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-Project Gutenberg's Drei Erzählungen für junge Mädchen, by Clementine Helm
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Drei Erzählungen für junge Mädchen
-
-Author: Clementine Helm
-
-Release Date: December 1, 2017 [EBook #56098]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI ERZÄHLUNGEN FÜR JUNGE MÄDCHEN ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski, Pál Haragos and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
-file was produced from images generously made available
-by The Internet Archive)
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-
- Drei Erzählungen
-
- für junge Mädchen
-
- von
-
- Clementine Helm.
-
-(Verfasserin von Backfischchens Leiden und Freuden, Lilli's Jugend &c.)
-
-
- Leipzig,
- Georg Wigand's Verlag
- 1873.
-
-
-
-
-Das Recht der Uebersetzung ist vorbehalten.
-
-
-
-
- Inhalt.
-
-
- Seite
-
- 1. Esther Wieburg 1
-
- 2. Verwaist 129
-
- 3. Neue Wege 199
-
-
-
-
- Esther Wieburg.
-
-
-»Wie gesagt, Herr Pastor, darin kann ich Ihnen nicht Recht geben, das
-=ist= keine Erziehung für ein Mädchen! Einen Jungen mögen Sie alle
-diese Dinge lernen lassen, meinetwegen; aber ein Mädchen kann in ihrem
-ganzen Leben nichts damit anfangen. Das ist meine Meinung, und dabei
-bleibe ich, sowahr ich Friederike Booland heiße!«
-
-Frau Friederike Booland, die Sprecherin dieser energischen Worte,
-bekräftigte den Schluß ihrer Rede damit, daß sie ihre große, knochige
-Hand laut schallend auf den Schreibtisch niederfallen ließ, neben
-welchem sie stand. An diesem Schreibtische aber saß derjenige, dem ihre
-Rede galt, Pastor Wieburg, der Geistliche im Dorfe Rahmstedt. Seit
-Jahren schon lebte Frau Booland hier im Hause, nachdem ihr eigener
-Gatte, der Schulmeister des Dorfes, gestorben, und von jenem Tage
-an führte sie die Zügel des Haushaltes mit ebensoviel Energie als
-Gewissenhaftigkeit. Pastor Wieburg hätte keine bessere Haushälterin
-finden können und so überließ er ihr getrost alle Regierungssorgen. Nur
-ein Departement hatte er sich vorbehalten, und das war die Erziehung
-seines einzigen Kindes, eines kleinen, dunkeläugigen Mädchens. So
-großen Respect Frau Booland nun auch vor allen Meinungen und Ansichten
-ihres Brodherrn hatte, in diesem Punkte war sie seine stete Gegnerin,
-und sie scheute sich nicht, dies immer wieder gegen ihn auszusprechen,
-so wenig Erfolg ihre Worte auch haben mochten. Pastor Wieburg hörte
-ihre Reden geduldig an, ohne den Fluß derselben durch Widerspruch zu
-hemmen, so lange seine Pfeife brannte. War diese jedoch zu Ende, so
-stand er ruhig von seinem Stuhle auf, ging nach dem Ofen, die Asche aus
-der Pfeife zu klopfen, und dann sagte er gleichmüthig: »Schon recht,
-Frau Booland; aber jetzt möchte ich Ruhe haben, meine Predigt fertig zu
-arbeiten. Sie sind wohl so gut, und kommen ein andermal wieder.«
-
-Frau Booland blieb alsdann freilich nichts übrig, als sich mit einem
-Knix zu empfehlen. Aber ihr sonst gutmüthiges Gesicht war dann durchaus
-nicht sonnenhell, und leise vor sich hin brummend ging sie die Treppe
-hinunter, um sie nach einiger Zeit von Neuem zu ersteigen und abermals
-ihre Vorwürfe anzubringen.
-
-»Er ist und bleibt unverbesserlich!« rief sie auch heute voll Aerger,
-als sie die Thür der Studirstube etwas kräftiger als gewöhnlich
-geschlossen hatte und zu ihrem Haushalte zurückkehrte. »Es ist, als ob
-ich zur Wand redete, so wenig Eindruck machen meine Worte auf ihn! Wenn
-er nur wenigstens mit mir stritte oder mir seine Meinung sagte. Aber
-nein, steif und ruhig sitzt er in seinem Stuhle und läßt mich reden und
-reden, und am Ende muß ich wieder abziehen und alles bleibt beim Alten.
-O diese Männer!«
-
-Als Frau Booland in ihrem gerechten Grimme das Wohnzimmer im
-Untergeschoß des Pfarrhauses betrat, flogen ihre Blicke nach einer Ecke
-in der Nähe des Fensters, wo ein niedriger Arbeitstisch stand, an dem
-ein kleines Mädchen schrieb. Es war Esther, ihre junge Pflegebefohlene,
-für deren Wohl und Wehe die brave Frau soeben vergeblich gekämpft hatte.
-
-»Schreiben und schreiben, und nichts als lesen und schreiben den
-ganzen Tag!« rief Frau Booland verdrießlich. »Bist du denn noch nicht
-bald fertig für heute, Estherchen? Du sollst noch ein Bischen in
-die Luft, Kind, ich denke, du hast genug gelernt. Hast den ganzen
-Nachmittag schon studirt, der Kopf muß dir ja brummen von all' der
-grausamen Gelehrsamkeit, du armer kleiner Fisch.«
-
-»Ich bin bald fertig, Tante, nur noch dies eine =Verbum= muß ich zu
-Ende schreiben,« entgegnete das kleine Mädchen aufsehend. »Vater schilt
-sonst, denn er sagt ohnehin immer, ich sei nicht fleißig genug!«
-
-»Das Gott erbarm! Noch nicht fleißig genug!« rief die Wittwe, ihre
-Hände zusammenschlagend. »Es ist ein Elend, daß du kein Junge geworden
-bist, dann hätte dies Gelerne einen Sinn, aber so? Was in aller Welt
-willst =du= damit anfangen?«
-
-»Ich wollte auch lieber, ich wär' ein Junge, das weißt du ja, Tante!
-Und Vater will gewiß einen aus mir machen, daß er mich so viel lernen
-läßt,« rief Esther lachend und nickte der erzürnten Frau begütigend
-zu. »Aber bitte, Tante, ich möchte das Bischen Tageslicht noch gern
-benutzen, um meine Arbeit fertig zu machen. Ich komme dann auch gleich
-zu dir in den Garten.« Und ohne sich weiter stören zu lassen, schrieb
-das Kind eifrig weiter, während die letzten Strahlen der Herbstsonne
-über ihr dunkles Haar forthuschten und ihre blassen Wangen vom
-Abendroth leise geröthet wurden.
-
-Frau Booland hatte von ihrem Standpunkte aus allerdings guten Grund,
-sich über die Art und Weise zu beklagen, in welcher ihre kleine
-Pflegebefohlene von ihrem Vater erzogen wurde. Pastor Wieburg war ein
-durch und durch braver, rechtschaffener Mann und für seine Gemeinde
-ein trefflicher Seelsorger; außerdem aber ein ernster, ja strenger und
-verschlossener Gelehrter, der den Verkehr mit der Außenwelt mied und
-nur seinem Amte und seiner Wissenschaft lebte. So lange Esther, das
-einzige Kind seiner früh verstorbenen Gattin, noch zu klein war, um
-lernen zu können, hatte er sich sehr wenig um sie bekümmert, und sie
-völlig der Sorge Frau Booland's überlassen. Das schüchterne, kleine
-Mädchen war auch viel lieber in der Gesellschaft dieser guten Frau, als
-in der des ernsthaften, schweigsamen Vaters, der nur immer Ruhe gebot,
-wenn sie in seiner Nähe spielte und ihre Puppen stets sehr unsanft in
-die Ecke warf, hatte sich ja einmal eine in die Nähe seiner Bücher
-verirrt.
-
-Als Esther jedoch älter ward und ihr Vater bemerkte, daß in dem kleinen
-Körperchen eine starke Seele und viel Verstand wohnte, da wuchs sein
-Interesse für das Kind. Er hatte sich einen Sohn gewünscht, um auf
-ihn all' sein Wissen und seine Gelehrsamkeit zu übertragen; nun hatte
-er statt dessen eine kluge kleine Tochter bekommen, sie sollte ihm
-den Sohn ersetzen. Wirklich lernte die kleine Esther bald mit so viel
-Eifer und Erfolg, daß ihr Vater immer mehr Gefallen an ihr fand und sie
-wie einen Knaben unterrichtete. In der Zeit, wo andere kleine Mädchen
-mühsam einzelne Worte zusammen buchstabiren, und mit dem Schieferstifte
-unsichere Kritzeleien auf die Tafel malen, konnte unsere kleine Esther
-schon recht geläufig lesen und schreiben, und nicht etwa nur in ihrer
-Muttersprache, sondern auch in den Anfangsgründen des Lateinischen,
-dem sich später sogar das Griechische zugesellte. Bei diesem eifrigen
-Lernen und Studiren blieb freilich zum steten Leidwesen der braven Frau
-Booland wenig Zeit übrig zur Erlernung all' der weiblichen Künste und
-Kenntnisse, welche diese häusliche Frau in der Erziehung eines Mädchens
-für unerläßlich hielt. Esther zeigte leider auch wenig Vorliebe für
-dergleichen Dinge, und die Geheimnisse der fünf Stricknadeln blieben
-ihr sehr lange Zeit ein Buch mit sieben Siegeln. Tante Booland strickte
-und nähte ja den ganzen Tag, was sollte Esther sich damit quälen, und
-die kleinen Dienste in Küche und Kammer, wozu ihre Erzieherin sie
-anzuleiten sich abmühte, erschienen Esther ebenfalls erstaunlich
-überflüssig. Was kam denn darauf an, ob ein Kleid drinnen im Schranke
-hing oder draußen, ob die Schuhe absolut im Kasten stecken mußten,
-und Kamm und Bürste nicht mit der reinen Wäsche Gemeinschaft halten
-durften. Wenn Esther nur fand, was sie suchte, so war sie zufrieden;
-für alles andere mochte Tante Booland sorgen, die immerfort hinter ihr
-her lief, um wieder aufzuräumen, was ihr kleiner Wildfang in Unordnung
-gebracht hatte. Wenn dann Frau Booland böse werden und darauf dringen
-wollte, daß die leichtfertige kleine Dirne selbst Ordnung schaffe, dann
-hatte Esther immer Nöthigeres zu thun und absolut gar keine Zeit für
-dergleichen.
-
-»Aber Tante, ich =muß= doch jetzt lernen, Papa wird sonst zu böse!
-Bitte bitte, mache du es doch nur, das nächste Mal will ich es gewiß
-thun!« So hieß es stets, wenn das kleine Fräulein etwas vornehmen
-sollte, was ihr nicht behagte, und da Frau Booland nicht beurtheilen
-konnte, in wieweit Esther's Entschuldigung begründet war, sondern nur
-immer mit stillem Grauen des Kindes Gelehrsamkeit anstaunte, so wagte
-sie auch nie, energisch gegen Esther's Unarten einzuschreiten. Beim
-Vater fand die arme Frau für derartige Klagen auch kein Gehör; denn
-dieser hatte jene wunderlichen Ideen über Freiheit in der Erziehung,
-wie sie Rousseau einst lehrte, und ihm war es ganz recht, wenn seine
-Tochter frei und ungebunden und nicht geleckt und geschniegelt
-aufwuchs. »Sie soll mir ein tüchtiges Frauenzimmer werden ohne
-weibische Faxen und Narrheiten!« pflegte er auf Frau Booland's Klagen
-zu antworten. »Solche hausbackne Tugenden lernt sie noch zeitig genug!
-Jetzt laßt mir das Mädel damit in Ruhe, sie kann ihre Zeit besser
-anwenden.«
-
-So wuchs die kleine Esther denn heran mit allen Neigungen und
-Beschäftigungen eines Knaben, und kräftig wie ihr Geist entwickelte
-sich auch ihr Körper bei dieser Lebensweise. Obwohl sie weder blühende
-Farben, noch besonders kräftigen Körperbau besaß, so war sie doch
-ein gesundes, frisches Kind, und ihre feinen Glieder besaßen eine
-auffallend große Gewandheit und Festigkeit. Sie sprang und turnte,
-lief und kletterte wie der tollste Junge, und für sie war kein Baum zu
-hoch und kein Graben zu breit. Freilich in welchem Zustande Kleider
-und Schuhwerk nach solchen Thaten vor den entsetzten Blicken der Frau
-Booland erschienen, das kümmerte Esther wenig, ihr thaten nie die
-Finger weh vom Ausbessern dieser Sachen, denn wie hätte =sie= dazu Zeit
-gehabt! Tante Booland schalt und brummte zwar stets bei jedem neuen
-Riß, aber im Grunde freute sie sich doch, wenn ihr blasser Schützling
-lieber in Feld und Wald umhersprang, statt immer über den bösen Büchern
-zu sitzen. Deshalb, wenn Esther ihrer Ansicht nach genug studirt hatte,
-nahm Frau Booland des Kindes Strohhütchen vom Nagel, drückte ihr ihn
-auf die schwarzen Flechten und sagte: »Basta für heute, mein kleiner
-Fisch! Jetzt lauf' hinüber zum Bertel. Aber zum Nachtessen sei wieder
-hier, du weißt, dein Vater liebt die Pünktlichkeit!«
-
-Dann blitzten Esthers tiefschwarze Augen in heller Freude auf, und wie
-ein Pfeil sprang sie empor. Gewöhnlich nahm sie noch einige Bücher
-unter den Arm, wenn ihre Arbeiten noch nicht fertig waren, dann aber
-jagte sie wie ein Reh durch die Laubgänge ihres Gartens, und weiter
-hinaus über die Dorfstraße, Wiesen und Felder. Sie hatte nur ein Ziel
-und das war der Gutshof ihres Dorfes Rahmstedt.
-
-Aus den Fenstern des Gutshofes konnte man den ganzen Weg bis zur
-Pfarre übersehen. Sobald nun Esthers leichte Gestalt daher geflogen
-kam, dauerte es nicht lange, da knarrte die Gartenthür, und ein
-mächtig großer schwarzer Neufundländer sprang laut bellend in langen
-Sätzen über Hecken und Zäune, der kleinen Esther entgegen, die er
-fast umrannte. Hinter dem Hunde drein aber kam athemlos ein blonder
-Knabe daher, der Esther fröhlich anlachte. Dann faßten die beiden
-Kinder sich an den Händen, und lustig ging's nun zusammen in die
-weite Welt hinein, bis sie zuletzt den Hafen aufsuchten, nämlich
-den Blumengarten im Gutshofe. Auf der Freitreppe am Hause saß dann
-zuweilen eine stattliche junge Frau, welcher Esther freundlich die
-Hand zum Gruß entgegenstreckte, und dann verließ das kleine Mädchen
-ihren Spielgefährten, um sich neben die Dame zu setzen, welche gern
-mit der Kleinen plauderte. Auch ein großer, freundlicher Herr kam dann
-wohl seitwärts über den Hof geschritten, wo er mit den Dienstleuten
-gesprochen oder in den Ställen nachgesehen hatte, und begrüßte das
-Kind. Das war Herr von Ihlefeld, der Gutsherr von Rahmstedt, die
-schöne, junge Dame aber seine Frau und Hubert, auch Bertel genannt, das
-einzige Kind der Beiden. Ein behagliches, glückliches Familienleben
-herrschte in dem Hause, und die kleine Esther war ein täglicher, gern
-gesehener Gast in demselben. Man rechnete sie so zur Familie, daß stets
-ein Gedeck mit für sie aufgelegt wurde, und jederzeit ein Bett für
-sie bereit stand, besonders im Winter, wenn die Kleine Abends nicht
-in Wind und Wetter den Weg nach Hause machen sollte. Und wie Esther
-hier, so war auch Bertel täglich der Gast im Pfarrhause. Pastor Wieburg
-hatte es übernommen, den Knaben zu unterrichten, und so war derselbe
-neben Esther sein täglicher Schüler. Bertel war zwei Jahr älter als
-Esther; das kleine Mädchen lernte aber so rasch und war so eifrig
-und ehrgeizig, daß sie vielen Unterricht mit dem Knaben gemeinsam
-hatte, und das waren für Esther die herrlichsten Stunden. »Die kleinen
-Gelehrten,« nannte man die Kinder in der Umgegend, denn nirgends wußten
-andere Kinder ihres Alters so viel, als diese Beiden.
-
-»Ich werde einmal ein Gelehrter, wie du, Onkel Pastor,« pflegte Bertel
-zu sagen, und wirklich schien er auch dauernd Freude am Lernen zu
-haben. Esther aber lernte eigentlich nur darum so eifrig, weil Bertel
-lernte und sie eben nichts thun und denken mochte, was dieser nicht
-auch that. Hätte ihr junger Spielgefährte angefangen, Seil zu tanzen
-oder Schuhe zu nähen, Esther wäre ohne Zögern auch mit auf das Seil
-gestiegen, oder hätte sich hingesetzt, Schuhe zu flicken, denn Bertel
-that es ja. Wenn sie früh aufwachte, so flogen ihre Gedanken hinüber
-nach dem Gutshofe, und ihre Blicke wanderten beim Ankleiden fortwährend
-nach dem Gartensteg woher Bertel ja nun kommen mußte. Der Tag bestand
-für sie eigentlich nur aus zwei Hälften: der, wo sie =mit= Bertel,
-und der, wo sie =ohne= ihn war. Die letzte Hälfte suchte sie immer
-möglichst abzukürzen, denn es war ja die Schattenseite ihres Tages,
-die Zeit =mit= Bertel aber das Licht, die Sonne, dem ihre junge Seele
-zustrebte mit allem Denken und Fühlen. Und wie Esther, so ging es ihrem
-kleinen Freunde. Auch er kannte keine Freude, keinen Genuß ohne seine
-junge Gespielin, und am liebsten wäre er oft den ganzen Tag auf dem
-Pfarrhofe geblieben. Er nannte Esther seinen besten Kameraden, und wie
-Kameraden verkehrten die beiden Kinder auch mit einander.
-
-Man konnte nicht schöner und liebenswürdiger sein, als es der schlanke
-Bertel war, das gestand Jeder, der den Knaben sah, und für Esther aber
-war ihr Kamerad der Inbegriff alles Schönen, Guten und Ausgezeichneten.
-Das dunkeläugige und tief brünette Mädchen bildete einen ganz
-eigenthümlichen Contrast zu dem rosigen Knaben, dessen feines,
-mädchenhaft zartes Gesicht von einer Fülle dichter blonder Locken
-umgeben wurde. Esther war kaum hübsch zu nennen; denn etwas scharfe,
-unregelmäßige Züge und die bräunliche Haut hätten sie wenig anziehend
-gemacht, wenn nicht die großen schwarzen Augen mit strahlendem Feuer
-aus diesem Gesichtchen geleuchtet und dicke, seidenweiche schwarze
-Flechten den kleinen Kopf umkränzt hätten. Und verschieden wie im
-Aeußeren waren die beiden Kinder auch an Charakter und Temperament.
-Die braune Esther war Feuer und Leben bis in die kleinste Fingerspitze
-hinein, furchtlos und unternehmend, rasch und leicht erregbar. Ihr
-warmes Herz bestand harte Kämpfe mit ihrem Eigensinn und ihrem sehr
-energischen Willen; aber wenn dieser Wille sich beugte, dann war sie
-sanft und weich und gut. Der blonde Hubert hingegen hatte bei einem
-äußerst scharfen Verstande ruhigere Besonnenheit und Ueberlegung und
-einen weichen, fügsamen Sinn, der sich durch fremde Einflüsse sogar
-allzuleicht bestimmen ließ. Etwas Scheues und Abgeschlossenes im
-Charakter des Knaben wurde durch die eigenthümliche Erziehung, welche
-der ernste Pastor Wieburg ihm ertheilte, noch vermehrt, und außer
-Esther besaß der kleine Gelehrte eigentlich keinen nennenswerthen
-Umgang. Aber lebendig und kraftvoll wie sein kleiner Kamerad Esther
-war auch Hubert trotz dieser Gelehrsamkeit und trotz seines schlanken,
-mädchenhaften Körpers. Doch war er nicht so wild und ungestüm als
-jene, ja zuweilen erschien er mit dieser Besonnenheit sogar feige und
-zaghaft. Erreichte seine Geduld aber die Grenze, dann konnte er heftig
-und leidenschaftlich aufflammen mit Esther um die Wette.
-
-Esther hingegen gab sich der augenblicklichen Regung ganz hin, und
-besonders, wenn es galt, für Bertel etwas zu thun, da gab es kein
-Ueberlegen. Die Liebe zu ihrem kleinen Freunde war für sie schon in
-den ersten Jahren ihres Beisammenseins der Punkt, um den sich alles
-bewegte, was sie dachte und that, und für ihn schien ihr kein Opfer zu
-schwer. Das Beste, was sie bekam an Naschwerk, oder Obst oder sonstigen
-Dingen legte sie stets für ihn zurück; alles was ihm lästig oder
-unangenehm war, nahm sie in ihre Hand, und wo sie dem älteren Knaben
-mit ihren schwachen Kräften Hülfe leisten konnte, that sie es ohne
-Zagen. Bekam er Schelte, so klagte sie sich oft auch als Missethäterin
-an, um ihn nicht allein leiden zu lassen, und sie konnte ganz außer
-sich gerathen, wenn er Schmerzen litt und sie ihm nicht helfen konnte.
-In den Unterrichtsstunden, die sie gemeinsam hatten, freute sie sich
-vielmehr über ein Lob, das Bertel gespendet wurde, als über ihr
-eigenes, und wenn Bertel, wie es in den Naturwissenschaftsstunden oft
-geschah, für die der Knabe am wenigsten Interesse zeigte, eine Arbeit
-schlecht gemacht hatte oder Fragen verfehlte, da setzte Esther oft
-absichtlich in ihre nächste Arbeit auch Fehler, oder stellte sich
-unwissend, nur um nicht besser zu sein als Bertel.
-
-Eines Tages war Hubert krank geworden und konnte nicht zum Pfarrhause
-kommen. Esther wollte natürlich gleich zu ihm eilen, Tante Booland
-aber ließ sie nicht fort, denn der Arzt hatte ihr gesagt, Bertel werde
-das Scharlachfieber bekommen, sie möge Esther's Zusammensein mit dem
-Kranken verhüten, damit sie nicht angesteckt würde. Esther war außer
-sich, daß man sie nicht zu Bertel lassen wollte. Drei Tage hielt sie
-es aus, ging aber jammernd und klagend umher; als sie nun aber hörte,
-Bertel läge im Fieber, sie dürfe unter Wochen nicht zu ihm, sonst
-bekomme sie auch diese Krankheit, da sah sie Frau Booland stumm und
-thränenlos an. Dann ging sie hinaus in den Garten, in der Dämmerung
-aber rannte sie in einem unbewachten Augenblicke mit Blitzeseile nach
-dem Gutshofe. Hier schlich sie leise die Treppe hinauf, ohne gesehen zu
-werden und versteckte sich hinter einem Schranke, der neben der Thür
-von Bertels Krankenstube stand. Dort wartete sie lange geduldig, bis
-sie sah, daß die Wärterin und dann auch Frau von Ihlefeld das Zimmer
-verlassen hatten; da huschte sie zur Thür hinein. Wirklich war in
-diesem Augenblicke niemand als der Kranke in der Stube, und mit einem
-leisen Jubelrufe stürzte Esther zu Bertel hin, der ihr voll Entzücken
-die Arme entgegenstreckte. »Nun bleibe ich bei dir, Bertel!« sagte
-Esther, ihm das heiße Gesicht streichelnd, »ich halte es nicht aus ohne
-dich, und wenn du krank bist, will ich es auch werden!«
-
-Frau von Ihlefeld sah bei ihrem Eintritt voll Schrecken, wer an Bertels
-Bett saß. »Kind,« sagte sie, Esther zurückziehend, »wer hat dir
-erlaubt, herzukommen, und wer hat dich hier hereingelassen? Willst du
-auch das Scharlachfieber bekommen?«
-
-»Ja, wenn Bertel krank ist mag ich nicht gesund sein,« rief Esther
-und schmiegte sich an den Kranken. In demselben Augenblicke kam Frau
-Booland herein, ganz außer sich vor Angst und Schrecken. Sie schalt
-Esther wegen ihres Ungehorsams und wollte sie sogleich wieder mit sich
-fort nehmen. Esther aber weinte und sträubte sich und wollte bei Bertel
-bleiben, den sie umschlungen hielt. Da trat der Arzt herein und Esther
-flog auf ihn zu und bat, er möge erlauben, daß sie hier bleibe.
-
-Frau Booland aber rief angstvoll: »Nein, ich leide es nicht! Wenn du
-noch länger bei dem Kranken bleibst, wirst du unfehlbar angesteckt, und
-mich trifft dann die Verantwortung für deine Thorheiten. Gleich komm
-mit mir, ehe es zu spät ist!«
-
-»Es ist schon zu spät, Frau Booland,« sagte der Arzt leise.
-»Esther hielt den Kranken umschlungen, als ich eintrat, da ist der
-Krankheitsstoff bereits in sie übergegangen, wenn sie überhaupt dafür
-empfänglich ist. Ein längeres Bleiben schadet jetzt nicht, lassen wir
-die Kinder ruhig beisammen; Bertel kann es nur zuträglich sein, Esther
-um sich zu haben.«
-
-Frau Booland war leichenblaß geworden, denn sie sah schon ihren
-Liebling von der Krankheit ergriffen in Fieberphantasien liegen; aber
-zu ändern war hier nichts mehr. Esther erhielt die Erlaubniß, auf dem
-Gutshofe zu bleiben und war glückselig. Sie wich nicht von Bertels
-Lager, und sobald der Kranke nur wieder Unterhaltung haben durfte, war
-sie unermüdlich, ihm vorzulesen, mit ihm zu spielen, oder ihm sonst
-wie die Zeit zu vertreiben. Freilich dauerte es nicht lange, da mußte
-auch sie sich legen, von der Krankheit ergriffen, und nun stellte man
-die Betten der Kinder neben einander. Frau Booland kam, ihren kleinen
-Liebling zu pflegen, und nach kurzer Zeit war es dann der genesene
-Hubert, der Esther unterhielt, wie sie es erst an seinem Bette gethan.
-Aber so sehr Esther auch zu leiden hatte, denn sie wurde bedeutend
-kränker als Bertel, keine Klage kam über ihre Lippen. Sie hatte es ja
-so gewollt und war bei Bertel, da war alles gut!
-
-Und wie sie hier keine Furcht kannte, so zeigte sie kurze Zeit darauf
-abermals ihre muthige, selbstvergessende Liebe zu Hubert. Pastor
-Wieburg kam eines Tages sehr erregt in das Zimmer und sagte: »Frau
-Booland, lassen Sie Esther nicht auf die Straße; ich höre soeben von
-unserem Knechte, daß sich ein fremder, toller Hund auf dem Felde vor
-dem Gutshofe herumtreiben soll. Die Bauern sammeln sich eben im Dorfe,
-Jagd auf ihn zu machen.« Esther blickte bei diesen Worten nach der Uhr.
-Die Zeit war ganz nahe, in der Bertel zu den Stunden kommen mußte. Wenn
-er nun von dem tollen Hunde nichts wußte und ihm vielleicht gerade in
-den Weg lief! Auf dem Felde beim Gutshofe trieb sich das Thier herum,
-er =mußte= es ja treffen! Kaum hatte Pastor Wieburg und Frau Booland
-den Rücken gewendet, als Esther in den Garten flog und durch den Garten
-hindurch auf die Landstraße, den Weg nach dem Gutshofe einschlagend. In
-athemloser Hast stürzte sie vorwärts, damit sie noch auf dem Gutshofe
-ankam, ehe Bertel ihn verließ. Und wenn nun gar vielleicht Hector mit
-ihm kam, wie gewöhnlich, dann war die Gefahr eine doppelte; denn dieser
-würde unfehlbar den fremden Hund angreifen, wenn er in der Nähe war.
-
-Schon war Esther über ein Stück jenes Feldes gelaufen, auf dem der Hund
-sich heruntertreiben sollte. Sie sah nichts Verdächtiges und rannte dem
-Hofthore zu, das vor ihr lag und aus dem jeden Augenblick Bertel treten
-konnte. Da plötzlich hörte sie es hinter sich schnaufen und röcheln,
-und als sie sich umblickte, rannte der tolle Hund hinter ihr drein. Zur
-Seite springen, einen dicken Pfahl ergreifen, der am Wege lag, und mit
-diesem dem Hunde einen wuchtigen Hieb über den Kopf versetzen, war das
-Werk eines Augenblickes. Der Hund taumelte, bellte dumpf und schlich
-dann in der Richtung fort, in der er gekommen, Esther aber stürzte
-in Todesangst ohne umzuschauen nach dem Hofthore, das sie aufriß und
-blitzschnell hinter sich wieder zuwarf. Die Leute des Gutes, die hier
-auf dem Hofe versammelt waren, um sich zur Jagd auf den Hund zu rüsten,
-sahen voll Schrecken auf Esther, deren einzige Worte beim Hereinfliegen
-waren: »Ist Bertel noch zu Haus?« Erst als er ihr selbst entgegentrat
-gab sie sich zufrieden und sank erschöpft auf eine Bank im Hofe, sich
-den Angstschweis von der Stirn trocknend. Nun umringte man sie und ließ
-sich von ihr erzählen, daß der tolle Hund ihr ganz in der Nähe des
-Hauses begegnet sei, und während die Knechte hinauseilten, Jagd auf das
-unglückliche Geschöpf zu machen, zog Bertel sie in das Haus hinein,
-sie mit Vorwürfen überschüttend, daß sie sich um seinetwillen solcher
-Gefahr ausgesetzt habe.
-
-Esther blickte den Knaben lachend an und sagte: »Daran, daß =mich=
-der Hund beißen konnte, habe ich gar nicht gedacht, als ich vom Hause
-fortgerannt bin. Aber jetzt wird sich Tante Booland schön um mich
-ängstigen, nun will ich nur schnell wieder nach Haus laufen.« »Nicht
-eher, als bis der Hund unschädlich gemacht ist!« rief Bertel sie
-zurückhaltend. Da aber hörte man einen Schuß in der Nähe, und gleich
-darauf kamen die Leute zurück und erzählten, daß man den Hund getödet
-habe, der wie betrunken umher getaumelt sei. »Daran ist der Schlag
-Schuld, den ich ihm mit dem Pfahle gegeben habe,« lachte Esther, und
-dann lief sie eiligen Schrittes wieder zu Frau Booland zurück, die in
-Todesangst nach ihr ausschaute. --
-
-So wuchsen die beiden Kinder mit einander auf Jahr um Jahr, und von
-Liebe umgeben und glücklich durch stetes Beisammensein, vergingen
-ihnen die sorglos frohen Jugendjahre wie ein heller Sommertag. Während
-der blonde Bertel zu einem schönen schlanken Burschen emporwuchs, war
-Esther noch immer das braune Mädchen mit den feurigen Augen und dunklem
-Haar; aber ihre Gesichtszüge wurden weicher und anmuthiger, und mit
-ihrem schlanken, graziösen Körperchen war sie ein allerliebstes Mädel
-geworden. Aber ein Wildfang blieb sie trotz ihrer 13 Jahre, und Frau
-Booland hatte oft ihre Noth mit ihr; böse freilich konnte niemand
-ihr sein. Aber auch geistig entwickelten sich beide Kinder sehr zur
-Zufriedenheit der Ihren, und den »kleinen Professor« besonders, wie man
-Bertel nannte, war Pastor Wieburg mit unermüdlichem Eifer bestrebt,
-immer mehr zu fördern, so lange er seiner Leitung anvertraut blieb,
-denn er war ein selten begabter Knabe. Aber endlich mußte man sich doch
-zu einer Aenderung entschließen, um so mehr, da Pastor Wieburg anfing
-zu kränkeln und den Unterricht oft unterbrechen mußte. Das Gymnasium
-der nächsten Stadt war vortrefflich, und so entschlossen sich Hubert's
-Eltern schweren Herzens, den Knaben künftige Ostern dorthin zu geben.
-
-Das war das erste große Ereigniß in dem Leben der beiden Kinder. Sie
-hatten die Trennung, so oft auch davon die Rede war, doch immer in so
-ferne Zeiten verschoben, daß es wie ein entsetzlicher Donnerschlag
-über sie kam, als sie erfuhren, daß in wenig Wochen Hubert's Abreise
-erfolgen sollte.
-
-»Ich gehe mit dir nach H..,« sagte Esther entschlossen und stellte sich
-an Bertel's Seite. »Vater hat gewiß nichts dagegen; ich werde ja dann
-studiren wie du, und ohne dich lerne ich hier keine Zeile mehr, das
-weiß ich. Was sollst du denn ohne mich anfangen, Bertel?«
-
-Hubert sah das kecke Mädchen nachdenklich an.
-
-»Ich glaube, das wird doch nicht gehen, Esther,« sagte er traurig,
-»denn ich werde ja auf ein Gymnasium kommen, wo lauter Knaben sind, da
-paßt kein Mädchen hinein.«
-
-»So ziehe ich Knabenkleider an, das ist köstlich, das habe ich mir ja
-immer gewünscht!« jubelte Esther und klatschte in die Hände.
-
-»Aber deine langen Zöpfe?« sagte Bertel kopfschüttelnd.
-
-»O die schneide ich ab,« rief Esther fröhlich. »Da habe ich doch
-endlich Ruhe vor Tante Booland, die früh Morgens immer so lange daran
-kämmt und flicht, daß mir die Geduld oft ausgeht und ich ihr davon
-laufe. Da sieh', das ist bald geschehen!« Rasch ergriff sie eine
-Scheere und that einen tiefen Schnitt in ihr prachtvolles Haar. Aber da
-trat Frau Booland in das Zimmer und riß ihr die Scheere aus der Hand.
-
-»Bist du unklug, Kind? Was treibst du denn wieder?« rief sie heftig.
-
-»Ich gehe mit Bertel auf das Gymnasium nach H., da kann ich die dummen
-Zöpfe nicht brauchen,« entgegnete Esther, an den Flechten reißend.
-
-»Mit auf's Gymnasium?« sagte Frau Booland lachend. »Nun damit hat es
-gute Wege, da laß nur deine Zöpfe in Ruhe, mein Kind. Mädchen kommen da
-nicht hin.«
-
-»Ich gehe auch als Junge mit, versteht sich!« rief Esther rasch. »Tante
-Ihlefeld giebt mir gewiß von Bertels Kleidern, damit ich gleich mit
-kommen kann.« Frau Booland fing herzlich an zu lachen über Esthers
-Pläne, die sie für Scherz hielt. Als sie dann aber sah, daß ihr junger
-Wildfang wirklich im Ernst solchen Gedanken Raum gab, war sie still und
-sagte leise vor sich hin: »Im Stande wäre sie's, glaub' ich. Das hat
-ihr Vater von =der= Erziehung!«
-
-Als sie mit ihrem Schützling dann am Abend allein im Schlafzimmer war,
-zog sie Esther auf ihre Knie, was sie selten that und sprach mild und
-freundlich: »Mein liebes Mädchen, ich muß dir einmal etwas sagen.
-Du bist jetzt schon 13 Jahre alt, da wird es wirklich Zeit, daß du
-den Jungen ausziehst. Thust du es nicht selbst, so thun es dir andere
-Leute, und das ist ein schlimmes Ding. Dein Vater hat dich studiren und
-aufwachsen lassen, wie einen Knaben; aber du bist und bleibst trotz
-alledem =doch= ein Mädchen. Siehst du, ich bin nur eine einfache Frau;
-aber das, was sich schickt, besonders für ein junges Mädchen, das du
-nun bald sein wirst, weiß ich so gut als jede große Dame, da folge mir
-nur getrost. Bertel geht fort, er ist eben ein Knabe und muß sich für
-seine zukünftige Laufbahn vorbereiten; aber mit ihm gehen kannst du
-nicht, denn das schickt sich nicht. Wozu auch? Ein Mädchen hat einen
-anderen Lebenslauf vor sich, als ein Knabe. Er muß in die Welt, das
-Mädchen gehört in das Haus. Bis jetzt warst du ein Kind, da paßte sich
-alles; aber nun wird das anders, das hilft einmal nichts und mußt du
-dir gefallen lassen. Für junge Mädchen schickt sich vieles nicht, was
-sich für junge Männer schickt; so will es die Sitte, und ihr müssen
-wir uns Alle beugen. Ueber kurz oder lang mußten sich eure Wege doch
-scheiden, das ist so der Lauf der Welt und die Bestimmung des Menschen.
-Und nun sei verständig und mache Bertel das Herz nicht schwer mit
-Weinen und Klagen; denn dann wird ihm das Fortgehen noch viel saurer.
-Nicht wahr, Esther, daran willst du denken, ihm zu lieb?«
-
-Esther hatte schweigend zugehört, denn Tante Booland sprach selten so
-ernst und zusammenhängend mit ihr. Sie machte zuerst ein finsteres
-Gesicht, denn ihr Eigenwille bäumte sich arg in ihr empor; nach und
-nach aber wurde sie nachdenklich, und ein tiefes Roth zog sich ihr über
-Stirn und Nacken. Sie biß die Lippen fest auf einander, wie sie immer
-that, wenn sie von einem neuen Gedanken überrascht wurde, sagte aber
-kein Wort. Auf die letzte Frage von Tante Booland nickte sie rasch
-und ernst mit dem Kopfe; dann lehnte sie ihre Stirn eine lange Weile
-still an die Brust ihrer treuen Pflegerin, die ihr leise über das Haar
-strich. Endlich aber brach sie in einen Strom von Thränen aus und rief
-jammernd: »Ach Tante Booland, ohne Bertel kann ich ja aber nicht leben!«
-
-»Einmal mußt du es lernen, Kind, es geht nicht anders,« sagte Frau
-Booland sanft. »Der liebe Gott giebt uns so manches Schwere zu tragen,
-und du wirst noch manchesmal in deinem Leben sagen: >ich kann es
-nicht!< Und doch wirst du es lernen; denn der himmlische Vater legt
-uns keine größere Last auf die Schultern, als wir zu tragen im Stande
-sind. Dir hat Gott ein starkes Herz gegeben, deshalb wirst du dem armen
-Bertel die Trennung leicht machen, wozu wärst du sonst seine brave,
-kleine Esther?«
-
-Das kindliche Mädchen wischte sich entschlossen die Thränen aus den
-Augen und lächelte zuversichtlich. »Ich will ihm helfen, Tante!« sagte
-sie fest, und dann legte sie sich still und ergeben in ihr Bettchen.
-Lange noch bewegten sich ihre Lippen im Gebet und baten um Muth und
-Kraft für die schwere vor ihr liegende Zeit, dann aber schloß der
-Schlaf ihr die müden Augen.
-
-Am andern Tage war mit Esther sichtlich eine Veränderung vorgegangen.
-Sie war bleicher und ruhiger als sonst, und auf ihrem Gesicht lag ein
-nachdenklicher Zug. Als Hubert zum Unterricht kam, und Esther ihm im
-Garten entgegen lief, geschah es mit etwas zögernden Schritten, und
-ein brennendes Roth flog einen Augenblick über ihre Stirn. Dann aber
-rief sie in ihrer alten muntern Weise: »Ach Bertel, unsere schönen
-Pläne werden doch zu Wasser, mit dir ziehen kann ich nicht. Die andern
-Jungens würden doch merken, daß ich ein Mädchen bin, und dann bissen
-sie mich sicher zum Neste hinaus, wo ich mich einschleichen wollte,
-wie's neulich die Schwalben mit dem Spatz machten, weißt du wohl noch?«
-
-Hubert sah sehr bleich aus. Er nickte still mit dem Kopfe und sagte:
-»Ich wußte es gleich und wollte es dir nur nicht sagen, Esther. Aber
-ich glaube, ich komme bald wieder; denn so allein ohne dich und ohne
-euch alle, -- ich =kann= es nicht ertragen!«
-
-Mit einem lauten Stöhnen warf er sich auf eine Bank nieder und weinte
-so ungestüm und leidenschaftlich, wie Esther es noch nie von ihm
-gesehen hatte. Erschrocken setzte sie sich zu ihm und lehnte ihren
-Kopf an seine Schulter. Dicke Thränen rollten auch über ihr Gesicht,
-und ihre Brust arbeitete heftig. Aber entschlossen richtete sie sich
-bald empor, preßte die Hände fest aufeinander und sagte leise: »Bertel,
-sei ruhig, einmal mußtest du ja fort, hier auf unserem Dorfe kannst
-du ja doch kein großer Gelehrter werden. Aber das sollst du, denn ich
-will stolz auf dich sein, und alle sollen es.« Und nun malte sie dem
-Knaben in heiterer Weise aus, wie schön es sein müsse, wenn er nun zu
-den Ferien nach Hause kommen und ihnen erzählen werde, wie er dort in
-der Stadt lebe, wie viel er jetzt lerne und studire, und welches seine
-Kameraden sein würden. Bertel hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt
-und schluchzte leise.
-
-»Kameraden?« rief er jetzt heftig. »Sprich mir nicht von Kameraden! Bis
-jetzt habe ich noch keinen Jungen gefunden, der mir zugesagt hätte, und
-ich werde sicher auch keinen finden. Du bist mein liebster und einziger
-Kamerad, Esther, und du sollst es mir bleiben, das gelobe ich dir, wenn
-auch tausend andere um mich sein werden; dich ersetzt mir keiner!«
-
-Er ergriff Esthers Hand und blickte finster vor sich nieder, Esther
-aber saß strahlenden Auges neben ihm. Ihre Lippen zitterten, aber sie
-sprach nicht. Sie sah ihren blonden Bertel im Geiste unter der Schaar
-anderer Knaben, und wie viel schöner er sein würde, als alle anderen,
-und wie viel klüger. Und doch war und blieb er =ihr= Bertel, ihr
-Kamerad wie bisher. Nun wollte sie auch nicht mehr daran denken, wie
-allein, ach so trostlos allein sie sein würde!
-
-Esther hatte in Gedanken einen Zweig des Fliederbusches herabgezogen,
-unter dem sie saßen und dessen Büschel noch kahl und ohne Knospen
-standen.
-
-»Wenn die blühen, bist du wieder hier, Bertel,« rief sie plötzlich und
-schüttelte den Zweig. »Ostern ist in diesem Jahr so früh, gerade zu
-Pfingsten wird dann alles blühen, Flieder, Goldregen, Schneeballen,
-alles, alles. Und die ersten Veilchen schicke ich dir in die Stadt,
-Bertel, denn da kannst du gewiß keine pflücken. Von den Erdbeeren aber
-und den Stachel- und Himbeeren in unserem Garten soll kein Mensch etwas
-bekommen, die schicke ich dir auch alle oder hebe sie dir auf, und
-auch die Haselnüsse unten am Wasser. Komm, wir wollen geschwind einmal
-nachsehen, Bertel, am Ende sind unten am Wasser schon Veilchen heraus,
-oder _Primula veris_. Weißt du auch noch, wie die braune Pflanze heißt,
-die zuerst im Frühjahr auf der Wiese blüht?«
-
-Bertel's trübes Gesicht war unter dem Plaudern Esthers wieder hell
-geworden; jetzt lachte er und sagte: »Ach was, Botanik ist einmal nicht
-mein Steckenpferd, ich kann mir das Zeug nicht merken. Verrathe mich
-aber nicht bei deinem Vater.«
-
-»So komm, ich will dein Mentor sein, _Tussilago_ heißt das Pflänzchen,
-mein kluger Herr,« rief Esther lustig und zog ihn mit sich fort; denn
-was sie gewollt, hatte sie durch ihr Plaudern erreicht, Bertel vergaß
-seine trüben Gedanken. Und in dieser Weise gelang es ihr von jetzt an
-stets, ihren Kameraden zu erheitern, ob ihr selbst auch oft das arme
-junge Herz zerspringen wollte vor Weh. Bertel durfte nicht sehen, wie
-schwer ihr die Trennung wurde, sonst wäre er mit noch traurigerem
-Herzen von ihnen gegangen. Und wie gut hatte sie es doch im Vergleich
-mit ihm: Sie blieb zurück in ihrem schönen Garten und traulichen
-Hause, hatte Vater und Tante Booland um sich, und dort drüben den
-Gutshof mit Onkel und Tante Ihlefeld. Alles, ihre Blumen und Bücher,
-ihre Hühner, Hunde, Katzen, die Ziegen und Kaninchen im Stall und die
-Vögel im Walde draußen, alles blieb ihr, während der arme Bertel alles
-verlassen und allein hinaus mußte unter lauter fremde Menschen. War
-es da nicht ihre Pflicht, heiter zu sein und ihm das Herz nicht auch
-noch schwer zu machen? O Tante Booland hatte recht, =sie= durfte Bertel
-nichts vorklagen!
-
-Aber trotz alledem wurden ihre Wangen immer blässer, und ihre Augen
-blickten immer angstvoller um sich, je näher der Tag der Abreise
-kam. Endlich hatten die beiden Kinder den letzten Unterricht beim
-Vater gehabt, und Bertel hatte Abschied genommen. In einigen Stunden
-fuhren seine Eltern mit ihm nach der Stadt. Esther hatte mitfahren
-sollen; aber Frau Booland meinte, für Bertel sei es besser, sie thäte
-es nicht, und so blieb sie zurück, willig und sanft, wie sonst nie,
-wenn etwas gegen ihren Willen war. Sie setzte sich mit einem Buche
-in die Fliederlaube, in der sie neulich mit Bertel gesessen, ihre
-Augen waren aber so roth, als sie dann zum Essen in das Zimmer kam,
-daß Frau Booland sie mit innigem Mitleiden anblickte. Vor ihrem Vater
-aber verbarg Esther, daß sie geweint, denn er konnte »weinerliche
-Frauenzimmer« nicht leiden. Es war gut, daß er viel von der Schule und
-den Lehrern sprach, wo Bertel jetzt Unterricht haben werde, da bemerkte
-er doch Esthers Kummer nicht, von dessen Größe er keine Idee hatte. Die
-einfache Frau Booland wußte das besser, als der gelehrte Herr Pastor.
-
-Es waren traurige Tage für Esther, diese ersten nach Bertel's Abreise.
-Wohl hatte sie sich alles vorgeführt, was sie an Glück vor Bertel
-voraus habe, da sie zu Hause blieb, während er unter fremde Menschen
-und Verhältnisse kam; aber jetzt, nachdem er fort war, fühlte sie
-erst, =was= sie verloren. Wie im wachen Traume ging sie daher, sie
-meinte immer, jetzt müsse jemand kommen und sie wecken. War denn die
-Sonne nicht mehr am Himmel, daß so wenig Glanz über Garten und Wiese
-lag? Und waren denn das ihre lieben Blumen, die so wenig Farbe und Duft
-hatten, das ihre lustigen Thiere, die mit ihr sonst so fröhlich durch
-den Hof und Garten sprangen? Und ihre Bücher, wie langweilig sahen
-diese Buchstaben sie an, das Lernen war ja eine Strafe statt wie bisher
-eine Lust. Und wie endlos war so ein Tag! Sonst kamen die Mittag- und
-Abendstunden, wo sie zum Essen gerufen wurde, immer viel zu früh,
-jetzt sah sie fort und fort nach der Uhr, ob denn die Stunden noch
-immer nicht rascher davongehen wollten. Nach dem Stege aber, auf dem
-Bertel jeden Morgen gekommen war, konnte sie vor Jammer gar nicht mehr
-hinsehen, und nach dem Gutshofe zog sie jetzt so wenig. Onkel und Tante
-Ihlefeld waren zwar sehr gut und lieb zu ihr, wie bisher; aber es war
-so öde in dem Hause und Hofe, und auch Bertel's Neufundländer sah so
-traurig aus und heulte laut auf, wenn Esther ihn streichelte und leise
-sagte: »Ach Hektor, unser Bertel ist fort!«
-
-Hubert war jetzt unter eine ziemlich große Zahl von Pensionairen
-aufgenommen, welche bei einem der Professoren des Gymnasiums wohnten.
-Der zarte, scheue Knabe fühlte sich anfangs unsäglich unbehaglich
-unter all' den fremden Gesichtern, und das laute Treiben seiner
-Stubengenossen war ihm sehr zuwider. Auch in der Klasse, unter deren
-Schülern er einer der jüngsten war, kam er sich wie verloren vor;
-denn niemand achtete weiter auf ihn, und die Lehrer hatten ihre
-Aufmerksamkeit der ganzen Klasse zu schenken. Wie anders war das,
-als bisher bei seinem Lehrer! Aber eigentlich lernte es sich gut in
-Gemeinschaft mit so vielen, die alle dasselbe Ziel verfolgten. Und hier
-waren einige so kluge, eifrige Mitschüler in der Klasse, da galt es
-fleißig sein, wenn er es ihnen gleich thun wollte! Und das wollte und
-mußte er, das war ohne Frage.
-
-So lernte er denn mit unverdrossenem Eifer und vergaß dabei, wie
-einsam er unter den vielen Mitschülern dastand, denen er sich, wie es
-seine Neigung war und wie er Esther versprochen, nicht anschließen
-mochte. Aber dieses Abschließen reizte die andren Knaben zu Neckereien
-und Spottreden und bereitete ihm bald manchen Verdruß. Man gab ihm
-allerlei Spitznamen, nannte ihn Jungfer Bertel, Muttersöhnchen,
-Blondel, Mehlweißchen und suchte ihn zu Zank und Streit aufzustacheln.
-Bertel that, als merke er nichts und kämpfte seinen Aerger tapfer
-nieder; denn ihm war aller wüste Zank und Lärm in der Seele verhaßt.
-Das reizte seine Kameraden doppelt, die solche Selbstüberwindung für
-Feigheit hielten. Mit einem Feigling aber meinte man sich ungestraft
-alles erlauben zu können. Nun erhielt Bertel eines Tages einen langen
-Brief von Esther. Zwei seiner Stubenkameraden, die dabei zugegen waren,
-sahen, wie freudig er denselben las.
-
-»Von wem ist der Brief?« fragte Franz Reichard.
-
-»Von Esther!« entgegnete Bertel zerstreut und las eifrig weiter.
-
-»Esther? Wer ist Esther?« forschte Franz weiter. »Ist das eine
-Schwester von dir?«
-
-»Nein doch, laß mich in Ruh'! Esther ist -- nun Esther ist Esther!«
-sagte Bertel kurz abweisend und kehrte Franz den Rücken.
-
-»Esther ist Esther! Eine schöne Erklärung!« rief dieser spöttisch.
-»Du, Walter,« fuhr er dann lachend fort und winkte seinem Kameraden
-verständnißvoll zu, »weißt du schon, Jungfer Bertel ist mit einer
-alttestamentarischen Freundschaft behaftet. Königin Esther heißt seine
-Coeurdame.«
-
-»I was tausend, Mehlweißchen!« rief Walter. »Du bist ja ein Mordskerl!
-Und ein Jüdchen hast du zur Freundin? Da heißt's wohl:
-
-
- Ihrer Augen schwarze Kohlen
- Haben mir das Herz gestohlen?
-
-
-Wahrhaftig, du bist ja ganz vernarrt in ihren Brief, laß doch 'mal
-sehen, was die schwarzhaarige Schöne dir schreibt!« Und dabei blickte
-er frech in Esthers Brief, als wollte er ihn lesen. Bertel wurde
-dunkelroth vor Aerger, bekämpfte seinen Verdruß aber und sagte nur,
-sich rasch abwendend: »Ach Unsinn, Esther ist eine Predigertochter und
-keine Jüdin.« Unwillkürlich aber blickten ihn dabei seiner Freundin
-schwarze Augen aus dem Briefe an, die allerdings einer kleinen Jüdin
-alle Ehre gemacht hätten, und er achtete bei diesem Gedankengange
-so wenig auf seine Umgebung, daß er nicht bemerkte, wie Franz sich
-herbeischlich und plötzlich einen raschen Griff nach dem Briefe that.
-Bertel jedoch hielt fest, und so bekam der Brief einen großen Riß. Nun
-aber war Huberts Geduld zu Ende. Mit dem Rufe: »Wart', das sollst du
-büßen!« flog er wie ein Pfeil auf den schlechten Kameraden los, faßte
-ihn um den Leib und warf ihn zu Boden. Franz war einer der stärksten
-Burschen der Stube, und nachdem er sich von der ersten Ueberraschung
-erholt hatte, fing er an mit Bertel zu ringen. Ein heißer Kampf
-entspann sich, denn Franz war stärker als sein Angreifer; Bertel aber
-besaß trotz seines zarten, schlanken Körpers eine große Zähigkeit und
-Gewandtheit, und mit Vorsicht wußte er sich stets gegen alle Angriffe
-zu decken. Er hatte zu Hause viel geturnt und oft mit den Dorfkindern
-gerungen, denn sein Vater pflegte zu sagen, ohne richtige Balgerei
-wird keiner ein rechter Junge. So gelang es ihm endlich, den Gegner zu
-bezwingen und ihm das Knie auf die Brust zu setzen.
-
-»Jetzt versprichst du mir, mich ungeschoren zu lassen!« rief er mit
-funkelnden Augen. »Ich dulde eure Flegeleien nicht länger, daß ihr es
-nur wißt. Wer mich nicht in Ruhe läßt, dem zeige ich, daß ich Fäuste
-habe.« Und damit schlug er auf den großen Burschen so tapfer los, daß
-es schallte, und Walter ganz verblüfft daneben stand. Franz knirschte
-vor Aerger, konnte sich aber nicht rühren, und da er ein weicher Junge
-war trotz seiner groben Glieder, so bat er schließlich himmelhoch,
-Bertel möchte ihn loslassen, er verspräche auch alles, was er verlange.
-Hubert sprang auf und ließ ihn frei, Franz aber schüttelte sich, strich
-sich die Haare glatt und dann trat er zu seinem Gegner heran. »Du hast
-mich gut verarbeitet, Bertel,« sagte er stöhnend und reckte seine
-langen Glieder. »Bis jetzt dachte ich, du wärst feige, weil du dir
-alles gefallen ließest; aber nun habe ich Respect vor dir. Wer Courage
-hat, den lasse ich in Ruhe. Wollen wir Frieden schließen?«
-
-Hubert sah dem ehrlichen Burschen ganz erstaunt in das feuerrothe
-Gesicht; es war ein guter Zug darin, und Bertel ergriff ohne Zögern die
-dargebotene Hand. »Recht gern, Franz«, sagte er herzlich, »mir soll's
-recht sein; ich bin kein Freund von Zank und Streit.«
-
-So hatte die Schlägerei ein gutes Ende und in ihren Folgen trug sie
-vortreffliche Früchte. »Bertel hat den Franz gezwungen!« hieß es bald
-in der ganzen Anstalt, und das war wie ein Orden; denn Franz war für
-einen tüchtigen Raufer bekannt und also nicht gut mit ihm anzubinden.
-Niemand hielt den blonden Bertel ferner für einen Feigling und wagte
-ihn böswillig zu foppen; hatte derselbe doch auch jetzt an dem älteren
-Franz einen Kameraden zur Seite, der sich des jüngeren in allen
-Dingen annahm, denn er hing dem neuen Schüler mit immer wachsender
-Freundschaft an. Hubert war diese Freundschaft zwar ganz angenehm
-und schmeichelhaft, eigentlich aber wagte er nicht recht, dieselbe
-anzunehmen; hatte er nicht Esther gelobt, sie allein solle sein Kamerad
-sein und bleiben? Und war es nicht Wortbruch, wenn er hier nun doch
-eine neue Freundschaft schloß? Lange aber hielten solche Gedanken nicht
-vor; es war doch eben gar zu angenehm, nicht allein dazustehen unter
-so viel Schülern, und Esther selbst hatte sicher nichts dagegen. Sie
-konnte doch einmal nicht bei ihm sein, warum sollte er sich da nicht an
-jemand aus seiner jetzigen Umgebung anschließen? Esther blieb ihm ja
-doch immer so lieb, als sie ihm je gewesen war, das verstand sich von
-selbst. --
-
-Trotz dieser Ueberzeugung sprach er in seinen Briefen an Esther doch
-nicht viel von seinem neuen Freunde. Die Scene aber, welche ihr Brief
-veranlaßt hatte, berichtete er ihr getreulich, und Esther glühte vor
-Wonne und Stolz, daß ihr Bertel sich so tapfer gehalten hatte, und
-tief innen im Herzen regte sich etwas, wie ein Jauchzen, daß =sie= der
-Anlaß zu diesem ersten Kampfe Bertels gewesen war. Davon sagte sie aber
-Tante Booland nichts, als sie den Brief vorgelesen, sie wußte selbst
-nicht warum. Freilich ahnte Esther nicht, daß Bertel gerade in Folge
-davon, daß sie es war, die jenen Kampf veranlaßt hatte, von jetzt an
-sorgfältig vermied, wieder von ihr zu sprechen. Er fürchtete abermalige
-Neckereien seiner Kameraden, die ohnehin nicht ganz ausblieben; denn
-ab und zu erkundigte man sich nach seiner jungen Freundin, welche für
-die Knaben durch jene Schlägerei einen geheimnißvollen Reiz erhalten
-hatte. Bertel gab aber immer verlegene ausweichende Antworten, und
-wenn er Esther auch nicht völlig verleugnete, so wünschte er doch, die
-Sache todt zu schweigen, um die Neckereien der Jungens los zu werden.
-»Mädchen passen einmal nicht in eine Jungenpension, nicht einmal in
-Gedanken!« entschuldigte er sich heimlich, und wirklich verging jetzt
-mancher Tag, wo Bertel so von seinen Arbeiten und seinen Kameraden
-in Anspruch genommen wurde, daß er seiner kleinen Esther gar nicht
-gedachte. Dann aber fiel ihm sein Unrecht plötzlich wieder schwer
-auf die Seele, und nun schickte er ihr, wie um vor sich selbst sein
-Erkalten wieder gut zu machen, einen so herzlichen, kameradschaftlichen
-Brief, erzählte ihr so getreulich von seinem Lernen und Leben
-und Treiben, daß Esther voll Entzücken ihres lieben getreuen
-Kameraden gedachte, der sie unter all' den neuen Verhältnissen nicht
-vernachlässigte. Sie wollte ihm auch zeigen, daß sie seiner in treuer
-Anhänglichkeit gedachte, und trotz ihrer Abneigung gegen weibliche
-Handarbeiten mühte sie sich jetzt häufig ab, um für Bertel irgend etwas
-anzufertigen. Zum ersten Male im Leben zeigte sie Geduld und Ausdauer
-bei diesen Arbeiten. Die Knaben in der Pension trugen hellblaue Mützen
-mit roth und silbernen Bändern, und wenn das Band besonders schön war,
-so bestanden die silbernen Streifen aus kleinen gestickten Blätterchen.
-Eine solche Mütze hatte Bertel sich gewünscht, und Esther saß nun mit
-eiserner Geduld und nähte mit ihren kleinen ungeschickten Fingern
-unermüdlich Blättchen um Blättchen, so sauer ihr auch die ungewohnte
-Arbeit wurde. Endlich war das Werk vollendet und zu seinem nächsten
-Geburtstage prangte die Mütze unter Bertels Geschenken, die ihm nach
-der Pension gesandt wurden. Ein feuriger Dankesbrief lohnte Esther
-die gewaltige Mühe, und von nun an war sie immer mit irgend einer
-Arbeit für ihren kleinen Freund beschäftigt, zur stillen Freude Tante
-Boolands, die ihr getreulich beistand, wo die Schwierigkeiten gar zu
-groß wurden. Aber gut war es, daß Esther nicht erfuhr, wie Bertel alle
-solche Arbeiten vor seinen Schulkameraden verleugnete, um sich nicht
-neuen Neckereien auszusetzen. Die Mütze machte den Anfang. Als seine
-Geburtstagsgeschenke bewundert wurden, betrachtete sein neuer Freund
-Franz mit etwas neidischen Blicken den zierlichen Streifen an der Mütze.
-
-»Wer hat dies gestickt, Bertel?« fragte er neugierig. Bertel wurde
-roth und wandte sich ab. »Deine Mutter?« forschte Franz weiter. »Ja!«
-sagte Bertel kurz und fing ein anderes Gespräch an. Aber die Lüge
-brannte wie Feuer auf seiner Seele, und er schalt sich selbst wegen
-seiner Feigheit, die ihm nicht erlaubte, dem Spotte der Mitschüler zu
-trotzen. »Sie würden mir nimmer Ruhe lassen, und ich könnte die Mütze
-nie tragen ohne gefoppt zu werden!« rechtfertigte er sich vor sich
-selbst; aber gegen Esther hätte er diese Untreue nie eingestehen mögen.
-Aber freilich folgten diesem ersten Verleugnen bald andere, bis er
-sich schließlich gar kein Gewissen mehr daraus machte, alle Geschenke
-Esthers vor seinen Kameraden zu verheimlichen, nur um Ruhe zu haben.
-
- * * * * *
-
-Esther war seit Bertels Fortgang viel stiller und ernster geworden.
-»Die wilde Hummel,« wie man sie im Hause nannte, saß jetzt oft
-stundenlang bei Tante Booland, ihr vorlesend oder auch wohl bei einer
-kleinen häuslichen Beschäftigung helfend. Nur manchmal sprang sie
-plötzlich rasch auf, rannte durch Hof und Garten oder hinüber nach dem
-Gutshofe, und dann kam sie mit roth geweinten Augen zurück. Aber selten
-nur sprach sie es aus, wie unsäglich Bertel ihr fehle, und wenn irgend
-jemand sie fragte, ob sie den Kameraden nicht sehr vermisse, dann
-zuckten ihre dunkeln Augenbrauen leise und sie sagte stolz: »Ein Junge
-kann nicht ewig mit Mädchen spielen, er muß fort und lernen, wenn er
-ein Gelehrter werden will.«
-
-Am liebsten hörte sie es, wenn ihr Vater über Bertel sprach. Jetzt,
-nachdem sein Schüler ihn verlassen, wagte der Prediger erst es
-auszusprechen, wie große Erwartungen er von Bertel hege, und was er
-für ein kluger, talentvoller Knabe sei. Seine Eltern lobten den Sohn
-zwar auch in unbegrenzter Weise, aber das hatten sie auch bisher schon
-gethan. Von Pastor Wieburg aber, dem strengen, schweigsamen Manne
-fiel ein Lob viel schwerer in die Wagschaale, als von allen anderen
-Menschen. Ihre eigenen Lehrstunden hatten für Esther allen Reiz
-verloren, seit sie allein lernte, und sie sah es nicht ungern, daß ihr
-Vater, durch körperliche Leiden belästigt, diese Stunden jetzt sehr
-beschränkte. Nur wenn sie dem Vater bei seinen Arbeiten helfen konnte,
-wozu die gelehrte Erziehung, welche sie erhalten, sie wohl befähigte,
-dann war sie eifrig und fleißig; und so verging ihr manche Stunde mit
-Vorlesen griechischer oder lateinischer Bücher, mit Nachschlagen oder
-Abschreiben, oder mit Niederschreiben von Dictaten, da der Vater seine
-schwachen Augen in dieser Weise gern schonte. Immerhin aber blieb für
-Esther jetzt viel mehr freie Zeit übrig als früher.
-
-»Nun wird das kleine Ding wohl endlich einmal ein Frauenzimmer werden!«
-sagte Frau Booland oft still für sich, wenn sie ihres Zöglings häufige
-Musestunden mit Behagen bemerkte. »Jetzt kann man doch mit gutem
-Gewissen noch andere Dinge von ihr verlangen.« Aber der Geschmack an
-diesen anderen Dingen wollte bei Esther noch gar nicht kommen trotz
-dieser freieren Zeit, und Frau Booland sah nun wohl, daß ein Kind
-in späteren Jahren schwer etwas lernt, wozu es nicht von früh auf
-angehalten wurde. Esther lag trotz ihrer 13 Jahre mit der Ordnung und
-Sauberkeit noch immer in ewiger Fehde, und alles andere war ihr lieber,
-als stricken und nähen oder sonstige weibliche Beschäftigungen; die
-Arbeit für Bertel ausgenommen. Hart konnte Tante Booland unmöglich
-zu ihrem Herzblättchen sein, und so that sie selbst lieber nach wie
-vor alle die Dinge, die Esther zukamen, um nur das arme Kind nicht
-allzusehr zu quälen. »Sie wird es schon von selbst machen, wenn sie
-einmal verständiger ist,« tröstete sie sich selbst, »ich kann ihr die
-liebe Jugend unmöglich dadurch verbittern.« Und so blieb alles so
-ziemlich beim Alten.
-
-Da brachte der Winter ein schweres Leid über die Bewohner des
-Pfarrhauses. Pastor Wieburg wurde von einem Schlagfluß zur Hälfte
-gelähmt und war unfähig, sich zu bewegen, ja fast zu sprechen und zu
-denken. Nun aber zeigte die wilde Esther plötzlich, daß ein braver
-Kern in ihr verborgen lag, und sie auch still und geduldig sein
-konnte. Vereint mit Frau Booland pflegte und versorgte sie unermüdlich
-den hülflosen Vater und übernahm Geschäfte, welche ihr bis dahin
-unerträglich oder langweilig gewesen waren. Stundenlang konnte sie
-still an dem Bette des Kranken sitzen, oder alles um ihn her ordnen
-und zurechtmachen, ohne ungeduldig zu werden, und oft stand sie selbst
-am Heerdfeuer, um ein Gericht zu überwachen, das sie ihm nach Frau
-Boolands Anweisung bereitete. Die wilden Sprünge und das ungestüme
-Davonstürmen vertauschte sie mit leisem Tritt und vorsichtigen
-Bewegungen, und wer die besonnene, sanfte Esther hier am Bette des
-Vaters sah, der hätte das wilde Kind aus Wald und Wiese nicht wieder
-erkannt. Frau Booland stand oft mit gefaltenen Händen still neben dem
-Lager und beobachtete ihren jungen Liebling, und eine Thräne stahl sich
-dann in ihr gutes Auge. »Gott segne und schütze das arme Herzchen!«
-sagte sie leise und seufzte tief auf, denn unwillkürlich schweiften
-ihre sorgenden Gedanken in die Zukunft.
-
-Und nur zu bald sollten diese Sorgen Begründung finden. Statt der
-Genesung nahte ein sanfter Tod dem Erkrankten, und Esther weinte schon
-nach wenig Wochen am Sarge ihres geliebten Vaters. Das früh verwaiste
-Mädchen schmiegte sich in ihrem Kummer jetzt mit doppelter Innigkeit an
-das treue Herz, das ihre Kindheit behütet und bewahrt hatte.
-
-»O Tante Booland,« rief sie weinend, als sie an der Seite dieser braven
-Frau vom Friedhofe zurückkehrte und das einsame Pfarrhaus wieder
-betrat, aus dem man ihren Vater zur ewigen Ruhe hinweggetragen, »nicht
-wahr, du verläßt mich nicht auch, sondern bleibst bei deiner armen
-kleinen Esther?«
-
-»Nein, mein liebes Herzenskind, ich verlasse dich nicht, wenn's
-der liebe Gott nicht anders bestimmt,« sagte Frau Booland sanft
-und streichelte die Wange des Mädchens. Dabei aber flogen ihre
-Blicke unruhig und sorgenvoll hinüber nach dem Gutshofe, und eine
-erwartungsvolle Spannung trieb sie rastlos umher, so daß sie zum ersten
-Male im Leben selbst bei ihrer Näharbeit keine Ruhe fand. Rasch fuhr
-sie oft empor, als höre sie jemand kommen, und immer wieder blickte sie
-nach dem Wege hinaus, der durch das Dorf führte.
-
-Endlich steigerte sich die Erwartung der braven Frau bis zum
-Aeußersten; denn sie hörte draußen im Hofe Schritte und sah gleich
-darauf Frau von Ihlefelds schlanke Gestalt in das Haus eintreten.
-
-Herr und Frau von Ihlefeld hatten mit dem Pfarrhause stets freundlichen
-Verkehr gepflogen, so lange Pastor Wieburg Pfarrer ihres Dorfes
-Rahmstadt gewesen, und die Freundschaft der Kinder hatte die beiden
-Häuser in mannigfache Verbindung gebracht. Der ernste, abgeschlossene
-Pfarrer besuchte den Gutshof zwar nur selten; aber er war jederzeit
-dort ein geehrter und lieber Gast. Herr von Ihlefeld besaß wirkliche
-Hochachtung für ihn und auch die Gutsherrin, obwohl sie vor dem ernsten
-Manne eine kleine Scheu nicht überwinden konnte, ehrte in demselben
-den würdigen Geistlichen und langjährigen Freund. Beide Gatten aber
-waren vom tiefsten Danke beseelt für die treue Liebe und Hingebung, mit
-welcher Pastor Wieburg jahrelang ihren einzigen Sohn unterrichtete und
-ihm der sorgsamste Lehrer und liebevollste Erzieher gewesen war.
-
-Aber trotz dieses freundschaftlichen Verkehrs und trotz der
-steten Freundlichkeit, welche Esther im Gutshofe genoß, konnte
-man doch bemerken, daß Herr und Frau von Ihlefeld jederzeit etwas
-Zurückhaltendes im Umgang mit den Gliedern des Pfarrhauses behielten.
-Sie waren und blieben stets die adlige Herrschaft von Rahmstedt, und
-ihre Freundlichkeit glich nur zu häufig der Gunstbezeugung eines
-Höheren gegen Niedriggestellte. Besonders die einfache Frau Booland
-hatte oft von dem Stolze der Gutsherrin zu leiden; aber in ihrer
-Demuth klagte sie nie über derartige Kränkungen. Der Pfarrer bemerkte
-dergleichen Schwächen bei seinen Freunden kaum, oder lächelte nur
-im Stillen darüber, Esther aber war viel zu sehr sorgloses Kind, um
-dergleichen zu empfinden.
-
-Bei der Erkrankung des Pfarrers aber hatten sich Herr und Frau von
-Ihlefeld theilnehmend und wahrhaft freundschaftlich bewiesen, und
-mehr als einmal hatte die Gutsherrin, wenn sie auf den leider zu
-erwartenden Trauerfall Bezug nahm, mit inniger Theilnahme zu Frau
-Booland gesagt: »Um Esthers Zukunft soll der Kranke keine Sorge haben,
-dieses lieben Kindes werden wir uns annehmen, das versteht sich von
-selbst.« Aber in welcher Weise dies geschehen würde, darüber sprach
-sie sich nie weiter aus, und so war es natürlich, daß Frau Booland
-der jetzigen Entscheidung mit lebhafter Unruhe entgegensah. Drohte
-der braven Pflegerin ja doch die Trennung von ihrem Lieblinge, der
-sie mit wirklich mütterlicher Liebe anhing. Und doch wagte sie nicht
-zu klagen und solche Gedanken laut werden zu lassen; denn was konnte
-es für Esther's Zukunft denn Besseres geben, als im Hause von Bertels
-Eltern liebevolle Aufnahme zu finden? Ihre Phantasie wob dann in reger
-Geschäftigkeit weiter an den herrlichen Zukunftsträumen für ihren
-jungen Pflegling, und wenn ihr auch die hellen Thränen dabei über
-das ehrliche Gesicht tropften, dachte sie an die Trennung und an ihr
-eigenes einsames Leben, so schalt sie sich doch immer wieder selbst
-über solchen Egoismus, der noch an das eigene Glück neben dem der
-geliebten Esther denken konnte.
-
-Und nun war der Augenblick gekommen, der ihr die Kunde bringen
-mußte, daß Esther jetzt mit Frau von Ihlefeld gehen und sie allein
-zurücklassen sollte! Die brave Frau Booland hatte all' ihre Kraft
-zusammen zu nehmen, um Frau von Ihlefeld ruhig und mit der
-gewöhnlichen höflichen Ergebenheit entgegen zu gehen. Die Gutsherrin
-war ein seltener Gast in dem Pfarrhause, nur während der Krankheit
-Pastor Wieburgs hatte sie dasselbe häufiger besucht, um Esther ihre
-Theilnahme zu beweisen; der Kranke selbst erkannte sie kaum noch.
-Hubert begleitete heute seine Mutter; denn zur Beerdigung seines
-theuren Lehrers war er auf einige Tage aus der Pension nach Hause
-gekommen. Während die beiden Kinder nun in Esthers Stübchen beisammen
-waren, und Bertel seine junge Freundin zu trösten und zu zerstreuen
-suchte, saß im Wohnzimmer Frau von Ihlefeld der erregten Frau Booland
-gegenüber und sagte nach einer kleinen Pause, während welcher das
-Herz der ehemaligen Frau Schulmeisterin fast hörbar klopfte: »Meine
-gute Frau Booland, ich habe Ihnen schon mehrfach angedeutet, daß
-nach Herrn Pastor Wieburgs Tode die Sorge für dessen Tochter mein
-und meines Mannes Sache sein wird; das sind wir demjenigen schuldig,
-der unserem Sohne ein so treuer, väterlicher Freund gewesen ist.
-Wir haben vielfach nachgedacht, was für Esther wohl das Beste sein
-möchte. Wollten wir sie zur Lehrerin ausbilden lassen, so müßte sie
-noch lange Zeit in eine Pensionsanstalt gehen; denn sonderbarer Weise
-hat sie gerade die Dinge, welche eine Erzieherin wissen muß, nicht
-gelernt trotz aller Gelehrsamkeit. Moderne Sprachen kann sie nicht
-und mit Musik und Zeichnen ist es auch nicht viel geworden. Aber bei
-der Eigenthümlichkeit Esthers würde sie ein solcher Aufenthalt sehr
-unglücklich machen, denke ich mir. Das Einfachste wäre, sie zu uns in
-das Haus zu nehmen. Aber auch dagegen spricht vieles. Esther ist ein
-armes Mädchen, eines schlichten Landpredigers Tochter, angewiesen auf
-eine Zukunft voll bescheidener Aussichten und einfacher Lebensstellung.
-In unserem Hause aber würde sie sehr verwöhnt werden, würde Ansprüche
-lernen, welche für ein Mädchen bürgerlicher Herkunft und ohne Vermögen
-nicht passend wären. Und doch würde es, glaube ich, kränkend für
-sie sein, wollte ich, um diese Uebelstände zu vermeiden, ihr eine
-untergeordnete Stellung in unserem Hause zuweisen.
-
-So haben wir denn beschlossen, ihr ein kleines Eigenthum zu schenken,
-in dem sie mit dem mütterlichen Vermögen, welches ihr geblieben ist,
-eine bescheidene selbständige Existenz finden kann. Sie, meine brave
-Frau Booland, würden ein gutes Werk thun, wenn Sie Esther zur Seite
-blieben, wie bisher. Das kleine Haus, das neben der Försterei liegt,
-und ein Stückchen Garten und Feld soll Esthers Eigenthum werden. Ich
-denke, das wird ihr lieb sein, besonders wenn sie hört, daß es Bertels
-Idee war, ihr dies zu schenken; er glaubt, der nahe Wald wird für
-Esther einen besonderen Reiz haben. Er ist immer so sinnig und gut,
-unser braver Sohn, und möchte jedem eine Freude machen, und wir kommen
-seinen Wünschen immer gern nach, wenn es möglich ist. Ich denke, Esther
-wird sich gegen uns und gegen Hubert auch stets dankbar beweisen, denn
-sie ist ja ein liebes, bescheidnes Mädchen und wird es hoffentlich auch
-stets bleiben. Nun aber rufen Sie mir Esther, liebe Booland, damit ich
-mit ihr über diese Sachen sprechen kann.
-
-Frau Booland war froh, daß sie einen Grund hatte, hinaus zu gehen;
-denn in ihr jagten und überstürzten sich tausend Gedanken und Gefühle,
-und doch wagte die bescheidene Frau nicht, dieselben gegen die stolze
-Gutsherrin auszusprechen. Mit einer leichten Verbeugung erhob sie sich
-vom Stuhle und schritt dann rasch zum Zimmer hinaus.
-
-»Gott sei Dank, daß ich fort konnte!« sagte sie tief aufathmend und
-legte die große Hand wie beruhigend auf ihr weißes Brusttuch. »Ist
-das eine Welt! Sind das Menschen! Hochmuth, Hochmuth und nichts als
-Hochmuth! Ja, sorgen wollen sie für das arme, herzige Kindchen; aber
-mit welcher Miene, welcher beleidigenden Art und Weise! Die Füße soll
-sie ihnen wo möglich dafür küssen, und daß sie sich nur ja nicht etwa
-untersteht, sich jemals ihres Gleichen zu dünken! Und da muß Bertel
-erst noch kommen und ihnen den Weg zeigen, und eigentlich ist's nur,
-um ihm einen Wunsch zu erfüllen, sonst hätten sie es sicher gar nicht
-gethan. Nun Gott sei Dank, daß es so gekommen ist, da kann ich doch
-bei meinem Herzblättchen bleiben! Mir konnte ja kein größeres Glück
-passiren. Aber für Esther! Nein, nein, auch für Esther ist es besser
-so, als um Gotteswillen in einer Familie zu leben, die ihr hochmüthig
-das Bürgerblut vorwirft und sie wohl gar zum Hauspudel herabwürdigen
-möchte. Was? Meine Esther, dies kluge, liebreizende Geschöpfchen,
-meine Wonne und mein Augentrost, die Gespielin des braven Bertel, soll
-die etwa Kammerjungfer der gnädigen Frau werden, damit sie nur nicht
-vergißt, daß sie kein =von= vor ihrem Namen hat und also nicht werth
-ist, in Gemeinschaft mit solchen hochgebornen Leuten die Füße unter den
-Tisch zu stecken? Nein, mein Goldkind, das litte ich nun und nimmer,
-da wollte ich mir lieber die Hände abarbeiten, um dich vor solcher
-Existenz zu bewahren. Aber so sind sie nun, diese vornehmen Leute! Den
-Sohn herzuschicken Tag für Tag, daß er von unserem Herrn Pastor die
-schönsten gelehrtesten Dinge lernt, von denen sie sich alle zusammen
-kein Tütelchen können träumen lassen, dazu sind sie nicht zu vornehm,
-das nehmen sie von dem armen bürgerlichen Pfarrer recht gern an Jahr
-für Jahr. Aber der Dank dafür, wenn er auch schließlich gegeben wird,
-hat einen gar unangenehmen Beigeschmack. Nun Estherchen soll's aber
-nicht merken, das liebe unschuldige Herz; sie soll nur die Freude von
-dem Geschenk haben, mir zähen Alten kann der Beigeschmack doch nichts
-mehr schaden.«
-
-Unter derartigen Worten und Gedanken hatte Frau Booland das Zimmer
-erreicht, in dem Hubert und Esther beisammen saßen. Bertel hatte
-seiner kleinen Freundin bereits den Plan mitgetheilt, den seine Mutter
-Frau Booland eröffnete; aber freilich in sehr anderer Weise, als
-Frau von Ihlefeld es gethan. So fand denn Tante Booland ihren jungen
-Liebling mit freudig strahlenden Augen und glühenden Wangen an Bertels
-Seite sitzend, und voll Entzücken flog sie ihrer braven Pflegemutter
-entgegen und verkündete ihr die erfreuliche Neuigkeit. Frau Booland
-lachte mit ihr durch ihre Thränen hindurch, dann aber führte sie beide
-Kinder zu Frau von Ihlefeld hinab. Hier hatte sie die Genugthuung, zu
-bemerken, daß Hubert, als seine Mutter anfing, auch gegen Esther von
-der bescheidenen Lebensstellung und Herkunft zu sprechen, an welche
-sie allein Ansprüche machen könne, plötzlich feuerroth wurde und
-heftig sagte: »Mama, laß doch, das ist ja alles ganz egal. Ich bin
-Esthers Bruder, und also ist Esther ebensoviel als ich. Sie hat mir
-versprochen, sie will als meine Schwester alles von mir annehmen, wenn
-sie etwas braucht, und als erstes Geschenk gebe ich ihr das hübsche
-kleine Haus, niemand anders, nicht wahr? So hast du's mir wenigstens
-versprochen, Mama. Esther hat sich auch schon bei mir bedankt; aber
-eigentlich braucht sie das gar nicht, da sie meine Schwester ist.«
-
-Frau von Ihlefeld war sehr roth geworden bei dem kindischen Gespräch
-ihres Sohnes; doch lächelte sie und sagte ausweichend: »Schon gut,
-lieber Bertel! Esther wird sich hoffentlich recht wohl in der neuen
-Heimath fühlen und ihr Vaterhaus nicht zu schmerzlich entbehren. Wir
-aber, mein liebes Kind, wollen dir auch ferner treu zur Seite stehen,
-das verspreche ich dir.«
-
-Dabei küßte sie das junge Mädchen liebevoll, und Esther weinte bald,
-bald lachte sie wieder, innig aber dankte sie für alle Liebe und Güte,
-die ihr zu Theil wurde. Und wie viel Grund hatte sie zu Glück und
-Freude! Der Gedanke, ihr liebes Dorf nicht verlassen zu müssen, in der
-Nähe von Bertel und dessen Eltern zu bleiben, und bei der Pflegerin
-ihrer Kindheit, der treuen Tante Booland, ferner leben zu können -- es
-war eine schöne, beglückende Aussicht mitten in ihrer Trübsal, und sie
-gab sich diesem Glücke mit vollem Herzen hin.
-
- * * * * *
-
-So sehen wir denn mit dem beginnenden Frühjahr unsere kleine Esther
-als Bewohnerin eines hübschen, freundlichen Häuschens, das rings von
-einem netten Gärtchen umgeben ist. Unmittelbar hinter dem Hause erhebt
-sich der dichte Laubwald, und in einiger Entfernung davon liegen
-die Häuser des Dorfes und der Gutshof. In nächster Nachbarschaft
-steht das Haus des Försters, und Esther sowohl als ihre treue Tante
-Booland sind hier wie im ganzen Dorfe liebe, gern gesehene Gäste. Ein
-harmlos glückliches, friedliches Dasein erblühte für Esther in dieser
-traulichen Häuslichkeit, sie selbst aber wuchs heran zu einem frischen,
-schönen, fröhlichen Mädchen, das alle Menschen lieb hatten.
-
-Mehr als ein Jahr war so vergangen, da durchlief eine schreckliche
-Kunde das Dorf Rahmstedt. Oft schon hatte man sonderbare Gestalten auf
-dem Gutshofe ein- und ausgehen sehen, schäbig gekleidete, jüdische
-Männer. Man sprach vom Verkauf des Gutes und von großen Verlusten,
-welche Herr von Ihlefeld gehabt habe, eines Morgens aber fand man
-den unglücklichen Gutsherrn erschossen in seinem Zimmer. Ein Brief
-an seine Gattin sagte dieser, daß sie am Bettelstabe wären in Folge
-unglücklicher Speculationen, in welche er sich eingelassen habe, und
-daß er nicht im Stande sei, diesen Schlag zu überleben. Auch sie und
-seinen armen Sohn habe er durch seinen Leichtsinn unglücklich gemacht,
-das könne er nicht mit ansehen. Dem Todten würden sie eher verzeihen
-als dem Lebenden, darum scheide er lieber von ihnen.
-
-Es war ein furchtbarer Schlag für die unglückliche Frau. Sie, die
-so stolz und erhaben über all' denen gestanden hatte, welche sie
-umgaben, sie mußte es nun ertragen, daß man sie von ihrer Höhe stürzte
-und sie hinausstieß in die Welt, arm und hülflos wie das ärmste Weib
-ihres Dorfes. Das ganze prachtvolle Gut ging in andere Hände über,
-und die arme Frau rettete von der ganzen Habe kaum so viel, sich vor
-der bittersten Noth zu schützen. Wie verzweifelt irrte sie durch die
-wüsten Zimmer des schönen Hauses, nicht wissend, wohin sie sich wenden
-sollte in ihrem grenzenlosen Elend; denn erbarmungslos achteten die
-hartherzigen Gläubiger wenig ihres Kummers. Suchte doch jeder so
-schnell wie möglich sich für seine Verluste an dem hinterlassenen
-Besitzthum schadlos zu halten, und obwohl der Todte noch nicht
-bestattet, wühlten doch schon fremde Hände in seinen Papieren und
-versiegelten die ganze Hinterlassenschaft. Da flogen hastige Schritte
-die Stufen der Freitreppe hinauf, und an das Herz der trostlosen Wittwe
-schmiegte sich weinend und zärtlich ein schlankes Mädchen. Es war
-Esther. Noch zitterte das Entsetzen über die fürchterliche Nachricht
-in allen ihren Gliedern; aber der unglücklichen Frau gedenkend kämpfte
-sie alle andern Gefühle nieder und gab nur dem einen Raum: der Mutter
-Bertels Hülfe und Trost zu bringen so viel in ihren Kräften stand. Und
-sie konnte es ja, dem Himmel sei Dank, konnte es durch die einstige
-Güte derer, denen sie nun helfen wollte. Jetzt war sie ja die Reiche
-ihren ehemaligen Wohlthätern gegenüber und konnte ihnen den Zins
-abtragen für so viele Güte und Liebe. O wie glücklich machte sie der
-Gedanke, und mit welchem Entzücken erfüllte sie diese Aussicht!
-
-Frau von Ihlefeld umschlang Esther mit einem Schrei der Verzweiflung,
-und dann brach sie in einen Strom von Thränen aus. Bis dahin hatte
-das Entsetzen über das furchtbare Schicksal, das sie betroffen, wie
-eine Felsenlast auf ihr gelegen und sie aller Thränen und aller
-klaren Gedanken beraubt. Beim Anblick des Kindes aber, das weinend
-an ihr Herz sank, wich der Bann, der auf ihr lastete, und sie fand
-erlösende Thränen. Als die arme Frau endlich ruhiger wurde, da schlang
-Esther ihre Arme um sie und zog sie mit sich hinaus aus den wüsten,
-unheimlichen Räumen, in denen so Schreckliches über sie gekommen war,
-und führte sie schweigend nach ihrem eigenen kleinen Hause am Walde.
-
-»Hier ist jetzt Ihre Heimath, liebe Tante Ihlefeld,« sagte Esther
-freudig. »Bertel hat mich seine Schwester genannt, so habe ich also ein
-Recht, unsere theure Mutter in meinem Hause zu haben und zu pflegen,
-denn es ist ja auch das Ihre. Nicht wahr, Tante Ihlefeld, Sie bleiben
-bei uns?«
-
-Frau von Ihlefeld verbarg ihr Gesicht in den Händen und weinte
-bitterlich. »O Kind, Kind,« schluchzte sie, »Gott segne dich, du bist
-ein braves Mädchen! O, was wird Bertel sagen!« Und wieder brach das
-unglückliche Weib unter der Last ihres Jammers zusammen. Aber in der
-jetzigen Umgebung fand sie doch eher Ruhe und Fassung, und Esther, wie
-auch die gute, einfache Frau Booland verstanden es, ihr das schwere
-Schicksal zu erleichtern.
-
-Und nun kam Hubert. Man hatte ihm erst nach und nach das schreckliche
-Schicksal mitgetheilt, das über ihn und seine Mutter hereingebrochen
-war, und der arme Knabe war wie vernichtet von der Nachricht. Einer
-seiner Lehrer begleitete ihn nach Rahmstedt, da er den Fassungslosen
-nicht allein lassen wollte, und es war ihm gelungen, den armen Bertel
-wenigstens so weit zu beruhigen, daß er der Mutter gegenüber seinen
-Kummer zu beherrschen versprach, um dieselbe nicht noch unglücklicher
-zu machen. Esther hatte mit großer Umsicht dafür gesorgt, daß Hubert
-bei seiner Ankunft den Gutshof gar nicht betrat. In ihrem Häuschen fand
-das erschütternde Wiedersehen statt zwischen Mutter und Sohn, und hier
-bereitete Esther auch für Bertel die Wohnung. So klein das Haus war,
-die unteren Räume genügten für sie und für Tante Booland, die oberen
-aber gehörten Frau von Ihlefeld und Bertel.
-
-Ein ganz neues Leben begann nun für unsere Esther. Sie hatte die Sorge
-für zwei geliebte Wesen übernommen, das forderte all' ihre Kräfte
-heraus sowohl des Geistes als des Körpers. Die Mittel zum täglichen
-Unterhalt waren sehr beschränkt; denn Frau von Ihlefeld rettete aus
-den Trümmern ihres Besitzthums nur einen ganz unbedeutenden Rest.
-Und doch galt es, die arme verwöhnte Frau nicht allzuschmerzlich
-fühlen zu lassen, was sie alles zu entbehren hatte, vor allem aber
-galt es, Bertels Pension weiter zu bezahlen, damit er seine Studien
-nicht unterbrechen mußte. Und doch besaß Esther nur das kleine
-mütterliche Vermögen, welches gerade für ihre eigenen bescheidnen
-Bedürfnisse ausreichte. Aber sie blickte mit frohem Muthe all' diesen
-Schwierigkeiten in das Antlitz. Sie hatte versprochen, für Bertel und
-dessen Mutter zu sorgen, und nun mußte sie auch die Mittel dazu finden.
-
-»Ich bin gesund und kann arbeiten, Tante,« sagte sie entschlossen zu
-Frau Booland, als diese bedenklich hin und her überlegte, wie man sich
-einzurichten habe. »Bis jetzt habe ich dir und andern überlassen, für
-mich zu arbeiten, nun will ich selbst mit angreifen, dadurch ersparen
-wir gewiß manche Ausgabe. Für fremde Hülfe dürfen wir jetzt nichts mehr
-bezahlen, denn du sollst sehen, deine faule, kleine Esther wird die
-Hände besser rühren als bisher.«
-
-Wirklich fing das junge Mädchen jetzt mit energischem Entschlusse an,
-sich des Hauswesens und aller sonstigen Geschäfte anzunehmen. Nur die
-groben Arbeiten in Haus, Hof und Garten überließ sie einer jungen Magd,
-bei allen andern Geschäften in Küche und Haus aber und allen Arbeiten
-der Nadel stand sie der fleißigen Frau Booland jetzt unermüdlich zur
-Seite. Die frühe Morgenstunde fand Esther schon in voller Thätigkeit;
-denn früh müßte sie anfangen, wollte sie mit allem fertig werden, was
-sie übernommen hatte. Mit wahrhaftem Heroismus griff sie in den vor
-ihr stehenden hochaufgepackten Korb, in dem die Wäsche Bertels und
-seiner Mutter ihrer ausbessernden Hand wartete, und wenn die ungewohnte
-Arbeit sie auch manchen Seufzer und manchen Schweistropfen kostete,
-das brave Kind verlor die Ausdauer nicht. Sie hatte die Pflichten
-einmal übernommen, so wollte sie auch nicht als Feigling der Fahne
-wieder entfliehen, der sie Treue gelobt. Die sorglose Esther früherer
-Tage, welche leichtsinnig alle Mühe des Ordnens und Aufräumens ihrer
-nachsichtigen Pflegemutter überließ, sie trippelte schon von früh ab
-geschäftig im Hause herum, für Tante Ihlefeld alles fertig zu machen,
-was diese bedurfte. Mit dem Morgenkaffee erschien Esthers lachendes
-Gesichtchen in dem stillen Zimmer ihres Gastes und verscheuchte die
-traurigen Gedanken, welche auf der gebeugten Frau lasteten. Geschäftig
-räumte sie die beiden Zimmer auf, welche Frau von Ihlefeld bewohnte;
-denn es war ihr Stolz, dies selbst zu machen; niemand durfte ihr das
-abnehmen. Dann half sie derselben bei ihrem Anzuge, kämmte ihr das
-schöne blonde Haar, das Bertel von der Mutter geerbt, und verrichtete
-freiwillig und eifrig alle Dienste einer Kammerjungfer bei der
-verwöhnten Frau, welche nie im Leben selbst dergleichen Dinge gethan
-hatte. Was Frau Booland einst mit Zorn und Unwillen erfüllte, der
-Gedanke, daß ihr Goldkind Esther eine dienende Stellung bei Frau von
-Ihlefeld einnehmen könnte, das war jetzt etwas so Selbstverständliches
-geworden, daß auch Tante Booland es nur loben konnte. Aber freilich,
-unter wie andern Verhältnissen geschah es jetzt!
-
-»Es ist wirklich ein Prachtmädel, die Esther!« dachte Frau Booland
-eines Tages und blickte voll Stolz in das frische, bräunliche Gesicht
-ihres Lieblings, das von Eifer und Freudigkeit glühte, während es
-sich über einen feinen Kuchenteig bückte, zu dessen Bereitung ihre
-Pflegemutter sie angeleitet hatte.
-
-»Wenn sie etwas ordentlich will, dann kann sie es auch. Für sich
-selbst hätte sie nie einen Finger gerührt und lieber nie einen Bissen
-Kuchen gegessen, wenn sie ihn hätte selbst backen sollen. Aber wen sie
-lieb hat, für den thut sie alles und ginge durch's Feuer.«
-
-»Tante Ihlefeld wird einmal staunen, wenn ich ihr morgen früh mit dem
-Kaffee diesen Lieblingskuchen bringe!« rief Esther fröhlich. »Dem
-Bertel möchte ich auch davon schicken, er ißt ihn auch so gern, und
-eine kleine Freude würde ihm jetzt so gut thun, dem armen Jungen.
-Meinst du nicht auch, Tante?«
-
-»Gewiß, mein Goldkind, thue es nur!« entgegnete Frau Booland. »Aber
-streiche die Butter nicht gar zu dick darauf, mein Schatz, es ist
-unnütz und Butter ist theuer.«
-
-Esther blickte betroffen auf. »Da ist wohl eigentlich mein ganzer
-Gedanke unklug gewesen, Tante,« sagte sie nachdenklich. »Kuchenbacken
-kostet Geld, daran dachte ich nicht, wir müssen ja sparsam sein.«
-
-»Laß nur, Kind,« beruhigte Frau Booland, »du wolltest der gnädigen
-Frau eine Freude machen und sie mit etwas aufheitern, da sind die paar
-Groschen keine Verschwendung. Wir wollen sie schon anderweitig wieder
-ersparen.«
-
-»Tante, was meinst du!« rief Esther, »ich werde mir den Kaffee
-abgewöhnen, er erhitzt mich doch nur und das ist gleich eine Ersparniß.
-Was ich bisher an Kaffee und Zucker verbrauchte, bringe ich jetzt Tante
-Ihlefeld, da kostet es nicht mehr als bisher. Und meine Weißbrodchen
-können wir auch sparen. Ich trinke ein Glas Milch, wenn's hoch kommt,
-und dazu schmeckt Schwarzbrod vortrefflich. Besinne dich einmal, was
-könnte man denn noch weiter sparen. Du hast mich so verwöhnt, liebste
-Tante, daß ich gar nicht weiß, was entbehren heißt. Und doch wäre es
-mir eine so große Wonne, für Tante Ihlefeld und Bertel mir =recht=
-große Entbehrungen aufzuerlegen.«
-
-In dieser Opferfreudigkeit fand sie denn noch tausend kleine Dinge,
-welche sie als unnütz aufgab; bald die Butter auf dem Vesperbrode,
-bald Obst oder Honnig oder Fleischwerk. Dann opferte sie auch allerlei
-überflüssige Kleinigkeiten an ihrer Kleidung, um Ersparungen zu machen:
-das farbige Band ihres schwarzen Haares und die bunte Schleife am
-Kragen wurden für festliche Gelegenheiten in den Kasten gelegt, und die
-seidene Schürze ersetzte jetzt eine von Kattun oder Wolle. Wo sie in
-ihrer Lebendigkeit sich bisher wenig darum gesorgt hatte, wenn ein Riß
-ihr Kleid verdarb, oder Schmutzflecke es unbrauchbar machten, da wachte
-sie jetzt mit ängstlicher Sorgfalt darüber, ihren Anzug zu schonen,
-damit er um so länger hielt und die Ausgaben für neue Sachen erspart
-blieben. Was sie aber Schönes oder Zierliches besaß und geschenkt
-bekam, das trug sie hinauf zu ihrer lieben Tante Ihlefeld, um dieser
-ein Lächeln oder einen freundlichen Blick zu entlocken. Jeden Morgen
-stellte sie frische Blumen auf den Tisch des Wohnzimmers, brachte
-die blühenden Pflanzen, welche ihr Fenster schmückten, hinauf in das
-Stübchen der Wittwe, und immer fand sie irgend eine kleine Gabe, welche
-sie mit dem Frühstück auf den Tisch stellte. Den weichen Lehnstuhl
-ihrer verstorbenen Mutter setzte sie in Frau von Ihlefelds Fenster, und
-ihren eigenen zierlichen Nähtisch davor. Gestickte Kissen und Fußbänke,
-ihren kleinen Teppich und ihre feinsten Gardinen, alles brachte sie
-herbei, die Wohnung freundlich auszuschmücken, und selbst ihr zahmer
-Kanarienvogel erhielt dort am Fenster sein Plätzchen und zwitscherte
-der traurigen Frau seine fröhlichen Lieder zu, als wollte er auch
-helfen ihre trüben Gedanken zu verscheuchen.
-
-Frau von Ihlefeld dankte Esther für diese liebende Sorge mit
-wehmüthigem Lächeln und thränendem Auge. In der ersten Zeit, welche
-ihrem Unglück folgte, war sie wie betäubt von dem entsetzlichen Schlage
-und unfähig, für sich selbst zu denken und zu sorgen. So wurde Esthers
-Liebe für sie ein doppelter Segen. Nach und nach aber begann sie,
-selbst zu sorgen und zu überlegen, in welcher Weise sich ihre und
-ihres Sohnes Zukunft gestalten sollte. Ihr Gatte hatte ihr stets alles
-fern gehalten, was die Sorge für das tägliche Leben betraf, und hatte
-der zarten Frau nie Einblick in seine Geschäfte und Unternehmungen
-gestattet, um sie nicht zu beunruhigen. So stand sie denn doppelt
-hülflos ihrem Schicksale gegenüber. Nahe Verwandte besaß sie selbst
-nicht, und denen ihres Gatten hatte sie stets ziemlich fern gestanden.
-Jetzt jedoch wandte sie sich an dieselben, Hülfe und Rath von ihnen
-erbittend. Nun aber erfuhr sie erst, daß auch diese Verwandten durch
-den Ruin ihres Gatten bedeutende Verluste erlitten hatten und in Folge
-davon wenig geneigt waren, noch weitere Opfer zu bringen. Frau von
-Ihlefelds Stolz sträubte sich unter diesen Verhältnissen auch dagegen,
-von denen Hülfe anzunehmen, welche ihrem Gatten zürnen mußten, und
-so legte sie allein Gott ihre und ihres Sohnes Zukunft an das Herz.
-Von Esther Opfer anzunehmen, kränkte sie nicht; denn sie fühlte nur
-zu sehr, daß es einzig Liebe und Dankbarkeit war, welche diese zu
-allem antrieb, und so war und blieb das junge Mädchen nach wie vor die
-einzige Versorgerin der einst so stolzen Frau.
-
-Das Verhältniß zwischen Esther und Frau von Ihlefeld gestaltete
-sich mehr und mehr so herzlich und innig, als es unter den früheren
-Umständen nie der Fall gewesen wäre, und auch die brave Frau Booland
-hatte jetzt keinen Grund mehr, sich über den Stolz der gnädigen Frau zu
-beklagen.
-
-Um Esther doch auch etwas Freundliches zu erzeigen, unterwies Frau von
-Ihlefeld dieselbe jetzt im Französischen, was Esther bei ihrem Vater
-nicht gelernt hatte. »Man kann nicht wissen, wozu du es im Leben noch
-brauchst, mein Kind,« sagte sie, und Esther lernte mit Freuden, schon
-um ihrer Lehrerin willen.
-
-So ging die Zeit hin und auch diese Wunden schlossen sich nach und
-nach. Bertel war seit dem Unglücksfalle stiller und ernster geworden
-und hatte sich mit doppeltem Eifer dem Studium gewidmet. »Ich habe
-jetzt keine anderen Hülfsquellen mehr im Leben,« sagte er zu Esther,
-als diese eines Tages seine bleichen Wangen sorgenvoll ansah und ihm
-wegen des zu großen Fleißes Vorwürfe machte. »Aber Gott weiß,« fügte er
-düster hinzu, »ob ich überhaupt einmal studiren kann, ich habe ja kein
-Geld dazu!« Da fuhr Esther angstvoll empor und blickte Bertel in das
-Gesicht. »Es =muß= dazu da sein, Bertel,« entgegnete sie fest. Bertel
-sah gedankenvoll vor sich nieder. »Esther,« sagte er tonlos, »meine
-Mutter und ich nehmen jetzt schon zu viel von dir an, ich weiß, du
-entbehrst selbst dabei. Aber zum Studiren reicht es doch nicht.«
-
-»Es =muß= aber geschafft werden, Bertel, denn studiren mußt du,«
-rief Esther abermals entschieden. »Und was meine sonstigen Ausgaben
-betrifft, darüber mache dir nur keine Gedanken. Bin ich nicht deine
-Schwester, Bertel? Und würdest du nicht dasselbe für mich thun?«
-
-Bertel nickte stumm mit dem Kopfe. »Du hast recht,« sagte er nach einer
-Pause, »von niemand anderm würde ich solche Opfer annehmen, von dir
-thue ich es mit Freuden.«
-
-Esther blickte ihren jungen Freund mit glücklichem Stolze in das feine
-Gesicht. »Leider bin ich ja kein Junge wie du,« sagte sie nachdenklich,
-»und kann nicht mit dir studiren; da mußt du es nun für uns Beide thun.
-Damit ich mein Schärflein aber auch beitrage, arbeite ich nun für dich,
-dann habe ich doch auch meinen Antheil an deinem Ruhme. Und habe nur
-keine Angst, ich werde schon die Mittel finden, wenn die Zeit da ist,
-wo du studiren sollst.«
-
-Bertel war von jeher so daran gewöhnt, Esther in allen praktischen
-Dingen für sich eingreifen zu lassen, daß er auch jetzt sich
-vertrauensvoll aller weiteren Sorgen entschlug. Schon als kleines
-Mädchen hatte sie dem Knaben alles abgenommen, was ihm unbequem oder
-lästig war; denn dem kleinen Gelehrten hatten alle praktischen Dinge
-von jeher schon Schwierigkeiten bereitet, und die rührige Esther griff
-überall zu. War für die Stunden ein Buch zu heften, oder Tafelstifte
-zu spitzen, Tinte einzugießen oder Linien zu ziehen, immer war Esther
-die geschäftige Martha. Und wenn sie dann beim Spiel in Wasser oder
-Koth gerathen waren, oder beim Klettern und Haselnüssesuchen sich das
-Haar zerzausten, so wußte Esther immer rasch dem Uebel abzuhelfen. Denn
-wenn sie selbst auch an Tante Booland eine gar nachsichtige Erzieherin
-hatte, so fand doch Bertel mit beschmutzten Kleidern oder wüstem
-Aussehen weniger gute Aufnahme bei seiner Mutter. »Esther wird schon
-helfen,« das war Bertels Trostspruch in allen Verlegenheiten seiner
-Kindertage, und »Esther wird schon helfen,« so hieß es auch jetzt,
-das verstand sich ganz von selbst, darüber brauchte Bertel sich keine
-Sorgen zu machen.
-
- * * * * *
-
-Esther stand nach diesem letzten Gespräch lange am Fenster und war
-in tiefe Gedanken verloren. Als Kind hatte sie nie viel Worte darum
-gemacht, wenn sie Bertel die kleinen Sorgen abnahm, sondern eben
-einfach zugegriffen. Auch jetzt galt es, nicht erst lange mit ihm zu
-überlegen, wie sie ihm helfen sollte. Genug, daß sie es versprochen
-hatte. Es war Dämmerstunde und die Abendglocke läutete im Dorfe. Esther
-trat mit Hut und Tuch unter die Hausthüre und sagte zu Frau Booland,
-welche erstaunt fragte, wohin sie denn gehe: »Ich will der Frau
-Pastorin eine Probe des neuen Gestrickes bringen, Tante, ich komme bald
-wieder.« Und rasch eilte sie die Dorfstraße hinab dem Pfarrhause zu.
-
-Der neue Prediger von Rahmstedt war ein freundlicher, leutseliger Mann,
-der sich Esthers sowohl, als der unglücklichen Frau von Ihlefeld sehr
-thätig angenommen hatte. Auch seine Frau war herzlich und liebevoll
-zu Esther, und mit Frau Booland hatte sie sogar innige Freundschaft
-geschlossen. Gern weilte das junge Mädchen denn auch jetzt noch in
-dem ihr so theuren Pfarrhause. Auch die Kinder Pastor Krauses, zwei
-Knaben und ein Mädchen, hingen mit großer Liebe an Esther und empfingen
-dieselbe immer mit lautem Jubel; denn das junge, heitere Mädchen
-verschmähte es nicht, sich ihnen in Garten und Wald zu lustigen Spielen
-anzuschließen.
-
-Als Esther heute Abend das Pfarrhaus betrat, sagte sie der Frau
-Pastorin und den Kindern nur flüchtig guten Abend und eilte auf das
-Studirzimmer des Pfarrers. Die kleine Studirlampe brannte schon auf dem
-Schreibtische, der Geistliche aber ging in Gedanken verloren in seinem
-Zimmer auf und ab.
-
-»Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie störe, Herr Pastor,« sagte Esther
-eintretend, »aber ich möchte Ihnen heute eine große Bitte vortragen,
-die ich nicht aufschieben darf.«
-
-»Bitte, meine liebe Esther, sprechen Sie, Sie stören mich nicht,«
-entgegnete der Pfarrer freundlich, indem er des jungen Mädchens Hand
-ergriff und sie nach dem Sopha führte, wo er sich erwartungsvoll neben
-sie setzte.
-
-»Lieber Herr Pastor,« sagte nun Esther etwas zaghaft, »Sie sagten mir,
-daß Sie bald einige Knaben erwarten, die Sie mit Ihren Söhnen erziehen
-und unterrichten lassen wollen. Haben Sie für diese schon einen Lehrer
-engagirt?«
-
-»Nein Esther, noch nicht bestimmt, ich bin noch in Unterhandlung mit
-einem jungen Manne. Aber warum? Wollten Sie mir vielleicht einen
-vorschlagen?« entgegnete der Pfarrer.
-
-»Ja, Herr Pastor, das wollte ich allerdings und zwar mich selbst!«
-sagte Esther erröthend.
-
-»Wie, Sie selbst, liebe Esther? Wie soll ich das verstehen?« erwiederte
-Jener lächelnd.
-
-»Sie wissen vielleicht, daß mein Vater mich im Lateinischen und
-Griechischen, sowie in den Wissenschaften sehr sorgfältig unterrichtet
-hat,« sagte Esther nun muthig aufschauend. »Ich bin genöthigt, mir
-jetzt Geld zu verdienen, und durch Unterricht vermöchte ich das doch
-wohl am besten. Aber bei Mädchen könnte ich nicht Erzieherin oder
-Lehrerin werden; alte Sprachen lernen diese nicht, neue Sprachen aber
-sind mir fremd, und diese werden von einer Erzieherin gefordert. Knaben
-jedoch kann ich das lehren, was ich gelernt habe. Deshalb kam mir der
-Gedanke, mich Ihnen als Lehrerin anzubieten, vielleicht versuchen Sie
-es mit mir. Geht es nicht, so ist ein Wechsel ja bald gemacht. Sie
-würden mich unendlich glücklich machen, wollten Sie den Versuch wagen,
-Herr Pastor.«
-
-Pastor Krause blickte ganz erstaunt in Esthers brennend rothes
-Gesichtchen, das sich ihm erwartungsvoll zuwandte. »Mein liebes
-Kind,« sagte er sanft, »es ist eine Riesenaufgabe, für welche Sie,
-ein Mädchen, sich melden. Abgesehen davon, daß ich bezweifle, Ihre
-Kenntnisse würden ausreichen, so ist so ein Rudel wilder Jungen kein
-Spaß; ein zartes Mädchen ist dem nicht gewachsen.«
-
-»Ich bin kein zartes Mädchen, Herr Pastor,« sagte Esther lachend,
-»mein Vater hat mich nicht nur im Unterricht wie einen Jungen erzogen.
-Ich bin eigentlich immer ein wilder Bursche gewesen und würde mit den
-Jungens sicher auskommen.«
-
-Der Prediger sah von Neuem überrascht in Esthers flammendes Auge,
-und zum ersten Male fiel ihm der feste, energische Zug auf, der auf
-ihren Lippen ruhte. Er schüttelte nun lächelnd den Kopf und sagte:
-»Ja, liebe Esther, ein solcher Lehrer muß sich aber erst einer Prüfung
-unterziehen.«
-
-»Natürlich, ich bitte dringend darum,« entgegnete Esther rasch.
-
-»Gut, so mag es gleich geschehen, liebes Kind,« rief Pastor Krause
-und holte Bücher und Schreibzeug herbei, denn die Sache fing an,
-ihn aufs Aeußerste zu interessiren. Er ließ nun Esther lesen und
-übersetzen, richtete eine lange Reihe Kreuz- und Querfragen an sie,
-ließ sich kleine Vorträge über allerlei wissenschaftliche Gegenstände
-halten, und schließlich gab er ihr einige schriftliche Aufgaben, welche
-sie zu Hause ausarbeiten sollte. Sein Gesicht nahm während dieser
-Prüfung mehr und mehr den Ausdruck freudigen Staunens an, und als
-er endlich Esther entließ, reichte er ihr die Hand und sagte ernst:
-»Sie haben mich wahrhaft überrascht, Esther. Ich weiß nicht, was ich
-mehr anstaunen soll: Ihre trefflichen Kenntnisse oder Ihren verehrten
-Lehrer. Jedenfalls kann ich wegen Ihres =Wissens= die Knaben Ihnen
-überantworten; aber wir wollen uns Beide die Sache doch noch weiter
-überlegen. Wenn Sie mir die Arbeiten bringen, sprechen wir weiter
-davon.«
-
-Aber als Esther einige Tage darauf das Studirzimmer mit ihren
-Ausarbeitungen wieder betrat, kam ihr Pastor Krause äußerst herzlich
-entgegen und sagte: »Esther, ich glaube, ich engagire Sie auf der
-Stelle. Ich habe noch viel über Sie nachgedacht und ich meine, Sie sind
-der Sache gewachsen. Alles, was ich über Sie gehört, zeigt mir, daß Sie
-ein Mädchen sind, stark an Seele und Geist, und ein solcher Lehrer ist
-einer Schaar Knaben wohl gewachsen. Sie werden schon mit den Bürschchen
-fertig werden, und im Uebrigen stehe ich Ihnen ja zur Seite.«
-
-So trat Esther denn wenig Wochen darauf ihr neues Amt im Pfarrhause
-an. Drei fremde Knaben waren mit den beiden Söhnen des Pastors ihre
-Schüler, und der Unterricht ging vortrefflich. Pastor Krause hatte
-einige Stunden übernommen, die übrigen aber gab Esther. Die Knaben
-machten zwar Anfangs große Augen zu ihrer jugendlichen Lehrmeisterin,
-bald aber bekamen sie den höchsten Respect vor ihr; denn nicht nur, daß
-sie im Unterricht eifrig und tüchtig war, sie verstand auch, die oft
-unbändigen, übermüthigen Burschen vortrefflich im Zaume zu halten.
-Gerade daß sie selbst der tollen und wilden Streiche eine solche Menge
-gemacht hatte, schärfte ihren Blick für die Streiche ihrer Zöglinge,
-die oft ganz verblüfft waren, wie schnell Esther ihre Pläne und
-Absichten durchschaute. Für sie selbst aber erschloß sich eine reiche
-Quelle der Freude durch diese Thätigkeit, und lehrend lernte sie selbst
-alles das wieder, was im Laufe der Jahre ihrem Gedächtnisse entschlüpft
-war.
-
-Und mit welch' freudigem Stolze empfing sie dann die Einnahmen, die ihr
-aus ihrer Lehrerthätigkeit erwuchsen! Mit leuchtenden Blicken zeigte
-sie eines Tages Frau von Ihlefeld ihren kleinen Schatz, den sie in
-Jahresfrist für Bertel gesammelt hatte.
-
-»Du gutes Kind, welche Opfer bringst du!« seufzte die Wittwe traurig.
-»Wenn ich selbst doch nur nicht so gänzlich aller Mittel beraubt wäre!
-Immer habe ich noch gehofft, eine alte Schuld, die mein armer Mann
-ausstehen hatte, würde noch einmal einlaufen; aber auch diese Hoffnung
-ist sicher vergebens.«
-
-»Eine Schuld, liebe Tante?« fragte Esther erstaunt. »Warum fordern Sie
-dieselbe denn nicht ein? Wer ist denn der Schuldner?«
-
-»Das ist ja eben das Unglück,« entgegnete Frau von Ihlefeld klagend.
-»Der Schuldner ist todt, und durch ein unbegreifliches Versehen
-ist der Schein verschwunden, der die Schuld bestätigt. Ein Vetter
-meines Mannes, der uns vor einigen Jahren besuchte, bedurfte zu einem
-Unternehmen eines Kapitals, das mein Mann ihm vorschoß. Ich selbst war
-dabei, als sie es in meinem Zimmer besprachen und ich sah, wie der
-Vetter die Schuldverschreibung aufsetzte. Wo dies Papier dann aber
-hingekommen ist, weiß ich nicht; mein Mann suchte oft danach, besonders
-nachdem die Nachricht vom plötzlichen Tode des Vetters eintraf. O mein
-Gott, jenes Kapital von 15 Tausend Thalern hätte meinen unglücklichen
-Mann vielleicht gerettet! Aber da der Schuldschein verschwunden war,
-hat er nicht gewagt, von dem Erben des Vetters jene Summe zu fordern.
-Und so ist alles Wünschen vergebens, das Geld ist und bleibt verloren.«
-
-»Wer ist denn der Erbe dieses Vetters, Tante?« fragte Esther. »Ein
-Kaufmann in Südfrankreich, in Nîmes glaube ich,« entgegnete Frau von
-Ihlefeld. »Er heißt Richard und ist ein Neffe unseres Vetters Etienne
-de Villemaud.«
-
-»Und Sie glauben, er wisse nichts von der Schuld?« forschte Esther.
-
-»Augenscheinlich hat der Vetter die Summe nicht als Schuld verzeichnet,
-und sein schneller Tod hat alle Mittheilungen über seine Verhältnisse
-unmöglich gemacht,« sagte Frau von Ihlefeld niedergeschlagen. »Herrn
-Richard kann niemand die Summe abfordern, der den Schuldschein nicht
-vorzeigt. Aber während wir im Wohlstand lebten, sorgte ich mich
-wegen solchen Verlustes wenig, und mein Mann hat mir bis zum letzten
-Augenblick alles verborgen gehalten, was ihn bekümmerte. Ich ahnte ja
-nie, daß mit dem unseligen Gelde so viel Glück und Frieden zu Grunde
-gehen könne.«
-
-Esther suchte das Gespräch auf einen anderen Gegenstand zu lenken,
-denn Frau von Ihlefeld wurde durch solche Erinnerungen stets von
-Neuem aufgeregt. Im Stillen aber konnte sie den Gedanken an jenen
-verschwundenen Schuldschein nicht los werden. Fast das ganze Besitzthum
-der Ihlefeld'schen Familie war in fremde Hände übergegangen. Wenn
-der Schein in irgend einem Schranke oder Fache verborgen lag, so war
-er unwiederbringlich für Bertel und dessen Mutter verloren. Und doch
-welcher Besitz wäre für Bertel eine solche Geldsumme! Aber es war eine
-Thorheit, sich mit solchen Gedanken abzugeben. Wäre der Schein nur
-irgendwie zu finden gewesen, so hätte Herr von Ihlefeld in seiner Noth
-und Verzweiflung sicher alles daran gesetzt, ihn zu entdecken. Das
-Verschwinden des Scheines war eben ein Unglück wie alles andere, was
-über die Familie hereingebrochen. Es war das Beste, nicht mehr daran
-zu denken. --
-
-Jetzt bezog Hubert die Universität, und Esther übergab ihm mit
-freudigem Stolze ihre so tapfer erworbenen Schätze.
-
-»Du bist und bleibst eben mein bester Kamerad, Esther,« sagte Bertel,
-die Summe freudig annehmend. »Ich kann dir nicht besser danken, als
-indem ich alle meine Kräfte opfere, um das schöne Ziel zu erreichen,
-das mir vorschwebt. Aber nie, und wenn ich hundert Jahr alt werde, will
-ich vergessen, welche Hand es war, die mir zu dem Ziele verhalf. Ich
-weiß, mein Glück ist auch das deine, darum nehme ich deine Opfer ohne
-Zögern an. Gott segne dich für alles, was du an mir thust, Esther!«
-
-Die Einzige, die sich mit all' diesen Arbeiten, Mühen und Opfern
-Esthers nicht ganz einverstanden erklärte, war Frau Booland. Sonst
-fand sie immer alles vortrefflich, was ihr Liebling unternahm; aber
-die jetzige Thätigkeit ging doch etwas gegen ihren Sinn. »Das arme
-junge Blut quält sich da Tag für Tag mit den wilden Jungens ab, statt
-ihre Jugend in Ruhe und Freude zu genießen,« sagte sie eines Tages
-in einer traulichen Stunde zu ihrer jetzigen Freundin, der Pastorin
-Krause. »Ihre Söhne sind freilich auch dabei, liebe Pastorin, und ich
-selbst bin wohl mit daran Schuld, daß der Herr Pastor dem braven Kinde
-das Amt anvertraute; warum lobte ich sie auch immerfort so gegen ihn,
-besonders nachdem Esther sich um die Stelle bemüht hatte, und er mich
-über das Kind ausforschte. Aber lügen kann ich einmal nicht und weß
-das Herz voll ist, deß geht der Mund über. Aber jetzt geht er mir auch
-wieder über, denn mein Herz ist voll Jammer um das liebe Goldkind, das
-noch nichts als Arbeit in seinem jungen Leben kennen gelernt hat. Und
-Gott weiß, ob ihr all' ihre Mühe und Quälerei einmal ordentlich gedankt
-wird; denn wenn das Unglück die arme Frau von Ihlefeld auch ordentlich
-gebeugt hat, die gnädige Frau bleibt sie noch immer bis in die kleine
-Fußzehe hinab, und da habe ich so meine Gedanken. Estherchen ist und
-bleibt halt eben Bürgerblut, das aber erkennt =die= Frau nie für
-Ihresgleichen, und wenn das Kind noch tausend Mal mehr für sie thäte.«
-
-»Aber Hubert denkt doch nicht so, liebe Frau Booland, das sollte Sie
-trösten,« entgegnete die Pastorin.
-
-»Nein, =stolz= ist der nicht, das muß wahr sein!« sagte Frau Booland
-den Kopf erhebend. »Aber, aber, so wie er sollte, ist er doch auch
-nicht. Alles was Esther für ihn thut, nimmt er ruhig hin, als verstände
-sich das ganz von selbst so. Danken mag er ihr wohl, denn er ist ein
-lieber, weicher Junge; aber er hat keine Idee, und frägt auch weiter
-nicht danach, =was= Esther alles opfert, nur um ihm das Leben leicht
-zu machen. Das Mädchen ginge mit Freuden für ihn durch das Feuer, und
-er? Nun ja, wenn er dadurch Nutzen hätte, würde er sie auch ruhig
-gehen lassen. Lieb hat er sie, das ist gewiß; aber immer nur, wie man
-einen guten Kameraden lieb hat, und so nennt er sie ja auch immer. Die
-leidenschaftliche Liebe aber, die meine kleine Esther von Kindesbeinen
-an schon für den hübschen Jungen gehabt hat, und die jetzt wie ein
-stilles Feuer das ganze Mädchen durchglüht, davon hat der junge Herr
-keine Ahnung. Ach ich weiß es nicht, aber mir ist das Herz oft gar zu
-schwer, denke ich an Esthers Zukunft. So ein Prachtmädchen verdiente
-ein herrliches Schicksal; aber, aber, wie wird das einmal werden? Ich
-hörte neulich einige Worte, als Esther dem Bertel das Ersparte mitgab;
-es war so recht bezeichnend. »Ich weiß, Esther,« sagte Bertel, »mein
-Glück ist auch das deine, darum nehme ich deine Opfer ruhig an.«
-
-»Nun ja, =mein= Glück ist auch das =deine=! Da liegt's. Aber ob =ihr=
-Glück auch das =seine= ist? Davon schweigt die Geschichte, und erst die
-Zukunft kann es lehren.«
-
-»Legen wir alles in Gottes Hände, meine liebe Frau Booland,« sagte
-die Pastorin tröstend. Die brave Schullehrerswittwe nickte still mit
-dem Kopfe und eilte ihrem kleinen Waldhause zu, an dessen Thür sie ihr
-Goldkind, wie gewöhnlich, wenn sie ausgegangen war, freudig erwartete.
-
-Ein Jahr verstrich Esther noch in gewohnter Thätigkeit, da rief sie
-eines Tages Pastor Krause in sein Studirzimmer. »Meine liebe Tochter,«
-sagte er freundlich, »Sie haben den Ihnen anvertrauten Posten während
-der ganzen Zeit mit seltener Treue und Tüchtigkeit ausgefüllt, so
-daß Sie stolz auf Ihre Schüler sein können. Aber jetzt muß ich das
-Amt leider aus Ihren Händen nehmen, denn die Knaben sollen auf das
-Gymnasium in der Stadt, für dessen Oberklassen sie jetzt reif sind.
-Nun will ich Sie aber trotzdem doch nicht zu Athem kommen lassen,
-mein liebes Kind. Ich habe eine Aufforderung aus England erhalten,
-einen jungen Lehrer dorthin zu schicken, welcher in einer vornehmen
-Familie einige Knaben zu unterrichten versteht. Auf meine Anfrage,
-ob der Lehrer nicht ein junges Mädchen sein könnte, welches so viel
-Kenntnisse besitzt, daß sie meine Söhne zum Gymnasium vorbereitet
-hätte, erhielt ich eine Antwort, welche sich außerordentlich erfreut
-über solches Anerbieten ausspricht. Eine sehr bedeutende Summe ist der
-jungen Lehrerin zugesichert, und so ergeht denn die Anfrage an Sie,
-liebe Esther, ob Sie diese Stelle annehmen wollen. Aber freilich, eine
-Bedingung ist dabei, welche Ihnen vielleicht Schwierigkeiten machen
-wird: man wünscht, daß Sie auch fertig französisch sprechen. Doch auch
-das wird sich einrichten lassen. Die Stelle ist erst in einem halben
-Jahre anzutreten, bis dahin lernen Sie alles. Die Schwester meiner
-Frau hat eine französische Pension in Genf und wird Sie mit Freuden
-als lieben Gast bei sich aufnehmen. Den Ausfall, den Ihre Einnahmen in
-dieser Zeit erleiden, deckt die Aussicht auf baldige größere Summen,
-die Ihnen in England zufließen werden. So denke ich, sind die Wege
-gebahnt, und Sie sind mit mir zufrieden, liebe Esther. Habe ich Recht?«
-
-»O sehr, sehr, lieber, guter Herr Pastor,« rief Esther, welche jetzt
-wie aus einem Traum erwachte. Hastig ergriff sie die dargebotene Hand
-Pastor Krauses. »Verzeihen Sie mir nur, daß ich nicht augenblicklich
-mit Entzücken aufjuble,« sagte sie und eine Thräne glänzte in ihrem
-Auge. »Aber eine Trennung von meinen Lieben ist mir ein gar zu
-beängstigender Gedanke. Ich war ja noch nie auch nur einen Tag vom
-Hause fort, und nun.... Aber haben Sie Geduld mit mir, Herr Pastor!
-Ich werde schon alles in mir verarbeiten und Ihnen dann Ehre machen,
-das verspreche ich Ihnen. Jetzt aber muß ich zuerst mit Tante Booland
-sprechen, früher kann und darf ich nichts bestimmen.«
-
-Aber Frau Booland nahm die Nachricht freudiger auf, als Esther
-gefürchtet hatte. Muthig bekämpfte das brave Weib allen Jammer ihres
-Herzens, den eine lange Trennung ihr verursachen mußte, nur um Esther
-den Abschied leicht zu machen. Die Pastorin Krause hatte schon seit
-einiger Zeit geheime Besprechungen mit Frau Booland gehabt und ihr
-alle diese Pläne mitgetheilt, welche ihr Gatte Esther darlegte. So
-überraschten sie Esthers Mittheilungen denn nicht mehr, sondern fanden
-schon ein vielfach bearbeitetes Terrain vor sich.
-
-»Ich bin froh, daß du einmal ein Stückchen von Gottes schöner Welt
-sehen sollst, meine kleine Esther,« sagte Frau Booland heiter. »Hier in
-unserem Dorfe versauerst du ja ganz und gar, und Arbeit hast du hier
-wie anderswo. Die Schwester unserer lieben Pastorin freut sich schon
-auf dich, da wirst du eine schöne, vergnügte Zeit verleben, und was
-die Sache mit England betrifft, nun, gute Menschen sollen es ja auch
-sein, zu denen du kommst, sagt der Herr Pastor. Du lernst dort ein
-Bischen von der großen Welt kennen, das ist auch gut, und für alles
-andere lassen wir den lieben Gott sorgen. Deine alte Tante Booland
-wird dir dein Häuschen indessen gut versorgen, daß du jeden Augenblick
-wieder in dein warmes Nest zurückkommen kannst. Mit bösen Gedanken über
-die Trennung wollen wir uns das Herz nicht unnütz schwer machen, mein
-Goldkind; denn wir haben ja alle Beide starke Herzen und sind nicht aus
-Wachs oder aus Marzipan gemacht.«
-
-Aber Esther hatte noch eine andere Trennung zu überwinden, mit welcher
-ihr junges Herz noch viel schwerer kämpfte. Ihren Bertel sollte sie
-verlassen! Und doch war er es ja gerade, der sie hinaustrieb in die
-Welt; denn für wen sonst hätte sie diese Opfer gebracht, für wen sonst
-das friedliche Stillleben ihrer Heimath aufgeben mögen? Nur damit ihr
-junger Freund sorglos und unbekümmert seinen Studien obliegen, noch
-Jahr für Jahr ungetheilt der Wissenschaft leben konnte, ohne für sein
-tägliches Brod sorgen zu müssen, unterwarf sie sich all' diesen Dingen
-freudig und unverdrossen. Deshalb, wie sehr ihr auch das Herz blutete,
-schrieb sie dennoch einen jubelnden Brief an Bertel, der ihm alle diese
-Pläne mittheilte. Er durfte ja nicht ahnen, wie schwer ihr das Opfer
-wurde. Ein letzter Besuch Bertels vor Esthers Abreise war das Einzige,
-was sie sich von ihm erbat, und in vollen Zügen genossen Beide noch
-einmal das Glück ihres Beisammenseins.
-
- * * * * *
-
-So sagte denn Esther eines Morgens der lieben, traulichen Heimath
-Lebewohl, von ihren Freunden im kleinen Waldhause wie von Pastor
-Krauses bis zur nächsten Stadt begleitet, von wo die Eisenbahn sie gen
-Süden weiter führte. Sie war einer befreundeten Dame anvertraut worden,
-die nach der Schweiz reiste, und bald vertrieben die stets neuen
-Eindrücke, welche Esther auf dieser ersten Reise fast überstürzten, die
-Schmerzen des Abschiedes.
-
-Die großen Städte, in denen sie übernachteten, erregten ihr Staunen
-und ihre Neugierde; als sich aber endlich die hohe Kette der Alpen
-vor ihren Blicken ausbreitete mit ihren majestätischen Häuptern, auf
-denen Eis und Schnee lagerte, während saftig grüne Matten und Wälder
-die Vorberge deckten, und unzählige Ortschaften wie Spielzeug auf der
-Ebene verstreut lagen, da jubelte Esther auf vor Wonne und Entzücken,
-und ihr junges Herz gab sich rückhaltlos den Eindrücken hin, die sie
-bestürmten. Und nun gar der herrliche Genfersee, der schimmernd blau
-zu ihren Füßen ruhte, rings umkränzt von köstlichen Bergen, grünen
-Fluren und lachenden Dörfern, hoch oben alles überragend, aber die
-Jungfrau mit ihren ewigen Eisfeldern und der leichten Wolke, welche
-fast immer ihren höchsten Gipfel krönt. Es war so namenlos herrlich,
-daß Esther fromm ihre Hände in einander legte und thränenden Auges Gott
-dankte, der sie in diese Wunderwelt geleitet. Denn hier am Fuße dieser
-herrlichen Jungfrau, am Rande dieses köstlichen Sees sollte sie ja
-leben und Tag für Tag diese Wunder vor Augen haben! Welch eine Aussicht
-war dies, und wie schlug ihr das Herz bei diesem Gedanken voll Freude
-und Wonne.
-
-Genf selbst freilich, die alte Stadt mit ihren vielen engen Straßen
-gefiel Esther weniger; aber das Haus Madame Gautier's lag vor dem
-Thore mitten in einem hübschen Garten, da hatte man die schönste
-Aussicht gleich vom Fenster aus vor sich. Man empfing Esther mit großer
-Freundlichkeit, und besonders Madame Gautier war so herzlich und gut,
-als sei die neue Hausgenossin die Tochter ihrer Schwester. Eine Menge
-fröhlicher junger Mädchen umgab sie früh und spät, und diese schienen
-sich förmlich den Rang streitig zu machen, ihr Angenehmes zu erzeigen.
-
-So fühlte sich Esther denn wie in eine neue herrliche Welt versetzt und
-ihre Briefe, die sie nach Hause schickte, athmeten nichts als Glück und
-Behagen.
-
-Esther war bereits einige Monate im Hause Madame Gautier's und ihr
-eifriges Bestreben war, die französische Sprache möglichst schnell und
-gründlich zu erlernen. Sie machte auch bald die besten Fortschritte,
-hatte ja doch Frau von Ihlefeld schon vortrefflich vorgearbeitet,
-als sie Esther Unterricht ertheilte, dem das junge Mädchen freilich
-wegen ihrer anderweitigen Beschäftigungen wenig Zeit hatte widmen
-können. Frau von Ihlefeld hatte Esther einige französische Bücher zur
-Lectüre mitgegeben, welche sie aus ihrem einstigen Besitzthum mit sich
-genommen, und Esther war erfreut, so gute Fortschritte zu machen, daß
-sie diese Bücher bald selbständig lesen konnte. Eines Tages wagte sie
-sich sogar an Gedichte und griff nach einem Buche, das längst schon ihr
-lebhaftes Interesse erweckt hatte. Es war sehr elegant eingebunden und
-von ziemlich großem Format, auf dem inneren Deckel aber standen die
-Worte: »_A son cousin Oscar de Ihlefeld Etienne de Villemaud. Auteur._«
-
-Esther kam beim Anblick dieses Namens das Gespräch wieder in den
-Sinn, das sie mit Frau von Ihlefeld gehabt hatte, und die Erinnerung
-an jenen unglücklichen verschwundenen Schuldschein. Jener Etienne
-war also Dichter und hatte dies sein Werk dem Vetter als Geschenk
-hinterlassen. Zerstreut ließ Esther die Blätter des Buches durch
-ihre Finger gleiten und überblickte die Ueberschriften der Gedichte.
-Dabei schob sich ein zusammengefaltetes Papier aus dem Buche, und
-Esther schlug es gleichgültig auseinander, irgend ein abgeschriebenes
-Gedicht vermuthend. Aber wer beschreibt ihre Ueberraschung -- das
-zusammengefaltete Papier war der verloren geglaubte Schuldschein!
-
-Esther zitterten die Kniee von dem freudigen Schreck, und lange wollte
-sie ihren Augen nicht trauen. Aber da stand ja alles, wie Frau von
-Ihlefeld es ihr mitgetheilt: Oscar von Ihlefeld, Besitzer vom Rittergut
-Rahmstedt, hatte am 6. Mai 18.... an Etienne de Villemaud eine Summe
-von fünfzehntausend Thalern übergeben; die Zinsen sollten zum Kapital
-geschlagen werden. Unterzeichnet war der Schein von den beiden Vettern
-und alles in voller Ordnung und Richtigkeit.
-
-Wahrscheinlich lag das Buch als Geschenk Etienne's auf dem Tische, und
-Herr von Ihlefeld hatte in Gedanken den Schein da hinein gelegt, als er
-ihn in sein Zimmer trug; denn Frau von Ihlefeld sagte ja, die Sache sei
-in ihrer Gegenwart und ihrem Zimmer verhandelt worden.
-
-O welch ein Fund war das! Und wie gut, daß der Schuldschein bis jetzt
-verborgen gewesen, sonst wäre das Geld sicher auch noch verloren
-gegangen wie alles andere. Nun hatte ja alle Noth und Sorge ein Ende!
-Nun konnte Bertel studiren und reisen nach Herzenslust, wie er so
-sehnlich wünschte, und die arme Frau von Ihlefeld sah nun wieder
-bessere Tage. Esther schwindelte der Kopf von der Fülle der Gedanken,
-und lange saß sie sinnend und Pläne schmiedend an ihrem Fenster. Zum
-erstenmale schaute ihr Auge theilnahmlos auf die wunderschöne Welt,
-die sich vor ihr ausbreitete, und ihr Herz jubelte nicht auf über die
-Pracht und Herrlichkeit, in welcher die Abendsonne das stolze Haupt der
-Jungfrau umkleidete, deren Gipfel in Gluth getaucht in den glänzenden
-Abendhimmel hinein ragte, während der See zu Füßen des Berges wie ein
-rosiger Spiegel blitzte und schimmerte.
-
-»Und du, was willst du denn nun noch länger im fremden Lande, fern
-von deinen Lieben?« dachte Esther mit leuchtenden Blicken. »Nun ist
-es ja nicht mehr nöthig, Geld zu verdienen; denn nun hat Bertel ja
-mehr, als du in deinem ganzen Leben für ihn zusammenscharren könntest.
-Ade Freunde, ade Schweiz und England, nun geht's wieder heim in mein
-kleines Waldhaus, dem schönsten Orte der Welt trotz Alpen und Gletscher
-und Seen.«
-
-Eben wollte sich Esther an den Schreibtisch setzen, um einen jubelnden
-Brief nach Hause zu senden mit der herrlichen Botschaft, da trat Frau
-von Gautier in ihr Zimmer.
-
-»Meine liebe Esther,« sagte sie dann freundlich, »obwohl Sie mir ein
-gar lieber Gast sind, und ich Sie ungern wieder fort lassen möchte,
-so gebietet mir doch die Rücksicht auf Ihre Verhältnisse, von denen
-meine Schwester mir einiges mitgetheilt hat, Ihnen ein Anerbieten
-zu machen, welches soeben an mich gerichtet ist. Die Vorsteherin
-eines Pensionates in Süd-Frankreich, in le Vigan bei Nîmes, wünscht
-eine junge Dame für ihr Institut zu engagiren und bietet ihr sehr
-annehmbare Bedingungen. Wollen Sie diese Stelle annehmen, so erreichen
-Sie Ihren Zweck, französisch zu lernen, dort ebensogut, verdienen in
-dieser Zeit noch nebenbei etwas und lernen ein neues Land und andere
-Verhältnisse kennen, was immer ein Vortheil ist für jedermann. Aber
-besinnen freilich dürfen Sie sich nicht lange; denn schon übermorgen
-will Mademoiselle Bertin wieder abreisen und Sie dann natürlich gleich
-mitnehmen, denn für ein junges Mädchen ist eine so weite Reise allein
-nicht sehr rathsam.«
-
-Esther hatte bei den ersten Worten Madame Gautier's gleich sagen
-wollen, daß es mit ihren Plänen jetzt überhaupt ein Ende habe und
-sie so bald als möglich wieder nach Hause reisen werde. Aber als
-sie hörte, wohin sie mit jener Dame gehen sollte, da schwieg sie
-plötzlich betroffen. Das war ja wie eine Sendung vom Himmel gerade
-im entscheidenden Momente! Süd-Frankreich, Nîmes, dahin sollte sie?
-Und war es nicht gerade dort, wo jener Herr Richard wohnte, der Erbe
-jenes Etienne und jener Schuld? Wie, wenn sie diesem Winke folgte und
-in dem Orte selbst diesen Mann aufsuchte? Eine Reihe von Jahren war
-seit jener Zeit verstrichen, wenn nun der Mann nicht mehr dort lebte?
-Eine schriftliche Erfahrung konnte große Schwierigkeiten bereiten,
-während man an Ort und Stelle sicher leicht zum Ziele gelangte. Und
-wie, wenn auch dieser Mann vielleicht todt war und man wieder neue
-Personen vor sich hatte? Wie viel Zeit und Mühe war vielleicht nöthig,
-um an's Ziel zu kommen, wo persönliches Eingreifen rasch alles in
-Ordnung bringen konnte! Und besser, sie sagte erst gar nichts von der
-Auffindung des Scheines, sondern trat ihren Freunden gleich mit dem
-glücklichen Resultate entgegen. Warum ihnen erst vorher so unruhige
-Stunden bereiten, ehe sie ihr Ziel erreichen konnte? Nein, rasch ohne
-Besinnen und Zögern wollte sie mit dieser Französin reisen, rasch dort
-in Frankreich diesen Herrn Richard oder seine Erben aufsuchen und erst
-dann mit der vollen, glücklichen Lösung hervortreten. Zeit zum Fragen,
-ob sie reisen sollte, hatte sie ja auch gar nicht, d'rum lieber ganz
-schweigen, bis alles glücklich erreicht war. Dann war die Freude voll
-und ungetheilt, und wie im Triumphe wollte sie dann wieder nach der
-Heimath ziehen, beladen mit Schätzen für ihren geliebten Bertel.
-
-Ein so unerfahrenes junges Mädchen, als Esther war, konnte wohl solchen
-Plan schmieden und auf dessen glückliche Ausführung rechnen. Welches
-nun aber die Erfolge ihrer Bemühungen waren, das wollen wir weiter
-sehen.
-
-Ueber den Quai de Bergue eilten in Genf zwei Tage darauf eine ältliche
-und eine junge Dame der Messagerie zu, von wo aus die Posten nach
-Frankreich abfahren. Es war Mademoiselle Bertin und unsere Esther.
-Schon von Weitem sahen sie das hochgebaute und hochbepackte gelbe
-Gebäude, Postwagen genannt, das sie über die Grenze führen sollte.
-Die Französin traf bei der Post einen alten Herrn, Monsieur Martin,
-welcher mit ihnen reiste. Eben wollte dieser im Innern des Wagens Platz
-nehmen, als Mademoiselle plötzlich mit Schrecken bemerkte, daß ihre
-Postbillets aus Versehen Plätze auf der »Banquette« bezeichneten. Mit
-aller Lebendigkeit einer Südländerin fuhr sie auf den sie begleitenden
-Diener los, ihn zur Rechenschaft zu ziehen, dieser sagte aber ganz
-phlegmatisch: »Mademoiselle wollte doch absolument heute reisen,
-andere Plätze aber gab's nicht mehr.« La banquette war allerdings
-für eine ältliche Dame ein etwas bedenklicher Sitz, denn er befand
-sich in höchster Höhe der ohnehin schon himmelhohen Kutsche. Ihrer
-Verzweiflung machte jedoch ihr alter Freund bald ein Ende; denn sehr
-froh, seinen heißen Innenplatz mit dem luftigen auf der Banquette zu
-vertauschen, kroch er vergnügt wieder aus dem Wagen heraus und überließ
-der Dame sein Billet. Nun brachte der Knecht eine hohe Leiter herbei,
-und leicht wie ein Eichkätzchen kletterte Esther die Sprossen empor,
-ihrer ehemaligen Turnkünste sich erinnernd. Langsamer folgte ihr alter
-Nachbar, und während Esther auf der schmalen Banquette sich's möglichst
-behaglich zu machen suchte, bestieg der alte Herr einen bequemeren Sitz
-zur Seite, eine Art Lehnstuhl. Vergnügt hüllte er sich in einen weichen
-Schafpelz, der auf dem Sitze lag, und der ihm bei der rauhen Herbstluft
-sehr willkommen war; er freute sich seines köstlichen Platzes. Eben
-wollten die sechs starkknochigen Pferde ihr beschwerliches Tagewerk
-beginnen, da klimmte noch ein Passagier zur Banquette empor. »_Oh, à la
-bonheur_,« rief er, sich zu dem alten Herrn wendend, »Monsieur wollen
-den Hemmschuh führen?« »Was Hemmschuh?« rief dieser verwundert. »Nun
-ja, das ist der Platz für denjenigen, der dies Geschäft übernimmt,«
-sagte der Conducteur lachend und zeigte auf die Schraube, welche der
-Alte ganz gemüthlich als Stütze für seine Arme benutzt hatte. Mit sehr
-saurer Miene wickelte sich dieser nun aus seinem warmen Schafpelze
-heraus und kletterte auf die Banquette zu Esther, die ihm herzlich
-lachend neben sich Platz machte. Dies kleine Ereigniß hatte die ganze
-Gesellschaft der Außenkutsche einander näher gebracht; denn auch der
-Postillion auf seinem Sitz zu Füßen Esthers nahm an der allgemeinen
-Heiterkeit Theil, und unter Lachen und Scherzen fuhr man über Genf's
-holpriges Straßenpflaster und überschritt endlich die französische
-Grenze. Esther war kindlich vergnügt, von ihrem hohen Sitz aus die
-herrliche Gegend gemächlich überschauen zu können, und ihr alter
-Nachbar stimmte herzlich in diese Freude mit ein, denn auch er war ein
-großer Naturfreund. Bald erzählte er Esther, er sei eigentlich ein
-geborener Deutscher, lebe aber nun schon seit vielen Jahren in Nîmes.
-
-»In Nîmes?« rief Esther hoch erfreut aus. »O kennen Sie da vielleicht
-einen Herrn Richard?«
-
-»Richard?« sagte Herr Martin nachdenklich. »Welchen Richard, mein
-Fräulein? Es giebt deren eine ganze Menge in Nîmes.«
-
-»Ich meine den Neffen eines Herrn Etienne de Villemaud, der vor einigen
-Jahren gestorben ist,« entgegnete Esther.
-
-»Hm, da kann ich wirklich nicht dienen,« sagte der Alte kopfschüttelnd.
-»Haben Sie eine Empfehlung an ihn, so bin ich gern bereit, Ihnen
-behülflich zu sein, den richtigen Richard aufsuchen zu helfen.«
-
-»O Sie sind sehr gütig,« rief Esther erfreut, »das wäre mir in der That
-sehr lieb, denn ich habe allerdings ein Anliegen an ihn.«
-
-»Ich werde Ihnen die nähere Adresse des Herrn schreiben, mein Fräulein,
-wenn Sie es mir erlauben,« sagte Herr Martin verbindlich. Esther sprach
-nochmals ihre Dankbarkeit aus und fühlte ihr Herz sehr erleichtert,
-daß sie gleich im ersten Augenblick eine Hand gefunden hatte, die
-ihr den Weg zu bahnen versprach. Voll froher Hoffnungen schaute sie
-dem Gelingen ihres Unternehmens entgegen und genoß nun mit doppeltem
-Vergnügen die so mannigfachen Freuden, welche diese interessante Reise
-ihr darbot.
-
-Ueberall, wo während der Postfahrt der Wagen hielt, umdrängte eine
-Schaar bettelnder elender Kinder die Reisenden, ihre zerfetzten Hüte
-hinhaltend mit dem Rufe: »_Charité, s'il vous plaît, charité!_«
-Esther mußte bei diesem Elend immer an die sauberen Schweizer Dörfer
-zurückdenken, die sie jetzt gesehen, und an ihr eignes freundliches
-Dorf Rahmstedt, in dem solche Armuth etwas Unbekanntes war.
-
-Der schwerfällige Postwagen brachte seine Passagiere bis zu der
-Eisenbahnstation Seyßel, und von da aus flog Esther auf Dampfesflügeln
-ihrem Ziele zu, zur Rechten die Berge des Jura, links Savoyen mit
-seinen wilden, romantischen Landschaften und verfallenen Dörfern.
-
-Die Gegend bis Lyon war unendlich schön. Das reizende Thal der Rhone
-nahm die Reisenden auf, und zu beiden Seiten erhoben sich anmuthige
-Berge. Schäumend und rauschend schoß das Wasser der Rhone neben der
-Eisenbahn hin, ihre blauen Wellen wie schwere Atlasfalten auf- und
-abrollend. Leichte Kettenbrücken schwebten hoch oben darüber, und
-auf felsigem Ufer, zackige Bergspitzen im Hintergrunde, erhoben sich
-terrassenförmig unzählige kleine Ortschaften. Es war äußerst malerisch.
-Lyon, das sie Abends erreichten, interessirte Esther lebhaft, und
-muthig durcheilte sie am Morgen vor der Weiterreise allein einige
-Straßen. Prachtvolle Läden fesselten ihr Auge, und schöne Quais, aber
-auch viel Verfallenheit; doch jedes, auch das verfallenste Häuschen,
-hatte seinen Balcon und seine Blumen. Von Lyon ab wurde die Landschaft
-lieblicher: Maulbeerbäume mit ihrem frischen, saftigen Grün deckten die
-Felder, echte Kastanien standen dazwischen, Weinstöcke rankten ihre
-Reben am Boden hin, wie es dort Sitte, und dunkle Cypressen erhoben
-ihre düsteren schlanken Zweige gen Himmel. Große Heerden grauer und
-schwarzer Schafe weideten zu vielen Tausenden in der Ebene, unzählige
-Maulesel hoben dazwischen ihre großen Köpfe empor, und abenteuerlich
-aussehende Hirten mit zottigen Fellen um die Schulter bewachten die
-Heerden. In der Gegend von Avignon erinnerten zahlreiche Ruinen an die
-ehemalige Herrlichkeit dieser Gegenden. Esther hätte wohl gewünscht,
-hier weitere Ausflüge in die Umgegend machen und sich dies interessante
-Stück Land näher ansehen zu können; aber ihre Begleiterin drängte zur
-Weiterreise. Sie fuhren den ganzen Tag immer weiter in das Land hinein,
-bis endlich am Abend Nîmes erreicht war. Wie gern wäre Esther mit dem
-freundlichen Herrn Martin gegangen, der sich hier von ihnen trennte;
-ihr Herz klopfte freudig bei dem Gedanken, dem Manne vielleicht ganz
-nahe zu sein, den sie suchte, und wegen dessen sie eigentlich die
-ganze Reise unternommen. Aber sie hatte sich Mademoiselle Bertin
-verpflichtet, und so mußte sie mit ihr weiter. Im Vorbeigehen sah sie
-die mächtigen Trümmer einer alten römischen Arena in die Luft hinein
-ragen; die Säulen des berühmten Maisen carée warfen im Mondschein
-breite Schatten hernieder, und wundervolle Baumgänge umsäumten einen
-freien Platz, in dessen Mitte hohe Fontainen ihre Wasser im Mondlicht
-funkeln ließen.
-
-Esther eilte mit ihrer Gefährtin an all' diesem Zauber vorüber, denn
-ihr Ziel lag noch vor ihnen. Eine lange Postfahrt die Nacht hindurch
-brachte sie nach dem kleinen Städtchen le Vigan, das sie am Morgen
-erreichten. Obwohl es schon spät im November war, zeigte doch die
-warme Nacht, daß man sich im Süden befand, und Esther athmete mit
-Behagen die angenehme Nachtluft. Mit neugierigen Blicken schaute sie
-sich dann in dem Orte um, der sie aufnehmen sollte; aber der Anblick
-dieses Städtchens war äußerst wenig erfreulich. Die Lage des Ortes
-zwar war höchst romantisch zwischen Felsen und Bergen; aber die Stadt
-selbst hatte graue, düstere, steinerne Häuser, viele davon elend
-und verfallen. Schweine und anderes Vieh trieb sich in den Straßen
-umher, und der Haupteindruck des Ganzen war überall Armuth, Koth und
-Verfallenheit. Es war Sonntag und die Straßen wenig lebhaft; aber als
-die Postkutsche hielt, sah Esther, daß eine ganze Schaar junger Mädchen
-und Kinder den Wagen umringten.
-
-Kaum hatte Madame Bertin den Fuß an die Erde gesetzt, so wurde sie
-mit lautem Jubel von dieser Schaar begrüßt, und es war gar kein Ende
-zu finden mit Küssen und Umarmungen. Esther stand still zur Seite und
-betrachtete sich voll Staunen diese Welt, in die sie eintreten sollte;
-denn es waren in der That die Pensionairinnen Madame Bertin's, die sie
-hier vor sich sah. Aber welch ein Anblick! Welch ein Schmutz und welch
-ein Gelumpe unter diesen jungen Mädchen, und das sogar am Sonntage!
-Ueber großen Reifröcken elende, schmutzige Kleider, zerrissene Schuhe
-an den Füßen, die im Straßenkothe umherhüpften, daß das Wasser hoch
-aufspritzte, und auf dem schwarzen, wirren Haar wunderliche Mützchen
-von unaussprechlicher Unsauberkeit. Dabei aber die niedlichsten
-Gesichterchen mit feurigen schwarzen Augen, lachenden Mäulerchen und
-blendend weißen Zähnen, und alle graziös und zierlich, vergnügt und
-glückselig, als feierten sie das herrlichste aller Feste.
-
-Esther wurde nun vorgestellt und gleich mitten im Straßenkoth von
-all' den schmutzigen jungen Wesen so herzlich umarmt und geküßt, als
-wäre sie eine liebe, alte Bekannte. Es kostete Esther eine wahrhafte
-Ueberwindung, die Arme dieser kleinen, unsauberen Mädchen und diese
-schmutzigen Hände mit den schwarzen Nägeln nicht von sich zu stoßen,
-und lächelnd mußte sie ihrer guten Tante Booland gedenken, welcher ein
-einziger Riß oder Schmutzfleck in Esthers Kleidern schon so großes
-Entsetzen erregt hatte. Was würde sie wohl zu dieser jungen Schaar
-sagen! Aber trotz alledem mußte man diesen lustigen, gutherzigen
-Kindern gut sein, und getrosten Muthes folgte ihnen Esther nach der
-Wohnung Madame Bertin's.
-
-Aber auch hier war der Eindruck: Schmutz und Verfall wohin man
-blickte. Hinter einer zerbröckelten Mauer versteckte sich ein altes
-steinernes Gebäude, in dessen unteren Räumen die Pensionsanstalt sich
-befand. Steinerne von Schmutz bedeckte Fußböden in allen Zimmern,
-finstere verwahrloste Kamine, Spinneweben an den lichtlosen Fenstern,
-und unbehaglich düstere Möbel überall -- das war der Anblick, der
-sich Esther beim Eintritt in das Haus darbot. Nur der sogenannte
-Salon war mit rothseidenen Sophas und Fauteuils ausstaffirt, welche
-aber auch von Staub überzogen waren und sich überhaupt wohl wundern
-mochten, wie sie in diese Räume gerathen konnten. Esthers eigenes
-kleines Zimmer bestand in einem Raum, der einen Durchgang bildete für
-die ganze Pensionsgesellschaft, und außerdem vollgepfropft war von
-allem möglichen Hausgeräth, so daß es einen unsäglich unbehaglichen
-Aufenthalt bildete. Das waren denn nun freilich keine schönen
-Aussichten für Esther, die an ein behagliches Leben gewöhnt war, und
-das Herz schlug dem armen Kinde etwas bange in dieser Umgebung. Aber
-war es nicht ihr Bertel, für den sie alles zu ertragen hatte? Wie
-leicht wurde bei diesem Gedanken jede Last! Ihr frischer Jugendmuth
-erhielt bald wieder die Oberhand, und ihr Humor regte sich und half
-ihr über die tausend Unannehmlichkeiten fort, die sich ihr sonst noch
-entgegenstellten.
-
-Höchst fremdartig und unangenehm war ihr vor allem auch die
-südfranzösische Kost. Gleich am ersten Morgen sah Esther mit Staunen,
-daß das Frühstück der jungen Mädchen aus nichts bestand, als aus einer
-Scheibe harten grauen Brodes, das Einige sich am Heerdfeuer rösteten,
-und einigen Zwiebeln, Salatblättern oder Kohlrabistücken. Für Esther
-hatte man rücksichtsvoll ein unaussprechliches Gebräu aus einer Art
-Kaffee bereitet, und seufzend weichte sie ihre Scheibe gerösteten
-Brodes darin auf, zufrieden, daß sie wenigstens mit dem Genuß jener
-Zwiebeln und Kohlrabi verschont blieb. Aber beim Mittagsessen konnte
-sie sich auch diesen Freuden nicht entziehen. Einer steifen Suppe von
-Brod und Kohlrabi folgte eine Art Salat von dicken Zwiebelstücken,
-und Hammelfleisch, das außen verkohlt, innen aber ganz roh war, und
-mit dem Esther sich durchaus nicht befreunden konnte trotz ihres
-jugendlichen Appetits. Ein Beigeschmack von Knoblauch und ranzigem Oel
-umschwebte alle Gerichte; denn bekanntlich wird im Süden das Oel statt
-der Butter zur Bereitung der Speisen benutzt, und so wohlschmeckend
-solches Oel in frischem Zustande ist, so widerlich wird es in etwas
-verdorbenem, wie man es hier benutzte. In einer Pension nimmt man nicht
-immer das Beste und darf eben nicht sehr wählerisch sein.
-
-Esther aß stets mit heftigem Widerwillen, und in ihrem ersten Briefe
-an Frau Booland ergötzte sie sich damit, dieser einen südfranzösischen
-Speisezettel mit einigen für eine Deutsche grauenvollen Gerichten zur
-Disposition zu stellen. -- »Zuerst also, liebe Tante,« schrieb sie,
-»erscheint eine dicke Suppe von Weinbergschnecken mit einem Zusatz von
-Knoblauch, Oel und Brod. Dann als _entre-met_, den Appetit zu reizen,
-giebt es rohe Zwiebeln, als Fleischspeise ein Ragout von Kaninchen
-mit Cichoriensalat, und zum Dessert rohe Saubohnen und ein Dutzend
-großer, lebender Schnecken. Was meinst du zu diesen Delikatessen, mein
-Tantelchen? Wie sehne ich mich unter diesen Knoblauch- und Oelgerichten
-nach meiner lieben deutschen Kost, zu welcher ihrerseits aber die
-jungen Französinnen die Köpfe schütteln, erzähle ich ihnen davon.
-Ueberhaupt komme ich mir hier, liebe Tante Booland, vor, wie verbannt,
-und oft ist mir, als ob ich in Afrika unter den Wilden wäre, denn ich
-lerne die wunderbarsten Zustände hier kennen. Die kleine Schaar hier
-ist so unreinlich, so ungebildet, so wild und fremdartig, wie ich mir
-nie junge Mädchen gedacht hätte. Freilich sind hier in dieser Pension
-keine Kinder aus feinen Häusern; in vornehmeren Erziehungsanstalten
-mag es ganz anders sein, und ich bedauere, daß ich so schlimm ankommen
-mußte. Bei uns hier sind meist Töchter von Bürgern, Handwerkern und
-Weinbauern, die alle keine Ansprüche an eine Erziehung machen, wie
-wir sie gewöhnt sind, denn wie viel wohlerzogener und gebildeter sind
-Mädchen solchen Standes bei uns in Deutschland. Ich weiß oft nicht,
-über was ich mehr staunen soll: ob über diese verwahrlosten Kinder
-oder über diejenigen, die sie erziehen und belehren; denn deren
-Bildung und Lebensweise läßt eben auch gar viel zu wünschen übrig. Die
-ganze Mädchenschaar von einigen 30 solcher lebendigen, plappernden,
-schwarzbraunen und unsauberen Geschöpfchen sehr verschiedenen Alters,
-hat meist in einer einzigen Klasse Unterricht, jedoch in zwei
-Abtheilungen, und da kannst Du Dir nun eine Vorstellung von diesem
-Unterricht machen! Auf einer Seite des Saales spreche ich auf die
-kleinen, unruhigen Geister ein, auf der andern ein Lehrer; aber wie
-wenig da wirklich verstanden und gelernt wird, ist begreiflich. Es
-kommt aber hierauf auch herzlich wenig an, wie mir scheint; über
-Elementarkenntnisse kommen diese Kinder sicher nie weit heraus, man
-verlangt das aber auch gar nicht. Sobald sie die Pension verlassen
-und nach Hause zurückkehren, arrangirt man eine Heirath für sie,
-und wozu nützen dann noch die Kenntnisse? Das Wissen scheint einer
-solchen kleinen Französin erstaunlich unnützer Ballast für das Leben.
-Wenn sie nur recht munter zu plaudern und zu lachen versteht und sich
-recht graziös und zierlich bewegt, mehr verlangt niemand von ihr.
-Aber freilich, von dieser Anmuth und Grazie der Bewegungen, dieser
-steten verbindlichen Freundlichkeit, dieser ewigen und unverwüstlichen
-Heiterkeit haben wir steifen, groben, ernsthaften Norddeutschen
-keinen Begriff, und so sehr mein Herz sich oft empört über diese
-unbeschreiblichen Zustände, immer wieder versöhnt mich die hinreißende
-Liebenswürdigkeit dieser Kinder des südlichen Frankreichs. Du solltest
-nur einmal sehen, liebste Tante, mit welcher unnachahmlichen Grazie
-unsere doch schon ältliche Mademoiselle Bertin bei dem Dîner an der
-Spitze der Tafel präsidirt. Für Jeden hat sie ein Lächeln, ein
-verbindliches Wort, eine gefällige Handreichung. Anmuthig erfaßt sie
-mit ihren höchst unsaubern Fingern ihr Glas, noch anmuthiger führt sie
-es an den ewig lächelnden, ewig freundlich plaudernden Mund, und mit
-reizender Grazie reicht sie hier einem Kinde süß lächelnd ein Stück
-des schauerlich harten Brodes, dort einem andern einen winzigen Bissen
-verkohlten Cotteletts, als seien es seltene Kostbarkeiten. Am Ende des
-wundervollen Mittagmahles säubert sie voll lächelnder Anmuth mit ihren
-Lippen Gabel, Messer und Löffel, die sie alsdann in ihre Serviette
-einwickelt; die ganze Tischgesellschaft thut das Gleiche, und bei der
-nächsten Mahlzeit benutzt man diese also gereinigten Geräthschaften von
-Neuem, ohne jemals eine andere Säuberung für nothwendig zu halten! --
-Und wie spaßhaft sehen alle diese jungen Mädchen aus mit ihren großen
-weißen oder schwarzen Mützen auf dem Kopfe! Sie sind nämlich viel zu
-träge, sich täglich ihr Haar zu kämmen und zu flechten, das geschieht
-höchstens ein Mal in der Woche; die übrigen Tage steckt man die wirren
-schwarzen Flechten und Locken unter eine solche Mütze, die deckt alles.
-Aber wie sieht die aus! Würdig des ganzen Anzuges! Als ich mir am
-ersten Morgen Gesicht und Nacken in frischem Wasser badete, sah meine
-junge Stubengenossin mich ganz erstaunt an und sagte: »Waschen Sie sich
-immer so, Mademoiselle?« »Natürlich, Louison,« erwiederte ich, »thun
-Sie es denn nicht auch?« »_O mon dieu non!_« rief sie ganz entsetzt
-aus, »ich würde sicher den Tod davon haben!« Und wirklich sah ich nun,
-daß sie nur eben die Zipfel eines Tuches in's Wasser tauchte und sich
-die Augen damit anfeuchtete, das war die ganze Wäsche. Daß man sich
-auch Mund und Zähne reinigt, daß Nagel- und Kleiderbürsten existiren
-und benutzt werden, daß Seife schmutzigen Händen ein Bedürfniß ist,
-alles das sind Dinge, welche nicht zur Kenntniß dieser jungen Mädchen
-gehören. Und doch wäre in diesem Lande, wo der Sommer so heiß und lang
-ist, Reinlichkeit ein doppeltes Bedürfniß. Ich sehne mich ordentlich
-danach, einmal einen Blick in andere Pensionen und andere Häuser zu
-thun; denn unmöglich kann doch solche Unsauberkeit allgemein verbreitet
-sein. Was ich jedoch hier in dem kleinen Orte sehe, gleicht freilich
-alles mehr oder weniger unserer theuren Pensionsanstalt! Aber wenn
-ich nun an den Menschen und deren Sitten auch vieles anders wünsche,
-wie köstlich ist dafür die Natur, die mich umgiebt! Ein so entzückend
-schönes Thal, wie das ist, in dem unser altes kleines Städtchen liegt,
-kann man so bald nicht wieder finden. Von den Bergen rauschen frische
-Quellen hernieder und bilden tausend kleine Cascaden; das üppigste
-Grün, durchzogen von blühenden Büschen und Bäumen, deckt trotz der Nähe
-des Winters noch überall Höhen und Tiefen, und von einzelnen nackten
-Felsspitzen schauen prächtig zerfallene Ruinen herab in das Thal, von
-ehemaliger Größe und Herrlichkeit erzählend. Pflanzen, von denen wir
-kleine Zweige zu Hause als kostbare Schätze im Fenster stehen haben,
-blühen und wuchern hier als riesige Büsche und Sträucher, und was
-üppiger Pflanzenwuchs ist, davon habe ich jetzt erst einen Begriff
-bekommen. Wie würdest Du, beste Tante, die Du die Blumen so liebst,
-Dein Herz erfreuen an all' den köstlichen Gewächsen, welche mich hier
-umgeben und welche die Verfallenheit und Unsauberkeit so reizend
-verhüllen, daß man beinahe mit derselben ausgesöhnt wird.« --
-
-So verstand es Esther, die Augen für das Schöne zu öffnen, das sie
-umgab, und für die unerquickliche Existenz, in welche das Schicksal sie
-geführt, sich möglichst reiche Entschädigung zu suchen. Ihr heiterer
-Sinn erfreute sich mehr und mehr an der Liebenswürdigkeit ihrer
-Umgebung, und die lustige junge Schaar hing bald mit feuriger Verehrung
-an der neuen Lehrerin.
-
-Mit sehnsüchtiger Erwartung hoffte Esther von Tag zu Tag auf eine
-Nachricht von Herrn Martin aus Nîmes; aber Woche auf Woche verging
-und noch immer kam kein Brief. Esther glaubte, der alte Herr werde
-sein Versprechen wohl vergessen haben, und es werde ihr nichts übrig
-bleiben, als die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Dazu aber mußte
-sie das Weihnachtsfest abwarten, wo einige Tage Ferien den täglichen
-Unterricht unterbrachen und ihr eine Reise nach Nîmes ermöglichten. Da
-aber brachte der Briefträger ihr eines Morgens doch noch den sehnlich
-erwarteten Brief, und erwartungsvoll öffnete Esther denselben. Ihr
-alter Freund schrieb ihr sehr verbindlich und freundlich und bat um
-Verzeihung, daß er sie so lange auf Nachricht habe warten lassen; aber
-er sei durch Krankheit verhindert worden, sein Versprechen zu erfüllen.
-Nun freue er sich, ihr über den betreffenden Herrn Richard Bescheid
-sagen zu können. Derselbe sei Kaufmann und habe vor Jahr und Tag eine
-überseeische Reise angetreten. Wann er von derselben zurückkommen
-werde, sei ungewiß, wahrscheinlich im kommenden Frühjahr. Da der Herr
-unverheirathet sei und auch keine sonstigen Anverwandten in Nîmes habe,
-bedauere Herr Martin, nichts Genaueres weiter über ihn erfahren zu
-können.
-
-Diese Nachricht war für Esther sehr betrübend. Alle ihre schönen Pläne,
-Hoffnungen und Wünsche schienen für jetzt scheitern zu sollen; denn
-wenn derjenige, von dem Esther die Schuld einfordern wollte, fern war,
-und niemand weder seinen Aufenthalt noch die Zeit seiner Rückkehr
-angeben konnte, so war ja alles vergebens. Selbst wenn sie Frau von
-Ihlefeld von der Auffindung des Scheines sagen wollte, erreichte
-sie damit weiter nichts, als diese unnöthig aufzuregen, denn in der
-Ferne hätte dieselbe ja noch weniger wirken können. Esthers hatte
-doch wenigstens noch immer die Hoffnung, daß Herr Richard während
-ihres Aufenthaltes in Frankreich zurückkommen würde. Sie prüfte
-lange, was das Beste sein möchte, und sehnlichst wünschte sie, sich
-mit jemand berathen zu können. Nach reiflicher Ueberlegung war sie
-entschlossen, ruhig in ihrer jetzigen Stellung zu bleiben und ihr
-Geheimniß wie bisher für sich zu behalten, bis sie dennoch vielleicht
-bald mit dem glücklichen Resultat vor ihre Lieben hintreten konnte.
-Das Opfer, welches sie brachte, war groß; denn die Existenz, in der
-sie auszuharren beschloß, wurde mit dem herankommenden Winter immer
-unerfreulicher. Frühe Kälte und sogar Schnee kamen Mitte December
-über die Berge gezogen und machten sich in dem kleinen hochgelegenen
-Städtchen, das im Sommer seiner kühlern Temperatur wegen als angenehmer
-Aufenthalt besucht wurde, ziemlich unangenehm fühlbar. Und man litt in
-diesen Gegenden vielmehr durch die Kälte, als im Norden, wo man sich
-dagegen zu schützen versteht. Aber hier besonders, in dieser wüsten
-Pensionsanstalt, wurde der Aufenthalt durch Kälte und Schnee fast
-unerträglich. Die steinernen Fußböden, durch keinen Teppich geschützt,
-waren ohnehin schon kalt wie Eis; aber mit ihren dicken Holzschuhen,
-Sabots genannt und wie kleine Kähne gestaltet, trugen die unruhigen
-Füße der quecksilberigen jungen Schaar unablässig alle Nässe und allen
-Schnee von Hof und Straße mit herein, so daß der Fußboden sich binnen
-Kurzem in einen wahren Sumpf verwandelte. Keine Thüre schloß und kein
-Fenster hielt Wind und Kälte ab, und wenn es dem schwarzen Kamin auch
-wirklich endlich gelungen war, nach unsäglichem Rauchen und Qualmen
-etwas Wärme um sich her zu verbreiten, der erste Windstoß warf diese
-oder jene Thür wieder auf, und aus dem offenen Hausflur strömte dann
-die ganze Winterkälte wie im Triumphe herein, denn niemand beeilte
-sich, ihr den Eingang wieder abzuschneiden. Besonders wenn der Mistrâl
-wehte, ein Wind, der dort heimisch und von markdurchdringender Schärfe
-und Intensität ist, wußte man sich mitten im Zimmer und selbst im Bett
-kaum zu retten vor Zugluft und Unbehagen. Dieser Wind dauert stets
-mehrere Tage, der Himmel ist dabei tiefblau und die Sonne blitzend,
-aber die Luft von einer Schärfe, daß nichts vor ihrem Eindringen
-schützt, und Thüren und Fensterrahmen Spalten bekommen, so trocknet der
-Wind sie aus.
-
-Aber so sehr Esther durch diese Zustände litt, die muntern Französinnen
-ließen sich dadurch wenig aus ihrer guten Laune bringen, und wenn der
-Wind recht eisig durch Thür und Fenster pfiff, dann trappelten sie
-desto lustiger mit ihren hölzernen Sabots auf dem steinernen Fußboden
-umher, daß man meinen konnte, eine Schwadron Cürassire komme über das
-Steinpflaster geritten. Es war ein unaussprechlicher Spectakel; aber
-den lebendigen Kindern machte das gerade Vergnügen. Gut, daß Esthers
-Nerven von solider Stärke waren, sonst hätte sie diesen Lärm und dieses
-Treiben nicht lange ertragen. -- So kam das Weihnachtsfest heran, und
-Esther's Herz übermannte jetzt eine so unsägliche Sehnsucht, daß sie
-all' ihrer tapfern Entschlossenheit bedurfte, um nicht die Flinte in
-das Korn zu werfen und auf und davon zu gehen, der lieben Heimath
-wieder zu, mit den Ihren das schönste aller Feste zu feiern. Hier in
-Frankreich hatte man keine Idee von der Feier des Weihnachtsfestes, wie
-Esther es kannte; Geschenke gab man sich am Neujahrstage, aber ohne
-besondere Festlichkeit.
-
-Der Arzt der Pension, dessen Frau eine Deutsche war, hatte sich sehr
-freundlich gegen Esther bewiesen und das junge Mädchen durfte diese
-Familie zuweilen besuchen. O wie athmete sie hier auf in dieser
-sauberen, geordneten Häuslichkeit, und hier fühlte sie erst, wie leicht
-man bei verständiger Vorsorge den dortigen Winter ertragen konnte, der
-trotz Mistrâl doch unendlich viel milder war als ein deutscher. Von
-dieser Familie wurde Esther eingeladen, das Weihnachtsfest mit ihnen
-zu feiern, und freudig folgte das junge Mädchen dieser Aufforderung.
-Am Nachmittage schon machte sie sich auf den Weg, und bei köstlich
-warmem Sonnenschein, wie er in der Heimath etwa im Mai die Erde wärmt,
-durcheilte sie die Straßen. Ihr Weg führte sie durch einen großen
-öffentlichen Garten, auf dessen Terrassen eine Menge Frauen bei ihrer
-Spindel saßen, gerade wie im Sommer, die Kinder zu ihren Füßen spielend.
-
-Aber wie köstlich war auch noch alles grün trotz Winter und Schnee!
-Ueppiges Moos deckte überall die ruinenhaften Mauern, saftig grüne
-Wiesen zogen sich weithin, Cypressen und Lorbeer und immergrüne
-Eichen standen mit vollem Laube in dichten Gruppen, Oliven mit ihrem
-matten Grün breiteten sich dazwischen aus. Eine Menge wundervoller
-fremdartiger Bäume wölbten ihr Laubdach über Esther, von denen
-besonders einer mit brennend rothen Früchten ihr Auge entzückte, man
-nannte ihn Arbousier. Dichte Hecken von hohem Oleander und in weißen
-Dolden blühenden Gewächsen zogen sich ringsum, üppige Schlingpflanzen
-rankten sich hernieder, und überall blühte die Monatsrose in Fülle,
-von Veilchen, Narcissen, Tazetten und tausend anderen Blumen umringt.
-Es war eine Pracht und ein Reichthum in der Natur, daß Esthers
-Herz laut jubelte und sie sich nicht satt sehen konnte an all' dem
-Schönen. Wie herrlich mußte diese Natur erst im Frühjahr sein, wenn am
-Weihnachtsabend, mitten im Winter, schon alles in dieser Weise blühte
-und duftete!
-
-Die Doktorin empfing Esther mit großer Herzlichkeit, und das junge
-Mädchen verlebte den Abend so angenehm, daß ihr Heimweh fast gänzlich
-Abschied nahm. Mit Jubel begrüßte sie eine schöne grüne Tanne, den
-lieben nordischen Weihnachtsbaum, der in vollem Lichterglanze ihr
-entgegenlachte, als wäre sie zu Hause in ihrem trauten Waldhause. Man
-hatte den Baum in eine riesige Vase gepflanzt, und statt der Aepfel
-lachten goldene Apfelsinen aus dem grünen Laube. Eine dicke Guirlande
-von frischen rothen Rosen, die man am Morgen im Weinberge gepflückt,
-zog sich um den Rand der Vase; hohe silberne Candelaber waren mit
-Gewinden von Lorbeer und Oleander umschlungen und durch Rosenketten
-verbunden, und an diesen Guirlanden wie an dem Tannenbaum hing eine
-Menge buntes Zuckerwerk und silberne und goldene Kugeln. Es war ein
-reizender Anblick. Für Esther lagen einige hübsche Geschenke unter dem
-Baume, und als beste Gabe ein dicker Brief aus der Heimath, den der
-Doktor heimlich dem Briefträger abgenommen hatte. Esthers Dank und
-Freude war namenlos, einen so herrlichen Weihnachtsabend hätte sie
-nimmer in der Fremde erwartet, und diese Freude stärkte sie wieder für
-all' die vielen unangenehmen Tage, welche noch vor ihr lagen.
-
-Unter wenig erfreulichen Verhältnissen, in welche Esther ihr Geschick
-geführt, verging der Winter, und ein Frühjahr kam herbei, so warm und
-wonnig und so reich an Blüthen und Düften ringsum, daß Esther alles
-Ungemach vergaß und mit vollem Herzen diese Zauberwelt genoß. Sie
-schrieb glückselige Briefe an ihre Lieben in der Heimath, bei denen
-der Winter noch mit all' seinen rauhen Lüften und mit Kälte und Schnee
-regierte, während es rings um Esther schon blühte und duftete.
-
-Als dann aber auch in Deutschland das Frühjahr gekommen war, da brannte
-die Sonne schon so heiß und sengend auf die Fluren hernieder, in denen
-Esther umherwanderte, daß sich diese gar oft ihren nordischen Himmel
-herbei wünschte.
-
-Mit dem Frühjahr sollte sich ja vielleicht Esthers Hoffen und
-Harren belohnen, so glaubte sie sicher, und ihr alter Freund hatte
-ihr versprochen, sobald er Kunde über die Rückkehr Herrn Richard's
-erhalten könne, wolle er sie sogleich benachrichtigen. Aber Woche um
-Woche verging abermals, und kein Brief kam. Die warmen Frühlingstage
-verwandelten sich in heißen Sommer, unter dessen sengender Sonnengluth
-alles verdorrte und verbrannte, so daß statt der saftigen Fluren eine
-gelbbraune Decke sich überall ausbreitete, und Menschen und Thiere nach
-Kühlung schmachteten.
-
-Jetzt bot das eisig kalte Steinhaus, in dem Esther wohnte, allerdings
-angenehmen Schutz vor der Sonnengluth; aber doch freute sich das junge
-Mädchen, daß einige Wochen Ferien die Stunden unterbrechen sollten,
-denn sie fühlte sich oft unendlich müde und angegriffen. Das stete
-vergebliche Hoffen machte sie nervös und niedergeschlagen, sie sah
-ja, daß ihr Opfer vergebens sein und sie ohne das Geld nach Hause
-zurückkehren mußte. Sie hatte gehofft, die Erlangung dieses Schatzes
-werde ihr die Stellung in England ersparen, und sie könne wieder zurück
-in ihr Waldhaus. Nun schwand auch diese Freude; denn wenn sie nichts
-verdiente, litt Bertel Mangel und konnte nicht weiter studiren. So
-mußte sie also jene Stelle binnen Kurzem antreten; man wollte dort
-nicht länger warten, wie Pastor Krause ihr schrieb. Schon beabsichtigte
-Esther, gleich beim Beginn der Ferien nach Hause zurück zu kehren,
-da schrieb ihr Herr Martin, seine Frau wollte für einige Wochen in
-das Seebad nach Cette gehen und würde sich freuen, wenn Esther sie
-begleiten wolle. Er bitte sie, vorher für einige Tage in Nîmes ihr Gast
-sein zu wollen. Esther zögerte anfangs, dies Anerbieten anzunehmen,
-ihre angegriffene Gesundheit aber bedurfte allerdings der Stärkung
-durch Seebäder; denn neue Pflichten erwarteten sie ja, für welche sie
-eines kräftigen Körpers bedurfte. So nahm sie denn Abschied von ihren
-liebenswürdigen Pensionsgefährtinnen, die ihr trotz aller Mängel und
-Fehler herzlich lieb geworden waren, und eilte unter das gastliche Dach
-ihres guten alten Freundes in Nîmes.
-
-Hier wurde sie mit großer Herzlichkeit aufgenommen und fand eine
-angenehmere Häuslichkeit, wenn auch ein deutsches Hauswesen diese
-südlichen Zustände bedeutend an Behagen übertraf. Frau Martin war
-eine lebendige, liebenswürdige, alte Dame, und die beiden guten Alten
-machten es sich zur Aufgabe, Esther alle Sehenswürdigkeiten von Stadt
-und Umgegend zu zeigen.
-
-Es traf sich gerade, daß man einen Geburtstag in der kaiserlichen
-Familie feierte, wozu die ganze Stadt sich mit Fahnen, Guirlanden und
-Teppichen geschmückt hatte, was den Straßen einen äußerst freundlichen
-Anblick verlieh. Große Processionen durchzogen die Stadt, Abends war
-brillantes Feuerwerk und Illumination, das Schönste aber war am andern
-Tage ein Volksfest in den alten Mauern der Arena, wozu jedermann
-freien Zutritt hatte. Unser altes Pärchen führte natürlich seinen Gast
-auch dahin, und mit Staunen und Entzücken sah Esther dieses prächtige
-Schauspiel mit an. Die vortrefflich erhaltenen Ruinen der einst durch
-die Römer erbauten Arena waren jetzt von oben bis unten überdeckt von
-vielen Tausend Menschen, und jedes Plätzchen, so klein oder gefährlich
-es auch sein mochte, war besetzt. Alle diese Terrassen, Bogen, Arkaden,
-ja selbst der oberste Rand der Umfassungsmauer, alles stand gedrängt
-voll Menschen, und da war kein Stein, kein Pfeiler, der nicht seine
-interessante Gruppe aufwies. Auf einzelnen losgebrochenen Mauerresten
-standen und hingen kühne Burschen, und während ihre braunen Gesichter
-vor Vergnügen leuchteten, baumelten sie lustig mit den nackten Beinen
-über dem Abgrunde und lachten der ängstlichen Rufe und Blicke um
-sie her. Männer und Weiber, Kinder und Greise, zerrissene Bettler
-und elegante Damen, alles drängte sich dicht an einander, sitzend,
-stehend, hängend, kauernd oder liegend, wie es eben ging; aber alles
-jubelnd, schreiend, lachend und hoch oben darüber der tiefblaue Himmel,
-wie ihn eben nur der Süden aufzuweisen hat. Während unten in der
-Arena Seiltänzer und Jongleure ihre Künste zeigten, ein Luftballon
-emporgelassen wurde und bei laut kreischender Musik allerlei Tänze
-und Scherze aufgeführt wurden, wanderten auf der untersten Terrasse
-eine Menge Verkäufer umher, die Zuschauer mit Früchten und Gebäck zu
-versorgen. Mit wahrhafter Virtuosität schleuderten diese Händler ihre
-Waaren bis hoch zu den obersten Sitzen hinauf, und gelbe Citronen,
-goldene Apfelsinen, lange Weißbrode, Feigen, Pfirsiche, Stücke Melonen,
-alles flog und schwirrte durch die Luft und wurde ebenso geschickt
-aufgefangen als geschleudert. Verfehlte aber ein unglückliches Gebäck
-oder eine leckere Frucht einmal ihr Ziel und rollte in ein Gebüsch oder
-in das lose Steingeröll, dann zitterte die Luft von endlosem Jubel, und
-tausend Hände und Füße waren in Bewegung, den Schatz zu erobern. Esther
-war ganz hingerissen von dem Zauber dieses echt südlichen Festes, und
-feurig und lebendig wie auch ihr Temperament war, jubelte sie mit ihren
-französischen Nachbarn um die Wette und vergaß es vollständig, daß von
-allen Seiten der verhaßte Knoblauchgeruch sie einhüllte, und eine Menge
-höchst uncivilisirter Beine über ihrem Kopfe baumelten.
-
-Nach einigen in Nîmes froh verlebten Tagen reiste Esther in
-Gesellschaft der alten Frau Martin nach Cette ab, das prächtig am
-Gestade des Mittelmeeres sich hinzog. Von dort gedachte sie einige
-Wochen später in die Heimath zurückzukehren, und Frau von Ihlefeld dann
-selbst die Erlangung jenes Kapitals zu überlassen, da ihr diese Freude
-nicht vergönnt ward. Der Anblick des Meeres war ein neuer Genuß für
-Esther, und mit Entzücken badete sie ihre Glieder in dieser herrlichen
-Fluth. Sie fühlte sich durch die Bäder bald wunderbar gestärkt und
-belebt, und da auch das Zusammensein mit Frau Martin durchaus angenehm
-war, so freute sich Esther aus voller Seele dieser schönen Tage. Leider
-aber war Frau Martin schon nach Kurzem genöthigt, wieder nach Hause
-zurückzukehren, da ihr Mann heftig erkrankte; da sie aber hoffte, bald
-wieder nach Cette kommen zu können, blieb Esther zurück, durch die alte
-Dame den braven Hauswirthen warm empfohlen.
-
-In dieser Zeit war es, wo eine junge Dame Esthers Bekanntschaft
-erneuerte, welche schon in Nîmes in der Arena neben ihr gesessen und
-sie mehrfach angesprochen hatte. Esther freute sich, Gesellschaft zu
-haben, und obwohl sie eigentlich keinen großen Gefallen an der Dame
-fand, kam sie doch täglich mit derselben zusammen. Sie nannte sich
-Mademoiselle Lasson, war sehr heiter und gesprächig, und Esther vergaß
-in ihrer Gesellschaft alle trüben Sehnsuchtsgedanken. Dies veranlaßte
-sie, häufiger mit Mademoiselle Lasson zusammen zu sein, als sie sonst
-wohl gethan hätte.
-
-An einem herrlichen Sommerabend ging Esther auch wieder mit ihrer
-neuen Freundin am Meeresstrande spazieren, und mit ihnen noch viele
-andere Badegäste. Man hatte in der Ferne das Herankommen eines Schiffes
-gesehen, und das Einlaufen eines solchen in den Hafen war stets ein
-Vergnügen für die Fremden. Auch Esther freute sich des Anblicks, wie
-das schöne, stolze Schiff auf den Wellen daher segelte, und als dann
-die Ankommenden ausstiegen, betrachtete sie dieselben voll natürlicher
-Neugierde. Da ging einer der angekommenen Herren an ihr vorüber.
-Mademoiselle Lasson begrüßte denselben und zwar mit so lauten Worten
-und fröhlichem Lachen, daß Esther etwas scheu zurücktrat. Der Herr
-blickte auf und schien über die Begrüßung durchaus nicht erfreut; denn
-mit einem kurzen Seitenblick auf Esther ging er leicht grüßend davon.
-
-»Wer war der Herr, Mademoiselle?« fragte Esther rasch.
-
-»O, ein alter Bekannter von mir, Monsieur Richard; er schien mich nicht
-recht zu erkennen,« sagte die Dame achselzuckend.
-
-»Herr Richard?« rief Esther freudestrahlend. »Herr Richard aus Nîmes?
-Der Neffe des Herrn Etienne de Villemaud?«
-
-»Wie seine Verwandten alle heißen, weiß ich wahrlich nicht,« lachte
-Jene, »ich glaube aber, den Namen gehört zu haben. Er that diesem
-Herrn hier den Gefallen, zu sterben und ihm sein schönes Geld zu
-hinterlassen, wenn ich nicht irre. Was wissen Sie denn von diesem Kauz,
-liebe Kleine?«
-
-Esther war so aufgeregt vor Freude, Glück und Wonne, daß sie zitterte
-und ihrer Begleiterin in kurzen Worten sagte, daß es für sie von
-unendlicher Wichtigkeit sei, diesen Herrn zu treffen. »O bitte, wir
-wollen ihm schnell nacheilen, daß er nicht abreist, ehe ich ihn
-gesprochen habe!« rief sie glühend und zog Mademoiselle Lasson mit sich
-fort.
-
-»Halt, liebe Kleine, nicht so hitzig!« lachte diese und machte ein so
-sonderbares Gesicht, daß Esther verlegen stehen blieb.
-
-»Sie sind ja sehr eilig hinter dem Herrn her, der wenig von uns wissen
-zu wollen schien. Ich weiß, er kehrt hier bei einem Bekannten ein,
-da werden Sie ihn zeitig genug treffen auch ohne so große Eile. Aber
-hingehen wollen wir, da Ihnen so viel daran zu liegen scheint. Ich darf
-doch mit Ihnen gehen?«
-
-Esther dankte ihrer Begleiterin herzlich, daß sie ihr zur Seite bleiben
-und sie zu der Wohnung Herrn Richard's führen wollte. Zuerst aber
-eilte sie nach Hause, das wichtige Papier zu holen, das ihr bisher
-so viel Angst und Sorge, Hoffnung und Enttäuschung gebracht hatte.
-Ihre Begleiterin führte sie bis zu dem betreffenden Hause, dann aber
-verabschiedete sie sich, was Esther im Grunde nicht unlieb war, sollte
-doch niemand weiter von ihrem Geheimniß erfahren.
-
-Als sie Herrn Richard gegenüber stand, schlug ihr doch das Herz
-gewaltig vor banger Erwartung, besonders da jener Herr ihr sehr kalt
-und erstaunt entgegentrat und sie mit wenig freundlichen Blicken
-anschaute und nach ihrem Begehr fragte. Esther nannte ihren Namen und
-versicherte sich zuerst, daß sie auch die gesuchte Persönlichkeit vor
-sich habe; dann aber nahm sie mit zitternder Hand den Schuldschein aus
-ihrer Brieftasche und sagte: »Mein Herr, wissen Sie von dieser Schuld?«
-
-Herr Richard blickte das Blatt voll Staunen an und sagte: »Der Empfang
-der Summe ist in den Büchern meines Vetters notirt, aber kein Name.
-Ich habe bisher umsonst gewartet, daß der Gläubiger sich melden solle.
-Aber mein Fräulein, wie kommen =Sie= zu dem Schuldscheine?« Und wieder
-blickte er Esther prüfend in das glühende Gesicht.
-
-»Der Schein war seit Jahren verloren, durch einen Zufall kam er in
-meine Hände,« sagte Esther ruhig, aber unwillkürlich noch tiefer
-erröthend.
-
-»So, durch einen Zufall? Und Sie wünschen, ich soll das Geld an Sie
-auszahlen?« entgegnete der Kaufmann scharf.
-
-»Ja, natürlich wünsche ich das,« sagte Esther unbefangen.
-
-»So besitzen Sie eine Vollmacht, welche Sie berechtigt, die Summe von
-mir zu fordern im Namen des Gläubigers?« entgegnete Herr Richard.
-
-»Eine Vollmacht?« sagte Esther betroffen. »Nein, wozu bedürfte es einer
-solchen? Herr von Ihlefeld ist todt, seiner Familie aber stehe ich so
-nahe, daß Sie mir das Geld getrost ohne solche Vollmacht einhändigen
-können. Ich bin mit dem Sohne des Hauses erzogen und besitze das volle
-Vertrauen der Mutter, welcher ich mit der Ueberbringung des Geldes eine
-unerwartete Freude machen will, da sie in sehr dürftigen Umständen
-lebt. Ich habe ihr die Auffindung des Schuldscheines, den ich in
-einem Buche fand, welches sie mir geliehen, nicht mitgetheilt, um ihr
-unnöthige Unruhe zu ersparen. Mein Weg führte mich nach Frankreich, und
-so nahm ich Gelegenheit, den Erben jenes Herrn Etienne von Villemaud
-aufzusuchen, um Frau von Ihlefeld bei meiner Heimkehr das Geld statt
-des Scheines zu überreichen. Schon glaubte ich meine Hoffnungen
-betrogen, da Sie für unbestimmte Zeit von der Heimath abwesend waren;
-da führte ein günstiger Zufall mich heute in Ihre Nähe, und so ist der
-Zweck meines Aufenthaltes in Frankreich doch nicht vergebens.«
-
-Herr Richard hatte Esther's Erzählung mit einiger Ungeduld angehört;
-jetzt sagte er kalt: »Darf ich um Ihre Legitimation bitten, mein
-Fräulein?«
-
-»Mein Paß liegt in Nîmes bei Herrn Martin,« sagte Esther unbefangen,
-»ich glaubte ihn hier nicht zu brauchen.«
-
-»So?« entgegnete der Kaufmann ironisch. »Ich weiß nicht, mein Fräulein,
-über was ich mich mehr wundern soll: über Ihre Dreistigkeit, ohne
-jegliche Vollmacht und Legitimation eine solche Forderung zu stellen,
-oder über die Naivität, mir jenes Märchen zu erzählen, den Schein
-betreffend. Haben Sie in der That geglaubt, irgend jemand würde Ihnen
-ohne Sicherheit und ohne Vollmacht jene Summe auszahlen? Wer bürgt denn
-dafür, daß Sie das Geld auch den Erben bringen, da diese gar nichts
-davon wissen, daß der Schein gefunden ist?«
-
-»Mein Herr!« fuhr Esther empört auf, »wie können Sie mich so
-beleidigen? Ich bin die Tochter eines Predigers und keine Diebin.«
-
-»Wenigstens wären Sie eine sehr ungewitzigte Diebin, mein Fräulein,«
-sagte Jener trocken. »Denn ohne Vollmacht würde Ihnen schwerlich jemand
-das Geld geben, ich wenigstens bin kein solcher Thor. Aber da Sie
-glaubten, das Geld werde Ihnen ausgezahlt werden ohne Vorzeigung des
-Scheines, so entstand diese Hoffnung vielleicht schon bei Erlangung
-desselben. Gerade daß Sie der Familie so nahe standen, ermöglichte ja
-die Erwerbung jenes Papieres. Jene Dame, in deren Gesellschaft ich Sie
-soeben am Strande sah, ist eine sehr schlechte Empfehlung für Ihre
-Solidität und Ehrlichkeit, mein Fräulein. Sie selbst habe ich nicht die
-Ehre zu kennen, ich gestehe Ihnen aber ehrlich, daß ich Ihnen gleich
-mit Mißtrauen entgegen kam, denn Sie werden das Sprichwort kennen:
-»_Dis-moi que tu hantes, et je te dirai que tu es._«
-
-Esther war außer sich. »Mein Herr!« rief sie, in Thränen ausbrechend,
-»Sie beschimpfen ein ehrliches, schutzloses Mädchen! Meine
-Unerfahrenheit hat mich in eine böse Situation gebracht; aber gerade
-diese sollte Ihnen dafür bürgen, daß ich unschuldig bin. Jene Dame
-kenne ich kaum und habe keine Ahnung davon, daß sie für ein ehrliches
-Mädchen keine passende Gesellschaft ist. Uebrigens verlange ich jetzt,
-daß Sie augenblicklich an Frau von Ihlefeld schreiben und sich nach
-Esther Wieburgs Ruf erkundigen; ich selbst werde ein Gleiches thun und
-die Auffindung des Scheines und alles andere berichten. Sie haben die
-unbescholtene Tochter eines Predigers tödtlich beleidigt; Gott verzeihe
-es ihnen.« Dann schrieb sie rasch Frau von Ihlefelds Adresse auf einen
-Zettel und wandte sich stolz nach der Thür; mit einem kalten Gruß ging
-sie hinaus. Zu Hause angekommen sank sie weinend auf ihre Knie. Lange
-schluchzte sie krampfhaft und leidenschaftlich; denn der Gedanke, hier
-als eine Diebin, als eine schamlose Betrügerin behandelt worden zu
-sein, war ihr entsetzlich. Wenn auch nach kurzer Zeit der Verdacht von
-ihr genommen wurde, der Schatten hatte doch auf ihr geruht und ihr war,
-als sei sie nun für ewig gebrandmarkt. »O Bertel, Bertel, deinetwegen
-habe ich alles das zu ertragen!« rief sie, das Gesicht in den Händen
-verbergend.
-
-Aber endlich ermannte sie sich und eilte nach ihrem Schreibtische. Sie
-mußte Herrn Martin brieflich bitten, ihren Paß ihr zu übersenden, den
-sie bei ihm deponirt hatte, damit sie sich durch diesen legitimiren
-konnte. Dann aber schrieb sie an Frau von Ihlefeld, dieser ihr ganzes
-Wünschen und Hoffen darlegend, und wie sie vergebens durch die
-Auffindung jenes Schuldscheines und die Erwartung, gleich selbst die
-Geldsumme erheben zu können, zu der Reise nach Frankreich bestimmt
-worden sei. Dann erzählte sie ihr die Behandlung, welche sie durch
-Herrn Richard erlitten und bat dringend um jene wichtige Vollmacht,
-damit sie das Geld erheben könne, und ihre Ehre wieder hergestellt
-werde. Als sie das Schreiben fortgetragen, fand sie bei ihrer Rückkehr
-einen Brief in ihrem Zimmer. Er war aus der Heimath. Welch ein
-herrlicher Trost in aller Trübsal und Kränkung. Voll Freude öffnete
-sie das Schreiben, es war ein Brief von Bertel und ein kurzer von Frau
-Booland. Esther las den kurzen Brief zuerst, er lautete:
-
-
- »Mein liebes theures Kind!
-
- Heute schreibe ich Dir nicht viel, obwohl mir das Herz zum Zerspringen
- voll ist. Bertels Brief enthält das Weitere. Ich habe es immer
- gedacht, so werde es einmal kommen; denn Adel bleibt Adel, und Geld
- hat einen schönen Klang. Bertel ist ein guter Sohn, er will seine
- Mutter nicht betrüben, indem er ihrem Willen entgegen ist, er ist ja
- so leicht zu etwas zu bestimmen. Ob er dadurch freilich den Dolch in
- =das= Herz stößt, das ihm anhängt mit unerschütterlicher Treue, und
- dessen dieser Undankbare nie und nimmer würdig war, das kommt nicht
- in seinen Sinn. Aber genug, mein Herzblatt, ich will meine bittern
- Thränen still für mich weinen und Dir dein armes Herzchen nicht noch
- schwerer machen. Nun gehst Du nicht nach England, sondern bleibst bei
- mir, Deiner ewig und unwandelbar getreusten
-
- Friederike Booland.«
-
-
-Mit zitternder Hand faltete nun Esther Bertels Brief von einander.
-Was konnte er enthalten, daß Tante Booland so gegen ihn erzürnte?
-Die Buchstaben schwammen vor ihren Augen, lange Zeit konnte sie
-die geliebten Schriftzüge nicht festhalten. Endlich aber las sie,
-was Bertel schrieb. Nach einigen unwichtigeren Notizen erzählte er
-ihr, daß er seit einiger Zeit ein häufiger Gast in seinem einstigen
-Vaterhause in Rahmstedt sei, das jetzt in den Besitz eines entfernten
-Anverwandten, eines Herrn von Sassen, übergegangen sei. Die Frau sei
-todt, eine ältliche Cousine vertrete ihre Stelle im Hause. Er sei hier
-mit großer Freundlichkeit aufgenommen worden, und auch seine Mutter
-sei, nachdem sie den ersten Schmerz überwunden, in das Haus wieder
-eingetreten, wo sie so Schreckliches erlebt. Nun verkehrten sie Beide
-häufig mit diesen Verwandten, welche früher im Auslande lebten, und
-es habe sich ein sehr inniges Verhältniß zwischen beiden Familien
-gebildet. Die höchst anmuthige junge Tochter Susanne, das einzige
-Kind des Onkels, sei ihm wie eine Schwester entgegengekommen, und er
-sei dem hübschen Kinde herzlich zugethan. Mit Esther freilich dürfe
-er sie nicht vergleichen, aber wer käme dieser überhaupt gleich? --
-Seine Mutter habe ihm nun vor einigen Stunden gesagt, daß der Onkel
-eine Verbindung ihrer beiden Familien sehr wünsche, und Bertel ihm
-trotz seiner Armuth einst ein willkommner Gatte für sein Kind sein
-werde. Frau von Ihlefeld habe keinen höhern Wunsch, als daß ihr Sohn
-zu diesem Plane die Hand reiche, und auch Susanne werde sich sicher
-damit einverstanden erklären, das dürfe er erwarten; denn sie sei ein
-gutes, fügsames Kind, das dem Willen des Vaters schwerlich entgegen
-sein würde. »Der Reichthum des Onkels,« schrieb Bertel weiter,
-»sichert meiner Mutter eine sorgenfreie Zukunft, und für mich selbst
-erschließt sich eine neue Welt. Mein einstiges Vaterhaus nimmt mich
-wieder auf als Sohn und Erben, und der Besitz dieses lieben Mädchens
-giebt mir zugleich die Mittel in die Hand, die Träume meiner Jugend zu
-verwirklichen und im Dienste meiner Wissenschaft Reisen zu machen. Ein
-Archäolog, zu dem ich mich bilden will, ist nichts ohne Reisen, und so
-verschafft dieser Bund allen Theilen Glück und Vortheil. Aber so sehr
-ich entschlossen bin, einen so wichtigen Schritt zu thun,« schrieb
-Hubert weiter, »so muß ich doch wissen, wie Du darüber denkst, meine
-gute Esther. Schreibe es mir ganz ehrlich; denn einen bessern Freund
-als Dich habe ich ja nie besessen, und nie im Leben habe ich etwas
-Wichtiges ohne Deinen Rath und Deine Billigung unternommen. Wohl weiß
-ich es, meine liebe theure Schwester, mein Glück ist auch immer das
-Deine gewesen, das hast Du mir bewiesen, seit wir als kleine Kinder
-schon alles Leid und alle Freuden mit einander getheilt haben. Doch ich
-möchte ein Wort von Deiner lieben Hand sehen, möchte von Dir selbst
-hören, daß Du mein Vorhaben billigst, sonst kann ich meines Glückes
-nicht froh werden. Lange war ich unschlüssig, ob ich mich in dieser
-Weise binden sollte; aber meine Mutter drängt, und ich sehe ja selbst
-ein, daß diese Verbindung große Vortheile für uns hat. Aber dennoch
--- ach Esther, mein lieber, getreuer Kamerad, sage auch Du, daß ich
-recht thue, daß Du es vernünftig und gut findest, und daß Du auch
-ferner meine liebe, treue Schwester bleiben willst. Dann erst bin ich
-ruhig darüber, daß ich dem Drängen meiner Mutter nachgegeben und will
-das innere Unbehagen überwinden, das mich peinigt, ich weiß selbst
-nicht, weshalb. Ohne Dich bin ich ja immer nur ein halber Mensch, immer
-stützest und ergänzest Du mich, Du mein besseres Ich, der Schutzengel
-meines Lebens!«
-
-Esther saß nach Beendigung dieses Briefes bleich und still auf ihrem
-Sessel. Die Hände waren in ihren Schoos gesunken und hielten den Brief
-noch fest, ihre Augen waren geschlossen und die Lippen zitterten leise.
-Endlich entrang sich ein Ton ihrer Brust, die angstvoll athmete. Es
-war wie der Schrei eines Versinkenden. Heftig warf sie plötzlich beide
-Arme empor und sprang vom Sitze auf. Eine furchtbare Angst trieb sie
-umher, und wie verzweifelt durcheilte sie fort und fort ihr Zimmer, die
-Hände fest in einander gekrampft und leise stöhnend. Aber keine Thräne
-kam in die heißen Augen und erleichterte ihrer gepreßten Brust den
-entsetzlichen Kampf, den sie zu bestehen hatte.
-
-O was ging in diesem jungen Herzen vor, während ihr Fuß angstvoll im
-Zimmer auf und nieder eilte! Ihr war, als hätte eine grausame Hand
-mit einem Wurfe plötzlich alles in Trümmer geschlagen, was das Wesen
-ihres ganzen Lebens ausgemacht hatte; als hätte sie bis jetzt in süßen
-Träumen gelegen, und nun sei sie mit einemmale geweckt worden zu einem
-Dasein, so furchtbar, so grauenvoll, daß das Herz ihr davor erbebte.
-Was war es nur, das man ihr zertrümmert? Was war es, das man ihr so
-plötzlich entrissen? War es das Herz in ihrer Brust oder ihr Fühlen,
-ihr Denken? Ein Schmerz durchdrang sie so entsetzlich, wie sie ihn noch
-nie im Leben empfunden, und doch wußte sie nicht, war es der Körper
-oder der Geist, der so grausam litt. »O Bertel, Bertel!« rief sie
-endlich verzweifelt und schlug die Hände vor das Gesicht, und jetzt
-brach ein Strom Thränen hervor, so leidenschaftlich und überwältigend,
-als wollte sich ihr ganzer Körper in Thränen auflösen.
-
-Schwach und gebrochen ruhte Esther endlich im Lehnstuhle, und ihre
-Augen blickten hinauf zum Himmel, von woher Hülfe und Trost allein noch
-kommen konnte. Ihre Gedanken waren klarer geworden, und jetzt erst
-wußte sie, was ihr zertrümmert worden. Es war der Traum ihrer Zukunft.
-Ohne daß sie sich je davon Rechenschaft gegeben, hatte sie ihr Leben
-mit all' seinem Hoffen und Wünschen, Denken und Fühlen so völlig mit
-dem ihres geliebten Bertel zusammengeschmolzen, daß es für sie eben
-eine Unmöglichkeit war, sich ihre Existenz von der ihres Spielgefährten
-getrennt zu denken. Vom ersten Tage ihres Zusammenseins an hatte sie
-nur an ihn gedacht und für ihn gelebt und gesorgt, und so war es
-geblieben bis zu dieser Stunde. Was fragte sie je nach ihrem eigenen
-Wohlbehagen, ihren eigenen Bedürfnissen, wenn nur Bertel zufrieden
-war! Wie sie als kleines Mädchen nur um seinetwillen gelernt, nur an
-den Spielen Freude hatte, die ihm lieb waren, und für alles gesorgt
-hatte, was er bedurfte, so war es bis heute noch geblieben. Für wen
-mühte sie sich Tag für Tag mit den Schülern bei Pastor Krause? Für
-wen hatte sie sich die Schmerzen der Trennung auferlegt und wollte
-in England Erzieherin werden, und für wen war sie endlich hier nach
-Frankreich gegangen, hatte alles Ungemach in jener Pension und heute
-selbst Schmähungen und Verdächtigungen ertragen? Ach für ihn, für ihn
-allein, der ihr Gedanke war früh und spät, und dem sie den Weg bahnen
-wollte zu Glück und Ehre und Ruhm. O und welcher Jubel hatte ihr Herz
-erfüllt beim Auffinden des Scheines! Nun ward er ja wohlhabend und die
-Sorgen hatten ein Ende, und sie, sie hatte es ihm verschafft! Aber nun
-war alles aus! Nun bedurfte er ihrer nicht mehr und ihrer Arbeit und
-Mühe; nun gaben ihm Andere mit vollen Händen, was er brauchte und mehr
-als er brauchte. Aber nun gehörte er auch diesen Anderen, und sie hatte
-keine Rechte mehr an ihn. Sie war allein, allein mit ihrem Herzen, das
-er verschmäht hatte, eine Andere trat nun an diese Stelle!
-
-Weiter konnte Esther mit ihren Gedanken nicht kommen, es kam wieder wie
-ein Krampf über sie, und leise wimmernd sank sie zusammen. Hätte sie
-nur wenigstens jemand gehabt, der mit ihr sprechen konnte; aber diese
-trostlose Einsamkeit, es war zu schrecklich!
-
-Endlich jedoch trat ein Friedensengel zu dem armen, einsamen Kinde.
-»Und Du wirst ihm doch noch immer lieb und theuer sein, trotz aller
-neuen Bande! Er wird Deiner bedürfen nach wie vor trotz alles
-Reichthums und alles Wohlbehagens!« so tönte es in ihrer Brust.
-»Ich will ihm bleiben, was ich ihm bis jetzt gewesen, seine treue,
-helfende Freundin, das kann ihm weder Geld noch Gut noch sonst etwas
-auf der Welt ersetzen. O möchte er nur glücklich werden, möchte diese
-Susanne ihn lieben! Doch wie sollte sie nicht, wie sollte man Bertel
-nicht lieben, den schönen, herrlichen Bertel! Aber warum er nur nicht
-glücklicher schreibt? Ein Unbehagen peinigt ihn und läßt ihn nicht
-froh werden. Liebt er denn Susanne nicht? Ist es =nur= der Wunsch
-seiner Mutter, der ihn bestimmte und die Aussicht auf Reichthum und
-Wohlbehagen? O, das wäre schrecklich! Daß seine Mutter ihn drängt, ist
-doch sehr unrecht; aber sie meint freilich, Bertels Glück dadurch zu
-sichern.
-
-Aber das Geld allein ist's wohl nicht, was Tante Ihlefeld zu dem
-Wunsche treibt, Bertel soll diese Cousine heirathen! Wie schreibt Tante
-Booland? Adel bleibt Adel! Tante Ihlefeld hat mich ja immer fühlen
-lassen, daß ich nicht ihresgleichen bin, ich weiß es recht wohl, wenn
-ich auch nie darüber sprach. Wußte ich ja doch, daß Bertel nicht so
-stolz war und seine kleine Esther wirklich wie eine Schwester liebte.
-Und die will ich ihm bleiben! Ach jetzt erst weiß ich ja, daß ich noch
-andere Wünsche im Herzen für uns Beide hatte; aber er hat wohl an mich
-nie anders gedacht, als an eine treue Schwester.
-
-»O mein Gott, mein Gott,« rief Esther flehend und hob die Hände zum
-Himmel empor, »o gieb mir die Kraft und die Selbstüberwindung, ihm auch
-ferner diese treue Schwester zu bleiben! Ich muß es -- und ich will es!«
-
-Dann setzte sie sich nieder, Bertel einige Zeilen auf seinen Brief
-zu antworten, wie er gebeten. Es war ein schweres Werk; aber Esther
-vollendete es mit ihrem starkem Herzen und starken Willen. Sie schrieb
-Bertel, daß er sie richtig beurtheilt, =sein= Glück sei auch das Ihre,
-und Gott möge den Schritt segnen, den er thun wolle, oder nun wohl
-bereits gethan habe. Sie aber verspreche, ihm und seiner Frau ihr
-ganzes Lebenlang eine treue Schwester und Freundin zu bleiben.
-
-Weiter schrieb sie nichts, sie konnte es nicht. Und nun war ihr, als
-habe sie ihr Lebensglück in das Grab gelegt, nun war alles, alles
-vorüber. Eine Müdigkeit und Gleichgültigkeit kam über sie, wie
-sie nie im Leben noch erfahren. Was kümmerte sie es jetzt, was aus
-ihr wurde, wohin sie ging, was die nächste Zeit nun bringen würde?
-Es war ihr alles gleich. Sollte sie hier bleiben oder nach England
-gehen oder wo sonst hin. Nur jetzt nicht nach Hause, nur nicht sehen,
-daß Bertel durch den Besitz dieser Susanne glücklich war und andern
-angehörte, als ihr. Nach Hause in das stille Waldhäuschen, ohne Arbeit
-und Zerstreuung, in steter Nähe jener grausamen Frau, die ihr Bertel
-entrissen, durch deren Willen er zu diesem Schritte gedrängt worden --
-nein, das war unmöglich! Tante Booland mußte dies einsehen trotz aller
-ihrer sehnsüchtigen Liebe. Nein, lieber fort unter fremde Menschen, wo
-sie arbeiten und ihre Gedanken ableiten konnte! -- Hier wollte sie nur
-noch so lange bleiben, bis die Vollmacht ankam. Dann wollte sie Herrn
-Richard bitten, das Geld an Frau von Ihlefeld zu senden, sie selbst
-aber wollte sich direct nach England in die Familie begeben, welche sie
-mit Ungeduld erwartete.
-
-Es waren traurige Tage für die arme Esther, die bis zur Ankunft dieses
-Briefes vergehen mußten. Sie blieb fast immer zu Hause; denn am Strande
-fürchtete sie entweder Herrn Richard zu begegnen, oder jener Dame,
-welche ihr so unsäglich geschadet hatte. Esther begriff nun wohl, hätte
-Herr Richard sie nicht mit dieser Begleiterin gesehen, so wäre er
-ihr nicht gleich so mißtrauisch entgegen getreten, sondern würde sie
-höchstens für ein sehr unerfahrenes Mädchen gehalten haben, aber nicht
-für eine mögliche Diebin und Betrügerin.
-
- * * * * *
-
-Während für Esther die Tage trübe und langsam dahin schlichen,
-verlassen wir sie für einige Zeit und kehren zurück nach dem kleinen
-Waldhause zu Rahmstedt.
-
-Kurze Zeit nach Absendung jenes Briefes von Esther war Bertel der
-Verlobte von Susanne von Sassen. Die Verlobung sollte jetzt noch ein
-Geheimniß bleiben, bis Bertel promovirt hatte. Susanne war fast
-noch ein Kind und auch Bertel noch zu jung für eine Heirath; so traf
-alles passend zusammen. Bertel ward aber auch jetzt schon als Sohn
-des Hauses aufgenommen, und das jugendliche Brautpaar lernte sich
-jetzt im täglichen Beisammensein erst näher kennen. Susanne war eine
-bildhübsche, kleine Blondine, gut und weichherzig und von fröhlichem
-Gemüth; aber weder besonders klug noch auch sehr gebildet. Ein hübsches
-Kleid war ihr tausendmal lieber als ein gutes Buch, und Vergnügen
-und Tanz ging ihr über alles. Sie hatte ihre sechzehn Lebensjahre in
-süßem Nichtsthun und steter Fröhlichkeit vertändelt, unter Spielen und
-Tanzen, Lachen und Schwatzen. Verwöhnt als einziges Kind reicher Eltern
-kannte sie keinen andern Willen, als den ihren, und kein Wunsch blieb
-ihr versagt. Daß man auch für Andere leben, sich auch nützlich machen
-konnte in der Welt, das war ihr ebenso fremd, wie alles, was Ernst oder
-Arbeit hieß. Aber bei alledem war sie ein gutes, fügsames Kind, und als
-der Vater ihr sagte, er wünsche, daß sie den hübschen, liebenswürdigen
-Hubert von Ihlefeld heirathen solle, da war sie nicht unzufrieden
-damit, obwohl sie eigentlich vor dem klugen, gelehrten jungen Vetter,
-von dem alle Welt mit so großer Bewunderung sprach, etwas Furcht hatte.
-Er war oft gar so ernsthaft, und an Tanzen und hübschen Kleidern
-fand er gar kein Vergnügen. Er sah es gar nicht einmal, wenn sie
-ein schönes neues Kleid ihm zu Ehren angezogen hatte und unterhielt
-sich eigentlich immer viel mehr mit ihrem Vater über so schrecklich
-ernsthafte Sachen, statt daß er mit ihr schwatzte und lachte. Aber er
-war so ein bildhübscher Junge, und es war eine so große Ehre, mit einem
-so gelehrten Manne verlobt zu sein; vielleicht lernte er bei ihr noch
-Lachen und Tanzen und Freude an all' dem, was sie liebte. Nun war sie
-eine Braut, das klang doch zu hübsch! Wenn sie es nur erst öffentlich
-wäre! Wie würden ihre Freundinnen sie beneiden! --
-
-Und so tanzte und lachte und spielte sie um Bertel her, wenn dieser bei
-ihr war und trieb tausend Tollheiten, sobald er versuchte, ein ernstes
-Wort mit ihr zu sprechen.
-
-Bis dahin hatte Bertel nur das reizende Kind in ihr gesehen, jetzt
-erst bemerkte er, wie oberflächlich und unbedeutend sie war. Das Bild
-Esthers trat unwillkürlich daneben, und Bertel, der wenig Mädchen
-kennen gelernt, hatte geglaubt, alle müßten so viel wissen und so klug
-und strebsam sein, als sie. Ein Unbehagen, wie er es neben Esther nie
-empfunden, kam über ihn, wenn er längere Zeit mit Susanne verkehrte,
-und obwohl er alles auf die große Jugend seiner Braut schob und von
-der Zukunft erwartete, daß sie ernster und gediegener werden möchte,
-so konnte er doch nicht recht froh neben ihr werden. Oft schon hatte
-er ihr von Esther erzählt, und jetzt that er es noch häufiger in der
-Hoffnung, Susanne solle fühlen, wie sehr er wünsche, sie möge Esther
-ähnlich werden. Aber der lustigen Susanne lag nichts ferner, als
-solcher Wunsch. Sie staunte Esthers Vortrefflichkeiten und Wissen an
-wie etwas höchst Sonderbares und Merkwürdiges, der Wunsch aber, selbst
-so zu sein, kam ihr nie, im Gegentheil, ihr graute bei dem Gedanken, so
-viel lernen und arbeiten zu müssen und so ernsthaft und fleißig zu sein.
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-Hätte Bertel sich aus Liebe mit ihr verlobt, so würde er Susanne's
-Fehler kaum bemerkt haben; denn Liebe umgiebt alles mit einem sonnigen
-Glanze, und selbst kleine Fehler erscheinen an einem geliebten Wesen
-als etwas Anziehendes. Jetzt aber, ohne eine so innige Neigung
-traten ihm Susannes Mängel mit jedem Tage unangenehmer entgegen; die
-Folge davon aber war, daß auch er seiner leichtherzigen jungen Braut
-weniger gefiel, die immer daran gewöhnt war, daß alles ihr huldigte
-und schmeichelte. Daß aber ihr Bräutigam dies nicht nur unterließ,
-sondern sie sogar zuweilen tadelte, das war dem verwöhnten Kinde höchst
-empfindlich. Schon in den ersten Tagen ihres Brautstandes schmollte
-ihr hübscher kleiner Mund mehrfach, und warf sie das blonde Köpfchen
-ärgerlich in den Nacken. Ein solch' kindisches Benehmen war Bertel aber
-etwas ganz Fremdes und mißfiel ihm in hohem Grade; Esther war ja nie
-launisch gewesen.
-
-So waren die ersten Tage von Bertels Brautstand vergangen. Seine Mutter
-überhäufte ihn mit Liebkosungen und Zärtlichkeit, denn sie war ihm
-innig dankbar, daß er sich ihrem Willen so bald gefügt trotz seines
-ersten Widerstrebens. Aber Frau Booland, die alte treue Freundin aus
-Bertels Kinderjahren, sie hatte jetzt kein gutes Wort und keinen
-freundlichen Blick mehr für ihren einstigen Liebling. Finster schaute
-sie drein, wenn Bertel bei ihr eintrat, wie er gewöhnt war, und bei
-all' seinen Schmeichelworten und Erzählungen blieb ihr sonst so
-gesprächiger Mund fest verschlossen.
-
-»Tante Booland, du bist mir sehr böse, sage es nur,« rief Bertel
-endlich, nachdem er mehrmals vergebens versucht, ihr einen freundlichen
-Blick abzuschmeicheln. »Gönnst du deinem armen Bertel wirklich gar kein
-Wort mehr?«
-
-»Wer mir keins gönnt verdient es nicht besser!« entgegnete Frau Booland
-kurz. »Die Zeiten sind vorbei, wo man Tante Booland noch um Rath
-fragte. Jetzt ist sie für gewisse Leute gar nicht mehr in der Welt. O
-Undank, Undank!« Dann aber seufzte sie tief auf und schwieg beharrlich,
-und Bertel versuchte umsonst, seine alte Freundin milder zu stimmen, es
-ging nicht. Aber ihre rothgeweinten Augen gaben ihm viel zu denken und
-vermehrten das Unbehagen, das auf seinem Gemüthe lastete.
-
-Da kam Esthers Brief an mit der Erzählung dessen, was sie nach
-Frankreich getrieben und was sie um dieses Schuldscheines willen hatte
-ertragen müssen. Auch Herrn Richards Brief mit der Anfrage, welche
-Bewandniß es mit Esthers Erzählung habe, folgte gleich darauf. Welch'
-eine Nachricht war das!
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-Frau von Ihlefeld überreichte Bertel Esthers Brief mit zitternder Hand,
-als dieser in das Zimmer trat. Die Thränen perlten über ihr bleiches
-Gesicht, und mit leiser Stimme sagte sie nichts als: »Lies, Bertel!«
-Dieser blickte seine Mutter überrascht an und durchflog Esthers Zeilen.
-Dann sank er auf einen Stuhl und bedeckte schweigend sein Gesicht mit
-den Händen. Auch Frau von Ihlefeld schwieg, aber sie weinte leise in
-ihr Tuch. Endlich stand sie auf, trat zu ihrem Sohne heran und legte
-ihre Arme um seinen Hals.
-
-»Mein lieber, lieber Sohn!« sagte sie weich und küßte seine Stirn,
-auf der dicke Schweistropfen standen. Bertel aber erwiederte ihre
-Zärtlichkeit nicht, sondern ließ die Hände schlaff herabsinken und
-schaute düster vor sich nieder. »Rede doch, Bertel, sprich mit mir!«
-flehte die Mutter, aber Bertel hörte sie kaum. Es arbeitete furchtbar
-in seiner Brust; endlich stand er rasch auf und eilte zur Thüre. »Wo
-willst du hin, Bertel?« rief Frau von Ihlefeld angstvoll.
-
-»Laß mich, Mutter, ich muß allein sein!« stöhnte er leise und schob die
-Mutter zur Seite. Dann stürzte er zum Zimmer hinaus.
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-Frau von Ihlefeld blickte ihm bestürzt nach, wie er schnellen Schrittes
-in den Wald hinein eilte. Dann aber nahm sie Esthers Brief und den des
-Herrn Richard und ging zu Frau Booland hinab. Diese staunte nicht wenig
-über den seltenen Besuch; denn seitdem Bertel mit Susanne verlobt war,
-hatte sich Frau von Ihlefeld mehr von ihr zurückgezogen und wieder
-ihren ehemaligen hochmüthigen Ton gegen sie angeschlagen. Und nun kam
-sie sogar zu ihr herab und hatte Thränen im Auge. Als dann aber Frau
-Booland Esthers Brief gelesen, da brachen die Wellen der Erregung über
-der alten treuen Pflegerin zusammen, und sie zitterte und flog wie ein
-Blatt im Winde, während sie weinend und schluchzend in ihren Stuhl
-zurücksank.
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-»O das Kind, das Kind!« stöhnte sie immerfort schluchzend, weiter
-aber konnte sie nichts hervor bringen. Frau von Ihlefeld versuchte,
-mit der erschütterten alten Frau zu reden; denn ihr Herz war ihr zum
-Zerspringen voll. Aber Frau Booland schwieg bei allen ihren Reden und
-schien sie kaum zu hören, und so verließ Jene nach einiger Zeit das
-Zimmer, müde der vergeblichen Versuche. »Sie wird wahrlich stumpf und
-alt,« murmelte Frau von Ihlefeld verdrießlich, »zu reden ist gar nicht
-mehr mit der armen Person.«
-
-Frau Booland saß noch eine lange Weile still und in sich versunken
-am Fenster und schaute in das flammende Abendroth, das den Himmel in
-seltener Pracht überzog. Ihr Zimmerchen lag nach dem Walde hinaus,
-und die verschwindende Sonnengluth tauchte die Wipfel der Bäume in
-wundervolle Farbentöne. Die Abendluft zog weich und würzig zum Fenster
-herein und spielte um die faltige Stirn der Matrone, welche das weiße
-Haar mild und freundlich umrahmte. Ihr Auge schweifte wehmüthig in die
-Ferne, als wollte es den Raum durchdringen, der sie von ihrem lieben
-Kinde trennte. Banger und banger legte die Sehnsucht sich um ihr altes
-Herz, und endlich konnte sie es im Zimmer nicht länger aushalten. Dort
-drüben im Walde stand eine kleine Bank, da hatte sie so oft mit ihrer
-Esther gesessen, da zog es sie hin, als könnte sie ihren Liebling dort
-wieder finden, wie früher.
-
-Als Frau Booland langsamen Schrittes in die Nähe dieser Lieblingsbank
-kam, sah sie, daß schon jemand dort saß. Ihre alten Augen konnten
-aus der Ferne nicht erkennen, wer es war, und so trat sie unbemerkt
-näher heran. Es war Bertel. Er hatte den Kopf in beide Hände gestützt
-und das Gesicht verhüllt und schien so in sich versunken, daß er die
-Herantretende nicht bemerkte, selbst als sie dicht vor ihm stand.
-
-»Bertel, du bist's?« rief Frau Booland verwundert, und erschrocken fuhr
-der junge Mann bei dieser Anrede empor. Nun sah die alte Frau, daß
-Bertels Gesicht ganz verstört war und von Thränen überfluthet. Kaum
-erkannte er die vor ihm Stehende, als er laut weinend an ihre Brust
-sank.
-
-»O Tante Booland, was hab' ich gethan!« rief er ganz außer sich und
-schluchzte wie ein Kind. Die große, stattliche Alte schlang ihre Arme
-fest und zärtlich um die schlanke Gestalt, als sei es wieder der kleine
-Bertel, den sie in früheren Jahren so oft beruhigt und getröstet,
-wenn ein kindliches Leid ihn zu ihr geführt. Liebevoll strich sie
-wie ehemals über sein weiches, blondes Haar und gab ihm sanfte
-Schmeichelworte, um ihn zu beruhigen. Bertel ließ sich alles gefallen;
-es war ihm ein Trost, sich an dieser treuen Brust ausweinen zu können.
-Frau Booland setzte sich endlich auf die Bank, und Bertel ließ sich
-neben ihr nieder, den Kopf immer noch an ihre breite Schulter lehnend,
-denn ihm war so wohl im Schutze dieser alten treuen Freundin. Die Alte
-sah bewegt in ihres Lieblings schönes Gesicht, und indem sie ihm die
-prachtvollen Haarlocken von der Stirn strich, die in wilder Unordnung
-darüber gefallen waren, sagte sie mild: »Nun, mein armer Junge, was
-quält dich denn so? Sprich dich doch aus, du weißt, ich meinte es immer
-gut mit dir.«
-
-»Ja, ich weiß es!« rief Bertel und küßte die breite, derbe Hand, die
-so zärtlich um ihn bemüht war. »O Tante Booland, aber auch du kannst
-mir nicht mehr helfen, es ist ja zu spät. O mein Gott, mein Gott,
-welch' ein Thor bin ich gewesen, welch' ein verblendeter Narr!« Und in
-wildem Grimm ballte er die Hände und schlug sich damit vor die Stirn.
-Frau Booland schüttelte den Kopf, und die Hände ihm vom Gesicht herab
-ziehend sagte sie ernst: »Mit Klagen und Jammern hat noch nie jemand
-einen Grashalm bewegt, laß das jetzt, Bertel. Was bereust du denn und
-was erkennst du jetzt erst?«
-
-»Was ich erkenne?« rief Bertel heftig, »daß ich nicht werth bin, Esther
-die Füße zu küssen! O =was= hat sie gethan, was ertragen für mich und
-um meinetwillen! O Tante Booland, sage mir nur das Eine, nicht wahr,
-Esther liebt mich?«
-
-»Esther hat dich geliebt, seit ihr zusammen als kleine Kinder gespielt
-habt,« entgegnete Frau Booland und eine Thräne rollte über ihre
-gefurchte Wange.
-
-»O das meine ich nicht, Tante,« rief Bertel, »nicht wie eine Schwester
-und nicht als mein lieber bester Kamerad, wie ich sie immer nannte.
-Ich meine, glaubst du, daß sie mich noch lieber hat, -- o so lieb, wie
-=ich= sie habe? So unsäglich, so unaussprechlich lieb, daß ich für sie
-sterben könnte, wenn ich wüßte, sie würde glücklich dadurch!«
-
-»Wie Bertel? Du liebst Esther, und doch willst du eine Andere
-heirathen?« sagte Frau Booland tief verletzt und blickte voll Erstaunen
-in Bertels erregtes Gesicht.
-
-»O das ist ja eben das Entsetzliche!« rief Bertel in Verzweiflung und
-verhüllte wieder sein Gesicht. »Kannst du es denn glauben, daß mir
-soeben erst die Binde von den Augen gefallen ist? Daß es soeben erst,
-als ich Esthers Brief an meine Mutter gelesen, wie ein Blitz durch
-meine Seele ging und mir die Tiefen meines eigenen Herzens enthüllte?
-O niemand, niemand wohnt ja in diesem Herzen, als meine Esther, dies
-theure, geliebte Mädchen, die all' ihr Glück und all' ihre Ruhe
-hingegeben seit ich denken kann, nur damit ich glücklich sein konnte.
-O das muß ja Liebe sein, ja sie =muß= mich lieben! Und ich Thor habe
-diese Liebe hingenommen wie etwas, das sich von selbst versteht, o und
-jetzt, jetzt -- habe ich ihre Liebe verrathen!«
-
-Frau Booland saß schweigend neben dem unglücklichen Jüngling; denn auch
-sie wußte ja nicht zu rathen und zu helfen!
-
-»Meine Mutter hat die Schuld!« sprach Bertel weiter. »Sie hat mir keine
-Ruhe gelassen, bis ich auf ihren Plan einging, und jetzt weiß ich erst,
-was es war, das mich zurückhielt und mir immer zurief: »Thu' es nicht,
-thu' es nicht!« Aber wenn eine Mutter bittet und fleht, dann giebt der
-Sohn doch endlich nach, ich wenigstens konnte nicht anders! Und ich
-deckte ja mir den Abgrund selbst zu mit so herrlichen Blumen, sagte mir
-immer wieder, welche Vortheile aus dieser Heirath entstehen würden, so
-daß ich wirklich zuletzt selbst daran glaubte. Aber jetzt ist mir die
-Binde von den Augen gerissen, und ich sehe erst ganz, was ich gethan!
-Mich selbst habe ich unglücklich gemacht, o und was noch viel tausend
-Mal schlimmer ist, auch Esther! Das ist der Dank für alle ihre Liebe,
-alle ihre jahrelangen Opfer! Und für wen opferte ich dieses herrliche
-Mädchen? Für eine leichtfertige, eitle Puppe, die mich ewig unglücklich
-machen wird und ich sie; denn wir werden nie zu einander passen, o nie,
-nie!«
-
-»Aber mein Gott, Bertel, =so= sprichst du von deiner schönen Braut!«
-rief Frau Booland in höchstem Erstaunen.
-
-»Ja, es ist nicht anders, ich sehe es mit jeder Stunde deutlicher,
-es war ein entsetzlicher Irrthum, mich mit ihr zu verloben!« sagte
-Bertel vor sich hin brütend. »Aber es ist einmal geschehen; meine Ehre
-verlangt, daß ich das Wort einlöse, das ich gegeben, denn ich gab es
-freiwillig. O es ist entsetzlich!«
-
-Wieder brach Bertel unter der Last seines Jammers zusammen, und Frau
-Booland stützte sinnend den Kopf auf ihre Hand; ihre Lippen schlossen
-sich immer fester und energischer auf einander, und ihre Augen wurden
-immer lebendiger. »Bertel,« sagte sie endlich und legte ihre Hand auf
-des jungen Mannes Schulter, »höre mich einmal an. Ich bin eine alte
-Frau und habe auf der ganzen Welt kein anderes Glück, als das meiner
-Esther und auch deines, mein lieber Sohn. Was es mir für ein Kummer
-gewesen ist, als ich sah, wie man dich zu diesem Bunde zu bestimmen
-suchte, das hat der liebe Gott allein erfahren. Wußte ich ja doch, daß
-meiner Esther Glück und Leben damit zu Grunde ging. Denn Bertel, das
-sage ich dir jetzt: du magst Esther sehr lieb haben; aber was Esther
-für dich fühlt, davon hast du doch keine Idee. Die Liebe zu dir ist
-der Lebensodem des Kindes; nimm ihr diese, und du nimmst ihr auch das
-Leben, oder wenigstens das beste Theil davon; denn der schale Rest, der
-dann noch übrig bleibt, ist meine herrliche Esther nicht mehr. Aber
-auch dein Unglück geht mir nahe, mein armer Junge. Freilich hast du
-dein Wort gegeben, das ist richtig, und ehrenvoll wäre es nicht, nun
-zurückzutreten, gerade jetzt, wo du selbst Geld hast und das Ihre nicht
-mehr brauchst. Aber daß darum drei junge Herzen unglücklich werden
-sollen, -- denn die arme kleine Susanne thut mir auch leid, sie ist
-ein gutes kleines Herze, für dich aber scheint sie freilich keine Frau
-zu sein, -- ja, warum ihr alle zusammen unglücklich werden sollt, das
-sehe ich denn doch auch nicht ein. »Bist du es zufrieden, Bertel, wenn
-ich für dich eintrete, und die Sache in die Hand nehme? Ein leichtes
-Werk wird es wohl nicht sein, das sage ich mir; aber was wäre mir für
-meine Esther zu schwer? Und im schlimmsten Falle, wenn meine Versuche
-mißglücken, kräht kein Hahn darum, daß die alte Frau sich blamirt hat
-mit ihren Vorschlägen. Nun also, Bertel, sage, ist dir's recht, soll
-ich mein Heil versuchen?«
-
-»Was willst du denn thun, Tante Booland?« sagte Bertel zerstreut und
-theilnahmlos.
-
-»Das laß mein Geheimniß sein!« entgegnete die Alte aufstehend. »Wenn
-mein Plan gelingt, wirst du schon zufrieden sein, gelingt er nicht --
-nun dann ist's überhaupt einerlei. Aber deine Zustimmung muß ich haben,
-sonst kann ich nicht handeln. Willst du sie mir geben?«
-
-»Meinetwegen alles, was du willst, Tante,« sagte der junge Mann trübe,
-»Hoffnung habe ich für mich keine mehr auf der Welt. Ich habe mein
-Glück mit eigenen Füßen zertreten, nun muß ich die Folgen tragen. O
-wenn nur =sie= nicht auch dadurch leiden müßte; das ist der Fluch, der
-mich zu Boden drückt!«
-
-»Nur Muth und Gottvertrauen, mein Junge! Es wird vielleicht noch alles
-gut,« tröstete Frau Booland, noch einmal liebevoll über Bertels Backen
-streichend. Dann ging sie nach dem Hause zurück, setzte sich ihre
-Sonntagshaube auf und nahm ihr bestes Umschlagetuch um die Schultern.
-Mit ihren großen, festen Schritten durcheilte die rüstige Alte alsdann
-die Dorfstraße, und nach einiger Zeit betrat sie den Gutshof.
-
-Die Sonne war bereits untergegangen, und matte Dämmerung lag auf
-Haus und Garten, als Frau Booland die breite Terrasse überschritt
-und den herbeieilenden Diener fragte, ob sie das gnädige Fräulein
-sprechen könne. Fräulein Susanne war im Garten, die übrige Herrschaft
-jedoch ausgefahren. Frau Booland sagte, sie wolle das Fräulein selbst
-aufsuchen, und so durchwanderte sie den schon leise dunkelnden Park,
-bis sie endlich Susannes helles Kleid erblickte, das rasch hier
-und dort zwischen dem Gebüsch auftauchte. Fröhliches Gelächter und
-Gekreisch drang bis zu Frau Booland, welche lauschend näher trat.
-
-Nun sah sie, wie sich die leichte Gestalt Susannes soeben auf einem
-niedern Baumstamme schaukelte, während über ihr auf einem Zweige ein
-bunter Papagei saß und heftig kreischend mit den Flügeln schlug.
-Mit dem Schnabel hackte er wüthend in die Schnur, die um seinen Fuß
-geschlungen war und welche Susanne in ihrer Hand hielt. Das Geschrei
-und der Aerger des Vogels schienen des jungen Mädchens Heiterkeit
-immer mehr zu erregen, und sie rief lustig, indem sie die Schnur bald
-fester, bald loser hielt: »Peterchen, Papchen, kleiner Trotzkopf,
-ärgere dich doch nicht so, los lasse ich dich doch nicht. Mußt auch
-fühlen, wie's thut, einen Faden um's Bein zu haben, an dem immerfort
-gezogen und gezerrt wird; 's ist abscheulich, nicht wahr, Papchen? O
-ganz abscheulich!« Und wieder zerrte sie und lachte und schwang sich
-auf dem Aste hin und her, während der Papagei aus Leibeskräften schrie
-und flatterte.
-
-Frau Booland sah dem kindischen Treiben still eine Weile zu und hatte
-dabei ihre Gedanken. »So, die Schnur drückt dich also ganz abscheulich,
-mein Püppchen?« sagte sie leise und runzelte die Stirn. »Denkst wohl,
-ich weiß nicht, welche Fessel du meinst? Und das ist ein Gegenstand zu
-Possen und Vergnügen? Armer Bertel, gut, daß du es nicht siehst! Nein,
-nein, das ist nichts für meinen ernsten, lieben Jungen; dies Kind paßt
-für ihn sicherlich nicht, das glaube ich gern.«
-
-Dann aber schlug sie das Gebüsch zurück und trat auf Susanne zu. »Guten
-Abend, Fräulein Susanne!« sagte sie mit einem höflichen Knix und ging
-noch näher auf das junge Mädchen zu. Diese sprang rasch von ihrem
-schwankenden Sitze herab und riß dabei auch den Papagei von seinem
-Zweige nieder, der nun kreischend auf ihre Schulter flog und sich dort
-lebhaft hin und her schaukelte. Susanne lachte laut auf, und indem sie
-Frau Booland die Hand zum Gruß reichte, rief sie fröhlich: »Gut, daß
-jemand kommt, mich besser zu unterhalten, als mein dummer Peter. Er
-will absolut nicht sprechen lernen, ich mag mich noch so viel mit ihm
-quälen. Er ist gerade so dumm als ich, ich spiele auch lieber, als daß
-ich lerne.«
-
-»Fräulein Susanne,« sagte Frau Booland jetzt höflich, »hätten Sie wohl
-ein halbes Stündchen Zeit für mich übrig? Ich möchte gern etwas mit
-Ihnen sprechen.«
-
-»Ach mein Gott, doch nichts Ernsthaftes?« rief Susanne in komischem
-Schrecken. »Sie machen ein so feierliches Gesicht, liebe gute Tante
-Booland, Bertel schickt Sie doch nicht etwa, um mich auszuschelten?
-Ach lieber Gott, ich bin den ganzen Tag in Angst, daß ich wieder etwas
-Dummes oder Kindisches gemacht habe. Bertel ist so furchtbar streng,
-gerade wie unser alter Schulmeister drüben in der Dorfschule, vor dem
-die Kinder auch solche Furcht haben. Liebe, einzige Tante Booland,
-sagen Sie doch nur, wollen Sie mich wirklich schelten?«
-
-»Nein, nein, Fräulein Susanne,« lächelte die Alte, »das fällt mir nicht
-ein. Setzen Sie Ihren Papagei dort auf den Baum, daß er uns nicht mit
-seinem Geschrei stört, und dann kommen Sie ein Bischen drüben in die
-Laube; ich habe eine Geschichte, die ich Ihnen erzählen will, das freut
-Sie ja immer so, nicht wahr, Kindchen?«
-
-»Ach ja, ja, das ist reizend von Ihnen, Tante Booland!« rief das junge
-Mädchen und hob den Papagei auf den nächsten Baum, wo sie ihn mit der
-Schnur festband, indem sie noch mehrmals kosend mit der Hand über
-seinen Kopf und Rücken fuhr. »So Papchen, nun langweile dich nicht
-zu sehr,« sagte sie dann fortgehend und nickte dem Vogel noch einmal
-freundlich zu, dann hing sie sich an Frau Boolands Arm und folgte
-dieser in die nahestehende Laube. Hier war es schon ziemlich dunkel;
-aber da plaudert es sich am Besten, sagte Susanne und rückte dicht an
-die Alte heran, für welche sie eine ganz besondere Zuneigung gefaßt
-hatte. Frau Booland war jederzeit freundlich, gefällig und nachsichtig
-gegen das harmlose Kind gewesen und wußte ihr immer allerlei Neues oder
-auch Altes zu erzählen, was der heiteren Susanne Spaß machte. Heut
-nun war es freilich keine fröhliche Erzählung, welche die Alte für
-Susanne bereit hielt. Aber doch hörte diese still zu, ganz gegen ihre
-Gewohnheit, obwohl Frau Booland lange und ernst sprach, und endlich
-klang es sogar, wie leises Weinen aus dem Innern der Laube. Aber die
-Dunkelheit verhinderte zu erkennen, aus wessen Augen die Thränen
-flossen. Nach langer Zeit traten die beiden Gestalten in den dunkeln
-Laubgang heraus, die Hände fest in einander geschlungen. Die Alte
-küßte dann rasch die schöne weiße Stirn des jungen Mädchens und eilte
-davon, Susanne aber ging zu ihrem Vogel und nahm ohne ihr gewöhnliches
-Scherzen und Lachen den schreienden Papagei auf die Hand. »Wir wollen
-die Fessel lösen, nicht wahr, mein Papchen?« sagte sie unterwegs zu
-dem Vogel, indem sie die Schnur von seinem Fuße knüpfte und ihn
-streichelte. Still kehrte sie dann in das Haus zurück. Hier setzte
-sie sich sogleich an ihren Schreibtisch, ergriff Feder und Papier und
-schrieb folgenden Brief:
-
-
- »=Liebe Esther!=
-
- Sie müssen mir schon erlauben, daß ich Sie so nenne, wie wir Alle
- es hier thun, obwohl Sie uns nicht kennen. Wir aber kennen Sie sehr
- gut, und besonders ich habe mir so viel von Ihnen erzählen lassen,
- daß mir ist, als sähe ich Sie vor mir. Daß ich jedoch einen Brief an
- Sie schreibe, liebe Esther, hat heute einen ganz besonderen Grund;
- eigentlich bin ich ein sehr faules Mädchen, dem Briefeschreiben
- eine große Last ist. Ich habe nämlich eine sehr, sehr große Bitte
- an Sie. Liebe, gute Esther, aber Sie müssen mir nicht böse sein --
- bitte, bitte, heirathen Sie doch Bertel an meiner Stelle! -- Wissen
- Sie, liebe Esther, ich bin ein gar zu dummes, kindisches, kleines
- Mädchen, über das sich der kluge Bertel seit den wenigen Tagen unserer
- geheimen Verlobung schon so sehr viel geärgert hat, und ich kann doch
- wirklich nichts dafür. Wir hätten uns lieber gar nicht mit einander
- verloben sollen; denn wenn ich Ihnen ganz heimlich etwas sagen darf,
- (aber verrathen Sie es nicht!) ich fürchte mich vor dem gelehrten,
- ernsthaften Bertel! Und das ist doch gar nicht hübsch; denn ich traue
- mich gar nicht mehr zu lachen und vergnügt zu sein, weil Bertel dann
- immer schilt. Er ist der einzige Mensch, dem ich nicht gefalle, und
- das ist doch zu ärgerlich für mich! Ich weiß gar nicht, warum Papa
- es so gern wollte, daß ich Bertels Braut werden sollte, für einen
- gelehrten Mann passe ich doch gar nicht. Mir gefällt ein hübscher
- Officier viel tausendmal besser, und der junge Graf Redern, der immer
- so liebenswürdig zu mir ist und so fröhlich mit mir lacht, sieht
- viel prächtiger aus in seiner glänzenden Uniform und dem schwarzen
- Schnurrbart, als Bertel in seinem dunklen Röckchen, obwohl Bertel
- zehn Mal schöner ist als er. Sehen Sie, liebe, gute Esther, Sie sind
- so furchtbar klug und gelehrt, Sie gefallen Bertel hundert tausend
- Mal besser, als ich kleines Gänschen, und Sie haben ihn ja auch so
- sehr lieb, sonst hätten Sie gewiß nicht alles das für ihn gethan und
- ertragen, was Tante Booland mir erzählt hat. Ich weiß, Bertel möchte
- mich jetzt so gern wieder los sein, und mir wäre es auch viel lieber,
- er heirathete eine Andere, als mich. Ich werde ihm das sagen, sobald
- er zu mir kommt, und dann müßt Ihr Beide ein Paar werden. O wie ich
- mich darauf freue! Und nicht wahr, liebe Esther, wir werden dann recht
- gute Freunde? Denn wenn ich Sie nicht jetzt schon so lieb hätte,
- gönnte ich Ihnen meinen lieben, schönen, klugen Bertel doch nicht!
- Kommen Sie recht recht bald zu uns Allen, es erwartet Sie mit offenen
- Armen
-
- Ihre =Susanne=.
-
- _P. S._ Ich habe gehört, daß Sie tief brünett sind, das paßt herrlich
- zu dem blonden Bertel! Ich meine, ein blonder Mann muß immer eine
- brünette Frau haben und umgekehrt. Ich bin ein Blondkopf, also? -- --«
-
-
-Nun siegelte das junge Mädchen den Brief rasch, schrieb die Adresse
-darauf und steckte ihn in die Postmappe, welche jeden Abend nach der
-nächsten Poststation getragen wurde. Als sie dies Geschäft beendet,
-seufzte sie tief auf, strich sich die blonden Löckchen aus der Stirn,
-die bei der ungewohnten Anstrengung herabgefallen waren, und sah in
-den Mond, der eben über den Bäumen des Parkes heraufstieg. Aber ihre
-Gedanken wurden schnell durch das Rollen eines Wagens abgezogen. Herr
-von Sassen und seine Cousine kehrten zurück. Susanne lauschte, bis ihr
-Vater in seinem Zimmer war, dann trippelte sie eilig zu ihm. Als sie
-bei ihm eintrat, nahm sie eine sehr ernsthafte Miene an, und indem sie
-ihre zierliche kleine Figur so hoch aufrichtete, als ihr überhaupt
-möglich war, stellte sie sich vor ihren Vater.
-
-»Papa, ich habe etwas sehr Ernsthaftes mit dir zu sprechen!« sagte sie
-feierlich und zog das weiche Kindergesichtchen in ernste Falten.
-
-»Wie? Etwas Ernsthaftes, meine lustige, kleine Lachtaube?« sagte Herr
-von Sassen fröhlich. »Da bin ich aber wirklich neugierig zu hören,
-was das sein mag.« Dabei nahm er den Lockenkopf seines hübschen
-Töchterchens zwischen beide Hände und sah ihr lustig in die braunen
-Rehaugen. Susanne entzog sich aber den Liebkosungen des Vaters und
-sagte schmollend: »Papa, du denkst immer, ich kann niemals ernsthaft
-sein. Aber ich bin wirklich kein kleines Kind mehr, und damit du
-siehst, ich kann auch einmal etwas ganz Ernsthaftes denken, so will ich
-dir nur sagen, daß ich mir überlegt habe, ich will Bertel lieber nicht
-heirathen.«
-
-Herr von Sassen fuhr überrascht auf. »Und das nennst du ernsthaft
-sprechen, kleine Suse?« lachte er, blickte dabei aber sein Töchterchen
-doch etwas schärfer an; denn sie sah allerdings nicht aus, als scherze
-sie. Sie stand mit gesenkten Augen vor ihm, und als sie dieselben
-aufschlug, waren sie voll Thränen.
-
-»Suschen, mein Herzenskind, was ist denn vorgefallen?« rief Herr von
-Sassen erschrocken; denn Thränen in des fröhlichen Kindes Augen, das
-war etwas ganz Unerhörtes. Susanne fiel dem Vater plötzlich um den
-Hals, und ihr blondes Köpfchen in den dunklen Vollbart desselben
-schmiegend schluchzte sie bitterlich.
-
-»O Papa, Papa!« rief sie endlich flehend, »erlaube doch nur, daß ich
-Bertel nicht heirathe! Wir Beiden passen wirklich nicht zusammen. Wenn
-du deine kleine Susanne lieb hast, Papa, zwinge mich nicht, und sei
-mein guter, lieber kleiner Papa, der du immer gewesen bist!«
-
-Und nun schlang sie ihre vollen weichen Arme von Neuem zärtlich um
-seinen Hals und küßte seinen Mund und seine Augen so stürmisch, daß er
-gar nicht im Stande war, sogleich zu antworten. Endlich aber machte er
-sich frei und blickte sein Kind kopfschüttelnd an.
-
-»Ich begreife dich nicht, Susanne,« sagte er ernst. »Den braven,
-schönen Bertel, auf den jedes Mädchen stolz sein würde, willst du nicht
-haben? Ich denke, du bist die glücklichste Braut unter der Sonne? Aus
-euch Mädchen werde ein Anderer klug! Und das jetzt so wie aus der
-Pistole geschossen? Weiß denn Bertel, daß du andern Sinnes geworden
-bist? Wie kränkend ist das für ihn. Und ich freute mich so, einen so
-ausgezeichneten Schwiegersohn zu bekommen. Ich begreife dich wirklich
-nicht, Susanne.«
-
-Das junge Mädchen zog den Vater zum Sopha, und sich dicht an ihn
-schmiegend sagte sie leise: »Papa, komm, ich will dir alles erzählen!«
-Und dann legte sie ihren Kopf an seine Schulter, nahm seine große Hand
-zärtlich zwischen ihre kleinen, feinen Fingerchen und erzählte ihm die
-Geschichte, die sie soeben in der dunklen Laube im Garten gehört hatte.
-
-Als sie zu Ende war, saß Herr von Sassen noch eine lange Weile
-schweigend neben seiner Tochter. Endlich küßte er ihre Stirn und sagte
-sanft: »Und du, kleine Susanne, an dich selbst denkst du gar nicht
-dabei?«
-
-»O Papa,« rief das junge Mädchen lebhaft, »an mich denke ich wohl.
-Soll ich es dir gestehen? Mir ist zu Muthe, wie meinem Papagei vorhin.
-Nachdem ich die Schnur abgelöst, die ich um sein Bein gebunden, um ihn
-fest zu halten, schlug er fröhlich mit den Flügeln und war so vergnügt,
-wieder frei zu sein. Mich hat meine Fessel schon in den paar Tagen so
-gedrückt, daß ich gar nicht mehr recht lustig sein konnte. Bertel ist
-so schön und gut, das ist wahr; aber er ist dabei so furchtbar klug und
-gelehrt -- und das Papa, das paßt nicht für mich, und ich passe nicht
-für ihn. Es ist mir ein wahrer Trost, daß ich es jetzt weiß, er wird
-froh sein, wenn ich ihm sein Wort zurückgebe. Nun kann ich doch auch
-wieder lachen und jubeln wie früher, ich glaube, bei Bertel hätte ich
-das ganz und gar verlernt.«
-
-»Wenn es so steht, mein Kind, und nicht der Edelmuth allein dich
-bestimmt, so ist es freilich besser, wir lösen das Band,« sagte Herr
-von Sassen ernst, Susanne aber blickte ihn lachend an und rief: »Nein
-Papa, zu einer Tugendheldin ist deine kleine Suse verdorben. Hätte ich
-Bertel wirklich lieb, so wie ich denke, daß man seinen Bräutigam lieb
-haben =muß=, dann hätten tausend Esthers kommen können, ich wäre nicht
-zurückgetreten.«
-
-»Ich will gleich einige Worte an Bertel schreiben, das sind wir ihm
-schuldig,« sagte Herr von Sassen aufstehend.
-
-»Ja, ja, thue das, Papa,« rief Susanne und küßte den Vater noch einmal
-herzlich, dann hüpfte sie fröhlich trällernd zur Thür hinaus. Herr
-von Sassen blickte ihr sinnend nach, dann stützte er den Kopf in die
-Hand und seufzte. »Sie mag recht haben, dies Kind ist nicht für Hubert
-geschaffen,« sagte er traurig. »=Mir= geht es an das Herz, diesen
-lieben Jungen nicht Sohn nennen zu können, =sie= jubelt und singt, daß
-sie ihn los ist. O ihr Mädchen, was seid ihr für ein wunderlich Volk!«
-Dann griff er zur Feder und schrieb:
-
-
- »=Lieber Hubert!=
-
- Soeben macht mir meine kleine Susanne das Geständniß, daß sie trotz
- aller Liebe und Bewunderung, die sie für Dich hege, doch nicht deine
- Frau werden wolle und mich bitte, Dir das mitzutheilen. Sie behauptet,
- Ihr Beiden paßtet nicht für einander, und da ich mein einzig Kind
- nicht zu einem Bunde zwingen will, dem ihr Herz widerspricht, so
- bitte ich Dich, sie frei zu geben. Ein inniger Wunsch meines Herzens
- geht freilich damit zu Grabe; denn ich hätte Dich so gern meinen Sohn
- genannt! Aber, lieber Bertel, wenn auch meine wunderliche kleine
- Tochter anderen Sinnes geworden ist, mir wirst Du immer so lieb sein
- und bleiben, als wärest Du mein Sohn. Sieh' auch ferner noch mein Haus
- als das Deine an, und wie sich auch Deine Zukunft gestalten möge, Du
- wirst jederzeit einen treuen, väterlichen Freund besitzen in
-
- Deinem =Adolph von Sassen=.«
-
-
-Diesen Brief in der Hand stürzte Hubert in das Zimmer seiner alten
-Freundin, Frau Booland.
-
-»Das ist dein Werk, Du Zauberin, sieh' hier!« rief er und warf das
-Blatt Papier der Alten in den Schooß; dann umschlang er sie mit beiden
-Armen und erdrückte sie fast vor ungestümer Freude.
-
-»Ich bin ja frei, Tante, frei wie der Vogel in der Luft. O Dank, Dank!
-Nicht wahr, du bist es, die mich gerettet hat?«
-
-Die Alte schob den Ungestümen sanft von sich, um den Brief zu lesen,
-der so verhängnißvolle Worte enthielt. Dann nickte sie mit dem Kopfe
-und sagte bewegt: »Braves, liebes Kind! Sie hätte es sicher auch
-gethan, selbst wenn sie dich lieb gehabt hätte! O Bertel, dies liebe
-Herz ist besser als du denkst! In diesem leichtherzigen, sorglosen
-Kinde ruht ein tief gefühlvolles, edles Gemüth. Du hast sie nicht
-geliebt, sonst hättest du den Schatz wohl erkannt, und sie hätte sich
-an deiner Seite herrlich entwickelt; Gott gebe ihr ein anderes Herz,
-das es versteht, sie glücklich zu machen; denn wahrlich sie verdient
-es!«
-
-Nun hatten die Beiden noch eine lange Unterredung, und die Folge
-derselben war ein äußerst geschäftiges Kramen und Gehen und Bedenken
-von Seiten unserer guten alten Dame Booland, die einen riesenhaften
-Entschluß gefaßt hatte. Am andern Morgen wanderte sie schon in früher
-Stunde eilig durch das Dorf, dem Pfarrhause zu, um ihrer lieben
-Pastorin das volle Herz auszuschütten, während Hubert indessen eine
-wichtige Zwischensprache mit seiner Mutter hielt. Frau von Ihlefelds
-Herz hatten in der ganzen letztvergangenen Zeit tausend widerstreitende
-Gefühle und Gedanken bestürmt; denn wenn bisher einerseits ihr
-sehnlichstes Wünschen und Hoffen dahin gerichtet war, ihrem Sohne
-durch die Verbindung mit der Familie von Sassen den Weg zu Reichthum
-und Wohlbehagen zu bahnen, so fühlte sie andererseits doch gar wohl,
-welches Unrecht sie dadurch an der großherzigen Esther beging, und mit
-welchem Undank sie die Opfer dieses edlen Mädchens lohnte, deren Liebe
-zu Bertel ihrem scharfsichtigen Frauenauge nicht entgangen war. Aber
-Hubert schien Esther nicht zu lieben, sonst hätte er sich schwerlich
-den Bitten seiner Mutter gefügt. Das war für Frau von Ihlefeld eine
-große Beruhigung; jetzt mußte man suchen, sich Esther auf irgend eine
-Weise dankbar zu erzeigen für alles, was sie gethan hatte. Die Mittel
-dazu mußten sich finden, es konnte nicht allzu schwer sein; denn
-Esther war ja ein einfaches, anspruchsloses Mädchen. Aber als jetzt
-nach Ankunft von Esthers letztem Briefe ihr Sohn so aufgeregt davon
-stürmte, da schlug auch Frau von Ihlefelds Herz unruhiger. Was hatte
-Bertels Gemüth so heftig bewegt, als er diesen Brief las? Ahnte er
-Esthers Liebe zu ihm, die ja nicht mehr zu verkennen war? Jetzt aber
-war ja die Brücke abgebrochen, an Esther durfte er nicht mehr denken!
-Wie gut, daß dieser Brief erst jetzt kam, nachdem alles fertig und
-Bertels Zukunft gesichert war; wäre er früher gekommen, Hubert wäre
-schwerlich auf ihre Pläne eingegangen! Während Frau von Ihlefeld noch
-ihren Gedanken nachhing, trat ihr Sohn mit dem Briefe Herrn von Sassens
-zu ihr, freilich ohne zu gestehen, wer diese Wandlung in Susannes Seele
-hervorgerufen. Da aber erwachte der ganze Stolz in dem Herzen der
-noch immer vornehmen Frau; zornig fuhr sie auf und rief heftig: »Wie?
-Das bietet man uns? O wahrlich, in früheren Tagen hätte man das nicht
-gewagt! Erst weiß man nicht Wege genug, dich heran zu ziehen, und jetzt
-wirft man dich wieder fort, wie ein Spielzeug, das der albernen kleinen
-Prinzessin nicht mehr gefällt! Und der schwache Vater leidet solche
-Thorheit? O sie ist deiner gar nicht werth, das leichtsinnige Ding!
-Dich so zu behandeln, es ist ja empörend. Gut denn, laß sie laufen,
-sie verdient es nicht besser! Gott sei Dank, wir haben jetzt nicht
-mehr nöthig, durch andere unsre Lage zu verbessern. Wenn es auch kein
-großes Vermögen ist, das wir erhalten, so genügt es doch, bis du einmal
-eine Anstellung bekommst. Und weißt du, was du jetzt thun solltest,
-Bertel, gerade um der hochmüthigen Susanne zu zeigen, daß du dir aus
-ihrem Korbe nichts machst? Verlobe dich mit unserer Esther! Sie liebt
-dich, dessen bin ich sicher, und wenn ich es recht bedenke, kannst du
-eigentlich nie ein Mädchen finden, das besser zu dir paßt. Freilich,
-sie ist nur ein Bürgerkind, und unser alter Adel wird arg dadurch
-geschädigt; -- aber lieber Gott, wir sind dem guten Mädchen doch sehr
-viel Dank schuldig, und sie wird dich und mich sicher stets mehr in
-Ehren halten, als es jene leichtfertige Susanne gethan hätte.«
-
-Hubert hatte seine Mutter ruhig ausreden lassen; denn das Herz war ihm
-so übervoll, daß er jeden Augenblick in Gefahr war, sein Geheimniß zu
-verrathen. Seine Mutter aber durfte nicht ahnen, daß er selbst die Hand
-zu dem Bruche mit Susanne geboten, sie hätte ihm das nie vergeben.
-Rastlos schritt er während ihrer Rede in dem kleinen Zimmer auf und
-nieder. Als aber Frau von Ihlefeld von dem neuen Verlobungsplane
-sprach, da trat er rasch an das Fenster, seine Bewegung zu verbergen.
-So freudig überrascht er auch war, von seiner Mutter selbst eine
-Aufforderung zu erhalten, von der er sich gefürchtet hatte, ihr zu
-sprechen, so verletzte es ihn doch, daß sie glauben konnte, sein Herz
-sei so rascher Wandelung fähig. Wie, wenn er nun Susanne wirklich
-geliebt hätte, wie sie geglaubt? Konnte er dann augenblicklich eine
-Andere an ihre Stelle setzen? Und seine Mutter gestand jetzt, sie
-habe gewußt, daß Esther ihn liebte; trotz alledem überredete sie ihn
-zu der Verbindung mit Susanne! In Huberts Seele stritten tausend
-Gedanken mit einander, und er fühlte, daß sein Herz mehr und mehr von
-bittren Gefühlen gegen seine Mutter erfüllt wurde, in deren Händen er
-wie Wachs bald so bald so geformt werden sollte, gerade wie es ihren
-Zwecken entsprach. Aber endlich verwandelte sich diese Bitterkeit in
-Zorn gegen sein eigenes, schwaches Gemüth, das diesen Anmuthungen so
-wenig eigene Willenskraft entgegengesetzt hatte. Seine Mutter, so
-wenig er auch deren Handlungsweise billigen konnte, war doch nur durch
-die Liebe zu ihrem Sohne dazu getrieben worden; ihr durfte er nicht
-zürnen. So gab er denn keinem jener bittern Gedanken Worte, sondern
-sich zu seiner Mutter wendend, sagte er weich: »Liebe Mutter, es ist
-mir lieb, daß Susanne mir ihr Wort zurückgegeben. Ich hätte sie nie
-glücklich machen können; denn seit der Ankunft von Esthers Brief weiß
-ich erst, wie sehr ich Esther liebe und immer geliebt habe. Ich danke
-Gott für diese Lösung, und ich bin glücklich, daß dein Wunsch mit dem
-meinen zusammentrifft. Eine bessere Tochter, als Esther könnte ich dir
-nie zuführen.« Dann küßte Hubert mit Innigkeit seiner Mutter, die ihn
-betroffen anblickte, die Hand; aber Beide schwiegen, denn sie fühlten
-wohl, daß es besser sei, alles Weitere unerörtert zu lassen.
-
-Frau von Ihlefeld wandte das Gespräch auf den Brief, den sie soeben im
-Begriff war, sowohl an Esther, als auch an Herrn Richard zu schreiben,
-um Esther aus der peinlichen Situation zu erlösen, in welcher das brave
-Kind sich befand.
-
-»Nur an Herrn Richard schreibe sogleich, liebe Mutter; alles andere
-übernehme ich selbst,« sagte Hubert freudig erröthend. »Morgen früh
-reise ich selbst zu Esther.«
-
-Frau von Ihlefeld blickte erstaunt auf ihren Sohn, dessen rasches
-entschlossenes Wesen ihr etwas ganz Neues war. Sein Gesicht war
-plötzlich so strahlend schön geworden, von Wonne und Glückseligkeit,
-daß sie ihr Auge fast erschrocken auf ihm ruhen ließ; denn jetzt erst
-erkannte sie, was in ihrem Sohne vorging. »Bertel, mein liebes, theures
-Kind!« rief sie unwillkürlich und streckte ihm die Arme entgegen, und
-mit dem jubelnden Ruf: »O meine Mutter!« hielt der Sohn seine Mutter
-umschlungen.
-
-Für Esther war indessen die Zeit mit bleiernem Flügelschlage
-dahingeflogen. Ein unsägliches Weh erfüllte ihre Brust; sie hätte sich
-am liebsten nieder gelegt, um nie wieder aufzustehen; denn was sollte
-sie noch hier auf Erden, wo Glück und Freude für sie verschwunden
-waren. Müde und gleichgültig saß sie eines Abends am Fenster ihres
-Zimmerchens und schaute in die fast unheimliche Gluth, welche die
-sinkende Sonne über Himmel und Meer verbreitete, als solle die ganze
-Erde von dem glühenden Feuer verzehrt werden. Endlich verblichen die
-brennenden Tinten; kalte Abendschatten legten sich über Land und
-Meer, und der Zauber von Licht und Glanz, der soeben noch die Welt
-in wonniger Pracht erstrahlen ließ, er war geschwunden; graue Nebel
-stiegen empor, und erloschen war aller Reiz und alle Schönheit.
-
-»Wie mein Leben!« seufzte Esther, die trüben Blicke über das Meer
-hinübersendend. »Seine Liebe war die Sonne, in deren goldnem Scheine
-mein armes Leben in wunderbarer Herrlichkeit lachte -- nun ist meine
-Sonne erloschen, mein Leben todt und reizlos und von grauen Nebeln
-umhüllt!«
-
-Sie legte ihren Kopf gegen die kalten Scheiben des Fensters, denn ihre
-Stirn brannte und suchte Kühlung. Da wurde an die Thür geklopft. »Ein
-Brief, mein Fräulein!« Hastig griff Esther nach demselben. Er war auf
-der Heimath, aber die Schrift kannte sie nicht. Mit fliegender Hand riß
-sie ihn auf; es war Susannes Brief.
-
-Als Esther das Schreiben gelesen, strich sie langsam über ihre Stirn.
-War es denn Wirklichkeit, was sie soeben durchlebte, oder trieben
-muthwillige Träume ihr Spiel mit ihr? Sie trat näher an das Fenster,
-den Brief noch einmal zu lesen; aber ihr armer Kopf, der in den letzten
-Tagen so Furchtbares durchdacht und durchkämpft, schwindelte heftig,
-und die Buchstaben schwammen durch einander. Esther zündete Licht an,
-ging einige Male im Zimmer auf und nieder, um sich zu sammeln, und dann
-setzte sie sich still in den Lehnstuhl, den Brief noch einmal ruhig zu
-lesen. Während ihre Augen diese Zeilen jetzt von Neuem durcheilten,
-flog mehrere Male ein Lächeln über ihre Züge, und endlich schüttelte
-sie wehmüthig den Kopf. »Liebes, herziges Kind,« seufzte sie leise, »du
-ahnst nicht, was deine Worte mir für Schmerzen bereiten! Gott, mein
-Gott, was heißt das alles nur? Sie weiß von meiner Liebe zu Bertel,
-die mir bis vor Kurzem selbst noch ein Geheimniß war? Sollte Tante
-Booland mit ihr davon gesprochen haben? aber ich selbst habe ja nie
-etwas gesagt, das sie dazu berechtigte, und diese treue Seele würde
-mein heiligstes Geheimniß doch nicht preisgeben. Und wem preisgeben!
-Der Braut dessen, den ich liebe. O nein, nein, das ist unmöglich. Aber
-woher sonst sollte Susanne es wissen? Und Bertel? O wenn er dieses
-holde, kleine Geschöpf wirklich liebt, wie trostlos muß er sein, daß
-sie ihm sein Wort zurückgiebt und den Bund wieder löst, der ihn so
-zu beglücken schien. In welches Wirrsal stürzt mich dieser kindische
-Brief! Und dabei keine Nachricht von den Meinen! Jetzt könnte doch nun
-Antwort hier sein; warum schreibt nur niemand?
-
-Es war für Esther eine traurige Nacht, welche der Ankunft dieses
-Briefes folgte. Schlaflos wälzte sie sich auf ihrem Lager umher,
-und tausend Gedanken durchkreuzten ihren heißen, schmerzenden Kopf.
-Hoffnung, Liebe und Zuversicht kämpften mit Schmerz und Zweifeln,
-und erst der heraufdämmernde Morgen brachte ihr Schlaf und Ruhe.
-Sie schlief schwer und tief viele Stunden lang; es war als ob ihr
-erschöpfter Körper Kräfte sammeln wollte für die bevorstehenden
-Wonnetage, welche leise und sonnig, aber ungeahnt fern am Horizonte
-heraufzogen.
-
-Die Sonne stand schon hoch im Mittag, als Esther erwachte. Ueberrascht
-fuhr sie empor und rieb sich die Augen; ihr war, als hätte sich etwas
-Besonderes zugetragen, aber lange konnte sie keinen klaren Gedanken
-fassen. Ein Klopfen an der Thür schreckte sie auf. Hastig sprang sie
-empor und öffnete. Es war die Hauswirthin, welche ihr mittheilte, ein
-Herr habe vor einiger Zeit nach ihr gefragt, da Mademoiselle aber auf
-öfteres Klopfen nicht geantwortet, so sei der Herr wieder fortgegangen
-mit dem Versprechen, in einigen Stunden wieder vorzufragen.
-
-Esther forschte nach dem Aeußeren des Fremden, und aus der Beschreibung
-schien ihr hervorzugehen, daß Herr Richard sie besucht habe. Ihr Herz
-schlug stürmisch. Schnell kleidete sie sich an, und kaum war sie
-fertig, da sah sie wirklich Herrn Richard auf das Haus zuschreiten und
-gleich darauf bei ihr eintreten.
-
-»Mein Fräulein,« sagte der Kaufmann, indem er zögernd an der Thür
-stehen blieb, »darf ich es wagen, Sie aufzusuchen, nachdem Sie neulich
-so tief beleidigt von mir schieden? Ich komme, Sie um Verzeihung zu
-bitten, daß ich Sie so bitter kränkte. Aber die Umstände, unter denen
-ich Sie kennen lernte, müssen mein Betragen gegen Sie entschuldigen;
-ich kann jetzt eben nichts weiter thun, als die Bitte an Sie richten:
-Verzeihen Sie mir, denn ich kannte Sie nicht.«
-
-»Warum sind Sie jetzt andrer Meinung geworden, mein Herr?« fragte
-Esther mit leise zitternder Stimme, ohne jedoch ihrem Gaste einen
-Schritt entgegen zu treten.
-
-»Hier diese Zeilen sagen mir, welches edle Herz ich beleidigt und
-gekränkt habe!« rief Herr Richard und hielt dem jungen Mädchen einen
-Brief hin. Esther trat jetzt schnell näher und erkannte Frau von
-Ihlefelds Handschrift.
-
-»Frau von Ihlefeld hat Ihnen geschrieben, mein Herr?« sagte sie hoch
-erröthend. »Sind Sie angewiesen, mir das Geld zu übergeben?«
-
-»Wenn ich recht verstehe, so wird Herr von Ihlefeld in diesen
-Tagen selbst kommen, die Schuld einzufordern,« entgegnete Herr
-Richard sorglos, erschrak aber über die Wirkung, welche diese Worte
-hervorbrachten.
-
-»Selbst? Er will selbst kommen?« stammelte Esther erbleichend, und
-plötzlich vergingen ihr die Sinne. Mit einem leisen Stöhnen sank sie
-zusammen, und fiel dem rasch zuspringenden Herrn Richard bewußtlos in
-die Arme.
-
-Als sie sich endlich erholte, blickte sie scheu und erschrocken um
-sich; bald aber war sie wieder das starke Mädchen, und hörte jetzt
-ruhig an, was Herr Richard ihr mitzutheilen hatte. Dieser erzählte nun,
-daß Frau von Ihlefeld ihm geschrieben, Esther Wieburg sei der gute
-Engel ihres Hauses; was sie für ihren Sohn und sie selbst gethan, könne
-nur Gott dem edlen Kinde vergelten, und wer ihr wehe thue, kränke ein
-Herz, das immer nur für das Glück Anderer geschlagen.
-
-»Und ich habe dies Herz so tief gekränkt!« schloß Herr Richard, der
-erglühenden Esther herabhängende Hand an seine Lippen führend. »Sagen
-Sie mir, Fräulein Esther, wollen Sie mir verzeihen?«
-
-Das junge Mädchen blickte ernst vor sich hin. »Sie kannten mich ja
-nicht, Herr Richard,« sagte sie sanft, »und ich glaube, es war sehr
-thöricht von mir, jene Forderung ohne Beweisgründe an Sie zu stellen.
-Es mag in der Welt wohl so viel schlechte Menschen geben, daß man
-sich vorsehen muß. Lassen wir das jetzt. Mein Zürnen war vielleicht
-ganz ungerecht; Sie konnten wohl kaum anders handeln, als Sie gethan,
-das sehe ich mehr und mehr ein, da ich ruhiger darüber nachgedacht
-habe. Aber nun lesen Sie mir die Worte vor, die Sie zu der Vermuthung
-veranlassen, Hubert werde selbst kommen.«
-
-Herr Richard faltete den Brief und überlas ihn schnell. »Hier ist's,«
-sagte er dann und las: »Was nun die Geldsumme betrifft, von welcher
-der Schuldschein meines Vetters spricht, so soll diese Sache der
-braven Esther keine Mühe mehr verursachen. Mein Sohn wird selbst....«
-In diesem Augenblicke aber hörte man eine Stimme in dem Hausflur.
-Esther stieß einen lauten Schrei aus und sprang empor; aber ihre Füße
-zitterten so heftig, daß sie kraftlos auf ihren Sitz zurückfiel. Da
-hörte man rasche Schritte; die Thür flog auf, und Bertel stand in dem
-Zimmer. »Esther!« rief er jubelnd und in demselben Augenblicke lag das
-geliebte Mädchen an seiner Brust.
-
-Lange fanden die beiden glücklichen Menschen kein Wort für das
-Entzücken ihres Herzens. Esther war so erschüttert von diesem
-plötzlichem Wiedersehen, daß sie kraftlos und weinend in ihres Freundes
-Armen lag, der ihren lieben Kopf zärtlich küßte und immer von Neuem an
-seine Brust drückte. Die süßesten Schmeichelnamen, wie sie nie über
-seine Lippen gekommen, flüsterte er dem vor Freude erbebenden Mädchen
-in das Ohr, und endlich erhob diese unter Thränen lächelnd ihr Gesicht.
-Nie hatte Bertel bis jetzt so zu ihr gesprochen, nie hatte sie noch an
-seiner Brust gelegen wie jetzt, und noch nie war sie ihm gegenüber so
-schwach und weichmüthig gewesen.
-
-»Verzeih' mir, Bertel; die Freude, Dich wiederzusehen, macht mich ganz
-hinfällig!« sagte sie, die Thränen aus den Augen trocknend. Dann schrak
-sie plötzlich etwas zusammen, machte sich aus Huberts Armen los und
-flüsterte, sich verlegen umschauend: »Aber wir sind ja nicht allein,
-erlaube daß ich dir Herrn Richard....«
-
-Doch kein Herr Richard war mehr in dem Zimmer; an seiner Stelle aber
-stand eine andere Person, welche still, die hellen Thränen auf dem
-guten, alten Gesicht, auf die beiden Kinder ihres Herzens schaute. Es
-war Frau Booland.
-
-»Tante, liebe, gute Tante!« jubelte Esther und flog zu der Alten, die
-ihre großen Arme weit nach ihr ausbreitete und sie dann so energisch
-über ihrem Herzblättchen schloß, als sollten sie sich nie wieder öffnen.
-
-»Aber liebe, einzige Tante Booland, solche Reise hast du zu unternehmen
-gewagt!« rief Esther endlich, als sie wieder auf eigenen Füßen stand;
-denn die große, starke Frau hatte das schlanke Mädchen wie ein kleines
-Kind zu sich empor gehoben, als könne sie nur so ihrer stürmischen
-Zärtlichkeit Genüge leisten. »Du mußt ja Tag und Nacht gefahren sein,
-um schon heute hier anzukommen.«
-
-Die Alte schob die zerknickte Haube zurecht, die im Sturme des
-Entzückens auf und davon zu fliegen drohte, und dann mit ihren großen
-Händen Bertel drohend, der lachend und von Glück strahlend neben Esther
-stand, rief sie ärgerlich: »Hat der Bengel da mir armen, alten Frau
-denn Ruhe gegönnt unterwegs? Durfte ich meine alten Knochen denn auf
-der ganzen heillosen Hetzparthie nur ein einzig Mal ordentlich in ein
-Bett legen? War's nicht immer, als stände einer mit der Hetzpeitsche
-hinter uns und triebe uns vorwärts? Weiß Gott, wie's der Bursche fertig
-gebracht hat, mich ganzbeinig bis hierher zu schleifen, nun aber
-bringen mich keine zehn Pferde von hier wieder fort, ehe ich nicht
-ordentlich einmal wieder ausgeschlafen habe!«
-
-»Aber Tante Booland, die Betten hier zu Lande, bedenke doch! Du hast
-dich ja verschworen, dich in keins wieder zu legen, so lange du in
-diesem heillosen Franzosenlande bist,« rief Bertel lachend.
-
-»Herr du mein Gott, ja da hast du Recht, Kind!« rief Frau Booland
-entrüstet. »Hat man je so etwas von einem Nachtlager erlebt, wie da in
-dem Neste,.... na wie hieß es denn gleich?« »Avignon,« ergänzte Hubert.
-
-»Ja, diesem Avignon! Und das haben sie noch die Frechheit, =Betten=
-zu nennen! Nicht eine einzige Feder ist ja in so einem harten,
-entsetzlichen Dinge von einem Bette! Mein armer Kopf rollte zum
-Verzweifeln immer von einer Seite zur andern auf diesen harten
-Rollkissen, gerade als wälzte ich mich im Fieber. Na und überhaupt,
-ist das ein Land! Solch ein Schmutz, solches Ungeziefer, solche Hitze
-und solcher Staub, und dann.... puh, so entsetzliches Essen! Du armer
-Wurm, wie hast du es denn nur drei Tage hier aushalten können! Ich
-wäre schon am ersten Morgen wieder auf und davon gelaufen. Und dann
-diese Eisenbahnen! O mein Gott, dieser Lärm, dies Getreibe, diese
-Wirthschaft! Wäre es nicht mein Herzblättchen gewesen, das ich mir hier
-aus dem Heidenlande wieder holen wollte, schon in der ersten Stunde
-wäre ich umgekehrt nach meinem lieben, stillen Waldhause! Und solches
-Reisen, solch' Umhertreiben auf Eisenbahnen und Landstraßen, solch'
-Umherwälzen in fremden, himmelschreienden Betten, solch' gräßliches
-Essen und Trinken, Schmachten und sich todt müde und elend machen
-nennen die Leute nun Vergnügen! Na, wenn ich erst wieder glücklich
-in meinem Waldhause auf unserem lieben Dorfe bin, da soll mich Gott
-bewahren, wieder solche Thorheiten zu begehen und mich einem verrückten
-Liebhaber als Reisebegleiter anzubieten!«
-
-Während Frau Booland ihren Gefühlen in dieser Weise Luft machte, hatte
-Bertel Esther neben sich auf das Sopha gezogen, und während er beide
-Hände des jungen Mädchens ergriffen, ruhte sein Auge forschend auf
-ihren Zügen.
-
-»Warst du krank, Esther?« fragte er jetzt angstvoll, und erschrocken
-wandte nun auch Frau Booland ihre Blicke auf ihres Lieblings Gesicht,
-das allerdings von der Anstrengung und dem unbehaglichen Leben der
-vergangenen Monate, und nun gar von den durchkämpften, schweren Tagen
-der letzten Woche schmal und bleich geworden war, wie nie zuvor. Esther
-beruhigte die beiden geliebten Menschen, saß aber unbeschreiblich
-ängstlich und unbehaglich an Bertels Seite, immerfort bestrebt, ihm
-ihre Hände zu entziehen, die er jedoch nicht frei gab. Da erhob sich
-Frau Booland rasch von ihrem Stuhle, auf den sie sich erschöpft
-niedergelassen hatte und sagte, sich die Stirn mit dem Tuche abwischend
-und dann den Staub von ihrem Kleide schüttelnd: »Aber mein Gott, wie
-sieht man nach so einer Reise aus! Es ist ja ganz grauenvoll, solchen
-Schmutz mit sich herum zu tragen. Estherchen, da nebenan ist wohl dein
-Schlafstübchen? Ich will mich dort nur ein Bischen zurecht machen; laßt
-euch die Zeit indessen nicht lang werden, ihr Kinderchen!«
-
-Und eilig huschte sie in das anstoßende, kleine Zimmer, dessen Thür
-nur halb geschlossen war, ihren beiden Lieblingen im Hinausgehen noch
-schelmisch zulächend. Sie klinkte das Thürschloß fest hinter sich zu,
-und Esther war allein mit ihrem Freunde.
-
-»Esther, nicht wahr, du hast einen Brief von Susanne erhalten?« fragte
-Bertel, sobald Frau Booland das Zimmer verlassen.
-
-»Ja Bertel, gestern,« erwiederte Esther und tiefe Gluth flog über ihr
-blasses, bräunliches Gesicht.
-
-»So weißt du, daß wir nicht mehr verlobt sind?«
-
-Esther schüttelte den Kopf und sagte scheu: »Ich kann nicht glauben,
-daß es Susanne Ernst mit diesem kindlichen Briefe gewesen ist. Wenn du
-sie liebst, wird sie sich bald anders besinnen.«
-
-»Aber ich liebe sie ja nicht, Esther!« rief Bertel, das junge Mädchen
-wieder bei beiden Händen ergreifend. »Ich liebe ja niemanden, als
-dich, Esther, du mein Glück, mein Stolz, der gute Engel meines ganzen,
-ganzen Lebens! O, jetzt erst weiß ich es ja, daß ich dich geliebt habe,
-seit wir als kleine Kinder zusammen in Wald und Wiese spielten, und
-ich danke Gott auf meinen Knieen dafür, daß es endlich klar in mir
-geworden ist!« Und nun erzählte Bertel alles, was er seit der Ankunft
-von Esthers letztem Briefe durchlebt und durchkämpft hatte, und wie er
-jetzt nur noch einen Wunsch auf der Welt habe, -- Esthers Liebe.
-
-»Darf ich Undankbarer, Verblendeter denn noch hoffen, daß du mich
-lieben kannst, Esther?« fragte er endlich weich, und seine Stimme
-zitterte. Esther aber schlang ihre Arme um seinen Hals, und das Gesicht
-an seine Wange schmiegend, schluchzte sie: »Mein Bertel, mein lieber,
-ewig geliebter Bertel!«
-
-Im Zimmer war es sehr still geworden, und man hörte nichts, als ein
-merkwürdig lebhaftes Rumoren und Umhergehen in der anstoßenden Kammer.
-Frau Booland mußte eine äußerst umfangreiche Toilette machen, denn es
-dauerte erstaunlich lange, ehe sie damit zu Ende war und wieder in
-dem Zimmer bei Esther und Hubert erschien. Diesen aber war die Zeit
-indessen so wenig lang geworden, daß sie die alte, treue Freundin
-völlig vergessen hatten. Als Frau Booland endlich zu ihnen hereintrat,
-führte Bertel seine Esther zu ihr und sagte: »Hier unserer treuen Tante
-Booland danken wir die glückliche Lösung. Ohne sie wäre ich nicht hier
-und wir Beiden nicht das glücklichste Brautpaar unter Gottes Sonne.«
-
-»Na, Gott sei Dank, daß wir endlich am Ziele sind!« jubelte die Alte,
-ihre beiden Kinder an die breite Brust ziehend, wo sie alle Beide
-reichlich Platz hatten. »Nun aber macht, daß wir von hier fort kommen;
-der Boden brennt mir unter den Füßen.«
-
-Ehe man jedoch an die Abreise denken konnte, mußte die
-Geldangelegenheit mit Herrn Richard in Ordnung gebracht werden. Hubert
-übernahm jetzt diese Sache und war erfreut, in dem neuen Vetter einen
-unendlich liebenswürdigen Mann zu finden. Die Geldsumme, welche sein
-Onkel von Huberts Vater geliehen, hatte gute Zinsen getragen; denn
-jenes Unternehmen, wozu es gegeben worden, glückte über Erwarten. Aus
-den 15 Tausend Thalern waren im Laufe der Jahre zwanzig geworden, und
-Herr Richard, welcher ein ungewöhnlich großes Vermögen erworben hatte,
-war hoch erfreut, durch Rückerstattung jenes Kapitals zum Glücke so
-lieber Anverwandter beitragen zu können. Das fröhliche Lächeln, mit
-dem Esther jetzt den Vetter ihres geliebten Bertel empfing, als dieser
-kam, sie als die Braut seines Anverwandten zu begrüßen, sagte demselben
-besser, als Worte es thun konnten, daß Esther die peinliche Scene,
-welche zwischen ihnen vorgefallen, vergessen habe. »Aber zu unserer
-Hochzeit müssen Sie kommen, lieber Vetter!« rief Bertel in fröhlichem
-Uebermuthe beim Abschiede, »nur dann verzeiht Ihnen Esther ganz.«
-
-Mit wie frohem Herzen sagte jetzt Esther dem Lande Lebewohl, in
-dem sie so viel schwere Stunden durchlebt hatte! In Nîmes sprach
-sie noch bei dem braven, alten Ehepaar Martin vor, um ihnen alles
-Erlebte mitzutheilen und sie mit Hubert und Tante Booland bekannt zu
-machen. Nach le Vigan jedoch führte sie ihre Lieben nicht, so sehr
-sie auch gewünscht hätte, den guten Doktorsleutchen mündlich von
-ihrem Glücke zu erzählen. Aber Tante Booland hätte nie wieder Ruhe
-im Herzen gefunden, hätten ihre eigenen Augen jene Zustände in der
-Pension gesehen, in denen ihr Herzblättchen so lange Zeit leben mußte.
-Aber alle jene herrlichen Gegenden, jene schönen Städte mit all' den
-Sehenswürdigkeiten, woran das Land so reich war, sah und genoß Esther
-jetzt, wie sie es auf der Herreise so sehnlich gewünscht hatte; denn
-langsam und in kleinen Stationen traten sie die Rückkehr in die Heimath
-an, um die alte Frau Booland nicht zu ermüden. Die Behaglichkeit dieser
-Art zu reisen, sowie das Glück ihrer Kinder, das sie umgab, versöhnte
-Frau Booland jetzt auch mit allem, was Reisen hieß, und vergnügt ließ
-sie sich überall herumführen und alles Sehenswerthe zeigen, so daß sie
-nun eine etwas bessere Meinung von dem Lande erhielt, in dem Esther so
-lange gelebt hatte.
-
-Eine unaussprechlich tiefe, stille Glückseligkeit ruhte auf Esthers
-Antlitz, als sie in ihr liebes Dorf einfuhr, und Hand in Hand saßen
-die beiden glücklichen Jugendgespielen nebeneinander, ohne ein Wort zu
-sprechen.
-
-Aber als sie jetzt in die Nähe der Kirche und der ehemaligen Wohnung
-Esthers kamen, da ertönte plötzlich Glockenschall und froher Gesang.
-Blumenkränze in den Händen und bunte Fahnen in der Luft schwingend,
-eilten die Kinder des Dorfes dem Brautpaare entgegen, und jubelnder
-Zuruf begrüßte die Ankommenden, welche unter einem festlich prangenden
-Triumphbogen umringt und angehalten wurden. Pfarrer Krause schritt mit
-seiner Familie an der Spitze des Zuges, und als derselbe den Wagen
-erreichte, hielt der Geistliche im Namen seiner Gemeinde eine kurze,
-freudige Ansprache an Hubert und Esther, in welcher er die Glückwünsche
-aller derer darbrachte, in deren Mitte die Beiden aufgewachsen waren
-und welche bisher alles Leid und alle Freude mit ihnen getheilt
-hatten. Ein lautes Hurrah folgte dieser Ansprache; die Glocken tönten,
-die Fahnen flatterten, und bedeckt von Blumen und Kränzen fuhr das
-junge Paar durch das Dorf, von dessen Einwohnern bis zu dem Waldhause
-geleitet. Auch dies Häuschen war festlich geschmückt; als aber jetzt
-Esther und Bertel an die Brust der Mutter sanken, welche sie in der
-Thür empfing, da blieb kein Auge trocken, und in stiller Rührung
-umstanden die Dorfbewohner das Häuschen.
-
-In ihr Wohnzimmer eingetreten, erblickte Esther eine Menge Blumen und
-Geschenke, welche ihr hier von den Freunden zur Begrüßung dargebracht
-wurden. Zwischen diesen Geschenken stand eine große, geschlossene
-Kiste, welche Tags zuvor erst angekommen war. Sie kam aus Frankreich
-und war an Esther adressirt. Verwundert öffnete das junge Mädchen
-dieselbe und fand eine Fülle der schönsten Stoffe darinnen in Seide,
-Leinen und Battist, wie sie eine junge Hausfrau nur je zur Ausstattung
-ihrer neuen Haushaltung wünschen konnte. Ein kleines Kästchen lag
-obenauf, mit der Inschrift »Esther,« und in demselben ruhte ein
-kostbarer Schmuck nebst einem kleinen Briefe von der Hand des Herrn
-Richard. In den verbindlichsten Worten bat er seine neue Cousine,
-diese Sendung von ihm anzunehmen, als einen Beweis seiner unbegrenzten
-Verehrung für das edelste, tapferste, weibliche Herz, das ihm je
-begegnet sei.
-
-Während Esther mit diesem Briefchen noch ganz bestürzt vor der
-prachtvollen Gabe stand, und Frau Booland in hellem Entzücken bald die
-Steine des Schmuckes im Lichte funkeln ließ, bald wieder die köstlichen
-Stoffe aus einander faltete, wurde auch Bertel ein Briefchen übergeben.
-Es kam von Herrn von Sassen und lautete folgendermaaßen:
-
-
- »Mein lieber Hubert!
-
- Wo alles Dich und Deine liebe Braut mit Jubel empfängt, da will auch
- ich nicht zurückbleiben. Bald hoffe ich Euch persönlich begrüßen zu
- können; für's Erste nur die Nachricht, daß unser verehrter Kronprinz
- soeben die Anfrage an Dich ergehen läßt, ob Du für seine Reise nach
- Italien, Griechenland und dem Orient, welche er in einigen Monaten
- antreten wird, sein Begleiter sein willst. Die Anerbietungen, welche
- außerdem hinzugefügt sind, versprechen so viel Genuß und Vortheile,
- daß ich gewiß bin, Dein Herz jubelt ihnen zu, wenn Dir auch eine neue
- Trennung von Deiner Braut für's Erste wenig lockend sein mag. Eine
- Professur für Archäologie soll im Laufe der nächsten Zeit an der
- Universität B. besetzt werden, und ich müßte mich sehr irren, wenn
- unser gnädiger Kronprinz nicht im Sinne hätte, seinen Reisebegleiter
- für diese Stelle vorzuschlagen, wenn er diesen als einen tüchtigen
- Gelehrten erkannt hat. Daß dem so sein wird, dafür ist mir nicht
- bange, falls Du dieser Reisegefährte bist. Ich freue mich sehr, daß
- meine Dienste, welche ich in früheren Jahren dem Hofe geleistet habe,
- jetzt noch so gute Früchte tragen. Deiner verehrten Braut meinen
- besten Gruß und die Bitte, mir nicht zu zürnen, daß ich ihr den
- Geliebten wieder entführen will, nachdem sie kaum die Schwelle ihres
- Hauses betreten. Meine kleine Susanne sendet Esther aus der Ferne ihre
- Grüße und freut sich, bei ihrer Heimkehr aus B., wohin sie für einige
- Monate durch meinen Bruder entführt worden, eine liebe Freundin in ihr
- begrüßen zu dürfen. Bald umarmt Dich in väterlicher Liebe
-
- Dein =Adolph von Sassen=.«
-
-
-Das waren denn wundervolle Neuigkeiten! Der höchste Wunsch Bertels,
-eine Reise nach jenen Ländern unternehmen zu können, auf deren
-klassischen Boden so reiche Schätze für seine Wissenschaft ruhten,
-sollten sich ihm erfüllen, und unter welch' verlockenden Bedingungen!
-Esther war es zuerst, welche aufjubelte und keinem Zögern Raum gab,
-obwohl sie sich von Neuem von dem Geliebten trennen sollte. »Gehören
-wir uns denn jetzt nicht für ewig, mein lieber Bertel?« rief sie
-freudestrahlend, als Hubert sie etwas trübselig anschaute in dem
-Gedanken abermaliger Trennung.
-
-»Reise in Gottes Namen, mein Geliebter, und wenn du dann heimkehrst,
-laß dir zum Schluß die schöne Professur von deinem Kronprinzen
-schenken; dann wissen wir gleich, wo wir eines Tages, so Gott will,
-unsere Hütte bauen werden.«
-
-Und so geschah es denn auch. Hubert erwarb vor allem den Titel eines
-Doktors der Philosophie, und als solcher begleitete er dann mit
-noch einigen andern strebsamen, jungen Gelehrten den Kronprinzen
-nach jenen schönen Ländern, reiche Schätze sammelnd an Kenntnissen
-und Erfahrungen. Ein ganzes Jahr verging, ehe die kleine Expedition
-heimkehrte, und diese Zeit verlebte Esther in ihrem Waldhause in
-stillem, glücklichen Seelenfrieden. Tante Booland war unermüdlich, an
-der Ausstattung des jungen, künftigen Haushaltes zu arbeiten; Frau von
-Ihlefeld aber fühlte täglich von Neuem, welchen Schatz sie an Esther
-gewonnen. Keine andere Tochter hätte ihr je mit größerer Liebe und
-Verehrung anhängen, keine ihr je die Tage mehr verschönern können, als
-dieses Mädchen, das so brav und klug, so selbstvergessend und treu
-stets für die Ihren lebte und dachte.
-
-Als dann endlich das Trennungsjahr vorüber und Bertel heimgekehrt war
-von seiner Reise, da schaute die Morgensonne eines Tages mit ganz
-besonderem Glanze in die freundliche, reich geschmückte Dorfkirche
-von Rahmstedt. Hier stand Pastor Krause am Altare, und seine tief
-bewegten Worte erklangen feierlich in dem kleinen Gotteshause, das die
-Menge der Andächtigen kaum fassen konnte. Zu den Füßen des Geistlichen
-aber kniete ein junges Paar, deren Ehebund seine Hand einsegnete; es
-war Hubert und Esther. An dem Schicksale dieser braven Kinder des
-Dorfes Rahmstedt nahm Alt und Jung den innigsten Antheil, und es war
-ein langer, fröhlicher Zug, welcher das junge Paar nach dem reich
-bekränzten Waldhause geleitete, in dem Tante Booland ein festliches
-Hochzeitmahl hergerichtet hatte. Am selben Tage führte Bertel dann
-seine Esther als stattliche Frau Professorin nach B., der neuen Heimath
-des glücklichen Paares, denn hier hatte der talentvolle, junge Mann
-in der That jene Stelle an der Universität erhalten, von der Herr von
-Sassen gesprochen.
-
-Wenige Monate später begrüßte ein anderes junges Ehepaar auf der
-Durchreise unsere Freunde in B. Die blonde Susanne lag bald lachend,
-bald weinend an Esthers Halse, ihr hübscher junger Gatte aber, jener
-schwarzbärtige Graf Redern, dem das junge Mädchen bald nach Esthers
-damaliger Rückkehr Herz und Hand geschenkt hatte, stand ungeduldig
-daneben, um auch seinerseits die hübsche Frau Professorin zu begrüßen,
-an der seine kleine Frau mit so schwärmerischer Liebe hing. Bald darauf
-flog das schöne, junge Paar dem herrlichen Italien zu, lustig und
-fröhlich wie ein paar glückliche Kinder, welche für einander geschaffen
-schienen zu heiterer Lebenslust. Auch Frau von Ihlefeld folgte ihren
-Kindern bald nach, und an dem häuslichen Heerde derselben, an dem nur
-Friede und Freude waltete, erblühten der schwer geprüften Frau noch
-einmal frohe, glückliche Tage. In diesem Hafen konnte sie ausruhen
-von allen Stürmen, die über sie dahin gezogen, und einen frohen
-Lebensabend genießen, den die Liebe ihrer Kinder verschönte. Tante
-Booland aber hütete stillen und fröhlichen Sinnes das kleine Waldhaus
-in Rahmstedt, in dem Esther in jedem Sommer einige Wochen oder Monate
-verlebte, dankbaren Herzens ihrer Kindheit gedenkend und all' der
-wechselvollen Schicksale, welche ihr jetziges Glück an der Seite ihres
-Bertel begründete. Die wissenschaftliche Ausbildung, welche sie einst
-gemeinsam mit ihrem Spielkameraden erhalten, befähigte sie jetzt, den
-Arbeiten Bertels mit Interesse und Verständniß zu folgen, und was sie
-einst so sehnlich gewünscht: ein Knabe zu sein, um Antheil nehmen zu
-können an ihres Gespielen ehrenvoller Laufbahn, das wurde ihr nun in
-=der= Weise zu Theil, wie es eben für ein weibliches Wesen am besten
-und wünschenswerthesten ist. Wie früher das Kind Esther, so kannte auch
-jetzt Bertels Gattin kein schöneres Ziel und keine bessere Aufgabe,
-als Huberts Lebensglück und keinen höheren Stolz, als den Ruhm ihres
-Gatten.
-
-
-
-
- Verwaist.
-
-
-
-
- Erstes Kapitel.
-
- Der Abschied.
-
-
-»Dacht' ich's doch! Da sitzt sie wieder bei ihren Büchern und lernt,
-als sollte sie morgen gleich noch ein Examen bestehen! O du Nimmersatt,
-hast du denn immer noch nicht genug Weisheit?« so rief Fanny, ein
-junges Mädchen von 16 Jahren, indem sie in ein großes Zimmer trat,
-dessen ganze Einrichtung den Charakter einer Schulstube trug. Mitten an
-einem der kahlen Arbeitstische, die mit Büchern und Schreibmaterialien
-bedeckt waren, neigte sich ein anderes junges Mädchen über ihre Bücher
-und ließ sich durch den Eintritt Fanny's in ihrer Arbeit wenig stören.
-Diese aber trat hinter den Stuhl der Freundin, schlug ihr neckend das
-Buch zu, und indem sie die Arme um den Hals derselben schlang, fuhr sie
-scheltend fort: »Nein, Agathe, ich lasse dir keine Ruhe, bis du mit mir
-hinaus in den Garten kommst, wo wir Alle beisammen sind. Hier in der
-abscheulichen Schulstube ist es so dumpf und enge, und du bist wieder
-so bleich, daß ich es nicht länger leide, dich hier sitzen zu sehen.
-Du liebe Gelehrsamkeit, ich dächte, heute könntest du dir wahrlich
-Ruhe gönnen! Du hast uns ja beim Examen Alle durch deine Antworten
-überflügelt, und es ist nur eine Stimme darüber, daß du die beste
-Schülerin der Anstalt bist.«
-
-Die Angeredete blickte still vor sich hin und schüttelte den Kopf.
-
-»Du glaubst es nicht, Agathe?« rief Fanny lebhaft. »So geh' und frage
-alle Lehrer, besonders Herrn Lobner; da wirst du erfahren, ob ich Recht
-habe! Aber statt daß du dich darüber freuen solltest, machst du so
-große, traurige Augen, daß mir wahrhaftig selbst ganz bange dabei wird.
-Du bist doch gar zu ernst für deine 16 Jahre, Mädchen!«
-
-Agathe seufzte, und Thränen traten ihr in das Auge. »Kann ich dafür,
-wenn ich ernster bin, als all' ihr andern?« sagte sie sanft. »Ist nicht
-auch meine Zukunft ernst und trübe, und muß ich da nicht doppelt eifrig
-sein, mir so viel Kenntnisse, als möglich, zu erwerben? Was soll denn
-aus mir werden, wenn ich mir nicht selbst in der Welt forthelfen kann?
-Ich habe ja keinen Vater, ach und jetzt auch keine Mutter mehr, die für
-mich sorgt, wie du, beste Fanny! Ach daß =sie= noch lebte!«
-
-Heiße Thränen stürzten bei diesen Worten aus Agathes Augen, und Fanny
-zog die schluchzende Freundin liebevoll an ihr Herz und strich ihr
-sanft über das dunkle Haar. »Du sollst ja in dem Hause deines Onkels
-eine zweite Heimath finden, liebe Agathe!« sprach sie tröstend. »Sei
-doch guten Muthes; deine Zukunft wird sich gewiß besser gestalten, als
-du jetzt fürchtest!«
-
-»O, bei meinem Onkel, Fanny,« schluchzte Agathe; »das ist es ja eben,
-wovor ich mich fürchte! Ich kenne weder ihn, noch die Tante, und obwohl
-meine Mutter immer sehr gut von ihrem Bruder sprach, so ist er mir
-doch ein Fremder, und das Herz schlägt mir so unaussprechlich bange
-bei der Aussicht, in jenem Hause zu leben! Gott mag es mir verzeihen;
-denn gewiß sind solche Gedanken eine große Sünde, und ich sollte lieber
-dankbar dafür sein, daß sie die arme Waise bei sich aufnehmen.«
-
-»Du bist noch zu unglücklich über den Tod deiner guten Mutter und
-siehst alle Dinge deshalb so trübe und schwer an, liebes Herz,«
-tröstete Fanny; Agathe aber schüttelte wehmüthig den Kopf und weinte
-still noch eine Weile am Herzen der Freundin. Endlich aber richtete sie
-sich auf, und getrost die Blicke zum Himmel aufschlagend, sprach sie
-ruhig: »Wie der liebe Gott es will, so mag es geschehen! Diese Thränen
-haben mein Herz erleichtert; nun ist mir wohl. Habe Dank, meine liebe
-Fanny, du treue Seele, daß ich mich gegen dich aussprechen durfte. Aber
-auch von dir soll ich ja scheiden, o von allem, was mir lieb und theuer
-ist!«
-
-»Wir wollen uns recht oft schreiben, Agathe, das wird ein neuer Genuß
-sein, den uns die Freundschaft giebt,« rief Fanny heiter. »Aber nun
-komm' in den Garten; die Luft wird dir gut thun. Von dem vielen Lernen
-wirst du nur noch schwermüthiger.«
-
-»Dürfte ich nur noch hier in der Pension bleiben, bis ich so weit
-ausgebildet wäre, um als Erzieherin mich nützlich zu machen!« seufzte
-Agathe, der Freundin folgend. »Mein größter Kummer wäre es, könnte ich
-beim Onkel meine Studien nicht fortsetzen, was ich fast fürchte.«
-
-»Warte es doch nur erst ruhig ab, du kleinmüthiges Kind! Warum machst
-du dir nur im Voraus solche Skrupel?« scherzte Fanny und nach und nach
-gelang es ihr wirklich, die traurige Freundin zu erheitern und ihr
-die Zukunft in weniger düstern Farben erscheinen zu lassen. Traulich
-plaudernd gingen die beiden jungen Mädchen in dem Garten auf und
-nieder, bis die Hausglocke sie zum Abendbrod rief, und sie im Verein
-mit den übrigen Schülerinnen der Anstalt dem Hause zueilten.
-
-»Kommst du mit mir, Agathe, Herrn Lobner Lebewohl zu sagen?« fragte
-am andern Morgen Fanny, indem sie schnell bei ihrer Freundin eintrat.
-»Sieh, diesen schönen Blumenstrauß und die reizende Tasse hat mir Mama
-für ihn geschickt; ich hoffe, er wird sich freuen. Hast du auch etwas
-für ihn, Agathe?«
-
-»Ich? Nein, Fanny. Was könnte ich armes Mädchen bringen; ich habe ja
-nichts!« sagte Agathe traurig.
-
-»O dann gieb du ihm die Blumen, bestes Herz!« drängte Fanny, Agathen
-den Strauß in die Hand drückend; diese aber gab ihn der Freundin sanft
-zurück und sagte leise: »Nein, Fanny, ich danke dir für deine Liebe.
-Aber ich denke, daß unser liebster Lehrer mir auch ohne dies sein
-freundliches Andenken bewahren wird, wenn ich ihm lieb geworden bin,
-und wäre dies nicht der Fall, so wird ihm mein Geschenk auch keine
-Freude machen.«
-
-»So schenke ich ihm auch nichts!« rief Fanny ärgerlich.
-
-»Das wäre sehr unrecht, da deine Mutter ihm dies Geschenk bestimmt,«
-sagte Agathe. »Komm, komm, es wird ihm gewiß Freude machen.«
-
-Bald traten die beiden jungen Mädchen in das Zimmer des ersten Lehrers
-der Anstalt, Herrn Lobner, einem zwar noch jungen Manne, der sich aber
-durch seinen vortrefflichen Unterricht, wie durch die milde und doch
-ernste Weise, in welcher er den Schülerinnen gegenüber trat, die Liebe
-und Verehrung aller dieser jungen Herzen erworben hatte.
-
-Mit Freude und Rührung empfing er den Dank der beiden jungen Mädchen,
-welche ihm jetzt schon Lebewohl sagten, obwohl sie noch einige Tage in
-der Pension blieben; aber seinen Unterricht sollten sie jetzt nicht
-mehr genießen. Der Tag ihrer Einsegnung lag vor ihnen und mit diesem
-die Trennung von dem Hause, das besonders Agathen unbeschreiblich lieb
-geworden war.
-
-Milde ermahnende Worte gab Herr Lobner den jungen Mädchen mit auf den
-Weg: die lebhafte, etwas leichtsinnige Fanny ermahnte er zu Ernst und
-größerer Besonnenheit; der stillen Agathe sprach er Muth und heitere
-Zuversicht in die Seele. Mit unbeschreiblicher Wehmuth ruhte sein Auge
-auf der einsamen Waise, und wie segnend legte er seine Hand auf das
-Haupt des armen Kindes. Fanny's Geschenk nahm er freundlich dankend
-an, dann ergriff er Agathes Hand, und sein kleines Heft von dem Tische
-nehmend, sagte er bewegt: »Willst du mir wohl diese Arbeit als Andenken
-zurücklassen, Agathe? Es ist dein letzter Aufsatz; ich möchte mir ihn
-zur Erinnerung an meine fleißigste Schülerin aufbewahren.«
-
-Agathe erröthete tief und vermochte nicht zu antworten; aber mit beiden
-Händen des theuren Lehrers Hand ergreifend, drückte sie dieselben
-inbrünstig an ihre Brust; dann eilte sie schnell zum Zimmer hinaus,
-denn Freude und Wehmuth bestürmten ihr Herz so mächtig, daß sie ihre
-Thränen nicht länger zurück halten konnte.
-
- * * * * *
-
-Palmsonntag war gekommen, und feierlich zitterten die Glockentöne durch
-die sonnige Frühlingsluft. Drinnen im Gotteshause stand andächtig
-eine Schaar junger Mädchen und Knaben an den Stufen des festlich
-geschmückten Altares und empfing die Weihe als Christen. Mit ihren
-eigenen Lippen sprachen sie jetzt das Gelübde aus, das sie in den Bund
-der Gemeinde Christi einführte, und tief bewegt erklang der Segen des
-Geistlichen am Schluß der Feier.
-
-Auch Agathe war unter der Zahl jener festlich gekleideten Mädchen,
-welche jetzt vom Altar hinweg gingen, und die Augen mit dem Tuche
-verhüllend, sah sie nicht, wie sie einsam auf ihrem Stuhle zurück
-blieb, als Freunde und Verwandte herbei kamen, die Confirmanden aus der
-Kirche zu führen. -- »Mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber
-der Herr nimmt mich auf!« das waren die Worte, die der Geistliche ihr
-als Zuspruch mit in die Welt gegeben, und tief erschüttert fühlte sie
-die ganze Gewalt derselben. Sie hatte niemanden, als Gott im Himmel,
-den Vater der Waisen, an dem sie halten konnte; aber war Er nicht der
-festeste Stab, der treuste Helfer in Noth und in Kummer?
-
-Still und getrost wollte das einsame Kind eben die Kirche verlassen,
-den Gefährtinnen folgend, da fühlte sie eine Hand auf ihrer Schulter,
-und eine sanfte Stimme sprach: »Gott segne dich, mein theures Kind!«
-Agathe wandte sich überrascht um und blickte in das treue Auge ihres
-Lehrers, welcher ihr innig die Hand drückte und dann tief bewegt an
-ihrer Seite blieb. Erst am Ausgange der Kirche trennte er sich von dem
-jungen Mädchen; denn hier wartete dieser ein zweites Herz, das treu und
-liebevoll für sie schlug. Es war die alte Anne Sommer, die Dienerin
-ihrer Mutter, welche Agathe seit ihrer frühesten Jugend gekannt,
-und dem einzigen Kinde ihrer theuren Herrin stets die wärmste Liebe
-bewahrt hatte. Frau Sommer war die Wittwe eines Corporals und eine gar
-wunderliche Alte; groß und kräftig von Gestalt, und doch so grau und
-runzlich wie ein alter verwitterter Ulmenbaum. Aber ihre Gutmüthigkeit
-und ihre frische Laune machten sie zum Liebling aller ihrer Bekannten,
-und trotz ihrer etwas auffallenden Manieren konnte niemand der alten
-Soldatenfrau böse sein. Agathe hing mit unendlicher Zärtlichkeit an
-dieser treuen Seele und ließ sich willig von ihr auf offner Straße
-herzen und küssen.
-
-»Mein Herzchen, mein Vögelchen, meine arme, kleine Blume!« rief die
-Alte ganz hingerissen von Zärtlichkeit und streichelte Agathes bleiche
-Wangen mit ihren großen, rauhen Händen; dann schlang sie wieder ihre
-Arme um des Mädchens feine Gestalt, so daß diese ganz in den Kleidern
-der lebhaften Alten verschwand.
-
-»Ach Anne, könntest du wenigstens mit mir ziehen, wenn ich hier fort
-gehe, dann fürchtete ich mich nicht so sehr,« seufzte Agathe. »Aber so
-allein in die fremde Stadt, zu diesen fremden Verwandten; ach Anne, es
-drückt mir fast das Herz ab!«
-
-»Nur Courage, mein Goldkäferchen, nur immer stramm dem Feinde in's
-Auge gesehen, und Carée formirt, daß er dir nichts anhaben kann!«
-sagte die Alte fest und machte eine Bewegung, als schultre sie das
-Gewehr. »Wir Soldatenkinder fürchten uns vor keinem Popanz, und käme
-er selbst in Gestalt deiner Frau Tante! »Nur nicht ängstlich!« das war
-meines guten Corporals Sprüchwort, und das hat ihm zuletzt denn auch
-den Soldatentod gebracht, der alten braven Seele, Gott segne ihn!«
-»Wer weiß, wer weiß, mein Vögelchen, wie die Sachen kommen!« fuhr sie
-dann nach einer Pause geheimnißvoll fort, und in ihrem Kopfe zog Plan
-auf Plan vorüber, wie sie es wohl bewerkstelligen könnte, ihrem lieben
-Kinde nach Leipzig zu folgen, wohin dieses in wenig Tagen abreiste.
-
-Noch einmal betete Agathe an den Gräbern ihrer theuren Eltern, von
-denen sie mit traurigem Herzen Abschied nahm; noch einmal umarmte sie
-ihre Schulfreundinnen, und vor allem die treue Fanny, und noch einmal
-blickte sie in die treuen Augen ihres geliebten Lehrers, -- dann
-führte der fortrollende Wagen die junge Waise hinaus aus den lieben,
-bekannten Umgebungen, hinaus in die weite, fremde Welt. -- Agathe hatte
-sich weinend in die Ecke des Wagens gedrückt, um sich den Blicken der
-Mitreisenden zu entziehen; da hörte sie ängstlich ihren Namen rufen und
-erkannte in der Morgendämmerung die große Gestalt ihrer treuen Anne,
-welche mit mächtigen Schritten neben dem Wagen herlief, der gemächlich
-über das Steinpflaster polterte.
-
-»Hier, hier, mein Liebling, mein Goldkind!« rief Frau Sommer athemlos
-und warf Agathen ein Päckchen in den Wagen. »Hier nimm das hinein in
-dein Nestchen, mein armer, kleiner Vogel; es sind Pfefferkuchen, die
-du so gern knupperst; die alte Anne hat sie dir gebacken, daß du eine
-kleine Gesellschaft unterwegs hast. Der liebe Gott gehe mit dir, mein
-Herzblatt, mein süßes, armes Kindchen! Sei nicht gar zu traurig, sollst
-sehen, ich bin bald wieder bei dir. Adieu, adieu, mein Herzchen; behüt
-dich Gott, behüt dich Gott!«
-
-Die letzten Sätze rief die treue Seele unter heftigen Schluchzen in
-den Wagen hinein, an dessen Fenster sie sich fest angeklammert hatte,
-und trotz des schnelleren Fahrens trabte sie athemlos noch eine Weile
-nebenher, bis endlich der Kutscher über das alte Weibergewinsel
-schimpfte und die Pferde zu schnellem Trabe anfeuerte. Da nickte
-die Alte ihrem Lieblinge noch einmal zu; die Finger lösten sich vom
-Kutschenschlage, und mit gefalteten Händen blickte Anne Sommer dem
-Wagen nach, ein Gebet für das Wohl der armen Waise auf den Lippen.
-
-
-
-
- Zweites Kapitel.
-
- Die neue Heimath.
-
-
-Es war schon völlig dunkel geworden, als Agathe in Leipzig ankam, dem
-Orte ihrer Bestimmung, und die Fahrt während des ganzen Tages in dem
-engen Wagen war ihr zuletzt so lästig geworden, daß sie sich freute,
-endlich am Ziele zu sein, so bange ihr auch das Herz vor Erwartung
-klopfte. -- Vor einem alten düstern Eckhause in der Hainstraße hielt
-der Wagen, und schläfrig kam der Hausknecht mit der Laterne herbei, dem
-Kutscher zu leuchten, der hier einige Passagiere seines Lohnfuhrwerkes
-abzusetzen hatte. Die engen, finstern Straßen mit den hohen Häusern,
-deren Giebel und Erker weit vorsprangen und dem Himmel noch weniger
-Einblick gewährten, bedrückten Agathes Herz unbeschreiblich. Sie
-schaute in der völlig fremden Umgebung ängstlich um sich; da hörte
-sie plötzlich, wie eine grobe Stimme fragte: »Is Freiln Wiggers mit
-gekommen?«
-
-»Ja ja, hier ist sie!« rief Agathe schnell und hätte den schmutzigen
-Lastträger vor Entzücken um den Hals fallen mögen, daß er unter all'
-den fremden Menschen sich ihrer annehmen wollte. Schnell sprang sie
-aus dem Wagen, und der Kutscher reichte den kleinen Koffer des jungen
-Mädchens herab, welchen der große Packträger wie einen leichten Ball
-auffing.
-
-»Is das alles?« fragte er dabei verwundert, als Agathe sich zum
-Fortgehen anschickte. Auf deren bejahende Antwort blickte der Mann
-ordentlich mitleidig auf den kleinen Koffer, und gab einem Rollwagen,
-der neben ihm stand, einen Tritt, daß er zur Seite fuhr. »Na, der war
-von Ueberfluß!« murmelte er dabei lachend und rief einen Knecht herbei,
-der den Karren bis zu seiner Rückkehr in Verwahrung nahm. Dann schwang
-er den Koffer auf die Schulter, und schritt schnell vor Agathen her,
-Straße auf, Straße ab, bis sie vor einem Hause des Thomaskirchhofes
-Halt machten.
-
-»Gehen Sie nur da 'nauf, liebes Mamsellchen,« sagte er auf die
-erleuchtete Treppe deutend. »Se kennen nich fehlen, die erste Thür
-rechts is es! Ich muß mit dem Kofferchen die Hintertreppe rauf, sonst
-giebts e Donnerwetter da oben!«
-
-Er schob grüßend die Mütze zur Seite und verschwand im dunkeln Hofraum;
-Agathe aber stand bald vor der bezeichneten Thür, an welcher der Name
-Niedrer in goldner Schrift zu lesen war. Ach diese Thür allein trennte
-sie ja jetzt von der neuen Heimath! Was mochte alles hinter derselben
-auf sie warten; wie mochten diejenigen ihr entgegen treten, die ihr
-nun Vater und Mutter ersetzen sollten! Noch einmal wandte sie ihr Auge
-zu dem empor, der ihr Muth und Hoffnung gegeben, wenn sie verzagen
-wollte, und getrost streckte sie ihre Hand nach dem verhängnißvollen
-Klingelzuge aus.
-
-Eine nette, freundliche Dienerin öffnete die Thür, und Agathe trat in
-den Vorflur. Auf ihre Frage nach Onkel und Tante sagte das Mädchen
-verlegen, der Herr sei verreist, und Madame eben im Begriff, in
-Gesellschaft zu gehen; sie wolle das Fräulein aber anmelden. Agathe
-ging es wie ein Frost durch die Glieder; das war ein sonderbarer
-Empfang. Sie hatte sich so unsäglich danach gesehnt, diesen Verwandten
-an das Herz zu sinken, diesen guten Menschen, die sich der armen Waise
-erbarmten; aber konnte sie das nun? Mit klopfendem Herzen folgte sie
-endlich der zurückkehrenden Dienerin, welche sie in ein elegantes
-Zimmer führte, mit der Weisung, sich etwas zu gedulden, Madame werde
-gleich kommen.
-
-Agathe harrte bangen Herzens; die Erwartung wollte ihr den Athem fast
-rauben. Endlich ging die Thür auf, und eine große, stattliche Dame
-in eleganter Toilette trat rauschend in das Zimmer. Sie blieb einen
-Augenblick stehen, dann streckte sie dem jungen Mädchen ihre mit vielen
-Ringen bedeckte Hand hin und sagte mit etwas schleppendem, affectirten
-Tone: »So, bist du da? Guten Tag, liebe.... Wie heißt du doch?«
-
-»Agathe, liebe Tante!« flüsterte diese ängstlich und kam zaghaft
-herbei, der Dame die dargebotene Hand zu küssen. Doch noch hatte sie
-sich der Tante nicht ganz genähert, als sich plötzlich ein wüthendes
-Hundegebell erhob, und ein kleiner Bologneserhund zähnefletschend auf
-Agathe losfuhr. Erschrocken sprang diese einige Schritte zurück; die
-Tante aber lachte laut auf und hob den kleinen Hund auf den Arm, indem
-sie ihn herzte und küßte.
-
-»Du spaßhafter, kleiner Bursche, willst wohl nicht leiden, daß man
-deiner Herrin die Hand küßt?« rief sie, den Hund von Neuem liebkosend.
-»Denkst, du hast allein das Recht dazu, mein kleiner Liebling? Soll
-dich wohl wieder gut machen für den Kummer, den ich dir verursacht,
-nicht wahr, kleines Bellochen? Nun so komm, weißt ja, wo's was Gutes
-für dich giebt, du Schelm!«
-
-Dabei ging sie nach einem Glasschranke, und holte eine Hand voll
-des schönsten Confectes heraus, das sie dem Hunde darbot. Dieser
-beschnupperte es, wählte sich einige Stücke davon aus, und ließ
-sich dann beruhigt nach einem zierlichen Korbe tragen, in welchem
-von rothseidenen Betten sein Lager bereitet war, über das sich ein
-ebensolcher Baldachin wölbte.
-
-Agathe hatte all' dem staunend und mit weit geöffneten Augen
-zugeschaut; sie glaubte zu träumen. Die Tante jedoch unterbrach ihre
-Reflexionen, indem sie sich jetzt wieder zu ihr wandte und sagte: »Du
-siehst, ich habe den kleinen Kerl etwas verwöhnt; aber er ist mir so
-lieb, daß ich ihm nichts verweigern kann. Ich hoffe, ihr werdet auch
-gute Freunde werden; denn ich will ja meinen kleinen Liebling deiner
-speciellen Sorge anvertrauen. Meine alte Cousine, die ihn bis jetzt
-versorgte, versteht ihn nicht richtig zu behandeln; deshalb ist es mir
-ganz lieb, daß du zu uns kommst! Aber jetzt muß ich fort, liebes Kind,«
-schloß die Dame, einen prachtvoll türkischen Shawl um die Schultern
-schlingend; »laß dir in der Leutestube etwas zu essen geben, wenn du
-Hunger hast!«
-
-Dabei ging sie mit affectirt vornehmer und majestätischer Haltung an
-Agathen vorüber, und nickte ihr einen leichten Gruß zu; dann war sie
-fort. Agathe stand lange wie gelähmt noch immer an derselben Stelle
-und blickte der Tante mit starren, verwunderten Augen nach. Sie also
-war es, die ihr die Mutter ersetzen sollte! Wieder lief es dem jungen
-Mädchen wie Eis durch die Adern, und voll Schrecken überdachte sie
-die Worte, welche sie gehört hatte. Unfreundlich war die Tante nicht
-gewesen, das mußte sich Agathe gestehen; aber doch hatte sie ihr nicht
-ein Wort gesagt, das sie freundlich im Hause willkommen geheißen, nicht
-eines, das ihr warm zum Herzen gesprochen hätte. »Ich will meinen
-kleinen Liebling deiner Sorge anvertrauen; deshalb ist es mir ganz
-lieb, daß du zu uns kommst!« Das war eigentlich der Inhalt der Rede,
-die sie begrüßt hatte. »Also Hundewärterin!« sprach Agathe leise vor
-sich hin und blickte nach der Wiege des Schooshundes. »Deshalb bin ich
-hier willkommen, nur deshalb!« -- »Aber nein, ich thue der Tante gewiß
-Unrecht,« dachte sie dann wieder; »ich bin so reizbar, so empfindlich,
-hatte einen so anderen Empfang erwartet! Es wird gewiß anders, wenn
-ich erst hier bekannt bin. Die Tante ist gewiß gut, sonst wäre sie
-zu dem Hunde auch nicht freundlich.« Lange stand das junge Mädchen
-und überdachte in dieser Weise alles, was sie gehört und gesehen; da
-endlich öffnete sich die Thür, und ein altes, gutes Gesicht blickte
-herein.
-
-»Willst du nicht etwas Warmes genießen, liebes Kind?« sprach
-eine sanfte Stimme, und Agathe sah nun eine kleine, verwachsene
-Frauengestalt neben sich, deren unregelmäßiges, altes Gesicht mit
-gewinnender Freundlichkeit zu dem jungen Mädchen aufblickte.
-
-»Ich bin die Cousine, liebes Kind!« sprach sie zutraulich, Agathes
-fragende Blicke verstehend. »Ich besorge das Hauswesen und habe dir
-etwas Warmbier zurecht gemacht. Ich denke, es soll dir gut thun. Willst
-du mit mir kommen?«
-
-Agathe folgte ihrer gutherzigen Führerin nach einem kleinen Zimmer,
-das neben der Küche lag, und das ganz hübsch und behaglich aussah, so
-einfach auch die Einrichtung desselben war. Ein kleiner, gedeckter
-Tisch stand am Fenster, und bald füllte der Duft des würzigen Warmbiers
-die Stube und erregte in Agathen lebhafte Eßlust, denn sie hatte den
-Tag über wenig genossen. Die Cousine leistete ihr Gesellschaft, und
-gemüthlich saßen sie in traulichem Geplauder beisammen. Agathe war
-glücklich, ein Wesen hier zu finden, das ihr Theilnahme bewies, und
-gegen das sie sich aussprechen konnte.
-
-»Ja, es ist ein wunderliches Haus, in das du hier eintrittst, liebes
-Kind!« sagte die Cousine seufzend, nachdem Agathe ihre Verwunderung
-über den sonderbaren Empfang ausgesprochen hatte; »du wirst dich noch
-über vieles verwundern.«
-
-»Aber der Onkel, liebe Cousine, wie ist denn der?« sprach das junge
-Mädchen gespannt.
-
-»Mein Vetter! Hm, der möchte freilich wohl manches anders haben!«
-erwiederte die Kleine; »aber was kann das helfen! Er ist ein guter,
-lieber Mann; aber seine Schwäche erlaubt ihm nicht, der Frau zu wehren,
-wenn sie launisch und böse ist, und so bleibt es beim Alten. Sie
-regiert, er gehorcht, das ist das Ende von allen Dingen.«
-
-»Wo ist er denn? Ich hatte gehofft, ihn sogleich kennen zu lernen!«
-seufzte Agathe.
-
-»Mein Vetter freute sich auch darauf; aber die Cousine brauchte
-allerlei für das Geschäft; da mußte er fort, er mochte wollen oder
-nicht!« sagte Jene. »Aber morgen früh kommt er zurück.«
-
-»Für das Geschäft? Was denn für ein Geschäft?« entgegnete Agathe. »Ich
-glaubte, der Onkel sei Buchhalter des Hauses F. und habe selbst kein
-Geschäft?«
-
-»Er nicht, aber sie!« sagte die Cousine. »Es ist ein Putzgeschäft,
-das Madame als Mädchen schon gehabt hat, und da es ihr selbst keine
-Mühe macht, aber Geld einbringt, so setzt sie es fort: denn Geld
-braucht sie zu ihrem Staate mehr, als er ihr geben kann. Unter den
-Nätherinnen wirst du nun wohl auch dein Plätzchen bekommen, liebe
-Agathe; Madame hat schon davon gesprochen.« »Ich soll Putzmacherin
-werden?« rief Agathe auffahrend, und helle Gluth bedeckte ihr bleiches
-Gesicht. »Wenigstens weiß ich es nicht anders!« entgegnete die Cousine
-achselzuckend.
-
-Agathen entsank der Bissen Brod, den sie zum Munde führte, und Thränen
-stürzten aus ihren Augen. »O meine schönen Träume!« rief sie traurig
-und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Die gute Alte blickte
-mitleidig auf das junge Mädchen und seufzte leise, dann aber suchte
-sie ihr Muth und Trost zuzusprechen. Sie irre sich vielleicht; die
-Tante habe es vielleicht ganz anders im Sinne, als sie sich denke,
-und am Ende könne es einem jungen Mädchen ja nicht schaden, wenn sie
-etwas Putzmachen lerne; es sei eine gar gute und nützliche Zugabe
-für's Leben. Agathe war gern bereit, Trostgründen Gehör zu leihen,
-auch konnte sie den vernünftigen Worten ihrer Gefährtin nicht so ganz
-Unrecht geben. Sie sprachen noch eine lange Zeit mit einander; endlich
-aber fielen Agathen die Augen vor Müdigkeit zu, und die Cousine führte
-sie in ein Nebenzimmerchen, in welchem außer wenigen Meubel zwei Betten
-standen.
-
-»Wir schlafen hier zusammen, liebes Kind,« sagte die gute Alte
-freundlich; dann half sie dem jungen Mädchen beim Auskleiden, und trotz
-der vielen Gedanken, welche auf Agathe einstürmten, schloß der Schlaf
-dennoch bald ihr müdes Auge, und führte sie zurück in den lieben,
-schönen Kreis, den sie verlassen. --
-
-
-
-
- Drittes Kapitel.
-
- Erster Morgen.
-
-
-Als Agathe am folgenden Morgen erwachte, konnte sie sich lange Zeit
-gar nicht besinnen, wo sie denn sei und was mit ihr vorgegangen. Das
-freundliche Gesicht der alten Cousine, das zur Thür herein schaute,
-rief ihr jedoch sogleich alles Erlebte zurück, und schnell erhob sie
-sich, um sich anzukleiden.
-
-»Der Onkel ist soeben zurück gekommen,« sagte die Cousine. »Er erwartet
-dich vorn im Zimmer; eile dich, liebes Kind!«
-
-Agathe kleidete sich so schnell als möglich an, und bald hatte sie ihre
-Toilette beendet. Sie trug noch Trauerkleider; denn ihre Mutter war
-erst kürzlich gestorben.
-
-In dem kleinen Zimmer nebenan, dessen Thür Agathe zögernd öffnete, kam
-ihr der Onkel, ein kleiner, starker Mann, mit ausgebreiteten Armen
-entgegen.
-
-»Sei mir willkommen, mein liebes Kind!« sagte er sanft und zog das
-junge Mädchen in seine Arme. Agathe schmiegte sich bewegt und glücklich
-an die Brust des lieben Mannes, den sie zwar noch nie gesehen, aber
-der sie so herzlich begrüßte, als sie nur hoffen und wünschen konnte.
-Nun stellte dieser das junge Mädchen vor sich hin und betrachtete sie
-prüfend von oben bis unten.
-
-»Ganz wie meine liebe, gute Schwester, als sie so jung war!« rief er
-dann bewegt und streichelte Agathes Wange. Ganz ihre lieben, blauen
-Augen und das weiche, braune Haar! »Sei nur auch so fromm und brav, als
-sie es war, mein Kind, so wird es dir gut gehen.« Das junge Mädchen
-küßte die Hand das Onkels, dieser aber sagte etwas hastig: »Jetzt komm
-aber zu meiner Frau, sie erwartet dich, und -- und wenn sie vielleicht
-manchmal etwas streng gegen dich ist, so denke immer, sie meint es gut
-mit dir, und verliere den Muth nicht; es wird alles schon ganz gut
-werden.« Agathe folgte dem Onkel und fand in dem Zimmer, in welchem die
-Tante sie gestern empfangen, einen reich besetzten Frühstückstisch, an
-dem Madame in Gesellschaft ihres Hundes das Frühstück einnahm.
-
-Agathes freundlichen Morgengruß erwiederte sie mit leichtem Kopfnicken;
-dann aber wandte sie sich zu ihrem Gatten und sagte verdrießlich:
-»Du läßt mich lange warten, Albert! Ich dächte, Agathe konnte zu dir
-kommen, statt daß du sie aufsuchtest!«
-
-»Nein, liebe Marie, ich hatte sie gestern bei ihrer Ankunft nicht
-begrüßen können, darum ging ich gleich jetzt zu ihr,« sagte Herr
-Niedrer sanft. »Uebrigens brauchtest du ja nicht mit dem Frühstück auf
-uns zu warten.«
-
-»Das habe ich auch nicht! Aber du weißt, daß ich Bellochen die Milch
-nicht gern selbst gebe, das ist deine Sache!« sagte Madame ärgerlich.
-»Das arme, kleine Thier stirbt fast vor Hunger.«
-
-Der gehorsame Gatte ergriff schnell die zierliche Schale mit Milch,
-blies, daß sie sich abkühlte, und neigte sich dann zu dem Hunde herab,
-der knurrend den Morgentrunk zu sich nahm. Den Kuchen, aus welchem
-ferner das Frühstück des Kleinen bestand, reichte ihm die Hand seiner
-Herrin. Bellochen beliebte es jedoch, von demselben nur die oberste
-Zuckerdecke abzulecken; den darunter liegenden Kuchenteig stieß er
-knurrend mit der Schnauze von sich, und Madame griff schnell nach einem
-andern Stück Kuchen, das der liebe Hund dann abermals in gleicher Weise
-beknabberte. Darauf streckte sich das Thier gähnend und mit der Zunge
-die Schnauze beleckend und legte sich endlich mit geschlossenen Augen
-auf dem Sopha zurecht, an der Seite Madames.
-
-Agathe hatte belustigt zusehen; aber sie wußte nicht, ob sie es wagen
-durfte, sich an den Tisch zu setzen, da die Tante gar keine Notiz von
-ihr nahm. Sie zupfte ängstlich an ihrem Taschentuche, strich sich den
-kleinen Kragen glatt und trat verlegen von einem Fuße auf den andern.
-
-»Aber so komm doch näher, du schüchternes Kind, und frühstücke mit
-uns!« rief jetzt der Onkel, der ihre Verlegenheit bemerkte, und schob
-einen Stuhl herbei, auf dessen äußerster Ecke Agathe schüchtern Platz
-nahm.
-
-»Ich dächte, sie könnte sich den Stuhl wohl selbst holen; junge Mädchen
-müssen sich nicht bedienen lassen!« sagte Madame scharf. Ein peinliches
-Schweigen entstand, das nur durch das Geklapper von Tassen und Löffeln
-unterbrochen wurde, und Agathen stand der Angstschweiß auf der Stirn.
-Sie dachte mit Sehnsucht an die frohe Frühstücksstunde in der Pension,
-wo sie zwar nur Milch und trocknes Weißbrod erhielten; aber wie viel
-tausend Mal besser hatte ihr dies geschmeckt, als hier in diesem
-eleganten Zimmer der süße Kaffee und das leckere Gebäck, welches der
-Onkel ihr reichlich zuertheilte. Die Tante kümmerte sich um nichts, als
-um ihren Hund, der etwas verstimmt schien, denn er fing an zu knurren
-und sich unruhig hin und her zu werfen. Wahrscheinlich litt er an
-Verdauungsbeschwerden.
-
-»Wie sehr Agathe meiner Schwester gleicht, Marie!« sagte der Onkel
-endlich, die Stille unterbrechend. -- »Ich glaubte, deine Schwester sei
-schön gewesen,« erwiederte Frau Marie gleichgültig.
-
-»Ja, das war sie auch, und Agathe hat ganz diese hellblauen Augen. Sie
-wird ihr gewiß noch viel ähnlicher werden, wenn sie älter ist,« sagte
-der Onkel.
-
-»So? Nun meinetwegen; aber so lange sie dieses blasse Gesicht hat, ist
-von Schönheit keine Rede,« entgegnete die Tante und streckte sich auf
-dem Sopha. »Aber laß mich jetzt in Ruhe; ich bin wieder so furchtbar
-angegriffen.«
-
-»Ach leiden Sie auch an den Nerven, wie meine Mama?« wagte jetzt Agathe
-zu sagen. »Sie sehen so wohl aus; ich hätte es nicht gedacht!«
-
-Das war ein schlimmes Wort, das schlimmste fast, was sie hätte sagen
-können! Es berührte den unangenehmsten Punkt in den Empfindungen
-Madames; denn niemand durfte daran zweifeln, daß sie schwach und
-leidend sei, obwohl sie nur aus Bequemlichkeit und Ziererei die Kranke
-spielte.
-
-Unwillig blickte sie deshalb Agathe bei diesen Worten an, und das
-helle, blaue Auge erhielt etwas so Stechendes, daß Agathes Herz
-erzitterte.
-
-»Denkst du etwa, ich verstelle mich?« rief sie, dunkelroth vor Aerger.
-»Das sind oft gerade die schlimmsten Uebel, bei denen man wohl und
-blühend aussieht!« -- »Aber,« fuhr sie dann streng fort, »jetzt mein
-Kind, steh' auf, und mache dich nützlich! Hier, übernimm gleich zuerst
-dein tägliches Geschäft, meinen kleinen Bello zu waschen und ihm dann
-die Locken zu kämmen. Aber daß du ihm ja nicht weh thust, wie die
-Cousine, die immer so furchtbar unzart mit dem armen Thierchen umgeht!«
-
-Agathe war sehr erschrocken über den Verweis, den sie erhalten, und
-verschluckte nur mit Mühe die Thränen. Schnell stand sie vom Stuhle
-auf und näherte sich dem Hunde, um ihn auf den Arm zu nehmen. Aber
-knurrend fletschte ihr dieser die Zähne entgegen und drohte zu beißen.
-Das brachte der Tante ihre gute Laune zurück; lachend gab sie Agathen
-ein Stück Zucker und sagte: »Du mußt dir erst seine Gunst erwerben. Da,
-gieb ihm das, dann wird er nicht beißen.«
-
-Agathe that, wie ihr geboten, und wirklich ließ sich der verzogene,
-kleine Hund jetzt ruhig auf den Arm nehmen.
-
-»Geh' nur zur Cousine, die wird dir zeigen, was du zu thun hast; aber
-eile dich, es wartet noch andere Arbeit!« rief die Tante, und Agathe
-war froh, auf diese Weise wenigstens wieder zum Zimmer hinaus zu
-kommen; ihr Schutzgeist, der Onkel, war schon vor ihr fortgegangen,
-seinen Geschäften nach, die ihn bis Mittag vom Hause fern hielten.
-
-Aber welch' böse Arbeit war diese Hundetoilette! Mit warmem Wasser
-und feiner Seife wurden die langen Haare des Thieres erst wieder und
-wieder gebadet, dann säuberlich abgerieben und endlich mit Kamm und
-Bürste gekämmt und geglättet, als wären es die Locken eines kleinen
-Kindes. Aber Bello betrug sich bei seiner Toilette viel schlimmer, als
-das unartigste Kind; denn er zappelte und bellte und biß um sich, da
-ihm Agathe eine fremde Wärterin war, so daß diese ohne die Hülfe der
-Cousine nimmermehr damit zu Stande gekommen wäre. In Schweiß gebadet,
-mit verschobenen Kleidern und zerkratzten Händen trug sie das kleine
-Ungethüm endlich zu seiner Herrin zurück, welche noch immer behaglich
-auf dem Sopha ruhte, und in die Lectüre eines Romanes vertieft war.
-
-»Hier, gieb dem Thierchen sein zweites Frühstück!« rief nun Madame,
-Agathen Semmel, Butter und feine Wurst hinschiebend. Das junge Mädchen
-schnitt ein zierliches Brödchen ab, bestrich es mit Butter und legte
-eine Wurstscheibe darauf.
-
-»Mein Gott, schmiere doch nicht so mager!« rief Madame entrüstet,
-»und ich glaube gar, du verlangst, daß Bellochen die Schale mitessen
-soll!« -- Still lächend verbesserte Agathe die Fehler und hielt dem
-Hunde das Frühstück hin. Das Thier knurrte verdrießlich, fraß erst die
-Wurstscheibe vom Brode, dann leckte er die Butter ab; mehr aber mochte
-er nicht, er war entschieden nicht bei Laune. »Das arme, kleine Thier!«
-rief Madame ängstlich; »wenn er nur nicht krank wird! Lege ihm sein
-Bettchen glatt, er wird schlafen wollen.«
-
-Als Agathe den Hund auf sein Lager möglichst sanft gebettet hatte,
-sagte die Tante, sich vom Sopha erhebend: »Nun komm mit mir; ich will
-dir zeigen, was du weiter thun sollst, denn ein junges Mädchen muß
-immer fleißig sein, und wer essen will, muß auch arbeiten.«
-
-Sie ging schnell voraus, durchschritt ein Nebenzimmer und öffnete
-endlich die Thür eines großen Gemaches, in dem eine Anzahl junger
-Mädchen eifrig bei der Arbeit saßen. Vor ihnen auf großen Tischen lag
-eine Menge Draht, Stroh, Seidenzeug, Band und Blumen, sowie angefangene
-Hüte und Hauben, und lustig flogen die Finger mit der Nadel durch die
-Arbeit. Als Madame Niedrer eintrat, erhoben sich die jungen Mädchen
-grüßend und setzten um so eifriger ihre Näherei fort.
-
-»Hier bringe ich Ihnen eine neue Schülerin, Fräulein Schneider,« sagte
-Madame und wandte sich zu einer etwas ältlichen Dame, welche den jungen
-Mädchen zur Seite auf einem erhöhten Stuhle saß.
-
-»Meine Nichte Agathe wird jetzt hier mit arbeiten; haben Sie die Güte,
-sie anzuleiten. Komm Agathe,« sprach sie dann zu dem zaghaft um sich
-blickenden Mädchen, »hier ist Fräulein Schneider, die Directrice des
-Geschäfts. Sie wird dir zeigen, was du zu thun hast; gieb dir ja rechte
-Mühe, etwas zu lernen.«
-
-Nach diesen Worten wandte sie sich zu den jungen Näherinnen und
-betrachtete deren Arbeit. Mit einigen war sie zufrieden, an vielen aber
-hatte sie etwas zu tadeln, und besonders lange sprach sie mit Fräulein
-Schneider über die Garnirung der Hüte, welche sie anders wünschte.
-Agathe bewunderte im Stillen, wie gut die Tante mit all' diesen
-Sachen Bescheid wußte, und besonders, wie schön und geschmackvoll die
-Anordnungen waren, welche sie für die Zusammenstellungen der einzelnen
-Theile gab. Aber der Ton, in welchen sie mit den Damen redete, war
-nicht angenehm. Kurz und bestimmt gab sie ihre Befehle, zwar nicht
-unfreundlich, aber kalt und scharf, wie Nordwind. Alles athmete auf,
-als sie sich endlich wieder entfernte. Die jungen Mädchen blickten
-sich bedeutungsvoll an und zischelten lachend unter einander, und auch
-Fräulein Schneider schaute froher d'rein, als vorher. Sie bat Agathe,
-neben ihr Platz zu nehmen und gab ihr eine leichte Arbeit in die Hand.
-
-»Haben Sie schon etwas Putzmachen gelernt, Fräulein?« sagte sie dabei
-freundlich.
-
-»Nein, niemals,« entgegnete Agathe. »Ich komme eben aus der Pension und
-da hatten wir zu Handarbeiten wenig Zeit.«
-
-»Ist es Ihr Wunsch, das Putzmachen zu lernen?« fragte die gute Dame
-theilnehmend weiter.
-
-»Ach nein, mein Wunsch ist es bis jetzt nie gewesen,« sagte Agathe
-unbefangen. »Ich wollte ja so gern Erzieherin werden.«
-
-»Erzieherin?« rief Fräulein Schneider verwundert. »Welche sonderbare
-Idee! Da muß man ja so viel lernen! Nein, liebes Kind, werden Sie
-lieber Putzmacherin; das ist eine leichte, angenehme Beschäftigung, so
-recht etwas für uns Damen, und wer sein Fach gut versteht, der findet
-immer sein Brod dabei. Das sehen Sie am Besten an Madame Niedrer,
-unserer Frau Principalin. Sie hat sich als Mädchen schon damit ihren
-guten Unterhalt verdient, und jetzt ist es ihr immer noch eine schöne
-Erwerbsquelle, denn sie hat gar vornehme Kundschaft. Aber freilich,
-einen bessern Geschmack, als Madame, hat auch niemand unter den
-Modisten in ganz Leipzig; das muß man sagen! Obwohl sie jetzt nicht
-mehr selbst arbeitet, so versteht sie die Sachen doch besser, als
-wir Alle, und ehe sie nicht gesehen hat, wie ein Hut oder eine Haube
-garnirt ist, schicke ich nichts nach dem Verkaufszimmer. -- Da sehen
-Sie z. B. diese Capotte!« fuhr die gesprächige Dame lebhaft fort und
-hob einen violetten Sammthut empor. »Ich wollte sie mit grünen Blättern
-und weißen Knospen garniren; es sah recht hübsch aus. Aber Madame warf
-nur =einen= Blick darauf, und da sah ich wohl, wie wenig ihr mein
-Arrangement gefiel. Und ich muß ihr Recht geben; denn kann man wohl
-etwas Geschmackvolleres finden, als diese dunklen Stiefmütterchen mit
-dem feinen goldnen Rande, welche sie statt der Blätter und Knospen
-wählte? Der Hut ist dadurch so fein, so vornehm geworden, daß ihn
-eine Prinzessin aufsetzen könnte, ohne sich der Arbeit zu schämen.
-Nun wer weiß, was kommt. Es wäre nicht das erste Mal, daß der Hof
-uns mit seinen Aufträgen beehrte; denn in Dresden hat man gar keinen
-Geschmack. Leipzig ist klein Paris, und Madame Niedrer's Geschäft kann
-es mit jedem Pariser Modistenladen aufnehmen; das weiß ich so sicher,
-als ich schon seit 10 Jahren hier auf diesem Stuhle sitze!« Sie sprach
-dies alles mit einem unaussprechlichem Stolze und Selbstbewußtsein,
-und ihre kleine Gestalt wuchs ordentlich auf dem hohen Stuhle. Agathe
-aber blickte mit stillem Entsetzen zu der gesprächigen Dame auf, denn
-der Gedanke, zehn Jahre hindurch hier zu sitzen, Tag für Tag, Sommer
-und Winter, von Morgens früh bis Abends spät, erregte ihr förmlich ein
-Grauen.
-
-»Zehn Jahre? Das ist ja schrecklich! Ist Ihnen das Putzmachen denn da
-nicht unerträglich geworden?« rief sie unwillkürlich und seufzte tief
-auf.
-
-Die jungen Mädchen stießen sich mit dem Ellbogen gegenseitig an und
-lachten heimlich; Fräulein Schneider aber sah mit strengen Blicken von
-ihrem Throne herab und rief: »Lassen Sie das alberne Lachen, meine
-jungen Damen. Fräulein Agathe wird bald selbst finden, wie angenehm
-unsere Arbeit ist, sobald sie sich näher damit befreundet.«
-
-Agathe dachte im Herzen, zu dieser Ueberzeugung werde sie wohl nie
-kommen; denn wenn weibliche Arbeiten ihr auch nie unangenehm gewesen
-waren, so sah sie es doch als ein großes Mißgeschick an, sich nur mit
-der Nadel, nie aber mit Lesen, Schreiben und Zeichnen beschäftigen zu
-können. Aber sie behielt ihre Gedanken für sich und arbeitete ruhig
-weiter.
-
-Die jungen Mädchen durften nicht viel sprechen, weil sie dies von ihrer
-Arbeit abzog, und da jetzt auch Fräulein Schneider schwieg, hörte man
-nichts, als das Rascheln des Seidenzeuges und das Pfeifen der vielen
-Fäden, welche mit der Nadel durch die Arbeit fuhren. So verging Stunde
-um Stunde. Nur einmal, als die Glocke elf schlug, entsank die Nadel
-den Händen. Jedes der jungen Mädchen zog eine trockene Semmel aus
-der Tasche, und ein allgemeines frugales Frühstück, bei dem ein Glas
-Wasser das Getränk abgab, unterbrach den rastlosen Eifer. In dieser
-Arbeitspause durften sich auch die Zungen rühren, und nun schwatzte und
-lachte und zischelte es durcheinander, daß es eine Lust war. Agathe
-arbeitete still weiter, denn sie hatte kein Frühstück, und sie war
-während ihrer stillen Arbeit, bei der sie ungestört denken konnte, so
-traurig geworden, daß sie auch gar keine Lust zum Essen hatte.
-
-Aber da öffnete sich die Thür, und die alte Cousine kam freundlich
-grüßend herein.
-
-»Ich bringe dir das Frühstück, liebe Agathe,« sagte sie, dem jungen
-Mädchen eine Semmel reichend. »Verzeih', daß ich sie dir trocken gebe;
-aber fette Speisen dürfen nicht hier in das Arbeitszimmer kommen; es
-würde gar zu leicht etwas dadurch verdorben.«
-
-»O, ich kenne es nicht anders; in der Pension gab es auch keine
-Butter,« entgegnete Agathe und griff dankend nach dem Weißbrod.
-Unwillkürlich schweiften ihre Gedanken hin nach der lieben Pension, in
-der jetzt auch gerade Freistunde war und Semmeln verzehrt wurden. O,
-könnte sie dort sein, nur eine Viertelstunde, dort unter den lieben,
-fröhlichen Freundinnen; könnte sie, wie sonst, von ihren Stunden, ihren
-Arbeiten, ihren Lehrern mit ihnen plaudern, ein paar Mal durch den
-Garten laufen, um frische Luft zu schöpfen; es war so eng, so schwül,
-so drückend hier in dem Arbeitszimmer! Aber was half das alles; sie saß
-hier, und mußte hier bleiben. Die Frühstückszeit war jetzt vorüber, und
-eifrig ging es nun wieder an die Arbeit. Bald fuhren wieder die Nadeln
-wie Blitze durch die Luft, und Schweigen breitete sich wie vorher über
-die fleißigen Arbeiterinnen. Zwei Stunden vergingen noch so; aber als
-es ein Uhr schlug, erhob sich Fräulein Schneider, legte die Arbeit
-fort, verneigte sich und verschwand. Dies war das Lösungszeichen für
-die junge Schaar. Die Arbeit flog zur Seite, und nicht fünf Minuten
-vergingen, so war das Zimmer leer, und Agathe blieb allein zurück. Aber
-auch sie warf jetzt schnell die Arbeit aus der Hand und seufzte tief
-auf; denn noch nie in ihrem Leben hatte sie so viele Stunden hinter
-einander genäht. Der Kopf war ihr ganz dumm davon geworden; er hatte
-so gar keinen Theil an der Arbeit der Hände nehmen können. Die Finger
-thaten ihr weh, der Rücken schmerzte, und sie war so müde, als hätte
-sie drei Tage hinter einander genäht. »Lieber zwölf Stunden schreiben
-und lesen, als zwei hinter einander nähen!« seufzte sie und blickte
-zum Fenster hinaus, wo sie einige der jungen Mädchen eilig die Straße
-hinauf trippeln sah.
-
-»O, die sind doch frei und können fort aus diesem Hause!« dachte Agathe
-sehnsüchtig. »Aber ich, ich bin hier fest gebannt, kann nicht fort, muß
-Hunde warten, Hüte nähen und mich schelten lassen; -- o mein Gott, mein
-Gott, ich bin doch zu unglücklich!«
-
-Sie drückte das Gesicht in beide Hände und weinte bitterlich. Die
-Thränen erleichterten ihr Herz, und bald kamen ruhigere Gedanken.
-»Könnte es nicht noch viel schlimmer sein, du thörichtes Kind?« tönte
-es in ihrer Brust. »Was bist du denn, daß du so große Ansprüche machen
-kannst? Die Tante ist nicht zärtlich, aber doch auch nicht gerade
-unfreundlich gegen dich. Du hast ihren Hund zu besorgen; das ist nicht
-sehr angenehm, aber doch auch kein großer Kummer, und daß du wie diese
-anderen jungen Mädchen viele Stunden bei der Näharbeit sitzen mußt,
-geschieht ja, damit du etwas lernst. Das ist doch eigentlich sehr
-vernünftig von der Tante gehandelt; denn sie will dir die Mittel geben,
-dir später selbst fortzuhelfen. Du wünschtest dies freilich in einer
-andern Weise zu thun, aber das kostet wieder Geld; denn zum Lernen
-braucht man Unterricht, und wer soll den bezahlen?«
-
-Solche Gedanken kamen der guten Agathe noch gar viele; aber so sehr
-sie sich auch bestrebte, ihr Geschick ruhig hinzunehmen, es wollte und
-wollte nicht gehen! »O wenn ich nur lernen dürfte, um Erzieherin werden
-zu können, dann wollte ich alles, alles ertragen!« das war immer wieder
-der Schluß aller ihrer Gedanken und Betrachtungen.
-
-Endlich wurde sie von der Cousine zum Mittagessen gerufen, und ihr
-trauriges Gesichtchen in ein möglichst heiteres verwandelnd, verließ
-sie mit der guten Führerin das Arbeitszimmer.
-
-
-
-
- Viertes Kapitel.
-
- Schooßhund und Zughüte.
-
-
-Die Tante hatte bestimmt, daß Agathe mit der Cousine zusammen das
-Mittagbrod einnahm; sie selbst aß später, denn Herr Niedrer kam erst um
-drei Uhr aus dem Comptoir nach Haus. Um diese Zeit aber sollte Agathe
-schon wieder mit den Arbeiterinnen fleißig sein, deren Arbeitsstunden
-von Morgens neun bis Mittag ein Uhr währten, dann Nachmittag von zwei
-bis sieben Uhr. Agathe freute sich, daß sie mit der guten Cousine so
-traulich allein an dem kleinen Eßtisch im Fenster, wo sie gleich am
-ersten Abend mit ihr gesessen, ihr Mittagbrod verzehren konnte; leider
-aber war die freie Stunde bald vorüber, und Schlag zwei Uhr mußte sie
-wieder in das Arbeitszimmer. Da fing der Fleiß wie des Morgens von
-Neuem an und dauerte ohne bedeutende Unterbrechung bis sieben Uhr.
-Fröhlich packte die junge Gesellschaft dann alles zusammen; lachend
-und scherzend ging es zum Hause hinaus, und Agathe war wieder allein,
-beneidete wieder die forteilenden Mädchen, welche doch jetzt am Abend
-wenigstens frei waren und ihrem Familienkreise zueilen konnten. =Sie=
-hatte ja keine Eltern, keine Geschwister, die sie freudig erwarteten;
-ungeliebt und unbeachtet stand sie allein in der Welt; niemand sehnte
-sich nach ihr, niemand bedurfte ihrer, niemand fragte nach ihrem Wohl
-und nach ihrem Weh! O es war zu traurig, zu niederdrückend. Die trüben
-Gedanken kamen wieder über sie, stärker und banger als je; denn die
-langanhaltende, ungewohnte Arbeit war ihr unerträglich und hatte ihr
-allen Muth und alle Hoffnung genommen. Mit Grauen dachte sie daran, daß
-es so einen Tag wie den andern fortgehen sollte. Sie blickte in ihre
-Zukunft wie in einen dunklen, erschreckenden Nebel, der sie einhüllen
-und alle Hoffnungen ersticken würde.
-
-»Aber meine freie Zeit soll wenigstens meinen armen lieben Büchern
-gehören!« rief sie endlich froh auffahrend und eilte nach ihrer Kammer.
-Die gute Cousine hatte ihre wenigen Sachen nett und sauber in Schrank
-und Komode geordnet, und mit wahrem Jubel griff Agathe nach einem Werke
-Schillers, ihres Lieblingsdichters, dessen Schriften sie noch von ihrer
-Mutter zum letzten Geburtstage erhalten hatte. Sie verlor sich schon
-nach kurzer Zeit so sehr in die wundervolle Sprache des Trauerspiels:
-»Die Jungfrau von Orleans,« in welches sie sich vertiefte, daß sie
-den Eintritt der Tante gar nicht bemerkte, welche plötzlich neben ihr
-stand. Agathe fuhr empor, als hätte sie ein Unrecht begangen und legte
-das Buch schnell zur Seite. »Befehlen Sie etwas, liebe Tante?« fragte
-sie hastig.
-
-»Ich wollte wissen, was du treibst,« sagte diese kalt. »Du hast den
-ganzen Tag gesessen; es ist nöthig, daß du dir jetzt einige Bewegung
-machst, du wirst sonst noch bleicher. Geh' aus, und sieh dir die Stadt
-an, und nimm Bello mit dir; er ist heute auch noch nicht an die Luft
-gekommen.«
-
-»Ja wohl, liebe Tante!« entgegnete Agathe, blickte aber ängstlich zum
-Fenster hin, denn es war schon fast ganz dunkel, und sie völlig fremd
-in der Stadt.
-
-»Die Cousine kann dich heute ein Stück begleiten, damit du dich nicht
-verläufst,« sagte Madame Niedrer, indem sie sich wieder entfernte.
-
-»Die Tante ist doch sehr gut, daß sie so für meine Gesundheit sorgt,«
-dachte Agathe und kleidete sich schnell an, so ungern sie ihrem
-Buche Lebewohl sagte. Dann lockte sie den Hund mit einem Stück Kuchen
-an sich, nahm ihn auf den Arm und eilte, von der Cousine begleitet,
-in's Freie. Sie ergötzte sich an dem bunten Treiben, das die Straßen
-dieser Handelsstadt belebte; aber das Gewirr in denselben, die hohen,
-überhängenden Häuser, die dunkeln Höfe und Gäßchen, durch welche sie
-gingen, und die in der Dämmerung noch unheimlicher aussahen, bedrückten
-das Herz des jungen Mädchens mehr und mehr. Dazu kam, daß Bello unruhig
-wurde und weder auf Agathes Arm, noch auf dem der Cousine bleiben
-wollte, und doch wagte Agathe nicht, ihn auf den Boden zu setzen; denn
-in dem Gewühl und der Dunkelheit hätte sie ihn sicher verloren.
-
-»Warte, wir wollen ihn anbinden!« sagte die Cousine und zog eine Schnur
-durch das Halsband des Hundes. Aber damit war nichts gebessert; denn
-nun wollte das Thier nicht vom Fleck, bellte und stemmte sich, Agathe
-mochte ziehen, so viel sie wollte. Die Vorübergehenden lachten und
-neckten die junge Hundewärterin, so daß diese dem Weinen nahe war. Aber
-die Cousine tröstete und half treulich, indem sie den Widerspenstigen
-von hinten mit dem Fuße vorwärts stieß, und so, ziehend und stoßend
-gingen sie ein Stück Weges weiter. Aber endlich trat ein muthwilliger
-Bursche dem Hunde auf eine Pfote, und nun war nichts mehr mit dem
-Thiere anzufangen. Winselnd warf es sich zu Boden, und als ihn Agathe
-wieder auf den Arm nahm, war er so bissig und bösartig, daß der
-Spaziergang möglichst schnell beendigt werden mußte.
-
-Die Tante war sehr ärgerlich, sowohl über den Unfall, der ihrem
-Lieblinge widerfahren war, als über die schnelle Rückkehr Agathes.
-»Mein armes Hundchen bedurfte der frischen Luft so sehr,« sagte sie,
-»du hättest ihn wohl noch eine Weile führen können.«
-
-»Aber liebe Tante, es war ja nicht möglich; laufen wollte er nicht, und
-auf dem Arme blieb er auch nicht!« entschuldigte sich Agathe.
-
-»Ach du verstehst das liebe Thier nur nicht zu behandeln!« rief die
-Tante heftig und streichelte die verletzte Pfote ihres Lieblings. »So
-unaufmerksam, ihn treten zu lassen!«
-
-Das junge Mädchen wollte sich schüchtern zurückziehen, da sagte die
-Tante: »Bleib nur hier, Agathe; du sollst mit mir Karte spielen. Ich
-bleibe heute Abend zu Hause, denn ich bin so sehr angegriffen.«
-
-»Karte, liebe Tante? Das kann ich nicht; ich habe nie Karte gespielt,«
-erwiederte Agathe erstaunt.
-
-»So? Nun so geh' zur Cousine, sie soll es dir beibringen, damit du
-morgen mit mir spielen kannst,« sagte die Tante. »Die alte Person mag
-ich nicht mehr um mich haben, sie spielt auch gar zu schlecht! Gieb dir
-rechte Mühe, daß du es morgen schon kannst; ich langweile mich sonst zu
-schrecklich.«
-
-»Ich will Ihnen vorlesen, liebe Tante, das ist doch hübscher
-als Kartenspiel,« wagte Agathe zu sagen, aber Madame entgegnete
-verdrießlich: »Nein, laß mich damit in Ruhe, das greift meine Nerven an
-und ist zum Einschlafen langweilig. Geh' nur, und lerne Kartenspiel.«
-
-So blieb denn Agathen nichts anderes übrig, als den Befehlen der Tante
-zu gehorchen, und die alte Cousine um Unterricht in dieser völlig
-unbekannten Kunst zu bitten.
-
-Es wurde ihr sehr schwer, alles das zu merken, was nöthig war, und der
-ganze schöne Abend verging, ehe sie Boston, das Lieblingsspiel der
-Tante, begriffen hatte, der schöne Abend, an dem sie sich so unsäglich
-gern mit ihren Büchern beschäftigt, ihren früheren wissenschaftlichen
-Arbeiten einige Zeit gewidmet hätte!
-
-Den Onkel sah sie beim Abendbrod erst wieder. Er war freundlich wie am
-Morgen, aber um die Beschäftigungen Agathes bekümmerte er sich nicht;
-das war die Sache seiner Frau, dahinein durfte er sich nicht mischen.
-
-Aber doch übertrug er ihr auch ein Geschäft, das Agathen mit der
-Zeit sehr angenehm wurde; es war das Vorlesen der Zeitung nach dem
-Abendbrode. Bald bestand in dieser Lectüre Agathes einzige geistige
-Beschäftigung; denn so wie dieser erste Tag, vergingen alle übrigen,
-nur mit dem Unterschiede, daß Agathe den Hund am Tage spazieren
-führen mußte, statt Abends, und zwar in der einzig freien Zeit von
-eins bis zwei Uhr, sobald sie ihr Mittagbrod verzehrt hatte. Doch war
-die Tante so gütig, ihr noch eine halbe Stunde länger zu bewilligen,
-ob zum Vortheil Agathes oder Bello's blieb freilich unentschieden.
-Bald hieß das junge Mädchen bei der fröhlichen Straßenjugend, welche
-sich um die Mittagszeit zum Spielen in der Nähe einfand, nur noch
-das »Hundefreiln.« Aber statt sie, wie im Anfange, zu necken, half
-ihr bald dieser, bald jener gutherzige Junge, den Hund zu beruhigen,
-wenn derselbe seine bösen Mucken bekam, und oft genug wurde er von
-solch' kecker Hand tapfer durchgeprügelt für seine Unarten, was Agathe
-durchaus nicht verwehrte; denn Bellochen lernte jetzt ordentlich, was
-es heißt, ein artiger Hund zu sein.
-
-So vergingen Agathen die Tage in ihrer neuen Heimath. Am Morgen begann
-sie ihr Tagewerk mit der Toilette des Hundes, dann nähte sie bis ein
-Uhr, aß geschwind, und führte alsdann ihren Schutzbefohlenen an die
-Luft, was ihr freilich selbst sehr zuträglich war. Dann wurde wieder
-genäht bis sieben Uhr, und regelmäßiges Kartenspiel mit Onkel und Tante
-sowie schließlich die Zeitungslectüre beschloß den Tag und raubte ihr
-jegliche freie Minute. Wohl versuchte sie bis in die Nacht hinein zu
-lesen und zu studiren; aber dies duldete die alte Cousine mit Recht
-niemals; denn Agathes zarter Körper bedurfte nach der Arbeit des Tages
-unbedingt der Ruhe. Die einzige freie Zeit hatte Agathe nur, wenn die
-Tante Abends ausgegangen war; aber sie ging dann auch immer so spät,
-daß nur noch wenige Stunden bis zum Schlafengehen übrig blieben. Aber
-doch waren diese Stunden die Freude und Wonne des eifrigen Kindes, und
-an ihnen richtete sich ihr Herz auf, wenn sie oft unter der Last ihrer
-geisttödtenden Arbeiten zu erliegen meinte.
-
-Auch an den Sonntagen gehörten einige Stunden ihr selbst, und nie
-waren ihr diese Feiertage so lieb und werthvoll gewesen, als jetzt.
-Regelmäßig besuchte sie dann des Morgens die Kirche, und hier fand
-sie Trost für alles, was ihr Herz bedrückte, und frischen Muth, der
-Zukunft hoffend entgegen zu sehen. Auch am Nachmittage blieb sie sich
-einige Stunden selbst überlassen, ehe der Abend mit dem Kartenspiel
-heran kam, und daß sie diese schöne Freiheit benutzte, um zu ihren
-Büchern zu flüchten und Briefe an ihre lieben Freundinnen zu schreiben,
-versteht sich von selbst. -- Aber wäre dem schönen Sonntage nur nicht
-das Erwachen am Montag früh gefolgt, das war gar zu traurig! Wie
-eine lange Kette von sechs schweren, drückenden Bleigewichten lagen
-diese kommenden Wochentage vor ihr, und nie begann sie ihr Tagewerk
-ohne Seufzer, sie mochte sich selbst noch so sehr deshalb schelten.
-Leider zeigte sie zu den feinen Arbeiten, die sie jetzt erlernte, sehr
-wenig Geschick. Es gehörten gewandte, flinke Finger dazu, und große
-Leichtigkeit der Hand, um all' die Tausend Fältchen und Kniffchen und
-niedlichen Zierlichkeiten hervorzubringen, wodurch aus Nichts etwas
-Hübsches entsteht, und dazu war Agathe ganz und gar nicht gemacht. Sie
-hatte eine schwerfällige Hand, arbeitete langsam und gewissenhaft, und
-machte so kleine zierliche Stiche, als nähte sie feine Wäsche. Schon
-bei dem ABC der Putzmacherkunst war sie in Verzweiflung, und Fräulein
-Schneider mit ihr; was sollte erst werden, wenn die schweren Aufgaben
-daran kamen. Das ABC, das jede Schülerin erst lernen mußte, um dann zu
-den höheren Graden zu gelangen, war nämlich das Nähen von Millionen
-dicht an einander stoßenden, kleinen Säumen, in welche Fischbeine
-geschoben wurden, um dann die sogenannten Zughüte zu geben, in denen
-Madame Niedrers Geschäft eine besondere Berühmtheit erlangt hatte,
-weshalb denn diese massenhaften Säume auch nimmermehr ein Ende nahmen.
-Staunend hatte Agathe gleich am ersten Morgen gesehen, mit welcher
-Blitzesschnelle die Nadeln der jungen Mädchen bei dieser Arbeit durch
-das Seidenzeug fuhren. Nun sollte sie es ebenso machen; aber damit kam
-sie nun und nimmer zu Stande. Vorsichtig nähte sie Stich um Stich,
-und solch Zughütchen, von ihrer Hand gefertigt, würde vielleicht am
-jüngsten Tage einmal fertig geworden sein. Und wie mit dieser Arbeit,
-so ging es ihr mit allen andern. Einst die beste Schülerin der ganzen
-Pension, war und blieb sie die schlechteste hier in der Arbeitsstube.
-Fräulein Schneider war zum Glück eine sehr gutherzige Dame und sah
-wohl, wie viel Mühe sich die arme Agathe gab. Sie verschwieg ihrer
-Principalin die Ungeschicklichkeit des jungen Mädchens; aber freilich
-änderte sie dadurch in der Sache nichts, und Agathe fühlte sich von
-Tage zu Tage muthloser. Dazu kam, daß Bello krank wurde und sie diesem
-unleidlichen Gesellen jetzt jede ihrer freien Stunden opfern mußte. Das
-Thier litt zuweilen an Krämpfen, und wenn diese sich einstellten, dann
-gerieth das ganze Haus in Aufregung. Madame Niedrer lag schluchzend im
-Sopha, unfähig ihren Schmerz zu überwinden, oder sie kniete neben dem
-Lager des Hundes, Agathen zusehend, wie sie nach Angabe des Thierarztes
-den Kranken mit aller Anstrengung frottirte, daß ihr der Schweiß von
-der Stirn rann, oder das Thier in warme Decken einhüllte, die immer neu
-erwärmt werden mußten. Bei solchen Krankheitszufällen hatte Agathe auch
-in der Nacht keine Ruhe; denn alsdann stand das Bett des Hundes neben
-dem ihren, und sie mußte viele Male in der Nacht aufstehen, dem Thiere
-auf der Spirituslampe süße Milch zu erwärmen und ihm dieselbe dann
-einzuflößen. Die Cousine half dabei natürlich gern und nahm Agathen die
-Hälfte der Arbeit ab; aber Agathe war doch immer in Angst und Sorge;
-denn ihr war der Hund anvertraut, und passirte ihm etwas, so bekam sie
-die Vorwürfe. Bello war gewöhnt, stets bei der Nachtlampe zu schlafen,
-und so brannte dieselbe natürlich auch jetzt neben Agathes Bett. In
-einer Nacht aber war das Licht ausgegangen, und Bello bekam in Folge
-davon wieder seine Krämpfe; denn das zarte Geschöpf hatte sich über
-die ungewohnte Finsterniß alterirt, die es umgab. Kein Mittel wollte
-helfen, und am nächsten Tage war Bello so krank, daß Madame Niedrer
-fassungslos umherirrte.
-
-»Fahre mit ihm nach der Klinik, Agathe,« rief sie weinend, »ich kann es
-nicht, ich bin zu trostlos!«
-
-So holte sich denn Agathe einen Wagen, nahm Bello auf den Schoos und
-fuhr nach der Thierarzneischule. Es war eine entsetzliche Fahrt,
-denn jeden Augenblick dachte sie, das Thier würde sterben. In der
-Klinik wurde sie von einer Menge junger Aerzte umringt, welche sich
-des Hundes anzunehmen schienen, hierbei aber Agathen mehr ansahen,
-als den armen Bello. Das junge Mädchen wurde von Minute zu Minute
-unruhiger; tödtliche Verlegenheit und Angst färbte ihre zarten Wangen
-immer tiefer; aber gerade dies erhöhte ihre Schönheit, und beifälliges
-Flüstern erhob sich rings um sie her. Sie fühlte, wie unpassend es
-war, daß sie allein hier unter den jungen Aerzten stand; aber was
-sollte sie thun? Den Hund konnte und durfte sie nicht verlassen, und
-ein älterer Mann, der sich mit ihm beschäftigte, fand gar kein Ende in
-seinen Untersuchungen. »Lassen Sie den Hund hier, und holen Sie ihn
-morgen wieder ab, meine Dame, falls er da noch lebt!« sagte endlich
-der alte Herr, und froh aufathmend eilte Agathe davon, umringt von den
-jungen Aerzten, die ihr die Thür öffnen, ihr einen Wagen herbeirufen,
-sie begleiten, kurz ihr alle möglichen Dienste erzeigen wollten.
-Schluchzend kam Agathe zu Hause an; denn das schüchterne Kind war außer
-sich über das, was sie hatte ertragen müssen, und ihre Aufregung war so
-groß, daß Madame Niedrer's Vorwürfe darüber, daß sie den Hund in der
-Klinik gelassen, gar keinen Eindruck auf sie machten. Als aber Madame
-am andern Tage verlangte, sie solle wieder hingehen und Bello abholen,
-da erklärte sie mit einer für die Tante völlig neuen Entschiedenheit,
-das thue sie nicht, die Cousine möge hingehen. Trotz Madames Zorn ob
-solcher Opposition ließ sich Agathe nicht bestimmen, und so wurde
-wirklich die Cousine an ihrer Stelle abgeschickt. Zum Glück war Bello
-wieder gesund; Agathe aber haßte ihn jetzt nur doppelt, denn die Angst
-und Sorge um ihren Liebling ließ Frau Niedrer gar nicht mehr zu Ruhe
-kommen, und Agathe hatte schlimmere Tage als je. Heulte und wimmerte
-das Thier, so sollte sie dafür einstehen; denn die Tante behauptete,
-sie besorge ihn schlecht. Lief er in plötzlicher Laune zur Thür hinaus,
-so mußte sie von der Arbeit fort hinter ihm d'rein springen, um ihn
-zurück zu holen, damit er sich nicht wieder erkälte, und kam sie dann
-athemlos zurück, so zitterten ihr die Hände von dem Kampfe mit dem
-widerspenstigen Thiere, und die Arbeit wollte noch weniger gehen, als
-bisher schon. So verging Woche um Woche; ihre Lage wurde nur schlimmer
-statt besser. Zum Lesen und Lernen kam sie jetzt gar nicht mehr, und
-ein schwerer, stiller Trübsinn lagerte sich auf ihr Herz. Es war ihr
-alles gleichgültig; am liebsten wäre sie im Grabe bei ihrer lieben,
-theuren Mutter gewesen, denn das Leben hatte trotz ihrer Jugend gar
-keinen Reiz mehr für sie.
-
-
-
-
- Fünftes Kapitel.
-
- Wiedersehn.
-
-
-Still und in sich gekehrt ging Agathe eines Tages vor einem der Thore
-Leipzigs spazieren. Der Sommer war in voller Pracht in das Land
-gezogen; in den Gärten standen Rosen und Lilien in voller Pracht, und
-die blühenden Lindenbäume neigten ihre duftenden Zweige zu dem jungen
-Mädchen herab, als wollten sie ihr Liebes und Freundliches erzeigen.
-In dem frischgrünen Laube der schattigen Baumgänge, unter denen Agathe
-dahin schritt, sangen die Vögel fröhliche Lieder, und die Sonne blickte
-mild und warm vom blauen Himmel hernieder. Aber Agathe hatte heute für
-gar nichts Sinn. Allerlei Verdruß und Aerger bedrückte ihr Herz mehr
-als gewöhnlich, und sie fühlte sich so einsam, so allein in der Welt,
-daß sie sich wie verstoßen vorkam. Thräne auf Thräne rollte über ihre
-Wange, und müde setzte sie sich endlich auf eine der Bänke, welche
-unter den Bäumen standen. Bello war ungewöhnlich artig und legte sich
-ruhig zu ihren Füßen nieder, und so wurde sie durch nichts von ihren
-Gedanken abgezogen.
-
-Aber plötzlich fuhr sie zusammen; der Ton einer Stimme schlug an ihr
-Ohr, und wie träumend starrte sie in ein liebes, treues, nur gar zu
-wohl bekanntes Gesicht.
-
-»Mein Goldkind, bist du es denn wirklich? Muß ich dich gleich hier
-finden, mein armes kleines Vögelchen?« so rief schon von Weitem die
-bekannte Stimme der alten Soltatenfrau, und in ihrer ganzen gewichtigen
-Höhe und Breite stürmte sie mit großen Schritten auf Agathe los.
-
-»Anne, meine Anne!« jubelte das junge Mädchen und flog mit offenen
-Armen an die Brust der alten, treuen Seele, und laut schluchzend
-umschlang diese ihren Liebling.
-
-»Ach Anne, dich schickt mir der liebe Gott!« sagte endlich Agathe.
-»Gerade heute wollte ich ganz verzagen, und aller Muth war mir
-entschwunden. Aber nun ist alles gut, nun bist du hier, nun habe ich
-jemanden, der mich lieb hat. Nicht wahr, du bleibst hier, Anne? Du
-ziehst hierher und läßt dein armes Kind nicht mehr allein? Ach Anne,
-wenn du wüßtest, wie traurig ich bin, du verließest mich nicht wieder!«
-
-»Nun will ich denn das, mein Herzkäferchen? Will ich denn wieder fort?
-Habe ich nicht meine ganze Bagage im Train, damit ich hier Quartier
-nehme?« rief die Alte fröhlich und lachte mit ihrer lauten, rauhen
-Stimme, daß die Vorübergehenden verwundert auf das sonderbare Pärchen
-blickten. Die alte Soltatenfrau war eine geborne Schlesierin und
-hatte heute den großen Staat ihrer Heimath angelegt, welche Tracht
-sich allerdings unter den glatten, weißen Mützchen und den modischen
-Kleidern der Leipziger Stubenmädchen gar wunderlich ausnahm. Sie trug
-einen feuerrothen Rock mit weiter Schürze und Mieder, darüber den
-rothen schlesischen Frießmantel, welcher, wie der blaue Regenschirm,
-Sommer und Winter den Schlesier begleitet, und den Kopf deckte eine
-Mütze mit langen Bändern, von einem großen, schwarzseidenem Tuche
-umschlungen, dessen Schleifen wie ein Paar mächtige Fächer über der
-Stirn schwebten.
-
-Agathe war so glücklich über das Wiedersehen ihrer treuen Anne, daß
-ihr alle Traurigkeit entschwunden war. Froh, der braven Freundin ihr
-Herz öffnen zu können, erzählte sie alles, was ihr begegnet, und alles
-Leid, das sie zu tragen hatte. Anne begleitete die Erzählung mit den
-theilnehmendsten Zeichen und Ausrufungen, indem sie wie ein =Telegraph=
-mit ihren langen Armen in der Luft umher focht; glückselig aber war
-sie, daß sie Agathe wenigstens den Trost geben konnte, sie werde sich
-ihrer nun aus allen Kräften annehmen, da sie ihr so nahe sei.
-
-»Ach gute Anne, du kannst mir ja doch nicht helfen!« seufzte Agathe.
-Aber im Herzen hoffte sie doch wieder von Neuem, seit sie diese treue
-Seele neben sich wußte.
-
-»Wer weiß, ob ich dir nicht einmal beistehen kann, wo du es am
-wenigsten denkst,« sagte die Alte, und schritt gedankenvoll neben
-Agathe her, die sich bei diesem Wiedersehen schon sehr verspätet hatte
-und nun eilte, nach Hause zu kommen.
-
-»Besuche mich morgen ganz früh, Anne, den Tag über habe ich keine
-Zeit,« rief Agathe noch beim Abschied; dann winkte sie der Alten noch
-einmal zu und flog die Treppe hinauf.
-
-»Du armes, armes Vögelchen! Das ist kein Ort für dich!« sprach Anne
-leise, indem sie ihr nachblickte und dann still ihres Weges ging.
-
-»Wie sie bleich aussieht und mager. Diese Tante muß gar kein Herz im
-Leibe haben, sonst könnte sie solche kleine, blasse Blume nicht von
-früh bis Abend an die Näherei schmieden, wie einen Galeerensträfling!«
-
-Das Wiedersehen ihrer alten treuen Freundin hatte Agathen so fröhlich
-gestimmt, daß die Cousine ganz verwundert drein schaute, sich aber
-herzlich mit dem jungen Mädchen freute, als sie den Grund zu deren
-Frohsinn erfuhr.
-
-»Gegen die Tante sprich aber lieber nicht davon; sie liebt solche
-Besuche nicht,« sagte die Cousine, und da Agathe überhaupt in Gegenwart
-der Tante sehr wenig sprach, so wurde es ihr nicht schwer, gegen
-dieselbe zu schweigen. Dem Onkel aber theilte sie die Anwesenheit der
-Alten mit, sobald sie einmal mit ihm allein war, und in seiner milden
-Weise nahm auch er herzlichen Antheil an der Freude des guten Kindes.
-
-Anne kam am folgenden Morgen, wie sie versprochen, ihren Liebling zu
-besuchen, und aus den weiten Taschen ihres rothen Frießrockes holte sie
-eine Menge Briefe und kleine Geschenke heraus, welche die Freundinnen
-der Pension an Agathe schickten. O, was für eine Freude war das, welch
-ein herrlicher, glücklicher Tag! Das junge Mädchen lachte und weinte
-vor Entzücken, und fiel ihrer Anne immer wieder dankend um den Hals.
-Die ganze unaussprechliche Sehnsucht ihres Herzens nach den vergangenen
-Zeiten war durch diese Boten aus der Heimath ihrer Kinderjahre über sie
-gekommen.
-
-Anne versprach, Agathen recht oft zu besuchen, und sie hielt Wort;
-öfter aber noch traf sie mit ihrem Lieblinge auf deren täglichen
-Spaziergängen zusammen, wodurch dieselben nicht wenig an Reiz gewannen.
-
-Wieder verging Woche um Woche; der Herbst vertrieb den Sommer, und
-die fallenden Blätter deckten die Laubgänge vor der Stadt, in denen
-Agathe so gern auf und nieder wandelte. Aber wenn auch die Natur um sie
-her ein anderes Ansehen gewann, die Lage Agathes blieb dieselbe. Kein
-freundlicher Hoffnungsstern wollte an ihrem Himmel aufgehen, wie sehr
-sie ihn auch ersehnte und Plan auf Plan schmiedete und selbst an den
-Eisenstäben zu rütteln versuchte, die sie umschlossen.
-
-Eines Tages jedoch schritt ihr die alte Soldatenfrau in großer
-Aufregung entgegen, und kaum erreichte ihre rauhe Stimme Agathen, als
-sie fröhlich ausrief: »Hurrah, mein Goldkind, ich sehe Licht! Helles
-Licht, sage ich dir!« Dabei focht sie mit ihren großen Händen gewaltig
-in der Luft umher, als risse sie dunkle Schleier herab, die besagtes
-Licht verhüllten. »Die Bresche ist geschossen, nun muß auch die Festung
-bald fallen; denn die Bresche ist die Hauptsache, sagte mein Corporal,
-wenn er sich vor einer Attaque den Schnurrbart strich,« schloß sie
-dann und fuhr sich über die Lippen, um zu zeigen, wo der Schnurrbart
-gesessen, der so regen Antheil an den Berathungen ihres Corporals hatte.
-
-»Aber was giebt's denn nur, Anne, was hast du nur?« rief Agathe
-neugierig und zog die Alte auf eine Bank.
-
-»Was es giebt? Eine Stelle giebt es für dich, mein Vögelchen!« jubelte
-die Alte. »Aber wie gesagt, Sturm müssen wir laufen, sonst kommt uns
-ein Anderer zuvor, oder deine Frau Tante bekommt gar Wind und verrennt
-uns den Weg.«
-
-»Eine Stelle? Du träumst wohl, Anne; für mich eine Stelle?« rief Agathe
-ungläubig. »Was soll ich armes Ding denn für eine Stelle ausfüllen!
-Ich kann ja nichts als Hunde warten und Karte spielen! Nicht einmal
-Putzmachen begreife ich; ich bin ja zu gar nichts zu gebrauchen!«
-
-»Das wird sich finden!« sagte die Alte stolz und schüttelte den grauen
-Kopf, daß die Fächer ihrer Mütze hin und her schwankten. »Jeder
-soll thun, was für ihn paßt! Putzmachen ist eine gute, ehrenwerthe
-Beschäftigung, das versteht sich; aber wer kein Geschick dazu hat,
-sondern Kopf zu was anderm, der soll sich damit nicht abquälen, sondern
-lieber das thun, was ihm leichter wird! Ich kenne dich besser und weiß,
-wer in der Pension stets die beste Schülerin gewesen ist! Es ist mir
-ganz egal, was du seitdem gethan hast; in dir steckt mehr, das muß ich
-wissen. Ich kenne mein liebes Kind vom ersten Tage an, als es auf die
-Welt kam, damit Basta!«
-
-»Aber so sag' doch, was hast du denn für eine Stelle?« lachte Agathe
-und ergriff zärtlich die schwielige Hand der braven Freundin.
-
-»Nun du weißt doch, daß ich die Aufwartung bei Madame Groß übernommen
-habe,« hub die Alte geheimnißvoll an. »Diese hat jetzt Besuch von ihrem
-Bruder, der mit seiner kranken Frau nach Frankreich oder Italien, oder
-wo es ist, gehen will. Da kam mir denn ein Gedanke: »Wenn sie für die
-arme, kranke Dame nur eine weibliche Begleitung hätten, liebe Madame
-Groß,« sagte ich gestern Abend zu meiner Herrin, und hatte so meine
-Absichten. »Eine Kranke bedarf so manches, was der Mann nicht versteht,
-und die liebe, kranke Dame wird das gewiß später empfinden. Sehen Sie,
-Madame,« sagte ich weiter, »mein Corporal war der beste Mann in der
-ganzen Welt; aber wenn ich krank im Bett lag, da war er wie ein kleines
-Kind; es fehlte an allen Ecken; denn er verstand gar nichts, was nicht
-zum Dienste gehörte.« Was meinst du nun, mein Goldkind, was ich bei
-den Worten im Sinne hatte? Nichts anderes, als daß du die Leute als
-Gesellschafterin begleiten solltest!« schloß die Alte mit glänzenden
-Augen, »und ich glaube, es wird was draus, denn Madame Groß fand meine
-Gedanken vortrefflich.«
-
-»Ich, Anne, Gesellschafterin? Ach, mein Gott, wo denkst du hin!« rief
-Agathe ganz erschrocken.
-
-»Aber warum denn nicht?« sagte die Alte eifrig. »Ist es nicht besser,
-du pflegst eine gute, kranke Dame (denn sehr gut ist sie, das habe
-ich gemerkt), als daß du Hunde wartest und dich zu Tode stichelst?
-Denke doch, sie gehen vielleicht nach Frankreich; da kannst du ja noch
-was lernen und siehst dich in der Welt um! Hier bei deiner elenden
-Putzmacherei verkümmerst du ganz; ich kann das nicht länger mit
-ansehen. Gelt, Schäfchen, du gehst darauf ein?«
-
-Agathe begriff nur zu wohl, wie Recht die treue Seele hatte, und die
-Aussicht, in fremde Länder zu gehen, und dort noch vieles zu sehen und
-zu lernen, was für ihre Ausbildung nützlich sein mußte, tauchte wie ein
-Strahl freudiger Hoffnung vor ihren Blicken empor.
-
-»Aber sie werden mich nicht nehmen, Anne,« seufzte sie traurig.
-
-»Dafür laß mich sorgen, das wird sich finden,« sagte die Alte. »Meine
-Bresche ist gut angelegt, ich werde schon siegen, da ist mir nicht
-bange. Aber deine Tante, das ist die Hauptsache, die wird nicht
-wollen. Sie hat von dir wenig Kosten; du lieber Gott, was braucht denn
-so ein armes, kleines Vögelchen; aber Hülfe hat sie von dir in Menge,
-und gewiß denkt sie, du sollst einmal Directrice in ihrem Geschäft
-werden, damit sie die jetzige nicht mehr zu bezahlen braucht. Die alte
-Cousine hat neulich so was gesagt, und die Sache wäre freilich für sie
-bequem.«
-
-»Ach, mein Gott, das wäre ja schrecklich!« rief Agathe, und dachte mit
-Entsetzen an die zehn Jahre, in welchen Fräulein Schneider bereits
-jenen hohen Directricensitz einnahm, und der ihrer wartete, um sie ihr
-ganzes Lebenlang dort fest zu halten.
-
-»Aber wie soll ich es der Tante sagen? ich werde dazu nie den Muth
-haben!« fuhr Agathe ängstlich fort.
-
-»Nun laß mich nur machen; es soll schon alles gut gehen!« tröstete
-Anne. »Morgen gehst du mit mir zu Madame Groß, ihr lernt euch
-gegenseitig kennen, und das andere findet sich dann.«
-
-Am andern Tage trat denn die gute Anne Sommer getrost mit ihrem
-Liebling in das Zimmer ihrer Herrin, und mit einem fröhlichen: »Na, da
-ist das Goldkind, Madame!« schob sie militärisch grüßend, zwei Finger
-an die Fächer ihrer Haube gelegt, die schüchterne Agathe vor Madame
-Groß hin.
-
-»So jung noch, und so zart?« konnte sich die Dame nicht enthalten,
-auszurufen, als sie Agathen betrachtete. »Sie wird sich für diese
-Stelle nicht eignen, liebe Sommer.«
-
-»Soll sie denn die kranke Madame heben und tragen?« sagte die
-Soldatenfrau barsch.
-
-»Nein, das soll sie nicht!« entgegnete Madame Groß. »Aber sie würde
-doch zuweilen des Nachts aufstehen müssen, oder dergleichen Dinge thun,
-und wenn sie schwach und kränklich ist, so hält sie das nicht aus; denn
-das Leben bei einer Kranken ist angreifend.«
-
-»Aber ich bin nicht schwach, wenn ich auch bleich aussehe,« sagte
-Agathe jetzt angstvoll, denn sie fürchtete so sehr, abgewiesen zu
-werden.
-
-»Kommen Sie mit zu meiner Schwägerin, liebes Kind; sie mag selbst
-entscheiden,« sagte endlich Madame Groß nach einigem Zögern, und
-bald stand Agathe vor der Kranken, einer sanften, jungen Frau, deren
-durchsichtige Farbe die böse Krankheit verkündete, welche ihren zarten
-Körper zerstörte. Sie blickte Agathen mit sanftem, seelenvollem Blicke
-an, und dieser traten Thränen in das Auge; denn unwillkürlich dachte
-sie an ihre geliebte Mutter, die ja auch so zart und leidend ausgesehen
-hatte, ehe sie von der Erde schied. Frau von Menzel, so hieß die
-Kranke, bat Agathen, sich neben sie zu setzen und erkundigte sich nach
-ihren Verhältnissen. Agathe erzählte anfangs zaghaft und schüchtern;
-aber die rege Theilnahme der Kranken flößte ihr bald großes Vertrauen
-ein, und offen legte sie derselben nun ihre ganze Lage dar und
-verhehlte nicht, wie innig sie wünschte, bei ihr bleiben und mit ihr
-gehen zu können. -- Frau von Menzel reichte dem jungen Mädchen endlich
-die Hand und sagte freundlich, sie gefalle ihr sehr wohl, und herzlich
-wünsche sie ihre Begleitung. Deshalb, wenn sie mit ihnen gehen wollte,
-so möge sie nur mit ihren Verwandten darüber Rücksprache nehmen. Aber
-freilich sei nicht viel Zeit zu verlieren, denn schon in drei Wochen
-wollten sie abreisen.
-
-Agathe küßte voll des innigsten Dankes die Hand der gütigen Dame.
-Ihr Herz fühlte sich unbeschreiblich zu ihr hingezogen, und mit
-aufrichtiger Freude versprach sie, alles zu thun, um die Zufriedenheit
-derselben zu verdienen. Mit frohem Herzen kehrte sie dann zu ihrer Anne
-zurück, und diese war so glücklich über das Gelingen ihres Planes, daß
-sie wie ein Kind sprang und tanzte.
-
-»Aber nun die Tante; ach, wäre das erst überstanden!« jammerte Agathe.
-»Wenn ich es nur dem Onkel sagen könnte; aber ich sehe ihn ja nie
-allein. Und was hilft das auch; er schickt mich doch zu der Tante, denn
-er fürchtet sich, ihr etwas Unangenehmes zu sagen.«
-
-»So nimm das Herz in die Hand, und geh' gleich zu ihr,« sagte Anne.
-»Ich warte in der Küche draußen auf die Antwort; zu Hause läßt es mir
-doch keine Ruhe.«
-
-Agathe that, wie Anne ihr gerathen, und nun stand sie vor der Thür,
-die zu dem Zimmer der Tante führte. Sie hörte ihr Herz ordentlich
-klopfen und kämpfte nach Athem; endlich aber drückte sie muthig auf die
-Thürklinke, und nun war sie im Zimmer.
-
-»Liebe Tante, wenn ich Sie nicht störe, möchte ich Ihnen etwas sagen,«
-begann sie ziemlich kühn.
-
-»Was willst du? Warum bist du nicht bei der Arbeit?« sagte die Tante
-streng und blickte nach der Uhr, welche Arbeitszeit verkündete.
-
-»Ich.. ich werde das Putzmachen doch nie lernen, verzeihen Sie, liebe
-Tante!« stotterte Agathe, ihre muthige Haltung schon etwas verlierend.
-
-»Du wirst es nie lernen? Was soll das heißen? Du willst nicht, bist
-faul, ich weiß es lange!« fuhr die Tante auf. »Aber es hilft dir alles
-nichts, du sollst dein Brod hier nicht umsonst essen, sondern es dir
-verdienen; verstehst du mich? Jetzt geh' und bessere dich, und laß mich
-solche Reden nicht wieder hören! Du bist ein armes Mädchen; du mußt
-daran denken, dir dein Brod später selbst zu verdienen.«
-
-»Ja wohl, liebe Tante, das will ich auch,« stammelte Agathe. »Wenn Sie
-es mir erlauben, so möchte ich eine Stelle annehmen.«
-
-»Eine Stelle?« rief die Tante staunend. »Ich glaube, du weißt nicht,
-was du sprichst! Was willst du ungeschicktes Mädchen denn für eine
-Stelle annehmen?«
-
-»Ich soll eine kranke Dame nach Italien begleiten,« sagte Agathe
-wieder muthiger. »Sie will mich mitnehmen, wenn Sie es mir erlauben.«
-
-»Will dich mitnehmen? Also alles schon fix und fertig verabredet?«
-rief die Tante jetzt, und ihr Zorn loderte empor. »Also hinter meinem
-Rücken schmiedest du solche Ränke, du falsches Mädchen? Ohne mir vorher
-ein Wort zu sagen, läßt du dich von andern Leuten engagiren! Aber,
-mein liebes Kind, daraus kann ein für alle Mal nichts werden! Du wirst
-hier bleiben und nach wie vor dich beschäftigen, wie bisher; denn
-ich sehe wohl, es ist Faulheit, was dich forttreibt! Du denkst, als
-Gesellschafterin wirst du ein bequemes Leben führen und in der Welt
-umher reisen. Laß es dir lieb sein, daß ich dich davon zurück halte,
-denn du würdest gar bald sehen, wie sehr du dich geirrt hast.«
-
-»Aber liebe Tante, ich würde französisch lernen und vielleicht dann
-Erzieherin werden können, wenn ich die Dame begleite. O bitte, bitte,
-erlauben Sie es mir doch?« flehte Agathe weinend und mit dem Muthe der
-Verzweiflung.
-
-»Nein, sage ich dir! Meine Erlaubniß bekommst du nicht!« fuhr die Tante
-heftig auf. »Erzieherin! Glaubst du, die wird man so mir nichts, dir
-nichts durch ein Bischen französisch schwatzen? Dummes Zeug! Schweig
-jetzt, und geh an die Arbeit! Das ist mein letztes Wort über die Sache!«
-
-Weinend eilte Agathe zu ihrer alten Anne, die ihrer in der Küche
-harrte. Aber kaum hatte sie der treuen Seele ihr Leid geklagt, als sie
-die Stimme der Tante hörte. Geschwind schob sie die alte Soldatenfrau
-die Hintertreppe hinab und flog in das Arbeitszimmer, um neuer Schelte
-zu entgehen. Aber wie viel stille Thränen, wie viel Seufzer und wie
-viel Gedanken begleiteten nun jeden Stich, den ihre Nadel langsamer und
-schwerfälliger als je zu Stande brachte.
-
-
-
-
- Sechstes Kapitel.
-
- Treue Hülfe.
-
-
-Frau Anne Sommer war zwar die Hintertreppe hinab gegangen, da Agathe es
-so gewollt; aber gedankenvoll und leise vor sich hin brummend, trabte
-sie die Treppe im Vorderhause wieder herauf, klingelte, und ließ sich
-bei Madame Niedrer anmelden.
-
-»Bitte um Entschuldigung, wenn ich störe!« sagte die Alte mit ihrer
-rauhen Stimme und schritt auf Madame Niedrer zu, welche mit höchster
-Verwunderung diesen sonderbaren Besuch eintreten sah.
-
-»Ich bin Fräulein Agathes frühere Dienerin, Madame!« fuhr die Alte
-weiter fort, »und habe eine große Bitte an Sie.«
-
-»Mein Gott, nicht einmal in seinem Zimmer ist man vor Betteleien
-sicher!« rief die Angeredete unwillig und ergriff den Klingelzug.
-
-»O bitte, ich bettle nicht!« sagte die Alte stolz und richtete sich in
-ihrer ganzen Länge auf. »Ich komme nur, um für Fräulein Agathe etwas zu
-bitten.«
-
-»Was will Sie? Ich habe keine Zeit; rede Sie schnell!« rief Madame
-Niedrer heftig.
-
-»Madame, Ihre Nichte wünscht eine Stelle anzunehmen; ich bitte Sie
-flehentlich, erlauben Sie ihr das!« sprach die Alte nun laut und
-dringend, aber immer noch bescheiden, wie bisher.
-
-»Was geht das Sie an; damit hat Sie gar nichts zu schaffen!« rief
-Madame zornig. »Sie ist es gewiß, die ihr die Stelle suchte und das
-undankbare Mädchen gegen ihre eigenen Verwandten aufhetzte. Auf der
-Stelle gehe Sie, oder ich klingle, daß man Sie hinaus bringt!«
-
-»Hoho, Madame, sprechen Sie so, so brauche ich auch nicht hinter dem
-Berge zu halten!« brach nun Anne Sommer los und athmete schwer und
-tief. »Ja, ich bin es, da haben Sie recht; aber ich bin es auch, der
-das arme Kind lieber ist, als irgend jemanden in der ganzen Welt. Und
-darum will ich, daß sie glücklich wird. Hier aber geht sie ganz und gar
-zu Grunde, und d'rum soll sie fort. Sind Sie denn von Stein, Madame,
-daß Sie es mit ansehen können, wie das arme, zarte Kind leidet an
-Körper und auch an ihrem Geiste? Denn sie arbeitet sich elend und grämt
-sich zu Tode, daß sie nicht noch etwas lernen und sich weiter ausbilden
-kann. Darum, Madame, entweder Sie erlauben ihr, daß sie lernt statt zu
-nähen, oder Sie lassen sie fort.«
-
-Die Alte hatte in ihrem Eifer die Hand empor gehoben; ihre Augen
-blitzten, und drohend stand sie vor der Frau des Hauses. Diese
-war zuerst etwas überrascht; bald aber faßte sie sich und sagte,
-die Klingel ziehend: »Augenblicklich verläßt Sie mein Haus, Sie
-unverschämte Person! Meine Nichte bleibt hier und wird Putzmacherin,
-damit Punktum; Sie aber läßt sich nie wieder blicken!«
-
-Dabei gebot sie der eintretenden Dienerin, das Weib fortzubringen; sie
-selbst aber verließ stolz und heftig das Zimmer.
-
-»So also geht's nicht!« brummte Anne vor sich hin, als sie wieder auf
-der Straße war. »Du hast dem armen Kinde mehr geschadet, als genützt;
-das war dumm von dir, Anne. Jetzt strenge deinen alten Kopf an; denn
-fort muß sie, nun erst recht. Jetzt hat sie's nun gewiß doppelt
-schlimm, die arme, kleine Maus.«
-
-Das war allerdings der Fall. Die Tante war so unfreundlich und streng
-gegen Agathe und gönnte ihr so wenig freie Zeit, daß das arme Mädchen
-es kaum geduldig ertragen konnte. Und was sollte aus ihrer Stelle
-werden! Die Tante gab nie ihre Einwilligung, das wußte sie jetzt nur
-zu gut, und ohne dieselbe konnte sie natürlich nicht fort. Den Onkel
-um Hülfe zu bitten, war auch nutzlos; denn wo die Tante so entschieden
-gesprochen, verhallte sein Wort und Wille wie ein Ton im Winde. Und
-doch verging die Zeit, und konnte sie diese Stelle nicht annehmen, wer
-weiß, wann sich wieder etwas so Passendes finden würde.
-
-Agathe fand Tag und Nacht keine Ruhe, und die gute Cousine, der sie ihr
-Herz ausschüttete, wußte auch weder Rath noch Hülfe. Auch Anne Sommer
-war Anfangs sehr aufgeregt und sorgenvoll gewesen, seit einiger Zeit
-jedoch schwieg sie, schien aber so sicher und guten Muthes zu sein,
-daß Agathe sie nicht begriff; denn ihr war jede Hoffnung entschwunden.
-»Sage nur der guten Frau von Menzel, wie sehr ich ihr danke und wie ich
-bedaure, sie nicht begleiten zu können, Anne,« sagte Agathe weinend,
-und Anne nickte still mit dem Kopfe, sah aber ganz heiter dabei aus,
-als lache sie in sich hinein.
-
-So waren zwei Wochen von der Zeit verstrichen, welche bis zur Abreise
-Frau von Menzel's noch vergehen sollten. Agathe gab sich Mühe, gar
-nicht mehr an ihre schönen Hoffnungen zu denken; aber natürlich wollte
-ihr das nicht gelingen, sie wurde nur immer trauriger.
-
-In ihre Gedanken verloren, schritt sie eines Tages wieder unter
-den Linden auf und nieder, und unwillkürlich verglich sie das
-gelbe, trockene Laub am Boden, das unter ihrem Fuße rauschte, mit
-den gestorbenen Hoffnungen ihrer Jugend. Da sah sie Anne Sommer in
-ungewöhnlicher Hast auf sich zukommen; sie hatte einen Zettel in der
-Hand und sagte freudig: »Nun ist's gut; jetzt hab' ich alles, was ich
-brauche. Nun kommt es nur auf dich an, ob du willst oder nicht, mein
-Herzkind!«
-
-»Was soll ich denn wieder, Anne; was hast du denn wieder im Sinn?«
-sagte Agathe niedergeschlagen.
-
-»Ob du mit Frau von Menzel reisen willst!« rief Anne lebhaft.
-
-»Ach laß doch nur dies unglückliche Thema!« sagte Agathe sich
-abwendend, denn die Thränen brachen ihr wieder hervor. »Du weißt ja,
-ich darf nicht.«
-
-»Ja du darfst! Hier steht es schwarz auf weiß!« jubelte Anne und hielt
-ihren Zettel triumphirend empor. »Madame freilich erlaubt es nicht, das
-steht fest; aber was thut uns das? Dein Vormund ist der Onkel, und der
-hat es mir hier drauf geschrieben, daß er nichts dagegen hat. Na, Mühe
-freilich hat's gekostet, ehe er sich dazu entschloß; denn seine böse
-Frau durfte nichts davon wissen. Aber ich habe ihm keine Ruhe gelassen,
-habe ihm das Herz so weich gemacht, daß er dir doch endlich seine
-Erlaubniß gab. Denn gut ist er und helfen möchte er dir, das muß ich
-sagen; aber die Furcht vor der Frau läßt ja alles das nicht aufkommen!«
-
-»Wie? Du hast die Erlaubniß des Onkels?« rief Agathe in in höchster
-Verwunderung »Wo hast du ihn denn gesprochen?«
-
-»In seinem Comptoir, mein Schäfchen! Drei Mal bin ich bei ihm gewesen
-und habe ihn bestürmt, bis ich den Zettel hatte!« rief die Alte und
-rieb sich vergnügt die harten Hände, daß es raschelte. »Aber Abschied
-zu Hause darfst du freilich nicht nehmen, dann wäre alles umsonst.
-Madame sperrte dich sicher ein; darum entschließe dich nur und komm
-gleich mit mir, das ist das Allerbeste; es ist alles schon vorbereitet.«
-
-»Wie? Ich soll gleich mit dir kommen?« rief Agathe, die Augen weit
-öffnend. »So ohne Abschied, ohne alles, ohne....«
-
-»Ja den Abschied von deiner zärtlichen Tante, den mußt du freilich dran
-geben,« lachte die Alte; »alles andere aber ist besorgt, da sei ruhig.
-Die alte Cousine packt eben deine Sachen zusammen, die ich in der
-Dämmerung abhole; sie weiß um alles, ist aber verschwiegen und freut
-sich, daß du fort kommst. In meiner Wohnung bleibst du bis zur Abreise
-von Menzels. Auch sie wissen um unsern Plan und reisen deshalb einige
-Tage früher; die guten Menschen, sie haben dich so lieb gewonnen.«
-
-»Aber das ist ja eine wahre Entführung! Ich laufe ja davon, als wäre
-ich ein Verbrecher rief Agathe ganz außer sich vor Bestürzung.
-
-»Nun ja, was bleibt denn anders übrig, wenn dein Onkel seine Frau nicht
-zwingen kann und will?« lachte die Alte. »Er hat ja eine Furcht vor
-ihr, als wäre sie Napoleon seine größte Kanone!«
-
-»Aber dem Onkel muß ich Lebewohl sagen; von ihm kann ich nicht so
-fortlaufen, es wäre zu abscheulich!« sagte Agathe.
-
-»Nun dann komm schnell, und besuche ihn in seinem Comptoir,« drängte
-die Alte. »Bis zwei Uhr ist er dort allein; das trifft sich gut.«
-
-Eilig gingen die beiden Freundinnen nach dem Arbeitszimmer des Onkels,
-der in großer Unruhe in demselben auf und nieder ging.
-
-»Agathe!« rief er freudig, als das junge Mädchen schnell bei ihm
-eintrat, und zog dasselbe an die Brust.
-
-»O mein lieber, lieber Onkel!« schluchzte Agathe, »verzeihe mir!«
-
-»Ich habe dir nichts zu verzeihen, Kind!« sagte Herr Niedrer sanft.
-»Ich sehe ein, daß es besser für dich ist, du verläßt unser Haus und
-nimmst die Stelle bei jenen braven Leuten an. Deshalb habe ich auch
-meine Einwilligung dazu gegeben. Gehe mit Gott, mein gutes Kind, und
-bleibe gut und brav. Alles andere laß dich nicht kümmern; ich weiß, was
-ich thue. Du kannst ruhig sein, sowohl was dich selbst, als auch was
-mich betrifft. Bist du in Noth, so wende dich getrost an mich; mein
-Herz wird dir immer offen sein, wenn es auch mein Haus in Zukunft nicht
-mehr sein kann.«
-
-Agathe konnte sich schwer von dem Onkel trennen; aber Fremde kamen,
-und nach einer letzten innigen Umarmung eilte sie fort. Die treue Anne
-hatte in ihrem Stübchen alles zum Empfange des lieben Gastes bereitet,
-und bald schloß sie die Thür hinter der Entführten.
-
-»Hier bist du sicher, mein Vögelchen!« rief sie fröhlich. »Hier finden
-dich selbst die scharfen Augen deiner Frau Tante nicht.«
-
-Agathe saß stumm und traurig da, und alle Fröhlichkeit der guten
-Soldatenfrau war nicht im Stande, sie zu erheitern. Ihre Gedanken
-flogen nach dem Hause, das sie verlassen; sie kam sich wie eine
-Verbrecherin vor. Im Geiste sah sie den furchtbaren Zorn der Tante,
-die jetzt schon ihr Ausbleiben bemerken mußte. Dann kam die Stunde,
-in welcher der Onkel heimkehrte, und in Todesangst dachte sie daran,
-daß er vielleicht eben jetzt der Tante ihre Flucht mittheilte; denn er
-hatte versprochen, sich ihrer treu anzunehmen, und sie zu vertheidigen
-und zu schützen.
-
-»Unsinn! Er ist der Generalfeldmarschall seiner Truppen; was er will,
-muß in seinem Hause geschehen, so gehört sich's!« sagte Anne Sommer mit
-grimmigem Ernst, als Agathe ihre Sorge aussprach, der Onkel werde um
-ihretwillen gewiß viel Aerger und Verdruß zu leiden haben. »Hätte er
-es dir nicht erlaubt, würdest du natürlich nicht desertirt sein. Aber
-jetzt beruhige dich, und sei kein Närrchen. Heute Abend werde ich ja
-erfahren, wie es dort steht.«
-
-In der Dämmerstunde holte Anne Agathes Koffer ab, den die alte Cousine
-heimlich gepackt hatte, und durch sie erfuhr denn die Alte, daß es
-freilich einen sehr heftigen Auftritt zwischen Herrn und Madame Niedrer
-gegeben habe. Der Herr sei aber so fest und bestimmt bei seinem Willen
-geblieben, daß Madame sich schließlich beruhigt und sich vor den
-Leuten das Ansehen gegeben habe, als sei Agathes Entfernung mit ihrer
-Zustimmung erfolgt.
-
-Unter den jungen Arbeiterinnen des Putzgeschäfts hatte Agathes Flucht
-große Heiterkeit hervor gerufen; denn alle hatten das innigste Mitleid
-mit ihr gehabt. Selbst Fräulein Schneider lächelte, als sie den ersten
-Schreck überwunden und gestand seufzend, sie habe jetzt eine Sorge
-weniger; denn zu einer Putzmacherin hätte sie Fräulein Agathen doch
-nimmermehr heran bilden können.
-
-
-
-
- Siebentes Kapitel.
-
- Im fremden Lande.
-
-
-Es war an einem schönen, sonnigen Herbsttage, als eine blasse Frau, auf
-den Arm ihres Mannes gestützt, eines der Eisenbahncoupé's bestieg und
-sich freundlich nach einem jungen Mädchen umschaute, das an dem Halse
-einer großen Frau hing, deren bunte Bauerntracht wunderlich gegen die
-dunkle Reisekleidung des Mädchens abstach.
-
-»O Anne, behalte mich lieb, und habe ewig Dank für alles!« schluchzte
-Agathe, denn sie war es. Die alte Soldatenfrau fand keine Worte und
-streichelte nur immer wieder die Wangen des jungen Mädchens, indem ihr
-einzelne, dicke Thränen über das gute Gesicht liefen.
-
-»Ich muß fort, lebe wohl, meine Anne; vergiß deine Agathe nicht!« rief
-diese endlich, rasch davon stürzend, und eilte, ohne zurück zu blicken,
-nach dem Wagen. Aber hier erwartete sie noch ein anderer Abschied.
-Der Onkel war es, welcher ihr noch Lebewohl sagen und ihr mittheilen
-wollte, daß zu Hause alles gut stehe, die Tante ihr sogar einen Gruß
-schicke. Das erleichterte Agathes Herz unbeschreiblich; denn sie machte
-sich wegen ihrer Flucht doch unsägliche Vorwürfe. Nun konnte sie ruhig
-abreisen, und trotz der Thränen, die ihr Auge trübten, als sie dem
-guten Onkel zum letzten Male die Hand reichte, schlug ihr Herz doch
-froh und hoffend der Zukunft entgegen.
-
-Die Reise war schön und genußreich, und da man wegen der Kranken
-nur kleine Tagestouren machen konnte, auch durchaus für Agathe
-nicht anstrengend. Die Geschäfte, welche sie zu besorgen hatte,
-wurden ihr sehr leicht, und die große Milde und Freundlichkeit der
-Kranken berührten Agathen um so angenehmer, als sie von der Tante nur
-strenge, kalte Behandlung erfahren hatte. Herr von Menzel, ein reicher
-Gutsbesitzer, war ein heiterer, freundlicher Mann, der die junge
-Gesellschafterin wie eine Tochter behandelte, und bald fühlte sich
-Agathe so glücklich, wie noch nie in ihrem Leben. Die Aerzte hatten es
-für gerathen gehalten, die Kranke nach Nizza zu schicken, dessen warme,
-geschützte Lage ihrer kranken Brust vielleicht noch Heilung bringen
-konnte. Die weiche Seeluft des Mittelmeeres, an dessen Ufern sich diese
-schöne Stadt hinzieht, umwehte die Kranke mit ihrem schmeichelnden
-Hauche und that ihr bald so wohl, daß sie in Agathes Begleitung
-täglich einen kleinen Spaziergang machen konnte. Die eifrige, kleine
-Gesellschafterin suchte der sanften Kranken alle Wünsche vom Auge zu
-lesen, und diese wieder dachte immer daran, das gute, junge Mädchen
-möglichst zu schonen und ihr Gelegenheit zu geistigen Beschäftigungen
-zu verschaffen, wonach sich, wie sie wußte, Agathes Herz so innig
-sehnte. Sie selbst war eine fein gebildete Frau und ließ sich von
-Agathe oft durch Vorlesen guter Bücher unterhalten; bessere Fortbildung
-aber fand sich für das junge Mädchen bald noch durch den Verkehr mit
-einem würdigen Geistlichen aus der französischen Schweiz, welcher
-dasselbe Haus mit ihnen bewohnte. Er hatte Agathes eifrige Lernbegierde
-bemerkt, und freundlich bot er ihr an, sie sowohl in der französischen
-Sprache als auch in einigen Wissenschaften zu unterrichten, da er, wie
-er sagte, seine Musestunden nicht besser ausfüllen könne. Gern gab die
-Kranke ihre Einwilligung, und mit innigem Entzücken widmete sich nun
-Agathe all den Dingen, nach denen sie im Hause des Onkels so vergebens
-verlangt hatte.
-
-Diese innere Freudigkeit, verbunden mit der herrlich reinen Luft der
-Berge und der üppigen, kräftigen Kost, welche ihr jetzt geboten wurde,
-ließen auf Agathes Wangen bald frische Rosen erblühen. Das zarte,
-blasse Kind wuchs zur schönen, frischen Jungfrau heran, und voll
-wahrhaft mütterlicher Liebe verfolgte Frau von Menzel die körperliche
-wie geistige Entwickelung des jungen Mädchens. Schön und genußreich
-schwanden die Tage wie Stunden dahin, und die Liebe der Menschen, mit
-denen sie lebte, erwärmten Agathes Herz eben so sehr, als die herrliche
-Natur, welche sie umgab.
-
-Der Herbst verging, und der Winter mit seinen rauhen Tagen zog in das
-Land. Aber die Lage Nizza's, welches im Norden und Osten geschützt und
-von milder Seeluft umgeben ist, verhindert die scharfen Winde, diesen
-Zufluchtsort der Kranken zu erreichen, an welchem sich die kleine
-Familie glücklich und wohl fühlte. Herr von Menzel hatte für einige
-Zeit nach der Heimath zurückkehren müssen, und da er die Kranke in
-Agathes treuen Händen wußte, verließ er sie mit ruhigem Herzen. Agathe
-schloß sich in dieser Zeit um so enger an die sanfte Frau an, die ihr
-immer mehr Freundin wurde und sie nie wieder von sich lassen wollte.
-Aber wenn die Kranke auch an keine Trennung dachte, so mußte es Agathe
-im Stillen nur zu häufig thun, denn sie bemerkte nur zu gut, wie die
-Krankheit der theuren Frau immer größere Fortschritte machte. Das milde
-Klima konnte das Leiden nur hinziehen, nicht heben, und mit tiefem,
-geheimen Kummer, aber heiterem Auge hörte sie, wie die Kranke Pläne
-auf Pläne entwarf, welch schönes Leben sie ferner mit einander führen
-wollten. Agathe küßte dann in dankbarer Liebe die schmale, abgezehrte
-Hand ihrer gütigen Freundin; aber in ihrem Herzen konnte sie solchen
-schönen Träumen keinen Glauben schenken. Der Winter war vorüber und
-für den nahenden Frühling und Sommer wählte die Familie einen anderen,
-den heißen Sonnenstrahlen weniger ausgesetzten Aufenthalt in den
-Schweizer Alpen. Agathe hatte die Freude, daß auch ihr Freund, der
-Geistliche, für einige Zeit mit ihnen zog; denn er hatte die Familie
-so lieb gewonnen, daß er sich nicht so schnell von ihnen trennen
-mochte. -- Aber war es nun der Wechsel des Ortes, oder war es die,
-allen Brustkranken gefährliche Frühlingsluft, Frau von Menzel wurde
-bald so leidend, daß ihr Ende schneller herannahte, als selbst Agathe
-in den bangsten Stunden gefürchtet hatte. Mit stiller Ergebung trug
-der unglückliche Gatte die herannahende Trübsal, und Agathe wurde
-ihm sowohl durch ihre treue Pflege, als durch den tiefen Ernst ihres
-Gemüthes unendlich lieb und trostbringend. Die Kranke selbst ahnte
-ihren Zustand nicht. Sie wurde schwächer und schwächer; aber indem ihr
-blaues Auge wunderbar glänzte, sprach sie lächelnd von der schönen
-Zeit, in welcher sie wieder gekräftigt sein und sich der herrlichen
-Natur werde erfreuen können.
-
-»Wie sehne ich mich, wieder in die warme Sonne zu kommen und den
-weiten, blauen Himmel sehen zu können!« sprach sie eines Tages freudig
-und wendete ihr Auge nach dem Fenster. »Tragt mich in's Freie, ich
-möchte der schönen Gotteswelt näher sein,« bat sie dann sanft, und
-langsam rollte ihr Gatte und Agathe das Ruhebett der Kranken an die
-offene Thür der Veranda.
-
-»O wie wird mir so wohl, mir ist, als öffne sich mir der Himmel!« sagte
-sie begeistert und breitete die Arme aus; dann schloß sie die Augen
-und sank leise zurück. Eine selige Verklärung ruhte auf ihrem Antlitz;
-der Himmel hatte sich ihr wirklich geöffnet, sie schwebte empor zu der
-ewigen himmlischen Herrlichkeit.
-
-Der Kummer des einsamen Gatten war so unsäglich tief und ergreifend,
-daß Agathe den eigenen Schmerz zu bekämpfen suchte, um den
-unglücklichen Mann trostreich zur Seite stehen zu können. Aber war sie
-allein, so stürzte Leid und Jammer um so mächtiger über ihr zusammen,
-und schluchzend kniete sie an der Hülle der lieben Verklärten, die
-ihr Freundin und Mutter geworden war. »O Gott, mein Gott!« betete sie
-inbrünstig, »was soll nun aus mir werden! Verlaß Du mich nicht; nimm
-mich in Deinen treuen Schutz, und führe mich gnädig weiter an Deiner
-Vaterhand. Allein bin ich nun wieder, allein und obdachlos; o nimm Du
-dich ferner der armen Waise liebend an!«
-
-Und sie hoffte nicht vergebens. Wohl war jetzt ihres Bleibens nicht
-mehr in den bisherigen Verhältnissen; denn Herr von Menzel kehrte so
-schnell als möglich wieder nach der Heimath zurück, um die theure Hülle
-seiner Gattin in dem dortigen Erbbegräbniß der Familie beisetzen zu
-lassen. Aber ehe der Sarg der Verklärten geschlossen wurde, ergriff der
-Trauernde Agathes Hand und sprach mit tiefer Bewegung: »Meine liebe
-Agathe, Sie sind meiner Gattin theurer gewesen, als Sie glauben können.
-In Ihnen hat sie bis zu ihrem letzten Augenblicke eine treue Freundin
-und Tochter besessen. Welchen Trost auch mir Ihre Gegenwart gewährt
-hat, davon lassen Sie mich schweigen; aber es ist mir ein inniges
-Herzensbedürfniß, Ihnen zu zeigen, wie dankbar ich Ihnen bin und mein
-ganzes Leben hindurch sein werde. Ich glaube Ihnen davon einen, wenn
-auch nur geringen Beweis geben zu können, indem ich Sie bitte, mir die
-Sorge für Ihre weitere geistige Ausbildung zu überlassen. Sie wünschen
-sehr, Erzieherin werden zu können, das weiß ich, und Ihre schönen
-Anlagen befähigen Sie auch völlig dazu. Wollen Sie nun für ein Jahr als
-Zögling in das treffliche Erziehungsinstitut in Neufchâtel eintreten,
-um daselbst noch die letzte Ausbildung zu erhalten, so wird es mich
-freuen, einen Ihrer Wünsche erfüllt zu sehen. Alle Vorbereitungen zu
-Ihrer Aufnahme sind getroffen, und der Geistliche, Ihr würdiger Freund
-und Lehrer, wird Sie gern dahin begleiten, sobald Sie es wünschen.«
-
-Agathe war wie in einem Taumel von Glück und Wonne. In demselben
-Momente, wo wieder alle schönen Hoffnungen entschwanden, und sie
-abermals angstvoll einer unsichern Zukunft entgegen blickte, stand
-sie am Ziele ihrer sehnlichsten Wünsche. Sie fand keine Worte, ihren
-Dank und ihre Freude auszudrücken; aber aus ihrem Auge leuchtete eine
-bessere Antwort, als der Mund zu geben vermochte. Ueber dem verklärten
-Antlitz der Entseelten reichte sie ihrem Freunde und Beschützer die
-Hand, und im stummen Danke zitterten ihre Lippen.
-
-Herr von Menzel war abgereist, und traurig kehrte Agathe an der Seite
-des Geistlichen von dem Bahnhofe zurück, wo sie dem theuren Manne und
-seiner stillen, verklärten Begleiterin das letzte Lebewohl gesagt
-hatte. Der Geistliche hatte ihr gleich nach dem Tode der Kranken in
-freundlichster Weise angeboten, sein Haus in Genf und seine Familie
-für's Erste ganz als die ihrige zu betrachten, und Agathe hatte diese
-Zufluchtsstätte dankbar angenommen, bis sich eine andere Stelle für sie
-finden würde. Jetzt aber wünschte sie natürlich, sobald als möglich in
-jenes Pensionat einzutreten, und der Geistliche versprach schon andern
-Tages mit ihr nach Neufchâtel abzureisen.
-
-Madame Reutin, die Vorsteherin der Anstalt, war von Agathe's Ankunft
-bereits unterrichtet und empfing das junge Mädchen mit großer
-Herzlichkeit. Agathe war eine der ältesten Pensionairinnen, und
-da Madame Reutin an den Schicksalen ihres neuen Zöglings großen
-Antheil nahm, und bald bemerkte, welchen Eifer dieselbe besaß, um
-sich möglichst viel Kenntnisse zu erwerben, so widmete sie ihr ganz
-besondere Aufmerksamkeit. Sie suchte das stille, sinnige Mädchen
-viel in ihrer Umgebung zu beschäftigen und zeigte ihr so viel Liebe,
-daß Agathe bald ihre Schüchternheit verlor und sich in den fremden
-Verhältnissen ungemein wohl fühlte. Der Unterricht war vortrefflich,
-und so reifte die begabte Agathe schnell zu einem geistig fein
-gebildeten Mädchen heran, welches nach Verlauf eines Jahres gar wohl
-befähigt war, die Stelle einer Erzieherin auszufüllen.
-
-Herr von Menzel, mit dem Agathe in stetem brieflichen Verkehr war,
-bot ihr an, noch länger in der Anstalt zu bleiben, und Madame Reutin
-schlug ihr vor, die Stelle einer Hülfslehrerin zu übernehmen, da
-sie das sanfte Mädchen ungern von sich ließ. So entschloß sich denn
-Agathe, noch einige Zeit im fremden Lande zu bleiben, obwohl ihr Herz
-unbeschreiblich nach ihrer treuen Anne verlangte, welche ihr rührend
-zärtliche Briefe schrieb, zwar auf merkwürdig dickem Papier, und mit
-heftiger Verschwendung von Dinte, da die Buchstaben groß und gewaltig
-auftraten, und schwer zu entziffernde Hieroglyphen bildeten, aber
-nichts desto weniger die innigste Liebe und Anhänglichkeit aussprachen.
-Auch der Onkel und ihre Freundinnen aus der Pension schrieben Agathen
-fleißig, und jeder Brief erregte ihr so tiefes, gewaltiges Heimweh,
-daß nur der Wunsch nach fernerer Ausbildung sie noch von der Rückkehr
-in die Heimath abhielt. Ja Heimath, hatte sie denn überhaupt eine? Sie
-wußte ja gar nicht, wohin sie gehen sollte, verließ sie ihren jetzigen
-Aufenthalt. Dieser Gedanke hing sich immer wie ein Bleigewicht an ihren
-Wunsch, nach Deutschland zurück zu kehren, und sie hatte deshalb an
-Anne Sommer wie an ihre Freunde geschrieben, sich nach einer Stelle für
-sie umzusehen.
-
-Fast zwei volle Jahre waren jetzt seit Agathes Abreise von Leipzig
-verstrichen, da erhielt sie eines Tages einen Brief von ihrer Freundin
-Fanny, welcher die frohe Kunde brachte von deren Verlobung mit einem
-jungen Gutsbesitzer. Mit dieser freudigen Botschaft aber verband sich
-noch eine zweite, welche Agathen betraf.
-
-»Jetzt zu Dir, meine beste Agathe!« lautete Fanny's fröhlicher Brief.
-»Mein Bräutigam ist der älteste Sohn einer zahlreichen Familie, und
-seine beiden jüngsten Schwestern, Mädchen von 10 und 12 Jahren, können
-meiner Ansicht nach nicht länger ohne specielle Aufsicht bleiben.
-Auch ihr Schulunterricht scheint mir mehr als mangelhaft, was auf
-dem Lande freilich kein Wunder ist. Meine gute Schwiegermutter hat
-durchaus nichts dagegen einzuwenden, die jungen Springinsfelde unter
-die Zucht einer Erzieherin zu stellen, falls ich ihr eine verschaffen
-könnte, die, wie sie sagte, nicht gar zu störend in das Familienleben
-eingriffe. Sie hat etwas sonderbare Vorstellungen von allem, was
-Erzieherin heißt, und da ich sie von ihrem Vorurtheil gern kuriren
-möchte, so würde dies allein schon mich bestimmen, Dich, meine gute
-Agathe, dringend aufzufordern, diese Stelle bei meinen kleinen
-Schwägerinnen zu übernehmen. Tausend andere Gründe aber drängen sich
-außerdem noch herbei, um Dich mit Bitten zu bestürmen, vor allem meine
-grenzenlose Sehnsucht nach meiner liebsten Freundin. Komm, komm, so
-bald als möglich, meine Agathe; Du wirst von all' meinen Lieben mit
-offenen Armen erwartet und wirst Dich glücklich unter uns fühlen, dafür
-bürgt dir deine treuste Fanny.«
-
-Ein Postscriptum fehlte dem Briefe nach junger Mädchen Art natürlich
-auch nicht; es lautete: »Uebrigens wirst Du Dich freuen, ein liebes,
-bekanntes Gesicht hier in unserer Nähe zu finden. Wem das aber
-zugehört, sage ich nicht; Du magst selbst kommen, es dir anzusehen.«
-
-Das war denn allerdings eine so wundervolle Kunde, daß Agathe mit
-glühenden Wangen zu Madame Reutin eilte, ihr alles mitzutheilen und sie
-um Erlaubniß zur Heimkehr zu bitten.
-
-Freudig willigte die gute Dame sogleich in Agathes Wünsche, und so
-ungern sie das brave Mädchen von sich ließ, so sehr freute sie sich
-doch andrerseits über die gute Wendung, welche deren Schicksal abermals
-genommen. Nicht ohne die tiefste Bewegung schied Agathe kurze Zeit
-darauf aus der Anstalt, wo ihr so viel Gutes zu Theil geworden, sowie
-aus dem herrlichen Lande, in dem sie eine reiche, glückliche Zeit
-verlebt hatte.
-
-
-
-
- Achtes Kapitel.
-
- Die Heimath.
-
-
-In dem Herrenhause des Dorfes Schönfelde waren die jüngern Glieder
-der Familie seit dem frühen Morgen in großer Bewegung. Geschäftig
-liefen sie die breiten Treppen auf und nieder und hielten wichtige
-Zwiegespräche mit Gärtner und Stubenmädchen, die Kränze und Guirlanden
-aus den wenigen Blumen des Gartens zusammenwanden, welche die
-Herbstkälte noch übrig gelassen hatte. Bald thronte über der Hausthür
-ein mächtiger Kranz, in dessen Mitte das Wort »Willkommen« prangte,
-und frische Guirlanden umzogen die Thür des Wohnzimmers, in dem einige
-Kinder in großer Aufregung um ein blühendes, junges Mädchen versammelt
-waren, das sie mit Fragen bestürmten.
-
-»Nicht wahr, Fanny, sie trägt keine Brille, wie die alte Fräulein
-Danton, Lucie Bülow's Erzieherin?« rief Marie, ein zwölfjähriges
-Mädchen.
-
-»Und auch keine Schnupftabaksdose, nicht wahr?« setzte Hannchen hinzu,
-die jüngere Schwester. »Die Mama behauptet es.«
-
-»Ob sie wohl Pferd mit mir spielen wird, Fanny? Ich will sie auch nicht
-so derb mit meiner Peitsche schlagen, als gestern den Anton; aber dann
-muß sie auch nicht heulen, wie der immer gleich thut!« rief der kleine
-Max und fuhr knallend mit der Peitsche durch die Luft.
-
-»Ihr werdet's ja sehen, Kinder, macht mich doch nur nicht todt mit
-euren Fragen,« lachte das junge Mädchen. »Aber jetzt adieu; Friedrich
-fährt eben vor, und ihr wißt, die Pferde stehen nicht ruhig. Seid
-hübsch artig, daß meine liebe Agathe nicht gleich eine gar zu
-schlechte Meinung von euch bekommt. Adieu, adieu, ihr lustiges Corps!«
-
-Fort flog der Wagen, in dessen Mitte das junge Mädchen fröhlich lachend
-thronte, noch lange gefolgt von dem gellenden Hurrah der kleinen
-Gesellschaft. Einige Stunden vergingen, und sie kehrte zurück, Freude
-und Glück in den lieblichen Zügen, denn an ihrer Seite saß die Freundin
-ihrer Jugend, unsere Agathe.
-
-Was Fanny verheißen, das fand die Ankommende bestätigt. Offene Arme
-empfingen die neue Hausgenossin, gute treffliche Menschen hießen
-sie freudig in ihrer Mitte willkommen. Man kam ihr als der liebsten
-Freundin der Schwiegertochter mit Vertrauen und Herzlichkeit entgegen
-und dankte es ihr aufrichtig, daß sie die Erziehung der jüngsten Kinder
-zu übernehmen versprochen hatte, und so begrüßte man in ihr nicht die
-gefürchtete Erzieherin, sondern ein liebes, neues Glied der Familie.
-Agathe war unsäglich glücklich über solche Aufnahme; denn oft hatte ihr
-Herz gezittert, ob wohl die Erzieherin in dem vornehmen Hause auch gern
-gesehen und nicht vielleicht als fremder Eindringling behandelt oder
-gar als eine Art Dienstbote kalt und vornehm aufgenommen sein würde.
-Aber schon das Willkommen, das ihr von fern so freundlich entgegen
-leuchtete, sagte ihr, daß sie nichts zu fürchten habe, und all die
-guten, frohen Gesichter, welche sie umdrängten, sprachen gar wohlthuend
-zu ihrem zagenden Herzen. Frau von Wedell, die Herrin des Hauses,
-umarmte sie gleich beim Eintritt, und bald erschien auch der Gutsherr
-selbst, Agathen in einfach herzlicher Weise willkommen zu heißen.
-
-Bald war die junge Erzieherin in dem Familienkreise heimisch, und
-nun begann ein Leben voll Lust und freudiger Arbeit. Mit regem
-Eifer machte sich Agathe an die Aufgabe, die ihr gestellt war, die
-Erziehung der beiden Mädchen Marie und Hannchen. Aber auch der wilde
-Max wurde von ihr mit Beschlag belegt, und den Fleiß ihrer Schüler
-belohnte die fröhliche junge Lehrerin gern damit, daß sie sich an
-den Spielen betheiligte, welche sowohl Max als die kleinen Mädchen
-in den Freistunden vornahmen. Ueberhaupt war Agathe jetzt so heiter
-und frisch, daß man das einst so traurige, blasse Mädchen gar nicht
-wieder erkannte. Frau von Wedell gestand lachend, daß sie freilich eine
-ganz andere Vorstellung von einer Erzieherin gehabt habe, da sie sich
-dieselbe nie anders als keifend und verbissen, und mit den wunderlichen
-Attributen einer alter Jungfer versehen, habe denken können.
-
-Agathe hatte in der ersten Zeit die Freude, ihre liebe Fanny, die für
-einige Wochen zum Besuch ihrer Schwiegereltern gekommen war, im Hause
-zu sehen. Der Bräutigam war ein frischer, liebenswürdiger junger Mann,
-der im kommenden Jahre ein zweites Gut des Vaters bewirthschaften
-sollte, und mit Ungeduld dieser Zeit entgegen sah, da er alsdann seine
-Fanny als junge Frau daselbst einführen wollte.
-
-»Aber das liebe, bekannte Gesicht, von dem du mir geschrieben, Fanny,
-wo ist das?« sagte Agathe bald nach ihrer Ankunft und spähte suchend
-überall umher. -- »Du hast doch nicht etwa meine alte Anne hierher
-entführt, da du weißt, sie schwärmt für Entführungen?« fuhr sie
-scherzend fort, denn im Stillen hatte sie jetzt keinen größeren Wunsch,
-als dies treue Wesen wiederzusehen.
-
-»Nein, Agathe, die alte Soldatenfrau holen wir nächstens einmal auf
-ein paar Wochen zu uns; Leipzig ist ja nur drei Stunden von Schönfelde
-entfernt,« sagte Fanny, welche sich diese Erlaubniß schon von ihrer
-Schwiegermutter erbeten hatte, da sie wußte, welche Freude sie dadurch
-Agathen bereitete.
-
-»Nein, mein Schätzchen, du mußt besser rathen!« fuhr sie neckend fort.
-»Giebt es denn gar kein liebes Gesicht mehr unter der Sonne, als das
-alte, verwitterte Antlitz deiner Frau Corporalin? Besinne dich doch!«
-
-Aber Agathe besann sich nicht; sie wußte ja gar nicht, wohin sie ihre
-Gedanken wenden sollte. Sinnend blickte sie zum Fenster hinaus, das
-von schönen alten Linden beschattet wurde. Da schrak sie plötzlich
-zusammen, und ein Ausruf freudiger Ueberraschung kam über ihre Lippen.
-
-»Fanny, ist das nicht unser Lehrer, Herr Lobner?« rief sie, auf einen
-Herren deutend, der eben in einiger Entfernung an dem Hause vorüber
-ging.
-
-»Nun ja, erkennst du ihn wirklich?« lachte Fanny fröhlich. »Ich dachte
-schon, du hättest deine besten Freunde vergessen, du leichtsinniges
-Kind!«
-
-»Aber wie kommt der hierher, liebste Fanny?« rief Agathe, freudig
-erglühend.
-
-»Um deinetwillen nicht, mein Töchterchen, denn er hat von deinem
-Hiersein keine Ahnung,« neckte Fanny. »Er ist wohlbestallter Prediger
-im Pfarrdorf Schönfelde, und wird die Ehre haben, Seelsorger seiner
-einstigen, liebsten Schülerin von nun an zu werden. Wie gefällt dir
-das, Schätzchen?«
-
-»Fanny, ist das wahr? Ist unser lieber, lieber Herr Lobner wirklich
-hier Prediger?« rief Agathe jetzt strahlend vor Freude und ergriff
-Fanny's Hand.
-
-»Meinst du, er tauge nicht dazu? Nun dann geh morgen in die Kirche, und
-überzeuge dich selbst. Es ist Sonntag; um 9 Uhr hält er die Predigt,«
-sagte Fanny.
-
-»Aber das ist ja herrlich!« jubelte Agathe, Fanny umarmend. »Wie ist
-das denn nur gekommen? Wer hat ihn denn hierher gezogen?«
-
-»Nun Papa Wedell, dem er so gefiel, als er sich um die Stelle bewarb,
-daß er ihn auch ohne meine Fürsprache in die leerstehende Pfarre
-eingesetzt hätte,« rief Fanny. »Aber wie gesagt, daß er hier seine
-kleine, blasse Freundin aus der Pension ebenfalls in Amt und Würden
-finden sollte, davon hat er bis jetzt keine Ahnung. Der Anblick dieser
-Ueberraschung soll mein Lohn für all die Mühe sein, die ich mir um euch
-alle Beide gemacht habe.«
-
-Wessen Freude über das Wiedersehen größer war, ob die Agathes oder die
-ihres einstigen Lehrers, wäre freilich schwer zu entscheiden gewesen.
-Die schelmische Fanny, der Herr Lobner seine Stelle verdankte, hatte
-demselben wirklich Agathes Ankunft verheimlicht, und kaum traute dieser
-seinen Augen, als ihm das junge Mädchen an der Seite ihrer Freundin
-entgegen kam.
-
-Es war ein frohes Wiedersehen, und doch voll tief innerlicher Bewegung;
-denn an Agathe's Seele zog all das vorüber, was sie in der Zeit erlebt,
-welche zwischen jenem Abschiede in dem Zimmer des theuren Lehrers und
-dem jetzigen Augenblicke lag.
-
-»Gott hat seine Hand wunderbar über Ihnen gehalten, liebe Agathe!«
-sagte der junge Geistliche freundlich, als das junge Mädchen ihm ihre
-Schicksale mitgetheilt hatte. »Ich hätte nicht geglaubt, daß mir so
-bald die Freude werden würde, Sie wieder zu sehen, und nun gar unter so
-erfreulichen Verhältnissen. Irre ich nicht, so haben Sie wie ich, Ihren
-jetzigen Wirkungskreis Ihrer gütigen Freundin zu danken, durch deren
-Fürsprache auch ich meine Stelle erhalten.«
-
-Fanny wies allen Dank von sich und behauptete, sie habe nur aus purem
-Eigennutz sich für ihre alten Freunde verwendet; denn da sie selbst nun
-bald in der Nähe residiren werde, so wollte sie doch im Voraus schon
-für freundliche Nachbarschaft sorgen.
-
-Jetzt begann eine so reiche, wundervolle Zeit für Agathe, daß diese
-Gott nicht genug dafür danken konnte, der sie in dies Haus geführt
-hatte. Ihr Wirkungskreis befriedigte sie täglich mehr und mehr; die
-etwas verwilderten Zöglinge gewannen unter Agathes milder und kluger
-Leitung sichtlich an gutem Betragen wie an Kenntnissen, und alle
-Bewohner des Hauses betrachteten die junge Erzieherin als liebes
-Familienglied. Mehrere Abende der Woche verbrachte Herr Lobner in der
-Familie des Gutsherrn, und diese Stunden waren für Agathe unschätzbar.
-Ihr einstiger Lehrer war ihr jetzt ein treuer Freund geworden, der ihr
-als kluger und besonnener Rathgeber in allen den schwierigen Fragen zur
-Seite stand, über welche ein so junges, unerfahrenes Mädchen bei der
-Erziehung verschiedenartiger Kinder zweifelhaft sein mußte.
-
-Bald kam denn nun auch die alte, treue Anne Sommer in das Herrenhaus,
-und das war ein Fest nicht nur für Agathe, sondern auch für die ganze
-übrige Familie; denn jeder gewann die brave, wunderliche Alte lieb, und
-ergötzte sich an der Soldatensprache, wie an den handfesten Manieren
-derselben. Die Kinder besonders hingen wie die Kletten an ihrem rothen
-Frießrock und konnten nie müde werden, die prächtigen Geschichten
-anzuhören, die sie ihnen erzählte, und die stets von Krieg und
-Soldatenwesen handelten.
-
-An ihrem Goldkinde Agathe hing die Alte, wenn es möglich war, noch viel
-zärtlicher, als früher, und die Freude über deren blühendes Aussehen,
-wie über das Glück, das aus ihren schönen Zügen sprach, machte sie
-ordentlich wieder jung. »Hätte das nur ihre arme Mutter noch erlebt,«
-sagte sie oft leise vor sich hin, »dann wäre sie ruhiger zum großen
-Appell gegangen, zu dem sie der große Kriegsherr im Himmel so zeitig
-abgerufen, die liebe Seele! Aber ihr Segen ruht auf dem Kinde, das ist
-sicher!«
-
-Die Alte kehrte nach einigen Wochen wieder nach Leipzig zurück, doch
-blieb sie ein häufig wiederkehrender und immer gern gesehener Gast in
-Schönfelde. Die Nachrichten, die sie Agathen aus dem Hause des Onkels
-brachte, zeigten, daß dort noch alles seinen ehemaligen, stillen
-Fortgang hatte, bis auf eine große, erschütternde Begebenheit -- Bello
-war gestorben! -- Auf seinen rothseidnen Kissen lag er eines Morgens
-kalt und todt, und keine heiße Thräne seiner trostlosen Herrin konnte
-den geliebten Freund wieder ins Leben zurück rufen. Ein kleines Grab,
-von Blumen überdeckt, bezeichnete im Garten einer Freundin die Stelle,
-an welcher die geliebte Hülle ruhte. Noch vermochte kein Nachfolger
-seine Stelle zu ersetzen, und Agathe dachte mit Freuden daran, daß die
-alte, gute Cousine dadurch für einige Zeit eine lästige Arbeit weniger
-hatte.
-
-In angenehmer Weise vergingen Agathen die langen Wintertage, und wieder
-schaute endlich der fröhliche Lenz zum Fenster herein und verkündigte
-seine Ankunft durch weiche Luft und duftende Blumenglocken, welche
-unter dem schmelzenden Schnee zum Vorschein kamen.
-
-Aber mit der überall erwachenden Fröhlichkeit zog abermals eine Fülle
-neuer Freuden in das Herz unserer Agathe. Werfen wir einen Blick zum
-Fenster hinaus, und sehen wir die lange Kastanienallee hinab, in
-welcher die Baumzweige schon große, braune Knospen tragen, so zeigen
-sich uns zwei Personen, die still und schweigend neben einander gehen.
-Ihr Mund ist jetzt stumm, aber was er soeben gesprochen, das leuchtet
-noch wunderbar in den Augen der Beiden, welche mit unaussprechlicher
-Liebe auf einander blicken. Agathe ist soeben die Braut ihres Freundes
-und Lehrers, des braven Pfarrers Lobner geworden. Was damals schon die
-Seelen Beider verband, als Lobner von Agathe Abschied nahm und als
-einziges Andenken das kleine Schreibebuch von der Schülerin erbat, das
-war fort und fort lebendig in ihnen geblieben, und hatte nun, da sie
-sich auf ihrem Lebenswege so bald wieder begegneten, feste, dauernde
-Gestalt erhalten. Längst schon ahnten Beide, daß sie einander theuer
-waren; jetzt wußten sie es, jetzt gehörten sie einander für das Leben.
-
-»Also das wäre mir geglückt!« rief Fanny, voll Freude in die Hände
-schlagend, als sie die Verlobung ihrer beiden Freunde erfuhr. »Ich
-bitte mir die Ehre der Anerkennung aus; mir kommt das Verdienst zu,
-euch Beide zusammen gebracht zu haben. Denn, meine liebe Agathe,
-nimm mir's nicht übel, allen Respect vor deinen Talenten in der
-Erziehungskunst, aber wahrlich, es war mir viel mehr darum zu thun,
-dich wieder in die Nähe unseres lieben Freundes Lobner zu bringen, als
-meinen kleinen Rangen von Schwägerinnen eine Erzieherin zu verschaffen.
-Deshalb hätte ich dich nicht so knall und fall aus der Schweiz
-hercitirt. Aber Gelegenheit macht Diebe. Mit meiner Pfarrerwahl war
-mir's so trefflich gelungen, nun fehlte nur noch eine nette, kleine
-Pfarrfrau dazu. Und wen hätte ich meinen neuen Herrn Pastor, sowie mir
-selbst besser dazu wählen können, als die Verfasserin jenes kleinen,
-ominösen Schreibebuchs, das in der Bibel unseres sehr ehrenwerthen
-Herrn Pastor Lobner seinen Platz erhielt, als das Heiligste, was
-besagter Herr im Besitz hat?«
-
-Der glückliche Pfarrer zog seine erglühende Braut an das Herz; der
-schelmischen Fanny aber drohte er mit dem Finger und sagte lachend:
-»Warten Sie nur, Sie Schelm; das ist gewiß die Rache dafür, daß die
-schöne Tasse nicht mehr lebt, die eine leichtsinnige Schülerin mir
-einst als Andenken schenkte. Aber nur Geduld, jetzt werde ich die
-Scherben all' wieder zusammen suchen, und als ewige Erinnerung sollen
-diese Reste unter dem Bilde der Freundin aufgestellt werden, welches
-einst über dem Nähtischchen der jungen Frau Pastorin Lobner hängen
-wird«.
-
- * * * * *
-
-Wieder blühten die Rosen und Lilien in den Gärten, und die Linden
-neigten ihre vollen Blüthenbüschel zur Erde herab, gerade wie an jenem
-Tage, an dem einst Agathe verlassen und einsam in den Baumgängen
-Leipzigs dahinschritt, bis sie von den Armen ihrer treuen Anne
-umfangen wurde, und neue Freude und Hoffnung in ihr Herz einzog. Auch
-heute schaute das alte Gesicht der Soldatenfrau in die glänzenden
-Augen ihres Lieblings, und ihre rauhe Hand strich schmeichelnd über
-die zarte Wange des Mädchens. Aber Muth und Trost brauchte die alte,
-treue Seele ihrem Goldkinde heute nicht zuzusprechen, denn das reinste
-Glück spiegelte sich auf dem holden Gesicht derselben. Die blühende
-Myrthe schmückte Agathes dunkle Locken, und Brautkleid und Schleier
-verkündeten, daß der schönste Tag ihres Lebens gekommen war.
-
-Man feierte in Schönfelde heut eine Doppelhochzeit; Fanny sowohl als
-Agathe sollten als junge Frauen in die neue Heimath einziehen, welche
-die Liebe ihnen bereitete. Es war ein schönes Fest, das die Familie
-feierte; denn trat Fanny jetzt als wirkliche Tochter in das Haus
-ihrer neuen Eltern, so zählte man auch Agathe durch die innigsten
-Herzensbande zu den Kindern des Hauses und freute sich, sie als die
-Frau des braven Predigers im Orte zu behalten.
-
-Fanny hatte die Freude, von ihrer Mutter, welche ihre Tage in der
-Nähe der einzigen Tochter zu beschließen gedachte, an den Traualtar
-begleitet zu werden; aber auch Agathe stand nicht einsam. Der Onkel
-Niedrer war der Einladung Agathes gefolgt und führte die geliebte
-Nichte ihrem Gatten zu, und zu Agathes unaussprechlicher Freude gehörte
-auch Herr von Menzel zu den Hochzeitgästen, die Schönfelde beherbergte.
-Die Tante Niedrer freilich konnte es nicht über sich gewinnen, ihren
-Gatten zu begleiten; aber einige schöne Geschenke, welche sie Agathen
-schickte, zeigten doch, daß sie ihr vergeben hatte.
-
-Das freundliche Pfarrhaus, in das wir unsere Agathe nun zum Schluß noch
-begleiten, war durch die Güte aller ihrer Freunde höchst behaglich und
-nett eingerichtet worden. Denn sowohl der Onkel Niedrer, als auch Herr
-von Menzel und die Gutsherrschaft waren bemüht gewesen, alle Schränke
-und Kasten der jungen Hausfrau zu füllen und ihr ein wohlausgestattetes
-Häuschen zu übergeben. Aber neben dem blühenden Gesichtchen der jungen
-Frau Pastorin zog noch ein altes, verwittertes mit in das Haus, dem mit
-Agathen zugleich eine schöne, stille Heimath geworden war. Wer es ist,
-brauche ich nicht erst zu sagen. Der neue, rothe Frießrock glänzt nicht
-herrlicher, als das glückliche Gesicht der Alten, die ihn trägt, und
-obwohl das neue schwarze Kopftuch von untadelhaft starkem Seidenzeug
-ist, so können die mächtigen Schleifen doch kaum ihre steife Würde
-bewahren, denn der Kopf, den sie zieren, schwankt und zittert heut in
-nie erlebter Aufregung.
-
-»Dir danke ich ja alles, meine Anne, mein Glück und meine Heimath, und
-nie mehr lasse ich dich von mir!« sagte die junge Frau mit Thränen im
-Auge, als sie gemeinsam mit ihrem Gatten die alte Anne Sommer in das
-trauliche Hinterstübchen einführte, das sie ihr behaglich eingerichtet
-hatten. »Wärst du nicht gekommen, mir die Wege zu bahnen, wer weiß, wie
-es jetzt mit mir stände!«
-
-»Du säßest als Directrice auf dem hohen Stuhle und nähetest
-Zughüte, daß sich die Königin selbst nicht zu schämen brauchte, sie
-aufzusetzen,« neckte der Pfarrer fröhlich. »Und in den Freistunden
-exercirtest du junge Bello's als Rekruten ein!« lachte die Alte, daß es
-dröhnte.
-
-»Ach um alles, schweigt mir nur davon!« seufzte Agathe in komischer
-Angst. »Zwei Dinge in der Welt sind es, die nie in unser Haus kommen
-sollen, das sind Schooßhunde und Zughüte.«
-
-»Halt, dergleichen Bedingungen darf man nie im Leben stellen, wie es im
-Sprüchlein heißt:
-
-
- »Du sollst dich nie mit Schwur vermessen,
- Von dieser Speise will ich nicht essen!«
-
-
-rief der Geistliche schelmisch. »Wer weiß denn, was in dem Kasten
-steckt, den ich soeben für dich aus Leipzig erhalten habe!« Dabei
-holte er eine kleine Kiste herbei, deren schon losen Deckel er schnell
-öffnete und sie dann Agathen überreichte.
-
-Die junge Frau blickte verwundert hinein und zog ein Tuch fort, das den
-Inhalt noch verhüllte. Und was lag nun vor ihr? Ein wunderniedliches,
-weißseidenes Zughütchen, in dessen Höhlung sich ein zierlicher
-Schooßhund verkroch, zwar nur aus Wachs, und in verkleinertem
-Maaßstabe, aber dem theuren Bello so ähnlich, wie das Kind der Mutter.
-Ein Brief begleitete die Sendung; er war von der guten, alten Cousine
-und enthielt nebst tausend herzlichen Glückwünschen von ihr und allen
-Bewohnern der Arbeitsstube die Bitte, beifolgenden Scherz freundlich
-aufzunehmen. Das Hundchen war ein Abbild dessen, den sich Madame
-Niedrer zu Erinnerung an ihren theuren Bello verfertigen ließ, und
-dessen Doppelgänger sich die Cousine für Agathen verschafft hatte. An
-dem Hute aber hatten alle Mitglieder der Arbeitsstube einige jener
-furchtbaren, kleinen Säume genäht, welche einst den Schrecken und
-die Verzweiflung Agathes ausmachten. Fräulein Schneider garnirte das
-Kunstwerk schließlich mit zierlichen Maiblumen, und dieses Hütchen war
-in der ganzen langjährigen Praxis der würdigen Directrice das Erste und
-Einzige gewesen, das ohne vorherige Prüfung ihrer Principalin in die
-Welt hinaus wanderte.
-
-»Also nun birgt unsere Pfarre dennoch gerade jene beiden verpönten
-Gegenstände, Schooßhund und Zughut! O du arme Agathe!« rief der Pfarrer
-lustig und hielt die beiden Geschenke hoch empor. Agathe aber hatte
-Thränen im Auge, während ihr Mund lächelte, und innig bewegt sagte sie:
-»Ja, es ist recht so! Gerade diese beiden Dinge sollen mir immer vor
-Augen stehen; denn sie werden mir eine stete Mahnung daran sein, wie
-gütig Gott die arme Waise aus Trübsal zu Glück und Frieden führte.«
-
-
-
-
- Neue Wege.
-
-
-
-
-Auf dem weichen Teppich eines kleinen, behaglichen Zimmers schritt ein
-schlanker Mann in mittleren Jahren unruhig auf und nieder und wühlte
-mit seiner Hand oft ungeduldig in dem vollen, dunkelblonden Haar, das
-sein angenehmes Gesicht beschattete. Zuweilen blieb er stehen und
-schaute aufmerksam nach der hübschen Frau, welche sich leicht in die
-Kissen des Sophas zurücklehnte und mit einer Handarbeit beschäftigt
-war. Während das Gesicht des Mannes sich immer lebhafter röthete und
-Spuren des Verdrusses zeigte, ruhte auf den Zügen der noch ziemlich
-jung aussehenden Frau eine milde Freundlichkeit, und ihr Auge blickte
-ab und zu mit einem ungemein sanften Ausdrucke von der Arbeit auf.
-
-»Du bist zu gut und nachsichtig gegen sie, Gertrud, und dadurch
-erreichst du einmal nichts bei dem verwöhnten Mädchen,« sagte
-Geheimerath Seebald, jener blonde Mann, endlich unwillig und blieb vor
-seiner Frau stehen, welche soeben eine längere Mittheilung gemacht zu
-haben schien und ihren Gatten nun fragend anblickte.
-
-»Aber, lieber Gustav, bedenke, wie frei und unabhängig Frida in diesen
-letzten Jahren gewesen ist,« entgegnete die Frau sanft. »Es ist
-für jedes junge Mädchen eine schwere Sache, sich einer Stiefmutter
-unterzuordnen; für Frida aber ist es doppelt schwer, da du sie so
-völlig ungehindert schalten und walten ließest. Nun soll das arme Kind
-mit einemmale ein Muster von Ordnung und Vortrefflichkeit sein; aber
-du vergißt, daß gerade in dem so wichtigen Uebergange vom Kinde zur
-Jungfrau ihr niemand zur Seite stand, der sie leitete und sie eines
-Bessern belehrte, sobald sie Fehler beging.«
-
-»Niemand?« rief der Geheimerath lebhaft. »Habe ich ihr nicht eine
-Gouvernante gehalten und Dienstleute und alles was sie sonst brauchte?«
-
-»Ja, lieber Gustav, nur eben allzuviel!« entgegnete Frau Gertrud still
-lächelnd. »Die Gouvernante war vielleicht keine ganz glückliche Wahl;
-ihre Erziehungsresultate wenigstens sprechen für wenig Geschick und
-Klugheit. Ich bitte dich heut nur, habe Geduld mit Frida; es wird schon
-besser werden. Ich verberge mir nicht, daß ich keinen leichten Stand
-ihr gegenüber habe, da sie mich als unwillkommenen Eindringling eher
-hassen als lieben mag. Aber ich vertraue auf ihren Verstand und ihr
-gutes Herz und auf meine geduldige Liebe zu dem Kinde.«
-
-»Ich tadle an Frida weniger ihre schlechten Eigenschaften, als vielmehr
-ihr Benehmen gegen dich, liebe Gertrud,« sagte der Geheimerath
-verstimmt. »Ist es nicht empörend, daß meine älteste Tochter dir mit
-Mißtrauen und Kälte entgegentritt, wo sie doch vielmehr froh sein
-sollte, eine liebevolle Mutter und Freundin in dir zur Seite zu haben,
-die ihr alle die Lasten abnimmt, welchen ein so junges Mädchen ja noch
-gar nicht gewachsen ist. Und daß Frida auch dafür kein Verständniß hat,
-was du für mich bist, der ich lange Jahre hindurch einsam und freudlos
-dagestanden habe, und vor allem, welche treue Mutter ich in dir für
-ihre kleinen Geschwister gewonnen, die so unsäglich einer andern Pflege
-und Liebe bedurften, als sie ihnen Wärterinnen geben konnten, -- siehst
-du, Gertrud, alles das ist's, was mich so sehr gegen Frida aufbringt.
-Sollte ich sie etwa erst um Erlaubniß fragen, ehe ich einen neuen
-Ehebund schloß? Wahrlich, das verwöhnte Kind scheint es beansprucht zu
-haben.«
-
-»Eben =weil= sie ein verwöhntes Kind ist, Gustav!« sagte Gertrud sanft.
-»Vielleicht wäre es in der That besser gewesen, du hättest vorher mit
-ihr gesprochen und ihr deine Lage und die der Kinder vorgestellt. Du
-hättest ihr damit ein Vertrauen bewiesen, das ihr schmeichelte, hättest
-an ihr Herz und ihren Verstand appellirt und uns Allen die Situation
-dadurch erleichtert. Indem du ihr mit der fertigen Thatsache gegenüber
-tratest, reiztest du ihren Trotz und ihre Opposition ganz unnöthig;
-denn jetzt hat sie absolut keinen Antheil an dem, was du für gut und
-nöthig fandest und kommt mir mit Abneigung und Mißtrauen entgegen. Daß
-ich unter diesen Umständen für's Erste sehr vorsichtig sein muß und sie
-vor allem wegen ihrer Fehler jetzt noch nicht tadeln mag, ist wohl ganz
-natürlich. Aber wenn Frida erst einsehen wird, daß ich nur ihr Bestes
-will und daß sie nur Erleichterung und Annehmlichkeiten durch meinen
-Eintritt in die Familie hat, dann wird sich das alles bald ändern.«
-
-»Gebe es Gott; es lastet wie ein Alp auf mir und läßt mich des Glückes
-gar nicht froh werden, das du mir in das Haus gebracht hast, meine
-geliebte Gertrud!« sagte der Geheimerath seufzend, indem er den Arm um
-seine Gattin legte, die jetzt an seiner Seite stand. »Aber das sage
-ich dir: wenn Frida sich noch ein einzig Mal so beleidigend und so
-über alles Maaß hochfahrend gegen dich beträgt, wie es heut Vormittag
-der Fall gewesen, dann muß ich auf eine Aenderung denken. Dergleichen
-Unbilden sollst du nicht durch das thörichte Mädchen ausgesetzt sein;
-das darf ich nicht leiden.«
-
-»Laß doch nur jetzt gut sein, liebster Gustav,« entgegnete Gertrud
-tief erröthend. »Mich kränken solche Ausbrüche von Frida's Laune nicht
-nachhaltig. Wenn ich mich in ihre Stelle versetze, wäre ich gegen meine
-unwillkommene Stiefmutter vielleicht auch nicht sehr liebenswürdig.«
-
-»Nein, nein, Gertrud, es liegt tiefer; es ist nicht blos
-augenblickliche, üble Laune, glaube es mir,« sagte der Geheimerath
-düster. »Es wäre für Frida vielleicht auf alle Fälle gut, sie käme eine
-zeitlang aus dem Hause, in andre, einfachere Verhältnisse. Es sprechen
-auch noch einige andre Gründe für einen solchen Wechsel, welcher sie
-dem Einfluß einiger unklugen Freundinnen, sowie allerlei Thorheiten
-entzöge, die sie sich, wie ich sehr stark vermuthe, in den Kopf gesetzt
-hat.«
-
-»Aber nur jetzt nicht, nicht gleich nach meinem Eintritt in deine
-Familie,« bat Gertrud dringend. »Welche Gründe dich auch für einen
-solchen Wunsch bestimmen mögen, warte noch damit, ich bitte dich.
-Bedenke doch, welches Licht es auf deine Frau werfen würde, die die
-älteste Tochter aus dem Hause treibt, sobald sie nur den Fuß in
-dasselbe setzte.«
-
-»Wenn es nöthig wäre, würde niemand meine sanfte, engelsgute Frau
-beschuldigen, sondern nur meine stolze, trotzige Tochter, das glaube
-mir, Gertrud,« erwiederte der Geheimerath milde und küßte die schmale,
-weiße Stirn seiner Gattin. »Aber du magst Recht haben. Besser,
-wir schieben die Sache noch etwas hinaus, vorausgesetzt aber, wie
-gesagt, daß Frida solche Auftritte vermeidet, wie ich heute Morgen
-im Nebenzimmer mit anhörte. Dergleichen =darf= in meinem Hause nicht
-vorkommen; das leide ich nicht.«
-
-Nach diesem Gespräche trennten sich die beiden Gatten; der Geheimerath
-ging an seine Geschäfte, Gertrud in das Zimmer ihrer beiden kleinen
-Stiefkinder, einem Knaben von sechs und einem Mädchen von vier Jahren.
-Es waren blasse, kränklich aussehende Kinder, welche die Stiefmutter
-mit ziemlich gleichgültiger Miene anblickten, als dies zu ihnen
-herantrat.
-
-»Zeigst du Käthchen Bilder, lieber Franz?« sagte Gertrud freundlich und
-strich dem Knaben über das glatte, dunkle Haar.
-
-»Ja, Mama, die Bilder sind aber so langweilig; ich kenne sie schon
-alle so sehr,« klagte Franz, mit seinen schwimmenden, dunklen Augen zu
-Gertrud aufschauend.
-
-»So kommt mit in mein Zimmer, Kinder; ich will euch heute einmal
-wieder die hübschen Kupferstiche zeigen, die euch neulich so gut
-gefielen,« sagte die Mutter freundlich. Ein leises Roth der Freude zog
-über des Knaben blasse Wange, und rasch sprang er vom Stuhle auf, der
-voranschreitenden Gertrud zu folgen. Die kleine Katharine trippelte
-eilig hinterdrein, und bald neigten sich die beiden Kindergesichter
-über einen Band schöner, großer Kupferstiche, welchen die Mutter ihnen
-auf den Tisch gelegt.
-
-»Erkläre Käthchen die Bilder, wenn sie nicht alles versteht; du bist
-ja schon ein verständiger Junge,« sagte Gertrud lächelnd zu Franz,
-der ernsthaft mit dem Kopfe nickte und ganz stolz sein Amt eines
-Informators antrat, indem er sich Geschichten zu den bildlichen
-Darstellungen erfand, denen Käthchen mit gespannter Aufmerksamkeit
-lauschte. Gertrud setzte sich indeß still an ihre Arbeit und ließ ihren
-Gedanken freien Lauf, bis nach einer Weile die Thür des Nebenzimmers
-heftig aufgerissen wurde, und ein junges Mädchen rasch eintrat.
-
-»Franz, du unartiger Junge, du hast mir gewiß wieder mein Buch
-fortgenommen,« rief sie ärgerlich und kam zu den Kindern. »Bilder
-beseh'n, und immer und ewig Bilder beseh'n, weiter treibst du den
-ganzen Tag nichts. Meine Bücher =sollst= du aber nicht nehmen; das
-weißt du doch?«
-
-Franz war feuerroth geworden und antwortete nichts; Gertrud aber sagte
-milde: »Welches Buch fehlt dir denn, Frida?«
-
-Das junge Mädchen wandte den Kopf nur halb nach der Fragenden um und
-sagte kurz: »Ein Dumas'scher Roman, in dem Franz einige Bilder gesehen
-hat, die ich hineingelegt.«
-
-»Das Buch liegt in deines Vaters Zimmer, liebe Frida,« entgegnete
-Gertrud. »Er hielt die Lectüre für nicht ganz passend für ein so junges
-Mädchen und nahm das Buch an sich. Ich will dir bessere Bücher geben,
-liebes Kind, als diese leichtfertigen, französischen Romane. Hast du z.
-B. die Bücher von Jeremias Gotthelf schon gelesen?«
-
-Frida blickte ihrer Stiefmutter jetzt voll in das Gesicht. Es war
-ein feines, schönes Köpfchen, das auf den jungen, siebzehnjährigen
-Schultern saß, der edlen Bildung ihres Vaters sehr ähnlich und von
-vollem, blonden Haar umwogt. Aber die maaßlos moderne Frisur verdarb
-das prachtvolle Haar ebensosehr, wie der stolze Ausdruck des Gesichtes
-der Schönheit dieser Züge schadete. Bei Gertruds Worten warf sie den
-Kopf hochmüthig zurück und sagte scharf: »Wer hat denn in meinem Zimmer
-herumspionirt und Papa meine Bücher zugetragen?«
-
-»Nicht in deiner Stube lag das Buch, Frida,« entgegnete Gertrud ruhig,
-»sondern im Eßzimmer trieb es sich herum. Dein Vater sah es dort liegen
-und blätterte darin.«
-
-»Papa hat sich doch sonst nicht um meine Lectüre bekümmert, warum denn
-jetzt auf einmal?« sagte Frida spitz. »Von selbst ist er sicher nicht
-darauf verfallen, und ich möchte doch sehr bitten, mich auch ferner mit
-dergleichen in Ruhe zu lassen. Solche Hetzereien sind gräßlich.«
-
-»Du bist noch zu jung, liebe Frida, um jedes Buch lesen zu können,
-das dir in die Hand kommt,« erwiederte die Mutter immer noch ruhig,
-obwohl ihr zartes Gesicht bei Frida's bösen Worten abwechselnd bleich
-und roth wurde. »Böse gemeint ist dabei nichts, im Gegentheil bin
-ich gern bereit, dir viel bessere Lectüre zu geben, als du in deiner
-natürlichen Unkenntniß dir aussuchst. Du weißt, ich habe eine sehr
-reiche Bibliothek sie steht dir gern zu Diensten.«
-
-»Ich danke, ich bin in der Leihbibliothek abonnirt,« sagte Frida kurz
-und ging hinaus, die Thür sehr unsanft in das Schloß werfend. Gertrud
-strich sich mit der Hand langsam über das Gesicht und seufzte. Dann
-aber blickte sie heiter nach den beiden Kindern, welche fröhlich über
-ein spashaftes Bild lachten, das sie soeben aufgeschlagen, und Franz
-brachte das Buch zu der Mutter, damit diese ihnen die Geschichte
-erzählte, die herrlich sein mußte. Gertrud erfüllte bereitwillig die
-Bitte und vergaß in dieser Weise einigermaßen den häßlichen Auftritt,
-den Frida veranlaßt hatte. Sie fürchtete aber freilich trotz aller
-Sanftmuth und trotz der unablässigen Mühe, die sie sich gab, Frida für
-sich zu gewinnen, daß ihr dies nicht gelingen werde, und einige Tage
-später brach denn auch wirklich die Katastrophe herein, welche Gertrud
-trotz aller Liebe und Milde nicht abwenden konnte.
-
-Gertrud hatte sich zum Ausgehen fertig gemacht und sagte, in das
-Zimmer tretend, zu Frida, welche am Clavier saß: »Aber willst du dich
-nicht anziehen, mein Kind? Ich sagte dir ja, wir wollten bei Präsident
-Wehrmann und Regierungsrath Keller Besuche machen. Dein Vater wird
-gleich eintreten, uns abzuholen; beeile dich etwas.«
-
-Frida wandte in ihrer beliebten Weise den Kopf nur halb herum und
-spielte weiter. Die Mutter wartete einige Augenblicke, dann forderte
-sie das junge Mädchen von Neuem auf, nur mühsam ihre Ungeduld
-verbergend; denn sie wußte, wie ungern ihr Gatte wartete, wenn er
-ausgehen wollte. Frida aber spielte noch immer und sagte nur leichthin:
-»Ich gehe nicht mit!«
-
-»Du gehst nicht mit, Frida? Warum nicht?« rief Gertrud erstaunt.
-
-»Weil ich keine Lust habe,« entgegnete Frida schnippisch. »Ich kann das
-Volk nicht ausstehen.«
-
-»Wen meinst du eigentlich, liebes Kind?« sagte Gertrud betreten, und
-ihre Stirn röthete sich vor Unwillen.
-
-»Wen ich meine?« rief Frida nachlässig; »nun deine Präsident Wehrmanns
-und Kellers und wie sie alle heißen. Eine langweiligere Gesellschaft
-kenne ich nicht. Ich habe meinen eigenen Bekanntenkreis; jene Leute
-besuche ich nicht.«
-
-»Du wirst dich doch wohl dazu entschließen müssen, liebe Frida,« sagte
-Gertrud ruhig, »denn jene Familien gehören zu dem Kreis der Freunde
-deines Vaters, und da schickt es sich nicht anders, als daß die Tochter
-des Hauses mit uns Besuche bei ihnen macht.«
-
-»Das sind wieder einmal solche herrlichen Neuerungen, wie sie jetzt
-massenhaft ins Haus kommen!« rief Frida trotzig. »Es ist doch
-mindestens sonderbar, daß mir jetzt fortwährend geboten wird, das thu,
-und das laß, wo ich doch bisher ganz gut selbst wußte, was ich zu thun
-und zu lassen hatte.«
-
-»Dein =Vater= will es so, mein Kind,« sagte Gertrud kurz.
-
-»Papa will es nur, weil =du es= willst; sonst fiele es ihm gar nicht
-ein, mir Dinge zuzumuthen, die mir unerträglich sind!« fuhr Frida
-leidenschaftlich auf. »Aber ich werde deshalb doch thun, was mir
-beliebt, wie ich es bisher gethan habe; ich bin alt genug und bedarf
-keiner Gouvernante mehr. Und wenn Papa kommt, will ich es ihm selbst
-sagen; warum hat er mir Situationen octroyirt, die mich empören
-müssen!« Dabei warf sie ein Notenheft so stürmisch auf den Flügel,
-daß die losen Blätter weit im Zimmer umherflogen, und stieß den
-Clavierschemel mit dem Fuße zur Seite, daß er umstürzte.
-
-»Augenblicklich schweigst du, und möge deine Mutter die bösen
-Reden vergessen, die du führtest!« rief jetzt aber die Stimme des
-Geheimeraths, welcher rasch in das Zimmer eintrat. »Ich habe alles mit
-angehört, was du gesagt hast, du unartiges Mädchen; aber jetzt hat das
-Spiel ein Ende. In dieser Weise dulde ich es nicht länger, daß meine
-Tochter ihrer Mutter gegenübertritt. Geh' jetzt auf dein Zimmer und
-erwarte dort das Weitere.«
-
-Frida warf den Kopf trotzig zurück und ging hinaus. Gertrud aber
-verbarg schluchzend ihr Gesicht in dem Tuche.
-
-»Gräme dich nicht, liebe Gertrud,« sagte ihr Gatte weich. »Ich fühle
-deutlich, ich habe einen großen Fehler begangen, daß ich Frida so
-völlig zügellos aufwachsen ließ. Gebe Gott, daß es noch nicht zu spät
-ist, sie zu ändern. Ich kenne sie in der That kaum wieder. Eigentlich
-ist sie ein gutes, fröhliches Geschöpf; aber jetzt ist sie wie
-ausgetauscht, und mir scheint, es wird immer schlimmer statt besser.
-Was ich dir neulich schon sagte, das wiederhole ich: das Beste ist, sie
-kommt eine Weile aus dem Hause. Wir entziehen sie dadurch auch zugleich
-dem Einfluß einer ihrer nächsten Freundinnen, die in hohem Grade
-ungünstig auf ihr weiches Gemüth einwirkt, wie ich fürchte. Ich kann
-ihr den Umgang mit dieser Familie nicht untersagen; auch würde ich die
-Sache dadurch nicht bessern, sondern nur Heimlichkeiten hervorrufen.«
-
-»Du erwähntest neulich schon etwas der Art,« sagte Gertrud; »welche
-Freundin meinst du?«
-
-»Franziska von Froreich, ein eitles, leichtsinniges, aber kluges und
-angenehmes Mädchen,« entgegnete der Geheimerath. »Sie hat den Kopf voll
-Phantastereien und Thorheiten, und leider steckt sie meine empfängliche
-Frida sehr damit an. Durch unsere würdige Geheimeräthin Gerold, eine
-mütterliche Freundin meines Hauses, habe ich einige Dinge erfahren,
-die mich in der That beunruhigen. Im Hause dieser Froreich's hat
-Frida einen jungen Mann kennen gelernt, der ganz das Zeug dazu hat,
-einen phantastischen siebzehnjährigen Mädchenkopf zu verdrehen; denn
-er ist schön, elegant, witzig und angenehm, gerade wie es ein Held
-der Romane sein muß, die sie lesen. Dieser junge Herr scheint alle
-Künste zu verstehen, die Herzen unerfahrener Mädchen zu gewinnen. Mit
-dieser singt und musicirt er, mit jener schwärmt er für Literatur und
-bringt ihr Gedichte, dann wieder treibt er Blumensprache oder sonstige
-Fadaisen mit ihnen, tanzt vortrefflich, zeichnet etwas, kurz, es giebt
-eben nichts, was er nicht verstände und wüßte. Aeltere Frauen schütteln
-die Köpfe, den Männern ist er gleichgültig oder im Wege. Niemand aber
-weiß recht, wer er ist und was er eigentlich treibt. Meiner hübschen
-Frida aber hat er das Köpfchen augenscheinlich gründlich mit seinen
-Süßigkeiten verdreht, und wenn ich etwas sorglicher die Augen offen
-gehalten hätte, als ich leider gethan, so würde ich wohl selbst gesehen
-haben, worauf mich liebe Freunde jetzt aufmerksam machen. Ich denke
-jedoch, Frida ist noch ein solches Kind, daß ihr die Sache aus dem
-Kopfe kommt, lebt sie einige Monate in anderen Kreisen, und besonders
-auch fern von Franziska, die sich darin scheint gefallen zu haben, als
-Beschützerin dieser keimenden Liebe eine interessante Rolle zu spielen.«
-
-»Hast du gegen Frida etwas über diese Sache erwähnt?« sagte Gertrud
-nachdenkend.
-
-»Thörichter Weise allerdings!« entgegnete der Geheimerath
-achselzuckend. »Ich glaubte, ihr klar machen zu können, daß an einem
-jungen Manne elegantes und einschmeichelndes Wesen etwas Gefährliches
-sei, und daß es verdienstvollere Eigenschaften gäbe und würdigere,
-um die Achtung und Liebe eines Mädchens zu gewinnen. Aber das war
-nur Oel in's Feuer. Sie vertheidigte ihren jungen Verehrer mit
-flammenden Augen, und ich bin sicher, hätte ich ihr den Verkehr mit
-demselben jetzt untersagt, die Sache wäre bei Frida's Heftigkeit wohl
-zu einer bösen Wendung gekommen. Ich zog es daher vor, sie mit ihrer
-jugendlichen Schwärmerei zu necken und das Ganze scherzhaft und leicht
-zu nehmen. Aber ich kann dir sagen, liebe Gertrud, ich bin froh, dich
-jetzt zur Seite zu haben, damit du über das Kind mit treuen Mutteraugen
-wachest und mit vorsichtiger Frauenhand den Knoten lösest, der sich da
-etwa zu schlingen droht. An dem jungen Galan ist nichts, davon bin ich
-überzeugt, seit ich ihn etwas näher beobachtet; aber mein Männerkopf
-versteht es nicht, da das Rechte zu ergreifen.«
-
-Gertrud sah ernst sinnend vor sich nieder. »Du kannst auf meine Hülfe
-rechnen, Gustav,« sagte sie sanft. »Aber die Aufgabe ist keine leichte.
-Wie ich Frida beurtheile, wird sie sich schwer von einer ernsten
-Neigung zurückbringen lassen, und Widerstand ihr die Sache vielleicht
-noch anziehender machen. Sie glaubt dann wohl eine jener Romanheldinnen
-zu sein, die für ihre Liebe schwere Opfer zu bringen haben, wie sie
-in den Büchern gelesen. Lassen wir für jetzt die ganze Angelegenheit
-unberührt, vielleicht wirkt Zeit und Entfernung günstig auf ihr Gemüth.
-Wenn du sie unter recht einfache, frische und brave Menschen bringen
-könntest, so wäre dies wohl das beste Mittel, das Kind zu ändern und zu
-bessern; aber wo finden wir solche?«
-
-»Ich denke, ich habe sie schon gefunden,« entgegnete der Geheimerath
-heiter. »Die Sache liegt mir länger schon im Sinn; denn seit jener
-Mittheilung unserer lieben, alten Freundin, Frida's keimende
-Neigung betreffend, war ich entschlossen, das Kind für eine Weile
-anderen Händen anzuvertrauen und sie aus den hiesigen Verhältnissen
-fortzuschicken. Seitdem aber kam durch dich, meine Gertrud, neues
-Glück über mich, und ich hoffte, auch über Frida, und so gab ich den
-Gedanken jener Trennung auf. Nun aber ist dieselbe nöthiger als je,
-nöthig für alle Theile, und so zögere ich nicht länger. Ich werde Frida
-meiner Schwägerin anvertrauen, der Schwester ihrer Mutter. Das ist
-eine einfache, gute und tüchtige Frau, und ihre Töchter liebe, nette
-Mädchen. Bei ihnen ist unser Kind wohlaufgehoben. Mein Schwager, ein
-braver, trefflicher Mann, hat eine Pachtung in Mecklenburg übernommen,
-und das Landleben wird Frida mit vielem aussöhnen, was ihr in den sehr
-einfachen Verhältnissen sicher nicht gefallen wird. Ich habe bereits
-früher schon einmal angefragt, ob meine Schwägerin mir das Opfer
-bringen will, Frida für einige Zeit in ihr Haus zu nehmen, und sie ist
-gern dazu bereit. Du bist wohl so freundlich, liebe Gertrud, in Frida's
-Sachen nachzusehen, was sie etwa bedarf. Staat wird sie überflüssig
-genug haben, für alles andere aber übernimm, bitte, die Sorge.«
-
-Während Frida's Eltern noch Weiteres mit einander besprachen, lag das
-junge Mädchen in ihrem Zimmer auf dem Sopha, das Gesicht in die Kissen
-gedrückt, und ihre Brust athmete heftig. Aber Thränen flossen trotz
-aller Leidenschaft nicht aus den heißen Augen. Mit ihren kleinen,
-weißen Zähnen biß sie fest in das feine Taschentuch, das sie vor die
-Lippen drückte, und riß so heftig daran herum, daß es in Stücken flog.
-Da ballte sie die Fetzen grimmig in der kleinen Hand zusammen und
-schleuderte den Knäul in die Ecke; ihre hübschen Füße aber stampften
-nun so energisch den Boden, daß die höchst eleganten Stiefelchen,
-welche sie umschlossen, in allen Nähten krachten.
-
-»Unerträglich! Unerträglich!« rief sie ungestüm und schlug die Hände
-vor das Gesicht. »Mich so zu behandeln, mir das zu bieten, und in ihrer
-Gegenwart! O, ich möchte ersticken vor Aerger. Und was nun seine Worte
-heißen sollten? >Erwarte dort das Weitere!< Was soll ich erwarten? Will
-man mich etwa einschließen, mich gefangen halten bei Wasser und Brod,
-bis ich kirre werde und der Frau Mutter zu Füßen liege? O da können sie
-lange warten; aber es ist abscheulich, ganz abscheulich vom Papa. Bis
-jetzt war er immer so gut und that alles, was ich wollte; nun ist er
-wie verwandelt. Und an allem ist =sie= allein schuld, ich weiß es wohl,
-sie mag sich verstellen wie sie will. Aber ich dulde es nicht, nein,
-absolut nicht!«
-
-In dieser Weise trieb es das heftige Mädchen noch eine lange Weile,
-ohne dabei ruhiger zu werden. Da öffnete sich die Thür und ihr Vater
-trat herein.
-
-»Frida,« sagte er ruhig und ernst, »ich denke, es wird für alle
-Theile besser sein, wir versuchen es, eine Aenderung dadurch im Hause
-eintreten zu lassen, daß du deine Tante Marie, die dich lange schon
-so freundlich eingeladen hat, für einige Zeit besuchst. Ich habe dich
-zu sehr verzogen, ich sehe es jetzt wohl ein; der Schaden jedoch läßt
-sich nicht so schnell gutmachen. Aber deine treffliche Mutter soll
-nicht durch dich leiden. Ich hoffe, bei Tante Marie wirst du etwas
-vernünftiger werden und als ein verständigeres Mädchen heimkehren.
-Suche deine Sachen zusammen, übermorgen bringe ich dich nach Dahme.«
-
-»Also eine Verbannung!« sagte Frida kalt. »Gut, ich gehe und mache
-Platz; es mag das Beste sein, du hast Recht, Papa. Zwei Willen das geht
-nicht. Schade nur, daß du das jetzt erst merkst, und ich darunter so
-bitter leiden muß. Aber es mag drum sein; ich danke dir, daß du mich
-fortschickst.«
-
-Es war kein guter Geist, der aus Frida in diesem Augenblicke sprach.
-Ihr Vater stand ihr traurig und rathlos gegenüber und wußte nicht, wie
-er den Weg zu ihrem Herzen finden sollte. Da fiel sein Blick auf ein
-Bild, das über Frida's Nähtischchen hing. Leise ergriff er die Hand
-seiner Tochter und führte sie zu diesem Bilde. Es war das ihrer Mutter.
-
-»Frida,« sagte der Vater weich, »was würde sie dazu sagen, wenn sie
-hörte, wie ihr Kind mit ihrem Vater spricht!«
-
-Das junge Mädchen zuckte leise zusammen und erblaßte. Einen Augenblick
-stand sie mit gesenkten Lidern vor dem Bilde, dann rief sie: »Papa!«
-und laut schluchzend sank sie an ihres Vaters Brust. Still hielt dieser
-sein Kind in den Armen, sprechen konnte er nicht, und auch Frida
-weinte nur heftig ohne zu sprechen. Endlich aber stammelte sie erregt:
-»Verzeih mir, Papa! O ich bin zu, zu unglücklich!« Und wieder weinte
-sie leidenschaftlich.
-
-»Ich verstehe dich nicht, Kind,« sagte der Vater sanft und streichelte
-ihre Wange, »du bist mir völlig räthselhaft; denn wenn du nur wolltest,
-so würde dir aus deiner jetzigen Situation unendlich viel Glück und
-Freude erwachsen; aber erzwingen kann ich es freilich nicht. Machen
-wir deshalb den Versuch einer Trennung in aller Liebe, Frida, hörst
-du wohl? ohne von Verbannung oder dergleichen Thorheiten zu sprechen.
-Ein Landaufenthalt wird dir in allen Fällen gut thun; der letzte
-Winter hat dich etwas blaß und nervös gemacht. Tante Marie hat dich
-lieb und freut sich lange schon auf dein Kommen, und ihre Töchter
-werden dir ein angenehmer Umgang sein. Scheiden wir in aller Liebe und
-Herzlichkeit für eine Weile von einander, und wenn du dann wieder zu
-uns zurückkommst, wirst du alles mit anderen Augen ansehen, deß bin ich
-sicher.«
-
-Frida schüttelte zwar leise und ungläubig den Kopf; aber der gute
-Geist, den ihr Vater heraufbeschworen, breitete seine Hände über sie.
-
-»Wie du willst, Papa. Ich glaube, du hast Recht, und es ist gut für
-alle Theile,« sagte sie weich und ergeben. »Ich werde meine Sachen
-zusammen suchen, dann können wir fort, je eher je lieber.«
-
-Der Geheimerath küßte sein Kind liebevoll und sagte leise: »So ist's
-recht, Frida, mache deinem armen Vater das Herz nicht gar zu traurig.
-Ich danke dir, und =sie= wird dich dafür segnen.« Dabei blickte der
-weiche Mann noch einmal feuchten Auges nach dem Bilde seiner ersten,
-unsäglich geliebten und betrauerten Gattin, dann verließ er still das
-Zimmer.
-
-Frida setzte sich wie gebrochen diesem lieben Bilde gegenüber, und
-leise rannen noch einige Thränen über ihre Wangen. Aber es waren
-gute Gedanken, welche jetzt durch ihre Seele zogen. Sie gedachte
-jener traurigen Zeit, als diese treue Mutter von den Ihren schied,
-nachdem sie noch dem kleinen Käthchen das Leben geschenkt hatte, und
-welche Zerstörung dieser Tod in die Familie brachte. Ihr Vater war
-wie vernichtet von Kummer und Leid; das schwache, neugeborne Kindchen
-lag kraftlos und still in seiner Wiege, und das matte Lebenslicht
-schien verlöschen zu wollen. Sich selbst überlassen, trieben sich
-die andern Kinder im Hause umher, Frida selbst erst 12 Jahre alt und
-unfähig, die jüngeren Geschwister zu zügeln. Wohl kamen dann Fremde
-in das Haus, sich der Kinder und des Hauswesens anzunehmen; aber es
-war ein zerfahrener Geist in dem Ganzen, und der Hausherr besaß nicht
-Kraft und Umsicht genug, es zu ändern. Summen wurden verschwendet,
-die Leute gewechselt, bald Strenge, bald Güte versucht, die Dinge
-anders zu gestalten, es war vergebens. Dann erkrankten die Kinder am
-Scharlachfieber, zwei von ihnen, welche vielleicht bei sorgsamerer
-Pflege gerettet werden konnten, erlagen der Krankheit, und die beiden
-Jüngsten blieben kränklich und blaß, nachdem sie genesen waren. Endlich
-übernahm Frida die Oberleitung des Hauswesens, sie war ja sechzehn
-Jahr alt und also ein erwachsenes Mädchen. Aber statt besser, wurde es
-nur schlimmer. Frida fühlte das wohl, wußte es aber nicht zu ändern.
-Sie war sich selbst nicht klar, daß ohne Anleitung und ernsten Sinn,
-nur voll Interesse für ihr Vergnügen, ihren Putz und ihre Freundinnen,
-sie einer solchen Aufgabe nicht gewachsen war. Frei und ohne jegliche
-Schranke ließ der Vater sie schalten und walten, that alles, was Frida
-wollte, gab ihr Geld über Geld und bewilligte alle Vorschläge, nur um
-Ruhe und Frieden im Hause zu haben. Und doch erreichte er damit wenig,
-Frida aber brachte er großen Schaden. Ein dunkles Gefühl sagte dies dem
-jungen Mädchen gar wohl; aber doch war es gar zu schön, so unbeschränkt
-leben und befehlen zu können, sie wünschte es nicht anders.
-
-Welch ein Donnerschlag war da für sie die Nachricht, ihr Vater
-werde wieder heirathen! Tiefe Entrüstung ergriff Frida über solches
-Unterfangen, und mit lebhaftem Mißtrauen und starker Abneigung trat sie
-der unwillkommnen Stiefmutter entgegen. Mit innerer Empörung übergab
-sie den Händen der neuen Hausfrau alle Pflichten, welche jetzt ihr
-obgelegen, und denen sie freilich nur allzu lässig nachgekommen war.
-Die Uebergabe dieser Geschäfte konnte sie nicht ändern und mußte sie
-schweigend ertragen. Aber eines stand fest: sie selbst wollte nie etwas
-mit dieser Stiefmutter gemein haben und sich nie und nimmer ihrer Macht
-unterwerfen. Freilich suchte diese neue Mutter durch unsägliche Geduld
-und Milde solche Entschlüsse zu stürzen und Frida's Herz zu erobern,
-Frida jedoch stemmte sich mit aller Macht dagegen, und wie sie ihre
-vermeintlichen Rechte glaubte schützen zu müssen, das haben wir selbst
-gesehen. Aber es war ihr nicht wohl dabei. Sie fühlte Tag täglich,
-welchen Schatz ihr Vater mit dieser Mutter in das Haus geführt, und wie
-wohl geordnet jetzt alles seine stillen Wege ging. Wie froh und heiter
-blickte ihr Vater jetzt in die Welt hinein, wie wohl versorgt waren
-die kleinen Geschwister, und wie ordentlich und gesittet thaten die
-Dienstleute ohne Lärm und ohne Widerspenstigkeit ihre Pflichten. Aber
-trotz dieser Einsicht konnte sie die Erbitterung und den Verdruß nicht
-aus ihrem Herzen scheuchen, und so war es besser, sie ging. Mochte
-ihr Vater Recht haben oder nicht, mochte Zeit und Entfernung günstig
-wirken oder nicht, für jetzt =konnte= es nicht so bleiben, das sah und
-begriff sie. Der vorige Trotz ihres ungebändigten, kindischen Herzens
-hatte jetzt ruhigerer Einsicht Platz gemacht, ja endlich behauptete
-die Jugend so sehr ihr Recht, daß die bevorstehende Reise mit ihren
-neuen Verhältnissen und Eindrücken ihr sehr lockend erschien, und sie
-sich von Herzen auf den Landaufenthalt freute, den sie sich lange schon
-gewünscht. So machte sie denn gute Miene zum bösen Spiel, erzählte
-ihren Freundinnen von der bevorstehenden frohen Aussicht und war ganz
-heiter und guter Dinge. Gertrud ging auf diese Stimmung Frida's nur zu
-gern ein und half ihr eifrig, für die Reise alles in Stand zu setzen,
-wobei sie freilich wünschte, gar vieles von dem Putz und Staat aus den
-Koffern wieder heraus zu legen, den die eitle Frida einpackte, welche
-sich einen sonderbaren Begriff von den Bedürfnissen ihres Landlebens zu
-machen schien.
-
-So war denn einige Tage später der Schritt geschehen und Frida im
-Hause der Tante Marie. Ihr Vater war wieder abgereist, Frida aber saß
-bald nach ihrer Ankunft bei einem Briefe an ihre liebste Freundin, und
-damit wir sehen, wie es ihr in der neuen Umgebung gefällt, blicken
-wir über die Schulter der Schreiberin und nehmen Kenntniß von ihren
-Freundschaftsergüssen.
-
-
- »Liebste, beste Franziska!
-
- Drei Tage sind schon darüber hingegangen, daß ich meinem Papa
- Lebewohl gesagt habe und hier in das Haus von Onkel und Tante Bremer
- eingetreten bin. Wie voll ist mir das Herz, und wie sehr verlangt mich
- danach, Dir, meiner besten, liebsten Freundin, von meinem Ergehen und
- meiner hiesigen Situation Kunde zu geben. Aber bis jetzt kam ich nicht
- dazu; denn ich kann Dir sagen, daß ich völlig benommen bin von der
- Neuheit meines Aufenthaltes. Eine Sehnsucht und ein Verlangen nach
- meinem himmlisch behaglichen Vaterhause, nach Dir und meinen anderen
- geliebten Freundinnen erfüllt mich von früh bis spät, und wenn ich
- mich nicht schämte, ich packte am liebsten wieder ein und eilte zurück
- zu Euch Allen, trotz der unerträglichen Verhältnisse im Vaterhause.
-
- Ach Deinem Herzen, mein Fränzchen, als dem meiner intimsten Freundin,
- habe ich ja allein den wahren Sachverhalt anvertraut, Du allein weißt
- ja, was und wer mich aus dem Vaterhause hinaus getrieben. Die, die
- sich jetzt meine Mutter nennt, ist es, ich weiß es wohl, und wenn ich
- auch um Papa's willen heiteren Auges geschieden bin, Du weißt besser,
- wie es in mir aussieht. Ach eines nur beruhigt und tröstet mich trotz
- allem -- daß ich diese Reise nicht schon einige Monate früher antreten
- mußte. Du ahnest und weißt warum, meine süße Freundin! Die himmlischen
- Stunden in Eurem Hause, wo ich =ihn= sehen und sprechen durfte, ach
- sie sind ja doch ohnehin jetzt vorüber, seit er fort ist. Aber wo ist
- er, warum sagte er es nicht, und warum ging er so plötzlich fort ohne
- unser Wissen? Zum Winter aber, wenn ich wieder bei Dir bin, dann will
- ja auch er wiederkommen, das hoffte er so sicher, als ich ihn zum
- letzten Male sprach. O dieses letzte Mal, Fränzchen, es wird mir ewig
- in der Seele bleiben!
-
- Wie oft hast Du mir versichert, ich sei ihm nicht gleichgültig, Du,
- liebe, treue Freundin, ach immer und immer konnte ich nicht daran
- glauben. Aber beim Abschied, da habe ich es wohl glauben müssen, (o
- und =wie= gern!) denn daß ich es Dir jetzt nur gestehe, er hat es mir
- nur allzudeutlich gesagt. Aber nicht blos in trocknen, prosaischen
- Worten, wie ein Anderer es wohl an seiner Stelle gethan hätte; o nein,
- das wäre dieses genialen, poetischen Kopfes nicht würdig! Nein, er hat
- mir in einigen entzückenden Versen seine Gefühle gestanden. Denke nur,
- Verse von ihm selbst. O ich müßte ein Herz von Eis oder Stein haben,
- wenn mich diese Worte nicht gerührt hätten, und der Blick, von dem
- sie begleitet waren. Ich muß Dir wirklich als Sühne für mein spätes
- Vertrauen dieses Gedichtchen hersetzen; urtheile selbst, =was= ich
- dabei fühlte.
-
-
- In einem stillen Thale
- Blüht eine Rose hold,
- Die Blätter glühn und glänzen
- Wie süßer Minne Sold.
-
- Da kommt mit müdem Schritte
- Ein Wandersmann daher,
- Sein Aug' ist matt und trübe,
- Sein Herz ist bang und schwer.
-
- Doch wie mit holdem Zauber
- Weht's um ihn wunderbar,
- Und weiche Rosendüfte
- Umspielen Stirn und Haar.
-
- Und wie ein Himmelsbote
- Schaut ihn das Röslein an:
- »Wohl kann ich Heilung bringen,
- »Du armer, kranker Mann.«
-
- »Wem ich am Herzen ruhe
- »In stiller Lieb' und Treu',
- »Dem lächelt Freud' und Wonne
- »Und süßes Glück aufs Neu.
-
- »»O Rose, holde Rose,
- »»So sei auf ewig mein!
- »»Des Herzens banges Sehnen,
- »»Das stillest du allein!
-
- »»An treuer Brust geborgen
- »»Blühst du in sichrer Huth;
- »»O Rose, sei mein eigen,
- »»Nur dann ist alles gut!««
-
-
- O wenn Papa dies läse, dann würde er eine andere, höhere Meinung
- von den Gaben dieses herrlichen Mannes bekommen! Aber um alles in
- der Welt, ihm darf ich es nicht sagen, er würde mir nie verzeihen,
- daß ich solche Dinge angenommen habe von einem jungen Manne, der
- ihm ganz fremd, und, wie ich mit blutendem Herzen bemerkt, durchaus
- nicht willkommen ist. So mag es denn ein süßes Geheimniß zwischen uns
- bleiben, mein Fränzchen, und wenn er wieder zurückkehrt, dann geht
- hoffentlich die Sonne heller für uns auf. Was kümmert es mich, wer
- und was er ist, wonach Papa so sorglich forschte! Er ist Deiner Mama
- von einem Jugendfreunde empfohlen, das genügt mir, und wer so edel
- und vornehm in seiner Erscheinung, so fein und ritterlich in seinem
- Benehmen ist, der kann kein untergeordnetes Menschenkind sein. Der
- Stempel edler Abkunft ist ja seiner schönen Stirn aufgeprägt! -- Doch
- genug; ich verliere mich in meine süßen wonnigen Träume, und doch muß
- ich ihnen hier so ganz Lebewohl sagen und der rauhen Wirklichkeit um
- mich her leben. Laß Dir jetzt hiervon ein Wenig erzählen und bedaure
- mich, Du Getreue!
-
- Franziska, was giebt es doch für Existenzen, und was das Wunderbarste
- ist, wie glücklich scheinen mir hier die Leute alle in diesen mehr als
- einfachen Existenzen. Mir steht der Verstand still, und Dein scharfer
- Humor fände hier nur allzureichen Stoff für Witz und Spöttereien.
-
- Also mit dem Anfang zu beginnen, das heißt, mit unserer Ankunft hier
- in Dahme. Auf der Eisenbahnstation erwartete uns die Tante Marie
- selbst, eine große, brünette Frau mit starken Zügen und einer derben
- Art und Weise, sich auszudrücken. Ich kannte sie jedoch schon, obwohl
- ich sie damals mit Kinderaugen anblickte, denen alles Neue schön
- erscheint. Leider sehen diese Kinderaugen jetzt auch noch anderes,
- an der Tante z. B. gleich einen mehr als einfachen Anzug und einen
- Hut, den Noah's Eheweib füglich hätte tragen können, so uralt war
- er und bot Schutz vor Sonne, Wind und Regenwetter. Sie schloß mich
- stürmisch in ihre großen, starken Arme und schüttelte mir die Hände
- so energisch, daß meine feinen, blaßgrauen Josephinenhandschuhe, die
- ich mir zur Reise frisch angeschafft, sogleich in einem breiten Riß
- auseinander platzten. »Zieh die Dinger herunter, Kind!« rief sie
- lachend, als sie sah, was sie angerichtet; aber das ließ ich wohl
- bleiben, die scharfe Sonne hätte mir die Haut gleich abscheulich
- verbrannt. Eine breitbauchige, schwerfällige Kalesche nahm uns dann
- auf, vor welche ein paar lächerlich plumpe Ackergäule gespannt waren,
- die ein roher Knecht vom Kutschbocke aus dirigirte. Meine hohen
- Koffer blickte die Tante mit starrem Schrecken an, auf der Kalesche
- hatten =die= keinen Platz. »Wir müssen einen Leiterwagen herschicken,
- anders geht's nicht,« sagte die Tante achselzuckend. »Was schleppst du
- denn alles mit dir in der Welt herum?« fragte sie lachend, »in solchen
- Koffern hat ja ganz Dahme Platz.« Aber dann zogen Knecht und Pferde
- Tante's Aufmerksamkeit auf sich, und wir waren kaum zum Bahnhofe
- hinaus, da rief sie gebieterisch: »Stillhalten, Michel!« Wie der Blitz
- schwang sie sich dann auf den Bock, griff dem tölpelhaften Knechte in
- die Leine und kutschirte nun selbst.
-
- »Ich bitte um Verzeihung, lieber Schwager,« sagte sie dabei äußerst
- munter, »mein Mann brauchte unsern Kutscher heut anderweitig, ich
- mußte den Michel nehmen. Da der aber gewöhnlich nur Arbeitswagen
- fährt, will ich ihm den ungewohnten Posten lieber abnehmen.«
-
- »Du fährst selbst, Tante?« rief ich erstaunt, sie nickte aber blos
- und schnalzte mit der Zunge, und in raschem Trabe führten die plumpen
- Gäule uns und die alte Kalesche durch Wiesen und Felder. Auf einige
- Worte und Zeichen der Tante sprang nach einer Weile der Michel
- vom Wagen herunter und lief zu einem Trupp Arbeiter, die im Acker
- beschäftigt waren.
-
- »Das ist schon Dahme'scher Grund und Boden!« rief die Tante stolz und
- deutete mit der Peitsche hinüber. »Sie sind gerade beim Düngen.«
-
- Auch ohne ihre Erklärung hätten meine Geruchsnerven mir das verrathen;
- es war ein gräulicher Gestank, und erschrocken hielt ich mir das Tuch
- vor's Gesicht. Die Tante sah es und lachte. »Ja ja, Kindchen, nach
- Rosenöl riecht's gerade nicht; aber ich sage dir, für einen rechten
- Landwirth giebt's auf der ganzen Welt keinen schöneren Duft, als
- solchen frischen Dünger. Wirst dich schon daran gewöhnen, wenn du ein
- Weilchen bei uns bist. Der glatte Misthaufen inmitten unseres Hofes
- ist unserer Augen Trost und Freude.«
-
- Ich blickte Papa betroffen an, denn ich war entsetzt über solche
- Reden. Papa aber lachte und fing an mit der Tante über die Ländereien
- zu sprechen, durch welche wir fuhren, und zwar mit einem Interesse
- und einer Sachkenntniß, daß ich ganz erstaunt zuhörte. Ich hatte
- nie gewußt, daß mein feiner, eleganter Papa, der sich in seinem
- Arbeitszimmer und im Kabinet des Ministers nur mit Akten und Zahlen
- beschäftigt, auch davon etwas verstand.
-
- Nun endlich waren wir in Dahme. Ein spitzer Kirchthurm schaute lange
- schon über eine Anzahl Dächer herüber, und umgeben von einem weiten,
- bäuerlich aussehenden Garten stand ein schlichtes, großes Haus vor
- uns, vor dem der Wagen still hielt.
-
- »So, da wären wir glücklich!« rief die Tante und sprang vom Bock
- herunter, mit der Peitsche ein Paar große Hunde abwehrend, welche mit
- wüthendem Gebell zum Hofthore herausstürzten, das ein Knecht öffnete.
-
- Hinter dem Knechte erschienen zwei junge Mädchen, welche ich für
- Dienerinnen hielt und ihnen schweigend meine Sachen zu tragen gab, die
- ich im Wagen hatte. Da stellte Tante Marie sie mir plötzlich als ihre
- Töchter Lottchen und Hannchen vor. Denke Dir meinen Schrecken! Ganz
- verdutzt über meine so äußerst simpel aussehenden Cousinen folgte ich
- denselben nun in den Hof, der das Haus von drei Seiten umgab, und in
- dem ich wirklich, wie Tante Marie gesagt, in der Mitte einen mächtig
- breiten, glatten, wohlgepflegten und umzäumten Misthaufen erblickte,
- auf dem sich eine Masse Hühner, Enten und Gänse, Futter suchend,
- umhertrieben. Rings im Hofe, der von Wirthschaftsgebäuden umgeben
- ist, standen eine Menge Pflüge, Wagen und was weiß ich alles, und
- eine Anzahl Arbeiter waren dabei, Pferde an- und abzuschirren. Tante
- Marie lief sogleich zu diesen Leuten hinüber und gab einige Befehle,
- und wenige Minuten darauf rasselte ein Leiterwagen zum Thore hinaus,
- wahrscheinlich um meine unglücklichen Koffer von der Bahn zu holen.
-
- Als wir in das Haus eingetreten waren, umarmte Tante Marie mich noch
- einmal und begrüßte mich als lieben Gast. Auch meine Cousinen kamen
- jetzt ganz zutraulich herbei und nahmen mir Hut und Mäntelchen ab, mit
- höchst verwunderten Blicken meine Frisur und Toilette betrachtend,
- wie ich wohl merkte. Ich kam mir in meinem Anzuge, der doch nur
- eben modern und gewiß nicht übertrieben elegant ist, hier in dieser
- grenzenlos einfachen, ja ich möchte sagen, ärmlichen Umgebung aber
- auch selbst höchst eigenthümlich vor, wie eine Prinzessin im Kreise
- von schlichten Bürgersleuten. Und doch ist Tante Marie die Schwester
- meiner Mutter, also bin ich doch gar nicht vornehmer als meine
- Cousinen, wenn mein Papa auch ein hoher Staatsbeamter ist. Uebrigens
- sind diese meine Cousinen ganz hübsche Mädchen, nur freilich zu roth
- und zu gesund aussehend für unsere Cirkel. Das glatt gescheitelte
- Haar, wie es bekanntlich jetzt nur noch die Engel tragen, bei
- Charlotte dunkel, bei Hannchen weich und blond, umrahmt angenehme
- Züge, und die blauen Kornblumenaugen blicken ohne Falsch in die Welt
- hinein. Aber denke Dir, daß meine Cousinen in dunkeln Kattun gekleidet
- sind, wie ihn unsere Dienstleute tragen, ohne einen Schatten von
- Ueberwurf oder Garnierung, und helle, bunte Kattunschürzen liegen
- darüber zum Schutz dieser kostbaren Gewänder. Und welcher Schnitt von
- Taille und Aermel! Wahrhaft lächerlich einfach. Der Onkel, der jetzt
- rasch und laut in das Zimmer trat und uns wie ein rechter Biedermann
- begrüßte, ist der Typus eines schlichten Landmannes vom Kopf bis
- zur Zehe. Seine blonden, krausen Haarlocken und das feuerrothe
- Gesicht, aus dem die hellen, blauen Augen ordentlich spashaft bunt
- herausleuchten, werden von ein Paar mächtig breiten Schultern
- getragen, und der ganze prachtvolle Mann steht so fest und sicher mit
- seinen Füßen in den riesigen Stulpenstiefeln, als gehörte ihm die
- ganze Welt. Aber wenn Du denkst, das ist nun die ganze Familie, da
- irrst Du Dich sehr. Jene beiden Cousinen sind nur die Aeltesten einer
- ganzen Reihe von Kindern. Zuerst präsentirte sich noch ein halbreifer
- Backfisch in ausgewachsenen Kleidern, mit einem schüchternen Gesicht
- und linkischem Benehmen; dann ein Bursche von etwa 13 Jahren, der
- gerade zu den Ferien hier ist, ein richtiger Schlagtodt, und endlich
- kommen noch ein Mädel und zwei kleine Jungen, der Jüngste etwa 3-1/2
- Jahr alt. Und das ist alles roth und dick und kräftig und gesund,
- bald schwarz wie die Mutter, bald blond wie Papa, und lacht und
- schwatzt und läuft durcheinander, daß einem der Kopf schwirren möchte.
- Lieber Gott, wenn ich an meine beiden blassen, stillen Geschwister
- zu Hause denke, wie wird mir da! Die hätte Papa herschicken sollen,
- daß sie frisch und gesund hier werden, =ich= mag ja gar nicht solche
- unverschämt rothen Backen haben, wie Hannchen und Lottchen, das ist
- ja so schrecklich gewöhnlich. Nun ich denke, ich werde mich wohl
- davor hüten können. Aber freilich, diese Kost, welche hier täglich
- genossen wird, ist dazu angethan, den Körper robust und derb zu
- machen. Was wird hier alles aufgetragen! Von diesen Riesenschinken,
- diesen armstarken Würsten, diesen mächtigen Fleischstücken, welche
- hier geräuchert, gekocht und gebraten die Tafel möchten brechen
- machen, hast Du gar keine Idee. Und diese Butter, dieser Honig, diese
- Milch und Sahne und diese Fülle von Obst -- ich meine oft, ich bin
- im Lande Kanaan, und Onkel Bremer lacht immer über sein ganzes,
- hübsches Gesicht, wenn er mein Staunen über solche Fülle mit ansieht.
- Welche Ueberwindung kostet es da, nicht frisch drauf los zu schmausen,
- sondern an seine zierliche Figur zu denken, für welche solche Kost
- ewiger Ruin wäre. Denke Dir, wenn ich als derbe, plumpe, feuerrothe
- Landdirne mit dicker Taille und braunem Gesicht und Händen wieder zu
- Dir käme! Was würde wohl Baron L. dazu sagen? Und wie würde Lieutenant
- v. F. verächtlich sein bleiches Bärtchen drehen und mit einem hm, hm,
- ei wie Schade! seinen Augenkneifer eilig wieder herabfallen lassen,
- durch den er die ehemalige »Rosenknospe« bewundern wollte.
-
- Aber ich schreibe alles durcheinander und wollte Dir doch von dem
- Leben hier noch etwas erzählen. Den nächsten Tag, als Papa noch hier
- blieb, war das Treiben im Hause noch etwas festlich und aus dem
- Geleise gebracht, dann aber ging alles wieder seinen regelmäßigen
- Gang, gerade wie ein Uhrwerk, und da bin ich denn mitten hinein
- gefallen, ohne daß irgend Jemand sich in seinen täglichen Arbeiten
- stören läßt oder besondere Notiz von mir nimmt. Jedermann ist herzlich
- und freundlich gegen mich, wie man denn den ganzen Tag kein böses
- Wort hört, trotz der vielen Kinder. Aber ich fühle mich doch im
- höchsten Grade unbehaglich; denn was soll =ich= unter diesen Menschen,
- die den ganzen Tag vom frühesten Morgengrauen, (o mein Gott, =wie=
- entsetzlich früh!!) bis in die Nacht hinein nichts thun als arbeiten,
- arbeiten! Am ersten Tage meinte ich, man habe etwas Besonderes vor,
- daß alles so unablässig thätig war; aber nun merke ich wohl, man
- treibt es nie anders. Mir schwindelt ordentlich, wenn ich sehe, wie
- meine Cousinen immerfort nähen, stricken, kochen, plätten, im Hof und
- Garten, Küche und Keller wirthschaften, und die Tante an der Spitze;
- denn sie arbeitet wie ein Mann und hat die Wirthschaft und die
- Leute in fabelhafter Zucht und Ordnung. Man hat mir einen Einblick
- gegeben, wie alles im Hause eingetheilt ist und wie jeder seine Arbeit
- zugewiesen erhält. In dieser Woche hat Hannchen die Küche und Lottchen
- die Milchwirthschaft und die Nähereien, und selbst Martha, der
- Backfisch, hat sein Revier meist in der Kinderstube. In nächster Woche
- wechselt die Eintheilung wieder: Lottchen bekommt Hannchens Arbeit
- und umgekehrt Hannchen die Lottchens. Tante führt die Oberleitung
- und steht sogar oft dem Onkel bei; denn sie besitzt Kenntnisse und
- Verstand wie ein Landwirth. Sogar die kleinen Kinder helfen schon
- in ihrer Weise, indem sie ihre Sachen selbst aufräumen, sich unter
- einander beim Anziehen beistehen, im Garten oder der Küche kleine
- Dienste thun, kurz, wie kleine Sclaven schon ganz wacker ihre Kette
- nachschleppen. Du kannst denken, wie mir bei solchem Leben zu Muthe
- ist. Kennt man denn in diesem Hause keine besseren Beschäftigungen? Wo
- bleibt da Bildung und Sinn für edlere Dinge? Und von irgend welchem
- Vergnügen ist nie und nimmer die Rede. Heißt das Jugendglück, heißt
- das Lebensgenuß für ein junges Mädchen? O wie froh bin ich, daß ich
- anderes kennen gelernt, daß ich anders erzogen und aufgewachsen bin,
- als meine armen Cousinen, die mir schrecklich Leid thun würden, wenn
- sie nicht so äußerst zufrieden und froh in die Welt hinein blickten
- und nichts anderes wünschen. Aber wie ich es hier lange aushalten
- soll, das mag Gott wissen. Bedaure mich etwas, meine theure Franziska,
- und schreibe bald
-
- Deiner Frida.«
-
-
-Was Frida in großen Zügen ihrer Freundin mitgetheilt, das war
-allerdings Wahrheit. Der Geist, der dieses Haus beherrschte, war der
-Geist der Arbeit, und Jedermann schien sich dabei äußerst wohl zu
-fühlen. Frida freilich kam sich in dieser Welt unsäglich überflüssig
-vor. Ueberall war sie im Wege und fühlte sich einsam mitten unter
-den vielen Bewohnern des Hauses. Bisher war sie stets die Bewunderte
-und Tonangebende gewesen; ihre Freundinnen hatten ihr gehuldigt und
-geschmeichelt, der Vater alles gut und schön gefunden, was sie that,
-und ihr Wille wurde Gebot für das ganze Haus. Hier war sie ein Glied
-einer langen Kette, und niemand dachte daran, daß sie im Herzen
-andere Ansprüche machte. Der Vater hatte sie hergebracht, damit sie
-wie eine Tochter des Hauses in der Familie leben sollte, und wie eine
-solche wurde sie in dem Kreise aufgenommen und gehalten, gerade so
-und nicht anders, nur daß man eben keine Arbeiten von ihr verlangte.
-Aber Umstände machte man freilich auch nicht mit ihr. Ihr Zimmerchen
-lag neben dem von Charlotte und Hannchen. Es war eben so einfach,
-wie alles sonst im Hause, und Frida meinte zuerst, hier =könne= sie
-es nicht aushalten. Das verzärtelte Kind setzte zu Haus den Fuß auf
-weiche Teppiche, sowie sie das Bett verließ, und tausend zierliche
-und üppige Bequemlichkeiten umgaben sie, welche sie von jeher als
-etwas Selbstverständliches betrachtet hatte. Mit flinker Hand stand
-die Jungfer schon beim ersten Erwachen des jungen Dämchens bereit,
-ihre Dienste anzubieten, und ohne daß sie selbst es wußte war Frida
-ein unsäglich verwöhntes und verzärteltes Prinzeßchen geworden. Was
-Wunder, wenn ihr die so äußerst einfachen Zustände in dem Pächterhause
-als abschreckend und unerträglich vorkamen. Am ersten Abend hatten
-die Cousinen bereitwillig ihre Dienste angeboten, als Frida sich
-auskleidete; war es ja doch für die einfachen Mädchen ein wahres Fest,
-Frida's zierliche und elegante Toilette so Stück für Stück in der Hand
-mustern und bewundern zu können. Achtlos warf Frida all die kostbaren
-Dinge auf Stühlen und Fußboden umher, denn sie war nicht daran gewöhnt,
-selbst etwas aufzuräumen. Die Cousinen flogen eilfertig hierhin und
-dorthin zu ihrer Bedienung, räumten und ordneten, falteten und
-glätteten mit geschäftigen Händen, und Frida nahm ruhig alles hin, als
-gehöre sich das so. Endlich löste sie ihr reiches, blondes Haar auf,
-das die Jungfer ihr vor dem Schlafengehen stets sorgfältig kämmte und
-bürstete. Beim Losstecken desselben fielen einige Locken und Toupé's
-zur Erde, welche den hohen modernen Aufbau der Frisur noch höher und
-reicher gemacht hatten, wie es bei den jungen Modedamen so Sitte ist.
-Laut auflachend hob Hannchen diese Trophäen der Eitelkeit empor und
-hielt sie staunend in den Händen.
-
-»Aber Frida, warum packst du dir denn solch' falsches Zeug auf deinen
-Kopf?« rief sie verwundert. »Du hast ja so schönes Haar; das fremde
-möchte ich nicht tragen, wer weiß, wer das auf dem Kopfe gehabt hat!«
-Frida nahm ihr die Dinge verdrießlich aus der Hand und sagte: »Das
-verstehst du nicht; in der Stadt kleidet man sich eben wie die Mode es
-fordert. Mein eigenes Haar ist mir oft sogar im Wege, fremdes frisirt
-sich viel besser. Aber hier freilich scheint es mir unnütz, denn wer
-soll mich hier frisiren?« Aergerlich griff sie bei diesen Worten zum
-Kamm und fuhr sich hastig und ungeschickt durch das lange, dichte Haar,
-da sie in Abwesenheit ihrer Jungfer dies Geschäft selbst machen mußte.
-Da es ihr aber nicht gelang, warf sie den Kamm verdrießlich wieder hin
-und wollte das Haar ungekämmt aufstecken. Sie verfitzte es dabei jedoch
-so arg, daß Lottchen endlich zugriff und rief: »O das schöne Haar!
-Warum verwirrst du es denn so? Soll ich es dir auskämmen, Cousinchen?«
-
-Und flink huschte der Kamm bei den Worten schon durch das weiche Haar,
-was das junge Mädchen ruhig geschehen ließ.
-
-»Mein Gott, warum Papa nur nicht wollte, daß ich meine Jungfer
-mitnahm!« klagte Frida verstimmt, »wie soll ich denn mit meiner
-Toilette allein fertig werden?«
-
-»O wir helfen dir, liebe Cousine,« riefen die jungen Mädchen.
-
-»Aber habt ihr denn keine Jungfer, die euch anzieht?« fragte Frida
-erstaunt, und ein schallendes Gelächter antwortete ihr.
-
-»Eine Jungfer? Wir?« rief Lottchen belustigt. »Ja was sollten wir denn
-mit der? Wir machen alles selbst, und ich wüßte gar nicht wie spaßig
-ich mich dabei anstellen würde, wenn ich mich sollte in allen Stücken
-bedienen lassen. Seit wir erwachsen sind, Hannchen und ich, haben wir
-der Mutter alles abgenommen, im Hause und in der Wirthschaft. Vater hat
-einen sehr hohen Pachtzins zu zahlen, da müssen wir alle sparen helfen,
-und Gott hat uns ja gesunde Glieder gegeben, die arbeiten können.
-Unnütze Dienstleute kosten Geld; so haben wir jetzt auch für die
-Milchwirthschaft keine Mamsell mehr, sondern besorgen diese Geschäfte
-abwechselnd. Diese Woche bin ich an der Reihe, und wenn ich morgen früh
-um 3 Uhr aufstehe, um in den Kuhstall zu gehen, so erschrick nicht über
-die Störung; beim Melken muß ich dabei sein.«
-
-»Was, um drei willst du aufstehen?« rief Frida entsetzt. »Das ist ja
-fürchterlich! Bist du denn da nicht den ganzen Tag nervös und müde?«
-
-»Nervös niemals, ich weiß gar nicht, was das ist,« sagte Lottchen.
-»Müde jedoch bin ich natürlich oft rechtschaffen; aber das schadet
-nichts, da schläft sich's um so schöner. Und wenn man seine Arbeit
-hat, vergißt man die Müdigkeit. Ich denke, du wirst schon Gefallen am
-Landleben bekommen, und ich freue mich darauf, dir unsere sauberen
-Ställe zu zeigen mit dem schmucken Vieh; die schönen Milchkeller mit
-den vielen Milchschüsseln und Butterfässern und dann die anderen
-Wirthschaftsräume alle -- o ich sage dir, es ist eine wahre Lust, darin
-thätig zu sein. Um keinen Preis möchte ich unser Leben mit einem in der
-Stadt vertauschen, obwohl ich gar keine rechte Vorstellung habe, was
-ihr in der Stadt eigentlich treibt ohne Vieh und ohne Landwirthschaft.«
-
-Frida verzog bei diesen Worten ihr Mündchen etwas höhnisch und
-zuckte mit den Schultern. »Jeder lobt sich seine Existenz als die
-Beste,« sagte sie herbe. »Für ein Leben, wie ihr es führt, müßte ich
-meinerseits nun wieder danken. Ich stürbe in den ersten acht Tagen
-dabei.«
-
-Die Cousinen lachten herzlich und versicherten, es käme nur auf
-Gewöhnung an; Frida aber ließ sich innerlich schaudernd über solche
-Gewöhnung von Lottchen das gestickte Nachthemd überwerfen, und die
-Bewunderung über dies Kleidungsstück, das den jungen Mädchen etwas ganz
-Neues war, führte die Gedanken wieder auf andere Dinge. Das zierliche
-Nachthäubchen barg die vollen Flechten kaum, welche Hannchen bewundernd
-darunter schob, und die feinen, seidenen Pantöffelchen brachten
-Lottchen ganz in Ekstase.
-
-»Du bist wie eine kleine Prinzessin im Märchen,« rief sie entzückt.
-»Solche reizenden Sachen habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen!
-Aber ich möchte sie nicht an mir haben; ich würde mich immer ängstigen,
-etwas davon zu zerreißen.«
-
-»Nun was schadet das?« sagte Frida müde, »ewig kann man das Zeug doch
-nicht tragen, dann kauft man anderes.«
-
-»Wir können das nicht, wir müssen sparsam sein und unsere Sachen lange
-tragen, sagt die Mutter,« erwiederte Hannchen. »Viel Kinder kosten
-Geld, für unsere Garderobe darf nicht viel ausgegeben werden. Aber bei
-unserm Leben hier auf dem Lande denkt auch niemand an Putz und Staat,
-das entbehren wir nie.«
-
-»Aber kommt ihr denn nie in Gesellschaft oder auf Bälle und in
-Concerte?« sagte Frida.
-
-»In Gesellschaft? O ja, zuweilen,« rief Lottchen stolz. »Pastor Werders
-und unsere Nachbarn in Hermsbach besuchen wir häufig, besonders an
-Festtagen, und das ist dann prachtvoll. Ich freue mich schon darauf,
-dich ihnen vorzustellen. Manchmal wird dann auch wohl ein Tänzchen
-gemacht, besonders wenn die Söhne in den Ferien da sind, jedoch wir
-Mädchen tanzen auch unter einander. Am schönsten aber ist's, wenn wir
-Geschwister unter uns sind, und Vater seine drei alten Tänze aufspielt,
-nach denen wir in der großen Unterstube tanzen. Du sollst nur einmal
-dies Vergnügen der Kinder mit ansehen; sogar unsere Mutter dreht sich
-da mit uns herum, wir lassen ihr keine Ruhe. Und nun kommt bald Kirmes,
-da tanzt das ganze Dorf und die ganze Umgegend unter unsern Linden. Das
-ist ein Fest, sage ich dir, wie du es dir gar nicht vorstellen kannst.
-Unser Großknecht ist ein prachtvoller Tänzer; du sollst sehen, mit
-ihm tanzt sich's so schön, wie mit deinem trefflichsten Cavalier im
-Tanzsaal.«
-
-»Ich soll mit euren Knechten tanzen?« rief Frida erschrocken, »thut ihr
-denn das?«
-
-»Nun natürlich, das ist ja eine Ehre, die wir den Leuten nicht
-abschlagen dürfen,« entgegnete Hannchen. »Wir würden es aber auch
-selbst gar nicht entbehren mögen; denn auf den Kirmestanz freuen wir
-uns schon das ganze Jahr, es ist gar zu lustig.«
-
-Frida schüttelte ungläubig den Kopf und war im Herzen außerordentlich
-indignirt über den Geschmack ihrer Cousinen. Mit den Knechten aber
-je zu tanzen, dazu sollte sie sicher nichts bewegen. Es wäre ja eine
-Schmach für das feine Fräulein, das sich bisher nur in aristokratischen
-Kreisen bewegt hatte. Aber sie behielt ihre Gedanken für sich und sagte
-ihren Cousinen gute Nacht, denn sie war müde von all dem Neuen, was sie
-umgab.
-
-Als sie am andern Tage erwachte, hörte sie schon viel reges Leben im
-Hause, und doch war es für Frida noch eine so frühe Stunde, daß sie
-im Vaterhause sich noch ruhig auf die andere Seite gelegt hätte, um
-weiter zu schlafen. Hier jedoch fing der Tag früher an, wie sie merkte,
-und seufzend wickelte sie sich aus dem schweren Federbett heraus, das
-sie am Abend aufgenommen hatte. Aber mit welchem Seufzer dachte sie
-nun daran, daß sie sich ganz allein anziehen müsse und keine helfende
-Jungfer zur Seite habe. Jetzt erst merkte sie, wie verwöhnt sie war,
-und wie Recht ihre Stiefmutter hatte, welche ihr freundlich gerathen,
-ihren Anzug möglichst selbst zu besorgen und sich nicht von Anderen
-abhängig zu machen, was oft sehr unbequem werden könne. Ach jetzt =war=
-es entsetzlich unbequem, sie sah es wohl ein; denn fast weinend vor
-Verdruß gerieth sie mit Kämmen und Bürsten, Bändern und Haken und allen
-andern Gegenständen der Toilette in Krieg und Feindschaft. Endlich
-schaute Hannchens frisches Gesicht zur Thür herein.
-
-»Gut geschlafen, Cousinchen?« rief sie fröhlich.
-
-»Danke, leidlich,« erwiederte Frida verstimmt.
-
-»Ich will dir bei der Toilette ein Bischen helfen, wenn du erlaubst,«
-fuhr Hannchen freundlich fort und griff gleich nach all den
-Gegenständen, welchen Frida Urfehde geschworen hatte. Aber freilich die
-Toilette einer eleganten Stadtdame war für Hannchen ein Buch mit sieben
-Siegeln. Fragend hob sie bald dies, bald jenes empor, dessen Zweck ihr
-fremd war, vor allem aber wußte sie mit den Chignons und Locken, welche
-Frida's Haarputz vervollständigen sollten, absolut nichts anzufangen.
-
-»Wirf die Dinger in den Kasten, was willst du hier damit!« rief sie
-endlich, und Frida wußte auch keinen andern Rath. Dann schlang Hannchen
-das schöne Haar ihrer Cousine in zwei lange, glatte Flechten, wand
-dieselben einfach um deren Kopf und führte Frida nun triumphirend vor
-den Spiegel.
-
-»Du siehst zum Verlieben hübsch aus mit diesem glatten Köpfchen!« rief
-Hannchen bewundernd; Frida aber mochte ihr Spiegelbild kaum eines
-Blickes würdigen, denn sie fand sich abscheulich. Was kam hier jedoch
-darauf an, wie sie aussah? Für diese altmodische, einfache Familie war
-sie gut genug, und selbst im Morgenrock noch zu elegant, und von ihren
-städtischen Bekannten sah sie ja zum Glück niemand in solchem Aufzuge.
-
-Mit wahrem Hohn dachte sie jetzt an all die zierlichen, eleganten
-Anzüge, welche ihre hohen Koffer bargen, und die sie gar nicht
-auspacken mochte. Die waren freilich hier von Ueberfluß, das wußte sie
-jetzt und bedachte dies mit stillem Seufzen. Sie wählte unter all den
-schönen Dingen ein einfaches Kleid aus, das freilich immer noch viel
-zu elegant für dies Haus war, und folgte dann Hannchen zu den übrigen
-Gliedern der Familie.
-
-Ihr Vater saß ganz behaglich mit Onkel Bremer in der Sophaecke und
-rauchte sein Pfeifchen, und Frida hörte voll Staunen, daß er schon seit
-zwei Stunden in Feld und Wald mit dem Schwager umhergestrichen war.
-Lächelnd nickte er seinem Töchterchen zu und rief: »Sieh da, Frida, wie
-schmuck und nett du heut aussiehst. Diese glatten Zöpfe sind hübscher
-als deine hohe städtische Frisur, das gefällt mir gut.«
-
-Frida erröthete und Hannchen blickte triumphirend auf ihr Werk.
-Dann gingen die jungen Mädchen zum Frühstück, mit dem man auf Frida
-gewartet hatte, und alles begrüßte das neue Glied des Hauses mit einem
-fröhlichen »guten Morgen!«
-
-Es war ein guter Geist, der in diesem Hause lebte, das sah und empfand
-Frida gar bald, und trotz allem, was ihr hier unerträglich erschien,
-fühlte sie sich durch den Zauber dieses Geistes schon in kurzer Zeit
-gefesselt. Wie lebendig und laut es auch oft um sie her war, nie hörte
-sie unfreundliche oder lieblose Worte, und selbst die unbändigen,
-kleinen Knaben gehorchten schnell und ohne Murren, wenn die Eltern
-oder die älteren Geschwister sie zurechtwiesen. Besonders schön
-aber war das Verhältniß zwischen den erwachsenen Töchtern und ihrer
-Mutter, und mit tiefer Beschämung gedachte Frida ihres Betragens im
-Vaterhause, wenn sie sah, mit welcher Verehrung und Liebe, welcher
-dienstfertigen Aufmerksamkeit Charlotte und Hannchen den Wünschen der
-Mutter entgegen kamen, und wie dankbar sie jede kleine Zurechtweisung
-aufnahmen. »Ja, es ist ihre rechte Mutter, mit einer Stiefmutter wäre
-es gewiß auch anders,« seufzte Frida wohl im Stillen, um sich selbst zu
-entschuldigen; daß sie sich aber auch gegen ihren Vater oft unartig und
-launisch betrug, obwohl es ihr »rechter Vater« war, das mochte sie sich
-kaum eingestehen.
-
-Schon kurze Zeit nach ihrem Eintritte in das Haus ihrer Verwandten
-beklagte sich Frida bitter gegen Tante Marie über das Leid, das Papa
-ihr angethan, indem er wieder geheirathet hatte. Aber voll Verwunderung
-hörte sie, daß Tante Marie diesen Schritt des Schwagers vollständig
-billigte.
-
-»Aber Tante, meine Mutter war ja doch deine Schwester; wie kannst du
-dich freuen, daß ihre Stelle durch eine Andere ersetzt worden ist?«
-rief Frida verletzt.
-
-»Gerade weil ich meine Schwester so innig liebte!« entgegnete Tante
-Marie. »Könntest du deine theure Mutter selbst fragen, meine liebe
-Frida, so würdest du hören, wie glücklich es sie machte, ihren Mann
-wieder ruhig und zufrieden, ihre armen, kleinen Kinder in treuer
-Obhut, und ihre heranwachsende Tochter an der Seite einer erfahrenen,
-liebevollen Freundin zu wissen. Ich bin keine sentimentale Natur,
-mein liebes Kind, welche sich nur unpraktischen Wünschen und Gefühlen
-hingiebt, und obwohl ich recht wohl weiß, daß einem Manne nichts in der
-Welt die erste Jugendliebe ersetzen kann, und die Wunde, welche der Tod
-ihm da schlägt, ewig bluten wird, so bin ich doch der Ansicht, es ist
-sowohl für ihn selbst wie für seine jungen Kinder ein Glück, wenn er
-ein treues, weibliches Wesen findet, das ihm in Herz und Haus wieder
-Glück und Frieden bringt. Und wie ich deine zweite Mutter kenne, so ist
-sie ganz dazu geschaffen, das schöne Amt, das Gott ihr anvertraut,
-treu zu erfüllen. Und auch du, meine liebe Frida, wirst dich mit dem
-Gedanken aussöhnen, das weiß ich sicher, so traurig du auch jetzt den
-Kopf dazu schüttelst. Wäre Gertrud jung und unerfahren, so würde ich um
-deinetwillen die Wahl deines Vaters mißbilligt haben; denn einer fast
-erwachsenen Tochter muß der Vater keine junge Stiefmutter bringen, das
-thut nimmer gut aus tausend Gründen. Aber Gertrud könnte den Jahren
-nach ja deine eigne Mutter sein, und sie hat so viel Trübes im Leben
-erfahren, daß sie gereiften und ernsten Sinnes zu euch kommt. Vertraue
-ihr nur getrost, mein liebes Kind; du kannst keine bessere Freundin
-erhalten, als dein Vater dir in dieser zweiten Mutter gegeben hat.«
-
-Frida wagte auf diese Worte nichts zu entgegnen, denn sie fühlte
-wohl, daß es unlautre Gründe waren, welche sie gegen ihre Stiefmutter
-einnahmen, und daß besonders die Beschränkung ihrer Launen und ihres
-übermäßig freien Willens sie so dauernd empörte. Sie hatte gehofft,
-an der Schwester ihrer Mutter eine Bundesgenossin zu finden, welche
-völlig so eingenommen gegen Gertrud war, als sie selbst. Da sie nun
-aber sah, wie anders Tante Marie den Schritt des Vaters beurtheilte,
-nahm sie sich vor, solch Gespräch nie wieder in Anregung zu bringen,
-sondern ihren Verdruß im Herzen zu verschließen; verstanden wurde
-sie ja doch nicht. Auch gegen ihre Cousinen mochte sie über diesen
-Gegenstand nicht sprechen, sie kannten ja die Verhältnisse nicht. Wie
-anders freilich war das zu Haus, wo sie gegen ihre Freundinnen ihr Herz
-ausschütten konnte und bei diesen zehnfaches Echo fand! Wie wurde sie
-von diesen bedauert wegen des Unrechtes, das ihr geschehen, und wie
-bestärkten sie diese klugen, jungen Mädchen in der Opposition, welche
-sie der unwillkommnen Stiefmutter entgegen zu bringen entschlossen war.
-Im Kreise dieser jungen Backfischchen hatte Frida stets neue Nahrung
-für ihre Gefühle gesucht und gefunden, und wenn Gertruds sanfte,
-liebevolle Weise oft schon auf Frida's Herz ihren günstigen Einfluß
-geübt, dann waren es die leidenschaftlichen Rathschläge und Ansichten
-dieser Freundinnen, und besonders Franziska's, welche alles wieder
-verdarben. Gertrud ahnte das wohl, denn sie kannte einige dieser jungen
-Mädchen; aber dennoch wagte sie nicht, Frida den Umgang mit denselben
-zu verbieten, die Sache wäre dadurch nur schlimmer geworden.
-
-Hier nun im Hause der Tante machte das friedliche Leben bald seine
-Rechte auf das junge Mädchen geltend, und da jene leidenschaftlichen
-Empfindungen nirgends Anklang und Nahrung fanden, wurden sie stiller
-und stiller, und endlich dachte Frida gar nicht mehr mit jener
-Abneigung an Gertrud, welche sie bis dahin erfüllt hatte. Die Briefe
-aus der Heimath waren Boten der Freude; das Vaterhaus strahlte aus
-der Ferne bald wieder in freundlichem Glanze zu ihr herüber, und der
-Gedanke, bei ihrer Rückkehr wieder in jenes verhaßte Verhältniß zur
-Stiefmutter einzutreten, nahm mehr und mehr eine andere Färbung an, je
-länger Frida vom Hause fort war.
-
-Als am ersten Tage gleich früh Morgens alles an die Arbeit eilte,
-wie es in diesem Hause Sitte war, sagte Tante Marie in ihrer
-schlichten Weise zu Frida: »Nun, mein liebes Töchterchen, da du ganz
-als Familienglied und Kind des Hauses bei uns sein sollst, versteht
-es sich auch, daß wir keine Umstände mit dir machen. Jeder geht an
-seine Geschäfte wie alle Tage. Charlotte hat heut die Küche unter
-ihrer Leitung, Hannchen ist seit dem frühen Morgen schon in der
-Milchwirthschaft beschäftigt, Martha besorgt soeben die Hühner und dann
-nimmt sie sich der Kleinen an, während ich mit Hermann im Keller Bier
-auf Flaschen füllen will. Magst du einem von uns Gesellschaft leisten,
-so soll es uns lieb sein; willst du aber lieber lesen oder musiciren,
-oder dich im Garten ergehen, so findest du hier Bücher und Noten und
-manch hübsches Plätzchen draußen im Freien. Ich will dir die Kinder zur
-Gesellschaft schicken, wenn Martha ihnen Urlaub giebt; denn bei ihr
-haben sie Schule. Das Mädel ist ein geborner Schulmeister, sage ich
-dir.«
-
-Frida zog es vor, im Zimmer bei Büchern und Clavier zu bleiben, und so
-verließ sie die Tante, um den tausend Geschäften nachzugehen, welche
-ihrer harrten. Das junge Mädchen sah sich nun allein mitten unter
-all den vielen thätigen Menschen, welche sie umgaben und kam sich
-unendlich überflüssig in diesem Hause vor. Sie ergriff ein Buch und
-las ein Wenig; aber ihre Gedanken flogen davon fort, bald zurück in
-die Heimath, bald den Stimmen nach, welche sie hier und dort hörte.
-Dann versuchte sie die Noten, welche auf dem Clavier lagen; aber sie
-fand dieselben altmodisch und langweilig und das Instrument gar zu
-klanglos. Es war ja ein Jammer, daß sie ihre Uebungen auf solchem
-»Rumpelkasten« halten sollte; zu Hause hatte sie einen so prachtvollen
-Flügel von Papa erhalten. Sie stand ärgerlich auf und suchte andere
-Unterhaltung; aber alles mißfiel ihr. Ein Gefühl von Verdruß überkam
-sie mehr und mehr, daß niemand sich um sie bekümmerte, gerade als wäre
-sie gar nicht in der Welt! Und sie war doch Gast hier im Hause und an
-Vernachlässigungen überdies in keiner Weise gewöhnt. Was in aller Welt
-sollte sie hier anfangen, wo jeder nur an sich selbst dachte, jeder
-seiner Arbeit nachging, ohne danach zu fragen, ob sie sich indessen zu
-Tode langweilte? Das war ja wirklich nicht zu ertragen!
-
-Frida's Verstimmung wuchs von Minute zu Minute, bis endlich die
-Langeweile sie bewog, da man sich nicht um sie bekümmerte, selbst
-den ersten Schritt zu thun und zu ihren Cousinen zu gehen. Sehr
-verlockend freilich war es nicht, sie bei ihren Arbeiten aufzusuchen;
-aber was thut man nicht, um sich die Zeit zu vertreiben! Sie ging in
-die Kinderstube, wo Martha beschäftigt war, ihren beiden kleinen
-Geschwistern Lesestunde zu geben, während das dreijährige Brüderchen
-daneben spielte und sich aus Bausteinen einen Palast erbaute.
-
-Bei Frida's Eintritt blickten die Kinder von ihren Beschäftigungen auf,
-und die kleine Marie sprang dem jungen Mädchen fröhlich entgegen.
-
-»Wo steckt ihr denn nur alle?« sagte Frida gereizt, »und wo ist
-Hannchen und Charlotte geblieben?«
-
-»Ich dachte, du wärest bei ihnen, liebe Cousine,« entgegnete Martha
-etwas schüchtern. »Ich muß die Kinder einige Stunden beschäftigen;
-Hannchen ist im Milchkeller und Lottchen in der Küche. Sie denken wohl,
-da ist keine Unterhaltung für dich. Willst du bei uns bleiben?«
-
-»Ich werde Hannchen aufsuchen,« sagte Frida kurz; denn sie fand es
-schon bei ihren kleinen Geschwistern zu Hause unter ihrer Würde, sich
-mit diesen abzugeben, wie viel mehr noch diesen kleinen Bauernkindern
-gegenüber; denn etwas anderes als Bauernkinder waren die dicken,
-kleinen Posaunenengel doch wirklich nicht.
-
-»Mariechen, lauf und zeige Frida den Milchkeller!« rief Martha der
-kleinen Schwester zu, und diese ergriff zutraulich die Hand der Cousine
-und zog sie mit sich fort. Sie hatten den großen Hof zu durchschreiten,
-den allerlei Federvieh und anderes Gethier belebte. Es hatte in
-der Nacht geregnet, und in Folge davon war der Hof etwas unsauber,
-besonders in der Nähe einiger Ställe, an denen sie vorüber schritten.
-
-»O Gott, meine Stiefeln! Ist das ein Koth hier bei euch!« rief
-Frida und blickte voll Entsetzen auf ihre hellfarbigen, zierlichen
-Stiefelchen, welche in diesem unvermeidlichen Unrath schon nach
-wenig Minuten feucht und unsauber geworden waren. »Warte, ich hole
-dir Holzpantoffeln!« rief Marie und kam sogleich mit einem solchen
-Paar zurück, während ein zweites lustig an ihren eigenen, kleinen
-Füßen klapperte. Frida versuchte darin zu gehen, unmöglich! Sie ging
-wie auf Stelzen und fiel nun erst recht in die Pfützen. Aergerlich
-erreichte sie endlich ihr Ziel und kroch die Stufen hinab, welche in
-den Milchkeller führten. Hannchen kam ihr hier fröhlich entgegen, das
-Kleid aufgeschürzt und in der Hand einen breiten Löffel, mit dem sie
-soeben die Sahne von den zahllosen Milchschüsseln abrahmte, welche
-ringsum im Keller standen. Frida trippelte zaghaft näher, denn ihr
-war sehr unbehaglich zu Muthe. Für ihre dünnen, nassen Stiefelchen
-war dieser feuchte, von Milch hier und dort getränkte Fußboden noch
-schlimmer, als draußen der schmutzige Hof; auch umgab sie hier eine so
-kalte Kellerluft, es roch so unangenehm nach Milch und Molken, sie wäre
-am liebsten gleich wieder fortgelaufen. Hannchen ging ruhig weiter von
-Schüssel zu Schüssel, ohne sich in der Arbeit stören zu lassen, und
-das verdroß Frida auch. Was sollte sie hier, sie war ja nur im Wege
-und erkältete sich am Ende noch bis auf den Tod. Aber jetzt lächelte
-Hannchen ihr so freundlich zu und schien so erfreut, sie hier zu sehen,
-da durfte sie doch nicht gleich wieder davon laufen. So hob sie denn
-ihr helles, reichgarnirtes Kleid sorgfältig auf und trippelte hinter
-Hannchen drein von einer Milchsatte zur andern.
-
-»Was machst du nur eigentlich, Hannchen?« rief sie nach einer Weile,
-als sie sah, wie jene überall sorgfältig mit dem breiten Löffel die
-dicke Sahne von der geronnenen Milch abschöpfte. »Du verdirbst ja
-die ganze saure Milch! Wer soll die denn genießen, wenn du die Sahne
-herunternimmst?«
-
-Hannchen lachte herzlich und sagte: »Die Schweine, Cousinchen! Etwas
-bleibt zur Bereitung von Käse, das Uebrige wird Viehfutter. Auf den
-Tisch kommt solche abgerahmte Milch nicht, habe keine Furcht!«
-
-»Aber wer soll denn all die Sahne essen, die du da sammelst?« fragte
-Frida weiter.
-
-»Essen? Gott bewahre, das wäre schön!« rief Hannchen. »Daraus soll ja
-die Butter für's ganze Haus gemacht werden.«
-
-»Die Butter? =Daraus= macht ihr Butter?« fragte Frida verwundert.
-
-»Nun ja, woraus denn sonst?« lachte Hannchen. »Komm und sieh dir das
-Buttern einmal mit an; du hast es wohl noch nie gesehen?«
-
-Frida folgte der Cousine in den Nebenraum, und hier sah sie mehrere
-hohe Butterfässer, welche von einigen derben Mägden in Bewegung gesetzt
-wurden. Das war für die kleine Stadtdame ein völlig neuer Anblick, und
-erstaunt sah sie dann, daß das Fett der Sahne sich bei der Bewegung
-im Faß von den Milch- und Wassertheilen trennte und sich zu kleinen
-Butterklümpchen verwandelte. Hannchen bot ihr ein Glas frischer
-Buttermilch an, welche aus dem Fasse gegossen wurde, und Frida genoß
-mit Vergnügen den unbekannten Trank, der ihr sehr mundete.
-
-»Heute Abend kostest du gewiß mit doppeltem Appetit von der Butter, die
-du hier entstehen sahst,« sagte Hannchen, auf die leckere, weiße Masse
-zeigend, welche nach und nach aus den Fässern wanderte. »Ueberhaupt
-denke ich, wenn du erst allerlei hier kennen gelernt hast, wirst du
-Geschmack an unserm Leben finden. Aber nun soll Mariechen dich ein
-Bischen umherführen, ich muß zu den Leuten!«
-
-Frida folgte der kleinen Marie etwas zaghaft nach dem Hofe, der ihr als
-ein äußerst unangenehmer Aufenthalt erschien. Aber die kleine Cousine
-ruhte nicht, bis sie dem jungen Mädchen all ihre Lieblinge gezeigt
-hatte, und kroch aus einem Stalle in den andern, bald hier eine Ziege
-an den Hörnern hervorziehend, bald dort weiße Kaninchen oder ein junges
-Lämmchen, oder besonders hübsche Hühner und Tauben. Frida kam sich vor
-wie ein Opferlamm und ließ sich geduldig von einem Stall zum andern,
-von einer Hütte oder einem Verschlag zum andern führen. Ihre schönen
-Stiefelchen waren ja doch einmal für ewig verdorben, und in welchen
-Zustand ihr feines Kleid auf dieser Wanderung gerieth, das sollte sie
-nicht länger beunruhigen; sie hatte doch wenigstens etwas Unterhaltung
-bei diesen Streifzügen.
-
-»Aber das Kälbchen von unserer guten Bleß mußt du noch sehen, Frida, es
-ist zu niedlich!« rief Mariechen, abermals eine Stallthür öffnend und
-das junge Mädchen hereinziehend.
-
-»Aber hier riecht es ja so schrecklich und ist zu fürchterlich
-schmutzig,« sagte Frida und blieb zögernd in der Thür des Kuhstalles
-stehen, ängstliche Blicke auf die Kühe heftend, welche brummend die
-dicken Köpfe nach ihr umdrehten. Sie mochte es nicht gestehen, daß sie
-sich vor den Thieren fürchtete, in deren nächster Nähe sie noch niemals
-gewesen war. »Sie werden dich stoßen, Mariechen, nimm dich in Acht!«
-rief Frida ängstlich, als sie sah, wie das kleine Mädchen furchtlos
-zwischen den schrecklichen Thieren umherkroch und sie mit ihren kleinen
-Händen zur Seite schob, um sich Platz zu dem Kälbchen zu machen, das
-neben einer hellbraunen Kuh in der Ecke am Boden lag.
-
-»Mich stoßen?« lachte die Kleine. »Das wäre schön, alte Bleß, nicht
-wahr? Wir kennen uns besser. Alle Kühe in den Ställen kennen mich,
-Frida, sie sind nicht böse. Komm doch einmal her und sieh dir das
-Kälbchen an; es hat einen weißen Stern auf der Stirn, gerade wie seine
-Mutter, die Bleß.«
-
-Aber Frida blieb ängstlich in der Thür stehen; sie hätte sich um die
-Welt nicht zwischen diesen Ungeheuern durchgedrängt, die sie alle mit
-ihren Hörnern zu bedrohen schienen.
-
-»Nein nein, es riecht so sehr schlecht im Stalle,« sagte sie und
-wollte eben zurücktreten, da wurde sie von außenher hineingedrängt.
-
-»O der Duft vom Kuhstall ist sehr gesund, Cousinchen, nur immer hinein
-und zier dich nicht!« rief eine etwas rauhe Stimme, und Frida sah
-Hermann neben sich, welcher, ein Paar hohe Stulpenstiefeln an den
-Füßen, sich an ihr vorbei drängte. Dann ging er pfeifend die Reihe
-entlang und klopfte bald dies, bald jenes der Thiere auf den glatten
-Schenkel, sie liebkosend und beim Namen nennend, und ein leises
-Brummen war die Antwort der gehörnten Freunde. Zögernd folgte Frida,
-indem sie sich ängstlich von den Thieren fern hielt, und sie seufzte
-froh auf, als sie die andere Seite erreicht hatte und durch die Thür
-hinausschlüpfen konnte.
-
-»Hast du unsere Ferkel schon gesehen, Cousinchen?« sagte Hermann jetzt.
-
-»Schweine?« rief Frida entsetzt. »Pfui, in den Schweinestall soll ich
-doch nicht etwa auch kriechen?«
-
-»Hoho,« lachte Hermann, »da ist nicht pfui zu sagen! Unsere Schweine
-wohnen höchst appetitlich; komm nur mit, es ist da eine ganz prächtige
-Gesellschaft beisammen.«
-
-Frida verzog den Mund spöttisch, folgte aber doch dem etwas ungalanten
-Vetter, der sie zu seinen Schützlingen führte. Aber sich abwendend
-hielt sie sich hier schnell das Tuch vor's Gesicht und wollte davon
-laufen. Hermann ergriff jedoch rasch ihre Hand und zog sie vorwärts.
-»Narrenspossen, ich lasse dich nicht fort, die Ferkelchen mußt du
-sehen, sie sind zu prachtvoll!« rief er eifrig. Dabei öffnete er
-einen der Bretterverschläge, und sogleich kamen eine ganze Menge
-kleiner, weißer Schweinchen herausgesprungen, welche quiekend um
-Frida herumliefen. Diese schrie laut auf vor Schrecken und Angst und
-klammerte sich mit den Händen an Hermanns Arm, besonders als das alte
-Mutterschwein jetzt grunzend mit seiner Schnauze ihre Füße berührte
-und sich nach ihren muntern Sprößlingen umschaute. Hermann lachte
-aus vollem Halse über Frida's Angst, und der alten Sau einen Tritt
-gebend, daß sie zur Seite fuhr, rief er lustig: »Bist du aber ein
-Hasenfuß, Cousinchen! Die Thiere thun dir alle nichts, das sind keine
-Löwen und Tiger. Sieh dir nur einmal die schmucken Ferkelchen an,
-hast du so was Niedliches dein Lebtag schon gesehen? Sind sie nicht
-weiß und lecker wie kleine Leberwürstchen? Und sieh nur, was sie für
-possirliche Sprünge machen und für allerliebste Schwänzchen haben! So
-ein Ferkelschwänzchen könntest du als Cravatte um den Hals tragen;
-so niedlich und zierlich kannst du keinen Knoten schlingen, sieh
-nur einmal!« Und rasch fing er eins der glatten, flinken Thiere und
-legte es Frida auf die Arme, das zierlich zu einer Schleife gewundene
-Schwänzchen hoch emporhebend.
-
-Frida warf das völlig haarlose, fette, kleine Wesen voll Grauen zur
-Erde und rief beleidigt: »Behalte dein Viehzeug für dich, ich danke
-bestens! Pfui, wie ich nun rieche und aussehe!«
-
-Hermann schlug mit seiner Reitpeitsche, die er in der Hand hielt,
-lachend unter die kleinen, quiekenden Thiere, daß sie über einander
-sprangen und sich kugelnd umher wälzten wie Gummibälle. »Bist du aber
-zimperlich!« rief er spottend. »Ihr Stadtleute seid komisches Volk.
-Einen Schweinsbraten, oder einen leckeren Schinken und frische Wurst
-verachtet ihr doch wahrlich nicht, obwohl es von diesen armen Thieren
-herstammt. Aber die Narrenspossen wirst du schon verlernen, hoffe ich,
-Fridelchen, ich werde dafür sorgen; dann nimmst du so ein Ferkel mit
-Entzücken in deine Arme und herzt es wie ein Schooßhündchen, das sollst
-du sehen.«
-
-Frida hatte jetzt aber genug. Sie war dem ungalanten Vetter böse und
-wandte ihm rasch davongehend, den Rücken. Dieser pfiff lustig hinter
-ihr drein in echter Jungensweise; dann sang er in äußerst unmelodischen
-Tönen und mit der Reitpeitsche in der Luft umherfuchtelnd: »Hans mit
-den Pluderhosen sprang über'n Kachelofen -- wutsch! war er weg.« Darauf
-verschwand er wieder in den Ställen, die zimperliche Cousine sich
-selbst überlassend.
-
-Frida wollte eben ihr Zimmer aufsuchen, um sich von allem Schmutz
-dieser ersten ländlichen Inspectionsreise zu befreien, da kam Charlotte
-vom Hause her und sagte: »Ich will meine Glucken besuchen, Frida,
-kommst du mit mir? Vier habe ich gesetzt, wir wollen einmal sehen, was
-sie machen.«
-
-Frida verstand von dieser Rede eben nur, daß die Reise nach dem
-Hühnerstalle gehen sollte, und da Federvieh ihr noch das Liebste von
-all dem Gethier auf dem Hofe war und ihr auch am wenigsten Furcht
-erregte, so begleitete sie Charlotten, denn schmutziger konnte sie
-ja doch jetzt nicht mehr werden, als sie nach diesen vorhergehenden
-Besuchen schon war.
-
-»Hier sind nur einige von unsern Glucken,« sagte Charlotte, einen
-engen, dunklen Stall betretend, in dem einige Hennen still in Körben
-saßen, die mit Stroh ausgefüllt waren. »Der eigentliche Brütstall steht
-unter Mutters Leitung, du mußt dich einmal von ihr mit dahin nehmen
-lassen. Das hier ist mein Privatbesitz; die Hennen schenkte mir der
-Herr Pastor an meinem Geburtstage, und er soll nun auch die ersten
-Küken davon haben.«
-
-Vorsichtig hob Charlotte nun eine Henne nach der andern empor und
-untersuchte die unter ihr liegenden Eier. »Die gelbe Kronenhenne sitzt
-am längsten, unter ihr scheint es mir lebendig zu werden,« sagte sie
-mit leuchtenden Augen und kniete neben derselben nieder »Sieh da, zwei
-Kleine sind glücklich an's Tageslicht gekommen!« rief sie freudig und
-zog Frida zu dem Korbe herab, von dem sie die laut gackernde Glucke
-an den Flügeln empor gehoben hatte. Zwei kleine Küken krabbelten
-da vergnüglich im Stroh herum, und das Eine hatte noch ein Stück
-Eierschale auf dem Kopfe.
-
-»Faß einmal das Ei da an, Frida, aber vorsichtig,« sagte Charlotte,
-auf eines der im Neste liegenden Eier zeigend. Frida blickte hin und
-nahm das Ei zögernd in die Hand, legte es aber sogleich wieder hin,
-einen leisen Ruf der Ueberraschung ausstoßend. Aus der Schale des Eies
-sah nämlich ein kleiner, spitzer Schnabel hervor, dem gleich darauf
-ein dunkles Köpfchen folgte, das sich durch die Eierschale hindurch
-arbeitete.
-
-Die Federchen lagen feucht und zusammengeklebt auf dem runden Köpfchen,
-die Aeugelchen blickten aber ganz vergnügt daraus hervor. Nach einer
-Weile hatte sich das ganze Körperchen aus der Schale herausgearbeitet
-und zappelte mit den Resten seines kleinen Gefängnisses in Gesellschaft
-der andern Kükel im Stroh umher. An einem daneben liegenden andern Ei
-war auch schon ein großer Sprung; man hörte leise picken und sah, wie
-von innen ein spitzes Schnäbelchen an der Umhüllung bohrte, um sie
-zu durchbrechen. Frida war außer sich vor Entzücken und wollte gar
-nicht fort von dem Korbe, denn so etwas Reizendes war ihr noch nie
-vorgekommen. Charlotte aber nahm die Küken heraus und setzte dann die
-Glucke vorsichtig wieder auf den Korb. »Länger darf ich das Nest nicht
-unzugedeckt lassen, die Eier werden sonst kalt,« sagte sie. »Die Kükel
-aber thun wir hier in den Federtopf, daß die Alte sie nicht zertritt,
-bis alle heraus sind.«
-
-Frida war glücklich wie ein Kind, als Charlotte ihr die kleinen
-Hühnchen in die Hand gab, damit sie dieselben in den Federtopf tragen
-sollte. Als Charlotte ihr aber sogar versprach, die Kükel der nächsten
-Glucke wollte sie ihr schenken, diese ersten müsse der Herr Pastor
-haben, da sprang sie jubelnd in dem engen Stalle umher und umarmte
-und küßte Charlotte vor Wonne. Kein kostbarer Schmuck und kein neues
-Kleid hätte dem jungen Mädchen eben jetzt solche Freude machen können,
-als der Besitz solch kleiner, spashafter Küken, wie diese, die leise
-piepsend in dem Federtopfe über einander kugelten.
-
-»Wann kommen denn wieder welche aus, Lottchen?« rief sie ungeduldig und
-lief von einem Brütkorbe zum andern.
-
-»In den nächsten Tagen, hoffe ich,« sagte Charlotte, »sie sitzen fast
-alle schon drei Wochen.«
-
-»Was, so lange muß solch arme Henne sitzen?« rief Frida, die Hände
-zusammenschlagend. »Das ist ja ganz schrecklich! Muß =die= sich
-langweilen!«
-
-Charlotte lachte herzlich. »Ja, und denke nur, das arme Thier frißt
-und säuft nicht einmal zu ihrer Unterhaltung, während sie brütet. Früh
-Morgens kommt sie vom Nest herunter und frißt sich satt, und dann
-fastet sie den ganzen übrigen Tag. Es ist keine Kleinigkeit für eine
-gute Glucke, ihre Eierchen sich auszubrüten.«
-
-Frida blickte ordentlich mit Respect nach den treuen, pflichteifrigen
-Hennen -- der Hühnerstall hatte ihr Herz gewonnen. Das war der erste
-Schritt zu ihrer Aussöhnung mit dem ihr so schrecklich erscheinenden
-Landleben, und täglich folgte sie Charlotten oder Tante Marie zu dem
-Federvieh, dessen Leben und Treiben ihr bald ganz bekannt war, und
-das sie mit regstem Interesse verfolgte. Die jungen, frisch aus dem
-Ei gekommenen Kükel aus dem Federtopf zu nehmen, sie dann auf den
-Tisch zu setzen und mit klein gehacktem Ei oder Hirse zu füttern,
-war ihre liebste Unterhaltung. Wenn dann die täppischen, kleinen
-Wesen ungeschickt über einander kugelten und vorn überfallend das
-Gleichgewicht verloren, sobald sie die Körnchen aufpicken wollten, dann
-jubelte Frida laut auf vor Vergnügen und konnte sich keine hübschere
-Unterhaltung denken. Und um Hühner- oder Enteneier zu suchen und
-einzusammeln, scheute sie bald keinen Stallgeruch und keine unsauberen
-Winkel mehr; ja selbst enge Treppen und Leitern kletterte sie eifrig
-hinauf, wenn sie irgend ein Huhn dort gackern hörte und es in Verdacht
-hatte, seine Eier verschleppt zu haben.
-
-»Unser Fridchen wird noch eine ganz leidenschaftliche Landwirthin
-werden, gebt Acht!« rief Onkel Bremer oft vergnügt, wenn er die
-hübsche Nichte in ihrem Eifer beobachtete, und Tante Marie behauptete
-ganz ernsthaft, noch nie solch reichen Eiersegen gehabt zu haben, als
-seitdem Frida die Hühner unter ihren Schutz genommen; sie besitze gewiß
-ein Geheimmittel, womit sie die Hühner bezaubere.
-
-Onkel und Tante waren überhaupt von einer Güte und Herzlichkeit gegen
-das verwöhnte Nichtchen, daß diese es nicht besser hätte wünschen
-können. Alle die kleinen Thorheiten des jungen Mädchens, das sich für
-etwas Besseres hielt und Hochmuth und Eitelkeit in Fülle kund gab,
-wurden von Allen im Hause ohne Empfindlichkeit und Verdruß hingenommen.
-An den einfachen, frischen Naturen Charlottens und Hannchens glitten
-Frida's Unliebenswürdigkeiten völlig ab, und bereitwillig spendeten
-sie der Cousine den Weihrauch, den diese beanspruchte, und bewunderten
-deren Talente und Kenntnisse, welche die ihren weit übertrafen. Aber
-wäre Frida weniger von sich eingenommen gewesen, sie hätte schon in den
-ersten Tagen ihres Landaufenthalts erkannt, was sie später recht wohl
-einsah: daß sie selbst trotz ihrer glänzenden Eigenschaften an wahrhaft
-innerer Bildung diesen ihren beiden Cousinen gar sehr nachstand. Je
-länger sie unter diesen Verwandten lebte, desto mehr dämmerte in ihrem
-Herzen diese Einsicht empor. Bald empfand sie, wie lächerlich und
-thöricht es sei, daß sie sich besser dünkte als Alle, und bald fing
-sie an, bescheidner aufzutreten und sich dem schlichten Wesen ihrer
-Umgebung mehr anzupassen, der alles fremd war, was Ueberhebung und
-Eitelkeit hieß. Wußten und verstanden doch ihre einfachen Cousinen
-tausend Dinge, von denen die kleine Stadtdame keine Idee hatte!
-Und wie fleißig waren sie und wie pflichttreu, was schafften diese
-Mädchen alles den Tag über, und wie nützlich waren sie dem Hauswesen,
-während sie selbst die Hände in den Schooß legte, oder ein Bischen
-las, schrieb oder musicirte, Dinge, mit denen sie nur sich selbst
-Nutzen brachte. In diesem Hause vergrub niemand das ihm anvertraute
-Pfund, sondern ein Jeder verwandte die ihm von Gott gegebenen Kräfte
-zum Wohle des Ganzen, still, anspruchslos und bescheiden, als etwas,
-das sich ganz von selbst verstand. Was war und wirkte sie dagegen,
-die sich so vortrefflich und so hoch über diesen Mädchen stehend
-erschien? Was hatte sie ihrem vereinsamten Vater, was ihren kleinen
-Geschwistern genützt, was dem Hause und allem, das ihr anvertraut
-gewesen? Hatte sie nicht immer nur an sich selbst und an ihr Behagen
-gedacht? Waren die Pflichten, die freilich allzufrüh auf ihre Schultern
-gelegt wurden, ihr nicht unerträglich gewesen, und hatte sie sich
-denselben nicht stets entzogen, so viel sie nur immer konnte? Ach sie
-mochte gar nicht daran denken, in welchem Zustande alles gewesen war,
-als ihr Vater die Stiefmutter in das Haus führte, -- was mußte diese
-von ihr gedacht haben? Und doch, welche Güte, welche Nachsicht hatte
-Gertrud ihr entgegengebracht; wie hatte sie stets alles zum Besten
-gekehrt, was Frida Thörichtes gethan, und wie hatte sie ihr diese Liebe
-gelohnt? -- Immer und immer kamen Frida solche Gedanken, wenn sie die
-thätigen, liebreichen und demüthigen Menschen beobachtete, von denen
-sie hier umgeben war. O es sollte anders werden! Auch sie wollte brav
-und tüchtig und ein brauchbares Glied ihres Hauses sein, wenn sie erst
-wieder bei den Eltern war, und Gertrud sollte sehen, daß sie auch gut
-und liebenswürdig sein könnte und dankbar für die ihr erwiesene Liebe.
-
-So übte schon in kurzer Zeit der Segen eines harmonisch schönen,
-thätigen Familienlebens seinen wohlthätigen Einfluß auf das junge
-Mädchen aus, und mit Freuden bemerkten ihre Eltern diesen Wechsel,
-welcher mehr und mehr in den Briefen erkennbar wurde, die Frida in
-die Heimath sandte. »Laßt mich ja noch eine Weile hier, ich muß noch
-so viel lernen und es gefällt mir so gut!« so schrieb sie schon nach
-einigen Wochen nach Hause, und nur zu gern kamen die Eltern diesem
-Wunsche entgegen.
-
-Und zu lernen hatte Frida allerdings noch so viel in dieser ihr völlig
-fremden Welt, daß sie noch Jahre hätte da bleiben können. Alles war ihr
-neu und unbekannt, die kleinen Kinder des Hauses wußten zehn Mal mehr
-Bescheid als sie, und ihre Unwissenheit, die sie stets offen bekannte,
-war häufig die Veranlassung zu großer Heiterkeit.
-
-»Marie, kannst du ein Paar schöne Enten gebrauchen, die der Förster
-geschossen hat?« fragte Onkel Bremer eines Tages seine Frau.
-
-»Geschossen?« rief Frida erstaunt, »warum schießt er denn die Enten vom
-Hofe weg, Onkel? Das kann er doch bequemer haben.«
-
-Ein schallendes Gelächter vom Onkel war die Antwort; Frida meinte,
-der Förster habe nicht wilde Enten geschossen, sondern die zahmen des
-Hofes. Sie hatte in der Stadt ja nie andere gesehen und ebensowenig
-gegessen.
-
-»O welch eine Menge schöner blauer Blumen!« rief Frida dann wieder,
-als sie an einem Flachsfelde vorbeiging und war höchst erstaunt, als
-sie erfuhr, daß ihr Leinenzeug eines Tages in Gestalt ebensolch blauer
-Blümchen auf dem Felde gestanden habe. Natürlich hatte sie auch keine
-Idee davon, wie die einzelnen Getreidesorten hießen, welche auf den
-Feldern standen, und der Onkel, der mit Leib und Seele Landwirth
-war, entsetzte sich vollständig, wenn Frida einen Spaziergang mit
-ihm machte, und den schönen Hafer bewunderte, wo sie Gerste vor sich
-sah, oder ein Roggenfeld für Weizen erklärte, und über die Unmasse
-schöner Kornblumen und Kornraden jubelte, welche unter dem Getreide
-standen und den Aerger des Landwirthes ausmachten. Von der Existenz
-und Anwendung landwirthschaftlicher Geräthschaften hatte sie ebenfalls
-keine Vorstellung. Eine Egge war für sie ein vollständiges Räthsel,
-und wie man eigentlich mit einem Pfluge arbeite, war ihr bisher auch
-noch ein Geheimniß gewesen. Als man Klee schnitt zum Futter für das
-Vieh, fragte sie ganz erstaunt, warum man die Thiere nicht lieber
-gleich in das Kleefeld trieb, damit sie sich da satt fressen, es sei
-doch viel einfacher; und verwundert sah sie zu, wie man den schmutzigen
-Dünger der Ställe sorgfältig aufbewahrte, statt das häßliche Zeug
-fortzuwerfen, da es so garstig roch. Das Waschen der Schafe vor der
-Schur erregte ihr höchstes Erstaunen, das Scheeren selbst aber konnte
-sie vor Mitleid mit den armen Thieren gar nicht mit ansehen.
-
-In ganz entschiedener Feindschaft aber lebte sie tagtäglich mit dem
-Rindvieh, das ihr gleich in den ersten Tagen solche Furcht erregte,
-und doch war es an jenem Tage im Stalle angebunden. Welcher Schrecken
-aber war es für das arme Stadtkind, wenn sie mitten durch eine Wiese
-schreiten mußte, auf der Kühe und Ochsen frei weideten. Allein und
-ohne ihre Cousinen hätte sie es nie gewagt; aber auch in Begleitung
-richtete sie verzweifelte Blicke auf die gehörnten Ungeheuer, welche
-gar nicht daran dachten, sie zu belästigen, sondern ruhig grasend
-die dicken Köpfe auf und ab senkten. Wenn am Abend die Heerden in
-das Dorf hereinzogen, ein wahres Fest für die ganze Dorfjugend, da
-flüchtete Frida gewöhnlich furchtsam in's Innere des Hauses, damit
-nur ja keiner ihrer persönlichen Feinde etwa einen Angriff auf sie
-wagte. Alle Neckereien des Onkels und der Cousinen, aller Spott des
-ungalanten Hermann, nichts konnte sie bewegen, ihre Furcht abzulegen,
-und als sie nun gar einmal die Bekanntschaft eines Stieres gemacht
-hatte, der seiner Heerde dumpf brüllend vorauf schritt, den mächtig
-breiten Kopf tief zur Erde gesenkt, und mit den blutunterlaufenen Augen
-böse und drohend zur Seite blickend, da war es vollends aus mit ihrer
-Herzhaftigkeit. Sie behauptete, lieber einem Löwen allein im Felde
-begegnen zu wollen, als solchem Ungeheuer, und der kleine Hirtenbube,
-der dies furchtbare Geschöpf mit seinem langen Stock regierte, war für
-sie ein größerer Held, als Blücher oder Ziethen.
-
-Der Onkel nahm Frida häufig mit sich hinaus auf''s Feld oder in Wald
-und Wiese, um ihre bodenlose Unkenntniß in allen landwirthschaftlichen
-Dingen einigermaßen zu heben. Da lernte sie denn nach und nach nicht
-nur die Früchte des Feldes, dessen Art der Bestellung und dergleichen
-mehr kennen, wovon ein Stadtkind in seinem Häusermeer keine Ahnung
-bekommt, sondern bald auch die einzelnen Bäume des Waldes, die Stimmen
-und die Gestalt der Vögel, die Insecten und Würmchen, welche Wald und
-Wiese beleben, und alle die tausend herrlichen Einzelheiten, welche
-sich dem beobachtenden Auge so unendlich mannigfaltig darstellen und
-den Genuß und die Freude an der schönen Gotteswelt erst ganz und voll
-machen. Es war ordentlich, als ob Frida jetzt erst recht sehen lernte,
-und der Onkel war ein trefflicher Lehrer, der mit Liebe und Sorgfalt
-beobachtete. Die Natur war seine Freundin gewesen von Kindheit an,
-und wenn er einerseits als tüchtiger Landwirth sich ihr praktisch in
-Dienst gestellt hatte, so versäumte er darüber doch nicht, auch für
-ihre schönen und idealen Seiten das Auge offen zu halten. Besonders
-für den Wald gewann Frida eine immer größere Vorliebe, je mehr sie an
-der Bildung von Stamm und Blättern die einzelnen Bäume von einander
-unterscheiden lernte. Buche und Eiche, Birke und Pappel, Erle und
-Esche, das alles waren für Frida bisher Bäume, von denen sie freilich
-gehört, und die sie auch wohl gesehen und gezeichnet hatte, die rechte
-Gestalt und Eigenthümlichkeit aber eines jeden Baumes, und wodurch
-man ihn schon von fern erkennen konnte, das lernte sie jetzt erst.
-Ihr Tannenbaum am Weihnachtsabend, der, wie sie jetzt lernte, eine
-Rothtanne oder Fichte war; da seine Nadeln nicht nach den Seiten,
-sondern rund um den Zweig herum standen, dieser war ihr fast allein
-der Bote aus dem fernen Walde gewesen. Wenn Frida sonst ja einmal
-in Gesellschaft ihrer Freundinnen eine Spazierfahrt in der Umgegend
-ihrer Stadt gemacht hatte und ein Stündchen in dem dortigen, schmalen
-Waldstrich verweilte, so gab es dann immer so viel mit den Freundinnen
-zu plaudern, so große Aufmerksamkeit auf ihre elegante Toilette zu
-verwenden, oder zierliche Gesellschaftsspiele vorzunehmen, daß sie über
-diesen Dingen alles andere vergaß, und es ihr gar nicht aufgefallen
-war, wie schön so ein Wald doch eigentlich sei. Sie begriff jetzt
-nicht, wie sie in der Stadt mitten unter lauter Häusern ohne ihre
-lieben Bäume und Wiesen und Felder sich so wohl befinden konnte, und
-Charlottes Worte am ersten Abend, worin sie das Landleben als das
-Schönste hingestellt hatte, was sie sich denken konnte, fing jetzt an,
-ihr verständlich zu werden.
-
-Bei solchen Spaziergängen, sowie bei dem Umhertreiben in Hof und Garten
-war Frida im steten Kampfe mit ihrer eleganten, zierlichen Toilette,
-welche für solches Landleben, wie sie es hier führte, vollständiger
-Unsinn war. An jeder Hecke blieb sie mit den dünnen Falbeln ihres
-Kleides hängen; jeder Busch trug ein Zeichen, wenn die elegante, junge
-Dame mit ihren Spitzen und Frangen und Stickereien hindurch gekrochen
-war, und nie kam sie nach Hause, ohne sich irgend etwas zerrissen,
-beschmutzt oder sonst verdorben zu haben. Die Cousinen schlüpften in
-ihren kurzen, einfachen Kleidern rasch und unbehindert überall durch,
-ohne den geringsten Schaden zu leiden, während Frida mit ihrer langen
-Schleppe und den dünnen, bauschigen Stoffen unsäglichen Aerger und
-tausend Mühe und Beschwerde hatte. Brachte sie dann solch schmutziges
-oder zerrissenes Kleid nach Hause, da hing sie es, wie sie immer
-gewöhnt war, ruhig fort, ohne daran zu denken, daß es wieder sauber
-und ganz werden mußte. Mit Verwunderung sah sie dann, daß Tante Marie
-oder eine der Cousinen sich des armen Kleidungstückes annahm und es
-bürstete und plättete, stopfte und nähte, bis es wieder in Ordnung war.
-Und nun gar die dünnen Waschkleider, die sie so gern im warmen Sommer
-trug! Zu Hause hatte die Wäscherin der jungen Dame solch zierlich
-Kunstwerk stets fix und fertig überliefert, und die Jungfer sorgte
-für die tägliche Herstellung des Anzuges. Hier aber waren es wieder
-die Hände von Tante und Cousinen, welche diese Aufgabe übernahmen
-und oft einen halben Vormittag damit zubrachten, eine einzige dieser
-luftigen Hüllen auf dem Plättbrete wieder in Stand zu setzen, und
-diese zierlichen Falbeln und Striche, diese Ueberwürfe und Frisuren
-zu plätten und zu kniffen, welche Frida oft binnen einer einzigen
-Stunde in unbrauchbaren Zustand versetzt hatte. Ein Gefühl von Scham,
-wie es das verzogne Kind nie gekannt, kam bei solchem Anblick über
-Frida. Sie wollte den Cousinen die Arbeit abnehmen; aber sie hatte
-ja keine Ahnung weder vom Waschen, noch Plätten, noch sonst einer
-der häuslichen Arbeiten, in denen diese jungen Mädchen Meisterinnen
-waren. Bei Frida's Entschuldigungen lachten sie und behaupteten, es sei
-ein großes Vergnügen, solche allerliebste Sachen unter den Händen zu
-haben, so gut sei es ihnen noch niemals geworden. Aber jetzt wünschte
-Frida nichts sehnlicher, als einfache, derbe Kleidung, mit der sie
-unbehindert umherlaufen konnte, ohne ihrer Umgebung so viel unnütze
-Arbeit zu bereiten. Eines Morgens hatte sie einen ganzen Koffer mit
-ihren unpraktischen, eleganten Kleidern gefüllt und bat den Onkel, den
-nach Hause zu senden. Die Mutter aber flehte sie an, ihr so schnell als
-möglich einige recht einfache, derbe Kleider zu schicken, sowie auch
-feste Lederstiefeln; denn ihr zierliches Stadtschuhwerk sei schon nach
-einigen Wochen in völlig unbrauchbarem Zustande.
-
-Und so wie Frida sich in diesen Dingen immer mehr ihrer Umgebung
-anpaßte, so auch in vielen andern. Manches, was ihr zu Hause als
-etwas Entwürdigendes erschienen war, und was man eben den Dienstboten
-überließ, das machte sie jetzt mit ihren eigenen, feinen Händchen
-selbst, ohne einen Anstoß daran zu nehmen; denn Charlotte und
-Hannchen, Martha und vor allem die Tante selbst, alle thaten ohne
-Zögern derartige Dinge. Wenn Frida sich das Kleid beschmutzt, Bänder
-und Haken abgerissen, oder die Schuhe bestäubt hatte, so litt sie es
-bald nicht mehr, daß Tante Marie Bürste oder Nadel für sie ergriff,
-oder Hannchen herbeieilte, die Schäden auszubessern. Fröhlich ließ sie
-selbst ihre Nadel durch die Stoffe fliegen und die Bürste über Schuhe
-und Kleider, ohne ihre Umgebung wie bisher zu bemühen, und bald fand
-sie auch Gefallen an allerlei häuslichen Arbeiten, in denen sie sich
-von den Cousinen unterweisen ließ. Zuweilen betrachtete sie dann wohl
-mit etwas sorglicher Miene ihre feinen Fingerchen, welche beim Kochen
-oder Plätten oder Früchte schälen bedenkliche Farben annahmen und rauhe
-Stellen zeigten. Aber lachend trösteten sie dann die Cousinen, und
-Frida selbst spottete endlich über ihre Eitelkeit, von der sie bisher
-tyrannisirt worden war, und in deren Banne sie gelegen hatte. Die
-Zeiten waren glücklich vorüber, in denen sie in Furcht und Angst vor
-der kräftigen Kost des Hauses gelebt hatte. Jetzt dachte sie nicht mehr
-daran, ob sie auch von den nahrhaften Gerichten, unter denen die Tische
-seufzten, wohl eine plumpe Taille oder zu gesunde Farben erhalten
-könne; ob auch ihre Hände verbrennen oder der Taint verderben werde,
-wenn sie ohne Handschuh hinauslief und sogar oft den schützenden Hut
-verschmähte. Tante Marie mußte sie jetzt sogar manchmal daran erinnern,
-sich der Sonne doch nicht zu sehr auszusetzen; denn Frida selbst vergaß
-häufig solche Sorgen, wenn sie sich auf der Wiese im frischen Heu
-lagerte, oder im Walde auf weichem Moosteppiche behaglich ihre Glieder
-streckte.
-
-»Papa wird mich gar nicht wieder erkennen!« rief sie oft lachend, wenn
-sie ihr frisches Gesicht im Spiegel sah, das jetzt seine kränkliche
-Blässe und die bläulichen Ringe unter den Augen verloren hatte. Was
-aber ihre zierlichen Freundinnen dazu sagen, und ob sie vielleicht
-die Näschen über die einst so elegante Frida rümpfen würden, wenn
-sie zurück kam, kräftig und blühend wie eine volle, rothe Rose, das
-kümmerte das junge Mädchen wenig mehr; denn von diesen Thorheiten war
-sie so ziemlich geheilt. Auch überflüssig fühlte sie sich jetzt nicht
-mehr im Hause, wie im Anfange; denn sie half, wo sie konnte: bald in
-Küche und Garten, bald in der Schul- oder Kinderstube, wie sie es von
-ihren Cousinen sah, und der Segen der Arbeit machte ihr Gemüth heiter
-und sorglos. Ist man ja doch nie glücklicher, als wenn man mit sich
-selbst zufrieden sein kann, und das konnte Frida jetzt wie noch nie
-zuvor in ihrem Leben. Eine große Befriedigung gewährte es ihr, daß
-sie Martha einigen Unterricht ertheilen konnte. Dies strebsame, junge
-Mädchen hatte große Lust am Lernen und doch im Dorfe selbst nicht
-viel Gelegenheit, und so unterrichtete Frida sie in neueren Sprachen,
-Musik und Zeichnen, worin diese vortreffliche Unterweisung erhalten
-hatte. Auch Hannchen und Charlotte nahmen Theil an diesem Unterricht,
-so viel ihre Zeit es eben erlaubte, und besonders die Musik vertrieb
-ihnen gemeinsam manche Stunde; denn die jungen Mädchen hatten helle,
-frische Stimmen, welche sich unter Frida's Anleitung ganz allerliebst
-entwickelten.
-
-So lebte Frida behaglich, fleißig und glücklich von Tag zu Tage und von
-Woche zu Woche, und je länger sie hier im Hause verweilte, desto lieber
-war sie dort. Die große Welt, in die sie wieder eintreten sollte,
-kehrte sie nach Hause zurück, und von der sie mit so schwerem Seufzer
-geschieden, sie hatte kaum halb noch den Reiz, den sie früher auf das
-Gemüth Frida's ausgeübt, und wirkliche Sehnsucht fühlte sie nur oft
-nach ihrem Vater und den Geschwistern, ja, sie gestand es sich kaum
-selbst, auch nach Gertrud. Nach ihr freilich mit dem immer lebhafteren
-Wunsche, wieder gut zu machen, was sie einst Thörichtes gethan, und zu
-zeigen, daß sie auch brav und gut sein könne und nicht nur das eitle,
-hochfahrende Mädchen von ehemals.
-
-Im Laufe der Zeit hatte Frida auch die andern Familien kennen gelernt,
-welche den Umgang der Familie Bremer bildeten, und wir kehren noch
-einmal zu den ersten Tagen zurück, welche Frida im Hause des Onkels
-verlebte und treten mit ihr in diesen Freundeskreis ein. Eines Morgens
-erschien in dem Wohnzimmer eine große, mächtige Männergestalt, deren
-frisches Gesicht von dichtem, weißen Haar umgeben war, und den man als
-den Herrn Pastor äußerst freudig begrüßte. Die kleinen Kinder hingen
-sich an seine langen Rockschöße, Hannchen schob ihm gleich Vaters
-großen Lehnstuhl herbei, und Onkel Bremer schüttelte ihm so gewaltig
-die große, breite Hand, daß sie ordentlich in ihren Gelenken krachte.
-Pastor Werder hatte ein breites, offnes Gesicht mit freundlichen,
-grauen Augen, und seine Art und Weise war so fröhlich, und mit jedem
-hatte er so viel Scherz und Neckereien, daß Frida ganz verwundert drein
-schaute; einen Landprediger hatte sie sich so ganz anders vorgestellt.
-Auch mit ihr fing er gleich ein heitres Gespräch an, und war so
-zutraulich und herzlich, als kenne er das junge Mädchen schon seit
-Jahren.
-
-»Nun, Kinderchen,« sagte er dann zu Hannchen und Charlotte, »Sonntag
-Nachmittag kommt mein Justus, da bitte ich mir aus, daß ihr euch hübsch
-macht und die Pfarre von oben bis unten umkehrt. Mein Lenchen hat schon
-alle Blumen im Garten zu riesigen Sträußen und Kränzen gebunden, und
-die Mutter eine Unmasse Kuchen gebacken, alle Tische liegen voll davon.
-Meine morgende Predigt rettete ich gerade vom Untergange, als sie
-eben zu Butterpapier benutzt und unter einen prächtigen Zuckerkuchen
-gebreitet werden sollte. Ich glaube, der Just bringt seine beiden
-Zöglinge und einen Freund mit, da soll's um so vergnügter werden. Ich
-denke ja, die Hermsbacher werden auch alle kommen und wohl noch der
-oder jener aus der Nachbarschaft. Da sieht unser schönes, kleines
-Mamsellchen hier doch auch einmal, daß man auf dem Dorfe vergnügt sein
-kann; denn Kinder, das bitte ich mir aus, bringt euch alle Taschen voll
-Fröhlichkeit mit zur Pfarre.«
-
-Diese Nachricht erregte große Freude. Justus war ebensosehr der
-Liebling aller, wie es sein Vater war, und ein Nachmittag im
-Pastorhause schien für jedermann ein Fest zu sein. Ein Sonntag auf
-dem Dorfe hat etwas gar Feierliches und Stilles, und als Frida am
-Vormittage ihre Cousinen und Onkel und Tante in die Kirche begleitete,
-stimmte die ganze Umgebung sie so festlich, wie es ihr an den
-Sonntagen im Vaterhause nie geschehen. Sie war ganz erstaunt, von
-dem alten, fröhlichen Geistlichen nun eine so gehaltvolle, schöne
-Predigt zu hören, welche tief zum Herzen sprach. Auch bemerkte sie,
-mit welch großer Andacht und Innigkeit die bäuerliche Gemeinde zu
-ihrem weißhaarigen Prediger emporblickte, und wie er von Jung und Alt
-geliebt und geehrt wurde. In der Stadt war Frida keine sehr eifrige
-Kirchgängerin gewesen; nur die Zeit ihrer Einsegnung machte eine
-Ausnahme. Aber auch von dieser schönen Zeit ward ein großer Theil
-durch Eitelkeiten und Thorheiten ausgefüllt, wie sie nur in so jungen
-Mädchenköpfen hausen können, denen keine ernste, liebevolle Mutter oder
-Freundin zur Seite steht, welche die Schlacken von dem edlen Metall
-sondert, das gerade in diesen ernsten Zeiten in die empfänglichen
-jungen Gemüther gelegt wird. Frida hatte eben niemand zur Seite,
-und so dachte sie bei den Vorbereitungen zu ihrer Confirmation eben
-so viel an den modernen Schnitt ihres neuen Kleides, an den schönen
-Schmuck und den Sammetpaletot, den Papa ihr geschenkt, und der die
-ihrer Freundinnen an Eleganz noch übertraf, als an die ernste, schöne
-Feier selbst. Diese bewegte dann ihr empfängliches Gemüth nichts desto
-weniger tief und innig und rief eine Fülle edler und guter Gedanken
-und Vorsätze in ihrer Seele wach. Kaum aber war diese ernste Zeit
-vorüber, so schlugen die Wellen des täglichen Lebens über ihrem Kopfe
-wieder zusammen; Rührung und gute Vorsätze klangen nur noch in leisen
-Accorden zu ihr herüber, und ohne gerade tadelnswerther zu sein, als
-hundert Andere ihres Alters, konnte man Frida doch durchaus kein
-musterhaftes junges Mädchen nennen. Aber als sie jetzt hier in der
-stillen Dorfkirche den Worten des alten Geistlichen lauschte, da zogen
-diese ernsten Gedanken auf's Neue durch ihre Seele. Eine Ahnung von
-dem, was ihr bisher gefehlt, schlich sich leise und unmerkbar in ihre
-Brust, und als sie die frommen, seelenvollen Blicke sah, mit denen ihre
-Cousinen an dem Antlitz ihres Seelsorgers hingen, da wußte sie, daß
-in diesen Gemüthern anderer Ernst und andere Frömmigkeit lebte, als
-jemals in ihrem eigenen. Aber noch lagen Herz und Sinn zu sehr in den
-Banden ihres bisherigen Lebens gefangen; noch mancher Tag gehörte dazu,
-ehe diese Einsicht ganz und voll in ihr wurde und noch manche Stunde
-stiller Andacht zu den Füßen des würdigen Geistlichen. Aber sie kam
-doch, und mit ihr eine Demuth und Bescheidenheit, wie man sie früher
-nie an dem jungen Mädchen gekannt hatte.
-
-»O Tante,« sagte sie eines Tages leise, als sie neben dieser das
-Gotteshaus verließ, »o warum bin ich nicht früher zu euch gekommen, ich
-wäre ein besseres Mädchen geworden!«
-
-Tante Marie drückte Frida's Hand voll Innigkeit und erwiederte sanft:
-»Zum Gutsein ist es keinen Tag zu spät, mein liebes Kind; wolle es nur
-ernstlich, dann kannst du's auch, dazu ist man nie zu alt.«
-
-»Ja Tante, wenn du mir hilfst und ihr Alle!« sagte Frida bewegt. Die
-Tante aber nickte ihr ernst lächelnd zu, und von dem Tage an war ohne
-weitere Worte ein Bund zwischen Frida und der Tante geschlossen, dessen
-Segen dem jungen Mädchen immer fühlbarer wurde, je länger sie in diesem
-Hause lebte.
-
-Aber kehren wir zu dem Feste zurück, zu dem Pastor Werder das ganze
-Bremer'sche Haus eingeladen hatte. Charlotte, Hannchen und Martha
-hatten sich »hübsch« gemacht, wie der Gastgeber es sich ausgebeten,
-das heißt, sie hatten saubere, helle Battistkleider angelegt, jedoch
-keinen anderen Schmuck, als den ihrer frischen, rothen Wangen und
-ihres sorglich gescheitelten Haares. Frida blickte betroffen auf
-diese so unendlich einfachen Toiletten. Sie selbst hatte einen ihrer
-elegantesten Anzüge gewählt, wie sie es bei festlichen Gelegenheiten
-zu thun pflegte. Nun aber kam sie sich höchst unpassend gekleidet
-vor, und sie wollte das kostbare Gewand wieder in den Kasten werfen.
-Die Cousinen jedoch litten das nicht, fanden sie allerliebst und
-behaupteten, Onkel Pastor sehe elegante Damen sehr gern. Da suchte
-Frida denn rasch aus der Ueberfülle von Bändern, Spitzen und Schleifen
-einige prächtige, farbige Schärpen aus, welche sie Hannchen und
-Lottchen um die Taille schlang; Martha steckte sie eine schöne Schleife
-vor die Brust, und die Cousinen mochten wollen oder nicht, sie mußten
-sich so schmücken lassen. Frida jubelte über ihren Einfall, und
-fröhlich zog die ganze Gesellschaft endlich dem Pfarrhause zu.
-
-Dies war ein großes, altes Gebäude mit weiten, etwas dunklen Räumen,
-durch dicht herumstehende Bäume noch düstrer gemacht. Aber Thüren und
-Fenster waren mit Blumen geschmückt, und auf der steinernen Außentreppe
-stand Pastor Werder mit den Seinen zum Empfang der Gäste. Die Pastorin,
-eine rasche, rüstige Frau mit lebhaften, dunklen Augen, lief den
-Ankommenden, ihre kleine Tochter Gretchen an der Hand, ungeduldig ein
-Stück entgegen, und ihr folgte die zierliche Gestalt ihrer älteren
-Tochter Helene, ein auffallend zartes, liebliches Mädchen mit vollem,
-dunklen Haar und schwärmerischen, braunen Augen. An der Seite des
-Pastors aber stand sein einziger Sohn, groß und schön und stattlich wie
-er selbst, nur daß die lang herabfallenden Locken des jungen Mannes
-von schöner hellbrauner Färbung und die Züge des Gesichtes frisch und
-jugendlich waren. Zwei Knaben von 13 und 14 Jahren, die Zöglinge Justus
-Werder's, und sein Freund, ein junger Arzt, begrüßten mit ihnen die
-Ankommenden als liebe, alte Freunde. Kaum aber hatte man sich die Hände
-geschüttelt und das Haus betreten, da rollte ein Wagen vor.
-
-»Das sind die Hermsbacher!« tönte es fröhlich, und abermals
-öffnete sich die gastliche Pforte. Herr und Frau von Helldorf, ein
-freundliches, behagliches Ehepaar, wurde im Triumph hereingeführt,
-und mit ihnen kam Sophie, des Gutsherrn Nichte, ein großes, blondes,
-aber sehr unscheinbares Mädchen. Ihnen folgten zwei junge Männer, sehr
-verschieden in ihrer Erscheinung. Walter, der Sohn des Gutsherrn, war
-stämmig und kräftig gebaut, und sein Gesicht trug den Stempel großer
-Güte und Milde; aber etwas Schüchternes, ja Linkisches that seiner
-sonst angenehmen Erscheinung einigen Abbruch. Sein Begleiter jedoch,
-der sich seit Kurzem als Volontair auf dem Gute aufhielt, besaß alle
-die Eigenschaften, welche einen jungen Mann zu einer hervortretend
-gewinnenden Erscheinung machen. Elegant in Manieren und Kleidung, schön
-an Gesicht und Gestalt, und angenehm in der Art und Weise zu sprechen
-und sich zu bewegen, machte er auf Jedermann einen äußerst günstigen
-Eindruck.
-
-Frida hatte mit stiller Verwunderung ihre Blicke in dem Kreise
-umhergeschickt, in dem sie sich hier befand; denn diese biedre, ja
-derbe Art und Weise, mit welcher die Freunde hier mit einander
-verkehrten, war für die feine, junge Dame etwas völlig Neues. Sie
-verglich soeben im Stillen diese derbe Redeweise, welche häufig mit
-plattdeutschen Worten vermischt war, und dies Händeschütteln und
-laute, ungenirte Wesen der Gäste mit den graziösen, feinen Formen
-der eleganten Welt, in der sie sich bis jetzt bewegt hatte. Da trat
-sie aus dem Nebenzimmer, in das sie für einige Augenblicke gegangen,
-wieder zu der Gesellschaft, und ihre Blicke fielen jetzt auf den jungen
-Volontair, welcher von den breiten, mecklenburger Schultern der andern
-Herren für sie bisher verdeckt worden war.
-
-Ein leiser Ausruf der Verwunderung entschlüpfte bei diesem Anblick
-ihren Lippen; tiefe Röthe überzog ihr Gesicht, und unwillkürlich
-trat sie einige Schritte vor. Herr von Gablenz, wie dieser junge
-Mann genannt wurde, war in seiner leichten, gewandten Manier von
-Einem zum Andern geschritten, indem er jeder der älteren Damen etwas
-Verbindliches sagte und sich soeben in sehr sichrer, anmuthiger Haltung
-dem Kreise der jungen Mädchen näherte, sein krauses, dunkles Bärtchen
-mit leisem Lächeln über den Finger drehend. Da erblickte er Frida.
-Höchstes Erstaunen in den Zügen hemmte er plötzlich den leichten
-Schritt, und etwas wie Schrecken oder Verdruß beschattete für einen
-Augenblick seine Züge. Aber auch nur für einen Augenblick. Im nächsten
-schon blitzte sein dunkles Auge hell auf, und das beglückteste Lächeln
-auf der Lippe trat er mit freudigem Gruß auf das junge Mädchen zu, das
-ihm zum Willkommen die Hand entgegenstreckte.
-
-»Mein gnädiges Fräulein, welche freudige Ueberraschung, Sie hier zu
-sehen!« sagte er halblaut und küßte Frida's bebende Hand, die er einen
-Augenblick in der seinen hielt und wie zum stillen Einverständniß
-leise drückte. Frida konnte ihrer freudigen Bewegung nur mit Mühe Herr
-werden; aber sie fühlte, wie nöthig es sei, daß sie ruhig blieb, und
-so sagte sie möglichst unbefangen, denn Hannchen trat eben zu ihnen:
-»Herr von Gablenz, ich freue mich sehr, Sie hier zu begrüßen. Sie haben
-ihre Freunde in B. so schnell verlassen, daß wir Alle nicht wußten,
-wohin Sie abgereist waren. Liebes Hannchen,« wandte sie sich dann
-unbefangen zu ihrer Cousine, »Herr von Gablenz ist ein Freund unsres
-Kreises in B., es ist eine große Ueberraschung für mich, ihn hier
-wieder zu sehen.«
-
-»Ein Glück, das ich mir nicht träumen ließ, mein gnädigstes Fräulein!«
-fuhr Herr von Gablenz fort und fügte ein so bedeutsames Lächeln hinzu,
-daß Frida sich schnell abwandte und Hannchens Aufmerksamkeit auf
-etwas anderes zu lenken suchte. Diese war aber weit davon entfernt,
-den wahren Sachverhalt zu ahnen, sondern drückte nur in ihrer sanften
-Weise ihre herzliche Befriedigung aus, daß Frida die Freude habe,
-einen Bekannten aus ihrer lieben Heimath wiederzusehen. Bald aber ließ
-sie die Beiden allein, die sich nun schnell in ein lebhaftes Gespräch
-vertieften. Als man hörte, daß Frida und Herr von Gablenz gute Bekannte
-seien, verwunderte sich auch niemand, daß sie den Tag über viel mit
-einander sprachen und verkehrten; was aber Frida fühlte und dachte,
-das mögen uns wieder einige Zeilen sagen, welche sie ihrer Freundin am
-Morgen nach diesem für sie so ereignißreichen Tage sandte.
-
-
- »Liebste, theuerste Franziska!
-
- Was habe ich Dir heute mitzutheilen! O Fränzchen, wie glücklich,
- wie selig bin ich, denke nur, ich habe =ihn= gesehen! Ja, staune
- immerhin, ich habe auch gestaunt, und im ersten Augenblicke meinte
- ich zu träumen, als seine schöne, edle Gestalt vor mir stand, und
- sein herrliches, dunkles Auge mich anschaute, mit dem bekannten, ach
- nur =mir= bekannten, strahlenden Blicke! O was so ein Blick alles
- sagen kann und so ein Lächeln, wie es bei meinem Anblick um seinen
- Mund schwebte! Ich hätte jubeln, aufjauchzen mögen vor Wonne, und
- doch durfte ich es nicht, mußte stumm und still mein Glück im Herzen
- verschließen, damit niemand es ahnte; ja ich durfte selbst den süßen
- Händedruck nicht erwiedern, mit dem er mich begrüßte, denn meiner
- Cousine Augen ruhten verwundert auf uns. Aber wenn wir auch den
- ganzen Tag nur gleichgültige Dinge mit einander gesprochen haben, was
- schadet es, wir sind uns doch wieder nah', ich kann doch wieder ab und
- zu dieselbe Luft mit ihm einathmen; denn ich werde ihn wiedersehen,
- hoffentlich oft und lange. Er ist als Volontair für einige Zeit hier
- in der Nähe auf einem der Güter, und er sagte mir zur Entschuldigung
- für seine schnelle Abreise, die Sache habe sich so rasch gemacht,
- und sein Aufenthalt auf Hermsbach sei keineswegs eine so fest
- abgeschlossene Sache, daß er davon gegen uns im Voraus hätte sprechen
- mögen. Ach für mich bedurfte es ja dieser Entschuldigungen nicht, mir
- genügte damals das Schreckliche: er war fort; aber die Wonne, ihn nun
- hier wieder gefunden zu haben, wiegt alles auf. Nun will ich gern in
- meines Onkels Hause bleiben, so lange sie mich behalten mögen, nun
- sehe ich =ihn= doch zuweilen, das läßt alle Entbehrungen und alles
- Unbehagen vergessen, das ich dort zu ertragen habe. O wie er dasteht
- unter diesen derben, massigen, mecklenburger Gestalten! Wie ein Prinz
- im Märchen! Ich würde mich nicht wundern, wenn eine goldene Krone
- in seinen glänzenden, schwarzen Locken blitzte; denn wie ein Fürst
- schreitet er unter diesen derben, simplen Leuten hier einher, und
- in der That scheint auch alles ihm zu huldigen und das Uebergewicht
- seiner geistigen wie körperlichen Gaben anzuerkennen. Die alten Damen
- werden ordentlich wieder jung, wenn er ihnen in seiner anmuthigen
- Weise den Hof macht, was ihnen von den hiesigen hölzernen, jungen
- Herren nicht geboten wird. Und nun gar die jungen! Sie hängen alle
- mit wahrhaft schwärmerischen Blicken an ihm, wie an einem Zauberer,
- und selbst meine beiden schlichten, blöden Cousinen können ihre
- Kornblumenaugen nicht von ihm abwenden, wenn er in ihre Nähe kommt.
- Die kleine, reizende Pastorentochter ist ganz bestimmt schrecklich
- in ihn verliebt, oder ich müßte mich wenig auf dergleichen Dinge
- verstehen. Das Spashafteste aber ist die Schwärmerei eines großen,
- blassen Mädchens, die über die erste Blüthe hinaus ist, wenn sie
- überhaupt je eine hatte. Es ist die Nichte des Herrn von Helldorf, in
- dessen Hause Gablenz sich aufhält, und die, wie ich höre, sehr reich
- sein soll. Das stete Beisammensein mit dem jungen Volontair scheint
- das arme Wesen ganz bezaubert und verwirrt zu haben. Es ist wahrhaft
- jämmerlich, wie sie die blassen Augen verdreht und die Lippen zum
- süßesten Lächeln spitzt, wenn er sie einiger Worte würdigt, und dann
- sitzt sie wie verzückt da und schaut ihm nach, wenn er ihr den Rücken
- gewandt. Und nun zu wissen, dieser herrliche Mann, den alle lieben,
- alle verehren, alle besitzen möchten, er gehört mir, mir allein;
- keine von allen, denen er in seiner gewandten Weise oft angenehme
- Dinge sagt, besitzt seine Liebe, sondern nur allein ich, ich, die
- Glückliche, Beneidenswerthe; -- o Franziska, das ist ein Gefühl, ein
- Gedanke, überwältigend schön und beglückend. Wenn ich nicht wüßte,
- wie theuer ich ihm bin, so könnte ich hier unter den vielen jungen
- Mädchen ganz eifersüchtig werden, da sie ihn alle so verehren und
- lieben. Den ungeleckten, jungen Bären der hiesigen Gesellschaft
- gegenüber wirkt sein einnehmendes Wesen mit doppeltem Zauber auf die
- schlichten Landmädchen, und der lose Gablenz scheint sich ein wahres
- Vergnügen daraus zu machen, diesen Zauber möglichst auszubeuten.
- Einige Worte, die er mir lachend zuflüsterte, als er mit der schönen,
- schwärmerischen Pfarrerstochter zwei schmelzende Duette gesungen und
- der blassen Frl. von Helldorf eine zarte Rose mit einigen schelmischen
- Worten überreicht hatte, bestätigten meine Vermuthung. Mich liebt
- er; aber den andern jungen Damen macht er ebensosehr den Hof, als
- mir selbst, und das ist mir ganz recht, so merkt eben niemand, wie
- die Sachen eigentlich stehen. O wenn Papa erführe, daß er hier ist!
- Ich glaube wirklich, er holte mich gleich zurück. Aber er weiß ja
- glücklicherweise nicht, daß Gablenz überhaupt B. verlassen hat, und
- nun gar, daß er sich hier in dieser Gegend aufhält.
-
- Doch nun genug, mein Fränzchen. Du kannst jetzt wieder ruhig und froh
- an mich denken; denn jetzt ist alles gut. Uebrigens muß ich meinen
- Verwandten zum Lobe nachsagen, sie sind von einer außerordentlichen
- Liebe und Güte gegen mich, und das Landleben ist überhaupt nicht so
- schlimm, als ich erst dachte. An dem gestrigen Tage haben wir auf dem
- kleinen See bei Pastors herrliche Stunden verlebt unter Gesang und
- tausend Scherzen, und dann auf der Wiese prächtig gespielt. Aber sind
- die Mädchen hier plump und blöde, es ist zum Todtlachen. Sie wissen
- alle nicht um die Ecke, wie Graf Salm immer sagt. Gablenz war immer
- der Mittelpunkt, um den sich alles schaarte; er leitete und ordnete
- alles, und Du kannst denken, daß ich ihm treulich zur Seite stand. O
- es war himmlisch! In Liebe und Glück
-
- Deine =Frida=.«
-
-
-Aber auch Herr von Gablenz schrieb an dem Morgen, der dem
-Zusammentreffen Frida's mit ihm folgte und das schwärmerische junge
-Mädchen so unendlich beglückt hatte, einen Brief, der uns einen Blick
-geben mag, wie es eigentlich mit diesem Herrn bestellt war, dem Frida
-in ihrer Unerfahrenheit und Schwärmerei bereits nur allzuviel Raum in
-ihrem Herzen eingeräumt hatte.
-
-
- »Bester Eduard!« schrieb er mit fliegender Feder. »Vor Kurzem theilte
- ich Dir mit, wie weise ich Deine Rathschläge mir zu Herzen genommen,
- und wie gut sich alles zu gestalten scheint. Dank Deiner Fürsorge habe
- ich zur rechten Zeit noch in B. den Staub von meinen Füßen schütteln
- und der Stätte Lebewohl sagen können, wo mir das Pflaster zu heiß
- unter den Füßen wurde, und meine Gläubiger anfingen, gar zu scharf
- die Zähne zu zeigen. Wie ein Meteor kam ich und verschwand ich in
- jenen angenehmen Kreisen, um hier von Neuem aufzutauchen und mir jene
- Erbin zu sichern, von der Deine Freundschaft für mich Errettung hofft
- aus dem Drangsale, das mein edles Haupt umgarnt. O Himmel ja, meine
- Schulden fressen an mir wie hungrige Ungethüme, und nur eine Erbschaft
- oder eine reiche Heirath kann mich retten. Da mir für Erstere aber
- nirgends ein Stern dämmern will, denn das Geschlecht der Goldonkel
- hat mir Aermsten nie geblüht, so bleibt nur das Zweite noch übrig. In
- B. gab es hübsche Mädchen genug; aber alle mit würdigen Vätern und
- Müttern versehen und von zahllosen Geschwistern umringt, also für
- meine Zwecke nicht geschaffen. Ich muß disponibles Vermögen vor mir
- sehen, um meiner Schwachheit hülfreich beistehen zu können; ferne
- Aussichten, oder Abhängigkeit von der Güte barmherziger Schwiegerväter
- kann mich nicht retten, und wenn die Töchter Engel an Schönheit wären.
- Solch ein blondes Engelchen hätte mich edlen Ritter sonst sicher nicht
- verschmäht; ich las es in ihren veilchenblauen Aeuglein und ahnte
- wohl, daß mein Verschwinden ihr Herzchen bitter kränken würde, da sie
- gewaltig Feuer gefangen. Aber lieber Himmel, wer kann an so etwas
- denken, wenn das Feuer auf den Nägeln brennt! Ich war ihr entschlüpft
- zur rechten Stunde, und alles schien im besten Gange. Ich wurde als
- Volontair in Hermsbach angenommen, die Erbin ist blaß und häßlich
- und gründlich langweilig; -- aber was hilft das alles, ihr Geld muß
- die Schäden zudecken. Sie ist bereits zum Sterben in mich Ausbund von
- Liebenswürdigkeit und Anmuth verliebt; denn das bei dieser simplen
- Landpommeranze zu erreichen, war für mich keine Herkulesarbeit. Leider
- haben Onkel und Tante aber ein Wort mitzusprechen, und die mir günstig
- zu stimmen, bedarf noch einiger Geschicklichkeit. Uebrigens scheint
- dies Mecklenburg eine wahre Fundgrube von hübschen Mädchen zu sein;
- (leider macht nur meine Erbin eine traurige Ausnahme!) denn wie die
- Amoretten in Thorwaldsens Neste voll Liebesgötter sitzen sie hier
- dicht bei einander, so daß man sich die Zeit gut vertreiben kann.
- Besonders eine kleine, schwarzäugige Pfarrerstochter könnte mich alle
- hübschen Blondinen zeitlebens vergessen machen. Höchst unbequemer
- Weise aber, und während ich im besten Zuge bin, den Liebenswürdigen
- bei all den hübschen Mädels zu spielen, taucht plötzlich meine holde
- Blondine aus B. vor mir auf, aus deren Banden ich glücklich entflohen
- war, als Deine Weisung kam, mir den hiesigen Goldfisch zu fangen.
- Sie war strahlend vor Entzücken, mich Ausreißer hier zu finden, und
- ich? Nun ich müßte nicht Alfred von Gablenz sein, hätte ich nicht
- augenblicklich ebenso strahlend in ihr holdes Augenpaar geblickt
- und das Lied fortgesungen, das ich in B. begonnen. Ach Lied! Das
- war ein unglückliches Bild; denn ein Lied ist's, was allein mich
- bei der Geschichte etwas beunruhigt. Jetzt ist's nun eine köstliche
- Komödie, die ich zu spielen habe; denn die kleine, schwarzlockige
- Pfarrerstochter, deren schöne Augen mich für die blassen meines
- Goldfischchens etwas entschädigen müssen, glaubt mich ebenfalls zu
- ihren Füßen, und es gehört die ganze Gewandtheit Deines Freundes dazu,
- mein Schifflein hier geschickt so zu steuern, daß Jede die Beglückte
- zu sein scheint, bis ich meines Zieles ganz sicher bin. Aber das
- gerade ist mein Element, drum Glückauf und ein fröhlich Gelingen
- Deiner Pläne, Du kluger Pfadfinder.
-
- Dein getreuer
- =Alfred von Gablenz=.«
-
-
-Woche um Woche verging; Frida aber hatte keine Ahnung von der
-Treulosigkeit und dem doppelten Spiele des leichtsinnigen Mannes, dem
-sie mit der ganzen schwärmerischen Liebe eines jungen Herzens anhing.
-Obwohl er sich hütete, mit Frida in bestimmteren Worten von seiner
-Liebe zu sprechen, so behielt er doch gegen sie den Ton der Hingebung
-und Verehrung bei, den er bisher schon angeschlagen, und nährte dadurch
-Frida's stilles Träumen und Hoffen. Wohl sah und hörte sie, daß er
-auch gegen Helene eine wärmere Sprache führte, und daß er Sophie von
-Helldorf oft in auffallender Weise auszeichnete; aber ihr Herz ward nie
-ernstlich hiervon beunruhigt. Glaubte sie doch immer, es geschehe nur,
-um die Aufmerksamkeiten gegen sie selbst dadurch zu verdecken, und kein
-Schatten eines Mißtrauens zog in ihr junges, unerfahrenes Gemüth.
-
-Das Glück und die Freude machten Frida noch lieblicher, als sie
-ohnehin schon war, und ihre Anmuth gewann ihr schnell die Herzen all
-dieser braven, einfachen Menschen, mit denen sie hier verkehrte. Ihr
-launisches und trotziges Wesen, wie sie es zu Hause so oft gegen
-die Ihren zeigte, schien ganz verschwunden; denn das Beispiel ihrer
-bescheidenen Cousinen, denen derartige Unarten etwas völlig Fremdes
-waren, wirkte unendlich vortheilhaft auf das weiche, leichtempfängliche
-Gemüth Frida's. Immer mehr und mehr wurde sie der Liebling von Jung
-und Alt; denn sie gehörte zu jenen glücklichen Naturen, welche von
-jedermann verzogen und gehätschelt werden. Die jungen Mädchen wagten
-sich in ihrer blöden, zaghaften Weise zwar Anfangs nicht recht an
-die so elegante, junge Dame heran, die mit so viel Gewandtheit und
-Sicherheit unter sie trat; Frida aber zeigte ihnen ein so herzliches
-und unbefangenes Entgegenkommen, daß alle Scheu entschwand, und sie
-mit allen bald gute Freundschaft schloß. Die jungen Herren hingegen
-hatte Frida's Anmuth gleich von Anfang an gewonnen. Durch ihr leichtes,
-gewandtes Benehmen, verbunden mit Witz und Heiterkeit, zeichnete sie
-sich so vortheilhaft aus vor den schwerfälligen, schüchternen und
-zaghaften jungen Mädchen, unter welchen sie auftrat, daß jeder sich
-am liebsten mit ihr unterhielt. Sie verstand es vortrefflich, den
-Ton zu treffen, der für jeden Einzelnen paßte, und selbst der scheue
-und steife Walter Helldorf überwand mit der Zeit seine ängstliche
-Blödigkeit, wenn die muntere Frida mit ihm scherzte. Justus Werder aber
-und sein Freund, der lustige, junge Arzt, und mit ihnen noch einige
-andere junge Leute der Nachbarschaft, schwärmten bald sämmtlich für
-die bezaubernde junge Dame und brachten ihr jeder in seiner Weise die
-wärmsten Huldigungen dar. Zur großen Verwunderung ihrer Cousinen nahm
-Frida diese allgemeine Verehrung äußerst ruhig und sorglos hin; sie
-hatte es ja auch zu Haus nicht anders gekannt, und ihr Herz wurde in
-keiner Weise dadurch beunruhigt. Sie scherzte und lachte mit allen um
-so sorgloser, da sie eigentlich dabei nur immer an den dachte, der ihr
-die ganze Seele erfüllte. Er war ja fast immer unter den jungen Leuten,
-mit denen sie verkehrte, und das belebte ihr ganzes Wesen. Ihm allein
-galten ja eigentlich ihre Worte und ihre witzigen, munteren Reden, und
-ein rascher Blick seines Auges, eine flüchtige Anspielung, nur für sie
-verständlich, waren völlig hinreichend, Frida für viele Tage froh und
-glücklich zu machen.
-
-Wenn Frida jetzt nach Hause schrieb, daß sie sich wohl und zufrieden
-bei Onkel und Tante fühle, so hatte natürlich die Anwesenheit dessen,
-den sie im Herz und Sinn trug, einen großen Antheil hieran. Aber
-der alleinige Grund ihres Wohlseins war es dennoch nicht; Frida
-lebte sich in der That von Tage zu Tage mehr ein in dem Kreise,
-der sie aufgenommen. Jugend ist so empfänglich für alles Neue, und
-hier waren es zu Frida's Glück nur edle und gute Elemente, welche
-auf sie einwirkten. Die Freundschaft, die sie bald mit Hannchen und
-Charlotte verknüpfte, war viel tieferer und besserer Art, als alle
-ihre bisherigen Freundschaften, und Frida war selbst oft verwundert,
-daß junge Mädchen so wenig von Putz und Aeußerlichkeiten mit einander
-sprachen, als sie und ihre Cousinen, und sich dennoch ganz vortrefflich
-dabei unterhielten. Auch mit Helene Werder, der braunäugigen
-Pfarrerstochter, war Frida bald herzlich befreundet, und selbst Sophie
-Helldorf zeigte für die bedeutend jüngere Frida eine warme Zuneigung
-wenn auch ihre Blicke oft mit ängstlicher Spannung die Huldigungen
-verfolgten, welche der schöne Volontair dem reizenden Mädchen
-darbrachte.
-
-So war eine geraume Zeit vergangen, da bemerkte Frida zuweilen, daß ihr
-liebes Hannchen mit roth geweinten Augen umherging, und auch Charlotte
-oft niedergeschlagen und trübäugig dreinschaute. Auf ihre Fragen
-erhielt Frida ausweichende Antworten, sie machte sich deshalb keine
-weiteren Sorgen darüber.
-
-Eines Tages aber, als man wieder im Hause Pastor Werders fröhlich
-zusammen gewesen, nahm Charlotte Frida unter den Arm und ging mit ihr
-in eine der verstecktesten Lauben des Gartens.
-
-»Ich möchte dich gern einmal etwas fragen, liebe Frida; aber sei mir
-drum nicht böse,« sagte Lottchen dort schüchtern und malte mit einem
-Stöckchen, das im Wege lag, verlegen Figuren in den Sand.
-
-»Warum sollte ich böse sein, Lottchen? Was hast du?« entgegnete Frida
-verwundert.
-
-»Es ist nur,« fuhr Charlotte zögernd fort, »ich wollte dich nur fragen,
-liebst du das Leben auf dem Lande jetzt sehr?«
-
-»Ei gewiß liebe ich es, mehr als ich je dachte!« rief Frida lebhaft.
-
-»So möchtest du wohl ganz gern dort leben, vielleicht einmal als
-Pastorenfrau?« stotterte Lottchen jetzt tief erröthend und wühlte mit
-dem Stöckchen aufgeregt im Fußboden umher.
-
-»Als Pastorenfrau?« sagte Frida staunend. »Wie kommst du denn darauf,
-Lottchen? Das ist ja eine merkwürdige Idee. Findest du denn, daß ich
-=dazu= passe?«
-
-»Nein, ehrlich gestanden finde ich eben, daß du gar nicht dazu paßt,
-Frida; aber nimm es mir nur nicht übel,« entgegnete Lottchen immer
-befangener werdend.
-
-»Nun warum in aller Welt frägst du mich denn da so sonderbar?« lachte
-Frida.
-
-»Weil -- nun weil ich dachte, du möchtest den Justus heirathen,« rief
-Lottchen nun fassungslos und warf das Stöckchen weit von sich.
-
-»Den Justus Werder? Ich den Justus Werder heirathen? Lottchen, ich
-glaube du träumst!« sagte Frida, die Augen weit öffnend. »Wie kommst du
-denn darauf? Das würde mir ja nun und nimmer in die Gedanken gekommen
-sein! Der Justus und ich, welch eine unglückliche Zusammenstellung!«
-
-Charlotte war von ihrem Sitze aufgesprungen und hatte Frida's beide
-Hände ergriffen.
-
-»Du denkst nicht daran und hast den Justus nicht lieb, Frida?« rief sie
-mit strahlenden Blicken.
-
-»Nein doch, nein, ich bin so weit davon entfernt, als man es nur sein
-kann!« entgegnete Frida von Herzen lachend. »Ich gäbe eine schöne
-Predigerfrau ab! Du komisches Mädchen, wenn du dir darum Gedanken
-gemacht hast, dann beruhige dich. =Ich= nehme dir Justus Werder nicht
-weg, und er will mich auch gar nicht.«
-
-»Ach ich ließe ihn dir gern, Frida,« sagte Lottchen leise. »Wenn =ich=
-ihn liebte, hätte ich diese Fragen nicht an dich richten können. Aber
-siehst du, ich kann es nicht mit ansehen, daß Hannchen sich so abhärmt,
-um ihretwillen ist's.«
-
-»Hannchen liebt den Justus?« rief Frida voller Entzücken. »O das ist ja
-köstlich, das muß ein Paar werden! Hannchen mit ihrem frommen, blonden
-Gesichtchen giebt eine wundervolle Pastorsfrau ab. Hat Justus denn eine
-Ahnung davon, und glaubst du, daß er sie auch liebt?«
-
-»Das ist's ja eben, was mich quält!« sagte Charlotte niedergeschlagen
-»Früher, ehe -- nun daß ich es dir ehrlich sage, Cousinchen, ehe =du=
-kamst, zeichnete Justus unser Hannchen ganz entschieden aus. Das
-sahen auch seine Eltern, die es sehr wünschen; denn Hannchen ist ihr
-Liebling. Aber jetzt ist er so anders geworden. Jetzt gilt seine ganze
-Aufmerksamkeit dir, und das ist ja so natürlich, Hannchen verschwindet
-ja neben dir vollständig, wie wir alle. Da du nun so sehr freundlich
-gegen Justus bist und ihn so sehr auszeichnest, so -- -- --«
-
-»Ja ja, so dachtet ihr, ich wollte ihn deshalb gleich heirathen!« rief
-Frida lachend. »O ihr guten, lieben Kinder! Wenn ich alle die heirathen
-wollte, die mir den Hof machen, dann hätte ich eine schöne Auswahl.
-Courmachen und Heirathen sind zwei himmelweit verschiedene Dinge,
-Liebchen!«
-
-Charlotte war sehr ernst geworden. »Frida,« sagte sie, »weißt du, es
-ist vielleicht sehr altmodisch und ländlich von mir; aber mir scheint,
-man müßte nur demjenigen so freundlich entgegen kommen, als du es mit
-Justus gethan, den man wirklich lieb hat, sonst thut man ein Unrecht.
-Wenn Justus nun deine Liebenswürdigkeit anders auslegt und sich
-einbildet, du magst ihn leiden? Er würde dir dann vielleicht einen
-argen Vorwurf daraus machen, sobald er erführe, er habe sich geirrt.«
-
-»Aber Lottchen, bin ich denn gegen Justus wirklich freundlicher, als
-gegen alle andern jungen Leute?« sagte Frida kopfschüttelnd.
-
-»Ich weiß es nicht, Cousinchen,« entgegnete Charlotte plötzlich
-sehr roth werdend. »Aber es muß wohl so sein, sonst könnte Hannchen
-sich nicht so sehr grämen. Aber freilich, du bist so ganz anders
-erzogen, als wir. Bei dir ist alles Grazie und Anmuth; wir sind wahre
-Perückenstöcke neben dir, da mag solche Liebenswürdigkeit wohl anders
-beurtheilt werden. Niemand von uns hätte den Muth und die Gewandtheit,
-so unbefangen über alles zu scherzen, als du es thust, und so ungerührt
-sich die süßesten Schmeicheleien sagen zu lassen.«
-
-Frida erröthete. »Gestehe es nur, Lottchen,« sagte sie schelmisch,
-»eigentlich findet ihr alle zusammen, daß ich eine ausgemachte, eitle
-Coquette bin, nicht wahr?«
-
-»O nein, nein, Frida, um alles in der Welt, denke das nicht!« rief
-Lottchen eifrig.
-
-»Nun, wenn auch nicht ganz so schlimm, so doch ein Bischen, nicht wahr,
-Schatz?« sagte Frida, Charlotten umschlingend und ihr herzlich in die
-Augen schauend.
-
-»Nun ein Wenig zurückhaltender könntest du allerdings wohl sein, Frida,
-das ist richtig,« entgegnete Charlotte ehrlich. »Aber sei nicht böse
-drum. Ich las kürzlich ein Verschen in den Gedichten von Friedrich
-Rückert, die du mir geborgt hast; das fällt mir jetzt manchmal ein,
-wenn ich dich so sicher und selbstbewußt unter den jungen Leuten sehe.«
-
-»Und wie ist dieser Vers, meine kleine Lotte?« fragte ihre Cousine
-lächelnd.
-
-»Er heißt, aber sei nicht böse:
-
-
- Schön bist du,
- Das weißt du
- Nur leider zu sehr;
- O wüßtest du's minder,
- So wär'st du es mehr.«
-
-
-»Du ganz abscheuliches Mädchen!« lachte Frida tief erröthend, »du sagst
-mir da bittere Süßigkeiten. Aber ich danke dir dafür, ich werde daran
-denken. Bis jetzt hat mir kein Mensch gesagt, daß ich anders sein
-sollte; es ist aber möglich, du hast nicht unrecht.«
-
-»Und du bist mir wirklich nicht böse, Frida?« sagte Charlotte flehend,
-ihre Cousine schüttelte aber halb lächelnd, halb ernsthaft den Kopf und
-küßte die hübsche Tadlerin herzlich. Dann versprach sie ihr, besonders
-gegen Justus zurückhaltender zu sein, damit er sähe, sie denke nicht
-daran, ihn für sich zu gewinnen.
-
-Charlotte schien zwar noch etwas sagen zu wollen, schloß aber die schon
-geöffneten Lippen wieder mit einem kleinen Seufzer und folgte Frida,
-welche sie fröhlich plaudernd den Baumgang hinabführte.
-
-Aber kaum waren die beiden Cousinen wieder in das Haus zurückgekehrt,
-so merkte Frida, daß Hannchen auch gern etwas mit ihr sprechen wollte,
-die Gelegenheit dazu sich aber immer nicht fand.
-
-»Hannchen,« sagte Frida endlich unbefangen, »du hast gewiß wieder
-einmal deine bösen Kopfweh; komm ein Bischen mit mir in den Garten, mir
-ist heut auch gar nicht recht wohl.«
-
-Hannchen war schnell bereit dazu, und bald umschattete jene ferne
-Laube, welche kurz zuvor Lottchens Geständnisse aufgenommen hatte, nun
-auch Hannchens Wangen, welche sich plötzlich sehr dunkel färbten.
-
-»Weißt du, liebe Frida,« sagte sie plötzlich mit ihrer weichen,
-lieblichen Stimme und preßte die Hände fest in einander. »Es ist mir so
-lieb, daß ich einmal allein mit dir sprechen kann.«
-
-Frida konnte ein Lächeln nicht unterdrücken; denn sie ahnte, von wem
-ihr sanftes Hannchen mit ihr sprechen wollte. Sie versuchte ihrer
-Cousine auf halbem Wege entgegen zu kommen und sagte vertraulich:
-
-»Du hast etwas auf deinem Herzen, Hannchen, ich habe es wohl gemerkt,
-was ist's? Welcher Bösewicht hat es gewagt, den Frieden deines sanften
-Gemüthes zu stören, mein schüchterner, kleiner Vogel?«
-
-»Nicht doch, Frida, sag' doch so etwas nicht,« entgegnete Hannchen und
-schlug bang die Augen nieder, damit ihr Blick nicht die Worte strafen
-möchte. »Ich wollte dich gern etwas fragen, einen unsrer Nachbarn
-betreffend.«
-
-»Sagt' ich's nicht?« rief Frida schelmisch, »ein Nachbar macht deinem
-sanften Herzchen zu schaffen! Heißt er mit dem ersten Anfangsbuchstaben
-etwa Justus Werder?«
-
-Hannchen schrak leicht zusammen und blickte Frida scheu an.
-
-»Wie kommst du darauf, von =ihm= so zu sprechen?« sagte sie herber, als
-sonst ihre Art war. Dann aber strich sie leicht mit der Hand über ihre
-Augen, und als bereue sie ihre Unfreundlichkeit fuhr sie in sanftem
-Tone fort: »Nicht von mir ist die Rede, liebe Cousine, sondern von
-jemand ganz andrem. Sage mir, Frida, meinst du nicht auch, daß jemand
-dich sehr, sehr gern zu haben scheint?«
-
-»Mich? Von mir sprichst du, Hannchen?« rief Frida lachend. »Nun ich
-hoffe, ihr alle habt mich sehr, sehr gern.«
-
-»Ach so meine ich es ja nicht, das versteht sich ja von selbst,« sagte
-Hannchen ausweichend. »Wie soll ich mich nur deutlich machen, ich
-bin so ungeschickt! Ich meine, hast du nicht gemerkt, daß jemand in
-Hermsbach dich sehr, sehr gern hat?«
-
-Jetzt war es an Frida, zusammenzuschrecken und erröthend die Augen
-niederzuschlagen. Rasch aber faßte sie sich und sagte: »Ach die
-Galanterien der jungen Leute sind nicht so ernsthaft zu nehmen, liebes
-Hannchen. Herr von Gablenz hat ja für uns alle stets etwas Angenehmes
-auf den Lippen; mich zeichnet er wirklich nicht mehr aus, als jede von
-euch.«
-
-»Ich meine auch gar nicht den Herrn von Gablenz,« fuhr Hannchen zögernd
-fort, »ich meine einen Anderen, der dich so auszeichnet, wie sonst
-niemanden. Erräthst du ihn nicht?«
-
-Frida athmete froh auf und rief lachend: »Ich glaube gar, du sprichst
-von Walter Helldorf! Hab' ich's errathen, Cousinchen?«
-
-Hannchen nickte ernst und sah vor sich nieder.
-
-»Nun? Und warum beunruhigt es dich, daß ich den armen, blöden Jungen
-ein Bischen munter gemacht und ihm die Zunge gelöst habe? Ich denke,
-für deine Augen giebt es doch einen anderen Magnet, als Walters
-ehrliches Gesicht, oder ich müßte auf ganz falschem Wege sein.«
-
-»Ach bitte, laß =mich= doch nur aus dem Spiele,« sagte jetzt Hannchen
-fast weinend. »Ich hätte dies Gespräch ja gar nicht begonnen, wenn
-nicht..... Ach siehst du, Frida, sage doch ehrlich, liebst du Walter
-Helldorf?«
-
-Frida lachte hell auf. »Ihr seid ein paar wundervolle Kinder, du und
-Lottchen um die Wette. Die Eine denkt, ich..... Doch halt, das wollte
-ich nicht sagen. Nun Hannchen, und =wenn= ich ihn nun gern hätte, den
-guten, ehrlichen Jungen, was dann? =Dir= käme ich ja doch nicht in's
-Gehege damit, Kleine?«
-
-Hannchen brach plötzlich in Thränen aus. »O Frida, ist es wahr, liebst
-du ihn wirklich?« rief sie angstvoll. »O bitte, bitte, sage die
-Wahrheit!«
-
-Frida wurde jetzt ganz ernst und sagte weich: »Nein, nein, Hannchen,
-beunruhige dich nicht; Walter paßte so wenig zu mir, als etwa Justus
-Werder. Die brauchen alle Beide ganz andere Frauen, als ich eine
-abgäbe. Aber nun sage mir auch, was deine Frage zu bedeuten hat; denn
-ehrlich gestanden, ich werde nicht klug aus dir. Ist dir wirklich so
-viel an Walter gelegen, daß dich der Gedanke so unruhig macht, ich
-könnte ihn gern haben?«
-
-»O nein, nicht meinetwegen ist's, Frida!« rief Hannchen jetzt durch
-ihre Thränen lächelnd. »Wäre dies der Fall, dann hätte ich nie den Muth
-gehabt, dich danach zu fragen. Nein, es ist wegen Lottchen. Ich weiß,
-sie hängt mit inniger Liebe an Walter, und ich glaube, er hatte sie
-wohl auch recht gern, ehe....«
-
-»Aha, ich merke schon,« rief Frida rasch, »ehe die abscheuliche Frida
-zu euch kam, und mit ihrer unerträglichen Coquetterie sein armes,
-braves Herz umgarnte, ist's nicht so, Cousinchen? O gestehe es nur,
-so ist's! Seine blauen, ehrlichen Augen sind seitdem etwas aus ihrem
-Cours gewichen und meiner Spur gefolgt, statt daß sie den beiden
-Kornblumenäuglein nachschauen, die bis dahin ihr Ziel bildeten. Nicht
-wahr, mein armes Hannchen, das war's, was dich gekränkt hat?«
-
-Hannchen blickte mit sanftem Flehen auf und wußte nichts zu erwiedern,
-Frida aber fuhr mit ironischem Lachen fort: »Jetzt fehlt nur noch, daß
-Helene und Sophie kommen und mich anklagen, ich bestricke den jungen
-Doktor und Herrn von Gablenz, die sie für sich bestimmt haben. O!« rief
-sie heftig und sprang vom Sitze auf, »warum jagt ihr die abscheuliche
-Coquette denn nicht zum Hause hinaus? Besseres verdient sie ja nicht
-für ihr schamloses Betragen.«
-
-Hannchen umschlang das leidenschaftliche Mädchen weinend mit ihren
-Armen, denn sie verstand nicht recht, was Frida so heftig erregt hatte.
-
-»O verzeih mir, Cousinchen, verzeih mir,« bat sie schluchzend, »es
-war unrecht von mir, dich durch meine Fragen so zu kränken, ich sehe
-es jetzt erst ein. Nur meine Sorge und Liebe für Lottchen ließen mich
-alle Rücksicht vergessen, sonst hätte ich nie den Muth gehabt, so etwas
-zu sagen. O nun bist du mir so böse, und wahrlich, ich habe es nicht
-anders verdient!«
-
-Und bitterlich weinend sank sie wieder auf die Bank, das Gesicht mit
-den Händen bedeckend.
-
-Frida, deren Heftigkeit so plötzlich hervorgebrochen war, nachdem
-sie eben noch über Hannchens Idee gescherzt, schämte sich ihrer
-Leidenschaft und setzte sich still neben Hannchen, ihr die Hände
-streichelnd und bemüht, sie zu beruhigen. Als ihr dies endlich
-gelungen, sagte sie, mit Gewalt ihre Aufregung bei der Frage
-niederkämpfend: »Nun sollst du mir zur Sühne aber noch etwas gestehen,
-liebes Hannchen. Was ich vorhin mit bitterem Hohn sagte, will ich jetzt
-noch einmal ruhig und gleichmüthig fragen, damit ich weiß, daß ich
-weiter niemanden unter euch mit meinem Betragen kränke. Glaubst du, daß
-auch Helene oder Sophie oder sonst jemand der Freunde Grund hat, mein
-Benehmen in ähnlicher Weise zu tadeln? Bitte, sage es mir ehrlich; ich
-will nicht wieder heftig werden, ich verspreche es dir!«
-
-»Nein, das glaube ich kaum,« entgegnete Hannchen nachdenkend. »Helene
-und Sophie sind sich gegenseitig wohl mehr im Wege, als du es ihnen
-bist, das fürchte ich seit einiger Zeit.«
-
-»Sich gegenseitig?« fragte Frida aufhorchend. »Wobei denn?«
-
-»O sie sind Beide thöricht!« rief Hannchen ungewöhnlich streng, »mir
-scheint -- aber nein, ich will lieber nicht davon sprechen. Sie werden
-selbst bald genug sehen, daß nicht alles Gold ist, was glänzt, und daß
-so ein glatter Herr nicht gemacht ist für uns simple Dorfmädchen.«
-
-»Sprichst du von Herr von Gablenz, Hannchen?« stammelte Frida leise.
-
-»Freilich spreche ich von ihm,« sagte Hannchen achselzuckend. »Es
-verdrießt mich, daß ihr alle den eitlen Mann so vergöttert und ihn
-dadurch nur noch mehr verderbt, als er so schon ist.«
-
-»Verdorben nennst du ihn?« rief Frida empört. »Was berechtigt dich
-sanftes Wesen denn zu einem so ungerechten und harten Urtheil über
-diesen so ungewöhnlich liebenswürdigen, jungen Mann?«
-
-»Eben seine ungewöhnliche Liebenswürdigkeit,« entgegnete Hannchen
-ernst. »Ich bin einmal ein sehr ruhiges und nüchternes Mädchen und in
-einfachen Verhältnissen aufgewachsen; mir gefällt Herr von Gablenz ganz
-und gar nicht, und wenn ich es ehrlich sagen soll, ich traue ihm nicht.«
-
-»Aber warum denn in aller Welt, Hannchen? Was giebt dir denn nur Grund
-zu solcher Härte und solchem Mißtrauen?« rief Frida bebend; denn sie
-konnte ihren Zorn und ihre Aufregung kaum verbergen, den Mann von
-Hannchen schmähen zu hören, den sie so verehrte und liebte.
-
-»Er ist glatt wie ein Aal,« sagte diese achselzuckend. »Er entschlüpft
-jedem ernsteren Gespräch, wie ich von den Herren gehört habe, und da
-er allen jungen Mädchen so übertrieben den Hof macht, meint er es mit
-keiner ernst. So etwas mag für die große Welt passen, für unser stilles
-Dorf paßt es nicht. Es geht das Gerücht, er werde Sophie Helldorf
-heirathen. Ich glaube es nicht. Aber wenn er es thun will, so kann er
-es nur wegen ihres Reichthums wünschen; denn ein so eleganter Herr wird
-sich nicht gerade die Unscheinbarste aussuchen; ihren hohen, innern
-Werth kennt er schwerlich. Sophie wäre eine große Thörin, wenn sie
-seine Werbung annähme. Gott mag wissen, wie es möglich ist, aber er hat
-es ihr mit seinem glatten Wesen angethan, wie auch der schwärmerischen
-Helene, ich habe es wohl gemerkt. Dich freilich ficht ein derartiges
-einschmeichelndes Wesen nicht an, Frida, du bist von zu Haus daran
-gewöhnt und weißt, daß nicht viel auf dergleichen zu geben ist. Bei
-uns schlichten Dorfkindern aber ist das anders. Helene und Sophie
-nehmen alle die schönen Reden als baare Münze und lassen sich den
-Kopf damit verdrehen. Warnen oder Schelten hilft nichts, sie sind wie
-bezaubert.«
-
-Frida hatte stumm zugehört, denn jede Aeußerung würde sie verrathen
-haben. Aber ihr Herz klopfte so ungestüm, daß sie kaum athmen konnte.
-Jetzt stand sie rasch auf und sagte: »Du bist härter, als ich dich
-noch je gesehen habe, Hannchen. Aber ich will mich darüber nicht mit
-dir streiten. Ich glaube, wir müssen jetzt zum Abendbrod, es ist spät
-geworden. Was unser voriges Gespräch betrifft, Lottchen und Walter
-angehend, so verspreche ich dir, du sollst mit mir zufrieden sein, ich
-werde an deine Mahnung denken.«
-
-Dann gingen die beiden jungen Mädchen schnell dem Hause zu. Aber ein
-unruhiges, gespanntes Wesen war seit diesem Gespräche über Frida
-gekommen. Hannchens klares, nüchternes Urtheil hatte sie aufmerksamer
-auf das Benehmen ihres Verehrers gemacht, und sie konnte ihrer Cousine
-in einigen Punkten nicht Unrecht geben. Vor allem aber beunruhigte
-sie das Gerücht, Gablenz werde Sophie von Helldorf heirathen und zwar
-um ihres Reichthums willen. Sie warf den Gedanken als abscheulich und
-unwürdig weit von sich; aber doch kam er immer von Neuem wieder in
-ihren Sinn und quälte sie unaussprechlich. Sie mußte wissen, ob auch
-nur der Schatten von Wahrheit an dem Gerücht war, und nur von Sophie
-allein konnte sie etwas darüber erfahren. Sie überwand deshalb ihre
-innere Abneigung und Eifersucht und suchte häufiger mit dem jungen
-Mädchen zusammenzutreffen.
-
-Sophie von Helldorf war erst seit einiger Zeit im Hause ihres Onkels,
-der dem verwaisten Mädchen eine neue Heimath in seiner Familie gegeben,
-und ihre Unbekanntschaft mit den Freunden ihrer Verwandten sowohl,
-als auch etwas Scheues und Steifes in ihrem Benehmen, hatten sie
-bisher den andern jungen Mädchen etwas fern gehalten. Obwohl sie in
-ihrer äußeren Erscheinung unbehülflich und ungraziös erschien, so war
-der Kern ihres Wesens doch durchaus trefflich und edel, und bei einer
-äußerst abgeschlossenen Erziehung hatte sie eine sorgfältige innere
-Ausbildung erhalten. Obwohl sonst schüchtern und ängstlich, zeigte sie
-bei Gelegenheit ein entschlossenes, festes Wesen, das gar wohl seinen
-eigenen Weg zu finden wußte.
-
-Bisher hatte sie ein ganz zurückgezogenes Leben geführt, durch die
-Krankheit ihres Vaters bedingt. Nach dessen Tode trat sie als Erbin
-eines großen Vermögens in des Onkels Haus und fing erst hier an, ihrer
-Jugend froh zu werden. Die Huldigungen, welche der einnehmende Herr von
-Gablenz ihr widmete, umstrickten ihr unerfahrnes Herz mächtig, waren es
-doch die ersten, welche ihr überhaupt je im Leben dargebracht wurden.
-Der Wunsch, die Seine zu werden, befestigte sich mehr und mehr in ihr
-trotz des Widerstrebens ihrer Angehörigen, welche dem gewandten, jungen
-Weltmanne nicht sehr günstig waren und gar wohl ahnten, was denselben
-so schnell und mächtig an das unscheinbare Mädchen fesselte.
-
-Frida hatte es bald verstanden, sich das Vertrauen Sophie's zu
-erwerben, und allerlei gemeinsame Interessen verknüpften sie mehr und
-mehr. Lange Zeit aber, so oft auch Frida das Gespräch auf Herrn von
-Gablenz brachte, wurde Sophie ernst und einsilbig; denn eine stille
-Eifersucht, welche immer wieder lebendig wurde, sobald Sophie Herrn
-von Gablenz in Frida's Gesellschaft sah, schloß dieser gerade Frida
-gegenüber die Lippen doppelt fest.
-
-Der Sommer war mit seinen warmen Tagen in das Land gezogen und hatte
-die Früchte der Felder in so reicher Fülle gereift, daß man einer
-gesegneten Ernte entgegenging. Diese für den Landmann so wichtige
-und bewegte Zeit brachte denn unendlich viel neues und reges Leben
-mit sich, und Frida griff wacker mit in das Räderwerk ein, das jetzt
-doppelte Geschäftigkeit und Arbeit für alle Hausbewohner brachte. Dies
-rege Treiben und diese Arbeit vom frühen Morgen bis zum späten Abend
-ward gerade jetzt zum unendlichen Segen für Frida. Es war unmöglich,
-den Tag über den eignen Gedanken nachzuhängen, oder über Dinge still zu
-grübeln, welche das Herz bewegten; denn unter doppelter Fröhlichkeit
-schaffte und wirkte jedermann von früh bis spät zum Wohle des Ganzen,
-und Abends war Frida so müde und erschöpft von der ungewohnten
-Thätigkeit, daß sie sogleich von den Armen des Schlafes umschlungen
-und in dessen stilles Reich getragen wurde, sobald sie nur die Augen
-geschlossen hatte.
-
-Der Ernte folgte alsdann in den verschiedenen Dorfschaften die
-fröhliche Kirchweih, und es war eine alte Sitte, daß die Nachbarschaft
-zur Feier dieser Feste einander besuchte. Da gab es denn ein munteres
-Treiben bald in Dahme, bald in Hermsbach oder einigen anderen
-befreundeten Nachbardörfern, und die jungen Mädchen hatten nicht mit
-Unrecht Frida gleich am ersten Abend von dieser fröhlichen Zeit, als
-der schönsten des ganzen Jahres, erzählt. Tanz und Jubel und fröhliche
-Spiele vereinigten Jung und Alt unter den weiten Lauben, die überall
-zu diesem größten Feste der Dorfbewohner errichtet wurden. Herrschaft
-und Gesinde verkehrte in gemüthlicher, ungebundener Weise mit einander,
-und wenn sich die anmuthige Frida jetzt lustig im Arme des stattlichen
-Großknechtes im Rundtanz drehte, so dachte sie nicht im Entferntesten
-mehr daran, daß sie einst solche Zumuthung als eine Beleidigung stolz
-von sich gewiesen hatte.
-
-Seit Frida's geheimen Gesprächen mit ihren beiden Cousinen in
-jener fernen Laube des Gartens achtete das junge Mädchen fast mit
-Aengstlichkeit darauf, ihr Benehmen zu ändern und besonders gegen
-die jungen Herren vorsichtiger und zurückhaltender zu sein, als sie
-es bisher gewesen. Einestheils wurde sie hierzu durch den Wunsch
-bestimmt, sowohl Justus als Walter ihren Cousinen weniger zu entziehen;
-anderentheils aber war es Charlottens leise Mißbilligung ihres zu
-freien Benehmens, was sie beeinflußte; denn bei ihrer wachsenden Liebe
-und Achtung für ihre Cousinen hatte auch deren Urtheil einen größeren
-Einfluß auf Frida, als ehemals aller Tadel und alle Vorstellungen von
-Seiten ihres Vaters oder ihrer Stiefmutter. In dem stillen Wunsche,
-Hannchens und Lottchens Glück ihrerseits möglichst zu fördern, gelang
-es ihr zwar häufig, Walter und Justus an die Seite ihrer Cousinen zu
-führen; aber ihrer Ungeduld gingen die Sachen viel zu langsam. Freilich
-waren Hannchen und Charlotte auch von einer peinlichen Zurückhaltung,
-und um keinen Preis hätten sie ahnen lassen, was ihr Herz bewegte.
-Aber eben so wenig verstanden es auch ihre gar steifen, schwerfälligen
-Verehrer, die Gelegenheit beim Schopf zu erfassen, um den Sternen näher
-zu kommen, die augenscheinlich das Ziel ihrer Wünsche bildeten.
-
-Dies Interesse für ihre Cousinen zog Frida jetzt häufig von den
-Beobachtungen ab, welche ihre eigne Herzensneigung betrafen. Herr
-von Gablenz war in unveränderter Weise ihr ergeben; aber in ebenso
-unveränderter Weise umschwärmte er auch die andern jungen Mädchen,
-deren durch diese ländlichen Feste eine noch größere Anzahl zugegen
-waren. Den Schluß der Vergnügungen sollte die Feier des Geburtstages
-des alten Herrn von Helldorf bilden, und die ganze Umgegend war
-eingeladen, derselben beizuwohnen.
-
-»Helfen Sie mir, Fräulein Frida, etwas Abwechslung in die Freuden
-dieses Tages zu bringen,« sagte Herr von Gablenz halblaut. »Wenn wir
-Beide die Sache nicht in die Hand nehmen, wird sie langweilig wie die
-ganze liebe Gesellschaft hier zu Lande.«
-
-Frida erröthete froh, denn der Vorzug, den Gablenz ihr vor all den
-Andern einräumte, machte für sie ja wieder alle Gerüchte und alle
-Befürchtungen zu Schanden.
-
-»Von Herzen gern,« entgegnete sie hellen Blickes. »Aber wie fangen wir
-es an?«
-
-»Was meinen Sie zu einem improvisirten Valentinstage,« sagte Gablenz
-leise. »Mir scheint, das würde unserm Verkehr einen pikanteren
-Beigeschmack geben. Ein _tête à tête_ mit meiner holden Valentine, nach
-dem mich seit langen schon so unaussprechlich verlangt, wäre das Ziel
-meiner Wünsche.«
-
-Frida schlug erglühend das Auge nieder vor dem kecken Blick des jungen
-Mannes, dessen Sprache sie nicht mißdeuten konnte. Während sie nach
-Fassung rang, fuhr Gablenz vertraulich fort: »Blumen sind, wie die
-schöne Frida von früher weiß, die besten Dolmetscher unsrer Gefühle.
-Wie wäre es, wenn wir sie auch hier sprechen ließen?«
-
-Frida preßte mit klopfendem Herzen ihr Tuch an die Lippen; dann sagte
-sie, den Kopf leicht abwendend: »Gewiß, das wäre ein hübscher Gedanke.
-Bringen Sie die Sache in Vorschlag und hören wir, ob unsere zaghaften
-Damen sich den kleinen Freiheiten auszusetzen wagen, welche das
-Verhältniß zu ihrem Valentin mit sich bringt.«
-
-Anfangs schien es allerdings, als ob der Vorschlag Bedenken erregte;
-die jungen Männer aber waren Feuer und Flamme für diesen Plan, und
-so wurde er schließlich angenommen. Für den Abend bereitete Herr von
-Gablenz ein brillantes Feuerwerk vor, vorher aber sollte Tanz im
-Freien, sowie allerlei Spiel und Scherz die Gäste unterhalten.
-
-Am Morgen dieses Festtages fand Justus Werder, welcher, wie gar
-oft, zum Besuch in das Vaterhaus gekommen war, eine frische blaue
-Kornblume auf seiner Tasse, als Helene sie ihm beim Kaffee überreichte.
-Verwundert schaute er auf, sah aber, daß seine hübsche Schwester rasch
-den Finger auf die Lippen legte. Justus nahm die Blume schweigend an
-sich; da fiel ein Streifchen Papier herab, das am Stiel derselben
-gehangen. Unbemerkt öffnete es der junge Mann und las folgende Worte:
-
-
- »Kornblume und blau Aeugelein
- »Sie harren heut im Stillen dein.«
-
-
-Ein glückliches Lächeln flog über Justus frisches Gesicht, und Blume
-und Zettelchen zu sich steckend nickte er seiner Schwester dankend zu;
-denn was die Botschaft heißen sollte, ahnte er recht wohl.
-
-Eine ähnliche hatte auch Walter Helldorf an diesem Morgen erhalten, er
-wußte nur nicht von wem; sein Zeichen aber war ein rothes Tausendschön,
-das ihm die Worte zuflüsterte:
-
-
- »Von tausend Schönen gieb den Preis
- »Ihr, die dein Herz zu finden weiß.«
-
-
-Während Walter die Deutung dieser Blumensprache noch überlegte und
-unschwer zu entziffern wußte, ging in den entferntesten Wegen des
-Hermsbacher Parkes ein schlankes Mädchen langsam und gedankenvoll an
-der Seite eines jungen Mannes, der eifrig auf sie einsprach. Er hatte
-eine rothe Nelke in der Hand, und indem er dieselbe in dem Knopfloch
-seines Rockes befestigte, sagte er halblaut: »Wenn ich Ihre Zustimmung
-habe, theure Sophie, so kann Ihr Onkel sie mir nicht entziehen. Sie
-sind seit Kurzem mündig, wie Sie sagen, also wer kann Ihnen verwehren,
-selbst Ihre Angelegenheiten zu ordnen?«
-
-»Die Rücksicht auf meine gütigen Verwandten, sonst allerdings
-nichts,« entgegnete Sophie leise. »Aber ich hoffe ihr Widerstreben
-zu überwinden, da ich keinen Grund ihrer Abneigung weiß, und im
-schlimmsten Falle....«
-
-»Im schlimmsten Falle läßt du die Liebe den Sieg davon tragen, nicht
-wahr, geliebtes, himmlisches Mädchen?« rief Herr von Gablenz, denn er
-war der junge Mann, mit stürmischer Zärtlichkeit, indem er den Arm um
-Sophie von Helldorf schlang und die nur leise Widerstrebende an seine
-Brust drückte.
-
-»Aber heut schweigen Sie noch, ich bitte dringend darum,« sagte Sophie,
-sich ängstlich aus des jungen Mannes Armen losmachend. »Heut kann ich
-dem Onkel unmöglich sein Fest mit dieser Nachricht trüben; denn trüben
-würde ich es dadurch, ich kann mir kein Hehl daraus machen.«
-
-»Heut und so lange du willst, Geliebte!« rief Gablenz, Sophie's Hand
-küssend. »Diese Hand ist mein, und niemand soll sie mir streitig
-machen, das gelobe ich. Aber theure Sophie, wenn ich meine Rechte noch
-nicht in Anspruch nehmen darf, so ist es auch besser, ich bin heut
-nicht dein Valentin, meine Leidenschaft würde mich verrathen. Nimm
-deshalb die Nelke zurück, ich werde sie nicht wählen. Aber welches der
-anderen jungen Mädchen auch meine Valentine sein wird, glaube mir,
-Geliebte, die Huldigungen alle, die ich derselben spende, sie gelten
-eigentlich allein dir, der Königin meines Herzens, der Valentine meines
-ganzen künftigen Lebens.«
-
-Sophie's bleiches Gesicht war von Purpurgluth bedeckt, und das Glück
-strahlte aus ihren Augen. Aengstlich aber wandte sie jetzt ihre Blicke
-dem fernen Wohnhause zu und sagte: »Länger darf ich nicht hier bleiben,
-die Tante wird mich ohnehin schon vermissen. Folgen Sie mir nicht
-gleich, ich bitte Sie, Alfred.«
-
-»Noch eins, geliebte Sophie,« sagte Gablenz rasch. »Ist es dir recht,
-wenn ich die kleine Helene zur Valentine wähle? Welche Blume trägt sie
-heute Nachmittag?«
-
-Sophie erröthete wieder und sagte lebhaft: »Wählen Sie die rothe Rose,
-es ist Helene's Blume.« Dann eilte sie schnell davon, sehr zufrieden,
-daß ihr Geliebter nicht Frida zur Valentine wünschte, wie sie geglaubt
-hatte. Sie wußte nicht warum, aber ihr Herz war voll banger Eifersucht,
-wenn sie an die schöne Frida dachte. Helene war wohl auch schön; mit
-ihrem schüchternen, zurückhaltenden Wesen erschien sie ihr jedoch nicht
-halb so gefährlich, als die weltgewandte, bewunderte Frida.
-
-So kam der Nachmittag heran und mit ihm die Gäste in Menge. Wie
-verabredet führte Sophie die jungen Mädchen nach einer Weile in ein
-besonderes Zimmer, und Walter die jungen Männer. Dann öffneten sich
-die Thüren; aus der einen traten die mit Blumenkränzen geschmückten
-Jungfrauen, aus der andern die Herren, jeder eine Blume in der Hand,
-die ihm seine Valentine zuführen sollte. Ein Kichern und Drängen
-entstand jetzt unter der Mädchenwelt, denn jede scheute sich, von ihrem
-Valentin begrüßt zu werden. Aber sicher schritt Herr von Gablenz, eine
-rothe Rose in der Hand, auf den Kreis zu und zwar Frida entgegen. Erst
-als er dicht vor ihr stand schrak er zusammen und flüsterte hastig: »O
-Gott, welch ein Irrthum Sie haben nicht die =rothe= Rose, die Blume
-seliger Stunden?«
-
-Frida war schon beim Eintritt der Herren blaß geworden; denn sie hatte
-augenblicklich gesehen, daß Gablenz nicht ihre Blume, die weiße Rose,
-erwählt hatte. Ein freudiger Schreck durchzuckte sie aber, als er
-nichts desto weniger doch auf sie zuschritt; also hatte er sie doch
-zur Valentine wählen wollen. Jetzt war sie nur froh, daß auch Sophie
-es nicht wurde; denn neue Gerüchte hatten ihr Ohr in den letzten Tagen
-erreicht und sie auf's Neue bang und mißtrauisch gemacht.
-
-Unter allgemeiner Heiterkeit begrüßten nun die jungen Herren mit
-einem Handkuß ihre Valentinen, in ihr Recht eintretend, welches sie
-als getreue Ritter für den ganzen Tag an der Seite ihrer Erwählten
-festhielt. Jeder Dienst lag ihnen ob, und für alles, was ihre
-Valentine bedurfte, hatten sie zu sorgen, beim Tanz aber konnte
-ohne ihre Einwilligung kein Anderer ihre Stelle ausfüllen. Nur der
-Geburtstäger machte hiervon eine Ausnahme, und der fröhliche, alte Herr
-von Helldorf benutzte dieselbe mit Freuden und schwenkte sich in seiner
-steifen, altmodischen Weise mit so vielen der hübschen Valentinen unter
-den Linden am Hause, als zähle er nur die Hälfte der Jahre, die sein
-kahler Schädel schon gesehen hatte.
-
-Auch der gemüthliche, alte Pastor Werner mischte sich häufig unter die
-muntere Jugend und brachte mit seinen harmlosen Neckereien manches
-Lächeln und manches tiefere Roth auf die frischen Mädchengesichter.
-Jetzt kam er auf seinen Liebling, das blonde Hannchen zu, welche mit
-ihrem blauen Kornblumenkranze ganz allerliebst aussah.
-
-»Das nenn' ich aber einen Treffer, mein Söhnchen!« sagte er schelmisch
-zu Justus, der an Hannchens Seite saß. »So eine Valentine hätte ich
-mir auch wählen mögen, du Glückspilz. Nutz die Stunden eh' sie fliehn,
-morgen ist nicht heut! So gut wird dir's vielleicht so bald nicht
-wieder.«
-
-Und Hannchen mit einem frohen Lächeln die frischen Backen streichelnd
-ging er im Kreise weiter. Als er zu Lottchen kam, mit der Walter
-Helldorf soeben ein merkwürdig lebhaftes Gespräch führte, sagte er
-schmunzelnd: »Sieh da, hm, hm, wie der Zufall spielt! 's ist doch
-ein hübsches Ding um so einen Valentin. Das löst die Zunge und macht
-Courage, nicht wahr, Lottchen? Nun nun, ich will nicht stören, Glück
-zu, ihr Leutchen!« Dann aber kam er an seinem schönen Töchterchen
-vorüber, welches soeben mit ihrem Valentin getanzt hatte und nun mit
-glühenden Wangen an dessen Arme hing, in Folge des Tanzes oder der
-leisen Worte, die Gablenz ihr soeben gesagt hatte, rascher athmend und
-aufgeregt ihrem Sitze zuschreitend.
-
-»Lenchen, tanz nicht so viel und so rasch!« sagte der Vater mit einem
-unwilligen Seitenblicke auf ihren Tänzer; dann strich er seinem Kinde
-ernst über das schöne, dunkle Haar und schien noch etwas sagen zu
-wollen, schwieg aber doch und ging weiter, seine Heiterkeit jedoch war
-für eine Weile verschwunden. »Sieh, daß du den frechen Patron, den
-Junker Gablenz bald wieder los wirst, Helldorf,« sagte er verdrießlich
-zu dem Geburtstäger. »Der Mensch gehört nicht unter uns schlichte
-Leute, und den Mädels verdreht er mit seinen glatten Reden die Köpfe.«
-
-»Hast recht, Bruder, 's ist mir lang schon nicht lieb, daß er da ist,«
-entgegnete Herr von Helldorf beistimmend, »aber ihn hinausjagen ohne
-Grund, das kann ich doch nicht, obwohl der windige Monsieur in der
-Wirthschaft gar nicht zu brauchen ist; Walter muß immer hinter ihm
-drein sein. Bei mir säet er ganz sicher Drachenzähne, ich möchte darauf
-wetten.«
-
-In derselben Zeit gingen Frida und Sophie eine Weile Arm in Arm durch
-die Gänge des Gartens.
-
-»Das ist mir prächtig geglückt!« rief Frida lachend, »und ich danke
-dir und Helene für euren treuen Beistand. Wie erstaunt Hannchen und
-Charlotte aus ihren guten, blauen Augen blickten, als sie ihre Blumen
-in der Hand ihrer still Geliebten sahen, es war köstlich!«
-
-»Aber ahnen dürfen sie nicht, daß wir Justus und Walter verrathen
-haben, welche Blume sie trügen; das würden sie uns nicht verzeihen,«
-entgegnete Sophie.
-
-»O =wir= thaten es ja gar nicht, die Blumen sprachen ja selbst!« lachte
-Frida.
-
-»Du bist eine kleine Sophistin,« sagte Sophie. Dann seufzte sie leise
-und pflückte im Vorbeigehen eine rothe Rose vom Strauch.
-
-»Was hast du, Sophie?« fragte Frida.
-
-»O nichts weiter, es fiel mir nur eben ein, daß die Blumen gar oft als
-Dolmetscher dienen,« entgegnete Sophie.
-
-Frida dachte an ihr Gedicht von der Rose und sagte lächelnd: »Besonders
-die Rosen. Ich glaube, so lange es Rosen gegeben, so lange haben sie
-auch der Liebe als Dolmetscher gedient und Stoff zu Liebesliedern
-gegeben. Keine Blume ist wohl je so viel besungen worden, als die Rose.«
-
-Sophie wurde dunkelroth und vergrub ihr Gesicht in der Blume, die sie
-in der Hand trug. »Ich kenne ein Gedicht an eine Rose,« sagte sie
-zögernd, »das gehört zu den schönsten, die ich je gelesen. Freilich
-kommt wohl auch dazu, daß der Dichter mir bekannt und lieb ist.«
-
-»Und wie lautet es?« entgegnete Frida ziemlich gleichgültig; denn ihre
-Gedanken waren weit fort von hier. Da aber schlugen Worte an ihr Ohr,
-welche das Blut zu ihrem Herzen trieben.
-
-Sophie sagte mit etwas bebender Stimme:
-
-
- »In einem stillen Thale
- »Blüht eine Rose hold,
- »Die Blätter glühn und glänzen
- »Wie süßer Minne Sold.«
-
-
-»Um Gottes Willen, Sophie, woher kennst du diese Verse?« rief jetzt
-Frida und legte zitternd die Hand auf der Freundin Arm.
-
-»Woher?« sagte Sophie sich abwendend und zögerte mit der Antwort. »Nun,
-daß ich es dir nur gestehe,« fuhr sie dann verlegen lächelnd fort,
-»Herr von Gablenz hat sie gedichtet und mir gegeben.«
-
-»Er hat sie =dir= gegeben, Sophie?« rief Frida heftig und blickte
-verstört in Sophies Gesicht. »Dir? Und wann?«
-
-»O schon bald nach seiner Herkunft,« sagte diese lächelnd. »Aber warum
-bist du denn so bleich und sonderbar, Frida? Mein Gott, was fehlt dir?
-Bist du unwohl?«
-
-»Nein, nein,« stotterte Frida. »Ich.... ich. O Sophie, sage mir, ich
-flehe dich an, sollten diese Verse mehr für dich sein, als eben nur ein
-schönes Gedicht?«
-
-Sophie erschrak über den Ausdruck von Angst und Spannung, den
-Frida's Züge trugen. »Wenn es nun so wäre, und die Verschen mir mehr
-aussprechen sollten, warum frägst du mich danach, Frida?« sagte sie
-beklommen.
-
-»O weil er kurz zuvor mit demselben Gedicht =mir= seine Liebe gestanden
-hat!« rief Frida fassungslos und barg das Gesicht in beiden Händen.
-
-»Dir, Frida? Gott im Himmel, so sind wir Beide betrogen!« sagte Sophie
-tonlos. »Gestern hat er sich mit mir verlobt.«
-
-Mit einem Aufschrei sank Frida auf eine Bank nieder, und lange saßen
-die beiden unglücklichen, jungen Mädchen still und sprachlos neben
-einander. Jede rang nach Fassung. Frida weinte krampfhaft in ihr
-Tuch, das in ihrer Hand zitterte; denn ihr armes, junges Herz war
-wie vernichtet von dem Schlage, der sie getroffen. Eine ganze Welt
-von Glück und Hoffnungen war für sie in einem einzigen Augenblicke
-zusammengestürzt, und das Bitterste, was ein Herz erfahren kann,
-war über sie gekommen: getäuschtes Vertrauen, verrathene Liebe. --
-Sophie war viel ruhiger und gefaßter, als ihre viel jüngere und viel
-leidenschaftlichere Freundin. Bleich und wie gelähmt saß sie da und
-blickte düster zu Boden.
-
-»Hat dich Gablenz noch während dieser letzten Zeit in dem Glauben
-erhalten, daß er dich liebe?« sagte sie endlich matt.
-
-»O heut noch, heut noch!« schluchzte Frida. »Er schien außer sich zu
-sein, als ich nicht seine Valentine wurde. Er hatte eine rothe Rose in
-der Hand und erschrak, als er meine weiße sah.«
-
-»O dieser Komödiant!« rief Sophie emporspringend. »Ich selbst habe ihm
-gesagt, rothe Rosen trage Helene, die er zur Valentine wählen wollte.
-So hat er dreifaches Spiel getrieben und umstrickt auch die arme
-Helene. O mein Gott, mein Gott, und ich habe der Stimme meiner Vernunft
-nicht hören wollen, die mich immer wieder vor ihm warnte, habe mir
-wirklich eingebildet, er könne mich häßliches, unscheinbares Mädchen
-lieben! Wie bitter bin ich für meine Eitelkeit und Thorheit bestraft
-worden. O Frida, wie entsetzlich ist's doch, ein reiches Mädchen zu
-sein!«
-
-»Du meinst wirklich, daß er dich deshalb heirathen wollte, weil du
-reich bist?« rief Frida empört.
-
-»Nur deshalb, ich sehe es nur zu deutlich!« entgegnete Sophie spöttisch
-lachend. »O daß ich dem Onkel nicht glaubte! Aber ihm will ich die
-Sache jetzt anvertrauen; er soll uns von dieser Natter befreien, die
-sich bei uns eingeschlichen, ich mag ihn nicht wiedersehen.«
-
-»O um alles in der Welt, auch ich nicht!« schluchzte Frida in neue
-Thränen ausbrechend. Dann warf sie ein Blättchen Papier, das sie wie
-ein Heiligthum still in einem goldenen Medaillon am Herzen getragen,
-voll Ingrimm zu Boden, und mit dem Fuße darauf tretend sagte sie
-heftig: »Fort mit dir, du Zeuge meiner Thorheit und Leichtgläubigkeit.
-O könnte ich mich selbst zur Strafe auch so mit Füßen treten!«
-
-Sophie aber bückte sich und nahm das Papier auf; es war Gablenz
-Rosengedicht. »Laß es mir, Frida,« sagte sie bitter, »es soll uns
-rächen.«
-
-Jetzt hörte man Stimmen in der Nähe; es waren die der jungen Männer,
-welche kamen, ihre Valentinen zu suchen.
-
-»Ich kann nicht, ich bin krank!« rief Frida zitternd und klammerte sich
-an Sophie fest.
-
-»Sei ruhig und laß mich nur machen,« entgegnete Sophie, welche seit der
-traurigen Entdeckung etwas so Energisches, Entschlossenes in ihrem
-Wesen hatte, daß die arme; schwache Frida, die wie zerschmettert war
-von Jammer und Weh, sich unwillkürlich von ihr leiten ließ.
-
-»Verzeihen Sie, meine Herren,« sagte Sophie, den jungen Leuten
-entgegengehend, »Fräulein Frida war so unwohl, daß wir die Stille
-aufsuchten, und jetzt sogar auf mein Zimmer gehen müssen; Sie
-entschuldigen uns wohl freundlichst noch für eine Stunde.«
-
-Mit lebhaftem Bedauern zogen sich die Herren zurück, die jungen Mädchen
-aber eilten durch eine Seitenthür in das Haus auf Sophie's Zimmer; denn
-Frida bedurfte in der That der Ruhe und Einsamkeit. Sophie selbst hatte
-noch keine Thräne vergossen; Scham und Empörung waren so heftig in ihr,
-daß sie den Schmerz übertäubten, und in dieser Stimmung eilte sie zu
-ihrem Onkel.
-
-»Hm, hm, das ist ja eine saubere Geschichte!« sagte der alte Herr
-nachdenklich, als Sophie ihre Mittheilung beendet hatte. »Laß mich nur
-machen, mein Kindchen! Hat er Komödie gespielt, laß sehn, ob wir es
-nicht noch besser können.«
-
-»Was willst du thun, lieber Onkel?« rief Sophie ängstlich.
-
-»Nichts weiter, als dir ganz die Augen öffnen. Sorge dich nur nicht
-und laß mich machen!« entgegnete der Alte, sich vergnügt die Hände
-reibend. »=Den= Junker wollen wir heut los werden; eine bessere
-Geburtstagsbescheerung konntest du mir nicht machen, mein Töchterchen.
-Da, stell dich dort in das tiefe Fenster, da hörst du die ganze
-Geschichte mit an, ohne gesehen zu werden.«
-
-Kaum hatte Sophie sich zurückgezogen, als Herr von Gablenz in seiner
-sorglosen, eleganten Manier in das Zimmer trat.
-
-»Sie wünschen mich zu sprechen, Herr von Helldorf?« sagte er, sich
-leicht verbeugend.
-
-»Allerdings, mein lieber Herr,« entgegnete dieser leutselig. »Meine
-Nichte sagte mir soeben, daß sie sich mit Ihnen verlobt habe, und da
-wollte ich doch der Erste sein, der Ihnen Glück dazu wünscht.«
-
-Gablenz war sehr roth geworden und verbeugte sich tief, um seine
-Ueberraschung zu verbergen. Aber ehe er noch ein Wort des Dankes
-hervorbringen konnte, fuhr der alte Herr freundlich fort: »Es freut
-mich das für Sophie um so mehr, als ich dadurch über ihre unsichre
-Zukunft beruhigt bin; denn bei so wenig Vermögen ist die Lage einer
-Waise oft trübe genug.«
-
-Gablenz fuhr bei diesen Worten leicht auf und umfaßte krampfhaft die
-Lehne des Stuhles, an dem er stand.
-
-»Ich glaubte,« sagte er halblaut, »die Verhältnisse Ihrer Fräulein
-Nichte seien bessere.«
-
-»Ja, so denken die Leute,« entgegnete der alte Herr, eine Prise
-nehmend. »Aber das ist ein Irrthum. Wer meine Nichte heirathet, muß
-sich schon mit ihren andern guten Eigenschaften begnügen. Aber ich
-denke ja, das versteht sich von selbst bei einer rechten Neigung. Also,
-mein lieber Herr, Sophie hat Ihnen gestern schon das Jawort gegeben,
-wenn ich nicht irre, nicht wahr?«
-
-»O so bestimmt doch noch nicht, mein verehrter Herr von Helldorf,«
-sagte Gablenz, der jetzt wieder seine sichre Haltung gewonnen hatte.
-»Sie wissen ja, wie das bei jungen Leuten so geht! Man läßt sich im
-Augenblick oft wohl hinreißen und ein Wort entschlüpfen, das der Moment
-geboren; aber zu einer ernsteren oder gar bindenden Entscheidung ist
-es bis jetzt noch nicht gekommen. Auch würde ich einen solchen Schritt
-jetzt kaum wagen dürfen, so sehr mich Ihr Vertrauen ehrt, theurer Herr
-von Helldorf. Meine Lage ist durchaus im Augenblick derart, daß ich an
-keine ernstere Verbindung denken kann. Auch fürchte ich sehr, Fräulein
-Sophie nicht länger meine Verehrung darbringen zu können, da ich leider
-genöthigt bin, morgen schon Ihr werthes Haus zu verlassen, wie ein
-Brief mir heut die Nachricht bringt. Ich bin....«
-
-»Halt, ich kann das nicht länger ertragen!« rief jetzt Sophie rasch,
-welche bleich und bebend aus der Fensternische hervortrat. »Wozu
-die Komödie, Onkel? Es ist unwürdig und ganz überflüssig. Herr von
-Gablenz,« wandte sie sich stolz an den jungen Mann, der wie vom Blitz
-getroffen vor ihr stand, »nicht Sie, sondern =ich= löse hiermit ein
-Verhältniß auf, das Sie die Dreistigkeit haben, als nicht bestehend
-anzusehen. Mein Vermögen habe ich =nicht= verloren, wie mein Onkel
-sagte, indessen....«
-
-»Aber theure Sophie, höre mich doch erst!« rief Gablenz schnell, der
-wieder Leben erhielt, sowie Sophie die letzten Worte ausgesprochen
-hatte. »Ich meinte ja nur....«
-
-»Was Sie meinen und denken, habe ich leider schon zu lange mit
-angehört!« rief Sophie sich hochaufrichtend. »Sie würden vielleicht
-besser thun, heut schon Hermsbach zu verlassen, es möchten sonst noch
-mehr peinliche Augenblicke für Sie eintreten.«
-
-»Und bitte, nehmen Sie doch gefälligst diese Verschen auch wieder
-mit, die sich im Duplikat vorgefunden haben!« sagte Herr von Helldorf
-schmunzelnd, indem er Gablenz die beiden verhängnißvollen Gedichte
-überreichte. »Ich würde Ihnen rathen,« fügte er, abermals eine Prise
-nehmend, hinzu, »das Dingelchen gleich lithographiren zu lassen, da
-vertheilt es sich noch schneller an leichtgläubige Schönen. Und damit
-guten Tag, mein lieber Herr! Ihre plötzliche Abreise wird Sie wohl
-verhindern, sich bei der Gesellschaft zu verabschieden, ich übernehme
-das von Herzen gern. Empfehl' mich, empfehl' mich, glückliche Reise!«
-
-Mit diesen Worten schloß er die Thür hinter dem bestürzten jungen Mann,
-dessen Dreistigkeit und Sicherheit während der letzten Augenblicke
-in der That völlig Schiffbruch gelitten hatten, und der nichts
-Eiligeres zu thun wußte, als sich schnell aus dem Staube zu machen.
-Bald hörte man einen Wagen zum Hofthore hinausfahren, der den lockern
-Patron davonführte. Sophie aber war jetzt von Schmerz und Aufregung
-überwältigt und lag weinend im Arme ihres braven Onkels, der ihr bald
-lachend, bald tröstend die Backen streichelte.
-
-»Wein' doch nicht, mein herziges Kindchen!« sagte er schmeichelnd, »der
-schuftige Patron ist ja gar nicht werth, daß so liebe Guckaugen darum
-roth werden. Danke Gott, daß wir ihn los sind, ehe er noch mehr Unheil
-stiftete.«
-
-Und dasselbe sagte Sophie, welche endlich wieder ihre Fassung erlangte,
-zu der trostlosen Frida, die ganz außer sich gerieth, als sie das
-weitere Benehmen dessen erfuhr, der ihr so unsäglich theuer gewesen
-war. Sie konnte sich nicht entschließen, wieder in der Gesellschaft
-zu erscheinen, und so dauerte es nicht lange, da kam Hannchen zu ihr,
-welche von ihrem Unwohlsein gehört hatte.
-
-Frida sank ihr schluchzend in die Arme. »O Hannchen, Hannchen!« rief
-sie trostlos, »warum habe ich deine Warnungen verachtet und die meines
-Vaters; nun bin ich grausam dafür bestraft worden!« --
-
-Wir verlassen jetzt unsere Frida für eine Weile und übergeben sie noch
-für einige Wochen der treuen Liebe und Sorge ihrer Cousinen und Tante,
-welche in ihrer liebevollen und zartfühlenden Weise es vortrefflich
-verstanden, das tief gekränkte junge Herz wieder mit Welt und Menschen
-zu versöhnen. Dann aber folgen wir ihr wieder nach dem Vaterhause, in
-welches sie nach langer Abwesenheit endlich zurückkehrte. Wir finden
-sie an der Seite Gertruds, mit der sie soeben ein langes, ernstes
-Gespräch gehabt hat, das sich noch immer auf Frida's lieblichem
-Gesicht wiederspiegelt. Das junge Mädchen blickt unendlich viel
-ernster und sinniger aus ihren schönen Augen, seit wir sie an jenem
-verhängnißvollen Tage in Hermsbach verließen, und ein ruhigeres,
-gehaltneres Wesen spricht aus ihrer ganzen Haltung. Das eitle,
-thörichte Kind, das der Vater einst seiner Schwägerin vertrauensvoll
-übergab, es ist seitdem zur verständigen Jungfrau herangereift, und
-auch ihr Aeußeres trägt den Stempel dieser Sinnesänderung.
-
-Statt in der so äußerst eleganten Kleidung und übertriebenen
-Haartracht, in der wir sie zuerst kennen lernten, finden wir sie
-jetzt zwar zierlich und gut, aber doch höchst einfach gekleidet, und
-ihr reiches, blondes Haar in der Art um ihren Kopf geschlungen, wie
-Hannchen es an jenem ersten Morgen in Dahme geordnet hatte. Jetzt
-blickte sie auf, und plötzlich Gertruds Hand an ihre Lippen ziehend,
-sagte sie leise: »O Mama, nun aber ist alles, alles gut, und ich will
-ein neues Leben beginnen. Es war eine harte Schule, durch welche Gott
-mich zur Einsicht geführt; aber ich danke ihm jetzt dafür. Diese
-entsetzliche Täuschung hat mich viel älter und ernster, aber auch viel
-besser gemacht. Ich wollte meine eignen Wege gehen in diesen wie in
-allen andren Dingen, und widerstrebte sowohl meines Vaters Wünschen,
-als auch deiner liebevollen Führung, und daraus konnte nichts Gutes für
-mich erwachsen. Verzeih mir und habe Geduld, jetzt soll alles anders
-werden.«
-
-Gertrud zog ihre Tochter liebevoll an sich und sprach gute Worte zu ihr
-voll Sanftmuth und Anerkennung. Da trat der Diener in das Zimmer mit
-einem Briefchen an Frida. Das junge Mädchen öffnete es, und ein Zug des
-Mißvergnügens flog über ihr Gesicht.
-
-»Es ist eine Einladung von Franziska,« sagte sie mit einem leisen
-Seufzer.
-
-»Willst du nicht zusagen, liebe Frida?« fragte Gertrud.
-
-»Nein, Mama, ich möchte es nicht,« entgegnete Frida ernst.
-
-»Es ist aber schon das zweite Mal, daß du es ihr abschlägst,« sagte
-Gertrud. »Sie wird es dir gewiß übel nehmen.«
-
-»Mag sie doch, ich werde ihr einige Zeilen schreiben,« rief Frida rasch
-entschlossen und stand vom Stuhle auf. »Warum soll ich ein Verhältniß
-aufrecht erhalten, das mir in so hohem Grade unerträglich wird.
-Franziska hat es fast als eine Beleidigung ihrer Familie angesehen, daß
-Gablenz in dieser Weise aus Hermsbach entlassen wurde, da er selbst es
-ihnen als seinen freien Entschluß darzustellen wußte. Sie hat in dieser
-unglücklichen Geschichte, welche hauptsächlich durch ihr Zuthun so weit
-gedeihen konnte, jetzt nur spitze Reden für mich, die ich nicht länger
-ertragen will, und seit ich nicht mehr so viel Sinn wie einst für ihre
-Eitelkeiten und Thorheiten zeige, muß ich nichts als Spöttereien mit
-anhören über ländliche Einfalt und Tugend. Das kann und mag ich nicht
-länger, Mama, darum will ich ihr lieber klar und ehrlich gestehen,
-daß unsre Wege verschieden sind. Ueber lang oder kurz käme es doch zu
-einem Bruche, und ich begreife jetzt blos nicht, wie es zwischen uns
-überhaupt jemals zu solcher Freundschaft kommen konnte.«
-
-Während Frida dies Briefchen schrieb, trat ihr Vater in's Zimmer.
-
-»Hier, mein Töchterchen,« sagte er heiter, Frida ein Blatt Papier
-reichend, »da kommt Tante Marie's vorläufige Einladung zur Hochzeit.
-Hannchen schreibt dir wohl selbst das Nähere, sieh einmal nach.«
-
-Mit leuchtenden Augen öffnete Frida das Briefchen.
-
-»O es soll ja eine Doppelhochzeit sein, Papa,« rief sie jubelnd.
-»Justus und Hannchen hatten erst noch warten sollen, bis die neue
-Pfarre in Hermsbach fertig würde, die Papa Helldorf seinem neuen Pastor
-bauen läßt. Walter und Lottchen wollen aber absolut nicht allein
-heirathen. Auf dem Vorwerk, das Walter übernimmt, sei so schrecklich
-viel Platz, daß da zwei junge Ehepaare bequem hausen können, behaupten
-sie, und so soll ich mich eilen, meinen Hochzeitsstaat fertig zu
-machen, denn lange wollen sie nun nicht mehr warten. Sophie und Helene,
-Martha und ich sind die Brautjungfern. O wie köstlich, Papa, und wir
-sind alle, alle eingeladen, du und Mama und die Kinder, alle, alle.
-Aber da liegt ja noch ein Zettelchen im Briefe, was ist denn das?«
-
-Neugierig entfaltete Frida einen schmalen Streifen Papier und las die
-Worte:
-
-
- »Was du gewünscht, es ist geschehn,
- Und Ernst entsproß den Scherzen;
- Kornblümchen blau und Tausendschön
- Blühn jetzt an treuen Herzen.
- Nun schlinge selbst die Myrthe ein,
- Die Valentinen harren dein!«
-
-
-Frida lachte herzlich, als sie das Verschen gelesen hatte. »Das ist
-sicher ohne Hannchens Vorwissen zu mir gewandert,« sagte sie dann
-nachdenkend. »Aber es bestätigt mir endlich, was ich lange schon
-gedacht habe: Jener unselige Valentinstag hat zur Verlobung der beiden
-lieben Paare geführt, wie ich im Stillen so innig wünschte. Sie haben
-es nur nicht eingestehen wollen, da dieser Tag für andre so unheilvoll
-wurde. Aber wie Herr von Helldorf zu Pastor Werder beim Abschied leise
-sagte, so können wir schließlich alle sprechen: »Gott sei Dank, das war
-ein gesegneter Tag für mich!« --
-
-Und rasch eine Thräne zerdrückend, welche gegen ihren Willen noch
-einmal ihr helles Auge trübte, reichte Frida ihren Eltern beide Hände.
-»Auch ihr sollt so sagen können, das verspreche ich euch! Eure Frida
-ist an jenem Tage und in jener Zeit von mehr als dieser einen Thorheit
-geheilt worden.«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.
-
-
-
-
- Transcriber's Note:
-
-
-Antiqua are indicated by _underscores_.
-Gesperred are indicated by =equal signs=.
-A number of minor spelling errors have been corrected without note.
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Drei Erzählungen für junge Mädchen, by
-Clementine Helm
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI ERZÄHLUNGEN FÜR JUNGE MÄDCHEN ***
-
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