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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-07 19:44:36 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff 1: Der Beherrscher der Lüfte - -Author: Anonymous - -Release Date: November 28, 2017 [EBook #56064] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER LUFTPIRAT UND SEIN *** - - - - -Produced by Jens Sadowski, Norbert H. Langkau, and the -Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - - 1. Band. Jeder Band ist vollständig abgeschlossen. - Preis 10 Pf. (15 Heller.) - - - - - Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff. - - - - - Der Beherrscher der Lüfte. - - - [Illustration: Bestürzt sahen die Insassen der Gondel, wie aus den - Wolken ein riesiges Luftfahrzeug hervortauchte.] - - - Druck- und Verlags-Gesellschaft - Berlin - - - - - Der Beherrscher des Luftmeers. - - - - - 1. Kapitel. - Ein geheimnisvolles Fahrzeug. - - -Hoch oben in den Lüften über den reichgesegneten Landschaften des -südlichen Frankreichs schwebte eine gewaltige dunkle Kugel. - -Ein Luftballon war es, der, in der Nacht aufgefahren, eine lange -Dauerfahrt antreten wollte. - -Der Ballon besaß eine gewaltige Größe, er trug einen Korb, groß und -geräumig und offenbar für einen längeren Aufenthalt hergerichtet. Die -zwei Männer, welche sich darin befanden, schienen erfahrene Luftschiffer -zu sein, das sah man schon daraus, wie ruhig sie trotz der ungeheuren -Höhe atmeten. - -Dicht neben ihnen hingen seltsamgeformte Kapseln mit langen Schläuchen, -die Sauerstoffbehälter, welche die Atmung unterstützen sollten, falls -sich die dünne Luft gar zu unliebsam bemerkbar machte. - -An der riesengroßen Seidenkugel, welche die Gondel trug, war eine -eigentümliche Vorrichtung befestigt, nämlich eine Art Segel, die -mittelst Bambusstäben regiert werden konnten. Diese Segel dienten dazu, -bei ungünstigem Winde die gewünschte Richtung inne zu halten. - -Der eine der beiden Männer war schon bei Jahren, der zweite bedeutend -jünger, zeigte durch sein militärisches Benehmen, daß er wohl dem -Soldatenstande angehörte. Seine durchdringend scharfen Augen ruhten eben -auf den Instrumenten. - -»Wir fahren mit größter Schnelligkeit,« sprach er zu seinem Gefährten. -»Wenn es so weiter geht, und der Wind die Richtung beibehält, so -schlagen wir unsere Konkurrenten binnen Kürze. Ich wette, wir haben die -zwölf Ballons, die heute Nacht gleichzeitig mit uns Paris verließen, -alle weit hinter uns gelassen. Vor allen Dingen kommt es uns zu statten, -daß wir uns gleich in diese ungeheure Höhe begaben, hier weht der Wind -mit größter Regelmäßigkeit, hier geraten wir nicht in die verschiedenen -Luftströmungen, die unsere Freunde in den tieferen Regionen finden.« - -Es war noch sehr früh am Morgen, den Sonnenball sah man selbst aus -dieser ungeheuren Höhe noch am Horizont, in Gegenden, welche direkt -unter dem Ballon lagen, mußte noch Dämmerung herrschen. - -Plötzlich begann sich die Szenerie zu verändern. - -Die Luft war bis vor kurzem noch durchsichtig klar gewesen, nun schien -sie sich mit leichten Nebeln zu erfüllen, das waren die leichten weißen -Wolken, die selbst in diesen Höhen schweben und die ganz urplötzlich und -zauberhaft erscheinen. - -Dennoch blieb die Windrichtung dieselbe und nur die Fernsicht wurde -durch die Wolken beschränkt. Der mächtige Ballon trieb noch mit großer -Schnelligkeit dahin, obwohl es aussah, als ob er völlig still stände. - -Man brauchte aber nur einen Blick auf die Instrumente zu werfen, um zu -sehen, daß sich die riesige Seidenkugel mit größter Geschwindigkeit -fortbewegte. - -»Das wird eine prächtige Fahrt,« rief der jüngere der Herren begeistert. -»Wenn es so weiter geht, passieren wir in fabelhaft kurzer Zeit die -deutsche Grenze, wir müssen tief im Innern Rußlands landen, wir müssen -diesmal eine Fahrt unternehmen, wie sie noch nicht dagewesen ist, eine -Dauerfahrt, die uns den Weltrekord sichert.« - -Weiter schwebte der gewaltige Ballon, manchmal boten die Wolken eine -größere Fernsicht, dann aber schlossen sie sich wieder zusammen, so daß -es den Luftschiffern zu Mute war, als ob der Ballon mitten durch einen -milchweißen See dahinschwebte. - -Plötzlich wendete sich der ältere der Herren, der eben die Barometer -beobachtet, jählings um und starrte in die jetzt wieder dichter -werdenden, weißen, wallenden Nebelmassen. - -»Sehen Sie, dort, dort,« rief er seinem militärischen Gefährten zu. -»Jetzt ist es wieder verschwunden -- aber da kommt es wieder! Sehen Sie -dort zwischen den Wolken nicht den dunklen Körper?« - -»Das ist einer der anderen Ballons, welche die Dauerfahrt unternahmen,« -antwortete der jüngere Herr überrascht. »Wahrhaftig, ich hätte nicht -geglaubt, daß wir bei unserer fabelhaft schnellen Fahrt überholt werden -könnten.« - -»Aber sehen Sie doch nur hin,« begann der ältere von neuem. »Das ist -kein Ballon, es ist etwas anderes, die Wolken lassen es ja verzerrt -erscheinen, aber ich setze meinen Kopf zum Pfande, daß es kein Fahrzeug -ist, wie das unsere, da -- jetzt kommt es näher, da sehen Sie nur! --« - -Der Sprecher brach rasch ab, aber jetzt war auch sein jüngerer Gefährte -aufgesprungen, und beide bohrten ihre Blicke in die Dunstmassen, als -welche die Wolken in dieser Höhe erschienen. - -Ja, da kam es heran, etwas Seltsames, offenbar Langgestrecktes. Es ließ -sich noch nicht deutlich erkennen, aber es war zweifellos, daß es sich -auf den Ballon zubewegte. - -»Die fahren direkt gegen den Wind,« schrie jetzt der jüngere der Herren. -»Das geht ja nicht mit rechten Dingen zu! Das hat etwas besonderes zu -bedeuten!« - -»Ein lenkbares Luftschiff,« antwortete der ältere der Luftschiffer, »ein -Fahrzeug, ich sehe es ganz deutlich. Jetzt kommt es eben zwischen den -Wolken hervor, es hält noch immer die Richtung auf uns ein. Wahrhaftig, -das ist zum mindesten sonderbar.« - -Die beiden Männer starrten sich an, dann warfen sie einen Blick auf die -Instrumente, welche die Höhe anzeigten. - -»Fünftausend Meter,« sprach der ältere Herr. »Ein lenkbares Luftfahrzeug -in dieser Höhe, das ist unmöglich! Die beiden Fahrzeuge, welche sich in -Paris befinden, können gewiß nicht in solche Höhe hinauf und das hätte -ja auch gar keinen Zweck. Es ist auch nicht das lenkbare Luftschiff von -Santos-Dumont, auch nicht das zweite, welches der geniale Erfinder -hergestellt hat, nein, die kenne ich ganz genau, die sind auch bedeutend -kleiner.« - -»Es muß doch eins von ihnen sein,« rief der jüngere der Herren mit -stockender Stimme. »Es sind die Nebel- und Wolkenmassen, welche das -merkwürdige Fahrzeug so vergrößern.« - -Der andere aber schüttelte den Kopf, sein ernstes Gesicht war förmlich -erstarrt. Kein Zweifel, dieser Mann wußte sich vor Staunen nicht zu -fassen. - -»Es ist viel, viel größer, Herr Leutnant,« begann er nach kurzem -Schweigen. »Verlassen Sie sich darauf. Und es kann auch keins der -Lenkbaren sein, die in Paris untergebracht sind, denn sie werden jetzt -gerade ausgebessert, sie sind unmöglich aufgestiegen.« - -»Sollte es vielleicht ein deutsches Fahrzeug sein?« fragte der -französische Offizier, in dessen Augen sich jetzt ein Gefühl des Aergers -und der Feindseligkeit bemerkbar machte. »Die Deutschen sollen ja auch -Luftfahrzeuge besitzen. Es wäre nicht ausgeschlossen, daß sie eine Reise -mit ihnen nach Frankreich unternehmen.« - -»Nein, nein, auch das ist nicht der Fall,« rief der andere. »Das -einzige, was hier in Betracht käme, und welches so groß ist, wie das -sonderbare Fahrzeug, das auf uns zufährt, das hat, wie ich bestimmt -weiß, den deutschen Boden nicht verlassen. Und die anderen Lenkbaren -sind viel kleiner, nein, Herr Leutnant, wir haben ein fremdes Fahrzeug -vor uns, welches, wie ich es offen zugestehen muß, mir völlig unbekannt -ist. Wahrhaftig, wenn Sie nicht bei mir wären, wenn Sie nicht mit mir -sprächen, so würde ich glauben, daß ich träume oder daß ich mich in -einem Fieberanfall befinde. Da, da ist es! Jetzt kommt es wieder aus den -Wolken hervor. Aber sehen Sie doch nur, das ist ja geradezu unheimlich!« - -Ein riesiger Körper kam aus den weißen, wallenden Massen -hervorgeschossen. Er fuhr direkt gegen den Wind, man hörte ein -eigentümliches Knattern, jedenfalls waren es die Maschinen, welche -arbeiteten. - -Die beiden Männer in der Gondel des Ballons hatten schon manchen -Aufstieg mitgemacht. Sie waren oft bei Stürmen in den Lüften gewesen, -sie hatten mit ihrem Ballon schwarze Wolkenmassen durchfahren, wo sie -Blitze umzuckten und der Donner schrecklich krachte. - -Aber nie hatten sie ein solches Grauen empfunden, wie jetzt bei der -Annäherung des seltsamen Fahrzeuges, welches sich mit so unglaublicher -Sicherheit vorwärts bewegte. Die Kraft, welche es durch den Luftozean -trieb, mußte außerordentlich sein. Die beiden Herren sahen sich an, als -wollten sie ihren Sinnen nicht trauen. - -»Nein, das ist keins der uns bekannten Fahrzeuge,« stammelte plötzlich -der ältere Herr. »Sehen Sie doch, Herr Leutnant, das Luftschiff besteht -ja aus Metall, es ist kein Zweifel, das ist ein eigenartiges Metall, -welches mit einem unglaublich leichten Gas gefüllt sein muß. Und sehen -Sie nur am Vorderteil diese gewaltige Spitze.« - -»Genau wie der Rammsporn eines Kriegsschiffes,« antwortete der Offizier, -der sich an den Kopf faßte und sich die Augen rieb. Er meinte -vielleicht, die seltsame Erscheinung würde plötzlich wieder -verschwinden. - -Aber es war keine Phantasie, das rätselhafte, riesige Luftschiff kam -heran, man hörte das Knattern der Maschinen, das Arbeiten der -Flügelräder, aber sonderbar, man sah keinen Menschen. - -Das Luftschiff hatte die Richtung auf den Ballon genommen, und so konnte -man es nur von vorn betrachten, unten, an der grauen Metallfläche aber -befanden sich Anhängsel von eigenartiger Form, es waren keine Körbe und -keine Gondeln, es waren geschlossene Räume, in denen sich sicherlich -eine ganze Anzahl Menschen aufhalten konnte. - -Mit einem Mal verminderte das Fahrzeug seine Schnelligkeit, aber es kam -immer noch schnell genug heran, man sah die gewaltig große, offenbar aus -Metall hergestellte Spitze, wie sie bereits in großer Nähe drohte. - -»Er rennt uns an,« rief der Offizier, »er will unseren Ballon -durchbohren!« - -Der ältere Herr antwortete nicht, er biß die Zähne zusammen, unablässig -blickte er nach dem sonderbaren Luftschiff hinüber. - -Deutlich sah man unter ihm einen Anhängsel oder richtiger gesagt einen -Anbau, man gewahrte auch Fensteröffnungen, aber die schienen durch Läden -gesichert und verschlossen zu sein. - -Jetzt war das rätselhafte Schiff bis auf fünfhundert Meter -herangekommen. Da machte es plötzlich eine Schwenkung, aber nun fuhr es -zum größten Staunen der Luftschiffer in einem gewaltigen Kreise um den -Ballon herum. - -Da sah man es von der Seite und die Umrisse des seltsamen Fahrzeuges -waren trotz der wogenden Wolkenmassen zu erkennen. - -In der Mitte des Fahrzeuges lief eine Gallerie um das ganze Luftschiff -herum, unten sah man die drei geschlossenen Anbauten, in deren -mittelsten die Maschinen arbeiteten. - -Sechs große, eigenartig geformte Flügelräder, die an den Seitenwänden -des sicherlich metallenen Luftfahrzeuges angebracht waren, arbeiteten. -Man hörte deutlich ihre sausenden Töne, oben auf dem Fahrzeug befand -sich etwas, das einem Ausguck glich und die staunenden Männer sahen, wie -dünne, eiserne Treppen oder vielmehr Leitern nach der Gallerie und nach -diesem Ausguck führten. - -Eine hohe Fahnenstange ragte senkrecht am Ende des sonderbaren -Fahrzeuges empor und unter dem letzten Ausbau gewahrte man deutlich das -mächtige Steuer. - -Eine Fahne aber führte der Flaggenstock nicht und als das rätselhafte -Luftschiff näher kam, überlief die beiden einsamen Männer in der Gondel -ein Grausen, wie sie es in ihrem ganzen Leben noch nicht gefühlt hatten. - -Zweimal umkreiste das Fahrzeug den Ballon, dessen Insassen sich -ordentlich ohnmächtig vorkamen. - -Sie fühlten, daß sie von den Leuten, die sich da in den geschlossenen -Anbauten befinden mußten, abhängig waren. Ein Stoß der eisernen Spitze -mußte ja die Seidenhülle des Ballons in Fetzen reißen und die beiden -Männer als formlose Massen in die Tiefe schleudern. - -Jetzt war das seltsame Fahrzeug zum zweiten Male um den Ballon -herumgeflogen, da aber kam es plötzlich hinter ihm hervorgeschossen und -schwebte jetzt an seiner Seite. - -Es war kaum noch fünfzig Meter entfernt und diese Entfernung verringerte -sich mit jeder Sekunde. - -»Wir stoßen zusammen,« rief der Offizier, indem er unwillkürlich nach -einem Revolver griff, als ob er sich mit der Waffe gegen die Insassen -des feindlichen Fahrzeuges schützen könnte. - -Der Zusammenstoß geschah aber nicht, das Fahrzeug schien wunderbar -gelenkt zu werden. Es rückte immer näher heran, aber ein Zusammenstoß -wurde offenbar vermieden. - -»Da -- da ein Mann,« rief der ältere der Luftschiffer, »sehen Sie doch, -da im vordersten Anbau! Wahrhaftig, jetzt wird die Sache geradezu -unheimlich!« - -Er hatte recht, dort war eine Art Tür aufgeschoben, und plötzlich stand -eine Männergestalt auf der schmalen Gallerie, welche die Anbauten -miteinander verband. - -Es war eine hohe, stolze Erscheinung in der einfachen, dunkelblauen -Uniform eines Kapitäns, auf dem dunkelbraunen Haar saß die Mütze mit dem -goldenen Streifen. Er stand mit untergeschlagenen Armen auf der -Gallerie, die er blitzschnell betreten haben mußte. Aber -merkwürdigerweise hatte er sein Gesicht bedeckt, eine Halbmaske von -schwarzem Sammet ließ nur den energischen Mund und das bärtige Kinn -sehen. - -Aus der Maske hervor aber blitzten zwei Augen, so unheimlich, so -glühend, daß die beiden Herren in der Gondel betroffen zurückprallten. - -Schweigend betrachtete der Mann in der blauen Uniform die Gondel des -Ballons, von welcher er sich höchstens zwanzig Meter entfernt befand. - -»Woher kommt Ihr?« rief er plötzlich mit tönender Stimme. - -»Von Paris,« rief der ältere Luftschiffer förmlich mechanisch. - -»So, von Paris,« klang es schneidend herüber. »Nun gut, dann nehmt einen -Auftrag von mir mit. Dort in der Hauptstadt ist man ja geschäftig genug, -das Luftmeer zu besiegen, Fahrzeuge zu bauen, mit denen man den -Luftozean beherrschen möchte. Aber, sagt diesen Männern, daß ich der -Herr der Lüfte geworden bin und daß ich es auch bleiben werde. Sagt -ihnen, daß sie es nicht wagen sollten, mit mir in Wettbewerb zu treten. -Das möchte ihnen zum Verhängnis ausschlagen. Ich bin der Beherrscher der -Lüfte, ich will es bleiben, von der Erde hat man mich verjagt, man hat -mich gewissermaßen für vogelfrei erklärt, mich wie ein Stück Wild fast -zu Tode gehetzt, aber hier oben dulde ich niemand neben mir, sagt es -denen, die das vollbringen wollen, was mir längst gelungen ist. Und wehe -ihnen, wenn sie es wagen, mir hier oben feindselig in den Weg zu treten! -Wehe ihnen, sie sollen den Kapitän Mors kennen lernen.« - - - - - 2. Kapitel. - Der Beherrscher der Lüfte. - - -Die letzten Worte klangen wie Donnerton, aber im selben Augenblick -verschwand auch der rätselhafte Mann wieder in den Anbau, man hörte -einen Laut, als ob eine Falltür ins Schloß schlug. - -Gleich darauf veränderte das riesige Luftschiff wieder seine Richtung -und im selben Moment griffen die beiden Luftschiffer nach ihren Köpfen, -sie preßten unwillkürlich die Hände auf die Ohren, bestürzt über den -furchtbaren Laut, der dort ertönte. - -Neben der eisernen Spitze hervor klang es, das mußte wohl eine -sogenannte Sirene sein, eins jener gewaltigen Nebelhörner, mit welchem -die Schiffe bei Nebelwetter auf der See Signale geben. Aber dieser Ton -war ganz verschieden, und zwar so furchtbar, so durchdringend, daß die -beiden Männer meinten, das Trommelfell müßte ihnen platzen. - -Das klang wie eine geheimnisvolle Warnung, als wollte der unheimliche -Maskierte sagen »Hütet Euch, mir nahe zu kommen! Mir, dem Besitzer -dieses seltsamen Luftfahrzeuges!« - -Zum zweiten, zum dritten Male schallte der furchtbare Laut, da griffen -die beiden Luftschiffer mit zitternden Händen nach den Ventilleinen. - -Hinab wollten sie, schnell hinab, nur fort aus dieser unheimlichen Nähe. -Zischend entwich das Gas durch die geöffneten Ventilklappen und der -stolze Ballon, der eben noch in der ungeheuren Höhe majestätisch -dahingesegelt, sank schnell durch die Wolkenmassen. - -Das rätselhafte Luftschiff aber blieb allein, es schwebte hoch oben über -den Wolken, einen Augenblick schien es regungslos zu verharren, dann -begann die Maschine von neuem knatternd zu arbeiten, mit fabelhafter -Geschwindigkeit drehten sich die Flügel umeinander und nun schoß das -merkwürdige Fahrzeug pfeilschnell von dannen. - -Es hatte die Richtung nach Nordwest eingeschlagen, als ob es sich direkt -in der Richtung auf Paris zu bewegte. Auf die Hauptstadt, in welcher -kühne, geniale Männer zuerst lenkbare Luftschiffe erbauten. - -Der Ballon aber sank mit großer Schnelligkeit aus den Höhen herab und -landete schon nach kürzester Zeit auf den Gefilden Frankreichs. - -Dort staunte man nicht wenig, als man den gewaltigen Luftballon -erblickte, denn er gehörte ja zu den Dauerfahrern, welche ungeheure -Strecken Landes überfliegen sollten. Niemand konnte sich bei dem schönen -Wetter diese vorzeitige Landung des Ballons erklären. - -Man fragte, ob irgend ein Unglück geschehen sei, ob der Ballon -beschädigt wäre, aber die beiden Luftschiffer gaben ausweichende -Antwort. - -Sie hatten nur einen Gedanken, sie wollten so schnell als möglich nach -Paris zurück und dort die unheimliche Begegnung melden, sie wollten -genau berichten, was sie da oben über den Wolken gesehen hatten. - -Die beiden Herren ließen sich kaum Zeit, für die Verpackung des Ballons -zu sorgen. Nachdem sie Order gegeben, den zusammengepackten Ballon nach -Paris zu befördern, fuhren sie so schnell wie möglich zur nächsten -Bahnstation und erreichten bald Paris, wo ihr plötzliches Erscheinen das -größte Staunen erregte. - -In dieses Staunen mischte sich Aerger, denn viele hatten gerade auf -diesen Ballon gewettet, sie waren überzeugt gewesen, daß dieses mächtige -Luftschiff mit einer Segelvorrichtung alle anderen Konkurrenten besiegen -würde. - -Man sparte nicht einmal mit Vorwürfen, alle wollten den Grund wissen, -warum der Ballon die Weiterfahrt aufgegeben hatte, aber die Neugier -wurde nicht gestillt, dagegen eilten die beiden Luftschiffer nach dem -Ballondepot, in welchem sich auch die militärischen Ballons und einige -sogenannte lenkbare Luftschiffe befanden. - -Auch hier erregte das Erscheinen der beiden Männer das höchste Erstaunen -und bedenkliches Kopfschütteln, das sich aber noch steigerte, als die -beiden so schnell Zurückgekehrten dem Komitee, zu dem auch einige -Offiziere gehörten, ihr sonderbares Erlebnis mitteilten. - -Schweigend hörte man sie an, dann wechselte man verständnisvolle Blicke -und nachher malte sich Unglauben in aller Mienen. - -»Meine Herren,« sprach endlich ein alter Offizier mit silberweißem -Haupthaar, dem man den altgedienten Militär auf hundert Schritte ansah -und dessen Knopfloch die bunten Bänder verschiedener Orden zierten. -»Meine Herren, Sie haben uns soeben eine Wundergeschichte erzählt, -höchst wahrscheinlich, um das vollständig unbegreiflich frühe -Unterbrechen Ihrer Reise zu erklären. Aber ich meine, da hätte sich doch -eine andere glaubhaftere Ausrede finden lassen. Sie sind ja beide -erfahrene Luftschiffer, aber nehmen Sie es mir nicht übel, diese -Erzählung halte ich für ein Märchen!« - -Der junge Offizier wollte eine heftige Antwort geben, aber sein älterer -Gefährte hielt ihn zurück. - -»Ich bin seit mehr als fünfzehn Jahren Luftschiffer,« erwiderte er nicht -ohne Stolz. »Ich habe selbst meine Auffahrten nicht mehr gezählt, mich -hat noch niemand in meinem ganzen Leben einer Lüge für fähig gehalten, -noch weniger ist es mir möglich, mir als ernstem Forscher -Wundergeschichten auszudenken. Daß man in unseren Bericht Zweifel setzen -würde, wußte ich von vornherein; aber, er ist dennoch die Wahrheit. Ich -habe schon gefährliche Fahrten durchgemacht, aber nie in meinem Leben -habe ich ein solches Grauen empfunden wie heute morgen, als wir -unvermutet dem unheimlichen Fahrzeug begegneten. Halten Sie unsere -Erzählung immerhin für ein Märchen, wir können es nicht ändern. Wir -haben weder geträumt, noch phantasiert, das seltsame Fahrzeug ist uns -wirklich begegnet, den Maskierten haben wir mit eigenen Augen gesehen. -Jetzt mag man uns Lügner schelten, die Zukunft wird unsere Angaben -bestätigen müssen!« - -Er verneigte sich flüchtig vor der stillschweigenden Versammlung und zog -dann den heißblütigen Offizier mit sich, der dem besonnenen Freunde nur -widerwillig folgte. - -Die Herren des Komitees blieben zurück und begannen sofort eine erregte -Auseinandersetzung. Die Meinungen waren geteilt. - -Einige Herren nahmen entschieden die Partei der beiden Luftschiffer und -behaupteten, diese ernsten, nur ihren Erfindungen und Erfahrungen -lebenden Männer wären absolut nicht imstande, eine Unwahrheit -vorzubringen. - -Die übrigen Herren des Komitees aber zuckten die Achseln; es ergab sich -ein erregtes Durcheinander, bis endlich der alte ehemalige Oberst, der -Vorsitzende des Komitees, Ruhe gebot. - -»Meine Herren,« sprach er mit Stentorstimme. »Ich bin vielleicht vorhin, -als mir die seltsame Geschichte erzählt wurde, mit der Entgegnung etwas -unvorsichtig gewesen. Ja, ich glaube sogar, ich habe unsere beiden -geschätzten Mitglieder beleidigt, das mag man mir altem Soldaten, der -schon anno 1870 in mancher Schlacht gekämpft, zu gute halten. Ich bin -eben ein bißchen rauh, aber das ist nicht so gemeint. Ich denke, es ist -das beste, wir schweigen über die ganze Sache. Es gibt eine sonderbare -Krankheit, die man zuweilen mit dem Namen Höhenrausch bezeichnet und ich -glaube auch jetzt noch, daß unsere beiden Freunde, denn so nenne ich -sie, in der furchtbaren Höhe in erhitzten Sinnen Dinge gesehen haben, -die gar nicht existieren. Halluzinationen, wie sie häufig selbst den -heldenkühnsten Menschen widerfahren. Das glaube ich. Sollte es aber -dennoch so sein und ein Fahrzeug existieren, welches alles übertrifft, -was sich der menschliche Geist vorstellt, nun wohl, so werden wir ja -noch weiteres darüber hören. Also einstweilen erbitte ich -Stillschweigen, ja, ich verpflichte die Herren sogar dazu. Sie kennen -das schnelle Urteil der oberflächlichen Menge und ich möchte unsere -beiden Freunde nicht lächerlich machen.« - -Diesen Worten stimmten alle zu und bald trennten sich die Herren, indem -sie sich gegenseitig das Versprechen gaben, über das seltsame Ereignis -Stillschweigen zu bewahren. - -Aber schon am nächsten Tage kam eine Nachricht, welche die Mitwissenden -aufs höchste befremdete. Da war nämlich ein zweiter Ballon der -Dauerfahrer wegen mangelhafter Ventile hart an der Grenze des -französischen Gebiets niedergegangen. Die Insassen des Ballons kamen am -nächsten Tage nach Paris zurück, aber auch sie hatten von einer -merkwürdigen Erscheinung zu erzählen. - -Sie meldeten nämlich, daß sie in der ersten Morgendämmerung einen -langen, grauen Körper bemerkt hätten, der in großer Höhe dahinsauste und -offenbar direkt gegen den Wind fuhr. - -Die Herren hatten diese sonderbare Erscheinung nur undeutlich sehen -können und da dieser merkwürdige Gegenstand sich sehr schnell bewegte, -so meinten sie, es wäre ein Meteor, welches die Atmosphäre der Erde -kreuzte. - -Freilich erschien diese Erklärung wenig plausibel, denn da hätte ja ein -solcher fremder Weltkörper glühen müssen. Allerdings wollte auch einer -der beiden Insassen in der Gondel einen hellen Schein gesehen haben, der -aber bald wieder verschwand. - -»Er war nicht rotglühend,« berichtete er, »sondern schneeweiß, er sah -fast aus wie der Lichtkegel eines Scheinwerfers, aber er dauerte nur -einen flüchtigen Augenblick, dann war schon alles wieder verschwunden.« - -Die Herren des Komitees aber sahen sich befremdet an, denn jetzt wurde -die Sache immer rätselhafter. Sie glaubten nicht mehr an ein Märchen und -an Halluzinationen, sie waren ganz betroffen bei dem Gedanken, daß ein -lenkbares Luftschiff von solchen Dimensionen existierte. - -Aber zu welchem Staate konnte das gehören? Wer hatte dies Schiff erbaut? - -Aus Deutschland kam es nicht, das hätten ja die Zeitungen gewiß -berichtet, auch nicht aus England, da man trotz aller Geheimniskrämerei -über eine solche wichtige Erfindung unmöglich Stillschweigen bewahren -konnte. - -Andere Länder aber besaßen keine lenkbaren Luftschiffe. Hier kam nur -noch Amerika, die Vereinigten Staaten, in Betracht. Sollte dort -vielleicht in aller Stille ein solch merkwürdiges Fahrzeug erbaut worden -sein? -- - -Aber wozu hatte sich dann jener Mann in der blauen Kapitänsuniform -maskiert? Weshalb hatte er sich den grauenvollen Namen Kapitän Mors -beigelegt? Diesen Namen des Todes, weshalb hatte er die geheimnisvolle -Warnung den Luftschiffern zugerufen. Das waren ja Rätsel über Rätsel. - -Wenige Stunden später gingen vertrauliche Anfragen von diplomatischer -Seite ab, hauptsächlich nach den Vereinigten Staaten, Depeschen wurden -gewechselt, aber die Antworten brachten keine Aufklärung. In den -Vereinigten Staaten war nichts über ein lenkbares Luftschiff bekannt, -und die Versuche, die man dort anstellte, befanden sich noch in den -Anfängen. - -Nun wartete man noch auf die Nachrichten von den anderen Dauerfahrern. - -Man mußte sich in Geduld fassen, da die Luftschiffe bei dem günstigen -Winde meist über Deutschland hinweg nach den russischen Städten -getrieben waren. - -Einzelne landeten in Ungarn, aber deren Insassen hatten nichts -Absonderliches gesehen. Nun harrte man voller Ungeduld auf die -Nachrichten der übrigen Dauerfahrer, welche bei den mangelhaften -Verkehrsmitteln im südlichen Rußland erst nach Ablauf einer Woche -erwartet werden konnten. - -Das Komitee befand sich in fieberhafter Spannung, nicht minder die -beiden Luftschiffer, welche die seltsame Begegnung gehabt hatten. - -Die letzteren hatte man durch gütliches Zureden wieder versöhnt und sie -bewogen, die rätselhafte Begegnung in den Lüften geheim zu halten. - -Das wurde auch gern zugestanden, da man den Spott und Hohn der großen -Menge fürchtete, diese hätte ja nie und nimmer eine solche Geschichte -geglaubt, das hätte man für eitel Fabel, ja für hellen Wahnsinn -gehalten. - -Endlich kamen die langersehnten Nachrichten, Depeschen trafen ein, in -denen die Dauerfahrer ihre Erlebnisse meldeten. - -Die meisten waren alle tief im Innern Rußlands gelandet, ein Ballon war -sogar um ein Haar ins Schwarze Meer geraten. Nur ein Luftschiff fehlte -noch. Dieses schien am weitesten geflogen zu sein. - -Und wieder kam ein Tag, da klapperten die telegraphischen Apparate. Eine -Depesche kam aus dem fernsten Rußland, vom Uralgebirge, an Asiens -Grenzen. - -Es waren die noch Vermißten, und das Komitee, dem die Ankunft der -Depeschen gemeldet war, begab sich in größter Eile nach der Station, wo -man die Depeschen aufnahm. - -Die Leitung mochte nicht recht in Ordnung sein, denn die Depesche langte -zwar an, aber in verschiedenen Pausen, die teilweise halbe Stunden -dauerten. - -Zunächst meldeten die Luftschiffer im Triumph, daß sie jedenfalls den -Weltrekord geschlagen hätten. Sie berichteten, daß sie sich bereits auf -der Heimreise befänden. - -Schon wollte das Komitee die Depesche als beendet erklären, da begann -der Apparat plötzlich von neuem zu ticken. - -»Ja, das verstehe ich nicht,« sprach der Telegraphenbeamte, als er -auf die Typen sah, welche durch den Apparat direkt auf die -Papierstreifen gedruckt wurden. »Das sind ja ganz sinnlose Worte, die -Telegraphenleitung in Rußland muß völlig in Unordnung geraten sein. Oder -der Telegraphist ist betrunken.« - -»Nein, nein,« sprach der alte Herr, indem er sich eiligst hinzudrängte, -»das ist die Chiffreschrift unserer Gesellschaft. Geben Sie her, das ist -noch eine besondere Meldung.« - -Der Apparat tickte noch immer, die scheinbar sinnlosen Worte reihten -sich eins an das andere. Dann kam plötzlich jenes Signal, welches das -Ende der Depesche verkündete. Kopfschüttelnd überreichte der Beamte dem -Greise die beschriebenen Papierstreifen. - -Der alte Herr verließ die Station mit auffallender Hast, ihm folgten die -übrigen Herren, die sich draußen im Flur um den Vorsitzenden drängten. - -»Was bedeutet dies?« fragten verschiedene Stimmen hastig. »Sie haben die -Chiffreschrift gelesen? Was enthält der geheimnisvolle Schluß dieser -langen Depesche?« - -Der Greis machte ein sehr ernstes Gesicht. - -»Meine Herren,« sprach er leise. »Wir haben unseren beiden Mitgliedern, -welche die Begegnung meldeten, Unrecht getan. Hier ist schon die dritte -Bestätigung, daß ein solch merkwürdiges Fahrzeug existiert. Einen -Augenblick, ich werde es Ihnen vorlesen.« - -Und mit ganz leiser, vor Erregung zitternder Stimme las der alte Herr -die bedeutungsvollen Worte: - -»Sechs Stunden vor unserer Landung haben wir ein seltsames Luftfahrzeug -gesehen, welches anscheinend in großer Höhe dahinsauste. Es verfolgte -die Richtung nach Südosten, es flog den südlichen Steppen Rußlands zu, -anscheinend, um den Kaukasus zu erreichen. Das Luftschiff schien sehr -groß zu sein, sein Aussehen war fremdartig; weiteres werden wir mündlich -mitteilen.« - -Der alte Herr faltete die Depesche zusammen. - -»Hier waltet ein Geheimnis ob,« sprach er. »Hier befindet sich ein Mann -im Besitze eines Fahrzeuges, wie es sich nicht einmal die kühnste -Phantasie vorstellen kann. Meine Herren, wir wollen nur hoffen, daß -dieser geheimnisvolle Maskierte seine offenbar geniale Erfindung nicht -zu dämonischen Zwecken benutzt. Wäre dies der Fall, so müßte es geradezu -entsetzlich sein, dann kann ich mir die Folgen noch gar nicht einmal -ausmalen. Seien wir offen, meine Herren, der Besitz eines solchen -Fahrzeuges macht diesen Mann zum Herrn der halben Welt, es ist kein -Zweifel, dieser seltsame Maskierte, der sich Kapitän Mors nennt, ist der -Beherrscher der Lüfte!« - - - - - 3. Kapitel. - An der Stätte einstigen Glückes. - - -Die Gondelinsassen des Ballons, der tausend und abertausende von -Kilometern zurückgelegt hatte, ehe er an Asiens Grenzen landete, hatten -das wunderbare Luftfahrzeug gleichfalls gesehen. - -Und sie irrten sich auch nicht, als sie behaupteten, dasselbe wäre in -der Richtung des Kaukasus von dannen gefahren. Das Luftschiff hatte jene -Richtung eingeschlagen, nach Georgien, nach den Landschaften, die -zwischen dem Kaspischen und dem Schwarzen Meere lagen. - -Es war ein herrlicher Morgen, die Sonne beleuchtete eine wunderbare -Landschaft, man konnte glauben, daß sie den deutschen Alpen angehörte. - -Nadelwaldungen bedeckten die Berghänge, hier und da sah man grüne -Wiesen, tiefer unten in den Tälern schäumten kristallklare Flüsse. Hoch -oben zeigten sich die Berge, von denen die höchsten in Schnee und Eis -glänzten, sonst aber war in dieser herrlichen Gegend kein Mensch zu -sehen. - -Dieses prächtige Tal schien gemieden zu sein, man sah nur einige Vögel, -welche über den Tannenwäldern kreisten, Raubvögel, die offenbar nach -Beute suchten. - -Plötzlich hielten die Raubvögel in ihren regelmäßigen Kreiszügen inne. -Sie kreischten, schlugen mit den Flügeln und schwangen sich dann schnell -hinweg, um pfeilschnell in den Tiefen der Abgründe zu verschwinden. - -Was war das für eine Störung, welche die Segler der Lüfte von dannen -trieb? Das war sicherlich jener graue, seltsame Gegenstand, der -plötzlich zwischen den Kuppen zweier himmelhoher Berge hindurchschoß. - -Pfeilschnell bewegte sich diese fremdartige Erscheinung durch die Lüfte, -aber jetzt begann sie sich zu senken, die merkwürdige Erscheinung schien -noch immer in der Luft etwas über den Abhängen der Berge entlang zu -sausen. Sie fuhr über die Tannen und Fichten dahin und jetzt näherte sie -sich den grünen Wiesen. - -Ja, das war jenes seltsame Luftschiff, welches die Franzosen gesehen -hatten, dieses sonderbare Fahrzeug, welches so plötzlich auftauchte, daß -man ein Phantom zu sehen glaubte. - -Hart über einem Felsplateau, über einer Lichtung, blieb es plötzlich -stehen. Die Flügel wirbelten nicht mehr, doch schien eine geheimnisvolle -Gewalt es zu regieren. Es stand fast unbeweglich, ungefähr zwanzig Meter -über dem Boden. Dann hörte man wieder jenes seltsame Klappen, und im -selben Augenblick fiel eine lange, aus Seide geflochtene Strickleiter -herab. - -Kaum berührte diese den Boden, da kletterte auch schon ein Mann aus dem -Luftschiff, der Mann in der blauen Uniform, der auch jetzt die Maske -trug. - -Hinter ihm aber kletterte eine zweite Gestalt hinab, die gleichfalls ein -ungewöhnliches Aussehen darbot. Nein, das war kein Sohn der weißen -Rasse, die buntfarbigen Gewänder, welche die geschmeidige, aber sehnige -Gestalt umhüllten, deckten braune Glieder, dieser noch junge Mann war -sicherlich unter glühender Sonne aufgewachsen. - -Er folgte dem Vorankletternden mit größter Gewandtheit. Beide erreichten -schnell hintereinander den Boden. - -Der zweite Mann war nicht maskiert, sein junges, braunes Gesicht besaß -einen eigentümlich träumerischen Ausdruck, fast sanft, ja weiblich, nur -wenn die Augen aufglühten, gewahrte man, daß auch dieser Mann -unbezähmbare Energie besitzen mußte. - -Er war der Angehörige eines edlen Volkes, die feingebogene Nase, die -ebenmäßigen Gesichtszüge verrieten den Inder. Dieser junge Mann, der in -bescheidener Haltung neben dem Maskierten in der blauen Kapitänsuniform -stand, war sicherlich ein Hindu, ein Sohn des Landes, welches die -Engländer beherrschen. - -Jetzt sah er unverwandt auf seinen stolzen Begleiter, dessen breite -Brust krampfhaft arbeitete. Die Teile des Gesichts, welche die Maske -nicht bedeckte, waren jetzt totenbleich und ein dumpfer, stöhnender -Seufzer verriet, daß dieser Mann mit aller Macht gegen eine furchtbare -Erregung kämpfte. - -»Sahib,« sprach der junge Hindu sanft in der wohllautenden Sprache -seiner Heimat. »Sahib, warum seid Ihr wieder hierhergekommen? O, Herr, -Ihr wißt, daß es für Euch eine Qual ist, eine Marter, die Euch das Herz -zerfleischt, und dennoch sucht Ihr von Zeit zu Zeit diese Stätte auf, um -Euch zu peinigen.« - -»Du hast recht, treue Seele,« tönte es von den bärtigen Lippen des -Maskierten. »Keine Marter der Hölle ist so furchtbar wie die Pein, -welche ich beim Besuch der Stätte empfinde, wo ich einst das größte -Glück der Welt gefunden zu haben meinte. Aber ich kann nicht anders, es -treibt mich immer wieder hierher. Vielleicht, daß die Zeit es dahin -bringt, daß ich nicht mehr so an die Vergangenheit denke, wie jetzt. -Aber wenn ich auch fliegen kann, so weit der Himmel blau ist, wenn die -Erde, wenn das Weltall mir offen steht, eine finstere Gewalt gibt es, -die mich immer wieder hierherführt, wo ich einst so glücklich gewesen. -Komm, ich muß die Stätte wiedersehen.« - -Der Maskierte stürmte voran und brach sich durch das Gebüsch Bahn, daß -die Zweige links und rechts zurückschlugen. - -Er war jetzt übrigens bewaffnet, in dem Gürtel, der seine Hüften -umschloß, steckten zwei Revolver, die jeden Augenblick zum Feuern fertig -schienen. An seiner Linken hing ein schwerer Degen in schwarzer -Lederscheide, eine Waffe, die nur eine sehr starke Hand zu schwingen -vermochte. - -Auch der indische Diener, denn ein solcher war er offenbar, trug Waffen, -unter seinem weißen, burnusähnlichen Obergewand sah man die Griffe von -silberbeschlagenen Pistolen, ferner eins der seltsam geformten indischen -Schwerter, dessen Griff von Juwelen funkelte. - -Durch das Tannengestrüpp ging es hindurch, zuweilen raschelte es hier -und dort, dann blieben die Männer stehen, aber es war nur ein -aufgestörter Fuchs oder anderes Wild, welches das Weite suchte. - -»Herr,« sprach der Inder plötzlich. »Die Menschen meiden dieses Tal, in -welchem das Wild wohnt. Ihr werdet an dieser Stätte keine Fremdlinge -finden.« - -»Ich möchte es auch niemand raten,« knirschte der Vorangehende. »Wehe -dem, der es wagt, die Grabesruhe zu stören. Ich bin kein Dämon, kein -Teufel, aber hier würde ich jeden Störenfried vernichten. Doch da sind -wir, da ist's, es ist alles noch unverändert!« - -Er nahm die Mütze mit dem goldenen Streifen ab, der indische Diener aber -kreuzte die Arme über der Brust und neigte sich tief, als ob er jemandem -seine Ehrerbietung bezeugte. - -Da war eine Lichtung und auf dieser Lichtung sah man die Trümmer von -Gebäuden. - -Hier schien ein großes Gehöft gestanden zu haben, von dem jetzt nur noch -die Grundmauern zu sehen waren. Auch diese wurden bereits von Gestrüpp -überwuchert. - -Deutlich sah man noch eine große Umfassungsmauer, und darinnen die -Ueberreste von größeren und kleineren Gebäuden. Hier mußte ein -gewaltiges Feuer getobt haben, denn man sah an den Steinen noch die -Brandspuren; hier und dort gewahrte man auch die Reste verkohlter -Balken. - -Der Maskierte ließ seine flammenden Augen über die Trümmerstätte -gleiten, dann wendete er sich plötzlich und schritt nach dem Rande des -Waldes. - -Dort sah man drei Hügel, aber auf diese Hügel waren schwere Steine -gewälzt, so schwer, daß sicherlich eine Anzahl starker Männer dazu -gehört hatten, um diese Felsblöcke auf die Hügel zu wälzen. - -Und wieder klang das dumpfe Stöhnen von den Lippen des Maskierten. Bei -dem größten der Hügel warf er sich zu Boden. Und dieser Mann, der sonst -wie von Eisen schien, der preßte jetzt völlig gebrochen seine Stirn auf -die kahlen Felsblöcke. - -»Da ruhen sie!« keuchte er endlich. »Steine mußte ich hier auftürmen -lassen, damit die Wölfe und die Bären die Toten nicht ausgruben. Die -raubgierigen Bestien habe ich abgewehrt, aber die Gedanken kann ich -nicht abwehren. Und immer wieder kommen sie und martern mich! Damals -habe ich geglaubt, der Glücklichste der Menschen zu sein, und wie lange -hat es gedauert, ein paar kurze Jahre, dann war alles dahin! O, die -Hunde, die Bestien, die mein Glück vernichtet haben. Diese Elenden, -welche ich auf dem ganzen Erdenball suchen will. Die auch mich zugrunde -richteten. Die es dahin brachten, daß man mich wie einen gemeinen -Verbrecher verfolgte. Mich, der in seinem ganzen Leben nichts anderes -getan hat, als Menschenrechte hochgehalten. Das war diesen Schurken ein -Dorn im Auge, sie wußten, wo sie mich trafen. Ha, die Nacht steht noch -vor meinen Augen, als ich zurückkehrte und von fern die Feuersglut -gewahrte, als ich, wie ein Rasender herbeistürmend, nur noch die Leichen -meiner Lieben fand. Ermordet hat man sie, erbarmungslos ermordet. Alles, -was ich besaß, vernichtet, mich aber hat man zum Geächteten erklärt, für -einen Schurken, der den Tod durch Henkershand verdiente. Sie glaubten ja -leichtes Spiel zu haben, diese Halunken, welche mich um mein Glück -beneideten.« - -»Faßt Euch, Herr,« sprach der Inder, in dessen sonst so flammenden Augen -helle Tränen glänzten. »Ihr macht Euch noch elend.« - -»Nein,« sprach der Mann, indem er sich hastig emporrichtete. »Ich habe -es überwunden. Alles hat man mir genommen, alles, sie glaubten schon ihr -Ziel erreicht zu haben. Aber eins konnten sie mir doch nicht nehmen, -mein Genie und mein Wissen. Das war ihnen nicht möglich. Und das habe -ich benutzt, damit habe ich jenes Fahrzeug erbaut, mit welchem ich den -Ozean der Lüfte durchkreuze. Das Verweilen auf der Erde haben sie mir -unmöglich gemacht, die Bestien, gut, jetzt bin ich der Herrscher der -Lüfte geworden!« - -Jetzt war dieser Mann wieder der Alte. Wohl streifte noch ein Blick -furchtbarsten Schmerzes die steinernen Hügel, unter denen die Toten -schlummerten, aber dann glühten seine Augen in einem furchtbaren Feuer. -Es war das Feuer der Rache. - -»Ja, an diesen Gräbern habe ich geschworen,« fuhr er fort. »Da habe ich -es gelobt, daß ich Rache nehmen will. Rache zunächst an den Schurken, -die mich entehrten, die mich in den Augen der Welt zum Verbrecher -stempelten, Rache an den Vernichtern meines Glücks, denen gilt zuerst -mein Suchen. Aber dann kommen andere an die Reihe, überall will ich -erscheinen, wo Unrecht getan wird. Ueberall will ich, Kapitän Mors, -auftauchen, erscheinen wie der Blitz aus heiterem Himmel, mit meinem -wunderbaren Fahrzeug, welches mir Macht verleiht, will ich als rächender -Vergelter auftreten. Die ganze Erde will ich ruhelos durchkreuzen, nicht -eher will ich sterben, als bis ich dieses Lebenswerk vollendet habe. Nur -einmal noch mußte ich vorher die Stätte meines ehemaligen Glückes -wiedersehen! Jetzt beginnt die Zeit der Rache!« - -Er wendete sich hastig um und drückte die Mütze auf das braune Haar, mit -festen Schritten wendete er sich von der ehemaligen Ansiedlung, die -jetzt von allen Menschen gemieden zu werden schien. - -»Herr, wo wollt Ihr die Elenden suchen?« fragte der Inder. »Ihr wißt ja -selbst noch nicht, wo Ihr sie finden könnt. Ihr habt diejenigen, die -damals Euer Glück vernichteten, kaum gesehen. Wer weiß, was aus ihnen -geworden ist. Auch sie sind vielleicht elend zugrunde gegangen!« - -»Nein,« schrie der Maskierte mit furchtbarer Stimme. »Dann gäbe es keine -Gerechtigkeit mehr auf der Welt. Ich fühle es, noch kann ich Rache -nehmen, ich will sie suchen, ich werde sie finden. Auf meinem Fahrzeug -kann ich überall hingelangen. Zurück zum Luftschiff, welches mich -blitzschnell von dannen trägt, in die höchsten Höhen des Luftmeers, -dahin, wo noch nie ein Mensch gelangte. In die unerforschten Regionen -des Erdballs, und vielleicht später, wenn mein Genie noch andere -Verbesserungen getroffen, gar ins Universum, in die Sternenwelt. Mir ist -nichts unmöglich!« - -Bewundernd sah der Inder auf den stolzen Mann, der jetzt mit hastigen -Schritten von dannen ging. Es war, als wollte er dem Ort entfliehen, an -dem er einst so glücklich gewesen. - -In rasender Hast eilte er zu dem Luftschiff, gefolgt von seinem -Begleiter. Hinauf kletterten die beiden, dann hörte man den schrillen -Ton einer Glocke, die Strickleiter verschwand, die Maschine knatterte, -und stolz wie ein Aar erhob sich das lenkbare Luftschiff empor zur -Morgensonne. - - - - - 4. Kapitel. - Die Verschwörer. - - -Langsam sank die Sonne im Westen und vergoldete mit roten Gluten den -Spiegel des Schwarzen Meeres. - -Aus den Dünsten ragten die Türme der Hafenstadt Odessa hervor, jener -Stadt, die in der Zeit der russischen Unruhen eine große Rolle spielte. - -Die Sonne beglänzte die Hafenanlagen und den mächtigen Wellenbrecher, -überall sah man die Masten von Schiffen, welche im Hafen eingelaufen -waren. - -Am Kai bewegte sich eine Menge Menschen dahin, Arbeiter, Kaufleute, -Soldaten, ein emsiges Hasten und Treiben, wie es in Hafenstädten immer -zu finden ist. - -Und dennoch lastete es wie Gewitterschwüle über dieser Menge, wohin man -blickte, sah man ängstliche Gesichter, besonders die vielen Juden, die -man hier erblickte, zeigten eine Angst, die sie vergeblich zu verbergen -suchten. - -Es lag etwas in der Luft, das Verderben schien über dieser Stadt zu -schweben, welche in der Geschichte der russischen Unruhen eine so -verhängnisvolle Rolle spielte. - -Die unheimlichen Kerle, welche zuweilen in den Nebengassen auftauchten, -warfen verdächtige Blicke nach allen Seiten. Sie verschwanden, wenn -Polizisten oder Abteilungen von Soldaten auftauchten, kamen aber bald -wieder zum Vorschein. Dann flüsterten sie zusammen, dann machten sie -grimmige Gesichter und nicht selten drohten sie den geängstigten Juden -mit ihren Knüppeln, worauf die Hebräer eiligst die Flucht ergriffen. - -Aber auch am Hafen schien etwas nicht in Ordnung zu sein, denn da -standen viele Leute, welche auf die mächtige Wasserfläche -hinausblickten. Sie schauten alle in die Ferne, als ob sie dort etwas -besonderes zu sehen erwarteten. - -Dabei wurde viel geflüstert und geraunt, es schien irgend etwas nicht in -Ordnung zu sein, was es aber war, konnte niemand sagen, ja vielleicht -wußten es die Neugierigen selber nicht. - -Endlich versank die Sonne blutrot, gleichsam wie eine üble Vorbedeutung, -die Menge am Strande begann sich zu zerstreuen, zumal jetzt die -patrouillierenden Soldaten rücksichtslos den Hafen von dem Gesindel -säuberten. - -Einige gutgekleidete und respektabel aussehende Männer hatten schon -vorher den Hafen verlassen. - -Sie standen an den Molen und blickten unverwandt in die See hinaus. -Jetzt gingen sie schnell von dannen, aber nicht nach der Stadt, sondern -am Alexandrowskyplatz vorüber, nach jenen parkartigen Gebieten, welche -den Namen Datschen führen. - -Da lagen der städtische botanische Garten, die Friedhöfe und weiterhin -einige Kasernen, an der Straße aber, die mitten durch dieses -parkähnliche Terrain führte, erhoben sich hier und da stattliche -Landhäuser. - -Sie besaßen meist große Gärten, und waren durch größere Strecken des -Parkes von einander getrennt. - -Nach einem dieser Landhäuser gingen drei Männer, die man für wohlhabende -Bewohner von Odessa halten mußte. - -Sie standen in mittleren Jahren und ihre Gesichter, die vorher harmlos -drein geblickt, nahmen, als sie das Landhaus betraten, einen ganz -anderen Ausdruck an. Wer in die Augen dieser Leute blickte, konnte sich -vor ihnen fürchten. - -Im Landhause selbst befanden sich Leute, die wie Diener gekleidet waren, -die drei Ankömmlinge aber auffallend vertraulich begrüßten. - -Diese erwiderten die Grüße in gleicher Weise. Einer der Männer fragte: - -»Nun, wie ist es? Noch nichts zu sehen?« - -»Nein, gar nichts,« grollte der eine der Zurückkehrenden. »Auf der See -war keine Spur von einem Schiffe zu erblicken. Wir sind schon in -höchster Unruhe, am Ende ist alles mißglückt und dann wären unsere -Unternehmungen unmöglich geworden. Nur mit Hilfe der Schiffe können wir -etwas erreichen und unsere weitreichenden Pläne ausführen.« - -»Sie werden schon kommen, Väterchen,« erwiderte der andere -zuversichtlich. »Es sind Männer von Stahl und Eisen, vielleicht ist die -günstige Zeit noch nicht gekommen. Aber sie kommt ganz gewiß. Vielleicht -schon in dieser Nacht, denn schließlich hat es ja keine Eile.« - -»Gewiß hat es Eile,« zischte der andere, indem er mit dem Fuß auf den -Boden stampfte. »Lange läßt es sich nicht mehr geheim halten. Wenn man -erst Verdacht schöpft, wird die Hälfte unserer Pläne vereitelt. -Urplötzlich muß die Ueberraschung kommen, dann sind wir die Herren des -Schwarzen Meeres, dann sind alle anderen ohnmächtig, dann werden wir -unsere Bedingungen vorschreiben, von allen Hafenstädten riesige -Kontributionen fordern und die Schiffe mit Schätzen beladen.« - -Kein Zweifel, hier war eine Verschwörung im Gange, aber der Sprechende -brach schnell ab und ging mit seinen beiden Begleitern die Treppe -hinauf, während die übrigen Männer unten zurückblieben. - -»Sollen wir nicht Ausguck halten?« rief der eine der vermeintlichen -Diener den Hinaufgehenden nach. - -»Ist nicht nötig,« lautete die Antwort. »Um Mitternacht gehen wir selbst -auf das flache Dach. Uebrigens wird die Nacht dunkel werden. Sollten die -Schiffe kommen, so hören wir ja ihre Signale, auch müssen wir dann die -Scheinwerfer gewahren. Haltet nur gute Wacht und beobachtet die Straße. -Sollten unvermutet Polizisten oder Soldaten nahen, so gebt ihr sofort -das Warnungszeichen. Aber es hat keine Eile, wir müssen nur für alle -Fälle vorsichtig sein.« - -Wenige Minuten später befanden sich die drei Männer oben in einem -Gemach, dessen Türe sie hinter sich verriegelten. - -»Was meint Ihr?« fragte der eine, der offenbar eine gewisse Autorität -besaß und den seine Gefährten Orloff nannten. »Habt ihr Vertrauen zu -Matuschewko, glaubt ihr, daß er seine Pläne durchsetzt? Was meint Ihr, -Gregor, Wassil, seid Ihr auch jetzt noch überzeugt, daß ich den -richtigen Mann auf die Schiffe schickte?« - -»Ja, wir sind der festen Überzeugung,« erwiderte Wassil, indem er mit -seinen Begleitern bezeichnende Blicke tauschte. »Matuschewko ist der -richtige Mann, der besitzt Energie und Tatkraft, der wird die erste -Gelegenheit benutzen, der ist wild wie ein Tiger und wird alles über die -Klinge springen lassen.« - -»Ja, wild ist er,« erwiderte Orloff gedankenvoll. »Wild, wie eine -Bestie, mir wäre es lieber, er würde besonnener sein. Da könnten wir -weit mehr erreichen.« - -»Was siehst Du denn so gedankenvoll vor Dich hin?« fragte Gregor den -Unheimlichen, als er plötzlich wie geistesabwesend in die Ecke starrte. - -»Ach, ich denke eben an den Ingenieur,« lautete die Antwort, »Ihr wißt -doch, wen ich meine, an diesen Narren, von dem man nicht wußte, woher er -stammte. Er sagte einmal, er wäre ein Deutsch-Amerikaner und stamme von -deutschen Eltern, sei aber jenseits des Weltmeeres geboren. Möglich, daß -es die Wahrheit gewesen ist. Das war ein Mann, wenn der auf unsere Pläne -eingegangen wäre. Mit seiner Hilfe hätte uns die Welt gehört. Aber -dieser Narr hatte ja moralische Anwandlungen und als er merkte, was wir -beabsichtigten, da wies er uns streng zurück, da drohte er, unsere -kühnen Pläne der Regierung zu verraten.« - -»Das ist ihm auch schlimm bekommen,« erwiderte Wassil, »ein Glück ist es -nur, daß wir uns ihm nie zu erkennen gaben, daß wir immer in -entstellender Kleidung mit ihm verkehrten. Sonst säßen wir vielleicht -jetzt in Sibirien oder hätten unter Henkers Hand geendet. Geschickt war -er, solchen Menschen gibt es wohl kaum wieder. Aber als wir bemerkten, -daß er von unseren Plänen nichts wissen wollte, als er forderte, daß wir -jene Tat unterlassen sollten, die er Verbrechen nannte, da haben wir es -dem Narren heimgezahlt. Er glaubte schon auf dem Gipfel seines Glücks zu -stehen, da am Kaukasus, in Georgien hatte er sich angesiedelt, da wollte -er seine verrückten Ideen von Menschenrechten verbreiten. Er war ja ein -Mensch, der solchen verschrobenen Ideen nachgrübelte. Aber wir haben ihn -unschädlich gemacht, wir haben ihm gezeigt, was es heißt, wenn man uns -beleidigt oder wenn man uns gar zu drohen wagt. Haus und Hof haben wir -ihm in Flammen aufgehen lassen und alles totgeschlagen, was sich dort -befand, ein Unglück war es nur, daß er gerade nicht in seiner Besitzung -weilte, sonst hätte er ja auch dran glauben müssen. Aber auch so haben -wir uns gerächt, wir haben es durch Schlauheit, durch List und -gefälschte Papiere dahingebracht, daß er als einer der verworfensten -Verbrecher galt, daß man seinen Steckbrief überall hinschickte, daß man -ihn wie ein wildes Tier hetzte, wer weiß, wo er im Elend und Jammer zu -Grunde gegangen ist. Aber es war schade um ihn, er konnte unglaubliche -Dinge vollbringen, ich staunte, als er mir einmal seine Pläne und -Entwürfe zeigte, seine Experimente, es war nur eine kurze Zeit, aber ich -habe da wunderbare Dinge gesehen. Was nur aus jenen Papieren geworden -sein mag. Ich glaube, er hat sie immer bei sich getragen.« - -»Laß den Narren,« rief Orloff, »den hat schon längst der Teufel geholt. -Jetzt denke an unsere Pläne, an unser großartiges Werk, welches uns die -Herrschaft über das Schwarze Meer sichert. Wein her, wir wollen trinken! -Die neblige, naßkalte Luft am Hafen hat uns durch und durch erkältet. -Und um Mitternacht wollen wir auf das flache Dach hinaufsteigen.« - -Der Wein wurde gebracht, und die Verschwörer, denn nur um solche konnte -es sich handeln, begannen zu zechen. - -Erst als die Uhr die Mitternachtsstunde verkündete, erhoben sie sich mit -roten Köpfen, zogen ihre Mäntel an und verließen das Zimmer. - -Von hier aus führte eine Treppe nach dem flachen Dache, wie es bei -vielen Landhäusern am Strande des Schwarzen Meeres der Fall ist. Das -Dach selbst war ziemlich groß und mit einem Geländer umgeben, oben -befand sich eine Art Dachgarten mit Bänken. Von hier aus hatte man einen -prächtigen Blick auf das Schwarze Meer, über welchem jetzt die Schatten -der Nacht lagen. - -Die Blicke der Männer richteten sich in das Dunkel. - -Sie sahen die Leuchtfeuer des Hafens, die Lichter von Odessa, auch die -kleinen Lichter auf den Schiffen, die im Hafen ankerten. - -Auf der See selbst aber war alles schwarz und dunkel. - -»Ich sage es ja,« rief Gregor plötzlich. »Es scheint noch nicht gelungen -zu sein. Vielleicht ist der Matuschewsko zu hitzig vorgegangen und hat -alles verdorben. Dabei haben wir ihm doch unablässig Vorsicht gepredigt, -ihm ans Herz gelegt, nichts zu überstürzen. Hölle und Verdammnis, wenn -Matuschewsko sich vorzeitig verraten hätte, oder gar in Gefangenschaft -weilte!« - -»Er verrät uns nicht,« sprach Orloff, »ganz gewiß nicht, eher läßt er -sich in Stücke schneiden.« - -»Nun, darauf möchte ich nicht schwören,« bemerkte Wassil, »Du kennst die -Knute, Matuschewsko fürchtet das blanke Eisen nicht, wohl aber die -Peitsche und wenn sie ihm damit zu sehr zusetzen, wenn sie ihn -zuschanden schlagen, da möchte er doch alles verraten. Zum Teufel, wir -müssen aufpassen. Dann sind wir unseres Lebens nicht mehr sicher!« - -Orloff hatte bei den letzten Worten gar nicht mehr hingehört. - -»Horcht,« sprach er plötzlich. »Habt Ihr nichts vernommen?« - -Die anderen verneinten. - -»Mir war es doch so,« entgegnete Orloff, »ich habe etwas gehört, als ob -sich ein Mensch auf dem Dache befände. Es war wie ein dumpfes Keuchen -und es war in unmittelbarer Nähe.« - -»Ach Unsinn,« brummte Gregor, »das war der Nachtwind.« - -»Nein, nein, das war ein ganz verdächtiger Laut,« begann Orloff wieder. -»Es ist nur so verdammt dunkel, aber wir müssen mal nachsehen. Bedenkt, -wenn uns jemand hier belauscht hätte.« - -»Bilde Dir doch nichts ein,« mischte sich jetzt Gregor in das Gespräch. -»Wer soll denn hier heraufklettern. Das bekäme ja nur ein Vogel fertig. -Der einzige Weg zum platten Dach führt in unsere Zimmer und die halten -wir doch verschlossen.« - -Orloff aber gab sich doch nicht zufrieden, und er war gerade im Begriff, -auf dem flachen Dache herumzusuchen, als ihn ein leiser Aufschrei -Wassils ablenkte. - -»Sieh, sieh dort,« rief der Verschwörer. »Blicke nach der See, da sind -die Signale, sie sind es! Matuschewsko hat seine Sache gut gemacht. -Jetzt läßt er die Scheinwerfer spielen.« - -Und so war es auch, denn jetzt sah man draußen auf der See in der -Dunkelheit grelle Lichtblitze, weiße, zuckende Lichtkegel, die über den -Himmel dahinglitten. - -Und diese Lichtkegel konnten nur von Schiffen ausgehen, die aus der -Ferne herandampften. - -Im Nu hatten die Verschwörer alles andere vergessen, sie dachten nicht -mehr an jenes verdächtige Geräusch, an die merkwürdigen Worte Orloffs, -sie tanzten vor Freude auf dem flachen Dache herum und gebärdeten sich -wie die Unsinnigen. - -Und immer wieder sah man draußen in der Finsternis die -Scheinwerferblitze, welche sicherlich von nahenden Schiffen herrührten. - -»Hinab, hinab,« rief plötzlich Orloff. »Rasch zum Hafen, wir müssen -ihnen entgegengehen und Signale geben. Morgen früh beherrschen wir -Odessa.« - -Im Nu rannten die drei Männer die Treppe hinunter, die Falltür fiel -krachend zu. - -Oben auf dem Dache blieb alles still, aber dort bewegte sich jemand, -einer, der auf der Lauer gestanden, denn hinter den Orangenbäumen des -Dachgartens stand eine dunkle Gestalt, die man nicht deutlich zu -erkennen vermochte. - -Wieder schallte das dumpfe Keuchen, welches Orloff vernommen zu haben -glaubte, jetzt vernahm man aber auch eine halblaute Stimme. - -»Sie waren es, sie sind es gewesen,« klang es in seltsamen Lauten. »An -den Stimmen habe ich sie wiedererkannt, die Elenden, welche mich einst -zum Unglücklichsten aller Menschen machten. Aber es sind noch mehr, das -sind nicht alle, die ich hier getroffen habe. Es sind noch mehr von -diesen Schurken und ich ruhe und raste nicht, bis ich diese Erbärmlichen -zur Verantwortung gezogen habe. Sie sinnen auf schmählichen Verrat, auf -Empörung, auf Mord und Raub, aber ich werde ihre heimtückischen Pläne -zerstören, die Welt von diesen Elenden befreien. Und jene muß ich haben, -welche die Ursache meines Unglücks wurden. Richten will ich sie, und ein -furchtbarer Richter werde ich sein. Grauenvoll, unerbittlich. Denn hier -gibt es keine Gnade!« - -Dann stand der seltsame Mann, der auf rätselhafte Weise auf das Dach -gelangt sein mochte und wartete. - -Er wartete bis unten das Tor des Landhauses geöffnet wurde, bis er -hörte, wie eine ganze Anzahl Männer auf die Straße eilten. Er vernahm -das Trappeln der Schritte, die sich in größter Eile nach der Richtung -des Hafens bewegten. - -Dann geschah Seltsames. - -Sehen konnte man nichts, aber oben auf dem Dache des Landhauses zuckten -dreimal rote Blitze, wie von einem Signal, und nach kurzer Zeit hörte -man ein Sausen in der Luft, da schien sich etwas herabzusenken. Man -hörte ein gedämpftes Knattern, als ob eine Maschine arbeitete. - -Trotz des Dunkels der Nacht sah man einen großen, unförmlichen -Gegenstand über dem Landhaus schweben. Es klang, als ob etwas herabfiel, -ein dunkler Schatten huschte schnell empor und verschwand in dem -unförmlichen Gegenstand. Dann hörte man wieder das dumpfe Knattern, das -Sausen und der gewaltige schwarze Schatten fuhr wie eine nächtliche -Spukerscheinung empor in die Lüfte. - - - - - 5. Kapitel. - Der Schreckenstag von Odessa. - - -Es war Morgen geworden, aber trübe und schwer hingen die Wolken herab, -unablässig rieselte ein durchkältender, eisiger Regen hernieder. - -Und dennoch war ganz Odessa auf den Beinen, trotz des Wetters, in -welches man, wie man zu sagen pflegt, keinen Hund hinausjagte, tausende -von Menschen drängten sich mit angstvollen Gesichtern in den Straßen, -tausende blickten mit ängstlicher Neugierde nach dem Hafen. - -Alle Bande der Ordnung schienen gelöst zu sein, nur ein Teil des -Militärs konnte noch als zuverlässig gelten. Matrosen zogen singend, -berauscht und brüllend durch die Straßen. - -Auf den Schiffen im Hafen zeigte sich kein Mensch, die Besatzungen der -Handelsfahrzeuge waren alle entsetzt ans Ufer geflohen. - -Und das war kein Wunder, denn vor dem Hafen in drohender Nähe lagen -schwarze Ungeheuer, größere und kleinere Schiffe, über denen die rote -Fahne der Empörung wehte. - -Man sah da gepanzerte Schiffe, auch zwei Torpedoboote, ferner ein -Fahrzeug, welches offenbar zum Transport von Kriegsvorräten diente, und -alle schienen sich in den Händen von Meuterern zu befinden. - -Die Aufregung in der Stadt war grenzenlos, viele Familien flüchteten, -ihre wertvollste Habe mitnehmend, zu Fuß aus der Stadt. Wagen waren um -keinen Preis der Welt aufzutreiben. Der Bahndienst versagte, weil die -Schaffner und das sonstige Dienstpersonal betrunken in den Schenken -hockten. Allenthalben sah man bestürzte Gesichter. - -»Meuterer haben sich einiger Schiffe der Schwarzen Meerflotte -bemächtigt,« hieß es. »Sie haben die Offiziere ermordet, sie haben das -Banner der Empörung aufgezogen, die Stadt soll eine ungeheure Summe -zahlen, andernfalls wollen die meuterischen Schiffe Odessa -bombardieren.« - -Und das schien in der Tat so, denn die Mannschaften auf den Schiffen -nahmen die drohendste Haltung an, sie hatten einen Boten geschickt, der -von der Stadt Millionen als Lösegeld forderte. Andernfalls drohten sie, -würden sie die Hafenstadt in Schutt und Asche legen. - -Die ersten Boten schickte man zurück, aber nun wurden die Meuterer -dreist, sie schickten jetzt eine ganze Abordnung schwerbewaffneter -Seesoldaten ans Land, um gebieterischen Tones die freche Forderung zu -wiederholen. - -Es drohte eine Katastrophe, es schien, als wolle sich ein Teil des -Militärs den Meuterern anschließen, ein Teil der Truppen verweigerte den -Gehorsam und blieb in den Kasernen, die übrigen hatten genug zu tun, um -ihre widerspenstigen Kameraden in Schach zu halten. Jeden Augenblick -mußte das Gefürchtete eintreten. - -Man wagte es gar nicht, den Meuterern, die jetzt bewaffnet am Lande -erschienen, Widerstand entgegenzusetzen. - -Daß sie von jemand gelenkt wurden, war ohne allen Zweifel. Und das -mußten Verschwörer sein, die nicht zu der gewöhnlichen Schiffsbesatzung -gehörten. Auf dem Transportschiff befanden sich diese Leute, die Häupter -derselben waren Orloff, Gregor und Wassil, welche jetzt die Masken von -sich warfen. - -Von dem Transportschiffe aus, welches gleichfalls bewaffnet war, -dirigierten sie die Meuterei und sie taten das aus schlauer Berechnung. - -Wenn die Batterie am Strande Feuer eröffnete, so würden sie sicherlich -auf das von den Meuterern besetzte Panzerschiff schießen, weniger auf -das Transportfahrzeug, welches man für ungefährlicher halten mußte. Es -war dies ein Beweis, daß die Meuterer bedacht waren, ihr kostbares Leben -zu erhalten. - -Die Verwirrung erreichte den höchsten Grad, da erschien plötzlich ein -Mann in der Menge, dessen Auftreten einen gewaltigen Eindruck machte. - -Er trug einen Mantel, aber wenn derselbe sich ein wenig lüftete, so -glaubte man eine blaue Uniform darunter zu bemerken. Der Mann hatte -seinen Hut tief ins Gesicht gedrückt, sein linkes Auge war von einer -schwarzen Binde bedeckt, die sein Gesicht völlig entstellte. Das rechte -Auge aber blickte desto feuriger. Als dieser Mann, dessen hohes, -gebietendes Wesen großen Eindruck machte, die zitternden Häupter der -Stadt erblickte, drängte er sich plötzlich vor. - -Seine donnernde Stimme hallte wie das Dröhnen eines Ungewitters. - -»Wollt Ihr Euch von feigen Meuchelmördern einschüchtern lassen!« rief -der Fremde, den niemand kannte, mit dröhnender Stimme, »wollt Ihr denen, -die sich durch nichtswürdigen Verrat und Meuchelmord in den Besitz der -Macht setzten, Unsummen auszahlen und dadurch erst das Verderben -heraufbeschwören? Vorwärts, werft diese Meuterer aus der Stadt heraus -und antwortet mit den Batterien!« - -Menschen sind oft seltsame Geschöpfe, dasjenige, was die Offiziere weder -durch Drohungen, noch Bitten oder Befehle erlangen konnten, das geschah -hier. - -Eine Abteilung Kosaken waren die ersten, welche sich blitzschnell auf -die frechen Matrosen stürzten und wildes Jubelgeschrei erschallte, als -diese großmäuligen Helden plötzlich ohne zu schießen, die Flucht -ergriffen. Der Mann hatte es vollbracht, der Mann, welcher durch seine -gewaltige Stimme und durch sein imponierendes Auftreten den Bann des -Schreckens gebrochen. Dieser Mann war eine Strecke weit mit den Kosaken -vorwärts gestürmt, jetzt überließ er ihnen die Verfolgung der -flüchtenden Empörer. - -Niemand ahnte, daß dieser Mann, der durch sein großartiges Auftreten das -Fürchterlichste abgewendet, derselbe war, den man einst allenthalben -suchte, den man für einen Schreckensmenschen hielt, welcher nur den Tod -durch Henkershand verdiente. - -Kapitän Mors, der Befehlshaber und Erbauer jenes seltsamen lenkbaren -Luftschiffes, er war es, der durch sein Erscheinen die Stadt vom -Schlimmsten gerettet. - -Jetzt schaute er düster nach dem Hafen hin, wo das Geschrei und Rufen -der Menge ertönte. Zuweilen knallten Schüsse, man hörte den -durchdringenden, gellenden Kampfruf der Kosaken, durch welchen sie sich -gegenseitig anfeuerten. - -»Der Stein ist ins Rollen gebracht,« sprach er. - -»Ich habe es getan und dadurch das Schlimmste von der Stadt abgewendet. -Ich weiß jetzt, wo ich die Elenden zu suchen habe, die einst mein Glück -vernichteten. Aber nicht im Hafen ist der Ort, wo ich mit ihnen -abrechne! Ich muß sie hinaustreiben auf das blaue Wasser, auf das -Schwarze Meer und dann kommt die langersehnte Stunde.« - -Gleich darauf verschwand der Mann in der Menge, die nach dem Hafen -flutete. Kapitän Mors konnte mit Stolz auf seine Tätigkeit blicken. Er -hatte den Verzagenden Mut eingeflößt und der feste Entschluß, den jetzt -die Verwaltung der Stadt zeigte, schien die Empörer vom Schlimmsten -abzuhalten. - -Noch lagen die meuterischen Schiffe drohend vor dem Hafen, Schüsse -fielen von dort, ja sogar einige der kleinen Schnellfeuergeschütze -wurden abgefeuert. - -Von der Deputation, welche so frech die Millionen forderte, kam nur ein -Teil wieder zurück. Die anderen hatten teils mit den spitzen Lanzen der -Kosaken Bekanntschaft gemacht oder waren von den flinken Reitern -gefangen genommen worden. - -Der Rest der Ausgeschickten warf sich in die Boote und ruderte in wilder -Hast nach den Schiffen hinüber. - -Jetzt kam die Entscheidung, da die Zurückkehrenden verlangten, daß man -nunmehr die Stadt bombardieren solle. - -Kapitän Mors aber hatte richtig gerechnet, als er durch seine Energie -das Schlimmste vermied. Denn unter den Meuterern herrschte bereits -Unschlüssigkeit, da begann man zu streiten und zu zanken. - -Freilich hatte man sich einiger Schiffe der Schwarzen Meer-Flotte -bemächtigt, aber man konnte damit rechnen, daß die Schiffe des -Geschwaders herbeikamen, daß die der Regierung treugebliebenen -Mannschaften einen Angriff auf die Empörer unternahmen. - -So war man unruhig geworden, man schaute unablässig auf das Meer hinaus, -man fürchtete jeden Augenblick, die Schiffe des Kriegsgeschwaders -könnten am Horizont auftauchen. - -Orloff, Wassil und Gregor, sowie deren Begleiter, die sich jetzt aus -ehemaligen Dienern in Gefährten der drei Rädelsführer verwandelt hatten, -waren außer sich. - -Gregor und Orloff, die das größte Wort führten, ließen das -Transportschiff, auf dem sie sich befanden, dicht an den meuterischen -Panzer heranfahren. - -»So macht doch ernst,« schrieen sie. »Vor allen Dingen, wo ist -Matuschewsko?« - -In wenigen Augenblicken erschien der Gerufene, ein wild blickender, fast -mongolisch aussehender Mann in der Uniform eines Bootsmanns. - -Seine Kleider und sein Hemd waren mit Blut bespritzt, und dieses -Scheusal war ja einer der ersten, der die nichtsahnenden Offizieren -ermordete. Er hatte auch den Schiffsarzt in greulicher Weise getötet. - -Der Mann sah eher aus wie eine Bestie als wie ein Mensch, seine tief -geschlitzten Augen glühten wie die eines Tigers. - -»Zum Teufel, Matuschewsko, so macht doch ernst,« schrie Orloff hinüber. -»Wir brauchen das Geld, nur mit großen Summen können wir etwas -unternehmen. Mit Millionen können wir unsere Pläne nur durchführen. -Munition ist doch genug an Bord, eröffne das Feuer auf die Stadt! Wenn -die ersten hundert Häuser in Trümmer geschossen sind, wird man schon -klein beigeben!« - -Deutlich sah man, wie der Wüterich drüben mit den Zähnen knirschte, wie -er die gelben Zähne raubtierartig fletschte. - -»Die Leute sind unschlüssig,« rief er hinüber. »Sie weigern sich, auf -die Stadt zu feuern. Der schnelle Angriff der Soldaten hat sie verwirrt -gemacht. Vor allen Dingen fürchten sie die Strandbatterien!« - -Orloff heulte und tobte, aber das nützte nichts, jetzt war es besser, -wenn man Kaltblütigkeit zeigte. - -»Hier können wir nichts machen,« schrie Matuschewsko wieder herüber. -»Die Leute fürchten die Batterien, sie wollen nach anderen unbefestigten -Hafenstädten fahren und dort Gelder erpressen.« - -»Aber keine Stadt ist so reich wie Odessa,« schrie Orloff. »Ich weiß es, -hier liegen Millionen und Abermillionen, hier könnten wir ungeheure -Summen erpressen.« - -»Ich will nochmal sehen, was sich tun läßt,« sprach Matuschewsko nach -einer Weile, »ich werde noch mal mit den Leuten reden. Drüben in der -Stadt muß was Merkwürdiges passiert sein, erst hat Kopflosigkeit -geherrscht, und dann muß sich ein energischer Mann gefunden haben, durch -den die ganze Situation geändert wurde. Hole der Teufel den Kerl!« - -Der Wüterich rannte zu den meuterischen Mannschaften und es sah in der -Tat so aus, als ob sie mit der Beschießung beginnen wollten. - -Da blitzte es plötzlich auf den Strandbatterien auf, ein zweiter, ein -dritter Schuß folgte und jetzt hörte man die Granaten sausen. - -Orloff ballte die Fäuste, als er sah, wie die Schiffe mit der -meuterischen Mannschaft plötzlich drehten. Das Panzerschiff war das -erste, welches in das Schwarze Meer hinausfuhr, die beiden Torpedoboote -folgten, nun schloß sich in größter Eile der bewaffnete Transportdampfer -an, auf dem sich die eigentlichen Häupter der Verschworenen befanden. - -»Der beste Augenblick ist verpaßt,« rief Wassil wütend. »Aber nun werden -wir andere Hafenstädte heimsuchen. Und die müssen bezahlen oder sie -werden beschossen und geplündert.« - -Vorerst aber fuhren die Schiffe in die hohe See hinaus, indem sie eine -südwestliche Richtung einschlugen. - -Sie wollten dadurch etwaigen Verfolgern entgehen, denn es war -zweifellos, daß die Kriegsschiffe des Geschwaders nach den Meuterern -suchten. - -Der Mut der Männer stieg aber als sie nirgends ein solches Schiff sahen. - -Matuschewsko kam jetzt auf das Transportschiff herüber. - -»Ich glaube kaum, daß wir eine Verfolgung zu befürchten haben,« sprach -der Unhold, als ihn seine Gefährten mit Fragen überhäuften. »Wohl haben -sich die Besatzungen der anderen Schiffe der Meuterei nicht -angeschlossen, aber sie werden auch nicht feindlich gegen uns vorgehen. -Sie sympathisieren mit uns, sie haben sogar Hurra geschrieen, als wir -mit der roten Flagge von dannen fuhren. Sie werden ihren Offizieren auf -keinen Fall gehorchen.« - -»Desto besser,« schmunzelte Orloff, dessen gute Laune allmählich -zurückkehrte. »Desto besser, dann werden wir zunächst unbefestigte -Hafenstädte aufsuchen und dort rauben und plündern, daß es eine Lust -ist.« - -»Da sind die Leute dabei,« erwiderte Matuschewsko. »Wenn sie nur erst -warm geworden sind, dann geht es schon, vor allen Dingen müssen sie -tüchtig Branntwein trinken. Wir fahren jetzt auf die hohe See hinaus, -sodaß niemand weiß, wo wir uns befinden. Dann fallen wir plötzlich aus -dem Hinterhalt über eine Stadt her, wo man unser Nahen am wenigsten -vermutet.« - -Um Mittag waren die Schiffe schon wieder außer Sicht von Odessa, sie -sahen von der Küste nichts weiter als einen fernen grauen Streifen. - -Der Himmel war noch immer dick und schwer mit Wolken behangen. Der Regen -aber hatte aufgehört, nur die Wolken hingen noch wie schwarze -Leichentücher am Himmel. - -Plötzlich schallten laute Rufe und Schreie, Gregor, Orloff und Wassil, -die sich immer zusammenfanden, blickten verdutzt empor, da sahen sie, -wie die Mannschaften auf den Schiffen alle nach den Wolken zeigten. - -Dort aus dem tiefhängenden Gewölk kam etwas hervor, etwas Großes, -Schwarzes, unheimlich Aussehendes, die abergläubischen Matrosen schlugen -Kreuze, als sie die seltsame Gestalt sahen, die offenbar aus den Wolken -herabschwebte. - - - - - 6. Kapitel. - Die Abrechnung. - - -Anfangs waren die Meuterer vollständig starr, denn die meisten von ihnen -waren so ungebildet, daß sie die merkwürdige Erscheinung da oben für ein -Wunder hielten. - -Dagegen gab es unter den Verschwörern gebildete Männer, die sogar die -Universität besucht hatten. Zu ihnen zählten Orloff, Gregor und Wassil. - -»Zum Teufel,« rief der erstere, »das ist ja ein Luftschiff von einer -ganz merkwürdigen Form. Das ist am Ende eines jener Fahrzeuge, von denen -man so oft in der Zeitung liest, und die jetzt dem Steuer gehorchen -sollen, wie ein Schiff auf dem Wasser. Aber dieses Fahrzeug ist ja -außerordentlich groß. Wahrhaftig, es scheint in die See zu fallen.« - -Die Verwunderungsrufe schallten von allen Seiten, die Meuterer riefen -sich zu, daß dies merkwürdige Ding ein Luftschiff sei, jetzt kam es in -schräger Richtung zur Wasserfläche herabgefahren. - -Es sah direkt aus, als wollte sich das seltsame Luftfahrzeug in die -Wellen stürzen, als sei es verunglückt, als müsse es jeden Augenblick im -Schwarzen Meer versinken. - -Aber das war nicht der Fall, das Fahrzeug, welches Anfangs in schräger -Richtung herabsauste, war nicht verunglückt, nur fünfzig Meter über den -Wogen richtete es sich plötzlich auf und schwebte waagerecht, dem Druck -der Flügel und dem Steuer gehorchend. - -Nun kam es herangeschossen, blitzschnell, mit unheimlicher -Geschwindigkeit; in riesigem Bogen umkreiste es die Schiffe der -Meuterer. - -Den Mannschaften auf den beiden Torpedobooten begann die Sache -unheimlich zu werden. Sie machten vollen Dampf auf und entfernten sich -von ihren Begleitern. - -Ja, das war dasselbe Luftschiff, welches damals die französischen -Ballonfahrer gesehen hatten. Das war das rätselhafte Fahrzeug des -Kapitän Mors, es umkreiste die beiden großen Schiffe in großem Bogen, -deutlich hörte man schon die Maschinen knattern. - -Und dann kam es immer näher heran, aber es bewegte sich auf das -Transportschiff zu, auf dessen Deck neben anderen Verschwörern Orloff, -Gregor und Wassil standen. Matuschewsko war wieder auf das Panzerschiff -zurückgekehrt, welches er, der Mörder, kommandierte. - -»Achtung, Achtung!« schrie plötzlich Orloff. »Das seltsame Ding kommt -auf uns zu! Teufel, wir müssen es abwehren, dies sonderbare Ding hat -nichts Gutes im Sinne.« - -Deutlich sah man den hohen Flaggenstock des lenkbaren Luftschiffes, aber -noch wehte keine Flagge daran, da mit einem Male wurde eine solche -aufgezogen. - -Seltsam sah sie aus, das war nicht die Flagge einer Nation, nein, das -war eine Flagge, wie man sie noch nie gesehen. - -Ein äußeres blutrotes Viereck umgab ein inneres schwarzes Viereck und -auf diesem schwarzen Viereck las man mit großen, schneeweißen Buchstaben -das Wort Mors, unter welchem ein Totenkopf grinste. - -Orloff rannte zu den Mannschaften, welche neben den Schnellfeuerkanonen -des Transportschiffes standen. - -»Schießt auf das Ding,« rief er befehlend und von einer bösen Ahnung -gepeinigt. »Die da haben nichts Gutes im Sinne. Schießt auf das Ding; -eine Kugel genügt, um es zu versenken!« - -Die Männer gehorchten, aber etwas zögernd; knarrend drehten sich die -Schnellfeuerkanonen auf ihren Rädern, dann tönten kurz hintereinander -zwei Schüsse aus Sechszentimeterkanonen. - -Da stießen die Matrosen ein Ausruf der höchsten Verwunderung aus. - -Die eine Kugel traf nicht, die zweite aber prallte gegen das Luftschiff. - -Man hörte einen seltsamen Klang, gleich darauf glitt die Kugel ab und -pfiff seitwärts in die Lüfte, um dann zischend in das Meer -niederzufallen. - -In diesem Augenblick beschrieb das Luftschiff einen kurzen Bogen und -dann schwebte es dicht an der Seite des Transportschiffes. Fast Bord an -Bord. - -Man hörte ein kurzes Knacken. Auf einer der kleinen Galerien, welche die -unteren Anbauten miteinander verbanden, erschien jener Mann, der den -Widerstand in Odessa hervorgerufen. - -Da stand Kapitän Mors, aber nicht mehr mit der schwarzen Binde über dem -linken Auge, jetzt wieder in seiner blauen Uniform, die Mütze mit dem -Goldstreifen auf dem Kopf. - -Die Maske trug er auch jetzt, aus den Oeffnungen glühten seine feurigen -Augen, er sah nach Orloff, Gregor und Wassil hin, welche aufgeregt -einander zuschrieen. - -»Ich habe Euch wieder erkannt,« donnerte seine Stimme. »Ihr kennt auch -mich oder habt Ihr den Ingenieur vergessen, den Ihr dem Unglück, dem -Verderben überliefert habt? Ihr glaubtet, ich sei längst verdorben und -gestorben. Aber jetzt bin ich hier, jetzt ist die Stunde der Vergeltung -gekommen.« - -Orloff war totenbleich geworden. - -Auch seine beiden Gefährten waren zusammen gefahren. Nun aber griffen -sie wie auf ein Kommando zu ihren Revolvern, die sie im Gürtel trugen. -Hastig und ohne zu zielen schossen sie auf den stolzen Mann, der die -Schüsse mit furchtbarem Hohngelächter beantwortete. - -Im nächsten Moment verschwand der Rätselhafte wieder im Anbau, dessen -Wände auch aus undurchdringlichem Metall bestehen mußten. Man hörte -deutlich, wie die Revolverkugeln dagegen klatschten. - -»Er war es, er war es,« brüllte Orloff, »den muß der Teufel aus der -Hölle geschickt haben. Wie kommt dieser Narr zu einem solchen Fahrzeug! -Pest und Verdammnis, wir müssen es in Grund und Boden schießen!« - -Wieder sprang er nach den Kanonen, da im selben Moment wendete sich das -Luftschiff, jetzt neigte es den merkwürdigen Rammsporn, der an seinem -Vorderteil befestigt war. - -»Es kommt heran,« schrieen die Matrosen wie die Tollen. »Es kommt auf -uns zu.« - -Richtig, da kam das Luftschiff nur wenige Ellen über dem Meere entfernt -herangesaust, die Besatzung des Transportschiffes schrie wie toll, die -Verschwörer rannten über die Planken. - -»Ein Zusammenstoß! Ein Zusammenstoß!« brüllten sie. »Das unheimliche -Ding will gegen uns anrennen.« - -Im nächsten Augenblick vernahm man ein dumpfes Krachen. - -Ja, das Luftschiff war da, es hatte sich mit seinem eisernen Sporn dicht -an der Wasserlinie in die Seite des Transportschiffes gebohrt, und dort -ein klaffendes Loch gerissen. - -Das gerammte Schiff neigte sich zur Seite, als wollte es kentern, es -richtete sich aber wieder empor, und jetzt stürzten Wassermassen in das -Loch hinein, sodaß sich das Schiff schwerfällig nach dieser Seite -neigte. - -Die Verwirrung an Bord des meuternden Schiffes war fürchterlich, auf ihm -befanden sich die Schlimmsten der Rebellen, vor allen Dingen jene -Verschwörer, welche alles leiteten. - -Sie rasten jetzt wie toll umher, zumal sie ja ein Sinken des Schiffes -vermuteten. - -Immer schwerfälliger schlingerte das Transportschiff, es wankte hin und -her, doch nur, um neue Wassermassen aufzunehmen, die Boote konnte man in -der Konfusion nicht benutzen. Viele sprangen jetzt ins Wasser, um nach -dem Panzerschiff hinüber zu schwimmen. - -Da senkte sich das Fahrzeug noch tiefer, es schwebte fast unmittelbar -auf der Wasserfläche. Auf den Galerien aber erschienen plötzlich zehn -oder zwölf seemännisch gekleidete Männer mit finsteren, harten -Gesichtszügen, die förmlich steinern erschienen. - -Einzelne dieser Männer verrieten durch dunkle Färbung, daß sie aus -anderen Weltteilen stammten. - -Sie hielten mit eisernen Haken beschlagene lange Stangen in der Hand, -mit denen sie jetzt einige der Schwimmer aus dem Wasser zu ziehen -suchten. - -Zwischen diesen seltsam aussehenden Männern aber stand Kapitän Mors, die -Flammenaugen auf die See geheftet, während das Transportschiff immer -tiefer sank, und noch immer Männer über Bord ins Wasser sprangen. - -»Diesen muß ich haben,« tönte die Stimme des Rätselhaften. »Und dann -jenen dort mit der Narbe über der Stirn! Und da aufgepaßt, dort den -riesengroßen Mann, welcher soeben aus dem Wasser emportaucht! Heran mit -ihnen, diese laßt unter keinen Umständen entkommen!« - -Das lenkbare Luftschiff schien von Geisterhänden regiert zu sein, mit -unheimlicher Sicherheit bewegte es sich nach jenen Stellen, welche der -Kapitän bezeichnete. - -Dann fuhren die Stangen ins Wasser, die Eisenhaken packten die -Bezeichneten, wo sie dieselben gerade zu fassen bekamen. Und nun wurden -die Unholde trotz fürchterlichen Gebrülls und Sträubens nach den -Galerien hingezogen. - -Kräftige Fäuste bemächtigten sich ihrer, die sich wie toll Gebärdenden -wurden auf die Galerien gezerrt, dort trotz fürchterlichen Widerstandes -niedergeworfen und augenblicklich gefesselt. - -Wenige Minuten später befanden sie sich in einem wie eine Schiffskajüte -ausgestatteten Raum, wo man sie in eine Ecke schleuderte. - -Da lagen Gregor, Orloff, Wassil, aber zu ihnen gesellten sich in kurzer -Zeit noch fünf Verschwörer, die sich durch ihre wüsten Gesichtszüge als -brutale Schurken zu erkennen gaben. Auch diese hatte Kapitän Mors -bezeichnet, auch sie wurden mit den Haken aus dem Wasser gezogen, -gefesselt und in den Raum neben die drei Bösewichter geschleudert. - -Inzwischen hatten die Seeleute vom Transportschiff das Panzerschiff -erreicht, einige von den Verschwörern, die nicht schwimmen konnten, -waren rettungslos zu Grunde gegangen, aber das schien den furchtbaren -Kapitän Mors wenig zu kümmern. - -Er hielt jetzt nur das Panzerschiff im Auge, und beobachtete offenbar, -ob man von dort aus auf ihn feuern wollte. - -Einstweilen hatte man dies noch nicht getan, weil das merkwürdige -Luftschiff zwischen dem Transportfahrzeug und dem Panzerschiff lag, auch -fürchtete man, die Schwimmenden durch Schüsse zu gefährden. - -Nun aber spritzte die See empor, und das Transportschiff versank wie ein -Stein in den Wogen, welche über dem Fahrzeug der Verschwörer -zusammenschlugen. - -Die beiden Torpedoboote sah man nur noch in weiter Ferne, dagegen -schickte man sich jetzt auf dem Panzerschiffe an, mit den schweren -Kanonen auf das lenkbare Luftschiff zu schießen. - -Da hob sich dieses mit einem Male in die Höhe und gerade, als man die -schweren Kanonen zum Feuern fertig machte, beschrieb das merkwürdige -Fahrzeug immer höher steigend einen großen Bogen, um über dem -Panzerschiff plötzlich still zu stehen. - -In der nächsten Minute hörte man das Zischen und Pfeifen, dann das -Aufschlagen von Kanonenkugeln, wenigstens schien es den dichtgedrängten -Mannschaften so. Sie stoben entsetzt auseinander, denn die Wirkung der -explodierenden Kugeln war furchtbar. - -Aber auf das Verderben des Panzerschiffes war es offenbar nicht -abgesehen. Die Explosion brachte das Schiff der Meuterer zwar in eine -bedenkliche Lage, weil das Leck, das entstand, sofort voll Wasser lief, -sodaß sich das Schiff tief nach vornhin senkte. Aber die anderen -wasserdichten Abteilungen hielten das Schiff schwimmend, doch war es -jetzt unfähig, weiteren Schaden anzurichten. - -Und wieder zeigte sich die Gestalt des Kapitän Mors auf der Galerie des -Luftschiffes und zwar über dem Panzerschiffe, welches er gehindert, -wehrlose Küstenstädte zu bombardieren und zu brandschatzen. - -»Macht, daß Ihr ans Land kommt,« donnerte die Stimme des furchtbaren -Mannes herunter. »Nur die Rücksicht auf die vielen irregeleiteten -Matrosen verhindert es, daß ich auch dies Schiff in den Grund bohre. -Aber diese Irregeleiteten tun mir leid, deshalb verschone ich ihr Leben. -Fahrt nach der Küste Rumäniens, so lange wird sich das Schiff noch über -Wasser halten. Wagt Ihr es aber, wehrlose Städte anzugreifen, Ihr wißt, -daß ich zur Stelle bin, dann versenke ich Euch in die Tiefe des -Schwarzen Meeres!« - -Wie Donnerton hallten diese furchtbaren Worte. Abergläubisch schlugen -die meuternden Matrosen Kreuze über Kreuze. Das seltsame Luftfahrzeug -aber hob sich hoch empor, aufwärts nach den dichten Wolkenmassen, die -tief über den schäumenden Wellen des Schwarzen Meeres herabhingen. - -Kapitän Mors sah auf die gedemütigten Meuterer herab, bis er gewahrte, -daß das schwerfällig stampfende Panzerschiff seinen Kurs nach dem Westen -richtete. Da ging er befriedigt in den Raum, wo die acht Gefangenen -lagen. - -Dort standen auch die Männer, welche auf dem lenkbaren Luftschiff -Dienste verrichteten. Gleich Bildsäulen an der Wand lehnend, begrüßten -sie den Kapitän beim Eintritt. Sie beobachteten seine Augen, offenbar -bereit, jeden Moment seine Befehle zu vollziehen. - -Als Mors eintrat, erhoben Orloff, Gregor und Wassil ein Wutgeheul, und -rissen wie toll an ihren Fesseln. - -»Gebt Euch keine Mühe,« tönte die Stimme des seltsamen Mannes. »Wen -meine Leute gebunden haben, der kann sich unmöglich befreien. Die -Fesseln vermag niemand zu zerreißen. Und nun ist die Stunde da, die ich -so lange ersehnte. Wißt Ihr noch, Ihr Schufte, wie Ihr mir einstmals mit -süßen Worten geschmeichelt habt, wie ich von Euch aufgefordert wurde, -mein Können und mein Wissen in Eure Dienste zu stellen? Damals habe ich -Euch zurückgewiesen und dafür habt Ihr mich vernichten wollen. Alles -habt Ihr mir geraubt, was ich besaß, alles, sogar meine Ehre! Zum -Verbrecher habt Ihr mich gestempelt, aber ich habe mich dennoch -emporgerafft! Und jetzt seht Ihr mich vor Euch auf meinem Fahrzeug, das -mein Genie geschaffen, das mich zum furchtbaren Manne macht! Ein -Herrscher der Lüfte bin ich, wie andre Herrscher auf der Erde.« - -Die Elenden wußten, daß sie keine Gnade zu erwarten hatten. Sie -antworteten mit grauenvollen Flüchen. - -»Ja, Ihr habt es erreicht,« fuhr Kapitän Mors fort. »Zum Teufel habt Ihr -mich ja gemacht und wenig fehlte, so hätte ich der ganzen Menschheit den -Krieg erklärt. Aber das Angedenken an diejenigen, welche ich einst -liebte und die von Euch gemordet wurden, diese Gedanken verhinderten, -daß ich mich in einen Satan verwandelte. Freilich, die Erde ist mir -versperrt, dafür habt Ihr gesorgt, aber ein Herrscher der Lüfte bin ich, -ein Freibeuter über der Erde und dem Wasser. Ein Mann, dem nichts -unerreichbar sein wird, was er begehrt. Lange habe ich Euch gesucht, bis -ich endlich erfuhr, wo Ihr Euch aufhieltet. Auf dem Dache Eures -Landhauses bei Odessa habe ich gestanden, da habe ich Eure Stimmen -erkannt. Da wußte ich, an welchem Orte ich Euch zur Verantwortung ziehen -würde.« - -Orloff hob wütend den Kopf empor. - -»Einige von uns hast Du,« knirschte er, wohl wissend, daß ihn ein -furchtbares Urteil erwartete. »Aber die gefährlichsten von uns und Deine -erbittertsten Feinde, die hast Du noch nicht bekommen, die leben noch, -die sind frei, die werden uns rächen!« - -»Und wo sind diese?« fragte Kapitän Mors, nähertretend. »Wohl weiß ich, -daß Eure Vereinigung größer war und daß außer Euch noch andere -existieren, die mich später mit solchem Hasse verfolgten. Wo finde ich -sie, gib Antwort!« - -»Nichts wirst Du erfahren,« brüllte Orloff mit wildem Hohngelächter. -»Nichts wirst Du erfahren, und solltest Du uns gleich in Stücke -schneiden. Nein, nein, warte nur, die Stunde kommt, wo unsere Anhänger -Dir und Deinem vermaledeiten Luftschiff den Garaus machen. Und denke -daran, wenn es soweit ist!« - -Kapitän Mors machte eine verächtliche Gebärde. - -»Ich bin noch immer ein Mensch geblieben und keine Bestie,« entgegnete -er. »Wohl gibt es keinen Menschen, den ich glühender hasse, als Euch, -aber nie lasse ich mich so herabwürdigen, daß ich Dinge vollbringe, wie -Ihr sie oft an Wehrlosen und Unglücklichen verübt habt. Euer Urteil ist -gefällt, Euch erwartet der Tod durch den Strang, und wie auf einem -Schiffe so sollt Ihr mit Euren Genossen an den Geländern der unteren -Galerie baumeln.« - -Gleichzeitig wendete sich der Kapitän Mors an seine Leute und rief ihnen -eine Anzahl Worte in einer den Gefangenen fremden, gänzlich unbekannten -Sprache zu, es war offenbar die Sprache, deren man sich auf dem -seltsamen Luftschiff bediente. - -»Nun fahrt in die Hölle,« sprach der Kapitän dann zu den Verurteilten. -»Ich aber werde meinen Weg weiter verfolgen. Ich werde nach den anderen -Schurken suchen, die zu Euch gehören, ich werde mir weder Rast noch Ruhe -gönnen, bis ich sie endlich entdecke.« - -Orloff stieß ein wildes Hohngelächter aus und schrie dem stolzen Manne -Schmähungen zu, der aber wendete sich verächtlich um und schritt hinaus, -während die Männer von der Besatzung des Luftschiffes wie Tiger über die -Meuterer herfielen. - -Da schallte wildes Gebrüll, da versuchten die Unholde, nochmals ihre -Fesseln zu sprengen, sie kreischten wie wilde Tiere, als man sie einen -nach dem anderen auf die Galerie hinausschleppte. - -Draußen tönte das wilde Geschrei fort, da vernahm man gellende Rufe, das -Todesgeschrei der acht Scheusale, und jetzt sah man einen Körper nach -dem anderen an einem langen Strick unter dem Luftschiff hin- und -herschwanken. - -Gregor, Wassil und Orloff kamen zuletzt an die Reihe, diese Schufte -sollten die Todesangst bis zuletzt fühlen. Orloff war der letzte, über -dessen Kopf die Schlinge gezogen wurde. - -»Sagt Eurem Kapitän, er wird mir bald in der Hölle Gesellschaft -leisten!« waren die letzten Worte des Elenden. - -Gleich darauf schleuderte ihn ein Fußstoß in die Luft hinaus und der -Körper des Gerichteten baumelte neben den Leichnamen seiner Gefährten. - -Das Luftschiff aber stieg höher und höher hinauf, bis es in den Wolken -verschwand. Dann fuhr es schnell nach Osten, zu neuen Abenteuern, zu -furchtbaren Erlebnissen aller Art, auf der Erde, über dem Meere, ja -sogar im unbekannten Weltraume. - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Dieser Text wurde nach einem Nachdruck-Auswahlband transkribiert: Heinz -J. Galle (Hrsg.): Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff. Dieter -von Reeken, Lüneburg, 2005, S. 47-83. Moderne Zusätze und Anmerkungen -wurden nicht übernommen. Die Originalausgaben hatten auch farbige -Rücktitel. Diese sind in dieser Ausgabe nicht enthalten. - -Der Titel auf dem Buchdeckel und der Titel auf der ersten Seite -unterscheiden sich leicht (wie schon in der Originalvorlage). - -Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch -Variationen in der Schreibweise von Namen wurden nicht verändert. -Lediglich offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der Luftpirat und sein lenkbares -Luftschiff 1: Der Beherrscher der Lüfte, by Anonymous - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER LUFTPIRAT UND SEIN *** - -***** This file should be named 56064-8.txt or 56064-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/6/0/6/56064/ - -Produced by Jens Sadowski, Norbert H. Langkau, and the -Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. 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Band.</span> Jeder Band ist vollständig abgeschlossen. <span class="bolder">Preis 10 Pf.</span> (15 Heller.) -</p> - -<p class="ser"> -<span class="line1"><span class="centerpic"><img src="images/banner.jpg" alt="Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff." /></span></span> -<span class="line2">Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff.</span> -</p> - -<h1 class="title"> -Der Beherrscher der Lüfte. -</h1> - -<div class="centerpic"> -<img src="images/pic001.jpg" alt="" /> -<p class="cap"> -Bestürzt sahen die Insassen der Gondel, wie aus den Wolken -ein riesiges Luftfahrzeug hervortauchte. -</p> - -</div> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<p class="pub"> -Druck- und Verlags-Gesellschaft<br /> -Berlin -</p> - -</div> - -<p class="tit"> -Der Beherrscher -des Luftmeers. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-1"> -<span class="firstline">1. Kapitel.</span><br /> -Ein geheimnisvolles Fahrzeug. -</h2> - -<p class="first"> -Hoch oben in den Lüften über den reichgesegneten Landschaften des -südlichen Frankreichs schwebte eine gewaltige dunkle Kugel. -</p> - -<p> -Ein Luftballon war es, der, in der Nacht aufgefahren, eine lange -Dauerfahrt antreten wollte. -</p> - -<p> -Der Ballon besaß eine gewaltige Größe, er trug einen Korb, groß -und geräumig und offenbar für einen längeren Aufenthalt hergerichtet. -Die zwei Männer, welche sich darin befanden, schienen erfahrene Luftschiffer -zu sein, das sah man schon daraus, wie ruhig sie trotz der ungeheuren -Höhe atmeten. -</p> - -<p> -Dicht neben ihnen hingen seltsamgeformte Kapseln mit langen -Schläuchen, die Sauerstoffbehälter, welche die Atmung unterstützen -sollten, falls sich die dünne Luft gar zu unliebsam bemerkbar machte. -</p> - -<p> -An der riesengroßen Seidenkugel, welche die Gondel trug, war eine -eigentümliche Vorrichtung befestigt, nämlich eine Art Segel, die mittelst -Bambusstäben regiert werden konnten. Diese Segel dienten dazu, bei -ungünstigem Winde die gewünschte Richtung inne zu halten. -</p> - -<p> -Der eine der beiden Männer war schon bei Jahren, der zweite bedeutend -jünger, zeigte durch sein militärisches Benehmen, daß er wohl -dem Soldatenstande angehörte. Seine durchdringend scharfen Augen -ruhten eben auf den Instrumenten. -</p> - -<p> -„Wir fahren mit größter Schnelligkeit,“ sprach er zu seinem Gefährten. -„Wenn es so weiter geht, und der Wind die Richtung beibehält, -so schlagen wir unsere Konkurrenten binnen Kürze. Ich wette, wir haben -die zwölf Ballons, die heute Nacht gleichzeitig mit uns Paris verließen, -alle weit hinter uns gelassen. Vor allen Dingen kommt es uns zu -statten, daß wir uns gleich in diese ungeheure Höhe begaben, hier weht -der Wind mit größter Regelmäßigkeit, hier geraten wir nicht in die verschiedenen -Luftströmungen, die unsere Freunde in den tieferen Regionen -finden.“ -</p> - -<p> -Es war noch sehr früh am Morgen, den Sonnenball sah man selbst -aus dieser ungeheuren Höhe noch am Horizont, in Gegenden, welche -direkt unter dem Ballon lagen, mußte noch Dämmerung herrschen. -</p> - -<p> -Plötzlich begann sich die Szenerie zu verändern. -</p> - -<p> -Die Luft war bis vor kurzem noch durchsichtig klar gewesen, nun -schien sie sich mit leichten Nebeln zu erfüllen, das waren die leichten -weißen Wolken, die selbst in diesen Höhen schweben und die ganz -urplötzlich und zauberhaft erscheinen. -</p> - -<p> -Dennoch blieb die Windrichtung dieselbe und nur die Fernsicht -wurde durch die Wolken beschränkt. Der mächtige Ballon trieb noch -mit großer Schnelligkeit dahin, obwohl es aussah, als ob er völlig still -stände. -</p> - -<p> -Man brauchte aber nur einen Blick auf die Instrumente zu werfen, -um zu sehen, daß sich die riesige Seidenkugel mit größter Geschwindigkeit -fortbewegte. -</p> - -<p> -„Das wird eine prächtige Fahrt,“ rief der jüngere der Herren begeistert. -„Wenn es so weiter geht, passieren wir in fabelhaft kurzer Zeit die -deutsche Grenze, wir müssen tief im Innern Rußlands landen, wir müssen -diesmal eine Fahrt unternehmen, wie sie noch nicht dagewesen ist, -eine Dauerfahrt, die uns den Weltrekord sichert.“ -</p> - -<p> -Weiter schwebte der gewaltige Ballon, manchmal boten die Wolken -eine größere Fernsicht, dann aber schlossen sie sich wieder zusammen, -so daß es den Luftschiffern zu Mute war, als ob der Ballon mitten -durch einen milchweißen See dahinschwebte. -</p> - -<p> -Plötzlich wendete sich der ältere der Herren, der eben die Barometer -beobachtet, jählings um und starrte in die jetzt wieder dichter werdenden, -weißen, wallenden Nebelmassen. -</p> - -<p> -„Sehen Sie, dort, dort,“ rief er seinem militärischen Gefährten -zu. „Jetzt ist es wieder verschwunden — aber da kommt es wieder! Sehen -Sie dort zwischen den Wolken nicht den dunklen Körper?“ -</p> - -<p> -„Das ist einer der anderen Ballons, welche die Dauerfahrt unternahmen,“ -antwortete der jüngere Herr überrascht. „Wahrhaftig, ich hätte -nicht geglaubt, daß wir bei unserer fabelhaft schnellen Fahrt überholt -werden könnten.“ -</p> - -<p> -„Aber sehen Sie doch nur hin,“ begann der ältere von neuem. -„Das ist kein Ballon, es ist etwas anderes, die Wolken lassen es ja verzerrt -erscheinen, aber ich setze meinen Kopf zum Pfande, daß es kein -Fahrzeug ist, wie das unsere, da — jetzt kommt es näher, da sehen Sie -nur! —“ -</p> - -<p> -Der Sprecher brach rasch ab, aber jetzt war auch sein jüngerer -Gefährte aufgesprungen, und beide bohrten ihre Blicke in die Dunstmassen, -als welche die Wolken in dieser Höhe erschienen. -</p> - -<p> -Ja, da kam es heran, etwas Seltsames, offenbar Langgestrecktes. Es -ließ sich noch nicht deutlich erkennen, aber es war zweifellos, daß es -sich auf den Ballon zubewegte. -</p> - -<p> -„Die fahren direkt gegen den Wind,“ schrie jetzt der jüngere der -Herren. „Das geht ja nicht mit rechten Dingen zu! Das hat etwas besonderes -zu bedeuten!“ -</p> - -<p> -„Ein lenkbares Luftschiff,“ antwortete der ältere der Luftschiffer, -„ein Fahrzeug, ich sehe es ganz deutlich. Jetzt kommt es eben zwischen -den Wolken hervor, es hält noch immer die Richtung auf uns ein. -Wahrhaftig, das ist zum mindesten sonderbar.“ -</p> - -<p> -Die beiden Männer starrten sich an, dann warfen sie einen Blick -auf die Instrumente, welche die Höhe anzeigten. -</p> - -<p> -„Fünftausend Meter,“ sprach der ältere Herr. „Ein lenkbares Luftfahrzeug -in dieser Höhe, das ist unmöglich! Die beiden Fahrzeuge, welche -sich in Paris befinden, können gewiß nicht in solche Höhe hinauf -und das hätte ja auch gar keinen Zweck. Es ist auch nicht das lenkbare -Luftschiff von Santos-Dumont, auch nicht das zweite, welches der geniale -Erfinder hergestellt hat, nein, die kenne ich ganz genau, die sind auch -bedeutend kleiner.“ -</p> - -<p> -„Es muß doch eins von ihnen sein,“ rief der jüngere der Herren -mit stockender Stimme. „Es sind die Nebel- und Wolkenmassen, welche -das merkwürdige Fahrzeug so vergrößern.“ -</p> - -<p> -Der andere aber schüttelte den Kopf, sein ernstes Gesicht war -förmlich erstarrt. Kein Zweifel, dieser Mann wußte sich vor Staunen -nicht zu fassen. -</p> - -<p> -„Es ist viel, viel größer, Herr Leutnant,“ begann er nach kurzem -Schweigen. „Verlassen Sie sich darauf. Und es kann auch keins der Lenkbaren -sein, die in Paris untergebracht sind, denn sie werden jetzt gerade -ausgebessert, sie sind unmöglich aufgestiegen.“ -</p> - -<p> -„Sollte es vielleicht ein deutsches Fahrzeug sein?“ fragte der französische -Offizier, in dessen Augen sich jetzt ein Gefühl des Aergers und -der Feindseligkeit bemerkbar machte. „Die Deutschen sollen ja auch -Luftfahrzeuge besitzen. Es wäre nicht ausgeschlossen, daß sie eine Reise -mit ihnen nach Frankreich unternehmen.“ -</p> - -<p> -„Nein, nein, auch das ist nicht der Fall,“ rief der andere. „Das -einzige, was hier in Betracht käme, und welches so groß ist, wie das -sonderbare Fahrzeug, das auf uns zufährt, das hat, wie ich bestimmt -weiß, den deutschen Boden nicht verlassen. Und die anderen Lenkbaren -sind viel kleiner, nein, Herr Leutnant, wir haben ein fremdes Fahrzeug -vor uns, welches, wie ich es offen zugestehen muß, mir völlig unbekannt -ist. Wahrhaftig, wenn Sie nicht bei mir wären, wenn Sie nicht mit -mir sprächen, so würde ich glauben, daß ich träume oder daß ich mich -in einem Fieberanfall befinde. Da, da ist es! Jetzt kommt es wieder aus -den Wolken hervor. Aber sehen Sie doch nur, das ist ja geradezu unheimlich!“ -</p> - -<p> -Ein riesiger Körper kam aus den weißen, wallenden Massen hervorgeschossen. -Er fuhr direkt gegen den Wind, man hörte ein eigentümliches -Knattern, jedenfalls waren es die Maschinen, welche arbeiteten. -</p> - -<p> -Die beiden Männer in der Gondel des Ballons hatten schon manchen -Aufstieg mitgemacht. Sie waren oft bei Stürmen in den Lüften -gewesen, sie hatten mit ihrem Ballon schwarze Wolkenmassen durchfahren, -wo sie Blitze umzuckten und der Donner schrecklich krachte. -</p> - -<p> -Aber nie hatten sie ein solches Grauen empfunden, wie jetzt bei -der Annäherung des seltsamen Fahrzeuges, welches sich mit so unglaublicher -Sicherheit vorwärts bewegte. Die Kraft, welche es durch den Luftozean -trieb, mußte außerordentlich sein. Die beiden Herren sahen sich -an, als wollten sie ihren Sinnen nicht trauen. -</p> - -<p> -„Nein, das ist keins der uns bekannten Fahrzeuge,“ stammelte -plötzlich der ältere Herr. „Sehen Sie doch, Herr Leutnant, das Luftschiff -besteht ja aus Metall, es ist kein Zweifel, das ist ein eigenartiges Metall, -welches mit einem unglaublich leichten Gas gefüllt sein muß. Und sehen -Sie nur am Vorderteil diese gewaltige Spitze.“ -</p> - -<p> -„Genau wie der Rammsporn eines Kriegsschiffes,“ antwortete der -Offizier, der sich an den Kopf faßte und sich die Augen rieb. Er meinte -vielleicht, die seltsame Erscheinung würde plötzlich wieder verschwinden. -</p> - -<p> -Aber es war keine Phantasie, das rätselhafte, riesige Luftschiff kam -heran, man hörte das Knattern der Maschinen, das Arbeiten der Flügelräder, -aber sonderbar, man sah keinen Menschen. -</p> - -<p> -Das Luftschiff hatte die Richtung auf den Ballon genommen, und -so konnte man es nur von vorn betrachten, unten, an der grauen Metallfläche -aber befanden sich Anhängsel von eigenartiger Form, es waren -keine Körbe und keine Gondeln, es waren geschlossene Räume, in denen -sich sicherlich eine ganze Anzahl Menschen aufhalten konnte. -</p> - -<p> -Mit einem Mal verminderte das Fahrzeug seine Schnelligkeit, aber -es kam immer noch schnell genug heran, man sah die gewaltig große, -offenbar aus Metall hergestellte Spitze, wie sie bereits in großer Nähe -drohte. -</p> - -<p> -„Er rennt uns an,“ rief der Offizier, „er will unseren Ballon durchbohren!“ -</p> - -<p> -Der ältere Herr antwortete nicht, er biß die Zähne zusammen, -unablässig blickte er nach dem sonderbaren Luftschiff hinüber. -</p> - -<p> -Deutlich sah man unter ihm einen Anhängsel oder richtiger gesagt -einen Anbau, man gewahrte auch Fensteröffnungen, aber die schienen -durch Läden gesichert und verschlossen zu sein. -</p> - -<p> -Jetzt war das rätselhafte Schiff bis auf fünfhundert Meter herangekommen. -Da machte es plötzlich eine Schwenkung, aber nun fuhr es -zum größten Staunen der Luftschiffer in einem gewaltigen Kreise um -den Ballon herum. -</p> - -<p> -Da sah man es von der Seite und die Umrisse des seltsamen Fahrzeuges -waren trotz der wogenden Wolkenmassen zu erkennen. -</p> - -<p> -In der Mitte des Fahrzeuges lief eine Gallerie um das ganze Luftschiff -herum, unten sah man die drei geschlossenen Anbauten, in deren -mittelsten die Maschinen arbeiteten. -</p> - -<p> -Sechs große, eigenartig geformte Flügelräder, die an den Seitenwänden -des sicherlich metallenen Luftfahrzeuges angebracht waren, arbeiteten. -Man hörte deutlich ihre sausenden Töne, oben auf dem Fahrzeug -befand sich etwas, das einem Ausguck glich und die staunenden Männer -sahen, wie dünne, eiserne Treppen oder vielmehr Leitern nach der -Gallerie und nach diesem Ausguck führten. -</p> - -<p> -Eine hohe Fahnenstange ragte senkrecht am Ende des sonderbaren -Fahrzeuges empor und unter dem letzten Ausbau gewahrte man deutlich -das mächtige Steuer. -</p> - -<p> -Eine Fahne aber führte der Flaggenstock nicht und als das rätselhafte -Luftschiff näher kam, überlief die beiden einsamen Männer in der -Gondel ein Grausen, wie sie es in ihrem ganzen Leben noch nicht gefühlt -hatten. -</p> - -<p> -Zweimal umkreiste das Fahrzeug den Ballon, dessen Insassen sich -ordentlich ohnmächtig vorkamen. -</p> - -<p> -Sie fühlten, daß sie von den Leuten, die sich da in den geschlossenen -Anbauten befinden mußten, abhängig waren. Ein Stoß der eisernen -Spitze mußte ja die Seidenhülle des Ballons in Fetzen reißen und die -beiden Männer als formlose Massen in die Tiefe schleudern. -</p> - -<p> -Jetzt war das seltsame Fahrzeug zum zweiten Male um den Ballon -herumgeflogen, da aber kam es plötzlich hinter ihm hervorgeschossen -und schwebte jetzt an seiner Seite. -</p> - -<p> -Es war kaum noch fünfzig Meter entfernt und diese Entfernung -verringerte sich mit jeder Sekunde. -</p> - -<p> -„Wir stoßen zusammen,“ rief der Offizier, indem er unwillkürlich -nach einem Revolver griff, als ob er sich mit der Waffe gegen die Insassen -des feindlichen Fahrzeuges schützen könnte. -</p> - -<p> -Der Zusammenstoß geschah aber nicht, das Fahrzeug schien wunderbar -gelenkt zu werden. Es rückte immer näher heran, aber ein Zusammenstoß -wurde offenbar vermieden. -</p> - -<p> -„Da — da ein Mann,“ rief der ältere der Luftschiffer, „sehen Sie -doch, da im vordersten Anbau! Wahrhaftig, jetzt wird die Sache geradezu -unheimlich!“ -</p> - -<p> -Er hatte recht, dort war eine Art Tür aufgeschoben, und plötzlich -stand eine Männergestalt auf der schmalen Gallerie, welche die Anbauten -miteinander verband. -</p> - -<p> -Es war eine hohe, stolze Erscheinung in der einfachen, dunkelblauen -Uniform eines Kapitäns, auf dem dunkelbraunen Haar saß die Mütze -mit dem goldenen Streifen. Er stand mit untergeschlagenen Armen -auf der Gallerie, die er blitzschnell betreten haben mußte. Aber merkwürdigerweise -hatte er sein Gesicht bedeckt, eine Halbmaske von -schwarzem Sammet ließ nur den energischen Mund und das bärtige -Kinn sehen. -</p> - -<p> -Aus der Maske hervor aber blitzten zwei Augen, so unheimlich, so -glühend, daß die beiden Herren in der Gondel betroffen zurückprallten. -</p> - -<p> -Schweigend betrachtete der Mann in der blauen Uniform die Gondel -des Ballons, von welcher er sich höchstens zwanzig Meter entfernt -befand. -</p> - -<p> -„Woher kommt Ihr?“ rief er plötzlich mit tönender Stimme. -</p> - -<p> -„Von Paris,“ rief der ältere Luftschiffer förmlich mechanisch. -</p> - -<p> -„So, von Paris,“ klang es schneidend herüber. „Nun gut, dann -nehmt einen Auftrag von mir mit. Dort in der Hauptstadt ist man ja -geschäftig genug, das Luftmeer zu besiegen, Fahrzeuge zu bauen, mit -denen man den Luftozean beherrschen möchte. Aber, sagt diesen Männern, -daß ich der Herr der Lüfte geworden bin und daß ich es auch -bleiben werde. Sagt ihnen, daß sie es nicht wagen sollten, mit mir in -Wettbewerb zu treten. Das möchte ihnen zum Verhängnis ausschlagen. -Ich bin der Beherrscher der Lüfte, ich will es bleiben, von der Erde hat -man mich verjagt, man hat mich gewissermaßen für vogelfrei erklärt, -mich wie ein Stück Wild fast zu Tode gehetzt, aber hier oben dulde ich -niemand neben mir, sagt es denen, die das vollbringen wollen, was mir -längst gelungen ist. Und wehe ihnen, wenn sie es wagen, mir hier oben -feindselig in den Weg zu treten! Wehe ihnen, sie sollen den Kapitän -Mors kennen lernen.“ -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-2"> -<span class="firstline">2. Kapitel.</span><br /> -Der Beherrscher der Lüfte. -</h2> - -<p class="first"> -Die letzten Worte klangen wie Donnerton, aber im selben Augenblick -verschwand auch der rätselhafte Mann wieder in den Anbau, man hörte -einen Laut, als ob eine Falltür ins Schloß schlug. -</p> - -<p> -Gleich darauf veränderte das riesige Luftschiff wieder seine Richtung -und im selben Moment griffen die beiden Luftschiffer nach ihren -Köpfen, sie preßten unwillkürlich die Hände auf die Ohren, bestürzt -über den furchtbaren Laut, der dort ertönte. -</p> - -<p> -Neben der eisernen Spitze hervor klang es, das mußte wohl eine -sogenannte Sirene sein, eins jener gewaltigen Nebelhörner, mit welchem -die Schiffe bei Nebelwetter auf der See Signale geben. Aber dieser Ton -war ganz verschieden, und zwar so furchtbar, so durchdringend, daß die -beiden Männer meinten, das Trommelfell müßte ihnen platzen. -</p> - -<p> -Das klang wie eine geheimnisvolle Warnung, als wollte der unheimliche -Maskierte sagen „Hütet Euch, mir nahe zu kommen! Mir, -dem Besitzer dieses seltsamen Luftfahrzeuges!“ -</p> - -<p> -Zum zweiten, zum dritten Male schallte der furchtbare Laut, da -griffen die beiden Luftschiffer mit zitternden Händen nach den Ventilleinen. -</p> - -<p> -Hinab wollten sie, schnell hinab, nur fort aus dieser unheimlichen -Nähe. Zischend entwich das Gas durch die geöffneten Ventilklappen -und der stolze Ballon, der eben noch in der ungeheuren Höhe majestätisch -dahingesegelt, sank schnell durch die Wolkenmassen. -</p> - -<p> -Das rätselhafte Luftschiff aber blieb allein, es schwebte hoch oben -über den Wolken, einen Augenblick schien es regungslos zu verharren, -dann begann die Maschine von neuem knatternd zu arbeiten, mit fabelhafter -Geschwindigkeit drehten sich die Flügel umeinander und nun -schoß das merkwürdige Fahrzeug pfeilschnell von dannen. -</p> - -<p> -Es hatte die Richtung nach Nordwest eingeschlagen, als ob es sich -direkt in der Richtung auf Paris zu bewegte. Auf die Hauptstadt, in -welcher kühne, geniale Männer zuerst lenkbare Luftschiffe erbauten. -</p> - -<p> -Der Ballon aber sank mit großer Schnelligkeit aus den Höhen -herab und landete schon nach kürzester Zeit auf den Gefilden Frankreichs. -</p> - -<p> -Dort staunte man nicht wenig, als man den gewaltigen Luftballon -erblickte, denn er gehörte ja zu den Dauerfahrern, welche ungeheure -Strecken Landes überfliegen sollten. Niemand konnte sich bei dem -schönen Wetter diese vorzeitige Landung des Ballons erklären. -</p> - -<p> -Man fragte, ob irgend ein Unglück geschehen sei, ob der Ballon -beschädigt wäre, aber die beiden Luftschiffer gaben ausweichende Antwort. -</p> - -<p> -Sie hatten nur einen Gedanken, sie wollten so schnell als möglich -nach Paris zurück und dort die unheimliche Begegnung melden, sie -wollten genau berichten, was sie da oben über den Wolken gesehen -hatten. -</p> - -<p> -Die beiden Herren ließen sich kaum Zeit, für die Verpackung des -Ballons zu sorgen. Nachdem sie Order gegeben, den zusammengepackten -Ballon nach Paris zu befördern, fuhren sie so schnell wie möglich -zur nächsten Bahnstation und erreichten bald Paris, wo ihr plötzliches -Erscheinen das größte Staunen erregte. -</p> - -<p> -In dieses Staunen mischte sich Aerger, denn viele hatten gerade -auf diesen Ballon gewettet, sie waren überzeugt gewesen, daß dieses -mächtige Luftschiff mit einer Segelvorrichtung alle anderen Konkurrenten -besiegen würde. -</p> - -<p> -Man sparte nicht einmal mit Vorwürfen, alle wollten den Grund -wissen, warum der Ballon die Weiterfahrt aufgegeben hatte, aber die -Neugier wurde nicht gestillt, dagegen eilten die beiden Luftschiffer nach -dem Ballondepot, in welchem sich auch die militärischen Ballons und -einige sogenannte lenkbare Luftschiffe befanden. -</p> - -<p> -Auch hier erregte das Erscheinen der beiden Männer das höchste -Erstaunen und bedenkliches Kopfschütteln, das sich aber noch steigerte, -als die beiden so schnell Zurückgekehrten dem Komitee, zu dem auch -einige Offiziere gehörten, ihr sonderbares Erlebnis mitteilten. -</p> - -<p> -Schweigend hörte man sie an, dann wechselte man verständnisvolle -Blicke und nachher malte sich Unglauben in aller Mienen. -</p> - -<p> -„Meine Herren,“ sprach endlich ein alter Offizier mit silberweißem -Haupthaar, dem man den altgedienten Militär auf hundert Schritte ansah -und dessen Knopfloch die bunten Bänder verschiedener Orden -zierten. „Meine Herren, Sie haben uns soeben eine Wundergeschichte -erzählt, höchst wahrscheinlich, um das vollständig unbegreiflich frühe -Unterbrechen Ihrer Reise zu erklären. Aber ich meine, da hätte sich -doch eine andere glaubhaftere Ausrede finden lassen. Sie sind ja beide -erfahrene Luftschiffer, aber nehmen Sie es mir nicht übel, diese Erzählung -halte ich für ein Märchen!“ -</p> - -<p> -Der junge Offizier wollte eine heftige Antwort geben, aber sein -älterer Gefährte hielt ihn zurück. -</p> - -<p> -„Ich bin seit mehr als fünfzehn Jahren Luftschiffer,“ erwiderte er -nicht ohne Stolz. „Ich habe selbst meine Auffahrten nicht mehr gezählt, -mich hat noch niemand in meinem ganzen Leben einer Lüge für fähig -gehalten, noch weniger ist es mir möglich, mir als ernstem Forscher -Wundergeschichten auszudenken. Daß man in unseren Bericht Zweifel -setzen würde, wußte ich von vornherein; aber, er ist dennoch die Wahrheit. -Ich habe schon gefährliche Fahrten durchgemacht, aber nie in -meinem Leben habe ich ein solches Grauen empfunden wie heute morgen, -als wir unvermutet dem unheimlichen Fahrzeug begegneten. Halten -Sie unsere Erzählung immerhin für ein Märchen, wir können es nicht -ändern. Wir haben weder geträumt, noch phantasiert, das seltsame Fahrzeug -ist uns wirklich begegnet, den Maskierten haben wir mit eigenen -Augen gesehen. Jetzt mag man uns Lügner schelten, die Zukunft wird -unsere Angaben bestätigen müssen!“ -</p> - -<p> -Er verneigte sich flüchtig vor der stillschweigenden Versammlung -und zog dann den heißblütigen Offizier mit sich, der dem besonnenen -Freunde nur widerwillig folgte. -</p> - -<p> -Die Herren des Komitees blieben zurück und begannen sofort -eine erregte Auseinandersetzung. Die Meinungen waren geteilt. -</p> - -<p> -Einige Herren nahmen entschieden die Partei der beiden Luftschiffer -und behaupteten, diese ernsten, nur ihren Erfindungen und Erfahrungen -lebenden Männer wären absolut nicht imstande, eine Unwahrheit -vorzubringen. -</p> - -<p> -Die übrigen Herren des Komitees aber zuckten die Achseln; es -ergab sich ein erregtes Durcheinander, bis endlich der alte ehemalige -Oberst, der Vorsitzende des Komitees, Ruhe gebot. -</p> - -<p> -„Meine Herren,“ sprach er mit Stentorstimme. „Ich bin vielleicht -vorhin, als mir die seltsame Geschichte erzählt wurde, mit der Entgegnung -etwas unvorsichtig gewesen. Ja, ich glaube sogar, ich habe unsere -beiden geschätzten Mitglieder beleidigt, das mag man mir altem Soldaten, -der schon anno 1870 in mancher Schlacht gekämpft, zu gute halten. -Ich bin eben ein bißchen rauh, aber das ist nicht so gemeint. Ich -denke, es ist das beste, wir schweigen über die ganze Sache. Es gibt eine -sonderbare Krankheit, die man zuweilen mit dem Namen Höhenrausch -bezeichnet und ich glaube auch jetzt noch, daß unsere beiden Freunde, -denn so nenne ich sie, in der furchtbaren Höhe in erhitzten Sinnen -Dinge gesehen haben, die gar nicht existieren. Halluzinationen, wie sie -häufig selbst den heldenkühnsten Menschen widerfahren. Das glaube -ich. Sollte es aber dennoch so sein und ein Fahrzeug existieren, welches -alles übertrifft, was sich der menschliche Geist vorstellt, nun wohl, so -werden wir ja noch weiteres darüber hören. Also einstweilen erbitte ich -Stillschweigen, ja, ich verpflichte die Herren sogar dazu. Sie kennen das -schnelle Urteil der oberflächlichen Menge und ich möchte unsere beiden -Freunde nicht lächerlich machen.“ -</p> - -<p> -Diesen Worten stimmten alle zu und bald trennten sich die Herren, -indem sie sich gegenseitig das Versprechen gaben, über das seltsame -Ereignis Stillschweigen zu bewahren. -</p> - -<p> -Aber schon am nächsten Tage kam eine Nachricht, welche die -Mitwissenden aufs höchste befremdete. Da war nämlich ein zweiter -Ballon der Dauerfahrer wegen mangelhafter Ventile hart an der Grenze -des französischen Gebiets niedergegangen. Die Insassen des Ballons -kamen am nächsten Tage nach Paris zurück, aber auch sie hatten von -einer merkwürdigen Erscheinung zu erzählen. -</p> - -<p> -Sie meldeten nämlich, daß sie in der ersten Morgendämmerung -einen langen, grauen Körper bemerkt hätten, der in großer Höhe dahinsauste -und offenbar direkt gegen den Wind fuhr. -</p> - -<p> -Die Herren hatten diese sonderbare Erscheinung nur undeutlich -sehen können und da dieser merkwürdige Gegenstand sich sehr schnell -bewegte, so meinten sie, es wäre ein Meteor, welches die Atmosphäre -der Erde kreuzte. -</p> - -<p> -Freilich erschien diese Erklärung wenig plausibel, denn da hätte ja -ein solcher fremder Weltkörper glühen müssen. Allerdings wollte auch -einer der beiden Insassen in der Gondel einen hellen Schein gesehen -haben, der aber bald wieder verschwand. -</p> - -<p> -„Er war nicht rotglühend,“ berichtete er, „sondern schneeweiß, er -sah fast aus wie der Lichtkegel eines Scheinwerfers, aber er dauerte nur -einen flüchtigen Augenblick, dann war schon alles wieder verschwunden.“ -</p> - -<p> -Die Herren des Komitees aber sahen sich befremdet an, denn jetzt -wurde die Sache immer rätselhafter. Sie glaubten nicht mehr an ein -Märchen und an Halluzinationen, sie waren ganz betroffen bei dem -Gedanken, daß ein lenkbares Luftschiff von solchen Dimensionen existierte. -</p> - -<p> -Aber zu welchem Staate konnte das gehören? Wer hatte dies Schiff -erbaut? -</p> - -<p> -Aus Deutschland kam es nicht, das hätten ja die Zeitungen gewiß -berichtet, auch nicht aus England, da man trotz aller Geheimniskrämerei -über eine solche wichtige Erfindung unmöglich Stillschweigen bewahren -konnte. -</p> - -<p> -Andere Länder aber besaßen keine lenkbaren Luftschiffe. Hier kam -nur noch Amerika, die Vereinigten Staaten, in Betracht. Sollte dort vielleicht -in aller Stille ein solch merkwürdiges Fahrzeug erbaut worden -sein? — -</p> - -<p> -Aber wozu hatte sich dann jener Mann in der blauen Kapitänsuniform -maskiert? Weshalb hatte er sich den grauenvollen Namen Kapitän -Mors beigelegt? Diesen Namen des Todes, weshalb hatte er die geheimnisvolle -Warnung den Luftschiffern zugerufen. Das waren ja Rätsel über -Rätsel. -</p> - -<p> -Wenige Stunden später gingen vertrauliche Anfragen von diplomatischer -Seite ab, hauptsächlich nach den Vereinigten Staaten, Depeschen -wurden gewechselt, aber die Antworten brachten keine Aufklärung. In -den Vereinigten Staaten war nichts über ein lenkbares Luftschiff bekannt, -und die Versuche, die man dort anstellte, befanden sich noch in -den Anfängen. -</p> - -<p> -Nun wartete man noch auf die Nachrichten von den anderen -Dauerfahrern. -</p> - -<p> -Man mußte sich in Geduld fassen, da die Luftschiffe bei dem -günstigen Winde meist über Deutschland hinweg nach den russischen -Städten getrieben waren. -</p> - -<p> -Einzelne landeten in Ungarn, aber deren Insassen hatten nichts -Absonderliches gesehen. Nun harrte man voller Ungeduld auf die Nachrichten -der übrigen Dauerfahrer, welche bei den mangelhaften Verkehrsmitteln -im südlichen Rußland erst nach Ablauf einer Woche erwartet -werden konnten. -</p> - -<p> -Das Komitee befand sich in fieberhafter Spannung, nicht minder -die beiden Luftschiffer, welche die seltsame Begegnung gehabt hatten. -</p> - -<p> -Die letzteren hatte man durch gütliches Zureden wieder versöhnt -und sie bewogen, die rätselhafte Begegnung in den Lüften geheim zu -halten. -</p> - -<p> -Das wurde auch gern zugestanden, da man den Spott und Hohn -der großen Menge fürchtete, diese hätte ja nie und nimmer eine solche -Geschichte geglaubt, das hätte man für eitel Fabel, ja für hellen Wahnsinn -gehalten. -</p> - -<p> -Endlich kamen die langersehnten Nachrichten, Depeschen trafen -ein, in denen die Dauerfahrer ihre Erlebnisse meldeten. -</p> - -<p> -Die meisten waren alle tief im Innern Rußlands gelandet, ein Ballon -war sogar um ein Haar ins Schwarze Meer geraten. Nur ein Luftschiff -fehlte noch. Dieses schien am weitesten geflogen zu sein. -</p> - -<p> -Und wieder kam ein Tag, da klapperten die telegraphischen Apparate. -Eine Depesche kam aus dem fernsten Rußland, vom Uralgebirge, -an Asiens Grenzen. -</p> - -<p> -Es waren die noch Vermißten, und das Komitee, dem die Ankunft -der Depeschen gemeldet war, begab sich in größter Eile nach der Station, -wo man die Depeschen aufnahm. -</p> - -<p> -Die Leitung mochte nicht recht in Ordnung sein, denn die Depesche -langte zwar an, aber in verschiedenen Pausen, die teilweise halbe -Stunden dauerten. -</p> - -<p> -Zunächst meldeten die Luftschiffer im Triumph, daß sie jedenfalls -den Weltrekord geschlagen hätten. Sie berichteten, daß sie sich bereits -auf der Heimreise befänden. -</p> - -<p> -Schon wollte das Komitee die Depesche als beendet erklären, da -begann der Apparat plötzlich von neuem zu ticken. -</p> - -<p> -„Ja, das verstehe ich nicht,“ sprach der Telegraphenbeamte, als er -auf die Typen sah, welche durch den Apparat direkt auf die Papierstreifen -gedruckt wurden. „Das sind ja ganz sinnlose Worte, die Telegraphenleitung -in Rußland muß völlig in Unordnung geraten sein. Oder -der Telegraphist ist betrunken.“ -</p> - -<p> -„Nein, nein,“ sprach der alte Herr, indem er sich eiligst hinzudrängte, -„das ist die Chiffreschrift unserer Gesellschaft. Geben Sie her, -das ist noch eine besondere Meldung.“ -</p> - -<p> -Der Apparat tickte noch immer, die scheinbar sinnlosen Worte -reihten sich eins an das andere. Dann kam plötzlich jenes Signal, welches -das Ende der Depesche verkündete. Kopfschüttelnd überreichte der -Beamte dem Greise die beschriebenen Papierstreifen. -</p> - -<p> -Der alte Herr verließ die Station mit auffallender Hast, ihm folgten -die übrigen Herren, die sich draußen im Flur um den Vorsitzenden -drängten. -</p> - -<p> -„Was bedeutet dies?“ fragten verschiedene Stimmen hastig. „Sie -haben die Chiffreschrift gelesen? Was enthält der geheimnisvolle Schluß -dieser langen Depesche?“ -</p> - -<p> -Der Greis machte ein sehr ernstes Gesicht. -</p> - -<p> -„Meine Herren,“ sprach er leise. „Wir haben unseren beiden Mitgliedern, -welche die Begegnung meldeten, Unrecht getan. Hier ist schon -die dritte Bestätigung, daß ein solch merkwürdiges Fahrzeug existiert. -Einen Augenblick, ich werde es Ihnen vorlesen.“ -</p> - -<p> -Und mit ganz leiser, vor Erregung zitternder Stimme las der alte -Herr die bedeutungsvollen Worte: -</p> - -<p> -„Sechs Stunden vor unserer Landung haben wir ein seltsames Luftfahrzeug -gesehen, welches anscheinend in großer Höhe dahinsauste. Es -verfolgte die Richtung nach Südosten, es flog den südlichen Steppen -Rußlands zu, anscheinend, um den Kaukasus zu erreichen. Das Luftschiff -schien sehr groß zu sein, sein Aussehen war fremdartig; weiteres -werden wir mündlich mitteilen.“ -</p> - -<p> -Der alte Herr faltete die Depesche zusammen. -</p> - -<p> -„Hier waltet ein Geheimnis ob,“ sprach er. „Hier befindet sich ein -Mann im Besitze eines Fahrzeuges, wie es sich nicht einmal die kühnste -Phantasie vorstellen kann. Meine Herren, wir wollen nur hoffen, daß -dieser geheimnisvolle Maskierte seine offenbar geniale Erfindung nicht -zu dämonischen Zwecken benutzt. Wäre dies der Fall, so müßte es geradezu -entsetzlich sein, dann kann ich mir die Folgen noch gar nicht -einmal ausmalen. Seien wir offen, meine Herren, der Besitz eines solchen -Fahrzeuges macht diesen Mann zum Herrn der halben Welt, es ist -kein Zweifel, dieser seltsame Maskierte, der sich Kapitän Mors nennt, ist -der Beherrscher der Lüfte!“ -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-3"> -<span class="firstline">3. Kapitel.</span><br /> -An der Stätte einstigen Glückes. -</h2> - -<p class="first"> -Die Gondelinsassen des Ballons, der tausend und abertausende von -Kilometern zurückgelegt hatte, ehe er an Asiens Grenzen landete, hatten -das wunderbare Luftfahrzeug gleichfalls gesehen. -</p> - -<p> -Und sie irrten sich auch nicht, als sie behaupteten, dasselbe wäre -in der Richtung des Kaukasus von dannen gefahren. Das Luftschiff hatte -jene Richtung eingeschlagen, nach Georgien, nach den Landschaften, -die zwischen dem Kaspischen und dem Schwarzen Meere lagen. -</p> - -<p> -Es war ein herrlicher Morgen, die Sonne beleuchtete eine wunderbare -Landschaft, man konnte glauben, daß sie den deutschen Alpen -angehörte. -</p> - -<p> -Nadelwaldungen bedeckten die Berghänge, hier und da sah man -grüne Wiesen, tiefer unten in den Tälern schäumten kristallklare Flüsse. -Hoch oben zeigten sich die Berge, von denen die höchsten in Schnee -und Eis glänzten, sonst aber war in dieser herrlichen Gegend kein -Mensch zu sehen. -</p> - -<p> -Dieses prächtige Tal schien gemieden zu sein, man sah nur einige -Vögel, welche über den Tannenwäldern kreisten, Raubvögel, die offenbar -nach Beute suchten. -</p> - -<p> -Plötzlich hielten die Raubvögel in ihren regelmäßigen Kreiszügen -inne. Sie kreischten, schlugen mit den Flügeln und schwangen sich -dann schnell hinweg, um pfeilschnell in den Tiefen der Abgründe zu -verschwinden. -</p> - -<p> -Was war das für eine Störung, welche die Segler der Lüfte von -dannen trieb? Das war sicherlich jener graue, seltsame Gegenstand, der -plötzlich zwischen den Kuppen zweier himmelhoher Berge hindurchschoß. -</p> - -<p> -Pfeilschnell bewegte sich diese fremdartige Erscheinung durch die -Lüfte, aber jetzt begann sie sich zu senken, die merkwürdige Erscheinung -schien noch immer in der Luft etwas über den Abhängen der -Berge entlang zu sausen. Sie fuhr über die Tannen und Fichten dahin -und jetzt näherte sie sich den grünen Wiesen. -</p> - -<p> -Ja, das war jenes seltsame Luftschiff, welches die Franzosen gesehen -hatten, dieses sonderbare Fahrzeug, welches so plötzlich auftauchte, -daß man ein Phantom zu sehen glaubte. -</p> - -<p> -Hart über einem Felsplateau, über einer Lichtung, blieb es plötzlich -stehen. Die Flügel wirbelten nicht mehr, doch schien eine geheimnisvolle -Gewalt es zu regieren. Es stand fast unbeweglich, ungefähr -zwanzig Meter über dem Boden. Dann hörte man wieder jenes seltsame -Klappen, und im selben Augenblick fiel eine lange, aus Seide geflochtene -Strickleiter herab. -</p> - -<p> -Kaum berührte diese den Boden, da kletterte auch schon ein -Mann aus dem Luftschiff, der Mann in der blauen Uniform, der auch -jetzt die Maske trug. -</p> - -<p> -Hinter ihm aber kletterte eine zweite Gestalt hinab, die gleichfalls -ein ungewöhnliches Aussehen darbot. Nein, das war kein Sohn der weißen -Rasse, die buntfarbigen Gewänder, welche die geschmeidige, aber -sehnige Gestalt umhüllten, deckten braune Glieder, dieser noch junge -Mann war sicherlich unter glühender Sonne aufgewachsen. -</p> - -<p> -Er folgte dem Vorankletternden mit größter Gewandtheit. Beide -erreichten schnell hintereinander den Boden. -</p> - -<p> -Der zweite Mann war nicht maskiert, sein junges, braunes Gesicht -besaß einen eigentümlich träumerischen Ausdruck, fast sanft, ja weiblich, -nur wenn die Augen aufglühten, gewahrte man, daß auch dieser -Mann unbezähmbare Energie besitzen mußte. -</p> - -<p> -Er war der Angehörige eines edlen Volkes, die feingebogene Nase, -die ebenmäßigen Gesichtszüge verrieten den Inder. Dieser junge Mann, -der in bescheidener Haltung neben dem Maskierten in der blauen Kapitänsuniform -stand, war sicherlich ein Hindu, ein Sohn des Landes, welches -die Engländer beherrschen. -</p> - -<p> -Jetzt sah er unverwandt auf seinen stolzen Begleiter, dessen breite -Brust krampfhaft arbeitete. Die Teile des Gesichts, welche die Maske -nicht bedeckte, waren jetzt totenbleich und ein dumpfer, stöhnender -Seufzer verriet, daß dieser Mann mit aller Macht gegen eine furchtbare -Erregung kämpfte. -</p> - -<p> -„Sahib,“ sprach der junge Hindu sanft in der wohllautenden Sprache -seiner Heimat. „Sahib, warum seid Ihr wieder hierhergekommen? O, -Herr, Ihr wißt, daß es für Euch eine Qual ist, eine Marter, die Euch das -Herz zerfleischt, und dennoch sucht Ihr von Zeit zu Zeit diese Stätte -auf, um Euch zu peinigen.“ -</p> - -<p> -„Du hast recht, treue Seele,“ tönte es von den bärtigen Lippen des -Maskierten. „Keine Marter der Hölle ist so furchtbar wie die Pein, welche -ich beim Besuch der Stätte empfinde, wo ich einst das größte Glück -der Welt gefunden zu haben meinte. Aber ich kann nicht anders, es -treibt mich immer wieder hierher. Vielleicht, daß die Zeit es dahin -bringt, daß ich nicht mehr so an die Vergangenheit denke, wie jetzt. -Aber wenn ich auch fliegen kann, so weit der Himmel blau ist, wenn -die Erde, wenn das Weltall mir offen steht, eine finstere Gewalt gibt es, -die mich immer wieder hierherführt, wo ich einst so glücklich gewesen. -Komm, ich muß die Stätte wiedersehen.“ -</p> - -<p> -Der Maskierte stürmte voran und brach sich durch das Gebüsch -Bahn, daß die Zweige links und rechts zurückschlugen. -</p> - -<p> -Er war jetzt übrigens bewaffnet, in dem Gürtel, der seine Hüften -umschloß, steckten zwei Revolver, die jeden Augenblick zum Feuern -fertig schienen. An seiner Linken hing ein schwerer Degen in schwarzer -Lederscheide, eine Waffe, die nur eine sehr starke Hand zu schwingen -vermochte. -</p> - -<p> -Auch der indische Diener, denn ein solcher war er offenbar, trug -Waffen, unter seinem weißen, burnusähnlichen Obergewand sah man -die Griffe von silberbeschlagenen Pistolen, ferner eins der seltsam geformten -indischen Schwerter, dessen Griff von Juwelen funkelte. -</p> - -<p> -Durch das Tannengestrüpp ging es hindurch, zuweilen raschelte es -hier und dort, dann blieben die Männer stehen, aber es war nur ein -aufgestörter Fuchs oder anderes Wild, welches das Weite suchte. -</p> - -<p> -„Herr,“ sprach der Inder plötzlich. „Die Menschen meiden dieses -Tal, in welchem das Wild wohnt. Ihr werdet an dieser Stätte keine -Fremdlinge finden.“ -</p> - -<p> -„Ich möchte es auch niemand raten,“ knirschte der Vorangehende. -„Wehe dem, der es wagt, die Grabesruhe zu stören. Ich bin kein -Dämon, kein Teufel, aber hier würde ich jeden Störenfried vernichten. -Doch da sind wir, da ist’s, es ist alles noch unverändert!“ -</p> - -<p> -Er nahm die Mütze mit dem goldenen Streifen ab, der indische -Diener aber kreuzte die Arme über der Brust und neigte sich tief, als ob -er jemandem seine Ehrerbietung bezeugte. -</p> - -<p> -Da war eine Lichtung und auf dieser Lichtung sah man die Trümmer -von Gebäuden. -</p> - -<p> -Hier schien ein großes Gehöft gestanden zu haben, von dem jetzt -nur noch die Grundmauern zu sehen waren. Auch diese wurden bereits -von Gestrüpp überwuchert. -</p> - -<p> -Deutlich sah man noch eine große Umfassungsmauer, und darinnen -die Ueberreste von größeren und kleineren Gebäuden. Hier mußte -ein gewaltiges Feuer getobt haben, denn man sah an den Steinen noch -die Brandspuren; hier und dort gewahrte man auch die Reste verkohlter -Balken. -</p> - -<p> -Der Maskierte ließ seine flammenden Augen über die Trümmerstätte -gleiten, dann wendete er sich plötzlich und schritt nach dem Rande -des Waldes. -</p> - -<p> -Dort sah man drei Hügel, aber auf diese Hügel waren schwere -Steine gewälzt, so schwer, daß sicherlich eine Anzahl starker Männer -dazu gehört hatten, um diese Felsblöcke auf die Hügel zu wälzen. -</p> - -<p> -Und wieder klang das dumpfe Stöhnen von den Lippen des Maskierten. -Bei dem größten der Hügel warf er sich zu Boden. Und dieser -Mann, der sonst wie von Eisen schien, der preßte jetzt völlig gebrochen -seine Stirn auf die kahlen Felsblöcke. -</p> - -<p> -„Da ruhen sie!“ keuchte er endlich. „Steine mußte ich hier auftürmen -lassen, damit die Wölfe und die Bären die Toten nicht ausgruben. -Die raubgierigen Bestien habe ich abgewehrt, aber die Gedanken kann -ich nicht abwehren. Und immer wieder kommen sie und martern mich! -Damals habe ich geglaubt, der Glücklichste der Menschen zu sein, und -wie lange hat es gedauert, ein paar kurze Jahre, dann war alles dahin! O, -die Hunde, die Bestien, die mein Glück vernichtet haben. Diese Elenden, -welche ich auf dem ganzen Erdenball suchen will. Die auch mich -zugrunde richteten. Die es dahin brachten, daß man mich wie einen gemeinen -Verbrecher verfolgte. Mich, der in seinem ganzen Leben nichts -anderes getan hat, als Menschenrechte hochgehalten. Das war diesen -Schurken ein Dorn im Auge, sie wußten, wo sie mich trafen. Ha, die -Nacht steht noch vor meinen Augen, als ich zurückkehrte und von fern -die Feuersglut gewahrte, als ich, wie ein Rasender herbeistürmend, nur -noch die Leichen meiner Lieben fand. Ermordet hat man sie, erbarmungslos -ermordet. Alles, was ich besaß, vernichtet, mich aber hat man -zum Geächteten erklärt, für einen Schurken, der den Tod durch Henkershand -verdiente. Sie glaubten ja leichtes Spiel zu haben, diese Halunken, -welche mich um mein Glück beneideten.“ -</p> - -<p> -„Faßt Euch, Herr,“ sprach der Inder, in dessen sonst so flammenden -Augen helle Tränen glänzten. „Ihr macht Euch noch elend.“ -</p> - -<p> -„Nein,“ sprach der Mann, indem er sich hastig emporrichtete. -„Ich habe es überwunden. Alles hat man mir genommen, alles, sie -glaubten schon ihr Ziel erreicht zu haben. Aber eins konnten sie mir -doch nicht nehmen, mein Genie und mein Wissen. Das war ihnen nicht -möglich. Und das habe ich benutzt, damit habe ich jenes Fahrzeug -erbaut, mit welchem ich den Ozean der Lüfte durchkreuze. Das Verweilen -auf der Erde haben sie mir unmöglich gemacht, die Bestien, gut, -jetzt bin ich der Herrscher der Lüfte geworden!“ -</p> - -<p> -Jetzt war dieser Mann wieder der Alte. Wohl streifte noch ein -Blick furchtbarsten Schmerzes die steinernen Hügel, unter denen die -Toten schlummerten, aber dann glühten seine Augen in einem furchtbaren -Feuer. Es war das Feuer der Rache. -</p> - -<p> -„Ja, an diesen Gräbern habe ich geschworen,“ fuhr er fort. „Da -habe ich es gelobt, daß ich Rache nehmen will. Rache zunächst an den -Schurken, die mich entehrten, die mich in den Augen der Welt zum -Verbrecher stempelten, Rache an den Vernichtern meines Glücks, denen -gilt zuerst mein Suchen. Aber dann kommen andere an die Reihe, überall -will ich erscheinen, wo Unrecht getan wird. Ueberall will ich, Kapitän -Mors, auftauchen, erscheinen wie der Blitz aus heiterem Himmel, -mit meinem wunderbaren Fahrzeug, welches mir Macht verleiht, will ich -als rächender Vergelter auftreten. Die ganze Erde will ich ruhelos durchkreuzen, -nicht eher will ich sterben, als bis ich dieses Lebenswerk vollendet -habe. Nur einmal noch mußte ich vorher die Stätte meines ehemaligen -Glückes wiedersehen! Jetzt beginnt die Zeit der Rache!“ -</p> - -<p> -Er wendete sich hastig um und drückte die Mütze auf das braune -Haar, mit festen Schritten wendete er sich von der ehemaligen Ansiedlung, -die jetzt von allen Menschen gemieden zu werden schien. -</p> - -<p> -„Herr, wo wollt Ihr die Elenden suchen?“ fragte der Inder. „Ihr -wißt ja selbst noch nicht, wo Ihr sie finden könnt. Ihr habt diejenigen, -die damals Euer Glück vernichteten, kaum gesehen. Wer weiß, was aus -ihnen geworden ist. Auch sie sind vielleicht elend zugrunde gegangen!“ -</p> - -<p> -„Nein,“ schrie der Maskierte mit furchtbarer Stimme. „Dann gäbe -es keine Gerechtigkeit mehr auf der Welt. Ich fühle es, noch kann ich -Rache nehmen, ich will sie suchen, ich werde sie finden. Auf meinem -Fahrzeug kann ich überall hingelangen. Zurück zum Luftschiff, welches -mich blitzschnell von dannen trägt, in die höchsten Höhen des Luftmeers, -dahin, wo noch nie ein Mensch gelangte. In die unerforschten -Regionen des Erdballs, und vielleicht später, wenn mein Genie noch -andere Verbesserungen getroffen, gar ins Universum, in die Sternenwelt. -Mir ist nichts unmöglich!“ -</p> - -<p> -Bewundernd sah der Inder auf den stolzen Mann, der jetzt mit -hastigen Schritten von dannen ging. Es war, als wollte er dem Ort entfliehen, -an dem er einst so glücklich gewesen. -</p> - -<p> -In rasender Hast eilte er zu dem Luftschiff, gefolgt von seinem -Begleiter. Hinauf kletterten die beiden, dann hörte man den schrillen -Ton einer Glocke, die Strickleiter verschwand, die Maschine knatterte, -und stolz wie ein Aar erhob sich das lenkbare Luftschiff empor zur -Morgensonne. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-4"> -<span class="firstline">4. Kapitel.</span><br /> -Die Verschwörer. -</h2> - -<p class="first"> -Langsam sank die Sonne im Westen und vergoldete mit roten Gluten -den Spiegel des Schwarzen Meeres. -</p> - -<p> -Aus den Dünsten ragten die Türme der Hafenstadt Odessa hervor, -jener Stadt, die in der Zeit der russischen Unruhen eine große Rolle -spielte. -</p> - -<p> -Die Sonne beglänzte die Hafenanlagen und den mächtigen Wellenbrecher, -überall sah man die Masten von Schiffen, welche im Hafen -eingelaufen waren. -</p> - -<p> -Am Kai bewegte sich eine Menge Menschen dahin, Arbeiter, Kaufleute, -Soldaten, ein emsiges Hasten und Treiben, wie es in Hafenstädten -immer zu finden ist. -</p> - -<p> -Und dennoch lastete es wie Gewitterschwüle über dieser Menge, -wohin man blickte, sah man ängstliche Gesichter, besonders die vielen -Juden, die man hier erblickte, zeigten eine Angst, die sie vergeblich zu -verbergen suchten. -</p> - -<p> -Es lag etwas in der Luft, das Verderben schien über dieser Stadt zu -schweben, welche in der Geschichte der russischen Unruhen eine so -verhängnisvolle Rolle spielte. -</p> - -<p> -Die unheimlichen Kerle, welche zuweilen in den Nebengassen auftauchten, -warfen verdächtige Blicke nach allen Seiten. Sie verschwanden, -wenn Polizisten oder Abteilungen von Soldaten auftauchten, kamen -aber bald wieder zum Vorschein. Dann flüsterten sie zusammen, dann -machten sie grimmige Gesichter und nicht selten drohten sie den geängstigten -Juden mit ihren Knüppeln, worauf die Hebräer eiligst die -Flucht ergriffen. -</p> - -<p> -Aber auch am Hafen schien etwas nicht in Ordnung zu sein, denn -da standen viele Leute, welche auf die mächtige Wasserfläche hinausblickten. -Sie schauten alle in die Ferne, als ob sie dort etwas besonderes -zu sehen erwarteten. -</p> - -<p> -Dabei wurde viel geflüstert und geraunt, es schien irgend etwas -nicht in Ordnung zu sein, was es aber war, konnte niemand sagen, ja -vielleicht wußten es die Neugierigen selber nicht. -</p> - -<p> -Endlich versank die Sonne blutrot, gleichsam wie eine üble Vorbedeutung, -die Menge am Strande begann sich zu zerstreuen, zumal jetzt -die patrouillierenden Soldaten rücksichtslos den Hafen von dem Gesindel -säuberten. -</p> - -<p> -Einige gutgekleidete und respektabel aussehende Männer hatten -schon vorher den Hafen verlassen. -</p> - -<p> -Sie standen an den Molen und blickten unverwandt in die See -hinaus. Jetzt gingen sie schnell von dannen, aber nicht nach der Stadt, -sondern am Alexandrowskyplatz vorüber, nach jenen parkartigen Gebieten, -welche den Namen Datschen führen. -</p> - -<p> -Da lagen der städtische botanische Garten, die Friedhöfe und weiterhin -einige Kasernen, an der Straße aber, die mitten durch dieses parkähnliche -Terrain führte, erhoben sich hier und da stattliche Landhäuser. -</p> - -<p> -Sie besaßen meist große Gärten, und waren durch größere Strecken -des Parkes von einander getrennt. -</p> - -<p> -Nach einem dieser Landhäuser gingen drei Männer, die man für -wohlhabende Bewohner von Odessa halten mußte. -</p> - -<p> -Sie standen in mittleren Jahren und ihre Gesichter, die vorher -harmlos drein geblickt, nahmen, als sie das Landhaus betraten, einen -ganz anderen Ausdruck an. Wer in die Augen dieser Leute blickte, -konnte sich vor ihnen fürchten. -</p> - -<p> -Im Landhause selbst befanden sich Leute, die wie Diener gekleidet -waren, die drei Ankömmlinge aber auffallend vertraulich begrüßten. -</p> - -<p> -Diese erwiderten die Grüße in gleicher Weise. Einer der Männer -fragte: -</p> - -<p> -„Nun, wie ist es? Noch nichts zu sehen?“ -</p> - -<p> -„Nein, gar nichts,“ grollte der eine der Zurückkehrenden. „Auf der -See war keine Spur von einem Schiffe zu erblicken. Wir sind schon in -höchster Unruhe, am Ende ist alles mißglückt und dann wären unsere -Unternehmungen unmöglich geworden. Nur mit Hilfe der Schiffe können -wir etwas erreichen und unsere weitreichenden Pläne ausführen.“ -</p> - -<p> -„Sie werden schon kommen, Väterchen,“ erwiderte der andere -zuversichtlich. „Es sind Männer von Stahl und Eisen, vielleicht ist die -günstige Zeit noch nicht gekommen. Aber sie kommt ganz gewiß. Vielleicht -schon in dieser Nacht, denn schließlich hat es ja keine Eile.“ -</p> - -<p> -„Gewiß hat es Eile,“ zischte der andere, indem er mit dem Fuß auf -den Boden stampfte. „Lange läßt es sich nicht mehr geheim halten. -Wenn man erst Verdacht schöpft, wird die Hälfte unserer Pläne vereitelt. -Urplötzlich muß die Ueberraschung kommen, dann sind wir die -Herren des Schwarzen Meeres, dann sind alle anderen ohnmächtig, -dann werden wir unsere Bedingungen vorschreiben, von allen Hafenstädten -riesige Kontributionen fordern und die Schiffe mit Schätzen -beladen.“ -</p> - -<p> -Kein Zweifel, hier war eine Verschwörung im Gange, aber der Sprechende -brach schnell ab und ging mit seinen beiden Begleitern die -Treppe hinauf, während die übrigen Männer unten zurückblieben. -</p> - -<p> -„Sollen wir nicht Ausguck halten?“ rief der eine der vermeintlichen -Diener den Hinaufgehenden nach. -</p> - -<p> -„Ist nicht nötig,“ lautete die Antwort. „Um Mitternacht gehen wir -selbst auf das flache Dach. Uebrigens wird die Nacht dunkel werden. -Sollten die Schiffe kommen, so hören wir ja ihre Signale, auch müssen -wir dann die Scheinwerfer gewahren. Haltet nur gute Wacht und beobachtet -die Straße. Sollten unvermutet Polizisten oder Soldaten nahen, -so gebt ihr sofort das Warnungszeichen. Aber es hat keine Eile, wir müssen -nur für alle Fälle vorsichtig sein.“ -</p> - -<p> -Wenige Minuten später befanden sich die drei Männer oben in -einem Gemach, dessen Türe sie hinter sich verriegelten. -</p> - -<p> -„Was meint Ihr?“ fragte der eine, der offenbar eine gewisse Autorität -besaß und den seine Gefährten Orloff nannten. „Habt ihr Vertrauen -zu Matuschewko, glaubt ihr, daß er seine Pläne durchsetzt? Was meint -Ihr, Gregor, Wassil, seid Ihr auch jetzt noch überzeugt, daß ich den -richtigen Mann auf die Schiffe schickte?“ -</p> - -<p> -„Ja, wir sind der festen Überzeugung,“ erwiderte Wassil, indem er -mit seinen Begleitern bezeichnende Blicke tauschte. „Matuschewko ist -der richtige Mann, der besitzt Energie und Tatkraft, der wird die erste -Gelegenheit benutzen, der ist wild wie ein Tiger und wird alles über die -Klinge springen lassen.“ -</p> - -<p> -„Ja, wild ist er,“ erwiderte Orloff gedankenvoll. „Wild, wie eine -Bestie, mir wäre es lieber, er würde besonnener sein. Da könnten wir -weit mehr erreichen.“ -</p> - -<p> -„Was siehst Du denn so gedankenvoll vor Dich hin?“ fragte Gregor -den Unheimlichen, als er plötzlich wie geistesabwesend in die Ecke -starrte. -</p> - -<p> -„Ach, ich denke eben an den Ingenieur,“ lautete die Antwort, „Ihr -wißt doch, wen ich meine, an diesen Narren, von dem man nicht wußte, -woher er stammte. Er sagte einmal, er wäre ein Deutsch-Amerikaner -und stamme von deutschen Eltern, sei aber jenseits des Weltmeeres -geboren. Möglich, daß es die Wahrheit gewesen ist. Das war ein Mann, -wenn der auf unsere Pläne eingegangen wäre. Mit seiner Hilfe hätte uns -die Welt gehört. Aber dieser Narr hatte ja moralische Anwandlungen -und als er merkte, was wir beabsichtigten, da wies er uns streng zurück, -da drohte er, unsere kühnen Pläne der Regierung zu verraten.“ -</p> - -<p> -„Das ist ihm auch schlimm bekommen,“ erwiderte Wassil, „ein -Glück ist es nur, daß wir uns ihm nie zu erkennen gaben, daß wir immer -in entstellender Kleidung mit ihm verkehrten. Sonst säßen wir vielleicht -jetzt in Sibirien oder hätten unter Henkers Hand geendet. Geschickt -war er, solchen Menschen gibt es wohl kaum wieder. Aber als -wir bemerkten, daß er von unseren Plänen nichts wissen wollte, als er -forderte, daß wir jene Tat unterlassen sollten, die er Verbrechen nannte, -da haben wir es dem Narren heimgezahlt. Er glaubte schon auf dem -Gipfel seines Glücks zu stehen, da am Kaukasus, in Georgien hatte er -sich angesiedelt, da wollte er seine verrückten Ideen von Menschenrechten -verbreiten. Er war ja ein Mensch, der solchen verschrobenen Ideen -nachgrübelte. Aber wir haben ihn unschädlich gemacht, wir haben ihm -gezeigt, was es heißt, wenn man uns beleidigt oder wenn man uns gar -zu drohen wagt. Haus und Hof haben wir ihm in Flammen aufgehen -lassen und alles totgeschlagen, was sich dort befand, ein Unglück war es -nur, daß er gerade nicht in seiner Besitzung weilte, sonst hätte er ja -auch dran glauben müssen. Aber auch so haben wir uns gerächt, wir -haben es durch Schlauheit, durch List und gefälschte Papiere dahingebracht, -daß er als einer der verworfensten Verbrecher galt, daß man -seinen Steckbrief überall hinschickte, daß man ihn wie ein wildes Tier -hetzte, wer weiß, wo er im Elend und Jammer zu Grunde gegangen ist. -Aber es war schade um ihn, er konnte unglaubliche Dinge vollbringen, -ich staunte, als er mir einmal seine Pläne und Entwürfe zeigte, seine -Experimente, es war nur eine kurze Zeit, aber ich habe da wunderbare -Dinge gesehen. Was nur aus jenen Papieren geworden sein mag. Ich -glaube, er hat sie immer bei sich getragen.“ -</p> - -<p> -„Laß den Narren,“ rief Orloff, „den hat schon längst der Teufel -geholt. Jetzt denke an unsere Pläne, an unser großartiges Werk, welches -uns die Herrschaft über das Schwarze Meer sichert. Wein her, wir wollen -trinken! Die neblige, naßkalte Luft am Hafen hat uns durch und -durch erkältet. Und um Mitternacht wollen wir auf das flache Dach -hinaufsteigen.“ -</p> - -<p> -Der Wein wurde gebracht, und die Verschwörer, denn nur um -solche konnte es sich handeln, begannen zu zechen. -</p> - -<p> -Erst als die Uhr die Mitternachtsstunde verkündete, erhoben sie -sich mit roten Köpfen, zogen ihre Mäntel an und verließen das Zimmer. -</p> - -<p> -Von hier aus führte eine Treppe nach dem flachen Dache, wie es -bei vielen Landhäusern am Strande des Schwarzen Meeres der Fall ist. -Das Dach selbst war ziemlich groß und mit einem Geländer umgeben, -oben befand sich eine Art Dachgarten mit Bänken. Von hier aus hatte -man einen prächtigen Blick auf das Schwarze Meer, über welchem jetzt -die Schatten der Nacht lagen. -</p> - -<p> -Die Blicke der Männer richteten sich in das Dunkel. -</p> - -<p> -Sie sahen die Leuchtfeuer des Hafens, die Lichter von Odessa, -auch die kleinen Lichter auf den Schiffen, die im Hafen ankerten. -</p> - -<p> -Auf der See selbst aber war alles schwarz und dunkel. -</p> - -<p> -„Ich sage es ja,“ rief Gregor plötzlich. „Es scheint noch nicht gelungen -zu sein. Vielleicht ist der Matuschewsko zu hitzig vorgegangen -und hat alles verdorben. Dabei haben wir ihm doch unablässig Vorsicht -gepredigt, ihm ans Herz gelegt, nichts zu überstürzen. Hölle und Verdammnis, -wenn Matuschewsko sich vorzeitig verraten hätte, oder gar in -Gefangenschaft weilte!“ -</p> - -<p> -„Er verrät uns nicht,“ sprach Orloff, „ganz gewiß nicht, eher läßt -er sich in Stücke schneiden.“ -</p> - -<p> -„Nun, darauf möchte ich nicht schwören,“ bemerkte Wassil, „Du -kennst die Knute, Matuschewsko fürchtet das blanke Eisen nicht, wohl -aber die Peitsche und wenn sie ihm damit zu sehr zusetzen, wenn sie -ihn zuschanden schlagen, da möchte er doch alles verraten. Zum Teufel, -wir müssen aufpassen. Dann sind wir unseres Lebens nicht mehr sicher!“ -</p> - -<p> -Orloff hatte bei den letzten Worten gar nicht mehr hingehört. -</p> - -<p> -„Horcht,“ sprach er plötzlich. „Habt Ihr nichts vernommen?“ -</p> - -<p> -Die anderen verneinten. -</p> - -<p> -„Mir war es doch so,“ entgegnete Orloff, „ich habe etwas gehört, -als ob sich ein Mensch auf dem Dache befände. Es war wie ein dumpfes -Keuchen und es war in unmittelbarer Nähe.“ -</p> - -<p> -„Ach Unsinn,“ brummte Gregor, „das war der Nachtwind.“ -</p> - -<p> -„Nein, nein, das war ein ganz verdächtiger Laut,“ begann Orloff -wieder. „Es ist nur so verdammt dunkel, aber wir müssen mal nachsehen. -Bedenkt, wenn uns jemand hier belauscht hätte.“ -</p> - -<p> -„Bilde Dir doch nichts ein,“ mischte sich jetzt Gregor in das Gespräch. -„Wer soll denn hier heraufklettern. Das bekäme ja nur ein Vogel -fertig. Der einzige Weg zum platten Dach führt in unsere Zimmer und -die halten wir doch verschlossen.“ -</p> - -<p> -Orloff aber gab sich doch nicht zufrieden, und er war gerade im -Begriff, auf dem flachen Dache herumzusuchen, als ihn ein leiser Aufschrei -Wassils ablenkte. -</p> - -<p> -„Sieh, sieh dort,“ rief der Verschwörer. „Blicke nach der See, da -sind die Signale, sie sind es! Matuschewsko hat seine Sache gut gemacht. -Jetzt läßt er die Scheinwerfer spielen.“ -</p> - -<p> -Und so war es auch, denn jetzt sah man draußen auf der See in -der Dunkelheit grelle Lichtblitze, weiße, zuckende Lichtkegel, die über -den Himmel dahinglitten. -</p> - -<p> -Und diese Lichtkegel konnten nur von Schiffen ausgehen, die aus -der Ferne herandampften. -</p> - -<p> -Im Nu hatten die Verschwörer alles andere vergessen, sie dachten -nicht mehr an jenes verdächtige Geräusch, an die merkwürdigen Worte -Orloffs, sie tanzten vor Freude auf dem flachen Dache herum und gebärdeten -sich wie die Unsinnigen. -</p> - -<p> -Und immer wieder sah man draußen in der Finsternis die Scheinwerferblitze, -welche sicherlich von nahenden Schiffen herrührten. -</p> - -<p> -„Hinab, hinab,“ rief plötzlich Orloff. „Rasch zum Hafen, wir müssen -ihnen entgegengehen und Signale geben. Morgen früh beherrschen -wir Odessa.“ -</p> - -<p> -Im Nu rannten die drei Männer die Treppe hinunter, die Falltür -fiel krachend zu. -</p> - -<p> -Oben auf dem Dache blieb alles still, aber dort bewegte sich jemand, -einer, der auf der Lauer gestanden, denn hinter den Orangenbäumen -des Dachgartens stand eine dunkle Gestalt, die man nicht deutlich -zu erkennen vermochte. -</p> - -<p> -Wieder schallte das dumpfe Keuchen, welches Orloff vernommen -zu haben glaubte, jetzt vernahm man aber auch eine halblaute Stimme. -</p> - -<p> -„Sie waren es, sie sind es gewesen,“ klang es in seltsamen Lauten. -„An den Stimmen habe ich sie wiedererkannt, die Elenden, welche mich -einst zum Unglücklichsten aller Menschen machten. Aber es sind noch -mehr, das sind nicht alle, die ich hier getroffen habe. Es sind noch -mehr von diesen Schurken und ich ruhe und raste nicht, bis ich diese -Erbärmlichen zur Verantwortung gezogen habe. Sie sinnen auf schmählichen -Verrat, auf Empörung, auf Mord und Raub, aber ich werde ihre -heimtückischen Pläne zerstören, die Welt von diesen Elenden befreien. -Und jene muß ich haben, welche die Ursache meines Unglücks wurden. -Richten will ich sie, und ein furchtbarer Richter werde ich sein. Grauenvoll, -unerbittlich. Denn hier gibt es keine Gnade!“ -</p> - -<p> -Dann stand der seltsame Mann, der auf rätselhafte Weise auf das -Dach gelangt sein mochte und wartete. -</p> - -<p> -Er wartete bis unten das Tor des Landhauses geöffnet wurde, bis er -hörte, wie eine ganze Anzahl Männer auf die Straße eilten. Er vernahm -das Trappeln der Schritte, die sich in größter Eile nach der Richtung -des Hafens bewegten. -</p> - -<p> -Dann geschah Seltsames. -</p> - -<p> -Sehen konnte man nichts, aber oben auf dem Dache des Landhauses -zuckten dreimal rote Blitze, wie von einem Signal, und nach kurzer -Zeit hörte man ein Sausen in der Luft, da schien sich etwas herabzusenken. -Man hörte ein gedämpftes Knattern, als ob eine Maschine arbeitete. -</p> - -<p> -Trotz des Dunkels der Nacht sah man einen großen, unförmlichen -Gegenstand über dem Landhaus schweben. Es klang, als ob etwas herabfiel, -ein dunkler Schatten huschte schnell empor und verschwand in -dem unförmlichen Gegenstand. Dann hörte man wieder das dumpfe -Knattern, das Sausen und der gewaltige schwarze Schatten fuhr wie eine -nächtliche Spukerscheinung empor in die Lüfte. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-5"> -<span class="firstline">5. Kapitel.</span><br /> -Der Schreckenstag von Odessa. -</h2> - -<p class="first"> -Es war Morgen geworden, aber trübe und schwer hingen die Wolken -herab, unablässig rieselte ein durchkältender, eisiger Regen hernieder. -</p> - -<p> -Und dennoch war ganz Odessa auf den Beinen, trotz des Wetters, -in welches man, wie man zu sagen pflegt, keinen Hund hinausjagte, -tausende von Menschen drängten sich mit angstvollen Gesichtern in -den Straßen, tausende blickten mit ängstlicher Neugierde nach dem -Hafen. -</p> - -<p> -Alle Bande der Ordnung schienen gelöst zu sein, nur ein Teil des -Militärs konnte noch als zuverlässig gelten. Matrosen zogen singend, -berauscht und brüllend durch die Straßen. -</p> - -<p> -Auf den Schiffen im Hafen zeigte sich kein Mensch, die Besatzungen -der Handelsfahrzeuge waren alle entsetzt ans Ufer geflohen. -</p> - -<p> -Und das war kein Wunder, denn vor dem Hafen in drohender -Nähe lagen schwarze Ungeheuer, größere und kleinere Schiffe, über -denen die rote Fahne der Empörung wehte. -</p> - -<p> -Man sah da gepanzerte Schiffe, auch zwei Torpedoboote, ferner -ein Fahrzeug, welches offenbar zum Transport von Kriegsvorräten diente, -und alle schienen sich in den Händen von Meuterern zu befinden. -</p> - -<p> -Die Aufregung in der Stadt war grenzenlos, viele Familien flüchteten, -ihre wertvollste Habe mitnehmend, zu Fuß aus der Stadt. Wagen -waren um keinen Preis der Welt aufzutreiben. Der Bahndienst versagte, -weil die Schaffner und das sonstige Dienstpersonal betrunken in den -Schenken hockten. Allenthalben sah man bestürzte Gesichter. -</p> - -<p> -„Meuterer haben sich einiger Schiffe der Schwarzen Meerflotte -bemächtigt,“ hieß es. „Sie haben die Offiziere ermordet, sie haben das -Banner der Empörung aufgezogen, die Stadt soll eine ungeheure Summe -zahlen, andernfalls wollen die meuterischen Schiffe Odessa bombardieren.“ -</p> - -<p> -Und das schien in der Tat so, denn die Mannschaften auf den -Schiffen nahmen die drohendste Haltung an, sie hatten einen Boten -geschickt, der von der Stadt Millionen als Lösegeld forderte. Andernfalls -drohten sie, würden sie die Hafenstadt in Schutt und Asche legen. -</p> - -<p> -Die ersten Boten schickte man zurück, aber nun wurden die Meuterer -dreist, sie schickten jetzt eine ganze Abordnung schwerbewaffneter -Seesoldaten ans Land, um gebieterischen Tones die freche Forderung zu -wiederholen. -</p> - -<p> -Es drohte eine Katastrophe, es schien, als wolle sich ein Teil des -Militärs den Meuterern anschließen, ein Teil der Truppen verweigerte -den Gehorsam und blieb in den Kasernen, die übrigen hatten genug zu -tun, um ihre widerspenstigen Kameraden in Schach zu halten. Jeden -Augenblick mußte das Gefürchtete eintreten. -</p> - -<p> -Man wagte es gar nicht, den Meuterern, die jetzt bewaffnet am -Lande erschienen, Widerstand entgegenzusetzen. -</p> - -<p> -Daß sie von jemand gelenkt wurden, war ohne allen Zweifel. Und -das mußten Verschwörer sein, die nicht zu der gewöhnlichen Schiffsbesatzung -gehörten. Auf dem Transportschiff befanden sich diese Leute, -die Häupter derselben waren Orloff, Gregor und Wassil, welche jetzt die -Masken von sich warfen. -</p> - -<p> -Von dem Transportschiffe aus, welches gleichfalls bewaffnet war, -dirigierten sie die Meuterei und sie taten das aus schlauer Berechnung. -</p> - -<p> -Wenn die Batterie am Strande Feuer eröffnete, so würden sie sicherlich -auf das von den Meuterern besetzte Panzerschiff schießen, weniger -auf das Transportfahrzeug, welches man für ungefährlicher halten -mußte. Es war dies ein Beweis, daß die Meuterer bedacht waren, ihr -kostbares Leben zu erhalten. -</p> - -<p> -Die Verwirrung erreichte den höchsten Grad, da erschien plötzlich -ein Mann in der Menge, dessen Auftreten einen gewaltigen Eindruck -machte. -</p> - -<p> -Er trug einen Mantel, aber wenn derselbe sich ein wenig lüftete, so -glaubte man eine blaue Uniform darunter zu bemerken. Der Mann -hatte seinen Hut tief ins Gesicht gedrückt, sein linkes Auge war von -einer schwarzen Binde bedeckt, die sein Gesicht völlig entstellte. Das -rechte Auge aber blickte desto feuriger. Als dieser Mann, dessen hohes, -gebietendes Wesen großen Eindruck machte, die zitternden Häupter der -Stadt erblickte, drängte er sich plötzlich vor. -</p> - -<p> -Seine donnernde Stimme hallte wie das Dröhnen eines Ungewitters. -</p> - -<p> -„Wollt Ihr Euch von feigen Meuchelmördern einschüchtern lassen!“ -rief der Fremde, den niemand kannte, mit dröhnender Stimme, -„wollt Ihr denen, die sich durch nichtswürdigen Verrat und Meuchelmord -in den Besitz der Macht setzten, Unsummen auszahlen und dadurch -erst das Verderben heraufbeschwören? Vorwärts, werft diese Meuterer -aus der Stadt heraus und antwortet mit den Batterien!“ -</p> - -<p> -Menschen sind oft seltsame Geschöpfe, dasjenige, was die Offiziere -weder durch Drohungen, noch Bitten oder Befehle erlangen konnten, -das geschah hier. -</p> - -<p> -Eine Abteilung Kosaken waren die ersten, welche sich blitzschnell -auf die frechen Matrosen stürzten und wildes Jubelgeschrei erschallte, -als diese großmäuligen Helden plötzlich ohne zu schießen, die Flucht -ergriffen. Der Mann hatte es vollbracht, der Mann, welcher durch seine -gewaltige Stimme und durch sein imponierendes Auftreten den Bann -des Schreckens gebrochen. Dieser Mann war eine Strecke weit mit den -Kosaken vorwärts gestürmt, jetzt überließ er ihnen die Verfolgung der -flüchtenden Empörer. -</p> - -<p> -Niemand ahnte, daß dieser Mann, der durch sein großartiges Auftreten -das Fürchterlichste abgewendet, derselbe war, den man einst allenthalben -suchte, den man für einen Schreckensmenschen hielt, welcher -nur den Tod durch Henkershand verdiente. -</p> - -<p> -Kapitän Mors, der Befehlshaber und Erbauer jenes seltsamen lenkbaren -Luftschiffes, er war es, der durch sein Erscheinen die Stadt vom -Schlimmsten gerettet. -</p> - -<p> -Jetzt schaute er düster nach dem Hafen hin, wo das Geschrei und -Rufen der Menge ertönte. Zuweilen knallten Schüsse, man hörte den -durchdringenden, gellenden Kampfruf der Kosaken, durch welchen sie -sich gegenseitig anfeuerten. -</p> - -<p> -„Der Stein ist ins Rollen gebracht,“ sprach er. -</p> - -<p> -„Ich habe es getan und dadurch das Schlimmste von der Stadt -abgewendet. Ich weiß jetzt, wo ich die Elenden zu suchen habe, die -einst mein Glück vernichteten. Aber nicht im Hafen ist der Ort, wo ich -mit ihnen abrechne! Ich muß sie hinaustreiben auf das blaue Wasser, -auf das Schwarze Meer und dann kommt die langersehnte Stunde.“ -</p> - -<p> -Gleich darauf verschwand der Mann in der Menge, die nach dem -Hafen flutete. Kapitän Mors konnte mit Stolz auf seine Tätigkeit blicken. -Er hatte den Verzagenden Mut eingeflößt und der feste Entschluß, -den jetzt die Verwaltung der Stadt zeigte, schien die Empörer -vom Schlimmsten abzuhalten. -</p> - -<p> -Noch lagen die meuterischen Schiffe drohend vor dem Hafen, -Schüsse fielen von dort, ja sogar einige der kleinen Schnellfeuergeschütze -wurden abgefeuert. -</p> - -<p> -Von der Deputation, welche so frech die Millionen forderte, kam -nur ein Teil wieder zurück. Die anderen hatten teils mit den spitzen -Lanzen der Kosaken Bekanntschaft gemacht oder waren von den flinken -Reitern gefangen genommen worden. -</p> - -<p> -Der Rest der Ausgeschickten warf sich in die Boote und ruderte in -wilder Hast nach den Schiffen hinüber. -</p> - -<p> -Jetzt kam die Entscheidung, da die Zurückkehrenden verlangten, -daß man nunmehr die Stadt bombardieren solle. -</p> - -<p> -Kapitän Mors aber hatte richtig gerechnet, als er durch seine Energie -das Schlimmste vermied. Denn unter den Meuterern herrschte bereits -Unschlüssigkeit, da begann man zu streiten und zu zanken. -</p> - -<p> -Freilich hatte man sich einiger Schiffe der Schwarzen Meer-Flotte -bemächtigt, aber man konnte damit rechnen, daß die Schiffe des Geschwaders -herbeikamen, daß die der Regierung treugebliebenen Mannschaften -einen Angriff auf die Empörer unternahmen. -</p> - -<p> -So war man unruhig geworden, man schaute unablässig auf das -Meer hinaus, man fürchtete jeden Augenblick, die Schiffe des Kriegsgeschwaders -könnten am Horizont auftauchen. -</p> - -<p> -Orloff, Wassil und Gregor, sowie deren Begleiter, die sich jetzt aus -ehemaligen Dienern in Gefährten der drei Rädelsführer verwandelt hatten, -waren außer sich. -</p> - -<p> -Gregor und Orloff, die das größte Wort führten, ließen das Transportschiff, -auf dem sie sich befanden, dicht an den meuterischen Panzer -heranfahren. -</p> - -<p> -„So macht doch ernst,“ schrieen sie. „Vor allen Dingen, wo ist -Matuschewsko?“ -</p> - -<p> -In wenigen Augenblicken erschien der Gerufene, ein wild blickender, -fast mongolisch aussehender Mann in der Uniform eines Bootsmanns. -</p> - -<p> -Seine Kleider und sein Hemd waren mit Blut bespritzt, und dieses -Scheusal war ja einer der ersten, der die nichtsahnenden Offizieren ermordete. -Er hatte auch den Schiffsarzt in greulicher Weise getötet. -</p> - -<p> -Der Mann sah eher aus wie eine Bestie als wie ein Mensch, seine -tief geschlitzten Augen glühten wie die eines Tigers. -</p> - -<p> -„Zum Teufel, Matuschewsko, so macht doch ernst,“ schrie Orloff -hinüber. „Wir brauchen das Geld, nur mit großen Summen können wir -etwas unternehmen. Mit Millionen können wir unsere Pläne nur durchführen. -Munition ist doch genug an Bord, eröffne das Feuer auf die -Stadt! Wenn die ersten hundert Häuser in Trümmer geschossen sind, -wird man schon klein beigeben!“ -</p> - -<p> -Deutlich sah man, wie der Wüterich drüben mit den Zähnen -knirschte, wie er die gelben Zähne raubtierartig fletschte. -</p> - -<p> -„Die Leute sind unschlüssig,“ rief er hinüber. „Sie weigern sich, auf -die Stadt zu feuern. Der schnelle Angriff der Soldaten hat sie verwirrt -gemacht. Vor allen Dingen fürchten sie die Strandbatterien!“ -</p> - -<p> -Orloff heulte und tobte, aber das nützte nichts, jetzt war es besser, -wenn man Kaltblütigkeit zeigte. -</p> - -<p> -„Hier können wir nichts machen,“ schrie Matuschewsko wieder -herüber. „Die Leute fürchten die Batterien, sie wollen nach anderen -unbefestigten Hafenstädten fahren und dort Gelder erpressen.“ -</p> - -<p> -„Aber keine Stadt ist so reich wie Odessa,“ schrie Orloff. „Ich -weiß es, hier liegen Millionen und Abermillionen, hier könnten wir -ungeheure Summen erpressen.“ -</p> - -<p> -„Ich will nochmal sehen, was sich tun läßt,“ sprach Matuschewsko -nach einer Weile, „ich werde noch mal mit den Leuten reden. Drüben -in der Stadt muß was Merkwürdiges passiert sein, erst hat Kopflosigkeit -geherrscht, und dann muß sich ein energischer Mann gefunden haben, -durch den die ganze Situation geändert wurde. Hole der Teufel den -Kerl!“ -</p> - -<p> -Der Wüterich rannte zu den meuterischen Mannschaften und es -sah in der Tat so aus, als ob sie mit der Beschießung beginnen wollten. -</p> - -<p> -Da blitzte es plötzlich auf den Strandbatterien auf, ein zweiter, ein -dritter Schuß folgte und jetzt hörte man die Granaten sausen. -</p> - -<p> -Orloff ballte die Fäuste, als er sah, wie die Schiffe mit der meuterischen -Mannschaft plötzlich drehten. Das Panzerschiff war das erste, -welches in das Schwarze Meer hinausfuhr, die beiden Torpedoboote -folgten, nun schloß sich in größter Eile der bewaffnete Transportdampfer -an, auf dem sich die eigentlichen Häupter der Verschworenen befanden. -</p> - -<p> -„Der beste Augenblick ist verpaßt,“ rief Wassil wütend. „Aber nun -werden wir andere Hafenstädte heimsuchen. Und die müssen bezahlen -oder sie werden beschossen und geplündert.“ -</p> - -<p> -Vorerst aber fuhren die Schiffe in die hohe See hinaus, indem sie -eine südwestliche Richtung einschlugen. -</p> - -<p> -Sie wollten dadurch etwaigen Verfolgern entgehen, denn es war -zweifellos, daß die Kriegsschiffe des Geschwaders nach den Meuterern -suchten. -</p> - -<p> -Der Mut der Männer stieg aber als sie nirgends ein solches Schiff -sahen. -</p> - -<p> -Matuschewsko kam jetzt auf das Transportschiff herüber. -</p> - -<p> -„Ich glaube kaum, daß wir eine Verfolgung zu befürchten haben,“ -sprach der Unhold, als ihn seine Gefährten mit Fragen überhäuften. -„Wohl haben sich die Besatzungen der anderen Schiffe der Meuterei -nicht angeschlossen, aber sie werden auch nicht feindlich gegen uns -vorgehen. Sie sympathisieren mit uns, sie haben sogar Hurra geschrieen, -als wir mit der roten Flagge von dannen fuhren. Sie werden ihren Offizieren -auf keinen Fall gehorchen.“ -</p> - -<p> -„Desto besser,“ schmunzelte Orloff, dessen gute Laune allmählich -zurückkehrte. „Desto besser, dann werden wir zunächst unbefestigte -Hafenstädte aufsuchen und dort rauben und plündern, daß es eine Lust -ist.“ -</p> - -<p> -„Da sind die Leute dabei,“ erwiderte Matuschewsko. „Wenn sie -nur erst warm geworden sind, dann geht es schon, vor allen Dingen -müssen sie tüchtig Branntwein trinken. Wir fahren jetzt auf die hohe -See hinaus, sodaß niemand weiß, wo wir uns befinden. Dann fallen wir -plötzlich aus dem Hinterhalt über eine Stadt her, wo man unser Nahen -am wenigsten vermutet.“ -</p> - -<p> -Um Mittag waren die Schiffe schon wieder außer Sicht von Odessa, -sie sahen von der Küste nichts weiter als einen fernen grauen Streifen. -</p> - -<p> -Der Himmel war noch immer dick und schwer mit Wolken behangen. -Der Regen aber hatte aufgehört, nur die Wolken hingen noch -wie schwarze Leichentücher am Himmel. -</p> - -<p> -Plötzlich schallten laute Rufe und Schreie, Gregor, Orloff und -Wassil, die sich immer zusammenfanden, blickten verdutzt empor, da -sahen sie, wie die Mannschaften auf den Schiffen alle nach den Wolken -zeigten. -</p> - -<p> -Dort aus dem tiefhängenden Gewölk kam etwas hervor, etwas -Großes, Schwarzes, unheimlich Aussehendes, die abergläubischen Matrosen -schlugen Kreuze, als sie die seltsame Gestalt sahen, die offenbar -aus den Wolken herabschwebte. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-6"> -<span class="firstline">6. Kapitel.</span><br /> -Die Abrechnung. -</h2> - -<p class="first"> -Anfangs waren die Meuterer vollständig starr, denn die meisten von -ihnen waren so ungebildet, daß sie die merkwürdige Erscheinung da -oben für ein Wunder hielten. -</p> - -<p> -Dagegen gab es unter den Verschwörern gebildete Männer, die -sogar die Universität besucht hatten. Zu ihnen zählten Orloff, Gregor -und Wassil. -</p> - -<p> -„Zum Teufel,“ rief der erstere, „das ist ja ein Luftschiff von einer -ganz merkwürdigen Form. Das ist am Ende eines jener Fahrzeuge, von -denen man so oft in der Zeitung liest, und die jetzt dem Steuer gehorchen -sollen, wie ein Schiff auf dem Wasser. Aber dieses Fahrzeug ist ja -außerordentlich groß. Wahrhaftig, es scheint in die See zu fallen.“ -</p> - -<p> -Die Verwunderungsrufe schallten von allen Seiten, die Meuterer -riefen sich zu, daß dies merkwürdige Ding ein Luftschiff sei, jetzt kam -es in schräger Richtung zur Wasserfläche herabgefahren. -</p> - -<p> -Es sah direkt aus, als wollte sich das seltsame Luftfahrzeug in die -Wellen stürzen, als sei es verunglückt, als müsse es jeden Augenblick im -Schwarzen Meer versinken. -</p> - -<p> -Aber das war nicht der Fall, das Fahrzeug, welches Anfangs in -schräger Richtung herabsauste, war nicht verunglückt, nur fünfzig Meter -über den Wogen richtete es sich plötzlich auf und schwebte waagerecht, -dem Druck der Flügel und dem Steuer gehorchend. -</p> - -<p> -Nun kam es herangeschossen, blitzschnell, mit unheimlicher Geschwindigkeit; -in riesigem Bogen umkreiste es die Schiffe der Meuterer. -</p> - -<p> -Den Mannschaften auf den beiden Torpedobooten begann die -Sache unheimlich zu werden. Sie machten vollen Dampf auf und entfernten -sich von ihren Begleitern. -</p> - -<p> -Ja, das war dasselbe Luftschiff, welches damals die französischen -Ballonfahrer gesehen hatten. Das war das rätselhafte Fahrzeug des Kapitän -Mors, es umkreiste die beiden großen Schiffe in großem Bogen, -deutlich hörte man schon die Maschinen knattern. -</p> - -<p> -Und dann kam es immer näher heran, aber es bewegte sich auf das -Transportschiff zu, auf dessen Deck neben anderen Verschwörern Orloff, -Gregor und Wassil standen. Matuschewsko war wieder auf das Panzerschiff -zurückgekehrt, welches er, der Mörder, kommandierte. -</p> - -<p> -„Achtung, Achtung!“ schrie plötzlich Orloff. „Das seltsame Ding -kommt auf uns zu! Teufel, wir müssen es abwehren, dies sonderbare -Ding hat nichts Gutes im Sinne.“ -</p> - -<p> -Deutlich sah man den hohen Flaggenstock des lenkbaren Luftschiffes, -aber noch wehte keine Flagge daran, da mit einem Male wurde -eine solche aufgezogen. -</p> - -<p> -Seltsam sah sie aus, das war nicht die Flagge einer Nation, nein, -das war eine Flagge, wie man sie noch nie gesehen. -</p> - -<p> -Ein äußeres blutrotes Viereck umgab ein inneres schwarzes Viereck -und auf diesem schwarzen Viereck las man mit großen, schneeweißen -Buchstaben das Wort Mors, unter welchem ein Totenkopf grinste. -</p> - -<p> -Orloff rannte zu den Mannschaften, welche neben den Schnellfeuerkanonen -des Transportschiffes standen. -</p> - -<p> -„Schießt auf das Ding,“ rief er befehlend und von einer bösen -Ahnung gepeinigt. „Die da haben nichts Gutes im Sinne. Schießt auf -das Ding; eine Kugel genügt, um es zu versenken!“ -</p> - -<p> -Die Männer gehorchten, aber etwas zögernd; knarrend drehten -sich die Schnellfeuerkanonen auf ihren Rädern, dann tönten kurz hintereinander -zwei Schüsse aus Sechszentimeterkanonen. -</p> - -<p> -Da stießen die Matrosen ein Ausruf der höchsten Verwunderung -aus. -</p> - -<p> -Die eine Kugel traf nicht, die zweite aber prallte gegen das Luftschiff. -</p> - -<p> -Man hörte einen seltsamen Klang, gleich darauf glitt die Kugel ab -und pfiff seitwärts in die Lüfte, um dann zischend in das Meer niederzufallen. -</p> - -<p> -In diesem Augenblick beschrieb das Luftschiff einen kurzen Bogen -und dann schwebte es dicht an der Seite des Transportschiffes. Fast -Bord an Bord. -</p> - -<p> -Man hörte ein kurzes Knacken. Auf einer der kleinen Galerien, -welche die unteren Anbauten miteinander verbanden, erschien jener -Mann, der den Widerstand in Odessa hervorgerufen. -</p> - -<p> -Da stand Kapitän Mors, aber nicht mehr mit der schwarzen Binde -über dem linken Auge, jetzt wieder in seiner blauen Uniform, die Mütze -mit dem Goldstreifen auf dem Kopf. -</p> - -<p> -Die Maske trug er auch jetzt, aus den Oeffnungen glühten seine -feurigen Augen, er sah nach Orloff, Gregor und Wassil hin, welche aufgeregt -einander zuschrieen. -</p> - -<p> -„Ich habe Euch wieder erkannt,“ donnerte seine Stimme. „Ihr -kennt auch mich oder habt Ihr den Ingenieur vergessen, den Ihr dem -Unglück, dem Verderben überliefert habt? Ihr glaubtet, ich sei längst -verdorben und gestorben. Aber jetzt bin ich hier, jetzt ist die Stunde -der Vergeltung gekommen.“ -</p> - -<p> -Orloff war totenbleich geworden. -</p> - -<p> -Auch seine beiden Gefährten waren zusammen gefahren. Nun aber -griffen sie wie auf ein Kommando zu ihren Revolvern, die sie im Gürtel -trugen. Hastig und ohne zu zielen schossen sie auf den stolzen Mann, -der die Schüsse mit furchtbarem Hohngelächter beantwortete. -</p> - -<p> -Im nächsten Moment verschwand der Rätselhafte wieder im Anbau, -dessen Wände auch aus undurchdringlichem Metall bestehen mußten. -Man hörte deutlich, wie die Revolverkugeln dagegen klatschten. -</p> - -<p> -„Er war es, er war es,“ brüllte Orloff, „den muß der Teufel aus der -Hölle geschickt haben. Wie kommt dieser Narr zu einem solchen Fahrzeug! -Pest und Verdammnis, wir müssen es in Grund und Boden schießen!“ -</p> - -<p> -Wieder sprang er nach den Kanonen, da im selben Moment wendete -sich das Luftschiff, jetzt neigte es den merkwürdigen Rammsporn, -der an seinem Vorderteil befestigt war. -</p> - -<p> -„Es kommt heran,“ schrieen die Matrosen wie die Tollen. „Es -kommt auf uns zu.“ -</p> - -<p> -Richtig, da kam das Luftschiff nur wenige Ellen über dem Meere -entfernt herangesaust, die Besatzung des Transportschiffes schrie wie -toll, die Verschwörer rannten über die Planken. -</p> - -<p> -„Ein Zusammenstoß! Ein Zusammenstoß!“ brüllten sie. „Das unheimliche -Ding will gegen uns anrennen.“ -</p> - -<p> -Im nächsten Augenblick vernahm man ein dumpfes Krachen. -</p> - -<p> -Ja, das Luftschiff war da, es hatte sich mit seinem eisernen Sporn -dicht an der Wasserlinie in die Seite des Transportschiffes gebohrt, und -dort ein klaffendes Loch gerissen. -</p> - -<p> -Das gerammte Schiff neigte sich zur Seite, als wollte es kentern, es -richtete sich aber wieder empor, und jetzt stürzten Wassermassen in das -Loch hinein, sodaß sich das Schiff schwerfällig nach dieser Seite neigte. -</p> - -<p> -Die Verwirrung an Bord des meuternden Schiffes war fürchterlich, -auf ihm befanden sich die Schlimmsten der Rebellen, vor allen Dingen -jene Verschwörer, welche alles leiteten. -</p> - -<p> -Sie rasten jetzt wie toll umher, zumal sie ja ein Sinken des Schiffes -vermuteten. -</p> - -<p> -Immer schwerfälliger schlingerte das Transportschiff, es wankte hin und -her, doch nur, um neue Wassermassen aufzunehmen, die Boote konnte -man in der Konfusion nicht benutzen. Viele sprangen jetzt ins Wasser, -um nach dem Panzerschiff hinüber zu schwimmen. -</p> - -<p> -Da senkte sich das Fahrzeug noch tiefer, es schwebte fast unmittelbar -auf der Wasserfläche. Auf den Galerien aber erschienen plötzlich -zehn oder zwölf seemännisch gekleidete Männer mit finsteren, harten -Gesichtszügen, die förmlich steinern erschienen. -</p> - -<p> -Einzelne dieser Männer verrieten durch dunkle Färbung, daß sie -aus anderen Weltteilen stammten. -</p> - -<p> -Sie hielten mit eisernen Haken beschlagene lange Stangen in der -Hand, mit denen sie jetzt einige der Schwimmer aus dem Wasser zu -ziehen suchten. -</p> - -<p> -Zwischen diesen seltsam aussehenden Männern aber stand Kapitän -Mors, die Flammenaugen auf die See geheftet, während das Transportschiff -immer tiefer sank, und noch immer Männer über Bord ins Wasser -sprangen. -</p> - -<p> -„Diesen muß ich haben,“ tönte die Stimme des Rätselhaften. -„Und dann jenen dort mit der Narbe über der Stirn! Und da aufgepaßt, -dort den riesengroßen Mann, welcher soeben aus dem Wasser emportaucht! -Heran mit ihnen, diese laßt unter keinen Umständen entkommen!“ -</p> - -<p> -Das lenkbare Luftschiff schien von Geisterhänden regiert zu sein, -mit unheimlicher Sicherheit bewegte es sich nach jenen Stellen, welche -der Kapitän bezeichnete. -</p> - -<p> -Dann fuhren die Stangen ins Wasser, die Eisenhaken packten die -Bezeichneten, wo sie dieselben gerade zu fassen bekamen. Und nun -wurden die Unholde trotz fürchterlichen Gebrülls und Sträubens nach -den Galerien hingezogen. -</p> - -<p> -Kräftige Fäuste bemächtigten sich ihrer, die sich wie toll Gebärdenden -wurden auf die Galerien gezerrt, dort trotz fürchterlichen Widerstandes -niedergeworfen und augenblicklich gefesselt. -</p> - -<p> -Wenige Minuten später befanden sie sich in einem wie eine -Schiffskajüte ausgestatteten Raum, wo man sie in eine Ecke schleuderte. -</p> - -<p> -Da lagen Gregor, Orloff, Wassil, aber zu ihnen gesellten sich in -kurzer Zeit noch fünf Verschwörer, die sich durch ihre wüsten Gesichtszüge -als brutale Schurken zu erkennen gaben. Auch diese hatte Kapitän -Mors bezeichnet, auch sie wurden mit den Haken aus dem Wasser gezogen, -gefesselt und in den Raum neben die drei Bösewichter geschleudert. -</p> - -<p> -Inzwischen hatten die Seeleute vom Transportschiff das Panzerschiff -erreicht, einige von den Verschwörern, die nicht schwimmen -konnten, waren rettungslos zu Grunde gegangen, aber das schien den -furchtbaren Kapitän Mors wenig zu kümmern. -</p> - -<p> -Er hielt jetzt nur das Panzerschiff im Auge, und beobachtete offenbar, -ob man von dort aus auf ihn feuern wollte. -</p> - -<p> -Einstweilen hatte man dies noch nicht getan, weil das merkwürdige -Luftschiff zwischen dem Transportfahrzeug und dem Panzerschiff lag, -auch fürchtete man, die Schwimmenden durch Schüsse zu gefährden. -</p> - -<p> -Nun aber spritzte die See empor, und das Transportschiff versank -wie ein Stein in den Wogen, welche über dem Fahrzeug der Verschwörer -zusammenschlugen. -</p> - -<p> -Die beiden Torpedoboote sah man nur noch in weiter Ferne, dagegen -schickte man sich jetzt auf dem Panzerschiffe an, mit den schweren -Kanonen auf das lenkbare Luftschiff zu schießen. -</p> - -<p> -Da hob sich dieses mit einem Male in die Höhe und gerade, als -man die schweren Kanonen zum Feuern fertig machte, beschrieb das -merkwürdige Fahrzeug immer höher steigend einen großen Bogen, um -über dem Panzerschiff plötzlich still zu stehen. -</p> - -<p> -In der nächsten Minute hörte man das Zischen und Pfeifen, dann -das Aufschlagen von Kanonenkugeln, wenigstens schien es den dichtgedrängten -Mannschaften so. Sie stoben entsetzt auseinander, denn die -Wirkung der explodierenden Kugeln war furchtbar. -</p> - -<p> -Aber auf das Verderben des Panzerschiffes war es offenbar nicht -abgesehen. Die Explosion brachte das Schiff der Meuterer zwar in eine -bedenkliche Lage, weil das Leck, das entstand, sofort voll Wasser lief, -sodaß sich das Schiff tief nach vornhin senkte. Aber die anderen wasserdichten -Abteilungen hielten das Schiff schwimmend, doch war es jetzt -unfähig, weiteren Schaden anzurichten. -</p> - -<p> -Und wieder zeigte sich die Gestalt des Kapitän Mors auf der Galerie -des Luftschiffes und zwar über dem Panzerschiffe, welches er gehindert, -wehrlose Küstenstädte zu bombardieren und zu brandschatzen. -</p> - -<p> -„Macht, daß Ihr ans Land kommt,“ donnerte die Stimme des -furchtbaren Mannes herunter. „Nur die Rücksicht auf die vielen irregeleiteten -Matrosen verhindert es, daß ich auch dies Schiff in den Grund -bohre. Aber diese Irregeleiteten tun mir leid, deshalb verschone ich ihr -Leben. Fahrt nach der Küste Rumäniens, so lange wird sich das Schiff -noch über Wasser halten. Wagt Ihr es aber, wehrlose Städte anzugreifen, -Ihr wißt, daß ich zur Stelle bin, dann versenke ich Euch in die Tiefe des -Schwarzen Meeres!“ -</p> - -<p> -Wie Donnerton hallten diese furchtbaren Worte. Abergläubisch -schlugen die meuternden Matrosen Kreuze über Kreuze. Das seltsame -Luftfahrzeug aber hob sich hoch empor, aufwärts nach den dichten Wolkenmassen, -die tief über den schäumenden Wellen des Schwarzen Meeres -herabhingen. -</p> - -<p> -Kapitän Mors sah auf die gedemütigten Meuterer herab, bis er -gewahrte, daß das schwerfällig stampfende Panzerschiff seinen Kurs -nach dem Westen richtete. Da ging er befriedigt in den Raum, wo die -acht Gefangenen lagen. -</p> - -<p> -Dort standen auch die Männer, welche auf dem lenkbaren Luftschiff -Dienste verrichteten. Gleich Bildsäulen an der Wand lehnend, -begrüßten sie den Kapitän beim Eintritt. Sie beobachteten seine Augen, -offenbar bereit, jeden Moment seine Befehle zu vollziehen. -</p> - -<p> -Als Mors eintrat, erhoben Orloff, Gregor und Wassil ein Wutgeheul, -und rissen wie toll an ihren Fesseln. -</p> - -<p> -„Gebt Euch keine Mühe,“ tönte die Stimme des seltsamen Mannes. -„Wen meine Leute gebunden haben, der kann sich unmöglich befreien. -Die Fesseln vermag niemand zu zerreißen. Und nun ist die Stunde -da, die ich so lange ersehnte. Wißt Ihr noch, Ihr Schufte, wie Ihr mir -einstmals mit süßen Worten geschmeichelt habt, wie ich von Euch aufgefordert -wurde, mein Können und mein Wissen in Eure Dienste zu -stellen? Damals habe ich Euch zurückgewiesen und dafür habt Ihr mich -vernichten wollen. Alles habt Ihr mir geraubt, was ich besaß, alles, sogar -meine Ehre! Zum Verbrecher habt Ihr mich gestempelt, aber ich habe -mich dennoch emporgerafft! Und jetzt seht Ihr mich vor Euch auf meinem -Fahrzeug, das mein Genie geschaffen, das mich zum furchtbaren -Manne macht! Ein Herrscher der Lüfte bin ich, wie andre Herrscher auf -der Erde.“ -</p> - -<p> -Die Elenden wußten, daß sie keine Gnade zu erwarten hatten. Sie -antworteten mit grauenvollen Flüchen. -</p> - -<p> -„Ja, Ihr habt es erreicht,“ fuhr Kapitän Mors fort. „Zum Teufel -habt Ihr mich ja gemacht und wenig fehlte, so hätte ich der ganzen -Menschheit den Krieg erklärt. Aber das Angedenken an diejenigen, welche -ich einst liebte und die von Euch gemordet wurden, diese Gedanken -verhinderten, daß ich mich in einen Satan verwandelte. Freilich, die -Erde ist mir versperrt, dafür habt Ihr gesorgt, aber ein Herrscher der -Lüfte bin ich, ein Freibeuter über der Erde und dem Wasser. Ein Mann, -dem nichts unerreichbar sein wird, was er begehrt. Lange habe ich Euch -gesucht, bis ich endlich erfuhr, wo Ihr Euch aufhieltet. Auf dem Dache -Eures Landhauses bei Odessa habe ich gestanden, da habe ich Eure -Stimmen erkannt. Da wußte ich, an welchem Orte ich Euch zur Verantwortung -ziehen würde.“ -</p> - -<p> -Orloff hob wütend den Kopf empor. -</p> - -<p> -„Einige von uns hast Du,“ knirschte er, wohl wissend, daß ihn ein -furchtbares Urteil erwartete. „Aber die gefährlichsten von uns und Deine -erbittertsten Feinde, die hast Du noch nicht bekommen, die leben -noch, die sind frei, die werden uns rächen!“ -</p> - -<p> -„Und wo sind diese?“ fragte Kapitän Mors, nähertretend. „Wohl -weiß ich, daß Eure Vereinigung größer war und daß außer Euch noch -andere existieren, die mich später mit solchem Hasse verfolgten. Wo -finde ich sie, gib Antwort!“ -</p> - -<p> -„Nichts wirst Du erfahren,“ brüllte Orloff mit wildem Hohngelächter. -„Nichts wirst Du erfahren, und solltest Du uns gleich in Stücke -schneiden. Nein, nein, warte nur, die Stunde kommt, wo unsere Anhänger -Dir und Deinem vermaledeiten Luftschiff den Garaus machen. Und -denke daran, wenn es soweit ist!“ -</p> - -<p> -Kapitän Mors machte eine verächtliche Gebärde. -</p> - -<p> -„Ich bin noch immer ein Mensch geblieben und keine Bestie,“ -entgegnete er. „Wohl gibt es keinen Menschen, den ich glühender hasse, -als Euch, aber nie lasse ich mich so herabwürdigen, daß ich Dinge vollbringe, -wie Ihr sie oft an Wehrlosen und Unglücklichen verübt habt. -Euer Urteil ist gefällt, Euch erwartet der Tod durch den Strang, und wie -auf einem Schiffe so sollt Ihr mit Euren Genossen an den Geländern -der unteren Galerie baumeln.“ -</p> - -<p> -Gleichzeitig wendete sich der Kapitän Mors an seine Leute und -rief ihnen eine Anzahl Worte in einer den Gefangenen fremden, gänzlich -unbekannten Sprache zu, es war offenbar die Sprache, deren man -sich auf dem seltsamen Luftschiff bediente. -</p> - -<p> -„Nun fahrt in die Hölle,“ sprach der Kapitän dann zu den Verurteilten. -„Ich aber werde meinen Weg weiter verfolgen. Ich werde nach -den anderen Schurken suchen, die zu Euch gehören, ich werde mir -weder Rast noch Ruhe gönnen, bis ich sie endlich entdecke.“ -</p> - -<p> -Orloff stieß ein wildes Hohngelächter aus und schrie dem stolzen -Manne Schmähungen zu, der aber wendete sich verächtlich um und -schritt hinaus, während die Männer von der Besatzung des Luftschiffes -wie Tiger über die Meuterer herfielen. -</p> - -<p> -Da schallte wildes Gebrüll, da versuchten die Unholde, nochmals -ihre Fesseln zu sprengen, sie kreischten wie wilde Tiere, als man sie einen -nach dem anderen auf die Galerie hinausschleppte. -</p> - -<p> -Draußen tönte das wilde Geschrei fort, da vernahm man gellende -Rufe, das Todesgeschrei der acht Scheusale, und jetzt sah man einen -Körper nach dem anderen an einem langen Strick unter dem Luftschiff -hin- und herschwanken. -</p> - -<p> -Gregor, Wassil und Orloff kamen zuletzt an die Reihe, diese Schufte -sollten die Todesangst bis zuletzt fühlen. Orloff war der letzte, über -dessen Kopf die Schlinge gezogen wurde. -</p> - -<p> -„Sagt Eurem Kapitän, er wird mir bald in der Hölle Gesellschaft -leisten!“ waren die letzten Worte des Elenden. -</p> - -<p> -Gleich darauf schleuderte ihn ein Fußstoß in die Luft hinaus und -der Körper des Gerichteten baumelte neben den Leichnamen seiner -Gefährten. -</p> - -<p> -Das Luftschiff aber stieg höher und höher hinauf, bis es in den -Wolken verschwand. Dann fuhr es schnell nach Osten, zu neuen Abenteuern, -zu furchtbaren Erlebnissen aller Art, auf der Erde, über dem -Meere, ja sogar im unbekannten Weltraume. -</p> - - -<div class="trnote"> -<p id="trnote" class="transnote"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p> -Dieser Text wurde nach einem Nachdruck-Auswahlband transkribiert: Heinz -J. Galle (Hrsg.): Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff. Dieter -von Reeken, Lüneburg, 2005, S. 47-83. Moderne Zusätze und Anmerkungen -wurden nicht übernommen. Die Originalausgaben hatten auch farbige -Rücktitel. Diese sind in dieser Ausgabe nicht enthalten. -</p> - -<p> -Der Titel auf dem Buchdeckel und der Titel auf der ersten Seite -unterscheiden sich leicht (wie schon in der Originalvorlage). -</p> - -<p> -Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch -Variationen in der Schreibweise von Namen wurden nicht verändert. -Lediglich offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -</p> -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der Luftpirat und sein lenkbares -Luftschiff 1: Der Beherrscher der Lüfte, by Anonymous - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER LUFTPIRAT UND SEIN *** - -***** This file should be named 56064-h.htm or 56064-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/6/0/6/56064/ - -Produced by Jens Sadowski, Norbert H. Langkau, and the -Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. 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By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. 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