diff options
| -rw-r--r-- | .gitattributes | 3 | ||||
| -rw-r--r-- | 5607-8.txt | 6784 | ||||
| -rw-r--r-- | 5607-8.zip | bin | 0 -> 79849 bytes | |||
| -rw-r--r-- | LICENSE.txt | 11 | ||||
| -rw-r--r-- | README.md | 2 |
5 files changed, 6800 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/5607-8.txt b/5607-8.txt new file mode 100644 index 0000000..d91ffa6 --- /dev/null +++ b/5607-8.txt @@ -0,0 +1,6784 @@ +The Project Gutenberg EBook of Romanzero, by Heinrich Heine +(#5 in our series by Heinrich Heine) + +Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the +copyright laws for your country before downloading or redistributing +this or any other Project Gutenberg eBook. + +This header should be the first thing seen when viewing this Project +Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the +header without written permission. + +Please read the "legal small print," and other information about the +eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is +important information about your specific rights and restrictions in +how the file may be used. You can also find out about how to make a +donation to Project Gutenberg, and how to get involved. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + + +Title: Romanzero + +Author: Heinrich Heine + +Release Date: May, 2004 [EBook #5607] +[Yes, we are more than one year ahead of schedule] +[This file was first posted on July 20, 2002] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: Latin1 + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, ROMANZERO *** + + + + + + + +Heinrich Heine + +ROMANZERO + +Gedichte + +(Erstdruck 1851) + + + + + Erstes Buch + Historien + + + + Wenn man an dir Verrat geübt, + Sei du um so treuer; + Und ist deine Seele zu Tode betrübt, + So greife zur Leier. + + Die Saiten klingen! Ein Heldenlied, + Voll Flammen und Gluten! + Da schmilzt der Zorn, und dein Gemüt + Wird süß verbluten. + + + + Rhampsenit + +Als der König Rhampsenit +Eintrat in die goldne Halle +Seiner Tochter, lachte diese, +Lachten ihre Zofen alle. + +Auch die Schwarzen, die Eunuchen, +Stimmten lachend ein, es lachten +Selbst die Mumien, selbst die Sphinxe, +Daß sie schier zu bersten dachten. + +Die Prinzessin sprach: Ich glaubte +Schon den Schatzdieb zu erfassen, +Der hat aber einen toten +Arm in meiner Hand gelassen. + +Jetzt begreif ich, wie der Schatzdieb +Dringt in deine Schatzhauskammern +Und die Schätze dir entwendet, +Trotz den Schlössern, Riegeln, Klammern. + +Einen Zauberschlüssel hat er, +Der erschließet allerorten +Jede Türe, widerstehen +Können nicht die stärksten Pforten. + +Ich bin keine starke Pforte +Und ich hab nicht widerstanden, +Schätzehütend diese Nacht +Kam ein Schätzlein mir abhanden. + +So sprach lachend die Prinzessin +Und sie tänzelt im Gemache, +Und die Zofen und Eunuchen +Hoben wieder ihre Lache. + +An demselben Tag ganz Memphis +Lachte, selbst die Krokodile +Reckten lachend ihre Häupter +Aus dem schlammig gelben Nile, + +Als sie Trommelschlag vernahmen +Und sie hörten an dem Ufer +Folgendes Reskript verlesen +Von dem Kanzelei-Ausrufer: + +Rhampsenit von Gottes Gnaden +König zu und in Ägypten, +Wir entbieten Gruß und Freundschaft +Unsern Vielgetreun und Liebden. + +In der Nacht vom dritten zu dem +Vierten Junius des Jahres +Dreizehnhundertvierundzwanzig +Vor Christi Geburt, da war es, + +Daß ein Dieb aus unserm Schatzhaus +Eine Menge von Juwelen +Uns entwendet; es gelang ihm +Uns auch später zu bestehlen. + +Zur Ermittelung des Täters +Ließen schlafen wir die Tochter +Bei den Schätzen - doch auch jene +Zu bestehlen schlau vermocht er. + +Um zu steuern solchem Diebstahl +Und zu gleicher Zeit dem Diebe +Unsre Sympathie zu zeigen, +Unsre Ehrfurcht, unsre Liebe, + +Wollen wir ihm zur Gemahlin +Unsre einzge Tochter geben +Und ihn auch als Thronnachfolger +In den Fürstenstand erheben. + +Sintemal uns die Adresse +Unsres Eidams noch zur Stunde +Unbekannt, soll dies Reskript ihm +Bringen Unsrer Gnade Kunde. + +So geschehn den dritten Jenner +Dreizehnhundert zwanzig sechs +Vor Christi Geburt. - Signieret +Von Uns: Rhampsenitus Rex. + +Rhampsenit hat Wort gehalten, +Nahm den Dieb zum Schwiegersohne, +Und nach seinem Tode erbte +Auch der Dieb Ägyptens Krone. + +Er regierte wie die Andern, +Schützte Handel und Talente; +Wenig, heißt es, ward gestohlen +Unter seinem Regimente. + + + + Der weiße Elefant + +Der König von Siam, Mahawasant, +Beherrscht das halbe Indienland, +Zwölf Könge, der große Mogul sogar, +Sind seinem Szepter tributar. + +Alljährlich mit Trommeln,"Posauneo und Falnen +Ziehen nach Siam die Zinskarawanen; +Viel tausend Kamele, hochberuckte, +Schleppen die kostbarsten Landesprodukte. + +Sieht er die schwerbepackten Kamele, +So schmunzelt heimlich des Königs Seele; +Öffentlich freilich pflegt er zu jammern, +Es fehle an Raum in seinen Schatzkammern. + +Doch diese Schatzkammern sind so weit, +So groß und voller Herrlichkeit; +Hier überflügelt der Wirklichkeit Pracht +Die Märchen von Tausend und Eine Nacht. + +»Die Burg des Indra« heißt die Halle, +Wo aufgestellt die Götter alle, +Bildsäulen von Gold, fein ziselieret, +Mit Edelsteinen inkrustieret. + +Sind an der Zahl wohl dreißig Tausend, +Figuren abenteuerlich grausend, +Mischlinge von Menschen- und Tiergeschöpfen, +Mit vielen Händen und vielen Köpfen. + +Im »Purpursaale« sieht man verwundert +Korallenbäume dreizehnhundert, +Wie Palmen groß, seltsamer Gestalt, +Geschnörkelt die Äste, ein roter Wald. + +Das Estrich ist vom reinsten Kristalle +Und widerspiegelt die Bäume alle. +Fasanen vom buntesten Glanzgefieder +Gehn gravitätisch dort auf und nieder. + +Der Lieblingsaffe des Mahawasant +Trägt an dem Hals ein seidenes Band, +Dran hängt der Schlüssel, welcher erschleußt +Die Halle, die man den Schlafsaal heißt. + +Die Edelsteine vom höchsten Wert +Die liegen wie Erbsen hier auf der Erd +Hochaufgeschüttet; man findet dabei +Diamanten so groß wie ein Hühnerei. + +Auf grauen, mit Perlen gefüllten Säcken +Pflegt hier der König sich hinzustrecken; +Der Affe legt sich zum Monarchen, +Und beide schlafen ein und schnarchen. + +Das Kostbarste aber von allen Schätzen +Des Königs, sein Glück, sein Seelenergötzen, +Die Lust und der Stolz von Mahawasant, +Das ist sein weißer Elefant. + +Als Wohnung für diesen erhabenen Gast +Ließ bauen der König den schönsten Palast; +Es wird das Dach, mit Goldblech beschlagen, +Von lotosknäufigen Säulen getragen. + +Am Tore stehen dreihundert Trabanten +Als Ehrenwache des Elefanten, +Und knieend, mit gekrümmtem Rucken, +Bedienen ihn hundert schwarze Eunucken. + +Man bringt auf einer güldnen Schüssel +Die leckersten Bissen für seinen Rüssel; +Er schlürft aus silbernen Eimern den Wein, +Gewürzt mit den süßesten Spezerein. + +Man salbt ihn mit Ambra und Rosenessenzen, +Man schmückt sein Haupt mit Blumenkränzen; +Als Fußdecke dienen dem edlen Tier +Die kostbarsten Schals aus Kaschimir. + +Das glücklichste Leben ist ihm beschieden, +Doch Niemand auf Erden ist zufrieden. +Das edle Tier, man weiß nicht wie, +Versinkt in tiefe Melancholie. + +Der weiße Melancholikus +Steht traurig mitten im Überfluß. +Man will ihn ermuntern, man will ihn erheitern, +Jedoch die klügsten Versuche scheitern. + +Vergebens kommen mit Springen und Singen +Die Bajaderen; vergebens erklingen +Die Zinken und Pauken der Musikanten, +Doch nichts erlustigt den Elefanten. + +Da täglich sich der Zustand verschlimmert, +Wird Mahawasantes Herz bekümmert; +Er läßt vor seines Thrones Stufen +Den klügsten Astrologen rufen. + +»Sterngucker, ich laß dir das Haupt abschlagen«, +Herrscht er ihn an, »kannst du mir nicht sagen, +Was meinem Elefanten fehle, +Warum so verdüstert seine Seele?« + +Doch jener wirft sich dreimal zur Erde, +Und endlich spricht er mit ernster Gebärde: +»O König, ich will dir die Wahrheit verkünden, +Du kannst dann handeln nach Gutbefinden. + +»Es lebt im Norden ein schönes Weib +Von hohem Wuchs und weißem Leib, +Dein Elefant ist herrlich, unleugbar, +Doch ist er nicht mit ihr vergleichbar. + +»Mit ihr verglichen, erscheint er nur +Ein weißes Mäuschen. Es mahnt die Statur +An Bimha, die Riesin, im Ramajana, +Und an der Epheser große Diana. + +»Wie sich die Gliedermassen wölben +Zum schönsten Bau! Es tragen dieselben +Anmutig und stolz zwei hohe Pilaster +Von blendend weißem Alabaster. + +»Das ist Gott Amors kolossale +Domkirche, der Liebe Kathedrale; +Als Lampe brennt im Tabernakel +Ein Herz, das ohne Falsch und Makel. + +»Die Dichter jagen vergebens nach Bildern, +Um ihre weiße Haut zu schildern; +Selbst Gautier ist dessen nicht kapabel, - +O diese Weiße ist implacable! + +»Des Himalaya Gipfelschnee +Erscheint aschgrau in ihrer Näh; +Die Lilje, die ihre Hand erfaßt, +Vergilbt durch Eifersucht oder Kontrast. + +»Gräfin Bianka ist der Name +Von dieser großen weißen Dame; +Sie wohnt zu Paris im Frankenland, +Und diese liebt der Elefant. + +»Durch wunderbare Wahlverwandtschaft, +Im Traume machte er ihre Bekanntschaft, +Und träumend in sein Herze stahl +Sich dieses hohe Ideal. + +»Sehnsucht verzehrt ihn seit jener Stund, +Und er, der vormals so froh und gesund, +Er ist ein vierfüßiger Werther geworden, +Und träumt von einer Lotte im Norden. + +»Geheimnisvolle Sympathie! +Er sah sie nie und denkt an sie. +Er trampelt oft im Mondschein umher +Und seufzet: wenn ich ein Vöglein wär! + +»In Siam ist nur der Leib, die Gedanken +Sind bei Bianka im Lande der Franken; +Doch diese Trennung von Leib und Seele +Schwächt sehr den Magen, vertrocknet die Kehle. + +»Die leckersten Braten widern ihn an, +Er liebt nur Dampfnudeln und Ossian, +Er hüstelt schon, er magert ab, +Die Sehnsucht schaufelt sein frühes Grab. + +»Willst du ihn retten, erhalten sein Leben, +Der Säugetierwelt ihn wiedergeben, +O König, so schicke den hohen Kranken +Direkt nach Paris, der Hauptstadt der Franken. + +»Wenn ihn alldort in der Wirklichkeit +Der Anblick der schönen Frau erfreut, +Die seiner Träume Urbild gewesen, +Dann wird er von seinem Trübsinn genesen. + +»Wo seiner Schönen Augen strahlen, +Da schwinden seiner Seele Qualen; +Ihr Lächeln verscheucht die letzten Schatten, +Die hier sich eingenistet hatten; + +»Und ihre Stimme, wie'n Zauberlied, +Löst sie den Zwiespalt in seinem Gemüt; +Froh hebt er wieder die Lappen der Ohren, +Er fühlt sich verjüngt, wie neugeboren. + +»Es lebt sich so lieblich, es lebt sich so süß +Am Seinestrand, in der Stadt Paris! +Wie wird sich dorten zivilisieren +Dein Elefant und amüsieren! + +»Vor allem aber, o König, lasse +Ihm reichlich füllen die Reisekasse, +Und gib ihm einen Kreditbrief mit +Auf Rothschild frères in der rue Lafitte. + +»Ja, einen Kreditbrief von einer Million +Dukaten etwa; - der Herr Baron +Von Rothschild sagt von ihm alsdann: +Der Elefant ist ein braver Mann!« + +So sprach der Astrolog, und wieder +Warf er sich dreimal zur Erde nieder. +Der König entließ ihn mit reichen Geschenken, +Und streckte sich aus, um nachzudenken. + +Er dachte hin, er dachte her; +Das Denken wird den Königen schwer. +Sein Affe sich zu ihm niedersetzt, +Und beide schlafen ein zuletzt. + +Was er beschlossen, das kann ich erzählen +Erst später; die indischen Mall'posten fehlen. +Die letzte, welche uns zugekommen, +Die hat den Weg über Suez genommen. + + + + Schelm von Bergen + +Im Schloß zu Düsseldorf am Rhein +wird Mummenschanz gehalten; +Da flimmern die Kerzen, da rauscht die Musik, +Da tanzen die bunten Gestalten. + +Da tanzt die schöne Herzogin, +Sie lacht laut auf beständig; +Ihr Tänzer ist ein schlanker Fant, +Gar höfisch und behendig. + +Er trägt eine Maske von schwarzem Samt, +Daraus gar freudig blicket +Ein Auge, wie ein blanker Dolch, +Halb aus der Scheide gezücket. + +Es jubelt die Fastnachtsgeckenschar, +Wenn jene vorüberwalzen. +Der Drickes und die Marizzebill +Grüßen mit Schnarren und Schnalzen. + +Und die Trompeten schmettern drein, +Der närrische Brummbaß brummet, +Bis endlich der Tanz ein Ende nimmt +Und die Musik verstummet. + +»Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir, +Ich muß nach Hause gehen -« +Die Herzogin lacht: Ich laß dich nicht fort, +Bevor ich dein Antlitz gesehen. + +»Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir, +Mein Anblick bringt Schrecken und Grauen -« +Die Herzogin lacht: Ich fürchte mich nicht, +Ich will dein Antlitz schauen. + +»Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir, +Der Nacht und dem Tode gehör ich -« +Die Herzogin lacht: Ich lasse dich nicht, +Dein Antlitz zu schauen begehr ich. + +Wohl sträubt sich der Mann mit finsterm Wort, +Das Weib nicht zähmen kunnt er; +Sie riß zuletzt ihm mit Gewalt +Die Maske vom Antlitz herunter. + +Das ist der Scharfrichter von Bergen! so schreit +Entsetzt die Menge im Saale +Und weichet scheusam - die Herzogin +Stürzt fort zu ihrem Gemahle. + +Der Herzog ist klug, er tilgte die Schmach +Der Gattin auf der Stelle. +Er zog sein blankes Schwert und sprach: +Knie vor mir nieder, Geselle! + +Mit diesem Schwertschlag mach ich dich +Jetzt ehrlich und ritterzünftig, +Und weil du ein Schelm, so nenne dich +Herr Schelm von Bergen künftig. + +So ward der Henker ein Edelmann +Und Ahnherr der Schelme von Bergen. +Ein stolzes Geschlecht! es blühte am Rhein. +Jetzt schläft es in steinernen Särgen. + + + + Valkyren + +Unten Schlacht. Doch oben schossen +Durch die Luft auf Wolkenrossen +Drei Valkyren, und es klang +Schilderklirrend ihr Gesang: + +Fürsten hadern, Völker streiten, +Jeder will die Macht erbeuten; +Herrschaft ist das höchste Gut, +Höchste Tugend ist der Mut. + +Heisa! vor dem Tod beschützen +Keine stolzen Eisenmützen, +Und das Heldenblut zerrinnt +Und der schlechtre Mann gewinnt. + +Lorbeerkränze, Siegesbogen! +Morgen kommt er eingezogen, +Der den Bessern überwand +Und gewonnen Leut und Land. + +Bürgermeister und Senator +Holen ein den Triumphator, +Tragen ihm die Schlüssel vor, +Und der Zug geht durch das Tor. + +Hei! da böllerts von den Wällen, +Zinken und Trompeten gellen, +Glockenklang erfüllt die Luft, +Und der Pöbel Vivat! ruft. + +Lächelnd stehen auf Balkonen +Schöne Fraun, und Blumenkronen +Werfen sie dem Sieger zu. +Dieser grüßt mit stolzer Ruh. + + + + Schlachtfeld bei Hastings + +Der Abt von Waltham seufzte tief, +Als er die Kunde vernommen, +Daß König Harold elendiglich +Bei Hastings umgekommen. + +Zwei Mönche, Asgod und Ailrik genannt, +Die schickt' er aus als Boten, +Sie sollten suchen die Leiche Harolds +Bei Hastings unter den Toten. + +Die Mönche gingen traurig fort +Und kehrten traurig zurücke: +»Hochwürdiger Vater, die Welt ist uns gram, +Wir sind verlassen vom Glücke. + +»Gefallen ist der beßre Mann, +Es siegte der Bankert, der schlechte, +Gewappnete Diebe verteilen das Land +Und machen den Freiling zum Knechte. + +»Der lausigste Lump aus der Normandie +Wird Lord auf der Insel der Britten; +Ich sah einen Schneider aus Bayeux, er kam +Mit goldnen Sporen geritten. + +»Weh dem, der jetzt ein Sachse ist! +Ihr Sachsenheilige droben +Im Himmelreich, nehmt euch in Acht, +Ihr seid der Schmach nicht enthoben. + +»Jetzt wissen wir, was bedeutet hat +Der große Komet, der heuer +Blutrot am nächtlichen Himmel ritt +Auf einem Besen von Feuer. + +»Bei Hastings in Erfüllung ging +Des Unsterns böses Zeichen, +Wir waren auf dem Schlachtfeld dort +Und suchten unter den Leichen. + +»Wir suchten hin, wir suchten her, +Bis alle Hoffnung verschwunden +Den Leichnam des toten Königs Harold, +Wir haben ihn nicht gefunden.« + +Asgod und Ailrik sprachen also; +Der Abt rang jammernd die Hände, +Versank in tiefe Nachdenklichkeit +Und sprach mit Seufzen am Ende: + +»Zu Grendelfield am Bardenstein, +Just in des Waldes Mitte, +Da wohnet Edith Schwanenhals +In einer dürftgen Hütte. + +»Man hieß sie Edith Schwanenhals, +Weil wie der Hals der Schwäne +Ihr Nacken war; der König Harold, +Er liebte die junge Schöne. + +»Er hat sie geliebt, geküßt und geherzt, +Und endlich verlassen, vergessen. +Die Zeit verfließt; wohl sechzehn Jahr +Verflossen unterdessen. + +»Begebt euch, Brüder, zu diesem Weib +Und laßt sie mit euch gehen +Zurück nach Hastings, der Blick des Weibs +Wird dort den König erspähen. + +»Nach Waltham-Abtei hierher alsdann +Sollt ihr die Leiche bringen, +Damit wir christlich bestatten den Leib +Und für die Seele singen.« + +Um Mitternacht gelangten schon +Die Boten zur Hütte im Walde: +»Erwache, Edith Schwanenhals, +Und folge uns alsbalde. + +»Der Herzog der Normannen hat +Den Sieg davongetragen, +Und auf dem Feld bei Hastings liegt +Der König Harold erschlagen. + +»Kommt mit nach Hastings, wir suchen dort +Den Leichnam unter den Toten, +Und bringen ihn nach Waltham-Abtei, +Wie uns der Abt geboten.« + +Kein Wort sprach Edith Schwanenhals, +Sie schürzte sich geschwinde +Und folgte den Mönchen; ihr greisendes Haar +Das flatterte wild im Winde. + +Es folgte barfuß das arme Weib +Durch Sümpfe und Baumgestrüppe. +Bei Tagesanbruch gewahrten sie schon +Zu Hastings die kreidige Klippe. + +Der Nebel, der das Schlachtfeld bedeckt +Als wie ein weißes Lailich, +Zerfloß allmählig; es flatterten auf +Die Dohlen und krächzten abscheulich. + +Viel tausend Leichen lagen dort +Erbärmlich auf blutiger Erde, +Nackt ausgeplündert, verstümmelt, zerfleischt, +Daneben die Äser der Pferde. + +Es wadete Edith Schwanenhals +Im Blute mit nackten Füßen; +Wie Pfeile aus ihrem stieren Aug +Die forschenden Blicke schießen. + +Sie suchte hin, sie suchte her, +Oft mußte sie mühsam verscheuchen +Die fraßbegierige Rabenschar; +Die Mönche hinter ihr keuchen. + +Sie suchte schon den ganzen Tag, +Es ward schon Abend - plötzlich +Bricht aus der Brust des armen Weibs +Ein geller Schrei, entsetzlich. + +Gefunden hat Edith Schwanenhals +Des toten Königs Leiche. +Sie sprach kein Wort, sie weinte nicht, +Sie küßte das Antlitz, das bleiche. + +Sie küßte die Stirne, sie küßte den Mund, +Sie hielt ihn fest umschlossen; +Sie küßte auf des Königs Brust +Die Wunde blutumflossen. + +Auf seiner Schulter erblickt sie auch - +Und sie bedeckt sie mit Küssen - +Drei kleine Narben, Denkmäler der Lust, +Die sie einst hinein gebissen. + +Die Mönche konnten mittlerweil +Baumstämme zusammenfugen; +Das war die Bahre, worauf sie alsdann +Den toten König trugen. + +Sie trugen ihn nach Waltham-Abtei, +Daß man ihn dort begrübe; +Es folgte Edith Schwanenhals +Der Leiche ihrer Liebe. + +Sie sang die Totenlitanein +In kindisch frommer Weise; +Das klang so schauerlich in der Nacht - +Die Mönche beteten leise. - + + + + Karl I. + +Im Wald, in der Köhlerhütte, sitzt +Trübsinnig allein der König; +Er sitzt an der Wiege des Köhlerkinds +Und wiegt und singt eintönig: + +Eiapopeia, was raschelt im Stroh? +Es blöken im Stalle die Schafe - +Du trägst das Zeichen an der Stirn +Und lächelst so furchtbar im Schlafe. + +Eiapopeia, das Kätzchen ist tot - +Du trägst auf der Stirne das Zeichen - +Du wirst ein Mann und schwingst das Beil, +Schon zittern im Walde die Eichen. + +Der alte Köhlerglaube verschwand, +Es glauben die Köhlerkinder - +Eiapopeia - nicht mehr an Gott, +Und an den König noch minder. + +Das Kätzchen ist tot, die Mäuschen sind froh - +Wir müssen zu Schanden werden - +Eiapopeia - im Himmel der Gott +Und ich, der König auf Erden. + +Mein Mut erlischt, mein Herz ist krank, +Und täglich wird es kränker - +Eiapopeia - du Köhlerkind, +Ich weiß es, du bist mein Henker. + +Mein Todesgesang ist dein Wiegenlied - +Eiapopeia - die greisen +Haarlocken schneidest du ab zuvor - +Im Nacken klirrt mir das Eisen. + +Eiapopeia, was raschelt im Stroh? +Du hast das Reich erworben, +Und schlägst mir das Haupt vom Rumpf herab - +Das Kätzchen ist gestorben. + +Eiapopeia, was raschelt im Stroh? +Es blöken im Stalle die Schafe. +Das Kätzchen ist tot, die Mäuschen sind froh - +Schlafe, mein Henkerchen, schlafe! + + + + Maria Antoinette + +Wie heiter im Tuilerienschloß +Blinken die Spiegelfenster, +Und dennoch dort am hellen Tag +Gehn um die alten Gespenster. + +Es spukt im Pavillon de Flor' +Maria Antoinette; +Sie hält dort Morgens ihr Lever +Mit strenger Etikette. + +Geputzte Hofdamen. Die meisten stehn, +Auf Tabourets andre sitzen; +Die Kleider von Atlas und Goldbrokat, +Behängt mit Juwelen und Spitzen. + +Die Taille ist schmal, der Reifrock bauscht, +Darunter lauschen die netten +Hochhackigen Füßchen so klug hervor - +Ach, wenn sie nur Köpfe hätten! + +Sie haben alle keinen Kopf, +Der Königin selbst manquieret +Der Kopf, und Ihro Majestät +Ist deshalb nicht frisieret. + +Ja, Sie, die mit turmhohem Toupet +So stolz sich konnte gebaren, +Die Tochter Maria Theresias, +Die Enkelin deutscher Cäsaren, + +Sie muß jetzt spuken ohne Frisur +Und ohne Kopf, im Kreise +Von unfrisierten Edelfraun, +Die kopflos gleicherweise. + +Das sind die Folgen der Revolution +Und ihrer fatalen Doktrine; +An Allem ist Schuld Jean Jacques Rousseau, +Voltaire und die Guillotine. + +Doch sonderbar! es dünkt mich schier, +Als hätten die armen Geschöpfe +Gar nicht bemerkt, wie tot sie sind +Und daß sie verloren die Köpfe. + +Ein leeres Gespreize, ganz wie sonst, +Ein abgeschmacktes Scherwenzen - +Possierlich sind und schauderhaft +Die kopflosen Reverenzen. + +Es knixt die erste Dame d'atour +Und bringt ein Hemd von Linnen; +Die zweite reicht es der Königin, +Und beide knixen von hinnen. + +Die dritte Dam und die vierte Dam +Knixen und niederknieen +Vor Ihrer Majestät, um Ihr +Die Strümpfe anzuziehen. + +Ein Ehrenfräulein kommt und knixt +Und bringt das Morgenjäckchen; +Ein andres Fräulein knixt und bringt +Der Königin Unterröckchen. + +Die Oberhofmeisterin steht dabei, +Sie fächert die Brust, die weiße, +Und in Ermanglung eines Kopfs +Lächelt sie mit dem Steiße. + +Wohl durch die verhängten Fenster wirft +Die Sonne neugierige Blicke, +Doch wie sie gewahrt den alten Spuk, +Prallt sie erschrocken zurücke. + + + + Pomare + + I + +Alle Liebesgötter jauchzen +Mir im Herzen, und Fanfare +Blasen sie und rufen: Heil! +Heil der Königin Pomare! + +Jene nicht von Otahaiti - +Missionärisiert ist jene - +Die ich meine, die ist wild, +Eine ungezähmte Schöne. + +Zweimal in der Woche zeigt sie +Öffentlich sich ihrem Volke +In dem Garten Mabill, tanzt +Dort den Cancan, auch die Polke. + +Majestät in jedem Schritte, +Jede Beugung Huld und Gnade, +Eine Fürstin jeder Zoll +Von der Hüfte bis zur Wade - + +Also tanzt sie - und es blasen +Liebesgötter die Fanfare +Mir im Herzen, rufen: Heil! +Heil der Königin Pomare! + + II + +Sie tanzt. Wie sie das Leibchen wiegt! +Wie jedes Glied sich zierlich biegt! +Das ist ein Flattern und ein Schwingen, +Um wahrlich aus der Haut zu springen. + +Sie tanzt. Wenn sie sich wirbelnd dreht +Auf einem Fuß, und stille steht +Am End mit ausgestreckten Armen, +Mag Gott sich meiner Vernunft erbarmen! + +Sie tanzt. Derselbe Tanz ist das, +Den einst die Tochter Herodias' +Getanzt vor dem Judenkönig Herodes. +Ihr Auge sprüht wie Blitze des Todes. + +Sie tanzt mich rasend - ich werde toll - +Sprich, Weib, was ich dir schenken soll? +Du lächelst? Heda! Trabanten! Läufer! +Man schlage ab das Haupt dem Täufer! + + III + +Gestern noch fürs liebe Brot +Wälzte sie sich tief im Kot, +Aber heute schon mit Vieren +Fährt das stolze Weib spazieren. + +In die seidnen Kissen drückt +Sie das Lockenhaupt, und blickt +Vornehm auf den großen Haufen +Derer, die zu Fuße laufen. + +Wenn ich dich so fahren seh, +Tut es mir im Herzen weh! +Ach, es wird dich dieser Wagen +Nach dem Hospitale tragen, + +Wo der grausenhafte Tod +Endlich endigt deine Not, +Und der Carabin mit schmierig +Plumper Hand und lernbegierig + +Deinen schönen Leib zerfetzt, +Anatomisch ihn zersetzt - +Deine Rosse trifft nicht minder +Einst zu Montfaucon der Schinder. + + IV + +Besser hat es sich gewendet, +Das Geschick, das dich bedroht' - +Gott sei Dank, du hast geendet, +Gott sei Dank, und du bist tot. + +In der Dachstub deiner armen +Alten Mutter starbest du, +Und sie schloß dir mit Erbarmen +Deine schönen Augen zu. + +Kaufte dir ein gutes Lailich, +Einen Sarg, ein Grab sogar. +Die Begräbnisfeier freilich +Etwas kahl und ärmlich war. + +Keinen Pfaffen hört' man singen, +Keine Glocke klagte schwer; +Hinter deiner Bahre gingen +Nur dein Hund und dein Friseur. + +»Ach, ich habe der Pomare«, +Seufzte dieser, »oft gekämmt +Ihr langen schwarzen Haare, +Wenn sie vor mir saß im Hemd.« + +Was den Hund betrifft, so rannt er +Schon am Kirchhofstor davon, +Und ein Unterkommen fand er +Späterhin bei Ros' Pompon, + +Ros' Pompon, der Provenzalin, +Die den Namen Königin +Dir mißgönnt und als Rivalin +Dich verklatscht mit niederm Sinn. + +Arme Königin des Spottes, +Mit dem Diadem von Kot, +Bist gerettet jetzt durch Gottes +Ewge Güte, du bist tot. + +Wie die Mutter, so der Vater +Hat Barmherzigkeit geübt, +Und ich glaube, dieses tat er, +Weil auch du so viel geliebt. + + + + Der Apollogott + + I + +Das Kloster ist hoch auf Felsen gebaut, +Der Rhein vorüberrauschet; +Wohl durch das Gitterfenster schaut +Die junge Nonne und lauschet. + +Da fährt ein Schifflein, märchenhaft +Vom Abendrot beglänzet; +Es ist bewimpelt von buntem Taft, +Von Lorbeern und Blumen bekränzet. + +Ein schöner blondgelockter Fant +Steht in des Schiffes Mitte; +Sein goldgesticktes Purpurgewand +Ist von antikem Schnitte. + +Zu seinen Füßen liegen da +Neun marmorschöne Weiber; +Die hochgeschürzte Tunika +Umschließt die schlanken Leiber. + +Der Goldgelockte lieblich singt +Und spielt dazu die Leier; +Ins Herz der armen Nonne dringt +Das Lied und brennt wie Feuer. + +Sie schlägt ein Kreuz, und noch einmal +Schlägt sie ein Kreuz, die Nonne; +Nicht scheucht das Kreuz die süße Qual, +Nicht bannt es die bittre Wonne. + + II + +Ich bin der Gott der Musika, +Verehrt in allen Landen; +Mein Tempel hat in Gräcia, +Auf Mont-Parnaß gestanden. + +Auf Mont-Parnaß in Gräcia, +Da hab ich oft gesessen +Am holden Quell Kastalia, +Im Schatten der Zypressen. + +Vokalisierend saßen da +Um mich herum die Töchter, +Das sang und klang la-la, la-la! +Geplauder und Gelächter. + +Mitunter rief tra-ra, tra-ra! +Ein Waldhorn aus dem Holze; +Dort jagte Artemisia, +Mein Schwesterlein, die Stolze. + +Ich weiß es nicht, wie mir geschah: +Ich brauchte nur zu nippen +Vom Wasser der Kastalia, +Da tönten meine Lippen. + +Ich sang - und wie von selbst beinah +Die Leier klang, berauschend; +Mir war, als ob ich Daphne sah, +Aus Lorbeerbüschen lauschend. + +Ich sang - und wie Ambrosia +Wohlrüche sich ergossen, +Es war von einer Gloria +Die ganze Welt umflossen. + +Wohl tausend Jahr aus Gräcia +Bin ich verbannt, vertrieben +Doch ist mein Herz in Gräcia, +In Gräcia geblieben. + + III + +In der Tracht der Beguinen, +In dem Mantel mit der Kappe +Von der gröbsten schwarzen Sersche, +Ist vermummt die junge Nonne. + +Hastig längs des Rheines Ufern +Schreitet sie hinab die Landstraß, +Die nach Holland fährt, und hastig +Fragt sie jeden, der vorbeikommt: + +»Habt ihr nicht gesehn Apollo? +Einen roten Mantel trägt er, +Lieblich singt er, spielt die Leier, +Und er ist mein holder Abgott.« + +Keiner will ihr Rede stehen, +Mancher dreht ihr stumm den Rücken, +Mancher glotzt sie an und lächelt, +Mancher seufzet: Armes Kind! + +Doch des Wegs herangetrottelt +Kommt ein schlottrig alter Mensch, +Fingert in der Luft, wie rechnend, +Näselnd singt er vor sich hin. + +Einen schlappen Quersack trägt er, +Auch ein klein dreieckig Hütchen; +Und mit schmunzelnd klugen Äuglein +Hört er an den Spruch der Nonne: + +»Habt ihr nicht gesehn Apollo? +Einen roten Mantel trägt er, +Lieblich singt er, spielt die Leier, +Und er ist mein holder Abgott.« + +Jener aber gab zur Antwort, +Während er sein Köpfchen wiegte +Hin und her, und gar possierlich +Zupfte an dem spitzen Bärtchen: + +Ob ich ihn gesehen habe? +Ja, ich habe ihn gesehen +Oft genug zu Amsterdam, +In der deutschen Synagoge. + +Denn er war Vorsänger dorten, +Und da hieß er Rabbi Faibisch, +Was auf Hochdeutsch heißt Apollo - +Doch mein Abgott ist er nicht. + +Roter Mantel? Auch den roten +Mantel kenn ich. Echter Scharlach, +Kostet acht Florin die Elle, +Und ist noch nicht ganz bezahlt. + +Seinen Vater Moses Jitscher +Kenn ich gut. Vorhautabschneider +Ist er bei den Portugiesen. +Er beschnitt auch Souveräne. + +Seine Mutter ist Cousine +Meines Schwagers, und sie handelt +Auf der Gracht mit sauern Gurken +Und mit abgelebten Hosen. + +Haben kein Pläsier am Sohne. +Dieser spielt sehr gut die Leier, +Aber leider noch viel besser +Spielt er oft Tarock und L'hombre. + +Auch ein Freigeist ist er, aß +Schweinefleisch, verlor sein Amt, +Und er zog herum im Lande +Mit geschminkten Komödianten. + +In den Buden, auf den Märkten, +Spielte er den Pickelhering, +Holofernes, König David, +Diesen mit dem besten Beifall. + +Denn des Königs eigne Lieder +Sang er in des Königs eigner +Muttersprache, tremulierend +In des Nigens alter Weise. + +Aus dem Amsterdamer Spielhuis +Zog er jüngst etwelche Dirnen, +Und mit diesen Musen zieht er +Jetzt herum als ein Apollo. + +Eine dicke ist darunter, +Die vorzüglich quiekt und grünzelt; +Ob dem großen Lorbeerkopfputz +Nennt man sie die grüne Sau. + + + + Kleines Volk + +In einem Pißpott kam er geschwommen, +Hochzeitlich geputzt, hinab den Rhein. +Und als er nach Rotterdam gekommen, +Da sprach er: »Juffräuken, willst du mich frein? + +»Ich führe dich, geliebte Schöne, +Nach meinem Schloß, ins Brautgemach; +Die Wände sind eitel Hobelspäne, +Aus Häckerling besteht das Dach. + +»Da ist es so puppenniedlich und nette, +Da lebst du wie eine Königin! +Die Schale der Walnuß ist unser Bette, +Von Spinnweb sind die Laken drin. + +»Ameiseneier, gebraten in Butter, +Essen wir täglich, auch Würmchengemüs, +Und später erb ich von meiner Frau Mutter +Drei Nonnenfürzchen, die schmecken so süß. + +»Ich habe Speck, ich habe Schwarten, +Ich habe Fingerhüte voll Wein, +Auch wächst eine Rübe in meinem Garten, +Du wirst wahrhaftig glücklich sein!« + +Das war ein Locken und ein Werben! +Wohl seufzte die Braut: ach Gott! ach Gott! +Sie war wehmütig, wie zum Sterben - +Doch endlich stieg sie hinab in den Pott. + + * + +Sind Christenleute oder Mäuse +Die Helden des Lieds? Ich weiß es nicht mehr. +Im Beverland hört ich die schnurrige Weise, +Es sind nun dreißig Jahre her. + + + + Zwei Ritter + +Crapülinski und Waschlapski, +Polen aus der Polackei, +Fochten für die Freiheit, gegen +Moskowiter-Tyrannei. + +Fochten tapfer und entkamen +Endlich glücklich nach Paris - +Leben bleiben, wie das Sterben +Für das Vaterland, ist süß. + +Wie Achilles und Patroklus, +David und sein Jonathan, +Liebten sich die beiden Polen, +Küßten sich: »Kochan! Kochan!« + +Keiner je verriet den Andern, +Blieben Freunde, ehrlich, treu, +Ob sie gleich zwei edle Polen, +Polen aus der Polackei. + +Wohnten in derselben Stube, +Schliefen in demselben Bette; +Eine Laus und eine Seele, +Kratzten sie sich um die Wette. + +Speisten in derselben Kneipe, +Und da keiner wollte leiden, +Daß der Andre für ihn zahle, +Zahlte keiner von den Beiden. + +Auch dieselbe Henriette +Wäscht für beide edle Polen; +Trällernd kommt sie jeden Monat, +Um die Wäsche abzuholen. + +Ja, sie haben wirklich Wäsche, +Jeder hat der Hemden zwei, +Ob sie gleich zwei edle Polen, +Polen aus der Polackei. + +Sitzen heute am Kamine, +Wo die Flammen traulich flackern; +Draußen Nacht und Schneegestöber +Und das Rollen von Fiakern. + +Eine große Bowle Punsch +(Es versteht sich, unverzückert, +Unversäuert, unverwässert) +Haben sie bereits geschlückert. + +Und von Wehmut wird beschlichen +Ihr Gemüte; ihr Gesicht +Wird befeuchtet schon von Zähren, +Und der Crapülinski spricht: + +»Hätt ich doch hier in Paris +Meinen Bärenpelz, den lieben +Schlafrock und die Katzfell-Nachtmütz, +Die im Vaterland geblieben!« + +Ihm erwiderte Waschlapski: +»O du bist ein treuer Schlachzitz, +Denkest immer an der Heimat +Bärenpelz und Katzfell-Nachtmütz. + +»Polen ist noch nicht verloren, +Unsre Weiber, sie gebären, +Unsre Jungfraun tun dasselbe, +Werden Helden uns bescheren, + +»Helden, wie der Held Sobieski, +Wie Schelmufski und Uminski, +Eskrokewitsch, Schubiakski, +Und der große Eselinski.« + + + + Das goldne Kalb + +Doppelflöten, Hörner, Geigen +Spielen auf zum Götzenreigen, +Und es tanzen Jakobs Töchter +Um das goldne Kalb herum - +Brum - brum - brum - +Paukenschläge und Gelächter! + +Hochgeschürzt bis zu den Lenden +Und sich fassend an den Händen, +Jungfraun edelster Geschlechter +Kreisen wie ein Wirbelwind +Um das Rind - +Paukenschläge und Gelächter! + +Aron selbst wird fortgezogen +Von des Tanzes Wahnsinnwogen, +Und er selbst, der Glaubenswächter, +Tanzt im Hohenpriesterrock, +Wie ein Bock - +Paukenschläge und Gelächter! + + + + König David + +Lächelnd scheidet der Despot, +Denn er weiß, nach seinem Tod +Wechselt Willkür nur die Hände, +Und die Knechtschaft hat kein Ende. + +Armes Volk! wie Pferd und Farrn +Bleibt es angeschirrt am Karrn, +Und der Nacken wird gebrochen, +Der sich nicht bequemt den Jochen. + +Sterbend spricht zu Salomo +König David: Apropos, +Daß ich Joab dir empfehle, +Einen meiner Generäle. + +Dieser tapfre General +Ist seit Jahren mir fatal, +Doch ich wagte den Verhaßten +Niemals ernstlich anzutasten. + +Du, mein Sohn, bist fromm und klug, +Gottesfürchtig, stark genug, +Und es wird dir leicht gelingen, +Jenen Joab umzubringen. + + + + König Richard + +Wohl durch der Wälder einödige Pracht +Jagt ungestüm ein Reiter; +Er bläst ins Horn, er singt und lacht +Gar seelenvergnügt und heiter. + +Sein Harnisch ist von starkem Erz, +Noch stärker ist sein Gemüte, +Das ist Herr Richard Löwenherz, +Der christlichen Ritterschaft Blüte. + +Willkommen in England! rufen ihm zu +Die Bäume mit grünen Zungen +Wir freuen uns, o König, daß du +Östreichischer Haft entsprungen. + +Dem König ist wohl in der freien Luft, +Er fühlt sich wie neugeboren, +Er denkt an Östreichs Festungsduft - +Und gibt seinem Pferde die Sporen. + + + + Der Asra + +Täglich ging die wunderschöne +Sultanstochter auf und nieder +Um die Abendzeit am Springbrunn, +Wo die weißen Wasser plätschern. + +Täglich stand der junge Sklave +Um die Abendzeit am Springbrunn, +Wo die weißen Wasser plätschern; +Täglich ward er bleich und bleicher. + +Eines Abends trat die Fürstin +Auf ihn zu mit raschen Worten: +Deinen Namen will ich wissen, +Deine Heimat, deine Sippschaft! + +Und der Sklave sprach: Ich heiße +Mohamet, ich bin aus Yemmen, +Und mein Stamm sind jene Asra, +Welche sterben, wenn sie lieben. + + + + Himmelsbräute + +Wer dem Kloster geht vorbei +Mitternächtlich, sieht die Fenster +Hell erleuchtet. Ihren Umgang +Halten dorten die Gespenster. + +Eine düstre Prozession +Toter Ursulinerinnen; +Junge, hübsche Angesichter +Lauschen aus Kapuz und Linnen. + +Tragen Kerzen in der Hand, +Die unheimlich blutrot schimmern; +Seltsam widerhallt im Kreuzgang +Ein Gewisper und ein Wimmern. + +Nach der Kirche geht der Zug, +Und sie setzen dort sich nieder +Auf des Chores Buchsbaumstühle +Und beginnen ihre Lieder. + +Litaneienfromme Weisen, +Aber wahnsinnswüste Worte; +Arme Seelen sind es, welche +Pochen an des Himmels Pforte. + +»Bräute Christi waren wir, +Doch die Weltlust uns betörte, +Und da gaben wir dem Cäsar, +Was dem lieben Gott gehörte. + +»Reizend ist die Uniform +Und des Schnurrbarts Glanz und Glätte; +Doch verlockend sind am meisten +Cäsars goldne Epaulette. + +»Ach, der Stirne, welche trug +Eine Dornenkrone weiland, +Gaben wir ein Hirschgeweihe +Wir betrogen unsern Heiland. + +»Jesus, der die Güte selbst, +Weinte sanft ob unsrer Fehle, +Und er sprach: Vermaledeit +Und verdammt sei eure Seele! + +»Grabentstiegner Spuk der Nacht, +Müssen büßend wir nunmehre +Irre gehn in diesen Mauern +Miserere! Miserere! + +»Ach, im Grabe ist es gut, +Ob es gleich viel besser wäre +In dem warmen Himmelreiche - +Miserere! Miserere!« + +»Süßer Jesus, o vergib +Endlich uns die Schuld, die schwere, +Schließ uns auf den warmen Himmel - +Miserere! Miserere!« + +Also singt die Nonnenschar, +Und ein längst verstorbner Küster +Spielt die Orgel. Schattenhände +Stürmen toll durch die Register. + + + + Pfalzgräfin Jutta + +Pfalzgräfin Jutta fuhr über den Rhein, +Im leichten Kahn, bei Mondenschein. +Die Zofe rudert, die Gräfin spricht: +»Siehst du die sieben Leichen nicht, +Die hinter uns kommen +Einhergeschwommen - +So traurig schwimmen die Toten! + +»Das waren Ritter voll Jugendlust - +Sie sanken zärtlich an meine Brust +Und schwuren mir Treue - Zur Sicherheit, +Daß sie nicht brächen ihren Eid, +Ließ ich sie ergreifen +Sogleich und ersäufen - +So traurig schwimmen die Toten!« + +Die Zofe rudert, die Gräfin lacht. +Das hallt so höhnisch durch die Nacht! +Bis an die Hüfte tauchen hervor +Die Leichen und strecken die Finger empor, +Wie schwörend - Sie nicken +Mit gläsernen Blicken - +So traurig schwimmen die Toten! + + + + Der Mohrenkönig + +Ins Exil der Alpuxarren +Zog der junge Mohrenkönig; +Schweigsam und das Herz voll Kummer +Ritt er an des Zuges Spitze. + +Hinter ihm auf hohen Zeltern +Oder auch in güldnen Sänften +Saßen seines Hauses Frauen; +Schwarze Mägde trägt das Maultier. + +Hundert treue Diener folgen +Auf arabisch edlen Rappen; +Stolze Gäule, doch die Reiter +Hängen schlottrig in den Sätteln. + +Keine Zymbel, keine Pauke, +Kein Gesangeslaut ertönte; +Nur des Maultiers Silberglöckchen +Wimmern schmerzlich in der Stille. + +Auf der Höhe, wo der Blick +Ins Duero-Tal hinabschweift, +Und die Zinnen von Granada +Sichtbar sind zum letzten Male: + +Dorten stieg vom Pferd der König +Und betrachtete die Stadt, +Die im Abendlichte glänzte, +Wie geschmückt mit Gold und Purpur. + +Aber, Allah! Welch ein Anblick! +Statt des vielgeliebten Halbmonds, +Prangen Spaniens Kreuz und Fahnen +Auf den Türmen der Alhambra. + +Ach, bei diesem Anblick brachen +Aus des Königs Brust die Seufzer, +Tränen überströmten plötzlich +Wie ein Sturzbach seine Wangen. + +Düster von dem hohen Zelter +Schaut' herab des Königs Mutter, +Schaut' auf ihres Sohnes Jammer, +Und sie schalt ihn stolz und bitter. + +»Boabdil el Chico«, sprach sie, +»Wie ein Weib beweinst du jetzo +Jene Stadt, die du nicht wußtest +Zu verteidgen wie ein Mann.« + +Als des Königs liebste Kebsin +Solche harte Rede hörte, +Stürzte sie aus ihrer Sänfte +Und umhalste den Gebieter. + +»Boabdil el Chico,« sprach sie, +»Tröste dich, mein Heißgeliebter, +Aus dem Abgrund deines Elends +Blüht hervor ein schöner Lorbeer. + +»Nicht allein der Triumphator, +Nicht allein der sieggekrönte +Günstling jener blinden Göttin, +Auch der blutge Sohn des Unglücks, + +»Auch der heldenmütge Kämpfer, +Der dem ungeheuren Schicksal +Unterlag, wird ewig leben +In der Menschen Angedenken.« + +»Berg des letzten Mohrenseufzers« +Heißt bis auf den heutgen Tag +Jene Höhe, wo der König +Sah zum letzten Mal Granada. + +Lieblich hat die Zeit erfüllet +Seiner Liebsten Prophezeiung, +Und des Mohrenkönigs Name +Ward verherrlicht und gefeiert. + +Nimmer wird sein Ruhm verhallen, +Ehe nicht die letzte Saite +Schnarrend losspringt von der letzten +Andalusischen Gitarre. + + + + Geoffroy Rudèl und Melisande von Tripoli + +In dem Schlosse Blay erblickt man +Die Tapete an den Wänden, +So die Gräfin Tripolis +Einst gestickt mit klugen Händen. + +Ihre ganze Seele stickte +Sie hinein, und Liebesträne +Hat gefeit das seidne Bildwerk, +Welches darstellt jene Szene: + +Wie die Gräfin den Rudèl +Sterbend sah am Strande liegen, +Und das Urbild ihrer Sehnsucht +Gleich erkannt' in seinen Zügen. + +Auch Rudèl hat hier zum ersten +Und zum letzten Mal erblicket +In der Wirklichkeit die Dame, +Die ihn oft im Traum entzücket. + +Über ihn beugt sich die Gräfin, +Hält ihn liebevoll umschlungen, +Küßt den todesbleichen Mund, +Der so schön ihr Lob gesungen! + +Ach! der Kuß des Willkomms wurde +Auch zugleich der Kuß des Scheidens, +Und so leerten sie den Kelch +Höchster Lust und tiefsten Leidens. + +In dem Schlosse Blay allnächtlich +Gibts ein Rauschen, Knistern, Beben, +Die Figuren der Tapete +Fangen plötzlich an zu leben. + +Troubadour und Dame schütteln +Die verschlafnen Schattenglieder, +Treten aus der Wand und wandeln +Durch die Säle auf und nieder. + +Trautes Flüstern, sanftes Tändeln, +Wehmutsüße Heimlichkeiten, +Und posthume Galantrie +Aus des Minnesanges Zeiten: + +»Geoffroy! Mein totes Herz +Wird erwärmt von deiner Stimme, +In den längst erloschnen Kohlen +Fühl ich wieder ein Geglimme!« + +»Melisande! Glück und Blume! +Wenn ich dir ins Auge sehe, +Leb ich auf - gestorben ist +Nur mein Erdenleid und -Wehe.« + +»Geoffroy! Wir liebten uns +Einst im Traume, und jetzunder +Lieben wir uns gar im Tode +Gott Amour tat dieses Wunder!« + +»Melisande! Was ist Traum? +Was ist Tod? Nur eitel Töne. +In der Liebe nur ist Wahrheit, +Und dich lieb ich, ewig Schöne.« + +»Geoffroy! Wie traulich ist es +Hier im stillen Mondscheinsaale, +Möchte nicht mehr draußen wandeln +In des Tages Sonnenstrahle.« + +»Melisande! teure Närrin, +Du bist selber Licht und Sonne, +Wo du wandelst, blüht der Frühling, +Sprossen Lieb und Maienwonne!« + +Also kosen, also wandeln +Jene zärtlichen Gespenster +Auf und ab, derweil das Mondlicht +Lauschet durch die Bogenfenster. + +Doch den holden Spuk vertreibend, +Kommt am End die Morgenröte - +Jene huschen scheu zurück +In die Wand, in die Tapete. + + + + Der Dichter Firdusi + + I + +Goldne Menschen, Silbermenschen! +Spricht ein Lump von einem Thoman, +Ist die Rede nur von Silber, +Ist gemeint ein Silberthoman. + +Doch im Munde eines Fürsten, +Eines Schaches, ist ein Thoman +Gülden stets; ein Schach empfängt +Und er gibt nur goldne Thoman. + +Also denken brave Leute, +Also dachte auch Firdusi, +Der Verfasser des berühmten +Und vergötterten Schach Nameh. + +Dieses große Heldenlied +Schrieb er auf Geheiß des Schaches, +Der für jeden seiner Verse +Einen Thoman ihm versprochen. + +Siebzehnmal die Rose blühte, +Siebzehnmal ist sie verwelket, +Und die Nachtigall besang sie +Und verstummte siebzehnmal - + +Unterdessen saß der Dichter +An dem Webstuhl des Gedankens, +Tag und Nacht, und webte emsig +Seines Liedes Riesenteppich - + +Riesenteppich, wo der Dichter +Wunderbar hineingewebt +Seiner Heimat Fabelchronik, +Farsistans uralte Könge, + +Lieblingshelden seines Volkes, +Rittertaten, Aventüren, +Zauberwesen und Dämonen, +Keck umrankt von Märchenblumen - + +Alles blühend und lebendig, +Farbenglänzend, glühend, brennend, +Und wie himmlisch angestrahlt +Von dem heilgen Lichte Irans, + +Von dem göttlich reinen Urlicht, +Dessen letzter Feuertempel, +Trotz dem Koran und dem Mufti, +In des Dichters Herzen flammte. + +Als vollendet war das Lied, +Überschickte seinem Gönner +Der Poet das Manuskript, +Zweimalhunderttausend Verse. + +In der Badestube war es, +In der Badestub zu Gasna, +Wo des Schaches schwarze Boten +Den Firdusi angetroffen - + +Jeder schleppte einen Geldsack, +Den er zu des Dichters Füßen +Knieend legte, als den hohen +Ehrensold für seine Dichtung. + +Der Poet riß auf die Säcke +Hastig, um am lang entbehrten +Goldesanblick sich zu laben - +Da gewahrt er mit Bestürzung, + +Daß der Inhalt dieser Säcke +Bleiches Silber, Silberthomans, +Zweimalhunderttausend etwa - +Und der Dichter lachte bitter. + +Bitter lachend hat er jene +Summe abgeteilt in drei +Gleiche Teile, und jedwedem +Von den beiden schwarzen Boten + +Schenkte er als Botenlohn +Solch ein Drittel, und das dritte +Gab er einem Badeknechte, +Der sein Bad besorgt, als Trinkgeld. + +Seinen Wanderstab ergriff er +Jetzo und verließ die Hauptstadt; +Vor dem Tor hat er den Staub +Abgefegt von seinen Schuhen. + + II + +»Hätt er menschlich ordinär +Nicht gehalten, was versprochen, +Hätt er nur sein Wort gebrochen, +Zürnen wollt ich nimmermehr. + +»Aber unverzeihlich ist, +Daß er mich getäuscht so schnöde +Durch den Doppelsinn der Rede +Und des Schweigens größte List. + +»Stattlich war er, würdevoll +Von Gestalt und von Gebärden, +Wen'ge glichen ihm auf Erden, +War ein König jeder Zoll. + +»Wie die Sonn am Himmelsbogen, +Feuerblicks, sah er mich an, +Er, der Wahrheit stolzer Mann - +Und er hat mich doch belogen.« + + III + +Schach Mahomet hat gut gespeist, +Und gut gelaunet ist sein Geist. + +Im dämmernden Garten, auf purpurnem Pfühl, +Am Springbrunnen sitzt er. Das plätschert so kühl! + +Die Diener stehen mit Ehrfurchtsmienen; +Sein Liebling Ansari ist unter ihnen. + +Aus Marmorvasen quillt hervor +Ein üppig brennender Blumenflor. + +Gleich Odalisken anmutiglich +Die schlanken Palmen fächern sich. + +Es stehen regungslos die Zypressen, +Wie himmelträumend, wie weltvergessen. + +Doch plötzlich erklingt bei Lautenklang +Ein sanft geheimnisvoller Gesang. + +Der Schach fährt auf, als wie behext - +Von wem ist dieses Liedes Text? + +Ansari, an welchen die Frage gerichtet, +Gab Antwort: Das hat Firdusi gedichtet. + +Firdusi? - rief der Fürst betreten - +Wo ist er? Wie geht es dem großen Poeten? + +Ansari gab Antwort: In Dürftigkeit +Und Elend lebt er seit langer Zeit + +Zu Thus, des Dichters Vaterstadt, +Wo er ein kleines Gärtchen hat. + +Schach Mahomet schwieg, eine gute Weile, +Dann sprach er: Ansari, mein Auftrag hat Eile - + +Geh nach meinen Ställen und erwähle +Dort hundert Maultiere und funfzig Kamele. + +Die sollst du belasten mit allen Schätzen, +Die eines Menschen Herz ergötzen, + +Mit Herrlichkeiten und Raritäten, +Kostbaren Kleidern und Hausgeräten + +Von Sandelholz, von Elfenbein, +Mit güldnen und silbernen Schnurrpfeiferein, + +Kannen und Kelchen, zierlich gehenkelt, +Lepardenfellen, groß gesprenkelt, + +Mit Teppichen, Schals und reichen Brokaten, +Die fabriziert in meinen Staaten - + +Vergiß nicht, auch hinzuzupacken +Glänzende Waffen und Schabracken, + +Nicht minder Getränke jeder Art +Und Speisen, die man in Töpfen bewahrt, + +Auch Konfitüren und Mandeltorten, +Und Pfefferkuchen von allen Sorten. + +Füge hinzu ein Dutzend Gäule, +Arabischer Zucht, geschwind wie Pfeile, + +Und schwarze Sklaven, gleichfalls ein Dutzend, +Leiber von Erz, strapazentrutzend. + +Ansari, mit diesen schönen Sachen +Sollst du dich gleich auf die Reise machen. + +Du sollst sie bringen nebst meinem Gruß +Dem großen Dichter Firdusi zu Thus. + +Ansari erfüllte des Herrschers Befehle, +Belud die Mäuler und Kamele + +Mit Ehrengeschenken, die wohl den Zins +Gekostet von einer ganzen Provinz. + +Nach dreien Tagen verließ er schon +Die Residenz, und in eigner Person, + +Mit einer roten Führerfahne, +Ritt er voran der Karawane. + +Am achten Tage erreichten sie Thus; +Die Stadt liegt an des Berges Fuß. + +Wohl durch das Westtor zog herein +Die Karawane mit Lärmen und Schrein. + +Die Trommel scholl, das Kuhhorn klang, +Und laut aufjubelt Triumphgesang. + +La Illa Il Allah! aus voller Kehle +Jauchzten die Treiber der Kamele. + +Doch durch das Osttor, am andern End +Von Thus, zog in demselben Moment + +Zur Stadt hinaus der Leichenzug, +Der den toten Firdusi zu Grabe trug. + + + + Nächtliche Fahrt + +Es wogte das Meer, aus dem dunklen Gewölk +Der Halbmond lugte scheu; +Und als wir stiegen in den Kahn, +Wir waren unsrer drei. + +Es plätschert' im Wasser des Ruderschlags +Verdrossenes Einerlei; +Weißschäumende Wellen rauschten heran, +Bespritzten uns alle drei. + +Sie stand im Kahn so blaß, so schlank, +Und unbeweglich dabei, +Als wär sie ein welsches Marmorbild, +Dianens Konterfei. + +Der Mond verbirgt sich ganz. Es pfeift +Der Nachtwind kalt vorbei; +Hoch über unsern Häuptern ertönt +Plötzlich ein gellender Schrei. + +Die weiße, gespenstische Möwe wars, +Und ob dem bösen Schrei, +Der schauerlich klang wie Warnungsruf, +Erschraken wir alle drei. + +Bin ich im Fieber? Ist das ein Spuk +Der nächtlichen Phantasei? +Äfft mich ein Traum? Es träumet mir +Grausame Narretei. + +Grausame Narretei! Mir träumt, +Daß ich ein Heiland sei, +Und daß ich trüge das große Kreuz +Geduldig und getreu. + +Die arme Schönheit ist schwer bedrängt, +Ich aber mache sie frei +Von Schmach und Sünde, von Qual und Not, +Von der Welt Unfläterei. + +Du arme Schönheit, schaudre nicht +Wohl ob der bittern Arznei; +Ich selber kredenze dir den Tod, +Bricht auch mein Herz entzwei. + +O Narretei, grausamer Traum, +Wahnsinn und Raserei! +Es gähnt die Nacht, es kreischt das Meer, +O Gott! o steh mir bei! + +O steh mir bei, barmherziger Gott! +Barmherziger Gott Schaddey! +Da schollerts hinab ins Meer - O Weh - +Schaddey! Schaddey! Adonay! - + +Die Sonne ging auf, wir fuhren ans Land, +Da blühte und glühte der Mai! +Und als wir stiegen aus dem Kahn, +Da waren wir unsrer _zwei_. + + + + Vitzliputzli + + Präludium + +Dieses ist Amerika! +Dieses ist die neue Welt! +Nicht die heutige, die schon +Europäisieret abwelkt. - + +Dieses ist die neue Welt! +Wie sie Christoval Kolumbus +Aus dem Ozean hervorzog. +Glänzet noch in Flutenfrische, + +Träufelt noch von Wasserperlen, +Die zerstieben, farbensprühend, +Wenn sie küßt das Licht der Sonne. +Wie gesund ist diese Welt! + +Ist kein Kirchhof der Romantik, +Ist kein alter Scherbenberg +Von verschimmelten Symbolen +Und versteinerten Perucken. + +Aus gesundem Boden sprossen +Auch gesunde Bäume - keiner +Ist blasiert und keiner hat +In dem Rückgratmark die Schwindsucht. + +Auf den Baumesästen schaukeln +Große Vögel. Ihr Gefieder +Farbenschillernd. Mit den ernsthaft +Langen Schnäbeln und mit Augen, + +Brillenartig schwarz umrändert, +Schaun sie auf dich nieder, schweigsam - +Bis sie plötzlich schrillend aufschrein +Und wie Kaffeeschwestern schnattern. + +Doch ich weiß nicht, was sie sagen, +Ob ich gleich der Vögel Sprachen +Kundig bin wie Salomo, +Welcher tausend Weiber hatte + +Und die Vögelsprachen kannte, +Die modernen nicht allein, +Sondern auch die toten, alten, +Ausgestopften Dialekte. + +Neuer Boden, neue Blumen! +Neue Blumen, neue Düfte! +Unerhörte, wilde Düfte, +Die mir in die Nase dringen, + +Neckend, prickelnd, leidenschaftlich - +Und mein grübelnder Geruchsinn +Quält sich ab: Wo hab ich denn +Je dergleichen schon gerochen? + +Wars vielleicht auf Regentstreet, +In den sonnig gelben Armen +Jener schlanken Javanesin, +Die beständig Blumen kaute? + +Oder wars zu Rotterdam, +Neben des Erasmi Bildsäul, +In der weißen Waffelbude +Mit geheimnisvollem Vorhang? + +Während ich die neue Welt +Solcher Art verdutzt betrachte, +Schein ich selbst ihr einzuflößen +Noch viel größre Scheu - Ein Affe, + +Der erschreckt ins Buschwerk forthuscht, +Schlägt ein Kreuz bei meinem Anblick, +Angstvoll rufend: »Ein Gespenst! +Ein Gespenst der alten Welt!« + +Affe! fürcht dich nicht, ich bin +Kein Gespenst, ich bin kein Spuk; +Leben kocht in meinen Adern, +Bin des Lebens treuster Sohn. + +Doch durch jahrelangen Umgang +Mit den Toten, nahm ich an +Der Verstorbenen Manieren +Und geheime Seltsamkeiten. + +Meine schönsten Lebensjahre, +Die verbracht ich im Kyffhäuser, +Auch im Venusberg und andern +Katakomben der Romantik. + +Fürcht dich nicht vor mir, mein Affe! +Bin dir hold, denn auf dem haarlos +Ledern abgeschabten Hintern +Trägst du Farben, die ich liebe. + +Teure Farben! Schwarz-rot-goldgelb! +Diese Affensteißcouleuren +Sie erinnern mich mit Wehmut +An das Banner Barbarossas. + + I + +Auf dem Haupt trug er den Lorbeer, +Und an seinen Stiefeln glänzten +Goldne Sporen - dennoch war er +Nicht ein Held und auch kein Ritter. + +Nur ein Räuberhauptmann war er, +Der ins Buch des Ruhmes einschrieb, +Mit der eignen frechen Faust, +Seinen frechen Namen: Cortez. + +Unter des Kolumbus Namen +Schrieb er ihn, ja dicht darunter, +Und der Schulbub auf der Schulbank +Lernt auswendig beide Namen - + +Nach dem Christoval Kolumbus, +Nennt er jetzt Fernando Cortez +Als den zweiten großen Mann +In dem Pantheon der Neuwelt. + +Heldenschicksals letzte Tücke: +Unser Name wird verkoppelt +Mit dem Namen eines Schächers +In der Menschen Angedenken. + +Wärs nicht besser, ganz verhallen +Unbekannt, als mit sich schleppen +Durch die langen Ewigkeiten +Solche Namenskameradschaft? + +Messer Christoval Kolumbus +War ein Held, und sein Gemüte, +Das so lauter wie die Sonne, +War freigebig auch wie diese. + +Mancher hat schon viel gegeben, +Aber jener hat der Welt +Eine ganze Welt geschenket, +Und sie heißt Amerika. + +Nicht befreien konnt er uns +Aus dem öden Erdenkerker, +Doch er wußt ihn zu erweitern +Und die Kette zu verlängern. + +Dankbar huldigt ihm die Menschheit, +Die nicht bloß europamüde, +Sondern Afrikas und Asiens +Endlich gleichfalls müde worden - - + +Einer nur, ein einzger Held, +Gab uns mehr und gab uns Beßres +Als Kolumbus, das ist jener, +Der uns einen Gott gegeben. + +Sein Herr Vater, der hieß Amram, +Seine Mutter hieß Jochebeth, +Und er selber, Moses heißt er, +Und er ist mein bester Heros. + +Doch, mein Pegasus, du weilest +Viel zu lang bei dem Kolumbus - +Wisse, unser heutger Flugritt +Gilt dem gringern Mann, dem Cortez. + +Breite aus den bunten Fittig, +Flügelroß! und trage mich +Nach der Neuwelt schönem Lande, +Welches Mexiko geheißen. + +Trage mich nach jener Burg, +Die der König Montezuma +Gastlich seinen spanschen Gästen +Angewiesen zur Behausung. + +Doch nicht Obdach bloß und Atzung, +In verschwenderischer Fülle, +Gab der Fürst den fremden Strolchen - +Auch Geschenke reich und prächtig, + +Kostbarkeiten kluggedrechselt, +Von massivem Gold, Juwelen, +Zeugten glänzend von der Huld +Und der Großmut des Monarchen. + +Dieser unzivilisierte, +Abergläubisch blinde Heide +Glaubte noch an Treu und Ehre +Und an Heiligkeit des Gastrechts. + +Er willfahrte dem Gesuche, +Beizuwohnen einem Feste, +Das in ihrer Burg die Spanier +Ihm zu Ehren geben wollten - + +Und mit seinem Hofgesinde, +Arglos, huldreich, kam der König +In das spanische Quartier, +Wo Fanfaren ihn begrüßten. + +Wie das Festspiel war betitelt, +Weiß ich nicht. Es hieß vielleicht: +»Spansche Treue!« doch der Autor +Nannt sich Don Fernando Cortez. + +Dieser gab das Stichwort - plötzlich +Ward der König überfallen, +Und man band ihn und behielt ihn +In der Burg als eine Geisel. + +Aber Montezuma starb, +Und da war der Damm gebrochen, +Der die kecken Abenteurer +Schützte vor dem Zorn des Volkes. + +Schrecklich jetzt begann die Brandung - +Wie ein wild empörtes Meer +Tosten, rasten immer näher +Die erzürnten Menschenwellen. + +Tapfer schlugen zwar die Spanier +Jeden Sturm zurück. Doch täglich +Ward berennt die Burg aufs neue, +Und ermüdend war das Kampfspiel. + +Nach dem Tod des Königs stockte +Auch der Lebensmittel Zufuhr; +Kürzer wurden die Rationen, +Die Gesichter wurden länger. + +Und mit langen Angesichtern +Sahn sich an Hispaniens Söhne, +Und sie seufzten und sie dachten +An die traute Christenheimat, + +An das teure Vaterland, +Wo die frommen Glocken läuten +Und am Herde friedlich brodelt +Eine Ollea-Potrida, + +Dick verschmoret mit Garbanzos, +Unter welchen, schalkhaft duftend, +Auch wohl kichernd, sich verbergen +Die geliebten Knoblauchwürstchen. + +Einen Kriegsrat hielt der Feldherr, +Und der Rückzug ward beschlossen; +In der nächsten Tagesfrühe +Soll das Heer die Stadt verlassen. + +Leicht gelangs hineinzukommen +Einst durch List dem klugen Cortez, +Doch die Rückkehr nach dem Festland +Bot fatale Schwierigkeiten. + +Mexiko, die Inselstadt, +Liegt in einem großen See, +Inder Mitte, flutumrauscht: +Eine stolze Wasserfestung, + +Mit dem Uferland verkehrend +Nur durch Schiffe, Flöße, Brücken, +Die auf Riesenpfählen ruhen; +Kleine Inseln bilden Furten. + +Noch bevor die Sonne aufging, +Setzten sich in Marsch die Spanier; +Keine Trommel ward gerühret, +Kein Trompeter blies Reveille. + +Wollten ihre Wirte nicht +Aus dem süßen Schlafe wecken - +(Hunderttausend Indianer +Lagerten in Mexiko). + +Doch der Spanier machte diesmal +Ohne seinen Wirt die Rechnung; +Noch frühzeitger aufgestanden +Waren heut die Mexikaner. + +Auf den Brücken, auf den Flößen, +Auf den Furten harrten sie, +Um den Abschiedstrunk alldorten +Ihren Gästen zu kredenzen. + +Auf den Brücken, Flößen, Furten, +Hei! da gabs ein toll Gelage! +Rot in Strömen floß das Blut, +Und die kecken Zecher rangen - + +Rangen Leib an Leib gepreßt, +Und wir sehn auf mancher nackten +Indianerbrust den Abdruck +Spanscher Rüstungsarabesken. + +Ein Erdrosseln wars, ein Würgen, +Ein Gemetzel, das sich langsam, +Schaurig langsam, weiter wälzte, +Über Brücken, Flöße, Furten. + +Die Indianer sangen, brüllten, +Doch die Spanier fochten schweigend; +Mußten Schritt für Schritt erobern +Einen Boden für die Flucht. + +In gedrängten Engpaßkämpfen +Boten gringen Vorteil heute +Alteuropas strenge Kriegskunst, +Feuerschlünde, Harnisch, Pferde. + +Viele Spanier waren gleichfalls +Schwer bepackt mit jenem Golde, +Das sie jüngst erpreßt, erbeutet - +Ach, die gelbe Sündenlast + +Lähmte, hemmte sie im Kampfe, +Und das teuflische Metall +Ward nicht bloß der armen Seele, +Sondern auch dem Leib verderblich. + +Mittlerweile ward der See +Ganz bedeckt von Kähnen, Barken; +Schützen saßen drin und schossen +Nach den Brücken, Flößen, Furten. + +Trafen freilich im Getümmel +Viele ihrer eignen Brüder, +Doch sie trafen auch gar manchen +Hochvortrefflichen Hidalgo. + +Auf der dritten Brücke fiel +Junker Gaston, der an jenem +Tag die Fahne trug, worauf +Konterfeit die heilge Jungfrau. + +Dieses Bildnis selber trafen +Die Geschosse der Indianer; +Sechs Geschosse blieben stecken +Just im Herzen - blanke Pfeile, + +Ähnlich jenen güldnen Schwertern, +Die der Mater dolorosa +Schmerzenreiche Brust durchbohren +Bei Karfreitagsprozessionen. + +Sterbend übergab Don Gaston +Seine Fahne dem Gonzalvo, +Der zu Tod getroffen gleichfalls +Bald dahinsank. - Jetzt ergriff + +Cortez selbst das teure Banner, +Er, der Feldherr, und er trug es +Hoch zu Roß bis gegen Abend, +Wo die Schlacht ein Ende nahm. + +Hundertsechzig Spanier fanden +Ihren Tod an jenem Tage; +Über achtzig fielen lebend +In die Hände der Indianer. + +Schwer verwundet wurden viele, +Die erst später unterlagen. +Schier ein Dutzend Pferde wurde +Teils getötet, teils erbeutet. + +Gegen Abend erst erreichten +Cortez und sein Heer das sichre +Uferland, ein Seegestade, +Karg bepflanzt mit Trauerweiden. + + II + +Nach des Kampfes Schreckenstag +Kommt die Spuknacht des Triumphes; +Hunderttausend Freudenlampen +Lodern auf in Mexiko. + +Hunderttausend Freudenlampen, +Waldharzfackeln, Pechkranzfeuer +Werfen grell ihr Tageslicht +Auf Paläste, Götterhallen, + +Gildenhäuser und zumal +Auf den Tempel Vitzliputzlis, +Götzenburg von rotem Backstein, +Seltsam mahnend an ägyptisch, + +Babylonisch und assyrisch +Kolossalen Bauwerk-Monstren, +Die wir schauen auf den Bildern +Unsers Britten Henri Martin. + +Ja, das sind dieselben breiten +Rampentreppen, also breit, +Daß dort auf und nieder wallen +Viele tausend Mexikaner, + +Während auf den Stufen lagern +Rottenweis die wilden Krieger, +Welche lustig bankettieren, +Hochberauscht von Sieg und Palmwein. + +Diese Rampentreppen leiten, +Wie ein Zickzack, nach der Plattform, +Einem balustradenartgen +Ungeheuern Tempeldach. + +Dort auf seinem Thronaltar +Sitzt der große Vitzliputzli, +Mexikos blutdürstger Kriegsgott. +Ist ein böses Ungestüm, + +Doch sein Äußres ist so putzig, +So verschnörkelt und so kindisch, +Daß er trotz des innern Grausens +Dennoch unsre Lachlust kitzelt - + +Und bei seinem Anblick denken +Wir zu gleicher Zeit etwa +An den blassen Tod von Basel +Und an Brüssels Mannke-Piß. + +An des Gottes Seite stehen +Rechts die Laien, links die Pfaffen; +Im Ornat von bunten Federn +Spreizt sich heut die Klerisei. + +Auf des Altars Marmorstufen +Hockt ein hundertjährig Männlein, +Ohne Haar an Kinn und Schädel; +Trägt ein scharlach Kamisölchen. + +Dieses ist der Opferpriester, +Und er wetzet seine Messer, +Wetzt sie lächelnd, und er schielet +Manchmal nach dem Gott hinauf. + +Vitzliputzli scheint den Blick +Seines Dieners zu verstehen, +Zwinkert mit den Augenwimpern +Und bewegt sogar die Lippen. + +Auf des Altars Stufen kauern +Auch die Tempelmusici, +Paukenschläger, Kuhhornbläser - +Ein Gerassel und Getute - + +Ein Gerassel und Getute, +Und es stimmet ein des Chores +Mexikanisches Tedeum - +Ein Miaulen wie von Katzen - + +Ein Miaulen wie von Katzen, +Doch von jener großen Sorte, +Welche Tigerkatzen heißen +Und statt Mäuse Menschen fressen! + +Wenn der Nachtwind diese Töne +Hinwirft nach dem Seegestade, +Wird den Spaniern, die dort lagern, +Katzenjämmerlich zu Mute. + +Traurig unter Trauerweiden, +Stehen diese dort noch immer +Und sie starren nach der Stadt, +Die im dunkeln Seegewässer + +Widerspiegelt, schier verhöhnend, +Alle Flammen ihrer Freude - +Stehen dort wie im Parterre +Eines großen Schauspielhauses, + +Und des Vitzliputzli-Tempels +Helle Plattform ist die Bühne, +Wo zur Siegesfeier jetzt +Ein Mysterium tragiert wird. + +»Menschenopfer« heißt das Stück. +Uralt ist der Stoff, die Fabel; +In der christlichen Behandlung +Ist das Schauspiel nicht so gräßlich. + +Denn dem Blute wurde Rotwein, +Und dem Leichnam, welcher vorkam, +Wurde eine harmlos dünne +Mehlbreispeis transsubstituieret - + +Diesmal aber, bei den Wilden, +War der Spaß sehr roh und ernsthaft +Aufgefaßt: man speiste Fleisch, +Und das Blut war Menschenblut. + +Diesmal war es gar das Vollblut +Von Altchristen, das sich nie, +Nie vermischt hat mit dem Blute +Der Moresken und der Juden. + +Freu dich, Vitzliputzli, freu dich, +Heute gibt es Spanierblut, +Und am warmen Dufte wirst du +Gierig laben deine Nase. + +Heute werden dir geschlachtet +Achtzig Spanier, stolze Braten +Für die Tafel deiner Priester, +Die sich an dem Fleisch erquicken. + +Denn der Priester ist ein Mensch, +Und der Mensch, der arme Fresser, +Kann nicht bloß vom Riechen leben +Und vom Dufte, wie die Götter. + +Horch! die Todespauke dröhnt schon, +Und es kreischt das böse Kuhhorn! +Sie verkünden, daß heraufsteigt +Jetzt der Zug der Sterbemänner. + +Achtzig Spanier, schmählich nackend, +Ihre Hände auf dem Rücken +Festgebunden, schleppt und schleift man +Hoch hinauf die Tempeltreppe. + +Vor dem Vitzliputzli-Bilde +Zwingt man sie das Knie zu beugen +Und zu tanzen Possentänze, +Und man zwingt sie durch Torturen, + +Die so grausam und entsetzlich, +Daß der Angstschrei der Gequälten +Überheulet das gesamte +Kannibalen-Charivari. - + +Armes Publikum am See! +Cortez und die Kriegsgefährten +Sie vernahmen und erkannten +Ihrer Freunde Angstrufstimmen - + +Auf der Bühne, grellbeleuchtet, +Sahen sie auch ganz genau +Die Gestalten und die Mienen - +Sahn das Messer, sahn das Blut - + +Und sie nahmen ab die Helme +Von den Häuptern, knieten nieder, +Stimmten an den Psalm der Toten, +Und sie sangen: De profundis! + +Unter jenen, welche starben, +War auch Raimond de Mendoza, +Sohn der schönen Abbatissin, +Cortez' erste Jugendliebe. + +Als er auf der Brust des Jünglings +Jenes Medaillon gewahrte, +Das der Mutter Bildnis einschloß, +Weinte Cortez helle Tränen - + +Doch er wischt' sie ab vom Auge +Mit dem harten Büffelhandschuh, +Seufzte tief und sang im Chore +Mit den Andern: miserere! + + III + +Blasser schimmern schon die Sterne, +Und die Morgennebel steigen +Aus der Seeflut, wie Gespenster, +Mit hinschleppend weißen Laken. + +Fest und Lichter sind erloschen +Auf dem Dach des Götzentempels, +Wo am blutgetränkten Estrich +Schnarchend liegen Pfaff und Laie. + +Nur die rote Jacke wacht. +Bei dem Schein der letzten Lampe, +Süßlich grinsend, grimmig schäkernd, +Spricht der Priester zu dem Gotte: + +»Vitzliputzli, Putzlivitzli, +Liebstes Göttchen Vitzliputzli! +Hast dich heute amüsieret, +Hast gerochen Wohlgerüche! + +»Heute gab es Spanierblut - +O, das dampfte so apptitlich, +Und dein feines Leckernäschen +Sog den Duft ein, wollustglänzend. + +»Morgen opfern wir die Pferde, +Wiehernd edle Ungetüme, +Die des Windes Geister zeugten, +Buhlschaft treibend mit der Seekuh. + +»Willst du artig sein, so schlacht ich +Dir auch meine beiden Enkel, +Hübsche Bübchen, süßes Blut, +Meines Alters einzge Freude. + +»Aber artig mußt du sein, +Mußt uns neue Siege schenken - +Laß uns siegen, liebes Göttchen, +Putzlivitzli, Vitzliputzli! + +»O verderbe unsre Feinde, +Diese Fremden, die aus fernen +Und noch unentdeckten Ländern +Zu uns kamen übers Weltmeer - + +»Warum ließen sie die Heimat? +Trieb sie Hunger oder Blutschuld? +Bleib im Land und nähr dich redlich, +Ist ein sinnig altes Sprüchwort. + +»Was ist ihr Begehr? Sie stecken +Unser Gold in ihre Taschen, +Und sie wollen, daß wir droben +Einst im Himmel glücklich werden! + +»Anfangs glaubten wir, sie wären +Wesen von der höchsten Gattung, +Sonnensöhne, die unsterblich +Und bewehrt mit Blitz und Donner. + +»Aber Menschen sind sie, tötbar +Wie wir Andre, und mein Messer +Hat erprobet heute Nacht +Ihre Menschensterblichkeit. + +»Menschen sind sie und nicht schöner +Als wir Andre, manche drunter +Sind so häßlich wie die Affen; +Wie bei diesen sind behaart + +»Die Gesichter, und es heißt, +Manche trügen in den Hosen +Auch verborgne Affenschwänze - +Wer kein Aff, braucht keine Hosen. + +»Auch moralisch häßlich sind sie, +Wissen nichts von Pietät, +Und es heißt, daß sie sogar +Ihre eignen Götter fräßen! + +»O vertilge diese ruchlos +Böse Brut, die Götterfresser - +Vitzliputzli, Putzlivitzli, +Laß uns siegen, Vitzliputzli!« - + +Also sprach zum Gott der Priester, +Und des Gottes Antwort tönt +Seufzend, röchelnd, wie der Nachtwind, +Welcher koset mit dem Seeschilf: + +Rotjack, Rotjack, blutger Schlächter, +Hast geschlachtet viele Tausend, +Bohre jetzt das Opfermesser +In den eignen alten Leib. + +Aus dem aufgeschlitzten Leib +Schlüpft alsdann hervor die Seele; +Über Kiesel, über Wurzel +Trippelt sie zum Laubfroschteiche. + +Dorten hocket meine Muhme +Rattenkönigin - sie wird sagen: +»Guten Morgen, nackte Seele, +Wie ergeht es meinem Neffen? + +»Vitzliputzlelt er vergnügt +In dem honigsüßen Goldlicht? +Wedelt ihm das Glück die Fliegen +Und die Sorgen von der Stirne? + +»Oder kratzt ihn Katzlagara, +Die verhaßte Unheilsgöttin +Mit den schwarzen Eisenpfoten, +Die in Otterngift getränket?« + +Nackte Seele, gib zur Antwort: +Vitzliputzli läßt dich grüßen, +Und er wünscht dir Pestilenz +In den Bauch, Vermaledeite! + +Denn du rietest ihm zum Kriege, +Und dein Rat, es war ein Abgrund - +In Erfüllung geht die böse, +Uralt böse Prophezeiung + +Von des Reiches Untergang +Durch die furchtbar bärtgen Männer, +Die auf hölzernem Gevögel +Hergeflogen aus dem Osten. + +Auch ein altes Sprüchwort gibt es: +Weiberwille, Gotteswille - +Doppelt ist der Gotteswille, +Wenn das Weib die Mutter Gottes. + +Diese ist es, die mir zürnet, +Sie, die stolze Himmelsfürstin, +Eine Jungfrau sonder Makel, +Zauberkundig, wundertätig. + +Sie beschützt das Spaniervolk, +Und wir müssen untergehen, +Ich, der ärmste aller Götter, +Und mein armes Mexiko. + +Nach vollbrachtem Auftrag, Rotjack, +Krieche deine nackte Seele +In ein Sandloch - Schlafe wohl! +Daß du nicht mein Unglück schauest! + +Dieser Tempel stürzt zusammen, +Und ich selber, ich versinke +In dem Qualm - nur Rauch und Trümmer - +Keiner wird mich wiedersehen. + +Doch ich sterbe nicht; wir Götter +Werden alt wie Papageien, +Und wir mausern nur und wechseln +Auch wie diese das Gefieder. + +Nach der Heimat meiner Feinde, +Die Europa ist geheißen, +Will ich flüchten, dort beginn ich +Eine neue Karriere. + +Ich verteufle mich, der Gott +Wird jetzund ein Gottseibeiuns; +Als der Feinde böser Feind, +Kann ich dorten wirken, schaffen. + +Quälen will ich dort die Feinde, +Mit Phantomen sie erschrecken - +Vorgeschmack der Hölle, Schwefel +Sollen sie beständig riechen. + +Ihre Weisen, ihre Narren +Will ich ködern und verlocken; +Ihre Tugend will ich kitzeln, +Bis sie lacht wie eine Metze. + +Ja, ein Teufel will ich werden, +Und als Kameraden grüß ich +Satanas und Belial, +Astaroth und Belzebub. + +Dich zumal begrüß ich, Lilis, +Sündenmutter, glatte Schlange! +Lehr mich deine Grausamkeiten +Und die schöne Kunst der Lüge! + +Mein geliebtes Mexiko, +Nimmermehr kann ich es retten, +Aber rächen will ich furchtbar +Mein geliebtes Mexiko. + + + + + Zweites Buch + Lamentationen + + + + Das Glück ist eine leichte Dirne, + Und weilt nicht gern am selben Ort; + Sie streicht das Haar dir von der Stirne + Und küßt dich rasch und flattert fort. + + Frau Unglück hat im Gegenteile + Dich liebefest ans Herz gedrückt; + Sie sagt, sie habe keine Eile, + Setzt sich zu dir ans Bett und strickt. + + + + Waldeinsamkeit + +Ich hab in meinen Jugendtagen +Wohl auf dem Haupt einen Kranz getragen; +Die Blumen glänzten wunderbar, +Ein Zauber in dem Kranze war. + +Der schöne Kranz gefiel wohl Allen, +Doch der ihn trug hat Manchem mißfallen; +Ich floh den gelben Menschenneid, +Ich floh in die grüne Waldeinsamkeit. + +Im Wald, im Wald! da konnt ich führen +Ein freies Leben mit Geistern und Tieren; +Feen und Hochwild von stolzem Geweih, +Sie nahten sich mir ganz ohne Scheu. + +Sie nahten sich mir ganz ohne Zagnis, +Sie wußten, das sei kein schreckliches Wagnis; +Daß ich kein Jäger, wußte das Reh, +Daß ich kein Vernunftmensch, wußte die Fee. + +Von Feenbegünstigung plaudern nur Toren - +Doch wie die übrigen Honoratioren +Des Waldes mir huldreich gewesen, fürwahr +Ich darf es bekennen offenbar. + +Wie haben mich lieblich die Elfen umflattert! +Ein luftiges Völkchen! das plaudert und schnattert! +Ein bißchen stechend ist der Blick, +Verheißend ein süßes, doch tödliches Glück. + +Ergötzten mich mit Maitanz und Maispiel, +Erzählten mir Hofgeschichten, zum Beispiel: +Die skandalose Chronika +Der Königin Titania. + +Saß ich am Bache, so tauchten und sprangen +Hervor aus der Flut, mit ihrem langen +Silberschleier und flatterndem Haar, +Die Wasserbacchanten, die Nixenschar. + +Sie schlugen die Zither, sie spielten auf Geigen, +Das war der famose Nixenreigen; +Die Posituren, die Melodei, +War klingende, springende Raserei. + +Jedoch zu Zeiten waren sie minder +Tobsüchtig gelaunt, die schönen Kinder; +Zu meinen Füßen lagerten sie, +Das Köpfchen gestützt auf meinem Knie. + +Trällerten, trillerten welsche Romanzen, +Zum Beispiel das Lied von den drei Pomeranzen, +Sangen auch wohl ein Lobgedicht +Auf mich und mein nobeles Menschengesicht. + +Sie unterbrachen manchmal das Gesinge +Lautlachend, und frugen bedenkliche Dinge, +Zum Beispiel: »Sag uns, zu welchem Behuf +Der liebe Gott den Menschen schuf? + +»Hat eine unsterbliche Seele ein Jeder +Von euch? Ist diese Seele von Leder +Oder von steifer Leinwand? Warum +Sind eure Leute meistens so dumm?« + +Was ich zur Antwort gab, verhehle +Ich hier, doch meine unsterbliche Seele, +Glaubt mirs, ward nie davon verletzt, +Was eine kleine Nixe geschwätzt. + +Anmutig und schalkhaft sind Nixen und Elfen; +Nicht so die Erdgeister, sie dienen und helfen +Treuherzig den Menschen. Ich liebte zumeist +Die, welche man Wichtelmännchen heißt. + +Sie tragen Rotmäntelchen, lang und bauschig, +Die Miene ist ehrlich, doch bang und lauschig; +Ich ließ nicht merken, daß ich entdeckt, +Warum sie so ängstlich die Füße versteckt. + +Sie haben nämlich Entenfüße +Und bilden sich ein, daß Niemand es wisse. +Das ist eine tiefgeheime Wund, +Worüber ich nimmermehr spötteln kunnt. + +Ach Himmel! wir Alle, gleich jenen Zwergen, +Wir haben ja Alle etwas zu verbergen; +Kein Christenmensch, wähnen wir, hätte entdeckt, +Wo unser Entenfüßchen steckt. + +Niemals verkehrt ich mit Salamandern, +Und über ihr Treiben erfuhr ich von andern +Waldgeistern sehr wenig. Sie huschten mir scheu +Des Nachts wie leuchtende Schatten vorbei. + +Sind spindeldürre, von Kindeslänge, +Höschen und Wämschen anliegend enge, +Von Scharlachfarbe, goldgestickt; +Das Antlitz kränklich, vergilbt und bedrückt. + +Ein güldnes Krönlein, gespickt mit Rubinen, +Trägt auf dem Köpfchen ein jeder von ihnen; +Ein jeder von ihnen bildet sich ein, +Ein absoluter König zu sein. + +Daß sie im Feuer nicht verbrennen, +Ist freilich ein Kunststück, ich will es bekennen; +Jedoch der unentzündbare Wicht, +Ein wahrer Feuergeist ist er nicht. + +Die klügsten Waldgeister sind die Alräunchen, +Langbärtige Männlein mit kurzen Beinchen, +Ein fingerlanges Greisengeschlecht; +Woher sie stammen, man weiß es nicht recht. + +Wenn sie im Mondschein kopfüber purzeln, +Das mahnt bedenklich an Pissewurzeln; +Doch da sie mir nur Gutes getan, +So geht mich nichts ihr Ursprung an. + +Sie lehrten mir kleine Hexereien, +Feuer besprechen, Vögel beschreien, +Auch pflücken in der Johannisnacht +Das Kräutlein, das unsichtbar macht. + +Sie lehrten mich Sterne und Zeichen deuten, +Sattellos auf dem Winde reiten, +Auch Runensprüche, womit man ruft +Die Toten hervor aus ihrer Gruft. + +Sie haben mir auch den Pfiff gelehrt, +Wie man den Vogel Specht betört +Und ihm die Springwurz abgewinnt, +Die anzeigt, wo Schätze verborgen sind. + +Die Worte, die man beim Schätzegraben +Hinmurmelt, lehrten sie mich, sie haben +Mir alles expliziert - umsunst! +Hab nie begriffen die Schatzgräberkunst. + +Wohl hatt ich derselben nicht nötig dermalen, +Ich brauchte wenig, und konnt es bezahlen, +Besaß auch in Spanien manch luftiges Schloß, +Wovon ich die Revenüen genoß. + +O, schöne Zeit! wo voller Geigen +Der Himmel hing, wo Elfenreigen +Und Nixentanz und Koboldscherz +Umgaukelt mein märchentrunkenes Herz! + +O, schöne Zeit! wo sich zu grünen +Triumphespforten zu wölben schienen +Die Bäume des Waldes - ich ging einher, +Bekränzt, als ob ich der Sieger wär! + +Die schöne Zeit, sie ist verschlendert, +Und Alles hat sich seitdem verändert, +Und ach! mir ist der Kranz geraubt, +Den ich getragen auf meinem Haupt. + +Der Kranz ist mir vom Haupt genommen, +Ich weiß es nicht, wie es gekommen; +Doch seit der schöne Kranz mir fehlt, +Ist meine Seele wie entseelt. + +Es glotzen mich an unheimlich blöde +Die Larven der Welt! Der Himmel ist öde, +Ein blauer Kirchhof, entgöttert und stumm. +Ich gehe gebückt im Wald herum. + +Im Walde sind die Elfen verschwunden, +Jagdhörner hör ich, Gekläffe von Hunden; +Im Dickicht ist das Reh versteckt, +Das tränend seine Wunden leckt. + +Wo sind die Alräunchen? Ich glaube, sie halten +Sich ängstlich verborgen in Felsenspalten. +Ihr kleinen Freunde, ich komme zurück, +Doch ohne Kranz und ohne Glück. + +Wo ist die Fee mit dem langen Goldhaar, +Die erste Schönheit, die mir hold war? +Der Eichenbaum, worin sie gehaust, +Steht traurig entlaubt, vom Winde zerzaust. + +Der Bach rauscht trostlos gleich dem Styxe; +Am einsamen Ufer sitzt eine Nixe, +Todblaß und stumm, wie 'n Bild von Stein, +Scheint tief in Kummer versunken zu sein. + +Mitleidig tret ich zu ihr heran - +Da fährt sie auf und schaut mich an, +Und sie entflieht mit entsetzten Mienen, +Als sei ihr ein Gespenst erschienen. + + + + Spanische Atriden + +Am Hubertustag des Jahres +Dreizehnhundert drei und achtzig +Gab der König uns ein Gastmahl +Zu Segovia im Schlosse. + +Hofgastmähler sind dieselben +Überall, es gähnt dieselbe +Souveräne Langeweile +An der Tafel aller Fürsten. + +Prunkgeschirr von Gold und Silber, +Leckerbissen aller Zonen, +Und derselbe Bleigeschmack, +Mahnend an Lokustes Küche. + +Auch derselbe seidne Pöbel, +Buntgeputzt und vornehm nickend, +Wie ein Beet von Tulipanen; +Nur die Saucen sind verschieden. + +Und das ist ein Wispern, Sumsen, +Das wie Mohn den Sinn einschläfert, +Bis Trompetenstöße wecken +Aus der kauenden Betäubnis. + +Neben mir, zum Glücke, saß +Don Diego Albuquerque, +Dem die Rede unterhaltsam +Von den klugen Lippen floß. + +Ganz vorzüglich gut erzählte +Er die blutgen Hofgeschichten +Aus den Tagen des Don Pedro, +Den man »König Grausam« nannte. + +Als ich frug, warum Don Pedro +Seinen Bruder Don Fredrego +Insgeheim enthaupten ließ, +Sprach mein Tischgenosse seufzend: + +Sennor! glaubt nicht was sie klimpern +Auf den schlottrigen Gitarren, +Bänkelsänger, Maultiertreiber, +In Posaden, Kneipen, Schenken. + +Glaubet nimmer, was sie faseln +Von der Liebe Don Fredregos +Und Don Pedros schöner Gattin, +Donna Blanka von Bourbon. + +Nicht der Eifersucht des Gatten, +Nur der Mißgunst eines Neidharts +Fiel als Opfer Don Fredrego, +Calatravas Ordensmeister. + +Das Verbrechen, das Don Pedro +Nicht verzieh, das war sein Ruhm, +Jener Ruhm, den Donna Fama +Mit Entzücken ausposaunte. + +Auch verzieh ihm nicht Don Pedro +Seiner Seele Hochgefühle +Und die Wohlgestalt des Leibes, +Die ein Abbild solcher Seele. + +Blühend blieb mir im Gedächtnis +Diese schlanke Heldenblume; +Nie vergeß ich dieses schöne +Träumerische Jünglingsantlitz. + +Das war eben jene Sorte, +Die geliebt wird von den Feen, +Und ein märchenhaft Geheimnis +Sprach aus allen diesen Zügen. + +Blaue Augen, deren Schmelz +Blendend wie ein Edelstein, - +Aber auch der stieren Härte +Eines Edelsteins teilhaftig. + +Seine Haare waren schwarz, +Bläulichschwarz, von seltnem Glanze, +Und in üppig schönen Locken +Auf die Schulter niederfallend. + +In der schönen Stadt Coimbra, +Die er abgewann den Mohren, +Sah ich ihn zum letzten Male +Lebend - unglückselger Prinz! + +Eben kam er vom Alkanzor, +Durch die engen Straßen reitend; +Manche junge Mohrin lauschte +Hinterm Gitter ihres Fensters. + +Seines Hauptes Helmbusch wehte +Frei galant, jedoch des Mantels +Strenges Calatrava-Kreuz +Scheuchte jeden Buhlgedanken. + +Ihm zur Seite, freudewedelnd, +Sprang sein Liebling, Allan hieß er, +Eine Bestie stolzer Rasse, +Deren Heimat die Sierra. + +Trotz der ungeheuern Größe +War er wie ein Reh gelenkig, +Nobel war des Kopfes Bildung, +Ob sie gleich dem Fuchse ähnlich. + +Schneeweiß und so weich wie Seide +Flockten lang herab die Haare; +Mit Rubinen inkrustieret +War das breite goldne Halsband. + +Dieses Halsband, sagt man, barg +Einen Talisman der Treue; +Niemals wich er von der Seite +Seines Herrn, der treue Hund. + +O der schauerlichen Treue! +Mir erbebet das Gemüte, +Denk ich dran, wie sie sich hier +Offenbart vor unsern Augen. + +O des schreckenvollen Tages! +Hier in diesem Saale war es, +Und wie heute saß ich hier +An der königlichen Tafel. + +An dem obern Tafelende, +Dort, wo heute Don Henrico +Fröhlich bechert mit der Blume +Kastilianscher Ritterschaft - + +Jenes Tags saß dort Don Pedro +Finster stumm, und neben ihm, +Strahlend stolz wie eine Göttin, +Saß Maria de Padilla. + +Hier am untern End der Tafel, +Wo wir heut die Dame sehen, +Deren große Linnenkrause +Wie ein weißer Teller aussieht - + +Während ihr vergilbt Gesichtchen +Mit dem säuerlichen Lächeln +Der Zitrone gleichet, welche +Auf besagtem Teller ruht: + +Hier am untern End der Tafel +War ein leerer Platz geblieben; +Eines Gasts von hohem Range +Schien der goldne Stuhl zu harren. + +Don Fredrego war der Gast, +Dem der goldne Stuhl bestimmt war - +Doch er kam nicht -ach, wir wissen +Jetzt den Grund der Zögerung. + +Ach, zur selben Stunde wurde +Sie vollbracht, die dunkle Untat, +Und der arglos junge Held +Wurde von Don Pedros Schergen + +Hinterlistig überfallen +Und gebunden fortgeschleppt +In ein ödes Schloßgewölbe, +Nur von Fackelschein beleuchtet. + +Dorten standen Henkersknechte, +Dorten stand der rote Meister, +Der, gestützt auf seinem Richtbeil, +Mit schwermütger Miene sprach: + +Jetzt, Großmeister von San Jago, +Müßt Ihr Euch zum Tod bereiten, +Eine Viertelstunde sei +Euch bewilligt zum Gebete. + +Don Fredrego kniete nieder, +Betete mit frommer Ruhe, +Sprach sodann: ich hab vollendet, +Und empfing den Todesstreich. + +In demselben Augenblicke, +Als der Kopf zu Boden rollte, +Sprang drauf zu der treue Allan, +Welcher unbemerkt gefolgt war. + +Er erfaßte, mit den Zähnen, +Bei dem Lockenhaar das Haupt, +Und mit dieser teuern Beute +Schoß er zauberschnell von dannen. + +Jammer und Geschrei erscholl +Überall auf seinem Wege, +Durch die Gänge und Gemächer, +Treppen auf und Treppen ab. + +Seit dem Gastmahl des Belsazar +Gab es keine Tischgesellschaft, +Welche so verstöret aussah +Wie die unsre in dem Saale, + +Als das Ungetüm hereinsprang +Mit dem Haupte Don Fredregos, +Das er mit den Zähnen schleppte +An den träufend blutgen Haaren. + +Auf den leer gebliebnen Stuhl, +Welcher seinem Herrn bestimmt war, +Sprang der Hund und, wie ein Kläger, +Hielt er uns das Haupt entgegen. + +Ach, es war das wohlbekannte +Heldenantlitz, aber blässer, +Aber ernster, durch den Tod, +Und umringelt gar entsetzlich + +Von der Fülle schwarzer Locken, +Die sich bäumten wie der wilde +Schlangenkopfputz der Meduse, +Auch wie dieser schreckversteinernd. + +Ja, wir waren wie versteinert, +Sahn uns an mit starrer Miene, +Und gelähmt war jede Zunge +Von der Angst und Etikette. + +Nur Maria de Padilla +Brach das allgemeine Schweigen; +Händeringend, laut aufschluchzend, +Jammerte sie ahndungsvoll: + +»Heißen wird es jetzt, ich hätte +Angestiftet solche Mordtat, +Und der Groll trifft meine Kinder, +Meine schuldlos armen Kinder!« + +Don Diego unterbrach hier +Seine Rede, denn wir sahen, +Daß die Tafel aufgehoben +Und der Hof den Saal verlassen. + +Höfisch fein von Sitten, gab +Mir der Ritter das Geleite, +Und wir wandelten selbander +Durch das alte Gotenschloß. + +Indem Kreuzgang, welcher leitet +Nach des Königs Hundeställen, +Die durch Knurren und Gekläffe +Schon von fernher sich verkündgen, + +Dorten sah ich, in der Wand +Eingemauert und nach außen +Fest mit Eisenwerk vergattert, +Eine Zelle wie ein Käfig. + +Menschliche Gestalten zwo +Saßen drin, zwei junge Knaben; +Angefesselt bei den Beinen, +Hockten sie auf fauler Streu. + +Kaum zwölfjährig schien der Eine, +Wenig älter war der Andre; +Die Gesichter schön und edel, +Aber fahl und welk von Siechtum. + +Waren ganz zerlumpt, fast nackend, +Und die magern Leibchen trugen +Wunde Spuren der Mißhandlung; +Beide schüttelte das Fieber. + +Aus der Tiefe ihres Elends +Schauten sie zu mir empor, +Wie mit weißen Geisteraugen, +Daß ich schier darob erschrocken. + +Wer sind diese Jammerbilder? +Rief ich aus, indem ich hastig +Don Diegos Hand ergriff, +Die gezittert, wie ich fühlte. + +Don Diego schien verlegen, +Sah sich um, ob Niemand lausche, +Seufzte tief und sprach am Ende, +Heitern Weltmannston erkünstelnd: + +Dieses sind zwei Königskinder, +Früh verwaiset, König Pedro +Hieß der Vater, und die Mutter +War Maria de Padilla. + +Nach der großen Schlacht bei Narvas, +Wo Henrico Transtamare +Seinen Bruder, König Pedro, +Von der großen Last der Krone + +Und zugleich von jener größern +Last, die Leben heißt, befreite: +Da traf auch die Bruderskinder +Don Henricos Siegergroßmut. + +Hat sich ihrer angenommen, +Wie es einem Oheim ziemet, +Und im eignen Schlosse gab er +Ihnen freie Kost und Wohnung. + +Enge freilich ist das Stübchen, +Das er ihnen angewiesen, +Doch im Sommer ist es kühlig, +Und nicht gar zu kalt im Winter. + +Ihre Speis ist Roggenbrot, +Das so schmackhaft ist, als hätt es +Göttin Ceres selbst gebacken +Für ihr liebes Proserpinchen. + +Manchmal schickt er ihnen auch +Eine Kumpe mit Garbanzos, +Und die Jungen merken dann, +Daß es Sonntag ist in Spanien. + +Doch nicht immer ist es Sonntag, +Und nicht immer gibts Garbanzos, +Und der Oberkoppelmeister +Regaliert sie mit der Peitsche. + +Denn der Oberkoppelmeister, +Der die Ställe mit der Meute +Sowie auch den Neffenkäfig +Unter seiner Aufsicht hat, + +Ist der unglückselge Gatte +Jener sauren Zitronella +Mit der weißen Tellerkrause, +Die wir heut bei Tisch bewundert, + +Und sie keift so frech, daß oft +Ihr Gemahl zur Peitsche greift - +Und hierher eilt und die Hunde +Und die armen Knaben züchtigt. + +Doch der König hat mißbilligt +Solch Verfahren und befahl, +Daß man künftig seine Neffen +Nicht behandle wie die Hunde. + +Keiner fremden Mietlingsfaust +Wird er ferner anvertrauen +Ihre Zucht, die er hinfüro +Eigenhändig leiten will. + +Don Diego stockte plötzlich, +Denn der Seneschall des Schlosses +Kam zu uns und frug uns +Höflich: ob wir wohlgespeist? - - + + + + Der Ex-Lebendige + +Brutus, wo ist dein Cassius, +Der Wächter, der nächtliche Rufer, +Der einst mit dir, im Seelenerguß, +Gewandelt am Seineufer? + +Ihr schautet manchmal in die Höh, +Wo die dunklen Wolken jagen - +Viel dunklere Wolke war die Idee, +Die Ihr im Herzen getragen. + +Brutus, wo ist dein Cassius? +Er denkt nicht mehr ans Morden! +Es heißt, er sei am Neckarfluß +Tyrannenvorleser geworden. + +Doch Brutus erwidert: Du bist ein Tor, +Kurzsichtig wie alle Poeten - +Mein Cassius liest dem Tyrannen vor, +Jedoch um ihn zu töten. + +Er liest ihm Gedichte von Matzerath - +Ein Dolch ist jede Zeile! +Der arme Tyrann, früh oder spat +Stirbt er vor Langeweile. + + + + Der Ex-Nachtwächter + +Mißgelaunt, sagt man, verließ er +Stuttgart an dem Neckarstrand, +Und zu München an der Isar +Ward er Schauspielintendant. + +Das ist eine schöne Gegend +Ebenfalls, es schäumet hier, +Geist- und phantasieerregend, +Holder Bock, das beste Bier. + +Doch der arme Intendante, +Heißt es, gehet dort herum +Melancholisch wie ein Dante, +Wie Lord Byron gloomy, stumm. + +Ihn ergötzen nicht Komödien, +Nicht das schlechteste Gedicht, +Selbst die traurigsten Tragödien +Liest er - doch er lächelt nicht. + +Manche Schöne möcht erheitern +Dieses gramumflorte Herz, +Doch die Liebesblicke scheitern +An dem Panzer, der von Erz. + +Nannerl mit dem Riegelhäubchen +Girrt ihn an so muntern Sinns - +Geh ins Kloster, armes Täubchen, +Spricht er wie ein Dänenprinz. + +Seine Freunde sind vergebens +Zu erlustgen ihn bemüht, +Singen: Freue dich des Lebens, +Weil dir noch dein Lämpchen glüht! + +Kann dich nichts zum Frohsinn reizen +Hier in dieser hübschen Stadt, +Die an amüsanten Käuzen +Wahrlich keinen Mangel hat? + +Zwar hat sie in jüngsten Tagen +Eingebüßt so manchen Mann, +Manchen trefflichen Choragen, +Den man schwer entbehren kann. + +Wär der Maßmann nur geblieben! +Dieser hätte wohl am End +Jeden Trübsinn dir vertrieben +Durch sein Burzelbaumtalent. + +Schelling, der ist unersetzlich! +Ein Verlust vom höchsten Wert! +War als Philosoph ergötzlich +Und als Mime hochgeehrt. + +Daß der Gründer der Walhalla +Fortging und zurücke ließ +Seine Manuskripte alle, +Gleichfalls ein Verlust war dies! + +Mit Corneljus ging verloren +Auch des Meisters Jüngerschaft; +Hat das Haar sich abgeschoren, +Und im Haar war ihre Kraft. + +Denn der kluge Meister legte +Einen Zauber in das Haar, +Drin sich sichtbar oft bewegte +Etwas das lebendig war. + +Tot ist Görres, die Hyäne. +Ob des heiligen Offiz +Umsturz quoll ihm einst die Träne +Aus des Auges rotem Schlitz. + +Dieses Raubtier hat ein Sühnchen +Hinterlassen, doch es ist +Nur ein giftiges Kaninchen, +Welches Nonnenfürzchen frißt. + +Apropos! Der erzinfame +Pfaffe Dollingerius - +Das ist ungefähr sein Name - +Lebt er noch am Isarfluß? + +Dieser bleibt mir unvergeßlich! +Bei dem reinen Sonnenlicht! +Niemals schaut ich solch ein häßlich +Armesünderangesicht. + +Wie es heißt, ist er gekommen +Auf die Welt gar wundersam, +Hat den Afterweg genommen, +Zu der Mutter Schreck und Scham. + +Sah ihn am Karfreitag wallen +In dem Zug der Prozession, +Von den dunkeln Männern allen +Wohl die dunkelste Person. + +Ja, Monacho Monachorum +Ist in unsrer Zeit der Sitz +Der Virorum obscurorum, +Die verherrlicht Huttens Witz. + +Wie du zuckst beim Namen Hutten! +Ex-Nachtwächter, wache auf! +Hier die Pritsche, dort die Kutten, +Und wie ehmals schlage drauf!. + +Geißle ihre Rücken blutig, +Wie einst tat der Ullerich; +Dieser schlug so rittermutig, +Jene heulten fürchterlich. + +Der Erasmus mußte lachen +So gewaltig ob dem Spaß, +Daß ihm platzte in dem Rachen +Sein Geschwür und er genas. + +Auf der Ebersburg desgleichen +Lachte Sickingen wie toll, +Und in allen deutschen Reichen +Das Gelächter widerscholl. + +Alte lachten wie die Jungen - +Eine einzge Lache nur +War ganz Wittenberg, sie sungen +Gaudeamus igitur! + +Freilich, klopft man faule Kutten, +Fängt man Flöh im Überfluß, +Und es mußte sich der Hutten +Manchmal kratzen vor Verdruß. + +Aber alea est jacta! +War des Ritters Schlachtgeschrei, +Und er knickte und er knackte +Pulices und Klerisei. + +Ex-Nachtwächter, Stundenrufer, +Fühlst du nicht dein Herz erglühn? +Rege dich am Isarufer, +Schüttle ab den kranken Spleen. + +Deine langen Fortschrittsbeine, +Heb sie auf zu neuem Lauf - +Kutten grobe, Kutten feine, +Sind es Kutten, schlage drauf! + +Jener aber seufzt, und seine +Hände ringend er versetzt: +Meine langen Fortschrittsbeine +Sind europamüde jetzt. + +Meine Hühneraugen jücken, +Habe deutsche enge Schuh, +Und wo mich die Schuhe drücken, +Weiß ich wohl - laß mich in Ruh! + + + + Plateniden + +Iliaden, Odysseen +Kündigst du uns prahlend an, +Und wir wollen in dir sehen +Deutscher Zukunft größten Mann. + +Eine große Tat in Worten, +Die du einst zu tun gedenkst! - +O, ich kenne solche Sorten +Geistger Schuldenmacher längst. + +Hier ist Rhodus, komm und zeige +Deine Kunst, hier wird getanzt! +Oder trolle dich und schweige, +Wenn du heut nicht tanzen kannst. + +Wahre Prinzen aus Genieland +Zahlen bar was sie verzehrt, +Schiller, Goethe, Lessing, Wieland +Haben nie Kredit begehrt. + +Wollten keine Ovationen +Von dem Publiko auf Pump, +Keine Vorschuß-Lorbeerkronen, +Rühmten sich nicht keck und plump. + +Tot ist längst der alte Junker, +Doch sein Same lebt noch heut - +O, ich kenne das Geflunker +Künftiger Unsterblichkeit. + +Das sind Platens echte Kinder, +Echtes Platenidenblut - +Meine teuern Hallermünder, +O, ich kenn euch gar zu gut! + + + + Mythologie + +Ja, Europa ist erlegen - +Wer kann Ochsen widerstehen? +Wir verzeihen auch Danäen - +Sie erlag dem goldnen Regen! + +Semele ließ sich verführen - +Denn sie dachte: eine Wolke, +Ideale Himmelswolke, +Kann uns nicht kompromittieren. + +Aber tief muß uns empören +Was wir von der Leda lesen - +Welche Gans bist du gewesen, +Daß ein Schwan dich konnt betören! + + + + In Mathildens Stammbuch + +Hier, auf gewalzten Lumpen, soll ich +Mit einer Spule von der Gans +Hinkritzeln ernsthaft halb, halb drollig, +Versifizierten Firlefanz - + +Ich, der gewohnt mich auszusprechen +Auf deinem schönen Rosenmund, +Mit Küssen, die wie Flammen brechen +Hervor aus tiefstem Herzensgrund! + +O Modewut! Ist man ein Dichter, +Quält uns die eigne Frau zuletzt, +Bis man, wie andre Sangeslichter, +Ihr einen Reim ins Album setzt. + + + + An die Jungen + +Laß dich nicht kirren, laß dich nicht wirren +Durch goldne Äpfel in deinem Lauf! +Die Schwerter klirren, die Pfeile schwirren, +Doch halten sie nicht den Helden auf. + +Ein kühnes Beginnen ist halbes Gewinnen, +Ein Alexander erbeutet die Welt! +Kein langes Besinnen! Die Königinnen +Erwarten schon knieend den Sieger im Zelt. + +Wir wagen, wir werben! besteigen als Erben +Des alten Darius Bett und Thron. +O süßes Verderben! o blühendes Sterben! +Berauschter Triumphtod zu Babylon! + + + + Der Ungläubige + +Du wirst in meinen Armen ruhn! +Von Wonnen sonder Schranken +Erbebt und schwillt mein ganzes Herz +Bei diesem Zaubergedanken. + +Du wirst in meinen Armen ruhn! +Ich spiele mit den schönen +Goldlocken! Dein holdes Köpfchen wird +An meine Schulter lehnen. + +Du wirst in meinen Armen ruhn! +Der Traum will Wahrheit werden, +Ich soll des Himmels höchste Lust +Hier schon genießen auf Erden. + +O, heilger Thomas! Ich glaub es kaum! +Ich zweifle bis zur Stunde, +Wo ich den Finger legen kann +In meines Glückes Wunde. + + + + K.-Jammer + +Diese graue Wolkenschar +Stieg aus einem Meer von Freuden; +Heute muß ich dafür leiden, +Daß ich gestern glücklich war. + +Ach, in Wermut hat verkehrt +Sich der Nektar! Ach, wie quälend +Katzenjammer, Hundeelend +Herz und Magen mir beschwert! + + + + Zum Hausfrieden + +Viele Weiber, viele Flöhe, +Viele Flöhe, vieles Jucken - +Tun sie heimlich dir ein Wehe, +Darfst du dennoch dich nicht mucken. + +Denn sie rächen, schelmisch lächelnd, +Sich zur Nachtzeit - Willst du drücken +Sie ans Herze, lieberöchelnd, +Ach, da drehn sie dir den Rücken. + + + + Jetzt wohin? + +Jetzt wohin? Der dumme Fuß +Will mich gern nach Deutschland tragen; +Doch es schüttelt klug das Haupt +Mein Verstand und scheint zu sagen: + +Zwar beendigt ist der Krieg, +Doch die Kriegsgerichte blieben, +Und es heißt, du habest einst +Viel Erschießliches geschrieben. + +Das ist wahr, unangenehm +Wär mir das Erschossenwerden. +Bin kein Held, es fehlen mir +Die pathetischen Gebärden. + +Gern würd ich nach England gehn, +Wären dort nicht Kohlendämpfe +Und Engländer - schon ihr Duft +Gibt Erbrechen mir und Krämpfe. + +Manchmal kommt mir in den Sinn +Nach Amerika zu segeln, +Nach dem großen Freiheitstall, +Der bewohnt von Gleichheitsflegeln - + +Doch es ängstet mich ein Land, +Wo die Menschen Tabak käuen, +Wo sie ohne König kegeln, +Wo sie ohne Spucknapf speien. + +Rußland, dieses schöne Reich, +Würde mir vielleicht behagen, +Doch im Winter könnte ich +Dort die Knute nicht ertragen. + +Traurig schau ich in die Höh, +Wo viel tausend Sterne nicken - +Aber meinen eignen Stern +Kann ich nirgends dort erblicken. + +Hat im güldnen Labyrinth +Sich vielleicht verirrt am Himmel, +Wie ich selber mich verirrt +In dem irdischen Getümmel. - + + + + Altes Lied + +Du bist gestorben und weißt es nicht, +Erloschen ist dein Augenlicht, +Erblichen ist dein rotes Mündchen, +Und du bist tot, mein totes Kindchen. + +In einer schaurigen Sommernacht +Hab ich dich selber zu Grabe gebracht; +Klaglieder die Nachtigallen sangen, +Die Sterne sind mit zur Leiche gegangen. + +Der Zug, der zog den Wald vorbei, +Dort widerhallt die Litanei; +Die Tannen, in Trauermänteln vermummt, +Sie haben Totengebete gebrummt. + +Am Weidensee vorüber gings, +Die Elfen tanzten inmitten des Rings; +Sie blieben plötzlich stehn und schienen +Uns anzuschaun mit Beileidsmienen. + +Und als wir kamen zu deinem Grab, +Da stieg der Mond vom Himmel herab. +Er hielt eine Rede. Ein Schluchzen und Stöhnen, +Und in der Ferne die Glocken tönen. + + + + Solidität + +Liebe sprach zum Gott der Lieder, +Sie verlange Sicherheiten, +Ehe sie sich ganz ergebe, +Denn es wären schlechte Zeiten. + +Lachend gab der Gott zur Antwort: +Ja, die Zeiten sich verändern, +Und du sprichst jetzt wie ein alter +Wuchrer, welcher leiht auf Pfändern. + +Ach, ich hab nur eine Leier, +Doch sie ist von gutem Golde. +Wieviel Küsse willst du borgen +Mir darauf, o meine Holde? + + + + Alte Rose + +Eine Rosenknospe war +Sie, für die mein Herze glühte; +Doch sie wuchs, und wunderbar +Schoß sie auf in voller Blüte. + +Ward die schönste Ros im Land, +Und ich wollt die Rose brechen, +Doch sie wußte mich pikant +Mit den Dornen fortzustechen. + +Jetzt, wo sie verwelkt, zerfetzt +Und verklatscht von Wind und Regen - +Liebster Heinrich bin ich jetzt, +Liebend kommt sie mir entgegen. + +Heinrich hinten, Heinrich vorn, +Klingt es jetzt mit süßen Tönen; +Sticht mich jetzt etwa ein Dorn, +Ist es an dem Kinn der Schönen. + +Allzu hart die Borsten sind, +Die des Kinnes Wärzchen zieren - +Geh ins Kloster, liebes Kind, +Oder lasse dich rasieren. + + + + Auto-da-fé + +Welke Veilchen, stäubge Locken, +ein verblichen blaues Band, +Halb zerrissene Billette, +Längst vergeßner Herzenstand - + +In die Flammen des Kamines +Werf ich sie verdroßnen Blicks; +Ängstlich knistern diese Trümmer +Meines Glücks und Mißgeschicks. + +Liebeschwüre, flatterhafte +Falsche Eide, in den Schlot +Fliegen sie hinauf - es kichert +Unsichtbar der kleine Gott. + +Bei den Flammen des Kamines +Sitz ich träumend, und ich seh, +Wie die Fünkchen in der Asche +Still verglühn - Gut Nacht - Ade! + + + + Lazarus + + I. Weltlauf + +Hat man viel, so wird man bald +Noch viel mehr dazu bekommen. +Wer nur wenig hat, dem wird +Auch das Wenige genommen. + +Wenn du aber gar nichts hast, +Ach, so lasse dich begraben - +Denn ein Recht zum Leben, Lump, +Haben nur die etwas haben. + + II. Rückschau + +Ich habe gerochen alle Gerüche +In dieser holden Erdenküche; +Was man genießen kann in der Welt, +Das hab ich genossen wie je ein Held! +Hab Kaffee getrunken, hab Kuchen gegessen. +Hab manche schöne Puppe besessen; +Trug seidne Westen, den feinsten Frack, +Mir klingelten auch Dukaten im Sack. +Wie Gellert ritt ich auf hohem Roß; +Ich hatte ein Haus, ich hatte ein Schloß. +Ich lag auf der grünen Wiese des Glücks, +Die Sonne grüßte goldigsten Blicks; +Ein Lorbeerkranz umschloß die Stirn, +Er duftete Träume mir ins Gehirn, +Träume von Rosen und ewigem Mai - +Es ward mir so selig zu Sinne dabei, +So dämmersüchtig, so sterbefaul - +Mir flogen gebratne Tauben ins Maul, +Und Englein kamen, und aus den Taschen +Sie zogen hervor Champagnerflaschen - +Das waren Visionen, Seifenblasen - +Sie platzten - Jetzt lieg ich auf feuchtem Rasen, +Die Glieder sind mir rheumatisch gelähmt, +Und meine Seele ist tief beschämt. +Ach, jede Lust, ach, jeden Genuß +Hab ich erkauft durch herben Verdruß; +Ich ward getränkt mit Bitternissen +Und grausam von den Wanzen gebissen; +Ich ward bedrängt von schwarzen Sorgen, +Ich mußte lügen, ich mußte borgen +Bei reichen Buben und alten Vetteln - +Ich glaube sogar, ich mußte betteln. +Jetzt bin ich müd vom Rennen und Laufen, +Jetzt will ich mich im Grabe verschnaufen. +Lebt wohl! Dort oben, ihr christlichen Brüder, +Ja, das versteht sich, dort sehn wir uns wieder. + + III. Auferstehung + +Posaunenruf erfüllt die Luft, +Und furchtbar schallt es wider; +Die Toten steigen aus der Gruft, +Und schütteln und rütteln die Glieder. + +Was Beine hat, das trollt sich fort, +Es wallen die weißen Gestalten +Nach Josaphat, dem Sammelort, +Dort wird Gericht gehalten. + +Als Freigraf sitzet Christus dort +In seiner Apostel Kreise. +Sie sind die Schöppen, ihr Spruch und Wort +Ist minniglich und weise. + +Sie urteln nicht vermummten Gesichts; +Die Maske läßt jeder fallen +Am hellen Tage des jüngsten Gerichts, +Wenn die Posaunen schallen. + +Das ist zu Josaphat im Tal, +Da stehn die geladenen Scharen, +Und weil zu groß der Beklagten Zahl, +Wird hier summarisch verfahren. + +Das Böcklein zur Linken, zur Rechten das Schaf, +Geschieden sind sie schnelle; +Der Himmel dem Schäfchen fromm und brav, +Dem geilen Bock die Hölle! + + IV. Sterbende + +Flogest aus nach Sonn und Glück, +Nackt und schlecht kommst du zurück. +Deutsche Treue, deutsche Hemde, +Die verschleißt man in der Fremde. + +Siehst sehr sterbebläßlich aus, +Doch getrost, du bist zu Haus. +Warm wie an dem Flackerherde +Liegt man in der deutschen Erde. + +Mancher leider wurde lahm +Und nicht mehr nach Hause kam - +Streckt verlangend aus die Arme, +Daß der Herr sich sein erbarme! + + V. Lumpentum + +Die reichen Leute, die gewinnt +Man nur durch platte Schmeichelein - +Das Geld ist platt, mein liebes Kind, +Und will auch platt geschmeichelt sein. + +Das Weihrauchfaß, das schwinge keck +Vor jedem göttlich goldnen Kalb; +Bet an im Staub, bet an im Dreck, +Vor allem aber lob nicht halb. + +Das Brot ist teuer dieses Jahr, +Jedoch die schönsten Worte hat +Man noch umsonst - Besinge gar +Mäcenas' Hund, und friß dich satt! + + VI. Erinnerung + +Dem Einen die Perle, dem Andern die Truhe, +O Wilhelm Wisetzki, du starbest so fruhe - +Doch die Katze, die Katz ist gerettet. + +Der Balken brach, worauf er gekommen, +Da ist er im Wasser umgekommen - +Doch die Katze, die Katz ist gerettet. + +Wir folgten der Leiche, dem lieblichen Knaben, +Sie haben ihn unter Maiblumen begraben, - +Doch die Katze, die Katz ist gerettet. + +Bist klug gewesen, du bist entronnen +Den Stürmen, hast früh ein Obdach gewonnen - +Doch die Katze, die Katz ist gerettet. + +Bist früh entronnen, bist klug gewesen, +Noch eh du erkranktest, bist du genesen - +Doch die Katze, die Katz ist gerettet. + +Seit langen Jahren, wie oft, o Kleiner, +Mit Neid und Wehmut gedenk ich deiner - +Doch die Katze, die Katz ist gerettet. + + VII. Unvollkommenheit + +Nichts ist vollkommen hier auf dieser Welt. +Der Rose ist der Stachel beigesellt; +Ich glaube gar, die lieben holden Engel +Im Himmel droben sind nicht ohne Mängel. + +Der Tulpe fehlt der Duft. Es heißt am Rhein: +Auch Ehrlich stahl einmal ein Ferkelschwein. +Hätte Lucretia sich nicht erstochen, +Sie wär vielleicht gekommen in die Wochen. + +Häßliche Füße hat der stolze Pfau. +Uns kann die amüsant geistreichste Frau +Manchmal langweilen wie die Henriade +Voltaires, sogar wie Klopstocks Messiade. + +Die bravste, klügste Kuh kein Spanisch weiß, +Wie Maßmann kein Latein - Der Marmorsteiß +Der Venus von Canova ist zu glatte, +Wie Maßmanns Nase viel zu ärschig platte. + +Im süßen Lied ist oft ein saurer Reim, +Wie Bienenstachel steckt im Honigseim. +Am Fuß verwundbar war der Sohn der Thetis, +Und Alexander Dumas ist ein Metis. + +Der strahlenreinste Stern am Himmelzelt +Wenn er den Schnupfen kriegt, herunterfällt. +Der beste Äpfelwein schmeckt nach der Tonne, +Und schwarze Flecken sieht man in der Sonne. + +Du bist, verehrte Frau, du selbst sogar +Nicht fehlerfrei, nicht aller Mängel bar. +Du schaust mich an - du fragst mich, was dir fehle? +Ein Busen, und im Busen eine Seele. + + VIII. Fromme Warnung + +Unsterbliche Seele, nimm dich in Acht, +Daß du nicht Schaden leidest, +Wenn du aus dem Irdischen scheidest; +Es geht der Weg durch Tod und Nacht. + +Am goldnen Tore der Hauptstadt des Lichts, +Da stehen die Gottessoldaten; +Sie fragen nach Werken und Taten, +Nach Namen und Amt fragt man hier nichts. + +Am Eingang läßt der Pilger zurück +Die staubigen, drückenden Schuhe - +Kehr ein, hier findest du Ruhe, +Und weiche Pantoffeln und schöne Musik. + + IX. Der Abgekühlte + +Und ist man tot, so muß man lang +Im Grabe liegen; ich bin bang, +Ja, ich bin bang, das Auferstehen +Wird nicht so schnell von Statten gehen. + +Noch einmal, eh mein Lebenslicht +Erlöschet, eh mein Herze bricht - +Noch einmal möcht ich vor dem Sterben +Um Frauenhuld beseligt werben. + +Und eine Blonde müßt es sein, +Mit Augen sanft wie Mondenschein - +Denn schlecht bekommen mir am Ende +Die wild brünetten Sonnenbrände. + +Das junge Volk, voll Lebenskraft +Will den Tumult der Leidenschaft, +Das ist ein Rasen, Schwören, Poltern +Und wechselseitges Seelenfoltern! + +Unjung und nicht mehr ganz gesund, +Wie ich es bin zu dieser Stund, +Mögt ich noch einmal lieben, schwärmen +Und glücklich sein - doch ohne Lärmen. + + X. Salomo + +Verstummt sind Pauken, Posaunen und Zinken. +An Salomos Lager Wache halten +Die schwertgegürteten Engelgestalten, +Sechstausend zur Rechten, sechstausend zur Linken. + +Sie schützen den König vor träumendem Leide, +Und zieht er finster die Brauen zusammen, +Da fahren sogleich die stählernen Flammen, +Zwölftausend Schwerter, hervor aus der Scheide. + +Doch wieder zurück in die Scheide fallen +Die Schwerter der Engel. Das nächtliche Grauen +Verschwindet, es glätten sich wieder die Brauen +Des Schläfers, und seine Lippen lallen: + +O Sulamith! das Reich ist mein Erbe, +Die Lande sind mir untertänig, +Bin über Juda und Israel König - +Doch liebst du mich nicht, so welk ich und sterbe. + + XI. Verlorene Wünsche + +Von der Gleichheit der Gemütsart +Wechselseitig angezogen, +Waren wir einander immer +Mehr als uns bewußt gewogen. + +Beide ehrlich und bescheiden, +Konnten wir uns leicht verstehen; +Worte waren überflüssig, +Brauchten uns nur anzusehen. + +O wie sehnlich wünscht ich immer, +Daß ich bei dir bleiben könnte +Als der tapfre Waffenbruder +Eines dolce far niente. + +Ja, mein liebster Wunsch war immer, +Daß ich immer bei dir bliebe! +Alles was dir wohlgefiele, +Alles tät ich dir zu Liebe. + +Würde essen was dir schmeckte +Und die Schüssel gleich entfernen, +Die dir nicht behagt. Ich würde +Auch Zigarren rauchen lernen. + +Manche polnische Geschichte, +Die dein Lachen immer weckte, +Wollt ich wieder dir erzählen +In Judäas Dialekte. + +Ja, ich wollte zu dir kommen, +Nicht mehr in der Fremde schwärmen - +An dem Herde deines Glückes +Wollt ich meine Kniee wärmen. - - + +Goldne Wünsche! Seifenblasen! +Sie zerrinnen wie mein Leben - +Ach, ich liege jetzt am Boden, +Kann mich nimmermehr erheben. + +Und Ade! sie sind zerronnen, +Goldne Wünsche, süßes Hoffen! +Ach, zu tödlich war der Faustschlag, +Der mich just ins Herz getroffen. + + XII. Gedächtnisfeier + +Keine Messe wird man singen, +Keinen Kadosch wird man sagen, +Nichts gesagt und nichts gesungen +Wird an meinen Sterbetagen. + +Doch vielleicht an solchem Tage, +Wenn das Wetter schön und milde, +Geht spazieren auf Montmartre +Mit Paulinen Frau Mathilde. + +Mit dem Kranz von Immortellen +Kommt sie mir das Grab zu schmücken, +Und sie seufzet: Pauvre homme! +Feuchte Wehmut in den Blicken. + +Leider wohn ich viel zu hoch, +Und ich habe meiner Süßen +Keinen Stuhl hier anzubieten; +Ach! sie schwankt mit müden Füßen. + +Süßes, dickes Kind, du darfst +Nicht zu Fuß nach Hause gehen; +An dem Barrieregitter +Siehst du die Fiaker stehen. + + XIII. Wiedersehen + +Die Geißblattlaube - Ein Sommerabend - +Wir saßen wieder wie ehmals am Fenster - +Der Mond ging auf, belebend und labend - +Wir aber waren wie zwei Gespenster. + +Zwölf Jahre schwanden, seitdem wir beisammen +Zum letzten Male hier gesessen; +Die zärtlichen Gluten, die großen Flammen, +Sie waren erloschen unterdessen. + +Einsilbig saß ich. Die Plaudertasche, +Das Weib hingegen schürte beständig +Herum in der alten Liebesasche. +Jedoch kein Fünkchen ward wieder lebendig. + +Und sie erzählte: wie sie die bösen +Gedanken bekämpft, eine lange Geschichte, +Wie wackelig schon ihre Tugend gewesen - +Ich machte dazu ein dummes Gesichte. + +Als ich nach Hause ritt, da liefen +Die Bäume vorbei in der Mondenhelle, +Wie Geister. Wehmütige Stimmen riefen - +Doch ich und die Toten, wir ritten schnelle. + + XIV. Frau Sorge + +In meines Glückes Sonnenglanz, +Da gaukelte fröhlich der Mückentanz. +Die lieben Freunde liebten mich +Und teilten mit mir brüderlich +Wohl meinen besten Braten +Und meinen letzten Dukaten. + +Das Glück ist fort, der Beutel leer, +Und hab auch keine Freunde mehr; +Erloschen ist der Sonnenglanz, +Zerstoben ist der Mückentanz, +Die Freunde, so wie die Mücke, +Verschwinden mit dem Glücke. + +An meinem Bett in der Winternacht +Als Wärterin die Sorge wacht. +Sie trägt eine weiße Unterjack, +Ein schwarzes Mützchen, und schnupft Tabak. +Die Dose knarrt so gräßlich, +Die Alte nickt so häßlich. + +Mir träumt manchmal, gekommen sei +Zurück das Glück und der junge Mai +Und die Freundschaft und der Mückenschwarm - +Da knarrt die Dose - daß Gott erbarm, +Es platzt die Seifenblase - +Die Alte schneuzt die Nase. + + XV. An die Engel + +Das ist der böse Thanatos, +Er kommt auf einem fahlen Roß, +Ich hör den Hufschlag, hör den Trab, +Der dunkle Reiter holt mich ab - +Er reißt mich fort, Mathilden soll ich lassen, +O, den Gedanken kann mein Herz nicht fassen! + +Sie war mir Weib und Kind zugleich, +Und geh ich in das Schattenreich, +Wird Witwe sie und Waise sein! +Ich laß in dieser Welt allein +Das Weib, das Kind, das, trauend meinem Mute, +Sorglos und treu an meinem Herzen ruhte. + +Ihr Engel in den Himmelshöhn, +Vernehmt mein Schluchzen und mein Flehn: +Beschützt, wenn ich im öden Grab, +Das Weib, das ich geliebet hab; +Seid Schild und Vögte eurem Ebenbilde, +Beschützt, beschirmt mein armes Kind, Mathilde. + +Bei allen Tränen, die ihr je +Geweint um unser Menschenweh, +Beim Wort, das nur der Priester kennt +Und niemals ohne Schauder nennt, +Bei eurer eignen Schönheit, Huld und Milde, +Beschwör ich euch, ihr Engel, schützt Mathilde. + + XVI. Im Oktober 1849 + +Gelegt hat sich der starke Wind, +Und wieder stille wirds daheime; +Germania, das große Kind, +Erfreut sich wieder seiner Weihnachtsbäume. + +Wir treiben jetzt Familienglück - +Was höher lockt, das ist vom Übel - +Die Friedensschwalbe kehrt zurück, +Die einst genistet in des Hauses Giebel. + +Gemütlich ruhen Wald und Fluß, +Von sanftem Mondlicht übergossen; +Nur manchmal knallts - Ist das ein Schuß? - +Es ist vielleicht ein Freund, den man erschossen. + +Vielleicht mit Waffen in der Hand +Hat man den Tollkopf angetroffen +(Nicht jeder hat so viel Verstand +Wie Flaccus, der so kühn davongeloffen). + +Es knallt. Es ist ein Fest vielleicht, +Ein Feuerwerk zur Goethefeier! - +Die Sontag, die dem Grab entsteigt, +Begrüßt Raketenlärm - die alte Leier. + +Auch Liszt taucht wieder auf, der Franz, +Er lebt, er liegt nicht blutgerötet +Auf einem Schlachtfeld Ungarlands; +Kein Russe, noch Kroat hat ihn getötet. + +Es fiel der Freiheit letzte Schanz, +Und Ungarn blutet sich zu Tode - +Doch unversehrt blieb Ritter Franz, +Sein Säbel auch - er liegt in der Kommode. + +Er lebt, der Franz, und wird als Greis +Vom Ungarkriege Wunderdinge +Erzählen in der Enkel Kreis - +»So lag ich und so führt ich meine Klinge!« + +Wenn ich den Namen Ungarn hör, +Wird mir das deutsche Wams zu enge, +Es braust darunter wie ein Meer, +Mir ist als grüßten mich Trompetenklänge! + +Es klirrt mir wieder im Gemüt +Die Heldensage, längst verklungen, +Das eisern wilde Kämpenlied - +Das Lied vom Untergang der Nibelungen. + +Es ist dasselbe Heldenlos, +Es sind dieselben alten Mären, +Die Namen sind verändert bloß, +Doch sinds dieselben »Helden lobebären«. + +Es ist dasselbe Schicksal auch - +Wie stolz und frei die Fahnen fliegen, +Es muß der Held, nach altem Brauch, +Den tierisch rohen Mächten unterliegen. + +Und diesmal hat der Ochse gar +Mit Bären einen Bund geschlossen - +Du fällst; doch tröste dich, Magyar, +Wir Andre haben schlimmre Schmach genossen. + +Anständige Bestien sind es doch, +Die ganz honett dich überwunden; +Doch wir geraten in das Joch +Von Wölfen, Schweinen und gemeinen Hunden. + +Das heult und bellt und grunzt -ich kann +Ertragen kaum den Duft der Sieger. +Doch still, Poet, das greift dich an - +Du bist so krank, und schweigen wäre klüger. + + XVII. Böses Geträume + +Im Traume war ich wieder jung und munter - +Es war das Landhaus hoch am Bergesrand, +Wettlaufend lief ich dort den Pfad hinunter, +Wettlaufend mit Ottiljen Hand in Hand. + +Wie das Persönchen fein formiert! Die süßen +Meergrünen Augen zwinkern nixenhaft. +Sie steht so fest auf ihren kleinen Füßen, +Ein Bild von Zierlichkeit, vereint mit Kraft. + +Der Ton der Stimme ist so treu und innig, +Man glaubt zu schaun bis in der Seele Grund; +Und alles was sie spricht ist klug und sinnig; +Wie eine Rosenknospe ist der Mund. + +Es ist nicht Liebesweh, was mich beschleichet, +Ich schwärme nicht, ich bleibe bei Verstand; - +Doch wunderbar ihr Wesen mich erweichet, +Und heimlich bebend küß ich ihre Hand. + +Ich glaub, am Ende brach ich eine Lilje, +Die gab ich ihr und sprach ganz laut dabei: +Heirate mich und sei mein Weib, Ottilje, +Damit ich fromm wie du und glücklich sei. + +Was sie zur Antwort gab, das weiß ich nimmer, +Denn ich erwachte jählings - und ich war +Wieder ein Kranker, der im Krankenzimmer +Trostlos daniederliegt seit manchem Jahr. - - + + XVIII. Sie erlischt + +Der Vorhang fällt, das Stück ist aus, +Und Herrn und Damen gehn nach Haus. +Ob ihnen auch das Stück gefallen? +Ich glaub, ich hörte Beifall schallen. +Ein hochverehrtes Publikum +Beklatschte dankbar seinen Dichter. +Jetzt aber ist das Haus so stumm, +Und sind verschwunden Lust und Lichter. +Doch horch! ein schollernd schnöder Klang +Ertönt unfern der öden Bühne; - +Vielleicht daß eine Saite sprang +An einer alten Violine. +Verdrießlich rascheln im Parterr +Etwelche Ratten hin und her, +Und Alles riecht nach ranzgem Öle. +Die letzte Lampe ächzt und zischt +Verzweiflungsvoll, und sie erlischt. +Das arme Licht war meine Seele. + + XIX. Vermächtnis + +Nun mein Leben geht zu End, +Mach ich auch mein Testament; +Christlich will ich drin bedenken +Meine Feinde mit Geschenken. + +Diese würdgen, tugendfesten +Widersacher sollen erben +All mein Siechtum und Verderben, +Meine sämtlichen Gebresten. + +Ich vermach euch die Koliken, +Die den Bauch wie Zangen zwicken, +Harnbeschwerden, die perfiden +Preußischen Hämorrhoiden. + +Meine Krämpfe sollt ihr haben, +Speichelfluß und Gliederzucken, +Knochendarre in dem Rucken, +Lauter schöne Gottesgaben. + +Kodizill zu dem Vermächtnis: +In Vergessenheit versenken +Soll der Herr eur Angedenken, +Er vertilge eur Gedächtnis. + + XX. Enfant perdu + +Verlorener Posten in dem Freiheitskriege, +Hielt ich seit dreißig Jahren treulich aus. +Ich kämpfe ohne Hoffnung, daß ich siege, +Ich wußte, nie komm ich gesund nach Haus. + +Ich wachte Tag und Nacht - Ich konnt nicht schlafen, +Wie in dem Lagerzelt der Freunde Schar +(Auch hielt das laute Schnarchen dieser Braven +Mich wach, wenn ich ein bißchen schlummrig war). + +In jenen Nächten hat Langweil ergriffen +Mich oft, auch Furcht - (nur Narren fürchten nichts) - +Sie zu verscheuchen, hab ich dann gepfiffen +Die frechen Reime eines Spottgedichts. + +Ja, wachsam stand ich, das Gewehr im Arme, +Und nahte irgend ein verdächtger Gauch, +So schoß ich gut und jagt ihm eine warme, +Brühwarme Kugel in den schnöden Bauch. + +Mitunter freilich mocht es sich ereignen, +Daß solch ein schlechter Gauch gleichfalls sehr gut +Zu schießen wußte - ach, ich kanns nicht leugnen - +Die Wunden klaffen - es verströmt mein Blut. + +Ein Posten ist vakant! - Die Wunden klaffen - +Der Eine fällt, die Andern rücken nach - +Doch fall ich unbesiegt, und meine Waffen +Sind nicht gebrochen - Nur mein Herze brach. + + + + + Drittes Buch + Hebräische Melodien + + + + O laß nicht ohne Lebensgenuß + Dein Leben verfließen! + Und bist du sicher vor dem Schuß, + So laß sie nur schießen. + + Fliegt dir das Glück vorbei einmal, + So faß es am Zipfel. + Auch rat ich dir, baue dein Hüttchen im Tal + Und nicht auf dem Gipfel. + + + + Prinzessin Sabbath + +In Arabiens Märchenbuche +Sehen wir verwünschte Prinzen, +Die zu Zeiten ihre schöne +Urgestalt zurückgewinnen: + +Das behaarte Ungeheuer +Ist ein Königsohn geworden; +Schmuckreich glänzend angekleidet, +Auch verliebt die Flöte blasend. + +Doch die Zauberfrist zerrinnt, +Und wir schauen plötzlich wieder +Seine königliche Hoheit +In ein Ungetüm verzottelt. + +Einen Prinzen solchen Schicksals +Singt mein Lied. Er ist geheißen +Israel. Ihn hat verwandelt +Hexenspruch in einen Hund. + +Hund mit hündischen Gedanken, +Kötert er die ganze Woche +Durch des Lebens Kot und Kehricht, +Gassenbuben zum Gespötte. + +Aber jeden Freitag Abend, +In der Dämmrungstunde, plötzlich +Weicht der Zauber, und der Hund +Wird aufs Neu ein menschlich Wesen. + +Mensch mit menschlichen Gefühlen, +Mit erhobnem Haupt und Herzen, +Festlich, reinlich schier gekleidet, +Tritt er in des Vaters Halle. + +»Sei gegrüßt, geliebte Halle +Meines königlichen Vaters! +Zelte Jakobs, eure heilgen +Eingangspfosten küßt mein Mund!« + +Durch das Haus geheimnisvoll +Zieht ein Wispern und ein Weben, +Und der unsichtbare Hausherr +Atmet schaurig in der Stille. + +Stille! Nur der Seneschall +(Vulgo Synagogendiener) +Springt geschäftig auf und nieder, +Um die Lampen anzuzünden. + +Trostverheißend goldne Lichter, +Wie sie glänzen, wie sie glimmern! +Stolz aufflackern auch die Kerzen +Auf der Brüstung des Almemors. + +Vor dem Schreine, der die Thora +Aufbewahret und verhängt ist +Mit der kostbar seidnen Decke, +Die von Edelsteinen funkelt - + +Dort an seinem Betpultständer +Steht schon der Gemeindesänger; +Schmuckes Männchen, das sein schwarzes +Mäntelchen kokett geachselt. + +Um die weiße Hand zu zeigen, +Haspelt er am Halse, seltsam +An die Schläf den Zeigefinger, +An die Kehl den Daumen drückend. + +Trällert vor sich hin ganz leise, +Bis er endlich lautaufjubelnd +Seine Stimm erhebt und singt: +Lecho Daudi likras Kalle! + +Lecho Daudi likras Kalle - +Komm, Geliebter, deiner harret +Schon die Braut, die dir entschleiert +Ihr verschämtes Angesicht! + +Dieses hübsche Hochzeitkarmen +Ist gedichtet von dem großen, +Hochberühmten Minnesinger +Don Jehuda ben Halevy. + +In dem Liede wird gefeiert +Die Vermählung Israels +Mit der Frau Prinzessin Sabbath, +Die man nennt die stille Fürstin. + +Perl und Blume aller Schönheit +Ist die Fürstin. Schöner war +Nicht die Königin von Saba, +Salomonis Busenfreundin, + +Die, ein Blaustrumpf Äthiopiens, +Durch Esprit brillieren wollte, +Und mit ihren klugen Rätseln +Auf die Länge fatigant ward. + +Die Prinzessin Sabbath, welche +Ja die personifizierte +Ruhe ist, verabscheut alle +Geisteskämpfe und Debatten. + +Gleich fatal ist ihr die trampelnd +Deklamierende Passion, +Jenes Pathos, das mit flatternd +Aufgelöstem Haar einherstürmt. + +Sittsam birgt die stille Fürstin +In der Haube ihre Zöpfe; +Blickt so sanft wie die Gazelle, +Blüht so schlank wie eine Addas. + +Sie erlaubt dem Liebsten alles, +Ausgenommen Tabakrauchen - +»Liebster! Rauchen ist verboten, +Weil es heute Sabbath ist. + +»Dafür aber heute Mittag +Soll dir dampfen, zum Ersatz, +Ein Gericht, das wahrhaft göttlich - +Heute sollst du Schalet essen!« + +Schalet, schöner Götterfunken, +Tochter aus Elysium! +Also klänge Schillers Hochlied, +Hätt er Schalet je gekostet. + +Schalet ist die Himmelspeise, +Die der liebe Herrgott selber +Einst den Moses kochen lehrte +Auf dem Berge Sinai, + +Wo der Allerhöchste gleichfalls +All die guten Glaubenslehren +Und die heilgen zehn Gebote +Wetterleuchtend offenbarte. + +Schalet ist des wahren Gottes +Koscheres Ambrosia, +Wonnebrot des Paradieses, +Und mit solcher Kost verglichen + +Ist nur eitel Teufelsdreck +Das Ambrosia der falschen +Heidengötter Griechenlands, +Die verkappte Teufel waren. + +Speist der Prinz von solcher Speise, +Glänzt sein Auge wie verkläret, +Und er knöpfet auf die Weste, +Und er spricht mit selgem Lächeln: + +»Hör ich nicht den Jordan rauschen? +Sind das nicht die Brüßelbrunnen +In dem Palmental von Beth-El, +Wo gelagert die Kamele? + +»Hör ich nicht die Herdenglöckchen? +Sind das nicht die fetten Hämmel, +Die vom Gileathgebirge +Abendlich der Hirt herabtreibt?« + +Doch der schöne Tag verflittert; +Wie mit langen Schattenbeinen +Kommt geschritten der Verwünschung +Böse Stund - Es seufzt der Prinz. + +Ist ihm doch als griffen eiskalt +Hexenfinger in sein Herze. +Schon durchrieseln ihn die Schauer +Hündischer Metamorphose. + +Die Prinzessin reicht dem Prinzen +Ihre güldne Nardenbüchse. +Langsam riecht er - Will sich laben +Noch einmal an Wohlgerüchen. + +Es kredenzet die Prinzessin +Auch den Abschiedstrunk dem Prinzen - +Hastig trinkt er, und im Becher +Bleiben wen'ge Tropfen nur. + +Er besprengt damit den Tisch, +Nimmt alsdann ein kleines Wachslicht, +Und er tunkt es in die Nässe, +Daß es knistert und erlischt. + + + + Jehuda ben Halevy + + I + +Lechzend klebe mir die Zunge +An dem Gaumen, und es welke +Meine rechte Hand, vergäß ich +Jemals dein, Jerusalem -« + +Wort und Weise, unaufhörlich +Schwirren sie mir heut im Kopfe, +Und mir ist als hört ich Stimmen, +Psalmodierend, Männerstimmen - + +Manchmal kommen auch zum Vorschein +Bärte, schattig lange Bärte - +Traumgestalten, wer von euch +Ist Jehuda ben Halevy? + +Doch sie huschen rasch vorüber; +Die Gespenster scheuen furchtsam +Der Lebendgen plumpen Zuspruch - +Aber ihn hab ich erkannt - + +Ich erkannt ihn an der bleichen +Und gedankenstolzen Stirne, +An der Augen süßer Starrheit - +Sahn mich an so schmerzlich forschend - + +Doch zumeist erkannt ich ihn +An dem rätselhaften Lächeln +Jener schön gereimten Lippen, +Die man nur bei Dichtern findet. + +Jahre kommen und verfließen. +Seit Jehuda ben Halevy +Ward geboren, sind verflossen +Siebenhundert funfzig Jahre - + +Hat zuerst das Licht erblickt +Zu Toledo in Kastilien, +Und es hat der goldne Tajo +Ihm sein Wiegenlied gelullet. + +Für Entwicklung seines Geistes +Sorgte früh der strenge Vater, +Der den Unterricht begann +Mit dem Gottesbuch, der Thora. + +Diese las er mit dem Sohne +In dem Urtext, dessen schöne, +Hieroglyphisch pittoreske, +Altchaldäische Quadratschrift + +Herstammt aus dem Kindesalter +Unsrer Welt, und auch deswegen +Jedem kindlichen Gemüte +So vertraut entgegenlacht. + +Diesen echten alten Text +Rezitierte auch der Knabe +In der uralt hergebrachten +Singsangweise, Tropp geheißen - + +Und er gurgelte gar lieblich +Jene fetten Gutturalen, +Und er schlug dabei den Triller, +Den Schalscheleth, wie ein Vogel. + +Auch den Targum Onkelos, +Der geschrieben ist in jenem +Plattjudäischen Idiom, +Das wir Aramäisch nennen + +Und zur Sprache der Propheten +Sich verhalten mag etwa +Wie das Schwäbische zum Deutschen - +Dieses Gelbveiglein-Hebräisch + +Lernte gleichfalls früh der Knabe, +Und es kam ihm solche Kenntnis +Bald darauf sehr gut zu Statten +Bei dem Studium des Talmuds. + +Ja, frühzeitig hat der Vater +Ihn geleitet zu dem Talmud, +Und da hat er ihm erschlossen +Die Halacha, diese große + +Fechterschule, wo die besten +Dialektischen Athleten +Babylons und Pumpedithas +Ihre Kämpferspiele trieben. + +Lernen konnte hier der Knabe +Alle Künste der Polemik; +Seine Meisterschaft bezeugte +Späterhin das Buch Cosari. + +Doch der Himmel gießt herunter +Zwei verschiedne Sorten Lichtes: +Grelles Tageslicht der Sonne +Und das mildre Mondlicht - Also, + +Also leuchtet auch der Talmud +Zwiefach, und man teilt ihn ein +In Halacha und Hagada. +Erstre nannt ich eine Fechtschul - + +Letztre aber, die Hagada, +Will ich einen Garten nennen, +Einen Garten, hochphantastisch +Und vergleichbar jenem andern, + +Welcher ebenfalls dem Boden +Babylons entsprossen weiland - +Garten der Semiramis, +Achtes Wunderwerk der Welt. + +Königin Semiramis, +Die als Kind erzogen worden +Von den Vögeln, und gar manche +Vögeltümlichkeit bewahrte, + +Wollte nicht auf platter Erde +Promenieren wie wir andern +Säugetiere, und sie pflanzte +Einen Garten in der Luft - + +Hoch auf kolossalen Säulen +Prangten Palmen und Zypressen, +Goldorangen, Blumenbeete, +Marmorbilder, auch Springbrunnen, + +Alles klug und fest verbunden +Durch unzählge Hängebrücken, +Die wie Schlingepflanzen aussahn +Und worauf sich Vögel wiegten - + +Große, bunte, ernste Vögel, +Tiefe Denker, die nicht singen, +Während sie umflattert kleines +Zeisigvolk, das lustig trillert - + +Alle atmen ein, beseligt, +Einen reinen Balsamduft, +Welcher unvermischt mit schnödem +Erdendunst und Mißgeruche. + +Die Hagada ist ein Garten +Solcher Luftkindgrillenart, +Und der junge Talmudschüler, +Wenn sein Herze war bestäubet + +Und betäubet vom Gezänke +Der Halacha, vom Dispute +Über das fatale Ei, +Das ein Huhn gelegt am Festtag, + +Oder über eine Frage +Gleicher Importanz - der Knabe +Floh alsdann sich zu erfrischen +In die blühende Hagada, + +Wo die schönen alten Sagen, +Engelmärchen und Legenden, +Stille Märtyrerhistorien, +Festgesänge, Weisheitsprüche, + +Auch Hyperbeln, gar possierlich, +Alles aber glaubenskräftig, +Glaubensglühend - O, das glänzte, +Quoll und sproß so überschwenglich - + +Und des Knaben edles Herze +Ward ergriffen von der wilden, +Abenteuerlichen Süße, +Von der wundersamen Schmerzlust + +Und den fabelhaften Schauern +Jener seligen Geheimwelt, +Jener großen Offenbarung, +Die wir nennen Poesie. + +Auch die Kunst der Poesie, +Heitres Wissen, holdes Können, +Welches wir die Dichtkunst heißen, +Tat sich auf dem Sinn des Knaben. + +Und Jehuda ben Halevy +Ward nicht bloß ein Schriftgelehrter, +Sondern auch der Dichtkunst Meister, +Sondern auch ein großer Dichter. + +Ja, er ward ein großer Dichter, +Stern und Fackel seiner Zeit, +Seines Volkes Licht und Leuchte, +Eine wunderbare, große + +Feuersäule des Gesanges, +Die der Schmerzenskarawane +Israels vorangezogen +In der Wüste des Exils. + +Rein und wahrhaft, sonder Makel +War sein Lied, wie seine Seele - +Als der Schöpfer sie erschaffen, +Diese Seele, selbstzufrieden + +Küßte er die schöne Seele, +Und des Kusses holder Nachklang +Bebt in jedem Lied des Dichters, +Das geweiht durch diese Gnade. + +Wie im Leben, so im Dichten +Ist das höchste Gut die Gnade - +Wer sie hat, der kann nicht sündgen +Nicht in Versen, noch in Prosa. + +Solchen Dichter von der Gnade +Gottes nennen wir Genie: +Unverantwortlicher König +Des Gedankenreiches ist er. + +Nur dem Gotte steht er Rede, +Nicht dem Volke - In der Kunst, +Wie im Leben, kann das Volk +Töten uns, doch niemals richten. - + + II + +Bei den Wassern Babels saßen +Wir und weinten, unsre Harfen +Lehnten an den Trauerweiden - +Kennst du noch das alte Lied? + +Kennst du noch die alte Weise, +Die im Anfang so elegisch +Greint und sumset, wie ein Kessel, +Welcher auf dem Herde kocht? + +Lange schon, jahrtausendlange +Kochts in mir. Ein dunkles Wehe! +Und die Zeit leckt meine Wunde, +Wie der Hund die Schwären Hiobs. + +Dank dir, Hund, für deinen Speichel - +Doch das kann nur kühlend lindern - +Heilen kann mich nur der Tod, +Aber, ach, ich bin unsterblich! + +Jahre kommen und vergehen - +In dem Webstuhl läuft geschäftig +Schnurrend hin und her die Spule - +Was er webt, das weiß kein Weber. + +Jahre kommen und vergehen, +Menschentränen träufeln, rinnen +Auf die Erde, und die Erde +Saugt sie ein mit stiller Gier - + +Tolle Sud! Der Deckel springt - +Heil dem Manne, dessen Hand +Deine junge Brut ergreifet +Und zerschmettert an der Felswand. + +Gott sei Dank! die Sud verdampfet +In dem Kessel, der allmählig +Ganz verstummt. Es weicht mein Spleen, +Mein westöstlich dunkler Spleen - + +Auch mein Flügelrößlein wiehert +Wieder heiter, scheint den bösen +Nachtalp von sich abzuschütteln, +Und die klugen Augen fragen: + +Reiten wir zurück nach Spanien +Zu dem kleinen Talmudisten, +Der ein großer Dichter worden, +Zu Jehuda ben Halevy? + +Ja, er ward ein großer Dichter, +Absoluter Traumweltsherrscher +Mit der Geisterkönigskrone, +Ein Poet von Gottes Gnade, + +Der in heiligen Sirventen, +Madrigalen und Terzinen, +Kanzonetten und Ghaselen +Ausgegossen alle Flammen + +Seiner gottgeküßten Seele! +Wahrlich ebenbürtig war +Dieser Troubadour den besten +Lautenschlägern der Provence, + +Poitous und der Guienne, +Roussillons und aller andern +Süßen Pomeranzenlande +Der galanten Christenheit. + +Der galanten Christenheit +Süße Pomeranzenlande! +Wie sie duften, glänzen, klingen +In dem Zwielicht der Erinnrung! + +Schöne Nachtigallenwelt! +Wo man statt des wahren Gottes +Nur den falschen Gott der Liebe +Und der Musen angebeten. + +Clerici mit Rosenkränzen +Auf der Glatze sangen Psalmen +In der heitern Sprache d'oc; +Und die Laien, edle Ritter, + +Stolz auf hohen Rossen trabend, +Spintisierten Vers und Reime +Zur Verherrlichung der Dame, +Der ihr Herze fröhlich diente. + +Ohne Dame keine Minne, +Und es war dem Minnesänger +Unentbehrlich eine Dame, +Wie dem Butterbrot die Butter. + +Auch der Held, den wir besingen, +Auch Jehuda ben Halevy +Hatte seine Herzensdame; +Doch sie war besondrer Art. + +Sie war keine Laura, deren +Augen, sterbliche Gestirne, +In dem Dome am Karfreitag +Den berühmten Brand gestiftet - + +Sie war keine Chatelaine, +Die im Blütenschmuck der Jugend +Bei Turnieren präsidierte +Und den Lorbeerkranz erteilte - + +Keine Kußrechtskasuistin +War sie, keine Doktrinärrin, +Die im Spruchkollegium +Eines Minnehofs dozierte - + +Jene, die der Rabbi liebte, +War ein traurig armes Liebchen, +Der Zerstörung Jammerbildnis, +Und sie hieß Jerusalem. + +Schon in frühen Kindestagen +War sie seine ganze Liebe; +Sein Gemüte machte beben +Schon das Wort Jerusalem. + +Purpurflamme auf der Wange, +Stand der Knabe, und er horchte, +Wenn ein Pilger nach Toledo +Kam aus fernem Morgenlande + +Und erzählte: wie verödet +Und verunreint jetzt die Stätte, +Wo am Boden noch die Lichtspur +Von dem Fuße der Propheten - + +Wo die Luft noch balsamieret +Von dem ewgen Odem Gottes - +O des Jammeranblicks! rief +Einst ein Pilger, dessen Bart + +Silberweiß hinabfloß, während +Sich das Barthaar an der Spitze +Wieder schwärzte und es aussah, +Als ob sich der Bart verjünge - + +Ein gar wunderlicher Pilger +Mocht es sein, die Augen lugten +Wie aus tausendjährgem Trübsinn, +Und er seufzt': »Jerusalem! + +»Sie, die volkreich heilge Stadt +Ist zur Wüstenei geworden, +Wo Waldteufel, Werwolf, Schakal +Ihr verruchtes Wesen treiben - + +»Schlangen, Nachtgevögel nisten +Im verwitterten Gemäuer; +Aus des Fensters luftgem Bogen +Schaut der Fuchs mit Wohlbehagen. + +»Hier und da taucht auf zuweilen +Ein zerlumpter Knecht der Wüste, +Der sein höckriges Kamel +In dem hohen Grase weidet. + +»Auf der edlen Höhe Zions, +Wo die goldne Feste ragte, +Deren Herrlichkeiten zeugten +Von der Pracht des großen Königs: + +»Dort, von Unkraut überwuchert, +Liegen nur noch graue Trümmer, +Die uns ansehn schmerzhaft traurig, +Daß man glauben muß, sie weinten. + +»Und es heißt, sie weinten wirklich +Einmal in dem Jahr, an jenem +Neunten Tag des Monats Ab - +Und mit tränend eignen Augen + +»Schaute ich die dicken Tropfen +Aus den großen Steinen sickern, +Und ich hörte weheklagen +Die gebrochnen Tempelsäulen.« - - + +Solche fromme Pilgersagen +Weckten in der jungen Brust +Des Jehuda ben Halevy +Sehnsucht nach Jerusalem. + +Dichtersehnsucht! ahnend, träumend +Und fatal war sie, wie jene, +Die auf seinem Schloß zu Blaye +Einst empfand der alte Vidam, + +Messer Geoffroi Rudello, +Als die Ritter, die zurück +Aus dem Morgenlande kehrten, +Laut beim Becherklang beteuert: + +Ausbund aller Huld und Züchten, +Perl und Blume aller Frauen, +Sei die schöne Melisande, +Markgräfin von Tripolis. + +Jeder weiß, für diese Dame +Schwärmte jetzt der Troubadour; +Er besang sie, und es wurde +Ihm zu eng im Schlosse Blaye. + +Und es trieb ihn fort. Zu Cette +Schiffte er sich ein, erkrankte +Aber auf dem Meer, und sterbend +Kam er an zu Tripolis. + +Hier erblickt er Melisanden +Endlich auch mit Leibesaugen, +Die jedoch des Todes Schatten +In derselben Stunde deckten. + +Seinen letzten Liebessang +Singend, starb er zu den Füßen +Seiner Dame Melisande, +Markgräfin von Tripolis. + +Wunderbare Ähnlichkeit +In dem Schicksal beider Dichter! +Nur daß jener erst im Alter +Seine große Wallfahrt antrat. + +Auch Jehuda ben Halevy +Starb zu Füßen seiner Liebsten, +Und sein sterbend Haupt, es ruhte +Auf den Knien Jerusalems. + + III + +Nach der Schlacht bei Arabella +Hat der große Alexander +Land und Leute des Darius, +Hof und Harem, Pferde, Weiber, + +Elefanten und Dariken, +Kron und Szepter, goldnen Plunder, +Eingesteckt in seine weiten +Mazedonschen Pluderhosen. + +In dem Zelt des großen Königs, +Der entflohn, um nicht höchstselbst +Gleichfalls eingesteckt zu werden, +Fand der junge Held ein Kästchen, + +Eine kleine güldne Truhe, +Mit Miniaturbildwerken +Und mit inkrustierten Steinen +Und Kameen reich geschmückt - + +Dieses Kästchen, selbst ein Kleinod +Unschätzbaren Wertes, diente +Zur Bewahrung von Kleinodien, +Des Monarchen Leibjuwelen. + +Letztre schenkte Alexander +An die Tapfern seines Heeres +Darob lächelnd, daß sich Männer +Kindisch freun an bunten Steinchen. + +Eine kostbar schönste Gemme +Schickte er der lieben Mutter; +War der Siegelring des Cyrus, +Wurde jetzt zu einer Brosche. + +Seinem alten Weltarschpauker +Aristoteles, dem sandt er +Einen Onyx für sein großes +Naturalienkabinett. + +In dem Kästchen waren Perlen, +Eine wunderbare Schnur, +Die der Königin Atossa +Einst geschenkt der falsche Smerdis - + +Doch die Perlen waren echt - +Und der heitre Sieger gab sie +Einer schönen Tänzerin +Aus Korinth, mit Namen Thais. + +Diese trug sie in den Haaren, +Die bacchantisch aufgelöst, +In der Brandnacht, als sie tanzte +Zu Persepolis und frech + +In die Königsburg geschleudert +Ihre Fackel, daß laut prasselnd +Bald die Flammenlohe aufschlug, +Wie ein Feuerwerk zum Feste. + +Nach dem Tod der schönen Thais, +Die an einer babylonschen +Krankheit starb zu Babylon, +Wurden ihre Perlen dort + +Auf dem Börsensaal vergantert. +Sie erstand ein Pfaff aus Memphis, +Der sie nach Ägypten brachte, +Wo sie später auf dem Putztisch + +Der Kleopatra erschienen, +Die die schönste Perl zerstampft +Und mit Wein vermischt verschluckte, +Um Antonius zu foppen. + +Mit dem letzten Omayaden +Kam die Perlenschnur nach Spanien, +Und sie schlängelte am Turban +Des Chalifen zu Corduba. + +Abderam der Dritte trug sie +Als Brustschleife beim Turnier, +Wo er dreißig goldne Ringe +Und das Herz Zuleimas stach. + +Nach dem Fall der Mohrenherrschaft +Gingen zu den Christen über +Auch die Perlen, und gerieten +In den Kronschatz von Kastilien. + +Die katholischen Majestäten +Spanscher Königinnen schmückten +Sich damit bei Hoffestspielen, +Stiergefechten, Prozessionen, + +So wie auch Autodafés, +Wo sie, auf Balkonen sitzend, +Sich erquickten am Geruche +Von gebratnen alten Juden. + +Späterhin gab Mendizabel, +Satansenkel, diese Perlen +In Versatz, um der Finanzen +Defizit damit zu decken. + +An dem Hof der Tuilerien +Kam die Schnur zuletzt zum Vorschein, +Und sie schimmerte am Halse +Der Baronin Salomon. + +So ergings den schönen Perlen. +Minder abenteuerlich +Gings dem Kästchen, dies behielt +Alexander für sich selber. + +Er verschloß darin die Lieder +Des ambrosischen Homeros, +Seines Lieblings, und zu Häupten +Seines Bettes in der Nacht + +Stand das Kästchen - Schlief der König, +Stiegen draus hervor der Helden +Lichte Bilder, und sie schlichen +Gaukelnd sich in seine Träume. + +Andre Zeiten, andre Vögel - +Ich, ich liebte weiland gleichfalls +Die Gesänge von den Taten +Des Peliden, des Odysseus. + +Damals war so sonnengoldig +Und so purpurn mir zu Mute, +Meine Stirn umkränzte Weinlaub, +Und es tönten die Fanfaren - + +Still davon - gebrochen liegt +Jetzt mein stolzer Siegeswagen, +Und die Panther, die ihn zogen, +Sind verreckt, so wie die Weiber, + +Die mit Pauk und Zimbelklängen +Mich umtanzten, und ich selbst +Wälze mich am Boden elend, +Krüppelelend - still davon - + +Still davon - es ist die Rede +Von dem Kästchen des Darius, +Und ich dacht in meinem Sinne: +Käm ich in Besitz des Kästchens, + +Und mich zwänge nicht Finanznot +Gleich dasselbe zu versilbern, +So verschlösse ich darin +Die Gedichte unsres Rabbi - + +Des Jehuda ben Halevy +Festgesänge, Klagelieder, +Die Ghaselen, Reisebilder +Seiner Wallfahrt - alles ließ ich + +Von dem besten Zophar schreiben +Auf der reinsten Pergamenthaut, +Und ich legte diese Handschrift +In das kleine goldne Kästchen. + +Dieses stellt ich auf den Tisch +Neben meinem Bett, und kämen +Dann die Freunde und erstaunten +Ob der Pracht der kleinen Truhe, + +Ob den seltnen Basrelieffen, +Die so winzig, doch vollendet +Sind zugleich, und ob den großen +Inkrustierten Edelsteinen - + +Lächelnd würd ich ihnen sagen: +Das ist nur die rohe Schale, +Die den bessern Schatz verschließet - +Hier in diesem Kästchen liegen + +Diamanten, deren Lichter +Abglanz, Widerschein des Himmels, +Herzblutglühende Rubinen, +Fleckenlose Turkoasen, + +Auch Smaragde der Verheißung, +Perlen, reiner noch als jene, +Die der Königin Atossa +Einst geschenkt der falsche Smerdis, + +Und die späterhin geschmücket +Alle Notabilitäten +Dieser mondumkreisten Erde, +Thais und Kleopatra, + +Isispriester, Mohrenfürsten, +Auch Hispaniens Königinnen, +Und zuletzt die hochverehrte +Frau Baronin Salomon - + +Diese weltberühmten Perlen, +Sie sind nur der bleiche Schleim +Eines armen Austertiers, +Das im Meergrund blöde kränkelt: + +Doch die Perlen hier im Kästchen +Sind entquollen einer schönen +Menschenseele, die noch tiefer, +Abgrundtiefer als das Weltmeer - + +Denn es sind die Tränenperlen +Des Jehuda ben Halevy, +Die er ob dem Untergang +Von Jerusalem geweinet - + +Perlentränen, die verbunden +Durch des Reimes goldnen Faden, +Aus der Dichtkunst güldnen Schmiede +Als ein Lied hervorgegangen. + +Dieses Perlentränenlied +Ist die vielberühmte Klage, +Die gesungen wird in allen +Weltzerstreuten Zelten Jakobs + +An dem neunten Tag des Monats, +Der geheißen Ab, dem Jahrstag +Von Jerusalems Zerstörung +Durch den Titus Vespasianus. + +Ja, das ist das Zionslied, +Das Jehuda ben Halevy +Sterbend auf den heilgen Trümmern +Von Jerusalem gesungen - + +Barfuß und im Büßerkittel +Saß er dorten auf dem Bruchstück +Einer umgestürzten Säule; - +Bis zur Brust herunter fiel + +Wie ein greiser Wald sein Haupthaar, +Abenteuerlich beschattend +Das bekümmert bleiche Antlitz +Mit den geisterhaften Augen - + +Also saß er und er sang, +Wie ein Seher aus der Vorzeit +Anzuschaun - dem Grab entstiegen +Schien Jeremias, der Alte - + +Das Gevögel der Ruinen +Zähmte schier der wilde Schmerzlaut +Des Gesanges, und die Geier +Nahten horchend, fast mitleidig - + +Doch ein frecher Sarazene +Kam desselben Wegs geritten, +Hoch zu Roß, im Bug sich wiegend +Und die blanke Lanze schwingend - + +In die Brust des armen Sängers +Stieß er diesen Todesspeer, +Und er jagte rasch von dannen, +Wie ein Schattenbild beflügelt. + +Ruhig floß das Blut des Rabbi, +Ruhig seinen Sang zu Ende +Sang er, und sein sterbeletzter +Seufzer war Jerusalem! - - + +Eine alte Sage meldet, +Jener Sarazene sei +Gar kein böser Mensch gewesen, +Sondern ein verkappter Engel, + +Der vom Himmel ward gesendet, +Gottes Liebling zu entrücken +Dieser Erde und zu fördern +Ohne Qual ins Reich der Selgen. + +Droben, heißt es, harrte seiner +Ein Empfang, der schmeichelhaft +Ganz besonders für den Dichter, +Eine himmlische Sürprise. + +Festlich kam das Chor der Engel +Ihm entgegen mit Musik, +Und als Hymne grüßten ihn +Seine eignen Verse, jenes + +Synagogen-Hochzeitkarmen, +Jene Sabbathhymenäen, +Mit den jauchzend wohlbekannten +Melodieen - welche Töne! + +Englein bliesen auf Hoboen, +Englein spielten Violine, +Andre strichen auch die Bratsche +Oder schlugen Pauk und Zimbel. + +Und das sang und klang so lieblich, +Und so lieblich in den weiten +Himmelsräumen widerhallt es: +Lecho Daudi likras Kalle. + + IV + +Meine Frau ist nicht zufrieden +Mit dem vorigen Kapitel, +Ganz besonders in Bezug +Auf das Kästchen des Darius. + +Fast mit Bitterkeit bemerkt sie: +Daß ein Ehemann, der wahrhaft +Religiöse sei, das Kästchen +Gleich zu Gelde machen würde, + +Um damit für seine arme, +Legitime Ehegattin +Einen Kaschemir zu kaufen, +Dessen sie so sehr bedürfe. + +Der Jehuda ben Halevy, +Meinte sie, der sei hinlänglich +Ehrenvoll bewahrt in einem +Schönen Futteral von Pappe + +Mit chinesisch eleganten +Arabesken, wie die hübschen +Bonbonnieren von Marquis +Im Passage Panorama. + +Sonderbar! - setzt sie hinzu - +Daß ich niemals nennen hörte +Diesen großen Dichternamen, +Den Jehuda ben Halevy. + +Liebstes Kind, gab ich zur Antwort, +Solche holde Ignoranz, +Sie bekundet die Lakunen +Der französischen Erziehung, + +Der Pariser Pensionate, +Wo die Mädchen, diese künftgen +Mütter eines freien Volkes, +Ihren Unterricht genießen - + +Alte Mumien, ausgestopfte +Pharaonen von Ägypten, +Merovinger Schattenkönge, +Ungepuderte Perücken, + +Auch die Zopfmonarchen Chinas, +Porzellanpagodenkaiser - +Alle lernen sie auswendig, +Kluge Mädchen, aber Himmel - + +Fragt man sie nach großen Namen +Aus dem großen Goldzeitalter +Der arabisch-althispanisch +Jüdischen Poetenschule, + +Fragt man nach dem Dreigestirn, +Nach Jehuda ben Halevy, +Nach dem Salomon Gabirol +Und dem Moses Iben Esra - + +Fragt man nach dergleichen Namen, +Dann mit großen Augen schaun +Uns die Kleinen an - alsdann +Stehn am Berge die Ochsinnen. + +Raten möcht ich dir, Geliebte, +Nachzuholen das Versäumte +Und Hebräisch zu erlernen - +Laß Theater und Konzerte, + +Widme einge Jahre solchem +Studium, du kannst alsdann +Im Originale lesen +Iben Esra und Gabirol + +Und versteht sich den Halevy, +Das Triumvirat der Dichtkunst, +Das dem Saitenspiel Davidis +Einst entlockt die schönsten Laute. + +Alcharisi - der, ich wette, +Dir nicht minder unbekannt ist, +Ober gleich, französ'scher Witzbold, +Den Hariri überwitzelt + +Im Gebiete der Makame, +Und ein Voltairianer war +Schon sechshundert Jahr vor Voltair' - +Jener Alcharisi sagte: + +»Durch Gedanken glänzt Gabirol +Und gefällt zumeist dem Denker, +Iben Esra glänzt durch Kunst +Und behagt weit mehr dem Künstler - + +»Aber Beider Eigenschaften +Hat Jehuda ben Halevy, +Und er ist ein großer Dichter +Und ein Liebling aller Menschen.« + +Iben Esra war ein Freund +Und, ich glaube, auch ein Vetter +Des Jehuda ben Halevy, +Der in seinem Wanderbuche + +Schmerzlich klagt, wie er vergebens +In Granada aufgesucht hat +Seinen Freund, und nur den Bruder +Dorten fand, den Medikus, + +Rabbi Meyer, auch ein Dichter +Und der Vater jener Schönen, +Die mit hoffnungsloser Flamme +Iben Esras Herz entzunden - + +Um das Mühmchen zu vergessen, +Griff er nach dem Wanderstabe, +Wie so mancher der Kollegen; +Lebte unstet, heimatlos. + +Pilgernd nach Jerusalem, +Überfielen ihn Tartaren, +Die an einen Gaul gebunden +Ihn nach ihren Steppen schleppten. + +Mußte Dienste dort verrichten, +Die nicht würdig eines Rabbi +Und noch wenger eines Dichters, +Mußte nämlich Kühe melken. + +Einstens, als er unterm Bauche +Einer Kuh gekauert saß, +Ihre Euter hastig fingernd, +Daß die Milch floß in den Zuber - + +Eine Position, unwürdig +Eines Rabbis, eines Dichters - +Da befiel ihn tiefe Wehmut, +Und er fing zu singen an, + +Und er sang so schön und lieblich, +Daß der Chan, der Fürst der Horde, +Der vorbeiging, ward gerühret +Und die Freiheit gab dem Sklaven. + +Auch Geschenke gab er ihm, +Einen Fuchspelz, eine lange +Sarazenenmandoline +Und das Zehrgeld für die Heimkehr. + +Dichterschicksal! böser Unstern, +Der die Söhne des Apollo +Tödlich nergelt, und sogar +Ihren Vater nicht verschont hat, + +Als er, hinter Daphnen laufend, +Statt des weißen Nymphenleibes +Nur den Lorbeerbaum erfaßte, +Er. der göttliche Schlemihl! + +Ja, der hohe Delphier ist +Ein Schlemihl, und gar der Lorbeer, +Der so stolz die Stirne krönet, +Ist ein Zeichen des Schlemihltums. + +Was das Wort Schlemihl bedeutet, +Wissen wir. Hat doch Chamisso +Ihm das Bürgerrecht in Deutschland +Längst verschafft, dem Worte nämlich. + +Aber unbekannt geblieben, +Wie des heilgen Niles Quellen, +Ist sein Ursprung; hab darüber +Nachgegrübelt manche Nacht. + +Zu Berlin vor vielen Jahren +Wandt ich mich deshalb an unsern +Freund Chamisso, suchte Auskunft +Beim Dekane der Schlemihle. + +Doch er konnt mich nicht befriedgen +Und verwies mich drob an Hitzig, +Der ihm den Familiennamen +Seines schattenlosen Peters + +Einst verraten. Alsbald nahm ich +Eine Droschke und ich rollte +Zu dem Kriminalrat Hitzig, +Welcher ehmals Itzig hieß - + +Als er noch ein Itzig war, +Träumte ihm, er säh geschrieben +An dem Himmel seinen Namen +Und davor den Buchstab H. + +»Was bedeutet dieses H?« +Frug er sich - »etwa Herr Itzig +Oder Heilger Itzig? Heilger +Ist ein schöner Titel - aber + +»In Berlin nicht passend« - Endlich +Grübelnsmüd nannt er sich Hitzig, +Und nur die Getreuen wußten: +In dem Hitzig steckt ein Heilger. + +Heilger Hitzig! sprach ich also, +Als ich zu ihm kam, Sie sollen +Mir die Etymologie +Von dem Wort Schlemihl erklären. + +Viel Umschweife nahm der Heilge, +Konnte sich nicht recht erinnern, +Eine Ausflucht nach der andern, +Immer christlich - Bis mir endlich, + +Endlich alle Knöpfe rissen +An der Hose der Geduld, +Und ich anfing so zu fluchen, +So gottlästerlich zu fluchen, + +Daß der fromme Pietist, +Leichenblaß und beineschlotternd, +Unverzüglich mir willfahrte +Und mir Folgendes erzählte: + +»In der Bibel ist zu lesen, +Als zur Zeit der Wüstenwandrung +Israel sich oft erlustigt +Mit den Töchtern Kanaans, + +»Da geschah es, daß der Pinhas +Sahe, wieder edle Simri +Buhlschaft trieb mit einem Weibsbild +Aus dem Stamm der Kananiter, + +»Und alsbald ergriff er zornig +Seinen Speer und hat den Simri +Auf der Stelle totgestochen - +Also heißt es in der Bibel. + +»Aber mündlich überliefert +Hat im Volke sich die Sage, +Daß es nicht der Simri war, +Den des Pinhas Speer getroffen, + +»Sondern daß der Blinderzürnte, +Statt des Sünders, unversehens +Einen ganz Unschuldgen traf, +Den Schlemihl ben Zuri Schadday.« - + +Dieser nun, Schlemihl I., +Ist der Ahnherr des Geschlechtes +Derer von Schlemihl. Wir stammen +Von Schlemihl ben Zuri Schadday. + +Freilich keine Heldentaten +Meldet man von ihm, wir kennen +Nur den Namen und wir wissen, +Daß er ein Schlemihl gewesen. + +Doch geschätzet wird ein Stammbaum +Nicht ob seinen guten Früchten, +Sondern nur ob seinem Alter - +Drei Jahrtausend zählt der unsre! + +Jahre kommen und vergehen - +Drei Jahrtausende verflossen, +Seit gestorben unser Ahnherr, +Herr Schlemihl ben Zuri Schadday. + +Längst ist auch der Pinhas tot - +Doch sein Speer hat sich erhalten, +Und wir hören ihn beständig +Über unsre Häupter schwirren. + +Und die besten Herzen trifft er - +Wie Jehuda ben Halevy, +Traf er Moses Iben Esra +Und er traf auch den Gabirol - + +Den Gabirol, diesen treuen +Gottgeweihten Minnesänger, +Diese fromme Nachtigall, +Deren Rose Gott gewesen - + +Diese Nachtigall, die zärtlich +Ihre Liebeslieder sang +In der Dunkelheit der gotisch +Mittelalterlichen Nacht! + +Unerschrocken, unbekümmert +Ob den Fratzen und Gespenstern, +Ob dem Wust von Tod und Wahnsinn, +Die gespukt in jener Nacht - + +Sie, die Nachtigall, sie dachte +Nur an ihren göttlich Liebsten, +Dem sie ihre Liebe schluchzte, +Den ihr Lobgesang verherrlicht! - + +Dreißig Lenze sah Gabirol +Hier auf Erden, aber Fama +Ausposaunte seines Namens +Herrlichkeit durch alle Lande. + +Zu Corduba, wo er wohnte, +War ein Mohr sein nächster Nachbar, +Welcher gleichfalls Verse machte +Und des Dichters Ruhm beneidet'. + +Hörte er den Dichter singen, +Schwoll dem Mohren gleich die Galle, +Und der Lieder Süße wurde +Bittre Wehmut für den Neidhart. + +Er verlockte den Verhaßten +Nächtlich in sein Haus, erschlug ihn +Dorten und vergrub den Leichnam +Hinterm Hause in dem Garten. + +Aber siehe! aus dem Boden, +Wo die Leiche eingescharrt war, +Wuchs hervor ein Feigenbaum +Von der wunderbarsten Schönheit. + +Seine Frucht war seltsam länglich +Und von seltsam würzger Süße, +Wer davon genoß, versank +In ein träumerisch Entzücken. + +In dem Volke ging darüber +Viel Gerede und Gemunkel, +Das am End zu den erlauchten +Ohren des Chalifen kam. + +Dieser prüfte eigenzüngig +Jenes Feigenphänomen, +Und ernannte eine strenge +Untersuchungskommission. + +Man verfuhr summarisch. Sechzig +Bambushiebe auf die Sohlen +Gab man gleich dem Herrn des Baumes, +Welcher eingestand die Untat. + +Darauf riß man auch den Baum +Mit den Wurzeln aus dem Boden, +Und zum Vorschein kam die Leiche +Des erschlagenen Gabirol. + +Diese ward mit Pomp bestattet +Und betrauert von den Brüdern; +An demselben Tage henkte +Man den Mohren zu Corduba. + +(Fragment) + + + + Disputation + +In der Aula zu Toledo +Klingen schmetternd die Fanfaren; +Zu dem geistlichen Turnei +Wallt das Volk in bunten Scharen. + +Das ist nicht ein weltlich Stechen, +Keine Eisenwaffe blitzet - +Eine Lanze ist das Wort, +Das scholastisch scharf gespitzet. + +Nicht galante Paladins +Fechten hier, nicht Damendiener - +Dieses Kampfes Ritter sind +Kapuziner und Rabbiner. + +Statt des Helmes tragen sie +Schabbesdeckel und Kapuzen; +Skapulier und Arbekanfeß +Sind der Harnisch, drob sie trutzen. + +Welches ist der wahre Gott? +Ist es der Hebräer starrer +Großer Eingott, dessen Kämpe +Rabbi Juda. der Navarrer? + +Oder ist es der dreifaltge +Liebegott der Christianer, +Dessen Kämpe Frater Jose, +Gardian der Franziskaner? + +Durch die Macht der Argumente, +Durch der Logik Kettenschlüsse +Und Zitate von Autoren, +Die man anerkennen müsse, + +Will ein jeder Kämpe seinen +Gegner ad absurdum führen +Und die wahre Göttlichkeit +Seines Gottes demonstrieren. + +Festgestellt ist: daß derjenge, +Der im Streit ward überwunden, +Seines Gegners Religion +Anzunehmen sei verbunden, + +Daß der Jude sich der Taufe +Heilgem Sakramente füge, +Und im Gegenteil der Christ +Der Beschneidung unterliege. + +Jedem von den beiden Kämpen +Beigesellt sind elf Genossen, +Die zu teilen sein Geschick +Sind in Freud und Leid entschlossen. + +Glaubenssicher sind die Mönche +Von des Gardians Geleitschaft, +Halten schon Weihwasserkübel +Für die Taufe in Bereitschaft, + +Schwingen schon die Sprengelbesen +Und die blanken Räucherfässer - +Ihre Gegner unterdessen +Wetzen die Beschneidungsmesser. + +Beide Rotten stehn schlagfertig +Vor den Schranken in dem Saale, +Und das Volk mit Ungeduld +Harret drängend der Signale. + +Unterm güldnen Baldachin +Und umrauscht vom Hofgesinde +Sitzt der König und die Köngin; +Diese gleichet einem Kinde. + +Ein französisch stumpfes Näschen, +Schalkheit kichert in den Mienen, +Doch bezaubernd sind des Mundes +Immer lächelnde Rubinen. + +Schöne, flatterhafte Blume - +Daß sich ihrer Gott erbarme - +Von dem heitern Seineufer +Wurde sie verpflanzt, die arme, + +Hierher in den steifen Boden +Der hispanischen Grandezza; +Weiland hieß sie Blanch' de Bourbon, +Donna Blanka heißt sie jetzo. + +Pedro wird genannt der König +Mit dem Zusatz der Grausame; +Aber heute, milden Sinnes, +Ist er besser als sein Name. + +Unterhält sich gut gelaunt +Mit des Hofes Edelleuten; +Auch den Juden und den Mohren +Sagt er viele Artigkeiten. + +Diese Ritter ohne Vorhaut +Sind des Königs Lieblingsschranzen, +Sie befehlgen seine Heere, +Sie verwalten die Finanzen. + +Aber plötzlich Paukenschläge, +Und es melden die Trompeten, +Daß begonnen hat der Maulkampf, +Der Disput der zwei Athleten. + +Der Gardian der Franziskaner +Bricht hervor mit frommem Grimme; +Polternd roh und widrig greinend +Ist abwechselnd seine Stimme. + +In des Vaters und des Sohnes +Und des heilgen Geistes Namen +Exorzieret er den Rabbi, +Jakobs maledeiten Samen. + +Denn bei solchen Kontroversen +Sind oft Teufelchen verborgen +In dem Juden, die mit Scharfsinn, +Witz und Gründen ihn versorgen. + +Nun die Teufel ausgetrieben +Durch die Macht des Exorzismus, +Kommt der Mönch auch zur Dogmatik, +Kugelt ab den Katechismus. + +Er erzählt, daß in der Gottheit +Drei Personen sind enthalten, +Die jedoch zu einer einzgen, +Wenn es passend, sich gestalten - + +Ein Mysterium, das nur +Von demjengen wird verstanden, +Der entsprungen ist dem Kerker +Der Vernunft und ihren Banden. + +Er erzählt: wie Gott der Herr +Ward zu Bethlehem geboren +Von der Jungfrau, welche niemals +Ihre Jungferschaft verloren; + +Wie der Herr der Welt gelegen +In der Krippe, und ein Kühlein +Und ein Öchslein bei ihm stunden, +Schier andächtig, zwei Rindviehlein. + +Er erzählte: wie der Herr +Vor den Schergen des Herodes +Nach Ägypten floh, und später +Litt die herbe Pein des Todes + +Unter Pontio Pilato, +Der das Urteil unterschrieben, +Von den harten Pharisäern, +Von den Juden angetrieben. + +Er erzählte: wie der Herr, +Der entstiegen seinem Grabe +Schon am dritten Tag, gen Himmel +Seinen Flug genommen habe; + +Wie er aber, wenn es Zeit ist, +Wiederkehren auf die Erde +Und zu Josaphat die Toten +Und Lebendgen richten werde. + +»Zittert, Juden!« rief der Mönch, +»Vor dem Gott, den ihr mit Hieben +Und mit Dornen habt gemartert, +Den ihr in den Tod getrieben. + +»Seine Mörder, Volk der Rachsucht, +Juden, das seid ihr gewesen - +Immer meuchelt ihr den Heiland, +Welcher kommt, euch zu erlösen. + +»Judenvolk, du bist ein Aas, +Worin hausen die Dämonen; +Eure Leiber sind Kasernen +Für des Teufels Legionen. + +»Thomas von Aquino sagt es, +Den man nennt den großen Ochsen +Der Gelehrsamkeit, er ist +Licht und Lust der Orthodoxen. + +»Judenvolk, ihr seid Hyänen, +Wölfe, Schakals, die in Gräbern +Wühlen, um der Toten Leichnam' +Blutfraßgierig aufzustöbern. + +»Juden, Juden, ihr seid Säue, +Paviane, Nashorntiere, +Die man nennt Rhinozerosse, +Krokodile und Vampire. + +»Ihr seid Raben, Eulen, Uhus, +Fledermäuse, Wiedehöpfe, +Leichenhühner, Basilisken, +Galgenvögel, Nachtgeschöpfe. + +»Ihr seid Vipern und Blindschleichen, +Klapperschlangen, giftge Kröten, +Ottern, Nattern - Christus wird +Eur verfluchtes Haupt zertreten. + +»Oder wollt ihr, Maledeiten, +Eure armen Seelen retten? +Aus der Bosheit Synagoge +Flüchtet nach den frommen Stätten, + +»Nach der Liebe lichtem Dome, +Wo im benedeiten Becken +Euch der Quell der Gnade sprudelt - +Drin sollt ihr die Köpfe stecken - + +»Wascht dort ab den alten Adam +Und die Laster, die ihn schwärzen; +Des verjährten Grolles Schimmel, +Wascht ihn ab von euren Herzen! + +»Hört ihr nicht des Heilands Stimme? +Euren neuen Namen rief er - +Lauset euch an Christi Brust +Von der Sünde Ungeziefer! + +»Unser Gott, der ist die Liebe, +Und er gleichet einem Lamme; +Um zu sühnen unsre Schuld, +Starb er an des Kreuzes Stamme. + +»Unser Gott, der ist die Liebe, +Jesus Christus ist sein Name; +Seine Duldsamkeit und Demut +Suchen wir stets nachzuahmen. + +»Deshalb sind wir auch so sanft, +So leutselig, ruhig, milde, +Hadern niemals, nach des Lammes, +Des Versöhners, Musterbilde. + +»Einst im Himmel werden wir +Ganz verklärt zu frommen Englein, +Und wir wandeln dort gottselig, +In den Händen Liljenstenglein. + +»Statt der groben Kutten tragen +Wir die reinlichsten Gewänder +Von Moußlin, Brokat und Seide, +Goldne Troddeln, bunte Bänder. + +»Keine Glatze mehr! Goldlocken +Flattern dort um unsre Köpfe; +Allerliebste Jungfraun flechten +Uns das Haar in hübsche Zöpfe. + +»Weinpokale wird es droben +Von viel weiterm Umfang geben +Als die Becher sind hier unten, +Worin schäumt der Saft der Reben. + +»Doch im Gegenteil viel enger +Als ein Weibermund hienieden, +Wird das Frauenmündchen sein, +Das dort oben uns beschieden. + +»Trinkend, küssend, lachend wollen +Wir die Ewigkeit verbringen, +Und verzückt Halleluja, +Kyrie Eleison singen.« + +Also schloß der Christ. Die Mönchlein +Glaubten schon, Erleuchtung träte +In die Herzen, und sie schleppten +Flink herbei das Taufgeräte. + +Doch die wasserscheuen Juden +Schütteln sich und grinsen schnöde. +Rabbi Juda, der Navarrer, +Hub jetzt an die Gegenrede: + +»Um für deine Saat zu düngen +Meines Geistes dürren Acker, +Mit Mistkarren voll Schimpfwörter +Hast du mich beschmissen wacker. + +»So folgt jeder der Methode, +Dran er nun einmal gewöhnet, +Und anstatt dich drob zu schelten, +Sag ich Dank dir, wohlversöhnet. + +»Die Dreieinigkeitsdoktrin +Kann für unsre Leut nicht passen, +Die mit Regula-de-tri +Sich von Jugend aufbefassen. + +»Daß in deinem Gotte drei, +Drei Personen sind enthalten, +Ist bescheiden noch, sechstausend +Götter gab es bei den Alten. + +»Unbekannt ist mir der Gott, +Den ihr Christum pflegt zu nennen; +Seine Jungfer Mutter gleichfalls +Hab ich nicht die Ehr zu kennen. + +»Ich bedaure, daß er einst, +Vor etwa zwölfhundert Jahren, +Einge Unannehmlichkeiten +Zu Jerusalem erfahren. + +»Ob die Juden ihn getötet, +Das ist schwer jetzt zu erkunden, +Da ja das Corpus Delicti +Schon am dritten Tag verschwunden. + +»Daß er ein Verwandter sei +Unsres Gottes, ist nicht minder +Zweifelhaft; so viel wir wissen, +Hat der letztre keine Kinder. + +»Unser Gott ist nicht gestorben +Als ein armes Lämmerschwänzchen +Für die Menschheit, ist kein süßes +Philantröpfchen, Faselhänschen. + +»Unser Gott ist nicht die Liebe; +Schnäbeln ist nicht seine Sache, +Denn er ist ein Donnergott +Und er ist ein Gott der Rache. + +»Seines Zornes Blitze treffen +Unerbittlich jeden Sünder, +Und des Vaters Schulden büßen +Oft die späten Enkelkinder. + +»Unser Gott, der ist lebendig, +Und in seiner Himmelshalle +Existieret er drauf los +Durch die Ewigkeiten alle. + +»Unser Gott, und der ist auch +Ein gesunder Gott, kein Mythos +Bleich und dünne wie Oblaten +Oder Schatten am Cocytos. + +»Unser Gott ist stark. In Händen +Trägt er Sonne, Mond, Gestirne; +Throne brechen, Völker schwinden, +Wenn er runzelt seine Stirne. + +»Und er ist ein großer Gott. +David singt: Ermessen ließe +Sich die Größe nicht, die Erde +Sei der Schemel seiner Füße. + +»Unser Gott liebt die Musik, +Saitenspiel und Festgesänge; +Doch wie Ferkelgrunzen sind +Ihm zuwider Glockenklänge. + +»Leviathan heißt der Fisch, +Welcher haust im Meeresgrunde; +Mit ihm spielet Gott der Herr +Alle Tage eine Stunde - + +»Ausgenommen an dem neunten +Tag des Monats Ab, wo nämlich +Eingeäschert ward sein Tempel; +An dem Tag ist er zu grämlich. + +»Des Leviathans Länge ist +Hundert Meilen, hat Floßfedern +Groß wie König Ok von Basan, +Und sein Schwanz ist wie ein Zedern. + +»Doch sein Fleisch ist delikat, +Delikater als Schildkröten, +Und am Tag der Auferstehung +Wird der Herr zu Tische beten. + +»Alle frommen Auserwählten, +Die Gerechten und die Weisen - +Unsres Herrgotts Lieblingsfisch +Werden sie alsdann verspeisen, + +»Teils mit weißer Knoblauchbrühe, +Teils auch braun in Wein gesotten, +Mit Gewürzen und Rosinen, +Ungefähr wie Matelotten. + +»In der weißen Knoblauchbrühe +Schwimmen kleine Schäbchen Rettich - +So bereitet, Frater Jose, +Mundet dir das Fischlein, wett ich! + +»Auch die braune ist so lecker, +Nämlich die Rosinensauce, +Sie wird himmlisch wohl behagen +Deinem Bäuchlein, Frater Jose. + +»Was Gott kocht, ist gut gekocht! +Mönchlein, nimm jetzt meinen Rat an, +Opfre hin die alte Vorhaut +Und erquick dich am Leviathan.« + +Also lockend sprach der Rabbi, +Lockend, ködernd, heimlich schmunzelnd, +Und die Juden schwangen schon +Ihre Messer wonnegrunzelnd, + +Um als Sieger zu skalpieren +Die verfallenen Vorhäute, +Wahre spolia opima +In dem wunderlichen Streite. + +Doch die Mönche hielten fest +An dem väterlichen Glauben +Und an ihrer Vorhaut, ließen +Sich derselben nicht berauben. + +Nach dem Juden sprach aufs neue +Der katholische Bekehrer; +Wieder schimpft er, jedes Wort +Ist ein Nachttopf, und kein leerer. + +Darauf repliziert der Rabbi +Mit zurückgehaltnem Eifer; +Wie sein Herz auch überkocht, +Doch verschluckt er seinen Geifer. + +Er beruft sich auf die Mischna, +Kommentare und Traktate; +Bringt auch aus dem Tausves-Jontof +Viel beweisende Zitate. + +Aber welche Blasphemie +Mußt er von dem Mönche hören! +Dieser sprach: der Tausves-Jontof +Möge sich zum Teufel scheren. + +»Da hört alles auf, o Gott!« +Kreischt der Rabbi jetzt entsetzlich; +Und es reißt ihm die Geduld, +Rappelköpfig wird er plötzlich. + +»Gilt nichts mehr der Tausves-Jontof, +Was soll gelten? Zeter! Zeter! +Räche, Herr, die Missetat, +Strafe, Herr, den Übeltäter! + +»Denn der Tausves-Jontof, Gott, +Das bist du! Und an dem frechen +Tausvesjontof-Leugner mußt du +Deines Namens Ehre rächen. + +»Laß den Abgrund ihn verschlingen, +Wie des Korah böse Rotte, +Die sich wider dich empört +Durch Emeute und Komplotte. + +»Donnre deinen besten Donner! +Strafe, o mein Gott, den Frevel - +Hattest du doch zu Sodoma +Und Gomorrha Pech und Schwefel! + +»Treffe, Herr, die Kapuziner, +Wie du Pharaon getroffen, +Der uns nachgesetzt, als wir +Wohl bepackt davongeloffen. + +»Hunderttausend Ritter folgten +Diesem König von Mizrayim, +Stahlbepanzert, blanke Schwerter +In den schrecklichen Jadayim. + +»Gott! da hast du ausgestreckt +Deine Jad, und samt dem Heere +Ward ertränkt, wie junge Katzen, +Pharao im roten Meere. + +»Treffe, Herr, die Kapuziner, +Zeige den infamen Schuften, +Daß die Blitze deines Zorns +Nicht verrauchten und verpufften. + +»Deines Sieges Ruhm und Preis +Will ich singen dann und sagen, +Und dabei, wie Mirjam tat, +Tanzen und die Pauke schlagen.« + +In die Rede grimmig fiel +Jetzt der Mönch dem Zornentflammten: +»Mag dich selbst der Herr verderben, +Dich Verfluchten und Verdammten! + +»Trotzen kann ich deinen Teufeln, +Deinem schmutzgen Fliegengotte, +Luzifer und Belzebube, +Belial und Astarothe. + +»Trotzen kann ich deinen Geistern, +Deinen dunkeln Höllenpossen, +Denn in mir ist Jesus Christus, +Habe seinen Leib genossen. + +»Christus ist mein Leibgericht, +Schmeckt viel besser als Leviathan +Mit der weißen Knoblauchsauce, +Die vielleicht gekocht der Satan. + +»Ach! anstatt zu disputieren, +Lieber möcht ich schmoren, braten +Auf dem wärmsten Scheiterhaufen +Dich und deine Kameraden.« + +Also tost in Schimpf und Ernst +Das Turnei für Gott und Glauben, +Doch die Kämpen ganz vergeblich +Kreischen, schelten, wüten, schnauben. + +Schon zwölf Stunden währt der Kampf, +Dem kein End ist abzuschauen; +Müde wird das Publikum, +Und es schwitzen stark die Frauen. + +Auch der Hof wird ungeduldig, +Manche Zofe gähnt ein wenig. +Zu der schönen Königin +Wendet fragend sich der König: + +»Sagt mir, was ist Eure Meinung? +Wer hat Recht von diesen beiden? +Wollt Ihr für den Rabbi Euch +Oder für den Mönch entscheiden?« + +Donna Blanka schaut ihn an, +Und wie sinnend ihre Hände +Mit verschränkten Fingern drückt sie +An die Stirn und spricht am Ende: + +»Welcher Recht hat, weiß ich nicht - +Doch es will mich schier bedünken, +Daß der Rabbi und der Mönch, +Daß sie alle beide stinken.« + + + + + Nachwort zum »Romanzero« + +Ich habe dieses Buch Romanzero genannt, weil der Romanzenton +vorherrschend in den Gedichten, die hier gesammelt. Mit wenigen +Ausnahmen schrieb ich sie während der letzten drei Jahre, unter +mancherlei körperlichen Hindernissen und Qualen. Gleichzeitig mit +dem Romanzero lasse ich in derselben Verlagshandlung ein Büchlein +erscheinen, welches »Der Doktor Faust, ein Tanzpoem, nebst kuriosen +Berichten über Teufel, Hexen und Dichtkunst« betitelt ist. Ich +empfehle solches einem verehrungswürdigen Publiko, das sich gern ohne +Kopfanstrengung über dergleichen Dinge belehren lassen möchte; es ist +eine leichte Goldarbeit, worüber gewiß mancher Grobschmied den Kopf +schütteln wird. Ich hegte ursprünglich die Absicht, dieses Produkt dem +Romanzero einzuverleiben, was ich aber unterließ, um nicht die Einheit +der Stimmung, die in letzterem waltet und gleichsam sein Kolorit +bildet, zu stören. Jenes Tanzpoem schrieb ich nämlich im Jahre +1847, zu einer Zeit, wo mein böses Siechtum bereits bedenklich +vorgeschritten war, aber doch noch nicht seine grämlichen Schatten +über mein Gemüt warf. Ich hatte damals noch etwas Fleisch und +Heidentum an mir, und ich war noch nicht zu dem spiritualistischen +Skelette abgemagert, das jetzt seiner gänzlichen Auflösung +entgegenharrt. Aber existiere ich wirklich noch? Mein Leib ist so sehr +in die Krümpe gegangen, daß schier nichts übrig geblieben als die +Stimme, und mein Bett mahnt mich an das tönende Grab des Zauberers +Merlinus, welches sich im Walde Brozeliand in der Bretagne befindet, +unter hohen Eichen, deren Wipfel wie grüne Flammen gen Himmel +lodern. Ach, um diese Bäume und ihr frisches Wehen beneide ich dich, +Kollege Merlinus, denn kein grünes Blatt rauscht herein in meine +Matratzengruft zu Paris, wo ich früh und spat nur Wagengerassel, +Gehämmer, Gekeife und Klaviergeklimper vernehme. Ein Grab ohne +Ruhe, der Tod ohne die Privilegien der Verstorbenen, die kein Geld +auszugeben und keine Briefe oder gar Bücher zu schreiben brauchen - +das ist ein trauriger Zustand. Man hat mir längst das Maß genommen +zum Sarg, auch zum Nekrolog, aber ich sterbe so langsam, daß solches +nachgerade langweilig wird für mich, wie für meine Freunde. Doch +Geduld, alles hat sein Ende. Ihr werdet eines Morgens die Bude +geschlossen finden, wo euch die Puppenspiele meines Humors so oft +ergötzten. + +Was soll aber, wenn ich tot bin, aus den armen Hauswürsten werden, die +ich seit Jahren bei jenen Darstellungen employiert hatte? Was soll +z. B. aus Maßmann werden? Ungern verlaß ich ihn, und es erfaßt mich +schier eine tiefe Wehmut, wenn ich denke an die Verse: + + Ich sehe die kurzen Beinchen nicht mehr, + Nicht mehr die platte Nase; + Er schlug wie ein Pudel frisch, fromm, fröhlich, frei, + Die Purzelbäume im Grase. + +Und er versteht Latein. Ich habe freilich in meinen Schriften so +oft das Gegenteil behauptet, daß Niemand mehr meine Behauptung +bezweifelte, und der Ärmste ein Stichblatt der allgemeinen Verhöhnung +ward. Die Schulbuben frugen ihn, in welcher Sprache der Don Quixote +geschrieben sei? und wenn mein armer Maßmann antwortete: in spanischer +Sprache - erwiderten sie, er irre sich, derselbe sei lateinisch +geschrieben und das käme ihm so spanisch vor. Sogar die eigene Gattin +war grausam genug, bei häuslichen Mißverständnissen auszurufen, sie +wundere sich, daß ihr Mann sie nicht verstehe, da sie doch Deutsch +und kein Latein gesprochen habe. Die Maßmännische Großmutter, eine +Wäscherin von unbescholtener Sittlichkeit und die einst für Friedrich +den Großen gewaschen, hat sich über die Schmach ihres Enkels zu Tode +gegrämt; der Onkel, ein wackerer altpreußischer Schuhflicker, bildete +sich ein, die ganze Familie sei schimpfiert, und vor Verdruß ergab er +sich dem Trunk. + +Ich bedaure, daß meine jugendliche Unbesonnenheit solches Unheil +angerichtet. Die würdige Waschfrau kann ich leider nicht wieder ins +Leben zurückrufen, und den zartfühlenden Oheim, der jetzt zu Berlin in +der Gosse liegt, kann ich nicht mehr des Schnapses entwöhnen; aber ihn +selbst, meinen armen Hanswurst Maßmann, will ich in der öffentlichen +Meinung wieder rehabilitieren, indem ich alles was ich über seine +Lateinlosigkeit, seine lateinische Impotenz, seine magna linguae +romanae ignorantia jemals geäußert habe, feierlich widerrufe. + +So hätte ich denn mein Gewissen erleichtert. Wenn man auf dem +Sterbebette liegt, wird man sehr empfindsam und weichselig, und möchte +Frieden machen mit Gott und der Welt. Ich gestehe es, ich habe Manchen +gekratzt, Manchen gebissen, und war kein Lamm. Aber glaubt mir, jene +gepriesenen Lämmer der Sanftmut würden sich minder frömmig gebärden, +besäßen sie die Zähne und die Tatzen des Tigers. Ich kann mich rühmen, +daß ich mich solcher angebornen Waffen nur selten bedient habe. Seit +ich selbst der Barmherzigkeit Gottes bedürftig, habe ich allen meinen +Feinden Amnestie erteilt; manche schöne Gedichte, die gegen sehr +hohe und sehr niedrige Personen gerichtet waren, wurden deshalb in +vorliegender Sammlung nicht aufgenommen. Gedichte, die nur halbweg +Anzüglichkeiten gegen den lieben Gott selbst enthielten, habe ich +mit ängstlichstem Eifer den Flammen überliefert. Es ist besser, daß +die Verse brennen als der Versifex. Ja, wie mit der Kreatur, habe +ich auch mit dem Schöpfer Frieden gemacht, zum größten Ärgernis +meiner aufgeklärten Freunde, die mir Vorwürfe machten über dieses +Zurückfallen in den alten Aberglauben, wie sie meine Heimkehr zu Gott +zu nennen beliebten. Andere, in ihrer Intoleranz, äußerten sich noch +herber. Der gesamte hohe Klerus des Atheismus hat sein Anathema über +mich ausgesprochen, und es gibt fanatische Pfaffen des Unglaubens, +die mich gerne auf die Folter spannten, damit ich meine Ketzereien +bekenne. Zum Glück stehen ihnen keine andern Folterinstrumente zu +Gebote als ihre Schriften. Aber ich will auch ohne Tortur alles +bekennen. Ja, ich bin zurückgekehrt zu Gott, wie der verlorene Sohn, +nachdem ich lange Zeit bei den Hegelianern die Schweine gehütet. War +es die Misère, die mich zurücktrieb? Vielleicht ein minder miserabler +Grund. Das himmlische Heimweh überfiel mich und trieb mich fort +durch Wälder und Schluchten, über die schwindlichsten Bergpfade der +Dialektik. Auf meinem Wege fand ich den Gott der Pantheisten, aber ich +konnte ihn nicht gebrauchen. Dies arme träumerische Wesen ist mit der +Welt verwebt und verwachsen, gleichsam in ihr eingekerkert, und gähnt +dich an, willenlos und ohnmächtig. Um einen Willen zu haben, muß +man eine Person sein, und, um ihn zu manifestieren, muß man die +Ellbogen frei haben. Wenn man nun einen Gott begehrt, der zu helfen +vermag - und das ist doch die Hauptsache - so muß man auch seine +Persönlichkeit, seine Außerweltlichkeit und seine heiligen Attribute, +die Allgüte, die Allweisheit, die Allgerechtigkeit u.s.w. annehmen. +Die Unsterblichkeit der Seele, unsre Fortdauer nach dem Tode, wird uns +alsdann gleichsam mit in den Kauf gegeben, wie der schöne Markknochen, +den der Fleischer, wenn er mit seinen Kunden zufrieden ist, ihnen +unentgeltlich in den Korb schiebt. Ein solcher schöner Markknochen +wird in der französischen Küchensprache la réjouissance genannt, und +man kocht damit ganz vorzügliche Kraftbrühen, die für einen armen +schmachtenden Kranken sehr stärkend und labend sind. Daß ich eine +solche réjouissance nicht ablehnte und sie mir vielmehr mit Behagen zu +Gemüte führte, wird jeder fühlende Mensch billigen. + +Ich habe vom Gott der Pantheisten geredet, aber ich kann nicht umhin +zu bemerken, daß er im Grunde gar kein Gott ist, so wie überhaupt die +Pantheisten eigentlich nur verschämte Atheisten sind, die sich weniger +vor der Sache als vor dem Schatten, den sie an die Wand wirft, vor dem +Namen, fürchten. Auch haben die meisten in Deutschland während der +Restaurationszeit mit dem lieben Gotte dieselbe funfzehnjährige +Komödie gespielt, welche hier in Frankreich die konstitutionellen +Royalisten, die größtenteils im Herzen Republikaner waren, mit dem +Königtume spielten. Nach der Juliusrevolution ließ man jenseits wie +diesseits des Rheines die Maske fallen. Seitdem, besonders aber nach +dem Sturz Ludwig Philipps, des besten Monarchen, der jemals die +konstitutionelle Dornenkrone trug, bildete sich hier in Frankreich +die Meinung: daß nur zwei Regierungsformen, das absolute Königtum und +die Republik, die Kritik der Vernunft oder der Erfahrung aushielten, +daß man Eins von Beiden wählen müsse, daß alles dazwischen liegende +Mischwerk unwahr, unhaltbar und verderblich sei. In derselben Weise +tauchte in Deutschland die Ansicht auf, daß man wählen müsse zwischen +der Religion und der Philosophie, zwischen dem geoffenbarten Dogma +des Glaubens und der letzten Konsequenz des Denkens, zwischen dem +absoluten Bibelgott und dem Atheismus. + +Je entschiedener die Gemüter, desto leichter werden sie das Opfer +solcher Dilemmen. Was mich betrifft, so kann ich mich in der Politik +keines sonderlichen Fortschritts rühmen; ich verharrte bei denselben +demokratischen Prinzipien, denen meine früheste Jugend huldigte und +für die ich seitdem immer flammender erglühte. In der Theologie +hingegen muß ich mich des Rückschreitens beschuldigen, indem ich, +was ich bereits oben gestanden, zu dem alten Aberglauben, zu einem +persönlichen Gotte, zurückkehrte. Das läßt sich nun einmal nicht +vertuschen, wie es mancher aufgeklärte und wohlmeinende Freund +versuchte. Ausdrücklich widersprechen muß ich jedoch dem Gerüchte, als +hätten mich meine Rückschritte bis zur Schwelle irgend einer Kirche +oder gar in ihren Schoß geführt. Nein, meine religiösen Überzeugungen +und Ansichten sind frei geblieben von jeder Kirchlichkeit; kein +Glockenklang hat mich verlockt, keine Altarkerze hat mich geblendet. +Ich habe mit keiner Symbolik gespielt und meiner Vernunft nicht ganz +entsagt. Ich habe nichts abgeschworen, nicht einmal meine alten +Heidengötter, von denen ich mich zwar abgewendet, aber scheidend in +Liebe und Freundschaft. Es war im Mai 1848, an dem Tage, wo ich zum +letzten Male ausging, als ich Abschied nahm von den holden Idolen, +die ich angebetet in den Zeiten meines Glücks. Nur mit Mühe schleppte +ich mich bis zum Louvre, und ich brach fast zusammen, als ich in den +erhabenen Saal trat, wo die hochgebenedeite Göttin der Schönheit, +Unsere liebe Frau von Milo, auf ihrem Postamente steht. Zu ihren Füßen +lag ich lange, und ich weinte so heftig, daß sich dessen ein Stein +erbarmen mußte. Auch schaute die Göttin mitleidig auf mich herab, doch +zugleich so trostlos, als wollte sie sagen: siehst du denn nicht, daß +ich keine Arme habe und also nicht helfen kann? + +Ich breche hier ab, denn ich gerate in einen larmoyanten Ton, der +vielleicht überhandnehmen kann, wenn ich bedenke, daß ich jetzt auch +von Dir, teurer Leser, Abschied nehmen soll. Eine gewisse Rührung +beschleicht mich bei diesem Gedanken; denn ungern trenne ich mich von +Dir. Der Autor gewöhnt sich am Ende an sein Publikum, als wäre es ein +vernünftiges Wesen. Auch dich scheint es zu betrüben, daß ich Dir +Valet sagen muß; du bist gerührt, mein teurer Leser, und kostbare +Perlen fallen aus deinen Tränensäckchen. Doch beruhige Dich, wir +werden uns wiedersehen in einer besseren Welt, wo ich dir auch bessere +Bücher zu schreiben gedenke. Ich setze voraus, daß sich dort auch +meine Gesundheit bessert und daß mich Swedenborg nicht belogen hat. +Dieser erzählt nämlich mit großer Zuversicht, daß wir in der andern +Welt das alte Treiben, ganz wie wir es in dieser Welt getrieben, ruhig +fortsetzen, daß wir dort unsere Individualität unverändert bewahren +und daß der Tod in unserer organischen Entwickelung gar keine +sonderliche Störung hervorbringe. Swedenborg ist eine grundehrliche +Haut, und glaubwürdig sind seine Berichte über die andere Welt, wo er +mit eigenen Augen die Personen sah, die auf unserer Erde eine Rolle +gespielt. Die meisten, sagt er, blieben unverändert und beschäftigen +sich mit denselben Dingen, mit denen sie sich auch vormals +beschäftigt; sie blieben stationär, waren veraltet, rokoko, was +sich mitunter sehr lächerlich ausnahm. So z. B. unser teurer Doktor +Martinus Luther war stehen geblieben bei seiner Lehre von der +Gnade, über die er während dreihundert Jahren tagtäglich dieselben +verschimmelten Argumente niederschrieb - ganz in derselben Weise wie +der verstorbene Baron Eckstein, der während zwanzig Jahren in der +Allgemeinen Zeitung einen und denselben Artikel drucken ließ, den +alten jesuitischen Sauerteig beständig wiederkäuend. Aber, wie +gesagt, nicht alle Personen, die hienieden eine Rolle gespielt, fand +Swedenborg in solcher fossilen Erstarrung; sie hatten im Guten wie im +Bösen ihren Charakter weidlich ausgebildet in der anderen Welt, und da +gab es sehr wunderliche Erscheinungen. Helden und Heilige dieser Erde +waren dort zu Lumpen und Taugenichtsen herabgesunken, während auch das +Gegenteil stattfand. So z. B. stieg dem heiligen Antonius der Hochmut +in den Kopf, als er erfuhr, welche ungeheure Verehrung und Anbetung +ihm die ganze Christenheit zollt, und er, der hienieden den +furchtbarsten Versuchungen widerstanden, ward jetzt ein ganz +impertinenter Schlingel und liederlicher Galgenstrick, der sich mit +seinem Schweine um die Wette in den Kot wälzt. Die keusche Susanne +brachte der Dünkel ihrer Sittlichkeit, die sie unbesiegbar glaubte, +gar schmählich zu Falle, und sie, die einst den Greisen so glorreich +widerstanden, erlag der Verlockung des jungen Absalon, Sohn Davids. +Die Töchter Lots hingegen hatten sich im Verlauf der Zeit sehr +vertugendhaftet und gelten in der andern Welt für Muster der +Anständigkeit; der Alte verharrte leider bei der Weinflasche. + +So närrisch sie auch klingen, so sind doch diese Nachrichten eben so +bedeutsam wie scharfsinnig. Der große skandinavische Seher begriff +die Einheit und Unteilbarkeit unserer Existenz, so wie er auch die +unveräußerlichen Individualitätsrechte des Menschen ganz richtig +erkannte und anerkannte. Die Fortdauer nach dem Tode ist bei ihm kein +idealer Mummenschanz, wo wir neue Jacken und einen neuen Menschen +anziehen; Mensch und Kostüm bleiben bei ihm unverändert. In der +anderen Welt des Swedenborg werden sich auch die armen Grönländer +behaglich fühlen, die einst, als die dänischen Missionäre sie bekehren +wollten, an diese die Frage richteten: ob es im christlichen Himmel +auch Seehunde gäbe? Auf die verneinende Antwort erwiderten sie +betrübt: der christliche Himmel passe alsdann nicht für Grönländer, +die nicht ohne Seehunde existieren könnten. + +Wie sträubt sich unsere Seele gegen den Gedanken des Aufhörens unserer +Persönlichkeit, der ewigen Vernichtung! Der horror vacui, den man der +Natur zuschreibt, ist vielmehr dem menschlichen Gemüte angeboren. Sei +getrost, teurer Leser, es gibt eine Fortdauer nach dem Tode, und in +der anderen Welt werden wir auch unsere Seehunde wiederfinden. + +Und nun, lebe wohl, und wenn ich Dir etwas schuldig bin, so schicke +mir Deine Rechnung. - + +Geschrieben zu Paris, +den 30. September 1851. Heinrich Heine. + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, ROMANZERO *** + +This file should be named 5607-8.txt or 5607-8.zip + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. + +Most people start at our Web sites at: +https://gutenberg.org or +http://promo.net/pg + +These Web sites include award-winning information about Project +Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new +eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!). + + +Those of you who want to download any eBook before announcement +can get to them as follows, and just download by date. This is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext04 or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext04 + +Or /etext03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our +projected audience is one hundred million readers. If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. If your state is not listed and +you would like to know if we have added it since the list you have, +just ask. + +While we cannot solicit donations from people in states where we are +not yet registered, we know of no prohibition against accepting +donations from donors in these states who approach us with an offer to +donate. + +International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about +how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made +deductible, and don't have the staff to handle it even if there are +ways. + +Donations by check or money order may be sent to: + +Project Gutenberg Literary Archive Foundation +PMB 113 +1739 University Ave. +Oxford, MS 38655-4109 + +Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment +method other than by check or money order. + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by +the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN +[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are +tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising +requirements for other states are met, additions to this list will be +made and fund-raising will begin in the additional states. + +We need your donations more than ever! + +You can get up to date donation information online at: + +https://www.gutenberg.org/donation.html + + +*** + +If you can't reach Project Gutenberg, +you can always email directly to: + +Michael S. Hart <hart@pobox.com> + +Prof. Hart will answer or forward your message. + +We would prefer to send you information by email. + + +**The Legal Small Print** + + +(Three Pages) + +***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START*** +Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers. +They tell us you might sue us if there is something wrong with +your copy of this eBook, even if you got it for free from +someone other than us, and even if what's wrong is not our +fault. So, among other things, this "Small Print!" statement +disclaims most of our liability to you. It also tells you how +you may distribute copies of this eBook if you want to. + +*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK +By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm +eBook, you indicate that you understand, agree to and accept +this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive +a refund of the money (if any) you paid for this eBook by +sending a request within 30 days of receiving it to the person +you got it from. If you received this eBook on a physical +medium (such as a disk), you must return it with your request. + +ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS +This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks, +is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart +through the Project Gutenberg Association (the "Project"). +Among other things, this means that no one owns a United States copyright +on or for this work, so the Project (and you!) can copy and +distribute it in the United States without permission and +without paying copyright royalties. Special rules, set forth +below, apply if you wish to copy and distribute this eBook +under the "PROJECT GUTENBERG" trademark. + +Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market +any commercial products without permission. + +To create these eBooks, the Project expends considerable +efforts to identify, transcribe and proofread public domain +works. Despite these efforts, the Project's eBooks and any +medium they may be on may contain "Defects". Among other +things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other +intellectual property infringement, a defective or damaged +disk or other eBook medium, a computer virus, or computer +codes that damage or cannot be read by your equipment. + +LIMITED WARRANTY; DISCLAIMER OF DAMAGES +But for the "Right of Replacement or Refund" described below, +[1] Michael Hart and the Foundation (and any other party you may +receive this eBook from as a PROJECT GUTENBERG-tm eBook) disclaims +all liability to you for damages, costs and expenses, including +legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR +UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT, +INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE +OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE +POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES. + +If you discover a Defect in this eBook within 90 days of +receiving it, you can receive a refund of the money (if any) +you paid for it by sending an explanatory note within that +time to the person you received it from. If you received it +on a physical medium, you must return it with your note, and +such person may choose to alternatively give you a replacement +copy. If you received it electronically, such person may +choose to alternatively give you a second opportunity to +receive it electronically. + +THIS EBOOK IS OTHERWISE PROVIDED TO YOU "AS-IS". NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS +TO THE EBOOK OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT +LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR A +PARTICULAR PURPOSE. + +Some states do not allow disclaimers of implied warranties or +the exclusion or limitation of consequential damages, so the +above disclaimers and exclusions may not apply to you, and you +may have other legal rights. + +INDEMNITY +You will indemnify and hold Michael Hart, the Foundation, +and its trustees and agents, and any volunteers associated +with the production and distribution of Project Gutenberg-tm +texts harmless, from all liability, cost and expense, including +legal fees, that arise directly or indirectly from any of the +following that you do or cause: [1] distribution of this eBook, +[2] alteration, modification, or addition to the eBook, +or [3] any Defect. + +DISTRIBUTION UNDER "PROJECT GUTENBERG-tm" +You may distribute copies of this eBook electronically, or by +disk, book or any other medium if you either delete this +"Small Print!" and all other references to Project Gutenberg, +or: + +[1] Only give exact copies of it. Among other things, this + requires that you do not remove, alter or modify the + eBook or this "small print!" statement. You may however, + if you wish, distribute this eBook in machine readable + binary, compressed, mark-up, or proprietary form, + including any form resulting from conversion by word + processing or hypertext software, but only so long as + *EITHER*: + + [*] The eBook, when displayed, is clearly readable, and + does *not* contain characters other than those + intended by the author of the work, although tilde + (~), asterisk (*) and underline (_) characters may + be used to convey punctuation intended by the + author, and additional characters may be used to + indicate hypertext links; OR + + [*] The eBook may be readily converted by the reader at + no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent + form by the program that displays the eBook (as is + the case, for instance, with most word processors); + OR + + [*] You provide, or agree to also provide on request at + no additional cost, fee or expense, a copy of the + eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC + or other equivalent proprietary form). + +[2] Honor the eBook refund and replacement provisions of this + "Small Print!" statement. + +[3] Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the + gross profits you derive calculated using the method you + already use to calculate your applicable taxes. If you + don't derive profits, no royalty is due. Royalties are + payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation" + the 60 days following each date you prepare (or were + legally required to prepare) your annual (or equivalent + periodic) tax return. Please contact us beforehand to + let us know your plans and to work out the details. + +WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO? +Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of +public domain and licensed works that can be freely distributed +in machine readable form. + +The Project gratefully accepts contributions of money, time, +public domain materials, or royalty free copyright licenses. +Money should be paid to the: +"Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +If you are interested in contributing scanning equipment or +software or other items, please contact Michael Hart at: +hart@pobox.com + +[Portions of this eBook's header and trailer may be reprinted only +when distributed free of all fees. Copyright (C) 2001, 2002 by +Michael S. Hart. Project Gutenberg is a TradeMark and may not be +used in any sales of Project Gutenberg eBooks or other materials be +they hardware or software or any other related product without +express permission.] + +*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END* + diff --git a/5607-8.zip b/5607-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..c90e90e --- /dev/null +++ b/5607-8.zip diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..c9e91c6 --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #5607 (https://www.gutenberg.org/ebooks/5607) |
