diff options
| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-07 23:11:05 -0800 |
|---|---|---|
| committer | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-07 23:11:05 -0800 |
| commit | a7fa89c29b8d59f7db706806cd35bcb3bdd19842 (patch) | |
| tree | 3759568b5a2f94a5e6559c175fd82c382a3b4292 /56520-0.txt | |
| parent | b549c50ab00c2fc10d20e5968c5835467d8bd206 (diff) | |
Diffstat (limited to '56520-0.txt')
| -rw-r--r-- | 56520-0.txt | 2295 |
1 files changed, 2295 insertions, 0 deletions
diff --git a/56520-0.txt b/56520-0.txt new file mode 100644 index 0000000..2d693cc --- /dev/null +++ b/56520-0.txt @@ -0,0 +1,2295 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 56520 *** + + + + + + + + + + + + + Der + Weihnachtsabend. + + + Eine Erzählung + zum + Weihnachtsgeschenke + für + Kinder, + + Von + dem Verfasser der Ostereyer. + + + Landshut, 1825. + in der Krüll'schen Buchhandlung. + + + + + Erstes Kapitel. + + Das Weihnachtslied. + + +An dem heiligen Abende vor dem Weihnachtsfeste wanderte der arme Anton, +ein holder Knabe von acht Jahren, noch durch die schneebedeckte Gegend +hin. Der arme Kleine hatte seine blonden Locken, die von der Kälte +angeduftet waren, noch mit dem leichten schwarzen Strohhute vom letzten +Sommer her bedeckt, und seine beyden Wangen glühten hochroth von Frost. +Er war nach Soldatenart gekleidet und hatte eine niedliche +scharlachrothe Husarenjacke an. In der Rechten führte er einen dicken +Stecken von Schlehdorn, und auf dem Rücken trug er ein kleines +Reisebündelein, in dem sich all sein Hab' und Gut befand. Er war aber +fröhlich und guter Dinge, und hatte an der schönen weißen +Winterlandschaft umher und an den bereiften Hecken und Gesträuchen am +Wege seine herzliche Freude. Indeß ging die Sonne gluthroth unter. Die +angedufteten Halme und Zweige umher flimmerten wie mit röthlichen +Fünklein bestreut und die Gipfel des nahen Tannenwaldes strahlten im +Abendgolde. + +Anton dachte das nächste Dorf, das jenseits des Waldes lag, noch leicht +zu erreichen, und ging muthig in den dicken, finstern Wald hinein. Er +hoffte in dem Dorfe gute Weihnachtsfeyertage zu bekommen; denn er hatte +gehört, die Bauern dort seyen sehr vermögliche und gutherzige Leute. +Allein er war noch keine Viertelstunde gegangen, so kam er vom rechten +Wege ab, und verirrte sich in die wildeste Gegend des rauhen, bergichten +Waldes. Er mußte fast beständig durch tiefen Schnee waten, und einige +Male versank er beynah in Gruben und Schluchten, die unter dem Schnee +versteckt waren. Die Nacht brach ein und es erhob sich ein kalter Wind. +Wolken überzogen den Himmel, und verdunkelten jedes Sternlein, das durch +die schwarzen Tannenäste funkelte. Es ward sehr finster und fing aufs +neue an heftig zu schneyen. + +Der arme Knabe fand keine Spur mehr von einem Wege, und wußte nicht mehr +wo an und wo aus. Müde von langem Umherirren vermochte er nicht mehr +weiter zu gehen. Er blieb stehen, zitterte vor Frost, und fing an +schmerzlich zu weinen. Er legte sein Wanderbündelein in den Schnee, +kniete darneben nieder, nahm seinen Hut ab, erhob seine starren Hände +zum Himmel, und bethete unter heißen Thränen: »Ach Du lieber Vater im +Himmel! Ach laß mich doch nicht in diesem wilden Walde, in Nacht und +Frost umkommen. Sieh, ich bin ja ein armes Waislein, und habe keinen +Vater und keine Mutter mehr! Ich habe niemand mehr als Dich. Aber Du +bist ja der Vater aller armen Waisen. O laß mich nicht erfrieren; +erbarme dich deines armen Kindes. Es ist ja heute die Nacht, in der dein +lieber Sohn zur Welt geboren wurde. Um Seiner Willen erhöre mich! Ach, +laß nicht in eben der Nacht, da sich alle Welt über die Geburt des +göttlichen Kindes freut, mich armen Knaben hier einsam im Walde +sterben.« Er legte sein müdes Haupt auf sein kleines Bündelein, und +schluchzte und weinte bitterlich! + +Aber horch -- da erklang es mit einem Male, seitwärts von der Höhe +herab, lieblich wie Harfentöne, und ein wunderschöner Gesang erhob sich +und hallte von den Felsen wieder. Dem Knaben war es nicht anders, als +hörte er die heiligen Engel Gottes singen. Er stand auf, horchte und +faltete die Hände. Der Wind hatte sich gelegt, und kein Lüftchen regte +sich. Unaussprechlich lieblich erklang der Gesang in der tiefen +nächtlichen Stille des Waldes. Jetzt vernahm er deutlich die Worte: + + O sey getrost in jeder Noth, + Denn sieh, den liebsten Sohn hat Gott + Zum Heiland dir gegeben! + Auf Ihn vertrau' und fasse Muth, + Was schlimm ist, macht Er wieder gut; + Er liebt dich wie sein Leben. + +Jetzt war es wieder stille; nur klangen noch wie ein leiser Wiederhall +einige sanfte Harfentöne nach. Dem guten Anton wurde es wunderbar um das +Herz. »Ach, sagte er, so muß es den Hirten zu Bethlehem gewesen seyn, +als sie in jener heiligen Nacht den himmlischen Gesang vernahmen. Ich +will wieder frischen Muth fassen und fröhlich seyn. Sicher wohnen gute +Menschen in der Nähe, die sich meiner annehmen; denn ich hoffe, daß sie +nicht nur so schön singen, wie Engel, sondern auch so gut und freundlich +gesinnt seyen, wie die Engel!« Er nahm sein Bündelein, und ging die +Anhöhe hinauf -- der Gegend zu, woher er den lieblichen Gesang vernommen +hatte. Kaum war er einige Schritte durch das Gebüsch gegangen, so +glänzte ihm ein heller Lichtstrahl entgegen, der sogleich wieder +verschwand, über eine Weile aber wieder erschien, dann wieder auf einige +Augenblicke verschwand, dann wieder heller glänzte, und so wechselweise. +Anton ging freudig vorwärts, und kam an ein Haus, das einsam im Walde +stand. Er klopfte zwei, drey Mal an der Hausthüre; er hörte wohl mehrere +fröhliche Stimmen in dem Hause, aber niemand antwortete ihm. Er +versuchte nun die Thüre zu öffnen; sie war nur mit der Thürschnalle +geschlossen. Er ging hinein, tappte lange in dem dunkeln Hausgange +umher, und suchte die Stubenthüre. Endlich fand er sie, machte sie auf +-- und blieb höchst erstaunt stehen. Ein heller Glanz von mehrern +Lichtern strahlte ihm entgegen. Es war ihm nicht anders, als blickte er +in das Paradies, in den offnen Himmel. + +In der Ecke der Stube, zwischen den zwey Fenstern, war eine überaus +schöne Frühlingslandschaft ganz nach der Natur im Kleinen abgebildet -- +eine gebirgige Gegend mit hohen bemoosten Felsen, grünenden +Tannenwäldern, ländlichen Hütten, weidenden Schafen, nebst ihren Hirten, +und einer kleinen Stadt oben auf dem Berge. In der Mitte der Landschaft +war aber eine Felsenhöhle -- da sah man das Kind Jesu -- die heilige +Mutter -- den ehrwürdigen Joseph -- die anbethenden Hirten, und oben +schwebten die jubelnden Engel. Die ganze Landschaft flimmerte von einem +wundersamen Glanze; sie war wie mit unzähligen winzig kleinen Sternlein +besät, so wie etwa Laub und Moos an Bäumen und Felsen schimmern, wenn +sie an einem Frühlingsmorgen von reichlichem Thaue tröpfeln. + +Die Einwohner des Hauses waren um die schöne Vorstellung des Kindes Jesu +in der Krippe versammelt. An einer Seite saß der Vater und hatte eine +Harfe zwischen den Knieen stehen; an der andern Seite saß die Mutter mit +dem kleinsten Kinde auf dem Schooße. Zwey liebliche Kinder, ein Knabe +und ein Mädchen, standen zwischen den beyden Aeltern, blickten andächtig +zur Krippe des Heilandes hinauf und erhoben die Hände gleich den frommen +Hirten, die vor der Krippe knieten. Jetzt griff der Vater wieder in die +Harfe und die Mutter sang mit ihrer lieblichen Engelsstimme noch einmal +das Lied, von dem Anton jene Worte gehört hatte. Die zwey Kinder sangen +mit ihren zarten, hellen Stimmchen freudig mit, und der Vater begleitete +den Gesang mit seiner angenehmen Baßstimme und dem lieblichen +Harfenspiel. Sie sangen: + + Vor Dir, Du holdes Himmelskind, + Dem Gottes Engel dienstbar sind, + Fall' ich anbethend nieder -- + Und freue mit Maria mich, + Und preise mit den Engeln Dich, + Und singe Jubellieder! + + * * * * * + + In Dir erscheint uns Gottes Heil, + Dich lieben -- ist der beste Theil, + Du Liebe ohne Gleichen! + Zwar spricht noch deine Lippe nicht, + Doch sagt dein mildes Angesicht + Dem Armen wie dem Reichen: + + * * * * * + + »O sey getrost in jeder Noth, + Denn sieh, den liebsten Sohn hat Gott + Zum Heiland dir gegeben! + Auf Ihn vertrau' und fasse Muth, + Was schlimm ist, macht Er wieder gut; + Er liebt dich wie sein Leben.« + + * * * * * + + »Und kömmt ein armes Kind in Noth + Vor deine Thür', sag' nicht: Helf Gott! + Wollst seiner dich erbarmen! + Fühlst du für Gottes Liebe Dank, + Laß liebreich es bey Speis und Trank + An deinem Heerd erwarmen.« + +Anton stand noch immer unter der geöffneten Thüre, und hielt die +Thürschnalle in der einen Hand, und Hut und Stecken in der andern. Seine +Augen waren beständig auf die schöne Vorstellung der Krippe Jesu +gerichtet, und mit offenem Munde horchte er auf den Gesang und das +Harfenspiel. Niemand bemerkte ihn. Jetzt fühlte aber die Mutter die +Kälte, die durch die offene Thüre in die Stube drang und blickte nach +der Thüre: »Lieber Gott, rief sie, wie kommt das Kind in der finstern +Nacht durch den dicken Wald hieher? Armer, armer Knabe -- du hast dich +gewiß verirrt!« »Ach ja, sagte Anton, ich habe mich im Walde verirrt!« +Alle sahen jetzt nach der Thüre. Die zwey Kinder hatten ein herzliches +Mitleid mit dem verirrten Knaben, blieben aber etwas scheu stehen, weil +er ihnen fremd war. Die Mutter ging mit ihrem Kinde auf dem Arm zu ihm +hin, und fragte ihn freundlich: »Wo bist du denn her, lieber Kleiner, +wie heißt du und wer sind deine Aeltern?« »O Du lieber Gott, sagte Anton +mit Thränen in den blauen Augen: Ich habe gar keine Heimath mehr. Ich +heiße Anton Kroner. Mein Vater ist in dem Kriege umgekommen und meine +Mutter ist den letzten Herbst vor Jammer und Elend gestorben. Ich bin +hier im Lande ganz fremd und irre in der Welt umher, wie ein verlornes +Lämmlein.« Er fing an zu erzählen, wie er eben jetzt im Walde in so +großer Noth gewesen, wie er da aber ihren Gesang gehört und so den Weg +zu ihrem Hause gefunden habe. Er wollte weiter reden; allein die Stimme +versagte ihm; es fror ihn noch all zu sehr. In der warmen Stube fühlte +er die Wirkungen der Kälte erst recht. Er zitterte vor Frost und +klapperte mit den Zähnen. + +»Ach du armer Anton, sagte die Mutter; du kannst ja vor Frost kaum mehr +reden; und hungerig und müde mußt du auch seyn. Leg dein Bündelein ab, +und sitz nieder; ich will dir eine warme Suppe geben, und was sonst noch +von dem Nachtessen übrig ist.« Die zwey Kinder, Christian und Katharine, +nahmen ihm nun voll Mitleid Hut und Stock und das Bündelein ab. +Katharine legte das Bündelein auf die Bank; Christian legte den Hut oben +darauf und lehnte den Stecken in eine Ecke. Hierauf führten sie ihren +kleinen Gast an den Tisch. Die Mutter brachte Suppe und ein großes Stück +Festkuchen nebst gekochten Pflaumen. Sie setzte sich an die andere Seite +des Tisches, und lächelte freundlich, daß Anton es sich so gut +schmecken ließ. Die Kinder aber theilten ihm reichlich von ihren +Weihnachtsgeschenken mit -- schöne rothwangige Aepfel, goldgelbe Birnen, +und große braune Nüsse. Sogar das kleine Lieschen auf dem Schooße der +Mutter schenkte ihm, auf Zureden der Mutter, das schöne purpurrothe +Aepfelein, das sie in dem kleinen Händchen hielt, und mit den zarten +Fingerlein kaum umspannen konnte. + +Die warme Suppe bekam dem erstarrten Anton sehr gut, und die liebliche +Stubenwärme that ihm nunmehr sehr wohl. Er ward wieder munter und +fröhlich. »Aber was ihr doch da in der Ecke eurer Stube Schönes habt!« +fing er jetzt an. Er hatte schon unter dem Essen beständig nach der +Krippe hinübergeblickt. »Das ist ja ein Frühling mitten im Winter! sagte +er. So etwas Wunderschönes hab' ich in meinem Leben noch nicht gesehen. +Ich muß es doch näher betrachten.« Er sprang hin und die zwey Kinder +folgten ihm. + +»Weißt du aber auch, was das alles vorstellt?« fragte Katharine. +»Freylich weiß ich das, sagte Anton. Es stellt die Geburt Jesu vor. Was +das für ein schönes, liebliches Kindlein ist! Sein Angesicht ist so +schön weiß und roth, wie Lilien und Rosen. Und was es für glänzende +Aeuglein hat, und wie freundlich es lächelt!« »Das ist aber nicht das +rechte Jesuskindlein! sagte Katharine. Jesus ist jetzt kein Kind mehr; +Er ist schon lange in den Himmel aufgefahren.« »Das weiß ich wohl, sagte +Anton. Meynst du denn, ich sey ein Heide? Es ist ja schon bald zwey +tausend Jahre, daß Jesus als ein Kind in der Krippe lag. Das alles hier +ist nur so gemacht, damit wir Kinder uns alles besser vorstellen können. +Das da oben ist, glaube ich, die Stadt Bethlehem. Nicht so?« Katharine +nickte. »Siehst du nun, sagte Anton, daß ich alles weiß! Ich bin nicht +so dumm, als du meynst.« + +Die Kinder lachten und machten nun Anton noch auf allerley Kleinigkeiten +aufmerksam, die ihnen aber höchst wichtig vorkamen. »Sieh nur, Anton, +sagte Katharine, das schöne weiße Schaf hier mit krauser Wolle, und die +zwey allerliebsten kleinen Schäflein daneben! Sieh, hier herum graset +die übrige Heerde, und dort steht der Hirt und bläst auf der Schalmey. +In dem niedlichen rothen Hüttchen mit Rädern schläft er zu Nacht.« -- +»Siehst du auch, sprach Christian, wie da aus dem Felsen ein kleines +Quellchen, so fein wie ein Silberfädchen, hervorspringt, und sich in den +hellen See ergießt? Sieh, zwey weiße Schwäne mit schöngebognen Hälsen +schwimmen auf dem See und spiegeln sich in dem ruhigen, silberklaren +Wasser.« »Dort, sagte Katharine, kommt ein Hirtenmädchen den steilen Weg +am Berg herab, und trägt ein zugedecktes Körblein auf dem Kopf. Darin +werden wohl Aepfel oder Eyer seyn, die sie zur Krippe trägt.« »Und sieh, +sagte Christian, dort schiebt einer auf seinem Schiebkarren einen Sack +die hohle Bergschlucht hinauf. Was aber in dem Sacke ist, weiß ich nicht +zu sagen.« So unterhielten sich die Kinder höchst angenehm, und kein +kleines streifiges Schnecklein, das an dem Felsen klebte, und kein +buntes Müschelein am Ufer des Sees blieb unbemerkt. + +»Nun wohl, sagte Anton, das ist alles sehr schön. Allein das Schönste +ist doch die Abbildung des himmlischen Kindes! Das freut mich am +meisten. Denn um jenes Kindes willen, das hier abgebildet ist, hat mich +der himmlische Vater aus meiner großen Noth errettet.« + + + + + Zweytes Kapitel. + + Geschichte des armen Antons. + + +Der Hausvater, in dessen Hause Anton so gut aufgenommen wurde, war ein +Förster. Er saß, indessen die Kinder so mit einander plauderten, in +seinem Lehnsessel am Ofen, und schien in Gedanken vertieft. Die +Försterin setzte sich, mit dem kleinsten Kinde auf dem Arm, neben ihn +auf einen Stuhl, und sagte über eine Weile: »Warum bist du so stille, +und über was sinnest du nach?« »Ich sinne den letzten Reimen nach, die +wir gesungen haben, sagte der Förster. Du hast nun freylich gethan, wie +sie lauten, und den armen Knaben gespeiset und erwärmt. Ich denke aber, +wir könnten doch noch mehr an ihm thun. Sieh, es ist heute die heilige +Nacht. Wir feyern das Andenken jener Nacht, in der das göttliche Kind +geboren wurde, das zu unserm und aller Menschen Heil in die Welt +gekommen. Und nun schickt Gott uns eben heute Nacht ein Kind her, dem +wir zum Heile werden können. -- Der Erlöser kam als ein Fremdling in die +Welt, und hatte nicht, wo er sein Haupt hinlege, als wollte er die +Gastfreundlichkeit der Menschen auf die Probe stellen. Die Einwohner von +Bethlehem bestanden in dieser Probe schlecht, und verstießen ihn gleich +anfangs zu den Thieren des Stalles; sollten wir den Knaben da auch so +verstoßen? Sag mir aber deine Meynung aufrichtig, Elisabeth, was wir +thun sollen!« + +»Den Knaben annehmen, sagte die Försterin freudig und freundlich. Was +ihr einem von diesen Mindesten thut, das habt ihr mir gethan, sagte ja +Er, der in dieser Nacht geboren ward. Und der Anton scheint mir ein +recht guter, sanfter Knabe, der ein edles Gemüth hat. Er sieht so fromm +und unschuldig aus, und, obwohl er bettelt, so ist er doch gar nicht +keck und verwegen. Gewiß ist er ehrlicher Leute Kind. Er hat so eine +feine Aussprache, und obwohl seine rothe Jacke etwas abgetragen ist, so +ist sie doch von recht gutem Tuche. Wo ihrer fünf essen, essen auch +sechs. Wir wollen den Knaben behalten.« + +»Du bist doch eine gute, liebe Frau, sagte der Förster, und drückte ihr +die Hand. Gott wird es dir vergelten, und was du an einem fremden Kinde +thust, unsern eigenen Kindern zu gut kommen lassen. Doch müssen wir den +Knaben zuvor erst prüfen, ob er der Wohlthat werth ist.« + +»Anton, komm einmal daher!« rief der Förster jetzt laut. Anton kam und +stellte sich vor ihn hin, gerade und aufrecht, wie ein Soldat vor seinem +Offizier steht. + +»Dein Vater, fing der Förster an, war also ein Soldat, und starb den Tod +fürs Vaterland. Nun, das ist wohl traurig für dich, allein für ihn ist +es schön und rühmlich. Aber erzähle uns doch mehreres von deinen +Aeltern. Wo waret ihr vor dem Kriege? Wie kam dein Vater um? Wie starb +deine Mutter? Wie kamst du hieher in unsern Wald? Laß einmal hören!« + +Anton erzählte: »Meinen Vater, Gott habe ihn selig, nannten die Husaren +ihren Herrn Wachtmeister. Unser Regiment lag, so lang ich denke, zu +Glatz in Schleßien in Garnison. Meine Mutter nähte immer sehr fleißig +und verdiente vieles. Sie war sehr geschickt. Da kam der Vater eines +Tages eilig nach Hause und sagte: »Es ist Krieg; wir müssen morgen +fort!« Er war ein tapferer Mann und wußte sich gut darein zu schicken. +Meine Mutter aber hatte einen großen Schrecken und weinte bitterlich. +Sie wollte ihn nicht allein ziehen lassen; der Abschied fiel ihr gar zu +schwer. Auf ihr vieles Bitten nahm er uns endlich mit. Wir zogen weit -- +weit fort. Mit einmal hieß es: »Der Feind rückt an.« Mein Vater und die +Husaren mußten ihm entgegen. Meine Mutter und ich blieben zurück. Da +wurde uns nun wohl recht bange, als wir in der Ferne so fürchterlich +schießen hörten. »Ach, sagte die Mutter zu mir, bey jedem Schuß geht mir +ein Stich durchs Herz. Denn ich weiß ja nicht, ob die Kugel nicht das +Herz deines Vaters durchbohrt.« Wir weinten und betheten, so lange das +Schießen währte. Doch der Vater kam glücklich und unversehrt wieder +zurück. So ging es nun öfter. Allein eines Tages kam nach einem Gefechte +ein Husar mit des Vaters leerem Pferde in das Dorf gesprengt und sagte, +der Vater sey schwer verwundet; er liege eine halbe Stunde vom Dorfe auf +der Wahlstatt und werde wohl sterben. Die Mutter und ich eilten sogleich +zu ihm. Er lag unter einem Baume. Ein alter Soldat kniete bey ihm und +hielt ihn sanft in den Armen, so, daß der Vater den Kopf an die Brust +des wackern Kriegers anlehnen konnte. Noch zwey andere Soldaten standen +dabey. Mein armer Vater war durch die Brust geschossen und sah bereits +so blaß aus wie ein Sterbender. Wir sahen es ihm wohl an, daß er uns +noch etwas sagen wollte; allein er konnte nicht mehr reden. Da blickte +er mich mit seinen sterbenden Augen noch einmal schmerzlich an, dann +blickte er auf die Mutter, und dann zum Himmel. Wenige Augenblicke +nachher verschied er. Die Mutter und ich weinten uns fast die Augen aus. +Die Leiche wurde auf dem nächsten Kirchhofe begraben. Einige Herren +Offiziere und viele Soldaten kamen und begleiteten die Leiche. Die +Trompete klang mir so seltsam und so traurig, daß mirs ist, ich höre sie +noch immer. Sie erwiesen ihm noch die letzte Ehre, und schossen ihm noch +in das Grab. Meine Mutter und ich wurden von dieser traurigen +Ehrenbezeugung so erschüttert, als würde auf uns selbst geschossen. +Viele Soldaten wischten sich die Augen, als sie vom Grabe zurückkehrten. +Ich und meine Mutter aber zerfloßen fast in Thränen. + +Die Mutter wollte nun wieder in ihre Heimath zurück kehren. »Ich habe +dort freylich keine Verwandten mehr, sagte sie, aber doch noch eine gute +Bekannte. Sie wird uns wohl in ihr Haus aufnehmen, und ich denke, dort +von meiner Arbeit dich und mich zu ernähren.« Allein wir hatten kaum +einige Tagreisen zurück gelegt, da wurde die gute Mutter unterwegs +krank. Mit Mühe erreichten wir noch ein kleines Weiler. Man wollte uns +nirgend aufnehmen; endlich fanden wir in einer Scheure ein Unterkommen. +»Das ist wohl hart, sagte meine Mutter, allein Maria hatte es ja auch +nicht besser. Auch sie wurde nirgends hinein gelassen und mußte in einem +Stalle übernachten.« Meine Mutter wurde indeß stündlich kränker. Sie +ließ einen Geistlichen rufen und bereitete sich zum Tode. Als es Nacht +wurde, sagte die Bäurin, der die Scheure gehörte, zu meiner Mutter: »Ihr +seyd wohl recht krank; ich muß daher schon etwas Uebriges thun.« Sie +ging, brachte eine alte Stalllaterne, in der ein kleines Oellicht +brannte, und hängte die Laterne an einem Balken auf. Das war alles, was +sie that. Sie sagte uns nun gute Nacht und kümmerte sich weiter nicht +mehr um uns. Ich blieb ganz allein bey der Mutter; ich saß so neben ihr +auf einem Bund Stroh und weinte bitterlich. Gegen Mitternacht wurde sie, +so viel ich bey dem trüben Scheine der Laterne sehen konnte, immer +blässer. Sie seufzte mehrmal sehr tief. Ich weinte immer heftiger. Sie +both mir die Hand und sagte: »Weine nicht, lieber Anton! Bleibe fromm +und gut, bethe gern, hab' Gott vor Augen und thu' nichts Böses; so wird +dir Gott einen andern Vater und eine andere Mutter geben.« So sprach +sie. »Aber lieber Gott, sagte Anton, und die hellen Zähren floßen ihm +über die blühenden Wangen -- eine solche gute Mutter bekomme ich doch +nicht mehr.« »Nun, fuhr er fort, sie blickte nun lange zum Himmel, +bethete in der Stille, segnete mich mit ihren sterbenden Händen und +verschied. Ich konnte nichts als weinen. Der Bauer und die Bäuerin +hatten wohl meiner Mutter versprochen, sie wollen mich annehmen und mich +wie ihr eigenes Kind halten. Sie nahmen das Wenige, was meine Mutter +hinterlassen hatte, ihre Kleider und einiges Geld, auch wirklich zu +sich; allein ehe drey Wochen vergingen, schickten sie mich fort, und +sagten, ich hätte schon dreymal so viel verzehrt, als die +Hinterlassenschaft meiner Mutter werth sey. Ich ging und nahm mir vor, +nach Glatz zu meinen Schulkammeraden zurück zu kehren. Allein die Bauern +konnten mir nicht sagen, wo der Weg nach Schleßien gehe. Da irre ich nun +so im Lande hin und her und bettle; denn was soll ich sonst anfangen?« + +Die Försterin war sehr gerührt, und sagte mit Thränen in den Augen zu +ihren Kindern: »Seht, meine Kinder, so könnte es euch auch gehen. Auch +ihr könnet Vater und Mutter verlieren, und was wollet ihr dann anfangen? +Darum bittet Gott doch alle Tage, daß Er euch eure Aeltern erhalte.« + +Der Förster sprach: »Du hattest, so viel ich sehe, sehr rechtschaffene +Aeltern, lieber Anton. Allein hast du denn gar nichts Schriftliches +aufzuweisen?« »O ja wohl!« sagte Anton, und nahm eine Brieftasche aus +seinem Päcklein. »Diese Papiere, sagte er, hat mir meine Mutter noch auf +ihrem Sterbebette übergeben. Sie befahl mir, wohl darauf Acht zu haben, +und sie nicht aus der Hand zu lassen. Euch darf ich sie aber schon sehen +lassen.« Es waren der Trauschein seiner Aeltern, Antons Taufschein und +der Todtenschein seines Vaters. Der Todtenschein war von dem +Feldprediger ausgestellt. Der Oberst des Regiments hatte aber noch +eigenhändig ein sehr rühmliches Zeugniß von dem tapfern, edelmüthigen +Betragen des seligen Wachtmeisters und der tadellosen Aufführung der +hinterlassenen Wittwe beygefügt. + +»Nun wohl, sprach der Förster, das ist alles gut. Jetzt sage mir aber, +Anton, wie gefällts dir bey uns?« »Sehr gut, sagte Anton freundlich, so +gut, daß mir ist, als sey ich bey Euch zu Hause.« »Möchtest du wohl bey +uns bleiben?« fragte der Förster. -- »O nirgends in der Welt lieber!« +sagte Anton. »Eure Frau ist gerade so freundlich, wie es meine Mutter +war, und Ihr seyd auch recht brav und habt gerade einen solchen +Schnurrbart, wie ihn mein Vater trug.« + +Der Förster lachte, und strich sich den Bart. »Nun Knabe, sprach er, so +bleibe denn bey uns. Ich will dein Vater seyn, und meine Frau wird als +Mutter an dir handeln. Sey uns aber auch ein guter Sohn, und habe deine +neuen Geschwister lieb und thu ihnen nichts zu leid. Hörst du -- du bist +jetzt mein Sohn Anton!« Der Knabe stand sehr betroffen da, und sah den +Förster mit großen Augen an, ob das auch sein Ernst sey. Er war der +harten Begegnung, die er von vielen Menschen erfahren mußte, so gewöhnt, +daß ers kaum glauben konnte, der Förster wolle ihn an Kindesstatt +annehmen. »Nun wie, Anton, sagte der Förster, und both ihm die Hand, +schlägst du nicht ein?« Jetzt brach Anton in Thränen aus, both dem +Förster die Hand, küßte darauf die Hand der Försterin, und grüßte beyde +Kinder, ja auch das kleinste, wiewohl es noch nicht wußte, was vorging, +als seine neuen Geschwister. Christian und Katharine hatten eine große +Freude, daß Anton da bleiben durfte. »Jetzt ists erst recht lustig, +sagte Christian; jetzt sind wir, wenn wir ein Spiel machen, doch unser +drey.« + +Der Förster fuhr aber ernsthaft fort: »Sieh Knabe, so sorgt Gott für +dich. Der Segen deiner guten Aeltern ruht auf dir. Gott erhörte das +Gebeth deiner sterbenden Mutter und -- auch dein Gebeth als du dort im +Walde zitternd vor Frost im Schnee knietest. Er lenkte deine Tritte +hieher! Er führte dich in unser Haus. Wenn du unsern Gesang nicht gehört +hättest, so wärest du auf deinem Bündelein eingeschlafen und erfroren, +und ich hätte dich todt im Walde gefunden. Gott rettete dich gerade noch +im rechten Augenblick. Er führte dich gerade in dieser heiligen Nacht, +da unsre Herzen von der Liebe des Vaters im Himmel, der den Eingebornen +für uns dahin gab, besonders gerührt waren, zu unserer abgelegenen +Wohnung im Walde, die du sonst am Tage kaum gefunden hättest. Gott und +seinem lieben Sohne, der auch für dich armen Knaben vor bald zwey +tausend Jahren in der heutigen Nacht geboren ward, und auch für dich +gestorben ist, hast du es zu danken, daß du jetzt wieder ein Obdach +hast. Darum erkenne es, und vergiß es in deinem Leben nicht, und habe +immer ein dankbares Gemüth gegen Gott und deinen Erlöser. Hab' Gott dein +Leben lang recht vor Augen und führe dich immer christlich auf.« + +Anton versprach es mit weinenden Augen. »O Du guter Gott, sagte er, +indem er zum Himmel blickte, Du hast die letzten Worte meiner sterbenden +Mutter treulich erfüllt und mir wieder Vater und Mutter geschenkt. Ich +will aber ihre letzten Worte auch erfüllen, deine heiligen Gebothe +halten, und besonders das vierte Geboth gegen meine neuen Aeltern recht +beobachten.« »Bravo, Anton, sprach der Förster, das thu, und es wird dir +wohl gehen.« Die Försterin wies hierauf dem Knaben eine kleine Kammer +mit einem reinlichen Bette an, und alle begaben sich vergnügt zur Ruhe. + +Am andern Morgen waren die Kinder sogleich wieder um die Vorstellung des +Kindes Jesu in der Krippe versammelt. Sie war an dem heiligen +Weihnachtsfeste und den darauf folgenden Feyertagen und Festen ihre +einzige Freude. Allein diese unschuldige Weihnachtsfreude wäre bald +gestört worden. Ein gewisser junger Herr von Schilf, der ein großer +Jagdliebhaber war, und den Förster öfter besuchte, kam einmal in die +Stube. Er machte über diese Art, den Kindern die Krippe Jesu +vorzustellen, allerley spöttische Anmerkungen und konnte nicht finden, +wozu dergleichen dienen sollte. + +»Wozu? sprach der Förster. Schauen Sie da einmal zum Fenster hinaus, +junger Herr! Sehen Sie, tiefer Schnee deckt die Erde und die Bäume des +Waldes krachen unter seiner Last. Man sieht keine Blume; nur hier an den +gefrornen Fensterscheiben schimmern Blumen von Eis. An den Obstbäumen, +die mein Dach umgeben, hängen keine Aepfel und Birnen mehr, und es ist +kein grünes Blatt mehr daran zu sehen; alle Aeste und Zweiglein sind +weiß angeduftet und ganz mit Reifen überzogen, und an dem Hausdache +hängen lange Eiszapfen. Die armen Kinder hier sind in der Stube, gleich +Gefangenen, eingesperrt und können kaum einen Tritt vor die Hausthüre +thun. Sollte es denn nun so übel seyn, wenn liebende Aeltern ihren +Kindern zur rauhen Winterszeit in der wärmenden Stube gleichsam einen +Frühling erschaffen? Wirklich ist diese Frühlingslandschaft im Kleinen +mit den grünen Wäldern, blumigen Wiesen, weidenden Schafen und deren +Hirten fast die einzige Winterfreude der Kinder.« + +»Allein das ist noch das Wenigste! Die Hauptsache ist dies: Wir Christen +freuen uns zur heiligen Weihnachtszeit, daß uns in Christus die +Menschenfreundlichkeit Gottes in Menschengestalt erschienen ist. Und da +möchten wir denn auch unsre Kinder, soviel sie es verstehen, an dieser +Freude Theil nehmen lassen. Nun weiß ich zwar wohl, daß die größten +Mahler diese heilige Geschichte in Gemälden darstellten, die seit +Jahrhunderten die Bewunderung der Welt sind. Ich selbst habe, da ich +noch auf Reisen war, jenes berühmte Gemälde der Krippe Jesu zu Dresden, +die heilige Nacht genannt, mehrmal bewundert. Allein die Einwendungen, +die Sie gegen meine, freylich sehr unvollkommene Darstellung der Krippe +Jesu hier machen, ließen sich, den Kunstwerth abgerechnet, gegen jenes +herrliche Gemälde auch machen, und sind deßhalb keiner Wiederlegung +werth. Solche kostbare Gemälde sind übrigens nur für große Herren, und +wären bey Kindern gar nicht angewendet. Denn ich wette darauf, meine +Kinder würden ihre Krippe gegen jenes berühmte Gemälde zu Dresden sicher +nicht vertauschen.« + +»Lassen Sie also, mein lieber Herr von Schilf, uns einfältige Leute hier +im Walde immer bey der alten Sitte unserer Väter bleiben. Ich erinnere +mich noch aus meinen eigenen Kinderjahren, daß die Krippe meine beste +Kinderfreude -- und nicht ohne Segen für mich war. So möge sie denn auch +meinen Kindern zur Freude und zum Segen gereichen.« + + + + + Drittes Kapitel. + + Die edle Försterfamilie. + + +Der Förster, der den armen Waisenknaben an Kindesstatt angenommen hatte, +war ein sehr rechtschaffener, biederer Mann, und, wie er sich selbst +ausdrückte, noch von altem Schrott und Korn. Er war sehr gottesfürchtig, +gegen alle Menschen wohlwollend, und in dem Dienste seines Fürsten +unermüdet und von unverbrüchlicher Treue. Der ehrliche Förster hielt +sich streng an die frommen Sitten seiner Großältern, die er noch gekannt +hatte, und seiner Aeltern, die ganz so wie die Großältern gesinnt waren. + +Am Morgen war es immer sein erstes Geschäft, mit Frau und Kindern das +Morgengebeth gemeinschaftlich zu entrichten; eben so wurde auch der Tag +mit dem Abendgebethe gemeinschaftlich beschlossen. »Wie sollten wir, +sagte er, nicht jeden Tag mit dem Gedanken an Denjenigen anfangen und +beschließen, der uns jeden Tag das Leben fristet, und uns Speis und +Trank und alles Gute giebt? Es ist wohl auch, denke ich, selbst für +Engel ein rührender Anblick, wenn Vater und Mutter in Mitte ihrer Kinder +vor Gott knien, und alle, auch das Kleinste nicht ausgenommen, die Hände +bethend und dankend zum Himmel erheben. Der Vater im Himmel kann nicht +anders als segnend auf sie herabblicken.« + +Eben so andächtig und ehrerbiethig bethete der Förster mit allen den +Seinigen vor und nach dem Tische. Eines Tages brachte er den jungen +Herrn von Schilf von der Jagd mit nach Hause und lud ihn, da eben die +Suppe aufgetragen wurde, zum Mittagessen ein. Der junge Herr setzte sich +sogleich ohne Tischgebeth an den Tisch. Allein der Förster, der sich, +wie er zu sagen pflegte, nie ein Blatt vor den Mund nahm, sagte sehr +ernsthaft: »Pfui, junger Herr! So machen es meine Wildschweine draußen +im Walde; die verschlucken die Eicheln, ohne aufzuschauen, woher sie +kommen.« Der junge Herr wollte Einwendungen machen, und meynte, das +Tischgebeth sey eben nicht so bedeutend. Allein der Förster sprach mit +großem Nachdrucke: »Was uns zu bessern Menschen macht, ist von großer +Bedeutung. Die Gottseligkeit ist zu allem nütze; von der +Gottvergessenheit hingegen habe ich noch keine guten Früchte gesehen, +wohl aber schon sehr viele schlimme. Bethen Sie mit uns, wie es einem +Christen und vernünftigen Menschen geziemt, oder Sie sind mit mir das +letzte Mal auf der Jagd gewesen. Mit einem Heiden möchte ich nichts +weiter zu thun haben. Ich mag nicht einmal mit ihm an Einem Tische +essen. Doch, setzte der Förster gelassener hinzu, ich weiß wohl, daß Sie +über die Sache nie nachgedacht haben. Sie sahen etwa einige vornehme +junge Herren nicht zu Tische bethen, und machten es ihnen ohne weitere +Ueberlegung sogleich nach. Sie glaubten dadurch sich selbst ein +vornehmes Ansehen zu geben. Allein, mein lieber junger Herr, obwohl Sie +Schilf heißen, so müssen Sie deßhalb doch nicht dem Schilfe gleichen, +das innen leer und ohne Mark ist und sich nach jedem Lüftchen dreht.« +Der junge Herr stand wieder auf und bequemte sich mit zu bethen. Er that +es aber nicht aus Andacht gegen Gott, sondern blos aus Liebe zur Jagd. + +Am fröhlichsten war der ehrliche Förster immer, wenn er sich in der +Mitte seiner Familie befand. »Was soll ich die Freude auswärts suchen, +sagte er, da ich sie zu Hause besser und wohlfeiler haben kann.« Er +trank daher nach vollbrachtem Tagewerk seinen Krug Bier, und Sonntags +sein Glas Wein daheim, führte mit seiner Hausfrau vertrauliche Gespräche +oder erzählte den Kindern fröhliche und lehrreiche Geschichten. Wenn er +besonders aufgeräumt war, nahm er seine Harfe zur Hand. »Diese gilt uns, +sagte er, bey den langen Winterabenden in unserm rauhen Walde anstatt +Konzert und Oper.« Er hatte in seiner Jugend zwar das Waldhornblasen +angefangen; allein da der Arzt ihm es untersagte, so verlegte er sich, +als ein großer Freund der Musik, auf die Harfe. Die Försterin wußte +mehrere schöne Lieder, und der Förster begleitete sie mit seinem +Harfenspiel. Auch die Kinder hatten bald einige ihrem Alter angemessene +Liedchen gelernt, und sangen zusammen, gleich den Zeisigen im Walde. + +Die Kinder des Försters gingen nach Aeschenthal, dem nächsten +Pfarrdorfe, in die Schule. Sobald die Weihnachtsfeyertage vorüber und +die Wege durch den Wald wieder gangbar waren, mußten Christian und +Katharine täglich dahin gehen. Anton ging mit tausend Freuden mit, und +übertraf bald alle seine Mitschüler. Sein Fleiß und seine Talente waren +ausnehmend. Wenn der Förster Abends von der Jagd nach Hause kam und in +seinem Lehnstuhle nächst dem wärmenden Ofen saß, mußten ihm die Kinder +erzählen, was sie in der Schule gelernt hatten, und ihm ihre Schriften +vorweisen. Anton wußte immer am meisten zu erzählen; seine Schriften +waren immer die schönsten, und in dem Lesen brachte er es bald zu einer +großen Fertigkeit. Nach dem Abendessen mußten die Kinder abwechselnd +vorlesen; allein alle im Hause hörten am liebsten dem Anton zu. »Er +liest am natürlichsten, sagte die Försterin. Wenn man es nicht sähe, daß +er ein Buch vor sich habe, so meynte man sicher, daß er die Geschichte +nicht lese, sondern daß er sie einmal gehört habe, und sie uns nur so +aus dem Kopfe erzähle.« + +Der fröhlichste Tag in der Woche war den Kindern immer der Sonntag. An +diesem Tage ging der Förster nicht auf die Jagd und die Kinder konnten +den ganzen Tag um ihn seyn. »Ich bringe, sprach er, die sechs Tage der +Woche unausgesetzt und unverdrossen in herrschaftlichen Diensten zu; +allein der Sonntag ist dem Dienste eines größern Herrn gewidmet. Auch +ist mir und meinen Holzhauern nach sechs Arbeitstagen wohl ein Ruhetag +zu gönnen.« Am Sonntage Morgens gingen Vater und Mutter in der +lieblichen Sonntagsfrühe mit den Kindern nach Aeschenthal in die Kirche. +Das war den Kindern, besonders im Frühlinge und im Sommer, eine große +Freude. Der Weg führte bald über waldichte Berghöhen hin, bald durch +schmale Wiesenthälchen, die mit buschigen Felsen und hohen Bäumen +umgeben waren. »O wie schön ists doch im Walde, sprach dann wohl Anton; +wie herrlich grünen die Bäume im Glanze der Morgensonne! Ja, am Sonntage +kommt mir der Wald noch viel schöner vor, als sonst. Mir ists, als +hätten alle Bäume ein freundlicheres Grün. Die Vögelein auf den +belaubten Zweigen singen viel fröhlicher. Und außer ihnen schweigt +alles! Man hört keine Holzaxt, kein Wagenrad und keinen Schuß; nur die +Kirchenglocke ertönt in der Ferne. Es ist alles so still und ruhig, wie +in der Kirche.« + +»So feyerlich, wie in einem Tempel, sagte der Förster. Auch der Wald ist +ein Tempel des Herrn; Er, der Allmächtige, stellte diese Bäume wie +Säulen umher, und fügte ihre Zweige zu einem grünen Gewölbe zusammen. +Alles, von der ungeheuren bemoosten Eiche dort bis zu den kleinen +Mayblümchen hier zu unsern Füßen, verkündet uns seine Allmacht und Güte. +Ja die ganze Erde, so weit der blaue Himmel sich wölbt, ist ein Tempel +seiner Herrlichkeit. Besonders am Sonntage sollen wir Ihn in diesem +seinem Tempel anbethen und diese herrlichen Werke andächtig betrachten. +In diesem prachtvollen Tempel, den Er selbst erbaute, können wir seine +unermeßliche, unbegreifliche Größe und Herrlichkeit wahrnehmen; in +unsern Kirchen aber, wiewohl sie von Menschenhänden erbaut sind, läßt Er +seine Rathschlüsse und seinen heiligen Willen uns näher offenbaren. Auch +deßhalb wurde der Sohn Gottes ein Mensch, lehrte uns Menschen und +ordnete das Lehramt an. In hundert tausend Tempeln und Kirchen der +ganzen Christenheit wird an dem heutigen Tage seine Lehre verkündet und +von Millionen Menschen angehört. Merkt daher auch ihr, meine Kinder, +heute in unsrer Kirche andächtig auf jedes Wort des Lehrers und bewahrt +es in eurem Herzen.« Solche und ähnliche Gespräche führte er mit den +Kindern auf dem Wege zur Kirche; auf dem Heimwege aber redete er mit +ihnen von der Predigt, und sie wetteiferten, ihm zu erzählen, was sie +daraus sich gemerkt hätten. + +Bey Tische war der Förster Sonntags immer besonders fröhlich. »Die +Freude, sprach er, mit euch zu Mittag zu essen, wird mir unter der Woche +selten zu Theil; da verzehre ich mein Mittagsmahl meistens gleich im +Walde aus der Faust, und es schmeckt mir, Gott sey Dank, immer sehr gut. +Aber am Sonntage schmeckt es mir doch am besten, nicht weil die Mutter +da eine bessere Mahlzeit bereitet, sondern weil ich die Speisen in eurer +Mitte genießen kann.« Er legte den Kindern mit dem herzlichsten +Wohlwollen selbst vor. »Esset, Kinder, esset, sprach er, und Danket Gott +für seine Gaben.« Nach Tische ging er mit den Kindern im Walde umher, +lehrte sie die mancherley Bäume, Sträuche und Kräuter kennen, und pries +ihre mannigfaltige Schönheit und Brauchbarkeit. »So, sprach er dann +immer, hat Gott alles, auch das kleinste Kräutlein, schön gebildet und +zu dem Nutzen des Menschen eingerichtet. Auch der Wald ist ein Buch, in +dem ihr auf allen Blättern von der Weisheit und Güte Gottes lesen +könnet.« + +Wenn im Frühlinge oder im Sommer der Abend schön war, so deckte die +Försterin unter der großen Linde, nicht weit vom Försterhause, wo ein +Tisch nebst einigen Bänken angebracht war. Nach dem Abendessen sangen +sie noch einige schöne und rührende Abendlieder. Der Förster spielte +dazu die Harfe, und die Vögel auf allen Bäumen des Waldes umher stimmten +in den Gesang und das Harfenspiel mit ein. + +Anton fühlte sich unter diesen edlen Menschen, bey denen wahre +Frömmigkeit, Eintracht und Liebe, Fleiß, Ordnung und Zufriedenheit +wohnten, höchst glücklich. »Gott meynte es doch recht gut mit mir, sagte +er öfter. Er hätte mich auf der ganzen Welt zu keinen bessern Menschen +führen können.« Der gute Knabe war aber auch die lautere Dankbarkeit und +Dienstfertigkeit gegen seine Pflegältern. Wenn der Förster Abends aus +seinem Forstbezirke heimkam, eilte Anton sogleich, ihm den alten +hechtgrauen Ueberrock mit grünen Aufschlägen, dessen sich der Förster +als eines Schlafrockes bediente, und die Pantoffeln zu bringen. Wenn die +Försterin in der Küche am Heerde stand und kochte, trug er ihr +ungeheißen Holz zu oder lief, um ihr einige Schritte zu ersparen, in den +Gemüsgarten am Hause und holte Schnittlauch, Petersilien oder was sie +sonst eben von grünen Kräutern nöthig hatte. Mancher ihrer Wünsche ward, +bevor sie ihn aussprach, schon erfüllt. + +Seinem guten Pflegvater erzeigte er aber noch ganz besonders gute +Dienste. Der Förster verfertigte von allen ihm anvertrauten Waldungen +Risse, und gab ihnen mit Farben ein schönes, gefälliges Ansehen. In der +Ecke jedes Blattes war der Namen des Waldes mit großen Buchstaben +geschrieben, und, nachdem es ein Wald war, mit einem Kranze von +Tannenzweigen oder Eichenlaube eingefaßt. Anton brachte es bald so weit, +daß er die größten Risse nett und genau nachzeichnen konnte. Die +Verzierungen aber, die er dabey anzubringen wußte, waren von ihm selbst +erfunden und so gut ausgeführt, daß der Förster darüber erstaunte. Anton +zeichnete zum Beyspiele einen Eichbaum, an dem ein Schild mit dem Namen +des Waldes lehnte, und seitwärts sah man ein Wildschwein, das nach +Eicheln suchte. Oder der Name des Waldes stand in einen Felsen +eingegraben, der mit Tannen gekrönt war, und unten am Felsen ruhte ein +Hirsch mit zakigem Geweih. Ueberhaupt zeichnete und mahlte Anton in +allen seinen freyen Stunden bald Landschaften, bald Thiere, und wo er +nur ein Streifchen weißes Papier oder einen leeren Briefumschlag fand, +zeichnete er einen Vogel, eine Blume, oder einen Baumzweig darauf. Er +konnte keinen Augenblick müßig seyn. Der Förster und die Försterin +liebten den guten Knaben wie ihr eigenes Kind, ja ihre eigenen Kinder +wurden, von Antons Beyspiel aufgemuntert, noch viel dienstfertiger und +thätiger, als sie es zuvor waren. + + + + + Viertes Kapitel. + + Antons fernere Geschichte. + + +Eines Tages schickte der Förster den Anton mit einem Paar Schnepfen in +das benachbarte fürstliche Jagdschloß Felseck. Der Verwalter hatte eben +einen Gast und wollte ihn damit bewirthen. Anton kam unterwegs an einem +Wasserfall vorbey, der zwischen schwarzgrünen Tannen, weiß wie Schnee, +von einem hohen Felsen herabstürzte. Nicht weit davon saß ein fremder +Herr in einem dunkelblauen Kleide, der den Wasserfall abzeichnete. Anton +ging hin, schaute über die Schulter des Fremden auf das Blatt, und +konnte sich nicht enthalten, laut zu rufen: »O wie schön! Ja das heißt +gemahlt!« Er bath um Erlaubniß, das schöne Gemälde näher besehen zu +dürfen, und erhielt sie. »Mir ists, sagte er, indem er es betrachtete, +als wäre das Blatt da ein Spiegel, in dem sich der Wasserfall, nebst +Felsen und Bäumen, im Kleinen abspiegelte. Wie silberhell das Wasser aus +dem gespaltenen Felsen hervorschießt und wie schön sich der weiße Schaum +unten zwischen den bemoosten Steinen kräuselt! Wie frisch und grün das +zarte Moos an diesem Steine da ist! Man meynt, man könne es wegrupfen. +Wie keck diese rauhen Tannen emporstarren! Und da haben Sie überdieß +noch einen Hirsch hergemahlt, der aus dem Bache trinkt. Wie leicht der +auf den Füßen steht! Man sieht es ihm an, wie flüchtig er über Stock und +Stein wegsetzen kann. Die Hirsche, die ich mahle, stehen so lahm da, als +wollten sie alle Augenblicke umfallen. Ich weiß kein rechtes Leben in +sie hinein zu bringen.« + +Der Mahler hatte an den ungeheuchelten Lobsprüchen des Knaben und noch +mehr an dessen Gefühl für Kunst ein großes Wohlgefallen. Er sagte +lächelnd: »Du bist also, wie ich merke, auch ein kleiner Mahler?« »Ach, +sagte Anton, bisher meynte ich wohl gar, ich sey kein kleiner, sondern +ein großer Mahler. Jetzt sehe ich aber wohl, daß ich gar keiner bin.« +Der Mahler sagte: »Ich wünsche deine Mahlereyen doch zu sehen. Ich werde +dich nächstens besuchen, und da mußt du mir sie zeigen. Wer sind deine +Aeltern und wo bist du zu Hause?« »Ach, sprach Anton, ich bin ein armer +Waisenknabe. Der Herr Förster Grünewald hat mich aber an Kindesstatt +angenommen.« »Nun, sagte der Mahler, da bist du wohl mit ihm verwandt, +ein Bruderssohn oder ein Schwestersohn?« »Nein, sagte Anton, ich kam +ganz landfremd in sein Haus; er und seine Frau nahmen mich aber sogleich +auf und hielten mich wie ihr eigenes Kind.« »Das ist viel, sehr viel, +sagte der Mahler. Doch wie kam denn dieß?« Anton erzählte seine +Geschichte ausführlich. Der Mahler hörte ihm aufmerksam zu und sagte am +Ende: »Der Förster und seine Frau müssen sehr edle Menschen seyn. Grüße +sie mir, und sage ihnen, morgen des Tages werde ich sie besuchen, um +ihnen im Namen der Menschheit für die Liebe, die sie dir erweisen, zu +danken.« + +Der Mahler hieß Riedinger und war vor einem Paar Tagen auf dem +fürstlichen Jagdschlosse angekommen, um da einige alte Gemälde +aufzufrischen. Er benützte diese Gelegenheit, eine und die andere +Waldgegend, die ihm besonders gefiel, abzuzeichnen. Sogleich am Abende +des folgenden Tages besuchte er den Förster. Beyde biedere Männer fanden +bald, daß sie Eines Sinnes waren, und wurden Freunde. Der Mahler wollte +nun Antons Zeichnungen sehen. Die Försterin lobte sie ausnehmend. +»Glauben Sie mir, sagte sie, sie sind unvergleichlich.« Allein Anton +stand erröthend an der Thüre und sagte: »Herr Riedinger, Sie werden +sehen, daß sie ganz und gar nichts heißen.« Der Mahler ermunterte ihn +aber, sie zu zeigen, und Anton brachte sie. Herr Riedinger betrachtete +eine nach der andern sehr bedachtsam und lächelte einige Male. Wiewohl +er vieles daran auszustellen hatte, so gefielen sie ihm dennoch sehr. +»Wahrhaftig, sagte er, es steckt ein Mahler in dem Knaben. Herr +Grünewald, überlassen Sie ihn mir. Sie sollen Freude an ihm erleben.« +»Topp! sagte der Förster und schlug ein. Ich habe schon lange +nachgesonnen, was der Knabe werden solle. Er ist nun bereits in dem +vierzehnten Jahre und in der Schule zu Aeschenthal ist für ihn weiter +nichts mehr zu lernen. Zu einem Jäger ist er zu zart und zu mitleidig. +Er artet mehr seiner sanften Mutter nach, als seinem tapfern Vater. Wenn +Sie also meynen, er gebe einen guten Mahler ab, so nehmen Sie ihn +immerhin in die Lehre. Wie viel verlangen Sie Lehrgeld?« »Lehrgeld! +sagte der Mahler. Davon kann keine Rede seyn. Sie gaben mir zuerst ein +Beyspiel, wie man sich armer Waisen annehmen müsse. Eine edle That zieht +immer andere nach sich, wie eine Kerze andere anzündet. Das ergiebt sich +alles ganz natürlich. Lassen Sie es also gut seyn. Sobald ich mit meiner +Arbeit auf dem Schlosse fertig bin, fährt Anton, wenn er anders Lust +hat, mit mir in die Stadt, und ich werde keine Mühe sparen, ihn zu einem +Künstler zu bilden.« Anton hüpfte fast vor Freude. Als indessen nach +einigen Tagen der Mahler in einer Kutsche vor das Haus gefahren kam, ihn +mitzunehmen, weinte der gute Knabe doch recht herzlich. Allein der +Förster sprach: »Weine nicht, Anton. Es ist ja nur ein Sprung in die +Stadt. Wir besuchen dich öfter, und auch du kannst uns an Sonn- und +Feyertagen leicht besuchen. -- Ja, das bedinge ich mir noch aus, sprach +er zu Herrn Riedinger, daß Anton uns manchmal besuchen, die +Weihnachtsfeyertage aber allemal ganz bey uns zubringen dürfe. Sie +müssen ihm das erlauben.« »O recht gern, sagte der Mahler, recht gern; +und wenn Sie und die Frau Försterin nichts dagegen haben, so komme ich +allemal mit.« Sie gaben sich darauf die Hand. Anton dankte seinen +Pflegältern. Sie ermahnten ihn, seinen Lehrmeister, der so vieles aus +lauter Güte für ihn thun wolle, als seinen Vater zu ehren. Unter den +besten Segenswünschen seiner Pflegältern und Geschwister stieg Anton in +die Kutsche und fuhr mit dem Mahler fort. + +Der treffliche Mahler hielt in allen Stücken Wort. Es war ihm eine +Herzenslust, einen so fähigen Schüler zu unterrichten. Auch kam er mit +ihm zu dem Förster öfter auf Besuch; ja manchmal blieben sie mehrere +Tage, um in dem gebirgigen Walde schöne Gegenden abzuzeichnen. Der +Meister konnte seinen Schüler jedesmal nicht genug loben. »Unter uns +gesagt, sprach er zum Förster, er wird ein Künstler, dem ich das Wasser +nicht biethen darf.« + +Nach einigen Jahren kam Herr Riedinger mit Anton, der nunmehr ein +blühender Jüngling war, wieder einmal zu dem Förster in die +Weihnachtsfeyertage. Herr Riedinger blieb nach dem Abendessen mit dem +Förster und der Försterin etwas länger auf. Anton und die Kinder des +Försters hatten sich längst zur Ruhe begeben. Der Förster und die +Försterin merkten wohl, daß der Mahler etwas auf dem Herzen habe, und es +ihnen sagen möchte. Endlich fing er an: »Was Anton bey mir lernen +konnte, hat er gelernt. Er muß nun reisen; er muß Italien sehen. +Allerdings wird das nicht wenig kosten; allein es lohnt sich der Mühe. +Kein Kapital könnte besser angelegt werden. Ich stehe Ihnen dafür, es +wird auch reichliche Zinsen tragen und seiner Zeit wieder ersetzt +werden. Was eine solche Reise kostet, übersteigt freylich das Vermögen +eines Privatmannes. Allein ich habe mir die Sache so ausgedacht: Es +versteht sich, daß Anton nicht ganz auf fremde Kosten reise. Er muß +selbst etwas verdienen. Indeß braucht er doch immer ansehnlichen +Zuschuß; denn er muß auch für sich noch freye Zeit behalten, um in der +Kunst weiter zu kommen. Was nun mich betrifft, so werde ich das Meinige +redlich dazu beytragen. Ich habe mir es, von Ihrem Beyspiele ermuntert, +nun einmal in den Kopf gesetzt, den Anton umsonst zu einem Mahler zu +bilden. Seine Arbeiten, die er bisher lieferte, sind mir sehr gut +bezahlt worden. Dieses Geld habe ich zurück gelegt, und werde es zu +seiner Reise verwenden. Allein es reicht bey Weitem nicht zu. Wären Sie +nun nicht geneigt, das noch Fehlende, das freylich eine nicht geringe +Summe betragen kann, darauf zu legen? Ein gutes Werk, das man angefangen +hat, muß man auch vollenden.« Er both dem Förster die Hand hin, +erwartend, er werde einschlagen. Der Förster hatte an Antons +Wohlverhalten und seinen Fortschritten in der Kunst hohe Freude. Er +besaß ein ziemliches Vermögen. Er blickte seine Hausfrau an. Sie nickte. +Der Förster schlug ein und sagte: »Nun wohl, wenn die Summe mein +Vermögen nicht übersteigt, so will ich sie ausbezahlen.« Es wurde ein +Ueberschlag gemacht, was die Reise kosten könnte, und einmüthig +beschlossen, Anton sollte künftigen Frühling die Reise antreten. + +Der Mahler fuhr am nächsten Morgen mit Anton im Schlitten zurück in die +Stadt. Der Förster und die Försterin machten aber den Winter über +Anstalten zu Antons bevorstehender Reise. Der Förster kaufte Tuch ein, +um seinen Pflegsohn hinreichend mit wohlanständiger Kleidung +auszustatten. Auch suchte er seinen eigenen Reisekoffer hervor, und ließ +ihn mit Rehfell neu überziehen. Die Försterin und ihre zwey Töchter +nähten und strickten sehr emsig, den Anton reichlich mit Leinenzeug zu +versehen. Zu Anfang des Frühlings mußte Anton noch einige Tage bey +seinen Pflegältern zubringen. Sein Pflegvater gab ihm in dieser Zeit +noch viele gute Ermahnungen und Klugheitslehren, und war gegen ihn ganz +ungemein liebreich. Der gute Mann nahm sich selbst die Mühe, den Koffer +zu packen. So oft ihm die Försterin ein neues Kleidungsstück hinreichte, +wurde Anton aufs neue gerührt. »Ach wie vieles -- wie gar so vieles thun +Sie an mir! sagte er. Meine eigenen Aeltern, wenn sie noch lebten, +könnten nicht mehr für mich thun!« Der Koffer wurde an einen berühmten +Mahler, dem der Herr Riedinger den Anton empfohlen hatte, voraus +geschickt. Denn Anton wollte die ganze Reise zu Fuß machen. Christian, +Antons Herzensfreund, hatte aber noch für ein kleines Felleisen gesorgt, +in dem Anton das Nothwendigste zum täglichen Gebrauche mitnehmen konnte. + +Endlich kam der Abschiedstag; Anton wollte nach Tische zu Herrn Mahler +Riedinger in die Stadt gehen, und von da aus dann weiter reisen. Die +Försterin bereitete ein Abschiedsmahl, und alle speisten noch einmal mit +einander zu Mittag. Es war ein freundliches, rührendes Familienfest. Der +Förster blickte in dem kleinen Kreise umher. Es herrschte eine +wehmüthige Stille. »Nicht doch, meine Söhne und Töchter, sprach er, seyd +nicht so traurig; und auch du, gute Mutter, trockne diese Thräne da ab. +Es ist nun einmal so! Die Söhne, zumal wenn sie bereits erwachsen sind, +müssen hinaus in die Welt; und auch ihr, meine Töchter, seyd bald in dem +Alter, wo ihr vielleicht das väterliche Haus verlassen werdet. Doch, +wenn uns auch Berg und Thal dem Leibe nach trennen, im Geiste bleiben +wir immer vereinigt. Und so traurig der Abschied immer seyn mag, das +Wiedersehen, das uns hier oder dort nie ausbleibt, ist dann desto +freudiger!« Der edle Mann wußte durch fröhliche Gespräche alle wieder zu +erheitern. Er ließ eine Flasche guten Wein bringen, von dem er sonst nur +an Festtagen trank. Er schenkte der Mutter und den beyden Töchtern, +obwohl alle drey sich weigerten, davon ein. »Den Traurigen gieb Wein!« +sagte er lächelnd. Anton und Christian bothen ihre Gläser her, ohne sich +lange nöthigen zu lassen. Am Ende der Mahlzeit nahm der Förster sein +Glas und sagte: »Nun, Anton, stoß an -- auf eine glückliche Wanderschaft +und ein fröhliches Wiedersehen!« Das gebe Gott, sagte die Försterin, +stieß an und trank ein klein wenig. Christian, Katharine und Luise +stießen auch mit an. Allen standen die Thränen in den Augen. Anton war +am gerührtesten. Er konnte die Thränen nicht mehr zurück halten und +sagte: »O meine liebsten Aeltern, wie vielen Dank bin ich Ihnen +schuldig! Was wäre ich ohne Sie! Ach, ewig kann ich es Ihnen nicht +vergelten, was Sie an mir gethan haben. Gott wolle Ihr Vergelter seyn! +Er wolle mich einst in den Stand setzen, für das unaussprechlich viele +Gute, das Sie an mir thaten, Ihnen und meinen lieben Geschwistern meinen +Dank durch die That zu bezeugen.« + +»Ja, lieber Anton, sagte der Förster, ich kann es dir nicht verhehlen, +wir thun viel an dir; und wenn ich deine Geschwister hier so ansehe -- +so möchte ich fast sagen, zu viel. Denn was mich und meine geliebte +Hausfrau betrifft, so brauchen wir wohl wenig mehr. Unsere Haare sind +bereits grau. So lange wir noch leben, haben wir wohl noch Brod. Allein, +mein lieber Anton, wenn eines oder das andere deiner Geschwister einmal +in Noth kommen sollte, so vergiß nicht, wie wir dir aus der Noth +geholfen haben, und laß sie nicht in der Noth stecken. Gieb mir die Hand +darauf, Anton! Nicht wahr, du verläßt deine Geschwister nicht?« »O +lieber Vater, rief Anton, indem er dem Förster die Hand reichte, ich +müßte ja der undankbarste Mensch von der Welt seyn, wenn ich Ihrer +Wohlthaten je vergessen könnte. O gewiß -- Ihre Liebe ist mir ewig +unvergeßlich. Meine größte Glückseligkeit auf der Welt soll es seyn, +Ihnen, lieber Vater, meiner besten Pflegmutter oder meinen lieben +Geschwistern Gutes erweisen zu können.« + +»Ich glaube dir, Anton, sagte der Förster; doch -- nun ist es Zeit, daß +wir scheiden.« Er stand auf und sprach: »Knie nieder, lieber Sohn, damit +ich dir noch den väterlichen Segen gebe.« Anton kniete nieder. Der +Förster erhob seine Augen zum Himmel; es war etwas Ehrwürdiges und +Feyerliches in seinem Angesichte und seiner Gestalt. Er segnete den +Jüngling und sprach: »Gott begleite dich auf allen deinen Wegen, bewahre +dich vor Sünde, und führe dich gut und unverdorben wieder in unsere Arme +zurück.« Die Mutter und die Kinder standen alle mit gefalteten Händen +und weinenden Augen andächtig umher, und sagten mit gerührtem Herzen: +»Amen!« Der Förster hob den Anton auf, schloß ihn in die Arme und sagte: +»Nun -- zieh hin und Gott sey mit dir! Habe Ihn stets vor Augen -- und +vergiß nicht, daß sein allsehendes Auge dich überall sehe. Halte dich +für zu gut, etwas Böses zu thun. Die Güter und Lüste dieser Erde sind es +nicht werth, daß wir ihrethalben unser Gewissen beschweren. Gedenke, daß +wir nicht für diese kurze Zeit, die wir auf Erden zu leben haben, +geschaffen sind und daß eine Ewigkeit sey. Meide nicht nur das Böse, +sondern auch jede Gelegenheit, Böses zu thun. Besonders fliehe solche +Menschen, die über den frommen Glauben unserer Vorältern spotten und +sich über reine Sitten lustig machen. Noch einmal -- lebe wohl und Gott +sey mit dir.« + +Die Försterin sagte mit Augen voll Thränen: »Anton! Sieh diese meine +rothgeweinten Augen, diese meine nassen Wangen! Um dieser Thränen willen +bleibe Gott ergeben, gut und rechtschaffen. Gedenke dieser Thränen, wenn +du in Versuchung kommest, Böses zu thun. Bisher hast du uns nur Freude +gemacht; betrübe uns nie. So herzlich ich jetzt weine, so fühle ich +dabey doch vielen Trost! Aber wenn wir je etwas Unrechtes von dir hören +sollten, dann würden ich, und wir alle, die bittersten Thränen weinen. +Vergiß unserer treuherzigen, väterlichen und mütterlichen Ermahnungen -- +und der letzten Ermahnung deiner seligen Mutter -- in deinem Leben +nicht, und lebe wohl.« + +Die ganze Familie begleitete den tief gerührten, traurigen Jüngling noch +eine weite Strecke Weges, fast bis zu Ende des Waldes. Endlich sagten +sie ihm alle noch einmal Lebewohl! Anton ging -- sie aber blieben +stehen. Er sah noch sehr oft um, und winkte ihnen mit dem Hute. Der +Förster und Christian winkten ihm auch mit ihren Hüten, und die +Försterin und die zwey Töchter mit ihren weißen Tüchern, bis er endlich +mit seinem Wanderstab in der Hand und seinem Felleisen auf dem Rücken +hinter einem waldichten Hügel verschwand. + + + + + Fünftes Kapitel. + + Ein Weihnachtsgeschenk. + + +Der heilige Weihnachtsabend war, seit Antons Abreise bereits das dritte +Mal, wieder angebrochen. Der Förster kam heute mit seinem Sohne +Christian früher aus dem Walde nach Hause. Es war sehr kalt. Der +Abendhimmel strahlte glühendroth durch die Fenster in die Stube. Die +runden Scheiben fingen schon an zu gefrieren und schimmerten in dem +röthlichen Abendschein wie Edelsteine. Der Förster setzte sich in seinen +Lehnsessel neben dem großen Ofen. Er legte mehr Holz zu; denn der Ofen +war so eingerichtet, daß man ihn auch in der Stube öffnen konnte. Die +Flamme loderte bald hoch auf, verbreitete einen wallenden Schimmer durch +die Stube, spiegelte sich in den Fenstern und vermehrte das Funkeln der +gefrornen Fensterscheiben. + +Jetzt kam die Försterin in die Stube. »Ist kein Brief von Anton da?« +fragte der Förster. »Nein!« sagte sie mit betrübtem Angesichte. +»Wunderlich! sprach der Förster und schüttelte den Kopf. Auf den +Weihnachtsabend war sonst allemal richtig ein Brief von ihm da. Er +schrieb immer sehr ausführlich und seine Briefe waren mir immer die +angenehmste Weihnachtsfreude. Was treibt der Junge, daß er nicht +schreibt?« + +Kaum hatte der Förster dieses gesagt, so trat ein Bothe mit +weißangeduftetem Haare in die Stube. Er hatte einen Brief in der Hand +und eine neue Kiste von Tannenholz auf dem Rücken, die zwar nur ganz +flach, aber ziemlich breit und so hoch war, daß der Mann sich bücken +mußte, um in die Stube zu kommen. »In dem Kistchen wird wohl ein Spiegel +seyn!« sagte Katharine. Der Bothe überreichte dem Förster den Brief und +lud die Kiste ab. »Der Brief ist von dem Herrn Mahler Riedinger, sagte +der Förster. Wie kommt das? Nun glaube ich bald, daß dem armen Anton ein +Unglück begegnete.« Er riß den Brief eilig auf, und durchlief ihn am +Glanze des Feuers, das aus dem Ofen strahlte, mit begierigen Blicken. +»Denkt nur, rief er freudig, Anton schickt uns bis aus Rom ein Gemälde +zum Weihnachtsgeschenk. Er hat es, zusammengerollt, an Herrn Riedinger +übermacht, und ihn ersucht, es in eine reiche goldene Rahme fassen zu +lassen, und dafür zu sorgen, daß wir es auf den heiligen Abend sicher +bekämen. Das Gemälde sey ein wahres Meisterstück, schreibt Herr +Riedinger. Der Anton ist doch ein trefflicher Junge; ich möchte ihn +sogleich umarmen.« + +»Katharine! rief er jetzt, bring doch dem ehrlichen Bothen, bis das +Essen kommt, einstweilen ein Glas Wein. Das wird ihm gut thun; denn es +ist draußen wirklich grimmig kalt.« Der Bothe nahm den Wein mit Dank an; +verbath sich aber das Abendessen. Er habe, sagte er, zu Aeschenthal +Anverwandte, und wolle bey diesen den Weihnachtsabend und den heiligen +Tag zubringen. »Auch gut!« sprach der Förster, hieß den Bothen +austrinken, beschenkte ihn reichlich und entließ ihn. + +»Nun, sprach der Förster, sitzt alle um mich her! Da ist in des Herrn +Riedingers Brief auch noch ein Brief von Anton eingeschlossen; den will +ich euch vorlesen.« Luise sagte: »Ich will nur noch zuvor ein +Kerzenlicht holen.« »Wohl, sprach der Förster; ich kann dann den Brief +mit mehr Bequemlichkeit lesen. Aber eile!« Luise brachte die brennende +Kerze sogleich auf einem glänzenden Leuchter von Messing. Alle saßen +bereits begierig im Kreise umher. Der Förster las: + +»Liebste, beste Aeltern und Geschwister! Sie erhalten hier ein +Weihnachtsgeschenk, ein Gemälde, das ich mit vielem Fleiße gemahlt habe. +Es stellt den neugebornen Heiland in der Krippe vor. Mehrere Künstler +versicherten mich, das Bild sey mir sehr gut gelungen. Ich wünsche, daß +es Ihnen nur halb so viel Freude machen möchte, als mir die Vorstellung +des Kindes Jesu in der Krippe machte, da ich das erste Mal in Ihr Haus +trat. Gewiß würden Sie dann keine geringe Freude daran haben.« + +»Ach, daß ich doch mit dem Bilde selbst zu Ihnen reisen, und es Ihnen +überreichen könnte! Es ist zwar dahier ein herrliches Land! Jetzt, im +Monate November, da ich dies schreibe, ist es bey Ihnen wohl schon +längst Winter, und Ihr Dach und die Tannen und Eichen umher seufzen +unter der Last des Schnees. Aber hier prangen die Zitronen- und +Pomeranzenbäume noch mit silberhellen Blüthen und goldenen Früchten. +Dennoch sehne ich mich unter all diesen Herrlichkeiten nach Ihrem +ländlichen Kaminfeuer zurück, an dem ich die seligsten Stunden meines +Lebens zugebracht habe.« + +»Ihrer Güte habe ich es zu danken, daß ich unter dem milden Himmel +Italiens lebe, daß ich, wenn ich je diesen Namen verdiene, ein Künstler +bin. Jene gemüthliche Vorstellung der Krippe Jesu für Kinder, so +unvollkommen sie auch seyn mochte, weckte mein Talent zuerst. Immer +steht sie mir noch vor Augen, und was ich auch, allerdings ohne +Vergleich Herrlicheres, von Kunstwerken sehe, so werde ich doch nicht +so, wie damals, davon entzückt. Ach, die seligen Jahre der Kindheit +gehen doch über alles! Da erblicken wir alles umher wie verklärt vom +goldenen Glanze der Morgenröthe. Schade, daß sie so schnell vorüber +sind!« + +»Jetzt, in diesem Augenblicke, da Sie diesen Brief lesen und meine +Mahlerey betrachten, bin ich im Geiste unter Ihnen zugegen. Ich erinnere +mich mit gerührtem Herzen, wie ich halb erstarrt unter Ihr ländliches +Dach kam, wie mich die gute Mutter mit warmen Speisen erquickte, wie Sie +mich zu Ihrem Kinde aufnahmen, wie Christian, Katharine und Luise ihre +Weihnachtsgeschenke so freudig mit mir theilten. O liebster Vater! ich +küsse dankbar Ihre und meiner Pflegmutter ehrwürdige Hände. Ich umarme +alle meine Geschwister. Ich freue mich jetzt schon im Voraus, Ihnen nach +einigen Jährchen nicht blos im Geiste und aus weiter Ferne, sondern von +Angesicht zu Angesicht sagen zu können, wie von ganzem Herzen ich sey -- +Ihr dankbarer, Sie innigstliebender Anton. Rom, den 15. November 1756.« + +»Das ist ein Brief, sagte der Förster und wischte sich die Augen; was +wir auch an den Jungen gewendet haben, es ist alles noch zu wenig. Ich +setzte zwar immer keine kleinen Hoffnungen auf ihn; allein er übertrifft +sie alle bey weitem. Niemals hätte ich geglaubt, eine solche Freude an +ihm zu erleben. Doch, sagte er jetzt lächelnd, ich denke, das Nachtessen +wartet auf uns. Nach Tische wollen wir das Gemälde besehen.« »O nein! +riefen alle einmüthig, jetzt gleich!« »Das geht nun über das Essen!« +fügte Luise noch bey; »ich will nur geschwind noch eine Kerze holen, +damit wir das Gemälde besser betrachten können.« + +Christian brachte Stemmeisen und Hammer, und öffnete die Kiste. »O wie +schön! Wie lieblich! riefen alle. Welche himmlische Gestalten! Welche +unvergleichlichen Farben!« Der Förster stellte das Gemälde auf ein +Wandtischchen und die zwey hellleuchtenden Wachskerzen darneben. Aller +Augen waren auf das schöne Bild gerichtet. Die Försterin faltete +andächtig die Hände und sagte: »Wahrhaftig, man kann nichts Schöneres +sehen! Mir wird es, als wäre ich wirklich bey der Krippe Jesu zugegen! +Wie freundlich, wie holdselig das göttliche Kind uns anblickt, als +wollte es bey seinem Eintritte in die Welt uns alle willkommen heißen! +Wie Maria, an der Krippe kniend, so zärtlich und liebreich auf das Kind +niederblickt, es mit einem Arme umfaßt, die andere Hand auf ihr +tiefgerührtes Herz legt, und über dem holden Kinde aller Dürftigkeit des +armen Stalles vergißt! Wie ehrwürdig Joseph da steht und wie fromm er +mit gefalteten Händen zum Himmel aufschaut! Wie den Hirten die +Redlichkeit aus den Augen sieht; wie ehrerbiethig und andächtig sie auf +die Knie gesunken sind! Und die Engel oben, wie himmlisch schön! Wie +leicht und schwebend! Und welch ein heller Glanz das Kind umgiebt, alles +umher erleuchtet, und selbst den Schimmer der Engel überglänzt. +Wahrhaftig, wer sich da der Geburt des Erlösers nicht freuen und mit den +Engeln Gott loben und preisen wollte, der müßte ein Herz von Stein +haben.« + +Der Förster hatte das Bild bisher mit unverwandten Augen stillschweigend +betrachtet, ohne ein Wort zu sagen. Endlich sprach er, wie aus einem +Traume erwachend: »Ja, du hast Recht! Wenn wir diese heilige Geschichte, +so schön gemahlt und in eine Rahme gefaßt, vor Augen haben, so macht sie +einen neuen, ganz eigenen Eindruck auf unser Herz. Ich will es einmal +versuchen, ob ich es euch sagen kann, was ich alles darin finde und wie +es mir um das Herz ist.« Er schob seinen Lehnsessel herbey, setzte sich +in einer kleinen Entfernung von dem Bilde, in der es sich am besten +ausnahm, und sprach dann: + +»Wir wollen, meine lieben Kinder, unsre Augen zuerst auf das göttliche +Kind in der Krippe richten! Wir wollen aber jetzt auf einige Augenblicke +seiner göttlichen Abkunft noch nicht gedenken; wir wollen es zuerst nur +als ein Menschenkind betrachten. Schwach und hülflos, in arme Windeln +eingewickelt, liegt es auf ein wenig Heu und Stroh. Aber die liebvolle +Mutter begrüßt es mit freundlichem Lächeln und voll der zärtlichsten +Sorgfalt, es wohl zu verpflegen; und der treue Nährvater steht +theilnehmend dabey, bereit mit seinem stärkern Arm Mutter und Kind zu +schützen, mit seiner arbeitsamen Hand beyde zu ernähren. Ein treuer +Vater, eine liebvolle Mutter und ein Kind, das diese treue Liebe, sobald +es zur Besinnung kommt, dankbar erwiedert, ist der schönste Anblick auf +Erden, über den sich Engel erfreuen müssen. Dieses liebliche Drey -- +Vater, Mutter und Kind -- hat Gott so zusammen gefügt.« + +»O meine Kinder, denkt daher bey diesem Kinde in der Krippe: Als ein +schwaches Kind bin auch ich einst so dagelegen, wo man mich hinlegte. +Ich hätte verschmachten müssen, wenn meine Aeltern sich meiner nicht +liebreich angenommen hätten. Allein mit Freude und Jubel wurde der +kleine fremde Gast aufgenommen, und alles war schon zu seiner Ankunft +bereitet. Meine Mutter hüllte mich in meine erste Bekleidung, die +Windeln, die sie wohl selbst gesponnen, gebleicht und genäht hatte. All +ihr Sinnen und Trachten Tag und Nacht ging nur darauf, daß mir nichts +abgehen möge. Sorgsam wachte sie an meiner Wiege, wenn ich schlief; +manche Nacht brachte sie schlaflos zu, aus zärtlicher Liebe zu mir! Der +treue Vater theilte ihre Sorge und arbeitete für beyde. So denket und +danket Gott, daß Er euch gute Aeltern schenkte! Denn Er ist es, der aus +Liebe zu euch etwas von seiner unaussprechlichen Liebe in das Herz eurer +Mutter pflanzte, und eurem Vater von seinem treuen Vatersinne mittheilte +und ihm das Vaterherz gab. Seyd aber auch nicht undankbar gegen eure +Aeltern. Ein Sohn, eine Tochter, die es vergessen könnten, was die +Mutter mit ihnen ausstand, was der Vater für sie that, sie zu ernähren, +zu kleiden, zu erziehen, wären ohne alles menschliche Gefühl.« + +»Laßt uns nun, meine Kinder, nachdem wir die heilige Familie betrachtet, +zu den heiligen Engeln, die dort oben schweben, hinaufblicken -- und +einen Blick auf die Thiere des Stalles werfen. Da wird uns die Würde und +die Bestimmung des Menschen klar. -- Schaut erst noch einmal der +heiligen Jungfrau in das milde Angesicht voll himmlischer Unschuld und +unaussprechlicher mütterlicher Zärtlichkeit! Betrachtet die aufrechte +Gestalt des ehrwürdigen Josephs, wie er so voll Geist und Andacht die +Augen zum Himmel erhebt! Sehet das holde Kind an, dessen Angesicht so +lieblich lächelt, dessen Augen wie Sterne leuchten! Und nun schauet auf +die rauhen haarigen Thierköpfe -- des Ochsen und des Esels hin. Wie dumm +und vernunftlos sie darein sehen! Wie das Maul hervorsteht, und uns zu +erkennen giebt, daß sie nur auf Futter bedacht sind und von nichts +Höherem und Besserem wissen. Sie sind nicht einmal eines freundlichen +Lächelns fähig! O, wem erscheint bey dieser Vergleichung der Mensch +nicht als ein höheres Wesen? Wahrhaftig, er gehört einer höhern Reihe +von Geschöpfen an. Der roheste Mensch hielte sich ja für beschimpft, +wenn man zu ihm sagte: Du bist um nichts besser, als der Ochs, der +deinen Pflug zieht, als der Esel, der deine Säcke zur Mühle trägt und +dann verfault. Nein, der Mensch gleicht vielmehr den heiligen Engeln +Gottes, die ihren Schöpfer erkennen, sich Seiner freuen und Ihm +lobsingen. Der Mensch ist das einzige Geschöpf auf Erden, der dieß auch +kann. Sey es, daß er einige Aehnlichkeit mit den Thieren hat; er ist +doch den Engeln des Himmels näher verwandt. Sey es, daß er weinend und +wimmernd zur Welt kommt, daß er vieles ausstehen, vieles leiden muß, bis +er in seiner vollen Blüthe dasteht, daß er dann nach kurzer Zeit wieder +gleich einer Blume dahinwelkt, gleich den Thieren dahin modert -- nur +seine Erdengestalt zerfällt zu Staub. Es ist ein unsterblicher Geist in +ihm; er ist ein Engel in schwaches Fleisch und Blut verhüllt. Sobald +diese Hülle abfällt, ist der Engel vollendet -- wenn anders der Mensch +seine Bestimmung auf Erden erfüllt und dem Willen des Schöpfers gemäß +gelebt hat.« + +»Sehr gut hat der Mahler, außer den größern Thieren noch ein Lamm und +ein Körblein voll Früchte angebracht, die man als ein Geschenk für das +neugeborne Kind am Fuße der Krippe erblickt. Dem Menschen sind alle +übrigen Geschöpfe der Erde unterworfen. Er bezähmt die stärksten Thiere +und sie müssen ihm dienen; ihm giebt das Schaf Milch und Wolle; ihm +bringt die Erde ihre schönsten Früchte hervor. Nur ein weniges hat Gott +den Menschen den Engeln nachgesetzt, hat ihn mit Ehre und Hoheit +gekrönt, hat ihn zum Herrn seiner Werke gemacht und alles ihm zu Füßen +gelegt.« + +»Auch der Ort, an dem wir dieses Kind und seine Aeltern erblicken, die +arme Krippe und der dürftige Stall, sind nicht ohne Bedeutung. Der +Mensch bedarf keines Palastes, um hier auf Erden seine Bestimmung zu +erreichen. Er kann in der elendesten Strohhütte zufrieden leben und +selig sterben. Wir erblicken in dem Stalle nur Armuth und Mangel. Allein +um wahrhaft glücklich, aller wahren Ehre würdig und von ächtem +Menschenadel zu seyn, braucht der Mensch weder Sammet noch Seide, weder +Gold noch Silber. Gerade im Wichtigsten hat Gott keinen Unterschied +unter den Menschen gemacht. Ein armer Stall beherbergt hier die +heiligsten, die seligsten, die ehrwürdigsten Menschen, die je auf Erden +gelebt haben.« + +»Doch -- meine Kinder, was ich euch bisher gesagt habe, ist für uns wohl +sehr erfreulich und tröstlich. Allein es gilt nur von dem +Menschlichschönen dieser Geschichte. Die göttliche Abkunft und die hohe +Bestimmung dieses göttlichen Kindes ist erst das Allerwichtigste. Denn +Jesus Christus, der menschgewordene Sohn des Allerhöchsten, ist in diese +Welt gekommen, die Menschen, die von Gott und ihrer ursprünglichen Würde +abgefallen und deßhalb verloren waren, zu retten. In Ihm erschien uns +die Menschenfreundlichkeit Gottes sichtbar; in Ihm erblicken wir Gott in +Menschengestalt. Er ward zwar in tiefster Armuth geboren, lag als ein +Kind in einer Krippe, hatte in dieser Welt nicht so viel Eigenes, wo er +nur sein Haupt hinlegen konnte, und starb gleich einem Uebelthäter am +Kreuze. Allein ohne alle irdische Hülfsmittel, ohne Reichthümer und +bewaffnete Macht, hat Er durch seine göttliche Weisheit, Liebe und +Allmacht die Gestalt der Erde verändert, das Menschengeschlecht +erleuchtet, veredelt, dem Verderben entrissen -- und so seine göttliche +Abkunft bewährt. Darauf wird in diesem Gemälde, so wie in der +Geschichte, sehr schön gedeutet. + +Seht, ringsumher ist es Nacht; tiefes Dunkel deckt die nächtliche +Gegend; nur das Licht, das von dem göttlichen Kinde ausgeht, erhellt +alles mit seinem Glanze. So bedeckten bey der Geburt Jesu die +Finsternisse der _Unwissenheit_ und des _Heidenthums_ die Erde; in Jesus +Christus ist aber der Welt ein Licht aufgegangen, das jeden Menschen +erleuchtet, der in die Welt kommt. Die Menschen waren in _Sünde_ und +_Laster_ versunken, viele glichen an Rohheit -- den Thieren des Stalles; +manche hatten sich durch Lasterhaftigkeit sogar unter das Vieh +herabgewürdigt; allein durch Christus wurden alle, die wahrhaft an Ihn +glaubten, zu besseren Menschen, zu Heiligen, zu Engeln in +Menschengestalt neu umgeschaffen. So unwissend und sündig die Menschen +waren, so _elend_ waren sie auch. Allein seht, wie selig sind schon die +Menschen, die seine Krippe umgeben und sich seiner Geburt freuen! Maria, +Joseph, die Hirten fühlen im Anblicke des neugebohrnen Erlösers sich +über allen Erdenjammer erhoben. Er, der in die Welt gekommen, die +Menschen von allem Elende zu erlösen, ihnen wahre Freude und den +göttlichen Frieden vom Himmel zu bringen, machte schon bey seiner Geburt +damit den Anfang. Die Worte des Engels erschallen noch immer an alle +Menschen: »Ich verkünde euch große Freude; es ist euch ein Erlöser +geboren, der da ist Christus, der Herr.« + +Zu Ihm steht jedem Menschen der Zutritt offen. Er offenbarte sich zuerst +armen, einfältigen Landleuten -- den Hirten, auch seine Mutter ist arm, +sein Nährvater ein Handwerker, der mit harter Arbeit sein Brod erwirbt. +Schon bey der Krippe Jesu wird uns gezeigt, daß Reichthum, hoher Rang +und Erdenweisheit vor Ihm nichts gelten. Er will nur Menschen um sich +sammeln, die eines guten Willens sind, wie Maria, die heiligste +Jungfrau, wie Joseph, der Gerechte, wie die Hirten, diese frommen Männer +voll Gottesfurcht und Rechtschaffenheit. Doch weiset Er auch den größten +Sünder nicht zurück, der seine Sünden bereut und sich ernstlich bessern +will. Darauf deutet schon der Namen des göttlichen Kindes. Deßwegen +verkündete der Engel Marien den göttlichen Befehl: »Ihm sollst du den +Namen Jesus geben!« Deßhalb wiederholte er diesen Befehl dem Joseph: +»Jesus, das heißt Erlöser, sollst du Ihn nennen, denn Er wird sein Volk +von Sünden erlösen.« Das sündige Menschengeschlecht sollte sein Volk, +ein heiliges Volk Gottes werden. Deßwegen sehen wir über der Krippe Jesu +den offnen Himmel. Er wollte den Menschen den verschlossenen Himmel +wieder öffnen, ein Himmelreich auf Erden gründen, und so Himmel und Erde +wieder vereinigen. Darüber freuen sich die heiligen Engel Gottes, jubeln +und frohlocken, preisen Gott in der Höhe und wünschen den Menschen Glück +zu dem Heile, das Ihnen durch Christus bereitet ward.« + +Was uns bey der Krippe Jesu verkündet wird, das hat Jesus Christus +erfüllt, so große Hindernisse Ihm auch der Unglaube und die +Hartnäckigkeit der Menschen entgegen setzte; an so vielen seine Geburt +und sein Tod verloren war. Er gründete ein Himmelreich auf Erden, und +sein Werk bestand. Manche Welteroberer stifteten indessen Weltreiche; +allein sie überlebten ihre Reiche nicht lange, oder sahen wohl noch +lebend sie in Trümmer zerfallen. Das Reich Jesu allein -- das wahre +Christenthum -- breitete sich immer weiter aus und bestand bis auf diese +Stunde. Ganze Völker kamen zum Glauben an Ihn und Könige zierten ihre +Kronen mit seinem Kreuze. Die alten heidnischen Gräuel, Menschenopfer +und dergleichen, verschwanden aus den christlichen Ländern der Erde. +Eine Menge von Tempeln und Kirchen erhoben sich, in denen der wahre Gott +angebethet und göttliche Wahrheit gelehrt wird. Unzählige Schulen, +Armenanstalten, Krankenhäuser kamen durch die christliche Liebe zu +Stande. Wie viele Kinder, Arme und Kranke müßten ohne diese milden +Stiftungen in Unwissenheit, Lasterhaftigkeit und Elend umkommen! +Millionen von Menschen haben im Glauben an Christus Beruhigung über +begangene Sünden gefunden, und sind durch Ihn edle Menschen geworden. +Und noch jetzt, so sehr auch der Unglaube und das Verderben über Hand +nehmen, schlagen Ihm unzählige Herzen und finden in Ihm Trost in Noth +und Tod. Noch immer wird das Evangelium, die Freudenbothschaft von Ihm, +den Heiden verkündet, und wilde Völker bekehren sich zum Glauben an Ihn, +freuen sich der himmlischen Wahrheit und nehmen sanftere Sitten an. Der +Geburtstag Jesu ist daher der wichtigste Tag in der Weltgeschichte, und +mit Recht fingen die weisen Alten von diesem Tage eine neue Zeitrechnung +an. Jede Jahrszahl soll uns daran erinnern, der Geburtstag Jesu sey der +Geburtstag des Lichtes und Heiles für alle Menschen, die Ihm Augen und +Herzen öffnen wollen -- der Geburtstag des wahren Menschenglückes, der +Erleuchtung und Veredlung des Menschengeschlechtes. Laßt uns denn, meine +Kinder, an diesem Abende und am morgigen Tage dem Erlöser aufs neue +huldigen und in den Lobgesang der Engel mit einstimmen.« + +So sprach der Förster; die Försterin sagte gerührt: »Ja, Kinder, das +wollen wir! Das schöne Gemälde, das Anton uns schickte, ist das schönste +Weihnachtsgeschenk, das Anton oder irgend ein Mensch -- ja wohl ein +Fürst! -- uns hätte machen können. Die Andacht, mit der Ihr die frommen +Bemerkungen eures Vaters angehört habt, ist die schönste +Weihnachtsfeyer, mit der wir den heiligen Abend feyern können. Wir +wollen das Heil, das uns Gott durch den neugebornen Heiland bereitete, +dankbar annehmen. Dann ist der Geburtstag des Erlösers auch der +Geburtstag unsers Heils.« + + + + + Sechstes Kapitel. + + Widerwärtige Schicksale des Försters. + + +Der treffliche Förster hatte mit den Seinigen seit Antons Abreise +mehrere Jahre in Ruhe und Zufriedenheit verlebt. Seine Kinder waren +erwachsen; der Sohn ein rüstiger junger Mann, die Töchter blühende +Jungfrauen; alle sehr gut erzogen und von untadelicher Aufführung. +Allmählig empfand der gute Vater aber die Beschwerden des herannahenden +Alters. Er war darauf bedacht, seinen Dienst dem Sohne abzutreten. Der +Fürst des Landes besuchte jährlich im Herbste auf einige Tage das +fürstliche Jagdschloß Felseck; denn die Jagd war ihm bey seinen vielen +Geschäften immer einige Erholung. Er war ein sehr leutseliger Herr; +jeden seiner Unterthanen, auch den Geringsten, hörte er liebreich an und +redete freundlich mit ihm. Als der Fürst wieder auf dem Jagdschlosse +angekommen, und die Jagd in dem Walde des alten Försters besonders gut +ausgefallen war, näherte sich ihm der Fürst, klopfte ihm sehr zufrieden +auf die Schulter und sagte: »Nun wie gehts, mein lieber Förster?« + +»Eure Durchlaucht, sprach der Förster, diesen alten Schultern will die +Last des Tages zu schwer werden; ich wünsche sie jüngern Schultern +übertragen zu dürfen.« »Nun, sprach der Fürst, doch wohl Eurem Sohne, +dem Christian dort? Er ist ein braver Jäger, und, was ich ohne Vergleich +mehr schätze, ein sehr guter Forstmann. Die Waldungen sind, wie ich auf +der Jagd gar wohl bemerkte, im besten Zustande. Verlaßt Euch darauf; +kein Anderer bekommt den Dienst. Er mag ihn auch einstweilen versehen. +Indeß ist mirs lieb, wenn Ihr noch eine Zeit die Oberaufsicht und den +Förstertitel beybehaltet. Auch die besten jungen Leute werden leicht +übermüthig und nachläßig, wenn ihr Rockkragen zu frühe mit goldenen +Börtchen verbrämt wird. Es ist mein und Euer Vortheil, wenn Ihr noch +eine Zeit Förster bleibt.« + +Der Förster bezeugte dem Fürsten für die gnädige Zusicherung seinen +Dank, und sagte dann: »Es ist aber noch ein anderer Umstand dabey. Mein +Sohn könnte sich eben jetzt gut verheirathen -- mit der Tochter meines +Jugendfreundes, des längst verstorbenen Försters Busch. Das Mädchen hat +erst kürzlich auch ihre Mutter verloren, und weiß nun nicht wohin. Sie +ist arm -- aber sehr fromm, fleißig und die lautere Unschuld, Güte und +Bescheidenheit.« »Nun wohl, sprach der Fürst; ich lobe es sehr, daß ein +braver Mann bey seiner Wahl mehr auf Unschuld und Tugend, als Geld und +Gut sehe. Ich gebe ihm die Erlaubniß zu heirathen mit Vergnügen -- und +die Anwartschaft auf den Försterdienst dazu. Ich werde sogleich Befehl +geben, damit das Dekret ausgefertigt werde.« + +Der Förstersohn, der voll banger Erwartung in einiger Entfernung stand, +kam auf den Wink seines Vaters herbey, und dankte dem Fürsten. Die +Heirath kam zu Stande. Mit der jungen sanften Frau kam neuer Segen in +das Haus; Friede und Eintracht wohnten unter dem Dache des guten +Försters. Dem alten Manne wurde noch die Freude, seine Enkel auf seinem +Schooße zu sehen, und die alte Försterin wurde wie verjüngt, nun ihre +kleinen Enkel pflegen und tragen zu können. Die Töchter des Hauses +lebten mit der jungen Försterin wie mit einer Schwester. Alle waren sehr +glücklich. + +Allein bald kam über dieses glückliche Haus eine große Widerwärtigkeit. +Sie entspann sich aus einer alten Geschichte, die der alte Förster +beynahe vergessen hatte. Jener junge Herr von Schilf, der ehemals mit +dem Förster öfter auf die Jagd gegangen war, hatte bald darauf sich +herausgenommen, allein und ohne Erlaubniß des Försters in den Wald zu +gehen, und alles, was ihm zu Gesicht kam, ohne Erbarmen +niederzuschießen. Der Förster traf ihn im Walde und sagte: »Das +Wildschießen ist sehr strenge verbothen. Haben Sie, mein lieber junger +Herr, Lust zur Jagd, so kommen Sie, wie bisher, zu mir. Ich nehme Sie +dann gern mit mir, und weise Ihnen die besten Plätze an, wo Sie dann +nach Herzenslust schießen können. Allein das darf ich nicht zugeben, daß +Sie eigenmächtig in dem mir anvertrauten Forste schalten und walten.« +Wer aber nach wie vor auf die Jagd ging, war der junge Herr. Der Förster +traf ihn wieder, nahm ihm das Gewehr und sagte: »Gott weiß es, ich thu +es ungern. Allein ich muß. Die Befehle sind streng; ich kann nicht +anders. Wenn ich Sie nochmals treffe, muß ich weitere Anzeige machen, +und dann -- geht es Ihnen nicht gut.« Der brave Förster ging überdieß +noch zu dem alten Herrn von Schilf, und bath ihn, dem jungen Herrn das +Jagen zu verbiethen. Der alte Herr ließ zwar sonst seinem Sohne alles +hingehen. Allein dieses Mal ward er doch sehr aufgebracht; er fürchtete +die fürstliche Ungnade. Er drohte seinem Sohne mit der Enterbung, wenn +er noch ein einziges Mal auf die Jagd gehen würde; es sey denn, der +Förster gehe mit ihm. Allein der junge Herr war es schon gewohnt, seinem +Vater nicht zu gehorchen. Bald darauf hörte der Förster einen Schuß, +eilte hin und traf den jungen Herrn bey einem erlegten Hirsch. Der +Förster machte die Anzeige. Der alte Herr von Schilf reisete selbst zum +Fürsten und flehte um Gnade. Der Fürst sagte: »Nach den Gesetzen sollte +der junge Herr in das Zuchthaus wandern. Ich will ihn zwar begnadigen; +allein läßt er sich noch einmal treffen, so schicke ich ihn sicher dahin +-- und da begreifen Sie wohl, daß ich mir denn einmal keinen Rath oder +andern Diener aus dem Zuchthause nehmen kann.« Die Sache wurde so +beygelegt. Der junge Herr von Schilf faßte aber einen grimmigen Haß +gegen den ehrlichen Förster, und glühte, wiewohl indeß viele Jahre +verflossen waren, noch immer von Rache gegen ihn. + +Jetzt starb der Fürst sehr unerwartet; der Erbprinz war noch +minderjährig und befand sich eben auf Reisen. Es wurde eine +Vormundschaft angeordnet und in dem Lande ging manche Veränderung vor. +Der junge Herr von Schilf, der sehr reich war und angesehene Verwandte +hatte, wurde Oberförster. Mit großer Pracht zog er in das fürstliche +Jagdschloß Felseck ein, von dem ihm ein Theil zur Wohnung angewiesen +wurde. Er war nunmehr der Vorgesetzte des guten Försters, und quälte den +alten Mann unsäglich. Des Tadelns war kein Ende. Der Förster konnte ihm +nichts recht machen. + +Der Erbprinz hatte zwar nunmehr die Regierung angetreten. Allein der +Oberförster von Schilf, der sehr abgeschliffen, gewandt und beredt war, +wußte den obersten Forstmeister, der bey dem neuen Fürsten sehr viel +galt, ganz für sich einzunehmen, und ward nun gegen den guten Förster +noch übermüthiger und feindseliger, als zuvor. »Ihr taugt nicht mehr zum +Dienste, sagte er einmal zu ihm; ich werde darauf antragen, einen +brauchbareren Mann für den schönen Forst zu bekommen.« Der Förster +sagte: »Herzlich gern lege ich mein Amt nieder. Ich hätte es schon +längst gethan, wenn der hochselige Fürst es zugegeben hätte. Es ist also +mein Sohn Förster.« »Das wäre! sagte Herr von Schilf höhnisch lächelnd. +Da müßte ich auch etwas davon wissen.« Der Förster berief sich auf jenes +fürstliche Dekret, dem zu Folge sein Sohn geheirathet hatte. »Pah, rief +Herr von Schilf, ich kenne es wohl.« Er wußte es sehr künstlich +auszulegen. »Es ist, sagte er, blos ein Versprechen auf Wohlverhalten; +nichts weiter. Der Junge taugt aber nichts. Ich werde meinen Mann besser +zu wählen wissen.« + +Der alte, graue Förster bemühte sich vergebens, eine Thräne zu verhehlen +und sagte: »Seyn Sie nicht ungerecht, Herr Oberförster! Sie glaubten +sich einmal von mir beleidigt. Deßhalb sollten Sie sich zweyfach in Acht +nehmen, mir wehe zu thun.« »Was, rief Herr von Schilf, und seine Augen +funkelten von Zorn; Ihr selbst erinnert mich an Eure Grobheiten! Ihr +selbst mahnt mich daran, daß Ihr mir mein einziges Jugendvergnügen +geraubt und mich bey Hofe angeschwärzt habt. Ihr seyd ein +ungeschliffner, übermüthiger Kerl. Von jeher hattet Ihr keine Achtung +für höhere Stände, und hieltet Euch nur an Bettlergesindel. Eurem Sohne +habt Ihr gestattet, ein Mädchen ohne Heller und Pfennig, eine wahre +Bettlerin zum Weibe zu nehmen. Euer hübsches Vermögen habt Ihr an den +Bettelbuben, den Anton, weggeworfen. Ihr wußtet Euer eigenes Vermögen +nicht zu verwalten, wie solltet Ihr fremdes Eigenthum und das Interesse +des Fürsten gut besorgen? Geht, geht, mit Euch ist nichts anzufangen. +Ich hoffe, wir werden bald wenig mehr mit einander zu thun haben und Ihr +sollet mir bald gar nicht mehr unter die Augen kommen.« + +Der Förster ging. »Hum, dachte er auf dem Heimwege, der Oberförster mag +sagen, was er will. Meine Waldungen sind in der besten Ordnung. Er kann, +so abgeneigt er mir auch ist, mir nichts anhaben. Ich lasse es darauf +ankommen.« Er sagte indessen zu Hause den Seinigen von allem, was der +Oberförster gesagt hatte, nichts, um sie nicht ohne Noth zu betrüben. + +Allein bald darauf, da der alte Mann eben aus dem Walde zurückgekommen +war und in seinem Lehnsessel ausruhte, trat ein Bothe in die Stube, und +überreichte ihm ein Schreiben vom Oberforstamte. In dem Schreiben stand: +Der bisherige Förster Grünewald sey vermög höchsten Befehls, wegen +Altersschwäche und davon herrührender Unfähigkeit, seines Dienstes +entlassen und der Forst bis zur Wiederbesetzung einstweilen dem +benachbarten Förster zu Waldenbruch zur Verwaltung übergeben worden. Von +einem Ruhegehalt für den verdienten alten Mann, von einer andern +Anstellung seines Sohnes war keine Rede. Nur wurde noch bemerkt, der +abgekommene Förster solle sich von dem Augenblick an, da er dieses +Schreiben erhalte, nicht mehr unterstehen, im Walde einen Schuß zu thun +oder sich auch nur mit einem Gewehre blicken zu lassen, bey Strafe, daß +es ihm abgenommen werde. + +Der alte Förster öffnete das Schreiben und ward sehr bestürzt; seine +Hand zitterte, in der er es hielt. Indessen faßte er sich wieder und las +den Seinigen, die in der Stube mit allerley Arbeiten beschäftigt waren, +das Schreiben laut vor. Die alte Försterin und ihre zwey Töchter wurden +bleich vor Schrecken. Der junge Förster glühte vor Zorn über die Bosheit +des Oberförsters. Die junge Försterin stand eine Weile sprachlos da und +fing dann an, laut zu weinen. Ihre Kinder, die in der Stube spielten, +und die Mutter weinen sahen, weinten auch. Es entstand ein allgemeiner +Jammer. Nur der alte ehrwürdige Förster stand ruhig in ihrer Mitte, und +sprach: »Vergeßt nicht, daß der alte Gott noch lebt. Du, Großmutter, +höre zuerst auf zu weinen, und gieb unsern Kindern und Enkeln ein +Beyspiel von Vertrauen auf Gott. Gegen seinen Willen können böse +Menschen uns nicht schaden. Diese Prüfung kommt von Ihm; sie wird uns +einmal zu unserm Besten gereichen. Also Muth gefaßt! Gott ist unser +mächtiger Beschützer. Er verstoßt uns nicht, wenn uns auch alle Welt +verstoßen sollte. Er, der gute, reiche Vater wird es uns, seinen +Kindern, nie an Brod fehlen lassen. Auf Ihn wollen wir vertrauen und +unverzagt und getrost seyn.« + +»Indeß, fuhr er fort, will ich nichts von dem unterlassen, was ich thun +kann. Ich reise Morgen des Tages zum Fürsten. Er ist so edelmüthig, als +sein hochseliger Vater. Er wird mich hören, so überhäuft er auch jetzt, +bald nach dem Antritte seiner Regierung, mit Geschäften seyn mag. Er ist +gerecht; er wird nicht zugeben, daß man einen alten Diener, der dem +Fürstenhause über vierzig Jahre treu und redlich diente, so ohne Weiters +mit Weib, Kindern und Enkeln dem Mangel und dem Hungertode preis gebe. +Du, Christian, mußt mich begleiten. Wir können ja jetzt beyde abwesend +seyn, ohne den Oberförster um Urlaub zu bitten. Wir machen die Reise zu +Fuß; das Reiten oder Fahren wäre für unsre jetzigen Umstände zu kostbar; +ist auch gar nicht nothwendig. Die nöthigen Kleidungsstücke für die +Reise finden in unsern Jagdtaschen wohl Platz. Macht nur Anstalt, daß +Morgen frühe alles bereit sey.« + +Der alte Förster war am folgenden Morgen schon vor Anbruch des Tages +aufgestanden und weckte seinen Sohn. »Es wird mir zu lange, auf den Tag +zu warten, sagte er; es ist ja Mondschein und wir kennen alle Wege. Laß +uns gehen!« Die alte Försterin legte die grüne, goldbordirte Uniform +hübsch zusammen, und schlug ein reines Leinentuch darüber, um sie +bequemer in die Jagdtasche zu packen. Katharine brachte Weißzeug und +einige Lebensmittel für die Reise. Die junge Försterin und Luise machten +das Frühstück zurecht und kamen damit in die Stube. Die Kleinen +schliefen noch. »Und bis wann gedenkst du denn wieder zurück zu kommen?« +fragte die alte Försterin ihren Mann. »Das weiß ich selbst noch nicht +genau, sprach er; vor acht Tagen schwerlich.« »Morgen über vierzehn Tage +ist der heilige Weihnachtsabend, sagte die alte Försterin; bis dahin +kommst du doch gewiß?« »Wills Gott, morgen über acht Tage, sagte der +Förster. Uebrigens gehe es, wie es will, den heiligen Weihnachtsabend +muß ich mit Euch feyern.« »Gott gebe, in Freuden!« sagte die Försterin. +»Bethet indessen, sagte der Förster noch, und vertraut auf Gott. Er wird +machen, daß die Sachen gehen, wie es heilsam ist.« Alle begleiteten die +zwey Männer unter die Hausthüre. Es war noch völlig Nacht und man sah +noch nicht das Geringste von der Morgenhelle. Sie gingen indessen in der +kalten schauerlichen Dezembernacht getrost weiter. + +Alle im Hause waren nun um die lieben Reisenden, besonders um den alten +Vater sehr besorgt. Die ersten acht Tage wußten sie sich zwar immer zu +trösten. Als aber weiterhin ein Tag nach dem andern verging und die +Witterung höchst unfreundlich und stürmisch wurde, und es fast +unaufhörlich regnete, wurden sie sehr unruhig. »Ach, sprachen sie, der +Christian, so rüstig er ist, wird genug auszustehen haben; wie aber wird +der alte Vater durchkommen?« Die zwey Kinder des jungen Försters liefen +alle Augenblicke vor die Hausthüre, um zu sehen, ob der Vater und der +Großvater denn noch nicht kämen. + +So verfloßen zu den ersten acht Tagen noch acht Tage in Kummer und +Sorgen. Ueberdieß hatte bald nach der Abreise der beyden Förster ein +Jägerbursch des Oberförsters ein amtliches Schreiben gebracht. Die +Försterin getraute sich zwar nicht, es zu öffnen; allein sie fürchtete, +daß es nichts Gutes enthalte. Denn der Jägerbursch hatte noch mündlich +mit höhnischer Miene gesagt: »Es ist toll, daß der alte Mann mit seinem +jungen Brausekopf in die Residenz lauft. Der Herr Oberförster ist seiner +Sache gewiß. Sie richten sicherlich nichts aus und kehren mit Schand und +Spott zurück.« Alle im Hause betheten indeß täglich, Gott wolle die +beyden Reisenden bey dem Fürsten ein gnädiges Gehör finden lassen und +sie glücklich wieder nach Hause führen! Auch die Kinder betheten +ungeheißen mit. + + + + + Siebentes Kapitel. + + Wie es mit dem Förster weiter gegangen. + + +Unter diesen traurigen Umständen brach der heilige Weihnachtsabend an. +Es wurde heute früher Nacht als sonst. Denn der ganze Himmel war mit +schweren Wolken bedeckt. Der Sturmwind brauste durch die alten Eichen +und die schwankenden Tannen des Waldes. Es schneyete und regnete sehr +heftig und die Dachrinne rauschte gleich einem Regenbach, der von einem +Felsen stürzt. »Ach Du mein Gott, sagte die alte Försterin, nachdem sie +lange zum Fenster hinaus gesehen hatte, sie kommen noch nicht. Wenn sie +heute, am heiligen Christabende, ausbleiben, so ist ihnen sicherlich ein +Unglück begegnet. Mir ist ganz unaussprechlich bange. Es ist ja ein +Wetter, man sollte keinen Hund vor die Thüre jagen, und die Wege sind +zum Versinken schlecht. Ach, wenn sie nur wieder da wären, gehe dann +alles Uebrige, wie es wolle!« + +Sie öffnete wieder das Fenster, sah hinaus und rief: »O Gottlob, nun +kommen sie!« Alle eilten ihnen vor die Hausthüre entgegen; alle fragten: +»Nun, wie ist es in der Stadt gegangen?« »Ich hoffe, es soll noch alles +gut gehen! sagte der alte Förster. Ihr werdet aber unsertwegen Kummer +gehabt haben. Wir blieben lange aus. Allein ich war auf der Reise nicht +ganz wohl, und konnte nicht mehr weiter; und da es wieder besser ging, +waren von dem vielen Regen die Flüße und Bäche so angeschwollen, daß wir +noch einige Tage aufgehalten wurden. Nun Gottlob, daß wir wieder da +sind!« Er trat in das Haus, kleidete sich um, und setzte sich in seinen +Lehnsessel an den wärmenden Ofen. Die alte Försterin brachte eine +Flasche Wein, zwey Gläser und die brennende Oellampe. »Erquickt euch +doch beyde ein wenig, sagte sie, indem sie einschenkte; ihr werdet es +beyde sehr nöthig haben. Das Essen wird bald fertig seyn.« »Wohl! sprach +der Förster, beym Scheine des hellen Oellichtes umher schauend; es ist +doch gut, wieder zu Hause zu seyn, unter den lieben Seinigen, wo man +lauter freundliche und fröhliche Gesichter um sich erblickt.« + +Der junge Förster hatte aber indeß seiner Frau im Vertrauen gesagt: »O, +es steht gar nicht gut; wir kommen wahrscheinlich um den Dienst.« Diese +erschrak sehr, und sagte es heimlich den übrigen. Der alte Förster sah, +wie sich auf einmal alle Gesichter verfinsterten, und von Schrecken und +Angst zeigten. »Hat Christian schon geplaudert? sagte er; je nun, es ist +da nichts zu verhehlen. Ihr sollet alles hören; doch werdet mir nicht zu +traurig. Es ist uns ja heute Nacht ein Erlöser geboren; über dieser +großen Freude müssen wir unsere kleinen Erdensorgen vergessen; +wenigstens sie uns nicht zu sehr zu Herzen nehmen.« -- + +»Als wir, sprach er hierauf, Abends spät in der Residenz ankamen, ging +ich noch zu dem alten Forstrath Müller. Er ist ein sehr biederer Mann, +dachte ich; er war vor alten Zeiten mein Oberförster und immer mein +Freund. Die übrigen Räthe, die mich kannten, sind alle todt oder in Ruhe +versetzt. Wiewohl auch er sich Alters halber von Geschäften zurück +gezogen hat, so kann er mir doch den besten Rath geben.« So dacht' ich. +Der edle Mann nahm mich auch in der That mit großer Herzlichkeit auf. +Ich sagte ihm mein Anliegen. Er sprach: »Sie haben an dem Oberförster +einen sehr schlimmen Feind, der dahier mächtige Freunde hat. Er will +Ihren Dienst einem jungen Menschen, der sein Bedienter war, zuschanzen +und sendet immer die nachtheiligsten Berichte über Sie und Ihren Sohn +ein. Ich fürchte sehr, er dringe durch, und bringe den guten Christian +um das väterliche Brod.« »Ach, sagte ich, es wird ja nicht so weit +kommen! Indeß bin ich Willens, selbst zum Fürsten zu gehen.« »Thun Sie +das, sagte der Forstrath. Ich gehe mit. Indeß kommen Sie eben jetzt zu +der ungelegensten Zeit. Der Herr hat zu viele Geschäfte. Sie werden kaum +vorkommen. Auch zu dem obersten Forstmeister und den Forsträthen müssen +Sie gehen. Allein ich fürchte, da finden Sie keine gute Aufnahme. Herr +von Schilf hat sie alle ganz verblendet.« Ich fand auch, daß der +Forstrath vollkommen Recht hatte. Ich machte manchen sauren Gang. Der +oberste Forstmeister nahm mich sehr kalt auf und fertigte mich kurz ab. +Die andern Räthe behandelten mich nicht viel besser; ich sah nur +finstere Gesichter und mußte manche harte Rede anhören. Bey dem Fürsten +aber wurde ich, da der oberste Forstmeister eben um ihn war, gar nicht +vorgelassen. Der Oberförster wußte mich und den Christian sehr schlau zu +verleumden. Ich mag euch dieß jetzt nicht ausführlich erzählen; es +betrifft ohnehin Geschäfte, die ihr nicht versteht. Alles, was wir +hoffen können, ist eine Untersuchung; allein es ist zu fürchten, daß sie +in solche Hände kommen werde, von denen wir wenig Gutes zu erwarten +haben. -- Doch diese Gespräche machen uns zu traurig, und heute Abend +sollten alle Menschen in der ganzen Christenheit fröhlich seyn. Es ist +ja der heilige Weihnachtsabend; wir wollen der Geburt unsers Erlösers +gedenken. Das wird unsern trüben Sinn erheitern.« + +Er richtete seine Blicke auf das Gemälde von der Geburt Jesu, das Anton +einst geschickt hatte. Es hing in der Stube an jener Stelle, wo vorhin +der Spiegel gehangen, und war, damit es nicht Schaden nehme, mit einem +Flor verhüllt. Die kleinen Enkel des alten Försters, zwey liebliche +Kinder, Franz und Klara, hatten sich schon seit mehreren Wochen auf die +Feyer des heiligen Weihnachtsabend gefreut. Sie sprangen auf und +trockneten sich schnell die Thränen von ihren erheiterten Gesichtchen. +»Großmutter, sagte der kleine Franz, nimm den Flor weg von dem Bilde und +zünde, wie im vorigen Jahr, die Kerzen an, damit man es auch recht +sehe.« »Und du, Großvater, sagte die kleine Klara, hole deine Harfe; wir +wollen unser Weihnachtsliedchen singen, das uns die Mutter gelehrt hat.« + +»Nun wohl, sprach der Förster; wir wollen ein Weihnachtslied singen. +Doch, sagt zuvor noch, hat sich, während wir fort waren, nichts +besonders ereignet?« »Nichts, sagte die alte Försterin; nur ist leider, +bald nach eurer Abreise, wieder ein Schreiben von dem Oberforstamte +angekommen. Was es wohl seyn mag!« Sie reichte ihm das Schreiben +verschlossen hin. Er öffnete es -- erblaßte -- und sagte mit einem Blick +zum Himmel: »Nun, Herr, dein Wille geschehe!« Alle schauten erschrocken +und erwartungsvoll auf ihn. »Was ist es denn?« fragte die Großmutter. +»Wir sollen aus diesem Hause fort, sagte er; ja wir sollten schon fort +seyn. Der Oberförster befiehlt in diesem Schreiben, das Försterhaus +müsse längstens bis zum Weihnachtsabende geräumt und gereiniget seyn, +damit der neue Förster auf die Weihnachtsfeyertage einziehen könne. Er +droht, wenn wir ihm nicht gehorchen würden, uns durch die Amtsdiener +abführen zu lassen. Mich wundert, daß sie noch nicht da sind; wir sind +keinen Augenblick sicher, daß sie uns aus dem Hause werfen.« + +»Ach Gott! rief die junge Försterin, jetzt, in dieser fürchterlich +stürmischen Nacht! Hört ihr, wie draußen der Sturmwind braust? Wie es +regnet? Wo werden wir gegen Sturm und Regen ein Obdach finden!« Sie sank +auf einen Sessel und umfaßte ihre zwey Kinder. »Guter Gott, seufzte sie, +ach erbarme Du Dich dieser Unschuldigen!« Der junge Förster stand mit +gefalteten Händen sprachlos vor ihr, und blickte sie und seine zwey +Kinder mit Augen voll Thränen an. + +»O Du mein Gott, sagte die Großmutter schluchzend und die Hände ringend, +in unsern alten Tagen mit Kindern und Enkeln aus dem Hause vertrieben zu +werden, in dem ich gebohren bin, in dem mein Vater und mein Großvater +lebten -- ach, es ist schrecklich! Guter Gott, laß mich in diesem Hause, +in dem ich geboren ward, vollends absterben.« + +Katharine weinte stille Thränen; Luise stand zitternd und bebend da, wie +ein Lamm, das man schlachten will. Der alte Förster aber mit seinem +ehrwürdigen Angesichte, der hohen kahlen Stirne und den grauen +Seitenlocken, blickte lange schweigend zum Himmel, und sprach dann ruhig +und gefaßt: »Ja, meine liebsten Kinder, es ist an dem, daß wir dieses +Haus verlassen müssen. Ich weiß keinen Menschen, der uns alle zugleich +in sein Haus aufnehmen könnte. Wir werden jetzt wohl von einander +getrennt werden. Ich hoffte zwar, in eurer Mitte ein ruhiges Alter zu +genießen -- hoffte, ihr würdet, so wie ihr jetzt um mich versammelt +seyd, in diesem Hause einst alle an meinem Sterbebette stehen. Gott +beschloß es anders -- wir wollen uns in seinen heiligen Willen ergeben.« + +Er blickte auf seine Enkel und sprach weiter: »Unser Herz regt sich, +wenn wir diese weinenden Kinder betrachten. Gott hat noch ein +liebvolleres Vaterherz gegen uns. Schickt Er ein so schweres Leiden über +uns, so hat Er gewiß die weisesten Absichten dabey. Auch diesen Jammer +wird Er zu unserm Besten lenken. Wenn es einmal auf das Aeußerste +gekommen, muß es wieder besser gehen. Die Alten sagten ja aus +wohlbewährter Erfahrung: Ist die Noth am höchsten, so ist Gottes Hülfe +am nächsten. -- Wir haben in dieser Stube viele Weihnachtsabende in +Freuden zugebracht, laßt uns auch den Einen traurigen von Gottes Hand +willig annehmen.« + +»Du hast recht, liebster Mann! sagte die alte Försterin; wir wollen +alles Gott überlassen und in unserm großen Jammer getrost seyn. Ach, ich +dachte oft daran, wie es Marien seyn mußte, als sie nicht nur in dem +Stalle übernachten mußte, sondern bald darauf ihre Wohnung bey dunkler +Nacht -- wie jetzt wir -- gar verlassen, und mit ihrem göttlichen Kinde +fortziehen sollte in ein anderes Land. O so groß ihr Glauben, ihr +Vertrauen war, ich denke doch, daß ihr, wo nicht um ihrer selbst, doch +um ihres Kindes willen, Thränen in die Augen traten! Ich weiß, was es um +ein Mutterherz ist! Ihre Leiden waren gewiß herzzerschneidend. Jeder +Mensch auf Erden aber muß in ähnliche Lagen kommen. Gott läßt keines +seiner Kinder ungeprüft. Jene alten Geschichten werden auf eine gewisse +Art an uns erneuert. Allein Derjenige, Der Marien, in dem armen Stalle +und auf ihrer traurigen Flucht, tröstende Freunde und leitende Engel +zuschickte, wird auch uns nicht ohne Trost lassen. Er wird zu rechter +Zeit Hülfe schicken.« + +Nun wurde mit einem Male an der Hausthüre geklopft. »Jetzt kommen sie, +sagte der alte Förster, und werden uns aus dieser Stube vertreiben.« Der +Förstersohn fuhr auf, blickte nach seinem Gewehr, und rief: »Das sollen +sie sich nicht unterstehn, meine grauen Aeltern, mein liebes Weib, meine +Kinder, meine Schwestern aus dem Hause zu werfen. Den Ersten, der an sie +Hand anlegt, den -- --« + +»O nein, nein, mein Sohn, sprach der alte Vater, sprich diese +schrecklichen Worte, die du auf der Zunge hast, nicht vollends aus. +Keine Widersetzlichkeit; nichts von unrechtmäßiger Gewalt! Gott ist über +uns und ihnen. Er allein ist unser Schutz und unsre Zuflucht. Wenn unsre +Bitten und Vorstellungen über diese Männer, die uns zu vertreiben +kommen, nichts vermögen, so gehen wir willig aus dem Hause, und flüchten +uns, bis die Nacht vorüber ist, in jene Höhle des Waldes, in der wir bey +stürmischer Witterung auf der Jagd oft eine Zuflucht gefunden. Ach, +sprach er, indem er aus seinem Lehnsessel aufstand, ich wollte, ein +jedes aus euch könnte mit mir altem, vielgeprüftem Manne sagen: + + Um mich hab' ich mich ausbekümmert, + Und alle Sorg' auf Gott gelegt, + Würd' Erd' und Himmel auch zertrümmert, + So weiß ich doch, daß Er mich trägt; + Und hab' ich meinen treuen Gott, + So frag' ich nichts nach Noth und Tod.« + + + + + Achtes Kapitel. + + Ein unerwarteter Besuch. + + +Indessen wurde wiederholt geklopft, und noch stärker, als zuvor. »Geh, +Christian, sagte der alte Förster, und öffne die Thüre.« Christian ging. +Nach einigen Augenblicken trat ein schöner, ansehnlicher Herr, den sie +nicht kannten, in einen dunkelgrünen Mantel gehüllt und mit einer +Pelzmütze bedeckt, zur Thüre herein. »Das ist der neue Förster!« dachten +alle mit erschrockenen Herzen. Der Unbekannte schien aber selbst +erschrocken, so viele rothgeweinte Augen und schreckenblasse Angesichter +zu sehen. Er nahm seine Mütze ab, stand einige Augenblicke still und +sagte: »Kennen Sie mich denn nicht mehr?« »Ach Gott, rief Luise, es ist +Anton!« »Anton! rief Katharine, ists möglich?« »Was fällt euch ein, +sagte die alte Mutter; dieser Herr da ist ja viel größer und stärker als +Anton.« »Wahrhaftig, er ist es, sprach Christian, es ist Anton! Um des +Himmels willen, Bruder, wie kommst du hieher? Ich hätte dich in Rom +gesucht, mehrere hundert Stunden von hier!« Der alte Vater rieb sich die +Augen, als traute er ihnen nicht, trat langsam näher, eilte aber +plötzlich mit weitausgestreckten Armen auf Anton zu, schloß ihn in die +Arme und konnte nichts mehr sagen, als: »O mein Sohn Anton!« Sie +umarmten sich lange und innig. Nun grüßte Anton seine ehrwürdige +Pflegmutter, seine Geschwister, Christian, Katharinen und Luisen, voll +der herzlichsten Freude des Wiedersehens. Auch die junge Försterin und +ihre Kinder, die er das erste Mal sah, grüßte er mit großer Freude und +Herzlichkeit. So tief betrübt alle noch vor wenigen Augenblicken waren, +so hoch erfreut waren jetzt alle. Die unerwartete Freude hatte alle +Traurigkeit verscheucht, wie die aufgehende Sonne die nächtlichen +Schatten zerstreut. + +Jetzt aber fing die alte Mutter an: »Ach Anton, du findest uns in sehr +traurigen Umständen. Du hast ja unsere Thränen noch gesehen, als du in +die Stube herein kamest. Ach, laß dir unsern Jammer doch erzählen.« »Ich +weiß alles, sprach Anton; seyen Sie aber vollkommen ruhig, liebste +Aeltern! Ihre Angelegenheiten stehen aufs Beste. Ich komme eben vom +Fürsten. Er grüßt Sie, liebster Vater, auf das freundlichste.« + +»Mich? rief der alte Vater? Wie kamst du zum Fürsten? Das begreife ich +nicht. Wahrhaftig, ich fürchte, dieses alles ist nur ein glücklicher +Traum.« + +»Nein, sprach Anton, nichts weniger als ein Traum, sondern die gewisse +Wahrheit. Setzen Sie sich einmal in Ihren Lehnsessel, liebster Vater, +und Sie, liebste Mutter, nehmen Sie hier Platz, und lassen Sie sich +alles ausführlich erzählen.« Er legte seinen Mantel ab und holte noch +ein Paar Sessel herbey. Die erfreuten Pflegältern nahmen ihn in ihre +Mitte. Alle übrigen standen umher und sahen voll Verwunderung und +Erwartung auf ihn. Anton erzählte: + +»Unser jetziger gnädigster Fürst war, wie Sie wissen, noch vor Kurzem +als Erbprinz in Italien. Da wurden nun einmal zu Rom die Gemälde junger +Künstler zur Schau ausgestellt. Er ging hin, und unter den vielen +Gemälden gefiel ihm eines ganz vorzüglich. Man sagte ihm, ein junger +Mahler aus seinem Fürstenthume, Anton Kroner, habe es gemahlt. Der Prinz +ließ mich rufen, lobte mich sehr und war gegen mich ganz ungemein +gnädig. Er fragte mich, was ich für das Gemälde fordere, und bezahlte +mir mit fürstlicher Großmuth viel mehr, als ich verlangt hatte. Da er +die berühmtesten Gemälde zu Rom sehen wollte, so mußte ich ihn öfter +begleiten, durfte neben ihm in seinem Wagen sitzen, ja sogar einige Male +bey ihm speisen. Nun wurden zu Rom mehrere alte Gemälde von ganz +vorzüglicher Schönheit zum Verkauf ausgebothen. Der Prinz fuhr mit mir +hin, sie zu besehen. Er fragte mich bey jenen Stücken, die ihm besonders +gefielen, um meine Meynung, und beschloß sie zu kaufen. Es war ein Tag +bestimmt, an dem sie öffentlich sollten versteigert werden. Der Prinz +konnte aber nicht mehr so lange bleiben; er mußte nach Hause reisen, und +die Regierung übernehmen. Er gab mir daher den Auftrag, die Gemälde zu +kaufen, und dafür zu sorgen, daß sie ihm sicher und unbeschädigt +überliefert würden. Er bestimmte, wie viel ich im äußersten Falle für +die Gemälde geben dürfte, und wies mir eine Summe Geldes an. Dieser für +mich so ehrenvolle Auftrag lag mir nun sehr am Herzen. Ich war auch so +glücklich, die Gemälde für eine bedeutend geringere Summe, als er mir +gestattet hatte, zu erhalten. Da ich bereits alles, was für einen Mahler +in Italien vorzüglich sehenswerth ist, gesehen hatte, und da eben ein +Schiff zum Absegeln bereit lag, so schiffte ich mich sammt den Gemälden +ein. Ich kam mit meinem kostbaren Schatze glücklich an das Land. Da +miethete ich nun für die Gemälde einen besondern Wagen, und fuhr, damit +sie ja keinen Schaden nehmen möchten, selbst mit, bis wir auf dem Wagen +zusammen in der Residenz anlangten. Ich eilte sogleich nach Hofe und +ließ mich melden. Der Fürst war eben von der Mittagstafel aufgestanden +und befand sich in seinem Kabinette. Ich kam sogleich vor. »Nun, +willkommen in Deutschland, sprach der Fürst sehr freundlich; was bringen +Sie mir Gutes aus Italien?« »Die Gemälde, sagte ich, die ich Eurer +Durchlaucht höchstem Befehle gemäß gekauft habe.« »Nun, sprach der +Fürst, und wie viele davon?« »Alle!« sagte ich. »Alle!« rief er sehr +erfreut; »das ist ja ganz vortrefflich.« Er gab sogleich Befehl, daß die +Bilder ausgepackt und aufgestellt würden. Ich legte auch mit Hand an. +Alle waren vollkommen unbeschädigt. Der Fürst war in seinem größten +Vergnügen. Denn er ist nicht nur ein Liebhaber, sondern auch ein Kenner +von Gemälden. Ich überreichte ihm die Quittungen für die bezahlten +Gemälde. »Die Summe, sprach er, beträgt ja ein Merkliches weniger, als +ich Ihnen gestattete.« Ich sagte: »Eure Durchlaucht wollen befehlen, wo +ich das übrige Geld abzugeben habe.« »Ach, sagte er sehr gnädig, davon +kann keine Rede seyn. Ich bin Ihnen Dank schuldig. Wenn Sie mit mir +zufrieden sind, so bin ich es mit Ihnen noch viel mehr. Doch -- Sie sind +müde von der Reise und haben sich mit Auspacken noch mehr abgemattet. +Sie bedürfen der Ruhe.« Er befahl, mir ein Zimmer in der Residenz +anzuweisen. + +Als ich Abends in meinem Zimmer saß, fiel mir plötzlich ein, den alten +Forstrath Müller zu besuchen. Er war ja, außer dem Fürsten, der einzige +Mann, den ich in der Residenz kannte, und ich erinnerte mich sehr wohl, +wie er ehemals als Oberförster Sie, bester Vater, öfter besuchte und mit +Ihnen in der herzlichsten Freundschaft lebte. Er fragte mich, wie ich +hieher komme. Ich sagte es ihm. »Sie kommen zur glücklichsten Stunde!« +sprach er, und fing nun sogleich an, mir zu erzählen, wie es Ihnen, +liebster Vater, gehe, wie viel Verdruß Ihnen der Oberförster mache, wie +Sie deßhalb selbst in die Residenz gekommen, wie Sie aber einige Tage +vor meiner Ankunft unverrichteter Sache wieder abgereiset wären. Ich +wollte sogleich wieder zum Fürsten. »Nicht doch! sagte der Forstrath, +das geht nicht. Morgen frühe müssen Sie um eine besondere Audienz +bitten. Ich werde Sie begleiten. Die Sache ist jetzt schon so +vorbereitet, daß wir ein geneigtes Gehör finden werden.« Wir wurden am +folgenden Morgen sehr bald vorgelassen. Ich fing sogleich von Ihnen an, +und redete mit großem Eifer. Ich erzählte, wie ich in Ihr Haus gekommen, +und was Sie alles an mir gethan haben. Ich war sehr ausführlich. Der +Forstrath sagte einige Male: »Zur Sache, zur Sache!« Der Fürst aber +lächelte nur und sagte: »Lassen Sie! Die Dankbarkeit des guten Sohnes +gegen seine alten Pflegältern gefällt mir. Wir werden ja am Ende finden, +wo das alles hinaus will.« Ich kam nun auf den Herrn von Schilf und +sagte es gerade zu, warum er Ihnen so aufsäßig sey, und daß er als ein +Wilddieb in das Zuchthaus gekommen wäre, wenn der hochselige Fürst nicht +zu gnädig gewesen wäre. »Nicht doch, sagte der Forstrath ernsthaft zu +mir, Sie vergessen den schuldigen Respekt. Fürsten können kaum zu gnädig +seyn. Der Oberförster war damals ein junger Mensch, und es konnte +deßhalb immer einige Schonung eintreten.« »Nur weiter, nur weiter!« +sagte der Fürst zu mir. Ich zeigte ihm nun die Briefe, die Sie, liebster +Vater, mir nach Italien geschrieben. Ich hatte sie noch in der Nacht aus +meinem Koffer hervor gesucht. Da ist auch nicht ein einziger darunter, +in dem nicht für den Durchlauchtigen Erbprinzen, der mit mir damals in +einem Lande lebte, die besten Segenswünsche enthalten wären. Der Fürst +las nicht nur die Stellen, die ich ihm zeigte, sondern, nachdem er mich +zuvor, mit zu vieler Gnade, um Erlaubniß gefragt hatte, die ganzen +Briefe. »Nun wohl, sprach er, ich erinnere mich jetzt, daß Sie mir schon +in Italien von dem wackern Manne gesagt haben; ein Mann, der so schreibt +und einen so guten Sohn erzog, kann kein schlechter Mann seyn.« +»Deßhalb, sagte ich, müssen Eure Durchlaucht den Oberförster bestrafen, +und dem Sohne des Försters den väterlichen Dienst geben.« Der Forstrath +blickte mich unwillig an und sagte: »Spricht man denn auch einmal so mit +dem gnädigsten Herrn.« Der Fürst sprach aber mit Lächeln: »So schnell +geht es freylich nicht, wie Sie meinen, junger Mann. Ich muß den +Oberförster erst auch hören.« Er winkte den Forstrath an ein Fenster und +redete einige Zeit besonders mit ihm. Der Forstrath setzte sich hierauf +und schrieb. Der Fürst sagte aber zu mir: »Seyen Sie ruhig, es wird +recht werden.« + +Er redete nun, während der Forstrath schrieb, mit mir von Gemälden. +»Mein seliger Vater, sagte er, hat mir eine ganz artige Sammlung +hinterlassen. Ich bin begierig, was Sie dazu sagen. Indeß müssen alle +Gemälde wieder in bessern Stand gesetzt werden. Diese Arbeit übertrag +ich hiemit Ihnen. Wollen Sie das Geschäft übernehmen?« »Mit dem größten +Vergnügen, sagte ich; aber erst nach den Weihnachtsfeyertagen. Am +heiligen Weihnachtsabende habe ich meine ehrwürdigen Pflegältern das +erste Mal gesehen; an dem Weihnachtsabende muß ich sie wieder sehen; +besonders da sie in einer so traurigen Lage sind, und ich ihnen +erfreuliche Nachrichten bringen kann.« »Das ist nicht mehr als billig!« +sagte der Fürst. Der Dankbarkeit gegen Aeltern will ich gerne +nachstehen.« + +Der Forstrath war indessen mit Schreiben fertig geworden und überreichte +dem Fürsten das Blatt. Der Fürst unterzeichnete es. »Grüßen Sie mir +Ihren guten Pflegvater, sprach er zu mir, und sagen Sie dem braven, +alten Manne, er solle außer Sorgen seyn.« + +»Aber wie frey Sie doch mit dem Fürsten sprachen, sagte der Forstrath, +indem er mich auf mein Zimmer begleitete. Ich wehrte Ihnen immer, aber +Sie achteten nicht darauf. Nun, Ihrer Liebe zu Ihren Pflegältern ist +dieses zu verzeihen. Auch finde ich, der geradeste Weg ist immer der +kürzeste.« Ich fragte nun den Forstrath, was der Fürst mit ihm +gesprochen und was er ihm zu schreiben befohlen. Nach vielem Bitten +gestand er mir endlich, der Fürst habe gesagt: »Bald hätte man mich zu +einer Ungerechtigkeit verleitet. Dort liegt ein Dekret, in dem an die +Stelle des alten Försters ein andrer Mann ernannt wird. Ich fand jedoch +einige Bedenklichkeiten dabey und habe, so sicher man auch darauf +rechnete, es noch nicht unterzeichnet. Ich werde nun die Sache zuvor +noch gründlicher untersuchen.« Was der Forstrath schreiben mußte, war +ein besonderer Befehl an den Oberförster, ohngefähr dieses Inhalts: +»Seine Durchlaucht hätten mit allergrößtem Mißfallen vernommen, wie +unwürdig der Oberförster den würdigen Förster Grünewald behandle; der +Oberförster erhalte hiemit die geschärfteste Weisung, bis auf weiters +weder den alten Förster noch dessen Sohn im Geringsten zu beunruhigen.« +Den Befehl mußte der Forstrath sogleich durch eine Staffete absenden. +»Denn, hatte der Fürst gesagt, es liegt mir sehr daran, dem alten +ehrlichen Manne, sobald möglich, Ruhe zu verschaffen.« Der Forstrath gab +mir nun noch auf, Sie zu grüßen und Ihnen zu sagen: »Die Untersuchung, +die der Fürst anordnen werde, falle zuverläßig zu Ihrem Besten aus, und +Ihr Sohn erhalte sicher den Försterdienst.« + +Der alte Förster wischte sich, so wie alle übrigen, während dieser +Erzählung öfter die Augen. Jetzt stand er auf, umarmte Anton, nahm den +Flor von dem Gemälde der Geburt Jesu hinweg, blickte dankend zum Himmel, +und rief: »Nun laßt uns in den Lobgesang der Engel einstimmen: Ehre sey +Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen, die eines guten +Willens sind.« + + + + + Neuntes Kapitel. + + Der Weihnachtsbaum. + + +Nachdem Anton seine Erzählung geendet hatte, erkundigte er sich sehr +angelegentlich nach dem Befinden seiner lieben Aeltern. Er hatte nicht +ohne Schmerzen bemerkt, wie sehr beyde seit seiner Abreise gealtert +hatten. Ihre grauen Haare und ihre vielen Falten preßten ihm beynah +Thränen aus. Indeß ließ er sich davon nichts merken, um sie nicht zu +betrüben. Gar sehr mußte er sich hingegen verwundern, seine Geschwister, +Christian, Katharine und Luise nun in der vollen Blüthe des Lebens zu +erblicken. Er rief Christians beyde Kinder freundlich herbey. »Mein +Gott, sagte er, so verfließt die Zeit! Ach, vor achtzehn Jahren waren +Christian, Katharine und ich Kinder wie diese hier; Luise noch kleiner. +Jetzt sind diese Kinder in unsre Stelle eingerückt.« Er betrachtete die +zwey Kinder mit Wohlgefallen. »Nun, sprach er, habt ihr aber auch eure +Weihnachtsgeschenke schon bekommen?« »Ach nein; sagte der kleine Franz. +Der Oberförster hat uns den Spaß verdorben; er ist ein rechter Herodes.« +Die Mutter verwies ihm diese Rede. Die kleine Klara sagte: »Anton, dich +hat gewiß ein Engel hieher geschickt. Hast du uns aber auch ein +Weihnachtsgeschenk mitgebracht?« »O ja wohl,« sagte er, ich habe eurer +nicht vergessen. Nur müßt ihr warten, bis meine Kutsche nachkommt. In +dieser ist alles.« Die Kinder gaben sich zufrieden. + +Hierauf wurde das Abendessen aufgetragen. Es wurde aber mehr geredet, +als gegessen. Nach Tische verlangten die Kinder in das Bett. Alle +übrigen blieben aber noch bey einander auf. »Den lieben Kleinen, sagte +Anton, müssen wir morgen frühe noch eine besondere Freude machen. Wir +müssen ihnen einen Weihnachtsbaum zurichten. Denn wie in einigen +Gegenden die Krippe, so ist in andern der Weihnachtsbaum Sitte. +Christian muß sich aus Liebe zu seinen Kindern schon bequemen, noch +diese Nacht aus dem nahen Walde eine junge Tanne zu holen. Das Nöthige, +den Baum zu schmücken, bringe ich mit. Ich habe meinen Kutscher, dessen +Pferde fast erlegen waren, in Aeschenthal zurückgelassen, und bin auf +dem Fußsteig über alle Berge hieher geeilt; morgen frühe aber vor +Anbruch des Tages wird die Kutsche mit meinem Koffer und übrigem Gepäcke +hier eintreffen.« + +Am folgenden Morgen, sehr frühe, da die Kinder noch süß und sanft +schliefen, waren schon alle Erwachsene im Hause mit Aufstellung und +Ausschmückung des Weihnachtsbaumes beschäftigt. Ein junger schöner +Tannenbaum mit dichten grünen Aesten wurde in der Stubenecke zwischen +den Fenstern angebracht. Anton öffnete, nachdem die Kutsche abgepackt +war, eine große Schachtel, die fast mit allem, was Kinder freuen kann, +gefüllt war. Er hängte die kleinen Geschenke -- schönes Obst, allerley +buntes Zuckerwerk, niedliche Körbchen voll verzuckerter Mandeln, Kränze +von künstlichen Blumen mit rosenfarbenen oder himmelblauen Bändern +geziert, nebst allerley flimmernden Spielzeugen an den Baumzweigen auf. +Er wußte alles sehr mahlerisch zu ordnen. Nun nahm er auch ein Paar +Dutzend kleine blecherne Lampen hervor, die mit Wachs eingegossen waren. +Er hängte sie vorsichtig, damit sie den Baum schön beleuchten, aber +nicht anbrennen konnten, an den Zweigen auf. Da alles fertig war, gingen +Katharine und Luise, die Kinder zu wecken. »Sie dürfen aber nicht früher +kommen, sagte Anton, als bis ich mit dem Anzünden der Lampen fertig bin +und bis die Mutter ruft.« + +Als die Kinder von den Weihnachtsgeschenken hörten, verging ihnen +sogleich aller Schlaf. Man konnte sie nicht schnell genug ankleiden. +Endlich rief die Mutter: »Jetzt kommt!« Die Kinder sprangen eilig in die +Stube -- blieben aber von Glanz und Schimmer geblendet plötzlich stehen. +Vor Erstaunen und Entzücken über den unerwarteten Anblick konnten sie +Anfangs nicht reden. Sie staunten den wundersam schimmernden Baum mit +starren Augen und offnem Munde unverwandt an. Der grüne Glanz der +Zweige, die Lichter, die dazwischen wie Sterne schimmerten, die hochroth +strahlenden Aepfel, die goldgelben Birnen, die vielen bunten und +funkelnden Sachen kamen ihnen wie Zauberey vor. Sie wußten nicht, ob sie +wachten oder träumten. Endlich riefen sie höchst entzückt: »O wie schön, +o wie herrlich!« Franz sagte: »Einen solchen Baum, der so schön ist und +im Winter so vielerley Früchte trägt, giebts in unserm ganzen Walde +nicht.« »Ey, sagte Klara, solche Bäume wachsen nur im Paradiese, oder +gar nur im Himmel. Nicht wahr, Mutter, das Christuskindlein hat uns den +Baum geschickt?« »So, wie er da ist, sprach die Mutter, nun eben nicht. +Indeß hat doch Christus, der einst als ein Kind in der Krippe lag und +nun im Himmel ist, euch diese Freude beschert. Denn wäre Er uns nicht +geboren, so wüßten wir nichts von Weihnachtsfreuden und +Weihnachtsgeschenken.« »Nun gut, sagten die Kinder, wir wollen Ihn schon +recht lieb haben und Ihm recht folgen. Er ist doch gar so gut, und hat +die Kinder gar so lieb. Eine solche Freude, wie Er uns macht, hatte noch +kein Mensch in der Welt.« + +Die Großmutter sprach: »Es ist wohl wahr, ein erwachsener Mensch kann +kaum eine solche Freude empfinden, wie ihr Kinder. Schuldlose Kinder +sind die seligsten Geschöpfe auf Erden; ihre Freuden sind rein und +lauter. Gott erhalte euch unschuldig und gut!« -- »Ach, sagte sie zu den +übrigen, die Freuden der Erwachsenen werden nur zu oft von Kummer und +Sorge, von Ehrsucht, Geiz, andern bösen Leidenschaften, wohl gar von +Gewissensbissen verbittert. Darum ist es ein schönes, wahres Wort unsers +göttlichen Erlösers: »Wenn ihr euch nicht bekehret und nicht werdet wie +die Kinder, so könnet ihr nicht in das Himmelreich eingehen.« + +Der Großvater sagte: »Der Gebrauch mit dem Weihnachtsbaume gefällt mir +sehr wohl. Es war klug und weise von unsern Vorältern, daß sie darauf +bedacht gewesen, die schönen christlichen Freudenfeste auf mancherley +Weise den Kindern zu Tagen der Freude zu machen. Diese kindliche Freude +macht ihnen die Festtage des Herrn lieb und werth, und bereitet ihr Herz +vor, an der höheren Festfreude, dem Heile, das uns allen geworden, Theil +zu nehmen. Von nun an soll in diesem Hause an jedem Weihnachtsfeste den +lieben Kleinen immer ein Weihnachtsbaum grünen. Wenn er auch nicht so +prächtig geziert seyn sollte, wie dieser, so wird er ihnen doch nicht +weniger Freude machen. Es braucht wenig, Kinder zu erfreuen; einige +Aepfel, Birnen, vergoldete Nüsse reichen schon hin, wenn man etwa nichts +Besseres hat. Auch wird wohl niemand knickern wollen, wenn es darauf +ankommt, Kindern eine schuldlose und heilsame Freude zu machen. Ich +denke auch, der Weihnachtsbaum kann uns bey der Kinderzucht große +Dienste leisten; er kann uns, wenigstens sehr oft, die Ruthe ersparen. +Kinder, die einmal einen Weihnachtsbaum gesehen haben, freuen sich gewiß +das ganze Jahr wieder darauf, und werden gewiß mehr auf die Worte +achten: Wenn ihr nicht gehorcht, bekommt ihr keinen Weihnachtsbaum! -- +als wenn man ihnen mit Schlägen drohte.« + +Die Aeltern und Großältern dankten nun dem Anton für die viele Freude, +die er ihren Kindern und Enkeln gemacht hatte. »Es ist eine Kleinigkeit, +sagte er, die nicht der Rede werth ist. Indeß muß ich Sie bitten, daß +auch Sie einige kleine Weihnachtsgeschenke von mir nicht verschmähen.« +Er schloß seinen Koffer auf, der in einer Ecke der Stube stand. »Diesen +Koffer, sagte er, haben Sie mir einst reichlich gefüllt mit auf die +Reise gegeben; es ist nicht mehr als billig, daß Sie ihn nicht ganz leer +wieder zurück erhalten.« Er überreichte der alten Försterin kostbares +Pelzwerk und Seidenzeug. »Es ist ja die Pflicht guter Kinder, sagte er, +ihre alten Aeltern bey der rauhen Jahrszeit warm zu halten.« Der jungen +Frau und den zwey Jungfrauen gab er grünen Tafet zu Kleidern, seidene +Halstücher aus Mayland und andern Frauenzimmerputz. Der junge Förster +bekam eine vortreffliche Doppelflinte, deren Schaft von Nußbaumholz sehr +schön mit Silber eingelegt war. »Sie, liebster Vater, sagte Anton zu dem +alten Förster, müssen nun nicht mehr auf die Jagd gehen; Sie müssen nun +von Ihren vielen Beschwerden ausruhen. Sie brauchen Stärkung in Ihren +alten Tagen. Der Korb dort ist mit Flaschen vom besten alten Rheinwein +gefüllt. Und hier ist ein Becher dazu.« Anton überreichte ihm einen +silbernen Becher, der innen prächtig vergoldet war. Außen auf dem Becher +waren in einem Kranze von Eichenlaub die Worte eingegraben: »Meinem +lieben Vater Friedrich Grünewald zur Erinnerung an den Weihnachtsabend +1740., überreicht am Weihnachtsfeste 1758. von dessen dankbarem Sohne +Anton Kroner.« Der alte Förster umarmte Anton mit Thränen in den Augen. +Allein Anton übergab ihm über dieß noch eine Rolle Gold. »Sie, liebster +Vater, sagte er, haben große Summen auf mich verwendet. Es wäre nicht +recht, wenn Ihre übrigen Kinder und Ihre Enkel dadurch sollten verkürzt +werden.« Der edle Greis erstaunte und wollte das Geschenk nicht nehmen. +Allein Anton sagte: »Es ist nichts weniger, als ein Geschenk von mir. +Der gnädigste Fürst hat mich so reichlich beschenkt, und sein Geschenk +freute mich zweyfach, weil ich dadurch in den Stand gesetzt wurde, Ihnen +an einer alten Schuld, die ich nie werde ganz bezahlen können, +wenigstens Einiges abzutragen.« Alle Umstehenden waren höchst erstaunt. +Die alte Försterin aber sagte: »Ach Anton, wie hätten wir an jenem +Weihnachtsabende, an dem du das erste Mal in unser Haus kamest, denken +können, daß du uns dereinst einen so fröhlichen Weihnachtsabend +bereiten, uns durch die Verwendung bey Seiner fürstlichen Durchlaucht +aus so großer Noth retten, und uns alles, was wir an dir thaten, so +reichlich vergelten würdest!« »Das hat Gott gethan, sprach Anton. Er +führte mich in Ihr Haus, um Sie und mich reichlich zu segnen. Sein Name +sey gepriesen.« + +»Doch, sprach jetzt Anton, erlauben Sie nun, daß ich sogleich abreise.« +»Was, wie, warum?« riefen alle erstaunt. Allein Anton sagte: »Ich fahre +jetzt zu Herrn Riedinger. Ich hoffe dort noch dem Gottesdienste +beywohnen zu können, meinem vortrefflichen Lehrmeister durch meinen +Besuch eine unerwartete Freude zu machen, und ihn auf den Abend hieher +zu bringen. Dann wollen wir die übrigen Weihnachtsfeyertage, ja alle +Tage des noch übrigen Jahres recht fröhlich beschließen.« Alle +begleiteten Anton an die Kutsche. Am Abende kam Anton mit seinem +Lehrmeister an, und das alte Försterhaus in dem düstern Walde +beherbergte in diesen Tagen so selige Menschen, als je auf Erden gelebt +haben. + +Was von Antons Geschichte noch weiter bemerkt zu werden verdient, ist +kurz dieses. Anton bath den alten Förster und dessen Hausfrau, ihm ihre +Tochter Luise zur Ehe zu geben. Beyde bewilligten es mit Freuden. »Ach +Luise, sprach die alte Großmutter, damals, als du dem Anton jenes +Aepfelein zum Weihnachtsgeschenk gegeben hast, dachte ich wohl nicht +daran, daß er dich dereinst als seine Braut zum Altare führen würde.« +Das Hochzeitfest war erst noch das freudigste Fest, das je in dem +Försterhause gefeyert wurde. Anton aber kaufte sich in der Residenz ein +eigenes Haus, hatte als ein sehr geschätzter Mahler immer sehr viel zu +mahlen, und lebte mit Luisen in der seligsten Eintracht. + +Im folgenden Frühlinge kam der Fürst ganz unerwartet auf dem fürstlichen +Jagdschlosse Felseck an, und brachte den alten Forstrath Müller und +einen auswärtigen forstverständigen Mann mit sich. Der Oberförster war +sehr bestürzt und versprach sich von diesem gnädigen Besuche wenig +Gutes. »Sie haben meine Befehle überschritten, sagte der Fürst zu ihm. +Ich hatte zwar, durch Ihre Berichte verleitet, den alten Förster seiner +Geschäfte überhoben, und war Willens, den jungen Förster auf einen sehr +geringen Försterdienst zu versetzen; allein die ganze Familie so +unmenschlich aus dem Forsthause zu verstoßen, wie Sie es im Sinne +hatten, war nie mein Wille. -- Doch wir wollen vorerst die Waldungen in +Augenschein nehmen.« + +Des Oberförsters eigener Bezirk befand sich in einem kläglichen +Zustande. »Auf den Papieren, die er einschickte, sprach der Fürst, fand +ich alles vortrefflich. Da war alles so schön geschrieben und linirt, +wie gestochen. Allein im Walde finde ich es anders. Auf manchem Platze +ist offenbar ohne Vergleich mehr Holz gestanden, als in den Rechnungen +steht. Er hat mich betrogen.« Der Oberförster hatte, wie sichs in der +Folge zeigte, an eine benachbarte Eisenschmelze nach und nach einige +tausend Klafter Holz mehr abgegeben, als er in Rechnung brachte. Er +hatte, um seinen großen, beynah fürstlichen Aufwand zu bestreiten, nicht +nur sein eigenes Vermögen verschwendet und sich in Schulden gesteckt, +sondern sich überdieß noch Untreue gegen seinen Fürsten erlaubt. Der +Fürst setzte ihn ab, und verurtheilte ihn, den Schaden zu vergüten. Der +arme Herr von Schilf lebte von nun an auf seinem kleinen Landgute in +sehr dürftigen Umständen. + +Den Waldbezirk des alten Försters fand der Fürst im trefflichsten +Zustande. Er kam in eigener Person zu ihm in das Haus, bezeugte dem +alten Manne seine Zufriedenheit, ließ sich dessen ganze Familie +vorstellen und redete mit allen sehr freundlich. Bevor er seinen +Schimmel bestieg, den ein Reitknecht vor dem Försterhause am Zaume +hielt, sagte er zu dem Förstersohne: »Er ist hiemit Förster; mache Er +seine Sache ferner so gut!« »Sie, sprach der Fürst zu dem alten Förster, +sind nun wohl etwas alt, aber noch lange nicht der abgelebte Greis, für +den Herr von Schilf Sie ausgab. Sie sind trotz Ihres Alters noch sehr +wohl bey Kräften; ich kann Sie meiner Dienste noch nicht entlassen. Sie +werden mich verstehen, wenn ich Ihnen sage: Leben Sie wohl, Herr +_Oberförster_.« + + + + + Bei Philipp Krüll in Landshut + ist zu haben + + + _Genovefa._ Eine der schönsten und rührendsten Geschichten des + Alterthums, neuerzählt für alle guten Menschen, besonders für + Mütter und Kinder. 3te rechtmäßige Auflage. m. 1 Kupf. 8. + 1817. 24 kr. oder 6 gr. + + _Ostereyer_, die, eine Erzählung zum Ostergeschenke für Kinder, + von dem Verfasser der Genovefa. 2te Auflage. 12. 1818. 9 kr. gr. + 12. 12 kr. 3 gr. + + _Wie Heinrich von Eichenfels_ zur Erkenntniß Gottes kam; eine + Erzählung für Kinder und Kinderfreunde, von dem Verfasser der + Ostereyer. 2te verbesserte Auflage. 12. 1821. 9 kr. gr. 12. 12 + kr. 3 gr. + + _Blühten_, dem blühenden Alter gewidmet, von dem Verfasser der + Ostereyer. 8. 1819. 18 kr. 5 gr. + + _Erzählungen_ für Kinder und Kinderfreunde, von dem Verfasser der + Ostereyer. 18 Bändchen. 12. 1821. 9 kr. gr. 12. 12 kr. 3 gr. + + -- -- desselben Werks 2s Bändchen. 12. 1825. + + _Blumenkörbchen_, das, eine Erzählung dem blühenden Alter + gewidmet, von dem Verfasser der Ostereyer; mit 1 Titelkupfer. 8. + 1823. 24 kr. 6 gr. Velinpap. 1 fl. 48 kr. Rthl. 1. + + _Rosa_ von Tannenburg. Eine Geschichte des Alterthums, für + Aeltern und Kinder. Erzählt von dem Verfasser der Genovefa; mit 1 + Kupf. 8. 1823. 30 kr. 8 gr. + + _Itah_, Gräfin von Toggenburg; eine sehr schöne und lehrreiche + Geschichte aus dem 12ten Jahrhundert, neu erzählt für alle guten + Christen, besonders für unschuldig Leidende. Ein Seitenstück + zur Genovefa; mit 1 Kupfer. 5te Auflage. 8. 1823. 24 kr. 6 gr. + + _Geschichten_, biblische, für Kinder. 3 Thle. (von Christoph + Schmidt). 8. 1820. netto 1 fl. 9 kr. 18 gr. + + -- -- dieselben im Auszug. 2 Thle. 8. 1821. netto 30 kr. 8 gr. + + _Engelbrecht, A._, Aufsätze pädagogischen Inhalts; ein Buch für + Seelsorger und Volksschullehrer, zur angenehmen und belehrenden + Unterhaltung; mit 1 Kupfer. 8. 1821. 1 fl. 30 kr. Rthl. 1. + + _Hausaufgaben_ für Schreib- und Rechnungsschüler in Volksschulen, + oder Aufgaben zur Selbstbeschäftigung der Schüler. 2te + verbesserte Auflage. 8. 1823. 15 kr. 4 gr. + + _Diktirübungen_ nach den Regeln der Orthographie geordnet, nebst + einem Diktir-Surrogat für Volksschulen; ein Hand- und Lesebuch + für Elementarschulen, vom Verfasser der Hausaufgaben. 8. 1822. 12 + kr. 3 gr. + + _Maurer, K._, Lesebuch für geübtere Leseschüler. 8. 1818. 15 kr. + 4. gr. + + -- -- kleine lehrreiche Erzählungen und Lesesätze, nebst einigen + Gleichnissen und Denksprüchen aus dem Munde Jesu. Ein Geschenk + für Kinder. 8. 1820. 8 kr. 2 gr. + + -- -- Briefe für Kinder, nebst einigen Anreden bei öffentlichen + Schulprüfungen. 3te Auflage. gr. 12. 1824. 12 kr. 3 gr. + + -- -- Tabelle zur Kenntniß der Buchstaben. 8. 1817.; auf + Pappendeckel gezogen 2 kr. + + -- -- Lesebuch für Anfänger im Lesen. 3 Abtheilungen. 12. 1817. 7 + kr. 2 gr. + + _Alte_, der, von den Bergen; eine Erzählung für Kinder. 2te + verbesserte Auflage. 12. 1822. 9 kr. 3 gr. + + _Heilingbrunner_ und _Zeheters_ drittes Elementarbuch der + nöthigsten Sach- und Sprachgegenstände für Volksschulen. 3. 1822. + 30 kr. 8 gr. + + _Jais, P. A._, schöne Geschichten und lehrreiche Erzählungen, zur + Sittenlehre für Kinder und wohl auch für Erwachsene. 2 Bändchen. + 10 kr. 3 gr. + + _Fabeln für unsere Zeiten und Sitten._ 2 Bändchen. 8. 1821. 1 fl. + 16 gr. + + + + +Anmerkungen zur Transkription + + +Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. +Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt +(vorher/nachher): + [S. 10]: + ... oben auf dem Berge. In Mitte der ... + ... oben auf dem Berge. In der Mitte der ... + + [S. 44]: + ... Menschen geziemt, oder sie sind mit mir ... + ... Menschen geziemt, oder Sie sind mit mir ... + + [S. 44]: + ... sahen etwa einige vornehme jungen Herren ... + ... sahen etwa einige vornehme junge Herren ... + + [S. 55]: + ... suchte. Oder der Namen des Waldes ... + ... suchte. Oder der Name des Waldes ... + + [S. 72]: + ... umher, und sagten mit gerührten ... + ... umher, und sagten mit gerührtem ... + + [S. 92]: + ... alle übrige Geschöpfe der Erde unterworfen. ... + ... alle übrigen Geschöpfe der Erde unterworfen. ... + + [S. 100]: + ... Kinder, Armen und Kranken müßten ... + ... Kinder, Arme und Kranke müßten ... + + [S. 102]: + ... mit der ihr die frommen Bemerkungen ... + ... mit der Ihr die frommen Bemerkungen ... + + [S. 126]: + ... Freunde hat. Er will ihren Dienst ... + ... Freunde hat. Er will Ihren Dienst ... + + [S. 126]: + ... und ihren Sohn ein. Ich fürchte sehr, ... + ... und Ihren Sohn ein. Ich fürchte sehr, ... + + [S. 134]: + ... ähnliche Lagen kommen. Gott laßt keines ... + ... ähnliche Lagen kommen. Gott läßt keines ... + + [S. 136]: + ... mir altem, vielgeprüften Manne sagen: ... + ... mir altem, vielgeprüftem Manne sagen: ... + + [S. 140]: + ... ihren Lehnsessel, liebster Vater, und Sie, ... + ... Ihren Lehnsessel, liebster Vater, und Sie, ... + + [S. 148]: + ... auch hören.« Er winkte dem Forstrath ... + ... auch hören.« Er winkte den Forstrath ... + + [S. 149]: + ... habe ich meine ehrwürdige Pflegältern ... + ... habe ich meine ehrwürdigen Pflegältern ... + + [S. 164]: + ... reichlich zu segnen. Sein Namen sey ... + ... reichlich zu segnen. Sein Name sey ... + + [S. 168]: + ... hiemit Förster; mache er seine Sache ... + ... hiemit Förster; mache Er seine Sache ... + + + + + + +End of Project Gutenberg's Der Weihnachtsabend, by Christoph von Schmid + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 56520 *** |
