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+The Project Gutenberg EBook of Romanzero, by Heinrich Heine
+(#5 in our series by Heinrich Heine)
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+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
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+Title: Romanzero
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+Author: Heinrich Heine
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+Release Date: May, 2004 [EBook #5607]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on July 20, 2002]
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+Edition: 10
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+Language: German
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+Character set encoding: Latin1
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, ROMANZERO ***
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+
+
+
+
+Heinrich Heine
+
+ROMANZERO
+
+Gedichte
+
+(Erstdruck 1851)
+
+
+
+
+ Erstes Buch
+ Historien
+
+
+
+ Wenn man an dir Verrat geübt,
+ Sei du um so treuer;
+ Und ist deine Seele zu Tode betrübt,
+ So greife zur Leier.
+
+ Die Saiten klingen! Ein Heldenlied,
+ Voll Flammen und Gluten!
+ Da schmilzt der Zorn, und dein Gemüt
+ Wird süß verbluten.
+
+
+
+ Rhampsenit
+
+Als der König Rhampsenit
+Eintrat in die goldne Halle
+Seiner Tochter, lachte diese,
+Lachten ihre Zofen alle.
+
+Auch die Schwarzen, die Eunuchen,
+Stimmten lachend ein, es lachten
+Selbst die Mumien, selbst die Sphinxe,
+Daß sie schier zu bersten dachten.
+
+Die Prinzessin sprach: Ich glaubte
+Schon den Schatzdieb zu erfassen,
+Der hat aber einen toten
+Arm in meiner Hand gelassen.
+
+Jetzt begreif ich, wie der Schatzdieb
+Dringt in deine Schatzhauskammern
+Und die Schätze dir entwendet,
+Trotz den Schlössern, Riegeln, Klammern.
+
+Einen Zauberschlüssel hat er,
+Der erschließet allerorten
+Jede Türe, widerstehen
+Können nicht die stärksten Pforten.
+
+Ich bin keine starke Pforte
+Und ich hab nicht widerstanden,
+Schätzehütend diese Nacht
+Kam ein Schätzlein mir abhanden.
+
+So sprach lachend die Prinzessin
+Und sie tänzelt im Gemache,
+Und die Zofen und Eunuchen
+Hoben wieder ihre Lache.
+
+An demselben Tag ganz Memphis
+Lachte, selbst die Krokodile
+Reckten lachend ihre Häupter
+Aus dem schlammig gelben Nile,
+
+Als sie Trommelschlag vernahmen
+Und sie hörten an dem Ufer
+Folgendes Reskript verlesen
+Von dem Kanzelei-Ausrufer:
+
+Rhampsenit von Gottes Gnaden
+König zu und in Ägypten,
+Wir entbieten Gruß und Freundschaft
+Unsern Vielgetreun und Liebden.
+
+In der Nacht vom dritten zu dem
+Vierten Junius des Jahres
+Dreizehnhundertvierundzwanzig
+Vor Christi Geburt, da war es,
+
+Daß ein Dieb aus unserm Schatzhaus
+Eine Menge von Juwelen
+Uns entwendet; es gelang ihm
+Uns auch später zu bestehlen.
+
+Zur Ermittelung des Täters
+Ließen schlafen wir die Tochter
+Bei den Schätzen - doch auch jene
+Zu bestehlen schlau vermocht er.
+
+Um zu steuern solchem Diebstahl
+Und zu gleicher Zeit dem Diebe
+Unsre Sympathie zu zeigen,
+Unsre Ehrfurcht, unsre Liebe,
+
+Wollen wir ihm zur Gemahlin
+Unsre einzge Tochter geben
+Und ihn auch als Thronnachfolger
+In den Fürstenstand erheben.
+
+Sintemal uns die Adresse
+Unsres Eidams noch zur Stunde
+Unbekannt, soll dies Reskript ihm
+Bringen Unsrer Gnade Kunde.
+
+So geschehn den dritten Jenner
+Dreizehnhundert zwanzig sechs
+Vor Christi Geburt. - Signieret
+Von Uns: Rhampsenitus Rex.
+
+Rhampsenit hat Wort gehalten,
+Nahm den Dieb zum Schwiegersohne,
+Und nach seinem Tode erbte
+Auch der Dieb Ägyptens Krone.
+
+Er regierte wie die Andern,
+Schützte Handel und Talente;
+Wenig, heißt es, ward gestohlen
+Unter seinem Regimente.
+
+
+
+ Der weiße Elefant
+
+Der König von Siam, Mahawasant,
+Beherrscht das halbe Indienland,
+Zwölf Könge, der große Mogul sogar,
+Sind seinem Szepter tributar.
+
+Alljährlich mit Trommeln,"Posauneo und Falnen
+Ziehen nach Siam die Zinskarawanen;
+Viel tausend Kamele, hochberuckte,
+Schleppen die kostbarsten Landesprodukte.
+
+Sieht er die schwerbepackten Kamele,
+So schmunzelt heimlich des Königs Seele;
+Öffentlich freilich pflegt er zu jammern,
+Es fehle an Raum in seinen Schatzkammern.
+
+Doch diese Schatzkammern sind so weit,
+So groß und voller Herrlichkeit;
+Hier überflügelt der Wirklichkeit Pracht
+Die Märchen von Tausend und Eine Nacht.
+
+»Die Burg des Indra« heißt die Halle,
+Wo aufgestellt die Götter alle,
+Bildsäulen von Gold, fein ziselieret,
+Mit Edelsteinen inkrustieret.
+
+Sind an der Zahl wohl dreißig Tausend,
+Figuren abenteuerlich grausend,
+Mischlinge von Menschen- und Tiergeschöpfen,
+Mit vielen Händen und vielen Köpfen.
+
+Im »Purpursaale« sieht man verwundert
+Korallenbäume dreizehnhundert,
+Wie Palmen groß, seltsamer Gestalt,
+Geschnörkelt die Äste, ein roter Wald.
+
+Das Estrich ist vom reinsten Kristalle
+Und widerspiegelt die Bäume alle.
+Fasanen vom buntesten Glanzgefieder
+Gehn gravitätisch dort auf und nieder.
+
+Der Lieblingsaffe des Mahawasant
+Trägt an dem Hals ein seidenes Band,
+Dran hängt der Schlüssel, welcher erschleußt
+Die Halle, die man den Schlafsaal heißt.
+
+Die Edelsteine vom höchsten Wert
+Die liegen wie Erbsen hier auf der Erd
+Hochaufgeschüttet; man findet dabei
+Diamanten so groß wie ein Hühnerei.
+
+Auf grauen, mit Perlen gefüllten Säcken
+Pflegt hier der König sich hinzustrecken;
+Der Affe legt sich zum Monarchen,
+Und beide schlafen ein und schnarchen.
+
+Das Kostbarste aber von allen Schätzen
+Des Königs, sein Glück, sein Seelenergötzen,
+Die Lust und der Stolz von Mahawasant,
+Das ist sein weißer Elefant.
+
+Als Wohnung für diesen erhabenen Gast
+Ließ bauen der König den schönsten Palast;
+Es wird das Dach, mit Goldblech beschlagen,
+Von lotosknäufigen Säulen getragen.
+
+Am Tore stehen dreihundert Trabanten
+Als Ehrenwache des Elefanten,
+Und knieend, mit gekrümmtem Rucken,
+Bedienen ihn hundert schwarze Eunucken.
+
+Man bringt auf einer güldnen Schüssel
+Die leckersten Bissen für seinen Rüssel;
+Er schlürft aus silbernen Eimern den Wein,
+Gewürzt mit den süßesten Spezerein.
+
+Man salbt ihn mit Ambra und Rosenessenzen,
+Man schmückt sein Haupt mit Blumenkränzen;
+Als Fußdecke dienen dem edlen Tier
+Die kostbarsten Schals aus Kaschimir.
+
+Das glücklichste Leben ist ihm beschieden,
+Doch Niemand auf Erden ist zufrieden.
+Das edle Tier, man weiß nicht wie,
+Versinkt in tiefe Melancholie.
+
+Der weiße Melancholikus
+Steht traurig mitten im Überfluß.
+Man will ihn ermuntern, man will ihn erheitern,
+Jedoch die klügsten Versuche scheitern.
+
+Vergebens kommen mit Springen und Singen
+Die Bajaderen; vergebens erklingen
+Die Zinken und Pauken der Musikanten,
+Doch nichts erlustigt den Elefanten.
+
+Da täglich sich der Zustand verschlimmert,
+Wird Mahawasantes Herz bekümmert;
+Er läßt vor seines Thrones Stufen
+Den klügsten Astrologen rufen.
+
+»Sterngucker, ich laß dir das Haupt abschlagen«,
+Herrscht er ihn an, »kannst du mir nicht sagen,
+Was meinem Elefanten fehle,
+Warum so verdüstert seine Seele?«
+
+Doch jener wirft sich dreimal zur Erde,
+Und endlich spricht er mit ernster Gebärde:
+»O König, ich will dir die Wahrheit verkünden,
+Du kannst dann handeln nach Gutbefinden.
+
+»Es lebt im Norden ein schönes Weib
+Von hohem Wuchs und weißem Leib,
+Dein Elefant ist herrlich, unleugbar,
+Doch ist er nicht mit ihr vergleichbar.
+
+»Mit ihr verglichen, erscheint er nur
+Ein weißes Mäuschen. Es mahnt die Statur
+An Bimha, die Riesin, im Ramajana,
+Und an der Epheser große Diana.
+
+»Wie sich die Gliedermassen wölben
+Zum schönsten Bau! Es tragen dieselben
+Anmutig und stolz zwei hohe Pilaster
+Von blendend weißem Alabaster.
+
+»Das ist Gott Amors kolossale
+Domkirche, der Liebe Kathedrale;
+Als Lampe brennt im Tabernakel
+Ein Herz, das ohne Falsch und Makel.
+
+»Die Dichter jagen vergebens nach Bildern,
+Um ihre weiße Haut zu schildern;
+Selbst Gautier ist dessen nicht kapabel, -
+O diese Weiße ist implacable!
+
+»Des Himalaya Gipfelschnee
+Erscheint aschgrau in ihrer Näh;
+Die Lilje, die ihre Hand erfaßt,
+Vergilbt durch Eifersucht oder Kontrast.
+
+»Gräfin Bianka ist der Name
+Von dieser großen weißen Dame;
+Sie wohnt zu Paris im Frankenland,
+Und diese liebt der Elefant.
+
+»Durch wunderbare Wahlverwandtschaft,
+Im Traume machte er ihre Bekanntschaft,
+Und träumend in sein Herze stahl
+Sich dieses hohe Ideal.
+
+»Sehnsucht verzehrt ihn seit jener Stund,
+Und er, der vormals so froh und gesund,
+Er ist ein vierfüßiger Werther geworden,
+Und träumt von einer Lotte im Norden.
+
+»Geheimnisvolle Sympathie!
+Er sah sie nie und denkt an sie.
+Er trampelt oft im Mondschein umher
+Und seufzet: wenn ich ein Vöglein wär!
+
+»In Siam ist nur der Leib, die Gedanken
+Sind bei Bianka im Lande der Franken;
+Doch diese Trennung von Leib und Seele
+Schwächt sehr den Magen, vertrocknet die Kehle.
+
+»Die leckersten Braten widern ihn an,
+Er liebt nur Dampfnudeln und Ossian,
+Er hüstelt schon, er magert ab,
+Die Sehnsucht schaufelt sein frühes Grab.
+
+»Willst du ihn retten, erhalten sein Leben,
+Der Säugetierwelt ihn wiedergeben,
+O König, so schicke den hohen Kranken
+Direkt nach Paris, der Hauptstadt der Franken.
+
+»Wenn ihn alldort in der Wirklichkeit
+Der Anblick der schönen Frau erfreut,
+Die seiner Träume Urbild gewesen,
+Dann wird er von seinem Trübsinn genesen.
+
+»Wo seiner Schönen Augen strahlen,
+Da schwinden seiner Seele Qualen;
+Ihr Lächeln verscheucht die letzten Schatten,
+Die hier sich eingenistet hatten;
+
+»Und ihre Stimme, wie'n Zauberlied,
+Löst sie den Zwiespalt in seinem Gemüt;
+Froh hebt er wieder die Lappen der Ohren,
+Er fühlt sich verjüngt, wie neugeboren.
+
+»Es lebt sich so lieblich, es lebt sich so süß
+Am Seinestrand, in der Stadt Paris!
+Wie wird sich dorten zivilisieren
+Dein Elefant und amüsieren!
+
+»Vor allem aber, o König, lasse
+Ihm reichlich füllen die Reisekasse,
+Und gib ihm einen Kreditbrief mit
+Auf Rothschild frères in der rue Lafitte.
+
+»Ja, einen Kreditbrief von einer Million
+Dukaten etwa; - der Herr Baron
+Von Rothschild sagt von ihm alsdann:
+Der Elefant ist ein braver Mann!«
+
+So sprach der Astrolog, und wieder
+Warf er sich dreimal zur Erde nieder.
+Der König entließ ihn mit reichen Geschenken,
+Und streckte sich aus, um nachzudenken.
+
+Er dachte hin, er dachte her;
+Das Denken wird den Königen schwer.
+Sein Affe sich zu ihm niedersetzt,
+Und beide schlafen ein zuletzt.
+
+Was er beschlossen, das kann ich erzählen
+Erst später; die indischen Mall'posten fehlen.
+Die letzte, welche uns zugekommen,
+Die hat den Weg über Suez genommen.
+
+
+
+ Schelm von Bergen
+
+Im Schloß zu Düsseldorf am Rhein
+wird Mummenschanz gehalten;
+Da flimmern die Kerzen, da rauscht die Musik,
+Da tanzen die bunten Gestalten.
+
+Da tanzt die schöne Herzogin,
+Sie lacht laut auf beständig;
+Ihr Tänzer ist ein schlanker Fant,
+Gar höfisch und behendig.
+
+Er trägt eine Maske von schwarzem Samt,
+Daraus gar freudig blicket
+Ein Auge, wie ein blanker Dolch,
+Halb aus der Scheide gezücket.
+
+Es jubelt die Fastnachtsgeckenschar,
+Wenn jene vorüberwalzen.
+Der Drickes und die Marizzebill
+Grüßen mit Schnarren und Schnalzen.
+
+Und die Trompeten schmettern drein,
+Der närrische Brummbaß brummet,
+Bis endlich der Tanz ein Ende nimmt
+Und die Musik verstummet.
+
+»Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir,
+Ich muß nach Hause gehen -«
+Die Herzogin lacht: Ich laß dich nicht fort,
+Bevor ich dein Antlitz gesehen.
+
+»Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir,
+Mein Anblick bringt Schrecken und Grauen -«
+Die Herzogin lacht: Ich fürchte mich nicht,
+Ich will dein Antlitz schauen.
+
+»Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir,
+Der Nacht und dem Tode gehör ich -«
+Die Herzogin lacht: Ich lasse dich nicht,
+Dein Antlitz zu schauen begehr ich.
+
+Wohl sträubt sich der Mann mit finsterm Wort,
+Das Weib nicht zähmen kunnt er;
+Sie riß zuletzt ihm mit Gewalt
+Die Maske vom Antlitz herunter.
+
+Das ist der Scharfrichter von Bergen! so schreit
+Entsetzt die Menge im Saale
+Und weichet scheusam - die Herzogin
+Stürzt fort zu ihrem Gemahle.
+
+Der Herzog ist klug, er tilgte die Schmach
+Der Gattin auf der Stelle.
+Er zog sein blankes Schwert und sprach:
+Knie vor mir nieder, Geselle!
+
+Mit diesem Schwertschlag mach ich dich
+Jetzt ehrlich und ritterzünftig,
+Und weil du ein Schelm, so nenne dich
+Herr Schelm von Bergen künftig.
+
+So ward der Henker ein Edelmann
+Und Ahnherr der Schelme von Bergen.
+Ein stolzes Geschlecht! es blühte am Rhein.
+Jetzt schläft es in steinernen Särgen.
+
+
+
+ Valkyren
+
+Unten Schlacht. Doch oben schossen
+Durch die Luft auf Wolkenrossen
+Drei Valkyren, und es klang
+Schilderklirrend ihr Gesang:
+
+Fürsten hadern, Völker streiten,
+Jeder will die Macht erbeuten;
+Herrschaft ist das höchste Gut,
+Höchste Tugend ist der Mut.
+
+Heisa! vor dem Tod beschützen
+Keine stolzen Eisenmützen,
+Und das Heldenblut zerrinnt
+Und der schlechtre Mann gewinnt.
+
+Lorbeerkränze, Siegesbogen!
+Morgen kommt er eingezogen,
+Der den Bessern überwand
+Und gewonnen Leut und Land.
+
+Bürgermeister und Senator
+Holen ein den Triumphator,
+Tragen ihm die Schlüssel vor,
+Und der Zug geht durch das Tor.
+
+Hei! da böllerts von den Wällen,
+Zinken und Trompeten gellen,
+Glockenklang erfüllt die Luft,
+Und der Pöbel Vivat! ruft.
+
+Lächelnd stehen auf Balkonen
+Schöne Fraun, und Blumenkronen
+Werfen sie dem Sieger zu.
+Dieser grüßt mit stolzer Ruh.
+
+
+
+ Schlachtfeld bei Hastings
+
+Der Abt von Waltham seufzte tief,
+Als er die Kunde vernommen,
+Daß König Harold elendiglich
+Bei Hastings umgekommen.
+
+Zwei Mönche, Asgod und Ailrik genannt,
+Die schickt' er aus als Boten,
+Sie sollten suchen die Leiche Harolds
+Bei Hastings unter den Toten.
+
+Die Mönche gingen traurig fort
+Und kehrten traurig zurücke:
+»Hochwürdiger Vater, die Welt ist uns gram,
+Wir sind verlassen vom Glücke.
+
+»Gefallen ist der beßre Mann,
+Es siegte der Bankert, der schlechte,
+Gewappnete Diebe verteilen das Land
+Und machen den Freiling zum Knechte.
+
+»Der lausigste Lump aus der Normandie
+Wird Lord auf der Insel der Britten;
+Ich sah einen Schneider aus Bayeux, er kam
+Mit goldnen Sporen geritten.
+
+»Weh dem, der jetzt ein Sachse ist!
+Ihr Sachsenheilige droben
+Im Himmelreich, nehmt euch in Acht,
+Ihr seid der Schmach nicht enthoben.
+
+»Jetzt wissen wir, was bedeutet hat
+Der große Komet, der heuer
+Blutrot am nächtlichen Himmel ritt
+Auf einem Besen von Feuer.
+
+»Bei Hastings in Erfüllung ging
+Des Unsterns böses Zeichen,
+Wir waren auf dem Schlachtfeld dort
+Und suchten unter den Leichen.
+
+»Wir suchten hin, wir suchten her,
+Bis alle Hoffnung verschwunden
+Den Leichnam des toten Königs Harold,
+Wir haben ihn nicht gefunden.«
+
+Asgod und Ailrik sprachen also;
+Der Abt rang jammernd die Hände,
+Versank in tiefe Nachdenklichkeit
+Und sprach mit Seufzen am Ende:
+
+»Zu Grendelfield am Bardenstein,
+Just in des Waldes Mitte,
+Da wohnet Edith Schwanenhals
+In einer dürftgen Hütte.
+
+»Man hieß sie Edith Schwanenhals,
+Weil wie der Hals der Schwäne
+Ihr Nacken war; der König Harold,
+Er liebte die junge Schöne.
+
+»Er hat sie geliebt, geküßt und geherzt,
+Und endlich verlassen, vergessen.
+Die Zeit verfließt; wohl sechzehn Jahr
+Verflossen unterdessen.
+
+»Begebt euch, Brüder, zu diesem Weib
+Und laßt sie mit euch gehen
+Zurück nach Hastings, der Blick des Weibs
+Wird dort den König erspähen.
+
+»Nach Waltham-Abtei hierher alsdann
+Sollt ihr die Leiche bringen,
+Damit wir christlich bestatten den Leib
+Und für die Seele singen.«
+
+Um Mitternacht gelangten schon
+Die Boten zur Hütte im Walde:
+»Erwache, Edith Schwanenhals,
+Und folge uns alsbalde.
+
+»Der Herzog der Normannen hat
+Den Sieg davongetragen,
+Und auf dem Feld bei Hastings liegt
+Der König Harold erschlagen.
+
+»Kommt mit nach Hastings, wir suchen dort
+Den Leichnam unter den Toten,
+Und bringen ihn nach Waltham-Abtei,
+Wie uns der Abt geboten.«
+
+Kein Wort sprach Edith Schwanenhals,
+Sie schürzte sich geschwinde
+Und folgte den Mönchen; ihr greisendes Haar
+Das flatterte wild im Winde.
+
+Es folgte barfuß das arme Weib
+Durch Sümpfe und Baumgestrüppe.
+Bei Tagesanbruch gewahrten sie schon
+Zu Hastings die kreidige Klippe.
+
+Der Nebel, der das Schlachtfeld bedeckt
+Als wie ein weißes Lailich,
+Zerfloß allmählig; es flatterten auf
+Die Dohlen und krächzten abscheulich.
+
+Viel tausend Leichen lagen dort
+Erbärmlich auf blutiger Erde,
+Nackt ausgeplündert, verstümmelt, zerfleischt,
+Daneben die Äser der Pferde.
+
+Es wadete Edith Schwanenhals
+Im Blute mit nackten Füßen;
+Wie Pfeile aus ihrem stieren Aug
+Die forschenden Blicke schießen.
+
+Sie suchte hin, sie suchte her,
+Oft mußte sie mühsam verscheuchen
+Die fraßbegierige Rabenschar;
+Die Mönche hinter ihr keuchen.
+
+Sie suchte schon den ganzen Tag,
+Es ward schon Abend - plötzlich
+Bricht aus der Brust des armen Weibs
+Ein geller Schrei, entsetzlich.
+
+Gefunden hat Edith Schwanenhals
+Des toten Königs Leiche.
+Sie sprach kein Wort, sie weinte nicht,
+Sie küßte das Antlitz, das bleiche.
+
+Sie küßte die Stirne, sie küßte den Mund,
+Sie hielt ihn fest umschlossen;
+Sie küßte auf des Königs Brust
+Die Wunde blutumflossen.
+
+Auf seiner Schulter erblickt sie auch -
+Und sie bedeckt sie mit Küssen -
+Drei kleine Narben, Denkmäler der Lust,
+Die sie einst hinein gebissen.
+
+Die Mönche konnten mittlerweil
+Baumstämme zusammenfugen;
+Das war die Bahre, worauf sie alsdann
+Den toten König trugen.
+
+Sie trugen ihn nach Waltham-Abtei,
+Daß man ihn dort begrübe;
+Es folgte Edith Schwanenhals
+Der Leiche ihrer Liebe.
+
+Sie sang die Totenlitanein
+In kindisch frommer Weise;
+Das klang so schauerlich in der Nacht -
+Die Mönche beteten leise. -
+
+
+
+ Karl I.
+
+Im Wald, in der Köhlerhütte, sitzt
+Trübsinnig allein der König;
+Er sitzt an der Wiege des Köhlerkinds
+Und wiegt und singt eintönig:
+
+Eiapopeia, was raschelt im Stroh?
+Es blöken im Stalle die Schafe -
+Du trägst das Zeichen an der Stirn
+Und lächelst so furchtbar im Schlafe.
+
+Eiapopeia, das Kätzchen ist tot -
+Du trägst auf der Stirne das Zeichen -
+Du wirst ein Mann und schwingst das Beil,
+Schon zittern im Walde die Eichen.
+
+Der alte Köhlerglaube verschwand,
+Es glauben die Köhlerkinder -
+Eiapopeia - nicht mehr an Gott,
+Und an den König noch minder.
+
+Das Kätzchen ist tot, die Mäuschen sind froh -
+Wir müssen zu Schanden werden -
+Eiapopeia - im Himmel der Gott
+Und ich, der König auf Erden.
+
+Mein Mut erlischt, mein Herz ist krank,
+Und täglich wird es kränker -
+Eiapopeia - du Köhlerkind,
+Ich weiß es, du bist mein Henker.
+
+Mein Todesgesang ist dein Wiegenlied -
+Eiapopeia - die greisen
+Haarlocken schneidest du ab zuvor -
+Im Nacken klirrt mir das Eisen.
+
+Eiapopeia, was raschelt im Stroh?
+Du hast das Reich erworben,
+Und schlägst mir das Haupt vom Rumpf herab -
+Das Kätzchen ist gestorben.
+
+Eiapopeia, was raschelt im Stroh?
+Es blöken im Stalle die Schafe.
+Das Kätzchen ist tot, die Mäuschen sind froh -
+Schlafe, mein Henkerchen, schlafe!
+
+
+
+ Maria Antoinette
+
+Wie heiter im Tuilerienschloß
+Blinken die Spiegelfenster,
+Und dennoch dort am hellen Tag
+Gehn um die alten Gespenster.
+
+Es spukt im Pavillon de Flor'
+Maria Antoinette;
+Sie hält dort Morgens ihr Lever
+Mit strenger Etikette.
+
+Geputzte Hofdamen. Die meisten stehn,
+Auf Tabourets andre sitzen;
+Die Kleider von Atlas und Goldbrokat,
+Behängt mit Juwelen und Spitzen.
+
+Die Taille ist schmal, der Reifrock bauscht,
+Darunter lauschen die netten
+Hochhackigen Füßchen so klug hervor -
+Ach, wenn sie nur Köpfe hätten!
+
+Sie haben alle keinen Kopf,
+Der Königin selbst manquieret
+Der Kopf, und Ihro Majestät
+Ist deshalb nicht frisieret.
+
+Ja, Sie, die mit turmhohem Toupet
+So stolz sich konnte gebaren,
+Die Tochter Maria Theresias,
+Die Enkelin deutscher Cäsaren,
+
+Sie muß jetzt spuken ohne Frisur
+Und ohne Kopf, im Kreise
+Von unfrisierten Edelfraun,
+Die kopflos gleicherweise.
+
+Das sind die Folgen der Revolution
+Und ihrer fatalen Doktrine;
+An Allem ist Schuld Jean Jacques Rousseau,
+Voltaire und die Guillotine.
+
+Doch sonderbar! es dünkt mich schier,
+Als hätten die armen Geschöpfe
+Gar nicht bemerkt, wie tot sie sind
+Und daß sie verloren die Köpfe.
+
+Ein leeres Gespreize, ganz wie sonst,
+Ein abgeschmacktes Scherwenzen -
+Possierlich sind und schauderhaft
+Die kopflosen Reverenzen.
+
+Es knixt die erste Dame d'atour
+Und bringt ein Hemd von Linnen;
+Die zweite reicht es der Königin,
+Und beide knixen von hinnen.
+
+Die dritte Dam und die vierte Dam
+Knixen und niederknieen
+Vor Ihrer Majestät, um Ihr
+Die Strümpfe anzuziehen.
+
+Ein Ehrenfräulein kommt und knixt
+Und bringt das Morgenjäckchen;
+Ein andres Fräulein knixt und bringt
+Der Königin Unterröckchen.
+
+Die Oberhofmeisterin steht dabei,
+Sie fächert die Brust, die weiße,
+Und in Ermanglung eines Kopfs
+Lächelt sie mit dem Steiße.
+
+Wohl durch die verhängten Fenster wirft
+Die Sonne neugierige Blicke,
+Doch wie sie gewahrt den alten Spuk,
+Prallt sie erschrocken zurücke.
+
+
+
+ Pomare
+
+ I
+
+Alle Liebesgötter jauchzen
+Mir im Herzen, und Fanfare
+Blasen sie und rufen: Heil!
+Heil der Königin Pomare!
+
+Jene nicht von Otahaiti -
+Missionärisiert ist jene -
+Die ich meine, die ist wild,
+Eine ungezähmte Schöne.
+
+Zweimal in der Woche zeigt sie
+Öffentlich sich ihrem Volke
+In dem Garten Mabill, tanzt
+Dort den Cancan, auch die Polke.
+
+Majestät in jedem Schritte,
+Jede Beugung Huld und Gnade,
+Eine Fürstin jeder Zoll
+Von der Hüfte bis zur Wade -
+
+Also tanzt sie - und es blasen
+Liebesgötter die Fanfare
+Mir im Herzen, rufen: Heil!
+Heil der Königin Pomare!
+
+ II
+
+Sie tanzt. Wie sie das Leibchen wiegt!
+Wie jedes Glied sich zierlich biegt!
+Das ist ein Flattern und ein Schwingen,
+Um wahrlich aus der Haut zu springen.
+
+Sie tanzt. Wenn sie sich wirbelnd dreht
+Auf einem Fuß, und stille steht
+Am End mit ausgestreckten Armen,
+Mag Gott sich meiner Vernunft erbarmen!
+
+Sie tanzt. Derselbe Tanz ist das,
+Den einst die Tochter Herodias'
+Getanzt vor dem Judenkönig Herodes.
+Ihr Auge sprüht wie Blitze des Todes.
+
+Sie tanzt mich rasend - ich werde toll -
+Sprich, Weib, was ich dir schenken soll?
+Du lächelst? Heda! Trabanten! Läufer!
+Man schlage ab das Haupt dem Täufer!
+
+ III
+
+Gestern noch fürs liebe Brot
+Wälzte sie sich tief im Kot,
+Aber heute schon mit Vieren
+Fährt das stolze Weib spazieren.
+
+In die seidnen Kissen drückt
+Sie das Lockenhaupt, und blickt
+Vornehm auf den großen Haufen
+Derer, die zu Fuße laufen.
+
+Wenn ich dich so fahren seh,
+Tut es mir im Herzen weh!
+Ach, es wird dich dieser Wagen
+Nach dem Hospitale tragen,
+
+Wo der grausenhafte Tod
+Endlich endigt deine Not,
+Und der Carabin mit schmierig
+Plumper Hand und lernbegierig
+
+Deinen schönen Leib zerfetzt,
+Anatomisch ihn zersetzt -
+Deine Rosse trifft nicht minder
+Einst zu Montfaucon der Schinder.
+
+ IV
+
+Besser hat es sich gewendet,
+Das Geschick, das dich bedroht' -
+Gott sei Dank, du hast geendet,
+Gott sei Dank, und du bist tot.
+
+In der Dachstub deiner armen
+Alten Mutter starbest du,
+Und sie schloß dir mit Erbarmen
+Deine schönen Augen zu.
+
+Kaufte dir ein gutes Lailich,
+Einen Sarg, ein Grab sogar.
+Die Begräbnisfeier freilich
+Etwas kahl und ärmlich war.
+
+Keinen Pfaffen hört' man singen,
+Keine Glocke klagte schwer;
+Hinter deiner Bahre gingen
+Nur dein Hund und dein Friseur.
+
+»Ach, ich habe der Pomare«,
+Seufzte dieser, »oft gekämmt
+Ihr langen schwarzen Haare,
+Wenn sie vor mir saß im Hemd.«
+
+Was den Hund betrifft, so rannt er
+Schon am Kirchhofstor davon,
+Und ein Unterkommen fand er
+Späterhin bei Ros' Pompon,
+
+Ros' Pompon, der Provenzalin,
+Die den Namen Königin
+Dir mißgönnt und als Rivalin
+Dich verklatscht mit niederm Sinn.
+
+Arme Königin des Spottes,
+Mit dem Diadem von Kot,
+Bist gerettet jetzt durch Gottes
+Ewge Güte, du bist tot.
+
+Wie die Mutter, so der Vater
+Hat Barmherzigkeit geübt,
+Und ich glaube, dieses tat er,
+Weil auch du so viel geliebt.
+
+
+
+ Der Apollogott
+
+ I
+
+Das Kloster ist hoch auf Felsen gebaut,
+Der Rhein vorüberrauschet;
+Wohl durch das Gitterfenster schaut
+Die junge Nonne und lauschet.
+
+Da fährt ein Schifflein, märchenhaft
+Vom Abendrot beglänzet;
+Es ist bewimpelt von buntem Taft,
+Von Lorbeern und Blumen bekränzet.
+
+Ein schöner blondgelockter Fant
+Steht in des Schiffes Mitte;
+Sein goldgesticktes Purpurgewand
+Ist von antikem Schnitte.
+
+Zu seinen Füßen liegen da
+Neun marmorschöne Weiber;
+Die hochgeschürzte Tunika
+Umschließt die schlanken Leiber.
+
+Der Goldgelockte lieblich singt
+Und spielt dazu die Leier;
+Ins Herz der armen Nonne dringt
+Das Lied und brennt wie Feuer.
+
+Sie schlägt ein Kreuz, und noch einmal
+Schlägt sie ein Kreuz, die Nonne;
+Nicht scheucht das Kreuz die süße Qual,
+Nicht bannt es die bittre Wonne.
+
+ II
+
+Ich bin der Gott der Musika,
+Verehrt in allen Landen;
+Mein Tempel hat in Gräcia,
+Auf Mont-Parnaß gestanden.
+
+Auf Mont-Parnaß in Gräcia,
+Da hab ich oft gesessen
+Am holden Quell Kastalia,
+Im Schatten der Zypressen.
+
+Vokalisierend saßen da
+Um mich herum die Töchter,
+Das sang und klang la-la, la-la!
+Geplauder und Gelächter.
+
+Mitunter rief tra-ra, tra-ra!
+Ein Waldhorn aus dem Holze;
+Dort jagte Artemisia,
+Mein Schwesterlein, die Stolze.
+
+Ich weiß es nicht, wie mir geschah:
+Ich brauchte nur zu nippen
+Vom Wasser der Kastalia,
+Da tönten meine Lippen.
+
+Ich sang - und wie von selbst beinah
+Die Leier klang, berauschend;
+Mir war, als ob ich Daphne sah,
+Aus Lorbeerbüschen lauschend.
+
+Ich sang - und wie Ambrosia
+Wohlrüche sich ergossen,
+Es war von einer Gloria
+Die ganze Welt umflossen.
+
+Wohl tausend Jahr aus Gräcia
+Bin ich verbannt, vertrieben
+Doch ist mein Herz in Gräcia,
+In Gräcia geblieben.
+
+ III
+
+In der Tracht der Beguinen,
+In dem Mantel mit der Kappe
+Von der gröbsten schwarzen Sersche,
+Ist vermummt die junge Nonne.
+
+Hastig längs des Rheines Ufern
+Schreitet sie hinab die Landstraß,
+Die nach Holland fährt, und hastig
+Fragt sie jeden, der vorbeikommt:
+
+»Habt ihr nicht gesehn Apollo?
+Einen roten Mantel trägt er,
+Lieblich singt er, spielt die Leier,
+Und er ist mein holder Abgott.«
+
+Keiner will ihr Rede stehen,
+Mancher dreht ihr stumm den Rücken,
+Mancher glotzt sie an und lächelt,
+Mancher seufzet: Armes Kind!
+
+Doch des Wegs herangetrottelt
+Kommt ein schlottrig alter Mensch,
+Fingert in der Luft, wie rechnend,
+Näselnd singt er vor sich hin.
+
+Einen schlappen Quersack trägt er,
+Auch ein klein dreieckig Hütchen;
+Und mit schmunzelnd klugen Äuglein
+Hört er an den Spruch der Nonne:
+
+»Habt ihr nicht gesehn Apollo?
+Einen roten Mantel trägt er,
+Lieblich singt er, spielt die Leier,
+Und er ist mein holder Abgott.«
+
+Jener aber gab zur Antwort,
+Während er sein Köpfchen wiegte
+Hin und her, und gar possierlich
+Zupfte an dem spitzen Bärtchen:
+
+Ob ich ihn gesehen habe?
+Ja, ich habe ihn gesehen
+Oft genug zu Amsterdam,
+In der deutschen Synagoge.
+
+Denn er war Vorsänger dorten,
+Und da hieß er Rabbi Faibisch,
+Was auf Hochdeutsch heißt Apollo -
+Doch mein Abgott ist er nicht.
+
+Roter Mantel? Auch den roten
+Mantel kenn ich. Echter Scharlach,
+Kostet acht Florin die Elle,
+Und ist noch nicht ganz bezahlt.
+
+Seinen Vater Moses Jitscher
+Kenn ich gut. Vorhautabschneider
+Ist er bei den Portugiesen.
+Er beschnitt auch Souveräne.
+
+Seine Mutter ist Cousine
+Meines Schwagers, und sie handelt
+Auf der Gracht mit sauern Gurken
+Und mit abgelebten Hosen.
+
+Haben kein Pläsier am Sohne.
+Dieser spielt sehr gut die Leier,
+Aber leider noch viel besser
+Spielt er oft Tarock und L'hombre.
+
+Auch ein Freigeist ist er, aß
+Schweinefleisch, verlor sein Amt,
+Und er zog herum im Lande
+Mit geschminkten Komödianten.
+
+In den Buden, auf den Märkten,
+Spielte er den Pickelhering,
+Holofernes, König David,
+Diesen mit dem besten Beifall.
+
+Denn des Königs eigne Lieder
+Sang er in des Königs eigner
+Muttersprache, tremulierend
+In des Nigens alter Weise.
+
+Aus dem Amsterdamer Spielhuis
+Zog er jüngst etwelche Dirnen,
+Und mit diesen Musen zieht er
+Jetzt herum als ein Apollo.
+
+Eine dicke ist darunter,
+Die vorzüglich quiekt und grünzelt;
+Ob dem großen Lorbeerkopfputz
+Nennt man sie die grüne Sau.
+
+
+
+ Kleines Volk
+
+In einem Pißpott kam er geschwommen,
+Hochzeitlich geputzt, hinab den Rhein.
+Und als er nach Rotterdam gekommen,
+Da sprach er: »Juffräuken, willst du mich frein?
+
+»Ich führe dich, geliebte Schöne,
+Nach meinem Schloß, ins Brautgemach;
+Die Wände sind eitel Hobelspäne,
+Aus Häckerling besteht das Dach.
+
+»Da ist es so puppenniedlich und nette,
+Da lebst du wie eine Königin!
+Die Schale der Walnuß ist unser Bette,
+Von Spinnweb sind die Laken drin.
+
+»Ameiseneier, gebraten in Butter,
+Essen wir täglich, auch Würmchengemüs,
+Und später erb ich von meiner Frau Mutter
+Drei Nonnenfürzchen, die schmecken so süß.
+
+»Ich habe Speck, ich habe Schwarten,
+Ich habe Fingerhüte voll Wein,
+Auch wächst eine Rübe in meinem Garten,
+Du wirst wahrhaftig glücklich sein!«
+
+Das war ein Locken und ein Werben!
+Wohl seufzte die Braut: ach Gott! ach Gott!
+Sie war wehmütig, wie zum Sterben -
+Doch endlich stieg sie hinab in den Pott.
+
+ *
+
+Sind Christenleute oder Mäuse
+Die Helden des Lieds? Ich weiß es nicht mehr.
+Im Beverland hört ich die schnurrige Weise,
+Es sind nun dreißig Jahre her.
+
+
+
+ Zwei Ritter
+
+Crapülinski und Waschlapski,
+Polen aus der Polackei,
+Fochten für die Freiheit, gegen
+Moskowiter-Tyrannei.
+
+Fochten tapfer und entkamen
+Endlich glücklich nach Paris -
+Leben bleiben, wie das Sterben
+Für das Vaterland, ist süß.
+
+Wie Achilles und Patroklus,
+David und sein Jonathan,
+Liebten sich die beiden Polen,
+Küßten sich: »Kochan! Kochan!«
+
+Keiner je verriet den Andern,
+Blieben Freunde, ehrlich, treu,
+Ob sie gleich zwei edle Polen,
+Polen aus der Polackei.
+
+Wohnten in derselben Stube,
+Schliefen in demselben Bette;
+Eine Laus und eine Seele,
+Kratzten sie sich um die Wette.
+
+Speisten in derselben Kneipe,
+Und da keiner wollte leiden,
+Daß der Andre für ihn zahle,
+Zahlte keiner von den Beiden.
+
+Auch dieselbe Henriette
+Wäscht für beide edle Polen;
+Trällernd kommt sie jeden Monat,
+Um die Wäsche abzuholen.
+
+Ja, sie haben wirklich Wäsche,
+Jeder hat der Hemden zwei,
+Ob sie gleich zwei edle Polen,
+Polen aus der Polackei.
+
+Sitzen heute am Kamine,
+Wo die Flammen traulich flackern;
+Draußen Nacht und Schneegestöber
+Und das Rollen von Fiakern.
+
+Eine große Bowle Punsch
+(Es versteht sich, unverzückert,
+Unversäuert, unverwässert)
+Haben sie bereits geschlückert.
+
+Und von Wehmut wird beschlichen
+Ihr Gemüte; ihr Gesicht
+Wird befeuchtet schon von Zähren,
+Und der Crapülinski spricht:
+
+»Hätt ich doch hier in Paris
+Meinen Bärenpelz, den lieben
+Schlafrock und die Katzfell-Nachtmütz,
+Die im Vaterland geblieben!«
+
+Ihm erwiderte Waschlapski:
+»O du bist ein treuer Schlachzitz,
+Denkest immer an der Heimat
+Bärenpelz und Katzfell-Nachtmütz.
+
+»Polen ist noch nicht verloren,
+Unsre Weiber, sie gebären,
+Unsre Jungfraun tun dasselbe,
+Werden Helden uns bescheren,
+
+»Helden, wie der Held Sobieski,
+Wie Schelmufski und Uminski,
+Eskrokewitsch, Schubiakski,
+Und der große Eselinski.«
+
+
+
+ Das goldne Kalb
+
+Doppelflöten, Hörner, Geigen
+Spielen auf zum Götzenreigen,
+Und es tanzen Jakobs Töchter
+Um das goldne Kalb herum -
+Brum - brum - brum -
+Paukenschläge und Gelächter!
+
+Hochgeschürzt bis zu den Lenden
+Und sich fassend an den Händen,
+Jungfraun edelster Geschlechter
+Kreisen wie ein Wirbelwind
+Um das Rind -
+Paukenschläge und Gelächter!
+
+Aron selbst wird fortgezogen
+Von des Tanzes Wahnsinnwogen,
+Und er selbst, der Glaubenswächter,
+Tanzt im Hohenpriesterrock,
+Wie ein Bock -
+Paukenschläge und Gelächter!
+
+
+
+ König David
+
+Lächelnd scheidet der Despot,
+Denn er weiß, nach seinem Tod
+Wechselt Willkür nur die Hände,
+Und die Knechtschaft hat kein Ende.
+
+Armes Volk! wie Pferd und Farrn
+Bleibt es angeschirrt am Karrn,
+Und der Nacken wird gebrochen,
+Der sich nicht bequemt den Jochen.
+
+Sterbend spricht zu Salomo
+König David: Apropos,
+Daß ich Joab dir empfehle,
+Einen meiner Generäle.
+
+Dieser tapfre General
+Ist seit Jahren mir fatal,
+Doch ich wagte den Verhaßten
+Niemals ernstlich anzutasten.
+
+Du, mein Sohn, bist fromm und klug,
+Gottesfürchtig, stark genug,
+Und es wird dir leicht gelingen,
+Jenen Joab umzubringen.
+
+
+
+ König Richard
+
+Wohl durch der Wälder einödige Pracht
+Jagt ungestüm ein Reiter;
+Er bläst ins Horn, er singt und lacht
+Gar seelenvergnügt und heiter.
+
+Sein Harnisch ist von starkem Erz,
+Noch stärker ist sein Gemüte,
+Das ist Herr Richard Löwenherz,
+Der christlichen Ritterschaft Blüte.
+
+Willkommen in England! rufen ihm zu
+Die Bäume mit grünen Zungen
+Wir freuen uns, o König, daß du
+Östreichischer Haft entsprungen.
+
+Dem König ist wohl in der freien Luft,
+Er fühlt sich wie neugeboren,
+Er denkt an Östreichs Festungsduft -
+Und gibt seinem Pferde die Sporen.
+
+
+
+ Der Asra
+
+Täglich ging die wunderschöne
+Sultanstochter auf und nieder
+Um die Abendzeit am Springbrunn,
+Wo die weißen Wasser plätschern.
+
+Täglich stand der junge Sklave
+Um die Abendzeit am Springbrunn,
+Wo die weißen Wasser plätschern;
+Täglich ward er bleich und bleicher.
+
+Eines Abends trat die Fürstin
+Auf ihn zu mit raschen Worten:
+Deinen Namen will ich wissen,
+Deine Heimat, deine Sippschaft!
+
+Und der Sklave sprach: Ich heiße
+Mohamet, ich bin aus Yemmen,
+Und mein Stamm sind jene Asra,
+Welche sterben, wenn sie lieben.
+
+
+
+ Himmelsbräute
+
+Wer dem Kloster geht vorbei
+Mitternächtlich, sieht die Fenster
+Hell erleuchtet. Ihren Umgang
+Halten dorten die Gespenster.
+
+Eine düstre Prozession
+Toter Ursulinerinnen;
+Junge, hübsche Angesichter
+Lauschen aus Kapuz und Linnen.
+
+Tragen Kerzen in der Hand,
+Die unheimlich blutrot schimmern;
+Seltsam widerhallt im Kreuzgang
+Ein Gewisper und ein Wimmern.
+
+Nach der Kirche geht der Zug,
+Und sie setzen dort sich nieder
+Auf des Chores Buchsbaumstühle
+Und beginnen ihre Lieder.
+
+Litaneienfromme Weisen,
+Aber wahnsinnswüste Worte;
+Arme Seelen sind es, welche
+Pochen an des Himmels Pforte.
+
+»Bräute Christi waren wir,
+Doch die Weltlust uns betörte,
+Und da gaben wir dem Cäsar,
+Was dem lieben Gott gehörte.
+
+»Reizend ist die Uniform
+Und des Schnurrbarts Glanz und Glätte;
+Doch verlockend sind am meisten
+Cäsars goldne Epaulette.
+
+»Ach, der Stirne, welche trug
+Eine Dornenkrone weiland,
+Gaben wir ein Hirschgeweihe
+Wir betrogen unsern Heiland.
+
+»Jesus, der die Güte selbst,
+Weinte sanft ob unsrer Fehle,
+Und er sprach: Vermaledeit
+Und verdammt sei eure Seele!
+
+»Grabentstiegner Spuk der Nacht,
+Müssen büßend wir nunmehre
+Irre gehn in diesen Mauern
+Miserere! Miserere!
+
+»Ach, im Grabe ist es gut,
+Ob es gleich viel besser wäre
+In dem warmen Himmelreiche -
+Miserere! Miserere!«
+
+»Süßer Jesus, o vergib
+Endlich uns die Schuld, die schwere,
+Schließ uns auf den warmen Himmel -
+Miserere! Miserere!«
+
+Also singt die Nonnenschar,
+Und ein längst verstorbner Küster
+Spielt die Orgel. Schattenhände
+Stürmen toll durch die Register.
+
+
+
+ Pfalzgräfin Jutta
+
+Pfalzgräfin Jutta fuhr über den Rhein,
+Im leichten Kahn, bei Mondenschein.
+Die Zofe rudert, die Gräfin spricht:
+»Siehst du die sieben Leichen nicht,
+Die hinter uns kommen
+Einhergeschwommen -
+So traurig schwimmen die Toten!
+
+»Das waren Ritter voll Jugendlust -
+Sie sanken zärtlich an meine Brust
+Und schwuren mir Treue - Zur Sicherheit,
+Daß sie nicht brächen ihren Eid,
+Ließ ich sie ergreifen
+Sogleich und ersäufen -
+So traurig schwimmen die Toten!«
+
+Die Zofe rudert, die Gräfin lacht.
+Das hallt so höhnisch durch die Nacht!
+Bis an die Hüfte tauchen hervor
+Die Leichen und strecken die Finger empor,
+Wie schwörend - Sie nicken
+Mit gläsernen Blicken -
+So traurig schwimmen die Toten!
+
+
+
+ Der Mohrenkönig
+
+Ins Exil der Alpuxarren
+Zog der junge Mohrenkönig;
+Schweigsam und das Herz voll Kummer
+Ritt er an des Zuges Spitze.
+
+Hinter ihm auf hohen Zeltern
+Oder auch in güldnen Sänften
+Saßen seines Hauses Frauen;
+Schwarze Mägde trägt das Maultier.
+
+Hundert treue Diener folgen
+Auf arabisch edlen Rappen;
+Stolze Gäule, doch die Reiter
+Hängen schlottrig in den Sätteln.
+
+Keine Zymbel, keine Pauke,
+Kein Gesangeslaut ertönte;
+Nur des Maultiers Silberglöckchen
+Wimmern schmerzlich in der Stille.
+
+Auf der Höhe, wo der Blick
+Ins Duero-Tal hinabschweift,
+Und die Zinnen von Granada
+Sichtbar sind zum letzten Male:
+
+Dorten stieg vom Pferd der König
+Und betrachtete die Stadt,
+Die im Abendlichte glänzte,
+Wie geschmückt mit Gold und Purpur.
+
+Aber, Allah! Welch ein Anblick!
+Statt des vielgeliebten Halbmonds,
+Prangen Spaniens Kreuz und Fahnen
+Auf den Türmen der Alhambra.
+
+Ach, bei diesem Anblick brachen
+Aus des Königs Brust die Seufzer,
+Tränen überströmten plötzlich
+Wie ein Sturzbach seine Wangen.
+
+Düster von dem hohen Zelter
+Schaut' herab des Königs Mutter,
+Schaut' auf ihres Sohnes Jammer,
+Und sie schalt ihn stolz und bitter.
+
+»Boabdil el Chico«, sprach sie,
+»Wie ein Weib beweinst du jetzo
+Jene Stadt, die du nicht wußtest
+Zu verteidgen wie ein Mann.«
+
+Als des Königs liebste Kebsin
+Solche harte Rede hörte,
+Stürzte sie aus ihrer Sänfte
+Und umhalste den Gebieter.
+
+»Boabdil el Chico,« sprach sie,
+»Tröste dich, mein Heißgeliebter,
+Aus dem Abgrund deines Elends
+Blüht hervor ein schöner Lorbeer.
+
+»Nicht allein der Triumphator,
+Nicht allein der sieggekrönte
+Günstling jener blinden Göttin,
+Auch der blutge Sohn des Unglücks,
+
+»Auch der heldenmütge Kämpfer,
+Der dem ungeheuren Schicksal
+Unterlag, wird ewig leben
+In der Menschen Angedenken.«
+
+»Berg des letzten Mohrenseufzers«
+Heißt bis auf den heutgen Tag
+Jene Höhe, wo der König
+Sah zum letzten Mal Granada.
+
+Lieblich hat die Zeit erfüllet
+Seiner Liebsten Prophezeiung,
+Und des Mohrenkönigs Name
+Ward verherrlicht und gefeiert.
+
+Nimmer wird sein Ruhm verhallen,
+Ehe nicht die letzte Saite
+Schnarrend losspringt von der letzten
+Andalusischen Gitarre.
+
+
+
+ Geoffroy Rudèl und Melisande von Tripoli
+
+In dem Schlosse Blay erblickt man
+Die Tapete an den Wänden,
+So die Gräfin Tripolis
+Einst gestickt mit klugen Händen.
+
+Ihre ganze Seele stickte
+Sie hinein, und Liebesträne
+Hat gefeit das seidne Bildwerk,
+Welches darstellt jene Szene:
+
+Wie die Gräfin den Rudèl
+Sterbend sah am Strande liegen,
+Und das Urbild ihrer Sehnsucht
+Gleich erkannt' in seinen Zügen.
+
+Auch Rudèl hat hier zum ersten
+Und zum letzten Mal erblicket
+In der Wirklichkeit die Dame,
+Die ihn oft im Traum entzücket.
+
+Über ihn beugt sich die Gräfin,
+Hält ihn liebevoll umschlungen,
+Küßt den todesbleichen Mund,
+Der so schön ihr Lob gesungen!
+
+Ach! der Kuß des Willkomms wurde
+Auch zugleich der Kuß des Scheidens,
+Und so leerten sie den Kelch
+Höchster Lust und tiefsten Leidens.
+
+In dem Schlosse Blay allnächtlich
+Gibts ein Rauschen, Knistern, Beben,
+Die Figuren der Tapete
+Fangen plötzlich an zu leben.
+
+Troubadour und Dame schütteln
+Die verschlafnen Schattenglieder,
+Treten aus der Wand und wandeln
+Durch die Säle auf und nieder.
+
+Trautes Flüstern, sanftes Tändeln,
+Wehmutsüße Heimlichkeiten,
+Und posthume Galantrie
+Aus des Minnesanges Zeiten:
+
+»Geoffroy! Mein totes Herz
+Wird erwärmt von deiner Stimme,
+In den längst erloschnen Kohlen
+Fühl ich wieder ein Geglimme!«
+
+»Melisande! Glück und Blume!
+Wenn ich dir ins Auge sehe,
+Leb ich auf - gestorben ist
+Nur mein Erdenleid und -Wehe.«
+
+»Geoffroy! Wir liebten uns
+Einst im Traume, und jetzunder
+Lieben wir uns gar im Tode
+Gott Amour tat dieses Wunder!«
+
+»Melisande! Was ist Traum?
+Was ist Tod? Nur eitel Töne.
+In der Liebe nur ist Wahrheit,
+Und dich lieb ich, ewig Schöne.«
+
+»Geoffroy! Wie traulich ist es
+Hier im stillen Mondscheinsaale,
+Möchte nicht mehr draußen wandeln
+In des Tages Sonnenstrahle.«
+
+»Melisande! teure Närrin,
+Du bist selber Licht und Sonne,
+Wo du wandelst, blüht der Frühling,
+Sprossen Lieb und Maienwonne!«
+
+Also kosen, also wandeln
+Jene zärtlichen Gespenster
+Auf und ab, derweil das Mondlicht
+Lauschet durch die Bogenfenster.
+
+Doch den holden Spuk vertreibend,
+Kommt am End die Morgenröte -
+Jene huschen scheu zurück
+In die Wand, in die Tapete.
+
+
+
+ Der Dichter Firdusi
+
+ I
+
+Goldne Menschen, Silbermenschen!
+Spricht ein Lump von einem Thoman,
+Ist die Rede nur von Silber,
+Ist gemeint ein Silberthoman.
+
+Doch im Munde eines Fürsten,
+Eines Schaches, ist ein Thoman
+Gülden stets; ein Schach empfängt
+Und er gibt nur goldne Thoman.
+
+Also denken brave Leute,
+Also dachte auch Firdusi,
+Der Verfasser des berühmten
+Und vergötterten Schach Nameh.
+
+Dieses große Heldenlied
+Schrieb er auf Geheiß des Schaches,
+Der für jeden seiner Verse
+Einen Thoman ihm versprochen.
+
+Siebzehnmal die Rose blühte,
+Siebzehnmal ist sie verwelket,
+Und die Nachtigall besang sie
+Und verstummte siebzehnmal -
+
+Unterdessen saß der Dichter
+An dem Webstuhl des Gedankens,
+Tag und Nacht, und webte emsig
+Seines Liedes Riesenteppich -
+
+Riesenteppich, wo der Dichter
+Wunderbar hineingewebt
+Seiner Heimat Fabelchronik,
+Farsistans uralte Könge,
+
+Lieblingshelden seines Volkes,
+Rittertaten, Aventüren,
+Zauberwesen und Dämonen,
+Keck umrankt von Märchenblumen -
+
+Alles blühend und lebendig,
+Farbenglänzend, glühend, brennend,
+Und wie himmlisch angestrahlt
+Von dem heilgen Lichte Irans,
+
+Von dem göttlich reinen Urlicht,
+Dessen letzter Feuertempel,
+Trotz dem Koran und dem Mufti,
+In des Dichters Herzen flammte.
+
+Als vollendet war das Lied,
+Überschickte seinem Gönner
+Der Poet das Manuskript,
+Zweimalhunderttausend Verse.
+
+In der Badestube war es,
+In der Badestub zu Gasna,
+Wo des Schaches schwarze Boten
+Den Firdusi angetroffen -
+
+Jeder schleppte einen Geldsack,
+Den er zu des Dichters Füßen
+Knieend legte, als den hohen
+Ehrensold für seine Dichtung.
+
+Der Poet riß auf die Säcke
+Hastig, um am lang entbehrten
+Goldesanblick sich zu laben -
+Da gewahrt er mit Bestürzung,
+
+Daß der Inhalt dieser Säcke
+Bleiches Silber, Silberthomans,
+Zweimalhunderttausend etwa -
+Und der Dichter lachte bitter.
+
+Bitter lachend hat er jene
+Summe abgeteilt in drei
+Gleiche Teile, und jedwedem
+Von den beiden schwarzen Boten
+
+Schenkte er als Botenlohn
+Solch ein Drittel, und das dritte
+Gab er einem Badeknechte,
+Der sein Bad besorgt, als Trinkgeld.
+
+Seinen Wanderstab ergriff er
+Jetzo und verließ die Hauptstadt;
+Vor dem Tor hat er den Staub
+Abgefegt von seinen Schuhen.
+
+ II
+
+»Hätt er menschlich ordinär
+Nicht gehalten, was versprochen,
+Hätt er nur sein Wort gebrochen,
+Zürnen wollt ich nimmermehr.
+
+»Aber unverzeihlich ist,
+Daß er mich getäuscht so schnöde
+Durch den Doppelsinn der Rede
+Und des Schweigens größte List.
+
+»Stattlich war er, würdevoll
+Von Gestalt und von Gebärden,
+Wen'ge glichen ihm auf Erden,
+War ein König jeder Zoll.
+
+»Wie die Sonn am Himmelsbogen,
+Feuerblicks, sah er mich an,
+Er, der Wahrheit stolzer Mann -
+Und er hat mich doch belogen.«
+
+ III
+
+Schach Mahomet hat gut gespeist,
+Und gut gelaunet ist sein Geist.
+
+Im dämmernden Garten, auf purpurnem Pfühl,
+Am Springbrunnen sitzt er. Das plätschert so kühl!
+
+Die Diener stehen mit Ehrfurchtsmienen;
+Sein Liebling Ansari ist unter ihnen.
+
+Aus Marmorvasen quillt hervor
+Ein üppig brennender Blumenflor.
+
+Gleich Odalisken anmutiglich
+Die schlanken Palmen fächern sich.
+
+Es stehen regungslos die Zypressen,
+Wie himmelträumend, wie weltvergessen.
+
+Doch plötzlich erklingt bei Lautenklang
+Ein sanft geheimnisvoller Gesang.
+
+Der Schach fährt auf, als wie behext -
+Von wem ist dieses Liedes Text?
+
+Ansari, an welchen die Frage gerichtet,
+Gab Antwort: Das hat Firdusi gedichtet.
+
+Firdusi? - rief der Fürst betreten -
+Wo ist er? Wie geht es dem großen Poeten?
+
+Ansari gab Antwort: In Dürftigkeit
+Und Elend lebt er seit langer Zeit
+
+Zu Thus, des Dichters Vaterstadt,
+Wo er ein kleines Gärtchen hat.
+
+Schach Mahomet schwieg, eine gute Weile,
+Dann sprach er: Ansari, mein Auftrag hat Eile -
+
+Geh nach meinen Ställen und erwähle
+Dort hundert Maultiere und funfzig Kamele.
+
+Die sollst du belasten mit allen Schätzen,
+Die eines Menschen Herz ergötzen,
+
+Mit Herrlichkeiten und Raritäten,
+Kostbaren Kleidern und Hausgeräten
+
+Von Sandelholz, von Elfenbein,
+Mit güldnen und silbernen Schnurrpfeiferein,
+
+Kannen und Kelchen, zierlich gehenkelt,
+Lepardenfellen, groß gesprenkelt,
+
+Mit Teppichen, Schals und reichen Brokaten,
+Die fabriziert in meinen Staaten -
+
+Vergiß nicht, auch hinzuzupacken
+Glänzende Waffen und Schabracken,
+
+Nicht minder Getränke jeder Art
+Und Speisen, die man in Töpfen bewahrt,
+
+Auch Konfitüren und Mandeltorten,
+Und Pfefferkuchen von allen Sorten.
+
+Füge hinzu ein Dutzend Gäule,
+Arabischer Zucht, geschwind wie Pfeile,
+
+Und schwarze Sklaven, gleichfalls ein Dutzend,
+Leiber von Erz, strapazentrutzend.
+
+Ansari, mit diesen schönen Sachen
+Sollst du dich gleich auf die Reise machen.
+
+Du sollst sie bringen nebst meinem Gruß
+Dem großen Dichter Firdusi zu Thus.
+
+Ansari erfüllte des Herrschers Befehle,
+Belud die Mäuler und Kamele
+
+Mit Ehrengeschenken, die wohl den Zins
+Gekostet von einer ganzen Provinz.
+
+Nach dreien Tagen verließ er schon
+Die Residenz, und in eigner Person,
+
+Mit einer roten Führerfahne,
+Ritt er voran der Karawane.
+
+Am achten Tage erreichten sie Thus;
+Die Stadt liegt an des Berges Fuß.
+
+Wohl durch das Westtor zog herein
+Die Karawane mit Lärmen und Schrein.
+
+Die Trommel scholl, das Kuhhorn klang,
+Und laut aufjubelt Triumphgesang.
+
+La Illa Il Allah! aus voller Kehle
+Jauchzten die Treiber der Kamele.
+
+Doch durch das Osttor, am andern End
+Von Thus, zog in demselben Moment
+
+Zur Stadt hinaus der Leichenzug,
+Der den toten Firdusi zu Grabe trug.
+
+
+
+ Nächtliche Fahrt
+
+Es wogte das Meer, aus dem dunklen Gewölk
+Der Halbmond lugte scheu;
+Und als wir stiegen in den Kahn,
+Wir waren unsrer drei.
+
+Es plätschert' im Wasser des Ruderschlags
+Verdrossenes Einerlei;
+Weißschäumende Wellen rauschten heran,
+Bespritzten uns alle drei.
+
+Sie stand im Kahn so blaß, so schlank,
+Und unbeweglich dabei,
+Als wär sie ein welsches Marmorbild,
+Dianens Konterfei.
+
+Der Mond verbirgt sich ganz. Es pfeift
+Der Nachtwind kalt vorbei;
+Hoch über unsern Häuptern ertönt
+Plötzlich ein gellender Schrei.
+
+Die weiße, gespenstische Möwe wars,
+Und ob dem bösen Schrei,
+Der schauerlich klang wie Warnungsruf,
+Erschraken wir alle drei.
+
+Bin ich im Fieber? Ist das ein Spuk
+Der nächtlichen Phantasei?
+Äfft mich ein Traum? Es träumet mir
+Grausame Narretei.
+
+Grausame Narretei! Mir träumt,
+Daß ich ein Heiland sei,
+Und daß ich trüge das große Kreuz
+Geduldig und getreu.
+
+Die arme Schönheit ist schwer bedrängt,
+Ich aber mache sie frei
+Von Schmach und Sünde, von Qual und Not,
+Von der Welt Unfläterei.
+
+Du arme Schönheit, schaudre nicht
+Wohl ob der bittern Arznei;
+Ich selber kredenze dir den Tod,
+Bricht auch mein Herz entzwei.
+
+O Narretei, grausamer Traum,
+Wahnsinn und Raserei!
+Es gähnt die Nacht, es kreischt das Meer,
+O Gott! o steh mir bei!
+
+O steh mir bei, barmherziger Gott!
+Barmherziger Gott Schaddey!
+Da schollerts hinab ins Meer - O Weh -
+Schaddey! Schaddey! Adonay! -
+
+Die Sonne ging auf, wir fuhren ans Land,
+Da blühte und glühte der Mai!
+Und als wir stiegen aus dem Kahn,
+Da waren wir unsrer _zwei_.
+
+
+
+ Vitzliputzli
+
+ Präludium
+
+Dieses ist Amerika!
+Dieses ist die neue Welt!
+Nicht die heutige, die schon
+Europäisieret abwelkt. -
+
+Dieses ist die neue Welt!
+Wie sie Christoval Kolumbus
+Aus dem Ozean hervorzog.
+Glänzet noch in Flutenfrische,
+
+Träufelt noch von Wasserperlen,
+Die zerstieben, farbensprühend,
+Wenn sie küßt das Licht der Sonne.
+Wie gesund ist diese Welt!
+
+Ist kein Kirchhof der Romantik,
+Ist kein alter Scherbenberg
+Von verschimmelten Symbolen
+Und versteinerten Perucken.
+
+Aus gesundem Boden sprossen
+Auch gesunde Bäume - keiner
+Ist blasiert und keiner hat
+In dem Rückgratmark die Schwindsucht.
+
+Auf den Baumesästen schaukeln
+Große Vögel. Ihr Gefieder
+Farbenschillernd. Mit den ernsthaft
+Langen Schnäbeln und mit Augen,
+
+Brillenartig schwarz umrändert,
+Schaun sie auf dich nieder, schweigsam -
+Bis sie plötzlich schrillend aufschrein
+Und wie Kaffeeschwestern schnattern.
+
+Doch ich weiß nicht, was sie sagen,
+Ob ich gleich der Vögel Sprachen
+Kundig bin wie Salomo,
+Welcher tausend Weiber hatte
+
+Und die Vögelsprachen kannte,
+Die modernen nicht allein,
+Sondern auch die toten, alten,
+Ausgestopften Dialekte.
+
+Neuer Boden, neue Blumen!
+Neue Blumen, neue Düfte!
+Unerhörte, wilde Düfte,
+Die mir in die Nase dringen,
+
+Neckend, prickelnd, leidenschaftlich -
+Und mein grübelnder Geruchsinn
+Quält sich ab: Wo hab ich denn
+Je dergleichen schon gerochen?
+
+Wars vielleicht auf Regentstreet,
+In den sonnig gelben Armen
+Jener schlanken Javanesin,
+Die beständig Blumen kaute?
+
+Oder wars zu Rotterdam,
+Neben des Erasmi Bildsäul,
+In der weißen Waffelbude
+Mit geheimnisvollem Vorhang?
+
+Während ich die neue Welt
+Solcher Art verdutzt betrachte,
+Schein ich selbst ihr einzuflößen
+Noch viel größre Scheu - Ein Affe,
+
+Der erschreckt ins Buschwerk forthuscht,
+Schlägt ein Kreuz bei meinem Anblick,
+Angstvoll rufend: »Ein Gespenst!
+Ein Gespenst der alten Welt!«
+
+Affe! fürcht dich nicht, ich bin
+Kein Gespenst, ich bin kein Spuk;
+Leben kocht in meinen Adern,
+Bin des Lebens treuster Sohn.
+
+Doch durch jahrelangen Umgang
+Mit den Toten, nahm ich an
+Der Verstorbenen Manieren
+Und geheime Seltsamkeiten.
+
+Meine schönsten Lebensjahre,
+Die verbracht ich im Kyffhäuser,
+Auch im Venusberg und andern
+Katakomben der Romantik.
+
+Fürcht dich nicht vor mir, mein Affe!
+Bin dir hold, denn auf dem haarlos
+Ledern abgeschabten Hintern
+Trägst du Farben, die ich liebe.
+
+Teure Farben! Schwarz-rot-goldgelb!
+Diese Affensteißcouleuren
+Sie erinnern mich mit Wehmut
+An das Banner Barbarossas.
+
+ I
+
+Auf dem Haupt trug er den Lorbeer,
+Und an seinen Stiefeln glänzten
+Goldne Sporen - dennoch war er
+Nicht ein Held und auch kein Ritter.
+
+Nur ein Räuberhauptmann war er,
+Der ins Buch des Ruhmes einschrieb,
+Mit der eignen frechen Faust,
+Seinen frechen Namen: Cortez.
+
+Unter des Kolumbus Namen
+Schrieb er ihn, ja dicht darunter,
+Und der Schulbub auf der Schulbank
+Lernt auswendig beide Namen -
+
+Nach dem Christoval Kolumbus,
+Nennt er jetzt Fernando Cortez
+Als den zweiten großen Mann
+In dem Pantheon der Neuwelt.
+
+Heldenschicksals letzte Tücke:
+Unser Name wird verkoppelt
+Mit dem Namen eines Schächers
+In der Menschen Angedenken.
+
+Wärs nicht besser, ganz verhallen
+Unbekannt, als mit sich schleppen
+Durch die langen Ewigkeiten
+Solche Namenskameradschaft?
+
+Messer Christoval Kolumbus
+War ein Held, und sein Gemüte,
+Das so lauter wie die Sonne,
+War freigebig auch wie diese.
+
+Mancher hat schon viel gegeben,
+Aber jener hat der Welt
+Eine ganze Welt geschenket,
+Und sie heißt Amerika.
+
+Nicht befreien konnt er uns
+Aus dem öden Erdenkerker,
+Doch er wußt ihn zu erweitern
+Und die Kette zu verlängern.
+
+Dankbar huldigt ihm die Menschheit,
+Die nicht bloß europamüde,
+Sondern Afrikas und Asiens
+Endlich gleichfalls müde worden - -
+
+Einer nur, ein einzger Held,
+Gab uns mehr und gab uns Beßres
+Als Kolumbus, das ist jener,
+Der uns einen Gott gegeben.
+
+Sein Herr Vater, der hieß Amram,
+Seine Mutter hieß Jochebeth,
+Und er selber, Moses heißt er,
+Und er ist mein bester Heros.
+
+Doch, mein Pegasus, du weilest
+Viel zu lang bei dem Kolumbus -
+Wisse, unser heutger Flugritt
+Gilt dem gringern Mann, dem Cortez.
+
+Breite aus den bunten Fittig,
+Flügelroß! und trage mich
+Nach der Neuwelt schönem Lande,
+Welches Mexiko geheißen.
+
+Trage mich nach jener Burg,
+Die der König Montezuma
+Gastlich seinen spanschen Gästen
+Angewiesen zur Behausung.
+
+Doch nicht Obdach bloß und Atzung,
+In verschwenderischer Fülle,
+Gab der Fürst den fremden Strolchen -
+Auch Geschenke reich und prächtig,
+
+Kostbarkeiten kluggedrechselt,
+Von massivem Gold, Juwelen,
+Zeugten glänzend von der Huld
+Und der Großmut des Monarchen.
+
+Dieser unzivilisierte,
+Abergläubisch blinde Heide
+Glaubte noch an Treu und Ehre
+Und an Heiligkeit des Gastrechts.
+
+Er willfahrte dem Gesuche,
+Beizuwohnen einem Feste,
+Das in ihrer Burg die Spanier
+Ihm zu Ehren geben wollten -
+
+Und mit seinem Hofgesinde,
+Arglos, huldreich, kam der König
+In das spanische Quartier,
+Wo Fanfaren ihn begrüßten.
+
+Wie das Festspiel war betitelt,
+Weiß ich nicht. Es hieß vielleicht:
+»Spansche Treue!« doch der Autor
+Nannt sich Don Fernando Cortez.
+
+Dieser gab das Stichwort - plötzlich
+Ward der König überfallen,
+Und man band ihn und behielt ihn
+In der Burg als eine Geisel.
+
+Aber Montezuma starb,
+Und da war der Damm gebrochen,
+Der die kecken Abenteurer
+Schützte vor dem Zorn des Volkes.
+
+Schrecklich jetzt begann die Brandung -
+Wie ein wild empörtes Meer
+Tosten, rasten immer näher
+Die erzürnten Menschenwellen.
+
+Tapfer schlugen zwar die Spanier
+Jeden Sturm zurück. Doch täglich
+Ward berennt die Burg aufs neue,
+Und ermüdend war das Kampfspiel.
+
+Nach dem Tod des Königs stockte
+Auch der Lebensmittel Zufuhr;
+Kürzer wurden die Rationen,
+Die Gesichter wurden länger.
+
+Und mit langen Angesichtern
+Sahn sich an Hispaniens Söhne,
+Und sie seufzten und sie dachten
+An die traute Christenheimat,
+
+An das teure Vaterland,
+Wo die frommen Glocken läuten
+Und am Herde friedlich brodelt
+Eine Ollea-Potrida,
+
+Dick verschmoret mit Garbanzos,
+Unter welchen, schalkhaft duftend,
+Auch wohl kichernd, sich verbergen
+Die geliebten Knoblauchwürstchen.
+
+Einen Kriegsrat hielt der Feldherr,
+Und der Rückzug ward beschlossen;
+In der nächsten Tagesfrühe
+Soll das Heer die Stadt verlassen.
+
+Leicht gelangs hineinzukommen
+Einst durch List dem klugen Cortez,
+Doch die Rückkehr nach dem Festland
+Bot fatale Schwierigkeiten.
+
+Mexiko, die Inselstadt,
+Liegt in einem großen See,
+Inder Mitte, flutumrauscht:
+Eine stolze Wasserfestung,
+
+Mit dem Uferland verkehrend
+Nur durch Schiffe, Flöße, Brücken,
+Die auf Riesenpfählen ruhen;
+Kleine Inseln bilden Furten.
+
+Noch bevor die Sonne aufging,
+Setzten sich in Marsch die Spanier;
+Keine Trommel ward gerühret,
+Kein Trompeter blies Reveille.
+
+Wollten ihre Wirte nicht
+Aus dem süßen Schlafe wecken -
+(Hunderttausend Indianer
+Lagerten in Mexiko).
+
+Doch der Spanier machte diesmal
+Ohne seinen Wirt die Rechnung;
+Noch frühzeitger aufgestanden
+Waren heut die Mexikaner.
+
+Auf den Brücken, auf den Flößen,
+Auf den Furten harrten sie,
+Um den Abschiedstrunk alldorten
+Ihren Gästen zu kredenzen.
+
+Auf den Brücken, Flößen, Furten,
+Hei! da gabs ein toll Gelage!
+Rot in Strömen floß das Blut,
+Und die kecken Zecher rangen -
+
+Rangen Leib an Leib gepreßt,
+Und wir sehn auf mancher nackten
+Indianerbrust den Abdruck
+Spanscher Rüstungsarabesken.
+
+Ein Erdrosseln wars, ein Würgen,
+Ein Gemetzel, das sich langsam,
+Schaurig langsam, weiter wälzte,
+Über Brücken, Flöße, Furten.
+
+Die Indianer sangen, brüllten,
+Doch die Spanier fochten schweigend;
+Mußten Schritt für Schritt erobern
+Einen Boden für die Flucht.
+
+In gedrängten Engpaßkämpfen
+Boten gringen Vorteil heute
+Alteuropas strenge Kriegskunst,
+Feuerschlünde, Harnisch, Pferde.
+
+Viele Spanier waren gleichfalls
+Schwer bepackt mit jenem Golde,
+Das sie jüngst erpreßt, erbeutet -
+Ach, die gelbe Sündenlast
+
+Lähmte, hemmte sie im Kampfe,
+Und das teuflische Metall
+Ward nicht bloß der armen Seele,
+Sondern auch dem Leib verderblich.
+
+Mittlerweile ward der See
+Ganz bedeckt von Kähnen, Barken;
+Schützen saßen drin und schossen
+Nach den Brücken, Flößen, Furten.
+
+Trafen freilich im Getümmel
+Viele ihrer eignen Brüder,
+Doch sie trafen auch gar manchen
+Hochvortrefflichen Hidalgo.
+
+Auf der dritten Brücke fiel
+Junker Gaston, der an jenem
+Tag die Fahne trug, worauf
+Konterfeit die heilge Jungfrau.
+
+Dieses Bildnis selber trafen
+Die Geschosse der Indianer;
+Sechs Geschosse blieben stecken
+Just im Herzen - blanke Pfeile,
+
+Ähnlich jenen güldnen Schwertern,
+Die der Mater dolorosa
+Schmerzenreiche Brust durchbohren
+Bei Karfreitagsprozessionen.
+
+Sterbend übergab Don Gaston
+Seine Fahne dem Gonzalvo,
+Der zu Tod getroffen gleichfalls
+Bald dahinsank. - Jetzt ergriff
+
+Cortez selbst das teure Banner,
+Er, der Feldherr, und er trug es
+Hoch zu Roß bis gegen Abend,
+Wo die Schlacht ein Ende nahm.
+
+Hundertsechzig Spanier fanden
+Ihren Tod an jenem Tage;
+Über achtzig fielen lebend
+In die Hände der Indianer.
+
+Schwer verwundet wurden viele,
+Die erst später unterlagen.
+Schier ein Dutzend Pferde wurde
+Teils getötet, teils erbeutet.
+
+Gegen Abend erst erreichten
+Cortez und sein Heer das sichre
+Uferland, ein Seegestade,
+Karg bepflanzt mit Trauerweiden.
+
+ II
+
+Nach des Kampfes Schreckenstag
+Kommt die Spuknacht des Triumphes;
+Hunderttausend Freudenlampen
+Lodern auf in Mexiko.
+
+Hunderttausend Freudenlampen,
+Waldharzfackeln, Pechkranzfeuer
+Werfen grell ihr Tageslicht
+Auf Paläste, Götterhallen,
+
+Gildenhäuser und zumal
+Auf den Tempel Vitzliputzlis,
+Götzenburg von rotem Backstein,
+Seltsam mahnend an ägyptisch,
+
+Babylonisch und assyrisch
+Kolossalen Bauwerk-Monstren,
+Die wir schauen auf den Bildern
+Unsers Britten Henri Martin.
+
+Ja, das sind dieselben breiten
+Rampentreppen, also breit,
+Daß dort auf und nieder wallen
+Viele tausend Mexikaner,
+
+Während auf den Stufen lagern
+Rottenweis die wilden Krieger,
+Welche lustig bankettieren,
+Hochberauscht von Sieg und Palmwein.
+
+Diese Rampentreppen leiten,
+Wie ein Zickzack, nach der Plattform,
+Einem balustradenartgen
+Ungeheuern Tempeldach.
+
+Dort auf seinem Thronaltar
+Sitzt der große Vitzliputzli,
+Mexikos blutdürstger Kriegsgott.
+Ist ein böses Ungestüm,
+
+Doch sein Äußres ist so putzig,
+So verschnörkelt und so kindisch,
+Daß er trotz des innern Grausens
+Dennoch unsre Lachlust kitzelt -
+
+Und bei seinem Anblick denken
+Wir zu gleicher Zeit etwa
+An den blassen Tod von Basel
+Und an Brüssels Mannke-Piß.
+
+An des Gottes Seite stehen
+Rechts die Laien, links die Pfaffen;
+Im Ornat von bunten Federn
+Spreizt sich heut die Klerisei.
+
+Auf des Altars Marmorstufen
+Hockt ein hundertjährig Männlein,
+Ohne Haar an Kinn und Schädel;
+Trägt ein scharlach Kamisölchen.
+
+Dieses ist der Opferpriester,
+Und er wetzet seine Messer,
+Wetzt sie lächelnd, und er schielet
+Manchmal nach dem Gott hinauf.
+
+Vitzliputzli scheint den Blick
+Seines Dieners zu verstehen,
+Zwinkert mit den Augenwimpern
+Und bewegt sogar die Lippen.
+
+Auf des Altars Stufen kauern
+Auch die Tempelmusici,
+Paukenschläger, Kuhhornbläser -
+Ein Gerassel und Getute -
+
+Ein Gerassel und Getute,
+Und es stimmet ein des Chores
+Mexikanisches Tedeum -
+Ein Miaulen wie von Katzen -
+
+Ein Miaulen wie von Katzen,
+Doch von jener großen Sorte,
+Welche Tigerkatzen heißen
+Und statt Mäuse Menschen fressen!
+
+Wenn der Nachtwind diese Töne
+Hinwirft nach dem Seegestade,
+Wird den Spaniern, die dort lagern,
+Katzenjämmerlich zu Mute.
+
+Traurig unter Trauerweiden,
+Stehen diese dort noch immer
+Und sie starren nach der Stadt,
+Die im dunkeln Seegewässer
+
+Widerspiegelt, schier verhöhnend,
+Alle Flammen ihrer Freude -
+Stehen dort wie im Parterre
+Eines großen Schauspielhauses,
+
+Und des Vitzliputzli-Tempels
+Helle Plattform ist die Bühne,
+Wo zur Siegesfeier jetzt
+Ein Mysterium tragiert wird.
+
+»Menschenopfer« heißt das Stück.
+Uralt ist der Stoff, die Fabel;
+In der christlichen Behandlung
+Ist das Schauspiel nicht so gräßlich.
+
+Denn dem Blute wurde Rotwein,
+Und dem Leichnam, welcher vorkam,
+Wurde eine harmlos dünne
+Mehlbreispeis transsubstituieret -
+
+Diesmal aber, bei den Wilden,
+War der Spaß sehr roh und ernsthaft
+Aufgefaßt: man speiste Fleisch,
+Und das Blut war Menschenblut.
+
+Diesmal war es gar das Vollblut
+Von Altchristen, das sich nie,
+Nie vermischt hat mit dem Blute
+Der Moresken und der Juden.
+
+Freu dich, Vitzliputzli, freu dich,
+Heute gibt es Spanierblut,
+Und am warmen Dufte wirst du
+Gierig laben deine Nase.
+
+Heute werden dir geschlachtet
+Achtzig Spanier, stolze Braten
+Für die Tafel deiner Priester,
+Die sich an dem Fleisch erquicken.
+
+Denn der Priester ist ein Mensch,
+Und der Mensch, der arme Fresser,
+Kann nicht bloß vom Riechen leben
+Und vom Dufte, wie die Götter.
+
+Horch! die Todespauke dröhnt schon,
+Und es kreischt das böse Kuhhorn!
+Sie verkünden, daß heraufsteigt
+Jetzt der Zug der Sterbemänner.
+
+Achtzig Spanier, schmählich nackend,
+Ihre Hände auf dem Rücken
+Festgebunden, schleppt und schleift man
+Hoch hinauf die Tempeltreppe.
+
+Vor dem Vitzliputzli-Bilde
+Zwingt man sie das Knie zu beugen
+Und zu tanzen Possentänze,
+Und man zwingt sie durch Torturen,
+
+Die so grausam und entsetzlich,
+Daß der Angstschrei der Gequälten
+Überheulet das gesamte
+Kannibalen-Charivari. -
+
+Armes Publikum am See!
+Cortez und die Kriegsgefährten
+Sie vernahmen und erkannten
+Ihrer Freunde Angstrufstimmen -
+
+Auf der Bühne, grellbeleuchtet,
+Sahen sie auch ganz genau
+Die Gestalten und die Mienen -
+Sahn das Messer, sahn das Blut -
+
+Und sie nahmen ab die Helme
+Von den Häuptern, knieten nieder,
+Stimmten an den Psalm der Toten,
+Und sie sangen: De profundis!
+
+Unter jenen, welche starben,
+War auch Raimond de Mendoza,
+Sohn der schönen Abbatissin,
+Cortez' erste Jugendliebe.
+
+Als er auf der Brust des Jünglings
+Jenes Medaillon gewahrte,
+Das der Mutter Bildnis einschloß,
+Weinte Cortez helle Tränen -
+
+Doch er wischt' sie ab vom Auge
+Mit dem harten Büffelhandschuh,
+Seufzte tief und sang im Chore
+Mit den Andern: miserere!
+
+ III
+
+Blasser schimmern schon die Sterne,
+Und die Morgennebel steigen
+Aus der Seeflut, wie Gespenster,
+Mit hinschleppend weißen Laken.
+
+Fest und Lichter sind erloschen
+Auf dem Dach des Götzentempels,
+Wo am blutgetränkten Estrich
+Schnarchend liegen Pfaff und Laie.
+
+Nur die rote Jacke wacht.
+Bei dem Schein der letzten Lampe,
+Süßlich grinsend, grimmig schäkernd,
+Spricht der Priester zu dem Gotte:
+
+»Vitzliputzli, Putzlivitzli,
+Liebstes Göttchen Vitzliputzli!
+Hast dich heute amüsieret,
+Hast gerochen Wohlgerüche!
+
+»Heute gab es Spanierblut -
+O, das dampfte so apptitlich,
+Und dein feines Leckernäschen
+Sog den Duft ein, wollustglänzend.
+
+»Morgen opfern wir die Pferde,
+Wiehernd edle Ungetüme,
+Die des Windes Geister zeugten,
+Buhlschaft treibend mit der Seekuh.
+
+»Willst du artig sein, so schlacht ich
+Dir auch meine beiden Enkel,
+Hübsche Bübchen, süßes Blut,
+Meines Alters einzge Freude.
+
+»Aber artig mußt du sein,
+Mußt uns neue Siege schenken -
+Laß uns siegen, liebes Göttchen,
+Putzlivitzli, Vitzliputzli!
+
+»O verderbe unsre Feinde,
+Diese Fremden, die aus fernen
+Und noch unentdeckten Ländern
+Zu uns kamen übers Weltmeer -
+
+»Warum ließen sie die Heimat?
+Trieb sie Hunger oder Blutschuld?
+Bleib im Land und nähr dich redlich,
+Ist ein sinnig altes Sprüchwort.
+
+»Was ist ihr Begehr? Sie stecken
+Unser Gold in ihre Taschen,
+Und sie wollen, daß wir droben
+Einst im Himmel glücklich werden!
+
+»Anfangs glaubten wir, sie wären
+Wesen von der höchsten Gattung,
+Sonnensöhne, die unsterblich
+Und bewehrt mit Blitz und Donner.
+
+»Aber Menschen sind sie, tötbar
+Wie wir Andre, und mein Messer
+Hat erprobet heute Nacht
+Ihre Menschensterblichkeit.
+
+»Menschen sind sie und nicht schöner
+Als wir Andre, manche drunter
+Sind so häßlich wie die Affen;
+Wie bei diesen sind behaart
+
+»Die Gesichter, und es heißt,
+Manche trügen in den Hosen
+Auch verborgne Affenschwänze -
+Wer kein Aff, braucht keine Hosen.
+
+»Auch moralisch häßlich sind sie,
+Wissen nichts von Pietät,
+Und es heißt, daß sie sogar
+Ihre eignen Götter fräßen!
+
+»O vertilge diese ruchlos
+Böse Brut, die Götterfresser -
+Vitzliputzli, Putzlivitzli,
+Laß uns siegen, Vitzliputzli!« -
+
+Also sprach zum Gott der Priester,
+Und des Gottes Antwort tönt
+Seufzend, röchelnd, wie der Nachtwind,
+Welcher koset mit dem Seeschilf:
+
+Rotjack, Rotjack, blutger Schlächter,
+Hast geschlachtet viele Tausend,
+Bohre jetzt das Opfermesser
+In den eignen alten Leib.
+
+Aus dem aufgeschlitzten Leib
+Schlüpft alsdann hervor die Seele;
+Über Kiesel, über Wurzel
+Trippelt sie zum Laubfroschteiche.
+
+Dorten hocket meine Muhme
+Rattenkönigin - sie wird sagen:
+»Guten Morgen, nackte Seele,
+Wie ergeht es meinem Neffen?
+
+»Vitzliputzlelt er vergnügt
+In dem honigsüßen Goldlicht?
+Wedelt ihm das Glück die Fliegen
+Und die Sorgen von der Stirne?
+
+»Oder kratzt ihn Katzlagara,
+Die verhaßte Unheilsgöttin
+Mit den schwarzen Eisenpfoten,
+Die in Otterngift getränket?«
+
+Nackte Seele, gib zur Antwort:
+Vitzliputzli läßt dich grüßen,
+Und er wünscht dir Pestilenz
+In den Bauch, Vermaledeite!
+
+Denn du rietest ihm zum Kriege,
+Und dein Rat, es war ein Abgrund -
+In Erfüllung geht die böse,
+Uralt böse Prophezeiung
+
+Von des Reiches Untergang
+Durch die furchtbar bärtgen Männer,
+Die auf hölzernem Gevögel
+Hergeflogen aus dem Osten.
+
+Auch ein altes Sprüchwort gibt es:
+Weiberwille, Gotteswille -
+Doppelt ist der Gotteswille,
+Wenn das Weib die Mutter Gottes.
+
+Diese ist es, die mir zürnet,
+Sie, die stolze Himmelsfürstin,
+Eine Jungfrau sonder Makel,
+Zauberkundig, wundertätig.
+
+Sie beschützt das Spaniervolk,
+Und wir müssen untergehen,
+Ich, der ärmste aller Götter,
+Und mein armes Mexiko.
+
+Nach vollbrachtem Auftrag, Rotjack,
+Krieche deine nackte Seele
+In ein Sandloch - Schlafe wohl!
+Daß du nicht mein Unglück schauest!
+
+Dieser Tempel stürzt zusammen,
+Und ich selber, ich versinke
+In dem Qualm - nur Rauch und Trümmer -
+Keiner wird mich wiedersehen.
+
+Doch ich sterbe nicht; wir Götter
+Werden alt wie Papageien,
+Und wir mausern nur und wechseln
+Auch wie diese das Gefieder.
+
+Nach der Heimat meiner Feinde,
+Die Europa ist geheißen,
+Will ich flüchten, dort beginn ich
+Eine neue Karriere.
+
+Ich verteufle mich, der Gott
+Wird jetzund ein Gottseibeiuns;
+Als der Feinde böser Feind,
+Kann ich dorten wirken, schaffen.
+
+Quälen will ich dort die Feinde,
+Mit Phantomen sie erschrecken -
+Vorgeschmack der Hölle, Schwefel
+Sollen sie beständig riechen.
+
+Ihre Weisen, ihre Narren
+Will ich ködern und verlocken;
+Ihre Tugend will ich kitzeln,
+Bis sie lacht wie eine Metze.
+
+Ja, ein Teufel will ich werden,
+Und als Kameraden grüß ich
+Satanas und Belial,
+Astaroth und Belzebub.
+
+Dich zumal begrüß ich, Lilis,
+Sündenmutter, glatte Schlange!
+Lehr mich deine Grausamkeiten
+Und die schöne Kunst der Lüge!
+
+Mein geliebtes Mexiko,
+Nimmermehr kann ich es retten,
+Aber rächen will ich furchtbar
+Mein geliebtes Mexiko.
+
+
+
+
+ Zweites Buch
+ Lamentationen
+
+
+
+ Das Glück ist eine leichte Dirne,
+ Und weilt nicht gern am selben Ort;
+ Sie streicht das Haar dir von der Stirne
+ Und küßt dich rasch und flattert fort.
+
+ Frau Unglück hat im Gegenteile
+ Dich liebefest ans Herz gedrückt;
+ Sie sagt, sie habe keine Eile,
+ Setzt sich zu dir ans Bett und strickt.
+
+
+
+ Waldeinsamkeit
+
+Ich hab in meinen Jugendtagen
+Wohl auf dem Haupt einen Kranz getragen;
+Die Blumen glänzten wunderbar,
+Ein Zauber in dem Kranze war.
+
+Der schöne Kranz gefiel wohl Allen,
+Doch der ihn trug hat Manchem mißfallen;
+Ich floh den gelben Menschenneid,
+Ich floh in die grüne Waldeinsamkeit.
+
+Im Wald, im Wald! da konnt ich führen
+Ein freies Leben mit Geistern und Tieren;
+Feen und Hochwild von stolzem Geweih,
+Sie nahten sich mir ganz ohne Scheu.
+
+Sie nahten sich mir ganz ohne Zagnis,
+Sie wußten, das sei kein schreckliches Wagnis;
+Daß ich kein Jäger, wußte das Reh,
+Daß ich kein Vernunftmensch, wußte die Fee.
+
+Von Feenbegünstigung plaudern nur Toren -
+Doch wie die übrigen Honoratioren
+Des Waldes mir huldreich gewesen, fürwahr
+Ich darf es bekennen offenbar.
+
+Wie haben mich lieblich die Elfen umflattert!
+Ein luftiges Völkchen! das plaudert und schnattert!
+Ein bißchen stechend ist der Blick,
+Verheißend ein süßes, doch tödliches Glück.
+
+Ergötzten mich mit Maitanz und Maispiel,
+Erzählten mir Hofgeschichten, zum Beispiel:
+Die skandalose Chronika
+Der Königin Titania.
+
+Saß ich am Bache, so tauchten und sprangen
+Hervor aus der Flut, mit ihrem langen
+Silberschleier und flatterndem Haar,
+Die Wasserbacchanten, die Nixenschar.
+
+Sie schlugen die Zither, sie spielten auf Geigen,
+Das war der famose Nixenreigen;
+Die Posituren, die Melodei,
+War klingende, springende Raserei.
+
+Jedoch zu Zeiten waren sie minder
+Tobsüchtig gelaunt, die schönen Kinder;
+Zu meinen Füßen lagerten sie,
+Das Köpfchen gestützt auf meinem Knie.
+
+Trällerten, trillerten welsche Romanzen,
+Zum Beispiel das Lied von den drei Pomeranzen,
+Sangen auch wohl ein Lobgedicht
+Auf mich und mein nobeles Menschengesicht.
+
+Sie unterbrachen manchmal das Gesinge
+Lautlachend, und frugen bedenkliche Dinge,
+Zum Beispiel: »Sag uns, zu welchem Behuf
+Der liebe Gott den Menschen schuf?
+
+»Hat eine unsterbliche Seele ein Jeder
+Von euch? Ist diese Seele von Leder
+Oder von steifer Leinwand? Warum
+Sind eure Leute meistens so dumm?«
+
+Was ich zur Antwort gab, verhehle
+Ich hier, doch meine unsterbliche Seele,
+Glaubt mirs, ward nie davon verletzt,
+Was eine kleine Nixe geschwätzt.
+
+Anmutig und schalkhaft sind Nixen und Elfen;
+Nicht so die Erdgeister, sie dienen und helfen
+Treuherzig den Menschen. Ich liebte zumeist
+Die, welche man Wichtelmännchen heißt.
+
+Sie tragen Rotmäntelchen, lang und bauschig,
+Die Miene ist ehrlich, doch bang und lauschig;
+Ich ließ nicht merken, daß ich entdeckt,
+Warum sie so ängstlich die Füße versteckt.
+
+Sie haben nämlich Entenfüße
+Und bilden sich ein, daß Niemand es wisse.
+Das ist eine tiefgeheime Wund,
+Worüber ich nimmermehr spötteln kunnt.
+
+Ach Himmel! wir Alle, gleich jenen Zwergen,
+Wir haben ja Alle etwas zu verbergen;
+Kein Christenmensch, wähnen wir, hätte entdeckt,
+Wo unser Entenfüßchen steckt.
+
+Niemals verkehrt ich mit Salamandern,
+Und über ihr Treiben erfuhr ich von andern
+Waldgeistern sehr wenig. Sie huschten mir scheu
+Des Nachts wie leuchtende Schatten vorbei.
+
+Sind spindeldürre, von Kindeslänge,
+Höschen und Wämschen anliegend enge,
+Von Scharlachfarbe, goldgestickt;
+Das Antlitz kränklich, vergilbt und bedrückt.
+
+Ein güldnes Krönlein, gespickt mit Rubinen,
+Trägt auf dem Köpfchen ein jeder von ihnen;
+Ein jeder von ihnen bildet sich ein,
+Ein absoluter König zu sein.
+
+Daß sie im Feuer nicht verbrennen,
+Ist freilich ein Kunststück, ich will es bekennen;
+Jedoch der unentzündbare Wicht,
+Ein wahrer Feuergeist ist er nicht.
+
+Die klügsten Waldgeister sind die Alräunchen,
+Langbärtige Männlein mit kurzen Beinchen,
+Ein fingerlanges Greisengeschlecht;
+Woher sie stammen, man weiß es nicht recht.
+
+Wenn sie im Mondschein kopfüber purzeln,
+Das mahnt bedenklich an Pissewurzeln;
+Doch da sie mir nur Gutes getan,
+So geht mich nichts ihr Ursprung an.
+
+Sie lehrten mir kleine Hexereien,
+Feuer besprechen, Vögel beschreien,
+Auch pflücken in der Johannisnacht
+Das Kräutlein, das unsichtbar macht.
+
+Sie lehrten mich Sterne und Zeichen deuten,
+Sattellos auf dem Winde reiten,
+Auch Runensprüche, womit man ruft
+Die Toten hervor aus ihrer Gruft.
+
+Sie haben mir auch den Pfiff gelehrt,
+Wie man den Vogel Specht betört
+Und ihm die Springwurz abgewinnt,
+Die anzeigt, wo Schätze verborgen sind.
+
+Die Worte, die man beim Schätzegraben
+Hinmurmelt, lehrten sie mich, sie haben
+Mir alles expliziert - umsunst!
+Hab nie begriffen die Schatzgräberkunst.
+
+Wohl hatt ich derselben nicht nötig dermalen,
+Ich brauchte wenig, und konnt es bezahlen,
+Besaß auch in Spanien manch luftiges Schloß,
+Wovon ich die Revenüen genoß.
+
+O, schöne Zeit! wo voller Geigen
+Der Himmel hing, wo Elfenreigen
+Und Nixentanz und Koboldscherz
+Umgaukelt mein märchentrunkenes Herz!
+
+O, schöne Zeit! wo sich zu grünen
+Triumphespforten zu wölben schienen
+Die Bäume des Waldes - ich ging einher,
+Bekränzt, als ob ich der Sieger wär!
+
+Die schöne Zeit, sie ist verschlendert,
+Und Alles hat sich seitdem verändert,
+Und ach! mir ist der Kranz geraubt,
+Den ich getragen auf meinem Haupt.
+
+Der Kranz ist mir vom Haupt genommen,
+Ich weiß es nicht, wie es gekommen;
+Doch seit der schöne Kranz mir fehlt,
+Ist meine Seele wie entseelt.
+
+Es glotzen mich an unheimlich blöde
+Die Larven der Welt! Der Himmel ist öde,
+Ein blauer Kirchhof, entgöttert und stumm.
+Ich gehe gebückt im Wald herum.
+
+Im Walde sind die Elfen verschwunden,
+Jagdhörner hör ich, Gekläffe von Hunden;
+Im Dickicht ist das Reh versteckt,
+Das tränend seine Wunden leckt.
+
+Wo sind die Alräunchen? Ich glaube, sie halten
+Sich ängstlich verborgen in Felsenspalten.
+Ihr kleinen Freunde, ich komme zurück,
+Doch ohne Kranz und ohne Glück.
+
+Wo ist die Fee mit dem langen Goldhaar,
+Die erste Schönheit, die mir hold war?
+Der Eichenbaum, worin sie gehaust,
+Steht traurig entlaubt, vom Winde zerzaust.
+
+Der Bach rauscht trostlos gleich dem Styxe;
+Am einsamen Ufer sitzt eine Nixe,
+Todblaß und stumm, wie 'n Bild von Stein,
+Scheint tief in Kummer versunken zu sein.
+
+Mitleidig tret ich zu ihr heran -
+Da fährt sie auf und schaut mich an,
+Und sie entflieht mit entsetzten Mienen,
+Als sei ihr ein Gespenst erschienen.
+
+
+
+ Spanische Atriden
+
+Am Hubertustag des Jahres
+Dreizehnhundert drei und achtzig
+Gab der König uns ein Gastmahl
+Zu Segovia im Schlosse.
+
+Hofgastmähler sind dieselben
+Überall, es gähnt dieselbe
+Souveräne Langeweile
+An der Tafel aller Fürsten.
+
+Prunkgeschirr von Gold und Silber,
+Leckerbissen aller Zonen,
+Und derselbe Bleigeschmack,
+Mahnend an Lokustes Küche.
+
+Auch derselbe seidne Pöbel,
+Buntgeputzt und vornehm nickend,
+Wie ein Beet von Tulipanen;
+Nur die Saucen sind verschieden.
+
+Und das ist ein Wispern, Sumsen,
+Das wie Mohn den Sinn einschläfert,
+Bis Trompetenstöße wecken
+Aus der kauenden Betäubnis.
+
+Neben mir, zum Glücke, saß
+Don Diego Albuquerque,
+Dem die Rede unterhaltsam
+Von den klugen Lippen floß.
+
+Ganz vorzüglich gut erzählte
+Er die blutgen Hofgeschichten
+Aus den Tagen des Don Pedro,
+Den man »König Grausam« nannte.
+
+Als ich frug, warum Don Pedro
+Seinen Bruder Don Fredrego
+Insgeheim enthaupten ließ,
+Sprach mein Tischgenosse seufzend:
+
+Sennor! glaubt nicht was sie klimpern
+Auf den schlottrigen Gitarren,
+Bänkelsänger, Maultiertreiber,
+In Posaden, Kneipen, Schenken.
+
+Glaubet nimmer, was sie faseln
+Von der Liebe Don Fredregos
+Und Don Pedros schöner Gattin,
+Donna Blanka von Bourbon.
+
+Nicht der Eifersucht des Gatten,
+Nur der Mißgunst eines Neidharts
+Fiel als Opfer Don Fredrego,
+Calatravas Ordensmeister.
+
+Das Verbrechen, das Don Pedro
+Nicht verzieh, das war sein Ruhm,
+Jener Ruhm, den Donna Fama
+Mit Entzücken ausposaunte.
+
+Auch verzieh ihm nicht Don Pedro
+Seiner Seele Hochgefühle
+Und die Wohlgestalt des Leibes,
+Die ein Abbild solcher Seele.
+
+Blühend blieb mir im Gedächtnis
+Diese schlanke Heldenblume;
+Nie vergeß ich dieses schöne
+Träumerische Jünglingsantlitz.
+
+Das war eben jene Sorte,
+Die geliebt wird von den Feen,
+Und ein märchenhaft Geheimnis
+Sprach aus allen diesen Zügen.
+
+Blaue Augen, deren Schmelz
+Blendend wie ein Edelstein, -
+Aber auch der stieren Härte
+Eines Edelsteins teilhaftig.
+
+Seine Haare waren schwarz,
+Bläulichschwarz, von seltnem Glanze,
+Und in üppig schönen Locken
+Auf die Schulter niederfallend.
+
+In der schönen Stadt Coimbra,
+Die er abgewann den Mohren,
+Sah ich ihn zum letzten Male
+Lebend - unglückselger Prinz!
+
+Eben kam er vom Alkanzor,
+Durch die engen Straßen reitend;
+Manche junge Mohrin lauschte
+Hinterm Gitter ihres Fensters.
+
+Seines Hauptes Helmbusch wehte
+Frei galant, jedoch des Mantels
+Strenges Calatrava-Kreuz
+Scheuchte jeden Buhlgedanken.
+
+Ihm zur Seite, freudewedelnd,
+Sprang sein Liebling, Allan hieß er,
+Eine Bestie stolzer Rasse,
+Deren Heimat die Sierra.
+
+Trotz der ungeheuern Größe
+War er wie ein Reh gelenkig,
+Nobel war des Kopfes Bildung,
+Ob sie gleich dem Fuchse ähnlich.
+
+Schneeweiß und so weich wie Seide
+Flockten lang herab die Haare;
+Mit Rubinen inkrustieret
+War das breite goldne Halsband.
+
+Dieses Halsband, sagt man, barg
+Einen Talisman der Treue;
+Niemals wich er von der Seite
+Seines Herrn, der treue Hund.
+
+O der schauerlichen Treue!
+Mir erbebet das Gemüte,
+Denk ich dran, wie sie sich hier
+Offenbart vor unsern Augen.
+
+O des schreckenvollen Tages!
+Hier in diesem Saale war es,
+Und wie heute saß ich hier
+An der königlichen Tafel.
+
+An dem obern Tafelende,
+Dort, wo heute Don Henrico
+Fröhlich bechert mit der Blume
+Kastilianscher Ritterschaft -
+
+Jenes Tags saß dort Don Pedro
+Finster stumm, und neben ihm,
+Strahlend stolz wie eine Göttin,
+Saß Maria de Padilla.
+
+Hier am untern End der Tafel,
+Wo wir heut die Dame sehen,
+Deren große Linnenkrause
+Wie ein weißer Teller aussieht -
+
+Während ihr vergilbt Gesichtchen
+Mit dem säuerlichen Lächeln
+Der Zitrone gleichet, welche
+Auf besagtem Teller ruht:
+
+Hier am untern End der Tafel
+War ein leerer Platz geblieben;
+Eines Gasts von hohem Range
+Schien der goldne Stuhl zu harren.
+
+Don Fredrego war der Gast,
+Dem der goldne Stuhl bestimmt war -
+Doch er kam nicht -ach, wir wissen
+Jetzt den Grund der Zögerung.
+
+Ach, zur selben Stunde wurde
+Sie vollbracht, die dunkle Untat,
+Und der arglos junge Held
+Wurde von Don Pedros Schergen
+
+Hinterlistig überfallen
+Und gebunden fortgeschleppt
+In ein ödes Schloßgewölbe,
+Nur von Fackelschein beleuchtet.
+
+Dorten standen Henkersknechte,
+Dorten stand der rote Meister,
+Der, gestützt auf seinem Richtbeil,
+Mit schwermütger Miene sprach:
+
+Jetzt, Großmeister von San Jago,
+Müßt Ihr Euch zum Tod bereiten,
+Eine Viertelstunde sei
+Euch bewilligt zum Gebete.
+
+Don Fredrego kniete nieder,
+Betete mit frommer Ruhe,
+Sprach sodann: ich hab vollendet,
+Und empfing den Todesstreich.
+
+In demselben Augenblicke,
+Als der Kopf zu Boden rollte,
+Sprang drauf zu der treue Allan,
+Welcher unbemerkt gefolgt war.
+
+Er erfaßte, mit den Zähnen,
+Bei dem Lockenhaar das Haupt,
+Und mit dieser teuern Beute
+Schoß er zauberschnell von dannen.
+
+Jammer und Geschrei erscholl
+Überall auf seinem Wege,
+Durch die Gänge und Gemächer,
+Treppen auf und Treppen ab.
+
+Seit dem Gastmahl des Belsazar
+Gab es keine Tischgesellschaft,
+Welche so verstöret aussah
+Wie die unsre in dem Saale,
+
+Als das Ungetüm hereinsprang
+Mit dem Haupte Don Fredregos,
+Das er mit den Zähnen schleppte
+An den träufend blutgen Haaren.
+
+Auf den leer gebliebnen Stuhl,
+Welcher seinem Herrn bestimmt war,
+Sprang der Hund und, wie ein Kläger,
+Hielt er uns das Haupt entgegen.
+
+Ach, es war das wohlbekannte
+Heldenantlitz, aber blässer,
+Aber ernster, durch den Tod,
+Und umringelt gar entsetzlich
+
+Von der Fülle schwarzer Locken,
+Die sich bäumten wie der wilde
+Schlangenkopfputz der Meduse,
+Auch wie dieser schreckversteinernd.
+
+Ja, wir waren wie versteinert,
+Sahn uns an mit starrer Miene,
+Und gelähmt war jede Zunge
+Von der Angst und Etikette.
+
+Nur Maria de Padilla
+Brach das allgemeine Schweigen;
+Händeringend, laut aufschluchzend,
+Jammerte sie ahndungsvoll:
+
+»Heißen wird es jetzt, ich hätte
+Angestiftet solche Mordtat,
+Und der Groll trifft meine Kinder,
+Meine schuldlos armen Kinder!«
+
+Don Diego unterbrach hier
+Seine Rede, denn wir sahen,
+Daß die Tafel aufgehoben
+Und der Hof den Saal verlassen.
+
+Höfisch fein von Sitten, gab
+Mir der Ritter das Geleite,
+Und wir wandelten selbander
+Durch das alte Gotenschloß.
+
+Indem Kreuzgang, welcher leitet
+Nach des Königs Hundeställen,
+Die durch Knurren und Gekläffe
+Schon von fernher sich verkündgen,
+
+Dorten sah ich, in der Wand
+Eingemauert und nach außen
+Fest mit Eisenwerk vergattert,
+Eine Zelle wie ein Käfig.
+
+Menschliche Gestalten zwo
+Saßen drin, zwei junge Knaben;
+Angefesselt bei den Beinen,
+Hockten sie auf fauler Streu.
+
+Kaum zwölfjährig schien der Eine,
+Wenig älter war der Andre;
+Die Gesichter schön und edel,
+Aber fahl und welk von Siechtum.
+
+Waren ganz zerlumpt, fast nackend,
+Und die magern Leibchen trugen
+Wunde Spuren der Mißhandlung;
+Beide schüttelte das Fieber.
+
+Aus der Tiefe ihres Elends
+Schauten sie zu mir empor,
+Wie mit weißen Geisteraugen,
+Daß ich schier darob erschrocken.
+
+Wer sind diese Jammerbilder?
+Rief ich aus, indem ich hastig
+Don Diegos Hand ergriff,
+Die gezittert, wie ich fühlte.
+
+Don Diego schien verlegen,
+Sah sich um, ob Niemand lausche,
+Seufzte tief und sprach am Ende,
+Heitern Weltmannston erkünstelnd:
+
+Dieses sind zwei Königskinder,
+Früh verwaiset, König Pedro
+Hieß der Vater, und die Mutter
+War Maria de Padilla.
+
+Nach der großen Schlacht bei Narvas,
+Wo Henrico Transtamare
+Seinen Bruder, König Pedro,
+Von der großen Last der Krone
+
+Und zugleich von jener größern
+Last, die Leben heißt, befreite:
+Da traf auch die Bruderskinder
+Don Henricos Siegergroßmut.
+
+Hat sich ihrer angenommen,
+Wie es einem Oheim ziemet,
+Und im eignen Schlosse gab er
+Ihnen freie Kost und Wohnung.
+
+Enge freilich ist das Stübchen,
+Das er ihnen angewiesen,
+Doch im Sommer ist es kühlig,
+Und nicht gar zu kalt im Winter.
+
+Ihre Speis ist Roggenbrot,
+Das so schmackhaft ist, als hätt es
+Göttin Ceres selbst gebacken
+Für ihr liebes Proserpinchen.
+
+Manchmal schickt er ihnen auch
+Eine Kumpe mit Garbanzos,
+Und die Jungen merken dann,
+Daß es Sonntag ist in Spanien.
+
+Doch nicht immer ist es Sonntag,
+Und nicht immer gibts Garbanzos,
+Und der Oberkoppelmeister
+Regaliert sie mit der Peitsche.
+
+Denn der Oberkoppelmeister,
+Der die Ställe mit der Meute
+Sowie auch den Neffenkäfig
+Unter seiner Aufsicht hat,
+
+Ist der unglückselge Gatte
+Jener sauren Zitronella
+Mit der weißen Tellerkrause,
+Die wir heut bei Tisch bewundert,
+
+Und sie keift so frech, daß oft
+Ihr Gemahl zur Peitsche greift -
+Und hierher eilt und die Hunde
+Und die armen Knaben züchtigt.
+
+Doch der König hat mißbilligt
+Solch Verfahren und befahl,
+Daß man künftig seine Neffen
+Nicht behandle wie die Hunde.
+
+Keiner fremden Mietlingsfaust
+Wird er ferner anvertrauen
+Ihre Zucht, die er hinfüro
+Eigenhändig leiten will.
+
+Don Diego stockte plötzlich,
+Denn der Seneschall des Schlosses
+Kam zu uns und frug uns
+Höflich: ob wir wohlgespeist? - -
+
+
+
+ Der Ex-Lebendige
+
+Brutus, wo ist dein Cassius,
+Der Wächter, der nächtliche Rufer,
+Der einst mit dir, im Seelenerguß,
+Gewandelt am Seineufer?
+
+Ihr schautet manchmal in die Höh,
+Wo die dunklen Wolken jagen -
+Viel dunklere Wolke war die Idee,
+Die Ihr im Herzen getragen.
+
+Brutus, wo ist dein Cassius?
+Er denkt nicht mehr ans Morden!
+Es heißt, er sei am Neckarfluß
+Tyrannenvorleser geworden.
+
+Doch Brutus erwidert: Du bist ein Tor,
+Kurzsichtig wie alle Poeten -
+Mein Cassius liest dem Tyrannen vor,
+Jedoch um ihn zu töten.
+
+Er liest ihm Gedichte von Matzerath -
+Ein Dolch ist jede Zeile!
+Der arme Tyrann, früh oder spat
+Stirbt er vor Langeweile.
+
+
+
+ Der Ex-Nachtwächter
+
+Mißgelaunt, sagt man, verließ er
+Stuttgart an dem Neckarstrand,
+Und zu München an der Isar
+Ward er Schauspielintendant.
+
+Das ist eine schöne Gegend
+Ebenfalls, es schäumet hier,
+Geist- und phantasieerregend,
+Holder Bock, das beste Bier.
+
+Doch der arme Intendante,
+Heißt es, gehet dort herum
+Melancholisch wie ein Dante,
+Wie Lord Byron gloomy, stumm.
+
+Ihn ergötzen nicht Komödien,
+Nicht das schlechteste Gedicht,
+Selbst die traurigsten Tragödien
+Liest er - doch er lächelt nicht.
+
+Manche Schöne möcht erheitern
+Dieses gramumflorte Herz,
+Doch die Liebesblicke scheitern
+An dem Panzer, der von Erz.
+
+Nannerl mit dem Riegelhäubchen
+Girrt ihn an so muntern Sinns -
+Geh ins Kloster, armes Täubchen,
+Spricht er wie ein Dänenprinz.
+
+Seine Freunde sind vergebens
+Zu erlustgen ihn bemüht,
+Singen: Freue dich des Lebens,
+Weil dir noch dein Lämpchen glüht!
+
+Kann dich nichts zum Frohsinn reizen
+Hier in dieser hübschen Stadt,
+Die an amüsanten Käuzen
+Wahrlich keinen Mangel hat?
+
+Zwar hat sie in jüngsten Tagen
+Eingebüßt so manchen Mann,
+Manchen trefflichen Choragen,
+Den man schwer entbehren kann.
+
+Wär der Maßmann nur geblieben!
+Dieser hätte wohl am End
+Jeden Trübsinn dir vertrieben
+Durch sein Burzelbaumtalent.
+
+Schelling, der ist unersetzlich!
+Ein Verlust vom höchsten Wert!
+War als Philosoph ergötzlich
+Und als Mime hochgeehrt.
+
+Daß der Gründer der Walhalla
+Fortging und zurücke ließ
+Seine Manuskripte alle,
+Gleichfalls ein Verlust war dies!
+
+Mit Corneljus ging verloren
+Auch des Meisters Jüngerschaft;
+Hat das Haar sich abgeschoren,
+Und im Haar war ihre Kraft.
+
+Denn der kluge Meister legte
+Einen Zauber in das Haar,
+Drin sich sichtbar oft bewegte
+Etwas das lebendig war.
+
+Tot ist Görres, die Hyäne.
+Ob des heiligen Offiz
+Umsturz quoll ihm einst die Träne
+Aus des Auges rotem Schlitz.
+
+Dieses Raubtier hat ein Sühnchen
+Hinterlassen, doch es ist
+Nur ein giftiges Kaninchen,
+Welches Nonnenfürzchen frißt.
+
+Apropos! Der erzinfame
+Pfaffe Dollingerius -
+Das ist ungefähr sein Name -
+Lebt er noch am Isarfluß?
+
+Dieser bleibt mir unvergeßlich!
+Bei dem reinen Sonnenlicht!
+Niemals schaut ich solch ein häßlich
+Armesünderangesicht.
+
+Wie es heißt, ist er gekommen
+Auf die Welt gar wundersam,
+Hat den Afterweg genommen,
+Zu der Mutter Schreck und Scham.
+
+Sah ihn am Karfreitag wallen
+In dem Zug der Prozession,
+Von den dunkeln Männern allen
+Wohl die dunkelste Person.
+
+Ja, Monacho Monachorum
+Ist in unsrer Zeit der Sitz
+Der Virorum obscurorum,
+Die verherrlicht Huttens Witz.
+
+Wie du zuckst beim Namen Hutten!
+Ex-Nachtwächter, wache auf!
+Hier die Pritsche, dort die Kutten,
+Und wie ehmals schlage drauf!.
+
+Geißle ihre Rücken blutig,
+Wie einst tat der Ullerich;
+Dieser schlug so rittermutig,
+Jene heulten fürchterlich.
+
+Der Erasmus mußte lachen
+So gewaltig ob dem Spaß,
+Daß ihm platzte in dem Rachen
+Sein Geschwür und er genas.
+
+Auf der Ebersburg desgleichen
+Lachte Sickingen wie toll,
+Und in allen deutschen Reichen
+Das Gelächter widerscholl.
+
+Alte lachten wie die Jungen -
+Eine einzge Lache nur
+War ganz Wittenberg, sie sungen
+Gaudeamus igitur!
+
+Freilich, klopft man faule Kutten,
+Fängt man Flöh im Überfluß,
+Und es mußte sich der Hutten
+Manchmal kratzen vor Verdruß.
+
+Aber alea est jacta!
+War des Ritters Schlachtgeschrei,
+Und er knickte und er knackte
+Pulices und Klerisei.
+
+Ex-Nachtwächter, Stundenrufer,
+Fühlst du nicht dein Herz erglühn?
+Rege dich am Isarufer,
+Schüttle ab den kranken Spleen.
+
+Deine langen Fortschrittsbeine,
+Heb sie auf zu neuem Lauf -
+Kutten grobe, Kutten feine,
+Sind es Kutten, schlage drauf!
+
+Jener aber seufzt, und seine
+Hände ringend er versetzt:
+Meine langen Fortschrittsbeine
+Sind europamüde jetzt.
+
+Meine Hühneraugen jücken,
+Habe deutsche enge Schuh,
+Und wo mich die Schuhe drücken,
+Weiß ich wohl - laß mich in Ruh!
+
+
+
+ Plateniden
+
+Iliaden, Odysseen
+Kündigst du uns prahlend an,
+Und wir wollen in dir sehen
+Deutscher Zukunft größten Mann.
+
+Eine große Tat in Worten,
+Die du einst zu tun gedenkst! -
+O, ich kenne solche Sorten
+Geistger Schuldenmacher längst.
+
+Hier ist Rhodus, komm und zeige
+Deine Kunst, hier wird getanzt!
+Oder trolle dich und schweige,
+Wenn du heut nicht tanzen kannst.
+
+Wahre Prinzen aus Genieland
+Zahlen bar was sie verzehrt,
+Schiller, Goethe, Lessing, Wieland
+Haben nie Kredit begehrt.
+
+Wollten keine Ovationen
+Von dem Publiko auf Pump,
+Keine Vorschuß-Lorbeerkronen,
+Rühmten sich nicht keck und plump.
+
+Tot ist längst der alte Junker,
+Doch sein Same lebt noch heut -
+O, ich kenne das Geflunker
+Künftiger Unsterblichkeit.
+
+Das sind Platens echte Kinder,
+Echtes Platenidenblut -
+Meine teuern Hallermünder,
+O, ich kenn euch gar zu gut!
+
+
+
+ Mythologie
+
+Ja, Europa ist erlegen -
+Wer kann Ochsen widerstehen?
+Wir verzeihen auch Danäen -
+Sie erlag dem goldnen Regen!
+
+Semele ließ sich verführen -
+Denn sie dachte: eine Wolke,
+Ideale Himmelswolke,
+Kann uns nicht kompromittieren.
+
+Aber tief muß uns empören
+Was wir von der Leda lesen -
+Welche Gans bist du gewesen,
+Daß ein Schwan dich konnt betören!
+
+
+
+ In Mathildens Stammbuch
+
+Hier, auf gewalzten Lumpen, soll ich
+Mit einer Spule von der Gans
+Hinkritzeln ernsthaft halb, halb drollig,
+Versifizierten Firlefanz -
+
+Ich, der gewohnt mich auszusprechen
+Auf deinem schönen Rosenmund,
+Mit Küssen, die wie Flammen brechen
+Hervor aus tiefstem Herzensgrund!
+
+O Modewut! Ist man ein Dichter,
+Quält uns die eigne Frau zuletzt,
+Bis man, wie andre Sangeslichter,
+Ihr einen Reim ins Album setzt.
+
+
+
+ An die Jungen
+
+Laß dich nicht kirren, laß dich nicht wirren
+Durch goldne Äpfel in deinem Lauf!
+Die Schwerter klirren, die Pfeile schwirren,
+Doch halten sie nicht den Helden auf.
+
+Ein kühnes Beginnen ist halbes Gewinnen,
+Ein Alexander erbeutet die Welt!
+Kein langes Besinnen! Die Königinnen
+Erwarten schon knieend den Sieger im Zelt.
+
+Wir wagen, wir werben! besteigen als Erben
+Des alten Darius Bett und Thron.
+O süßes Verderben! o blühendes Sterben!
+Berauschter Triumphtod zu Babylon!
+
+
+
+ Der Ungläubige
+
+Du wirst in meinen Armen ruhn!
+Von Wonnen sonder Schranken
+Erbebt und schwillt mein ganzes Herz
+Bei diesem Zaubergedanken.
+
+Du wirst in meinen Armen ruhn!
+Ich spiele mit den schönen
+Goldlocken! Dein holdes Köpfchen wird
+An meine Schulter lehnen.
+
+Du wirst in meinen Armen ruhn!
+Der Traum will Wahrheit werden,
+Ich soll des Himmels höchste Lust
+Hier schon genießen auf Erden.
+
+O, heilger Thomas! Ich glaub es kaum!
+Ich zweifle bis zur Stunde,
+Wo ich den Finger legen kann
+In meines Glückes Wunde.
+
+
+
+ K.-Jammer
+
+Diese graue Wolkenschar
+Stieg aus einem Meer von Freuden;
+Heute muß ich dafür leiden,
+Daß ich gestern glücklich war.
+
+Ach, in Wermut hat verkehrt
+Sich der Nektar! Ach, wie quälend
+Katzenjammer, Hundeelend
+Herz und Magen mir beschwert!
+
+
+
+ Zum Hausfrieden
+
+Viele Weiber, viele Flöhe,
+Viele Flöhe, vieles Jucken -
+Tun sie heimlich dir ein Wehe,
+Darfst du dennoch dich nicht mucken.
+
+Denn sie rächen, schelmisch lächelnd,
+Sich zur Nachtzeit - Willst du drücken
+Sie ans Herze, lieberöchelnd,
+Ach, da drehn sie dir den Rücken.
+
+
+
+ Jetzt wohin?
+
+Jetzt wohin? Der dumme Fuß
+Will mich gern nach Deutschland tragen;
+Doch es schüttelt klug das Haupt
+Mein Verstand und scheint zu sagen:
+
+Zwar beendigt ist der Krieg,
+Doch die Kriegsgerichte blieben,
+Und es heißt, du habest einst
+Viel Erschießliches geschrieben.
+
+Das ist wahr, unangenehm
+Wär mir das Erschossenwerden.
+Bin kein Held, es fehlen mir
+Die pathetischen Gebärden.
+
+Gern würd ich nach England gehn,
+Wären dort nicht Kohlendämpfe
+Und Engländer - schon ihr Duft
+Gibt Erbrechen mir und Krämpfe.
+
+Manchmal kommt mir in den Sinn
+Nach Amerika zu segeln,
+Nach dem großen Freiheitstall,
+Der bewohnt von Gleichheitsflegeln -
+
+Doch es ängstet mich ein Land,
+Wo die Menschen Tabak käuen,
+Wo sie ohne König kegeln,
+Wo sie ohne Spucknapf speien.
+
+Rußland, dieses schöne Reich,
+Würde mir vielleicht behagen,
+Doch im Winter könnte ich
+Dort die Knute nicht ertragen.
+
+Traurig schau ich in die Höh,
+Wo viel tausend Sterne nicken -
+Aber meinen eignen Stern
+Kann ich nirgends dort erblicken.
+
+Hat im güldnen Labyrinth
+Sich vielleicht verirrt am Himmel,
+Wie ich selber mich verirrt
+In dem irdischen Getümmel. -
+
+
+
+ Altes Lied
+
+Du bist gestorben und weißt es nicht,
+Erloschen ist dein Augenlicht,
+Erblichen ist dein rotes Mündchen,
+Und du bist tot, mein totes Kindchen.
+
+In einer schaurigen Sommernacht
+Hab ich dich selber zu Grabe gebracht;
+Klaglieder die Nachtigallen sangen,
+Die Sterne sind mit zur Leiche gegangen.
+
+Der Zug, der zog den Wald vorbei,
+Dort widerhallt die Litanei;
+Die Tannen, in Trauermänteln vermummt,
+Sie haben Totengebete gebrummt.
+
+Am Weidensee vorüber gings,
+Die Elfen tanzten inmitten des Rings;
+Sie blieben plötzlich stehn und schienen
+Uns anzuschaun mit Beileidsmienen.
+
+Und als wir kamen zu deinem Grab,
+Da stieg der Mond vom Himmel herab.
+Er hielt eine Rede. Ein Schluchzen und Stöhnen,
+Und in der Ferne die Glocken tönen.
+
+
+
+ Solidität
+
+Liebe sprach zum Gott der Lieder,
+Sie verlange Sicherheiten,
+Ehe sie sich ganz ergebe,
+Denn es wären schlechte Zeiten.
+
+Lachend gab der Gott zur Antwort:
+Ja, die Zeiten sich verändern,
+Und du sprichst jetzt wie ein alter
+Wuchrer, welcher leiht auf Pfändern.
+
+Ach, ich hab nur eine Leier,
+Doch sie ist von gutem Golde.
+Wieviel Küsse willst du borgen
+Mir darauf, o meine Holde?
+
+
+
+ Alte Rose
+
+Eine Rosenknospe war
+Sie, für die mein Herze glühte;
+Doch sie wuchs, und wunderbar
+Schoß sie auf in voller Blüte.
+
+Ward die schönste Ros im Land,
+Und ich wollt die Rose brechen,
+Doch sie wußte mich pikant
+Mit den Dornen fortzustechen.
+
+Jetzt, wo sie verwelkt, zerfetzt
+Und verklatscht von Wind und Regen -
+Liebster Heinrich bin ich jetzt,
+Liebend kommt sie mir entgegen.
+
+Heinrich hinten, Heinrich vorn,
+Klingt es jetzt mit süßen Tönen;
+Sticht mich jetzt etwa ein Dorn,
+Ist es an dem Kinn der Schönen.
+
+Allzu hart die Borsten sind,
+Die des Kinnes Wärzchen zieren -
+Geh ins Kloster, liebes Kind,
+Oder lasse dich rasieren.
+
+
+
+ Auto-da-fé
+
+Welke Veilchen, stäubge Locken,
+ein verblichen blaues Band,
+Halb zerrissene Billette,
+Längst vergeßner Herzenstand -
+
+In die Flammen des Kamines
+Werf ich sie verdroßnen Blicks;
+Ängstlich knistern diese Trümmer
+Meines Glücks und Mißgeschicks.
+
+Liebeschwüre, flatterhafte
+Falsche Eide, in den Schlot
+Fliegen sie hinauf - es kichert
+Unsichtbar der kleine Gott.
+
+Bei den Flammen des Kamines
+Sitz ich träumend, und ich seh,
+Wie die Fünkchen in der Asche
+Still verglühn - Gut Nacht - Ade!
+
+
+
+ Lazarus
+
+ I. Weltlauf
+
+Hat man viel, so wird man bald
+Noch viel mehr dazu bekommen.
+Wer nur wenig hat, dem wird
+Auch das Wenige genommen.
+
+Wenn du aber gar nichts hast,
+Ach, so lasse dich begraben -
+Denn ein Recht zum Leben, Lump,
+Haben nur die etwas haben.
+
+ II. Rückschau
+
+Ich habe gerochen alle Gerüche
+In dieser holden Erdenküche;
+Was man genießen kann in der Welt,
+Das hab ich genossen wie je ein Held!
+Hab Kaffee getrunken, hab Kuchen gegessen.
+Hab manche schöne Puppe besessen;
+Trug seidne Westen, den feinsten Frack,
+Mir klingelten auch Dukaten im Sack.
+Wie Gellert ritt ich auf hohem Roß;
+Ich hatte ein Haus, ich hatte ein Schloß.
+Ich lag auf der grünen Wiese des Glücks,
+Die Sonne grüßte goldigsten Blicks;
+Ein Lorbeerkranz umschloß die Stirn,
+Er duftete Träume mir ins Gehirn,
+Träume von Rosen und ewigem Mai -
+Es ward mir so selig zu Sinne dabei,
+So dämmersüchtig, so sterbefaul -
+Mir flogen gebratne Tauben ins Maul,
+Und Englein kamen, und aus den Taschen
+Sie zogen hervor Champagnerflaschen -
+Das waren Visionen, Seifenblasen -
+Sie platzten - Jetzt lieg ich auf feuchtem Rasen,
+Die Glieder sind mir rheumatisch gelähmt,
+Und meine Seele ist tief beschämt.
+Ach, jede Lust, ach, jeden Genuß
+Hab ich erkauft durch herben Verdruß;
+Ich ward getränkt mit Bitternissen
+Und grausam von den Wanzen gebissen;
+Ich ward bedrängt von schwarzen Sorgen,
+Ich mußte lügen, ich mußte borgen
+Bei reichen Buben und alten Vetteln -
+Ich glaube sogar, ich mußte betteln.
+Jetzt bin ich müd vom Rennen und Laufen,
+Jetzt will ich mich im Grabe verschnaufen.
+Lebt wohl! Dort oben, ihr christlichen Brüder,
+Ja, das versteht sich, dort sehn wir uns wieder.
+
+ III. Auferstehung
+
+Posaunenruf erfüllt die Luft,
+Und furchtbar schallt es wider;
+Die Toten steigen aus der Gruft,
+Und schütteln und rütteln die Glieder.
+
+Was Beine hat, das trollt sich fort,
+Es wallen die weißen Gestalten
+Nach Josaphat, dem Sammelort,
+Dort wird Gericht gehalten.
+
+Als Freigraf sitzet Christus dort
+In seiner Apostel Kreise.
+Sie sind die Schöppen, ihr Spruch und Wort
+Ist minniglich und weise.
+
+Sie urteln nicht vermummten Gesichts;
+Die Maske läßt jeder fallen
+Am hellen Tage des jüngsten Gerichts,
+Wenn die Posaunen schallen.
+
+Das ist zu Josaphat im Tal,
+Da stehn die geladenen Scharen,
+Und weil zu groß der Beklagten Zahl,
+Wird hier summarisch verfahren.
+
+Das Böcklein zur Linken, zur Rechten das Schaf,
+Geschieden sind sie schnelle;
+Der Himmel dem Schäfchen fromm und brav,
+Dem geilen Bock die Hölle!
+
+ IV. Sterbende
+
+Flogest aus nach Sonn und Glück,
+Nackt und schlecht kommst du zurück.
+Deutsche Treue, deutsche Hemde,
+Die verschleißt man in der Fremde.
+
+Siehst sehr sterbebläßlich aus,
+Doch getrost, du bist zu Haus.
+Warm wie an dem Flackerherde
+Liegt man in der deutschen Erde.
+
+Mancher leider wurde lahm
+Und nicht mehr nach Hause kam -
+Streckt verlangend aus die Arme,
+Daß der Herr sich sein erbarme!
+
+ V. Lumpentum
+
+Die reichen Leute, die gewinnt
+Man nur durch platte Schmeichelein -
+Das Geld ist platt, mein liebes Kind,
+Und will auch platt geschmeichelt sein.
+
+Das Weihrauchfaß, das schwinge keck
+Vor jedem göttlich goldnen Kalb;
+Bet an im Staub, bet an im Dreck,
+Vor allem aber lob nicht halb.
+
+Das Brot ist teuer dieses Jahr,
+Jedoch die schönsten Worte hat
+Man noch umsonst - Besinge gar
+Mäcenas' Hund, und friß dich satt!
+
+ VI. Erinnerung
+
+Dem Einen die Perle, dem Andern die Truhe,
+O Wilhelm Wisetzki, du starbest so fruhe -
+Doch die Katze, die Katz ist gerettet.
+
+Der Balken brach, worauf er gekommen,
+Da ist er im Wasser umgekommen -
+Doch die Katze, die Katz ist gerettet.
+
+Wir folgten der Leiche, dem lieblichen Knaben,
+Sie haben ihn unter Maiblumen begraben, -
+Doch die Katze, die Katz ist gerettet.
+
+Bist klug gewesen, du bist entronnen
+Den Stürmen, hast früh ein Obdach gewonnen -
+Doch die Katze, die Katz ist gerettet.
+
+Bist früh entronnen, bist klug gewesen,
+Noch eh du erkranktest, bist du genesen -
+Doch die Katze, die Katz ist gerettet.
+
+Seit langen Jahren, wie oft, o Kleiner,
+Mit Neid und Wehmut gedenk ich deiner -
+Doch die Katze, die Katz ist gerettet.
+
+ VII. Unvollkommenheit
+
+Nichts ist vollkommen hier auf dieser Welt.
+Der Rose ist der Stachel beigesellt;
+Ich glaube gar, die lieben holden Engel
+Im Himmel droben sind nicht ohne Mängel.
+
+Der Tulpe fehlt der Duft. Es heißt am Rhein:
+Auch Ehrlich stahl einmal ein Ferkelschwein.
+Hätte Lucretia sich nicht erstochen,
+Sie wär vielleicht gekommen in die Wochen.
+
+Häßliche Füße hat der stolze Pfau.
+Uns kann die amüsant geistreichste Frau
+Manchmal langweilen wie die Henriade
+Voltaires, sogar wie Klopstocks Messiade.
+
+Die bravste, klügste Kuh kein Spanisch weiß,
+Wie Maßmann kein Latein - Der Marmorsteiß
+Der Venus von Canova ist zu glatte,
+Wie Maßmanns Nase viel zu ärschig platte.
+
+Im süßen Lied ist oft ein saurer Reim,
+Wie Bienenstachel steckt im Honigseim.
+Am Fuß verwundbar war der Sohn der Thetis,
+Und Alexander Dumas ist ein Metis.
+
+Der strahlenreinste Stern am Himmelzelt
+Wenn er den Schnupfen kriegt, herunterfällt.
+Der beste Äpfelwein schmeckt nach der Tonne,
+Und schwarze Flecken sieht man in der Sonne.
+
+Du bist, verehrte Frau, du selbst sogar
+Nicht fehlerfrei, nicht aller Mängel bar.
+Du schaust mich an - du fragst mich, was dir fehle?
+Ein Busen, und im Busen eine Seele.
+
+ VIII. Fromme Warnung
+
+Unsterbliche Seele, nimm dich in Acht,
+Daß du nicht Schaden leidest,
+Wenn du aus dem Irdischen scheidest;
+Es geht der Weg durch Tod und Nacht.
+
+Am goldnen Tore der Hauptstadt des Lichts,
+Da stehen die Gottessoldaten;
+Sie fragen nach Werken und Taten,
+Nach Namen und Amt fragt man hier nichts.
+
+Am Eingang läßt der Pilger zurück
+Die staubigen, drückenden Schuhe -
+Kehr ein, hier findest du Ruhe,
+Und weiche Pantoffeln und schöne Musik.
+
+ IX. Der Abgekühlte
+
+Und ist man tot, so muß man lang
+Im Grabe liegen; ich bin bang,
+Ja, ich bin bang, das Auferstehen
+Wird nicht so schnell von Statten gehen.
+
+Noch einmal, eh mein Lebenslicht
+Erlöschet, eh mein Herze bricht -
+Noch einmal möcht ich vor dem Sterben
+Um Frauenhuld beseligt werben.
+
+Und eine Blonde müßt es sein,
+Mit Augen sanft wie Mondenschein -
+Denn schlecht bekommen mir am Ende
+Die wild brünetten Sonnenbrände.
+
+Das junge Volk, voll Lebenskraft
+Will den Tumult der Leidenschaft,
+Das ist ein Rasen, Schwören, Poltern
+Und wechselseitges Seelenfoltern!
+
+Unjung und nicht mehr ganz gesund,
+Wie ich es bin zu dieser Stund,
+Mögt ich noch einmal lieben, schwärmen
+Und glücklich sein - doch ohne Lärmen.
+
+ X. Salomo
+
+Verstummt sind Pauken, Posaunen und Zinken.
+An Salomos Lager Wache halten
+Die schwertgegürteten Engelgestalten,
+Sechstausend zur Rechten, sechstausend zur Linken.
+
+Sie schützen den König vor träumendem Leide,
+Und zieht er finster die Brauen zusammen,
+Da fahren sogleich die stählernen Flammen,
+Zwölftausend Schwerter, hervor aus der Scheide.
+
+Doch wieder zurück in die Scheide fallen
+Die Schwerter der Engel. Das nächtliche Grauen
+Verschwindet, es glätten sich wieder die Brauen
+Des Schläfers, und seine Lippen lallen:
+
+O Sulamith! das Reich ist mein Erbe,
+Die Lande sind mir untertänig,
+Bin über Juda und Israel König -
+Doch liebst du mich nicht, so welk ich und sterbe.
+
+ XI. Verlorene Wünsche
+
+Von der Gleichheit der Gemütsart
+Wechselseitig angezogen,
+Waren wir einander immer
+Mehr als uns bewußt gewogen.
+
+Beide ehrlich und bescheiden,
+Konnten wir uns leicht verstehen;
+Worte waren überflüssig,
+Brauchten uns nur anzusehen.
+
+O wie sehnlich wünscht ich immer,
+Daß ich bei dir bleiben könnte
+Als der tapfre Waffenbruder
+Eines dolce far niente.
+
+Ja, mein liebster Wunsch war immer,
+Daß ich immer bei dir bliebe!
+Alles was dir wohlgefiele,
+Alles tät ich dir zu Liebe.
+
+Würde essen was dir schmeckte
+Und die Schüssel gleich entfernen,
+Die dir nicht behagt. Ich würde
+Auch Zigarren rauchen lernen.
+
+Manche polnische Geschichte,
+Die dein Lachen immer weckte,
+Wollt ich wieder dir erzählen
+In Judäas Dialekte.
+
+Ja, ich wollte zu dir kommen,
+Nicht mehr in der Fremde schwärmen -
+An dem Herde deines Glückes
+Wollt ich meine Kniee wärmen. - -
+
+Goldne Wünsche! Seifenblasen!
+Sie zerrinnen wie mein Leben -
+Ach, ich liege jetzt am Boden,
+Kann mich nimmermehr erheben.
+
+Und Ade! sie sind zerronnen,
+Goldne Wünsche, süßes Hoffen!
+Ach, zu tödlich war der Faustschlag,
+Der mich just ins Herz getroffen.
+
+ XII. Gedächtnisfeier
+
+Keine Messe wird man singen,
+Keinen Kadosch wird man sagen,
+Nichts gesagt und nichts gesungen
+Wird an meinen Sterbetagen.
+
+Doch vielleicht an solchem Tage,
+Wenn das Wetter schön und milde,
+Geht spazieren auf Montmartre
+Mit Paulinen Frau Mathilde.
+
+Mit dem Kranz von Immortellen
+Kommt sie mir das Grab zu schmücken,
+Und sie seufzet: Pauvre homme!
+Feuchte Wehmut in den Blicken.
+
+Leider wohn ich viel zu hoch,
+Und ich habe meiner Süßen
+Keinen Stuhl hier anzubieten;
+Ach! sie schwankt mit müden Füßen.
+
+Süßes, dickes Kind, du darfst
+Nicht zu Fuß nach Hause gehen;
+An dem Barrieregitter
+Siehst du die Fiaker stehen.
+
+ XIII. Wiedersehen
+
+Die Geißblattlaube - Ein Sommerabend -
+Wir saßen wieder wie ehmals am Fenster -
+Der Mond ging auf, belebend und labend -
+Wir aber waren wie zwei Gespenster.
+
+Zwölf Jahre schwanden, seitdem wir beisammen
+Zum letzten Male hier gesessen;
+Die zärtlichen Gluten, die großen Flammen,
+Sie waren erloschen unterdessen.
+
+Einsilbig saß ich. Die Plaudertasche,
+Das Weib hingegen schürte beständig
+Herum in der alten Liebesasche.
+Jedoch kein Fünkchen ward wieder lebendig.
+
+Und sie erzählte: wie sie die bösen
+Gedanken bekämpft, eine lange Geschichte,
+Wie wackelig schon ihre Tugend gewesen -
+Ich machte dazu ein dummes Gesichte.
+
+Als ich nach Hause ritt, da liefen
+Die Bäume vorbei in der Mondenhelle,
+Wie Geister. Wehmütige Stimmen riefen -
+Doch ich und die Toten, wir ritten schnelle.
+
+ XIV. Frau Sorge
+
+In meines Glückes Sonnenglanz,
+Da gaukelte fröhlich der Mückentanz.
+Die lieben Freunde liebten mich
+Und teilten mit mir brüderlich
+Wohl meinen besten Braten
+Und meinen letzten Dukaten.
+
+Das Glück ist fort, der Beutel leer,
+Und hab auch keine Freunde mehr;
+Erloschen ist der Sonnenglanz,
+Zerstoben ist der Mückentanz,
+Die Freunde, so wie die Mücke,
+Verschwinden mit dem Glücke.
+
+An meinem Bett in der Winternacht
+Als Wärterin die Sorge wacht.
+Sie trägt eine weiße Unterjack,
+Ein schwarzes Mützchen, und schnupft Tabak.
+Die Dose knarrt so gräßlich,
+Die Alte nickt so häßlich.
+
+Mir träumt manchmal, gekommen sei
+Zurück das Glück und der junge Mai
+Und die Freundschaft und der Mückenschwarm -
+Da knarrt die Dose - daß Gott erbarm,
+Es platzt die Seifenblase -
+Die Alte schneuzt die Nase.
+
+ XV. An die Engel
+
+Das ist der böse Thanatos,
+Er kommt auf einem fahlen Roß,
+Ich hör den Hufschlag, hör den Trab,
+Der dunkle Reiter holt mich ab -
+Er reißt mich fort, Mathilden soll ich lassen,
+O, den Gedanken kann mein Herz nicht fassen!
+
+Sie war mir Weib und Kind zugleich,
+Und geh ich in das Schattenreich,
+Wird Witwe sie und Waise sein!
+Ich laß in dieser Welt allein
+Das Weib, das Kind, das, trauend meinem Mute,
+Sorglos und treu an meinem Herzen ruhte.
+
+Ihr Engel in den Himmelshöhn,
+Vernehmt mein Schluchzen und mein Flehn:
+Beschützt, wenn ich im öden Grab,
+Das Weib, das ich geliebet hab;
+Seid Schild und Vögte eurem Ebenbilde,
+Beschützt, beschirmt mein armes Kind, Mathilde.
+
+Bei allen Tränen, die ihr je
+Geweint um unser Menschenweh,
+Beim Wort, das nur der Priester kennt
+Und niemals ohne Schauder nennt,
+Bei eurer eignen Schönheit, Huld und Milde,
+Beschwör ich euch, ihr Engel, schützt Mathilde.
+
+ XVI. Im Oktober 1849
+
+Gelegt hat sich der starke Wind,
+Und wieder stille wirds daheime;
+Germania, das große Kind,
+Erfreut sich wieder seiner Weihnachtsbäume.
+
+Wir treiben jetzt Familienglück -
+Was höher lockt, das ist vom Übel -
+Die Friedensschwalbe kehrt zurück,
+Die einst genistet in des Hauses Giebel.
+
+Gemütlich ruhen Wald und Fluß,
+Von sanftem Mondlicht übergossen;
+Nur manchmal knallts - Ist das ein Schuß? -
+Es ist vielleicht ein Freund, den man erschossen.
+
+Vielleicht mit Waffen in der Hand
+Hat man den Tollkopf angetroffen
+(Nicht jeder hat so viel Verstand
+Wie Flaccus, der so kühn davongeloffen).
+
+Es knallt. Es ist ein Fest vielleicht,
+Ein Feuerwerk zur Goethefeier! -
+Die Sontag, die dem Grab entsteigt,
+Begrüßt Raketenlärm - die alte Leier.
+
+Auch Liszt taucht wieder auf, der Franz,
+Er lebt, er liegt nicht blutgerötet
+Auf einem Schlachtfeld Ungarlands;
+Kein Russe, noch Kroat hat ihn getötet.
+
+Es fiel der Freiheit letzte Schanz,
+Und Ungarn blutet sich zu Tode -
+Doch unversehrt blieb Ritter Franz,
+Sein Säbel auch - er liegt in der Kommode.
+
+Er lebt, der Franz, und wird als Greis
+Vom Ungarkriege Wunderdinge
+Erzählen in der Enkel Kreis -
+»So lag ich und so führt ich meine Klinge!«
+
+Wenn ich den Namen Ungarn hör,
+Wird mir das deutsche Wams zu enge,
+Es braust darunter wie ein Meer,
+Mir ist als grüßten mich Trompetenklänge!
+
+Es klirrt mir wieder im Gemüt
+Die Heldensage, längst verklungen,
+Das eisern wilde Kämpenlied -
+Das Lied vom Untergang der Nibelungen.
+
+Es ist dasselbe Heldenlos,
+Es sind dieselben alten Mären,
+Die Namen sind verändert bloß,
+Doch sinds dieselben »Helden lobebären«.
+
+Es ist dasselbe Schicksal auch -
+Wie stolz und frei die Fahnen fliegen,
+Es muß der Held, nach altem Brauch,
+Den tierisch rohen Mächten unterliegen.
+
+Und diesmal hat der Ochse gar
+Mit Bären einen Bund geschlossen -
+Du fällst; doch tröste dich, Magyar,
+Wir Andre haben schlimmre Schmach genossen.
+
+Anständige Bestien sind es doch,
+Die ganz honett dich überwunden;
+Doch wir geraten in das Joch
+Von Wölfen, Schweinen und gemeinen Hunden.
+
+Das heult und bellt und grunzt -ich kann
+Ertragen kaum den Duft der Sieger.
+Doch still, Poet, das greift dich an -
+Du bist so krank, und schweigen wäre klüger.
+
+ XVII. Böses Geträume
+
+Im Traume war ich wieder jung und munter -
+Es war das Landhaus hoch am Bergesrand,
+Wettlaufend lief ich dort den Pfad hinunter,
+Wettlaufend mit Ottiljen Hand in Hand.
+
+Wie das Persönchen fein formiert! Die süßen
+Meergrünen Augen zwinkern nixenhaft.
+Sie steht so fest auf ihren kleinen Füßen,
+Ein Bild von Zierlichkeit, vereint mit Kraft.
+
+Der Ton der Stimme ist so treu und innig,
+Man glaubt zu schaun bis in der Seele Grund;
+Und alles was sie spricht ist klug und sinnig;
+Wie eine Rosenknospe ist der Mund.
+
+Es ist nicht Liebesweh, was mich beschleichet,
+Ich schwärme nicht, ich bleibe bei Verstand; -
+Doch wunderbar ihr Wesen mich erweichet,
+Und heimlich bebend küß ich ihre Hand.
+
+Ich glaub, am Ende brach ich eine Lilje,
+Die gab ich ihr und sprach ganz laut dabei:
+Heirate mich und sei mein Weib, Ottilje,
+Damit ich fromm wie du und glücklich sei.
+
+Was sie zur Antwort gab, das weiß ich nimmer,
+Denn ich erwachte jählings - und ich war
+Wieder ein Kranker, der im Krankenzimmer
+Trostlos daniederliegt seit manchem Jahr. - -
+
+ XVIII. Sie erlischt
+
+Der Vorhang fällt, das Stück ist aus,
+Und Herrn und Damen gehn nach Haus.
+Ob ihnen auch das Stück gefallen?
+Ich glaub, ich hörte Beifall schallen.
+Ein hochverehrtes Publikum
+Beklatschte dankbar seinen Dichter.
+Jetzt aber ist das Haus so stumm,
+Und sind verschwunden Lust und Lichter.
+Doch horch! ein schollernd schnöder Klang
+Ertönt unfern der öden Bühne; -
+Vielleicht daß eine Saite sprang
+An einer alten Violine.
+Verdrießlich rascheln im Parterr
+Etwelche Ratten hin und her,
+Und Alles riecht nach ranzgem Öle.
+Die letzte Lampe ächzt und zischt
+Verzweiflungsvoll, und sie erlischt.
+Das arme Licht war meine Seele.
+
+ XIX. Vermächtnis
+
+Nun mein Leben geht zu End,
+Mach ich auch mein Testament;
+Christlich will ich drin bedenken
+Meine Feinde mit Geschenken.
+
+Diese würdgen, tugendfesten
+Widersacher sollen erben
+All mein Siechtum und Verderben,
+Meine sämtlichen Gebresten.
+
+Ich vermach euch die Koliken,
+Die den Bauch wie Zangen zwicken,
+Harnbeschwerden, die perfiden
+Preußischen Hämorrhoiden.
+
+Meine Krämpfe sollt ihr haben,
+Speichelfluß und Gliederzucken,
+Knochendarre in dem Rucken,
+Lauter schöne Gottesgaben.
+
+Kodizill zu dem Vermächtnis:
+In Vergessenheit versenken
+Soll der Herr eur Angedenken,
+Er vertilge eur Gedächtnis.
+
+ XX. Enfant perdu
+
+Verlorener Posten in dem Freiheitskriege,
+Hielt ich seit dreißig Jahren treulich aus.
+Ich kämpfe ohne Hoffnung, daß ich siege,
+Ich wußte, nie komm ich gesund nach Haus.
+
+Ich wachte Tag und Nacht - Ich konnt nicht schlafen,
+Wie in dem Lagerzelt der Freunde Schar
+(Auch hielt das laute Schnarchen dieser Braven
+Mich wach, wenn ich ein bißchen schlummrig war).
+
+In jenen Nächten hat Langweil ergriffen
+Mich oft, auch Furcht - (nur Narren fürchten nichts) -
+Sie zu verscheuchen, hab ich dann gepfiffen
+Die frechen Reime eines Spottgedichts.
+
+Ja, wachsam stand ich, das Gewehr im Arme,
+Und nahte irgend ein verdächtger Gauch,
+So schoß ich gut und jagt ihm eine warme,
+Brühwarme Kugel in den schnöden Bauch.
+
+Mitunter freilich mocht es sich ereignen,
+Daß solch ein schlechter Gauch gleichfalls sehr gut
+Zu schießen wußte - ach, ich kanns nicht leugnen -
+Die Wunden klaffen - es verströmt mein Blut.
+
+Ein Posten ist vakant! - Die Wunden klaffen -
+Der Eine fällt, die Andern rücken nach -
+Doch fall ich unbesiegt, und meine Waffen
+Sind nicht gebrochen - Nur mein Herze brach.
+
+
+
+
+ Drittes Buch
+ Hebräische Melodien
+
+
+
+ O laß nicht ohne Lebensgenuß
+ Dein Leben verfließen!
+ Und bist du sicher vor dem Schuß,
+ So laß sie nur schießen.
+
+ Fliegt dir das Glück vorbei einmal,
+ So faß es am Zipfel.
+ Auch rat ich dir, baue dein Hüttchen im Tal
+ Und nicht auf dem Gipfel.
+
+
+
+ Prinzessin Sabbath
+
+In Arabiens Märchenbuche
+Sehen wir verwünschte Prinzen,
+Die zu Zeiten ihre schöne
+Urgestalt zurückgewinnen:
+
+Das behaarte Ungeheuer
+Ist ein Königsohn geworden;
+Schmuckreich glänzend angekleidet,
+Auch verliebt die Flöte blasend.
+
+Doch die Zauberfrist zerrinnt,
+Und wir schauen plötzlich wieder
+Seine königliche Hoheit
+In ein Ungetüm verzottelt.
+
+Einen Prinzen solchen Schicksals
+Singt mein Lied. Er ist geheißen
+Israel. Ihn hat verwandelt
+Hexenspruch in einen Hund.
+
+Hund mit hündischen Gedanken,
+Kötert er die ganze Woche
+Durch des Lebens Kot und Kehricht,
+Gassenbuben zum Gespötte.
+
+Aber jeden Freitag Abend,
+In der Dämmrungstunde, plötzlich
+Weicht der Zauber, und der Hund
+Wird aufs Neu ein menschlich Wesen.
+
+Mensch mit menschlichen Gefühlen,
+Mit erhobnem Haupt und Herzen,
+Festlich, reinlich schier gekleidet,
+Tritt er in des Vaters Halle.
+
+»Sei gegrüßt, geliebte Halle
+Meines königlichen Vaters!
+Zelte Jakobs, eure heilgen
+Eingangspfosten küßt mein Mund!«
+
+Durch das Haus geheimnisvoll
+Zieht ein Wispern und ein Weben,
+Und der unsichtbare Hausherr
+Atmet schaurig in der Stille.
+
+Stille! Nur der Seneschall
+(Vulgo Synagogendiener)
+Springt geschäftig auf und nieder,
+Um die Lampen anzuzünden.
+
+Trostverheißend goldne Lichter,
+Wie sie glänzen, wie sie glimmern!
+Stolz aufflackern auch die Kerzen
+Auf der Brüstung des Almemors.
+
+Vor dem Schreine, der die Thora
+Aufbewahret und verhängt ist
+Mit der kostbar seidnen Decke,
+Die von Edelsteinen funkelt -
+
+Dort an seinem Betpultständer
+Steht schon der Gemeindesänger;
+Schmuckes Männchen, das sein schwarzes
+Mäntelchen kokett geachselt.
+
+Um die weiße Hand zu zeigen,
+Haspelt er am Halse, seltsam
+An die Schläf den Zeigefinger,
+An die Kehl den Daumen drückend.
+
+Trällert vor sich hin ganz leise,
+Bis er endlich lautaufjubelnd
+Seine Stimm erhebt und singt:
+Lecho Daudi likras Kalle!
+
+Lecho Daudi likras Kalle -
+Komm, Geliebter, deiner harret
+Schon die Braut, die dir entschleiert
+Ihr verschämtes Angesicht!
+
+Dieses hübsche Hochzeitkarmen
+Ist gedichtet von dem großen,
+Hochberühmten Minnesinger
+Don Jehuda ben Halevy.
+
+In dem Liede wird gefeiert
+Die Vermählung Israels
+Mit der Frau Prinzessin Sabbath,
+Die man nennt die stille Fürstin.
+
+Perl und Blume aller Schönheit
+Ist die Fürstin. Schöner war
+Nicht die Königin von Saba,
+Salomonis Busenfreundin,
+
+Die, ein Blaustrumpf Äthiopiens,
+Durch Esprit brillieren wollte,
+Und mit ihren klugen Rätseln
+Auf die Länge fatigant ward.
+
+Die Prinzessin Sabbath, welche
+Ja die personifizierte
+Ruhe ist, verabscheut alle
+Geisteskämpfe und Debatten.
+
+Gleich fatal ist ihr die trampelnd
+Deklamierende Passion,
+Jenes Pathos, das mit flatternd
+Aufgelöstem Haar einherstürmt.
+
+Sittsam birgt die stille Fürstin
+In der Haube ihre Zöpfe;
+Blickt so sanft wie die Gazelle,
+Blüht so schlank wie eine Addas.
+
+Sie erlaubt dem Liebsten alles,
+Ausgenommen Tabakrauchen -
+»Liebster! Rauchen ist verboten,
+Weil es heute Sabbath ist.
+
+»Dafür aber heute Mittag
+Soll dir dampfen, zum Ersatz,
+Ein Gericht, das wahrhaft göttlich -
+Heute sollst du Schalet essen!«
+
+Schalet, schöner Götterfunken,
+Tochter aus Elysium!
+Also klänge Schillers Hochlied,
+Hätt er Schalet je gekostet.
+
+Schalet ist die Himmelspeise,
+Die der liebe Herrgott selber
+Einst den Moses kochen lehrte
+Auf dem Berge Sinai,
+
+Wo der Allerhöchste gleichfalls
+All die guten Glaubenslehren
+Und die heilgen zehn Gebote
+Wetterleuchtend offenbarte.
+
+Schalet ist des wahren Gottes
+Koscheres Ambrosia,
+Wonnebrot des Paradieses,
+Und mit solcher Kost verglichen
+
+Ist nur eitel Teufelsdreck
+Das Ambrosia der falschen
+Heidengötter Griechenlands,
+Die verkappte Teufel waren.
+
+Speist der Prinz von solcher Speise,
+Glänzt sein Auge wie verkläret,
+Und er knöpfet auf die Weste,
+Und er spricht mit selgem Lächeln:
+
+»Hör ich nicht den Jordan rauschen?
+Sind das nicht die Brüßelbrunnen
+In dem Palmental von Beth-El,
+Wo gelagert die Kamele?
+
+»Hör ich nicht die Herdenglöckchen?
+Sind das nicht die fetten Hämmel,
+Die vom Gileathgebirge
+Abendlich der Hirt herabtreibt?«
+
+Doch der schöne Tag verflittert;
+Wie mit langen Schattenbeinen
+Kommt geschritten der Verwünschung
+Böse Stund - Es seufzt der Prinz.
+
+Ist ihm doch als griffen eiskalt
+Hexenfinger in sein Herze.
+Schon durchrieseln ihn die Schauer
+Hündischer Metamorphose.
+
+Die Prinzessin reicht dem Prinzen
+Ihre güldne Nardenbüchse.
+Langsam riecht er - Will sich laben
+Noch einmal an Wohlgerüchen.
+
+Es kredenzet die Prinzessin
+Auch den Abschiedstrunk dem Prinzen -
+Hastig trinkt er, und im Becher
+Bleiben wen'ge Tropfen nur.
+
+Er besprengt damit den Tisch,
+Nimmt alsdann ein kleines Wachslicht,
+Und er tunkt es in die Nässe,
+Daß es knistert und erlischt.
+
+
+
+ Jehuda ben Halevy
+
+ I
+
+Lechzend klebe mir die Zunge
+An dem Gaumen, und es welke
+Meine rechte Hand, vergäß ich
+Jemals dein, Jerusalem -«
+
+Wort und Weise, unaufhörlich
+Schwirren sie mir heut im Kopfe,
+Und mir ist als hört ich Stimmen,
+Psalmodierend, Männerstimmen -
+
+Manchmal kommen auch zum Vorschein
+Bärte, schattig lange Bärte -
+Traumgestalten, wer von euch
+Ist Jehuda ben Halevy?
+
+Doch sie huschen rasch vorüber;
+Die Gespenster scheuen furchtsam
+Der Lebendgen plumpen Zuspruch -
+Aber ihn hab ich erkannt -
+
+Ich erkannt ihn an der bleichen
+Und gedankenstolzen Stirne,
+An der Augen süßer Starrheit -
+Sahn mich an so schmerzlich forschend -
+
+Doch zumeist erkannt ich ihn
+An dem rätselhaften Lächeln
+Jener schön gereimten Lippen,
+Die man nur bei Dichtern findet.
+
+Jahre kommen und verfließen.
+Seit Jehuda ben Halevy
+Ward geboren, sind verflossen
+Siebenhundert funfzig Jahre -
+
+Hat zuerst das Licht erblickt
+Zu Toledo in Kastilien,
+Und es hat der goldne Tajo
+Ihm sein Wiegenlied gelullet.
+
+Für Entwicklung seines Geistes
+Sorgte früh der strenge Vater,
+Der den Unterricht begann
+Mit dem Gottesbuch, der Thora.
+
+Diese las er mit dem Sohne
+In dem Urtext, dessen schöne,
+Hieroglyphisch pittoreske,
+Altchaldäische Quadratschrift
+
+Herstammt aus dem Kindesalter
+Unsrer Welt, und auch deswegen
+Jedem kindlichen Gemüte
+So vertraut entgegenlacht.
+
+Diesen echten alten Text
+Rezitierte auch der Knabe
+In der uralt hergebrachten
+Singsangweise, Tropp geheißen -
+
+Und er gurgelte gar lieblich
+Jene fetten Gutturalen,
+Und er schlug dabei den Triller,
+Den Schalscheleth, wie ein Vogel.
+
+Auch den Targum Onkelos,
+Der geschrieben ist in jenem
+Plattjudäischen Idiom,
+Das wir Aramäisch nennen
+
+Und zur Sprache der Propheten
+Sich verhalten mag etwa
+Wie das Schwäbische zum Deutschen -
+Dieses Gelbveiglein-Hebräisch
+
+Lernte gleichfalls früh der Knabe,
+Und es kam ihm solche Kenntnis
+Bald darauf sehr gut zu Statten
+Bei dem Studium des Talmuds.
+
+Ja, frühzeitig hat der Vater
+Ihn geleitet zu dem Talmud,
+Und da hat er ihm erschlossen
+Die Halacha, diese große
+
+Fechterschule, wo die besten
+Dialektischen Athleten
+Babylons und Pumpedithas
+Ihre Kämpferspiele trieben.
+
+Lernen konnte hier der Knabe
+Alle Künste der Polemik;
+Seine Meisterschaft bezeugte
+Späterhin das Buch Cosari.
+
+Doch der Himmel gießt herunter
+Zwei verschiedne Sorten Lichtes:
+Grelles Tageslicht der Sonne
+Und das mildre Mondlicht - Also,
+
+Also leuchtet auch der Talmud
+Zwiefach, und man teilt ihn ein
+In Halacha und Hagada.
+Erstre nannt ich eine Fechtschul -
+
+Letztre aber, die Hagada,
+Will ich einen Garten nennen,
+Einen Garten, hochphantastisch
+Und vergleichbar jenem andern,
+
+Welcher ebenfalls dem Boden
+Babylons entsprossen weiland -
+Garten der Semiramis,
+Achtes Wunderwerk der Welt.
+
+Königin Semiramis,
+Die als Kind erzogen worden
+Von den Vögeln, und gar manche
+Vögeltümlichkeit bewahrte,
+
+Wollte nicht auf platter Erde
+Promenieren wie wir andern
+Säugetiere, und sie pflanzte
+Einen Garten in der Luft -
+
+Hoch auf kolossalen Säulen
+Prangten Palmen und Zypressen,
+Goldorangen, Blumenbeete,
+Marmorbilder, auch Springbrunnen,
+
+Alles klug und fest verbunden
+Durch unzählge Hängebrücken,
+Die wie Schlingepflanzen aussahn
+Und worauf sich Vögel wiegten -
+
+Große, bunte, ernste Vögel,
+Tiefe Denker, die nicht singen,
+Während sie umflattert kleines
+Zeisigvolk, das lustig trillert -
+
+Alle atmen ein, beseligt,
+Einen reinen Balsamduft,
+Welcher unvermischt mit schnödem
+Erdendunst und Mißgeruche.
+
+Die Hagada ist ein Garten
+Solcher Luftkindgrillenart,
+Und der junge Talmudschüler,
+Wenn sein Herze war bestäubet
+
+Und betäubet vom Gezänke
+Der Halacha, vom Dispute
+Über das fatale Ei,
+Das ein Huhn gelegt am Festtag,
+
+Oder über eine Frage
+Gleicher Importanz - der Knabe
+Floh alsdann sich zu erfrischen
+In die blühende Hagada,
+
+Wo die schönen alten Sagen,
+Engelmärchen und Legenden,
+Stille Märtyrerhistorien,
+Festgesänge, Weisheitsprüche,
+
+Auch Hyperbeln, gar possierlich,
+Alles aber glaubenskräftig,
+Glaubensglühend - O, das glänzte,
+Quoll und sproß so überschwenglich -
+
+Und des Knaben edles Herze
+Ward ergriffen von der wilden,
+Abenteuerlichen Süße,
+Von der wundersamen Schmerzlust
+
+Und den fabelhaften Schauern
+Jener seligen Geheimwelt,
+Jener großen Offenbarung,
+Die wir nennen Poesie.
+
+Auch die Kunst der Poesie,
+Heitres Wissen, holdes Können,
+Welches wir die Dichtkunst heißen,
+Tat sich auf dem Sinn des Knaben.
+
+Und Jehuda ben Halevy
+Ward nicht bloß ein Schriftgelehrter,
+Sondern auch der Dichtkunst Meister,
+Sondern auch ein großer Dichter.
+
+Ja, er ward ein großer Dichter,
+Stern und Fackel seiner Zeit,
+Seines Volkes Licht und Leuchte,
+Eine wunderbare, große
+
+Feuersäule des Gesanges,
+Die der Schmerzenskarawane
+Israels vorangezogen
+In der Wüste des Exils.
+
+Rein und wahrhaft, sonder Makel
+War sein Lied, wie seine Seele -
+Als der Schöpfer sie erschaffen,
+Diese Seele, selbstzufrieden
+
+Küßte er die schöne Seele,
+Und des Kusses holder Nachklang
+Bebt in jedem Lied des Dichters,
+Das geweiht durch diese Gnade.
+
+Wie im Leben, so im Dichten
+Ist das höchste Gut die Gnade -
+Wer sie hat, der kann nicht sündgen
+Nicht in Versen, noch in Prosa.
+
+Solchen Dichter von der Gnade
+Gottes nennen wir Genie:
+Unverantwortlicher König
+Des Gedankenreiches ist er.
+
+Nur dem Gotte steht er Rede,
+Nicht dem Volke - In der Kunst,
+Wie im Leben, kann das Volk
+Töten uns, doch niemals richten. -
+
+ II
+
+Bei den Wassern Babels saßen
+Wir und weinten, unsre Harfen
+Lehnten an den Trauerweiden -
+Kennst du noch das alte Lied?
+
+Kennst du noch die alte Weise,
+Die im Anfang so elegisch
+Greint und sumset, wie ein Kessel,
+Welcher auf dem Herde kocht?
+
+Lange schon, jahrtausendlange
+Kochts in mir. Ein dunkles Wehe!
+Und die Zeit leckt meine Wunde,
+Wie der Hund die Schwären Hiobs.
+
+Dank dir, Hund, für deinen Speichel -
+Doch das kann nur kühlend lindern -
+Heilen kann mich nur der Tod,
+Aber, ach, ich bin unsterblich!
+
+Jahre kommen und vergehen -
+In dem Webstuhl läuft geschäftig
+Schnurrend hin und her die Spule -
+Was er webt, das weiß kein Weber.
+
+Jahre kommen und vergehen,
+Menschentränen träufeln, rinnen
+Auf die Erde, und die Erde
+Saugt sie ein mit stiller Gier -
+
+Tolle Sud! Der Deckel springt -
+Heil dem Manne, dessen Hand
+Deine junge Brut ergreifet
+Und zerschmettert an der Felswand.
+
+Gott sei Dank! die Sud verdampfet
+In dem Kessel, der allmählig
+Ganz verstummt. Es weicht mein Spleen,
+Mein westöstlich dunkler Spleen -
+
+Auch mein Flügelrößlein wiehert
+Wieder heiter, scheint den bösen
+Nachtalp von sich abzuschütteln,
+Und die klugen Augen fragen:
+
+Reiten wir zurück nach Spanien
+Zu dem kleinen Talmudisten,
+Der ein großer Dichter worden,
+Zu Jehuda ben Halevy?
+
+Ja, er ward ein großer Dichter,
+Absoluter Traumweltsherrscher
+Mit der Geisterkönigskrone,
+Ein Poet von Gottes Gnade,
+
+Der in heiligen Sirventen,
+Madrigalen und Terzinen,
+Kanzonetten und Ghaselen
+Ausgegossen alle Flammen
+
+Seiner gottgeküßten Seele!
+Wahrlich ebenbürtig war
+Dieser Troubadour den besten
+Lautenschlägern der Provence,
+
+Poitous und der Guienne,
+Roussillons und aller andern
+Süßen Pomeranzenlande
+Der galanten Christenheit.
+
+Der galanten Christenheit
+Süße Pomeranzenlande!
+Wie sie duften, glänzen, klingen
+In dem Zwielicht der Erinnrung!
+
+Schöne Nachtigallenwelt!
+Wo man statt des wahren Gottes
+Nur den falschen Gott der Liebe
+Und der Musen angebeten.
+
+Clerici mit Rosenkränzen
+Auf der Glatze sangen Psalmen
+In der heitern Sprache d'oc;
+Und die Laien, edle Ritter,
+
+Stolz auf hohen Rossen trabend,
+Spintisierten Vers und Reime
+Zur Verherrlichung der Dame,
+Der ihr Herze fröhlich diente.
+
+Ohne Dame keine Minne,
+Und es war dem Minnesänger
+Unentbehrlich eine Dame,
+Wie dem Butterbrot die Butter.
+
+Auch der Held, den wir besingen,
+Auch Jehuda ben Halevy
+Hatte seine Herzensdame;
+Doch sie war besondrer Art.
+
+Sie war keine Laura, deren
+Augen, sterbliche Gestirne,
+In dem Dome am Karfreitag
+Den berühmten Brand gestiftet -
+
+Sie war keine Chatelaine,
+Die im Blütenschmuck der Jugend
+Bei Turnieren präsidierte
+Und den Lorbeerkranz erteilte -
+
+Keine Kußrechtskasuistin
+War sie, keine Doktrinärrin,
+Die im Spruchkollegium
+Eines Minnehofs dozierte -
+
+Jene, die der Rabbi liebte,
+War ein traurig armes Liebchen,
+Der Zerstörung Jammerbildnis,
+Und sie hieß Jerusalem.
+
+Schon in frühen Kindestagen
+War sie seine ganze Liebe;
+Sein Gemüte machte beben
+Schon das Wort Jerusalem.
+
+Purpurflamme auf der Wange,
+Stand der Knabe, und er horchte,
+Wenn ein Pilger nach Toledo
+Kam aus fernem Morgenlande
+
+Und erzählte: wie verödet
+Und verunreint jetzt die Stätte,
+Wo am Boden noch die Lichtspur
+Von dem Fuße der Propheten -
+
+Wo die Luft noch balsamieret
+Von dem ewgen Odem Gottes -
+O des Jammeranblicks! rief
+Einst ein Pilger, dessen Bart
+
+Silberweiß hinabfloß, während
+Sich das Barthaar an der Spitze
+Wieder schwärzte und es aussah,
+Als ob sich der Bart verjünge -
+
+Ein gar wunderlicher Pilger
+Mocht es sein, die Augen lugten
+Wie aus tausendjährgem Trübsinn,
+Und er seufzt': »Jerusalem!
+
+»Sie, die volkreich heilge Stadt
+Ist zur Wüstenei geworden,
+Wo Waldteufel, Werwolf, Schakal
+Ihr verruchtes Wesen treiben -
+
+»Schlangen, Nachtgevögel nisten
+Im verwitterten Gemäuer;
+Aus des Fensters luftgem Bogen
+Schaut der Fuchs mit Wohlbehagen.
+
+»Hier und da taucht auf zuweilen
+Ein zerlumpter Knecht der Wüste,
+Der sein höckriges Kamel
+In dem hohen Grase weidet.
+
+»Auf der edlen Höhe Zions,
+Wo die goldne Feste ragte,
+Deren Herrlichkeiten zeugten
+Von der Pracht des großen Königs:
+
+»Dort, von Unkraut überwuchert,
+Liegen nur noch graue Trümmer,
+Die uns ansehn schmerzhaft traurig,
+Daß man glauben muß, sie weinten.
+
+»Und es heißt, sie weinten wirklich
+Einmal in dem Jahr, an jenem
+Neunten Tag des Monats Ab -
+Und mit tränend eignen Augen
+
+»Schaute ich die dicken Tropfen
+Aus den großen Steinen sickern,
+Und ich hörte weheklagen
+Die gebrochnen Tempelsäulen.« - -
+
+Solche fromme Pilgersagen
+Weckten in der jungen Brust
+Des Jehuda ben Halevy
+Sehnsucht nach Jerusalem.
+
+Dichtersehnsucht! ahnend, träumend
+Und fatal war sie, wie jene,
+Die auf seinem Schloß zu Blaye
+Einst empfand der alte Vidam,
+
+Messer Geoffroi Rudello,
+Als die Ritter, die zurück
+Aus dem Morgenlande kehrten,
+Laut beim Becherklang beteuert:
+
+Ausbund aller Huld und Züchten,
+Perl und Blume aller Frauen,
+Sei die schöne Melisande,
+Markgräfin von Tripolis.
+
+Jeder weiß, für diese Dame
+Schwärmte jetzt der Troubadour;
+Er besang sie, und es wurde
+Ihm zu eng im Schlosse Blaye.
+
+Und es trieb ihn fort. Zu Cette
+Schiffte er sich ein, erkrankte
+Aber auf dem Meer, und sterbend
+Kam er an zu Tripolis.
+
+Hier erblickt er Melisanden
+Endlich auch mit Leibesaugen,
+Die jedoch des Todes Schatten
+In derselben Stunde deckten.
+
+Seinen letzten Liebessang
+Singend, starb er zu den Füßen
+Seiner Dame Melisande,
+Markgräfin von Tripolis.
+
+Wunderbare Ähnlichkeit
+In dem Schicksal beider Dichter!
+Nur daß jener erst im Alter
+Seine große Wallfahrt antrat.
+
+Auch Jehuda ben Halevy
+Starb zu Füßen seiner Liebsten,
+Und sein sterbend Haupt, es ruhte
+Auf den Knien Jerusalems.
+
+ III
+
+Nach der Schlacht bei Arabella
+Hat der große Alexander
+Land und Leute des Darius,
+Hof und Harem, Pferde, Weiber,
+
+Elefanten und Dariken,
+Kron und Szepter, goldnen Plunder,
+Eingesteckt in seine weiten
+Mazedonschen Pluderhosen.
+
+In dem Zelt des großen Königs,
+Der entflohn, um nicht höchstselbst
+Gleichfalls eingesteckt zu werden,
+Fand der junge Held ein Kästchen,
+
+Eine kleine güldne Truhe,
+Mit Miniaturbildwerken
+Und mit inkrustierten Steinen
+Und Kameen reich geschmückt -
+
+Dieses Kästchen, selbst ein Kleinod
+Unschätzbaren Wertes, diente
+Zur Bewahrung von Kleinodien,
+Des Monarchen Leibjuwelen.
+
+Letztre schenkte Alexander
+An die Tapfern seines Heeres
+Darob lächelnd, daß sich Männer
+Kindisch freun an bunten Steinchen.
+
+Eine kostbar schönste Gemme
+Schickte er der lieben Mutter;
+War der Siegelring des Cyrus,
+Wurde jetzt zu einer Brosche.
+
+Seinem alten Weltarschpauker
+Aristoteles, dem sandt er
+Einen Onyx für sein großes
+Naturalienkabinett.
+
+In dem Kästchen waren Perlen,
+Eine wunderbare Schnur,
+Die der Königin Atossa
+Einst geschenkt der falsche Smerdis -
+
+Doch die Perlen waren echt -
+Und der heitre Sieger gab sie
+Einer schönen Tänzerin
+Aus Korinth, mit Namen Thais.
+
+Diese trug sie in den Haaren,
+Die bacchantisch aufgelöst,
+In der Brandnacht, als sie tanzte
+Zu Persepolis und frech
+
+In die Königsburg geschleudert
+Ihre Fackel, daß laut prasselnd
+Bald die Flammenlohe aufschlug,
+Wie ein Feuerwerk zum Feste.
+
+Nach dem Tod der schönen Thais,
+Die an einer babylonschen
+Krankheit starb zu Babylon,
+Wurden ihre Perlen dort
+
+Auf dem Börsensaal vergantert.
+Sie erstand ein Pfaff aus Memphis,
+Der sie nach Ägypten brachte,
+Wo sie später auf dem Putztisch
+
+Der Kleopatra erschienen,
+Die die schönste Perl zerstampft
+Und mit Wein vermischt verschluckte,
+Um Antonius zu foppen.
+
+Mit dem letzten Omayaden
+Kam die Perlenschnur nach Spanien,
+Und sie schlängelte am Turban
+Des Chalifen zu Corduba.
+
+Abderam der Dritte trug sie
+Als Brustschleife beim Turnier,
+Wo er dreißig goldne Ringe
+Und das Herz Zuleimas stach.
+
+Nach dem Fall der Mohrenherrschaft
+Gingen zu den Christen über
+Auch die Perlen, und gerieten
+In den Kronschatz von Kastilien.
+
+Die katholischen Majestäten
+Spanscher Königinnen schmückten
+Sich damit bei Hoffestspielen,
+Stiergefechten, Prozessionen,
+
+So wie auch Autodafés,
+Wo sie, auf Balkonen sitzend,
+Sich erquickten am Geruche
+Von gebratnen alten Juden.
+
+Späterhin gab Mendizabel,
+Satansenkel, diese Perlen
+In Versatz, um der Finanzen
+Defizit damit zu decken.
+
+An dem Hof der Tuilerien
+Kam die Schnur zuletzt zum Vorschein,
+Und sie schimmerte am Halse
+Der Baronin Salomon.
+
+So ergings den schönen Perlen.
+Minder abenteuerlich
+Gings dem Kästchen, dies behielt
+Alexander für sich selber.
+
+Er verschloß darin die Lieder
+Des ambrosischen Homeros,
+Seines Lieblings, und zu Häupten
+Seines Bettes in der Nacht
+
+Stand das Kästchen - Schlief der König,
+Stiegen draus hervor der Helden
+Lichte Bilder, und sie schlichen
+Gaukelnd sich in seine Träume.
+
+Andre Zeiten, andre Vögel -
+Ich, ich liebte weiland gleichfalls
+Die Gesänge von den Taten
+Des Peliden, des Odysseus.
+
+Damals war so sonnengoldig
+Und so purpurn mir zu Mute,
+Meine Stirn umkränzte Weinlaub,
+Und es tönten die Fanfaren -
+
+Still davon - gebrochen liegt
+Jetzt mein stolzer Siegeswagen,
+Und die Panther, die ihn zogen,
+Sind verreckt, so wie die Weiber,
+
+Die mit Pauk und Zimbelklängen
+Mich umtanzten, und ich selbst
+Wälze mich am Boden elend,
+Krüppelelend - still davon -
+
+Still davon - es ist die Rede
+Von dem Kästchen des Darius,
+Und ich dacht in meinem Sinne:
+Käm ich in Besitz des Kästchens,
+
+Und mich zwänge nicht Finanznot
+Gleich dasselbe zu versilbern,
+So verschlösse ich darin
+Die Gedichte unsres Rabbi -
+
+Des Jehuda ben Halevy
+Festgesänge, Klagelieder,
+Die Ghaselen, Reisebilder
+Seiner Wallfahrt - alles ließ ich
+
+Von dem besten Zophar schreiben
+Auf der reinsten Pergamenthaut,
+Und ich legte diese Handschrift
+In das kleine goldne Kästchen.
+
+Dieses stellt ich auf den Tisch
+Neben meinem Bett, und kämen
+Dann die Freunde und erstaunten
+Ob der Pracht der kleinen Truhe,
+
+Ob den seltnen Basrelieffen,
+Die so winzig, doch vollendet
+Sind zugleich, und ob den großen
+Inkrustierten Edelsteinen -
+
+Lächelnd würd ich ihnen sagen:
+Das ist nur die rohe Schale,
+Die den bessern Schatz verschließet -
+Hier in diesem Kästchen liegen
+
+Diamanten, deren Lichter
+Abglanz, Widerschein des Himmels,
+Herzblutglühende Rubinen,
+Fleckenlose Turkoasen,
+
+Auch Smaragde der Verheißung,
+Perlen, reiner noch als jene,
+Die der Königin Atossa
+Einst geschenkt der falsche Smerdis,
+
+Und die späterhin geschmücket
+Alle Notabilitäten
+Dieser mondumkreisten Erde,
+Thais und Kleopatra,
+
+Isispriester, Mohrenfürsten,
+Auch Hispaniens Königinnen,
+Und zuletzt die hochverehrte
+Frau Baronin Salomon -
+
+Diese weltberühmten Perlen,
+Sie sind nur der bleiche Schleim
+Eines armen Austertiers,
+Das im Meergrund blöde kränkelt:
+
+Doch die Perlen hier im Kästchen
+Sind entquollen einer schönen
+Menschenseele, die noch tiefer,
+Abgrundtiefer als das Weltmeer -
+
+Denn es sind die Tränenperlen
+Des Jehuda ben Halevy,
+Die er ob dem Untergang
+Von Jerusalem geweinet -
+
+Perlentränen, die verbunden
+Durch des Reimes goldnen Faden,
+Aus der Dichtkunst güldnen Schmiede
+Als ein Lied hervorgegangen.
+
+Dieses Perlentränenlied
+Ist die vielberühmte Klage,
+Die gesungen wird in allen
+Weltzerstreuten Zelten Jakobs
+
+An dem neunten Tag des Monats,
+Der geheißen Ab, dem Jahrstag
+Von Jerusalems Zerstörung
+Durch den Titus Vespasianus.
+
+Ja, das ist das Zionslied,
+Das Jehuda ben Halevy
+Sterbend auf den heilgen Trümmern
+Von Jerusalem gesungen -
+
+Barfuß und im Büßerkittel
+Saß er dorten auf dem Bruchstück
+Einer umgestürzten Säule; -
+Bis zur Brust herunter fiel
+
+Wie ein greiser Wald sein Haupthaar,
+Abenteuerlich beschattend
+Das bekümmert bleiche Antlitz
+Mit den geisterhaften Augen -
+
+Also saß er und er sang,
+Wie ein Seher aus der Vorzeit
+Anzuschaun - dem Grab entstiegen
+Schien Jeremias, der Alte -
+
+Das Gevögel der Ruinen
+Zähmte schier der wilde Schmerzlaut
+Des Gesanges, und die Geier
+Nahten horchend, fast mitleidig -
+
+Doch ein frecher Sarazene
+Kam desselben Wegs geritten,
+Hoch zu Roß, im Bug sich wiegend
+Und die blanke Lanze schwingend -
+
+In die Brust des armen Sängers
+Stieß er diesen Todesspeer,
+Und er jagte rasch von dannen,
+Wie ein Schattenbild beflügelt.
+
+Ruhig floß das Blut des Rabbi,
+Ruhig seinen Sang zu Ende
+Sang er, und sein sterbeletzter
+Seufzer war Jerusalem! - -
+
+Eine alte Sage meldet,
+Jener Sarazene sei
+Gar kein böser Mensch gewesen,
+Sondern ein verkappter Engel,
+
+Der vom Himmel ward gesendet,
+Gottes Liebling zu entrücken
+Dieser Erde und zu fördern
+Ohne Qual ins Reich der Selgen.
+
+Droben, heißt es, harrte seiner
+Ein Empfang, der schmeichelhaft
+Ganz besonders für den Dichter,
+Eine himmlische Sürprise.
+
+Festlich kam das Chor der Engel
+Ihm entgegen mit Musik,
+Und als Hymne grüßten ihn
+Seine eignen Verse, jenes
+
+Synagogen-Hochzeitkarmen,
+Jene Sabbathhymenäen,
+Mit den jauchzend wohlbekannten
+Melodieen - welche Töne!
+
+Englein bliesen auf Hoboen,
+Englein spielten Violine,
+Andre strichen auch die Bratsche
+Oder schlugen Pauk und Zimbel.
+
+Und das sang und klang so lieblich,
+Und so lieblich in den weiten
+Himmelsräumen widerhallt es:
+Lecho Daudi likras Kalle.
+
+ IV
+
+Meine Frau ist nicht zufrieden
+Mit dem vorigen Kapitel,
+Ganz besonders in Bezug
+Auf das Kästchen des Darius.
+
+Fast mit Bitterkeit bemerkt sie:
+Daß ein Ehemann, der wahrhaft
+Religiöse sei, das Kästchen
+Gleich zu Gelde machen würde,
+
+Um damit für seine arme,
+Legitime Ehegattin
+Einen Kaschemir zu kaufen,
+Dessen sie so sehr bedürfe.
+
+Der Jehuda ben Halevy,
+Meinte sie, der sei hinlänglich
+Ehrenvoll bewahrt in einem
+Schönen Futteral von Pappe
+
+Mit chinesisch eleganten
+Arabesken, wie die hübschen
+Bonbonnieren von Marquis
+Im Passage Panorama.
+
+Sonderbar! - setzt sie hinzu -
+Daß ich niemals nennen hörte
+Diesen großen Dichternamen,
+Den Jehuda ben Halevy.
+
+Liebstes Kind, gab ich zur Antwort,
+Solche holde Ignoranz,
+Sie bekundet die Lakunen
+Der französischen Erziehung,
+
+Der Pariser Pensionate,
+Wo die Mädchen, diese künftgen
+Mütter eines freien Volkes,
+Ihren Unterricht genießen -
+
+Alte Mumien, ausgestopfte
+Pharaonen von Ägypten,
+Merovinger Schattenkönge,
+Ungepuderte Perücken,
+
+Auch die Zopfmonarchen Chinas,
+Porzellanpagodenkaiser -
+Alle lernen sie auswendig,
+Kluge Mädchen, aber Himmel -
+
+Fragt man sie nach großen Namen
+Aus dem großen Goldzeitalter
+Der arabisch-althispanisch
+Jüdischen Poetenschule,
+
+Fragt man nach dem Dreigestirn,
+Nach Jehuda ben Halevy,
+Nach dem Salomon Gabirol
+Und dem Moses Iben Esra -
+
+Fragt man nach dergleichen Namen,
+Dann mit großen Augen schaun
+Uns die Kleinen an - alsdann
+Stehn am Berge die Ochsinnen.
+
+Raten möcht ich dir, Geliebte,
+Nachzuholen das Versäumte
+Und Hebräisch zu erlernen -
+Laß Theater und Konzerte,
+
+Widme einge Jahre solchem
+Studium, du kannst alsdann
+Im Originale lesen
+Iben Esra und Gabirol
+
+Und versteht sich den Halevy,
+Das Triumvirat der Dichtkunst,
+Das dem Saitenspiel Davidis
+Einst entlockt die schönsten Laute.
+
+Alcharisi - der, ich wette,
+Dir nicht minder unbekannt ist,
+Ober gleich, französ'scher Witzbold,
+Den Hariri überwitzelt
+
+Im Gebiete der Makame,
+Und ein Voltairianer war
+Schon sechshundert Jahr vor Voltair' -
+Jener Alcharisi sagte:
+
+»Durch Gedanken glänzt Gabirol
+Und gefällt zumeist dem Denker,
+Iben Esra glänzt durch Kunst
+Und behagt weit mehr dem Künstler -
+
+»Aber Beider Eigenschaften
+Hat Jehuda ben Halevy,
+Und er ist ein großer Dichter
+Und ein Liebling aller Menschen.«
+
+Iben Esra war ein Freund
+Und, ich glaube, auch ein Vetter
+Des Jehuda ben Halevy,
+Der in seinem Wanderbuche
+
+Schmerzlich klagt, wie er vergebens
+In Granada aufgesucht hat
+Seinen Freund, und nur den Bruder
+Dorten fand, den Medikus,
+
+Rabbi Meyer, auch ein Dichter
+Und der Vater jener Schönen,
+Die mit hoffnungsloser Flamme
+Iben Esras Herz entzunden -
+
+Um das Mühmchen zu vergessen,
+Griff er nach dem Wanderstabe,
+Wie so mancher der Kollegen;
+Lebte unstet, heimatlos.
+
+Pilgernd nach Jerusalem,
+Überfielen ihn Tartaren,
+Die an einen Gaul gebunden
+Ihn nach ihren Steppen schleppten.
+
+Mußte Dienste dort verrichten,
+Die nicht würdig eines Rabbi
+Und noch wenger eines Dichters,
+Mußte nämlich Kühe melken.
+
+Einstens, als er unterm Bauche
+Einer Kuh gekauert saß,
+Ihre Euter hastig fingernd,
+Daß die Milch floß in den Zuber -
+
+Eine Position, unwürdig
+Eines Rabbis, eines Dichters -
+Da befiel ihn tiefe Wehmut,
+Und er fing zu singen an,
+
+Und er sang so schön und lieblich,
+Daß der Chan, der Fürst der Horde,
+Der vorbeiging, ward gerühret
+Und die Freiheit gab dem Sklaven.
+
+Auch Geschenke gab er ihm,
+Einen Fuchspelz, eine lange
+Sarazenenmandoline
+Und das Zehrgeld für die Heimkehr.
+
+Dichterschicksal! böser Unstern,
+Der die Söhne des Apollo
+Tödlich nergelt, und sogar
+Ihren Vater nicht verschont hat,
+
+Als er, hinter Daphnen laufend,
+Statt des weißen Nymphenleibes
+Nur den Lorbeerbaum erfaßte,
+Er. der göttliche Schlemihl!
+
+Ja, der hohe Delphier ist
+Ein Schlemihl, und gar der Lorbeer,
+Der so stolz die Stirne krönet,
+Ist ein Zeichen des Schlemihltums.
+
+Was das Wort Schlemihl bedeutet,
+Wissen wir. Hat doch Chamisso
+Ihm das Bürgerrecht in Deutschland
+Längst verschafft, dem Worte nämlich.
+
+Aber unbekannt geblieben,
+Wie des heilgen Niles Quellen,
+Ist sein Ursprung; hab darüber
+Nachgegrübelt manche Nacht.
+
+Zu Berlin vor vielen Jahren
+Wandt ich mich deshalb an unsern
+Freund Chamisso, suchte Auskunft
+Beim Dekane der Schlemihle.
+
+Doch er konnt mich nicht befriedgen
+Und verwies mich drob an Hitzig,
+Der ihm den Familiennamen
+Seines schattenlosen Peters
+
+Einst verraten. Alsbald nahm ich
+Eine Droschke und ich rollte
+Zu dem Kriminalrat Hitzig,
+Welcher ehmals Itzig hieß -
+
+Als er noch ein Itzig war,
+Träumte ihm, er säh geschrieben
+An dem Himmel seinen Namen
+Und davor den Buchstab H.
+
+»Was bedeutet dieses H?«
+Frug er sich - »etwa Herr Itzig
+Oder Heilger Itzig? Heilger
+Ist ein schöner Titel - aber
+
+»In Berlin nicht passend« - Endlich
+Grübelnsmüd nannt er sich Hitzig,
+Und nur die Getreuen wußten:
+In dem Hitzig steckt ein Heilger.
+
+Heilger Hitzig! sprach ich also,
+Als ich zu ihm kam, Sie sollen
+Mir die Etymologie
+Von dem Wort Schlemihl erklären.
+
+Viel Umschweife nahm der Heilge,
+Konnte sich nicht recht erinnern,
+Eine Ausflucht nach der andern,
+Immer christlich - Bis mir endlich,
+
+Endlich alle Knöpfe rissen
+An der Hose der Geduld,
+Und ich anfing so zu fluchen,
+So gottlästerlich zu fluchen,
+
+Daß der fromme Pietist,
+Leichenblaß und beineschlotternd,
+Unverzüglich mir willfahrte
+Und mir Folgendes erzählte:
+
+»In der Bibel ist zu lesen,
+Als zur Zeit der Wüstenwandrung
+Israel sich oft erlustigt
+Mit den Töchtern Kanaans,
+
+»Da geschah es, daß der Pinhas
+Sahe, wieder edle Simri
+Buhlschaft trieb mit einem Weibsbild
+Aus dem Stamm der Kananiter,
+
+»Und alsbald ergriff er zornig
+Seinen Speer und hat den Simri
+Auf der Stelle totgestochen -
+Also heißt es in der Bibel.
+
+»Aber mündlich überliefert
+Hat im Volke sich die Sage,
+Daß es nicht der Simri war,
+Den des Pinhas Speer getroffen,
+
+»Sondern daß der Blinderzürnte,
+Statt des Sünders, unversehens
+Einen ganz Unschuldgen traf,
+Den Schlemihl ben Zuri Schadday.« -
+
+Dieser nun, Schlemihl I.,
+Ist der Ahnherr des Geschlechtes
+Derer von Schlemihl. Wir stammen
+Von Schlemihl ben Zuri Schadday.
+
+Freilich keine Heldentaten
+Meldet man von ihm, wir kennen
+Nur den Namen und wir wissen,
+Daß er ein Schlemihl gewesen.
+
+Doch geschätzet wird ein Stammbaum
+Nicht ob seinen guten Früchten,
+Sondern nur ob seinem Alter -
+Drei Jahrtausend zählt der unsre!
+
+Jahre kommen und vergehen -
+Drei Jahrtausende verflossen,
+Seit gestorben unser Ahnherr,
+Herr Schlemihl ben Zuri Schadday.
+
+Längst ist auch der Pinhas tot -
+Doch sein Speer hat sich erhalten,
+Und wir hören ihn beständig
+Über unsre Häupter schwirren.
+
+Und die besten Herzen trifft er -
+Wie Jehuda ben Halevy,
+Traf er Moses Iben Esra
+Und er traf auch den Gabirol -
+
+Den Gabirol, diesen treuen
+Gottgeweihten Minnesänger,
+Diese fromme Nachtigall,
+Deren Rose Gott gewesen -
+
+Diese Nachtigall, die zärtlich
+Ihre Liebeslieder sang
+In der Dunkelheit der gotisch
+Mittelalterlichen Nacht!
+
+Unerschrocken, unbekümmert
+Ob den Fratzen und Gespenstern,
+Ob dem Wust von Tod und Wahnsinn,
+Die gespukt in jener Nacht -
+
+Sie, die Nachtigall, sie dachte
+Nur an ihren göttlich Liebsten,
+Dem sie ihre Liebe schluchzte,
+Den ihr Lobgesang verherrlicht! -
+
+Dreißig Lenze sah Gabirol
+Hier auf Erden, aber Fama
+Ausposaunte seines Namens
+Herrlichkeit durch alle Lande.
+
+Zu Corduba, wo er wohnte,
+War ein Mohr sein nächster Nachbar,
+Welcher gleichfalls Verse machte
+Und des Dichters Ruhm beneidet'.
+
+Hörte er den Dichter singen,
+Schwoll dem Mohren gleich die Galle,
+Und der Lieder Süße wurde
+Bittre Wehmut für den Neidhart.
+
+Er verlockte den Verhaßten
+Nächtlich in sein Haus, erschlug ihn
+Dorten und vergrub den Leichnam
+Hinterm Hause in dem Garten.
+
+Aber siehe! aus dem Boden,
+Wo die Leiche eingescharrt war,
+Wuchs hervor ein Feigenbaum
+Von der wunderbarsten Schönheit.
+
+Seine Frucht war seltsam länglich
+Und von seltsam würzger Süße,
+Wer davon genoß, versank
+In ein träumerisch Entzücken.
+
+In dem Volke ging darüber
+Viel Gerede und Gemunkel,
+Das am End zu den erlauchten
+Ohren des Chalifen kam.
+
+Dieser prüfte eigenzüngig
+Jenes Feigenphänomen,
+Und ernannte eine strenge
+Untersuchungskommission.
+
+Man verfuhr summarisch. Sechzig
+Bambushiebe auf die Sohlen
+Gab man gleich dem Herrn des Baumes,
+Welcher eingestand die Untat.
+
+Darauf riß man auch den Baum
+Mit den Wurzeln aus dem Boden,
+Und zum Vorschein kam die Leiche
+Des erschlagenen Gabirol.
+
+Diese ward mit Pomp bestattet
+Und betrauert von den Brüdern;
+An demselben Tage henkte
+Man den Mohren zu Corduba.
+
+(Fragment)
+
+
+
+ Disputation
+
+In der Aula zu Toledo
+Klingen schmetternd die Fanfaren;
+Zu dem geistlichen Turnei
+Wallt das Volk in bunten Scharen.
+
+Das ist nicht ein weltlich Stechen,
+Keine Eisenwaffe blitzet -
+Eine Lanze ist das Wort,
+Das scholastisch scharf gespitzet.
+
+Nicht galante Paladins
+Fechten hier, nicht Damendiener -
+Dieses Kampfes Ritter sind
+Kapuziner und Rabbiner.
+
+Statt des Helmes tragen sie
+Schabbesdeckel und Kapuzen;
+Skapulier und Arbekanfeß
+Sind der Harnisch, drob sie trutzen.
+
+Welches ist der wahre Gott?
+Ist es der Hebräer starrer
+Großer Eingott, dessen Kämpe
+Rabbi Juda. der Navarrer?
+
+Oder ist es der dreifaltge
+Liebegott der Christianer,
+Dessen Kämpe Frater Jose,
+Gardian der Franziskaner?
+
+Durch die Macht der Argumente,
+Durch der Logik Kettenschlüsse
+Und Zitate von Autoren,
+Die man anerkennen müsse,
+
+Will ein jeder Kämpe seinen
+Gegner ad absurdum führen
+Und die wahre Göttlichkeit
+Seines Gottes demonstrieren.
+
+Festgestellt ist: daß derjenge,
+Der im Streit ward überwunden,
+Seines Gegners Religion
+Anzunehmen sei verbunden,
+
+Daß der Jude sich der Taufe
+Heilgem Sakramente füge,
+Und im Gegenteil der Christ
+Der Beschneidung unterliege.
+
+Jedem von den beiden Kämpen
+Beigesellt sind elf Genossen,
+Die zu teilen sein Geschick
+Sind in Freud und Leid entschlossen.
+
+Glaubenssicher sind die Mönche
+Von des Gardians Geleitschaft,
+Halten schon Weihwasserkübel
+Für die Taufe in Bereitschaft,
+
+Schwingen schon die Sprengelbesen
+Und die blanken Räucherfässer -
+Ihre Gegner unterdessen
+Wetzen die Beschneidungsmesser.
+
+Beide Rotten stehn schlagfertig
+Vor den Schranken in dem Saale,
+Und das Volk mit Ungeduld
+Harret drängend der Signale.
+
+Unterm güldnen Baldachin
+Und umrauscht vom Hofgesinde
+Sitzt der König und die Köngin;
+Diese gleichet einem Kinde.
+
+Ein französisch stumpfes Näschen,
+Schalkheit kichert in den Mienen,
+Doch bezaubernd sind des Mundes
+Immer lächelnde Rubinen.
+
+Schöne, flatterhafte Blume -
+Daß sich ihrer Gott erbarme -
+Von dem heitern Seineufer
+Wurde sie verpflanzt, die arme,
+
+Hierher in den steifen Boden
+Der hispanischen Grandezza;
+Weiland hieß sie Blanch' de Bourbon,
+Donna Blanka heißt sie jetzo.
+
+Pedro wird genannt der König
+Mit dem Zusatz der Grausame;
+Aber heute, milden Sinnes,
+Ist er besser als sein Name.
+
+Unterhält sich gut gelaunt
+Mit des Hofes Edelleuten;
+Auch den Juden und den Mohren
+Sagt er viele Artigkeiten.
+
+Diese Ritter ohne Vorhaut
+Sind des Königs Lieblingsschranzen,
+Sie befehlgen seine Heere,
+Sie verwalten die Finanzen.
+
+Aber plötzlich Paukenschläge,
+Und es melden die Trompeten,
+Daß begonnen hat der Maulkampf,
+Der Disput der zwei Athleten.
+
+Der Gardian der Franziskaner
+Bricht hervor mit frommem Grimme;
+Polternd roh und widrig greinend
+Ist abwechselnd seine Stimme.
+
+In des Vaters und des Sohnes
+Und des heilgen Geistes Namen
+Exorzieret er den Rabbi,
+Jakobs maledeiten Samen.
+
+Denn bei solchen Kontroversen
+Sind oft Teufelchen verborgen
+In dem Juden, die mit Scharfsinn,
+Witz und Gründen ihn versorgen.
+
+Nun die Teufel ausgetrieben
+Durch die Macht des Exorzismus,
+Kommt der Mönch auch zur Dogmatik,
+Kugelt ab den Katechismus.
+
+Er erzählt, daß in der Gottheit
+Drei Personen sind enthalten,
+Die jedoch zu einer einzgen,
+Wenn es passend, sich gestalten -
+
+Ein Mysterium, das nur
+Von demjengen wird verstanden,
+Der entsprungen ist dem Kerker
+Der Vernunft und ihren Banden.
+
+Er erzählt: wie Gott der Herr
+Ward zu Bethlehem geboren
+Von der Jungfrau, welche niemals
+Ihre Jungferschaft verloren;
+
+Wie der Herr der Welt gelegen
+In der Krippe, und ein Kühlein
+Und ein Öchslein bei ihm stunden,
+Schier andächtig, zwei Rindviehlein.
+
+Er erzählte: wie der Herr
+Vor den Schergen des Herodes
+Nach Ägypten floh, und später
+Litt die herbe Pein des Todes
+
+Unter Pontio Pilato,
+Der das Urteil unterschrieben,
+Von den harten Pharisäern,
+Von den Juden angetrieben.
+
+Er erzählte: wie der Herr,
+Der entstiegen seinem Grabe
+Schon am dritten Tag, gen Himmel
+Seinen Flug genommen habe;
+
+Wie er aber, wenn es Zeit ist,
+Wiederkehren auf die Erde
+Und zu Josaphat die Toten
+Und Lebendgen richten werde.
+
+»Zittert, Juden!« rief der Mönch,
+»Vor dem Gott, den ihr mit Hieben
+Und mit Dornen habt gemartert,
+Den ihr in den Tod getrieben.
+
+»Seine Mörder, Volk der Rachsucht,
+Juden, das seid ihr gewesen -
+Immer meuchelt ihr den Heiland,
+Welcher kommt, euch zu erlösen.
+
+»Judenvolk, du bist ein Aas,
+Worin hausen die Dämonen;
+Eure Leiber sind Kasernen
+Für des Teufels Legionen.
+
+»Thomas von Aquino sagt es,
+Den man nennt den großen Ochsen
+Der Gelehrsamkeit, er ist
+Licht und Lust der Orthodoxen.
+
+»Judenvolk, ihr seid Hyänen,
+Wölfe, Schakals, die in Gräbern
+Wühlen, um der Toten Leichnam'
+Blutfraßgierig aufzustöbern.
+
+»Juden, Juden, ihr seid Säue,
+Paviane, Nashorntiere,
+Die man nennt Rhinozerosse,
+Krokodile und Vampire.
+
+»Ihr seid Raben, Eulen, Uhus,
+Fledermäuse, Wiedehöpfe,
+Leichenhühner, Basilisken,
+Galgenvögel, Nachtgeschöpfe.
+
+»Ihr seid Vipern und Blindschleichen,
+Klapperschlangen, giftge Kröten,
+Ottern, Nattern - Christus wird
+Eur verfluchtes Haupt zertreten.
+
+»Oder wollt ihr, Maledeiten,
+Eure armen Seelen retten?
+Aus der Bosheit Synagoge
+Flüchtet nach den frommen Stätten,
+
+»Nach der Liebe lichtem Dome,
+Wo im benedeiten Becken
+Euch der Quell der Gnade sprudelt -
+Drin sollt ihr die Köpfe stecken -
+
+»Wascht dort ab den alten Adam
+Und die Laster, die ihn schwärzen;
+Des verjährten Grolles Schimmel,
+Wascht ihn ab von euren Herzen!
+
+»Hört ihr nicht des Heilands Stimme?
+Euren neuen Namen rief er -
+Lauset euch an Christi Brust
+Von der Sünde Ungeziefer!
+
+»Unser Gott, der ist die Liebe,
+Und er gleichet einem Lamme;
+Um zu sühnen unsre Schuld,
+Starb er an des Kreuzes Stamme.
+
+»Unser Gott, der ist die Liebe,
+Jesus Christus ist sein Name;
+Seine Duldsamkeit und Demut
+Suchen wir stets nachzuahmen.
+
+»Deshalb sind wir auch so sanft,
+So leutselig, ruhig, milde,
+Hadern niemals, nach des Lammes,
+Des Versöhners, Musterbilde.
+
+»Einst im Himmel werden wir
+Ganz verklärt zu frommen Englein,
+Und wir wandeln dort gottselig,
+In den Händen Liljenstenglein.
+
+»Statt der groben Kutten tragen
+Wir die reinlichsten Gewänder
+Von Moußlin, Brokat und Seide,
+Goldne Troddeln, bunte Bänder.
+
+»Keine Glatze mehr! Goldlocken
+Flattern dort um unsre Köpfe;
+Allerliebste Jungfraun flechten
+Uns das Haar in hübsche Zöpfe.
+
+»Weinpokale wird es droben
+Von viel weiterm Umfang geben
+Als die Becher sind hier unten,
+Worin schäumt der Saft der Reben.
+
+»Doch im Gegenteil viel enger
+Als ein Weibermund hienieden,
+Wird das Frauenmündchen sein,
+Das dort oben uns beschieden.
+
+»Trinkend, küssend, lachend wollen
+Wir die Ewigkeit verbringen,
+Und verzückt Halleluja,
+Kyrie Eleison singen.«
+
+Also schloß der Christ. Die Mönchlein
+Glaubten schon, Erleuchtung träte
+In die Herzen, und sie schleppten
+Flink herbei das Taufgeräte.
+
+Doch die wasserscheuen Juden
+Schütteln sich und grinsen schnöde.
+Rabbi Juda, der Navarrer,
+Hub jetzt an die Gegenrede:
+
+»Um für deine Saat zu düngen
+Meines Geistes dürren Acker,
+Mit Mistkarren voll Schimpfwörter
+Hast du mich beschmissen wacker.
+
+»So folgt jeder der Methode,
+Dran er nun einmal gewöhnet,
+Und anstatt dich drob zu schelten,
+Sag ich Dank dir, wohlversöhnet.
+
+»Die Dreieinigkeitsdoktrin
+Kann für unsre Leut nicht passen,
+Die mit Regula-de-tri
+Sich von Jugend aufbefassen.
+
+»Daß in deinem Gotte drei,
+Drei Personen sind enthalten,
+Ist bescheiden noch, sechstausend
+Götter gab es bei den Alten.
+
+»Unbekannt ist mir der Gott,
+Den ihr Christum pflegt zu nennen;
+Seine Jungfer Mutter gleichfalls
+Hab ich nicht die Ehr zu kennen.
+
+»Ich bedaure, daß er einst,
+Vor etwa zwölfhundert Jahren,
+Einge Unannehmlichkeiten
+Zu Jerusalem erfahren.
+
+»Ob die Juden ihn getötet,
+Das ist schwer jetzt zu erkunden,
+Da ja das Corpus Delicti
+Schon am dritten Tag verschwunden.
+
+»Daß er ein Verwandter sei
+Unsres Gottes, ist nicht minder
+Zweifelhaft; so viel wir wissen,
+Hat der letztre keine Kinder.
+
+»Unser Gott ist nicht gestorben
+Als ein armes Lämmerschwänzchen
+Für die Menschheit, ist kein süßes
+Philantröpfchen, Faselhänschen.
+
+»Unser Gott ist nicht die Liebe;
+Schnäbeln ist nicht seine Sache,
+Denn er ist ein Donnergott
+Und er ist ein Gott der Rache.
+
+»Seines Zornes Blitze treffen
+Unerbittlich jeden Sünder,
+Und des Vaters Schulden büßen
+Oft die späten Enkelkinder.
+
+»Unser Gott, der ist lebendig,
+Und in seiner Himmelshalle
+Existieret er drauf los
+Durch die Ewigkeiten alle.
+
+»Unser Gott, und der ist auch
+Ein gesunder Gott, kein Mythos
+Bleich und dünne wie Oblaten
+Oder Schatten am Cocytos.
+
+»Unser Gott ist stark. In Händen
+Trägt er Sonne, Mond, Gestirne;
+Throne brechen, Völker schwinden,
+Wenn er runzelt seine Stirne.
+
+»Und er ist ein großer Gott.
+David singt: Ermessen ließe
+Sich die Größe nicht, die Erde
+Sei der Schemel seiner Füße.
+
+»Unser Gott liebt die Musik,
+Saitenspiel und Festgesänge;
+Doch wie Ferkelgrunzen sind
+Ihm zuwider Glockenklänge.
+
+»Leviathan heißt der Fisch,
+Welcher haust im Meeresgrunde;
+Mit ihm spielet Gott der Herr
+Alle Tage eine Stunde -
+
+»Ausgenommen an dem neunten
+Tag des Monats Ab, wo nämlich
+Eingeäschert ward sein Tempel;
+An dem Tag ist er zu grämlich.
+
+»Des Leviathans Länge ist
+Hundert Meilen, hat Floßfedern
+Groß wie König Ok von Basan,
+Und sein Schwanz ist wie ein Zedern.
+
+»Doch sein Fleisch ist delikat,
+Delikater als Schildkröten,
+Und am Tag der Auferstehung
+Wird der Herr zu Tische beten.
+
+»Alle frommen Auserwählten,
+Die Gerechten und die Weisen -
+Unsres Herrgotts Lieblingsfisch
+Werden sie alsdann verspeisen,
+
+»Teils mit weißer Knoblauchbrühe,
+Teils auch braun in Wein gesotten,
+Mit Gewürzen und Rosinen,
+Ungefähr wie Matelotten.
+
+»In der weißen Knoblauchbrühe
+Schwimmen kleine Schäbchen Rettich -
+So bereitet, Frater Jose,
+Mundet dir das Fischlein, wett ich!
+
+»Auch die braune ist so lecker,
+Nämlich die Rosinensauce,
+Sie wird himmlisch wohl behagen
+Deinem Bäuchlein, Frater Jose.
+
+»Was Gott kocht, ist gut gekocht!
+Mönchlein, nimm jetzt meinen Rat an,
+Opfre hin die alte Vorhaut
+Und erquick dich am Leviathan.«
+
+Also lockend sprach der Rabbi,
+Lockend, ködernd, heimlich schmunzelnd,
+Und die Juden schwangen schon
+Ihre Messer wonnegrunzelnd,
+
+Um als Sieger zu skalpieren
+Die verfallenen Vorhäute,
+Wahre spolia opima
+In dem wunderlichen Streite.
+
+Doch die Mönche hielten fest
+An dem väterlichen Glauben
+Und an ihrer Vorhaut, ließen
+Sich derselben nicht berauben.
+
+Nach dem Juden sprach aufs neue
+Der katholische Bekehrer;
+Wieder schimpft er, jedes Wort
+Ist ein Nachttopf, und kein leerer.
+
+Darauf repliziert der Rabbi
+Mit zurückgehaltnem Eifer;
+Wie sein Herz auch überkocht,
+Doch verschluckt er seinen Geifer.
+
+Er beruft sich auf die Mischna,
+Kommentare und Traktate;
+Bringt auch aus dem Tausves-Jontof
+Viel beweisende Zitate.
+
+Aber welche Blasphemie
+Mußt er von dem Mönche hören!
+Dieser sprach: der Tausves-Jontof
+Möge sich zum Teufel scheren.
+
+»Da hört alles auf, o Gott!«
+Kreischt der Rabbi jetzt entsetzlich;
+Und es reißt ihm die Geduld,
+Rappelköpfig wird er plötzlich.
+
+»Gilt nichts mehr der Tausves-Jontof,
+Was soll gelten? Zeter! Zeter!
+Räche, Herr, die Missetat,
+Strafe, Herr, den Übeltäter!
+
+»Denn der Tausves-Jontof, Gott,
+Das bist du! Und an dem frechen
+Tausvesjontof-Leugner mußt du
+Deines Namens Ehre rächen.
+
+»Laß den Abgrund ihn verschlingen,
+Wie des Korah böse Rotte,
+Die sich wider dich empört
+Durch Emeute und Komplotte.
+
+»Donnre deinen besten Donner!
+Strafe, o mein Gott, den Frevel -
+Hattest du doch zu Sodoma
+Und Gomorrha Pech und Schwefel!
+
+»Treffe, Herr, die Kapuziner,
+Wie du Pharaon getroffen,
+Der uns nachgesetzt, als wir
+Wohl bepackt davongeloffen.
+
+»Hunderttausend Ritter folgten
+Diesem König von Mizrayim,
+Stahlbepanzert, blanke Schwerter
+In den schrecklichen Jadayim.
+
+»Gott! da hast du ausgestreckt
+Deine Jad, und samt dem Heere
+Ward ertränkt, wie junge Katzen,
+Pharao im roten Meere.
+
+»Treffe, Herr, die Kapuziner,
+Zeige den infamen Schuften,
+Daß die Blitze deines Zorns
+Nicht verrauchten und verpufften.
+
+»Deines Sieges Ruhm und Preis
+Will ich singen dann und sagen,
+Und dabei, wie Mirjam tat,
+Tanzen und die Pauke schlagen.«
+
+In die Rede grimmig fiel
+Jetzt der Mönch dem Zornentflammten:
+»Mag dich selbst der Herr verderben,
+Dich Verfluchten und Verdammten!
+
+»Trotzen kann ich deinen Teufeln,
+Deinem schmutzgen Fliegengotte,
+Luzifer und Belzebube,
+Belial und Astarothe.
+
+»Trotzen kann ich deinen Geistern,
+Deinen dunkeln Höllenpossen,
+Denn in mir ist Jesus Christus,
+Habe seinen Leib genossen.
+
+»Christus ist mein Leibgericht,
+Schmeckt viel besser als Leviathan
+Mit der weißen Knoblauchsauce,
+Die vielleicht gekocht der Satan.
+
+»Ach! anstatt zu disputieren,
+Lieber möcht ich schmoren, braten
+Auf dem wärmsten Scheiterhaufen
+Dich und deine Kameraden.«
+
+Also tost in Schimpf und Ernst
+Das Turnei für Gott und Glauben,
+Doch die Kämpen ganz vergeblich
+Kreischen, schelten, wüten, schnauben.
+
+Schon zwölf Stunden währt der Kampf,
+Dem kein End ist abzuschauen;
+Müde wird das Publikum,
+Und es schwitzen stark die Frauen.
+
+Auch der Hof wird ungeduldig,
+Manche Zofe gähnt ein wenig.
+Zu der schönen Königin
+Wendet fragend sich der König:
+
+»Sagt mir, was ist Eure Meinung?
+Wer hat Recht von diesen beiden?
+Wollt Ihr für den Rabbi Euch
+Oder für den Mönch entscheiden?«
+
+Donna Blanka schaut ihn an,
+Und wie sinnend ihre Hände
+Mit verschränkten Fingern drückt sie
+An die Stirn und spricht am Ende:
+
+»Welcher Recht hat, weiß ich nicht -
+Doch es will mich schier bedünken,
+Daß der Rabbi und der Mönch,
+Daß sie alle beide stinken.«
+
+
+
+
+ Nachwort zum »Romanzero«
+
+Ich habe dieses Buch Romanzero genannt, weil der Romanzenton
+vorherrschend in den Gedichten, die hier gesammelt. Mit wenigen
+Ausnahmen schrieb ich sie während der letzten drei Jahre, unter
+mancherlei körperlichen Hindernissen und Qualen. Gleichzeitig mit
+dem Romanzero lasse ich in derselben Verlagshandlung ein Büchlein
+erscheinen, welches »Der Doktor Faust, ein Tanzpoem, nebst kuriosen
+Berichten über Teufel, Hexen und Dichtkunst« betitelt ist. Ich
+empfehle solches einem verehrungswürdigen Publiko, das sich gern ohne
+Kopfanstrengung über dergleichen Dinge belehren lassen möchte; es ist
+eine leichte Goldarbeit, worüber gewiß mancher Grobschmied den Kopf
+schütteln wird. Ich hegte ursprünglich die Absicht, dieses Produkt dem
+Romanzero einzuverleiben, was ich aber unterließ, um nicht die Einheit
+der Stimmung, die in letzterem waltet und gleichsam sein Kolorit
+bildet, zu stören. Jenes Tanzpoem schrieb ich nämlich im Jahre
+1847, zu einer Zeit, wo mein böses Siechtum bereits bedenklich
+vorgeschritten war, aber doch noch nicht seine grämlichen Schatten
+über mein Gemüt warf. Ich hatte damals noch etwas Fleisch und
+Heidentum an mir, und ich war noch nicht zu dem spiritualistischen
+Skelette abgemagert, das jetzt seiner gänzlichen Auflösung
+entgegenharrt. Aber existiere ich wirklich noch? Mein Leib ist so sehr
+in die Krümpe gegangen, daß schier nichts übrig geblieben als die
+Stimme, und mein Bett mahnt mich an das tönende Grab des Zauberers
+Merlinus, welches sich im Walde Brozeliand in der Bretagne befindet,
+unter hohen Eichen, deren Wipfel wie grüne Flammen gen Himmel
+lodern. Ach, um diese Bäume und ihr frisches Wehen beneide ich dich,
+Kollege Merlinus, denn kein grünes Blatt rauscht herein in meine
+Matratzengruft zu Paris, wo ich früh und spat nur Wagengerassel,
+Gehämmer, Gekeife und Klaviergeklimper vernehme. Ein Grab ohne
+Ruhe, der Tod ohne die Privilegien der Verstorbenen, die kein Geld
+auszugeben und keine Briefe oder gar Bücher zu schreiben brauchen -
+das ist ein trauriger Zustand. Man hat mir längst das Maß genommen
+zum Sarg, auch zum Nekrolog, aber ich sterbe so langsam, daß solches
+nachgerade langweilig wird für mich, wie für meine Freunde. Doch
+Geduld, alles hat sein Ende. Ihr werdet eines Morgens die Bude
+geschlossen finden, wo euch die Puppenspiele meines Humors so oft
+ergötzten.
+
+Was soll aber, wenn ich tot bin, aus den armen Hauswürsten werden, die
+ich seit Jahren bei jenen Darstellungen employiert hatte? Was soll
+z. B. aus Maßmann werden? Ungern verlaß ich ihn, und es erfaßt mich
+schier eine tiefe Wehmut, wenn ich denke an die Verse:
+
+ Ich sehe die kurzen Beinchen nicht mehr,
+ Nicht mehr die platte Nase;
+ Er schlug wie ein Pudel frisch, fromm, fröhlich, frei,
+ Die Purzelbäume im Grase.
+
+Und er versteht Latein. Ich habe freilich in meinen Schriften so
+oft das Gegenteil behauptet, daß Niemand mehr meine Behauptung
+bezweifelte, und der Ärmste ein Stichblatt der allgemeinen Verhöhnung
+ward. Die Schulbuben frugen ihn, in welcher Sprache der Don Quixote
+geschrieben sei? und wenn mein armer Maßmann antwortete: in spanischer
+Sprache - erwiderten sie, er irre sich, derselbe sei lateinisch
+geschrieben und das käme ihm so spanisch vor. Sogar die eigene Gattin
+war grausam genug, bei häuslichen Mißverständnissen auszurufen, sie
+wundere sich, daß ihr Mann sie nicht verstehe, da sie doch Deutsch
+und kein Latein gesprochen habe. Die Maßmännische Großmutter, eine
+Wäscherin von unbescholtener Sittlichkeit und die einst für Friedrich
+den Großen gewaschen, hat sich über die Schmach ihres Enkels zu Tode
+gegrämt; der Onkel, ein wackerer altpreußischer Schuhflicker, bildete
+sich ein, die ganze Familie sei schimpfiert, und vor Verdruß ergab er
+sich dem Trunk.
+
+Ich bedaure, daß meine jugendliche Unbesonnenheit solches Unheil
+angerichtet. Die würdige Waschfrau kann ich leider nicht wieder ins
+Leben zurückrufen, und den zartfühlenden Oheim, der jetzt zu Berlin in
+der Gosse liegt, kann ich nicht mehr des Schnapses entwöhnen; aber ihn
+selbst, meinen armen Hanswurst Maßmann, will ich in der öffentlichen
+Meinung wieder rehabilitieren, indem ich alles was ich über seine
+Lateinlosigkeit, seine lateinische Impotenz, seine magna linguae
+romanae ignorantia jemals geäußert habe, feierlich widerrufe.
+
+So hätte ich denn mein Gewissen erleichtert. Wenn man auf dem
+Sterbebette liegt, wird man sehr empfindsam und weichselig, und möchte
+Frieden machen mit Gott und der Welt. Ich gestehe es, ich habe Manchen
+gekratzt, Manchen gebissen, und war kein Lamm. Aber glaubt mir, jene
+gepriesenen Lämmer der Sanftmut würden sich minder frömmig gebärden,
+besäßen sie die Zähne und die Tatzen des Tigers. Ich kann mich rühmen,
+daß ich mich solcher angebornen Waffen nur selten bedient habe. Seit
+ich selbst der Barmherzigkeit Gottes bedürftig, habe ich allen meinen
+Feinden Amnestie erteilt; manche schöne Gedichte, die gegen sehr
+hohe und sehr niedrige Personen gerichtet waren, wurden deshalb in
+vorliegender Sammlung nicht aufgenommen. Gedichte, die nur halbweg
+Anzüglichkeiten gegen den lieben Gott selbst enthielten, habe ich
+mit ängstlichstem Eifer den Flammen überliefert. Es ist besser, daß
+die Verse brennen als der Versifex. Ja, wie mit der Kreatur, habe
+ich auch mit dem Schöpfer Frieden gemacht, zum größten Ärgernis
+meiner aufgeklärten Freunde, die mir Vorwürfe machten über dieses
+Zurückfallen in den alten Aberglauben, wie sie meine Heimkehr zu Gott
+zu nennen beliebten. Andere, in ihrer Intoleranz, äußerten sich noch
+herber. Der gesamte hohe Klerus des Atheismus hat sein Anathema über
+mich ausgesprochen, und es gibt fanatische Pfaffen des Unglaubens,
+die mich gerne auf die Folter spannten, damit ich meine Ketzereien
+bekenne. Zum Glück stehen ihnen keine andern Folterinstrumente zu
+Gebote als ihre Schriften. Aber ich will auch ohne Tortur alles
+bekennen. Ja, ich bin zurückgekehrt zu Gott, wie der verlorene Sohn,
+nachdem ich lange Zeit bei den Hegelianern die Schweine gehütet. War
+es die Misère, die mich zurücktrieb? Vielleicht ein minder miserabler
+Grund. Das himmlische Heimweh überfiel mich und trieb mich fort
+durch Wälder und Schluchten, über die schwindlichsten Bergpfade der
+Dialektik. Auf meinem Wege fand ich den Gott der Pantheisten, aber ich
+konnte ihn nicht gebrauchen. Dies arme träumerische Wesen ist mit der
+Welt verwebt und verwachsen, gleichsam in ihr eingekerkert, und gähnt
+dich an, willenlos und ohnmächtig. Um einen Willen zu haben, muß
+man eine Person sein, und, um ihn zu manifestieren, muß man die
+Ellbogen frei haben. Wenn man nun einen Gott begehrt, der zu helfen
+vermag - und das ist doch die Hauptsache - so muß man auch seine
+Persönlichkeit, seine Außerweltlichkeit und seine heiligen Attribute,
+die Allgüte, die Allweisheit, die Allgerechtigkeit u.s.w. annehmen.
+Die Unsterblichkeit der Seele, unsre Fortdauer nach dem Tode, wird uns
+alsdann gleichsam mit in den Kauf gegeben, wie der schöne Markknochen,
+den der Fleischer, wenn er mit seinen Kunden zufrieden ist, ihnen
+unentgeltlich in den Korb schiebt. Ein solcher schöner Markknochen
+wird in der französischen Küchensprache la réjouissance genannt, und
+man kocht damit ganz vorzügliche Kraftbrühen, die für einen armen
+schmachtenden Kranken sehr stärkend und labend sind. Daß ich eine
+solche réjouissance nicht ablehnte und sie mir vielmehr mit Behagen zu
+Gemüte führte, wird jeder fühlende Mensch billigen.
+
+Ich habe vom Gott der Pantheisten geredet, aber ich kann nicht umhin
+zu bemerken, daß er im Grunde gar kein Gott ist, so wie überhaupt die
+Pantheisten eigentlich nur verschämte Atheisten sind, die sich weniger
+vor der Sache als vor dem Schatten, den sie an die Wand wirft, vor dem
+Namen, fürchten. Auch haben die meisten in Deutschland während der
+Restaurationszeit mit dem lieben Gotte dieselbe funfzehnjährige
+Komödie gespielt, welche hier in Frankreich die konstitutionellen
+Royalisten, die größtenteils im Herzen Republikaner waren, mit dem
+Königtume spielten. Nach der Juliusrevolution ließ man jenseits wie
+diesseits des Rheines die Maske fallen. Seitdem, besonders aber nach
+dem Sturz Ludwig Philipps, des besten Monarchen, der jemals die
+konstitutionelle Dornenkrone trug, bildete sich hier in Frankreich
+die Meinung: daß nur zwei Regierungsformen, das absolute Königtum und
+die Republik, die Kritik der Vernunft oder der Erfahrung aushielten,
+daß man Eins von Beiden wählen müsse, daß alles dazwischen liegende
+Mischwerk unwahr, unhaltbar und verderblich sei. In derselben Weise
+tauchte in Deutschland die Ansicht auf, daß man wählen müsse zwischen
+der Religion und der Philosophie, zwischen dem geoffenbarten Dogma
+des Glaubens und der letzten Konsequenz des Denkens, zwischen dem
+absoluten Bibelgott und dem Atheismus.
+
+Je entschiedener die Gemüter, desto leichter werden sie das Opfer
+solcher Dilemmen. Was mich betrifft, so kann ich mich in der Politik
+keines sonderlichen Fortschritts rühmen; ich verharrte bei denselben
+demokratischen Prinzipien, denen meine früheste Jugend huldigte und
+für die ich seitdem immer flammender erglühte. In der Theologie
+hingegen muß ich mich des Rückschreitens beschuldigen, indem ich,
+was ich bereits oben gestanden, zu dem alten Aberglauben, zu einem
+persönlichen Gotte, zurückkehrte. Das läßt sich nun einmal nicht
+vertuschen, wie es mancher aufgeklärte und wohlmeinende Freund
+versuchte. Ausdrücklich widersprechen muß ich jedoch dem Gerüchte, als
+hätten mich meine Rückschritte bis zur Schwelle irgend einer Kirche
+oder gar in ihren Schoß geführt. Nein, meine religiösen Überzeugungen
+und Ansichten sind frei geblieben von jeder Kirchlichkeit; kein
+Glockenklang hat mich verlockt, keine Altarkerze hat mich geblendet.
+Ich habe mit keiner Symbolik gespielt und meiner Vernunft nicht ganz
+entsagt. Ich habe nichts abgeschworen, nicht einmal meine alten
+Heidengötter, von denen ich mich zwar abgewendet, aber scheidend in
+Liebe und Freundschaft. Es war im Mai 1848, an dem Tage, wo ich zum
+letzten Male ausging, als ich Abschied nahm von den holden Idolen,
+die ich angebetet in den Zeiten meines Glücks. Nur mit Mühe schleppte
+ich mich bis zum Louvre, und ich brach fast zusammen, als ich in den
+erhabenen Saal trat, wo die hochgebenedeite Göttin der Schönheit,
+Unsere liebe Frau von Milo, auf ihrem Postamente steht. Zu ihren Füßen
+lag ich lange, und ich weinte so heftig, daß sich dessen ein Stein
+erbarmen mußte. Auch schaute die Göttin mitleidig auf mich herab, doch
+zugleich so trostlos, als wollte sie sagen: siehst du denn nicht, daß
+ich keine Arme habe und also nicht helfen kann?
+
+Ich breche hier ab, denn ich gerate in einen larmoyanten Ton, der
+vielleicht überhandnehmen kann, wenn ich bedenke, daß ich jetzt auch
+von Dir, teurer Leser, Abschied nehmen soll. Eine gewisse Rührung
+beschleicht mich bei diesem Gedanken; denn ungern trenne ich mich von
+Dir. Der Autor gewöhnt sich am Ende an sein Publikum, als wäre es ein
+vernünftiges Wesen. Auch dich scheint es zu betrüben, daß ich Dir
+Valet sagen muß; du bist gerührt, mein teurer Leser, und kostbare
+Perlen fallen aus deinen Tränensäckchen. Doch beruhige Dich, wir
+werden uns wiedersehen in einer besseren Welt, wo ich dir auch bessere
+Bücher zu schreiben gedenke. Ich setze voraus, daß sich dort auch
+meine Gesundheit bessert und daß mich Swedenborg nicht belogen hat.
+Dieser erzählt nämlich mit großer Zuversicht, daß wir in der andern
+Welt das alte Treiben, ganz wie wir es in dieser Welt getrieben, ruhig
+fortsetzen, daß wir dort unsere Individualität unverändert bewahren
+und daß der Tod in unserer organischen Entwickelung gar keine
+sonderliche Störung hervorbringe. Swedenborg ist eine grundehrliche
+Haut, und glaubwürdig sind seine Berichte über die andere Welt, wo er
+mit eigenen Augen die Personen sah, die auf unserer Erde eine Rolle
+gespielt. Die meisten, sagt er, blieben unverändert und beschäftigen
+sich mit denselben Dingen, mit denen sie sich auch vormals
+beschäftigt; sie blieben stationär, waren veraltet, rokoko, was
+sich mitunter sehr lächerlich ausnahm. So z. B. unser teurer Doktor
+Martinus Luther war stehen geblieben bei seiner Lehre von der
+Gnade, über die er während dreihundert Jahren tagtäglich dieselben
+verschimmelten Argumente niederschrieb - ganz in derselben Weise wie
+der verstorbene Baron Eckstein, der während zwanzig Jahren in der
+Allgemeinen Zeitung einen und denselben Artikel drucken ließ, den
+alten jesuitischen Sauerteig beständig wiederkäuend. Aber, wie
+gesagt, nicht alle Personen, die hienieden eine Rolle gespielt, fand
+Swedenborg in solcher fossilen Erstarrung; sie hatten im Guten wie im
+Bösen ihren Charakter weidlich ausgebildet in der anderen Welt, und da
+gab es sehr wunderliche Erscheinungen. Helden und Heilige dieser Erde
+waren dort zu Lumpen und Taugenichtsen herabgesunken, während auch das
+Gegenteil stattfand. So z. B. stieg dem heiligen Antonius der Hochmut
+in den Kopf, als er erfuhr, welche ungeheure Verehrung und Anbetung
+ihm die ganze Christenheit zollt, und er, der hienieden den
+furchtbarsten Versuchungen widerstanden, ward jetzt ein ganz
+impertinenter Schlingel und liederlicher Galgenstrick, der sich mit
+seinem Schweine um die Wette in den Kot wälzt. Die keusche Susanne
+brachte der Dünkel ihrer Sittlichkeit, die sie unbesiegbar glaubte,
+gar schmählich zu Falle, und sie, die einst den Greisen so glorreich
+widerstanden, erlag der Verlockung des jungen Absalon, Sohn Davids.
+Die Töchter Lots hingegen hatten sich im Verlauf der Zeit sehr
+vertugendhaftet und gelten in der andern Welt für Muster der
+Anständigkeit; der Alte verharrte leider bei der Weinflasche.
+
+So närrisch sie auch klingen, so sind doch diese Nachrichten eben so
+bedeutsam wie scharfsinnig. Der große skandinavische Seher begriff
+die Einheit und Unteilbarkeit unserer Existenz, so wie er auch die
+unveräußerlichen Individualitätsrechte des Menschen ganz richtig
+erkannte und anerkannte. Die Fortdauer nach dem Tode ist bei ihm kein
+idealer Mummenschanz, wo wir neue Jacken und einen neuen Menschen
+anziehen; Mensch und Kostüm bleiben bei ihm unverändert. In der
+anderen Welt des Swedenborg werden sich auch die armen Grönländer
+behaglich fühlen, die einst, als die dänischen Missionäre sie bekehren
+wollten, an diese die Frage richteten: ob es im christlichen Himmel
+auch Seehunde gäbe? Auf die verneinende Antwort erwiderten sie
+betrübt: der christliche Himmel passe alsdann nicht für Grönländer,
+die nicht ohne Seehunde existieren könnten.
+
+Wie sträubt sich unsere Seele gegen den Gedanken des Aufhörens unserer
+Persönlichkeit, der ewigen Vernichtung! Der horror vacui, den man der
+Natur zuschreibt, ist vielmehr dem menschlichen Gemüte angeboren. Sei
+getrost, teurer Leser, es gibt eine Fortdauer nach dem Tode, und in
+der anderen Welt werden wir auch unsere Seehunde wiederfinden.
+
+Und nun, lebe wohl, und wenn ich Dir etwas schuldig bin, so schicke
+mir Deine Rechnung. -
+
+Geschrieben zu Paris,
+den 30. September 1851. Heinrich Heine.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, ROMANZERO ***
+
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+
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+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
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+of the official release dates, leaving time for better editing.
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+and editing by those who wish to do so.
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+https://gutenberg.org or
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+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
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+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
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+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext04
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+Or /etext03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90
+
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+as it appears in our Newsletters.
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+Information about Project Gutenberg (one page)
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+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
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+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
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+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
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+just ask.
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+donations from donors in these states who approach us with an offer to
+donate.
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+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
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+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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