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-The Project Gutenberg EBook of Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff
-1: Der Beherrscher der Lüfte, by Anonymous
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff 1: Der Beherrscher der Lüfte
-
-Author: Anonymous
-
-Release Date: November 28, 2017 [EBook #56064]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER LUFTPIRAT UND SEIN ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski, Norbert H. Langkau, and the
-Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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-
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-
- 1. Band. Jeder Band ist vollständig abgeschlossen.
- Preis 10 Pf. (15 Heller.)
-
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-
- Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff.
-
-
-
-
- Der Beherrscher der Lüfte.
-
-
- [Illustration: Bestürzt sahen die Insassen der Gondel, wie aus den
- Wolken ein riesiges Luftfahrzeug hervortauchte.]
-
-
- Druck- und Verlags-Gesellschaft
- Berlin
-
-
-
-
- Der Beherrscher des Luftmeers.
-
-
-
-
- 1. Kapitel.
- Ein geheimnisvolles Fahrzeug.
-
-
-Hoch oben in den Lüften über den reichgesegneten Landschaften des
-südlichen Frankreichs schwebte eine gewaltige dunkle Kugel.
-
-Ein Luftballon war es, der, in der Nacht aufgefahren, eine lange
-Dauerfahrt antreten wollte.
-
-Der Ballon besaß eine gewaltige Größe, er trug einen Korb, groß und
-geräumig und offenbar für einen längeren Aufenthalt hergerichtet. Die
-zwei Männer, welche sich darin befanden, schienen erfahrene Luftschiffer
-zu sein, das sah man schon daraus, wie ruhig sie trotz der ungeheuren
-Höhe atmeten.
-
-Dicht neben ihnen hingen seltsamgeformte Kapseln mit langen Schläuchen,
-die Sauerstoffbehälter, welche die Atmung unterstützen sollten, falls
-sich die dünne Luft gar zu unliebsam bemerkbar machte.
-
-An der riesengroßen Seidenkugel, welche die Gondel trug, war eine
-eigentümliche Vorrichtung befestigt, nämlich eine Art Segel, die
-mittelst Bambusstäben regiert werden konnten. Diese Segel dienten dazu,
-bei ungünstigem Winde die gewünschte Richtung inne zu halten.
-
-Der eine der beiden Männer war schon bei Jahren, der zweite bedeutend
-jünger, zeigte durch sein militärisches Benehmen, daß er wohl dem
-Soldatenstande angehörte. Seine durchdringend scharfen Augen ruhten eben
-auf den Instrumenten.
-
-»Wir fahren mit größter Schnelligkeit,« sprach er zu seinem Gefährten.
-»Wenn es so weiter geht, und der Wind die Richtung beibehält, so
-schlagen wir unsere Konkurrenten binnen Kürze. Ich wette, wir haben die
-zwölf Ballons, die heute Nacht gleichzeitig mit uns Paris verließen,
-alle weit hinter uns gelassen. Vor allen Dingen kommt es uns zu statten,
-daß wir uns gleich in diese ungeheure Höhe begaben, hier weht der Wind
-mit größter Regelmäßigkeit, hier geraten wir nicht in die verschiedenen
-Luftströmungen, die unsere Freunde in den tieferen Regionen finden.«
-
-Es war noch sehr früh am Morgen, den Sonnenball sah man selbst aus
-dieser ungeheuren Höhe noch am Horizont, in Gegenden, welche direkt
-unter dem Ballon lagen, mußte noch Dämmerung herrschen.
-
-Plötzlich begann sich die Szenerie zu verändern.
-
-Die Luft war bis vor kurzem noch durchsichtig klar gewesen, nun schien
-sie sich mit leichten Nebeln zu erfüllen, das waren die leichten weißen
-Wolken, die selbst in diesen Höhen schweben und die ganz urplötzlich und
-zauberhaft erscheinen.
-
-Dennoch blieb die Windrichtung dieselbe und nur die Fernsicht wurde
-durch die Wolken beschränkt. Der mächtige Ballon trieb noch mit großer
-Schnelligkeit dahin, obwohl es aussah, als ob er völlig still stände.
-
-Man brauchte aber nur einen Blick auf die Instrumente zu werfen, um zu
-sehen, daß sich die riesige Seidenkugel mit größter Geschwindigkeit
-fortbewegte.
-
-»Das wird eine prächtige Fahrt,« rief der jüngere der Herren begeistert.
-»Wenn es so weiter geht, passieren wir in fabelhaft kurzer Zeit die
-deutsche Grenze, wir müssen tief im Innern Rußlands landen, wir müssen
-diesmal eine Fahrt unternehmen, wie sie noch nicht dagewesen ist, eine
-Dauerfahrt, die uns den Weltrekord sichert.«
-
-Weiter schwebte der gewaltige Ballon, manchmal boten die Wolken eine
-größere Fernsicht, dann aber schlossen sie sich wieder zusammen, so daß
-es den Luftschiffern zu Mute war, als ob der Ballon mitten durch einen
-milchweißen See dahinschwebte.
-
-Plötzlich wendete sich der ältere der Herren, der eben die Barometer
-beobachtet, jählings um und starrte in die jetzt wieder dichter
-werdenden, weißen, wallenden Nebelmassen.
-
-»Sehen Sie, dort, dort,« rief er seinem militärischen Gefährten zu.
-»Jetzt ist es wieder verschwunden -- aber da kommt es wieder! Sehen Sie
-dort zwischen den Wolken nicht den dunklen Körper?«
-
-»Das ist einer der anderen Ballons, welche die Dauerfahrt unternahmen,«
-antwortete der jüngere Herr überrascht. »Wahrhaftig, ich hätte nicht
-geglaubt, daß wir bei unserer fabelhaft schnellen Fahrt überholt werden
-könnten.«
-
-»Aber sehen Sie doch nur hin,« begann der ältere von neuem. »Das ist
-kein Ballon, es ist etwas anderes, die Wolken lassen es ja verzerrt
-erscheinen, aber ich setze meinen Kopf zum Pfande, daß es kein Fahrzeug
-ist, wie das unsere, da -- jetzt kommt es näher, da sehen Sie nur! --«
-
-Der Sprecher brach rasch ab, aber jetzt war auch sein jüngerer Gefährte
-aufgesprungen, und beide bohrten ihre Blicke in die Dunstmassen, als
-welche die Wolken in dieser Höhe erschienen.
-
-Ja, da kam es heran, etwas Seltsames, offenbar Langgestrecktes. Es ließ
-sich noch nicht deutlich erkennen, aber es war zweifellos, daß es sich
-auf den Ballon zubewegte.
-
-»Die fahren direkt gegen den Wind,« schrie jetzt der jüngere der Herren.
-»Das geht ja nicht mit rechten Dingen zu! Das hat etwas besonderes zu
-bedeuten!«
-
-»Ein lenkbares Luftschiff,« antwortete der ältere der Luftschiffer, »ein
-Fahrzeug, ich sehe es ganz deutlich. Jetzt kommt es eben zwischen den
-Wolken hervor, es hält noch immer die Richtung auf uns ein. Wahrhaftig,
-das ist zum mindesten sonderbar.«
-
-Die beiden Männer starrten sich an, dann warfen sie einen Blick auf die
-Instrumente, welche die Höhe anzeigten.
-
-»Fünftausend Meter,« sprach der ältere Herr. »Ein lenkbares Luftfahrzeug
-in dieser Höhe, das ist unmöglich! Die beiden Fahrzeuge, welche sich in
-Paris befinden, können gewiß nicht in solche Höhe hinauf und das hätte
-ja auch gar keinen Zweck. Es ist auch nicht das lenkbare Luftschiff von
-Santos-Dumont, auch nicht das zweite, welches der geniale Erfinder
-hergestellt hat, nein, die kenne ich ganz genau, die sind auch bedeutend
-kleiner.«
-
-»Es muß doch eins von ihnen sein,« rief der jüngere der Herren mit
-stockender Stimme. »Es sind die Nebel- und Wolkenmassen, welche das
-merkwürdige Fahrzeug so vergrößern.«
-
-Der andere aber schüttelte den Kopf, sein ernstes Gesicht war förmlich
-erstarrt. Kein Zweifel, dieser Mann wußte sich vor Staunen nicht zu
-fassen.
-
-»Es ist viel, viel größer, Herr Leutnant,« begann er nach kurzem
-Schweigen. »Verlassen Sie sich darauf. Und es kann auch keins der
-Lenkbaren sein, die in Paris untergebracht sind, denn sie werden jetzt
-gerade ausgebessert, sie sind unmöglich aufgestiegen.«
-
-»Sollte es vielleicht ein deutsches Fahrzeug sein?« fragte der
-französische Offizier, in dessen Augen sich jetzt ein Gefühl des Aergers
-und der Feindseligkeit bemerkbar machte. »Die Deutschen sollen ja auch
-Luftfahrzeuge besitzen. Es wäre nicht ausgeschlossen, daß sie eine Reise
-mit ihnen nach Frankreich unternehmen.«
-
-»Nein, nein, auch das ist nicht der Fall,« rief der andere. »Das
-einzige, was hier in Betracht käme, und welches so groß ist, wie das
-sonderbare Fahrzeug, das auf uns zufährt, das hat, wie ich bestimmt
-weiß, den deutschen Boden nicht verlassen. Und die anderen Lenkbaren
-sind viel kleiner, nein, Herr Leutnant, wir haben ein fremdes Fahrzeug
-vor uns, welches, wie ich es offen zugestehen muß, mir völlig unbekannt
-ist. Wahrhaftig, wenn Sie nicht bei mir wären, wenn Sie nicht mit mir
-sprächen, so würde ich glauben, daß ich träume oder daß ich mich in
-einem Fieberanfall befinde. Da, da ist es! Jetzt kommt es wieder aus den
-Wolken hervor. Aber sehen Sie doch nur, das ist ja geradezu unheimlich!«
-
-Ein riesiger Körper kam aus den weißen, wallenden Massen
-hervorgeschossen. Er fuhr direkt gegen den Wind, man hörte ein
-eigentümliches Knattern, jedenfalls waren es die Maschinen, welche
-arbeiteten.
-
-Die beiden Männer in der Gondel des Ballons hatten schon manchen
-Aufstieg mitgemacht. Sie waren oft bei Stürmen in den Lüften gewesen,
-sie hatten mit ihrem Ballon schwarze Wolkenmassen durchfahren, wo sie
-Blitze umzuckten und der Donner schrecklich krachte.
-
-Aber nie hatten sie ein solches Grauen empfunden, wie jetzt bei der
-Annäherung des seltsamen Fahrzeuges, welches sich mit so unglaublicher
-Sicherheit vorwärts bewegte. Die Kraft, welche es durch den Luftozean
-trieb, mußte außerordentlich sein. Die beiden Herren sahen sich an, als
-wollten sie ihren Sinnen nicht trauen.
-
-»Nein, das ist keins der uns bekannten Fahrzeuge,« stammelte plötzlich
-der ältere Herr. »Sehen Sie doch, Herr Leutnant, das Luftschiff besteht
-ja aus Metall, es ist kein Zweifel, das ist ein eigenartiges Metall,
-welches mit einem unglaublich leichten Gas gefüllt sein muß. Und sehen
-Sie nur am Vorderteil diese gewaltige Spitze.«
-
-»Genau wie der Rammsporn eines Kriegsschiffes,« antwortete der Offizier,
-der sich an den Kopf faßte und sich die Augen rieb. Er meinte
-vielleicht, die seltsame Erscheinung würde plötzlich wieder
-verschwinden.
-
-Aber es war keine Phantasie, das rätselhafte, riesige Luftschiff kam
-heran, man hörte das Knattern der Maschinen, das Arbeiten der
-Flügelräder, aber sonderbar, man sah keinen Menschen.
-
-Das Luftschiff hatte die Richtung auf den Ballon genommen, und so konnte
-man es nur von vorn betrachten, unten, an der grauen Metallfläche aber
-befanden sich Anhängsel von eigenartiger Form, es waren keine Körbe und
-keine Gondeln, es waren geschlossene Räume, in denen sich sicherlich
-eine ganze Anzahl Menschen aufhalten konnte.
-
-Mit einem Mal verminderte das Fahrzeug seine Schnelligkeit, aber es kam
-immer noch schnell genug heran, man sah die gewaltig große, offenbar aus
-Metall hergestellte Spitze, wie sie bereits in großer Nähe drohte.
-
-»Er rennt uns an,« rief der Offizier, »er will unseren Ballon
-durchbohren!«
-
-Der ältere Herr antwortete nicht, er biß die Zähne zusammen, unablässig
-blickte er nach dem sonderbaren Luftschiff hinüber.
-
-Deutlich sah man unter ihm einen Anhängsel oder richtiger gesagt einen
-Anbau, man gewahrte auch Fensteröffnungen, aber die schienen durch Läden
-gesichert und verschlossen zu sein.
-
-Jetzt war das rätselhafte Schiff bis auf fünfhundert Meter
-herangekommen. Da machte es plötzlich eine Schwenkung, aber nun fuhr es
-zum größten Staunen der Luftschiffer in einem gewaltigen Kreise um den
-Ballon herum.
-
-Da sah man es von der Seite und die Umrisse des seltsamen Fahrzeuges
-waren trotz der wogenden Wolkenmassen zu erkennen.
-
-In der Mitte des Fahrzeuges lief eine Gallerie um das ganze Luftschiff
-herum, unten sah man die drei geschlossenen Anbauten, in deren
-mittelsten die Maschinen arbeiteten.
-
-Sechs große, eigenartig geformte Flügelräder, die an den Seitenwänden
-des sicherlich metallenen Luftfahrzeuges angebracht waren, arbeiteten.
-Man hörte deutlich ihre sausenden Töne, oben auf dem Fahrzeug befand
-sich etwas, das einem Ausguck glich und die staunenden Männer sahen, wie
-dünne, eiserne Treppen oder vielmehr Leitern nach der Gallerie und nach
-diesem Ausguck führten.
-
-Eine hohe Fahnenstange ragte senkrecht am Ende des sonderbaren
-Fahrzeuges empor und unter dem letzten Ausbau gewahrte man deutlich das
-mächtige Steuer.
-
-Eine Fahne aber führte der Flaggenstock nicht und als das rätselhafte
-Luftschiff näher kam, überlief die beiden einsamen Männer in der Gondel
-ein Grausen, wie sie es in ihrem ganzen Leben noch nicht gefühlt hatten.
-
-Zweimal umkreiste das Fahrzeug den Ballon, dessen Insassen sich
-ordentlich ohnmächtig vorkamen.
-
-Sie fühlten, daß sie von den Leuten, die sich da in den geschlossenen
-Anbauten befinden mußten, abhängig waren. Ein Stoß der eisernen Spitze
-mußte ja die Seidenhülle des Ballons in Fetzen reißen und die beiden
-Männer als formlose Massen in die Tiefe schleudern.
-
-Jetzt war das seltsame Fahrzeug zum zweiten Male um den Ballon
-herumgeflogen, da aber kam es plötzlich hinter ihm hervorgeschossen und
-schwebte jetzt an seiner Seite.
-
-Es war kaum noch fünfzig Meter entfernt und diese Entfernung verringerte
-sich mit jeder Sekunde.
-
-»Wir stoßen zusammen,« rief der Offizier, indem er unwillkürlich nach
-einem Revolver griff, als ob er sich mit der Waffe gegen die Insassen
-des feindlichen Fahrzeuges schützen könnte.
-
-Der Zusammenstoß geschah aber nicht, das Fahrzeug schien wunderbar
-gelenkt zu werden. Es rückte immer näher heran, aber ein Zusammenstoß
-wurde offenbar vermieden.
-
-»Da -- da ein Mann,« rief der ältere der Luftschiffer, »sehen Sie doch,
-da im vordersten Anbau! Wahrhaftig, jetzt wird die Sache geradezu
-unheimlich!«
-
-Er hatte recht, dort war eine Art Tür aufgeschoben, und plötzlich stand
-eine Männergestalt auf der schmalen Gallerie, welche die Anbauten
-miteinander verband.
-
-Es war eine hohe, stolze Erscheinung in der einfachen, dunkelblauen
-Uniform eines Kapitäns, auf dem dunkelbraunen Haar saß die Mütze mit dem
-goldenen Streifen. Er stand mit untergeschlagenen Armen auf der
-Gallerie, die er blitzschnell betreten haben mußte. Aber
-merkwürdigerweise hatte er sein Gesicht bedeckt, eine Halbmaske von
-schwarzem Sammet ließ nur den energischen Mund und das bärtige Kinn
-sehen.
-
-Aus der Maske hervor aber blitzten zwei Augen, so unheimlich, so
-glühend, daß die beiden Herren in der Gondel betroffen zurückprallten.
-
-Schweigend betrachtete der Mann in der blauen Uniform die Gondel des
-Ballons, von welcher er sich höchstens zwanzig Meter entfernt befand.
-
-»Woher kommt Ihr?« rief er plötzlich mit tönender Stimme.
-
-»Von Paris,« rief der ältere Luftschiffer förmlich mechanisch.
-
-»So, von Paris,« klang es schneidend herüber. »Nun gut, dann nehmt einen
-Auftrag von mir mit. Dort in der Hauptstadt ist man ja geschäftig genug,
-das Luftmeer zu besiegen, Fahrzeuge zu bauen, mit denen man den
-Luftozean beherrschen möchte. Aber, sagt diesen Männern, daß ich der
-Herr der Lüfte geworden bin und daß ich es auch bleiben werde. Sagt
-ihnen, daß sie es nicht wagen sollten, mit mir in Wettbewerb zu treten.
-Das möchte ihnen zum Verhängnis ausschlagen. Ich bin der Beherrscher der
-Lüfte, ich will es bleiben, von der Erde hat man mich verjagt, man hat
-mich gewissermaßen für vogelfrei erklärt, mich wie ein Stück Wild fast
-zu Tode gehetzt, aber hier oben dulde ich niemand neben mir, sagt es
-denen, die das vollbringen wollen, was mir längst gelungen ist. Und wehe
-ihnen, wenn sie es wagen, mir hier oben feindselig in den Weg zu treten!
-Wehe ihnen, sie sollen den Kapitän Mors kennen lernen.«
-
-
-
-
- 2. Kapitel.
- Der Beherrscher der Lüfte.
-
-
-Die letzten Worte klangen wie Donnerton, aber im selben Augenblick
-verschwand auch der rätselhafte Mann wieder in den Anbau, man hörte
-einen Laut, als ob eine Falltür ins Schloß schlug.
-
-Gleich darauf veränderte das riesige Luftschiff wieder seine Richtung
-und im selben Moment griffen die beiden Luftschiffer nach ihren Köpfen,
-sie preßten unwillkürlich die Hände auf die Ohren, bestürzt über den
-furchtbaren Laut, der dort ertönte.
-
-Neben der eisernen Spitze hervor klang es, das mußte wohl eine
-sogenannte Sirene sein, eins jener gewaltigen Nebelhörner, mit welchem
-die Schiffe bei Nebelwetter auf der See Signale geben. Aber dieser Ton
-war ganz verschieden, und zwar so furchtbar, so durchdringend, daß die
-beiden Männer meinten, das Trommelfell müßte ihnen platzen.
-
-Das klang wie eine geheimnisvolle Warnung, als wollte der unheimliche
-Maskierte sagen »Hütet Euch, mir nahe zu kommen! Mir, dem Besitzer
-dieses seltsamen Luftfahrzeuges!«
-
-Zum zweiten, zum dritten Male schallte der furchtbare Laut, da griffen
-die beiden Luftschiffer mit zitternden Händen nach den Ventilleinen.
-
-Hinab wollten sie, schnell hinab, nur fort aus dieser unheimlichen Nähe.
-Zischend entwich das Gas durch die geöffneten Ventilklappen und der
-stolze Ballon, der eben noch in der ungeheuren Höhe majestätisch
-dahingesegelt, sank schnell durch die Wolkenmassen.
-
-Das rätselhafte Luftschiff aber blieb allein, es schwebte hoch oben über
-den Wolken, einen Augenblick schien es regungslos zu verharren, dann
-begann die Maschine von neuem knatternd zu arbeiten, mit fabelhafter
-Geschwindigkeit drehten sich die Flügel umeinander und nun schoß das
-merkwürdige Fahrzeug pfeilschnell von dannen.
-
-Es hatte die Richtung nach Nordwest eingeschlagen, als ob es sich direkt
-in der Richtung auf Paris zu bewegte. Auf die Hauptstadt, in welcher
-kühne, geniale Männer zuerst lenkbare Luftschiffe erbauten.
-
-Der Ballon aber sank mit großer Schnelligkeit aus den Höhen herab und
-landete schon nach kürzester Zeit auf den Gefilden Frankreichs.
-
-Dort staunte man nicht wenig, als man den gewaltigen Luftballon
-erblickte, denn er gehörte ja zu den Dauerfahrern, welche ungeheure
-Strecken Landes überfliegen sollten. Niemand konnte sich bei dem schönen
-Wetter diese vorzeitige Landung des Ballons erklären.
-
-Man fragte, ob irgend ein Unglück geschehen sei, ob der Ballon
-beschädigt wäre, aber die beiden Luftschiffer gaben ausweichende
-Antwort.
-
-Sie hatten nur einen Gedanken, sie wollten so schnell als möglich nach
-Paris zurück und dort die unheimliche Begegnung melden, sie wollten
-genau berichten, was sie da oben über den Wolken gesehen hatten.
-
-Die beiden Herren ließen sich kaum Zeit, für die Verpackung des Ballons
-zu sorgen. Nachdem sie Order gegeben, den zusammengepackten Ballon nach
-Paris zu befördern, fuhren sie so schnell wie möglich zur nächsten
-Bahnstation und erreichten bald Paris, wo ihr plötzliches Erscheinen das
-größte Staunen erregte.
-
-In dieses Staunen mischte sich Aerger, denn viele hatten gerade auf
-diesen Ballon gewettet, sie waren überzeugt gewesen, daß dieses mächtige
-Luftschiff mit einer Segelvorrichtung alle anderen Konkurrenten besiegen
-würde.
-
-Man sparte nicht einmal mit Vorwürfen, alle wollten den Grund wissen,
-warum der Ballon die Weiterfahrt aufgegeben hatte, aber die Neugier
-wurde nicht gestillt, dagegen eilten die beiden Luftschiffer nach dem
-Ballondepot, in welchem sich auch die militärischen Ballons und einige
-sogenannte lenkbare Luftschiffe befanden.
-
-Auch hier erregte das Erscheinen der beiden Männer das höchste Erstaunen
-und bedenkliches Kopfschütteln, das sich aber noch steigerte, als die
-beiden so schnell Zurückgekehrten dem Komitee, zu dem auch einige
-Offiziere gehörten, ihr sonderbares Erlebnis mitteilten.
-
-Schweigend hörte man sie an, dann wechselte man verständnisvolle Blicke
-und nachher malte sich Unglauben in aller Mienen.
-
-»Meine Herren,« sprach endlich ein alter Offizier mit silberweißem
-Haupthaar, dem man den altgedienten Militär auf hundert Schritte ansah
-und dessen Knopfloch die bunten Bänder verschiedener Orden zierten.
-»Meine Herren, Sie haben uns soeben eine Wundergeschichte erzählt,
-höchst wahrscheinlich, um das vollständig unbegreiflich frühe
-Unterbrechen Ihrer Reise zu erklären. Aber ich meine, da hätte sich doch
-eine andere glaubhaftere Ausrede finden lassen. Sie sind ja beide
-erfahrene Luftschiffer, aber nehmen Sie es mir nicht übel, diese
-Erzählung halte ich für ein Märchen!«
-
-Der junge Offizier wollte eine heftige Antwort geben, aber sein älterer
-Gefährte hielt ihn zurück.
-
-»Ich bin seit mehr als fünfzehn Jahren Luftschiffer,« erwiderte er nicht
-ohne Stolz. »Ich habe selbst meine Auffahrten nicht mehr gezählt, mich
-hat noch niemand in meinem ganzen Leben einer Lüge für fähig gehalten,
-noch weniger ist es mir möglich, mir als ernstem Forscher
-Wundergeschichten auszudenken. Daß man in unseren Bericht Zweifel setzen
-würde, wußte ich von vornherein; aber, er ist dennoch die Wahrheit. Ich
-habe schon gefährliche Fahrten durchgemacht, aber nie in meinem Leben
-habe ich ein solches Grauen empfunden wie heute morgen, als wir
-unvermutet dem unheimlichen Fahrzeug begegneten. Halten Sie unsere
-Erzählung immerhin für ein Märchen, wir können es nicht ändern. Wir
-haben weder geträumt, noch phantasiert, das seltsame Fahrzeug ist uns
-wirklich begegnet, den Maskierten haben wir mit eigenen Augen gesehen.
-Jetzt mag man uns Lügner schelten, die Zukunft wird unsere Angaben
-bestätigen müssen!«
-
-Er verneigte sich flüchtig vor der stillschweigenden Versammlung und zog
-dann den heißblütigen Offizier mit sich, der dem besonnenen Freunde nur
-widerwillig folgte.
-
-Die Herren des Komitees blieben zurück und begannen sofort eine erregte
-Auseinandersetzung. Die Meinungen waren geteilt.
-
-Einige Herren nahmen entschieden die Partei der beiden Luftschiffer und
-behaupteten, diese ernsten, nur ihren Erfindungen und Erfahrungen
-lebenden Männer wären absolut nicht imstande, eine Unwahrheit
-vorzubringen.
-
-Die übrigen Herren des Komitees aber zuckten die Achseln; es ergab sich
-ein erregtes Durcheinander, bis endlich der alte ehemalige Oberst, der
-Vorsitzende des Komitees, Ruhe gebot.
-
-»Meine Herren,« sprach er mit Stentorstimme. »Ich bin vielleicht vorhin,
-als mir die seltsame Geschichte erzählt wurde, mit der Entgegnung etwas
-unvorsichtig gewesen. Ja, ich glaube sogar, ich habe unsere beiden
-geschätzten Mitglieder beleidigt, das mag man mir altem Soldaten, der
-schon anno 1870 in mancher Schlacht gekämpft, zu gute halten. Ich bin
-eben ein bißchen rauh, aber das ist nicht so gemeint. Ich denke, es ist
-das beste, wir schweigen über die ganze Sache. Es gibt eine sonderbare
-Krankheit, die man zuweilen mit dem Namen Höhenrausch bezeichnet und ich
-glaube auch jetzt noch, daß unsere beiden Freunde, denn so nenne ich
-sie, in der furchtbaren Höhe in erhitzten Sinnen Dinge gesehen haben,
-die gar nicht existieren. Halluzinationen, wie sie häufig selbst den
-heldenkühnsten Menschen widerfahren. Das glaube ich. Sollte es aber
-dennoch so sein und ein Fahrzeug existieren, welches alles übertrifft,
-was sich der menschliche Geist vorstellt, nun wohl, so werden wir ja
-noch weiteres darüber hören. Also einstweilen erbitte ich
-Stillschweigen, ja, ich verpflichte die Herren sogar dazu. Sie kennen
-das schnelle Urteil der oberflächlichen Menge und ich möchte unsere
-beiden Freunde nicht lächerlich machen.«
-
-Diesen Worten stimmten alle zu und bald trennten sich die Herren, indem
-sie sich gegenseitig das Versprechen gaben, über das seltsame Ereignis
-Stillschweigen zu bewahren.
-
-Aber schon am nächsten Tage kam eine Nachricht, welche die Mitwissenden
-aufs höchste befremdete. Da war nämlich ein zweiter Ballon der
-Dauerfahrer wegen mangelhafter Ventile hart an der Grenze des
-französischen Gebiets niedergegangen. Die Insassen des Ballons kamen am
-nächsten Tage nach Paris zurück, aber auch sie hatten von einer
-merkwürdigen Erscheinung zu erzählen.
-
-Sie meldeten nämlich, daß sie in der ersten Morgendämmerung einen
-langen, grauen Körper bemerkt hätten, der in großer Höhe dahinsauste und
-offenbar direkt gegen den Wind fuhr.
-
-Die Herren hatten diese sonderbare Erscheinung nur undeutlich sehen
-können und da dieser merkwürdige Gegenstand sich sehr schnell bewegte,
-so meinten sie, es wäre ein Meteor, welches die Atmosphäre der Erde
-kreuzte.
-
-Freilich erschien diese Erklärung wenig plausibel, denn da hätte ja ein
-solcher fremder Weltkörper glühen müssen. Allerdings wollte auch einer
-der beiden Insassen in der Gondel einen hellen Schein gesehen haben, der
-aber bald wieder verschwand.
-
-»Er war nicht rotglühend,« berichtete er, »sondern schneeweiß, er sah
-fast aus wie der Lichtkegel eines Scheinwerfers, aber er dauerte nur
-einen flüchtigen Augenblick, dann war schon alles wieder verschwunden.«
-
-Die Herren des Komitees aber sahen sich befremdet an, denn jetzt wurde
-die Sache immer rätselhafter. Sie glaubten nicht mehr an ein Märchen und
-an Halluzinationen, sie waren ganz betroffen bei dem Gedanken, daß ein
-lenkbares Luftschiff von solchen Dimensionen existierte.
-
-Aber zu welchem Staate konnte das gehören? Wer hatte dies Schiff erbaut?
-
-Aus Deutschland kam es nicht, das hätten ja die Zeitungen gewiß
-berichtet, auch nicht aus England, da man trotz aller Geheimniskrämerei
-über eine solche wichtige Erfindung unmöglich Stillschweigen bewahren
-konnte.
-
-Andere Länder aber besaßen keine lenkbaren Luftschiffe. Hier kam nur
-noch Amerika, die Vereinigten Staaten, in Betracht. Sollte dort
-vielleicht in aller Stille ein solch merkwürdiges Fahrzeug erbaut worden
-sein? --
-
-Aber wozu hatte sich dann jener Mann in der blauen Kapitänsuniform
-maskiert? Weshalb hatte er sich den grauenvollen Namen Kapitän Mors
-beigelegt? Diesen Namen des Todes, weshalb hatte er die geheimnisvolle
-Warnung den Luftschiffern zugerufen. Das waren ja Rätsel über Rätsel.
-
-Wenige Stunden später gingen vertrauliche Anfragen von diplomatischer
-Seite ab, hauptsächlich nach den Vereinigten Staaten, Depeschen wurden
-gewechselt, aber die Antworten brachten keine Aufklärung. In den
-Vereinigten Staaten war nichts über ein lenkbares Luftschiff bekannt,
-und die Versuche, die man dort anstellte, befanden sich noch in den
-Anfängen.
-
-Nun wartete man noch auf die Nachrichten von den anderen Dauerfahrern.
-
-Man mußte sich in Geduld fassen, da die Luftschiffe bei dem günstigen
-Winde meist über Deutschland hinweg nach den russischen Städten
-getrieben waren.
-
-Einzelne landeten in Ungarn, aber deren Insassen hatten nichts
-Absonderliches gesehen. Nun harrte man voller Ungeduld auf die
-Nachrichten der übrigen Dauerfahrer, welche bei den mangelhaften
-Verkehrsmitteln im südlichen Rußland erst nach Ablauf einer Woche
-erwartet werden konnten.
-
-Das Komitee befand sich in fieberhafter Spannung, nicht minder die
-beiden Luftschiffer, welche die seltsame Begegnung gehabt hatten.
-
-Die letzteren hatte man durch gütliches Zureden wieder versöhnt und sie
-bewogen, die rätselhafte Begegnung in den Lüften geheim zu halten.
-
-Das wurde auch gern zugestanden, da man den Spott und Hohn der großen
-Menge fürchtete, diese hätte ja nie und nimmer eine solche Geschichte
-geglaubt, das hätte man für eitel Fabel, ja für hellen Wahnsinn
-gehalten.
-
-Endlich kamen die langersehnten Nachrichten, Depeschen trafen ein, in
-denen die Dauerfahrer ihre Erlebnisse meldeten.
-
-Die meisten waren alle tief im Innern Rußlands gelandet, ein Ballon war
-sogar um ein Haar ins Schwarze Meer geraten. Nur ein Luftschiff fehlte
-noch. Dieses schien am weitesten geflogen zu sein.
-
-Und wieder kam ein Tag, da klapperten die telegraphischen Apparate. Eine
-Depesche kam aus dem fernsten Rußland, vom Uralgebirge, an Asiens
-Grenzen.
-
-Es waren die noch Vermißten, und das Komitee, dem die Ankunft der
-Depeschen gemeldet war, begab sich in größter Eile nach der Station, wo
-man die Depeschen aufnahm.
-
-Die Leitung mochte nicht recht in Ordnung sein, denn die Depesche langte
-zwar an, aber in verschiedenen Pausen, die teilweise halbe Stunden
-dauerten.
-
-Zunächst meldeten die Luftschiffer im Triumph, daß sie jedenfalls den
-Weltrekord geschlagen hätten. Sie berichteten, daß sie sich bereits auf
-der Heimreise befänden.
-
-Schon wollte das Komitee die Depesche als beendet erklären, da begann
-der Apparat plötzlich von neuem zu ticken.
-
-»Ja, das verstehe ich nicht,« sprach der Telegraphenbeamte, als er
-auf die Typen sah, welche durch den Apparat direkt auf die
-Papierstreifen gedruckt wurden. »Das sind ja ganz sinnlose Worte, die
-Telegraphenleitung in Rußland muß völlig in Unordnung geraten sein. Oder
-der Telegraphist ist betrunken.«
-
-»Nein, nein,« sprach der alte Herr, indem er sich eiligst hinzudrängte,
-»das ist die Chiffreschrift unserer Gesellschaft. Geben Sie her, das ist
-noch eine besondere Meldung.«
-
-Der Apparat tickte noch immer, die scheinbar sinnlosen Worte reihten
-sich eins an das andere. Dann kam plötzlich jenes Signal, welches das
-Ende der Depesche verkündete. Kopfschüttelnd überreichte der Beamte dem
-Greise die beschriebenen Papierstreifen.
-
-Der alte Herr verließ die Station mit auffallender Hast, ihm folgten die
-übrigen Herren, die sich draußen im Flur um den Vorsitzenden drängten.
-
-»Was bedeutet dies?« fragten verschiedene Stimmen hastig. »Sie haben die
-Chiffreschrift gelesen? Was enthält der geheimnisvolle Schluß dieser
-langen Depesche?«
-
-Der Greis machte ein sehr ernstes Gesicht.
-
-»Meine Herren,« sprach er leise. »Wir haben unseren beiden Mitgliedern,
-welche die Begegnung meldeten, Unrecht getan. Hier ist schon die dritte
-Bestätigung, daß ein solch merkwürdiges Fahrzeug existiert. Einen
-Augenblick, ich werde es Ihnen vorlesen.«
-
-Und mit ganz leiser, vor Erregung zitternder Stimme las der alte Herr
-die bedeutungsvollen Worte:
-
-»Sechs Stunden vor unserer Landung haben wir ein seltsames Luftfahrzeug
-gesehen, welches anscheinend in großer Höhe dahinsauste. Es verfolgte
-die Richtung nach Südosten, es flog den südlichen Steppen Rußlands zu,
-anscheinend, um den Kaukasus zu erreichen. Das Luftschiff schien sehr
-groß zu sein, sein Aussehen war fremdartig; weiteres werden wir mündlich
-mitteilen.«
-
-Der alte Herr faltete die Depesche zusammen.
-
-»Hier waltet ein Geheimnis ob,« sprach er. »Hier befindet sich ein Mann
-im Besitze eines Fahrzeuges, wie es sich nicht einmal die kühnste
-Phantasie vorstellen kann. Meine Herren, wir wollen nur hoffen, daß
-dieser geheimnisvolle Maskierte seine offenbar geniale Erfindung nicht
-zu dämonischen Zwecken benutzt. Wäre dies der Fall, so müßte es geradezu
-entsetzlich sein, dann kann ich mir die Folgen noch gar nicht einmal
-ausmalen. Seien wir offen, meine Herren, der Besitz eines solchen
-Fahrzeuges macht diesen Mann zum Herrn der halben Welt, es ist kein
-Zweifel, dieser seltsame Maskierte, der sich Kapitän Mors nennt, ist der
-Beherrscher der Lüfte!«
-
-
-
-
- 3. Kapitel.
- An der Stätte einstigen Glückes.
-
-
-Die Gondelinsassen des Ballons, der tausend und abertausende von
-Kilometern zurückgelegt hatte, ehe er an Asiens Grenzen landete, hatten
-das wunderbare Luftfahrzeug gleichfalls gesehen.
-
-Und sie irrten sich auch nicht, als sie behaupteten, dasselbe wäre in
-der Richtung des Kaukasus von dannen gefahren. Das Luftschiff hatte jene
-Richtung eingeschlagen, nach Georgien, nach den Landschaften, die
-zwischen dem Kaspischen und dem Schwarzen Meere lagen.
-
-Es war ein herrlicher Morgen, die Sonne beleuchtete eine wunderbare
-Landschaft, man konnte glauben, daß sie den deutschen Alpen angehörte.
-
-Nadelwaldungen bedeckten die Berghänge, hier und da sah man grüne
-Wiesen, tiefer unten in den Tälern schäumten kristallklare Flüsse. Hoch
-oben zeigten sich die Berge, von denen die höchsten in Schnee und Eis
-glänzten, sonst aber war in dieser herrlichen Gegend kein Mensch zu
-sehen.
-
-Dieses prächtige Tal schien gemieden zu sein, man sah nur einige Vögel,
-welche über den Tannenwäldern kreisten, Raubvögel, die offenbar nach
-Beute suchten.
-
-Plötzlich hielten die Raubvögel in ihren regelmäßigen Kreiszügen inne.
-Sie kreischten, schlugen mit den Flügeln und schwangen sich dann schnell
-hinweg, um pfeilschnell in den Tiefen der Abgründe zu verschwinden.
-
-Was war das für eine Störung, welche die Segler der Lüfte von dannen
-trieb? Das war sicherlich jener graue, seltsame Gegenstand, der
-plötzlich zwischen den Kuppen zweier himmelhoher Berge hindurchschoß.
-
-Pfeilschnell bewegte sich diese fremdartige Erscheinung durch die Lüfte,
-aber jetzt begann sie sich zu senken, die merkwürdige Erscheinung schien
-noch immer in der Luft etwas über den Abhängen der Berge entlang zu
-sausen. Sie fuhr über die Tannen und Fichten dahin und jetzt näherte sie
-sich den grünen Wiesen.
-
-Ja, das war jenes seltsame Luftschiff, welches die Franzosen gesehen
-hatten, dieses sonderbare Fahrzeug, welches so plötzlich auftauchte, daß
-man ein Phantom zu sehen glaubte.
-
-Hart über einem Felsplateau, über einer Lichtung, blieb es plötzlich
-stehen. Die Flügel wirbelten nicht mehr, doch schien eine geheimnisvolle
-Gewalt es zu regieren. Es stand fast unbeweglich, ungefähr zwanzig Meter
-über dem Boden. Dann hörte man wieder jenes seltsame Klappen, und im
-selben Augenblick fiel eine lange, aus Seide geflochtene Strickleiter
-herab.
-
-Kaum berührte diese den Boden, da kletterte auch schon ein Mann aus dem
-Luftschiff, der Mann in der blauen Uniform, der auch jetzt die Maske
-trug.
-
-Hinter ihm aber kletterte eine zweite Gestalt hinab, die gleichfalls ein
-ungewöhnliches Aussehen darbot. Nein, das war kein Sohn der weißen
-Rasse, die buntfarbigen Gewänder, welche die geschmeidige, aber sehnige
-Gestalt umhüllten, deckten braune Glieder, dieser noch junge Mann war
-sicherlich unter glühender Sonne aufgewachsen.
-
-Er folgte dem Vorankletternden mit größter Gewandtheit. Beide erreichten
-schnell hintereinander den Boden.
-
-Der zweite Mann war nicht maskiert, sein junges, braunes Gesicht besaß
-einen eigentümlich träumerischen Ausdruck, fast sanft, ja weiblich, nur
-wenn die Augen aufglühten, gewahrte man, daß auch dieser Mann
-unbezähmbare Energie besitzen mußte.
-
-Er war der Angehörige eines edlen Volkes, die feingebogene Nase, die
-ebenmäßigen Gesichtszüge verrieten den Inder. Dieser junge Mann, der in
-bescheidener Haltung neben dem Maskierten in der blauen Kapitänsuniform
-stand, war sicherlich ein Hindu, ein Sohn des Landes, welches die
-Engländer beherrschen.
-
-Jetzt sah er unverwandt auf seinen stolzen Begleiter, dessen breite
-Brust krampfhaft arbeitete. Die Teile des Gesichts, welche die Maske
-nicht bedeckte, waren jetzt totenbleich und ein dumpfer, stöhnender
-Seufzer verriet, daß dieser Mann mit aller Macht gegen eine furchtbare
-Erregung kämpfte.
-
-»Sahib,« sprach der junge Hindu sanft in der wohllautenden Sprache
-seiner Heimat. »Sahib, warum seid Ihr wieder hierhergekommen? O, Herr,
-Ihr wißt, daß es für Euch eine Qual ist, eine Marter, die Euch das Herz
-zerfleischt, und dennoch sucht Ihr von Zeit zu Zeit diese Stätte auf, um
-Euch zu peinigen.«
-
-»Du hast recht, treue Seele,« tönte es von den bärtigen Lippen des
-Maskierten. »Keine Marter der Hölle ist so furchtbar wie die Pein,
-welche ich beim Besuch der Stätte empfinde, wo ich einst das größte
-Glück der Welt gefunden zu haben meinte. Aber ich kann nicht anders, es
-treibt mich immer wieder hierher. Vielleicht, daß die Zeit es dahin
-bringt, daß ich nicht mehr so an die Vergangenheit denke, wie jetzt.
-Aber wenn ich auch fliegen kann, so weit der Himmel blau ist, wenn die
-Erde, wenn das Weltall mir offen steht, eine finstere Gewalt gibt es,
-die mich immer wieder hierherführt, wo ich einst so glücklich gewesen.
-Komm, ich muß die Stätte wiedersehen.«
-
-Der Maskierte stürmte voran und brach sich durch das Gebüsch Bahn, daß
-die Zweige links und rechts zurückschlugen.
-
-Er war jetzt übrigens bewaffnet, in dem Gürtel, der seine Hüften
-umschloß, steckten zwei Revolver, die jeden Augenblick zum Feuern fertig
-schienen. An seiner Linken hing ein schwerer Degen in schwarzer
-Lederscheide, eine Waffe, die nur eine sehr starke Hand zu schwingen
-vermochte.
-
-Auch der indische Diener, denn ein solcher war er offenbar, trug Waffen,
-unter seinem weißen, burnusähnlichen Obergewand sah man die Griffe von
-silberbeschlagenen Pistolen, ferner eins der seltsam geformten indischen
-Schwerter, dessen Griff von Juwelen funkelte.
-
-Durch das Tannengestrüpp ging es hindurch, zuweilen raschelte es hier
-und dort, dann blieben die Männer stehen, aber es war nur ein
-aufgestörter Fuchs oder anderes Wild, welches das Weite suchte.
-
-»Herr,« sprach der Inder plötzlich. »Die Menschen meiden dieses Tal, in
-welchem das Wild wohnt. Ihr werdet an dieser Stätte keine Fremdlinge
-finden.«
-
-»Ich möchte es auch niemand raten,« knirschte der Vorangehende. »Wehe
-dem, der es wagt, die Grabesruhe zu stören. Ich bin kein Dämon, kein
-Teufel, aber hier würde ich jeden Störenfried vernichten. Doch da sind
-wir, da ist's, es ist alles noch unverändert!«
-
-Er nahm die Mütze mit dem goldenen Streifen ab, der indische Diener aber
-kreuzte die Arme über der Brust und neigte sich tief, als ob er jemandem
-seine Ehrerbietung bezeugte.
-
-Da war eine Lichtung und auf dieser Lichtung sah man die Trümmer von
-Gebäuden.
-
-Hier schien ein großes Gehöft gestanden zu haben, von dem jetzt nur noch
-die Grundmauern zu sehen waren. Auch diese wurden bereits von Gestrüpp
-überwuchert.
-
-Deutlich sah man noch eine große Umfassungsmauer, und darinnen die
-Ueberreste von größeren und kleineren Gebäuden. Hier mußte ein
-gewaltiges Feuer getobt haben, denn man sah an den Steinen noch die
-Brandspuren; hier und dort gewahrte man auch die Reste verkohlter
-Balken.
-
-Der Maskierte ließ seine flammenden Augen über die Trümmerstätte
-gleiten, dann wendete er sich plötzlich und schritt nach dem Rande des
-Waldes.
-
-Dort sah man drei Hügel, aber auf diese Hügel waren schwere Steine
-gewälzt, so schwer, daß sicherlich eine Anzahl starker Männer dazu
-gehört hatten, um diese Felsblöcke auf die Hügel zu wälzen.
-
-Und wieder klang das dumpfe Stöhnen von den Lippen des Maskierten. Bei
-dem größten der Hügel warf er sich zu Boden. Und dieser Mann, der sonst
-wie von Eisen schien, der preßte jetzt völlig gebrochen seine Stirn auf
-die kahlen Felsblöcke.
-
-»Da ruhen sie!« keuchte er endlich. »Steine mußte ich hier auftürmen
-lassen, damit die Wölfe und die Bären die Toten nicht ausgruben. Die
-raubgierigen Bestien habe ich abgewehrt, aber die Gedanken kann ich
-nicht abwehren. Und immer wieder kommen sie und martern mich! Damals
-habe ich geglaubt, der Glücklichste der Menschen zu sein, und wie lange
-hat es gedauert, ein paar kurze Jahre, dann war alles dahin! O, die
-Hunde, die Bestien, die mein Glück vernichtet haben. Diese Elenden,
-welche ich auf dem ganzen Erdenball suchen will. Die auch mich zugrunde
-richteten. Die es dahin brachten, daß man mich wie einen gemeinen
-Verbrecher verfolgte. Mich, der in seinem ganzen Leben nichts anderes
-getan hat, als Menschenrechte hochgehalten. Das war diesen Schurken ein
-Dorn im Auge, sie wußten, wo sie mich trafen. Ha, die Nacht steht noch
-vor meinen Augen, als ich zurückkehrte und von fern die Feuersglut
-gewahrte, als ich, wie ein Rasender herbeistürmend, nur noch die Leichen
-meiner Lieben fand. Ermordet hat man sie, erbarmungslos ermordet. Alles,
-was ich besaß, vernichtet, mich aber hat man zum Geächteten erklärt, für
-einen Schurken, der den Tod durch Henkershand verdiente. Sie glaubten ja
-leichtes Spiel zu haben, diese Halunken, welche mich um mein Glück
-beneideten.«
-
-»Faßt Euch, Herr,« sprach der Inder, in dessen sonst so flammenden Augen
-helle Tränen glänzten. »Ihr macht Euch noch elend.«
-
-»Nein,« sprach der Mann, indem er sich hastig emporrichtete. »Ich habe
-es überwunden. Alles hat man mir genommen, alles, sie glaubten schon ihr
-Ziel erreicht zu haben. Aber eins konnten sie mir doch nicht nehmen,
-mein Genie und mein Wissen. Das war ihnen nicht möglich. Und das habe
-ich benutzt, damit habe ich jenes Fahrzeug erbaut, mit welchem ich den
-Ozean der Lüfte durchkreuze. Das Verweilen auf der Erde haben sie mir
-unmöglich gemacht, die Bestien, gut, jetzt bin ich der Herrscher der
-Lüfte geworden!«
-
-Jetzt war dieser Mann wieder der Alte. Wohl streifte noch ein Blick
-furchtbarsten Schmerzes die steinernen Hügel, unter denen die Toten
-schlummerten, aber dann glühten seine Augen in einem furchtbaren Feuer.
-Es war das Feuer der Rache.
-
-»Ja, an diesen Gräbern habe ich geschworen,« fuhr er fort. »Da habe ich
-es gelobt, daß ich Rache nehmen will. Rache zunächst an den Schurken,
-die mich entehrten, die mich in den Augen der Welt zum Verbrecher
-stempelten, Rache an den Vernichtern meines Glücks, denen gilt zuerst
-mein Suchen. Aber dann kommen andere an die Reihe, überall will ich
-erscheinen, wo Unrecht getan wird. Ueberall will ich, Kapitän Mors,
-auftauchen, erscheinen wie der Blitz aus heiterem Himmel, mit meinem
-wunderbaren Fahrzeug, welches mir Macht verleiht, will ich als rächender
-Vergelter auftreten. Die ganze Erde will ich ruhelos durchkreuzen, nicht
-eher will ich sterben, als bis ich dieses Lebenswerk vollendet habe. Nur
-einmal noch mußte ich vorher die Stätte meines ehemaligen Glückes
-wiedersehen! Jetzt beginnt die Zeit der Rache!«
-
-Er wendete sich hastig um und drückte die Mütze auf das braune Haar, mit
-festen Schritten wendete er sich von der ehemaligen Ansiedlung, die
-jetzt von allen Menschen gemieden zu werden schien.
-
-»Herr, wo wollt Ihr die Elenden suchen?« fragte der Inder. »Ihr wißt ja
-selbst noch nicht, wo Ihr sie finden könnt. Ihr habt diejenigen, die
-damals Euer Glück vernichteten, kaum gesehen. Wer weiß, was aus ihnen
-geworden ist. Auch sie sind vielleicht elend zugrunde gegangen!«
-
-»Nein,« schrie der Maskierte mit furchtbarer Stimme. »Dann gäbe es keine
-Gerechtigkeit mehr auf der Welt. Ich fühle es, noch kann ich Rache
-nehmen, ich will sie suchen, ich werde sie finden. Auf meinem Fahrzeug
-kann ich überall hingelangen. Zurück zum Luftschiff, welches mich
-blitzschnell von dannen trägt, in die höchsten Höhen des Luftmeers,
-dahin, wo noch nie ein Mensch gelangte. In die unerforschten Regionen
-des Erdballs, und vielleicht später, wenn mein Genie noch andere
-Verbesserungen getroffen, gar ins Universum, in die Sternenwelt. Mir ist
-nichts unmöglich!«
-
-Bewundernd sah der Inder auf den stolzen Mann, der jetzt mit hastigen
-Schritten von dannen ging. Es war, als wollte er dem Ort entfliehen, an
-dem er einst so glücklich gewesen.
-
-In rasender Hast eilte er zu dem Luftschiff, gefolgt von seinem
-Begleiter. Hinauf kletterten die beiden, dann hörte man den schrillen
-Ton einer Glocke, die Strickleiter verschwand, die Maschine knatterte,
-und stolz wie ein Aar erhob sich das lenkbare Luftschiff empor zur
-Morgensonne.
-
-
-
-
- 4. Kapitel.
- Die Verschwörer.
-
-
-Langsam sank die Sonne im Westen und vergoldete mit roten Gluten den
-Spiegel des Schwarzen Meeres.
-
-Aus den Dünsten ragten die Türme der Hafenstadt Odessa hervor, jener
-Stadt, die in der Zeit der russischen Unruhen eine große Rolle spielte.
-
-Die Sonne beglänzte die Hafenanlagen und den mächtigen Wellenbrecher,
-überall sah man die Masten von Schiffen, welche im Hafen eingelaufen
-waren.
-
-Am Kai bewegte sich eine Menge Menschen dahin, Arbeiter, Kaufleute,
-Soldaten, ein emsiges Hasten und Treiben, wie es in Hafenstädten immer
-zu finden ist.
-
-Und dennoch lastete es wie Gewitterschwüle über dieser Menge, wohin man
-blickte, sah man ängstliche Gesichter, besonders die vielen Juden, die
-man hier erblickte, zeigten eine Angst, die sie vergeblich zu verbergen
-suchten.
-
-Es lag etwas in der Luft, das Verderben schien über dieser Stadt zu
-schweben, welche in der Geschichte der russischen Unruhen eine so
-verhängnisvolle Rolle spielte.
-
-Die unheimlichen Kerle, welche zuweilen in den Nebengassen auftauchten,
-warfen verdächtige Blicke nach allen Seiten. Sie verschwanden, wenn
-Polizisten oder Abteilungen von Soldaten auftauchten, kamen aber bald
-wieder zum Vorschein. Dann flüsterten sie zusammen, dann machten sie
-grimmige Gesichter und nicht selten drohten sie den geängstigten Juden
-mit ihren Knüppeln, worauf die Hebräer eiligst die Flucht ergriffen.
-
-Aber auch am Hafen schien etwas nicht in Ordnung zu sein, denn da
-standen viele Leute, welche auf die mächtige Wasserfläche
-hinausblickten. Sie schauten alle in die Ferne, als ob sie dort etwas
-besonderes zu sehen erwarteten.
-
-Dabei wurde viel geflüstert und geraunt, es schien irgend etwas nicht in
-Ordnung zu sein, was es aber war, konnte niemand sagen, ja vielleicht
-wußten es die Neugierigen selber nicht.
-
-Endlich versank die Sonne blutrot, gleichsam wie eine üble Vorbedeutung,
-die Menge am Strande begann sich zu zerstreuen, zumal jetzt die
-patrouillierenden Soldaten rücksichtslos den Hafen von dem Gesindel
-säuberten.
-
-Einige gutgekleidete und respektabel aussehende Männer hatten schon
-vorher den Hafen verlassen.
-
-Sie standen an den Molen und blickten unverwandt in die See hinaus.
-Jetzt gingen sie schnell von dannen, aber nicht nach der Stadt, sondern
-am Alexandrowskyplatz vorüber, nach jenen parkartigen Gebieten, welche
-den Namen Datschen führen.
-
-Da lagen der städtische botanische Garten, die Friedhöfe und weiterhin
-einige Kasernen, an der Straße aber, die mitten durch dieses
-parkähnliche Terrain führte, erhoben sich hier und da stattliche
-Landhäuser.
-
-Sie besaßen meist große Gärten, und waren durch größere Strecken des
-Parkes von einander getrennt.
-
-Nach einem dieser Landhäuser gingen drei Männer, die man für wohlhabende
-Bewohner von Odessa halten mußte.
-
-Sie standen in mittleren Jahren und ihre Gesichter, die vorher harmlos
-drein geblickt, nahmen, als sie das Landhaus betraten, einen ganz
-anderen Ausdruck an. Wer in die Augen dieser Leute blickte, konnte sich
-vor ihnen fürchten.
-
-Im Landhause selbst befanden sich Leute, die wie Diener gekleidet waren,
-die drei Ankömmlinge aber auffallend vertraulich begrüßten.
-
-Diese erwiderten die Grüße in gleicher Weise. Einer der Männer fragte:
-
-»Nun, wie ist es? Noch nichts zu sehen?«
-
-»Nein, gar nichts,« grollte der eine der Zurückkehrenden. »Auf der See
-war keine Spur von einem Schiffe zu erblicken. Wir sind schon in
-höchster Unruhe, am Ende ist alles mißglückt und dann wären unsere
-Unternehmungen unmöglich geworden. Nur mit Hilfe der Schiffe können wir
-etwas erreichen und unsere weitreichenden Pläne ausführen.«
-
-»Sie werden schon kommen, Väterchen,« erwiderte der andere
-zuversichtlich. »Es sind Männer von Stahl und Eisen, vielleicht ist die
-günstige Zeit noch nicht gekommen. Aber sie kommt ganz gewiß. Vielleicht
-schon in dieser Nacht, denn schließlich hat es ja keine Eile.«
-
-»Gewiß hat es Eile,« zischte der andere, indem er mit dem Fuß auf den
-Boden stampfte. »Lange läßt es sich nicht mehr geheim halten. Wenn man
-erst Verdacht schöpft, wird die Hälfte unserer Pläne vereitelt.
-Urplötzlich muß die Ueberraschung kommen, dann sind wir die Herren des
-Schwarzen Meeres, dann sind alle anderen ohnmächtig, dann werden wir
-unsere Bedingungen vorschreiben, von allen Hafenstädten riesige
-Kontributionen fordern und die Schiffe mit Schätzen beladen.«
-
-Kein Zweifel, hier war eine Verschwörung im Gange, aber der Sprechende
-brach schnell ab und ging mit seinen beiden Begleitern die Treppe
-hinauf, während die übrigen Männer unten zurückblieben.
-
-»Sollen wir nicht Ausguck halten?« rief der eine der vermeintlichen
-Diener den Hinaufgehenden nach.
-
-»Ist nicht nötig,« lautete die Antwort. »Um Mitternacht gehen wir selbst
-auf das flache Dach. Uebrigens wird die Nacht dunkel werden. Sollten die
-Schiffe kommen, so hören wir ja ihre Signale, auch müssen wir dann die
-Scheinwerfer gewahren. Haltet nur gute Wacht und beobachtet die Straße.
-Sollten unvermutet Polizisten oder Soldaten nahen, so gebt ihr sofort
-das Warnungszeichen. Aber es hat keine Eile, wir müssen nur für alle
-Fälle vorsichtig sein.«
-
-Wenige Minuten später befanden sich die drei Männer oben in einem
-Gemach, dessen Türe sie hinter sich verriegelten.
-
-»Was meint Ihr?« fragte der eine, der offenbar eine gewisse Autorität
-besaß und den seine Gefährten Orloff nannten. »Habt ihr Vertrauen zu
-Matuschewko, glaubt ihr, daß er seine Pläne durchsetzt? Was meint Ihr,
-Gregor, Wassil, seid Ihr auch jetzt noch überzeugt, daß ich den
-richtigen Mann auf die Schiffe schickte?«
-
-»Ja, wir sind der festen Überzeugung,« erwiderte Wassil, indem er mit
-seinen Begleitern bezeichnende Blicke tauschte. »Matuschewko ist der
-richtige Mann, der besitzt Energie und Tatkraft, der wird die erste
-Gelegenheit benutzen, der ist wild wie ein Tiger und wird alles über die
-Klinge springen lassen.«
-
-»Ja, wild ist er,« erwiderte Orloff gedankenvoll. »Wild, wie eine
-Bestie, mir wäre es lieber, er würde besonnener sein. Da könnten wir
-weit mehr erreichen.«
-
-»Was siehst Du denn so gedankenvoll vor Dich hin?« fragte Gregor den
-Unheimlichen, als er plötzlich wie geistesabwesend in die Ecke starrte.
-
-»Ach, ich denke eben an den Ingenieur,« lautete die Antwort, »Ihr wißt
-doch, wen ich meine, an diesen Narren, von dem man nicht wußte, woher er
-stammte. Er sagte einmal, er wäre ein Deutsch-Amerikaner und stamme von
-deutschen Eltern, sei aber jenseits des Weltmeeres geboren. Möglich, daß
-es die Wahrheit gewesen ist. Das war ein Mann, wenn der auf unsere Pläne
-eingegangen wäre. Mit seiner Hilfe hätte uns die Welt gehört. Aber
-dieser Narr hatte ja moralische Anwandlungen und als er merkte, was wir
-beabsichtigten, da wies er uns streng zurück, da drohte er, unsere
-kühnen Pläne der Regierung zu verraten.«
-
-»Das ist ihm auch schlimm bekommen,« erwiderte Wassil, »ein Glück ist es
-nur, daß wir uns ihm nie zu erkennen gaben, daß wir immer in
-entstellender Kleidung mit ihm verkehrten. Sonst säßen wir vielleicht
-jetzt in Sibirien oder hätten unter Henkers Hand geendet. Geschickt war
-er, solchen Menschen gibt es wohl kaum wieder. Aber als wir bemerkten,
-daß er von unseren Plänen nichts wissen wollte, als er forderte, daß wir
-jene Tat unterlassen sollten, die er Verbrechen nannte, da haben wir es
-dem Narren heimgezahlt. Er glaubte schon auf dem Gipfel seines Glücks zu
-stehen, da am Kaukasus, in Georgien hatte er sich angesiedelt, da wollte
-er seine verrückten Ideen von Menschenrechten verbreiten. Er war ja ein
-Mensch, der solchen verschrobenen Ideen nachgrübelte. Aber wir haben ihn
-unschädlich gemacht, wir haben ihm gezeigt, was es heißt, wenn man uns
-beleidigt oder wenn man uns gar zu drohen wagt. Haus und Hof haben wir
-ihm in Flammen aufgehen lassen und alles totgeschlagen, was sich dort
-befand, ein Unglück war es nur, daß er gerade nicht in seiner Besitzung
-weilte, sonst hätte er ja auch dran glauben müssen. Aber auch so haben
-wir uns gerächt, wir haben es durch Schlauheit, durch List und
-gefälschte Papiere dahingebracht, daß er als einer der verworfensten
-Verbrecher galt, daß man seinen Steckbrief überall hinschickte, daß man
-ihn wie ein wildes Tier hetzte, wer weiß, wo er im Elend und Jammer zu
-Grunde gegangen ist. Aber es war schade um ihn, er konnte unglaubliche
-Dinge vollbringen, ich staunte, als er mir einmal seine Pläne und
-Entwürfe zeigte, seine Experimente, es war nur eine kurze Zeit, aber ich
-habe da wunderbare Dinge gesehen. Was nur aus jenen Papieren geworden
-sein mag. Ich glaube, er hat sie immer bei sich getragen.«
-
-»Laß den Narren,« rief Orloff, »den hat schon längst der Teufel geholt.
-Jetzt denke an unsere Pläne, an unser großartiges Werk, welches uns die
-Herrschaft über das Schwarze Meer sichert. Wein her, wir wollen trinken!
-Die neblige, naßkalte Luft am Hafen hat uns durch und durch erkältet.
-Und um Mitternacht wollen wir auf das flache Dach hinaufsteigen.«
-
-Der Wein wurde gebracht, und die Verschwörer, denn nur um solche konnte
-es sich handeln, begannen zu zechen.
-
-Erst als die Uhr die Mitternachtsstunde verkündete, erhoben sie sich mit
-roten Köpfen, zogen ihre Mäntel an und verließen das Zimmer.
-
-Von hier aus führte eine Treppe nach dem flachen Dache, wie es bei
-vielen Landhäusern am Strande des Schwarzen Meeres der Fall ist. Das
-Dach selbst war ziemlich groß und mit einem Geländer umgeben, oben
-befand sich eine Art Dachgarten mit Bänken. Von hier aus hatte man einen
-prächtigen Blick auf das Schwarze Meer, über welchem jetzt die Schatten
-der Nacht lagen.
-
-Die Blicke der Männer richteten sich in das Dunkel.
-
-Sie sahen die Leuchtfeuer des Hafens, die Lichter von Odessa, auch die
-kleinen Lichter auf den Schiffen, die im Hafen ankerten.
-
-Auf der See selbst aber war alles schwarz und dunkel.
-
-»Ich sage es ja,« rief Gregor plötzlich. »Es scheint noch nicht gelungen
-zu sein. Vielleicht ist der Matuschewsko zu hitzig vorgegangen und hat
-alles verdorben. Dabei haben wir ihm doch unablässig Vorsicht gepredigt,
-ihm ans Herz gelegt, nichts zu überstürzen. Hölle und Verdammnis, wenn
-Matuschewsko sich vorzeitig verraten hätte, oder gar in Gefangenschaft
-weilte!«
-
-»Er verrät uns nicht,« sprach Orloff, »ganz gewiß nicht, eher läßt er
-sich in Stücke schneiden.«
-
-»Nun, darauf möchte ich nicht schwören,« bemerkte Wassil, »Du kennst die
-Knute, Matuschewsko fürchtet das blanke Eisen nicht, wohl aber die
-Peitsche und wenn sie ihm damit zu sehr zusetzen, wenn sie ihn
-zuschanden schlagen, da möchte er doch alles verraten. Zum Teufel, wir
-müssen aufpassen. Dann sind wir unseres Lebens nicht mehr sicher!«
-
-Orloff hatte bei den letzten Worten gar nicht mehr hingehört.
-
-»Horcht,« sprach er plötzlich. »Habt Ihr nichts vernommen?«
-
-Die anderen verneinten.
-
-»Mir war es doch so,« entgegnete Orloff, »ich habe etwas gehört, als ob
-sich ein Mensch auf dem Dache befände. Es war wie ein dumpfes Keuchen
-und es war in unmittelbarer Nähe.«
-
-»Ach Unsinn,« brummte Gregor, »das war der Nachtwind.«
-
-»Nein, nein, das war ein ganz verdächtiger Laut,« begann Orloff wieder.
-»Es ist nur so verdammt dunkel, aber wir müssen mal nachsehen. Bedenkt,
-wenn uns jemand hier belauscht hätte.«
-
-»Bilde Dir doch nichts ein,« mischte sich jetzt Gregor in das Gespräch.
-»Wer soll denn hier heraufklettern. Das bekäme ja nur ein Vogel fertig.
-Der einzige Weg zum platten Dach führt in unsere Zimmer und die halten
-wir doch verschlossen.«
-
-Orloff aber gab sich doch nicht zufrieden, und er war gerade im Begriff,
-auf dem flachen Dache herumzusuchen, als ihn ein leiser Aufschrei
-Wassils ablenkte.
-
-»Sieh, sieh dort,« rief der Verschwörer. »Blicke nach der See, da sind
-die Signale, sie sind es! Matuschewsko hat seine Sache gut gemacht.
-Jetzt läßt er die Scheinwerfer spielen.«
-
-Und so war es auch, denn jetzt sah man draußen auf der See in der
-Dunkelheit grelle Lichtblitze, weiße, zuckende Lichtkegel, die über den
-Himmel dahinglitten.
-
-Und diese Lichtkegel konnten nur von Schiffen ausgehen, die aus der
-Ferne herandampften.
-
-Im Nu hatten die Verschwörer alles andere vergessen, sie dachten nicht
-mehr an jenes verdächtige Geräusch, an die merkwürdigen Worte Orloffs,
-sie tanzten vor Freude auf dem flachen Dache herum und gebärdeten sich
-wie die Unsinnigen.
-
-Und immer wieder sah man draußen in der Finsternis die
-Scheinwerferblitze, welche sicherlich von nahenden Schiffen herrührten.
-
-»Hinab, hinab,« rief plötzlich Orloff. »Rasch zum Hafen, wir müssen
-ihnen entgegengehen und Signale geben. Morgen früh beherrschen wir
-Odessa.«
-
-Im Nu rannten die drei Männer die Treppe hinunter, die Falltür fiel
-krachend zu.
-
-Oben auf dem Dache blieb alles still, aber dort bewegte sich jemand,
-einer, der auf der Lauer gestanden, denn hinter den Orangenbäumen des
-Dachgartens stand eine dunkle Gestalt, die man nicht deutlich zu
-erkennen vermochte.
-
-Wieder schallte das dumpfe Keuchen, welches Orloff vernommen zu haben
-glaubte, jetzt vernahm man aber auch eine halblaute Stimme.
-
-»Sie waren es, sie sind es gewesen,« klang es in seltsamen Lauten. »An
-den Stimmen habe ich sie wiedererkannt, die Elenden, welche mich einst
-zum Unglücklichsten aller Menschen machten. Aber es sind noch mehr, das
-sind nicht alle, die ich hier getroffen habe. Es sind noch mehr von
-diesen Schurken und ich ruhe und raste nicht, bis ich diese Erbärmlichen
-zur Verantwortung gezogen habe. Sie sinnen auf schmählichen Verrat, auf
-Empörung, auf Mord und Raub, aber ich werde ihre heimtückischen Pläne
-zerstören, die Welt von diesen Elenden befreien. Und jene muß ich haben,
-welche die Ursache meines Unglücks wurden. Richten will ich sie, und ein
-furchtbarer Richter werde ich sein. Grauenvoll, unerbittlich. Denn hier
-gibt es keine Gnade!«
-
-Dann stand der seltsame Mann, der auf rätselhafte Weise auf das Dach
-gelangt sein mochte und wartete.
-
-Er wartete bis unten das Tor des Landhauses geöffnet wurde, bis er
-hörte, wie eine ganze Anzahl Männer auf die Straße eilten. Er vernahm
-das Trappeln der Schritte, die sich in größter Eile nach der Richtung
-des Hafens bewegten.
-
-Dann geschah Seltsames.
-
-Sehen konnte man nichts, aber oben auf dem Dache des Landhauses zuckten
-dreimal rote Blitze, wie von einem Signal, und nach kurzer Zeit hörte
-man ein Sausen in der Luft, da schien sich etwas herabzusenken. Man
-hörte ein gedämpftes Knattern, als ob eine Maschine arbeitete.
-
-Trotz des Dunkels der Nacht sah man einen großen, unförmlichen
-Gegenstand über dem Landhaus schweben. Es klang, als ob etwas herabfiel,
-ein dunkler Schatten huschte schnell empor und verschwand in dem
-unförmlichen Gegenstand. Dann hörte man wieder das dumpfe Knattern, das
-Sausen und der gewaltige schwarze Schatten fuhr wie eine nächtliche
-Spukerscheinung empor in die Lüfte.
-
-
-
-
- 5. Kapitel.
- Der Schreckenstag von Odessa.
-
-
-Es war Morgen geworden, aber trübe und schwer hingen die Wolken herab,
-unablässig rieselte ein durchkältender, eisiger Regen hernieder.
-
-Und dennoch war ganz Odessa auf den Beinen, trotz des Wetters, in
-welches man, wie man zu sagen pflegt, keinen Hund hinausjagte, tausende
-von Menschen drängten sich mit angstvollen Gesichtern in den Straßen,
-tausende blickten mit ängstlicher Neugierde nach dem Hafen.
-
-Alle Bande der Ordnung schienen gelöst zu sein, nur ein Teil des
-Militärs konnte noch als zuverlässig gelten. Matrosen zogen singend,
-berauscht und brüllend durch die Straßen.
-
-Auf den Schiffen im Hafen zeigte sich kein Mensch, die Besatzungen der
-Handelsfahrzeuge waren alle entsetzt ans Ufer geflohen.
-
-Und das war kein Wunder, denn vor dem Hafen in drohender Nähe lagen
-schwarze Ungeheuer, größere und kleinere Schiffe, über denen die rote
-Fahne der Empörung wehte.
-
-Man sah da gepanzerte Schiffe, auch zwei Torpedoboote, ferner ein
-Fahrzeug, welches offenbar zum Transport von Kriegsvorräten diente, und
-alle schienen sich in den Händen von Meuterern zu befinden.
-
-Die Aufregung in der Stadt war grenzenlos, viele Familien flüchteten,
-ihre wertvollste Habe mitnehmend, zu Fuß aus der Stadt. Wagen waren um
-keinen Preis der Welt aufzutreiben. Der Bahndienst versagte, weil die
-Schaffner und das sonstige Dienstpersonal betrunken in den Schenken
-hockten. Allenthalben sah man bestürzte Gesichter.
-
-»Meuterer haben sich einiger Schiffe der Schwarzen Meerflotte
-bemächtigt,« hieß es. »Sie haben die Offiziere ermordet, sie haben das
-Banner der Empörung aufgezogen, die Stadt soll eine ungeheure Summe
-zahlen, andernfalls wollen die meuterischen Schiffe Odessa
-bombardieren.«
-
-Und das schien in der Tat so, denn die Mannschaften auf den Schiffen
-nahmen die drohendste Haltung an, sie hatten einen Boten geschickt, der
-von der Stadt Millionen als Lösegeld forderte. Andernfalls drohten sie,
-würden sie die Hafenstadt in Schutt und Asche legen.
-
-Die ersten Boten schickte man zurück, aber nun wurden die Meuterer
-dreist, sie schickten jetzt eine ganze Abordnung schwerbewaffneter
-Seesoldaten ans Land, um gebieterischen Tones die freche Forderung zu
-wiederholen.
-
-Es drohte eine Katastrophe, es schien, als wolle sich ein Teil des
-Militärs den Meuterern anschließen, ein Teil der Truppen verweigerte den
-Gehorsam und blieb in den Kasernen, die übrigen hatten genug zu tun, um
-ihre widerspenstigen Kameraden in Schach zu halten. Jeden Augenblick
-mußte das Gefürchtete eintreten.
-
-Man wagte es gar nicht, den Meuterern, die jetzt bewaffnet am Lande
-erschienen, Widerstand entgegenzusetzen.
-
-Daß sie von jemand gelenkt wurden, war ohne allen Zweifel. Und das
-mußten Verschwörer sein, die nicht zu der gewöhnlichen Schiffsbesatzung
-gehörten. Auf dem Transportschiff befanden sich diese Leute, die Häupter
-derselben waren Orloff, Gregor und Wassil, welche jetzt die Masken von
-sich warfen.
-
-Von dem Transportschiffe aus, welches gleichfalls bewaffnet war,
-dirigierten sie die Meuterei und sie taten das aus schlauer Berechnung.
-
-Wenn die Batterie am Strande Feuer eröffnete, so würden sie sicherlich
-auf das von den Meuterern besetzte Panzerschiff schießen, weniger auf
-das Transportfahrzeug, welches man für ungefährlicher halten mußte. Es
-war dies ein Beweis, daß die Meuterer bedacht waren, ihr kostbares Leben
-zu erhalten.
-
-Die Verwirrung erreichte den höchsten Grad, da erschien plötzlich ein
-Mann in der Menge, dessen Auftreten einen gewaltigen Eindruck machte.
-
-Er trug einen Mantel, aber wenn derselbe sich ein wenig lüftete, so
-glaubte man eine blaue Uniform darunter zu bemerken. Der Mann hatte
-seinen Hut tief ins Gesicht gedrückt, sein linkes Auge war von einer
-schwarzen Binde bedeckt, die sein Gesicht völlig entstellte. Das rechte
-Auge aber blickte desto feuriger. Als dieser Mann, dessen hohes,
-gebietendes Wesen großen Eindruck machte, die zitternden Häupter der
-Stadt erblickte, drängte er sich plötzlich vor.
-
-Seine donnernde Stimme hallte wie das Dröhnen eines Ungewitters.
-
-»Wollt Ihr Euch von feigen Meuchelmördern einschüchtern lassen!« rief
-der Fremde, den niemand kannte, mit dröhnender Stimme, »wollt Ihr denen,
-die sich durch nichtswürdigen Verrat und Meuchelmord in den Besitz der
-Macht setzten, Unsummen auszahlen und dadurch erst das Verderben
-heraufbeschwören? Vorwärts, werft diese Meuterer aus der Stadt heraus
-und antwortet mit den Batterien!«
-
-Menschen sind oft seltsame Geschöpfe, dasjenige, was die Offiziere weder
-durch Drohungen, noch Bitten oder Befehle erlangen konnten, das geschah
-hier.
-
-Eine Abteilung Kosaken waren die ersten, welche sich blitzschnell auf
-die frechen Matrosen stürzten und wildes Jubelgeschrei erschallte, als
-diese großmäuligen Helden plötzlich ohne zu schießen, die Flucht
-ergriffen. Der Mann hatte es vollbracht, der Mann, welcher durch seine
-gewaltige Stimme und durch sein imponierendes Auftreten den Bann des
-Schreckens gebrochen. Dieser Mann war eine Strecke weit mit den Kosaken
-vorwärts gestürmt, jetzt überließ er ihnen die Verfolgung der
-flüchtenden Empörer.
-
-Niemand ahnte, daß dieser Mann, der durch sein großartiges Auftreten das
-Fürchterlichste abgewendet, derselbe war, den man einst allenthalben
-suchte, den man für einen Schreckensmenschen hielt, welcher nur den Tod
-durch Henkershand verdiente.
-
-Kapitän Mors, der Befehlshaber und Erbauer jenes seltsamen lenkbaren
-Luftschiffes, er war es, der durch sein Erscheinen die Stadt vom
-Schlimmsten gerettet.
-
-Jetzt schaute er düster nach dem Hafen hin, wo das Geschrei und Rufen
-der Menge ertönte. Zuweilen knallten Schüsse, man hörte den
-durchdringenden, gellenden Kampfruf der Kosaken, durch welchen sie sich
-gegenseitig anfeuerten.
-
-»Der Stein ist ins Rollen gebracht,« sprach er.
-
-»Ich habe es getan und dadurch das Schlimmste von der Stadt abgewendet.
-Ich weiß jetzt, wo ich die Elenden zu suchen habe, die einst mein Glück
-vernichteten. Aber nicht im Hafen ist der Ort, wo ich mit ihnen
-abrechne! Ich muß sie hinaustreiben auf das blaue Wasser, auf das
-Schwarze Meer und dann kommt die langersehnte Stunde.«
-
-Gleich darauf verschwand der Mann in der Menge, die nach dem Hafen
-flutete. Kapitän Mors konnte mit Stolz auf seine Tätigkeit blicken. Er
-hatte den Verzagenden Mut eingeflößt und der feste Entschluß, den jetzt
-die Verwaltung der Stadt zeigte, schien die Empörer vom Schlimmsten
-abzuhalten.
-
-Noch lagen die meuterischen Schiffe drohend vor dem Hafen, Schüsse
-fielen von dort, ja sogar einige der kleinen Schnellfeuergeschütze
-wurden abgefeuert.
-
-Von der Deputation, welche so frech die Millionen forderte, kam nur ein
-Teil wieder zurück. Die anderen hatten teils mit den spitzen Lanzen der
-Kosaken Bekanntschaft gemacht oder waren von den flinken Reitern
-gefangen genommen worden.
-
-Der Rest der Ausgeschickten warf sich in die Boote und ruderte in wilder
-Hast nach den Schiffen hinüber.
-
-Jetzt kam die Entscheidung, da die Zurückkehrenden verlangten, daß man
-nunmehr die Stadt bombardieren solle.
-
-Kapitän Mors aber hatte richtig gerechnet, als er durch seine Energie
-das Schlimmste vermied. Denn unter den Meuterern herrschte bereits
-Unschlüssigkeit, da begann man zu streiten und zu zanken.
-
-Freilich hatte man sich einiger Schiffe der Schwarzen Meer-Flotte
-bemächtigt, aber man konnte damit rechnen, daß die Schiffe des
-Geschwaders herbeikamen, daß die der Regierung treugebliebenen
-Mannschaften einen Angriff auf die Empörer unternahmen.
-
-So war man unruhig geworden, man schaute unablässig auf das Meer hinaus,
-man fürchtete jeden Augenblick, die Schiffe des Kriegsgeschwaders
-könnten am Horizont auftauchen.
-
-Orloff, Wassil und Gregor, sowie deren Begleiter, die sich jetzt aus
-ehemaligen Dienern in Gefährten der drei Rädelsführer verwandelt hatten,
-waren außer sich.
-
-Gregor und Orloff, die das größte Wort führten, ließen das
-Transportschiff, auf dem sie sich befanden, dicht an den meuterischen
-Panzer heranfahren.
-
-»So macht doch ernst,« schrieen sie. »Vor allen Dingen, wo ist
-Matuschewsko?«
-
-In wenigen Augenblicken erschien der Gerufene, ein wild blickender, fast
-mongolisch aussehender Mann in der Uniform eines Bootsmanns.
-
-Seine Kleider und sein Hemd waren mit Blut bespritzt, und dieses
-Scheusal war ja einer der ersten, der die nichtsahnenden Offizieren
-ermordete. Er hatte auch den Schiffsarzt in greulicher Weise getötet.
-
-Der Mann sah eher aus wie eine Bestie als wie ein Mensch, seine tief
-geschlitzten Augen glühten wie die eines Tigers.
-
-»Zum Teufel, Matuschewsko, so macht doch ernst,« schrie Orloff hinüber.
-»Wir brauchen das Geld, nur mit großen Summen können wir etwas
-unternehmen. Mit Millionen können wir unsere Pläne nur durchführen.
-Munition ist doch genug an Bord, eröffne das Feuer auf die Stadt! Wenn
-die ersten hundert Häuser in Trümmer geschossen sind, wird man schon
-klein beigeben!«
-
-Deutlich sah man, wie der Wüterich drüben mit den Zähnen knirschte, wie
-er die gelben Zähne raubtierartig fletschte.
-
-»Die Leute sind unschlüssig,« rief er hinüber. »Sie weigern sich, auf
-die Stadt zu feuern. Der schnelle Angriff der Soldaten hat sie verwirrt
-gemacht. Vor allen Dingen fürchten sie die Strandbatterien!«
-
-Orloff heulte und tobte, aber das nützte nichts, jetzt war es besser,
-wenn man Kaltblütigkeit zeigte.
-
-»Hier können wir nichts machen,« schrie Matuschewsko wieder herüber.
-»Die Leute fürchten die Batterien, sie wollen nach anderen unbefestigten
-Hafenstädten fahren und dort Gelder erpressen.«
-
-»Aber keine Stadt ist so reich wie Odessa,« schrie Orloff. »Ich weiß es,
-hier liegen Millionen und Abermillionen, hier könnten wir ungeheure
-Summen erpressen.«
-
-»Ich will nochmal sehen, was sich tun läßt,« sprach Matuschewsko nach
-einer Weile, »ich werde noch mal mit den Leuten reden. Drüben in der
-Stadt muß was Merkwürdiges passiert sein, erst hat Kopflosigkeit
-geherrscht, und dann muß sich ein energischer Mann gefunden haben, durch
-den die ganze Situation geändert wurde. Hole der Teufel den Kerl!«
-
-Der Wüterich rannte zu den meuterischen Mannschaften und es sah in der
-Tat so aus, als ob sie mit der Beschießung beginnen wollten.
-
-Da blitzte es plötzlich auf den Strandbatterien auf, ein zweiter, ein
-dritter Schuß folgte und jetzt hörte man die Granaten sausen.
-
-Orloff ballte die Fäuste, als er sah, wie die Schiffe mit der
-meuterischen Mannschaft plötzlich drehten. Das Panzerschiff war das
-erste, welches in das Schwarze Meer hinausfuhr, die beiden Torpedoboote
-folgten, nun schloß sich in größter Eile der bewaffnete Transportdampfer
-an, auf dem sich die eigentlichen Häupter der Verschworenen befanden.
-
-»Der beste Augenblick ist verpaßt,« rief Wassil wütend. »Aber nun werden
-wir andere Hafenstädte heimsuchen. Und die müssen bezahlen oder sie
-werden beschossen und geplündert.«
-
-Vorerst aber fuhren die Schiffe in die hohe See hinaus, indem sie eine
-südwestliche Richtung einschlugen.
-
-Sie wollten dadurch etwaigen Verfolgern entgehen, denn es war
-zweifellos, daß die Kriegsschiffe des Geschwaders nach den Meuterern
-suchten.
-
-Der Mut der Männer stieg aber als sie nirgends ein solches Schiff sahen.
-
-Matuschewsko kam jetzt auf das Transportschiff herüber.
-
-»Ich glaube kaum, daß wir eine Verfolgung zu befürchten haben,« sprach
-der Unhold, als ihn seine Gefährten mit Fragen überhäuften. »Wohl haben
-sich die Besatzungen der anderen Schiffe der Meuterei nicht
-angeschlossen, aber sie werden auch nicht feindlich gegen uns vorgehen.
-Sie sympathisieren mit uns, sie haben sogar Hurra geschrieen, als wir
-mit der roten Flagge von dannen fuhren. Sie werden ihren Offizieren auf
-keinen Fall gehorchen.«
-
-»Desto besser,« schmunzelte Orloff, dessen gute Laune allmählich
-zurückkehrte. »Desto besser, dann werden wir zunächst unbefestigte
-Hafenstädte aufsuchen und dort rauben und plündern, daß es eine Lust
-ist.«
-
-»Da sind die Leute dabei,« erwiderte Matuschewsko. »Wenn sie nur erst
-warm geworden sind, dann geht es schon, vor allen Dingen müssen sie
-tüchtig Branntwein trinken. Wir fahren jetzt auf die hohe See hinaus,
-sodaß niemand weiß, wo wir uns befinden. Dann fallen wir plötzlich aus
-dem Hinterhalt über eine Stadt her, wo man unser Nahen am wenigsten
-vermutet.«
-
-Um Mittag waren die Schiffe schon wieder außer Sicht von Odessa, sie
-sahen von der Küste nichts weiter als einen fernen grauen Streifen.
-
-Der Himmel war noch immer dick und schwer mit Wolken behangen. Der Regen
-aber hatte aufgehört, nur die Wolken hingen noch wie schwarze
-Leichentücher am Himmel.
-
-Plötzlich schallten laute Rufe und Schreie, Gregor, Orloff und Wassil,
-die sich immer zusammenfanden, blickten verdutzt empor, da sahen sie,
-wie die Mannschaften auf den Schiffen alle nach den Wolken zeigten.
-
-Dort aus dem tiefhängenden Gewölk kam etwas hervor, etwas Großes,
-Schwarzes, unheimlich Aussehendes, die abergläubischen Matrosen schlugen
-Kreuze, als sie die seltsame Gestalt sahen, die offenbar aus den Wolken
-herabschwebte.
-
-
-
-
- 6. Kapitel.
- Die Abrechnung.
-
-
-Anfangs waren die Meuterer vollständig starr, denn die meisten von ihnen
-waren so ungebildet, daß sie die merkwürdige Erscheinung da oben für ein
-Wunder hielten.
-
-Dagegen gab es unter den Verschwörern gebildete Männer, die sogar die
-Universität besucht hatten. Zu ihnen zählten Orloff, Gregor und Wassil.
-
-»Zum Teufel,« rief der erstere, »das ist ja ein Luftschiff von einer
-ganz merkwürdigen Form. Das ist am Ende eines jener Fahrzeuge, von denen
-man so oft in der Zeitung liest, und die jetzt dem Steuer gehorchen
-sollen, wie ein Schiff auf dem Wasser. Aber dieses Fahrzeug ist ja
-außerordentlich groß. Wahrhaftig, es scheint in die See zu fallen.«
-
-Die Verwunderungsrufe schallten von allen Seiten, die Meuterer riefen
-sich zu, daß dies merkwürdige Ding ein Luftschiff sei, jetzt kam es in
-schräger Richtung zur Wasserfläche herabgefahren.
-
-Es sah direkt aus, als wollte sich das seltsame Luftfahrzeug in die
-Wellen stürzen, als sei es verunglückt, als müsse es jeden Augenblick im
-Schwarzen Meer versinken.
-
-Aber das war nicht der Fall, das Fahrzeug, welches Anfangs in schräger
-Richtung herabsauste, war nicht verunglückt, nur fünfzig Meter über den
-Wogen richtete es sich plötzlich auf und schwebte waagerecht, dem Druck
-der Flügel und dem Steuer gehorchend.
-
-Nun kam es herangeschossen, blitzschnell, mit unheimlicher
-Geschwindigkeit; in riesigem Bogen umkreiste es die Schiffe der
-Meuterer.
-
-Den Mannschaften auf den beiden Torpedobooten begann die Sache
-unheimlich zu werden. Sie machten vollen Dampf auf und entfernten sich
-von ihren Begleitern.
-
-Ja, das war dasselbe Luftschiff, welches damals die französischen
-Ballonfahrer gesehen hatten. Das war das rätselhafte Fahrzeug des
-Kapitän Mors, es umkreiste die beiden großen Schiffe in großem Bogen,
-deutlich hörte man schon die Maschinen knattern.
-
-Und dann kam es immer näher heran, aber es bewegte sich auf das
-Transportschiff zu, auf dessen Deck neben anderen Verschwörern Orloff,
-Gregor und Wassil standen. Matuschewsko war wieder auf das Panzerschiff
-zurückgekehrt, welches er, der Mörder, kommandierte.
-
-»Achtung, Achtung!« schrie plötzlich Orloff. »Das seltsame Ding kommt
-auf uns zu! Teufel, wir müssen es abwehren, dies sonderbare Ding hat
-nichts Gutes im Sinne.«
-
-Deutlich sah man den hohen Flaggenstock des lenkbaren Luftschiffes, aber
-noch wehte keine Flagge daran, da mit einem Male wurde eine solche
-aufgezogen.
-
-Seltsam sah sie aus, das war nicht die Flagge einer Nation, nein, das
-war eine Flagge, wie man sie noch nie gesehen.
-
-Ein äußeres blutrotes Viereck umgab ein inneres schwarzes Viereck und
-auf diesem schwarzen Viereck las man mit großen, schneeweißen Buchstaben
-das Wort Mors, unter welchem ein Totenkopf grinste.
-
-Orloff rannte zu den Mannschaften, welche neben den Schnellfeuerkanonen
-des Transportschiffes standen.
-
-»Schießt auf das Ding,« rief er befehlend und von einer bösen Ahnung
-gepeinigt. »Die da haben nichts Gutes im Sinne. Schießt auf das Ding;
-eine Kugel genügt, um es zu versenken!«
-
-Die Männer gehorchten, aber etwas zögernd; knarrend drehten sich die
-Schnellfeuerkanonen auf ihren Rädern, dann tönten kurz hintereinander
-zwei Schüsse aus Sechszentimeterkanonen.
-
-Da stießen die Matrosen ein Ausruf der höchsten Verwunderung aus.
-
-Die eine Kugel traf nicht, die zweite aber prallte gegen das Luftschiff.
-
-Man hörte einen seltsamen Klang, gleich darauf glitt die Kugel ab und
-pfiff seitwärts in die Lüfte, um dann zischend in das Meer
-niederzufallen.
-
-In diesem Augenblick beschrieb das Luftschiff einen kurzen Bogen und
-dann schwebte es dicht an der Seite des Transportschiffes. Fast Bord an
-Bord.
-
-Man hörte ein kurzes Knacken. Auf einer der kleinen Galerien, welche die
-unteren Anbauten miteinander verbanden, erschien jener Mann, der den
-Widerstand in Odessa hervorgerufen.
-
-Da stand Kapitän Mors, aber nicht mehr mit der schwarzen Binde über dem
-linken Auge, jetzt wieder in seiner blauen Uniform, die Mütze mit dem
-Goldstreifen auf dem Kopf.
-
-Die Maske trug er auch jetzt, aus den Oeffnungen glühten seine feurigen
-Augen, er sah nach Orloff, Gregor und Wassil hin, welche aufgeregt
-einander zuschrieen.
-
-»Ich habe Euch wieder erkannt,« donnerte seine Stimme. »Ihr kennt auch
-mich oder habt Ihr den Ingenieur vergessen, den Ihr dem Unglück, dem
-Verderben überliefert habt? Ihr glaubtet, ich sei längst verdorben und
-gestorben. Aber jetzt bin ich hier, jetzt ist die Stunde der Vergeltung
-gekommen.«
-
-Orloff war totenbleich geworden.
-
-Auch seine beiden Gefährten waren zusammen gefahren. Nun aber griffen
-sie wie auf ein Kommando zu ihren Revolvern, die sie im Gürtel trugen.
-Hastig und ohne zu zielen schossen sie auf den stolzen Mann, der die
-Schüsse mit furchtbarem Hohngelächter beantwortete.
-
-Im nächsten Moment verschwand der Rätselhafte wieder im Anbau, dessen
-Wände auch aus undurchdringlichem Metall bestehen mußten. Man hörte
-deutlich, wie die Revolverkugeln dagegen klatschten.
-
-»Er war es, er war es,« brüllte Orloff, »den muß der Teufel aus der
-Hölle geschickt haben. Wie kommt dieser Narr zu einem solchen Fahrzeug!
-Pest und Verdammnis, wir müssen es in Grund und Boden schießen!«
-
-Wieder sprang er nach den Kanonen, da im selben Moment wendete sich das
-Luftschiff, jetzt neigte es den merkwürdigen Rammsporn, der an seinem
-Vorderteil befestigt war.
-
-»Es kommt heran,« schrieen die Matrosen wie die Tollen. »Es kommt auf
-uns zu.«
-
-Richtig, da kam das Luftschiff nur wenige Ellen über dem Meere entfernt
-herangesaust, die Besatzung des Transportschiffes schrie wie toll, die
-Verschwörer rannten über die Planken.
-
-»Ein Zusammenstoß! Ein Zusammenstoß!« brüllten sie. »Das unheimliche
-Ding will gegen uns anrennen.«
-
-Im nächsten Augenblick vernahm man ein dumpfes Krachen.
-
-Ja, das Luftschiff war da, es hatte sich mit seinem eisernen Sporn dicht
-an der Wasserlinie in die Seite des Transportschiffes gebohrt, und dort
-ein klaffendes Loch gerissen.
-
-Das gerammte Schiff neigte sich zur Seite, als wollte es kentern, es
-richtete sich aber wieder empor, und jetzt stürzten Wassermassen in das
-Loch hinein, sodaß sich das Schiff schwerfällig nach dieser Seite
-neigte.
-
-Die Verwirrung an Bord des meuternden Schiffes war fürchterlich, auf ihm
-befanden sich die Schlimmsten der Rebellen, vor allen Dingen jene
-Verschwörer, welche alles leiteten.
-
-Sie rasten jetzt wie toll umher, zumal sie ja ein Sinken des Schiffes
-vermuteten.
-
-Immer schwerfälliger schlingerte das Transportschiff, es wankte hin und
-her, doch nur, um neue Wassermassen aufzunehmen, die Boote konnte man in
-der Konfusion nicht benutzen. Viele sprangen jetzt ins Wasser, um nach
-dem Panzerschiff hinüber zu schwimmen.
-
-Da senkte sich das Fahrzeug noch tiefer, es schwebte fast unmittelbar
-auf der Wasserfläche. Auf den Galerien aber erschienen plötzlich zehn
-oder zwölf seemännisch gekleidete Männer mit finsteren, harten
-Gesichtszügen, die förmlich steinern erschienen.
-
-Einzelne dieser Männer verrieten durch dunkle Färbung, daß sie aus
-anderen Weltteilen stammten.
-
-Sie hielten mit eisernen Haken beschlagene lange Stangen in der Hand,
-mit denen sie jetzt einige der Schwimmer aus dem Wasser zu ziehen
-suchten.
-
-Zwischen diesen seltsam aussehenden Männern aber stand Kapitän Mors, die
-Flammenaugen auf die See geheftet, während das Transportschiff immer
-tiefer sank, und noch immer Männer über Bord ins Wasser sprangen.
-
-»Diesen muß ich haben,« tönte die Stimme des Rätselhaften. »Und dann
-jenen dort mit der Narbe über der Stirn! Und da aufgepaßt, dort den
-riesengroßen Mann, welcher soeben aus dem Wasser emportaucht! Heran mit
-ihnen, diese laßt unter keinen Umständen entkommen!«
-
-Das lenkbare Luftschiff schien von Geisterhänden regiert zu sein, mit
-unheimlicher Sicherheit bewegte es sich nach jenen Stellen, welche der
-Kapitän bezeichnete.
-
-Dann fuhren die Stangen ins Wasser, die Eisenhaken packten die
-Bezeichneten, wo sie dieselben gerade zu fassen bekamen. Und nun wurden
-die Unholde trotz fürchterlichen Gebrülls und Sträubens nach den
-Galerien hingezogen.
-
-Kräftige Fäuste bemächtigten sich ihrer, die sich wie toll Gebärdenden
-wurden auf die Galerien gezerrt, dort trotz fürchterlichen Widerstandes
-niedergeworfen und augenblicklich gefesselt.
-
-Wenige Minuten später befanden sie sich in einem wie eine Schiffskajüte
-ausgestatteten Raum, wo man sie in eine Ecke schleuderte.
-
-Da lagen Gregor, Orloff, Wassil, aber zu ihnen gesellten sich in kurzer
-Zeit noch fünf Verschwörer, die sich durch ihre wüsten Gesichtszüge als
-brutale Schurken zu erkennen gaben. Auch diese hatte Kapitän Mors
-bezeichnet, auch sie wurden mit den Haken aus dem Wasser gezogen,
-gefesselt und in den Raum neben die drei Bösewichter geschleudert.
-
-Inzwischen hatten die Seeleute vom Transportschiff das Panzerschiff
-erreicht, einige von den Verschwörern, die nicht schwimmen konnten,
-waren rettungslos zu Grunde gegangen, aber das schien den furchtbaren
-Kapitän Mors wenig zu kümmern.
-
-Er hielt jetzt nur das Panzerschiff im Auge, und beobachtete offenbar,
-ob man von dort aus auf ihn feuern wollte.
-
-Einstweilen hatte man dies noch nicht getan, weil das merkwürdige
-Luftschiff zwischen dem Transportfahrzeug und dem Panzerschiff lag, auch
-fürchtete man, die Schwimmenden durch Schüsse zu gefährden.
-
-Nun aber spritzte die See empor, und das Transportschiff versank wie ein
-Stein in den Wogen, welche über dem Fahrzeug der Verschwörer
-zusammenschlugen.
-
-Die beiden Torpedoboote sah man nur noch in weiter Ferne, dagegen
-schickte man sich jetzt auf dem Panzerschiffe an, mit den schweren
-Kanonen auf das lenkbare Luftschiff zu schießen.
-
-Da hob sich dieses mit einem Male in die Höhe und gerade, als man die
-schweren Kanonen zum Feuern fertig machte, beschrieb das merkwürdige
-Fahrzeug immer höher steigend einen großen Bogen, um über dem
-Panzerschiff plötzlich still zu stehen.
-
-In der nächsten Minute hörte man das Zischen und Pfeifen, dann das
-Aufschlagen von Kanonenkugeln, wenigstens schien es den dichtgedrängten
-Mannschaften so. Sie stoben entsetzt auseinander, denn die Wirkung der
-explodierenden Kugeln war furchtbar.
-
-Aber auf das Verderben des Panzerschiffes war es offenbar nicht
-abgesehen. Die Explosion brachte das Schiff der Meuterer zwar in eine
-bedenkliche Lage, weil das Leck, das entstand, sofort voll Wasser lief,
-sodaß sich das Schiff tief nach vornhin senkte. Aber die anderen
-wasserdichten Abteilungen hielten das Schiff schwimmend, doch war es
-jetzt unfähig, weiteren Schaden anzurichten.
-
-Und wieder zeigte sich die Gestalt des Kapitän Mors auf der Galerie des
-Luftschiffes und zwar über dem Panzerschiffe, welches er gehindert,
-wehrlose Küstenstädte zu bombardieren und zu brandschatzen.
-
-»Macht, daß Ihr ans Land kommt,« donnerte die Stimme des furchtbaren
-Mannes herunter. »Nur die Rücksicht auf die vielen irregeleiteten
-Matrosen verhindert es, daß ich auch dies Schiff in den Grund bohre.
-Aber diese Irregeleiteten tun mir leid, deshalb verschone ich ihr Leben.
-Fahrt nach der Küste Rumäniens, so lange wird sich das Schiff noch über
-Wasser halten. Wagt Ihr es aber, wehrlose Städte anzugreifen, Ihr wißt,
-daß ich zur Stelle bin, dann versenke ich Euch in die Tiefe des
-Schwarzen Meeres!«
-
-Wie Donnerton hallten diese furchtbaren Worte. Abergläubisch schlugen
-die meuternden Matrosen Kreuze über Kreuze. Das seltsame Luftfahrzeug
-aber hob sich hoch empor, aufwärts nach den dichten Wolkenmassen, die
-tief über den schäumenden Wellen des Schwarzen Meeres herabhingen.
-
-Kapitän Mors sah auf die gedemütigten Meuterer herab, bis er gewahrte,
-daß das schwerfällig stampfende Panzerschiff seinen Kurs nach dem Westen
-richtete. Da ging er befriedigt in den Raum, wo die acht Gefangenen
-lagen.
-
-Dort standen auch die Männer, welche auf dem lenkbaren Luftschiff
-Dienste verrichteten. Gleich Bildsäulen an der Wand lehnend, begrüßten
-sie den Kapitän beim Eintritt. Sie beobachteten seine Augen, offenbar
-bereit, jeden Moment seine Befehle zu vollziehen.
-
-Als Mors eintrat, erhoben Orloff, Gregor und Wassil ein Wutgeheul, und
-rissen wie toll an ihren Fesseln.
-
-»Gebt Euch keine Mühe,« tönte die Stimme des seltsamen Mannes. »Wen
-meine Leute gebunden haben, der kann sich unmöglich befreien. Die
-Fesseln vermag niemand zu zerreißen. Und nun ist die Stunde da, die ich
-so lange ersehnte. Wißt Ihr noch, Ihr Schufte, wie Ihr mir einstmals mit
-süßen Worten geschmeichelt habt, wie ich von Euch aufgefordert wurde,
-mein Können und mein Wissen in Eure Dienste zu stellen? Damals habe ich
-Euch zurückgewiesen und dafür habt Ihr mich vernichten wollen. Alles
-habt Ihr mir geraubt, was ich besaß, alles, sogar meine Ehre! Zum
-Verbrecher habt Ihr mich gestempelt, aber ich habe mich dennoch
-emporgerafft! Und jetzt seht Ihr mich vor Euch auf meinem Fahrzeug, das
-mein Genie geschaffen, das mich zum furchtbaren Manne macht! Ein
-Herrscher der Lüfte bin ich, wie andre Herrscher auf der Erde.«
-
-Die Elenden wußten, daß sie keine Gnade zu erwarten hatten. Sie
-antworteten mit grauenvollen Flüchen.
-
-»Ja, Ihr habt es erreicht,« fuhr Kapitän Mors fort. »Zum Teufel habt Ihr
-mich ja gemacht und wenig fehlte, so hätte ich der ganzen Menschheit den
-Krieg erklärt. Aber das Angedenken an diejenigen, welche ich einst
-liebte und die von Euch gemordet wurden, diese Gedanken verhinderten,
-daß ich mich in einen Satan verwandelte. Freilich, die Erde ist mir
-versperrt, dafür habt Ihr gesorgt, aber ein Herrscher der Lüfte bin ich,
-ein Freibeuter über der Erde und dem Wasser. Ein Mann, dem nichts
-unerreichbar sein wird, was er begehrt. Lange habe ich Euch gesucht, bis
-ich endlich erfuhr, wo Ihr Euch aufhieltet. Auf dem Dache Eures
-Landhauses bei Odessa habe ich gestanden, da habe ich Eure Stimmen
-erkannt. Da wußte ich, an welchem Orte ich Euch zur Verantwortung ziehen
-würde.«
-
-Orloff hob wütend den Kopf empor.
-
-»Einige von uns hast Du,« knirschte er, wohl wissend, daß ihn ein
-furchtbares Urteil erwartete. »Aber die gefährlichsten von uns und Deine
-erbittertsten Feinde, die hast Du noch nicht bekommen, die leben noch,
-die sind frei, die werden uns rächen!«
-
-»Und wo sind diese?« fragte Kapitän Mors, nähertretend. »Wohl weiß ich,
-daß Eure Vereinigung größer war und daß außer Euch noch andere
-existieren, die mich später mit solchem Hasse verfolgten. Wo finde ich
-sie, gib Antwort!«
-
-»Nichts wirst Du erfahren,« brüllte Orloff mit wildem Hohngelächter.
-»Nichts wirst Du erfahren, und solltest Du uns gleich in Stücke
-schneiden. Nein, nein, warte nur, die Stunde kommt, wo unsere Anhänger
-Dir und Deinem vermaledeiten Luftschiff den Garaus machen. Und denke
-daran, wenn es soweit ist!«
-
-Kapitän Mors machte eine verächtliche Gebärde.
-
-»Ich bin noch immer ein Mensch geblieben und keine Bestie,« entgegnete
-er. »Wohl gibt es keinen Menschen, den ich glühender hasse, als Euch,
-aber nie lasse ich mich so herabwürdigen, daß ich Dinge vollbringe, wie
-Ihr sie oft an Wehrlosen und Unglücklichen verübt habt. Euer Urteil ist
-gefällt, Euch erwartet der Tod durch den Strang, und wie auf einem
-Schiffe so sollt Ihr mit Euren Genossen an den Geländern der unteren
-Galerie baumeln.«
-
-Gleichzeitig wendete sich der Kapitän Mors an seine Leute und rief ihnen
-eine Anzahl Worte in einer den Gefangenen fremden, gänzlich unbekannten
-Sprache zu, es war offenbar die Sprache, deren man sich auf dem
-seltsamen Luftschiff bediente.
-
-»Nun fahrt in die Hölle,« sprach der Kapitän dann zu den Verurteilten.
-»Ich aber werde meinen Weg weiter verfolgen. Ich werde nach den anderen
-Schurken suchen, die zu Euch gehören, ich werde mir weder Rast noch Ruhe
-gönnen, bis ich sie endlich entdecke.«
-
-Orloff stieß ein wildes Hohngelächter aus und schrie dem stolzen Manne
-Schmähungen zu, der aber wendete sich verächtlich um und schritt hinaus,
-während die Männer von der Besatzung des Luftschiffes wie Tiger über die
-Meuterer herfielen.
-
-Da schallte wildes Gebrüll, da versuchten die Unholde, nochmals ihre
-Fesseln zu sprengen, sie kreischten wie wilde Tiere, als man sie einen
-nach dem anderen auf die Galerie hinausschleppte.
-
-Draußen tönte das wilde Geschrei fort, da vernahm man gellende Rufe, das
-Todesgeschrei der acht Scheusale, und jetzt sah man einen Körper nach
-dem anderen an einem langen Strick unter dem Luftschiff hin- und
-herschwanken.
-
-Gregor, Wassil und Orloff kamen zuletzt an die Reihe, diese Schufte
-sollten die Todesangst bis zuletzt fühlen. Orloff war der letzte, über
-dessen Kopf die Schlinge gezogen wurde.
-
-»Sagt Eurem Kapitän, er wird mir bald in der Hölle Gesellschaft
-leisten!« waren die letzten Worte des Elenden.
-
-Gleich darauf schleuderte ihn ein Fußstoß in die Luft hinaus und der
-Körper des Gerichteten baumelte neben den Leichnamen seiner Gefährten.
-
-Das Luftschiff aber stieg höher und höher hinauf, bis es in den Wolken
-verschwand. Dann fuhr es schnell nach Osten, zu neuen Abenteuern, zu
-furchtbaren Erlebnissen aller Art, auf der Erde, über dem Meere, ja
-sogar im unbekannten Weltraume.
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Dieser Text wurde nach einem Nachdruck-Auswahlband transkribiert: Heinz
-J. Galle (Hrsg.): Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff. Dieter
-von Reeken, Lüneburg, 2005, S. 47-83. Moderne Zusätze und Anmerkungen
-wurden nicht übernommen. Die Originalausgaben hatten auch farbige
-Rücktitel. Diese sind in dieser Ausgabe nicht enthalten.
-
-Der Titel auf dem Buchdeckel und der Titel auf der ersten Seite
-unterscheiden sich leicht (wie schon in der Originalvorlage).
-
-Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch
-Variationen in der Schreibweise von Namen wurden nicht verändert.
-Lediglich offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der Luftpirat und sein lenkbares
-Luftschiff 1: Der Beherrscher der Lüfte, by Anonymous
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER LUFTPIRAT UND SEIN ***
-
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-<title>The Project Gutenberg eBook of Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff 1: Der Beherrscher der Lüfte</title>
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- <!-- TITLE="Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff 1: Der Beherrscher der Lüfte" -->
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- <!-- PUBLISHER="Druck- und Verlags-Gesellschaft, Berlin" -->
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-
-The Project Gutenberg EBook of Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff
-1: Der Beherrscher der Lüfte, by Anonymous
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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-
-Title: Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff 1: Der Beherrscher der Lüfte
-
-Author: Anonymous
-
-Release Date: November 28, 2017 [EBook #56064]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER LUFTPIRAT UND SEIN ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski, Norbert H. Langkau, and the
-Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="frontmatter">
-<p class="vol">
-<span class="bolder">1. Band.</span> Jeder Band ist vollständig abgeschlossen. <span class="bolder">Preis 10 Pf.</span> (15 Heller.)
-</p>
-
-<p class="ser">
-<span class="line1"><span class="centerpic"><img src="images/banner.jpg" alt="Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff." /></span></span>
-<span class="line2">Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff.</span>
-</p>
-
-<h1 class="title">
-Der Beherrscher der Lüfte.
-</h1>
-
-<div class="centerpic">
-<img src="images/pic001.jpg" alt="" />
-<p class="cap">
-Bestürzt sahen die Insassen der Gondel, wie aus den Wolken
-ein riesiges Luftfahrzeug hervortauchte.
-</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
-<p class="pub">
-Druck- und Verlags-Gesellschaft<br />
-Berlin
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="tit">
-Der Beherrscher
-des Luftmeers.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-1">
-<span class="firstline">1. Kapitel.</span><br />
-Ein geheimnisvolles Fahrzeug.
-</h2>
-
-<p class="first">
-Hoch oben in den Lüften über den reichgesegneten Landschaften des
-südlichen Frankreichs schwebte eine gewaltige dunkle Kugel.
-</p>
-
-<p>
-Ein Luftballon war es, der, in der Nacht aufgefahren, eine lange
-Dauerfahrt antreten wollte.
-</p>
-
-<p>
-Der Ballon besaß eine gewaltige Größe, er trug einen Korb, groß
-und geräumig und offenbar für einen längeren Aufenthalt hergerichtet.
-Die zwei Männer, welche sich darin befanden, schienen erfahrene Luftschiffer
-zu sein, das sah man schon daraus, wie ruhig sie trotz der ungeheuren
-Höhe atmeten.
-</p>
-
-<p>
-Dicht neben ihnen hingen seltsamgeformte Kapseln mit langen
-Schläuchen, die Sauerstoffbehälter, welche die Atmung unterstützen
-sollten, falls sich die dünne Luft gar zu unliebsam bemerkbar machte.
-</p>
-
-<p>
-An der riesengroßen Seidenkugel, welche die Gondel trug, war eine
-eigentümliche Vorrichtung befestigt, nämlich eine Art Segel, die mittelst
-Bambusstäben regiert werden konnten. Diese Segel dienten dazu, bei
-ungünstigem Winde die gewünschte Richtung inne zu halten.
-</p>
-
-<p>
-Der eine der beiden Männer war schon bei Jahren, der zweite bedeutend
-jünger, zeigte durch sein militärisches Benehmen, daß er wohl
-dem Soldatenstande angehörte. Seine durchdringend scharfen Augen
-ruhten eben auf den Instrumenten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir fahren mit größter Schnelligkeit,&ldquo; sprach er zu seinem Gefährten.
-&bdquo;Wenn es so weiter geht, und der Wind die Richtung beibehält,
-so schlagen wir unsere Konkurrenten binnen Kürze. Ich wette, wir haben
-die zwölf Ballons, die heute Nacht gleichzeitig mit uns Paris verließen,
-alle weit hinter uns gelassen. Vor allen Dingen kommt es uns zu
-statten, daß wir uns gleich in diese ungeheure Höhe begaben, hier weht
-der Wind mit größter Regelmäßigkeit, hier geraten wir nicht in die verschiedenen
-Luftströmungen, die unsere Freunde in den tieferen Regionen
-finden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Es war noch sehr früh am Morgen, den Sonnenball sah man selbst
-aus dieser ungeheuren Höhe noch am Horizont, in Gegenden, welche
-direkt unter dem Ballon lagen, mußte noch Dämmerung herrschen.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich begann sich die Szenerie zu verändern.
-</p>
-
-<p>
-Die Luft war bis vor kurzem noch durchsichtig klar gewesen, nun
-schien sie sich mit leichten Nebeln zu erfüllen, das waren die leichten
-weißen Wolken, die selbst in diesen Höhen schweben und die ganz
-urplötzlich und zauberhaft erscheinen.
-</p>
-
-<p>
-Dennoch blieb die Windrichtung dieselbe und nur die Fernsicht
-wurde durch die Wolken beschränkt. Der mächtige Ballon trieb noch
-mit großer Schnelligkeit dahin, obwohl es aussah, als ob er völlig still
-stände.
-</p>
-
-<p>
-Man brauchte aber nur einen Blick auf die Instrumente zu werfen,
-um zu sehen, daß sich die riesige Seidenkugel mit größter Geschwindigkeit
-fortbewegte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das wird eine prächtige Fahrt,&ldquo; rief der jüngere der Herren begeistert.
-&bdquo;Wenn es so weiter geht, passieren wir in fabelhaft kurzer Zeit die
-deutsche Grenze, wir müssen tief im Innern Rußlands landen, wir müssen
-diesmal eine Fahrt unternehmen, wie sie noch nicht dagewesen ist,
-eine Dauerfahrt, die uns den Weltrekord sichert.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Weiter schwebte der gewaltige Ballon, manchmal boten die Wolken
-eine größere Fernsicht, dann aber schlossen sie sich wieder zusammen,
-so daß es den Luftschiffern zu Mute war, als ob der Ballon mitten
-durch einen milchweißen See dahinschwebte.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich wendete sich der ältere der Herren, der eben die Barometer
-beobachtet, jählings um und starrte in die jetzt wieder dichter werdenden,
-weißen, wallenden Nebelmassen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sehen Sie, dort, dort,&ldquo; rief er seinem militärischen Gefährten
-zu. &bdquo;Jetzt ist es wieder verschwunden &mdash; aber da kommt es wieder! Sehen
-Sie dort zwischen den Wolken nicht den dunklen Körper?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist einer der anderen Ballons, welche die Dauerfahrt unternahmen,&ldquo;
-antwortete der jüngere Herr überrascht. &bdquo;Wahrhaftig, ich hätte
-nicht geglaubt, daß wir bei unserer fabelhaft schnellen Fahrt überholt
-werden könnten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber sehen Sie doch nur hin,&ldquo; begann der ältere von neuem.
-&bdquo;Das ist kein Ballon, es ist etwas anderes, die Wolken lassen es ja verzerrt
-erscheinen, aber ich setze meinen Kopf zum Pfande, daß es kein
-Fahrzeug ist, wie das unsere, da &mdash; jetzt kommt es näher, da sehen Sie
-nur! &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Sprecher brach rasch ab, aber jetzt war auch sein jüngerer
-Gefährte aufgesprungen, und beide bohrten ihre Blicke in die Dunstmassen,
-als welche die Wolken in dieser Höhe erschienen.
-</p>
-
-<p>
-Ja, da kam es heran, etwas Seltsames, offenbar Langgestrecktes. Es
-ließ sich noch nicht deutlich erkennen, aber es war zweifellos, daß es
-sich auf den Ballon zubewegte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die fahren direkt gegen den Wind,&ldquo; schrie jetzt der jüngere der
-Herren. &bdquo;Das geht ja nicht mit rechten Dingen zu! Das hat etwas besonderes
-zu bedeuten!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ein lenkbares Luftschiff,&ldquo; antwortete der ältere der Luftschiffer,
-&bdquo;ein Fahrzeug, ich sehe es ganz deutlich. Jetzt kommt es eben zwischen
-den Wolken hervor, es hält noch immer die Richtung auf uns ein.
-Wahrhaftig, das ist zum mindesten sonderbar.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die beiden Männer starrten sich an, dann warfen sie einen Blick
-auf die Instrumente, welche die Höhe anzeigten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Fünftausend Meter,&ldquo; sprach der ältere Herr. &bdquo;Ein lenkbares Luftfahrzeug
-in dieser Höhe, das ist unmöglich! Die beiden Fahrzeuge, welche
-sich in Paris befinden, können gewiß nicht in solche Höhe hinauf
-und das hätte ja auch gar keinen Zweck. Es ist auch nicht das lenkbare
-Luftschiff von Santos-Dumont, auch nicht das zweite, welches der geniale
-Erfinder hergestellt hat, nein, die kenne ich ganz genau, die sind auch
-bedeutend kleiner.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es muß doch eins von ihnen sein,&ldquo; rief der jüngere der Herren
-mit stockender Stimme. &bdquo;Es sind die Nebel- und Wolkenmassen, welche
-das merkwürdige Fahrzeug so vergrößern.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der andere aber schüttelte den Kopf, sein ernstes Gesicht war
-förmlich erstarrt. Kein Zweifel, dieser Mann wußte sich vor Staunen
-nicht zu fassen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es ist viel, viel größer, Herr Leutnant,&ldquo; begann er nach kurzem
-Schweigen. &bdquo;Verlassen Sie sich darauf. Und es kann auch keins der Lenkbaren
-sein, die in Paris untergebracht sind, denn sie werden jetzt gerade
-ausgebessert, sie sind unmöglich aufgestiegen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sollte es vielleicht ein deutsches Fahrzeug sein?&ldquo; fragte der französische
-Offizier, in dessen Augen sich jetzt ein Gefühl des Aergers und
-der Feindseligkeit bemerkbar machte. &bdquo;Die Deutschen sollen ja auch
-Luftfahrzeuge besitzen. Es wäre nicht ausgeschlossen, daß sie eine Reise
-mit ihnen nach Frankreich unternehmen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, nein, auch das ist nicht der Fall,&ldquo; rief der andere. &bdquo;Das
-einzige, was hier in Betracht käme, und welches so groß ist, wie das
-sonderbare Fahrzeug, das auf uns zufährt, das hat, wie ich bestimmt
-weiß, den deutschen Boden nicht verlassen. Und die anderen Lenkbaren
-sind viel kleiner, nein, Herr Leutnant, wir haben ein fremdes Fahrzeug
-vor uns, welches, wie ich es offen zugestehen muß, mir völlig unbekannt
-ist. Wahrhaftig, wenn Sie nicht bei mir wären, wenn Sie nicht mit
-mir sprächen, so würde ich glauben, daß ich träume oder daß ich mich
-in einem Fieberanfall befinde. Da, da ist es! Jetzt kommt es wieder aus
-den Wolken hervor. Aber sehen Sie doch nur, das ist ja geradezu unheimlich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ein riesiger Körper kam aus den weißen, wallenden Massen hervorgeschossen.
-Er fuhr direkt gegen den Wind, man hörte ein eigentümliches
-Knattern, jedenfalls waren es die Maschinen, welche arbeiteten.
-</p>
-
-<p>
-Die beiden Männer in der Gondel des Ballons hatten schon manchen
-Aufstieg mitgemacht. Sie waren oft bei Stürmen in den Lüften
-gewesen, sie hatten mit ihrem Ballon schwarze Wolkenmassen durchfahren,
-wo sie Blitze umzuckten und der Donner schrecklich krachte.
-</p>
-
-<p>
-Aber nie hatten sie ein solches Grauen empfunden, wie jetzt bei
-der Annäherung des seltsamen Fahrzeuges, welches sich mit so unglaublicher
-Sicherheit vorwärts bewegte. Die Kraft, welche es durch den Luftozean
-trieb, mußte außerordentlich sein. Die beiden Herren sahen sich
-an, als wollten sie ihren Sinnen nicht trauen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, das ist keins der uns bekannten Fahrzeuge,&ldquo; stammelte
-plötzlich der ältere Herr. &bdquo;Sehen Sie doch, Herr Leutnant, das Luftschiff
-besteht ja aus Metall, es ist kein Zweifel, das ist ein eigenartiges Metall,
-welches mit einem unglaublich leichten Gas gefüllt sein muß. Und sehen
-Sie nur am Vorderteil diese gewaltige Spitze.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Genau wie der Rammsporn eines Kriegsschiffes,&ldquo; antwortete der
-Offizier, der sich an den Kopf faßte und sich die Augen rieb. Er meinte
-vielleicht, die seltsame Erscheinung würde plötzlich wieder verschwinden.
-</p>
-
-<p>
-Aber es war keine Phantasie, das rätselhafte, riesige Luftschiff kam
-heran, man hörte das Knattern der Maschinen, das Arbeiten der Flügelräder,
-aber sonderbar, man sah keinen Menschen.
-</p>
-
-<p>
-Das Luftschiff hatte die Richtung auf den Ballon genommen, und
-so konnte man es nur von vorn betrachten, unten, an der grauen Metallfläche
-aber befanden sich Anhängsel von eigenartiger Form, es waren
-keine Körbe und keine Gondeln, es waren geschlossene Räume, in denen
-sich sicherlich eine ganze Anzahl Menschen aufhalten konnte.
-</p>
-
-<p>
-Mit einem Mal verminderte das Fahrzeug seine Schnelligkeit, aber
-es kam immer noch schnell genug heran, man sah die gewaltig große,
-offenbar aus Metall hergestellte Spitze, wie sie bereits in großer Nähe
-drohte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er rennt uns an,&ldquo; rief der Offizier, &bdquo;er will unseren Ballon durchbohren!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der ältere Herr antwortete nicht, er biß die Zähne zusammen,
-unablässig blickte er nach dem sonderbaren Luftschiff hinüber.
-</p>
-
-<p>
-Deutlich sah man unter ihm einen Anhängsel oder richtiger gesagt
-einen Anbau, man gewahrte auch Fensteröffnungen, aber die schienen
-durch Läden gesichert und verschlossen zu sein.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt war das rätselhafte Schiff bis auf fünfhundert Meter herangekommen.
-Da machte es plötzlich eine Schwenkung, aber nun fuhr es
-zum größten Staunen der Luftschiffer in einem gewaltigen Kreise um
-den Ballon herum.
-</p>
-
-<p>
-Da sah man es von der Seite und die Umrisse des seltsamen Fahrzeuges
-waren trotz der wogenden Wolkenmassen zu erkennen.
-</p>
-
-<p>
-In der Mitte des Fahrzeuges lief eine Gallerie um das ganze Luftschiff
-herum, unten sah man die drei geschlossenen Anbauten, in deren
-mittelsten die Maschinen arbeiteten.
-</p>
-
-<p>
-Sechs große, eigenartig geformte Flügelräder, die an den Seitenwänden
-des sicherlich metallenen Luftfahrzeuges angebracht waren, arbeiteten.
-Man hörte deutlich ihre sausenden Töne, oben auf dem Fahrzeug
-befand sich etwas, das einem Ausguck glich und die staunenden Männer
-sahen, wie dünne, eiserne Treppen oder vielmehr Leitern nach der
-Gallerie und nach diesem Ausguck führten.
-</p>
-
-<p>
-Eine hohe Fahnenstange ragte senkrecht am Ende des sonderbaren
-Fahrzeuges empor und unter dem letzten Ausbau gewahrte man deutlich
-das mächtige Steuer.
-</p>
-
-<p>
-Eine Fahne aber führte der Flaggenstock nicht und als das rätselhafte
-Luftschiff näher kam, überlief die beiden einsamen Männer in der
-Gondel ein Grausen, wie sie es in ihrem ganzen Leben noch nicht gefühlt
-hatten.
-</p>
-
-<p>
-Zweimal umkreiste das Fahrzeug den Ballon, dessen Insassen sich
-ordentlich ohnmächtig vorkamen.
-</p>
-
-<p>
-Sie fühlten, daß sie von den Leuten, die sich da in den geschlossenen
-Anbauten befinden mußten, abhängig waren. Ein Stoß der eisernen
-Spitze mußte ja die Seidenhülle des Ballons in Fetzen reißen und die
-beiden Männer als formlose Massen in die Tiefe schleudern.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt war das seltsame Fahrzeug zum zweiten Male um den Ballon
-herumgeflogen, da aber kam es plötzlich hinter ihm hervorgeschossen
-und schwebte jetzt an seiner Seite.
-</p>
-
-<p>
-Es war kaum noch fünfzig Meter entfernt und diese Entfernung
-verringerte sich mit jeder Sekunde.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir stoßen zusammen,&ldquo; rief der Offizier, indem er unwillkürlich
-nach einem Revolver griff, als ob er sich mit der Waffe gegen die Insassen
-des feindlichen Fahrzeuges schützen könnte.
-</p>
-
-<p>
-Der Zusammenstoß geschah aber nicht, das Fahrzeug schien wunderbar
-gelenkt zu werden. Es rückte immer näher heran, aber ein Zusammenstoß
-wurde offenbar vermieden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Da &mdash; da ein Mann,&ldquo; rief der ältere der Luftschiffer, &bdquo;sehen Sie
-doch, da im vordersten Anbau! Wahrhaftig, jetzt wird die Sache geradezu
-unheimlich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er hatte recht, dort war eine Art Tür aufgeschoben, und plötzlich
-stand eine Männergestalt auf der schmalen Gallerie, welche die Anbauten
-miteinander verband.
-</p>
-
-<p>
-Es war eine hohe, stolze Erscheinung in der einfachen, dunkelblauen
-Uniform eines Kapitäns, auf dem dunkelbraunen Haar saß die Mütze
-mit dem goldenen Streifen. Er stand mit untergeschlagenen Armen
-auf der Gallerie, die er blitzschnell betreten haben mußte. Aber merkwürdigerweise
-hatte er sein Gesicht bedeckt, eine Halbmaske von
-schwarzem Sammet ließ nur den energischen Mund und das bärtige
-Kinn sehen.
-</p>
-
-<p>
-Aus der Maske hervor aber blitzten zwei Augen, so unheimlich, so
-glühend, daß die beiden Herren in der Gondel betroffen zurückprallten.
-</p>
-
-<p>
-Schweigend betrachtete der Mann in der blauen Uniform die Gondel
-des Ballons, von welcher er sich höchstens zwanzig Meter entfernt
-befand.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Woher kommt Ihr?&ldquo; rief er plötzlich mit tönender Stimme.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Von Paris,&ldquo; rief der ältere Luftschiffer förmlich mechanisch.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So, von Paris,&ldquo; klang es schneidend herüber. &bdquo;Nun gut, dann
-nehmt einen Auftrag von mir mit. Dort in der Hauptstadt ist man ja
-geschäftig genug, das Luftmeer zu besiegen, Fahrzeuge zu bauen, mit
-denen man den Luftozean beherrschen möchte. Aber, sagt diesen Männern,
-daß ich der Herr der Lüfte geworden bin und daß ich es auch
-bleiben werde. Sagt ihnen, daß sie es nicht wagen sollten, mit mir in
-Wettbewerb zu treten. Das möchte ihnen zum Verhängnis ausschlagen.
-Ich bin der Beherrscher der Lüfte, ich will es bleiben, von der Erde hat
-man mich verjagt, man hat mich gewissermaßen für vogelfrei erklärt,
-mich wie ein Stück Wild fast zu Tode gehetzt, aber hier oben dulde ich
-niemand neben mir, sagt es denen, die das vollbringen wollen, was mir
-längst gelungen ist. Und wehe ihnen, wenn sie es wagen, mir hier oben
-feindselig in den Weg zu treten! Wehe ihnen, sie sollen den Kapitän
-Mors kennen lernen.&ldquo;
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-2">
-<span class="firstline">2. Kapitel.</span><br />
-Der Beherrscher der Lüfte.
-</h2>
-
-<p class="first">
-Die letzten Worte klangen wie Donnerton, aber im selben Augenblick
-verschwand auch der rätselhafte Mann wieder in den Anbau, man hörte
-einen Laut, als ob eine Falltür ins Schloß schlug.
-</p>
-
-<p>
-Gleich darauf veränderte das riesige Luftschiff wieder seine Richtung
-und im selben Moment griffen die beiden Luftschiffer nach ihren
-Köpfen, sie preßten unwillkürlich die Hände auf die Ohren, bestürzt
-über den furchtbaren Laut, der dort ertönte.
-</p>
-
-<p>
-Neben der eisernen Spitze hervor klang es, das mußte wohl eine
-sogenannte Sirene sein, eins jener gewaltigen Nebelhörner, mit welchem
-die Schiffe bei Nebelwetter auf der See Signale geben. Aber dieser Ton
-war ganz verschieden, und zwar so furchtbar, so durchdringend, daß die
-beiden Männer meinten, das Trommelfell müßte ihnen platzen.
-</p>
-
-<p>
-Das klang wie eine geheimnisvolle Warnung, als wollte der unheimliche
-Maskierte sagen &bdquo;Hütet Euch, mir nahe zu kommen! Mir,
-dem Besitzer dieses seltsamen Luftfahrzeuges!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Zum zweiten, zum dritten Male schallte der furchtbare Laut, da
-griffen die beiden Luftschiffer mit zitternden Händen nach den Ventilleinen.
-</p>
-
-<p>
-Hinab wollten sie, schnell hinab, nur fort aus dieser unheimlichen
-Nähe. Zischend entwich das Gas durch die geöffneten Ventilklappen
-und der stolze Ballon, der eben noch in der ungeheuren Höhe majestätisch
-dahingesegelt, sank schnell durch die Wolkenmassen.
-</p>
-
-<p>
-Das rätselhafte Luftschiff aber blieb allein, es schwebte hoch oben
-über den Wolken, einen Augenblick schien es regungslos zu verharren,
-dann begann die Maschine von neuem knatternd zu arbeiten, mit fabelhafter
-Geschwindigkeit drehten sich die Flügel umeinander und nun
-schoß das merkwürdige Fahrzeug pfeilschnell von dannen.
-</p>
-
-<p>
-Es hatte die Richtung nach Nordwest eingeschlagen, als ob es sich
-direkt in der Richtung auf Paris zu bewegte. Auf die Hauptstadt, in
-welcher kühne, geniale Männer zuerst lenkbare Luftschiffe erbauten.
-</p>
-
-<p>
-Der Ballon aber sank mit großer Schnelligkeit aus den Höhen
-herab und landete schon nach kürzester Zeit auf den Gefilden Frankreichs.
-</p>
-
-<p>
-Dort staunte man nicht wenig, als man den gewaltigen Luftballon
-erblickte, denn er gehörte ja zu den Dauerfahrern, welche ungeheure
-Strecken Landes überfliegen sollten. Niemand konnte sich bei dem
-schönen Wetter diese vorzeitige Landung des Ballons erklären.
-</p>
-
-<p>
-Man fragte, ob irgend ein Unglück geschehen sei, ob der Ballon
-beschädigt wäre, aber die beiden Luftschiffer gaben ausweichende Antwort.
-</p>
-
-<p>
-Sie hatten nur einen Gedanken, sie wollten so schnell als möglich
-nach Paris zurück und dort die unheimliche Begegnung melden, sie
-wollten genau berichten, was sie da oben über den Wolken gesehen
-hatten.
-</p>
-
-<p>
-Die beiden Herren ließen sich kaum Zeit, für die Verpackung des
-Ballons zu sorgen. Nachdem sie Order gegeben, den zusammengepackten
-Ballon nach Paris zu befördern, fuhren sie so schnell wie möglich
-zur nächsten Bahnstation und erreichten bald Paris, wo ihr plötzliches
-Erscheinen das größte Staunen erregte.
-</p>
-
-<p>
-In dieses Staunen mischte sich Aerger, denn viele hatten gerade
-auf diesen Ballon gewettet, sie waren überzeugt gewesen, daß dieses
-mächtige Luftschiff mit einer Segelvorrichtung alle anderen Konkurrenten
-besiegen würde.
-</p>
-
-<p>
-Man sparte nicht einmal mit Vorwürfen, alle wollten den Grund
-wissen, warum der Ballon die Weiterfahrt aufgegeben hatte, aber die
-Neugier wurde nicht gestillt, dagegen eilten die beiden Luftschiffer nach
-dem Ballondepot, in welchem sich auch die militärischen Ballons und
-einige sogenannte lenkbare Luftschiffe befanden.
-</p>
-
-<p>
-Auch hier erregte das Erscheinen der beiden Männer das höchste
-Erstaunen und bedenkliches Kopfschütteln, das sich aber noch steigerte,
-als die beiden so schnell Zurückgekehrten dem Komitee, zu dem auch
-einige Offiziere gehörten, ihr sonderbares Erlebnis mitteilten.
-</p>
-
-<p>
-Schweigend hörte man sie an, dann wechselte man verständnisvolle
-Blicke und nachher malte sich Unglauben in aller Mienen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Meine Herren,&ldquo; sprach endlich ein alter Offizier mit silberweißem
-Haupthaar, dem man den altgedienten Militär auf hundert Schritte ansah
-und dessen Knopfloch die bunten Bänder verschiedener Orden
-zierten. &bdquo;Meine Herren, Sie haben uns soeben eine Wundergeschichte
-erzählt, höchst wahrscheinlich, um das vollständig unbegreiflich frühe
-Unterbrechen Ihrer Reise zu erklären. Aber ich meine, da hätte sich
-doch eine andere glaubhaftere Ausrede finden lassen. Sie sind ja beide
-erfahrene Luftschiffer, aber nehmen Sie es mir nicht übel, diese Erzählung
-halte ich für ein Märchen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der junge Offizier wollte eine heftige Antwort geben, aber sein
-älterer Gefährte hielt ihn zurück.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bin seit mehr als fünfzehn Jahren Luftschiffer,&ldquo; erwiderte er
-nicht ohne Stolz. &bdquo;Ich habe selbst meine Auffahrten nicht mehr gezählt,
-mich hat noch niemand in meinem ganzen Leben einer Lüge für fähig
-gehalten, noch weniger ist es mir möglich, mir als ernstem Forscher
-Wundergeschichten auszudenken. Daß man in unseren Bericht Zweifel
-setzen würde, wußte ich von vornherein; aber, er ist dennoch die Wahrheit.
-Ich habe schon gefährliche Fahrten durchgemacht, aber nie in
-meinem Leben habe ich ein solches Grauen empfunden wie heute morgen,
-als wir unvermutet dem unheimlichen Fahrzeug begegneten. Halten
-Sie unsere Erzählung immerhin für ein Märchen, wir können es nicht
-ändern. Wir haben weder geträumt, noch phantasiert, das seltsame Fahrzeug
-ist uns wirklich begegnet, den Maskierten haben wir mit eigenen
-Augen gesehen. Jetzt mag man uns Lügner schelten, die Zukunft wird
-unsere Angaben bestätigen müssen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er verneigte sich flüchtig vor der stillschweigenden Versammlung
-und zog dann den heißblütigen Offizier mit sich, der dem besonnenen
-Freunde nur widerwillig folgte.
-</p>
-
-<p>
-Die Herren des Komitees blieben zurück und begannen sofort
-eine erregte Auseinandersetzung. Die Meinungen waren geteilt.
-</p>
-
-<p>
-Einige Herren nahmen entschieden die Partei der beiden Luftschiffer
-und behaupteten, diese ernsten, nur ihren Erfindungen und Erfahrungen
-lebenden Männer wären absolut nicht imstande, eine Unwahrheit
-vorzubringen.
-</p>
-
-<p>
-Die übrigen Herren des Komitees aber zuckten die Achseln; es
-ergab sich ein erregtes Durcheinander, bis endlich der alte ehemalige
-Oberst, der Vorsitzende des Komitees, Ruhe gebot.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Meine Herren,&ldquo; sprach er mit Stentorstimme. &bdquo;Ich bin vielleicht
-vorhin, als mir die seltsame Geschichte erzählt wurde, mit der Entgegnung
-etwas unvorsichtig gewesen. Ja, ich glaube sogar, ich habe unsere
-beiden geschätzten Mitglieder beleidigt, das mag man mir altem Soldaten,
-der schon anno 1870 in mancher Schlacht gekämpft, zu gute halten.
-Ich bin eben ein bißchen rauh, aber das ist nicht so gemeint. Ich
-denke, es ist das beste, wir schweigen über die ganze Sache. Es gibt eine
-sonderbare Krankheit, die man zuweilen mit dem Namen Höhenrausch
-bezeichnet und ich glaube auch jetzt noch, daß unsere beiden Freunde,
-denn so nenne ich sie, in der furchtbaren Höhe in erhitzten Sinnen
-Dinge gesehen haben, die gar nicht existieren. Halluzinationen, wie sie
-häufig selbst den heldenkühnsten Menschen widerfahren. Das glaube
-ich. Sollte es aber dennoch so sein und ein Fahrzeug existieren, welches
-alles übertrifft, was sich der menschliche Geist vorstellt, nun wohl, so
-werden wir ja noch weiteres darüber hören. Also einstweilen erbitte ich
-Stillschweigen, ja, ich verpflichte die Herren sogar dazu. Sie kennen das
-schnelle Urteil der oberflächlichen Menge und ich möchte unsere beiden
-Freunde nicht lächerlich machen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Diesen Worten stimmten alle zu und bald trennten sich die Herren,
-indem sie sich gegenseitig das Versprechen gaben, über das seltsame
-Ereignis Stillschweigen zu bewahren.
-</p>
-
-<p>
-Aber schon am nächsten Tage kam eine Nachricht, welche die
-Mitwissenden aufs höchste befremdete. Da war nämlich ein zweiter
-Ballon der Dauerfahrer wegen mangelhafter Ventile hart an der Grenze
-des französischen Gebiets niedergegangen. Die Insassen des Ballons
-kamen am nächsten Tage nach Paris zurück, aber auch sie hatten von
-einer merkwürdigen Erscheinung zu erzählen.
-</p>
-
-<p>
-Sie meldeten nämlich, daß sie in der ersten Morgendämmerung
-einen langen, grauen Körper bemerkt hätten, der in großer Höhe dahinsauste
-und offenbar direkt gegen den Wind fuhr.
-</p>
-
-<p>
-Die Herren hatten diese sonderbare Erscheinung nur undeutlich
-sehen können und da dieser merkwürdige Gegenstand sich sehr schnell
-bewegte, so meinten sie, es wäre ein Meteor, welches die Atmosphäre
-der Erde kreuzte.
-</p>
-
-<p>
-Freilich erschien diese Erklärung wenig plausibel, denn da hätte ja
-ein solcher fremder Weltkörper glühen müssen. Allerdings wollte auch
-einer der beiden Insassen in der Gondel einen hellen Schein gesehen
-haben, der aber bald wieder verschwand.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er war nicht rotglühend,&ldquo; berichtete er, &bdquo;sondern schneeweiß, er
-sah fast aus wie der Lichtkegel eines Scheinwerfers, aber er dauerte nur
-einen flüchtigen Augenblick, dann war schon alles wieder verschwunden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Herren des Komitees aber sahen sich befremdet an, denn jetzt
-wurde die Sache immer rätselhafter. Sie glaubten nicht mehr an ein
-Märchen und an Halluzinationen, sie waren ganz betroffen bei dem
-Gedanken, daß ein lenkbares Luftschiff von solchen Dimensionen existierte.
-</p>
-
-<p>
-Aber zu welchem Staate konnte das gehören? Wer hatte dies Schiff
-erbaut?
-</p>
-
-<p>
-Aus Deutschland kam es nicht, das hätten ja die Zeitungen gewiß
-berichtet, auch nicht aus England, da man trotz aller Geheimniskrämerei
-über eine solche wichtige Erfindung unmöglich Stillschweigen bewahren
-konnte.
-</p>
-
-<p>
-Andere Länder aber besaßen keine lenkbaren Luftschiffe. Hier kam
-nur noch Amerika, die Vereinigten Staaten, in Betracht. Sollte dort vielleicht
-in aller Stille ein solch merkwürdiges Fahrzeug erbaut worden
-sein? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Aber wozu hatte sich dann jener Mann in der blauen Kapitänsuniform
-maskiert? Weshalb hatte er sich den grauenvollen Namen Kapitän
-Mors beigelegt? Diesen Namen des Todes, weshalb hatte er die geheimnisvolle
-Warnung den Luftschiffern zugerufen. Das waren ja Rätsel über
-Rätsel.
-</p>
-
-<p>
-Wenige Stunden später gingen vertrauliche Anfragen von diplomatischer
-Seite ab, hauptsächlich nach den Vereinigten Staaten, Depeschen
-wurden gewechselt, aber die Antworten brachten keine Aufklärung. In
-den Vereinigten Staaten war nichts über ein lenkbares Luftschiff bekannt,
-und die Versuche, die man dort anstellte, befanden sich noch in
-den Anfängen.
-</p>
-
-<p>
-Nun wartete man noch auf die Nachrichten von den anderen
-Dauerfahrern.
-</p>
-
-<p>
-Man mußte sich in Geduld fassen, da die Luftschiffe bei dem
-günstigen Winde meist über Deutschland hinweg nach den russischen
-Städten getrieben waren.
-</p>
-
-<p>
-Einzelne landeten in Ungarn, aber deren Insassen hatten nichts
-Absonderliches gesehen. Nun harrte man voller Ungeduld auf die Nachrichten
-der übrigen Dauerfahrer, welche bei den mangelhaften Verkehrsmitteln
-im südlichen Rußland erst nach Ablauf einer Woche erwartet
-werden konnten.
-</p>
-
-<p>
-Das Komitee befand sich in fieberhafter Spannung, nicht minder
-die beiden Luftschiffer, welche die seltsame Begegnung gehabt hatten.
-</p>
-
-<p>
-Die letzteren hatte man durch gütliches Zureden wieder versöhnt
-und sie bewogen, die rätselhafte Begegnung in den Lüften geheim zu
-halten.
-</p>
-
-<p>
-Das wurde auch gern zugestanden, da man den Spott und Hohn
-der großen Menge fürchtete, diese hätte ja nie und nimmer eine solche
-Geschichte geglaubt, das hätte man für eitel Fabel, ja für hellen Wahnsinn
-gehalten.
-</p>
-
-<p>
-Endlich kamen die langersehnten Nachrichten, Depeschen trafen
-ein, in denen die Dauerfahrer ihre Erlebnisse meldeten.
-</p>
-
-<p>
-Die meisten waren alle tief im Innern Rußlands gelandet, ein Ballon
-war sogar um ein Haar ins Schwarze Meer geraten. Nur ein Luftschiff
-fehlte noch. Dieses schien am weitesten geflogen zu sein.
-</p>
-
-<p>
-Und wieder kam ein Tag, da klapperten die telegraphischen Apparate.
-Eine Depesche kam aus dem fernsten Rußland, vom Uralgebirge,
-an Asiens Grenzen.
-</p>
-
-<p>
-Es waren die noch Vermißten, und das Komitee, dem die Ankunft
-der Depeschen gemeldet war, begab sich in größter Eile nach der Station,
-wo man die Depeschen aufnahm.
-</p>
-
-<p>
-Die Leitung mochte nicht recht in Ordnung sein, denn die Depesche
-langte zwar an, aber in verschiedenen Pausen, die teilweise halbe
-Stunden dauerten.
-</p>
-
-<p>
-Zunächst meldeten die Luftschiffer im Triumph, daß sie jedenfalls
-den Weltrekord geschlagen hätten. Sie berichteten, daß sie sich bereits
-auf der Heimreise befänden.
-</p>
-
-<p>
-Schon wollte das Komitee die Depesche als beendet erklären, da
-begann der Apparat plötzlich von neuem zu ticken.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, das verstehe ich nicht,&ldquo; sprach der Telegraphenbeamte, als er
-auf die Typen sah, welche durch den Apparat direkt auf die Papierstreifen
-gedruckt wurden. &bdquo;Das sind ja ganz sinnlose Worte, die Telegraphenleitung
-in Rußland muß völlig in Unordnung geraten sein. Oder
-der Telegraphist ist betrunken.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, nein,&ldquo; sprach der alte Herr, indem er sich eiligst hinzudrängte,
-&bdquo;das ist die Chiffreschrift unserer Gesellschaft. Geben Sie her,
-das ist noch eine besondere Meldung.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Apparat tickte noch immer, die scheinbar sinnlosen Worte
-reihten sich eins an das andere. Dann kam plötzlich jenes Signal, welches
-das Ende der Depesche verkündete. Kopfschüttelnd überreichte der
-Beamte dem Greise die beschriebenen Papierstreifen.
-</p>
-
-<p>
-Der alte Herr verließ die Station mit auffallender Hast, ihm folgten
-die übrigen Herren, die sich draußen im Flur um den Vorsitzenden
-drängten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was bedeutet dies?&ldquo; fragten verschiedene Stimmen hastig. &bdquo;Sie
-haben die Chiffreschrift gelesen? Was enthält der geheimnisvolle Schluß
-dieser langen Depesche?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Greis machte ein sehr ernstes Gesicht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Meine Herren,&ldquo; sprach er leise. &bdquo;Wir haben unseren beiden Mitgliedern,
-welche die Begegnung meldeten, Unrecht getan. Hier ist schon
-die dritte Bestätigung, daß ein solch merkwürdiges Fahrzeug existiert.
-Einen Augenblick, ich werde es Ihnen vorlesen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und mit ganz leiser, vor Erregung zitternder Stimme las der alte
-Herr die bedeutungsvollen Worte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sechs Stunden vor unserer Landung haben wir ein seltsames Luftfahrzeug
-gesehen, welches anscheinend in großer Höhe dahinsauste. Es
-verfolgte die Richtung nach Südosten, es flog den südlichen Steppen
-Rußlands zu, anscheinend, um den Kaukasus zu erreichen. Das Luftschiff
-schien sehr groß zu sein, sein Aussehen war fremdartig; weiteres
-werden wir mündlich mitteilen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der alte Herr faltete die Depesche zusammen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hier waltet ein Geheimnis ob,&ldquo; sprach er. &bdquo;Hier befindet sich ein
-Mann im Besitze eines Fahrzeuges, wie es sich nicht einmal die kühnste
-Phantasie vorstellen kann. Meine Herren, wir wollen nur hoffen, daß
-dieser geheimnisvolle Maskierte seine offenbar geniale Erfindung nicht
-zu dämonischen Zwecken benutzt. Wäre dies der Fall, so müßte es geradezu
-entsetzlich sein, dann kann ich mir die Folgen noch gar nicht
-einmal ausmalen. Seien wir offen, meine Herren, der Besitz eines solchen
-Fahrzeuges macht diesen Mann zum Herrn der halben Welt, es ist
-kein Zweifel, dieser seltsame Maskierte, der sich Kapitän Mors nennt, ist
-der Beherrscher der Lüfte!&ldquo;
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-3">
-<span class="firstline">3. Kapitel.</span><br />
-An der Stätte einstigen Glückes.
-</h2>
-
-<p class="first">
-Die Gondelinsassen des Ballons, der tausend und abertausende von
-Kilometern zurückgelegt hatte, ehe er an Asiens Grenzen landete, hatten
-das wunderbare Luftfahrzeug gleichfalls gesehen.
-</p>
-
-<p>
-Und sie irrten sich auch nicht, als sie behaupteten, dasselbe wäre
-in der Richtung des Kaukasus von dannen gefahren. Das Luftschiff hatte
-jene Richtung eingeschlagen, nach Georgien, nach den Landschaften,
-die zwischen dem Kaspischen und dem Schwarzen Meere lagen.
-</p>
-
-<p>
-Es war ein herrlicher Morgen, die Sonne beleuchtete eine wunderbare
-Landschaft, man konnte glauben, daß sie den deutschen Alpen
-angehörte.
-</p>
-
-<p>
-Nadelwaldungen bedeckten die Berghänge, hier und da sah man
-grüne Wiesen, tiefer unten in den Tälern schäumten kristallklare Flüsse.
-Hoch oben zeigten sich die Berge, von denen die höchsten in Schnee
-und Eis glänzten, sonst aber war in dieser herrlichen Gegend kein
-Mensch zu sehen.
-</p>
-
-<p>
-Dieses prächtige Tal schien gemieden zu sein, man sah nur einige
-Vögel, welche über den Tannenwäldern kreisten, Raubvögel, die offenbar
-nach Beute suchten.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich hielten die Raubvögel in ihren regelmäßigen Kreiszügen
-inne. Sie kreischten, schlugen mit den Flügeln und schwangen sich
-dann schnell hinweg, um pfeilschnell in den Tiefen der Abgründe zu
-verschwinden.
-</p>
-
-<p>
-Was war das für eine Störung, welche die Segler der Lüfte von
-dannen trieb? Das war sicherlich jener graue, seltsame Gegenstand, der
-plötzlich zwischen den Kuppen zweier himmelhoher Berge hindurchschoß.
-</p>
-
-<p>
-Pfeilschnell bewegte sich diese fremdartige Erscheinung durch die
-Lüfte, aber jetzt begann sie sich zu senken, die merkwürdige Erscheinung
-schien noch immer in der Luft etwas über den Abhängen der
-Berge entlang zu sausen. Sie fuhr über die Tannen und Fichten dahin
-und jetzt näherte sie sich den grünen Wiesen.
-</p>
-
-<p>
-Ja, das war jenes seltsame Luftschiff, welches die Franzosen gesehen
-hatten, dieses sonderbare Fahrzeug, welches so plötzlich auftauchte,
-daß man ein Phantom zu sehen glaubte.
-</p>
-
-<p>
-Hart über einem Felsplateau, über einer Lichtung, blieb es plötzlich
-stehen. Die Flügel wirbelten nicht mehr, doch schien eine geheimnisvolle
-Gewalt es zu regieren. Es stand fast unbeweglich, ungefähr
-zwanzig Meter über dem Boden. Dann hörte man wieder jenes seltsame
-Klappen, und im selben Augenblick fiel eine lange, aus Seide geflochtene
-Strickleiter herab.
-</p>
-
-<p>
-Kaum berührte diese den Boden, da kletterte auch schon ein
-Mann aus dem Luftschiff, der Mann in der blauen Uniform, der auch
-jetzt die Maske trug.
-</p>
-
-<p>
-Hinter ihm aber kletterte eine zweite Gestalt hinab, die gleichfalls
-ein ungewöhnliches Aussehen darbot. Nein, das war kein Sohn der weißen
-Rasse, die buntfarbigen Gewänder, welche die geschmeidige, aber
-sehnige Gestalt umhüllten, deckten braune Glieder, dieser noch junge
-Mann war sicherlich unter glühender Sonne aufgewachsen.
-</p>
-
-<p>
-Er folgte dem Vorankletternden mit größter Gewandtheit. Beide
-erreichten schnell hintereinander den Boden.
-</p>
-
-<p>
-Der zweite Mann war nicht maskiert, sein junges, braunes Gesicht
-besaß einen eigentümlich träumerischen Ausdruck, fast sanft, ja weiblich,
-nur wenn die Augen aufglühten, gewahrte man, daß auch dieser
-Mann unbezähmbare Energie besitzen mußte.
-</p>
-
-<p>
-Er war der Angehörige eines edlen Volkes, die feingebogene Nase,
-die ebenmäßigen Gesichtszüge verrieten den Inder. Dieser junge Mann,
-der in bescheidener Haltung neben dem Maskierten in der blauen Kapitänsuniform
-stand, war sicherlich ein Hindu, ein Sohn des Landes, welches
-die Engländer beherrschen.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt sah er unverwandt auf seinen stolzen Begleiter, dessen breite
-Brust krampfhaft arbeitete. Die Teile des Gesichts, welche die Maske
-nicht bedeckte, waren jetzt totenbleich und ein dumpfer, stöhnender
-Seufzer verriet, daß dieser Mann mit aller Macht gegen eine furchtbare
-Erregung kämpfte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sahib,&ldquo; sprach der junge Hindu sanft in der wohllautenden Sprache
-seiner Heimat. &bdquo;Sahib, warum seid Ihr wieder hierhergekommen? O,
-Herr, Ihr wißt, daß es für Euch eine Qual ist, eine Marter, die Euch das
-Herz zerfleischt, und dennoch sucht Ihr von Zeit zu Zeit diese Stätte
-auf, um Euch zu peinigen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du hast recht, treue Seele,&ldquo; tönte es von den bärtigen Lippen des
-Maskierten. &bdquo;Keine Marter der Hölle ist so furchtbar wie die Pein, welche
-ich beim Besuch der Stätte empfinde, wo ich einst das größte Glück
-der Welt gefunden zu haben meinte. Aber ich kann nicht anders, es
-treibt mich immer wieder hierher. Vielleicht, daß die Zeit es dahin
-bringt, daß ich nicht mehr so an die Vergangenheit denke, wie jetzt.
-Aber wenn ich auch fliegen kann, so weit der Himmel blau ist, wenn
-die Erde, wenn das Weltall mir offen steht, eine finstere Gewalt gibt es,
-die mich immer wieder hierherführt, wo ich einst so glücklich gewesen.
-Komm, ich muß die Stätte wiedersehen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Maskierte stürmte voran und brach sich durch das Gebüsch
-Bahn, daß die Zweige links und rechts zurückschlugen.
-</p>
-
-<p>
-Er war jetzt übrigens bewaffnet, in dem Gürtel, der seine Hüften
-umschloß, steckten zwei Revolver, die jeden Augenblick zum Feuern
-fertig schienen. An seiner Linken hing ein schwerer Degen in schwarzer
-Lederscheide, eine Waffe, die nur eine sehr starke Hand zu schwingen
-vermochte.
-</p>
-
-<p>
-Auch der indische Diener, denn ein solcher war er offenbar, trug
-Waffen, unter seinem weißen, burnusähnlichen Obergewand sah man
-die Griffe von silberbeschlagenen Pistolen, ferner eins der seltsam geformten
-indischen Schwerter, dessen Griff von Juwelen funkelte.
-</p>
-
-<p>
-Durch das Tannengestrüpp ging es hindurch, zuweilen raschelte es
-hier und dort, dann blieben die Männer stehen, aber es war nur ein
-aufgestörter Fuchs oder anderes Wild, welches das Weite suchte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Herr,&ldquo; sprach der Inder plötzlich. &bdquo;Die Menschen meiden dieses
-Tal, in welchem das Wild wohnt. Ihr werdet an dieser Stätte keine
-Fremdlinge finden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich möchte es auch niemand raten,&ldquo; knirschte der Vorangehende.
-&bdquo;Wehe dem, der es wagt, die Grabesruhe zu stören. Ich bin kein
-Dämon, kein Teufel, aber hier würde ich jeden Störenfried vernichten.
-Doch da sind wir, da ist&rsquo;s, es ist alles noch unverändert!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er nahm die Mütze mit dem goldenen Streifen ab, der indische
-Diener aber kreuzte die Arme über der Brust und neigte sich tief, als ob
-er jemandem seine Ehrerbietung bezeugte.
-</p>
-
-<p>
-Da war eine Lichtung und auf dieser Lichtung sah man die Trümmer
-von Gebäuden.
-</p>
-
-<p>
-Hier schien ein großes Gehöft gestanden zu haben, von dem jetzt
-nur noch die Grundmauern zu sehen waren. Auch diese wurden bereits
-von Gestrüpp überwuchert.
-</p>
-
-<p>
-Deutlich sah man noch eine große Umfassungsmauer, und darinnen
-die Ueberreste von größeren und kleineren Gebäuden. Hier mußte
-ein gewaltiges Feuer getobt haben, denn man sah an den Steinen noch
-die Brandspuren; hier und dort gewahrte man auch die Reste verkohlter
-Balken.
-</p>
-
-<p>
-Der Maskierte ließ seine flammenden Augen über die Trümmerstätte
-gleiten, dann wendete er sich plötzlich und schritt nach dem Rande
-des Waldes.
-</p>
-
-<p>
-Dort sah man drei Hügel, aber auf diese Hügel waren schwere
-Steine gewälzt, so schwer, daß sicherlich eine Anzahl starker Männer
-dazu gehört hatten, um diese Felsblöcke auf die Hügel zu wälzen.
-</p>
-
-<p>
-Und wieder klang das dumpfe Stöhnen von den Lippen des Maskierten.
-Bei dem größten der Hügel warf er sich zu Boden. Und dieser
-Mann, der sonst wie von Eisen schien, der preßte jetzt völlig gebrochen
-seine Stirn auf die kahlen Felsblöcke.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Da ruhen sie!&ldquo; keuchte er endlich. &bdquo;Steine mußte ich hier auftürmen
-lassen, damit die Wölfe und die Bären die Toten nicht ausgruben.
-Die raubgierigen Bestien habe ich abgewehrt, aber die Gedanken kann
-ich nicht abwehren. Und immer wieder kommen sie und martern mich!
-Damals habe ich geglaubt, der Glücklichste der Menschen zu sein, und
-wie lange hat es gedauert, ein paar kurze Jahre, dann war alles dahin! O,
-die Hunde, die Bestien, die mein Glück vernichtet haben. Diese Elenden,
-welche ich auf dem ganzen Erdenball suchen will. Die auch mich
-zugrunde richteten. Die es dahin brachten, daß man mich wie einen gemeinen
-Verbrecher verfolgte. Mich, der in seinem ganzen Leben nichts
-anderes getan hat, als Menschenrechte hochgehalten. Das war diesen
-Schurken ein Dorn im Auge, sie wußten, wo sie mich trafen. Ha, die
-Nacht steht noch vor meinen Augen, als ich zurückkehrte und von fern
-die Feuersglut gewahrte, als ich, wie ein Rasender herbeistürmend, nur
-noch die Leichen meiner Lieben fand. Ermordet hat man sie, erbarmungslos
-ermordet. Alles, was ich besaß, vernichtet, mich aber hat man
-zum Geächteten erklärt, für einen Schurken, der den Tod durch Henkershand
-verdiente. Sie glaubten ja leichtes Spiel zu haben, diese Halunken,
-welche mich um mein Glück beneideten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Faßt Euch, Herr,&ldquo; sprach der Inder, in dessen sonst so flammenden
-Augen helle Tränen glänzten. &bdquo;Ihr macht Euch noch elend.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein,&ldquo; sprach der Mann, indem er sich hastig emporrichtete.
-&bdquo;Ich habe es überwunden. Alles hat man mir genommen, alles, sie
-glaubten schon ihr Ziel erreicht zu haben. Aber eins konnten sie mir
-doch nicht nehmen, mein Genie und mein Wissen. Das war ihnen nicht
-möglich. Und das habe ich benutzt, damit habe ich jenes Fahrzeug
-erbaut, mit welchem ich den Ozean der Lüfte durchkreuze. Das Verweilen
-auf der Erde haben sie mir unmöglich gemacht, die Bestien, gut,
-jetzt bin ich der Herrscher der Lüfte geworden!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Jetzt war dieser Mann wieder der Alte. Wohl streifte noch ein
-Blick furchtbarsten Schmerzes die steinernen Hügel, unter denen die
-Toten schlummerten, aber dann glühten seine Augen in einem furchtbaren
-Feuer. Es war das Feuer der Rache.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, an diesen Gräbern habe ich geschworen,&ldquo; fuhr er fort. &bdquo;Da
-habe ich es gelobt, daß ich Rache nehmen will. Rache zunächst an den
-Schurken, die mich entehrten, die mich in den Augen der Welt zum
-Verbrecher stempelten, Rache an den Vernichtern meines Glücks, denen
-gilt zuerst mein Suchen. Aber dann kommen andere an die Reihe, überall
-will ich erscheinen, wo Unrecht getan wird. Ueberall will ich, Kapitän
-Mors, auftauchen, erscheinen wie der Blitz aus heiterem Himmel,
-mit meinem wunderbaren Fahrzeug, welches mir Macht verleiht, will ich
-als rächender Vergelter auftreten. Die ganze Erde will ich ruhelos durchkreuzen,
-nicht eher will ich sterben, als bis ich dieses Lebenswerk vollendet
-habe. Nur einmal noch mußte ich vorher die Stätte meines ehemaligen
-Glückes wiedersehen! Jetzt beginnt die Zeit der Rache!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er wendete sich hastig um und drückte die Mütze auf das braune
-Haar, mit festen Schritten wendete er sich von der ehemaligen Ansiedlung,
-die jetzt von allen Menschen gemieden zu werden schien.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Herr, wo wollt Ihr die Elenden suchen?&ldquo; fragte der Inder. &bdquo;Ihr
-wißt ja selbst noch nicht, wo Ihr sie finden könnt. Ihr habt diejenigen,
-die damals Euer Glück vernichteten, kaum gesehen. Wer weiß, was aus
-ihnen geworden ist. Auch sie sind vielleicht elend zugrunde gegangen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein,&ldquo; schrie der Maskierte mit furchtbarer Stimme. &bdquo;Dann gäbe
-es keine Gerechtigkeit mehr auf der Welt. Ich fühle es, noch kann ich
-Rache nehmen, ich will sie suchen, ich werde sie finden. Auf meinem
-Fahrzeug kann ich überall hingelangen. Zurück zum Luftschiff, welches
-mich blitzschnell von dannen trägt, in die höchsten Höhen des Luftmeers,
-dahin, wo noch nie ein Mensch gelangte. In die unerforschten
-Regionen des Erdballs, und vielleicht später, wenn mein Genie noch
-andere Verbesserungen getroffen, gar ins Universum, in die Sternenwelt.
-Mir ist nichts unmöglich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Bewundernd sah der Inder auf den stolzen Mann, der jetzt mit
-hastigen Schritten von dannen ging. Es war, als wollte er dem Ort entfliehen,
-an dem er einst so glücklich gewesen.
-</p>
-
-<p>
-In rasender Hast eilte er zu dem Luftschiff, gefolgt von seinem
-Begleiter. Hinauf kletterten die beiden, dann hörte man den schrillen
-Ton einer Glocke, die Strickleiter verschwand, die Maschine knatterte,
-und stolz wie ein Aar erhob sich das lenkbare Luftschiff empor zur
-Morgensonne.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-4">
-<span class="firstline">4. Kapitel.</span><br />
-Die Verschwörer.
-</h2>
-
-<p class="first">
-Langsam sank die Sonne im Westen und vergoldete mit roten Gluten
-den Spiegel des Schwarzen Meeres.
-</p>
-
-<p>
-Aus den Dünsten ragten die Türme der Hafenstadt Odessa hervor,
-jener Stadt, die in der Zeit der russischen Unruhen eine große Rolle
-spielte.
-</p>
-
-<p>
-Die Sonne beglänzte die Hafenanlagen und den mächtigen Wellenbrecher,
-überall sah man die Masten von Schiffen, welche im Hafen
-eingelaufen waren.
-</p>
-
-<p>
-Am Kai bewegte sich eine Menge Menschen dahin, Arbeiter, Kaufleute,
-Soldaten, ein emsiges Hasten und Treiben, wie es in Hafenstädten
-immer zu finden ist.
-</p>
-
-<p>
-Und dennoch lastete es wie Gewitterschwüle über dieser Menge,
-wohin man blickte, sah man ängstliche Gesichter, besonders die vielen
-Juden, die man hier erblickte, zeigten eine Angst, die sie vergeblich zu
-verbergen suchten.
-</p>
-
-<p>
-Es lag etwas in der Luft, das Verderben schien über dieser Stadt zu
-schweben, welche in der Geschichte der russischen Unruhen eine so
-verhängnisvolle Rolle spielte.
-</p>
-
-<p>
-Die unheimlichen Kerle, welche zuweilen in den Nebengassen auftauchten,
-warfen verdächtige Blicke nach allen Seiten. Sie verschwanden,
-wenn Polizisten oder Abteilungen von Soldaten auftauchten, kamen
-aber bald wieder zum Vorschein. Dann flüsterten sie zusammen, dann
-machten sie grimmige Gesichter und nicht selten drohten sie den geängstigten
-Juden mit ihren Knüppeln, worauf die Hebräer eiligst die
-Flucht ergriffen.
-</p>
-
-<p>
-Aber auch am Hafen schien etwas nicht in Ordnung zu sein, denn
-da standen viele Leute, welche auf die mächtige Wasserfläche hinausblickten.
-Sie schauten alle in die Ferne, als ob sie dort etwas besonderes
-zu sehen erwarteten.
-</p>
-
-<p>
-Dabei wurde viel geflüstert und geraunt, es schien irgend etwas
-nicht in Ordnung zu sein, was es aber war, konnte niemand sagen, ja
-vielleicht wußten es die Neugierigen selber nicht.
-</p>
-
-<p>
-Endlich versank die Sonne blutrot, gleichsam wie eine üble Vorbedeutung,
-die Menge am Strande begann sich zu zerstreuen, zumal jetzt
-die patrouillierenden Soldaten rücksichtslos den Hafen von dem Gesindel
-säuberten.
-</p>
-
-<p>
-Einige gutgekleidete und respektabel aussehende Männer hatten
-schon vorher den Hafen verlassen.
-</p>
-
-<p>
-Sie standen an den Molen und blickten unverwandt in die See
-hinaus. Jetzt gingen sie schnell von dannen, aber nicht nach der Stadt,
-sondern am Alexandrowskyplatz vorüber, nach jenen parkartigen Gebieten,
-welche den Namen Datschen führen.
-</p>
-
-<p>
-Da lagen der städtische botanische Garten, die Friedhöfe und weiterhin
-einige Kasernen, an der Straße aber, die mitten durch dieses parkähnliche
-Terrain führte, erhoben sich hier und da stattliche Landhäuser.
-</p>
-
-<p>
-Sie besaßen meist große Gärten, und waren durch größere Strecken
-des Parkes von einander getrennt.
-</p>
-
-<p>
-Nach einem dieser Landhäuser gingen drei Männer, die man für
-wohlhabende Bewohner von Odessa halten mußte.
-</p>
-
-<p>
-Sie standen in mittleren Jahren und ihre Gesichter, die vorher
-harmlos drein geblickt, nahmen, als sie das Landhaus betraten, einen
-ganz anderen Ausdruck an. Wer in die Augen dieser Leute blickte,
-konnte sich vor ihnen fürchten.
-</p>
-
-<p>
-Im Landhause selbst befanden sich Leute, die wie Diener gekleidet
-waren, die drei Ankömmlinge aber auffallend vertraulich begrüßten.
-</p>
-
-<p>
-Diese erwiderten die Grüße in gleicher Weise. Einer der Männer
-fragte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, wie ist es? Noch nichts zu sehen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, gar nichts,&ldquo; grollte der eine der Zurückkehrenden. &bdquo;Auf der
-See war keine Spur von einem Schiffe zu erblicken. Wir sind schon in
-höchster Unruhe, am Ende ist alles mißglückt und dann wären unsere
-Unternehmungen unmöglich geworden. Nur mit Hilfe der Schiffe können
-wir etwas erreichen und unsere weitreichenden Pläne ausführen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie werden schon kommen, Väterchen,&ldquo; erwiderte der andere
-zuversichtlich. &bdquo;Es sind Männer von Stahl und Eisen, vielleicht ist die
-günstige Zeit noch nicht gekommen. Aber sie kommt ganz gewiß. Vielleicht
-schon in dieser Nacht, denn schließlich hat es ja keine Eile.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gewiß hat es Eile,&ldquo; zischte der andere, indem er mit dem Fuß auf
-den Boden stampfte. &bdquo;Lange läßt es sich nicht mehr geheim halten.
-Wenn man erst Verdacht schöpft, wird die Hälfte unserer Pläne vereitelt.
-Urplötzlich muß die Ueberraschung kommen, dann sind wir die
-Herren des Schwarzen Meeres, dann sind alle anderen ohnmächtig,
-dann werden wir unsere Bedingungen vorschreiben, von allen Hafenstädten
-riesige Kontributionen fordern und die Schiffe mit Schätzen
-beladen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Kein Zweifel, hier war eine Verschwörung im Gange, aber der Sprechende
-brach schnell ab und ging mit seinen beiden Begleitern die
-Treppe hinauf, während die übrigen Männer unten zurückblieben.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sollen wir nicht Ausguck halten?&ldquo; rief der eine der vermeintlichen
-Diener den Hinaufgehenden nach.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ist nicht nötig,&ldquo; lautete die Antwort. &bdquo;Um Mitternacht gehen wir
-selbst auf das flache Dach. Uebrigens wird die Nacht dunkel werden.
-Sollten die Schiffe kommen, so hören wir ja ihre Signale, auch müssen
-wir dann die Scheinwerfer gewahren. Haltet nur gute Wacht und beobachtet
-die Straße. Sollten unvermutet Polizisten oder Soldaten nahen,
-so gebt ihr sofort das Warnungszeichen. Aber es hat keine Eile, wir müssen
-nur für alle Fälle vorsichtig sein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wenige Minuten später befanden sich die drei Männer oben in
-einem Gemach, dessen Türe sie hinter sich verriegelten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was meint Ihr?&ldquo; fragte der eine, der offenbar eine gewisse Autorität
-besaß und den seine Gefährten Orloff nannten. &bdquo;Habt ihr Vertrauen
-zu Matuschewko, glaubt ihr, daß er seine Pläne durchsetzt? Was meint
-Ihr, Gregor, Wassil, seid Ihr auch jetzt noch überzeugt, daß ich den
-richtigen Mann auf die Schiffe schickte?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, wir sind der festen Überzeugung,&ldquo; erwiderte Wassil, indem er
-mit seinen Begleitern bezeichnende Blicke tauschte. &bdquo;Matuschewko ist
-der richtige Mann, der besitzt Energie und Tatkraft, der wird die erste
-Gelegenheit benutzen, der ist wild wie ein Tiger und wird alles über die
-Klinge springen lassen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, wild ist er,&ldquo; erwiderte Orloff gedankenvoll. &bdquo;Wild, wie eine
-Bestie, mir wäre es lieber, er würde besonnener sein. Da könnten wir
-weit mehr erreichen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was siehst Du denn so gedankenvoll vor Dich hin?&ldquo; fragte Gregor
-den Unheimlichen, als er plötzlich wie geistesabwesend in die Ecke
-starrte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach, ich denke eben an den Ingenieur,&ldquo; lautete die Antwort, &bdquo;Ihr
-wißt doch, wen ich meine, an diesen Narren, von dem man nicht wußte,
-woher er stammte. Er sagte einmal, er wäre ein Deutsch-Amerikaner
-und stamme von deutschen Eltern, sei aber jenseits des Weltmeeres
-geboren. Möglich, daß es die Wahrheit gewesen ist. Das war ein Mann,
-wenn der auf unsere Pläne eingegangen wäre. Mit seiner Hilfe hätte uns
-die Welt gehört. Aber dieser Narr hatte ja moralische Anwandlungen
-und als er merkte, was wir beabsichtigten, da wies er uns streng zurück,
-da drohte er, unsere kühnen Pläne der Regierung zu verraten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist ihm auch schlimm bekommen,&ldquo; erwiderte Wassil, &bdquo;ein
-Glück ist es nur, daß wir uns ihm nie zu erkennen gaben, daß wir immer
-in entstellender Kleidung mit ihm verkehrten. Sonst säßen wir vielleicht
-jetzt in Sibirien oder hätten unter Henkers Hand geendet. Geschickt
-war er, solchen Menschen gibt es wohl kaum wieder. Aber als
-wir bemerkten, daß er von unseren Plänen nichts wissen wollte, als er
-forderte, daß wir jene Tat unterlassen sollten, die er Verbrechen nannte,
-da haben wir es dem Narren heimgezahlt. Er glaubte schon auf dem
-Gipfel seines Glücks zu stehen, da am Kaukasus, in Georgien hatte er
-sich angesiedelt, da wollte er seine verrückten Ideen von Menschenrechten
-verbreiten. Er war ja ein Mensch, der solchen verschrobenen Ideen
-nachgrübelte. Aber wir haben ihn unschädlich gemacht, wir haben ihm
-gezeigt, was es heißt, wenn man uns beleidigt oder wenn man uns gar
-zu drohen wagt. Haus und Hof haben wir ihm in Flammen aufgehen
-lassen und alles totgeschlagen, was sich dort befand, ein Unglück war es
-nur, daß er gerade nicht in seiner Besitzung weilte, sonst hätte er ja
-auch dran glauben müssen. Aber auch so haben wir uns gerächt, wir
-haben es durch Schlauheit, durch List und gefälschte Papiere dahingebracht,
-daß er als einer der verworfensten Verbrecher galt, daß man
-seinen Steckbrief überall hinschickte, daß man ihn wie ein wildes Tier
-hetzte, wer weiß, wo er im Elend und Jammer zu Grunde gegangen ist.
-Aber es war schade um ihn, er konnte unglaubliche Dinge vollbringen,
-ich staunte, als er mir einmal seine Pläne und Entwürfe zeigte, seine
-Experimente, es war nur eine kurze Zeit, aber ich habe da wunderbare
-Dinge gesehen. Was nur aus jenen Papieren geworden sein mag. Ich
-glaube, er hat sie immer bei sich getragen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Laß den Narren,&ldquo; rief Orloff, &bdquo;den hat schon längst der Teufel
-geholt. Jetzt denke an unsere Pläne, an unser großartiges Werk, welches
-uns die Herrschaft über das Schwarze Meer sichert. Wein her, wir wollen
-trinken! Die neblige, naßkalte Luft am Hafen hat uns durch und
-durch erkältet. Und um Mitternacht wollen wir auf das flache Dach
-hinaufsteigen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Wein wurde gebracht, und die Verschwörer, denn nur um
-solche konnte es sich handeln, begannen zu zechen.
-</p>
-
-<p>
-Erst als die Uhr die Mitternachtsstunde verkündete, erhoben sie
-sich mit roten Köpfen, zogen ihre Mäntel an und verließen das Zimmer.
-</p>
-
-<p>
-Von hier aus führte eine Treppe nach dem flachen Dache, wie es
-bei vielen Landhäusern am Strande des Schwarzen Meeres der Fall ist.
-Das Dach selbst war ziemlich groß und mit einem Geländer umgeben,
-oben befand sich eine Art Dachgarten mit Bänken. Von hier aus hatte
-man einen prächtigen Blick auf das Schwarze Meer, über welchem jetzt
-die Schatten der Nacht lagen.
-</p>
-
-<p>
-Die Blicke der Männer richteten sich in das Dunkel.
-</p>
-
-<p>
-Sie sahen die Leuchtfeuer des Hafens, die Lichter von Odessa,
-auch die kleinen Lichter auf den Schiffen, die im Hafen ankerten.
-</p>
-
-<p>
-Auf der See selbst aber war alles schwarz und dunkel.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich sage es ja,&ldquo; rief Gregor plötzlich. &bdquo;Es scheint noch nicht gelungen
-zu sein. Vielleicht ist der Matuschewsko zu hitzig vorgegangen
-und hat alles verdorben. Dabei haben wir ihm doch unablässig Vorsicht
-gepredigt, ihm ans Herz gelegt, nichts zu überstürzen. Hölle und Verdammnis,
-wenn Matuschewsko sich vorzeitig verraten hätte, oder gar in
-Gefangenschaft weilte!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er verrät uns nicht,&ldquo; sprach Orloff, &bdquo;ganz gewiß nicht, eher läßt
-er sich in Stücke schneiden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, darauf möchte ich nicht schwören,&ldquo; bemerkte Wassil, &bdquo;Du
-kennst die Knute, Matuschewsko fürchtet das blanke Eisen nicht, wohl
-aber die Peitsche und wenn sie ihm damit zu sehr zusetzen, wenn sie
-ihn zuschanden schlagen, da möchte er doch alles verraten. Zum Teufel,
-wir müssen aufpassen. Dann sind wir unseres Lebens nicht mehr sicher!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Orloff hatte bei den letzten Worten gar nicht mehr hingehört.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Horcht,&ldquo; sprach er plötzlich. &bdquo;Habt Ihr nichts vernommen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die anderen verneinten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mir war es doch so,&ldquo; entgegnete Orloff, &bdquo;ich habe etwas gehört,
-als ob sich ein Mensch auf dem Dache befände. Es war wie ein dumpfes
-Keuchen und es war in unmittelbarer Nähe.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach Unsinn,&ldquo; brummte Gregor, &bdquo;das war der Nachtwind.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, nein, das war ein ganz verdächtiger Laut,&ldquo; begann Orloff
-wieder. &bdquo;Es ist nur so verdammt dunkel, aber wir müssen mal nachsehen.
-Bedenkt, wenn uns jemand hier belauscht hätte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bilde Dir doch nichts ein,&ldquo; mischte sich jetzt Gregor in das Gespräch.
-&bdquo;Wer soll denn hier heraufklettern. Das bekäme ja nur ein Vogel
-fertig. Der einzige Weg zum platten Dach führt in unsere Zimmer und
-die halten wir doch verschlossen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Orloff aber gab sich doch nicht zufrieden, und er war gerade im
-Begriff, auf dem flachen Dache herumzusuchen, als ihn ein leiser Aufschrei
-Wassils ablenkte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sieh, sieh dort,&ldquo; rief der Verschwörer. &bdquo;Blicke nach der See, da
-sind die Signale, sie sind es! Matuschewsko hat seine Sache gut gemacht.
-Jetzt läßt er die Scheinwerfer spielen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und so war es auch, denn jetzt sah man draußen auf der See in
-der Dunkelheit grelle Lichtblitze, weiße, zuckende Lichtkegel, die über
-den Himmel dahinglitten.
-</p>
-
-<p>
-Und diese Lichtkegel konnten nur von Schiffen ausgehen, die aus
-der Ferne herandampften.
-</p>
-
-<p>
-Im Nu hatten die Verschwörer alles andere vergessen, sie dachten
-nicht mehr an jenes verdächtige Geräusch, an die merkwürdigen Worte
-Orloffs, sie tanzten vor Freude auf dem flachen Dache herum und gebärdeten
-sich wie die Unsinnigen.
-</p>
-
-<p>
-Und immer wieder sah man draußen in der Finsternis die Scheinwerferblitze,
-welche sicherlich von nahenden Schiffen herrührten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hinab, hinab,&ldquo; rief plötzlich Orloff. &bdquo;Rasch zum Hafen, wir müssen
-ihnen entgegengehen und Signale geben. Morgen früh beherrschen
-wir Odessa.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Im Nu rannten die drei Männer die Treppe hinunter, die Falltür
-fiel krachend zu.
-</p>
-
-<p>
-Oben auf dem Dache blieb alles still, aber dort bewegte sich jemand,
-einer, der auf der Lauer gestanden, denn hinter den Orangenbäumen
-des Dachgartens stand eine dunkle Gestalt, die man nicht deutlich
-zu erkennen vermochte.
-</p>
-
-<p>
-Wieder schallte das dumpfe Keuchen, welches Orloff vernommen
-zu haben glaubte, jetzt vernahm man aber auch eine halblaute Stimme.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie waren es, sie sind es gewesen,&ldquo; klang es in seltsamen Lauten.
-&bdquo;An den Stimmen habe ich sie wiedererkannt, die Elenden, welche mich
-einst zum Unglücklichsten aller Menschen machten. Aber es sind noch
-mehr, das sind nicht alle, die ich hier getroffen habe. Es sind noch
-mehr von diesen Schurken und ich ruhe und raste nicht, bis ich diese
-Erbärmlichen zur Verantwortung gezogen habe. Sie sinnen auf schmählichen
-Verrat, auf Empörung, auf Mord und Raub, aber ich werde ihre
-heimtückischen Pläne zerstören, die Welt von diesen Elenden befreien.
-Und jene muß ich haben, welche die Ursache meines Unglücks wurden.
-Richten will ich sie, und ein furchtbarer Richter werde ich sein. Grauenvoll,
-unerbittlich. Denn hier gibt es keine Gnade!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dann stand der seltsame Mann, der auf rätselhafte Weise auf das
-Dach gelangt sein mochte und wartete.
-</p>
-
-<p>
-Er wartete bis unten das Tor des Landhauses geöffnet wurde, bis er
-hörte, wie eine ganze Anzahl Männer auf die Straße eilten. Er vernahm
-das Trappeln der Schritte, die sich in größter Eile nach der Richtung
-des Hafens bewegten.
-</p>
-
-<p>
-Dann geschah Seltsames.
-</p>
-
-<p>
-Sehen konnte man nichts, aber oben auf dem Dache des Landhauses
-zuckten dreimal rote Blitze, wie von einem Signal, und nach kurzer
-Zeit hörte man ein Sausen in der Luft, da schien sich etwas herabzusenken.
-Man hörte ein gedämpftes Knattern, als ob eine Maschine arbeitete.
-</p>
-
-<p>
-Trotz des Dunkels der Nacht sah man einen großen, unförmlichen
-Gegenstand über dem Landhaus schweben. Es klang, als ob etwas herabfiel,
-ein dunkler Schatten huschte schnell empor und verschwand in
-dem unförmlichen Gegenstand. Dann hörte man wieder das dumpfe
-Knattern, das Sausen und der gewaltige schwarze Schatten fuhr wie eine
-nächtliche Spukerscheinung empor in die Lüfte.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-5">
-<span class="firstline">5. Kapitel.</span><br />
-Der Schreckenstag von Odessa.
-</h2>
-
-<p class="first">
-Es war Morgen geworden, aber trübe und schwer hingen die Wolken
-herab, unablässig rieselte ein durchkältender, eisiger Regen hernieder.
-</p>
-
-<p>
-Und dennoch war ganz Odessa auf den Beinen, trotz des Wetters,
-in welches man, wie man zu sagen pflegt, keinen Hund hinausjagte,
-tausende von Menschen drängten sich mit angstvollen Gesichtern in
-den Straßen, tausende blickten mit ängstlicher Neugierde nach dem
-Hafen.
-</p>
-
-<p>
-Alle Bande der Ordnung schienen gelöst zu sein, nur ein Teil des
-Militärs konnte noch als zuverlässig gelten. Matrosen zogen singend,
-berauscht und brüllend durch die Straßen.
-</p>
-
-<p>
-Auf den Schiffen im Hafen zeigte sich kein Mensch, die Besatzungen
-der Handelsfahrzeuge waren alle entsetzt ans Ufer geflohen.
-</p>
-
-<p>
-Und das war kein Wunder, denn vor dem Hafen in drohender
-Nähe lagen schwarze Ungeheuer, größere und kleinere Schiffe, über
-denen die rote Fahne der Empörung wehte.
-</p>
-
-<p>
-Man sah da gepanzerte Schiffe, auch zwei Torpedoboote, ferner
-ein Fahrzeug, welches offenbar zum Transport von Kriegsvorräten diente,
-und alle schienen sich in den Händen von Meuterern zu befinden.
-</p>
-
-<p>
-Die Aufregung in der Stadt war grenzenlos, viele Familien flüchteten,
-ihre wertvollste Habe mitnehmend, zu Fuß aus der Stadt. Wagen
-waren um keinen Preis der Welt aufzutreiben. Der Bahndienst versagte,
-weil die Schaffner und das sonstige Dienstpersonal betrunken in den
-Schenken hockten. Allenthalben sah man bestürzte Gesichter.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Meuterer haben sich einiger Schiffe der Schwarzen Meerflotte
-bemächtigt,&ldquo; hieß es. &bdquo;Sie haben die Offiziere ermordet, sie haben das
-Banner der Empörung aufgezogen, die Stadt soll eine ungeheure Summe
-zahlen, andernfalls wollen die meuterischen Schiffe Odessa bombardieren.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und das schien in der Tat so, denn die Mannschaften auf den
-Schiffen nahmen die drohendste Haltung an, sie hatten einen Boten
-geschickt, der von der Stadt Millionen als Lösegeld forderte. Andernfalls
-drohten sie, würden sie die Hafenstadt in Schutt und Asche legen.
-</p>
-
-<p>
-Die ersten Boten schickte man zurück, aber nun wurden die Meuterer
-dreist, sie schickten jetzt eine ganze Abordnung schwerbewaffneter
-Seesoldaten ans Land, um gebieterischen Tones die freche Forderung zu
-wiederholen.
-</p>
-
-<p>
-Es drohte eine Katastrophe, es schien, als wolle sich ein Teil des
-Militärs den Meuterern anschließen, ein Teil der Truppen verweigerte
-den Gehorsam und blieb in den Kasernen, die übrigen hatten genug zu
-tun, um ihre widerspenstigen Kameraden in Schach zu halten. Jeden
-Augenblick mußte das Gefürchtete eintreten.
-</p>
-
-<p>
-Man wagte es gar nicht, den Meuterern, die jetzt bewaffnet am
-Lande erschienen, Widerstand entgegenzusetzen.
-</p>
-
-<p>
-Daß sie von jemand gelenkt wurden, war ohne allen Zweifel. Und
-das mußten Verschwörer sein, die nicht zu der gewöhnlichen Schiffsbesatzung
-gehörten. Auf dem Transportschiff befanden sich diese Leute,
-die Häupter derselben waren Orloff, Gregor und Wassil, welche jetzt die
-Masken von sich warfen.
-</p>
-
-<p>
-Von dem Transportschiffe aus, welches gleichfalls bewaffnet war,
-dirigierten sie die Meuterei und sie taten das aus schlauer Berechnung.
-</p>
-
-<p>
-Wenn die Batterie am Strande Feuer eröffnete, so würden sie sicherlich
-auf das von den Meuterern besetzte Panzerschiff schießen, weniger
-auf das Transportfahrzeug, welches man für ungefährlicher halten
-mußte. Es war dies ein Beweis, daß die Meuterer bedacht waren, ihr
-kostbares Leben zu erhalten.
-</p>
-
-<p>
-Die Verwirrung erreichte den höchsten Grad, da erschien plötzlich
-ein Mann in der Menge, dessen Auftreten einen gewaltigen Eindruck
-machte.
-</p>
-
-<p>
-Er trug einen Mantel, aber wenn derselbe sich ein wenig lüftete, so
-glaubte man eine blaue Uniform darunter zu bemerken. Der Mann
-hatte seinen Hut tief ins Gesicht gedrückt, sein linkes Auge war von
-einer schwarzen Binde bedeckt, die sein Gesicht völlig entstellte. Das
-rechte Auge aber blickte desto feuriger. Als dieser Mann, dessen hohes,
-gebietendes Wesen großen Eindruck machte, die zitternden Häupter der
-Stadt erblickte, drängte er sich plötzlich vor.
-</p>
-
-<p>
-Seine donnernde Stimme hallte wie das Dröhnen eines Ungewitters.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wollt Ihr Euch von feigen Meuchelmördern einschüchtern lassen!&ldquo;
-rief der Fremde, den niemand kannte, mit dröhnender Stimme,
-&bdquo;wollt Ihr denen, die sich durch nichtswürdigen Verrat und Meuchelmord
-in den Besitz der Macht setzten, Unsummen auszahlen und dadurch
-erst das Verderben heraufbeschwören? Vorwärts, werft diese Meuterer
-aus der Stadt heraus und antwortet mit den Batterien!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Menschen sind oft seltsame Geschöpfe, dasjenige, was die Offiziere
-weder durch Drohungen, noch Bitten oder Befehle erlangen konnten,
-das geschah hier.
-</p>
-
-<p>
-Eine Abteilung Kosaken waren die ersten, welche sich blitzschnell
-auf die frechen Matrosen stürzten und wildes Jubelgeschrei erschallte,
-als diese großmäuligen Helden plötzlich ohne zu schießen, die Flucht
-ergriffen. Der Mann hatte es vollbracht, der Mann, welcher durch seine
-gewaltige Stimme und durch sein imponierendes Auftreten den Bann
-des Schreckens gebrochen. Dieser Mann war eine Strecke weit mit den
-Kosaken vorwärts gestürmt, jetzt überließ er ihnen die Verfolgung der
-flüchtenden Empörer.
-</p>
-
-<p>
-Niemand ahnte, daß dieser Mann, der durch sein großartiges Auftreten
-das Fürchterlichste abgewendet, derselbe war, den man einst allenthalben
-suchte, den man für einen Schreckensmenschen hielt, welcher
-nur den Tod durch Henkershand verdiente.
-</p>
-
-<p>
-Kapitän Mors, der Befehlshaber und Erbauer jenes seltsamen lenkbaren
-Luftschiffes, er war es, der durch sein Erscheinen die Stadt vom
-Schlimmsten gerettet.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt schaute er düster nach dem Hafen hin, wo das Geschrei und
-Rufen der Menge ertönte. Zuweilen knallten Schüsse, man hörte den
-durchdringenden, gellenden Kampfruf der Kosaken, durch welchen sie
-sich gegenseitig anfeuerten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Stein ist ins Rollen gebracht,&ldquo; sprach er.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe es getan und dadurch das Schlimmste von der Stadt
-abgewendet. Ich weiß jetzt, wo ich die Elenden zu suchen habe, die
-einst mein Glück vernichteten. Aber nicht im Hafen ist der Ort, wo ich
-mit ihnen abrechne! Ich muß sie hinaustreiben auf das blaue Wasser,
-auf das Schwarze Meer und dann kommt die langersehnte Stunde.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Gleich darauf verschwand der Mann in der Menge, die nach dem
-Hafen flutete. Kapitän Mors konnte mit Stolz auf seine Tätigkeit blicken.
-Er hatte den Verzagenden Mut eingeflößt und der feste Entschluß,
-den jetzt die Verwaltung der Stadt zeigte, schien die Empörer
-vom Schlimmsten abzuhalten.
-</p>
-
-<p>
-Noch lagen die meuterischen Schiffe drohend vor dem Hafen,
-Schüsse fielen von dort, ja sogar einige der kleinen Schnellfeuergeschütze
-wurden abgefeuert.
-</p>
-
-<p>
-Von der Deputation, welche so frech die Millionen forderte, kam
-nur ein Teil wieder zurück. Die anderen hatten teils mit den spitzen
-Lanzen der Kosaken Bekanntschaft gemacht oder waren von den flinken
-Reitern gefangen genommen worden.
-</p>
-
-<p>
-Der Rest der Ausgeschickten warf sich in die Boote und ruderte in
-wilder Hast nach den Schiffen hinüber.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt kam die Entscheidung, da die Zurückkehrenden verlangten,
-daß man nunmehr die Stadt bombardieren solle.
-</p>
-
-<p>
-Kapitän Mors aber hatte richtig gerechnet, als er durch seine Energie
-das Schlimmste vermied. Denn unter den Meuterern herrschte bereits
-Unschlüssigkeit, da begann man zu streiten und zu zanken.
-</p>
-
-<p>
-Freilich hatte man sich einiger Schiffe der Schwarzen Meer-Flotte
-bemächtigt, aber man konnte damit rechnen, daß die Schiffe des Geschwaders
-herbeikamen, daß die der Regierung treugebliebenen Mannschaften
-einen Angriff auf die Empörer unternahmen.
-</p>
-
-<p>
-So war man unruhig geworden, man schaute unablässig auf das
-Meer hinaus, man fürchtete jeden Augenblick, die Schiffe des Kriegsgeschwaders
-könnten am Horizont auftauchen.
-</p>
-
-<p>
-Orloff, Wassil und Gregor, sowie deren Begleiter, die sich jetzt aus
-ehemaligen Dienern in Gefährten der drei Rädelsführer verwandelt hatten,
-waren außer sich.
-</p>
-
-<p>
-Gregor und Orloff, die das größte Wort führten, ließen das Transportschiff,
-auf dem sie sich befanden, dicht an den meuterischen Panzer
-heranfahren.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So macht doch ernst,&ldquo; schrieen sie. &bdquo;Vor allen Dingen, wo ist
-Matuschewsko?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-In wenigen Augenblicken erschien der Gerufene, ein wild blickender,
-fast mongolisch aussehender Mann in der Uniform eines Bootsmanns.
-</p>
-
-<p>
-Seine Kleider und sein Hemd waren mit Blut bespritzt, und dieses
-Scheusal war ja einer der ersten, der die nichtsahnenden Offizieren ermordete.
-Er hatte auch den Schiffsarzt in greulicher Weise getötet.
-</p>
-
-<p>
-Der Mann sah eher aus wie eine Bestie als wie ein Mensch, seine
-tief geschlitzten Augen glühten wie die eines Tigers.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zum Teufel, Matuschewsko, so macht doch ernst,&ldquo; schrie Orloff
-hinüber. &bdquo;Wir brauchen das Geld, nur mit großen Summen können wir
-etwas unternehmen. Mit Millionen können wir unsere Pläne nur durchführen.
-Munition ist doch genug an Bord, eröffne das Feuer auf die
-Stadt! Wenn die ersten hundert Häuser in Trümmer geschossen sind,
-wird man schon klein beigeben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Deutlich sah man, wie der Wüterich drüben mit den Zähnen
-knirschte, wie er die gelben Zähne raubtierartig fletschte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Leute sind unschlüssig,&ldquo; rief er hinüber. &bdquo;Sie weigern sich, auf
-die Stadt zu feuern. Der schnelle Angriff der Soldaten hat sie verwirrt
-gemacht. Vor allen Dingen fürchten sie die Strandbatterien!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Orloff heulte und tobte, aber das nützte nichts, jetzt war es besser,
-wenn man Kaltblütigkeit zeigte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hier können wir nichts machen,&ldquo; schrie Matuschewsko wieder
-herüber. &bdquo;Die Leute fürchten die Batterien, sie wollen nach anderen
-unbefestigten Hafenstädten fahren und dort Gelder erpressen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber keine Stadt ist so reich wie Odessa,&ldquo; schrie Orloff. &bdquo;Ich
-weiß es, hier liegen Millionen und Abermillionen, hier könnten wir
-ungeheure Summen erpressen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich will nochmal sehen, was sich tun läßt,&ldquo; sprach Matuschewsko
-nach einer Weile, &bdquo;ich werde noch mal mit den Leuten reden. Drüben
-in der Stadt muß was Merkwürdiges passiert sein, erst hat Kopflosigkeit
-geherrscht, und dann muß sich ein energischer Mann gefunden haben,
-durch den die ganze Situation geändert wurde. Hole der Teufel den
-Kerl!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Wüterich rannte zu den meuterischen Mannschaften und es
-sah in der Tat so aus, als ob sie mit der Beschießung beginnen wollten.
-</p>
-
-<p>
-Da blitzte es plötzlich auf den Strandbatterien auf, ein zweiter, ein
-dritter Schuß folgte und jetzt hörte man die Granaten sausen.
-</p>
-
-<p>
-Orloff ballte die Fäuste, als er sah, wie die Schiffe mit der meuterischen
-Mannschaft plötzlich drehten. Das Panzerschiff war das erste,
-welches in das Schwarze Meer hinausfuhr, die beiden Torpedoboote
-folgten, nun schloß sich in größter Eile der bewaffnete Transportdampfer
-an, auf dem sich die eigentlichen Häupter der Verschworenen befanden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der beste Augenblick ist verpaßt,&ldquo; rief Wassil wütend. &bdquo;Aber nun
-werden wir andere Hafenstädte heimsuchen. Und die müssen bezahlen
-oder sie werden beschossen und geplündert.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Vorerst aber fuhren die Schiffe in die hohe See hinaus, indem sie
-eine südwestliche Richtung einschlugen.
-</p>
-
-<p>
-Sie wollten dadurch etwaigen Verfolgern entgehen, denn es war
-zweifellos, daß die Kriegsschiffe des Geschwaders nach den Meuterern
-suchten.
-</p>
-
-<p>
-Der Mut der Männer stieg aber als sie nirgends ein solches Schiff
-sahen.
-</p>
-
-<p>
-Matuschewsko kam jetzt auf das Transportschiff herüber.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich glaube kaum, daß wir eine Verfolgung zu befürchten haben,&ldquo;
-sprach der Unhold, als ihn seine Gefährten mit Fragen überhäuften.
-&bdquo;Wohl haben sich die Besatzungen der anderen Schiffe der Meuterei
-nicht angeschlossen, aber sie werden auch nicht feindlich gegen uns
-vorgehen. Sie sympathisieren mit uns, sie haben sogar Hurra geschrieen,
-als wir mit der roten Flagge von dannen fuhren. Sie werden ihren Offizieren
-auf keinen Fall gehorchen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Desto besser,&ldquo; schmunzelte Orloff, dessen gute Laune allmählich
-zurückkehrte. &bdquo;Desto besser, dann werden wir zunächst unbefestigte
-Hafenstädte aufsuchen und dort rauben und plündern, daß es eine Lust
-ist.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Da sind die Leute dabei,&ldquo; erwiderte Matuschewsko. &bdquo;Wenn sie
-nur erst warm geworden sind, dann geht es schon, vor allen Dingen
-müssen sie tüchtig Branntwein trinken. Wir fahren jetzt auf die hohe
-See hinaus, sodaß niemand weiß, wo wir uns befinden. Dann fallen wir
-plötzlich aus dem Hinterhalt über eine Stadt her, wo man unser Nahen
-am wenigsten vermutet.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Um Mittag waren die Schiffe schon wieder außer Sicht von Odessa,
-sie sahen von der Küste nichts weiter als einen fernen grauen Streifen.
-</p>
-
-<p>
-Der Himmel war noch immer dick und schwer mit Wolken behangen.
-Der Regen aber hatte aufgehört, nur die Wolken hingen noch
-wie schwarze Leichentücher am Himmel.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich schallten laute Rufe und Schreie, Gregor, Orloff und
-Wassil, die sich immer zusammenfanden, blickten verdutzt empor, da
-sahen sie, wie die Mannschaften auf den Schiffen alle nach den Wolken
-zeigten.
-</p>
-
-<p>
-Dort aus dem tiefhängenden Gewölk kam etwas hervor, etwas
-Großes, Schwarzes, unheimlich Aussehendes, die abergläubischen Matrosen
-schlugen Kreuze, als sie die seltsame Gestalt sahen, die offenbar
-aus den Wolken herabschwebte.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-6">
-<span class="firstline">6. Kapitel.</span><br />
-Die Abrechnung.
-</h2>
-
-<p class="first">
-Anfangs waren die Meuterer vollständig starr, denn die meisten von
-ihnen waren so ungebildet, daß sie die merkwürdige Erscheinung da
-oben für ein Wunder hielten.
-</p>
-
-<p>
-Dagegen gab es unter den Verschwörern gebildete Männer, die
-sogar die Universität besucht hatten. Zu ihnen zählten Orloff, Gregor
-und Wassil.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zum Teufel,&ldquo; rief der erstere, &bdquo;das ist ja ein Luftschiff von einer
-ganz merkwürdigen Form. Das ist am Ende eines jener Fahrzeuge, von
-denen man so oft in der Zeitung liest, und die jetzt dem Steuer gehorchen
-sollen, wie ein Schiff auf dem Wasser. Aber dieses Fahrzeug ist ja
-außerordentlich groß. Wahrhaftig, es scheint in die See zu fallen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Verwunderungsrufe schallten von allen Seiten, die Meuterer
-riefen sich zu, daß dies merkwürdige Ding ein Luftschiff sei, jetzt kam
-es in schräger Richtung zur Wasserfläche herabgefahren.
-</p>
-
-<p>
-Es sah direkt aus, als wollte sich das seltsame Luftfahrzeug in die
-Wellen stürzen, als sei es verunglückt, als müsse es jeden Augenblick im
-Schwarzen Meer versinken.
-</p>
-
-<p>
-Aber das war nicht der Fall, das Fahrzeug, welches Anfangs in
-schräger Richtung herabsauste, war nicht verunglückt, nur fünfzig Meter
-über den Wogen richtete es sich plötzlich auf und schwebte waagerecht,
-dem Druck der Flügel und dem Steuer gehorchend.
-</p>
-
-<p>
-Nun kam es herangeschossen, blitzschnell, mit unheimlicher Geschwindigkeit;
-in riesigem Bogen umkreiste es die Schiffe der Meuterer.
-</p>
-
-<p>
-Den Mannschaften auf den beiden Torpedobooten begann die
-Sache unheimlich zu werden. Sie machten vollen Dampf auf und entfernten
-sich von ihren Begleitern.
-</p>
-
-<p>
-Ja, das war dasselbe Luftschiff, welches damals die französischen
-Ballonfahrer gesehen hatten. Das war das rätselhafte Fahrzeug des Kapitän
-Mors, es umkreiste die beiden großen Schiffe in großem Bogen,
-deutlich hörte man schon die Maschinen knattern.
-</p>
-
-<p>
-Und dann kam es immer näher heran, aber es bewegte sich auf das
-Transportschiff zu, auf dessen Deck neben anderen Verschwörern Orloff,
-Gregor und Wassil standen. Matuschewsko war wieder auf das Panzerschiff
-zurückgekehrt, welches er, der Mörder, kommandierte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Achtung, Achtung!&ldquo; schrie plötzlich Orloff. &bdquo;Das seltsame Ding
-kommt auf uns zu! Teufel, wir müssen es abwehren, dies sonderbare
-Ding hat nichts Gutes im Sinne.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Deutlich sah man den hohen Flaggenstock des lenkbaren Luftschiffes,
-aber noch wehte keine Flagge daran, da mit einem Male wurde
-eine solche aufgezogen.
-</p>
-
-<p>
-Seltsam sah sie aus, das war nicht die Flagge einer Nation, nein,
-das war eine Flagge, wie man sie noch nie gesehen.
-</p>
-
-<p>
-Ein äußeres blutrotes Viereck umgab ein inneres schwarzes Viereck
-und auf diesem schwarzen Viereck las man mit großen, schneeweißen
-Buchstaben das Wort Mors, unter welchem ein Totenkopf grinste.
-</p>
-
-<p>
-Orloff rannte zu den Mannschaften, welche neben den Schnellfeuerkanonen
-des Transportschiffes standen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schießt auf das Ding,&ldquo; rief er befehlend und von einer bösen
-Ahnung gepeinigt. &bdquo;Die da haben nichts Gutes im Sinne. Schießt auf
-das Ding; eine Kugel genügt, um es zu versenken!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Männer gehorchten, aber etwas zögernd; knarrend drehten
-sich die Schnellfeuerkanonen auf ihren Rädern, dann tönten kurz hintereinander
-zwei Schüsse aus Sechszentimeterkanonen.
-</p>
-
-<p>
-Da stießen die Matrosen ein Ausruf der höchsten Verwunderung
-aus.
-</p>
-
-<p>
-Die eine Kugel traf nicht, die zweite aber prallte gegen das Luftschiff.
-</p>
-
-<p>
-Man hörte einen seltsamen Klang, gleich darauf glitt die Kugel ab
-und pfiff seitwärts in die Lüfte, um dann zischend in das Meer niederzufallen.
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblick beschrieb das Luftschiff einen kurzen Bogen
-und dann schwebte es dicht an der Seite des Transportschiffes. Fast
-Bord an Bord.
-</p>
-
-<p>
-Man hörte ein kurzes Knacken. Auf einer der kleinen Galerien,
-welche die unteren Anbauten miteinander verbanden, erschien jener
-Mann, der den Widerstand in Odessa hervorgerufen.
-</p>
-
-<p>
-Da stand Kapitän Mors, aber nicht mehr mit der schwarzen Binde
-über dem linken Auge, jetzt wieder in seiner blauen Uniform, die Mütze
-mit dem Goldstreifen auf dem Kopf.
-</p>
-
-<p>
-Die Maske trug er auch jetzt, aus den Oeffnungen glühten seine
-feurigen Augen, er sah nach Orloff, Gregor und Wassil hin, welche aufgeregt
-einander zuschrieen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe Euch wieder erkannt,&ldquo; donnerte seine Stimme. &bdquo;Ihr
-kennt auch mich oder habt Ihr den Ingenieur vergessen, den Ihr dem
-Unglück, dem Verderben überliefert habt? Ihr glaubtet, ich sei längst
-verdorben und gestorben. Aber jetzt bin ich hier, jetzt ist die Stunde
-der Vergeltung gekommen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Orloff war totenbleich geworden.
-</p>
-
-<p>
-Auch seine beiden Gefährten waren zusammen gefahren. Nun aber
-griffen sie wie auf ein Kommando zu ihren Revolvern, die sie im Gürtel
-trugen. Hastig und ohne zu zielen schossen sie auf den stolzen Mann,
-der die Schüsse mit furchtbarem Hohngelächter beantwortete.
-</p>
-
-<p>
-Im nächsten Moment verschwand der Rätselhafte wieder im Anbau,
-dessen Wände auch aus undurchdringlichem Metall bestehen mußten.
-Man hörte deutlich, wie die Revolverkugeln dagegen klatschten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er war es, er war es,&ldquo; brüllte Orloff, &bdquo;den muß der Teufel aus der
-Hölle geschickt haben. Wie kommt dieser Narr zu einem solchen Fahrzeug!
-Pest und Verdammnis, wir müssen es in Grund und Boden schießen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wieder sprang er nach den Kanonen, da im selben Moment wendete
-sich das Luftschiff, jetzt neigte es den merkwürdigen Rammsporn,
-der an seinem Vorderteil befestigt war.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es kommt heran,&ldquo; schrieen die Matrosen wie die Tollen. &bdquo;Es
-kommt auf uns zu.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Richtig, da kam das Luftschiff nur wenige Ellen über dem Meere
-entfernt herangesaust, die Besatzung des Transportschiffes schrie wie
-toll, die Verschwörer rannten über die Planken.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ein Zusammenstoß! Ein Zusammenstoß!&ldquo; brüllten sie. &bdquo;Das unheimliche
-Ding will gegen uns anrennen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Im nächsten Augenblick vernahm man ein dumpfes Krachen.
-</p>
-
-<p>
-Ja, das Luftschiff war da, es hatte sich mit seinem eisernen Sporn
-dicht an der Wasserlinie in die Seite des Transportschiffes gebohrt, und
-dort ein klaffendes Loch gerissen.
-</p>
-
-<p>
-Das gerammte Schiff neigte sich zur Seite, als wollte es kentern, es
-richtete sich aber wieder empor, und jetzt stürzten Wassermassen in das
-Loch hinein, sodaß sich das Schiff schwerfällig nach dieser Seite neigte.
-</p>
-
-<p>
-Die Verwirrung an Bord des meuternden Schiffes war fürchterlich,
-auf ihm befanden sich die Schlimmsten der Rebellen, vor allen Dingen
-jene Verschwörer, welche alles leiteten.
-</p>
-
-<p>
-Sie rasten jetzt wie toll umher, zumal sie ja ein Sinken des Schiffes
-vermuteten.
-</p>
-
-<p>
-Immer schwerfälliger schlingerte das Transportschiff, es wankte hin und
-her, doch nur, um neue Wassermassen aufzunehmen, die Boote konnte
-man in der Konfusion nicht benutzen. Viele sprangen jetzt ins Wasser,
-um nach dem Panzerschiff hinüber zu schwimmen.
-</p>
-
-<p>
-Da senkte sich das Fahrzeug noch tiefer, es schwebte fast unmittelbar
-auf der Wasserfläche. Auf den Galerien aber erschienen plötzlich
-zehn oder zwölf seemännisch gekleidete Männer mit finsteren, harten
-Gesichtszügen, die förmlich steinern erschienen.
-</p>
-
-<p>
-Einzelne dieser Männer verrieten durch dunkle Färbung, daß sie
-aus anderen Weltteilen stammten.
-</p>
-
-<p>
-Sie hielten mit eisernen Haken beschlagene lange Stangen in der
-Hand, mit denen sie jetzt einige der Schwimmer aus dem Wasser zu
-ziehen suchten.
-</p>
-
-<p>
-Zwischen diesen seltsam aussehenden Männern aber stand Kapitän
-Mors, die Flammenaugen auf die See geheftet, während das Transportschiff
-immer tiefer sank, und noch immer Männer über Bord ins Wasser
-sprangen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Diesen muß ich haben,&ldquo; tönte die Stimme des Rätselhaften.
-&bdquo;Und dann jenen dort mit der Narbe über der Stirn! Und da aufgepaßt,
-dort den riesengroßen Mann, welcher soeben aus dem Wasser emportaucht!
-Heran mit ihnen, diese laßt unter keinen Umständen entkommen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Das lenkbare Luftschiff schien von Geisterhänden regiert zu sein,
-mit unheimlicher Sicherheit bewegte es sich nach jenen Stellen, welche
-der Kapitän bezeichnete.
-</p>
-
-<p>
-Dann fuhren die Stangen ins Wasser, die Eisenhaken packten die
-Bezeichneten, wo sie dieselben gerade zu fassen bekamen. Und nun
-wurden die Unholde trotz fürchterlichen Gebrülls und Sträubens nach
-den Galerien hingezogen.
-</p>
-
-<p>
-Kräftige Fäuste bemächtigten sich ihrer, die sich wie toll Gebärdenden
-wurden auf die Galerien gezerrt, dort trotz fürchterlichen Widerstandes
-niedergeworfen und augenblicklich gefesselt.
-</p>
-
-<p>
-Wenige Minuten später befanden sie sich in einem wie eine
-Schiffskajüte ausgestatteten Raum, wo man sie in eine Ecke schleuderte.
-</p>
-
-<p>
-Da lagen Gregor, Orloff, Wassil, aber zu ihnen gesellten sich in
-kurzer Zeit noch fünf Verschwörer, die sich durch ihre wüsten Gesichtszüge
-als brutale Schurken zu erkennen gaben. Auch diese hatte Kapitän
-Mors bezeichnet, auch sie wurden mit den Haken aus dem Wasser gezogen,
-gefesselt und in den Raum neben die drei Bösewichter geschleudert.
-</p>
-
-<p>
-Inzwischen hatten die Seeleute vom Transportschiff das Panzerschiff
-erreicht, einige von den Verschwörern, die nicht schwimmen
-konnten, waren rettungslos zu Grunde gegangen, aber das schien den
-furchtbaren Kapitän Mors wenig zu kümmern.
-</p>
-
-<p>
-Er hielt jetzt nur das Panzerschiff im Auge, und beobachtete offenbar,
-ob man von dort aus auf ihn feuern wollte.
-</p>
-
-<p>
-Einstweilen hatte man dies noch nicht getan, weil das merkwürdige
-Luftschiff zwischen dem Transportfahrzeug und dem Panzerschiff lag,
-auch fürchtete man, die Schwimmenden durch Schüsse zu gefährden.
-</p>
-
-<p>
-Nun aber spritzte die See empor, und das Transportschiff versank
-wie ein Stein in den Wogen, welche über dem Fahrzeug der Verschwörer
-zusammenschlugen.
-</p>
-
-<p>
-Die beiden Torpedoboote sah man nur noch in weiter Ferne, dagegen
-schickte man sich jetzt auf dem Panzerschiffe an, mit den schweren
-Kanonen auf das lenkbare Luftschiff zu schießen.
-</p>
-
-<p>
-Da hob sich dieses mit einem Male in die Höhe und gerade, als
-man die schweren Kanonen zum Feuern fertig machte, beschrieb das
-merkwürdige Fahrzeug immer höher steigend einen großen Bogen, um
-über dem Panzerschiff plötzlich still zu stehen.
-</p>
-
-<p>
-In der nächsten Minute hörte man das Zischen und Pfeifen, dann
-das Aufschlagen von Kanonenkugeln, wenigstens schien es den dichtgedrängten
-Mannschaften so. Sie stoben entsetzt auseinander, denn die
-Wirkung der explodierenden Kugeln war furchtbar.
-</p>
-
-<p>
-Aber auf das Verderben des Panzerschiffes war es offenbar nicht
-abgesehen. Die Explosion brachte das Schiff der Meuterer zwar in eine
-bedenkliche Lage, weil das Leck, das entstand, sofort voll Wasser lief,
-sodaß sich das Schiff tief nach vornhin senkte. Aber die anderen wasserdichten
-Abteilungen hielten das Schiff schwimmend, doch war es jetzt
-unfähig, weiteren Schaden anzurichten.
-</p>
-
-<p>
-Und wieder zeigte sich die Gestalt des Kapitän Mors auf der Galerie
-des Luftschiffes und zwar über dem Panzerschiffe, welches er gehindert,
-wehrlose Küstenstädte zu bombardieren und zu brandschatzen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Macht, daß Ihr ans Land kommt,&ldquo; donnerte die Stimme des
-furchtbaren Mannes herunter. &bdquo;Nur die Rücksicht auf die vielen irregeleiteten
-Matrosen verhindert es, daß ich auch dies Schiff in den Grund
-bohre. Aber diese Irregeleiteten tun mir leid, deshalb verschone ich ihr
-Leben. Fahrt nach der Küste Rumäniens, so lange wird sich das Schiff
-noch über Wasser halten. Wagt Ihr es aber, wehrlose Städte anzugreifen,
-Ihr wißt, daß ich zur Stelle bin, dann versenke ich Euch in die Tiefe des
-Schwarzen Meeres!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wie Donnerton hallten diese furchtbaren Worte. Abergläubisch
-schlugen die meuternden Matrosen Kreuze über Kreuze. Das seltsame
-Luftfahrzeug aber hob sich hoch empor, aufwärts nach den dichten Wolkenmassen,
-die tief über den schäumenden Wellen des Schwarzen Meeres
-herabhingen.
-</p>
-
-<p>
-Kapitän Mors sah auf die gedemütigten Meuterer herab, bis er
-gewahrte, daß das schwerfällig stampfende Panzerschiff seinen Kurs
-nach dem Westen richtete. Da ging er befriedigt in den Raum, wo die
-acht Gefangenen lagen.
-</p>
-
-<p>
-Dort standen auch die Männer, welche auf dem lenkbaren Luftschiff
-Dienste verrichteten. Gleich Bildsäulen an der Wand lehnend,
-begrüßten sie den Kapitän beim Eintritt. Sie beobachteten seine Augen,
-offenbar bereit, jeden Moment seine Befehle zu vollziehen.
-</p>
-
-<p>
-Als Mors eintrat, erhoben Orloff, Gregor und Wassil ein Wutgeheul,
-und rissen wie toll an ihren Fesseln.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gebt Euch keine Mühe,&ldquo; tönte die Stimme des seltsamen Mannes.
-&bdquo;Wen meine Leute gebunden haben, der kann sich unmöglich befreien.
-Die Fesseln vermag niemand zu zerreißen. Und nun ist die Stunde
-da, die ich so lange ersehnte. Wißt Ihr noch, Ihr Schufte, wie Ihr mir
-einstmals mit süßen Worten geschmeichelt habt, wie ich von Euch aufgefordert
-wurde, mein Können und mein Wissen in Eure Dienste zu
-stellen? Damals habe ich Euch zurückgewiesen und dafür habt Ihr mich
-vernichten wollen. Alles habt Ihr mir geraubt, was ich besaß, alles, sogar
-meine Ehre! Zum Verbrecher habt Ihr mich gestempelt, aber ich habe
-mich dennoch emporgerafft! Und jetzt seht Ihr mich vor Euch auf meinem
-Fahrzeug, das mein Genie geschaffen, das mich zum furchtbaren
-Manne macht! Ein Herrscher der Lüfte bin ich, wie andre Herrscher auf
-der Erde.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Elenden wußten, daß sie keine Gnade zu erwarten hatten. Sie
-antworteten mit grauenvollen Flüchen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, Ihr habt es erreicht,&ldquo; fuhr Kapitän Mors fort. &bdquo;Zum Teufel
-habt Ihr mich ja gemacht und wenig fehlte, so hätte ich der ganzen
-Menschheit den Krieg erklärt. Aber das Angedenken an diejenigen, welche
-ich einst liebte und die von Euch gemordet wurden, diese Gedanken
-verhinderten, daß ich mich in einen Satan verwandelte. Freilich, die
-Erde ist mir versperrt, dafür habt Ihr gesorgt, aber ein Herrscher der
-Lüfte bin ich, ein Freibeuter über der Erde und dem Wasser. Ein Mann,
-dem nichts unerreichbar sein wird, was er begehrt. Lange habe ich Euch
-gesucht, bis ich endlich erfuhr, wo Ihr Euch aufhieltet. Auf dem Dache
-Eures Landhauses bei Odessa habe ich gestanden, da habe ich Eure
-Stimmen erkannt. Da wußte ich, an welchem Orte ich Euch zur Verantwortung
-ziehen würde.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Orloff hob wütend den Kopf empor.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Einige von uns hast Du,&ldquo; knirschte er, wohl wissend, daß ihn ein
-furchtbares Urteil erwartete. &bdquo;Aber die gefährlichsten von uns und Deine
-erbittertsten Feinde, die hast Du noch nicht bekommen, die leben
-noch, die sind frei, die werden uns rächen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und wo sind diese?&ldquo; fragte Kapitän Mors, nähertretend. &bdquo;Wohl
-weiß ich, daß Eure Vereinigung größer war und daß außer Euch noch
-andere existieren, die mich später mit solchem Hasse verfolgten. Wo
-finde ich sie, gib Antwort!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nichts wirst Du erfahren,&ldquo; brüllte Orloff mit wildem Hohngelächter.
-&bdquo;Nichts wirst Du erfahren, und solltest Du uns gleich in Stücke
-schneiden. Nein, nein, warte nur, die Stunde kommt, wo unsere Anhänger
-Dir und Deinem vermaledeiten Luftschiff den Garaus machen. Und
-denke daran, wenn es soweit ist!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Kapitän Mors machte eine verächtliche Gebärde.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bin noch immer ein Mensch geblieben und keine Bestie,&ldquo;
-entgegnete er. &bdquo;Wohl gibt es keinen Menschen, den ich glühender hasse,
-als Euch, aber nie lasse ich mich so herabwürdigen, daß ich Dinge vollbringe,
-wie Ihr sie oft an Wehrlosen und Unglücklichen verübt habt.
-Euer Urteil ist gefällt, Euch erwartet der Tod durch den Strang, und wie
-auf einem Schiffe so sollt Ihr mit Euren Genossen an den Geländern
-der unteren Galerie baumeln.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Gleichzeitig wendete sich der Kapitän Mors an seine Leute und
-rief ihnen eine Anzahl Worte in einer den Gefangenen fremden, gänzlich
-unbekannten Sprache zu, es war offenbar die Sprache, deren man
-sich auf dem seltsamen Luftschiff bediente.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun fahrt in die Hölle,&ldquo; sprach der Kapitän dann zu den Verurteilten.
-&bdquo;Ich aber werde meinen Weg weiter verfolgen. Ich werde nach
-den anderen Schurken suchen, die zu Euch gehören, ich werde mir
-weder Rast noch Ruhe gönnen, bis ich sie endlich entdecke.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Orloff stieß ein wildes Hohngelächter aus und schrie dem stolzen
-Manne Schmähungen zu, der aber wendete sich verächtlich um und
-schritt hinaus, während die Männer von der Besatzung des Luftschiffes
-wie Tiger über die Meuterer herfielen.
-</p>
-
-<p>
-Da schallte wildes Gebrüll, da versuchten die Unholde, nochmals
-ihre Fesseln zu sprengen, sie kreischten wie wilde Tiere, als man sie einen
-nach dem anderen auf die Galerie hinausschleppte.
-</p>
-
-<p>
-Draußen tönte das wilde Geschrei fort, da vernahm man gellende
-Rufe, das Todesgeschrei der acht Scheusale, und jetzt sah man einen
-Körper nach dem anderen an einem langen Strick unter dem Luftschiff
-hin- und herschwanken.
-</p>
-
-<p>
-Gregor, Wassil und Orloff kamen zuletzt an die Reihe, diese Schufte
-sollten die Todesangst bis zuletzt fühlen. Orloff war der letzte, über
-dessen Kopf die Schlinge gezogen wurde.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sagt Eurem Kapitän, er wird mir bald in der Hölle Gesellschaft
-leisten!&ldquo; waren die letzten Worte des Elenden.
-</p>
-
-<p>
-Gleich darauf schleuderte ihn ein Fußstoß in die Luft hinaus und
-der Körper des Gerichteten baumelte neben den Leichnamen seiner
-Gefährten.
-</p>
-
-<p>
-Das Luftschiff aber stieg höher und höher hinauf, bis es in den
-Wolken verschwand. Dann fuhr es schnell nach Osten, zu neuen Abenteuern,
-zu furchtbaren Erlebnissen aller Art, auf der Erde, über dem
-Meere, ja sogar im unbekannten Weltraume.
-</p>
-
-
-<div class="trnote">
-<p id="trnote" class="transnote"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p>
-Dieser Text wurde nach einem Nachdruck-Auswahlband transkribiert: Heinz
-J. Galle (Hrsg.): Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff. Dieter
-von Reeken, Lüneburg, 2005, S. 47-83. Moderne Zusätze und Anmerkungen
-wurden nicht übernommen. Die Originalausgaben hatten auch farbige
-Rücktitel. Diese sind in dieser Ausgabe nicht enthalten.
-</p>
-
-<p>
-Der Titel auf dem Buchdeckel und der Titel auf der ersten Seite
-unterscheiden sich leicht (wie schon in der Originalvorlage).
-</p>
-
-<p>
-Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch
-Variationen in der Schreibweise von Namen wurden nicht verändert.
-Lediglich offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-</p>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der Luftpirat und sein lenkbares
-Luftschiff 1: Der Beherrscher der Lüfte, by Anonymous
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER LUFTPIRAT UND SEIN ***
-
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-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
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