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+The Project Gutenberg EBook of Die Mitschuldigen, by Johann Wolfgang Goethe
+(#35 in our series by Johann Wolfgang Goethe)
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+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
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+
+Title: Die Mitschuldigen
+
+Author: Johann Wolfgang Goethe
+
+Release Date: May, 2004 [EBook #5653]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on August 4, 2002]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
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+Character set encoding: Latin1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DIE MITSCHULDIGEN ***
+
+
+
+
+This text was originally produced in HTML for Projekt-Gutenberg-DE by
+belmekhira@hotmail.com. Reformatting was by Gunther Olesch.
+
+
+Johann Wolfgang Goethe
+
+Die Mitschuldigen
+
+Ein Lustspiel in drei Aufzügen
+
+
+
+Personen
+
+Der Wirt
+Sophie, seine Tochter
+Söller, ihr Mann
+Alcest
+Ein Kellner
+
+Der Schauplatz ist im Wirtshause.
+
+
+
+Erster Aufzug
+
+Erster Auftritt
+
+Die Wirtsstube.
+
+[Söller sitzt im Domino an einem Tischchen, worauf ein Licht, eine
+Bouteille Wein und ein Glas steht. Sophie gegenüber sitzt und näht
+eine Feder und eine Schleife auf einen Hut. Der Wirt kommt herein. In
+der Tiefe des Theaters steht ein Tisch, darauf ein Licht, Bücher und
+Tintenfaß, dabei ein Lehnsessel.]
+
+Wirt [zu Söllern].
+Schon wieder auf den Ball! Im Ernst, Herr Schwiegersohn,
+Ich bin Sein Rasen satt und dächt, Er blieb davon.
+Mein Mädchen hab ich Ihm wahrhaftig nicht gegeben,
+Um so in' Tag hinein von meinem Geld zu leben.
+Ich bin ein alter Mann, ich sehnte mich nach Ruh,
+Ein Helfer fehlte mir, nahm ich Ihn nicht dazu?
+Ein schöner Helfer! Ja, mein bißchen durchzubringen!
+
+[Söller summt ein Liedchen vor sich.]
+
+Wirt.
+O sing Er, sing Er nur, ich will ihm auch eins singen!
+Er ist ein dummer Kerl, der doch zu gar nichts taugt,
+Als daß er sich besäuft und etwas Tabak raucht.
+Die ganze Nacht geschwärmt, den halben Tag im Bette!
+Kein Herzog ist im Reich, der besser leben hätte.
+Da sitzt das Ebenteur mit weiten Ärmeln da,
+Der König Hasenfuß!
+
+Söller [trinkt].
+ Ihr Wohlergehn, Papa!
+
+Wirt.
+Ein saubres Wohlergehn! Das Fieber möcht ich kriegen.
+
+Sophie.
+Mein Vater, sein Sie gut.
+
+Söller [trinkt].
+ Mein Fiekchen, dein Vergnügen!
+
+Sophie.
+Das Größte wäre mir, euch nicht entzweit zu sehn.
+
+Wirt.
+Wenn er nicht anders wird, so kann das nie geschehn.
+Ich bin wahrhaftig lang des ewgen Zankens müde,
+Doch wie er's täglich treibt, da halt der Henker Friede!
+Er ist ein schlechter Mensch, so kalt, so undankbar!
+Er sieht nicht, was er ist, er denkt nicht, was er war,
+Nicht an den povern Stand, aus dem ich ihn gerissen,
+An seine Schulden nicht; davon will er nichts wissen.
+Man sieht, es bessert doch nicht Elend, Reu noch Zeit; -
+Einmal ein Lumpenhund, der bleibt's in Ewigkeit.
+
+Sophie.
+Er ändert sich gewiß.
+
+Wirt.
+ Muß er's so lang verschieben?
+
+Sophie.
+Das tut die Jugend meist.
+
+Söller.
+ Ja, Fiekchen, was wir lieben!
+[Er trinkt.]
+
+Wirt [aufgebracht].
+Dem einen Ohr hinein, dem andern grad heraus!
+Er hört mich nicht einmal. Was bin ich denn im Haus?
+Ich hab schon zwanzig Jahr mit Ehren mich gehalten.
+Meint Er, was ich erwarb, das wollt Er nun verwalten,
+Und wollt's so nach und nach verteilen? Nein, mein Freund,
+Das laß Er sich vergehn! So bös ist's nicht gemeint!
+Mein Ruf hat lang gewährt, und soll noch länger währen;
+Es kennt die ganze Welt den Wirt zum schwarzen Bären.
+Es ist kein dummer Bär, und konserviert sein Fell;
+Jetzt wird mein Haus gemalt, und dann heiß ich's Hotel.
+Da regnet's Kavaliers, da kommt das Geld mit Haufen.
+Doch da gilt's fleißig sein, und nicht sich dumm zu saufen!
+Des Abends spät zu Bett, und morgens auf bei Zeit,
+So heißt es!
+
+Söller.
+ Bis dahin ist es noch ziemlich weit.
+Bleibt es nur, wie es ist, und wird nicht etwa schlimmer.
+Wer wohnt denn viel bei uns? Da droben stehn die Zimmer.
+
+Wirt.
+Ach wer verreist auch jetzt? Das ist nun so einmal,
+Und hat nicht Herr Alcest die Zimmer an dem Saal?
+
+Söller.
+Nun ja, das ist wohl was, der ist ein guter Kunde;
+Allein, Minuten sind erst sechzig eine Stunde.
+Und dann weiß Herr Alcest, warum er hier ist.
+
+Wirt [pikiert].
+ Wie?
+
+Söller [greift nach dem Glas].
+Ach, apropos, Papa. Es lebe Paoli.
+
+Wirt [freundlich].
+Proficiat, Herr Sohn! Der brave Mann soll leben.
+Solch eine Tapferkeit hat es nicht leicht gegeben;
+Auch in dem Unglück selbst verläßt der Mut ihn nie.
+Gewiß, ich nenn mein Haus Hotel de Paoli.
+
+Söller.
+O ja, das gibt ein Schild recht nach der Zeitungsmode.
+Wenn's nicht zustande kommt, ich gräme mich zu Tode. -
+Wie kommt es, haben Sie die Zeitung nicht gesehn
+Von heut?
+
+Wirt.
+ Sie ist nicht da. Der Jung muß nach ihr gehn.
+Wenn er noch König wird, so sollt ihrs all genießen.
+Das Herz hüpft mir im Leib, als hört ich wirklich schießen.
+[Ab.]
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+[Söller. Sophie.]
+
+Söller.
+Ha, es ist nichts so schlimm, die Zeitung macht es gut.
+
+Sophie.
+Ja, gib ihm immer nach!
+
+Söller.
+ Ich hab kein schnelles Blut,
+Das ist sein Glück; denn sonst mich immer so zu schelten,
+Als wär ich -
+
+Sophie.
+ Lieber Mann!
+
+Söller.
+ Beim Kuckuck! Beim St. Velten!
+Ich weiß das alles wohl, daß ich vor einem Jahr
+Ein lockrer Passagier und voller Schulden war.
+
+Sophie.
+Mein Guter, sei nicht bös!
+
+Söller.
+ Und wenn ich sonst nichts taugte,
+So war ich doch ein Mann wie ihn mein Fiekchen brauchte.
+
+Sophie.
+Dein ewger Vorwurf läßt mir keine Stunde froh.
+
+Söller.
+Ich werfe dir nichts vor, ich meine ja nur so.
+Denn eine schöne Frau ergötzet uns unendlich,
+Wenn man sie auch nicht liebt, so ist man doch erkenntlich.
+Sophie wie schön bist du, und ich bin nicht von Stein,
+[Er küßt sie.]
+Ich kenne nur zu wohl das Glück, dein Mann zu sein;
+Ich liebe dich -
+
+Sophie.
+ Und doch kannst du mich immer plagen?
+
+Söller.
+Eh geh, was liegt denn dran? Das darf ich ja wohl sagen;
+Daß dich Alcest geliebt, daß du für ihn gebrannt,
+Und ihn auch wohl vielleicht - daß du ihn lang gekannt.
+
+Sophie.
+Oh!
+
+Söller.
+ Nein, ich wüßte nicht, was ich da Böses sähe!
+Ein Bäumchen, das man pflanzt, das schießt zu seiner Höhe;
+Und wenn es Früchte bringt, eh! da genießet sie,
+Wer da ist; übers Jahr gibt's wieder. Ja, Sophie,
+Ich weiß das gar zu wohl, um etwas draus zu machen.
+Mir ist's nur lächerlich.
+
+Sophie.
+ Ich finde nichts zu lachen.
+Daß mich Alcest geliebt, daß er für mich gebrannt,
+Und ich ihn auch geliebt, und ich ihn lang gekannt,
+Was ist's denn weiter?
+
+Söller.
+ Nichts! das will ich auch nicht sagen,
+Daß es was weiter ist. Denn in den ersten Tagen,
+Wenn so das Mädchen keimt, da liebt sie eins zum Spaß,
+Es krabbelt ihr ums Herz, doch sie versteht nicht, was.
+Mit sanfter Freundlichkeit schleicht Amor, der Betrüger;
+Wer keinen Tiger kennt, der läuft vor keinem Tiger.
+Und sie versteht es nicht, warum die Mutter schmält.
+Voll Tugend, wenn sie liebt, ist's Unschuld, wenn sie fehlt.
+Und kommt Erfahrenheit zu ihren andern Gaben,
+So sei ihr Mann vergnügt, ein kluges Weib zu haben!
+
+Sophie.
+Du kennst mich nicht genug.
+
+Söller.
+ O laß das immer sein!
+Den Mädchen ist ein Kuß, was uns ein Glas voll Wein,
+Eins, und dann wieder eins, und noch eins, bis wir sinken.
+Wenn man nicht taumeln will, so muß man gar nicht trinken!
+Genug, du bist nun mein! - Ist es nicht vierthalb Jahr,
+Daß Herr Alcest dein Freund und hier im Hause war?
+Wie lange war er weg? Zwei Jahre, denk ich.
+
+Sophie.
+ Drüber.
+
+Söller.
+Nun ist er wieder da, schon vierzehn Tage -
+
+Sophie.
+ Lieber,
+Zu was dient der Diskurs?
+
+Söller.
+ Eh nun, daß man was spricht.
+Denn zwischen Mann und Frau red't sich so gar viel nicht.
+Warum ist er wohl hier?
+
+Sophie.
+ Ei, um sich zu vergnügen.
+
+Söller.
+Ich glaube wohl, du magst ihm sehr am Herzen liegen.
+Wenn er dich liebte, he! gäbst du ihm wohl Gehör?
+
+Sophie.
+Die Liebe kann wohl viel, allein die Pflicht noch mehr.
+Du glaubst!
+
+Söller.
+ Ich glaube nichts, und kann das wohl begreifen;
+Ein Mann ist immer mehr als Herrchen, die nur pfeifen.
+Der allersüßte Ton, den auch der Schäfer hat,
+Es ist doch nur ein Ton, und der wird endlich matt.
+
+Sophie [ungeduldig].
+Ja, ja, das weiß ich wohl; doch ist der deine besser?
+Die Unzufriedenheit in dir wird täglich größer.
+Nicht einen Augenblick bist du mit Necken still.
+Man sei erst liebenswert, wenn man geliebt sein will.
+Warst du denn wohl der Mann, ein Mädchen zu beglücken?
+Erwarbst du dir ein Recht, mir ewig vorzurücken,
+Was doch im Grund nichts ist? Es wankt das ganze Haus;
+Du nimmst allein nichts ein, und gibst allein fast aus.
+Du lebst in Tag hinein; fehlt dir's, so machst du Schulden,
+Und wenn die Frau was braucht, so hat sie keinen Gulden,
+Und du fragst nicht darnach, wie sie ihn kriegen kann.
+Willst du ein braves Weib, so sei ein rechter Mann.
+Ach, es versucht uns nichts so mächtig als der Mangel;
+Die klügsten Fische treibt der Hunger an die Angel.
+Mein Vater gibt mir nichts, und hat der Mann nicht recht?
+Wir brauchen so genug, und alles geht so schlecht.
+Doch heute mußt ich ihn notwendig etwas bitten.
+Ha, sagt er, du kein Geld, und Söller fährt im Schlitten?
+Er gab mir nichts und lärmt mir noch die Ohren voll.
+Nun sag mir denn einmal, woher ich's nehmen soll?
+Denn du bist nicht der Mann, für eine Frau zu sorgen.
+
+Söller.
+O warte, liebes Kind, vielleicht empfang ich morgen
+Von einem guten Freund -
+
+Sophie.
+ Wenn er ein Narr ist, ja!
+Zu holen sind gar oft die guten Freunde da;
+Doch einen, der was bringt, den hab ich noch zu sehen!
+Nein, Söller, künftighin kann es nicht mehr so gehen.
+
+Söller.
+Du hast ja, was man braucht.
+
+Sophie.
+ Schon gut, das ist wohl was.
+Doch wer nie dürftig war, der will noch mehr als das.
+Von Jugend auf verwöhnt durch's Glück und seine Gaben,
+Hat man, soviel man braucht, und glaubt noch nichts zu haben.
+Die Lust, die jede Frau, die jedes Mädchen hat,
+Ich bin nicht hungrig drauf, doch bin ich auch nicht satt.
+Der Putz, der Ball - Genug, ich bin ein Frauenzimmer.
+
+Söller.
+Eh nun, so geh dann mit: ich sage dir's ja immer.
+
+Sophie.
+Daß wie das Karneval auch unsre Wirtschaft sei,
+Die kurze Zeit geschwärmt, dann auf einmal vorbei!
+Viel lieber sitz ich hier allein zu ganzen Jahren!
+Wenn er nicht sparen will, so muß die Frau wohl sparen.
+Mein Vater ist genug schon über mir erbost:
+Ich stille seinen Zorn und bin sein ganzer Trost.
+Nein, Herr! Ich helf Ihm nie mein eigen Geld verschwenden:
+Spar Er es erst an sich, um es an mich zu wenden!
+
+Söller.
+Mein Kind, für diesmal nur laß mich noch lustig sein,
+Und wenn die Messe kommt, so richten wir uns ein.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+[Die Vorigen, ein Kellner.]
+
+Kellner.
+Herr Söller!
+
+Söller.
+ Nun, was soll's?
+
+Kellner.
+ Der Herr von Tirinette!
+
+Sophie.
+Der Spieler!
+
+Söller.
+ Schick ihn fort! Daß ihn der Teufel hätte!
+
+Kellner.
+Er sagt, er muß Sie sehn.
+
+Sophie.
+ Was will er dann bei dir?
+
+Söller [verwirrt zu Sophie].
+Ach, er verreist -
+[Zum Kellner.]
+ Ich komm!
+[Zu Sophie.]
+ und er empfiehlt sich mir.
+[Ab.]
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Sophie.
+Der mahnt ihn ganz gewiß! Er macht beim Spiele Schulden.
+Er bringt noch alles durch, und ich, ich muß es dulden.
+Dies ist nun alle Lust und mein geträumtes Glück!
+So eines Menschen Frau! Wie weit kamst du zurück!
+Wo ist sie hin, die Zeit, da sie zu ganzen Scharen,
+Die süßten jungen Herrn, zu deinen Füßen waren?
+Da jeder sein Geschick in deinen Blicken sah?
+Ich stand im Überfluß wie eine Göttin da,
+Aufmerksam um mich her die Diener meiner Grillen!
+Es war nur allzuviel, dies Herz mit Stolz zu füllen.
+Und ach! ein Mädchen ist wahrhaftig übel dran!
+Ist man ein bißchen hübsch, so steht man jedem an;
+Da summt uns unser Kopf den ganzen Tag von Lobe!
+Und welches Mädchen hält wohl diese Feuerprobe?
+Ihr könnt so ehrlich tun, man glaubt euch wohl aufs Wort,
+Ihr Männer! Auf einmal führt euch der Henker fort.
+Wenn's was zu naschen gibt, so sind wir all beim Schmause,
+Doch macht ein Mädchen Ernst, da ist kein Mensch zu Hause.
+So ist's mit unsern Herrn in dieser schlimmen Zeit;
+Es gehen zwanzig drauf, bis daß ein halber freit.
+Ich sah mich manchesmal betrogen und verlassen:
+Wer vierundzwanzig zählt, hat nichts mehr zu verpassen.
+Der Söller kam mir vor, und ich, ich nahm ihn an;
+Es ist ein schlechter Mensch, allein er ist ein Mann.
+Da sitz ich nun und bin nicht besser als begraben.
+Anbeter könnt' ich zwar noch in der Menge haben;
+Allein wenn eine Frau ein bißchen Tugend hat,
+So ist's der junge Herr in wenig Stunden satt.
+Bei Mädchen ist er gern mit Tändelei zufrieden,
+Er redet Sentiments, und ist nicht zu ermüden;
+Doch wenn nur eine Frau ein wenig spröde tut,
+So wundert er sich sehr und greift nach seinem Hut.
+Alcest ist wieder hier. Er ist's zu meiner Plage.
+Ach ehmals war er da, da waren's andre Tage.
+Wie liebt ich ihn! - Und noch! - Ich weiß nicht, was ich will!
+Ich flieh ihn, wo ich kann. Er ist nachdenkend, still,
+Ich fürchte mich vor ihm; die Furcht ist wohl gegründet.
+Ach wüßt er, was mein Herz noch jetzt für ihn empfindet!
+Er kommt! Ich zittre schon, mein Herz ist gar zu voll,
+Ich weiß nicht, was ich will, noch wen'ger, was ich soll.
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+
+[Sophie. Alcest.]
+
+Alcest.
+Sind Sie einmal allein, und darf ein Freund es wagen?
+
+Sophie.
+Mein Herr.
+
+Alcest.
+ Mein Herr! So klang's nicht in vergangnen Tagen.
+
+Sophie.
+Ja wohl, die Zeit verfliegt, und alles ändert sich.
+
+Alcest.
+Erstreckt sich denn die Macht der Zeit auch über dich,
+O Liebe! Bin ich's selbst, der mit Sophien redet?
+Bist du Sophie?
+
+Sophie [bittend].
+ Alcest!
+
+Alcest.
+ Bist du's?
+
+Sophie.
+ Ihr Vorwurf tötet
+Mein armes Herz. Alcest! Mein Freund, ich bitte Sie!
+Ich muß, ich muß hinweg!
+
+Alcest.
+ Unzärtliche Sophie!
+Verlassen Sie mich, nur! - In diesem Augenblicke,
+Dacht ich, ist sie allein. Ich segnete mein Glücke.
+Nun, hofft ich, redet sie ein zärtlich Wort mit dir.
+O gehn Sie! Gehn Sie nur! - In diesem Zimmer hier
+Entdeckte mir Sophie zuerst die schönsten Flammen,
+Hier schloß sich unsre Brust zum erstenmal zusammen;
+An eben diesem Platz - erinnerst du dich noch? -
+Schwurst du mir ewge Treu!
+
+Sophie.
+ O schonen Sie mich doch!
+
+Alcest.
+Ein schöner Abend war's - ich werd ihn nie vergessen!
+Dein Auge redete, und ich, ich ward vermessen.
+Mit Zittern botst du mir die heißen Lippen dar.
+Mein Herze fühlt es noch, wie sehr ich glücklich war.
+Da hattest du nicht Zeit, was sonst als mich zu denken,
+Und jetzo willst du mir nicht eine Stunde schenken?
+Du siehst, ich suche dich, du siehst, ich bin betrübt -
+Geh nur, du falsches Herz, du hast mich nie geliebt!
+
+Sophie.
+Ich bin geplagt genug, willst du mich auch noch plagen?
+Sophie dich nicht geliebt! Alcest, das darfst du sagen?
+Du warst mein ganzer Wunsch, du warst mein höchstes Gut;
+Für dich schlug dieses Herz, dir wallte dieses Blut.
+Und dieses Herz, mein Freund, das du einst ganz besessen,
+Kann nicht unzärtlich sein, es kann dich nicht vergessen.
+Die Liebe widersteht der Zeit, die alles raubt,
+Man hat nie recht geliebt, wenn man sie endlich glaubt.
+Allein - Es kommt jemand.
+
+Alcest.
+ Nein!
+
+Sophie.
+ Es ist hier gefährlich.
+
+Alcest.
+Auch nicht ein einzig Wort. O es ist zu beschwerlich.
+So geht's den ganzen Tag! Wie ist man nicht geplagt!
+Schon vierzehn Tage hier, und dir kein Wort gesagt!
+Ich weiß, du liebst mich noch, allein das wird mich töten.
+Niemals sind wir allein, was unter uns zu reden;
+Nicht einen Augenblick ist hier im Zimmer Ruh,
+Bald ist der Vater da, dann kommt der Mann dazu.
+Lang bleib ich dir nicht hier, das ist mir unerträglich.
+Allein, Sophie, wer will, ist dem nicht alles möglich?
+Sonst war dir nichts zu schwer, du halfest dir geschwind;
+Ein Drach war eingewiegt, und hundert Augen blind.
+O, wenn du wolltest -
+
+Sophie.
+ Was?
+
+Alcest.
+ Wenn du nur denken wolltest,
+Daß du Alcesten nicht verzweifeln machen solltest!
+Geliebte, suche dir doch nur Gelegenheit
+Zur Unterredung auf, die dieser Ort verbeut.
+O höre, heute nacht! dein Mann geht aus dem Hause,
+Man glaubt, ich gehe selbst zu einem Fastnachtsschmause;
+Allein, das Hintertor ist meiner Treppe nah -
+Es merkt's kein Mensch im Haus und ich bin wieder da.
+Den Schlüssel hab ich hier, und willst du mir erlauben -
+
+Sophie.
+Alcest, ich wundre mich -
+
+Alcest.
+ Und ich, ich soll es glauben,
+Daß du kein hartes Herz, kein falsches Mädchen bist?
+Du schlägst das Mittel aus, das uns noch übrig ist.
+Wir kennen uns ja schon; was brauchst du dich zu schämen?
+Wär etwas anders da, ich wollte das nicht nehmen.
+Allein genug: heut nacht, Sophie, besuch ich dich.
+Doch kommt dir's sichrer vor, so komm, besuche mich!
+
+Sophie.
+Alcest, das ist zu viel!
+
+Alcest.
+ Zu viel! O, schön gesprochen!
+Verflucht! zu viel! zu viel! Verderb ich meine Wochen
+Hier so umsonst? - Verdammt! was hält mich dieser Ort,
+Wenn mich Sophie nicht hält? Ich gehe morgen fort.
+
+Sophie.
+Geliebter! Bester!
+
+Alcest.
+ Nein, du siehst, du kennst mein Leiden,
+Und du erbarmst dich nicht. Ich will dich ewig meiden!
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+[Vorige. Der Wirt.]
+
+[Alcest geht in der Stube auf und nieder. Sophie steht unentschlossen
+da. Der Wirt kommt mit einem Briefe.]
+
+Wirt.
+Da ist ein Brief; er muß von jemand Hohes sein;
+Das Siegel ist sehr groß, und das Papier ist fein.
+
+[Alcest nimmt den Brief und reißt ihn auf.]
+
+Wirt.
+In Stücken das Couvert, nur um geschwind zu wissen.
+
+Alcest [der den Brief kaum angesehen hat].
+Ich werde morgen früh von hier verreisen müssen.
+Die Rechnung!
+
+Wirt.
+ So geschwind! In dieser schlimmen Zeit
+Verreisen? Dieser Brief ist wohl von Wichtigkeit?
+Dürft ich mich unterstehn und Ihro Gnaden fragen?
+
+Alcest.
+Nein!
+
+Wirt [heimlich zu Sophien].
+ Frag ihn doch einmal, gewiß, dir wird er's sagen.
+[Er geht an den Tisch im Fond, schlägt in seinen Büchern nach, und
+schreibt die Rechnung.]
+
+Sophie [zärtlich].
+Alcest, ist es gewiß?
+
+Alcest [weggewendet].
+ Das schmeichelnde Gesicht!
+
+Sophie.
+Alcest, ich bitte dich, verlaß Sophien nicht!
+
+Alcest.
+Nun gut, entschließe dich, mich heute nacht zu sehen.
+
+Sophie [vor sich].
+Was soll, was kann ich tun? Er darf, er darf nicht gehen;
+Er ist mein einzger Trost, ich tue, was ich kann.
+
+Alcest.
+Nun, Liebste?
+
+Sophie.
+ Doch mein Mann -
+
+Alcest.
+ Der Henker hol den Mann!
+Nun, willst du?
+
+Sophie.
+ Ob ich will?
+
+Alcest.
+ Nun?
+
+Sophie.
+ Ich will zu dir kommen.
+
+Alcest.
+Herr Wirt, ich reise nicht!
+
+Wirt [hervortretend].
+ So!
+[Zu Sophien.]
+ Hast du was vernommen?
+
+Sophie.
+Er will nichts sagen.
+
+Wirt.
+ Nichts?
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+[Die Vorigen. Söller.]
+
+Söller.
+ Mein Hut!
+
+Sophie.
+ Da ist er. Hier!
+
+Alcest.
+Adieu, ich muß zum Schmaus.
+
+Söller.
+ Ich wünsche viel Plaisir.
+
+Alcest [faßt Sophien bei der Hand].
+Adieu, scharmante Frau!
+
+Söller [vor sich].
+ Der Kerl wird täglich kühner.
+
+Alcest [zum Wirt].
+Ein Licht! Ich muß hinauf.
+
+Sophie.
+ Adieu, Alcest!
+
+Wirt [begleitet ihn].
+ Ihr Diener.
+
+Alcest.
+Sie bleiben!
+
+Wirt.
+ Gnädger Herr -
+
+Alcest.
+ Herr Wirt, nicht einen Schritt!
+[Er geht ab.]
+
+Sophie.
+Nun, Söller, gehst du denn! Wie wär's, du nähmst mich mit?
+
+Söller.
+Warum sagst du's nicht eh.
+
+Sophie.
+ O geh! es war im Scherze.
+
+Söller.
+Nein, nein, ich weiß es schon, es wird dir warm ums Herze.
+Wenn man so jemand sieht, der sich zum Balle schickt,
+Und man soll schlafen gehn, da ist hier was, das drückt.
+Es ist ein andermal.
+
+Sophie.
+ O ja, ich kann wohl warten.
+Noch etwas: sei gescheit und hüt dich vor den Karten.
+Geruhge Nacht, Papa, ich will zu Bette gehn.
+Es ist schon spät.
+
+Wirt.
+ Schlaf wohl!
+
+Söller [sieht ihr nach].
+ Nein, sie ist wahrlich schön!
+[Er läuft ihr nach und küßt sie.]
+Schlaf wohl, mein Schäfchen!
+[Sophie geht ab.]
+[Zum Wirt.]
+ Nun, geht Er nicht auch zu Bette?
+
+Wirt.
+Das ist ein Teufelsbrief; wenn ich den Brief nur hätte!
+[Zu Söller.]
+Nun, Fastnacht! gute Nacht!
+
+Söller.
+ Dank's! angenehme Ruh!
+
+Wirt.
+Herr Söller, wenn Er geht, mach Er das Tor recht zu!
+
+Söller.
+Ja, sorgen Sie für nichts!
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+Söller [allein].
+ Was ist nun anzufangen?
+O, das verfluchte Spiel! Ich wollt, er wär gehangen,
+Der Karo-König - Ja - Nun gilt es witzig sein.
+Der Spieler borgt nicht mehr. Ich weiß nicht aus noch ein.
+Wie wär's? Alcest hat Geld, und hier: da hab ich Schlüssel
+Zu mehr als einem Schloß. Er greift nach meiner Schüssel
+Ja auch; und meine Frau ist ihm nicht sehr verhaßt -
+Eh nun! da lad ich mich einmal bei ihm zu Gast.
+Allein, kommt es heraus, so geben's schlimme Sachen.
+Ja, ich bin in der Not, was kann ich anders machen?
+Der Spieler will sein Geld, sonst prügelt er mich aus.
+Courage, Söller! Fort! Es schläft das ganze Haus.
+Und wird es auch entdeckt, so bist du wohl gebettet,
+Denn eine schöne Frau hat manchen Dieb gerettet.
+
+
+
+Zweiter Aufzug
+
+Erster Auftritt
+
+[Das Theater ist geteilt, der Hauptteil stellt das Zimmer Alcests, der
+kleinere einen Alkoven vor.]
+
+Söller, [im Domino, den Hut auf, die Maske vorm Gesicht, ohne Schuhe,
+kommt ganz leise zur Nebentüre herein, leuchtet vorsichtig mit einer
+Blendlaterne umher; da er alles still findet, kommt er mit leisen
+Schritten hervor an den Rand des Theaters, nimmt die Maske und den Hut
+ab und wischt sich das Gesicht].
+Zum Leben braucht's nicht just, daß man so tapfer ist.
+Man kommt auch durch die Welt mit Schleichen und mit List.
+Der eine geht euch hin, bewaffnet mit Pistolen,
+Sich einen Sack mit Geld, vielleicht den Tod zu holen,
+Und ruft: Den Beutel her! Her! Ohn euch viel zu sperrn!
+Mit so gelaßnem Blut, als spräch er: Prost, ihr Herrn!
+Ein andrer zieht herum, mit zauberischen Händen
+Und Volten wie der Blitz die Uhren zu entwenden.
+Und wenn ihr's haben wollt, er sagt euch ins Gesicht:
+Ich stehle, gebt wohl acht! Er stiehlt, ihr seht es nicht.
+Mich machte die Natur nun freilich viel geringer;
+Mein Herz ist allzuleicht, zu plump sind meine Finger;
+Und doch kein Schelm zu sein, wird heutzutage schwer,
+Das Geld nimmt täglich ab, und täglich braucht man mehr.
+Doch ist's ein schlechtes Ding um halbe Bösewichter.
+Ich seh's, man wird zum Dieb geboren wie zum Dichter;
+Und pfuscht nur einer drein, so fühlt er wie der Blitz
+Die Peitsche der Kritik, die Rute der Justiz.
+
+Du bist nun einmal drin; nun hilf dich aus der Falle!
+Ach! alles meint zu Haus, ich sei schon lang beim Balle.
+Mein Herr Alcest, der schwärmt, mein Weibchen schläft allein;
+Die Konstellation wie kann sie schöner sein?
+[Er nimmt die Schatulle vom Tisch.]
+O komm, du Heiligtum! Du Gott in der Schatulle!
+Ein König ohne dich wär eine große Nulle.
+[Er zieht die Diebesschlüssel aus der Tasche und sagt unter dem
+Aufbrechen.]
+Habt Dank, ihr Dietriche! ihr seid der Trost der Welt!
+Durch euch erlang ich ihn, den großen Dietrich, Geld!
+Ich war einst Sekretär bei einem Bürgermeister.
+Ein Sekretär! Das ist kein Werk für kleine Geister,
+Es ist ein künstlich Amt und will getrieben sein.
+Ja, wie ich das noch war, da bild't ich mir was ein,
+Da ging ich wie ein Prinz. Ein Dieb wurd eingefangen,
+Die Schlüssel fanden sich, und er, er ward gehangen.
+Nun weiß man, die Justiz behält stets was für sich;
+Ich war nur Subaltern, das Eisen kam an mich;
+Ich hob es auf. Ein Ding mag noch so wenig taugen,
+Es kommt ein Augenblick, und man kann alles brauchen.
+Und jetzt -
+[Das Schloß geht auf.]
+ O schön gemünzt! Ja, das ist wahre Lust!
+Die Tasche schwillt von Geld, von Freuden meine Brust -
+Wenn es nicht Angst ist.
+[Er horcht.]
+ Horch! Verflucht! ihr feigen Glieder!
+Was zittert ihr?
+[Er fährt zusammen.]
+ Horch! - Nichts!
+[Er macht die Schatulle zu.]
+ Genug! Nun gut!
+[Er will gehen, erschrickt, und steht still.]
+ Schon wieder!
+Es geht was auf dem Gang! Es geht doch sonst nicht um.
+Der Teufel hat vielleicht sein Spiel. Das Spiel wär dumm!
+Ist's eine Katze? Nein! Das geht nicht wie ein Kater.
+Geschwind! Es dreht am Schloß.
+[Er springt in den Alkoven und sieht durch die Vorhänge.]
+ Behüt! mein Schwiegervater.
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+[Der Wirt kommt im Schlafrocke, der Nachtmütze und Pantoffeln mit
+einem Wachsstock furchtsam zur Nebentüre herein. Söller im Alkoven
+horchend.]
+
+Wirt.
+Es ist ein närrisch Ding um ein empfindlich Blut,
+Es pocht, wenn man auch nur halbweg was Böses tut.
+Dächt ich nicht aus dem Brief was Wichtiges zu holen,
+Ich wär gewiß nicht da! Ich glaub, er kam aus Polen.
+Die Zeitung heutzutag ist unerträglich kalt,
+Das Neuste, was man hört, ist immer monatsalt.
+Der Zeitungsschreiber selbst ist wirklich zu beklagen,
+Gar öfter weiß er nichts, und oft darf er nichts sagen.
+Wär ich nur gnädger Herr, ich müßt Minister sein,
+Und jeglicher Kurier ging bei mir aus und ein.
+[Er sucht überall.]
+Er ging noch erst herauf, und holte Hut und Degen;
+Ich hoff doch auch, es war, den Brief bei Seit zu legen.
+[Er sucht.]
+
+Söller [im Alkoven].
+Du guter alter Narr! ich seh wohl, es hat dich
+Der Diebs- und Zeitungsgott nicht halb so lieb als mich.
+
+Wirt.
+Ich find ihn nicht!
+[Er erschrickt.]
+ O weh! Hör ich auch recht? Daneben
+Im Zimmer?
+[Er horcht.]
+
+Söller [erschrocken].
+ Riecht er mich vielleicht?
+
+Wirt.
+ Es knistert eben,
+Als wär's ein Weiberschuh.
+
+Söller [getrost].
+ Schuh! Nein! das bin ich nicht.
+
+Wirt [bläst den Wachsstock aus].
+Ft! Bleibe, wer da will! Geh auf!
+[Er kann das Schloß in der Eile nicht aufmachen, und läßt darüber den
+Wachsstock fallen; endlich stößt er die Tür auf und läuft davon.]
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+[Sophie mit einem Licht kommt zur Haupttüre herein; Söller im
+Alkoven.]
+
+Söller [erstaunt].
+ Ein Weibsgesicht!
+Fast so wie meine Frau! Ich hoffe nicht!
+
+Sophie [setzt das Licht auf den Tisch und kommt hervor].
+ Ich bebe
+Bei dem verwegnen Schritt.
+
+Söller [mit Karikatur].
+ Sie ist's! So wahr ich lebe!
+Adieu du armer Kopf! - Allein, gesetzten Falls,
+Ich zeigte mich! - Und dann - Ja, dann adieu mein Hals!
+
+Sophie.
+Sophie, du kommst zu ihm, was hast du unternommen?
+Doch kann es anders sein? Er darf zu dir nicht kommen,
+An meinem Zimmer ist mein Vater allzunah,
+Und hier ist alles leer.
+
+Söller.
+ Leer, und der Mann ist da!
+
+Sophie.
+Ja, folgt der Liebe nur! Mit freundlichen Gebärden
+Lockt sie euch anfangs nach -
+
+Söller.
+ Ich möchte rasend werden!
+Und darf nicht -
+
+Sophie.
+ - Doch wenn ihr einmal den Weg verliert,
+Dann führt kein Irrlicht euch so schlimm, als sie euch führt.
+
+Söller.
+Jawohl, dir wär ein Sumpf gesünder als das Zimmer.
+
+Sophie.
+Bisher ging's ziemlich schlimm, doch es wird täglich schlimmer.
+Mein Mann macht's bald zu toll. Bisher gab's wohl Verdruß;
+Doch jetzt treibt er's, daß ich ihn gar verachten muß.
+
+Söller.
+O Hexe!
+
+Sophie.
+ Meine Hand hat er, Alcest inzwischen
+Besitzt, wie sonst, mein Herz.
+
+Söller.
+ Zu zaubern, Gift zu mischen,
+Ist nicht so schlimm!
+
+Sophie.
+ Dies Herz, das er zuerst entflammt,
+Das erst durch ihn gefühlt, was Liebe sei -
+
+Söller.
+ Verdammt -
+
+Sophie.
+Kalt, spröde war dies Herz, eh es Alcest erweichte.
+
+Söller.
+Ihr Männer! stündet ihr all nur einmal so Beichte!
+
+Sophie.
+Wie glücklich war ich sonst!
+
+Söller.
+ Sonst! Nun, das ist vorbei!
+
+Sophie.
+Wie liebte mich Alcest!
+
+Söller.
+ Pah! das war Kinderei!
+
+Sophie.
+Das Schicksal trennt uns bald, und ach! für meine Sünden
+Mußt ich mich - welch ein Muß - mit einem Vieh verbinden.
+
+Söller.
+Ich, Vieh? - Jawohl ein Vieh, von dem gehörnten Vieh!
+
+Sophie.
+Was seh ich?
+
+Söller.
+ Was, Madam?
+
+Sophie.
+ Des Vaters Wachsstock! Wie
+Kam er hieher? Vielleicht - Da werd ich fliehen müssen;
+Vielleicht belauscht er uns! -
+
+Söller.
+ O setz ihr zu, Gewissen!
+
+Sophie.
+Nur das begreif ich nicht, wie er ihn hier verlor.
+
+Söller.
+Sie scheut den Vater nicht, mal ihr den Teufel vor!
+
+Sophie.
+Ach nein, das ganze Haus liegt schon in tiefem Schlafe.
+
+Söller.
+Die Lust ist mächtiger als alle Furcht der Strafe.
+
+Sophie.
+Mein Vater kann nicht wohl - Wer weiß, wie es geschah?
+Es mag drum sein!
+
+Söller.
+ O weh!
+
+Sophie.
+ Alcest ist noch nicht da!
+
+Söller.
+O dürft ich sie -!
+
+Sophie.
+ Mein Herz schwimmt noch in seltnem Zweifel:
+Ich hoff und fürcht ihn doch.
+
+Söller.
+ Ich fürcht ihn wie den Teufel!
+Und mehr noch. Käm er nur, der Prinz der Unterwelt,
+Ich bät ihn: hol mir sie! da hast du all das Geld!
+
+Sophie.
+Du bist zu zärtlich, Herz! Was ist denn dein Verbrechen?
+Versprachst du, treu zu sein? und konntest du versprechen,
+Dem Menschen treu zu sein, an dem kein gutes Haar,
+Der unverständig, grob, falsch? -
+
+Söller.
+ Das bin ich!
+
+Sophie.
+ Fürwahr,
+Wenn so ein Scheusal nicht den Abscheu gnug entschuldigt,
+So lob ich mir das Land, wo man dem Teufel huldigt.
+Er ist ein Teufel!
+
+Söller [ergrimmt].
+ Was! ein Teufel? Scheusal? Ich?
+Ich halt's nicht länger aus!
+[Er will herausbrechen. Doch da er Alcest erblickt, fährt er zurück.]
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+[Sophie, Söller im Alkoven, Alcest.]
+
+Alcest.
+ Du wartest schon auf mich?
+
+Sophie [lächelnd].
+Sophie kam dir zuvor.
+
+Alcest.
+ Du zitterst?
+
+Sophie.
+ Die Gefahren
+Von hier und dort -
+[Sie deutet auf Alcesten und auf die Türe.]
+
+Söller.
+ Du! dir! das sind Präliminaren.
+
+Sophie.
+Du weißt es, was mein Herz um deinetwillen litt,
+Du kennst dies ganze Herz, verzeih ihm diesen Schritt.
+
+Alcest [mit Nachdruck].
+Sophie!
+
+Sophie.
+ Verzeihst du ihn, so fühl ich keine Reue.
+
+Söller.
+Ja, frage mich einmal, ob ich dir ihn verzeihe!
+
+Sophie.
+Warum kam ich hierher? Gewiß, ich weiß es kaum.
+
+Söller.
+Ich weiß es nur zu wohl!
+
+Sophie.
+ Es ist mir wie ein Traum.
+
+Söller.
+Ich wollt, ich träumte!
+
+Sophie.
+ Sieh, ein ganzes Herz voll Plagen
+Bring ich zu dir.
+
+Alcest.
+ Der Schmerz vermindert sich im Klagen.
+
+Sophie.
+Ein sympathetisch Herz wie deines fand ich nie.
+
+Söller.
+Wenn ihr zusammen gähnt, das nennt ihr Sympathie!
+Vortrefflich!
+
+Sophie.
+ Mußt ich nur dich so vollkommen finden,
+Um mit dem Gegensatz von dir mich zu verbinden?
+Ich hab ein Herz, das nicht tot für die Tugend ist.
+
+Alcest.
+Ich kenn's!
+
+Söller.
+ Ja, ja, ich auch!
+
+Sophie.
+ So liebenswert du bist,
+Alcest, ich würde nie aus meinen Schranken weichen,
+Wär Söller nicht ein Mann, um mich herauszuscheuchen.
+
+Söller.
+Sie lügt! Ein Mann von Stroh wär ich! Da seht ihr mich,
+Ihr Herren! Hat er denn so Waden stehn wie ich?
+
+Sophie.
+Ich dachte, da die Not mich zwang, dich zu verlassen,
+Ihn zu ertragen -
+
+Söller.
+ Schön!
+
+Sophie.
+ Allein ich muß ihn hassen.
+
+Söller.
+Noch schöner!
+
+Alcest.
+ Du verdienst kein so unglücklich Band.
+
+Sophie.
+Dumm ohn ein gutes Herz, und boshaft ohn Verstand.
+Zum Schelmen viel zu feig, zu schlimm, um gut zu denken,
+Beschäftigt sich sein Kopf mit ungeschliffnen Ränken,
+Verleumdet, lügt, betrügt.
+
+Söller.
+ Ich seh, sie sammelt schon
+Die Personalien zu meinem Leichsermon.
+
+Sophie.
+Mit ihm zu leben! denk, wie sehr mich das betrübte,
+Hofft ich nicht -
+
+Söller.
+ Nur heraus!
+
+Sophie.
+ Daß mich Alcest noch liebte.
+
+Alcest.
+Er liebt, er klagt wie du.
+
+Sophie.
+ Das lindert meine Pein,
+Von Einem wenigstens, von dir beklagt zu sein.
+[Sie faßt ihn bei der Hand.]
+Alcest, bei dieser Hand, der teuern Hand, beschwöre
+Ich dich, behalte mir dein Herz gewogen!
+
+Söller.
+ Höre,
+Wie schön sie tut!
+
+Sophie.
+ Dies Herz, das nur für dich gebrannt,
+Weiß keinen andern Trost, als den von deiner Hand.
+
+Alcest.
+Ich kenne für dein Herz kein Mittel.
+
+Söller.
+ Desto schlimmer!
+Schlägt's nicht am Herzen an, so sieht das Frauenzimmer
+Gern, daß man sonst kuriert.
+
+Sophie, [die sich auf Alcestens Arm lehnt].
+ Mein Freund!
+
+Söller [beängstigt].
+ Bald geht's zu weit!
+[Zum Parterre.]
+Es ist mein großes Glück, daß ihr da unten seid;
+Da schämen sie sich noch.
+[Alcest umarmt Sophien.]
+ Nein! Er wird zu verwegen!
+Ich führ ihm gern an Kopf, hätt er nur keinen Degen.
+
+Sophie [ängstlich].
+Grausamer, laß mich gehn!
+
+Söller [außer sich].
+ Verflucht! Wie sie sich ziert!
+Grausamer! Laß mich gehn! Das ist kapituliert.
+Pfui, schämen Sie sich doch! Die abgedroschne Leier,
+Wenn's schon bergunter geht! Wer gibt mir einen Dreier
+Für ihre Tugend?
+
+Sophie.
+ Freund, noch diesen letzten Kuß,
+Und dann leb wohl!
+
+Alcest.
+ Du gehst?
+
+Sophie.
+ Ich gehe, denn ich muß.
+
+Alcest.
+Du liebst mich, und du gehst?
+
+Sophie.
+ Ich geh, weil ich dich liebe.
+Ich würde einen Freund verlieren, wenn ich bliebe.
+Es strömt der Klagen Lauf am liebsten in der Nacht,
+An einem sichern Ort, wo nichts uns zittern macht.
+Man wird vertraulicher, je ruhiger man klaget;
+Allein für mein Geschlecht ist's stets zu viel gewaget.
+Die Liebe nennet sich zuerst Vertraulichkeit.
+Ein schmerzerweichtes Herz in dieser sichern Zeit
+Versagt dem Freunde nicht den Mund zu Freundschaftsküssen.
+Ein Freund ist auch ein Mensch.
+
+Söller.
+ Sie scheint es gut zu wissen.
+
+Sophie.
+Leb wohl!
+
+Alcest.
+ Vergiß es nie, daß ich der Deine sei.
+
+Söller [erholt].
+Das Ungewitter zieht mir nah am Kopf vorbei.
+[Sophie geht ab. Alcest begleitet sie zur Haupttüre hinaus.]
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+
+Söller [im Alkoven].
+O Tod! Er geht mit ihr! Weh mir, ich bin verloren!
+Heraus aus deinem Nest!
+[Er wagt sich halb aus dem Alkoven und horcht.]
+ Ich bin auf beiden Ohren
+Entweder wirklich taub - Sie ist doch noch nicht fort!
+Und dennoch rührt sich nichts, ich höre nicht ein Wort.
+Wie wär es, wenn ich mich ein bißchen näher machte?
+[Er wagt sich langsam an die große Türe.]
+Sie reden noch! Ganz leis! - Zum Henker!
+[Er meint, es käme jemand, und fährt wie ein Blitz in den Alkoven.]
+ Sachte! Sachte!
+Es kömmt kein Mensch.
+[Er will wieder heraus.]
+ Versuch's!
+[Er traut nicht.]
+ Das ist zu viel gewagt.
+[In der äußersten Karikatur von Verlegenheit.]
+Was fang ich an! Ich bin ein Hahnrei!
+[Er rennt mit dem Kopf wider die Wand.]
+ Ah! es ragt
+An meiner Stirne schon das Zeichen meiner Würde
+Hervor. Was ist zu tun?
+[Er schlägt auf die Tasche.]
+ Komm, meine teure Bürde!
+Komm, rette dich mit mir, und leite mich zum Wein,
+Solang man trinken kann, läßt sich's noch glücklich sein.
+Der wohlgekrönte Stand ist keiner von den bösten;
+Als Hahnrei kann man sich eh als am Galgen trösten.
+[Eilig durch die Nebentüre fort.]
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Alcest.
+Ihr großen Geister sagt, daß keine Tugend sei
+Und Liebe Sinnlichkeit und Freundschaft Heuchelei,
+Daß man kein einzig Herz mit festen Mauern finde,
+Daß nur Gelegenheit die Stärksten überwinde,
+Daß es, wenn man in uns das Laster je vermißt,
+Beim Jüngling Blödigkeit und Furcht beim Mädchen ist.
+Es zittert, spottet ihr, die unerfahrne Jugend.
+Doch ist dies Zittern nicht selbst ein Gefühl von Tugend?
+Ist diese Sympathie, dies schwimmende Gefühl,
+Dem man sich schwer entreißt, nichts als ein Fibernspiel?
+Wie süß verträumt ich nicht die jugendlichen Stunden
+Einst in Sophiens Arm. Ich hatte nichts empfunden,
+Bis mir der Druck der Hand, ihr Blick, ihr Kuß entdeckt,
+Wie's einem Neuling ist, wenn er die Wollust schmeckt.
+Uns führte keine Wahl mit klugem Rat zusammen,
+Wir sahn einander an, und standen schon in Flammen.
+Bist du der Liebe wert, ward da nicht lang gefragt;
+Es war erst halb gefühlt, und war schon ganz gesagt.
+Wir lebten lange so die süßen Augenblicke;
+Zuletzt verschlug es sich. Ich fluchte dem Geschicke,
+Und schwur, daß Freundschaft, Lieb und Zärtlichkeit und Treu
+Der Maskeradenputz verkappter Laster sei.
+Und sucht in dem Gewühl der körperlichen Triebe
+Den Tod des Vorurteils, von Tugend und von Liebe.
+Zuletzt verhärteten mich Wollust, Stolz und Zeit;
+Ich glaubte mich geschützt vor aller Zärtlichkeit.
+Stolz kehrt ich zu Sophien. Wie schön war sie geworden!
+Ich stutzte. »Ha, ihr Mann ist doch vom großen Orden
+Schon lange Ritter! Doch sie hat der Freunde mehr.
+Es sei drum! Wenn du kommst, so macht sie dir's nicht schwer.
+Ihr Sperren rührt mich nur, daß ich die Nase rümpfe:
+Gnung! Das gewohnte Spiel vom Faun und von der Nymphe.«
+So dacht ich, sah sie oft, allein da fühlt ich was,
+Ihr liederlichen Herrn, erklärt mir, was ist das?
+Das hier mich immer schilt, hier immer für sie redet,
+Mir alle Kühnheit raubt, und jeden Anschlag tötet.
+Sie nennt mich ihren Freund, eröffnet mir ihr Herz;
+Ich schwur die Freundschaft ab, doch teil ich ihren Schmerz.
+Sie sagt, sie habe mich als alle Menschen lieber;
+Ha! denk ich, Lieb ist Tand, und freu mich doch darüber.
+Sie liebt mich und verläßt doch ihre Tugend nie;
+Die Tugend glaub ich nicht, und doch verehr ich sie.
+Heut hofft ich ziemlich viel und wagte nichts zu nehmen.
+So bös und doch so feig! Ich muß mich wahrlich schämen.
+Entweder nennet mich Weib! Tückisch ohne Kraft!
+Wo nicht, so bin ich noch nicht völlig lasterhaft.
+Was ist's? was treibt dich an, ihr Leben zu versüßen?
+Ist's Lieb? Ist's Eigennutz? Gedenkst du zu genießen,
+Und willst es kaufen? Nein! Ich weiß, es fehlt ihr Geld,
+Und sie vertraut mir's nicht, das ist's, was mir gefällt.
+Ich sinne jetzo nur auf ein versteckt Geschenke;
+Ich habe just noch Geld. Gut, daß ich gleich dran denke.
+Ich muß es zählen.
+[Er öffnet die Schatulle.]
+ Was! Was seh ich! Teufel! Leer!
+Von hundert Spezies kaum fünfundzwanzig mehr!
+Seit heute nachmittag! Wer konnte sie entwenden?
+Die Schlüssel kamen nicht die Zeit aus meinen Händen.
+Wer war im Zimmer? Ha! Sophie! Gedanke fort!
+Mein Diener? O, der liegt an einem sichern Ort.
+Er schläft, gleich will ich hin, mit Lärm ihn aufzuwecken;
+Wenn er der Täter ist, verrät er sich im Schrecken.
+
+
+
+Dritter Aufzug
+
+Erster Auftritt
+
+Die Wirtsstube.
+
+Der Wirt [im Schlafrocke, in dem Sessel hinter dem Tisch, worauf ein
+bald abgebrannt Licht, Kaffeezeug, Pfeifen und die Zeitungen. Nach den
+ersten Versen steht er auf und zieht sich in diesem Auftritt und dem
+Anfang des folgenden an.]
+Es steht mit Polen jetzt nicht eben allzugut!
+Allein ich passe drauf, was noch der Russe tut.
+Greift er's nur weislich an, so kann er nicht verlieren,
+Und er ist Kerls genug, den Türken abzuführen,
+Kommt er nur recht in Schuß, da tobt er wie ein Bär.
+Ich wüßte, was ich tät, wenn ich der Russe wär;
+Ich zög vor das Serail, und ohne viel zu fragen,
+Schickt ich den Großsultan ein wenig Zobeljagen.
+Krieg ich ihn nicht, den Brief, so komm ich nicht zur Ruh.
+Es ging wahrhaftig nicht mit rechten Dingen zu!
+Unmöglich scheint es mir, das Rätsel aufzulösen:
+Wenn man was Böses tut, fürcht man sich vor dem Bösen.
+Es war nicht mein Beruf, drum kam die Furcht mich an;
+Und doch für einen Wirt ist es nicht wohlgetan,
+Zu zittern, wenn's im Haus rumort und geht und knistert;
+Denn mit Gespenstern sind die Diebe nah verschwistert.
+Es war kein Mensch zu Haus, nicht Söller, nicht Alcest;
+Der Kellner konnt's nicht sein, die Mägde schliefen fest.
+Doch halt! - In aller Früh, so zwischen drei und viere,
+Hört ich ein leis Geräusch, es ging Sophiens Türe.
+Sie war vielleicht wohl selbst der Geist, vor dem ich floh.
+Es war ein Weibertritt, Sophie geht eben so.
+Was tat sie denn wohl da? - Man weiß, wie's Weiber machen;
+Sie visitieren gern und sehn der Fremden Sachen
+Und ihre Wäsche gern. Hätt ich nur dran gedacht,
+Ich hätte sie erschreckt und dann sie ausgelacht.
+Sie hätte mit gesucht, der Brief wär nun gefunden;
+Jetzt ist die schöne Zeit so ungebraucht verschwunden.
+Verflucht! Zur rechten Zeit fällt einem nie was ein,
+Und was man Gutes denkt, kommt meist erst hinterdrein.
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+[Der Wirt. Sophie.]
+
+Sophie.
+Mein Vater, denken Sie! -
+
+Wirt.
+ Nicht einmal guten Morgen?
+
+Sophie.
+Verzeihen Sie; mein Kopf schwillt von ganz andern Sorgen.
+
+Wirt.
+Warum?
+
+Sophie.
+ Alcestens Geld, das er erst kurz empfing,
+Ist miteinander fort.
+
+Wirt.
+ Fort! das verfluchte Ding
+Um's Königs Pharao!
+
+Sophie.
+ Nicht doch, es ist gestohlen!
+
+Wirt.
+Wie?
+
+Sophie.
+ Ei, vom Zimmer weg!
+
+Wirt.
+ Den soll der Henker holen,
+Den Dieb! Wer ist's? Geschwind!
+
+Sophie.
+ Wer's wüßte!
+
+Wirt.
+ Hier im Haus?
+
+Sophie.
+Ja, von Alcestens Tisch, aus der Schatull heraus.
+
+Wirt.
+Und wann?
+
+Sophie.
+ Heut nacht!
+
+Wirt [vor sich].
+ Das ist für meiner Neugier Sünden!
+Die Schuld kommt noch auf mich, man wird den Wachsstock finden.
+
+Sophie [vor sich].
+Er ist bestürzt und murrt, hat er's wohl selbst getan?
+Im Zimmer war er nun, der Wachsstock klagt ihn an.
+
+Wirt [vor sich].
+Hat es Sophie wohl selbst? Verflucht! das wär noch schlimmer!
+Sie wollte gestern Geld, und war heut nacht im Zimmer.
+[Laut.]
+Das ist ein dummer Streich! Gib acht! der tut uns weh;
+Wohlfeil und sicher sein ist unsre Renommee.
+
+Sophie.
+Wie's ihm ein Schaden ist, so ist's auch uns ein Schaden;
+Es wird am Ende doch dem Gastwirt aufgeladen.
+
+Wirt.
+Ja, und es ist ein Ding, für das er gar nichts kann;
+Ist Diebsgesind im Haus, wer ist's? Weiß er es dann?
+Es ist ein arger Streich!
+
+Sophie.
+ Es schlägt mich gänzlich nieder.
+
+Wirt [vor sich].
+Aha, es wird ihr bang.
+[Laut, etwas verdrießlich.]
+ Ich wollt', er hätt es wieder!
+Ich wär recht froh.
+
+Sophie [vor sich].
+ Schon gut, die Reue kommt ihm ein.
+[Laut.]
+Und wenn er's wieder hat, so mag der Täter sein,
+Wer will; man sagt's ihm nicht, und ihn bekümmert's weiter
+Auch nicht.
+
+Wirt [vor sich].
+ Wenn sie's nicht hat, bin ich ein Bärenhäuter!
+[Laut.]
+Du bist ein gutes Kind, und mein Vertraun zu dir -
+Wart nur!
+[Er geht, nach der Türe zu sehen.]
+
+Sophie [vor sich].
+ Gebt acht, er kommt und offenbart sich mir!
+
+Wirt.
+Ich kenne dich, Sophie; du pflegtest nie zu lügen.
+
+Sophie.
+Eh hab ich aller Welt als Ihnen was verschwiegen.
+Drum hoff' ich diesesmal auch zu verdienen -
+
+Wirt.
+ Schön!
+Du bist mein Kind; und was geschehn ist, ist geschehn.
+
+Sophie.
+Papa, ich nehm's gewiß nicht strenger, als Sie's nehmen.
+
+Wirt.
+Es ist was Menschliches; nichts um sich viel zu schämen.
+Daß du im Zimmer warst, das weiß kein Mensch als ich.
+
+Sophie [erschrocken].
+Sie wissen?
+
+Wirt [lächelnd].
+ Ich war drin, du kamst, ich hörte dich;
+Ich wußt nicht, wer es war, und lief, als käm der Teufel.
+
+Sophie [vor sich].
+Ja, ja, er hat das Geld! Nun ist es außer Zweifel.
+
+Wirt.
+Erst jetzo fiel mir ein, ich hört dich heute früh.
+
+Sophie.
+Und was vortrefflich ist, es denkt kein Mensch an Sie.
+Ich fand den Wachsstock -
+
+Wirt.
+ Du?
+
+Sophie.
+ Ich!
+
+Wirt.
+ Schön, bei meinem Leben!
+Nun sag, wie machen wir's, daß wir's ihm wiedergeben?
+
+Sophie.
+Sie sagen: »Herr Alcest! verschonen Sie mein Haus;
+Das Geld ist wieder da, ich hab den Dieb heraus.
+Sie wissen selbst, wie leicht Gelegenheit verführet;
+Doch kaum war es entwandt, so war er schon gerühret,
+Bekannt und gab es mir. Da haben Sie's! Verzeihn
+Sie ihm!« - Gewiß, Alcest wird gern zufrieden sein.
+
+Wirt.
+So was zu fädeln, hast du eine seltne Gabe.
+
+Sophie.
+Ja, bringen Sie's ihm so!
+
+Wirt.
+ Gleich! wenn ich's nur erst habe.
+
+Sophie.
+Sie haben's nicht?
+
+Wirt.
+ Eh nein! Wo hätt' ich es denn her?
+
+Sophie.
+Woher?
+
+Wirt.
+ Nun ja! Woher? Gabst du mir's denn?
+
+Sophie.
+ Und wer
+Hat's denn?
+
+Wirt.
+ Wer's hat!
+
+Sophie.
+ Jawohl! wenn Sie's nicht haben?
+
+Wirt.
+ Possen!
+
+Sophie.
+Wo taten Sie's denn hin?
+
+Wirt.
+ Ich glaub, du bist geschossen!
+Hast du's denn nicht?
+
+Sophie.
+ Ich!
+
+Wirt.
+ Ja!
+
+Sophie.
+ Wie käm ich denn dazu?
+
+Wirt [macht ihr pantomimisch das Stehlen vor].
+Eh!
+
+Sophie.
+ Ich versteh Sie nicht!
+
+Wirt.
+ Wie unverschämt bist du!
+Jetzt, da du's geben sollst, gedenkst du auszuweichen.
+Du hast's ja erst bekannt.
+[Zum Parterre.]
+ Ihr Herrn seid meine Zeugen.
+
+Sophie.
+Nein, das ist mir zu hoch! Jetzt klagen Sie mich an;
+Und sagten nur erst jetzt, Sie hätten's selbst getan!
+
+Wirt.
+Du Kröte! Ich's getan! Ist das die schuld'ge Liebe,
+Die Ehrfurcht gegen mich? Du machst mich gar zum Diebe,
+Da du die Diebin bist!
+
+Sophie.
+ Mein Vater!
+
+Wirt.
+ Warst du nicht
+Heut früh im Zimmer?
+
+Sophie.
+ Ja!
+
+Wirt.
+ Und sagst mir ins Gesicht,
+Du hättest nicht das Geld?
+
+Sophie.
+ Beweist das gleich?
+
+Wirt.
+ Ja!
+
+Sophie.
+ Waren
+Sie denn nicht auch heut früh -
+
+Wirt.
+ Ich faß dich bei den Haaren,
+Wenn du nicht schweigst und gehst!
+[Sie geht weinend ab.]
+ Du treibst den Spaß zu weit,
+Nichtswürdge! - Sie ist fort! Es war ihr hohe Zeit!
+Vielleicht bild't sie sich ein, mit Leugnen durchzukommen!
+Das Geld ist einmal fort, und gnug, sie hat's genommen!
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+[Alcest in Gedanken. Der Wirt.]
+
+Wirt [verlegen und bittend].
+Ich bin recht sehr bestürzt, daß ich erfahren muß -!
+Ich sehe, gnädger Herr, Sie sind noch voll Verdruß.
+Doch bitt ich, vorderhand es gütigst zu verschweigen;
+Es wird sich wohl ein Weg zum Wiederkommen zeigen.
+Erfährt man's in der Stadt, so freun die Neider sich,
+Und ihre Bosheit schiebt wohl alle Schuld auf mich.
+Es kann kein Fremder sein, ein Hausdieb hat's genommen.
+Sein Sie nur nicht erzürnt, es wird schon wiederkommen.
+Wie hoch beläuft sich's denn?
+
+Alcest.
+ Auf achtzig Taler.
+
+Wirt.
+ Ei!
+
+Alcest.
+Doch achtzig Taler -
+
+Wirt.
+ Pest! sind keine Kinderei!
+
+Alcest.
+Und dennoch wollt ich sie vergessen und entbehren,
+Wüßt ich, durch wen und wie sie weggekommen wären.
+
+Wirt.
+Wenn man das Geld nur hat, so fragt man nicht einmal,
+Ob's Michel oder Hans, und wann und wie er's stahl.
+
+Alcest [vor sich].
+Mein Diener hat es nicht, er ist kein Mensch zum Rauben.
+Und in dem Zimmer war - Nein, nein, ich mag's nicht glauben!
+
+Wirt.
+Sie brechen sich den Kopf? Es ist vergebne Müh,
+Genug, ich schaff das Geld.
+
+Alcest.
+ Mein Geld?
+
+Wirt.
+ Ja, wetten Sie!
+Genung, schaff ich sie nicht, die achtzig bare Taler,
+So nennet mich Pique As, Mann von Papier, Hans Prahler!
+
+Alcest.
+Sie wissen also? -
+
+Wirt.
+ Hm! Ich bring's heraus, das Geld.
+
+Alcest.
+Ei, sagen Sie mir's doch -
+
+Wirt.
+ Nicht um die ganze Welt!
+
+Alcest.
+Wer nahm's, ich bitte Sie!
+
+Wirt.
+ Ich sag, ich darf's nicht sagen.
+
+Alcest.
+Doch jemand aus dem Haus?
+
+Wirt.
+ Sie werden's nicht erfragen.
+
+Alcest.
+Vielleicht die junge Magd?
+
+Wirt.
+ Die gute Hanne! Nein!
+
+Alcest.
+Der Kellner hat's doch nicht?
+
+Wirt.
+ Der Kellner! das kann sein!
+
+Alcest.
+Die Köchin ist zu dumm -
+
+Wirt.
+ Ich wollte nicht drauf schwören.
+
+Alcest.
+Der Küchenjunge Hans?
+
+Wirt.
+ Ja, ja, das läßt sich hören.
+
+Alcest.
+Der Gärtner könnte wohl -
+
+Wirt.
+ Bald, balde sind Sie da.
+
+Alcest.
+Der Sohn des Gärtners?
+
+Wirt.
+ Nein!
+
+Alcest.
+ Vielleicht -
+
+Wirt [halblaut].
+ Der Haushund? - Ja.
+
+Alcest [vor sich].
+Wart nur, du dummer Kerl; ich weiß dich schon zu kriegen!
+[Laut.]
+So hab's denn, wer es will! Daran kann wenig liegen,
+Wenn's wiederkommt!
+[Er tut, als ging er weg.]
+
+Wirt.
+ Jawohl!
+
+Alcest [als wenn ihm etwas einfiele].
+ Herr Wirt! Mein Tintenfaß
+Ist leer, und dieser Brief verlangt expreß -
+[Er zieht den Brief aus der Tasche.]
+
+Wirt.
+ Ei was!
+Erst gestern kam er an, und heute schon zu schreiben,
+Es muß was Wichtigs sein.
+
+Alcest.
+ Er darf nicht liegenbleiben.
+
+Wirt.
+Es ist ein großes Glück, wenn man korrespondiert.
+
+Alcest.
+Nicht eben allemal! Die Zeit, die man verliert,
+Wird nicht sogleich ersetzt.
+
+Wirt.
+ O das geht wie im Spiele:
+Da kommt ein einzger Brief, und tröstet uns für viele.
+Verzeihn Sie, gnädger Herr! Der gestrige enthält
+Viel Wichtigs? Dürft ich wohl -?
+
+Alcest.
+ Nicht um die ganze Welt!
+
+Wirt.
+Vielleicht vom Norden her?
+
+Alcest.
+ Ich sag, ich darf's nicht sagen.
+
+Wirt.
+Aus Polen denk ich wohl?
+
+Alcest.
+ Sie werden's nicht erfragen.
+
+Wirt.
+Vielleicht vom Könige?
+
+Alcest.
+ Vom armen König? Nein!
+
+Wirt.
+Gewiß vom Türkenmarsch?
+
+Alcest.
+ Vom Türken? Das kann sein!
+
+Wirt.
+Doch nicht vom Paoli?
+
+Alcest.
+ Ich wollte nicht drauf schwören.
+
+Wirt.
+Vom Fünfundvierziger?
+
+Alcest.
+ Nun ja, das läßt sich hören.
+
+Wirt.
+Doch vom Kometen nichts?
+
+Alcest.
+ Bald, balde sind Sie da.
+
+Wirt.
+Vom sächsischen Gespenst?
+
+Alcest.
+ Dem Jesuiten? Ja!
+
+Wirt.
+Sie scheinen gar nicht viel auf Ihren Knecht zu bauen.
+
+Alcest.
+Wer selbst mißtrauisch ist, verdient der viel Vertrauen?
+
+Wirt.
+Und was verlangen Sie für ein Vertraun von mir?
+
+Alcest.
+Wer ist der Dieb? Mein Brief steht gleich zu Diensten. Hier:
+Sehr billig ist der Tausch, wozu ich mich erbiete.
+Nun, wollen Sie den Brief?
+
+Wirt [konfundiert und begierig].
+ Ach, allzuviele Güte!
+[Vor sich.]
+Wär's nur nicht eben das, was er von mir begehrt.
+
+Alcest.
+Sie sehen doch, ein Dienst ist wohl des andern wert.
+Und ich verrate nichts, ich schwör bei meiner Ehre.
+
+Wirt.
+Wenn nur der Brief nicht gar zu appetitlich wäre!
+Allein wie? wenn Sophie - Eh nun! das mag sie sehn!
+Die Reizung ist zu groß, kein Mensch kann widerstehn!
+Er wässert mir das Maul, wie ein gebeizter Hase.
+
+Alcest [vor sich].
+So stach kein Schinken je dem Windhund in die Nase.
+
+Wirt [beschämt, nachgebend und noch zaudernd].
+Sie wollen's, gnädger Herr, und Ihre Gütigkeit -
+
+Alcest [vor sich].
+Jetzt beißt er an.
+
+Wirt.
+ Zwingt mich auch zur Vertraulichkeit.
+[Zweifelnd und halb bittend.]
+Versprechen Sie, soll ich auch gleich den Brief bekommen?
+
+Alcest [reicht den Brief hin].
+Den Augenblick.
+
+Wirt, [der sich langsam dem Alcest, mit unverwandten Augen auf den
+Brief, nähert.]
+ Der Dieb -
+
+Alcest.
+ Der Dieb!
+
+Wirt.
+ Der's weggenommen,
+Ist -
+
+Alcest.
+ Nur heraus!
+
+Wirt.
+ Ist mei-
+
+Alcest.
+ Nun?
+
+Wirt [mit einem herzhaften Tone, und fährt zugleich zu und reißt
+Alcesten den Brief aus der Hand.]
+ Meine Tochter!
+
+Alcest [erstaunt].
+ Wie?
+
+Wirt [läuft hervor an die Lichter, reißt vor geschwindem Aufmachen das
+Kuvert in Stücken und fängt an zu lesen.]
+»Hochwohlgeborner Herr!«
+
+Alcest [kriegt ihn bei der Schulter].
+ Sie wär's? Nein, sagen Sie
+Die Wahrheit!
+
+Wirt [ungeduldig].
+ Ja, sie ist's! O, er ist unerträglich!
+Er liest. »Insonders« -
+
+Alcest [wie oben].
+ Nein, Herr Wirt! Sophie! das ist unmöglich!
+
+Wirt [reißt sich los und fährt, ohne ihm zu antworten, fort].
+»Hochzuverehrender« -
+
+Alcest [wie oben].
+ Ich bin ganz stumm davon.
+
+Wirt [wie oben].
+Ich wollt, er wär es. »Herr« -
+
+Alcest [wie oben].
+ So hören Sie!
+
+Wirt [wie oben].
+ »Patron« -
+
+Alcest.
+Sie sind ein dummer Kerl.
+
+Wirt.
+ Von Herzen gern.
+
+Alcest.
+ Sie taugen
+Zu nichts!
+
+Wirt.
+ Ja, gnädger Herr.
+
+Alcest [im Abgehen für sich].
+ Das will ich nun schon brauchen.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Der Wirt [liest und spricht dazwischen].
+»Und Gönner« - Ist er fort? - »Die viele Gütigkeit,
+Die mir so manchen Fehl verziehen hat, verzeiht
+Mir, hoff ich, diesmal auch.« - Was gibt's denn zu verzeihen?
+»Ich weiß es, gnädger Herr, daß Sie sich mit mir freuen.«
+Schon gut! - »Der Himmel hat mir heut ein Glück geschenkt,
+Das jeden Bauern freut, und manchen Reichen kränkt,
+Er hat vom sechsten Sohn mein liebes Weib entbunden.«
+Ich bin des Tods! »Ganz früh hat er sich eingefunden,
+Der Knab« - Der Balg! Der -! O ersäuft! erdrosselt ihn!
+»Nun macht Ihr gütig Hetz mich armen Mann so kühn« -
+Ach ich ersticke fast! »Und bitte Ihro Gnaden -!«
+An Galgen mit dem Hund, den Schindersknecht zum Paten!
+Wie heißt er denn, der Kerl mit seiner Hecke da?
+Franz. Ah, nun kommt Latein! Can - Candidatus? Ja.
+Ein Kandidat, o ja, die sind sonst wohl bei Blute.
+Theologiae; und - wie? Pachter auf dem Gute.
+Wart nur, das geht dir nicht so ungenossen aus!
+Alcest! Ich will dich schon! Du sollst mir aus dem Haus!
+Mich, einen alten Mann, so schändlich anzuführen!
+Wie möcht ich ihm an Hals! Ich ließ ihn gern zitieren.
+Doch meine Tochter! O! das Henkersding geht schief!
+Und ich verrate sie um den Gevatternbrief!
+[Er faßt sich in die Perücke.]
+Schweinsaug'ger Ochsenkopf mit wahren Eselsohren!
+Der Brief! Das Geld! Der Streich! Ich bin als wie verloren,
+So dumm! So voll Begier nach Rach und Prügeln. Ha!
+[Er erwischt einen Stock und läuft auf dem Theater herum.]
+Ist denn kein Buckel nicht für meinen Hunger da?
+O wär ich doch ein Wind mit ein paar hundert Flügeln,
+Ich möcht die ganze Welt, Sonn, Mond und Sterne prügeln.
+Ich sterbe, wenn ich nicht - Zerbräch nur eins ein Glas,
+So hätt ich doch Raison; beging der Jung nur was!
+[Er stößt auf seinen Sessel und prügelt ihn aus.]
+Weh, bist du staubig! Nun komm her, du sollst mich laben.
+Alcest! o könnt ich doch so deinen Buckel haben!
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+
+[Der Wirt schlägt immer fort. Söller kommt ganz in der ersten Kulisse
+heraus und erschrickt; er ist im Domino, die Maske auf den Arm
+gebunden, und hat ein halbes Räuschchen.]
+
+Söller.
+Was gibt's? Was? Ist er toll? Nun sei auf deiner Hut,
+Das wär ein schön Emploi, des Sessels Substitut!
+Was für ein böser Geist mag doch den Alten plagen?
+[Zum Parterre.]
+Wer Herz von Ihnen hat, der komm herauf und frag'en!
+
+Wirt [ohne Söllern zu sehn].
+Ich kann nicht mehr! o weh! es schmerzt mich Rück' und Arm!
+[Er wirft sich in den geprügelten Sessel.]
+Ich schwitz am ganzen Leib.
+
+Söller [vor sich].
+ Ja, ja, Motion macht warm.
+[Er zeigt sich dem Wirt.]
+Herr Vater!
+
+Wirt.
+ Ah, Mosje! Er lebt die Nacht beim Sause,
+Ich quäle mich zu Tod, und Er läuft aus dem Hause?
+Da trägt der Fastnachtsnarr zum Tanz und Spiel sein Geld,
+Und lacht, wenn hier im Haus der Teufel Fastnacht hält!
+
+Söller.
+So aufgebracht?
+
+Wirt.
+ O wart, ich will mich nicht mehr quälen.
+
+Söller.
+Was gab's?
+
+Wirt [zornig].
+ Alcest, Sophie! Soll ich's Ihm noch erzählen?
+
+Söller.
+Nein, nein.
+
+Wirt.
+ Wärt Ihr geholt, so hätt ich endlich Ruh,
+Und der verdammte Kerl, der Kandidat, dazu!
+[Ab.]
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Söller [mit Karikatur von Angst].
+Was gab's? Weh dir! vielleicht in wenig Augenblicken! -
+Gib deine Stirne preis! Parier nur deinen Rücken!
+Vielleicht ist's 'raus! O weh! O wüßt ihr, wie mir's graust!
+Es wird mir siedend heiß. So war's dem Doktor Faust
+Nicht halb zumut! Nicht halb war's so Richard dem Dritten!
+Höll da! der Galgen da! der Hahnrei in der Mitten!
+[Er läuft wie unsinnig herum, endlich besinnt er sich.]
+Ach, des gestohlnen Guts wird keiner jemals froh!
+Geh, Memme, Bösewicht! Warum erschrickst du so?
+Vielleicht ist's nicht so schlimm. Ich will es schon erfahren.
+[Er erblickt Alcesten und läuft fort.]
+O weh! er ist's! er ist's! Er faßt mich bei den Haaren.
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Alcest.
+Solch einen schweren Streit empfand dies Herz noch nie.
+Das seltene Geschöpf, in dem die Phantasie
+Des zärtlichen Alcests das Bild der Tugend ehrte,
+Die ihn den höchsten Grad der süßten Liebe lehrte,
+Ihm Gottheit, Mädchen, Freund, in allem alles war -
+Jetzt so herabgesetzt! Es überläuft mich! Zwar
+Ist sie so ziemlich weg, die Hoheit der Ideen;
+Ich laß sie als ein Weib bei andern Weibern stehen;
+Allein so tief! so tief! Das treibt zur Raserei.
+Mein widerspenstig Herz steht ihr noch immer bei.
+Wie klein! Kannst du denn das nicht über dich vermögen?
+Ergreif das schöne Glück, es kommt dir ja entgegen.
+Ein unvergleichlich Weib, das du begierig liebst,
+Braucht Geld. Geschwind, Alcest, der Pfennig, den du gibst,
+Trägt seinen Taler. Nun hat sie sich's selbst genommen;
+Schon gut, da mag sie noch einmal mit Tugend kommen!
+Geh wie ein Débauché, und sag mit kaltem Blut:
+Madam, Sie haben doch das Geld genommen; gut,
+Es ist mir herzlich lieb, nur ohne Furcht bedienen
+Sie sich der wenigen. Was mein ist, ist auch Ihnen.
+Dann den vertrauten Ton von halbem Mann und Frau -
+Und selbst die Tugend nimmt nicht alles so genau,
+Wenn man hübsch sachte geht. Weit eher wird sie weichen.
+Sie kommt, du bist bestürzt. Das ist ein schlimmes Zeichen.
+Alcest, du schickst dich nicht zur Bosheit, zum Betrug;
+Dein Herz ist übrig bös, allein nicht stark genug.
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+[Alcest. Sophie.]
+
+Sophie.
+Was machen Sie, Alcest! Sie scheinen mich zu fliehen.
+Hat denn die Einsamkeit so viel, Sie anzuziehen?
+
+Alcest [munter].
+Für diesmal weiß ich nichts, was mich besonders zog,
+Und ohne viel Raison gibt's manchen Monolog.
+
+Sophie.
+Zwar der Verlust ist groß und kann Sie billig schmerzen.
+
+Alcest.
+Ei wohl, was will das sein. Es liegt mir nicht am Herzen!
+Wir haben's ja; was ist's denn um das bißchen Geld,
+Laßt's fallen, wenn es nur in gute Hände fällt.
+
+Sophie.
+Die große Gütigkeit wird gerne zum Verschwenden.
+
+Alcest.
+Oh, ein Verschwender weiß sein Geld oft anzuwenden.
+
+Sophie.
+Wie soll ich das verstehn?
+
+Alcest [lächelnd].
+ Das?
+
+Sophie.
+ Ja, wie paßt das hier?
+
+Alcest.
+Sie kennen mich, Sophie, sein Sie vertraut mit mir!
+Das Geld ist einmal fort! Wo's liegt, da mag es liegen!
+Hätt ich es eh gewußt, ich hätte stillgeschwiegen;
+Da sich die Sache so verhält -
+
+Sophie [erstaunt].
+ So wissen Sie?
+
+Alcest [mit Zärtlichkeit, er ergreift ihre Hand und küßt sie].
+Ihr Vater! - Ja, ich weiß's, geliebteste Sophie!
+
+Sophie [verwundert und beschämt].
+Und Sie verzeihn?
+
+Alcest.
+ Verzeihn? Ist hier denn ein Verbrechen?
+
+Sophie.
+Mich dünkt -
+
+Alcest.
+ Erlaube mir, daß wir von Herzen sprechen.
+Du weißt es, daß Alcest noch immer für dich brennt.
+Das Glück entriß dich mir, und hat uns nicht getrennt:
+Dein Herz ist immer mein, meins immer dein geblieben.
+Mein Geld ist alles dein, so gut, als wär's verschrieben;
+Du hast ein gleiches Recht an all mein Gut, wie ich.
+Nimm, was du gerne hast, Sophie, nur liebe mich!
+[Er umarmt sie; sie schweigt.]
+Befiehl! Du findest mich zu allem gleich erbötig.
+
+Sophie [stolz, indem sie sich von ihm losreißt].
+Respekt vor Ihrem Geld! allein ich hab's nicht nötig.
+Was ist das für ein Ton? Ich weiß nicht, faß ich's recht?
+Ha! Sie verkennen mich.
+
+Alcest [pikiert].
+ O, Ihr ergebner Knecht
+Kennt Sie nur gar zu wohl, und weiß auch, was er fodert,
+Und sieht nicht ein, warum Ihr Zorn so heftig lodert.
+Wer sich so weit vergeht -
+
+Sophie [erstaunt].
+ Vergeht? wie das?
+
+Alcest.
+ Madam!
+
+Sophie [aufgebracht].
+Was soll das heißen, Herr?
+
+Alcest.
+ Verzeihn Sie meiner Scham:
+Ich liebe Sie zu sehr, um so was laut zu sagen.
+
+Sophie [mit Zorn].
+Alcest!
+
+Alcest.
+ Belieben Sie nur den Papa zu fragen.
+Der sagte mir es.
+
+Sophie [mit einem Ausbruch von Heftigkeit].
+ Was? Ich will es wissen! Was?
+Der Teufel! Wollen Sie!
+
+Alcest.
+ Er sagte, daß Sie das -
+
+Sophie [wie oben].
+Nun! das!
+
+Alcest.
+ Eh nun! daß Sie - daß Sie das Geld genommen.
+
+Sophie [mit Wut und Tränen, indem sie sich wegwendet].
+Er darf! Ist es so weit mit seiner Bosheit kommen?
+
+Alcest [bittend].
+Sophie!
+
+Sophie [weggewendet].
+ Sie sind nicht wert -
+
+Alcest [wie oben].
+ Sophie!
+
+Sophie.
+ Mir vom Gesicht!
+
+Alcest.
+Verzeihn Sie!
+
+Sophie.
+ Weg von mir! Nein, ich verzeih es nicht!
+Mein Vater scheut sich nicht, mir meinen Ruf zu rauben.
+Und von Sophien? Wie? Alcest, Sie konnten's glauben?
+Ich hätt es nicht gesagt, um alles Gut der Welt;
+Allein es muß heraus! Mein Vater hat das Geld.
+[Eilig ab.]
+
+
+
+Neunter Auftritt
+
+[Alcest, hernach Söller.]
+
+Alcest [wirft sich in den Sessel].
+Nun, Herr Alcest, wie steht's! Nun wärst du ziemlich klüger.
+Der Vater und Sophie, und eins wär der Betrüger.
+Sie sind doch beide sonst von allem Vorwurf rein.
+Ha, Söller! Still einmal! Doch nein, es kann nicht sein;
+Er war die ganze Nacht nicht hier im Haus; vor allen
+Wär sicher mein Verdacht auf diesen Kerl gefallen.
+Er ist am fähigsten zu Bosheit, Trug und List.
+Allein wie kann es sein, daß er der Täter ist?
+
+Söller [in gewöhnlicher Kleidung, mit einer Weinlaune].
+Da sitzt er. Uh! mir ist kein Mensch verhaßt wie dieser.
+Es steht ihm an der Stirn: Hirschapotheksproviser.
+
+Alcest [vor sich].
+Da kommt er, wie bestellt!
+[Laut.]
+ Wie steht's, Herr Söller?
+
+Söller.
+ Dumm!
+Es geht mir die Musik noch so im Kopf herum.
+[Er reibt die Stirn.]
+Er tut mir greulich weh.
+
+Alcest.
+ Sie waren auf dem Balle;
+Viel Damen da?
+
+Söller.
+ Wie sonst! Die Maus läuft zu der Falle,
+Weil Speck dran ist.
+
+Alcest.
+ Ging's brav?
+
+Söller.
+ Gar sehr!
+
+Alcest.
+ Was tanzten Sie
+
+Söller.
+Ich hab nur zugesehn.
+[Zum Parterre.]
+ Dem Tanz von heute früh.
+
+Alcest.
+Herr Söller nicht getanzt? ei, das ist zu verwundern;
+Da blieb ich lieber weg.
+
+Söller.
+ Ich wollte mich ermuntern.
+
+Alcest.
+Und ging es nicht?
+
+Söller.
+ Eh, nein! im Kopfe drückt es mich
+Gewaltig, und da war mir's gar nicht tanzerlich.
+
+Alcest.
+Ei!
+
+Söller.
+ Und das Schlimmste war, ich konnte gar nicht wehren:
+Je mehr ich hört und sah, verging mir Sehn und Hören.
+
+Alcest.
+So arg? Das ist mir leid! Das Übel kommt geschwind.
+
+Söller.
+O nein, ich spür es schon - seitdem Sie bei uns sind,
+Und länger.
+
+Alcest.
+ Sonderbar!
+
+Söller.
+ Und ist nicht zu vertreiben.
+
+Alcest.
+Eh, laß Er sich den Kopf mit warmen Tüchern reiben!
+Vielleicht verzieht es sich.
+
+Söller [vor sich].
+ Ich glaub, er spottet noch!
+[Laut.]
+Ja, das geht nicht so leicht.
+
+Alcest.
+ Am Ende gibt sich's doch.
+Und es geschieht Ihm recht. Es wird noch besser kommen!
+Er hat die arme Frau nicht einmal mitgenommen,
+Wenn Er zum Balle ging; und es ist gar nicht fein,
+Er läßt der jungen Frau das kalte Bett allein.
+
+Söller.
+Ah! Sie bleibt gern zu Haus und läßt mich immer schwärmen;
+Denn sie versteht die Kunst, sich ohne mich zu wärmen.
+
+Alcest.
+Das wäre doch kurios!
+
+Söller.
+ O ja, wer 's Naschen liebt,
+Der merkt sich ohne Wink, wo's was zum besten gibt.
+
+Alcest [pikiert].
+Wieso verblümt?
+
+Söller.
+ Es ist ganz deutlich, was ich meine.
+Exempli gratia: des alten Vaters Weine
+Trink ich recht gern; allein er rückt nicht gern heraus,
+Er schont das Seinige; da trink ich außerm Haus!
+
+Alcest [mit Ahndung].
+Mein Herr, bedenken Sie! -
+
+Söller [mit Hohn].
+ Herr! Freund von Frauenzimmern!
+Sie ist nun meine Frau, und Sie kann's nichts bekümmern,
+Und wenn sie noch ihr Mann für sonst was anders hält.
+
+Alcest [mit zurückgehaltenem Zorne].
+Was Mann! Mann oder nicht! Ich trotz der ganzen Welt;
+Und unterstehn Sie sich, noch einmal was zu sagen -
+
+Söller [geschreckt, vor sich].
+O schön! Ich soll ihn noch wohl gar am Ende fragen,
+Wie tugendhaft sie ist?
+[Laut.]
+ Mein Herd ist doch mein Herd!
+Trotz jedem fremden Koch!
+
+Alcest.
+ Er ist die Frau nicht wert!
+So schön, so tugendhaft! so vielen Reiz der Seele!
+So viel ihm zugebracht! es ist nichts, was ihr fehle.
+
+Söller.
+Sie hat, ich hab's gemerkt, besondern Reiz im Blut,
+Und auch der Kopfschmuck war ein zugebrachtes Gut.
+Ich war prädestiniert zu einem solchen Weibe,
+Und zwar zum Hahnrei schon gekrönt in Mutterleibe.
+
+Alcest [herausbrechend].
+Herr Söller!
+
+Söller [keck].
+ Soll er was?
+
+Alcest [zurückhaltend].
+ Ich sag Ihm, sei Er still!
+
+Söller.
+Ich will doch sehn, wer mir das Maul verbieten will.
+
+Alcest.
+Hätt ich Ihn anderswo, ich wies Ihm, wer es wäre!
+
+Söller [trocken].
+Der beste Champion für meines Weibes Ehre.
+
+Alcest.
+Gewiß!
+
+Söller.
+ Es weiß kein Mensch so gut, wie weit sie geht.
+
+Alcest.
+Verflucht!
+
+Söller.
+ O Herr Alcest! wir wissen ja, wie's steht.
+Nur still! ein bißchen still! Wir wollen uns vergleichen,
+Und da versteht sich's schon, die Herren Ihresgleichen,
+Die schneiden meist für sich das ganze Kornfeld um,
+Und lassen dann dem Mann das Spicilegium.
+
+Alcest.
+Mein Herr, ich wundre mich, daß Sie sich unterfangen.
+
+Söller.
+O, mir sind auch gar oft die Augen übergangen,
+Und täglich ist mir's noch, als röch ich Zwiebeln.
+
+Alcest [zornig und entschlossen].
+ Wie?
+Mein Herr, nun geht's zu weit! Heraus! Was wollen Sie?
+Was, glauben Sie, vermag Sophiens Ehr zu rauben?
+
+Söller [herzhaft].
+Eh, Herre, was man sieht, das geht noch übers Glauben.
+
+Alcest.
+Wie! sieht? Wie nehmen Sie das Sehen?
+
+Söller.
+ Wie man's nimmt.
+Vom Hören und vom Sehn.
+
+Alcest.
+ Ha!
+
+Söller.
+ Nur nicht so ergrimmt!
+
+Alcest [mit dem entschlossensten Zorne].
+Was haben Sie gehört? Was haben Sie gesehen?
+
+Söller [erschrocken, will sich wegbegeben].
+Erlauben Sie, mein Herr!
+
+Alcest [ihn zurückhaltend].
+ Wohin?
+
+Söller.
+ Beiseit zu gehen.
+
+Alcest.
+Sie kommen hier nicht los!
+
+Söller [vor sich].
+ Ob ihn ein Teufel plagt!
+
+Alcest.
+Was hörten Sie?
+
+Söller.
+ Ich? Nichts! Man hat mir's nur gesagt!
+
+Alcest [dringend zornig].
+Wer war der Mann?
+
+Söller.
+ Der Mann! das war ein Mann.
+
+Alcest [heftiger und auf ihn losgehend].
+ Geschwinde!
+
+Söller [in Angst].
+Der's selbst mit Augen sah.
+[Herzhafter.]
+ Ich rufe dem Gesinde!
+
+Alcest [kriegt ihn beim Kragen].
+Wer war's?
+
+Söller [will sich losreißen].
+ Was Hölle!
+
+Alcest [hält ihn feste].
+ Wer? Sie übertreiben mich!
+[Er zieht den Degen.]
+Wer ist der Bösewicht? der Schelm? der Lügner?
+
+Söller [fällt vor Angst auf die Kniee].
+ Ich!
+
+Alcest [drohend].
+Was haben Sie gesehn?
+
+Söller [furchtsam].
+ Ei nun, das sieht man immer,
+Der Herr, das ist ein Herr, Sophie ein Frauenzimmer.
+
+Alcest [wie oben].
+Und weiter?
+
+Söller.
+ Nun, da geht's denn so den Lauf der Welt,
+Wie's geht, wenn sie dem Herrn und ihr der Herr gefällt.
+
+Alcest.
+Das heißt?
+
+Söller.
+ Ich dächte doch, Sie wüßten's ohne Fragen.
+
+Alcest.
+Nun?
+
+Söller.
+ Man hat nicht das Herz, so etwas zu versagen.
+
+Alcest.
+Wie, Herre, so etwas?
+
+Söller.
+ O lassen Sie mir Ruh!
+
+Alcest [immer wie oben].
+Beim Teufel!
+
+Söller.
+ O verflucht, es heißt ein Rendezvous.
+
+Alcest [erschrocken].
+Er lügt!
+
+Söller [vor sich].
+ Nun bricht es los.
+
+Alcest [vor sich].
+ O weh, wir sind verraten.
+[Er steckt den Degen ein.]
+
+Söller [vor sich].
+Er ist erschreckt. Nun Herz! Er kann dir doch nicht schaden.
+
+Alcest [erholt].
+Was meinen Sie damit?
+
+Söller [trotzig].
+ O wir verstehn uns schon.
+Das Lustspiel heute nacht! Ich stand nicht weit davon.
+
+Alcest [erstaunt].
+Und wo?
+
+Söller.
+ Im Kabinett!
+
+Alcest.
+ So war Er auf dem Balle.
+
+Söller.
+Wer war denn auf dem Schmaus? Nur still und ohne Galle
+Zwei Wörtchen: Was man noch so heimlich treiben mag,
+Ihr Herren, merkt's euch wohl, es kommt zuletzt an Tag.
+
+Alcest.
+Es kommt wohl noch heraus, daß Er der Dieb ist. Raben
+Und Dohlen wollt ich eh in meinem Hause haben
+Als Ihn. Pfui! schlechter Mensch!
+
+Söller.
+ Ja, ja, ich bin wohl schlecht;
+Allein, ihr großen Herrn, ihr habt wohl immer recht?
+Ihr wollt mit unserm Gut nur nach Belieben schalten;
+Ihr haltet kein Gesetz, und andre sollen's halten?
+Das ist sehr einerlei, Gelüst nach Fleisch, nach Gold!
+Seid erst nicht hängenswert, wenn ihr uns hängen wollt.
+
+Alcest.
+Er untersteht sich noch -
+
+Söller.
+ Ich darf mich unterstehen.
+Gewiß, es ist kein Spaß, gehörnt herumzugehen.
+In summa, nehmen Sie's nur nicht so gar genau:
+Ich stahl dem Herrn sein Geld, und er mir meine Frau.
+
+Alcest [drohend].
+Was stahl ich?
+
+Söller.
+ Nichts, mein Herr! Es war schon längst Ihr eigen,
+Noch eh es meine war.
+
+Alcest.
+ Soll -
+
+Söller.
+ Da muß ich wohl schweigen.
+
+Alcest.
+An Galgen mit dem Dieb!
+
+Söller.
+ Erinnern Sie sich nicht,
+Daß ein gewiß Gesetz von andern Leuten spricht?
+
+Alcest.
+Herr Söller!
+
+Söller [macht das Zeichen des Köpfens].
+ Ja, man hilft euch Näschern auch vom Brode.
+
+Alcest.
+Ist Er ein Praktikus, und hält das Zeug für Mode:
+Gehangen wird Er noch, zum wenigsten gestäupt.
+
+Söller [zeigt auf die Stirne].
+Gebrandmarkt bin ich schon.
+
+
+
+Letzter Auftritt
+
+[Vorige. Der Wirt. Sophie.]
+
+Sophie [im Fond].
+ Mein harter Vater bleibt
+Auf dem verhaßten Ton.
+
+Wirt [im Fond].
+ Das Mädchen will nicht weichen.
+
+Sophie.
+Da ist Alcest.
+
+Wirt [erblickt Alcesten].
+ Aha!
+
+Sophie.
+ Es muß, es muß sich zeigen!
+
+Wirt [zu Alcesten].
+Mein Herr, sie ist der Dieb!
+
+Sophie [auf der andern Seite].
+ Er ist der Dieb, mein Herr!
+
+Alcest [sieht sie beide lachend an, dann sagt er in einem Tone wie
+sie, auf Söllern deutend].
+Er ist der Dieb!
+
+Söller [vor sich].
+ Nun, Haut, nun halt dich fest!
+
+Sophie.
+ Er!
+
+Wirt.
+ Er?
+
+Alcest.
+Sie haben's beide nicht; er hat's!
+
+Wirt.
+ Schlagt einen Nagel
+Ihm durch den Kopf, aufs Rad!
+
+Sophie.
+ Du?
+
+Söller [vor sich].
+ Wolkenbruch und Hagel!
+
+Wirt.
+Ich möchte dich -
+
+Alcest.
+ Mein Herr! ich bitte nur Geduld!
+Sophie war im Verdacht, doch nicht mit ihrer Schuld.
+Sie kam, besuchte mich. Der Schritt war wohl verwegen;
+Doch ihre Tugend darf's -
+[Zu Söller.]
+ Sie waren ja zugegen!
+[Sophie erstaunt.]
+Wir wußten nichts davon, vertraulich schwieg die Nacht,
+Die Tugend -!
+
+Söller.
+ Ja, sie hat mir ziemlich warm gemacht.
+
+Alcest [zum Wirt].
+Doch Sie?
+
+Wirt.
+ Aus Neugier war ich auch hinaufgekommen.
+Von dem verwünschten Brief war ich so eingenommen,
+Ich dacht, es schrieb ein Prinz, ein polnischer Magnat,
+Und aus dem Prinzen ward ein Pachter Kandidat.
+
+Alcest.
+Verzeihn Sie diesen Scherz! Und Sie, Sophie, vergeben
+Mir auch gewiß?
+
+Sophie.
+ Alcest!
+
+Alcest.
+ Ich zweifl' in meinem Leben
+An Ihrer Tugend nie. Verzeihn Sie jenen Schritt!
+So groß wie tugendhaft -
+
+Söller.
+ Fast glaub ich's selbsten mit.
+
+Alcest.
+Und Sie verzeihen doch auch unserm Söller?
+
+Sophie.
+ Gerne!
+[Sie gibt ihm die Hand.]
+Da!
+
+Alcest [zum Wirt].
+ Allons!
+
+Wirt [gibt Söllern die Hand].
+ Stiehl nicht mehr!
+
+Söller.
+ Die Länge bringt die Ferne!
+
+Alcest.
+Allein was macht mein Geld?
+
+Söller.
+ O Herr, es war aus Not.
+Der Spieler peinigte mich Armen fast zu Tod.
+Ich wußte keinen Rat, ich stahl und zahlte Schulden.
+Da ist das übrige, ich weiß nicht wieviel Gulden.
+
+Alcest.
+Was fort ist, schenk ich Ihm.
+
+Söller [zum Parterre].
+ Für diesmal wär's vorbei!
+
+Alcest.
+Allein ich hoff, Er wird fein höflich, still und treu!
+Und untersteht Er sich, noch einmal anzufangen -
+Dann -
+[Er macht ihm das Zeichen des Hängens.]
+
+Söller.
+ Nein, das wär zu viel - ein Hahnrei und gehangen!
+
+
+
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+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DIE MITSCHULDIGEN ***
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