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-The Project Gutenberg EBook of Semmering 1912, by Peter Altenberg
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
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-
-Title: Semmering 1912
-
-Author: Peter Altenberg
-
-Release Date: October 18, 2017 [EBook #55770]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEMMERING 1912 ***
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-
-
-Produced by Elizabeth Oscanyan and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was
-produced from images generously made available by The
-Internet Archive)
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-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert;
- fremdsprachliche Zitate wurden nicht verändert. Gesperrter Text
- wurde mit _Unterstrichen_ gekennzeichnet. Die Erzählung ‚Plauderei‘
- wurde zwei Mal abgedruckt (siehe S. 31 und S. 170).
-
- Die nachfolgende Widmung wurde zum Andenken an die Bearbeiterin in
- dieses Buch aufgenommen.
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- In memoriam
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- „Mama Beth“
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- in immerwährender Freundschaft und Dankbarkeit.
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- Das schönste Denkmal,
- das ein Mensch bekommen kann,
- steht in den Herzen seiner Mitmenschen.
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- The most beautiful monument
- a person can have
- is one that is in the hearts of others.
-
- (Albert Schweitzer)
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- _Werke von Peter Altenberg_
-
- Wie ich es sehe
- _Fünfzehnte vermehrte Auflage._ Geh. 6 M. 50 Pf., geb. 9 M.
-
- Was der Tag mir zuträgt
- _Achte vermehrte Auflage._ Geh. 6 M. 50 Pf., geb. 9 M.
-
- Prodromos
- _Fünfte Auflage._ Geh. 3 Mark 50 Pf., geb. 5 Mark 50 Pf.
-
- Märchen des Lebens
- _Sechste vermehrte Auflage._ Geh. 5 M. 50 Pf., geb. 8 M.
-
- Neues Altes
- _Dritte Auflage._ Geheftet 5 Mark, gebunden 7 Mark 50 Pf.
-
- „Semmering 1912“
- _Sechste vermehrte Auflage._ Geh. 5 M., geb. 7 M. 50 Pf.
-
- Fechsung
- _Sechste Auflage._ Geheftet 5 Mark 50 Pf., gebunden 8 Mark
-
- Nachfechsung
- _Fünfte Auflage._ Geheftet 6 Mark 50 Pf., gebunden 9 Mark
-
- Vita ipsa
- _Zehnte Auflage._ Geheftet 6 Mark, gebunden 8 Mark 50 Pf.
-
- Mein Lebensabend
- _Achte Auflage._ Geheftet 6 Mark 50 Pf., gebunden 9 Mark
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-[Illustration: SoFeV mark]
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-[Illustration: Peter Altenberg (Signatur)]
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- „__Semmering 1912__“
-
- _von_
-
- __Peter Altenberg__
-
-[Illustration: logo]
-
- __S. Fischer, Verlag, Berlin__
- __1919__
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-
- _Fünfte und sechste vermehrte Auflage._
-
- Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten.
- Copyright 1913 S. Fischer, Verlag, Berlin.
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- INHALT
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- Bergeswelt 15
-
- Bozen 16
-
- Gartengedanken 17
-
- Moderner Dichter 21
-
- Die Tänzerin 22
-
- Zwei Skizzen 27
-
- Erziehung 29
-
- Plauderei 31
-
- Lied ohne Reime 32
-
- Forellenfang 33
-
- So wurde ich 35
-
- Loca Minoris resistentiae 37
-
- Dolomiten 39
-
- Mama 41
-
- Moderne Annonce 43
-
- Semmering 44
-
- Winter auf dem Semmering 45
-
- Vollkommenheit 46
-
- Nachwinter 47
-
- Heimliche Liebe 49
-
- Das Kino 51
-
- Lebensbild 52
-
- So sind wir 53
-
- Mein grauer Hut 55
-
- Die Kostüme auf dem Semmering in der Silvesternacht 57
-
- Fortschritt 58
-
- Abschied 60
-
- Besuch 61
-
- Buchbesprechung 63
-
- Ein Brief 65
-
- Das Hotel-Stubenmädchen 67
-
- Gespräch 68
-
- Bobby 69
-
- Psychologie 71
-
- Vorfrühling 73
-
- Das Glück 75
-
- Das Duell 76
-
- Stammgäste 77
-
- Sanatorium für Nervenkranke 78
-
- Die Romantikerin I. 83
-
- Erbleichet! Errötet! 85
-
- Ostermontag auf dem Semmering 86
-
- Berghotel-Front 88
-
- Landpartie 89
-
- Psychologie 91
-
- Vor-Vorfrühling 93
-
- Gedenkblatt 95
-
- Oberflächlicher Verkehr 97
-
- Beauté 99
-
- Die Spielereien der reichen Leute 100
-
- Richtige, aber eben deshalb wertlose Betrachtungen 101
-
- Die Probe 102
-
- Ereignis 103
-
- Ende 104
-
- Nach abwärts 105
-
- Abschied 106
-
- Kranken-Toilette 107
-
- Kusine 109
-
- Lied 110
-
- Echt 111
-
- Gespräch 112
-
- Bilanz 113
-
- Sehr geehrtes Fräulein! 115
-
- Herbstlied 116
-
- Ewige Erinnerung 117
-
- Gesang 118
-
- Souper 119
-
- Die Wagenfahrt 120
-
- Wagenpartie 121
-
- Abschiedsbrief des englischen Offiziers 124
-
- Wie ist es?! 125
-
- Vom Rendezvous 126
-
- Examen 127
-
- Les Larmes 128
-
- Testament 129
-
- Aconitum Napellus 130
-
- Manövers 131
-
- Gift 132
-
- Luftveränderung 133
-
- Ein Nachtrag 135
-
- Buchbesprechung 137
-
- An —— 138
-
- Nekrolog (Fritz Strauß) 139
-
- Erster Schnee 140
-
- Der Maler 141
-
- Betrachtungen 143
-
- Ur-Seele 144
-
- Frage 145
-
- Letzte Unterredung 146
-
- Die Niere 147
-
- Krankheit 148
-
- Güte 149
-
- Annonce 150
-
- Plauderei 153
-
- Richtig 154
-
- Reminiszenzen 155
-
- Werte 157
-
- Schlafmittel 159
-
- Fahrt 160
-
- Lied 163
-
- Abschied 164
-
- Gespräch mit einer Baronin, Exzellenz-Frau, über 165
- ihren herrlichen zwölfjährigen Sohn
-
- Entzweit 166
-
- Gespräch mit der sechsjährigen Sonja Dungyersky 167
-
- Gleich beim Hotel 168
-
- Gespräch mit einer wunderschönen Dame von 30 Jahren 169
-
- Plauderei 170
-
- Gegen 171
-
- Rompe! 172
-
- Waschungen 173
-
- Respekt 174
-
- Falzarego-Paß-Höhe 175
-
- Enterbte des Schicksals 176
-
- Frühling 177
-
- Erlebnis 178
-
- Die Tänzerin 179
-
- Meine Ehrungen 180
-
- Klara 181
-
- Berghotel-Terrasse, Semmering 182
-
- Erkenntnis 183
-
- Klara 184
-
- Ein Komtessen-Brief 185
-
- Märchen des Lebens 186
-
- Worüber man noch immer weint, und ewig weinen wird! 187
-
- Besuch 188
-
- Liebesgedicht 189
-
- Das größte Kompliment 190
-
- Le monde 191
-
- Ein Regentag 192
-
- In 24 Stunden 193
-
- Hotel-Stubenmädchen 194
-
- Moderner Dichter 195
-
- Natur 196
-
- Noch nicht einmal Splitter von Gedanken 197
-
- Zyklus: „Venedig“ 215
-
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-
-
-
- Dieses Buch ist gewidmet den Damen:
-
- _Lilly Steiner_
- _Gretl Engländer_
- _Kamilla von Nagy_
- _Ilci Honus_
- _Cäcilia Brandstätter_
- _Frieda Frank_
- _Lioschka Maliniéwich_
- _Mitzi Thumb_
- _Frau Machlup_
-
- ✫
-
-
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-
-
- BERGESWELT
-
-
-Bergesregionen, dort wo „nichts mehr gedeiht“ als Krummholz,
-sturmgebogen, ist seit jeher meine „Märchenwelt“! Nach 40 Jahren fand
-ich das wieder auf dem „Falzarego-Passe“, „Tre Croce“, „Pordoijoch-Paß“.
-Weißgraue Felstrümmer, schwarze triefende Erde, Zirbelkieferwälder bis
-an die Hotels herankriechend. Von Felsen träufelt, rieselt es,
-Nebelfetzen überall. Nichts will gedeihen als die _Edel-Einsamkeit_. Vor
-dem Pordoijoch-Hotel grauschwarze Wälder von dichtem Erlengebüsch, dem
-der Bergsturm nichts antut. Es braust nur und erschauert. Daß hier
-nichts mehr gedeiht, ist die _Düster-Romantik_ der Bergeswelt. Keine
-Farbe einer Blume, kein Schrei eines Vogels, kein Schmetterling, kein
-Käfer. Diese _tönende Eintönigkeit_! Eine schrieb ins Fremdenbuch ein:
-„Ohne Jemanden nicht leben können und wollen, selbst wenn man es vorher
-bestimmt geglaubt hatte, es sei unmöglich, — — — _hier vergißt man
-darauf_!“
-
-
-
-
- BOZEN
-
-
-Auf dem Hauptplatze in Bozen steht das Walther von der
-Vogelweide-Denkmal aus Sandstein. Er hat die Stellung des Wolfram von
-Eschenbach, bevor er das Lied singt an die selbstlos Geliebte. Das ist
-sehr gut. Denn auch Vogelweide war so Einer. Er besaß die Kraft, zu
-singen und zu weinen! Nun setzten sich gerade auf seine Kappe zwei
-Tauben, und pflogen emsig der Liebe! Vogelweide hielt ganz still dabei,
-in seine Träumereien versunken von Liebesleid, gönnte den Tauben ihr
-billiges, leicht erreichbares Vergnügen.
-
-
-
-
- GARTENGEDANKEN
-
-
-Ich habe nichts hinzugelernt durch das ausgezeichnete Buch
-„Gartengestaltung der Neuzeit“, und dennoch habe ich das Höchste
-profitiert — die Festigung meiner Intuitionen! Gärten wirkten seit jeher
-auf mich wie die Natur selbst; so eine eingefangene und dennoch
-freigelassene Natur, ein Extrakt derselben! Unser Wiener Rathauspark ist
-mir ein Muster, nur fehlt ihm die romantische Verwendung von Wasser in
-Form von unregelmäßigen Bassins und Wiesenbächlein samt Wasser- und
-Sumpfpflanzen! Ich schrieb schon vor 15 Jahren eine Skizze: „Der
-Farbengarten“. Zum Beispiel Graufichte, Picea pungens glauca, graue
-Bodenbedeckungspflanzen, grauer Steinbrunnen und Rosen, Rosen, Rosen.
-Irgendwo an einem Baumast ein silberner großer Käfig mit einem grauen
-Papagei, Lori! Zwei-Farben-Gärten! Nun einige Anregungen: weite
-Rasenflächen sind still-aristokratisch, werden aber durch alte,
-knorrige, spärlich unregelmäßig hingesetzte Obstbäume sofort
-bewegt-romantisch! Es dürfte nie heißen: ein Garten, sondern immer nur:
-sein Garten. Goethe hat einen andern Garten als Victor Hugo.
-
-Wasserpflanzen und Steinpflanzen erfordern Bassins und Mauern. Diese
-können aber nicht diskret bescheiden genug sein. Der Kurpark in Baden
-bei Wien entspringt gleichsam einer dunklen, echten Waldquelle, die die
-Wiesenabhänge herabstürzt, sich zerteilend und winzige Tümpel bildend.
-Hier ist die Natur am allerdiskretesten organisiert! Ein enragierter
-Feind jedoch bin ich seit jeher der Teppichbeete, die mir wie als
-Smyrnateppiche mißbrauchte Blumenpracht erscheinen. Man überlasse diese
-stilisierten Farbensymphonien den Webern und Knüpfern. Ich bin gegen die
-Riesenlineale, Riesenzirkel, gespannten Stricke der Gartenkunst!
-Rhabarber erscheint im Gemüsegarten als Nutzpflanze, an Teichen jedoch
-als Wildstaude, pittoresk. Jeder Platz eine andere Welt!
-
-Waldrebe, Klematis, ist, an alten Bäumen, unsre „Liane des Urwalds“. Der
-Boden ist so reich, daß er auch noch die Schmarotzer in Üppigkeit
-erhalten kann. Immergrün als Bodenbedeckung ist ein natürlicher Rasen.
-Rasen braucht doch Schneiden, Spritzen, Walzen und Düngen. Rasen will
-„gepflegt, gehegt“ werden. Immergrün ist einfach immer grün. Es läßt den
-Wurzeln aller andern Pflanzen das Regenwasser, das Gießwasser, das
-Tauwasser, das Schneewasser, während der Rasen sich vollsauft und andre
-verdursten läßt! Selbst im Winter gibt Sedum spurium noch einen
-lebendigen bräunlichgrünen Bodenüberzug, während unser Rasen dann nur
-„Winterlieder zum Cello“ in der Seele hervorbringt. Sedum spurium wirkt
-körperlicher, plastischer, naturgemäßer, dichter, verworrener als Rasen,
-der mir stets den Eindruck von geschnittenem Samt und Plüsch hinterläßt.
-
-Ich bin sehr für Trockenmauerwerk mit schmiedeeisernen Geländern und
-dicht bepflanzt mit Kapuzinerkresse. Wie wenn die überstarke Natur auch
-da noch Stein und Eisen schmücken möchte mit Grün und Dunkelgelb. Zur
-Schlingpflanze gehört ihre _Stütze_. Man _soll_ sie sehen, sie ist ein
-naturgemäßer Schmuck. Ihr Holzgitterwerk kann daher sogar aus Edelholz
-sein, oder in diskreten Ölfarben, Ocker, Ruß, steingrau. Ich weiß nicht,
-weshalb man nicht an niederen Ästen von exotischen Bäumen, Tulpenbaum,
-Trompetenbaum, herrliche Käfige mit exotischen Vögeln aufhängt, so als
-Urwaldstaffage?! Brombeere, Himbeere, Kletterrose sind mir ein
-sympathisches Dickicht, so Dornröschenwald, undurchdringlich einsam.
-Weshalb sind Villen nicht dicht bedeckt mit Bauerngärtengeranke?! Ein
-Überfluß der Reichen und der Armen.
-
-Steinplattenwege im Garten, in deren Fugen Blumen sprießen, sind
-romantisch. Das Haus ströme gleichsam in den Garten aus, erweitere sich,
-erhöhe sich zum Garten, verliere seine Bedachungen, an deren Stelle der
-blaue Himmel, die graue Wolke tritt. Ich sah an einem Lindenpark ein
-dickes rotes Backsteinportal mit eichener Holztür. Da können keine
-Talmimenschen wohnen, sondern nur gediegene. Grellrote Holzpforte
-zwischen Granitmauern. Gelbe Eschenholzpforte zwischen weiß-schwarzen
-Betonmauern.
-
-Weiße Rankrosen geben Märchenstimmung. Gartenlaube am Wasser,
-Nachmittagstraumplatz. Buchenjungwald, wunderbar im Vorfrühling und im
-Spätherbst. Ein Teppich von raschelnden braunen Blättern darunter.
-„Warte nur, balde ruhest du auch!“
-
-Weshalb bepflanzt man die Bergwiesen in Berggärten (Semmering) nicht
-dicht mit Wacholder, Rhododendron, Zirbelkiefer, das, was Rax und
-Schneeberg von selbst leisten in ihrem künstlerischen Naturgeschmack?!
-Stauden vor Gebüsch, ein ideales Ausklingen! Birken, Schlehen, Eriken,
-und schon ahnst du den Sandboden der „Mark“. Mit gewissen Pflanzen
-kannst du ferne Gegenden herzaubern! Meine Lieblingsbäume: Lärche,
-Graufichte, Knieholz, Blutbirke, Rotbuche, Weide! Wasser, Wasser,
-fließend oder stehend, du bist der Dichter in dieser Realität:
-Landschaft! Du bringst die Romantik, die Musik der Landschaft!
-
- Des Teiches Stille singt des Lebens Schwermut.
- Des Baches Murmeln klingt wie Wiegenkindes Plaudern aus dem Traum.
- Der Wasserfall singt dir von einer Welt, deren Getöse auch _nicht mehr_
- enthält!
- Springbrunnen’s Melodie bei Tag und Nacht,
- die sanften Herzen melancholisch macht.
- Der Sommerregen trommelt auf hunderttausend Blätter,
- dürstenden Blumen zärtlicher Erretter!
- Über dem Gartensumpf schwirrt die Libelle,
- Vom Froschsprung klagt ans Ufer eine Welle!
- _Gießkannen_ rieseln sanft auf schwarze Erde,
- damit die Pracht des Sommers baldigst werde!
- Hörst du dem Brünnlein lange, lange zu,
- kommt über dich unmerklich Fried’ und Ruh’!
- Oh Mensch, worauf willst du denn ewig warten?!
- Such’ deine _kleine große_ Welt in deinem Garten!
-
-
-
-
- MODERNER DICHTER
-
-
- In unserm Leben gibt’s so viel Nuancen — — —
- Die eine sagt: „Arzt meiner kranken Seele!“
- Die andre sagt: „Wie schrecklich er nur aussieht!“
- Die eine lauscht begierig der Persönlichkeit,
- die andre sieht pikiert den Gegensatz zu den andern!
- Die eine schreibt: „Darf ich zu Ihnen kommen?!“
- Die andre hält’s bereits für zynisch, wenn er im Gespräch
- sanft-zärtlich ihre Hand berührt.
- Die eine sagt: „Ein Romantiker ohne Herz!“
- Die andre sagt: „Ein Herzlicher ohne Romantik!“
- Und eine jede sieht ein „für“ und „wider“ — — —
- und keine spürt, daß „für“ und „wider“ _eins_ ist
- in einem, in dem „für“ und „wider“ _zugleich_ sind!
-
-
-
-
- DIE TÄNZERIN
-
-
-Das Kind, allein in der Garderobe der Tänzerin, ordnet liebevollst alles
-— —.
-
-Sie setzt sich dann in eine Ecke auf ein niedriges Stockerl, kauernd in
-sich versunken.
-
-Die Tänzerin kommt, erhitzt, erregt vom Tanzen.
-
-Sie setzt sich an den Toilettetisch.
-
-Sie wendet sich um, erblickt das kauernde Kind.
-
-„Immer, Marie, kauerst du da in der Ecke in meiner Garderobe,
-stundenlang. Wird dir denn das nicht langweilig?!?“
-
-„Nie, Fräulein! Nur Menschen, die ich nicht lieb habe, langweilen mich.
-Menschen, die ich lieb habe, langweilen mich nie! Wodurch sollten sie
-es?!? Alles an ihnen ist mir wert und teuer. Ich könnte ihnen zuschauen
-von früh bis abends.“
-
-Die Garderobiere blickt herein:
-
-„Was ist das, Mizerl, schon wieder da?! Das Fräulein wird sich bedanken.
-Entschuldigen Sie, Fräulein, der Fratz ist gar so romantisch veranlagt.
-Der Vater sagt immer: ‚Wie du zu uns ehrsamen Bürgersleuten kommst
-— — —.‘ Gestern hat sie beim Nachtmahl gesagt: ‚Jetzt verbrenn’ ich alle
-meine dummen Märchenbücher — — — ich habe eine lebendige Fee gefunden!‘
-So ein Fratz, was?! Man sollt’s nicht für möglich halten. Aber bitt’
-Sie, 10 Jahre!? Sie wird’s schon billiger geben mit den ‚lebendigen
-Feen‘! Die Männer tun uns beizeiten die Märchen austreiben — — —.“ Ab.
-
-Das Kind: „Meine Mutter blamiert mich vor Ihnen. Sie versteht gar nichts
-von meiner Andacht. Ich habe eine Andacht für Sie, obwohl Sie nur eine
-Tänzerin sind!“
-
-Es klopft.
-
-„Blumen abzugeben von einem Herrn von Willigsdorf — — —.“
-
-Türe zu.
-
-Es klopft.
-
-„Ah, Max — — —.“
-
-„Ich bin entzückter von dir als je. Du hast dich, gestatte mir die
-konventionelle Phrase, selbst übertroffen. Aber das empfinde ich! Gott,
-daß diese kalten Kerls das mitgenießen dürfen!? Aber Gott sei Dank, sie
-könnens nicht! Nur ich kann es, nur ich kann es, nur, nur ich! Wenn du
-mir das wenigstens glauben könntest, Hélèn, nur das wenigstens. Es wäre
-fast alles! Mehr brauchte man ja eigentlich gar nicht!“
-
-„Ich glaube es dir, Max, sonst könntest du es unbedingt nicht so
-leidenschaftlich überhaupt vorbringen!“
-
-„Diese schönen Blumen! Irgend jemand versucht es mit 50 Kronen mein
-Lebensglück zu zerstören!“
-
-„Jawohl, Max, alle versuchen das, andere wollen es sogar noch billiger
-unternehmen und geschickter. Aber alles hängt bei uns Frauen von unserem
-guten Willen ab; und den habe ich nur für dich! Es ist vielleicht ein
-Zufall, aber es ist so, Max!“
-
-Er führt ihre Hand tief gerührt zum Munde. Das Kind steht auf, küßt ihm
-ehrerbietigst die Hand.
-
-„Wer ist dieses Kind?!?“
-
-„Es ist das Töchterchen unserer Garderobiere! Sie kauert immer in der
-Ecke meiner Garderobe, hält alle meine Sachen in bester peinlichster
-Ordnung — — —.“
-
-„Hast du die Tänzerin auch so lieb wie ich — —.“
-
-„Das kann ich nicht wisse — — —.“
-
-„Möchtest du ihr alles, alles verzeihen, sogar wenn sie dir ganz ohne
-Grund eine schreckliche Ohrfeige gäbe?!?“
-
-„Ja, ich möchte es ihr ganz gewiß verzeihen, wegen ihres Tanzens, das
-ich gesehen habe. Ich möchte mir nur denken: Weshalb tust du das einem
-Menschen an, der dich so lieb hat?! Wenn du eine Ohrfeige austeilen
-willst, gib sie doch lieber einem, dem du gleichgiltig bist! Der spürt
-es doch weniger schmerzlich — — —.“
-
-„Ich glaube, du bist eine gefährlichere Konkurrentin für mich als die
-Herren, die Blumen schicken — — —.“
-
-Ab.
-
-Es klopft.
-
-Der Theatermeister.
-
-„Herr Theatermeister, Sie haben wieder zu spät hell gemacht, wenn die
-Sonne bei meinem Tanze endlich sieghaft durchdringen sollte. Es ist
-schrecklich. Ich glaube, Sie machen es absichtlich — —.“
-
-„Fräulein, so etwas lasse ich mir von niemandem sagen. Das ist eine
-Gemeinheit, Sie verzeihen schon — — —.“
-
-Die Tänzerin legt ihren Kopf auf den Toilettetisch, beginnt bitterlich
-zu weinen. Das Kind erhebt sich langsam, macht einen Schritt gegen den
-Theatermeister, streckt sich, hebt den Arm, sagt: „Hinaus, Sie roher
-Mensch!“
-
-Der Theatermeister geht langsam ab.
-
-Das Kind kauert wieder in seiner Ecke. Die Tänzerin weint wie ein Kind.
-Dann trocknet sie ihre Tränen.
-
-Sie wendet sich nach dem Kinde um.
-
-„Niemand hat mich so lieb wie du, niemand — — —.“
-
-Das Kind erhebt sich, steht kerzengerade: „Ich möchte alle töten, die
-Ihnen etwas Böses antun, Fräulein — — —!“
-
-Ein Diener bringt eine Karte.
-
-„Bitte — — —.“
-
-Ein älterer Herr tritt ein.
-
-„Mein Sohn hat sich gestern erschossen, Ihretwegen — — —. Konnten Sie
-ihm wirklich nicht helfen, daß er diese seelische Krankheit besiege?!?“
-
-„Nein, ich konnte es nicht, obzwar ich ihm dezidiert sagte, daß er mir
-völlig unsympathisch sei!“
-
-„Vielleicht hätten Sie es ihm eben nicht so dezidiert sagen sollen
-— — —.“
-
-„Pardon, mein Herr, ich mußte es! Ich bin eine arme Tänzerin, ausgesetzt
-ununterbrochen allen Gefahren, die es überhaupt für eine Frau gibt!
-Überlassen Sie mir das heilige Recht, gegen Eindringlinge, gegen
-‚Buschklepper der Seele‘, ‚Rowdys der Seele‘, mich zu wehren!“
-
-„Ich bitte Sie um Verzeihung, Fräulein. Ich bin aber der unglückselige
-Vater — — —.“
-
-Ab.
-
-Das Kind stürzt zu den Füßen der Tänzerin hin: „Was haben Sie da
-angestellt, Fräulein?!?“
-
-„Kind, das verstehst du nicht, das verstehst du nicht — — —. Das Leben
-stellt so viel Schreckliches mit uns an, und wir, wir können es nicht
-hindern — —.“
-
-Das Kind kauert weinend in seiner Ecke.
-
-Der Theatermeister erscheint:
-
-„Fräulein, es kommt gleich Ihr Tanz in der Krinoline — — —.“
-
-„So, ich danke Ihnen. Bringen Sie aber die Beleuchtung richtig diesmal.“
-
-„Gewiß Fräulein — — —.“
-
-„Und du, Kind, warte auf mich hier. Ich kann dich nicht mehr entbehren
-— — —.“
-
-Vorhang.
-
-
-
-
- ZWEI SKIZZEN
-
- _Das kleine Leben_
-
-
-Ich sah Arbeiter an einer Telegraphenstange arbeiten, die im Hochwald
-der Nachtsturm zerbrochen hatte, von 7 Uhr morgens bis 6 Uhr abends.
-Es frappierte mich, wie sorgenlos sie waren, keine Spur eines
-Gedankens darüber, ob es denn dafürstehe, auf die Welt gekommen zu
-sein, um abgebrochene Telegraphenstangen im Hochwald, der dem Fürsten
-gehört, wieder praktikabel zu machen. Im Gegenteil, sie schienen es
-für das Wichtigste von der Welt zu halten, daß die Telegraphenstange
-sobald als nur irgend möglich wieder hergestellt werde. Es waren
-Telegraphenstangenärzte. Um sie herum waren Gimpel und Eichkätzchen
-auf Altfichten, Regen kam, Nebel und wieder Sonne; aber immer war
-alles konzentriert auf die Errichtung der Telegraphenstange. Ihr
-gehörte ihre ganze Sorge, sie war ein Teil des Weltgetriebes. Es gab
-Genies unter diesen Arbeitern, die alles mit einem Schlag erfaßten,
-was zu tun war; dann waren Bedächtige, Vorsichtige; und dann waren
-Tagarbeiter nach vorgeschriebener Pflicht. Die ganze Menschheit also
-war eigentlich um diese Telegraphenstange im fürstlichen Hochwald
-versammelt. Ich ging vorüber und verteilte Trabukos, a la Kaiser
-Josef, nur billiger. Weshalb nicht?! Das Prager Tagblatt hatte mir
-doch gerade für Nachdruckhonorare 9 Kr. geschickt. Nachdrucken ist
-doch schon Ehre genug. Das Geld setzte ich teilweise in Mäzenatentum
-und in Menschheitsbeglückung um. Die Arbeiter waren ganz verblüfft.
-Einer sagte: „Auf der Liechtensteinstraße hat der Sturm einen halben
-Meter dicke Bäume abgeschlagen!“ Diese Mitteilung war eine Art von
-Revanche für meine Liebenswürdigkeit. „Ist es möglich?!“ sagte ich
-freundlich erstaunt, und ging befriedigt von dannen.
-
-_Liebesgedicht_
-
-Niemand beachtete dich, edle, verschwiegene Goldrote, in dienender
-Stellung.....
-
-Ich zog dich hervor aus deinem Versteck und segnete dich.
-
-Da wurden die anderen aufmerksam, schickten Blumen und Briefe....
-
-Da zog ich mich zurück.
-
-„Sind Sie eifersüchtig?!“ sagte sie.
-
-„Nein, aber ich hasse die _elende Dummheit_ der Männer, die erst einen
-alten kranken glatzköpfigen Bettler brauchen.... Wer, wer sagte mir, daß
-man um Sie sich grämen dürfe...?!?“
-
-„Aber um Gotteswillen, irgend jemand muß einen doch entdecken, wozu sind
-denn die Dichter da?!?“
-
-
-
-
- ERZIEHUNG
-
-
-Ich habe einen scharfen Blick für Mütter, die die „Persönlichkeit“ ihres
-geliebten Kindchens achten und berücksichtigen. Es sind das sogenannte
-_Künstlernaturen des Lebens selbst_! Sie betrachten ihr Kindchen als ein
-von ihnen geschaffenes „lebendiges Kunstwerk“, apart und vor allem den
-meisten unverständlich, die mit dem Ausspruche: „ein ganz nettes Kind,
-nichts weiter“, ihre künstlerische Unfähigkeit klar erweisen.
-Merkwürdigerweise funktionieren so brutal-verallgemeinernd _fast alle
-Väter_, die immer nur den Herrn Hofrat wittern, der einst, in der Ferne,
-erscheinen soll und zu dem Kindchen sagen soll: „Du bist mein alles!“
-Daß das gar kein Kompliment sein wird für das Töchterchen, spüren sie
-nicht! Du bist _mein_ alles, ja, aber _wessen_ alles, darauf kommt es
-an! Viele Mütter hingegen haben eine künstlerische melancholische
-Zärtlichkeit. Sie teilen das Leben ihres Kindchens in „interessante,
-spannende, merkwürdige Lebenskapitel“ ein, sind selbst äußerst gespannt,
-wie der Roman enden werde, während die Väter ein biblisches Dogma
-aufstellen, über das das Leben jedoch nur ein flüchtiges Lächeln hat.
-Mütter wissen, wie ihr Kindchen geht, steht, sitzt, wann es verlegen ist
-oder düster, Väter wissen höchstens, ob es „Stuhl“ gehabt habe, und das
-wissen sie nicht einmal. Ein schreckliches Wort leitet sie durchs ganze
-Leben ihres Kindes, das Wort „_gediegen_“. Alles soll „gediegen“ sein,
-die Lehrer, die Gouvernanten, der „Zukünftige“, der „Charakter“. Das
-ganze kommt mir vor, wie das Wort „gediegenes Gold“, das auszusprechen
-schon eine Art Berauschungsmittel ist! Ich glaube nicht, daß Eleonora
-Duse, Sarah Bernhardt, Yvette Guilbert, Fanny Elsler, Adelina Patti,
-Bird Millman, Barbarina Campanini sehr „gediegen“ waren, jedesfalls war
-es eine _höchst nebensächliche_ Eigenschaft dieser Damen, deren Väter
-jedesfalls auch nur sich „Gediegenheit“ erwünscht hatten für ihre
-Töchterchen! Mütter „_beobachten_“ das Leben ihrer Kinder, Väter
-_schreiben_ es _ihnen vor_! Sie sind selbst durch Beruf, Sorge,
-Eitelkeit, Ehrgeiz, Konkurrenz, Rücksichten Geknechtete des Daseins,
-erwünschen dasselbe daher ihren Sprößlingen. Künstlerisch empfindsame
-Mütter hingegen _trauern_ um ihr eigenes _Lebensgefängnis_, möchten
-ihren geliebten Töchterchen den weißen Flug gönnen ins „romantische
-Land“!
-
-
-
-
- PLAUDEREI
-
-
-Ausspruch eines fünfjährigen Mädels:
-
-„Wenn man alleweil brav ist, wissen die Leut’ dann gar nicht, ob man
-noch auf der Welt ist!“
-
-Die Eltern tragen mir ununterbrochen Anekdoten über ihre vergötterten
-Kindchen zu. Sie sind tief überzeugt davon, daß es gerade mich
-interessiere! Ich interessiere mich auch wirklich _dafür_, daß sie alle
-_so tief überzeugt davon sind_, daß ich mich dafür _interessiere_! Denn
-diesen schönen Schein zu erwecken, heißt eben ein Dichter sein! Und als
-das möchte man doch gerne gelten, wenn man schon weder Beruf noch Geld
-hat, nicht?!?
-
-„Mein Knabe sagte mir gestern“, „mein Mäderl sagte mir vorgestern“, höre
-ich alle Tage zehnmal. Ob eines dieser kleinen Mistviecherl einmal zu
-der reichen Mama den genialen Ausspruch täte:
-
-„Mama, wenn du mich wirklich lieb hast, dann gibst du diesem
-entzückenden alten kranken Dichter eine Monatsrate von fünfzig Kronen
-— — —!“
-
-Ausspruch eines sechsjährigen Mäderls beim Abschied vom Semmering: „Ach,
-wie werde ich _fürder_ ohne meinen geliebten Pinkenkogel und
-Sonnwendstein existieren können?!“
-
-Ich hätte gerne geantwortet: „Sehr gut wirst du _fürder_ existieren
-können, indem ich dir _fürder_ für jeden affektierten, verlogenen,
-manierierten Ausspruch deinen Hintern aushauen werde — — —!“
-
-
-
-
- LIED OHNE REIME
-
-
- Ihr Reichen,
- hab’ ihr das Nachtmahl nicht bezahlen können im kleinen lieben
- Gasthaus — — —;
- hab’ mein Mädel verlieren müssen — — —;
- hab’ ihr ein Kleid für den Sonntagausgang nicht schenken können
- — — —;
- hab’ ihrem Bruder nicht ewig Zigarren kaufen können — — —;
- hab’ ihrer Schwester die Krankheit nicht bezahlen können — — —;
- hab’ ihrem Vater seinen Vierteljahrszins nicht geben können;
- hab’ mein Mädel nicht in den „Zirkus Schumann“ führen können — — —;
- und sie schwärmt doch so für edle Pferde — — —;
- da hat einer zu ihr gesagt: „Ich gebe dreihundert Kronen monatlich
- und die Kostüme“ — — —;
- Ihr _Reichen_!
- Hab’ _mein Mädel_ verlieren müssen — — —;
- kann nur mehr Kleinigkeiten schenken,
- zum Namenstag, zum Geburtstag und zu Weihnachten — — —.
-
-
-
-
- FORELLENFANG
-
-
-75 Kilometer lang ist das gesamte Gebirgswasser in Naßwald. Es ist
-flaschengrün, weiß und graugrün; es steht mäuschenstill in winzigen
-Felsbuchten, es schäumt bösartig weiß, es zieht gemächlich graugrün über
-flachen Kiesboden. Hinter _jedem_ Stein eine Forelle! Kein Stein ohne
-Forelle dahinter, es wäre denn, daß sie gerade weggeangelt wurde. Hinter
-jedem Stein also lauert der heimtückische Insektenmörder. Plötzlich wird
-er von der Angelrute herausgeschnellt im Bogen. Man sieht etwas
-herrliches Silbernes und schon liegt es auf der Wiese. Man schlägt es an
-dem Fußabsatz ab, wenn es ein Regenwurmfang war, setzt es in den
-Bottich, wenn es ein Kunstfliegenfang war. Es gibt berühmte
-Kunstfliegenangler. Ihre Kunst besteht darin, die Kunstfliege so auf das
-Wasser hinzuwerfen, daß es wie eine echte aussieht. Das ist ja im Leben
-überhaupt oft so. So wird man berühmt. Man wirft den Köder aus, und — —
-die Forelle nimmt es für eine echte, und man hat sie! Forellenangeln und
-Naturfreund sein, ist eines! Denn man muß wandern, wandern von Stein zu
-Stein. Hinter jedem hockt eben eine. Und diese Wanderung befriedigt nur,
-wenn man die umgebende Natur herzlich lieb hat. Der Hecht verlangt keine
-Naturfreude vom Angler. Er steht irgendwo und man hat zu warten. Man
-wartet, wartet, bis das Ereignis eintritt. Dann beginnt die
-_Geschicklichkeit_. Aber mit der Natur hat es nichts zu tun. Es ist nur
-aufregend.
-
-Der Forellenfänger liebt das Gebirgswasser leidenschaftlich, er vergißt
-darüber Weib und Kind, oft sogar das Essen. Er versenkt sich in die
-_Details_ der Umgebung, ein _einziges_ Zeichen _wirklichen_ Genießens!
-Denn „in Bausch und Bogen“ ist es brutal und wertlos! Er zieht dahin,
-von Stein zu Stein, er sieht alles, alles. Und wenn er ermüdet heimkehrt
-mit seiner reichen Beute, glaubt er etwas geleistet zu haben. Ja, denn
-er hat sich sogar einen urgesunden tiefen Schlaf verschafft!
-
-
-
-
- SO WURDE ICH
-
-
-Ich saß im 34. Jahre meines gottlosen Lebens, Details kann eine
-Tageszeitung unmöglich bringen, ich saß im Café Central, Wien,
-Herrengasse, in einem Raume mit gepreßten englischen Goldtapeten. Vor
-mir hatte ich das „Extrablatt“ mit der Photographie eines auf dem Wege
-zur Klavierstunde für immer entschwundenen fünfzehnjährigen Mädchens.
-Sie hieß Johanna W. Ich schrieb auf Quartpapier infolgedessen,
-tieferschüttert, meine Skizze „Lokale Chronik“. Da traten Arthur
-Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Felix Salten, Richard Beer-Hofmann,
-Hermann Bahr ein. Arthur Schnitzler sagte zu mir: „Ich habe gar nicht
-gewußt, daß Sie dichten!? Sie schreiben da auf Quartpapier, vor sich ein
-Porträt, das ist verdächtig!“ Und er nahm meine Skizze „Lokale Chronik“
-an sich. Richard Beer-Hofmann veranstaltete nächsten Sonntag ein
-„literarisches Souper“ und las zum Dessert diese Skizze vor. Drei Tage
-später schrieb mir Hermann Bahr: „Habe bei Herrn Richard Beer-Hofmann
-Ihre Skizze vorlesen gehört über ein verschwundenes fünfzehnjähriges
-Mädchen. Ersuche Sie daher dringend um Beiträge für meine neugegründete
-Wochenschrift ‚Die Zeit‘“ Später sandte Karl Kraus, auch der
-Fackel-Kraus genannt, weil er in die verderbte Welt die Fackel seines
-genial-lustigen Zornes schleudert, um sie zu verbrennen oder wenigstens
-„im Feuer zu läutern“, an meinen jetzigen Verleger S. Fischer, Berlin
-W., Bülowstraße 90, einen Pack meiner „Skizzen“, mit der Empfehlung, ich
-sei ein Original, ein Genie, Einer, der anders sei, nebbich. S. Fischer
-druckte mich, und so wurde ich! Wenn man bedenkt, von welchen
-Zufälligkeiten das Lebensschicksal eines Menschen abhängt! Nicht?! Hätte
-ich damals, im Café Central, gerade eine Rechnung geschrieben, über die
-seit Monaten nicht bezahlten Kaffees, so hätte Arthur Schnitzler sich
-nicht für mich erwärmt, Beer-Hofmann hätte keine literarische Soiree
-gegeben, Hermann Bahr hätte mir nicht geschrieben. Karl Kraus freilich
-hätte meinen Pack Skizzen unter allen Umständen an S. Fischer
-abgeschickt, denn er ist ein „Eigener“, ein „Unbeeinflußbarer“. Alle
-zusammen jedoch haben mich „gemacht“. Und was bin ich geworden?! Ein
-Schnorrer!
-
-
-
-
- LOCA MINORIS RESISTENTIAE
-
-
-Jeder Organismus hat seine sogenannte „Achillesferse“, das heißt eine
-Stelle, an der er besonders leicht und empfindlich verwundbar ist! Ich
-zum Beispiel habe meine Achillesferse im Gehirn, aber nicht, wie meine
-boshaften und heimtückischen Freunde (Feinde sind viel milder gestimmt,
-indem sie einen in Bausch und Bogen ein für allemal verurteilen) glauben
-werden, in meinen Denkpartien, sondern in jener mysteriösen Partie des
-Gehirns, wo die _Eifersucht_ ihren Höllensitz aufgeschlagen hat, und
-zwar die Eifersucht in bezug auf Männer, die mehr Haare, mehr Geld und
-weniger Intelligenz als ich besitzen, also drei den Frauen besonders
-wertvoll erscheinende Eigenschaften! Sobald ich nur ein solches Ungetüm
-irgendwo erblicke, das mehr Haare, mehr Geld und weniger Intelligenz
-besitzt als ich, bekomme ich sofort, wie der technische Ausdruck lautet,
-einen sogenannten „roten Kopf“, und ich denke nur mehr an
-Browningpistolen, Arsenik oder die Hundspeitsche, natürlich für den
-anderen! Ich betrachte meine mich bisher fanatisch vergötternde Geliebte
-als bereits endgültig verloren, und treffe Anstalten, sie grundlos
-durchzuprügeln! Das sind also meine „loca minorum resistentium“, das
-heißt zu deutsch, jene Partien unseres komplizierten Organismus, die auf
-Reizungen besonders empfindlich reagieren, und zwar sofort! Solche
-Partien haben viele Menschen Kellnern gegenüber oder Raseuren, die sie
-schlecht bedienen; obzwar in solchen weniger gefährlichen Fällen ein
-erhöhtes Trinkgeld meistens gute Dienste leistet.
-
-Die „loca minorum resistentium“ haben in neuester Zeit einen besonderen
-Wert gewonnen für die Herren Ärzte; denn jede Partie des Körpers, über
-die ein Patient sich heutzutage beklagt, wird vom Arzt sogleich ernst
-und verständnisvoll als: „Aha, das sind Ihre loca minorum resistentium,
-mein Lieber — — —!“ bezeichnet, worauf der Patient sich, zwar nicht
-geheilt, aber um ein Bedeutendes, vor allem um das ärztliche Honorar
-erleichtert, entfernt. Viele Damen haben solche loca minorum
-resistentium in ihrem Organismus, im Augenblick, wo sie an einer Dame
-einen kostbarern Pelz bemerken, als sie selbst besitzen. Aber hier fange
-ich bereits an banal zu werden, und deshalb schließe ich hiermit rasch
-diese immerhin interessante Plauderei.
-
-
-
-
- DOLOMITEN
-
-
-Ich hatte mein ganzes Leben lang von den _Dolomiten_ gehört, einem
-„Märchen der Natur“. Nun kam ich, per Auto, halb 8 Uhr abends, 11.
-August, in Toblach an. Eine riesige ungepflegte, ja verwahrloste
-Bergwiese, die ein feenhafter Berggarten leicht hätte sein können. Ich
-ging ein paar Schritte die Fahrstraße entlang, die ins Gebirge, Monte
-Cristallo, führt. Ich sah in die weiße Waldstraße hinein, und war ganz
-ergriffen. Jahrelang im „Café Central“, Ecke Herrengasse—Strauchgasse,
-und nun am Eingang in die „Dolomiten“! Ich sah Wälder im Abendschatten
-und in der Ferne einen leuchtenden riesigen Felsen. Ich kehrte zurück
-und dachte mir die riesige schrecklich ungepflegte Bergwiese vor dem
-Riesenhotel, bewachsen mit Zirbelkiefer, Rhododendron, Speik, so ein
-botanischer Berggarten, mit Murmeltieren und Schneehasen. Aber Toblach
-begnügt sich, ein „Eingang“ zu sein, und selbst die Geschäftsläden
-erinnern an „Praterbuden“. Nur irgendwo sah ich in einer
-Ansichtskartenbude eine 14jährige Verkäuferin. Ich blickte sie an: „Du,
-du allein paßt in diesen Dolomiten-Märchen-Eingang!“ Da ich den schönen
-grauen Gems-Kaiser-Lodenhut auf hatte und sehr gebräunt war, blickte sie
-mich freudig-erstaunt an. Ich wollte etwas sagen, das heißt, ich wollte
-eben gar nichts sagen, aber als die Ansichtskartengeschäfte abgewickelt
-waren, blickte ich sie noch immer gerührt an. Sie sagte auch nichts,
-aber sie spürte ihre Wirkung auf mich. Es war nicht sehr lange, und doch
-vielleicht oder wahrscheinlich eine besondere Welt, die nie nie mehr
-wiedererstehen wird. Es ging nicht an, sie länger anzublicken. Und
-infolgedessen ging ich. Ich lüftete nicht den Hut, damit sie nicht sehe,
-daß ich kahlköpfig sei; denn ich mußte auf ihre Träumereien Rücksicht
-nehmen, daß ein verhältnismäßig apart aussehender Herr sie beim
-Ansichtskartenverkaufe liebevollst angeblickt hatte — — —. So wie wenn
-er ihr Glück wünschte zu ihrem künftigen Schicksale und sie getreulich
-segnete mit seinen Augen. Sie hat gewiß niemand davon erzählt, was gäb’
-es auch darüber zu erzählen?! Und doch blieb es in ihr. Und doch wird
-sie, unmittelbar vor einem ersten Kuß der Jugendsinne fühlen: „Nein! Ich
-sehe nicht auf Deinem Antlitz, Mann, den Zug von Rührung, den der fremde
-Herr mit dem grauen Gemsjagd-Kaiser-Lodenhute damals hatte — — —.“ Am
-nächsten Morgen ging es nach Cortina. Rotgraue Bergwelt, sei bedankt,
-gesegnet! Es türmt sich auf, lichtgrau und rosig, es wächst ins
-Himmelblau hinein und überall ist Friede — — —.
-
-
-
-
- MAMA
-
-
-Meine Mama wollte „ein großes Haus“ führen, um ihre wunderschönen
-Töchter reich zu verheiraten. Das nahm ich ihr übel. Denn, wenn es
-gelingt, ist es wie ein Haupttreffer auf eine in der Tabaktrafik
-gekaufte Promesse. Ich bin gegen das „Spiel“ im Leben. Man riskiert zu
-viel. Das ist es. Also, wie gesagt, ich war sehr dagegen. Aber in meiner
-Kindheit hatte ich einen vollkommen krankhaften Fanatismus für sie, und
-meine Liebe zu ihr war keine ruhig-selbstverständliche eines guten
-anhänglichen Kindes, sondern zehrte an mir, wie wenn ich ein unglücklich
-Liebender wäre, der an „inneren Zärtlichkeitsgefühlen“ zugrunde geht,
-während doch Mama mich sehr, sehr, sehr lieb hatte und meinen
-„kindlichen begeisterten Blick“ zu würdigen verstand. Oft sagte sie: „Du
-dummer Kerl, was willst du denn, ich hab’ dich ja so wie so riesig gern
-und außerdem bin ich mit dir sehr zufrieden, der Hofmeister, die
-Gouvernante, der Violinlehrer und Mr. Palotta, alle, alle loben und
-lieben dich — — —.“ Aber meine Zärtlichkeit für Mama _zehrte_ an mir.
-Vor ihr niederknien und den Saum ihres Kleides mit den Lippen berühren,
-daran dachte ich nicht. Ich sah sie an und war voll übertriebener
-Zärtlichkeit, als ob ich noch überhaupt bewußtlos in ihrem Schoße läge,
-von ihren Kräften innerlichst behütet, genährt, gepflegt, so vorzeitig
-herausgestellt in eine Welt, in die ich _noch nicht_ hineingehörte!
-Mama! Mama! Als ich mit zehn Jahren, gerade der Primus im Gymnasium, an
-einer Fußbeinhautentzündung schwer erkrankte, hatte sie ein Jahr lang
-ihr Bett neben dem meinen und nahm nächtelang meine Seufzer in ihr Herz
-auf. Nachmittags sang sie im Nebenzimmer Schubertlieder. „Ihre Stimme
-klingt etwas ermüdet!“ sagte der liebevolle junge Gesangsmeister. „Mein
-Sohn hat heute Nacht wieder sehr gestöhnt“ erwiderte sie. Eines Tages
-sagte Professor Dittel: „Es muß geschnitten werden, der Fuß ist ganz in
-Eiterung.“ Da saß sie nachmittags an meinem Bette und zupfte aus
-Leinwandfetzen Charpiewolle. „Was machst du da, Mama?!“ — „Daß die Zeit
-vergeht“ erwiderte sie. Am nächsten Tage sagte Professor Billroth: „Ich
-pflege in einem solchen Falle noch nicht zu schneiden, es wird sich
-aufsaugen!“ Da kniete meine Mama vor meinem Bette nieder, aber nur für
-einen Augenblick. Dann ging sie ins Nebenzimmer und spielte und sang am
-Klavier die „Forelle“ von Schubert. Der Gesangsmeister sagte: „Heute
-klingt Ihre Stimme frischer, Sie dürften gestern eine ruhigere Nacht
-gehabt haben!“ — „Nein,“ sagte sie, „aber ich werde sie heute nacht
-haben!“
-
-
-
-
- MODERNE ANNONCE
-
-
-Semmering, 1000 Meter Höhe.
-
-Page 69: „C’est à Saint-Gervais que je devais faire ce que les Allemands
-appellent: „Die _Nach_kur“, et à laquelle ils attachent, _non sans
-raison_, une grande importance.“
-
-Die _Nach_kur ist wichtiger als die Kur!
-
-Eine meiner Thesen, auf die ich mir mehr einbilde als auf alle meine
-Dichtungen zusammen, obzwar alle Ärzte sie seit lange, die These
-nämlich, kennen.
-
-Die Kur ist der melancholische und mühselige Versuch, eine gebrochene
-Maschinerie zu reparieren. Höchstens bringt man sie da mit Müh’ und Not
-wieder auf gleich, kleistert sie zusammen. Aber die _Nach_kur ist
-bereits eine freudige _künstlerische_ Angelegenheit: man ist daran,
-einer wiederhergerichteten Maschine höchste Energien, Spannkraft,
-Bewegung, Elastizität, Lebendigkeiten zu verleihen! Aus einem Invaliden
-einen neuen feurigen Kämpfer zu machen!
-
-Die Kur ist eine ernste Notwendigkeit, die _Nach_kur ist ein _heiteres
-Fest_! Gerade der erst _kürzlich_ gesundete Körper bedarf bei seinen
-zarten Vernarbungen allerzärtlichster Rücksicht. Geld und Zeit für die
-_Nach_kur sind wichtiger als für die Kur. Keine Kur ohne _Nach_kur! Die
-Nachkur ist erst die Kur! Semmering, 1000 Meter Höhe.
-
-
-
-
- SEMMERING
-
-
-Es wurde wieder Winter, November 1912. Überflüssig, die
-Berglandschaft zu schildern. Das können Russen, Schweden, Dänen
-viel, viel besser. Sie kennen das Gepräge jedes Baumes, und wie der
-Schnee sich ansetzt, je nachdem. Sie kennen die Eintönigkeit und
-ihre Poesien, sie kennen die Melodie der Stille, und der Krähen
-Mißton wird ein schaurig-melancholisches Leitmotiv: _Winter!_ Ich
-liebte den Sommer, weil ich gesund war, und seinen Symphonien von
-Farben, Düften lauschen konnte, unbeirrt durch etwas, was mich
-drückt und niederzwingt. Nun ist es Winter. Ich sehe alles nur so,
-wie wenn ein gütiges Schicksal den Abschied mir nicht schwer machen
-wollte. Eine einzige Begeisterung ist geblieben und ringt sich
-durch, wie wenn mein Bestes mir erhalten bleiben sollte. Ich sah
-meine kleine Heilige im roten Wintersportkostüm. Der Wintertag
-leuchtete auf ihrem geliebten Antlitz. Ich sah sie rodeln, ich hörte
-ihr geliebtes jauchzendes Gekicher, sie flog davon, den scharfen
-Kurven nach im weißen Fichtenwalde. Ich hatte sie gesehen! Ich ging
-zurück ins Zimmer und versank in düsteres Sinnen ... Und es ward
-Winter 1912!
-
-
-
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- WINTER AUF DEM SEMMERING
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-
-Ich habe zu meinen zahlreichen unglücklichen Lieben noch eine neue
-hinzubekommen — — — den _Schnee_! Er erfüllt mich mit Enthusiasmus, mit
-Melancholie. Ich will ihn zu nichts Praktischem benützen, wie
-Scheerngleiten, Rodeln, Bobfahren; ich will ihn betrachten, betrachten,
-betrachten, ihn mit meinen Augen stundenlang in meine Seele
-hineintrinken, mich durch ihn und vermittelst seiner aus der dummen,
-realen Welt hinwegflüchten in das sogenannte „weiße und
-enttäuschungslose Zauberreich“! Jeder Baum, jeder Strauch wird durch ihn
-zu einer selbständigen Persönlichkeit, während im Sommer ein allgemeines
-Grün entsteht, das die Persönlichkeiten der Bäume und Sträucher
-verwischt. Ich liebe den Schnee auf den Spitzen der hölzernen
-Gartenzäune, auf den eisernen Straßengeländern, auf den Rauchfängen,
-kurz überall da am meisten, wo er für die Menschen unbrauchbar und
-gleichgültig ist. Ich liebe ihn, wenn die Bäume ihn abschütteln wie eine
-unerträglich gewordene Last, ich liebe ihn, wenn der graue Sturm ihn mir
-ins Gesicht nadelt und staubt und spritzt. Ich liebe ihn, wenn er in
-sonnigen Waldlachen zerrinnt, ich liebe ihn, wenn er pulverig wird vor
-Kälte wie Streuzucker. Er befriedigt mich nicht, ich will ihn nicht
-benützen zu Zwecken der süßen Ermüdung und Erlösung, ich will nicht
-kreischen und jauchzen durch ihn, ich will ihn anstarren in ewiger
-Liebe, in Melancholie und Begeisterung. Er ist also eine neue letzte
-„unglückliche Liebe“ meiner Seele!
-
-
-
-
- VOLLKOMMENHEIT
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-
-Vollkommenheit ist ein heutzutage ganz mißverstandenes Wort. Man sagt:
-Gustav Klimt, der vollkommene moderne Maler; Frau Bahr-Mildenburg, die
-vollkommene Wagner-Darstellerin; Oberbaurat Otto Wagner, der vollkommene
-Architekt; Peter Altenberg, der vollkommene Skizzenschreiber, Karl
-Kraus, der vollkommene „Angreifer, Verhöhner, Vernichter“! Aber
-vollkommen kann ein jeder sein, in jeglicher Sache! Ein Orangenverkäufer
-kann vollkommen sein, wenn er den Geschmack, den Saftgehalt, den
-Zuckergehalt jeder Orange oder Mandarine schon von außen, gleichsam
-durch die Schale hindurch, erkennt mit unfehlbarer Sicherheit! Ein
-Kastanienbrater kann vollkommen sein, wenn er das Gefühl dafür hat, wann
-und unter welchen Umständen seine Kastanien schön gleichmäßig goldgelb
-gebraten sind, ohne bräunliche schwarze harte Stellen zu bekommen. Ein
-Bar-Mixer kann vollkommen sein, eine liebende Frau, ein stichelhaariger
-Foxterrier, eine Hemdenputzerin, ein Kommis, in seiner Art zu bedienen,
-ein Koch, eine Stenographin, kurz: alle, alle, alle, insofern sie in
-ihrer Sache das Vollkommenste leisten! Pereant die protokollierten
-Firmen des allgemeinen succès; es leben hoch die Unbekannten, die
-göttlich singen beim Waschen und Anziehen, ohne an der Hofoper engagiert
-zu sein! Es leben die exzeptionellen Weber und Tuchfabrikanten, es lebe
-die kroatische, bosnische, ungarische, schottische, irländische,
-dänische, schwedische Hausindustrie! Was vollkommen ist, ist vollkommen,
-worin immer es sich auch betätige!
-
-
-
-
- NACHWINTER
-
-
-9. März. Mein 53. Geburtstag. Es ist schon wieder Schnee gefallen die
-ganze Nacht, Hochwinter im März. Man kann noch nicht „rodeln“, denn der
-Schnee ist noch flaumig wie flaumige Eiderdaunen. Aber das Auge weiß
-davon nichts. Nur die Fußspuren sind braungrau. Es hat null Grad im
-Schatten. Es ist ein Winterbild, an das man nicht recht glaubt. So
-Nachzügler einer Armee „Winter“! Meine Schneeschuhe, ein Geschenk des
-berühmten Architekten Adolf Loos, vor fünf Jahren, sind mir gestern
-abhanden gekommen. Der anständige Dieb hat wahrscheinlich nicht mit
-diesem Winter-_Rückfall_ gerechnet, der mich nun in Verlegenheiten
-bringt! Sie waren mir teuer, obzwar sie mich nichts gekostet haben. Ich
-hatte fünf Jahre lang den Ehrgeiz, sie mir weder vertauschen, noch
-stehlen zu lassen. Der Kellner sagte mir oft: „Lassen Sie Ihre
-Schneeschuhe ruhig irgendwo stehen, es geschieht ihnen nichts!“ Nun, es
-ist ihnen wirklich nichts geschehen, sie haben nur ihren Besitzer
-gewechselt. Möge er sie ebenso zärtlich rücksichtsvoll behandeln wie
-ich, und möge ich eine neue _Schneeschuh-Wurzen_ baldigst finden! Einer
-machte schon eine _leise Anspielung_, aber es stellte sich heraus, daß
-er mir nur mitteilen wollte, dieser Nachwinter könne ja ohnedies nicht
-mehr von langer Dauer sein, und da genügten dann gewöhnliche Galoschen.
-Als ich bemerkte, daß ich auch solche nicht besitze, erklärte er,
-Galoschen seien ungesund und verhinderten die Hautausdünstung. Also, in
-dieser Winterpracht feiere ich meinen 53. Geburtstag. Es wird kein Geld
-regnen, da ich keine Danae bin. Aber in die schlechte Bilanz des Jahres
-1912 muß ich doch den Plus-Kontoposten meines Lebens einrechnen:
-„Nachwinter im März auf dem Semmering, und eine romantische
-‚_Petrarca-Liebe_!‘“
-
-Hier ist es friedvoll, vertauschte Haselnußbergstöcke, vertauschte
-Schneeschuhe, vertauschte Frauen sind das einzige bemerkenswerte
-Ereignis. Aber man findet sich in alles. Eine Dame sagte mir: „Sehen
-Sie, dieser von Ihnen gestern so gepriesene Herr ist doch kein
-Gentleman. Er trägt abends zu Lackpantoffeln, pumps, _Wollsocken_!“ —
-„Pardon,“ erwiderte ich, „ich habe das im Drang meiner Begeisterung
-übersehen!“ — „Ein so scharfer Beobachter wie gerade Sie, Herr
-Altenberg?!“ — „Ja, auch wir sind eben nur irrende Menschenkinder!“
-
-
-
-
- HEIMLICHE LIEBE
-
-
-Wir müssen von den Gefühlen _unserer eigenen Seele_ leben können! Das
-ist die „_neue Religion_“ für unsere, sonst zum Leiden verurteilten
-impressionablen Nerven. Man kann uns alles _wegnehmen_, alles _rauben_,
-alles _verhindern_, alles _verbieten_ — — nur nicht _unsere_ Gefühle,
-die wir für geliebte Menschen haben! Hier beginnt unsere _unbesiegbare
-Macht_ unserer Seele! Man wünscht es, unsere Tränen nicht zu sehen,
-nicht zu spüren, nichts darüber in alle Ewigkeit zu vernehmen — — — und
-sie rinnen dennoch auf den Kopfpolster, zum _Preise der Entfernten_!
-Könnt Ihr uns verbieten, in dem Bergkirchlein für ihr Heil zu beten?!
-Könnt Ihr uns es verbieten, im Schnee des „Hochwegs“ ihre Fußspuren zu
-ahnen?! Vielleicht sind es fremde, gleichgültige. Aber wir, wir träumen
-sie uns als die _ihrigen_, vermittels der _Kraft unserer_ unzähmbaren,
-unbesiegbaren Seele! Kann sie zu uns sprechen: „Knie vor meinen
-Fußspuren nicht in den Schnee hin!?!“ Nein, das kann, das darf niemand
-zu uns sprechen. In diesen „Gefilden der entrückten Seele“ verliert die
-_verbietende_ Menschenstimme ihre Macht und Gott sagt: „_Du darfst_!“
-
-Ich habe Dein Glas in mein Zimmer mitgenommen, aus dem Du getrunken
-hast. Ich habe dem Kellner gesagt: „Ich habe ein Glas zufällig
-zerbrochen, da haben Sie zwei Kronen dafür!“ Er sagte: „Auf ein Glas
-mehr oder weniger kommt es, bitte, bei uns nicht an — — —.“ Also besaß
-ich das „geheiligte Glas“ umsonst. Ich ließ ihm ein Postamentchen machen
-aus Zirbelholz, ließ eingravieren: „Deine Lippen berührten es.“ Kann mir
-das irgend jemand _verbieten_?! Niemand kann mir meine _Leiden
-verbieten_, er kann sie nur steigern, und das ist _gut für meine Seele_
-— — —. Wen, wen wollt Ihr schützen vor meinen Tränen, die _niemand_,
-_niemand_ sieht?!
-
-
-
-
- DAS KINO
-
-
-Ich schleudere hiermit meinen Bannfluch gegen _alle jene_, die, in
-„bestgemeinter Absicht“ oder aus Geschäftsinteresse, sich in neuerer
-Zeit gegen die _Kinotheater_ wenden! Es ist die beste, einfachste, vom
-öden _Ich_ ablenkendste Erziehung, besser jedenfalls, tausendmal besser
-als die bereits als „freche Gaunerei“ entlarvte „Kunstdarbietung“,
-ausgeheckt in ehrgeizigen, verdrehten Gehirnen und präpariert für den
-„seelischen Poker-Bluff“; infame Düpierung _einfach-gerader_
-Menschenseelen! Im Kino _erlebe ich die Welt_; und selbst die erfundenen
-Sketches sind schon, der Natur der Sache nach, auf _edel-primitive_
-Wirkung hin gearbeitet, Seelenkonflikte a la „_3 und 2 macht 5_“, nicht
-aber absichtlich 6 oder 7! Das Volk _soll sich erheben für die
-Kinotheater_ und sich nicht neuerdings in kleinsten und belanglosesten
-Angelegenheiten _beschwatzen_ und _betören_ lassen von den
-„_psychologischen Clowns_“ der Literatur! Meine zarte 15jährige Freundin
-und ich, 52jähriger, haben bei dem Natursketch: „_Unter dem
-Sternenhimmel_“, in dem ein armer französischer Schiffzieher seine tote
-Braut flußaufwärts zieht, schwer und langsam, durch blühende Gelände,
-heiß geweint! Wehe euch, deren „_trockenen Geist_“ wir „_trockenen
-Herzens_“ angeblich begeistert _genießen_ müssen! Wir _müssen_ und
-_wollen nicht_!
-
-Ein „berühmter Schriftsteller“ sagte zu mir: „Wir sind jetzt unter uns,
-was finden Sie eigentlich Besonderes an den Kinovorstellungen?!?“
-
-„Nein,“ sagte ich, „_wir_ sind _nicht_ unter uns, sondern _Sie_ sind
-_unter mir_!“
-
-
-
-
- LEBENSBILD
-
-
-Wesen der Engländerin:
-
-„O, mein geliebter Freund, was nützte mir denn deine ganze tiefe Liebe,
-wenn du mir bei der Tür nicht den Vortritt ließest?!?“
-
-Wesen der Amerikanerin:
-
-„_Natürlich_ zu sein, so wie man eben einfach von Natur aus ist!“
-
-Dies schrieb ich einer jungen, edlen Amerikanerin ins Stammbuch.
-
-„O,“ sagte sie, „sehr, sehr schön; und vor allem sehr, sehr wahr! Aber,
-bitte, was würden Sie denn einer jungen Engländerin in ihr Stammbuch
-hineinschreiben?!?“
-
-„Ich? Natürlich _gerade das Umgekehrte_!“
-
-
-
-
- SO SIND WIR
-
-
-Wir wollen aufrichtig sein, vor allem diesmal ich, Sophie B.; vielleicht
-für alle meine Mitschwestern. Nichts ist rätselhafter für uns, als es zu
-sehen, wie jemand uns gar nicht mehr lieb hat! Gar nicht mehr ein
-bißchen. Wir machen da sozusagen _nachträglich_ alle seine Qualen mit,
-und alle unsere _vollkommen unnötig gewesenen_ Grausamkeiten,
-Ungezogenheiten, Rücksichtslosigkeiten usw. usw. Wie ein schreckliches
-Bild zieht es an uns vorüber, nebelhaft, und dennoch schreckhaft
-_deutlich_! Ja, wir waren Königinnen, wie Chinas mysteriöse
-Beherrscherin einst, und nun sind wir entthront! Man bittet uns nicht
-mehr um Gottes willen um eine Haarlocke, man versucht es nicht mehr,
-unser Knie unter dem Tisch sanft zu berühren! Wir sind entthront,
-_entwertet_ und verstoßen! Wir haben uns „Herzen“ entfremdet; und Gott
-will das nicht. Das heißt, Er hat nichts dagegen, falls es sein muß,
-aber es soll _in Seiner Milde, in göttlicher Milde_ vor sich gehen, so
-zart behutsam, daß wir alle Tränen trocknen, die seit Monaten um uns
-geflossen sind! Mit Kranken schreit man nicht herum! Wir haben nie seine
-Briefe verstanden, in denen er uns doch _ganz verständlich_ mitteilte,
-er habe _unseretwegen_ die ganze Nacht geweint. _Jetzt_ verstehen wir
-diese Briefe, die wir bereits zerrissen haben!
-
-Also, da sitzt er nun vor uns, der einst ein Narr in unseren Augen war,
-und unsere ausgespuckten Traubenschalen liebevollst in seinen Mund nahm!
-
-Da sitzt er nun vor uns. Wir sind ihm nichts. Er schaut, und ist selbst
-verständnislos geworden!
-
-Oh — — — oh — — —! Wie schade!
-
-Unser Atem ist ihm nicht mehr süß — — — vielleicht ekelt er ihn sogar
-— — —!
-
-
-
-
- MEIN GRAUER HUT
-
-
-Der Märzwind klagt durch die winter-erfrorenen rostroten Gebüsche. Über
-die grauen Wiesen bürstet er grauen Märzstaub auf, zieht in die Wälder
-hinauf, um rotes starres Laub zum Rascheln zu bringen, zum
-Vorfrühling-Tanze!
-
-Neben mir liegt mein geliebter grauer Filzhut, Gemsjagd-Kaiser-Hütchen.
-Er erinnert mich an alles, was ich verloren habe, an _Alles_! Ich habe
-ihn in Mürzzuschlag gekauft, nach langem Suchen, er ist mein Ideal-Hut.
-Nun blicke ich ihn an, in tiefster Zärtlichkeit, als ob er noch die
-hellen scharfen Lüfte und Düfte vom Semmering-Paradiese in seinem
-Filzgewebe berge. Ja, _für mich_ birgt er sie, alle die Schätze, die
-mein Auge dort droben in der lichten scharfen Luft in sich
-hineingetrunken hat, auf der Beton-Terrasse, 6 Uhr morgens, mit sonnigem
-Wiesennebel und dem Mürz-Nebel-Strom ins Haidbachtal, weiß und
-leuchtend, ein Märchen-Strom! Und abends die goldenen Wolken im Mürztal;
-und immer, immer war es _noch_ schöner als am Vortage, und meine Seele
-war reich durch Begeisterung. Nichts entging mir von Gottes Pracht.
-
-Nun denke ich an das Holdeste, Klara und Franziska Panhans, Magda
-Simon, Eva Leopold, Frau Machlup, ebenfalls Gebilde der
-gütigen edel-gestaltenden Natur! Für alle hatte ich den Blick
-fanatisch-zärtlicher Begeisterung! Nun aber bleibt mir nur mein kleiner
-grauer Filzhut, Gemsjagd-Kaiser-Hut; er liegt vor mir, unscheinbar,
-nichtssagend. Mir aber scheint die untergegangene Sonnenwelt „Semmering“
-daraus entgegen, und sagt mir „adieu“, adieu für immer — — —. Weshalb
-dieses Schicksal?! Ich weiß es nicht — — —.
-
-8. März 1913. Vortag meines 54. Geburtstages. Für Frau Lilly St.
-
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- DIE KOSTÜME AUF DEM SEMMERING IN DER SILVESTERNACHT
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-Ich sah ein ockergelbes Musselinkleid-Hemd mit breitem lila Samtband
-geputzt. An der Brust eine große lila-weiße Kamee. Dann sah ich an dem
-herrlichen Fräulein Schw... eine weiße seidene Wolke, am Rande bestickt
-mit grellem Silberschimmer aus großen viereckigen Silberplättchen. Dann
-sah ich an der braunen Frau S. eine schwarze Tüllrobe, mit schwarzem
-Hut, mit einer schwarzen samtenen Tulpe an der Brust. Kardinalfarbene
-Seidenrobe, bestickt mit kardinalfarbigen Glasperlen. Eine staubgraue,
-nebelgraue Tüllrobe, mit breiten ockergelben Samtbändern. Eine
-erbsengrüne Tüllrobe, mit hechtgrauen Glasperlen bestickt; braungelbe
-Orchideen an der Brust. Frauenschuh. Dann sah ich eine — — — da wußte
-ich gar nicht, was sie anhatte; denn ich sah nur ihr Antlitz, ihr süßes,
-süßes Antlitz, mit den klaren schimmernden Madonnenaugen — — —. Da sagte
-eine ältere Dame zu mir: „Nicht wahr, das bemerke ich sofort, die
-Toilette dieser jungen Dame ist ganz nach Ihrem etwas aparten und
-übertriebenen Geschmack — — —!?!“ — „Jawohl“, erwiderte ich, „obzwar ich
-gar nicht sah, was sie anhatte — — —.“ — „Ja, Sie urteilen eben auch nur
-nach dem Äußeren, mein Lieber, sehen Sie wohl?!?“ — „Ja, leider“,
-erwiderte ich und starrte die Madonnenaugen an — —. Sie hieß Kl. P. und
-dennoch kann niemand ahnen, wer es ist — — —.
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- FORTSCHRITT
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-Es gibt Leute, die heutzutage nicht mehr auf den Boden eines
-Kaffeehauses spucken können, und solche die es _noch ganz gut_ können.
-Diese Zweiteilung ist ein Zeichen eines wenn auch geringen allgemeinen
-Fortschrittes. Es gibt Leute, die selbst bei einer automatisch von
-selbst schließenden Tür ängstlich hinter sich blicken, ob die
-Maschinerie auch wirklich funktioniere. Das sind bereits „Gentlemen der
-Entwicklung“. Beim „Sport“ darf man keiner Dame helfen, irgendwie
-behilflich sein in einer schwierigen Situation. Dadurch gewöhnt man sich
-allmählich auch das sklavische „Pakettragen“ oder „Schirmaufheben“ oder
-„Zigarettenanzünden“ ab. Wieder ein kleiner Fortschritt! Jetzt fehlt
-noch der _hohe englische Fußschemel_ beim Friseur, und die Ventilatoren
-in _jeder_ Fensterscheibe, wobei niemand rufen darf: „Es zieht!“ Preise
-an Schriftsteller-Millionäre zu vergeben, ist noch rückschrittlich. Mit
-Geld kann man nur Künstler ehren, die keines haben! Turbot samt seiner
-dunklen schuppigen _Haut_ essen und noch dabei behaupten, das gebe dem
-edlen Fische erst den Geschmack, ist eine mittelalterliche
-Zurückgebliebenheit, die man eventuell einem eisengepanzerten Recken
-oder Drachentöter nachsehen könnte! Eine übertrieben deutliche Schrift
-haben, ist einer der wenigen zu begrüßenden Snobismen. Man schreibt für
-_den_, der es _lesen_ soll! Eine Frau in der Weise bewundern, daß es dem
-zugute kommt, dem sie _angehört_, und nicht _dem_, der sie _bewundert_,
-ist „höchste Kultur“! Mehr als zweimal im Tag mitteilen, man habe im
-rechten Knie beim Drücken einen Schmerz, ist nicht „fortschrittlich“.
-„Tamar Indien Grillon“ anpreisen, ist höchste Kultur. Aber auch hierin
-gibt es zarte Grenzen. Ich hörte einmal an einem herrlichen Herbstmorgen
-einen jungen Griechen eine junge Serbin fragen: „Oh bonjour,
-mademoiselle, combien de pilules „Purgén“ est-ce-qu’on ose prendre à la
-fois?!“ „36“ erwiderte die junge Dame schlagfertig, worauf man den
-Griechen acht Tage lang nicht mehr erblickte. Leute ins Gespräch ziehen,
-um ihnen Ansichten herauszulocken, zum Zwecke, sie ihnen _widerlegen_ zu
-wollen, ist _unkultivirt_. Um „Proselyten“ zu machen, gehört mindestens
-die Entschuldigung eines „heiligen Fanatismus“. Zwischen Tee und
-„kleiner Bäckerei“ hat solches _nicht stattzufinden_! „Anonyme Briefe“
-sind eine Gemeinheit. „Nicht anonyme Briefe“ sind eine noch größere
-Gemeinheit. Man hat zu schreiben: „_Ich verehre Sie!_“ Im allgemeinen
-aber zeigt sich doch in der „vie quotidienne“ ein beträchtlicher
-Fortschritt. „In der Nase bohren“ findet man sogar bei Kindern
-verhältnismäßig nur mehr selten, obzwar es noch vor 20 Jahren zu den
-sogenannten „billigen Freuden des Daseins“ gehörte! Häufiger kommt es
-vor, daß Liebesleute vor Fremden sich gegenseitig zu blamieren, zu
-_desavouieren_ suchen, kurz den Anschein eines Täubchenverhältnisses zu
-bewahren, für Augenblicke außer acht lassen. Den „Dritten“ dabei als
-Richter anzurufen, ist aber eine der allergrößten Infamien, besonders
-falls er auf die Frau ein oder mehrere Augen bereits geworfen hat. Es
-gibt also noch immer eine Anzahl von verbesserungsbedürftigen Dingen
-— — —!
-
-
-
-
- ABSCHIED
-
-
-„Herr Altenberg, ich danke Ihnen noch zuletzt für alles, für alles!“
-
-„Wofür, das verstehe ich nicht — — —.“
-
-„Das kann man nicht so sagen, wofür man Ihnen in einem wochenlangen
-Verkehr zu danken hat! Man ist gleichsam von sich selbst erst zu sich
-selbst gekommen, erblickt das Leben einfacher, selbstverständlicher und
-klarer als bisher. Deshalb muß man zu Ihnen sagen: ‚Ich danke Ihnen für
-alles, für alles — obzwar man durchaus nicht weiß, worin es besteht!‘“
-
-Es war der tiefste Abschied, eigentlich aber ein ewiges Zusammenbleiben!
-
-
-
-
- BESUCH
-
-
-Mein Freund, der Doctor philosophiae aus Heidelberg, schrieb mir, er sei
-in tief deprimierter Stimmung, wolle in den „Frieden der Berge
-flüchten“, höchst moderne Ausdrucksweise, und vor allem beim Dichter
-eine Art von „seelisch-geistigem“ Reinigungsbad nehmen. Als er ankam,
-begann ich daher von Rax und Schneeberg, Pinkenkogel und Sonnwendstein
-zu schwärmen. Er erwiderte: „Lasse gefälligst diese Marlittiaden einer
-überwundenen Epoche und zeige mir lieber eine Dame, mit der man
-stundenlang über Ibsen, Hofmannsthal, Stephan George und ähnliche
-Geschöpfe seine endgültigen Ansichten los werden kann.“ Er war
-glücklich, als ich ihm mitteilte, daß ich zufälligerweise gerade jetzt
-drei solcher Damen auf Lager habe, leider aber eine jede in einem
-anderen Berghotel. Er meinte, er wolle gern den Wagen bezahlen, und wir
-sollten von einer zur anderen fahren. Auf dem Wege könne man ohne
-weitere Schwierigkeiten die Schönheit, den Frieden der Bergwelt, aber
-ohne Exaltationen über jeden einzelnen Baum, sondern in Bausch und Bogen
-genießen. Dieser annehmbare Plan wurde zu allgemeiner Zufriedenheit
-ausgeführt. Eine vierte Dame, die sich anschloß, konnte wegen
-Zeitmangels nicht ins Gespräch gezogen werden über die Philosophie in
-der Musik des Debussy. Der Doktor sagte zu mir: „Ist es also wirklich
-wahr, daß man nur bis 11 Uhr abends hier Getränke bekommt?!“ — „Nein,“
-erwiderte ich, „das ist eine Verleumdung, man erhält bis Mitternacht
-Limonade und Soda-Himbeer!“ — „Esel,“ sagte er, „ich meine schweren
-Burgunder!“ Er schlug nun vor, schon um 7 Uhr abends anzufangen, damit
-man bis zur Schank-Sperrstunde das Nötige absolviert haben könne. Ich
-erklärte ihm, daß ich seit anderthalb Jahren Antialkoholiker sei und
-daher vor halb 8 Uhr abends nicht anfangen könne! Er sagte, er sei
-einverstanden, da er mich von meinen schwer errungenen Grundsätzen nicht
-abbringen wolle. Im Laufe des Abends gesellten sich einige Herren zu
-uns, die er in liebenswürdigster Weise anstänkerte, indem er sie fragte,
-ob sie sich ernstlich von der Bergluft und der Enthaltsamkeit eine
-Heilung ihrer anscheinend doch unheilbaren Leiden erwarteten?!? Bald
-waren wir allein, und später erklomm er mit meiner Bergführerhilfe die
-Treppe. Er sagte noch: Rax, Schnee—berg, Sonn—wend—stein, Pin—ken—ko—gel
-..., dann verschwand er hinter der gepolsterten Tür.
-
-
-
-
- BUCHBESPRECHUNG
-
-
-Ich lese jetzt Tolstois „Chadschi Murat“, aus dem Nachlaß. Es ist
-immer dieselbe Art, plastisch-historisch, lebendig gewordene
-Wachsfigurenkabinette, psychologische Wachsfiguren, z. B. der
-großartig geschilderte wachsbleiche fette Kaiser mit dem
-nichtssagenden streng-starrenden Antlitz, der weiß, daß er nichts
-weiß, und dennoch die Geschicklichkeit besitzt, sich immer, in jeder
-Situation, es einzureden, daß er „zum Heile und zur Ordnung der Welt“
-_unentbehrlich_ sei. Aber auf Seite 161 fand ich ein besonderes und
-bisher, vor allem mir, unbekanntes Sprichwort: „_Der Hund bewirtet den
-Maulesel mit Fleisch und der Maulesel den Hund mit Heu — infolgedessen
-bleiben beide hungrig!_“ Ich finde das wunderbar; es ist ein Bild
-unseres ganzen tragischen Lebens, besonders dessen _zwischen Mann und
-Frau_! Ein jeder bewirtet uns mit einer Kost, die für ihn die _beste_,
-für den Bewirteten meistens jedoch die _allerschlechteste_ ist!
-
-Einer meiner sogenannten „Freunde“, andere als „_sogenannte_“ gibt es
-nämlich hienieden nicht, würde natürlich sagen, daß dieses Sprichwort
-einen natürlich ganz anderen Sinn habe als den ihm von mir _willkürlich_
-unterlegten, ferner, daß es längst allgemeinst, vor allem ihm selbst,
-bekannt sei; daß es schon im „Sanskrit“ erwähnt werde und _nichts
-anderes_ bedeuten könne als die „Güte des Schöpfers allen seinen
-Kreaturen gegenüber“! Du Esel! Trotzdem halte ich das erwähnte
-Sprichwort für überaus wertvoll und sinnvoll und glaube nicht, daß ich
-bis Seite 203, Ende, etwas annähernd ebenso Tiefes finden werde.
-
-Wenn man einmal so weit ist, die Menschen des übrigens alltäglichen
-Lebens ebenso scharf aufs Korn zu nehmen, wie Tolstoi es tut in seinen
-Romangebilden, oder wie Charles Dickens und Thackeray in milderer Form,
-so verringert sich naturgemäß die Distanz zwischen Künstler und Leser.
-Der Leser weiß einfach ganz dasselbe, ohne sich _die lächerliche Mühe zu
-nehmen_, es niederzuschreiben!
-
-
-
-
- EIN BRIEF
-
-
- Sehr geehrte gnädige Frau!
-
-Sie wollen „glücklich“ sein? Das ist schrecklich! Beethoven, Schiller,
-Hugo Wolf, Novalis, Lenau waren nicht glücklich. Mit welchem Rechte
-wollen _Sie_ also glücklich sein? Mit dem Rechte der „Inferiorität?“
-Aber darauf haben Sie keinen legitimen Anspruch, da Sie es doch nicht
-sind! Sie erzählen mir, daß irgend jemand um Sie bange war, um Sie
-geweint hat? Erzählen Sie mir doch lieber, daß _Sie_ um irgend jemand
-besorgt waren, geweint haben! Sie sagen mir, was man von Ihnen halte?
-Sagen Sie mir doch lieber, was Sie von den andern halten! Sagen Sie mir,
-von wem _Sie_ schwärmen, und sagen Sie mir nicht, wer von Ihnen
-schwärmt! Ihre eigene Welt ist gerade so wie sie ist, aber die Welt der
-andern, der „Nicht-Sie-Seienden“, die ist eine Bereicherung _Ihres_
-Denkens, _Ihres_ Fühlens! Zeugnisse mit ausgezeichneten Referenzen sich
-von Nichtverstehern ausstellen lassen, ist eine allzu billige
-Befriedigung! Sind Sie die Duse, die Yvette Guilbert, die Else Lehmann!
-Nun also! Sagen Sie stets: „Ich verehre!“ sagen Sie niemals: „Ich werde
-verehrt!“ Ein „labiles Selbstbewußtsein“ ist an und für sich
-„unkünstlerisch“! Sei, der du _bist_! Nicht mehr, nicht weniger! Wenn
-Sie vom „Russischen Ballett“ schwärmen, von Nidjinsky, von der
-Karsawina, von der Niedermetzelung der Haremswächter, von den russischen
-Volksmelodien, von den Damen in den Logen und den Silberreifen um ihre
-süßen Lockenköpfe, von Samthemden in Violett und Grasgrün, die alles
-verbergen wie edel-verschwiegene schwere Portieren — dann, dann sind Sie
-Sie selbst! Eine Aufsaugerin der Schönheiten der Welt, eine
-_Bereicherte_! Aber wenn Sie von sich selbst sprechen, werden Sie
-armselig! Eine, die erzählt, man habe ihr ein Almosen gegeben; eine
-Bettlerin an der Brücke, die hinüberführt ins „Versorgungshaus des
-Lebens“!
-
-
-
-
- DAS HOTEL-STUBENMÄDCHEN
-
-
-Sie saß nachts, ganz zerpatscht von Stiegensteigen, Sorgsamsein für
-fremde Menschen, Aufmerken auf fremde Wünsche, in der Portiersloge,
-zählte einen Haufen Trinkgelder in ihre Schürze. Ich wußte, daß sie ein
-entzückendes dreijähriges Mäderl habe, und der Gatte war verschollen.
-
-Ich sagte: „Woher sind Sie, Marie?!“
-
-„Aus Kärnten.“
-
-„Sie müssen ja die Dorfschönheit gewesen sein — — —.“
-
-„Das war ich!“
-
-„Und alle Jünglinge müssen sich um Sie beworben haben — — —.“
-
-„Das haben sie getan.“
-
-„Und da haben Sie sich _den_ gerade aussuchen müssen?!“
-
-„_Er mich!_“
-
-„Und Sie sind so ruhig, so gesichert — — —.“
-
-„Da kann man nicht aufbegehren. Es ist das Schicksal!“
-
-„Nein, die Dummheit war es, die Borniertheit — — —.“
-
-„_Das ist ja unser Schicksal!_“
-
-Später sagte sie: „Rühren Sie mich nicht an, es passt mir nicht. Weshalb
-streicheln Sie meine Haare?! An mir ist nichts mehr zum Streicheln
-— — —.“
-
-Ich schenkte ihr eine Krone.
-
-„Wofür geben Sie mir das?!“
-
-„Gewesene Dorfschönheit!“ erwiderte ich. Da begann sie zu weinen.
-
-
-
-
- GESPRÄCH
-
-
-„Sie, sagen Sie, mein lieber Peter Altenberg, wie lang sind Sie
-eigentlich schon da, auf diesem Semmering?!?“
-
-„Elf Wochen?!“
-
-„So? No, und das können Sie so aushalten, so ganz ohne Weiber?!?“
-
-„Nur _ohne_ Weiber! Mit Weibern könnt’ ich’s gar nicht aushalten!“
-
-„Komischer Mensch, was Sie sind!“
-
-„Weshalb komisch?!?“
-
-„No, Sie sind doch der größte Troubadour für die Weiber, was wir haben
-heutzutage?!?“
-
-„No, könnt’ ich denn ihr größter Troubadour sein, wenn ich alleweil mit
-ihnen beisammen wär’?!?“
-
-
-
-
- BOBBY
-
-
-Ich habe sowieso nichts mehr zu verlieren, nichts mehr zu gewinnen, ich
-stehe vor der „großen Abrechnung“ meines Lebens. Jetzt erkläre ich, daß
-ich die weiße, hellbraungefleckte echtrassige Foxterrierhündin Bobby,
-mit ihren acht rosigen Brust- und Bauchwarzen (selbst die edelsten Damen
-haben nur deren zwei), für schöner, graziöser, liebenswürdiger,
-herzlicher, menschenfreundlicher halte als die meisten Frauen. Sie
-erregt nie in mir Eifersuchtsqualen und Verzweiflung, hat eine
-unbeschreibliche Freude, wenn ich nett zu ihr bin, sagt nie bei einer
-solchen feinfühligen Gelegenheit: „Zahl’ lieber an Kaviar und laß die
-billigen Faxen — — —.“ Denn erstens frißt sie Gott sei Dank gar nicht
-Kaviar, und zweitens „fliegt sie“ grad auf meine „billigen Faxen“, d. h.
-meine seelische Verehrung, Anerkennung und Liebe!
-
-Ich ziehe also Bobby allen Frauen vor, freilich sage ich das erst
-öffentlich am Ende meiner sogenannten „Liebeslaufbahn“, mit einem Wort:
-nach meiner Schlacht von Sedan. Bobby hat um mich geweint, gewinselt,
-sich gekränkt, den Appetit verloren. Die übrigen Weibchen hatten gerade
-in meiner Gesellschaft stets einen riesigen Appetit, während ich kaum
-die Absicht hatte, ihnen ein „Kalbsgulasch“ zu bezahlen. Und dann, Bobby
-hat noch einen großen Vorteil, sie gehört nämlich gar nicht einmal mir,
-sondern einer reizenden bekannten Dame, der die Fürsorge für sie
-obliegt. Ich selbst schmeichle mich nur bei Bobby ein, um ihre zärtliche
-Freundschaft zu genießen. Ich will keine Spesen haben, und „äußerln“
-führe ich auch nicht. Frauen haben immer irgendwelche Bedürfnisse! Aber
-ich bin nicht in der Lage, sie zu befriedigen — — —. Das nimmt zu viel
-Kräfte weg und Zeit! Liebe ohne alle Spesen ist meine letzte Erkenntnis
-auf Erden.
-
-
-
-
- PSYCHOLOGIE
-
-
-Mich interessiert an einer Frau _meine_ Beziehung zu ihr, nicht _ihre_
-Beziehung zu mir!
-
- ✶
-
-Daß _ich_ ihr eine exzeptionelle Achatbrosche schenken darf, macht mich
-glücklich, nicht daß _sie_ es gerührt annimmt!
-
- ✶
-
-_Ich_ küsse ihre Haarlocke in meinem Zimmer anbetend, aber ihre
-braunroten Haarsträhne mögen im Winde flattern _für alle Welt_!
-
- ✶
-
-Sie hat Migräne, und _ich_ renne nachts in die Apotheke. _Für mich_ hat
-sie Kopfweh, da _ich_ besorgt bin, es ihr zu lindern!
-
- ✶
-
-Wenn sie „Wintersport“ treibt, zittere _ich_ um ihre zarten geliebten
-Gazellenglieder! Für _mich allein_ betreibt sie daher „Wintersport“!
-
- ✶
-
-Ein Hut, der ihr _schlecht steht_, macht _mich_ unglücklich, ein Hut,
-der ihr _zu fesch-kokett_ steht, macht _mich_ ebenfalls unglücklich!
-_Für mich allein_ also trägt sie alle, alle ihre Hüte!
-
- ✶
-
-Die Speise, die ihr nicht schmeckt, macht _mich_ unglücklich, die
-Speise, die ihr schmeckt, macht _mich_ glücklich. _Für mich, für mich_
-allein daher ißt sie!
-
- ✶
-
-Der Blick, mit dem sie einen anderen liebenswürdig anschaut, macht
-_mich, mich allein_ unglücklich! Daher gehört dieser Blick _mir, mir_,
-und nicht ihm, dem eitlen Laffen!
-
- ✶
-
-_Mir, mir_ allein gehört alles, was von ihr kommt, Böses und Gutes, denn
-_ich, ich_ allein empfinde es!
-
-
-
-
- VORFRÜHLING
-
-
-Von den braunroten Dachschindeln rieseln grauglänzende Bäche. Man muß
-diesen harten Winter wegschwemmen, auflösen. Die Blumen und Gräser
-wollen auch schon heraus, nicht nur die genialen Schneerosen und Eriken,
-die der Nachwinter nicht geniert. Aber es gibt diskretere Kräuter, die
-erst auf den ernsten „Ruf des Frühlings“ Folge leisten und nicht gewillt
-sind, mit Schnee und Kälte zu „paktieren“. Das Berg-Schneeglöckchen zum
-Beispiel, das Leberblümchen und der Frühlings-Enzian. Die lassen mit
-sich kein Geschäft machen; ein paar sonnige Tage können sie nicht
-_verführen_, ihre Pracht zu entfalten. Sie wollen Numero Sicher gehen,
-also eigentlich „Philister der Blumenwelt“. _Nicht vorzeitig verwelken
-wollen_, ist immer eine Art von „philiströser Tätigkeit“! Franz
-Schubert, Hugo Wolf usw. usw. hatten sie nicht. Leute, die „Eau de
-Vichy“ trinken statt „Enzian-Schnaps“, sind zu _verwerfen_! Sie legen
-zuviel Wichtigkeit ihrem _absolut unwichtigen_ Organismus bei. Ich bin
-gewiß für Gesundheit. Aber sie muß auch _für andere_ wertvoll sein. Die
-Gesundheit der _Wertlosen_ ist _wertlos_! Der „_Hypochonder_“ hat irrige
-Ideen vom Werte seiner Erhaltung! _Wir verzichten gerne_ auf seine
-Lebenskräfte, die uns _doch nichts bieten_ können! Ein „_reeller
-Kranker_“ ist uns lieber als ein „_falscher Gesunder_“! Das merkt euch,
-ihr „_Wucherer mit der Gesundheit_“! Früchte, die fallen wollen, soll
-man abreißen! Aber statt dessen läßt man sie oben, und sie schreiben
-fünfaktige Dramen, oder malen, oder bildhauern, jedenfalls treiben sie
-irgendeinen schädlichen Unfug!
-
-
-
-
- DAS GLÜCK
-
-
-Ich erwartete das Glück vergeblich Jahre und Jahre lang. Endlich kam es
-und setzte sich zutraulich an mein Bett. Es hatte gelbbraunen Teint wie
-die Javanerinnen, schmale, lange Hände und Finger, Gazellenbeine und
-bewegliche lange Zehen. Ich sagte: „O, bist du wirklich, wirklich
-endlich das Glück, das lang ersehnte, tief entbehrte?!?“ — „Ich werde es
-dir morgen schreiben, ob ich es wirklich bin oder nicht. Du wirst selbst
-urteilen — — —.“
-
-Am nächsten Morgen fand ich einen Zettel, auf dem geschrieben stand:
-„Adieu, auf Nimmerwiedersehen — — —.“ Ja, es war also wirklich und
-wahrhaftig „das Glück“ gewesen!
-
-
-
-
- DAS DUELL
-
-
-Ich, als „Outsider“ der Gesellschaft, die sich anmaßend und fälschlich
-die „gute“ nennt, begreife überhaupt naturgemäß nur eine einzige Art,
-zum Duell seine Zuflucht zu nehmen. Das ist, wenn man in bezug auf eine
-Frau in seinem Lebensglücke so sehr geschädigt wurde, daß man unbedingt
-zum Mörder und nachher zum Selbstmörder werden will! Da hat man im
-„Duell“ die Chance, den Kerl umzubringen und nach „vollendeter Sühne“
-sogar ganz fröhlich am Leben zu bleiben und zu sagen: „Sixst’ es,
-Annerl, Mauserl, Herzerl, jetzt wirst net so bald wieder dich einlassen,
-einer von die Herren Kavaliere is schon kalt geworden trotz deiner
-heißen Liebe!“
-
-
-
-
- STAMMGÄSTE
-
-
-Die „Stammgäste“ eines Hotels haben eine eigentümliche Art von
-Sicherheit, die ein wenig an „Größenwahn“ erinnert. Sie haben die
-Ansicht, daß alles glücklich sei, daß sie wieder da sind, und daß bisher
-in dem gesamten Hotelbetrieb eine Art von empfindlicher Stockung
-eingetreten sei, die nun glücklicherweise schwinden werde! Sie haben
-eine „falsche Liebenswürdigkeit“ mit dem Bedienungspersonal, erkundigen
-sich nicht ungern nach Dingen, die sie nichts angehen. Auch ihre
-eventuellen „Beschwerden“ gegen die Hotelusancen bringen sie in einem
-gütig-väterlich-wohlwollenden Tone an, als wollten sie das ganze
-Etablissement vor dem Ruine schützen! In J. war ein reicher Stammgast,
-der jeden „Eingeborenen“ mit der Frage beglückte: „Nun, wie war der
-Winter bei Euch heuer?!“ Obzwar ein jeder darauf mit Freuden geantwortet
-hatte: „Schmecks!“, so sagten doch alle, mit Rücksicht auf Trinkgelder,
-die niemals stattfanden: „Heuer besonders hart, gnä’ Herr —.“ Worauf der
-Stammgast leutselig erwiderte, daß dafür der Sommer zur Erholung,
-nämlich für ihn, diene!
-
-Trotz aller dieser Eigenheiten möchte dennoch keine Gegend ihre
-Stammgäste missen, denn sie gehören dazu und machen das Ganze sogar
-heimlich, wie die Schwalben, die Störche und anderes stets
-wiederkehrendes Getier!
-
-
-
-
- SANATORIUM FÜR NERVENKRANKE
-
-
- (aber nicht die, in denen ich mich befand!)
-
- _Morgenvisite._
-
-Der Doktor sitzt, wie ein Staatsanwalt ernst blickend und forschend, an
-einem riesigen Schreibtische.
-
-Der Delinquent (Patient) tritt ein.
-
-„Bitte, nehmen Sie Platz — — —.“
-
-Pause, in der der Staatsanwalt (Arzt) den Verbrecher mustert, ob
-Paralyse oder Simulation vorhanden sei — — —.
-
-„Also, mein lieber Peter Altenberg, ich kenne Sie nämlich schon seit
-langem aus Ihren interessanten Büchern, und erlaube mir daher den
-konventionellen Titel „Herr“ bei einem berühmten Manne wie Sie
-wegzulassen. Ihre Verehrerinnen apropos sollen Sie ja direkt mit ‚P. A.‘
-titulieren!? Diese _Ehrenabkürzung_ wage ich bisher noch nicht — — —.
-
-Aber zur Sache! Also, mein lieber Peter Altenberg, was werden wir denn
-zum Frühstück nehmen?!?“
-
-„_Wir?!_ Das weiß ich nicht. Aber ich selbst nehme Kaffee, hellen
-Milchkaffee — — —.“
-
-„Kaffee?! So?! Also Kaffee, hellen Milchkaffee — — —?!? Also schön,
-Kaffee — — —!“
-
-„Ja, bitte, es ist mein gewöhnliches Getränk, an das ich seit dreißig
-Jahren gewöhnt bin — — —.“
-
-„Ganz gut. Aber Sie sind eigentlich hier, um sich von Ihrer bisherigen
-Lebensweise, die Ihnen anscheinend bisher nicht besonders genützt hat,
-zu _entwöhnen_, vielmehr die _nötige Energie_ zu akquirieren, solche
-_Veränderungen_ Ihrer gewohnten, ja vielleicht _allzu gewohnten_
-Lebensweise allmählich wenigstens vorzunehmen!?! Nun, bleiben wir also
-vorläufig beim Milchkaffee. Aber weshalb diese dezidierte Aversion gegen
-Tee?! Man kann auch Tee mit Milch verdünnt trinken — — —?!“
-
-„Ja, aber ich pflege Milchkaffee zu trinken — —.“
-
-„Haben Sie, Herr Altenberg, einen bestimmten Grund, den Genuß von Tee
-des Morgens für Ihre Nerven für unzukömmlich zu halten?!?“
-
-„Ja; weil er mir nicht schmeckt — — —.“
-
-„Aha, das wollte ich eben nur wissen. Also, mein lieber Herr, was nehmen
-Sie denn zu Ihrem so geliebten und _anscheinend unentbehrlichen_
-Milchkaffee dazu?!?“
-
-„Dazu?! Nichts!“
-
-„Nun, irgend etwas _Konsistentes_ müssen Sie doch dazu nehmen! Ein
-leerer Kaffee schmeckt einem ja gar nicht — — —.“
-
-„Nein, ich nehme nichts dazu; mir schmeckt nur ein _leerer_ Milchkaffee
-— — —.“
-
-„Nun, mein sehr geehrter Herr, bei uns geht das eben nicht. Sie werden
-mir freundlichst die _Konzession_ machen müssen von zwei Buttersemmeln
-— — —.“
-
-„Ich hasse Butter, ich hasse Semmeln, aber noch mehr hasse ich
-Buttersemmeln!“
-
-„Nun, diesen Haß werden wir schon noch _besiegen_! Ich habe schon
-_schwierigere Kunststücke_ fertiggebracht, mein Lieber — — —. So, und
-jetzt begeben Sie sich stillvergnügt zu Ihrem Frühstück in der Veranda.
-Noch eins: Pflegen Sie nach dem Frühstück auszuruhen?!?“
-
-„Je nachdem — — —.“
-
-„Je nachdem gibt es nicht. Entweder Sie ruhen oder Sie machen Bewegung
-— — —.“
-
-„Also dann werde ich ruhen — — —.“
-
-„Nein, dann werden Sie eine halbe Stunde lang gehen — — —!“
-
-Der Delinquent verläßt wankend das Amtszimmer und begibt sich zum
-_Strafantritte_ auf die Veranda zum Frühstücke, verschärft durch zwei
-Buttersemmeln.
-
-Einige Tage später. Der Staatsanwalt: „Nun, sehen Sie, mein lieber
-berühmter Dichter, Ihr Gesichtsausdruck ist schon ein viel freierer, ich
-möchte sagen, ein menschlicherer, nicht so präokkupiert von fixen Ideen
-— — —. Haben Ihnen die zwei Buttersemmeln geschadet?! Na also!“
-
-Nein, sie hatten ihm nicht geschadet, denn er hatte sie täglich im
-Hühnerhofe verteilt — — —.
-
- _Nachmittagsvisite._
-
-„Herr Peter Altenberg möchten sogleich zum Herrn Direktor komme — — —.“
-
-„Setzen Sie sich, bitte.
-
-Ich habe Ihnen den Alkoholgenuß strengstens untersagt — — —.“
-
-„Jawohl, Herr Direktor — — —.“
-
-„Kennen Sie diese ganze Batterie von leeren Sliwowitz-Flaschen?!?“
-
-„Jawohl, es sind die meinen — — —.“
-
-„Man hat sie heute unter Ihrem Bette aufgefunden — — —.“
-
-„Ja, wo sollte man sie denn sonst auffinden?! Ich habe sie ja dort
-deponiert — — —.“
-
-„Wie haben Sie sich das Gift in meiner Anstalt verschafft?!“
-
-„Ich bestach jemanden. Sein ehrliches Gewissen ließ es bei zwei Kronen
-nicht zu. Da offerierte ich ihm drei Kronen.“
-
-„Sie sind also unschuldig an der ganzen Sache, sondern der ungetreue
-Diener ist der Schuldige! Ich werde ihn zur Rechenschaft ziehen, obzwar
-er bereits fünfundzwanzig Jahre im Hause ist und er sich, _soweit ich es
-übersehen konnte_, stets einer tadellosen Konduite erfreut hat — — —.“
-
-„Herr Direktor, Sie haben mir doch noch gestern gesagt, daß ich in Ihrer
-Anstalt und durch das regelmäßige solide Leben hier mich um zwanzig
-Jahre direkt verjüngt hätte und fast gar nicht mehr wiederzuerkennen
-sei?!?“
-
-„Das sagte ich _aus pädagogischen Gründen_, um Ihr Selbstbewußtsein zu
-stärken — — —.“
-
-„Herr Direktor, darf ich mir die leeren Sliwowitz-Flaschen bei Ihnen
-später abholen lassen ?!? Ich bekomme nämlich für jede sechs Heller
-retour — —.“
-
-Direktor zu dem unredlichen Angestellten: „Sie Anton, wie konnten Sie
-sich unterstehen, nach fünfundzwanzig tadellosen Dienstjahren, einem
-Patienten, und sei es auch ein berühmter Dichter mit Eigenheiten, solche
-Mengen Branntwein gegen Bestechung zu verschaffen?!?“
-
-„Aber Herr Direktor, wenn ich das nicht schon seit Jahren bei hundert
-Alkoholikern getan hätte, wäre uns ja ein jeder schon am dritten Tag
-davongegangen, und wir hätten unsere Anstalt leer stehen gehabt!“
-
-„Nun gut, Anton, aber sorgen Sie wenigstens dafür von nun an, daß die
-leeren Flaschen nicht gefunden werden — — —.“
-
-„Herr Direktor, das hat mir der Diener Franz angetan, aus Rache, weil
-ich mir soviel nebenbei verdiene — — —.“
-
-Direktor zum Diener Franz: „Sie, Franz, kümmern Sie sich um Ihre eigenen
-Angelegenheiten! Sie verdienen genug, indem Sie unsere Alkoholiker mit
-unseren Hysterikerinnen ein wenig ‚_anbandeln_‘ lassen — — —. Ein jeder
-hat sein Ressort. In einer Anstalt muß Ordnung herrschen!“
-
-
-
-
- DIE ROMANTIKERIN I.
-
-
-Ich hielt diese Fünfzehnjährige wirklich für ein Ideal slawischer
-Schönheit, Stumpfnase natürlich, aschblondes Haar, hechtgraue oder
-taubengraue Augen. Alles an ihr gefiel mir, und nichts an ihr mißfiel
-mir. Ihr Schweigen war düster-merkwürdig, ihre Interesselosigkeit an den
-Dingen des Lebens erschien mir wie die versteckte Weisheit eines
-vorausahnenden, gleichsam seherischen jungen Geschöpfes, an das doch
-heutzutage, wie die Dinge einmal stehen und liegen, sich in jedem
-Augenblick _irgendeine Niederträchtigkeit_ heranschleichen könnte! Aber
-vorläufig war sie geborgen, beschützt, geborgen! Nun, trotz alledem war
-ich nur ein kühler Beobachter, den das alles absolut gar nichts anging,
-und der sich höchstens einmal zu einem Veilchensträußchen für 60 Heller
-aufschwang. Ich sagte zwar, es habe eine Krone gekostet, aber mit gutem
-Recht, da die Prozente, die mir die Blumenhändlerin als einem Dichter
-gab, eine Privatangelegenheit bilden für sämtliche Beteiligte. Nun,
-eines Tages bat mich die Süße, ob sie für ein Stündchen in meinem
-Zimmerchen ausruhen dürfe, während ich auf dem Spaziergang befindlich
-wäre. Ich erlaubte es ihr. Als ich abends mein Zimmer betrat, lagen,
-nett angeordnet im Kreise, sieben Haarnadeln auf der weißen Marmorplatte
-meines Nachtkästchens, als stiller Dank für die Beherbergung. Seitdem
-bin ich ein anderer Mensch geworden. Diese kindlich-zarte,
-spielerisch-nette Romantik hat mich gerührt. Diese sieben Haarnadeln
-sind etwas Positives von ihr, sie befanden sich vordem in ihren
-aschblonden seidenweichen Haaren. Ich empfand es als eine kolossale
-Belohnung, ich bewahrte die Haarnadeln in Seidenpapier und schrieb das
-Datum darauf. Ich nehme sie oft heraus und betrachte sie. Ich bin kein
-objektiver Beurteiler mehr seitdem. Ich denke immer, wie nett sie diese
-sieben Haarnadeln im Kreise angeordnet hatte, wie eine Zeichnung für
-Anfänger, strahlender Stern. Ich werde mich schon wieder „zur
-Objektivität“ durchringen, denn es ist das Einzige, was man hat, wenn
-man gar nichts hat!
-
-
-
-
- ERBLEICHET! ERRÖTET!
-
-
-Ich kann es immer nur wiederholen und wiederholen: „Suchet _Zugluft_
-auf!“ Es gibt eine ganz einfache Art für reiche Leute, 150 Jahre alt zu
-werden, das ist, neben dem Chauffeur, bei jeglichem Wetter, mit freiem
-Halse und ohne Hut durch die Welt zu fahren, und nur nachts in ruhigen
-Zimmern, bei _weit geöffneten_ Fenstern, zu rasten. Zugluft ist das
-Heilmittel! Alles daran zu setzen, sie _vertragen_ zu können, ist das
-Wesen des modernen „Höchstkultivierten“! Angst vor Rheumatismus oder
-Bronchialkatarrh ist das _absolut untrügliche_ Zeichen eines tief
-rückständigen _unaristokratischen_ Organismus! Da helfen weder Ahnen,
-noch sogenannte _künstlerische Qualitäten_! Der betreffende Organismus
-ist in jeglicher Beziehung „geschnapst“. Ein Sänger, der seinen Kragen
-hochstellt, ist kein Sänger. Seine Kunst kann ihn in jedem Augenblick im
-Stiche lassen! Regen, Sturm müssen dem echten Sänger Labsal, ja
-Erquickung sein! Er setze sich auf dem herrlichen Plateau der Rax
-tagelang dem Gebrause aus! Was die Legföhre aushält und das
-Rhododendron, gerade eben dasselbe muß _auch er aushalten_! Abgehärtete
-Frauen sind bereits _dadurch allein_ schon in einer „höheren
-Rangsklasse“! Verwöhnte sind Gänse, _in jeder Beziehung_! Ich kenne alle
-Seelen und Gehirne der nicht absolut abgehärteten Menschen. _Es ist
-Talmi und Pofel!_ _Schein_-Existenzen!
-
-
-
-
- OSTERMONTAG AUF DEM SEMMERING
-
-
-Die Lärchenbäume haben sich jedenfalls noch nicht verändert. Sie sind
-gelb-grau geblieben wie im Winter. Sie lassen keine Hoffnung zu. Bis
-alles geschehen sein wird, der _geordnete sichere_ Frühling, dann erst
-werden sie ernstlich „ergrünen“. Sie sind „voraussichtige Genies“ unter
-den Gewächsen, so Bismarcks, Moltkes der Pflanzenwelt. Andere sind allzu
-hoffnungsvoll, stecken den Kopf heraus, glauben, es wird sich schon
-machen, zum Teufel!, und, hast du nicht gesehen, sie verwelken! Aber die
-Lärchenbäume sagen: „Wenn wir einmal anfangen, grün zu werden, dann,
-dann gibt es _kein Zurück mehr_, verstanden?! Und dann bis in den
-Spätherbst hinein, hurra!“ Der rote Vogelbeerbaum macht etwas Ähnliches,
-erhält sich sogar mit weißen Schneehütchen seine grellroten Vogelbeeren,
-die letzte Nahrungsstätte der gedrungenen farbigen Gimpel!
-
-Ostermontag. Ein Arbeiter spielt auf der Harmonika, und eine Frau ruft:
-„Zum Essen!“ Irgend etwas Besonderes gibt es heute, etwas, was die
-„gewöhnlichen Ausgaben“ übersteigt! Romantik des Feiertagsessens! So
-hatten wir in unserer Kindheit Sonntags stets „Juliennesuppe“, Poulard
-mit Erdäpfelsalat, und Karamelpudding mit Himbeersaft. Der Himbeersaft
-war nie gewässert, verdünnt, wie stets in anderen Bürgerhäusern; denn
-meine Mama hatte die Absicht, eine jede Hausfrau zu demütigen, zu
-blamieren, indem sie erklärte, in ihrem Hause werde der Himbeersaft,
-direkt aus der Originalflasche, _unverdünnt_ serviert! Viele Damen
-hielten sie infolgedessen für verschwenderisch, ja sogar in gewisser
-Hinsicht für exzentrisch. Andere aber bewunderten sie als eine Art von
-zwar unverständlichem, aber dennoch höherem Wesen; Himbeersaft direkt
-aus der Originalflasche!?
-
-Vor meinem Fenster ist ein Reh in einem Holzverschlage. Es ist so ein
-Plakat für „Wildreichtum der umliegenden Waldungen“! Es schnuppert wie
-eine Ziege, es denkt: „Die Freiheit habe ich eingebüßt, da will ich
-wenigstens kulinarisch genießen!“
-
-Im „Kino“ schießt ein kleiner Knabe alles aus einer von einem Onkel
-geschenkten Büchse zusammen. Zuletzt schießt er den schweren Lüster vom
-Plafond herunter. Da sagte ein dreijähriges Mäderl neben mir: „Ist der
-Lüster jetzt gestorben?!“ „Nein,“ erwiderte ich, „er hat sich nur ein
-bißchen weh getan!“
-
-Es ist Ostermontag. Ein jeder glaubt es zu spüren direkt, weil er es
-nach dem Kalender weiß! Morgen, 9. April, ist ihr zwölfjähriger
-Geburtstag. Aber ich darf ihr nicht gratulieren; erstens, weil die
-Herren Eltern es nicht erlauben, zweitens, weil ich weder ihren Namen
-noch ihre Adresse weiß! Aber ich habe sie gehen gesehen, das genügt für
-meinen _Turmfalkenblick_! Ich würde ihr schreiben: „Dante Alighieris
-Beatrice, 1912“! Aber wozu?! Bin ich Dante?! Nach 500 Jahren soll man
-sie mit mir in Beziehung bringen! Siehe, meine Seele hat _Zeit_, über
-ihren eigenen Tod hinaus zu _warten_! —
-
-
-
-
- BERGHOTEL-FRONT
-
-
-Sechs Uhr morgens. Ein nebeliger Julimorgen. Alles duftet nach
-feuchtigkeitsdurchsogenem Waldboden. Alle Fenster sind geschlossen, bis
-auf die der jungen Schönheit, die vor den Toren der Lungentuberkulose
-angelangt ist. An diesem Fenster hängt, vom gestrigen Abendprunke, ein
-tiefblau seidenes Gewand, bewegt sich im Morgenwinde. Irgendwo singt
-eine Kinderfrau ein Kindchen wieder in den unterbrochenen Morgenschlaf
-ein. Ein Hund kriecht vorüber, als käme er von einer Sündennacht außer
-Hause. Ich denke: „Klara, Franziska, Sonja — — —“, und belausche ihre
-geliebten Kinderatemzüge, die ich nicht höre!
-
-
-
-
- LANDPARTIE
-
-
-Ich bin „radikal“ geworden. Ich mache mit einer mir sympathischen Dame
-eine Eisenbahnfahrt von 25 Minuten nach M. Wenn sie nicht am Fenster
-lehnt und in die Landschaft hinausstarrt, bin ich bereits enttäuscht,
-nicht mehr ganz „à mon aise“. Sie erwartet also „anregende
-Konversation“, pfui! Wenn sie sagt: „Es zieht, machen Sie, bitte, das
-vis-a-vis-Fenster zu“, bin ich mit ihr fertig. Rheumatismus zieht nicht
-bei mir, das ist schlechtrassig, so 1870, zur Krachzeit. Wenn ich ihr in
-M. das herzige, brausende, dunkle Flüßchen zeige, muß sie entzückt sein,
-ja sie muß, sie muß, sie muß! Wenn ich ihr den Frieden der langen
-Dorfstraße zeige, muß sie selbst „friedevoll“ werden! Wenn ich ihr das
-niedere, schneeweiße Haus zeige mit den schwarzen Eisengittern und den
-vergoldeten Schleifen und sage: „Hier hatten die Generäle Napoleons des
-Ersten Quartier!“, so muß es ihr wie heiliger Schauer über ihren rosigen
-Rücken laufen! Billiger gebe ich es nicht. Es sind schlechte Zeiten
-angebrochen für wirklich zarte Seelen, und daher muß man prüfen, ehe man
-ewig Landpartien macht! Wenn sie in dem kleinen, traulichen
-Dorf-Kaffeehaus ihren Tee selbst bezahlt, ist es gut. Wenn nicht, ist es
-bedenklich. Wenn sie den Sonnenuntergang nicht beachtet, sondern lieber
-von einem erzählt, der sie einst sehr, sehr geliebt hat, ist es
-vollkommen verfehlt. Auch der Rauch der Lokomotiven sogar hat sie zu
-interessieren. Wenn sie sagt: „Ich möchte nicht gar zu spät nach Hause
-kommen“, so ist es falsch. Mit mir kommt man immer _zu früh_, und nie zu
-spät nach Hause. Auf der Rückfahrt hat sie eine andere zu sein wie auf
-der Hinfahrt! Wie sie das macht, ist _ihre_ Sache! In dem „langen
-Tunnel“ hat _nichts_ zu geschehen! Aber sie hat es innerlich zu
-bedauern, _daß_ es so war! Ich bin „radikal“ geworden. Eine Fahrt von 25
-Minuten; Aufenthalt; retour — und ich weiß alles!
-
-
-
-
- PSYCHOLOGIE
-
-
-Ich beurteile schon seit längerer Zeit die Menschen nach den
-_Gegenständen_, die sie tragen, lieb haben und für hübsch finden. Das
-ist ein „biografical essay“ über ihr eigenes Wesen! Zum Beispiel sind
-mir Männer höchst suspekt, die Stöcke tragen mit oxydierten
-Silbergriffen, die irgend etwas vorstellen, wie Hundekopf, Schlange oder
-gar ein reizendes Frauenköpfchen mit Lockengewirr. Freilich haben die
-Kerls dann die Ausrede, sie hätten es von einem lieben Freund geschenkt
-erhalten; aber erstens hat man keine solchen geschmacklosen Freunde eben
-nicht zu haben (_zwei_ Verneinungen geben leider eine Bejaung), und
-zweitens kann man das Geschenk einem guten Freund auch über den Schädel
-hauen. Überhaupt bin ich unter _kultivierten Menschen_ nur für „_Bons_“
-in einem bestimmten Geschäft! Suspekt ist mir auch rosa, hellblaue und
-grellrote Seide, während Atlas, Samt oder Damast bereits zu den
-„leichten Vergehen wider die Sittlichkeit“ zu zählen sind. Bedruckte,
-nicht gewebte Krawatten, erregen ziemliches Bedenken, obzwar hier die
-„Natur-Bauernmuster“ noch zu _pardonnieren_ sind. In „einer einzigen
-Farbe“ gekleidet sein, vom Hut bis zu den Schuhen, ist „letzte
-Aristokratie“ 1913! Schirme haben nur _Naturgriffe_ zu haben. Ein
-_freier Hals ist edelrassig_. _Hohe_ Krägen sind ein _Nonsens_, außer
-für Störche. In einem Kleidungsstücke nicht _sämtliche_ Bewegungen eines
-erstklassigen Parterreakrobaten im „Apollotheater“ machen zu können, ist
-_schlechtrassig_! Hosen können nie breit genug sein, und sind _immer_
-noch viel zu eng! Letzte Knöpfe am Gilet _offen zu lassen_, ist eine
-miserable Vergeßlichkeit. Jemandem, der sagt, er wolle nicht auffallen,
-dem erwidere ich, daß auch Beethovens Adagios auffallend waren, nämlich
-_auffallend schön_! „Die Herde ist _das_, wovon man sich _in allem_ zu
-unterscheiden hat!“ „Man trägt jetzt — — —“ ist ein _hundsordinärer_
-Blödsinn.
-
-„Guten Morgen, mein Herr, wie steht Ihr wertes Befinden?!“ sagte ich zu
-einem Fremden, der auf dem „Semmeringer Hochweg“ mit _Zylinder_
-spazieren ging.
-
-„O sehr gut, in dieser herrlichen Gebirgswelt; aber woher kennen Sie
-mich denn?!“
-
-„Ich kenne Sie seit Ihrer Geburt wie meine eigene Tasche, da ich sehe,
-daß Sie hier einen Zylinder tragen — — —“
-
-„Ich bin das meiner Stellung in der Welt schuldig, mein Herr — — —“
-
-„Auch das habe ich sogleich bemerkt, daß Sie irgendjemandem irgend etwas
-schuldig sind — — — !“
-
-
-
-
- VOR-VORFRÜHLING
-
-
-11. Februar. Semmering. Ich versuchte es, nach drei Wochen Krankheit
-auszugehen. Alles schwamm in Nebel und Nässe. Die Rodelwege waren nicht
-mehr vorhanden, ein grauer Schlamm mit ein wenig Glatteis waren an ihrer
-Stelle. Alles war schmutzig, ungepflegt, bereitete sich vor für sonnige
-Frühlingstage, die trocknen, fegen und beleben sollten, vor allem aber
-mit der Winterwirtschaft ein Ende machen. Denn weshalb noch hinziehen,
-was ohnedies vergehen soll?! Um jedes Gebüsch herum waren tiefe
-Schneelöcher, die Dächer trieften vor glänzender Nässe, ebenso die
-eisernen Straßengeländer. Schneerosenknospen wuchsen überall, man
-stellte sie in Gefäße, aber sie erblühten nicht, aus irgendeinem
-versteckten Grund. Man bedauerte die Vögel nicht mehr, Krähen und
-Gimpel, obzwar sie jetzt ebensowenig zu fressen hatten wie im starren
-Winter. Die, die das überstehen hatten können, würden auch das noch
-überstehen. „Ein miserables Wetter“, sagen alle, obzwar es in seiner
-Miserablität gerade _rührend schön_ ist. Die Menschen ziehen sich
-zurück, wie vor einem Menschen, der nicht mehr „sein Bestes“ leistet. Es
-ist nicht Fisch, nicht Fleisch, sagen sie einfach. Nein, aber es ist
-_rührendes Patschwetter_. Ich finde es nicht, daß es weniger anziehend
-ist als der starre Winter und der helle, klingende Frühling. Der
-zerrinnende Schnee ergreift mich. Er war einst so herrschsüchtig, so
-unerbittlich, so zäh-fest. Die „Champions“ liebten ihn, nun sind sie von
-ihm abgefallen. Sie können ihre überschüssigen Lebenskräfte nicht mehr
-an ihm erproben, schwächlich geworden, sucht er, gleichsam verlegen, in
-Bächlein abzurinnen, zu verschwinden. Und man hatte ihn doch so sehr
-geliebt, direkt verhätschelt, als er noch _brauchbar_ war. Jetzt könnte
-man singen:
-
- „Schnee, du wirst grau und schmutzig — — —
- was ist mit dir?!
- Zu nichts mehr bist du nütze — — —.
-
-Willst du vielleicht sogar meinem geliebten Kinde einen Schnupfen
-bringen?!? Du Schnee, dann, dann mag ich dich auch nicht mehr,
-verschwinde!“ Und im Gelände werden bald Primeln und Veilchen stehn, und
-ich werde sie pflücken und sie dir nicht geben, das heißt _äußerlich_,
-vor den Menschen. Aber _vor Gott_!
-
-
-
-
- GEDENKBLATT
-
-
-Es ist merkwürdig in meinem Leben. Immer dasselbe. Als ob ich nicht
-älter, nicht reifer würde. Und ich bin doch schon uralt und todeskrank.
-In meinem 35. Lebensjahr, an meinem heißgeliebten Gmundener See,
-schlossen sich zwei Kinder, von 9 und 11 Jahren, mit ihren zarten Seelen
-leidenschaftlich an mich an. Dadurch entstand meine überhaupt erste
-Skizze, die ich je geschrieben habe, in der Nacht nach dem Abschied der
-Kinder von mir, „9 _und_ 11“. Eines Abends erklärte die 9jährige unter
-Tränen, indem sie das Nachtessen verweigerte, sie würde nichts mehr
-essen, bis ich nicht zu ihnen ins Haus zöge. Daraufhin schrieb mir der
-Vater, er verbitte sich von nun an jeglichen mündlichen und brieflichen
-Verkehr, ja sogar den Gruß auf der Straße, da er meinetwegen doch nicht
-auswandern wolle. Und so geschah es, strikte nach seinem Befehl. Acht
-Jahre später erschien nach einer Burgtheaterpremiere der Vater mit
-seinen, zu herrlichen Geschöpfen erblühten Töchtern an meinem Stammtisch
-im „Löwenbräu“. „Ich komme zu Ihnen, denn mein Töchterchen A. hat sich
-gerade so, von selbst, entwickelt, als ob Sie wirklich, ihrem heißen
-Wunsch gemäß, damals zu uns gezogen wären; eine weltenferne Träumerin!“
-
-Drei Tage später traf sie in der Kärntnerstraße, bei „Schwarz und
-Steiner“, der Gehirnschlag. Sie hatte gerade vorher gesagt: „Da geht
-mein Loge-Sänger „Schmedes“, mit seinem gazellenfüßigen, herrlichen
-Töchterchen...!“ Sie wankte und war tot.
-
-Ich fuhr mit den Eltern im Trauerwagen.
-
-Da sagte der weinende Vater, der nun auch schon tot ist: „Wenn ich das
-hätte ahnen können, hätten Sie vor acht Jahren unbedingt zu uns ziehen
-müssen — — —!“
-
-„Nein“, erwiderte ich, „auch wenn Sie das hätten ahnen können, wäre
-Ihnen eine _tote Tochter_ lieber gewesen als eine, die den _Dichter
-verehrt_!“
-
-
-
-
- OBERFLÄCHLICHER VERKEHR
-
-
-Ein Herr, den ich zehn Jahre lang nicht gesehen hatte, kam im Berghotel
-per Automobil an und sagte zu mir: „Gut, daß ich gerade Sie hier
-begrüßen kann. Sie kennen sich doch auf dem Semmering gewiß gut aus. Wo
-ist hier der _Raseur_?!“ — „Gleich im Hause daneben“, erwiderte ich. —
-„Ich wußte es ja,“ sagte er beglückt, „daß ich mich an die richtige
-Adresse gewendet habe; adieu — — —.“
-
-Ein Herr schreibt mir aus Prag: „Teurer verehrter Meister, in Ihrem
-Buche „Prodromos“ ist ein englischer Reibhandschuh angepriesen. Kann ihn
-in ganz Prag nicht finden. Bitte auch um genaue Angabe des Preises!“ Ich
-schrieb zurück: „Bürsten sind nur in Eisenhandlungen zu finden, Preis 1
-Krone und 10000, je nach der Qualität!“
-
-Eine Dame, die mir ausnehmend gut gefiel, sagte mir: „Ich habe ein
-diskretes Anliegen an Sie. Können Sie mich nicht mit Ihrem reizenden
-Freunde bekannt machen?!“ — „_Nein!_“ erwiderte ich schlagfertig.
-
-Ein Herr aus Berlin schrieb mir: „Wie lange wollen Sie noch uns Leser
-mit Ihren Brocken von angeblicher Seelentiefe _anöden_?!“ Ich erwiderte,
-ich sei zwar schon ziemlich abbröckelnd, aber den genauen Zeitpunkt des
-_definitiven Endes_ könne ich nicht angeben, er möge sich noch ein wenig
-gedulden — — —.
-
-Jemand fragte mich, wo denn eigentlich meine Bücher zu haben seien?!
-Worauf ich erwiderte: „Ich glaube, der Bäckermeister oder der Schuster
-dürfte noch einige Exemplare auf Lager haben — — —.“
-
-Jemand schrieb mir aus Klein-Höflein, wo ich nie gewesen war und auch
-_niemanden_ kenne: „Falls Sie nicht innerhalb acht Tagen Ihre Schuld von
-11 Kronen 60 Heller bezahlen, werde ich die Sache meinem Advokaten
-übergeben!“ Infolgedessen bezahlte ich 11 Kronen 60 Heller nach
-Klein-Höflein. Wenn ich nur wüßte, wo dieser Ort liegt?!
-
-Jemand sagte zu mir: „Ah, Sie sind der berühmte Herr Paul Altenberger,
-über den so viele gute Witze kursieren?!“ Ich sagte, ich hätte noch
-andere Qualitäten, und entfernte mich hoheitsvoll-gelassen.
-
-Eine junge Dame sagte zu mir: „Einmal und nicht wieder!“ Ich hatte sie
-nämlich ihr Nachtmahl selbst bezahlen lassen. Freilich hatte ich die
-vergebliche Hoffnung gehabt, sie würde auch meines gleich mitbezahlen
-— — —.
-
-Eine reiche Familie, der ich es mitteilte, daß heute, 9. März, mein
-Geburtstag sei, sagte im Chore, daß man es mir wirklich gar nicht
-ansehe, ich schaute aus wie ein guterhaltener Fünfziger. Mir wäre es
-lieber gewesen, ich hätte den „Fünfziger“ gut erhalten!
-
-Das sind lauter oberflächliche Bekanntschaften, nichts Solides dahinter,
-kein Gemüt und kein Geld. Es ist sehr, sehr schwer, Menschen zu finden,
-die sich wirklich und ernstlich an einen anschließen — — —.
-
-
-
-
- BEAUTÉ
-
-
-_So wenig_ also hältst du von der Schönheit deines nackten weißen oder
-braunen Edelleibes, daß du dich verpflichtet fühlest, ihn zu schmücken,
-sagen wir „behängen“ und „belasten“ mit hundert Edelfellchen wertvoller
-Tierchen?!
-
- Stolz nennst du die _Summe_, die es _gekostet_ hat — — —.
- Erhöht es deinen Wert, daß man _für dich bezahlte_?!
- Du weißt, die Besten gehen _in geflickten Kitteln_,
- ihr Pelz ist Demut und Bescheidenheit.
- Oder sie tragen das _heilig-einfache_ Gewand der Pflegeschwestern.
- Schwarz weiß und eine große Brosche in Email mit einem Kreuz
- zierten euch mehr!
- Von _innen_ strahlt der Wert nach außen aus,
- mit Mardermänteln bleibst du roh und _nichtig_!
- Ich _hasse_ jene Männer, die euch lieben,
- in eurem stinkenden Prunke!
- Nein, ich hass’ sie _nicht_,
- denn ihre _Liebe_ ist _derselbe_ Schein wie Eure Fetzen,
- sie lieben nicht — — — sie _hassen_ und _verachten_ Euch
- vielleicht _noch mehr_, berechtigter als ich!!! Jedoch, sie _müssen_!
-
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- DIE SPIELEREIEN DER REICHEN LEUTE
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-In einem ersten „Cercle“ der Residenz kam man auf die Idee, einen Preis
-von 10 Flaschen Champagner auszuschreiben für die allerstupideste Frage.
-Ein Graf gewann den Preis mit der Frage: „Comment un homme de tacte et
-de goût doit-il se comporter, lorsqu’il rencontre la nuit dans une forêt
-un _accent circonflexe_?!“
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- RICHTIGE, ABER EBEN DESHALB WERTLOSE BETRACHTUNGEN
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-Es ist eigentlich ganz widersinnig, auf eine Frau eifersüchtig zu sein,
-die einem noch gar keine Konzessionen gemacht hat. Denn _je mehr_
-Konzessionen sie _den anderen_ macht, _desto größer_ ist die Chance, daß
-sie einem dieselben mache, und _eventuell_ noch größere! Es ist die
-falsche _ewige_ Hoffnung, sie für _sich allein_ erlangen zu können! Aber
-das _kann man nicht_. Denn es hängt nicht von dem ab, was sie gewähren,
-oder _nicht_ gewähren will, sondern von der ewigen Reizung ihres
-Nervensystems, daß tausend Männer das und das _von ihr_ sich _ersehnen_!
-_Das_ allein läßt sie nicht „zur Treue“ kommen. Es wäre denn, daß man
-alle anderen überbiete! Aber solche „Coups“ gelingen selten auf der
-_Lebensbörse_!
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- DIE PROBE
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-Es gibt eine sichere Probe für Sympathie. Ich denke mir alle schönen
-Mädchen hier in dem Berghotel, die mir gefallen, der Reihe nach quer
-über eine breite weiße Landstraße aufgestellt. Plötzlich rast von einer
-scharfen Kurve her ein riesiges Automobil. Welche wirst du instinktiv
-zurückreißen, erretten?!? Von allen nur Klara, Franziska und die blonde
-13jährige süße Ungarin!
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- EREIGNIS
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-
-Am 24. Juli haben sie die Bergwiesen gemäht — — —
-
-hingeschnitten die diskreten Farben eines alten Perserteppichs — — —
-
-die Duft-Symphonien abgebrochen unserer „musikalischen Nasen“! Wie ein
-Kapellmeister „abklopft“.
-
-Frischer einfacher Heuduft wurde sogleich, und schon ahnte man feiste
-Kühe mit den Stampfmühlen ihrer feuchten Mäuler für die rosigen Euter es
-vorbereiten!
-
-Wie _Urkraftrausch_ waret ihr, Bergwiesen, bis zum 24. Juli.
-
-Es dröhnte von Hummeln; es schimmerte braunwolkig, distellila,
-schafgarbenweiß , königskerzengelb, arnikagold; es roch wie „Menagerie“,
-„Apotheke“; wie Bienenhonig schmeckt, so roch es im vorhinein.
-
-Es betäubte süß und belebte.
-
-Es vermittelte: sanft einschlummern, frisch erwachen!
-
-Nun ist es nicht mehr.
-
-
-
-
- ENDE
-
-
-Vom 17. September 1911 bis 19. Oktober 1912 war sie seine kleine
-Heilige. Sie war geboren 9. April 1900.
-
-Dann erzählte ihr eine Dame der sogenannten „guten Gesellschaft“, daß er
-ein Säufer sei, und schon zwei Jahre im Irrenhaus interniert gewesen
-sei.
-
-Hatte er sie seitdem weniger lieb?! Das war ja unmöglich.
-
-Aber sie schämte sich _seitdem_ seiner Verehrung — — —.
-
-Die Liebe eines besoffenen Tollhäuslers?! Pfui Teufel!
-
-Da wollte er ihr das ersparen, und mied sie von nun an.
-
-Hie und da hörte er in den Korridoren des Hotels ihre geliebte
-jauchzende Kinderstimme.
-
-Da schloß er denn die beiden Türen seines Zimmers und warf sich, in
-unmeßlichen körperlichen und seelischen Qualen, auf sein Sofa hin.
-
-So endete eines seiner schönsten, seiner tiefsten _Lebensgedichte_, das
-viel Leid, viel Begeisterung und viel, viel Liebe in sich ein Jahr lang
-geborgen hatte!
-
-
-
-
- NACH ABWÄRTS
-
-
-Niemand beschrieb noch körperliche Qualen — —
-
-weißt du, wie Brandwunden sind am zarten Fingerballen?! So brennt es dir
-im ganzen Leibe,
-
-und keine Linderung durch aufgelegtes Leinöl;
-
-es brennt Tag und Nacht.
-
-Wie eine mittelalterliche Folter, der du unterliegst; die Folterknechte
-aber sind im Innern; und unsichtbar ereignet sich das Schreckliche.
-
-Scheinbar friedlich sitzest du in deinem Zimmerchen,
-
-und draußen ist der braune Bergwald.
-
-Er kann dir nicht mehr helfen, er, der dir einst half zu den
-Begeisterungen, dem besten Mittel, jung und stark zu sein!
-
-Und nachmittags irr’ ich in den langen, schmalen, düsteren Korridoren,
-
-das Antlitz meiner kleinen Heiligen zu sehn.
-
-Wenn ich sie erschaue, ergreift mich der Gram.
-
-„Wie geht es Ihnen heute?!“ sagt sie sanft, und blickt erstaunt auf
-diese menschliche Ruine, die ihr fast täglich tiefe Hymnen singt — — —.
-
-
-
-
- ABSCHIED
-
-
-Mein geliebter Pinkenkogel, hart an meinem Fenster aufsteigend,
-
-ich sage dir _Adieu_!
-
-Ich muß nun wieder ins Exil hinter vier Mauern; die Menschen wollen
-„langsam Sterbende“ nicht sehn. Und diese wieder nicht die Menschen!
-
-Dazu sind diese „Institute“ da, daß nur der weite Park die Klagen höre.
-
-Der „Pfleger“ sieht die Träne ungerührt. Wo käm’ er hin, wenn er sich
-rühren ließe?!
-
-Geliebter Pinkenkogel, lebewohl — — —.
-
-Und sag’ auch ihr — — —
-
-wie liebt sie deine Bäume und deine Pfade aufwärts zu der Alm — — —
-
-und sag’ auch ihr — — —
-
-nein, sag’ ihr nichts!
-
-Sie weiß, daß unter allen Abschiedstränen
-
-die qualvollste _für sie_ vergossen ist — — —.
-
-
-
-
- KRANKEN-TOILETTE
-
-
-Wenn die Anverwandten zu Besuch kommen, wird der Kranke
-„herausstaffiert“. Das geschieht nicht etwa aus irgendeinem Versuche,
-die Verwandten über den Zustand des Kranken irrezuführen, sondern aus
-einem ganz einfachen Grunde: Man läßt den Kranken eben solange als
-möglich in seinem ihm notwendigen, ja zuträglichen Zustande von Apathie.
-Man zwingt ihn zu nichts, wartet es geduldig ab, bis er von selbst
-wieder zum gewöhnlichen Leben erwache. Aber gerade den Anverwandten darf
-man diesen Zustand von organischer und infolgedessen nützlicher Apathie
-des Kranken nicht vor Augen führen. Denn hierin ersehen sie nur eine
-traurige _Stagnation_ des Leidens, was ihnen in Anbetracht ihrer Sorge
-und ihrer eventuellen Geldopfer, auch Zeit ist Geld, sagt der Engländer,
-nicht erwünscht sein kann. Auch erhofft sich der Pfleger ein größeres
-Trinkgeld, falls der Patient den Eindruck von „rücksichtsvollster
-Pflege“ macht. Das ist doch ganz natürlich und selbstverständlich. Es
-ihm zu verübeln, wäre albern. Infolgedessen wird der apathische Kranke
-aus seiner wohltuenden Ruhe plötzlich aufgescheucht, gesäubert, rasiert
-und nimmt sich in seinem frisch überzogenen Bette aus, wie ein krankes
-Geburtstagskind. Alle Besucher sind einig darüber, daß er sich fabelhaft
-erholt habe, und schauen voll Bewunderung und Rührung einmal auf den
-bescheidenen Arzt, und einmal auf den stolzen Pfleger. Nach dem
-Besuchstage _verfällt_ der Kranke wieder. Gesundheit, Lebensfähigkeit,
-Energie hängen leider nicht von Besuchstagen ab der Anverwandten. Man
-schleppt sich hin, eine zerbrochene Maschine, und eines Tages steht man
-auf und ist gesund. Oder — — — man steht nicht mehr auf. Dann ist auch
-wieder Besuchstag. Man ist gewaschen, rasiert, liegt in einem frisch
-überzogenen Bette wie ein Geburtstagskind, aber wie ein totes. Nein, das
-sind Utopien. Bei Nacht wird man insgeheim weggeführt, denn niemand in
-der Anstalt soll wissen, daß „etwas sich ereignet“ hat, was keine
-Hoffnung zuläßt — — —.
-
-
-
-
- KUSINE
-
-
-Mit 52 Jahren stürzte meine Kusine ab vom Seekofel, beim Blumenpflücken.
-
-Mit 16 erhielt sie ihr erstes Ballkleid von „Maison Marisson“.
-
-„Sie muß die Schönste sein!“ sagte die Direktrice des Ateliers
-zuversichtlich.
-
-Zum ersten Male dichte Rüschen in gelbem Musselin. Bis dahin trug man
-nur weiße Ballkleider.
-
-Sie war die Schönste. Sie erregte Neid. Sie glaubte, ein Prinz werde
-kommen oder etwas Ähnliches, z. B. ein Bankdirektor. Was hätte sie
-anderes sich erträumen können, in gelben Musselin-Rüschen von der
-„Marisson“, und entouriert von allen?!
-
-Zum Souper meldeten sich 14 Herren.
-
-„Ich hab’ nur eine rechte Seite und eine linke“, sagte sie
-glückstrahlend.
-
-Mit 52 Jahren stürzte sie vom Seekofel ab, beim Blumenpflücken.
-
-Was sie erlebt, von 16 bis 52, ich weiß es nicht. Ich kenne nur ihren
-ersten Triumph und ihren letzten Absturz — — —. _Dazwischen_ dürfte so
-eine Melange gewesen sein von beiden!
-
-
-
-
- LIED
-
-
-Was nützt des Herbstes braune Symphonie?!
-
-Ich bin zu krank.
-
-Sonst sah ich alles mit dem Blick der Liebe, dem Blicke einer namenlosen
-Zärtlichkeit.
-
-Ich wußte wie die Buche sich verfärbt im frühen Froste,
-
-und wie ihre Röte allmählich erbräunt.
-
-Die Amsel raschelte im dürren Laub, die schwarze Schnecke zog über die
-Wege.
-
-Du sagtest mir, holdestes Kind, du müßtest nun in ein Institut, für 2, 3
-Jahre — — —.
-
-Ja, es ist Herbst geworden, und ich bin zu krank.
-
-
-
-
- ECHT
-
-
-Ich bin sehr _skeptisch_ in bezug auf _Empfindungen_. Festliche Stimmung
-bei Geburtstagsjausen, bedenkliche Gesichter bei schweren
-Krankheitsfällen können mir noch lange nicht imponieren. Ich kenne diese
-„Rolle“ wohlerzogener Leute. Darüber mehr zu sagen, wäre eine Banalität,
-obzwar auch dieses wenige schon eine beträchtliche ist. Aber _eine_
-Empfindung gibt es, die _nicht_ unecht ist, das ist das klägliche
-Aufheulen, ähnlich wie Hunde beim Klavierspielen, der allernächsten
-Angehörigen, in _dem_ Augenblicke, da der Sarg aus dem Schlafzimmer
-hinausgetragen wird. Da gibt es kein Schluchzen, kein adieu, kein
-Lebewohl, kein _oh_ und kein _ach_. Da gibt es nur ein klägliches
-erschreckendes Aufheulen, ein Winseln, wie wenn man den liebevollen Hund
-aussperrt, ihm die Türe vor der Nase zuschlägt. Freilich „derfangt“ man
-sich sogleich wieder, von den „nicht allernächsten“ Verwandten liebevoll
-gestützt, und wankt zu Hut, Handschuhen und Schirm. Der Leichenwagen
-wartet nämlich.
-
-Aber dieser _eine_ kurze Augenblick ist _echt_, da der Tote sein
-Schlafzimmer verläßt, getragen von vier fremden Männern. Da sagt man
-nämlich wirklich Adieu und heult auf, und winselt und spürt es daß
-eigentlich alles, alles auf der Welt nicht dafürsteht — — —.
-
-
-
-
- GESPRÄCH
-
-
-„Wie ist das also, Peter, mit dem ›Geben‹, wie Sie immer behaupten, das
-seliger sein soll als das ›Nehmen‹?! Wie ist das?!“
-
-„Das ist also so: wenn du an einem Bettler vorbeigehest, und du bist
-nur erfüllt, gehoben, durchwärmt von dem Gefühle, eine exzeptionelle
-Freude jemandem bereiten zu wollen, die in deiner Macht steht, sie zu
-spenden, und du schenkst ihm da eine Krone, während er dich ansieht,
-anstarrt, als hättest du dich nur in der Münzsorte vergriffen, du aber
-gehest, ihm zunickend, hinweg — — — das ist: _Geben_ ist seliger denn
-_nehmen_! Wenn du aber denkst: „Pfui, diese Belästigung! Dieser alte
-zerfetzte, demütige Hund!“ Und du gibst ihm dennoch 20 Heller, so
-hochnäsig-widerwillig, dann, dann ist: Geben _unseliger_ denn nehmen!“
-
-„Peter, also da hast du — — — 20 Heller! Nein, ich habe nur Spaß
-gemacht. Ich will dir eine Krone schenken, hole sie dir heute nacht von
-meinem Nachtkästchen ab — — —.“
-
-
-
-
- BILANZ
-
-
-Es gibt Dinge, die _unvergeßlich_ sind. Mit _diesen_ hat man seine Seele
-zu beschäftigen und alle anderen Dinge zurücktreten, verblassen,
-verschwinden, also allmählich _absterben_ zu lassen. Unvergeßlich ist
-das Vöslauer laue Schwimmbassin mit Lindengeruch. Dann der „Lackaboden“,
-Alm vor dem Schneeberg; die Bodenwiese mit den Kolröserln; Austern à
-discrétion, also sechs Dutzend; die kleine „Veilchenfeld“, die kleine
-Magda S., Evelyn H., Klara und Frantzi P. und Eva Leopold und Sonja
-Dunjersky. Dann Richard Wagner, Beethoven, Mozart, Bach, Grieg, Hugo
-Wolf, Richard Strauß, Johannes Brahms, Puccini, Massenet. Dann die
-„Topfen-Pastete“ und „Filet de Sole à la Morny“ und „Poires bonne femme“
-und „pommes concierge“. Dann „Hamsun“, „Strindberg“, „Maeterlinck“,
-„Gerhart Hauptmann“. Dann „Van Dyck“ als „Des Grieux“ in „Manon“, „Maria
-Renard“ als „Lotte“ in „Werther“, „Hermann Winkelmann“, in _allen_
-seinen Rollen. Dann der „Semmering“, zu _allen_ Jahreszeiten. Man muß
-„Buch führen“ über „reelle Werte“, im sonst leicht „passiv werdenden“
-Dasein! Frauen haben eine perfide Geschicklichkeit, „unreelle Werte“,
-wie Schmuck, Pelz, Kleider, in ihr „Plus-Konto“ des Lebens frech
-einzutragen. Da müssen sie halt die ganze Bilanz plötzlich durch einen
-„feschen Offizier“ wieder ins Gleichgewicht bringen! Auch „unglückliche
-Spieler“ legen sich plötzlich eine „Geliebte“ zu, um sich es in ihrem
-_falschen Buch-Konto_ zu verrechnen, daß sie „_an ihr_“ zugrunde
-gegangen sind!
-
-Eine richtige, anständige, ehrliche „Bilanz des Daseins“ führen nur die
-Selbstmörder. Aber wie wenige, hélas, gibt es noch heutzutage?!
-
-
-
-
- SEHR GEEHRTES FRÄULEIN!
-
-
-Sie lieben also Albert!?
-
-Sie suchen also eigentlich einen Mann, dem Sie „sein Alles“ sind; der
-durch Sie es vergißt, daß die Welt _erfüllt_ ist von herrlichen,
-merkwürdigen, anmutigen und originellen Geschöpfen!? Sie suchen also
-einen _Idioten_! Einen, dem Sie _die Schmach_ antun, ihn in einen
-Zustand zu versetzen, wie der Auerhahn auf der Morgenbalze. Einen, der
-vor Gefühl _nichts anderes_ mehr sieht und hört um ihn herum! Um ihm
-etwas _bieten_ zu können, rauben, stehlen Sie ihm seine Weltenseele, und
-für eine Haarnadel aus Ihren Haaren gibt er das Glück von Tausenden
-eventuell hin! Und diese Scheuklappenpolitik nennt Ihr dann „Liebe“! Ein
-_verdoppelter_ Egoismus, dem zum „heiligen _Dreibund_“ nur noch der
-miserable Köter „Putz“ fehlt, an den Ihr Euch gemeinsam attaschiert!
-
-
-
-
- HERBSTLIED
-
-
-Die Ahornblätter sind wieder goldgelb, man kann die einzelnen goldenen
-Bäume zählen im dunklen Forste. _Also_ ist es Herbst.
-
-Gerade vor einem Jahre sah ich sie, 25. September 1911.
-
-Sie war 11 Jahre alt. 11! Was macht es?!?
-
-Der Wald bot damals alles, was er heute bietet, und immer bieten wird
-— — —.
-
-Nur ich bin düsterer geworden, weil ich _zuviel_ an ihre Zukunft denke.
-
-Als ich sie damals sah, da ging ich in den Wald, um mir es einfach
-jauchzend mitzuteilen: „Du hast das Herrlichste erschaut!“
-
-Jetzt aber, tieferfüllt von ihr, seh’ ich im düsteren Herbstwald dunkle
-Schatten kommender Eroberer!
-
-Oh, Gnade, Gnade, Ihr Herren, für mein geliebtes Kindchen!
-
-Tut ihr nichts!
-
-Die Ahornblätter sind wieder goldgelb geworden, man kann die goldenen
-Bäume einzeln zählen im dunklen Forste. _Also_ ist es Herbst.
-
-
-
-
- EWIGE ERINNERUNG
-
-
-Von Kortina brachen wir auf, Automobil, 9 Uhr morgens, und schlängelten
-uns hinauf, auf den Falzaregopaß, 2117 Meter. Hinter dem Hotel pflückte
-ich „Speik“, diese weiße duftende Bergblume, Kindheitserinnerung. Der
-Boden war schwarz, weich und feucht; und überall rieselte Schneewasser.
-Und dann hinab ins Tal. Und von da aus sogleich wieder auf den
-Pordoihjochpaß, Kristomanos-Schutzhaus, 2250 Meter. Da gab es gar keine
-Blumen mehr, wie herrlich. Der starre Sturm verbat sich alles Blühen.
-Er stöhnte und beherrschte! Wie wenn man als Kind eine große Seemuschel
-ans Ohr dicht anlegt, so brauste es. Nur sagt man in jenem Falle,
-das Tosen des Meeres sei in der Muschel eingefangen. Hier aber ist
-nichts eingefangen; man sieht das Brausen über die kahlen gelb-braunen
-Wiesen; ganz aus erster Hand vernimmt man den Sturm. Im wunderbar
-warmen geschützten Speisezimmererker nahm ich ihr Bild heraus (Kl. P.),
-betrachtete es lange. Ich dachte: „Mit dir hier zu sein!“ Aber es wird
-nie, nie, nie, nie sein — — —. Wie schade.
-
-
-
-
- GESANG
-
-
-In allem hatte sie treffsicheres Urteil.
-
-In allem. Nur sein Gesang gefiel ihr,
-
-obzwar die Töne wie laues Regenwasser seinem geziert ovalen Mund
-enttropften.
-
-Er sang mit ihr, sie spielte das Klavier, er sang _für sie_!
-
-Und deshalb fand sie seine Stimme lieblich,
-
-obzwar sie selbst das C-moll-Adagio Beethovens unaussprechlich zärtlich
-spielen konnte,
-
-und für alles _sonst_ aristokratisch-feine Ohren hatte.
-
-Und einmal sagte sie zu mir:
-
-„Ist es Ihr Ernst, daß Sie seine Stimme für tonlos halten, oder steckt
-da etwas dahinter, Lieber?!“
-
-„Es steckt etwas dahinter!“ sagte ich, „das Vorurteil des dummen
-Weibchens!“
-
-
-
-
- SOUPER
-
-
-Es war ein Nichts — — —.
-
-Immer ist es ein _Nichts_, aus dem zuletzt ein _Etwas_ wird!
-
-Törichte Frauen, die ihr mit dem Leben _tändelt_, mit _uns_ und mit
-_euch selbst_!
-
-Er sagte einen dummen Scherz,
-
-so um den Bann zu brechen öder Stimmung.
-
-Da gossest du aus deinem Glase ein wenig Wasser ihm auf sein Gewand
-— — —.
-
-„Zur Strafe!“ sagtest du lächelnd.
-
-Koketter Kerkermeister!
-
-Jede Intimität ist eine _perfide_ Brücke zu einer Seele oder zu
-unedleren Teilen.
-
-Er fühlte sich geehrt durch das Begießen,
-
-und seine Augen sagten gleichsam: „Es kam von dir!“
-
-Es war ein _Nichts_ — — —
-
-immer ist es ein _Nichts_, wie Frauen nämlich denken, ein Nichts, das
-uns tief _unglückselig_ macht!
-
-
-
-
- DIE WAGENFAHRT
-
-
-Alle sagten zu ihm sehr bald „Herr Peter“ oder „Peter“. Aber sie sagte
-nach langer Bekanntschaft „Herr Altenberg“. Er schrieb ihr das. Sie
-sagte weiter wie bisher: „Herr Altenberg“, obzwar er eine zärtliche
-Freundschaft für sie hatte. Eines Tages fuhren sie im Wagen durch seine
-geliebte Berggegend. Da erzählte sie von der Krankheit ihres Kindchens,
-erzählte, weinte, erzählte, weinte, verstummte. Er sagte: „Ich liebe
-hier jeden Strauch, ich kenne jeden Acker, jeden Wiesenzaun — — —.“ Beim
-Abschied sagte sie: „Adieu, Peter — — —.“
-
-
-
-
- WAGENPARTIE
-
-
-Herr Dr. P. sagte vormittags zu mir: „Darf ich Sie für den Nachmittag zu
-einer Wagenpartie einladen in Ihren geliebten Ort ‚Mürzzuschlag‘?!“
-
-„Bitte sehr,“ erwiderte ich.
-
-Nachmittags sagte der Hotelportier: „Soll ich Ihren Jagdhund in den
-Wagen bringen, Herr Doktor?!?“
-
-„Selbstverständlich, wegen dem Hund mach’ ich ja überhaupt nur den
-Ausflug — — —.“
-
-Ich hatte bisher gedacht, er mache den Ausflug „wegen dem anderen Hund“.
-Im Wagen sagte ich: „Sie, Ihr fetter Hund nimmt mir zuviel Platz ein,“
-worauf ich demselben mit der vernickelten Spitze meines Bergstockes
-einen Stich in die Brust gab. Der Herr sagte: „Was tun Sie meinem armen
-Hunde?! Es ist ein echter englischer Pointer!“ Ich erwiderte, daß er
-zuviel Platz einnehme trotz alledem. Wir kamen an einem braunen Felde
-vorbei, begrenzt von kahlen grauen Buchenbäumen. Hier grasten fünf
-herrlich schillernde Fasanhähne. „Willy,“ sagte der Herr zu seiner
-Jagdhündin, eine Abkürzung für Wilhelmine, „Willy, da schau hin,
-Fasane!“ Willy schaute überall hin, nur nicht auf die vor ihm grasenden
-Fasanhähne. Wahrscheinlich sagt man von diesen Viechern nicht „grasen“,
-sondern irgend einen manirierten Jägerausdruck. „Dieser Willy ist ein so
-feuriger Jagdhund,“ sagte sein Herr entschuldigend, „daß ihn alles
-ablenkt. Sehen Sie dort in der Ferne die Krähe?! Die lenkt seine ganze
-Aufmerksamkeit auf sich, weg von den Fasanen!“ Ich dachte: „Er zahlt den
-Wagen, er zahlt den Wagen, er zahlt den Wagen — —.“
-
-Wir fuhren an einsamen Schmiedewerken vorüber, in welchen geschmiedet
-wurde, an Holzsägewerken, in denen Holz zersägt wurde, an Mühlen, in
-denen gemühlt, pardon gemahlen wurde. Ich fühlte: „Hier sollte ein
-_Landerziehungsheim_ erstehen für die _moderne reifere Jugend_,
-Koedukation, wo man in der Natur selbst Anschauungsunterricht genießen
-könnte während einer Spazierfahrt. Zum Beispiel eine feuchte Wiese mit
-einem Graben lehrt uns das so wichtige „Drainage-System“ spielend leicht
-kennen. Denn wenn die Feuchtigkeit der Wiese sich in dem Graben
-ansammelt, so wird die Wiese selbst trocken. Eine Art von Wiesen-pot de
-chambre.“
-
-Ich sagte dem Herrn Doktor, daß er, auch ohne ein echter englischer
-Pointer zu sein, im Wagen mir viel zu viel Platz einnehme, und ich ein
-nächstes Mal eine Einladung zu einer Wagenfahrt nur annehmen könne,
-falls er und sein Hund zuhause blieben. Er sagte, ich hätte reizende
-Einfälle und ich sei ein großer Künstler und Menschenkenner. Dies
-bestätigte ich. In Mürzzuschlag angelangt, fragte uns der alte Kutscher,
-der schon 50 Jahre lang hier fuhr und die Gegend nicht kannte, oder sich
-in Beantwortung nichtiger Fragen über Bergnamen usw. usw. nicht
-einlassen wollte, ob er „den Rosserln“ eine Jause verabreichen dürfe.
-Merkwürdigerweise figurierte die Jause dann bei der Verrechnung im „Café
-Semmering“ als Kaffee mit drei Stück Gugelhupf. Abends bei der Rückfahrt
-war es natürlich finsterer als bei der Hinfahrt nachmittags, was der
-Landschaft einen „eigenen, neuartigen, undefinierbaren“ Reiz verlieh,
-den zu schildern ich aber modernen Dichtern überlassen muß.
-
-Indem alles im Nebel verschwamm, wurde es zusehends undeutlicher. Wir
-sprachen nun über das Wesen der „Frauenseele“, und ich behauptete, daß
-mir eine noch so sehr geliebte und verehrte Frau durch die Bezahlung
-bereits eines Kalbsgullasch mit Reis momentan unsympathisch werde. Er
-nannte mich infolgedessen „exzentrisch“, während ich es mehr auf
-„Lebenskunst“ zurückführen möchte. Beim Anlangen in unserem heiligen
-Berghotel sagte ich: „Also, es bleibt dabei, morgen einen Wagen ohne Sie
-und Ihren echten englischen Pointer — — —.“
-
-„Nein!“ erwiderte er kurz und bündig.
-
-
-
-
- ABSCHIEDSBRIEF DES ENGLISCHEN OFFIZIERS PAUL AUS LONDON:
-
-
-„Ich kann es mir nicht vorstellen, daß Du, geliebteste Frau, irgendwo
-anders glücklich werden könntest als in England und bei englischen
-Freunden. Allein _Dein_ Wunsch ist für mich over all! Du bist eine
-_Engländerin_. Deine Seele, Dein Denken, ja _Dein Glück_ ist _englischer
-Natur_. Du begibst Dich in eine _strange world_. Man wird Dich gut
-behandeln, and but you will bekome ill and newer knowing from what. Wenn
-Du also einmal eine Stütze brauchst — — — nun, du weißt ja übrigens
-alles.
-
- Paul.“
-
-
-
-
- WIE IST ES?!
-
-
-Wie ist es?! Soll man ein besonderes schönes Mädel, in strenger, grauer
-Härte halten!? „Immer zu früh noch wird man sie verwöhnen“, fühlen die
-Eltern. Siehe, eines Tages strömt plötzlich das Licht herein der
-Bewunderung, das ihre ungewohnten Augen blendet, schädigt! Wäre sie
-gewohnt, seit ihrem zehnten Lebensjahr, an dieses Licht des Lebens,
-ertrüge sie nun das gesteigerte blendende, in edler Fassung und dankbar
-gerührt! So aber?!
-
-
-
-
- VOM RENDEZVOUS
-
-
-Sie ging den steilen Wiesenpfad hinab, zum Rendezvous.
-
-Ich sah braune Stauden ihre Röcke streifen. Ich sah ihr nach.
-
-Bald kam Himbeergebüsch, das sie begrub.
-
-Um 1/4-1 sollte ich sie erwarten.
-
-Sie kam zurück, von Küssen ganz bedeckt.
-
-Wie wenn die rechte Hand geheiligt wäre,
-
-reichte sie mir die linke,
-
-die ich an die Lippen hielt,
-
-solang bis Wehmut kam und übertropfte — — —.
-
-
-
-
- EXAMEN
-
-
- Ich unterwarf sie einer strengen Prüfung:
- Die Hände?! Vollkommen
- Die Augen?! „
- Die Stirne?! „
- Die Schultern?! „
- Die Füße?! „
- Die Zehen?! „
- Die Stimme?! „
- Die Bewegung?! „
- Der Teint?! „
- Die Seele?! „
- Die Intelligenz?! „
- Die Brüste?! Nicht vorhanden.
- Endresultat: Vollkommen!
-
-
-
-
- LES LARMES
-
-
-Also, nach vielen Jahren, habe ich wieder geweint.
-
-Freilich war es bei dem Liede von Johannes Brahms: „Sapphische Ode“.
-
-Aber ich hätte nicht geweint, wenn ich sie nicht kennen gelernt hätte
-— — —.
-
-Ich wäre entzückt gewesen, gerührt, ergriffen.
-
-Aber geweint hätte ich nicht — — —.
-
-Also weinte ich dennoch _ihretwegen_!
-
-
-
-
- TESTAMENT
-
-
-Er hatte in sein Testament (der Ertrag seiner neun Bücher nach seinem
-Tode) die 12jährige Schönheit mit der jauchzenden, klingenden,
-bezaubernden Stimme eingesetzt. Aber da sie Millionärstöchterlein war,
-hatte er bestimmt, daß von dem Gelde sogenannte „Geschenke eines
-Verstorbenen“ zu kaufen seien, _außergewöhnliche_ Dinge, z. B. eine
-besondere Bergkristalldruse, oder ein besonderes holzgeschnitztes
-Christuskreuz. Da erfuhr er, daß man eine Kollekte gemacht hatte im
-intimen Kreise für einen Winterrock seines Bruders, eines modernen
-Diogenes. Da stieß er das Testament um, bestimmte nur, daß der Bruder an
-jedem 9. April, dem Geburtstage seiner kleinen Heiligen, derselben eine
-exzeptionelle Sache als „Geschenk eines Verstorbenen“ zu senden habe!
-Der Bruder dachte Tag und Nacht über solch ein Geschenk nach. Da schrieb
-die Heilige: „Ich will Ihnen Ihre Mission erleichtern. Schenken Sie mir
-nur das Manuskript des „Ein schweres Herz“. Er nahm es aus dem Schreine
-von gelbem Eibenholz, küßte es innig, und schickte es fort. Er fühlte:
-„Ich bin der Vermittler eines _letzten Willens_. Sie hat mir meine
-Aufgabe _erleichtert_, indem sie sie erschwert hat! Nur _Opfer belohnen_
-sich! Ich hatte schon eine herrliche Bergkristalldruse aus den Tauern
-erstanden, mit Kristallen wie geschliffenes, gefrorenes Bergwasser. Aber
-das ist nun also für den nächsten 9. April!“
-
-Sie schrieb: „Nun habe ich das Herz Ihres Bruders!“
-
-„Nein“, fühlte er, „ich habe es, indem ich es _weggegeben_ habe!“
-
-
-
-
- ACONITUM NAPELLUS
-
-
-In meiner letzten Verzweiflung körperlicher Qualen nahm ich _Aconitum
-Napellus_. Ich hatte ihn vor acht Wochen blühen gesehen, auf dem Wege
-von Schluderbach nach Misurinasee, von dort nach „Tre croce“, von
-Kortina auf den Falzaregopaß. Überall hatte ich diese giftige Bergblüte
-gesehen, oft in Mengen wie kleine Felder. Und eigentümlich haftete mein
-Auge auf diesen Blüten, als ahnte ich, daß ich sie bald in meinem
-Zimmerchen als winzige durchscheinende Kügelchen, als letzte Hoffnung
-sterbender Nerven schlucken würde! Damals erlebte ich sie als Zeichen
-der Bergflora, neben Rhododendron und Legföhre. Wie romantisch kam mir
-die Blüte vor in ihrer mysteriösen Giftigkeit. Nun aber schlucke ich
-zwei Pillen, viertelstündlich. Wird es nützen?! Ich gedenke der
-herrlichen Tage, da ich die Blüte bewundern durfte, in Höhen, wo es karg
-ist und der Nachtsturm braust — — —.
-
-
-
-
- MANÖVERS
-
-
-Die Herren „_Verehrer_“, die wie Toreros aussehen oder wie kühne Cowboys
-oder wie französische Ritter aus dem 18. Jahrhundert, sei es von des
-Buges ihrer Nase Gnaden oder von Schneiders; die treten
-selbstsicher-nonchalant auf, sitzen oft mit dem Rücken gegen die Dame
-und sagen sogar, daß dieser oder jener Spaziergang ihnen _nicht_
-konveniere und sie es daher _vorzögen_, sich _nicht_ anzuschließen und
-lieber in Ruhe ein gutes Buch zu lesen! Wenn man eine schöne Nase hat,
-kann man das allerdings wagen. Aber die Mißgewachsenen müssen eine
-andere Taktik einschlagen. Pakete tragen, Schirme aufheben und zu allem
-„Amen“ sagen, ist ihre kleine, süße Aufgabe. Auch damit kann man nette
-Erfolge einheimsen, und Opfer sind für „Opferfähige“ nicht allzu groß.
-Im ganzen genommen sind die armen Damen von einer wohlberechneten
-„Routine“ umgarnt, wie die italienischen Singvögel von den feinmaschigen
-Netzen. Selten schlüpft eines der herzigen Vögelchen durch, durch die
-engen Maschen, die ihrer Eitelkeit gelegt sind. In dieser Gesellschaft
-von Eroberern sticht besonders hervor der immerhin seltenere
-„_Salonplattenbruder_“, der „seelische“ Messerstecher. Er sticht gleich
-in die _Ehre_, in den _Ruf_, in das _Glück_ hinein, macht sich nichts
-aus drei Monaten Kerker, wollte sagen, aus Frauenverachtung. Diese
-„Verachtung“ sind seine „Geschäftsspesen“. Dafür hat er sie „gehabt“!
-Einer drang um 1 Uhr nachts in das Zimmer ein: „Ich sage in jedem Falle
-morgen, Fräulein, daß Sie mich bestellt haben! Also ist es schon ganz
-egal für Sie!“
-
-Das leuchtete ihr ein — — —.
-
-
-
-
- GIFT
-
-
-Es gibt ein Gift, das ewig wirkt,
-
-ja sich vertausendfacht in seiner Wirkung
-
-durch unablässiges Erinnern.
-
-Das sind die deplaziert liebenswürdigen Worte der Geliebten zu fremden
-Männern.
-
-Es ist ja richtig, sie hat sich nichts Besonderes dabei gedacht.
-
-Doch weshalb hat sie nicht an das Besondere gedacht, uns tief zu
-quälen?!
-
-Ihre gekränkte Miene bei unserm Vorwurf
-
-kann uns nicht eines Besseren belehren,
-
-so daß wir tief zerknirscht von hinnen schleichen.
-
-Ein jeder Apotheker _ist verpflichtet_, das Gift zu kennen, das er uns
-reicht!
-
-Und so die Frau.
-
-_Will_ sie uns vergiften?!
-
-Vielleicht, für Augenblicke, um uns dann, in ihrer Gnade, Gegenmittel zu
-verabreichen!
-
-Erinnern ist ein Gift, das ewig wirkt,
-
-und sich vertausendfacht in seiner Wirkung,
-
-durch unablässige Erinnerung!
-
-
-
-
- LUFTVERÄNDERUNG
-
-
-Es ist merkwürdig, wie sich Familienangehörige in Kurorten begrüßen, die
-vielleicht kaum acht Tage lang getrennt waren voneinander. Als ob sie
-von einer _monatelangen_ Weltreise gekommen wären! Ein ganz neuer Ton
-von zärtlicher Freude, von intensivstem Interesse wird angeschlagen.
-„Findest du unser Püppchen besser aussehend, Papa?“ — „Na, ich bin noch
-nicht so ganz zufrieden, sie ist halt ein ‚Zarterl‘, was, Minnerl?“ —
-„Kinder, laßt euch in euren Gewohnheiten (von _acht_ Tagen) ja nicht
-stören, ich werde mich allem akkommodieren (alter Jesuit!).“
-
-„Baby will hier das zweite Ei zum Frühstück nicht essen, ich habe ihr
-gedroht, ich würde es Papa melden (haste wichtige Meldung!), wenn er
-kommt!“ — „Nun, das macht wahrscheinlich die Luftveränderung!“ In
-besserer Luft kann man also kein zweites Ei essen? Auch die Bonne wird
-netter, rücksichtsvoller behandelt als zu Hause. „Was, Marie, hier ist
-es schön?“ — „Bitt’, gnä’ Herr, ja — — —.“ Eine ewige Sorge um Paletots,
-Jacken, Schals, als ob alle plötzlich tuberkulös geworden wären. „Annie
-häkelt hier (weshalb plötzlich hier?) schon so nett, sogar ohne
-Aufforderung (sie scheint also hier zu verblöden!).“ — „Schlaft ihr hier
-nach dem Speisen?“ Auf einmal weiß er nicht, ob seine Familienmitglieder
-schlafen oder nicht. Die Luftveränderung scheint ihm nicht gut zu tun,
-dem Erhalter und Ernährer.
-
-Man verkehrt miteinander wie Fremde bei einer Jour-Jause. „Angenehme
-Nachrichten?“ fragt man bei der Morgenpost. Der Kassier ist ihm
-durchgegangen. „Alles in schönster Ordnung zu Hause, mein Täubchen!“ Der
-Arzt hat nämlich gesagt: „Zwanzig Bäder kosten zweihundert Kronen. Aber
-vor allem keinerlei Aufregung, darauf muß ich strengstens bestehen!“
-Nämlich auf den zweihundert Kronen.
-
-
-
-
- EIN NACHTRAG
-
-
-Ich habe letztes Mal, wahrscheinlich vor einigen Jahren, etwas
-geschrieben zur „Psychologie der bürgerlichen Liebe“. Es war ein
-„Torso“. Wenn ich nur wüßte, was ein Torso ist. Aber viele
-einsichtsvolle Menschen sagten es mir direkt ins Gesicht hinein, daß es
-ein „Torso“, wenn auch ein sehr wertvoller, gewesen sei. Nun,
-infolgedessen muß ich die Nachtragsbemerkung machen, daß „jemanden
-wirklich zärtlich lieb haben“, unmöglich eine _fortdauernde_ Sache sein
-könne, sondern eine durch _Haß_-, _Verachtungs_- und vor allem
-_Gleichgültigkeits_-Stadien (Stadien ist gut!) unterbrochene, sagen wir,
-sogar angenehm unterbrochene Angelegenheit der Seele und der übrigen
-verfügbaren Sinne sein müsse! _Man kann niemanden auf die Dauer
-gleichmäßig gern haben_! Das sollte in goldenen Lettern auf der Fassade
-eines Venustempels prangen, in deutlicher Adolf-Loos-Schrift, so wie von
-Vorzugsschülerinnen in Schreibheften! Die bürgerliche Gesellschaft will
-etwas äußerlich, à tout prix (das ist französisch!) erzwingen, was es in
-der Welt aber tatsächlich nicht gibt! Nämlich eine _anständige
-Stetigkeit und Verläßlichkeit_ der _Gefühlswelt_, ja sogar der
-Sinnenwelt, was eine _noch entsetzlichere Stupidität_ ist! Die
-„Mehrheit“ will uns eben _blöde machen_! Strindberg ist tot, Ibsen,
-Björnson, Tolstoi. Ja, da müssen _wir Flöhe_ uns halt aufraffen, und
-stechen und Blut saugen, wo und wie wir nur es können! Wir können auch
-_verwunden_, _ohne_ Genies zu sein! Wir haben den _gesunden_
-_Menschenverstand_! Das ist auch eine Waffe, wenn auch eine zartere,
-liebenswürdigere als die Maximkanonen der Genies, die meistens doch nur
-Idioten waren! Und ich sage euch daher, ihr _Glücklichen_, ihr wart
-niemals auch nur eine _Stunde lang_ wirklich glücklich! _Geschäfte_ habt
-ihr gemacht und _Bilanzen_ berechnet! Ihr „_Aktiven_“ seid ewig
-„_passiv_“ gewesen!
-
-
-
-
- BUCHBESPRECHUNG
-
-
-Ich habe mir das Buch schenken lassen vom Verlag J. J. Weber, Leipzig:
-„_Rosen und Sommerblumen_“. Ich lese es, ich betrachte die 160
-Photographien, wie ein Werk von Maeterlinck! Jede Rose erblüht mir, als
-wandelte ich in einem Märchengarten. Alles wird Wirklichkeit. Ich sehe
-die Kletterrosen über alle Mauern, Wände, Gitter sich hinaufschwingen,
-blühend rosigweiße Pracht verbreitend über kahle, harte, notwendige
-Dinge! Ich sehe das Kletterröschen: „Maidens blush, Mädchens Erröten“,
-ich sehe die Immergrünrose: „Félicité et perpétuité“. Ich sehe „soleil
-d’or“, goldgelb mit rosigen Rändern. Ich sehe „Memorialrose“, für
-Grabdenkmäler, „Minnehaha“, die mich an Wedekinds herrliches Buch
-erinnert, das von der Nackterziehung erlesener Geschöpfe handelt, ich
-sehe die Rose „Katharina Zeimet“, mit _Wildrosencharakter_, wie manche
-scheinbar zarte Frauen, die Rose „Konrad Ferdinand Meyer“, die „Beauty
-of the Prairies“, die weiße Rose „Frau Karl Druschki“, die Bourbonrose
-„Souvenir de la Malmaison“ (in der Todesstunde getauft der Kaiserin
-Josefine). Ich sehe Rankrosen in düsterem Hohlweg glühen; Crimson
-Ramblerrose in riesigen rostrot lasierten ausgebauchten Töpfen, Japan
-vorzaubernd und seine Gärten; _vergeblich_ suche ich eine Rose
-„Kronprinzessin Cecilie“! Rosenzüchter, _dichtet mir_ in der ganzen
-weiten Welt eine Rose, die dieser _Herrlichsten_ wert wäre!
-„Kronprinzessin Cecilie“, du müßtest einen Platz erhalten im Garten, daß
-man schon von weitem deine deutsche und dennoch _internationale_ Pracht
-verspürte!
-
-
-
-
- AN —
-
-
- Ich liebe dich — — —.
- ’s ist keine Frage mehr.
- Solange ich dich sah und sah und sah, und sah,
- _wußt_’ ich es nicht, _konnt_’ ich es nicht wissen!
- Nun, da ich dich den ganzen Vormittag nicht sah, zum _ersten Male_,
- und ich auch nicht weiß, ob ich des Abends dich _wiedersehen_ werde,
- _nun_ ist die Bangigkeit in mir!
- Mit wem bist du?! Wer nützt die Pause aus?!
- Kommst du vielleicht jetzt eben zur Besinnung, daß es noch heißere
- Leidenschaften gibt
- als die meiner Bewunderungsblicke?!
- Oh, wärst du hier, ich sänke dir zu Füßen,
- du würdest spüren, was ich bisher nicht wußte,
- und was doch war, vom ersten Tage an — — —!
- Und was du vielleicht wußtest, eh’ es war!
- Was liegt dir dran, vielleicht freut es dich doch!
-
-
-
-
- NEKROLOG (FRITZ STRAUSS)
-
-
-Siehe, es sind schon Leute gestorben, denen ich hätte nachtrauern
-sollen, und ich tat es nicht. Andere wieder sind noch am Leben und ich
-wünsche ihnen — — — nur nicht gleich fluchen! Aber um einen mir
-verhältnismäßig ganz Fremden trauere ich jetzt. Erstens sehe ich gar
-nicht ein, weshalb gerade ein 24jähriger Millionärssohn weggerafft
-werden soll, der genug Kultur hatte, Geld in _wirkliche_ Werte, ohne
-Pflanz, umzuwandeln. Zweitens besaß er Humor, obzwar er wußte, daß es
-mit ihm schief gehen könne bei einer zweiten Operation. Er war ein
-„_Gentleman-Musical-Clown_“, so benannte ich ihn sogleich. Jeden Abend
-nach dem Souper erfreuten er und Herr H., der es auch „nicht nötig“
-hatte, das elegante Publikum des Sanatoriums „Wolfsbergkogel“ mit
-ihren unübertrefflichen Knock-about-Einfällen, bei Klavier und
-Violine. Sie ersetzten eine ganze Varietévorstellung. Die reichen
-Damen vergaßen ihrer Leiden, was ihnen umso leichter fiel, als sie gar
-keine hatten; die kranken Herren vergaßen, den kranken Damen den Hof
-zu machen. Das Lachen war da, das Lachen, in diesen heiligen, ernsten
-Gesundheitsräumen, und die Langeweile der _Liegekuren_, dieser neuen
-Art, sich noch mehr auf sein armes Ich zu konzentrieren, war
-vergessen, gelöscht! Ich bat den jungen Mann, doch ja als
-„Gentleman-Champion“ in großen Varietés, ohne Gage, aufzutreten, und
-er sagte es mir lächelnd zu. Nun ist er tot. Um den trauere ich. 24
-Jahre alt, unabhängig, mit Humor gesegnet, begnadet, gutmütig,
-bescheiden. Der hätte _bleiben_ dürfen! Nur der!
-
-
-
-
- ERSTER SCHNEE
-
-
-12. September 1912. Es regnete und es schneite zugleich. Der
-Sonnwendstein war bedeckt mit Schnee. Das war ein Lokalereignis.
-Jedermann besprach es eifrig. Die herrliche 14jährige, wie eine
-Venetianerin aus dem 18. Jahrhundert, stellte sich an die Fensterscheibe
-und sah hinaus. Alles andere ward sogleich dagegen lächerlich und
-gleichgültig. Für sie war Schnee gefallen auf dem Sonnwendstein, denn
-sie interessierte sich dafür. Ich hätte ihr zwei Meter hohen Schnee
-gewünscht, ganze weiße Hügel und Abgründe, damit sie sich besser
-amüsiere bei dem Anblick! Sie sah hinaus, und ich beneidete die
-Fensterscheibe um den Hauch ihres unbeschreiblich schön modellierten
-Mundes. Überall zogen Nebelfetzen dahin, dorthin, zerfetzten,
-verwischten die Landschaft, ertränkten sie in Grau. Das junge Mädchen
-begann sich zu langweilen. Es wird ein öder Tag werden in diesem
-Berg-Hotel. Mir erschien er licht und wertvoll! Sie setzte sich hin, um
-mit einem Kinde ein Spiel mit gelben, grünen, lila Würfelchen zu
-spielen. Sie ließ das Kind absichtlich gewinnen. Das Kind sagte: „Mit
-dir spiele ich nicht mehr, du spielst zu schlecht, immer verlierst du,
-du Ungeschickte!“
-
-
-
-
- DER MALER
-
-
-Die kleine 6jährige Tatarenkönigin Sonja D. sagte zu dem Dichter, der
-sie anbetete: „Mein Bruder Bogdan und ich, wir schlafen immer mit einem
-geöffneten Jagdmesser, einem Kindergewehre für Schrot und einer Pistole
-mit echten Kapseln, unter dem Kopfpolster! Aber die Banditen wollen
-nicht kommen, sich abschlachten zu lassen! Die Feiglinge!“ Der Dichter
-nahm das vergötterte Königinchen in seine zärtlichen Arme — — —.
-
-Der Maler kam. Da sagten die Damen:
-
-„Was finden Sie denn so Besonderes an dieser 6jährigen Sonja Dungyersky,
-die Sie jetzt malen für 500 Kronen? Sie ist doch viel unliebenswürdiger,
-eigenwilliger, unsanfter als die meisten anderen reizenden Kindchen
-hier?“
-
-Der Maler: „Ich male sie von heute an _umsonst_, verstehen Sie mich,
-_umsonst_! Für mich und für _die Welt_! Also ausnahmsweise diesmal
-_nicht_ umsonst! Ich werde sie malen auf einem niedrigen,
-schmiedeeisernen, schweren Throne, mit ihren braunen Gazellenbeinen und
-ihren braungoldenen Locken! Umgeben von gebleichten Tatarenschädeln!
-Einer muß an einer goldenen Kette herabbaumeln und in einer Ecke muß ein
-Jüngling den grünen Giftbecher trinken und sie anblicken. Das Ganze
-heißt: ‚Kleine winzige Tatarenkönigin, Wildkatze, Besiegerin!‘ Wie aus
-einer entschwundenen Zeit von Kraft, Trotz, Schönheit, Unbesiegbarkeit
-stammt sie, und dennoch könnte man über ihre Anmut, über ihre Stimme, ja
-über ihre zarten Handbewegungen allein schon tagelang weinen und sich
-momentan hinopfern!“
-
-So sprach der Maler; und die Mütter der wohlerzogenen, folgsamen Kinder
-erbleichten und schlichen fast krank von dannen!
-
-Am nächsten Tage schrieben sie: „Wollen Sie unser Kindchen für 2000
-Kronen malen?“
-
-Und er schrieb zurück: „Nein!“
-
-Aber am dritten Tage schrieb er zurück: „Ja!“
-
-Und er malte die Kindchen und alle Tanten und Kusinen, und die
-Großeltern waren entzückt!: „Ja, ja, so ist unser Schätzchen, unser
-liebes, goldiges Geschöpfchen! Die Sanftmut schaut ihr aus den Augen
-heraus — — —!“
-
-Ja, es waren _sanfte Kälber von dummen Kühen_, richtig porträtiert! Und
-ein jedes Kälbchen kostete 2000 Kronen, billigst berechnet!
-
-Aber das Tataren—Königinchen Sonja Dungyersky, auf schmiedeeisernem
-breitem kurzem Throne, hatte er „umsonst“ gemalt. Und die Damen sagten:
-„Il s’est moqué de vous, Madame Dungyersky!“ Aber die Großmama stand
-lange lange vor dem Bilde. Nie sprach sie ein Urteil aus. Aber oft stand
-sie vor dem Bilde und starrte es an, an, an. Und eines Tages sagte sie:
-„Pour les étrennes, donnez moi l’image! Ce n’est rien pour vous. Vous
-êtes trop jeunes et trop vieux! Il faut pouvoir songer tout à la fois
-dans le passé et dans l’avenir!“
-
-
-
-
- BETRACHTUNGEN
-
-
-Der Schlitten war leicht wie eine Nußschale, aus braunem Stroh; die
-Landschaft prangte weiß in weiß, die roten Ebereschen und die bunten
-Gimpel, die schwarzen Krähen bemalten sie diskret und vornehm, fast nach
-japanischem Geschmacke. Ich sprach mit der edlen Dame über zarte Dinge
-des Lebens. Die edlen rehbraunen gedrungenen Pferde gaben die bekannten
-Verdauungsgeräusche von sich, schienen also nicht nach „Prodromos“ sich
-zu ernähren, sondern viel Unnötiges, Beschwerliches zu sich genommen zu
-haben, wie Hafer samt den Spelzen, fi donc!
-
-Wir überhörten gleichsam diese Geräusche, und dennoch kam es wie
-„_allgemeine Unzulänglichkeit_“ der Lebewesen über uns, eventuell sogar
-fanatisch geliebter Damen. Ich liebte einst ein wunderbar schönes
-13jähriges Schlossergesellentöchterchen, die mir einst sagte:
-„Behalten’s Ihre Briefe, es steht ja eh immer nur dasselbe drin, ich
-weiß schon, Sie haben wieder wegen mir die ganze Nacht geweint! Hab’ i
-Ihnen was angetan?! Na also, nur g’scheit sein! Kaufens mir lieber 1/2
-Kilo Ringlotten, wann’s mich schon so gern haben!“ Bei einer solchen
-Gelegenheit ließ sie dann in der herzlichsten Weise kleine kurze fast
-piepsende Geräusche hören, infolge des Ringlottengenusses. Ich sagte:
-„No, no, was sind denn das für Liebeserklärungen?!“ Sie erwiderte: „Ah
-da schau’ her, wär’s Ihnen lieber, i sollt’s in mein Baucherl behalten,
-daß’s mich druckt?! A schöne Lieb’ is das!“
-
-
-
-
- UR-SEELE
-
-
-„Herr Peter“, sagte die herrliche 5jährige zu mir, „weshalb beschenken
-Sie Stella immer?! Stella gehört mir, ich bin eifersüchtig.“
-
-„Auf wen?!“
-
-„Auf überhaupt — — —.“
-
-„Du solltest dich doch darüber freuen, wenn Stella beschenkt wird?!“
-sagte ich.
-
-„Ja, ich sollte. Aber ich freue mich eben nicht, sondern ich bin nur
-eifersüchtig!“
-
-„Würdest du Stella dieselben Geschenke nicht geben, wenn du Geld
-hättest?!“
-
-„Nein, Stella soll mich von selbst lieb haben. Ich habe sie auch von
-selbst lieb, sie braucht mir gar nichts zu schenken!“
-
-„Aber Kind“, sagte die Großmutter, „du bist sehr herzlos und ungezogen!“
-
-„Aber was braucht der Herr Peter meine Stella zu beschenken?! Meine
-Stella gehört mir, sie braucht nichts geschenkt, ich habe sie lieb!“
-
-„Du solltest dich freuen, wenn — — —.“
-
-„Ich sollte mich freuen, ich sollte mich freuen, aber ich kränke mich!“
-
-Sie weint. Worüber?! Niemand weint umsonst — — —.
-
-
-
-
- FRAGE
-
-
-Was ist ein Dichter?!
-
-Einer, der _schon w_einen kann,
-
-wenn _noch_ die andern trockenen Herzens sind — — —.
-
-Einer, der die sechsjährige Prinzessin Sonja Dungyersky
-
-so zärtlich lieb hat wie die eigene Großmama sie lieb hat!
-
-Einer, der abends im Gebirge den eingefangenen Oleanderschwärmer
-
-auf das einzige Oleanderbäumchen setzt im Garten,
-
-das ihn aus ferner Ebene hierherverlockt hat!
-
-Einer, der die braune Nacktschnecke behutsam
-
-vom Waldweg ins Gebüsch trägt — — —.
-
-Einer, der Rosen schenkt und sie bezahlt mit seinem Nachtmahlgelde
-— — —.
-
-Einer, der die geliebte Hand berührt und dabei Hochzeitnächte spürt von
-Seligkeiten!
-
-Einer, der leidet, leidet — — —
-
-und alle sagen: „Was fehlt ihm denn zu seinem Glücke?!“
-
-Einer, der die Schale kauft, aus der sie Kakao getrunken hat.
-
-Einer, der ein „innerer Bombenwerfer“ ist,
-
-und dabei doch so sanft, so mild _verständnisvoll_ für alles!
-
-Einer, den alle _verlachen_,
-
-und um den sie trauern, wenn er _nicht mehr_ ist!
-
-
-
-
- LETZTE UNTERREDUNG
-
-
-„Peter, was ist Ihnen?! Sie schauen so verzweifelt aus, und vor allem so
-bleich — — —.“
-
-Er schweigt.
-
-„Peter, ist es wegen des jungen Architekten?!“
-
-Er schweigt.
-
-„Peter, Sie lieben mich seit meinem 12. Lebensjahre. Von Eltern, von
-Gouvernanten, vernahm ich nur: ‚Du mußt, du sollst!‘
-
-In _Ihren_ Augen lag von jeher eine unermeßliche Zärtlichkeit. Das darf
-ich Ihnen nicht vergessen, Peter. Es war der Lichtblick meiner düsteren
-Kindheit. Und oft wenn ich dachte: Wozu bist du?! da dachte ich
-sogleich: Er hat mich lieb! Von Ihrem Blicke lebte ich, das sag’ ich
-Ihnen nun.“
-
-Er senkt das Haupt — — —.
-
-„Peter, ich kann erst ganz glücklich sein, bis Sie mich wieder anschaun,
-lichten, liebevollen Antlitzes, wie eh und je — — —.“
-
-Da schaute er sie an, an, an, lichten, liebevollsten Antlitzes, wie eh
-und je, so wie sie es brauchte und verlangte — — —. Ihr, Ihr zuliebe,
-damit sie wieder schimmere, leuchte, in ihren schlimmen Koketterien!
-
-
-
-
- DIE NIERE
-
-
-Zu den wahrhaftigsten und mich aufrichtig rührenden Opfern, die ein Mann
-einem geliebten Weibe bringt, rechne ich es immer, wenn er beim
-Nierenbraten die Niere _ihr_ überläßt, vorausgesetzt natürlich, daß er
-sie selbst gern ißt. Aber wer äße die Niere nicht gern?! Diese Niere ist
-überhaupt so ein sicherer Thermometer in Liebessachen. Zum Beispiel:
-„Otto, weshalb ißt du denn die Niere nicht?!“ — „Ich esse sie, und noch
-dazu am liebsten, deshalb lasse ich sie mir für zuletzt!“ — „Ach so,“
-erwidert Hermine enttäuscht. Oder: „Max, du ißt ja die Niere doch
-nicht!“, und hat sie schon in ihr Mündchen gesteckt, während Max nichts
-im Halse stecken bleibt als das Wörtchen: „O doch!“ Oder: „A schöne
-Lieb’, frißt die Niere selber auf, da schau’ der an da!“ Diejenigen
-Herren jedoch, die „das Opfer der Niere“ bringen, tun es auch meist
-ziemlich _geschmacklos_, indem sie innerlich sich anstellen, als hätten
-sie jetzt Anspruch auf Dankbarkeit und Treue ihr ganzes Leben lang!
-Nein, dem ist _nicht_ so. Die Damen nehmen gern die Leckerbissen an, die
-man ihnen spendet, aber sie haben die richtige Idee, daß solche
-Selbstlosigkeiten sich durch das Gefühl eines höheren Wertes, das man
-von sich selbst bekommt, reichlich belohnen! Wozu also die Sache
-überzahlen?!
-
-
-
-
- KRANKHEIT
-
-
-Wenn man körperlich sehr, sehr leidend ist, so zerquetscht,
-
-dann wird man erst wie der „_Normalmensch_“!
-
-Man wird reduziert auf das „_allgemeine Maß_“!
-
-Da sieht man erst, wie schrecklich dieses ist! Pfui Teufel!
-
-Man könnte keiner ideal schönen Frau mehr, selbstlos exaltiert, zu Füßen
-sinken — — —.
-
-Man erwünscht sich eine „Gefährtin“, „Pflegerin“, „Teilnehmerin“.
-
-Für „_Seelen-Luxus_“ ist keine Kraft vorhanden — — —.
-
-Die Wiesen sind schneefrei und sogenannte „Palmkatzerln“, wie graue
-Seidenflocken, blühen an den noch blätterlosen Weidenbäumen.
-
-Das alles übt keinen Reiz mehr aus.
-
-Man sagt: „No, schon wieder ein Frühling; die 30 Lichtbäder im
-Sanatorium haben mir einen Schmarrn geholfen.“
-
-Jetzt kommt der Frühling daher, und er geniert mich direkt — — —.
-
-Früher hab ich ihn angedichtet, mit der Kraft meiner unendlichen Seele
-— — —;
-
-jetzt kann ich nicht einmal mehr „heurige Radieschen“ vertragen.
-
-Was geht mich da der Frühling an?!?
-
-
-
-
- GÜTE
-
-
-Jeder Mensch, der irgend etwas begeht, und weiß es selbst nicht, daß er
-es falsch getan hat — — — siehe, an ihm geht es _dennoch_ schlimm aus!
-Er kann sich nicht entschuldigen mit seinem „_guten Willen_“, denn Gott
-berücksichtigt diesen _nicht_, sondern nur die „_edle Weisheit_“ einer
-jeglichen Betätigung! Der sogenannte „gute Wille“ ist eine schmachvolle
-_feige_ Entschuldigung, die in dem „Buche Gottes“ in das Minus-Konto
-eingetragen wird!
-
-„_Ich habe es gut gemeint_“, ist ein Zeugnis für „Selbstverurteilung“.
-_Meine es schlecht_, mein Lieber, aber _denke_ das _Richtige_!
-
-„_Güte_ ist Stupidität; es gibt nur eine einzige wahrhaftige Güte:
-_Weisheit_! Rate mir nicht, helfe mir nicht aus _Güte_; da kann ich
-leicht _dein Opfer_ werden. Rate, hilf mir aus eiskalter kristallklarer,
-unerbittlicher, adeliger _Weisheit_!
-
-Alle Menschen, die angeblich „zusammengehören“, machen es sich
-gegenseitig leicht, indem sie „gut“ sind. „Weise sein“, in bezug auf
-einen geliebten Menschen, das fällt ihnen zu schwer, das können, ja, das
-_wollen sie nicht_. Da könnten sie „in Konflikte kommen“,
-„mißverstanden“ werden; aber die dumme alberne leichtfaßliche Güte, die
-versteht ein jeder, erkennt sogar ein jeder Gleichgültige an. _Güte_ ist
-ein feiges _Seelenmanöver_, um _Idioten zu bluffen_! Die Idylle des
-Familienlebens, das Ehelebens, des Lebens zwischen Geliebten, besteht zu
-70 Prozent daraus.
-
-„_Bin ich nicht gut zu dir, du Undankbarer?!?_“ ist die Phrase der
-„geschickten Kühe“, die damit die „ungeschickten Ochsen“ an sich
-fesseln! Mögen es auch noch so sehr in anderer Beziehung „Stiere“ sein
-— — —.
-
-
-
-
- ANNONCE
-
-
-Ich lese im „N. W. T.“ eine Annonce, die mit dick gesperrten Lettern
-beginnt: „_Bei Behandlung von Herzkrankheiten_ — — — — —“, und dann
-folgt die Anpreisung des berühmten „_Franz Josef-Bitterwasser_“, vor dem
-Frühstück (1/8 Liter) in _kleinen Schlucken_, _ganz langsam_,
-_absatzweise_, zu trinken! Nun meinen natürlich alle Leser, daß diese zu
-Anfang gesperrt gedruckten 4 Worte nur dazu dienen, den Leser
-„einzufangen“ und zu „verlocken“. Jawohl — — — nämlich zu seinem eigenen
-Heile! Denn die _vitale Nervenkraft des Herzens_ hängt von der
-minütiösen Sorgfalt, die man dem gesamten Verdauungsapparate angedeihen
-läßt, ab! Überhaupt, die Verachtung der „Annonce“ in einem großen
-Tageblatte, bloß weil der Fabrikant dabei verdienen will, ist kindisch!
-Man nehme nur diese täglichen Annoncen:
-
- Menthol-Franzbranntwein,
- Salz-Cakes,
- Sanatogen,
- Biocithin,
- Vegetabilische Nährsalze,
- Eau de Cologne 4711,
- Chocolat Suchard,
- Califig,
- Pears soap.
-
-Ewiges Mißtrauen ist schädlicher als ewige Gläubigkeit. Es muß erst ein
-Arzt in schwarzem Gehrock und funkelnder Brille dir ernst und gemessen
-sagen: „Nun, versuchen wir es einmal mit Sanatogen und Tamarinde,“ damit
-du, Ochs, Vertrauen schöpfest zu Dingen, die dir doch täglich morgens
-mit lauter Druckerschwärze gepredigt werden! Nur der, der _nicht_
-annonciert, kann mir nicht nützen, denn ich weiß von ihm nichts!
-
-
-
-
- PLAUDEREI
-
-
-Es kommt der Augenblick träge herangeschlichen, da man nichts mehr wird
-schreiben können. Man hatte doch etwas zu sagen, was dem anderen nützte.
-Und wäre es nur: „Schlafet bei weit geöffneten Fenstern!“ Man hatte
-unbedingt eine Mission, eine winzige, eine nichtige Mission, aber eine
-Mission! Das hält einen in Zusammenhang mit allen Menschen, die man
-nicht kennt. Den Bekannten gegenüber hat man ja keine Mission. Für die
-ist man ein Narr oder ein Schwindler. Manche sagen sogar: „Nein, diese
-Ehre tun wir ihm ja doch nicht an!“ Wofür also halten sie uns?! Ich
-könnte meine Sachen widerrufen, aber Tausende würden sie als Wahrheiten
-in sich aufnehmen. Ich könnte es verkünden: „Nein, die Frauenseele ist
-doch nicht so, _wie ich sie sehe_!“ Aber Tausende würden jammern: „O,
-bitte, wir sind _doch_ so!“ Mein Talent war klein, aber mein Fühlen war
-groß. Die meisten haben kein Talent und kein Gefühl, nämlich für
-allgemeine Dinge, obzwar sie im besonderen, in ihrem trauten Nestchen,
-beträchtliche Gefühle aufbringen, die irgend jemandem mit Vor- und
-Zunamen recht sehr zugute kommen. Jemand schwärmte mir immer und immer
-von seinem Garten vor, schilderte ihn mit wirklicher Liebe und
-Begeisterung. „Ja,“ sagte ich, „aber auf der Strecke so und so der Bahn
-so und so habe ich einen noch viel schöneren Garten geseh’n.“ — „Und was
-haben S’ davon?!“ — „Nichts“, erwiderte ich. Es gibt Menschen, die
-schöne Gärten lieben, und es gibt solche, die _ihre_ schönen Gärten
-lieben! Das ist der ganze Unterschied. Na, und was haben s’ davon?!
-Nichts!
-
-
-
-
- RICHTIG
-
-
-Ich verkehrte mit einer sehr intelligenten, gebildeten Dame, die viel
-mit Aristokraten beisammen war. Da sagte mir eine andere Dame, mit der
-die Aristokraten _nicht_ verkehrten: „Peter, wenn Sie nicht der _Peter_
-wären, würde die Dame auch _Sie_ nicht so oft in ihrer wunderbaren
-Equipage abholen!“ Ich erzählte das meiner Freundin. Sie erwiderte:
-„Sicherlich; weshalb sollte ich nicht lieber mit einem feinfühligen
-Dichter als mit einem Kommis beisammen sein wollen? Der Kommis kann
-gewiß ebenso intelligent und wertvoll sein, aber ich lerne ihn nur
-kennen als den, der mir Seide anpreist. Den Dichter kenne ich im voraus
-aus seinen Werken. Beide könnten mich im Nahverkehre _gleichmäßig_
-enttäuschen. Aber von dem einen habe ich dann wenigstens seine _Werte_
-noch in meinem Bücherschranke und kann bei der Lektüre vergessen, daß er
-ein gemeiner Kerl ist!“
-
-
-
-
- REMINISZENZEN
-
-
-Eine angenehme Abwechslung während des Lernens war das Anzünden der
-Öllampe am Winternachmittage. Draußen sah man undeutlich graue Häuser
-wie fremde Welten. Da kam das Stubenmädchen und zündete die Öllampe an.
-Vorsichtig nahm sie die Milchglaskugel ab, den glänzenden Zylinder aus
-Glas. Sie drehte den bereits vormittags richtig abgeschnittenen Docht
-hoch mit der Messingschraube, legte zwei fadendünne harz-imprägnierte
-Hölzchen (eine ganz neue Erfindung der Technik) im Kreuz über den gelben
-Docht und zündete jene an den Enden an. Oft brannte der Docht, oft
-brannte er nicht. Endlich brannte er. Da stülpte das Stubenmädchen
-vorsichtig den Glaszylinder auf und dann die Milchglaskugel. Nun wurde
-noch ein wenig an der Messingschraube, auf welcher der Name „Ditmar“ und
-zwei Merkurflügel waren, hin und her gedreht, damit die Lampe nicht
-rauche. Endlich brannte sie mit einem dottergelben matten Schein. Da saß
-man denn, und schrieb die Einleitung zu dem Aufsatze: „Charakter des
-Wallenstein“: „Wenn wir die großen Helden vergangener Zeiten an unserem
-geistigen Auge vorüberziehen lassen — — —“
-
-„Sie, Marie, der Docht raucht auf der linken Seite — — —“
-
-„Aber junger Herr, das ist eine Sekkatur. Ich habe ihn heute vormittags
-ganz gerade abgeschnitten.“
-
-Charakter des Wallenstein: „Auf der Höhe seiner Macht angelangt,
-überfiel ihn wie die meisten Sterblichen die Sehnsucht nach noch
-Höherem, Unerreichbarem — — —“
-
-Die Lampe brannte mit dottergelbem, mattem Schein, und richtig, links
-rauchte sie ein wenig und schwärzte sogar den Glaszylinder an.
-
-
-
-
- WERTE
-
-
-Ich finde, daß die Dichter so „ästhetisch-sentimentale“ und übertrieben
-eingebildete, und von ihrer sogenannten Aufgabe, rekte „idée fixe“,
-besessene „Erzieher der Menschheit“ sind, die doch bis heute durch sie
-nicht um ein Stückchen _vorwärtsgekommen_, das heißt, _von irgendeinem
-Leid befreit_ worden ist! Die wirklichen großen Wohltaten jedoch
-übersieht man, hält sie für nichts und ist vor allem nicht dankbar. Als
-mein geliebter Vater 69 Jahre alt geworden war, gaben ihn sämtliche
-Professoren infolge von unheilbaren Alterserscheinungen für verloren,
-und meine Mama, die seit zehn Jahren tot ist, weinte sich die Augen aus.
-Da sandte ich meinem Vater zwei Schachteln „Tamar Indien Grillon“, mit
-der Aufforderung, _jeden Morgen_ vor dem Frühstück _unbedingt_ eine
-Pastille zu nehmen.
-
-Seitdem ist er ein _Jüngling_ geworden, ist 83 Jahre alt, hat nicht eine
-einzige Beschwerde des Alters. Verdauung jünglingshaft, ewiger Appetit,
-rosige Laune, Schlaf zehn Stunden ohne Unterbrechung. Er fühlt nicht,
-daß er alt ist. Sein einziger Kummer ist, daß er nicht mittags und
-abends, aus ökonomischen Gründen, besondere Leckerbissen haben kann, wie
-Rebhühner, Rehrücken kalt, kalte Poularden, Straßburger
-Gänseleberpastete, Kaviar, Krebse usw. usw. Er liest von morgens bis
-abends französische Romane (deutsche versteht er nicht, sie sind ihm zu
-„vertrackt“), ohne Augenglas, geht _nie_ aus seinem Zimmer, und bedarf
-_absolut keiner Bewegung_. Schmerzen, Melancholie, Schwächegefühle und
-Langeweile kennt er nicht. Jetzt schrieb er mir kurz: „Du, ich nehme
-noch immer pünktlich Dein berühmtes „Tamar“. Es ist besser als Deine
-Dichtungen; die sind für mich ganz unverdaulich. Du hättest doch
-vielleicht Mediziner werden sollen!“
-
-
-
-
- SCHLAFMITTEL
-
-
- Paraldehyd,
- _Dir_ gilt mein Lied!
- Der Tag ist lang,
- mir ist so bang
- vor’m _nächsten_!
- Paraldehyd,
- _Dir_ gilt mein Lied!
- Ich glaubte stets,
- mein letztes Lied
- sollt’ einem Frauennamen gelten — — —
- versunken sind nun diese Welten!
- Mit _Medinal_
- hätt’ ich die Wahl — — —
- indessen
- Paraldehyd bringt _tieferes_ Glück — — —
- ein längeres _Vergessen_!
-
-
-
-
- FAHRT
-
-
-Ich bin nicht gereist, ich weiß bis heute es nicht, wie ein Schlafwagen
-ausschaut, verstehe nichts davon, daß man nachts in seinem Bett, auf
-einem Kopfpolster, unter einer Decke und mit anderen nützlichen und
-bequemen Utensilien, durch die Welt getragen wird und morgens, ganz
-ausgeruht, irgendwo sich befindet, wo man, mit Respekt zu melden, noch
-niemals auch nur annähernd gewesen ist. Nun brachte man mich an einem
-frischen Julimorgen, per Automobil, 70 Kilometer die Stunde, nach
-_Wiener-Neustadt_. Alle Wiesen begossen uns fortwährend mit ihren
-Parfüms. Wind und Duft, das allein spürte man. Lioschka sagte nur
-einmal: „Wenn etwas geschieht, gehen die Splitter der Autobrille vorerst
-in die Augen und zerreißen sie!“ Dann nahm sie langsam die Autobrille
-ab. Dann sagte sie: „Ihre geliebten weißen Kartoffelblütenfelder! Früher
-habe ich mich nicht getraut, sie schön zu finden! Es hätte sich auch
-nicht für mich geschickt!“ Dann sagte sie: „Haben Sie auch den roten
-Mohn in den Wiesen gern, obzwar es ein Unkraut ist und schädlich für die
-armen Kühe?!“
-
-Ich berührte leise ihre Hand in den hellbraunen Rehlederhandschuhen. In
-Wiener-Neustadt setzte man mich ab. Gerade fiel einer von einem Gerüste,
-brach sich das Genick. Ich kaufte mir Bergblumenansichtskarten und
-fünffarbige Hülsen für Bleistifte. Ich ließ mir ein Zimmer aufsperren im
-Hotel neben dem Bahnhof, um zu schlafen. Alle Bediensteten waren wie
-besorgte Kindermädchen, obzwar ich nicht nach „reichlichem Trinkgeld“
-aussah. Aber der Schein trügt. Das ist vielleicht die letzte Philosophie
-dieser dienenden Menschen.
-
-Er ist vielleicht doch ein reicher Narr! Das letztere stimmte. Man
-brachte mir alles, das heißt zehn Flaschen Pilsner Bier. Das _ist_ doch
-alles! Ja und einen Roßhaarpolster. Wenn ich nur wüßte, weshalb man noch
-nicht auf polierten Granitsteinen schläft?! Diese Eiderdaunen aus
-zusammengedrückter Watte sind doch nur für die „Prinzessinnen in den
-Kindermärchen“! Wir Erwachsenen wollen hart schlafen, wie die Kaiser in
-ihren einfachen Feldbetten im Kriege. Amen.
-
-Ich erwachte und fuhr sogleich auf den Semmering zurück. Aus dem Dunst
-ins Gebirge. In _Pottschach_ stieg eine ein, in einem braungrün
-schillernden seidenen Bauernkostüme. Die hatte ein Gesicht wie eine
-14jährige Eleonora Duse. Aber in Payerbach stieg sie wieder aus. Sie sah
-meinen Blick nicht voll Trauer und Verzweiflung. Besser für sie und
-mich. Vielleicht hätte sie gedacht: „Alter Hund!“ Die Lokomotive
-„pustete“, wie man zu sagen pflegt, in die Bergweltkurven hinauf. Man
-glaubt immer, daß sie es nicht überwältigen wird. Aber das ist ein
-laienhafter Irrtum. Sie ist dazu geschaffen, konstruiert und
-ausprobiert. Gerade so ist es wie mit der „unglücklichen Liebe“. Unser
-Herz ist dazu konstruiert. Manchmal zerbricht es. Das sind
-„unvorhergesehene Fälle“, die auch der genialste Maschinentechniker
-nicht vorausberechnen kann. Die Luft wurde immer frischer, und ich
-gedachte des genialen Erbauers dieser Bahn, Ritter von Ghega, der sie in
-die Felsen mit Gewalt hineinbohrte, damit der Naturfreund alles genieße,
-Abgründe, Urwälder, Ausblicke, kurz die Dekoration der Bergeswelten! Auf
-dem Semmering dachte ich: „In Pottschach ist eine eingestiegen, in einem
-braungrün schillernden seidenen Bauernkostüme. Weshalb hat sie meinen
-Blick nicht gesehen von namenloser Begeisterung?! Vielleicht hätte er
-sie geschützt vor dem Herrn so und so, dem sie jetzt unbefangen die Hand
-reichen wird zum „ewigen Bunde“?! Unsere Blicke sind nicht da, um zu
-„zünden“, sondern um zu „schützen“, vor Blicken, die „seelisch stargrau“
-sind! Wir sind nicht da, um zu „erobern“, sondern um zu „schützen“! Ein
-jeder hat _seine_ Aufgabe im Leben! Er erfülle sie!
-
-
-
-
- LIED
-
-
-Die 15jährige Anna war sein Ideal. Strohgelbe leuchtende Weizenwogen
-ihre Haare!
-
-Franziska hieß die jüngere Schwester.
-
-Annas Lachen war wie tausend jubilierende Herzen — — —.
-
-Franziska hieß die jüngere Schwester.
-
-Immer war Anna vorhanden, in seiner Seele, _noch_ mehr, wenn sie
-_abwesend_ war — — —.
-
-Franziska hieß die jüngere Schwester.
-
-Anna bekam den „Scharlach“. Er wurde _bleich_.
-
-Franziska bekam auch den Scharlach.
-
-Anna genas — — —.
-
-Doch er blieb bleich.
-
-
-
-
- ABSCHIED
-
-
-Nun bist du fort — — —.
-
-Nun _wirst_, nun _kannst_ du mich nicht mehr _quälen_.
-
-Ich sehe deinen Blick nicht mehr, der ins Leere starrt,
-
-das heißt, auf _alle_ Männer, die _sich gerade finden_!
-
-Ich sehe nicht mehr, daß du frech „schachern“ willst,
-
-mit dem immerhin geringen Kapitale, das dir mitgegeben!
-
-Und daß du „Wucherzinsen“ begehrst für einen annehmbaren Leib!
-
-Ich bin _erlöst_, weil ich dich nicht mehr _sehe_.
-
-Was du _mir_ bist, kannst du _niemandem_ sein!
-
-Das aber kannst du erst verstehen,
-
-bis du _allen_, _allen nichts mehr_ sein wirst!
-
-’s ist eine Frage nur der Zeit, der Monate, der Stunden — — —.
-
-Und ich kann warten.
-
-Ich habe die _Tränenkraft_, zu warten.
-
-Und wenn du _weinend_ zu mir flüchten wirst,
-
-werde ich, trocknen Auges, deine zerstörte Seele schützen, schirmen!
-
-Denn irgend etwas bleibt stets unzerstört — — —.
-
-
-
-
- GESPRÄCH MIT EINER BARONIN, EXZELLENZ-FRAU, ÜBER IHREN HERRLICHEN
- ZWÖLFJÄHRIGEN SOHN
-
-
-„Je crains déjà maintenant nuit et jour les femmes qui viendront _plus
-tard_ — — —!“
-
-„Eh, madame, craignez donc les hommes qui viendront _plutôt_!“
-
-
-
-
- ENTZWEIT
-
-
-Oft sagte ich ihr, was mir an ihr nicht recht war — — —
-
-ganz verzweifelt starrte sie mich mit bösem Blicke an.
-
-Ein Abgrund öffnete sich, meine Liebe und ihre Freundschaft aufzunehmen.
-
-Dunkel ward’s und kalt.
-
-Hilflos ist die Frau in solchen Augenblicken, glaubt stets sich etwas zu
-vergeben, falls sie milde wird, ergeben,
-
-fällt der bangen Stunde hilflos stumm anheim.
-
-Ich sagte: „Hörst du die Holzfäller, den Schwarzspecht, riechst du der
-feuchten Wurzelstämme braunen Moder, siehst du die Bläue des letzten
-Enzians, fühlst du meinen Schmerz?“
-
-Sie sagte: „Mit solchen Reden wollen Sie mich versöhnen?!“
-
-„Mit solchen Reden nicht, doch überhaupt. Und irgendetwas muß gesprochen
-werden, sei’s dies, sei’s jenes. Vielleicht findet sich ein Wort — — —.
-Es _muß_ ein Wort einfach _gefunden_ werden, das sich wie eine Notbrücke
-von meiner Seele zu der deinen spannt!“
-
-Und sie: „Siehst du, du bereust — — —.“
-
-„Ja, ich _bereue, daß meine Liebe_ größer als meine Sehnsucht, dich zu
-_bessern_, ist!“
-
-
-
-
- GESPRÄCH MIT DER SECHSJÄHRIGEN SONJA DUNGYERSKY
-
-
-„Das ist ein Pastellstift zum Malen. Oh, ich weiß alles, sehen Sie!?“
-
-„Alles, alles weißt du, angebetetes Kindchen, aber wie sehr ich dich
-lieb habe, das, das weißt du doch nicht — — —!“
-
-„Und gerade das weiß ich. Sie haben mich sogar lieber als meine Großmama
-mich lieb hat — — —.“
-
-
-
-
- GLEICH BEIM HOTEL
-
-
-Gleich beim Hotel, links von der weißen Straße
-
-ist eine abschüssige Wiese, die niemand betritt.
-
-Im Urzustande ist das vielfarbige Fleckchen.
-
-Auf roten Disteln wiegte sich der Distelfink,
-
-und graue Brennesseln bargen gelbe Schnecken.
-
-Es war ein Gewirr von braun und grau und weiß,
-
-mannshoch und dicht. Im Mondlicht lag es düster.
-
-Hier erschaute ich der holden Jahreszeiten holden Wechsel.
-
-Oberhalb wurde gebaut mit hunderttausend weißen Betonwürfeln,
-
-und unten war das Bahngeleise nach Triest.
-
-Hier aber, auf dem abschüssigen unzugänglichen Wiesenfleckchen, gab ein
-Monat dem anderen die Tür.
-
-Ein jeder kam in _seinem_ Prachtgewande.
-
-Und jeden grüßte ich dankbaren Blicks.
-
-Es war mein Kalender. Ich erkannte jeden Monat, jede Woche, ja jeden Tag
-an den Veränderungen.
-
-Als alles blühen _wollte_, sah ich es voraus;
-
-ich sah voraus, als alles sterben _mußte_!
-
-Wer wird dich nun betrachten, da ich fort bin?!
-
-Es _ist_, und ist dennoch _nicht mehr_ — — —.
-
-L’âme, c’est la nature, devenue _consciente_ de soi-même!
-
-Et puis: La nature _n’existe_ que lorsqu’on l’aime!
-
-
-
-
- GESPRÄCH MIT EINER WUNDERSCHÖNEN DAME VON 30 JAHREN
-
-
-„Nach kaum 14 Tagen wollen Sie schon wieder vom heiligen Semmering
-abreisen, Sie mit Ihren empfindlichen Nerven?“
-
-„Ja, ich spüre es, daß der Semmering mir nicht hilft — — —.“
-
-„Ein berühmter Homöopath hat gesagt: „O, Mensch, die Heilprozesse deiner
-Krankheit dauern _immer gerade so lange_, als du Zeit gebraucht hast,
-sie _durch deine Sünden zu akquirieren_ — — —!“
-
-„Mein lieber Herr Altenberg, 16 Jahre lang kann ich nicht auf dem
-Semmering bleiben!“
-
-
-
-
- PLAUDEREI
-
-
-Ausspruch eines fünfjährigen Mäderls:
-
-„Wenn man alleweil brav ist, wissen die Leut’ dann gar nicht mehr, ob
-man noch auf der Welt ist!“
-
-Die Eltern tragen mir ununterbrochen Anekdoten über ihre vergötterten
-Kindchen zu. Sie sind tief überzeugt davon, daß es gerade mich
-interessiere! Ich interessiere mich auch wirklich _dafür_, daß sie alle
-_so tief überzeugt davon sind_, daß ich mich dafür _interessiere_! Denn
-diesen schönen Schein zu erwecken, heißt eben ein Dichter sein! Und als
-das möchte man doch gerne gelten, wenn man schon weder Beruf noch Geld
-hat, nicht?!?
-
-„Mein Knabe sagte mir gestern“, „mein Mäderl sagte mir vorgestern“, höre
-ich alle Tage zehnmal. Ob eines dieser kleinen Mistviecherl einmal zu
-der reichen Mama den genialen Ausspruch täte: „Mama, wenn du mich
-wirklich lieb hast, dann gibst du diesem entzückenden alten kranken
-Dichter eine Monatsrate von fünfzig Kronen — — —!“
-
-Ausspruch eines sechsjährigen Mäderls beim Abschied vom Semmering: „Ach,
-wie werde ich _fürder_ ohne meinen geliebten Pinkenkogel und
-Sonnwendstein existieren können?!“
-
-Ich hätte gerne geantwortet: „Sehr gut wirst du _fürder_ existieren
-können, indem ich dir _fürder_ für jeden affektierten, verlogenen,
-manierierten Ausspruch deinen Hintern aushauen werde — — —!“
-
-
-
-
- GEGEN
-
-
-Es ist eine der _infamsten Lügen_ der „Modernen“, daß es „ewigen
-Fortschritt“ gäbe! Wenn _ich_ das schon sage, will es etwas heißen! Die
-Kremoneser Geigen, die Amati, Guarneri, sind _nicht_ zu übertreffen, ja
-nicht einmal ihr „Spiegel-Lack“ und ihre „Schnecke“. Der Seiltänzer
-Blondin, der vor 40 Jahren über den Niagara tanzte und mitten über dem
-Katarakte auf einem zusammenlegbaren Sparherde sich eine Eierspeise
-kochte und aß, auf einem Klappsessel sitzend, ist _nicht_ zu
-übertreffen. Ebenso _nicht_ die Koloratur der Adelina Patti, die
-Lackarbeiten, Seidenstickereien der Japaner und Goethes Gedichte. Aber
-diese Herren, nomina sunt bekannt, wollen in Malerei, Musik und
-Dichtkunst „ewige Fortschritte“ uns einreden? Und gerade ausgerechnet
-sie? Bei dem nicht zu übertreffenden „Vollkommenen“ demütig haltmachen
-können, ist _Fort_schritt! Nach Mozart hat man _keine Quartette mehr zu
-schreiben_!
-
-
-
-
- ROMPE!
-
-
-Bevor nicht jeder deiner einstigen Kavaliere von dir sagt:
-
- „Was ist an ihr? Sie ist gewöhnlich, dumm und ohne Anmut, ohne
- Reiz“,
- glaub’ ich dir deine absolute innere Treue _nicht_!
-
- Zu deinen _Feinden_ mußt du sie erst machen _wollen_,
- um mir zu zeigen, daß du _mir_ gehörst!
- Solange sie _siegreich Besiegte_ sind,
- die Waffe senkend schwärmerischen Blickes,
- bin ich _besiegter Sieger_!
- Treibe sie zum Hasse, zur Verachtung!
- _Dann_ erst — — — liebst du mich!
- Und so geschah’s.
-
-Nur einer von den Rittern sagte zu mir, nach langem Schweigen, eines
-Abends:
-
- „Und wissen Sie, was ihre größte Tugend ist? Daß sie Sie liebgewonnen
- hat, und uns den Laufpaß gab!“
-
- Ich sagt’ ihr das.
-
- Und sie erwiderte: „Der Arme, Gute. Ich hab’
-
- ihn vorgemerkt. Nach Ihnen kommt er dran!“
-
-
-
-
- WASCHUNGEN
-
-
-„Ich wasche mich täglich unmittelbar nach dem Aufstehen vom Kopfe bis zu
-den Zehen, zuerst lau und dann kalt,“ sagte das wertvolle moderne
-Mädchen zu mir.
-
-„Sehr gut,“ erwiderte ich, „aber ich glaube nicht, daß Jeanne d’Arc dazu
-immer Zeit hatte, als sie in die Schlacht mußte, um Frankreich zu
-erretten!“
-
-Als ich sehr krank lag, nahm es mich immer „Wunder“, daß meine Geliebte,
-nach einer durchwachten und durchsorgten Nacht, noch immer die Energie
-fand, sich morgens vom Kopf bis zu den Zehen einzuseifen und abzuspülen.
-
-Sie sagte zwar: „Das tue ich, um mich _für dich_ frisch zu erhalten!“
-
-Aber, siehe, ich glaubte ihr das nicht.
-
-Es war das „gottlose Weibchen“ in ihr, das trotz allem und _unter allen
-Umständen_, sich appetitlich erhalten wollte! Für wen?! Nun — — — _für
-alle_!
-
-
-
-
- RESPEKT
-
-
-Er war immer, immer gerührt, ergriffen durch ihre „Persönlichkeit“, die
-auch die lange Krankheit nicht in ihr vernichten konnte. Er hatte immer
-die Idee, sie würde mit dem letzten Atemzuge noch einen überaus herzigen
-und aparten Clowntrick machen, und z. B. sagen: „O, Peter, ich werde
-also, wenn ich hinkomme morgen, den Petrus bitten, er soll, wenn du
-ankommst, dir deine vielen Sünden verzeihen, schon weil du sein
-Namensvetter bist!“
-
-Infolgedessen konnte er sich nicht enthalten, sie im Gespräche hie und
-da zärtlichst bei der Hand, am Arme, am Haupte, anzurühren. Wie ein
-süßes Kindchen.
-
-Da sagte sie eines Tages: „Frau Lilly rührst du _nie_ an, obzwar du sie
-_auch_ sehr gern hast! Du hast aber mehr _Respekt_ vor ihr! Siehst du?“
-
-Seitdem habe ich die süße kindliche Frau nie mehr angerührt.
-
-Einmal sagte sie zu mir: „Hast du mich also nicht mehr so gern wie
-früher, Peter?“
-
-„O ja, aber ich habe Respekt vor dir bekommen!“
-
-„Du dummer Mensch!“ sagte sie und lächelte —
-
-
-
-
- FALZAREGO-PASS-HÖHE
-
-
-2250 Meter. Also zum erstenmal seit meiner jauchzenden Kindheit wieder
-auf steinbesäter Bergalm mit dunklen Latschenkiefern, weißem Speik und
-Geruch von Ziegen.
-
-Irgendein Wässerlein tropfte, sickerte von ausgelaugten Felsenplatten.
-Meine Hand berührte zärtlich die polierten Nadeln des Zirbelholzes. Ich
-lauschte dem Rauschen im Legföhrenwalde. Das Knieholz schwankt nicht im
-Bergföhnstöhnen. Die Stämme sind wie Kautschuk. Der schwarze Weg ist
-feucht und klebrig.
-
-Ich gedachte des „Ochsenbodens“ auf dem Schneeberg, Märchen meiner
-Kindheit. Wie liebte ich diese fahlen blumenlosen Matten mit Geruch von
-weidenden Tieren!
-
-Wie wenn der Kreis sich schlösse meines Daseins. Auf Bergmatten begann
-es mit unbewußtem Jauchzen, auf Bergmatten endet es mit ernster Wehmut.
-Falzarego!
-
-
-
-
- ENTERBTE DES SCHICKSALS
-
-
-Sie hatte eine kleine reizende Blumenhandlung im Berghotel. Das heißt,
-sie hatte sie nicht, sondern sie war nur Verkäuferin. Die Besitzer waren
-in Wien, reiche Leute.
-
-Sie liebte die Blumen, die man ihr von den ungangbaren Felsgraten
-brachte, sie liebte die Blumen, die man ihr aus Ziergärten schickte in
-Watte und Holzbaumwolle. Alles, alles mußte sie aber doch verkaufen.
-Ihre besten Kunden waren die „Hotel-Don Juans“ und die „Neuvermählten“.
-Und sogenannte notwendige Abschiedsbuketts, von denen man dachte: „Ich
-will _nicht_, aber ich _muß_!“ Diese verkaufte sie am liebsten, schlug,
-so weit es ging, mit dem Preise auf, unerbittlich. _Abschied ohne
-Abschiedstränen_ muß teuer bezahlt werden! Einmal kam ein Dichter,
-bestellte für die sechsjährige Sonja Dungyersky einen Strauß von
-hellrosigen „Rosa Crimson Rambler“. Diesen ließ sie sich nicht bezahlen.
-„Weshalb denn nicht?!“ fragte der Dichter. „Wir wollen doch auch um
-Gottes willen einmal eine Freude haben! Etwas miterleben!“ erwiderte die
-Verkäuferin.
-
-
-
-
- FRÜHLING
-
-
-Also jetzt weiß ich alles — — — zuerst kommen die Kätzchen der
-Haselstaude, dann kommt primula acaulis, dann gentiana brachyphylla,
-dann kommt ein grüner Schimmer über die Birken, dann kommt Leontodon
-taraxacum, dann kommt ein weißer Schimmer über die Birnbäume, dann
-erwachen die Kastanienbäume, und zuletzt die Lärchen. Jetzt weiß ich
-alles, so _wird_ es! Hotels werden gebaut aus weißen Betonziegeln, und
-man projektiert ein Tontaubenschießen. Gleichsam ein lebendiger Protest
-gegen das Massakrieren von lebenden Tauben. Freilich der Turmfalke, der
-Sperber, der Wanderfalke, die Eule?!? Aber die tun es aus Instinkt, den
-wir Gott sei Dank verloren haben. So viele Leute jedoch ersehnen sich
-ihn wieder. Sie haben aber leider noch genug davon!
-
-
-
-
- ERLEBNIS
-
-
-Ich kaufte mir für eine Krone eine Porzellankaffeeschale mit gemalter
-Ansicht: „Semmering, Hotel Panhans“, steckte eine große Rolle Papier
-hinein, auf dem geschrieben stand: „_Das_ sind die „Andenken“, die die
-reichen Damen ihren unglücklichen Dienstboten vom Semmering mitzubringen
-pflegen!“
-
-Und das Dienstmädchen sagt gerührt: „Aber gnä’ Frau, nein so was — — —!“
-
-Aber sie meint: „Nein, so was Billiges, Scheußliches!“
-
-Kaum hatte ich die Sache auf meinem Tische aufgestellt, besuchte mich
-ein reicher Gutsbesitzer. „Großartig,“ sagte er, „wir fahren heute weg.
-Meine Frau hat drei solcher Kaffeeschalen für unsere Dienstboten
-gekauft! Und ich sag’ Ihnen doch, mein lieber Altenberg, solche Leut’
-freut das am meisten!“ „Ja, Schnecken!“ wollte ich sagen, aber ich
-sagte: „Selbstverständlich, sicherlich.“ Dann sagte er: „Zeigen Sie’s
-jedesfalls meiner Frau, vielleicht gift’ sie sich.“
-
-
-
-
- DIE TÄNZERIN
-
-
-Ja, gut, ich war von meinem achten Jahre an bis zu meinem siebzehnten
-eine englische Tänzerin in Varietés.
-
-Aber ich darf es nur denen sagen, die es als meine Ehre betrachten, daß
-ich schön tanzte und mir mein Geld verdiente und meiner Mutter davon
-gab, nämlich Geschenke. Sonst nahm sie nichts.
-
- Aber den Damen darf man es nicht sagen,
- die kalt und bös im dummen Leben stehn!
- Sie wissen nichts von unserer hohen Ehre,
- daß wir der Kunst _gedient_ und dennoch stets
- _Herrinnen_ geblieben sind über uns selbst!
- Sie glauben, man müsse im Kampfe unterliegen,
- denn siehe, sie unterlägen im ersten _Vorpostengefecht_!
-
-
-
-
- MEINE EHRUNGEN
-
-
-Die Frau eines berühmten Operettenkomponisten sagte zu mir: „Herr
-Altenberg, Sie wissen doch alles von den wichtigen Sachen im Leben, ich
-bitte, soll man Rhabarber in einem Garten anpflanzen?“
-
-„Nein, unter keiner Bedingung! Rhabarber verbraucht alle Bodenkraft
-ringsumher, er ist, gleich dem Rasen, der Egoist in der Pflanzenwelt!“
-
-Die Frau eines berühmten Schriftstellers sagte zu mir: „Ich bitte sehr,
-soll man den Reis schon die Nacht vorher einweichen in einem
-Wasserwandel?“
-
-„Jedenfalls! Reis bedarf der Vorbereitung, wie jede zarte Sache!“
-
-Eine dritte Dame sagte: „Alles was in Ihren Büchern ist, ist _längst
-vorher_ in unseren Herzen! Aber wir sind _feig_, behalten es bei uns. Es
-ist gut, daß jemand den Mut habe! Und dann: Uns glaubt man nicht. Den
-Dichtern zwar auch nicht. Man sagt: _Ein Dichter_! Uns aber sagt man:
-Gans!“
-
-
-
-
- KLARA
-
-
-Es gibt Mädchen, deren _ewige Verehrer_ wir bereits sind durch die Art
-wie sie ihre Haare zurückstreichen an den Schläfen. Eine unermeßliche
-Anmut ist es, eine kindlich-lässige, _nichts_ bedeutend und für uns ein
-_Schicksal_!
-
-Hätte ich nicht gesehen, wie sie ihre Haare zurückstreicht — — — aber
-ich _habe_ es gesehn und bin _verloren_!
-
-Von nun an für sie beten und weinen — — —.
-
-Wie hob sie die Arme, wie hielt sie die Schultern, wie waren ihre Hände,
-ihre Finger, wie stand sie da, und wie besiegte sie alle Nixenreigen im
-Mondlichte am Waldsee der Märchen?!
-
-Sie strich die aschblonden Haare zurecht, eine Bewegung, die so
-natürlich, selbstverständlich ist wie Atmen, Gehen, Sprechen. Ich aber
-beugte mein Knie vor Gottes _Weltenanmut_, die er mich Armseligen in
-seiner unerschöpflichen Gnade, an einem Julivormittag erschauen ließ!
-
-
-
-
- BERGHOTEL-TERRASSE, SEMMERING
-
-
-Daß ich da bin, ist mir ein ewiges Rätsel — — —.
-
-Ich war schon in der Gruft, durch Schuld der Ärzte!
-
-Heimtückische Mörder ihr, nein, schrecklicher, _Idioten_!
-
-Nun hab’ ich den Bergwald vor meinem Fenster,
-
-und die Stimme der K. P. jauchzt und singt und spricht Gesänge; bloß
-wenn sie nur sagt, was alle Menschen sagen; Gewöhnlichstes wird zum
-_ewigen Ereignis_. Wie man es sagt, ist alles, _was_, ist nichts!
-
-Und die Komtesse schreitet, fliegt, schwebt, schlängelt sich über die
-Terrasse — — —.
-
-Das süße Kindchen Sonja Dungyersky steht da in braunen Locken und ihre
-Beine sind dünn und braun wie von Gazellen — — —.
-
-Daß ich noch bin, ist mir ein ewiges Rätsel. Gott, schütze mir die,
-deren Schönheit mich berauscht! An denen ich krank werde und gesund
-zugleich!
-
-Berghotelterrasse aus Beton, mit deinen grellroten Tischen, Sesseln, ich
-war dein erster Morgengast, und ich begrüßte dich zärtlichst, du feuchte
-noch vom Morgentau! Im äußersten Ecke saß ich, oberhalb der Baumwipfel,
-und starrte in den weißen Mürztalnebel! Ich sah dich erstehen aus grauen
-nassen weichen Betonhaufen; ich wartete 21 Tage auf deine Marmorhärte;
-ich war dein erster Gast!
-
-
-
-
- ERKENNTNIS
-
-
-Alle Frauen rächen sich am Manne für irgendeine Unzulänglichkeit, die
-sie besitzen! Häßliche Fingernägel machen sie bereits boshaft und
-gereizt. Von einem „unidealen Busen“ gar nicht zu sprechen! Da begehren
-sie Tag und Nacht auf mit dem grausamen Schicksal, verzehren sich in
-Leid, und _lassen sich’s nicht merken_! Deshalb muß eigentlich jeder
-Mann _milde_ sein, _gerührt_, gestimmt zum _Verzeihen_! Wenn eine die
-Genialität hätte, es zu sagen: „Ich bin unglücklich _über mich selbst_!“
-Aber das wagen sie nicht, es sich selbst einzugestehen. Sie verlassen
-sich auf die Güte des Mannes, der sich „sekkieren, quälen, ungerecht
-behandeln“ läßt! Sie haben aber recht, denn _seine_ Liebe ist von Gott
-eingegeben, und _ihr_ Schicksal ist irdisch und ein bißchen vom Teufel!
-Er hat die _göttliche Kraft_ zu _leiden_ mitbekommen, sie die _irdische
-Schwäche_, _glücklich_ sein zu wollen!
-
-
-
-
- KLARA
-
-
-13. Juli, vormittag. Sie ging, in weißem Kleide, langsam den Wiesenweg
-hinauf. Ich sah sie; und sah sie wieder nicht. Sie grüßte, und ein
-Gebüsch verdeckte sie. Dann sah ich sie wieder. Langsam sah ich ihr
-weißes Kleid und ihre blonden Haare dem Wald zuschweben. Ich stand
-gebannt und grüßte nicht. Sie wußte, wie mir zumut war. Sie grüßte noch
-einmal. Wie wenn man sagte: „Du bist der erste, der gebannt steht und es
-vergißt, zu grüßen — — —!“
-
-Sie wußte dennoch nichts von ihrer heiligen, schrecklich-süßen Macht.
-Ich aber warf mich aufs Bett und weinte — — —. Dann kam sie zurück. Ich
-sah ihr weißes Kleid und ihre blonden Haare. Gebüsch verbarg sie, mochte
-sie entschwinden. Dann sah ich sie wieder. Ich verneigte mich. Sie ging
-vorüber; und wie eine Regenwolke kam es über die lichte Landschaft
-— — —.
-
-
-
-
- EIN KOMTESSEN-BRIEF
-
-
-Lieber Peter Altenberg,
-
-weshalb sagen Sie mir das über die „göttliche Vollkommenheit meines
-Leibes“, den _Sie_ unbedingt unter allen Hüllen _nackt_ sehen?! Ich habe
-doch schon _alle Untugenden_, die unser Stand, unsere Sorgenlosigkeit,
-unsere Verwöhnung von früh bis abends, mit sich bringen ohne unser
-Hinzutun!? Jetzt kommt noch die Begeisterung eines Dichters hinzu, also
-eines Menschen, der nichts will als begeistert, berauscht, gerührt
-sein?! So ein Beschenker! Sie werden mich nicht eitel machen, Edler, ich
-werde nur denken: „Vielleicht verhilft es ihm zu einem Gedichte, das
-wieder anderen hilft, wenn sie es lesen!?“ Und dennoch habe ich mich
-abends in dem Stehspiegel angeschaut und gedacht: „Dichter wissen doch
-alles!“
-
-
-
-
- MÄRCHEN DES LEBENS
-
-
-Der größte Beweis von _Kultur_ und _Takt_ einer Frau ist es, sich die
-ihr immerhin ganz angenehme Verehrung eines ungeliebten Mannes gefallen
-zu lassen, ohne ihn je zu kränken! Eine Dame ließ sich durch sechs
-Wochen meine schwärmerische Begeisterung sanft lächelnd gefallen. Beim
-Abschied bat ich sie, doch den Rehlederhandschuh abzustreifen, damit ich
-zum ersten- und zum letztenmal ihre geliebte Hand küssen könne — — —.
-
-„Schau’ns, Peter, was haben’s davon, nix. Das hat gar keinen Zweck. Hab’
-ich recht?!“
-
-„Vollkommen“, erwiderte ich.
-
-„Leicht sind Sie getröstet, mein Herr!“ erwiderte sie.
-
-„Im Gegenteil, ich bin _untröstlich_ darüber, daß Sie in Ihrer Kindheit
-zu wenig französische und englische Gouvernanten gehabt haben!“
-
-
-
-
- WORÜBER MAN NOCH IMMER WEINT, UND EWIG WEINEN WIRD!
-
-
-Die Frau verließ den Mann — — —.
-
-Hundert Millionäre lagen ihr zu Füßen.
-
-Da bekam ihr Kindchen Scharlach.
-
-Ihr Mann schrieb ihr: „Marie schreit auf aus tiefem Schlaf, ruft Deinen
-Namen!“
-
-Da kam sie.
-
-Und blieb!
-
-
-
-
- BESUCH
-
-
-Nun gut, ich bin ewig begeistert, trotz meiner 53 Jahre und meiner
-Krankheit, die doch schließlich unmerklich die Kräfte wegfrißt wie ein
-irrsinniger Jaguar, der nie genug hat und im Blute wühlt und trinkt ganz
-ohne Durst! Mir gegenüber, auf Zimmer 142, 143, wohnt seit gestern ein
-kleines Mädchen, Ungarin, Bulgarin oder Serbin; im Nationalkostüm mit
-ganz nackten, herrlichsten Beinen geht sie. Als ich sie heute auf der
-Stiege traf, lächelte ihre Mama über mein begeistertes Gesicht. Ich
-stand und schaute. Weshalb reisen, wenn die fremden Länder in ihrer
-Märchenpracht sich zu uns bemühen?! Das Hotelstubenmädchen ließ mich in
-das unaufgeräumte Zimmer. Ich kniete an dem Bett des Kindes nieder,
-küßte das Linnen, auf dem ihr heiliger Leib geruht! Das Stubenmädchen
-sagte: „Wann sollen denn die Menschen schön sein als so lang sie klein
-sind?! Später „wachsen sie sich aus“, da wird eine wie die andere — —.“
-
-Ich schenkte ihr zwei Kronen, denn sie war meine Mitarbeiterin geworden
-an dieser Skizze, die zwar noch nicht angenommen und bezahlt ist. Aber
-man muß etwas riskieren — — —.
-
-
-
-
- LIEBESGEDICHT
-
-
-Ich wußte es, sie hatte mich betrogen — — —.
-
-Betrogen? Nein. Sie hatte nur vergessen, es mir zu sagen, es mir
-mitzuteilen — — —.
-
-Denn ich hätte es ihr gestattet; wie einem Kindchen
-Kugler-Gerbeaud-Bonbons, von denen man nicht wissen kann, wie zart sie
-schmecken — — —.
-
-Das Stubenmädchen brachte mir ihren, meinen armseligen Ring, zehn
-Kronen, den sie auf Zimmer 109, im Bett gefunden hatte.
-
-Dann ging ich in die Bergwiesen, in den Wald, zu unserem heiligen
-Ruheplätzchen.
-
-Hochgelbe Arnika wuchs, weißer Klee, braune Schuppenwurz, lila
-Orchideen, ein Liebesteppich.
-
-Sie hatte mich betrogen. Nein.
-
-Dort, siehe, war es ein weißes Bett gewesen wie tausend Betten — — —.
-Ein weißes, weißes, nichtssagendes Bett.
-
-Hier aber war Bergwiesen-Liebesteppich, in Gottes bunter Pracht! Hier
-blieb sie mir treu!
-
-
-
-
- DAS GRÖSSTE KOMPLIMENT
-
-
-(Der Komtesse T. W. geweiht.)
-
-Einige Herren saßen beim Frühstück auf der herrlichen Bergterrasse,
-sprachen über die junge Gräfin.
-
-Der erste: „Sie ist so liebreizend, daß man krank und gesund zugleich
-wird bei ihrem Anblick!“
-
-Der Zweite: „Ich habe ein Gedicht gemacht, es ist das erste in meinem
-Leben. Puccini will es mir in Musik setzen.“
-
-Der Dritte: „Ich schrieb an meine geliebte alte Mutter nur über sie,
-acht Quartseiten — — —.“
-
-Der Vierte: „Sie ist da, und selbst der Bergwald ist seitdem schöner,
-melancholischer, düster-verhängnisvoll geworden!“
-
-Der Fünfte: „Wenn sie abends 8 Uhr, beim Konzerte, in den Speisesaal
-treten würde, _splitternackt_, sich hinsetzen, essen, trinken, sprechen
-würde, so würde der ganze Saal es für natürlich, selbstverständlich
-finden, als ob man längst darauf gewartet hätte! Man spürte es direkt
-als etwas Unschickliches, daß sie früher angekleidet gekommen war!“
-
-
-
-
- LE MONDE
-
-
-Die Schaukel war weitausgebaucht und braunrot.
-
-Im Winter sah sie nach nichts aus, im Sommer wurde sie mir eine lichte
-Welt! Klara, Franziska schaukelten darin, vormittags, nachmittags bis
-zum Abend, in weißen Batistgewändern, mit blondgoldenen, wehenden
-Seidenhaaren.
-
-Im Winter sah die braunrote Schaukel nach nichts aus, im Sommer wurde
-sie mir eine lichte Welt — —.
-
-Dann kam der Herbst und dann der erste Schnee. Da blickte ich denn oft
-dankbar hinaus zur Schaukel, tief dankbar für das einst Gebotene.
-
-
-
-
- EIN REGENTAG
-
-
-Es regnet. 9. Juli 1912, nachmittag 5 Uhr. Ganz dichte graue Schleier
-ziehen über den Bergwald vor meinen Fenstern. Alles trieft, ist
-untergetaucht in Nebel. Die Blumen haben ihre Farbe verloren, die
-Blechdächer glänzen, sind von Staub gereinigt, naß-poliert. Die
-Schaukel, die Schaukel. Vormittags schaukelte noch die sonnigste Frau,
-die blondgelichtete, die _musiksprechende_, in der Sonne! Ich sah sie
-schweben und weinte. Mir ist nichts anderes gegeben als zu weinen. Ich
-kann keine Lieder komponieren zum Preise, wie Brahms, Hugo Wolf, Grieg.
-Ich kann nur eine Melodie — — — weinen. Klara, Klara. Es regnet. Graue
-Schleier ziehen über den Bergwald vor meinem Fenster. Es duftet nach
-nassem Wald natürlich. Alles ist wie ertränkt. Klara, Klara, du sitzest
-in deinem Zimmer, lernst wichtige Dinge, fürs nächste Jahr, für die
-Prüfung, für das Leben. Deine blonden Lockenwolken streifen das weiße
-Papier, auf dem du schreibst — — —. Du sagst: „An einem solchen faden
-Nachmittag ist’s noch am besten zu lernen — — —!“
-
-
-
-
- IN 24 STUNDEN
-
-
-„Ich bitte, nehmen Sie mich um Gotteswillen heute nacht in Ihr Zimmer!“
-
-„Was interessiert Sie an meinem Zimmer?! Sie haben es doch schon oft bei
-Tag besichtigt?!“
-
-„Bei Nacht muß es viel schöner sein!“
-
-„Mein Mann wird Sie erschießen!“
-
-„Das macht nichts!“
-
-„Mein Mann wird mich erschießen!“
-
-Infolgedessen sah er nie ihr Zimmer bei Nacht.
-
-Nun werdet ihr mich fragen: „Und bei Tage?!“
-
-Frauen sind so kindlich, das Tageslicht als _neutralisierend_ zu
-betrachten; die Sonne kann mit ihrem lichten Strahl die dunklen Sünden
-bleichen! Sie läßt sich erzählen und beichten! Und verzeiht!
-
-Nur die Finsternis ist heimtückisch, macht zur Verbrecherin und verrät!
-„Kommen Sie, mein Herr, bei Tageslicht!“
-
-
-
-
- HOTEL-STUBENMÄDCHEN
-
-
-Ich sagte zu meinem Hotel-Stubenmädchen: „Johanna, Sie werden von Tag zu
-Tag unaufmerksamer gegen mich. Gestern waren sogar keine Zündhölzer
-vorhanden.“ Sie sagte: „Jetzt wird es schon wieder besser werden. Ich
-habe nämlich meine Schwester, 27 Jahre alt, verloren, man hat ihr zum
-Schluß das ganze linke Bein abgenommen. Sie hat gesagt: „Ich möchte auch
-mit _einem_ Bein leben!“ Aber es ist doch nicht gegangen.“ Sie brachte
-mir zehn Pakete Zündhölzchen. Sie sagte: „Wenn man nur wüßte, wofür man
-so schwer bestraft wird!? Die Dame auf Nr. 32 hat sicherlich mehr
-gesündigt als wir, und wie fein lebt sie?!“
-
-Ich sagte: „Johanna, wenn es auf Erden richtig zuginge, brauchten wir ja
-nicht die Hoffnung aufs Himmelreich — — —“
-
-Sie sagte: „Entschuldigen Sie vielmals die zahlreichen Versäumnisse der
-letzten Tage. Meine arme Schwester hat ausgerungen. Jetzt kann ich
-wieder meine Pflicht erfüllen!“
-
-
-
-
- MODERNER DICHTER
-
-
- In unserm Leben gibt’s so viel Nuancen — — —
- Die eine sagt: „Arzt meiner kranken Seele!“
- Die andre sagt: „Wie schrecklich er nur aussieht!“
- Die eine lauscht begierig der Persönlichkeit,
- die andre sieht pikiert den Gegensatz zu den andern!
- Die eine schreibt: „Darf ich zu Ihnen kommen?!“
- Die andre hält’s für zynisch, wenn er im Gespräch
- sanft-zärtlich ihre Hand berührt.
- Die eine sagt: „Ein Romantiker _ohne_ Herz!“
- Die andre sagt: „Ein Herzlicher _ohne_ Romantik!“
- Und eine jede sieht ein „für“ und „wider“ — — —
- und keine spürt, daß „für“ und „wider“ _eins_ ist
- in einem, in dem „für“ und „wider“ _zugleich_ sind!
-
-
-
-
- NATUR
-
-
-Naturempfinden ist wie die _Mutterliebe_ eine ewige rastlose Emotion.
-Man kann nicht sagen: Hier ist es schön! Man muß erfüllt sein, krank,
-von allem anderen losgelöst, begeistert, gerührt, dankbar und erstaunt!
-Man muß sich sagen: Wie komme ich dazu, das zu erleben, zu erschauen?!
-Es muß ein „Nervenrausch“ sein, sonst ist es nichts, nichts! Es darf
-keinerlei Zweck haben für die werte Gesundheit, es muß von selbst wirken
-und beglücken, wie das Antlitz der jungen Mutter, die sich über die
-Wiege des soeben erwachten Kindchens beugt. Ein Glücksschimmer ist da
-über seinem Antlitz, weshalb, das weiß niemand. So muß die Natur wirken!
-Sie ist kein hygienisches Heilmittel, pfui, sie ist ein _Mysterium_.
-Nimm gewisse Vögel aus dem Wald, und sie sterben vor Gram. Gib sie
-zurück, und sie zwitschern Dankgebete. So ist das Naturempfinden. Eine
-heiße, süße, zehrende Leidenschaft der Seele! _Sport_ und _Hygiene_ sind
-Börsenmanöver, die die modernen Menschen mit dieser Kirche „Natur“
-effektuieren!
-
-
-
-
- NOCH NICHT EINMAL SPLITTER VON GEDANKEN
-
-
-_Dialog_
-
-„Sie haben erklärt, ich hätte die feinstmodellierten Nasenlöcher, die es
-gäbe?! Das ist nicht sehr viel — — —.“
-
-„Nein, es ist _nur_ Edelrassigkeit!“
-
-_Extrakt eines Königinnenlebens_:
-
-„Die Königin fühlte sich am wohlsten, wenn sie bei einer edlen
-Zigarette, mit Gräfin P. A. über ihr Lieblingsthema, die Krankenpflege,
-_plaudern_ konnte.“
-
-_Die Philosophie_:
-
-Sie war die Lieblingsschülerin des berühmten alten Professors E. in Pr.
-Und _dennoch_ sagte sie: „Zu braunem Musselinkleide gehören eben
-unbedingt braune Strümpfe, braune Schuhe, brauner Schirm!“ _Dennoch?!_
-Nein, _deshalb_!
-
-_Leben des Alternden_
-
-Immer bissiger und innerlich immer voller Tränen!
-
-_Leben des reichen Mädchens_
-
-„Ohne Beschäftigung könnte ich es nicht aushalten. Man muß es sich doch
-beweisen, daß man _auch_ ein Mensch ist!“
-
-Es gibt Frauen, die von der Natur so _luxuriös_ ausgestattet wurden, daß
-sie sich den _Luxus_ der _Luxuslosigkeit_ erlauben dürfen! (Komtesse
-T...... W. E.).
-
-Aus dem „Englischen“:
-
-„Man sieht, wie wenig Gott von Geld hält, an den Leuten, die er damit
-ausstattet!“
-
-Aus dem „Wienerischen“:
-
-„Sö haben gar ka Idee, wie unangenehm i werd’n kann, wann i will!“
-
-„Versuchen Sie es einmal, es _nicht_ zu wollen!“
-
-Aus dem „Französischen“:
-
-Um ganz Pariserisch zu sprechen, braucht man es nur _ununterbrochen_
-ganz einfach innezuhaben, daß es _vier_ e gibt, das e muet, das e grave,
-das e égu, das e circonflexe, und sich danach zu richten! Aber das kann
-nur der geborene Pariser!
-
- ✶
-
-Als ich dem jungen Offizier mitteilte, ich hielte ihn für den Typus des
-„Eroberers“ und beneidete ihn um sein Glück bei Frauen, erwiderte er:
-„Schau’ns Peter, schau’ns, Glück gibt’s nicht! Die, bei denen man Glück
-hat, da ist es doch kein Glück. Die hat man von selbst. Dort erst wäre
-es erst ein Glück, wo man _kein_ Glück hat. Und _grad’ da_ hat man kein
-Glück!“
-
-Das Geständnis auf dem Sterbebett.
-
-28./8. 1912.
-
-Aus Nyiregyhaza wird gemeldet: Das Mitglied des Munizipalrates und
-Direktor der Volksbank Anton F. wurde verhaftet. Seine Frau hat auf
-ihrem Sterbebette gestanden, daß er vor vier Jahren ein Haus in Brand
-gesteckt habe, um die Versicherungssumme zu erhalten für ihren
-Sommeraufenthalt!
-
-Konklusion: Weihe deine Frau in nichts ein, sie könnte aus _Rache_ oder
-_religiösem Bedenken_ oder aus allgemeiner Stupidität dich verraten!
-
- ✶
-
-Moderne Gemäldegalerie der Armen: Farbiger Kunstdruck der „Jugend“,
-50-25 Zentimeter, Emil Hoess: _Rehe_. Text von P. A.: „Es gibt Menschen,
-die sich an der _Anmut_ dieser edlen Tiere _berauschen_! Es gibt
-Menschen, die der _Leidenschaft der Jagd_ ergeben sind! Es gibt
-Menschen, die, _ohne_ Rausch und Leidenschaft, gern Rehrücken mit Sauce
-Cumberland _fressen_! Es gibt _Dichter_, _Don Juans_ und _normale
-Männer_!“
-
- ✶
-
-Nur mit dir, Geliebte, hat das Leben für mich noch einen Reiz, aber
-_ohne dich_ hat es noch mehr Reiz!
-
- ✶
-
-Sie bewunderten sich gegenseitig — — — da war es ein Mißton! Sie
-bewunderten gemeinsam einen Schildkröt-Schirmgriff — — — da war es ein
-Akkord!
-
- ✶
-
-„Haben Sie mich noch gern?!“ fragt sie immer innerlich nach der ersten
-Umarmung. Weshalb fragt der _herrliche Idiot_ nie: „Haben _Sie mich_
-noch gern?!“
-
- ✶
-
-_Schamgefühl_ ist „_ein Schutz für Unzulänglichkeiten_“. Man verbirgt,
-was _zu verbergen_ ist! Treue ist auch ein Schutz. Wenn ich nur wüßte,
-wogegen?! Ah, ja, gegen die _Gefahren_ der Treulosigkeit!
-
- ✶
-
-_Essen_, um das Vergnügen zu haben, zu _essen_! _Hungern_, um das
-Vergnügen zu haben, zu _essen_! _Hungern_, um das Vergnügen zu haben, zu
-_hungern_!
-
-_Philister_, _Lebenskünstler_, _Dichter_!
-
- ✶
-
-Es gibt kein laues Bad von 27 Grad und keine gute Kernseife, die nicht
-jede Sünde der Frau hinwegwüschen!
-
- ✶
-
-Eine Frau, der _ich_ ihr _Alles_ bin — — — pfui Teufel!
-
- ✶
-
-Sie sagte: „Nie, nie, nie, werde ich Ihnen genug dankbar sein können!“
-
-„Oh ja, Fräulein, wenn Sie mich Ihre Achselhöhlen küssen lassen!“
-
- ✶
-
-Das Schrecklichste ist, irgendeinen pathologischen Zustand, wie Rausch
-oder Eifersucht, nicht „_ausschlafen_“ zu können! Denn dazu ist ja der
-Schlaf da, daß man wieder „zur Besinnung“ komme, daß man „ein Vieh war“!
-
- ✶
-
-_Schlaf_ ist der Verzeiher aller Sünden, die man dem armen Körper antut!
-Man darf daher nicht _mehr_ Sünden begehen als man Schlaf hat! Einige
-Sünden jedoch lassen sich nicht „ausschlafen“, z. B. zähes Fleisch mit
-Kohl. Auch die „Sünde der Faulheit“ läßt sich schwer ausschlafen. Je
-mehr man begeht, desto schläfriger wird man!
-
- ✶
-
-Es gibt zwei Sorten moderner Musiker — — — die _Ehrlichen_, das sind
-die, die den Richard Wagner _bestehlen_! Und die _Unehrlichen_, das sind
-die, die _originell_ sind!
-
- ✶
-
-Es gibt Dinge, die man nicht „modernisieren“ kann, z. B. den Kuckuckruf.
-Oh ja, man macht ein Rabengekrächze und nennt es „Kuckuckruf“!
-
- ✶
-
-„Der gute alte Richard Wagner“, sagen schon manche Vorge-trottelten!
-
- ✶
-
-Mit 82 Jahren ist man mit dem Tode schon so _befreundet_, daß er einem
-die unangenehmsten Wahrheiten ungeniert ins Gesicht sagt!
-
- ✶
-
-Ein Gymnasialdirektor sagte zu jedem Abiturienten beim Abschiede:
-„Werden Sie General!“ Er meinte, in jedem Berufe könne man es zum
-General bringen!
-
- ✶
-
-Es war direkt interessant, wie völlig uninteressant die Dame war!
-
- ✶
-
-Es gibt keinen größeren Idealismus als den einer zärtlich liebevollen
-Mama. Selbst eine unangenehme Erkenntnis hat bei ihr noch die Gloriole
-von roten Herzbluttropfen!
-
- ✶
-
-Millionäre trösten uns immer damit, man könne sich auch an Austern
-„überessen“. Aber in _diesen Zustand_ eben einmal zu gelangen, ist ja
-das Glück!
-
- ✶
-
-Ich fahre lieber in einem gefährlichen Automobil als in einem
-ungefährlichen Omnibus.
-
- ✶
-
-Man ist häufig genötigt, in der guten Gesellschaft das Wort „entzückend“
-auszusprechen. Ich habe daher im Tonfall dabei bereits so viele Nuancen
-mir zurechtgelegt, daß eine Dame mir einmal, als ich etwas „entzückend“
-fand, sagte: „Sie grober unverschämter Kerl! So ekelhaft ist es ja doch
-nicht, wie Sie es finden!“
-
- ✶
-
-Als der Kutscher uns liebenswürdig die Gegend erklärte, notierte ich bei
-jedem Bergnamen zehn Heller Trinkgeld. Als er die „Hohe Veitsch“ nannte,
-waren es bereits theoretisch 3 Kronen 70. Wir rundeten es auf 1 Krone 50
-ab!
-
- ✶
-
-Die Art deines Gehens, o Fraue, wenn du eine Hoteltreppe langsam
-hinauf-, langsam heruntersteigst, ist bereits dein „Biografical essay“,
-eine Offenbarung deiner wirklichen untrüglichen Werte!
-
- ✶
-
-Ich sah sie im Speisesaal eine Zigarette rauchen und war entzückt. Ich
-wußte noch gar nicht, was und wie sie sprechen würde. Sie hätte ewig
-schweigen dürfen, sitzen, rauchen, blicken — — —.
-
- ✶
-
-Das, was die Menschen uns nicht vortäuschen _können_, nicht vortäuschen
-_wollen_, _das_ sind sie! Ich habe Kinder gesehen, bei denen das
-„_Nießen_“ sogar entzückend war!
-
- ✶
-
-Man kann auch elegant zanken, elegant verzweifelt sein, man kann elegant
-langweilig sein, und sogar elegant ungezogen! Aber das ist das
-schwerste!
-
- ✶
-
-_Sie_ bezahlte Champagner und _beleidigte_ mich durch die Art, wie sie
-es tat!
-
-_Ich_ zahlte Champagner, und sie _versöhnte_ mich durch die Art, wie sie
-es annahm!
-
- ✶
-
-Eine Dame sagte: „Ich bitte, Herr Peter, welches ist das idealste
-Mundwasser?!“
-
-„Ein idealer Zahnarzt! Denn dann braucht man _gar kein_ Mundwasser, ja
-_nicht einmal_ eine Zahnbürste!“
-
- ✶
-
-Der Luxus der Frauen steht theoretisch _im umgekehrten Verhältnis_ zur
-_Vollkommenheit_ ihres Leibes! Dem _Leinenkleide_ für 25 Kronen
-entspricht der Leib der _Pauline Bonaparte_! Eine Dame sagte zu mir:
-„Diese blöden teuren Fetzen! Mich müssen’s nackert sehen! Dö Sachen
-verschandeln einen ja nur!“
-
- ✶
-
-Wenn ein Blumenmädchen in einem Vergnügungslokale an deinen Tisch tritt,
-dir für deine Dame eine Rose anzubieten, so muß die Dame _sofort_
-erklären, daß sie keine wünsche. Sonst macht sie sich _ebenfalls_ einer
-Erpressung schuldig!
-
- ✶
-
-Wenn in einem Geschäfte eine Kundschaft nach einer Ware sich erkundigt,
-die nicht vorhanden ist, so haben die Verkäufer nicht _stolz-abweisend_
-zu erklären: „Nein, das führen wir nicht — — —!“, sondern
-_zerknirscht-reuevoll_.
-
- ✶
-
-Weshalb erhält man bei uns hölzerne _Fußschemel_ nur in den
-_Spielereihandlungen_, während die Geschäfte für _Kücheneinrichtungen_
-sich beharrlich sträuben, dieselben zu führen?! Fußschemel sind keine
-Spielerei, und in der Küche braucht man Schemel — — —. Das sind
-unergründliche Geheimnisse der Geschäftswelt!
-
- ✶
-
-In Berlin kann man von März bis Oktober die riesigen
-Spiegelscheibenfenster in die Keller hinablassen, und man sitzt im Lokal
-gleichsam im Freien in guter Luft. Bei uns kann man das nicht. Wundert
-Sie das?! Mich nicht!
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- ✶
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-Unsere Auslage-Arrangeure wollen immer so viel als möglich vom Lager
-hinauszwängen, während gerade _ein einzelnes, besonderes Stück_ die
-_ganze Führung_ des Geschäftes, seinen _Geist_ bereits dokumentierte!
-
- ✶
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-Die Klosettfrauen sollten gezwungen werden, lose, einzelne Seifenblätter
-zu verkaufen. Die _gemeinsame_ Seife erinnert fast an ein „gemeinsames
-Zahnbürstchen“!
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- ✶
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-Alle Menschen leben „über ihre Verhältnisse“, über ihre ökonomischen,
-sexuellen und vor allem über die ihres Verdauungsapparates! Daher ihre
-ewige Reizbarkeit und Unduldsamkeit. Irgend etwas bedrückt sie!
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- ✶
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-Ich sagte einst einem befreundeten jungen Restaurateur in G.: „Vor allem
-nimm jede nicht konvenierende Speise _zurück_, selbst im Falle einer
-krassen Ungerechtigkeit. Du machst immer noch das _bessere_ Geschäft,
-wenn du dieses eine Mal bei dem Hundskerl draufzahlst. Sonst redet er
-dir noch Hunderte ab!“
-
- ✶
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-In den gutgehenden Geschäften sind die Bedienenden nervös, weil _zu
-viel_ zu tun ist, und in den schlechtgehenden, weil _zu wenig_ zu tun
-ist!
-
- ✶
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-Wenn ein Zyniker in der Gesellschaft von Damen zynisch ist, so ist er es
-_nur_, weil alle diese Damen ihm _keinerlei Hochachtung_ einflößen. Ich
-kann mir einen jeden Zyniker denken, der vor einer „innerlichen Kaiserin
-des Daseins“ _verstummte_! Tut er es aber auch in diesem Falle nicht,
-dann ist er ein Zyniker!
-
- ✶
-
-„Ich verehre Euch, Meister Altenberg, seit Jahren. Aber wozu die Worte?!
-Ich möchte Euer letztes Werk erstehen. Was kostet es?!“
-
-„Fünf Kronen.“
-
-„Für drei Kronen würde ich es nehmen — — —. Aber eine schöne
-„persönliche Widmung“ erbitte ich mir natürlich!“
-
-Ich schrieb eine persönliche Widmung: „_Sie_ haben mir zwei Kronen
-abgehandelt, _ich_ habe es mir abhandeln lassen; jetzt wissen Sie, was
-an _Ihnen_ und an _mir_ ist!“
-
- ✶
-
-3jähriger Wahrheitsfanatiker, aus dem noch was werden kann:
-
-„Wen hast du denn besonders lieb, Bubi?! Die Mama?!“
-
-„Nicht besonders — — —.“
-
-„Dein Schwesterchen?!“
-
-„Nicht besonders — — —.“
-
-„Wen also hast du besonders lieb?!“
-
-„Die Schokolade!“
-
- ✶
-
-Liebesbrief:
-
-„Oh, ich habe ein so grenzenloses Vertrauen zu Ihnen, daß ich es auch
-dann nicht verlieren könnte, wenn Sie es mißbrauchen würden!“
-
- ✶
-
-Höchstes Lob (Frau Dr. Eugenie Schw.):
-
-„Mein lieber Peter Altenberg, mit keinem der sogenannten „Modernen“
-könnten Sie sich vertragen! Mit _Gottfried Keller_ hätten Sie sich
-_vertragen_, obzwar Ihr von früh bis abend _erbittert gestritten_
-hättet!“
-
-Ausspruch:
-
-„Wissen’s, bei uns in der Hofoper, ich mein’ beim Ballet, teilen wir die
-Künstlerinnen, Sängerinnen, natürlich nicht ein nach dem, was sie
-können, das is uns Tänzerinnen doch ganz egal, sondern nach dem, ob sie
-„_betamt_“ (liebenswürdig-menschenfreundlich) oder „_unbetamt_“ sind!
-Die Jüdinnen also sind alle _unbetamt_ natürlich, aber es gibt sogar
-unbetamte _Christinnen_ bei uns! Und die sind noch ärger!“
-
- ✶
-
-Für 500 Kronen Honorar erklären dir die Ärzte, du habest „eine leichte
-Blutzirkulationsstörung“. Es sei nichts von Bedeutung. Für drei Kronen
-erklären sie dir, es sei ein leichter Schlaganfall. Die Hauptsache wäre,
-er solle sich ja nicht wiederholen!
-
- ✶
-
-Ein genialer Arzt verlor seine Stelle und erschoß sich, weil er sich
-jungen Patientinnen gegenüber schamlos benommen hatte. Sie fragen mich,
-was ich über den Fall dächte?! Ich rechne mir es aus: 57 Patientinnen in
-ihrer „Ehre“ gekränkt, 57 Tausend durch den Verlust des genialen Arztes
-_effektiv_ geschädigt!
-
- ✶
-
-„O, Herr von Altenberg, wie geht es Ihnen?! Noch immer nicht
-verheiratet?! Woran arbeiten Sie jetzt momentan?! Schwärmen Sie noch
-immer für schöne schlanke 15-Jährige?! Und überhaupt, was gibt es Neues
-in Ihrem reichbewegten Leben?!“
-
-„_Genehmigt!_“ erwiderte ich gelassen und entfernte mich.
-
- ✶
-
-Jemand sagte zu mir (jeden Tag ist es ein anderer): „Sie sind der
-glücklichste Mensch! Sie haben keine Bedürfnisse!“
-
-„Nein, ich habe keinerlei Bedürfnis, Bedürfnisse zu haben, die ich ja
-doch nicht befriedigen kann!“
-
- ✶
-
-Die Forelle, der Hecht sind gefährliche, ewig auf der _Raublauer_
-liegende Tiere. Aber man fängt sie geschickt mit irgendeinem Köder. Bei
-Frauen macht man es aber ungeschickt. Meistens reißen sie sich los und
-verspeisen nur den Köder!
-
- ✶
-
-Die Prinzessin sagte: „Man macht dem Sudermann immer den Vorwurf, daß er
-theatralisch sei. Das finde ich ungerecht. Wenn man das meinem Cousin,
-dem Louis Liechtenstein, nachsagen dürfte, so wäre es gerecht. Denn der
-hat’s nicht nötig. Aber der arme Sudermann, der ist doch dazu da,
-theatralisch zu sein!“
-
- ✶
-
-Ich sandte dem herrlichen 11jährigen Kinde Margit Kr. einen
-selbstgebundenen Strauß von hellblauen Skabiosen und gelben Teerosen.
-Die Mama sandte den Strauß zurück mit dem Bemerken, ihr Töchterchen sei
-noch _minderjährig_. Ich schrieb: „Gnädige Frau, wann erfolgt die
-Volljährigkeitserklärung für _Schönheit und Anmut_?! Gott, Jesus
-Christus und die Dichter verstehen nichts von Kalenderberechnung!“
-
- ✶
-
-Das mystisch schöne Kind hatte eine unschöne Mama. Alle Damen sagten zu
-mir: „Sie wird der Mutter nachgeraten!“ Endlich kam der wunderbare Vater
-an, wie ein Sieger-Torero. „Für einen Mann ist er viel, viel zu schön!“
-sagten alle Damen. „Nun und das Kind?!“ sagte ich. „Weshalb soll es
-gerade ihm nachgeraten?! Weil Sie es sich erwünschen?!?“ Bestien!
-
- ✶
-
-Je lustiger, je übermütiger die Geliebte, desto verstimmter der
-Geliebte. Alles geht auf seine Kosten, Unkosten. Aber manche Männer
-nehmen regen Anteil — — — an diesem Diebstahl vor ihren Augen! Amüsement
-ist „Ablenkung des Herzens!“ _Gutmütigkeit_ des _Mannes_ — — —
-_verbrecherischer Idiotismus_!
-
- ✶
-
-Was nützt es dir, o Jüngling, daß du mit Sorgfalt und Geschmack ein
-Bukett zusammenstellest aus herrlichen Bergblumen und Gartenrosen?! Die
-Dame fühlt: „Die Bergblumen kosten nichts, und die sieben Rosen je eine
-Krone!“
-
- ✶
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-Nur Juden haben die Ungezogenheit, mich zu fragen, weshalb ich stets an
-dickem, grünem, seidenem Kordon zwei herrliche Automobilpfeifen,
-Sirenen, trage!? Christen fragen das nie. Sie denken gleich: „Weil er
-ein Narr ist!“ Die Juden lassen sich durch die Frage noch wenigstens die
-Hoffnung offen!
-
- ✶
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-Mein Gehirn hat Wichtigeres zu leisten als darüber nachzudenken, was
-Bernard Shaw mir zu _verbergen_ wünscht, indem er mir es _mitteilt_!
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- ✶
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-Die modernen Damen verlängern sich die Fingernägel statt des Gehirnes.
-Das erstere scheint leichter zu sein!
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-Die Männer suchen ihre Damen von 8 Uhr morgens bis 11 Uhr nachts bei
-guter Laune zu erhalten! Wahrscheinlich wegen der übrigen Stunden!
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-Körperliche Vollkommenheit verpflichtet zu jeder anderen,
-geistig-seelischen Vollkommenheit! Aber glücklich die, die zu dieser
-Verpflichtung _verpflichtet_ sind!
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- ✶
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-Ein runder Rücken ist nicht nur ein _runder Rücken_. Es bedeutet auch
-einen _flachen_ Brustkasten!
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- ✶
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-Weshalb dieses unintelligente Sträuben gegen Nährmittelpräparate wie
-„Sanatogen“?! Jedenfalls wird es euch mehr nützen als Rostbratl mit
-Erdäpfelsalat! Ihr fürchtet euch vor zu viel Kräften?! Na ja, ihr müßt
-es ja wissen, wofür ihr sie dann doch nur verwendet!
-
- ✶
-
-Nährmittel haben zur Voraussetzung „eine ganze verfeinerte Kultur“.
-Sonst bleibe man bei dem a la Hunnen auf dem Sattel weichgerittenen
-Roastbeef!
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- ✶
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-Ich habe gelesen: Den Engländern fehlen leider zwei Sachen: Sinn für
-„feine zarte Küche“ und Sinn für „feine zarte Musik“. Jetzt weiß ich,
-weshalb sie die Welt unterjocht, viel Geld und viel Ehre gemacht haben!
-
- ✶
-
-„Ich habe meinen Gatten lieb, weil er mich reich ausstattet! Ich habe
-meinen Geliebten lieb, _obwohl_ er mich nicht reich ausstattet! Wie lieb
-hätte ich erst einen Geliebten, der mich reich ausstattet! Aber das gibt
-es ja gar nicht; der hat das doch nicht nötig, das wäre ja ein
-idiotischer Verschwender, den man unter Kuratel setzen müßte!“
-
- ✶
-
-„Ich denk’ über so viele Sachen nach, Gustav, und da werd’ ich ganz
-blöd. Wann ich einmal gar nicht nachdenk’, und was ganz Blödes sag’,
-dann sagen die Leut’, daß es riesig g’scheit is. Aber unbewußt sagen
-sie. Das heißt also, daß es doch blöd is, nicht, Gustav?!“ „Dummerl!“
-sagte Gustav, das heißt: „Gscheidterl!“
-
- ✶
-
-Die 5jährige Edith sagte abends beim Abschiede zu mir: „Also wann, wann,
-wann — — —?!“
-
-Da ergänzte die Mutter: „werden Sie morgen wiederkommen?!“
-
-„Aber geh’, Mutti, das weiß er ja, was ich gemeint hab’!“
-
- ✶
-
-Je tiefer die _seelische_ Liebe der Frau, desto _geringer_ ihre
-„physiologische“ Erregbarkeit. Das scheint schauerlich paradox zu sein!
-Die „Liebe“ verteilt ihre Erregung auf den _Gesamtorganismus_, während
-minderwertige Gefühle nicht diese Kraft haben, sondern sich
-_lokalisieren_!
-
- ✶
-
-In jeder schönen Frau, in jeder wohlgestalteten, steckt die „Hure“. Sie
-kann nicht anders als Tag und Nacht von dem Gefühle gereizt, gekitzelt,
-erregt zu werden als dem: „Ich könnte _jeden_ Mann selig machen, ihn in
-die letzten Räusche bringen!“ Eine Frau von diesem _Weltenempfinden_ weg
-auf _sich_ konzentrieren wollen und können, ist das Wesen der
-_glücklichen Liebe_! Ich bezweifle, daß es bei einer wirklich
-_vollkommen schönen_ Frau gelinge! Aber wie viel solcher gibt es?! Also
-gibt es doch viele „glückliche Liebende“. Und dann: die Frau rechnet mit
-ihrem allmählichen „schäbig-werden“. Das vermehrt die Chancen der — — —
-Idioten! Übrigens gibt es noch die sogenannte „gute Erziehung“. Ja, die
-Idioten haben Chancen!
-
- ✶
-
-„Ich bin _gewitzigt_“, heißt: „Ich bin gewitzigt über die Dinge, über
-die ich _gewitzigt_ bin. Aber über die Dinge, über die ich _noch nicht_
-gewitzigt bin, über die bin ich noch nicht gewitzigt!“
-
- ✶
-
-Kinder rupfen zarten Insekten ihre überzarten Flügel aus. So machen es
-_Erwachsene_ den _Dichtern_!
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- ✶
-
-„Sie reizen uns _unnötig_ auf mit Ihren anarchistischen Theorien!“ sagte
-eine junge Dame zu mir.
-
-Wie würde ich es erst tun, wenn ich es _für nötig_ hielte!
-
- ✶
-
-„Woher nehmen Sie ununterbrochen Ihre Begeisterung für Frauen, Kinder,
-die Natur?!“ sagte jemand zu mir.
-
-„Von Abführmitteln! Tamar Indien Grillon! Von meiner ‚_inneren
-Unbeschwertheit_‘!“
-
-„Sie scherzen!“
-
-„Gewiß. Denn Sie würden davon nur _Diarrhöen_ kriegen!“
-
- ✶
-
-„Wir sind eben noch keine „chemischen Retorten!“ Schauen Sie doch die
-„Roßknödel“ an auf der Straße, woraus das Pferd seine ganze riesige
-Kraft gezogen hat!?“
-
-„Ja, es ist eine wahre _Roßnatur_!“
-
- ✶
-
-„Was verstehen Sie eigentlich unter „Kunst“?!“ sagte ein Herr um
-Mitternacht, bei Champagner, zu mir.
-
-„Da müssen Sie noch ein bisserl was _bar_ draufzahlen, wenn ich Ihnen
-die Frag’ jetzt beantworten soll!“
-
- ✶
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-Wenn jemand magenkrank ist, so muß ein moderner Arzt ihn sogar fragen:
-„Haben Sie mit Ihrer Wäscherin nie so „leichte Konflikte“, oder
-verkehren Sie nicht mit _ärmeren_ Leuten als _Sie_ sind, oder schläft
-Ihre Geliebte nicht gern bei anderen?!“ _Solche_ Kleinigkeiten schon
-können einen überempfindlichen Organismus aus dem sogenannten
-physiologischen Gleichgewichte bringen.
-
- ✶
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- Was _du_ nicht willst, daß _man_ dir tut,
- das _tu’_ geschwind den _andern_ an,
- denn _sie_ tun dir’s _jedenfalls_ an!
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- ✶
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-Jeder „Sport“ macht aus der _romantischen_ Natur eine Zirkusmanege!
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-Musik ist: wie wenn die Seele plötzlich in einer _fremden Sprache_ ihre
-_eigene_ spräche!
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- ✶
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- ZYKLUS: „VENEDIG“
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- EINDRÜCKE
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-In Triest hatte ich im _Hotel Excelsior_ ganz hoch oben ein Kabinett,
-das eine kleine eiserne Balustrade hatte, von der aus man das Meer sah
-und rechts die braungrünen Hügel. So sah ich also zum erstenmal das
-Meer, in meinem 55. Lebensjahr. Abends trat ich an die eiserne
-Balustrade und betrachtete die weite graue Fläche Wasser. Ich durfte
-also auch noch ein Meer sehen, und morgen sogar ein Schiff mit
-Frühstückszimmer, Speisesaal, Kajüten und Deck zum Spazierengehen. Das
-gütige strenge Schicksal hatte mir das alles aufgespart, gleichsam als
-_Schlußbelohnung_ eines ereignislosen Daseins. Diese schwebende Stiege
-an der schneeweißen Wand des Schiffes! Man frühstückt: Teeschale Kaffee,
-licht, gut passiert, mit Schlagsahne, und fährt zugleich mit Turbine auf
-dem Adriatischen Meer. Dabei liest man in Intervallen Zeitung und
-schreibt Ansichtskarten an Annie W. Man zeigt mir freundschaftlich die
-„italienische Küste“ im fernen weißen Nebel, und ich selbst erblicke
-braune Segel von Fischerbarken. Das alles ist wundervoll. Meine
-englische Freundin sagt: „Ich habe es gewußt, daß es Ihnen viel Spaß
-machen wird!“ Aber es macht mir viel Ernst! Venedig ... also das ist
-dieses Venedig, mit einem Palazzo Vendramin, in dem mein Gott, Richard
-Wagner, den letzten Seufzer aushauchte. Hier also ist der große weite,
-palastumrankte Platz, auf dem sechs reizende Kaffeehäuser sind, mit 1000
-Tischen und Stühlen, und wo abends in der Mitte auf eisernem, elektrisch
-beleuchtetem Gerüste die _Banda Municipale_ spielt. Und gegenüber der
-Lido, wo die Menschen in Licht, Salzluft und Wasser sich verjüngen und
-die schönen Frauen wenigstens ihre herrlichen zarten weißen Füße, Zehen,
-Beine, Knie zeigen. Wenn man dann abends auf dem Markusplatz so eine
-viertelnackte Nymphe en grande toilette sieht, denkt man: „Bitte sehr,
-die Schneiderinnen wollen auch leben!“ Bei „Salviati“ sah ich Gläser von
-der Farbenpracht von exotischen Schmetterlingen, Vögeln und Orchideen.
-Andere wieder waren düster wie der Himmel vor dem Gewitter und die Seele
-eines Eifersüchtigen. Viele schienen herausgewachsen zu sein, wie aus
-Erdreich und Sonnenlicht und Tau und Regen. Aber dazu muß man in den
-Kanal Grande fahren, in die Ausstellung, da ist die „Glas-Aristokratie“,
-während sonst überall die schreiende Marktware ist. Parmesan und
-Paradeis sind die Lieblingsdinge. Man ißt fast alles mit diesen beiden
-Dingen. Fast zu allem offeriert man dir eine Glasbüchse mit
-Silberdeckel, in der geriebener Parmesan sich befindet. Die neue Oper
-von Wolf-Ferrari: „Die neugierigen Frauen“ von Goldoni, Lustspiel, wurde
-im Goldoni-Theater, hellblau und gold, unübertrefflich dargestellt;
-Kapellmeister, Orchester, Stimmen, Spiel einfach _vollkommen_.
-Wolf-Ferrari ist ein feiner, nobler, geschickter, diskreter — — — jetzt
-weiß man _alles_! _Gott_, daß ihm _nichts_ einfällt, das macht er
-_absichtlich_, er ist zu nobel, zu kompliziert dazu, er _will nicht_
-melodiös sein, wie alle Modernen, die es nicht _können_! Was die Mode
-betrifft, bin ich leider nur für die englisch-amerikanische, während die
-französische überladen und unnötig ist. „Ich habe Geld, ich habe Geld,
-es zu bezahlen!“ schreien alle diese Modelle von Hüten und Kleidern,
-während die englischen und amerikanischen flüstern: „Wir haben so viel
-Geld, daß wir gar nicht brauchen, es erst zu zeigen!“ Der Meeressand ist
-wundervoll, ihn durch die Finger gleiten lassen ist eine „ästhetische
-Wollust“. Rührend ist die ärmliche Vegetation der Küste: Grasbüschel,
-Akazien, Birken. Bilder habe ich noch keine gesehen. Die Historie
-versucht es wie ein altes, Opfer heischendes Ungeheuer, hier überall uns
-von der einfachen Natur abzulenken. Aber bei mir gelingt es ihr nicht,
-ich bin der „heilige Georg“, obzwar ich Richard heiße, pardon, Peter.
-Ich weiß, daß man Giotto „Dschotto“ auszusprechen hat, und damit habe
-ich mich losgekauft. Deckengemälde interessieren mich nicht, man bekommt
-einen steifen Hals davon. Von Berühmtheiten der modernen Zeiten waren
-hier außer mir: Heinrich Mann, Jakob Wassermann, Max Oppenheimer, Tilla
-Durieux, Adolf Loos, Eduard Stucken. „No, und ich bin nix?!“ sagte die
-Neunzehnjährige, die sich von mir die Hotelrechnung bezahlen ließ.
-„Welche kann das noch von sich behaupten, daß ein solcher Schmutzian wie
-du für sie hat bezahlen müssen?!“
-
-
-
-
- VENEDIG
-
-
-Und plötzlich _fiel es ihm ein_, ein trauriges Erschrecken — — — ja, sie
-wollte _nicht_ mit ihm verkehren!
-
-Es wurde ihm _sogleich_ zur Gewißheit!
-
-Mit untrüglicher Klarheit war es in seinem armen Gehirn, in seinem armen
-Herzen, plötzlich, lähmend, vernichtend, untergrabend! ja, er hatte es
-sogar _gewußt_, gewußt, das heißt geahnt, schon nach den ersten Stunden
-des Beisammenseins. Sie wollte ihn gleichsam sogleich beschützen vor
-seiner Erkrankung an ihr, vor seiner Torheit, vor seinen kommenden
-Kränkungen, vor seiner Sehnsucht am lauten Tage und in stiller Nacht,
-ja, vor seiner Sehnsucht wollte sie ihn beschützen, kurz vor allem und
-allem und allem, und zwar _sogleich_, prompt, radikal, hilfreich,
-unerbittlich, wie ein Arzt, wie eine Mama, wie eine Schwester, wie eine
-Heilige. Eine _schöne Idee_, eine _Aufgabe_, eine _Mission_!
-
-Gestern war er um 7 morgens in ihrer Kabane, hatte ihr schwarz-weißes
-noch feuchtes Schwimmkleid geküßt, das an einem Haken hing. Und ihre
-Bastpantoffeln und den Rand ihres Trinkglases. Das Meer war schön, ja,
-das Meer war schön. Er hatte ihr dann, um 11, von seinem Morgengruß
-erzählt. Aber _heute_ morgens war der Vorhang irgendwie verschlossen.
-Auch fragte sie ihn um 1 nicht, weshalb er keinen Kabanenbesuch gemacht
-habe, weshalb er nicht gebadet habe, ob er nicht wohl sei, oder sonst
-irgend etwas Menschenfreundliches. Sie fragte nach _nichts_. Wißt ihr
-was das heißt?! Nein, das wißt ihr nicht, Gott sei Dank! Todesurteile
-für die wehrlose Seele!
-
-Was war los?!
-
-Ihr Gatte?!
-
-Ihr Liebhaber?!
-
-Komplikationen?!
-
-War sie unglücklich verliebt in irgendwen, absorbiert, betäubt,
-angenagelt?!
-
-War sie krank, körperlich, Magen, Darm oder noch heiklicher?!
-
-War sie müde?!
-
-Hatte sie vielleicht überhaupt _genug_ oder _zuviel_?!
-
-Wollte sie sich freihalten für Konvenierenderes?!
-
-War er nicht nach ihrer Fasson?!
-
-War er zu unheimlich ungestüm mit seiner Seele?!
-
-Wollte sie ihn wirklich schützen vor sich selbst?!
-
-Aber das wäre ja schrecklich.
-
-Denn er hatte die feste unerschütterliche Absicht gehabt, _an ihr_, _an
-ihr_ zugrunde zu gehen! Aber vielleicht war es besser _so_! Am nächsten
-Morgen sagte sie: „O, Sie haben schon genug von mir, ich bitte,
-antworten Sie nichts, so etwas fühlt man ganz genau, schade — — —.“
-
-Er stand da, und lauschte den Worten, die bereits verklungen waren.
-
-Das Meer war schön, schön, wie niemand es schildern könnte — — —.
-
-
-
-
- VERSCHIEDENES
-
-
-Neurasthenie ist so lange eine Krankheit, bis es ein Stadium einer
-_neuen Gesundheit_ wird!
-
- ✶
-
-Warte, bis man von deinem geliebten Kindchen _dir_ Anekdoten und
-Aussprüche zuträgt. Deine eigenen enthalten keine Pointe, sondern nur
-Mutterliebe!
-
- ✶
-
-Frauen haben eine kolossale _Überschätzung_ ihrer Macht. Man ist nur zu
-wohlerzogen und mitleidsvoll, es ihnen jedesmal zu beweisen!
-
- ✶
-
-So lange ich ihr schrieb, was ich durch sie leide, verstand sie es
-nicht. Als ich es nicht mehr schrieb, sagte sie: „So gefallen Sie mir
-viel besser!“
-
- ✶
-
-Am besten dran sind die _ganz vollkommen_ gebauten Badenden und die
-_ganz Unvollkommenen_. Beide sind schicksalergeben. Am schlechtesten
-dran sind die _Halb_zulänglichen. Die möchten es immer durch irgendetwas
-_ausgleichen_, und bringen es _nicht_ zustande!
-
- ✶
-
-Es gibt Frauen, die schlecht schwimmen, und man fühlt: „Ungeschickte
-Gans!“ Bei der anderen fühlt man nur zartestes Mitleid!
-
- ✶
-
-Es gibt „physiologische Matadore“; das sind die Frauen, die _Trikot_
-tragen im Meeresbade. Die anderen haben allerlei Ausreden, vor allem das
-herzige Wörtchen „_indezent_“!
-
- ✶
-
-Für die meisten ist das Wasser ein „fremdes Element“. Ihre Tempi
-erinnern an „Schwimmlehrer“ und „1 ... 2, 3!“
-
- ✶
-
-Sie sind ein „gefährlicher Beobachter“, sagte eine Dame schelmisch zu
-mir.
-
-„Wieso?!“ erwiderte ich, „ich bin doch weder reich noch in angesehener
-Stellung!?“
-
- ✶
-
-„Womit habe ich Sie gekränkt, Peter?! Ich tue doch mein Möglichstes!“
-
-„Tun Sie einmal ihr _Unmöglichstes_!“
-
- ✶
-
-Eine junge Frau sagte zu mir: „O, wenn ich so _gebildet_ wäre wie die
-Frau Sch., dann wäre ich _noch gebildeter_ als sie!“
-
- ✶
-
-Die meisten Menschen verstehen die _ganz tiefen Dinge nicht_! Sie suchen
-sie _ganz unten_, und sie sind _ganz oben_! Aber sie _dort_ zu finden,
-dazu muß man _ganz tief_ sein!
-
- ✶
-
-Das größte Kompliment:
-
-Frau Vallière, Schauspielerin in Hamburg: „Peter, im Mittelalter wären
-Sie _heilig_ gesprochen worden! Heute hält man Sie für einen perversen
-Narren!“
-
-„Ich bin _zu spät_ auf die Welt gekommen!“
-
-„Nein, _zu früh_!“
-
- ✶
-
-Märchen des Lebens! In meiner Kindheit las ich von den großen, dicken,
-glasartigen, weißen, durchscheinenden Quallen mit lila durchscheinenden
-Füßen, die im Meere schwimmen und leuchten! Nun spülte mir das
-Adriatische Meer eine an den Sandstrand. Ich untergrub sie mit einer
-hölzernen Sandschaufel, warf sie ins Meer zurück, um sie zu retten. Aber
-die Brandung brachte sie wieder. Ein Kind sagte: „Kann man sie essen?!“
-
-„Nein, sie leuchtet nur, nachts, im Meere!“
-
-„Weshalb also willst du sie retten?!“
-
-„Eben _deshalb_, weil sie zu nichts anderem zu _gebrauchen_ ist, als
-nachts im Meere zu _leuchten_!“
-
- ✶
-
-Ein Tintenfisch wurde vormittags an den Strand geworfen. Allen grauste
-vor dieser unkenntlichen Masse. Zu Mittag stand er auf der Speisekarte.
-Eine Dame ließ sich ihn servieren, fand ihn recht schmackhaft und
-eigentümlich.
-
-„Wie können Sie das gut finden?!“ sagten alle empört-überrascht.
-
-„Ich habe ihn, Gott sei Dank, nie gesehen, wie er _wirklich_ im Leben
-aussieht!“ sagte die Dame.
-
- ✶
-
-„Sie sammeln schöne Muscheln?!“
-
-„Ja, es ist das unmodernste und das _modernste_ Kunstgewerbe der Natur!“
-
- ✶
-
-„Was finden Sie an mir Besonderes, mein Herr?!“
-
-„Ich liebe Ihren Geist und den Duft Ihrer Achselhöhlen, Ihres Atems,
-Ihres Schwimmkleides!“
-
-„Und wenn ich _nur_ den _Geist_ hätte?!“
-
-„Dann wären Sie eine tragische und lächerliche Persönlichkeit!“
-
- ✶
-
-„Sie _durch_schauen uns, mein Herr!“
-
-„Ja, aber auf der anderen Seite ist es _doch wieder dasselbe_ anziehende
-Mysterium!“
-
-
-
-
- DIALOG
-
-
-„Peter, Sie hören _das Gras wachsen_, Sie _ersticken_ alles im _Keime_,
-_zerstören_ die Frucht im Mutterleibe, seelisch!“
-
-„Ich kenne die Gefahr, ehe sie _Gefahr_ ist! _Später_ ist _zu spät_!“
-
-„Wenn ich ihn mir aber wünsche, diesen ungesäten Keim einer Gefahr?!
-Wenn ich gerade das mir erwünschte?!“
-
-Er schweigt, wendet den Kopf ab.
-
-„Peter, ich wünsche es mir nicht, nein, bei Gott, ich wünsche es mir
-nicht!“
-
-„Lassen Sie Gott aus dem Spiele, Teufeline!“
-
-„Peter, ich wünsche mir nichts, nichts als Ihre Freundschaft, Ihre milde
-Stimmung zu mir nicht zu verlieren!“
-
-„Sie irren sich! Sie haben gewählt, entschieden, und gerichtet!“
-
-„O, Peter — — —.“
-
-
-
-
- FAUNA UND FLORA
-
-
-An dem adriatischen Meeresufer findest du morgens um sieben viele kleine
-Bündel von angeschwemmtem zähen Grase vom Meeresgrund, und kleine
-Muscheln in ganz modernen Farbennuancen, von grau in schwarz, von braun
-in lila, von gelb in braun. Die Japaner scheinen von da ihre diskreten,
-fast mysteriösen Farbentöne her zu haben. Die großen teuren Muscheln
-stammen aus dem Indischen Ozean und sind wertvolle _wertlose_
-Prunkstücke. Aber die kleinen Muscheln, hier umsonst, sind kleine
-moderne erlesene Kunstwerkchen der Natur! Eine Dame sagte zu mir: „Eine
-ist doch so wie die andere!“ — „Für _mich_ nicht!“ erwiderte ich. Die
-kleinen, nach seitwärts gehenden Krabben sind entzückend. Sie suchen
-herzig und ungeschickt das Weite, aber wenn sie es nicht mehr können, so
-zwicken sie sanft mit ihren Miniaturscheren. Am Meeresufer ist ein
-bewegtes Leben und Treiben; aber die Büschel von geheimnisvollen
-dunkelgrünen zähen Gräsern, die herrlichen Muscheln und die Krabben sind
-wie von tausend Jahren her, wo Menschen noch nicht das _Strandbad_
-kannten. Auch du wirst einst nicht mehr sein, die du mich nun in
-_jugendlich-lächerlichem_ Stolz abweisend mit den Blicken mißt, und
-deine Brüste werden die Spannkraft eingebüßt haben, so oder so; und ewig
-wird das Meer noch Grasbüschel auswerfen, Muscheln und Krabben. Und mein
-_Leid_ wird vielleicht _leben_, denn sterblich ist das _Jauchzen_, es
-verhallt; der _Seufzer_ aber ist unsterblich. Er dringt zu Gottes feinem
-Ohr. Der schenkt ihn wieder der Welle, die ans Ufer klagend fällt. Gott
-liebt das Leid; wieso es kommt, ich weiß es nicht; es muß wohl
-„göttlich“ sein. Gott liebt das Leid, es _reinigt_! Die satte Freude
-liebt er _nicht_!
-
-
-
-
- QUO VADIS?!
-
-
- Du hältst mich für anspruchsvoll und ungezogen — — —
- ich bin es nicht.
- Du _hörst_ einfach das Ächzen meiner Seele nicht — — —
- Das ist es. Du bist taub!
- Wieviel Rücksicht hingegen nimmst du für die alte
- Frau, die einen reichen Mann hat, wohlgeratene Kinder,
- und der du _nichts_ bist, nichts, in alle Ewigkeit!
- Wieviel Rücksicht für Herrn v. G., Frau Z., und den Professor!?!
- Und, siehe, alle sind _frei_ von dir.
- Das heißt, sie schlürfen deine Gnade,
- wie ein Spaziergänger den Duft der Linden und des Jasmins!
- Es _ist_, und ist _nicht mehr_.
- Mir aber ist der Duft deiner Bluse, deiner Haare, deines Atems,
- _ewiges Verhängnis_!
- Noch bin ich tapfer, kann in mich hineinweinen.
- _Noch!_
- Bringe nicht grausam um _dein Kind_, das du _in mir_ erzeugt hast,
- meine _Liebe_!
- Oder bring’ es um und wandle in Frieden die
- Pfade der Gewöhnlichkeiten!
- Man wird dich _haben_ wollen, oder nicht!
- Jedoch das Mittelding ist nur des _Dichters_!
- _Er will_ dich haben, und vom _Nichthaben_ lebt er!
- Lass’ ihn _neben dich_ setzen im Kaffeehaus, im Restaurant,
- und geh’ _an seiner Seite_!
- Im Dampfschiff lass’ ihm Platz, und überall,
- ganz neben dir!
- _Lass’ ihm_ seine ewigen Hochzeitstage,
- die _dich_ kaum sehr genieren!
- _Du_ gibst so wenig,
- und er nimmt _so viel_!
- _Das_ soll dich freuen, Frau!
- Ich sag’ es nicht zu meinem Besten,
- sondern zu dem _deinen_!
- Ein besseres _Himmelsgeschäft_ auf _Erden_ kannst du nicht
- machen als _mit mir_!
- Einer spendet dir den Reichtum seiner Seele
- für einen Blick auf deine Kinderschultern,
- die noch dazu von einem Stoff bedeckt sind!
- Du gibst ein _Nichts_, und spendest _eine Welt_!
- Ich rede dir zum letzten Male zu — — —
- verschütte nicht die Schätze, die du schenkst!
- Bald bist du arm, du weißt es nicht — — —
- Dein müdes erstaunt-verlegenes Lächeln trifft dann meine tote Seele,
- um deren Feuergeist du dir nie Mühe gabst!
- Adieu — — —.
-
-
-
-
- DREISSIG
-
-
-Weißt du, daß du einmal alt wirst?!
-
-Und daß die Männer sich nicht mehr es vorstellen werden können, daß du
-gefallen hast, ja, _begehrenswert_ warst?!
-
-Diese fatale _Umwandlung_ deiner Person, die doch eigentlich _dieselbe_
-geblieben ist!?
-
-Das wirst du alles erleben _müssen_, geliebteste Frau, und in Ruhe und
-in Würde, und in _scheinbarer_ Selbstverständlichkeit!
-
-Und siehe, noch ist einer da,
-
-der dein Kopfkissen beneidet um dein Haupt,
-
-und alle Düfte dieser schönen Erde
-
-hergibt für den Duft deiner braunblonden Haare!
-
-_Noch_ ist einer da, der die Weintraubenbeere _beneidet_, in deinem Mund
-zu sein!
-
-Und alles, alles, alles ist ihm _heilig_, was mit dir _irgendwie_
-zusammenhängt!
-
-Auch dieser Zauber wird gebrochen werden, so oder so!
-
-Was brauchst du, eigenwillig, eigensinnig, es zu beschleunigen?!
-
-Lass’ es der Zeit! Sie hilft dir sowieso!
-
-
-
-
- LA ROCHE FOUCAULD
-
-
-Ich habe in _La-Roche-Foucauld_ einen Satz gefunden: „Man sollte nur
-_jenen_ Frauen die _Ehre_ erweisen, _eifersüchtig zu sein_, die uns die
-Gnade erweisen, uns _nie_ eifersüchtig zu _machen_!“
-
-
-
-
- VERSÄUMTES RENDEZVOUS
-
-
-Ein dunstiger schwüler Tag — — —
-
-Ich schlief bis 7 Uhr abends,
-
-Verschlief das Rendezvous.
-
-Und dennoch war es mir,
-
-als ob _sie_ es nicht eingehalten hätte!
-
-Wie hat sie mein Versäumnis ausgenützt?!
-
-Hat sie gekränkt _gewartet_, nein!?
-
-Sie absolvierte ihr Programm,
-
-Was ging sie’s an, daß ich verschlief?!
-
-Sie führte ihr Söhnchen zur Taubenfütterung nach Venedig.
-
-Dann „Cavaletto“ und „Café Lawena“.
-
-Es war _meine_ Schuld, daß ich nicht kam — — —.
-
-Und _meine_ Schuld war es, daß ich mich kränkte.
-
-Was konnte sie dafür?!
-
-Und doch!
-
-Was _immer_ in uns vorgeht in bezug auf die geliebte Frau, _an Leid und
-Bangen_ — — —
-
-sie trägt zum Teil die _Schuld_!
-
-Weshalb, wieso, das kann ich euch nicht sagen! Doch es ist! Wie du es
-anstellst, Frau, daß wir _nicht_ gekränkt sind,
-
-das sei die _Genialität_ deiner zarten Seele!
-
-
-
-
- JALOUSIE
-
-
-Eifersucht?!
-
-Fraue, du steckst mir meine _Grenzen_?! Bis _dahin_ und nicht weiter?!
-_Kindische_ Törin!
-
-Bin ich nicht eifersüchtig auf die Luft, die du in deinen geliebten
-warmen, feuchten Mund einatmest?!
-
-Wie darf sie, ganz gefühllos, die weichen Innenwände deines Mundes
-spüren?!
-
-Bin ich nicht eifersüchtig auf den Bissen, den du mit dem geliebten
-Speichel sanft umnässest?!
-
-Von da zum Blick von Sympathie und Freude, zu einem lebendigen Mann, ist
-noch eine Welt!
-
-Du _wunderst_ dich, daß ich _verzweifelt_ bin,
-
-da ich dem _Löffel_ doch schon deine Zunge _nicht_ gönne!
-
-Ich trauere um alle Schätze, die du so vergeudest; dem Bette deine
-Ausdünstung, dem Glase deine Lippen!
-
-Aber beim „lebendigen Mann“ ergreift mich der Irrsinn.
-
-Weshalb stirbt er nicht momentan vor Glück, der feige Hund?!
-
-An seiner Leiche würde ich weinen, ihn beneidend um seinen schönen Tod.
-
-Jedoch, er geht _lebend_ hinweg, und denkt: „Die könnt’ ich haben!“
-
-Fluch ihm, nein, _dir_!
-
-
-
-
- KLAGE
-
-
-Du nennst mich einen _Komödianten_!?
-
-Weil du die _Fassungskraft_ nicht hast für _mein Gefühl_;
-
-oder weil du dir selbst _zu nichtig_ vorkommst — — —.
-
-Oder weil Frauen, die eifersüchtig sind auf meine Anbetung für dich, dir
-sagen, ich sei ein Komödiant!
-
-Oder Männer, die es nicht wünschen, daß du meinem Fanatismus
-_menschenfreundlich zart_ begegnest!
-
-Oder weil _dir selbst_ nichts daran liegt,
-
-daß ich dich _lieb habe_!
-
-_Ja, das ist es!_
-
-Denn _gläubig_ seid ihr _dort_, stupiden Ohres lauschend,
-
-wo ihr es _hören wollt_!
-
-_Dort_ wird euch der _Trug_ als _tiefste Wahrheit_ klingen!
-
-Uns aber laßt ihr _sterben_,
-
-denn wir sind nicht wichtig für euren _schamlosen Egoismus_!
-
-Ihr wißt, _wer_ euch von Wichtigkeit hienieden!
-
-_Vertrödelt_ keine Zeit mit _an euch kranken_ Seelen!
-
-Die Gesunden _tun mehr_ für euch!
-
-Glaubt, o glaubt denen, die euch für eine Stunde nur besitzen wollen!
-
-Sie meinen’s ernst und gut mit euch!
-
-Sie ahnen, daß ihr vielleicht zu anderem _nicht taugt_!
-
-Ihr fürchtet euch, uns zu _enttäuschen_, die wir _Ideale_ träumen!
-
-Wie recht habt ihr, euch da nicht einzulassen!
-
-Schon bei den _Fingernägeln_ fängt die _Tragödie_ an!
-
-
-
-
- VERHÄNGNIS
-
-
-Dein Atem, wenn du sprichst — — — ich saug’ ihn ein in mich.
-
-wie durstige Kindchen Milch aus Mutterbrüsten!
-
-Er duftet auch wie Milch; und im Theater duftete deine seidene weiße
-Bluse wie süße Milch!
-
-Willst du der dunklen, düsteren Pinie sagen, was sie dir ist?!
-Vergeblich!
-
-Der weißen Magnolie, dem Jasmin, der Agave, der Hortensie?!
-
-Und so die Frau!
-
-Sie glaubt dir nicht — — —.
-
-Weil es ihr _gleichgültig_, _deshalb_ glaubt sie nicht!
-
-Sie würde jedem Leeren, _Unwerten_ glauben,
-
-glauben, glauben, glauben,
-
-wenn’s ihr _darum zu tun wäre_, ihm zu glauben!
-
-Das _blödeste_ Wort erhielte seinen Klang und seine Süße! Und Macht und
-Wert!
-
-Sie läßt sich nur betören,
-
-wo sie bereits betört ist, _ehe_ er betörte!
-
-Und dennoch sag’ ich dir, dein Atem, wenn du mit mir sprichst,
-
-er duftet mir wie süße Milch,
-
-wie Milch aus Mutterbrüsten dürstendem Kindchen!
-
-Du wirst mir sagen, ich sei ein Narr — — —.
-
-Gerade _diese_ Narrheit aber nähmest du ernst,
-
-bei _dem_, wo es dir _paßt_, sie _ernst_ zu nehmen!
-
-Ich bin ein Narr, das _nicht_ zu wissen!
-
-Ich _weiß_ es! Und dennoch ändert’s nichts. Ich bin also ein
-tausendfacher Narr!
-
-Der eine sagt: „Wie geht es, gnädige Frau?!“
-
-Sie fühlt: „Wie lieb, wie zart besorgt er ist!“
-
-Der andere kann vor Rührung gar nicht sprechen,
-
-da sagt sie: „Heute sind Sie nicht sehr amüsant!“
-
-Ein Kindchen aus der Schwarzwald-Schule schrieb in ihr Heft:
-
-„Wieso kommt es, daß _immer_ einen gerade die am wenigsten mögen,
-
-die man am meisten lieb hat?!“
-
-
-
-
- DIE BROSCHE
-
-
-Sie ließ durch eine Freundin nachforschen, wieviel die Amethystbrosche
-gekostet habe, die ich ihr geschenkt hatte.
-
-„15 Lire!“ sagte sie dann zu mir. „Ich weiß, was das _bei Ihnen_
-bedeutet!“
-
-„Es bedeutet ‚_Liebe_‘!“
-
-„Hätten Sie es auch noch für mich gekauft, wenn es 25 gekostet hätte?!“
-
-„Auch!“
-
-„Und bei 40?!“
-
-„Nicht!“
-
-„Weshalb?!“
-
-„Weil es meine Verhältnisse überstiegen hätte!“
-
-„Aber da fängt gerade die echte Liebe erst an!“
-
-„Bei mir nicht! Bei mir hört sie da auf!“
-
-
-
-
- VERSÖHNUNG
-
-
-Und _etwas_ bleibt zurück — — —.
-
-’s ist _nicht_ wie nach dem Ungewitter der Natur,
-
-wo alles wirklich reiner wird und blinkender — —.
-
-_So_ ist es _nicht_!
-
-Man hat Konzessionen gemacht, beiderseits, um der Sache willen des
-dummen Lebens,
-
-die wichtiger erschien zuletzt als klare Wahrheit!
-
-Und dennoch ist die klare Wahrheit das _Wichtigste_!
-
-Man kann ihr nicht entrinnen!
-
-Sie sickert durch, sie gräbt sich durch, und sie bestimmt den Lauf des
-Lebensstromes!
-
-Sie hatten sich versöhnt — — —.
-
-Das _gibt_ es _nicht_.
-
-Versöhnt muß man sein, eh’ man sich trifft!
-
-_Geboren_ einer für den anderen!
-
-Versöhnung heißt: „Ich will _ein_ Aug’ zudrücken!“
-
-Wie machst du es, wenn _beide_ offen sehn?!?
-
-
-
-
- AUSEINANDERSETZUNG
-
-
-Sie sah ihn wieder.
-
-„Wen verehren Sie jetzt, wen beglücken Sie jetzt mit Ihrer exaltierten
-Anbetung?!“
-
-„Mitzi Thumb!“
-
-„Diese?! Nun, und erwidert sie Ihre Zuneigung?!“
-
-„Ja; sie sagt, daß sie meine Schwärmerei _verstehe_!“
-
-„Das ist alles?!?“
-
-„Ja, das ist _alles_! Unsere Begeisterung gerührt, erstaunt, milde,
-sanftmütig, ein wenig dankbar, annehmen können! Das ist _viel_. Das ist
-_alles_! Sie verstanden das nicht!“
-
-„Nein, aufrichtig gesagt, ich verstand es damals nicht. _Jetzt_ verstehe
-ich es — — —.“
-
-„Nein, jetzt _ebensowenig_! Dichterseelen verstehen — — — dazu muß man
-etwas von dieser zarten Seele selbst besitzen!“
-
-
-
-
- LEGENDE
-
-
-Man spricht so viel von Gottes schöner Welt — — —
-
-und doch ist es um diese schlecht bestellt!
-
-Gott und die Künstler erträumen sich die Frau vollkommen, vom Haupt bis
-zu den Zehen.
-
-Doch keine ist es.
-
-Da kam ein Dichter traurig zu Gott und klagte: „Herr, wir widmen unser
-Herz der Frauenschönheit, und keine ist wirklich vollkommen! Zeige uns
-doch einmal eine, wie du dir’s gedacht hast!“
-
-Da hatte Gott Mitleid mit dem enttäuschten Dichter, und schuf _Mitzi
-Thumb_!
-
-
-
-
- DER ANFANG
-
-
-Der Anfang, der Anfang ist immer das Interessanteste, Wahrhaftigste,
-wirklich Merkwürdigste und eigentlich noch niemals Dagewesene, trotz
-hunderttausend Beispielen derselben Art. Später haspelt sich alles ab,
-wie es muß, und das Ende ist immer, immer verlogen und komödiantenhaft.
-Aber der Anfang, der Anfang, da ist noch keinerlei Routine, und da ist
-der schöne merkwürdige Zufall, daß man überhaupt in diesem Ozean des
-Lebens sich kennen lernte!
-
-Man sagte mir immer: „Gehe doch hin zu ihr ins Sekretariat, sie fragt
-immer nach dir — — —.“ Endlich ging ich hin. Sie saß bei der
-elektrischen Lampe und las „Pasqual“. Ich dachte: „Da du es nicht wissen
-konntest, daß ich kommen würde, ist es eine bedeutsame Lektüre für eine
-Siebzehnjährige.“ Da ich aber nur den Namen des Autors kannte, sprach
-ich wie immer über Verdauungshygiene. Plötzlich entstand Kurzschluß und
-es wurde im ganzen kleinen Palais finster. Ich sprach weiter und
-erklärte, daß der „obstipierte“ Mensch unmöglich irgendwelche besondere
-geistige und seelische Qualitäten besitzen könne und daß Pasqual, der da
-aufgeschlagen vor ihr läge, jedenfalls und unbedingt, seinen Geist,
-falls er einen besonderen und hervorragenden gehabt habe, nur durch
-„Tamar Indien Grillon“ sich habe erwerben können, es wäre denn, daß ein
-gütiges Schicksal ihm von Natur aus unter die Arme gegriffen hätte! Der
-Kurzschluß wurde repariert; es wurde wieder licht, und die junge Dame
-sagte:
-
-„Ich habe schon längst bemerkt gehabt, daß Sie tadellose Frauenhände
-besäßen, so verklärte. Gestatten Sie, daß ich dieselben berühre?!“
-
-„Bitte sehr — — —“ erwiderte ich.
-
-Das war der Anfang.
-
-
-
-
- SANATORIUM FÜR NERVENKRANKE
-
-
-Daß die „Nervenärzte“ nichts verstehen, wäre eine _natürliche
-menschliche Eigenschaft_ der meisten _Berufsmenschen_, wenige Genies
-ausgenommen. Aber daß sie ihre _schändliche Ignoranz_ ausnützen auf
-„suggestivem Wege“, indem sie die selbstverständlich viel mehr „über
-ihre eigenen Zustände“ verstehenden Kranken durch ihren schmählichen
-Doktortitel, zu ihren „folgsamen kuschenden Hundesklaven“ machen wollen,
-das ist eine _bodenlose feige Gemeinheit_! Eine Dame z. B. liebt ihre
-Schwester fanatisch, und ihr sich für sie aufopfernder Gatte kann gerade
-diese Schwester und den _Fanatismus seiner Frau_ für dieselbe nicht
-ausstehen! Wenn _sie_ ins Zimmer tritt, geht er aus dem Zimmer. Das
-erzeugt naturgemäß allmählich _Nervenzerstörung_. Der liebevolle Gatte
-schickt sie in ein „erstes“, d. h. teuerstes Sanatorium. Dort sagt man
-nicht dem Esel von Gatten (gibt es überhaupt andere Tiersorten dieser
-Gattung?!): „Sie müssen mit der Schwester Ihrer Frau liebenswürdiger
-umgehen!“ Sondern man verordnet „Lichtbäder“ mit nachfolgenden kalten
-Duschen!
-
-Die arme junge Frau klagt dem Arzte: „Mein Mann behandelt meine
-zärtlichst und fanatisch geliebte Schwester roh, verständnislos, lieblos
-vor allem gegen mich, die angeblich Geliebteste, Verehrteste!?! Ist das
-seine Opferfähigkeit?!?“
-
-Der Arzt erwidert: „Nach zwanzig Lichtbädern mit nachfolgenden kalten
-Duschen wird sich das alles, alles geben! Sie werden dann die Dinge mit
-ganz anderen Augen anschauen — — —!“
-
-„Aber Herr Doktor, die Liebe zu meiner Schwester — — —!“
-
-„Auch das sind nur _vorübergehende Exaltationszustände_! Glauben Sie es
-mir, meine Gnädige, Ihr Fall ist ›_typisch_‹. Sechs Wochen bei uns, und
-Ihre Schwester wird Ihnen gleichgültig werden!“
-
-
-
-
- LE LIDO
-
-
- As-tu vu le sable brun de la mer?!
- Non, je n’ai _rien_ vu — — —
- j’ai vu _Maria_!
- As-tu vu l’eau sans fins et les écumes blanches?!
- Non, je n’ai rien vu — — —
- j’ai vu _Maria_!
- As-tu entendu le bruit de la mer?!
- Non, je n’ai rien entendu — — —
- j’ai entendu la voix de Maria!
- N’as-tu pas senti venir la _santé_ du corps, par le soleil?!
- Non, j’ai senti venir la _maladie_ de l’âme, par Maria!
-
- ✶
-
-Erfüllte Bitte um ein Autogramm, an Herrn Platon de Naxel, Venise:
-
-„Il y a un _mystère_, qui nous fait _vivre_ — — — la femme!
-
-Il y a une _réalité_, qui nous fait _mourir_ — — — la femme!“
-
- ✶
-
-„Ich habe kein Herz für Kleider,“ sagte sie.
-
-„Weil Sie ein Herz haben!“ erwiderte er.
-
-„Nein, weil ich keine Kleider habe!“
-
- ✶
-
-„Eine Frau kann gar nicht genug Canaille sein!“ sagte die Schöne.
-
-„Das halte ich für übertrieben,“ erwiderte er.
-
-„Nein, er kommt ja doch _jedesfalls_ einmal darauf, daß wir seiner Liebe
-_unwürdig_ sind!“
-
-„Und wenn er nicht darauf kommt?!“
-
-„Dann müssen wir ihn für diese _Stupidität_ bestrafen!“
-
-
-
-
-Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
-
- * * * * *
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Semmering 1912, by Peter Altenberg
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEMMERING 1912 ***
-
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