Brief und, wenn er den Kopf in die Hand
-stützte und seine Augen feucht wurden, fuhr ihm Jeanne Cochard durchs
-Haar und scherzte ihm den Kummer hinweg. Wurde er dann zärtlich, so
-hielt sie seine Hände fest und in ihren Augen war ein Flehen. Sie
-fürchtete sich vor Männerliebe. Es kam ein Tag, da blieb Konrad aus. Zu
-Mittag wartete sie hilflos, dann noch einen weiteren Tag, schließlich
-ging sie zu seiner Vermieterin. Sie erfuhr, daß er sich elend gefühlt
-und fortgegangen sei, ohne seither wiedergekommen zu sein. Dann wäre ein
-Bursche da gewesen und hätte etwas Wäsche für ihn abgeholt. Jeanne
-fühlte, wie eine eiserne Hand ihr Herz zusammenkrampfte. Sie schüttelte
-den Kopf mit dem aschblonden Haar, das Konrad so gern hatte. Sie wußte
-nichts von Marguerite. Sie ging Frau Calous Rat erbitten. »Ich gebe
-Ihnen Nachricht,« versprach diese. Sie schickte zu Marguerite, die
-verweigerte die Auskunft, aber der Kundschafter erfuhr von der
-Hausmeisterin, daß Konrad bei ihr sei und im Fieber läge. Frau Calou
-hatte Mitleid mit Jeanne, sie ahnte den Sachverhalt: Konrad war krank
-und glaubte Ursache zu haben sich dessen zu schämen. Er hatte sich zu
-Marguerite geschleppt, der alles Menschliche menschlich war. Sie pflegte
-ihn ohne viel zu fragen und sie, die ihn geschlagen, wenn sie in Zorn
-geriet, war nun sanft und gut, weil er bedauernswert war und einen Makel
-trug. Nun war er ihresgleichen. Was sollte nun Frau Calou Jeanne
-antworten? Sie vertröstete sie. Aber wenige Tage später ging sie selbst
-zu Marguerite, da hieß es, Konrad wäre im Spital. Es wäre ein böser
-Fall. »Dieses schmutzige Tier,« fluchte Marguerite: »Er hat es sich auf
-der Reise geholt.« Frau Calou schickte Jeanne ins Spital, aber als diese
-nach Konrad fragte, führte die diensthabende Nonne sie an die Schwelle
-der Totenkapelle und mit weinseliger Stimme erzählte sie. Der Arzt hatte
-wenig Hoffnung auf eine baldige und völlige Genesung gegeben und als das
-Fieber gestiegen, hätte der Ärmste sich des Nachts draußen im Waschraum
-erhängt. Schwester Philiberte hatte Nachtdienst gehabt, da konnte eben
-dergleichen geschehen. Die ängstliche Jeanne trat nicht ein in die
-Kapelle, sie fragte auch nicht nach Konrads Krankheit. Eine andere Frau
-kam und schob sie gleichgültig beiseite. Es war Marguerite, die einen
-Kranz brachte. Jeanne ging nach Hause, wo sie der Kleine erwartete.
-Währenddem sie ihm den Brei kochte, tropften die Tränen über ihre
-blassen Wangen in das Gefäß. Der Junge sah es und er fürchtete sich vor
-dem seltsamen Salz, das ihm die Mutter in die Speise träufelte. »Wo ist
-Herr Konrad?« fragte er. Da weinte sie laut auf. Die Milch lief zischend
-über.
-
-Marguerite ging allein hinter Konrads Sarg. Custove war betrunken. Sie
-hatte ihn beredet zu Hause zu bleiben. In Konrads Brieftasche hatte man
-eine verblaßte Blume gefunden, eine Enzianblüte. Sie war in ein Papier
-gewickelt, darauf hatte er sich angemerkt: _Quod in charitate
-constitutis nullum peccatum imputetur_. Marguerite nahm es an sich. Weiß
-Gott, wie man das Zettelchen noch brauchen konnte!
-
- * * * * *
-
-Und wie die Schwester es erfuhr:
-
-In Heiligenstadt bei Wien, unweit der Villenstraße, die heute den Namen
-Springsiedelweg führt, stand im Glanz der Abendsonne stadtwärts blickend
-ein einsamer Spaziergänger. Immer wieder ergötzte sich sein Schauen an
-der feinen Silhouette des Stephansturmes, der goldig umnebelt über die
-Häuser der Wiener Stadtbezirke ragte. Der Mann lüftete den Hut, ließ das
-graugemengte Haar frei, weitete sein Samtjackett, als wollte er hier auf
-der Höhe mit allen Poren Luft schöpfen. Dann wandte er sich und wie
-unter ein Joch sich zu beugen, das er plötzlich stärker zu verspüren
-schien, schritt er geduckt, ein frühzeitig Alternder, gegen den
-Beethovengang, wo einst gleich ihm ein sonderbarer Junggeselle gewandelt
-war, unsterbliche Harmonien im Klang des Baches erlauschend. Als er so
-hinschritt, vernahm er das Säuseln der fallenden Blätter und gedachte
-des entschwundenen Sommers. Es war ihm, als hätte er in Verbannung
-gelebt, wiewohl er ihn im eigenen Heim verbracht hatte. Ein Landhaus an
-einem See tauchte in seinem Erinnern auf, ein feines Blondwesen ging
-dort elfengleich über die Wege, dann wieder sah er Flammen, nächtliche
-Kahnfahrt, einen rollenden Berg, dem, unheilbringend, eine Circe
-entstieg. Seine Sommerheimat lag verwüstet. Immer wieder brach die Wunde
-auf, wenn er sie eben schon verharrscht glaubte, und ärgerlich über die
-eigene Weichlichkeit, machte er nun kehrt und stieg in das Dorf hinab.
-An dem Hause kam er vorbei, in dem einst sein Vater Meister Grillparzer
-besuchte, nebenan hörte er im Heurigengarten das halb wehmütige, halb
-lustige Gefiedel des »Schrammelquartetts«, Fiaker und »Zeiserlwagen«
-standen die Straße entlang. Die Wiener Melodien schmolzen ihm die
-Bitternis in der Brust und es blieb ihm nur eine lächelnde Traurigkeit,
-als er sein Gartentor an der Probusgasse erreichte. Wie er nun dem alten
-Haus entgegenschritt, trat aus der rotverhangenen Weinlaube eine junge
-Frau in die Abendsonne heraus. Ihr Haar schimmerte rötlich, sie hielt
-den Florentiner Hut in der Hand, ein kleiner Junge stand hinter ihr.
-
-»Verzeihen Sie, daß ich störe. Sie sind ja wohl Herr Doktor Urbacher?
-Ich bin Hedwig Torn, die Malerin.«
-
-»Sie sind die Torn,« sagte er, sich verbeugend, »die den Prater so schön
-malt? Und der da hier, ist das auch ein eigenes Werk?« Er deutete auf
-den Jungen, der wie verzaubert im fremden Garten stand.
-
-»Er kann wohl hier bleiben, indes ich Sie um eine Auskunft ersuche?«
-fragte sie.
-
-»Gewiß, gnädige Frau, darf ich Sie ins Haus bitten? Er fürchtet sich
-doch nicht, Bube?« Hedwig schritt voran. »Eine hübsche Frau und wie
-bescheiden sie sich gibt trotz dieses Könnens! Was mag sie wollen,«
-dachte Urbacher und öffnete die Türe zum Flur.
-
-»Wie schön er es hat,« dachte hier wieder Hedwig, als sie die Diele
-durchschritten, in der angedunkelte Bilder über alten Truhen hingen.
-Eine Uhr aus der Maria-Theresien-Zeit mit bemaltem Zifferblatt tickte
-laut in der Stille. Er öffnet eine Türe, dann aber, wohl einer kleinen
-Eitelkeit gehorchend, führte er sie weiter in den Gartensaal und nun
-hätte Hedwig fast vergessen, welch trauriger Anlaß sie hergeführt. Hier
-waren die Wände des großen Raumes über und über bedeckt mit den
-herrlichen Miniaturen der Urbacherschen Sammlung, aus Vitrinen lugten
-ihre besonderen Kostbarkeiten. Sie erblickte alte Möbel, seltene Bücher;
-durch die Bogenfenster grüßten die bunten Herbstbäume: zu viel für das
-Auge der Malerin, um sogleich ihrer Frage sich zu besinnen.
-
-»Ich stehe zu Ihren Diensten,« hatte Urbacher gesagt. Sie ließ sich in
-den grünen Ripsfauteuil nieder und, indem sie zur Entschuldigung
-vorbrachte, daß all dies Schöne sie geradezu verwirre, suchte sie nach
-Worten.
-
-»Es handelt sich um eine Adresse. Mein Bruder, ein Student, ist nach
-Paris gefahren, eines jungen Mädchens wegen, das Sie kennen. Nun habe
-ich seit Wochen keine Nachricht von ihm. Alle Briefe kommen zurück. Ich
-bin voll Sorge. Ich möchte diesem Fräulein Mannsthal schreiben, sie weiß
-vielleicht, wo er sich aufhält, was vor sich geht -- --«
-
-»Seltsam,« dachte Urbacher. »Nun kommt eine Fremde und spricht ihren
-siebenfach versiegelten Namen. Die Schwester jenes Menschen ist sie?!«
-»Ja, ich habe von Ihrem Bruder gehört. Mein Freund Mannsthal hat mich
-vor einem Jahr etwa gebeten Schritte einzuleiten, um den jungen Mann,
-der ihm lästig war, in seine Heimat zurückbefördern zu lassen. Ich
-wollte mich an Ihren Vater wenden, erfuhr aber, daß der junge Mann schon
-großjährig sei. Ich hatte auch wenig Lust mich einzumengen. Kurze Zeit
-nachher verheiratete sich Herr Mannsthal und seine Tochter kam in ein
-Pensionat. Seither habe ich keine Nachrichten.«
-
-»Mein Bruder hat sich lächerlich aufgeführt. Weiß Gott, wie ihm sein
-Dämon mitgespielt hat. Er ist von jeher ein unglücklicher Mensch
-gewesen. Es ist mir sehr peinlich -- --«
-
-»Ungewöhnliche Verhältnisse,« beschwichtigte Urbacher. »Das hat ihn wohl
-auch verwirrt. Leider kann ich Ihnen mit der gewünschten Adresse nicht
-dienen. Ich kenne sie nicht.« Seine Züge verkrampften sich, als er dies
-sagte. Es wurde still im Raum, Musik schwirrte herein, aus einem der
-Heurigengärten ins Zimmer getragen. Hedwig stand auf, bedrückt und von
-böser Ahnung befallen. Sie sah nun zum ersten Mal in Urbachers Gesicht
--- die Umgebung hatte sie bislang davon abgelenkt und mit dem feinen
-Instinkt der leiderfahrenen Frau erriet sie, daß auch er irgendwie
-verstrickt war in diese »ungewöhnlichen Verhältnisse«.
-
-Er fühlte Wärme aus diesem Blick und er brauchte sie an diesem Abend.
-Rasch legte er seine Hand auf Hedwigs Arm und sagte: »Bleiben Sie.« Dann
-schritt er zu einem kleinen Kästchen, entnahm ihm eine Dose, deren
-Deckel ein auf Elfenbein gemaltes Bildnis trug, und hielt es vor sie
-hin.
-
-»Dies ist Arabella,« sagte er. »Können Sie ihn nun verstehen, den
-Bruder?« Seine Hand zitterte. Er hatte etwas getan, das ihn selbst
-überraschte und wie Verrat schien. »Das ist sie,« sagte er und atmete
-schwer. »Ein schönes Kind, ein armes Kind,« sagte Hedwig ergriffen.
-
-Er gewann die Frau lieb, die dies sagte, er gewann wieder die reife,
-verstehende Frau lieb, und mit einem Male stand das Ungeheuerliche, das
-Unnatürliche mit beschämendem Schmerz vor seiner Seele, daß er um ein
-Kind sich in Qualen verzehrt hatte, sich weichlich ihnen hingegeben
-hatte. Wie ein Engel, der ihn aus Trübnis erweckte, erschien ihm Hedwig.
-Das Gefühl, das ihn plötzlich zu ihr hinzog, machte ihn wieder zum
-Manne, der sich des Weibes besinnt. Leise faltete er die mit Schildpatt
-gefütterte Dose auseinander, eine blonde Flechte lag darin. Unendlich
-fern schien ihm die, der sie angehörte, ein Traum, ein Wahn!
-
-»Ich will nach Paris an einen Bekannten schreiben, daß er sich
-erkundige,« sagte er und räumte die Dose weg. »Wohin darf ich Ihnen dann
-Antwort senden?« Sie nannte die Adresse.
-
-»Was mag ihm zugestoßen sein?« entfuhr es ihr.
-
-»Beunruhigen Sie sich nicht. Allen Anschein nach ist das ein sonderbarer
-Kauz, Ihr Bruder. Weiß Gott, was für Grillen er eben fängt. Ich freue
-mich, daß Sie den Weg zu mir gefunden haben. Hoffentlich kann ich Ihnen
-bald Nachricht geben.«
-
-»Ich bin Ihnen von Herzen dankbar. Und diese Dame, ihre Mutter, sollte
-ich nicht zu ihr, vielleicht weiß sie etwas von ihm? Er war mit ihr in
-Verbindung,« sagte Hedwig.
-
-Urbacher biß die Lippen zusammen, eine Frage zu unterdrücken. Es tat ihm
-weh, daß dieser Mensch, der gleich ihm dieses Kind vergötterte, Verrat
-trieb. Und dennoch focht ihn Neugier an zu erfahren, was jener
-erkundschaftet hatte. Mannsthal hatte ihm geschrieben, ehe er sich
-verheiratet hatte. »Verzeih mir, um Arabella,« schrieb er. »Jetzt bin
-ich selbst nur mehr ihr ferner Schutzgeist, soweit ich selbst dieses
-nicht verscherzt habe. Sie hat einen Beschützer gefunden, der besser ist
-als wir, einer, der eines Menschen Seele und Willen in seine Seele und
-seinen Willen aufnimmt.« Das war alles, was er wußte. »Laß es begraben
-sein,« sagte er sich immer wieder.
-
-»Der Bub,« rief nun Hedwig erschrocken und sprang auf.
-
-»Ja, was die Mutter betrifft,« sagte Urbacher, sich ihrer Frage
-besinnend, die ohne Antwort verklungen war, »da bin ich nun noch weniger
-unterrichtet. Aber mir will scheinen, als ob man sie nicht zu oft
-erinnern sollte an ihre Tochter. Wunden brauchen oft Jahre, um zu
-vernarben, und ein Wort kann mühseliges Heilen ungeschehen machen. Auch
-diese Frau wurde verwirrt in diesen -- Verhältnissen. Lassen wir ihr das
-späte Glück, das über diesem Grabe blüht. Ich sah sie jüngst vergnügt
-mit Mann und Kind auf dem Kahlenberg. Gibt es einem Hoffnung, daß man
-auch wieder sorglos werde.«
-
-Er geleitete Hedwig hinaus. Der Garten lag erloschen. Herbst feuchtelte
-aus den Büschen. Der Bub kam ihr entgegengelaufen und klammerte sich an
-sie.
-
-»Der braucht Sie! Beneidenswert, ein Kind zu haben,« sagte er. »Ein
-Muttersöhnchen, was? Versteckt sich gar!«
-
-»Er hat nur mich,« sagte Hedwig. Sie sprach ihr tiefstes Leid aus, den
-ängstlichen Kleinen zu rechtfertigen.
-
-»So, so,« sagte Urbacher. Seine Stimme war ganz weich, als wollte sie
-ein Frauenherz streicheln. »Ich bringe Sie zum Stellwagen, zum
-Rauschinger hinüber. Wird Ihnen ein wenig die Seele herausrumpeln, das
-alte Gefährt. Lassen Sie sich's nicht verdrießen und kommen Sie wieder.«
-
-Aber wenige Tage später klomm er selbst in Hernals die schmale Stiege
-empor zu dem Photographen-Atelier, das Hedwig als Werkstatt diente. Sein
-Pariser Kunstfreund hatte ihm geantwortet, er werde sogleich die
-gewünschte Nachforschung einleiten. Das genügte als Vorwand die Frau
-aufzusuchen, die nun seine Gedanken beschäftigte. Maler gingen bei ihm
-ein und aus, er hätte einen oder den anderen nach der Kollegin fragen
-können. Aber schon hielt ihn die Scheu zurück, die ein ernstes Gefühl
-ankündigt. Der ehemalige Nervenforscher wußte über sich und andere
-Bescheid und gleich stellte er sich an den Pranger, als er sich dabei
-ertappte, der Einschichtigkeit dieser Frau nachspüren zu wollen.
-
-»Da sind sie alle gleich sprungbereit, die Herren Böcke, ich natürlich
-mit inbegriffen,« sagte er zu sich. »Aber immerhin ist das noch besser
-als Kindern nachzulaufen, die sich nicht wehren, weil sie unsere
-Niedertracht nicht kennen.« Er läutete. Es wurde nicht gleich geöffnet.
-Er hörte erregte Stimmen und wollte schon wieder gehen, als die
-Nachbarin, die Hedwigs Türe mit ihrer Neugier bewachte, sich einmengte.
-
-»Warten S', ich läut', es ist der ihrige drin,« und ehe der Erschrockene
-es verhindern konnte, versetzte sie die alte Ziehglocke in stürmische
-Bewegung.
-
-Im selben Augenblick öffnete sich die Tür und ein junger Mensch mit
-zorngerötetem Gesicht stürmte an Urbacher vorbei. Peinlich berührt stand
-der da und schon sagte er sich: »Da hast du wieder einmal Pech, du
-unverbesserlicher Narr« -- als Hedwig zum Vorschein kam. Er erkannte sie
-kaum wieder. Sie war in diesem Augenblick geradezu -- schön. Auch ihr
-Antlitz war gerötet, in ihren Augen schimmerte noch eine Träne, aber sie
-lächelten Urbacher zu. Obwohl ihr Mund noch wie in Spott und
-Geringschätzung sich kräuselte.
-
-»Ach Gott, Sie haben geläutet,« rief sie -- sie bemerkte die Nachbarin,
-schlug ihr die Türe vor der Nase zu und geleitete den Gast in das
-Atelier, das ihr und dem eben abwesenden Buben auch als Wohnstatt
-diente. »Nun werden Sie eine schöne Meinung von mir haben,« sagte sie
-noch mit erregter Stimme. »Dieser junge Mensch der eben an Ihnen
-vorbeigestürmt ist, hat mich beleidigt und ich habe ihm die Türe
-gewiesen.«
-
-»Da muß ich Unglücksmensch Ihnen gerade in den Weg laufen.«
-
-»Nein, nein, Sie kamen eben recht. Ihr Sturmläuten hat mich
-aufgerüttelt, noch schnell das letzte, das entscheidende Wort zu sagen.
-Wenn wir noch lange herumgeredet hätten, wäre am Ende wieder eine
-Versöhnung zustande gekommen. Wissen Sie, was er gesagt hat, dieser
-Mensch? Er könne nicht mit mir ausgehen, ich sei ihm zu simpel
-gekleidet. Und da, da,« sie hieb mit ihrer kleinen Faust auf den Tisch,
-»da hat er mir Geld hergelegt, einen Hunderter. Der ist ihm aber rasch
-an den Kopf geflogen. Andere Künstlerinnen nehmen auch von ihren
-Geliebten Geld an, hat er gesagt, der unverschämte Grünschnabel.« Sie
-besann sich, wurde feuerrot und trat ans Fenster, Urbacher den Rücken
-kehrend. »Sie werden sich was Schönes denken, Herr Doktor,« sagte sie
-leise. »Der Bruder ein Landstreicher und die Schwester -- -- Aber wissen
-S' (sie begann in der Erregung im Dialekt zu sprechen), man ist doch
-noch jung und man kann nicht all'weil allein sein. Der da ist der
-Hausherrnsohn vom Fünfer-Haus. So ganz aus der Art g'schlagen ist er,
-malt auch ein bissel und war lieb zum Buben. Da bin ich halt mit ihm
-gangen. Und wegen der paar Busseln wird er jetzt frech und legt mir ein'
-Hunderter hin. >Angabe<, hat er gesagt und hat dabei g'lacht, daß ich
-ihm eine hätt' geben können, daß ihm die Zähne« -- sie mußte selbst über
-ihren neuerlichen Zornausbruch lachen und unterbrach sich -- »um seine
-Zahnderln wär' schade g'wesen, aber sonst ist kein Schad' um ihn. Bin
-froh, daß alles aus ist, hat mir schon lang nicht gepaßt.«
-
-Urbacher dachte: »Zum Fressen ist sie, wenn sie zornig ist.« Er ging die
-Wände entlang, die Bilder betrachtend: »Ihr einschichtigen Frauen habt
-es ja noch schlechter als wir,« sagte er. »Warum kauft ihr der Tölpel
-nicht die Bilder ab statt ihr Geld anzubieten,« dachte er. »Hören Sie,
-Frau Meisterin, dieses Bild aus Grinzing müssen Sie mir überlassen. Das
-ist ein feines Stück,« rief er aus.
-
-»Beschämen Sie mich nicht, Herr Doktor, das ist schon eine alte Arbeit.
-Aber wie lieb von Ihnen, daß Sie selbst gekommen sind! Haben Sie am Ende
-schon Nachricht? Sie haben mich letzthin so beruhigt. Aber nun ist mir
-auf einmal wieder bange.«
-
-»Ich habe von meinem Bekannten die Zusicherung bekommen, daß er sich
-sogleich aufmacht, in der Wohnung, die Ihr Bruder zuletzt bewohnt hat,
-nachzufragen. Das wollte ich Ihnen vorläufig melden.«
-
-»Danke, danke! Wenn nur nichts passiert ist.«
-
-»Wo ist der Junge?« fragte Urbacher, der sich fast fürchtete, mit ihr
-allein zu bleiben. »Nun will ich aber gehen. Ich komme wieder, wenn ich
-Nachricht habe. Dann sprechen wir auch von dem Bild. Schreiben Sie aber
-gleich darunter >Angekauft<. Oder läßt sich's gleich machen? Dreihundert
-Gulden biet' ich dafür.«
-
-»200 ist schon zu gut bezahlt, Herr Doktor, und gar für die Umgebung, in
-die es kommt. Da sollte man mit der Ehre vorlieb nehmen.« Nun setzte er
-sich auf ihr Drängen wieder hin.
-
-»Sie sollten sich nicht aufregen, Frau Meisterin; sehen Sie, das
-Äderchen, das Ihnen da angeschwollen ist.« Er nannte einen lateinischen
-Namen. »Schonen sollen Sie sich. Sie haben gewiß schon viel mitgemacht!«
-
-»Das erraten Sie?«
-
-»Ja, wenn mir das nicht geblieben wäre von meiner Nervendoktorei!« sagte
-er.
-
-»Warum haben Sie es aufgegeben, das Doktern?«
-
-»Es hat mich aufgegeben. Ich war zu neugierig, wissen Sie. Ich bin jedem
-Fall nachgegangen bis in seine tiefsten Ursprünge und darüber bin ich
-ins Philosophieren geraten.« Er wunderte sich, daß er ihr so schlicht
-erklären konnte, was einst so viel Verwirrungen in ihm angerichtet
-hatte.
-
-»Und die Miniaturen?«
-
-»Die waren die Erholung, die Betäubung, der gefeite Boden sozusagen, wo
-nicht gekämpft wurde. Denn da drinnen,« er zeigte auf seinen Kopf, »sah
-es aus wie auf einem Schlachtfeld.«
-
-»Auf dem schließlich ein Sieg erfochten wurde?«
-
-»Der steht noch aus,« sagte er. »Ich brauchte halt Hilfe.« Er lächelte
-ungeschickt. Das rührte sie.
-
-»So, so, nun da stell' ich mir vor, daß sich jemand finden könnte.«
-
-»Glauben Sie?«
-
-»Ja.« Sie sagte es mit den Augen.
-
-Und als er dann die böse Nachricht erhielt, ging er zu ihr. Er hörte sie
-mit dem Buben lachen. Da hatte er nicht das Herz es ihr zu sagen.
-Weggehen wollte er auch nicht. Er trat ein und log, er wüßte noch
-nichts, wäre nur wegen des Bildes gekommen, sie möchte es selbst hängen,
-draußen in seinem Haus. Sie fuhren zu ihm, im Fiaker, in dem er gekommen
-war. Der Bub saß auf dem kleinen Klappbänkchen. Da hatte sich ihm ein
-Traum verwirklicht, dessen Erfüllung er erst mit der Firmung erwartete,
-auf einem Klappbänkchen im Fiaker zu sitzen. Bei der »Linie«, die jetzt
-schon tief im Weichbild der Stadt ist, mußte der Wagen stehen bleiben,
-vom Zollbeamten angerufen. Hedwig verschloß ihr Bangen um Konrad und war
-fröhlich mit dem Buben. Bei einem Heurigen beschlossen sie den Abend.
-Wochenlang schob er es auf, von Begegnung zu Begegnung, ihr die
-Todesnachricht zu sagen. Eines Abends schlug er ihr vor mit dem Buben zu
-ihm zu ziehen, das Haus ihm zu leiten. Als sein Entschluß gefestigt war,
-nicht länger ihr die traurige Wahrheit vorzuenthalten, schwoll seine
-Zuneigung zu unaufhaltsamem Begehren. Er nahm sie zu eigen. Längst hatte
-auch sie ihn liebgewonnen, den sanften Spötter. Er würde dem Kleinen ein
-Vater sein, das fühlte sie, obwohl er oft selbst wie ein Kind war, das
-sie schützend sich in ihren Schutz begeben. Am Morgen ihrer Vereinigung
-sagte er ihr, daß der Bruder tot sei. Nun hatte sie ein Heim, darin ihr
-Schmerz sich mählich auflösen konnte in ein stilles Glück.
-
-
-
-
- Doppelleben
-
-
-Arabella erfuhr nichts von Konrads Tod. Und noch ahnte sie nicht, daß
-sich eine willensstarke Frau um ihres Sohnes willen gegen sie
-verschworen, um mit zäher Sicherheit ihr die neue süße Ruhe zu rauben.
-Sie hing mit großer Zärtlichkeit an Cecile und, da Clothilde das Asyl
-verlassen hatte und Anna auf einige Zeit in ihre Heimat gereist war,
-nahm sie allerlei Pflichten auf sich und wurde ein brauchbarer Mensch in
-den täglichen Anforderungen des Lebens. Wenn Alphi schlief, beteiligte
-sie sich mit Inbrunst an den der Musik gewidmeten Stunden und las mit
-Helene die wertvollen Bücher aus Ceciles Bibliothek. Givo kam ein, auch
-zwei Mal des Monats, blieb den Sonntag und gab noch ein oder zwei Tage
-dazu. Er sah mit Kummer, daß Ceciles Gesundheit immer gebrechlicher
-wurde und beriet sich mit Dr. Blanc. Den drückte noch eine andere Sorge.
-In Chaly begannen Stimmen laut zu werden, daß man im Asyl ketzerisch
-lebe, niemals sei von seinen Bewohnern jemand in der Messe zu sehen. Da
-machte sich Givo auf und ging mit Arabella zum Segen. Stickig war es und
-finster in der Kirche, ernst, fast drohend stiegen die gotischen Pfeiler
-auf, ohne Tröstung. Die Menge schien zusammengeschweißt im Gebet, wie
-ein Leib waren ihre knieenden Leiber, wie Murmeln eines Einzelnen ihre
-Zwiesprache mit Gott. Über all das Dunkel streckten sich die
-vielfarbigen Fenster und spannen blumige Lichtgarben zu einander.
-Arabella, die selten nur eine Kirche besuchte, war ergriffen. Die Orgel
-begann ihr erlösendes Spiel. Sie stand neben Givo aufrecht zwischen den
-Knieenden und hielt ihr Herz zu Gott hinauf inmitten der inbrünstigen
-Ströme der Fugen. Dank kam über sie und Demut des Gebetes. Sie kniete
-hin und ließ die Seele mitjauchzen im Gesang, der aufrauschte aus der
-Menge. Givo sah, wie sie ohne sich zu besinnen niedergekniet und tief
-versunken war. Wieder war er von zärtlicher Rührung übermannt und wieder
-mischte sich dieser, wie so oft schon, ein Gefühl schicksalschweren
-Wissens über dieses in seiner Hingebung wehrlose Wesen, das seinem
-Schutze anvertraut schien und das er dennoch nicht würde bewahren können
-vor der allzu großen Last der Liebe. Ja, vielleicht würde er selbst sie
-beschweren! Schon war alle Freiheit verwirkt, sie konnten einander nicht
-lassen. Givo war froh, als sie aus der Kirche traten. Zu dick war ihm
-dort die Luft. Aber er hatte Cecile geholfen und dem Asyl. Man hatte
-Arabella gesehen, wie sie in aufrichtigem Beten kniete. Ihre Andacht
-sicherte, ohne daß sie selbst den Sachverhalt ahnte, den Bestand des
-Asyls auf weitere Zeit. Denn nun schwiegen die bösen Zungen.
-
-Als Vögelchen Manuel zur Bahn geleitete, hielt er sie lange im Dunkel
-des Weges im Arm. Schwer nur gestand er ihr, daß er auf längere Zeit
-verreise, zu seiner Mutter, in den Norden Deutschlands. Arabella nahm
-erschrocken seine Hand: »Nimm mich mit zu ihr, nimm mich mit! Ich will
-sie lieb haben.« Da trieb es Manuel die Tränen in die Augen.
-
-»Nein, Kind, es geht nicht. Aber wenn ich wiederkomme, hol' ich dich zu
-mir, ganz zu mir!« Vögelchen sagte kein Wort mehr. »Es geht nicht,«
-sprach es immer wieder in ihr, es geht nicht! Zum ersten Male hatte er
-sie verwundet, sie, die kaum geheilt war von altem Leid.
-
- * * * * *
-
-Zora hatte an Givo geschrieben. Er kannte die Schrift nicht. Es war der
-erste Brief, den er von ihr empfing. Sie schrieb ihm, daß die Mutter
-schon etwas gesprächiger sei und nun stündlich seine versprochene
-Ankunft erwarte. Er möchte nur getrost kommen und nicht allzusehr
-erschrecken, wenn er erführe, wer die Braut sei, die ihm erwählt worden.
-Denn diese wäre ja fest entschlossen niemals zu heiraten, da sie einzig
-ihrer Geige Treue geschworen. Und er, Givo, der Heilige, werde doch
-nicht ein Zigeunermädchen aus Hispaniens Fluren ehelichen, das nichts
-Schöneres sich erträumte als sich heimatlos durch die Welt zu geigen. Er
-sollte der Mutter nicht trotzen, die von ihr erwählte Braut würde ihm
-Treue bewahren, indem sie sich weigere seine Frau zu werden. So hätte er
-denn weniger zu fürchten, als wenn die Zukunft ihm eine Willfährige
-entgegenführte. Nur eilig kommen möge er, denn sie wolle die Tante nicht
-verlassen, ehe er nicht eingetroffen sei, und jeder Tag, den sie später
-eintrete in die Glaubensschule, bedeutete Aufschub ihrer späteren
-Freiheit. Er möge ihr beistehen, schon in einem halben Jahre die Schule
-verlassen zu dürfen, um bei einem berühmten Geiger in die Lehre zu
-treten. Als Givo in Hamburg ankam, war Zora des Morgens heimlich
-abgereist. Sie hatte der Tante einen Brief hinterlassen, in dem es hieß,
-es dränge sie nicht eine Stunde mehr zu zögern, da ja nun Manuel sie
-entbehrlich machen würde. Geheimnisvoller Ruf wäre an sie ergangen ohne
-Abschied in ihr Kloster zu eilen.
-
-»Wie fromm sie ist,« sagte Frau Givo, die aufrecht saß, aber noch immer
-nicht das Bett verließ. »Ich bedaure es aber, daß du sie nicht gesehen
-hast. Sie ist schön geworden: eine Jungfrau.« Sie betonte das Wort.
-Weder sie noch Manuel erwähnten Vögelchens Namen. Die Mutter schwieg und
-verlangte nichts und er ließ sein letztes Briefwort bestehen, daß er
-nicht lassen würde von Arabella. Zwei Monate blieben sie beisammen ohne
-Vorwurf und Zank, aber das Schweigen lag oft schwer zwischen ihnen und
-hemmte die alte Vertrautheit. Als Givo abgereist war, verfiel Frau Lea
-wieder in tiefes Brüten. Sie versuchte zu gehen, sie hatte es beinahe
-verlernt. Sie schien um vieles gealtert, als sie nach viermonatiger
-Weltflucht wieder auf die stille Straße trat, ihren Wagen bestieg, um
-ihre Glaubenswerke zu üben.
-
- * * * * *
-
-Eine ganz kleine Türe hatte sich in Vögelchens Herzen geöffnet und ließ
-Angst ein. Sie war manchmal fest verschlossen, wie von guten Geistern
-gehütet, dann wieder sprang sie auf. Über ihrer Einfriedung stand: es
-geht nicht. Da war eine große düstere Frau, die ging aus und ein und
-sagte: »Er gehört mir, mir allein.« Fremde Frauen mit wehenden Federn am
-Hute nickten ihr aus Karossen, in denen sie mit dem Herzensfreund saßen
-und riefen: »Sieh, Kleine, wer mein Ritter ist!«
-
-Givo blieb lang aus. Als er wiederkam, schloß sich die kleine Tür und
-die guten Geister hielten vor ihr Wache.
-
-Arabella schrieb an Adalbert: »Lieber Va, ich wohne von nun ab bei
-Imanuel Givo. Er hat ein kleines Haus in St. Cloud gemietet. Willst Du
-mir erlauben die Möbel meiner Zimmer, die wohl noch im Magazin
-eingestellt sind, dahin schaffen zu lassen? Du wirst Dich nicht wundern,
-daß ich nicht Givos Namen haben werde. Er sagte mir, daß dies vielleicht
-erst in einer späteren Zeit möglich sein könnte. Ich glaube zu ahnen
-weshalb und Du wirst es wohl ebenso deuten können. Seine Mutter will
-mich nicht als seine Frau. Wir wollen jetzt ganz still für uns leben.
-Später besuchen wir Dich einmal. Frau Angele möchte doch auch an mich
-schreiben, falls sie Rat braucht, wenn das Kind geboren ist. Ich habe
-Alphi Tallandre gepflegt und weiß Bescheid um die Kleinen. Der Abschied
-wird mir schwer von ihm. Er ist so niedlich und fängt schon an zu
-plaudern. Aber Manuel erlaubt, daß Helene und der Kleine uns im Frühling
-besuchen. Ich habe Cecile Gloriot viel zu danken und ich hoffe, sie
-weiß, wie ich sie liebe. Aber wie kann ich gut sein und bei ihr bleiben,
-um ihr zu helfen, wenn ich mit Givo leben will, und das muß ich von
-ganzem Herzen. Hab auch Du Dank für Gutes und Böses.
-
-Es küßt Dich Dein Vögelchen.«
-
- * * * * *
-
-Auf einem kleinen Dampfer fährt Givo die Seine entlang. Er blickt in das
-schäumende Kielwasser, er beobachtet die Fahrgäste, aber nichts kann
-seine Ungeduld bezwingen. Und so ergeht es täglich, seitdem er mit
-Arabella draußen in St. Cloud wohnt. Eilig geht er dann ans Land und ist
-bald an der Pforte, über der Weinlaub hängt. Frieden umfängt ihn, sobald
-er eintritt. Er ist meist müde von der Arbeit, die er nun emsig ihrem
-Ende zudrängt, weil jetzt Neues so reichlich aus ihm quellen will. Es
-ist, als wäre der Antrieb seiner Kräfte jene warme Erdenglut, die
-täglich aus einem geliebten Frauenleib in ihn einströmt. Er sieht so
-viel jetzt, was geschehen muß, was gesagt und gewirkt sein will, und er
-sieht es neu, er, der immer ein Schauender war. Noch beben in ihm die
-Räder der Arbeit, wenn er Arabella begrüßt, die mit kindlicher Scheu ihm
-entgegentritt, als teilte sie mit ihm nicht Tisch und Bett. Aber sie ist
-für ihn wie ein Engel der Verkündigung, der aus seiner lichten Welt der
-Inbrunst fromm eintritt in seinen heißen Arbeitstag und ihm ein neues
-Heil weist. Geschmückt ist der Tisch, festlich winken die Bücher und das
-Bett ist der fromme Altar ihrer Vereinigung. Über ihrem Lager sind blaue
-Nebel göttlicher Unendlichkeit, umschwebt ist es von berauschenden
-Tönen, über deren Wellen kein Schiff gelangt aus Tagland. Seine Kissen
-haben Engel geschlichtet aus Lämmerwolken, seine Decken sind aus
-Sonnenfäden gewirkt und sie wärmen die Liebenden, die nur ein Leib sind
-auf ihrem heiligen Lager. Manchmal ist ein leises Lachen in der Luft wie
-von unsichtbaren Amoretten, die Stimmchen der Kinder, die sie ihm
-schenken möchte, und dann, ach, ein Seufzen des Kampfes, den er mit
-seinen Sinnen ringt, um ihren zarten Leib nicht mit der ersehnten Bürde
-zu beschweren. Denn weit ab und nur wie das Auffunkeln eines wachen
-bösen Blickes leuchtet ein Auge und nimmt ihm den Traum Vater zu werden
-aus dem Herzen. Doch Glückes genug! Er hält nicht ein Weib mehr, die
-Liebe selbst, wie sie durch Ewigkeiten schwingt, pocht mit lebendigem
-Herzen an dem seinen und er fühlt, er hat ihr Wahrsein gebraucht, ihr
-frauliches Dasein, daß auch seine Arbeit ausströme als eine große
-Wirklichkeit der Liebe.
-
-Als ein Vergangenes liegt das Lebendigste seines Lebens, sein Kampf mit
-dem Dunkel, unter dieser Liebe eingesargt. Schatten sind die Genossen im
-Laster geworden, die er zuweilen suchte, weil auch er eindringen wollte
-in die Tiefe, Schemen die Dirnen, Nebelgebilde die lichtscheuen Stätten.
-Sein Fuß strauchelt nicht mehr über diese Erinnerungen. Licht ist um ihn
-und seine Lust hat sich verklärt.
-
-Arabella hat einen Garten und Glashäuser, ihre Pflanzen zu schützen. Was
-will sie nur mit ihren Blumen? Sie fährt sie zur Stadt, aufgetürmt auf
-starkem Wagen. Der hält vor den Häusern der Siechen. Sie trägt sie
-hinauf über die weißen Stiegen der Spitäler und mischt ihren Duft in den
-des Äther und der Essenzen der Reinigung. Sie tritt in die Krankenzimmer
-und stellt sie auf die Tische. Da richten sich die Blicke steil auf in
-den Betten. Es wird lichter im Raum. Ging da eine Elfe vorbei und ließ
-Linderung zurück? Sie kommt auf ihren Gängen auch in das Zimmer, darin
-Konrad gelegen, bevor er hinausschlich, die Erdenhülle abzuschütteln.
-Ahnunglos streift ihr Kleid das Bett an, in dem er gestrandet. Da liegen
-Menschen umher nach Gottes Ebenbild geformt und sind ein elendes Stück
-Fleisch, schlotternd in Weh und ihr Blick sucht ein Endchen
-Himmelsbläue, ausgespart zwischen Mauern. Sieh, da blüht ein Busch
-Vervenen auf dem Tisch und speist ihr Auge. In einem Saale sind Kinder
-gebettet, fiebrig glimmen die Augen durch den Schlitz der Lider, die
-zuckende Hand hält den farblosen Wurstel, der vom reichen Kind abfiel
-fürs Spital. Hier kann Arabella nicht enteilen. Die Schwester müht sich
-einem schwarzlockigen Püppchen mit dünnem Hälslein den Verband zu
-wechseln am bresthaften Bein, während seine Augen in hilfloser Klage
-sein Weh künden. Bittend tritt Vögelchen näher und die Schwester läßt
-ihr willig den Dienst. Die Kleine blickt in zärtlichem Bangen auf zu dem
-Engel, der zu ihm niederrauscht, Chrysam auf seine Wunde zu legen. Wie
-Flügel bauscht sich die Seide ihres Kleides und die mageren Händchen
-greifen nach den Perlen an des Engels Hals. Löffel auf Löffel füttert
-die Lichte ihm zu. Der Verband ist angelegt. Nun kommt die Mahlzeit und
-es weiß nicht mehr, daß ihm die Suppe vergällt ist durch Schmerz in den
-armen kleinen Eingeweiden. Leise bettet Vögelchen es zurück in die
-Kissen, wischt den Schweiß ihm mit ihrem feinen Tüchlein von der Stirn
-und hält sein Händchen, bis es entschlummert ist. Nun tritt sie zu den
-anderen, reicht ihnen Backwerk und Spielzeug. Abends beten sie für
-Arabella.
-
-Aber Givo bittet Arabella eindringlich nicht mehr in die Spitäler zu
-gehen. Tiefer sei dann das Dunkel, wenn sie den Kranken entschwunden,
-und er fürchte, sie könne selbst erkranken. Nun sandte sie Bücher, las
-emsig, um die rechte Auswahl zu treffen, und manchmal schrieb sie
-Tröstungen an den Blattrand. Zu dieser Zeit dichtete Givo Psalmen und
-Hymnen. Arabella findet die Verse in ihre Tage gestreut und sie singen
-in ihr durch die Stunden ihrer häuslichen Andachten. Da ist eines »Passi
-flora«, genannt nach jener Blume, die Spanier fanden, seine Vorfahren
-als sie in Amerika landeten.
-
- Du rotgetupfter Nektarienkranz,
- Wie gleichst Du dem blutigen Dornenglanz:
- Fünf Staubgefäd dem Wundenmal
- Fruchtknoten dem Kelch, der Griffel dem Pfahl,
- Die Narben den Nägeln, drei an Zahl,
- Das Blatt der Lanze geschärfter Qual.
- Du ranktest Dich auf in liebender Glut,
- Du Engel der Blumen, aus Gottes Blut.
-
-Immer wieder liehen ihm die gläubigen Sagen seiner Vorväter Gleichnisse.
-Vom Paradiesvogel erzählte er ihr:
-
- Von einem Vogel sprach mir auch die Ahne,
- Den sie in Neu-Guinea fliegen sahen:
- Von Düften lebt er, leuchtend in der Nacht,
- Fliegt unaufhörlich in des Himmels Wonne,
- Borgt seine Strahlen vom Geschmeid der Sonne,
- Aufschwung und Licht, das ob dem Dunkel wacht.
-
-Er hatte ein Leid, aber er nahm es hervor, nur wenn er allein war,
-abseits dem Hause, das seine Geliebte hielt wie einen lebendigen Balsam.
-Das Leid war es um der Mutter Wahn. Er sah sie dort in ihrem kalten
-Haus, unbeweglich erstarrt in ihrem Trotz, fern seinem blühenden Leben.
-
-Wie sollte er Arabella Vorbereiten, daß er für Wochen, Monate nun wieder
-dort mit der Mutter leben, sie aber nur besuchen würde wie ein
-Bekannter. Eine Zeit des Jahres gehörte der Mutter ganz, die seiner
-Freiheit willen all die übrigen Monde opfervoll in Einsamkeit lebte. Er
-lud Freunde ein, daß Arabella nicht allzu einsam würde ohne ihn. Da war
-nun auch Frederic Tallandre von seiner Afrikareise heimgekehrt und
-freute sich, daß Alphi ihn mit seinem dritten Mütterchen, Helene,
-besuchen würde. Er war scheu gegen Frauen, der junge Gelehrte, er war es
-immer gewesen und bereute es, eine Ausnahme gemacht zu haben mit der
-eignen, indem er sich verheiratete. Er hatte seine Frau wie gegen seinen
-Willen geliebt und nun war fast Groll in ihm gegen die lebendigen
-Frauen, die sie überlebten. Er war ein wenig wunderlich, aber kindlich
-gut und einfältig zuweilen. Da war Hettwer, ein junger Aristokrat, der
-Givo schwärmerisch liebte und dessen Freundin dienen wollte wie ein
-Page. Aber Vögelchen fühlte seine Gebrechlichkeit, auf die wohl er
-selbst sich stützte, die anderen aber niemals Halt geben konnte. Dennoch
-erregte Mitleid ihr eine leise Zärtlichkeit. Sie hätte ihn erwärmen
-mögen an ihrem Herzen. Ihre Bewunderung aber galt Frau Calou, die
-zuweilen an Abenden kam, um zu beraten, und mehreren jungen feurigen
-Menschen, die in Givos Lehre vom wissenden Licht ihre Daseinsform
-erkannten. Aber da waren auch mehrere, deren Weltauffassung sich nur
-scheinbar mit der Givos deckte. Sie erhoben den Geist zu ihrem rettenden
-Gott. Freilich, er sah alles, befehligte alles, aber er thronte oft über
-dem Dunkel als ein Dünkel und, wiewohl Arabella sein Licht sah, fühlte
-sie sich diesem Gottesgeist fremd, der sich nur vom eigenen Feuer nährte
-und selbstsüchtig sich selbst verzehrte. Sie sprach wenig und erhorchte
-sich viel. Ihr war manches fremd, mit dessen Wissen andere heranwachsen,
-und von vielem hatte sie Ahnungen, durch die sie das Gehörte auf eigene
-Art fortspinnen und ausbauen konnte. Eines Abends, nachdem Hettwer und
-die Schauspielerin Larousse gegangen waren, blieb sie lange traurig. Die
-Larousse hatte von einem Mädchen gesprochen, das gegen die Behauptung
-ihres Verlobten ihre Jungfräulichkeit durch einen Arzt hatte nachweisen
-lassen. Vögelchen war still und nachdenklich, dann als sie allein waren,
-in Scheu und Scham in sich gekehrt, als Givo sie liebkoste. Eine leise
-Frage hatte ihm ihre Traurigkeit verständlich gemacht. Es war ihr
-unbekannt gewesen, daß es solche Jungfräulichkeit gab. Ihre Seele litt
-Heimweh nach Kindheit, der sie sich entgleiten fühlte. Mit einem Male
-wußte sie, daß sie Givo reicher hätte beschenken können. Sie fühlte, daß
-sie ihrem ersten Freunde nachtwandlerisch vergeben, was sie wachend noch
-nicht besessen, es verloren, ehe sie darum gewußt. Sie wunderte sich,
-daß Manuel Va nicht strenge abwies. Aber Manuel Givo wußte zu sehr um
-die Schuld, die jeder einzelne um die des anderen trägt. Er genoß
-Vögelchens Liebesreife, die Mannsthal gefördert hatte, und er lebte ohne
-gesetzliche Trauung und dies war ihm eben möglich, weil schon ein
-anderer es getan hatte. Wer ohne Sünden ist unter euch, der werfe den
-ersten Stein ... Sie aber war ihm schuldlos, wie Tier und Blume, und wo
-ihre Seele aufwachte, ward Schönheit und Güte. In ihrer Bewußtheit war
-nichts sündig, so lange sie mit ihm lebte. Und um die leise Trauer zu
-heilen, ließ er tagsdarauf die folgenden Verse auf ihrem Tisch zurück:
-
- Mir ist Dein Leib ein lichtes Himmelstor,
- Durch das ich ströme in mein Paradies,
- Und wenn kein Engel mich aus seinen Hallen wies
- Ist's, weil Du selbst bist Metathron im Chor.
- Aeonin bist Du, doch im Dienen groß,
- Sieh, Deine Schwingen ruhen mir im Arm.
- Noch sind sie Dir von weitem Fluge warm,
- Gebenedeit ist Göttin mir Dein Schoß.
-
-Wie konnte sie einhergehen, anderen Frauen gleich, da ihr Herz in
-Seligkeit, von den Kräften seiner Anbetung getragen, sie aufhob, daß ihr
-Fuß kaum die Erde streifte.
-
- * * * * *
-
-Nun kam der Tag, wo Givo ihr sagen mußte, daß er nun mit der Mutter
-wohnen würde. Mutter, konnte sie es begreifen, war ihr nicht ein leeres
-Wort, was andere als unantastbares Gut empfanden und ihm so viel noch
-bedeutete! Als er es ihr sagte, verstand sie vor allem das eine, daß er
-schon lange der Mutter Beschützer war, an des toten Vaters statt und sie
-nicht verlassen durfte um der Pflicht willen, die er schon früh
-getragen. Daß sie Vögelchen ausgeschlossen haben wollte aus diesem
-Lebenskreis, das faßte sie nicht und es war ihr so fremd und
-unentwirrbar, daß sie daran in ihrem Denken wie an einen Felsen stieß,
-den sie umgehen, aber nicht übersteigen konnte. Und Givo wußte, nur ihre
-Ergebenheit würde es überwinden. Er war ihrer so sicher, er glaubte den
-kindlichen Geist plötzlich erwachender Auflehnung in ihr schon völlig in
-Liebe gelöst. Gewiß wäre es das Klügste gewesen, wenn er Arabella
-veranlaßt hätte, einige Wochen bei Cecile zu verbringen, aber er
-fürchtete ihr Mißtrauen, daß ihr das Heim wieder genommen sei, indem er
-freiwillig eine Trennung herbeiführte, während er, wenn sie in St. Cloud
-blieb, sie täglich besuchen konnte. Frau Givo war nun angekommen. Sie
-ging auf einen Stock gestützt und hatte allerlei Eigentümlichkeiten
-angenommen, die sie alt und wunderlich machten. Sie schien nicht mehr
-die vornehme, herb verborgene Frau. Es war, als ob eine Angst sie jage,
-und ihre Unruhe teilte sich anderen mit. Zu Givos Erstaunen stieg hinter
-ihr Zora aus dem Zug. Er erschrak fast über die Schönheit des jungen
-Mädchens und seine Mutter bemerkte es mit einem Lächeln, das in ihr
-edles Antlitz einen bösen Zug zeichnete.
-
-»Was sagst du nun zu diesem Kind, ich habe es mitgebracht, daß du es auf
-den rechten Weg bringst.«
-
-»Ich bin ausgerissen,« sagte Zora.
-
-Als sie im Wagen saßen, erfuhr er, daß Zora, die sich in der
-Glaubensschule als störendes Element erwiesen, mit Zustimmung der Tante
-einige Wochen Ferien erwirkt hatte. Givo war es recht, daß Zora
-mitgekommen war, so konnte er denn in St. Cloud unter dem Vorwand wohnen
-bleiben, den beiden Frauen genügend Platz in seiner Stadtwohnung zu
-belassen. Eine seltsame Scheu hielt ihn zurück, Arabella von Zora zu
-sprechen, auch von der Mutter erzählte er nicht und dieser niemals von
-Arabella. Er lebte während dieser Wochen zwei vor einander verborgene
-Leben. Er stand zwischen zwei Notwendigkeiten und, daß er sie nicht
-vereinen konnte, ließ ihn selbst oft minutenlang außerhalb, als einen,
-der sich selbst sieht und abwartet. Aber er fühlte, daß diese
-Zwiespältigkeit nicht andauern konnte, sie war zu sehr seinem Wesen
-fremd und verächtlich.
-
-Zora hatte begonnen bei dem berühmten Geigenkünstler Mabese Stunden zu
-nehmen und Frau Givo sah sich vor einem neuen Konflikt. Die Rückkehr in
-die Glaubensschule schien ihr auch aus anderen Gründen nicht ratsam. Sie
-fürchtete, Zora könne sich dort durch ihre Heftigkeit neuerdings
-unmöglich machen und vor allen Mitgliedern der Gemeinschaft befleckt
-sein. Dann aber würde eine Ehe mit dem Sohn ausgeschlossen sein. Ihr
-Talent könnte immerhin die Möglichkeit bieten sie teilweise von der
-Schule zu befreien. Der Name Uhari war einer der besten unter den
-Schauenden. Aber gerade deshalb sollte Zora ihn nicht gefährden. Die
-Bitternis um Manuel hatte sie schlau gemacht und nachgiebig, wenn es
-galt, dem Ziele näher zu kommen. Sie hoffte schließlich, den Sohn für
-Zora zu gewinnen. Und Zora war ja hilflos ohne sie, denn Zora liebte das
-Wohlleben und den Luxus, obwohl ihr Vater Enthaltsamkeit gepredigt
-hatte, und sie gab ihr darin nach, gewöhnte sie an das Teuerste, nur um
-sie ganz in der Hand zu haben. Den tieferen Sinn der Lehre beachtete
-Frau Givo nicht mehr. Ihr galt einzig, ihren Willen, der ihr zum Wahn
-geworden war, durchzusetzen. Sie rechnete und berechnete. Mochte Manuel
-die Nächte mit dem fremden Mädchen verbringen, mochte er es verzehren in
-Liebe, um so rascher würde er frei werden für Zora. Sie täuschte sich:
-Manuels Leben mit Arabella war die edelste Erfüllung dessen, was seine
-Lehre unter Geschlechtsgemeinschaft versteht, es war ihm jenes
-Untrennbare, das keines äußeren Bandes bedarf, die erdenhafte
-Verschmelzung, aus der die göttliche Flamme schlug, das Licht über
-seinem Wandel, das nichts Irdisches zerstören, nichts Himmlisches
-verdunkeln konnte. Mochte sein Gehen und Stehen von ihr getrennt sein,
-ihr Einssein blieb unlöslich.
-
-Aber zu dieser Zeit geschah es, daß Arabella zu Givo in die Sternwarte
-kam, was lange nicht geschehen war, um ihm Ceciles Ankunft zu melden,
-die ihres Leidens wegen zu ihrem Pariser Arzt gekommen war. »Es ist eine
-Dame bei Herrn Givo,« sagte der Diener mit verschwiegenem Lächeln.
-Arabella hörte Zoras Lachen. Sie wartete eine Weile, aber es war irgend
-peinlich wie lauschend an der Türe zu stehen, während bittere Gedanken
-kamen, die sie nicht bannen konnte: Wer ist sie? Sie ist jung und
-lustig. Es duftet hier nach Parfüm. Warum sprach er nicht von ihr? Kann
-ich nicht immer eintreten zu ihm? Ist es nicht häßlich, wenn ich nicht
-sorglos ihn begrüße? Niemals war ihr Mißtrauen gekommen und, überdachte
-sie es, so gönnte sie ihn anderen Frauen. Aber nun stand sie und etwas
-machte ihr angst und kalt. Sie wußte es gleich, sie liebte nicht die da
-drinnen und gleich verurteilte sie es, einer Fremden, von der sie nichts
-wußte, übel zu wollen. Weil es sich aber nicht begründen ließ, weil sie
-nicht Beweise hatte für ihr abweisendes Gefühl, lag wohl ein Grund vor,
-ein geheimer Sinn, dem sie Glauben schenkte. Plötzlich ging die Tür auf
-und Givo trat heraus. Er wurde -- er selbst spürte es mit Schrecken --
-bleich. War es Vögelchens Gefühl, das sich ihm mitteilte, war es der
-ganze Zusammenhang, der Umstand, daß er nie über Zora gesprochen, die
-zufällig gekommen war, mit einer Bestellung seiner Mutter, ebenso
-zufällig wie Arabella? Aber Givo sah sich plötzlich umstellt, verfolgt
-in seiner Arbeitzelle oder er täuschte sich unbewußt dies vor, um nicht
-sein wirkliches Gefühl der Scham über sein doppeltes Leben zu empfinden,
-da er, der immer gerade Wege ging und für alles Tun einstand, vor diesem
-Wesen, das ihm vertraute, scheinbar ein Geheimnis hatte. Er wußte, dies
-war nichts als der flüchtige Besuch eines Mädchens, mit dem er in
-heiterem und zugleich feindlichem Einverständnis stand, aber er sah es,
-wie Arabella es sehen mochte, als eine heimliche Zusammenkunft und
-vielleicht nur eine von vielen. Sie wollte sprechen, aber die Scheu, die
-sie zuweilen empfand, war so groß, daß sie kein Wort hervorbrachte. »Ich
-kann jetzt nicht mit dir gehen, es ist jemand bei mir. Willst du mich
-irgendwo erwarten? Wir können dann eine Weile zusammen bleiben.«
-
-»Eine Weile?« fragte sie. »Und jetzt?«
-
-»Jetzt ist ein Mädchen da, das mir meine Mutter mit einem Brief
-geschickt hat. Ich kann es nicht rasch fortschicken, ohne es zu
-kränken.«
-
-Vögelchen wollte ihn bitten: schicke _sie_ fort, _sie_, nicht mich. Aber
-sie brachte es nicht über die starren Lippen. Sie nickte nur und ging
-die Stiegen hinab. Die Kniee zitterten ihr. »Wo sehe ich dich?« rief er
-ihr nach.
-
-»Cecile ist hier,« sagte sie von unten mit mühsamer Stimme. Dann ging
-sie. Er blieb stehen, seine Füße waren bleischwer. Hinter ihm stand
-Zora. »War sie das?« fragte sie und ihre mandelförmigen Augen
-leuchteten.
-
-»Wer denn? Ach, ihr Frauen, ihr Neugierigen,« sagte er. Als Zora
-gegangen war, stand unten an der Tür Arabella. Sie hatte den Schleier
-über ihr Antlitz gesenkt, aber Zora wußte: das ist sie. Und Zora schritt
-sorglos weiter, hob ein wenig trotzig den Kopf, als sie an ihr
-vorüberkam, und Arabella schien es, als kräusle ein Lächeln ihren Mund.
-Ein kleiner Funken knisterte zwischen ihnen: Feindschaft.
-
-Als Manuel nach St. Cloud kam, fand es sich, daß Arabella mit Cecile zur
-Bahn gefahren war. Er hatte zwar eine Verabredung mit seiner Mutter,
-aber nun hatte ihn Unruhe und Sehnsucht befallen, sie an sein Herz zu
-drücken. War es möglich, daß sie etwa, ohne ein Wort zu hinterlassen,
-weggefahren war? Welcher Teufel hatte ihn gejagt, nicht das, was ihm das
-Wertvollere und das Natürlichere war, zu tun? Er quälte sich. Warum
-hatte er sie, nicht Zora weggeschickt!
-
-Vögelchen kam spät nach Hause. »Allein bist du den einsamen Weg
-gegangen?« sagte er und nahm sie in die Arme wie eine Mutter ihr Kind.
-Er war so froh, daß sie zurückgekommen war. Da weinte sie, weinte all
-ihre unausgesprochene Angst um jenes Leben, in dem er war abseits von
-ihr, in einer fremden Welt, die ihr feind war.
-
-
-
-
- Flucht
-
-
-Der Mai, mit seinem Zustrom von Fremden, war Givo nicht lieb in Paris.
-Die Stadt schien ihm da von ihrer vielfältigen Wirklichkeit zu einer
-Stätte wahnvoller Lustbarkeit gewandelt. Er aber kannte die Kehrseite,
-das Elend, die nachbetende Verlogenheit, die die Prostitution
-verherrlichte, all die geistige Verlotterung und die Eintagsfreude des
-Luxus. Die Regsamkeit der Menschen drängte ihnen nach in ihre
-Zurückgezogenheit. Sie riefen die Menschen nicht zu sich, aber ihr
-Helfen rief sie: wer unberaten, bedrückt, bedrängt oder begeistert war,
-sehnte sich in ihre Nähe. Künstler verlangten die Weihe ihres
-Verständnisses, täglich liefen Briefe und Bücher ein, Bilder wurden vor
-ihnen aufgerollt, sie mußten in Ateliers klettern, uneheliche Kinder aus
-der Taufe heben, Kranke besuchen, die nach ihnen riefen, Streitigkeiten
-von Liebespaaren, Diskussionen über geistige Uneinigkeiten, seelische
-Rechtsbrüche wurden von ihnen abgehandelt. Wiewohl es nicht unbekannt
-war, daß Givo einen großen Teil seines väterlichen Erbteiles für
-wohltätige und wissenschaftliche Zwecke verbraucht hatte, hielt man ihn
-für genügend reich immer noch helfen zu können. Die Mannsthal-Aktien
-waren sehr gestiegen. Adalbert hatte Vögelchen ein großes Vermögen
-angelegt. Givo wollte nicht ärmer werden, um nicht in die Lage zu
-kommen, aus diesem Gelde Nutzen zu ziehen. Und vor allem sehnte er sich
-nach Abgeschlossenheit, um neue Kräfte zu sammeln. Givo wollte die
-Haustüre sperren, einen Zettel hinaushängen und darauf schreiben: »Hier
-wird gearbeitet, man bittet um ein wenig Ruhe.« Aber da blickten die
-Freunde durch die Hecke am Gartengitter und riefen: »Ach, ihr spaziert
-ja eben herum, da kommen wir nur auf fünf Minuten.« Oder Givo bringt
-selbst einen Verstörten, den Arabella aufrichten soll. Sie fühlen eines
-Tages, daß die Freunde ihre Feinde sind, daß ihnen der Fremde, der auf
-der Straße vorbeigeht, mehr Freund ist, weil er ihnen nicht von ihrem
-Leben nimmt, wie man Äpfel vom Baum bricht. Und sie fühlen auch, daß sie
-ärmer werden an ihnen, weil diese mit der Gewaltsamkeit des eigenen
-Wichtignehmens ihre Existenz in die ihre drängen und ihnen den eigenen
-Atem rauben. Sie haben keine Einkehr mehr mit sich selbst. Der Traum ist
-ihnen verscheucht, selbst aus dem Schlaf, der sie so bleiern anfällt,
-daß sie sich nur leise mehr durch ihn spüren und nur selten mehr die
-Frische haben, sich einander hinzugeben. Vögelchen wird blaß und müde
-und eines Tages läßt sie die Koffer herbeischaffen und Givo findet alles
-vorbereitet zu einer Reise.
-
-Er wollte gern mit Arabella noch einige Tage nach Chaly, reine Luft zu
-trinken. Der Arzt aber hatte Cecile auf eindringlichstes Fragen eine
-schlechte Prognose gestellt; keine Hoffnung auf Genesung. Sie hatte es
-geahnt, aber nun befiel es sie wie Grauen über sich selbst, beinahe
-Verächtlichkeit war es für den hinsiechenden Körper. Zählte sie noch
-mit, konnte sie noch auf Menschen wirken, da sie nicht mehr ganz zu den
-Lebendigen gehörte? Gab es nicht etwas zu tun, das der Menschheit
-nützlich sein konnte und das nur einer vollbringen mochte, der ein Leben
-zu opfern hat! Sie wollte ihr Augenmerk auf nützliche Taten lenken,
-deren Folgen andere zu fürchten hatten. Aber noch war ihr der Gedanke zu
-neu eine Sterbende zu sein. Sie mußte allein sein mit diesem Übergang
-und keiner, dem sie lieb war, sollte den Urteilsspruch des Arztes
-erfahren oder erraten. So schrieb sie Givo, er möge den Besuch
-verschieben. Gleichzeitig aber erhielt dieser einen Brief von Mannsthal,
-er sei im Begriff zu verreisen, er wolle vermögensrechtlicher
-Angelegenheiten wegen, auch um Vögelchens Freiheit zu schützen, deren
-vorzeitige Großjährigkeit erwirken. Angele würde sich freuen, ihn und
-Arabella während dieser Zeit bei sich zu sehen. Sie würde auch
-Vermittlerin sein in einer Angelegenheit, die er gern bereinigt sähe.
-Arabella machte sich bereit, Givo nach Quesnon zu begleiten, wo sie
-mehrere Tage verbringen wollten. Da kam Helene mit Alphi und Manuel
-reiste allein.
-
-Er fand Angele verändert, mütterlich froh und gerundet, verjüngt und
-gereift zugleich. Sie war unablässig bemüht um das Kind. Es war
-schwächlich und sie hatte deshalb mit Adalbert beschlossen im Süden sich
-anzusiedeln. Bevor sie aber Nordfrankreich verließen, wollte Mannsthal
-gern Arabellas Zukunft gesichert sehen und das quälende Bewußtsein der
-Vergangenheit völlig überwinden. Er, Givo, wäre wohl großzügig genug, um
-Mannsthal nicht das Recht zu schmälern, Vögelchen zu beschützen, solange
-kein anderer diese Rolle dauernd übernahm. Es bedrücke ihn, daß Givo
-Arabella bislang nicht zur Frau begehrt, obwohl er ihre Seelenreinheit
-erkannt habe. Mannsthal habe geschwiegen, weil seine Lage Vögelchen
-gegenüber eine außergewöhnliche sei und er selbst scheinbar deren
-Anspruch auf Rechtmäßigkeit verwirkt habe. Sie aber, die Freundin und
-Frau, der es gelungen, den Dämon aus Adalberts Leben zu bannen, sie bäte
-Givo flehentlich gerade um dieser Umstände willen, nicht zu zwangloser
-und unsicherer Beziehung die Sachlage auszunützen. Sie kenne seine losen
-Verbindungen mit Frauen, als des Mädchens Stiefmutter bäte sie um
-Bescheid. Givo ward in den Grundfesten seines Wesens erschüttert, als er
-die Freundin solchermaßen sanft und eindringlich sprechen hörte. Die
-Einstellung war falsch. Niemand wollte wie er Vögelchens glückliche
-Geborgenheit. Aber Angele hatte recht, das durfte er nicht, wie er es
-bisher stillschweigend getan, jenes Mannes Unrecht nützen. Während
-Angele gesprochen, wußte er es mit einem Male, er handelte schlecht an
-Vögelchen. Er dachte ja nicht daran sie zu verlassen und ihre Liebe war
-groß genug sich in außergewöhnliche Verhältnisse zu fügen. Seiner
-Glaubenslehre war die freie eheliche Verbindung gemäß, nicht zwanglose
-Leichtfertigkeit lenkte ihn und Scheu sich für alle Zukunft zu
-entscheiden. Aber er sah sich gehemmt Frauen gegenüber frei zu handeln
-und was aussah wie Libertinage, war in Wahrheit Zwang. Was ihn
-erschütterte, war, daß er sich greller bewußt ward, daß seine Mutter,
-indem sie seine Lehre, die mit überzeugtem Handeln so enge zusammenhing,
-schützen wollte, ihn zu zweifelhaften Kompromissen verurteilte. Seine
-Männlichkeit, seine Ehrlichkeit sträubte sich gegen gebundene Hände.
-Wohin er sah, es war nicht Freiheit mehr um ihn. Wie aber sollte er
-wirken ohne sie? Er verabschiedete sich von Angele, es drängte ihn mit
-seiner Mutter zu sprechen. Nach Paris zurückgekehrt suchte er sie gleich
-auf. Er fand sie lesend, Zora übte im Nebenzimmer eine schwierige
-Sonate. Jenseits der Seine waren Türme und Dächer in das Rot der
-untergehenden Sonne getaucht, der Fluß, dessen Lauf man von den Fenstern
-aus verfolgen konnte, hatte etwas feierlich Hinschwebendes.
-
-»Ich möchte mit dir sprechen, Mutter.« Frau Givo erbleichte. Sie fühlte
-das Außerordentliche des Augenblickes.
-
-»Was wünschest du?« fragte sie.
-
-»Ich will nun dieses Mädchen zu meiner Frau machen.« Die Frau mit dem
-wachsgelben Gesicht sah starr auf den Mund, der das Gefürchtete
-ausgesprochen, sie blieb still, aber es war nur der Augenblick,
-währenddessen die Keule ausholt, ihren wuchtigsten Schlag zu tun. Sie
-sagte langsam mit unendlichem Hohn:
-
-»Die Geliebte ihres Vaters?!«
-
-Wie stand es mit der Lüge, konnte er nicht Entsetzen über Verleumdung
-heucheln? Der Schlag brannte. Erst als seine Betäubung schwand, konnte
-er erwidern: »Wer hat dir diese Ungeheuerlichkeit hinterbracht?« Nun
-wurde Frau Givo gesprächig. Gleich, als sie angekommen waren, hätte sich
-eine Person gemeldet, die geschickt worden sei, ihn, Givo, nach der
-Adresse des Fräuleins Mannsthal zu fragen. Es handelte sich um die
-Übermittlung einer Todesnachricht. Sie sei dann mit diesem Mädchen ins
-Gespräch gekommen und habe so die sauberen Dinge erfahren, die dieses
-von dem Kammerdiener Mannsthals und von jenem Toten wußte. Sie habe auch
-von diesem ein Andenken mitgebracht mit dem Ersuchen, es dieser
-Mannsthal zukommen zu lassen. Frau Givo holte aus einer Lade ein Kuvert
-hervor, in dem ein Zettel lag. Manuel las:
-
-_Quod in charitate constitutis nullum peccatum imputetur._
-
-Ein himmelblauer Enzian war aus dem Zettelchen gefallen. Er war nicht
-vergilbt und wie ein unschuldvolles Auge aus einer reinen, fernen
-Bergwelt sah er in die Schwüle dieser Stunde. Givo sagte: »Von diesem
-Unglücklichen ist es, dessen Tod ihr verheimlicht wurde.« Er las die
-Worte laut. »Verstehst du das? Er hatte es wohl aus meiner Schrift,
-gegen die er polemisierte. Verstehst du es, Mutter?«
-
-»Und wenn ich es verstünde, ich will es hier nicht bestehen lassen. Um
-der Sünde willen, die an ihr begangen wurde und die sie selbst, wie es
-heißt, nicht von sich wies. Ich sage nein und nicht um der Liebe willen,
-in der sie leben mag, sagte ich jemals ja. Sie ist und bleibt eine
-Fremde.« Und kraftvoll, daß im Nebenzimmer das Geigenspiel zerbrach,
-sprach sie: »Wisse es, Manuel: Nur über meine Leiche geht dein Weg in
-diese Ehe.« Da packte Givo ein heiliger Zorn.
-
-»Das ist Lästerung!« rief er und er, der Sanfte, warf den Stuhl, den
-seine Hände umklammert hielten, zu Boden. Er nahm seinen Hut und eilte
-hinweg.
-
-Einige Tage später verließ er mit Arabella Paris. Der Mutter schrieb er,
-daß er sie wiedersehen würde, wenn sie, von ihrem Wahn geheilt, die
-entsetzliche Weigerung einstellen würde. Er wollte nicht zum Verbrecher
-werden an der Ehrfurcht, die er ihr zolle, und nicht zum unglückseligen
-Schurken an einem Wesen, das er liebe wie seinen Glauben. Angele bat er
-Mannsthal zu vermitteln, daß es über seine Kraft ginge, Arabella zurzeit
-seinen Namen zu geben. Es gäbe Verwicklungen, die jenseits der üblichen
-Lebenswege sich nicht in gewaltsamer Entwirrung lösten. Er könne nur
-wiederholen, daß sie ihm teurer sei als sein Leben und ihrer Liebe so
-sicher wie der eigenen.
-
-Vögelchen erfuhr nichts von den Verhandlungen. Sie war glücklich nun des
-Geliebten Nähe, losgelöst von allen Beziehungen, zu genießen. Sorglos
-hingegeben fragte sie nicht nach Gesetzen und Verträgen.
-
-Es kommt eine Zeit, in der die Freunde nichts hören von Manuel und
-Arabella. Sie wohnen im Garten des Glückes und der hat seine Tore
-geschlossen und läßt niemanden ein. Sie hausen hinter Mauern, über die
-bunte Blumen sich chaotisch ranken und hinter ihnen im Paradies der
-Landschaft sprießen sie selbst ineinander, durchweben, durchranken,
-durchsonnen sich. Einmal nachts ist ihre Umarmung so vollkommen, daß sie
-der Frucht dieser Stunde gewiß sind. Da kommt am folgenden Tag eine
-Depesche von Zora, die der Mutter lebensgefährliche Erkrankung meldet
-und schleunige Abreise empfiehlt. Auf ihr Blühen fällt Frost. Sie raffen
-sich schwer auf und ziehen gegen Norden. Er will gern Arabella zu Cecile
-schicken für diese düstere Zeit, die aber ist krank. So muß er sie
-mitführen in das Fremdland, das seiner Mutter Krankenlager umgibt. Ein
-Schlaganfall hat in der Stunde ihrer innigsten Vereinigung das Leben Lea
-Givos bedroht. Es war, als hätten Tod und Zeugung hier geheimnisvollen
-Zusammenhang.
-
-
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- Cecile führt ihren Plan aus
-
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-Das Asyl hatte nur wenige Zöglinge mehr aufgenommen, seitdem Cecile ihre
-Helferinnen verloren hatte. Clothilde war Krankenpflegerin geworden,
-Anna leitete in Felix Blancs Lungenheilstätte den wirtschaftlichen
-Betrieb. Helene war in ihrem Heim beschäftigt. Die Behörden von Chaly
-wurden überdies von Jahr zu Jahr unduldsamer gegen das Asyl. Cecile
-verlängerte den Pachtvertrag nicht mehr, als er abgelaufen war. Es
-gelang ihr mit Hilfe ihrer Schwester das Häuschen Givos in St. Cloud
-einzurichten und darin die Schützlinge unterzubringen. In Paris gewann
-sie leichter Hilfe und im Notfall Ersatz für sich selbst.
-
-Besonders lieb war es ihr, daß sie sich von Gaston Lantrec, der nun die
-Hochschule besuchen sollte, nicht zu trennen brauchte. Dieser junge
-Mensch fürchtete sich vor dem Gespenst jenes Mordes, das ihm nun oft und
-oft erschien. Ein Besuch bei dem Vater im Gefangenenhaus hatte ihn in
-tiefste Schwermut gestürzt und Cecile wußte es, sein brennendster Wunsch
-war alles aufzubieten, des Vaters Begnadigung herbeizuführen. Er wollte
-unmäßig viel Geld verdienen, Stunden geben, Erfindungen machen, den
-besten Verteidiger zu bezahlen, daß der alte Prozeß wieder aufgenommen
-würde. Nachdem Cecile das Heim in St. Cloud eingerichtet hatte, löschte
-sie ihren Namen aus der Leitung. Sie fühlte sich sehr müde. Man riet ihr
-zu Kuren und Reisen, aber sie wußte Bescheid, es half ja nur zu einer
-Galgenfrist. Eines Tages gab sie Gaston einen Brief, er möge ihn
-heimlich dem Vater zustecken. Bald darauf erkrankte sie ernstlich, sie
-begab sich in Spitalspflege und starb nach wenigen Wochen. Gaston war
-bei ihr in den letzten Stunden. Ninidh mit der weißen Hand drückte ihr
-die Augen zu. Unter ihren Papieren fand sich ein Brief, der für das
-Gericht bestimmt war. Sie teilte darin mit, daß sie vor sechzehn Jahren
-aus Eifersucht Frau X. erschossen habe, weil diese die Geliebte des
-Bildhauers Lantrec, ihres heimlich Verlobten, gewesen sei. Der Mann habe
-die Schuld auf sich genommen und ihr das Gelübde abgerungen zu
-schweigen. Nun aber brachte sie die Wahrheit an den Tag. Der Tod löse
-ihre schweigenden Lippen. Sie testierte eine größere Summe für die
-Kosten des neuen Prozesses und für Gefangenenfürsorge. In einem Brief an
-Givo bat sie ihn, Gaston in seinen Bemühungen zu unterstützen. Man solle
-nicht versuchen sie für die Öffentlichkeit reinzuwaschen. Sie hoffte,
-daß ihr Leben ein solches gewesen, daß ihre Freunde, was immer sie auch
-in Leidenschaft getan habe, sich ihrer nicht zu schämen brauchten.
-Hector Lantrecs Prozeß wurde wieder aufgenommen. Zwei Monate nach
-Ceciles Tod wurde er aus dem Gefängnis entlassen.
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- Das dritte Mütterchen
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-Helene war nach ihrem Aufenthalt bei Arabella mit Alphi zu dessen Vater
-übergesiedelt und hatte das verwaiste Hauswesen neu eingerichtet. Sie
-war fast siebzehn Jahre alt und ihre Mutter billigte es nicht, daß sie
-in Paris in einem frauenlosen Haushalt leben sollte. Aber es zeigte
-sich, daß Helene kaum Zeit hatte auszugehen und der junge Gelehrte
-flößte ihr ein Vertrauen ein, das sich in einer Art verächtlichem
-Zweifel über seine tatsächliche Zugehörigkeit zum männlichen Geschlecht
-ausdrückte. Zudem sah Cecile, die der Schauspielerin als ein höheres
-Wesen galt, hier für Helene eine Lebensaufgabe. Was sollte sie auch mit
-der großen Tochter anfangen! Sie hatte einen Hund, den sie in ihrem Muff
-trug und abgöttisch liebte. Dieses Format war ihrer mütterlichen Liebe
-gemäßer. Helene fühlte sich sehr wohl bei Tallandre, sie war trotz ihrer
-jungen Jahre ihm in mancher Weise überlegen. So hatte sie bald zu ihrem
-Ergötzen entdeckt, daß er sich vor ihr fürchtete und sich alle Mühe gab
-vor ihr den Wüstling zu spielen, der mit anständigen Mädchen nichts
-anzufangen weiß. Es war auch ein Teil Wahrheit dabei, denn er war ein
-wenig ausgehungert auf seiner Afrikareise. Aber eben deshalb wußte er,
-daß ihm Helene nicht ungefährlich war. Der gute Fifi, wie ihn seine
-Freunde nannten, war zudem ein großes Kind, das auch gern vor sich
-selbst prahlte. Er wollte schon fertig werden mit dieser Anfechtung.
-Bah, solch ein kleines Mädchen und er, der Elefanten gejagt hatte! Wenn
-aber Helene Alphi liebkoste, bekam er alle Zustände. »Ob es denn
-eigentlich gesund sei, daß sie und das Kind einander so oft küßten?«
-fragte er eines Tages erbost. »Gesund nicht eben, aber gut sei es,«
-antwortete Helene und, als er den Kopf schüttelte, sagte sie lachend:
-»Wenn Sie nicht glauben, daß es gut ist, so versuchen Sie es doch -- bei
-Alphi natürlich.« Eines Tages hatte seine Schwägerin den Kleinen für
-einen Ausflug aufs Land abgeholt. Helene saß vereinsamt über ein Buch
-gebeugt, als er nach Hause kam. Sie sah ihn an und lächelte vertraulich.
-Aber er wußte, es war nicht der borstige, nörgelnde Tallandre, den sie
-anlächelte, sondern der wirkliche, der in Helene verliebt war. Sie war
-also liebevoll, ohne von ihm Notiz zu nehmen, sie liebäugelte mit ihm
-über seinen eigenen Kopf hinweg, mit seinem freundlicheren Ich. Er
-ärgerte sich über die Geringschätzung eines Anwesenden. »Nun, wen haben
-Sie heute zu küssen?« fragt er hämisch.
-
-»Alphis Vater,« sagte sie, stand auf und trat mit strahlenden
-Schelmenaugen auf ihn zu. Da packte ihn die Liebeswut und er vergaß
-seine schnöde Verachtung für die anständigen Frauen. Er vergaß sie so
-gründlich, daß nach einem Monat Helenes Mutter in ihrem Freundeskreis
-erzählte: »Meine Kleine ist ein Ungeheuer, sie hat mich zur wirklichen
-Stiefgroßmutter gemacht.« Und sie zeigte mit Stolz das Bild Alphis. Zur
-Großmutter war sie begabt. Sie entschädigte Alphi für die Zärtlichkeit,
-die nun sein drittes Mütterchen Helene zum Teil seinem Vater zuwandte.
-
-Helene schrieb überschwengliche Briefe an Vögelchen. Das Einzige, was
-ihr junges Eheglück trübte, war Ceciles fortschreitende Krankheit und
-schließlich ihr opfergekrönter Tod.
-
-
-
-
- Im Norden
-
-
-Arabella und Givo erhielten die Nachricht von Helenes Verheiratung in
-Hamburg, wohin sie eiligst gereist waren. Wenn Vögelchen an diese
-Lebenszeit zurückdachte, sah sie bleischweren Nebel, hörte Stürme an
-ihre Fenster trommeln und den Schrei der Dampfpfeifen des Hafens. Und
-doch war Frühling und an der Elbe blühte es in den Gärten. Givos Mutter
-lag wochenlang zwischen Leben und Tod. Er konnte sich kaum wegstehlen
-von dem Krankenlager. Vögelchen war allein in der fremden Stadt und ihr
-Leid mußte schweigen, weil der Geliebte mehr litt als sie selbst. Als
-sie angekommen waren, hatte er sie in einem Hotel an der Alster
-untergebracht. Der Zustand der Mutter erwies sich wohl bedenklich, aber
-eine unmittelbare Gefahr bestand nicht mehr. Der Arzt war es zufrieden,
-daß Givo gekommen war, aber er schlug vor, daß er sich vorläufig der
-Mutter nicht zeige. Er wolle sie zuvor im Verein mit Zora langsam
-vorbereiten. So war es Givo möglich gewesen, die ersten Tage mit
-Arabella zu verbringen. Wiewohl hinter jedem freudigen Augenblick das
-Bewußtsein lauerte, an der Mutter Krankheit mitschuldig zu sein, und
-dunkle Ahnungen über neue Verwicklungen ihn beschatteten, führte er
-Vögelchen umher zu den Stätten seiner Kindheit. Sie war bemüht ihn
-aufzuheitern und es fiel ihr seltsam leicht, heiter, ja freudig zu sein.
-Es war, als sprudelte noch immer ihr Blut in heißem Takt. Sie fand das
-Essen köstlich, sie fühlte ihre Muskeln in neuer Kraft. Manuel sah sie
-zuweilen forschend an, ohne daß sie es bemerkte. Eine Vermutung war in
-ihm aufgestiegen, die ihn aufs tiefste bewegte.
-
-Nun war es so weit, daß Givo die Mutter besuchen konnte. Sie beherrschte
-wieder die Sprache, nur ab und zu machte ein Wort ihr Mühe. Sie lag zu
-Bett und sah ihm mit sanfter Freude entgegen. Er mußte sich beherrschen,
-um die Tränen zurückzudrängen: es ging eine Milde von der Mutter aus,
-die nicht mehr von dieser Welt schien. In ihrer Rede kam etwas mühsam
-von weither, als hätte er sich von neuem des gewohnten Lebens zu
-besinnen. Sie verschwieg ihm ihre Sehnsucht, wie ihre Gedanken durch
-Qualen ihn stündlich gesucht, wie sie in ihren welkenden Tagen jede
-Stunde als eine unwiederbringliche fühlte, das Entbehren seiner Nähe als
-einen Fluch, der sie vergiftete. Nichts von der gefährlichen Warnung des
-Wahnsinns sagte sie ihm. Aber eben in dem Schweigen spürte er in
-aufflammender Liebe ihre Peinigung. Sie sprach ihm von allerlei, von
-ihrer Krankheit erwähnte sie nichts. Sie gab ihm wohl die Schuld und in
-ihrem Bemühen, sie im Gespräche zu übergehen, lag die Anschuldigung am
-deutlichsten. Givo beachtete nicht, daß Geisteskranke zuweilen das
-wirksamste Mittel wählen ihr Ziel zu erreichen, daß auch ihrer Ruhe
-nicht zu trauen ist. Dankbar ließ er die Milde auf sich wirken, er sah
-der Mutter Bild wieder rein und hell, umstrahlt von der Märtyrerkrone
-ihrer Duldung, die Zukunft schon gelöst in Einigkeit. Freundlichst kam
-er Zora entgegen. Ihre Treue für die Kranke bewegte ihn. Die verhaltene
-Glut ihres Blickes konnte er sich nicht deuten. Liebe oder Haß? Beides
-vielleicht?
-
-Als Frau Givo ermüdet den Sohn verabschiedete, ließ sie Zora zu sich
-rufen.
-
-»Er wohnt nicht im Hause?« fragte sie.
-
-»Nein,« antwortete Zora.
-
-»Dieses Mädchen ist bei ihm?«
-
-Zora zuckte die Achseln, aber ein Zucken um ihren Mund bedeutete, daß
-die Kranke richtig geraten habe.
-
-»So will ich morgen ein Ende machen zwischen ihm und ihr,« sagte sie.
-»Nun will ich mir Kraft zuschlafen. Gute Nacht!«
-
-Da sagte Zora: »Kann Glück sein, wo so harte Weigerung ist? Hab' Mitleid
-mit uns beiden. Ich fühle, wie das Böse in mir aufsteigt, Rache um seine
-Liebe für die andere.«
-
-Da richtete sich die Frau auf, so gut sie konnte. »Gott will es. Er
-stählt mir den Willen bis in den Tod. Vertrau ihm. Willst du ihm
-ungehorsam sein, dann geh aus meinen Augen! Geh!«
-
-»Wohin?« fragte Zora tonlos. In diesem Augenblick rissen in ihrer jungen
-Brust alle Fäden der Zusammengehörigkeit. Ihr heimatloser Sinn kehrte
-von Suchen und Sehnen zurück und wandte sich auf immer ab vom
-Gemeinwesen der Menschen.
-
-»Du kennst deinen Weg, wenn du dich deinem eigenen Glück widersetzt. Dem
-höchsten Glück, das je einer Frau zuteil werden kann! Fort in die
-Glaubensschule und dann in Stellung.«
-
-Und als Zoras Schweigen wie Unheil sich im Zimmer breitete, sagte sie
-beschwörend: »Laß es reifen in ihm, erobere ihn dir. Rette ihn zu dir,
-aus der Verhexung dieser Fremden.«
-
-Die Kerze flackte auf von unsichtbarem Hauch geschreckt. Zora stierte
-ins Feuer und wünschte, daß es sie und die Welt verschlänge. »Lösch
-aus,« sagte Frau Givo. »Morgen muß wieder Klarheit kommen: das Licht,«
-und wie im Traum schon lallte sie: »Licht.«
-
- * * * * *
-
-Das Licht aber drohte ihrer Lebensflamme zu verlöschen. Givo sagte: »Laß
-ab, Mutter. Diese Gemeinschaft kannst du nicht trennen.« Als sie
-erwidern wollte, fiel ihr Kopf zur Seite, die Zunge ward ihr schwer, die
-Augen blickten stier, die Glieder wurden lahm. Zwei Tage darauf erwachte
-sie aus todesähnlicher Bewußtlosigkeit. Manuel hatte lange Beratungen
-mit dem Arzt und Zora. »Es wird nicht mehr lange dauern. Belügen wir
-sie,« sagte das Mädchen. Ihre schwarzen Augen flackten zu bläulichem
-Glanz, als sie Givo fragend anblickte. Der Arzt mahnte. »Nehmen Sie ihr
-die Qual.« Die Mutter lag im Nebenzimmer und kämpfte sich ins Leben
-zurück. Plötzlich schrie sie auf, dumpf wie ein geängstigtes Tier. Givo
-stand auf, nahm Zora an der Hand und trat an ihr Bett. »Mutter,« rief er
-leise. Und Zora lehnte den Kopf an Givos Schulter und weinte. Da
-lächelte Lea Givo und wollte das Zeichen des Segnens machen. Sie war zu
-schwach, aber sie verfiel in ruhigen Schlaf und, als sie erwachte, war
-die drohende Gefahr vorüber.
-
-Vögelchen hatte Manuel fröhlich erwartet. Er war voll Hoffnung von ihr
-gegangen. Nun kam er nicht. Des Abends erst sandte er Botschaft, die
-Mutter sei schwer erkrankt. Zwei Tage vergingen, bedrückt von der
-plötzlichen Einsamkeit und der Qual, in der sie ihn wußte, um
-ihretwillen vielleicht. Sie hatte ihn der Mutter genommen und jenem
-Mädchen, das fühlte sie. Aber warum konnten sie nicht beide an ihm froh
-werden? Wenn er aber ihr genommen würde, was dann? Zurück zu Cecile?
-Nein, nicht arm und verwaist ins Asyl, nach St. Cloud, wo sie mit Givo
-glücklich gewesen. Sie würde Va besuchen und dann reisen, bis sie ein
-Ziel fand, irgendein Ziel. Welches? Nein, nein, sie würde bleiben, wo er
-war. Konnte es denn sein, daß er sie von sich ließ, daß er nicht ein
-Leben fand, in dem auch sie war? Allem wollte sie zustimmen, was nicht
-Trennung hieß. Und vielleicht, vielleicht gab er ihr ein Kind! Wer
-konnte ihr verbieten ein Kind zu haben? Dann würde sie die Einsamkeit
-schon leichter tragen. Und als sie darüber sann, war es ihr, als sei ihr
-der Wunsch erhört. Sie legte die Hände auf ihren Schoß und erlebte die
-Verkündigung. Wie im Traum lag sie und war gefeit vor Schmerz. Spät
-abends kam Givo, bleich, seine Augen brannten. So hatte sie ihn nie
-gesehen, ihn, den Ruhigen, den immer Befestigten. Er kniete vor ihr hin
-und legte den Kopf in ihren Schoß. Lange lag er so und schien Ruhe zu
-schöpfen und nachzusinnen.
-
-Da fragte sie leise, wie aus einem Traum: »Hörst du unseres Kindes
-Herzchen schlagen?«
-
-Er schüttelte den Kopf. Tränen gebadet hob er sein Gesicht zu ihr auf.
-»Es wurde in der Nacht, als der Tod die Mutter anfiel,« sagte er. »Darum
-darf es nicht sein, du mußt es ungeschehen machen mit deinem Willen. Es
-ist mir Schweres geschehen. Ich habe meine Hand in die einer anderen
-gelegt um der Mutter Leben und Ruhe willen. Kannst du mir verzeihen?
-Kannst du mir vertrauen, trotz allem?« Sie lag starr. Gigantische Kräfte
-hätten ihr jetzt die Zunge nicht gelöst. Wille und Wort waren in einen
-tiefen Schacht gefallen, der hieß Verzweiflung. Nach einer Stunde erst,
-in der sie beide regungslos gelegen, hauchte sie: »Ich vertraue dir. Ich
-lebe ja nur durch dich. Tu, was du mußt. Nur töte mich nicht, töte mich
-nicht.« Er hatte sie umfangen, während sie aus den Tiefen des Schmerzes
-zu ihm sprach und in unendlicher Liebe nahm er sie zueigen. Dumpf
-heulten die Dampfpfeifen im Hafen. Nordwind peitschte die Wolken.
-Angstvoll war das Flattern der Sturmvögel und Möven.
-
- * * * * *
-
-Zu dieser Zeit erfuhren sie Ceciles Tod. Zum ersten Male griff die
-schwarze Hand in Arabellas Nähe, zum ersten Male konnte sie erfassen,
-was es heißt: ein Mensch ist ausgelöscht, der dir lieb war, und ein
-Stück deiner eigenen Seele ist mit ihm gewandert. Und während Givo nur
-Trauer empfand, quälte sie sich über Ceciles Geständnis. War es möglich
-zu töten? Seltsam, sie mußte an jene Begegnung vor Manuels Tür im
-Observatoire denken, an den triumphierenden Blick jenes Mädchens. Sie
-fragte sich, ob sie selbst würde ein Leben vernichten können, das ihren
-heiligsten Besitz bedrohte. Und daß der Geliebte dann für Cecile
-geschmachtet hatte! All das quälte, bis Givo ihr bewies, daß Cecile
-einen frommen Trug, nicht einen Mord begangen hatte. Das Leben war ihr
-beschattet von allen Seiten und Givos Sonne hellte es nicht; die trug ja
-selbst den Flor der Trauer. Nein, kein Kind in dieses Leben setzen, das
-sie nicht zu enträtseln vermochte. Nie hätte sie es beschützen können in
-der Wildnis, die sich vor ihr auftat. Sie war so sehr versonnen, daß sie
-ihrer täglichen Bedürfnisse kaum achtete. Givo war oft Tag und Nacht an
-das Krankenlager der Mutter gebunden. Er konnte nicht acht haben auf
-sie. Vögelchens wandernder Sinn blieb nicht haften am eigenen Schmerz,
-er verirrte sich in alle Labyrinthe menschlichen Leidens. Manchmal
-stieß sie die Kinderstirne wund an den nächtlichen Toren der
-Unwiederbringlichkeiten und trug aus dieser Zeit unauslöschbare Narben
-in ihr Leben mit. Der Schmerz tötete das keimende Leben in ihr und, als
-sie dessen bewußt war, beweinte sie es. Zu zart war ihr Körper, den
-Unbilden der Seele zu trotzen. Wie ein Schifflein, das von leichtem
-Segel beflügelt auf dem Schrecken des Meeres tanzt, ward er vom Sturm
-ergriffen und seine Ladung über Bord geschleudert. Ein Krönlein lag am
-Meeresgrund. Zuweilen schimmerte es zu ihr auf und sie sandte ihm die
-Perlen der Tränen, es zu schmücken. Aber das Meer trank sie auf in
-dumpfer Unersättlichkeit.
-
-Frau Givo lag gelähmt. Man ging auf Zehenspitzen, es war gesorgt, daß
-keine Tür ins Schloß falle. Ein Erschrecken konnte sie töten. Man hatte
-ihr gesagt, die Heirat sei vorbereitet, und eines Tages trat Zora vor
-sie in festlichem Kleid. »Heute wird es sein.« Givo kam herzu. Der
-Mutter Hand wollte nach seiner Stirne tasten. »Der Wagen ist schon
-vorgefahren,« drängte Zora. Sie verließen die Kranke. Zora ergriff ein
-Weinkrampf, als sie die Stiegen abwärts schritten. Der Schleier fiel
-über ihre Tränen. Der Arzt blieb bei Frau Givo zurück, während Zora und
-Manuel, die Zeit hinzubringen, eine Rundfahrt durch die Stadt machten.
-An dem Krankenbett war dann ein Mahl gerichtet, dem nur der Arzt
-zugezogen war. Die alte Minka weinte verstohlen. Sie allein unter den
-Dienstboten ahnte das Verschwiegene. Ihre Herrin lag mit einem Lächeln,
-das wie Eisglanz über dem gelblichen, halb gelähmten Gesicht funkelte.
-Bald schlummerte sie wieder ein. Givo küßte Zoras Hand. »Hab Dank für
-dies traurige Spiel,« sagte er. Ihre Mundwinkel bogen sich nach abwärts,
-sie senkte die Lider über den Fluch ihres Blickes. Er stürzte davon, dem
-Ersticken nahe, Betrug würgte ihn tödlich. Seine Seele schrie nach
-Unbeflecktheit, aber wohin er auch blickte, war Schuld.
-
-Frau Givo wollte nicht so rasch aus einem Dasein gehen, in dem sie nun
-endlich ihren heißesten Wunsch erfüllt sah. Zähe Kräfte hielten sie am
-Leben und schmiedeten Zora und Manuel an ihr Krankenzimmer. Gäste wurden
-nicht vorgelassen, einige Glückwünsche fingiert. Die Kranke hatte
-aufgetragen, daß das untere Geschoß des Hauses für Zora und den Sohn
-eingerichtet würde, und es traf sich günstig, daß der Raum, in dem
-Imanuel die kostbare Sammlung alter astronomischer Instrumente
-aufbewahrte, zu diesem Zwecke geräumt werden sollte. Er träumte von
-einem Uraniaborg, einer Sternwarte am Meer, wie sie sein geistiger Ahne
-Tycho de Brahe besessen, einer Insel Gwenna, auf die er nachts zu Liebe
-und Arbeit entfliehen wollte, vom Zwang und Trug an der Mutter
-Krankenbett. Es fand sich bald ein turmartiges Gebäude mit drei riesigen
-Räumen, die er sogleich für seine Zwecke umgestalten ließ. Das eine
-diente zur Aufstellung der Sammlung, die anderen als Schlaf- und
-Arbeitsräume. Er scheute keine Kosten, um rasch das Gemäuer wohnlich zu
-machen. Eine Fischersfrau wurde zur Bedienung gedungen. Als Arabella
-nach öden Wartetagen in dem Hotel, das sie kaum verlassen hatte, von
-Givos Plan erfuhr, war sie glückselig. Endlich würde sie wieder mit ihm
-vereint sein, sein Leben erhellen und seine Arbeit teilen. Sogleich sah
-sie sich als sein Famulus, der Knabengewänder trug, um in der einsamen
-Behausung unbehelligt zu sein. Glücklich, sie wieder ermutigt zu sehen,
-duldete er freudig ihre romantischen Einfälle und war selbst darin
-nachgiebig, als sie nach Besichtigung des Turmes erklärte, daselbst auch
-dann wohnen zu wollen, wenn er gezwungen sein würde bei der Mutter zu
-bleiben. Das Befinden Frau Givos verschlechterte sich indes nicht und
-Manuel konnte unter dem Vorwand, auf seiner Sternwarte zu arbeiten, die
-Nächte unbehelligt außer Hause verbringen. Die ersten Wochen verflogen
-unter emsigem Auspacken, Ordnen und Reinigen der alten Geräte und der
-vielen astronomischen Bücher und Schriften. Givo wollte den Turm
-allmählich zu einem historischen Museum der Sternkunde ausbauen. Mit dem
-ihr eigenen Eifer vertiefte sich Vögelchen in das Studium der alten
-Bücher, legte Kataloge an und gefiel sich in ihrer Verkleidung.
-Stundenlang blickte sie aufs Meer, das hinter dem Fjord sich weit
-öffnete, und erdachte sich Wunder. Sie ging meist nur abends aus. In
-weiten Mantel gehüllt, den Lockenkopf unter einer Samtkappe verborgen,
-kam sie Manuel entgegen, dem die kurze Bahnfahrt endlos dünkte. Er
-brachte allerlei Leckerbissen mit, die sie für das schlechte Essen, das
-die Fischersfrau bereitete, entschädigen sollte. Bis Mitternacht
-arbeiteten sie, verbrachten dann Stunden heiligster Liebeseinigkeit und,
-während Arabella in den späten Morgen schlief, verließ Givo sie fast bei
-Tagesanbruch. Dieses Leben, so sehr es sie auch beglücken mochte,
-untergrub ihre Gesundheit. Dann kamen Abende, wo sie vergeblich Manuel
-entgegenging. Die Fischersleute in der Umgebung begannen neugierig zu
-werden und blickten ihr nach. Stürme durchbrausten den Turm und
-durchheulten die Nächte, die sie schlaflos verbrachte, wenn der Geliebte
-ihr fern war. Kam dann Givo, schien ein ihr verborgenes Leben noch an
-ihm zu haften. Aus der Ferne hörte sie ein Mädchenlachen wie hinter der
-Tür im Observatoire und ein häßliches Gefühl ließ ihr das Zutrauen
-erkalten. Hielt ihn die andere dort auch oder allein der Mutter
-Krankheit? Zu lange schon dauerte diese Wartezeit, die sie so viele
-Stunden von ihm trennte, in der er ihr unzugänglich war wie ein Fremder.
-Givo aber lebte nun kaum mehr ein eigenes Leben. Er wußte längst, daß er
-den Tod der Mutter ersehnte, immer dringlicher. Nichts anderes mehr
-konnte ihn befreien von der Lüge und auch der Tod nicht, der die
-Gequälte erlösen sollte, wenn er zu kommen zögerte. Denn er fühlte, wie
-die Kraft seiner Seele sich spaltete an der Ungeheuerlichkeit, daß er,
-dem der rechte Weg bewußt war wie kaum einem jungen und warmfühlenden
-Menschen, nun belastet war mit Schuld. Schwer trug er es, Arabella
-unbeschützt zu wissen, ehelos ihm angetraut, schwer drückte ihn ihre
-Klage um das Kind, das sie sich erhofft, qualvoll war ihm sein Wunsch
-nach der Mutter Tod, peinigend Zoras ihn suchende Nähe. Denn neben
-Arabella schien ihm Zora noch schwereres Los zu tragen. Ihr Opfer war
-größer noch, weil es nicht bedankt war durch seine Liebe. Verwaister war
-sie und zur Unglückseligkeit bestimmt, weil sich ihr junges Blut in
-Hoffnunglosigkeit vergiftete. Nun wußte er es, sie liebte ihn. Da wollte
-er ihr Gutes erweisen und schlug ihr in Gegenwart der Mutter vor, ihr
-Geigenspiel wieder aufzunehmen, vorerst auf eine Woche zu verreisen, um
-sich an guter Musik zu erfrischen. Sie nickte nur freudlos. Auch hier
-hatte der zehrende Brand ihrer unerfüllten Liebessehnsucht gewütet. Seit
-jener Scheinhochzeit fühlte sie sich nicht mehr jungfräulich gehemmt.
-Heiß sengten sie die Blicke fremder Männer. Ihr Blut siedete. Sie wußte,
-ihre Zeit war gekommen, unaufhaltsam drängte es sie zum Manne. Wenn sie
-sich wegwarf -- und das würde sein -- konnte täglich, plötzlich aus
-einer Stunde brechen, warum nicht an ihn, an Manuel, warum nicht besser
-an ihn! Dann würde sie gehen und nie wiederkehren! Wäre das nicht
-Erlösung auch für ihn? Einmal hatte sie eifersüchtiger Verdacht
-hinausgetrieben auf sein Riff, das zu besuchen er ihr untersagt hatte.
-Sie hatte der Fischersfrau aufgepaßt und erfahren, es sei nur ein Junge
-im Turm, der die Instrumente putze. Dies gab ihr Mut ein Letztes für
-sich zu erhoffen. Aber ein dumpfes Mißtrauen beschlich dennoch die
-Nächte, die er auf der Warte verbrachte. Wenn er ihr Erleichterung
-schaffen wolle, bat sie, so möge er ihr einige von seinen Arbeitsnächten
-opfern, damit sie sorgloser schlafe. Zu ängstlich wache sie über der
-Kranken Schlummer. Seine Stirne verfinsterte sich, aber er schlug ihr
-die Bitte nicht ab. So blieb er denn zuweilen nachts in der Stadt. Und
-einmal spät abends, als er über ein Buch geneigt in seinem Zimmer saß,
-rauschte der Vorhang auf, der seine Türe von der Zoras noch dichter
-abschloß; als er sich wandte, stand das Mädchen im Nachtkleid an der
-Schwelle. Wie ein Mantel umwallte sie das schwarze Haar. Die Nacht
-selbst schien zu ihm gekommen und blickte ihm düster, rätselvoll
-verlangend ins Gesicht. Und mit seltsam ferner Stimme lispelte Zora:
-»Ich will bei dir sein, eine letzte Nacht.« Er blickte sie an
-erschrocken und wie verwundet.
-
-»Kind, warum, warum? Warum es uns so schwer machen?«
-
-»Ich habe Sehnsucht,« sagte sie klagend. Er war ergriffen, daß sie
-gekommen war, ihm verlangend ihr Leid zu sagen, sie, die Verschlossene,
-deren Stolz er mit seiner Kälte so oft geknechtet haben mochte. Er nahm
-sie in seine Arme wie ein fieberkrankes Kind. Da fühlte er die
-Köstlichkeit ihrer reifen unberührten Jugend. Aber er trug kein
-Verlangen nach ihr. Des Morgens bat sie, »laß mich bei dir, nimm mich
-auf die Warte, nur eine Weile, dann gehe ich fort.«
-
-»Du kannst nicht gehen,« sagte er traurig, »du gingest denn in dein
-Unglück, heiß wie du bist, mein armes Kind.«
-
-»Nenn mich nicht arm nach dieser Nacht,« flüsterte sie. Sie war nicht
-stolz mehr, sie wußte flehentlich zu bitten, wenn er des Abends wegging.
-Er mußte ihr Drängen vertrösten auf kommende Nächte.
-
-Aber Vögelchen, die wenig wußte, fühlte, erahnte viel. Es war ihr
-Gewißheit, bevor Givo sprach, daß eine Frau ihr die Nächte stahl. »Laß
-ein Ende kommen, dann reisen wir,« bat er. Sie sah ihn stumm an. Sie
-verstand dieses fremde Mädchen, sie, die ihm selbst so gut war, und sie
-verstand seine Nachgiebigkeit, aber seltsam, er wurde ihr ferner,
-fremder in dem Wissen, daß sie ihn nicht allein besaß. Sie war nun scheu
-in ihrer Hingabe, als wäre noch der Blick eines Dritten in ihm, und sie
-fürchtete sich, sein Mitleid könne Freude werden an der anderen. Dann
-wieder schämte sie sich, ihm Freude zu mißgönnen. Ehe ihr offenbar war,
-was geschehen, hatte sie, wenn Givo klagte, er fürchte im nordischen
-Winter für ihre Gesundheit, den Plan erwogen, zu Helene zu fahren. Nun
-aber hieß dies, der anderen das Feld zu räumen. Sie blieb, aber sie
-verachtete sich darob und sie wußte, daß sie selbst ihr teuerstes
-inneres Gut opfern würde, wenn sich diese Selbstverachtung zum Äußersten
-steigern würde.
-
-Da kam ein Brief von Adalbert und Angele, dem einige Zeilen von
-Karinskis Hand beigefügt waren. Man war zusammen in Nizza, in dem
-unvergleichlich schönen Villenbesitz Mannsthals. Der Kleine erstarke in
-der südlichen Luft, es sei auch Olga, Karinskis reizendes Töchterchen,
-da, denn Gräfin Tanja sei vor einem halben Jahre gestorben und der Graf
-habe seine Töchter in Schweizer Pensionaten untergebracht. Ob denn
-Vögelchen nicht friere im garstigen Norden, hier sei ihr ein warmer
-Empfang bereitet. Gab es das, irgendwo Wärme, Menschen, die sie liebten,
-die sie nachts nicht allein ließen, gab es Blumen, tropisches Blühen,
-Frauen in schönen Kleidern und weltmännische Kavaliere, die von früh bis
-abends ihre Damen umsorgen, gab es Bäder, reinliches Essen,
-Sorglosigkeit? Wer aber würde Manuels Instrumente putzen, seine
-Schriften in Ordnung halten? Nun, jene andere doch! Befreite sie ihn
-nicht von dem Zwiespalt, wenn sie ging? Nicht die Mutter war es, die sie
-trennte, die Gelähmte, die ihr Bett nicht mehr verließ. Der Freund hätte
-sie ja selbst im Hause halten können, ohne daß die Kranke es jemals
-hätte erfahren müssen. War Givo nicht dort Herr des Hauses? Nein, jenes
-Mädchen war es, die sie fern hielt, und sie fühlte den bösen Zauber, der
-zwischen diesen beiden Welten spann. Es kam der Tag, wo sie es nicht
-mehr ertrug, ihn in der Nähe der anderen zu wissen, wo sie unter seinen
-Liebkosungen litt und seine zärtlichen Worte nur mit Bitternis genoß.
-Der Bissen, den sie aß, war ihr vergällt, sie schämte sich der
-Verkleidung. Ihre erschütterten Nerven brachen ihr die sanfte Geduld.
-
-Eines Abends fand Givo die Warte verödet. Er rief nach dem geliebten
-Wesen. Seine Stimme hallte erschrocken zurück vom alten Gemäuer.
-Irgendwo klirrte ein Instrument wie leises Wimmern. Vögelchen war
-fortgeflogen.
-
-
-
-
- Entflogen
-
-
-Wie ein sinneraubender Taumel war die Fahrt von Meer zu Meer. Sie
-erwachte erst aus dumpfer Verzweiflung, als Mannsthal und dann Karinski,
-die an die Bahn gekommen waren, sie umarmten. Zwei Tage war sie rastlos
-unterwegs gewesen. Schmeichelnd umgab sie nun die süße südliche Wärme.
-Jetzt erst fühlte sie, wie oft sie gedarbt hatte nach der warmen,
-kosenden Luft, in der sie geboren war. Nach kurzer Wagenfahrt durch
-festliche Straßen trat aus dem Dunkel eines tropischen Villengartens
-Angele mit dem blassen Knaben Gilbert. Sie küßten einander. Es war keine
-Scheu mehr zwischen ihnen. Schlaftrunken sah Arabella die kleine Olga,
-die nach ihr lugte, dann folgte sie Angele in das Zimmer, das man ihr
-bereitet hatte, und verfiel totmüde in tiefen Schlaf. Als sie erwachte,
-war Mitternacht nahe. Sie tastete sich hinunter in das Speisezimmer, die
-Türe zur Terrasse stand offen. Es war nichts zu sehen als das Glimmen
-einer Zigarre. Der einsame Raucher draußen wandte sich, es war Karinski.
-
-»Nun, war ich nicht klug? Die anderen sind endlich zu Bett gegangen. Ich
-wußte, daß das Vögelchen bald ausgeschlafen hat.« Er zog sie auf seine
-Kniee und küßte sie wie vor Jahren. Ihm war sie das Kind geblieben, das
-Porzellankindchen, wie er sie genannt. Und Arabella lachte wieder, es
-ging so viel warmer, kindlicher Frohsinn von ihm aus. Wochen schienen
-vergangen, seitdem sie nicht mehr gelacht. Alles war hier weich und
-sorglos. Wie eine Geisterburg stand fern im nördlichen Sturm die
-Sternwarte. Weh ihr, sie sah den Verlassenen dort.
-
-Es sei eine Depesche von ihrem Freund eingetroffen, ob sie angekommen
-wäre, Angele hätte gleich beruhigend geantwortet, sagte Karinski, doch
-er fragte nichts. Als sie lange schwieg, sagte er: »Wir haben beide viel
-gelitten, seit Tresano. Nun soll es besser werden.« Ach, Arabella wußte
-nicht, ob es besser werden konnte. Karinski aber begann ihr zu erzählen,
-wie er Tanja verloren und nun die Kinder untergebracht hatte. Olga wolle
-er hier lassen, um weiter zu reisen. Da sagte Vögelchen traurig: »Nein,
-laß sie nicht hier.« Er nahm ihre Hand, er erriet sie. »Das ist wohl
-vorbei bei ihm,« sagte er. »Du mußt ihm verzeihen,« bat Karinski. »Es
-fehlt ihm sonst nichts zu seinem Glück als das deine. Die Frau hat Ruhe
-in sein Leben gebracht. Auch du wirst Ruhe haben, wart' es ab.«
-
-»Ich werde niemals Ruhe haben,« sagte Arabella. »Ihr nennt mich
-Vögelchen. Ich werde immer wandern, von Süd zu Nord, von Nord zu Süd,
-immer!«
-
-»Hier ist gut sein eine Weile,« sagte er. »Willst du dann mit mir
-wandern?«
-
-»Wenn er mich ruft, muß ich zu ihm. Solange bin ich frei. Wie gern will
-ich da mit dir sein.« Sie sprachen die ganze Nacht. Als sie in ihr
-Zimmer zurückging, beim Morgengrauen auf eine Weile sich hinzulegen,
-suchte sie, aus Halbschlummer erwachend, den Geliebten neben sich. Dies
-war die Stunde, da er sie, bevor der Tag ihn zu der Kranken rief, noch
-einmal in seine Arme schloß. Erinnerung überkam sie so stark, daß sie
-vor ihrer Flucht zu tiefst erschrak. Sie hatte nicht bedacht, daß ihr
-Handeln Givo zu anderer Besinnung bringen konnte, als möglichst bald dem
-zwiespältigen Zustand zu ihren Gunsten ein Ende zu bereiten. Aber auch
-dies hatte sie nicht bewußt erwogen. Sie war der Unerträglichkeit
-entlaufen. Wie so oft schon hatte sie besinnungslos und wahrhaftig
-gehandelt, einem inneren Ruf folgend. Aber nun litt sie herbes Leid um
-ihn und seine Not. Sie faßte ihre Tat nicht mehr. Sie setzte sich hin,
-ihm zu schreiben. Zwei Stunden lang stammelte sie Worte der Reue, der
-Liebe. »Mußte nicht ich dich der Freiheit wiedergeben, daß du wählen
-konntest? Die anderen hatten dich nicht lieb genug, sie dir zu geben.
-Ich ertrug es nicht, das mit der anderen in meiner Abgeschiedenheit.
-Nicht Neid war es, aber es war so unheimlich, weil es doch geschehen war
-gegen deinen Willen, wie deine Mutter wollte. Und mein Stolz tat weh, so
-weh! Ich fühlte die andere bei dir, wenn ich in deinen Armen war. So
-ging ich plötzlich weg und hab es nicht auf mich genommen zu warten.
-Hättest du mich freiwillig gehen lassen? Es wäre noch trauriger gewesen,
-wenn du mich nicht gehalten hättest. Ich bin treulos und doch bleibt
-mein Herz auf immer bei dir, wie es bei Gott bleibt, Manuel. Leb wohl
-und wähle, ruf mich. Ich komme, sobald du rufst. Dein
-
- Vögelchen.«
-
-Es kam nur eine kurze Antwort. »Geliebte, mein stärkstes Gefühl ist
-Reue, Reue, daß ich dich weggesperrt hielt, dich junge Blüte, dem Sturm
-ließ und der Verlassenheit. Denn ich selbst war ja nicht mehr das Leben,
-das zu dir kam. Ich lebte tagsüber im Hause des Todes und nachts stahl
-ich seiner Gier die Stunden, den Sternen und unserer Umarmung. Aber er
-war immer da, der Tod schlich mir nach. Das Licht hat nicht Gewalt über
-mich vor seinem allgegenwärtigen Angesicht. Dich, Vögelchen des Lichtes,
-hielt ich im Bauer der Dunkelheit, aber der Tod ging dich nichts an. Das
-war es. Es war ein fremder Tod. So gingst du und du hast es entschieden.
-Nie forderte ich; du hast gegeben, du tatest, was Gott dich tun hieß, du
-hast genommen. Nicht stündlich wußte ich, wer du seiest. Ich hielt dich
-nicht mit jedem Atemzug. Nun trennt uns die äußere Welt. Sei frei und
-laß die Wege walten. Jene andere dauerte mich. Nun ist es geschehen. Daß
-ich nur dich liebe und immer lieben werde, wie könntest du daran
-zweifeln. Nur daß mein Lieben nicht abhängt vom Geschehen, das wisse.
-Meine Lehre verbietet es, an Zufälle zu glauben, alles hat seine
-geheimen Fäden. Vielleicht war es nur zu früh, Arabella, zusammen zu
-bleiben. Vielleicht müssen wir noch durchs Feuer gehen, ehe wir
-hienieden den Himmel gewinnen, in dem unsere Sterne gepaart sind. Bis
-dahin leb wohl, mein Nachbarstern.
-
- Imanuel.«
-
-Der Brief erhob sie über den Schmerz. Ihre Sehnsucht ward wie einst
-Aufstieg zum göttlichen Licht. Ihre Liebe war Demut auf allen Wegen und
-trug nicht irdische Fessel mehr. Um sie war alles Lustbarkeit, müßiges
-Sonnen in der Stadt der Blumen. Sie konnte mit den Freunden lange auf
-dem Boulevard des Anglais sitzen und scherzen wie andere schöne Frauen.
-Klima und Menschen umgaben sie mit Zärtlichkeiten. Olga vergötterte sie
-und Mannsthal war eifersüchtig auf diese Liebe. Neben der viel jüngeren
-Olga war ihm Arabella nur die Tochter, auf deren reizvolle Erscheinung
-er stolz war. Ein leichter wissender Ton des Scherzes war zwischen
-ihnen. Sie war sich selbst verwandelt, ihre Schwere aufgelöst im
-Einatmen der Freude, ihre Tränen wie aufgesogen vom heißen Blau des
-Meeres und von dieser berauschenden Lichtfülle, die im Süden wie ein
-Wunder beglückt. Zuweilen im Gespräche mit Angele kam Erinnern an
-Schmerz und Glück. Sie war mit ihr ernst und vertraut und unterhielt
-sich mit ihr über das Kind, als wäre sie selbst schon Mutter gewesen.
-Dem Kleinen gegenüber war sie nicht so kindlich aufgeschlossen mehr, wie
-sie es zu Alphi gewesen. Da mußte sie an ihre Fahrt nach Quesnon denken,
-an den Augenblick, wo sie Angele im Garten erblickt, und zuweilen auch
-an ihre verlorene Hoffnung auf ein Kind. Eine andere wieder war sie mit
-Karinski. Ihm war sie ein Fabelwesen, das man vor der Wirklichkeit
-schützen mußte. Er ließ sie selten allein, wenn sie ohne die anderen
-ausgegangen war, schlenderte ihr nach, wanderte mit ihr von Laden zu
-Laden, um schöne Dinge für sie auszuwählen, entrückte ihr das Leben, in
-dem es Arme und Unglückliche gab, daß ihr nicht, wie ehedem, die
-Sorglosigkeit geraubt sei. Er war fast immer bei ihr, ohne sie zu
-hindern sich unbewacht zu fühlen. Er lenkte selbst ihre Aufmerksamkeit
-auf Bewundernde und hielt sich abseits, wenn sie sich mit jungen Leuten
-vergnügte. Einmal sah sie auf dem Boulevard des Anglais Guy de Malpasse,
-der ihr in Louvais nach jener Klosternacht begegnet war. Er erkannte sie
-nicht. Sein Blick hatte sich verdüstert, er flammte dunkel auf, als er
-in den ihren brannte. Sie wandte sich leichthin, er desgleichen. Sie
-lächelten fast schmerzhaft. Dies war das erste Mal, daß Arabella jenes
-Spiel der Augen übte, bewußt des Spielens und der Lockung. An Tagen
-irdischer Sehnsucht, wo sie sich hinsetzte an Givo zu schreiben, um dann
-den Brief in tausend Fetzen zu reißen und diese rasch irgendwo
-unsichtbar zu machen, wie um die Schmach ihrer Schwäche zu verwischen,
-kleidete sie sich mit Sorgfalt und flog unter die schaulustigen
-Menschen, hungrig nach bewundernden Blicken, die ihr Feuer sänftigten.
-Sie fühlte, daß sie auch Adalbert nicht widerstehen würde, wenn sein nun
-an der fremden Bewunderung aufflackerndes Begehren mehr als Blick und
-Scherz wurde. Da machte Karinski der Schwüle ein Ende und bat sie, ihn
-auf seiner Reise nach der Schweiz zu begleiten, wohin er Olga bringen
-wollte.
-
- * * * * *
-
-_Mon cher_ Pierre, zuerst von den Kindern. Ich danke dir, daß du auf
-Schloß Wolonsk die Vorkehrungen für meiner Schwester Ankunft getroffen
-hast. Nadescha und Maria haben mit ihrer Freundin, der Prinzeß Lisa, die
-Pension verlassen und Melissa Wolonskaja, meine Base, bringt die Mädchen
-nach Hause. Boris bleibt noch ein Jahr in der Akademie. Bis dahin bringe
-ich Olga und --? -- dann?
-
-Ja, Pierre, ich liebe sie, ich liebe Arabella, dieses Wesen aus Traum,
-Leidenschaft und Sanftmut gewoben, diese Blume, dieses Kind, diesen
-Engel, diese kleine Dirne. Ich habe Tanja geliebt, wie man zur schwarzen
-Mutter Gottes in seiner Schloßkapelle zu Hause betet, aber Vögelchen,
-Vögelchen bete ich an wie eine heidnische Gottheit, vor der nackte
-Sklaven die Stirne in brennenden Wüstensand tauchen. Sie lebt bei mir.
-Nachts schläft sie im anstoßenden Gemach. Ich sehe, wie sie die Perlen
-vom Halse löst, ihre Locken herabwallen läßt auf die elfenbeinernen
-Schultern und ich warte auf den Augenblick, wo sie das Hemd gegen ihr
-Nachtgewand vertauscht und ab und zu -- vielleicht zweimal in acht Tagen
--- eine ihrer kleinen Brüste dabei sichtbar wird. Dann fühle ich ihren
-Kuß, halte sie drei Minuten lang im Arm, trage sie in ihr Bett und
-verlasse sie rasch. Und morgens bin ich dabei, wenn sie Toilette macht.
-Wir reisen nun schon zwei Jahre und es wird immer köstlicher. Meine
-Liebe will nicht mehr als dies: sie zu begehren und dennoch nicht zu
-besitzen. Darin liegt alle Läuterung, aller Buße Süßigkeit. Pierre, du
-hattest viel Weiber, aber du hattest dies nicht, diese Nächte des
-Fiebers, diesen Wahnsinn einer freiwilligen Entsagung. Einmal -- in Genf
-war es -- da erwachte sie aus der Ekstase der Sehnsucht um ihren
-verlorenen Geliebten. Sie erwachte aus diesem Bann, der sie keusch hält,
-sie, die schon viel Lust genossen hat. Es war, wie seltsam ist das, zur
-Zeit, als sich ihr Geliebter verheiratete, denn wir verheimlichten es
-vor ihr. Sie hat es erst kürzlich erfahren. Zu dieser Zeit war sie
-wieder im wachen Leben, schmückte sich sorgfältiger und erwiderte den
-Blick der Männer. Und eines Tages traf sie Hettwer, den Dichter, einen
-Freund ihres Geliebten. Ich fuhr zu meinen drei Mädchen nach Lausanne.
-Als ich zurückkam, erzählte sie mir, sie habe auswärts geschlafen bei
-einem Unglücklichen. »Schade um jede einsame Nacht, in der auch ein Mann
-allein ist und sich nach Frauen sehnt.« »Und jetzt, jetzt hast du ihn
-wieder verlassen?« »Ja, jetzt bist du wieder hier.« »Ich, alter Mann?«
-»Ja, du alter Mann, der mir meine Sehnsucht läßt.« So ist Arabella. Ich
-werde ihr meinen Namen geben, wenn ich sie verlassen muß, um mit Olga
-nach Hause zu fahren, die Kinder zu verheiraten und die Güter zu
-besorgen, auf denen jetzt der Teufel haust. Ich werde sie verlassen mit
-gebrochenem Herzen und ihr lächelnd sagen: ich gehe, damit ihr ein
-Junger die Sehnsucht -- nimmt. Manchmal wünschte ich -- obwohl sie reich
-ist -- und es durch mich noch mehr sein wird -- sie wählte einen Beruf,
-eine Beschäftigung, wenn ich von ihr gehe. Aber sie will nichts hören
-davon: Ich kann nur Briefe schreiben, sagt sie oder Tagebuchblätter,
-aber auch die zerreiße ich und vernichte ihre Spuren. Manchmal verbrenne
-ich sie oder ich gehe weit und werfe sie in treibendes Wasser. Soll ich
-auf Leinwand malen, wo ich doch in mir viel schönere Bilder habe? Soll
-ich Schauspielerin werden und vor Ehrgeiz häßlich werden? Hettwer kannte
-eine Schauspielerin, die in einem seiner Stücke spielte. Sie gönnte
-keiner anderen ihre Rolle; als sie Masern hatte, trat sie mit den roten
-Flecken im Gesicht auf, damit keine andere sie verträte. Nein, das
-Theater ist häßlich. Ich möchte tanzen, tanzen, die Kleider von mir
-werfen und die Luft umkreisen, daß sie mir Flügel gäbe und mich zu sich
-nähme. Soll ich einmal vor dir tanzen, Nicolai, wie Salome vor Herodes?
-Und wahrhaftig, Pierre, sie tanzte einmal vor mir. Sie hatte sich in
-Schleier und Ketten gehüllt und das Licht mit gelben Tüchern verhängt
-und sie tanzte vor dem Spiegel und die Perlen rollten um sie, sie tanzte
-sich die Schleier von ihrem unbändigen, knabenhaften Leib. Dann sank sie
-auf den Teppich und schlief sogleich ein, als wäre das alles
-nachtwandlerisch gewesen. Ich ließ sie allein, versperrte die Türen und
-ging -- und du kannst dir denken, wohin ich gehen wollte. An der
-Schwelle kehrte ich dort um.
-
-Seit vier Tagen sind wir in München. Es ist Karneval. Ich möchte sie
-heiter sehen. Seitdem sie von dieser Heirat weiß, geht sie oft in
-Schwermut einher. Nun leb wohl, Pierre. Ich bin sehr glücklich.
-Erinnerst du dich noch, wie wir, siebzehnjährig, auf den Scheunen von
-Wolonskaja den Dorfmädchen Kinder machten? Nun haben uns diese gewiß
-schon zu Großvätern gemacht und ich liebe noch immer, liebe wieder zum
-ersten Mal.
-
-Es umarmt dich dein
-
- Nikolai.
-
-
-
-
- Ein Wiedersehen
-
-
-Als sie in München abstiegen, Arabella und der Graf, hieß es, daß abends
-Bal pare sei in ihrem Hotel. Sie speiste mit Karinski zeitig abends, ehe
-der Trubel begann. Die Vorbereitungen des Festes fesselten sie.
-Musikinstrumente wurden vorbeigetragen, Blumen in bunten Buschen,
-Sektflaschen in Körben, verfrühte Masken schon stahlen sich vorbei,
-lugten in den noch leeren Saal, in dessen Parkett die Kronleuchter sich
-müßig spiegelten.
-
-»Willst du dabei sein?« fragte sie der Graf. Sie schlug in die Hände vor
-Freude.
-
-»Deine Toilette?«
-
-»Ach, ich habe allerlei,« sagte sie und sprang auf. Die Jungfer mußte
-rasch nach einer Maske fahnden, eine ganz kleine schwarze nur, ordnete
-Karinski an. Er half ihr unter ihren Abendkleidern wählen. Mit ihrem
-Wirbelhaar im schwarzen glitzernden Kleide sah sie wie ein blondes
-Teufelchen aus. Er begleitete sie in das bunte Wimmeln des Saales. Sie
-trennten sich lachend. Bald erblickte sie ihn fröhlich am Arme zweier
-Dominos. Vögelchen fühlte sich wohl hinter der Maske. Sie mischte sich
-ins Getriebe, fing Gespräche auf, blieb stehen und lachte mit den
-anderen, wenn es etwas zu lachen gab. Mehrmals näherten sich Herren, ihr
-die zögernde Ansprache zu erleichtern, flüsterten Koseworte. Die Frauen
-musterten ihren Schmuck, ihr Kleid, das der deutschen Mode noch fremd
-war. Wort und Blicke glitten von ihr ab. Manche der Anspielungen waren
-ihr neu und drollig, vieles völlig unverständlich, das aus den
-Gesprächen sie streifte. Sie empfand nicht Lockung sich an eines fremden
-Mannes Arm zu hängen, da war kein Gesicht, das ihr eine innere Welt
-verriet. Auch die Männer schienen Masken zu tragen. Als sie schon
-mehrmals den Saal durchschritten, sah sie an einer Säule gelehnt einen
-vornehm aussehenden Herrn stehen. Wie einsam versprengt, unbeteiligt wie
-sie selbst, in stillem, beschaulichem Ernst, ließ er das Treiben an sich
-vorüberziehen. Glitt ihm eine Maske näher heran, sagte er ihr lächelnd
-ein dankbares, aber abweisendes Wort, ohne ihr zu folgen. Es schien, als
-erwarte er eine Frau oder zöge es aus irgendeinem Grunde vor allein zu
-sein. Vögelchen blieb unweit von ihm stehen und forschte in seinem
-ebenmäßigen, noch immer knabenhaften Gesicht. Sie hatte ihn gleich
-erkannt, es war Franz von Normayr. Ein wenig gealtert schien er, die
-Haut von Seereisen gebräunt, noch heller stach der Blick, noch klarer
-schien die Stirne und etwas, das wie Unfehlbarkeit wirkte, schmückte
-noch immer die Haltung.
-
-»Sie läßt dich warten,« sagte Arabella mit einem leisen Beben in der
-Stimme, als sie eine Weile neben ihm gestanden, während sein Blick
-lächelnd zu ihr herabgekommen war.
-
-»Sie ließ mich warten,« antwortete er. »Aber nun ist sie ja gekommen.«
-
-»Es waren so viele, die dich mitführen wollten.«
-
-»Ich wartete auf dich.«
-
-»Kennst du mich denn? Wie heiße ich?«
-
-»Vögelchen,« sagte er.
-
-»Das ist doch kein Name,« sagte sie erschauernd.
-
-»Eben deshalb heißt du so, kleine Unbekannte. Es gibt Namen, die wie ein
-Bild sind unter Schleiern und Masken. Vielleicht ähnelst du auch einer,
-die man so nannte.«
-
-»Ach geh, solch ein Name! War die denn wirklich?« Er schwieg. »Dein
-Vögelchen ist wohl nur eine Ente. Nenn mich lieber Salome Maria. Den
-Namen las ich einmal auf einem alten Friedhof in Salzburg.«
-
-»Aber du bist doch lebendig. Laß fühlen, ob du lebendig bist oder eine
-Elfe.« Er legte mit kundigem Griff seinen Arm um ihre Taille und zog sie
-mit sanfter Kraft in eine der Nischen.
-
-»Du gleichst einem jungen Seemann,« sagte sie. »Dein Blick sieht auf das
-Meer.«
-
-»Liebst du das Meer?« fragte er.
-
-»Ich habe einmal auf einem Leuchtturm gehaust.«
-
-»Wie interessant,« sagte er mit leichtem Spott. »Da warst du wohl
-verzaubert wie Rapunzel. Dabei siehst du so aus, als ob du in Palästen
-gewohnt hättest. Oder warst du des Leuchtturmwächters Töchterchen in
-einem anderen Leben?«
-
-»Ja, in einem anderen Leben.«
-
-»Erzähle mir von diesem Leben. Wo hast du denn da noch gehaust und
-genächtigt, als Schwalbe oder Kolibri?«
-
-»Ich erinnere mich zunächst, in einem Kloster geschlafen zu haben.
-Mondschein kam zum Bogenfenster herein und die Spinnweben aus den alten
-Mauern waren die Gitter. Mir gegenüber über den Hof saßen im Saal Nonnen
-über Spitzenarbeiten gebeugt, Tag und Nacht. Es waren Mäuse im Zimmer.
-Kennst du den Dichter Malpasse?«
-
-»Ja, ich kenne seine Novellen. Hatte der sich etwa in eine Maus
-verwandelt?«
-
-»Nein, er fiel mir nur eben ein. Oh, wie schlecht euer Champagner ist,«
-sagte sie französisch.
-
-»Bist du Französin?«
-
-»Nein, mein Mann ist Spanier und ich bin ein wenig von überall.«
-
-»Salome Maria Überall,« sagte er.
-
-»Und du, wie heißt du, laß mich raten und warte -- Gottfried? Nein,
-Franz. Das wird es sein.«
-
-»Du bist hellsichtig,« sagte er. »Also dein Mann ist Spanier. Liebst du
-ihn?«
-
-»Ja, ich liebe ihn.«
-
-»Und doch bist du hier?«
-
-»Ja, mein Gott, er läßt mich allein und ich liebe die Männer so sehr.
-Ich liebe es, ihnen ganz nahe zu sein, ganz nahe.«
-
-»Nun war es, als hättest du zum ersten Male mit deiner eigenen Stimme
-gesprochen.«
-
-»Erschreckt dich das?«
-
-»Du bist so seltsam. Es ist eine Traurigkeit in deiner Glut.« Er nahm
-ihre Hand und spielte mit ihren Fingern, er preßte sie zwischen den
-seinen, die sehnig und kühl waren. »Und bist du immer so -- -- frei?
-Nicht nur im Karneval?«
-
-»Ich bin immer so frei. Mein Leben ist ein Fest der Liebe.«
-
-»Wie viele Männer haben dich schon besessen?«
-
-»Das zählst du kaum!?«
-
-»Das zähl' ich kaum?«
-
-Er sagte es sehr traurig. »Und wie begann es?«
-
-»Da war einer, dem vertraute ich. Ein Kind war ich damals, weißt du, und
-er war mir wie ein Engel, der mich durch alles Irren führen sollte. Aber
-da mißfiel ihm meine Dummheit. Sie »schickte« sich nicht. Ich hatte
-nicht gelernt mich zu verstellen. Er überließ mich meiner Dummheit mit
-Haut und Haar.«
-
-»Und dann?«
-
-»Dann nahm ich den Vater zum Mann, meinen Stiefvater.«
-
-»Du scherzest jetzt.«
-
-»Er war ein guter Lehrmeister. Warte, wie ging es weiter? Dann kam ein
-junger Lord. Das war nur Spiel für ein paar Nachmittage. Später --«
-
-»Später?«
-
-»Später -- ach, sieh dies arme Ding dort! Wie ärmlich ist ihr Domino,
-wie schlecht ihre Schminke! Sie sind mir so leid diese Mädchen. In Paris
-kannte ich eine Dirne. Ein Freund von mir war ihr Zuhälter. Der Arme hat
-sich erhängt, einer bösen Krankheit wegen. Ich erfuhr es lange nicht.
-Was ich dich fragen wollte! Wie geht es deiner Schwester?«
-
-Sein Gesicht war bleich, seine Augen glühten in Leidenschaft. Ihre
-Stimme sprach zu ihm aus dunkel funkelnder Welt. Log sie? War sie es?
-Nein, das war nur Spuk seiner Phantasie. Warum ergriff ihn dann ihr
-seltsames Sprechen? »Meine Schwester laß beiseite,« sagte er. »Du willst
-dir den Anschein geben, mich zu kennen. Wozu? Ist es nicht schöner, sich
-aus fremdem Leben zu begegnen?«
-
-»Dich schaudert, daß ich deine Schwester kenne, weil mein Freund
-Zuhälter war und ich die Männer so sehr liebe. Aber sieh, ich habe auch
-für die Frauen ein Herz. Diese Dirne dort, wie dauert sie mich. Sie tut
-es um Geld, sie muß es tun. Während ich mir wähle, was mich freut. In
-Nizza, da ging ich einmal an einem Fenster vorbei, es war hart an dem
-Laden eines Antiquitätenhändlers, alte Bilder hingen da, hölzerne
-Heilige, Kupferkessel. Das Fenster hatte rote Scheiben und dahinter saß
-in rosigem Schein, wie ein Page gekleidet mit langen, blonden Locken,
-eine Dirne. Ich ging gern dort vorüber. Sie tat mir leid, immer mußte
-sie sitzen und warten und dann --? Ich wäre gern zu ihr gegangen und
-hätte sie abgelöst für einen Abend.«
-
-»Aus Mitleid nur?«
-
-»Ja, aus Mitleid. Denn damals schlief ich wieder bei meinem Vater. Er
-stahl sich nachts leise zu mir, daß seine Frau ihn nicht höre, die
-hütete ihres Kindes Schlaf.« Das log sie.
-
-»Du freust dich deiner Sünden?«
-
-»Sprich das Wort nicht aus, es hat einen falschen Klang. Ist es denn
-Sünde, wenn man beglückt?«
-
-»Es hätte dir richtig geklungen, wenn dich jener erste Mann nicht, wie
-sagtest du doch -- deiner Dummheit überlassen hätte. Daran wurdest du
-klug und --«
-
-»Warum hältst du inne?«
-
-»Eine Erinnerung kam mir. Komm mit mir, willst du?« sagte er plötzlich
-wild ausbrechend. Sie sprach nicht mehr, sie schmiegte sich an ihn,
-saugte seinen Blick in ihr Auge.
-
-»Erwarte mich,« lispelte sie und ging, noch immer nach ihm
-zurückstarrend. In ihr Zimmer drang ihr noch Festlärm nach. Es war spät
-in der Nacht. Der Graf war schon zur Ruhe gegangen. Sie nahm leise den
-Pelz. Nun lief sie zu dem, der im Vestibule ihrer harrte.
-
-»Du zauberst?« sagte er. »Wohin bist du verschwunden? Schon fürchtete
-ich, nach deinem Schuh suchen zu müssen, dich wiederzufinden.« Er legte
-den Arm um sie, rief nach einem Wagen. Er fuhr sie zu seiner Wohnung am
-englischen Garten.
-
-»Jetzt darf ich dich sehen,« bat er in der ersten Umarmung.
-
-»Nein, laß, morgen früh. Mach dunkel jetzt!« befahl sie. »Rasch, ich
-verbrenne.«
-
-Als er des Morgens erwachte, erkannte er sie im Dämmerlicht. Sie schlug
-die Augen auf und lächelte. Er sah fern den Strand, ihr Kindergesicht
-mit den klaren Augen, die zu ihm aufstrahlten, er hörte ihr Geplauder.
-Todernst sah er sie nun an. Es schien ihr, als feuchtete sich sein Auge.
-Er wollte sprechen, aber sie scherzte nur. Einen Augenblick dachte sie:
-Es war eine gute Nacht. Konnte es nicht so bleiben, ein neues Leben
-beginnen? Sie würden Kinder haben, ernste Seemannskinder. Und auch er
-dachte es. Aber die Wirklichkeit sah aus einem silbernen Rahmen unter
-einem schwarzen Spitzenhäubchen mit strengen Augen zu ihnen herüber. Die
-Mütter! Die Mütter, sie kreuzten den Weg der Mutterlosen.
-
-»Einen hübschen Ausblick hat deine Wohnung,« sagte Vögelchen und warf
-die Decke zurück. »Nun aber heißt es, rasch Toilette machen. Mein Graf
-wird schon unruhig sein. Ich werde dich nicht wiedersehen. Wir reisen
-bald.«
-
-Er war sprachlos, zerschmettert. Feuchten Auges küßte sie ihn und kehrte
-zu Karinski zurück.
-
-
-
-
- Im Schatten des Todes
-
-
-Als Imanuel nach der ersten einsamen Nacht in Alvemünde in das Haus an
-der Alster zurückgekehrt war, empfingen ihn Zoras Geigenklänge. Lauschte
-man ihrem Spiel, so war es, als hätte man sie niemals sprechen gehört,
-oder als wäre Zora die Spielende und Zora die Sprechende nicht dieselbe.
-Sonst herb und spöttisch, schmolz ihr, hielt sie die Geige im Arm, das
-Eis in der Brust und je verschlossener sie war in Rede und Tun, desto
-beredter wurde die Stimme der Geige. Givo war übernächtig und zerquält,
-dies Spiel war Linderung. Als er später in das Krankenzimmer trat, sah
-er Zora eifrig um die Mutter bemüht. Sie oblag mit größter
-Gewissenhaftigkeit ihrer Pflege. Immer wieder, wenn Manuel diese
-Sorgfalt beobachtete, sagte er sich: »Sie ist besser als ich, sie will
-ihr das Leben erhalten, währenddem ich --« Aber seltsam, nun empfand er
-auch selbst nicht mehr den quälenden Wunsch, die verruchte Ungeduld, vom
-Kummerzwang befreit zu sein, seitdem ihm das liebste Ziel der Freiheit
-entflattert war. Es gehörte zu seinen Eigenheiten und mochte wie Untreue
-scheinen, daß er nicht dringlich war, nicht hielt und rief, was ihm sein
-Gott nicht freiwillig schenkte. Er war einer, der sich selbst Besitz
-nicht anmaßt und doch zuweilen anmaßend erscheint, weil er um nichts
-sich bemüht. Er gönnte anderen, was er besaß, trug er doch nicht die
-Last der Schuld, allein zu besitzen. Er war von der Art jenes Mönches,
-dem römische Gassenbuben ein Geldstück in seinen Bettelsack schmuggeln
-und den selbst solch kleine Bürde zur Erde drückte. So verwarf er den
-Wunsch, Arabella einzuholen, sie zu rufen. Er war im Grunde seiner Seele
-ihrer gewiß und in Entbehrungen nicht weichlich. Er lebte in seinen
-Träumen und in der Ekstase, in die ihn seine Liebe zur Menschheit
-versetzte. Vögelchen verstärkte den Traum und Rauschzustand seiner
-Seele. War sie ihm fern, siedete unter diesem das Begehren nach ihrer
-Nähe wie heiliges Feuer, das ihn bis in seine Lebenswurzeln sengte und
-ihn wie einen Märtyrer zum Opfer antrieb. Mochte das Leben seinen Weg
-ziehen, sie begegneten einander eines Tages, dessen war er gewiß. Man
-sieht zuweilen Menschen mit seltsamem Ausdruck der Augen, mit einem
-zweiten Blick sozusagen, der nur notdürftig die Umwelt anfaßt, als wäre
-seine Glut in eine eigenste Welt nach innen gerichtet. Ihr Handeln ist
-ruhig und sicher, weil es nichts fordert für sich selbst. Das Leben
-Givos war solcher Art. Zu viel leiden macht die anderen leiden, sagte
-auch er sich. Als Zora wieder versuchte, sich ihm zu nähern, wehrte er
-sich nicht. Als sie von ihm ein Kind trug, machte er die Scheinhochzeit
-zur Wahrheit. Daß Vögelchen davongeflattert war, galt ihm als ein
-Zeichen, das sie, die Unbewußte, selbst erhalten. Zwischen ihm und ihr
-sollten fortan keine irdischen Bande sein.
-
-Nun aber ging eine seltsame Veränderung mit Zora vor. Ihre Sorgfalt für
-die Kranke ließ plötzlich nach. Sie war meist ungeduldig, sprach von
-Reisen und schürte Givos Unlust an der langen Absperrung. Imanuel sah es
-mit leisem Grauen. Er erriet sie: nun, da sie ihr Ziel erreicht, zu dem
-ihr die Kranke unentbehrlich schien, war auch die Bemühung erlahmt, ihr
-Leben zu verlängern. Der aufreibende Pflegedienst war also nichts
-gewesen als Eigennutz. Als er eines Abends nach Hause kam, empfing ihn
-die alte Minka mit kreideweißem Gesicht. Die Mutter war gestorben. Sie
-hatte wie gewöhnlich nachmittags die schmerzstillenden Tropfen genommen,
-war eingeschlummert und nicht wieder erwacht. Frau Zora hatte ihr die
-Augen zugedrückt. Givo sah das bleiche Gesicht, es lag wie Erstaunen
-darin, eine Frage, als wäre der Geist noch rege in dem stummen Leib!
-Givo kniete hin und nahm die kühle, vergilbte Hand. Wie hatten sie beide
-gelitten, ehe sie wieder zu einander gefunden, wie glücklich war er, daß
-er gerade in den letzten Wochen ihr zurückgekehrt war in Gehorsam und
-Liebe. Von dem Tage, da sein Bund mit Zora Wahrheit geworden, war die
-alte Eintracht wiedergekehrt. Sie mußte doch vordem etwas in seinem
-Wesen gelegen sein, das ihrer Seele den Weg verschlossen hatte zu der
-seinen. Wie seltsam auch, am Abend des vergangenen Tages hatte sie ihn
-lange zärtlich sorgenvoll betrachtet und dann wie aus einer großen
-Stille heraus leise gefragt: »Wie ist es diesem Mädchen ergangen? Möge
-auch sie glücklich sein!« Er hatte zum Dank ihre Hand ergriffen, so wie
-er nun die Hand der Toten hielt. Frühe Kindheiterinnerungen kamen ihm.
-Der Mutter Leben blätterte sich ihm auf. Er weinte nicht. Dem Schauenden
-ist der Tod ein Fest der Verschmelzung, vor dem er in Ehrfurcht
-verharrt. Als er aufstand, sah er unter dem Nachtkästchen eine kleine
-Phiole liegen. Er hob sie auf. Sie war leer. Er klingelte der alten
-Minka. »Ruf mir die junge Frau,« sagte er.
-
-»Herr Manuel, sie ist ausgegangen.«
-
-»Unmöglich, sieh nach.«
-
-»Gewiß, Herr Manuel, ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen.
-Vielleicht wollte sie ausschauen nach Ihnen.«
-
-»Dies ist das Fläschchen, in dem der Mutter Tropfen enthalten waren?«
-fragte er.
-
-»Ja gewiß, Herr Manuel.«
-
-»Dies Fläschchen wurde heute morgens erst aus der Pharmacie geholt, ist
-es so?«
-
-»Ja, ja, Herr Manuel.«
-
-»Die Mutter hat also zwei Mal daraus genommen, zehn Tropfen. Du sagtest,
-sie hätte, bevor es geschah --«
-
-»Jawohl, Herr Manuel,« die alte Minka begann von neuem zu weinen in der
-Erinnerung an Frau Leas letzte irdische Verrichtung.
-
-»Wer hat ihr die Tropfen gegeben?«
-
-»Die junge Frau, wie immer --«
-
-»Die Flasche lag auf der Erde und war leer. Ihr habt sie wohl
-umgestoßen. Nun danke, Minka.« Die Alte ging. Er beugte sich zur Erde
-und suchte die Stelle, wo das Fläschchen gelegen war, tastete den Boden
-ab, ob er feucht wäre von vergossener Flüssigkeit. Bleich erhob er sich.
-Zora stand hinter ihm. Sie hielt Blumen in der Hand. Sie legte sie auf
-die Decke hin. Sie fand kein Wort des Trostes.
-
-»Laß doch, später,« sagte er und schob die Blumen beiseite. Dann ging er
-ans Fenster und blieb regungslos. »Wenn sie mir folgt,« sprach sein
-Herz, »wenn sie kommt, wenn sie ihren Kopf an meine Schulter lehnt, wie
-sie zu tun pflegt --« Aber er hörte, wie Zora das Zimmer verließ.
-Später, als er sich quälte, um seinen Verdacht zu besiegen, sagte er
-sich, daß wohl Mißtrauen aus seinem Blick geglommen war und ihre
-Annäherung verscheuchte.
-
-Er sprach das Sterbegebet, sprach vor der kleinen Gemeinde die Worte:
-»Herr des Seraphs und des Wurms, Herr des Lebens und des Todes, ich bin
-in deiner Hand. Wenn du mich abrufst, ist mein Glück dein Wille, denn du
-bist die Liebe und wer in der Liebe bleibet, der bleibet in dir und du
-in ihm. Du Licht und Heil, ich fürchte mich nicht, denn meine Seele ist
-bei dir.« Als er so sprach, da war Zora bleicher als das Bahrtuch.
-Dennoch, sie trug sein Kind und er wandte sich ihr zu und bannte mit dem
-äußeren Willen die Dämonen des Verdachtes.
-
-Seine Stelle im Observatoire war besetzt, so ging er mit Zora nach
-England, wo eine Zusammenkunft der Schauenden einberufen war. Givo
-gründete dort die weltliche Seelsorge. Er ging dabei von dem Standpunkt
-aus, daß der kirchliche Priester in seinem abgeschlossenen Lebenswandel
-nicht Einblick gewinnen könne in die mannigfaltigen Verwicklungen des
-Lebens, daß er ein Schauender nur des Himmels und ein Wegschauender der
-Erde sei. Aber um der Menschen Seele zu versorgen, müsse man ein
-Schauender des Lebens sein. Er rief die Priester in den lichten Tag
-hinaus, zu forschen nach den Quellen der Schuld, die ihnen gebeichtet
-werden, wenn sie erst schal geworden und unwiderruflich trotz der Sühne.
-Er wies die Bedrängten an eine neue Art von Helfenden, an die weltlichen
-Seelsorger, die auf dem ganzen Erdenrund ihre ratende, warnende,
-tröstende und verzeihende, heilende Tätigkeit entwickeln sollten.
-
-Er half Settlements einrichten, Arbeitererholungsheime, die sich
-allmählich zu Volksuniversitäten ausbilden sollten. Er arbeitete im
-Sinne Elihu Burrits am Entstehen der Friedensbewegung. Oft aber sehnte
-er sich zurück nach der nächtlichen Stille seiner Sternwarten. Er war
-nun niemals allein. Zora erwartete das Kind. Durfte er sie da auf
-unbegrenzte Zeit verlassen? Er war neuerdings gebunden und seine Pläne
-waren es mit ihm. Seine Gedanken an Arabella und seine freudige Ungeduld
-um das Kind begegneten sich in seinem Herzen. Zuweilen erschrak er, daß
-er von einer anderen als von der Geliebten ein Kind haben sollte, die
-vor Gott seine Frau war. Aber ihm war, dieses wäre in Liebe um sie
-gezeugt. War er denn nicht ganz erfüllt von ihr!
-
-Zora hatte nun erreicht, was ihr äußerlich zu erreichen möglich war,
-aber was galt ihr nun die Fessel, die Imanuel an sie schmiedete, da sie
-erkannte, daß ihr spröder Unmut, der immer wieder bei ihr die Oberhand
-gewann, sein Herz ihr abkehrte, so sehr er es auch verbarg. Wie oft
-schrie sie es ihm, dem Stillen, Freundlichen ins Gesicht: »Sag doch, daß
-du mich hassest, so sag es doch!« Givo konnte den Zeitpunkt nicht
-erwarten, bis das Kind sich aus dieser Hülle begeben würde, die ihm
-vergiftet schien von dunklen Leidenschaften. Er, der für alle Menschen
-ein Heilmittel zu finden meinte, er versagte kläglich an Zoras
-Bitterkeit. Sie wollte Liebe, Leidenschaft. Er konnte sie ihr nicht
-geben, er besaß sie nicht mehr.
-
-Als seine Kräfte zu versagen drohten und er die hohe Welt seiner eigenen
-Lebensinsel aufs äußerste bedrängt sah, als er schon verzagte Arabella
-erhoffen zu dürfen, ward ihm ein Mädchen geboren und oh Wunder, es glich
-der Geliebten. Zora erkrankte an der Geburt und war lange unfähig sich
-des Kindes anzunehmen. Ja, sie selbst wollte, daß man es aus dem Hause
-entferne. Ihr war, als könne es in ihrer Nähe Schaden nehmen. Ihr Wesen
-verdüsterte sich zunehmend. Sie wußte, das Kind glich nicht ihr, nicht
-Givo, sondern jener anderen, an die auch sie oft und oft gedacht hatte,
-weil sie ihr Manuels Herz neidete. Sie hatte in eifernder Qual ihr Bild
-immer wieder wachgerufen, jenen flüchtigen Augenblick, da sie
-verächtlich an ihr vorübergeschritten war, daß sie wohl auch damals von
-ihrem Antlitz besessen war, als sie es empfangen hatte. Und er, dachte
-er denn jemals an sie, Zora? Nein, das fühlte sie zu jeder Stunde, der
-Himmel, zu dem er aufsah, war bestrahlt von der einen, anderen. Zora
-konnte es körperlich spüren, wenn er mit seiner Sehnsucht bei dieser
-weilte.
-
-Da das Kind seinen Sinn nicht gewendet, da sie vielmehr glaubte, ihr
-entstellter Körper entfremde ihn, hatte es ihr gefallen mit ihrer
-Mutterschaft Spott zu treiben. Mit einem Male war wieder der Ehrgeiz der
-Künstlerin ihn ihr erwacht. Sie wollte nur bald sich der engeren
-Gemeinschaft mit dem Kinde entledigen. Als ihr zugemutet wurde, es
-selbst zu nähren, lachte sie verächtlich. »Mit Galle statt mit Milch!«
-
-In einem englischen Dorf vor der erwarteten Zeit gebar sie das Mädchen.
-Daß es Arabella glich, schien Trug zuerst, Wunsch dem einen, Befürchtung
-dem anderen, aber als das Kind einige Monate zählte, war eine
-Ähnlichkeit nicht zu verkennen.
-
-Zora hatte, als sie sich wieder wohler fühlte, zu geigen begonnen, doch
-es war das alte Spiel nicht, und Givo schien es bedeutsam, daß es
-zerrissen klang, gequält, niemals sehnsüchtig hingegeben mehr. Er fühlte
-die Schuld, die er an seiner Frau innerer Verwüstung trug. Seit jener
-unselige Verdacht in ihm aufgestiegen, hatte er sie nicht mehr berührt,
-kaum daß seine Lippen ihre Stirne streiften. War dieser Bann des Blutes
-nicht Zeuge, daß mehr als Verdacht ihn hemmte! Ein Wissen mußte tief
-unten in der Welt der Instinkte sein Blut gewarnt haben. Aber er
-beklagte ihre Verlassenheit an seiner Seite, ihre Freudlosigkeit an dem
-Kinde, wie ein Fernstehender sah er alles und dieser war milde und
-freundlich zu Zora Uhari.
-
-
-
-
- Noemi
-
-
- »Kinder und Gräber sein
- Weibersachen.«
-
- (Gerhart Hauptmann
- »Rose Bernd«.)
-
-Als sie von England nach Paris kamen, bat sie ihn, mit ihr die Gräber
-ihrer Eltern in Spanien zu besuchen. Er willigte ein. Er ging zu Helene
-und gab ihr das kleine Mädchen in Obhut, bis daß sie zur Weiterreise
-nach Deutschland und Österreich zurückgekehrt wären. Alphi klatschte in
-die Hände, daß er nun ein Schwesterchen haben solle. Helene Tallandre
-war erschüttert über die Ähnlichkeit der kleinen Noemi mit ihrer
-Herzensfreundin. Kaum war Imanuel abgereist, telegraphierte sie an
-Arabella Karinski. »Mache dich reisebereit, Brief folgt.« In diesem
-schrieb Helene, sie müsse ihr von einem Wunder berichten. Givos Kind
-gleiche ihr. Es wäre für wenige Wochen in ihre Hut gegeben. Sie möge
-kommen, um es zu sehen. Sie und Tallandre würden sorgen, daß ihr Besuch
-Geheimnis bleibe. Helene hatte richtig geraten. Arabella depeschierte:
-»Ich komme.« An einem der nächsten Abende trat sie leise mit traurig
-fragendem Lächeln ein. Sie war so seltsam geworden in ihrer reisenden,
-dennoch febrilen Schönheit, der Schmerz hatte ihren großen Kinderaugen
-etwas Überirdisches gegeben. Das Kindliche lag nur mehr um den Mund in
-dem Lächeln, in den Händen und Bewegungen. Ihre Augen waren wissender
-und auch ihre Art zu sprechen die einer sichern anmutigen Weltdame, die
-immer Bescheid weiß und die gewohnt ist, von jedermann Dienste dankbar
-zu empfangen. Helene küßte sie. In wortloser Rührung führte sie die
-Freundin in die Kinderstube. Da saß in Alphis Gitterbettchen ein kleines
-Mädchen mit strahlenden blauen Augen und fahlblondem Gelock um ein
-schmales Gesichtchen mit durstigrotem Mund, der es noch blasser
-erscheinen ließ. Es sah auf ohne Lächeln, ohne Furcht in ernsthafter
-Aufmerksamkeit. Dies schien kein Kind zu sein, kein Engel, keine Elfe
-und war doch etwas von all dem, eine Pflanze, Menschenkind genannt, aus
-Seelenland kommend. Man vergaß es nicht, wenn man es einmal sah. Es war
-schlank, fast gebrechlich, mager, seine Haut hatte einen leichten
-bräunlichen Stich, als glühte es unter ihr. Seine Augen leuchteten in
-einem fiebrigen Glanz und in ihnen war diese Fremdheit einer anderen
-Welt und die Sehnsucht nach zärtlicher Wärme. Arabella kniete vor dem
-Kind in tiefster Ergriffenheit. Es langte mit ernster Gebärde in ihre
-Haare, die den seinen glichen, und plötzlich lachte es laut auf, wie
-Kinder lachen, irdische Kinder. Es freute sich. Arabella hatte es
-angesehen mit heißester Liebe. War ihm zumute, als blickte es in einen
-Spiegel? Lachte es deshalb mit so holdem Laut? Sie stand auf, reichte
-der Kleinen ein Perlenkettchen, das sie seit Kindheit trug, eilte aus
-dem Zimmer. Schluchzen machte ihren Körper erbeben. Während sie weinend
-Helenens Hand hielt, sagte sie: »Bin ich nicht kindisch! Wie reizend ist
-es! Ein Engel! Hab Dank!« Sie blieb den ganzen Abend an Noemis Bettchen,
-bis die Kleine schläfrig wurde und sie selbst auch die Müdigkeit der
-langen Reise übermannte. Am Morgen fuhr sie zu Ceciles Grabstätte. Sie
-fand sie in reichem Blumenflor. Gaston und sein Vater schmückten sie in
-dankbarer Liebe. Dann ließ sie nach Konrads Grab forschen. Es dauerte
-lange, bis man es in den Büchern verzeichnet fand. Sie hatte weit zu
-gehen und Mühe, es zu entdecken. Nur ein Schildchen bezeichnete es.
-Arabella blieb stehen und betete auf ihre Weise. Draußen vor den Toren
-des Friedhofes bestellte sie im Laden eines Steinmetz ein kleines
-Grabmal aus Porphyr. »_Quod in charitate constitutis nullum peccatum
-imputetur._« Dies sollte in Konrads Stein gemeißelt sein.
-
-Sie stand zu sehr unter dem Eindruck, den das Kind auf sie gemacht
-hatte, um die Stadt wiederzufinden. Einen Augenblick dachte sie daran,
-die Sainte Chapelle zu besuchen, aber sie schämte sich dieser
-Wallfahrtsgelüste. Die Bilder der Straßen flogen an ihr vorbei und taten
-ihr nicht wohl. Die Menschen waren ihr fremd geworden und sie empfand
-fast Unlust, in die Läden zu gehen und die schmeichlerischen Laute der
-Verkäufer zu hören. Zu Mittag war sie wieder bei der kleinen Noemi. Ein
-Wagen wartete vor dem Tor und nach dem Essen nahm Helene Alphi an der
-Hand, sie selbst das kleine Mädchen auf den Arm und trug es behutsam
-hinab ins Freie. Es war ein schöner Vorfrühlingstag. Sie fuhren ins
-Bois, hielten dann vor einem Spielzeugladen und Arabella kaufte ein. Wie
-glücklich war sie mit den Kindern. Einen Augenblick kam es wie ein
-Rausch über sie. Nimm die Kleine und entflieh! Gehört sie denn nicht dir
-vor Gott? Aber sie biß die Lippen zusammen und reichte sie abends
-Helene, die sie ins Bettchen zurücklegte. Noemi hielt die Püppchen in
-der Hand, die sie sich gewählt hatte, und sah mit ihrer ernsten
-Aufmerksamkeit bald auf Arabella, bald auf das Spielzeug. Noch hatte sie
-das Perlenkettchen um den Hals und seltsam, es wollte sich nicht von ihm
-trennen, hielt es fest und verzerrte schmerzvoll das Gesichtchen, als
-man es ihm nehmen wollte. Arabella hatte es als einen Talisman getragen
-seit ihrem fünften Jahr. Es war, sie ahnte es dunkel, ein Geschenk ihrer
-Mutter. Aber wie froh war sie, daß es die kleinen Händchen hielten wie
-ihr eigen.
-
-Als sie die Kleine verließ, wollte Tallandre sie zurückhalten. Ob nicht
-das Wohl des Freundes über alle Bedenken ginge, Givo sei am Ende seiner
-Kräfte, sie zu ersehnen. Sie möge seine Rückkehr abwarten. Da verhärtete
-sich ihr Herz. »Nein, nein, nein,« rief sie und wies auf die Türe,
-hinter der das Kind schlummerte. »Da dies hat er mir geraubt, auch ich
-hätte ein Kind von ihm, auch ich,« und sie barg schluchzend ihr Antlitz.
-»Warum ist er mir nicht gefolgt nach seiner Mutter Tod, warum hat er
-mich verlassen und nicht diese Frau? Aber er hatte mir ja nichts
-geraubt, nein, er hatte mich ja gerettet aus den Armen meines Verführers
-und so eine, die darf man wieder hinausstoßen -- in anderer Männer Arme,
-von Bett zu Bett.« -- Tallandre war erschüttert, in seiner
-Ungeschicklichkeit wußte er nichts zu sagen als: »Aber waren denn Sie es
-nicht, die ihm davonlief?«
-
-Arabella war erschrocken über die eigene Heftigkeit. Die Anklage gegen
-den Geliebten, die sie selbst sich verschwiegen, hatte sie nun laut vor
-einem anderen ausgestoßen. Tallandres Bemerkung brachte sie völlig zu
-sich. Sie hob den Kopf, sah seine Bestürzung und unter Tränen lächelnd
-sagte sie, ihn mit du anredend: »Mein armer, lieber Fifi, das verstehst
-du nicht.« Und als eben Helene eintrat, umarmte sie die Freundin,
-drückte Tallandre die Hand und eilte davon.
-
-Leer war ihr Kopf und Herz, als sie in den Straßen irrte. Sie lechzte
-nach Betäubung, nach Brand, der ihr Erinnerung ausmerzte für Stunden,
-für einen Tag, für eine Nacht. Sie erinnerte sich blitzartig Malpasses
-und seines funkelnden Begehrens im Blick. Jahre waren vergangen seit
-jenen beiden flüchtigen Begegnungen in Louvais und Nizza, seit jener
-Aufforderung, sich bei ihm zu melden. Aber war sie nicht seither schöner
-geworden? Sie hatte kürzlich in den Zeitungen gelesen, er sei erkrankt.
-Aber dies war ja ein Grund mehr, ihn aufzusuchen. Der Portier des Hotels
-fand die Adresse im Anzeiger. Sie ließ sich zu ihm fahren und schon
-läutete sie an der Türe. Der Diener Francois, der nämliche, der Malpasse
-in Louvais begleitet hatte, öffnete mit düsterem Antlitz.
-
-»Der Herr empfängt nicht.«
-
-»Sagen Sie ihm, jene Dame, die er vor Jahren am Bahnhof zu Louvais --
-Sie waren mit ihm damals --«
-
-»Ist es dringend?«
-
-Die Gräfin nickte. Francois kam zurück. »Monsieur erinnert sich nicht,
-aber er hat gefragt, ob Madame schön seien --« Francois verbeugte sich,
-es zu bekräftigen, indem er die Tür öffnete. Malpasse kam ihr entgegen.
-Er schien ihr jünger als damals, so schlank war er, er hatte die Gestalt
-eines Jünglings. Sein Blick war noch sengender geworden, ein ängstliches
-Licht flackte darin.
-
-»Soll ich heucheln, Madame, ich erinnere mich nicht mehr. Um so
-freundlicher von Ihnen, da Sie vielleicht auch erfahren haben, daß ich
-mich elend fühle -- --. Ich habe mich allen Bekannten verleugnen lassen.
-Oh bitte, nehmen Sie hier Platz -- aber zuweilen sehne ich mich aus dem
-Kerker meiner Krankheit wieder zu jenem Unbekannten, jenem fremden
-Leben, das uns auf der Straße streift. Frauen, deren Antlitz dann
-plötzlich im Tag auftaucht, Frauen, die wir vielleicht vor Jahren sahen
---«
-
-»Am Boulevard des Anglais zum Beispiel.«
-
-»Sind wir einander dort begegnet? Lassen Sie es vergessen sein. Bleiben
-Sie die Unbekannte, die schöne Unbekannte dieser Stunde --«
-
-»Auch ich bin nicht zu dem Berühmten gekommen, nur zu jenem Fremden, von
-dem ich hörte, daß er leidend sei, eine plötzliche Eingebung hat mich zu
-Ihnen getrieben.«
-
-»Das ist gut so -- und sollte mich dennoch Neugierde antreiben,
-antworten Sie mir nicht. Wenn Sie Ihr Taschentuch ziehen, verbergen Sie
-Ihr Monogramm. Ich will nicht einmal die Anfangsbuchstaben Ihres Namens
-wissen, will nicht wissen, ob eine Krone sie ziert und wie viel Zacken
-sie trägt. Ich will Sie nur sehen -- -- Sie sind schön. Ihre Augen
-strahlen so seltsam --«
-
-»Von Tränen!«
-
-»Von Tränen, oh, diese kostbaren Karfunkel. Wir sollten Sie aufsparen
-für die Stunden unseres höchsten Glückes.«
-
-»Nicht für die, da wir ihm nachweinen?« --
-
-»Man kann nie wissen, ob nicht ein Größerer noch kommt, dem wir dann
-noch heißere Tränen weihen müßten. Mögen sie uns nie versiegen, diese
-posthumen Glückstränen. Madame, ich gestehe Ihnen, meine Augen waren
-feucht, ehe Sie kamen. Nun werden sie es sein, nachdem Sie gegangen
-sind.«
-
-»Sie werden eine neue Geschichte schreiben und die Tinte wird die Tränen
-aufsaugen -- --«
-
-»Sie verachten die Dichter?«
-
-»Ich liebe die Künstler nicht. Sind sie nicht der Abfallstoff der Kunst?
-Ein verbrannter Rest --«
-
-»Ja, ein trauriger Stoff sind sie und einer der traurigsten steht vor
-Ihnen.«
-
-Sie reichte ihm die Hand. »Verzeihen Sie mir.«
-
-»Verzeihen Sie -- daß ich wage, diese kleine Hand zu umfassen.«
-
-»Sie wehrt sich nicht, die Hand.«
-
-»Doch,« sagte er mit einem kindlichen Lächeln, das rührend war auf dem
-zuweilen greisenhaft Wissenden seines Antlitzes. »Doch, sie hat sich
-eben gerührt.« Und er küßte die zuckende Hand.
-
-»Francois,« sagte er später zu dem Diener, »lassen Sie niemanden vor.
-Weder heute noch morgen früh. Auch den Arzt nicht, Francois, hörst du,
-auch den Arzt nicht --!«
-
- * * * * *
-
-Als Zora mit Manuel kam, die Kleine zu holen, ließ Helene das Kettchen
-unter das Kleidchen der Kleinen gleiten. Als es abends im Eisenbahnzug
-entkleidet wurde, sah es Givo. Er erkannte es. Wie kam dies Zeichen an
-der Kleinen Hals? Ein Wunder rührte ihn an. Zora fragte die Nurse, ob
-Frau Tallandre das kostbare Kettlein geschenkt hätte. Es mußte wohl so
-sein, sie hatte es an Noemis Hals gesehen, als sie von ihrem Ausgang
-zurückgekommen sei. Aber Noemi, als fürchtete sie, man könne es ihm
-nehmen, hielt die kleinen Perlen fest zwischen ihren mageren Fingerchen
-und lag so die ganze Nacht, neben sich die Puppe und in sich noch das
-Bild der Fremden, in das sie geblickt hatte wie in einen Spiegel. Givo
-war wach, er sah auf das Kind, als könnte es im Schlaf die Lippen auftun
-und das Geheimnis lösen. Aber schließlich sagte er sich, daß Arabella
-wohl Helene das Kettlein geschenkt und diese es dem Kind angelegt haben
-mochte. Warum war er der Versuchung widerstanden, Helene nach der
-Geliebten zu fragen! Zu lange litt er schon. Er sehnte sich nach
-lösender Wiederkehr. Wenn er nun die kleine Noemi im Arme hielt und sie
-ihr Hälslein an ihn schmiegte, fühlte er, ach wie so oft in fernen
-glücklichen Nächten, das kindische Kettlein kühl seine Lippen streifen
-und es mahnte ihn und rief. Da beschwor er Arabellas Nähe heißer und
-heißer von Tag zu Tag.
-
-
-
-
- In Wien
-
-
-Arabella kehrte nach fünftägiger Abwesenheit zu Karinski zurück, den sie
-in einem deutschen Badeort verlassen hatte. Sie war müde und
-gedankenvoll, aber die schützende Nähe des Grafen beruhigte sie.
-
-»Wie gern wäre ich mit dir gefahren, Bella,« sagte er. »Aber ich wollte,
-daß du dich ganz frei fühltest, falls du Entschließungen treffen
-wolltest. Und dann, meine Zeit ist bald abgelaufen. Ich muß mit Olga
-zurück, muß die Güter in Ordnung bringen, die Mädchen verheiraten und
-dich von einem alten Mann befreien, damit dir noch ein Lebensglück
-zuteil wird.«
-
-»Sprich nicht so,« bat Arabella. »Wenn ich dich ziehen lasse, geschieht
-es nur, weil ich deiner unwürdig bin. Dein Name schon war ein
-Gnadengeschenk.«
-
-»Du belügst dich und mich, Bella,« sagte er und küßte ihre Hand. »Du
-hast mir noch ein spätes Glück geschenkt und ich will es dir nicht
-danken, indem ich in deiner Gegenwart alt werde. Du sollst nicht das
-Opfer der Tatjana bringen, obgleich ich dir keinen Onegin wünsche. Dort
-bei uns ist es zu kalt und Nadescha wäre eifersüchtig auf dich -- und
-ich selbst bin dort nur ein Bauer. Nein, täusch dir nichts vor. Weißt du
-aber, woran ich oft denken muß? Daß der arme Narr, der Student, recht
-gehabt hat, als er dich zu deiner Mutter bringen wollte. Adalbert
-schrieb mir, daß ihr Mann gestorben sei -- --«
-
-Vögelchen sann eine Weile. »So ist sie allein jetzt. Und glaubst du, daß
-sie von der Landstreicherin, ihrer Tochter, noch etwas wissen will?«
-
-»Ich werde zu ihr fahren und mich als der Mann dieser Landstreicherin
-vorstellen und dich ihrem Schutz empfehlen.«
-
-Vögelchen sann wieder. Dann sagte sie: »Du Guter, ja, fahre zu ihr.«
-
-Sie sehnte sich nach einem ruhigen Ausblick in ihre Zukunft. Jetzt war
-alles Verworrenheit, seitdem sie sich in Verzweiflung gegen den
-Geliebten aufgelehnt, der zu kommen zögerte. Mit aller Gewalt begann sie
-den Zufall zu beschwören, der ihre Wege zusammenführen sollte.
-
-Wenige Tage nach des Grafen Abreise erhielt sie von ihm einen Brief aus
-Wien.
-
-»Mein geliebtes Vögelchen, eben komme ich von Deiner Mutter. Gott sei es
-gedankt, daß ich diesen Weg gemacht habe. Wie soll ich Dir diese Frau
-schildern, diese Sanfte, diese Wehrlose. Jetzt besitzt sie die Kraft,
-die der Schmerz verleiht und die jede Gabe als ein unverdientes Geschenk
-ansieht. In ihrem Gesicht ist das Lächeln der Sonne über viel Wetter und
-Verwüstung. Nun hat sie auch den Mann verloren, mit dem sie gut gelebt
-hat, und hat das Opfer gebracht, sich von ihrem Jungen zu trennen und
-ihn in ein Konvikt zu geben, weil sie sich seiner Erziehung nicht
-gewachsen fühlte. Zu keiner Zeit hast Du so sehr in ihrem Leben gefehlt
-als gerade jetzt. Mein Täubchen, ich erwarte Dich hier. Laß mich noch
-die Vereinigung mitansehen und einige Wochen hier mit Dir verbringen.
-Heute will ich mir das kleine Palais besichtigen, von dem uns Adalbert
-geschrieben hat. Paßt es Dir, so wollen wir es Dir wohnlich machen. Auch
-darüber möchte ich beruhigt sein, wie Du wohnst. Wird es Dir Mühe
-machen, mein Gepäck zu versorgen? Gedenkst Du Deine Jungfer mitzunehmen?
-Deine Mutter will Dich mit allem versorgen. Mein Liebling, laß mich
-stark bleiben. Wäre es besser vielleicht zu gehen, ohne Abschied zu
-nehmen? Versprichst Du täglich zu schreiben im Anfang unserer Trennung?
-Oh, Du geliebtes Vögelchen. Komm, laß den Alten noch einmal vor Dir
-knien, laß mich Deine schmalen Fesseln umspannen mit meinen Bärentatzen
-und gib, gib mir das Versprechen, daß Du Dein liebes, launiges -- und
-zuweilen erstaunlich gescheites Geplauder mir bis ans Ende der Welt
-schicken wirst.
-
-Es umarmt Dich Dein
-
- Karinski.«
-
-In einer stillen Straße eines südlichen Bezirkes von Wien, einem Parke
-gegenüber, wie es deren dort mehrere gibt, lag der Wohnsitz Arabella
-Karinskas, das nämliche Haus, in das einst Mannsthal Lola Ritter
-geladen. Hinter den Erkern und Fenstern sah man zwischen den Spitzen der
-Vorhänge Tropenpflanzen und abends das Licht kristallfunkelnder Lampen.
-Vor dem Hause stand zuweilen ein Kutschierwagen, vor dem in kaum
-gebändigter Unruhe ein Paar herrlicher russischer Pferde gespannt waren,
-die ihre Besitzerin aus dem Karinskischen Gestüt als einen sehr
-lebendigen Gruß bald nach ihres Mannes Abreise erhalten hatte. Zuweilen
-fuhr ein anderer Wagen vor und eine ältere Dame, die immer schwarz
-gekleidet war, entstieg ihm. Putzi, die Lachtaube, die eben vor dem
-Teegeschirr oder den Bronzekübeln der Azaleenbäume ihre Komplimente
-machte, flog dem willkommenen Gast auf die Schulter und rief die Herrin
-des Hauses herbei, die schon zur besprochenen Ausfahrt in den Prater
-bereit war. Arabella umarmte die Mutter und ein glückliches Lächeln
-sprach von der Eintracht der beiden Frauen. Sie hatten ein schweigendes
-Übereinkommen getroffen, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Arabella
-wußte mehr von dem verstorbenen Doktor Gunter als von ihrem Vater. Aber
-im Laufe der Zeit erkannte sie in der Liebe der Mutter zu diesem, ihrem
-ersten Mann, den sie als Schwerkranken schon geheiratet, viel von ihrer
-eigenen heilbringenden und hilfsbereiten Sehnsucht.
-
-Jedem, der Arabellas Heim sah, schien es undenkbar, daß hier eine Frau
-allein hause, eine junge reizende Frau, die in dem kleinstädtischen Wien
-Aufsehen erregte. Alles schien weich und einladend, die harten Wände
-verborgen hinter Kakemanos und Karamanien. Auf den Sofas häuften sich
-die Kissen, von Palmen beschattet. Die vielen kleinen Kostbarkeiten, die
-ihr Karinski auf den Reisen angehäuft hatte, machten das Haus zu einem
-kleinen Museum. Tiere belebten es, ein Papagei, ein Affe, die Taube und
-ein King Charles, der laut durch die Nase atmete und gern wie eine
-seidene Kugel auf Arabellas Schoße lag. Aber dies äußere Leben, das nun
-gefestigt war und sich zwischen Vergnügen und geräuschloser
-Wohltätigkeit bewegte, bildete nur eine trügerische Decke ihrer gärenden
-Unruhe. Sie sehnte sich quälend nach dem Geliebten. Ihr war, als hätte
-die Unrast nach seiner Nähe unter des Grafen Liebkosungen geschlummert,
-sie einwiegend in ein Leben, das der Luxus berauschte. Nun aber war sie
-erwacht und lechzte aus Scham und Ernüchterung nach Beruhigung. Hätte
-sie die Mutter nicht gefunden, sie wäre, das wußte sie, in das
-hemmungslose Leben jener Lust geraten, die immer in ihr gärte. Sie wäre
-eine der großen Amoureusen geworden, die zu den Sehenswürdigkeiten einer
-Stadt gehören. So aber war sie eine versehnte, im Traum lebende Frau,
-die vor episodenhaften Erlebnissen zurückzuschrecken begann und sich,
-immer des Geliebten gewärtig, scheute, eine sie fesselnde Liaison
-einzugehen. Sie hatte ihn nicht gewaltsam aus ihrer Sehnsucht zu drängen
-versucht, um der Qual ledig zu sein und frei dem Neuen. Wie der Fromme
-Gott, mit dem er hadert, dennoch aus tiefstem Herzen liebt und seine
-Gnade ersehnt, so behielt sie Givo in sich und rief nach einem geheimen
-Auftrag, den er ihr erteilen sollte, für den sie zu leben vermochte,
-wenn sie seiner Nähe nicht teilhaftig werden konnte. Wäre er nur einmal
-freiwillig herausgetreten aus der Ferne, um ihr Kraft zu geben. Sie
-wußte nicht, wo er war, und lange hatte sie sich enthalten, ihn und das
-Kind bewußt herbeizuwünschen. Nun brach ihr Widerstand. Mit aller Kraft
-ihres Seins in Tagen und Nächten schwor sie ihn nun herbei. Schaudernd
-erinnerte sie sich, wie sie als Kind oft bei heftigsten Wünschen kein
-Mittel gescheut hatte, ihren Willen dem Schicksal aufzutrotzen. Konnte
-es nicht wieder so sein wie damals, als sie das Feuer erzwang? Ein Jahr
-war hingegangen, daß die Tallandres nichts mehr von ihm zu wissen
-vorgaben. Das Kind war so zart gewesen. Verheimlichte man ihr Schlimmes?
-Sie wagte auch Angele nicht nach ihm zu fragen.
-
-Frau Gunter sah, daß Arabella immer zarter und empfindlicher wurde. Der
-Arzt empfahl zunächst größere Spaziergänge vor der Stadt. Meist fuhr sie
-nach Schönbrunn hinaus. An sonnenklaren Nachmittagen war der Park wie
-unter einem Zauber von Licht und Klarheit in die goldene Ruhe seines
-herbstlichen Farbenspieles getaucht. Ergriffen fühlte sie das Vergehen,
-das sanfte Sterben und fern das Wiederaufstehen der Natur, jenes
-köstliche Empfinden der Kreatur, das Tat twam asi -- ich bin in allem,
-alle in jedem -- war in ihr. Die Natur wies ihr das Rätselangesicht.
-»Sie spricht unaufhörlich mit uns und verrät uns ihr Geheimnis nicht.«
-Givo hatte ihr dies Goethe-Wort in ein Buch geschrieben, das immer in
-ihrem Wäschekasten zwischen Spitzen lag.
-
-Manchmal schien es Arabella, als hätte sie als Kind in diesem Park
-gespielt. In einem anderen Leben war es. Mit leisen Fäden war ihr hier
-das Herz verankert an die Irrwege und Rondells, an die Volieren und
-Glashäuser, an deren Fenstern sich Orchideen und Kamelien drängten, an
-die vielen verborgenen Wege und abgesperrten Teile, undurchdringbar der
-kindlichen Neugier.
-
-Hier fühlte sie sich den Kindern ganz nahe. In der Menagerie plauderte
-sie mit ihnen und fütterte mit ihnen die Tiere. Musterten sie neugierige
-Blicke, ließ sie ihren Schleier fallen oder sie bedeckte wie absichtlos
-ihr Gesicht mit dem Fächer, den sie meist mit sich trug. »Die Kaiserin,«
-flüsterte einmal eine Dame einer anderen zu. Einmal sprach sie ein Herr
-an, anscheinend ein Würdenträger, der aus dem Schlosse kam. Er wäre ihr
-schon mehrmals bewundernd gefolgt. Seine Stimme war angenehm, sein Wuchs
-dem eines edlen Hengstes gleichend, seine Augen liebkosten sie, während
-ein herrliches Raubtiergebiß sichtbar ward. Er bat sie um eine
-Zusammenkunft. Aber als dann die Stunde kam, flüchtete sie zu ihrer
-Mutter und ließ sich entschuldigen. Sie hatte all ihre Leichtigkeit
-verloren.
-
-Da die Spaziergänge sie nicht sonderlich kräftigten und der Winter
-nahte, riet der Arzt zu einer Fahrt nach dem Süden. Sie wählten einen
-Ort, der, eben im Aufblühen, noch nicht die Masse der Reisenden anzog.
-Auf hellen Felsen lagen zwischen Pinienwäldchen die Villen über dem
-blauen See gelagert, durch schmale, säuberliche Fahrwege verbunden.
-Wieder empfand sie, die Südgeborene, die heimatliche Liebkosung der
-sonndurchwärmten, lichtgetränkten Luft. Sie spürte nun ihre Sehnsucht
-genährt von Kräften, die sie nur geahnt und die sie nun in einen
-ekstatischen Zustand von Lust und Wehmut versetzten. Der Zauber blauer,
-flüsternder Nächte lag ihr tagsüber noch in den Gliedern und mancher
-Kranke, der ihren strahlenden und dennoch schmerzwissenden Blick
-empfing, fühlte sich durch ein leisseliges Gefühl beglückt. Zuweilen
-wurde sie düster und floh selbst die Mutter. Denn da wurde ihr plötzlich
-ihre Vergangenheit bewußt: mit Grauen erinnerte sie sich, daß sie und
-die Mutter den selben Mann besessen hatten.
-
-Den Verkehr mit Männern vermeidend suchte sie die Bekanntschaft der
-berühmten Schauspielerin Calese, die nach kurzem Aufenthalt am See zu
-einem Gastspiel nach Wien reisen sollte. Arabella fühlte sich hingezogen
-zu dieser Schwester im Wandern. Vogelfrei waren sie beide. Der Calese
-Gesicht war oft wie erloschen hinter Schminke und Grimasse und wie nackt
-lag die verwüstete Schönheit des Antlitzes. Sie hatte ein Kind und
-Arabella sah den verzweifelten Abschied, als sie es in die Heimat
-zurücksandte, um ihr mehrmonatiges Gastspiel im Norden anzutreten.
-Vögelchen mußte an Noemi denken, als sie die Kleine sah, und bat die
-Calese es ihr anzuvertrauen. Die aber fürchtete das rauhe Winterklima
-für das wärmebedürftige Kind.
-
-Frau Gunter war abgereist, um ihrem Sohn nicht allzulange ihre Besuche
-im Konvikt zu entziehen. Arabella und die Schauspielerin beschlossen
-gemeinsame Rückfahrt. Als sie über den Brenner fuhren, lagen Berge und
-Wälder im Märchenglanz des Schnees. Reich wie Tropenpflanzen starrten
-die Bäume in ihrer üppigen weißen Pracht. Das Geheimnis der Wälder, wie
-es ihr Givo einst gelehrt, erwachte in Arabellas Erinnerung. Sie sah
-vorzeitliche Menschen, hochgewachsen, rothaarig, blauäugig, das Beil in
-den behaarten Händen, von riesigen Hunden gefolgt, über die beschneiten
-Pfade schreiten. Frauen mit fliegenden Haaren weissagten unter den
-Bäumen. Auerochsen und Einhorn lugten am Weges, Bärenspuren, die Male
-jagender Pferde waren in den Schnee geschrieben. Sie dachte an Rama, den
-sanften Friedensverkünder, von dem ihr Givo nicht müde geworden zu
-erzählen und dessen Bild ihr mit dem seinen verschmolz. Sie sah ihn
-unter dem Baume sinnend, wie er die Pest banne, sah die goldene Sichel
-des Fremden, der ihm erschien, und wie diese den Mistelzweig des Heiles
-bruderselig vom Stamme schnitt. Aesc-heyl-hopa, die Hoffnung des Heiles,
-ist im Walde. Weihnachten nennen es die Menschen und legen unter den
-winterlichen Baum die Symbole ihres Erlösers. Die Stimme der Calese
-weckte sie. Arabella erzählte ihre Legenden aus östlichen Sagenkreisen.
-»Uns verdrängt der Heiland alle anderen Sinnbilder,« sagte die Calese.
-»Mir ist er immer gegenwärtig. Ich weiß, Sie werden nicht lächeln über
-die Geschichte, die ich Ihnen jetzt erzählen werde.« Und mit ihrer
-seltsam erzenen, oft aufschluchzenden Stimme begann sie: »Im Anfang
-meiner Laufbahn, ehe ich mich zu jenem Glanz gekämpft hatte, den die
-Menschen Ruhm nennen, war ich eines Tages durch viele Qual bis zu dem
-Entschluß gejagt, freiwillig aus dem Leben zu gehen. Es war Sommer, ein
-schwüler Abend, als ich in einer Phiole Gift bereitete. Der Gesang der
-Vögel lockte mich hinaus. Ich wollte noch einmal, bevor ich trank, das
-Leben der Glücklichen sehen. Als ich unter den Menschen umherirrte, in
-den Gärten und Straßen, begegnete mir ein Fremder. Er blieb vor mir
-stehen und sein Blick zwang auch mich stehen zu bleiben. Ich glaubte, es
-wäre der Herr selbst, so milde war sein Antlitz. Er geleitet mich,
-spricht freundlich zu mir wie zu einem Kinde, bisweilen nimmt er meine
-Hand, als könnte ich straucheln.
-
-Vor der Stadt heißt er mich in eine Schenke treten und schenkt mir Glas
-auf Glas eines berauschenden Weines. Wir scherzen einfältig wie Kinder
-und plötzlich sinkt mein Kopf, mein müdgesorgter, an seine Schulter und
-ich schlafe ein. Als ich erwache, ist er verschwunden. Ich suche ihn in
-allen Ecken, ich laufe verzweifelt auf die Straße hinaus, nirgends eine
-Spur. Ich irre weiter, da steht an einer Brücke -- -- ein -- --
-hölzerner Heiland. Es ist -- sein Antlitz, er bewegt die schweren
-Augenlider, sein Mund lächelt Wiedererkennen in unnennbarer Süße. Ich
-sinke vor ihm zusammen. Ich erwache zu Hause, eine Pflegeschwester ist
-um mich. Ich hatte lange Fieber gehabt. Die Phiole war verschwunden.
-Eine edle Frau nahm sich meiner an. Ich war gerettet.«
-
-Arabella reicht ihr die Hand. »Er war es. Weil du an ihn glaubtest,«
-sagte sie. Und sie denkt: »Auch mir wird Rama begegnen, weil ich an ihn
-glaube -- Rama Imanuel.«
-
-In Villach kaufen sie eine Zeitung. Da liest Arabella, daß Zora
-Uhari-Givo eine Konzertreise angetreten habe, die sie nach Wien führt.
-
-
-
-
- Wetterleuchten
-
-
-Arabella fand ihr Heim wohlig und warm. Lora, der Papagei, begrüßte sie,
-indem er sich mehrmals mit seinem Namen vorstellte, der Affe sprang ihr
-auf die Schulter und zauste ihr Haar. Putzi, die Lachtaube, die Arabella
-überall hin begleitete, wurde aus dem Reisekäfig in ihr schönes, großes
-Haus befördert und bedankte sich mit ihrem inbrünstigen Kukuru. Frau
-Gunter war mit ihrem Jungen gekommen, dem die gräfliche Stiefschwester
-ein unentwirrbares Geheimnis war, eine kostbare Zusammensetzung von
-Fraulichkeit, Duft, Spitzen und tausend kleinen Unerklärlichkeiten. Von
-ihr zu träumen aber war möglicher als mit ihr zu sprechen. Die
-Dienstboten eilten mit fröhlichem Eifer umher, Befehle auszuführen, die
-ihre Herrin ebenso rasch erteilte als widerrief. Arabella hatte von
-Karinski die Gewohnheit angenommen Dienstleute zu duzen. Sie rief sie
-herbei, teilte Geschenke aus, umarmte des öfteren die Mutter und den
-Bruder, der verlegen sich bemühte, in seiner Konviktsuniform zu
-imponieren, eilte von Zimmer zu Zimmer, alles von neuem betrachtend, als
-sähe sie es nun mit anderen Augen. Eine prickelnde Unrast trieb sie
-umher. Die Stadt war ihr eines heimlichen Zaubers voll: sie ahnte Givos
-Gegenwart oder erhoffte sie so warm, daß sie ihr schon Gewißheit schien.
-Was durfte sie beginnen, fragte sie sich, da er all die Jahre
-geschwiegen? Oft und oft hatte sie sich damit beschwichtigt, daß er sich
-ihr nicht genähert hätte in der Meinung, er, der Unfreie, dürfe nicht
-ihr Leben kreuzen, da auch sie in Gemeinschaft lebe. So durfte sie ihm
-doch zu wissen geben, daß sie frei sei, es immer gewesen war für ihn.
-Der Gedanke, es könne Zora Uhari ohne ihn die angekündigte
-Konzerttournee unternehmen, kam ihr gar nicht in den Sinn, so sicher
-fühlte sie den Augenblick eines Wiedersehens gekommen, und gleichfalls
-war sie dessen gewiß, daß auch er der Wiedervereinigung gewärtig war.
-Würde er sie finden?
-
-So sehr sich auch um diese Zeit das ländlich umgürtete Wien zu
-vergrößern begann, es hatte sich kürzlich sogar, wie eine richtige
-Großstadt, in ein Netz von Telephondrähten eingesponnen, so klein blieb
-es dennoch und es war nicht leicht, unbekannt in seinen Bezirken zu
-leben. Arabella aber hatte eine fast kindische Angst vor neugierigen
-Menschen. Da ward das Wandervögelchen in ihr wach, das nur überall zu
-Gaste sein will und hinter Blätterwerk recht ab- und obseits sich sein
-Nest erbaut. Bekam ihre Mutter, während sie bei ihr weilte, Besuch,
-schlüpfte sie durch eine Hintertüre davon und Frau Gunter sah sich um
-ihr Vergnügen betrogen, mit der Tochter Staat zu machen. Neugierige
-Fragen konnte die immer Freundliche und im Gespräch stets zum Scherz
-Gelaunte mit hochmütiger Schärfe beantworten. Anonymität bedeutete ihr
-die große unbehelligte Welt, das unmittelbare Leben von Mensch zu Mensch
-ohne Beschränkungen. Um nicht das Interesse der Leute zu erregen,
-verweigerte sie lange Zeit ihr Mitwirken zu wohltätigen Veranstaltungen.
-Häufig aber geschah es, daß sie durch Luise, ihre Jungfer, Arme und
-Kranke, die irgendwo ihren Weg gekreuzt, besuchen und beschenken ließ.
-Ihre Leute bezahlte sie fürstlich und kümmerte sich überdies um das Wohl
-ihrer Familien. Unbemittelte und schlichte Menschen interessierten sie
-weit mehr als die »Gesellschaft«, deren Banalität sie fürchtete und die
-sie vielleicht instinktgemäß um der Einschätzung willen verachtete, die
-sie von ihr zu erfahren meinte. Es gab indes eine Welt, in der die
-Gräfin Karinska wohlbekannt war. Bei Trödlern, Antiquitäten- und
-Spitzenhändlern konnte man sie stundenlang sitzen sehen, um zu wählen,
-zu betrachten, zu gustieren, bis sie ermüdet in den wartenden Wagen
-flüchtete, in den die neu erworbenen Schätze verladen wurden. Da sie die
-Dinge um sich häufte, lernte sie die Menschen entbehren. Ihre Tiere
-waren ihr treuer als eigennützige Freunde und sie war glücklich, daß
-gleichgültiges Geschwätz ihr nicht die Muße ihrer Sehnsucht störte. Ihr
-Leben war, flüchtig gesehen, dem Luxus und Wohlleben geweiht. Eine
-grande Dame schien sie, die nur ihren Prunk im Auge hat und weder einem
-Manne noch einem Kinde lebt. Des äußeren Scheines fast unbewußt gab sie
-sich sorglos dem Dasein hin, wie ihr der Tag es bescherte, ahnungslos,
-daß der erwartete Geliebte ihr Leben erschaute.
-
-Bei einem Kunsthändler erfuhr sie zu jener Zeit von der Versteigerung
-und Vorbesichtigung einer Sammlung von Miniaturen, deren Besitzer ihr
-alter Freund, der Doktor Clemens Urbacher, war. Sie hatte oft daran
-gedacht, den verschollenen Freund aufzusuchen. Das Erleben all der Jahre
-aber hemmte sie. Dem einst so Vertrauten wollte sie nicht aufrollen, was
-sie vor sich selbst ins Vergessen drängte. Nun aber entschied das
-Schicksal. Ein Wink von außen rief sie zu ihm, in sein Haus nach
-Heiligenstadt, von dem er ihr oft erzählt und das sie nie betreten
-hatte. Sie erinnerte sich, wie gern sie den Onkel Clemens besucht hätte,
-und heftiger als sonst empörte sie sich gegen den Zwang, in dem sie
-Adalbert einst gehalten hatte. Immer klarer ward ihr nun rückblickend
-sein absichtvolles Wesen, die Schliche und Schlingen, die er ihr gelegt
-hatte, denn oft mußte sie jetzt in ihrem Entbehren um Givo ihrer frühen
-Entweihung die Schuld geben. Niemals hatte es ihr der Geliebte bekannt,
-aber es war ihr zur Gewißheit geworden, daß sie nun um ihrer
-Vergangenheit willen verlassen war. Mehrere Equipagen standen vor Doktor
-Urbachers Haus, als auch ihr Wagen vorfuhr. Der Garten lag im Schnee,
-die alten Sandsteinstatuen, die kleinen Pavillons waren unter seiner
-Last verborgen, das Haus selbst mit seinem vorspringenden Dach schien
-sich traulich zu verschließen, wiewohl sein Eintritt heute jedermann
-frei stand, der sich für die Kunstschätze des Hausherrn interessierte.
-Am Tor war überdies eine Tafel angebracht, die den Verkauf des Besitzes
-anbot. In der Diele schon erblickte sie Urbacher, der gerade Gäste zur
-Türe begleitete. Das Antlitz einer Frau verschwand eben noch grüßend
-hinter einer Türe. Dies Frauengesicht, wie seltsam, es rief ihr eine
-ungeklärte, unerkannte Erinnerung wach, etwa ein »Wo sah ich es schon?«
-und gleichzeitig ergriff sie der Anblick Urbachers. Wie war er gealtert,
-der einst so treue Freund! Auf dem Kragen seines schwarzen Samtrockes
-kräuselte sich Silberhaar, über den einstmals so hellen Augen lagen
-Brillen mit dunklen Gläsern.
-
-Die Türen der anstoßenden Räume waren offen und darin die kleinen
-Kunstwerke auf Tischen mit schwarzen Tüchern aufgereiht. »Wie eine
-Aufbahrung,« dachte Vögelchen und es war ihr, als läge inmitten der
-bunten Bildchen und Blätter ihre eigene Kindheit hingebettet. Immer
-wieder mußte sie beim Anblick der Miniaturen an Adalbert, den Sammler,
-denken und vergleichend lernte sie nun auch seine Auswahl besser
-verstehen. In diesen Tagen der äußersten Erregung war sie hellsichtig
-und spürte den geheimen Zusammenhang, die geheime Verknüpfung ihrer
-selbst mit den zarten Gebilden der Mannsthalschen Sammlung, von denen
-die Urbachers eine auserwählte, aber viel geringere Anzahl besaß. Ein
-Haß quoll plötzlich gegen diese Bildchen in ihr auf, genährt durch die
-Erzählungen ihrer Mutter, die vor Jahren gegen die Sammelleidenschaft
-Adalberts vergeblich gekämpft hatte. Dieser Haß aber lag in seinen
-Wurzeln viel tiefer: Arabella witterte das lasterhafte Tier, die
-grausame Gier eines kalten Genießers, der ihr Leben für immer aus den
-natürlichen Bahnen gelenkt hatte. Eine Liste der Besucher lag auf, sie
-unterschrieb sich und las den Namen von Mannsthals Kunsthändler. Es war
-ihr sofort klar, daß dieser für ihn eine Sammlung erwerben wollte, die
-Adalbert locken mußte wie keine andere. Blitzartig entschloß sie sich,
-diesen Kauf zu vereiteln. Indes hatte der Hausherr seine Gäste
-begleitet, er kam zurück und verneigte sich artig vor ihr. Er sah sie
-nur als eine vornehme junge Frau und hörte einen undeutlich gesprochenen
-gräflichen Namen. Ihr ward so wohl, heimatlich wohl, als sie neben ihm
-von Bild zu Bild schritt. Ihr Wissen, geschult durch einen so
-bedeutenden Sammler wie es Mannsthal war, entzückte ihn und er fühlte
-mehr, als er ihn sah, den Liebreiz dieser Frau, die er, als sie Kind
-war, mehr geliebt hatte als sein Leben. Oder war es die Stimme, die
-dunkler gewordene, die noch in ihren kindlichen Ausrufen der Vögelchens
-des Kindes glich!? Er wurde gesprächig, so daß Arabella die Frage wagen
-konnte, warum er sich von einer so liebevoll angehäuften Sammlung
-trenne. Nun, er könne ihre Feinheiten nur mehr erinnernd genießen, da er
-im Begriff sei zu erblinden. Aus diesem Grunde wolle er auch das alte
-Haus verkaufen und nach Bozen oder Trient übersiedeln, um in der milden
-Luft noch einen Schimmer südlicher Farben zu verspüren. »Allein?«
-entfuhr es ihr voll Mitleid. »Nein, ach nein, meine Gefährtin begleitet
-mich mit ihrem Sohne. Sie ist Malerin und braucht die Farben noch
-notwendiger als ich Erblindender.« Da nahm ihn Arabella bei der Hand und
-führte den Erstaunten an das Fenster. Sie neigte sich nahe zu ihm und
-sagte bittend: »Onkel Clemens, erkennst du Vögelchen nicht mehr?« Da
-rückte er sich die Brille rasch zurecht und sah ihr angestrengt ins
-Gesicht.
-
-»Ja, Kind, du bist ja, bist ja eine Prinzessin geworden, Gräfin sagtest
-du?«
-
-»Ja, ist es denn nicht einerlei, wie ich nun heiße?« erwiderte sie. »Bin
-ich nicht mehr dein Vögelchen, bin ich dir ganz fremd geworden?«
-
-»Da bist du nun,« sagte er wie aus einem Traum. »Ja, jetzt sehe ich, daß
-du es bist, höre deine Stimme, ja. Siehst du, mir bist du eben noch
-immer das Kind geblieben, das ich an dieses Unglücksufer gerudert habe.
-Gott sei es gedankt, daß du nicht später gekommen bist. Nun kann ich
-dich noch sehen hinter einem leichten Flor wie ein Engelsbild. Bald wird
-der Schleier dichter fallen,« und er nahm ihren Kopf zwischen seine
-Hände und betrachtete sie prüfend wie eines seiner kostbaren Bildchen.
-»Du hast manches erlebt, Kind,« sagte er. »Heißes und Kaltes lese ich
-da. Ich wußte es ja und es ist noch viel Unruhe in dir. Nicht wahr, es
-ist, als wäre alles, was in der Kindheit gewesen ist, überbaut wie ein
-Gewässer durch eine Straße. Oben geht das Leben mit seinen neuen
-Menschen und seinem Geschehen, seinem Gegenwartstreiben, unten sprudelt
-das Element weiter in die Ferne, ins Unendliche, ins Meer.«
-
-Vögelchen nickte. »Wer war die Frau, die ich vorhin sah? Ist es die, die
-du deine Gefährtin nanntest? Ich muß sie schon gesehen haben, vor Jahren
-vielleicht.«
-
-»Oh, Kind, es ist ja Hedwig, Konrad Krugers, dieses Unglücklichen,
-Schwester.«
-
-»Ach, wie kamt ihr denn zusammen!?«
-
-»Durch dich, Vögelchen, durch dich! Der Bruder hatte von dir meine
-Adresse, um mir Grüße zu bestellen. Als der Arme gestorben war und seine
-Briefe ausblieben, kam sie zu mir, hoffend, ich könne durch dich sein
-Schweigen aufklären. So kamen Hedwig und ich einander näher. Und so
-danke ich einem Unglück dies späte Glück.«
-
-»Seltsam,« sagte Vögelchen bewegt. »Und weißt du auch, was aus dem Buch
-geworden ist, an dem der Arme geschrieben hat?«
-
-»Es ist kürzlich in neuer Auflage erschienen. Du sollst es haben. Es ist
-der Stolz seiner Schwester. Komm zu ihr, willst du? Ich will sie
-vorbereiten. Es wird sie sehr erschüttern. Da höre ich Leute kommen.
-Könnte ich sie doch alle wegschicken und gleich mit dir plaudern, von
-deinem Wandern hören.«
-
-»Tu das, Onkel Clemens. Niemand soll uns jetzt stören. Ich kaufe die
-Sammlung um die höchsten Preise. Ich wäre untröstlich, wenn ein anderer
-sie erwerben würde. Und dein schönes, altes Haus kaufe ich auch, wenn
-ich es erschwingen kann. Du sollst keine Sorge haben, Onkel Clemens.«
-
-Der alte Herr geriet in freudige Aufregung. »Das wolltest du tun, du
-gutes Kind,« rief er aus. »Es ist nicht leicht die Sammlung an den Mann
-zu bringen, deshalb habe ich sie der öffentlichen Versteigerung
-preisgegeben. Ja, preisgegeben allen Gaffern, der Gasse. Wie Kinder sind
-mir diese behüteten Dinger, um jedes habe ich meine Sorgen gehabt, jedes
-habe ich gehegt und gepflegt in Liebe.«
-
-»Ja, Kinder, wie Kinder,« sagte Arabella und ein heiliger Zorn stieg in
-ihr auf. Unbezwinglich ward der Wunsch in ihr, Urbachers kleine
-Heiligtümer vor Mannsthal zu schützen. Ja, auch ihr erschienen diese
-zarten Gebilde wie Kinder. Lebendig wurden die Gesichter und rührend in
-ihrer Wehrlosigkeit und sie spürte es, wie Adalbert sich ergötzen würde
-an jedem einzelnen. Aber keines, keines sollte er besitzen, an keinem
-sich gierig erlechzen. Und wenn es ihr halbes Vermögen kosten sollte,
-sie mußte ihn besiegen.
-
-»Und nun wird er kommen,« fuhr Urbacher, wie zu sich selbst redend,
-fort. »Er, der sich mir jahrelang verborgen hat, nachdem er dich mir
-geraubt hat, jetzt ist der Augenblick, wo er auftaucht, mir diese Opfer
-zu entreißen.«
-
-»Hat er sich schon gemeldet?«
-
-»Nein, Kind, das ist es eben. Ich weiß nichts von ihm, aber ich spüre
-ihn, spüre, wie er die Beute umlauert, wie er schon seine Netze legt. In
-jedem Käufer wittere ich seinen Mittelsmann. Er wird es schlau
-anstellen. Wer immer die Sammlung erwirbt, schließlich fällt sie ihm
-anheim. Bin ich denn deiner so gewiß?«
-
-»Nein, Onkel Clemens, nein, von mir wird er sie nie und nimmer
-herausbekommen. Oh, sehen möchte ich es, sehen, wie er bittet und bietet
-und schmeichelt um jedes kleine Bildchen. Aber ich will es ihm
-entgegenschleudern, wie sehr ich ihn durchschaut habe, wie ich ihn
-verlache, verhöhne, verachte!«
-
-»Kind,« stammelte Urbacher erschrocken. »Kind, so hat es dich gegen ihn
-ergriffen? Ist es also doch so gekommen, daß du ihn hassest?«
-
-Sie erschrak. Haßte, haßte sie ihn denn? War sie nicht all die Jahre in
-freundlichem Briefwechsel mit ihm gestanden, lebte sie nicht auch von
-seiner Großmut? Oder war dies Vermögen, das er ihr zugewendet, etwa
-Bezahlung, Abfindung? Waren sie nicht quitt? Nein, sie schuldete ihm
-nichts, sie durfte ihn hassen. Sie war ja um seinetwillen verlassen,
-verstoßen. Aber plötzlich sah sie durch die rote Wolke des Zornes Givo,
-den sie zur Stunde fast vergessen hatte. Es war ihr, als blickte er sie
-erstaunt an, als fragte er in ihre Seele, die sein Werk war: »Wie, du
-hassest? Vögelchens Seele birgt Haß?«
-
-»Es war nur eine plötzliche Aufwallung, Onkel Clemens,« sagte sie. »Aber
-hier nimm mein Versprechen. Adalbert wird nie, niemals deine Bilder
-besitzen.« Er hielt ihre Hand, besah sie mit seinen verlöschenden Augen,
-dann küßte er sie. »Daß dies eine Frauenhand werden konnte, mit
-Brillant- und Perlenringen, dieser Schmetterling von einem
-Kinderhändchen, dieses Rosenblatt im Wind deiner Launen. Kind, Kind, was
-hat man dir getan?! Ich fürchte es zu hören, ich fürchte es.«
-
-Arabella sah ihr Leben, ihre Nächte. Der Reigen flüchtiger Liebesstunden
-umkreiste sie. Das zehrende Warten um Givo trug sie als Heil und Last.
-
-»Ich bin jetzt allein,« sagte sie. »Vielleicht kommt er jetzt bald, den
-ich erwarte, vielleicht nie wieder, weil es so mit mir gewesen ist.«
-
-Er verstand sie nur halb, aber dies, »weil es so gewesen ist«, das wußte
-er ja, hatte es immer geahnt. Daß es nicht verschmerzt war? Oder war
-eine Wunde aufgebrochen, die sie selbst kaum gespürt hatte? War er die
-Ursache bösen Erinnerns? Er selbst war ja mitschuldig. Warum hatte er
-sie nicht verborgen, beschützt, gerettet, wie jener andere es gewollt,
-Konrad, der Narr?
-
-»Willst du jetzt zu Hedwig kommen?« sagte er traurig und rührte sie
-sanft aus ihrem Sinnen. »Ich folge dir, sowie ich die Besucher
-weggeschickt habe. Nun soll mir keiner mehr herein. Die Bilder sind
-verkauft.«
-
-
-
-
- Kampf
-
-
-Als Adalbert Mannsthal erfuhr, daß die Sammlung Urbachers, die er um
-jeden Preis zu erwerben suchte, von einem Agenten für eine unbekannte
-Persönlichkeit angekauft worden sei, setzte er sich sofort auf und fuhr
-nach Wien. Er wollte mit allen Mitteln den Kauf rückgängig machen, ihn
-überbieten, ja selbst seine Scheu überwinden, sich Urbacher zu nähern
-und ihn an ein vages Versprechen zu erinnern, die Miniaturen nicht ohne
-sein Wissen aus den Händen zu geben. Arabella hatte, um Adalbert in
-Unkenntnis zu lassen, einen Kunstagenten als Käufer vorgeschoben, dieser
-war bestechlich und Adalbert schon seiner Sache gewiß, als er mit dem
-Mittelsmann nach Heiligenstadt fuhr, wo sie die wirkliche Käuferin, eine
-angebliche Frau von Werter, treffen sollten. Arabella hielt sich gern in
-dem alten verlassenen Hause auf. Urbacher und Hedwig waren schon
-abgereist. Sie ordnete und veränderte und im Geheimen künstelte sie
-schon an einem Raum, der Givos Arbeitszimmer werden sollte. Ihr
-Stiefbruder, der fünfzehnjährige Wolfgang, war eben bei ihr zu Besuch
-gewesen, als sie sich zur Fahrt nach Heiligenstadt rüstete, und sie
-hatte ihn mitgenommen. Währenddem sie mit den Gärtnersleuten sprach,
-machte sich Wolfgang in der Bibliothek zu schaffen. Er saß in einer Ecke
-über einem Mappenwerk, als Arabella eintrat. »Was studierst du da?«
-fragte sie nähertretend, aber im selben Augenblick gewahrte sie die
-seltsame Veränderung in des Jungen Gesichtszügen. Blaß und verzerrt
-stierte er auf ein Bild, das seine zitternden Hände hielten. Ein Blick
-genügte und Arabella packte das Heft, es ihm zu entreißen. Auf dem
-Umschlag las sie von Urbachers sauberer Schrift geschrieben: »Kopien aus
-der Sammlung Mannsthal.« Dazu ein P. in der Klammer. Es erwies sich, daß
-sie zu schwach war, dem Jungen den gefährlichen Band aus den Händen zu
-winden. Wie ein hungriges Tier, das um seine Futterschüssel kämpft, sah
-er sie aus seinen glühenden Augen an, während seine verklammerten Finger
-sich zu Eisen krampften. Als sie dennoch siegte, lachte er blödsinnig,
-drohte sie zu küssen und frech zu werden. Scherz schien dieser Kampf und
-war doch von beiden Seiten viel mehr als Spiel und Weigerung. Eines der
-Bilder war zerfetzt und zur Erde gefallen, es stellte ein kleines
-Mädchen dar, das in einer Speisekammer auf einen Sessel steigt, um
-Süßigkeiten zu erhaschen, während ein Mann in türkischem Schlafrock und
-Mütze sie auf unzweideutige Weise an den Röcken faßt. Arabella fühlte
-die merkwürdige Fügung, durch die sie nun Tag für Tag an gewisse
-Vorgänge gemahnt wurde. Eine seltsame Erregung erfaßte sie. Sie selbst
-war ja damals fünfzehnjährig gewesen wie dieser Junge, der jetzt
-keuchend die Arme um sie breitete. In diesem Augenblick fuhr knarrend am
-hartgefrorenen Pflaster ein Wagen vor. Der Agent und jener Fremde, der
-sie zu sprechen wünschte, waren angelangt. Wolfgang ließ ab und stürzte
-aus dem Zimmer, während Arabella hastig das Mappenwerk zusammenraffte.
-Gleich darauf trat Herr Blumenstock ein, hinter ihm -- Mannsthal. Sie
-erschraken, er und sie. Sie hatte den Hut, nicht den Pelz abgelegt, ihr
-Blondhaar, das verwirrt war, leuchtete über dem dunkeln Zobel. Er sah
-ihr vom Ringen gerötetes Gesicht, ihre zornfunkelnden Augen, er fand sie
-sehr schön. Nur eine Sekunde hatte er, als er so Arabella erblickte,
-sich der Täuschung hingegeben, sie hätte, um Urbacher zu überlisten,
-anonym für ihn die Sammlung gekauft. Aber sie sah ihn nicht an wie
-einen, den man freundlich überraschen will, sie hatte ihm nicht die Hand
-gereicht, sie stand sprachlos und bebte.
-
-»Das ist ja ein seltsames Wiedersehen. Habe ich dich am Ende angesteckt
-mit dem Sammeln,« sagte er und ging sogleich an die Tische heran. »Du
-wußtest ja, was ich von Urbachers Sammlung halte. Nun und was gedenkst
-du mit ihr anzufangen? Man wird doch noch ein Angebot stellen können,
-hm?« Während er sprach, umkreiste sein Blick mit heißer Gier die Bilder
-und er schien allmählich zu vergessen, daß jemand im Zimmer war, daß er
-mit Arabella sprach, die er Jahre nicht gesehen hatte. Er beugte sich
-tief herab, umschlang, verschlang mit den Augen die kleinen Kunstwerke
-und streckte die zitternden Finger aus, ein oder das andere zu erfassen.
-Mit Grauen erkannte Arabella den Blick, den heißkalten Blick, die
-bebenden Finger, die mit derselben Gier sie spinnengleich umgarnt
-hatten, dieselbe konzentrierte Aufmerksamkeit, dieselbe bebende
-Besessenheit drückte sich in seinen Zügen aus. Noch brannten ihre Arme
-von Wolfgangs starken Griffen, Adalberts Hände waren greisenhaft,
-trocken wie verkohltes Holz. Sie sah die Einzelheiten der Veränderungen,
-die mit ihm vor sich gegangen waren, sie gewahrte die vergeblichen
-Verjüngungsversuche an dem gealterten Körper. Zum ersten Male fühlte sie
-zu tiefst das Abnorme ihres kindlichen Erlebnisses, es schnürte, es
-umpreßte ihre Kehle, es blies ihr den Atem stoßweise aus der Brust, es
-sträubte ihr Haar, als stünde der Teufel in Person vor ihr und tränkte
-die Luft um sie her mit Schwefelgestank. Und wie er nun lauernd von
-Tisch zu Tisch schritt, war ihr, als müsse sie gleich Simson Säulen
-umfassen und sich mit ihm und den Bildern in Trümmern begraben. Aber da
-stand er ja noch, da ging er ja noch, ohne sie zu beachten, umher und
-tat, als wäre dies alles doch schon unantastbar sein Eigen. Sie wollte,
-sie mußte ihn aufrütteln mit bösen Worten aus der Benommenheit seiner
-Gier. »Du bist also nur der Bilder wegen hergereist? Das ist wichtiger
-als ich es dir bin. Hättest mich vielleicht gar nicht aufgesucht? Man
-könnte ersticken in Verlassenheit. Wären Karinskis Briefe nicht, ich
-wüßte überhaupt nicht mehr, was Treue und Dankbarkeit ist.«
-
-»Ach so, Dankbarkeit. Ich soll dir also dankbar sein. Ach ja, mein Kind.
-Bin ein wenig zerstreut. Diese süßen, kleinen Dinger da nehmen mich ganz
-gefangen. Einzig! Was sagst du von Verlassensein? Sagtest du nicht etwas
-Derartiges? Ich wollte dir übrigens von Givo erzählen, vom _ancien
-ami_.« In diesem Augenblick bemerkte er eine Miniatur, die eine Brosche
-vorstellte, und ihn über die Maßen zu fesseln schien. »Nein, so ein
-Glückspilz, hat er dich erobert, dich Perle, Kleinod. Ja, sehe ich dich
-wieder!« Er nahm das Bildchen zur Hand. »Wahrhaftig, du, du!«
-
-»Givo,« stieß Arabella hervor. »Was weißt du von ihm?«
-
-»Und das hat er mir verschwiegen,« sagte er, sich erregt zu Vögelchen
-wendend. »Ich hatte eine Unsumme für dieses Stück geboten. Aber nun
-werde ich es ja besitzen. Du wirst mir doch keine Schwierigkeiten
-machen, Bella?«
-
-»Du wolltest mir etwas von Givo ...«
-
-»Ja, ich glaube, ich habe es nun vergessen, mußt Angele fragen. Reden
-wir jetzt von Wichtigerem. Dieses Bild habe ich gesucht, gesucht! Warum
-hast du die Sammlung gekauft? Um deinem alten Freund Urbacher eine
-Freude zu machen, der sie bei dir natürlich am liebsten sehen wollte,
-der dich so gegen mich aufgehetzt hat, daß er sicher zu sein glaubt, daß
-ich sie nicht doch bekomme? Aber da hat er sich geirrt, nicht wahr, mein
-Liebling! Wir werden uns schon verständigen.« Und in freudiger Erregung
-war er ganz nahe an sie herangekommen. »Wie schön du geworden bist,
-Bella,« sagte er. »Und das gibt vor, verlassen zu sein! Hast
-wahrscheinlich täglich zehn Anbeter. Und sag, bist du, bist du noch
-immer so, so erpicht darauf, so inpitoyable?« Er hatte sie umfaßt und
-blickte sie mit faunischem Lachen an. »Da hätte man ja im Notfall noch
-Glück bei dir. Im Notfall meine ich.« Ihr war wie im Angsttraum, wenn
-man laufen will und nicht kann, wenn man schreien will und wie der
-Taubstumme lallt.
-
-»Wolfgang,« preßte sie hervor. »Wolfgang!« Es war nur ein Gestammel, das
-der Junge draußen nicht vernahm.
-
-»Wen rufst du da? Ist ein Retter in der Nähe, ein Ritter? Ich sagte es
-ja. Hab keine Angst. Aber Spaß beiseite, ich biete dir das Doppelte des
-Preises, den du für die Sammlung bezahlt hast, und lasse dir noch dazu
-einige Stücke.«
-
-»Du und Karinski, ihr habt dafür gesorgt, daß ich keine Geschäfte zu
-machen brauche,« sagte sie.
-
-»Wenn ich dir nun sage, daß mir unendlich viel an dem Besitz liegt,
-willst du da mit Hilfe dieses Geldes, von dem du eben sprichst, willst
-du mit meinem Gelde --«
-
-»Pfui!« sagte Arabella und wandte sich ab.
-
-»Sieh, Kind, du zwingst mich, so deutlich zu sein. Warum stellst du dich
-so feindlich, was ist plötzlich in dich gefahren?«
-
-»Plötzlich?!«
-
-»Ja, denn früher warst du es, die dankbar war, nicht von mir verlangtest
-du Dankbarkeit. Dankbar warst du mir, wie ich dir für wundervolle
-Stunden, Stunden, die mir nie wiedergekehrt sind, Arabella, die mich
-jetzt noch mit Schauern erfüllen. Nein, weiche nicht zurück, süßes Kind.
-Ich habe zu viel Ehrfurcht vor dieser Oase in meinem oft qualvollen
-Leben. Du hast mich beseligt, willst du mir jetzt einen Wunsch versagen,
-dessen Erfüllung dir keine Entbehrung, mir aber eine Sehnsucht stillt,
-die du nicht verstehen kannst. Denn sieh, Arabella,« begann er leise,
-als flüstere er zu sich selbst. »Wirklich geliebt habe ich in meinem
-Leben nur diese blassen Frauen und Kinderbilder, die wie ein Hauch sind,
-daß jeder Blick schon Schändung bedeutet. Ja, die Wirklichkeit, sie ist
-willfährig, oder wenn sie es nicht ist, so ist sie nicht so wehrlos wie
-diese Gebilde, diese Opfer des Blickes! Könnte ich dir deutlicher sagen,
-was für himmlische Gelüste sie mir bereiten und erfüllen -- --« Seine
-Augen waren die eines Irren, seine tastenden Hände suchten die ihren.
-Eiskalt kroch es ihr an den Gliedern empor.
-
-»Das ist ja Wahnsinn,« sagte sie heiser vor Entsetzen.
-
-»Ja, nenn' es Wahnsinn, ein heiliger Wahnsinn ist es. Aber nur so sind
-wir glücklich, Bella. Das wahre Leben ist unerträglich. Sei behütet
-davor, den Mut, den Wahn aus deinem Leben zu weisen. Hast du nicht
-selbst dich betäubt, spieltest die Samariterin und glaubtest dem Elend
-abzubitten. So sei doch wieder Samariterin. Man spricht noch jetzt von
-dir in den Pariser Hospitälern. Wo ist deine Milde hingeschwunden? Gib,
-gib mir sie, die Bilder, diese süßen kleinen Elfenkinder. Gib sie mir,
-als hättest du sie mir geboren aus unserer Umarmung, Arabella, Ariel,
-süßer Ariel.« Wieder war er ihr ganz nahe.
-
-»Wolfgang,« rief Arabella nun laut und befehlend, und diesmal gab die
-umklammerte Kehle den Laut frei.
-
-Wolfgang trat ängstlich ein. -- »Hier stelle ich dir meinen Stiefbruder
-vor,« sagte sie bebend. Und zu dem Jungen: »Dies ist Herr Mannsthal. Es
-wird dich interessieren, ihn kennen zu lernen. Bitte, führe ihn dann zu
-seinem Wagen, er weiß nicht, wie das Schloß funktioniert an der
-Gartentüre.« Sie war an die Bilder und Dosen herangetreten und warf ein
-schwarzes Tuch über einen der Tische. »Ich muß nun Vorkehrungen treffen,
-daß die Dinge sogleich verpackt werden und der Galerie zugestellt
-werden, der ich sie zugedacht habe.«
-
-»Das wirst du nicht tun,« rief in zornigem Schreck Adalbert.
-
-»Wir sehen uns wohl noch, ehe du reisest, etwa heute Abend in der Oper,«
-sprach sie, atemlos Fassung erkämpfend. »Man spielt >Les Contes
-d'Hoffmann<,« sagte sie mit böser Gleichgültigkeit. Sie nahm die
-Brosche, deren Anblick seinen Bericht über Givo verdrängt hatte, und
-steckte sie an. »Aber über die Miniaturen wollen wir dann nicht mehr
-sprechen. Es langweilt mich. Vielleicht erinnerst du dich aber dessen,
-was du mir von Givo sagen wolltest?!«
-
-»Du bist schlagfertig geworden,« sagte Mannsthal mit verbissener Wut.
-»Also, dies ist Wolfgang Gunter. Nicht übel. Diese Frau hat Talent,
-deine Mutter nämlich -- -- Grüße sie herzlich von mir. Wollen wir aber
-nicht alle gemeinsam zur Stadt fahren?«
-
-»Ja, geht beide, nimm Wolfgang mit und bring ihn seiner Mutter.
-Vielleicht hat sie mit dir zu sprechen. Sie ist oft so ratlos in ihren
-Angelegenheiten. Ruf mir den Gärtner, Wolfgang. Ich bleibe noch hier.
-Auf Wiedersehen heute Abend!«
-
-Sie sah ihnen nach, dem gealterten Mann und dem Knaben. Im Bestreben
-schlank zu bleiben war Mannsthal mager geworden. Sein Hals war gehöhlt,
-sein Rücken rund, die ehemals prächtigen Schultern hatten sich gesenkt
-wie ein morsches Gerüst. Arabella erschrak. Sie ersah das unbarmherzige
-Schreiten der Zeit. Einen Augenblick durchzuckte es sie wie Mitleid: Mag
-er sie haben, die Bilder. Dann erinnerte sie sich Urbachers. Seine
-Kinder hatte er sie genannt, um die er sich gesorgt hatte. Ihr war nun,
-als beschütze sie sich selbst in ihnen. »Aber es ist ja zu spät,«
-murmelte sie, »längst zu spät.«
-
-Der Gärtner kam, sie ließ die Truhen holen, die sein Herr zur Verpackung
-der Bilder bestimmt hatte. Sie selbst legte Hand an, bettete sie sanft
-ein wie in ein Grab. Als die Mappen daran kamen mit der Aufschrift P.,
-zögerte sie. Sie blickte ins Feuer, beutegierig gab es den Blick zurück.
-Schon sah sie es die ungeheuerlichen Blätter verschlingen, da tauchte
-eine Nacht in ihrer Erinnerung auf. Von Givos Kind war sie gekommen,
-gebrochenen Herzens. Ein Kranker mit verzerrtem Blicke hatte sie
-umschlungen, während er auf ihren Knieen ein Buch hielt, in dem sie
-lächelnd blätterten. Eine böse Lust war in ihr sich zu erniedrigen, das
-Unrecht, das ihr geschehen war, zu rechtfertigen. Es gewährte Freude,
-diese lüsternen schamlosen Bilder mit Malpasse zu besehen und sich
-schamlos zu gebärden, während sie vor Scham verging. Gab es nichts
-Böseres noch, sich zu brandmarken, daß die quälende Anklage in ihr
-erstürbe?!
-
-Dieser Stunde gedachte sie nun und ihre rächende Hand verschonte die
-Mappen. »Nicht an mir ist es, zu richten,« sagte sie sich. Aber ihr
-Blick ins Feuer wurde unheimlich starr, visionär. Sie sah die Scheite
-knistern und stürzen. Es war ihr, als ginge dort unter stürzenden Balken
-sie selbst und die Welt zugrunde.
-
- * * * * *
-
-Eine Woche nach Adalberts Abreise erhielt Arabella eine Depesche von
-Karinski, die seine Ankunft meldete. Mannsthal hatte auch seine Hilfe
-angerufen, seine Frau zu bestimmen, die Miniaturen auszuliefern. Er
-hatte ihm nicht verschwiegen, daß es um ihre Nerven nicht am besten
-stünde. Eine plötzlich unüberwindlich gewordene Sehnsucht und Sorge
-hatte den Grafen zu Vögelchen getrieben. Auch er hatte sie fast zwei
-Jahre nicht gesehen. »Wer weiß, ob du noch lange frei bist. Ich mußte
-eilen,« hatte er gesagt.
-
-»Hängt meine Freiheit denn nicht von dir ab,« fragte Arabella und
-schmiegte sich dankbar an ihn. Wie edel erschien er ihr neben Mannsthal,
-der nicht abließ sie in vielen Briefen um die Sammlung zu bitten.
-
-»Um Johannis blühen manchmal die Bäume wieder, aber darum ist es doch
-nicht Frühling,« sagte der Graf und zog mit wehmütigem Lächeln ein
-Schriftstück aus der Tasche. »Hier der Scheidungsbrief, falls du ihn
-brauchen solltest.«
-
-»Ich habe einen Aberglauben gegen gut vorbereitete Dinge,« erwiderte
-Vögelchen. »Behalte den Brief, mein Guter.«
-
-Nachdem der Graf abgereist war, bemächtigte sich Arabellas fieberhafte
-Unruhe. Immer deutlicher fühlte sie das Ereignis nahen, Wetterleuchten
-zuckte in ihrem Blut.
-
-Es war an dem Tag, der dem Eröffnungsabend des Gastspieles Calese
-voranging, als Arabella, von plötzlichem Lufthunger ergriffen, das
-Fenster ihres Salons öffnete. Ein föhnartiger Wind strich über die Bäume
-des botanischen Gartens. Sie beugte sich hinaus und erblickte am Ende
-der Straße einen Mann, der sich entfernte. Es durchzuckte sie seltsam.
-Im selben Augenblick hörte sie der Taube Flügelschlag und fühlte, wie
-sie sich auf ihre Schultern niederließ. Wie so oft neigte sie ihr die
-Wange und empfing ihre Küsse. Da plötzlich begann die Taube unruhig zu
-flattern, hob die Schwingen und schon flog sie über die Straße den
-Bäumen zu. Der Ruf erstarrte Arabella in der Kehle. Die Taube ließ sich
-auf einem der höchsten Gipfel nieder, um gleich wieder, wie gescheucht,
-in den dämmerigen Himmel aufzusteigen, wo sie schließlich, ein kleiner
-schwarzer Punkt, ihrem angstvollen Blick entschwand. Mit einem Schrei
-sank Arabella in Luisens Arme, die eben die Robe für den Theaterbesuch
-hereinbrachte. Nun lag sie in Tränen, von den jammernden Dienstboten
-umgeben, die alle die Taube lieb gehabt hatten. Der Portier war auf die
-Polizei gegangen und hatte Annoncen an die Zeitungen getragen, die dem
-redlichen Finder der Lachtaube Putzi, die ein goldenes Herzchen an einer
-Halskette trug, einen märchenhaften Finderlohn versprach. Arabella hätte
-am liebsten auf den Theaterbesuch verzichtet, um so mehr als Frau Gunter
-die Post sandte, Kopfschmerzen hinderten sie die Gräfin zu begleiten.
-Luise, das Kammermädchen, die nun gewiß war ihre Herrin vom Theater
-abholen zu dürfen, was ihr, einer Theaternärrin, schon Vergnügen
-bereitete, bettelte in ihrer eindringlichen Art, Euer Gnaden dürfe sich
-der Traurigkeit nicht hingeben. Im Theater würden die Frau Gräfin
-vergessen. »Vergessen, Luisel, was glaubst denn, mein Tauberl
-vergessen?« Aber schon fühlte sie das Außergewöhnliche, das ihr
-geschehen sein mochte, ein Zeichen vielleicht, das sie annehmen sollte
-ohne zu klagen. Und sie mußte an all die Wunder ihres Lebens denken. Sie
-stand vor dem venetianischen Spiegel, in dessen geschliffenen Blumen die
-Kerzen sich funkelnd spiegelten. In ihren Augen glitzerten noch die
-Tränen, der Schmerz gab ihrem Antlitz etwas rührend Kindliches. Luise
-heftete ihr eine tiefrote Rose in die fahlblonden Wolken ihres Haares
-und öffnete die Schmuckkassette, die neuerdings von Karinski bereichert
-worden war. Aber Arabella wollte Trauer um das Täubchen und schob sie
-weg. Ach, nun würde sie der Calese schmerzdurchfurchtes Antlitz um so
-tiefer bewegen, da sie selbst sich so seltsam verworren fühlte im
-Rätselhaften. Die Qual um die Heimat, die sie von dem Tag an genährt
-hatte, als Givos Kampf an der Mutter Krankenlager begann, sie spürte sie
-nun zu einem Ende gesteigert. Wie der Vogel, dessen Flügel vor dem Ziel
-zu erlahmen drohen, während tief unten die Wellen des Meeres
-unerbittlich drohen, sah sie sich mit letzten Anstrengungen dem Ufer
-zusteuern, das ihr die Entscheidung bergen mußte.
-
-
-
-
- Gottesgericht
-
-
-Wien war nach der großen Börsenderoute, die so viele Existenzen gestürzt
-und bedroht hatte, rasch wieder aufgeblüht. Dem Luxus waren zwar die
-Flügel gestutzt worden und manch einer und mit ihm die Seinen, von der
-Höhe üppiger Lebensführung herabgestürzt, gewahrte, daß er aus den
-Trümmern einstiger Pracht nur innere Werte hatte retten können, etwa die
-Liebe zur Kunst und Wissenschaft, die Fühlung mit einer Welt, die ihre
-Grenzen erst dort findet, wo die Kultur aufhört. Dies gab den geistigen
-Menschen und den Leuten von Welt einen internationalen Zug, der auch
-geeignet war, chauvinistische Stimmungen auszugleichen. Die Kunst und
-ihre Altäre verbanden alle Welt. Ein Jahrzehnt nach dem »Krach« aber
-hatte sich diese scheinbare Verinnerlichung zur Sensationslust
-vergröbert. Andere Schichten waren zu Reichtum gelangt und suchten es
-den Kultivierten gleich zu tun.
-
-Als zu Anfang der Achtzigerjahre die berühmte italienische Tragödin
-Gabriela Calese ihr Gastspiel ankündigte, drängte sich Arm und Reich,
-die Jemands und Niemands, die Größen von gestern und heute, von morgen
-und übermorgen und alle, die ihnen so gern nachbeten, zu diesem
-Theaterereignis, neben ihnen der Troß ehrlich Begeisterter. Alle
-Vorstellungen waren vor Beginn der ersten ausverkauft. Das Phäakentum
-der Wiener trat offensichtlich zutage: man wollte, wenn auch des
-Genusses selbst nicht teilhaftig, zumindest Augenzeuge des Genießens der
-anderen sein. In allen Kreisen wurde zu dieser Zeit viel gewettet und
-gespielt. Der kleine Mann, ja selbst der Arbeiter spielte und das leicht
-erworbene und leicht verlierbare Geld wurde sorglos wieder ausgegeben.
-Wenn »etwas los« war, gebot es der Lokalpatriotismus mitzutun. Manch
-einer, der sein Volk liebte, sah es mit Sorge hinter dem Fortschritt der
-anderen mit leichtfertiger Gleichgültigkeit zurückbleiben und war
-erschüttert über seine soziale und politische Teilnahmelosigkeit. Die
-demokratische Gemeindeverwaltung, in der es noch keine konfessionelle
-Spaltung gab, versuchte, selbst ohnmächtig, ihre verirrte Herde
-aufzurütteln. Ein Sturmwind mußte es sein, der diese wurmstichige
-Gesellschaft erfassen, sie aufzurütteln vermochte, und kein Wunder, wenn
-er wie ein Springteufel der eigenen Fahrlässigkeit entfuhr! Sorglos wie
-immer war man ins Theater gegangen. Das Parkett, das Parterre, die Logen
-waren ein Wogen und Murmeln von Farben und Stimmen, von blendenden
-Frackhemdbrüsten, dekolletierten Frauen, ein Nebeneinander ergreifender
-Geschmacklosigkeit und erschlaffter Eleganz. Emporkömmlinge mit dem
-Bedürfnis nach Beglaubigung blähten sich neben schlichter Echtheit. Die
-Galerien sahen ganz fern aus, unheimlich hoch schienen sie aufzusteigen.
-Türme von Menschen bergend, Abgesonderte, die möglicherweise ein
-verworrenes Sprechen erhaschen würden, aber jedenfalls anwesend waren
-als Publikum des Publikums. Flaubert hat irgendwo gesagt: »Lieben wir
-uns in der Kunst wie die Mystiker sich in Gott lieben und möge alles vor
-dieser Liebe erblassen.« Auch der Neid möge es, der blasse Neid, der
-zwischen Orden, Frisuren, Schleppen und Bücklingen vor den Altären der
-Kunst sein Spiel treibt. Mit Schadenfreude sahen die Menschen, die
-einander so sattsam gut kannten, wie eine fremde Erscheinung ihren Glanz
-verschattete. Es trat ein mittelgroßes, überschlankes Persönchen ein,
-das blonde Lockenhaar mit der roten Rose verdeckte fast das schmale
-Gesicht. Der vom Karminstift leicht gestreifte Mund verriet die Sitte
-der Ausländerin, die sich ihrer Schminke nicht schämt; dennoch hatte er
-etwas Rührendes, es zuckte noch ein Schmerz um seine Winkel. Der weiße
-Atlas des Kleides nähte sie der letzten Mode nach eng ein. Eine
-entzückende Eleganz und Originalität lag in der fast hageren
-Erscheinung. Der Gang stolz und doch sieghaft leicht, die Haltung des
-Kopfes mädchenhaft und dennoch fast königlich. Von solchen Frauen denkt
-man, sie seien eines Großen heimliche Beherrscherin; ihr Thron ist
-gebaut über dem sichtlichen, dem Fürsten dienen. Eine Seele vibrierte
-hier durch den Körper und verklärte ihn. »_Un prétexte pour qu'une âme
-restât sur la terre_,« hatte Givo seinen Freund Hugo zitiert, als er
-einst mit Hettwer Arabella betrachtete. Die Dame nahm Platz, lehnte sich
-zurück, leicht den Kopf erhoben, den Blick in die gemalten Ranken des
-Vorhanges verloren und so wie abwesend sich scheinbar vor der Neugier
-bergend. Man hat sie vielleicht schon im Prater gesehen. Ist es nicht
-dieses Mädchen, diese Frau mit dem schönen Kutschierwagen? Wer mag ihr
-Mann, ihr Geliebter sein? Ist sie eine Französin, eine Russin? Aber mit
-einem Male reißt unter den vielen ein einziger Blick sie auf. Sengend
-packt er sie, bis ins Tiefste dringt er ein. Es ist ihr, als müßte sie
-aufstehen und ihm entgegentaumeln. Er zwingt sie ehern, sie fühlt ihn
-über ihre Haut tanzen mit kleinen blauen Flammen. Er ist ihr ganz nahe
-dieser eine Blick, ganz innen in ihrem Sein, aber wo, wo ist er, der ihn
-zückt, noch sieht sie ihn nicht, wagt ihn nicht zu sehen unter den
-Vielen! Er reißt ihr die Haut blutig, er wühlt in ihr, er gräbt sich in
-sie. Ihr Widerstand ist vergeblich, immer näher weiß sie ihn. Dort, dort
-ist es, dort starrt einer her aus leichenblassem Gesicht, brennt seinen
-Blick auf sie hin. Neben einer schwarzhaarigen Frau steht er, die
-unruhig geworden ist, steht vornübergebeugt über der Brüstung der Loge
-und reißt ihren Blick zu sich, in die Flamme des eigenen hinein. Seine
-Gestalt ist noch immer die eines Jünglings, seine Züge sind zart und von
-leuchtender Geistigkeit, nur die Augen, die Augen haben etwas vom ewigen
-Feuer, das durch alle Zeiten brennt. Eines Wetterleuchtens Widerschein
-liegt um Stirn und Schläfen. Aber jetzt ist die Flamme dieses Auges nur
-einem Ziel entzündet. Und nun weiß die Gräfin Karinska, von wo der Blick
-ruft: Arabella weiß, daß Manuel sie erblickt. Doch seltsam, fast im
-selben Augenblick wird ein eigentümliches Sausen im Theater hörbar, vor
-den ersten Bänken steigt ein kleines Rauchwölkchen auf, der Vorhang
-bäumt sich wie eine flatternde Fahne, eine unheimliche Stille tritt ein.
-Eine Stimme schmettert über die Menge fanfarengleich: »Feuer, Feuer!« Im
-Nu sind die Menschen ein zäher, drängender Knäuel, zusammengeballt von
-der Faust der Gefahr. Angst ist aus jedem als eine einzige Gewalt
-gepreßt, zu einem einzigen Ziele drängend, vorwärts, zur Tür, an die
-Luft, ins Leben. Über eine Logenbrüstung schwingt sich ein Mann, stürzt
-sich in das Gewühl des Parterres, der Todesgefahr und seinem
-brennendsten Wunsch entgegen. Versteinert starrt die Frau, die ihn
-halten wollte, der eigenen Rettung nicht achtend, ihm nach, entgeistert
-von einem Schrecknis, das nur sie empfindet, im Schrecken aller. Schon
-strahlen die goldenen Karyatiden der Brüstungen in feenhafter
-Beleuchtung. Zwei Choristinnen in Flitterkleidchen flattern wie von der
-Zugluft der Flammen getrieben über die leere Bühne. Rauch schlägt
-schwarz aus der leuchtenden Lohe und schwingt sich auf zu den Galerien.
-Das Entsetzen ist zum Schrei aus hundert Kehlen geworden. Menschen
-stürzen zur Erde und sind nur ein Sprungbrett der Nachdrängenden. Doch
-wehe, plötzlich stockt das Drängen. Gänge und Türen sind zu klein, alles
-kann nicht hinaus an die Luft, in die Freiheit aus der Umarmung des
-Todes in das Leben. In Verzweiflung drängen sie anderen Wegen zu,
-geraten in Sackgassen und entlegene Räume und überall schwärzt der Rauch
-den Weg. Sie gelangen in Gänge, die sich labyrinthisch verwirren,
-hinauf, hinunter, von Grauen gepackt und verwirrt, durch Fenster winkt
-für viele nur Rettung, denn der Weg zurück ist abgesperrt vom
-todbringenden Qualm. Ersticken droht. Fast scheint es, als würde es
-allen Menschen gelingen, aus dem Innenraum in Gänge und Seitentrakte
-gedrängt, sich dem Ausgang zu nähern, da erlischt das Gaslicht. Die
-Notausgänge bezeichnet keine wachende Lampe. In entsetzlicher Finsternis
-sind die Menschen aneinandergepreßt, zu grauenvoller Gemeinsamkeit
-ineinander verkrampft. Dunkel versperrt ihnen den rettenden Weg. In
-grausamem Ringen drängen Männer Mütter zurück, reißen einander Kleider
-und Haut in Fetzen. -- In der Stadt hat sich blitzschnell die Nachricht
-des Brandes verbreitet. Pferde vor schleudernden Wagen rasen, Schaum vor
-dem Munde, durch die Straßen. Fenster öffnen sich, Rufe, Fragen werden
-getauscht. Wer ein Liebes dort im Theater vermutet, stürzt besessen
-davon.
-
-Frau Martha Gunter hatte abgesagt Arabella ins Theater zu begleiten.
-Kopfschmerz, ihr altes Übel aus nervenzerrüttender Zeit, hatte sie
-tagsüber geplagt. Abends hatte sie sich erleichtert gefühlt und saß nun
-still versonnen beim Abendessen. Wie wohl es das Schicksal doch mit ihr
-gemeint hatte, daß es ihr die Tochter wiedergegeben, als der Mann ihr
-verstarb! Und wie gut sie war, wie schön, ihre Tochter, ihr großes Kind.
-Auch der Groll gegen Mannsthal, der wie Asasel, der Böse, ihr Leben
-verschattete, war gewichen: denn Arabella war unversehrt. Sie war zwar
-traurig zuweilen und eigen, aber kindlich war sie geblieben und verderbt
-schien sie ganz und gar nicht. Und wenn sie jetzt auch einsam lebte, was
-absonderlich war für ein Wesen ihrer Art, so hatte das gewiß seine guten
-Gründe. Instinktmäßig erriet Frau Gunter in Arabellas Leben dennoch den
-Mann. Aber fragen, nein, das konnte sie nicht. Wie hätte sie es über
-sich gebracht, dies Kleinod, diesen späten Sonnenstrahl zu beunruhigen,
-zu verscheuchen! Qualvoll schon war der Gedanke, sie wieder verlieren zu
-können! Da war plötzlich ein Raunen und Rauschen auf der Straße
-vernehmbar geworden, fast gleichzeitig kam Luise, Arabellas
-Kammermädchen, mit dem Schreckensgerücht und war von der alten Dienerin
-sogleich weggeschickt worden, nach Hause zu laufen, ob ihre Herrin
-zurückgekommen sei. Sie erblickte, als sie eintrat die gefährliche
-Botschaft zu melden, Frau Gunter am geöffneten Fenster. Sie mußte von
-der Straße her die Nachricht vernommen haben. Sogleich brachte die alte
-Magd Mantel und Schal. »Vielleicht bringt man sie hierher. Gott gebe es,
-daß sie heil ist,« betete die Mutter. Sie wollte Luise nicht abwarten.
-So eilig sie konnte, lief sie den Ring entlang zwischen den erregten
-Menschenmassen. Feuerschein stieg zum Himmel und sengte ihr ins
-zitternde Herz unaussprechliche Angst. Atemlos kam sie näher und näher.
-Aus drei Feuerherden vom Parterre, dem Dach, den Galerien, loderte wie
-aus Riesenessen der Brand. Noch war die Feuerwehr nicht in voller
-Tätigkeit, da sieht die bebende Frau hinter der Statue, die den
-Dachfirst krönt, die Flamme durchbrechen und in entsetzlicher Gewalt
-steil zum Himmel steigen. Auf den Balkons, an den Fenstern erscheinen
-Menschen, ihr Schrei erstickt im Prasseln, gleich Gespenstern strecken
-sie Hilfe erflehend die Arme in die Höhe, schwarz sich von den Flammen
-ihres feurigen Hintergrundes abhebend. Jedes Fenster, jede Türe verhüllt
-ein Flammenvorhang, das feurige, gierige Maul frißt rückwärts die
-Treppen ab, läßt nur die eisernen Träger zurück und die Gitter, die in
-Schlangen und Feuerblumen phantastisch glühen. Das Zischen der Flammen
-übertönt das Krachen des Gebälkes. Um das brennende Haus steht immer
-noch anwachsend die Menge der Stadt. Dampffeuerspritzen arbeiten,
-Löschtruppen, Wachleute, Männer aus dem Volke dringen in die feurige
-Hölle, um zu retten. Funkengarben fliegen ins Weite, auf brennender
-Zunge tragen sie die Botschaft. Hilflos unter Hilflosen laufen die Leute
-um das prasselnde Haus, ziehen die stürzenden, erstickenden Menschen aus
-dem Gewühl, laben die Verschmachtenden, raffen Tote hinweg, trösten
-Besorgte. Ein alter Mann in feinem Pelz steht neben der bebenden Frau
-und ruft mit der gebrochenen Stimme des Greises in französischer
-Sprache: »_Es-tu en haut, Julie?_« Die Leitern kommen. Sie sind zu kurz.
-Dunkelheit und Rauch verschlingen die wechselnden Vorgänge, wenn nicht
-blitzartig die Flammen sie erhellen. Nun breiten sich die Sprungtücher.
-Ein Mann in Hemdärmeln kriecht längs des Balkongeländers, steht auf
-einmal aufrecht, wendet sich und verschwindet. Inmitten der Menge unten
-steht ein Statist in rosa Trikot. Er dreht sich unaufhörlich, wie ein
-brennender Kreisel, ein Spielzeug, das auch Musik machen kann.
-»Arabella,« ruft es da; eine zitternde, des lauten Rufens ungewohnte
-Stimme preßt den Schrei hervor. »Arabella!« Keine Antwort. Und wieder,
-wieder ruft es gellend vor Angst, ein Mutterschrei: »Arabella!«
-
-In den umliegenden Kaffeehäusern sammeln sich Leute an, die, erschöpft
-oder leicht verwundet, mangelhaft bekleidet, die Brandstätte verließen.
-Damen in Soireetoiletten, Offiziere in Waffenröcken, Herren ohne
-Übermäntel, Schauspieler in Kostümen, grellgeschminkte Statisten und
-Statistinnen strömen in die Lokale, sich vor Kälte zu schützen. Vielen
-wird erst jetzt die Todesgefahr bewußt, der sie entronnen. Grauenhafte
-Schilderungen erhitzen die Gemüter. Angst treibt Geängstigte wieder
-hinaus. Blutiger Schein dringt durch die Fenster, das jüngste Gericht
-scheint hereingebrochen, das Gottesgericht. Auf seinen Armen trägt ein
-schlanker Mann in zerfetztem Abendanzug eine weibliche Gestalt. Ihr
-Blondhaar ist aufgelöst, beschmutzt ihr weißes Kleid. Ihr Kopf ist an
-die Schulter des Retters geschmiegt. Nun setzt er sanft seine Last ab,
-bettet sie auf eine Wandbank. Auf ihre Wange hat das Feuer sein Mal
-gezeichnet. Nun kniet er vor ihr, forscht nach der Verwundung. Noch
-haben sich ihre Arme nicht von seinem Nacken gelöst. Seltsam ist ihr
-Blick, als sähe sie das Wunder blickt sie ihn an. Nun senken sich die
-Lippen zu einander, bleiben lang im Kuß geeint. Die beiden wissen nicht,
-was um sie ist. Draußen tobt Feuer. Durch seine Schrecken sind sie ins
-Leben gelangt, Herz an Herz geschmiegt, verklammert zu einem Körper
-haben sie die Wiedergeburt ihrer Vereinigung erlebt. Nun erwacht der
-Mann, er erinnert sich, daß, ehe das Große geschah, das Wiedersehen mit
-der Geliebten, neben ihm eine Frau geweilt hat, seine eigene ihm
-angetraute Frau. Er greift sich an den Kopf, er reibt sich den Rauch aus
-den Augen, er stürzt davon. Er eilt nach Hause ins Hotel. Die Frau ist
-nicht heimgekehrt. Nun ist Givo zur Brandstätte zurückgestürzt. Da hört
-er den Schrei, den geliebten Namen »Arabella«. Rasch drängt er sich in
-die Richtung des Rufes, da erstickt der Schrei. Ihre Mutter muß es
-gewesen sein. So ruft nur eine Mutter. Er reckt sich auf und antwortet
-der Stimme. Laut schreit er, jubelt er, wiewohl er die Ruferin nicht
-sieht, nicht findet. »Arabella ist gerettet. Vögelchen ist gerettet.«
-Die Frau preßt die Hände an die Brust. Wer antwortet ihr? Ist es
-Gottesstimme, welches Wunder geschah ihr? War es die Stimme eines
-Lebenden? Sie wankt. Halb entgeistert führt die Beseligte ein Herr
-hinweg.
-
-Als Arabella aus der Ohnmacht erwacht, steht ein Fremder neben ihr, hält
-ein Stück einer Pelzboa in der Hand, sein Haar ist versengt und er ruft
-unaufhörlich mit heiserer, tränenerstickter Stimme, wie ein Papagei, den
-man um seinen Namen fragt: »Mali! Mali! Meine Mali! Sie brennt drin,
-Mali!« Man bringt ihn fort. Arabella will denken, will sich mit Angst
-und Gebet ins Feuer tasten. Stimmen übertönen die mühsam gesammelten
-Gedanken. Zwei Schauspielerinnen am Nebentisch erzählen laut, erregt:
-»Wir sitzen in unserer Garderobe, schminken uns für die Vorstellung, da
-stürzt ein Herr herein und schreit: Wo ist ein Ausgang? Ich erwürge Sie,
-wenn Sie mir nicht den Ausgang zeigen. Wir glauben, daß es ein
-Wahnsinniger ist, er stürzt davon. Kein Wort vom Feuer. Nach zehn
-Minuten erst hören wir ein Raunen. Ich öffne die Türe. Das Haus brennt!«
-Arabella richtet sich auf.
-
-»Wo ist die Calese?«
-
-»Sie hatte ja erst im zweiten Akt aufzutreten. Man sagt, sie schläft vor
-den Vorstellungen und meist nicht allein. Man hat oft darüber gespottet.
-Das hat sie gerettet.«
-
-Wie durch einen Nebel hört Arabella der Calese umflorte Stimme: »Alles
-ist vorbestimmt, wozu sich wehren!«
-
-Ein Herr jammert: »Sie sagen, alle seien gerettet, das kann nicht sein.
-Ich sah Hunderte, die so erschöpft waren, daß sie nicht mehr kämpfen
-konnten. Ein Verbrechen wurde begangen, Fahrlässigkeit ist Verbrechen,
-böser als Totschlag, wenn Hunderte daran zugrunde gehen.« »Schicksal ist
-es, Gericht Gottes,« schreit eine alte Jüdin, die bisher heulend wie ein
-Klageweib dagesessen. »Mein Ignaz!« Arabella horcht auf. »Schicksal?
-Gottesgericht um den Tod der anderen? Jahrelang habe ich mich gequält,
-zu wissen, was ich, was ihm die andere wert ist. Mußte eine Volksmenge
-brennen, daß ich die Wahrheit wisse, daß er mich rettet und nicht sie?«
-
-»Was Schicksal,« schreit da ein Offizier. »Eine Schweinerei ist es, eine
-verantwortunglose Schweinerei! Wer schwätzt hier noch? Die stark genug
-sind, mögen retten und laben, wer schwach ist, halte Ruhe oder schleppe
-sich nach Hause.« Arabella erhebt sich. Ja, auch sie will retten, will
-ihm nach. Kann sie ihn verlieren jetzt? Nein, er wird leben, muß leben.
-Sie steckt rasch ihr Haar auf. Ihre Kniee zittern, sie muß sich
-festhalten, ehe sie den Ausgang erreicht. Draußen schlägt ihr der
-glühende Atem des tobenden Elementes entgegen. Die Wange schmerzt und
-auch am Knöchel ist sie verwundet. Sie fühlt, wie das Blut, wie den
-falschen Schwestern Aschenputtels, ihr in den Atlasschuh rieselt. Aber
-darf sie, die noch aufrecht geht, etwas anderes wollen als helfen? Der
-Offizier hat recht. Sie drängt sich durch die Menge dem Brandplatz zu
-und je näher sie kommt, desto wacher wird sie. Nun zweifelt sie nicht
-mehr. Er ist zurück in den Brand, er sollte nicht unter den Rettern
-sein, sollte seine Frau nicht retten wollen, die er um ihretwillen
-zurückgelassen hat? Eine wahnsinnige Angst packt sie, schüttelt sie mit
-dem Frost zugleich. Das Gedränge wird immer stärker. Wachleute haben
-einen Kordon gebildet. Sie lassen niemanden durch. Man trägt schauerlich
-entstellte Leichen an ihr vorüber. Neben ihr schreit ein etwa
-zwölfjähriges Mädchen, dessen offene Haare halb verbrannt sind,
-herzzerbrechend: »Mama, Mama!« Arabella nimmt das Kind an der Hand. Der
-fremde Schmerz gibt ihr Kraft. Sie führt die wankende Kleine zur Seite,
-trocknet mit ihrem Taschentuch das Blut, das ihr von der Schläfe rinnt,
-läßt sich von der Schluchzenden erzählen, daß sie die Mutter in der
-Finsternis des Hauses verloren, noch oben auf einer Stiege, die zum
-Dache führte; ein Mann habe sie hinausgetragen und hier abgesetzt. »Du
-mußt gleich nach Hause, vielleicht sind die deinen schon zu Hause und
-sorgen sich. Ich führe dich.« Arabella geht mit dem fremden Kinde durch
-die Straßen. Sie weiß, das, was sie hilft, ist nichts, doch Tun ist
-Rettung vor dem Denken und Wissen all des Entsetzlichen. Wüßte sie Givos
-Wohnung, sie ginge hin, selbst wenn sie der Frau begegnen müßte, und
-wartete dort ab, sähe Noemi, beruhigte sie, wenn sie Angst hätte, weil
-Vater und Mutter nicht kommen. Und nun ist ihr, als führe sie Noemi an
-der Hand, wie sie so mit dem fremden Kinde dahingeht. Es wohnt nur eine
-Viertelstunde weit, aber der Weg dünkt beiden endlos. Aus dem Hause, auf
-das die Kleine lossteuert, läuft ein Herr. Das Kind stürzt ihm entgegen.
-Da versagen Arabellas Kräfte. Sie kann nur rasch den Helfenden die
-Adresse ihrer Mutter sagen, dann weiß sie nichts mehr.
-
-Überall sind nun die Eingänge in das brennende Haus von drängenden
-Menschen verrammt, von übelriechendem Qualm und Finsternis. Givo aber
-hat sich einen Weg erkämpft, eine Türe reißt er auf, da fährt er
-entsetzt zurück, über eine Stiege kommt glühendes Blei geflossen, in
-Kaskaden springt es daher. Ein Ausgang wird endlich freigelegt, Beamte,
-Feuerwehrleute, Offiziere versuchen mit Fackeln einzudringen, manch
-einer kehrt wieder um, aber Givo tastet ihnen nach und bald ist er im
-Innenraum, sucht in den entsetzlichen Trümmern die Logen zu erkennen.
-Aber von oben her sind die Galerien herabgestürzt und der Platz, der
-ehemals das Parterre vorgestellt, ist ein entsetzlicher Trümmerhaufen
-von qualmendem Holz und Menschenresten. Noch ist die Hitze und der Rauch
-so groß, daß ein übermenschlicher Wille nur das Vordringen möglich
-macht. Grauenvoll ist der Anblick der ragenden Traversen der Galerien,
-an denen Leichenteile hängen, hohnvoll sind noch da und dort metallene
-Schnüre zierlich um verkohlte Stoffdraperien geschlungen, glühend
-schmelzende Gasrohre ragen wie feurige Bäume empor. Givo weiß, in diesem
-Hause ist niemand mehr am Leben, auch Zora nicht, wenn sie nicht gleich
-die Loge verlassen hat, von der aus sie sich leicht hatte retten können.
-Aber er folgt den Männern und, wo sie eingreifen um Leichen zu bergen,
-ist er an erster Stelle. Dann fällt ihm ein, daß Zora seither in ihre
-Wohnung zurückgefahren sei und ihn dort erwarten mochte. Er sieht es
-wieder vor sich, wie sie ihn am Arm faßt, um mit ihm hinauszudrängen,
-und er sich losreißt, über die Brüstung ins Parkett springt und in
-rasender Angst, er könne die fliehende weiße Gestalt aus dem Auge
-verlieren, nach rückwärts drängt, wo sie durchkommen muß, ehe sich der
-Weg vor dem Ausgang teilt. Wie er dann, auf einem Sitze stehend, um
-nicht abgedrängt zu werden, Arabella zuruft und winkt und -- Ewigkeit
-dünkten ihm diese Augenblicke -- endlich sie in seinen Armen hochhebt
-und hinausträgt. Im Gang draußen, im atemberaubenden Gedränge erlischt
-das Licht. Arabella sprach nicht, sie preßte nur fester die Arme um
-seinen Nacken, zwischen Qual und Gefahr fühlten sie traumhaft das
-unfaßbare Glück des Wiedersehens. Dann trat die Stockung ein und erst
-da, im endlos scheinenden Warten, wußte er, daß er nicht beide mehr
-retten kann, die Geliebte und die Frau. Blitzschnell hatte er es
-überdacht, Arabella, die Gefährdete, hinauszutragen und gleich dann nach
-Zora auszuschauen, die den näheren Weg ins Freie hatte. In der
-Finsternis aber hätte er Zora nicht wiedergefunden. Und ebensowenig
-vermöchte er nun nach Stunden eine Spur von ihr zu erblicken. Ein
-grausiges Abwarten steht ihm bevor, falls er die Frau nicht zu Hause
-findet. Als man im Hotel die Frage, ob seine Frau heimgekehrt sei,
-verneint, fühlt er nicht Schmerz und Sorge um sie, die vielleicht durch
-seine Schuld zugrunde geht. Er weiß nur dumpf das Elend der vielen dort;
-das seine ist ein Teil von dem ihren. Die englische Bonne, die über
-Noemis Schlaf wacht, weiß nichts vom Feuer. Er sagt ihr rasch, was
-geschehen ist und daß er zurückkehre zu helfen und zu bergen. Für Zora
-nichts. Er zweifelt an ihrer Rückkehr. Er hat sie aufgegeben.
-
-Die folgenden Tage vergehen unter Nachforschen zwischen entstellten
-Leichen und Leichenresten auf der Brandstätte, in Spitälern und
-Totenkammern. Von verkohlten Klumpen, zerbrochenen Skeletten, deren
-Gesichter keine Spur mehr eines physiognomischen Ausdruckes trugen,
-nährte sich stundenlang sein suchender Blick. Hier und dort klebte noch
-ein Fetzen eines Kleidungsstückes, an manchen Fingern glänzte ein Ring.
-Auf der Brust lag manchem das vorgefundene Geld, das in der Hitze seine
-Formen verändert hatte. Das Kind war neben dem Greise gebettet, der
-Handwerker im Kittel neben der reichgekleideten Dame, um die noch
-goldene Ketten hingen, kunterbunt waren sie aneinandergereiht, furchtbar
-zur Strecke gebracht. Aus dem entsetzlichen Gemenge verkohlter Leichen
-wurde in den Foyers nach Reliquien gesiebt und geschaufelt. Weniges nur
-bot Anhaltepunkte zur Agnoszierung der Toten. Eine kleine rührend zarte
-Hand fand sich, die Hand eines Kindes oder einer jugendlichen Frau,
-verkalkt und am Gelenk abgetrennt, die Nägel schmal und gepflegt. Givo
-erschrak, denn sie erinnerte ihn an Vögelchens Zartheit. Inmitten des
-Grauens stürzte er weg, um sich zu vergewissern, daß sie lebe, daß sie
-nicht etwa, aus Angst um ihn sich in den Brand wagend, ihr Leben
-verloren hat. Wieder stand er vor ihrem Hause, zu dem ihn vor dem
-tragischen Wiedersehen schon Sehnsucht getrieben hatte. Er erfuhr vom
-Portier, daß die Gräfin bei ihrer Mutter sei, er hätte Auftrag ihn
-zurückzuhalten, falls er Herr Givo wäre. Aber Imanuel kann und will
-nicht, will Arabella nicht sehen, bevor die traurige Arbeit nicht zu
-einem Ende gekommen ist. Eine schauererregende Ausstellung muß er
-besuchen. Auf weißen Porzellantellern liegen im Polizeihause die
-gesammelten Reliquien der Toten. Kleiderfetzen, Schmuckstücke,
-Sacktücher, Schlüssel, Kämme, Liebespfänder, allerlei Kleinigkeiten, die
-man bei sich zu tragen pflegt. In einem Zimmer ist auf Tischen eine
-große Anzahl von Uhren zur Schau gestellt. Manche ticken noch laut, als
-wäre ein Rest vom Leben ihrer Besitzer in ihnen zurückgeblieben.
-Geisterhaft stille und laut erregte Menschen irren mit Givo zwischen den
-tragischen Resten. Traurige Gewißheit wird manchem zuteil, der die
-armseligen Überbleibsel des Vermißten wiederfindet. Aber Givo, wiewohl
-er vor dem Schauerlichsten nicht zurückschreckt, um eine Spur zu finden,
-erforscht nichts. Ist Zora -- immer wieder kommt ihm dieser Gedanke --
-freiwillig verschwunden, wie sie so oft gedroht, wenn ihre Nerven
-anstürmten gegen Givos kühlen Frieden. Aber sie, die sich einen
-Künstlernamen erworben, konnte sie im Leben untertauchen, als wäre sie
-wirklich verbrannt, konnte sie zu einem ungenannten Stäubchen werden,
-sie, die mit aller Kraft nach Ruhm gestrebt?
-
-Machte sie es wahr, was die Asketen ihrer Sekte predigen, aufzugehen im
-lebendigen All, ein heimlich beseelter Teil, sonst nichts? Und Noemi,
-deren Zärtlichkeit sie nur ungern geduldet, würde die sie nicht aus
-ihrem Verborgensein locken? Er wußte dies eine: wo immer sie war, sie
-hatte verschwinden wollen. Rettung war ihr möglich gewesen trotz aller
-Verhängnisse. Zunächst dem Ausgang war ihre Loge gelegen. War sie um
-seinetwillen, um der Gefährdung willen, in die er sich begeben,
-zurückgeblieben? Es kam keine Antwort auf diese Fragen.
-
-
-
-
- Asche
-
-
- »So jemand zu mir kommt
- und haßt nicht seinen Vater,
- Mutter, Weib, Kinder,
- Brüder,
- Schwester und dazu sein
- eigenes Leben,
- der kann nicht mein Jünger
- sein.«
-
- (Lukas 14, 33.)
-
-Arabella, deren Nerven schon vor der Katastrophe mit Hochdruck
-gearbeitet hatten, fand kaum die Kraft sich all des Entsetzlichen zu
-besinnen. In ihren Fieberträumen sah sie ein blutendes Feuermeer und
-daraus hervorsteigen ihn, den Geliebten, den Erwarteten, das Heiligtum
-ihrer Liebe zu Himmeln entführend, die kein Rauch mehr von irdischem
-Geschehen berühren kann. Und sie sah wahr, Givo hatte sie gerettet,
-hatte nach jahrelanger Trennung das Kleinod seines Gefühles aus dem
-brennenden Unheil getragen. Wie körperlos war diese Rettung, nicht die
-Frau hatte er dem Untergang entrissen, das Weib, das er besitzen wollte,
-die Hülle war es seines geheimen Heils, das er durch Jahre der Kämpfe,
-der Sehnsucht hinter siebenfach verschlossenen Altären anbetend
-verwahrte. Ihn verlangte nicht nach Lebendigem. Was er über die Gräfin
-Arabella Karinska erfuhr, das hatte wenig gemein mit dem Gral seiner
-Seele. Eine junge Frau, vom Geld ihrer Anbeter in einem kleinen Palast
-lebend -- Vollblutpferde, die ein niedliches Kammermädchen mit Zucker
-füttert, scharren vor dem Tor -- während oben ein Fenster sich öffnet
-und die Herrin zusieht, wie es den Lieblingen mundet: so hatte, im Parke
-verborgen, Givo, der Mann, der nach der Geliebten Sehnsucht trug, sie
-erblickt. Eine verwöhnte Frau, die nichts mehr weiß vom Jammer der Welt,
-von den Elendvierteln von London, den Judenverfolgungen in Rußland, dem
-Sklavenhandel und der Nachtarbeit der Fabrikskinder. Zwischen seinem
-Leben und Streben und dem ihren, das im Luxus versandet, liegt eine
-Welt. Aber ihre Seelen wissen nichts von dieser Kluft, sie leben vereint
-untrennbar, unentwirrbar. Daß er sie retten konnte und darob Zora
-verlor, daß diese ins Unerklärliche verschwand, es erstaunte ihn nicht.
-Nichts war ihm wunderbar, ihm, der im Wunderbaren lebte, ihm, der Erden
-des Schmerzes wie unter den gekrampften Händen eines ohnmächtigen und
-dennoch unablässig schöpferischen Gottes tief unter sich zucken fühlte.
-Wie weit war er gewandert seit jener Nacht, da ihm das lichte Vögelchen
-mit dem zuweilen so schwermütigen Gezwitscher entflogen war! An die
-Gestade mythischer Welten war er gelangt. Er schrieb ihr:
-
-»Geliebte, ich sende Dir mein Kind. Seine Mutter ist tot, verschwunden.
-Sie war eine Unglückliche. Ich habe, wie Du weißt, auch meine Mutter
-getötet, nun diese Frau. Laß mich Dir fern bleiben. Ich tauge nicht zu
-Frauen. Mein Weg ist nicht wirtlich. Bleib fern ihm! Ich will Deine
-heiligen Füße nicht blutig sehen im Dornengestrüpp dieses Weges. Du
-sollst die Musik der Sphären mit mir teilen, nicht das Wimmern der
-Menschenqual, das meinen Tag einsingt: Wenn mein Kind bei Dir Heimat
-fände, wie dankte ich es Dir! Sei ihm, was Cecile Dir einst war. Ich
-komme, wenn ich nicht mehr besessen bin von den Bildern des Grauens, die
-in den Leichenkammern der Verkohlten sich in meine Augen brannten. Ich
-komme, Dich zu umarmen und zu -- gehen. Dein
-
- Givo.«
-
-Luise meldet einen Herrn. »Ein Herr in Uniform, von der Marine,« sagt
-sie. Arabella liegt müde danieder und immer schreckt sie zusammen, wenn
-es läutet, denn sie erwartet Givo. Zuerst meint sie, wenn er käme, würde
-alles gut, die Vereinigung vollendet, wenn er auch vom Gehen schrieb,
-aber wie sie so lange wartend liegt, kommt wieder Hellsichtigkeit über
-sie und sie weiß, daß sie ihn nicht wieder gewinnen kann. Die Stunden
-schleiern wie Asche auf sie herab und sargen sie ein. Als Luise den
-Marineoffizier meldet, weiß sie gleich, daß es Normayr ist. Sie hat ihn
-nicht gesehen seit jener Fastnacht, nur einmal dem immer in der Ferne
-Versprengten einen Gruß durch einen Kameraden gesandt. Nun ist er
-gekommen, weil er in Triest, sich eben ausschiffend, in den Zeitungen
-las, daß auch sie im brennenden Theater gefährdet gewesen. Seltsam, oft
-muß sie an ihn gedacht haben, denn er ist ihr nicht fremd; sie fühlt
-plötzlich eine stille Geborgenheit, die von seiner Ruhe ausgeht und die
-ihr die Qual der Wartestunden nimmt. Und obwohl das Gespräch
-konventionell bleibt, ist eine verborgene Herzlichkeit, eine wissende
-Wärme unter den Worten geborgen: die Hoffnung auf ein sicheres
-Wiedersehen zu ruhigerer Zeit. Wie er dann gegangen ist, um bald wieder
-sich für eine Nordpolexpedition einzuschiffen, rinnen rasch, sie selbst
-überraschend, Tränen über ihre Wangen herab. Sie weiß selbst nicht, wem
-sie gelten, ihm, Givo, sich selbst. Dem Leben wohl, dem Leben!
-
-Und tagsdarauf stand ein blasses Kind mit großen, stillen Augen und dem
-lieblichsten Mund neben seiner englischen Nurse vor der Türe der fremden
-Gräfin, bei der es nun wohnen sollte. »Gehen wir nicht hinein?« fragte
-es. »Oh luk!« Die Kleine hatte glückselig den Papagei erblickt. Arabella
-hörte den Ausruf des Kindes und stürzte aus ihrem Bette, ihrer
-entkräfteten Glieder wieder mächtig. »Mein Kind, mein Liebling!« Noemi
-erschrak nicht. Die Frau im weißen Gewand mit dem blassen
-Dulderangesicht glich einem Engel. Es kam ihr eine Erinnerung, ohne daß
-sie es wußte, und unwillkürlich griff sie an ihr Perlenkettchen. Dann
-sagte sie leise der knieenden Frau, auf die Wange deutend, in deren
-Blässe das Feuermal brannte: »Was hast du da? Tut es weh?«
-
-»Nein, Kind, nein, nichts schmerzt mehr, denn nun bist du ja bei mir,
-bei mir,« und sie verbarg ihr Antlitz in der Kleinen Lockenhaar.
-
-Etwa drei Monate nach diesen Begebenheiten erhielt der Graf wieder ein
-Schreiben:
-
-»_Mon cher_ Nicolai, es geht besser, seitdem ich draußen in
-Heiligenstadt wohne. Mutter ist bei mir. Sie, die alles stiller um mich
-macht. Und Noemi heißt der Glücksquell, aus dem ich schöpfe. Ich brauche
-Dir nichts zu sagen von diesem meinem zweiten Leben, in das ich
-zurückgekehrt bin, nachdem ich es damals in Tresano in den Tagen, als
-ich Dich zum ersten Male sah, verließ. Unbewußt war ich ja wohl oft
-darin zu Gaste und gefühlt hab' ich es immer in den Liebesumarmungen,
-und wenn ich schöner Musik lauschte, da war ich ihm am nächsten. --
-Jetzt aber lebe ich in Weihe. Du wirst es mir nicht glauben, ich war
-froh, als Givo abgereist war. Ich ertrug seine Nähe nicht, es war, als
-müßte ich vor Glück vergehen, als müßte er in diesem zweiten Feuer mit
-mir verbrennen. Es war zu viel. Das ist nichts für Menschen, so ein
-überirdisches Glück! Givo ist jetzt in Russisch-Polen, lebt dort unter
-den orthodoxen Juden, die er erretten will. Ich verstehe nicht ganz, wie
-er es plant. Ich glaube, er will ihnen Liebe wecken, Sie leben nur im
-Geist, sagt er, er möchte sie zurückführen zu den Dingen. Er möchte
-ihnen das ruhelose Irren nehmen, ihre Seelen sollen in ein höheres
-leibliches Leben eintreten, um zu gesunden. Er sieht das heutige
-Judentum wie eine Abnormität, eine Krankheit. Dort, wo es auf schönen
-Wegen war, soll es in ein Sektenwesen ausgeartet sein, das er
-zurückleiten will zur Liebe. Wer könnte es besser als er, der sich
-niemals über die anderen erhebt, sondern ihresgleichen wird, um zu
-helfen. Aber ich fürchte, er wagt zu viel. Wirst Du ihn beschützen dort?
-Ich weiß, daß er schwach ist, ich weiß es. Ich vertraue ihn Dir an,
-Nikolai!
-
-Und was mich betrifft? Dein Scheidungsbrief ist vorläufig überflüssig.
-Manuel ist vor den Gerichten nicht Witwer, weil er keinen Beweis
-erbringen konnte, daß seine Frau verbrannt ist. Eine Reihe von Jahren
-muß hingehen, bis der Tod gesetzlich beglaubigt ist. Und wozu auch eine
-Ehe eingehen? Wir sind einig, wie wir es immer waren, und ein Leben wie
-Mann und Weib es führen, scheint uns nicht beschieden zu sein. Er muß
-seinem Genius Deva Nahuscha folgen und sein Lebenswerk weiterfördern in
-Klüften und Bergen, in denen ihm göttliche Sonne strahlt. Vielleicht ist
-er ein Märtyrer und ich muß ihm dereinst mit meinen Haaren das Herzblut
-stillen wie Magdalena des Heilands Füße trocknete. Leb wohl. Du hörst
-Heiteres, sobald der Frühling mich Frierende erwärmt. Deine
-
- Bella.«
-
-
-
-
- Ende
-
-
-Aus den nachgelassenen Schriften des Maurus Perbon geht hervor, daß sein
-Meister Imanuel Givo, dem er sich anläßlich seiner Lehrerschaft in Polen
-und Rußland anschloß, während eines Pogroms, fälschlich für einen Juden
-gehalten, deren Verteidigung er übernommen hatte, um das Leben kam. Dem
-Bericht ist hinzugefügt: »Seine Tochter Noemi Cecilia lebt bei seiner
-Herzensfreundin, der Frau Arabella von Normayr.«
-
-Wie ersichtlich, hatte sich Arabella mit ihrem Jugendfreund, dem
-nachmaligen Admiral, vermählt. Mannsthal besuchte sie vor ihrer
-Verheiratung und bei dieser Gelegenheit soll sich ein Unglück ereignet
-haben, das allerdings glimpflich ablief. Auf nicht völlig aufgeklärte
-Art ging in den Händen der Gräfin ein Revolver los und traf ihren
-Stiefvater an der Schulter. Die Dienstboten behaupteten, daß zur
-nämlichen Stunde die Herrin im Hause vergeblich und sehr erregt nach
-ihrer heißgeliebten Ziehtochter, der vierzehnjährigen Noemi, gesucht
-habe und diese schließlich schwer geängstigt bei dem wunderlichen Herrn
-Mannsthal angetroffen hatte. Luise, die noch immer bei ihr diente,
-wollte gehört haben, wie die Gräfin zu der alten Frau Gunter gesagt
-hatte: »Gott sei Dank, ich kam gerade recht.« Der alte Herr Mannsthal
-war dann vor der Hochzeit, die in aller Stille stattfand, noch mit dem
-Arm in der Schlinge abgereist.
-
-Die zweite Ehe der Gräfin Karinska, die mit dem Grafen Nicolai bis zu
-dessen Tode in regem Briefwechsel verblieb, soll still und sehr
-glücklich gewesen sein. Doch starb Arabella von Normayr allzufrüh an
-einer akuten Herzkrankheit.
-
-Angele hatte die traurige Pflicht ihren Gatten, den Admiral, zu
-verständigen, der sich eben auf einer Seereise befand. Über das Meer
-dröhnte ein Kanonenschuß. Dreihundertzwanzig Matrosen knieten und
-beteten. Eine schwarze Fahne stieg langsam mastaufwärts und flatterte im
-Abendwind, der von den Küsten Japans Blütenduft auf den Schwingen trug.
-Leise löste sich über den gleichmäßigen Wellen der grünlichen See die
-schmale Rauchsäule in die Unendlichkeit.
-
- Ende
-
-
- Druck von »Norbertus« Buch- und Kunstdruckerei vorm. J. Roller & Co.
- Gesellsch. m. b. H., Wien.
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten.
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
-Korrekturen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
- [S. 98]:
- ... Flügel sie zuweilen streiften, und wir ihr dann auch vor ...
- ... Flügel sie zuweilen streiften, und wie ihr dann auch vor ...
-
- [S. 237]:
- ... versorgte sie tagsüber das neun Monate alt Kindchen, ...
- ... versorgte sie tagsüber das neun Monate alte Kindchen, ...
-
- [S. 270]:
- ... blaß, er neigte sie vor, die Antwort rasch aufzufangen. ...
- ... blaß, er neigte sich vor, die Antwort rasch aufzufangen. ...
-
- [S. 371]:
- ... Mistelweg des Heiles bruderselig vom Stamme schnitt. ...
- ... Mistelzweig des Heiles bruderselig vom Stamme schnitt. ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Vögelchen, by Friderike Maria Winternitz
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VÖGELCHEN ***
-
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-
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of computers
-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
-809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
-page at http://pglaf.org
-
-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To
-SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
-particular state visit http://pglaf.org
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
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-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
-To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
-
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
-
-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
-
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
-unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
-keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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-Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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