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diff --git a/57114-0.txt b/57114-0.txt new file mode 100644 index 0000000..87fa7b9 --- /dev/null +++ b/57114-0.txt @@ -0,0 +1,11296 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 57114 *** + + + + + + + + + + Friderike Maria Winternitz + + + + + Vögelchen + + + Roman + + + 1919 + S. Fischer, Verlag + Berlin-Wien + + + Erste bis achte Auflage. + + + Alle Rechte vorbehalten, besonders das der Übersetzung. + Copyright 1919 S. Fischer, Verlag, Berlin. + + + Romain Rolland dankbarst + für viele Güte und Freundschaft + + + »Ich nenne sie deshalb + Vögelchen, weil es + etwas Reizenderes als Vögelchen + nicht gibt.« + + Dostojewski »Der Idiot«. + + Fürsten der Erde und Sklaven, blutig gegeißelt, + Kamen wie Brüder zusammen im Dome unserer + Andacht: + Den Friedenskuß brachten wir allen gezeichneten + Stirnen, + Der Erde drückendste Träume wie heimlich Seufzen + der Mutter waren uns verständlich + Und, wo sich abwandten unsere Brüder voll + Grau'n, liebten wir noch. + + Ottokar Brezina »Wahnbethörte«. + + + + + Kindheit + + +Etwa um das Jahr 1860 fand in Wien, im Hause einer adeligen Dame, eine +Ausstellung von Miniaturen statt, in der besonders zwei Sammlungen, die +Adalbert Mannsthals, des Besitzers oder Großaktionärs der +Mannsthal-Werke, und die des Nervenarztes Dr. Clemens Urbacher, +Aufmerksamkeit erregten. + +Mannsthals Sammlung war die eines sehr reichen Mannes, der sich sowohl +Bestes als auch Reichhaltigkeit gönnen konnte. Sie unterschied sich +wesentlich von der Urbachers, der als theoretischer Gelehrter über +geringe Einkünfte verfügte, als wohlhabender Bürgerssohn nicht mehr als +einer angenehmen Sorglosigkeit sich erfreute. Seine Miniaturen waren mit +Bedachtsamkeit ausgewählt und niemals ohne das Bewußtsein des Luxus, den +der Ankauf bedeutete. Er fand es sündhaft für ein Bildchen, für eine +bemalte Dose oder Brosche viel Geld auszugeben, als Philanthrop fühlte +er dies angesichts des menschlichen Elends, der Spitalsnot, der +wirtschaftlichen Wirren. War er nun aber wahrhaftig solch ein Sünder, +der vor einem Elfenbeinangesicht, das mit verträumten Augen in ein +entschwundenes Leben lächelt, an schlecht dotierte Nervenanstalten, +skrofulöse Kinder und rekonvaleszente Frauen vergessen konnte, so mußte +Adalbert Mannsthal, trotz seiner wohltätigen Aktionen, ein noch viel +größerer Frevler gewesen sein. Seine Leidenschaft für diese +verbleichende Kunst, die um so rührender ist, weil sie wohl auf immer +der Vergangenheit angehört, war so groß, daß er ihr seine lebendige Frau +geopfert hat, seine liebliche und sanftmütige und noch jugendliche Frau. +Die Sache hatte seinerzeit in Wien viel von sich sprechen gemacht, denn +das kleine Mädchen, das Frau Martha Mannsthal in die Ehe gebracht hatte, +verblieb bei dem Stiefvater. Es verlautete, daß zur Zeit der Heirat ein +Kontrakt zustande gekommen war, wonach Arabella, das Kind, im Falle +einer Scheidung, wie ein in der Ehe geborenes, dem schuldlosen Teile +zugesprochen werden sollte. Man hatte herumgedeutet, was wohl die +Beweggründe dieses nicht alltäglichen Vertrages sein mochten. Die einen +waren der Ansicht, daß Mannsthal dadurch die Frau fester an sich binden +wollte. Böse Zungen meinten darin ein Warnungszeichen zu erblicken, ein +Mißtrauen gegen die Beständigkeit der Dame. Andere behaupteten, +Mannsthal hätte das kleine Mädchen so lieb gewonnen, daß ein etwaiger +Verlust ihm unerträglich schien, und ein nicht ganz harmloser Spötter, +der zu dieser Gruppe gehörte, deutete, daß es ja immerhin möglich wäre, +daß das kleine Mädchen der entscheidende Grund zur Heirat gewesen sei, +und daß nicht die Frau, sondern das Kind es vermocht hatte, aus dem +Sonderling und Eigenbrödler einen seßhaften Ehemann zu machen. +Keinesfalls konnte ein Zweifel darüber herrschen, daß Mannsthal seine +Frau nach der Geburt des Töchterchens kennen lernte, denn sie hatte mit +ihrem kranken Manne in Ägypten gelebt, während Mannsthal gerade in +diesen Jahren keine größere Reise unternommen hatte. Das Gericht hatte +möglicherweise Mannsthal als den richtigen Vater anerkannt, was wohl +eine Bedingung zur Abfassung des Vertrages gewesen sein mochte. Wenige +Wochen vor der Scheidung hatte man in Gesellschaft der hübschen Frau +einen Ausländer auftauchen sehen, dem alle äußeren Merkzeichen eines +Frauenverführers zuzusprechen waren. Diejenigen, die die Vereinbarung +dieser Eheschließung kannten, waren über die Kühnheit verwundert, mit +der die Mutter mit dem Feuer spielte. Zu dieser Zeit hatte Mannsthals +Sammlerleidenschaft ihren Höhepunkt erreicht und man schwärzt ihn nicht +an, wenn man behauptet, daß er ihr seine Frau hintanstellte und deren +Wünsche den Unsummen opferte, die er für seine Miniaturen verausgabte. +Auffällig war, daß das kleine, ungemein zarte Mädchen nach wie vor wie +ein Prinzeßchen gehalten wurde und sich über keinerlei Zurücksetzung von +seiten des Stiefvaters zu beklagen hatte. + +Urbacher kam kurze Zeit nach der Scheidung in Mannsthals Haus, um eine +seiner Neuerwerbungen zu besichtigen, und bei dieser Gelegenheit lernte +er sein Töchterchen Arabella, das Vögelchen, kennen. Niemand dachte +daran, daß dieses Mädchen -- es war damals etwa fünf Jahre alt -- einen +andern Namen führen könnte. Es war scheu, lebhaft, sanft und versonnen, +zart und wärmebedürftig, irgendwie der Natur, ja dem Erdmagnetismus +verschwistert, und seine Stimme war wie ein Sang, der durch eine Stille +tönt. Unwillkürlich schwieg alles, wenn Vögelchen sprach. Jeder fühlte +sich geneigt, es wie ein aus dem Nest gefallenes Junges gleichsam mit +der warmen, gehöhlten Hand zu decken und zu schützen, und blieb dennoch +zaghaft, vorausahnend, daß es mit leichten Flügeln den zarten Körper +heben und entflattern würde, wenn man sich ihm allzusehr näherte. Und +doch war es so zutraulich, daß von ihm selbst Ermutigung auszugehen +schien, es zu greifen. + +Was Vögelchen auch in den späteren Jahren über die Maßen reizend machte, +war das völlig Unbewußte, fast Heilige ihres Wesens, das nicht dem eines +Menschenkindes glich und etwas von der berückenden Schuldlosigkeit der +Tiere an sich hatte. Urbacher fiel es gleich an ihrem Äußern auf, daß +sie eine große Ähnlichkeit mit jenen malerischen Gebilden hatte, die +Adalbert Mannsthal zu seiner Gesellschaft erkoren hatte. Ihr Gesichtchen +war so weich, zart und unwirklich wie das der Miniaturen, ihre Züge wie +mit einer leisen Feder gezeichnet, ihre Augen klug, lächelnd und von +Sehnsucht erleuchtet, so stark im Ausdruck, daß dies unheimlich +Heimliche der Seele klar zu sprechen schien und gewiß nur die +menschliche Stumpfheit schuld trug, wenn sie diese Botschaft nicht +erfassen konnte. Alles Beiwerk ihrer Erscheinung verflüchtigte sich +gänzlich, war wie aufgelöst durch ihren überstrahlenden Blick. Als +Urbacher Vögelchen inmitten dieser Bildchen sah, die ihren Namen, wie +Diderot behauptete, von dem zart einschmeichlerischen Worte mignard +ableiten, fiel ihm jener Spötter ein, der vielleicht im bösen Sinne die +wahre Deutung von Adalbert Mannsthals Ehe gefunden hatte. + +Wenn man also mit hinlänglicher Sicherheit davon ausgehen konnte, daß +die erblühte Anmut der geschiedenen Frau den Schönheitssucher Mannsthal +weniger gefesselt hatte als die des kleinen Mädchens, so war die +Eifersucht, die ihre Mutter der Sammelwut ihres Gatten entgegenbrachte, +ein Kampf um die Vorzugsstellung, die dieser der Tochter einräumte, der +Kampf der Blüte gegen die Knospe. Man bedenke, daß sie die Klausel des +Ehekontraktes kannte, in die sie in der vollsten Sicherheit ihrer selbst +wie in eine Laune gewilligt hatte, da sie in ihr nur den Beweis einer +starken Zuneigung vermutete. Man mußte jedoch Adalbert Mannsthal kennen, +um es zu wagen, den Verdacht auszusprechen, daß er vom Augenblick, da er +Vögelchen sah, planmäßig vorging, um eines Tages in ihren alleinigen +Besitz zu gelangen. Man mußte seine Natur kennen, die es glaubhaft +machte, daß er seine Frau nicht einmal als die beste Pflegerin +Vögelchens neben diesem duldete, wiewohl er an dieser etwas willensmüden +Gefährtin sicherlich seine Freuden hatte. + +Mannsthal hatte jene Freundschaft mit dem Ausländer, die ihm den Vorwand +zur Scheidung bot, gleichmütig, ja wie mit Schadenfreude geduldet. Weiß +Gott, welch teuflischer Plan in ihm erwacht war. Es erscheint nicht +unmöglich, daß er selbst es gewesen sein konnte, der diesen Aventurier +gedungen, seine Frau zu versuchen. + +Die Sammler sind ein eigenartiger Menschenschlag. Sie haben etwas von +den rastlosen, unterirdischen Tieren, von den neidischen Hamstern und +Mardern. Von diesen heißt es, sie seien klug, listig, mißtrauisch, +behutsam, äußerst mutig, blutdürstig und grausam, gegen ihre Jungen aber +ungemein zärtlich. Die Art, wie der Hamster sich für magere Zeiten +versorgt, ist allen bekannt. Jedenfalls schien Mannsthals Bemühen um +dieses Kind ein Aufsparen für die Zukunft. + +Die Erziehung und Pflege, die der Kleinen zuteil wurde, war ganz darauf +gerichtet, lange in ihr das Kindliche zu schonen und zu erhalten. +Vögelchen besuchte niemals eine Schule, ja, es fanden sich erstaunliche +Lücken in ihrem Wissen, als sie den Jahren nach schon ein großes Mädchen +war. Von den Zielen der Aufklärung, die damals im Unterrichtswesen +allmählich Wurzel faßten, blieb Vögelchen gänzlich unberührt. Ihre +Körperpflege war danach angetan, ihr eine kühle Zartheit zu bewahren. +Mannsthal ließ sie niemals aus den Augen; ohne daß sie dies fühlte, war +sie allüberall von seiner Wachsamkeit umstellt. Das bedeutete nicht, daß +Vögelchen ängstlich abgeschlossen war. Sie sah Kinder um sich, aber sie +waren meist viel jünger als sie selbst und niemals altklug. Auch vom +Kreise der Erwachsenen, die in Wien bei ihrem Stiefvater aus- und +eingingen, verbannte man sie nicht, wohl weil sie selbst niemals unter +ihnen blieb, sie flatterte an ihnen vorüber. Anders wollte sie es selbst +nicht. Sei es daß Mannsthal eine Art Hypnose auf das Kind ausübte oder +daß alles, was sie tat, sein Wunsch zu sein schien, weil er nichts +anderes zu wünschen vermochte, eine seltsame Harmonie herrschte zwischen +den beiden, die manchmal ein leidenschaftliches Aufflammen der Seelen +krönte. Trotz allem schien es, daß Vögelchen Mannsthal nicht liebte wie +einen Vater. Es war auch etwas von der Anhänglichkeit der Zirkuskinder +für ihren Peiniger, der Wunderkinder für ihren Impresario in ihrem +Gefühl. Ein viel zu starkes Innenleben wohnte ihr inne, um nicht im +Unbewußten zumindest Ahnung zu erwecken, daß man an ihrer Mutter +gefrevelt und sie um diese beraubt hatte. Man hatte ihr nichts erklärt, +und sie schwieg. Aber, wenn sich der Eindruck des nestlosen, frierenden +Vögelchens verstärkte, war es, als dächte sie an die Mutter, die nach +einem hartnäckigen Kampf es aufgegeben hatte, ihr Töchterchen +zurückzugewinnen. Dennoch war ihr Verteidiger und Anwalt ein +leidenschaftlicher junger Geist, ein fulminanter Redner gewesen, von dem +die Rechtswelt noch viel erwartete. In seinem Plaidoyer hatte er den +Spieß umgekehrt und Mannsthal des Treubruches angeklagt. »Ist es nicht +ganz unwesentlich,« hatte er gesagt, »ob die Frau, der ich ein Vermögen +opfere, der ich mich mit allen Fibern hingebe, um derentwillen ich mein +angetrautes Weib der Verlassenheit und ihren Gefahren preisgebe, ist es +nicht unwesentlich, daß diese Frau nicht eine greifbare Verführerin ist? +Der Sammelleidenschaft hat Herr Adalbert Mannsthal gehuldigt, mit ihr +hat er Orgien gefeiert. Er hat dem Laster gefrönt. Und wenn in Ihren +Augen auch der Verdacht gegen Frau Mannsthal berechtigt erscheinen +könnte, wenn man auch sie des Lasters bezichtigen könnte, Sie werden +sich nicht der Gerechtigkeit versagen, Adalbert und nicht Martha +Mannsthal als den schuldigen Teil zu erkennen. Denn, meine Herren, was +ist das Laster überhaupt? Laster ist unendliche Hingabe. Vielleicht +finden wir darin den Schlüssel, daß es Menschen gibt, die durch die +Gewalt ihrer Hingebungsfähigkeit zugleich Heilige und Lasterhafte sind. +Wenn nun ein Mensch seine Hingebungsfähigkeit, die ein anderer verkannt +und verraten hat, einem Menschen schenkt, der mit den heißesten Wünschen +darum wirbt, der Verräter und Verkenner dieses Gefühles sich hingegen an +ein Phantom verliert, einer Unwirklichkeit das lebendig zuckende Herz +opfert: welcher von den beiden, meine Herren, ist der Sündhaftere, der +Schuldige?« + +Der junge Verteidiger vermochte die Herren des Gerichts nicht zu +überstimmen, der Prozeß konnte nur im Vergleichsweg ausgetragen werden. +Martha Mannsthal aber verheiratete sich nach Jahresfrist mit ihrem +Rechtsanwalt. + +»Aller guten Dinge sind drei,« sagte ihr zweiter Mann, als er es erfuhr. + +Vögelchen aber wußte nichts von dem freiwilligen Verzicht, den der +feurige junge Redner ihrer rechtsunkundigen Mutter abgezwungen hatte zur +Erlangung eines beträchtlichen Vermögens, das Mannsthal bot, und zur +Vermeidung einer allfälligen strafrechtlichen Verfolgung. Vögelchens +Augen fragten zwar unablässig in das Leben, das ihr fremd und weit war, +aber sie schienen eine Antwort nicht abzuwarten, als scheuten sie ihr +Wissen. Nirgends verblieben sie lange, als fürchteten sie, zu warm zu +werden, so stark war ihr Schauen. So hielt sie denn bei niemandem still. +Urbacher war es damals allein beschieden, ihres Rastens froh zu werden. +Von allen Menschen, die bei Adalbert verkehrten, war er der einzige +(wohl auch dank seiner Eigenschaft als Arzt), dem Vögelchen sorglos +anvertraut wurde. Niemals aber -- und wie recht gaben die zukünftigen +Ereignisse diesem Empfinden -- fühlte er dieses Vertrauen als festen +Besitz. Dennoch gelang es ihm im nahen Beisammensein den Sinn zu +erforschen, der Vögelchens Fliehen und Flattern bewegte. Sie war ein +kleiner Zugvogel, der in unserer Kühle nicht Heimat hat, einer großen +Wärme bedürftig und dennoch die große Flamme fürchtend; einer Glut +schien sie aufgespart, die sie ersehnte und scheute. Irgendwo im Leben +wartete sie und vielleicht war sie nicht allzu ferne. Dem Freund ward +nicht bange. Vögelchen hatte Schwingen, die kein Feuer versengen und +verzehren würde. + +Urbacher schrieb damals in sein Tagebuch, das nach seinem Tode einigen +vertrauten Freunden zugänglich gemacht wurde: »Ich kann es nicht +verschweigen, daß jede Guttat, die ich verrichtete, mir auf +geheimnisvolle Weise von Vögelchen abgefordert wurde. Ich befand mich +oft in einem Zustand äußerster Anspannung, in einem traumhaften Bann, +der mich zum Vollstrecker allerlei Zartheiten machte und meine +Feinfühligkeit erregte. Aber ich muß gestehen, daß ich meine Sehnsucht +nach einem Übermaß der Güte, ja eines Heiligseins schließlich nur aus +dunklen Trieben zu sättigen vermochte. Es ist ein eigen Ding um solches +Sehnen, das sich mit einer falschen Antwort auf seine Fragen beruhigen +läßt, als müßte aus dem wissentlichen Unterliegen rein und klar die +Demut erwachsen, wie oft eine wunderliebe Blume aus dem Morast ihre +Reinheit erhebt. Meine eigene Schwachheit flößte mir Mitleid ein und +Verstehen. Daraus erklärt sich, daß ich Mannsthals Freund geblieben war, +als ich ihn vor meinem innern Auge entlarvt hatte. Um Vögelchens willen +mußte ich ihm Handlungen verzeihen, die ich selbst wohl niemals begangen +hätte. Ich empfand vor der Planmäßigkeit, mit der er seinen Besitz +erschlichen, bewahrte und verwahrte, ein fast physisches Gefühl, das +Grauen und Lust in sich paarte. Mannsthal schien ein Kühler. Sein Geist +war durch nichts überwuchert, mit nichts durchsetzt, er war gleichsam +durch die Sinne zur äußersten Oberfläche seiner Handlungen getrieben, +und hier in stetem Spiel. Ich habe niemals ein Gefühl bei ihm entdeckt, +das ganz schlackenlos und, wenn ich sagen dürfte, geistlos aus ihm +loderte. Ich ahnte, daß er äußerster Dinge bedurfte, um seinen Geist zum +Scheintod zu zwingen. Ein Hang zur Unmäßigkeit war ihm eigen. +Entschlüsse brachen blitzartig aus ihm, er war ihnen verfallen wie einem +geheimen Befehl seines Unterbewußtseins. Der Abbruch unserer Beziehungen +war ein solcher Entschluß. Und dennoch war Mannsthal unbedingt das, was +man einen edlen und in mehrfachem Sinn einen gemeinnützigen Menschen +nennt. Es fehlte ihm weder an impulsiver noch an wohlbedachter Güte, +obwohl auch an seiner Schädlichkeit nicht zu zweifeln war.« + +Zu jener Zeit verfolgte Mannsthal dem Kinde gegenüber die Verwirklichung +seiner Vorstellungen in einer Art, die grausam zu nennen war. Er wollte +Vögelchen wie ein Wesenloses, ein Bild genießen, er hätte sie hungern +lassen, damit sie leicht bleibe wie ein Schmetterling. Er wollte sie wie +eine Vision in seinem Leben haben, er vergötterte und förderte ihre +Zerbrechlichkeit. Urbacher aber liebte ihre Zartheit, die ihm wie eine +Gefahr schien, für die er immer bereit sein mußte. »Wundersam war es +mir,« so schrieb er, »die Wandlungen zu beobachten, denen Vögelchens +Wesen unterworfen war. Wie die starre Unzugänglichkeit der +byzantinischen Malerei sich in die kindliche Freundlichkeit der +toskanischen und sienensischen Mystiker wandelt, so erblühte aus dem +strengen Kind ein magdhaftes, stolzes und doch schüchternes Wesen, wie +Ambruogio Lorenzetti, der stille seine Madonnen malte, als eben der +heilige Franziskus die Natur entsühnt hatte. Das sinnend zur Seite +geneigte Köpfchen, die minnigliche Holdseligkeit der schmalen Arme und +Hände, die Biegung der Gestalt, über all dies körperlich Verengte, über +die überirdische Lieblichkeit, diese Schwingungen der Zartheit, schwebte +der träumerische, himmlische Friede des Trecento. Als wäre sie aus den +Bildern jenes anmutreichsten Deutschen, aus Stephan Lochners Tafeln, zu +uns herabgestiegen mit der mädchenhaften Schalkhaftigkeit seiner +Madonnen, als käme sie aus den Welten jenes Fraters, der hinter den +Klostermauern von San Marco schuf. Ihr Füßchen schien feucht von den +Wiesen auf Fra Angelicos Bildern, die im Frühlingsschmuck prangen, und +manchmal waren kleine, ungefährliche Teufelchen um sie, wie sie der +Gute, Lichte gemalt. Oft aber, wenn sie eben getollt und gelacht hatte, +geschah es, daß sie reglos still wurde, als horche sie. Da konnte sie +ihre artigen Manieren vergessen und minutenlang in ein Antlitz starren +mit einer Neugier, die grausam schien. Wenn der von ihr Gemusterte +umgesunken, wenn vor der Tür ein Schuß gefallen wäre oder eine ersehnte, +unerwartete Stimme sie gerufen, sie hätte den festgesaugten Blick nicht +von dem Gegenstand ihrer Wißbegierde gewandt. Was sie erforschte, +erzählte sie nicht, doch war es oft erstaunlich, wie unterrichtet sie +war. Ihre kindliche Ahnungslosigkeit blieb dennoch unerschütterlich. Sie +selbst aber glaubte mit einer gar zu drolligen Genugtuung, den Dingen +auf den Grund gekommen zu sein.« + +Adalbert Mannsthal hatte gleich nach seiner Scheidung das alte +Familienhaus verlassen und ein Haus gekauft, in einem Bezirk, in dem +noch alte Gärten vom merkantilen Unternehmersinn verschont geblieben +waren. Es wäre ganz undenkbar gewesen, daß Mannsthal, der in feudaler +Umgebung aufgewachsen war, mit fremden Leuten in einem Hause wohne, in +einem Zinshaus. In seinem Heim erinnerte eigentlich nichts an eine +bestimmte Zeit. Die Räume waren alle groß, still und nicht sehr hell. +Die Luster waren Kerzenträger, die Spiegel hatten Metallrahmen, die +Bücher standen hinter schweren smaragdfarbenen Seidenvorhängen, die +Sitzmöbel schienen unbeweglich, so massiv waren sie. Antike Kunstwerke +und wertvolles Porzellan schmückten die Wände. Vögelchen sah um so +zierlicher aus in dieser Umgebung. Aber die ein wenig düstere Lage des +Hauses und der tiefe Schatten des umschlossenen Gartens machten einen +längeren Sommeraufenthalt für das Kind unumgänglich. Mannsthal besaß aus +der Erbschaft nach einer Tante ein Landhaus an einem See der Kalkalpen. +Dieses bestimmte er für Vögelchens Sommersitz. Er selbst verbrachte +gewohnheitgemäß einen Teil der warmen Jahreszeit in einem Wildbad, das +er einmal wegen eines Leidens aufgesucht hatte. Seltsam verjüngt kehrte +er immer von dort zurück. Während seines Fernseins wohnte Urbacher in +dem Landhaus am See und verließ es gewöhnlich bald nach Mannsthals +Eintreffen, um seine einsamen Gebirgswanderungen anzutreten. + +Der Aufenthalt am See ward Urbacher die schönste Lebenszeit. Wie +beglückend war ihm das Bewußtsein, daß der künftige Tag und die vielen +folgenden ein Wiedersehen mit Vögelchen bargen, daß er sie sehen konnte, +wann er wollte, bei ihren kleinen Gärtnerarbeiten, bei den ergötzlichen +Schulstunden, die sie, die Unbelehrte, mit den Bauernkindern abhielt, im +Kahn, im Bade, im Walde, wo sie so durchscheinend blaß erschien, in +ihrem Zimmerchen, das ein wenig phantastisch war, etwa wie das Zelt +eines kleinen Indianerhäuptlings. Vögelchen liebte Fische. In dem Teich +mit der Fontäne, deren Stimme sich in ihre Träume mischte, zog sie große +Goldfische und eine andere weißliche Art, die sie Mondstrählchen nannte. +Sie verehrte sie wie heilige Tiere. + +Die Wochen, da ihr Stiefvater abwesend war, benützte Urbacher, sie zu +belehren, und ihren Geist von dem eigenen bewegten Innern auf dieses +anderer Menschen und Geschehnisse zu lenken. Märchen ergötzten sie +nicht. Sie schienen farblos zu sein gegen solche, die sie selbst ersann. +Waren ihr doch die wirklichen Ereignisse wundersame Begebenheiten, für +die sie absonderliche und unzutreffende Deutungen fand. Daß sie das +Leben wie ein Wunderland sah, unheimlich und doch nach ihrem Sinne, ohne +Unerklärlichkeit, das erfüllte den Freund oft mit dem Bangen wie vor +einer unabwendbaren Katastrophe. So marionettenhaft ihr auch die +erdachten Märchen erschienen, so unermüdlich horchte sie den Berichten +aus fremden Ländern. Sie war darin wie ein Junge. Ihre Bibliothek +bestand aus Reisebeschreibungen. Sie liebte auch die Berichte von großen +Taten und die Schicksale der Hilfsbedürftigen und Bresthaften fesselten +sie. Aber auch das Dämonische und Grausame erweckten in ihr eine fast +fieberhafte Neugier und es war unklar, ob dies aus Mitleid für die Opfer +oder aus jenem bösen Instinkt geschah, der Kindern mehr als Tieren eigen +ist. Urbacher fragte sich oft, ob Vögelchen ihre Lebensweise nicht eines +Tages als Zwang empfinden würde, ob nicht schon Sehnsucht heimlich an +ihr zehrte. Man ergründete niemals die eigentliche Quelle ihrer +Zartheit. Noch schien sie ganz ruhig, ausschließlich auf die kleinen +Dinge gerichtet, mit denen sie ihr Leben bevölkerte. Sie hatte eine +seidenhaarige Katze, Fische, Reisebücher, Blumen und einen kleinen +buckligen Bauernbuben zum Pagen. Sie trug jahraus jahrein weiße Kleider +und farbige Ketten, die sie selbst verfertigte, des Sonntags eine +zierliche echte Perlenschnur, ein Andenken von der Mutter. Sie sammelte +Muscheln, Schmetterlinge und Käfer und nähte mit ihrer alten Wartefrau +Kleidchen für arme Kinder, die meist zu klein ausfielen. Mit Mannsthals +Gästen freute sie sich, obwohl sie viele unter ihnen nicht liebte, und +stürzte sich mit hungrigen Fragen auf sie. Von der Welt, die man die +Gesellschaft nennt, schien sie nichts zu wissen. Ihr war jeder Mensch +ein zusammenhangloses Wesen und sie hielt ihm nichts zugute, da sie die +Beziehungen seines Lebens nicht kannte und verstand. Oft aber entzückte +sie ein Selbstverständliches. Urbacher verfiel immer wieder in +Grübeleien über Vögelchens Zukunft. Mannsthal aber war keinerlei +Erwägungen zugänglich. Man schlug ihm vor, mit Vögelchen zu reisen, da +ihr Interesse für fremde Gegenden oft leidenschaftlich hervorbrach. Wenn +nun auch Arabella noch keinerlei Unruhe zeigte, durfte Mannsthal ganz +sicher sein, daß sie nicht in ihr unsichtbar sich vorbereitete? Als man +ihm darüber Vorstellungen machte, meinte er, die Kleine sei eben nicht +wie andere Vierzehnjährige, und sein Lächeln schien hinzuzufügen, er +habe dafür gesorgt, daß ihr noch keine Flügel wüchsen. Es geschah +jedoch, wie Urbacher es voraussah. + +Es begab sich, daß Mannsthal, der Doktor und Vögelchen an einem blauen +Juliabend an das jenseitige Ufer des Sees ruderten. Dort war vor kurzem +ein verlassenes Schloß zu einer Fremdenherberge verwandelt worden. Auf +der Terrasse, die weit ins Wasser hinausgebaut war, standen die Tische +und Sessel, in denen die Reisenden und erholungsuchende Menschen sich +müßig gegenüber saßen. Man konnte weithin den erhellten Saal sehen, aus +dem oft wiegende Tanzmelodien klangen. Modisch gezierte Leute gingen hin +und wieder. Adalbert, der diese Welt nicht suchte, aber niemals mied, +begann mit Spott über dies Leben zu sprechen, das die Menschen zu +Pagoden mache, in die Landschaft schlechte Farben und grelle Töne +brächte. Es schien plötzlich eine Unrast in ihm zu sein wie in einem +Tier, das etwas wittert. Der Abend barg eine von fremdem Duft beladene +Schwüle, wie sie Gewitternächten vorangeht. Adalbert und der Doktor +hatten fast den ganzen Tag im Studierzimmer verbracht, in die +Angelegenheit einer Fälschung vertieft, der sie auf der Spur zu sein +glaubten. Auch Vögelchen war den ganzen Tag über allein gewesen, wie +vergraben zwischen ihren Blumen und Tieren. Das belebte Gelände am See +erschien den aus der Einsamkeit Tauchenden wie eine Luftspiegelung; ganz +fremd sah es in ihr Leben. Aber während Adalbert weiter sprach, als +fürchtete er eine Stille, in die dies Fremde lauter tönen könnte, waren +Vögelchens Augen mit jenem sich ansaugenden Ausdruck auf das Gestade +gerichtet. Mannsthal saß am Steuer, während Urbacher in lässiger +Betrachtung des neuen Bildes die Ruder gesenkt hielt. + +Als er sie wieder aufnahm, sagte Vögelchen: »Bleiben wir noch.« + +»Nein, wir müssen zurück. Es kommt Sturm,« mahnte Mannsthal. + +»Steigen wir aus,« bat Vögelchen. »Ich will nicht bei Sturm auf dem See +sein, bitte, Va.« Sie sagte Va. Sie vermied, Vater zu sagen. + +»Unmöglich, Kind.« + +In dem völligen Gleichklang der Wünsche, der zwischen Vögelchen und +ihrem Stiefvater herrschte, war dieser Mißton ein Ereignis, der schon +einer starken Reibung gleichkam. Vögelchen biß die Lippen zusammen und +preßte erbleichend die Hände aneinander. Ihr Blick blieb unverwandt auf +das Ufer gerichtet, während Urbacher langsam heimwärts ruderte. Doch +plötzlich schien sich die Pein zu lösen und einer neuen Hoffnung zu +weichen. + +»Ich möchte dort wohnen,« sagte sie und ihr schmales Gesichtchen war von +einer Freude und wie von einem Erstaunen über diese erhellt. Aber in +diesem Augenblick, da ein heißer, plötzlicher Wunsch ihrer Sehnsucht die +Tore brechen wollte, sah sie den Widerstand und der Anprall war stark. + +»Was müßte geschehen, Va, daß ich in diesem Schlosse wohnen kann?« rief +sie. + +»Nichts kann hiezu geschehen,« sagte er. + +»Müßte das Schiff brechen und wir von den Leuten dort gerettet werden?« +fragte sie weiter. + +»Keiner würde für uns seine feinen Schuhe naß machen,« erwiderte +Mannsthal. + +»Wenn wir nun heimkämen und das Haus stünde nicht mehr da,« fragte sie, +sich an das Wunder klammernd. Und als sie Mannsthal lächeln sah, fuhr +sie fast böse auf. »Könnte es denn nicht abgebrannt sein oder +eingestürzt? Wenn ich es ganz fest wollte, Va. Dann müßten wir im Schloß +bleiben, es ist das einzige Obdach,« jubelte sie. + +»Und dein Dachzimmer mit den Puppen, Ari,« sagte Mannsthal fast +höhnisch, als wollte er sich rächen. + +Vögelchen errötete und verstummte. In einer Mansarde bewahrte sie noch +Spielzeug auf und ihr kleiner buckliger Page hatte jüngstens verraten, +daß sie dort heimlich spiele. + +Spät abends an dem darauffolgenden Tage, da Mannsthal in einer +geschäftlichen Angelegenheit in die Kreisstadt gefahren war, spürte man +plötzlich im Wohnhaus einen beizenden Geruch. Rauch schlug aus dem +schwedischen Ofen. Gleichzeitig polterte der Knecht aus seiner Kammer +die Bodenstiege herab. Das Haus brannte. Urbacher warf sich in seine +Kleider und stürzte in Vögelchens Zimmer. Das Bett war zerwühlt. Er rief +nach dem Kinde -- kein Laut. Die Dienerschaft war schon auf den Beinen. +Niemand hatte Arabella gesehen. Er gab Befehle, aber alles schien +unwichtig, ehe man nicht Vögelchen gefunden hatte. Das Feuer ging von +einer Vorratskammer am Dach aus. Es war zweifelhaft, ob man das Haus +würde retten können, da es fast ganz aus Holz gebaut war. Das Wasser war +nahe, aber außer einem Gartenschlauch gab es keine wirksamen +Löschgeräte. Etwa zehn Minuten entfernt lagen drei kleinere Ansitze, das +Dorf war doppelt so weit und seine Bewohner waren Mannsthal übel gesinnt +seit einer Straßenangelegenheit, die er durchquert hatte. Es war nicht +viel Hilfe zu erhoffen. Alles lief in fieberhafter Angst umher, hatte +man nur Vögelchen in Sicherheit, dann mochten Hof und Haus in Trümmer +zerfallen! Urbacher riß Türen auf, lief in den Garten, stürzte ins Haus +zurück, hinauf bis zum qualmenden Dachboden. Da hörte er schluchzen. Es +war das Weinen eines Kindes, das sich verlassen fühlt und dennoch, wie +von Trotz gehalten, nicht um Hilfe rufen will. -- In der kleinen +Mansarde neben ihren verborgenen Puppen kniete Vögelchen. Der Rauch wob +einen Schleier um sie, in ihrem Nachtkleid mit dem aufgelösten Haar war +sie einem Engel vergleichbar. Dies hatte sie heraufgetrieben: sie wollte +die Puppen retten und schämte sich, sie aus ihrem Versteck zu ziehen. +»Vögelchen,« rief Urbacher glückselig, und gleichzeitig fühlte er, wie +eine andere Angst noch als die um des Kindes Sicherheit ihn freiließ. +Sie war es nicht, die den Brand gelegt hatte. In diesem Falle hätte sie +die Puppen, an denen sie so sehr hing, schon früher in Sicherheit +gebracht. Aber warum weinte sie nun, da sie das Feuer tags zuvor +erwünscht hatte? Sie sah Urbacher nun aus einem totenbleichen Antlitz +regungslos an. Er riß sie auf, während sie noch rasch eine der Puppen an +sich preßte, und trug sie in die Nacht hinaus. Niemals hatte Urbacher +sie so in den Armen gehalten, »zurückgewichen in die bewußtlos-fromme +Majestät der Kindlichkeit, der sie ihr Schmerz entriß«. Er fühlte ihren +zarten Körper durch die leichte Hülle und hätte weinen mögen. Schon lag +der Widerschein der Flammen auf dem See und tanzte in den Wellen, die +der Nachtwind mit leiser Hand aufwarf. Im Bootshaus bettete er sie in +den Kahn, doch als er sich wenden wollte, zum Rettungswerk +zurückzukehren, fühlte er sich von zwei schlanken Armen umhalst und ein +tränennasses Gesichtchen preßte sich an seine Wangen. Eine heiße Stimme, +in der die Vögelchens kaum wiederzuerkennen war, flüsterte flehend: +»Führ' mich hinüber, dorthin, siehst Du? Es sind noch Lichter dort. Ich +will das Feuer nicht sehen.« + +»Kind, Kind,« bat er und wollte sich losmachen. Aber ihre Finger gaben +ihn nicht frei. Es war, als hätte sie Eisen in ihren mageren Händchen. +»Ich komme wieder,« sagte er. Da ließ sie ihn. + +Die Löschaktionen waren im Gange. Auf der Landstraße, die längs des Sees +lief, sah man ein Licht tanzen. In rasender Eile näherte es sich dem +Brandplatz. Das war des heimkehrenden Adalbert Wagen. Urbacher stürzte +in das Studierzimmer, warf einige kostbare Bücher und Manuskripte ins +Freie, fand tastend im Rauch in dem aufgesprengten Kasten Mannsthals +Wertgegenstände, die er seinem Diener übergab. Im Schein der Flammen +raffte man etwas von Vögelchens aus den Fenstern geworfenen Kleidern +zusammen. Urbacher stürzte zurück in das Bootshaus. Vögelchen lag +ausgestreckt im Kahn, sie schien zu fiebern. Sie griff nach seiner Hand, +preßte sie an ihre Lippen. Wenige Augenblicke später stieß das Boot ab. +Das brennende Haus war die Leuchte. + +Mannsthal verlangte keine Erklärung. Es mag sein, daß er sich den +Vorgang selbst gedeutet hatte. Einem Menschen, der das Schicksal mit +kühler, ruhiger Hand nach seinen Wünschen zu lenken schien, mußte diese +Nacht mehr als eine schreckhafte Episode bedeuten. Er bestand auf einer +genauen Untersuchung der Brandursache und merkwürdigerweise fiel der +Verdacht auf den buckligen, halb blöden Bauernjungen, der nicht +leugnete, auf dem Dachboden mit Zündhölzchen gespielt zu haben. +Mannsthal veranlaßte vorläufig nicht die Wiederherstellung des Hauses, +das dank einem starken Regen, der unmittelbar nach dem Eintreffen am +jenseitigen Ufer niedergegangen war, teilweise verschont geblieben war. +Er selbst reiste am Morgen der Brandnacht ab ohne Vögelchen zu sprechen, +über deren Aufenthalt ihn der Diener gleich bei seiner Rückkehr +aufgeklärt hatte. Er ließ sie in Urbachers Hut, als wäre dieser +verantwortlich für des Kindes Flucht zu den Menschen, die ihm das +Scheitern seiner Hoffnung bedeuten mochte. Sei es, daß er sich in einer +Krisis befand, die er allein besser zu überwinden hoffte, sei es, daß er +nicht mit ansehen wollte, wie Vögelchen sich selbst die Welt gewann, +oder gar am Ende ihr böse war, er war nicht zu bewegen, ihr zu folgen +oder sie zu sich zu rufen. + +Arabella wohnte nun an dem modischen Gestade. + +Am Morgen nach der Ankunft sah man sie bei einer alten Dame sitzen, +eifrig plaudernd. Sie erzählte später, daß sie nicht geschlafen hätte +und gleich, nachdem die Dienerin mit ihren Kleidern angelangt war, auf +die Terrasse gekommen sei, voll Neugierde das neue Leben erwartend. Um +nicht allein zu sein, hätte sie sich gleich zu der alten Dame gesetzt, +die sich sehr freundlich ihrer angenommen habe. Wie es schien, hatte +sich bei Vögelchen eine Schleuse geöffnet, aus der nun alles, was sie in +ihrer Einsamkeit erlebt hatte, hervorstürzte. Die Dame, die, wie eine +allseits verehrte Tante, unter den jüngeren Hotelgästen lebte, nahm +Vögelchen, die ihr ein lächelndes Entzücken entlockt hatte, völlig unter +ihren Schutz. Und bald war das Kind mit Jung und Alt befreundet und der +Mittelpunkt des Interesses. Vögelchen schien es ganz selbstverständlich +offene Türen zu finden. + +Die Schloßgesellschaft war nicht gerade die übelste Auswahl jener +Herdenmenschen, die weder vom Spiel der Nerven noch von bedeutenderen +Geistesanlagen zu einem Abweichen von gewohnten Wegen und Gesetzen +gedrängt werden. Ihre gewandte Beherrschung der Lebensformen erinnerte +an die Sicherheit, mit der oft ahnungslose Kinder Gefahren bestehen. +Immerhin hatte sie etwas Bestechendes. Vögelchen aber war nicht +geblendet und besonders den jungen Männern gegenüber benahm sie sich +fast geringschätzig. Offenbar glichen sie ganz und gar nicht den Helden, +die in ihrem kindlichen Hirn thronten. Urbacher gefielen sie auch nicht +sonderlich. Es waren Familiensöhne, Jünglinge, die sich ihrem Namen +gegenüber verpflichtet fühlten einen bestimmten Lebensweg einzuschlagen, +was ihnen beinahe etwas greisenhaft Abgeschlossenes gab. Sie waren in +Leibesübungen gewandt und in deren Betätigung fast leidenschaftlich und +ehrgeizig. Ihr geistiges Bestreben hingegen beschränkte sich auf eine +flüchtige Umsicht, die möglichst viel umspannen sollte. Die Mädchen +waren bescheidener. Die natürlichste Form guter Lebensart schien der +Familie Normayr eigen. Man sprach von einem Sohn, einem jungen +Seeoffizier, der erwartet wurde. Am Vorabend seiner Ankunft, es war +zweifelhaft, ob Vögelchen sie wußte (keinesfalls schenkte sie dem +Umstand Beachtung), hatte sich ihrer Unrast bemächtigt. Am folgenden +Morgen, als Vögelchen die Stiege hinabschreitet und der jugendliche +Offizier in der sommerlichen weißen Seemannstracht ihr an der Seite +seiner Schwester entgegenkommt, ist ihr Blick mit einem Male wie gebannt +gewesen, verstrickt in dies gebräunte Jünglingsangesicht. Auch Urbachers +bemächtigte sich ein freudiges und beklommenes Staunen, als ginge es von +Vögelchen auf ihn über. Der junge Seeoffizier, auf dem ein Abglanz lag +von den siegreichen Tagen von Lissa, unterschied sich allerdings schon +auf den ersten Blick von den anderen jungen Leuten. Er war über sein +Alter ernst und bei aller Bescheidenheit in sich gefestigt. Eine +Herbheit ging von ihm aus, wie die Seeluft rein und erfrischend. Auch er +besaß Unterwerfung in den herkömmlichen Willen der Familie, nur war sie +bei ihm nicht Dünkel, sondern Ehrfurcht und vielleicht deshalb +bedingungsloser, denn sie lebte neben seinem klaren, menschlichen Blick. + +Er war streng gegen Vögelchen von der ersten Stunde ihrer rasch +aufblühenden Freundschaft an. Ihm war wohl, er dürfe es, er hätte dies +Amt über sie. Ihrer kleinen Teufeleien mußte er Herr werden, wollte er +auf den Grund ihrer Seele schauen. Und Vögelchen ging umher in Leuchten +und Staunen und hin- und hergewiegt zwischen Furcht und Frage. Dennoch +formte sich zu dieser Zeit ihr Wesen zu etwas Festerem. Aus ihren +Instinkten wollte sich Bewußtes entwickeln. Die vielen Plauderstunden +mit dem neuen Freund begannen aus ihrer süßen, kleinen Tier- und +Kindseele den Menschen zu wecken. Der junge Offizier, darüber konnte +kein Zweifel sein, stand ebenfalls unter einem jener leisen Wunder, wie +sie in der rückhaltsvollen Welt immer seltener werden, und er mochte +ganz und gar bereit sein, sich dem neuen Zauber hinzugeben. Auch seine +Mutter war Vögelchen gewogen und scheinbar erfreut, dereinst vielleicht +das vermögende Mädchen als Tochter willkommen zu heißen. Urbacher sah +des Kindes Strahlen und erlebte im Vorgefühl Mannsthals ohnmächtige +Trauer, den Zusammenbruch seines geheimen Planes, der in seinen Zielen +ihm unheimlich erschien und dennoch erhellt von dem Wetterleuchten +seines eigenen zwiespältigen Herzens. Eine abwartende Scheu hemmte ihn +dem Freunde Mitteilung zu machen, obwohl er in dunklen Augenblicken sein +blitzartig zerstörendes Eintreffen beschwor. Er begnügte sich indes noch +die Aufforderung, sich ihnen zuzugesellen, auf das dringendste zu +wiederholen. + +Der Gesellschaft hatte sich eine Spannung bemächtigt. Es lag ein +Ereignis in der Luft. Auch das Wetter war in diesen Tagen schwül und +lastend, bis es sich schließlich unter Donner und Blitzen gesäubert +hatte. Der Regen, der so andauernd und heftig gewesen, daß der See über +seine Ufer trat, brachte aus den Felsen, die die Landstraße längs des +Wassers säumten, Sturzbäche hervor. Man sprach davon, die Straße für den +Wagenverkehr zu sperren. Das Zögern des Verbotes hatte ein Unglück zur +Folge, aus dem sich die Begebenheit entwickelte, die jene Spannung auf +eine merkwürdige Art löste. + +An dem Morgen, der den Wettertagen folgte, fuhr nämlich Mila Maquard mit +ihrem Wagen von einem der nahen Kurplätze über die gefährdete Straße. +Mila Maquard war eine jener Frauen, deren Haar nicht ganz die Farben der +Natur hat, deren Perlen ungewöhnlich groß sind, deren Kleidung eine +verschwiegene Sorgfalt aufweist und deren Hochmut Triumphen entspringt, +über die man bedeutsam zu schweigen pflegt. Mila Maquard war von großer +Schönheit und es war ihr eine natürliche Anmut geblieben, die auch +Frauen entzücken mußte, deren Auge nicht von bürgerlicher Verachtung +trübe war. + +Als sie nun ahnungslos jene Stelle der Fahrstraße passierte, wo das +Wasser in den Felspartien verheerend gewirkt hatte, ging eine +Erdrutschung nieder. Ihr Kutscher wurde schwer verwundet, sie selbst aus +dem Wagen geschleudert, wodurch sie einen Bruch des Armes und einen +leichten Nervenschock erlitt. Die Unfallsstelle war nicht weit vom +Schlosse und der herbeigerufene Landarzt verfügte dahin den Transport +der Verletzten. Man war zu der verhängnisvollen Stätte geeilt und einige +Herren hatten die Verunglückte erkannt. Alsbald waren auch die Damen +unterrichtet und eine eisige Teilnahme wurde der schönen Maquard zuteil. + +Während man sie und den Kutscher in den Saal hingebettet hatte und der +Arzt sich um sie bemühte, standen die Gäste auf der Terrasse in Gruppen +umher. Lebhafte Gespräche entwickelten sich. Man schien nicht geneigt, +der Fremden Gastfreundschaft zu gewähren. Frau von G., die Mutter von +vier Töchtern, deren Verheiratung das Ziel der Sommerreise war, +ereiferte sich ganz besonders. Ebenso Baron M., der sich abseits, wie +man bemerkt hatte, für sein korrektes Benehmen in ausgiebigster Weise +schadlos zu halten verstand. Er mochte Gründe haben diese Begegnung +unter dem Auge der Familie zu scheuen. + +Als die Debatte, die wegen der Nähe der jungen Mädchen nur +andeutungsweise und im Flüstertone geführt wurde, ihren Höhepunkt +erreicht hatte, erschien der Pächter und fragte auf das höflichste an, +ob man die Güte haben würde, der Verunglückten in dem vollbesetzten +Hause dadurch Platz zu machen, daß etwa zwei der jungen Leute in einem +Zimmer schlafen würden, so daß man einen Raum gewänne. Es sei bemerkt, +daß von dem Augenblick, da Mila Maquard sich in dem Hause befand, eine +Veränderung mit der Gesellschaft sich vollzogen hatte. Die Herren waren +mit einem Male sehr angeregt, als wäre nicht eben ein Unglück geschehen, +das einen tödlichen Verlauf hätte nehmen können. Besonders die Jünglinge +bezeigten ein lebhaftes, wichtigtuendes Wesen und den Fräulein ihres +Kreises eine gewisse Geringschätzung. Ihre Beflissenheit beim Transport +der blonden Dame war auch ganz außerordentlich gewesen. Aber auch die +Damen wurden lebendiger, die Freudigkeit einer Abwechslung war auch in +ihre Nerven gefahren, nur daß sich ihr Verhalten sogleich kriegerisch +färbte. Der junge Normayr war mit seinem Segler am See. Da es sehr +stürmisch war, hatte man Vögelchen bestimmt, ihn nicht zu begleiten, so +daß es auch Zeugin des Unfalls gewesen war. Wo aber trieb es sich nun +herum? Urbacher näherte sich der Terrasse und sah seine Vermutung +bestätigt: Vögelchens weiße Gestalt lehnte dort an einer Holzsäule. Ihre +Kinderaugen wandten den Blick nicht von der hübschen Frau, die auch in +der Lage, in der sie sich augenblicklich befand, nichts von ihrer +typischen Eigenart verloren hatte, die zu der des Kindes in einem so +starken Gegensatz stand, daß die Frage nahe lag, ob die beiden denn +Wesen einer Art seien. Als Vögelchen Urbacher sah, kam sie auf ihn zu +und flüsterte: »Ist sie nicht schön? Glaubst du, daß es eine Prinzessin +ist?« + +Die gute Frau von G. war mittlerweile in so große Aufregung geraten, daß +sie das »_pas avant les enfants_« vergessen hatte, als sie nun das Wort +ergriff, um dem Hotelier zu antworten: »Wir sind alle der Meinung, daß +es unmöglich ist, diese -- diese Frau hier aufzunehmen. Wir können Ihnen +nun freilich keine Vorschriften machen, aber ich für meine Person +versichere Ihnen, daß ich mit meiner Familie morgen abreise, wenn sich +diese Person hier auf einen längeren Aufenthalt einrichten wollte, und +ich bin sicher, daß wir nicht die einzigen wären.« + +»Ich bitte, sich zu beruhigen, gnädige Frau,« sagte der Pächter. »Wir +befinden uns ja noch unter dem ersten Eindruck dieses Unfalles. Was die +Dame weiterhin zu tun gedenkt, ist mir völlig unbekannt, aber jedenfalls +ist ihr für die nächsten Tage die Weiterfahrt ärztlich verboten.« + +»Das ist ja sehr traurig, mein lieber Rösler,« sagte die Baronin. »Man +hätte eben die Straße für Wagen sperren sollen. Wir wollen aber in +unserem Aufenthalt nicht gestört sein und Sie können uns nicht zumuten, +mit dieser -- dieser Frau unter einem Dache zu wohnen.« + +Herr Rösler bemühte sich, ein Lächeln zu unterdrücken. »Verzeihen Sie, +Gnädigste, aber versetzen Sie sich in meine Lage. Kann man eine +Verunglückte vor die Türe setzen?« + +»Nun dafür gibt es Beispiele,« erklärte Frau Kommerzialrat Lobling. »Ich +habe es selbst mitgemacht, daß man in K. zwei Lungenkranke abwies, die +in unserem Hotel einkehren wollten.« + +»Das ist abscheulich,« sagte da eine bebende Stimme, und Vögelchen stand +plötzlich im Vordergrund. Sie war bleicher als sonst und sprach in +sichtlicher Erregung. »Ja, warum soll denn diese liebe Dame nicht hier +schlafen?« rief sie. »Wo soll sie nun denn wohnen? Vielleicht wäre es +mir auch so ergangen, als uns das Dach wegbrannte, wenn ich am Tage +gekommen wäre und man über mich abgestimmt hätte. Vielleicht hätte man +mich auch verjagt.« + +Einer der Jünglinge lachte, und im nächsten Augenblick entlud sich eine +allgemeine Lachsalve. Vögelchen wurde glühend rot. Sie fühlte jetzt, daß +sie etwas Einfältiges gesagt hatte, und große Tränen traten in ihre +Augen. + +»Ich bin natürlich gern bereit, mein Zimmer abzutreten, falls sich +keiner der jungen Leute bereit erklärt,« sagte Urbacher. + +»Nein, das dürfen Sie nicht,« unterbrach ihn der Baron. »Ich wäre ja +auch bereit. Aber das ist nun einmal eine Prinzipiensache. (Wir sprechen +ja wohl noch darüber, wenn wir unter uns sind.) Sie beschämen unsere +jungen Leute oder drängen sie, den Damen gegenüber einen Taktfehler zu +begehen.« + +»Ich habe mein Wort verpfändet das Hotel nicht zu verlassen. Wenn mir +keiner der Herren in seinem Zimmer Gastfreundschaft gewährt, ist meine +Bereitwilligkeit leider ohne Wirkung.« + +Eisige Stille folgte seinen Worten. Der Hotelier zuckte die Achseln und +entfernte sich. Ihm war es ja schließlich auch lieber, wenn ein Fräulein +Maquard nicht unter den Gästen seines Familienhotels erschien. Er selbst +hatte sein Zimmer vermietet und wohnte in einer schlechten Mansarde. + +Die Gesellschaft zerstreute sich. Die Herren waren froh unter sich zu +sein. Die jungen Mädchen blieben beisammen und ließen ihrer Neugier +freien Lauf. + +Indessen war der junge Normayr gelandet und sogleich von den +Begebenheiten unterrichtet worden. Als er nun zu Vögelchen trat, umwogte +sie eine Welle von Zärtlichkeit, die aus seinen klaren Augen zu ihr +ging. Sicher hatte er von ihrer rührenden, kleinen Standrede gehört. Als +sie dann plaudernd auf- und abwanderten, kam Ruhe über sie. + +Für den Nachmittag projektierten die Damen nicht ohne Hintergedanken +einen Ausflug. Fräulein Maquard war indessen in dem Rauchzimmer +untergebracht. Der Pächter war in einer verzweifelten Lage. Die +Gesellschaft brach auf, ehe er nochmals an sie herantreten konnte. Auf +diesem Ausflug schien sich zwischen Vögelchen und ihrem schönen Freunde +eine Annäherung vollzogen zu haben, die nun manches bisher +Unausgesprochene zur Wortschwelle gedrängt hatte. An diesem Abend +entschloß sich Urbacher, Mannsthal von dieser Annäherung zu +verständigen. + +Was Fräulein Maquard betrifft, so fand man, vom Ausfluge zurückgekehrt, +keine Spur mehr von ihr. Eine gewisse Scheu der Beschämung, wie sie +Menschen oft befällt, wenn ihnen eine schlechte Tat gelungen, hielt die +Frage zurück, wohin sich die Verunglückte gewendet habe. Die Lustigkeit, +die die Gesellschaft an diesem Abend entfaltete, war nicht ehrlich. Man +wollte sich über sein schlechtes Gewissen hinwegamüsieren. Selbst die +Admiralsfrau von Normayr war geräuschvoll und ganz besonders +liebenswürdig Vögelchen gegenüber, wohl um zu beweisen, daß sie ihre +vorlaute Ansprache nicht übel genommen habe, da nun alles sich zur +Befriedigung der gefährdeten Ehrbarkeit gewendet hatte. + +Wie sehr erstaunte man aber, als am darauffolgenden Morgen Mila Maquard, +den Arm in der Schlinge, ein wenig bleich, unter den Frühstücksgästen +erschien und mit der größten Ruhe, ohne irgend jemanden zu beachten, in +der guten Morgensonne, die sich nicht scheute auch sie zu bescheinen, +ihr umfangreiches Frühstück einnahm. + +Die Gespräche verstummten. Frau von G. schien von Gelbsucht befallen, +die Mädchen wagten nicht aufzusehen, die jungen Leute sprachen lauter, +als ihre Gewohnheit war, und prahlten mit bereits bekannten Ereignissen. +Ein Sturm der Entrüstung brach los, als Mila Maquard die Terrasse +verließ. + +Urbacher war die ganze Zeit über ein wenig unruhig gewesen, weil er +Vögelchen, die eine Frühaufsteherin war, vermißte. Ihr Freund, der bei +ihm saß, teilte seine Unruhe. Nun kam sie, eben als der Redeschwall +losbrach, langsam und verschlafen die Stufen des Hauses herab. + +»Das ist unerhört,« erklärte Frau Kommerzialrat Lobling, deren Kleid +entschieden von dem Mila Maquards geschlagen worden war. + +»Eine Hinterhältigkeit, eine Unverschämtheit von diesem Rösler,« rief +Frau von G. + +»Meine Meinung wird er hören,« pfiff die Baronin. + +Auch die Admiralin war so ungehalten, daß ihr Sohn sie zu beruhigen +trachtete. + +»Wissen möchte ich, wer den Mut gehabt hat, ihr das Zimmer abzutreten,« +sagte der Baron. »Wissen Sie es vielleicht?« fragte er die Kellnerin. + +Da trat Vögelchen dicht heran. Sie sagte mit leiser, aber fester Stimme: +»Das Fräulein hat in meinem Zimmer übernachtet.« + +»Und du,« fragte arglos Fräulein von Normayr in die peinliche Stille. +»Hast du die Nacht im Walde verbracht?« + +Vögelchen schüttelte den Kopf. Ihr Blick suchte den ihres Freundes, der +dem ihren nur scheu begegnete. + +»Nein,« sagte sie. »Das Fräulein und ich schliefen in einem Bett.« + +Die Admiralin stand auf und sagte: »Pfui, schämen Sie sich.« Vögelchen +erbleichte. Einen Augenblick hielt sie den Atem an, dann brach es aus +ihr aus: »Pfui, ja pfui über Sie alle, über Ihren Hochmut, Ihre +Unbarmherzigkeit.« Erhobenen Hauptes entfernte sie sich. + +Was nun folgte, war schmerzlich. Der junge Seeoffizier mied Vögelchen, +die sich geweigert hatte, seine Mutter um Entschuldigung zu bitten. In +einer Unterredung bat er den Doktor Urbacher, die Annäherungen an seinen +Schützling zu entschuldigen. Gegensätzlichkeiten einschneidender Art +nötigten ihn, den Verkehr aufzugeben, wie schwer dieser Verzicht ihn +auch getroffen. Vögelchen erwiderte hoheitsvoll die Geringschätzung, die +ihr von allen Seiten zuteil ward. Was Urbacher am bittersten schmerzte, +war, daß sie ihm gegenüber den Vorwurf zu hegen schien, daß er sie vor +den Menschen nicht gewarnt habe. Dies Erlebnis der Enttäuschung setzte +Mannsthal wieder in seine Rechte ein. Zwei Tage nach diesen +Begebenheiten fuhr er vor. Er hatte sich bis zur Unkenntlichkeit +verjüngt. Die alljährliche Wirkung seiner Sommerkur wurde diesmal noch +durch seine Bartlosigkeit unterstützt. Selbst seine Kleider hatten einen +andern Schnitt. Vom neu erworbenen Wagen sprang ein weißhaariger +Kammerdiener und öffnete dem Herrn, der neben ihm ein Jüngling schien, +den Schlag. Merkwürdigerweise war Mannsthal über alles Vorgefallene +unterrichtet. Die Auseinandersetzung, die nun zwischen ihm und Urbacher +stattfand, hatte den Abbruch ihrer vertrauten Beziehungen zur Folge. + + + + + Erwachen + + +Das Zerwürfnis der beiden Freunde wäre unter anderen Umständen kaum so +einschneidend und unwiderruflich gewesen. Mannsthal aber mußte bei der +Ausführung eines Planes, der zu diesem Zeitpunkt einsetzte, vollständig +ungestört und unbeobachtet sein. Er war durch einen berufsmäßigen +Vertrauten, dessen Gewandtheit er schon mehrmals erprobt und der +seinerseits sich mit einer im Schlosse wohnenden Erzieherin in +Verbindung gesetzt hatte, über Vögelchens Leben daselbst aufs genaueste +unterrichtet gewesen. Der gefürchtete Augenblick, den er noch in weiter +Ferne wähnte, war gekommen. Vögelchen war einem Manne begegnet, einem +Jüngling, dem sie sich geneigt fühlte. Solange alles furchtbar +gefahrvoll schien, der junge Normayr Aussicht hatte, des Kindes vollstes +Vertrauen zu erwerben, kostete Mannsthal die Lust, jene Gefahr bis zum +Äußersten zu erleben. Es bestand ja immer noch die Möglichkeit, wenn +alles verloren schien, ein grausames Nein zu sprechen. Nun aber hatte +die Sachlage für ihn eine überraschend günstige Wendung genommen. Es lag +etwas Unwahrscheinliches über diesem Naturereignis, das ihm so trefflich +in die Hände gearbeitet hatte. Er zweifelte nicht, daß sein geheimer +Wille Anschluß an höhere Macht gewonnen habe. An die Verwirklichung +seiner Wünsche heftete sich kein Zweifel mehr. Als Sieger schon fuhr er +in K. ein. + +Vögelchen war in grausamere Fremdheit zurückgestürzt, in eine Öde, die +mit jener nicht vergleichbar war, aus der sie sich zuweilen an das +belebte Gestade gesehnt hatte. Jetzt schien ihr schon die Insel des +Lebens durchquert und einer Wüste vergleichbar. Wäre nicht jene Nacht +gewesen, die sie mit Mila Maquard verbracht! Irgendwo gleißte aus ihr +ein Unbekanntes in die Ferne, schien selbst ein feuriger Faden, der +durch Dunkelheiten lief, einer großen Flamme entgegen. Die scheue Freude +und Ruhe, die sie im Umgang mit dem jungen Normayr genossen, sie wußte +sie nicht mehr, seitdem er ihr wie erloschen schien. An ihrer Stelle saß +ein kleiner Wurm in ihrem ehemals so aufgeschlossenen Herzen, das sich +nun gefaltet hatte wie ein Blümlein zur Nacht. Als sie Mannsthal +erblickte, stürmte sie auf ihn zu, aber sein verändertes Aussehen +stürzte die Freude zurück in ihre Brust. War er es? Er folgte ihr auf +das Zimmer, hielt prüfend seine kühle Hand an ihre Wange, fand, daß sie +fiebere, und gebot ihr sich hinzulegen. Während sie in leiser Furcht und +dennoch beglückt seiner Anordnung gehorchte, stand er vor ihr und +meisterte die eigene Erregung. Er selbst war ihr behilflich, als sie dem +Mädchen klingeln wollte. »Ich weiß, was vorgefallen ist,« sagte er und +setzte sich zu ihr. »Du mußt jetzt ganz ruhig bleiben, es wird sich +alles von selbst lösen. Du mußt mir nur wieder vertrauen.« Er +streichelte leise ihr Haar, das aufknisterte wie nie zuvor, und seine +Hand glitt wie beschwichtigend über ihre Schultern hinab. Da sah er Glut +in ihre Wangen steigen. Eine Erinnerung hatte sie überwältigt und +plötzlich riß sie sich aus der Betäubung, die er über sie hingoß, preßte +ihre Arme um seinen Hals und schmiegte das heiße Antlitz an seine Wange. +Sie hatte küssen gelernt. + +Er atmete schwer, machte sich los. »Kind,« sagte er, »wie bin ich jetzt +erschrocken. Das Fieber macht dich so stürmisch. Ich gehe jetzt, du mußt +ruhiger werden. Ich muß ja nun dringend Urbacher sprechen.« Er verließ +sie fliehend. + +Vögelchen lag nun und die Stille tat ihr wohl. Denn nun war sie +innerlich beruhigt wie nie zuvor, nun fühlte sie Geborgenheit und jenes +Gleißende, womit ihr die verunglückte Frau für ihre Gastfreundschaft +gedankt, glühte ihr näher und wärmer. Spät abends trat Mannsthal zu ihr +und berichtete, daß Urbacher abgereist sei. Um die Aufregung des +Abschiedes zu meiden, hätte er nur einige Worte für sie hingeschrieben. +Vögelchen las: »Mein gutes Kind. Wir alten Freunde sind uneins geworden. +Vergiß darüber nicht, daß in Treuen dir zugeneigt bleibt dein Freund +Clemens Urbacher. + +Ich meinte es gut. Trauere nicht über Leid. Schmerz erhöht.« + +Vögelchen begann zu weinen, lautlos wie immer, wenn es weinte. Große +Tränen rollten aus leuchtenden Augen über ein bewegungsloses Antlitz. So +war Vögelchens Weinen. Mannsthal saß an ihrem Bett und küßte ihr Stirn +und Haar. Sein Taschentuch, dem ein seltener, ihr unbekannter Duft +entströmte, trocknete langsam die mählich versiegenden Tränen. Am +folgenden Morgen saß Arabella, vom Schlaf erquickt, am Strande beim +Frühstück. Die Leute schienen nun nicht mehr für sie vorhanden, obwohl +die prunkvolle Ankunft Mannsthals nicht ohne Wirkung auf ihr Benehmen +geblieben war. Vögelchen aber bemerkte es nicht, sie sah niemanden, sie +wartete auf Va. Adalbert Mannsthal erschien im indischen Seidenanzug und +erregte die Aufmerksamkeit der Sommergäste. Er küßte Vögelchens Stirn, +im Flüsterton unterhielt er sich mit ihr. »Wie ich höre, war es die +Maquard, die hier war. Ich werde mich nach ihrem Befinden erkundigen.« + +»Du kennst sie?« + +»Wer kennt sie nicht?« + +Vögelchen errötete. + +»Eine so schöne Erscheinung,« fügte er hinzu. »Eine scharmante Frau. Ich +werde sie bitten, dir bei ihren Kaufleuten einige neuartige Kleider und +was du sonst noch brauchst zu bestellen. Da sie dich kennt, wird sie das +Richtige treffen. Sie hat dich ja auch entkleidet gesehen und weiß +ungefähr deine Maße, nicht wahr?« Wieder errötete das Mädchen und +blickte auf ihren Teller herab. Mannsthal lächelte fast unmerklich. +»Wird es dir Freude machen, Ari, wie eine kleine Prinzessin gekleidet zu +gehen?« sagte er dann. »Sieh mich doch an.« Er zwang ihren Blick in den +seinen. »Denn wenn wir jetzt reisen, brauchst du schöne Dinge.« +Vögelchens Hände klammerten sich an seinen Arm und mit verzücktem +Ausdruck preßte sie die Lippen zusammen, als müßte sie ein Jauchzen in +ihrer Brust verschließen. + +»Nun ja, wir wollen jetzt reisen, da du nun einmal unter die Menschen +gegangen und an ihnen klug geworden bist,« antwortete er. »Nun bleibst +du ja auch eine Weile bei mir?« Sie preßte seine Hand: ein glühendes +Versprechen. + +Vögelchen sah mit Erstaunen, wie er, den sie lässig und oft müde +gekannt, die Segel meisterte. Sie war stolz darauf, daß er sich Normayr +zur Seite stellen konnte. Wie er nun zur Maquard fahren wollte, machte +sie sich eiligst bereit, ihn zu begleiten. Ihr Gesichtchen wurde +nachdenklich, als er erklärte, sie nicht mitnehmen zu können. »Nicht +etwa, weil ich sie aussätzig finde, wie diese Leute hier.« Da hob sie +den Kopf und sagte eigensinnig: »Du willst allein sein mit ihr.« +Vögelchen blickte Mannsthal an vom Kopf bis zu den Füßen. Sie schien +erst jetzt bewußt zu empfinden, daß er ein Mann sei, und so gut wie ein +anderer mit jener Frau in einer dieser geheimnisvollen Verknüpfungen +stehen konnte, von denen die Leute gemunkelt hatten. Sie gedachte der +seltsamen Nacht und Schauer von Ahnungen durchbebten sie. Zugleich +empfand sie Eifersucht und verfiel in Unmut. Mehr als Ärger war es, der +sich schon bis zu Zornausbrüchen bei ihr steigern konnte, wenn sie sich +vor Rätseln sah, die den Andern völlig klar waren. Er gab nach, verschob +den Besuch. Sie machten eine Spazierfahrt, stiegen aus und gingen durch +ein benachbartes Dorf. Sie trafen dort den jungen Normayr mit einem +älteren Offizier. Er erschrak, grüßte ehrerbietig. Vögelchen nickte ihm +zu. »Das war er,« sagte sie nach einer Weile. + +»Ich dachte es mir,« sagte Mannsthal erschauernd. Dann schwiegen sie. +Aber auf der Rückfahrt nahm er plötzlich ihren Kopf zwischen seine Hände +und küßte sie. Vögelchen sah eine Träne in seinem Auge. + +»Va,« rief sie und drückte seine Hände leidenschaftlich an die Lippen. + +Als Vögelchen nach dem Essen auf ihr Zimmer gegangen war, schritt +Mannsthal etwa zehn Minuten den See entlang. Dort stand sein Wagen. Er +fuhr zur Maquard. + +Des Morgens war er zurück. Nun wußte er mehr, als ihm lieb war. Die +Maquard hatte ihm vorgearbeitet. Vielleicht hatte sie seine Absichten +unbewußt gefördert. Er verschwieg Vögelchen den Besuch, ja er versuchte +diese Begegnung in ihrer Erinnerung zu verdunkeln. Andere Eindrücke +sollten sie verdrängen. Indessen kamen die Koffer mit den bestellten +Kleidern, Mänteln, Hüten, Schuhen, mit blütenfeiner Wäsche, neuen +Gepäckstücken und Toilettegegenstände mit Vögelchens Namenszug +»Arabella«. Das Kind freute sich und auch das Mädchen schon, das +gefallen wollte. Das Vögelchen von früher hätte manches abgelehnt von +den neuen Dingen, die allerdings die Maquard mit seltenem Gefühl der +Anpassung gewählt hatte. Ihre Jungfer hatte zurechtgemacht, was da und +dort noch fehlte, und Vögelchen meinte, sie wäre zu ihr von einer +Putzmacherin gesandt. Tags darauf veranlaßte Mannsthal die Übersiedlung +in einen Gasthof an einen der benachbarten Seen, wo er Vögelchen mit dem +Diener Camill allein ließ, um einige Geschäfte zu ordnen, ehe sie die +Auslandsreise antraten. + + + + + Student Kruger + + +Vögelchen begann sich nun langsam der Welt zu besinnen, wie die sich nun +zu ihr, der kleinen Arabella Rutland, verhalten mochte. Sie lernte +bewußt sich als Einzelwesen fühlen. Als sie eines Morgens im Rasen lag +und von ihrer Anhöhe bald zum See herab, bald zum unendlich blauen +Himmel aufblickte, empfand sie sich als ein wanderndes Stäubchen, ein +losgelöstes Fünkchen auf Wanderschaft. Immer wieder sah sie noch das +Feuerzeichen des Brandes, sah den Funkenregen und wie Teile sich +loslösten und in der Luft verglühten oder im Wasser einen vorzeitigen +Tod fanden. Alle schienen bis ans Ende ihrer Kraft zu fliegen und wurden +Asche und Erde, nachdem ihr Leuchten in Dunkelheit untergegangen. Asche +und Erde aber wurden von Wetter und Zeit zu feuchtem warmen Boden. Da +grünten die Fünkchen von neuem ins Leben. Über ihr blitzte der Flügel +einer Schwalbe im Sonnenlicht. »Flieg, Fünkchen, flieg,« sang sie leise +und es war ihr, als würde sie selbst ganz leicht und brauchte nur +aufzuflattern. Waren alle Menschen beschwingt wie sie? In den Familien, +in deren Nähe sie nach dem Brande gelebt, schienen kleine Widerhaken die +Einzelnen aneinander festzuhalten. Wäre »Er« denn sonst nicht mit ihr +geflogen? Ach, sie war ein Sonderwesen, hatte nicht Vater, nicht Mutter, +nicht Schwesterlein und Brüderlein. Va war ja nicht ihr Vater, das wußte +sie. Aber auch für sie mußte es kleine Quellen geben, wo sie trinken +konnte, Nester, wo sie ruhen würde, wenn die Wanderschaft begann und sie +ermüdete. Va wußte alles. Er würde sie weisen. Va, der Zauberer, würde +ihr die Türen öffnen. Die Reise, das wußte sie, die war der Anbeginn +ihrer Wanderung, und die Wanderung würde ihr Leben sein. Die Leute in +den Kirchen blickten zum Himmel auf, wenn sie beteten. Dort wohnte wohl +Gott. Aber da unten im Seegrunde hauste ein anderer. Oder war das nur +der Himmelsgott, der sich im Wasser spiegelte? Nein, der Gott da unten +war verflochten in den Pflanzen der Tiefe und Fischlein schwammen +silbern um seinen Bart. Der Gott im Himmel war sein Bruder und ewige +Sehnsucht stieg auf und ab von ihnen. Vögelchen war es, als ginge der +Strom ihrer Sehnsucht durch ihren eigenen Leib, aufsteigend und +absteigend. In ihrem Herzen begegnete er sich, floß ein, floß aus. Ihr +Blut nährte sich von ihm. Er hielt sie. Sie konnte nicht fallen. Sie +bekam Weisungen von Höhe und Tiefe, in ihr verschwisterten sie sich. +Dies alles war nicht Traum. Ließ es sich in Worte bilden? + +Ja, sie konnte es in wirklichen Worten aus sich herausstellen. Von +diesen Dingen erzählte sie dem Studenten Kruger, dem mißratenen +Hofratssohne, der in ihrem Gasthof wohnte. Der hatte die +Familienwiderhaken sich blutig aus dem Fleische gerissen. Nun heilte er +die Wunden in Einsamkeit. Aber der Brand seiner Seele riß sie immer +wieder auf. Schmerzten sie, so ward er wunderlich. Der Geist war ihm +Seelsorger und Hofnarr zugleich. Vögelchen störte ihn nicht. Er nannte +sie Ariel. Arabella klang ihm zu menschlich. + +Student Kruger war ein wenig verwachsen oder es schien so. Man wußte +nicht, wo und wie seine Gestalt abnorm war. Seine Augen hatten etwas +Überraschendes wie die eines Falken oder Adlers, die sich, seltsam an +der Ferne geschärft, unter bergenden Lidern enthüllen, und seine hohe +Stirn, sein dichtes Haar ließen die Gestalt noch dürftiger erscheinen. +Sein Mund aber war wie ein Hohn auf die Geistigkeit seiner blaugeäderten +Schläfen. Er hockte wie ein Affe mit langen Armen neben Ariel und sprach +in sie ein, bis er das Geheimnis des »Stromes« aus ihr holte. + +»Wer ist Gott?« fragte sie. + +»Gott ist ein einförmiges, göttliches, einfältiges Wesen und wirkt doch +alle Mannigfaltigkeit und ist alles in allen Dingen, eines in allem und +alles in einem, sagt der heilige Augustin. Gott sind Sie, Ariel, Gott +bin ich, Konrad Kruger, Student der Theologie, Verkünder meiner +Religion.« + +»Und was ist das, was ihr die Seele nennt?« fragte Vögelchen. + +»Seele ist ein Aufgang zu Gott durch das Getümmel der Welt. Seele ist +das Entsinken deiner selbst, dein Schauen, dein Warten, dein Empfangen, +dein Geben in Demut.« + +»Und was ist Demut?« fragte Vögelchen. + +»Demut ist Aufgeschlossensein, Demut ist Einlaß und Ausströmen der +Liebe, Erkennen, Duldung und Dank, Bewährung im Glück und Schmerz, Demut +ist Liebe gewordenes Leid.« + +»Trauere nicht über Leid, Schmerz erhöht,« sagte Vögelchen und +bescheiden setzte sie hinzu: »Das weiß ich von Onkel Clemens, er schrieb +mir das zum Abschied.« Und plötzlich brach sie aus: »Ach, warum ist er +fort, der gute, gute Onkel Clemens?« Sie begann zu weinen. Student +Kruger saß dabei und grinste aus Verlegenheit. + +»Schmerz, wenn ein Rad über mein Bein fährt,« fragte sie dann und +trocknete ihre Tränen. + +»Nein, Ariel, körperlichen Schmerz, sofern er nicht maßlos und andauernd +ist, verspüren wir nicht, du und ich und die anderen, die wie wir sind.« + +»Ich war nie krank,« sagte Vögelchen. + +»Und bist doch so zart. Sind Blumen krank? Die Narzisse auf wiegendem +Stiel, das Buschwindröschen, die Orchidee? Nein.« + +»Ich hatte eine schwarze Amme, eine Negerin säugte mich.« Sie sah ihn +kindlich triumphierend an. Das kann nicht jeder von sich erzählen, +prahlte ihr Blick. + +»Hattest du nicht die Masern, Scharlach, den Keuchhusten? Nein, daran +wärest du gestorben,« sagte Student Kruger. Er starrte sie eine Weile +an. »Bist du eigentlich schon ein Mädchen?« fragte er plötzlich. »Wie +alt bist du?« + +Vögelchen verschwieg gern ihr Alter. »Ich war immer ein Mädchen,« +antwortete Vögelchen ernsthaft. + +»Ich meine, ob du noch Kind bist?« + +Vögelchen richtete sich zornig auf. »Ich wäre ja beinahe Braut +geworden,« rief sie. »Und wenn wir nun reisen, so bin ich Frau +Mannsthal. Das haben wir beschlossen. Va ist nicht mein Vater, müssen +Sie wissen. Ich habe keinen Vater.« + +»Und deine Mutter?« Vögelchen erbleichte. Sie riß einen Halm aus und +warf ihn von sich. Dies war die Antwort. + +»Aber das mit dem Schmerz, daß wir es, ich und die anderen (sie ging +immer auf seine Andeutungen einer geheimen Gemeinschaft ein), daß wir +den Schmerz nicht spüren! Geben Sie mir Ihr Federmesser, ich will das +versuchen.« Gehorsam zog er es hervor. Soll ich öffnen, deutet er. Sie +nickte. + +»Rasch, sonst verliere ich den Mut.« Er tat es. Sie ritzte sich in der +Handfläche. Es ging nicht leicht. Ihre Haut wehrte sich des stählernen +Eindringlings. Plötzlich sprang ein kleiner roter Strahl empor. +Vögelchen war kreideweiß im Gesicht. »Wahrhaftig, es schmerzte nicht,« +sagte sie. Aber sie hielt den Atem an. Es wurde ihr übel. Student Kruger +hockte neben ihr, seine Haare sträubten sich vor Erregung, seine Ohren +reckten sich spitz, seine Augen hatten einen stumpfen, fast blödsinnigen +Glanz. + +»Ariels Blut,« sagte er leise. »Wein des Lebens.« + +»Ich kann es nicht sehen,« sagte Vögelchen, die immer bleicher wurde. + +»Und müßt doch bluten, ihr Frauen.« + +»Red' nicht so hoch daher,« rief sie unwillig und wand ihr Tuch um die +Hand. »Ich hasse euer ewiges Gescheitsein.« + +»Ich möchte dir alles geben, was ich habe, Ariel, alles Gescheitsein +auch.« + +»Ich mag nichts von dir,« sagte sie. Er sah sie an wie ein getretener +Hund, dann beugte er sich über sie und flüsterte angstvoll: »Aber ich +lasse dich nicht.« Vögelchen sah zu ihm auf; wie sein Antlitz über ihr +schwebte, war ihr, als ob das Grauen sich in einer Wolke über ihr +ballte. Ein Druck legte sich wie eine eisern würgende Faust auf ihren +Hals, ein blauer Strom ging an beiden Schläfen zu ihrem Herzen hinab. +Sie wurde ohnmächtig. + +Camill, der Kammerdiener, kam, vom Ruf des Studenten angetrieben. Er +rieb ihr die Stirne mit Essig. Man trug sie auf ihr Zimmer. Dort schlug +sie die Augen auf. »Er hat mich gebissen,« sagte sie und deutete erzürnt +auf Kruger, der bestürzt da stand. Der Kammerdiener machte ihm hinter +Vögelchens Lager ein Zeichen. Er tippte mit dem Finger an seine Stirn, +andeutend, daß er an der Vernunft seines Fräuleins zweifle. + +Vögelchen streifte tags darauf wieder allein im Wald umher und war +einsam bei den Mahlzeiten. Kruger begrüßte sie mit tiefen Verbeugungen. +Er saß in einem Gartenhaus hinter Büchern bei einer Schreibarbeit. +Manchmal stand er auf und fuhr wild gestikulierend mit den Armen in die +Luft. Vögelchen war sehr neugierig, was er da treibe. Sie ging einige +Mal um das Häuschen herum, setzte sich dann in Hör- und Sehweite, mit +dem Schnitzen einer Gerte beschäftigt. + +»Ja, da brauchte man ein Papier,« sagte sie, scheinbar zu sich selbst +sprechend. Ein kleiner Junge lief vorüber und sah das kleine Fräulein +an. »Ich mache eine Fahne,« sagte sie, »für mein Schiff. Aber dies ist +erst der Mast. Ich brauche ein Papier. Und dann schreib' ich darauf +>Fünkchen, flieg<. So heißt mein Schiff. Hast du verstanden, Peter? Oder +heißt du vielleicht Seppel?« Der Junge nickte. »Nun, kannst du nicht +reden? Aber nicken kannst du doch? Andere können nicht einmal nicken, +und wenn du ein Student wärst, hättest du auch ein Papier.« Seppel +murmelte etwas, das seine Zahnlosigkeit unverständlich machte, und +verschwand auf das schrille Pfeifen eines Genossen. + +Jetzt erschien Kruger vor dem Gartentor und hielt einen Bogen in der +Hand. + +»Ach, Sie sind hier?« sagte Vögelchen. + +»Sie suchen mich ja schon eine gute Weile.« + +»Einbildung,« sagte sie. + +»Das ist keine Schande unter guten Freunden.« + +»Freunden? Ich kenne Sie doch kaum. Vor acht Tagen wußte ich noch nichts +von Ihnen.« + +»Oh, das tut nichts zur Sache. Liebe auf den ersten Blick.« + +»Ich, Sie lieben!« Sie lachte. + +»Lieben Sie den Vogel dort, der über dem Baum schwirrt? Vor einer +Sekunde noch war er nicht in Ihrem Leben und vielleicht werden Sie ihn +nie wiedersehen. Lieben Sie dieses Marienkäferchen, das morgen tot sein +wird, den Fisch, der dort aufblitzt im See, den Seppel, der eben +fortlief?« + +Sie dachte nach. »Ja,« sagte sie. »Aber Sie? Nein.« + +»Auch mich, aber das ist nichts.« Er machte eine Handbewegung, als +schöbe er etwas weit weg, und immerzu noch lächelte er unter dem Glück, +daß sie wieder zu ihm gekommen. »Auch mich, aber Ihre Liebe gehört allen +und niemandem. Sie bleiben nirgends. Ihr Herz hat Flügel. Es saugt sich +dort an und da an und es wird süß werden wie Honig. Dies ist der Sinn +Ihres Lebens, Honig des Herzens zu geben und den Gesang Ihrer Seele. Sie +werden nicht Landschaften malen, nicht auf den Brettern agieren und +nicht studieren, es sei denn, Sie täten es einem Menschen zulieb. Sie +werden nicht sticken und Bücher lesen, und ich glaube, daß Sie niemals +ein Kind haben werden.« + +Vögelchen hatte still zugehört. Jetzt kam Bewegung in sie. »Ich will +Kinder haben, sehr bald will ich kleine Kinder haben. Nächstes Jahr +vielleicht schon,« sagte sie. + +Kruger lachte, aber plötzlich standen seine Augen voll Tränen. Er hatte +tagsüber in Ekstase gearbeitet und war sehr erregt. »Deine Wiege stand +im Wüstensand, im Land des Morgens,« sagte er mit weitausschauendem +Blick, als predigte er. »Ehelich gebunden bist du, ehe du zum Weibe +wardst. Du bist gebenedeit, denn zwischen dir und Gott ist kein Ich und +Du.« Und plötzlich beugte er sich herab, rasch hinknieend wie ein +Frommer, der eine Kirche verläßt, und küßte den Saum ihres Kleidchens. +Sie warf eine Blume, einen himmelblauen Enzian, auf ihn herab. Er barg +ihn in seiner Brust. + +Am Kiesweg knirschte ein Tritt. Camill, der Kammerdiener, stand hinter +ihnen. + +»Der gnädige Herr sind angekommen,« sagte er. + +Student Kruger war nun abgesetzt. Er war jetzt ganz auf Camill +angewiesen, der eine starke Anziehungskraft für ihn hatte. Wenn +Vögelchen zur Ruhe gegangen war, pflegte er mit ihm, der gern trank, im +Schankzimmer des Gasthofes zu sitzen. Diese Freundschaft anzubahnen, +schien ihm wichtig. Durch Camill hoffte er Vögelchens Wege verfolgen zu +können. Der Diener sprach nicht wenig von schlüpfrigen Dingen und +Student Kruger, mißratener Hofratssohn und Hörer der Theologie, vernahm +sie mit Verständnis und Wohlbehagen. Er erfuhr auch einiges über +Mannsthal, den er als Vögelchens Besitzer bewunderte und haßte. Camill +ließ Andeutungen fallen von Abreibungen, elektrischen Kuren, von +Medikamenten und Bädern, von gymnastischen Übungen, die alle der +Erhaltung jugendlicher Manneskraft dienten. Konrad Kruger versuchte sich +heimlich in ähnlichen Prozeduren und sie hatten die Wirkung, daß Minna, +das Schankmädchen, ihm eine Ohrfeige gab. Eine Reihe von Gedichten +entstand aus dem neuentfachten Brand seiner Sinne. Sie verklärten sich +alle ins Mystische und alle waren an Ariel-Vögelchen gerichtet, das ihm +von ferne ernsthaft zulächelte. Mannsthal hatte die Versuche, ihm Kruger +näher zu bringen, mit leichtem Spott abgewiesen. + +Da geschah es am Tage vor der Abreise, daß am späten Nachmittag eine +Dame vorfuhr und nach Mannsthal fragte. Suchend irrte ihr erregter Blick +umher. Sie war beinahe korpulent, was zu ihrem merkwürdig zarten, von +Leid gezeichneten Gesicht im Widerspruch stand. Vögelchen sah, wie +Mannsthal vorsprang und sich mit bleichem Gesicht kühl und wie abwehrend +verbeugte. Die Dame sah forschend auf Arabella und ein schmerzliches, +mit Neugier gepaartes Lächeln streifte sie. Dann folgte sie Mannsthal, +der ihr Vorwürfe zu machen schien, in das nahe Wäldchen. + +Vögelchen war sogleich von Argwohn erfüllt. Sie haßte es, von fremden +Leuten betrachtet zu werden. Blicke krochen ihr bis an die Haut und +verursachten ihr oft Unbehagen. So hatte sie sich auch unter diesem +Lorgnettieren abgewandt und den forschenden Blick durch eine rasche +Umdrehung der Schultern gleichsam abgeschüttelt. Eine vielleicht +geplante Annäherung der Dame schien dadurch augenblicklich unmöglich +geworden. Arabellas Mißtrauen war nach den Erlebnissen in K. +begreiflicherweise noch nicht geschwunden und, wäre sie nicht Kruger +begegnet, der ihrer innern Welt schon durch die Hemmungslosigkeit seiner +Rede näher stand, sie hätte den Zweifel an einen möglichen +Zusammenschluß mit Menschen nicht so bald überwunden. Aber noch +beherrschte er sie. Mit dieser Fremden wollte sie nicht sprechen. Va +schien über ihr Kommen erzürnt. Eine geplante Segelfahrt war nun +überdies versäumt. Obwohl Arabella zu einem Buch griff, war sie +innerlich aufgewühlt und las nicht. Sie ahnte wieder die Geheimnisse, +die um sie wuchsen, wie undurchdringliches Gestrüpp. Ein Gefühl, aus +Trotz und Scham gemengt, drängte jede Frage zurück. Dennoch zehrte +Neugier an ihr und Grübeln, ob sie mit Wissen ein Drohendes, +Unheimliches nicht würde bannen können. + +Kruger lag im Walde, als Mannsthal mit der Dame herankam. In seiner +grünen Lodenjoppe war er vom Moosboden nicht zu unterscheiden. Er las. +Da hörte er eine Frauenstimme erregt sagen: »Bitte, setzen wir uns doch +endlich, ich bin müde.« Die nächste Bank war nicht in Hörweite. Student +Kruger kroch auf allen Vieren, bis er Brocken des Gespräches erhaschen +konnte. + +»Was nützte dir der neuerliche Prozeß? Sie ginge ja doch nicht mit dir. +Willst du das Kind gegen seinen Willen zwingen?« Dann hörte er weiter +aus Mannsthals Munde das Wort »Erbin«. »Du willst ihr ein glänzendes +Leben verscherzen? Du, eine Fremde! Denn sie kennt dich ja nicht mehr.« +Die Frau antwortete: »Ein glänzendes Leben? Du wirst sie zugrunde +richten. Du hast eine Wilde aus ihr gemacht. Ich dulde das nicht +länger.« + +»Man hat dich nicht gewarnt? -- Urbacher? Oder spionierst du?« + +»Nein, verdächtige niemanden. Gewissen --« + +»Warum schwieg es denn damals? Warum hast du das Kind deinem Mann +geopfert, der von mir bezahlt war? Muß ich dich wieder daran erinnern?« +Die Stimmen wurden lauter. + +»Du lügst. Deine Spitzfindigkeiten boten uns keinen Ausweg.« + +»Willst du endlich seine Unterschrift sehen? Ich habe diese kleine +Kostbarkeit immer bei mir. Für alle Fälle.« + +»Aber ich dulde nicht, daß du im Ausland lebst. Daß du das Kind +verschleppst.« + +»Sie haben keine Rechte zu verbieten.« + +»Und wenn ich dich verdächtige, daß du nicht als Vater an ihr handelst?« + +»So werde ich vor den gröbsten Mitteln nicht zurückscheuen. Noch einmal +solch ein Überfall und ich erzähle Arabella alles.« + +»Willst du ihr verächtlich werden?« + +»Willst du, daß sie die Erinnerung an dich, daß sie das Wort >Mutter< +für immer austilgt?« + +»Erpresser,« sagte die Frau. + +»Du reizt mich zum Äußersten. Du weißt, ich liebe sie unüberwindlich, +mehr als Recht und Ehre. Kehr' in dein Leben zurück, das du dir +freiwillig gewählt hast, und beunruhige das Kind nicht.« + +Die Frau stand auf. »Treib' es nicht zu weit. Gott gebe, daß ich dir +Unrecht tue. Aber auch, wenn du reist, werde ich Mittel finden, das Kind +im Auge zu behalten.« Sie schluchzte. Sie entfernten sich. Kruger sprang +auf. Er lief durch den Wald bis zu jener Stelle, wo die Fahrstraße +ansteigt und Wagen im Schritt fahren. Dort wartete er. Als das Gefährt +herankam, grüßte er. + +»Auf ein Wort, bitte.« Die Dame fuhr erschrocken auf und fragte: + +»Was wollen Sie?« Ein Bettler war das nicht. + +»Ihre Adresse,« sagte Kruger -- »für alle Fälle.« + +Die Dame erbleichte. »Wer sind Sie,« stieß sie hervor. + +»Wozu? Nebensache. Zu Ihrem Vorteil frage ich. Geben Sie zumindest eine +Deckadresse. Den Namen Ihrer Tochter Arabella zum Beispiel. Welches +Postamt?« + +Die Dame sah den Menschen an. Sie besann sich mühselig. Zögernd nannte +sie das Verlangte. Kruger zog rasch den Hut und verschwand im Walde. + +Vögelchen konnte nicht einschlafen. Sie saß auf ihrem Balkon im Dunkel +und kämmte ihr Haar. Sie tat das gern und immer länger, als es nötig +war. Vor dem Gartenhaus sah sie Kruger herumwandern. Er sah ernst und +vergrämt aus, schwer von Wissen. Mannsthal hatte sich zurückgezogen und +ihr jede Frage abgeschnitten. Er wollte sie nicht mehr belügen. Seitdem +er sie in ein neues Leben aufgenommen, versuchte er so ehrlich zu sein +als möglich. Später würde er ihr für alle Teile gleich schonungslos die +Wahrheit sagen. Später! Vögelchen starrte auf das Licht seines Zimmers. +Jetzt losch es. Zorn stieg in ihr auf. War sie denn immer noch das Kind, +dem versagt wird, was der bloße Anstand erforderte? Aufklärung von +Vorgängen, die sich vor ihr abspielten und dies alles mit +Selbstverständlichkeit. Ihre Freundschaft mit Urbacher, mit dem +Studenten, wortlos wurden sie ihr genommen. Warum war dies zwischen ihr +und Va, daß sie nachts sich nicht mehr zu ihm getraute, wenn ihr +ängstlich zu Mute war? Alles schien ihr nun unnatürlich. Wie +traumverloren stand sie auf, stieg mit ihren roten Pantöffelchen und +aufgelöstem Haar zu dem Menschen, den sie da unten bei der Arbeit wußte, +zu ihm, der die Tore seines Wesens für sie aufgeschlossen hatte. Morgen +würden sie ja reisen. Da mußte alles anders werden. Dann würde wohl auch +Va sie einnehmen in sein eigenes Leben. Aber, wenn das nicht geschah? +Wenn sie allein bliebe? Gab es einen Weg aus ihrem Bangen? Nun würde sie +Kruger Adieu sagen und seinen Predigersegen empfangen. Als sie so +plötzlich vor ihm aufstieg, weiß und lautlos, griff er in die Luft, als +gelte es eine Erscheinung zu fassen: »Wieder auferstanden?« sagte er +grinsend. + +»Schweig,« flüsterte sie. »Va braucht uns nicht gleich zu hören und +Camill verrät uns.« + +»Nein, der tut es nicht, und wenn auch? Morgen fährt Frau Arabella +Mannsthal in die Welt.« + +»Ja, morgen fahren wir in die Welt.« + +»Du Glückliche,« seufzte Kruger, »wenn du wüßtest, wie ich mich +hinaussehne, wie ich es erlechze, die weißen Firne im Spiegelbild der +blauen Seen zu erblicken, die berühmten Stätten der Kunst, die uralten +Baudenkmäler, deren lebendiges Geschehen mir gegenwärtig ist! Wie ich +mich nun doppelt sehnen werde, in diese schon von alter Kunstheiligkeit +schaurig gewordenen Kirchen zu treten. Wird er dir auch alles zeigen +können, wie ich es könnte? Wird er dich beten lehren und dichten, wenn +Bewunderung keine täglichen Worte mehr findet? Wird er jene +unzerreißbaren Fäden ziehen, die unsere Sterblichkeit an das göttliche +Ewige binden? Für dich müßten die Steine wieder ihre alten Worte finden. +Von den Wänden der Kapellen müßten Schwester und Brüder aus heiligen +Landen herabsteigen und Zwiesprache halten mit dir. Statt dessen, Ariel, +wird der große Brand über dich kommen. Sieh,« fuhr er in schlichter +Ergriffenheit fort, »dein Blut wird sich entzünden, es harrt schon des +Feuersteines. Aus der schmalen Schale deines Kinderleibes werden Flammen +brechen. Hüte ihre Heiligkeit. Möge es dich nicht vernichten, das +Feuer.« + +Vögelchen sah das Feuer, das die Stätte ihrer Kindheit verheert hatte. +Es war eins mit dem Brande, vor dem er warnte. Welch Wunder, sie +verstand ihn! Endlich kam ein Licht über ihr dumpfes Ahnen. In jener +Nacht mit Mila Maquard, in jenen Stunden, da seltsame Liebkosungen +Fluten von Wärme und heißer Gier in ihr erweckt hatten, da hatte +zugleich ein Gefühl traurig beseligter Weltflucht, ein Enteilen ihres +Körpers über alles Irdische sie erhöht. Sie ahnte, seine Warnung hieß: +»Lass' dich gleiten, verweile nicht auf den Wogenkämmen der Eigenlust. +Ströme aus in unendlichem Geben.« + +Daß sie ihn verstand, beglückte sie. Und nun war darüber kein Zweifel +mehr, als er sagte: »Tu es mit ganzer Seele.« Sie sah nicht, wie seine +bebende Hand sich ballte und wie zum Fluch sie sich aufrecken wollte zum +erloschenen Fenster Mannsthals. + +»Ich werde dich wohl nie mehr sehen,« sagte sie traurig. + +»Du wirst mich sehen. Ich werde dir nahe sein, immer, immer wirst du nur +zu rufen brauchen. Immer wird dein Bild vor mir schweben und mich zum +Äußersten stärken.« Er blickte auf sie mit halbgeschlossenen Augen und +leicht geöffnetem Mund wie einer, der einen lieblichen Traum erschaut. +Dann schlug er den Blick nieder zu ihren roten Pantöffelchen, ein +Märchen kam ihm in den Sinn. Sie tippte ihn leise an der Schulter. + +»Schreib mir,« hauchte sie. Und dann verschwand sie, von seinen Worten +durchschauert. + +Tags darauf fuhr der Wagen vor, die riesigen Koffer aufgeschnallt. +Vögelchen stieg ein wie eine Braut, ihr Schleier flatterte in der Brise +des Morgens. Mannsthal folgte ihr, bettete sie ein in weiche Decken. +Eine feierliche Entschlossenheit lag kalt wie Marmor auf seinem Antlitz. +Camill sprang auf und blinzelte zu einem Fenster. Dort stand Kruger. Der +Wagenlenker tat seine Arbeit. Ein leichtes Grüßen. Nun flog das Gefährt +in die Landschaft ... + +Hunde, die man zu Hause läßt, brechen zuweilen ihre Fesseln, Wagen oder +Eisenbahn nachzujagen mit hängender Zunge. Also flog schweißtriefend +Konrad Krugers Seele neben Vögelchens Wagen und heulte auf zu ihr in +verschmachtendem Schmerz. + + + + + Adalbert Mannsthal + + + »_Il avait toujours eu le + malheur d'être riche._« + + (_Romain Rolland + »Dans la Maison«_) + +Fünfundzwanzig Jahre vor diesen Begebenheiten saßen in dem Parke der +Mannsthal-Villa in Hellwang einige Jungen und sprachen -- sie waren etwa +fünfzehnjährig -- von »Unerlaubtem«. Einer von ihnen führte das Wort, +manche warfen Bemerkungen ein, um Kenntnisse zu beweisen, andere +stellten ab und zu eine zaghafte Frage. Nur Adalbert schwieg und es +schien, als höre er nichts als das Brausen der nahen Stahlwerke und sähe +nichts anderes als die feine Holzschnitzarbeit, die er eben handhabte. +(Es war ein Kästchen, das einem besonderen Mineral als Aufbewahrungsort +dienen sollte.) Immer wieder trieb es die Jungen an, vor ihm ihre +Eröffnungen ins Lügenhafte zu steigern, um ihn endlich zur Anteilnahme +hinzureißen. Während er äußerlich kühl blieb, entfiel ihm kein Wort des +Gespräches, aber zum ersten Male bemächtigte sich nun seiner Unruhe. Er +selbst war wohl von einem vernünftigen Vater hinreichend aufgeklärt +worden, aber seine beherrschte Lebensart, die Beschäftigung mit +künstlerischen Dingen, sein Interesse für das große Unternehmen des +Vaters, sein stark entwickelter Schönheitsinn hatten ihn bisher vor den +oft im Müßiggang vorzeitig aufkeimenden Trieben bewahrt. Zum ersten +Male, obwohl älter als die Vettern und Freunde, begann nun ein heißer +Drang in ihm aufzusteigen, der ihn so sehr betroffen machte, daß eine +Beteiligung am Gespräche seine körperliche Anteilnahme verraten hätte. +Während er nun mit unruhiger Hand die Laubsäge zu meistern suchte, ging +quer über die Auffahrt zur Villa eine Dame mit einem etwa zwölfjährigen +Mädchen. Dieses war sehr zart und blaß, ein Stadtkind. Ein leichtes, +weißes Röckchen flatterte um gut gewachsene Beine, die zwischen den +modisch hervorlugenden Spitzenhöschen und den Strümpfen nackt waren. Der +Wind drohte sie noch weiter zu entblößen. Die Dame war die Frau eines +neuernannten Werkdirektors, die Kleine ihre Tochter, die nun mit den +Eltern in der Fabrik wohnen sollte. Sie waren gekommen einen +Antrittsbesuch abzustatten. Adalberts Blicke folgten dem wehenden +Röckchen, bis es hinter einer Baumgruppe verschwand. Nach einer Weile +sandte die Tante, die Mutterstelle an ihm vertrat, Botschaft, um ihn in +das Empfangszimmer zu rufen. Die Dame verneigte sich vor dem Sohn des +mächtigen Fabriksherrn und sagte: + +»Mach deinen Knix, Loli.« + +Loli schien der Knix nicht am Platze. Sie reichte ihre Hand und sagte +treuherzig: »Grüß Gott!« + +Adalbert blieb eine Weile, aber so wohlerzogen er auch war, er fühlte +seine Blicke immer wieder zu den nackten Knieen Lolis entgleiten, die +ein blonder Flaum bedeckte, und weiterirren zu dem Höschen, das noch +nackter schien, dann auf zu dem weißen Röckchen, das, vom Winde wie ein +weißes Blütenblatt zerzaust, nun müde von ihren schmalen Hüften hing. Er +wußte, daß er in diesem Augenblicke alles darum gegeben hätte, seine +wertvolle geologische Sammlung, seine Eisenkristalle, seine Bücher, wenn +der Sturm, der sich nun draußen erhob, durch die Türe der Terrasse +brechend, ihm das enthüllen wollte, was ihn zu sehen gelüstete. Er war +sehr blaß am nächsten Morgen. Als der Nachmittag kam, ein schwüler +Julinachmittag, mit Lindenduft und müdem Gesang der Vögel, schlich er an +das Gärtchen des neuen Direktors und sah Loli an einem Beet beschäftigt. +Er pfiff leise. Sie horchte auf, sah ihn und sagte lächelnd: »Grüß +Gott!« + +»Willst du spazieren gehen?« fragte er. + +»Gern,« sagte sie freudigst, rief ins Haus und kam dann aus dem Tor. Sie +nahm ihre Schürze ab, warf sie auf die Hecke hinter den Zaun und reichte +ihm kräftig die Hand. Wie frisch sie ihm erschien. Es ging ein +Wohlbehagen von ihr aus, wie von neugesteifter, blütenreiner Wäsche, die +sorgfältige Hände in einem Spind verwahrt hielten. + +»Wollen wir in den Wald gehen?« fragte er. Sie klatschte in die Hände. + +»Fein,« rief sie. Sie begannen zu plaudern nach Kinderart. »Wie alt bist +du? In welche Schule gehst du? Was lernst du am liebsten? Hast du +Geschwister?« + +»Wo sind die vielen Jungen?« fragte sie dann. + +»Sie haben einen Ausflug gemacht.« + +»Und du bist zu Hause?« + +»Ich war zu müde, habe wenig geschlafen. Dann wollte ich dich +herumführen. Du kennst hier noch nichts.« + +»Wie freundlich von dir. Es ist so schön da. Mama hofft auch, daß ich +hier stärker werde.« + +»Ja, das könnte nicht schaden. Du siehst noch aus wie ein Junge. +Vielleicht bist du einer.« + +Loli wurde rot. »Was fällt dir ein!« + +»Nun so beweise mir's, daß du keiner bist.« + +»Soll ich mit dir balgen?« + +»Nein, das tut ihr Mädel ja auch. Anders sollst du mir's zeigen, daß du +kein Junge bist.« Er sah sie von der Seite an und lächelte wie im Spott. + +»Pfui, du bist ungezogen,« rief Loli entrüstet. »Ich dachte, daß du ein +feiner Junge bist. Und vor dir hätte ich knixen sollen.« + +»Nun, sei nicht böse und verzünde mich nicht gleich bei deiner Mutter. +Dann ist's aus mit unseren Spaziergängen. Sieh, Loli, diesen kleinen +Gefallen könntest du mir schon tun, damit ich sehe, daß du einer +Freundschaft auch etwas zu Liebe tust. Und damit ich ganz sicher bin, +daß du kein Junge bist.« Er lachte, als scherze er. Sie waren schon im +Walde, der hinter den großen Holzplätzen, die würzig in der Sonne +dufteten, hinanstieg. Es war dunkel und still um sie. Loli sah blaß und +erschrocken aus. »Ihr Jungen seid böse,« sagte sie. + +»Hat denn schon einer das von dir verlangt?« + +»Ja,« sagte sie. »Aber ich habe es nicht getan. Es waren fünf, alle +meine Vettern. Hinter der Scheune bei Onkel Rudolf. Sie baten so, aber +ich tat es nicht. Du hättest sie sehen sollen, sie wurden böse.« + +»Willst du nun, daß auch ich böse werde? Und ich bin doch nur einer, da +ist es dir doch leichter. Dann wollen wir doch auch Freunde werden. Im +Winter fahren wir dann Schlitten, wenn ich zu den Ferien komme. Bitte, +Loli!« Seine Augen, die groß, grau und tief umschattet waren, leuchteten +flehend in die ihren. »Einen Augenblick nur! Hier, siehst du, hinter +diesem dicken Stamm. Hier sieht es niemand.« + +Loli sah den hübschen Jungen, vor dem ihre Mutter sich verneigt hatte, +sie leicht und dennoch herrisch an der Schulter berühren. Das +Sonnengeflimmer rieselte grünlich durch die Zweige. Es war so still um +sie her. Man hörte nur des Knaben erregten Atem. Da hieß das Äußerste +seines Wunsches ihre Händchen seiner Bitte willfahren. Er kniete vor +ihr. Ihre Haut war weißer als der Schnee. Er krampfte seine Fäuste ins +Moos. Da raschelte ein Vogel auf. Loli erschrak. Bebend fiel die Hülle. +Adalbert war auf dem Waldboden niedergesunken, vergrub sein Gesicht. +Dann sprang er auf. Nun liefen sie aus dem Wald, als fürchteten sie +Verfolger. Seine Überlegenheit war geschwunden. + +Die folgenden Tage umgaben ihn die Kameraden. Adalbert schien ein +anderer. Er war heiter und beweglich, beinahe rauflustig. Dann wieder +verschwand er aus dem Freundeskreise. Er wollte sich abseits halten, um +Loli wieder, ohne daß es die anderen gewahrten, zu einem Waldspaziergang +aufzufordern. Es hätte ihm schon genügt, sie zu sehen, die Hand, die +seinen Wunsch erfüllt, leicht zu berühren, unmerklich an ihr Röckchen +anzustreifen. Aber immer war einer der Jungen hinter ihm her und es war +ihm, als dürfe er keinen auf seine Fährte bringen. Er haßte sie alle in +diesen Tagen, weil sie wie er vielleicht ein Gleiches erreicht hätten. +Wenn ihm etwas lieb war, bekam es die Glorie der Heiligkeit. Es war +nicht Neid, der ihn ängstlich seine Sammlung verschließen hieß. Er +fühlte sich als Kronhüter. + +Da geschah es, daß einer der Knaben vom Scharlachfieber ergriffen wurde. +Er reiste, noch ehe die Krankheit sich entschieden geäußert, nach Hause, +aber bald darauf erkrankte auch Adalbert. Er war in diesen Tagen in +seinen Kräften sehr herabgekommen gewesen, hatte wenig geschlafen und +gegessen. Nachdem der Ausschlag geschwunden war, stellten sich +Folgekrankheiten ein. Er magerte ab. Das Fieber hatte ihn fast +aufgezehrt. Die Schwäche löschte das Feuer der eben erwachten Sinne, die +noch in den Phantasien der ersten Krankheitsnächte aufgeflammt waren. +Eine seiner Lungen schien gefährdet. Im Spätherbst reiste man mit ihm +nach dem Süden, dann in die Schweiz, deren Höhenkuren empfohlen wurden. +Zwei Jahre lang lag er auf Terrassen, den Blick auf enzianfarbigen +Himmel, von Schneekuppen gesäumt. Er las viel, lernte mit seinem +Hauslehrer, einem Hochschulstudenten, der schwächlich war wie er. Lange +Zeit war in der Liegehalle ein Russe sein Nachbar. Der war älter als er +und eine brennende Seele wohnte in ihm. Sie sprachen leise, daß Arzt und +Pflegerin sie nicht hörten, stundenlang. Der Geist war jetzt Herrscher +über Adalbert. Nur ganz selten, wenn er die Augen schloß, müde des +vielen Lichtes, sah er im Waldglanz an einen Baum gelehnt, ein fernes +Bild. Wie im Traum. + +Zu dieser Zeit bewegten ihn leidenschaftlich grundsätzliche Fragen. Daß +man sein Vaterland vor allen anderen lieben müsse? Nikolai Karinski tat +es. Nicht etwa daß er seine Nation über die anderen stellte. Rußlands +Seele wolle den anderen dienen, es beugt sich vor der Kultur Europas, +seit Peter sie heimgebracht. Nein, Rußland wäre wie kein anderes Land +fähig, den Wert der anderen Nationen zu erkennen, und dennoch müsse die +Erlösung der Welt von ihm ausgehen. Das Allmenschliche der russischen +Seele sei die große Botschaft an Europa. + +Adalbert verstand ihn zuerst nicht. Er meinte, daß Rußland und Zarismus +das gleiche sei: eine ameisenhafte Anhäufung dürftiger Menschen, über +der ewig die Knute des Despotismus drohe. Wie konnte Karinski sein Land +lieben, wie von ihm Erlösung hoffen für die Welt. Und wie kam es, daß er +das seine mit seinen alten Kulturtraditionen, seinen landschaftlichen +Schönheiten nicht über alles lieben gelernt? Liebe fürs Vaterland, das +war ihm nicht viel mehr als ein Schulgegenstand. Während der Reisen, die +er mit seinem Vater unternommen hatte, war er in fremden Ländern +gleichermaßen in Begeisterung entflammt, wenn das Schöne ihm begegnete. +Karinski, der Graf, aber liebte sein Land im Volke, in der einfältigen +Seele des Russen, die durch alle »Fegefeuer der Zweifel« zu Gott ging +und die Barmherzigkeit Christi auf Erden vertrat. Aber Adalbert hatte +immer gehört, daß in Rußland die Korruption zu Hause, Bestechung und +Grausamkeiten alltäglich seien. Dies habe ja das Volk groß gemacht, groß +im Leiden, meinte Karinski. Dies habe die Seele des einzelnen erhöht und +verbrüdert mit dem Niedersten seines Landes. Qualen, unsäglichste Leiden +hatten den russischen Menschen widerstandslos gemacht gegen die +Anfechtungen seiner dunklen Triebe und die Inbrunst seiner Gefühle. +Deshalb sei er tierisch und kindlich, lasterhaft und einfältig zugleich, +deshalb sei er grausam und gottesfürchtig, niedrig und großmütig, im +Glück frevelnd, im Elend edel, eigensüchtig und freigebig, furchtlos bis +zum Aberwitz und zernichtet in Angst und Schrecken. Immer ist er von den +entgegengesetzten Polen seines Wesens abgestoßen und angezogen, Engel +und Teufel, Kind und Verderber. Niemals könne das Gefühl für ihn +erkalten, immer erregt er Bewunderung oder Mitleid, Abscheu oder +Anbetungswürdigkeit. + +Und Adalbert sah auf sein eigenes Volk zurück, er dachte an die Arbeiter +seines Vaters, an arme Leute. Ja, auch sie lebten mit Leiden und +seltenen kleinen Freuden, aber er sah nichts, was an ihnen begeistern +konnte. Er erinnerte sich, wie er in seiner früheren Kindheit sich eins +gefühlt mit den Kindern der Werkleute, daß ihn aber sogleich Befremden +überkommen, wenn er einem Erwachsenen aus dem Volke sich gegenübersah. +Nicht von ihm, dem Kinde, ging dies aus. Er liebte die arbeitenden Leute +mit ihrem fremden Leben, das ihm unheimlich geheimnisvoll schien. Ihr +Können, ihre Fertigkeiten waren ihm oft unerreichbar und reizvoll +erschienen. Aber sie traten nicht als freie Menschen vor ihn, sie waren +Diener, Sklaven oder mißlaunige Neider, die ihr wahres Gefühl schlecht +verbargen. Wie mußten erst Rußlands Leibeigene hündisch unterworfen +sein, wie unmöglich schien da eine Brüderschaft mit den Armen. Aber das +war es ja, was Karinski so sehr an seinem Volke liebte, daß es seine +eigene Würde bewahrte. Die Demut, die Neidlosigkeit, sie gaben dem +Russen aus dem Volke das Selbstgefühl. Adalbert hatte geträumt dereinst +als Fabriksherr der Wohltäter und Freund seiner Arbeiter zu sein. +Nikolais Reden überzeugten ihn von neuem, daß ihn dieses Bestreben +enttäuschen würde. Sein Widerwille dereinst über Tausende von Menschen +zu herrschen wuchs stetig. Im Volk eine tote Masse zu sehen, die der +Wille der Machthaber bewegt, war ihm unmöglich. Er sah den Einzelnen und +sah die Vielen als Ausdruck einer Wesensart mit Wunsch und Willen, mit +ihrem Eigenleben. Wäre er nicht unter den Arbeitern aufgewachsen, er +hätte sie vielleicht wie eine ihm fremd geartete Masse angesehen, der er +seinen Willen aufzulegen imstande gewesen wäre. Aber viele der Arbeiter +waren seine Spielkameraden und deren Väter. Es fehlte ihm nicht an +Herrschsucht, aber diese kam ihm einzig aus geistiger Überlegenheit oder +Begierde. Eben deshalb kapitulierte sie hier vor seiner Einsicht. + +Seines Vaters Tod traf ihn daher zwiefach. Er hatte sich mit dessen +Einverständnis eine mehrjährige Lehrzeit in großen Unternehmen Amerikas +gesetzt. Nun hieß es auf halbem Wege heimkehren. Er brach seinen +Aufenthalt in England ab, wo er zwei Jahre studiert hatte, und begab +sich sogleich nach Hellwang zur Übernahme des Werkes. Er war von seinem +Leiden völlig ausgeheilt, aber anstrengende Tätigkeit machte bald wieder +einen Urlaub notwendig. Als er zurückkehrte, begegnete ihm Lola Ritter, +die Werkdirektorstochter. Sie war aus der Stadt gekommen, in der sie zur +Sängerin ausgebildet wurde. Die Gesangsübungen hatten ihre Muskeln +gekräftigt, so daß sie über ihr Alter entwickelt war. Als Adalbert sie +sah, staunte er. »Sie ist erblüht,« sagte er sich. Er erkannte den +klugen Gesichtsausdruck, die Zartheit der Hände und Füße, ein blaues +Äderchen zwischen den Augenbrauen, die noch immer unruhig waren wie +damals. Seit jener kleinen Episode hatte er wohl Abenteuer mit Frauen +gehabt und hatte mit Freunden die gebräuchlichen Stationen des Lasters +kennen gelernt. Niemals hatte ihn seither eine Leidenschaft erfaßt und +keine andere Neigung hatte das Bild der kleinen Loli verdrängt. Auch +Lola Ritter, die Jungfrau, vermochte das nicht. Aber es war denkbar, das +Kind in seinem erwachsenen Ebenbild stärker zu spüren. + +Adalbert Mannsthal war damals zweiundzwanzig Jahre alt, aber auch er +schien älter in seiner Selbständigkeit und er war in jeder Weise +beherrscht und sicher in seinem Auftreten. Als er ihr in Hellwang +begegnete, wo sie die Weihnachtsferien verbrachte, war er sich völlig +klar, daß er sie besitzen würde, daß aber ein dauerndes Verhältnis an +Ort und Stelle unmöglich sei. Warten aber bedeutete ihm nur Genuß. Lola, +die in sich die Weihe der künftigen Sängerin trug, sah die Welt nur +durch das Licht ihrer Kunst. Alles, was sich nicht auf sie beziehen +ließ, war ihrer warmen Lebendigkeit fremd. So schien sie es auch mit der +Liebe zu halten. Sie hatte, vierzehnjährig, mit einem seiner Vettern +eine Freundschaft gehabt, die ihrer Neugier nur wenig mehr zu wünschen +übrig gelassen hatte. Seither war sie gewarnt und hatte sich nur an ihre +Kunstbegeisterung verschwendet. So hatte sie denn auch wieder ihre +ursprüngliche Reinheit zurückgewonnen und war errötet in der Erinnerung +jener Begebenheit im Walde, als ihr nun der Fabriksherr erschienen war. +Aber bald fand sie ihm gegenüber die alte treuherzige Art wieder, die er +an ihr so froh empfunden hatte. Sie erzählte ihm, wie sie damals um sein +Fenster geschlichen sei, als er krank gelegen, alle Warnungen +mißachtend, daß sie sich kindisch gewünscht, statt seiner zu erkranken. +Wie sie gewartet habe, daß er dann zurückkehre, und daß sie sehr +bestürzt gewesen, ihn während seines kurzen Aufenthaltes in der Stadt, +ehe er nach England gereist sei, nicht gesehen zu haben. Seither gab es +immer junge Leute, die ihr gut wären, aber sie sei nun schon zu +erwachsen, um diese Dinge auf die leichte Achsel zu nehmen, und außerdem +lenke dies alles vom Studium ab. Adalbert fühlte sich leicht und +beruhigt, wenn sie bei ihm war. Unbewußt schien etwas an ihm gezehrt zu +haben, das nun in des Mädchens Gegenwart schwand. Es war ihm +gleichgültig, was sie sprach. Am liebsten hörte er sie von ihrer +Kinderzeit erzählen. Zwei Tage nach ihrer Begegnung trafen sie sich +heimlich zu einem Spaziergang und er lenkte ihre Schritte zu jener +Stelle im Walde, die seinen Träumen so oft Nahrung gegeben. Sie erriet +seine Absicht auf halbem Wege. Scham hinderte sie, ihm eine andere +Richtung vorzuschlagen. Sie wollte sich lieber den Anschein geben, alles +vergessen zu haben. Am nämlichen Platz blieb er stehen und zündete sich +eine Zigarette an. Sein Blick brannte in dem ihren. Sie sprachen über +gleichgültige Dinge. »Nun muß ich zurück,« sagte er. Sie traten den +Heimweg an. + +Wenige Tage nach ihrer Rückkehr zur Stadt sandte er ihr (sie wohnte bei +ihrer Großmutter) ein Billet zu einem Konzert. Er erwartete sie dann +nach Schluß und bat sie, mit ihm zu nachtmahlen. Sie dankte mit +Begeisterung für das seltene Fest; die Einladung zum Nachtmahl nahm sie +an, für den Fall, als ihr ein baldiges Zuhausesein möglich wäre, damit +ihre Großmutter nicht in Sorge sei. Sie verbrachten einen Abend, der +Lola überzeugte, daß der junge Fabriksherr nicht zu fürchten sei. Bald +sandte er ihr wieder eine Karte ins Theater unter dem Vorwand, daß die +Trauer ihn verhindere, sie selbst zu benützen. Mählich waren es Stücke, +zu denen er sie lud, die nicht nur Lolas Kunstbegeisterung erregten. +Nach den Vorstellungen speisten sie in einem stillen, vornehmen Lokal. +Wenig nach elf war sie zu Hause. Vor den Osterfeiertagen verabredete er +mit Lola wieder eine gemeinsame Fahrt nach Hellwang. Er bat sie, ihn in +seiner Wohnung zu erwarten, da er nicht gewiß sei, wann er abkommen +würde. Keinesfalls sollte sie eine Ankunftsstunde ankündigen, da +möglicherweise ein Hindernis eintreten könne. Lola war nach fünf Uhr +gekommen. Sie trat in ein kleines palastartiges Haus. Der Diener bat +sie, seinen Herrn zu erwarten. Als sie, noch ein wenig betäubt, sich in +dem Zimmer umsah, hörte sie draußen die Eingangstür ins Schloß fallen. +Sie war allein. Der Raum, in dem sie sich befand, war in einer ihr +fremden Art eingerichtet. Hohe Kasten mit groß gemusterten Vorhängen +verbargen Bücher und Sammlungen. In einer Kristallkugel, die in einer +Sofaecke von der Decke herabhing, spiegelte sich regenbogenfarben der +Glanz der verscheidenden Sonne. Jenseits der vornehmen Straße lag die +Mauer eines Parkes, eben ergrünende Bäume streckten ihre Zweige hervor. +»Frühling,« dachte sie und es fuhr ihr ein süßer Schauer durch die +Glieder. Wo blieb er nur? Es war bald sechs Uhr. Zweieinhalb Stunden +hatten sie Fahrzeit. Die Türen der beiden Nebenzimmer waren geöffnet. In +dem einen stand ein übermächtig großes Bett, große Kasten, eine Tür mit +einem gerafften Vorhang ließ einen Baderaum sehen. Im anderen Zimmer +stand ein Flügel, kostbare Bilder hingen an den Wänden. Lola erinnerte +sich jetzt, daß Adalbert ihr einmal gesagt habe, er lebe mit seiner +Tante in dem Hause, das seine Familie seit vielen Jahren inne hatte. Von +einem Umzug hatte er ihr nichts erzählt. Wenn sie ihm etwas mitzuteilen +hatte, schrieb sie ihm in sein Bureau. Plötzlich befiel sie jetzt in der +fremden Behausung heftige Sehnsucht nach seiner beruhigenden Gegenwart. +Es war dunkel geworden, als draußen Adalbert die Tür aufsperrte. Er bat, +zu entschuldigen. Nun sei es ja wohl zu spät, hinauszufahren, zumal für +sie, denn augenblicklich könnte er auch nicht fort. Ob sie ihm nicht ein +wenig vorsingen wolle, er würde sie begleiten, und ob sie sich bei der +Großmutter abgemeldet hätte. Er war sehr unruhig. Schließlich setzte er +sich neben sie, nahm ihre Hände, küßte sie und meinte, es wären noch +ganz der kleinen Loli Hände. Dann wieder sprang er auf und sagte, er +wolle den Wagen für den Morgen bestellen, und ob ihre Großmutter nicht +gestört sei, wenn sie so zeitig das Haus weckte. Lola hatte kaum Zeit zu +antworten, da bat er sie, mit ihm zu nachtmahlen. Es war von einem +gedeckten Tischchen, das immer bereit stand, nur ein Deckel zu heben. +Sie aßen und Lola erschien alles unwirklich, zauberhaft. Nach dem Essen +bat er sie, die Nacht bei ihm zu verbringen, dies wäre doch weitaus +bequemer, niemand würde etwas erfahren und auch von ihm brauche sie +nichts zu fürchten. Sie durchblätterten Bücher, er zeigte ihr nicht ganz +einwandfreie Bilder, sie tranken Likör, setzten sich an den Flügel, aber +Unruhe jagte sie von dort wieder auf. Schließlich bat er sie, sich zu +legen, da sie früh am Morgen aufbrechen mußten. Er selbst würde sich auf +dem Sofa des Bücherzimmers zurecht machen, er wolle ihr nur brüderlich +behilflich sein. Sie lachte und lachte immer wieder in Verlegenheit und +Ungeduld. Ein starkes Licht brannte in ihren Augen. Er öffnete, kaum +ihre Haut berührend, die Knöpfe ihres Kleides. Dann entfernte er sich +mit seltsamem Lächeln. Als er sein Lager aufgesucht hatte, hörte er ein +leises Schreiten. Er schloß einen Augenblick die Augen. Dann hielt er +sie still in den Armen. Sie blieben schlaflos aneinandergeschmiegt, bis +drüben im Park die Vögel zu singen begannen. Sie konnte sich kaum +erheben, die unerfüllte Begierde lag ihr lähmend in den Gliedern. In +seinen Augen flammte ein böses und gleichfalls beseligtes Licht. Sie war +ihm verfallen. Er wußte es. + +Während der Osterfeiertage sah er sie nicht. In den ersten Tagen des +Juli traf er, nach einer kleinen Reise, wieder in Hellwang ein. Als er +Lola begegnete, war er herzlich und artig. Er machte spät abends +Spaziergänge und ließ sie das wissen. Einmal trat sie plötzlich aus dem +Dunkel auf ihn zu. Ein Mann tauchte auf und verscheuchte sie. Eines +Tages fragte er sie -- er sprach sie niemals allein, ob sie nicht wieder +im Walde gewesen wäre, an jener Stelle, wo sie vor Jahren ihm ein Bild +gezeigt, die heilige Elisabeth, die sich eines Sünders erbarmt. Sie +antwortete leise, sie würde nachts dort sein. Er verbarg sich, ließ sie +warten. Und dann, als sie schon müde ins Moos hinsank, kam er zu ihr und +nahm sie ohne Zärtlichkeit. Er reiste bald darauf ab. Als er wiederkam, +sagte sie ihm, daß sie guter Hoffnung sei. Da ging er zu ihrem Vater und +hielt um ihre Hand an. Alles sollte vorläufig geheim bleiben. + +»Aber du liebst mich ja nicht,« sagte sie, als sie allein waren. Seine +Werbung schien ihr unwahrscheinlich. + +»Nein, ich liebe dich nicht,« antwortete er. »Ich liebe die kleine +Loli.« + +Lola war in den folgenden Tagen recht wunderlich. Sie aß wenig und +magerte ab. Stundenlang stand sie vor dem Spiegel und versuchte allerlei +Verkleidungen. Ihre Mutter überraschte sie, als sie eben im Begriffe +war, den Saum ihres Rockes zu kürzen. Sie ging mit hängendem Zopf umher, +sang Kinderlieder und kramte in ihren alten Schulheften. Eines Tages +mischte sie sich unter die Schulkinder und war eben daran, eines der +Klassenzimmer zu betreten, als ihr Vater bestürzt hinzukam. Gewaltsam +mußte sie aus dem Schulgebäude entfernt werden. Zu Hause befiel sie ein +hysterisches Kichern, dann heftige Weinkrämpfe. Allmählich beruhigte sie +sich und lag willenlos in unheimlichem Schweigen. Als Adalbert sie zu +sprechen kam, weigerte sie sich des Wiedersehens, sie ließ ihm sagen: +Loli sei tot. Man brachte sie in eine Nervenheilanstalt. Dort wurde die +traurige Hoffnung auf das Kind zunichte. Die Verlobung ward aufgelöst. +Der Direktor avancierte. Adalbert ging auf Reisen, um Karinski zu +treffen. + +»Nun, wie stehst du mit deinen Fabriksleuten?« fragte ihn der Graf. + +»Meine erste Tat war, die Tochter eines Werkdirektors zu verführen und +ihren Verstand zu verwirren,« erwiderte er. + +»Gib es auf, ein Herr zu sein,« riet Karinski. + +Adalbert verfiel in Schwermut, wenn er an Lola Ritter dachte. Er wußte +nun, daß er die kleine Loli getötet hatte. Er fühlte sie nicht mehr wie +ein menschliches Wesen, wie ein Geist und Dämon stand sie unentrinnbar +in seinem Leben. Mit jener Armen, deren Verstand getrübt war, hatte sie +nichts mehr gemein. Lola Ritter wurde jedoch bald aus der Anstalt +entlassen und es zeigten sich keine Symptome mehr. Sie versuchte wieder +zu singen, aber die Stimme, so schön sie auch ansetzte, brach mißfarben +ab. Adalbert bat den Direktor, ihr eine Rente aussetzen zu dürfen. +Später verheiratete sie sich. + +Mannsthal wußte jetzt: das Geld kauft los von Gewissensschuld. Mit Geld +kann man zerbrochene Seelen leimen und Jungfräulichkeit vergüten, ein +schlechtes Gewissen beruhigen. Aber eben deshalb verachtete er es und +fühlte sich gemeiner als der Arme, der seine Schuld austragen muß ein +Leben lang, Armut ist ihm Warnung und Verhängnis. Hätte er Lola +geheiratet? Vielleicht -- weil seine Eitelkeit es gefordert hätte, nicht +als Verführer gezeichnet zu sein. Aber er wußte, er konnte diese Heirat +nur zum Schein eingehen. Seine Mittel erlaubten ihm, an anderen Orten zu +leben als seine Frau, Abenteuern nachzustreben und sich der Ehe zu +entledigen. Für ihn war sie nicht der eiserne Ring, der den Armen in das +Leben des Gefährten einkettet. Und er fühlte sich nicht verantwortlich +für die Einrichtungen des Staates. + +Ein Vetter seines Vaters und dessen Sohn, die höhere Stellen im Werk +innehatten, räumten ihm mit unverhohlenem Widerwillen eine Machtstellung +ein, die er selbst nur ungern auf sich nahm. Sie warteten, daß er sich +unfähig erweise. Diesen Verhältnissen für einige Zeit völlig entfliehen +zu können, lockte ihn. Er hatte das Werk so sehr geliebt, jede Maschine +war ihm Freund gewesen als Knaben. Aber er hatte gehofft, dies alles +noch lange genießen zu können wie einen großen Konstruierkasten, +spielerisch, da und dort Versuche anstellen zu dürfen, ohne die Lasten +der Verantwortung zu tragen. Was kümmerte ihn der Vertrieb, die Erfolge +der Reisenden, die Preisunterbietungen der Konkurrenz, die +Repräsentation unter den Industriellen. Bestenfalls war er Ingenieur und +Erfinder, und er war es weit weniger als in seiner Knabenzeit, denn nun +lockte ihn das Leben in seiner Vielfalt. Wäre sein Vater am Leben +gewesen, er wäre mählich hineingewachsen in all die Notwendigkeiten und +hätte sie schließlich als selbstverständlich empfunden. Nun aber ließ +ihn sein Hang zum Wesentlichsein erkennen, daß es sich letzten Endes um +Geldverdienen handle, um Zuhäufung des großen Vermögens. Er dachte an +Beteiligung der Arbeiter. Seine erste Tat war gewesen, die Gehalte +aufzubessern, ging er noch weiter, so wurde er beinahe lächerlich. Und +er betrachtete das Unternehmen immer noch als Besitz und Werk des +Großvaters und Vaters. Ein Kongreß im Ausland, dem er als Chef der +großen Firma beiwohnen mußte, war ihm willkommen. Bei diesem Anlaß +lernte er den Neffen eines Teilnehmers kennen, Gilbert von Tirotzky. Mit +seinem märchenhaft schönen Gesicht bezauberte der ihn. Seine Augen waren +zuweilen die eines in seiner Ehre gekränkten Mädchens. Aber +nichts Weibliches war sonst an ihm: er war die Vollendung der +Jünglingsschönheit. Adalbert konnte den Blick nicht von ihm wenden. Es +ergötzte ihn, die heimliche Empörung zu beobachten, die in Gilbert +aufstieg, wenn bei den reichlich tagenden Banketten die Gespräche frei +wurden und sich in saftigen Anekdoten bewegten. Zu Adalberts maßlosem +Erstaunen war der Jüngling, der im Begriffe stand, wie er ein großes +Unternehmen zu leiten, unschuldig wie ein Kind. Da sie die Jüngsten +waren, schien es natürlich, daß sie sich einander näherten. Eine +gemeinsame Reise zur Besichtigung eines Eisenwerkes wurde unternommen. +Als sie Munitionsfabriken besuchten, stieg plötzlich die Vision des +Krieges vor ihnen auf. Sie sahen blutende, hinsterbende Menschen, +eingeäscherte Gegenden, verwüstete Kunstdenkmäler. In ihren Schauern +erinnerten sie sich, daß ihre Unternehmen Munition erzeugten und so den +Kriegsgeist förderten. Derselbe Mannsthal, der wissentlich Lola Ritter +gequält hatte und sich nun heimlich daran machte, Gilberts Reinheit zu +zerstören, derselbe Mensch schwor sich, seine Hand aus einem Unternehmen +zu ziehen, das Vernichtungszwecken der Menschheit sein Hauptaugenmerk +widmete. Derselbe Adalbert auch, der sich mit seinem jungen Freund +stundenlang über die Gedichte des Novalis und Hölderlin, über die +Märtyrer des Mantegna und die Jungfrauen des Botticelli begeistern +konnte, lenkte, wenn sie nachts im selben Zimmer lagen, zielbewußt das +Gespräch auf die Jünglingsliebe, für die er sich entflammt fühlte, +seitdem er Gilbert kannte. Er hütete sich, ihm dies zu beweisen, aber +als sie sich trennten, war sein Freund in Bahnen gelenkt, die ihn +dereinst ins Verderben stürzen sollten. Adalbert befiel eine böse +Nervenkrise. Er litt um Gilbert, um die Erfüllung seiner frevelhaften +Wünsche, die, wie er bald erfuhr, ein anderer erntete. Wie ein Strahl +aus himmlischen Reichen erschien ihm Angele von Tirotzky, Gilberts +kleine Schwester, die er anläßlich des Besuches, den er der Familie auf +ihrem Gute abstattete, kennen lernte. Seltsam, als sie nach vielen +Jahren wieder in sein Leben trat, glaubte er an eine himmlische Sendung, +an eine Mission, die sie an ihm zu vollziehen hatte. Vor dieser +entscheidenden Begegnung traf er sie einmal mit ihrer Mutter in Homburg, +ohne sie sprechen zu können. Von Gilbert aber hatte er schon zur Zeit +jenes Besuches keine Nachricht mehr. In diesen bösen Tagen rettete ihn +vor dem Zusammenbruch ein Miniaturbild auf poliertem Gold, eine alte +Brosche darstellend, die er bei einer Auktion erblickte und die die +erste Erwerbung seiner kostbaren Sammlung wurde. Dieses Bild ähnelte +Loli und Angele und sollte dereinst noch ein deutlicheres Ebenbild +finden. Kenner bezeichneten es als Kopie einer Buchminiatur. Ein leiser +Heiligenschein schimmerte um ein kindliches Haupt. + +Bald waren ihm Namen und Werke Müelichs und Holbeins des Älteren, +Luithard und Berengar, geläufig. Petitot, den Schweizer, die Deutschen +Grahl, Hengel, Glocker, Aldenraths, Graff kannte er, Bouvier, Bossi und +Harper, Füger und die Österreicher Daffinger, Theer, Saar, Peter. Er +kannte alle Manieren, die auf Pergament, Elfenbein, Gold, Silber, +Kupfer. Er reiste in süddeutsche Städte die preziöse Kunst des +sechzehnten Jahrhunderts kennen zu lernen und kaufte und kaufte. Als er +zurückkam, waren seine Nerven scheinbar in Ordnung. Nun arbeitete er im +Werk, drei Jahre lang, fast ohne Unterbrechung. Er musizierte dort, +hatte irgendeine Geliebte und war mit Sammlern und Kunsthändlern in +Verbindung. + +Er hatte keine Freunde, nur Genossen, von deren wesentlichem Leben man +ebensowenig wußte wie von dem seinen: Männer, die etwa Beziehungen zu +Courtisanen von Rang hatten und hinter einem Sport oder Spleen sich +verbargen. Adalbert Mannsthal war wohltätig, aber auch dies erfuhr man +nur durch Zufälligkeiten. Seine größte Schöpfung aus späteren Jahren +(als er das Werk schon in eine Aktiengesellschaft verwandelt hatte) war +eine Anstalt für blinde Mädchen. Er besichtigte jeden neuen Zögling, +hatte unter ihnen seine Lieblinge, die er auch zu sich nach Hause nahm. +Mehreren dieser Mädchen ward durch ihn eine musikalische Ausbildung +zuteil. Sein Wesen blieb verborgen. Er genoß den Leumund hoher +Moralität. Seine Heirat mit Frau Ruthland befestigte seinen Ruf. Seine +Scheidung bekräftigte ihn. Ein Mann wie er konnte begreiflicherweise +nicht die Auffassung teilen, die in einer Ehe Entgleisungen duldet. +Mehrere Jahre vor seiner Heirat, nachdem er das Werk umgestaltet, reiste +er ins Ausland, in ferne Weltteile. Einige Zeit schien er verschollen. +Dann arbeitete er an neuen Maschinen und schloß sich einem berühmten +Physiker in bewunderndem Dienst an. Zuweilen lebte er in dem Landhaus am +See, das ihm seine mütterliche Tante vererbt hatte. Er besaß im Seehaus +eine Voliere mit fünfunddreißig Vögeln, die er zum Teil aus fremden +Ländern mitgebracht hatte. Als ein Marder mehr als die Hälfte von ihnen +zerrissen hatte, aß er zwei Tage lang nichts und schenkte den anderen +Tieren die Freiheit. Seine Miniaturensammlung betrieb er mit wachsendem +Eifer. Durch sie lernte er Urbacher kennen, der menschliche Kuriositäten +studiert hatte, aber dessen überdrüssig nunmehr seine Kenntnisse nur +gelegentlich verwertete. Gleichfalls unabhängig, Herr seiner Zeit und +seines Vermögens, war dieser in allerlei Leidenschaften verfallen, die +in Müßiggang und Überfluß gedeihen, aber sein Wesen war durch seine Güte +zwiespältig und durch fixe Vorstellungen skuril geworden. Er konnte +keinen entscheidenden Einfluß auf Mannsthal gewinnen, wiewohl er in das +Verborgene seines Wesens einzudringen imstande war. Hingegen war +Adalbert durch Verstand, Schlauheit, Überredungskunst und durch eine Art +Unwiderstehlichkeit befähigt, Menschen zu beeinflussen, wie es ihm gut +dünkte. Er selbst fragte nicht danach, wie man sein Leben beurteilte. +Äußere Ehrbarkeit hält die Neugier fern. Er trug sie wie ein schützendes +Kleid. + + + + + Am Wege + + +Vögelchen schrieb an Student Kruger: »Ich weiß Ihre Adresse nicht. +Camill verspricht, den Brief zu besorgen. Sie sind wohl schon zur Stadt +zurück. Am Ende vergessen Sie, sich mit Onkel Clemens anzufreunden und +ihm meinen Gruß zu bestellen. Dies haben Sie versprochen. Und, Herr +Prediger, was ist's mit Ihnen? Was treiben Sie? Ist ein Buch schon +fertig? Haben Sie eine Braut genommen? + +Ich will Ihnen von mir erzählen, von uns. Und Sie dürfen Va nicht länger +böse sein. Va ist jetzt mein Freund, der so gut zu mir ist, daß ich es +gar nicht aufzählen kann. Zuerst waren wir in einer Stadt und blieben +dort, um Bilder anzusehen. Mögen Sie heilige Bilder? Gewiß, Herr +Prediger. Die Leute sehen meist dumm darauf aus. Ich finde das so +rührend. Das Jesukind ist oft reizend. Aber das mag ich nicht, wenn +Teufel mit Gabeln sich überpurzeln. Die Farben waren auch oft so +geschmacklos früher und vieles sieht jetzt so unbeholfen aus, weil man +auf den Photographien die wirklichen Menschen sieht. Aber die neuen +Bilder mag ich noch weniger. Ich finde sie oft roh und sie sehen +zerstört aus. Landschaften gefielen mir z. B. ein Tal, auf das ein +Wanderbursch hinuntersieht, so einer, der im Lindenbaum vorkommt, den +wir zusammen gesungen haben. Da ist der Himmel und die Bäume und die +Berge wie nach einem Gewitter. Aber alles zu erzählen, das geht nicht +an. Niedliche Sachen bekam man zu kaufen aus Ton und hübsche Stoffe, +alles sehr bunt. Ich trank schwarzes Bier aus Steinkrügen auf einem Faß, +auf das mich Va hinaufgesetzt hatte. Alle Leute sahen mich an und waren +freundlich. Abends fuhren wir in einen Garten und fütterten weiße +Hirsche. Wie die seltsam sind, wie aus einem Märchen glotzen sie. Auch +an Seen waren wir, die groß sind, und alles ist überfüllt, die Ufer und +die Kähne. Ich wollte wieder schwimmen. Das Wasser war schmutzig. Va hat +bekannte Leute getroffen. Ich mag fremde Leute nicht. Sie reden immer +Gleichgültiges und man wartet immer, daß sie schon fertig sind. Wir +haben auch Musik gehört, das war das Schönste. Va hat sich eine neue +Geige gekauft. Dann fuhren wir. Es tanzte eine halbe Welt vor unseren +Coupefenstern vorüber und jetzt sind wir wieder an einem See, wo es warm +ist und nie regnet. Die Berge sind in der Ferne, der Himmel sehr blau, +die Bäume Pinien und Zypressen und ähnliches, viele blühende Sträucher, +Blumen, wie man sie bei uns nur in den Läden und Glashäusern sieht, +wachsen in den Gärten und duften, daß man wie im Traum ist. Manchmal +flimmert es über den See, den ich eben vor mir sehe, als wären viele +Libellenflügel wie ein Schleier vor ihm aufgehängt. Nachts seh ich noch +das Flimmern und die vielen Blumengesichter. Es sind auch viel andere +Menschen da und sprechen fremde Sprachen. Wir wohnen nicht im großen +Hotel, gehen nur zum Speisen hin. Wir haben ein Häuschen, auf dessen +Dach man spazierengehen kann, mit einem großen Garten, der an der +Seepromenade unten eine Türe hat. Abends ist auf der Hotelterrasse Musik +und alles wie im Fest. Va ist vergnügt wie nie zuvor. Wir laufen um die +Wette. Ich sage jetzt Albert. Camill wohnt im Hotel, ich habe kein +Mädchen. Va wollte es nicht. Ich fürchte mich nachts manchmal, weil es +seltsame Tiere gibt, die rufen. Aber die Tür zu Alberts Zimmer ist offen +und er sieht zuweilen nach mir und ist gut zu mir, wenn ich böse Träume +habe. Dann sprechen wir oft lange. Auch über den lieben Gott. Er sagt, +Frauen müßten Gott in dem Menschen lieben, der ihnen am liebsten ist. +Albert liest mir auch vor: aus der Bibel von Ruth und Josef und seinen +Brüdern, vom armen Hiob und dann vom Heiland. Das muß schön gewesen +sein, eine Frau zu sein, die ihm die Füße mit ihrem Haar trocknet. Aber +meine Haare sind nicht so lang. Einmal träumte ich, daß ich Jairis +Töchterlein sei und er mich aufgeweckt hat. Dann lesen wir auch Märchen, +die aber auch für große Leute sind, und Theaterstücke von großen +Dichtern. Die kennen Sie wohl alle. Auch spreche ich wieder fremde +Sprachen, die ich früher einmal konnte, sagt Va. Bei manchen Worten +fällt mir meine Mutter ein. Sie haben mich einmal nach ihr gefragt. +Albert hat es mir gesagt; sie konnte nicht bei ihm bleiben. Ich möchte +auch nicht, daß eine andere Frau bei Albert ist. Ich erinnere mich +nicht, wie meine Mutter aussah. Warum ist sie aber weggegangen und hat +mir nie einen Brief geschrieben? Nun schreibe ich schon so lange und +weiß gar nicht, ob Sie noch an Ariel denken. + +Machen Sie noch Verse, Herr Prediger? Wenn Sie Geld brauchen, so +schreiben Sie gleich. Ich habe viel; Albert sagt, ich müsse damit selbst +zurechtkommen. Also nur zu, wenn Sie Not daran haben und wenn man zu +Hause wieder böse zu Ihnen ist. Es grüßt Sie bestens + + Arabella Mannsthal. + +_P. S._ Erinnern Sie sich noch an unser Sterngucken? Nicht weit von hier +soll eine Sternwarte sein, von wo aus man durch lange Rohre die Augen am +Himmel spazieren schicken kann und dort viele Geheimnisse sieht. Das muß +das Schönste sein. Ich möchte zu gern hin. Albert hat mir eine +Überraschung versprochen. Er ist manchmal abwesend, um sie +vorzubereiten.« + +Als Vögelchen den Brief verschloß, träumte ihr Blick den Garten hinab +zum See, der sich dort wie eine tiefblaue Wand aufstellte. An seinem +Ende erblickte sie einen aufschnellenden Gegenstand, der einem +pfeilgeschwind hinsausenden Vogel glich, vor dem das Wasser in weißem +Gischt zur Seite rauschte. Es war ein Gleitboot. Wie ein tierisches +Wunder schoß es daher. An den Ufern hörte man rufen. Vögelchen eilte +hinab. Schon sieht man es näher, es vergrößert sich in rasender +Geschwindigkeit, nun erblickt man den schmalen Schiffskörper, hört das +Knattern eines Motors. Die seitlich geschleuderten Wassermassen +überfluten ihn, ein Mensch in Taucherkleidung wird sichtbar. Nun ist das +Sausen ganz laut, das Boot schnellt aufbäumend glatt auf das beruhigte +Wasser hin und schwebt ans Ufer heran. Arabella ist unter den Leuten, +die sich in Neugier und Bewunderung am Dampferplatz zusammengeschart +haben. Der Gleitflieger springt ans Land. Es ist Mannsthal. Vögelchen +fällt ihm um den Hals. Sie zittert am ganzen Körper. Er hebt sie auf wie +eine Feder und trägt sie durch die gaffende Menge. Nun ist ihr der +Zauberer zum Helden geworden. + +»Das ist dein Geheimnis?« fragte Arabella noch atemlos. + +»Ein Scherz vorläufig,« sagte er lächelnd. + +Adalbert pflegte mit Arabella auf der Terrasse an einem Tischchen +abseits zu speisen. Als sie eines Abends, von neugierigen Blicken +empfangen, eintraten, sprang rasch ein hochgewachsener Herr, der allein +an einem Tische saß, auf, blieb wie vor einer Erscheinung stehen und +stürzte dann auf Mannsthal zu. Es war Nikolai Karinski, von dem er schon +mehrere Jahre nichts gehört hatte. Zum Erstaunen der Gäste, die +ringsumher saßen, küßten sich die beiden Männer, blickten einander +prüfend an, schüttelten sich die Hände und umarmten einander abermals. + +»Das ist Arabella, du weißt --« stellt Mannsthal vor. »Ein alter Freund, +Graf Karinski.« Sie waren abgesondert in ihrer Freude unter den fremden +Menschen und Vögelchen war gleich die Dritte im Bunde. Der Russe, von +dem sie kaum etwas wußte, war ihr nach wenigen Augenblicken kein Fremder +mehr. Er trug sich ein wenig _à la_ Lord Byron und hatte ein Gesicht, +dem man immer neue Reize abgewann, obwohl es nicht schön war. Nichts +schien in ihm aufeinander gestimmt, selbst die dunklen, sanften und doch +flammenden Augen waren ungleich, das linke höher als das rechte, wie man +es bei Menschen sieht, die lange ein Monocle getragen haben. Die Nase +stach absonderlich hervor, sie war wie ein Haken kühn und adelig. Auch +das Kinn unter dem breit geradlinigen Mund war kantig. Sein Haar, von +einem weichen, metallenen Braun, war in kindhaften Scheiteln +zurückgelegt und wenig dicht. Die starken Backenknochen, der Ausdruck +der Augen, die Gestalt verrieten den Russen. Was diesem Antlitz das +farbig Wechselnde des Kaleidoskops gab, war sein Lächeln und Schauen. +Das konnte bald dem eines fröhlichen Kindes, bald dem eines weisen +Greises gleichen und es konnte Verklärung und Andacht und tiefste +Zerknirschung spiegeln. Übermut und Trauer flogen schattenhaft wie Licht +und Dunkel darüber hin und zuweilen wurde es fratzenhaft (ganz selten in +Vögelchens Gegenwart) und oft brach die Flamme des Geistes aus ihm und +brannte heiß über seinen Zügen. Und dies alles schien oft +zurückzustürzen, auszulöschen. Dann war das Antlitz einer verkohlten +Landschaft gleich, über die fahler Nebel schwelt. Er hatte große Hände +und starke Arme. Vögelchen dachte, daß er sie bis ans Ende der Welt +würde tragen können ohne zu erlahmen. + +»Also dies ist dein Kind, dein Täubchen, dein Weibchen,« sagte er und +sah sie an wie ein treues, derbes Tier. »Ich darf du zu ihr sagen, darf +ich das, Porzellankindchen?« + +»Ihr werdet bald gute Freunde sein,« ermunterte Mannsthal. + +»Habe ja auch ein Kleinod zu Hause. Du weißt, wie ich auf die Frauen zu +sprechen war -- aber die Gräfin! Ja, die meine, hat mich beten gelehrt.« + +Und er begann von Tanjä zu erzählen. Eine barmherzige Schwester sei sie +und ihre Seele wäre eine Wünschelrute, die jede Quelle des Leides +aufspüre in der Menschen Drangsal. Ihre Stimme glätte Aufruhr und +Zwiespalt, ihrer Worte Balsam sei Sanftmut ohne Ende! Und Nikolai +Karinskis Augen waren die eines Beters und gleich darauf fiel sein Kopf +zur Brust herab und er glich einem Büßer, der eine Züchtigung gewärtigt. +Er erinnerte sich wie immer, wenn er von ihr erzählte, daß er sie einmal +geschlagen, von Neugier getrieben, ob sie böse werden konnte. Er hatte +einen Streit vom Zaune gebrochen, indem er eine Rücksicht, die sie üben +wollte, barsch abwies, und als sie, seine Worte nicht ernst nehmend, +sich anschickte, ihr sorgliches Vorhaben auszuführen, hatte er ihr mit +Schlägen erwidert, die aus den Riemen einer Hundspeitsche auf sie +niedergingen. Sie hatte sich, noch immer an Scherz glaubend, zu ihrem +Bett geflüchtet und sich darin vergraben. Als es vorüber war, lag sie +still und starrte zu ihm auf, als wäre ein Wunder geschehen. Aber kalt +und starr war sie anzufühlen, als er sich in grenzenloser +Selbstverdammung vor ihr auf die Kniee hinstürzte. Kein Schauer +durchbebte sie. Wie eine Tote lag sie ihm im Arm. Tags darauf war sie +still und gütig wie zuvor. Er bekam Krankenkost, das bedeutete eine +Anzahl leichter Leckerbissen, und die Kinder mußten leise sein. Karinski +erzählte das Arabella, als sie schon gute Freunde waren. Es tat ihm wohl +einem Kinde zu beichten. + +»Du wirst bis in den Tod daran denken müssen,« sagte Vögelchen böse. +»Ich wäre daran gestorben.« + +»Ja, vielleicht ist auch sie daran gestorben und ich weiß es nicht. Ich +fühle alle Schuld in dieser Erinnerung,« sagte Karinski, »alle Qual, die +seit Weltbeginn Menschenherzen gemartert hat. Und Tanjä ist eine Heilige +geworden und viele Frauen sind Heilige. Sieh das Gesicht der Schwangeren +und vergleiche es mit dem der Gottesfrauen und Gottesmänner in den +Kirchen, und Gott liebt sie, weil sie Schuld abtragen in ihrer +Mutterschaft. Und auch die Armen liebt er und tröstet sie in seinen +Kirchen. Wir Reichen aber und im Geist Mächtigen, wir können nur unsere +Inbrunst aufheben zu ihm mit verzückten Händen, bis sie erlahmen und +wieder nur taugen zum Verzagen, zum Laster und zur Knute.« Und er fuhr +fort, von Tanjä in Ehrfurcht zu sprechen, und hatte dennoch keine Eile, +obwohl sie sich in Sehnsucht nach ihm verzehrte und mit vielen kleinen +Kindern sich sorgte, zu ihr zurückzukehren. + +Eines Tages erschien dann eine russische Familie und Karinski umarmte +sie, wie er Mannsthal umarmt hatte. Wenige Tage später reiste er mit den +Landsleuten ab, nachdem er unter Tränen von Adalbert und Arabella +Abschied genommen. Vögelchen trauerte ihm nach. Bald bekam sie ein +Schreiben von Tatjana Gräfin Karinska, die sie ihrer Freundschaft +versicherte und zu einem Briefwechsel lud. + +Auch Mannsthal war jetzt schweigsamer als zuvor. Karinski hatte ihm die +Ereignisse seines Lebens erzählt, die in die Zeit fielen, wo ihr +Briefaustausch aufgehört hatte. Aber Adalbert hatte geschwiegen. In ihm +war alles aufgewacht, was er seither erfahren, und hatte sich +vorgedrängt bis zur Schwelle des Vertrauens. Nikolai hatte ihm dunkle +Dinge gebeichtet und Reue und Scham, die er dabei empfand, waren ihm +erwünschte Strafe. Was er selbst zu sagen hatte, war in seinen +Einzelheiten so unfaßbar, daß er vermeinte, die Luft nicht weiter atmen +zu können, in die der Hauch seines Geständnisses sich mengte. Er konnte +nur eines bekennen, daß Arabella ihn gerettet und daß er sich aufgespart +für sie. In diesen Tagen war nichts mehr von Strenge in ihm, sein Wille +wollte sie nicht zwingen mit geheimen Mitteln. Eine grenzenlose +Dankbarkeit floß zu ihr hin, fand seine Sinne in Gehorsam und +entwaffnete seine List. Zu dieser Zeit lag glosende Hitze über dem +südlichen See. Mählich verödeten die Straßen. Das Hotel, die Villen +waren fast unbewohnt. Kaum daß die Häuser der Einwohner tagsüber die +schirmenden Läden hoben. Die Bäume und Sträucher waren so üppig im Laub, +daß sie ineinander sich verstrickten und Blüte an Blüte sich drängte. +Die Insekten wurden gefährlich, die Nächte seltsam duftend und voll der +Wunder. Aber weder die Nächte noch der See brachten Abkühlung. Vögelchen +vertrug die Hitze besser als er, ja sie breitete sich aus wie eine +treibende Pflanze. Leise Anzeichen sprachen dafür, daß ihr Körper reife. +Auf ihren Wangen lag ein Schein erblaßter Rosen, die das Leuchten ihrer +Augen steigerte, ihre Lippen öffnete ein scheuer Durst. Er sah es in +unendlicher Entzückung. Seine Versuche mit dem »Mannsthal-Gleitboot« +hatte er aufgegeben. Er begnügte sich, den Stand seiner technischen +Leistung in verschlossenem Brief in der Akademie der Erfindungen zu +hinterlegen. + +Eines Abends brachte Mannsthal ein etwa vierzehnjähriges Mädchen in den +Garten. Es war blind. Vögelchen war erschüttert, als es die Kleine +erblickte. Sie hörte nicht auf sie zu streicheln und schließlich küßte +sie die leblosen Augen. Sie brachte ihm eisgekühlte Früchte, wusch ihm +die heißen Wangen, erzählte ihm allerlei, sang ihm vor, so gut sie es +konnte. Adalbert aber war weitaus gewandter im Umgang mit Blinden und +seine Zärtlichkeit für die Unglückliche hatte für Vögelchen etwas +Erstaunliches. Er schien ein anderer, wenn er Rosina berührte, als wisse +er, wie Blinde empfänden. Vögelchen holte sie zuweilen aus dem +Uhrmacherladen, wo sie zu Hause war, und schlich sich mit ihr in einen +entfernten Teil des Gartens und verbarg sie vor Mannsthal. Oder sie +entfernte sich, wenn dieser sich mit Rosina befaßte. War es möglich, daß +sie dem Kinde Adalberts Güte neidete, oder wollte sie in ihren +Bemühungen nicht übertroffen werden? Mannsthal entging das nicht. Er +verdoppelte seinen Eifer um Rosina und seine Zärtlichkeit war nicht mehr +verstohlen wie bisher. Vögelchen selbst suchte sie und erwiderte sie. + +Die Landschaft lechzte nach Regen. Die Einwohner aber wußten, daß keiner +zu erwarten war. Mannsthal fühlte feurige Dämonen um sich kreisen. +Manchmal war ihm, als erhöbe sich lautlos ein glühender Gewittersturm +und jage ihn. Ein anderer Mensch in ihm riet zur Flucht, zu Tod, zu +Verwandlung. Er trug es nicht länger. Kam ihm nicht Erlösung, so brach +er zusammen und die Frucht seiner Sehnsucht schnellte für ewig aus den +erlahmenden Händen. Aber er wußte auch, plötzlich konnte »es« geschehen, +ohne Warnung und Zeichen, ohne Donner und Posaunenschall. + +Auch Vögelchen war voll Unruhe jetzt. In der Dunkelheit trieb es sie in +den Garten oder sie schlich Adalbert nach, wenn er noch spät sich +entfernte, und wartete am Gartengitter auf seine Rückkehr. Einmal +nachts, als er wie betäubt auf seinem Bette lag, weckte ihn das Leuchten +eines Scheinwerfers. Weiße Lichtgarben sprengte er über das Land. Er +tauchte den Garten von Dunkelheit rein, weckte die Statuen in den Hainen +und die schlummernden Farben der blühenden Büsche. Vögel fuhren +erschreckt aus ihrem Schlaf und huschten dann ängstlich wieder in ihre +Nester nieder. Als der Schein wiederkam, war es Adalbert, als sähe er +nächst den Rhododendrenbüschen eine lichte Gestalt, die traumhaft ihre +Arme in das fliehende Licht hob. Der Strahl schien sie aufzunehmen und +aufzulösen in seiner Helle. Mannsthal stieg zum Garten herab. Unhörbar +war sein leichter Schritt im Moos. Er war sehr schlank geworden in +diesen Tagen der zehrenden Sehnsucht. Die Luft schien um ihn zu +knistern, als wären Millionen dunkeläugiger Fünkchen in ihr verborgen. +Ihm war, als griffe der Duft der Blumen nach ihm und umstricke ihn. Er +suchte die Hängematte, ein Frauengewand lag da. Seine Hände fieberten, +als er es an seine Lippen hielt und seinen Kopf darein verwühlte. Dort +im Rhododendrenhain stand die Statue nicht mehr. Der Mantel der Nacht +hing ihr um die Schultern, aber leuchtender als Marmor schimmerte es im +Moos: Schlafend lag ihm Arabella zu Füßen. Ihr Atem zog leise in die +Nacht, der seine war verhalten in Grauen und Lust. Lange mußte sie +gekämpft haben um diesen tiefen Schlaf. Er kniete neben ihr hin in Glut +und Anbetung und segnete die Luft, die zwischen ihm und ihr war und ihm +Raum gab, seine schauernde Seligkeit auszugießen über ihre ahnunglose +Nacktheit. Warum, oh warum hatte die Nacht sich dem Licht geöffnet, +warum, warum hatte der Strahl, aus den sein Schlummer ihn gerufen, ihn +zu dieser Stätte geführt! Lenkte nicht einer unbezwinglichen Macht +gefügiger Geist das Ziel seinem brennenden Wunsch entgegen? Nein, sein +Schicksal weigerte sich nicht. Es entzündete ihm die Brautfackel und +ließ sie leuchten über die Lande. Aber noch wollte er die Qual erdulden, +sie neben sich zu fühlen, ohne sie zu berühren. Nicht im Schlafe wollte +er sie aus der Kindheit wecken. Nicht doppelt unbewußt durfte sie +erwachen in ihre Vermählung. Noch wollte er sich die Drohung ins Herz +stoßen, von ihr zu lassen, wenn sie nicht erwachte, ehe vom Glockenturm +der dumpfe Schlag der nächsten Stunde anschlug. Er fühlte ringsum den +unsichtbaren Garten, der Dolden regungsloses Blühen und wie sich das +Netz von Düften immer enger um ihn spannte, wie der Wohlgeruch von +tausend Rosen sich mit dem der Glycinen verband und weiter wob zum +leisen Hauch der Iris, zum goldenen Atem der Azaleen, zum linden Duft +der Karthäusernelken. Erinnerung ferner Gärten stieg vor ihm auf, Wälder +hoben ihre Dunkelheiten, Indiens Haine erstanden ihm, die ansteigenden +Wege zu den heiligen Bergen des Ostens, gesäumt von Kirschblüte und +Chrysanthemum. Affen saßen auf Zweigen, bunte Vögel flitzten durch +beerenbeladene Äste. Fern blaute das Meer. Landschaft war ihm nur Rahmen +der Erinnerung. Ein Zug von Frauen begann zu schreiten. Er sah sie alle +wieder, die fremdartigen, die aus einer Stunde traten und sie bunt +färbten, Loli, jenes Bild seiner Kindheit, der Wald hinter dem Werk, +Tirotzky, Angele, dann das lachende Kirschengesicht einer Tänzerin, die +Blinden, die bleiche Frau, die er zu sich nahm, auf daß sie bei ihm +verstürbe, und die Entstellte dann, die er so namenlos beglückt, das +Bettelkind in jenem irischen Dorf, in dem er unversehens genächtigt, die +Fürstin C., dann die erträumten Wirklichkeiten seiner Miniaturen, +Camilla, die an einem Kinde starb, das nicht das seine gewesen, Mila, +das Weinstubenmädchen, mit der wahnsinnigen Mutter, das aufstieg zur +Halbweltdame, Landmädchen, Courtisanen, dann -- ein verhüllter Zug, der +ihn erschauern machte. Geisterhaft stumm zogen sie. Aus aller Welt waren +sie gekommen, aus Gräbern und Himmeln, aus Leben, das er nicht mehr +kannte, über fremde Schwellen schreitend, aus fremder Umarmung sich +lösend, aus Häusern des Lasters, aus Klöstern und vom trauten Tische +sich stehlend, über dem Kinder und Gatte sich zum Mahle neigten. Ledig +der Last der Jahre waren sie gekommen ihn zu grüßen, ehe sie versanken +vor einem großen Licht. Denn sie waren alle Priesterinnen in seinem +Liebestempel gewesen, nur daß keine ihm gefolgt war über die letzten +Stufen des Hochaltars. Nun waren sie vorbei. Da fühlte er den Einstrom +eines Lichtes. Wolken aus milchweißen Schleiern verbreiteten blendende +Helle, Sterne schwebten wie Silberbienen zu knospenden Lilien, deren +Kelch goldener Tau benetzte. Auf den Wellen des Lichtes schwebten weiße +Wasserrosen. Da sah jene Sterbende aus spiegelnden Tiefen und goß ihm +ihren mahnenden Blick ins Herz. Der Blick ging durch die Hallen des +Lichtes, wie durch gläserne Wände, metallisch, rieselnd wie heiliges +Wasser bespülte er Adalberts Seele. Er baute einen Baldachin weißer +Blüten über das schlummernde Kleinod im Moos. Wie ein Taubenpaar +schwebten der Bleichen Hände schützend über ihm. Ein Chor kleiner Engel +schwebte heran. »Laß ab,« beteten die Seelen der blinden Mädchen. »Wirf +nicht Brand in den Schnee,« flehten die Kelche der Lilien. »Rühr mich +nicht an,« sangen die Sterne, die wie Silberbienen schwebten. »Fliehe,« +säuselten die milchweißen Schleier. Und die Wasserrosen öffneten die +siebenfach verschlossenen Lippen und seufzten: + +»Laß ab!« + +Und das Licht war ein Mund und posaunte: + +»Laß ab!« + +Aber lauter als sein Schall war der linde Atem der Schlafenden, denn er +war lebendig. Schmal und flüchtig wie einen Traum wußte er sie +hingebettet und dennoch wirklich, wie nur Leben sein kann. Und wenn er +ging und abließ, dachte er, würde der glitzernde Leib einer Schlange +sich aus dem Dunkel ringeln und Giftzähne in ihr Fleisch graben? Sie war +einer Glut hingegeben, die sie ahnte und ersehnte. Konnten nicht Helden +oder Unglückliche, die ihr mitleidiges Herz gewannen, sie ihm entreißen, +morgen schon, und sie verheeren für immer. Denn er nur würde sie +befähigen, höchste Lust zu geben und zu nehmen, eine Göttin, nicht eine +Magd der Liebe zu sein. Er nur, der sie kannte wie kein anderer, würde +sie, wie die Mutter sprechen lehrt, die Welt der Liebe lehren. Er würde +Schätze heben aus ihrem aufpochenden Blut, Kleinode entsiegeln in ihren +geheimsten Schreinen und unlösbar würde er ihre Seele mit ihrem Blut +vermählen und so sie feien vor der Erniedrigung der wissenden +Liebesglut. An ihr sollte das Laster sich heiligen und Keuschheit +menschlich werden. Er nur, er konnte sie wecken zu verklärtem Brand, zu +heiligem Genuß. Und doch, dies hatte der Dämon seiner Selbstqual über +ihn verhängt, wenn die Turmuhr schlug, eh' sie ihm erwachte, war sie ihm +und sich selbst verloren in ewigem Durst. Er wußte, jenes blinde Kind +wachte im Turm und hütete die Glockensträhne. Oft war er bei ihr +gewesen. Konnte nicht jetzt ihr rächender Wille, müde seiner zu harren, +die Strähne ziehen, ehe die Geliebte erwachte? + +Da plötzlich griff es, ehe die Versuchung ihn überkam sie zu wecken, mit +weißen Fingern in die Luft. Des Scheinwerfers Geisterhand schwebte auf +und nieder, kaum die Baumwipfel berührend, und jetzt fiel sie +pfeilschnell herab und ließ den Garten aufstrahlen in Licht. Vögelchens +Schlaf zerriß, mit leisem Aufschrei haschte sie die Helle und im letzten +aufstrebenden Strahl erblickte sie den Mann. Als würde Traum zur +Wirklichkeit, schlang sie ihren Arm um seinen Hals, preßte die +schlafheißen Wangen an seine Brust. Langsam ließ er sie zurückgleiten +ins Moos, Hände kosten sie und grüßten die Kleinode ihres Leibes. Ihre +Haare waren wie besonnte Seide, darunter die Pulse in den Schläfen +pochten, wie kleine gläserne Hämmerchen. Auf die Wangen senkten sich die +Lider herab wie bebende Schmetterlingsflügel. Ihre Lippen öffneten sich +und er erschauerte, bald würde er ihre Süße kosten. Nun fühlte er die +gläsernen Hämmerchen durch die feine Haut des Halses an seinem Mund und +vor der Zartheit ihrer Schultern erbebte er, denn sie waren die eines +Kindes. Ihre Brüstlein waren jungen Tauben gleich, die rosige +Schnäbelchen aus dem Gefieder spreizten, wenn der Flügelschlag der Liebe +ihrem Durste naht. Er meinte zu vergehen. Einen Augenblick vergrub er, +Ruhe suchend, seinen Kopf an ihrem Halse, aber da fühlte er ihren Duft +und war völlig berauscht. Er sah sich selbst und spürte, was er sah. Der +andere Mensch, den er nicht mehr hielt und kannte, war an der Arbeit. +Noch einmal verdrängte er ihn. Er faßte das Wesen und hob es von sich +weg, um warnend es vor sich zu sehen. Federleicht spürte er seine +Wehrlosigkeit. Aber dem andern war das nur recht, er riß dem Zauderer +die Beute aus dem Arm und flüsterte betörende Worte. Oh, diese Worte! +Arabella vergaß sie niemals. Ihre Erinnerung übergoß sie mit Gluthauch +bis spät in die Jahre. Und wie gefällig machten sie diese Worte, wie +beflissen ihn zu verstehen, wie willig alles zu erdulden, den Schmerz +und die Lust. Aber dann, als nur mehr der andere herrschte und der +Zaudernde verschwunden war hinter glühenden und tobenden Wolken, als +Feuer auf sie niederbrach und sie unbarmherzig sengte mit Eisen und +Schwert, über ihre Kraft es zu bergen, da befiel sie eine wahnwitzige, +grenzenlose Furcht, die sie mit wunderbaren Schauern durchdrang. Aber +nur bei ihm gab es Schutz, Zuflucht nur an seiner Brust, zu der sie +hindrängte. War er ihr böse, daß er sie von sich stieß, um gleich wieder +sich eisern in sie einzuschmieden? Da, als er wie ein von göttlichem +Zorn Besessener über ihr raste, fühlte sie plötzlich namenlose Erlösung +und während ihr ganzes Sein ausströmte in demütiger Verzückung zu +randloser Ewigkeit, sah sie im ersten fahlen Licht des Morgens ihn zur +Seite stürzen, als hätte Gott ihn an Felsen zerschellt. Die Vögel +erwachten in ihren Nestern. Ein leiser Wind strich kühlend vorbei. +Vögelchen richtete sich steil auf und sah über den Regungslosen mit +großen, erstaunten Augen in das erwachende Leben. + + + + + Die Blinde + + +Simonne Nerat hieß ihre Mutter. Leichtfertig war sie wohl anfangs nicht +gewesen, aber die Leute vermuteten es. Sie kam aus südlicherer Gegend. +In ihrer Beweglichkeit erblickten sie nicht natürliche Anmut, sondern +abgefeimte Gefallsucht. Thomas Janele, der sie nach seiner Gesellenzeit +heimbrachte, war ihr natürlich auf den Leim gegangen, meinten sie. +Solange der alte Uhrmacher, sein Vater, lebte, der gutmütige, +weißlockige Greis mit dem Kinderantlitz, da ging noch alles gut. Simonne +war auch eine Meisterstochter, und was zur Gilde gehörte, gleichviel ob +es unter seinem Dache als Schwieger hauste, genoß seines Schutzes. Geld +hatte sie keines mitgebracht, denn Vater Nerat war zwar berühmt in +seinem Fach, aber wie man sein Schäflein ins Trockene bringt, darin war +er keineswegs Meister. Mochte sein, daß Simonne auch deshalb bei kleinen +Leuten nicht voll genommen wurde. Und Ulrich war ein Käsegesicht und ein +Duckmäuser. Warum hatte sie gerade ihn genommen? Das Kind war bald da: +ein blindes Mädchen. Da schien des Teufels Hand im Spiel. Im ganzen Dorf +gab es keine Blinde. Man verachtete die Fremde, daß sie es um eine +Mißgeburt bereichert hatte. Der alte Janele weinte wie ein Kind, als der +Arzt das Unglück feststellte. Längst waren seine Augen zu schwach, um +über seine Räderchen und Federn zu herrschen; des kleinen Mädchens +Führer zu sein, dazu taugten sie noch. Nun war sein Alter nicht nutzlos +mehr. + +Fragt nicht, wie es der Rosina erging, als der Großvater gestorben war! +Niemand wußte mit dem blinden Kind umzugehen, man hatte sich völlig auf +des Alten Sorgfalt verlassen. Der allein hatte um der Kleinen +Eigentümlichkeiten gewußt und sie aus den eigenen Hinfälligkeiten +verstanden. Er hatte sie ihr eifrig abgelauscht, sie selbst wußte ja +nichts über sich und nun konnte sie nicht nach außen tasten mit Bitte +und Frage, denn die Brücke, die sie getragen hatte, war eingestürzt. + +Der Respekt vor dem Vater hatte den jungen Uhrmacher bislang gehindert, +sein wahres Gefühl zu zeigen. Er liebte Rosina nicht mehr, er schämte +sich ihrer und immer gab es ihretwegen Streit zwischen ihm und Simonne. +Als des Schwiegervaters schlichtende Stimme erloschen war, züngelten +wieder die bösen Zungen hervor. Dazu kam noch, daß Thomas noch zu +Lebzeiten des alten Janele die Bestellung der neuen Turmuhr aufgetragen +wurde und daß er die Erwartungen der Gemeinde aufs gröbste enttäuschte. +Thomas hatte sich erbötig gemacht, eine Erfindung des Meisters Nerat zu +verwerten und eine Uhr anzufertigen, die automatisch den Klöppel der +Glocke zu leisen Schlägen bewege, so daß man nachts den Glöckner +ersparen konnte. Das Werk mißlang. Es wurde eine gewöhnliche Turmuhr +daraus. Weil aber Janele sich weigerte, der Gemeinde den im voraus +bezahlten Mehrbetrag, den er schon für die teuren Bestandteile +verbraucht hatte, zurückzuerstatten, mußte er sich verpflichten, den +Glöckner selbst zu bestellen. Da zu dieser Zeit die Geschäfte schlecht +standen, verlangte er von Simonne, daß sie die Glocken läute. Die Frau +weigerte sich. Nun schloß er sich den Spöttern an, die Simonne der +väterlichen Erfindung wegen, die ihrem Manne mißlungen war, verhöhnten. +Die Frau schrieb dem Vater, er möge ihr helfen, aber dieser hatte sich +verheiratet und die Stiefmutter säte Zwietracht. Zu dieser Zeit kam eine +Putzmacherin ins Dorf und die Uhrmacherin, die mit der Nadel gewandt +war, verdingte sich bei ihr. Den Haushalt konnte sie wohl nebstbei +versehen, aber für die kleine Rosina blieb ihr wenig Zeit. Einige Wochen +gestattete die Modistin, daß die kleine Blinde hinter dem Ladentisch +säße und Perlen auffasse und Spulen aufwickle. Dann aber meinte sie, das +Unglück schrecke die Kunden ab. So blieb denn Rosina zu Hause bei dem +mürrischen Vater. Dieser war ganz böse geworden, seitdem er Simonne in +guter Laune und nicht mehr von seinem Geiz abhängig sah. Er konnte sie +nicht an ihren Reisen behindern, die sie mit Einkäufen für den Laden +verband, und mußte es mit ansehen, daß der Sohn der Modistin, ein +Student, ihr huldigte. Sie wollte Rosina in eine Anstalt geben, sie +etwas lernen zu lassen. Der Mann duldete es nicht. Sie sollte ihr +Sündengeld für sich behalten. Einmal nachts, als sie spät nach Hause +kam, schlug er sie. Am nächsten Morgen war sie verschwunden. Für Rosina +hatte sie ihre Ersparnisse zurückgelassen. Das blinde Mädchen in seiner +Nacht wußte, daß draußen im Licht etwas Böses geschehen war. Sie fühlte +nun die Gefahren um sich drohender werden. In ihrer Angst wurde sie noch +folgsamer und erlernte es, dem Vater gefällig zu sein. Eines Tages +führte er sie auf den Turm und zeigte ihr, wie man die Glocken läutet. +Immer wenn die Uhr ein leises Knarren und Stöhnen von sich gab, mußte +sie an den Strängen ziehen, je nach der Stunde. Nach einem Monat hatte +sie alles begriffen. Zuerst ließ er sie nur tagsüber im Turm, von ihrem +zwölften Jahr an zog sie auch nachts die Stränge. Zweimal in der Woche +war sie frei, um zur Stadt in die Blindenschule zu fahren, wohin ein +Frächter sie unentgeltlich auf seinem Schiffe mitnahm. Es war eine +ermüdende Fahrt, sie sah ja nicht wie andere Kinder, deren Jauchzen aus +fremder Welt zu ihr drang, das silbernde Wasser, den Schatten der Berge +im leuchtenden Spiegel des tiefblauen Himmels. Müdigkeit bewirkte, daß +Rosina dort nicht so recht aufmerken konnte. Auch hatten ja die anderen +Blinden täglichen Unterricht. So kam es, daß sie selbst unter den +Gefährten des Unglückes eine untergeordnete Rolle einnahm. Als sie +vierzehn Jahre alt war, sprach sie auf der Straße ein Herr an. Seine +Stimme war anders als die der Mitleidigen, die zu ihr geredet hatten. Er +fragte sie, wo sie wohne, ging mit ihr, ließ sich ihre Arbeiten zeigen. +Der Herr verstand die Blindenschrift und schien noch weit mehr zu wissen +als der Lehrer in der Stadtschule. Adalbert Mannsthal, der Herr, sprach +mit ihrem Vater und von nun an wurde Rosina statt in die Blindenschule +zu ihm gebracht, in einen Garten und in ein Haus, in dem es nicht wie in +dem ihren nach schlechtem Öl roch, sondern nach Blumen und seltenen +Essenzen. Er selbst, der Herr, unterwies sie oder auch ein Mädchen, das +ganz leise und gütig war und sie mit Kleidern und Zuckerwerk beschenkte. +Lange Zeit hielt es Thomas Janele vor dem Wohltäter geheim, daß Rosina +die Glocken läute, und auch diese selbst schwieg darüber. Sie wollte +nicht prahlen mit ihrem Amt, auf das sie stolz war. Aber eines Tages, +als ihr mehrmals die Augen zufielen, fragte Herr Mannsthal, ob sie nicht +geschlafen habe. Da gestand sie, daß sie nun schon drei Nächte »oben« +gewesen sei. + +»Oben?« + +»Im Turm. Vater muß die Glocken läuten. Ich besorge es seit vier +Jahren.« Ihre Wangen färbten sich rot bis zum schwarzen gewellten Haar. +Die erloschenen Augen schienen sich zu vergrößern. Ja, sie, eine Blinde, +läutete die Glocken. + +»Tust du es gern?« fragte er, seiner Tochter Mitleid niederhaltend. + +»Ja,« sagte Rosina, und sie erzählte, wie sie sich anfangs vor den +Fledermäusen gefürchtet habe und vor großen Vögeln, die oben im Gestühl +hausten und deren Flügel sie zuweilen streiften, und wie ihr dann auch +vor der großen Stille bangte und vor dem Raunen tief unten. Auch sei sie +immer ängstlich, bevor das Knarren und Stöhnen im Uhrwerk hörbar werde, +das ihr die abgelaufene Stunde anzeige. All die Jahre war es nur einmal +ausgeblieben, nach einem Blitzschlag. Da habe sie der Vater vom Turm +geholt und den Schaden ausgebessert. + +»Ob sie sich nicht vor dem Einschlafen fürchte,« fragte Vögelchen. Davor +bewahre sie der Hunger nachts. Vater sagte ihr, daß Hunger den Schlaf +fernhalte. Am liebsten lausche sie dem Nachklingen der Glocken, da höre +man die Engelstimmen leise entschweben. Sie liebte Musik wie alle +Blinden. Mannsthal nahm seine Geige und spielte. Beide Mädchen saßen, +Hand in Hand, ergriffen. Aber der Blinden war er ein Gott, der Einlaß +wußte durch ihre Nacht. + +Der Wohltäter ging mit ihr zu einem Arzt, aber es ergab sich, daß +geringe Hoffnung für ihr Augenlicht war, überdies fand er bei der +Kleinen einen Herzfehler. Der Wohltäter stieg nun zuweilen in den heißen +Nächten in den Turm und brachte seinem Schützling kühlende +Erfrischungen. Er blieb bei ihr und nun fürchtete sie nicht +einzuschlafen. Er wußte sie zu ergötzen. Wohl hätte er sie loskaufen +können von ihrem schweren Amt, aber er wußte, sie war stolz es zu +versehen und für Blinde ist es ein Glück, solchen Stolz zu haben. Auch +liebte er seine nächtlichen Aufstiege zu dem Kinde. Rosina war +glücklich. + +Es kamen Nächte, wo sie sich unruhig fühlte und nach dem Manne sehnte, +der so gut zu ihr war. Da begann ihr Herz heftig zu pochen und sie +wartete in fiebernder Ungeduld. Es war auch die Zeit, wo die kleine +Rosina vom Kinde zur Jungfrau wurde. Das Blut wallte in ihr. Das +bresthafte Herzchen bestand den neuen Ansturm nicht. + +In jener Nacht, da Mannsthal seinem Wunsch eine letzte Gefahr gesetzt im +Schlag der Turmuhr, als er mit allen Fiebern es beschwor, da wurden +plötzlich der Blinden Hände starr und zurückstürzend fand sie die +Strähne nicht mehr. Ein Herzschlag hatte sie getötet. + + + + + Minen + + +An einer Bucht des Sees, die zu einem Felshügel ansteigt, lag der +Friedhof und die Totenkammer. Mannsthal ging, begleitet vom Küster, an +den unscheinbaren Gräbern vorbei. + +»Hier liegt sie, Herr,« sagte der alte Mann und trat zur Seite, die +Kappe in der Hand. + +Auch Mannsthal griff nach seinem Hute. Das arme Kind, nun bezeugt man +ihr ein erstes und letztes Mal Ehrfurcht. Ein Lichtband fiel durch die +Türöffnung über die Mitte der traurigen Kapelle. Die Aufbahrung war +schlicht und deshalb um so ergreifender. In einem weißen Kleide lag +Rosina wie schlummernd und hielt in den bleichen, besonnten, mühsam +gefalteten Händen ein Holzkreuz. Ihre Haare waren matt geworden, die +geschlossenen Lider, die sich über das Unglück ihres Lebens gesenkt +hatten, ließen vergessen, daß sie eine Blinde, eine Gezeichnete, +gewesen. Da lag ein totes Mädchen, das einer sanften Jungfrau glich. +Verstorben schien sie sehend geworden. Sie glich einem Kinde nicht mehr, +der Tod hatte sie gealtert. Immer, wenn Mannsthal Tote sah, fühlte er +sich erschauernd Urewigkeitgeheimnissen nahe, aber er empfand hier nicht +Beängstigung. Er hatte gefürchtet, daß eine unheimliche Drohung aus +dieser Toten zu ihm aufsteigen würde, mit kalter Hand ihm anklagend ans +Herz zu greifen. Vor der Milde dieses friedlichen Antlitzes schwand +seine Furcht. Er war gekommen, weil er nicht feige der quälenden +Erschütterung entgehen wollte; nun blieb er straflos. Oder war es das +selig erhöhte Lebensgefühl, das seit dem Morgen in ihm sang, das ihn nun +gegen das Übel feite? Eine überwältigende Dankbarkeit zwang ihn auf die +Kniee. Er fühlte in diesem Augenblick, wie sehr er das Leben liebte. Oft +schon nach entronnener Gefahr hatte er es so mit seinem ganzen Sein +liebend bejaht. Er verharrte in tiefer Andacht vor dem Lebendigen an der +Bahre der Toten. Dorfleute, die ihn sahen, bewunderten die Frömmigkeit +des vornehmen Wohltäters. Als er aber sich wieder erhob, fuhr er +entsetzt zurück und seine Hand legte sich schirmend über die Augen. Das +Gewand, das man Rosina angelegt, kleidete noch vor wenigen Tagen +Arabella. Der Geliebten zarte Haut hatte er durch sein Gewebe leuchten +gesehen. Erschrocken verließ er die Kammer. Da erhob sich eine Fliege, +die auf der Toten Mund gesessen, Anofeles mit Namen, und folgte ihm. Er +wehrte sie ab, doch schon holte sie ihn ein und träufelte ihm ihr Gift +ins Blut. Eine Mine war gelegt. + +Es war möglich, Vögelchen den Tod Rosinas zu verheimlichen. Sie hatte +sich in ihr Zimmer eingeschlossen und Adalbert gab Auftrag, daß man ihr +zu den Mahlzeiten die Speisen in dem anstoßenden Raum bereit halte. +Durch Camill ließ er sie des Mittags wissen, er sei ausgegangen, damit +sie nicht fürchte ihr Zimmer zu verlassen. Er ließ ihr überdies die +Nachricht zukommen, Rosina sei auf einige Zeit bei ihrem Großvater +Nerat, damit sie nicht auf den Einfall käme, die Entschwundene +aufzusuchen. Er war keineswegs in Erstaunen versetzt über Vögelchens +Verhalten. Er wußte, ihre Rückkehr würde nicht auf sich warten lassen +und um so köstlicher für ihn sein. Abends ließ er ihr bestellen, er sei +heimgekehrt und erwarte sie im Garten; falls sie es vorzöge allein zu +bleiben, möge sie aber auf ihn keine Rücksicht nehmen. Vor Anbruch der +Dunkelheit entließ er Camill mit dem Auftrag, frühmorgens zur Besorgung +eines Reisewagens zur Stadt zu fahren. Dies würde ihn bis nachmittags +fern halten. Von diesen Begebenheiten erstattete Camill sogleich seinem +Freunde Konrad Kruger Mitteilung. + +Als im Garten der lärmende Gesang der Vögel verscholl, durch die üppigen +Efeuranken kaum mehr ein Lichtdämmern in die Zimmer drang, hörte +Vögelchen Adalbert die Treppe heraufkommen. Bald darauf herrschte +Stille. Sie stieg in den Garten hinab und wartete auf den Scheinwerfer, +aber das Licht kam noch nicht und die schwüle Ruhe bedrückte sie. Im +Hause blieb das Fenster des Freundes dunkel und unbewegt. Warum rief er +nicht, warum holte er sie nicht? Sie brannte nach ihm. Aber noch immer +lag ihr die Scheu, sich vor ihm blicken zu lassen, lähmend in den +Gliedern. Nein, zur Tür eintreten bei ihm, sie vermochte es nicht. Warum +konnte sie nicht unsichtbar, unhörbar sich ihm in die Arme betten und +das Ungeheure fühlen? Leise ging sie ans Haus heran und nun maß sie die +Höhe des Fensters. Die Mauer war aus Ziegeln, deren Mörtel vielfach +herausgefallen war, Efeuranken bildeten an mancher Stelle eine +natürliche Strickleiter. Nun versuchte ihr Fuß, von dem sie die Schuhe +gestreift, nun zog sie den anderen nach und geschmeidig kletterte sie in +wenigen Sätzen zur Brüstung. Es war nicht anders, als wenn ein Vogel im +Blätterwerk raschelt. Nun schwang sie sich ins Zimmer, nun zog er sie an +sich, nun ging sie unter im unendlichen Meer der Lust. Sie blieben +zusammen, bis spät am Tage Rosinas Grabgeläute erklang. + + * * * * * + +Konrad Kruger schrieb an Arabella: + +»Gnädigste Frau, was meinen Sie zu dieser Ansprache? Ich danke Ihnen für +Ihren Brief. Ich hielt mein Versprechen und schrieb. Diese Briefe waren +meine Zuflucht. Aber vielleicht kommt auch dieser Brief nicht an. Soll +ich Dir sagen, Ariel, wie ich Sehnsucht gelitten habe von dem Augenblick +an, als die Staubwolken Deines Wagens Dich meinem Blick verbargen, bis +zum heutigen, da ich an Frau Adalbert Mannsthal schreibe? Erschrick +nicht, daß ich Dein Geheimnis kenne. Ich werde immer Deine Geheimnisse +kennen, Ariel. Was immer Dir das Schicksal bringt, es ist verknüpft mit +dem meinen. + +Ich war bei Deinem Freund. Er ist verreist. Lange blieb ich an dem Ort, +wo Dein Bild noch lebendig war. Immer wieder erwartete ich Dich. Da Du +eingingst in die Welt der Liebe, wirst auch Du bald verstehen lernen, +wie man des geliebten Menschen harrt und an das Wunder glaubt, das ihn +wiederbringt. Das Unmögliche zwingt man ins Natürliche und jeden +Augenblick, der entschwindet und uns der trügerischen Hoffnung näher +bringt durch seinen Abgang, möchte man segnen als Gewinn. Ariel, Ariel, +ich habe Dich erwartet des Morgens mit dem Briefboten, in jedem Kahn, +den ich von fernher kommen sah, in jedem Wagen, der weitab auftauchte, +in jeder Frau, die irgendwo aus der Ferne trat, wähnte ich, oh Frevel, +Dich Unvergleichliche. Und doch war nichts unmöglicher, als daß Du +wiederkehrtest. Und weißt Du, was Angst ist um ein geliebtes Wesen, das +man in Gefahr glaubt? Nein, das wirst Du nie wissen, denn Dir hat Gott +die Kräfte Deines Wunsches gegeben, statt zu erbeben wird Deine Seele +handeln. »Inwendiges Gebet durchdringt die Himmel.« Sie wird sich +anspannen bis zum Äußersten und es wird ihrer Sorge aller Grund genommen +sein. + +Ich aber bin ein Ohnmächtiger und habe vorerst nur den Willen. Darum +flehe ich zu Dir, Ariel, hilf mir. Nun ziehst Du wohl weiter, sag' ein +Wort nur und ich atme Deine Nähe. Geld will ich nicht von Dir und müßte +ich zu Fuß nach Mekka pilgern um mein Heil. Ich flehe um Deinen Segen. +In unwandelbarer Treue + + Konrad Kruger.« + +Arabella antwortete: + +»Wir sind eben daran, westwärts in die Berge zu reisen. Sie irren, Herr +Prediger, Ariel ist nicht gnädige Frau geworden. Es ist wie im Traum, so +als lebte ich nicht. Nur wenn es ruft, weiß ich es. Wenn es wirklich +wäre? Es ist vielleicht häßlich, wenn es wirklich ist. Aber in +Unwirklichkeit kann es grenzenlos sein. Sie können jetzt nicht kommen. +Ich habe keinen anderen Gedanken als ihn. Woher wissen Sie dies alles? +Sie wußten es schon damals. Quälen Sie sich nicht. Was soll ich Ihnen +denn? Nein, Sie können jetzt nicht kommen. Er würde Sie gleich erblicken +und es gäbe Streit. Warten Sie ab. Ihre + + Arabella.« + +Diesem Briefe war ein Schreiben Camills angeschlossen, das +folgendermaßen lautete: + +»Werter Herr Student, indem ich Ihnen den Brief des gnädigen Fräuleins +sende, welchen am Tage der Abreise das Fräulein mir übergeben haben, +ersuche ich die Verzögerung zu entschuldigen, daß ich ihn erst heute +sende und die ersuchte Auskunft sende. Wir sind wegen der Hitze und weil +es schon schwer war mit der Abwirtung im Hotel in kühlere Gegend +gezogen. Der Herr und das Fräulein wohnen am Berge in einer +Alpenherberge. Ich bin eine Stunde unterhalb im Postgasthof einlogiert, +bringe mittags die Briefe hinauf und besorge das Nötige. Von dem, was +ich im vorigen Schreiben mitgeteilt habe, ist alles bewahrheitet und man +verstellt sich auch vor mir nicht mehr. Ich vertrage die hohe Luft +schlecht, nachdem ich kein junger Mensch mehr bin, der Wein ist schlecht +und wäre gern schon fort. Vielleicht ist es einem studierten Menschen +wie Ihnen möglich, darauf hinzuwirken, daß das Fräulein den gnädigen +Herrn eilt, daß wir bald nach Paris kommen, was geplant ist. Dort ist es +dann auch für Sie leichter und Paris ist etwas für Sie. Da werden Sie +erst Ohren und Augen aufmachen. Für die Zigarren schönen Dank. Es ist +aber nicht nötig. Ich tue es gern. Wenn Sie etwas übrig haben, bringen +Sie es meiner Landsmännin, der Monika Gallo, in der Brunnberggasse Nr. +12. Das ist ein liederliches Frauenzimmer, aber ich unterstütze sie, +weil sie ein gutes Mensch ist und ihre Großmutter mich aufgezogen hat. +Nachher bin ich zum Militär gekommen und nach der Dienstzeit bei meinem +Offizier geblieben. So hat es mit meinem Beruf angefangen, so daß ich +mich gut fortgebracht habe. + +Wenn es ein Wiedersehen gibt, erzählt man sich wieder Verschiedenes von +einst und jetzt. Aber schauen Sie, daß wir hier fortkommen. Der Wein ist +hier ganz ungenießbar. Auch Weiber gibt es nicht. Ich empfehle mich +Ihnen und verbleibe grüßend + + Camillo Custove.« + + + + + Ein Heim + + +Konrad war heimgekehrt. Herr Hofrat Engelbert Kruger, der verdiente +Landesschulinspektor, der aussah wie ein nordischer Fischer (sein weißer +Bart lief wie ein Röllchen unter dem Kinn zu den Schläfen hinauf bis zu +den Brillenhaken), Herr Hofrat kam des Nachmittags später ins Amt und +versäumte abends seine Kartenpartie. Das bedeutete nichts anderes als: +Konrad ist heimgekehrt. Frau Hofrats rundliche Wangen hatten rote +Flecken -- Frau Rat nannten sie die Kinder, weil sie Goethes Mutter +glich --, Frau Rats flinke Augen schossen umher wie ein Eichkätzchen in +seinem Bauer und liefen forschend und erschrocken umher und sie suchten +Schlüssel und fanden sie nicht. Anselma Kruger, der Tochter zärtlich +verblühtes Gesicht, sah plötzlich böse aus und sie hatte ihre äußerst +sorgfältig ausgeführten Spitzen zur Seite gelegt, weil sie eine Migräne +nahen fühlte. Das hieß: Konrad ist heimgekehrt. Lisbeth, das Mädchen, +vertauschte ihre verwaschene Bluse mit einer neueren, die ihren Busen +vorteilhafter erscheinen ließ, denn diesen hatte »der junge Herr« schon +des öfteren belobt. Fürbaß, der Dackel, verübte mit seinem Schwänzchen +die kunstvollsten Windungen und war gleichgültig gegen Lisbeth. Der +Hausmeister sandte seinen Jungen um Bier, denn er wußte, die nächsten +Abende brachten reichlicheres Sperrgeld. Dies alles besagte: Konrad ist +heimgekehrt. + +Ob aber mit Ausnahme von Fürbaß irgend jemand an des verlorenen Sohnes +Heimkunft menschlich Anteil nahm, schien zweifelhaft. + +Warum war er zurückgekehrt? Er wußte, wenn er Arabella folgte, war der +Bruch mit dem Elternhaus besiegelt. Er besaß kein Geld für Lustreisen +und konnte es sich in kurzer Zeit nicht standesgemäß erwerben. Das +Honorar seiner geheim erteilten Privatlektion hatte er eben aufgezehrt. +Wenn er nicht wieder sein gedankenschweres Haupt unter das häusliche +Joch beugen wollte, war es ihm unmöglich, die Sekretärstelle jenes +einflußreichen Vereines zu erlangen, die ihm sein Vater für alle Fälle +bereit hielt. Wenn er sich liederlich in die Welt schlug, war er ein für +alle Mal unbrauchbar geworden für die Zucht des hofrätlichen +Familienherdes. Aber er wußte auch abseits seiner Selbstgefühle, der +Vater war alt, die Pension würde einst nicht reichen, wenn dann auch +Anselma ihre aufgestapelten Spitzen verkaufte. Das wenige Geld, das +vorhanden gewesen war, hatte man für Anselmas Aussteuer (die in einer +Truhe verschlossen blieb) und für die Hedwigs verausgabt. Für Hedwig, +die nun verstoßen war. Und deshalb hatten sich die Eltern, wiewohl sie +fromm waren, seinem Vorsatz, Pfarrer zu werden, widersetzt. Sie ahnten, +er wähle dies Amt, um seine ekstatische Seele jubilieren zu lassen, und +daß diese durch alle beruflichen Schranken durchbrechen würde. Frau +Hofrats Vater war akademischer Maler gewesen und in der Schule, wo +Engelbert Kruger seine erste Supplentenstelle einnahm, Professor im +Zeichnen. Er trank gern und liebte die Frauen, er spielte sogar und +arbeitete wenig. Kruger wollte das mutterlose Töchterchen geborgen +wissen und heiratete sie bei der ersten Gehaltsaufbesserung. Aber er +ließ die Frau niemals vergessen, daß er eine Edeltat an ihr verrichtet +hatte. Nun waren zwei Kinder mißraten und zeugten wider sie. Oder war +dem nicht so? Manchmal stiegen ihr Zweifel auf, ob denn Hedwig und +Konrad, diese begabten, schöpferischen Menschen, wirklich mißlungen +waren. Aber diese zweifelnde Stimme kam aus dem Grab einer Gewesenen, +denn die müde, alte Frau widersprach Herrn Hofrat Engelbert Kruger +längst nicht mehr. Konrads Willen aber bis zum äußersten zu +durchkreuzen, war nun auch dem Hofrat nicht möglich gewesen. Er war also +für Theologie auf der Hochschule eingeschrieben. Nun war aber der Junge +ein Sonderling. Er liebte es, allerlei Vorgänge haargenau zu beobachten. +Kinder, die sich prügelten, Menschen, die sich betranken, Eheleute, die +sich zankten, und besonders fesselte ihn das Treiben der Liebespaare. Er +nannte das Psychologie zu seelsorgenden Zwecken betreiben, hatte aber +wohl seine heimliche Freude daran und vergaffte seine Lehrzeit dabei. Er +kam spät abends, oft erst nachts nach Hause, weil er in Kneipen saß ohne +zu trinken oder des Frühlings in Gärten zwischen heimlichem +Liebesgetändel ohne selbst zu tändeln. Schließlich begann er ein +umfangreiches Buch zu schreiben und veröffentlichte eine Studie über die +Schriften Athenagoras, an die er eine neue Auffassung des Logos knüpfte, +die ihm einen Verweis seiner Lehrer eintrug. Bald war es auch kein +Geheimnis mehr, wer der Verfasser der in der »Hochwarte« erscheinenden +»Kritiken der Lebensführung« war, die eine stupende Kenntnis geheimer +Dinge bezeugten, zu denen sonst ein junger Theologe weder eine bejahende +noch eine verneinende Beziehung hat. Sein Vater nannte sie den Auswurf +eines Verlorenen und Anselma, die sie heimlich las, behauptete, daß der +letzte ihrer Freier ihnen zum Opfer gefallen sei, da kein anständiger +Mensch sich einfallen lasse, mit dem Verfasser dieser Schändlichkeiten +eine Verwandtschaft einzugehen. Wenn Konrad nicht rechtzeitig zu Hause +war, wurde ihm fortan das Essen entzogen, das Taschengeld wurde gekürzt +und alle seine Bücher, die dem Hofrat verdächtig erschienen, verkauft. +Als der Vater erfuhr, daß er Hedwig besuche, gab er ihm eine Ohrfeige. +Daraufhin verließ Konrad das Haus. + +Nun aber war er dennoch zurückgekehrt. Eine plötzlich erwachte +Zärtlichkeit hatte, alle Einwände besiegend, ihn nach Hause getrieben. +Er liebte des Vaters Art, über die Brille hinwegzusehen, seine +liebreiche Beschäftigung mit Blumen und Tieren bei den gemeinsamen +Ausflügen, er liebte der Mutter dunkle Augen, die allmählich heller +geworden waren, ihre geheime Nachgiebigkeit, ihr Leid um Hedwig, er +liebte Anselmas zärtlich verblühtes Gesicht und ihre nach Quittenäpfeln +duftende Ordnungsliebe, ihre Trauer um den gestorbenen Verlobten. Er +erinnerte sich an Fürbaß, den Dackel, und an Weihnachten. So war er denn +wieder da und trotz allem entschlossen zu bleiben, wenn man ihn gut +empfing und rücksichtsvoll behandeln wollte. Er erwartete +Zugeständnisse, aber seine Abwesenheit hatte sich als eine sorgenlose +Zeit bewährt und seine Rückkehr wurde nicht einer Belohnung wert +befunden. So wurde denn der Spieß umgekehrt und Konrad dazu verhalten +auf die Veröffentlichung bedenklicher Aufsätze zu verzichten, seine +Besuche bei Hedwig zu unterlassen und nur ausnahmeweise die Abende außer +Hause zu verbringen. Man behandelte ihn wie einen Mieter, der das +Kostgeld nicht mehr bezahlt, den man aber nicht unverblümt vor die Türe +setzen will. Im Spätherbst wurde die Sekretärstelle frei. Bis dahin +mußte Konrads Aufführung musterhaft sein, auch sollte er schon einen +Monat vorher als Volontär sich einarbeiten. Er ließ sich einige Tage +Bedenkzeit. Dann kam Vögelchens Brief, darin standen hell drei Worte: +»Warten Sie ab.« + +Ausreißen konnte man immer noch. So gab er sich scheinbar zufrieden. +Aber die Stadt begann ihren verderblichen Einfluß zu üben. Hatte er am +See nur seiner Arbeit an dem Buche »Von St. Bernhard«, den Wanderungen +in der Landschaft und seinen Träumen um Arabella gelebt, so begannen nun +die erregten Nerven ihre Gifte auszuscheiden. Seine Arbeiten wurden +wieder eifernden Geistes, seine Spaziergänge jenen hämischen +Beobachtungen gewidmet, seine Sehnsucht nach dem geliebten Wesen Wahn +und Eifersucht. So entstand der teuflische Plan in ihm, Mannsthal an +Vögelchens Mutter zu verraten und ihr Geld zu entlocken unter dem +Vorwand, die Vorgänge aus nächster Nähe beobachten zu wollen. Es schien +ihm zweifelhaft, daß ein Brief an jene Deckadresse die Dame noch +erreichen würde; geschah dies dennoch, so hatte sich eben der Zufall für +seine Absicht entschieden. Er schrieb: + +»Gnädige Frau, es gehen Dinge vor, die Ihre Duldung nicht finden würden. +Gestatten Sie, daß ich Ihnen mündlich berichte. Ich habe die Gefahr +erkannt, in der Ihre Tochter schwebt, und stelle mich Ihnen zur +Verfügung, um ihre Errettung zu bewerkstelligen. Hochachtend ergeben +Konrad Kruger, Student der Theologie, Sohn des Hofrats Engelbert Kruger, +Landesschulinspektors usw. Postlagernd Treustraße. + +_P. S._ Bitte um Diskretion.« + +Konrad war bald als lästiger Nachfrager auf dem bezeichneten Postamt +bekannt. Vierzehn Tage lang stahl er sich, vorsichtig auslugend, ob +niemand ihm folge, dahin, und als ihm tatsächlich am fünfzehnten Tage +ein Brief eingehändigt wurde, erbleichte er vor staunender Erregung und +Erwartung. + +Er las: »Mein Herr, finden Sie sich, bitte, am 3. dieses um zehn Uhr +vormittags in meiner Stadtwohnung, Ring Nr. 3, Tür 5, in der ich mich +eben vorübergehend aufhalte, ein. Sollten wir einander versäumen, +erbitte ich sogleich Nachricht nach Hetzendorf bei Wien, Villa Martha.« + +Konrad sah auf die Uhr. Es war zehn Uhr vorbei, aber das Datum stimmte. +Er konnte nun nicht mehr nach Hause, um seinen Anzug zu wechseln, alles, +was er riskierte, war, sich beim nächstbesten Friseur rasieren zu +lassen. Es war elf Uhr, als er in das kühle, vornehme Haus eintrat und +im ersten Stock klingelte. Nach angstvollem Horchen vernahm er Schritte +und, während er auf der gegenüberliegenden Türe las: Dr. Franz Gunter, +Hof- und Gerichtsadvokat, vernahm er, wie das Guckloch an der Türe sich +bewegte. Frau Martha Gunter öffnete. Es war noch alles verdunkelt in der +Wohnung, die Luft war dumpf trotz des geöffneten Fensters in dem Raum, +in den Konrad ihr folgte. Bilder und Lampen waren verhängt, an ihrer +Größe und den kostbaren Wandbehängen ließ sich eine prunkvolle +Einrichtung erkennen. Im Nebenzimmer wurde ein Kamin abgetragen. Aus +diesem Grunde war Frau Gunter zur Stadt gekommen und hatte bei dieser +Gelegenheit nach dem Brief jenes rätselhaften Waldmenschen gefragt, der +auf geheimnisvolle Weise in die Erlebnisse ihrer Tochter eingeweiht +schien. Die Stimme der Dame war nicht dieselbe, die erregt und heiser +aus jenem Gespräch am See geklungen hatte. Der schwere Schlag der +Augenlider und der Schleier der Wimpern jagten ihm Fieber der Erinnerung +durch die Glieder. Und des geliebten Wesens deutlichere Gestalt gab ihm +Mut und er begann: + +»Meine Gnädige, Sie werden mich für einen Narrn oder für einen +Schwindler halten, jedenfalls für einen Menschen, der sich dreist in +fremde Angelegenheiten mengt und der deshalb wenig vertrauenerweckend +scheint. Ich will Ihnen aufrichtig die Wahrheit sagen. Ich habe Ihre +Tochter sehr lieb gewonnen und die Eifersucht hat mir die Gefahr +gezeigt, in der sie schwebt. Weniger Tage der Freundschaft hat es +bedurft, um zu erkennen, daß ihr Stiefvater sie liebt und daß dieser +Herr nur wartete, bis ihm sein Opfer mundgerecht war.« + +»Was sagen Sie! Schweigen Sie, schweigen Sie,« unterbrach die +erbleichende Frau die einstudierte Rede. »Machen Sie mich nicht noch +unglücklicher. Woher wissen Sie, daß es geschehen ist? Es ist furchtbar. +War je eine Mutter unglücklicher?« + +»Beruhigen Sie sich, gnädige Frau. Noch ist nicht alles verloren. +Arabella ist ein himmlisches Wesen. Noch reicht ihr der Schmutz nicht +bis zu den Knöchelchen der Füße. Sie kann nicht, sie wird nicht +verderben. Ich glaube an sie, wie an ein göttliches Wesen. Aber sie muß +fort von dem Verführer, sie muß zu Ihnen zurückkehren.« + +»Sprechen Sie sich deutlicher aus! Haben Sie Nachrichten von dort? Haben +Sie Briefe?« + +Konrad zog ein Schreiben Camills hervor und zeigte, indem er es +vorsichtig festhielt, der Dame folgende Stelle: + +»Sie wohnen allein und schicken mich fort, wann es nur angeht. Das +Fräulein ist ganz verändert und läßt sich vor ihm nicht blicken. Dann +wieder sind die Kissen noch am Nachmittag in Unordnung. Ich schreibe +Ihnen das, weil ich Ihnen es versprochen habe und wir Freunde sind. Wenn +Sie es weiterreden, verlier ich den Posten, also denken Sie an die +Freundschaft, die wir uns zugetrunken haben.« Es folgten noch einige +zweideutige Ausführungen über den Geschlechtsverkehr ungleichaltriger +Menschen, die an ein Gespräch anzuknüpfen schienen, das der Schreiber +mit Konrad geführt hatte. Offenbar lag für Camill hier die Basis der +seltsamen Freundschaft mit dem Studenten. Frau Gunter las nur die ersten +Zeilen dieser Bemerkungen, dann legte sie errötend die Hände vor ihr +Gesicht. + +»Es ist so gut wie sicher,« sagte sie, ohne ihr Antlitz zu enthüllen, +mit erstorbener Stimme. »Aber Beweise sind das nicht und rechtlich kann +ich nichts erwirken. Es ist ungeheuerlich!« + +»Ich will Ihnen Beweise schaffen. Ich werde es bezeugen können. Es wird +mir nicht an Mut und Schlauheit fehlen, glauben Sie mir.« + +»Und was dann?« sagte Frau Gunter, deren Körper wie im Frost +erschauerte. »Mein Mann wird einen Prozeß zu verhindern wissen und +niemals werde ich ihm das arme Kind entreißen können. Es ist mir fremd +geworden. Es kennt mich nicht mehr.« + +»Sie irren, man muß Ihre Tochter erwecken mit geistlicher Kraft und ihn +mit Drohungen erschrecken. Geben Sie mir die Befugnis, in Ihrem Namen +den Verführer zu entlarven. Ich will alles aufgeben, Beruf und +Elternhaus. Ich habe nur einen Gedanken, das himmlische Wesen in +Sicherheit zu bringen. Um des Seelenheiles willen ...« + +»Und wenn nur ein Wahn Sie treibt, wenn nichts geschehen oder nur ein +unschuldiges Spiel, nur Zärtlichkeit --« Sie sah fern ein Bild. Eine +Frau am Traualtar, die nach bangen Jahren wieder Geborgenheit fühlt. Es +war so schwer, das Böse zu denken. + +»Wenn Sie zweifeln, wenn Ihr Gewissen Sie nicht antreibt, dem Retter, +der durch scheinbare Zufälligkeiten zu Ihnen gelangt ist, zu vertrauen +-- -- Meine Nachforschungen können ja nur nützlich sein.« + +»Warten Sie einige Tage, ich will mich beraten. Nein, nicht meinen Mann +will ich fragen, für den ist die Sache erledigt --« + +»Jede Mitwisserschaft kann unseren Plan vereiteln. Wir haben keine Zeit +zu verlieren.« + +»Und was verlangen Sie?« fragte die gequälte Frau. + +»Nichts als die Reisekosten und eine geringe Vergütung meines +Lebensunterhaltes.« + +Frau Gunter streifte einen Perlenring vom Finger, der von Brillanten +eingefaßt war. Aus ihrem Portemonnaie nahm sie eine Geldnote. »Dies ist +für die Reise. Den Ring versetzen Sie und bringen mir gleich den +Versatzschein. Ich habe jetzt nicht mehr entbehrliches Bargeld und, da +ich die Sache geheim halten muß, können Sie auch in nächster Zeit nichts +erwarten.« Sie legte den Kopf auf den Arm, als wollte sie nichts hören +mehr und sehen. Ein lautloses Schluchzen erschütterte sie. Konrad nahm +Geld und Ring, verbeugte sich und verließ rasch die Wohnung. + +Er ging zunächst in das Versatzhaus, erhielt eine erstaunlich hohe Summe +für den Ring und machte sich dann auf den Weg zu Hedwig, bei der er das +Geld bis zu seiner Abreise aufbewahren wollte. Sie war nicht zu Hause. +Nachmittags brachte er den Schein zu Frau Gunter, die ihn nochmals über +seine Absichten ausforschte und, nun ruhiger geworden, Weisungen gab, +wie er sie benachrichtigen und was er im Notfall veranlassen sollte. Er +fühlte, daß es ihr unmöglich gewesen war, seine Hilfe abzuweisen, da ihr +Gewissen sich belastet fühlte, aber er empfand deutlich, daß er als +Ruhestörer aufgetreten sei und eine schon begrabene Hoffnung aufgewühlt +hatte. Er ersah, daß Vögelchen heimatlos war und daß nur Leidenschaft +ihr Obdach bot. Aber hinter all den Zweifeln über seine Mission stand +die Gewißheit, er würde Ariel wiedersehen. + +Als es dämmerte, klingelte er nochmals bei Hedwig an. Sie wohnte weit +draußen in der Vorstadt, im entgegengesetzten Stadtteil der väterlichen +Wohnung. An der Türe war mit einem Reißnagel eine Visitenkarte +angebracht. Auf dieser stand: Hedwig Torn-Kruger, Malerin. + + + + + Hedwig + + +»Wahrhaftig, der Konrad,« rief eine helle, klingende Stimme zwischen dem +leicht geöffneten Türspalt und schon flog die Tür auf und die Schwester +zog ihn in den Vorraum. Hedwig, das sah man auf den ersten Blick, war +aus der Art geschlagen. Vielleicht war die Mutter einst ihr ähnlich +gewesen. Nun schien sie gegen die Angehörigen gesehen ein Kolibri in +einer Gemeinschaft von Fledermäusen. Konrad war zwei Monate nicht da +gewesen und der Geruch der Ölfarben, die saubere, eigenartige, wenn auch +mit den primitivsten Mitteln hergestellte Einrichtung heimelten ihn +gleich wieder an. Und Hedwig sah gebräunt aus und hübscher denn je. + +»Wo ist der Junge?« fragte Konrad und deutete auf das leere Stühlchen, +auf dem nun des Kleinen Harlekin sich breit machte. + +»Endlich in guten Händen,« sagte Hedwig lachend. »Meine Freundin Marie, +weißt du, die Kollegin aus der Malschule, hat ihn seit drei Wochen in +Mödling draußen. Mir ist nicht wenig bang nach ihm, das kannst dir +denken. Er ist ja so lieb jetzt. Weißt du auch, daß er dein Bild +erkennt? Okki sagt er.« + +Konrad liebte den kleinen Jungen und war sichtlich verstimmt, daß er +abwesend war. + +»Daß du dich aber wieder hergetraut hast nach der Ohrfeigengeschichte, +Konni,« sagte sie und sah ihn zärtlich an. Eine Träne schimmerte in den +dunklen Augen, die jenen der Mutter glichen. Sie streichelte seine +behaarten Hände. + +»Ich bin gekommen, um Abschied zu nehmen, Hedi,« sagte er und setzte +sich neben sie. »Ich reise nach Paris.« + +»Nach Paris!« Hedwig schlug die Hände zusammen und lachte. »Ei, was du +nicht sagst! Du Glücklicher! Grüß mir die Annaselbdritt und die Mona +Lisa und die Wasserspeier von Notre Dame.« + +»Nein, ich spaße nicht,« sagte er und zog bekräftigend das Kuvert mit +dem Geld aus der Brusttasche. »Ich möchte dich auch bitten mir dies +aufzubewahren und es mir Samstag auf den Bahnhof zu bringen.« + +»Samstag schon? Mit deinem Französisch traust du dich nach Paris?« + +»Habe seit zwei Wochen eifrig aufgefrischt.« + +Eine Pause entstand mit der stummen Frage, was es mit der Reise für eine +Bewandtnis habe. Aber Hedwig liebte es nicht, befragt zu werden, so war +auch sie diskret. + +»So, so. Und was sagt man zu Hause dazu?« fragte sie nach einer Weile. + +»Niemand weiß etwas. Ich verschwinde. In zwei oder drei Tagen trage ich +zwei Pakete mit meinen Sachen von zu Hause weg und bringe sie zu dir. +Dann esse ich mit ihnen, sage Gute Nacht, ziehe mich in meine Bude +zurück und verschwinde unter Zurücklassung einiger sachlichen +Abschiedsworte.« + +»Hat man dich wieder gehunzt?« fragte Hedwig. »Kann denn nicht Friede +werden! Weißt du auch, was du tust? Die Eltern sind doch alt. Sollen sie +zwei Kinder verloren haben? Wie wirst du dich fortbringen?« + +»Wenn du es kannst und mit dem Jungen, dann werde ich es wohl auch +können.« + +»Ja Frauen, die haben geheime Kräfte.« Ein trauriges Lächeln umspielte +ihren Mund und ihre Augen hatten einen schmerzlich verklärten Aufblick. + +»Weißt du aber auch, durch wieviel Elend ich gegangen bin, Konni? Wie +ich gehungert habe, ehe ich die Anstellung und die Privatstunden +bekommen hatte und endlich wieder ein Bild verkauft war? Nein, nichts +weißt du. Hast nur gehört, daß ich ein leichtfertiges Frauenzimmer bin +und die Ehre der Familie nicht respektiert hab' und schließlich nicht zu +Kreuze kriechen wollt'. Ich will dir dein Geheimnis nicht abfragen, aber +meines will ich dir jetzt sagen, damit du klüger wirst daran.« + +»Aber reg' dich nicht auf, Hedi, hörst du. Dann will ich lieber nichts +wissen.« + +»Also erinnerst du dich, daß man mich zuerst wie Selma in die +Lehrerinnenbildungsanstalt steckte. Selma hatte schon ihre Anstellung +als Industriallehrerin, als ich eintrat. Da war ein Professor im +Zeichnen, ein aufgeklärter Mensch. Nun du weißt, wen ich meine. Der ging +zu Vater und sagte, ich hätte Talent und ich sollt' das zweite Jahr noch +absitzen und dann ernstlich auf Malerei studieren. Zunächst +unterrichtete er mich zwei Jahre privat. Vater war dagegen, aber Mutter, +die Malerstochter, hat es durchgesetzt. Der Professor riet zu einer +Schule in München. Vater zeigte meine Arbeiten mehreren Fachleuten, die +alle sehr für meine Ausbildung waren. Du warst damals im Konvikt. Ehe +ich abfuhr, besuchte ich dich. Erinnerst du dich noch?« + +»Die Jungens verliebten sich alle in dich.« + +»Ja, es hatte sich auch ein anderer in mich verliebt. Torn, der +Bildhauer, des Professors Bruder. Wir waren viel allein. Ich dachte, es +wäre alles nur Spiel. Ich war so furchtbar dumm. Torns waren in München +bekannt und sie rieten zu einem Familienheim, wo ich solide +untergebracht sein würde. Es ging alles gut anfangs, denn ich war in +Hans Torn verliebt und keiner kam an mich heran. Ich habe gute +Fortschritte gemacht. Bei der Schulausstellung schon wurden alle meine +Bilder angekauft. Den Sommer verbrachten Selma und ich in einem +Malerdorf. Dort hat sie den unglücklichen Hügler kennen gelernt. Wäre +der dann nicht abgestürzt, es wäre vielleicht manches anders geworden. +Er war so klug und die Eltern schworen auf ihn und reich war er auch. Er +hätte auch mir geholfen. Die Torns waren auch da und dort merkte ich +erst, daß auch der Professor in mich verliebt war; und auf einmal wußte +ich selbst nicht mehr, welchen ich lieber hatte. Und das Seltsame war, +keiner schien es vom anderen zu wissen, daß er mich zur Frau wollte. +Aber mich reizte das so und ich trieb ein elendes Spiel mit ihnen. Ich +traf beide heimlicherweise und hätte weder den einen noch den anderen +verstoßen können. Im Fasching kam dann Hans, um in München zu bleiben, +gleich nachher sollte ich nach Hause fahren, weil der Kurs der +Lehramtsprüfung für Zeichnen begann, den ich für alle Fälle machen +sollte. Weißt du, Konni, schon damals war mir meine Arbeit wichtiger als +alles andere auf der Welt und das hat mich dann auch später gerettet. +Ich hatte auch schon öffentlich ausgestellt nach vier Jahren Studium. +Aber ich wußte: nun geht es ins Elternhaus und in den Erwerb zurück; das +ist deine letzte ganz freie Zeit, sagte ich mir. Niemand fragt dich, +wann du nach Hause kommst, wo du geschlafen und gegessen hast. Hans und +ich durchtobten den Fasching. Aber da spürte ich plötzlich, ich liebe ja +gar nicht den Hans, es ist der andere, es ist Hermann, nach dem ich mich +all die Zeit gesehnt habe. Halb scherzend beichte ich es ihm und denke +mir, er muß sich doch freuen, daß ich den Bruder, den er so verehrt, so +lieb habe. Und nun geschieht etwas Häßliches. Hans sagt mir, daß er +selbst ja nur sein Spiel mit mir wollte, daß er von meiner frommen +Liebschaft mit dem Bruder gewußt habe und daß er, Hans, uns beide oft +belauscht habe. Dann zeigte er mir Briefe, aus denen ich ersah, daß er +immer neben mir andere Frauen gehabt hatte, schon damals, als ich nur +ihn liebte, das war so seine Rache. Ich packte verstört meine Sachen. +Auf der Reise faßte ich den Plan, nicht direkt nach Hause zu fahren. Ich +telegraphierte, daß ich später eintreffen würde, und fuhr zu Hermann. +Der erschrak freudigst, als er mich kommen sah, und ich wußte nun: da +ist dein Glück. Wir verlobten uns. Wir blieben die ganze Nacht +beisammen. Er rührte mich nicht an. Es war alles so heilig. Tags darauf +kam ich nach Hause, begann den Kurs. Zwei Wochen später wußte ich, daß +ich guter Hoffnung war. In meiner Verzweiflung vertraute ich mich Mutter +an. Sie hörte es mit Grauen. Der Traum und Taumel fiel von mir ab, als +ich sie noch starr vor Entsetzen sagen hörte: »Du darfst Hermann nichts +sagen, du mußt dir das Kind nehmen lassen.« »Das ist ja Betrug, Mutter,« +sagte ich, »Verbrechen!« Alles, alles wollt' ich, nur nicht tiefer in +Lügen geraten und Abscheulichkeit. »Du hast den Weg des Bösen +eingeschlagen,« antwortete sie. »Jetzt geh den, der nicht andere mit ins +Unglück stürzt.« Da lief ich zu Hermann und sagte ihm alles. Hermann +schrieb an Hans, er müsse zurückkehren und mich heiraten. Aber dem +widersetzte ich mich. Ich liebte ja Hermann und nie und nimmer hätte ich +Hans, der sich heimlich an mir rächte, zum Manne wollen. Nach schwerem +Kampf schloß mich Hermann wieder an sein Herz, er würde zu vergessen +suchen, daß Hans und nicht er der Vater sei. Aber dann kam der Brief aus +München. Hans war vom älteren Bruder abhängig und wollte nicht +eingestehen, daß er ihm weggenommen, was er sich aufgespart hatte. Er +erklärte, ich wäre ihm nachgelaufen und hätte mich ihm aufgedrängt. Den +Fasching hätte ich so wüst verbracht -- daß wohl ebensogut Herr X. oder +Herr Y. Vater meines Kindes sein konnte. Er dächte nicht daran, mich zu +heiraten, da ich ja vor kurzem erst ihm eröffnet hätte, daß ich +keinerlei Neigung mehr für ihn habe. Er sei überdies so gut wie verlobt +mit einer Brauerstochter, einem reichen und anständigen Mädchen.« + +»Hund,« knirschte Konrad. + +»Ach!« sagte Hedwig traurig. »Er war kein Hund. Er liebte mich und +deshalb trieb ihn der Haß. Er hat die Brauerstochter geheiratet, nun +hält er's bei ihr nicht aus und läuft mir die Türen ein. Aber ich habe +den Kleinen gelehrt, mit Bausteinen nach ihm zu werfen und ihm das +Gesicht zu zerkratzen, wenn er ihn küssen will. Nun höre weiter, das +Böseste kommt erst. Hermann erklärte also daraufhin, von mir nichts +wissen zu wollen. Selma fuhr heimlich zu Hans, aber auch der war +unerbittlich. Da sagte Mutter alles dem Vater und der schlug mich +blutig. Tags darauf ging er zu Hermann und bat ihn, er, der stolze +Mensch, bat Hermann, mich zur Frau zu nehmen. Aber der Vater kam +verstört nach Hause und sprach zwei Tage mit keinem von uns ein Wort. +Indessen hatte Mutter eine Frau ausfindig gemacht, die alles ungeschehen +machen würde. Aber in mir war der feste Entschluß das Kind zu behalten. +Ich war sehr leidend von all den Aufregungen und man schonte mich in +keiner Weise. Das Einzige, was Vater für mich tat, war, zu erwirken, daß +ich meine Lehramtsprüfung vorzeitig ablegen konnte. Man bewachte mich. +Selma und Mutter waren immer hinter mir. Ich widersetzte mich nicht mehr +zu der schrecklichen Frau zu ziehen, dort würde ich wohl freier sein und +vielleicht die Möglichkeit haben zu entfliehen. Aber schon vorher gelang +mir das. Ich hatte noch das Geld von den verkauften Bildern und fuhr +nach München, wo ich ja Freunde hatte, auf die ich mich verlassen +konnte. Freilich Geld hatten die keines, aber Arbeit würden sie mir +verschaffen. Mutter kam mir nachgefahren, sie hatten mich ausgeforscht. +Ich lebte recht schlecht und sie lockte mit Unterstützungen und +Verzeihen, aber alle ihre Vorstellungen, auf das Kind zu verzichten, +waren fruchtlos. So fuhr sie denn wieder ab. Es kam kein Brief mehr. +Einmal sah ich Hans. Es war im Sommer, die Stadt verödet. Ich saß im +englischen Garten, da fuhr er mit seiner Braut an mir vorüber. Noch +heute weiß ich nicht, ob er mich gesehen hat, aber damals lernte ich +Gretchens Gebet im Kerker aus tiefster Qual verstehen. Einen Monat vor +der Zeit kam eine Depesche von Selma, Vater liege im Sterben, ich sollte +zurückkehren. Ich reiste. Abends trat ich verschleiert ins Zimmer. Alles +war düster und leise. Es fiel mir zuerst auf, daß man dich weggeschickt +hatte, aber ich war doch gleich von der Sorge der anderen erfüllt und +maß dem keine Bedeutung bei. Vater sagte mir mit schwacher Stimme, ich +sollt' mich nicht länger widersetzen. Er habe mit Hermann gesprochen, er +würde mich heiraten, wenn ich mich nach der Geburt des Kindes von diesem +trennen würde, da doch nun einmal der Vater nicht nachweisbar wäre. +Mutter brachte mich zu dieser Frau. Sie hatten schon alles vereinbart +und sprachen abseits leise wie alte Bekannte. Ich besah mir den Raum. +Die Luft schon war bedrückend. Zwei Betten standen da, in dem einen +schlief schnarchend ein alter Hund. Ich war einer Ohnmacht nahe, die +Reise, die schlaflose Nacht, die Aufregungen hatten mich ganz +heruntergebracht. Ich hatte Schmerzen. Meine Füße trugen mich nur mehr +zu dem Sofa. In einem Winkel des Zimmers sah ich einen schmutzigen +Waschtisch mit allerlei unbekanntem Gerät. Ich wußte mit Grauen, hier +wurden dem Tod Opfer gebracht. Ich rief nach der Mutter, sie war +heimlich weggegangen. Die Alte brachte mir Tee, entschuldigte sich, sie +müsse ausgehen, ich sollte unbesorgt sein, es würde niemand zu mir +hereinkommen. Mir war es, als entferne sich die alte Hexe, um den +giftigen Apfel zu bereiten. Ich schlummerte ein und sah mich in einem +gläsernen Sarg. Ich erwachte, als draußen die Tür aufgesperrt wurde und +das Zimmer neben dem meinen von einem Mann und einer Frau betreten +wurde. Bald war kein Zweifel mehr, zu welchen Zweck. Arme Mutter, sie +ahnte nicht, wohin sie mich gebracht hatte. Die Schmerzen kamen wieder +und eine entsetzliche Angst befiel mich, daß es vorzeitig geschehen +konnte, daß das Kind und ich in Schmutz und Gift zugrunde gehen würden. +In den Schmerzen fühlte ich nur meine Qual, die Krankheit des Vaters war +ja nichts gegen die Gefahr, die in jedem neuen Anfall zu drohen schien. +Ich war voller Haß, daß man mich hier elend verkommen ließ, daß man mich +morden wollte. Ja, ich verglich erbittert den Wert meines Lebens mit dem +des Vaters, dem man das meine aufopferte. Aber nach einer Weile hörten +die Schmerzen auf. Ich lag wie gerädert. Die nebenan rüsteten indes +wieder zum Aufbruch. Das Leben stand grell vor mir. Ich war wie +hellsichtig geworden. Mann und Weib nebenan, die sich umschlingen, dann +die Tragödie der Geburt, der Tod, der Kampf um Ehre, alles stand in +nackten Bildern vor mir. Aber nun wußte ich auch, was ich zu tun hatte. +Ich stand auf; eh' die Alte wiederkam, war ich auf der Straße. Es war +spät abends, ich rief einen Kutscher an, ließ mich auf die Klinik +fahren. Als ich ihn bezahlt hatte, blieb mir fast nichts mehr. Die +Schwestern und Ärzte nahmen mich mit freundlicher Ruhe in Pflege. Aber +erst eine Woche später kam das Kind zur Welt. Ich schrieb Mutter, wo ich +sei, und daß sie doch meinen Tod nicht hätte verantworten wollen, bat +Selma, mich zu besuchen und mir Nachricht von Vater zu geben. Niemand +kam, niemand antwortete. Ich durchforschte die Zeitungen, ob ich das +Schreckliche lesen würde, sah schon den geliebten Namen schwarz +umrändert mir entgegenstarren. Zum Glück blieb Vater am Leben. Er war +gar nicht sterbenskrank gewesen. Das wenige Geld, das ich hatte, +verausgabte ich für Marken und Karten. Ich schrieb an Freundinnen, die +mir ewige Treue geschworen hatten, aber jede hatte eine andere Ausrede, +niemand kam mir zu Hilfe. Neben mir lag eine Arbeiterfrau. Sie erriet +bald meine Verlassenheit und mit einer gewissen Schadenfreude über die +Hartherzigkeit der »Herrschaften« lud sie mich zu sich ein. Als der Mann +des Sonntags sie besuchen kam, brachte auch er treuherzig seine +Einladung vor. Tags darauf brachte uns eine Droschke ans Ende der Stadt. +Nicht weit von hier lud sie uns ab mit den sorgsam verhüllten +Säuglingen. Seither habe ich gelernt, unter armen Leuten zu wohnen. Da +gibt es keine Unzufriedenheit, wenn man sieht, wie diese Armen hinter +dem Bollwerk ihrer Stumpfheit darben. Sie hatte es gut gemeint, die +brave Frau, aber nach zwei Tagen erkrankte ich an Kindbettfieber. Nun +brachte man mich ins Spital zurück und das Ärgste war, man trennte mich +von dem Kinde. Man brachte es mir nur, wenn es gestillt werden sollte. +Nachts hörte ich sein Schreien lange in den hallenden Gängen, wenn man +es mir hungrig brachte, und wieder schrie es, wenn man es forttrug. +Einer meiner Hilferufe, die bisher unbeantwortet geblieben waren, hatte +indes Widerhall gefunden. Marie hatte mich auf der Klinik, dann bei der +Arbeiterfrau, die sie sogleich belohnte, dann wieder im andern Spital +gesucht. Nun mietete sie mir ein Zimmerchen in ihrer Nähe. Das Kind +wurde vom Spital aus auf das Land in Pflege gegeben. Als ich so weit +hergestellt war, fuhr ich nach Neudorf hinaus, um es zu besuchen. Nie +werde ich diesen Anblick vergessen. Es war so lieblich und rosig +gewesen. Jetzt glich es einem kranken Greislein. Erstaunlich auch war +es, wie es nun Hans ähnlich war. Die Nachbarinnen raunten mir zu, daß +das Kind Hunger leide und in Schmutz liege. Vor wenigen Tagen wäre es +dem Tode nahe gewesen. Ich nahm es eigenmächtig fort. Konnte ich denn +das Kind dieser Engelmacherin überlassen? Es mußte ins Spital, es war +ernstlich krank. Dort bedeutete man mir, es würde erst in einigen Tagen +ein Platz frei. Die Frau, bei der mich Marie eingemietet hatte, war +natürlich nicht erbaut über den kleinen Mitbewohner, der nachts +erbärmlich schrie. Maries Unterstützung war nahezu aufgebraucht. Da trug +ich das Kind abermals zur Klinik. Es war ein warmer Oktober, noch lagen +die Kinder in den Wiegen im Garten draußen. Als ich an einem leeren +Bettchen vorbeikam, kam mir der Einfall, das Kind hineinzulegen. So +entging ich der Abweisung. Ich tat es und flüchtete dann wie eine +Diebin. Indessen hoffte ich Hilfe zu finden. Zwei Tage machte ich +vergebens Anstrengungen mir Geld zu verschaffen. Ich konnte ja nur an +Menschen herantreten, die in keiner Beziehung zu den Eltern standen und +die halbwegs verschwiegen waren. In meiner Verzweiflung ging ich zu +Hermann. Ich fand ihn, erschrocken über mein Aussehen, erschüttert über +das, was ich erlebt hatte. Ich erzählte ihm, daß ich eben das Kind durch +das Gitter des Spitalgartens beobachtet, daß es schon wohler scheine, +ich beschwor ihn, den Jungen zu sehen, er würde dann nicht mehr +zweifeln, wer sein Vater sei. Er ging mit mir, er sah das Kind und nun +sagte er mir, er sei bereit, eine Scheinehe mit mir einzugehen und das +Kind als das seine anzuerkennen. Er würde dann sogleich um seine +Versetzung einkommen, falls ich selbst nicht die Stadt verlassen würde. +Er riet mir zu bleiben, um dem kranken Vater nahe zu sein, der +vielleicht andern Sinnes werden würde, auch würde er mir noch eine +staatliche Anstellung sichern können. Hans war verheiratet und verdiente +nichts. Ich lehnte es ab Unterstützungen von dem Geld seiner Frau zu +beziehen. Hermann war ein gebrochener Mann. Er sagte mir, daß er nach +reiflicher Überlegung zu der Überzeugung gekommen sei, daß er ja an +meinem Verkehr mit Hans, an meiner Abwesenheit vom Elternhaus, daß er an +meinem Elend Schuld trage. Einige Wochen später, als alle Formen erfüllt +waren, heirateten wir. Nach der Trauung fuhren wir zu den Eltern. +Hermann verlangte, daß ich ihre Verzeihung erbitte. Als Hermann +erklärte, daß er nun getrennt von mir leben würde und ihren Schutz für +mich erbäte, brauste Vater auf. Abermals kam alles zur Sprache. Aber +obwohl ich wußte, daß unsere Ehe nur zum Schein war, ich mußte Hermann +verteidigen, ich mußte an seiner Seite stehen. Ich war durch nichts +geblendet, Hermann war im Recht. So gingen wir beide im Streit mit den +Eltern auseinander.« + +»Und er ließ dich dann mit dem Kind allein zurück?« fragte Konrad. +Hedwig senkte den Kopf. Es war ganz finster geworden. Er sah nicht, daß +sie weinte, aber er fühlte es. + +»Ich selbst habe ihn fortgeschickt,« sagte sie. »Ich hatte ihn zu lieb.« + +Eine Weile blieb es still, dann griff Konrad ungeschickt nach Hedwigs +Hand und küßte sie. + +»Ich hab' immer gespürt, was du wert bist,« sagte er. + +»Auch jetzt noch, Konni?« + +»Auch jetzt noch, jetzt erst recht.« + + + + + »Mit der Seele Lauterkeit ...« + + +Nun waren Konrads letzte Skrupel, das Elternhaus heimlich zu verlassen, +erledigt. Als er nach Hause kam, wollte Anselma eben sein Nachtessen +wegsperren. Sie setzte es ihm wortlos vor. Er schob es weg. Er schloß +sich in seine Kammer ein und schrieb an Ariel: + +»Du mein Engel, Du mein Licht, nun ist es gewiß, ich werde Dich +wiedersehen. Ich werde um Dich sein, und wenn es nötig sein wird, werde +ich Dich mit meinen Händen aus allen Fährnissen tragen. Immer werde ich +in Deiner Nähe sein. Vergiß das nicht, Du brauchst nur zu rufen. Ich +weiß, Du fürchtest Dich vor dem Rätselvollen, vor dem Wunderbaren. Doch +ich bin fortan bei Dir. Du mußt bald, bald Deinen Berg verlassen, denn +sonst müßte ich in einer Eishöhle hausen oder mich als Kellner oder +Hausknecht verkleidet in Deinem Gasthof verdingen. Und Paris ist so +schön. Dort kann ich Dir Wunder weisen. Ich habe alles studiert. Wenn +mein Brief Dich erreicht, brichst Du wohl auf! Noch bin ich ganz +aufgewühlt. Hedwig hat mir heute ihr Leben erzählt, Hedwig, weißt Du, +die von den Eltern verstoßen wurde. Ihr war viel Leid zugemessen. »Wenn +Du ißt und trinkst, so sollst Du jeden Bissen in seine Liebeswunden +tauchen,« das stand über ihrem Leben geschrieben. Als ich nach Hause +kam, nahm man eben mein Essen fort. Ich kann nichts mehr zu mir nehmen +von ihrem knausernden Tisch. Auch sie haben des Lebens Bitternis +gekostet, aber sie selbst hatten nichts es milde zu machen. Und das, +mein Ariel, ist das Geheimnis: mit der Seele Lauterkeit muß man es +durchtränken, mit des Herzens Honigseim es versüßen, und sei es aus +Galle und Unflat. Merke Dir das, Ariel, wenn dennoch der Ekel an Dich +herankriecht. + + Konrad.« + +Er ging nicht zu Bette. Er saß über den französischen Büchern, bis das +Licht erlosch, spät nachts. Am nächsten Tag, als er einen Teil seiner +Bücher und Schriften zu Hedwig geschafft hatte, fiel ihm ein, daß Camill +ihn beauftragt habe, die Enkelin seiner Ziehmutter aufzusuchen. Er +kannte die Straße schon aus den Erzählungen seiner Gymnasialfreunde. Ja, +er war selbst mit einem von ihnen, ehe dieser es gewagt hatte, eines der +geheimnisvollen Häuser zu betreten, an ihr vorbeigestrichen, um doch +irgendwie an der unheimlichen Angelegenheit beteiligt zu sein. Es war +nun eben vor Anbruch der Dämmerung, als er sie erblickte, schmal +ansteigend zwischen alten Häusern, die mit allerlei Sandsteinzierat, +Schutzheiligen und alten Schildern ein Stück Altstadt bildeten. Aus der +lärmenden Hauptstraße kommend, fand man hier plötzlich Schweigen, +verschlossene Tore. Die Sonne selbst schien nur verstohlen, noch ehe sie +schied, an den einförmigen Fassaden hinzuhuschen. Sah man aber näher +hin, stachen grell die roten Vorhänge der halbgeöffneten Parterrefenster +hervor und hinter ihnen, Konrad erschrak, kauerten Frauen mit sorgfältig +frisierten Köpfen und grellgeschminkten Gesichtern in durchsichtigen, +bebänderten Morgenjacken und lächelten, spitzten die Lippen oder riefen +leise, mit der Zunge schnalzend. Eine oder die andere warf ihm auch ein +grobes Spottwort nach, weil er nur scheu hinblinzelte und in seiner +Bestürzung seine Blicke suchend nach den Hausschildern aussandte. Am +liebsten wäre er umgekehrt und hätte seinen Auftrag brieflich erledigt, +aber dies schien ihm eines zukünftigen Weltreisenden unwürdig. Er fand +das Haus und während sich dasselbe Spiel wiederholte, ein Fenster sich +leise bewegte und ein aufgedunsenes Gesicht sich lächelnd zeigte und +noch süßlicher lächelte, als er die Türschnalle ergriff, trat er in den +Hausflur. Eine Wohnungstür öffnete ihren Spalt und dieselbe Frau zeigte +sich. Sie hatte offenbar, um ihres Geschäftes ganz sicher zu sein, eine +ihrer schönen Schultern entblößt. Ihre Füße, die in roten +Saffianpantoffelchen saßen, waren nackt. Aber plötzlich fiel Konrad ein +Märchen ein, das Märchen von den roten Schuhen. Die abenteuerliche +Atmosphäre dieser Straße hatte ihn nach Traumland versetzt. Er sah das +kleine Mädchen, das mit roten Schuhen, freilich war es nicht, um damit +zu trauern, aber sie hatte keine anderen, als sie hinter dem ärmlichen +Sarge der Mutter daherging. Und dann kam die alte Dame im großen Wagen +und nahm das Mädchen mit sich. Das kleine Mädchen hieß Marie. Und als +sie eingesegnet werden sollte, ging die alte Dame mit Marie zum +Schuhmacher und Marie wählte sich rote Saffianschuhe. Aber die alte Dame +sah nicht, daß sie rot waren, weil sie nicht gut sehen konnte. Als sie +dann zur Chortüre kam, schienen selbst die alten Bilder auf den +Grabstätten, die Prediger und Predigerfrauen mit steifen Kragen und +langen, schwarzen Kleidern, die Augen auf ihre roten Schuhe zu richten. +Doch als der Prediger von der heiligen Taufe und vom Bunde mit Gott +sprach, dachte Marie nur immerzu an ihre roten Schuhe. + +»Na, Kleiner, was spinnst denn, komm doch, mein Schatz,« rief leise eine +heisere Stimme aus der Türe. Aber Konrad sah den alten Soldaten an der +Kirche, der dem kleinen Mädchen mit seinem Krückstock die roten Schuhe +anzauberte, daß es ewig darin tanzen mußte. Die Schuhe trugen es über +Dorn und Sumpf, über die Heide hinweg zum Scharfrichterhaus. »Komm +heraus! Komm heraus!« rief es dort. »Ich kann nicht hineinkommen, denn +ich muß tanzen.« Und Marie bat, schlag mir nicht den Kopf ab, schlag +meine Füße ab. Der Scharfrichter hieb ihr die Füße mit den roten Schuhen +ab und die Schuhe tanzten mit den kleinen Füßen über das Feld in Nacht +und Wald hinein. + +»Komm doch, mein Schätzchen,« schnalzte die Stimme aus der Tür und nun +sah Konrad zwei entblößte Brüste durch den Spalt schimmern. + +Da schien die Sonne ganz hell und gerade vor ihr stand Gottes Engel mit +einem herrlichen grünen Zweig. Er berührte damit die Decke und sie erhob +sich und die Orgel spielte und die Gemeinde saß in den geputzten Stühlen +und sang aus ihren Gesangbüchern. Und die Leute sagten: »Das war recht, +daß du kamst, Marie.« »Das war Gnade,« sagte sie. Der klare Sonnenschein +strömte durch die farbige Fensterrose in den Kirchenstuhl und Mariens +Herz wurde so voll Sonnenschein, daß es brach. »Ihre Seele flog auf +Sonnenschein, zu Gott, und dort war niemand, der nach den roten Schuhen +fragte.« Die kleine Marie war Konrads erste Liebe gewesen. Nun war sein +Herz mit einem Male voll Mitleid. Er sah gar nicht ängstlich mehr auf +die entblößte Frau und sagte ruhig, indem sein Blick noch auf ihren +Pantoffeln haftete: »Ich suche die Monika Gallo, ich hab' ihr etwas von +einem Landsmann zu bestellen. Bist du die?« + +»Mußt ein' Stock höher gehen. Die schlaft jetzten, hat die ganze Nacht +an Besuch g'habt. Geh', bleib indes bei mir.« + +Konrad sah noch immer auf des üppigen Weibes rote Pantoffel. »Wir sind +allesamt Sünder,« sprach er zu sich. Er nickte nur und ging zur Stiege. +Die Frau warf heftig die Türe hinter ihm zu. Im Stiegenhaus sah er die +Wände mit obszönen Zeichnungen bekritzelt, die ihn wahnsinnig erregten. +Seine Hand zitterte, als er bei der Monika Gallo anklopfte. Eine +verdrießliche Stimme rief: »Wer ist's?« Er öffnete. Im Hintergrund des +Zimmers richtete sich auf einem geblumten Sofa ein Mädchen auf und +blinzelte mit mandelförmigen Augen zu ihm hin, eine blasse Hand strich +kastanienbraunes, wirr lockiges Haar aus der Stirn. Monika Gallo gähnte. + +»Ich komme von Custove,« sagte Konrad statt jeder Begrüßung. + +»Vom Onkel, von Onkel Camill,« rief sie mit italienischem Akzent. Mit +einem Satz stand sie auf und kam näher. Die Monika Gallo glich ganz und +gar nicht den anderen Frauen, die Konrad in dieser Gasse gesehen. Sie +sah aus wie eine slowenische Obstverkäuferin und ihr schönentwickelter +Hals und die stolze Haltung ihres schmalen Kopfes verrieten, daß sie auf +ihm den Obstkorb getragen, ehe sie in ihren jetzigen Beruf geraten war. +Sie war wohl noch nicht lange dabei, denn sie sah leidlich frisch aus. +Ihre Haut war weich und glatt, noch nicht von Schminke und Krankheit +verheert. Konrad legte sein Geld hin, sie griff nach seiner Hand und +drückte sie warmblütig. Nun sollte er erzählen, woher er den Onkel +Camill kenne und wie es ihm im Ausland erginge. Während er sprach, sah +er sich im Zimmer um. Es war recht reinlich, ein wenig ärmlich und bunt. +Das Bett war offen, die seidene Decke stach grell aus der Dürftigkeit. +Über einer kleinen Kommode hingen Bilder aus der Heimat. Eine Frau in +südtirolischer Tracht, eine Welsche, und ein alter Mann mit dem großen +Hut der Passeier Bauern. Zwischen ihnen ein gußeiserner Christus mit +einem Rosenkranz, dessen Perlen in einen Weihkessel tauchten. Konrad +fühlte sich sehr wohl bei Monika. Sie war nun leidlich ausgeschlafen und +er blieb bis gegen Mitternacht bei ihr. Ihm war es ja schon einerlei, +wann er nach Hause kam. Wer aber, dem Augenschein folgend, Konrad +verdächtigt hätte, seinen Besuch in jeder Art genossen zu haben, der +hätte fehlgeraten. Dennoch zählte er den Abend zu seinen guten +Erinnerungen. Nichts war ihm verhaßter als bürgerliche Scheinheiligkeit, +hier gab es weder Lüge noch Verstellung und, da er als Gast gekommen +war, wurde er mit Herzlichkeit und Offenheit aufgenommen. Er war auch +nicht knauserig gewesen mit seinem Geschenk und betrachtete es reinen +Gewissens als die erste Auslage seines Betriebskapitals. Camill mußte +ihm ja gewogen bleiben. Das Mädchen brachte Bier und Käse. Da sie so +reichlich beschenkt war, vergönnte sie sich's an diesem Abend, nicht auf +Beute auszugehen. Konrad erfuhr ihre simple Geschichte. Ein +Mädchenhändler hatte sie zu bereden verstanden ihr Dorf zu verlassen, +sie dann einer Frau übergeben, in deren Haus sie geschmachtet, bis die +Polizei die Bude ausgehoben, wonach sie sich selbständig gemacht hatte. +Der Onkel Camill hatte ihr wohl Geld gegeben für einen Obsthandel, aber +sie hatte zuerst einer armen Freundin aus jenem Hause ausgeholfen, die +an einer »Berufskrankheit« hinstarb. Auch war sie ohne ein eigenes +Kleidungsstück zurückgeblieben, da alles, womit sie sich bisher +geschmückt hatte, der Frau gehört habe. Dann hatte sie »ihn« gefunden, +den sie liebte und der ihr das letzte Geld durchgebracht. Jetzt »säße« +er, weil er einer Messerstecherei angeklagt worden, die ein schlechtes +Ende genommen hatte. Die Monika dachte nicht daran, sich Konrad etwa aus +Dankbarkeit für das Geld anzubieten. Ihr waren diese Freuden längst ein +lästiges Geschäft, galten sie nicht dem Messerstecher, den sie jeden +Monat im Gefängnis besuchte, um ihm Zigarren und Schnaps zu bringen. Sie +lud Konrad ein wiederzukommen, falls er die Reise verschöbe. Als er an +der Türe jener anderen vorüberkam, besann er sich, ob er nicht eintreten +sollte, aber das Bier hatte ihn träge gemacht. Er scheute die Auslage +und er mußte wieder an das Märchen von den roten Schuhen denken, an die +Mutter, die es ihm einst vorgelesen, als er im Fieber gelegen, an Ariel, +die alle Märchenmarien in seinem Herzen verdrängt hatte. Traurig ging er +auf die Gasse hinaus. Die roten Vorhänge, dahinter jetzt die Lampen +entzündet waren, leuchteten geheimnisvoll. Da und dort trat eine +hochbusige Frauensperson mit wiegendem Gang aus der Tür oder zeigte, von +der Straßenecke kommend, einem Willfährigen vorausschreitend, den Weg. +Konrad trat auf die Hauptstraße, die nun öder war, und schlenderte mit +dumpfem Kopf der elterlichen Wohnung zu. Aber plötzlich war ihm, als +könne er jetzt nicht nach Hause. Man hatte ihm den Türschlüssel entzogen +und er mußte Lisbeth, die Magd, aus dem Schlafe wecken. Sie würde in +ihrer Nachtjacke kommen, die Hand schützend vor die Kerze halten, so daß +ihr junger Busen beleuchtet war, und heute, das wußte er, würde er ihr +nachdrängen in ihr heißes Bett. Nein, so sollte nicht die letzte Nacht +zu Hause sein. Er kam durch einen Garten, da lockte eine Bank. Des +Morgens erst rüttelte ihn dort ein Schutzmann aus dem Schlaf. Er schlich +nach Hause, Lisbeth holte eben die Milch. Er stahl sich ungesehen in +sein Zimmer. Seine Abwesenheit war nicht bemerkt worden. + +Hedwig aber ging mit schweren Sorgen. Soviel hatte sie aus Konrad +herausgebracht, daß er einem Menschen, dem er nicht gewachsen war, die +Geliebte abjagen wollte, deren Besitz ihm selbst niemals blühen würde. +Sie sah, wie er seine Zukunft hinopferte und sich in Gefahr brachte ohne +Lohn und Dank. Aber auch bei den Eltern schien ihm sein Leben unmöglich +geworden und sie hatte keinen Weg zu ihnen, sie zu warnen und zu bitten. +Alles, was sie selbst unternähme, würde dort seine Lage verschlechtern. +Sie brachte ihm denn Geld und Gepäck zur Bahn und nahm den Anschein auf +sich, an seiner Flucht mitschuldig zu sein. + +»Nun verlasse ich dich denn auch,« rief er anklägerisch. »Gott verzeihe +mir, aber es gilt, einen ahnungslosen Engel zu beschützen.« + +»Der bin ich nicht,« sagte Hedwig mit einem trotzigen Lachen und reichte +ihm die Hand in den abfahrenden Zug. »Gott schütze dich. Komm, komm +wieder!« Und als sie traurig nach Hause ging, wiederholte sie es +angstvoll wie im Gebet: »Komm wieder, komm wieder!« + + + + + Paris + + + Jesus antwortete ihnen + und sprach: Wahrlich, wahrlich, + ich sage euch, wer Sünde + tut, der ist der Sünde Knecht. + + (Joh. 3. 8.) + +Es war im Park von Versailles, Werktag vormittags, am einsamen Teich. +Arabella saß im Gras. Sie hatte den breiten Florentinerhut neben sich +gelegt. Eine weißliche Oktobersonne schimmerte auf ihrem Haar, das sie +nun, wie es in Paris in diesen Tagen Mode war, in einer Krone aufgetürmt +trug. Sie sah zu Mannsthal auf, der neben ihr stand und zu ihr +herablächelte. + +»Ich glaube, du warst einmal eine Bachstelze oder ein Reiherweibchen, +Vögelchen,« sagte er, »oder gar eine Schilfnymphe, eine Nixe. Es zieht +dich immer zum Wasser.« + +»Hier ist es schön,« sagte sie. »In der Stadt dort ist alles so +betäubend. Hier habe ich auch dich. Auch in der Nacht kommt noch all das +Viele von den fremden Frauen dir nach. Da denkest du an sie. Hier ist +Ruhe.« Sie legte sich zurück und kreuzte die Arme hinter dem Kopf. Er +blickte auf sie herab, als sähe er sie anders als sonst. Er antwortete +ihr nicht, er wußte nur zu gut, was sie beunruhigte. Ihre Augen glänzten +zu ihm auf, um ihre Lippen zuckte es und sie schien sie zu ihm +emporzuheben, während ihre Arme eine kleine hilflose Gebärde nach ihm +sandten. + +»Hier nicht,« sagte er leise. »Brennt es wieder?« + +»Ja, es brennt,« sagte sie mit einem wundersamen Lächeln. + +Sie wohnten seit mehreren Tagen in Versailles, nachdem sie zuerst in +Paris selbst abgestiegen waren, um später wieder dahin zurückzukehren. +Mannsthal hatte jetzt müde Tage. Sein Magen widersetzte sich zuweilen +selbst der leichten Pariser Kost. Er hatte Schmerzen. Der Gedanke, daß +er ernstlich erkranken könne, verdarb ihm die Freude an Paris. Auch +Vögelchen sah zuvörderst nicht die Stadt, sah alles, was sie umgab als +Rahmen ihrer Leidenschaft, die im hellsten Feuer stand. Er fühlte in +ohnmächtiger Furcht, wie alles das erreicht war, wie nur seine heißesten +Träume es entzündet hatten und daß Gefahr drohte, es verloren zu geben, +ehe es zur Neige gekostet war. Wenn er das geliebte Kind betrachtete, +das so willig und eins mit ihm bis an die Grenzen der Lust gegangen war, +kam ihn ein Grauen an bei dem Gedanken, sie diesem Feuer zu überlassen, +das er nur mühsam mehr zu löschen vermochte. In diesen Tagen hatte +Mannsthal Stunden höchster und nie gekannter Lust mit einer Gefährtin, +die ihm völlig gewachsen war und ihm die Wunder märchenhafter Instinkte +bescherte. Diese fast heilige Einigkeit ihres Feuers glühte den besten +Kern seines Wesens rein und verursachte ihm Qualen, die nur die +Erkenntnis seelischer Liebe zu geben vermag, wenn sie das angebetete +Wesen durch eigene Schuld am Rand eines Abgrundes erblickt. Vermochte er +an das Wunder zu glauben, daß ihre Liebe sich jeder Wandlung ergeben +konnte? In Vögelchen, er wußte es und empfand es noch täglich glückhaft, +in ihrer Umarmung war Trieb und Seele so innig verschmolzen, daß nur ein +blutiger Riß, der ihr tiefstes Wesen zerstören mußte, diese beiden +trennen konnte. Und war ein junger Organismus imstande Schmerz so tief +zu erleiden, daß er das ganze Wesen durchdringen und wandeln konnte? +Nein, es wehrte ihn mit starkem Gegenstoß ab, wenn er sein Innerstes +berührte. Junge Menschen haben nicht die Porosität des Schmerzduldens, +die Schmerzverwandlungsfähigkeit. Das wußte und fürchtete er. All diese +Fragen waren Beschwichtigungen, Wahrheit blieb ihr heißes, immer +verlangendes Blut. Sie konnte es nur durch Güte beschwatzen, sie konnte +es nur niederringen, bis es dann selbst rächend sich wehren würde. Doch +noch hatte er Zeit und vielleicht geschah das Wunder und eine leichte +Ernüchterung brachte ihr Kühlung. Es peinigte ihn, daß er dies erhoffte, +was er gleichzeitig fürchtete, und daß das, was er fürchtete, ihm wenig +Hoffnung brachte. Denn noch war Arabella weißgeglüht vom Scheitel bis +zur Sohle. An der Oberfläche ihrer Haut mußten Millionen elektrischer +Fünkchen hausen, die seine Nähe schon zum leisen Aufknistern weckten. +Sie war wie die Mahd blühender Wiesen, auf die Sonnenglut herabgesengt +war und die nur eines glimmenden Hölzchens bedarf, um in Flammen +aufzugehen. Sie war wie ein Sommertag, der an tausend Enden aufsprießt +und ausbricht, der besprengt ist mit unendlichen Keimen. Er versuchte +kleine Ablenkungen, er beschenkte sie mit Dingen, die sie beschäftigen +sollten, mit erlesenen Kleidern und Schmuck. Aber sie besah sich kaum +mit den kostbaren Perlen, mit der spitzendurchfluteten Wäsche, den +ausgesuchten Gewändern und Pelzen. Sie war schon wissend genug, zu +ahnen, daß ihre Liebe nicht von der Art war, die solcher Behelfe bedarf. +Und er selbst schuf sich nur neue Qualen, wenn der Blick der Männer +durch die Kostbarkeiten, die er ihr bescherte, stärkere Anziehung fand. +Sie selbst sah die Aufmerksamkeit nicht, die ihr in dieser Stadt, in der +wenige junge Mädchen zu sehen sind, zuteil wurde. Die Art, wie sie sich +trug, ließ ja dem erfahrenen Pariser keinen Zweifel, in welcher +Beziehung sie zu dem viel älteren und scheinbar reichen Herrn an ihrer +Seite stand. Aber all die lächelnde Mitwisserschaft, die sie mit Blick +und Wunsch streifte, erregte sie unbewußt noch mehr und das Augenspiel +der Frauen, das Mannsthal und zuweilen ihr selbst galt, beunruhigte sie. +Ihr Instinkt und ihre junge Erfahrung ließen sie sogleich erkennen, wie +stark die sinnliche Atmosphäre hier das Leben durchwogte, daß alles +rascher, häufiger, unausweichlicher geschah. Sie glaubte, daß diese Luft +allein schon Mannsthal sättige, daß die Frauen ihn vielleicht besaßen, +wenn er auch nicht von ihrer Seite ging: sie war eifersüchtig auf Paris. +Aber sie täuschte sich. Adalbert fühlte ihren Wert hier mehr als an +irgendeinem anderen Orte der Welt. Die Pariser Frau, die bewußte, stets +wache, war ihm entwertet. Einmal verließ er Arabella und versuchte es +mit äußersten Dingen, aber er kam angewidert und wie verarmt zu ihr +zurück und jede ihrer Berührungen waren ihm Pein, weil sein Blick sich +beschmutzt fühlte wie nie bisher. Und Vögelchens Aufblühen erlosch +wieder, sie sah jetzt noch kindlicher aus in ihrer Blässe und Zartheit. +Sie quälte sich an ihm und er mußte, sie zu beruhigen, Mittel anwenden, +die sie erschöpften. Da plötzlich kam ihm ein feuriger Gast zu Hilfe. Er +durchtobte sein Blut, warf neue Brände in seine Sinne, er durchraste +seine Träume und rüttelte dunkle Kräfte in ihm auf: das Fieber! Aus +jener Stunde an Rosinas Grab trug er es im Blute. Einmal schwanden ihm +die Sinne, da fing sein löschender Blick Vögelchens Bild, wie es über +ihm geschwebt hatte. In seinem Traum war sie Europa, in deren blondem +Gelock wild der Sturm des Meeres sauste, wie er, der Stier, sie über den +See trug. Und es war ihm, als schwinge Europa über ihm, dem Stier, eine +feurige Peitsche, die Fackel der empörten Lust. Als er erwachte, saß ein +taubenhaftes Wesen, im langen Nachtkleid wie in ein Büßerhemd gehüllt, +an seinem Bettrand und kühlte ihm mit Madonnenhänden die heiße Stirn. + +Nach den Fieberanfällen schien die Krankheit erloschen. Er fühlte sich +wieder ganz wohl. Allerlei kräftigende Mittel hatten die Mattigkeit +behoben. Aber er war doch ein anderer jetzt auch äußerlich, fahl und +gelb, und Vögelchen schlich ängstlich um ihn her. Sie zwang sich ihn zu +schonen, aber er empfand ihre Fürsorglichkeit als Kälte. Heimlich +ersehnte er wieder das anfeuernde Fieber und er hatte, wenn sie nachts +sich zärtlich, aber ohne Verlangen an ihn schmiegte, seine Freude daran, +auch ihr eine böse Lust zu erwecken, es herbeizusehnen. Malaria, das +schien nicht tödlich für ihn, nicht ansteckend von Mensch zu Mensch, +aber es war zehrende Vergiftung und das vorzeitige Ende ihrer Freuden, +die sich zur Sünde verzerrten, wenn sie nicht weiterglühten. + +Um seiner Unruhe Herr zu werden, begann er sich mit Neuerwerbungen +seiner Sammlung zu beschäftigen. Viele Stunden verbrachte er im Hotel +Drouot, neue Schätze zu erwerben. Wieder faßte ihn Sehnsucht nach +Erlösung, die ihm aus diesen Gebilden einer zärtlichen Kunst leuchtete. +Als er eines Abends an der Rive gauche aus dem Laden eines Kunsthändlers +trat, hielt eben eine Equipage und eine Dame, deren Gesicht halb +verschleiert war, entstieg ihr und eilte an ihm vorbei. War sie es, war +das Angele von Tirotzky hinter zwiefachem Schleier: dem der Jahre auch, +die sich zwischen die kindlichen Erinnerungen gedrängt hatten, zu denen +er oft in Not und Verderben Zuflucht genommen? Es trieb ihn zu dem +Händler zurück und er fragte nach der Dame. »Eine Fremde,« hieß es, +»Madame de Twede, Frau eines Legationsrates.« Würde er ihr wieder +begegnen? Sie befaßte sich mit Kunstsammeln. Da war ein Weg und er +konnte ein Wiedersehen dem Zufall überlassen. + +Zu dieser Zeit begann Arabella mit Camill in Paris Wohnung zu suchen. +Bald hatte sie eine passende gefunden, mit Garderoben und +Dienermansarde. Sie eignete sich einige praktische Geschicklichkeit an, +sie feilschte sogar mit Händlern und benahm sich überall wie eine +leutselige kleine Königin, der man alle Gefälligkeiten schuldet. +Mannsthal war verblüfft über ihren Ortssinn. In kürzester Zeit fühlte +sie sich in den fremdesten Stadtteilen zu Hause. Sie wußte jede +Abkürzung des Weges, jede Richtung, sie kannte die Häuser, die Gärten, +die Kirchen. So ließ er sie denn auch ohne Camill allein umherstreifen. +Er war sicher, sie würde, wie die Zugvögel im Herbst zu ihrem Nest +jenseits der Meere, abends im Gewirr der fremden Straßen zu ihm +zurückfinden. Dieser Instinkt hatte sie geleitet dort Wohnung zu suchen, +wo Gärten und ein weiter Ausblick zu finden waren. Von einer Terrasse +aus übersah man durch die schmalen, hohen Fenster des Hauses alte Bäume, +eine verwitterte Kirche und in der Ferne Türme und Hügel. + +Während Adalbert wieder müde war und kaum das Versailler Hotel verließ, +entdeckte sich Vögelchen das Paris der alten Kirchen, die Gärten, den +Louvre, die Museen, das Bois. Meist fuhr hinter ihr der Wagen, den +Camill für den Herrn gemietet hatte, aber zuweilen entschlüpfte sie ihm +und er erwartete sie erst an dem von ihr bestimmten Ort, von wo aus sie +wieder nach Versailles zurückfuhr. Sie fand da Adalbert mehrmals in +Gesellschaft eines jungen Engländers von außergewöhnlicher Schönheit, +den er aber stets verabschiedete, um sie zu begrüßen. Der Jüngling erhob +sich hünenhaft, verbeugte sich mit scheuem Blick auf die junge Dame und +Mannsthal entließ ihn, ohne ihn jemals mit Arabella bekanntzumachen. Als +Adalbert eines Morgens zum Frühstück kam, fand er Vögelchen im Gespräch +mit dem Engländer. Arabella hatte selbst den Jüngling angesprochen. Es +schien ihr selbstverständlich, einen Bekannten Vas als den ihren zu +betrachten. An den darauffolgenden Tagen blieb sie in Versailles, fuhr +mit dem großen Menschen im Kahn und besichtigte nochmals mit ihm das +Schloß. Ein Ausdruck der Qual lag auf Adalberts gelblichem Antlitz, wenn +Vögelchen dann vergnügt ins Hotel zurückflatterte. Als sie ihn neben dem +schönen jungen Menschen sah, floß ihr Herz über vor Mitleid und Liebe +und die Zärtlichkeit, die sie dem Freund erwies, machten den jungen +Engländer erröten. Seit Mannsthals Krankheit war sie nicht mehr so +lebhaft gewesen und sie riß beide Männer zu einer Fröhlichkeit hin, die +dann noch der Champagner befeuerte. In Adalbert brannte gleichzeitig +eine wahnsinnige Erregung und Bestürzung. Er wußte, ihr Trunkensein, das +ja der Wein kaum noch erhöht hatte, gehörte nicht mehr ihm allein, es +gehörte auch Norton nicht, es strömt schon ins Leben. Eine Kraft war in +ihr geworden, die er erweckt und deren Herr er nicht mehr war. Er konnte +sie nicht zurückleiten, sie war herrenlos, denn Arabella selbst besaß +nichts, womit sie selbst sie hätte zügeln können. Sie lebte ja unbewußt +ihrer selbst. Sie zu erwecken würde vielleicht den Todessturz der +Nachtwandlerin bedeutet haben. Er hatte, da Arabella seiner nicht +sorglich wie sonst geachtet, Diätfehler gemacht, er hatte getrunken und +sich tagsüber in größter Unruhe über Vögelchens Spaziergang mit Cecil +befunden. Er fühlte das Fieber aufsteigen. Als sie die Stiegen +hinaufgingen, die nur mehr matt erleuchtet waren und Cecil in seinen +Zimmern verschwunden war, drückte er sie an sich und die Liebkosungen +seiner Hände versprachen ihr wieder die langersehnte Umarmung. Seine +Augen leuchteten im Fieber, aber sie sah es nicht, sie hörte aus seinem +raschen Atem nur die Ungeduld der Lust, die auch sie empfand. In dieser +Nacht war sie wie rasend und am darauf folgenden Tag schloß sie sich ein +wie damals, als es zum ersten Mal geschehen war. + +Als sie abends erfuhr, daß Adalbert fiebere, kam sie leise zu ihm, +kniete an seinem Bett nieder und weinte lange. + + + + + Der Retter + + +Vögelchen hatte Konrad all die Zeit her vergessen und es war ihr nicht +eingefallen, ihm zu schreiben. In der Sainte Chapelle, in der sie in +Verzückung stand, kam sein Bild und seine Worte sprachen zu ihr. »Und +das, mein Ariel, ist das Geheimnis des Lebens, mit der Seele Lauterkeit +muß man es durchtränken, mit des Herzens Honigseim es versüßen und sei +es aus Galle und Unflat.« In dieser hochaufstrebenden Kapelle, in dieser +Kirche, die aus heiligem Stein und heiligem Glas gebildet schien, war +ihr Herz Gott aufgeschlossen und gedachte derer, die seine Worte in ihr +gestärkt. Und aus der Bedrängnis, in der sie lebte und in der nur Taumel +und Trunkenheit ihr Ruhe brachten, sah sie nun einen Weg und ein Tor. +Das Tor war strahlend wie die Fensterrose der Sainte Chapelle und sie +wußte, hinter ihr blaute der Himmel, den sie vergessen hatte. Während +sie stand und das Licht durch tausend Farben der Glasmalereien über sich +ergossen sah, während sie sich eingeschlossen fühlte von den Legenden +der Bibeln und ihre Augen an den Bildern streiften, wie man neugierig +und doch mit halber Aufmerksamkeit in einem Buche blättert, da trat +leise von der Vorhalle her Imanuel Givo ein. Er ging ganz leise, als +wollte er die Andächtige nicht stören und, als sie mit einem leisen +Rauschen des seidigen Gewandes sich zu ihm wandte, begegneten stille, +dunkle und weise Augen aus einem schmalen Gesichte den ihren. Schwarz +war alles an ihm, Haare, Anzug, Hut, das Buch, das er in schwarz +behandschuhten Händen hielt. Nur seine Hautfarbe war leuchtend hell und +ein rosiger, fast frauenhafter Hauch lag auf seinen Wangen. Es war Ruhe +und Sammlung in ihm und eine freundlich wissende Anteilnahme an der +Umwelt. Er glich einem weltlichen Mönch. Vor der Darstellung der +Propheten stand er lange und trug Notizen in ein Buch ein. Dann wandte +er sich gegen die Vorhalle und seine Gestalt war in ihren Rändern von +Licht umflossen. Er hatte breite Schultern und schmale Hüften, was ihm +eine edle Biegsamkeit verlieh. In der Haltung seines Kopfes drückte sich +eine fast demütige Anmut aus. Als Arabella an ihm vorüberglitt, fiel ihr +das Schultertuch herab und schleifte den Boden, so daß er sich wohl +darin verfangen hätte, wäre nicht eben ein leichter Blick zu ihr +gegangen. Das war nicht derbe Absicht und doch wie durch beider Wunsch +herbeigeführt. Er beugte sich herab, ihr zuvorkommend, und sah dann in +ihre Augen, die aufleuchtend dankten und groß und hell wurden an den +seinen. Ihr blasses, ungeschminktes Gesicht mit den feinen Nüstern, dem +schmal blühenden Mund schien ihm ortsfremd, und seine freundlich +wissende Anteilnahme wandelte sich in ein zärtlich kühles Grüßen des +Blickes, wie es etwa Könige haben, wenn ihnen ein schönes Weib Blumen in +die Karosse wirft. Er ging hinter ihr her und sie fühlte seinen Blick +wie ein Streicheln zwischen ihre Schultern rieseln. Sie ging über den +Platz hinüber gegen Notre Dame zu, blieb dann am Pont Neuf stehen und +blickte auf die Seine herab, die vom Regen der letzten Tage gelblich +war. Hier packte sie ein Schwindel und sie hielt sich am Geländer fest. + +»Sie sind nicht wohl,« fragte Imanuel Givo hinter ihr. Er umfaßte mit +einem leisen, angenehmen Griff ihre Hand. »Darf ich Ihnen einen Wagen +besorgen? Oder wollten Sie --?« Er wies mit einem vorwurfsvollen Lächeln +auf den Fluß hinab. »Sie ist doch so schmutzig heute, die Seine.« + +Arabella war bleich und unwirklicher war ihm niemals eine Frau +erschienen. Ihre Augen sprachen immer noch hell aufgeschlossen in die +seinen. Sie war unfähig ihm mit Worten zu antworten. Sie fühlte, etwas +Entscheidendes war ihr geschehen. Er sah, daß sie sich in einem +außergewöhnlichen Zustande befand. Sie bebte am ganzen Körper. Er +wartete ihre Antwort nicht ab, rief einen Wagen an. + +»Ihre Adresse?« + +Sie nannte sie, während er scheinbar ohne Neugier, sie zu vernehmen, den +Kutscher, der sie leise wiederholte, bezahlte. Er grüßte ernst, +freundlich und ging wie einer, der nun seine Pflicht getan hat. Arabella +hätte ihm folgen, ihn bitten mögen, ihr unter seinem weisen, stillen +Blick länger noch Obdach zu gewähren. Aber der schwarze Engel mit dem +wissenden Lächeln schickte sie fort aus seinem Leben und ging seiner +Wege. Als sie vor ihr Haus kam, stand ein zerlumpter Mensch am +gegenüberliegenden Haustor und verschwand alsbald im Dunkel der Flur. +Ihr Blick war nach innen gekehrt. Sie erkannte Konrad Kruger nicht. + +Wie im Traum lag sie dann auf dem Sofa in dem kleinen Salon mit den +weißen Boiserien, die den Marmorkamin einschlossen, in dem schon Feuer +brannte, weil Adalbert so häufig fror. Da trat unangemeldet Cecil Norton +ein. Er hatte die Tür offen gefunden. Camill stand unten bei Konrad +Kruger. Der junge Engländer, den Arabella ohne Mannsthals Zustimmung +eingeladen hatte, legte einen Strauß kostbarer Blumen an ihre Seite +nieder und blieb mit einem fragenden, unbeholfenen Lächeln vor ihr +stehen. Sie lächelte wie durch einen Schleier zu ihm auf, ohne seine +Frage, ob sie leidend sei, und seine Entschuldigung, sie derart +überfallen zu haben, zu beantworten. Es war in ihr eine Unfähigkeit zu +sprechen. Auch sah sie ihn kaum: sie spürte ihn. So blieben sie eine +ganze Weile, nur daß sein Gesicht, als er die Hingestreckte anstarrte, +allmählich den Ausdruck der Begierde annahm und sie ahnungslos, wessen +Mienenspiel sie nachahmte, leise mit der Zunge schnalzte und mit den +Augen blinzelte. Er verstand sie und erschrak, wiewohl ihre Gebärde ihm +verhieß, wonach er ja verlangte, und er kniete nieder und berührte die +Seide ihrer Strümpfe. Ganz leise zog sie ihr Kleid kniewärts, während +ihr Kopf zurücksank und ein wundersames Lächeln über ihr Antlitz sich +breitete. + +Camill stand unten am Tor und hielt Wache, Ausschau nach Mannsthals +Heimkunft. Indes schlich Konrad in die Wohnung. Einem Lichtstrahl +folgend, kam er an die Türe des Salons. Da hörte er Stimmen, verworrene +Laute. Zutiefst erschrocken, floh er zu Camill zurück. + +»Jetzt nicht,« keuchte er. »Es ist einer bei ihr.« Sein Freund, der +Kammerdiener, lachte boshaft. Konrad bezog wieder die Flur des +gegenüberliegenden Hauses, in der er mehrere Stunden des Tages +verbrachte. Bald darauf sah er Mannsthal heimkehren. Er erblickte seinen +Schatten, dann ihn selbst auf der Terrasse, durch deren Fenster man in +Vögelchens Zimmer sehen konnte. Adalbert stand unbeweglich, wohl durch +die Vorhänge verborgen. Was er sah, erschien vollendet schön, aber eben +dieses Entzücken, das weder Eifersucht noch Erregung in ihm aufkeimen +ließ, diese Anteilnahme an dem Geschauten, die der Ehrfurcht beim +Anblick eines Kunstwerkes glich, ließ ihn wie einen Unbeteiligten, der +Arabella vor wenigen Monaten noch als Kind gekannt, das erschauernd +sehen, was die Menschen ein Verbrechen nennen. Und kalt und schonungslos +stellte er sich an den Pranger seines Gewissens. Wie hatte er jemals +glauben können, Vögelchen sei vor der Berührung Fremder gefeit durch +ihre Unschuld? Eben diese, die nicht ahnte, was ihr Blut befahl, ließ +sie frei ihren Trieben folgen. Hatte sie denn eine Seele? Er durfte +nicht mehr ihrer sicher sein, konnte sie nicht mehr sich selbst +überlassen und, wenn er jemals ganz ruhig werden wollte, mußte er gesund +sein und jung oder sie wegsperren in Einsamkeit. + +Er gab Camill den Auftrag den Herrn abzuweisen, wenn er wiederkäme; aber +dessen bedurfte es nicht, denn als Cecil Norton das Haus verließ, trat +unten ein zerlumpter Mensch auf ihn zu und sagte: »Mein Herr, folgen Sie +mir auf die Polizei. Sie haben gegen das Gesetz gehandelt.« + +»Hund,« knirschte Norton zwischen den Zähnen. + +Aber der andere sah zu ihm auf wie ein gehetztes Wild, das sich +plötzlich gewendet hat und seinen Verfolger angreift. »Ich weiß, was ich +sage, mein Herr. Aber ich kann schweigen, wenn man meinen Hunger stillt. +Ich habe auch nichts mehr anzuziehen. Ich habe die da oben wochenlang +vergeblich gesucht, nachdem ich von weither ihr nachreiste. Als ich die +Gottesbraut wiederfand, hieltest du, Elender, sie in deinen Pranken.« + +»Sie sind wahnsinnig!« + +»Das wird das Gericht feststellen müssen.« + +»Ich habe nichts getan, was nicht schon an ihr geschehen war. Sie können +nichts beweisen.« + +»Ich bin nicht so einer, nein. Aber an Ihrer Achtung ist mir wenig +gelegen,« sagte der Zerlumpte. »Zahlen Sie -- und wenn Sie wiederkämen, +dann würde ich Sie aufs neue verfolgen. Hüten Sie sich, dieses Mädchen +zu berühren. Es ist meinem Schutz unterstellt.« + +Norton streifte den Verfolger mit einem scheuen Blick. Der Mensch sah +ihn mit schrecklichen Augen an, murmelte einen Fluch. Der Engländer +griff in die Tasche, zog Geld hervor und hielt es erwägend in der Hand, +indem er eilig weiterschritt. Aber als er sich wandte, um es seinem +Bedränger zuzuwerfen, war dieser wie ein Schatten im Gewühle +verschwunden. + +Zu Mannsthals großem Erstaunen erwähnte Vögelchen beim Abendessen nur +flüchtig des Engländers Besuch, dagegen erzählte sie eingehend von jenem +Fremden, der ihr in der Sainte Chapelle begegnet war. Immer wieder kam +sie auf ihn zu sprechen und erging sich in Mutmaßungen, wer er wohl +gewesen sein mochte. Die Stadt war jetzt für sie der Wunder voll. Würde +er sich melden, der Seltsame? Sie lag nachts in tiefem Schlaf neben +Adalbert, der wach war, ihren Atem belauschend und ihr leises Seufzen. +In ihrem Traum sandte sie ihre Sehnsucht aus nach dem Fremden und +beschwor seine Gedanken. Der Traum aber war nicht erdgebunden, nicht +wunsch- und drangvoll. Es war ihr Traum von Gott, von Demut und +Unendlichkeit, der um Imanuel Givo blühte. + + + + + Konrads Irrfahrt + + +Als er in Paris angekommen war, fand er es zunächst erstaunlich, daß, +wiewohl die Mitternachtstunde nicht fern, viele Menschen vor kleinen +Tischen dichtgedrängt auf der Straße saßen und trotz des betäubenden +Straßenlärms sich mit lebhafter Behendigkeit gegeneinander gebärdeten. +Nach der Schwüle der unbequemen Fahrt atmete er erlöst die Luft, in der +er wie in einem flüssigen Duft die Meeresnähe zu spüren meinte. Wie ein +Genesender empfand er, der nach dem Kerker der Krankheit wieder das +Leben umfängt. Die Haft seiner Sehnsucht, die rasselnden Ketten seiner +Gedanken, die ihn so lange gekerkert hielten, das Fieber seiner Unrast +fiel von ihm ab. Am liebsten hätte er den heiligen Boden, der Ariel +trug, geküßt, knieend ihn begrüßt und schwer nur trennte er sich von den +Straßen, um den Gasthof aufzusuchen, den er in seinem Reiseführer +ausgewählt. Dahin hatte er sich auch Camills Nachricht erbeten. Nach +seiner Berechnung konnte sie schon am künftigen Tage eintreffen. Ja, es +war nicht unmöglich, daß er selbst erschien und heimlich Vögelchen +mitgeflattert kam. Es fand sich, daß die Angaben des Führers in bezug +auf Hotel Riat von der Wirklichkeit überholt waren. Man hatte da einige +Neuerungen und Verschönerungen ausgeführt, die den mäßigen Preis, der +Konrad dahin gelockt hatte, um ein Beträchtliches erhöht hatten. Man +empfing ihn mit seinem kleinen Handkoffer -- eine Kiste mit Büchern und +Manuskripten hatte er noch auf dem Bahnhof belassen -- nicht sonderlich +erfreut. Er war indes vorläufig mit allem zufrieden und tröstete sich +mit dem Gedanken, daß er, sobald Camills Botschaft eingetroffen, sich +billigeres Quartier suchen wollte. Als er nach neun Uhr erwachte, rasch +angekleidet in das Bureau hinabstieg, wo unter einem Haken für den +Türschlüssel das Brieffach der Mieter sich befand, gähnte ihm das seine +leer entgegen. Zu seiner Befriedigung erfuhr er, daß alsbald die zweite +Post eintreffen würde. Er setzte sich in die Frühstücksstube, nahm, da +er tags zuvor nicht zu Abend gegessen, ein reichliches Mahl und wartete. +Wiewohl er voll Ungeduld war die Stadt zu sehen, schien ihm doch nichts +wichtiger als Camills Brief. Aber bald erfuhr er zwiefache Enttäuschung. +Der Kellner erschien mit einem Teller, auf dem ein Papier lag. Ein +freudiger Schreck durchfuhr ihn, Camill oder gar Vögelchen waren da und +sandten ihm ein Wort. Oh weh, es war die Rechnung nur und sie war +wahrlich nicht gering. Der Kellner meinte, des Jünglings Bestürzung +gelte dieser allein und mitleidig riet er ihm, da er kein Trinkgeld +erhalten hatte, doch in Zukunft in einem der kleinen Kaffeehäuser zu +frühstücken, wo man stehend seine Tasse Kaffee tränke und nur wenig zu +bezahlen hätte. Konrad zog nun aus, beschwingt wie einer, vor dem eine +zauberhafte Welt sich auftut. Das zirkusbunte Straßenleben, das starke +Augenblicksgefühl, das hier den Menschen zu eigen und atmosphärisch sich +mitteilt, berauschte ihn, daß wie in einer Vision, wie aus einer +Versenkung, mit der Kraft des Wunders das alte Paris erstand. Es +erschien ihm nun ferner und märchenhafter denn zu Hause, als er aus +Büchern und Bildern seine Schönheit zu enträtseln sich mühte. Er +verstand sogleich, weshalb es die Künstler aller Länder in diese Stadt +zog und was hier ihre Kunst erneute und fruchtbar machte. Es war der +Kontrast vom heiß pulsenden Leben, der Geist und Sinne anfeuerte, und +jenes zauberhafte Verlorensein in einer betäubenden Vergangenheit. Das +Erlebte konnte sich in die Dämmerung des Entschwundenen retten, das +seine Denkmäler zurückgelassen, es blieb nicht Leben allein, es wurde +Bild, Idee, Traum, Sehnsucht, Ekstase. Denn niemals drang man ganz ein, +immer blieb dies Wechselspiel vom Wachsein des Blutes und den Symbolen +der Zeitenläufe, die starke Lebendigkeit und das legendäre Schweigen der +Steine rätselvoll. Alles Geschaut-Erträumte lebte sich aus in diesem +Verlorensein und erzeugte neues Leben. Genießen schien nicht Müßiggang +und Arbeit Genuß. Hier konnte man der Welt abhanden kommen und spürte +sie nirgend stärker. Als er im Luxembourggarten saß, von Studenten +umgeben, die von den nahen Hochschulen kamen, wo er von dem Geist der +Dichter, die hier geträumt hatten, sich umschwebt glaubte, vom vielen +Wandern wohlig ausruhend, den Blick auf Terrassen, Fontänen und +Kunstwerke, umzwitschert von puppenhaften Kindern, glaubte er zu träumen +und fürchtete den Augenblick des Erwachens in seiner kleinen Stube im +Elternhaus oder in einem der gewohnten Gärten der Vaterstadt. Er +betastete die Bank, er horchte auf die fremden Laute der +Vorübergehenden, er atmete die Luft, die nicht die heimatliche war und +sich köstlich einsog: nein, er irrte nicht. Und dies war nicht nur +Paris, dies war Ariels Wohnstatt. Verzückung machte sein Herz schwellen. +Warum brach er nicht auf, sie zu suchen, fragte die vornehmen Hotels ab, +belauerte die Wagen, die ins Bois fuhren? Warum saß er da, dieweil schon +in seinem Gasthof ein Brief ihn zu ihr rief? Er vermied Fahrgelegenheit +aus Ersparungsrücksichten und auch, um nichts vom Straßenbilde zu +versäumen. Eilig stand er auf. Am Seineufer aber fesselten ihn die +Buchtrödler, er wühlte in Kisten, er las stehend, er gab Geld aus. Dann +befiel ihn Hunger. In einer kleinen Butike sah er die Speisekarte +ausgehängt und kulinarische Kostbarkeiten, die er nur von Festen kannte, +waren um geringes Geld ausgeschrieben. So tafelte er denn. Um so +gewisser würde der Brief eingetroffen sein, wenn er ins Hotel +zurückgekehrt war. Als er dessen Flur betrat, starrte ihm schon sein +Brieffach entgegen: es war leer. Er ging auf sein Zimmer, in dem es +dumpf nach der Seife seines Vorgängers roch, und warf sich auf das Bett. +Von draußen kam der Straßenlärm, den der nahende Abend zu verdoppeln +schien. Er fühlte sich mit einem Male verlassen in dem Getriebe der +großen, fremden, rätselhaften Stadt. Und plötzlich fiel ihm auch seine +Mission ein und legte sich lastend auf sein Gewissen. Schon war ein Tag +versäumt, es war nichts geschehen für das Brot, das ihn nährte. Wo war +Ariel? + +Am nächsten Morgen suchte er ein Meldeamt, aber er fand es nicht. Auf +dem Konsulat fragte er dann nach Arabella Mannsthal, schließlich nach +Camill Custove. Die Formulare kosteten einiges Kleingeld und brachten +die Antwort: unbekannt. Er schrieb nach dem Schweizer Gasthof, ersuchte +um die Adresse des zugereisten Camill Custove. Er schrieb an Monika +Gallo, sie möge ihm Camills Aufenthalt angeben. Er wartete noch einen +Tag ab. Er bat Hedwig nachzufragen, ob daheim für ihn nicht postlagernde +Briefe eingelangt seien. Aber all dies blieb erfolglos. Zunächst bezog +er ein billiges Zimmer am linken Ufer unweit von Saint Etienne, nachdem +er Auftrag gegeben, ihm einlangende Briefe sogleich nachzusenden. Aber +seine Unruhe trieb ihn selbst immer wieder nach dem Hotel Riat zurück, +bis man ihn dort unfreundlich empfing. Indes begann er sich mit dem +Gedanken abzuquälen, Vögelchen sei unterwegs erkrankt, es sei Unheil +über sie hereingebrochen, während er, der Retter, vielleicht ganz nahe, +ohnmächtig sie suche. Stundenlang saß er in den Champs Elysees und +fragte die Wagen nach ihren Insassen ab oder er beobachtete die Leute, +die in den vornehmen Hotels aus- und eingingen. Nach einigen Tagen erst +entsann er sich seiner Bücherkiste. Er trat den Weg zum Bahnhof an. Zu +seinem Schrecken erfuhr er, daß diese mangels Nachfrage in ein +entferntes Depot geschafft worden sei. Er verbrachte einen Tag, um +wieder in ihren Besitz zu gelangen, und verausgabte in der Angst sie zu +verlieren einen beträchtlichen Finderlohn. Die Kiste enthielt das +Manuskript seines Heiligen Bernhard. Als er endlich das schon verloren +Gegebene in seinem engen Zimmerchen vor sich ausbreitete, kam ihm neuer +Lebensmut. Er sagte sich, daß er es so nicht weitertreiben könne, lieber +wollte er still auf den Zufall warten als sich müde hetzen, ihn +gewaltsam zu erzwingen. Er begab sich auf das Konsulat, wies seine +Papiere vor und ersuchte um Zuwendung eines Schreiberpostens. Es war +kein geeigneter Posten frei, man merkte sein Ansuchen vor. Die nächsten +Tage galten dem Besuch des Louvre und der übrigen leicht zugänglichen +Museen. Dann wanderte er von Kirche zu Kirche. In der Sainte Chapelle +geriet er in ekstatische Ergriffenheit. Vor Notre Dame erlebte er +Verzückungen. Stundenlang forschte er in den Reliefs, studierte die +Martyrien, suchte sich die Gestalten des alten und neuen Testaments zu +erklären, die Giebelfelder, Balustraden und Nischen bevölkern. +Geheimnisvoll zogen ihn die Ungeheuer an, die dort, wo die breiten Türme +sich massig in die Luft erheben, grinsend auf Paris herabblicken. Die +sagenhaften Vögel mit riesenhaften Klauen angeklammert, die Teufelchen, +Drachen, Affen, Gespenster und Höllenzwerge, gepaart oder einzeln, +stierten ihn wissend an, als ständen sie gerade mit ihm in +geheimnisvollem Einverständnis, als hätten sie Jahrhunderte lang +geharrt, ihm verschwiegene Botschaft zu übermitteln, ihre Rätsel nur ihm +zu entsiegeln. Er schwelgte weiter vor St. Julien le Pauvre und glaubte +das zwölfte Jahrhundert zu erwecken, indem seine Hand den kalten Stein +berührte. In Saint Germain l'Auxerois entzückte ihn die heilige +Genovefa, die Schutzheilige von Paris, die seine Träume mit Ariel +vermengten. Sie trägt dort eine kleine Kerze, die ein Teufelchen sich +auszulöschen müht. Er meinte Vögelchens Kinderhände zu sehen und das +Licht, das flackernd ihr Antlitz bescheint. Schon war er acht Tage in +Paris und ein Drittel seines Geldes war aufgebraucht. Mehrmals hatte ihn +der Regen durchnäßt, sein Schirm war ihm in einer Brasserie gestohlen +worden. Manchmal fühlte er die ganze Stadt als ein Fremdes, das ihn mit +allen Mitteln ausstoßen wollte. Die fremde Sprache schob sich wie eine +Wand zwischen sie und ihn. Oft fürchtete er nach dem Mindesten zu +fragen, um nicht lächerlich zu scheinen. Er beneidete den Pflasterstein, +der hier zu Hause war, und seine Sehnsucht war, was immer für einen +Beruf zu bekleiden, um nur irgend zur großen Maschine dieser Stadt zu +gehören, die ihn um so mehr reizte, als sie ihn verstieß. + +In der zweiten Woche begab er sich in die Nationalbibliothek und +erstickte seine Unrast in den Büchern. Sein Zimmer war ja nur ein +finsteres Loch, in ein düsteres Gemäuer gehöhlt, das ameisengleich +bewohnt war. In den schönen Sälen sparte er Licht und der Regen +verschonte ihn. Er fand sich so gut zurecht, daß er seinen Heiligen +Bernhard umzuarbeiten begann. Zwischendurch grinste ihm aus der Zukunft +das Gespenst des Hungers und der Verzweiflung entgegen. Was ihm sonst +Lebenszweck in erhöhter Form gewesen wäre, Studium, Kunstbetrachtung, +innere Bereicherung im neuen Erleben, es war ihm nun Betäubung, gelinder +Rausch, der eine Wirklichkeit vergessen ließ, die ihn Ariels beraubte. +Ihm war wie dem Verdurstenden, der die Quelle rauschen hört, verborgen, +unerreichbar. Sein Ohr trinkt den Laut, aber sein Gaumen verdorrt. Gott +ist ihm nahe, aber er geht nicht ein in ihn. Er kann der Seligkeit nicht +teilhaftig werden. + +Witwe Leroux kramte in Konrads Kasten. Ei, was für vornehme Sachen +dieser Hungerleider hatte! Diese Krawatte würde für Charles sein, wenn +er des Sonntags aus der Fabrik kam, und diese Kragen für Gaston. +Vermißte er sie, mochte er sie eben beim Umzug vergessen haben. Sie +besorgte ihm die Wäsche, ein oder das andere Hemd konnte da immerhin +auch verloren gehen. Sonntag erschienen Gaston und Charles, ihre Söhne. +Sie waren beide Maschinenschlosser. Nach kurzer Beratung klopften sie +bei Konrad an. Sie stellten sich vor, verschwiegen ihre Vorzüge nicht, +Charles war Kunstfahrer auf dem Rade, Gaston verdiente als Clown +zuweilen ein paar Francs über seinen Fabrikslohn. Sie luden Konrad +umständlich ein, den Nachmittag mit ihnen zu verbringen. Er hätte sicher +Paris nicht von der heiteren Seite gesehen. Niemand würde ihn besser zu +führen verstehen als die Brüder Leroux. Die Mutter kam hinzu und hörte +mit geheuchelter Entrüstung die Vorschläge ihrer Sprößlinge. »Aber nein, +welch ein Einfall, der Herr ist doch zukünftiger Priester,« rief sie +aus. »Und was macht das,« fiel ihr Gaston in die Rede. »Was, Charles, du +erinnerst dich doch an Abbe Griot, welch guter Kamerad!« »Nun ja, aber +treibt es nicht zu bunt,« sagte die Witwe mit Würde. Konrad war nicht +gerade abgeneigt die Einladung anzunehmen. Seine psychologischen +Beobachtungen, seine Kritiken über Lebensführung hatten hier noch keine +Bereicherung erfahren. Noch waren ihm die Sitten, die Sprache in all +ihren zarten und rohen Feinheiten nicht vertraut genug. Er willigte ein +die Brüder zu begleiten. Er wolle nur den Zuschauer abgeben, sie sollten +für ihn ihre Gewohnheiten in keiner Weise ändern. »Es gibt Sonntage und +Sonntage,« sagte Charles, und sie zogen aus. »Wissen Sie, bei uns +unternimmt man nichts ohne die kleinen Frauen,« erklärte Gaston und +sogleich, als hätte ein Zauberstab sie aus der Erde geholt, traten aus +dem gegenüberliegenden Haustor zwei geschminkte Mädchen, die dort schon +auf den Auszug der Brüder gewartet hatten. »Seid vernünftig, Kinder,« +ermahnte Charles, »der Herr, der uns die Ehre gibt, mitzuhalten, ist +beinahe Priester. Dies, Herr Kruger (Krüschee sprach er es aus), sind +Germaine und Marguerite, unsere Nachbarinnen, beide in einer +Posamenteriefabrik beschäftigt, wenn sie nicht eben daran verhindert +sind.« Sogleich bekam Charles einen Schlag für seine allzu ausführliche +Vorstellung. Marguerite, die einen sanften Augenaufschlag hatte, der +ihre geschminkten Wangen komisch erscheinen ließ, hielt sich sogleich an +den »Herrn Abbe« und erzählte ihm, sie habe ihn schon mehrmals in der +Gasse gesehen und bedauert, daß er von ihr keine Notiz genommen. Gaston +schlug vor, daß man tanzen gehe. Man nahm den Weg nach den äußeren +Boulevards. Nach verschiedenen Beratungen, von denen Konrad wenig +verstand, landete man in einem rauchigen, trotz Tageslicht stark +beleuchteten Saal, den eine niedere, in Logen eingeteilte Galerie umgab. +Germaine und Marguerite hatten sogleich eine ausfindig gemacht, die noch +unbesetzt war. Der Kellner kam und sie bestellten Wein und Backwerk. »Da +ist es doch hübsch,« sagten die Vier im Chorus und begannen gleich das +Gelage. »Sind Sie mit unserer Wahl zufrieden, Herr Abbe?« In diesem +Augenblick setzte die Musik ein. Germaine packte Gaston und gleich +verschwanden sie im rauchigen, denn noch grellfarbigen Gewühle der +tanzenden Paare. Die Frauen schienen, so vermerkte Konrad, hier der +angreifende Teil. Sie waren alle ausnahmelos aus irgend einem Grunde +begeistert. Die einen trugen Bebekostüme aus hellfarbigem Atlas, die +anderen große Federhüte und Ballerinenröckchen, elegant stachen die +Mädchen in einfach geschnittenen Straßenkleidern ab. Sie sahen aus wie +Damen der guten Gesellschaft, die sich herabgelassen haben, das Fest zu +ehren. Dazwischen tummelten sich die Germaines und Marguerites, die +sonntäglich aufgeputzt waren. Als die Musik, ein entsetzliches +Geknirsche und Gekreische, innehielt, kam das tanzende Paar zurück. +Germaine warf sich erschöpft auf einen Stuhl und man stürzte rasch +einige Gläser hinunter. Gleich begann wieder die Kapelle ihr Gefiedel. +Germaine sprang auf, zerrte wieder Gaston mit sich und nun brach auch +Charles auf, winkte einem roten Domino und walzte mit ihm in das Chaos +hinein. Marguerite rückte nun Konrad ganz nahe. Sie hatte die Ellbogen +auf den Tisch aufgestützt und blinzelte zu ihm auf. »Du tanzt wohl +nicht, kleiner Abbe,« sagte sie und lehnte ihr Knie gegen das seine. +»Nun, man ist auch ganz gut hier, nicht wahr? Später werden wir +herumgehen. Man kann sich auch zurückziehen. Mußt nicht so schüchtern +sein, Herr Abbe. Bei uns ist das nicht üblich.« Konrad, der Einsame, +fühlte die Wärme eines menschlichen Körpers neben dem seinen. Daß die da +unten walzten, daß sie sich aneinander warfen, sich preßten und zerrten, +das hatte wohl die Natur so vorgesehen. Und er fühlte merklich, daß sie +auch in ihm ein Wörtchen zugunsten des benachbarten menschlichen Körpers +sprach. Er erwiderte zunächst alles, was sie tat, mit tiefem Ernst +allerdings. Er sagte sich, daß er zwar, beteiligte er sich nun gegen +seine Gewohnheit am Treiben der anderen, seine Beobachtungen nicht +objektiv bereichern würde, aber er versuchte sich zu überzeugen, daß ein +wahrer Kritiker eigener Erlebnisse bedurfte. Marguerite hatte Mühe, dem +schwermütig agierenden Abbe gegenüber ernst zu bleiben, aber sie hatte +sich eine erstaunliche Anpassungsfähigkeit angeeignet. Sie verfiel denn +alsbald auch in tiefe Melancholie. Konrad war nun überzeugt von der +Notwendigkeit eines engeren Anschlusses an Marguerite. »Gehen wir +herum,« sagte sie und stützte sich schwer auf ihren Begleiter. »Kellner, +die Rechnung.« Konrad erschrak. Sie bemerkte es. »Zahlen Sie +einstweilen, wir können sonst nicht die Loge verlassen.« »Und die +Anderen?« »Ich hoffe, die werden uns nicht stören,« sagte Marguerite und +blinzelte. Der Kellner überreichte die Rechnung. Konrad nahm sie und mit +schweren Händen das Geld aus seiner Brieftasche. Er sah nicht, wie der +Bursche dem Mädchen etwas hinschob, den Gewinnanteil für den neuen Gast. +Marguerite liebte dies Lokal, nicht überall war man so large. Sie verlor +sich sogleich mit ihrem Kavalier in den Seitengängen. Es gab da +neuerdings Logen mit Vorhängen. Vor einem verdunkelten Saal wurde Entree +abverlangt. Dort ließen sich Nackttänzerinnen sehen. Marguerite nahm +zwei Karten. Konrad bezahlte. In dem übelduftenden Zimmer war solch ein +Gedränge, daß man wenig nur von den Tänzerinnen erblicken konnte, die +überdies nicht viel mehr sehen ließen als manche der kostümierten Frauen +des großen Tanzsaales. Aber das Gedränge gestattete den Paaren allerlei +Freiheiten. Bald sah Marguerite den Augenblick gekommen, Konrad in eine +der verhängten Logen zu ziehen, wofür neuerdings bezahlt werden mußte. +Champagner zweifelhafter Sorte stand bereit. Marguerite hatte bald +Gelegenheit, ihren Abbe etwas lächerlich zu finden. Aber sie war trotz +aller Routine im Geldverdienen ein leidlich gutes Mädchen. Sie entließ +Konrad ähnlich wie jene venezianische Courtisane Rousseau, die ihm +sagte: »_Zanetto lascia le donne e studia la matematica._« Konrad war +froh, daß Marguerite sich bald unter dem Vorwand, im Saale eine Freundin +zu suchen, entfernte. Im Tanzsaal sah er wohl die beiden Brüder Leroux. +Gaston war eben im Begriffe, mit rotgeschminkter Nase und eingedrücktem +Claquehut seine Clownspäße zum besten zu geben. Aber Konrad zog es vor +sich heimlich davonzustehlen. Diese merkantile Gesellschaft flößte ihm +Schrecken ein. + +Um dreißig Francs ärmer, schlenderte er geknickten Herzens über den +Boulevard nach Hause und schlich dort leise in sein Zimmer, damit die +würdige Mutter ihrer Söhne ihn nicht störe. Er verriegelte die Türe und +fiel bald darauf dank der ungewohnten Genüsse in tiefen Schlaf. Man +sollte glauben, daß es Konrad nach diesen Erfahrungen nicht weiter +gelüstete das heitere Paris zu genießen. Nachdem er schließlich immer +bereit, die anderen zu rechtfertigen, zu der Meinung gelangt war, daß +die beiden Leroux an der Geldausgabe und an der Unzulänglichkeit dieser +einen Genuß zu verdanken, unschuldig seien, er hingegen ein eitler Tropf +gewesen, der seine Armut nicht rechtzeitig eingestanden habe, ertappte +er sich dabei, nach Marguerite auszuspähen, wenn er durch ihre Gasse +ging. Er fand sie auch eines Tages wie zufällig an einer Ecke stehend +und, da sie augenblicklich kein Geld hatte, war ihr auch mindere +Kundschaft willkommen. »Mein armer Junge,« sagte sie, »diese Leroux +haben dich neulich schön gewurzt.« Sie sagte etwas von »poire«, das +Konrad nicht verstand, aber er fühlte ihre Teilnahme und das beglückte +den Einsamen. »Als ob man nicht auch ganz solide miteinander fröhlich +sein könnte. Wenn du mir ein Drittel dieses Geldes gegeben hättest, +würde ich dir das schönste Fest verschafft haben und wir hätten es +bequemer gehabt als dort, wo es kein Wunder ist, wenn ein guter Junge, +wie du -- --« Sie vollendete nicht, sondern kniff ihn in den Arm. Sie +merkte, daß ihm das wohl tat. »Nun, bist du jetzt frei? Wollen wir ein +kleines Abendessen besorgen und zu Mutter Leroux hinaufsteigen? Sie wird +uns nicht stören, ich kenne sie.« Marguerite lachte und kniff ihn von +neuem. Konrad war mit allem einverstanden. Sie kauften ein, indem sie +sich den Anschein gab, nur für Konrad auszuwählen. »Nun haben wir Wein +und allerlei Leckerbissen und das Ganze kostet nur sechs Francs. Hast du +sie bei der Hand?« Konrad fand das wirklich preiswürdig, obwohl er mit +dieser Summe sonst drei ganze Tage sich verköstigte. Mutter Leroux war +nicht zu Hause. Marguerite aber wußte Bescheid. Sie deckte den Tisch und +brachte alles Nötige herbei. Nachdem sie gegessen hatten und der Wein +Konrad mutig gemacht hatte, zog er Marguerite auf das Bett, aber sie +sprang rasch auf, indem sie ihm lachend einige Püffe versetzte, und +sagte: »Halt, mir fällt ein, Frau Lapin, die Kaufmannsfrau, hat mir drei +Francs zuviel herausgegeben. Ich habe sie in dein Portemonnaie gesteckt. +Ich war so verwirrt und sie hatte eben so viele Kunden.« Sie öffnete +rasch seine Börse und entnahm ihr fünf Francs, die sie in ihre Tasche +gleiten ließ. »Ich will sie ihr morgen zurückgeben.« Dann kam sie zu ihm +zurück und diesmal gab er ihr keine Gelegenheit zum Spott. Als sie noch +nebeneinander lagen, kam die Leroux herein. Sie begann zu schimpfen, daß +man ihr schönstes Geschirr verschleppt hätte ohne sie zu fragen, daß dem +Herrn weder Service noch derartige Bedienung in seinen Zins eingerechnet +sei und daß man sie außerdem der Gefahr ausgesetzt wegen Kuppelei +bestraft zu werden. Sie werde dies alles nicht auf sich beruhen lassen, +wenn man sie nicht im voraus für alle Unzukömmlichkeiten entschädige. +Konrad war jäh aus seinem Traum erwacht. Des Morgens hatte er +Beaudelaires Gedichte gelesen (er wollte das eine oder das andere +übersetzen). In ihm sangen noch die Verse von »Parfum exotique«: + + »Quand, les deux yeux fermés, en un soir chaud d'automne, + Je respire l'odeur de ton sein chaleureux + Je vois se dérouler des rivages heureux + Qu'éblouissent les feux d'un soleil monotone --« + +Und Vögelchens Bild stieg in einer Gloriole auf: + + »Und sei's zur Nacht, im einsamen Gelaß, + Im Straßenlärm, im wüsten Stadtgetriebe, + Ihr Bild in Lüften strahlt mir wie die Sonne. + Manchmal da spricht es: Ich bin schön, oh laß + Vom Schönen nur dich leiten, mir zu Liebe, + Schutzengel, Muse bin ich dir, Madonne!« + +Vögelchens Lippen lispelten es und sie waren bleich wie die einer Toten. +Und nun hörte er die Stimme der Leroux, die heiser kreischte, und er +hörte sie nicht. Marguerite hatte sich unter die Decke versteckt, +kicherte und biß ihn dabei in den Arm. Er riß sich los, sprang auf und +indem er mit drohender Gebärde der Leroux den Weg verstellte, schrie er: +»Wenn Sie nicht schweigen, werde ich die Anzeige machen, daß Sie mir +meine Wäsche gestohlen haben. Morgen verlasse ich Ihr Haus. Adieu.« Die +Frau hob die Hände, als fürchte sie, der Wütende würde sie schlagen. Sie +hatte alles eher erwartet als in dem linkischen Mieter, der sich so viel +gefallen ließ, einen Herrn zu erblicken, der ihr nun gebieterisch die +Türe wies. Als sie draußen war, hüpfte Marguerite aus dem Bett. +»Ungeheuer,« sagte sie, »diese schmutzige Witwe! Ich suche dir eine +andere Wohnung. Indessen kannst du bei mir schlafen. Da machst du noch +ein Geschäft dabei.« Als sie gegangen war, vermißte Konrad seine Uhr. Er +wußte nicht, ob nicht etwa die Leroux sie rasch entwendet hatte, während +der Traum ihn noch in Marguerites Armen umfangen hielt. Er packte seine +Sachen, schlief dann bis gegen Mittag, bezahlte die Leroux, indem er ihr +noch einen Teil der gestohlenen Wäsche abpreßte, und verließ fast +mittellos das Haus. Sein erster Weg war aufs Postamt. Dort fand er ein +Schreiben von Monika Gallo, die ihm mitteilte, daß sie vom Onkel Camill +eine Karte aus Paris erhalten habe ohne Angabe der Adresse. Sein zweiter +Weg war auf das Konsulat, um nachzufragen, ob man dort eine Stellung für +ihn gefunden. Die Antwort war abweisend. Man käme nicht nach Paris ohne +Mittel und Empfehlungen, man täte besser, keine Vergnügungsreisen zu +machen, wenn es einem an Geld fehle. Wenn er hungere, könne man ihn +schließlich in die Heimat befördern, das wäre alles, was von Amts wegen +vorgesehen sei. Aber Konrad wollte nicht in jene Heimat. Seine Heimat +hieß: Ariel. So wurde er denn vorderhand Zuhälter bei Marguerite Aupin. + +Er hatte an Monika geschrieben und sie ersucht, bei Custoves Bekannten +nachzuforschen, er schrieb an Hedwig, ob sie ihm Rat wisse, aber er +verschwieg ihr seine Notlage. Um keinen Preis hätte er von Hedwig Geld +genommen. Marguerite erhielt ihn. Sein Leben war nun geteilt zwischen +der Bibliotheque nationale, den Kirchen, dem Luxembourggarten und den +Schenken, in die er das Mädchen begleitete. Er war verliebt in +Marguerite und er reizte sie, damit sie ihn schlüge. Sie hatte ihm sein +letztes Geld abgenommen unter dem Vorwand, ihn zu verköstigen, was +indessen nur geschah, wenn sie zusammen in Kneipen gingen. Einige Tage +arbeitete er für das Mittagessen als Messerputzer in einem Gasthaus. Als +es bekannt wurde, wie er zu der Aupin stünde, die dort Geld schuldig +war, entließ man ihn. Das Ärgste war, daß er dabei sein mußte oder im +Vorraum ihres Zimmers, wenn sie Besuch hatte. Oft hatte er das Geld +entgegen zu nehmen für ihre Gefälligkeiten. Eine tierische Eifersucht +hatte ihn befallen. Marguerite ließ sich kaum mehr von ihm berühren. Er +sollte doch zu den »_femmes à cheveux_« gehen, den Dirnen ohne Hut, und +sich das Geld vorerst für sie zusammenbetteln. Einmal aber, als sie ihn +weinen sah wie ein kleines Kind, blieb sie eine Nacht lang in seinen +Armen. Er hatte ihr in diesen Stunden sein Leid geklagt und sie war +ergriffen. Sie versprach ihm die Hilfe eines befreundeten Detektives. +Indes suchte er wieder Paris ab. Die Gewißheit, daß Vögelchen ihm nahe +war, machte ihn in all seiner Verblendung oft trunken vor Glück. Es war +schon kalt geworden und er hatte seinen Mantel versetzt. Niemand kannte +wie er die Besuchstunden der Galerien und Bibliotheken, die er zu seinen +Wärmestuben erwählt hatte. Er kam als erster und die Diener rasselten +schon mit den Schlüsseln, wenn er ging. Nun stand er auch wieder vor den +Brasserien und sättigte sich an dem Bratenduft, der aus den Räumen +drang. Manchmal trat er in einen Laden, wartete geduldig, wenn Käufer +anwesend waren, und verlangte dann etwas, das man gewiß nicht bekommen +konnte, nur um sich zu wärmen. Endlich brachte ihm Marguerite Nachricht +von Camillo. + + + + + Bei Angele + + +Vögelchen hatte nun von Konrads Anwesenheit und seiner traurigen +Verfassung erfahren und ihm durch den Diener Geld gesandt. Sie lief +Geschäfte ab, um für ihn einzukaufen. Sie besorgte feine Krawatten, +nicht ahnend, daß er längst nicht mehr den Kragen dazu besaß, und +Leckerbissen, zu denen es ihm an Brot fehlte. All dies versteckte sie +wie ein Kind, das sich eines Geheimnisses freut. Schließlich forderte +sie von Camill Konrads Adresse. Indes ereignete sich folgendes: Der +Salon der Karikaturisten veranstaltete seine Ausstellung. Mannsthal, der +unter Künstlern und Händlern bekannt war, bekam eine Einladung zur +Eröffnung. Dort sah er Angele von Twede wieder und ein Attache der xten +Gesandtschaft stellte ihn der Frau des ausländischen Kollegen vor. +Angele begrüßte Adalbert Mannsthal freudigst. Als er aber nach Gilbert +von Tirotzky, ihrem Bruder, fragte, von dem er seit Jahren nichts mehr +gehört hatte, breitete sich ein Schatten über die Lichtheit ihres +Antlitzes. Warum sollte sie es seinem ehemaligen Kameraden +verheimlichen? Er sei in der Bedrängnis einer der Familie unerklärlichen +Erpressungsaffäre freiwillig aus dem Leben geschieden: Mannsthal erbebte +in seinen Festen, als er es erfuhr. Er wurde bleich und fand kaum die +Sprache, seine Bestürzung zu äußern. Er wußte, wer einst der Verführer +Gilberts gewesen, und ahnte, welcher Art die Erpressung gewesen sein +mochte, die ihn schließlich zum selbstgewählten Tode trieb. Diese +königliche Frau, die mich mit ihrer Huld beglückt, sagte er sich, sie +weiß nicht, daß sie mit dem Mörder ihres Bruders spricht. »Mama ist +daran gestorben, bald nachdem wir Ihnen in Homburg begegnet waren,« +sagte Frau von Twede. »Ihr Herzleiden verschlechterte sich rapid. Papa +war nicht mehr, Gilbert tot, ich selbst in der Ferne. Herr von Twede war +damals in Konstantinopel stationiert. Seit zwei Jahren leben wir hier.« +Und um die Schatten der Vergangenheit zu bannen, neigte sie sich zu +einem Bildchen herab. »Ach, sehen Sie doch, wie köstlich,« und dann nach +einer Weile »und Sie? Sie waren verheiratet oder sind es noch?« +Mannsthal schüttelte den Kopf. »Ich habe eine Stieftochter. Sie lebt bei +mir. Darf ich sie Ihnen bringen?« Er sah diese lichte Frau und wie eine +Rettung schien sie ihm in seiner Not um Arabella. »Wie lieb wäre das von +Ihnen. Ein junges Mädchen aus der Heimat. Das wird so sein, als sähe man +sich selbst wieder.« »Nein, erwarten Sie das nicht -- oder« in +Mannsthals Auge blitzte es plötzlich auf, »oder erschrecken Sie nicht. +Sie gleicht jenem Kinderbilde, das Gilbert von Ihnen besaß, dieser +Miniatur, die er bei sich trug.« Es war merkwürdig zu sehen, wie ein +verräterisches Rot in seine Wangen stieg und unter ihrer Gelblichkeit +sich entflammte. »Ein Mann allein mit einem jungen Mädchen in Paris. +Bringen Sie mir das Töchterchen.« + +»Wann dürfen wir kommen?« + +»Heute, wollen Sie? Zum Tee. Man soll niemals den Wink des Zufalls +unbeachtet lassen. Ich habe immer Gäste zur Teestunde. Ah, Baron, da +sind Sie ja wieder! Dank, daß Sie mir Mannsthal brachten! Nun auf +Wiedersehen heute nachmittags.« + +Während Adalbert mit dem Baron noch einmal die Säle durchschritt, erfuhr +er, daß Herr von Twede, ein ehrgeiziger Diplomat, wenig Sinn für anderes +habe als seine Karriere, daß Angeles Ruf tadellos sei. Ihre +Leidenschaften gälten der Malerei und der Musik. Sie hätte ein einziges +Kind am Tropenfieber verloren, einen Knaben Gilbert, nach dem Bruder +benannt. + +Gilbert! Konnte er, durfte er zu ihr gehen, da er sich an seinem +Untergang schuldig fühlte? Aber gerade das verstärkte die Anziehung, die +ihre Lichtgestalt ihm einflößte. Er holte Arabella ein, die im Bois +spazieren ging. Er hatte es vorgezogen, sie nicht zur Besichtigung der +Karikaturen mitzunehmen. »Eine Dame lädt dich ein. Oh, sie ist so schön, +eine Königin! Sie wird dich lieb haben. Wir wollen heute nachmittags zu +ihr. Es werden auch andere Leute dort sein.« + +»Gern, aber ich habe dann zu tun --« + +»Ein Geheimnis?« + +»Ja,« aber sie lächelte so unbefangen, daß er nicht mißtraute. + +»Nun vorher also. Sei um fünf Uhr bereit.« + +»Wer ist sie?« Adalbert erzählte. + +Um halb fünf traten sie in Frau von Twedes Salon. Vögelchen erschrak +zuerst ein wenig über die vielen Leute, die alle fremdländisch und so +sicher waren. Aus ihrer Mitte aber schien ein lichter Strahl sie zu +bescheinen, eine Stimme voll Güte und Feinheit brach sich oft Stille +durch das wirre Geplauder. Angele von Twede hatte die sanfte Schwermut +und die volle Tiefe deutscher Musik in ihrer Kehle. Arabella reichte ihr +errötend die Hand und fühlte unter einem Freudeschauer den Hauch eines +leisen Kusses auf ihrer Stirne. Angele hielt ihre Hand, während sie mit +den anderen sprach. Eine Balkandame, eine Musikerin, setzte sich an den +Flügel und spielte Wagner, der eben in Paris bekannt wurde. Vögelchen +wurde traurig. Diese Musik griff in ihr Innerstes. Sie fühlte sich +plötzlich verlassen. Adalbert war ihr hier wie ein Fremder. Zum ersten +Male fühlte sie, daß ihre eigentliche Gemeinschaft ein Geheimnis war, +etwas, das verborgen sein mußte, weil es nicht selbstverständlich war. +Oder spürte ihr seltsamer Instinkt, daß der Geliebte hier einer andern +Frau gehörte? Frau von Twede sprach nur für ihn. Arabella sah es, aber +Frau von Twede hielt ihre Hand wie eine Freundin. Sie konnte ihr nicht +böse sein. Sie liebte sie. Und plötzlich streichelte sie selbst diese +Hand. Dann trat Herr von Twede ein. Seine Frau ward stiller in seiner +Gegenwart und schien in leiser Schwermut der Musik zu lauschen. Um +Adalbert hatte sich eine Gruppe gebildet. Er war brillant im Gespräch. +Aus allen Zeiten und Erdteilen, aus allen Welten der Arbeit und der +Kunst, allem Wissen des Menschlichen und Menschlichsten flocht er seine +Rede, seine Antworten, Beispiele und Anekdoten. Er selbst entzündete +sich an seiner Rede. Einzelne Worte blitzten auf wie Solitärs in +kostbarer Fassung, schon fühlte er den unzerreißbaren Kontakt mit seinen +Zuhörern, er sah und hörte selbst, was er sagte, und seine Sätze und +Wortbilder veredelten sich in seiner Gewalt: sein Gespräch war ein +Kunstwerk. Angele schien nur Musik zu hören: sie hörte nur Mannsthal. +Als Herr von Twede sich zurückgezogen hatte, wandten die beiden sich +wieder einander zu. Die Musik war verstummt. Vögelchen saß wie +eingeduckt unter den vielen fremden Menschen, deren Sprache sie nicht zu +kennen schien. Warum blieb sie hier, hatte sie nicht Wichtiges zu tun? +Leise stahl sie sich hinaus. Sie ließ sich ihren Mantel umlegen und gab +dem Diener Auftrag zu bestellen, sie würde wieder kommen. In ihren +Taschen hatte sie zwei Pakete verborgen. Sie hieß einen Wagen holen, +nannte Konrads Adresse und fuhr ab. Kutscher wundern sich ganz selten +nur. Sie kennen alle Stadien des Lebens. Sie führen die Schwangere auf +die Gebärklinik, den Säugling zur Taufe, den Trauernden hinter dem Sarge +zum Friedhof, den Deserteur zur Bahn, sie gewähren Liebenden Obdach und +geben ahnungslos Selbstmördern ein letztes Asyl, sie führen die Dirne +zum Palast des Fürsten und die Dame, der ein Lakai den Pelzmantel um die +Schultern legt, zu der Mansarde des Studenten. So führte denn der +Kutscher Vögelchen zur schmutzigen Behausung jener Marguerite +Aupin, deren Zuhälter Konrad Kruger, stud. theol., Sohn des +Landesschulinspektors und Hofrats Engelbert Kruger war. Sie ließ den +Wagen warten und stieg die zwei Treppen hoch. Auf den Gängen standen die +Frauen im Gespräch. Die Wasserleitung stellte den Brunnen dar, der Gang +den ländlichen Dorfplatz, an dem die Mägde, den Krug auf dem Kopfe, +plaudernd verweilen. Einige kümmerlich blühende Blumenstöcke am Fenster +ersetzten die Landschaft. Wie dürftig er wohnt, dachte mitleidig +Arabella, als sie die unordentlichen Gestalten sah und den fast +unverständlichen Argot ihrer Rede vernahm, die, als sie vorüberkam, +verstummte und hinter ihr wie zischelndes Kielwasser wieder +zusammenfloß. Sie fürchtete sich vor diesen schmutzigen Frauen und +bewunderte Konrads Mut, der wohl täglich an ihnen vorüberging. So +tastete sie sich, ohne nach ihm zu fragen, die ausgehöhlten Stufen +hinauf, bis sie an einer Türe jenen Namen fand: Aupin. Ja, hier wohnte +er. Hinter der Türe fand eine laute Unterredung statt. Mann und Frau +wechselten die Rede. Nicht Konrads Stimme war es. Auf Vögelchens Klopfen +öffnete jemand und schloß gleich wieder, von einer kreischenden +Zurechtweisung ermahnt. Im Spalt der Türe hatte Arabella eine +Frauensperson in mangelhafter Bekleidung und einen Mann gesehen, einen +Arbeiter mit braunen Samethosen, die an den Schuhen zugebunden waren. +Nach einer Weile wurde wieder geöffnet. Der Mann fragte nach Vögelchens +Begehr mit der Höflichkeit und dem Anstand des Parisers. »Kruger? +Kruger!« Er rief den Namen aus der Küche ins Zimmer zurück. »Hm, +Marguerite, ist das dein --? Eine kleine Dame sucht ihn. Vielleicht eine +Prinzessin aus seinem Lande. Treten Sie ein, Madame.« Drinnen rief die +Stimme nun höflich: »Gleich, Fräulein, ich komme gleich.« Marguerite +erschien in einem rosa Schlafrock. »Er ist nicht zu Hause. Mein Gott, +wie wird er sich kränken, der arme Junge. Geh, Ernest, sieh mal vors +Haus oder zu Cuvier hinüber, dort hilft er zuweilen aus. Er scheut keine +Arbeit, wissen Sie, um sich ehrlich durchzubringen. Setzen Sie sich, +Fräulein.« Sie rief es aus dem Zimmer, in das sie zurückgeeilt war, um +das Bett zurecht zu machen. Ernest war verduftet. + +»Wollen Sie nun eintreten, Sie müssen die Unordnung entschuldigen. Wenn +man nicht vorbereitet ist, nicht wahr?« + +»Wo ist Konrads Zimmer?« fragte Vögelchen. + +»Hier oder draußen, er hält sich überall auf. Ich nehme es nicht so +genau.« + +Sie schlafen zusammen, dachte Arabella und besah sich Marguerite. Sie +mißfiel ihr. Alle Frauen in Paris mißfielen ihr. Die dicke Schminke, mit +der sie bedeckt waren, ekelte sie. Marguerite war zart, sie hatte große +Augen, die klug leuchteten, aber sie waren dunkel untermalt und die +grellen Wangen ließen sie derb und roh scheinen. Aber gleichzeitig +empfand Vögelchen Mitleid mit ihr wie mit einem Tiere. In Marguerites +Blick, der forschend und furchtsam zugleich zu Arabellas Vornehmheit +aufsah, lag etwas hündisch Zerbrochenes, etwas, das plötzlich selbst +hineinsah in den eigenen Abgrund und um Vergebung bettelte. + +Arabella hatte sich gesetzt, ganz vorsichtig an den Rand des Stuhles, +als fürchte sie sich zu beschmutzen und sah nun selbst ein wenig hilflos +zu der fremden Frau hinüber. »Ich habe ihm etwas mitgebracht.« Sie zog +die Pakete hervor. »Bitte, geben Sie ihm das. Ich kann nicht lange +warten. Haben Sie vielleicht ein Stückchen Papier. Danke, einen +Bleistift hab' ich selbst.« Sie nahm den goldenen Stift, den sie an +einer kostbaren Chatelaine trug. Auf das ein bischen fette Papier +schrieb sie in einer Marguerite unverständlichen Sprache. + +»Mein armer Herr Prediger, wie schlecht ist es Ihnen bekommen mir +nachzureisen! Wie können Sie leben in dieser häßlichen Wirtschaft! Ich +habe Ihnen Krawatten und Leckerbissen gebracht. Schade, daß ich Sie +nicht angetroffen habe. Soll ich Va sagen, daß er Ihnen helfen soll? Nun +muß ich wieder zu den Menschen zurück, denen ich eben davonlief. Wir +waren zu Besuch. Dort ist eine schöne Frau, die ich küssen möchte, so +ein Engel ist sie. Ihnen muß geholfen werden! Kommen Sie morgen früh vor +unser Haus. Ich werde durch Camill Nachricht schicken. In Eile + + Arabella.« + +Vögelchen stand auf und schüttelte den Blick des Mädchens ab, der die +ganze Zeit über sie umfaßt hielt. Es roch nach schlechtem Parfüm und +Abfällen aller Art. »Armer Konrad,« dachte sie, und dann wieder, »um +meinetwillen«. »Bitte, geben Sie ihm diesen Brief und die Pakete,« sagte +sie. Marguerite griff nach den Sachen. Sie, die Konrad schlug, war gegen +dieses junge Mädchen schüchtern und linkisch. Sie wußte als Pariserin +sehr gut, daß ihr Schlafrock schlechter Sorte war und ihre Schminke +billig, an Arabella aber alles aus ersten Quellen. Das machte sie +unsicher und neidisch. Und wenn sie auch Konrad nicht liebte, er war ihr +Knecht und sollte es bleiben. Diese fremde Puppe würde sehen, wer die +Stärkere war. + +Als Vögelchen gegangen war, öffnete sie die Pakete. Sie verzehrte, da +sie eben sehr hungrig war, den größten Teil der Leckerbissen und als +Ernest zurückkam, um zu melden, daß Konrad einen Weg für Cuvier gemacht, +schenkte sie ihm eine der teueren Krawatten. Spät abends kam Konrad aus +dem Gasthaus herüber, in dem er eine Stelle als Aushilfekellner erhalten +hatte, weil dort deutsche Studenten verkehrten. Marguerite hatte sich zu +Bette gelegt und brummte, als sie geweckt wurde. Dann erinnerte sie sich +des Besuches und wurde freundlich. »Sieh doch, mein Kleiner, wer +dagewesen ist und was man dir mitgebracht hat.« Sie richtete sich im +Bett auf und sah ihn bei der Kerze lesen. Er sah alt aus und übermüdet, +aber die Erregung und Freude veredelten sein Gesicht. Seine Gestalt war +männlicher geworden. Nein, er war so übel nicht, der kleine Abbe. Sie +dachte nicht daran ihn preiszugeben. Mit ihm konnte man sich auch sehen +lassen, wenn bessere Zeiten kamen. + +»Nun, hast du ihn wieder, deinen kleinen Schatz,« sagte sie. »Und wem +verdankst du es? Deiner Marguerite! Komm her und zeig, daß du ein guter +Junge bist.« + +»Gleich, gleich,« sagte er. »Ich bin bald wieder hier. Ich muß noch zu +Cuvier hinüber.« + +Er lief, den kommenden Morgen frei zu bitten, um an Vögelchens Tür auf +ihren Ruf warten zu können. An einem Sonntag, ob er denn bei Sinnen +wäre, unmöglich! Dann träte er aus dem Dienst. Den morgigen Vormittag +müßte er frei haben. Der Wirt wurde ärgerlich. Er warf ihm den Lohn für +drei Arbeitstage hin. Er war entlassen. Befreit, lief er zurück zu +Marguerite. Sie schmollte wie eine Verliebte. Oh, wie er sich freute, +wie begnadet er war! Wo war Vögelchen gesessen? Dieses Papier mit ihrer +kindischen Schrift, wie heilig war es ihm! Und der künftige Morgen! Er +umarmte die gefügige Marguerite mit der Glut seiner unbändigen Freude. + +Vögelchen war froh gewesen, den Wagen, der sie gebracht, vorzufinden. +Der führte sie ja so weit sie nur wollte. Wie häßlich es in diesem +Hause, in dieser Straße war! Wie ihr das Elend in alle Glieder kroch! +Adalbert war ihr so weit, so unerreichbar unter Fremden. Hatte sie denn +niemanden, zu dem sie flüchten konnte? Wo war jener Jüngling aus der +Sainte Chapelle? In seinem Blick nur hätte sie Zuflucht gefunden. War +das Unrecht gegen Adalbert, der so unermeßlich gut zu ihr war, dürfte +sie eines andern Zuflucht begehren? Sie dachte an Norton. Plötzlich +tauchte seine junge Hünenhaftigkeit vor ihr auf. Sie litt so sehr, wenn +sie sich seiner erinnerte, und doch, warum kam er nicht wieder? Konrad +war ihr nachgereist. Nun lebte er mit diesem Mädchen. Er hatte dort +nicht einmal einen Tisch mit seinen Büchern. Wie karg das Leben sein +konnte! Es wurde dunkel. Sie lehnte sich in den Wagen zurück, sie wollte +nichts sehen von den Straßen. Jetzt blinzelten die in der Seine sich +spiegelnden Lichtkugeln zu ihr auf. War das die Brücke, an der der +Helfer zu ihr getreten? Er dachte, sie sei eine, die sich ins Wasser +stürzen wollte. Oh nein, damals nicht. Aber heute? Sie war so traurig. +Diese fremde Frau, zu der sie nun fuhr, streichelte ihre Hand, aber sie +ließ sie nicht ein in ihr Herz. Vielleicht wollte sie nur Va für sich +haben, wußte nicht, daß er schon eine Frau hatte. Frau und Kind! +Arabella sagte es sich zum ersten Male, wie eine Fremde es gesagt hätte, +nicht freudig mehr, sondern erschrocken. Vielleicht war das Sünde? +Konnte es Sünde sein, da sie in seiner Umarmung sich heilig fühlte und +erhoben? Oh, nur wieder ihn fühlen, wieder zermalmt sein unter seiner +Kraft wie in den ersten Nächten, alles geben, alles erleiden. Durfte sie +es noch? Blickte nicht jenes Jünglings Auge wissend in ihr Leben? Durfte +sie noch in Feuer hinschmelzen, rief nicht er sie zu anderem Dienst? Und +Adalbert hielt sie ja nicht wie früher. Er war wieder Va und sprach nun +mit dieser engelgleichen Frau, die er eine Königin genannt hatte. Ach, +ein Nest, eine Zuflucht ihrer frierenden Seele! + + + + + Imanuel Givo + + + Motto: + + »Es war etwas in ihm, + das ihm die Menschen zu + richten verbot und in seinem + ganzen Leben ihm zuflüsterte, + daß er nicht der Richter + der Menschen sein, nicht das + Verurteilen auf sich nehmen + wollte und darum auch unter + keiner Bedingung verurteilen + würde. Es schien sogar, + daß er alles zugab und nichts + verurteilte, wenn er auch + oftmals schwer darunter + litt. Ja schließlich konnte + ihn nichts und niemand + mehr weder in Erstaunen + setzen noch erschrecken.« + + (Dostojewski »Die Brüder + Karamasoff«.) + +Indessen hatten sich allmählich Frau von Twedes Gäste empfohlen. +»Seltsames Elfchen, Ihr Töchterchen,« sagte sie zu Mannsthal. »Gewiß +fühlte es sich hier nicht wohl und flatterte hinaus, als jemand einen +Spalt der Tür öffnete. Oh, bitte, entschuldigen Sie sich nicht, das Kind +ist bezaubernd.« + +»Nun will ich Sie aber nicht länger stören. Ich lasse den Wagen zurück +und werde auftragen, daß man Arabella sage, ich sei bereits nach Hause +gefahren.« + +»Ach, das sollten Sie nicht. Die Kleine würde sich dann nicht von mir +verabschieden können und sich unbehaglich fühlen. Warum soll ich es +diesem Einfall nicht danken länger mit Ihnen plaudern zu können? Herr +von Twede arbeitet immer des Abends. Meine intimsten Freunde kommen +meist nach den Teegästen. Givo zum Beispiel, der niemals in große +Gesellschaften geht.« + +»Ich bleibe,« sagte Mannsthal mit seinem zuweilen kindlich strahlenden +Lächeln. + +»Diese Kleine,« begann Angele, indem sie sich in dem kleinen Salon +bequem zurecht rückte. »Diese Kleine muß Sie entzücken und ich verstehe, +daß Sie sich selbst der Autorität entschlugen, Sie nannten sie +Vögelchen. In der Tat erinnert sie mich an diese ursprünglich wilden +Tauben, denen die Mongolen Bambusflötchen unter die Flügel binden. Ihr +Flug ist Musik geworden, aber er kann sie nicht mehr zur Höhe tragen.« + +»Sie meinen, daß ich um dieser Musik willen ihren Flug gedrosselt habe?« + +»Ja, und ich glaube, daß sie eines Tages die Flötchen abschütteln wird, +um zur Sonne aufzusteigen.« + +»Das fürchte ich,« sagte Adalbert leise. Seit Wochen beängstigt sprach +er nun wie eine Selbstbeichte diese Worte und sie erleichterten ihn. -- +»Wie klug Sie sind, Angele Tirotzky,« und wie immer, wenn er bewunderte, +war sein bewegter vieldeutiger Blick kindlich demütig. + +»Wenn es wirklich die Sonne ist, brauchen Sie nichts zu fürchten. Nur +jene Pseudosonne kann gefährlich sein, die uns Frauen so oft verlockend +leuchtet. Lassen Sie Ihr Vögelchen fliegen. Oder sollten Väter +egoistischer sein als es Mütter wären?« + +Es trieb ihn an, sich dieser Frau gegenüber zu offenbaren. + +»Ich bin nicht nur ihr Vater,« sagte er und senkte den Blick wie ein +Knabe. Er hatte, ach wie oft sich nach Verachtung gesehnt und überall +nur Achtung erfahren. Langsam hob er das Antlitz zu der auf, die er nun +zu seiner Richterin machen wollte. + +»Ich wußte es,« sagte sie leise. »Damals auf der Stiege im +Schloßhofturm! Erinnern Sie sich! Ich habe es später begriffen. Damals +erschrak ich nur, als Sie mich, die Zwölfjährige --« + +»Und jetzt?« fragte er mit tiefem Ernst. + +»Mich machen diese Dinge unsagbar traurig,« erwiderte sie. »Ich kann +niemals über sie scherzen, so wenig als ich lachen könnte, wenn jemandes +Gesicht von Blatternarben seltsam verzerrt ist.« + +»Sie sollten strafen können,« sagte er. »Das täte wohl!« + +»Was nützte es? Mein Mitleid würde den Schlag kühlen, eh' er noch +gefallen wäre.« + +»Sie sind ein Engel,« sagte er. + +»Ich bin nur eine Frau.« + +»Ja,« erwiderte er voll Andacht, »denn es gibt auch rächende Engel. Die +Frau aber in ihrer Vollendung kennt nur Linderung und Verzeihen. Aber an +sie zu glauben, ich hielt es für verwegener als das Wunder zu erhoffen.« + +»Und dennoch täte Strafen wohler denn Verzeihen?« fragte sie +schmerzlich. + +»Verzeihen bedeutet Vertrauen,« sagte er. »Die Strafe bejaht die Schuld, +indem sie bestraft, das Verzeihen macht sie unwirklich. Der Verzeihende +allein ist es, von dessen Herzensreinheit wir Strafe wünschten, vom +Strafenden ist uns selbst Verzeihen bitter.« + +»Sie sollten Givo kennen, Imanuel Givo.« Sie sah auf die Uhr. +»Vielleicht kommt er noch heute! Er ist der Apostel eines wunderbaren +Heiles. Es heißt schauende und wirkende Demut. Er hat eine heimliche +Gemeinde, seine Lehre ist eine zugleich neue und uralte Religion. Er hat +sie weitergegeben und nun erfüllt sie sich stündlich. Wer in ihr ist, +lebt in Seligkeit und nichts stört seine Weihe. Und nichts, nichts +vermag ihn zur Überhebung zu verleiten und zum strafenden Urteil. Denn +in ihm ist nichts, was sich mit anderen mißt und andere wägt, weil er +einzigartig ist und der andere wieder ein anderer und eigener.« + +»So gibt es denn Einklang von Wissen und Tun?« fragte Mannsthal. + +»Es gibt diese Wahrheit und diese Liebe,« erwiderte Angele. »Liebe +allein kann heilen und wie oft hat Lieblosigkeit das Laster verschuldet. +Wenn ich einen auf Abwegen sehe, frage ich mich: ist er denn auch genug +geliebt worden?« + +Und sie begann wieder von Givo zu erzählen. Er sei Spanier und stamme +von Mystikern ab. Das Leben, das jahrhundertelang in seiner Familie +geübt worden, war in ihm als Jüngling zur Ekstase aufgeblüht. An seinem +Wort hätten andere sich entzündet. Als er die Menschen kennen lernte in +der Klarheit der Ernüchterung, in die ihn die Großstädte versetzten, +hätte Mitleid seinen Abscheu vor den menschlichen Lastern besiegt. Er +wollte lieber selbst schuldig werden, um nicht erhöht zu sein über die +Schuldigen. Nun sei wohl die Heiligkeit seines Feuers erloschen, sie sei +nur ein unterirdisches Leuchten mehr, aber seine Seele wärme jeden, der +ihm nahe. Er lebe wie ein Einsiedler und dennoch in Fühlung mit den +Menschen aller Welten. Seine Lebensflucht seien die Sterne. Er wäre +Astronom. In der Atmosphäre bade er sich rein. Sein Wissen knüpfte sich +an uralte Wissenschaften. Dabei sei er klar und einfältig wie ein Kind +in den menschlichen Dingen und im Menschlichsten wissend und rein +zugleich. Sein Handeln folge seinem Instinkt, so sei er denn zuweilen +erstaunlich. + +Als Givo eintrat, mit leichtem freudigen Gang auf Angele zueilend, deren +Hände er küßte, dann ein wenig erschrocken vor dem Fremden sich +verneigend, erkannte Mannsthal blitzartig Vögelchens schwarzen Ritter. +Sie war ja nicht müde geworden, ihn auf das genaueste zu beschreiben. +Seine Handlungsweise paßte auch völlig zu dem, was Frau von Twede +erzählte. Das übrige besorgte einer jener merkwürdigen Instinkte, den +oft Frauen besitzen, wenn ihre Sinne durch Eifersucht geschärft sind. +Aber ehe Mannsthal an eine bevorstehende Begegnung Givos mit Vögelchen +dachte, rascher also als ein Gefühl der Abwehr ihn befallen mochte, +bezauberte ihn dieser Jüngling im Mannesalter, dieser Mann mit der +knabenhaften Feurigkeit einer fanatischen Seele. Und er erkannte seine +Lehre. Sie war ein Kampf gegen die geistigen Gifte, die verborgenen, die +bekannten und die unentdeckten, deren Wirkungen kaum als +Folgeerscheinungen von geheimnisvollen Vergiftungen gekennzeichnet +waren. Auch der Wahn war ein Gift und wie vielfältig war er! Auch die +Lieblosigkeit war vielleicht nur eines jener Toxine, die Ermüdung +erzeugt und jene Nervenverfassung, die das Leben und das Lebendige +herabsetzt, statt es zu erhöhen. Kraftlosigkeit, die neben sich für +andere nicht mehr das Auskommen findet. Givo sah eine Welt von Menschen, +die es zu lieben und zu heilen galt ohne Strenge, ohne Drohung, ohne +Versprechen, Liebe durch Liebe, Weisheit durch Liebe, Segen durch Liebe. +Und diese Liebe selbst? Sie war nicht Nachahmung eines erhabenen +Lebenswandels, der entrückt war, nicht Liebe um eines Liebenden willen, +Christi Nachfolge nur um des Himmelreiches Lohn, sie war die Einsicht, +das Handeln des Menschen, der sich seiner begibt im Erkennen und sich +genießt in diesem Sichbegeben. Um keines Dankes willen im Himmel oder +auf Erden, um keiner Tugend, keiner Unsterblichkeit willen, um keines +Glaubens willen waltete diese Liebe. Sie war die Weisheit und die +Weisheit um alles Menschliche war ihr Glauben. Sie war die Ruhe und das +Ruhen in allem Lebendigen war ihr Leben. Sie war das Leben, und das Sein +ihr Paradies in allen Zeiten. Für sie war nicht Anfang und Ende, sie +hörte nimmer auf, ihr Anbeginn tauchte in der Zeiten Urnebel und +reichte, soweit Raum war. Sie war der Glauben der Liebe und der Glauben +der ewigen Weisheit war ihre Ewigkeit. Ihr Ewigsein war ihre Ruhe. Und +sie war zu Hause, im Kelch der Blüten, der sich auftut für Biene und +Rosenkäfer, in der Wolke, die als Regen den Durst der Felder labt, sie +nistete wartend um die Wiege des Säuglings und hütete der Kinder +Entfaltung, sie war im Schoß des Weibes und in der zeugenden Kraft des +Mannes, sie beugte sich über das Lager des Fiebernden und saß bei dem +Ratlosen, sie zündete die Lampe an in des Verlassenen Haus und +beschwichtigte den Verfolgten und barg den Verstoßenen. Sie forschte in +den Laboratorien und sang ihre Kunde in unsterblichen Melodien. Und oft +tat sie nichts als stillehalten. Sie schwieg dem Zornigen, sie erwiderte +nicht dem Bösen, sie strafte nicht den Verleumder und höhnte nicht den +Höhnenden. Und zuweilen tat sie mehr noch, sie machte den Zorn, das +Böse, die Verleumdung, den Hohn zunichte im Vergessen. Sie versenkte +sie, streute ihren Samen auf und ließ frische Blumen erblühen. Und wenn +sie mit ihrem eigenen Blute die Erde des Vergessens düngte, so war es +der Seele Acker, der Blumen Trieb und die hießen Verstehen, Vergeben, +Verwinden, und andere wieder hießen: Verschenken, Verwandeln, Vergolden +und Vertrauen. Im täglichen Leben tat Givo für eine häßliche alte Frau +dasselbe, was er für die junge Arabella getan. Er war der Freund seiner +Nachbarn, unter denen er stille hauste und fast ungekannt war bis zu dem +Augenblick, wo sie seiner bedurften. In seiner Wissenschaft ging er +seine Wege und was den anderen frommen konnte auf den Entdeckungsfahrten +seines Forschens warf er ab, verschenkte es, ohne ein Quentchen nur des +Ruhmes zu erheischen. Was er in seinem Fach erstrebte, war ein Spiel +fast. Er suchte Fäden von den mittelalterlichen Gelehrten in die +Forschungen der Neuzeit zu spinnen. Sein Werk war eine Andachtübung, ein +Dank für verschollene Arbeit. Dazwischen arbeitete er »exakt«, aber nur +nebstbei, doch dies zwang, seine Werke ernst zu nehmen, und zu der Zeit, +als Mannsthal ihn kennen lernte, wurden sie bereits als eine Art +preziöser Kostbarkeit geschätzt. Angele von Twede meinte, daß er sich +dies scheinbar müßige Treiben erlauben dürfe, weil sein Leben von Mensch +zu Mensch werktätig war wie kaum ein anderes. Mannsthal fieberte, Givo +näher kennen zu lernen. Er selbst hatte ja, verborgener vielleicht als +dieser junge Prophet, Menschen hingebend geholfen, das Äußerste oft +gewagt nicht um Dank und ohne Pflicht. Das Pflichtgefühl der anderen, er +besaß es nicht. Sein Gefühl für die Menschen war brennende Neugier und +Wissen um Ungeahntes. Dies allein verpflichtete ihn zuweilen, daß er +Verborgenes wußte, weil er mitschuldig wurde an Unglück und Schuld, wenn +er nicht warnte, riet und half. Aber dies hinwieder hatte ihn +hartgesotten Verfehlungen gegenüber und den leichteren Leiden. Oft war +er Menschen wie ein Engel erschienen und es quälte ihn, daß er nicht zu +sagen vermochte, wie sehr er heimlich bedankt war auf seine Weise und +nichts geopfert hatte. Ihm, der jede zarte Regung des Wunschgefühles, +die Einschätzung des anderen völlig erriet, ward zum Kinderspiel ein +Leben zu krönen. Aber letzten Endes war seine Güte Können, Abfall seines +Überflusses, Virtuosität und nicht Wille zum Guten. Sie war Reichtum, +Mut, Waghalsigkeit, Experiment, Spiel. Givo aber? Er wußte um alle +Laster, aber keines schien um ihn zu wissen. Er hatte sie gesucht, um +ihre Geheimnisse zu erkennen, hatte ihr Leid, ihre Reue auf sich +genommen um wenig Freude und um der Wollust willen, den Elenden näher zu +sein. Die Gefahr war an ihn herangeschlichen in diesen Leiden zu +versinken. Sein Sieg, seine Beschlossenheit hatte etwas Weihevolles. +Vielleicht war er alt, wiewohl er ein Jüngling schien, war Mensch +gewesen, da andere noch Kinder sind, vielleicht lag jene Zeit, in der +die Seele durch feurige Tiefen geht und abstürzt aus frevelhaften Höhen, +weit zurück, getrennt durch ein Leben, das schon Ewigkeit war? Einer +seiner Vorfahren hatte als Knabe im Tempel gepredigt. + +Angele sah die Wirkung, die Givo auf Mannsthal ausübte. Sie verstummte, +sie wollte kein Wort und Gegenwort der beiden mit dem eigenen +durchkreuzen. Ihre Seele hielt Wache und hütete den Faden, der von dem +einen zum anderen sich spann. Aber Givo, das sah sie, wiewohl er in +Mannsthal vielleicht wie in keinem anderen einen Ebenbürtigen im +Menschlichen spürte, Givo blieb in seiner Welt und zögerte ihm die Gabe +seiner Inbrunst zu reichen. + +Adalbert hatte ihn nach der Stätte seiner Arbeit gefragt. Givo +berichtete, daß er zu Gaste sei bald da, bald dort. Später gedenke er in +einer eigenen Sternwarte zu arbeiten und seßhafter zu werden seiner +Mutter zuliebe. Aber noch wisse er den Platz nicht. Angele meinte +lächelnd, er warte ein Zeichen ab, ein Meteor. + +»Wo soll der Tempel stehen?« sagte er lächelnd, den Scherz aufnehmend. +»Eine schöne Legende aus dem Palästinischen fällt mir ein.« + +»Erzählen Sie,« bat Frau von Twede. + +In diesem Augenblick öffnete der Diener leise die Tür und ebenso leise +trat Arabella ein. Der Saal war groß, sie durchschritt ihn, der dicke +Teppich verschlang das Geräusch ihres Schrittes, sie blieb an der Türe +des kleinen Zimmers stehen. Da drinnen sprach einer, da erzählte einer. +Wessen war diese Stimme, oh diese Stimme! Er sah sie nicht, sie horchte +atemlos. »Der Tempelplatz war einst eine Dreschtenne, die zwei Brüdern +gehörte. Es war der eine verheiratet, der andere lebte allein. Als die +Ernte vorüber war und sie geteilt hatten, legte sich ein jeder zu seinem +Kornhaufen, um das Gedroschene zu behüten. Da erwachte einst nachts der +Verheiratete, sann über seine Ernte und sagte sich: »Ich bin reich, habe +Frau und Kinder und hoch ist mein Korn. Er aber, der Bruder, ist einsam, +es betreut ihn keiner, einsamem Alter geht er entgegen. Warum soll ich +glücklicher sein als er? Ich will ihn erfreuen, will ihm von meiner +Ernte geben. Leise stand er auf und schleppte emsig einen Teil seines +Kornes zum Haufen des Schlafenden. Die Arbeit hatte ihn müde gemacht und +nun störte nichts mehr seinen Schlummer. Indes erwachte der andere. War +nicht ein Flüstern in dem Stoppelfeld, nicht ein Rieseln im goldenen +Korn? Wie reich war sein Haufen und er bedurfte so wenig, indes der +Bruder Weib und Kind besaß. Böte er ihm Geschenke an, wies der ihn wohl +ab, so stand er auf und trug einen Teil seines Kornes hinüber zum +schlafenden Bruder. Des Morgens hatte ein jeder gleich viel Getreide, +keiner wußte, wie ihm geschehen, und sie fragten einander nicht. Gott +aber erwählte die Dreschtenne zur Stätte des Tempels.« + +Givo wandte sich zur Türe. Es raschelte wie damals ein seidiges Gewand. +Er sah Arabella. Sie hatte beide Hände wie eine Blinde, die sich einen +Weg tastet, vorgestreckt. Er lächelte, er kam ihr entgegen. + +»Sie sind es, Sie sind hier,« sagte sie wie in Verzückung. Er reichte +ihr die Hand. + +»Wir sind einander in der Sainte Chapelle begegnet,« erklärte er +lächelnd, doch ohne Erstaunen. + +»Ach,« sagte Frau von Twede. »So kennen Sie einander?« + +»Ich heiße Givo,« sagte er. »Und Sie?« + +»Arabella.« Sie fuhr sich über die Stirn, einen Schleier abzustreifen, +der ihr die Wirklichkeit zu decken schien. Sie ging auf Angele zu. +»Verzeihen Sie mir, aber eine Sorge rief mich fort. Verzeih auch du, Va! +Daß ich Sie hier finde!?« + +»So muß Jairis Töchterchen ausgesehen haben, als der Herr sie erweckte,« +sagte Frau von Twede lächelnd. + +»Ist es Ihre Tochter, Herr Mannsthal?« fragte Givo. + +Angele nickte wortlos. + +»Nun aber müssen wir gehen, Vögelchen,« mahnte Mannsthal. + +Frau von Twede hatte das junge Mädchen an sich gezogen. + +»Sie gleichen einander,« sagte Givo, die beiden Frauen betrachtend. + +»Komm, komm, Kind,« drängte Mannsthal. + +Vögelchen, an Angele gelehnt, wandte sich zu Givo. + +»Ich habe Ihnen immer noch gedankt all die Tage.« + +»Ich hätte fragen sollen, ob Ihnen auch bald wohl geworden ist. Das habe +ich versäumt, um nicht dreist zu scheinen. Ich freue mich, Ihnen zu +begegnen. Sie sind sehr zart, nicht wahr? Oder sind Sie noch so jung? +Ein Kind vielleicht?« + +»Das davonläuft,« sagte Mannsthal. + +»Trag mir das nicht nach,« bat Vögelchen. Sie sah unverwandt Givo an, +seine matte Stirn, seine glatten, glänzenden Haare, seine Augen unter +den langen Wimpern, die Nase mit den feinen Flügeln, die zarte Gestalt, +die sehnigen Hände. Auch er blickte sie an, nahm sie mit seinem Blick an +sich, freute sich ihrer Haare, die wie ein blonder Schatten waren, ihrer +großen, runden, blauen Augen mit dem feinen Bogen darüber, ihrer Nase, +die immer leis zu wittern schien, ihres zuckenden, durstigen Mundes, +ihres ein wenig kantigen Kinnes, des sehr schmalen Halses, durch dessen +Haut man die blauen Äderchen sah, ihres Busens, der eben erst der eines +Mädchens zu werden begann, ihrer braungebrannten Kinderhände. + +Es war Givos Treue und Untreue zugleich, sich ganz dem Augenblick +hinzugeben. In diesen Minuten war er so sehr Vögelchen zugeneigt, so +tief erfreut über ihre kindliche Aufgeschlossenheit, daß er selbst wie +ein Kind, das eben ein Geschenk erhält, nichts anderes sah als diesen +Menschen. Die ihm so flüchtig begegneten und seine Liebe erfuhren, +behielten ihn immer dankbar in ihren Herzen. Andere aber, die in seinem +Umkreise blieben, waren enttäuscht, ein anderes Mal ihn dann nicht +minder freundlich, aber dennoch anderem hingegeben zu finden, das sie +selbst ausschaltete in den Schatten seiner Liebe. Als Vögelchen zum +Abschied seinen Handkuß fühlte, glaubte sie das Paradies gewonnen zu +haben. Sie ging in andächtiger Gehobenheit an Mannsthals Arm. Nachts +schlief sie sanft und selig ein. Sie fühlte kaum die Liebkosungen +Adalberts und erwiderte sie nur leis in einem Zustand von Entrücktheit, +in den er sie um so leichter versetzen konnte, wenn sie freudig erregt +war. Aber ein zweites Selbst war in ihrem Schlummer verborgen, das ihm +verschlossen war. + + + + + Entscheidungen + + +Arabella erwachte spät am Morgen und als sie ans Fenster trat, erblickte +sie Konrad, der im Torbogen des gegenüberliegenden Hauses stand. Es war +ein kalter, klarer Tag. Er hatte keinen Mantel und fror. Die Krawatte, +die Vögelchen in der Rue de la Paix gekauft hatte, war ihm von +Marguerite kunstgerecht um einen Kragen aus künstlicher Leinwand +geschlungen worden. Vögelchen hatte ihn ja herbestellt, nun stand er +wohl lange schon unten. Sie rief Camill und erfuhr, daß Adalbert +ausgegangen sei und in einer Stunde wiederkehren würde. Da bat sie rasch +Konrad heraufzuholen. In einem Morgenkleidchen, selbst ein wenig +frierend, vor dem Kaminfeuer auf einem weißen Fell kauernd, empfing sie +den Gequälten, Verfehmten. Er stürzte vor sie hin und küßte ihre Füße. +Ein Zittern und Schluchzen ging durch seinen Körper. »Steh auf, ach, +steh doch auf,« sagte sie voll leisem Erbarmen und fuhr ihm mit den +kleinen, kalten Fingern durchs Haar. »Aller Qual Segen ist dieser +Augenblick,« sagte er und stand vor ihr auf und sein Lächeln war +Vergessen vieler Abgründe. Als sie zu sprechen begann und jene Frau +nannte, Marguerite, tauchte deren Bild wie aus fernem Hades auf. Er +wußte nicht mehr, daß er nachts in ihren Armen gelegen war, wie Arabella +nichts von Adalberts Liebkosungen mehr wußte. Aber sie sah Konrad in der +Ekstase, in die sie die Sehnsucht nach Givo versetzt hatte, und war gut +zu ihm. Geld nehmen wollte er nicht, doch er versprach ab und zu von ihr +ein Geschenk anzunehmen, einen warmen Mantel würde er nicht +zurückweisen, wenn er bis zum Einbruch des Frostes nichts verdient +hätte. Während er sprach, löffelte Vögelchen in ihrer Schokolade. Sie +bot ihm feines Backwerk, zartes Fleisch an. Wiewohl er nicht +gefrühstückt hatte, rührte er nichts an. Er trank nur ihren Blick, +nährte sich nur von der Speise ihrer guten Worte. War nicht alles plump, +leer und ihrer unwürdig, was er, der Erniedrigte, zu stammeln versuchte? +»Was wird nun aus Ihnen, Herr Prediger? Sie müssen jemand haben, der +Ihnen hilft,« sagte Arabella traurig. »Gehen Sie zu Frau von Twede, aber +sagen Sie nichts von mir, kein Wort, hören Sie. Aber gehen Sie zu ihr, +sie wird Ihnen Arbeit verschaffen. Nun müssen Sie gehen. Schreiben Sie +mir dann.« Und sie stand auf, reichte ihm beide Hände und nickte noch +von der Türe her. Sie eilte in ihr Zimmer zurück, um allein zu sein, so +stark übermannte sie wieder der Gedanke an dies wunderbare Wiedersehen +am Vorabend. Konrad sah ihr nach wie einem verlöschenden Stern. + +Nun geschah es, daß Adalbert krank wurde, kränker als er es bisher +gewesen. Er lag matt und abgezehrt und Vögelchen saß an seinem Bett und +hielt seine trockenen Fieberhände, aus denen ein unheimliches Feuer zu +knistern schien. Er blickte auf sie wie auf das Leben, das ihm +entflattern wollte. Sie liebte ihn so sehr in diesen Tagen, sie klagte +sich an, daß die Krankheit über ihn gekommen sei, weil nicht ihm mehr +ihr Gefühl zuströmen wollte wie bisher. Sie wußte, sie konnte es nicht +wenden. Daß sie Givo wiedergesehen, war ihr wie eine Bestätigung, wie +ein Wink von Gott, ihre Liebe wandle den rechten Weg und sei erhört. +Aber konnte sie nicht kraft dieser Liebe Adalbert heilen und auch +Konrads Hilfe sein, war sie nicht doppelt so stark jetzt? + +Zu dieser Zeit tauchte zum ersten Mal in Adalbert der Wunsch als Vorsatz +auf Vögelchen wegzusperren, sie irgendwie zu verklostern. Er meinte nur +so gesund werden zu können, wenn er Ruhe gewänne über sie. Sie nicht zu +sehen schien ihm qualvoll, sie neben sich zu haben ohne sie besitzen zu +können noch unerträglicher. Er wagte nicht mehr sie zu berühren. Angele +von Twede, von Arabella herbeigerufen, besuchte ihn. Sie riet ihm, ans +Meer zu reisen, auch sie würde gern für einige Zeit Paris verlassen. +Gleichzeitig erhielt er einen Brief von Vögelchens Mutter. Sie forderte +ihn auf Arabella unverzüglich in die Heimat zurückzubringen, +widrigenfalls sie sein ungesetzliches Treiben zur Anzeige bringen wolle. +Ein Pariser Advokat, dem offenbar die Angelegenheit übergeben worden +war, sandte zu ihm und forderte Erklärungen über Einzelheiten seines +Lebens und zeigte sich in erstaunlicher Weise unterrichtet. Mannsthal +wies ihm die Tür, aber er war unruhig fortan. War es nicht genug, daß +ihm seine Krankheit die Freude an Vögelchen verstörte! Alles schien sich +gegen ihn zu verschwören. Er witterte Feinde im Hause, sah sich umstellt +und ausgeforscht. Um dieser Mißlichkeiten Herr zu werden, mußte er zu +Kräften kommen. Ortsveränderung war zur Gesundung geboten. Oft sandte er +auch Vögelchen unter einem Vorwand aus dem Hause. Ihr Anblick schmerzte +ihn. Er wußte, daß sie von Givo träumte und daß er ihr vielleicht ein +Glück vernichtet hatte, ehe es zur Blüte kam. Dann war er dankbar, wenn +Angele kam und die bösen Geister bannte. Und ein neues Abenteuer lockte: +durch sie die Schwester jenes Gilbert an sich zu fesseln. Er sah nur +Vorteile in einer Verbindung mit dieser sanften, vornehmen Frau, die +nicht mehr brennen wollte wie Arabella und dennoch ein Glück in der +Gemeinschaft mit dem Manne noch ersehnte. Herr von Twede war +rücksichtvoll und feinfühlig, er hatte sie niemals verletzt, aber sie +erfror neben ihm und wußte, es war Zeit sich zu entscheiden. Hier war +ein Mensch mit außerordentlichen Gaben, von dunkler Vergangenheit +belastet, von Anfechtungen verfolgt, ein Mann, den man retten konnte, +wenn man sich selbst aufs Spiel setzte. Und sie hatte gespart, jetzt +wollte sie von ihrem Reichtum geben. So waren sie denn bald einig, zu +reisen. Was aber sollte mit Vögelchen geschehen? Angele war nicht +verlegen. Sie würde Givo zu sich bitten, der wußte immer zu helfen, und +Arabella selbst würde gern seinem Rate folgen. Sie erinnerte sich eines +Heimes, von dem er ihr einmal gesprochen. Keine Sorge, Vögelchen würde +ein Nestchen finden. + +Angele war Adalbert bald unentbehrlich. Ihre Nähe war Sänftigung aller +Selbstqual und sie beherrschte den Gang der äußerlichen Täglichkeiten, +denen Verwirrung drohte. + +Camill, der sich als Diener immer anständig gehalten hatte, begann zu +trinken. Der französische Wein hatte es ihm angetan. Da auch sonst Paris +mehr Gelegenheit zu Ausgaben bot und alles teuer bezahlt werden mußte, +wurde ihm bald sein anständiger Gehalt zu knapp. Aber auch die +Aufbesserung, die ihm sein Herr gewährte, reichte bald nicht mehr. Da er +als Mitwisser von Mannsthals Geheimnissen nicht Sorge trug, von diesem +angezeigt zu werden, begann er allerlei Unehrlichkeiten zu begehen, die +sich schließlich zum frechen Diebstahl steigerten. Nach wie vor war er +tadellos in Pflege und Bedienung, aber Adalbert hatte jegliches +Vertrauen verloren. Er sah in dem Dieb schon den Erpresser, der +bestochen worden war, um seine Beziehung zu Arabella auszuforschen. +Eines Tages, als ihm der Zustand unerträglich geworden, bezahlte er ihm +Lohn, Verpflegung und die Reisekosten in seine Heimat und entließ ihn +ohne Aufklärung. Nun fehlte er überall. Angele sandte ihre Beschließerin +und sie brachte einige Ordnung ins Haus. Die Abreise ans Meer aber wurde +nun um so dringlicher. + +Während dieser Zeit hatte Givo Arabella ein einziges Mal gesehen, der +Besuch seiner Mutter hatte ihn verhindert zu Angele zu kommen. Dies eine +Mal hatte er sie in der Nähe des Observatoire getroffen. Er zweifelte, +daß dies ein Zufall gewesen. Er war nicht allein und hatte sie nur +flüchtig gesprochen. Sie möge doch ihr Versprechen erfüllen und die +Sternwarte besuchen, er würde ihr bald schreiben. Aber er hatte bisher +nicht geschrieben. Vögelchen wartete. Sie fragte in Bangen jede Stunde +ab nach einer Botschaft. Ihm gegenüber war sie nicht das Kind, das +blindlings seinem Triebe folgt. Sie erinnerte ihn nicht an seinen Brief, +sie erschien nicht unaufgefordert, sie wartete. Durch Frau von Twede +fühlte er sich an sein Versprechen gemahnt und sogleich empfand er Lust +ihr zu schreiben. Er sah sie mit einem Mal hilflos allein, wie damals am +Pont Neuf, Sehnsucht, sie zu beschützen, erfüllte ihn, Reue, daß er den +Trost seines Briefes ihr vorenthalten. Er ging umher und hatte Vögelchen +mit sich. Er wußte, wo er es bergen würde. Sie war die erste Heimatlose +nicht, für die er Asyl Gloriot wählte. Immer war er von Wehmut und Liebe +erfüllt, wenn er einen neuen Schützling der kleinen Anstalt empfahl, bei +deren Gründung und Erhaltung er mittätig gewesen war. Das Asyl war dazu +bestimmt, Kinder aus unglücklichen Lebensverhältnissen aufzunehmen. Da +eine bestimmte Summe beim Eintritt bezahlt werden mußte, war die Anstalt +nur den besitzenden Klassen zugänglich. Sie war auch in der Aufnahme der +Zöglinge beschränkt, damit der Charakter eines Heimes gewahrt bliebe. Es +wurden Kinder ohne Unterschied des Alters, auf jede Dauer und mit der +Erlaubnis, immer wieder in das Asyl zurückkehren zu dürfen, aufgenommen. +Givo, der die Erziehungsresultate des Asyls kannte, zögerte niemals, es +zu empfehlen. Von anderen Pensionaten war es, abgesehen von den +andersartigen Aufnahmebedingungen, durch den ihn leitenden Geist +unterschieden. Wer das Asyl kennen wollte, mußte allerdings Cecile +Gloriot kennen. Givo gedachte ihrer nie ohne Erhebung. Und dennoch, ihm +ward weh ums Herz. Ausgestoßene, bedrohte Kinder waren es, die man ihr +sandte, die sie durch ihre Mütterlichkeit errettete und erwärmte. Sollte +auch dieses teure Mädchen den Stempel der Unglücklichen und Heimatlosen +tragen? Fast hätte sie es überstanden, fast wäre sie heil und stark ins +wache Leben getreten, sie war ja beinahe erwachsen, da lauerte der Dämon +auf dem letzten Ende ihres kindlichen Weges und drohte sie zu +überfallen. Denn mehr wußte Givo nicht, als daß Mannsthal nicht +väterlich für sie empfand und daß die Mutter sie ihm vor Jahren +überlassen hatte, so daß sie jetzt Vögelchen nur eine peinliche Fremde +war. Nach kurzer Überlegung verstand er Angele. Sie und er sollten sich +in die Arbeit teilen. Sie wollte den Mann, er sollte das Mädchen in +seine Obhut nehmen. Wie aber sollte er es dem Mädchen sagen, dem zarten? +War es nur Vorwand, wenn er ihr schrieb, daß er litte, sie im wirren, +betörenden Paris so schlecht behütet zu finden, daß er sie gern bei +einer mütterlichen Freundin wissen wollte? Nein, er fühlte wahrhaftig +Besorgnis und eine Zärtlichkeit des Gedankens für sie, die er bisher nur +bei den Begegnungen empfunden hatte. Gerne hätte er sie lebendig bei +sich gehabt und warm in die Arme geschlossen, an seiner Brust geborgen. +Zugleich aber fühlte er sich unwürdig vor ihr und seiner dunklen Wege +bewußt. Er war in den Straßen umhergegangen, nun trat er in ein +Restaurant; ließ sich Schreibzeug geben und begann seinen Brief, dessen +Buchstaben an alte Schriftzeichen erinnerten: + +»Arabella, liebe Kleine, ich darf so sagen, darf Mademoiselle weglassen. +Seele zu Seele sagt nicht Name und Würden. Wollen Sie in mein +Sternenheim kommen, nein, das meine ist es nicht allein, ich teile es +mit vielen Wißbegierigen und es ist großer Geister Stätte gewesen. +Wollen Sie nun kommen? Oder sind Sie durch Monsieur Mannsthals +Unpäßlichkeit ganz an ihn gefesselt? Sie sollten ihm raten ans Meer zu +gehen. Die Wellen und Winde bringen große Botschaft, darin des Einzelnen +Wehe ertrinkt. Er wird dort Gesundheit finden. Sie selbst aber sollten +bei Frauen sein und unter gleichaltrigen Jungfrauen und unter Kindern. +Ich wüßte sie gern geborgen bei meiner Freundin Cecile Gloriot, einer +ausgezeichneten, liebreichen Frau, die Ihnen Ruhe und Freude geben wird. +Ich werde Frau von Twede bitten bei Herrn Mannsthal Fürsprecherin dieses +Planes zu sein. Was meinen Sie dazu, Seelchen? Ach ja, ein Seelchen sind +Sie, aber unter Cecile Gloriots Sonne werden Sie Seele werden. Kommen +Sie oder schreiben Sie mir Antwort. Ich bin Ihr treuer Diener + + Imanuel Givo.« + +Der Kellner stellte das Essen vor ihn hin. Er nahm sein schlichtes Mahl. +Dann trug er selbst den Brief in Vögelchens Haus. + +Vögelchen erwartete Antwort von Konrad. Indessen kam Marguerite. Sie +hätte ein Anliegen an das Fräulein. Ob man denn auch ungestört sprechen +konnte. Arabella schloß die Tür ihres Zimmers und hieß sie Platz nehmen. +Das Mädchen sah bei weitem besser aus in ihrem einfachen Straßenkleid +als in dem grellen Schlafrock, in dem sie Vögelchen zum ersten Male +gesehen. Es bat höflichst, die Belästigung zu entschuldigen und käme +ohne Konrads Wissen. Der arme Junge sei zu stolz von dem Fräulein etwas +anzunehmen, sie aber, Marguerite, wisse, woran es ihm fehle, und sie +würde ihm gern das Nötige besorgen. Leider befinde er sich gar nicht +wohl, seit dieser Deutsche zu ihnen käme. Es sei wohl der entlassene +Diener. Sie wolle dem Fräulein durch diese Mitteilung ihre Ergebenheit +beweisen. Der Diener spreche gemeine Dinge über sie und verleite Konrad +zum Trunke. Sie hätte nun Aussicht einen kleinen Laden zu übernehmen und +würde Konrad bei sich anstellen, wenn das Fräulein ein wenig beisteuern +wollte, das würde ihn auch dem schlechten Einfluß dieses Custove +entziehen, der überdies Konrad von ihr trennen wollte, um ungestört ihn +zu Schlechtigkeiten zu verleiten, für die sie nicht zu haben wäre. Die +beiden hätten auch beschlossen das Fräulein zu entführen. Vögelchen war +es, als würge sie etwas am Halse. Sie ging zu ihrem Schrank, nahm etwas +Geld. »Das ist alles, was ich habe.« »Besten Dank,« sagte Marguerite, +ein wenig kühl. »Ich bin selbst arm,« sagte Vögelchen, das Wenige +entschuldigend. »Oh, Sie und arm; wenn man einen älteren Mann hat, der +reich ist, ist man nicht arm. Ob sie sich denn nichts für später +zurücklege -- es sei kein Verlaß auf die Männer --« Vögelchen +schauderte. Sie verstand nicht den vollen Sinn dieser Worte, aber etwas +Häßliches kroch an sie heran, das ihr Leben verunstalten wollte. »Bitte, +gehen Sie jetzt,« sagte sie. »Mein Verwandter kann mich jeden Augenblick +rufen. Ich möchte nicht, daß er sie sieht. Sagen Sie Konrad, ich hätte +ihm geraten zu einer Dame zu gehen. Ist er nicht dort gewesen?« + +»Nein, er traf sie nicht an, er will nicht lästig fallen.« + +»Mich aber will er überfallen und davonschleppen. Oh, gehen Sie, ich +will allein sein, will nichts mehr wissen von ihm.« + +Sie setzte sich hin und weinte. Sie weinte ihr Leid um Va, um ihre +Kindheit, um Konrad und sie weinte um Givo, von dem sie sich vergessen +glaubte. Sie fürchtete sich. Sie war sehend geworden ohne wissend zu +sein. Sie litt in dumpfer Anklage. An den folgenden Tagen saß sie fast +immer bei Mannsthal. Es war besser bei ihm zu sein, da schwieg der Groll +gegen ihn. Und hier konnte keiner sie fortreißen, wenn auch Va zu +schwach war sie zu schützen. Sein Wille bannte die Bedrohung von innen +und außen. Wäre nicht Angele aus- und eingegangen mit leise +schlichtendem Walten, im Hause und an Adalberts Liegestätte verweilend, +hätte Vögelchen sich unentbehrlich gefühlt und daraus wieder Kraft +gewonnen. So aber war sie auch vor sich selbst nur ein bleicher Schatten +von dem, was sie noch in den ersten Tagen des Versailler Aufenthaltes +gewesen. Sie schlief nicht und ging wenig aus. Seitdem sie sich vor +Konrads und Camills Anschlag fürchtete und diese Furcht in sich +verschloß, aß sie auch nur notdürftig mehr. Angele fütterte sie wie ein +Hühnchen. Givos Brief kam, als ihr Angst und Sehnsucht die Kräfte zu +erschöpfen drohten. Sie las den Brief, las ihn abermals, sann vor sich +hin, drückte ihn ans Herz. Wie ein Gebet war ihr Dank. Ja, sie wollte +alles, was er wollte. Er war ja ihr Schutzgeist. Oh, daß sie zu ihm +durfte, endlich! Leise schlich sie in Adalberts Zimmer. Es war zehn Uhr +abends, er schlief. Rasch warf sie über das weißwollene Hauskleid den +Pelz, schlang einen Schal aus spanischer Spitze um ihr Haar und eilte in +die nächtlichen Straßen hinab. Konrad, der vor dem Hause gestanden war, +folgte ihr. Die Straße war einsam, sie hörte Schritte hinter sich, sie +fühlte im Rücken, daß sie verfolgt wurde. Sie wagte nicht sich +umzuwenden. War es einer, waren es beide, er und Custove? Konnte sie +rascher sein als ihre Feinde? Wohin fliehen? Alle Haustore waren +verschlossen. Zu ihm, zu ihm! Nun brach Licht vom Boulevard des +Invalides, nun kamen Menschen, Lokale leuchteten auf, aus denen Lärm +drang. Vielleicht war der Verfolger jetzt dicht hinter ihr. Mit letzter +Kraft rief sie einen Droschkenkutscher an. Ein Wagen hielt: +»Observatoire«, hauchte sie. Sie war geborgen! + +Givo war nicht da. Möglich, daß er noch käme. Man führte sie in einen +Saal nächst der Kuppel. Im Halbdunkel saß sie, schauernd vor Angst noch +und Erwartung. Sie wartete. Es war kühl, sie hüllte sich dicht in ihren +Mantel. So schlief sie ein. Gegen Mitternacht kam Imanuel. Der +diensthabende Diener war gegangen, der ihn ablösende wußte nichts von +des jungen Fräuleins Anwesenheit. Givo setzte sich an seinen +Schreibtisch und sah die Abendpost durch. Dann ging er auf und ab, wie +er bei vorbereitender Arbeit zu tun pflegte. Auf einer dieser +Wanderungen kam er hinaus in die Halle bis zu der Bank, die von dem +Fundament eines eingebauten Fernrohres beschattet war. Da sah er die +Schlafende. Ihr Kopf war zur Schulter herabgesunken, die Wimpern +dunkelten über die bleichen Wangen, die Hände lagen hilflos still und +wehrlos gefaltet über den Knieen, die Haare hatten sich ein wenig gelöst +und quollen aus den Spitzen auf den Pelz des Mantels. Ihr Atem ging +ruhig und friedvoll wie der eines müden Kindes, das traumlos +eingeschlummert ist. So war sie denn ohne Säumen gekommen und hatte, +seiner wartend, ihre kindliche Schlafensstunde eingehalten! Er rührte +sich nicht, er atmete leiser, er stand vor ihr und mühte sich nur ganz +sacht sie zu betrachten, daß auch sein Blick nicht ihren Schlaf unsanft +berühre. Sehr müde mußte sie sein! Die Lippen waren wie im Schmerz +herabgebogen. Wie gern hätte er im Kuß ihre bange Starrheit gelöst. +Ärgerlich über eine Störung fuhr er auf. Ein Knirschen deutete an, daß +die große Kuppel aufgerollt wurde. Es war Mitternacht und die Wende, wo +man die Novemberschwärme suchte. Mit dem bestirnten Blau der Nacht +schwebte vielstimmiges Glockenläuten in den Raum. Die Kirchtürme von +Paris sandten am lautesten und klarsten den nächtlichen Arbeitern der +Sternwarte ihre tönenden Grüße. Givo kannte sie alle, dies war die +Stimme der Jacqueline Montague, der Glocke von Notre Dame, deren Tore +sein astronomischer Ahne Dupuis vor der Verwüstung der Revolution +beschützt, da war der ein wenig heisere Klang von Julien le Pauvre, der +wie der Ruf eines alten Mannes war, das helle kindliche Läuten wohl von +St. Gervais, die schallenden Rufe der Madeleine, dann ein banges, +mahnendes Klingen von weither. Er wußte, jetzt kam dieses und nun tönten +jene beiden zusammen und dann wie eine, die sich verspätet hat, lief aus +der Ferne noch wie in zärtlicher Sorge eine feine Glockenstimme daher, +die er Cecile nannte. Dann kam die Stille der Nacht, die Lichter der +Stadt funkelten wie ängstlich, die roten Laternen der kleinen +Seinedampfer erloschen, das Raunen von Paris erstarb, auch die ewig +wache Stadt schien mählich zu schlafen. Nun aber gingen Türen, eine +Zimmerglocke läutete. Hier war man wach zur Arbeit. Arabella schlug die +Augen auf. Givo trat rasch zur Seite. Sie sollte nicht erschrecken, +sollte sich nicht im wehrlosen Schlaf Blicken preisgegeben fühlen, doch +sollte sie ihn gleich bemerken, damit sie in fremder Umgebung nicht +erschrecke. Als er sich wandte, saß sie aufrecht und blickte ihn an. Er +erinnerte sich später immer wieder dieses Ausdruckes ihrer Augen. Er +schien aus Meertiefen zu kommen, der feuchte Glanz unendlich dunkelnder +Tiefe und die unbewußte gefährliche Schönheit einer rätselvollen Welt +war in ihm eingefangen wie in einem einsamen Teich, der Nixen und +vorzeitliche Tiere spiegelte. + +»Haben Sie Hunger?« fragte er und lächelte ihr zu. Er wollte sie +freundlich in die Wirklichkeit zurückrufen. + +»Ich habe geschlafen,« sagte sie. »Ich bin ein wenig müde gewesen all +die Zeit, das war wohl der Grund. Ich lief so sehr, man verfolgte mich« +-- nun war die Furcht wieder da, aber ebenso rasch schwand sie. Lächelnd +streckte sie ihm die Hand entgegen, die er mit beiden Händen ergriff. + +»Hier verfolgt Sie niemand, Seelchen,« sagte er. + +»Wie schön es hier ist, welch schöne bestirnte Decke. Oh, ich habe die +Sterne so lieb. Man wird so arm in der Stadt. Auf dem Lande da haben +auch die ganz armen Leute die schönen Dinge.« + +»Cecile Gloriot hat einen großen Garten und dort werden Sie geborgen +sein. Niemand wird Sie verfolgen. Kein häßlicher Brief darf dort zu +Ihnen.« + +»Und Sie, werden Sie mir schreiben?« + +»Ich werde Ihnen schreiben und werde Sie besuchen.« + +»Sie schrieben so lange nicht.« + +»Ja, das ist nun vorbei. Von nun an werde ich häufig schreiben und, wenn +dann einmal eine Pause eintritt, werden Sie wissen, er denkt doch an +mich, der Herr Sterngucker. Wollen Sie einmal durch das große Fernrohr +sehen? Es ist nur neun Meter lang und reicht bis in den Himmel.« + +Er führte sie im Gebäude umher, erklärte ihr Apparate und Pläne. +Plötzlich hielt er inne. »Nun haben Sie mir meine erste Frage noch immer +nicht beantwortet. Haben Sie Hunger?« + +Sie nickte. + +»Kommen Sie. Ein wenig Zwieback ist vorhanden, einige Krumen für ein +Vögelchen.« + +»Wissen Sie, wer auch sehr, sehr gut ist?« sagte sie. »Urbacher und +Karinski.« Und sie erzählte ihm von den beiden, während sie mit ihren +länglichen schmalen Zähnen am Zwieback knabberte. »Glauben Sie, daß Va +mich zu Ihrer Freundin fahren läßt? Ach nein! Und was wird dann aus +mir?« Sie berichtete ihm all das, was Marguerite ihr gesagt. Von Konrad +mußte sie ausführlich erzählen. Givo schrieb, während sie von ihm +sprach, auf einen kleinen Block einige Worte nieder. Als er genug wußte +und Arabella sich blaß gesprochen hatte, sagte er: »Ach, das Seelchen +ist schon müde. Ich bringe es nach Hause.« Sie gingen in die Stadt +hinaus. Die Straßenlaternen waren verloschen, leer glänzte der Asphalt +wie ein grüner See. Schwerpolternd kamen ab und zu die breiten +Gemüsewagen angefahren, die zu den Hallen rollten; ein scharfer Duft von +Kräutern mengte sich plötzlich in die Nachtluft. Vor den Cafes standen +umgestürzt die Sessel an den Marmortischen, manchmal umschlich sie eine +müde Gestalt und stocherte mit einer Gabel nach Tabakresten. An den +geschlossenen Kiosken lehnten Dirnen in leisem Gespräch und duckten sich +in ihren Schatten, wenn der Schutzmann vorüberkam. Aus einer Nebengasse +schrillten plötzlich Pfiffe, eine Gestalt lief quer über den Damm, dann +ward es wieder still und sie hörten ihr eigenes Schreiten. Er wollte in +einem Wagen sie rascher zur Ruhe bringen, vielleicht auch erwartete man +sie. Es kam keiner. Ihr war es um so lieber. Wäre der Weg nur länger +noch gewesen! Es ward nun ausgemacht, daß er mit Mannsthal sprechen +würde, nachdem Angele von Twede ihn vorbereitet, und daß er dann selbst +sie zu Cecile Gloriot bringen würde, die er lange nicht gesehen. Als sie +bei ihrem Haustor angelangt waren und er schon die übliche Aufforderung +an den Portier zur Öffnung des Tores hatte ergehen lassen, ergriff +Vögelchen seine Hand, zog ihn heftig näher und rascher, als er es wehren +konnte, drückte sie einen heißen Kuß auf seinen Mund. Dann verschwand +sie mit leuchtendem Blick, ihn noch einmal umfassend, in der Dunkelheit +des Flures. + + + + + Konrad an Hedwig + + + »Wenn Du nicht Mensch mehr + bist und Dich verleugnet + hast, + So ist Gott selber Mensch + und traget Deine Last.« + + (Angelus Silesius.) + +Zwei Wochen nach diesem Abend etwa schrieb Konrad an Hedwig: + +»Liebe Schwester, als ein anderer Mensch schreibe ich Dir heute als der +alte vielleicht. Ich habe reine Wäsche, ich trage ordentliche Kleider, +ich verdiene vorläufig durch Abschriften wissenschaftlicher Arbeiten +Frühstück, Abendessen und Wohnung. Den Mittagstisch habe ich frei. Ja, +der Mittagstisch, so begann es. Ich bekam vor zehn Tagen die +Aufforderung, mich um zwölf Uhr bei Frau Calou, rue de quatre Portes, +zum Speisen einzufinden. Wenn der Magen leer ist, besinnt man sich nicht +lange, auch eine fast anonyme Einladung anzunehmen. Ich fand einen +kleinen Saal, in dessen Mitte eine sauber und schlicht gedeckte Tafel +wie in einem privaten Speisehaus seine Gäste erwartete. Nebenan war ein +Arbeitszimmerchen. An einem Schreibtisch saß inmitten von Rechnungen und +Briefen Frau Calou, eine grauhaarige Vierzigerin mit derben Zügen und +den lebhaftesten, gütigsten Augen, die ich jemals sah. Die Art, mit der +sie mich aufnahm, war die eines Untersuchungsrichters. »Ihr Fall wurde +mir von einem Mitglied des »Sozialen Dienstes« gemeldet, die Recherchen +wurden heute beendigt.« Und nun rollte sie mein Leben auf, mein +erbärmliches Leben. »Wollen Sie wieder ein anständiger Mensch werden?« +fragte sie. »Ja,« sage ich. »Dann ist unser Geschäft gemacht,« ruft sie +aus. »Sie finden sich täglich um halb ein Uhr hier zum Mittagstisch ein, +Sie wählen ein Zimmer bei einer der vorgeschriebenen Vermieterinnen, Sie +übernehmen vorläufig Schreibarbeiten für M. Tallandre vom Observatoire, +der aus einem ziemlich unleserlichen Manuskript eine anständige +Abschrift wünscht. Diese Arbeit wird Sie einen Monat in Anspruch nehmen, +wobei Sie Ihre Privatstudien verfolgen können. Sie erhalten täglich zwei +Francs von M. Tallandre, dem Sie Ihre Arbeit wöchentlich abzuliefern +haben, weitere drei Francs von einem unbekannten Wohltäter, von denen +ich 1 Francs für Ihre Bekleidung, die ich besorge, zurückbehalte. Nach +der Schreibarbeit werden Ihnen, falls Sie diese anständig verrichtet +haben, neue Wege offen stehen. Jedenfalls ist zwei Monate lang für Sie +gesorgt. Die Recherchen bleiben aufrecht. Wenn man Sie wieder mit dem +Trunkenbold antrifft, verlieren Sie alle Begünstigungen, desgleichen +wenn Sie die Wege jenes Mädchens aus Ihrer Heimat kreuzen. Gegen Ihre +Beziehung zu der Aupin ist nichts einzuwenden, wenn Sie dort nicht +anders verkehren als irgend einer ihrer anderen Kunden. Sie sehen, wir +sind nicht strenge. Aber wir sind rachsüchtig. Verfallen Sie in Ihre +vormalige Lebensweise, so verfolgen wir Sie und erwirken, daß Sie +bestraft oder in Ihre Heimat abgeschoben werden. Sie sind uns verfallen. +Nun blicken Sie nicht so düster. Ich hoffe, dieser Blick gilt Ihrer +Vergangenheit, nicht der Zukunft, die wir Ihnen ebnen wollen. Und nun +gehen Sie in den Eßsaal und guten Appetit. Man lärmt schon drinnen. +Unsere Schützlinge versammeln sich. Es ist hier nicht Sitte, daß einer +dem anderen von seinem Schicksal erzählt. Wir haben hier lediglich +Hungrige, Schwächliche des Lebenskampfes, Rekonvaleszente, Entgleiste. +Niemals war ein Fall hoffnungslos, den wir behandelt haben. Aber wir +wollen durch schlechte Beispiele und Depressionen nicht unsere Arbeit +erschwert finden. Deshalb fordern wir Diskretion. Auf Wiedersehen bei +Tisch.« Dies alles war trotz aller Schroffheit so gütig vorgebracht. Ich +drehte meinen Hut in der Hand wie ein Bettler, der aus Rührung und +Beschämung keine Worte des Dankes findet. Man schob mir noch ein +Zettelchen hin, auf dem Adressen von Wohnungen standen, unter denen ich +zu wählen hatte. Dann stand ich in dem Saal. Es waren etwa +fünfundzwanzig Menschen da, Frauen, Mädchen, Studenten, ein alter Mann, +zwei Kinder. Ein Mädchen hatte einen dreijährigen Jungen neben sich +sitzen, mit ernstem ältlichen Gesicht, er war musterhaft brav, benahm +sich wie ein Erwachsener. Er glich ihr, offenbar war es ihr Kind. Ich +mußte an Deinen Jungen denken, Hedwig, und an Deine bösen bangen Zeiten, +in denen Dir nicht geholfen ward wie dieser dort. Und daß Du allein bist +und unbeschützt, will ich an ihr gut machen, damit auch Dir geholfen +werde. Seither sind wir einander nähergekommen, haben vergangenen +Sonntag einen Ausflug miteinander gemacht. Der Kleine hat sich sehr an +mich angeschlossen. Er sitzt nun neben mir bei Tische. Frau Calou +präsidiert der Tafel. An jenem ersten Tage fand ich bereits meinen Namen +an einem der Plätze neben einer Frau Lövgard (einer Übersetzerin, die +mir riet, meinem Gelehrten anzutragen die Arbeit von mir ins Deutsche +übertragen zu lassen, was ich denn auch mit Erfolg vortrug). Mein +zweiter Nachbar war ein Mediziner, der über die Schädlichkeit des +übermäßigen Alkoholgenusses kürzlich eine preisgekrönte Abhandlung +schrieb. Ich vermute, daß er selbst Trinker war. Nach dem Essen werden +des Sonntags kurze Vorträge veranstaltet. Auch ich werde sprechen über +ein historisch-theologisches Thema. + +Marguerite machte eine »Szene«. Sie verstieß mich, aber tagsdarauf paßte +sie mir auf und fragte mich, wie ich mit der neuen Wohnung zufrieden +sei. Ich war und bin es durchaus. Wir verabredeten ein Wiedersehen, sie +hielt es nicht ein. Schließlich bin ich wieder unter einem Vorwand zu +ihr gegangen. Ich habe mit Frau Calou über sie gesprochen, aber sie +sagte, daß solche Fälle immer hoffnunglos seien. Sie erzählte mir, daß +Marguerite bei Ariel gewesen und Geld für mich erpreßt habe. Von dem +Geld habe ich nichts bekommen. Mein armer Ariel, er ist fort. Ich weiß +nicht wohin. Ich habe ihn vertrieben, ich käufliches Untier. Aber +erreicht ist es doch: ich habe sie von dem Verführer getrennt, meine +Mission ist erfüllt, ihre Mutter hat mich nicht umsonst bezahlt. Ein +neues Leben kann beginnen. Und Du, Hedwig, die ich anfülle randvoll mit +meinen Schicksalen, sag' auch Du mir Deine Mühsale. Deinen Briefen danke +ich es, daß ich in diesem Schlamm nicht völlig erstickte und meiner +Rettung aufgespart blieb. Ich küsse Deine Dulderhände und bin in Treue +Dein + + Bruder Konrad, der Narr. + +_P. S._ Finde Zeit zu Doktor Urbacher zu gehen und ihm von Arabella zu +erzählen. Es könnte vorteilhaft sein diese Verbindung anzuknüpfen.« + + + + + Asyl Gloriot + + +Der erste Frühschnee lag wie ein Flor auf den alten Bäumen, die den +großen Bauernhof umstanden, den Cecile Gloriot zu einem ihren Zwecken +aufs beste entsprechenden Wohnhaus umgewandelt hatte. In der Diele +brannten schon im großen Steinkamin die wohlriechenden Holzscheite. Es +war halb zwölf Uhr. Anna Bergmann, Ceciles Stellvertreterin, eine +hellblonde Deutsche, saß vor einem Wäschekorb, der mit Nüssen angefüllt +war. Fräulein Anna erzählte selbsterdachte Märchen. + +Cecile Gloriot war in die nahe Stadt gefahren, um Einkäufe zu erledigen. +Ihre Post lag auf dem Tisch bereit, der unter der Stiege, die zu den +Schlafräumen führte, an dem blumenbesetzten Fenster mit den weißen +Mullvorhängen stand. Man erwartete Tante Cecile für den Nachmittag. + +Eine hellklingende Glocke rief um zwölf Uhr alle Bewohner zu Tische. Ein +Säugling und ein Zweijähriges blieben mit der Amme auf dem Zimmer. Vor +dem Essen mußte immer ein anderes Kind ein paar selbstgewählte +Dankesworte an Stelle eines Tischgebetes sagen. Heute war die Reihe an +Gil Colombe. Sie stand auf, lächelte zuerst zu Fräulein Anna hin, die +heute an der Spitze der Tafel saß, und sagte dann: »Wir freuen uns schon +auf das gute Essen und denken an alle armen Kinder, die nichts haben.« +Kathlin, die Rothaarige, stieß sie an. Nini blieb eine Weile noch stehen +und wehrte sich gegen Kathlins Einflüsterung. Aber sie blieb die +Schwächere und sprudelte noch hervor: »Und wir hoffen alle, daß Tante +Cecile auch ein gutes Mittagessen hat und recht gute Sachen aus der +Stadt mitbringt.« Nini sah stolz umher und viele Bravos beglückwünschten +sie. Gil, ihr jüngeres Schwesterchen aber, die sie abgöttisch liebte und +ihren neunjährigen Geist maßlos bewunderte, war ganz blaß vor Staunen +über Ninis Kühnheit. Die Kinder setzten alle einen Stolz darein, ein +möglichst originelles Tischgebet zu sprechen, aber Witze waren verboten. +Nun, dieser ging durch. Fräulein Anna lächelte sogar. Gaston hatte +einmal gesagt: »Komm, Herr Jesus, und sei unser Geist und segne unsere +Creme und Tante Cecile dazu.« Und Philipp, der schon galant war, hatte +gerufen: »Und lasse auch Taute Anna nicht leer ausgehen.« Helene aber +hatte gebetet. »Hab' Dank, lieber Gott, für Speis' und Trank und bescher +sie mir mein Leben lang. Und schenke Tante Anna einen Bräutigam und mir +auch einen.« Es dauerte auch nicht lange und Tante Anna hatte einen. Er +hieß Felix Blanc, war leitender Arzt des städtischen Spitals, ein junger +Gelehrter, der im Asyl Gloriot erschien, wenn einer seiner Schützlinge +erkrankte. Er hatte Anna lieben gelernt, als er sie Kathlin Drew während +einer langwierigen Krankheit aufopfernd pflegen sah. Als das Verlöbnis +geschlossen ward, meinte lächelnd die ernste Clothilde, Helenens Wunsch +habe geholfen. Doktor Blanc erfuhr überdies, daß die kleine +Wunschträgerin in Anna nach der Art kleiner Mädchen verliebt sei, und +dies sicherte Helene sein besonderes Interesse. Er fand sie blaß und +über Gebühr müde und reizbar. Bald glaubte er mit Hilfe Annas die +Ursache zu kennen. Helene war aufrichtig. Sie gestand ihr kleines Laster +und versprach Besserung. Aber sie war nun oft von Schwermut befallen, +weil Anna nicht mehr ihr gehörte. Sie sehnte sich nach einem sicheren +Besitz. Bald sollte ihre Sehnsucht Erhörung finden. + +An dem Tage nun, da Cecile Gloriot erwartet wurde, übte Anna mit den +Kleinen die Lieder, die Clothilde und Helene mit ihrer Hilfe gedichtet +und Cecile vertont hatte. Die kleine Gil war gerade dabei, mit ihrem +zarten Stimmchen als Nixenbaby, mit einem Schilfkranz um das Köpfchen, +ihre Ansprache an Helene, die Nixenmutter, zu halten, als man draußen +Cecile Gloriot vorfahren hörte. Gleich hatte der Mummenschanz ein Ende, +alles drängte Tante Cecile entgegen. Seltsam, sie sah selbst aus wie ein +Kind, ein zartes Mädchen, das Schutzes bedurfte, obwohl ihre Haare grau +waren. Aber hinter dieser Zartheit verbarg sich eine eiserne Tüchtigkeit +und eine unversiegbare Hilfsbereitschaft. Ihre Stimme war tief und +klangvoll, als käme sie aus einem anderen Körper. Ihr entsprachen +Haltung und Geste. Die Augen aber, die stahlgrauen, schwarzgeränderten, +waren ein Wunder von Innigkeit und sanftem tiefen Wissen für alles, was +sie sah und ahnte. Niemals ratlos, doch stets bereit Rat zu empfangen, +schien sie nichts zu bedürfen und nahm dankbar an. Sie erwarb jedermanns +Zutrauen, weil geheime Brücken von ihrem Herzen zu dem der anderen +führten. Wie Givo hatte sie nur einen Ausweg gehabt, ihr Allwissen über +die Menschen und ihre geheimsten Instinkte und seelischen Schicksale in +werktätige Liebe zu verwandeln. Das Wissen hätte sie zum Wahnsinn +getrieben, die Verachtung gewürgt, der Ekel beschmutzt, hätten sie nicht +Weisheit, Gerechtigkeit, Liebe das Mitleben gelehrt. Sie wußte, daß es +nichts Verläßlicheres gab, nichts, was die vernichtenden Grausamkeiten +der Natur und Unnatur, nichts, was die Verzweiflung und den Wahn, der +hinter allem triebhaften Geschehen, hinter aller Raserei der Selbstsucht +lauerte, beschwichtigen konnte, als Demut und Liebe und der +allumfassende Blick der Erkenntnis. Aber sie wußte von all dem nichts +mehr. Die Motive ihres Wirkens hatte sie vergessen oder wollte sie auf +immer vergessen haben. + +Cecile und Anna schritten der Diele zu. Anna berichtete über kleine +Vorfälle. »Ja, danke, nun geh aber und ruh' dich aus.« + +»Nein, du wirst müder sein, Cecile.« + +»Niemals, du weißt es. Sehen wir noch die Post zusammen durch.« + +Ein Stoß Briefe. Cecile stand in brieflichem Verkehr mit allen +Schützlingen, die das Asyl verlassen hatten und deren Asyl die Briefe +Ceciles geblieben waren. Sie hatte überdies viele Freunde, Gelehrte, +Künstler, Arme, Kranke. »Von Givo!« rief sie nun und vor allen anderen +öffnete sie seinen Brief. »Endlich wieder einmal.« Sie las: »Liebe +Celia, so lange schwieg ich, aber Du weißt, daß ich in Gedanken Dir +nicht schweige. Wie oft entbehre ich eine Aussprache mit Dir. Jetzt war +meine Mutter da. Es war der alte Kampf auf beiden Seiten, jeder wollte +dem anderen verbergen, wie unmöglich es ist des anderen Wünsche mit den +eigenen zu vereinen. Ich soll in ihre zweite Heimat, nach Deutschland +zurück, dort nach unserer Sitte ein Mädchen unserer Sippen heiraten und +sie zur Großmutter machen. Ich hingegen wünschte, sie richtete sich in +Paris ein für mehrere Monate des Jahres. Aber sie liebt Paris nicht, +weil sie nicht durch innere Arbeit imstande ist, den vielen Tand, die +große Geste des Kleinen zu übersehen und zum Menschlichen zu gelangen, +das dort am stärksten sich zur Wirkung bietet, wo es am freiesten und +dichtesten gemengt seiner eigenen Tragik zu unterliegen droht. Daß +gerade dieser vorletzte Augenblick der Drohung mein Augenblick (und auch +der Deine, Celia) ist, das kann sie nicht, will sie nicht miterleben, +dazu ist sie zu untadelhaft, zu kühl, zu sehr von einem starken Gatten +gefestigt gewesen, um diese Niedergänge so rasch zu fassen, als er +nötig, denn ihre Strenge würde sie immer zu spät kommen lassen. Bis ihre +Einsicht sie überwunden hätte, wäre alles verloren. Sie würde mich +hemmen, weil sie zu wach ist und doch nicht überwach, hellsichtig wie Du +etwa. Aber sie ist nicht weise genug, um wach sein zu dürfen. Wie wenig +Frauen sind es auch noch außerhalb ihrer utilitaristischen Duldsamkeit! +Es gibt keine Cecile Gloriots und wenige, die ihr nur nahe kommen. Oh, +wie menschlich wertvoll ist sie aber dennoch, meine Mutter, wie klar und +rein, daß ich erschauere über diese Möglichkeit. Ich werde ihren Willen +erfüllen, wenn sie älter ist, ich bin es ihr schuldig, Kinder zu haben +und die Regeln der Väter, denen ich so viel verdanke, zu erfüllen. Aber +noch kann ich es nicht. Es ist genug geopfert schon heute, daß ich diese +vorgebaute Zukunft weiß. Ich wage nicht ein weibliches Wesen an mich zu +binden und liebte es mich noch so selbstlos, weil ich weiß, daß meine +Mutter für mich wählen wird eine in unseren Regeln Aufgewachsene, die +jung und seltsam aus Frauengemächern zu mir kommen wird. Oder ist es +Gleichgültigkeit gegen das Einzelne. So ist mir alles mit Frauen +episodenhaft und oft doch schmerzlich, um so süßer auch. Ich bringe Dir +ein Mädchen, das so recht Deines Asyls bedürftig ist. Vielleicht ist es +auch gut, daß es nicht in meiner Nähe bleibt. Auch ich könnte ihr +gefährlich sein, der Gefährdeten. Ihr Fall erinnert flüchtig an den von +Kathlin Drew, deren verwitwete Mutter von ihrem Stiefvater in Liebe +verfolgt wurde, bis sie sich ihm ergab, nur daß die Verfolgte, die +willig Verfolgte, diesmal Dein Schützling selbst, ein halbes Kind ist, +das bei Dir geborgen werden soll, um seiner selbst und des Vaters +willen. Es ist ein zartes, nicht einzuordnendes Wesen. Ich nenne es +Seelchen, weil es noch sehr triebhaft ist, und ich versprach ihr, daß Du +aus dem Seelchen eine Seele wecken würdest. In vielem wirst Du sie +wissend finden wie eine Lebenserfahrene, die in Höhen und Tiefen +geblickt, aber sie hat keinen Ausdruck dafür, nur ein ungereimtes +Einahnen und Austräumen. In ihrer Bildung ist sie der Form nach durch +geistige und reflektierende Umgebung reif, aber sie hat viele Lücken im +Lapidarsten. Du wirst gut tun sie sehr ernst zu nehmen, ihr +Verantwortungen zu geben, etwa die Aufsicht einer Angefochtenen. Sie ist +sehr stark. Zarte, engelhafte Wesen sind das zuweilen, Celia! Angele von +Twede grüßt Dich. Sie versucht den Vater über die Trennung zu trösten. +Ich fürchte, es wird ihr nur gelingen, wenn sie, wie nie bisher, Heilige +Elisabeth ist und statt Brotes sich selbst verschenkt. Du verstehst den +Fall, Celia? -- Ich bringe Dir das Kind in den allernächsten Tagen und +bin glücklich, Dich zu sehen, Du Liebe. + + Treulichst Dein Freund + Imanuel.« + +Cecile Gloriot hielt den Brief zwischen den schmalen, sehnigen Fingern +und blickte wie träumend zum Fenster hinaus. »Ruf doch Gil herein, sie +läuft draußen ohne Umhülle herum,« sagte sie ablenkend. Als Anna +zurückkam, lächelte sie wie ein Kind, das sich freut. »Givo kommt heute +oder morgen und bringt ein Mädchen, einen neuen Schützling mit. Wir +wollen für ihn das große Mansardenzimmer zurecht machen und das Haus mit +den Glashauspflanzen schmücken. Das Mädchen bekommt das Alkovenzimmer +mit Helene.« Cecile ging auf ihr Zimmer. Sie las nochmals Givos Brief. +»Seine Mutter tut unrecht,« sagte sie sich. »Er wird auch seine Frau +einmal nur als eine Episode behandeln. Er wird jede Treue verlernen und +sich an das Naschen gewöhnen, das den Charakter verdirbt und Unglück im +Leben des anderen anrichtet. Er wird niemals zur Ruhe kommen mit den +Frauen. Ich muß ihn warnen. Und mein neuer Schützling? Möge es mir +gelingen an ihm Gutes zu tun!« + +Abends um halb sieben Uhr hielt Celia Andachtstunde in ihrem +Bücherzimmer. Vor den breiten Fenstern flimmerte ein leiser Schnee. Es +war ganz still im Raum. Zehn kindliche Augenpaare hafteten an Celias +Lippen. Sie begann: »Helene hat mir berichtet, daß sie mit Kathlin +Streit hatte. Ich will gar nicht untersuchen, wer recht hatte, denn es +ist fast ebenso bedrückend recht zu behalten als schuldig zu sein. Es +gelüstet uns ja oft dem anderen zu widersprechen, denn jeder Mensch ist +einzigartig und hat seine einzigartigen Gedanken, wenn er auf +rechtschaffene Art denkt und nicht seine Denkungsweise vom anderen +borgt. Oder wir wünschen etwas, das der andere nicht wünschen kann. Da +ist es uns geboten zu fragen, nicht einmal nur zu fragen: Ist mir denn +der eigene Wunsch, der eigene Widerspruch wichtig genug, daß ich den +anderen betrübe. Und wenn etwas in uns mehrmals antwortet: ich kann +nicht ablassen, so müssen wir so milde, als es uns gegeben ist, unserem +Willen nachgehen und des anderen Kränkung dabei zu lindern trachten. Ihr +Kinder glaubt manchmal euere Schwäche und Unerfahrenheit sei ein Makel, +der schwindet, wenn ein anderes noch schwächer und unerfahrener aus +einem Streit hervorgeht. Das ist ein Irrtum, denn ihr habt durch eure +Eitelkeit recht zu behalten noch eine größere Schwäche dazu bekommen. +Betrachtet eine Wage mit ihren Maßen. Sie sind nichts, wenn auch das +eine schwerer wiegt als das andere. Sie sind nur Begriffe und erst ein +Ding aus dem wirklichen Leben, dessen Schwere sie vorstellen, gibt ihnen +Sinn und Wert. Darum ist eitler Streit sinnlos. Nur wirkliche Werte +dürfen sich aneinander messen. Darüber aber steht dem Menschen oft +selbst in seiner Reife noch kein Urteil zu, ob sein Wille wertvoller ist +als der des anderen. Wißt ihr denn auch, daß ihr lieblos werdet, wenn +ihr streitet? Ihr haßt am Ende den anderen in der Blindheit, in die euch +eure Rechthaberei versetzt, und ihr liebt die übrige Welt nicht, weil +ihr über dem Streit alles vergesset und nur euren scheinbaren Vorteil +sehet. Die erzürnbare Seele nannte Plato die niedere Form der Seele, die +tierische. Wer streitet, versteht nicht mitzuleben und sich in des +anderen Leben zu versetzen. Mitleben, mitwissen aber ist das, was euch +erst zum gerechten Menschen macht. Erlebt ihr des anderen Wunsch und +Willen neben dem euren, wird der Streit gebrochen sein, eh' er beginnt. +Denn ihr Kathlin werdet ebenso Helene sein, als Kathlin und Helene -- +Kathlin so gut wie Helene. Lernet einander verstehen, dann werdet ihr im +Frieden leben. Und die Menschheit wird Frieden haben, wenn sie sich +versteht.« Noch herrschte Stille. Da schritten Kathlin und Helene +zaghaft anfangs, dann stürmisch einander entgegen und umarmten sich. + +Jetzt sollte ein wenig Musik gemacht werden. Gaston wollte Clothilde zum +Gesang begleiten. Als sie eben begonnen hatten, hörte Ceciles feines Ohr +einen Wagen heranrollen. Sie ging zur Diele herab und erwartete dort +allein Givo und seinen Schützling. Oben begann das Spiel. Musik war es, +die Vögelchen empfing, als der Wagen durch den leicht verschneiten +Garten ihrem neuen Heim entgegenrollte. + + * * * * * + + Süß ist das Leben + Um des strenggekehrten + geistigen Blickes willen, + Der gleichzeitig umfängt die + Erde von allen Seiten + Die kristallenen Öden der + Pole, der Vorzeit, + Des Urgebirges, der Zahlen + Gesetze. + + (Ottokar Brezina.) + +Nach dem Abendessen nahm Arabella die Aufforderung, sich zurückzuziehen, +um ungehindert auszuruhen, gern an. Sie fand ihr Zimmer hart an der +Stiege, die zu dem breiten, altertümlichen Turm führte, und durch diese +ein wenig überwölbt. In dieser Wölbung stand ein großes Bett mit hellen +Mullgardinen, ein ähnliches an der gegenüberliegenden Wand. Ein +geblumter Teppich erhöhte die Wohnlichkeit. In einer Nische erblickte +sie einen weißen, runden Kachelofen, in dem ein leises Feuer +verknisterte, neben diesem einen Waschtisch und zu ihrem Gebrauch +bereitet ein breites Badebecken. Neben dem Ofen einen Armstuhl, über dem +ein großes Tuch zum Abtrocknen hing. Wie wohl tat diese Sorgfalt! Ihr +Koffer stand vor dem Kasten, der für sie bestimmt schien. Sie entnahm +ihm sogleich eines ihrer weichen, mantelartigen Gewänder, in denen sie +einer kleinen Griechin glich, und streckte sich nach dem Bad auf das +Bettchen hin, nur um eine Weile so zu verharren. Durch die breiten, +kleinen Fenster sah eine stille, bestirnte Nacht, die über eine sanfte, +stadtferne Landschaft gewandelt war. Durch diese Landschaft war sie mit +Givo gefahren, neben ihm im ländlichen Gefährt mit hohem Sitz und ein +und dieselbe Decke hatte sie vor der Kälte geschützt. Viele Stunden +waren sie gefahren, denn Givo liebte Wagenreisen über Land und hatte nur +eine kurze Strecke die Eisenbahn benutzen wollen. Arabella war es +gewesen, als führe sie durch den Äther der Unendlichkeit. + +Givo hatte zu ihr gesprochen all die Stunden mit der ihr märchenhaften +Stimme, sie angesehen mit dem Blick, in dem sie ruhte wie in göttlichem +Schutz, er hatte zuweilen leise ihre Hand in die seine gelegt und +süßeste Geborgenheit war von ihrer guten Wärme ausgeströmt. Und er hatte +zu ihr geredet nicht wie zu einem Kind, nein, wie zu einem verstehenden, +ahnenden Wesen, das er in das Wesentlichste seiner Weltanschauung +einweihen wollte. Seine Welt war das unendliche Gebiet der Erforschungen +über Eindrücke und unbewußte Erfahrungen, die durch die Art der +menschlichen Empfänglichkeiten möglich sind, zu deren Vervollkommnung +Instrumente erdacht werden. Was der Mensch durch das begriff, was wir +Ahnungen nennen, war ihm ein Teil des göttlichen Lichtes. Ein Ding an +sich, ein Unabhängiges unserer Erkennbarkeit, einen Gott mit langem Bart +im Sinne des gedrillten Glaubens, der zwischen sich und dem Himmel einen +leeren Raum voraussetzt, sah er nicht. Ihm war Gott das Licht, jener +wissende oder nur ahnende Strahl, jenes sich selbst vergessende +Aufstreben zu einem Höheren, zu einer Fortsetzung unseres Selbst, in der +wir uns überwinden und durch die wir verbunden sind mit dem Höheren der +anderen. Die Seele war ihm hierzu die vorbereitende Stätte, wo Mittel +geborgen waren, das Leben über seine tierischen Forderungen zu begreifen +und zu bereichern, diesen ein Gegengewicht zu schaffen, aus dessen +Wirksamkeit der Wert und die Vollkommenheit des Menschen zu beurteilen +sei. Im genialen und produktiven Menschen sah er die Vorbedingungen zu +dieser Vollkommenheit mitgeboren, oft aber im Werk erstarrt, im Kinde +jedoch oder Kindgebliebenen in Ahnungen und Nebelbilder der Gedanken und +Gefühle gegründet. Diese konnten die ganze Welt umspannen in ihrer +Einfalt vor dem Unmöglichen und mählich von der Ferne zurückkehrend das +Naheliegende begreifen. Kinder und Künstler sah er diesen Weg von der +Imagination zum Nahen am langsamsten zurücklegen. Er wollte in der +Schauung der märchenhaften Zusammenhänge in der Natur einen Ersatz +geboten sehen für den selbstischen schwächlichen Traum dieser +Lebenskinder. Die reale Welt war ein Wunder, wenn man sie mit dem Blick +der Schauenden sah, sie entthronte den Traum und machte ungeheure +Sphären frei zur Wanderschaft. Der Astronom weiß um die Unermeßlichkeit. +Welcher Künstler könnte sie in seinem Hirne mächtiger gebären? Vögelchen +begriff nun wie in einem Zauber und dennoch zum ersten Male zauberlos, +daß sie unendlich weit sich aus dem Ich, das in die Umwelt gebannt ist, +entfernen konnte, daß alle Fernen in ihr waren, alles Licht, alle +Gottheit und ihre vielfältige Einheit und ganz dunkel ahnte sie schon +das Ichlose, das ihr früher schon gedämmert war, da sie sich als ein +Fünkchen auf Wanderschaft empfunden hatte. Sie sah sich geweiht Givo zu +verstehen. Sie war gespeist vom Lichte seines Lebenssternes, sie fühlte +sich selbst als Stern, erkoren von dem seinen. Und sie fühlte sich +erlöst von jenem Schwanken der Wagschalen, wenn Tier und Mensch sich +messen, um Gleichmaß bebend. Denn er lehrte sie, daß das Weltall und der +Mensch selbst Vorgängen im Einzelnsten unterworfen sind, zwischen denen +ewige Beziehungen und ewige Folgen bestehen. Vom gleichen Lichtgesetz +sei der Mensch und sein Geist und seine Mutter, die Natur, gespeist. So +lehrte er sie die Versöhnung von Körper und Geist und setzte die Seele +als Vermittlerin ein, so zeigte er ihr auf, daß das Ich ein Gemenge von +Vorgängen ist, die sich im Austausch mit den Vorgängen jener Umgebung +befinden. So verstand sie auch Karinskis Wort, daß jeder Mensch an der +Schuld des anderen und jeder andere an der eigenen Schuld mitschuldig +sei. Sie begriff den Sitz seiner Güte, seiner verzeihenden +Hilfsbereitschaft, da er die Verwicklungen erkannte, in die der Mensch +mit seiner Umwelt geraten konnte, oftmals geraten mußte, wenn seine +beste Einsicht der Schauung der Zusammenhänge versagte oder schwächer +war als die Einwirkung des Außen auf die körperliche Schwäche und +Lustbereitschaft. Denn das Licht allein schien ihm die Kraft, die +unbewußte Kraft oft den bösen Folgen des Übels zu widerstehen. Dies +Licht bedingt die Seele, die Seele selbst war von seinem Urstoff +geschaffen. Sie erfaßte ahnend, was er von den Sternen wollte, daß er +hart an der Himmelstüre der Unendlichkeit seiner Wissensarbeit einen +Sitz errichtet hatte, um der Erde Wesen in dem Gesetz des Alls zu +begreifen. Daß er in den Werken der Astrologen forschte (so sehr er auch +das Horoskopieren als bösen Nebenverdienst wissenschaftlicher +Quacksalber verwarf), daß er den Sehnsuchtkulten der letzten Dinge, den +Mythen der Religionen nachhing, geschah in seiner Liebe zu einer neuen +lichtvollen Gerechtigkeit, in seinem Trieb, das Dunkle zu entwirren und +den Zauber der Wirklichkeit aufzurichten in der Legende. + +Er erzählte ihr von erleuchteten Menschen und, während er sprach, drang +ihre Gnade auf sie ein. Christus brachte ihr die große Tröstung der +Liebe, Heilige kamen und ließen sie ihrer Einkehr teilhaftig werden, +Gelehrte schenkten ihr die Früchte ihres Forschens, edle Menschen +beglückten sie mit Zuversicht. Sie erlebte, als er sprach, wieder den +Aufgang ihrer Gefühle über ihre Körperlichkeit wie in den Kinderjahren, +wo ihr war, als flöge sie ins Weite, wie dann in den Nächten, da sie in +den Schauern der Liebeslust sich hingegeben fühlte einer Unendlichkeit. +Und alle Trostlosigkeit und Unwiederbringlichkeit, alle Anklage war +gefallen. Sie richtete nun nicht mehr und sie wurde nicht gerichtet. +Nicht ob ihrer Hingabe an Va, ob ihres Spieles mit jenem Jüngling, nicht +um ihrer sinnlichen Träume, die nun mit ihrer Liebe zu Givo verschmolzen +waren! Und als er schwieg und sie im Blick zu sich zog in all seiner +Liebe, sagte sie leise, ganz leise: »Mir ist so wunderbar. Hab' Dank.« +Und von diesem Augenblick an sagte sie du zu ihm wie im Gebet zu Gott. + +Mit vollem Vertrauen war sie auch in Celias Asyl getreten wie an der +Hand eines Engels und sie verlebte da den ersten Abend der Ruhe und des +furchtlosen Vertrauens in das Leben, das nicht mehr wie eine unheimliche +und verführerische Drohung sich auftat. Aber die Nacht rief sie zurück +in ihr früheres Leben, ihr Traumzustand griff wirr in das Chaos von +Vergangenheit und Zukunft. + +Als Arabella auf ihr Zimmer gegangen war, saß Givo mit Celia beim Tee im +Bücherzimmer, einem Raum edler Wohnlichkeit, während die Kinder mit Anna +im Saal mit Gesellschaftspielen sich unterhielten. + +»Und du willst auch an ihr wieder vorübergehen, obwohl du jetzt schon +schmerzlich dein Entgleiten vorausfühlst, auch an diesem Mädchen, das +dir teuerer ist als dir andere waren?« sagte Celia mit schmerzlichem +Vorwurf. + +»Gerade sie darf ich nicht halten,« sagte Givo, »weil so seltsam und +unentwirrbar fein die Fäden ihres Wesens sind.« + +»Du mußt sie stärker machen,« erwiderte Celia. + +»Damit ich sie doch dann zerreißen muß?« + +»Lehrst du nicht selbst, der Zukunft unbesorgt zu sein?« + +»Nicht meine Zukunft fürchte ich, nicht mein Leiden oder Unterliegen, +sondern das ihre.« + +»Du vergißt, wie selbstlos Frauen in ihrem Glück sind.« + +»Und wie undankbar oft, denn ihr Genuß ist nicht der Genuß selbst, es +ist das Lieben und höret nimmer auf.« + +»Das macht uns ja so stark in der Liebe, daß wir doppelt gebunden sind, +an sie selbst und an ihren Gegenstand. Und gerade unsere Ausdauer läßt +sie Kränkungen und Zurücksetzungen überleben.« + +»Aber es wird dann oft Haß aus ihr: eine andere Form der Liebe. Haß für +den, der sie leichthin genoß, und wenn nicht Verbitterung, Liebe den +Leidenden der Mehrheit.« + +»Vergiß nicht, daß dieses Mädchen sehr jung ist. Deine Mutter mag +anderer Meinung werden, du selbst zu eigenem Wählenmüssen reifen. Und +wird es, wie du voraussiehst, mußt du sie lassen, so liegt noch das +Leben vor ihr verklärt durch dich. Sie ist ja so jung, so köstlich +jung.« + +»Eine Frau ist so alt, Celia, als sie zu lieben und zu wissen begann um +die Liebe. Deshalb bist du so jung, Celia, weil du an Jahren schon +Mutter hättest sein können, als du erst wissend wardst.« + +»Jung mit grauen Haaren,« sagte Celia. »Um so stärker erleben wir die +Liebe, wenn sie spät kommt. Aber wie immer wir sie erfahren, sie muß uns +willkommen sein. Wir dürfen nicht wägen und wehren. Auch du nicht, Givo, +wenn du auch deinen vorgeschriebenen Weg hast, deinen Weg der wissenden +Hilfe. Muß er sich denn nicht behaupten gegen alle Proben, dein Weg der +Liebe, auch gegen die Liebe? Und sieh, dies Mädchen ist Wachs unter +deinen Händen. Ihr Blick hing an dir wie an einem einzigen Heil. Wir +Frauen erkennen dergleichen. Da gibt es keine Verstellung. Du kannst aus +ihr vielleicht die beste Frau erwecken. Deine Liebe könnte die Seele, +die du mir anvertraust, im guten Feuer stählen und groß machen. Im Glück +könnte sie reifen, an deiner Sonne köstlich werden. Nur im Glück, Givo, +nicht in entsagender Sehnsucht. Die macht milde zuweilen, manchmal böse +auch, aber immer schwächt sie und wirft uns aus den Reihen der +Lebendigen.« Celias Stimme erhob sich zu heißer Klage. »Wehe der Frau, +der am Verlorenen ihr Herz hinblutet, wehe der Lebendig-Begrabenen, die +unfruchtbar liebt!« + +Givo erschrak. Er nahm Celias Hand. »Unfruchtbar, Liebe?« fragte er +leise besorgt. »Gibt es denn unfruchtbare Liebe? Verwandelt sie sich +nicht bei den wahrhaftigen Seelen in tausendfältiges Lieben?« + +»Ja,« sagte Celia und drückte seine Hand, wie in einem Versprechen. »Der +Mehrheit, wie du vorhin sagtest. Aber diese Verwandlung ist eine +leidvolle Maske, die wir schließlich für unser wahres Gesicht halten +müssen. Verschon' dies Kind, wenn dein Herz ihm warm ist. Und sei +gewarnt, Imanuel, daß deine Fügsamkeit sich nicht in Selbstsucht wandle, +deine Freiheit zu behalten.« + +Es klopfte leise. Anna fragte, ob Felix Blanc eintreten dürfe. Er wäre +so erfreut gewesen von Givos Anwesenheit zu erfahren, als er eben, von +einem Kranken kommend, seiner Braut Guten Abend sagen wollte. Blanc war +längst Mitglied des »Sozialen Dienstes« und ein Freund Givos. Es war +Zeit, die Kinder zur Ruhe zu schicken. Cecile, Givo, Anna und Felix +saßen noch lange beisammen. + + + + + Die erste Nacht + + +Indessen huschte Helene zu ihrer neuen Zimmergenossin. »Oh, ich weckte +Sie,« rief sie, als Arabella sich aufrichtete. + +»Nein, ich schlief nicht.« + +»Ich habe mich schon so sehr auf dich gefreut,« sagte das liebliche +Mädchen. »Ich darf doch du sagen, wir sagen hier alle einander du. Am +liebsten hätte ich mich leise davon gemacht, als wir zu spielen +begannen. Wie schön du aussiehst in dem weißen Gewand!« + +»Und du hast so schöne blauschwarze Haare,« sagte Arabella und +streichelte Helene. Die beiden Mädchen schritten zaghaft aufeinander zu +wie zwei Täubchen, die aneinander Gefallen finden und sich leise mit +ihren Schwingen berühren wollen. + +»Du duftest,« sagte Helene und öffnete ihre feinen Nüstern. »Hast du +gebadet? Du mußt eine ganz feine fremdartige Seife haben. Darf ich dir +nun auspacken helfen, damit deine Sachen nicht gedrückt bleiben über +Nacht? Oder bist du zu müde?« + +»Nein, ich bin schon ausgeruht, Helene; nicht wahr, du bist Helene?« + +»Daß du dir meinen Namen gemerkt hast!« sagte Helene erfreut. Sie kniete +vor Vögelchens Koffer und reichte ihr die Sachen hin. »Oh, so schöne +Kleider hast du und die Wäsche, wie fein! Mama hat auch so schöne +Wäsche. Wirst du das alles tragen, werde ich dich in all dem sehen und +dir immer helfen dürfen?« + +»Mein großer Koffer kommt noch,« sagte Vögelchen ein wenig traurig. Sie +dachte an die vielen schönen kostbaren Sachen einer kleinen Weltdame, +die sie nun nutzlos besaß, und auf einmal stand Va vor ihr, der sie so +fürstlich beschenkt hatte. Sie fühlte wieder seine Zärtlichkeit, +verdrängte Bilder stiegen in ihr auf und trieben ihr heiße Röte in die +Wangen. Und der Abschied! Va hatte gescherzt und alles nur als vorläufig +betrachtet. Er haßte Sentimentalitäten. Von jeher hatte er Leidgefühle +zurückgedrängt und die erstarrten Tränen hatten in seinen Leidenschaften +Erlösung gesucht. Er würde ihr vorläufig nicht schreiben, denn das +allein bedeutete Trennung, wenn sie von einander ganz frei wären, eine +Zeitlang. Und die Trennung wäre ja nun einmal unter gemeinsamem +Einverständnis beschlossen. Wie war das nur möglich gewesen! Dann hatte +er sie geküßt unter Scherzen und liebevoller Peinigung, bis sie sich ihm +lachend entwunden, weil Givos Wagen eben vorfuhr. Angele von Twede war +auch gekommen. Und es war Vögelchen, als wäre die schöne Frau eine Fee, +die alles mildern und schmerzlos machen konnte. Man blieb heiter bis zur +Abfahrt. + +»Denkst du an zu Hause?« fragte Helene in Vögelchens Sinnen. »Hier ist +es sehr schön bei Tante Celia. Du mußt nicht bange sein. Ach, wenn man +doch nur ganz brav sein könnte, um es ihr zu danken. Sie ist so gut! +Aber ich -- -- ich kann mich nicht beherrschen -- -- Vielleicht werde +ich jetzt anders, weil du hier bist.« + +Vögelchen freute sich der neuen Freundschaft. Sie packten aus und +ordneten ein. Dann entkleidete und wusch sich Helene. Arabella half ihr. +Sie küßten sich. Auf der Stiege erschollen Stimmen. + +»Nun geht Herr Givo auf sein Zimmer.« + +Vögelchen steckte den Kopf zur Türe hinaus und sah, wie eine der Mägde +Givo die Treppe zur Turmzimmertüre hinaufleuchtete. »Gute Nacht!« rief +sie durch den Spalt. + +»Gute Nacht, mein gutes Kind,« rief er von seiner Türschwelle zu ihr +hinab. + +Helene lag schon in ihrem Bette. »Ich kam mit Großpapa,« sagte sie, +ihres Einzuges in Asyl Gloriot gedenkend. »Großpapa ist tot.« + +»Und deine Eltern?« fragte Vögelchen. + +»Mama hat geheiratet, aber der Mann ist fort. Papa kannte ich nicht. Als +Großmama starb, kam ich hierher. Mama ist jetzt Schauspielerin. Morgen +zeig' ich dir ihr Bild. Nun gute Nacht, schlaf wohl und sei glücklich +hier. Ich werde dich lieb haben.« Vögelchen setzte sich an Helenes Bett, +ließ die weichen, blauschwarzen Ringeln durch ihre Fingerchen gleiten, +nahm das blasse Gesichtchen zwischen ihre Hände und küßte es. + +»Ich will dich auch lieb haben, Helene.« Dann löschte sie das Licht und +legte sich zur Ruhe. Bald schlief Helene fest und tief, wie Kinder +schlafen. Vögelchen aber lag im Traum. + +In einem Muschelwagen fuhr sie durch die Länder -- Wiesen und Meere -- +und am Ende der Welt erglänzte ein Licht, es kam näher. Da stand Givo +vor ihr. »Ich bin König des Morgenlands,« sagte er. »Willst du ein Stern +sein an meinem Himmel, der die Welten durchleuchtet? Mein Himmel ist der +Mantel, der mich umhüllt, er ist mit Augen bestirnt und durchwirkt von +Mondstrahlen. Dein Stern soll an meinem Herzen liegen und so hell +erstrahlen, daß die Menschen es weithin sehen in ihrer Finsternis. +Später, wenn unsere Arbeit getan ist, wirst du meine Braut sein. Jetzt +wollen wir es einander geloben, Braut und Bräutigam zu sein. Niemand +soll es erfahren, weil du nur ein Vögelchen bist, nur ein fliegender +Stern im Äther, der nun an meiner Brust wohnt. Vor dem lieben Gott aber +sollst du meine Frau sein, Arabella.« Vögelchen richtete sich auf. Aus +dem Fensterrahmen blickten zwei bleiche Vierecke sie an. In milchigem +Glanz lag draußen die Nacht. Sie starrte hinaus und mählich erlosch das +bleiche Licht und die Fenster waren nur mehr zwei schwarze Löcher +Finsternis. Wenn es nicht wahr wäre, wenn er wieder ginge, wenn er ins +Ausland reiste, wie er oft zu tun pflegte und sie allein zurückließe! +Nein, sie war nicht allein, sie war unter freundlich klugen Menschen. +Und sie konnte ja zu Va zurückkehren! Ob Angele von Twede immer bei ihm +bleiben würde? Ob die nun seine Frau war, wie sie selbst es gewesen? +Hatte man sie deshalb hierher gebracht? Hier waren alle Verlassenen und +Cecile Gloriot ihre Mutter. Aber sie war ja ohne Mutter aufgewachsen und +hatte nicht Sehnsucht nach einer Mutter. Va hatte ihr alle Menschen +genommen, die sie liebten: die alte Amme, Urbacher, Konrad. Würde Va +selbst nun nicht mehr schützend zu ihr stehen und ihr gehören? Hatte er +sie verlassen, brachte Givo sie zu den verlassenen Kindern, weil sie +selbst auch eines war? Die schwarzen Löcher Finsternis starrten sie an +wie erloschene Augen, wie ihre eigene Angst blickten sie ihr entgegen. +Da fiel ihr ein, wie Givo ihr die Qual genommen, sündig zu sein, wie +sein Blick sie heilte und beruhigte, sein Wort sie rettete. Er würde ihr +auch diese Furcht nehmen, die aus der Finsternis starrte. Mit einem Satz +war sie aus dem Bett gesprungen. Helene schlief. Schon war sie draußen +auf dem kalten Flur, huschte die Stiegen hinauf zur Türe, hinter der sie +Givo hatte verschwinden sehen. Ach, durfte sie ihn wecken, ihn +erschrecken? Sie stand, horchte und ihre Hand lag auf der Klinke und +drückte. Da stand sie auch schon im Zimmer. Es war ganz finster, sie +wagte nicht weiterzugeben, aus Furcht an ein Möbel zu stoßen, ihn +unsanft zu wecken. Sein Atem war nicht hörbar, der Raum war groß. Im +Kamin war noch ein verlöschender Schein der Glut. Nun sah sie die +Fenster, sie gewöhnte sich an die Finsternis. Sachte schlich sie +vorwärts. Da regte er sich im Schlafe, ganz leise seufzte er und wandte +sich. Stille. Vögelchen hatte ihr Leid vergessen. Sie war bei ihm. Ihre +Beseligung strömte ihm zu, schwebte um ihn wie warmer Flügelschlag. Er +fühlte ihre Nähe, sein Auge, kundig im Finstern zu forschen, erblickte +sie. + +»Bist du's, Kind?« fragte er. + +Sie erschauerte und kam näher. »War dir bange?« fragte er. »Warum kommst +du? Willst du mir die Hand geben und dann wieder in dein Zimmer gehen?« + +»Ich fürchtete mich und ich fürchtete auch, du würdest des Morgens +zeitig fortfahren ohne mich zu sehen.« + +»Das konntest du glauben, Vögelchen?« + +»Ich fürchte mich nicht mehr, selbst wenn alles wahr wäre.« + +»Was wahr wäre?« + +»Daß ich nun eine Verlassene bin.« + +»Nein, sieh, das dachte ich nicht, daß du dich als eine Verlassene +fühlen könntest, weil es hier Kinder gibt, die einmal verlassen waren. +Du aber bist es nicht.« + +»Doch, ich glaube, Va hat mich verlassen. Er ist ja nicht mein Vater, er +nimmt eine andere Frau und ich habe keine Wohnung mehr bei ihm.« + +Sollte er sie vertrösten? Würde denn Mannsthal nicht mehr nach ihr +verlangen? Er wußte es nicht. Er konnte nichts versprechen. »Und ich, +Vögelchen?« sagte er. + +»Du?« rief sie in tiefem Gefühl. »Wie darf ich denn das, wie darf ich +mich zu dir zählen? Wie darf ich denn dir gehören?« + +Givo wußte, in diesem Augenblick schmiedete sich Arabellas Schicksal. +Nahm er sie in sein Leben auf, so blieb sie heil an Körper und Seele, +aber am Ende ihrer Gemeinschaft stand ein Schmerz, der war so groß wie +ihr Glück, und er wußte nicht, ob sie es bestünde. Schob er sie aber +leise begütigend in die Ungewißheit einer zerspalteten Zukunft, würde +sie dann ihre erwachende Seele behaupten gegen Verführung und +Anfechtung? Würde Cecile, so groß und rein ihr bildender Wille war, die +leidenschaftliche Naturgewalt, die in diesem kindhaften Weibe lebte, +meistern können, bis sie selbst sie zu besiegen Kraft fand oder um so +wilder sie entfesselte? Nein. Cecile selbst hatte es ihm gesagt: +Verschone das Kind. Nur im Glück wird seine Seele reifen. + +»Fühlst du denn nicht, daß ich dich lieb habe?« sagte er. »Du, die den +Flug der Wolken, den Ruf der Vögel, die Stimme der Ewigkeiten begreift? +Und wehrte ich mich dich zu lieben, ich betröge mich. Ich muß dich +halten, Kind. Es muß wohl so sein. Und nun will ich es auch so. Ich +komme wieder, bald komme ich wieder. Ich komme immer wieder zu dir.« + +Sie hielt seine Hand, sie drückte sie, unfähig zu erwidern. + +»Aber nun geh, Kind, du frierst, geh, bitte. Du sollst nicht hier sein +zur Nacht.« + +Vögelchen beugte sich zu ihm, sie umschlang seinen Hals. Sie suchte +seine Lippen. Wie ein Hauch aus Wunder gewoben streifte ihr Atem seine +Wange. Nun küßte sie ihn. Mit Worten konnte sie nicht Antwort sagen. Wie +lange hatte er nicht einen jungen Mund an dem seinen gefühlt! Er hatte +es selbst nicht gewußt, seit Wochen schon, seitdem er ihrer in +Zärtlichkeit gedachte, hatte er keine andere Frau in seinen Armen +gehalten. Ganz absichtlos war es unterblieben. Nun fühlte er es, nun +reifte die grausame süße Frucht seiner Enthaltsamkeit. Nun war er ihr +Beschützer nicht mehr. Und ihr Kuß, der bis in die Wurzeln seiner Sinne +brannte, es war nicht der Kuß eines Kindes. Er flehte: »Geh, geh!« Es +war, als hörte sie nicht, als schliefe sie, als wären ihre Küsse die +einer Träumenden. Ihre wundersam zarten Formen, wie sie sich +anzuschmiegen verstand, wie sie zu vergehen schien! Sie war ganz Körper +und doch war ihre Zärtlichkeit körperlos, ganz Seele, und doch schien +ihre Umarmung die einer seelenlosen Nachtelfe, des Weibes, das nicht +Name hat und Zeit. Ihm war, er müsse sie zerreißen, sie vernichten in +seinem aufglühenden Feuer. Da ermannte er sich, trug sie in seinen +Armen, oh, wie sie, die Kundige, jetzt seine begehrende Kraft erkannte! +Aber willenlos war sie seinem Willen untertan, auch dem entsagenden. Und +sein Überwille trug sie vor die Türe, sachte die Stufen hinab. Mit einem +Kuß, tief in ihre Lippen gesenkt, dem ersten und letzten dieser Nacht, +ließ er sie vor ihrem Zimmer aus seinen Armen gleiten. + + + + + Hedwig an Konrad + + +»Lieber Kon, da Du nun wieder auf möglichen Wegen gehst, muß ich Dich +doch recht fest an den Ohren nehmen. Sag', Junge, hast Du ein Recht, +Dein Leben den Schweinen zum Fraße hinzuwerfen, Du, der Du die Lehren +des heiligen Augustin predigst, daß jeder den Gott in sich trägt, jeder +ein Teilchen Gott ist? Nun, Gott wird sich bedanken für Dein Teilchen, +wenn Du es ihm nun nicht reinwäscht und rein erhältst. Du weißt, Kon, +ich hab' geschwiegen, solange Du bedrängt warst, hab' nur geraten, +ohnmächtig aus der Ferne, nicht gescholten. Wie hätte ich Dir denn eine +Stütze sein können, wenn ich sie Dir unter dem Arme weggezogen hätte, um +Dich damit zu schlagen? Aber sieh Dich vor, Kon, Du weißt selbst nicht, +wie tief der Abgrund war, an dessen Ufern Du einhergingst. Ich weiß es, +Kon, denn im Elend durchmißt man alle Tiefen der anderen. Auch Du wirst +später schaudernd an diesen Abgrund denken. Enttäusche die Menschen +nicht, die Dir geholfen haben, erwarte nicht das Unmögliche, daß sie Dir +endlos helfen. Die Wohltätigkeit, sei sie noch so persönlich gemeint, +ist demütigend und erkaltet, wenn sie sich blamiert. Sie hat nicht die +Ausdauer einer freundschaftlichen Hilfe, sie ist wie der Zahnarzt, der +keine Geduld hat, wenn in seinem Wartezimmer sich die Patienten drängen. +Nütz' Deine Zeit, Koni. + +Ich streu mir heißblühenden Mohn in meinen Werktagsacker. Ein Wind +verweht ihn. Ich wein' ihm nicht nach. Der Kleine hat den Scharlach +gehabt. Ich wollte es Dir nicht schreiben, damit Du nicht eine Sorge +dazu hast. Selma hat es erfahren. Da ist sie eines Abends gekommen. Und +nun ist es, als wäre sie täglich bei mir, obwohl ich ihr das Versprechen +abgenommen habe nicht wieder zu kommen. Es brächte ihr Gewissenskämpfe. +Grüße Deine Freundin Jeanne. Sag' ihr, Arbeit und ein Kind helfen den +Traum »Mann« ersetzen, nicht seine Wirklichkeit. Ich helfe mir mit +Episoden, das aber sag' ihr nicht. Ihnen ist nicht jede Frau gewachsen. +Die Eltern sind gesund. Denk auch an sie, Kon. Käme doch über uns alle +Licht und Segen. Der meine ist bei Dir. Mach' keine Sorgen mehr Deiner +treuen + + Hedwig.« + +Er schämte sich, er schämte sich so sehr und das trieb ihn an, seine +Eigenart besonders auszuspielen, damit man nur ja nicht merke, wie +übervoll der Liebe er war, der Dankbarkeit und Reue. Gerade deshalb +wollte er hart und streng erscheinen. Der Kreis der zu Rettenden bei +Frau Calou wurde ihm bald lieb und vertraut und er wollte gern ihr +Prediger werden, ihr Tröster. Heimlich hielt er sich für einen +Nachkommen der Therapeuten, die sich Heilande genannt hatten und +Seelenärzte gewesen waren. Jeanne Mercier war die erste, die er sich für +seine Wirksamkeit auserkoren. Es war ja ein ganz banaler Fall, eine +verlassene Geliebte, aber er spürte, da war ein ganzer Mensch. Jeanne +hatte nicht von der Pariser Einrichtung Gebrauch gemacht ihr Kind auf +die Drehlade des Findelhauses zu legen und frei wieder ihres Weges zu +gehen. Warum? Aus Trotz, aus Liebe zu dem Manne, aus Mutterliebe? Nein, +sie trotzte nicht, sie dachte nur nicht daran, sich dem Verführer mit +seinem Kind im Arm in den Weg zu stellen. War er nicht unschuldig wie +sie an dem Werk der Natur, das aus einem Vergnügen lebenslängliche +Pflichten und einen Weg ins Ewige folgert? Sie dachte an den Mann mit +Wehmut und mit dem leisen Schauer des Wunders, daß er ihren Leib +fruchtbar gemacht, und sie hatte das Kind auf sich genommen, weil es +hilflos war und sie sich scheute, nun allein zu bleiben. Sie gehörte +nicht zu den Leichtblütigen und fürchtete fortan den Mann. Darum behielt +sie das Kind und leistete Übermenschliches, um es zu behalten. Nein, sie +wollte nicht eine Ausgestoßene sein in der Heimat der Liebe, ein +Schatten nur der Mutter, zu der sie erwählt worden war. Sie wollte sich +mit dieser Gnade bekleiden wie mit dem einzigen Festkleid, das ihr das +Leben verliehen. Und Konrad fühlte sich zu ihr hingezogen um Hedwigs +willen und weil er sah, daß sie das Kind nicht behielt, um den Mann an +sich zu zwingen oder eine Märtyrerin zu scheinen wie andere. Sie tat das +Natürliche ihrer Bestimmung, obgleich es unnatürlich schien der +Gesellschaft zu trotzen, die Ehelichkeit fordert und kein Erbarmen hat +mit Gesetzesstörern. So war ihr Konrad mit Ehrfurcht genaht und hatte +der schüchternen jungen Frau eine Sicherheit zurückgegeben, die ihr +Stärke und Lebensfreude bedeutete. Der anderen Genossen Schicksal war +ihm fremder als das Jeannes. Er scheute jede Frage, um selbst ungefragt +zu bleiben. Es kam der Sonntag, an dem er seinen Vortrag halten sollte. +Er nannte ihn »Vai, das Vermischen«. Er, der vor wenigen Wochen bald +Zuhälter, bald Messerputzer in einem Dirnenwirtshaus gewesen, weihte die +Tischgenossen ein in die Lehren der persischen Religion. Er sprach ihnen +von Ormuzd, dem Licht, dem Gott der Verklärung und von Ahriman, dem Gott +der Weltlichkeit und Dunkelheiten. Er wies ihnen das Wesentliche des +persischen Glaubens, Vai, die Vermischung, die Versöhnung des Dunklen im +Triebleben und der geistig erkennenden Welt. Aber er ließ es sich nicht +genügen, schlicht aus der eigenen Herzensnot zu sprechen, die auch jene +seiner Genossen gewesen sein mochte, der Kampf um das Licht des +Erkennens. Ihm saß das Polemisieren zu sehr im Fleische, als daß er +nicht jede Gelegenheit wahrgenommen hätte, um möglichst vielen Menschen +eben das zu sagen, was gerade seine geistige Streitbarkeit reizte. Er +hatte in der Bibliotheque ein Büchlein über Amalrich von Bena +aufgestöbert, der um 1200 n. Chr. Lehrer zu Paris gewesen, und darin ein +Wort gefunden, das ihn erschütterte. + +_Quod in charitate constitutis nullum peccatum imputetur_ (den in der +Liebe Verharrenden werden keine Sünden zugezählt). Der über jenen +Lichtsucher Amalrich schrieb, Konrad fühlte das erschauernd, mußte einer +von den großen Erkennern sein. Eine geheime Lehre der Liebe, die ihre +Wege in die verworrenste Vergangenheit hat, leuchtete wie unterirdisch +heiliges Gold unter dem Kristall der Worte und berauschte wie +Himmelstrank. Konrad fühlte, wie ihm die kalte Betrachtung benommen war, +wie seine eigene Heilgabe schal wurde und wirkungslos. Noch war sein +Besinnen ganz in Gärung und Wachstum, sein geistiger Organismus +verlangte selbsthafte Entwicklung. Hier gab es für ihn nur ein Hinknien +und Sichselbstaufgeben oder Rettung im Widerspruche, den Fehdehandschuh, +die eigene Kraft zu versuchen. Den warf er diesem Dichtergelehrten hin, +der Givo war. Ja, Givo, seinem unbekannten Wohltäter. + +Unter den »Geretteten« war auch ein junger Mathematiker, der im +Observatoire arbeitete. Tagsdarauf erzählte er dort von dem Vortrag, der +außerordentlich gewesen wäre, wenn er nicht mit einem läppisch frechen +Angriff auf Imanuel Givos Lehre geschlossen hätte. Givo erfuhr davon. +Gerade unter den Geretteten wünschte er sich Freunde. Sie ahnten dort +nichts von seiner Hilfe an ihrem Lebensunterhalt. Warum wütete dieser +Jüngling gegen ihn? Wenige Tage später erhielt er die Anfrage, ob er die +unter anderem an Student Kruger gewährte Unterstützung, die in der +folgenden Woche ablaufe, fortzusetzen gedenke. Er gewährte sie für zwei +weitere Monate. Der Gefährdete und der Widersacher, sie waren ihm nicht +ein und derselbe. Bald darauf erhielt Konrad einen Brief von Givo, in +dem dieser ihn Bruder nannte und ihn an die Worte Thomas von Kempens +erinnerte: daß es ein groß Ding um die Liebe sei, weil sie allein alles +Ungleiche mit gleichem Mut dulde. Konrad empfand Abscheu vor sich +selbst. Die Umkehrungen seines Wesens folterten ihn. War es nicht Hohn, +daß er, der lügenhafte Lästerer, über »Vai, die Vermischung« sprach, daß +er die Klärung des göttlichen Lichtes pries, da er selbst allen Dämonen +verfallen war? War es nicht würdiger und wahrer und ihm gemäßer, +Messerputzer zu sein oder Zuhälter? Er blieb zwei Tage fern dem +Mittagstisch der Frau Calou. In diesen Stunden des Selbstkampfes +beschwor er Vögelchens Bild und setzte sich hin, ihr zu schreiben, +wiewohl es ihm verboten war sich abermals ihr zu nähern. Er wünschte sie +in die Heimat zurück, denn er selbst begann sich nach ihr zu sehnen, +nicht nach dem Vaterhaus, aber nach den heimischen Lauten, der +vertrauten Landschaft. Und vor allem nach etwas Ehrbarkeit sehnte er +sich. Aber gerade dieser Sehnsucht schämte er sich. Als er sich +Vögelchen nun gegenüber befand, indem er ihr schrieb, hatte er +vergessen, daß sie an jenem Abend vor ihm geflohen war. Auch ahnte er +nicht, daß sie von seinem und Camills Plan gewußt. Er sah Ariel wie +vordem und wunderte sich, daß er nun nicht wußte, wo Ariels weltlicher +Wohnsitz war. Wenn er zu Marguerite ginge und seine Liebessehnsucht so +recht eindringlich ihr schilderte, vielleicht würde sie wieder wie +damals sich aufmachen, Vögelchens Aufenthalt auszuspähen. Er war drei +Wochen lang nicht bei Marguerite gewesen, da er die Sonntage mit Jeanne +und ihrem Kleinen verbracht hatte, aber er war gewiß freundlich +aufgenommen zu werden, denn Marguerite schätzte das Seltene und +Ungewisse. Zu seiner Überraschung fand er das Zimmer der benachbarten +Wohnung dem der Aupin angeschlossen und in diesem ihm fremden Raum saß +Camill Custove in mangelhafter Bekleidung mit Marguerite vor Büchern und +Heften. Er war im Begriff das Mädchen im Deutschen zu unterrichten. »Ich +wandere aus,« sagte Marguerite. »Dein Freund nimmt mich mit nach +Österreich. Er sagt, ich würde dort als Gouvernante in feinen Familien +mein Glück machen.« + +»Du willst junge Mädchen erziehen?« fragte Konrad und lächelte +schmerzlich. Camill wollte sich diskret zurückziehen, aber Konrad wehrte +ab. »Ich wollte nur fragen, ob ihr --« Nun brachte er es nicht heraus, +Vögelchens Namen zu nennen, hier vor Marguerite, der Dirne und +zukünftigen Erzieherin und ihrem neuesten Liebhaber, dem Trunkenbold und +Diebsgesellen Custove. »Was wolltest du fragen, mein Sohn? A propos, +dein Liebchen sitzt im Kloster, Asyl Gloriot heißt die Klause, im +Departement X, nahe von Chaly. Willst du sie nicht holen gehen und mit +uns nach Hause fahren? Der Finderlohn wird dir über die ersten Sorgen +hinweghelfen. Die Fahrt schieß ich dir vor.« + +Konrad wehrte mit wortloser Geste dem Redeschwall. Nun rückte Marguerite +nahe an ihn heran, legte den Arm um seine Schulter, kniff ihn ermunternd +in den Arm und sagte: »Wer weiß, wie sie dort schmachtet, die Ärmste! +Ach, solch ein Täubchen! Sie war voll Zärtlichkeit für dich. Sieh, Geld +hat sie mir noch, ehe man sie fortbrachte, aus ihrer armen kleinen +Sparbüchse für dich gegeben. Ich bin selbst arm, hatte sie gesagt. Mir +sind die Tränen gekommen. Am liebsten hätte ich ihr statt das Geschenk +zu nehmen selbst etwas geschenkt.« Konrad drückte gutgläubig Marguerites +gepolstertes Händchen. Aber er stand auf, reichte wie widerwillig dem +Custove die Hand, nickte dem Mädchen traurig zu und ging wie unter der +Last seines aufquellenden Schmerzes gebückt und geduckt die Stiegen +herunter. Dieselben Stufen hatten Ariels Füßchen berührt, das +feinbeschuhte, um ihm Hilfe zu bringen. Mutig war sie zu ihm in seine +zweifelhafte Behausung gekommen. Und er sollte nun nicht die Möglichkeit +finden nach ihrem Ergehen zu fragen? Feige, nein feige war er nie +gewesen. Sein Gewissen gebot ihm den Weg, so war das Verbot seiner +Retter nichtig. Und wenn sie fort wollte, fort mit ihm, zurück in seine +Heimat, zur unbekannten Mutter? Er lief nach Hause, nahm seine Arbeit +vor, schrieb bis zum Morgengrauen und brachte vorzeitig den letzten Teil +der Abschrift fertig. Nun entschloß sich M. Tallandre, da der Kopist +sich so fleißig und pünktlich erwiesen hatte, ihm die Übersetzung der +Arbeit zu übergeben. Wenn er sie nun abwies, bekam sie ein anderer und +ein Bruch mit den Rettern war möglich. Das reichliche Honorar hingegen +würde ihm die Schritte, die er für Vögelchen unternehmen wollte, +ermöglichen. Indessen bekam er wohl auch Antwort auf seine Briefe. Ein +übriges an Fleiß gewährte ihm vielleicht einen Urlaub vor Abschluß der +umfangreichen Arbeit. War es nicht Vögelchen, um deretwillen er +Tallandre so prompt bedient hatte, war es nicht Ariel, sein Schutzgeist, +der ihm diesen reichlichen Verdienst verschafft hatte? So ging er denn +mit neuen Kräften wieder zu Frau Calou und vergaß auch die beschämende +Polemik über seiner neuen Arbeit. + + + + + Der Gatte + + +Givo traf Herrn von Twede im Foyer der Großen Oper. »Angele schreibt +Ihnen nicht? Nun, sie hatte keine Zeit. Es gab allerlei zu unterhandeln, +ehe wir einander das große Schweigen besiegelten. Ja, das hat nun schon +seit Jahren zwischen uns gedämmert. Nun gab es noch geschäftliche +Abwicklungen, der Scheidung wegen.« + +»Oh!« + +»Keine Kondolenzen, mon cher. Ich leide nicht sehr, es ist ein wenig +peinlich, alles andere ist schon durchlitten. Auch dürfte ich nicht zehn +Jahre lang Angeles Lebensgefährte gewesen sein, wenn ich mich nicht zu +dem Grundsatz bekennen würde, daß es verboten ist allzuviel zu leiden, +um nicht andere leiden zu machen. Meine Zwillingsschwester lebt jetzt +bei mir.« + +Die beiden Herren gingen noch auf und ab, als das Glockenzeichen die +Fortsetzung der Vorstellung anzeigte und das Foyer sich zu leeren +begann. + +»Sagen Sie, cher Givo,« begann Herr von Twede nach einer Pause. »Wer ist +eigentlich der zukünftige Mann Angeles? Ist es eine Persönlichkeit? Ich +fürchte für sie. Ist er nicht ein Viveur?« + +Givo sagte mit milder, trauriger Stimme und voll Herzlichkeit: »Fürchten +Sie nichts für Angele. Sie sucht die großen Aufgaben. Wären Sie weniger +unfehlbar gewesen, sie hätte Sie niemals verlassen.« + +»Ich liebe es nicht, wenn Frauen Berufe haben,« erwiderte ablenkend Herr +von Twede, »selbst Angeles, Liebe und Heilung zu sein, hat mich immer +peinlich berührt. Ich weiß, sie hatte kein Wirkungsfeld bei mir.« Und +nach einer Pause des Nachsinnens, in die beim Öffnen einer Türe von der +Bühne her ein wehmütiges Aufschluchzen einer schmetternden Sopranstimme +klang, sagte der hochgewachsene, weißblonde Herr: »Das aber war es, was +sie mir einst geneigt machte. Wie seltsam die Wege des Lebens sind!« + +»Bleiben Sie ihr gut,« wollte Givo sagen. Aber Herr von Twede kam ihm +zuvor. + +»Ich werde sie nun auch verehren können wie Ihr alle, jetzt, wo ich +keine Rechte mehr habe. Rechte setzen einen immer ins Unrecht auch vor +demjenigen, von dem wir sie zu erwarten haben. Nun treten wir ein. Meine +Schwester erwartet mich. Wollen Sie ihr Guten Abend sagen?« + + + + + Unheil auf dem Wege + + +Der Frühling hatte auch Celias Garten geschmückt, die Hecke ans Gitter +gedichtet und in den Beeten lichte Farben angezündet. Die Wege waren mit +Kies bestreut, Gil und Nini hatten die Paquerettes, die Gänseblümchen +aus dem seidigen Rasen gepflückt und jedes der Kleinen hatte sein Beet +bestellt. Unter der alten Linde mit der weißen Rundbank saß Arabella in +der Stille des Vormittags mit einem Buch. Nicht weit von ihr schlummerte +ihr kleiner Liebling Alphonse, warm besonnt in seinem Korbwagen. Seit +mehreren Wochen versorgte sie tagsüber das neun Monate alte Kindchen, +das seine Amme plötzlich hatte verlassen müssen. Sie selbst hatte es +entwöhnt und freute sich nun seines Gedeihens. Nichts konnte ihr lieber +sein mit Ausnahme von Givos Briefen und Besuchen als der Augenblick, wo +des Kleinen Brei, sorgsam ausgekühlt, nun löffelweise in das rundlich +geöffnete Mündchen spazierte, wobei die großen dunkelblauen Augen sich +mit zärtlich ängstlicher Frage zu ihr wandten, ob denn auch der nächste +Löffel gewiß sei. Arabella gab sich Mühe, das Kind nicht durch Küsse +während dieser heiligen Handlung zu stören. Wenn es dann satt war, mußte +sie, so hatte Felix Blanc sie belehrt, es ganz still hinlegen, damit der +kleine Magen das Genossene ungestört verarbeiten konnte. Dann aber +schlief es. Ach, so spärlich war die Zeit, wo man es unbeschadet +liebkosen konnte! Felix Blanc war sehr oft in der Säuglingsstube, +während Alphonse von Vögelchen entwöhnt wurde. Er wurde in lange +Gespräche verwickelt, denn sie war so gründlich, daß er sie neugierig +nannte, und so pedant, daß er sie nur mehr Frau Professorin ansprach. +Wenn er bei Anna sich um ein krankes Kind erkundigte, sagte diese +lächelnd: »Die Frau Professorin wird es wohl besser wissen.« Und sie sah +dabei ihren langgewachsenen Bräutigam schalkhaft lächelnd an, als wisse +sie Bescheid um sein verhohlenes Entzücken. Vögelchen fragte Anna, warum +sie nicht Hochzeit halte mit Felix Blanc, aber Anna antwortete, daß sie +immer ein Brautpaar bleiben würden wie die heilige Cecilie und der +Römerjüngling Valerian. Arabella sann und sie fragte sich, ob denn auch +sie und Givo immer Braut und Bräutigam sein würden. Seit jener Nacht +hatte sie ihn nicht mehr aufgesucht, wenn er, was seither mehrmals +geschehen war, zu Gaste kam. Aber sie begleitete ihn, wenn er abreiste, +und sie blieben dann mehrere Stunden beisammen in sanftem Gespräch und +guter Zärtlichkeit. Nachts, wenn eine unbestimmte Sehnsucht sie befiel, +sie hütete sich, dafür Givo verantwortlich zu machen, wenn sie dann in +ihrem Bette sich regte oder gar ans Fenster ging, war sie gewiß Helenes +leises Rufen zu vernehmen und dann fühlte sie sich von schlanken Armen +umschlungen und eng aneinander geschmiegt schlummerten dann beide +Mädchen ein. »Nur nicht allein sein mit seiner Sehnsucht,« sagte Helene, +die ihr kleines Laster aufgegeben hatte, seitdem Arabella bei ihr +wohnte. Während dieser Zeit waren zahlreiche Briefe Konrad Krugers an +Vögelchen eingelaufen. Celia zeigte sie Givo, der die Schrift erkannte +und entschied, daß sie Arabella nicht ausgefolgt würden. Er sandte sie +uneröffnet an Konrad zurück. Er bat ihn zu sich. Er wollte ihn fragen, +was er bei Arabella zu erreichen gedenke, er wollte ihre Ruhe ihm ans +Herz binden. Aber Konrad kam nicht. Zu dieser Zeit war er bereits nach +Chaly abgereist. Da er keine Antwort bekommen hatte, vermutete er, daß +seine Briefe nicht bis zu Vögelchen gelangt waren. Er hatte in sie sein +Bestes ausgeströmt, sie hätten nicht nur Vergebung erlangt, sondern +Vögelchens warme Teilnahme erweckt. So entschloß er sich, von Tallandre +Urlaub zu erbitten und ein Äußerstes einzusetzen, um Arabella auf sich +aufmerksam zu machen. Er betrog seine Wohltäter, aber er beruhigte sich +damit, daß er ja auch jener Frau und Mutter über Vögelchens Verbleiben +Rechenschaft schuldig sei. Wie ein Flug ins Freie nach dunkler +Umkerkerung erschien ihm die Reise in den strahlenden Frühsommer, die +ihn in Vögelchens Nähe führen sollte. Die geliebten Chalets der Pariser +erschienen ihm rührend bescheiden wie kindische Baukastenspielerei gegen +die Landhäuser zu Hause, von denen jedes eine kleine Welt für sich war. +Wie wenig ausgenützt war dort der Grund, sorglos nur dem Lustwandeln +geweiht, während hier jeder Bahndamm genutzt zur Anpflanzung, zur +Kaninchenzucht jeder Bretterverschlag, jedes Haus umrankt war von +Obstbäumen und Rebe. Er erinnerte sich der Spaziergänge mit dem Vater an +den Geländen der Stadt, wo schon einsame Landschaft sich aufschloß, +wußte von einem Abend längs der Mauer des kaiserlichen Tiergartens, wo +sie zwischen dunkelndem Kieferwald Wiesen entdeckt hatten und häuserfern +einen von Pappeln umstandenen Teich: vorzeitliche Haine. Das Wiesel war +ihnen über den Weg geflirrt. Wie ein Erlebnis brachten sie das mit zur +Stadt, er und der Vater. Er und der Vater! Einen Augenblick starrte er +hinaus auf die fremde Landschaft. Dann quoll etwas Heißes in sein Auge, +kollerte hastig, als hätte es Eile zu verschwinden die Wange herab. +Lautlos perlte es nun durch seine vom Schreiben gekrümmten Finger, +rieselte über und unter ihnen hervor. Da ... eine fremde Hand tastete +sich zu ihm hin, legte sich begütigend auf sein Knie. Er sah sie tief +erschrocken. Eine Frauenhand war es im grauen, ehemals wohl teuren +Handschuh, der jetzt schmutzig und geflickt war. Nun kam er zu sich. Nun +würgte er es hinab, was als Knollen von Schande und Leid um +Unwiederbringliches in seinem schluchzenden Halse saß. »Es ist nichts, +es ist nichts,« sagte er und schob die Hand leise weg. Durch die Finger +der seinen, die ihn verbergen sollte, sah er die Frau ihm gegenüber. Sie +war nicht hübsch, verlebt die Haut, grob die noch jungen Züge, aber der +Blick ihrer großen, runden Augen war treuherzig wie der eines Hundes, +der bittend und teilnahmevoll auf seinen Herrn gerichtet ist. »Lachen +Sie doch lieber, lachen Sie den großen Menschen aus, der weint wie ein +Schuljunge,« sagte er. »Ich weiß selbst nicht, wie das gekommen ist, ich +dachte an meine Heimat.« + +»Nostalgie,« sagte sie mit tiefer Stimme und sie dehnte das e wie die +Schauspieler der _Comédie française_. »Nun, ich lache nicht, es gibt so +wenige Männer mit Gefühl.« Sie wäre Schmierenschauspielerin, erzählte +sie, und eben auf dem Wege zu einer neuen Anstellung. Einmal, da hatte +sie sichere Aussichten gehabt in Paris ein gutes Rollenfach an einem +zweiten Theater zu bekommen. Der Kontrakt war unterschrieben. Da war ein +Mann in ihr Leben gekommen, ein Abenteurer, der riß sie mit nach +Brasilien. Oh dort, eine Hölle war es gewesen! Dann -- als sie +zurückkam, hatte sie sich mit schlechter Provinz begnügen müssen. Aber +sie genoß Ansehen unter ihren Kollegen, denn den Kontrakt besaß sie +noch. Sie zog ihn hervor und zeigte ihn. + +Konrad stieg mit ihr aus an der Station, wo sie beide den Zug zu +wechseln hatten. Er wollte mit ihr warten und dann weiterfahren. Nun, +sie hätte auch keine Eile. Ob sie nicht das kleine Städtchen besehen +wollten? Das Gepäck konnte an der Bahn bleiben oder in die »Sonne« +geschafft werden, den kleinen Gasthof, in dem es so gemütlich sei. Sie +hatte da schon einmal übernachtet. Konrads Neugier lehnte nicht ab. +»Nun, und erzählen Sie weiter,« bat er, nachdem er dem Lohndiener die +Koffer übergeben. »Wie war das auf dem schrecklichen Schiff, mit dem Sie +abfuhren?« + +Sie sprachen die halbe Nacht und dann geschah etwas, das böse Folgen +nach sich zog. Am Morgen trennten sie sich herzlich ohne Versprechen +einander wiederzusehen, denn er fuhr südwärts, sie ostwärts und sie +sollte ein halbes Jahr in ihrer neuen Anstellung verbleiben. Ihre Züge +verwischten sich in seiner Erinnerung, bald vergaß er ihren Namen, aber +die Keime einer Krankheit, von der sie ergriffen zu sein vielleicht +selbst nicht gewußt, blieben in ihm und verheerten sein Leben. + +Noch wußte er nichts von dem Gift, das in ihm seine unheimliche +Tätigkeit entfaltete, er fuhr in Ariels Nähe und das verlöschte die +Erinnerung an diese zufällige Nacht. + +In Chaly wußte er bald Näheres über Asyl Gloriot, daß es kein Kloster +sei, daß niemals ein Geistlicher dorthin gelange. Man sei zwar fromm +dort und wohltätig, aber auf seine Art. Das Haus liege inmitten von +Feldern, weithin sei jeder sichtbar, der sich ihm nähere zu Wagen oder +zu Fuß. Nachts lagen zwei Bernhardshunde zur Wache. Konrad kaufte sich +eine schwarze Brille und eine Botanisierbüchse. Er gab sich den Anschein +Heuschrecken zu fangen und näherte sich den Feldern, die Asyl Gloriot +umfriedeten. Er kam an das Gitter, sah die Kinder, Anna, Helene mit dem +Schützling Vögelchens. Vögelchen war auf ihrem Zimmer. Sie fühlte sich +jetzt manchmal, obwohl sie aufblühte, matt und schwindelig. Felix Blanc +wunderte sich, daß sie noch nicht, wie selbst Helene, die jünger war, +zur Jungfrau gereift war. Das war wohl die Ursache ihrer Kopfschmerzen, +die noch ohne weitere Begleiterscheinungen allmonatlich bei ihr +auftraten. Ruhe allein half ihr. Konrad hatte vergeblich über das Gitter +gelugt. Ein zweites Mal kam er auf dem Wagen des Wäschers angefahren. +Den hatte er auf der Landstraße angesprochen und ihn, neugierig wie er +war, nach seinem Fahrziel gefragt. Asyl Gloriot war die Antwort. Ob er +ihn nicht aufsitzen lassen möchte um einen Franc für Hin- und Rückfahrt. +Gern; wenn er mit ihm zurückfahren wolle, müsse er auf dem Bock sitzen +bleiben, bis er die Wäsche abgeliefert. Das war ihm gerade recht. Vom +Bock aus sah er besser über die Hecke. Clothilde erschien. Sie hieß den +Wäscher den Korb vor die Türe hinsetzen, rief die Kinder herzu, jedes +nahm seine Sachen in Empfang und brachte ein Säckchen mit. Da erschien +Vögelchen an einem der Fenster, Alphonse auf dem Arm, der zärtlich sein +Köpfchen an ihre Schulter schmiegte. Sie sah rosig aus, hold in ihrem +mütterlichen Glück, umrahmt vom Fensterbogen, ein heiliges Bild. Sie +rief: »Helene, vergiß nicht meinen Zettel, ich füttere Alphi eben.« Dann +verschwand sie. Der Wäscher kam, sprang auf den Bock, zählte das Geld, +das er erhalten, rückte die Körbe zurecht und wandte den Wagen. Sie +fuhren ab. Konrads Blick rüttelte an dem dunkeln Viereck des Fensters. +»Noch einmal komm, Jungfrau Maria,« stöhnte sein Herz. Der Wagen +holperte über eine Biegung der Straße. Das Haus verschwand hinter +Bäumen. + +Bald darauf ging er zu dem Wäscher, dessen Häuschen ihm nun bekannt war. +Er legte Geld auf den Tisch und bat ihn, einen Brief in die Wäsche zu +spendeln, die mit A. M. gemärkt sei, eine feine Wäsche müsse es sein. +Der Wäscher schlug es ab. Er könne die Kundschaft verlieren. Die Frau +kam neugierig herzu, die Sache interessierte sie. Konrad sagte, dies sei +das Geheimnis einer unglücklichen Mutter, der man das Kind geraubt habe. +Er bat ihm diesen kleinen Dienst zu erweisen. Niemand würde es erfahren, +diejenige, für die der Auftrag bestimmt sei, erwarte dies Schreiben. Er +legte noch einen Franc hin, aber schon ehe er dies getan, ward schon die +Frau seine Fürsprecherin. Der Mann sah neue Schwierigkeiten. Es wären +zwei A. M. da. Er wisse so gut wie sie selbst, meinte die Frau, daß A. +M. mit dem roten Kreuze Fräulein Anna sei. Sie suchte in den +Wäschestößen, die schon wieder bereit lagen in das Asyl gebracht zu +werden, und zog eine duftige Morgenjacke hervor, die eben noch +überplättet werden sollte. »Da geben Sie Ihren Zettel, ich weiß schon +Bescheid. Sie meinen die Zarte, die immer das schwere Kind schleppt, +seit dem Herbst ist sie hier. Sagte ich Dir nicht kürzlich, daß Fräulein +Gloriot doch noch ein Kindermädchen aufnehmen sollte. Unsere Louise wäre +gerade recht.« Sie steckte geschickt das Briefchen unter die Fälbchen. +Konrad bedankte sich und ging. + +In dem Briefchen stand: + +»Ariel, mein Ariel, oh, daß Du diesen Gruß erhieltest, einen von den +vielen, die ich Dir sandte aus dunkler Zeit. Mir ward Hilfe, noch weiß +ich nicht, wer es begann. Ich bin wieder ein geistig arbeitender Mensch +mit reiner Wäsche, alles andere ist gleichgültig, wenn ich noch Deinen +Segen dazu habe. Ich habe Dich mit dem Kinde gesehen, Maria, und seither +ist Ruhe in mir. Ich wandere durch die Felder und lobsinge zu Deinem +Preise. Ariel, der Du ein Kindlein liebst, ist es nicht Zeit, daß Du +Deiner Mutter gedenkest, die mich zu Dir sandte? Sie härmt sich um Dich +seit Jahren, ohnmächtig war sie Dich Deinem Versucher zu entreißen. Ich +aber will Dich zu ihr geleiten. Vertrau Dich meiner Liebe. Komm mit mir +in die Heimat, in Dein Mutterland. Ruh aus bei Deiner Mutter von Kampf +und Krampf, gib von Deiner Sonne ihr, die Dich gebar, der Du das Licht +schuldest, das Ormuzd in sie strömte um Deinetwillen. Ich erwarte Deinen +Wink und führe Dich ihr zu. + +In Treue bin ich immerdar + + Konrad.« + + + + + Gestörter Friede + + +Arabella war mit Helene in ihrem Zimmer. Helene plauderte immerzu. Aber +nicht wie andere junge Mädchen sprachen sie von verborgenen Dingen, denn +diese erregten ihre Neugierde nicht mehr. Jenes verborgene Leben aber, +das sie kannten, hatte das andere nicht berührt, das sie mit +Altersgenossinnen gemein hatten. Auch waren sie beide schamhaft im Wort. +Sie sprachen über Blumen, Spiele, Bücher, Musik, Kleider, Ausflüge, über +Anna, Felix Blanc und über Alphi. Er hatte zwei kleine Mütter an ihnen, +die mit ihm spielten wie mit ihrer letzten Puppe. Heute sprachen sie +auch von Alphis Eltern. Seine Mutter war tot, der Vater, ein Gelehrter, +war dem jähen Schmerz geflohen. Eine Forschungsreise hielt ihn seit +Monaten fern. Er war ein Freund Givos, Tallandres jüngerer Bruder. Wenn +sie von Alphis Zukunft sprachen, wurde Vögelchens Blick ernst und +träumerisch. Helene wußte, die Freundin fühle sich gebunden, könnte auch +Alphi nichts versprechen. Helene aber wollte bei ihm bleiben, bis er ein +großer Junge war. »Mama will keine große Tochter haben. Ich bin ihr +immer im Wege. Es ist so unruhig bei ihr, meinte sie. Immer kommen +Schneiderinnen und Herren und Freundinnen, die aufgeregt sind. Ich habe +dort keinen Winkel für mich und die vielen fremden Leute sehen mich alle +neugierig an. Ich möchte bei Tante Cecile bleiben oder Gouvernante +werden. Kinder sind doch das Netteste auf der Welt.« + +»Ich möchte gern eigene haben,« sagte Arabella nachdenklich und schwieg +dann, wie immer, wenn sie an Verborgenes ihres Lebens dachte, von dem +Helene nur ein weniges ahnte. Sie nahm ein Wäschestück aus dem Kasten, +um sich damit zu bekleiden, ehe sie sich an den Frisiertisch setzte. Da +fiel etwas zur Erde. Sie bückte sich. Es war Konrads Brief. Sie besah +ihn erstaunt und las ihn erbleichend. Helene war um Alphi beschäftigt +und schenkte dem Vorgang keine Aufmerksamkeit. Erst als Vögelchen lange +schwieg, sah sie auf. + +»Helene,« sagte Arabella, »kannst Du Alphi einige Tage allein versorgen? +Ich muß verreisen. Du allein sollst es wissen. Ich werde heimlich +fahren. Man ließe mich nicht fort, wenn ich darum bitten würde. Ich will +zu meinem Stiefvater. Ich muß Aufschluß haben über, über meine -- +Mutter. Du mußt über alles schweigen. Versprich mir's, Helene.« +Vögelchen umfaßte Helene, die zu ihr geeilt war. Die beiden Mädchen +hielten sich umschlungen. Sie bebten vor Erregung. + +Nachmittags entfernte sich Arabella, nachdem sie Cecile einen Brief +zurückgelassen. Helene sah ihr angstvoll nach. In einem Päckchen hatte +sie das Nötigste für die Reise. Es war ihr, als folge sie +schlafwandlerisch einer Macht, die dies alles für sie bestimmte. Zuerst +telegraphierte sie Givo das Ziel der Reise. Dann ging sie in die +größeren Gasthöfe und fragte nach Konrad. Er war abgereist. Zehn Tage +waren vergangen, seitdem er das Briefchen zu dem Wäscher gebracht. Auf +dem Bahnhof erfuhr sie, daß Quesdon, Mannsthals Aufenthaltsort, nicht an +der Bahn liege, daß sie bis zu der zunächst liegenden Station Balogne in +Louvais den Zug zu wechseln habe. Das Warten am Bahnhof zu Chaly war +peinlich. Sie fürchtete überrascht zu werden, so ging sie bis zur +nächsten Haltestelle, eine Stunde weit. Dort hatte sie noch eine weitere +Stunde den Zug abzuwarten. Wie ungeduldig war sie! Endlich saß sie im +Wagen. Da stieg ein Geistlicher ein. Sie bat ihn um Auskunft. Er riet +ihr, in Louvais zu übernachten und früh am Morgen nach Balogne weiter zu +fahren. Ob sie sich denn nicht fürchte allein zu reisen? Er würde ihr +gern die Adresse einer frommen Herberge in Louvais geben und ein +Briefchen dazu, damit sie nicht im Gasthof übernachten müsse. Arabella +nahm dankbar an. Es war ihr, als hätte ein Schutzgeist ihr den alten +Mann gesandt, der nun mit zitternder Altmännerschrift ihr die Adresse +schrieb: »Empfohlen von Thomas Brueuil, Dechant von St. Jacques in +Trouai.« Er stieg bald wieder aus. Es war nicht anders, als ob er nur +erschienen wäre, ihr die Weisung zu geben. Es dämmerte, geisterhaft flog +draußen die Landschaft an ihr vorbei. Eine warme, süße Nacht warf ihre +Schwaden über den eilenden Zug hin, Ausstrom der reifenden Felder, die +er durchmaß. Ein Gruß ferner Welten floß in sie ein und stärkte ihre +verängstigte Kraft. Nach fünfstündiger Fahrt war sie in Louvais. Wie +Meerluft trank sich der Atem der Nacht. Sie sprach eine Frau aus den +ärmeren Klassen an, die zeigte ihr den Weg nach der Herberge. Die Stadt +lag im Mondschein gebadet. Die keine Kathedrale war wie beeist, dunkle +Schatten lagen zwischen den gothischen Mauern, in einer Glasrosette +glitzerte ein Mondstrahl und sah wie ein göttliches Auge in das +Helldunkel. Auf dem Hauptplatz plätscherte ein Brunnen, unbesorgt der +Stille, in die er sprach. Da und dort gingen noch Leute, huschten wie +Schemen vom Glast zu Dunkelheit, verschwanden in winkeligen Gassen oder +in den stillen, verschlafenen Häusern, deren Läden sich selbst dem +warmen Sommerabend verschlossen. Arabella wagte nicht mit lebendiger +Sprache eine der Schattengestalten festzuhalten, um nochmals nach Straße +und Haus zu fragen. Sie war müde und traumselig berührt vom Zauber der +schlafenden Welt. Sie fühlte noch das Kreisen der Waggonräder in den +Gliedern. Es war gut zu schreiten in der linden Stille. Sie erinnerte +sich eines Kindermärchens, eines der wenigen, die ihrer seltsamen Jugend +beschert waren, sah eine fremde Stadt, in der eine Prinzessin einen +Königssohn sucht, der verzaubert bei der Fee Conta wohnt, in einem alten +gläsernen Palast, dessen verrostete Türklinke aufschluchzt, wenn einer +sie berührt. Und nun stand sie vor einem der alten Gebäude, dessen +gewölbte Erker tiefe Schatten auf die Straße warfen und wußte, dies Haus +ist Kloster und Herberge. Nur ein schwaches Licht hinter bleichem +Vorhang kündete, daß sich noch Leben regte in dem Hause, das aus vielen +Jahrhunderten zu kommen schien. Arabella erschauerte, ihre einsame +Wanderschaft zur Nacht wurde ihr einen Augenblick zum Symbol für ihr +Leben. Nicht anders als wie eine kleine vom Wind betäubte Meise klopfte +ihr Fingerchen an die durchleuchtete Scheibe. Eine Nonne öffnete ihr, +das Antlitz von der Laterne beschienen, und sprach den frommen Gruß. +Vögelchen fühlte, wie ein musternder Blick ihre modische Kleidung +streifte. Wie zur Gegenwehr streckte sie den Zettel des Pfarrers hin und +nun stand sie in einer kühlen Halle, über deren Mauer das Licht der +Laterne tanzte. Ihr war, als wölbten sich massive Spinnweben über ihr. +Irgendwo tickte eine Uhr, während die Nonne mühselig las. »Ein Plätzchen +für die Nacht?« sagte sie dann mit jener oft den Nonnen eigenen Stimme. +»Im Vorderhaus ist nichts frei,« überlegte sie. »Nun, wir müssen eben +durch den Saal und leise sein. Folgen Sie mir.« Nachdem sie aus einer +Zelle einen Schlüsselbund geholt hatte, schritt sie Arabella voran. »Wir +haben heute die Prozession aus Aisle zur Nächtigung,« sagte sie. Nun +traten sie auf einen großen Hof. Ein steinernes Marienbild leuchtete +hell zwischen Birkenstämmen, deren Laub rieselnde Schatten über die +Steinfliesen malte. Ziegen und Schafe lagen da im Schlafe. Von ihren +Leibern ging atmende Wärme aus. Kreuze ragten aus Büschen. Vögelchen sah +es nicht anders als Druidensteine. Unheimlich fremd waren der in allen +Kulten Unbelehrten die frommen Wahrzeichen. Aber der Frieden, der +ausging selbst von dem voranleuchtenden Schreiten der Nonne, stimmte sie +dankbar. Das Hinterhaus, zu dem sie sich begaben, ragte dunkel, von +Jahrhunderte altem Efeu umrahmt. Über der gotischen Türe brannte unter +einem Heiligenbild ein ewiges Licht, einem ängstlich flackernden +Blutstropfen gleich. Die Nonne öffnete. Sie schritten durch die +Sakristei an der Kirche vorbei, dann öffnete sich behutsam eine riesige +Türe, nachdem die Nonne die Laterne zurückgelassen hatte. Sie tasteten +sich durch einen Saal, darin lagen zehn Nonnen. Sie waren nicht +entkleidet und hatten nur niedere, mit Gurten bespannte Betten ohne +Polster und Decken. In ihren weißen Gewändern glichen sie Schwänen, die +auf dunklen Wellen schweben. Eine oder die andere rührte sich im +Schlafe, eine hochgewachsene Gestalt richtete sich spähend auf und +schien wie in Verzweiflung zusammenzusinken. Leise ging der Atem von +anderen, deren friedliche Züge Mondschein überglänzte. Das Nebenzimmer +wurde nun Vögelchen zur Nächtigung angewiesen. Neben einem +altertümlichen Bett stand ein zinnernes Waschbecken und ein Stuhl. +»Schlafen Sie in Frieden,« sagte die Pförtnerin und verschwand. +Vögelchen ging ans Fenster, fast taghell strömte nun das Mondlicht in +den kahlen Raum. Ihr war, als wäre sie gefangen und müsse einen Ausgang +erspähen. Unten im Hof entschwebte das Licht der Laterne. Da erblickte +sie schräg gegenüber zwei erleuchtete Spitzbogenfenster. Welch seltsames +Treiben bot sich ihr dar. Nonnen saßen über Spitzenarbeiten gebeugt. +Riesige Kreuze und heilige Wappen streuten ihre kunstfertigen Finger in +weißes Gespinst. Jahr und Tag saßen sie wohl so, ein Leben lang über die +heilige Spitze gebeugt, die Altäre, Pulte und Priestergewänder schmücken +oder jahrhundertelang in Klosterschreinen modern sollte. Weltfern lag +ihnen das lebendige Leben, wahnvoll waren ihre Gedanken eingesponnen in +die Gewebe. Ihre Gebete und Litaneien rankten sich verworren um Kreuz +und Krummstab und dumpfe Sehnsucht um Lilie, Rose und Akanthusblatt. +Vögelchen wurde nicht müde hinüberzuschauen, aber plötzlich tappte etwas +neben ihr über die Steinfliesen. Blitzschnell flitzte ein grauer +Schatten vorbei: Mäuse. Da eilte sie ins Bett und zog die Decke eng an +sich. Irgendwo tickte es in altem Holz. Fast hörbare Schwüle tastete +sich über Nonnenschlaf zu ihr und hüllte sie in jene Dämmer, die +Erlebnis, Wunsch und Furcht vermengen. Sie sah Givo sie irgendwo +erwarten und alle Einsamkeit hatte ein Ende und sie stand vor Adalbert +und bat ihn sie von der Mutter zu erlösen, die rief und sie nicht fand +und die sie nur sah wie einen Schatten, der nicht wärmt. Aber Adalbert +sprach nicht, er blickte sie an wie in fernen Nächten mit dem +Tierbändigerblick, der ihr wie ein süßer Befehl durch die Glieder rann. +Da fühlte sie wieder, nur bei Givo war Erlösung, denn sein Blick +entwaffnete den des Zauberers. Vor Tagesanbruch weckte sie leiser, +eintöniger Gesang. Die Nonnen beteten. Immer lauter wurde das Singen, +immer heller das Tagen vor den Fenstern. Es war, als riefen sie das +Licht im Gebet, und es antwortete ihnen mit silbernem Ruf. Als der +Gesang verstummte, brach Sonnenschein in das Gemach. Vögelchen ließ +Wasser durch ihre Finger perlen und kühlte sich die schlafheißen Wangen. +Neugierig ging sie ans Fenster, die Stätte der Nacht im Tag zu sehen. +Alles war heiter jetzt und von schlichter Ehrwürdigkeit. Die Nonnen +drüben waren von anderen abgelöst worden. Kinder gingen über den Hof, +Bäuerinnen mit großen weißen Hauben flügelten umher, dazwischen weiße +und schwarze Nonnen. Die Pförtnerin war unter ihnen und Vögelchen +verließ nicht ohne Scheu ihres modischen Kleides wegen das Zimmer, +schritt durch den leeren Saal und begrüßte die Nonne. Die führte sie zu +einer Greisin, deren Blick geistesabwesend war wie der eines kleinen +Kindes. Sie reichte Arabella mit einem erstarrten Lächeln ein Brot. +Vögelchen streifte ein schmales Ringlein, das sie seit Kinderzeit trug, +vom Finger und legte es der Priorin in den Brotkorb. Die nickte und +murmelte einen Segen. Dann trat Arabella auf die Straße und durch die +erwachte Stadt fand sie den Weg zum Bahnhof. + + + + + Guy de Malpasse + + +Das Reisen war damals noch nicht, was es heute ist. Kleine Fahrten, +zumal in der Provinz, galten schon als Abenteuer. Die Lokomotive hatte +noch etwas von der Hexenmaschine. Die Bürger von Louvais wunderten sich +nicht wenig, dies fremdartige kleine Wesen am Bahnhof zu erblicken, wie +es gewandt sich ein Billett nach Balogne löste und ohne ihrer zu achten +längs der Geleise auf und ab wanderte. Arabella fühlte selbst oft mit +Erstaunen diese Unabhängigkeit in sich, die sie, die Zarte, mit Kraft +und Sicherheit ausstattete, überraschende Entschlüsse fassen ließ, ohne +daß ihnen bewußte Erwägungen vorangegangen waren. Gleichzeitig aber +entsprang diese Freiheit einer Unterwürfigkeit für mystisch vorbestimmte +Wege und Ziele ihres Lebens und ihr Gewissen war daher ohne Schranken +und Reue. Diese scheinbar nebelhaften Vorgänge, ein Teil ihrer +wesentlichsten Art, waren ihr nun viel klarer und selbstverständlicher +und erfüllten sie mit zuversichtlicher Ruhe, denn sie überzeugte sich, +daß diese heimlichen Gebote ihr Gewissen selbst waren, das für sie +dachte und erwog und befahl, ehe ihr ein Urteil zufiel. Sie erfuhr, daß +stets alle Mittel bereit waren, diese Gebote zu fördern und zu erfüllen. +Was andere Zufall und Wunder nennen, war ihr natürlich und es schien ihr +gegeben diese Wunder anzuziehen. Am Großen und Kleinen erlebte sie dies +und war bedient von jenen unbewußten Witterungen und Ahnungen, die Givo +ihr gedeutet hatte. Dies auch war es, was sie Lichtsuchern als ein +astrales Wesen erscheinen ließ, das mühelos besaß, um was sie selbst +sich in Geisteskämpfen mühten. Ihr war es gegeben in den göttlich +wissenden Lichtsphären zu wandeln, wiewohl das tägliche Leben sie umgab, +eine Aeonin im lebendigen Leben zu sein. Fremde lasen ihr diese +Besonderheit von der Kinderstirn, ein Heiliges haftete ihr an, dem +Halbkind, das schon durch alle Feuer der Sinnenlust gegangen war. + +Ein Herr, kein Bürger, ein Gutsbesitzer vielleicht, sprach sie an. Er +war schlank, schwarzbärtig, korrekt gekleidet. Ein Diener hielt sich in +seiner Nähe auf. »Madame, darf ich Ihnen in irgendeiner Weise behilflich +sein? Mein Bedienter wird Ihr Gepäck versorgen.« Vögelchen erwachte aus +ihren Träumereien. + +»Danke,« sagte sie. »Ich fahre nur nach Balogne, von dort aus will ich +nach Quesdon. Dahin finde ich wohl einen Wagen.« + +»Man geht eine Stunde zu Fuß bis an die Dünen,« sagte der Herr. + +»Ach, das Meer!« rief sie. Sie hatte bisher nicht daran gedacht, daß sie +es sehen sollte. Der Fremde lächelte. Sie sah erst jetzt, wie klug und +ernst er aussah. Schwermut lag hinter weltmännischer Haltung verborgen, +ein fast düsterer Blick, anders als Givos wissendes Schauen betrachtete +sie, das neugierige flammende Auge eines Künstlers. + +»Sie haben in Louvais übernachtet, darf man fragen, wo? Ich habe im +besten Gasthof geschlafen. Sie waren nicht dort, wie schade! Sie sind ja +fremd hier, eine Ausländerin, wie ich vermute.« + +»Ich schlief bei den Ursulinerinnen in Louvais.« Wieder lächelte er, +aber unmerklich, schon mit der Absicht, sie nicht zu verletzen. + +»Wie schade, daß Sie nach Quesdon fahren, ich reise nach Paris. Wie +hübsch wäre es gewesen Ihnen Gesellschaft leisten zu dürfen. Sie haben +den bessern Teil erwählt. Jetzt ist es schön am Meer. Ich komme von +Etretat und spüre noch seinen Hauch in der Seele. Wäre ich doch dort +geblieben, aber ich bin voll Unrast, mich jagt es umher, es jagt, es +kreist --. Unzählige Briefe erwarten mich, Verabredungen, +Korrekturbogen, meine Verleger, mir graut davor --.« Er sprach es wie zu +sich selbst. Und wie in plötzlicher Nervosität: »Francois, wir haben +vergessen, unsere Goldfische zu füttern.« + +Arabella sah plötzlich in der morgenhellen Landschaft nur seine düster +flammenden Augen, diesen dennoch warmherzigen und gequälten Blick, +hinter dem es noch wie Erinnerung an Schönheit und Lebensfreude +aufzuckte. Sie empfand Mitleid mit der Unrast, die sie aus seinen Nerven +knistern fühlte. »Sie sind krank?« fragte sie. »Sie sollten Ruhe +suchen.« Ein Ausstrahl ihres Herzens war in ihrer Stimme. + +»Ja,« sagte er. »Ich bin müde, müde. Und man quält mich? Wenn Sie in +Paris sind, rufen Sie mich zu sich, kleine Fremde. Ich spare Ihnen eine +freie Stunde.« Er reichte ihr seine Karte: Guy de Malpasse. + +»Der Dichter?« fragte sie. + +»Um Gotteswillen, ja,« sagte er. »Sie haben doch nichts von mir +gelesen?« + +»Nein, ich habe nur kürzlich Ihre Bücher auf dem Regal meiner +Vorsteherin abgestaubt.« + +»Lassen Sie es daran bewenden oder lassen Sie lieber den Staub darauf +liegen. Ich schreibe nichts für Elfen aus Fremdland.« Sein Zug setzte +sich in Bewegung. Sein Blick flackte über sie hin, zurück in die +Landschaft, zu La Guilette mit seinen _carrés normands_, dem +Goldfischteich, den Erdbeerbeeten, den weißen Pappeln. + + + + + Die Frage + + +Als sie gegen Balogne fuhr, wandten sich ihre Gedanken wieder bewußt dem +Zweck ihrer Reise zu. Die Frage, die sie an Mannsthal stellen wollte, +begann sie von neuem zu beängstigen. Ungeduld und Grauen auch trieb sie +an ihn wieder zu sehen, den Zauberer. Sie dachte nicht daran, daß er +selbst nicht den Wunsch geäußert hatte, sie in den Sommermonaten aus dem +Asyl zu rufen. Er hatte vor einigen Monaten wieder begonnen, ihr zu +schreiben, freundlich scherzhafte Briefe, in denen er auch zuweilen nach +ihren Wünschen fragte. Sie hatte keine. Sie war mit allem reichlich +versorgt, ja, sie schämte sich ihres Überflusses. Von Angele reihte er +Grüße an. Von einer Veränderung, die er plane, schrieb er ihr und die er +zu rechter Zeit ihr mitteilen würde. Was mochte er gemeint haben? +Während sie sann, drängten sich einige Fahrgäste an die Fenster. Die +Bahn überschritt die Somme. Sie selbst erhob sich, sie sah die Dünen +und, durch einen Einschnitt ward das Meer sichtbar. Unendlich blau und +still, ein Ebenbild des Himmels schien es dort wie eine riesige Wiese zu +planen. Balogne wirkte gegen Louvais wie ein Variete gegen ein +Passionsspiel. Ein geschäftiges modisches Treiben und die Emsigkeit, die +aus dem Räderwerk der Stahlfederfabriken auszulaufen schien, umgaben +sie. Bald war ein Wagen gefunden, aber als sie an die Dünen kam und der +Kutscher ihr den Weg nach Quesnon zeigte, dessen Villen schon hinter +einem schmalen Band von Bäumen auftauchten, sprang sie rasch aus dem +Wagen und bezahlte. Sie wollte allein sein mit dem Meer. Der Sand war da +und dort zu Hügeln aufgewirbelt. Auf einen solchen setzte sie sich und +ließ das Wunder der See auf sich zuschreiten. Es war ein Sonnenwunder. +Milliarden weißblitzender Fünkchen tanzten auf blauen Wasserhügeln, die +in unabsehbaren Reihen aus unendlichen Fernen auf das Ufer zueilten. War +es möglich, daß das große Meer nur ein Teil der Welt, ein Teil eines +Teiles war? Die Luft, das Reich des Lichtes, war unendlicher noch, sie +sah in den Himmel hinauf, wie ein Abgrund war die Höhe, sie war von +seligster Bläue und diese Bläue nur war die Unendlichkeit. Ihr war, als +wenn sie längst gestorben wäre und selbst durchsichtig wie Luft und +Wasser, ein Teil der unfaßlichen Unendlichkeiten, hinzöge ins Maßlose. +Und sie fühlte Givo in sich, wie sie ihn trug auf Flügeln ihrer Seele, +wie er sie trug, wie sie wie ein Libellenpaar hinschwebten über Meere, +Welten -- Welten, Meere, Himmel -- Unendlichkeiten. Eine Nebelpfeife +weckte sie. Sie sprang auf, eilte den Bäumen zu. Landsitze standen dort +in Gärten, spärliche Anlagen, dem Dünenland abgetrotzt. Sie wußte nicht, +in welchem Haus Adalbert wohnte, aber sie vermutete, daß es das war, das +auf festgefügtem Steindamm gegen die Dünen stand, den Blick frei auf das +Meer gerichtet, während seitlich ein großes Stück Gartenland sich an die +Felder und Anlagen schloß, die die Villenanlage von dem Ort trennte, +dessen ländliche Kirche hinter kleinen Häusern sichtbar wurde. Vögelchen +sah den Gasthof, ein breitspuriges Gebäude mit dicken Mauern, hinter +denen es wohnlich aussah. Einige Tische standen vor dem Hause, Landleute +und bescheidene Reisende saßen und standen davor. Auch sie setzte sich +hin und bestellte ein Frühstück. Außer dem Brot der Ursulinerinnen hatte +sie seit dem Mittagessen des vorigen Tages nichts mehr zu sich genommen. +Sie aß Eierkuchen, trank dicke Milchcreme. Oh, wie hungrig hatte sie die +Seeluft gemacht! Hier hätte sie Adalberts Wohnung erfahren, aber wer +weiß, unter welchem Namen er im Ort bekannt war. Eine Scheu hielt sie +ab, nach dem Haus zu fragen, das das einzige war, das sie allenfalls als +ihr Vaterhaus bezeichnen konnte. So ging sie und spähte hinter Hecke und +Zaun. Sie hatte nicht fehlgeraten, das stattlichste gegen Sturm und +Winter geschützte war Vas Wohnstatt. Denn -- ihre Hände griffen in die +Eisenstäbe des Gitters, da ging zwischen bunten Vervenenbeeten eine +hochgewachsene blonde Frau: Angele. Sie war schwanger. Sie sah kräftig +aus und um vieles jünger in ihrem rosafarbenen Morgenkleid, das keinen +Zweifel über die Veränderung ihrer schlanken Gestalt ließ. Adalbert, +auch er war verjüngt wie vor der Krankheit, ein wenig stärker +vielleicht. Er kam aus dem Hause wie zum Ausgehen bereit, küßte die Hand +der Frau, umfing sie sanft, streifte ihr Haar aus der Stirn. Vögelchen +erschrak, sie kannte diese Geste. Er lächelte dankbar einem Wort aus +ihrem Munde. Dann kam er dem Ausgang zu. Vögelchen stand und es +schüttelte sie, als hätte sie Fieber. Die Vergangenheit trieb ihr +Blutwellen ins Antlitz beim Anblick ihrer Nachfolgerin, die die Frucht +dieser Nachfolgerschaft so sichtbar trug. Weh ihr, wo sollte sie sich +verbergen? Aber im selben Augenblick ging das Tor und Mannsthal stand +vor ihr. Er erbleichte. Nun aber ersah sie seine Züge, seine Augen, +seinen Mund, wußte, fühlte es wieder, daß er sie besessen, wußte um das, +was in ihr im Dämmerschlaf gelegen, um jenes Leben der verebbten +Sinnenlust. Sie hatte ihre Frage vergessen, sie fühlte nur jenes andere, +fühlte den Zauberer. Aber auch er überwand seine erste Erschrockenheit +und fragte mit Besorgnis: »Kind, warum bist du da? Ist Dir etwas +geschehen? Allein diese Reise?!« Er legte die Hand um ihre Schultern, +wie er es eben bei Angele getan. Diese Bewegung brachte sie zu sich, +rüttelte sie wieder zurück in die Erniedrigung, die sie empfunden hatte. + +»Nicht da hinein,« sagte sie. »Komm weg von hier,« und sie entfernte +sich eilig. Er folgte ihr. + +»Du hast sie gesehen,« sagte Adalbert mit warmem Bedauern in der Stimme, +etwas Mildes klang mit, das neu war in ihr. »Bist du ihr denn böse, mein +Liebes, Kleines, du? Verzeih mir, Kind, verzeih mir. Aber es mußte sein, +das brachte mich dem Leben zurück, das abzuwarten. Das allein half mir +meine Krankheit zu überwinden. Vielleicht wirst du das alles einmal +verstehen.« Schon war es Vögelchen, als spräche ein Fremder zu ihr. Es +schmerzte, daß sie ihn als Fremden empfand, den ihre Augen, ihr Blut so +gut kannten. Und jenes Haus, jene Frau ward ihr eine fremde Stätte, aus +der sie ausgeschlossen und in die übrige, unendlich große Welt gestoßen +war! Jetzt, ja jetzt mußte die Frage gestellt werden. Sie stieß sie +unvermittelt hervor: »Wo ist, wer ist meine Mutter?« Er fühlte es wie +Rache und seine Antwort sollte mit gleicher Münze zahlen. + +»Oh, eine gute, langweilige Frau, die dich wenig fesseln würde. Ich +schätzte sie leidlich, als sie jung war und vor allem nur deinetwillen. +Ich habe dich ihr abgekauft, als sie zu einem anderen und bald dann auch +zu einem zweiten Manne ging. Das heißt, es war ihr vierter, falls dein +Vater ihr erster gewesen, was wahrscheinlich ist. Dein Vater war ein +Kranker, ein Dichter und Träumer. Deine Papiere waren nicht in Ordnung. +Es war nicht schwer für mich dich als Tochter anzuerkennen.« Als +Mannsthal nun Vögelchens leichenblasses Gesicht sah, sagte er +besänftigend: »Deine Mutter war nicht schlecht, nur völlig willenlos und +sehnte sich nach einer Heimat bei einem Mann, der nicht zu viel und +nicht zu wenig von ihr wollte. Jetzt hat sie ihn seit vielen Jahren und +einen Sohn dazu. Ich war nicht gerade aufopfernd gegen sie -- das will +ich dir gestehen, aber sie lebt jetzt in glücklicher Ehe und verdankt +diese Ehe dem Umstand, daß ich dich behielt. Du wärest eine Fremde dort. +Bist du nun gekommen, mich anzuklagen? Bist du mir böse geworden, weil +ich an dir Mutterstelle vertreten habe? Du warst doch recht zufrieden +bei mir. Oder solltest du bereuen, daß wir, daß es -- war es nicht +schön? Sag« -- er faßte sie leidenschaftlich an -- »war es nicht schön? +Nichts, nichts konnte mir das, kann mir jemals das verschaffen. Hast du +es abgeschüttelt wie eine Schande, weil es die stumpfen, heuchlerischen +Menschen so nennen würden, wenn sie wüßten, wie glücklich wir gewesen +sind in unserer Leidenschaft. Und nun hast du ja deine Schwärmerei und +eine heilige noch dazu. Ich trete dich ab an Imanuel Givo. Bist du's +zufrieden?« + +Vögelchen atmete schwer. Es war zu viel, dies alles zu bewältigen. »Sie +ruft nach mir -- diese Frau,« sagte sie schließlich mühselig. + +»Sie wird sich beruhigen, wenn sie erfährt, daß ich mich mit Frau von +Twede vermähle,« erwiderte Mannsthal. »Erspar' dir also eine +Enttäuschung und vertrau' mir. Was hat dich denn getrieben, wer hat dich +verhetzt? Givo schrieb, du wärest so glücklich in dem Heim!« Sie waren +in den Dünen draußen in der Einsamkeit und in die Stille sprach nun das +Meer mit seinem rieselnden Raunen und Rauschen. »Du hast es nie gesehen, +nicht wahr?« sagte Mannsthal, als er sah, wie sie von der Gewalt des +Elementes ergriffen wurde. »Ich denke oft an dich, wenn ich hier sitze, +sehne mich nach deinem Plaudern, nach deinem kleinen Körper auch. Du +bist sehr wohl, nicht wahr? Siehst frisch aus trotz der Reise und der +überflüssigen Aufregungen, in die du dich versetzt hast.« Er nahm ihre +Hand in die seine und drückte sie heftig. »Komm, setzen wir uns hierher. +Ist es nicht einzig, das Meer?« + +»Ich will jetzt zurück in den Gasthof,« wehrte sie. »Dort habe ich meine +Sachen gelassen und erwarte Briefe. Ich will auch heute noch zurück. +Fräulein Gloriot könnte mir böse sein.« + +»So rasch willst du fort und willst nicht deine Scheu überwinden und zu +Angele kommen?« + +Vögelchen schüttelte den Kopf. »Es ist zu viel auf einmal,« sagte sie +und setzte sich müde hin. Er war gleich bei ihr, kniete zu ihr hin, +küßte ihre Hände. »Mein kleines, mein geliebtes Kind! Laß dich nicht +verwirren. Gehören wir denn zu den anderen, mit denen du vergleichst? +Oh, du Liebes, du Schönes, du!« Er bog sie zurück, er küßte sie, er +liebkoste sie, er flüsterte ihr vergessene Worte ins Ohr. »Ist es nicht +wie ein Wunder, es ist heute Nacht ein Jahr gewesen. Denkst du daran, +jene Nacht, in der Rosina starb. Unsere schönen, heißen Nächte, +Vögelchen!« + +Nonnengesang hatte sie an diesem Morgen geweckt. Sie sah das fast +blödsinnige Lächeln der Priorin, das aus einer Welt heiliger Einfalt zu +kommen schien. Dort im Gasthof erwartete sie vielleicht eine Antwort von +Givo oder er selbst. Sie sah die schwangere Frau im Garten und in der +Ferne eine Familie, die sie fremd ansah, während sie auf eine Frau +zutrat und Mutter sagen wollte. Wahnsinn grinste sie an. Aber dazwischen +sang das Meer das ewige Lied, das alles Einzelne in seiner +Unaufhaltsamkeit aufsaugt, alles Zeitliche in seiner Ewigkeit +verschlingt. »Laß mich,« sagte sie ohne Abscheu und Hast. Sie reichte +ihm zum Abschied die Hand. + +»Ich bringe dich zurück nach Chaly,« sagte er. + +»Jetzt will ich in den Gasthof und allein sein,« erwiderte sie. Ihr +Gesichtchen verzog sich, aber sie schämte sich der Tränen des Mitleides +über sich selbst und gleich darauf zieh sie sich der Undankbarkeit gegen +Givo, der sie unter seinen Schutz genommen. So eilte sie hinweg. +Mannsthal stand auf, ihr zu folgen. Aber sie wandte sich und hob +beschwörend die Hände. Nun schien sie über die Dünen zu fliegen. Sie +entschwebte ihm. Seine Gewalt war gebrochen. + +Sie lag im Gasthof zu Quesdon, dumpf, zerbrochen. In die gesteiften +Vorhänge des Bettes schlug der Meerwind. Die Türe ging auf und Givo trat +ein. Sie rührte sich nicht, sah nur in hilfloser Dankbarkeit zu ihm auf. +»Warum hast du es getan, ohne mich?« sagte er. »Es wäre alles besser, +leichter gewesen.« Er sah, daß sie gelitten hatte. Er streichelte sie. +Ihr Atem wurde ruhiger. Sie sprachen lange. Aber als sie dann ihm, ja +selbst ihm nicht alles sagen konnte, kam wieder Verzweiflung über sie. +Sie lag wie abgestorben. Da wuchs seine Angst um sie, da wollte er mit +ihr fühlen, daß es kein Traum war, daß sie zu einander gehörten. Er +wollte sie wärmen mit dem Zustrom seines Gefühles, mit seinen Küssen +ihre Erstarrung lösen und sie schloß die Arme um seinen Hals und hielt +ihn und er wollte spüren, daß ihr Herz pochte, an seine Lippen sollte es +schlagen. Er löste ihre Kleider in Zärtlichkeit, er fühlte sie wie eine +lose Blüte duftend in seinem Arm verhangen, keine Abwehr war in ihr, +wissend sog sie sich seinen Wünschen entgegen. Aber dann hielt er sie +nur warm an sich, wagte nicht, sie ganz an sich zu nehmen, und selig +spürte er, wie sie den Schmerz vergaß über der drängenden Sehnsucht sich +ihm zu schenken. Lange lagen sie in sinnenraubenden Flammen regungslos +verschmolzen, bis er, seiner nicht mehr mächtig, in sie eindrang. Da +wußte er nebelhaft im Rausche, daß sie nicht mehr Jungfrau war. Sein +Schmerz erstickte in Mitleid und Erstaunen überwältigte ihn, daß sie in +Liebeskünsten gewandt wie Courtisanen und doch unbewußt war wie ein Kind +und verklärt in ihrem Feuer. Während er sie besaß, stürzten Tränen +heißer Trauer aus seinen Augen, während er sie glühend an sich riß, +entsagte er seinem liebsten Traum. Aber Vögelchen wußte nicht mehr, daß +sie ein anderer besessen, ahnte nicht, daß es eine Jungfräulichkeit gab, +die geraubt werden konnte, und daß nicht Givo allein genommen, was sie +einzig für ihn besaß. Viel später erst erfuhr sie, durchschauert von der +Ungeheuerlichkeit ihrer kindlichen Vergangenheit, in einem zufälligen +Gespräch die Veränderung vom Mädchen zur Frau. Und dennoch hatte Givo +sie, die nicht mehr Jungfrau war, in anderem Sinne vom Kind zur Jungfrau +gemacht, denn am Morgen nach jener Liebesnacht trafen Dr. Felix Blancs +Voraussagungen ein. Givo schrieb an Celia, daß er in einigen Tagen erst +Vögelchen ihr wiederbringen würde. Er ließ sie ruhen und umsorgte sie +mit andächtigem Gefühl. + + + + + Lea Givo + + +Imanuels Vater war Spanier, Chemiker von Beruf und hatte sich mit dem +Studium offizinaler Pflanzen befaßt. In Indien und Südamerika hatte er +Plantagen besessen, in einer deutschen Hafenstadt sein Lager und eine +Fabrik zur Verwertung der Rohprodukte mit umfangreichem chemischen +Betrieb. Seine schwankende Gesundheit war durch Seereisen gefestigt, als +er sich noch mit fünfzig Jahren ein zweites Mal zur Ehe entschloß. Er +heiratete Lea Jakobs. Ihr Vater war Holländer, die Mutter eine +Norddeutsche, in Hamburg begütert. Amos Givo war ein Mann von seltener +Schönheit gewesen. Immanuel erinnerte sich mit Andacht des schwarzen +Feuerblickes unter weißen Brauen, der edlen elastischen Gestalt, der +klangvoll starken Stimme, deren Ausdruck unvergeßlich war. Lea war +achtzehn Jahre alt gewesen, kaum ihrer Glaubensschule entwachsen, als +der Bund geschlossen ward. Die Eheleute der Sekte, deren Givos Eltern +angehörten, heirateten nur selten nach der Staatsreligion, zu der sie +sich bekannten, und wenn dies geschah, so hatte diese formelle Trauung +nur den Zweck, alles zu vermeiden, was die geheime Sekte gefährden +könnte. Ihren Vorschriften nach blieb die Ehe frei und ward ohne +jegliches Gelübde geschlossen. Ihre Verpflichtungen waren religiöser und +seelischer, nicht gesetzlicher Natur. Die Heirat bedeutete bei ihnen die +Verschmelzung des Lichtes mit der Erde, die Vereinigung von Geist und +Blut, die Verklärung der Leidenschaft, sie war nicht Schwur einer Frau +und eines Mannes einander zu dienen und Treue zu bewahren, sie war +unlösliche Vermischung ohne äußeren Zwang und erzwungenes Gesetz, eine +elementare Verbindung, deren Vollzog rein innerlich ist. Der Himmel, in +dem diese Ehen geschlossen werden, ist das Weltenlicht, das die Erde +durchdringt. + +Lea Jakobs war siebenunddreißig Jahre alt, als ihr Mann starb. Ihre +Liebe für ihn war exstatischer Überschwang, die Treue nach seinem Tode +nährte den Glauben an ihre gemeinsame Lehre. Manuel war damals 17 Jahre +alt. Sein Vater hatte vor seinem Tod alle Liegenschaften verkauft, um +den Sohn nicht an Geschäfte zu binden, ihm volle Freiheit für das +erwählte Studium der Astronomie zu gewähren. Der Jüngling reiste zwei +Jahre lang, traf dann seine Mutter in Spanien, wo sie gemeinsam die +Familien der Sekte besuchten, die dem Vater verwandt oder nah +befreundet waren. Imanuel lernte Uhari, einen Weisen und zugleich +Leidenschaftlichen, kennen, mit dem er seit seinem vierzehnten +Lebensjahr in Briefwechsel gestanden hatte. Er liebte ihn mit +ehrfurchtvoller Glut. Doch lange war ihm die Freundschaft mit diesem +Mutigsten der Sekte nicht vergönnt. Eine tückische Krankheit raffte +zugleich den noch jungen Mann und seine Frau hinweg. Die +Glaubensgenossen vermuteten einen Giftmord und hielten sein Andenken wie +das eines Märtyrers ihrer Lehre. Uhari hinterließ eine Tochter Zora, die +zur Zeit, als Givo Arabella in sein Leben nahm, in die Glaubensschule +eingekleidet werden sollte, nachdem sie unter Lea Givos Wohltaten +herangewachsen war. + +Fünf Jahre nach dem Tode ihres Mannes, als Imanuel in Paris und +Greenwich studierte, erbte Frau Givo nach ihrer Mutter deren Villa in +H., ein ehrwürdiges Haus am stahlblauen Wasserbecken, in dem schon der +Wellenschlag des Meeres sich kräuselt und die weißen Mövenschwärme sich +wiegen. Samtene Rasenflächen senkten sich vor dem Hause zu einer +vornehmen Straße herab. Hinter alten Bäumen stand das Gebäude, Lea Givos +einsamer Wohnsitz. Manuel war fern. Er hatte sein Wirken in der Welt +angetreten. + +Lea ging durch die Straßen, niemand kannte sie. Ihre Nachbarn wußten +nicht, ob das Haus bewohnt sei, so still blieb es. Sie war noch schön +und wußte es im Spiegel der fremden Blicke. Ängstlich versenkte sie sich +in den Glauben, ihr begehrendes Blut zu beruhigen, und es war ihr, als +müsse sie um des neugläubigen Sohnes willen ihrer alten frommen Lehre +getreuer sein. So fand sie auch unter den Genossen wenige, die ihren +Eifer in gleichem Maße teilten. + +Givo bat in jedem Briefe, sie möge ihren Starrsinn lösen und seinen +Wohnsitz teilen, und obwohl sie nichts heißer ersehnte als den Sohn, +entschloß sie sich nur schwer ihn zu besuchen, Kämpfe fürchtend. All +ihre Liebesfähigkeit hatte sich in ihren einsamen Stunden in die +selbstvernichtende Sucht ergossen, ihn allein zu besitzen, ihn nicht zu +teilen mit anderen Frauen. Heimlich hatte sie ihm Uharis Waise, Zora, +ihren Schützling, zur künftigen Frau erwählt. Diese würde sie nicht +berauben, da sie ihr alles verdankte, was sie genoß. Zuweilen kam +Imanuel und sie reisten. Sie hatten in allen Ländern Verwandte wohnen +und die Sippen der geheimen Glaubensgemeinschaft. Einmal besuchten sie +gemeinsam Zora Uhari in Dresden, wo diese in einem Pensionat lebte. Als +Givo dann nach Frankreich zurückkehrte, wurde sie ihm zur Begleitung +nach Lausanne anvertraut. Sie saß ihm gegenüber, trotzig, schweigsam, +eine Welt von Geheimnissen hinter der bleichen Stirn und den +verschleierten, mandelförmigen Augen. Sie war schön wie ein »Bild«, eine +Schönheit ohne Wort und Geste. Es war ein unlösliches Schweigen in ihr, +als hätte der jähe Tod der Eltern ein trauerndes Standbild in ihr und +sie schien auf ihren Schultern jene Knechtschaft zu tragen, gegen die +ihr Vater sich nutzlos aufgelehnt, um daran zugrunde zu gehen. War +jemals der Verdacht jenes Giftmordes zu ihr gedrungen, hatte der in ihr +das Lachen, die Jugend in der Seele erstickt? Aber Givo ahnte: sie +liebte die Lehre nicht, ja ihm war, als haßte sie ihre Besonderheit und +er erschauerte, ihres Vaters gedenkend, der ihr Held gewesen war. Sie +schrieben einander nicht und er erfuhr auch vorerst nichts von seiner +Mutter Absicht sie zu vereinen. Diese meldete ihm nur, daß Zora das +Schweizer Pensionat verlassen hatte, um in die Glaubensschule +einzutreten. Am Wege würde sie bei ihr ausruhen, dann werde sie ihm wohl +noch mehr von Zora zu erzählen haben. Der nächste Brief aber enthielt +nichts von Zora. Er lautete: »Mein Manuel, Du hast mich tief betrübt mit +Deiner Nachricht. Ich habe es immer gefürchtet, daß Deine neuen +Anschauungen Dich auf Abwege führen werden. Du mußt von dem fremden +Mädchen lassen. Glaub mir, es ist nur ein Betrug Deiner Wünsche, daß Du +in ihr ein Wesen siehst, das unsere Schauung ohne die Lehre so tief +erlebt haben soll. Bei vielen findest Du ähnliches, aber das ist dennoch +nicht unser Glauben. Ich quäle mich ab, daß ich Dich nicht strenger in +der Altgläubigkeit gehalten habe und nun der Fluch auf mich Mutter +fällt. Warum bin ich nicht bei Dir geblieben in der verwirrenden Stadt +und habe Dich bewahrt? Nun liege ich wie gelähmt vom Schrecken und kann +nicht zu Dir, Dich Herz an Herz zu beschwören von diesem Wesen zu +lassen, das ich niemals lieben kann. Du hast sie zu Deiner Frau, sagst +Du, zu Deiner Geliebten gemacht? Und das sollte ein Grund sein, sie für +Dein Leben zu wählen, wo unsere Vorschriften verlangen, daß der Geist +sich mit der unberührten Erde vermählt! Ist dieses Mädchen eine Jungfrau +gewesen? Ich will sie gern bewundern, wenn Du sie würdig hältst, aber +als die Frau, die Du in ihr erhoffst, verabscheue ich sie und hasse sie, +denn Du mißachtest darin Deiner Lehre vornehmste Gebote. Weißt Du nicht, +daß Frauen nur als Kinder unserem Glauben eingekleidet werden können, +damit nur die Töchter der Sekte gewählt werden? Wie stünde es um unsere +Gemeinschaft, wäre dem nicht so? Die fremden Frauen hätten sie längst +vernichtet. Ich beschwöre Dich, mein Sohn, komm zu mir. Ein fremder Mann +ist nicht von gleichem Übel, lehrte Makar Hildar, aber die Erde darf +nicht Fremdland sein, in die Du säest. Lege Deine Hände auf die Wunden, +die Du geschlagen hast. Bring mir das gute Licht des Glaubens, wie Du es +an Deines Vaters Bahre geschworen als sein Vertreter im Geist, der die +Leuchte des Hauses hält. Komm, denn ich liege gelähmt und fürchte für +meine Genesung. Ich bin in Verzweiflung Deine + + Mutter Lea.« + +Sie lag im verdunkelten Gemach, der alten Magd weiße Haube leuchtete im +Raum. Ab und zu plätscherte das Wasser im Kupferbecken, wenn Minka die +Kompressen auf der Herrin Stirn wechselte. Eine große Balkontüre, halb +von wildem Wein verhangen, stand offen. Vom Hafen her kam der Ruf der +Dampfpfeifen wie angstvoller Aufschrei. Frau Lea Givos Qual war in dem +Wehruf, der in die Unendlichkeit des Meeres klagte. Sie lag und rührte +kein Glied. Sie hatte sich's verschworen, wie lahm zu liegen, bis daß +der Sohn ihr wieder Ruhe und Zuversicht brächte. Sie wartete auf ihn. +Flog nicht sein leichter Schritt über den Kies? Der Abend kam, die +Amseln lärmten im Garten. Schlaflose Nacht senkte sich mählich herab. +Die alte Minka war im hohen Armstuhl eingeschlafen. + + * * * * * + + »Und wo sich abwandten + unsere Brüder --« + +Als Givo früh am Morgen Vögelchens Zimmer verlassen hatte, um das seine +aufzusuchen, begegnete ihm auf der halbdunklen Treppe Mannsthal. Sie +standen einander gegenüber, der Ältere mit flüchtigem Lächeln, der +Jüngere mit verhaltener Abweisung. »Sie wollen zu Arabella?« fragte Givo +nach der Begrüßung, ohne Wärme, ohne des anderen Lächeln zu erwidern. + +»Ja, ich erfuhr abends, daß sie sich noch hier aufhalte, und wollte +nicht, daß sie wieder allein fährt.« + +»Sie wird nicht allein fahren,« sagte Givo. »Darf ich Sie bitten, sie +jetzt nicht aufzusuchen. Es würde ihr die Ruhe rauben, die sie kaum erst +wiedergefunden hat. Wollen Sie mir die Ehre erweisen, mit mir zu +frühstücken?« + +Mannsthal folgte Givo in das Gastzimmer hinab. »Vielleicht haben wir +einander noch einiges zu sagen,« sprach er. »Frau von Twede ist wohl?« +fragte Givo. »Darf man vorsprechen?« + +»Frau Mannsthal empfängt jetzt nicht gern. Sie wissen wohl: sie erwartet +ein Kind. Sie würde zwar Ihnen gegenüber gern eine Ausnahme machen. +Wollen Sie heute kommen?« + +»Ich will nicht lästig fallen. Verzeihen Sie überdies, ich wußte nicht, +daß Angele sich wieder verheiratet hat. Ihre Stieftochter war auch nicht +verständigt?!« + +»Ich hatte Arabella erst vorbereitet. Über unsere Verheiratung +unterblieb aus Rücksicht für den Legationsrat jede öffentliche +Mitteilung. Angele wollte Ihnen indes selbst Mitteilung machen.« + +»Es wird mich sehr glücklich machen von ihr Nachricht zu erhalten. Sie +wissen, ich schätze sie über die Maßen. Wie froh bin ich, daß sie ein +Kind haben wird. Es empfiehlt sich wohl doch nicht, daß ich sie besuche. +Es wird besser sein, wenn Arabella nicht einer Peinlichkeit ausgesetzt +ist, und ich möchte gerade vor Angele nicht mein Hiersein bemänteln. Ich +bin gewiß, daß Arabella nur Freundliches für Angele empfindet und diese +für sie, aber lassen wir erst Gras über diese aufgewühlte Erde wachsen.« + +»Sie haben wahrscheinlich recht und ich sehe, daß ich keinem +gewissenhafteren Freund Vögelchen anvertrauen könnte.« + +»Noch eines möchte ich zur Sprache bringen,« unterbrach Givo. »Sie +wissen, daß Arabella sich zufolge eines Briefes jenes Studenten, den ich +schon beruhigt glaubte, um ihre Mutter abquält. Halten Sie eine +Vereinigung der beiden Frauen für möglich?« + +»Vögelchen hat keine Mutter,« sagte Mannsthal kühl. + +Givo runzelte die Stirn. + +»Diese Dame hat Arabella gegen eine sehr hohe Summe an mich abgetreten, +auch ihr Mann wurde von mir bezahlt. Nennen Sie mich einen Verbrecher, +weil ich sie kaufte und so Mutter und Kind getrennt habe, aber fragen +Sie sich selbst, ob eine Mutter, die diesen Namen verdient, sich ein +Kind abkaufen ließe! Sie hat ihre Mutterschaft veräußert. Unser Vertrag +war vor Gericht nichtig. Sie hat es aber nie zu einem Prozeß kommen +lassen, weil sie sich zu unsicher fühlte.« + +»_Bien_, aber sie hat es bereut, sie wünschte das Kind zurückzugewinnen. +Sie haben es verweigert, weil Sie selbst es nicht lassen wollten. Jetzt +aber?« Givo war blaß, er neigte sich vor, die Antwort rasch aufzufangen. +Er selbst wünschte nicht Vögelchen an die ihr fremde Mutter zu +verlieren. + +»Jetzt aber fände Arabella an dieser Mutter eine in ihrer zweiten Ehe +glücklich verankerte Frau, die im Grunde nur ein Kind hat, das sie ihrem +zweiten Mann geboren. Daß sie sich nach Vögelchen sehnt, ist eine +Erfindung dieses Verrückten, der Arabella in seine Heimat zurücknötigen +will. Ich bin gewiß, daß Frau Gunter beruhigt war, als sie erfuhr, daß +ich ihre Tochter nicht heiraten werde und daß sie zufrieden unter gutem +Schutze lebt. Am Tage meiner Verheiratung habe ich Arabella eine +lebenslängliche Rente ausgesetzt, die ihr erlaubt in bestem Wohlstand zu +leben. Dies habe ich Frau Gunter mitgeteilt und sie hat seither ihrem +Pariser Vertreter geschrieben, daß er nunmehr seine Nachforschungen, die +ihr wohl auch zu kostspielig geworden sind, nicht weiter verfolge. +Würden Sie selbst Arabella raten sich in dieses fremde Heim +einzudrängen?« + +Givo hatte den Kopf in die Hand gestützt. Er empfand in diesem +Augenblick eine grenzenlose Liebe für das Mädchen, das seine Geliebte +war und dem er Obdach und Zuflucht sein wollte. Hatte er aber nicht das +Unrecht gehäuft, wenn er es als Unrecht empfand, daß der Mann ihm +gegenüber das Kind besessen, der Mann, dessen Schutz sie noch +unterstellt war. Oh, daß er sie nicht für alle Zeiten jedem fremden +Anrecht entreißen konnte! Das Bild seiner zelotischen Mutter stand +säulenhaft aufgereckt vor ihm auf und drängte die Worte in seine Kehle +zurück. Noch konnte er sie nicht zur Frau verlangen. + +»Nun, lieber Givo,« sagte Mannsthal, der nicht mehr auf Antwort wartete. +»Ich halte es für besser, wenn ich Ihren Rat befolge, mich jetzt zu +entfernen. Sie reisen --?« + +»Morgen in der Früh --« + +»Auf Wiedersehen, _cher_ Givo -- bis -- wie sagten Sie doch, Gras über +der aufgewühlten Erde steht. Und -- -- ich würde Ihnen danken, aber Sie +-- ja selbst Sie verachten mich ja --« + +Givo sah fragend in Mannsthals Blick. Spottete er oder war er ernst? +»Ich achte Sie als den Gatten Angeles,« sagte er. »Ich liebe Sie als +einen, der gelitten hat.« Mannsthal reichte ihm die Hand, Givo berührte +sie leicht, er geleitete ihn zur Türe. Dann ließ er sich Papier geben +und schrieb an seine Mutter. + + * * * * * + +Celia hielt Andachtsstunde in der Glycinenlaube. + +»Ich will euch vom heiligen Coemgen, dem Gründer und Vorsteher des +Klosters Glendalough, erzählen,« sprach sie. »Der war schon ein +Greislein geworden, ging vornübergebeugt wie die Bauern, denen lange +Arbeit den Rücken gekrümmt. Der heilige Coemgen war auch ein emsiger +Ackersmann gewesen, er hatte Liebe gesäet sein Leben lang. Nun war er +hochbetagt, da überkam ihn Wanderlust. Als er Wiesen und Wälder +durchschritt, öffnete sich ihm eine moosige Zelle und der heilige +Einsiedler Barban trat hervor und sagte: »Wohin, Mann Gottes? Was +wanderst du umher statt still an Ort und Stelle abzuwarten, bis sich die +Unruhe in dir löst. Oder hast du jemals vernommen, daß ein Vögelchen +seine Eier im Flug ausbrütet?« Heilsam beschämt kehrte Coemgen zurück +gegen Glendalough. Am Wege aber wollte er noch den blinden heiligen +Berchan besuchen. Der ließ dem staubbedeckten Pilger ein laues Bad +bereiten und, als nun die beiden heiligen Männer beisammen saßen, da +rief der Blinde, als wäre er sehend geworden: »Was sitzt denn auf den +Schuhen dieses frommen Pilgrims? Ich glaube gar, es ist ein Dämon! +Hinweg, du Ausgeburt, wie wagst du es, den Schuh des Abtes zu berühren! +Fort mit dir!« Aber das Teufelchen auf dem Holzschuh rief: »Wir haben +uns lange abgeplagt und konnten dem Braven nichts anhaben. So mußten wir +es versuchen, ihn unter dem Schein des Guten aus seiner heiligen Ruhe zu +locken. Ich schlüpfte in seinen Schuh und habe ihn zu dieser Pilgerreise +verführt.« So sprach das Teufelchen und verschwand. Der heilige Coemgen +gelangte nach Glendalough und verharrte fortan in Frieden, bis er +verstarb. Das Schuhteufelchen aber blieb am Leben und jüngst hat es +seinen Besuch in Chaly gemacht. Da gefiel ihm ein kleines Stiefelchen +aus schwarzer Seide an einem zierlichen Füßchen, das viel kleiner war +als der Holzschuh des heiligen Coemgen, in den schlüpfte es und hieß es +davoneilen, ohne Beratung. Wohl ihm, daß es auf dem Wege Schutz gefunden +hat und klüger zurückgekehrt ist nach seinem Glendalough.« + +Das war alles, was Celia über Arabellas heimliche Reise sprach. +Vögelchen aber wartete, bis die anderen gegangen waren, dann kniete sie +vor Celia hin und küßte ihre Hand und obwohl Givo im Hause war, blieb +sie um Alphi beschäftigt und all die versäumten Vorfälle seines kleinen +Lebens, die ihr Helene berichtete, schienen ihr von größter Wichtigkeit. +Givo aber saß wie an jenem ersten Abend, da er Vögelchen zu Celia +gebracht, im Bücherzimmer beim Abendtee mit der Freundin allein. + +»Du mußt deiner Mutter Widerstand besiegen,« sagte sie. »Oder willst du +sie nicht aufnehmen in dein Leben um des einen willen, das sie dir teuer +gemacht hat, daß sie rein durch das Laster gegangen ist?« + +»Ich will sie aufnehmen in mein Leben, sobald du sie mir zuführst,« +sagte er. + +»Ja, nun ist sie unter meinem Schutz und soll es noch eine Weile +bleiben. Du magst um sie werben.« + +»Wie soll ich das! Mein Glaube kennt keine Vermählung in Gotteshäusern. +Was verlangst du an äußeren Zeichen?« + +»Daß du sie hältst wie deine Frau und niemals mit einer anderen wohnst, +daß du sie nicht verlassest oder ihr Schmerz bereitest, der ihr die +Heimstatt verstört. Daß du ihr die Ruhe des Verweilens schenkest ohne +sie fühlen zu lassen, daß du einen Teil deiner Freiheit um ihretwillen +aufgegeben hast. Nichts ist beschämender für die Frau, als wenn der Mann +mit der Sklavenkette klirrt. Denn wisse, Frauen, deren Rechte nicht in +den Gesetzesbüchern der Menschen stehen, sie können nur vor Gott +hintreten, wenn sie verletzt werden. Und sie müssen ihres Besitzes weit +sicherer sein als die Ehefrauen, die das äußere Band stützt und hält, +wenn sie für ihr Glück fürchten könnten. Und oft ist uns das nicht +haltenswert, um das wir fürchten müssen aus fühlbarer Rechtlosigkeit.« + +»Celia,« sagte Givo, »Arabella ist nicht vom Dämon des Stolzes +heimgesucht. Du warfest einst ein Glück von dir, weil du meintest, es +sei dir nur gnädig zugemessen bis auf Widerruf.« + +»Ja, ich fühlte die Stunde des Abschiedes in jedem Kusse bis zur +Unerträglichkeit. So warne ich dich denn: gib ihr die Ruhe des Bleibens. +Wenn du erwogen hast, daß du dies kannst, dann nimm sie in deine Tage +und Nächte, Manuel!« + +»Wie schlicht du es siehst. Es gibt Bündnisse, die uns erwählen, ein +solches ist das unsrige, es ist bedingungslos geschlossen und Gott hat +den Schlüssel zu sich gesteckt. Ich wollte, er behielte ihn und waltete +unseres Friedens. Dir hat er ihn einst zurückgegeben, vielleicht zur +Probe nur, da liefst du hin und befreitest dich. Ob nicht der andere +sich umschlossen fühlt von der Erinnerung! Warum kommt er niemals, den +kleinen Neffen zu sehen, Vögelchens Liebling? Er fürchtet sich vor dem +lebendigen Bild. Wirst du niemals versuchen Gott den Schlüssel +wiederzugeben?« + +»Vorbei,« sagte Celia und legte die Hände vor die Augen. »Es ist nicht +gut den Stolz der Frau zu versuchen. Wozu die Kraftprobe, da ihr euch +doch die Starken nennt!« + +»Ach, Celia, ihr wäret nicht stolz, wüßtet ihr immer das Ende. Aber ihr +glaubt, wenn ihr geht, man holt euch zurück und ihr habt es dann besser +denn je,« sagte er. + +»Hüte dich davor, Vögelchens Stolz zu reizen!« rief sie. + +»Warum sagst du das, Celia? Sie ist nicht stolz. Das liebe ich an ihr. +Sie ist vor allem selbstlos.« + +»Aber die Selbstlosen sind die Leichtestverletzlichen. Ihr Einsatz ist +immer größer als der der anderen.« + +»Wenn eine Frau von mir ginge, die ich an mein Herz geschlossen habe, +ich folgte ihr nicht, ich riefe sie nicht.« + +»Aus Stolz, du, Manuel?!« + +»Nein,« sagte er lächelnd, »wie kann man stolz werden an Besitz, der +sich nicht erweist. Ich habe kein Besitzgefühl, das hat die Frauen oft +glauben gemacht, sie wären mir wertlos. Und dies Gefühl, ihrer nicht +wert zu sein, läßt mich oft die Gesellschaft der Dirnen suchen. Da fühle +ich mich freier und entbehre doch nicht das Weib. Ja, ja, Celia, ich +weiß, was du sagen willst, ich bin nicht undankbar. Frauen, wie du und +Angele es sind, gibt es wenige. Was mich bei euch freier machte, +verpflichtete mich auch. Ich konnte nur nehmen und nicht leicht nahm +ich, konnte nie fordern und halten, was sich wenden wollte.« + +Die Türe wurde aufgerissen, Gaston, der Sechzehnjährige, stand auf der +Schwelle, er wurde rot vor Scham, als Celia erschrocken aufstand. + +»Ich dachte, du wärest allein, Tante Cecile,« sagte er. Er würdigte Givo +keines Blickes. + +»Das dachtest du, Gaston? Wolltest mir wohl Gute Nacht sagen?« fragte +Celia mit Milde. »Ein anderes Mal stürm' nicht so, Gaston.« Er küßte +ihre Hand, vor Givo verneigte er sich und ging. + +»Eifersucht,« sagte Celia lächelnd. »Ich nenne ihn Nemidh mit der reinen +Hand. Kennst du die Legende von der heiligen Brigitta, die einen jungen +eleganten Kleriker zur Bescheidenheit bekehrt und ihm verheißt, daß er +ihr die letzte Ölung spenden werde. Er hütete sich die Hand zu +verunreinigen, die einst seiner Heiligen das Salböl reichen sollte, +daher erhielt er diesen Namen »Nemidh«.« + +»Ich fürchte, er ist ganz weltlich in dich verliebt,« sagte Givo +lachend. + +»Sein Vater, der Bildhauer, ist im Zuchthause,« sagte sie. »Man hat ihn +verurteilt, weil er angeblich seine eigene Geliebte getötet. Ich war zu +jener Zeit mit ihm verlobt. Gaston weiß das. Begreifst du, daß seine +kindische Liebe mir heilig ist, daß ich diesen Unglücklichen niemals +kränken werde!« + +»Oh, du liebe Gute,« sagte Givo und freute sich, daß Celias Hand die +seine warm umfing, dem alten Bund zur Bekräftigung. + + + + + Zora Uhari + + +Ein Wagen hielt vor Frau Givos Haus. Ein junges Mädchen sprang ab, +schlug den Reiseschleier zurück, lugte durch das Gartengitter und setzte +die Türklingel in Bewegung. Oben schreckte die alte Magd auf. Die Herrin +schlief. Minka sah über den Balkon hinab, sah das Gefährte, von dem der +Kutscher eben Koffer und Schachteln abräumte. »Gott sei gelobt, der +junge Herr!« Aber als sie unten mit dem Gärtner zusammenstieß und der +Gast eben in den Garten trat, sah sie, daß es Zora Uhari war, Zora, die +sie als kleines Mädchen gekannt. Wie groß war sie geworden, wie schön! +Zora umarmte die alte Minka und drehte sie im Kreise umher. + +»Ach, ich bin froh, bei euch zu sein; schläft die Tante?« + +Die Alte hatte mit glücklichem Erschrecken des jungen Mädchens Ungestüm +abgewehrt. Schläft und ist krank, sehr krank, böse Zeiten. Gut, daß du +gekommen bist! Oder muß ich schon Fräulein sagen? + +»Versteht sich,« sagte Zora. »Aber sag doch, was ist's mit Tante? Ja, +das ist ja schrecklich, Minka,« und leise flüsterte sie der Alten hinter +die Haube. »Ich bin um zwei Tage früher abgefahren. Die Vorsteherin +wollte, daß ich auf Begleitung warte. Da wird Tante nun am Ende noch +böser sein!« + +»Nein, nein, gut, daß du da bist. Wir erwarten auch den jungen Herrn und +er kommt nicht. Sie spricht ganz irre. Eine böse Zeit, eine böse Zeit!« + +Minka hatte Zora in das Zimmer geführt, das für sie vorbereitet war. Die +legte nun Hut und Mantel ab. Man sah es ihr an, es fiel ihr schwer sich +der drückenden Atmosphäre anzupassen. Sie hatte sich ihrer Freiheit +gefreut. »Also sprich doch, was ist geschehen? Oder soll ich's nicht +wissen? Gehör ich denn nicht zu euch?« + +»Ja, Zorachen, das ist es ja, das ist es ja,« sagte die Alte +geheimnisvoll. + +»Minka, ich zwicke dich, wenn du nicht endlich 'rausrückst. Ich verkomme +ja vor Angst und Neugierde.« + +»Ein Brief ist gekommen.« + +»Von wem?« + +»Vom Manuel, er will heiraten. Nicht dich, Zorachen, keine von euch, +eine Fremde! Und da liegt die Frau wie lahm, ißt kaum und horcht nur, ob +er nicht schon kommt und wieder zurücknimmt, was er geschrieben hat. Leg +dich hin, Kind, und ruh dich aus. Bist ja so weit hergekommen. Ich will +wieder zu ihr, wachen.« + +»Bleib weg,« sagte Zora. »Ich wasch mich nur, dann löse ich dich ab. Ich +will sie schon beruhigen.« + +»Vielleicht erschrickt sie, wenn sie dich so plötzlich sieht.« Die alte +Frau trippelte zur Tür und sah leise ins Zimmer, in dem die Herrin +schlief. »Sie schläft fest, der Brief liegt neben ihr. Ich kann nicht +lesen. Was wohl alles drinnen steht!« + +»Geh schlafen,« sagte Zora. »Ich bleibe bei ihr und rufe nach dir, wenn +sie dich braucht.« Sie schob sanft und kräftig zugleich die Dienerin +hinaus. Leise trat sie ins Gemach, in dem nur ein gelbliches Nachtlicht +brannte. Die Tante lag da, wie steinern war ihr Gesicht, es sah nicht +mehr gütig aus, wie Zora als Kind es ehemals kannte. Sie setzte sich in +den Stuhl, den die Alte verlassen. Einen Augenblick griff dies alles +nach ihr wie ein Traum, der Abschied vom Pensionat, den sie gewaltsam +erzwungen, die Tränen ihrer Freundin, der Rosenstrauß des jungen +Musikprofessors, dann die Reise, die zu ihrem Leidwesen ganz +uninteressant verlaufen war. Die Hand der Tante hielt einen Brief. Sie +erkannte Givos eigenartige Schrift. Der eine Teil des Blattes war +herabgebogen. Was Zora im schwachen Licht der Nachtlampe lesen konnte, +lautete: ».... unmöglich abkommen, dann aber kann ich Monate bleiben. +Aber wie soll ich vor dich hintreten mit leeren Händen? Ich kann nicht +widerrufen, was ich sagte. Ich habe dies Kind in mein Herz geschlossen +und es hat vielleicht niemanden auf Erden als mich. Vernichtung +bedeutete es, verließe ich es, indes ich die Frau nicht kenne, die du +mir gewählt hättest. Wäre dein Herz nicht vor allem das einer Mutter, +imstande die Qual, die der Sohn ihm schuf, um seiner tieferen Pflicht +willen zu verwinden? Lasse ruhiger werden den Widerstreit, denn ich will +kommen, ihn ganz zu besänftigen. Oh, kenntest du sie, ihr Antlitz zart +wie ein fernes Bild, über das noch ein Schleier sich breitet, nur die +Augen durchdringen ihn mit himmlischer Klarheit --« Zora Uhari lächelte. +Wie er sie liebt, die Fremde, das hätte sie ihm gar nicht zugemutet, dem +Heiligen! Sie war verliebt in Givo, obwohl sie immer trotzig gegen ihn +gewesen, aber nun hatte ihr ja der junge Geiger einen Rosenstrauß zum +Abschied geschenkt und ihr heimlich geraten, sie sollte sich für Musik +ausbilden. Der herrschte nun an erster Stelle. Daß die Tante sie mit +Manuel verheiraten wollte, das wußte sie aus untrüglichen Zeichen, aber +sie hatte das niemals ernst genommen. Vor allem war sie gewiß, daß sie +mit ihrem Trotz Givos Zutrauen verscherzt hatte, und er wußte es ja als +der Einzige, daß sie sich nicht freudig der geheimen Gemeinschaft +einordnete, der ihre Eltern zum Opfer gefallen waren. Sie schämte sich +der frommen Umständlichkeiten aus einer tiefen Keuschheit und Herbheit +der Seele. Sich sichtbar zu Abseitigem bekennen, erschien ihr wie eine +Entblößung heiligster Gefühle. War nicht Heirat auch das offene +Eingeständnis des Beischlafes, der Schwangerschaft, das Kind die +schamlose Schaustellung seines Vollzuges? Zora Uhari war wissend und +wach, sie war nicht naiv und rein im Denken, aber ihr Gefühl hüllte sich +vor dem eigenen Wissen in den Mantel der Keuschheit. Nein, Manuel +brauchte nichts von ihrer Seite zu fürchten. Sie selbst würde seine +Verbündete sein im Kampfe gegen die Mutter. Er sollte nur sehen, wie +klug sie war und wie treu, wenn er sie auch noch für ein dummes Kind +hielt, sie, die eine geheime Freundschaft mit einem Musiker hatte, der +schon einmal in Genf öffentlich konzertiert hatte. Nein, sie wollte +nicht heiraten und auch nur ein Jahr in der Glaubensschule bleiben, dann +würde auch sie sich ganz dem Geigenspiel widmen. Viel Geld würde sie +verdienen und niemandem gehorchen in der Welt als ihrer Kunst. Daß sie +eine Waise war und es immer gewußt, das hatte sie stark gemacht und auf +sich gestellt. Sie trat auf den Balkon, horchte auf das Plätschern der +Alster. Ein süßes Gefühl der Freiheit strömte durch ihre Glieder, ihre +jungen starken Muskeln dehnten sich wohlig. Vor ihr lag das Leben weit +beschiffbar wie das Meer, das sie in einer Brise grüßte. Es war nichts +Rätselvolles, was sie mit dem Atem der Freiheit einsog, nichts +Ängstliches, und sie spürte auch das, daß es nichts Geheimnisvolles für +sie gab. Die Tante quälte sich, arme eigensinnige Frau, dachte sie, aber +sie fühlte ihre eigenen Wünsche viel zu stark, um eines anderen Leid in +eigenes zu verwandeln. Minkas Stimme weckte sie aus ihrem Denken. + +»Zora ist angekommen, euer Gnaden, Zorachen. Wo ist sie nun?« + +Zora trat ein und küßte die Tante. + + + + + Ein Ende und ein Anbeginn + + +Es war Jeanne Cochard, Konrads Tischgenossin, gelungen Heimarbeit zu +bekommen. Nun konnte sie den Kleinen und sich ernähren. Sie bot Konrad +um geringes Geld einen guten Mittagstisch. So nahm er denn von Frau +Calou dankenden Abschied und entschwand ihrem Kreise. Die Arbeit für +Tallandre ging ihrem Ende entgegen. Sein deutscher Verleger lud ihn zu +mündlicher Aussprache und versprach einen schönen Vorschuß für seinen +Heiligen Bernhard. Er hatte sparsam gelebt: das Honorar für die +Übersetzung und für das neue Werk würden für Heimreise und ein halbes +Jahr Lebensunterhalt reichen. Dann würde man weiter sehen. Von Arabella +hatte er einen Brief bekommen, der bedeutete Abschied: »Es freut mich, +lieber Konrad, daß es Ihnen wieder gut geht. Ich glaube, es ist ganz +richtig, wenn Sie in die Heimat zurückfahren. Ich kann nicht mit Ihnen, +weil mich nichts abzieht von hier, wo ich gern bin. Ein Mensch wacht +über mich, der ist mir gut und ich habe nur einen Gedanken, ihm wert zu +sein und seine Nähe zu verdienen. Sagen Sie der Frau, die Sie meine +Mutter nennen, falls es wahr ist, daß sie nach mir verlangt, ich +fürchte, wir sind einander fremd und ich möchte nicht fort von hier. +Warum hat sie mir niemals geschrieben? Sie hätte Wege gefunden wie Sie, +auch wenn man sie gehindert hätte. Nun bin ich nicht mehr das ängstliche +Kind, das sich nach ihr sehnte und sich schämt allein zu sein. +Vielleicht war sie es, nach der ich manchmal weinte in all meiner +Unwissenheit. Jetzt habe ich es verwunden und sie würde mich mit einer +plötzlichen Liebe erschrecken. Haben Sie Dank für die Sorgen um mich und +fahren Sie nun ruhig zurück. Ich bin nicht Ariel, ich bin nur ein dummes +Mädchen, das Ihnen seltsam erschienen ist, weil niemand es in seinen +Träumen und Ängsten gestört hatte. Aber auch das ist vorbei. Es soll +jetzt ein neues Leben werden. Auch für Sie, Herr Prediger. Darum nichts +mehr von unseren Narrheiten! + +In Freundschaft Ihre + + Arabella.« + +Er las ihn oft und oft diesen Brief und, wenn er den Kopf in die Hand +stützte und seine Augen feucht wurden, fuhr ihm Jeanne Cochard durchs +Haar und scherzte ihm den Kummer hinweg. Wurde er dann zärtlich, so +hielt sie seine Hände fest und in ihren Augen war ein Flehen. Sie +fürchtete sich vor Männerliebe. Es kam ein Tag, da blieb Konrad aus. Zu +Mittag wartete sie hilflos, dann noch einen weiteren Tag, schließlich +ging sie zu seiner Vermieterin. Sie erfuhr, daß er sich elend gefühlt +und fortgegangen sei, ohne seither wiedergekommen zu sein. Dann wäre ein +Bursche da gewesen und hätte etwas Wäsche für ihn abgeholt. Jeanne +fühlte, wie eine eiserne Hand ihr Herz zusammenkrampfte. Sie schüttelte +den Kopf mit dem aschblonden Haar, das Konrad so gern hatte. Sie wußte +nichts von Marguerite. Sie ging Frau Calous Rat erbitten. »Ich gebe +Ihnen Nachricht,« versprach diese. Sie schickte zu Marguerite, die +verweigerte die Auskunft, aber der Kundschafter erfuhr von der +Hausmeisterin, daß Konrad bei ihr sei und im Fieber läge. Frau Calou +hatte Mitleid mit Jeanne, sie ahnte den Sachverhalt: Konrad war krank +und glaubte Ursache zu haben sich dessen zu schämen. Er hatte sich zu +Marguerite geschleppt, der alles Menschliche menschlich war. Sie pflegte +ihn ohne viel zu fragen und sie, die ihn geschlagen, wenn sie in Zorn +geriet, war nun sanft und gut, weil er bedauernswert war und einen Makel +trug. Nun war er ihresgleichen. Was sollte nun Frau Calou Jeanne +antworten? Sie vertröstete sie. Aber wenige Tage später ging sie selbst +zu Marguerite, da hieß es, Konrad wäre im Spital. Es wäre ein böser +Fall. »Dieses schmutzige Tier,« fluchte Marguerite: »Er hat es sich auf +der Reise geholt.« Frau Calou schickte Jeanne ins Spital, aber als diese +nach Konrad fragte, führte die diensthabende Nonne sie an die Schwelle +der Totenkapelle und mit weinseliger Stimme erzählte sie. Der Arzt hatte +wenig Hoffnung auf eine baldige und völlige Genesung gegeben und als das +Fieber gestiegen, hätte der Ärmste sich des Nachts draußen im Waschraum +erhängt. Schwester Philiberte hatte Nachtdienst gehabt, da konnte eben +dergleichen geschehen. Die ängstliche Jeanne trat nicht ein in die +Kapelle, sie fragte auch nicht nach Konrads Krankheit. Eine andere Frau +kam und schob sie gleichgültig beiseite. Es war Marguerite, die einen +Kranz brachte. Jeanne ging nach Hause, wo sie der Kleine erwartete. +Währenddem sie ihm den Brei kochte, tropften die Tränen über ihre +blassen Wangen in das Gefäß. Der Junge sah es und er fürchtete sich vor +dem seltsamen Salz, das ihm die Mutter in die Speise träufelte. »Wo ist +Herr Konrad?« fragte er. Da weinte sie laut auf. Die Milch lief zischend +über. + +Marguerite ging allein hinter Konrads Sarg. Custove war betrunken. Sie +hatte ihn beredet zu Hause zu bleiben. In Konrads Brieftasche hatte man +eine verblaßte Blume gefunden, eine Enzianblüte. Sie war in ein Papier +gewickelt, darauf hatte er sich angemerkt: _Quod in charitate +constitutis nullum peccatum imputetur_. Marguerite nahm es an sich. Weiß +Gott, wie man das Zettelchen noch brauchen konnte! + + * * * * * + +Und wie die Schwester es erfuhr: + +In Heiligenstadt bei Wien, unweit der Villenstraße, die heute den Namen +Springsiedelweg führt, stand im Glanz der Abendsonne stadtwärts blickend +ein einsamer Spaziergänger. Immer wieder ergötzte sich sein Schauen an +der feinen Silhouette des Stephansturmes, der goldig umnebelt über die +Häuser der Wiener Stadtbezirke ragte. Der Mann lüftete den Hut, ließ das +graugemengte Haar frei, weitete sein Samtjackett, als wollte er hier auf +der Höhe mit allen Poren Luft schöpfen. Dann wandte er sich und wie +unter ein Joch sich zu beugen, das er plötzlich stärker zu verspüren +schien, schritt er geduckt, ein frühzeitig Alternder, gegen den +Beethovengang, wo einst gleich ihm ein sonderbarer Junggeselle gewandelt +war, unsterbliche Harmonien im Klang des Baches erlauschend. Als er so +hinschritt, vernahm er das Säuseln der fallenden Blätter und gedachte +des entschwundenen Sommers. Es war ihm, als hätte er in Verbannung +gelebt, wiewohl er ihn im eigenen Heim verbracht hatte. Ein Landhaus an +einem See tauchte in seinem Erinnern auf, ein feines Blondwesen ging +dort elfengleich über die Wege, dann wieder sah er Flammen, nächtliche +Kahnfahrt, einen rollenden Berg, dem, unheilbringend, eine Circe +entstieg. Seine Sommerheimat lag verwüstet. Immer wieder brach die Wunde +auf, wenn er sie eben schon verharrscht glaubte, und ärgerlich über die +eigene Weichlichkeit, machte er nun kehrt und stieg in das Dorf hinab. +An dem Hause kam er vorbei, in dem einst sein Vater Meister Grillparzer +besuchte, nebenan hörte er im Heurigengarten das halb wehmütige, halb +lustige Gefiedel des »Schrammelquartetts«, Fiaker und »Zeiserlwagen« +standen die Straße entlang. Die Wiener Melodien schmolzen ihm die +Bitternis in der Brust und es blieb ihm nur eine lächelnde Traurigkeit, +als er sein Gartentor an der Probusgasse erreichte. Wie er nun dem alten +Haus entgegenschritt, trat aus der rotverhangenen Weinlaube eine junge +Frau in die Abendsonne heraus. Ihr Haar schimmerte rötlich, sie hielt +den Florentiner Hut in der Hand, ein kleiner Junge stand hinter ihr. + +»Verzeihen Sie, daß ich störe. Sie sind ja wohl Herr Doktor Urbacher? +Ich bin Hedwig Torn, die Malerin.« + +»Sie sind die Torn,« sagte er, sich verbeugend, »die den Prater so schön +malt? Und der da hier, ist das auch ein eigenes Werk?« Er deutete auf +den Jungen, der wie verzaubert im fremden Garten stand. + +»Er kann wohl hier bleiben, indes ich Sie um eine Auskunft ersuche?« +fragte sie. + +»Gewiß, gnädige Frau, darf ich Sie ins Haus bitten? Er fürchtet sich +doch nicht, Bube?« Hedwig schritt voran. »Eine hübsche Frau und wie +bescheiden sie sich gibt trotz dieses Könnens! Was mag sie wollen,« +dachte Urbacher und öffnete die Türe zum Flur. + +»Wie schön er es hat,« dachte hier wieder Hedwig, als sie die Diele +durchschritten, in der angedunkelte Bilder über alten Truhen hingen. +Eine Uhr aus der Maria-Theresien-Zeit mit bemaltem Zifferblatt tickte +laut in der Stille. Er öffnet eine Türe, dann aber, wohl einer kleinen +Eitelkeit gehorchend, führte er sie weiter in den Gartensaal und nun +hätte Hedwig fast vergessen, welch trauriger Anlaß sie hergeführt. Hier +waren die Wände des großen Raumes über und über bedeckt mit den +herrlichen Miniaturen der Urbacherschen Sammlung, aus Vitrinen lugten +ihre besonderen Kostbarkeiten. Sie erblickte alte Möbel, seltene Bücher; +durch die Bogenfenster grüßten die bunten Herbstbäume: zu viel für das +Auge der Malerin, um sogleich ihrer Frage sich zu besinnen. + +»Ich stehe zu Ihren Diensten,« hatte Urbacher gesagt. Sie ließ sich in +den grünen Ripsfauteuil nieder und, indem sie zur Entschuldigung +vorbrachte, daß all dies Schöne sie geradezu verwirre, suchte sie nach +Worten. + +»Es handelt sich um eine Adresse. Mein Bruder, ein Student, ist nach +Paris gefahren, eines jungen Mädchens wegen, das Sie kennen. Nun habe +ich seit Wochen keine Nachricht von ihm. Alle Briefe kommen zurück. Ich +bin voll Sorge. Ich möchte diesem Fräulein Mannsthal schreiben, sie weiß +vielleicht, wo er sich aufhält, was vor sich geht -- --« + +»Seltsam,« dachte Urbacher. »Nun kommt eine Fremde und spricht ihren +siebenfach versiegelten Namen. Die Schwester jenes Menschen ist sie?!« +»Ja, ich habe von Ihrem Bruder gehört. Mein Freund Mannsthal hat mich +vor einem Jahr etwa gebeten Schritte einzuleiten, um den jungen Mann, +der ihm lästig war, in seine Heimat zurückbefördern zu lassen. Ich +wollte mich an Ihren Vater wenden, erfuhr aber, daß der junge Mann schon +großjährig sei. Ich hatte auch wenig Lust mich einzumengen. Kurze Zeit +nachher verheiratete sich Herr Mannsthal und seine Tochter kam in ein +Pensionat. Seither habe ich keine Nachrichten.« + +»Mein Bruder hat sich lächerlich aufgeführt. Weiß Gott, wie ihm sein +Dämon mitgespielt hat. Er ist von jeher ein unglücklicher Mensch +gewesen. Es ist mir sehr peinlich -- --« + +»Ungewöhnliche Verhältnisse,« beschwichtigte Urbacher. »Das hat ihn wohl +auch verwirrt. Leider kann ich Ihnen mit der gewünschten Adresse nicht +dienen. Ich kenne sie nicht.« Seine Züge verkrampften sich, als er dies +sagte. Es wurde still im Raum, Musik schwirrte herein, aus einem der +Heurigengärten ins Zimmer getragen. Hedwig stand auf, bedrückt und von +böser Ahnung befallen. Sie sah nun zum ersten Mal in Urbachers Gesicht +-- die Umgebung hatte sie bislang davon abgelenkt und mit dem feinen +Instinkt der leiderfahrenen Frau erriet sie, daß auch er irgendwie +verstrickt war in diese »ungewöhnlichen Verhältnisse«. + +Er fühlte Wärme aus diesem Blick und er brauchte sie an diesem Abend. +Rasch legte er seine Hand auf Hedwigs Arm und sagte: »Bleiben Sie.« Dann +schritt er zu einem kleinen Kästchen, entnahm ihm eine Dose, deren +Deckel ein auf Elfenbein gemaltes Bildnis trug, und hielt es vor sie +hin. + +»Dies ist Arabella,« sagte er. »Können Sie ihn nun verstehen, den +Bruder?« Seine Hand zitterte. Er hatte etwas getan, das ihn selbst +überraschte und wie Verrat schien. »Das ist sie,« sagte er und atmete +schwer. »Ein schönes Kind, ein armes Kind,« sagte Hedwig ergriffen. + +Er gewann die Frau lieb, die dies sagte, er gewann wieder die reife, +verstehende Frau lieb, und mit einem Male stand das Ungeheuerliche, das +Unnatürliche mit beschämendem Schmerz vor seiner Seele, daß er um ein +Kind sich in Qualen verzehrt hatte, sich weichlich ihnen hingegeben +hatte. Wie ein Engel, der ihn aus Trübnis erweckte, erschien ihm Hedwig. +Das Gefühl, das ihn plötzlich zu ihr hinzog, machte ihn wieder zum +Manne, der sich des Weibes besinnt. Leise faltete er die mit Schildpatt +gefütterte Dose auseinander, eine blonde Flechte lag darin. Unendlich +fern schien ihm die, der sie angehörte, ein Traum, ein Wahn! + +»Ich will nach Paris an einen Bekannten schreiben, daß er sich +erkundige,« sagte er und räumte die Dose weg. »Wohin darf ich Ihnen dann +Antwort senden?« Sie nannte die Adresse. + +»Was mag ihm zugestoßen sein?« entfuhr es ihr. + +»Beunruhigen Sie sich nicht. Allen Anschein nach ist das ein sonderbarer +Kauz, Ihr Bruder. Weiß Gott, was für Grillen er eben fängt. Ich freue +mich, daß Sie den Weg zu mir gefunden haben. Hoffentlich kann ich Ihnen +bald Nachricht geben.« + +»Ich bin Ihnen von Herzen dankbar. Und diese Dame, ihre Mutter, sollte +ich nicht zu ihr, vielleicht weiß sie etwas von ihm? Er war mit ihr in +Verbindung,« sagte Hedwig. + +Urbacher biß die Lippen zusammen, eine Frage zu unterdrücken. Es tat ihm +weh, daß dieser Mensch, der gleich ihm dieses Kind vergötterte, Verrat +trieb. Und dennoch focht ihn Neugier an zu erfahren, was jener +erkundschaftet hatte. Mannsthal hatte ihm geschrieben, ehe er sich +verheiratet hatte. »Verzeih mir, um Arabella,« schrieb er. »Jetzt bin +ich selbst nur mehr ihr ferner Schutzgeist, soweit ich selbst dieses +nicht verscherzt habe. Sie hat einen Beschützer gefunden, der besser ist +als wir, einer, der eines Menschen Seele und Willen in seine Seele und +seinen Willen aufnimmt.« Das war alles, was er wußte. »Laß es begraben +sein,« sagte er sich immer wieder. + +»Der Bub,« rief nun Hedwig erschrocken und sprang auf. + +»Ja, was die Mutter betrifft,« sagte Urbacher, sich ihrer Frage +besinnend, die ohne Antwort verklungen war, »da bin ich nun noch weniger +unterrichtet. Aber mir will scheinen, als ob man sie nicht zu oft +erinnern sollte an ihre Tochter. Wunden brauchen oft Jahre, um zu +vernarben, und ein Wort kann mühseliges Heilen ungeschehen machen. Auch +diese Frau wurde verwirrt in diesen -- Verhältnissen. Lassen wir ihr das +späte Glück, das über diesem Grabe blüht. Ich sah sie jüngst vergnügt +mit Mann und Kind auf dem Kahlenberg. Gibt es einem Hoffnung, daß man +auch wieder sorglos werde.« + +Er geleitete Hedwig hinaus. Der Garten lag erloschen. Herbst feuchtelte +aus den Büschen. Der Bub kam ihr entgegengelaufen und klammerte sich an +sie. + +»Der braucht Sie! Beneidenswert, ein Kind zu haben,« sagte er. »Ein +Muttersöhnchen, was? Versteckt sich gar!« + +»Er hat nur mich,« sagte Hedwig. Sie sprach ihr tiefstes Leid aus, den +ängstlichen Kleinen zu rechtfertigen. + +»So, so,« sagte Urbacher. Seine Stimme war ganz weich, als wollte sie +ein Frauenherz streicheln. »Ich bringe Sie zum Stellwagen, zum +Rauschinger hinüber. Wird Ihnen ein wenig die Seele herausrumpeln, das +alte Gefährt. Lassen Sie sich's nicht verdrießen und kommen Sie wieder.« + +Aber wenige Tage später klomm er selbst in Hernals die schmale Stiege +empor zu dem Photographen-Atelier, das Hedwig als Werkstatt diente. Sein +Pariser Kunstfreund hatte ihm geantwortet, er werde sogleich die +gewünschte Nachforschung einleiten. Das genügte als Vorwand die Frau +aufzusuchen, die nun seine Gedanken beschäftigte. Maler gingen bei ihm +ein und aus, er hätte einen oder den anderen nach der Kollegin fragen +können. Aber schon hielt ihn die Scheu zurück, die ein ernstes Gefühl +ankündigt. Der ehemalige Nervenforscher wußte über sich und andere +Bescheid und gleich stellte er sich an den Pranger, als er sich dabei +ertappte, der Einschichtigkeit dieser Frau nachspüren zu wollen. + +»Da sind sie alle gleich sprungbereit, die Herren Böcke, ich natürlich +mit inbegriffen,« sagte er zu sich. »Aber immerhin ist das noch besser +als Kindern nachzulaufen, die sich nicht wehren, weil sie unsere +Niedertracht nicht kennen.« Er läutete. Es wurde nicht gleich geöffnet. +Er hörte erregte Stimmen und wollte schon wieder gehen, als die +Nachbarin, die Hedwigs Türe mit ihrer Neugier bewachte, sich einmengte. + +»Warten S', ich läut', es ist der ihrige drin,« und ehe der Erschrockene +es verhindern konnte, versetzte sie die alte Ziehglocke in stürmische +Bewegung. + +Im selben Augenblick öffnete sich die Tür und ein junger Mensch mit +zorngerötetem Gesicht stürmte an Urbacher vorbei. Peinlich berührt stand +der da und schon sagte er sich: »Da hast du wieder einmal Pech, du +unverbesserlicher Narr« -- als Hedwig zum Vorschein kam. Er erkannte sie +kaum wieder. Sie war in diesem Augenblick geradezu -- schön. Auch ihr +Antlitz war gerötet, in ihren Augen schimmerte noch eine Träne, aber sie +lächelten Urbacher zu. Obwohl ihr Mund noch wie in Spott und +Geringschätzung sich kräuselte. + +»Ach Gott, Sie haben geläutet,« rief sie -- sie bemerkte die Nachbarin, +schlug ihr die Türe vor der Nase zu und geleitete den Gast in das +Atelier, das ihr und dem eben abwesenden Buben auch als Wohnstatt +diente. »Nun werden Sie eine schöne Meinung von mir haben,« sagte sie +noch mit erregter Stimme. »Dieser junge Mensch der eben an Ihnen +vorbeigestürmt ist, hat mich beleidigt und ich habe ihm die Türe +gewiesen.« + +»Da muß ich Unglücksmensch Ihnen gerade in den Weg laufen.« + +»Nein, nein, Sie kamen eben recht. Ihr Sturmläuten hat mich +aufgerüttelt, noch schnell das letzte, das entscheidende Wort zu sagen. +Wenn wir noch lange herumgeredet hätten, wäre am Ende wieder eine +Versöhnung zustande gekommen. Wissen Sie, was er gesagt hat, dieser +Mensch? Er könne nicht mit mir ausgehen, ich sei ihm zu simpel +gekleidet. Und da, da,« sie hieb mit ihrer kleinen Faust auf den Tisch, +»da hat er mir Geld hergelegt, einen Hunderter. Der ist ihm aber rasch +an den Kopf geflogen. Andere Künstlerinnen nehmen auch von ihren +Geliebten Geld an, hat er gesagt, der unverschämte Grünschnabel.« Sie +besann sich, wurde feuerrot und trat ans Fenster, Urbacher den Rücken +kehrend. »Sie werden sich was Schönes denken, Herr Doktor,« sagte sie +leise. »Der Bruder ein Landstreicher und die Schwester -- -- Aber wissen +S' (sie begann in der Erregung im Dialekt zu sprechen), man ist doch +noch jung und man kann nicht all'weil allein sein. Der da ist der +Hausherrnsohn vom Fünfer-Haus. So ganz aus der Art g'schlagen ist er, +malt auch ein bissel und war lieb zum Buben. Da bin ich halt mit ihm +gangen. Und wegen der paar Busseln wird er jetzt frech und legt mir ein' +Hunderter hin. >Angabe<, hat er gesagt und hat dabei g'lacht, daß ich +ihm eine hätt' geben können, daß ihm die Zähne« -- sie mußte selbst über +ihren neuerlichen Zornausbruch lachen und unterbrach sich -- »um seine +Zahnderln wär' schade g'wesen, aber sonst ist kein Schad' um ihn. Bin +froh, daß alles aus ist, hat mir schon lang nicht gepaßt.« + +Urbacher dachte: »Zum Fressen ist sie, wenn sie zornig ist.« Er ging die +Wände entlang, die Bilder betrachtend: »Ihr einschichtigen Frauen habt +es ja noch schlechter als wir,« sagte er. »Warum kauft ihr der Tölpel +nicht die Bilder ab statt ihr Geld anzubieten,« dachte er. »Hören Sie, +Frau Meisterin, dieses Bild aus Grinzing müssen Sie mir überlassen. Das +ist ein feines Stück,« rief er aus. + +»Beschämen Sie mich nicht, Herr Doktor, das ist schon eine alte Arbeit. +Aber wie lieb von Ihnen, daß Sie selbst gekommen sind! Haben Sie am Ende +schon Nachricht? Sie haben mich letzthin so beruhigt. Aber nun ist mir +auf einmal wieder bange.« + +»Ich habe von meinem Bekannten die Zusicherung bekommen, daß er sich +sogleich aufmacht, in der Wohnung, die Ihr Bruder zuletzt bewohnt hat, +nachzufragen. Das wollte ich Ihnen vorläufig melden.« + +»Danke, danke! Wenn nur nichts passiert ist.« + +»Wo ist der Junge?« fragte Urbacher, der sich fast fürchtete, mit ihr +allein zu bleiben. »Nun will ich aber gehen. Ich komme wieder, wenn ich +Nachricht habe. Dann sprechen wir auch von dem Bild. Schreiben Sie aber +gleich darunter >Angekauft<. Oder läßt sich's gleich machen? Dreihundert +Gulden biet' ich dafür.« + +»200 ist schon zu gut bezahlt, Herr Doktor, und gar für die Umgebung, in +die es kommt. Da sollte man mit der Ehre vorlieb nehmen.« Nun setzte er +sich auf ihr Drängen wieder hin. + +»Sie sollten sich nicht aufregen, Frau Meisterin; sehen Sie, das +Äderchen, das Ihnen da angeschwollen ist.« Er nannte einen lateinischen +Namen. »Schonen sollen Sie sich. Sie haben gewiß schon viel mitgemacht!« + +»Das erraten Sie?« + +»Ja, wenn mir das nicht geblieben wäre von meiner Nervendoktorei!« sagte +er. + +»Warum haben Sie es aufgegeben, das Doktern?« + +»Es hat mich aufgegeben. Ich war zu neugierig, wissen Sie. Ich bin jedem +Fall nachgegangen bis in seine tiefsten Ursprünge und darüber bin ich +ins Philosophieren geraten.« Er wunderte sich, daß er ihr so schlicht +erklären konnte, was einst so viel Verwirrungen in ihm angerichtet +hatte. + +»Und die Miniaturen?« + +»Die waren die Erholung, die Betäubung, der gefeite Boden sozusagen, wo +nicht gekämpft wurde. Denn da drinnen,« er zeigte auf seinen Kopf, »sah +es aus wie auf einem Schlachtfeld.« + +»Auf dem schließlich ein Sieg erfochten wurde?« + +»Der steht noch aus,« sagte er. »Ich brauchte halt Hilfe.« Er lächelte +ungeschickt. Das rührte sie. + +»So, so, nun da stell' ich mir vor, daß sich jemand finden könnte.« + +»Glauben Sie?« + +»Ja.« Sie sagte es mit den Augen. + +Und als er dann die böse Nachricht erhielt, ging er zu ihr. Er hörte sie +mit dem Buben lachen. Da hatte er nicht das Herz es ihr zu sagen. +Weggehen wollte er auch nicht. Er trat ein und log, er wüßte noch +nichts, wäre nur wegen des Bildes gekommen, sie möchte es selbst hängen, +draußen in seinem Haus. Sie fuhren zu ihm, im Fiaker, in dem er gekommen +war. Der Bub saß auf dem kleinen Klappbänkchen. Da hatte sich ihm ein +Traum verwirklicht, dessen Erfüllung er erst mit der Firmung erwartete, +auf einem Klappbänkchen im Fiaker zu sitzen. Bei der »Linie«, die jetzt +schon tief im Weichbild der Stadt ist, mußte der Wagen stehen bleiben, +vom Zollbeamten angerufen. Hedwig verschloß ihr Bangen um Konrad und war +fröhlich mit dem Buben. Bei einem Heurigen beschlossen sie den Abend. +Wochenlang schob er es auf, von Begegnung zu Begegnung, ihr die +Todesnachricht zu sagen. Eines Abends schlug er ihr vor mit dem Buben zu +ihm zu ziehen, das Haus ihm zu leiten. Als sein Entschluß gefestigt war, +nicht länger ihr die traurige Wahrheit vorzuenthalten, schwoll seine +Zuneigung zu unaufhaltsamem Begehren. Er nahm sie zu eigen. Längst hatte +auch sie ihn liebgewonnen, den sanften Spötter. Er würde dem Kleinen ein +Vater sein, das fühlte sie, obwohl er oft selbst wie ein Kind war, das +sie schützend sich in ihren Schutz begeben. Am Morgen ihrer Vereinigung +sagte er ihr, daß der Bruder tot sei. Nun hatte sie ein Heim, darin ihr +Schmerz sich mählich auflösen konnte in ein stilles Glück. + + + + + Doppelleben + + +Arabella erfuhr nichts von Konrads Tod. Und noch ahnte sie nicht, daß +sich eine willensstarke Frau um ihres Sohnes willen gegen sie +verschworen, um mit zäher Sicherheit ihr die neue süße Ruhe zu rauben. +Sie hing mit großer Zärtlichkeit an Cecile und, da Clothilde das Asyl +verlassen hatte und Anna auf einige Zeit in ihre Heimat gereist war, +nahm sie allerlei Pflichten auf sich und wurde ein brauchbarer Mensch in +den täglichen Anforderungen des Lebens. Wenn Alphi schlief, beteiligte +sie sich mit Inbrunst an den der Musik gewidmeten Stunden und las mit +Helene die wertvollen Bücher aus Ceciles Bibliothek. Givo kam ein, auch +zwei Mal des Monats, blieb den Sonntag und gab noch ein oder zwei Tage +dazu. Er sah mit Kummer, daß Ceciles Gesundheit immer gebrechlicher +wurde und beriet sich mit Dr. Blanc. Den drückte noch eine andere Sorge. +In Chaly begannen Stimmen laut zu werden, daß man im Asyl ketzerisch +lebe, niemals sei von seinen Bewohnern jemand in der Messe zu sehen. Da +machte sich Givo auf und ging mit Arabella zum Segen. Stickig war es und +finster in der Kirche, ernst, fast drohend stiegen die gotischen Pfeiler +auf, ohne Tröstung. Die Menge schien zusammengeschweißt im Gebet, wie +ein Leib waren ihre knieenden Leiber, wie Murmeln eines Einzelnen ihre +Zwiesprache mit Gott. Über all das Dunkel streckten sich die +vielfarbigen Fenster und spannen blumige Lichtgarben zu einander. +Arabella, die selten nur eine Kirche besuchte, war ergriffen. Die Orgel +begann ihr erlösendes Spiel. Sie stand neben Givo aufrecht zwischen den +Knieenden und hielt ihr Herz zu Gott hinauf inmitten der inbrünstigen +Ströme der Fugen. Dank kam über sie und Demut des Gebetes. Sie kniete +hin und ließ die Seele mitjauchzen im Gesang, der aufrauschte aus der +Menge. Givo sah, wie sie ohne sich zu besinnen niedergekniet und tief +versunken war. Wieder war er von zärtlicher Rührung übermannt und wieder +mischte sich dieser, wie so oft schon, ein Gefühl schicksalschweren +Wissens über dieses in seiner Hingebung wehrlose Wesen, das seinem +Schutze anvertraut schien und das er dennoch nicht würde bewahren können +vor der allzu großen Last der Liebe. Ja, vielleicht würde er selbst sie +beschweren! Schon war alle Freiheit verwirkt, sie konnten einander nicht +lassen. Givo war froh, als sie aus der Kirche traten. Zu dick war ihm +dort die Luft. Aber er hatte Cecile geholfen und dem Asyl. Man hatte +Arabella gesehen, wie sie in aufrichtigem Beten kniete. Ihre Andacht +sicherte, ohne daß sie selbst den Sachverhalt ahnte, den Bestand des +Asyls auf weitere Zeit. Denn nun schwiegen die bösen Zungen. + +Als Vögelchen Manuel zur Bahn geleitete, hielt er sie lange im Dunkel +des Weges im Arm. Schwer nur gestand er ihr, daß er auf längere Zeit +verreise, zu seiner Mutter, in den Norden Deutschlands. Arabella nahm +erschrocken seine Hand: »Nimm mich mit zu ihr, nimm mich mit! Ich will +sie lieb haben.« Da trieb es Manuel die Tränen in die Augen. + +»Nein, Kind, es geht nicht. Aber wenn ich wiederkomme, hol' ich dich zu +mir, ganz zu mir!« Vögelchen sagte kein Wort mehr. »Es geht nicht,« +sprach es immer wieder in ihr, es geht nicht! Zum ersten Male hatte er +sie verwundet, sie, die kaum geheilt war von altem Leid. + + * * * * * + +Zora hatte an Givo geschrieben. Er kannte die Schrift nicht. Es war der +erste Brief, den er von ihr empfing. Sie schrieb ihm, daß die Mutter +schon etwas gesprächiger sei und nun stündlich seine versprochene +Ankunft erwarte. Er möchte nur getrost kommen und nicht allzusehr +erschrecken, wenn er erführe, wer die Braut sei, die ihm erwählt worden. +Denn diese wäre ja fest entschlossen niemals zu heiraten, da sie einzig +ihrer Geige Treue geschworen. Und er, Givo, der Heilige, werde doch +nicht ein Zigeunermädchen aus Hispaniens Fluren ehelichen, das nichts +Schöneres sich erträumte als sich heimatlos durch die Welt zu geigen. Er +sollte der Mutter nicht trotzen, die von ihr erwählte Braut würde ihm +Treue bewahren, indem sie sich weigere seine Frau zu werden. So hätte er +denn weniger zu fürchten, als wenn die Zukunft ihm eine Willfährige +entgegenführte. Nur eilig kommen möge er, denn sie wolle die Tante nicht +verlassen, ehe er nicht eingetroffen sei, und jeder Tag, den sie später +eintrete in die Glaubensschule, bedeutete Aufschub ihrer späteren +Freiheit. Er möge ihr beistehen, schon in einem halben Jahre die Schule +verlassen zu dürfen, um bei einem berühmten Geiger in die Lehre zu +treten. Als Givo in Hamburg ankam, war Zora des Morgens heimlich +abgereist. Sie hatte der Tante einen Brief hinterlassen, in dem es hieß, +es dränge sie nicht eine Stunde mehr zu zögern, da ja nun Manuel sie +entbehrlich machen würde. Geheimnisvoller Ruf wäre an sie ergangen ohne +Abschied in ihr Kloster zu eilen. + +»Wie fromm sie ist,« sagte Frau Givo, die aufrecht saß, aber noch immer +nicht das Bett verließ. »Ich bedaure es aber, daß du sie nicht gesehen +hast. Sie ist schön geworden: eine Jungfrau.« Sie betonte das Wort. +Weder sie noch Manuel erwähnten Vögelchens Namen. Die Mutter schwieg und +verlangte nichts und er ließ sein letztes Briefwort bestehen, daß er +nicht lassen würde von Arabella. Zwei Monate blieben sie beisammen ohne +Vorwurf und Zank, aber das Schweigen lag oft schwer zwischen ihnen und +hemmte die alte Vertrautheit. Als Givo abgereist war, verfiel Frau Lea +wieder in tiefes Brüten. Sie versuchte zu gehen, sie hatte es beinahe +verlernt. Sie schien um vieles gealtert, als sie nach viermonatiger +Weltflucht wieder auf die stille Straße trat, ihren Wagen bestieg, um +ihre Glaubenswerke zu üben. + + * * * * * + +Eine ganz kleine Türe hatte sich in Vögelchens Herzen geöffnet und ließ +Angst ein. Sie war manchmal fest verschlossen, wie von guten Geistern +gehütet, dann wieder sprang sie auf. Über ihrer Einfriedung stand: es +geht nicht. Da war eine große düstere Frau, die ging aus und ein und +sagte: »Er gehört mir, mir allein.« Fremde Frauen mit wehenden Federn am +Hute nickten ihr aus Karossen, in denen sie mit dem Herzensfreund saßen +und riefen: »Sieh, Kleine, wer mein Ritter ist!« + +Givo blieb lang aus. Als er wiederkam, schloß sich die kleine Tür und +die guten Geister hielten vor ihr Wache. + +Arabella schrieb an Adalbert: »Lieber Va, ich wohne von nun ab bei +Imanuel Givo. Er hat ein kleines Haus in St. Cloud gemietet. Willst Du +mir erlauben die Möbel meiner Zimmer, die wohl noch im Magazin +eingestellt sind, dahin schaffen zu lassen? Du wirst Dich nicht wundern, +daß ich nicht Givos Namen haben werde. Er sagte mir, daß dies vielleicht +erst in einer späteren Zeit möglich sein könnte. Ich glaube zu ahnen +weshalb und Du wirst es wohl ebenso deuten können. Seine Mutter will +mich nicht als seine Frau. Wir wollen jetzt ganz still für uns leben. +Später besuchen wir Dich einmal. Frau Angele möchte doch auch an mich +schreiben, falls sie Rat braucht, wenn das Kind geboren ist. Ich habe +Alphi Tallandre gepflegt und weiß Bescheid um die Kleinen. Der Abschied +wird mir schwer von ihm. Er ist so niedlich und fängt schon an zu +plaudern. Aber Manuel erlaubt, daß Helene und der Kleine uns im Frühling +besuchen. Ich habe Cecile Gloriot viel zu danken und ich hoffe, sie +weiß, wie ich sie liebe. Aber wie kann ich gut sein und bei ihr bleiben, +um ihr zu helfen, wenn ich mit Givo leben will, und das muß ich von +ganzem Herzen. Hab auch Du Dank für Gutes und Böses. + +Es küßt Dich Dein Vögelchen.« + + * * * * * + +Auf einem kleinen Dampfer fährt Givo die Seine entlang. Er blickt in das +schäumende Kielwasser, er beobachtet die Fahrgäste, aber nichts kann +seine Ungeduld bezwingen. Und so ergeht es täglich, seitdem er mit +Arabella draußen in St. Cloud wohnt. Eilig geht er dann ans Land und ist +bald an der Pforte, über der Weinlaub hängt. Frieden umfängt ihn, sobald +er eintritt. Er ist meist müde von der Arbeit, die er nun emsig ihrem +Ende zudrängt, weil jetzt Neues so reichlich aus ihm quellen will. Es +ist, als wäre der Antrieb seiner Kräfte jene warme Erdenglut, die +täglich aus einem geliebten Frauenleib in ihn einströmt. Er sieht so +viel jetzt, was geschehen muß, was gesagt und gewirkt sein will, und er +sieht es neu, er, der immer ein Schauender war. Noch beben in ihm die +Räder der Arbeit, wenn er Arabella begrüßt, die mit kindlicher Scheu ihm +entgegentritt, als teilte sie mit ihm nicht Tisch und Bett. Aber sie ist +für ihn wie ein Engel der Verkündigung, der aus seiner lichten Welt der +Inbrunst fromm eintritt in seinen heißen Arbeitstag und ihm ein neues +Heil weist. Geschmückt ist der Tisch, festlich winken die Bücher und das +Bett ist der fromme Altar ihrer Vereinigung. Über ihrem Lager sind blaue +Nebel göttlicher Unendlichkeit, umschwebt ist es von berauschenden +Tönen, über deren Wellen kein Schiff gelangt aus Tagland. Seine Kissen +haben Engel geschlichtet aus Lämmerwolken, seine Decken sind aus +Sonnenfäden gewirkt und sie wärmen die Liebenden, die nur ein Leib sind +auf ihrem heiligen Lager. Manchmal ist ein leises Lachen in der Luft wie +von unsichtbaren Amoretten, die Stimmchen der Kinder, die sie ihm +schenken möchte, und dann, ach, ein Seufzen des Kampfes, den er mit +seinen Sinnen ringt, um ihren zarten Leib nicht mit der ersehnten Bürde +zu beschweren. Denn weit ab und nur wie das Auffunkeln eines wachen +bösen Blickes leuchtet ein Auge und nimmt ihm den Traum Vater zu werden +aus dem Herzen. Doch Glückes genug! Er hält nicht ein Weib mehr, die +Liebe selbst, wie sie durch Ewigkeiten schwingt, pocht mit lebendigem +Herzen an dem seinen und er fühlt, er hat ihr Wahrsein gebraucht, ihr +frauliches Dasein, daß auch seine Arbeit ausströme als eine große +Wirklichkeit der Liebe. + +Als ein Vergangenes liegt das Lebendigste seines Lebens, sein Kampf mit +dem Dunkel, unter dieser Liebe eingesargt. Schatten sind die Genossen im +Laster geworden, die er zuweilen suchte, weil auch er eindringen wollte +in die Tiefe, Schemen die Dirnen, Nebelgebilde die lichtscheuen Stätten. +Sein Fuß strauchelt nicht mehr über diese Erinnerungen. Licht ist um ihn +und seine Lust hat sich verklärt. + +Arabella hat einen Garten und Glashäuser, ihre Pflanzen zu schützen. Was +will sie nur mit ihren Blumen? Sie fährt sie zur Stadt, aufgetürmt auf +starkem Wagen. Der hält vor den Häusern der Siechen. Sie trägt sie +hinauf über die weißen Stiegen der Spitäler und mischt ihren Duft in den +des Äther und der Essenzen der Reinigung. Sie tritt in die Krankenzimmer +und stellt sie auf die Tische. Da richten sich die Blicke steil auf in +den Betten. Es wird lichter im Raum. Ging da eine Elfe vorbei und ließ +Linderung zurück? Sie kommt auf ihren Gängen auch in das Zimmer, darin +Konrad gelegen, bevor er hinausschlich, die Erdenhülle abzuschütteln. +Ahnunglos streift ihr Kleid das Bett an, in dem er gestrandet. Da liegen +Menschen umher nach Gottes Ebenbild geformt und sind ein elendes Stück +Fleisch, schlotternd in Weh und ihr Blick sucht ein Endchen +Himmelsbläue, ausgespart zwischen Mauern. Sieh, da blüht ein Busch +Vervenen auf dem Tisch und speist ihr Auge. In einem Saale sind Kinder +gebettet, fiebrig glimmen die Augen durch den Schlitz der Lider, die +zuckende Hand hält den farblosen Wurstel, der vom reichen Kind abfiel +fürs Spital. Hier kann Arabella nicht enteilen. Die Schwester müht sich +einem schwarzlockigen Püppchen mit dünnem Hälslein den Verband zu +wechseln am bresthaften Bein, während seine Augen in hilfloser Klage +sein Weh künden. Bittend tritt Vögelchen näher und die Schwester läßt +ihr willig den Dienst. Die Kleine blickt in zärtlichem Bangen auf zu dem +Engel, der zu ihm niederrauscht, Chrysam auf seine Wunde zu legen. Wie +Flügel bauscht sich die Seide ihres Kleides und die mageren Händchen +greifen nach den Perlen an des Engels Hals. Löffel auf Löffel füttert +die Lichte ihm zu. Der Verband ist angelegt. Nun kommt die Mahlzeit und +es weiß nicht mehr, daß ihm die Suppe vergällt ist durch Schmerz in den +armen kleinen Eingeweiden. Leise bettet Vögelchen es zurück in die +Kissen, wischt den Schweiß ihm mit ihrem feinen Tüchlein von der Stirn +und hält sein Händchen, bis es entschlummert ist. Nun tritt sie zu den +anderen, reicht ihnen Backwerk und Spielzeug. Abends beten sie für +Arabella. + +Aber Givo bittet Arabella eindringlich nicht mehr in die Spitäler zu +gehen. Tiefer sei dann das Dunkel, wenn sie den Kranken entschwunden, +und er fürchte, sie könne selbst erkranken. Nun sandte sie Bücher, las +emsig, um die rechte Auswahl zu treffen, und manchmal schrieb sie +Tröstungen an den Blattrand. Zu dieser Zeit dichtete Givo Psalmen und +Hymnen. Arabella findet die Verse in ihre Tage gestreut und sie singen +in ihr durch die Stunden ihrer häuslichen Andachten. Da ist eines »Passi +flora«, genannt nach jener Blume, die Spanier fanden, seine Vorfahren +als sie in Amerika landeten. + + Du rotgetupfter Nektarienkranz, + Wie gleichst Du dem blutigen Dornenglanz: + Fünf Staubgefäd dem Wundenmal + Fruchtknoten dem Kelch, der Griffel dem Pfahl, + Die Narben den Nägeln, drei an Zahl, + Das Blatt der Lanze geschärfter Qual. + Du ranktest Dich auf in liebender Glut, + Du Engel der Blumen, aus Gottes Blut. + +Immer wieder liehen ihm die gläubigen Sagen seiner Vorväter Gleichnisse. +Vom Paradiesvogel erzählte er ihr: + + Von einem Vogel sprach mir auch die Ahne, + Den sie in Neu-Guinea fliegen sahen: + Von Düften lebt er, leuchtend in der Nacht, + Fliegt unaufhörlich in des Himmels Wonne, + Borgt seine Strahlen vom Geschmeid der Sonne, + Aufschwung und Licht, das ob dem Dunkel wacht. + +Er hatte ein Leid, aber er nahm es hervor, nur wenn er allein war, +abseits dem Hause, das seine Geliebte hielt wie einen lebendigen Balsam. +Das Leid war es um der Mutter Wahn. Er sah sie dort in ihrem kalten +Haus, unbeweglich erstarrt in ihrem Trotz, fern seinem blühenden Leben. + +Wie sollte er Arabella Vorbereiten, daß er für Wochen, Monate nun wieder +dort mit der Mutter leben, sie aber nur besuchen würde wie ein +Bekannter. Eine Zeit des Jahres gehörte der Mutter ganz, die seiner +Freiheit willen all die übrigen Monde opfervoll in Einsamkeit lebte. Er +lud Freunde ein, daß Arabella nicht allzu einsam würde ohne ihn. Da war +nun auch Frederic Tallandre von seiner Afrikareise heimgekehrt und +freute sich, daß Alphi ihn mit seinem dritten Mütterchen, Helene, +besuchen würde. Er war scheu gegen Frauen, der junge Gelehrte, er war es +immer gewesen und bereute es, eine Ausnahme gemacht zu haben mit der +eignen, indem er sich verheiratete. Er hatte seine Frau wie gegen seinen +Willen geliebt und nun war fast Groll in ihm gegen die lebendigen +Frauen, die sie überlebten. Er war ein wenig wunderlich, aber kindlich +gut und einfältig zuweilen. Da war Hettwer, ein junger Aristokrat, der +Givo schwärmerisch liebte und dessen Freundin dienen wollte wie ein +Page. Aber Vögelchen fühlte seine Gebrechlichkeit, auf die wohl er +selbst sich stützte, die anderen aber niemals Halt geben konnte. Dennoch +erregte Mitleid ihr eine leise Zärtlichkeit. Sie hätte ihn erwärmen +mögen an ihrem Herzen. Ihre Bewunderung aber galt Frau Calou, die +zuweilen an Abenden kam, um zu beraten, und mehreren jungen feurigen +Menschen, die in Givos Lehre vom wissenden Licht ihre Daseinsform +erkannten. Aber da waren auch mehrere, deren Weltauffassung sich nur +scheinbar mit der Givos deckte. Sie erhoben den Geist zu ihrem rettenden +Gott. Freilich, er sah alles, befehligte alles, aber er thronte oft über +dem Dunkel als ein Dünkel und, wiewohl Arabella sein Licht sah, fühlte +sie sich diesem Gottesgeist fremd, der sich nur vom eigenen Feuer nährte +und selbstsüchtig sich selbst verzehrte. Sie sprach wenig und erhorchte +sich viel. Ihr war manches fremd, mit dessen Wissen andere heranwachsen, +und von vielem hatte sie Ahnungen, durch die sie das Gehörte auf eigene +Art fortspinnen und ausbauen konnte. Eines Abends, nachdem Hettwer und +die Schauspielerin Larousse gegangen waren, blieb sie lange traurig. Die +Larousse hatte von einem Mädchen gesprochen, das gegen die Behauptung +ihres Verlobten ihre Jungfräulichkeit durch einen Arzt hatte nachweisen +lassen. Vögelchen war still und nachdenklich, dann als sie allein waren, +in Scheu und Scham in sich gekehrt, als Givo sie liebkoste. Eine leise +Frage hatte ihm ihre Traurigkeit verständlich gemacht. Es war ihr +unbekannt gewesen, daß es solche Jungfräulichkeit gab. Ihre Seele litt +Heimweh nach Kindheit, der sie sich entgleiten fühlte. Mit einem Male +wußte sie, daß sie Givo reicher hätte beschenken können. Sie fühlte, daß +sie ihrem ersten Freunde nachtwandlerisch vergeben, was sie wachend noch +nicht besessen, es verloren, ehe sie darum gewußt. Sie wunderte sich, +daß Manuel Va nicht strenge abwies. Aber Manuel Givo wußte zu sehr um +die Schuld, die jeder einzelne um die des anderen trägt. Er genoß +Vögelchens Liebesreife, die Mannsthal gefördert hatte, und er lebte ohne +gesetzliche Trauung und dies war ihm eben möglich, weil schon ein +anderer es getan hatte. Wer ohne Sünden ist unter euch, der werfe den +ersten Stein ... Sie aber war ihm schuldlos, wie Tier und Blume, und wo +ihre Seele aufwachte, ward Schönheit und Güte. In ihrer Bewußtheit war +nichts sündig, so lange sie mit ihm lebte. Und um die leise Trauer zu +heilen, ließ er tagsdarauf die folgenden Verse auf ihrem Tisch zurück: + + Mir ist Dein Leib ein lichtes Himmelstor, + Durch das ich ströme in mein Paradies, + Und wenn kein Engel mich aus seinen Hallen wies + Ist's, weil Du selbst bist Metathron im Chor. + Aeonin bist Du, doch im Dienen groß, + Sieh, Deine Schwingen ruhen mir im Arm. + Noch sind sie Dir von weitem Fluge warm, + Gebenedeit ist Göttin mir Dein Schoß. + +Wie konnte sie einhergehen, anderen Frauen gleich, da ihr Herz in +Seligkeit, von den Kräften seiner Anbetung getragen, sie aufhob, daß ihr +Fuß kaum die Erde streifte. + + * * * * * + +Nun kam der Tag, wo Givo ihr sagen mußte, daß er nun mit der Mutter +wohnen würde. Mutter, konnte sie es begreifen, war ihr nicht ein leeres +Wort, was andere als unantastbares Gut empfanden und ihm so viel noch +bedeutete! Als er es ihr sagte, verstand sie vor allem das eine, daß er +schon lange der Mutter Beschützer war, an des toten Vaters statt und sie +nicht verlassen durfte um der Pflicht willen, die er schon früh +getragen. Daß sie Vögelchen ausgeschlossen haben wollte aus diesem +Lebenskreis, das faßte sie nicht und es war ihr so fremd und +unentwirrbar, daß sie daran in ihrem Denken wie an einen Felsen stieß, +den sie umgehen, aber nicht übersteigen konnte. Und Givo wußte, nur ihre +Ergebenheit würde es überwinden. Er war ihrer so sicher, er glaubte den +kindlichen Geist plötzlich erwachender Auflehnung in ihr schon völlig in +Liebe gelöst. Gewiß wäre es das Klügste gewesen, wenn er Arabella +veranlaßt hätte, einige Wochen bei Cecile zu verbringen, aber er +fürchtete ihr Mißtrauen, daß ihr das Heim wieder genommen sei, indem er +freiwillig eine Trennung herbeiführte, während er, wenn sie in St. Cloud +blieb, sie täglich besuchen konnte. Frau Givo war nun angekommen. Sie +ging auf einen Stock gestützt und hatte allerlei Eigentümlichkeiten +angenommen, die sie alt und wunderlich machten. Sie schien nicht mehr +die vornehme, herb verborgene Frau. Es war, als ob eine Angst sie jage, +und ihre Unruhe teilte sich anderen mit. Zu Givos Erstaunen stieg hinter +ihr Zora aus dem Zug. Er erschrak fast über die Schönheit des jungen +Mädchens und seine Mutter bemerkte es mit einem Lächeln, das in ihr +edles Antlitz einen bösen Zug zeichnete. + +»Was sagst du nun zu diesem Kind, ich habe es mitgebracht, daß du es auf +den rechten Weg bringst.« + +»Ich bin ausgerissen,« sagte Zora. + +Als sie im Wagen saßen, erfuhr er, daß Zora, die sich in der +Glaubensschule als störendes Element erwiesen, mit Zustimmung der Tante +einige Wochen Ferien erwirkt hatte. Givo war es recht, daß Zora +mitgekommen war, so konnte er denn in St. Cloud unter dem Vorwand wohnen +bleiben, den beiden Frauen genügend Platz in seiner Stadtwohnung zu +belassen. Eine seltsame Scheu hielt ihn zurück, Arabella von Zora zu +sprechen, auch von der Mutter erzählte er nicht und dieser niemals von +Arabella. Er lebte während dieser Wochen zwei vor einander verborgene +Leben. Er stand zwischen zwei Notwendigkeiten und, daß er sie nicht +vereinen konnte, ließ ihn selbst oft minutenlang außerhalb, als einen, +der sich selbst sieht und abwartet. Aber er fühlte, daß diese +Zwiespältigkeit nicht andauern konnte, sie war zu sehr seinem Wesen +fremd und verächtlich. + +Zora hatte begonnen bei dem berühmten Geigenkünstler Mabese Stunden zu +nehmen und Frau Givo sah sich vor einem neuen Konflikt. Die Rückkehr in +die Glaubensschule schien ihr auch aus anderen Gründen nicht ratsam. Sie +fürchtete, Zora könne sich dort durch ihre Heftigkeit neuerdings +unmöglich machen und vor allen Mitgliedern der Gemeinschaft befleckt +sein. Dann aber würde eine Ehe mit dem Sohn ausgeschlossen sein. Ihr +Talent könnte immerhin die Möglichkeit bieten sie teilweise von der +Schule zu befreien. Der Name Uhari war einer der besten unter den +Schauenden. Aber gerade deshalb sollte Zora ihn nicht gefährden. Die +Bitternis um Manuel hatte sie schlau gemacht und nachgiebig, wenn es +galt, dem Ziele näher zu kommen. Sie hoffte schließlich, den Sohn für +Zora zu gewinnen. Und Zora war ja hilflos ohne sie, denn Zora liebte das +Wohlleben und den Luxus, obwohl ihr Vater Enthaltsamkeit gepredigt +hatte, und sie gab ihr darin nach, gewöhnte sie an das Teuerste, nur um +sie ganz in der Hand zu haben. Den tieferen Sinn der Lehre beachtete +Frau Givo nicht mehr. Ihr galt einzig, ihren Willen, der ihr zum Wahn +geworden war, durchzusetzen. Sie rechnete und berechnete. Mochte Manuel +die Nächte mit dem fremden Mädchen verbringen, mochte er es verzehren in +Liebe, um so rascher würde er frei werden für Zora. Sie täuschte sich: +Manuels Leben mit Arabella war die edelste Erfüllung dessen, was seine +Lehre unter Geschlechtsgemeinschaft versteht, es war ihm jenes +Untrennbare, das keines äußeren Bandes bedarf, die erdenhafte +Verschmelzung, aus der die göttliche Flamme schlug, das Licht über +seinem Wandel, das nichts Irdisches zerstören, nichts Himmlisches +verdunkeln konnte. Mochte sein Gehen und Stehen von ihr getrennt sein, +ihr Einssein blieb unlöslich. + +Aber zu dieser Zeit geschah es, daß Arabella zu Givo in die Sternwarte +kam, was lange nicht geschehen war, um ihm Ceciles Ankunft zu melden, +die ihres Leidens wegen zu ihrem Pariser Arzt gekommen war. »Es ist eine +Dame bei Herrn Givo,« sagte der Diener mit verschwiegenem Lächeln. +Arabella hörte Zoras Lachen. Sie wartete eine Weile, aber es war irgend +peinlich wie lauschend an der Türe zu stehen, während bittere Gedanken +kamen, die sie nicht bannen konnte: Wer ist sie? Sie ist jung und +lustig. Es duftet hier nach Parfüm. Warum sprach er nicht von ihr? Kann +ich nicht immer eintreten zu ihm? Ist es nicht häßlich, wenn ich nicht +sorglos ihn begrüße? Niemals war ihr Mißtrauen gekommen und, überdachte +sie es, so gönnte sie ihn anderen Frauen. Aber nun stand sie und etwas +machte ihr angst und kalt. Sie wußte es gleich, sie liebte nicht die da +drinnen und gleich verurteilte sie es, einer Fremden, von der sie nichts +wußte, übel zu wollen. Weil es sich aber nicht begründen ließ, weil sie +nicht Beweise hatte für ihr abweisendes Gefühl, lag wohl ein Grund vor, +ein geheimer Sinn, dem sie Glauben schenkte. Plötzlich ging die Tür auf +und Givo trat heraus. Er wurde -- er selbst spürte es mit Schrecken -- +bleich. War es Vögelchens Gefühl, das sich ihm mitteilte, war es der +ganze Zusammenhang, der Umstand, daß er nie über Zora gesprochen, die +zufällig gekommen war, mit einer Bestellung seiner Mutter, ebenso +zufällig wie Arabella? Aber Givo sah sich plötzlich umstellt, verfolgt +in seiner Arbeitzelle oder er täuschte sich unbewußt dies vor, um nicht +sein wirkliches Gefühl der Scham über sein doppeltes Leben zu empfinden, +da er, der immer gerade Wege ging und für alles Tun einstand, vor diesem +Wesen, das ihm vertraute, scheinbar ein Geheimnis hatte. Er wußte, dies +war nichts als der flüchtige Besuch eines Mädchens, mit dem er in +heiterem und zugleich feindlichem Einverständnis stand, aber er sah es, +wie Arabella es sehen mochte, als eine heimliche Zusammenkunft und +vielleicht nur eine von vielen. Sie wollte sprechen, aber die Scheu, die +sie zuweilen empfand, war so groß, daß sie kein Wort hervorbrachte. »Ich +kann jetzt nicht mit dir gehen, es ist jemand bei mir. Willst du mich +irgendwo erwarten? Wir können dann eine Weile zusammen bleiben.« + +»Eine Weile?« fragte sie. »Und jetzt?« + +»Jetzt ist ein Mädchen da, das mir meine Mutter mit einem Brief +geschickt hat. Ich kann es nicht rasch fortschicken, ohne es zu +kränken.« + +Vögelchen wollte ihn bitten: schicke _sie_ fort, _sie_, nicht mich. Aber +sie brachte es nicht über die starren Lippen. Sie nickte nur und ging +die Stiegen hinab. Die Kniee zitterten ihr. »Wo sehe ich dich?« rief er +ihr nach. + +»Cecile ist hier,« sagte sie von unten mit mühsamer Stimme. Dann ging +sie. Er blieb stehen, seine Füße waren bleischwer. Hinter ihm stand +Zora. »War sie das?« fragte sie und ihre mandelförmigen Augen +leuchteten. + +»Wer denn? Ach, ihr Frauen, ihr Neugierigen,« sagte er. Als Zora +gegangen war, stand unten an der Tür Arabella. Sie hatte den Schleier +über ihr Antlitz gesenkt, aber Zora wußte: das ist sie. Und Zora schritt +sorglos weiter, hob ein wenig trotzig den Kopf, als sie an ihr +vorüberkam, und Arabella schien es, als kräusle ein Lächeln ihren Mund. +Ein kleiner Funken knisterte zwischen ihnen: Feindschaft. + +Als Manuel nach St. Cloud kam, fand es sich, daß Arabella mit Cecile zur +Bahn gefahren war. Er hatte zwar eine Verabredung mit seiner Mutter, +aber nun hatte ihn Unruhe und Sehnsucht befallen, sie an sein Herz zu +drücken. War es möglich, daß sie etwa, ohne ein Wort zu hinterlassen, +weggefahren war? Welcher Teufel hatte ihn gejagt, nicht das, was ihm das +Wertvollere und das Natürlichere war, zu tun? Er quälte sich. Warum +hatte er sie, nicht Zora weggeschickt! + +Vögelchen kam spät nach Hause. »Allein bist du den einsamen Weg +gegangen?« sagte er und nahm sie in die Arme wie eine Mutter ihr Kind. +Er war so froh, daß sie zurückgekommen war. Da weinte sie, weinte all +ihre unausgesprochene Angst um jenes Leben, in dem er war abseits von +ihr, in einer fremden Welt, die ihr feind war. + + + + + Flucht + + +Der Mai, mit seinem Zustrom von Fremden, war Givo nicht lieb in Paris. +Die Stadt schien ihm da von ihrer vielfältigen Wirklichkeit zu einer +Stätte wahnvoller Lustbarkeit gewandelt. Er aber kannte die Kehrseite, +das Elend, die nachbetende Verlogenheit, die die Prostitution +verherrlichte, all die geistige Verlotterung und die Eintagsfreude des +Luxus. Die Regsamkeit der Menschen drängte ihnen nach in ihre +Zurückgezogenheit. Sie riefen die Menschen nicht zu sich, aber ihr +Helfen rief sie: wer unberaten, bedrückt, bedrängt oder begeistert war, +sehnte sich in ihre Nähe. Künstler verlangten die Weihe ihres +Verständnisses, täglich liefen Briefe und Bücher ein, Bilder wurden vor +ihnen aufgerollt, sie mußten in Ateliers klettern, uneheliche Kinder aus +der Taufe heben, Kranke besuchen, die nach ihnen riefen, Streitigkeiten +von Liebespaaren, Diskussionen über geistige Uneinigkeiten, seelische +Rechtsbrüche wurden von ihnen abgehandelt. Wiewohl es nicht unbekannt +war, daß Givo einen großen Teil seines väterlichen Erbteiles für +wohltätige und wissenschaftliche Zwecke verbraucht hatte, hielt man ihn +für genügend reich immer noch helfen zu können. Die Mannsthal-Aktien +waren sehr gestiegen. Adalbert hatte Vögelchen ein großes Vermögen +angelegt. Givo wollte nicht ärmer werden, um nicht in die Lage zu +kommen, aus diesem Gelde Nutzen zu ziehen. Und vor allem sehnte er sich +nach Abgeschlossenheit, um neue Kräfte zu sammeln. Givo wollte die +Haustüre sperren, einen Zettel hinaushängen und darauf schreiben: »Hier +wird gearbeitet, man bittet um ein wenig Ruhe.« Aber da blickten die +Freunde durch die Hecke am Gartengitter und riefen: »Ach, ihr spaziert +ja eben herum, da kommen wir nur auf fünf Minuten.« Oder Givo bringt +selbst einen Verstörten, den Arabella aufrichten soll. Sie fühlen eines +Tages, daß die Freunde ihre Feinde sind, daß ihnen der Fremde, der auf +der Straße vorbeigeht, mehr Freund ist, weil er ihnen nicht von ihrem +Leben nimmt, wie man Äpfel vom Baum bricht. Und sie fühlen auch, daß sie +ärmer werden an ihnen, weil diese mit der Gewaltsamkeit des eigenen +Wichtignehmens ihre Existenz in die ihre drängen und ihnen den eigenen +Atem rauben. Sie haben keine Einkehr mehr mit sich selbst. Der Traum ist +ihnen verscheucht, selbst aus dem Schlaf, der sie so bleiern anfällt, +daß sie sich nur leise mehr durch ihn spüren und nur selten mehr die +Frische haben, sich einander hinzugeben. Vögelchen wird blaß und müde +und eines Tages läßt sie die Koffer herbeischaffen und Givo findet alles +vorbereitet zu einer Reise. + +Er wollte gern mit Arabella noch einige Tage nach Chaly, reine Luft zu +trinken. Der Arzt aber hatte Cecile auf eindringlichstes Fragen eine +schlechte Prognose gestellt; keine Hoffnung auf Genesung. Sie hatte es +geahnt, aber nun befiel es sie wie Grauen über sich selbst, beinahe +Verächtlichkeit war es für den hinsiechenden Körper. Zählte sie noch +mit, konnte sie noch auf Menschen wirken, da sie nicht mehr ganz zu den +Lebendigen gehörte? Gab es nicht etwas zu tun, das der Menschheit +nützlich sein konnte und das nur einer vollbringen mochte, der ein Leben +zu opfern hat! Sie wollte ihr Augenmerk auf nützliche Taten lenken, +deren Folgen andere zu fürchten hatten. Aber noch war ihr der Gedanke zu +neu eine Sterbende zu sein. Sie mußte allein sein mit diesem Übergang +und keiner, dem sie lieb war, sollte den Urteilsspruch des Arztes +erfahren oder erraten. So schrieb sie Givo, er möge den Besuch +verschieben. Gleichzeitig aber erhielt dieser einen Brief von Mannsthal, +er sei im Begriff zu verreisen, er wolle vermögensrechtlicher +Angelegenheiten wegen, auch um Vögelchens Freiheit zu schützen, deren +vorzeitige Großjährigkeit erwirken. Angele würde sich freuen, ihn und +Arabella während dieser Zeit bei sich zu sehen. Sie würde auch +Vermittlerin sein in einer Angelegenheit, die er gern bereinigt sähe. +Arabella machte sich bereit, Givo nach Quesnon zu begleiten, wo sie +mehrere Tage verbringen wollten. Da kam Helene mit Alphi und Manuel +reiste allein. + +Er fand Angele verändert, mütterlich froh und gerundet, verjüngt und +gereift zugleich. Sie war unablässig bemüht um das Kind. Es war +schwächlich und sie hatte deshalb mit Adalbert beschlossen im Süden sich +anzusiedeln. Bevor sie aber Nordfrankreich verließen, wollte Mannsthal +gern Arabellas Zukunft gesichert sehen und das quälende Bewußtsein der +Vergangenheit völlig überwinden. Er, Givo, wäre wohl großzügig genug, um +Mannsthal nicht das Recht zu schmälern, Vögelchen zu beschützen, solange +kein anderer diese Rolle dauernd übernahm. Es bedrücke ihn, daß Givo +Arabella bislang nicht zur Frau begehrt, obwohl er ihre Seelenreinheit +erkannt habe. Mannsthal habe geschwiegen, weil seine Lage Vögelchen +gegenüber eine außergewöhnliche sei und er selbst scheinbar deren +Anspruch auf Rechtmäßigkeit verwirkt habe. Sie aber, die Freundin und +Frau, der es gelungen, den Dämon aus Adalberts Leben zu bannen, sie bäte +Givo flehentlich gerade um dieser Umstände willen, nicht zu zwangloser +und unsicherer Beziehung die Sachlage auszunützen. Sie kenne seine losen +Verbindungen mit Frauen, als des Mädchens Stiefmutter bäte sie um +Bescheid. Givo ward in den Grundfesten seines Wesens erschüttert, als er +die Freundin solchermaßen sanft und eindringlich sprechen hörte. Die +Einstellung war falsch. Niemand wollte wie er Vögelchens glückliche +Geborgenheit. Aber Angele hatte recht, das durfte er nicht, wie er es +bisher stillschweigend getan, jenes Mannes Unrecht nützen. Während +Angele gesprochen, wußte er es mit einem Male, er handelte schlecht an +Vögelchen. Er dachte ja nicht daran sie zu verlassen und ihre Liebe war +groß genug sich in außergewöhnliche Verhältnisse zu fügen. Seiner +Glaubenslehre war die freie eheliche Verbindung gemäß, nicht zwanglose +Leichtfertigkeit lenkte ihn und Scheu sich für alle Zukunft zu +entscheiden. Aber er sah sich gehemmt Frauen gegenüber frei zu handeln +und was aussah wie Libertinage, war in Wahrheit Zwang. Was ihn +erschütterte, war, daß er sich greller bewußt ward, daß seine Mutter, +indem sie seine Lehre, die mit überzeugtem Handeln so enge zusammenhing, +schützen wollte, ihn zu zweifelhaften Kompromissen verurteilte. Seine +Männlichkeit, seine Ehrlichkeit sträubte sich gegen gebundene Hände. +Wohin er sah, es war nicht Freiheit mehr um ihn. Wie aber sollte er +wirken ohne sie? Er verabschiedete sich von Angele, es drängte ihn mit +seiner Mutter zu sprechen. Nach Paris zurückgekehrt suchte er sie gleich +auf. Er fand sie lesend, Zora übte im Nebenzimmer eine schwierige +Sonate. Jenseits der Seine waren Türme und Dächer in das Rot der +untergehenden Sonne getaucht, der Fluß, dessen Lauf man von den Fenstern +aus verfolgen konnte, hatte etwas feierlich Hinschwebendes. + +»Ich möchte mit dir sprechen, Mutter.« Frau Givo erbleichte. Sie fühlte +das Außerordentliche des Augenblickes. + +»Was wünschest du?« fragte sie. + +»Ich will nun dieses Mädchen zu meiner Frau machen.« Die Frau mit dem +wachsgelben Gesicht sah starr auf den Mund, der das Gefürchtete +ausgesprochen, sie blieb still, aber es war nur der Augenblick, +währenddessen die Keule ausholt, ihren wuchtigsten Schlag zu tun. Sie +sagte langsam mit unendlichem Hohn: + +»Die Geliebte ihres Vaters?!« + +Wie stand es mit der Lüge, konnte er nicht Entsetzen über Verleumdung +heucheln? Der Schlag brannte. Erst als seine Betäubung schwand, konnte +er erwidern: »Wer hat dir diese Ungeheuerlichkeit hinterbracht?« Nun +wurde Frau Givo gesprächig. Gleich, als sie angekommen waren, hätte sich +eine Person gemeldet, die geschickt worden sei, ihn, Givo, nach der +Adresse des Fräuleins Mannsthal zu fragen. Es handelte sich um die +Übermittlung einer Todesnachricht. Sie sei dann mit diesem Mädchen ins +Gespräch gekommen und habe so die sauberen Dinge erfahren, die dieses +von dem Kammerdiener Mannsthals und von jenem Toten wußte. Sie habe auch +von diesem ein Andenken mitgebracht mit dem Ersuchen, es dieser +Mannsthal zukommen zu lassen. Frau Givo holte aus einer Lade ein Kuvert +hervor, in dem ein Zettel lag. Manuel las: + +_Quod in charitate constitutis nullum peccatum imputetur._ + +Ein himmelblauer Enzian war aus dem Zettelchen gefallen. Er war nicht +vergilbt und wie ein unschuldvolles Auge aus einer reinen, fernen +Bergwelt sah er in die Schwüle dieser Stunde. Givo sagte: »Von diesem +Unglücklichen ist es, dessen Tod ihr verheimlicht wurde.« Er las die +Worte laut. »Verstehst du das? Er hatte es wohl aus meiner Schrift, +gegen die er polemisierte. Verstehst du es, Mutter?« + +»Und wenn ich es verstünde, ich will es hier nicht bestehen lassen. Um +der Sünde willen, die an ihr begangen wurde und die sie selbst, wie es +heißt, nicht von sich wies. Ich sage nein und nicht um der Liebe willen, +in der sie leben mag, sagte ich jemals ja. Sie ist und bleibt eine +Fremde.« Und kraftvoll, daß im Nebenzimmer das Geigenspiel zerbrach, +sprach sie: »Wisse es, Manuel: Nur über meine Leiche geht dein Weg in +diese Ehe.« Da packte Givo ein heiliger Zorn. + +»Das ist Lästerung!« rief er und er, der Sanfte, warf den Stuhl, den +seine Hände umklammert hielten, zu Boden. Er nahm seinen Hut und eilte +hinweg. + +Einige Tage später verließ er mit Arabella Paris. Der Mutter schrieb er, +daß er sie wiedersehen würde, wenn sie, von ihrem Wahn geheilt, die +entsetzliche Weigerung einstellen würde. Er wollte nicht zum Verbrecher +werden an der Ehrfurcht, die er ihr zolle, und nicht zum unglückseligen +Schurken an einem Wesen, das er liebe wie seinen Glauben. Angele bat er +Mannsthal zu vermitteln, daß es über seine Kraft ginge, Arabella zurzeit +seinen Namen zu geben. Es gäbe Verwicklungen, die jenseits der üblichen +Lebenswege sich nicht in gewaltsamer Entwirrung lösten. Er könne nur +wiederholen, daß sie ihm teurer sei als sein Leben und ihrer Liebe so +sicher wie der eigenen. + +Vögelchen erfuhr nichts von den Verhandlungen. Sie war glücklich nun des +Geliebten Nähe, losgelöst von allen Beziehungen, zu genießen. Sorglos +hingegeben fragte sie nicht nach Gesetzen und Verträgen. + +Es kommt eine Zeit, in der die Freunde nichts hören von Manuel und +Arabella. Sie wohnen im Garten des Glückes und der hat seine Tore +geschlossen und läßt niemanden ein. Sie hausen hinter Mauern, über die +bunte Blumen sich chaotisch ranken und hinter ihnen im Paradies der +Landschaft sprießen sie selbst ineinander, durchweben, durchranken, +durchsonnen sich. Einmal nachts ist ihre Umarmung so vollkommen, daß sie +der Frucht dieser Stunde gewiß sind. Da kommt am folgenden Tag eine +Depesche von Zora, die der Mutter lebensgefährliche Erkrankung meldet +und schleunige Abreise empfiehlt. Auf ihr Blühen fällt Frost. Sie raffen +sich schwer auf und ziehen gegen Norden. Er will gern Arabella zu Cecile +schicken für diese düstere Zeit, die aber ist krank. So muß er sie +mitführen in das Fremdland, das seiner Mutter Krankenlager umgibt. Ein +Schlaganfall hat in der Stunde ihrer innigsten Vereinigung das Leben Lea +Givos bedroht. Es war, als hätten Tod und Zeugung hier geheimnisvollen +Zusammenhang. + + + + + Cecile führt ihren Plan aus + + +Das Asyl hatte nur wenige Zöglinge mehr aufgenommen, seitdem Cecile ihre +Helferinnen verloren hatte. Clothilde war Krankenpflegerin geworden, +Anna leitete in Felix Blancs Lungenheilstätte den wirtschaftlichen +Betrieb. Helene war in ihrem Heim beschäftigt. Die Behörden von Chaly +wurden überdies von Jahr zu Jahr unduldsamer gegen das Asyl. Cecile +verlängerte den Pachtvertrag nicht mehr, als er abgelaufen war. Es +gelang ihr mit Hilfe ihrer Schwester das Häuschen Givos in St. Cloud +einzurichten und darin die Schützlinge unterzubringen. In Paris gewann +sie leichter Hilfe und im Notfall Ersatz für sich selbst. + +Besonders lieb war es ihr, daß sie sich von Gaston Lantrec, der nun die +Hochschule besuchen sollte, nicht zu trennen brauchte. Dieser junge +Mensch fürchtete sich vor dem Gespenst jenes Mordes, das ihm nun oft und +oft erschien. Ein Besuch bei dem Vater im Gefangenenhaus hatte ihn in +tiefste Schwermut gestürzt und Cecile wußte es, sein brennendster Wunsch +war alles aufzubieten, des Vaters Begnadigung herbeizuführen. Er wollte +unmäßig viel Geld verdienen, Stunden geben, Erfindungen machen, den +besten Verteidiger zu bezahlen, daß der alte Prozeß wieder aufgenommen +würde. Nachdem Cecile das Heim in St. Cloud eingerichtet hatte, löschte +sie ihren Namen aus der Leitung. Sie fühlte sich sehr müde. Man riet ihr +zu Kuren und Reisen, aber sie wußte Bescheid, es half ja nur zu einer +Galgenfrist. Eines Tages gab sie Gaston einen Brief, er möge ihn +heimlich dem Vater zustecken. Bald darauf erkrankte sie ernstlich, sie +begab sich in Spitalspflege und starb nach wenigen Wochen. Gaston war +bei ihr in den letzten Stunden. Ninidh mit der weißen Hand drückte ihr +die Augen zu. Unter ihren Papieren fand sich ein Brief, der für das +Gericht bestimmt war. Sie teilte darin mit, daß sie vor sechzehn Jahren +aus Eifersucht Frau X. erschossen habe, weil diese die Geliebte des +Bildhauers Lantrec, ihres heimlich Verlobten, gewesen sei. Der Mann habe +die Schuld auf sich genommen und ihr das Gelübde abgerungen zu +schweigen. Nun aber brachte sie die Wahrheit an den Tag. Der Tod löse +ihre schweigenden Lippen. Sie testierte eine größere Summe für die +Kosten des neuen Prozesses und für Gefangenenfürsorge. In einem Brief an +Givo bat sie ihn, Gaston in seinen Bemühungen zu unterstützen. Man solle +nicht versuchen sie für die Öffentlichkeit reinzuwaschen. Sie hoffte, +daß ihr Leben ein solches gewesen, daß ihre Freunde, was immer sie auch +in Leidenschaft getan habe, sich ihrer nicht zu schämen brauchten. +Hector Lantrecs Prozeß wurde wieder aufgenommen. Zwei Monate nach +Ceciles Tod wurde er aus dem Gefängnis entlassen. + + + + + Das dritte Mütterchen + + +Helene war nach ihrem Aufenthalt bei Arabella mit Alphi zu dessen Vater +übergesiedelt und hatte das verwaiste Hauswesen neu eingerichtet. Sie +war fast siebzehn Jahre alt und ihre Mutter billigte es nicht, daß sie +in Paris in einem frauenlosen Haushalt leben sollte. Aber es zeigte +sich, daß Helene kaum Zeit hatte auszugehen und der junge Gelehrte +flößte ihr ein Vertrauen ein, das sich in einer Art verächtlichem +Zweifel über seine tatsächliche Zugehörigkeit zum männlichen Geschlecht +ausdrückte. Zudem sah Cecile, die der Schauspielerin als ein höheres +Wesen galt, hier für Helene eine Lebensaufgabe. Was sollte sie auch mit +der großen Tochter anfangen! Sie hatte einen Hund, den sie in ihrem Muff +trug und abgöttisch liebte. Dieses Format war ihrer mütterlichen Liebe +gemäßer. Helene fühlte sich sehr wohl bei Tallandre, sie war trotz ihrer +jungen Jahre ihm in mancher Weise überlegen. So hatte sie bald zu ihrem +Ergötzen entdeckt, daß er sich vor ihr fürchtete und sich alle Mühe gab +vor ihr den Wüstling zu spielen, der mit anständigen Mädchen nichts +anzufangen weiß. Es war auch ein Teil Wahrheit dabei, denn er war ein +wenig ausgehungert auf seiner Afrikareise. Aber eben deshalb wußte er, +daß ihm Helene nicht ungefährlich war. Der gute Fifi, wie ihn seine +Freunde nannten, war zudem ein großes Kind, das auch gern vor sich +selbst prahlte. Er wollte schon fertig werden mit dieser Anfechtung. +Bah, solch ein kleines Mädchen und er, der Elefanten gejagt hatte! Wenn +aber Helene Alphi liebkoste, bekam er alle Zustände. »Ob es denn +eigentlich gesund sei, daß sie und das Kind einander so oft küßten?« +fragte er eines Tages erbost. »Gesund nicht eben, aber gut sei es,« +antwortete Helene und, als er den Kopf schüttelte, sagte sie lachend: +»Wenn Sie nicht glauben, daß es gut ist, so versuchen Sie es doch -- bei +Alphi natürlich.« Eines Tages hatte seine Schwägerin den Kleinen für +einen Ausflug aufs Land abgeholt. Helene saß vereinsamt über ein Buch +gebeugt, als er nach Hause kam. Sie sah ihn an und lächelte vertraulich. +Aber er wußte, es war nicht der borstige, nörgelnde Tallandre, den sie +anlächelte, sondern der wirkliche, der in Helene verliebt war. Sie war +also liebevoll, ohne von ihm Notiz zu nehmen, sie liebäugelte mit ihm +über seinen eigenen Kopf hinweg, mit seinem freundlicheren Ich. Er +ärgerte sich über die Geringschätzung eines Anwesenden. »Nun, wen haben +Sie heute zu küssen?« fragt er hämisch. + +»Alphis Vater,« sagte sie, stand auf und trat mit strahlenden +Schelmenaugen auf ihn zu. Da packte ihn die Liebeswut und er vergaß +seine schnöde Verachtung für die anständigen Frauen. Er vergaß sie so +gründlich, daß nach einem Monat Helenes Mutter in ihrem Freundeskreis +erzählte: »Meine Kleine ist ein Ungeheuer, sie hat mich zur wirklichen +Stiefgroßmutter gemacht.« Und sie zeigte mit Stolz das Bild Alphis. Zur +Großmutter war sie begabt. Sie entschädigte Alphi für die Zärtlichkeit, +die nun sein drittes Mütterchen Helene zum Teil seinem Vater zuwandte. + +Helene schrieb überschwengliche Briefe an Vögelchen. Das Einzige, was +ihr junges Eheglück trübte, war Ceciles fortschreitende Krankheit und +schließlich ihr opfergekrönter Tod. + + + + + Im Norden + + +Arabella und Givo erhielten die Nachricht von Helenes Verheiratung in +Hamburg, wohin sie eiligst gereist waren. Wenn Vögelchen an diese +Lebenszeit zurückdachte, sah sie bleischweren Nebel, hörte Stürme an +ihre Fenster trommeln und den Schrei der Dampfpfeifen des Hafens. Und +doch war Frühling und an der Elbe blühte es in den Gärten. Givos Mutter +lag wochenlang zwischen Leben und Tod. Er konnte sich kaum wegstehlen +von dem Krankenlager. Vögelchen war allein in der fremden Stadt und ihr +Leid mußte schweigen, weil der Geliebte mehr litt als sie selbst. Als +sie angekommen waren, hatte er sie in einem Hotel an der Alster +untergebracht. Der Zustand der Mutter erwies sich wohl bedenklich, aber +eine unmittelbare Gefahr bestand nicht mehr. Der Arzt war es zufrieden, +daß Givo gekommen war, aber er schlug vor, daß er sich vorläufig der +Mutter nicht zeige. Er wolle sie zuvor im Verein mit Zora langsam +vorbereiten. So war es Givo möglich gewesen, die ersten Tage mit +Arabella zu verbringen. Wiewohl hinter jedem freudigen Augenblick das +Bewußtsein lauerte, an der Mutter Krankheit mitschuldig zu sein, und +dunkle Ahnungen über neue Verwicklungen ihn beschatteten, führte er +Vögelchen umher zu den Stätten seiner Kindheit. Sie war bemüht ihn +aufzuheitern und es fiel ihr seltsam leicht, heiter, ja freudig zu sein. +Es war, als sprudelte noch immer ihr Blut in heißem Takt. Sie fand das +Essen köstlich, sie fühlte ihre Muskeln in neuer Kraft. Manuel sah sie +zuweilen forschend an, ohne daß sie es bemerkte. Eine Vermutung war in +ihm aufgestiegen, die ihn aufs tiefste bewegte. + +Nun war es so weit, daß Givo die Mutter besuchen konnte. Sie beherrschte +wieder die Sprache, nur ab und zu machte ein Wort ihr Mühe. Sie lag zu +Bett und sah ihm mit sanfter Freude entgegen. Er mußte sich beherrschen, +um die Tränen zurückzudrängen: es ging eine Milde von der Mutter aus, +die nicht mehr von dieser Welt schien. In ihrer Rede kam etwas mühsam +von weither, als hätte er sich von neuem des gewohnten Lebens zu +besinnen. Sie verschwieg ihm ihre Sehnsucht, wie ihre Gedanken durch +Qualen ihn stündlich gesucht, wie sie in ihren welkenden Tagen jede +Stunde als eine unwiederbringliche fühlte, das Entbehren seiner Nähe als +einen Fluch, der sie vergiftete. Nichts von der gefährlichen Warnung des +Wahnsinns sagte sie ihm. Aber eben in dem Schweigen spürte er in +aufflammender Liebe ihre Peinigung. Sie sprach ihm von allerlei, von +ihrer Krankheit erwähnte sie nichts. Sie gab ihm wohl die Schuld und in +ihrem Bemühen, sie im Gespräche zu übergehen, lag die Anschuldigung am +deutlichsten. Givo beachtete nicht, daß Geisteskranke zuweilen das +wirksamste Mittel wählen ihr Ziel zu erreichen, daß auch ihrer Ruhe +nicht zu trauen ist. Dankbar ließ er die Milde auf sich wirken, er sah +der Mutter Bild wieder rein und hell, umstrahlt von der Märtyrerkrone +ihrer Duldung, die Zukunft schon gelöst in Einigkeit. Freundlichst kam +er Zora entgegen. Ihre Treue für die Kranke bewegte ihn. Die verhaltene +Glut ihres Blickes konnte er sich nicht deuten. Liebe oder Haß? Beides +vielleicht? + +Als Frau Givo ermüdet den Sohn verabschiedete, ließ sie Zora zu sich +rufen. + +»Er wohnt nicht im Hause?« fragte sie. + +»Nein,« antwortete Zora. + +»Dieses Mädchen ist bei ihm?« + +Zora zuckte die Achseln, aber ein Zucken um ihren Mund bedeutete, daß +die Kranke richtig geraten habe. + +»So will ich morgen ein Ende machen zwischen ihm und ihr,« sagte sie. +»Nun will ich mir Kraft zuschlafen. Gute Nacht!« + +Da sagte Zora: »Kann Glück sein, wo so harte Weigerung ist? Hab' Mitleid +mit uns beiden. Ich fühle, wie das Böse in mir aufsteigt, Rache um seine +Liebe für die andere.« + +Da richtete sich die Frau auf, so gut sie konnte. »Gott will es. Er +stählt mir den Willen bis in den Tod. Vertrau ihm. Willst du ihm +ungehorsam sein, dann geh aus meinen Augen! Geh!« + +»Wohin?« fragte Zora tonlos. In diesem Augenblick rissen in ihrer jungen +Brust alle Fäden der Zusammengehörigkeit. Ihr heimatloser Sinn kehrte +von Suchen und Sehnen zurück und wandte sich auf immer ab vom +Gemeinwesen der Menschen. + +»Du kennst deinen Weg, wenn du dich deinem eigenen Glück widersetzt. Dem +höchsten Glück, das je einer Frau zuteil werden kann! Fort in die +Glaubensschule und dann in Stellung.« + +Und als Zoras Schweigen wie Unheil sich im Zimmer breitete, sagte sie +beschwörend: »Laß es reifen in ihm, erobere ihn dir. Rette ihn zu dir, +aus der Verhexung dieser Fremden.« + +Die Kerze flackte auf von unsichtbarem Hauch geschreckt. Zora stierte +ins Feuer und wünschte, daß es sie und die Welt verschlänge. »Lösch +aus,« sagte Frau Givo. »Morgen muß wieder Klarheit kommen: das Licht,« +und wie im Traum schon lallte sie: »Licht.« + + * * * * * + +Das Licht aber drohte ihrer Lebensflamme zu verlöschen. Givo sagte: »Laß +ab, Mutter. Diese Gemeinschaft kannst du nicht trennen.« Als sie +erwidern wollte, fiel ihr Kopf zur Seite, die Zunge ward ihr schwer, die +Augen blickten stier, die Glieder wurden lahm. Zwei Tage darauf erwachte +sie aus todesähnlicher Bewußtlosigkeit. Manuel hatte lange Beratungen +mit dem Arzt und Zora. »Es wird nicht mehr lange dauern. Belügen wir +sie,« sagte das Mädchen. Ihre schwarzen Augen flackten zu bläulichem +Glanz, als sie Givo fragend anblickte. Der Arzt mahnte. »Nehmen Sie ihr +die Qual.« Die Mutter lag im Nebenzimmer und kämpfte sich ins Leben +zurück. Plötzlich schrie sie auf, dumpf wie ein geängstigtes Tier. Givo +stand auf, nahm Zora an der Hand und trat an ihr Bett. »Mutter,« rief er +leise. Und Zora lehnte den Kopf an Givos Schulter und weinte. Da +lächelte Lea Givo und wollte das Zeichen des Segnens machen. Sie war zu +schwach, aber sie verfiel in ruhigen Schlaf und, als sie erwachte, war +die drohende Gefahr vorüber. + +Vögelchen hatte Manuel fröhlich erwartet. Er war voll Hoffnung von ihr +gegangen. Nun kam er nicht. Des Abends erst sandte er Botschaft, die +Mutter sei schwer erkrankt. Zwei Tage vergingen, bedrückt von der +plötzlichen Einsamkeit und der Qual, in der sie ihn wußte, um +ihretwillen vielleicht. Sie hatte ihn der Mutter genommen und jenem +Mädchen, das fühlte sie. Aber warum konnten sie nicht beide an ihm froh +werden? Wenn er aber ihr genommen würde, was dann? Zurück zu Cecile? +Nein, nicht arm und verwaist ins Asyl, nach St. Cloud, wo sie mit Givo +glücklich gewesen. Sie würde Va besuchen und dann reisen, bis sie ein +Ziel fand, irgendein Ziel. Welches? Nein, nein, sie würde bleiben, wo er +war. Konnte es denn sein, daß er sie von sich ließ, daß er nicht ein +Leben fand, in dem auch sie war? Allem wollte sie zustimmen, was nicht +Trennung hieß. Und vielleicht, vielleicht gab er ihr ein Kind! Wer +konnte ihr verbieten ein Kind zu haben? Dann würde sie die Einsamkeit +schon leichter tragen. Und als sie darüber sann, war es ihr, als sei ihr +der Wunsch erhört. Sie legte die Hände auf ihren Schoß und erlebte die +Verkündigung. Wie im Traum lag sie und war gefeit vor Schmerz. Spät +abends kam Givo, bleich, seine Augen brannten. So hatte sie ihn nie +gesehen, ihn, den Ruhigen, den immer Befestigten. Er kniete vor ihr hin +und legte den Kopf in ihren Schoß. Lange lag er so und schien Ruhe zu +schöpfen und nachzusinnen. + +Da fragte sie leise, wie aus einem Traum: »Hörst du unseres Kindes +Herzchen schlagen?« + +Er schüttelte den Kopf. Tränen gebadet hob er sein Gesicht zu ihr auf. +»Es wurde in der Nacht, als der Tod die Mutter anfiel,« sagte er. »Darum +darf es nicht sein, du mußt es ungeschehen machen mit deinem Willen. Es +ist mir Schweres geschehen. Ich habe meine Hand in die einer anderen +gelegt um der Mutter Leben und Ruhe willen. Kannst du mir verzeihen? +Kannst du mir vertrauen, trotz allem?« Sie lag starr. Gigantische Kräfte +hätten ihr jetzt die Zunge nicht gelöst. Wille und Wort waren in einen +tiefen Schacht gefallen, der hieß Verzweiflung. Nach einer Stunde erst, +in der sie beide regungslos gelegen, hauchte sie: »Ich vertraue dir. Ich +lebe ja nur durch dich. Tu, was du mußt. Nur töte mich nicht, töte mich +nicht.« Er hatte sie umfangen, während sie aus den Tiefen des Schmerzes +zu ihm sprach und in unendlicher Liebe nahm er sie zueigen. Dumpf +heulten die Dampfpfeifen im Hafen. Nordwind peitschte die Wolken. +Angstvoll war das Flattern der Sturmvögel und Möven. + + * * * * * + +Zu dieser Zeit erfuhren sie Ceciles Tod. Zum ersten Male griff die +schwarze Hand in Arabellas Nähe, zum ersten Male konnte sie erfassen, +was es heißt: ein Mensch ist ausgelöscht, der dir lieb war, und ein +Stück deiner eigenen Seele ist mit ihm gewandert. Und während Givo nur +Trauer empfand, quälte sie sich über Ceciles Geständnis. War es möglich +zu töten? Seltsam, sie mußte an jene Begegnung vor Manuels Tür im +Observatoire denken, an den triumphierenden Blick jenes Mädchens. Sie +fragte sich, ob sie selbst würde ein Leben vernichten können, das ihren +heiligsten Besitz bedrohte. Und daß der Geliebte dann für Cecile +geschmachtet hatte! All das quälte, bis Givo ihr bewies, daß Cecile +einen frommen Trug, nicht einen Mord begangen hatte. Das Leben war ihr +beschattet von allen Seiten und Givos Sonne hellte es nicht; die trug ja +selbst den Flor der Trauer. Nein, kein Kind in dieses Leben setzen, das +sie nicht zu enträtseln vermochte. Nie hätte sie es beschützen können in +der Wildnis, die sich vor ihr auftat. Sie war so sehr versonnen, daß sie +ihrer täglichen Bedürfnisse kaum achtete. Givo war oft Tag und Nacht an +das Krankenlager der Mutter gebunden. Er konnte nicht acht haben auf +sie. Vögelchens wandernder Sinn blieb nicht haften am eigenen Schmerz, +er verirrte sich in alle Labyrinthe menschlichen Leidens. Manchmal +stieß sie die Kinderstirne wund an den nächtlichen Toren der +Unwiederbringlichkeiten und trug aus dieser Zeit unauslöschbare Narben +in ihr Leben mit. Der Schmerz tötete das keimende Leben in ihr und, als +sie dessen bewußt war, beweinte sie es. Zu zart war ihr Körper, den +Unbilden der Seele zu trotzen. Wie ein Schifflein, das von leichtem +Segel beflügelt auf dem Schrecken des Meeres tanzt, ward er vom Sturm +ergriffen und seine Ladung über Bord geschleudert. Ein Krönlein lag am +Meeresgrund. Zuweilen schimmerte es zu ihr auf und sie sandte ihm die +Perlen der Tränen, es zu schmücken. Aber das Meer trank sie auf in +dumpfer Unersättlichkeit. + +Frau Givo lag gelähmt. Man ging auf Zehenspitzen, es war gesorgt, daß +keine Tür ins Schloß falle. Ein Erschrecken konnte sie töten. Man hatte +ihr gesagt, die Heirat sei vorbereitet, und eines Tages trat Zora vor +sie in festlichem Kleid. »Heute wird es sein.« Givo kam herzu. Der +Mutter Hand wollte nach seiner Stirne tasten. »Der Wagen ist schon +vorgefahren,« drängte Zora. Sie verließen die Kranke. Zora ergriff ein +Weinkrampf, als sie die Stiegen abwärts schritten. Der Schleier fiel +über ihre Tränen. Der Arzt blieb bei Frau Givo zurück, während Zora und +Manuel, die Zeit hinzubringen, eine Rundfahrt durch die Stadt machten. +An dem Krankenbett war dann ein Mahl gerichtet, dem nur der Arzt +zugezogen war. Die alte Minka weinte verstohlen. Sie allein unter den +Dienstboten ahnte das Verschwiegene. Ihre Herrin lag mit einem Lächeln, +das wie Eisglanz über dem gelblichen, halb gelähmten Gesicht funkelte. +Bald schlummerte sie wieder ein. Givo küßte Zoras Hand. »Hab Dank für +dies traurige Spiel,« sagte er. Ihre Mundwinkel bogen sich nach abwärts, +sie senkte die Lider über den Fluch ihres Blickes. Er stürzte davon, dem +Ersticken nahe, Betrug würgte ihn tödlich. Seine Seele schrie nach +Unbeflecktheit, aber wohin er auch blickte, war Schuld. + +Frau Givo wollte nicht so rasch aus einem Dasein gehen, in dem sie nun +endlich ihren heißesten Wunsch erfüllt sah. Zähe Kräfte hielten sie am +Leben und schmiedeten Zora und Manuel an ihr Krankenzimmer. Gäste wurden +nicht vorgelassen, einige Glückwünsche fingiert. Die Kranke hatte +aufgetragen, daß das untere Geschoß des Hauses für Zora und den Sohn +eingerichtet würde, und es traf sich günstig, daß der Raum, in dem +Imanuel die kostbare Sammlung alter astronomischer Instrumente +aufbewahrte, zu diesem Zwecke geräumt werden sollte. Er träumte von +einem Uraniaborg, einer Sternwarte am Meer, wie sie sein geistiger Ahne +Tycho de Brahe besessen, einer Insel Gwenna, auf die er nachts zu Liebe +und Arbeit entfliehen wollte, vom Zwang und Trug an der Mutter +Krankenbett. Es fand sich bald ein turmartiges Gebäude mit drei riesigen +Räumen, die er sogleich für seine Zwecke umgestalten ließ. Das eine +diente zur Aufstellung der Sammlung, die anderen als Schlaf- und +Arbeitsräume. Er scheute keine Kosten, um rasch das Gemäuer wohnlich zu +machen. Eine Fischersfrau wurde zur Bedienung gedungen. Als Arabella +nach öden Wartetagen in dem Hotel, das sie kaum verlassen hatte, von +Givos Plan erfuhr, war sie glückselig. Endlich würde sie wieder mit ihm +vereint sein, sein Leben erhellen und seine Arbeit teilen. Sogleich sah +sie sich als sein Famulus, der Knabengewänder trug, um in der einsamen +Behausung unbehelligt zu sein. Glücklich, sie wieder ermutigt zu sehen, +duldete er freudig ihre romantischen Einfälle und war selbst darin +nachgiebig, als sie nach Besichtigung des Turmes erklärte, daselbst auch +dann wohnen zu wollen, wenn er gezwungen sein würde bei der Mutter zu +bleiben. Das Befinden Frau Givos verschlechterte sich indes nicht und +Manuel konnte unter dem Vorwand, auf seiner Sternwarte zu arbeiten, die +Nächte unbehelligt außer Hause verbringen. Die ersten Wochen verflogen +unter emsigem Auspacken, Ordnen und Reinigen der alten Geräte und der +vielen astronomischen Bücher und Schriften. Givo wollte den Turm +allmählich zu einem historischen Museum der Sternkunde ausbauen. Mit dem +ihr eigenen Eifer vertiefte sich Vögelchen in das Studium der alten +Bücher, legte Kataloge an und gefiel sich in ihrer Verkleidung. +Stundenlang blickte sie aufs Meer, das hinter dem Fjord sich weit +öffnete, und erdachte sich Wunder. Sie ging meist nur abends aus. In +weiten Mantel gehüllt, den Lockenkopf unter einer Samtkappe verborgen, +kam sie Manuel entgegen, dem die kurze Bahnfahrt endlos dünkte. Er +brachte allerlei Leckerbissen mit, die sie für das schlechte Essen, das +die Fischersfrau bereitete, entschädigen sollte. Bis Mitternacht +arbeiteten sie, verbrachten dann Stunden heiligster Liebeseinigkeit und, +während Arabella in den späten Morgen schlief, verließ Givo sie fast bei +Tagesanbruch. Dieses Leben, so sehr es sie auch beglücken mochte, +untergrub ihre Gesundheit. Dann kamen Abende, wo sie vergeblich Manuel +entgegenging. Die Fischersleute in der Umgebung begannen neugierig zu +werden und blickten ihr nach. Stürme durchbrausten den Turm und +durchheulten die Nächte, die sie schlaflos verbrachte, wenn der Geliebte +ihr fern war. Kam dann Givo, schien ein ihr verborgenes Leben noch an +ihm zu haften. Aus der Ferne hörte sie ein Mädchenlachen wie hinter der +Tür im Observatoire und ein häßliches Gefühl ließ ihr das Zutrauen +erkalten. Hielt ihn die andere dort auch oder allein der Mutter +Krankheit? Zu lange schon dauerte diese Wartezeit, die sie so viele +Stunden von ihm trennte, in der er ihr unzugänglich war wie ein Fremder. +Givo aber lebte nun kaum mehr ein eigenes Leben. Er wußte längst, daß er +den Tod der Mutter ersehnte, immer dringlicher. Nichts anderes mehr +konnte ihn befreien von der Lüge und auch der Tod nicht, der die +Gequälte erlösen sollte, wenn er zu kommen zögerte. Denn er fühlte, wie +die Kraft seiner Seele sich spaltete an der Ungeheuerlichkeit, daß er, +dem der rechte Weg bewußt war wie kaum einem jungen und warmfühlenden +Menschen, nun belastet war mit Schuld. Schwer trug er es, Arabella +unbeschützt zu wissen, ehelos ihm angetraut, schwer drückte ihn ihre +Klage um das Kind, das sie sich erhofft, qualvoll war ihm sein Wunsch +nach der Mutter Tod, peinigend Zoras ihn suchende Nähe. Denn neben +Arabella schien ihm Zora noch schwereres Los zu tragen. Ihr Opfer war +größer noch, weil es nicht bedankt war durch seine Liebe. Verwaister war +sie und zur Unglückseligkeit bestimmt, weil sich ihr junges Blut in +Hoffnunglosigkeit vergiftete. Nun wußte er es, sie liebte ihn. Da wollte +er ihr Gutes erweisen und schlug ihr in Gegenwart der Mutter vor, ihr +Geigenspiel wieder aufzunehmen, vorerst auf eine Woche zu verreisen, um +sich an guter Musik zu erfrischen. Sie nickte nur freudlos. Auch hier +hatte der zehrende Brand ihrer unerfüllten Liebessehnsucht gewütet. Seit +jener Scheinhochzeit fühlte sie sich nicht mehr jungfräulich gehemmt. +Heiß sengten sie die Blicke fremder Männer. Ihr Blut siedete. Sie wußte, +ihre Zeit war gekommen, unaufhaltsam drängte es sie zum Manne. Wenn sie +sich wegwarf -- und das würde sein -- konnte täglich, plötzlich aus +einer Stunde brechen, warum nicht an ihn, an Manuel, warum nicht besser +an ihn! Dann würde sie gehen und nie wiederkehren! Wäre das nicht +Erlösung auch für ihn? Einmal hatte sie eifersüchtiger Verdacht +hinausgetrieben auf sein Riff, das zu besuchen er ihr untersagt hatte. +Sie hatte der Fischersfrau aufgepaßt und erfahren, es sei nur ein Junge +im Turm, der die Instrumente putze. Dies gab ihr Mut ein Letztes für +sich zu erhoffen. Aber ein dumpfes Mißtrauen beschlich dennoch die +Nächte, die er auf der Warte verbrachte. Wenn er ihr Erleichterung +schaffen wolle, bat sie, so möge er ihr einige von seinen Arbeitsnächten +opfern, damit sie sorgloser schlafe. Zu ängstlich wache sie über der +Kranken Schlummer. Seine Stirne verfinsterte sich, aber er schlug ihr +die Bitte nicht ab. So blieb er denn zuweilen nachts in der Stadt. Und +einmal spät abends, als er über ein Buch geneigt in seinem Zimmer saß, +rauschte der Vorhang auf, der seine Türe von der Zoras noch dichter +abschloß; als er sich wandte, stand das Mädchen im Nachtkleid an der +Schwelle. Wie ein Mantel umwallte sie das schwarze Haar. Die Nacht +selbst schien zu ihm gekommen und blickte ihm düster, rätselvoll +verlangend ins Gesicht. Und mit seltsam ferner Stimme lispelte Zora: +»Ich will bei dir sein, eine letzte Nacht.« Er blickte sie an +erschrocken und wie verwundet. + +»Kind, warum, warum? Warum es uns so schwer machen?« + +»Ich habe Sehnsucht,« sagte sie klagend. Er war ergriffen, daß sie +gekommen war, ihm verlangend ihr Leid zu sagen, sie, die Verschlossene, +deren Stolz er mit seiner Kälte so oft geknechtet haben mochte. Er nahm +sie in seine Arme wie ein fieberkrankes Kind. Da fühlte er die +Köstlichkeit ihrer reifen unberührten Jugend. Aber er trug kein +Verlangen nach ihr. Des Morgens bat sie, »laß mich bei dir, nimm mich +auf die Warte, nur eine Weile, dann gehe ich fort.« + +»Du kannst nicht gehen,« sagte er traurig, »du gingest denn in dein +Unglück, heiß wie du bist, mein armes Kind.« + +»Nenn mich nicht arm nach dieser Nacht,« flüsterte sie. Sie war nicht +stolz mehr, sie wußte flehentlich zu bitten, wenn er des Abends wegging. +Er mußte ihr Drängen vertrösten auf kommende Nächte. + +Aber Vögelchen, die wenig wußte, fühlte, erahnte viel. Es war ihr +Gewißheit, bevor Givo sprach, daß eine Frau ihr die Nächte stahl. »Laß +ein Ende kommen, dann reisen wir,« bat er. Sie sah ihn stumm an. Sie +verstand dieses fremde Mädchen, sie, die ihm selbst so gut war, und sie +verstand seine Nachgiebigkeit, aber seltsam, er wurde ihr ferner, +fremder in dem Wissen, daß sie ihn nicht allein besaß. Sie war nun scheu +in ihrer Hingabe, als wäre noch der Blick eines Dritten in ihm, und sie +fürchtete sich, sein Mitleid könne Freude werden an der anderen. Dann +wieder schämte sie sich, ihm Freude zu mißgönnen. Ehe ihr offenbar war, +was geschehen, hatte sie, wenn Givo klagte, er fürchte im nordischen +Winter für ihre Gesundheit, den Plan erwogen, zu Helene zu fahren. Nun +aber hieß dies, der anderen das Feld zu räumen. Sie blieb, aber sie +verachtete sich darob und sie wußte, daß sie selbst ihr teuerstes +inneres Gut opfern würde, wenn sich diese Selbstverachtung zum Äußersten +steigern würde. + +Da kam ein Brief von Adalbert und Angele, dem einige Zeilen von +Karinskis Hand beigefügt waren. Man war zusammen in Nizza, in dem +unvergleichlich schönen Villenbesitz Mannsthals. Der Kleine erstarke in +der südlichen Luft, es sei auch Olga, Karinskis reizendes Töchterchen, +da, denn Gräfin Tanja sei vor einem halben Jahre gestorben und der Graf +habe seine Töchter in Schweizer Pensionaten untergebracht. Ob denn +Vögelchen nicht friere im garstigen Norden, hier sei ihr ein warmer +Empfang bereitet. Gab es das, irgendwo Wärme, Menschen, die sie liebten, +die sie nachts nicht allein ließen, gab es Blumen, tropisches Blühen, +Frauen in schönen Kleidern und weltmännische Kavaliere, die von früh bis +abends ihre Damen umsorgen, gab es Bäder, reinliches Essen, +Sorglosigkeit? Wer aber würde Manuels Instrumente putzen, seine +Schriften in Ordnung halten? Nun, jene andere doch! Befreite sie ihn +nicht von dem Zwiespalt, wenn sie ging? Nicht die Mutter war es, die sie +trennte, die Gelähmte, die ihr Bett nicht mehr verließ. Der Freund hätte +sie ja selbst im Hause halten können, ohne daß die Kranke es jemals +hätte erfahren müssen. War Givo nicht dort Herr des Hauses? Nein, jenes +Mädchen war es, die sie fern hielt, und sie fühlte den bösen Zauber, der +zwischen diesen beiden Welten spann. Es kam der Tag, wo sie es nicht +mehr ertrug, ihn in der Nähe der anderen zu wissen, wo sie unter seinen +Liebkosungen litt und seine zärtlichen Worte nur mit Bitternis genoß. +Der Bissen, den sie aß, war ihr vergällt, sie schämte sich der +Verkleidung. Ihre erschütterten Nerven brachen ihr die sanfte Geduld. + +Eines Abends fand Givo die Warte verödet. Er rief nach dem geliebten +Wesen. Seine Stimme hallte erschrocken zurück vom alten Gemäuer. +Irgendwo klirrte ein Instrument wie leises Wimmern. Vögelchen war +fortgeflogen. + + + + + Entflogen + + +Wie ein sinneraubender Taumel war die Fahrt von Meer zu Meer. Sie +erwachte erst aus dumpfer Verzweiflung, als Mannsthal und dann Karinski, +die an die Bahn gekommen waren, sie umarmten. Zwei Tage war sie rastlos +unterwegs gewesen. Schmeichelnd umgab sie nun die süße südliche Wärme. +Jetzt erst fühlte sie, wie oft sie gedarbt hatte nach der warmen, +kosenden Luft, in der sie geboren war. Nach kurzer Wagenfahrt durch +festliche Straßen trat aus dem Dunkel eines tropischen Villengartens +Angele mit dem blassen Knaben Gilbert. Sie küßten einander. Es war keine +Scheu mehr zwischen ihnen. Schlaftrunken sah Arabella die kleine Olga, +die nach ihr lugte, dann folgte sie Angele in das Zimmer, das man ihr +bereitet hatte, und verfiel totmüde in tiefen Schlaf. Als sie erwachte, +war Mitternacht nahe. Sie tastete sich hinunter in das Speisezimmer, die +Türe zur Terrasse stand offen. Es war nichts zu sehen als das Glimmen +einer Zigarre. Der einsame Raucher draußen wandte sich, es war Karinski. + +»Nun, war ich nicht klug? Die anderen sind endlich zu Bett gegangen. Ich +wußte, daß das Vögelchen bald ausgeschlafen hat.« Er zog sie auf seine +Kniee und küßte sie wie vor Jahren. Ihm war sie das Kind geblieben, das +Porzellankindchen, wie er sie genannt. Und Arabella lachte wieder, es +ging so viel warmer, kindlicher Frohsinn von ihm aus. Wochen schienen +vergangen, seitdem sie nicht mehr gelacht. Alles war hier weich und +sorglos. Wie eine Geisterburg stand fern im nördlichen Sturm die +Sternwarte. Weh ihr, sie sah den Verlassenen dort. + +Es sei eine Depesche von ihrem Freund eingetroffen, ob sie angekommen +wäre, Angele hätte gleich beruhigend geantwortet, sagte Karinski, doch +er fragte nichts. Als sie lange schwieg, sagte er: »Wir haben beide viel +gelitten, seit Tresano. Nun soll es besser werden.« Ach, Arabella wußte +nicht, ob es besser werden konnte. Karinski aber begann ihr zu erzählen, +wie er Tanja verloren und nun die Kinder untergebracht hatte. Olga wolle +er hier lassen, um weiter zu reisen. Da sagte Vögelchen traurig: »Nein, +laß sie nicht hier.« Er nahm ihre Hand, er erriet sie. »Das ist wohl +vorbei bei ihm,« sagte er. »Du mußt ihm verzeihen,« bat Karinski. »Es +fehlt ihm sonst nichts zu seinem Glück als das deine. Die Frau hat Ruhe +in sein Leben gebracht. Auch du wirst Ruhe haben, wart' es ab.« + +»Ich werde niemals Ruhe haben,« sagte Arabella. »Ihr nennt mich +Vögelchen. Ich werde immer wandern, von Süd zu Nord, von Nord zu Süd, +immer!« + +»Hier ist gut sein eine Weile,« sagte er. »Willst du dann mit mir +wandern?« + +»Wenn er mich ruft, muß ich zu ihm. Solange bin ich frei. Wie gern will +ich da mit dir sein.« Sie sprachen die ganze Nacht. Als sie in ihr +Zimmer zurückging, beim Morgengrauen auf eine Weile sich hinzulegen, +suchte sie, aus Halbschlummer erwachend, den Geliebten neben sich. Dies +war die Stunde, da er sie, bevor der Tag ihn zu der Kranken rief, noch +einmal in seine Arme schloß. Erinnerung überkam sie so stark, daß sie +vor ihrer Flucht zu tiefst erschrak. Sie hatte nicht bedacht, daß ihr +Handeln Givo zu anderer Besinnung bringen konnte, als möglichst bald dem +zwiespältigen Zustand zu ihren Gunsten ein Ende zu bereiten. Aber auch +dies hatte sie nicht bewußt erwogen. Sie war der Unerträglichkeit +entlaufen. Wie so oft schon hatte sie besinnungslos und wahrhaftig +gehandelt, einem inneren Ruf folgend. Aber nun litt sie herbes Leid um +ihn und seine Not. Sie faßte ihre Tat nicht mehr. Sie setzte sich hin, +ihm zu schreiben. Zwei Stunden lang stammelte sie Worte der Reue, der +Liebe. »Mußte nicht ich dich der Freiheit wiedergeben, daß du wählen +konntest? Die anderen hatten dich nicht lieb genug, sie dir zu geben. +Ich ertrug es nicht, das mit der anderen in meiner Abgeschiedenheit. +Nicht Neid war es, aber es war so unheimlich, weil es doch geschehen war +gegen deinen Willen, wie deine Mutter wollte. Und mein Stolz tat weh, so +weh! Ich fühlte die andere bei dir, wenn ich in deinen Armen war. So +ging ich plötzlich weg und hab es nicht auf mich genommen zu warten. +Hättest du mich freiwillig gehen lassen? Es wäre noch trauriger gewesen, +wenn du mich nicht gehalten hättest. Ich bin treulos und doch bleibt +mein Herz auf immer bei dir, wie es bei Gott bleibt, Manuel. Leb wohl +und wähle, ruf mich. Ich komme, sobald du rufst. Dein + + Vögelchen.« + +Es kam nur eine kurze Antwort. »Geliebte, mein stärkstes Gefühl ist +Reue, Reue, daß ich dich weggesperrt hielt, dich junge Blüte, dem Sturm +ließ und der Verlassenheit. Denn ich selbst war ja nicht mehr das Leben, +das zu dir kam. Ich lebte tagsüber im Hause des Todes und nachts stahl +ich seiner Gier die Stunden, den Sternen und unserer Umarmung. Aber er +war immer da, der Tod schlich mir nach. Das Licht hat nicht Gewalt über +mich vor seinem allgegenwärtigen Angesicht. Dich, Vögelchen des Lichtes, +hielt ich im Bauer der Dunkelheit, aber der Tod ging dich nichts an. Das +war es. Es war ein fremder Tod. So gingst du und du hast es entschieden. +Nie forderte ich; du hast gegeben, du tatest, was Gott dich tun hieß, du +hast genommen. Nicht stündlich wußte ich, wer du seiest. Ich hielt dich +nicht mit jedem Atemzug. Nun trennt uns die äußere Welt. Sei frei und +laß die Wege walten. Jene andere dauerte mich. Nun ist es geschehen. Daß +ich nur dich liebe und immer lieben werde, wie könntest du daran +zweifeln. Nur daß mein Lieben nicht abhängt vom Geschehen, das wisse. +Meine Lehre verbietet es, an Zufälle zu glauben, alles hat seine +geheimen Fäden. Vielleicht war es nur zu früh, Arabella, zusammen zu +bleiben. Vielleicht müssen wir noch durchs Feuer gehen, ehe wir +hienieden den Himmel gewinnen, in dem unsere Sterne gepaart sind. Bis +dahin leb wohl, mein Nachbarstern. + + Imanuel.« + +Der Brief erhob sie über den Schmerz. Ihre Sehnsucht ward wie einst +Aufstieg zum göttlichen Licht. Ihre Liebe war Demut auf allen Wegen und +trug nicht irdische Fessel mehr. Um sie war alles Lustbarkeit, müßiges +Sonnen in der Stadt der Blumen. Sie konnte mit den Freunden lange auf +dem Boulevard des Anglais sitzen und scherzen wie andere schöne Frauen. +Klima und Menschen umgaben sie mit Zärtlichkeiten. Olga vergötterte sie +und Mannsthal war eifersüchtig auf diese Liebe. Neben der viel jüngeren +Olga war ihm Arabella nur die Tochter, auf deren reizvolle Erscheinung +er stolz war. Ein leichter wissender Ton des Scherzes war zwischen +ihnen. Sie war sich selbst verwandelt, ihre Schwere aufgelöst im +Einatmen der Freude, ihre Tränen wie aufgesogen vom heißen Blau des +Meeres und von dieser berauschenden Lichtfülle, die im Süden wie ein +Wunder beglückt. Zuweilen im Gespräche mit Angele kam Erinnern an +Schmerz und Glück. Sie war mit ihr ernst und vertraut und unterhielt +sich mit ihr über das Kind, als wäre sie selbst schon Mutter gewesen. +Dem Kleinen gegenüber war sie nicht so kindlich aufgeschlossen mehr, wie +sie es zu Alphi gewesen. Da mußte sie an ihre Fahrt nach Quesnon denken, +an den Augenblick, wo sie Angele im Garten erblickt, und zuweilen auch +an ihre verlorene Hoffnung auf ein Kind. Eine andere wieder war sie mit +Karinski. Ihm war sie ein Fabelwesen, das man vor der Wirklichkeit +schützen mußte. Er ließ sie selten allein, wenn sie ohne die anderen +ausgegangen war, schlenderte ihr nach, wanderte mit ihr von Laden zu +Laden, um schöne Dinge für sie auszuwählen, entrückte ihr das Leben, in +dem es Arme und Unglückliche gab, daß ihr nicht, wie ehedem, die +Sorglosigkeit geraubt sei. Er war fast immer bei ihr, ohne sie zu +hindern sich unbewacht zu fühlen. Er lenkte selbst ihre Aufmerksamkeit +auf Bewundernde und hielt sich abseits, wenn sie sich mit jungen Leuten +vergnügte. Einmal sah sie auf dem Boulevard des Anglais Guy de Malpasse, +der ihr in Louvais nach jener Klosternacht begegnet war. Er erkannte sie +nicht. Sein Blick hatte sich verdüstert, er flammte dunkel auf, als er +in den ihren brannte. Sie wandte sich leichthin, er desgleichen. Sie +lächelten fast schmerzhaft. Dies war das erste Mal, daß Arabella jenes +Spiel der Augen übte, bewußt des Spielens und der Lockung. An Tagen +irdischer Sehnsucht, wo sie sich hinsetzte an Givo zu schreiben, um dann +den Brief in tausend Fetzen zu reißen und diese rasch irgendwo +unsichtbar zu machen, wie um die Schmach ihrer Schwäche zu verwischen, +kleidete sie sich mit Sorgfalt und flog unter die schaulustigen +Menschen, hungrig nach bewundernden Blicken, die ihr Feuer sänftigten. +Sie fühlte, daß sie auch Adalbert nicht widerstehen würde, wenn sein nun +an der fremden Bewunderung aufflackerndes Begehren mehr als Blick und +Scherz wurde. Da machte Karinski der Schwüle ein Ende und bat sie, ihn +auf seiner Reise nach der Schweiz zu begleiten, wohin er Olga bringen +wollte. + + * * * * * + +_Mon cher_ Pierre, zuerst von den Kindern. Ich danke dir, daß du auf +Schloß Wolonsk die Vorkehrungen für meiner Schwester Ankunft getroffen +hast. Nadescha und Maria haben mit ihrer Freundin, der Prinzeß Lisa, die +Pension verlassen und Melissa Wolonskaja, meine Base, bringt die Mädchen +nach Hause. Boris bleibt noch ein Jahr in der Akademie. Bis dahin bringe +ich Olga und --? -- dann? + +Ja, Pierre, ich liebe sie, ich liebe Arabella, dieses Wesen aus Traum, +Leidenschaft und Sanftmut gewoben, diese Blume, dieses Kind, diesen +Engel, diese kleine Dirne. Ich habe Tanja geliebt, wie man zur schwarzen +Mutter Gottes in seiner Schloßkapelle zu Hause betet, aber Vögelchen, +Vögelchen bete ich an wie eine heidnische Gottheit, vor der nackte +Sklaven die Stirne in brennenden Wüstensand tauchen. Sie lebt bei mir. +Nachts schläft sie im anstoßenden Gemach. Ich sehe, wie sie die Perlen +vom Halse löst, ihre Locken herabwallen läßt auf die elfenbeinernen +Schultern und ich warte auf den Augenblick, wo sie das Hemd gegen ihr +Nachtgewand vertauscht und ab und zu -- vielleicht zweimal in acht Tagen +-- eine ihrer kleinen Brüste dabei sichtbar wird. Dann fühle ich ihren +Kuß, halte sie drei Minuten lang im Arm, trage sie in ihr Bett und +verlasse sie rasch. Und morgens bin ich dabei, wenn sie Toilette macht. +Wir reisen nun schon zwei Jahre und es wird immer köstlicher. Meine +Liebe will nicht mehr als dies: sie zu begehren und dennoch nicht zu +besitzen. Darin liegt alle Läuterung, aller Buße Süßigkeit. Pierre, du +hattest viel Weiber, aber du hattest dies nicht, diese Nächte des +Fiebers, diesen Wahnsinn einer freiwilligen Entsagung. Einmal -- in Genf +war es -- da erwachte sie aus der Ekstase der Sehnsucht um ihren +verlorenen Geliebten. Sie erwachte aus diesem Bann, der sie keusch hält, +sie, die schon viel Lust genossen hat. Es war, wie seltsam ist das, zur +Zeit, als sich ihr Geliebter verheiratete, denn wir verheimlichten es +vor ihr. Sie hat es erst kürzlich erfahren. Zu dieser Zeit war sie +wieder im wachen Leben, schmückte sich sorgfältiger und erwiderte den +Blick der Männer. Und eines Tages traf sie Hettwer, den Dichter, einen +Freund ihres Geliebten. Ich fuhr zu meinen drei Mädchen nach Lausanne. +Als ich zurückkam, erzählte sie mir, sie habe auswärts geschlafen bei +einem Unglücklichen. »Schade um jede einsame Nacht, in der auch ein Mann +allein ist und sich nach Frauen sehnt.« »Und jetzt, jetzt hast du ihn +wieder verlassen?« »Ja, jetzt bist du wieder hier.« »Ich, alter Mann?« +»Ja, du alter Mann, der mir meine Sehnsucht läßt.« So ist Arabella. Ich +werde ihr meinen Namen geben, wenn ich sie verlassen muß, um mit Olga +nach Hause zu fahren, die Kinder zu verheiraten und die Güter zu +besorgen, auf denen jetzt der Teufel haust. Ich werde sie verlassen mit +gebrochenem Herzen und ihr lächelnd sagen: ich gehe, damit ihr ein +Junger die Sehnsucht -- nimmt. Manchmal wünschte ich -- obwohl sie reich +ist -- und es durch mich noch mehr sein wird -- sie wählte einen Beruf, +eine Beschäftigung, wenn ich von ihr gehe. Aber sie will nichts hören +davon: Ich kann nur Briefe schreiben, sagt sie oder Tagebuchblätter, +aber auch die zerreiße ich und vernichte ihre Spuren. Manchmal verbrenne +ich sie oder ich gehe weit und werfe sie in treibendes Wasser. Soll ich +auf Leinwand malen, wo ich doch in mir viel schönere Bilder habe? Soll +ich Schauspielerin werden und vor Ehrgeiz häßlich werden? Hettwer kannte +eine Schauspielerin, die in einem seiner Stücke spielte. Sie gönnte +keiner anderen ihre Rolle; als sie Masern hatte, trat sie mit den roten +Flecken im Gesicht auf, damit keine andere sie verträte. Nein, das +Theater ist häßlich. Ich möchte tanzen, tanzen, die Kleider von mir +werfen und die Luft umkreisen, daß sie mir Flügel gäbe und mich zu sich +nähme. Soll ich einmal vor dir tanzen, Nicolai, wie Salome vor Herodes? +Und wahrhaftig, Pierre, sie tanzte einmal vor mir. Sie hatte sich in +Schleier und Ketten gehüllt und das Licht mit gelben Tüchern verhängt +und sie tanzte vor dem Spiegel und die Perlen rollten um sie, sie tanzte +sich die Schleier von ihrem unbändigen, knabenhaften Leib. Dann sank sie +auf den Teppich und schlief sogleich ein, als wäre das alles +nachtwandlerisch gewesen. Ich ließ sie allein, versperrte die Türen und +ging -- und du kannst dir denken, wohin ich gehen wollte. An der +Schwelle kehrte ich dort um. + +Seit vier Tagen sind wir in München. Es ist Karneval. Ich möchte sie +heiter sehen. Seitdem sie von dieser Heirat weiß, geht sie oft in +Schwermut einher. Nun leb wohl, Pierre. Ich bin sehr glücklich. +Erinnerst du dich noch, wie wir, siebzehnjährig, auf den Scheunen von +Wolonskaja den Dorfmädchen Kinder machten? Nun haben uns diese gewiß +schon zu Großvätern gemacht und ich liebe noch immer, liebe wieder zum +ersten Mal. + +Es umarmt dich dein + + Nikolai. + + + + + Ein Wiedersehen + + +Als sie in München abstiegen, Arabella und der Graf, hieß es, daß abends +Bal pare sei in ihrem Hotel. Sie speiste mit Karinski zeitig abends, ehe +der Trubel begann. Die Vorbereitungen des Festes fesselten sie. +Musikinstrumente wurden vorbeigetragen, Blumen in bunten Buschen, +Sektflaschen in Körben, verfrühte Masken schon stahlen sich vorbei, +lugten in den noch leeren Saal, in dessen Parkett die Kronleuchter sich +müßig spiegelten. + +»Willst du dabei sein?« fragte sie der Graf. Sie schlug in die Hände vor +Freude. + +»Deine Toilette?« + +»Ach, ich habe allerlei,« sagte sie und sprang auf. Die Jungfer mußte +rasch nach einer Maske fahnden, eine ganz kleine schwarze nur, ordnete +Karinski an. Er half ihr unter ihren Abendkleidern wählen. Mit ihrem +Wirbelhaar im schwarzen glitzernden Kleide sah sie wie ein blondes +Teufelchen aus. Er begleitete sie in das bunte Wimmeln des Saales. Sie +trennten sich lachend. Bald erblickte sie ihn fröhlich am Arme zweier +Dominos. Vögelchen fühlte sich wohl hinter der Maske. Sie mischte sich +ins Getriebe, fing Gespräche auf, blieb stehen und lachte mit den +anderen, wenn es etwas zu lachen gab. Mehrmals näherten sich Herren, ihr +die zögernde Ansprache zu erleichtern, flüsterten Koseworte. Die Frauen +musterten ihren Schmuck, ihr Kleid, das der deutschen Mode noch fremd +war. Wort und Blicke glitten von ihr ab. Manche der Anspielungen waren +ihr neu und drollig, vieles völlig unverständlich, das aus den +Gesprächen sie streifte. Sie empfand nicht Lockung sich an eines fremden +Mannes Arm zu hängen, da war kein Gesicht, das ihr eine innere Welt +verriet. Auch die Männer schienen Masken zu tragen. Als sie schon +mehrmals den Saal durchschritten, sah sie an einer Säule gelehnt einen +vornehm aussehenden Herrn stehen. Wie einsam versprengt, unbeteiligt wie +sie selbst, in stillem, beschaulichem Ernst, ließ er das Treiben an sich +vorüberziehen. Glitt ihm eine Maske näher heran, sagte er ihr lächelnd +ein dankbares, aber abweisendes Wort, ohne ihr zu folgen. Es schien, als +erwarte er eine Frau oder zöge es aus irgendeinem Grunde vor allein zu +sein. Vögelchen blieb unweit von ihm stehen und forschte in seinem +ebenmäßigen, noch immer knabenhaften Gesicht. Sie hatte ihn gleich +erkannt, es war Franz von Normayr. Ein wenig gealtert schien er, die +Haut von Seereisen gebräunt, noch heller stach der Blick, noch klarer +schien die Stirne und etwas, das wie Unfehlbarkeit wirkte, schmückte +noch immer die Haltung. + +»Sie läßt dich warten,« sagte Arabella mit einem leisen Beben in der +Stimme, als sie eine Weile neben ihm gestanden, während sein Blick +lächelnd zu ihr herabgekommen war. + +»Sie ließ mich warten,« antwortete er. »Aber nun ist sie ja gekommen.« + +»Es waren so viele, die dich mitführen wollten.« + +»Ich wartete auf dich.« + +»Kennst du mich denn? Wie heiße ich?« + +»Vögelchen,« sagte er. + +»Das ist doch kein Name,« sagte sie erschauernd. + +»Eben deshalb heißt du so, kleine Unbekannte. Es gibt Namen, die wie ein +Bild sind unter Schleiern und Masken. Vielleicht ähnelst du auch einer, +die man so nannte.« + +»Ach geh, solch ein Name! War die denn wirklich?« Er schwieg. »Dein +Vögelchen ist wohl nur eine Ente. Nenn mich lieber Salome Maria. Den +Namen las ich einmal auf einem alten Friedhof in Salzburg.« + +»Aber du bist doch lebendig. Laß fühlen, ob du lebendig bist oder eine +Elfe.« Er legte mit kundigem Griff seinen Arm um ihre Taille und zog sie +mit sanfter Kraft in eine der Nischen. + +»Du gleichst einem jungen Seemann,« sagte sie. »Dein Blick sieht auf das +Meer.« + +»Liebst du das Meer?« fragte er. + +»Ich habe einmal auf einem Leuchtturm gehaust.« + +»Wie interessant,« sagte er mit leichtem Spott. »Da warst du wohl +verzaubert wie Rapunzel. Dabei siehst du so aus, als ob du in Palästen +gewohnt hättest. Oder warst du des Leuchtturmwächters Töchterchen in +einem anderen Leben?« + +»Ja, in einem anderen Leben.« + +»Erzähle mir von diesem Leben. Wo hast du denn da noch gehaust und +genächtigt, als Schwalbe oder Kolibri?« + +»Ich erinnere mich zunächst, in einem Kloster geschlafen zu haben. +Mondschein kam zum Bogenfenster herein und die Spinnweben aus den alten +Mauern waren die Gitter. Mir gegenüber über den Hof saßen im Saal Nonnen +über Spitzenarbeiten gebeugt, Tag und Nacht. Es waren Mäuse im Zimmer. +Kennst du den Dichter Malpasse?« + +»Ja, ich kenne seine Novellen. Hatte der sich etwa in eine Maus +verwandelt?« + +»Nein, er fiel mir nur eben ein. Oh, wie schlecht euer Champagner ist,« +sagte sie französisch. + +»Bist du Französin?« + +»Nein, mein Mann ist Spanier und ich bin ein wenig von überall.« + +»Salome Maria Überall,« sagte er. + +»Und du, wie heißt du, laß mich raten und warte -- Gottfried? Nein, +Franz. Das wird es sein.« + +»Du bist hellsichtig,« sagte er. »Also dein Mann ist Spanier. Liebst du +ihn?« + +»Ja, ich liebe ihn.« + +»Und doch bist du hier?« + +»Ja, mein Gott, er läßt mich allein und ich liebe die Männer so sehr. +Ich liebe es, ihnen ganz nahe zu sein, ganz nahe.« + +»Nun war es, als hättest du zum ersten Male mit deiner eigenen Stimme +gesprochen.« + +»Erschreckt dich das?« + +»Du bist so seltsam. Es ist eine Traurigkeit in deiner Glut.« Er nahm +ihre Hand und spielte mit ihren Fingern, er preßte sie zwischen den +seinen, die sehnig und kühl waren. »Und bist du immer so -- -- frei? +Nicht nur im Karneval?« + +»Ich bin immer so frei. Mein Leben ist ein Fest der Liebe.« + +»Wie viele Männer haben dich schon besessen?« + +»Das zählst du kaum!?« + +»Das zähl' ich kaum?« + +Er sagte es sehr traurig. »Und wie begann es?« + +»Da war einer, dem vertraute ich. Ein Kind war ich damals, weißt du, und +er war mir wie ein Engel, der mich durch alles Irren führen sollte. Aber +da mißfiel ihm meine Dummheit. Sie »schickte« sich nicht. Ich hatte +nicht gelernt mich zu verstellen. Er überließ mich meiner Dummheit mit +Haut und Haar.« + +»Und dann?« + +»Dann nahm ich den Vater zum Mann, meinen Stiefvater.« + +»Du scherzest jetzt.« + +»Er war ein guter Lehrmeister. Warte, wie ging es weiter? Dann kam ein +junger Lord. Das war nur Spiel für ein paar Nachmittage. Später --« + +»Später?« + +»Später -- ach, sieh dies arme Ding dort! Wie ärmlich ist ihr Domino, +wie schlecht ihre Schminke! Sie sind mir so leid diese Mädchen. In Paris +kannte ich eine Dirne. Ein Freund von mir war ihr Zuhälter. Der Arme hat +sich erhängt, einer bösen Krankheit wegen. Ich erfuhr es lange nicht. +Was ich dich fragen wollte! Wie geht es deiner Schwester?« + +Sein Gesicht war bleich, seine Augen glühten in Leidenschaft. Ihre +Stimme sprach zu ihm aus dunkel funkelnder Welt. Log sie? War sie es? +Nein, das war nur Spuk seiner Phantasie. Warum ergriff ihn dann ihr +seltsames Sprechen? »Meine Schwester laß beiseite,« sagte er. »Du willst +dir den Anschein geben, mich zu kennen. Wozu? Ist es nicht schöner, sich +aus fremdem Leben zu begegnen?« + +»Dich schaudert, daß ich deine Schwester kenne, weil mein Freund +Zuhälter war und ich die Männer so sehr liebe. Aber sieh, ich habe auch +für die Frauen ein Herz. Diese Dirne dort, wie dauert sie mich. Sie tut +es um Geld, sie muß es tun. Während ich mir wähle, was mich freut. In +Nizza, da ging ich einmal an einem Fenster vorbei, es war hart an dem +Laden eines Antiquitätenhändlers, alte Bilder hingen da, hölzerne +Heilige, Kupferkessel. Das Fenster hatte rote Scheiben und dahinter saß +in rosigem Schein, wie ein Page gekleidet mit langen, blonden Locken, +eine Dirne. Ich ging gern dort vorüber. Sie tat mir leid, immer mußte +sie sitzen und warten und dann --? Ich wäre gern zu ihr gegangen und +hätte sie abgelöst für einen Abend.« + +»Aus Mitleid nur?« + +»Ja, aus Mitleid. Denn damals schlief ich wieder bei meinem Vater. Er +stahl sich nachts leise zu mir, daß seine Frau ihn nicht höre, die +hütete ihres Kindes Schlaf.« Das log sie. + +»Du freust dich deiner Sünden?« + +»Sprich das Wort nicht aus, es hat einen falschen Klang. Ist es denn +Sünde, wenn man beglückt?« + +»Es hätte dir richtig geklungen, wenn dich jener erste Mann nicht, wie +sagtest du doch -- deiner Dummheit überlassen hätte. Daran wurdest du +klug und --« + +»Warum hältst du inne?« + +»Eine Erinnerung kam mir. Komm mit mir, willst du?« sagte er plötzlich +wild ausbrechend. Sie sprach nicht mehr, sie schmiegte sich an ihn, +saugte seinen Blick in ihr Auge. + +»Erwarte mich,« lispelte sie und ging, noch immer nach ihm +zurückstarrend. In ihr Zimmer drang ihr noch Festlärm nach. Es war spät +in der Nacht. Der Graf war schon zur Ruhe gegangen. Sie nahm leise den +Pelz. Nun lief sie zu dem, der im Vestibule ihrer harrte. + +»Du zauberst?« sagte er. »Wohin bist du verschwunden? Schon fürchtete +ich, nach deinem Schuh suchen zu müssen, dich wiederzufinden.« Er legte +den Arm um sie, rief nach einem Wagen. Er fuhr sie zu seiner Wohnung am +englischen Garten. + +»Jetzt darf ich dich sehen,« bat er in der ersten Umarmung. + +»Nein, laß, morgen früh. Mach dunkel jetzt!« befahl sie. »Rasch, ich +verbrenne.« + +Als er des Morgens erwachte, erkannte er sie im Dämmerlicht. Sie schlug +die Augen auf und lächelte. Er sah fern den Strand, ihr Kindergesicht +mit den klaren Augen, die zu ihm aufstrahlten, er hörte ihr Geplauder. +Todernst sah er sie nun an. Es schien ihr, als feuchtete sich sein Auge. +Er wollte sprechen, aber sie scherzte nur. Einen Augenblick dachte sie: +Es war eine gute Nacht. Konnte es nicht so bleiben, ein neues Leben +beginnen? Sie würden Kinder haben, ernste Seemannskinder. Und auch er +dachte es. Aber die Wirklichkeit sah aus einem silbernen Rahmen unter +einem schwarzen Spitzenhäubchen mit strengen Augen zu ihnen herüber. Die +Mütter! Die Mütter, sie kreuzten den Weg der Mutterlosen. + +»Einen hübschen Ausblick hat deine Wohnung,« sagte Vögelchen und warf +die Decke zurück. »Nun aber heißt es, rasch Toilette machen. Mein Graf +wird schon unruhig sein. Ich werde dich nicht wiedersehen. Wir reisen +bald.« + +Er war sprachlos, zerschmettert. Feuchten Auges küßte sie ihn und kehrte +zu Karinski zurück. + + + + + Im Schatten des Todes + + +Als Imanuel nach der ersten einsamen Nacht in Alvemünde in das Haus an +der Alster zurückgekehrt war, empfingen ihn Zoras Geigenklänge. Lauschte +man ihrem Spiel, so war es, als hätte man sie niemals sprechen gehört, +oder als wäre Zora die Spielende und Zora die Sprechende nicht dieselbe. +Sonst herb und spöttisch, schmolz ihr, hielt sie die Geige im Arm, das +Eis in der Brust und je verschlossener sie war in Rede und Tun, desto +beredter wurde die Stimme der Geige. Givo war übernächtig und zerquält, +dies Spiel war Linderung. Als er später in das Krankenzimmer trat, sah +er Zora eifrig um die Mutter bemüht. Sie oblag mit größter +Gewissenhaftigkeit ihrer Pflege. Immer wieder, wenn Manuel diese +Sorgfalt beobachtete, sagte er sich: »Sie ist besser als ich, sie will +ihr das Leben erhalten, währenddem ich --« Aber seltsam, nun empfand er +auch selbst nicht mehr den quälenden Wunsch, die verruchte Ungeduld, vom +Kummerzwang befreit zu sein, seitdem ihm das liebste Ziel der Freiheit +entflattert war. Es gehörte zu seinen Eigenheiten und mochte wie Untreue +scheinen, daß er nicht dringlich war, nicht hielt und rief, was ihm sein +Gott nicht freiwillig schenkte. Er war einer, der sich selbst Besitz +nicht anmaßt und doch zuweilen anmaßend erscheint, weil er um nichts +sich bemüht. Er gönnte anderen, was er besaß, trug er doch nicht die +Last der Schuld, allein zu besitzen. Er war von der Art jenes Mönches, +dem römische Gassenbuben ein Geldstück in seinen Bettelsack schmuggeln +und den selbst solch kleine Bürde zur Erde drückte. So verwarf er den +Wunsch, Arabella einzuholen, sie zu rufen. Er war im Grunde seiner Seele +ihrer gewiß und in Entbehrungen nicht weichlich. Er lebte in seinen +Träumen und in der Ekstase, in die ihn seine Liebe zur Menschheit +versetzte. Vögelchen verstärkte den Traum und Rauschzustand seiner +Seele. War sie ihm fern, siedete unter diesem das Begehren nach ihrer +Nähe wie heiliges Feuer, das ihn bis in seine Lebenswurzeln sengte und +ihn wie einen Märtyrer zum Opfer antrieb. Mochte das Leben seinen Weg +ziehen, sie begegneten einander eines Tages, dessen war er gewiß. Man +sieht zuweilen Menschen mit seltsamem Ausdruck der Augen, mit einem +zweiten Blick sozusagen, der nur notdürftig die Umwelt anfaßt, als wäre +seine Glut in eine eigenste Welt nach innen gerichtet. Ihr Handeln ist +ruhig und sicher, weil es nichts fordert für sich selbst. Das Leben +Givos war solcher Art. Zu viel leiden macht die anderen leiden, sagte +auch er sich. Als Zora wieder versuchte, sich ihm zu nähern, wehrte er +sich nicht. Als sie von ihm ein Kind trug, machte er die Scheinhochzeit +zur Wahrheit. Daß Vögelchen davongeflattert war, galt ihm als ein +Zeichen, das sie, die Unbewußte, selbst erhalten. Zwischen ihm und ihr +sollten fortan keine irdischen Bande sein. + +Nun aber ging eine seltsame Veränderung mit Zora vor. Ihre Sorgfalt für +die Kranke ließ plötzlich nach. Sie war meist ungeduldig, sprach von +Reisen und schürte Givos Unlust an der langen Absperrung. Imanuel sah es +mit leisem Grauen. Er erriet sie: nun, da sie ihr Ziel erreicht, zu dem +ihr die Kranke unentbehrlich schien, war auch die Bemühung erlahmt, ihr +Leben zu verlängern. Der aufreibende Pflegedienst war also nichts +gewesen als Eigennutz. Als er eines Abends nach Hause kam, empfing ihn +die alte Minka mit kreideweißem Gesicht. Die Mutter war gestorben. Sie +hatte wie gewöhnlich nachmittags die schmerzstillenden Tropfen genommen, +war eingeschlummert und nicht wieder erwacht. Frau Zora hatte ihr die +Augen zugedrückt. Givo sah das bleiche Gesicht, es lag wie Erstaunen +darin, eine Frage, als wäre der Geist noch rege in dem stummen Leib! +Givo kniete hin und nahm die kühle, vergilbte Hand. Wie hatten sie beide +gelitten, ehe sie wieder zu einander gefunden, wie glücklich war er, daß +er gerade in den letzten Wochen ihr zurückgekehrt war in Gehorsam und +Liebe. Von dem Tage, da sein Bund mit Zora Wahrheit geworden, war die +alte Eintracht wiedergekehrt. Sie mußte doch vordem etwas in seinem +Wesen gelegen sein, das ihrer Seele den Weg verschlossen hatte zu der +seinen. Wie seltsam auch, am Abend des vergangenen Tages hatte sie ihn +lange zärtlich sorgenvoll betrachtet und dann wie aus einer großen +Stille heraus leise gefragt: »Wie ist es diesem Mädchen ergangen? Möge +auch sie glücklich sein!« Er hatte zum Dank ihre Hand ergriffen, so wie +er nun die Hand der Toten hielt. Frühe Kindheiterinnerungen kamen ihm. +Der Mutter Leben blätterte sich ihm auf. Er weinte nicht. Dem Schauenden +ist der Tod ein Fest der Verschmelzung, vor dem er in Ehrfurcht +verharrt. Als er aufstand, sah er unter dem Nachtkästchen eine kleine +Phiole liegen. Er hob sie auf. Sie war leer. Er klingelte der alten +Minka. »Ruf mir die junge Frau,« sagte er. + +»Herr Manuel, sie ist ausgegangen.« + +»Unmöglich, sieh nach.« + +»Gewiß, Herr Manuel, ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen. +Vielleicht wollte sie ausschauen nach Ihnen.« + +»Dies ist das Fläschchen, in dem der Mutter Tropfen enthalten waren?« +fragte er. + +»Ja gewiß, Herr Manuel.« + +»Dies Fläschchen wurde heute morgens erst aus der Pharmacie geholt, ist +es so?« + +»Ja, ja, Herr Manuel.« + +»Die Mutter hat also zwei Mal daraus genommen, zehn Tropfen. Du sagtest, +sie hätte, bevor es geschah --« + +»Jawohl, Herr Manuel,« die alte Minka begann von neuem zu weinen in der +Erinnerung an Frau Leas letzte irdische Verrichtung. + +»Wer hat ihr die Tropfen gegeben?« + +»Die junge Frau, wie immer --« + +»Die Flasche lag auf der Erde und war leer. Ihr habt sie wohl +umgestoßen. Nun danke, Minka.« Die Alte ging. Er beugte sich zur Erde +und suchte die Stelle, wo das Fläschchen gelegen war, tastete den Boden +ab, ob er feucht wäre von vergossener Flüssigkeit. Bleich erhob er sich. +Zora stand hinter ihm. Sie hielt Blumen in der Hand. Sie legte sie auf +die Decke hin. Sie fand kein Wort des Trostes. + +»Laß doch, später,« sagte er und schob die Blumen beiseite. Dann ging er +ans Fenster und blieb regungslos. »Wenn sie mir folgt,« sprach sein +Herz, »wenn sie kommt, wenn sie ihren Kopf an meine Schulter lehnt, wie +sie zu tun pflegt --« Aber er hörte, wie Zora das Zimmer verließ. +Später, als er sich quälte, um seinen Verdacht zu besiegen, sagte er +sich, daß wohl Mißtrauen aus seinem Blick geglommen war und ihre +Annäherung verscheuchte. + +Er sprach das Sterbegebet, sprach vor der kleinen Gemeinde die Worte: +»Herr des Seraphs und des Wurms, Herr des Lebens und des Todes, ich bin +in deiner Hand. Wenn du mich abrufst, ist mein Glück dein Wille, denn du +bist die Liebe und wer in der Liebe bleibet, der bleibet in dir und du +in ihm. Du Licht und Heil, ich fürchte mich nicht, denn meine Seele ist +bei dir.« Als er so sprach, da war Zora bleicher als das Bahrtuch. +Dennoch, sie trug sein Kind und er wandte sich ihr zu und bannte mit dem +äußeren Willen die Dämonen des Verdachtes. + +Seine Stelle im Observatoire war besetzt, so ging er mit Zora nach +England, wo eine Zusammenkunft der Schauenden einberufen war. Givo +gründete dort die weltliche Seelsorge. Er ging dabei von dem Standpunkt +aus, daß der kirchliche Priester in seinem abgeschlossenen Lebenswandel +nicht Einblick gewinnen könne in die mannigfaltigen Verwicklungen des +Lebens, daß er ein Schauender nur des Himmels und ein Wegschauender der +Erde sei. Aber um der Menschen Seele zu versorgen, müsse man ein +Schauender des Lebens sein. Er rief die Priester in den lichten Tag +hinaus, zu forschen nach den Quellen der Schuld, die ihnen gebeichtet +werden, wenn sie erst schal geworden und unwiderruflich trotz der Sühne. +Er wies die Bedrängten an eine neue Art von Helfenden, an die weltlichen +Seelsorger, die auf dem ganzen Erdenrund ihre ratende, warnende, +tröstende und verzeihende, heilende Tätigkeit entwickeln sollten. + +Er half Settlements einrichten, Arbeitererholungsheime, die sich +allmählich zu Volksuniversitäten ausbilden sollten. Er arbeitete im +Sinne Elihu Burrits am Entstehen der Friedensbewegung. Oft aber sehnte +er sich zurück nach der nächtlichen Stille seiner Sternwarten. Er war +nun niemals allein. Zora erwartete das Kind. Durfte er sie da auf +unbegrenzte Zeit verlassen? Er war neuerdings gebunden und seine Pläne +waren es mit ihm. Seine Gedanken an Arabella und seine freudige Ungeduld +um das Kind begegneten sich in seinem Herzen. Zuweilen erschrak er, daß +er von einer anderen als von der Geliebten ein Kind haben sollte, die +vor Gott seine Frau war. Aber ihm war, dieses wäre in Liebe um sie +gezeugt. War er denn nicht ganz erfüllt von ihr! + +Zora hatte nun erreicht, was ihr äußerlich zu erreichen möglich war, +aber was galt ihr nun die Fessel, die Imanuel an sie schmiedete, da sie +erkannte, daß ihr spröder Unmut, der immer wieder bei ihr die Oberhand +gewann, sein Herz ihr abkehrte, so sehr er es auch verbarg. Wie oft +schrie sie es ihm, dem Stillen, Freundlichen ins Gesicht: »Sag doch, daß +du mich hassest, so sag es doch!« Givo konnte den Zeitpunkt nicht +erwarten, bis das Kind sich aus dieser Hülle begeben würde, die ihm +vergiftet schien von dunklen Leidenschaften. Er, der für alle Menschen +ein Heilmittel zu finden meinte, er versagte kläglich an Zoras +Bitterkeit. Sie wollte Liebe, Leidenschaft. Er konnte sie ihr nicht +geben, er besaß sie nicht mehr. + +Als seine Kräfte zu versagen drohten und er die hohe Welt seiner eigenen +Lebensinsel aufs äußerste bedrängt sah, als er schon verzagte Arabella +erhoffen zu dürfen, ward ihm ein Mädchen geboren und oh Wunder, es glich +der Geliebten. Zora erkrankte an der Geburt und war lange unfähig sich +des Kindes anzunehmen. Ja, sie selbst wollte, daß man es aus dem Hause +entferne. Ihr war, als könne es in ihrer Nähe Schaden nehmen. Ihr Wesen +verdüsterte sich zunehmend. Sie wußte, das Kind glich nicht ihr, nicht +Givo, sondern jener anderen, an die auch sie oft und oft gedacht hatte, +weil sie ihr Manuels Herz neidete. Sie hatte in eifernder Qual ihr Bild +immer wieder wachgerufen, jenen flüchtigen Augenblick, da sie +verächtlich an ihr vorübergeschritten war, daß sie wohl auch damals von +ihrem Antlitz besessen war, als sie es empfangen hatte. Und er, dachte +er denn jemals an sie, Zora? Nein, das fühlte sie zu jeder Stunde, der +Himmel, zu dem er aufsah, war bestrahlt von der einen, anderen. Zora +konnte es körperlich spüren, wenn er mit seiner Sehnsucht bei dieser +weilte. + +Da das Kind seinen Sinn nicht gewendet, da sie vielmehr glaubte, ihr +entstellter Körper entfremde ihn, hatte es ihr gefallen mit ihrer +Mutterschaft Spott zu treiben. Mit einem Male war wieder der Ehrgeiz der +Künstlerin ihn ihr erwacht. Sie wollte nur bald sich der engeren +Gemeinschaft mit dem Kinde entledigen. Als ihr zugemutet wurde, es +selbst zu nähren, lachte sie verächtlich. »Mit Galle statt mit Milch!« + +In einem englischen Dorf vor der erwarteten Zeit gebar sie das Mädchen. +Daß es Arabella glich, schien Trug zuerst, Wunsch dem einen, Befürchtung +dem anderen, aber als das Kind einige Monate zählte, war eine +Ähnlichkeit nicht zu verkennen. + +Zora hatte, als sie sich wieder wohler fühlte, zu geigen begonnen, doch +es war das alte Spiel nicht, und Givo schien es bedeutsam, daß es +zerrissen klang, gequält, niemals sehnsüchtig hingegeben mehr. Er fühlte +die Schuld, die er an seiner Frau innerer Verwüstung trug. Seit jener +unselige Verdacht in ihm aufgestiegen, hatte er sie nicht mehr berührt, +kaum daß seine Lippen ihre Stirne streiften. War dieser Bann des Blutes +nicht Zeuge, daß mehr als Verdacht ihn hemmte! Ein Wissen mußte tief +unten in der Welt der Instinkte sein Blut gewarnt haben. Aber er +beklagte ihre Verlassenheit an seiner Seite, ihre Freudlosigkeit an dem +Kinde, wie ein Fernstehender sah er alles und dieser war milde und +freundlich zu Zora Uhari. + + + + + Noemi + + + »Kinder und Gräber sein + Weibersachen.« + + (Gerhart Hauptmann + »Rose Bernd«.) + +Als sie von England nach Paris kamen, bat sie ihn, mit ihr die Gräber +ihrer Eltern in Spanien zu besuchen. Er willigte ein. Er ging zu Helene +und gab ihr das kleine Mädchen in Obhut, bis daß sie zur Weiterreise +nach Deutschland und Österreich zurückgekehrt wären. Alphi klatschte in +die Hände, daß er nun ein Schwesterchen haben solle. Helene Tallandre +war erschüttert über die Ähnlichkeit der kleinen Noemi mit ihrer +Herzensfreundin. Kaum war Imanuel abgereist, telegraphierte sie an +Arabella Karinski. »Mache dich reisebereit, Brief folgt.« In diesem +schrieb Helene, sie müsse ihr von einem Wunder berichten. Givos Kind +gleiche ihr. Es wäre für wenige Wochen in ihre Hut gegeben. Sie möge +kommen, um es zu sehen. Sie und Tallandre würden sorgen, daß ihr Besuch +Geheimnis bleibe. Helene hatte richtig geraten. Arabella depeschierte: +»Ich komme.« An einem der nächsten Abende trat sie leise mit traurig +fragendem Lächeln ein. Sie war so seltsam geworden in ihrer reisenden, +dennoch febrilen Schönheit, der Schmerz hatte ihren großen Kinderaugen +etwas Überirdisches gegeben. Das Kindliche lag nur mehr um den Mund in +dem Lächeln, in den Händen und Bewegungen. Ihre Augen waren wissender +und auch ihre Art zu sprechen die einer sichern anmutigen Weltdame, die +immer Bescheid weiß und die gewohnt ist, von jedermann Dienste dankbar +zu empfangen. Helene küßte sie. In wortloser Rührung führte sie die +Freundin in die Kinderstube. Da saß in Alphis Gitterbettchen ein kleines +Mädchen mit strahlenden blauen Augen und fahlblondem Gelock um ein +schmales Gesichtchen mit durstigrotem Mund, der es noch blasser +erscheinen ließ. Es sah auf ohne Lächeln, ohne Furcht in ernsthafter +Aufmerksamkeit. Dies schien kein Kind zu sein, kein Engel, keine Elfe +und war doch etwas von all dem, eine Pflanze, Menschenkind genannt, aus +Seelenland kommend. Man vergaß es nicht, wenn man es einmal sah. Es war +schlank, fast gebrechlich, mager, seine Haut hatte einen leichten +bräunlichen Stich, als glühte es unter ihr. Seine Augen leuchteten in +einem fiebrigen Glanz und in ihnen war diese Fremdheit einer anderen +Welt und die Sehnsucht nach zärtlicher Wärme. Arabella kniete vor dem +Kind in tiefster Ergriffenheit. Es langte mit ernster Gebärde in ihre +Haare, die den seinen glichen, und plötzlich lachte es laut auf, wie +Kinder lachen, irdische Kinder. Es freute sich. Arabella hatte es +angesehen mit heißester Liebe. War ihm zumute, als blickte es in einen +Spiegel? Lachte es deshalb mit so holdem Laut? Sie stand auf, reichte +der Kleinen ein Perlenkettchen, das sie seit Kindheit trug, eilte aus +dem Zimmer. Schluchzen machte ihren Körper erbeben. Während sie weinend +Helenens Hand hielt, sagte sie: »Bin ich nicht kindisch! Wie reizend ist +es! Ein Engel! Hab Dank!« Sie blieb den ganzen Abend an Noemis Bettchen, +bis die Kleine schläfrig wurde und sie selbst auch die Müdigkeit der +langen Reise übermannte. Am Morgen fuhr sie zu Ceciles Grabstätte. Sie +fand sie in reichem Blumenflor. Gaston und sein Vater schmückten sie in +dankbarer Liebe. Dann ließ sie nach Konrads Grab forschen. Es dauerte +lange, bis man es in den Büchern verzeichnet fand. Sie hatte weit zu +gehen und Mühe, es zu entdecken. Nur ein Schildchen bezeichnete es. +Arabella blieb stehen und betete auf ihre Weise. Draußen vor den Toren +des Friedhofes bestellte sie im Laden eines Steinmetz ein kleines +Grabmal aus Porphyr. »_Quod in charitate constitutis nullum peccatum +imputetur._« Dies sollte in Konrads Stein gemeißelt sein. + +Sie stand zu sehr unter dem Eindruck, den das Kind auf sie gemacht +hatte, um die Stadt wiederzufinden. Einen Augenblick dachte sie daran, +die Sainte Chapelle zu besuchen, aber sie schämte sich dieser +Wallfahrtsgelüste. Die Bilder der Straßen flogen an ihr vorbei und taten +ihr nicht wohl. Die Menschen waren ihr fremd geworden und sie empfand +fast Unlust, in die Läden zu gehen und die schmeichlerischen Laute der +Verkäufer zu hören. Zu Mittag war sie wieder bei der kleinen Noemi. Ein +Wagen wartete vor dem Tor und nach dem Essen nahm Helene Alphi an der +Hand, sie selbst das kleine Mädchen auf den Arm und trug es behutsam +hinab ins Freie. Es war ein schöner Vorfrühlingstag. Sie fuhren ins +Bois, hielten dann vor einem Spielzeugladen und Arabella kaufte ein. Wie +glücklich war sie mit den Kindern. Einen Augenblick kam es wie ein +Rausch über sie. Nimm die Kleine und entflieh! Gehört sie denn nicht dir +vor Gott? Aber sie biß die Lippen zusammen und reichte sie abends +Helene, die sie ins Bettchen zurücklegte. Noemi hielt die Püppchen in +der Hand, die sie sich gewählt hatte, und sah mit ihrer ernsten +Aufmerksamkeit bald auf Arabella, bald auf das Spielzeug. Noch hatte sie +das Perlenkettchen um den Hals und seltsam, es wollte sich nicht von ihm +trennen, hielt es fest und verzerrte schmerzvoll das Gesichtchen, als +man es ihm nehmen wollte. Arabella hatte es als einen Talisman getragen +seit ihrem fünften Jahr. Es war, sie ahnte es dunkel, ein Geschenk ihrer +Mutter. Aber wie froh war sie, daß es die kleinen Händchen hielten wie +ihr eigen. + +Als sie die Kleine verließ, wollte Tallandre sie zurückhalten. Ob nicht +das Wohl des Freundes über alle Bedenken ginge, Givo sei am Ende seiner +Kräfte, sie zu ersehnen. Sie möge seine Rückkehr abwarten. Da verhärtete +sich ihr Herz. »Nein, nein, nein,« rief sie und wies auf die Türe, +hinter der das Kind schlummerte. »Da dies hat er mir geraubt, auch ich +hätte ein Kind von ihm, auch ich,« und sie barg schluchzend ihr Antlitz. +»Warum ist er mir nicht gefolgt nach seiner Mutter Tod, warum hat er +mich verlassen und nicht diese Frau? Aber er hatte mir ja nichts +geraubt, nein, er hatte mich ja gerettet aus den Armen meines Verführers +und so eine, die darf man wieder hinausstoßen -- in anderer Männer Arme, +von Bett zu Bett.« -- Tallandre war erschüttert, in seiner +Ungeschicklichkeit wußte er nichts zu sagen als: »Aber waren denn Sie es +nicht, die ihm davonlief?« + +Arabella war erschrocken über die eigene Heftigkeit. Die Anklage gegen +den Geliebten, die sie selbst sich verschwiegen, hatte sie nun laut vor +einem anderen ausgestoßen. Tallandres Bemerkung brachte sie völlig zu +sich. Sie hob den Kopf, sah seine Bestürzung und unter Tränen lächelnd +sagte sie, ihn mit du anredend: »Mein armer, lieber Fifi, das verstehst +du nicht.« Und als eben Helene eintrat, umarmte sie die Freundin, +drückte Tallandre die Hand und eilte davon. + +Leer war ihr Kopf und Herz, als sie in den Straßen irrte. Sie lechzte +nach Betäubung, nach Brand, der ihr Erinnerung ausmerzte für Stunden, +für einen Tag, für eine Nacht. Sie erinnerte sich blitzartig Malpasses +und seines funkelnden Begehrens im Blick. Jahre waren vergangen seit +jenen beiden flüchtigen Begegnungen in Louvais und Nizza, seit jener +Aufforderung, sich bei ihm zu melden. Aber war sie nicht seither schöner +geworden? Sie hatte kürzlich in den Zeitungen gelesen, er sei erkrankt. +Aber dies war ja ein Grund mehr, ihn aufzusuchen. Der Portier des Hotels +fand die Adresse im Anzeiger. Sie ließ sich zu ihm fahren und schon +läutete sie an der Türe. Der Diener Francois, der nämliche, der Malpasse +in Louvais begleitet hatte, öffnete mit düsterem Antlitz. + +»Der Herr empfängt nicht.« + +»Sagen Sie ihm, jene Dame, die er vor Jahren am Bahnhof zu Louvais -- +Sie waren mit ihm damals --« + +»Ist es dringend?« + +Die Gräfin nickte. Francois kam zurück. »Monsieur erinnert sich nicht, +aber er hat gefragt, ob Madame schön seien --« Francois verbeugte sich, +es zu bekräftigen, indem er die Tür öffnete. Malpasse kam ihr entgegen. +Er schien ihr jünger als damals, so schlank war er, er hatte die Gestalt +eines Jünglings. Sein Blick war noch sengender geworden, ein ängstliches +Licht flackte darin. + +»Soll ich heucheln, Madame, ich erinnere mich nicht mehr. Um so +freundlicher von Ihnen, da Sie vielleicht auch erfahren haben, daß ich +mich elend fühle -- --. Ich habe mich allen Bekannten verleugnen lassen. +Oh bitte, nehmen Sie hier Platz -- aber zuweilen sehne ich mich aus dem +Kerker meiner Krankheit wieder zu jenem Unbekannten, jenem fremden +Leben, das uns auf der Straße streift. Frauen, deren Antlitz dann +plötzlich im Tag auftaucht, Frauen, die wir vielleicht vor Jahren sahen +--« + +»Am Boulevard des Anglais zum Beispiel.« + +»Sind wir einander dort begegnet? Lassen Sie es vergessen sein. Bleiben +Sie die Unbekannte, die schöne Unbekannte dieser Stunde --« + +»Auch ich bin nicht zu dem Berühmten gekommen, nur zu jenem Fremden, von +dem ich hörte, daß er leidend sei, eine plötzliche Eingebung hat mich zu +Ihnen getrieben.« + +»Das ist gut so -- und sollte mich dennoch Neugierde antreiben, +antworten Sie mir nicht. Wenn Sie Ihr Taschentuch ziehen, verbergen Sie +Ihr Monogramm. Ich will nicht einmal die Anfangsbuchstaben Ihres Namens +wissen, will nicht wissen, ob eine Krone sie ziert und wie viel Zacken +sie trägt. Ich will Sie nur sehen -- -- Sie sind schön. Ihre Augen +strahlen so seltsam --« + +»Von Tränen!« + +»Von Tränen, oh, diese kostbaren Karfunkel. Wir sollten Sie aufsparen +für die Stunden unseres höchsten Glückes.« + +»Nicht für die, da wir ihm nachweinen?« -- + +»Man kann nie wissen, ob nicht ein Größerer noch kommt, dem wir dann +noch heißere Tränen weihen müßten. Mögen sie uns nie versiegen, diese +posthumen Glückstränen. Madame, ich gestehe Ihnen, meine Augen waren +feucht, ehe Sie kamen. Nun werden sie es sein, nachdem Sie gegangen +sind.« + +»Sie werden eine neue Geschichte schreiben und die Tinte wird die Tränen +aufsaugen -- --« + +»Sie verachten die Dichter?« + +»Ich liebe die Künstler nicht. Sind sie nicht der Abfallstoff der Kunst? +Ein verbrannter Rest --« + +»Ja, ein trauriger Stoff sind sie und einer der traurigsten steht vor +Ihnen.« + +Sie reichte ihm die Hand. »Verzeihen Sie mir.« + +»Verzeihen Sie -- daß ich wage, diese kleine Hand zu umfassen.« + +»Sie wehrt sich nicht, die Hand.« + +»Doch,« sagte er mit einem kindlichen Lächeln, das rührend war auf dem +zuweilen greisenhaft Wissenden seines Antlitzes. »Doch, sie hat sich +eben gerührt.« Und er küßte die zuckende Hand. + +»Francois,« sagte er später zu dem Diener, »lassen Sie niemanden vor. +Weder heute noch morgen früh. Auch den Arzt nicht, Francois, hörst du, +auch den Arzt nicht --!« + + * * * * * + +Als Zora mit Manuel kam, die Kleine zu holen, ließ Helene das Kettchen +unter das Kleidchen der Kleinen gleiten. Als es abends im Eisenbahnzug +entkleidet wurde, sah es Givo. Er erkannte es. Wie kam dies Zeichen an +der Kleinen Hals? Ein Wunder rührte ihn an. Zora fragte die Nurse, ob +Frau Tallandre das kostbare Kettlein geschenkt hätte. Es mußte wohl so +sein, sie hatte es an Noemis Hals gesehen, als sie von ihrem Ausgang +zurückgekommen sei. Aber Noemi, als fürchtete sie, man könne es ihm +nehmen, hielt die kleinen Perlen fest zwischen ihren mageren Fingerchen +und lag so die ganze Nacht, neben sich die Puppe und in sich noch das +Bild der Fremden, in das sie geblickt hatte wie in einen Spiegel. Givo +war wach, er sah auf das Kind, als könnte es im Schlaf die Lippen auftun +und das Geheimnis lösen. Aber schließlich sagte er sich, daß Arabella +wohl Helene das Kettlein geschenkt und diese es dem Kind angelegt haben +mochte. Warum war er der Versuchung widerstanden, Helene nach der +Geliebten zu fragen! Zu lange litt er schon. Er sehnte sich nach +lösender Wiederkehr. Wenn er nun die kleine Noemi im Arme hielt und sie +ihr Hälslein an ihn schmiegte, fühlte er, ach wie so oft in fernen +glücklichen Nächten, das kindische Kettlein kühl seine Lippen streifen +und es mahnte ihn und rief. Da beschwor er Arabellas Nähe heißer und +heißer von Tag zu Tag. + + + + + In Wien + + +Arabella kehrte nach fünftägiger Abwesenheit zu Karinski zurück, den sie +in einem deutschen Badeort verlassen hatte. Sie war müde und +gedankenvoll, aber die schützende Nähe des Grafen beruhigte sie. + +»Wie gern wäre ich mit dir gefahren, Bella,« sagte er. »Aber ich wollte, +daß du dich ganz frei fühltest, falls du Entschließungen treffen +wolltest. Und dann, meine Zeit ist bald abgelaufen. Ich muß mit Olga +zurück, muß die Güter in Ordnung bringen, die Mädchen verheiraten und +dich von einem alten Mann befreien, damit dir noch ein Lebensglück +zuteil wird.« + +»Sprich nicht so,« bat Arabella. »Wenn ich dich ziehen lasse, geschieht +es nur, weil ich deiner unwürdig bin. Dein Name schon war ein +Gnadengeschenk.« + +»Du belügst dich und mich, Bella,« sagte er und küßte ihre Hand. »Du +hast mir noch ein spätes Glück geschenkt und ich will es dir nicht +danken, indem ich in deiner Gegenwart alt werde. Du sollst nicht das +Opfer der Tatjana bringen, obgleich ich dir keinen Onegin wünsche. Dort +bei uns ist es zu kalt und Nadescha wäre eifersüchtig auf dich -- und +ich selbst bin dort nur ein Bauer. Nein, täusch dir nichts vor. Weißt du +aber, woran ich oft denken muß? Daß der arme Narr, der Student, recht +gehabt hat, als er dich zu deiner Mutter bringen wollte. Adalbert +schrieb mir, daß ihr Mann gestorben sei -- --« + +Vögelchen sann eine Weile. »So ist sie allein jetzt. Und glaubst du, daß +sie von der Landstreicherin, ihrer Tochter, noch etwas wissen will?« + +»Ich werde zu ihr fahren und mich als der Mann dieser Landstreicherin +vorstellen und dich ihrem Schutz empfehlen.« + +Vögelchen sann wieder. Dann sagte sie: »Du Guter, ja, fahre zu ihr.« + +Sie sehnte sich nach einem ruhigen Ausblick in ihre Zukunft. Jetzt war +alles Verworrenheit, seitdem sie sich in Verzweiflung gegen den +Geliebten aufgelehnt, der zu kommen zögerte. Mit aller Gewalt begann sie +den Zufall zu beschwören, der ihre Wege zusammenführen sollte. + +Wenige Tage nach des Grafen Abreise erhielt sie von ihm einen Brief aus +Wien. + +»Mein geliebtes Vögelchen, eben komme ich von Deiner Mutter. Gott sei es +gedankt, daß ich diesen Weg gemacht habe. Wie soll ich Dir diese Frau +schildern, diese Sanfte, diese Wehrlose. Jetzt besitzt sie die Kraft, +die der Schmerz verleiht und die jede Gabe als ein unverdientes Geschenk +ansieht. In ihrem Gesicht ist das Lächeln der Sonne über viel Wetter und +Verwüstung. Nun hat sie auch den Mann verloren, mit dem sie gut gelebt +hat, und hat das Opfer gebracht, sich von ihrem Jungen zu trennen und +ihn in ein Konvikt zu geben, weil sie sich seiner Erziehung nicht +gewachsen fühlte. Zu keiner Zeit hast Du so sehr in ihrem Leben gefehlt +als gerade jetzt. Mein Täubchen, ich erwarte Dich hier. Laß mich noch +die Vereinigung mitansehen und einige Wochen hier mit Dir verbringen. +Heute will ich mir das kleine Palais besichtigen, von dem uns Adalbert +geschrieben hat. Paßt es Dir, so wollen wir es Dir wohnlich machen. Auch +darüber möchte ich beruhigt sein, wie Du wohnst. Wird es Dir Mühe +machen, mein Gepäck zu versorgen? Gedenkst Du Deine Jungfer mitzunehmen? +Deine Mutter will Dich mit allem versorgen. Mein Liebling, laß mich +stark bleiben. Wäre es besser vielleicht zu gehen, ohne Abschied zu +nehmen? Versprichst Du täglich zu schreiben im Anfang unserer Trennung? +Oh, Du geliebtes Vögelchen. Komm, laß den Alten noch einmal vor Dir +knien, laß mich Deine schmalen Fesseln umspannen mit meinen Bärentatzen +und gib, gib mir das Versprechen, daß Du Dein liebes, launiges -- und +zuweilen erstaunlich gescheites Geplauder mir bis ans Ende der Welt +schicken wirst. + +Es umarmt Dich Dein + + Karinski.« + +In einer stillen Straße eines südlichen Bezirkes von Wien, einem Parke +gegenüber, wie es deren dort mehrere gibt, lag der Wohnsitz Arabella +Karinskas, das nämliche Haus, in das einst Mannsthal Lola Ritter +geladen. Hinter den Erkern und Fenstern sah man zwischen den Spitzen der +Vorhänge Tropenpflanzen und abends das Licht kristallfunkelnder Lampen. +Vor dem Hause stand zuweilen ein Kutschierwagen, vor dem in kaum +gebändigter Unruhe ein Paar herrlicher russischer Pferde gespannt waren, +die ihre Besitzerin aus dem Karinskischen Gestüt als einen sehr +lebendigen Gruß bald nach ihres Mannes Abreise erhalten hatte. Zuweilen +fuhr ein anderer Wagen vor und eine ältere Dame, die immer schwarz +gekleidet war, entstieg ihm. Putzi, die Lachtaube, die eben vor dem +Teegeschirr oder den Bronzekübeln der Azaleenbäume ihre Komplimente +machte, flog dem willkommenen Gast auf die Schulter und rief die Herrin +des Hauses herbei, die schon zur besprochenen Ausfahrt in den Prater +bereit war. Arabella umarmte die Mutter und ein glückliches Lächeln +sprach von der Eintracht der beiden Frauen. Sie hatten ein schweigendes +Übereinkommen getroffen, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Arabella +wußte mehr von dem verstorbenen Doktor Gunter als von ihrem Vater. Aber +im Laufe der Zeit erkannte sie in der Liebe der Mutter zu diesem, ihrem +ersten Mann, den sie als Schwerkranken schon geheiratet, viel von ihrer +eigenen heilbringenden und hilfsbereiten Sehnsucht. + +Jedem, der Arabellas Heim sah, schien es undenkbar, daß hier eine Frau +allein hause, eine junge reizende Frau, die in dem kleinstädtischen Wien +Aufsehen erregte. Alles schien weich und einladend, die harten Wände +verborgen hinter Kakemanos und Karamanien. Auf den Sofas häuften sich +die Kissen, von Palmen beschattet. Die vielen kleinen Kostbarkeiten, die +ihr Karinski auf den Reisen angehäuft hatte, machten das Haus zu einem +kleinen Museum. Tiere belebten es, ein Papagei, ein Affe, die Taube und +ein King Charles, der laut durch die Nase atmete und gern wie eine +seidene Kugel auf Arabellas Schoße lag. Aber dies äußere Leben, das nun +gefestigt war und sich zwischen Vergnügen und geräuschloser +Wohltätigkeit bewegte, bildete nur eine trügerische Decke ihrer gärenden +Unruhe. Sie sehnte sich quälend nach dem Geliebten. Ihr war, als hätte +die Unrast nach seiner Nähe unter des Grafen Liebkosungen geschlummert, +sie einwiegend in ein Leben, das der Luxus berauschte. Nun aber war sie +erwacht und lechzte aus Scham und Ernüchterung nach Beruhigung. Hätte +sie die Mutter nicht gefunden, sie wäre, das wußte sie, in das +hemmungslose Leben jener Lust geraten, die immer in ihr gärte. Sie wäre +eine der großen Amoureusen geworden, die zu den Sehenswürdigkeiten einer +Stadt gehören. So aber war sie eine versehnte, im Traum lebende Frau, +die vor episodenhaften Erlebnissen zurückzuschrecken begann und sich, +immer des Geliebten gewärtig, scheute, eine sie fesselnde Liaison +einzugehen. Sie hatte ihn nicht gewaltsam aus ihrer Sehnsucht zu drängen +versucht, um der Qual ledig zu sein und frei dem Neuen. Wie der Fromme +Gott, mit dem er hadert, dennoch aus tiefstem Herzen liebt und seine +Gnade ersehnt, so behielt sie Givo in sich und rief nach einem geheimen +Auftrag, den er ihr erteilen sollte, für den sie zu leben vermochte, +wenn sie seiner Nähe nicht teilhaftig werden konnte. Wäre er nur einmal +freiwillig herausgetreten aus der Ferne, um ihr Kraft zu geben. Sie +wußte nicht, wo er war, und lange hatte sie sich enthalten, ihn und das +Kind bewußt herbeizuwünschen. Nun brach ihr Widerstand. Mit aller Kraft +ihres Seins in Tagen und Nächten schwor sie ihn nun herbei. Schaudernd +erinnerte sie sich, wie sie als Kind oft bei heftigsten Wünschen kein +Mittel gescheut hatte, ihren Willen dem Schicksal aufzutrotzen. Konnte +es nicht wieder so sein wie damals, als sie das Feuer erzwang? Ein Jahr +war hingegangen, daß die Tallandres nichts mehr von ihm zu wissen +vorgaben. Das Kind war so zart gewesen. Verheimlichte man ihr Schlimmes? +Sie wagte auch Angele nicht nach ihm zu fragen. + +Frau Gunter sah, daß Arabella immer zarter und empfindlicher wurde. Der +Arzt empfahl zunächst größere Spaziergänge vor der Stadt. Meist fuhr sie +nach Schönbrunn hinaus. An sonnenklaren Nachmittagen war der Park wie +unter einem Zauber von Licht und Klarheit in die goldene Ruhe seines +herbstlichen Farbenspieles getaucht. Ergriffen fühlte sie das Vergehen, +das sanfte Sterben und fern das Wiederaufstehen der Natur, jenes +köstliche Empfinden der Kreatur, das Tat twam asi -- ich bin in allem, +alle in jedem -- war in ihr. Die Natur wies ihr das Rätselangesicht. +»Sie spricht unaufhörlich mit uns und verrät uns ihr Geheimnis nicht.« +Givo hatte ihr dies Goethe-Wort in ein Buch geschrieben, das immer in +ihrem Wäschekasten zwischen Spitzen lag. + +Manchmal schien es Arabella, als hätte sie als Kind in diesem Park +gespielt. In einem anderen Leben war es. Mit leisen Fäden war ihr hier +das Herz verankert an die Irrwege und Rondells, an die Volieren und +Glashäuser, an deren Fenstern sich Orchideen und Kamelien drängten, an +die vielen verborgenen Wege und abgesperrten Teile, undurchdringbar der +kindlichen Neugier. + +Hier fühlte sie sich den Kindern ganz nahe. In der Menagerie plauderte +sie mit ihnen und fütterte mit ihnen die Tiere. Musterten sie neugierige +Blicke, ließ sie ihren Schleier fallen oder sie bedeckte wie absichtlos +ihr Gesicht mit dem Fächer, den sie meist mit sich trug. »Die Kaiserin,« +flüsterte einmal eine Dame einer anderen zu. Einmal sprach sie ein Herr +an, anscheinend ein Würdenträger, der aus dem Schlosse kam. Er wäre ihr +schon mehrmals bewundernd gefolgt. Seine Stimme war angenehm, sein Wuchs +dem eines edlen Hengstes gleichend, seine Augen liebkosten sie, während +ein herrliches Raubtiergebiß sichtbar ward. Er bat sie um eine +Zusammenkunft. Aber als dann die Stunde kam, flüchtete sie zu ihrer +Mutter und ließ sich entschuldigen. Sie hatte all ihre Leichtigkeit +verloren. + +Da die Spaziergänge sie nicht sonderlich kräftigten und der Winter +nahte, riet der Arzt zu einer Fahrt nach dem Süden. Sie wählten einen +Ort, der, eben im Aufblühen, noch nicht die Masse der Reisenden anzog. +Auf hellen Felsen lagen zwischen Pinienwäldchen die Villen über dem +blauen See gelagert, durch schmale, säuberliche Fahrwege verbunden. +Wieder empfand sie, die Südgeborene, die heimatliche Liebkosung der +sonndurchwärmten, lichtgetränkten Luft. Sie spürte nun ihre Sehnsucht +genährt von Kräften, die sie nur geahnt und die sie nun in einen +ekstatischen Zustand von Lust und Wehmut versetzten. Der Zauber blauer, +flüsternder Nächte lag ihr tagsüber noch in den Gliedern und mancher +Kranke, der ihren strahlenden und dennoch schmerzwissenden Blick +empfing, fühlte sich durch ein leisseliges Gefühl beglückt. Zuweilen +wurde sie düster und floh selbst die Mutter. Denn da wurde ihr plötzlich +ihre Vergangenheit bewußt: mit Grauen erinnerte sie sich, daß sie und +die Mutter den selben Mann besessen hatten. + +Den Verkehr mit Männern vermeidend suchte sie die Bekanntschaft der +berühmten Schauspielerin Calese, die nach kurzem Aufenthalt am See zu +einem Gastspiel nach Wien reisen sollte. Arabella fühlte sich hingezogen +zu dieser Schwester im Wandern. Vogelfrei waren sie beide. Der Calese +Gesicht war oft wie erloschen hinter Schminke und Grimasse und wie nackt +lag die verwüstete Schönheit des Antlitzes. Sie hatte ein Kind und +Arabella sah den verzweifelten Abschied, als sie es in die Heimat +zurücksandte, um ihr mehrmonatiges Gastspiel im Norden anzutreten. +Vögelchen mußte an Noemi denken, als sie die Kleine sah, und bat die +Calese es ihr anzuvertrauen. Die aber fürchtete das rauhe Winterklima +für das wärmebedürftige Kind. + +Frau Gunter war abgereist, um ihrem Sohn nicht allzulange ihre Besuche +im Konvikt zu entziehen. Arabella und die Schauspielerin beschlossen +gemeinsame Rückfahrt. Als sie über den Brenner fuhren, lagen Berge und +Wälder im Märchenglanz des Schnees. Reich wie Tropenpflanzen starrten +die Bäume in ihrer üppigen weißen Pracht. Das Geheimnis der Wälder, wie +es ihr Givo einst gelehrt, erwachte in Arabellas Erinnerung. Sie sah +vorzeitliche Menschen, hochgewachsen, rothaarig, blauäugig, das Beil in +den behaarten Händen, von riesigen Hunden gefolgt, über die beschneiten +Pfade schreiten. Frauen mit fliegenden Haaren weissagten unter den +Bäumen. Auerochsen und Einhorn lugten am Weges, Bärenspuren, die Male +jagender Pferde waren in den Schnee geschrieben. Sie dachte an Rama, den +sanften Friedensverkünder, von dem ihr Givo nicht müde geworden zu +erzählen und dessen Bild ihr mit dem seinen verschmolz. Sie sah ihn +unter dem Baume sinnend, wie er die Pest banne, sah die goldene Sichel +des Fremden, der ihm erschien, und wie diese den Mistelzweig des Heiles +bruderselig vom Stamme schnitt. Aesc-heyl-hopa, die Hoffnung des Heiles, +ist im Walde. Weihnachten nennen es die Menschen und legen unter den +winterlichen Baum die Symbole ihres Erlösers. Die Stimme der Calese +weckte sie. Arabella erzählte ihre Legenden aus östlichen Sagenkreisen. +»Uns verdrängt der Heiland alle anderen Sinnbilder,« sagte die Calese. +»Mir ist er immer gegenwärtig. Ich weiß, Sie werden nicht lächeln über +die Geschichte, die ich Ihnen jetzt erzählen werde.« Und mit ihrer +seltsam erzenen, oft aufschluchzenden Stimme begann sie: »Im Anfang +meiner Laufbahn, ehe ich mich zu jenem Glanz gekämpft hatte, den die +Menschen Ruhm nennen, war ich eines Tages durch viele Qual bis zu dem +Entschluß gejagt, freiwillig aus dem Leben zu gehen. Es war Sommer, ein +schwüler Abend, als ich in einer Phiole Gift bereitete. Der Gesang der +Vögel lockte mich hinaus. Ich wollte noch einmal, bevor ich trank, das +Leben der Glücklichen sehen. Als ich unter den Menschen umherirrte, in +den Gärten und Straßen, begegnete mir ein Fremder. Er blieb vor mir +stehen und sein Blick zwang auch mich stehen zu bleiben. Ich glaubte, es +wäre der Herr selbst, so milde war sein Antlitz. Er geleitet mich, +spricht freundlich zu mir wie zu einem Kinde, bisweilen nimmt er meine +Hand, als könnte ich straucheln. + +Vor der Stadt heißt er mich in eine Schenke treten und schenkt mir Glas +auf Glas eines berauschenden Weines. Wir scherzen einfältig wie Kinder +und plötzlich sinkt mein Kopf, mein müdgesorgter, an seine Schulter und +ich schlafe ein. Als ich erwache, ist er verschwunden. Ich suche ihn in +allen Ecken, ich laufe verzweifelt auf die Straße hinaus, nirgends eine +Spur. Ich irre weiter, da steht an einer Brücke -- -- ein -- -- +hölzerner Heiland. Es ist -- sein Antlitz, er bewegt die schweren +Augenlider, sein Mund lächelt Wiedererkennen in unnennbarer Süße. Ich +sinke vor ihm zusammen. Ich erwache zu Hause, eine Pflegeschwester ist +um mich. Ich hatte lange Fieber gehabt. Die Phiole war verschwunden. +Eine edle Frau nahm sich meiner an. Ich war gerettet.« + +Arabella reicht ihr die Hand. »Er war es. Weil du an ihn glaubtest,« +sagte sie. Und sie denkt: »Auch mir wird Rama begegnen, weil ich an ihn +glaube -- Rama Imanuel.« + +In Villach kaufen sie eine Zeitung. Da liest Arabella, daß Zora +Uhari-Givo eine Konzertreise angetreten habe, die sie nach Wien führt. + + + + + Wetterleuchten + + +Arabella fand ihr Heim wohlig und warm. Lora, der Papagei, begrüßte sie, +indem er sich mehrmals mit seinem Namen vorstellte, der Affe sprang ihr +auf die Schulter und zauste ihr Haar. Putzi, die Lachtaube, die Arabella +überall hin begleitete, wurde aus dem Reisekäfig in ihr schönes, großes +Haus befördert und bedankte sich mit ihrem inbrünstigen Kukuru. Frau +Gunter war mit ihrem Jungen gekommen, dem die gräfliche Stiefschwester +ein unentwirrbares Geheimnis war, eine kostbare Zusammensetzung von +Fraulichkeit, Duft, Spitzen und tausend kleinen Unerklärlichkeiten. Von +ihr zu träumen aber war möglicher als mit ihr zu sprechen. Die +Dienstboten eilten mit fröhlichem Eifer umher, Befehle auszuführen, die +ihre Herrin ebenso rasch erteilte als widerrief. Arabella hatte von +Karinski die Gewohnheit angenommen Dienstleute zu duzen. Sie rief sie +herbei, teilte Geschenke aus, umarmte des öfteren die Mutter und den +Bruder, der verlegen sich bemühte, in seiner Konviktsuniform zu +imponieren, eilte von Zimmer zu Zimmer, alles von neuem betrachtend, als +sähe sie es nun mit anderen Augen. Eine prickelnde Unrast trieb sie +umher. Die Stadt war ihr eines heimlichen Zaubers voll: sie ahnte Givos +Gegenwart oder erhoffte sie so warm, daß sie ihr schon Gewißheit schien. +Was durfte sie beginnen, fragte sie sich, da er all die Jahre +geschwiegen? Oft und oft hatte sie sich damit beschwichtigt, daß er sich +ihr nicht genähert hätte in der Meinung, er, der Unfreie, dürfe nicht +ihr Leben kreuzen, da auch sie in Gemeinschaft lebe. So durfte sie ihm +doch zu wissen geben, daß sie frei sei, es immer gewesen war für ihn. +Der Gedanke, es könne Zora Uhari ohne ihn die angekündigte +Konzerttournee unternehmen, kam ihr gar nicht in den Sinn, so sicher +fühlte sie den Augenblick eines Wiedersehens gekommen, und gleichfalls +war sie dessen gewiß, daß auch er der Wiedervereinigung gewärtig war. +Würde er sie finden? + +So sehr sich auch um diese Zeit das ländlich umgürtete Wien zu +vergrößern begann, es hatte sich kürzlich sogar, wie eine richtige +Großstadt, in ein Netz von Telephondrähten eingesponnen, so klein blieb +es dennoch und es war nicht leicht, unbekannt in seinen Bezirken zu +leben. Arabella aber hatte eine fast kindische Angst vor neugierigen +Menschen. Da ward das Wandervögelchen in ihr wach, das nur überall zu +Gaste sein will und hinter Blätterwerk recht ab- und obseits sich sein +Nest erbaut. Bekam ihre Mutter, während sie bei ihr weilte, Besuch, +schlüpfte sie durch eine Hintertüre davon und Frau Gunter sah sich um +ihr Vergnügen betrogen, mit der Tochter Staat zu machen. Neugierige +Fragen konnte die immer Freundliche und im Gespräch stets zum Scherz +Gelaunte mit hochmütiger Schärfe beantworten. Anonymität bedeutete ihr +die große unbehelligte Welt, das unmittelbare Leben von Mensch zu Mensch +ohne Beschränkungen. Um nicht das Interesse der Leute zu erregen, +verweigerte sie lange Zeit ihr Mitwirken zu wohltätigen Veranstaltungen. +Häufig aber geschah es, daß sie durch Luise, ihre Jungfer, Arme und +Kranke, die irgendwo ihren Weg gekreuzt, besuchen und beschenken ließ. +Ihre Leute bezahlte sie fürstlich und kümmerte sich überdies um das Wohl +ihrer Familien. Unbemittelte und schlichte Menschen interessierten sie +weit mehr als die »Gesellschaft«, deren Banalität sie fürchtete und die +sie vielleicht instinktgemäß um der Einschätzung willen verachtete, die +sie von ihr zu erfahren meinte. Es gab indes eine Welt, in der die +Gräfin Karinska wohlbekannt war. Bei Trödlern, Antiquitäten- und +Spitzenhändlern konnte man sie stundenlang sitzen sehen, um zu wählen, +zu betrachten, zu gustieren, bis sie ermüdet in den wartenden Wagen +flüchtete, in den die neu erworbenen Schätze verladen wurden. Da sie die +Dinge um sich häufte, lernte sie die Menschen entbehren. Ihre Tiere +waren ihr treuer als eigennützige Freunde und sie war glücklich, daß +gleichgültiges Geschwätz ihr nicht die Muße ihrer Sehnsucht störte. Ihr +Leben war, flüchtig gesehen, dem Luxus und Wohlleben geweiht. Eine +grande Dame schien sie, die nur ihren Prunk im Auge hat und weder einem +Manne noch einem Kinde lebt. Des äußeren Scheines fast unbewußt gab sie +sich sorglos dem Dasein hin, wie ihr der Tag es bescherte, ahnungslos, +daß der erwartete Geliebte ihr Leben erschaute. + +Bei einem Kunsthändler erfuhr sie zu jener Zeit von der Versteigerung +und Vorbesichtigung einer Sammlung von Miniaturen, deren Besitzer ihr +alter Freund, der Doktor Clemens Urbacher, war. Sie hatte oft daran +gedacht, den verschollenen Freund aufzusuchen. Das Erleben all der Jahre +aber hemmte sie. Dem einst so Vertrauten wollte sie nicht aufrollen, was +sie vor sich selbst ins Vergessen drängte. Nun aber entschied das +Schicksal. Ein Wink von außen rief sie zu ihm, in sein Haus nach +Heiligenstadt, von dem er ihr oft erzählt und das sie nie betreten +hatte. Sie erinnerte sich, wie gern sie den Onkel Clemens besucht hätte, +und heftiger als sonst empörte sie sich gegen den Zwang, in dem sie +Adalbert einst gehalten hatte. Immer klarer ward ihr nun rückblickend +sein absichtvolles Wesen, die Schliche und Schlingen, die er ihr gelegt +hatte, denn oft mußte sie jetzt in ihrem Entbehren um Givo ihrer frühen +Entweihung die Schuld geben. Niemals hatte es ihr der Geliebte bekannt, +aber es war ihr zur Gewißheit geworden, daß sie nun um ihrer +Vergangenheit willen verlassen war. Mehrere Equipagen standen vor Doktor +Urbachers Haus, als auch ihr Wagen vorfuhr. Der Garten lag im Schnee, +die alten Sandsteinstatuen, die kleinen Pavillons waren unter seiner +Last verborgen, das Haus selbst mit seinem vorspringenden Dach schien +sich traulich zu verschließen, wiewohl sein Eintritt heute jedermann +frei stand, der sich für die Kunstschätze des Hausherrn interessierte. +Am Tor war überdies eine Tafel angebracht, die den Verkauf des Besitzes +anbot. In der Diele schon erblickte sie Urbacher, der gerade Gäste zur +Türe begleitete. Das Antlitz einer Frau verschwand eben noch grüßend +hinter einer Türe. Dies Frauengesicht, wie seltsam, es rief ihr eine +ungeklärte, unerkannte Erinnerung wach, etwa ein »Wo sah ich es schon?« +und gleichzeitig ergriff sie der Anblick Urbachers. Wie war er gealtert, +der einst so treue Freund! Auf dem Kragen seines schwarzen Samtrockes +kräuselte sich Silberhaar, über den einstmals so hellen Augen lagen +Brillen mit dunklen Gläsern. + +Die Türen der anstoßenden Räume waren offen und darin die kleinen +Kunstwerke auf Tischen mit schwarzen Tüchern aufgereiht. »Wie eine +Aufbahrung,« dachte Vögelchen und es war ihr, als läge inmitten der +bunten Bildchen und Blätter ihre eigene Kindheit hingebettet. Immer +wieder mußte sie beim Anblick der Miniaturen an Adalbert, den Sammler, +denken und vergleichend lernte sie nun auch seine Auswahl besser +verstehen. In diesen Tagen der äußersten Erregung war sie hellsichtig +und spürte den geheimen Zusammenhang, die geheime Verknüpfung ihrer +selbst mit den zarten Gebilden der Mannsthalschen Sammlung, von denen +die Urbachers eine auserwählte, aber viel geringere Anzahl besaß. Ein +Haß quoll plötzlich gegen diese Bildchen in ihr auf, genährt durch die +Erzählungen ihrer Mutter, die vor Jahren gegen die Sammelleidenschaft +Adalberts vergeblich gekämpft hatte. Dieser Haß aber lag in seinen +Wurzeln viel tiefer: Arabella witterte das lasterhafte Tier, die +grausame Gier eines kalten Genießers, der ihr Leben für immer aus den +natürlichen Bahnen gelenkt hatte. Eine Liste der Besucher lag auf, sie +unterschrieb sich und las den Namen von Mannsthals Kunsthändler. Es war +ihr sofort klar, daß dieser für ihn eine Sammlung erwerben wollte, die +Adalbert locken mußte wie keine andere. Blitzartig entschloß sie sich, +diesen Kauf zu vereiteln. Indes hatte der Hausherr seine Gäste +begleitet, er kam zurück und verneigte sich artig vor ihr. Er sah sie +nur als eine vornehme junge Frau und hörte einen undeutlich gesprochenen +gräflichen Namen. Ihr ward so wohl, heimatlich wohl, als sie neben ihm +von Bild zu Bild schritt. Ihr Wissen, geschult durch einen so +bedeutenden Sammler wie es Mannsthal war, entzückte ihn und er fühlte +mehr, als er ihn sah, den Liebreiz dieser Frau, die er, als sie Kind +war, mehr geliebt hatte als sein Leben. Oder war es die Stimme, die +dunkler gewordene, die noch in ihren kindlichen Ausrufen der Vögelchens +des Kindes glich!? Er wurde gesprächig, so daß Arabella die Frage wagen +konnte, warum er sich von einer so liebevoll angehäuften Sammlung +trenne. Nun, er könne ihre Feinheiten nur mehr erinnernd genießen, da er +im Begriff sei zu erblinden. Aus diesem Grunde wolle er auch das alte +Haus verkaufen und nach Bozen oder Trient übersiedeln, um in der milden +Luft noch einen Schimmer südlicher Farben zu verspüren. »Allein?« +entfuhr es ihr voll Mitleid. »Nein, ach nein, meine Gefährtin begleitet +mich mit ihrem Sohne. Sie ist Malerin und braucht die Farben noch +notwendiger als ich Erblindender.« Da nahm ihn Arabella bei der Hand und +führte den Erstaunten an das Fenster. Sie neigte sich nahe zu ihm und +sagte bittend: »Onkel Clemens, erkennst du Vögelchen nicht mehr?« Da +rückte er sich die Brille rasch zurecht und sah ihr angestrengt ins +Gesicht. + +»Ja, Kind, du bist ja, bist ja eine Prinzessin geworden, Gräfin sagtest +du?« + +»Ja, ist es denn nicht einerlei, wie ich nun heiße?« erwiderte sie. »Bin +ich nicht mehr dein Vögelchen, bin ich dir ganz fremd geworden?« + +»Da bist du nun,« sagte er wie aus einem Traum. »Ja, jetzt sehe ich, daß +du es bist, höre deine Stimme, ja. Siehst du, mir bist du eben noch +immer das Kind geblieben, das ich an dieses Unglücksufer gerudert habe. +Gott sei es gedankt, daß du nicht später gekommen bist. Nun kann ich +dich noch sehen hinter einem leichten Flor wie ein Engelsbild. Bald wird +der Schleier dichter fallen,« und er nahm ihren Kopf zwischen seine +Hände und betrachtete sie prüfend wie eines seiner kostbaren Bildchen. +»Du hast manches erlebt, Kind,« sagte er. »Heißes und Kaltes lese ich +da. Ich wußte es ja und es ist noch viel Unruhe in dir. Nicht wahr, es +ist, als wäre alles, was in der Kindheit gewesen ist, überbaut wie ein +Gewässer durch eine Straße. Oben geht das Leben mit seinen neuen +Menschen und seinem Geschehen, seinem Gegenwartstreiben, unten sprudelt +das Element weiter in die Ferne, ins Unendliche, ins Meer.« + +Vögelchen nickte. »Wer war die Frau, die ich vorhin sah? Ist es die, die +du deine Gefährtin nanntest? Ich muß sie schon gesehen haben, vor Jahren +vielleicht.« + +»Oh, Kind, es ist ja Hedwig, Konrad Krugers, dieses Unglücklichen, +Schwester.« + +»Ach, wie kamt ihr denn zusammen!?« + +»Durch dich, Vögelchen, durch dich! Der Bruder hatte von dir meine +Adresse, um mir Grüße zu bestellen. Als der Arme gestorben war und seine +Briefe ausblieben, kam sie zu mir, hoffend, ich könne durch dich sein +Schweigen aufklären. So kamen Hedwig und ich einander näher. Und so +danke ich einem Unglück dies späte Glück.« + +»Seltsam,« sagte Vögelchen bewegt. »Und weißt du auch, was aus dem Buch +geworden ist, an dem der Arme geschrieben hat?« + +»Es ist kürzlich in neuer Auflage erschienen. Du sollst es haben. Es ist +der Stolz seiner Schwester. Komm zu ihr, willst du? Ich will sie +vorbereiten. Es wird sie sehr erschüttern. Da höre ich Leute kommen. +Könnte ich sie doch alle wegschicken und gleich mit dir plaudern, von +deinem Wandern hören.« + +»Tu das, Onkel Clemens. Niemand soll uns jetzt stören. Ich kaufe die +Sammlung um die höchsten Preise. Ich wäre untröstlich, wenn ein anderer +sie erwerben würde. Und dein schönes, altes Haus kaufe ich auch, wenn +ich es erschwingen kann. Du sollst keine Sorge haben, Onkel Clemens.« + +Der alte Herr geriet in freudige Aufregung. »Das wolltest du tun, du +gutes Kind,« rief er aus. »Es ist nicht leicht die Sammlung an den Mann +zu bringen, deshalb habe ich sie der öffentlichen Versteigerung +preisgegeben. Ja, preisgegeben allen Gaffern, der Gasse. Wie Kinder sind +mir diese behüteten Dinger, um jedes habe ich meine Sorgen gehabt, jedes +habe ich gehegt und gepflegt in Liebe.« + +»Ja, Kinder, wie Kinder,« sagte Arabella und ein heiliger Zorn stieg in +ihr auf. Unbezwinglich ward der Wunsch in ihr, Urbachers kleine +Heiligtümer vor Mannsthal zu schützen. Ja, auch ihr erschienen diese +zarten Gebilde wie Kinder. Lebendig wurden die Gesichter und rührend in +ihrer Wehrlosigkeit und sie spürte es, wie Adalbert sich ergötzen würde +an jedem einzelnen. Aber keines, keines sollte er besitzen, an keinem +sich gierig erlechzen. Und wenn es ihr halbes Vermögen kosten sollte, +sie mußte ihn besiegen. + +»Und nun wird er kommen,« fuhr Urbacher, wie zu sich selbst redend, +fort. »Er, der sich mir jahrelang verborgen hat, nachdem er dich mir +geraubt hat, jetzt ist der Augenblick, wo er auftaucht, mir diese Opfer +zu entreißen.« + +»Hat er sich schon gemeldet?« + +»Nein, Kind, das ist es eben. Ich weiß nichts von ihm, aber ich spüre +ihn, spüre, wie er die Beute umlauert, wie er schon seine Netze legt. In +jedem Käufer wittere ich seinen Mittelsmann. Er wird es schlau +anstellen. Wer immer die Sammlung erwirbt, schließlich fällt sie ihm +anheim. Bin ich denn deiner so gewiß?« + +»Nein, Onkel Clemens, nein, von mir wird er sie nie und nimmer +herausbekommen. Oh, sehen möchte ich es, sehen, wie er bittet und bietet +und schmeichelt um jedes kleine Bildchen. Aber ich will es ihm +entgegenschleudern, wie sehr ich ihn durchschaut habe, wie ich ihn +verlache, verhöhne, verachte!« + +»Kind,« stammelte Urbacher erschrocken. »Kind, so hat es dich gegen ihn +ergriffen? Ist es also doch so gekommen, daß du ihn hassest?« + +Sie erschrak. Haßte, haßte sie ihn denn? War sie nicht all die Jahre in +freundlichem Briefwechsel mit ihm gestanden, lebte sie nicht auch von +seiner Großmut? Oder war dies Vermögen, das er ihr zugewendet, etwa +Bezahlung, Abfindung? Waren sie nicht quitt? Nein, sie schuldete ihm +nichts, sie durfte ihn hassen. Sie war ja um seinetwillen verlassen, +verstoßen. Aber plötzlich sah sie durch die rote Wolke des Zornes Givo, +den sie zur Stunde fast vergessen hatte. Es war ihr, als blickte er sie +erstaunt an, als fragte er in ihre Seele, die sein Werk war: »Wie, du +hassest? Vögelchens Seele birgt Haß?« + +»Es war nur eine plötzliche Aufwallung, Onkel Clemens,« sagte sie. »Aber +hier nimm mein Versprechen. Adalbert wird nie, niemals deine Bilder +besitzen.« Er hielt ihre Hand, besah sie mit seinen verlöschenden Augen, +dann küßte er sie. »Daß dies eine Frauenhand werden konnte, mit +Brillant- und Perlenringen, dieser Schmetterling von einem +Kinderhändchen, dieses Rosenblatt im Wind deiner Launen. Kind, Kind, was +hat man dir getan?! Ich fürchte es zu hören, ich fürchte es.« + +Arabella sah ihr Leben, ihre Nächte. Der Reigen flüchtiger Liebesstunden +umkreiste sie. Das zehrende Warten um Givo trug sie als Heil und Last. + +»Ich bin jetzt allein,« sagte sie. »Vielleicht kommt er jetzt bald, den +ich erwarte, vielleicht nie wieder, weil es so mit mir gewesen ist.« + +Er verstand sie nur halb, aber dies, »weil es so gewesen ist«, das wußte +er ja, hatte es immer geahnt. Daß es nicht verschmerzt war? Oder war +eine Wunde aufgebrochen, die sie selbst kaum gespürt hatte? War er die +Ursache bösen Erinnerns? Er selbst war ja mitschuldig. Warum hatte er +sie nicht verborgen, beschützt, gerettet, wie jener andere es gewollt, +Konrad, der Narr? + +»Willst du jetzt zu Hedwig kommen?« sagte er traurig und rührte sie +sanft aus ihrem Sinnen. »Ich folge dir, sowie ich die Besucher +weggeschickt habe. Nun soll mir keiner mehr herein. Die Bilder sind +verkauft.« + + + + + Kampf + + +Als Adalbert Mannsthal erfuhr, daß die Sammlung Urbachers, die er um +jeden Preis zu erwerben suchte, von einem Agenten für eine unbekannte +Persönlichkeit angekauft worden sei, setzte er sich sofort auf und fuhr +nach Wien. Er wollte mit allen Mitteln den Kauf rückgängig machen, ihn +überbieten, ja selbst seine Scheu überwinden, sich Urbacher zu nähern +und ihn an ein vages Versprechen zu erinnern, die Miniaturen nicht ohne +sein Wissen aus den Händen zu geben. Arabella hatte, um Adalbert in +Unkenntnis zu lassen, einen Kunstagenten als Käufer vorgeschoben, dieser +war bestechlich und Adalbert schon seiner Sache gewiß, als er mit dem +Mittelsmann nach Heiligenstadt fuhr, wo sie die wirkliche Käuferin, eine +angebliche Frau von Werter, treffen sollten. Arabella hielt sich gern in +dem alten verlassenen Hause auf. Urbacher und Hedwig waren schon +abgereist. Sie ordnete und veränderte und im Geheimen künstelte sie +schon an einem Raum, der Givos Arbeitszimmer werden sollte. Ihr +Stiefbruder, der fünfzehnjährige Wolfgang, war eben bei ihr zu Besuch +gewesen, als sie sich zur Fahrt nach Heiligenstadt rüstete, und sie +hatte ihn mitgenommen. Währenddem sie mit den Gärtnersleuten sprach, +machte sich Wolfgang in der Bibliothek zu schaffen. Er saß in einer Ecke +über einem Mappenwerk, als Arabella eintrat. »Was studierst du da?« +fragte sie nähertretend, aber im selben Augenblick gewahrte sie die +seltsame Veränderung in des Jungen Gesichtszügen. Blaß und verzerrt +stierte er auf ein Bild, das seine zitternden Hände hielten. Ein Blick +genügte und Arabella packte das Heft, es ihm zu entreißen. Auf dem +Umschlag las sie von Urbachers sauberer Schrift geschrieben: »Kopien aus +der Sammlung Mannsthal.« Dazu ein P. in der Klammer. Es erwies sich, daß +sie zu schwach war, dem Jungen den gefährlichen Band aus den Händen zu +winden. Wie ein hungriges Tier, das um seine Futterschüssel kämpft, sah +er sie aus seinen glühenden Augen an, während seine verklammerten Finger +sich zu Eisen krampften. Als sie dennoch siegte, lachte er blödsinnig, +drohte sie zu küssen und frech zu werden. Scherz schien dieser Kampf und +war doch von beiden Seiten viel mehr als Spiel und Weigerung. Eines der +Bilder war zerfetzt und zur Erde gefallen, es stellte ein kleines +Mädchen dar, das in einer Speisekammer auf einen Sessel steigt, um +Süßigkeiten zu erhaschen, während ein Mann in türkischem Schlafrock und +Mütze sie auf unzweideutige Weise an den Röcken faßt. Arabella fühlte +die merkwürdige Fügung, durch die sie nun Tag für Tag an gewisse +Vorgänge gemahnt wurde. Eine seltsame Erregung erfaßte sie. Sie selbst +war ja damals fünfzehnjährig gewesen wie dieser Junge, der jetzt +keuchend die Arme um sie breitete. In diesem Augenblick fuhr knarrend am +hartgefrorenen Pflaster ein Wagen vor. Der Agent und jener Fremde, der +sie zu sprechen wünschte, waren angelangt. Wolfgang ließ ab und stürzte +aus dem Zimmer, während Arabella hastig das Mappenwerk zusammenraffte. +Gleich darauf trat Herr Blumenstock ein, hinter ihm -- Mannsthal. Sie +erschraken, er und sie. Sie hatte den Hut, nicht den Pelz abgelegt, ihr +Blondhaar, das verwirrt war, leuchtete über dem dunkeln Zobel. Er sah +ihr vom Ringen gerötetes Gesicht, ihre zornfunkelnden Augen, er fand sie +sehr schön. Nur eine Sekunde hatte er, als er so Arabella erblickte, +sich der Täuschung hingegeben, sie hätte, um Urbacher zu überlisten, +anonym für ihn die Sammlung gekauft. Aber sie sah ihn nicht an wie +einen, den man freundlich überraschen will, sie hatte ihm nicht die Hand +gereicht, sie stand sprachlos und bebte. + +»Das ist ja ein seltsames Wiedersehen. Habe ich dich am Ende angesteckt +mit dem Sammeln,« sagte er und ging sogleich an die Tische heran. »Du +wußtest ja, was ich von Urbachers Sammlung halte. Nun und was gedenkst +du mit ihr anzufangen? Man wird doch noch ein Angebot stellen können, +hm?« Während er sprach, umkreiste sein Blick mit heißer Gier die Bilder +und er schien allmählich zu vergessen, daß jemand im Zimmer war, daß er +mit Arabella sprach, die er Jahre nicht gesehen hatte. Er beugte sich +tief herab, umschlang, verschlang mit den Augen die kleinen Kunstwerke +und streckte die zitternden Finger aus, ein oder das andere zu erfassen. +Mit Grauen erkannte Arabella den Blick, den heißkalten Blick, die +bebenden Finger, die mit derselben Gier sie spinnengleich umgarnt +hatten, dieselbe konzentrierte Aufmerksamkeit, dieselbe bebende +Besessenheit drückte sich in seinen Zügen aus. Noch brannten ihre Arme +von Wolfgangs starken Griffen, Adalberts Hände waren greisenhaft, +trocken wie verkohltes Holz. Sie sah die Einzelheiten der Veränderungen, +die mit ihm vor sich gegangen waren, sie gewahrte die vergeblichen +Verjüngungsversuche an dem gealterten Körper. Zum ersten Male fühlte sie +zu tiefst das Abnorme ihres kindlichen Erlebnisses, es schnürte, es +umpreßte ihre Kehle, es blies ihr den Atem stoßweise aus der Brust, es +sträubte ihr Haar, als stünde der Teufel in Person vor ihr und tränkte +die Luft um sie her mit Schwefelgestank. Und wie er nun lauernd von +Tisch zu Tisch schritt, war ihr, als müsse sie gleich Simson Säulen +umfassen und sich mit ihm und den Bildern in Trümmern begraben. Aber da +stand er ja noch, da ging er ja noch, ohne sie zu beachten, umher und +tat, als wäre dies alles doch schon unantastbar sein Eigen. Sie wollte, +sie mußte ihn aufrütteln mit bösen Worten aus der Benommenheit seiner +Gier. »Du bist also nur der Bilder wegen hergereist? Das ist wichtiger +als ich es dir bin. Hättest mich vielleicht gar nicht aufgesucht? Man +könnte ersticken in Verlassenheit. Wären Karinskis Briefe nicht, ich +wüßte überhaupt nicht mehr, was Treue und Dankbarkeit ist.« + +»Ach so, Dankbarkeit. Ich soll dir also dankbar sein. Ach ja, mein Kind. +Bin ein wenig zerstreut. Diese süßen, kleinen Dinger da nehmen mich ganz +gefangen. Einzig! Was sagst du von Verlassensein? Sagtest du nicht etwas +Derartiges? Ich wollte dir übrigens von Givo erzählen, vom _ancien +ami_.« In diesem Augenblick bemerkte er eine Miniatur, die eine Brosche +vorstellte, und ihn über die Maßen zu fesseln schien. »Nein, so ein +Glückspilz, hat er dich erobert, dich Perle, Kleinod. Ja, sehe ich dich +wieder!« Er nahm das Bildchen zur Hand. »Wahrhaftig, du, du!« + +»Givo,« stieß Arabella hervor. »Was weißt du von ihm?« + +»Und das hat er mir verschwiegen,« sagte er, sich erregt zu Vögelchen +wendend. »Ich hatte eine Unsumme für dieses Stück geboten. Aber nun +werde ich es ja besitzen. Du wirst mir doch keine Schwierigkeiten +machen, Bella?« + +»Du wolltest mir etwas von Givo ...« + +»Ja, ich glaube, ich habe es nun vergessen, mußt Angele fragen. Reden +wir jetzt von Wichtigerem. Dieses Bild habe ich gesucht, gesucht! Warum +hast du die Sammlung gekauft? Um deinem alten Freund Urbacher eine +Freude zu machen, der sie bei dir natürlich am liebsten sehen wollte, +der dich so gegen mich aufgehetzt hat, daß er sicher zu sein glaubt, daß +ich sie nicht doch bekomme? Aber da hat er sich geirrt, nicht wahr, mein +Liebling! Wir werden uns schon verständigen.« Und in freudiger Erregung +war er ganz nahe an sie herangekommen. »Wie schön du geworden bist, +Bella,« sagte er. »Und das gibt vor, verlassen zu sein! Hast +wahrscheinlich täglich zehn Anbeter. Und sag, bist du, bist du noch +immer so, so erpicht darauf, so inpitoyable?« Er hatte sie umfaßt und +blickte sie mit faunischem Lachen an. »Da hätte man ja im Notfall noch +Glück bei dir. Im Notfall meine ich.« Ihr war wie im Angsttraum, wenn +man laufen will und nicht kann, wenn man schreien will und wie der +Taubstumme lallt. + +»Wolfgang,« preßte sie hervor. »Wolfgang!« Es war nur ein Gestammel, das +der Junge draußen nicht vernahm. + +»Wen rufst du da? Ist ein Retter in der Nähe, ein Ritter? Ich sagte es +ja. Hab keine Angst. Aber Spaß beiseite, ich biete dir das Doppelte des +Preises, den du für die Sammlung bezahlt hast, und lasse dir noch dazu +einige Stücke.« + +»Du und Karinski, ihr habt dafür gesorgt, daß ich keine Geschäfte zu +machen brauche,« sagte sie. + +»Wenn ich dir nun sage, daß mir unendlich viel an dem Besitz liegt, +willst du da mit Hilfe dieses Geldes, von dem du eben sprichst, willst +du mit meinem Gelde --« + +»Pfui!« sagte Arabella und wandte sich ab. + +»Sieh, Kind, du zwingst mich, so deutlich zu sein. Warum stellst du dich +so feindlich, was ist plötzlich in dich gefahren?« + +»Plötzlich?!« + +»Ja, denn früher warst du es, die dankbar war, nicht von mir verlangtest +du Dankbarkeit. Dankbar warst du mir, wie ich dir für wundervolle +Stunden, Stunden, die mir nie wiedergekehrt sind, Arabella, die mich +jetzt noch mit Schauern erfüllen. Nein, weiche nicht zurück, süßes Kind. +Ich habe zu viel Ehrfurcht vor dieser Oase in meinem oft qualvollen +Leben. Du hast mich beseligt, willst du mir jetzt einen Wunsch versagen, +dessen Erfüllung dir keine Entbehrung, mir aber eine Sehnsucht stillt, +die du nicht verstehen kannst. Denn sieh, Arabella,« begann er leise, +als flüstere er zu sich selbst. »Wirklich geliebt habe ich in meinem +Leben nur diese blassen Frauen und Kinderbilder, die wie ein Hauch sind, +daß jeder Blick schon Schändung bedeutet. Ja, die Wirklichkeit, sie ist +willfährig, oder wenn sie es nicht ist, so ist sie nicht so wehrlos wie +diese Gebilde, diese Opfer des Blickes! Könnte ich dir deutlicher sagen, +was für himmlische Gelüste sie mir bereiten und erfüllen -- --« Seine +Augen waren die eines Irren, seine tastenden Hände suchten die ihren. +Eiskalt kroch es ihr an den Gliedern empor. + +»Das ist ja Wahnsinn,« sagte sie heiser vor Entsetzen. + +»Ja, nenn' es Wahnsinn, ein heiliger Wahnsinn ist es. Aber nur so sind +wir glücklich, Bella. Das wahre Leben ist unerträglich. Sei behütet +davor, den Mut, den Wahn aus deinem Leben zu weisen. Hast du nicht +selbst dich betäubt, spieltest die Samariterin und glaubtest dem Elend +abzubitten. So sei doch wieder Samariterin. Man spricht noch jetzt von +dir in den Pariser Hospitälern. Wo ist deine Milde hingeschwunden? Gib, +gib mir sie, die Bilder, diese süßen kleinen Elfenkinder. Gib sie mir, +als hättest du sie mir geboren aus unserer Umarmung, Arabella, Ariel, +süßer Ariel.« Wieder war er ihr ganz nahe. + +»Wolfgang,« rief Arabella nun laut und befehlend, und diesmal gab die +umklammerte Kehle den Laut frei. + +Wolfgang trat ängstlich ein. -- »Hier stelle ich dir meinen Stiefbruder +vor,« sagte sie bebend. Und zu dem Jungen: »Dies ist Herr Mannsthal. Es +wird dich interessieren, ihn kennen zu lernen. Bitte, führe ihn dann zu +seinem Wagen, er weiß nicht, wie das Schloß funktioniert an der +Gartentüre.« Sie war an die Bilder und Dosen herangetreten und warf ein +schwarzes Tuch über einen der Tische. »Ich muß nun Vorkehrungen treffen, +daß die Dinge sogleich verpackt werden und der Galerie zugestellt +werden, der ich sie zugedacht habe.« + +»Das wirst du nicht tun,« rief in zornigem Schreck Adalbert. + +»Wir sehen uns wohl noch, ehe du reisest, etwa heute Abend in der Oper,« +sprach sie, atemlos Fassung erkämpfend. »Man spielt >Les Contes +d'Hoffmann<,« sagte sie mit böser Gleichgültigkeit. Sie nahm die +Brosche, deren Anblick seinen Bericht über Givo verdrängt hatte, und +steckte sie an. »Aber über die Miniaturen wollen wir dann nicht mehr +sprechen. Es langweilt mich. Vielleicht erinnerst du dich aber dessen, +was du mir von Givo sagen wolltest?!« + +»Du bist schlagfertig geworden,« sagte Mannsthal mit verbissener Wut. +»Also, dies ist Wolfgang Gunter. Nicht übel. Diese Frau hat Talent, +deine Mutter nämlich -- -- Grüße sie herzlich von mir. Wollen wir aber +nicht alle gemeinsam zur Stadt fahren?« + +»Ja, geht beide, nimm Wolfgang mit und bring ihn seiner Mutter. +Vielleicht hat sie mit dir zu sprechen. Sie ist oft so ratlos in ihren +Angelegenheiten. Ruf mir den Gärtner, Wolfgang. Ich bleibe noch hier. +Auf Wiedersehen heute Abend!« + +Sie sah ihnen nach, dem gealterten Mann und dem Knaben. Im Bestreben +schlank zu bleiben war Mannsthal mager geworden. Sein Hals war gehöhlt, +sein Rücken rund, die ehemals prächtigen Schultern hatten sich gesenkt +wie ein morsches Gerüst. Arabella erschrak. Sie ersah das unbarmherzige +Schreiten der Zeit. Einen Augenblick durchzuckte es sie wie Mitleid: Mag +er sie haben, die Bilder. Dann erinnerte sie sich Urbachers. Seine +Kinder hatte er sie genannt, um die er sich gesorgt hatte. Ihr war nun, +als beschütze sie sich selbst in ihnen. »Aber es ist ja zu spät,« +murmelte sie, »längst zu spät.« + +Der Gärtner kam, sie ließ die Truhen holen, die sein Herr zur Verpackung +der Bilder bestimmt hatte. Sie selbst legte Hand an, bettete sie sanft +ein wie in ein Grab. Als die Mappen daran kamen mit der Aufschrift P., +zögerte sie. Sie blickte ins Feuer, beutegierig gab es den Blick zurück. +Schon sah sie es die ungeheuerlichen Blätter verschlingen, da tauchte +eine Nacht in ihrer Erinnerung auf. Von Givos Kind war sie gekommen, +gebrochenen Herzens. Ein Kranker mit verzerrtem Blicke hatte sie +umschlungen, während er auf ihren Knieen ein Buch hielt, in dem sie +lächelnd blätterten. Eine böse Lust war in ihr sich zu erniedrigen, das +Unrecht, das ihr geschehen war, zu rechtfertigen. Es gewährte Freude, +diese lüsternen schamlosen Bilder mit Malpasse zu besehen und sich +schamlos zu gebärden, während sie vor Scham verging. Gab es nichts +Böseres noch, sich zu brandmarken, daß die quälende Anklage in ihr +erstürbe?! + +Dieser Stunde gedachte sie nun und ihre rächende Hand verschonte die +Mappen. »Nicht an mir ist es, zu richten,« sagte sie sich. Aber ihr +Blick ins Feuer wurde unheimlich starr, visionär. Sie sah die Scheite +knistern und stürzen. Es war ihr, als ginge dort unter stürzenden Balken +sie selbst und die Welt zugrunde. + + * * * * * + +Eine Woche nach Adalberts Abreise erhielt Arabella eine Depesche von +Karinski, die seine Ankunft meldete. Mannsthal hatte auch seine Hilfe +angerufen, seine Frau zu bestimmen, die Miniaturen auszuliefern. Er +hatte ihm nicht verschwiegen, daß es um ihre Nerven nicht am besten +stünde. Eine plötzlich unüberwindlich gewordene Sehnsucht und Sorge +hatte den Grafen zu Vögelchen getrieben. Auch er hatte sie fast zwei +Jahre nicht gesehen. »Wer weiß, ob du noch lange frei bist. Ich mußte +eilen,« hatte er gesagt. + +»Hängt meine Freiheit denn nicht von dir ab,« fragte Arabella und +schmiegte sich dankbar an ihn. Wie edel erschien er ihr neben Mannsthal, +der nicht abließ sie in vielen Briefen um die Sammlung zu bitten. + +»Um Johannis blühen manchmal die Bäume wieder, aber darum ist es doch +nicht Frühling,« sagte der Graf und zog mit wehmütigem Lächeln ein +Schriftstück aus der Tasche. »Hier der Scheidungsbrief, falls du ihn +brauchen solltest.« + +»Ich habe einen Aberglauben gegen gut vorbereitete Dinge,« erwiderte +Vögelchen. »Behalte den Brief, mein Guter.« + +Nachdem der Graf abgereist war, bemächtigte sich Arabellas fieberhafte +Unruhe. Immer deutlicher fühlte sie das Ereignis nahen, Wetterleuchten +zuckte in ihrem Blut. + +Es war an dem Tag, der dem Eröffnungsabend des Gastspieles Calese +voranging, als Arabella, von plötzlichem Lufthunger ergriffen, das +Fenster ihres Salons öffnete. Ein föhnartiger Wind strich über die Bäume +des botanischen Gartens. Sie beugte sich hinaus und erblickte am Ende +der Straße einen Mann, der sich entfernte. Es durchzuckte sie seltsam. +Im selben Augenblick hörte sie der Taube Flügelschlag und fühlte, wie +sie sich auf ihre Schultern niederließ. Wie so oft neigte sie ihr die +Wange und empfing ihre Küsse. Da plötzlich begann die Taube unruhig zu +flattern, hob die Schwingen und schon flog sie über die Straße den +Bäumen zu. Der Ruf erstarrte Arabella in der Kehle. Die Taube ließ sich +auf einem der höchsten Gipfel nieder, um gleich wieder, wie gescheucht, +in den dämmerigen Himmel aufzusteigen, wo sie schließlich, ein kleiner +schwarzer Punkt, ihrem angstvollen Blick entschwand. Mit einem Schrei +sank Arabella in Luisens Arme, die eben die Robe für den Theaterbesuch +hereinbrachte. Nun lag sie in Tränen, von den jammernden Dienstboten +umgeben, die alle die Taube lieb gehabt hatten. Der Portier war auf die +Polizei gegangen und hatte Annoncen an die Zeitungen getragen, die dem +redlichen Finder der Lachtaube Putzi, die ein goldenes Herzchen an einer +Halskette trug, einen märchenhaften Finderlohn versprach. Arabella hätte +am liebsten auf den Theaterbesuch verzichtet, um so mehr als Frau Gunter +die Post sandte, Kopfschmerzen hinderten sie die Gräfin zu begleiten. +Luise, das Kammermädchen, die nun gewiß war ihre Herrin vom Theater +abholen zu dürfen, was ihr, einer Theaternärrin, schon Vergnügen +bereitete, bettelte in ihrer eindringlichen Art, Euer Gnaden dürfe sich +der Traurigkeit nicht hingeben. Im Theater würden die Frau Gräfin +vergessen. »Vergessen, Luisel, was glaubst denn, mein Tauberl +vergessen?« Aber schon fühlte sie das Außergewöhnliche, das ihr +geschehen sein mochte, ein Zeichen vielleicht, das sie annehmen sollte +ohne zu klagen. Und sie mußte an all die Wunder ihres Lebens denken. Sie +stand vor dem venetianischen Spiegel, in dessen geschliffenen Blumen die +Kerzen sich funkelnd spiegelten. In ihren Augen glitzerten noch die +Tränen, der Schmerz gab ihrem Antlitz etwas rührend Kindliches. Luise +heftete ihr eine tiefrote Rose in die fahlblonden Wolken ihres Haares +und öffnete die Schmuckkassette, die neuerdings von Karinski bereichert +worden war. Aber Arabella wollte Trauer um das Täubchen und schob sie +weg. Ach, nun würde sie der Calese schmerzdurchfurchtes Antlitz um so +tiefer bewegen, da sie selbst sich so seltsam verworren fühlte im +Rätselhaften. Die Qual um die Heimat, die sie von dem Tag an genährt +hatte, als Givos Kampf an der Mutter Krankenlager begann, sie spürte sie +nun zu einem Ende gesteigert. Wie der Vogel, dessen Flügel vor dem Ziel +zu erlahmen drohen, während tief unten die Wellen des Meeres +unerbittlich drohen, sah sie sich mit letzten Anstrengungen dem Ufer +zusteuern, das ihr die Entscheidung bergen mußte. + + + + + Gottesgericht + + +Wien war nach der großen Börsenderoute, die so viele Existenzen gestürzt +und bedroht hatte, rasch wieder aufgeblüht. Dem Luxus waren zwar die +Flügel gestutzt worden und manch einer und mit ihm die Seinen, von der +Höhe üppiger Lebensführung herabgestürzt, gewahrte, daß er aus den +Trümmern einstiger Pracht nur innere Werte hatte retten können, etwa die +Liebe zur Kunst und Wissenschaft, die Fühlung mit einer Welt, die ihre +Grenzen erst dort findet, wo die Kultur aufhört. Dies gab den geistigen +Menschen und den Leuten von Welt einen internationalen Zug, der auch +geeignet war, chauvinistische Stimmungen auszugleichen. Die Kunst und +ihre Altäre verbanden alle Welt. Ein Jahrzehnt nach dem »Krach« aber +hatte sich diese scheinbare Verinnerlichung zur Sensationslust +vergröbert. Andere Schichten waren zu Reichtum gelangt und suchten es +den Kultivierten gleich zu tun. + +Als zu Anfang der Achtzigerjahre die berühmte italienische Tragödin +Gabriela Calese ihr Gastspiel ankündigte, drängte sich Arm und Reich, +die Jemands und Niemands, die Größen von gestern und heute, von morgen +und übermorgen und alle, die ihnen so gern nachbeten, zu diesem +Theaterereignis, neben ihnen der Troß ehrlich Begeisterter. Alle +Vorstellungen waren vor Beginn der ersten ausverkauft. Das Phäakentum +der Wiener trat offensichtlich zutage: man wollte, wenn auch des +Genusses selbst nicht teilhaftig, zumindest Augenzeuge des Genießens der +anderen sein. In allen Kreisen wurde zu dieser Zeit viel gewettet und +gespielt. Der kleine Mann, ja selbst der Arbeiter spielte und das leicht +erworbene und leicht verlierbare Geld wurde sorglos wieder ausgegeben. +Wenn »etwas los« war, gebot es der Lokalpatriotismus mitzutun. Manch +einer, der sein Volk liebte, sah es mit Sorge hinter dem Fortschritt der +anderen mit leichtfertiger Gleichgültigkeit zurückbleiben und war +erschüttert über seine soziale und politische Teilnahmelosigkeit. Die +demokratische Gemeindeverwaltung, in der es noch keine konfessionelle +Spaltung gab, versuchte, selbst ohnmächtig, ihre verirrte Herde +aufzurütteln. Ein Sturmwind mußte es sein, der diese wurmstichige +Gesellschaft erfassen, sie aufzurütteln vermochte, und kein Wunder, wenn +er wie ein Springteufel der eigenen Fahrlässigkeit entfuhr! Sorglos wie +immer war man ins Theater gegangen. Das Parkett, das Parterre, die Logen +waren ein Wogen und Murmeln von Farben und Stimmen, von blendenden +Frackhemdbrüsten, dekolletierten Frauen, ein Nebeneinander ergreifender +Geschmacklosigkeit und erschlaffter Eleganz. Emporkömmlinge mit dem +Bedürfnis nach Beglaubigung blähten sich neben schlichter Echtheit. Die +Galerien sahen ganz fern aus, unheimlich hoch schienen sie aufzusteigen. +Türme von Menschen bergend, Abgesonderte, die möglicherweise ein +verworrenes Sprechen erhaschen würden, aber jedenfalls anwesend waren +als Publikum des Publikums. Flaubert hat irgendwo gesagt: »Lieben wir +uns in der Kunst wie die Mystiker sich in Gott lieben und möge alles vor +dieser Liebe erblassen.« Auch der Neid möge es, der blasse Neid, der +zwischen Orden, Frisuren, Schleppen und Bücklingen vor den Altären der +Kunst sein Spiel treibt. Mit Schadenfreude sahen die Menschen, die +einander so sattsam gut kannten, wie eine fremde Erscheinung ihren Glanz +verschattete. Es trat ein mittelgroßes, überschlankes Persönchen ein, +das blonde Lockenhaar mit der roten Rose verdeckte fast das schmale +Gesicht. Der vom Karminstift leicht gestreifte Mund verriet die Sitte +der Ausländerin, die sich ihrer Schminke nicht schämt; dennoch hatte er +etwas Rührendes, es zuckte noch ein Schmerz um seine Winkel. Der weiße +Atlas des Kleides nähte sie der letzten Mode nach eng ein. Eine +entzückende Eleganz und Originalität lag in der fast hageren +Erscheinung. Der Gang stolz und doch sieghaft leicht, die Haltung des +Kopfes mädchenhaft und dennoch fast königlich. Von solchen Frauen denkt +man, sie seien eines Großen heimliche Beherrscherin; ihr Thron ist +gebaut über dem sichtlichen, dem Fürsten dienen. Eine Seele vibrierte +hier durch den Körper und verklärte ihn. »_Un prétexte pour qu'une âme +restât sur la terre_,« hatte Givo seinen Freund Hugo zitiert, als er +einst mit Hettwer Arabella betrachtete. Die Dame nahm Platz, lehnte sich +zurück, leicht den Kopf erhoben, den Blick in die gemalten Ranken des +Vorhanges verloren und so wie abwesend sich scheinbar vor der Neugier +bergend. Man hat sie vielleicht schon im Prater gesehen. Ist es nicht +dieses Mädchen, diese Frau mit dem schönen Kutschierwagen? Wer mag ihr +Mann, ihr Geliebter sein? Ist sie eine Französin, eine Russin? Aber mit +einem Male reißt unter den vielen ein einziger Blick sie auf. Sengend +packt er sie, bis ins Tiefste dringt er ein. Es ist ihr, als müßte sie +aufstehen und ihm entgegentaumeln. Er zwingt sie ehern, sie fühlt ihn +über ihre Haut tanzen mit kleinen blauen Flammen. Er ist ihr ganz nahe +dieser eine Blick, ganz innen in ihrem Sein, aber wo, wo ist er, der ihn +zückt, noch sieht sie ihn nicht, wagt ihn nicht zu sehen unter den +Vielen! Er reißt ihr die Haut blutig, er wühlt in ihr, er gräbt sich in +sie. Ihr Widerstand ist vergeblich, immer näher weiß sie ihn. Dort, dort +ist es, dort starrt einer her aus leichenblassem Gesicht, brennt seinen +Blick auf sie hin. Neben einer schwarzhaarigen Frau steht er, die +unruhig geworden ist, steht vornübergebeugt über der Brüstung der Loge +und reißt ihren Blick zu sich, in die Flamme des eigenen hinein. Seine +Gestalt ist noch immer die eines Jünglings, seine Züge sind zart und von +leuchtender Geistigkeit, nur die Augen, die Augen haben etwas vom ewigen +Feuer, das durch alle Zeiten brennt. Eines Wetterleuchtens Widerschein +liegt um Stirn und Schläfen. Aber jetzt ist die Flamme dieses Auges nur +einem Ziel entzündet. Und nun weiß die Gräfin Karinska, von wo der Blick +ruft: Arabella weiß, daß Manuel sie erblickt. Doch seltsam, fast im +selben Augenblick wird ein eigentümliches Sausen im Theater hörbar, vor +den ersten Bänken steigt ein kleines Rauchwölkchen auf, der Vorhang +bäumt sich wie eine flatternde Fahne, eine unheimliche Stille tritt ein. +Eine Stimme schmettert über die Menge fanfarengleich: »Feuer, Feuer!« Im +Nu sind die Menschen ein zäher, drängender Knäuel, zusammengeballt von +der Faust der Gefahr. Angst ist aus jedem als eine einzige Gewalt +gepreßt, zu einem einzigen Ziele drängend, vorwärts, zur Tür, an die +Luft, ins Leben. Über eine Logenbrüstung schwingt sich ein Mann, stürzt +sich in das Gewühl des Parterres, der Todesgefahr und seinem +brennendsten Wunsch entgegen. Versteinert starrt die Frau, die ihn +halten wollte, der eigenen Rettung nicht achtend, ihm nach, entgeistert +von einem Schrecknis, das nur sie empfindet, im Schrecken aller. Schon +strahlen die goldenen Karyatiden der Brüstungen in feenhafter +Beleuchtung. Zwei Choristinnen in Flitterkleidchen flattern wie von der +Zugluft der Flammen getrieben über die leere Bühne. Rauch schlägt +schwarz aus der leuchtenden Lohe und schwingt sich auf zu den Galerien. +Das Entsetzen ist zum Schrei aus hundert Kehlen geworden. Menschen +stürzen zur Erde und sind nur ein Sprungbrett der Nachdrängenden. Doch +wehe, plötzlich stockt das Drängen. Gänge und Türen sind zu klein, alles +kann nicht hinaus an die Luft, in die Freiheit aus der Umarmung des +Todes in das Leben. In Verzweiflung drängen sie anderen Wegen zu, +geraten in Sackgassen und entlegene Räume und überall schwärzt der Rauch +den Weg. Sie gelangen in Gänge, die sich labyrinthisch verwirren, +hinauf, hinunter, von Grauen gepackt und verwirrt, durch Fenster winkt +für viele nur Rettung, denn der Weg zurück ist abgesperrt vom +todbringenden Qualm. Ersticken droht. Fast scheint es, als würde es +allen Menschen gelingen, aus dem Innenraum in Gänge und Seitentrakte +gedrängt, sich dem Ausgang zu nähern, da erlischt das Gaslicht. Die +Notausgänge bezeichnet keine wachende Lampe. In entsetzlicher Finsternis +sind die Menschen aneinandergepreßt, zu grauenvoller Gemeinsamkeit +ineinander verkrampft. Dunkel versperrt ihnen den rettenden Weg. In +grausamem Ringen drängen Männer Mütter zurück, reißen einander Kleider +und Haut in Fetzen. -- In der Stadt hat sich blitzschnell die Nachricht +des Brandes verbreitet. Pferde vor schleudernden Wagen rasen, Schaum vor +dem Munde, durch die Straßen. Fenster öffnen sich, Rufe, Fragen werden +getauscht. Wer ein Liebes dort im Theater vermutet, stürzt besessen +davon. + +Frau Martha Gunter hatte abgesagt Arabella ins Theater zu begleiten. +Kopfschmerz, ihr altes Übel aus nervenzerrüttender Zeit, hatte sie +tagsüber geplagt. Abends hatte sie sich erleichtert gefühlt und saß nun +still versonnen beim Abendessen. Wie wohl es das Schicksal doch mit ihr +gemeint hatte, daß es ihr die Tochter wiedergegeben, als der Mann ihr +verstarb! Und wie gut sie war, wie schön, ihre Tochter, ihr großes Kind. +Auch der Groll gegen Mannsthal, der wie Asasel, der Böse, ihr Leben +verschattete, war gewichen: denn Arabella war unversehrt. Sie war zwar +traurig zuweilen und eigen, aber kindlich war sie geblieben und verderbt +schien sie ganz und gar nicht. Und wenn sie jetzt auch einsam lebte, was +absonderlich war für ein Wesen ihrer Art, so hatte das gewiß seine guten +Gründe. Instinktmäßig erriet Frau Gunter in Arabellas Leben dennoch den +Mann. Aber fragen, nein, das konnte sie nicht. Wie hätte sie es über +sich gebracht, dies Kleinod, diesen späten Sonnenstrahl zu beunruhigen, +zu verscheuchen! Qualvoll schon war der Gedanke, sie wieder verlieren zu +können! Da war plötzlich ein Raunen und Rauschen auf der Straße +vernehmbar geworden, fast gleichzeitig kam Luise, Arabellas +Kammermädchen, mit dem Schreckensgerücht und war von der alten Dienerin +sogleich weggeschickt worden, nach Hause zu laufen, ob ihre Herrin +zurückgekommen sei. Sie erblickte, als sie eintrat die gefährliche +Botschaft zu melden, Frau Gunter am geöffneten Fenster. Sie mußte von +der Straße her die Nachricht vernommen haben. Sogleich brachte die alte +Magd Mantel und Schal. »Vielleicht bringt man sie hierher. Gott gebe es, +daß sie heil ist,« betete die Mutter. Sie wollte Luise nicht abwarten. +So eilig sie konnte, lief sie den Ring entlang zwischen den erregten +Menschenmassen. Feuerschein stieg zum Himmel und sengte ihr ins +zitternde Herz unaussprechliche Angst. Atemlos kam sie näher und näher. +Aus drei Feuerherden vom Parterre, dem Dach, den Galerien, loderte wie +aus Riesenessen der Brand. Noch war die Feuerwehr nicht in voller +Tätigkeit, da sieht die bebende Frau hinter der Statue, die den +Dachfirst krönt, die Flamme durchbrechen und in entsetzlicher Gewalt +steil zum Himmel steigen. Auf den Balkons, an den Fenstern erscheinen +Menschen, ihr Schrei erstickt im Prasseln, gleich Gespenstern strecken +sie Hilfe erflehend die Arme in die Höhe, schwarz sich von den Flammen +ihres feurigen Hintergrundes abhebend. Jedes Fenster, jede Türe verhüllt +ein Flammenvorhang, das feurige, gierige Maul frißt rückwärts die +Treppen ab, läßt nur die eisernen Träger zurück und die Gitter, die in +Schlangen und Feuerblumen phantastisch glühen. Das Zischen der Flammen +übertönt das Krachen des Gebälkes. Um das brennende Haus steht immer +noch anwachsend die Menge der Stadt. Dampffeuerspritzen arbeiten, +Löschtruppen, Wachleute, Männer aus dem Volke dringen in die feurige +Hölle, um zu retten. Funkengarben fliegen ins Weite, auf brennender +Zunge tragen sie die Botschaft. Hilflos unter Hilflosen laufen die Leute +um das prasselnde Haus, ziehen die stürzenden, erstickenden Menschen aus +dem Gewühl, laben die Verschmachtenden, raffen Tote hinweg, trösten +Besorgte. Ein alter Mann in feinem Pelz steht neben der bebenden Frau +und ruft mit der gebrochenen Stimme des Greises in französischer +Sprache: »_Es-tu en haut, Julie?_« Die Leitern kommen. Sie sind zu kurz. +Dunkelheit und Rauch verschlingen die wechselnden Vorgänge, wenn nicht +blitzartig die Flammen sie erhellen. Nun breiten sich die Sprungtücher. +Ein Mann in Hemdärmeln kriecht längs des Balkongeländers, steht auf +einmal aufrecht, wendet sich und verschwindet. Inmitten der Menge unten +steht ein Statist in rosa Trikot. Er dreht sich unaufhörlich, wie ein +brennender Kreisel, ein Spielzeug, das auch Musik machen kann. +»Arabella,« ruft es da; eine zitternde, des lauten Rufens ungewohnte +Stimme preßt den Schrei hervor. »Arabella!« Keine Antwort. Und wieder, +wieder ruft es gellend vor Angst, ein Mutterschrei: »Arabella!« + +In den umliegenden Kaffeehäusern sammeln sich Leute an, die, erschöpft +oder leicht verwundet, mangelhaft bekleidet, die Brandstätte verließen. +Damen in Soireetoiletten, Offiziere in Waffenröcken, Herren ohne +Übermäntel, Schauspieler in Kostümen, grellgeschminkte Statisten und +Statistinnen strömen in die Lokale, sich vor Kälte zu schützen. Vielen +wird erst jetzt die Todesgefahr bewußt, der sie entronnen. Grauenhafte +Schilderungen erhitzen die Gemüter. Angst treibt Geängstigte wieder +hinaus. Blutiger Schein dringt durch die Fenster, das jüngste Gericht +scheint hereingebrochen, das Gottesgericht. Auf seinen Armen trägt ein +schlanker Mann in zerfetztem Abendanzug eine weibliche Gestalt. Ihr +Blondhaar ist aufgelöst, beschmutzt ihr weißes Kleid. Ihr Kopf ist an +die Schulter des Retters geschmiegt. Nun setzt er sanft seine Last ab, +bettet sie auf eine Wandbank. Auf ihre Wange hat das Feuer sein Mal +gezeichnet. Nun kniet er vor ihr, forscht nach der Verwundung. Noch +haben sich ihre Arme nicht von seinem Nacken gelöst. Seltsam ist ihr +Blick, als sähe sie das Wunder blickt sie ihn an. Nun senken sich die +Lippen zu einander, bleiben lang im Kuß geeint. Die beiden wissen nicht, +was um sie ist. Draußen tobt Feuer. Durch seine Schrecken sind sie ins +Leben gelangt, Herz an Herz geschmiegt, verklammert zu einem Körper +haben sie die Wiedergeburt ihrer Vereinigung erlebt. Nun erwacht der +Mann, er erinnert sich, daß, ehe das Große geschah, das Wiedersehen mit +der Geliebten, neben ihm eine Frau geweilt hat, seine eigene ihm +angetraute Frau. Er greift sich an den Kopf, er reibt sich den Rauch aus +den Augen, er stürzt davon. Er eilt nach Hause ins Hotel. Die Frau ist +nicht heimgekehrt. Nun ist Givo zur Brandstätte zurückgestürzt. Da hört +er den Schrei, den geliebten Namen »Arabella«. Rasch drängt er sich in +die Richtung des Rufes, da erstickt der Schrei. Ihre Mutter muß es +gewesen sein. So ruft nur eine Mutter. Er reckt sich auf und antwortet +der Stimme. Laut schreit er, jubelt er, wiewohl er die Ruferin nicht +sieht, nicht findet. »Arabella ist gerettet. Vögelchen ist gerettet.« +Die Frau preßt die Hände an die Brust. Wer antwortet ihr? Ist es +Gottesstimme, welches Wunder geschah ihr? War es die Stimme eines +Lebenden? Sie wankt. Halb entgeistert führt die Beseligte ein Herr +hinweg. + +Als Arabella aus der Ohnmacht erwacht, steht ein Fremder neben ihr, hält +ein Stück einer Pelzboa in der Hand, sein Haar ist versengt und er ruft +unaufhörlich mit heiserer, tränenerstickter Stimme, wie ein Papagei, den +man um seinen Namen fragt: »Mali! Mali! Meine Mali! Sie brennt drin, +Mali!« Man bringt ihn fort. Arabella will denken, will sich mit Angst +und Gebet ins Feuer tasten. Stimmen übertönen die mühsam gesammelten +Gedanken. Zwei Schauspielerinnen am Nebentisch erzählen laut, erregt: +»Wir sitzen in unserer Garderobe, schminken uns für die Vorstellung, da +stürzt ein Herr herein und schreit: Wo ist ein Ausgang? Ich erwürge Sie, +wenn Sie mir nicht den Ausgang zeigen. Wir glauben, daß es ein +Wahnsinniger ist, er stürzt davon. Kein Wort vom Feuer. Nach zehn +Minuten erst hören wir ein Raunen. Ich öffne die Türe. Das Haus brennt!« +Arabella richtet sich auf. + +»Wo ist die Calese?« + +»Sie hatte ja erst im zweiten Akt aufzutreten. Man sagt, sie schläft vor +den Vorstellungen und meist nicht allein. Man hat oft darüber gespottet. +Das hat sie gerettet.« + +Wie durch einen Nebel hört Arabella der Calese umflorte Stimme: »Alles +ist vorbestimmt, wozu sich wehren!« + +Ein Herr jammert: »Sie sagen, alle seien gerettet, das kann nicht sein. +Ich sah Hunderte, die so erschöpft waren, daß sie nicht mehr kämpfen +konnten. Ein Verbrechen wurde begangen, Fahrlässigkeit ist Verbrechen, +böser als Totschlag, wenn Hunderte daran zugrunde gehen.« »Schicksal ist +es, Gericht Gottes,« schreit eine alte Jüdin, die bisher heulend wie ein +Klageweib dagesessen. »Mein Ignaz!« Arabella horcht auf. »Schicksal? +Gottesgericht um den Tod der anderen? Jahrelang habe ich mich gequält, +zu wissen, was ich, was ihm die andere wert ist. Mußte eine Volksmenge +brennen, daß ich die Wahrheit wisse, daß er mich rettet und nicht sie?« + +»Was Schicksal,« schreit da ein Offizier. »Eine Schweinerei ist es, eine +verantwortunglose Schweinerei! Wer schwätzt hier noch? Die stark genug +sind, mögen retten und laben, wer schwach ist, halte Ruhe oder schleppe +sich nach Hause.« Arabella erhebt sich. Ja, auch sie will retten, will +ihm nach. Kann sie ihn verlieren jetzt? Nein, er wird leben, muß leben. +Sie steckt rasch ihr Haar auf. Ihre Kniee zittern, sie muß sich +festhalten, ehe sie den Ausgang erreicht. Draußen schlägt ihr der +glühende Atem des tobenden Elementes entgegen. Die Wange schmerzt und +auch am Knöchel ist sie verwundet. Sie fühlt, wie das Blut, wie den +falschen Schwestern Aschenputtels, ihr in den Atlasschuh rieselt. Aber +darf sie, die noch aufrecht geht, etwas anderes wollen als helfen? Der +Offizier hat recht. Sie drängt sich durch die Menge dem Brandplatz zu +und je näher sie kommt, desto wacher wird sie. Nun zweifelt sie nicht +mehr. Er ist zurück in den Brand, er sollte nicht unter den Rettern +sein, sollte seine Frau nicht retten wollen, die er um ihretwillen +zurückgelassen hat? Eine wahnsinnige Angst packt sie, schüttelt sie mit +dem Frost zugleich. Das Gedränge wird immer stärker. Wachleute haben +einen Kordon gebildet. Sie lassen niemanden durch. Man trägt schauerlich +entstellte Leichen an ihr vorüber. Neben ihr schreit ein etwa +zwölfjähriges Mädchen, dessen offene Haare halb verbrannt sind, +herzzerbrechend: »Mama, Mama!« Arabella nimmt das Kind an der Hand. Der +fremde Schmerz gibt ihr Kraft. Sie führt die wankende Kleine zur Seite, +trocknet mit ihrem Taschentuch das Blut, das ihr von der Schläfe rinnt, +läßt sich von der Schluchzenden erzählen, daß sie die Mutter in der +Finsternis des Hauses verloren, noch oben auf einer Stiege, die zum +Dache führte; ein Mann habe sie hinausgetragen und hier abgesetzt. »Du +mußt gleich nach Hause, vielleicht sind die deinen schon zu Hause und +sorgen sich. Ich führe dich.« Arabella geht mit dem fremden Kinde durch +die Straßen. Sie weiß, das, was sie hilft, ist nichts, doch Tun ist +Rettung vor dem Denken und Wissen all des Entsetzlichen. Wüßte sie Givos +Wohnung, sie ginge hin, selbst wenn sie der Frau begegnen müßte, und +wartete dort ab, sähe Noemi, beruhigte sie, wenn sie Angst hätte, weil +Vater und Mutter nicht kommen. Und nun ist ihr, als führe sie Noemi an +der Hand, wie sie so mit dem fremden Kinde dahingeht. Es wohnt nur eine +Viertelstunde weit, aber der Weg dünkt beiden endlos. Aus dem Hause, auf +das die Kleine lossteuert, läuft ein Herr. Das Kind stürzt ihm entgegen. +Da versagen Arabellas Kräfte. Sie kann nur rasch den Helfenden die +Adresse ihrer Mutter sagen, dann weiß sie nichts mehr. + +Überall sind nun die Eingänge in das brennende Haus von drängenden +Menschen verrammt, von übelriechendem Qualm und Finsternis. Givo aber +hat sich einen Weg erkämpft, eine Türe reißt er auf, da fährt er +entsetzt zurück, über eine Stiege kommt glühendes Blei geflossen, in +Kaskaden springt es daher. Ein Ausgang wird endlich freigelegt, Beamte, +Feuerwehrleute, Offiziere versuchen mit Fackeln einzudringen, manch +einer kehrt wieder um, aber Givo tastet ihnen nach und bald ist er im +Innenraum, sucht in den entsetzlichen Trümmern die Logen zu erkennen. +Aber von oben her sind die Galerien herabgestürzt und der Platz, der +ehemals das Parterre vorgestellt, ist ein entsetzlicher Trümmerhaufen +von qualmendem Holz und Menschenresten. Noch ist die Hitze und der Rauch +so groß, daß ein übermenschlicher Wille nur das Vordringen möglich +macht. Grauenvoll ist der Anblick der ragenden Traversen der Galerien, +an denen Leichenteile hängen, hohnvoll sind noch da und dort metallene +Schnüre zierlich um verkohlte Stoffdraperien geschlungen, glühend +schmelzende Gasrohre ragen wie feurige Bäume empor. Givo weiß, in diesem +Hause ist niemand mehr am Leben, auch Zora nicht, wenn sie nicht gleich +die Loge verlassen hat, von der aus sie sich leicht hatte retten können. +Aber er folgt den Männern und, wo sie eingreifen um Leichen zu bergen, +ist er an erster Stelle. Dann fällt ihm ein, daß Zora seither in ihre +Wohnung zurückgefahren sei und ihn dort erwarten mochte. Er sieht es +wieder vor sich, wie sie ihn am Arm faßt, um mit ihm hinauszudrängen, +und er sich losreißt, über die Brüstung ins Parkett springt und in +rasender Angst, er könne die fliehende weiße Gestalt aus dem Auge +verlieren, nach rückwärts drängt, wo sie durchkommen muß, ehe sich der +Weg vor dem Ausgang teilt. Wie er dann, auf einem Sitze stehend, um +nicht abgedrängt zu werden, Arabella zuruft und winkt und -- Ewigkeit +dünkten ihm diese Augenblicke -- endlich sie in seinen Armen hochhebt +und hinausträgt. Im Gang draußen, im atemberaubenden Gedränge erlischt +das Licht. Arabella sprach nicht, sie preßte nur fester die Arme um +seinen Nacken, zwischen Qual und Gefahr fühlten sie traumhaft das +unfaßbare Glück des Wiedersehens. Dann trat die Stockung ein und erst +da, im endlos scheinenden Warten, wußte er, daß er nicht beide mehr +retten kann, die Geliebte und die Frau. Blitzschnell hatte er es +überdacht, Arabella, die Gefährdete, hinauszutragen und gleich dann nach +Zora auszuschauen, die den näheren Weg ins Freie hatte. In der +Finsternis aber hätte er Zora nicht wiedergefunden. Und ebensowenig +vermöchte er nun nach Stunden eine Spur von ihr zu erblicken. Ein +grausiges Abwarten steht ihm bevor, falls er die Frau nicht zu Hause +findet. Als man im Hotel die Frage, ob seine Frau heimgekehrt sei, +verneint, fühlt er nicht Schmerz und Sorge um sie, die vielleicht durch +seine Schuld zugrunde geht. Er weiß nur dumpf das Elend der vielen dort; +das seine ist ein Teil von dem ihren. Die englische Bonne, die über +Noemis Schlaf wacht, weiß nichts vom Feuer. Er sagt ihr rasch, was +geschehen ist und daß er zurückkehre zu helfen und zu bergen. Für Zora +nichts. Er zweifelt an ihrer Rückkehr. Er hat sie aufgegeben. + +Die folgenden Tage vergehen unter Nachforschen zwischen entstellten +Leichen und Leichenresten auf der Brandstätte, in Spitälern und +Totenkammern. Von verkohlten Klumpen, zerbrochenen Skeletten, deren +Gesichter keine Spur mehr eines physiognomischen Ausdruckes trugen, +nährte sich stundenlang sein suchender Blick. Hier und dort klebte noch +ein Fetzen eines Kleidungsstückes, an manchen Fingern glänzte ein Ring. +Auf der Brust lag manchem das vorgefundene Geld, das in der Hitze seine +Formen verändert hatte. Das Kind war neben dem Greise gebettet, der +Handwerker im Kittel neben der reichgekleideten Dame, um die noch +goldene Ketten hingen, kunterbunt waren sie aneinandergereiht, furchtbar +zur Strecke gebracht. Aus dem entsetzlichen Gemenge verkohlter Leichen +wurde in den Foyers nach Reliquien gesiebt und geschaufelt. Weniges nur +bot Anhaltepunkte zur Agnoszierung der Toten. Eine kleine rührend zarte +Hand fand sich, die Hand eines Kindes oder einer jugendlichen Frau, +verkalkt und am Gelenk abgetrennt, die Nägel schmal und gepflegt. Givo +erschrak, denn sie erinnerte ihn an Vögelchens Zartheit. Inmitten des +Grauens stürzte er weg, um sich zu vergewissern, daß sie lebe, daß sie +nicht etwa, aus Angst um ihn sich in den Brand wagend, ihr Leben +verloren hat. Wieder stand er vor ihrem Hause, zu dem ihn vor dem +tragischen Wiedersehen schon Sehnsucht getrieben hatte. Er erfuhr vom +Portier, daß die Gräfin bei ihrer Mutter sei, er hätte Auftrag ihn +zurückzuhalten, falls er Herr Givo wäre. Aber Imanuel kann und will +nicht, will Arabella nicht sehen, bevor die traurige Arbeit nicht zu +einem Ende gekommen ist. Eine schauererregende Ausstellung muß er +besuchen. Auf weißen Porzellantellern liegen im Polizeihause die +gesammelten Reliquien der Toten. Kleiderfetzen, Schmuckstücke, +Sacktücher, Schlüssel, Kämme, Liebespfänder, allerlei Kleinigkeiten, die +man bei sich zu tragen pflegt. In einem Zimmer ist auf Tischen eine +große Anzahl von Uhren zur Schau gestellt. Manche ticken noch laut, als +wäre ein Rest vom Leben ihrer Besitzer in ihnen zurückgeblieben. +Geisterhaft stille und laut erregte Menschen irren mit Givo zwischen den +tragischen Resten. Traurige Gewißheit wird manchem zuteil, der die +armseligen Überbleibsel des Vermißten wiederfindet. Aber Givo, wiewohl +er vor dem Schauerlichsten nicht zurückschreckt, um eine Spur zu finden, +erforscht nichts. Ist Zora -- immer wieder kommt ihm dieser Gedanke -- +freiwillig verschwunden, wie sie so oft gedroht, wenn ihre Nerven +anstürmten gegen Givos kühlen Frieden. Aber sie, die sich einen +Künstlernamen erworben, konnte sie im Leben untertauchen, als wäre sie +wirklich verbrannt, konnte sie zu einem ungenannten Stäubchen werden, +sie, die mit aller Kraft nach Ruhm gestrebt? + +Machte sie es wahr, was die Asketen ihrer Sekte predigen, aufzugehen im +lebendigen All, ein heimlich beseelter Teil, sonst nichts? Und Noemi, +deren Zärtlichkeit sie nur ungern geduldet, würde die sie nicht aus +ihrem Verborgensein locken? Er wußte dies eine: wo immer sie war, sie +hatte verschwinden wollen. Rettung war ihr möglich gewesen trotz aller +Verhängnisse. Zunächst dem Ausgang war ihre Loge gelegen. War sie um +seinetwillen, um der Gefährdung willen, in die er sich begeben, +zurückgeblieben? Es kam keine Antwort auf diese Fragen. + + + + + Asche + + + »So jemand zu mir kommt + und haßt nicht seinen Vater, + Mutter, Weib, Kinder, + Brüder, + Schwester und dazu sein + eigenes Leben, + der kann nicht mein Jünger + sein.« + + (Lukas 14, 33.) + +Arabella, deren Nerven schon vor der Katastrophe mit Hochdruck +gearbeitet hatten, fand kaum die Kraft sich all des Entsetzlichen zu +besinnen. In ihren Fieberträumen sah sie ein blutendes Feuermeer und +daraus hervorsteigen ihn, den Geliebten, den Erwarteten, das Heiligtum +ihrer Liebe zu Himmeln entführend, die kein Rauch mehr von irdischem +Geschehen berühren kann. Und sie sah wahr, Givo hatte sie gerettet, +hatte nach jahrelanger Trennung das Kleinod seines Gefühles aus dem +brennenden Unheil getragen. Wie körperlos war diese Rettung, nicht die +Frau hatte er dem Untergang entrissen, das Weib, das er besitzen wollte, +die Hülle war es seines geheimen Heils, das er durch Jahre der Kämpfe, +der Sehnsucht hinter siebenfach verschlossenen Altären anbetend +verwahrte. Ihn verlangte nicht nach Lebendigem. Was er über die Gräfin +Arabella Karinska erfuhr, das hatte wenig gemein mit dem Gral seiner +Seele. Eine junge Frau, vom Geld ihrer Anbeter in einem kleinen Palast +lebend -- Vollblutpferde, die ein niedliches Kammermädchen mit Zucker +füttert, scharren vor dem Tor -- während oben ein Fenster sich öffnet +und die Herrin zusieht, wie es den Lieblingen mundet: so hatte, im Parke +verborgen, Givo, der Mann, der nach der Geliebten Sehnsucht trug, sie +erblickt. Eine verwöhnte Frau, die nichts mehr weiß vom Jammer der Welt, +von den Elendvierteln von London, den Judenverfolgungen in Rußland, dem +Sklavenhandel und der Nachtarbeit der Fabrikskinder. Zwischen seinem +Leben und Streben und dem ihren, das im Luxus versandet, liegt eine +Welt. Aber ihre Seelen wissen nichts von dieser Kluft, sie leben vereint +untrennbar, unentwirrbar. Daß er sie retten konnte und darob Zora +verlor, daß diese ins Unerklärliche verschwand, es erstaunte ihn nicht. +Nichts war ihm wunderbar, ihm, der im Wunderbaren lebte, ihm, der Erden +des Schmerzes wie unter den gekrampften Händen eines ohnmächtigen und +dennoch unablässig schöpferischen Gottes tief unter sich zucken fühlte. +Wie weit war er gewandert seit jener Nacht, da ihm das lichte Vögelchen +mit dem zuweilen so schwermütigen Gezwitscher entflogen war! An die +Gestade mythischer Welten war er gelangt. Er schrieb ihr: + +»Geliebte, ich sende Dir mein Kind. Seine Mutter ist tot, verschwunden. +Sie war eine Unglückliche. Ich habe, wie Du weißt, auch meine Mutter +getötet, nun diese Frau. Laß mich Dir fern bleiben. Ich tauge nicht zu +Frauen. Mein Weg ist nicht wirtlich. Bleib fern ihm! Ich will Deine +heiligen Füße nicht blutig sehen im Dornengestrüpp dieses Weges. Du +sollst die Musik der Sphären mit mir teilen, nicht das Wimmern der +Menschenqual, das meinen Tag einsingt: Wenn mein Kind bei Dir Heimat +fände, wie dankte ich es Dir! Sei ihm, was Cecile Dir einst war. Ich +komme, wenn ich nicht mehr besessen bin von den Bildern des Grauens, die +in den Leichenkammern der Verkohlten sich in meine Augen brannten. Ich +komme, Dich zu umarmen und zu -- gehen. Dein + + Givo.« + +Luise meldet einen Herrn. »Ein Herr in Uniform, von der Marine,« sagt +sie. Arabella liegt müde danieder und immer schreckt sie zusammen, wenn +es läutet, denn sie erwartet Givo. Zuerst meint sie, wenn er käme, würde +alles gut, die Vereinigung vollendet, wenn er auch vom Gehen schrieb, +aber wie sie so lange wartend liegt, kommt wieder Hellsichtigkeit über +sie und sie weiß, daß sie ihn nicht wieder gewinnen kann. Die Stunden +schleiern wie Asche auf sie herab und sargen sie ein. Als Luise den +Marineoffizier meldet, weiß sie gleich, daß es Normayr ist. Sie hat ihn +nicht gesehen seit jener Fastnacht, nur einmal dem immer in der Ferne +Versprengten einen Gruß durch einen Kameraden gesandt. Nun ist er +gekommen, weil er in Triest, sich eben ausschiffend, in den Zeitungen +las, daß auch sie im brennenden Theater gefährdet gewesen. Seltsam, oft +muß sie an ihn gedacht haben, denn er ist ihr nicht fremd; sie fühlt +plötzlich eine stille Geborgenheit, die von seiner Ruhe ausgeht und die +ihr die Qual der Wartestunden nimmt. Und obwohl das Gespräch +konventionell bleibt, ist eine verborgene Herzlichkeit, eine wissende +Wärme unter den Worten geborgen: die Hoffnung auf ein sicheres +Wiedersehen zu ruhigerer Zeit. Wie er dann gegangen ist, um bald wieder +sich für eine Nordpolexpedition einzuschiffen, rinnen rasch, sie selbst +überraschend, Tränen über ihre Wangen herab. Sie weiß selbst nicht, wem +sie gelten, ihm, Givo, sich selbst. Dem Leben wohl, dem Leben! + +Und tagsdarauf stand ein blasses Kind mit großen, stillen Augen und dem +lieblichsten Mund neben seiner englischen Nurse vor der Türe der fremden +Gräfin, bei der es nun wohnen sollte. »Gehen wir nicht hinein?« fragte +es. »Oh luk!« Die Kleine hatte glückselig den Papagei erblickt. Arabella +hörte den Ausruf des Kindes und stürzte aus ihrem Bette, ihrer +entkräfteten Glieder wieder mächtig. »Mein Kind, mein Liebling!« Noemi +erschrak nicht. Die Frau im weißen Gewand mit dem blassen +Dulderangesicht glich einem Engel. Es kam ihr eine Erinnerung, ohne daß +sie es wußte, und unwillkürlich griff sie an ihr Perlenkettchen. Dann +sagte sie leise der knieenden Frau, auf die Wange deutend, in deren +Blässe das Feuermal brannte: »Was hast du da? Tut es weh?« + +»Nein, Kind, nein, nichts schmerzt mehr, denn nun bist du ja bei mir, +bei mir,« und sie verbarg ihr Antlitz in der Kleinen Lockenhaar. + +Etwa drei Monate nach diesen Begebenheiten erhielt der Graf wieder ein +Schreiben: + +»_Mon cher_ Nicolai, es geht besser, seitdem ich draußen in +Heiligenstadt wohne. Mutter ist bei mir. Sie, die alles stiller um mich +macht. Und Noemi heißt der Glücksquell, aus dem ich schöpfe. Ich brauche +Dir nichts zu sagen von diesem meinem zweiten Leben, in das ich +zurückgekehrt bin, nachdem ich es damals in Tresano in den Tagen, als +ich Dich zum ersten Male sah, verließ. Unbewußt war ich ja wohl oft +darin zu Gaste und gefühlt hab' ich es immer in den Liebesumarmungen, +und wenn ich schöner Musik lauschte, da war ich ihm am nächsten. -- +Jetzt aber lebe ich in Weihe. Du wirst es mir nicht glauben, ich war +froh, als Givo abgereist war. Ich ertrug seine Nähe nicht, es war, als +müßte ich vor Glück vergehen, als müßte er in diesem zweiten Feuer mit +mir verbrennen. Es war zu viel. Das ist nichts für Menschen, so ein +überirdisches Glück! Givo ist jetzt in Russisch-Polen, lebt dort unter +den orthodoxen Juden, die er erretten will. Ich verstehe nicht ganz, wie +er es plant. Ich glaube, er will ihnen Liebe wecken, Sie leben nur im +Geist, sagt er, er möchte sie zurückführen zu den Dingen. Er möchte +ihnen das ruhelose Irren nehmen, ihre Seelen sollen in ein höheres +leibliches Leben eintreten, um zu gesunden. Er sieht das heutige +Judentum wie eine Abnormität, eine Krankheit. Dort, wo es auf schönen +Wegen war, soll es in ein Sektenwesen ausgeartet sein, das er +zurückleiten will zur Liebe. Wer könnte es besser als er, der sich +niemals über die anderen erhebt, sondern ihresgleichen wird, um zu +helfen. Aber ich fürchte, er wagt zu viel. Wirst Du ihn beschützen dort? +Ich weiß, daß er schwach ist, ich weiß es. Ich vertraue ihn Dir an, +Nikolai! + +Und was mich betrifft? Dein Scheidungsbrief ist vorläufig überflüssig. +Manuel ist vor den Gerichten nicht Witwer, weil er keinen Beweis +erbringen konnte, daß seine Frau verbrannt ist. Eine Reihe von Jahren +muß hingehen, bis der Tod gesetzlich beglaubigt ist. Und wozu auch eine +Ehe eingehen? Wir sind einig, wie wir es immer waren, und ein Leben wie +Mann und Weib es führen, scheint uns nicht beschieden zu sein. Er muß +seinem Genius Deva Nahuscha folgen und sein Lebenswerk weiterfördern in +Klüften und Bergen, in denen ihm göttliche Sonne strahlt. Vielleicht ist +er ein Märtyrer und ich muß ihm dereinst mit meinen Haaren das Herzblut +stillen wie Magdalena des Heilands Füße trocknete. Leb wohl. Du hörst +Heiteres, sobald der Frühling mich Frierende erwärmt. Deine + + Bella.« + + + + + Ende + + +Aus den nachgelassenen Schriften des Maurus Perbon geht hervor, daß sein +Meister Imanuel Givo, dem er sich anläßlich seiner Lehrerschaft in Polen +und Rußland anschloß, während eines Pogroms, fälschlich für einen Juden +gehalten, deren Verteidigung er übernommen hatte, um das Leben kam. Dem +Bericht ist hinzugefügt: »Seine Tochter Noemi Cecilia lebt bei seiner +Herzensfreundin, der Frau Arabella von Normayr.« + +Wie ersichtlich, hatte sich Arabella mit ihrem Jugendfreund, dem +nachmaligen Admiral, vermählt. Mannsthal besuchte sie vor ihrer +Verheiratung und bei dieser Gelegenheit soll sich ein Unglück ereignet +haben, das allerdings glimpflich ablief. Auf nicht völlig aufgeklärte +Art ging in den Händen der Gräfin ein Revolver los und traf ihren +Stiefvater an der Schulter. Die Dienstboten behaupteten, daß zur +nämlichen Stunde die Herrin im Hause vergeblich und sehr erregt nach +ihrer heißgeliebten Ziehtochter, der vierzehnjährigen Noemi, gesucht +habe und diese schließlich schwer geängstigt bei dem wunderlichen Herrn +Mannsthal angetroffen hatte. Luise, die noch immer bei ihr diente, +wollte gehört haben, wie die Gräfin zu der alten Frau Gunter gesagt +hatte: »Gott sei Dank, ich kam gerade recht.« Der alte Herr Mannsthal +war dann vor der Hochzeit, die in aller Stille stattfand, noch mit dem +Arm in der Schlinge abgereist. + +Die zweite Ehe der Gräfin Karinska, die mit dem Grafen Nicolai bis zu +dessen Tode in regem Briefwechsel verblieb, soll still und sehr +glücklich gewesen sein. Doch starb Arabella von Normayr allzufrüh an +einer akuten Herzkrankheit. + +Angele hatte die traurige Pflicht ihren Gatten, den Admiral, zu +verständigen, der sich eben auf einer Seereise befand. Über das Meer +dröhnte ein Kanonenschuß. Dreihundertzwanzig Matrosen knieten und +beteten. Eine schwarze Fahne stieg langsam mastaufwärts und flatterte im +Abendwind, der von den Küsten Japans Blütenduft auf den Schwingen trug. +Leise löste sich über den gleichmäßigen Wellen der grünlichen See die +schmale Rauchsäule in die Unendlichkeit. + + Ende + + + Druck von »Norbertus« Buch- und Kunstdruckerei vorm. J. Roller & Co. + Gesellsch. m. b. H., Wien. + + + Anmerkungen zur Transkription + +Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere +Korrekturen sind hier aufgeführt (vorher/nachher): + [S. 98]: + ... Flügel sie zuweilen streiften, und wir ihr dann auch vor ... + ... Flügel sie zuweilen streiften, und wie ihr dann auch vor ... + + [S. 237]: + ... versorgte sie tagsüber das neun Monate alt Kindchen, ... + ... versorgte sie tagsüber das neun Monate alte Kindchen, ... + + [S. 270]: + ... blaß, er neigte sie vor, die Antwort rasch aufzufangen. ... + ... blaß, er neigte sich vor, die Antwort rasch aufzufangen. ... + + [S. 371]: + ... Mistelweg des Heiles bruderselig vom Stamme schnitt. ... + ... Mistelzweig des Heiles bruderselig vom Stamme schnitt. ... + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Vögelchen, by Friderike Maria Winternitz + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 57114 *** |
