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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Semmering 1912 - -Author: Peter Altenberg - -Release Date: October 18, 2017 [EBook #55770] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEMMERING 1912 *** - - - - -Produced by Elizabeth Oscanyan and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive) - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert; - fremdsprachliche Zitate wurden nicht verändert. Gesperrter Text - wurde mit _Unterstrichen_ gekennzeichnet. Die Erzählung ‚Plauderei‘ - wurde zwei Mal abgedruckt (siehe S. 31 und S. 170). - - Die nachfolgende Widmung wurde zum Andenken an die Bearbeiterin in - dieses Buch aufgenommen. - - - - - In memoriam - - „Mama Beth“ - - in immerwährender Freundschaft und Dankbarkeit. - - - Das schönste Denkmal, - das ein Mensch bekommen kann, - steht in den Herzen seiner Mitmenschen. - - The most beautiful monument - a person can have - is one that is in the hearts of others. - - (Albert Schweitzer) - - - - - _Werke von Peter Altenberg_ - - Wie ich es sehe - _Fünfzehnte vermehrte Auflage._ Geh. 6 M. 50 Pf., geb. 9 M. - - Was der Tag mir zuträgt - _Achte vermehrte Auflage._ Geh. 6 M. 50 Pf., geb. 9 M. - - Prodromos - _Fünfte Auflage._ Geh. 3 Mark 50 Pf., geb. 5 Mark 50 Pf. - - Märchen des Lebens - _Sechste vermehrte Auflage._ Geh. 5 M. 50 Pf., geb. 8 M. - - Neues Altes - _Dritte Auflage._ Geheftet 5 Mark, gebunden 7 Mark 50 Pf. - - „Semmering 1912“ - _Sechste vermehrte Auflage._ Geh. 5 M., geb. 7 M. 50 Pf. - - Fechsung - _Sechste Auflage._ Geheftet 5 Mark 50 Pf., gebunden 8 Mark - - Nachfechsung - _Fünfte Auflage._ Geheftet 6 Mark 50 Pf., gebunden 9 Mark - - Vita ipsa - _Zehnte Auflage._ Geheftet 6 Mark, gebunden 8 Mark 50 Pf. - - Mein Lebensabend - _Achte Auflage._ Geheftet 6 Mark 50 Pf., gebunden 9 Mark - ------------------------------------------------------------------------- - - - - -[Illustration: SoFeV mark] - - - - ------------------------------------------------------------------------- - -[Illustration: Peter Altenberg (Signatur)] - ------------------------------------------------------------------------- - - - - - „__Semmering 1912__“ - - _von_ - - __Peter Altenberg__ - -[Illustration: logo] - - __S. Fischer, Verlag, Berlin__ - __1919__ - - - - ------------------------------------------------------------------------- - - - - - _Fünfte und sechste vermehrte Auflage._ - - Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten. - Copyright 1913 S. Fischer, Verlag, Berlin. - - - - ------------------------------------------------------------------------- - - - - - INHALT - - Bergeswelt 15 - - Bozen 16 - - Gartengedanken 17 - - Moderner Dichter 21 - - Die Tänzerin 22 - - Zwei Skizzen 27 - - Erziehung 29 - - Plauderei 31 - - Lied ohne Reime 32 - - Forellenfang 33 - - So wurde ich 35 - - Loca Minoris resistentiae 37 - - Dolomiten 39 - - Mama 41 - - Moderne Annonce 43 - - Semmering 44 - - Winter auf dem Semmering 45 - - Vollkommenheit 46 - - Nachwinter 47 - - Heimliche Liebe 49 - - Das Kino 51 - - Lebensbild 52 - - So sind wir 53 - - Mein grauer Hut 55 - - Die Kostüme auf dem Semmering in der Silvesternacht 57 - - Fortschritt 58 - - Abschied 60 - - Besuch 61 - - Buchbesprechung 63 - - Ein Brief 65 - - Das Hotel-Stubenmädchen 67 - - Gespräch 68 - - Bobby 69 - - Psychologie 71 - - Vorfrühling 73 - - Das Glück 75 - - Das Duell 76 - - Stammgäste 77 - - Sanatorium für Nervenkranke 78 - - Die Romantikerin I. 83 - - Erbleichet! Errötet! 85 - - Ostermontag auf dem Semmering 86 - - Berghotel-Front 88 - - Landpartie 89 - - Psychologie 91 - - Vor-Vorfrühling 93 - - Gedenkblatt 95 - - Oberflächlicher Verkehr 97 - - Beauté 99 - - Die Spielereien der reichen Leute 100 - - Richtige, aber eben deshalb wertlose Betrachtungen 101 - - Die Probe 102 - - Ereignis 103 - - Ende 104 - - Nach abwärts 105 - - Abschied 106 - - Kranken-Toilette 107 - - Kusine 109 - - Lied 110 - - Echt 111 - - Gespräch 112 - - Bilanz 113 - - Sehr geehrtes Fräulein! 115 - - Herbstlied 116 - - Ewige Erinnerung 117 - - Gesang 118 - - Souper 119 - - Die Wagenfahrt 120 - - Wagenpartie 121 - - Abschiedsbrief des englischen Offiziers 124 - - Wie ist es?! 125 - - Vom Rendezvous 126 - - Examen 127 - - Les Larmes 128 - - Testament 129 - - Aconitum Napellus 130 - - Manövers 131 - - Gift 132 - - Luftveränderung 133 - - Ein Nachtrag 135 - - Buchbesprechung 137 - - An —— 138 - - Nekrolog (Fritz Strauß) 139 - - Erster Schnee 140 - - Der Maler 141 - - Betrachtungen 143 - - Ur-Seele 144 - - Frage 145 - - Letzte Unterredung 146 - - Die Niere 147 - - Krankheit 148 - - Güte 149 - - Annonce 150 - - Plauderei 153 - - Richtig 154 - - Reminiszenzen 155 - - Werte 157 - - Schlafmittel 159 - - Fahrt 160 - - Lied 163 - - Abschied 164 - - Gespräch mit einer Baronin, Exzellenz-Frau, über 165 - ihren herrlichen zwölfjährigen Sohn - - Entzweit 166 - - Gespräch mit der sechsjährigen Sonja Dungyersky 167 - - Gleich beim Hotel 168 - - Gespräch mit einer wunderschönen Dame von 30 Jahren 169 - - Plauderei 170 - - Gegen 171 - - Rompe! 172 - - Waschungen 173 - - Respekt 174 - - Falzarego-Paß-Höhe 175 - - Enterbte des Schicksals 176 - - Frühling 177 - - Erlebnis 178 - - Die Tänzerin 179 - - Meine Ehrungen 180 - - Klara 181 - - Berghotel-Terrasse, Semmering 182 - - Erkenntnis 183 - - Klara 184 - - Ein Komtessen-Brief 185 - - Märchen des Lebens 186 - - Worüber man noch immer weint, und ewig weinen wird! 187 - - Besuch 188 - - Liebesgedicht 189 - - Das größte Kompliment 190 - - Le monde 191 - - Ein Regentag 192 - - In 24 Stunden 193 - - Hotel-Stubenmädchen 194 - - Moderner Dichter 195 - - Natur 196 - - Noch nicht einmal Splitter von Gedanken 197 - - Zyklus: „Venedig“ 215 - - - - ------------------------------------------------------------------------- - - - - - Dieses Buch ist gewidmet den Damen: - - _Lilly Steiner_ - _Gretl Engländer_ - _Kamilla von Nagy_ - _Ilci Honus_ - _Cäcilia Brandstätter_ - _Frieda Frank_ - _Lioschka Maliniéwich_ - _Mitzi Thumb_ - _Frau Machlup_ - - ✫ - - - - ------------------------------------------------------------------------- - - - - - BERGESWELT - - -Bergesregionen, dort wo „nichts mehr gedeiht“ als Krummholz, -sturmgebogen, ist seit jeher meine „Märchenwelt“! Nach 40 Jahren fand -ich das wieder auf dem „Falzarego-Passe“, „Tre Croce“, „Pordoijoch-Paß“. -Weißgraue Felstrümmer, schwarze triefende Erde, Zirbelkieferwälder bis -an die Hotels herankriechend. Von Felsen träufelt, rieselt es, -Nebelfetzen überall. Nichts will gedeihen als die _Edel-Einsamkeit_. Vor -dem Pordoijoch-Hotel grauschwarze Wälder von dichtem Erlengebüsch, dem -der Bergsturm nichts antut. Es braust nur und erschauert. Daß hier -nichts mehr gedeiht, ist die _Düster-Romantik_ der Bergeswelt. Keine -Farbe einer Blume, kein Schrei eines Vogels, kein Schmetterling, kein -Käfer. Diese _tönende Eintönigkeit_! Eine schrieb ins Fremdenbuch ein: -„Ohne Jemanden nicht leben können und wollen, selbst wenn man es vorher -bestimmt geglaubt hatte, es sei unmöglich, — — — _hier vergißt man -darauf_!“ - - - - - BOZEN - - -Auf dem Hauptplatze in Bozen steht das Walther von der -Vogelweide-Denkmal aus Sandstein. Er hat die Stellung des Wolfram von -Eschenbach, bevor er das Lied singt an die selbstlos Geliebte. Das ist -sehr gut. Denn auch Vogelweide war so Einer. Er besaß die Kraft, zu -singen und zu weinen! Nun setzten sich gerade auf seine Kappe zwei -Tauben, und pflogen emsig der Liebe! Vogelweide hielt ganz still dabei, -in seine Träumereien versunken von Liebesleid, gönnte den Tauben ihr -billiges, leicht erreichbares Vergnügen. - - - - - GARTENGEDANKEN - - -Ich habe nichts hinzugelernt durch das ausgezeichnete Buch -„Gartengestaltung der Neuzeit“, und dennoch habe ich das Höchste -profitiert — die Festigung meiner Intuitionen! Gärten wirkten seit jeher -auf mich wie die Natur selbst; so eine eingefangene und dennoch -freigelassene Natur, ein Extrakt derselben! Unser Wiener Rathauspark ist -mir ein Muster, nur fehlt ihm die romantische Verwendung von Wasser in -Form von unregelmäßigen Bassins und Wiesenbächlein samt Wasser- und -Sumpfpflanzen! Ich schrieb schon vor 15 Jahren eine Skizze: „Der -Farbengarten“. Zum Beispiel Graufichte, Picea pungens glauca, graue -Bodenbedeckungspflanzen, grauer Steinbrunnen und Rosen, Rosen, Rosen. -Irgendwo an einem Baumast ein silberner großer Käfig mit einem grauen -Papagei, Lori! Zwei-Farben-Gärten! Nun einige Anregungen: weite -Rasenflächen sind still-aristokratisch, werden aber durch alte, -knorrige, spärlich unregelmäßig hingesetzte Obstbäume sofort -bewegt-romantisch! Es dürfte nie heißen: ein Garten, sondern immer nur: -sein Garten. Goethe hat einen andern Garten als Victor Hugo. - -Wasserpflanzen und Steinpflanzen erfordern Bassins und Mauern. Diese -können aber nicht diskret bescheiden genug sein. Der Kurpark in Baden -bei Wien entspringt gleichsam einer dunklen, echten Waldquelle, die die -Wiesenabhänge herabstürzt, sich zerteilend und winzige Tümpel bildend. -Hier ist die Natur am allerdiskretesten organisiert! Ein enragierter -Feind jedoch bin ich seit jeher der Teppichbeete, die mir wie als -Smyrnateppiche mißbrauchte Blumenpracht erscheinen. Man überlasse diese -stilisierten Farbensymphonien den Webern und Knüpfern. Ich bin gegen die -Riesenlineale, Riesenzirkel, gespannten Stricke der Gartenkunst! -Rhabarber erscheint im Gemüsegarten als Nutzpflanze, an Teichen jedoch -als Wildstaude, pittoresk. Jeder Platz eine andere Welt! - -Waldrebe, Klematis, ist, an alten Bäumen, unsre „Liane des Urwalds“. Der -Boden ist so reich, daß er auch noch die Schmarotzer in Üppigkeit -erhalten kann. Immergrün als Bodenbedeckung ist ein natürlicher Rasen. -Rasen braucht doch Schneiden, Spritzen, Walzen und Düngen. Rasen will -„gepflegt, gehegt“ werden. Immergrün ist einfach immer grün. Es läßt den -Wurzeln aller andern Pflanzen das Regenwasser, das Gießwasser, das -Tauwasser, das Schneewasser, während der Rasen sich vollsauft und andre -verdursten läßt! Selbst im Winter gibt Sedum spurium noch einen -lebendigen bräunlichgrünen Bodenüberzug, während unser Rasen dann nur -„Winterlieder zum Cello“ in der Seele hervorbringt. Sedum spurium wirkt -körperlicher, plastischer, naturgemäßer, dichter, verworrener als Rasen, -der mir stets den Eindruck von geschnittenem Samt und Plüsch hinterläßt. - -Ich bin sehr für Trockenmauerwerk mit schmiedeeisernen Geländern und -dicht bepflanzt mit Kapuzinerkresse. Wie wenn die überstarke Natur auch -da noch Stein und Eisen schmücken möchte mit Grün und Dunkelgelb. Zur -Schlingpflanze gehört ihre _Stütze_. Man _soll_ sie sehen, sie ist ein -naturgemäßer Schmuck. Ihr Holzgitterwerk kann daher sogar aus Edelholz -sein, oder in diskreten Ölfarben, Ocker, Ruß, steingrau. Ich weiß nicht, -weshalb man nicht an niederen Ästen von exotischen Bäumen, Tulpenbaum, -Trompetenbaum, herrliche Käfige mit exotischen Vögeln aufhängt, so als -Urwaldstaffage?! Brombeere, Himbeere, Kletterrose sind mir ein -sympathisches Dickicht, so Dornröschenwald, undurchdringlich einsam. -Weshalb sind Villen nicht dicht bedeckt mit Bauerngärtengeranke?! Ein -Überfluß der Reichen und der Armen. - -Steinplattenwege im Garten, in deren Fugen Blumen sprießen, sind -romantisch. Das Haus ströme gleichsam in den Garten aus, erweitere sich, -erhöhe sich zum Garten, verliere seine Bedachungen, an deren Stelle der -blaue Himmel, die graue Wolke tritt. Ich sah an einem Lindenpark ein -dickes rotes Backsteinportal mit eichener Holztür. Da können keine -Talmimenschen wohnen, sondern nur gediegene. Grellrote Holzpforte -zwischen Granitmauern. Gelbe Eschenholzpforte zwischen weiß-schwarzen -Betonmauern. - -Weiße Rankrosen geben Märchenstimmung. Gartenlaube am Wasser, -Nachmittagstraumplatz. Buchenjungwald, wunderbar im Vorfrühling und im -Spätherbst. Ein Teppich von raschelnden braunen Blättern darunter. -„Warte nur, balde ruhest du auch!“ - -Weshalb bepflanzt man die Bergwiesen in Berggärten (Semmering) nicht -dicht mit Wacholder, Rhododendron, Zirbelkiefer, das, was Rax und -Schneeberg von selbst leisten in ihrem künstlerischen Naturgeschmack?! -Stauden vor Gebüsch, ein ideales Ausklingen! Birken, Schlehen, Eriken, -und schon ahnst du den Sandboden der „Mark“. Mit gewissen Pflanzen -kannst du ferne Gegenden herzaubern! Meine Lieblingsbäume: Lärche, -Graufichte, Knieholz, Blutbirke, Rotbuche, Weide! Wasser, Wasser, -fließend oder stehend, du bist der Dichter in dieser Realität: -Landschaft! Du bringst die Romantik, die Musik der Landschaft! - - Des Teiches Stille singt des Lebens Schwermut. - Des Baches Murmeln klingt wie Wiegenkindes Plaudern aus dem Traum. - Der Wasserfall singt dir von einer Welt, deren Getöse auch _nicht mehr_ - enthält! - Springbrunnen’s Melodie bei Tag und Nacht, - die sanften Herzen melancholisch macht. - Der Sommerregen trommelt auf hunderttausend Blätter, - dürstenden Blumen zärtlicher Erretter! - Über dem Gartensumpf schwirrt die Libelle, - Vom Froschsprung klagt ans Ufer eine Welle! - _Gießkannen_ rieseln sanft auf schwarze Erde, - damit die Pracht des Sommers baldigst werde! - Hörst du dem Brünnlein lange, lange zu, - kommt über dich unmerklich Fried’ und Ruh’! - Oh Mensch, worauf willst du denn ewig warten?! - Such’ deine _kleine große_ Welt in deinem Garten! - - - - - MODERNER DICHTER - - - In unserm Leben gibt’s so viel Nuancen — — — - Die eine sagt: „Arzt meiner kranken Seele!“ - Die andre sagt: „Wie schrecklich er nur aussieht!“ - Die eine lauscht begierig der Persönlichkeit, - die andre sieht pikiert den Gegensatz zu den andern! - Die eine schreibt: „Darf ich zu Ihnen kommen?!“ - Die andre hält’s bereits für zynisch, wenn er im Gespräch - sanft-zärtlich ihre Hand berührt. - Die eine sagt: „Ein Romantiker ohne Herz!“ - Die andre sagt: „Ein Herzlicher ohne Romantik!“ - Und eine jede sieht ein „für“ und „wider“ — — — - und keine spürt, daß „für“ und „wider“ _eins_ ist - in einem, in dem „für“ und „wider“ _zugleich_ sind! - - - - - DIE TÄNZERIN - - -Das Kind, allein in der Garderobe der Tänzerin, ordnet liebevollst alles -— —. - -Sie setzt sich dann in eine Ecke auf ein niedriges Stockerl, kauernd in -sich versunken. - -Die Tänzerin kommt, erhitzt, erregt vom Tanzen. - -Sie setzt sich an den Toilettetisch. - -Sie wendet sich um, erblickt das kauernde Kind. - -„Immer, Marie, kauerst du da in der Ecke in meiner Garderobe, -stundenlang. Wird dir denn das nicht langweilig?!?“ - -„Nie, Fräulein! Nur Menschen, die ich nicht lieb habe, langweilen mich. -Menschen, die ich lieb habe, langweilen mich nie! Wodurch sollten sie -es?!? Alles an ihnen ist mir wert und teuer. Ich könnte ihnen zuschauen -von früh bis abends.“ - -Die Garderobiere blickt herein: - -„Was ist das, Mizerl, schon wieder da?! Das Fräulein wird sich bedanken. -Entschuldigen Sie, Fräulein, der Fratz ist gar so romantisch veranlagt. -Der Vater sagt immer: ‚Wie du zu uns ehrsamen Bürgersleuten kommst -— — —.‘ Gestern hat sie beim Nachtmahl gesagt: ‚Jetzt verbrenn’ ich alle -meine dummen Märchenbücher — — — ich habe eine lebendige Fee gefunden!‘ -So ein Fratz, was?! Man sollt’s nicht für möglich halten. Aber bitt’ -Sie, 10 Jahre!? Sie wird’s schon billiger geben mit den ‚lebendigen -Feen‘! Die Männer tun uns beizeiten die Märchen austreiben — — —.“ Ab. - -Das Kind: „Meine Mutter blamiert mich vor Ihnen. Sie versteht gar nichts -von meiner Andacht. Ich habe eine Andacht für Sie, obwohl Sie nur eine -Tänzerin sind!“ - -Es klopft. - -„Blumen abzugeben von einem Herrn von Willigsdorf — — —.“ - -Türe zu. - -Es klopft. - -„Ah, Max — — —.“ - -„Ich bin entzückter von dir als je. Du hast dich, gestatte mir die -konventionelle Phrase, selbst übertroffen. Aber das empfinde ich! Gott, -daß diese kalten Kerls das mitgenießen dürfen!? Aber Gott sei Dank, sie -könnens nicht! Nur ich kann es, nur ich kann es, nur, nur ich! Wenn du -mir das wenigstens glauben könntest, Hélèn, nur das wenigstens. Es wäre -fast alles! Mehr brauchte man ja eigentlich gar nicht!“ - -„Ich glaube es dir, Max, sonst könntest du es unbedingt nicht so -leidenschaftlich überhaupt vorbringen!“ - -„Diese schönen Blumen! Irgend jemand versucht es mit 50 Kronen mein -Lebensglück zu zerstören!“ - -„Jawohl, Max, alle versuchen das, andere wollen es sogar noch billiger -unternehmen und geschickter. Aber alles hängt bei uns Frauen von unserem -guten Willen ab; und den habe ich nur für dich! Es ist vielleicht ein -Zufall, aber es ist so, Max!“ - -Er führt ihre Hand tief gerührt zum Munde. Das Kind steht auf, küßt ihm -ehrerbietigst die Hand. - -„Wer ist dieses Kind?!?“ - -„Es ist das Töchterchen unserer Garderobiere! Sie kauert immer in der -Ecke meiner Garderobe, hält alle meine Sachen in bester peinlichster -Ordnung — — —.“ - -„Hast du die Tänzerin auch so lieb wie ich — —.“ - -„Das kann ich nicht wisse — — —.“ - -„Möchtest du ihr alles, alles verzeihen, sogar wenn sie dir ganz ohne -Grund eine schreckliche Ohrfeige gäbe?!?“ - -„Ja, ich möchte es ihr ganz gewiß verzeihen, wegen ihres Tanzens, das -ich gesehen habe. Ich möchte mir nur denken: Weshalb tust du das einem -Menschen an, der dich so lieb hat?! Wenn du eine Ohrfeige austeilen -willst, gib sie doch lieber einem, dem du gleichgiltig bist! Der spürt -es doch weniger schmerzlich — — —.“ - -„Ich glaube, du bist eine gefährlichere Konkurrentin für mich als die -Herren, die Blumen schicken — — —.“ - -Ab. - -Es klopft. - -Der Theatermeister. - -„Herr Theatermeister, Sie haben wieder zu spät hell gemacht, wenn die -Sonne bei meinem Tanze endlich sieghaft durchdringen sollte. Es ist -schrecklich. Ich glaube, Sie machen es absichtlich — —.“ - -„Fräulein, so etwas lasse ich mir von niemandem sagen. Das ist eine -Gemeinheit, Sie verzeihen schon — — —.“ - -Die Tänzerin legt ihren Kopf auf den Toilettetisch, beginnt bitterlich -zu weinen. Das Kind erhebt sich langsam, macht einen Schritt gegen den -Theatermeister, streckt sich, hebt den Arm, sagt: „Hinaus, Sie roher -Mensch!“ - -Der Theatermeister geht langsam ab. - -Das Kind kauert wieder in seiner Ecke. Die Tänzerin weint wie ein Kind. -Dann trocknet sie ihre Tränen. - -Sie wendet sich nach dem Kinde um. - -„Niemand hat mich so lieb wie du, niemand — — —.“ - -Das Kind erhebt sich, steht kerzengerade: „Ich möchte alle töten, die -Ihnen etwas Böses antun, Fräulein — — —!“ - -Ein Diener bringt eine Karte. - -„Bitte — — —.“ - -Ein älterer Herr tritt ein. - -„Mein Sohn hat sich gestern erschossen, Ihretwegen — — —. Konnten Sie -ihm wirklich nicht helfen, daß er diese seelische Krankheit besiege?!?“ - -„Nein, ich konnte es nicht, obzwar ich ihm dezidiert sagte, daß er mir -völlig unsympathisch sei!“ - -„Vielleicht hätten Sie es ihm eben nicht so dezidiert sagen sollen -— — —.“ - -„Pardon, mein Herr, ich mußte es! Ich bin eine arme Tänzerin, ausgesetzt -ununterbrochen allen Gefahren, die es überhaupt für eine Frau gibt! -Überlassen Sie mir das heilige Recht, gegen Eindringlinge, gegen -‚Buschklepper der Seele‘, ‚Rowdys der Seele‘, mich zu wehren!“ - -„Ich bitte Sie um Verzeihung, Fräulein. Ich bin aber der unglückselige -Vater — — —.“ - -Ab. - -Das Kind stürzt zu den Füßen der Tänzerin hin: „Was haben Sie da -angestellt, Fräulein?!?“ - -„Kind, das verstehst du nicht, das verstehst du nicht — — —. Das Leben -stellt so viel Schreckliches mit uns an, und wir, wir können es nicht -hindern — —.“ - -Das Kind kauert weinend in seiner Ecke. - -Der Theatermeister erscheint: - -„Fräulein, es kommt gleich Ihr Tanz in der Krinoline — — —.“ - -„So, ich danke Ihnen. Bringen Sie aber die Beleuchtung richtig diesmal.“ - -„Gewiß Fräulein — — —.“ - -„Und du, Kind, warte auf mich hier. Ich kann dich nicht mehr entbehren -— — —.“ - -Vorhang. - - - - - ZWEI SKIZZEN - - _Das kleine Leben_ - - -Ich sah Arbeiter an einer Telegraphenstange arbeiten, die im Hochwald -der Nachtsturm zerbrochen hatte, von 7 Uhr morgens bis 6 Uhr abends. -Es frappierte mich, wie sorgenlos sie waren, keine Spur eines -Gedankens darüber, ob es denn dafürstehe, auf die Welt gekommen zu -sein, um abgebrochene Telegraphenstangen im Hochwald, der dem Fürsten -gehört, wieder praktikabel zu machen. Im Gegenteil, sie schienen es -für das Wichtigste von der Welt zu halten, daß die Telegraphenstange -sobald als nur irgend möglich wieder hergestellt werde. Es waren -Telegraphenstangenärzte. Um sie herum waren Gimpel und Eichkätzchen -auf Altfichten, Regen kam, Nebel und wieder Sonne; aber immer war -alles konzentriert auf die Errichtung der Telegraphenstange. Ihr -gehörte ihre ganze Sorge, sie war ein Teil des Weltgetriebes. Es gab -Genies unter diesen Arbeitern, die alles mit einem Schlag erfaßten, -was zu tun war; dann waren Bedächtige, Vorsichtige; und dann waren -Tagarbeiter nach vorgeschriebener Pflicht. Die ganze Menschheit also -war eigentlich um diese Telegraphenstange im fürstlichen Hochwald -versammelt. Ich ging vorüber und verteilte Trabukos, a la Kaiser -Josef, nur billiger. Weshalb nicht?! Das Prager Tagblatt hatte mir -doch gerade für Nachdruckhonorare 9 Kr. geschickt. Nachdrucken ist -doch schon Ehre genug. Das Geld setzte ich teilweise in Mäzenatentum -und in Menschheitsbeglückung um. Die Arbeiter waren ganz verblüfft. -Einer sagte: „Auf der Liechtensteinstraße hat der Sturm einen halben -Meter dicke Bäume abgeschlagen!“ Diese Mitteilung war eine Art von -Revanche für meine Liebenswürdigkeit. „Ist es möglich?!“ sagte ich -freundlich erstaunt, und ging befriedigt von dannen. - -_Liebesgedicht_ - -Niemand beachtete dich, edle, verschwiegene Goldrote, in dienender -Stellung..... - -Ich zog dich hervor aus deinem Versteck und segnete dich. - -Da wurden die anderen aufmerksam, schickten Blumen und Briefe.... - -Da zog ich mich zurück. - -„Sind Sie eifersüchtig?!“ sagte sie. - -„Nein, aber ich hasse die _elende Dummheit_ der Männer, die erst einen -alten kranken glatzköpfigen Bettler brauchen.... Wer, wer sagte mir, daß -man um Sie sich grämen dürfe...?!?“ - -„Aber um Gotteswillen, irgend jemand muß einen doch entdecken, wozu sind -denn die Dichter da?!?“ - - - - - ERZIEHUNG - - -Ich habe einen scharfen Blick für Mütter, die die „Persönlichkeit“ ihres -geliebten Kindchens achten und berücksichtigen. Es sind das sogenannte -_Künstlernaturen des Lebens selbst_! Sie betrachten ihr Kindchen als ein -von ihnen geschaffenes „lebendiges Kunstwerk“, apart und vor allem den -meisten unverständlich, die mit dem Ausspruche: „ein ganz nettes Kind, -nichts weiter“, ihre künstlerische Unfähigkeit klar erweisen. -Merkwürdigerweise funktionieren so brutal-verallgemeinernd _fast alle -Väter_, die immer nur den Herrn Hofrat wittern, der einst, in der Ferne, -erscheinen soll und zu dem Kindchen sagen soll: „Du bist mein alles!“ -Daß das gar kein Kompliment sein wird für das Töchterchen, spüren sie -nicht! Du bist _mein_ alles, ja, aber _wessen_ alles, darauf kommt es -an! Viele Mütter hingegen haben eine künstlerische melancholische -Zärtlichkeit. Sie teilen das Leben ihres Kindchens in „interessante, -spannende, merkwürdige Lebenskapitel“ ein, sind selbst äußerst gespannt, -wie der Roman enden werde, während die Väter ein biblisches Dogma -aufstellen, über das das Leben jedoch nur ein flüchtiges Lächeln hat. -Mütter wissen, wie ihr Kindchen geht, steht, sitzt, wann es verlegen ist -oder düster, Väter wissen höchstens, ob es „Stuhl“ gehabt habe, und das -wissen sie nicht einmal. Ein schreckliches Wort leitet sie durchs ganze -Leben ihres Kindes, das Wort „_gediegen_“. Alles soll „gediegen“ sein, -die Lehrer, die Gouvernanten, der „Zukünftige“, der „Charakter“. Das -ganze kommt mir vor, wie das Wort „gediegenes Gold“, das auszusprechen -schon eine Art Berauschungsmittel ist! Ich glaube nicht, daß Eleonora -Duse, Sarah Bernhardt, Yvette Guilbert, Fanny Elsler, Adelina Patti, -Bird Millman, Barbarina Campanini sehr „gediegen“ waren, jedesfalls war -es eine _höchst nebensächliche_ Eigenschaft dieser Damen, deren Väter -jedesfalls auch nur sich „Gediegenheit“ erwünscht hatten für ihre -Töchterchen! Mütter „_beobachten_“ das Leben ihrer Kinder, Väter -_schreiben_ es _ihnen vor_! Sie sind selbst durch Beruf, Sorge, -Eitelkeit, Ehrgeiz, Konkurrenz, Rücksichten Geknechtete des Daseins, -erwünschen dasselbe daher ihren Sprößlingen. Künstlerisch empfindsame -Mütter hingegen _trauern_ um ihr eigenes _Lebensgefängnis_, möchten -ihren geliebten Töchterchen den weißen Flug gönnen ins „romantische -Land“! - - - - - PLAUDEREI - - -Ausspruch eines fünfjährigen Mädels: - -„Wenn man alleweil brav ist, wissen die Leut’ dann gar nicht, ob man -noch auf der Welt ist!“ - -Die Eltern tragen mir ununterbrochen Anekdoten über ihre vergötterten -Kindchen zu. Sie sind tief überzeugt davon, daß es gerade mich -interessiere! Ich interessiere mich auch wirklich _dafür_, daß sie alle -_so tief überzeugt davon sind_, daß ich mich dafür _interessiere_! Denn -diesen schönen Schein zu erwecken, heißt eben ein Dichter sein! Und als -das möchte man doch gerne gelten, wenn man schon weder Beruf noch Geld -hat, nicht?!? - -„Mein Knabe sagte mir gestern“, „mein Mäderl sagte mir vorgestern“, höre -ich alle Tage zehnmal. Ob eines dieser kleinen Mistviecherl einmal zu -der reichen Mama den genialen Ausspruch täte: - -„Mama, wenn du mich wirklich lieb hast, dann gibst du diesem -entzückenden alten kranken Dichter eine Monatsrate von fünfzig Kronen -— — —!“ - -Ausspruch eines sechsjährigen Mäderls beim Abschied vom Semmering: „Ach, -wie werde ich _fürder_ ohne meinen geliebten Pinkenkogel und -Sonnwendstein existieren können?!“ - -Ich hätte gerne geantwortet: „Sehr gut wirst du _fürder_ existieren -können, indem ich dir _fürder_ für jeden affektierten, verlogenen, -manierierten Ausspruch deinen Hintern aushauen werde — — —!“ - - - - - LIED OHNE REIME - - - Ihr Reichen, - hab’ ihr das Nachtmahl nicht bezahlen können im kleinen lieben - Gasthaus — — —; - hab’ mein Mädel verlieren müssen — — —; - hab’ ihr ein Kleid für den Sonntagausgang nicht schenken können - — — —; - hab’ ihrem Bruder nicht ewig Zigarren kaufen können — — —; - hab’ ihrer Schwester die Krankheit nicht bezahlen können — — —; - hab’ ihrem Vater seinen Vierteljahrszins nicht geben können; - hab’ mein Mädel nicht in den „Zirkus Schumann“ führen können — — —; - und sie schwärmt doch so für edle Pferde — — —; - da hat einer zu ihr gesagt: „Ich gebe dreihundert Kronen monatlich - und die Kostüme“ — — —; - Ihr _Reichen_! - Hab’ _mein Mädel_ verlieren müssen — — —; - kann nur mehr Kleinigkeiten schenken, - zum Namenstag, zum Geburtstag und zu Weihnachten — — —. - - - - - FORELLENFANG - - -75 Kilometer lang ist das gesamte Gebirgswasser in Naßwald. Es ist -flaschengrün, weiß und graugrün; es steht mäuschenstill in winzigen -Felsbuchten, es schäumt bösartig weiß, es zieht gemächlich graugrün über -flachen Kiesboden. Hinter _jedem_ Stein eine Forelle! Kein Stein ohne -Forelle dahinter, es wäre denn, daß sie gerade weggeangelt wurde. Hinter -jedem Stein also lauert der heimtückische Insektenmörder. Plötzlich wird -er von der Angelrute herausgeschnellt im Bogen. Man sieht etwas -herrliches Silbernes und schon liegt es auf der Wiese. Man schlägt es an -dem Fußabsatz ab, wenn es ein Regenwurmfang war, setzt es in den -Bottich, wenn es ein Kunstfliegenfang war. Es gibt berühmte -Kunstfliegenangler. Ihre Kunst besteht darin, die Kunstfliege so auf das -Wasser hinzuwerfen, daß es wie eine echte aussieht. Das ist ja im Leben -überhaupt oft so. So wird man berühmt. Man wirft den Köder aus, und — — -die Forelle nimmt es für eine echte, und man hat sie! Forellenangeln und -Naturfreund sein, ist eines! Denn man muß wandern, wandern von Stein zu -Stein. Hinter jedem hockt eben eine. Und diese Wanderung befriedigt nur, -wenn man die umgebende Natur herzlich lieb hat. Der Hecht verlangt keine -Naturfreude vom Angler. Er steht irgendwo und man hat zu warten. Man -wartet, wartet, bis das Ereignis eintritt. Dann beginnt die -_Geschicklichkeit_. Aber mit der Natur hat es nichts zu tun. Es ist nur -aufregend. - -Der Forellenfänger liebt das Gebirgswasser leidenschaftlich, er vergißt -darüber Weib und Kind, oft sogar das Essen. Er versenkt sich in die -_Details_ der Umgebung, ein _einziges_ Zeichen _wirklichen_ Genießens! -Denn „in Bausch und Bogen“ ist es brutal und wertlos! Er zieht dahin, -von Stein zu Stein, er sieht alles, alles. Und wenn er ermüdet heimkehrt -mit seiner reichen Beute, glaubt er etwas geleistet zu haben. Ja, denn -er hat sich sogar einen urgesunden tiefen Schlaf verschafft! - - - - - SO WURDE ICH - - -Ich saß im 34. Jahre meines gottlosen Lebens, Details kann eine -Tageszeitung unmöglich bringen, ich saß im Café Central, Wien, -Herrengasse, in einem Raume mit gepreßten englischen Goldtapeten. Vor -mir hatte ich das „Extrablatt“ mit der Photographie eines auf dem Wege -zur Klavierstunde für immer entschwundenen fünfzehnjährigen Mädchens. -Sie hieß Johanna W. Ich schrieb auf Quartpapier infolgedessen, -tieferschüttert, meine Skizze „Lokale Chronik“. Da traten Arthur -Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Felix Salten, Richard Beer-Hofmann, -Hermann Bahr ein. Arthur Schnitzler sagte zu mir: „Ich habe gar nicht -gewußt, daß Sie dichten!? Sie schreiben da auf Quartpapier, vor sich ein -Porträt, das ist verdächtig!“ Und er nahm meine Skizze „Lokale Chronik“ -an sich. Richard Beer-Hofmann veranstaltete nächsten Sonntag ein -„literarisches Souper“ und las zum Dessert diese Skizze vor. Drei Tage -später schrieb mir Hermann Bahr: „Habe bei Herrn Richard Beer-Hofmann -Ihre Skizze vorlesen gehört über ein verschwundenes fünfzehnjähriges -Mädchen. Ersuche Sie daher dringend um Beiträge für meine neugegründete -Wochenschrift ‚Die Zeit‘“ Später sandte Karl Kraus, auch der -Fackel-Kraus genannt, weil er in die verderbte Welt die Fackel seines -genial-lustigen Zornes schleudert, um sie zu verbrennen oder wenigstens -„im Feuer zu läutern“, an meinen jetzigen Verleger S. Fischer, Berlin -W., Bülowstraße 90, einen Pack meiner „Skizzen“, mit der Empfehlung, ich -sei ein Original, ein Genie, Einer, der anders sei, nebbich. S. Fischer -druckte mich, und so wurde ich! Wenn man bedenkt, von welchen -Zufälligkeiten das Lebensschicksal eines Menschen abhängt! Nicht?! Hätte -ich damals, im Café Central, gerade eine Rechnung geschrieben, über die -seit Monaten nicht bezahlten Kaffees, so hätte Arthur Schnitzler sich -nicht für mich erwärmt, Beer-Hofmann hätte keine literarische Soiree -gegeben, Hermann Bahr hätte mir nicht geschrieben. Karl Kraus freilich -hätte meinen Pack Skizzen unter allen Umständen an S. Fischer -abgeschickt, denn er ist ein „Eigener“, ein „Unbeeinflußbarer“. Alle -zusammen jedoch haben mich „gemacht“. Und was bin ich geworden?! Ein -Schnorrer! - - - - - LOCA MINORIS RESISTENTIAE - - -Jeder Organismus hat seine sogenannte „Achillesferse“, das heißt eine -Stelle, an der er besonders leicht und empfindlich verwundbar ist! Ich -zum Beispiel habe meine Achillesferse im Gehirn, aber nicht, wie meine -boshaften und heimtückischen Freunde (Feinde sind viel milder gestimmt, -indem sie einen in Bausch und Bogen ein für allemal verurteilen) glauben -werden, in meinen Denkpartien, sondern in jener mysteriösen Partie des -Gehirns, wo die _Eifersucht_ ihren Höllensitz aufgeschlagen hat, und -zwar die Eifersucht in bezug auf Männer, die mehr Haare, mehr Geld und -weniger Intelligenz als ich besitzen, also drei den Frauen besonders -wertvoll erscheinende Eigenschaften! Sobald ich nur ein solches Ungetüm -irgendwo erblicke, das mehr Haare, mehr Geld und weniger Intelligenz -besitzt als ich, bekomme ich sofort, wie der technische Ausdruck lautet, -einen sogenannten „roten Kopf“, und ich denke nur mehr an -Browningpistolen, Arsenik oder die Hundspeitsche, natürlich für den -anderen! Ich betrachte meine mich bisher fanatisch vergötternde Geliebte -als bereits endgültig verloren, und treffe Anstalten, sie grundlos -durchzuprügeln! Das sind also meine „loca minorum resistentium“, das -heißt zu deutsch, jene Partien unseres komplizierten Organismus, die auf -Reizungen besonders empfindlich reagieren, und zwar sofort! Solche -Partien haben viele Menschen Kellnern gegenüber oder Raseuren, die sie -schlecht bedienen; obzwar in solchen weniger gefährlichen Fällen ein -erhöhtes Trinkgeld meistens gute Dienste leistet. - -Die „loca minorum resistentium“ haben in neuester Zeit einen besonderen -Wert gewonnen für die Herren Ärzte; denn jede Partie des Körpers, über -die ein Patient sich heutzutage beklagt, wird vom Arzt sogleich ernst -und verständnisvoll als: „Aha, das sind Ihre loca minorum resistentium, -mein Lieber — — —!“ bezeichnet, worauf der Patient sich, zwar nicht -geheilt, aber um ein Bedeutendes, vor allem um das ärztliche Honorar -erleichtert, entfernt. Viele Damen haben solche loca minorum -resistentium in ihrem Organismus, im Augenblick, wo sie an einer Dame -einen kostbarern Pelz bemerken, als sie selbst besitzen. Aber hier fange -ich bereits an banal zu werden, und deshalb schließe ich hiermit rasch -diese immerhin interessante Plauderei. - - - - - DOLOMITEN - - -Ich hatte mein ganzes Leben lang von den _Dolomiten_ gehört, einem -„Märchen der Natur“. Nun kam ich, per Auto, halb 8 Uhr abends, 11. -August, in Toblach an. Eine riesige ungepflegte, ja verwahrloste -Bergwiese, die ein feenhafter Berggarten leicht hätte sein können. Ich -ging ein paar Schritte die Fahrstraße entlang, die ins Gebirge, Monte -Cristallo, führt. Ich sah in die weiße Waldstraße hinein, und war ganz -ergriffen. Jahrelang im „Café Central“, Ecke Herrengasse—Strauchgasse, -und nun am Eingang in die „Dolomiten“! Ich sah Wälder im Abendschatten -und in der Ferne einen leuchtenden riesigen Felsen. Ich kehrte zurück -und dachte mir die riesige schrecklich ungepflegte Bergwiese vor dem -Riesenhotel, bewachsen mit Zirbelkiefer, Rhododendron, Speik, so ein -botanischer Berggarten, mit Murmeltieren und Schneehasen. Aber Toblach -begnügt sich, ein „Eingang“ zu sein, und selbst die Geschäftsläden -erinnern an „Praterbuden“. Nur irgendwo sah ich in einer -Ansichtskartenbude eine 14jährige Verkäuferin. Ich blickte sie an: „Du, -du allein paßt in diesen Dolomiten-Märchen-Eingang!“ Da ich den schönen -grauen Gems-Kaiser-Lodenhut auf hatte und sehr gebräunt war, blickte sie -mich freudig-erstaunt an. Ich wollte etwas sagen, das heißt, ich wollte -eben gar nichts sagen, aber als die Ansichtskartengeschäfte abgewickelt -waren, blickte ich sie noch immer gerührt an. Sie sagte auch nichts, -aber sie spürte ihre Wirkung auf mich. Es war nicht sehr lange, und doch -vielleicht oder wahrscheinlich eine besondere Welt, die nie nie mehr -wiedererstehen wird. Es ging nicht an, sie länger anzublicken. Und -infolgedessen ging ich. Ich lüftete nicht den Hut, damit sie nicht sehe, -daß ich kahlköpfig sei; denn ich mußte auf ihre Träumereien Rücksicht -nehmen, daß ein verhältnismäßig apart aussehender Herr sie beim -Ansichtskartenverkaufe liebevollst angeblickt hatte — — —. So wie wenn -er ihr Glück wünschte zu ihrem künftigen Schicksale und sie getreulich -segnete mit seinen Augen. Sie hat gewiß niemand davon erzählt, was gäb’ -es auch darüber zu erzählen?! Und doch blieb es in ihr. Und doch wird -sie, unmittelbar vor einem ersten Kuß der Jugendsinne fühlen: „Nein! Ich -sehe nicht auf Deinem Antlitz, Mann, den Zug von Rührung, den der fremde -Herr mit dem grauen Gemsjagd-Kaiser-Lodenhute damals hatte — — —.“ Am -nächsten Morgen ging es nach Cortina. Rotgraue Bergwelt, sei bedankt, -gesegnet! Es türmt sich auf, lichtgrau und rosig, es wächst ins -Himmelblau hinein und überall ist Friede — — —. - - - - - MAMA - - -Meine Mama wollte „ein großes Haus“ führen, um ihre wunderschönen -Töchter reich zu verheiraten. Das nahm ich ihr übel. Denn, wenn es -gelingt, ist es wie ein Haupttreffer auf eine in der Tabaktrafik -gekaufte Promesse. Ich bin gegen das „Spiel“ im Leben. Man riskiert zu -viel. Das ist es. Also, wie gesagt, ich war sehr dagegen. Aber in meiner -Kindheit hatte ich einen vollkommen krankhaften Fanatismus für sie, und -meine Liebe zu ihr war keine ruhig-selbstverständliche eines guten -anhänglichen Kindes, sondern zehrte an mir, wie wenn ich ein unglücklich -Liebender wäre, der an „inneren Zärtlichkeitsgefühlen“ zugrunde geht, -während doch Mama mich sehr, sehr, sehr lieb hatte und meinen -„kindlichen begeisterten Blick“ zu würdigen verstand. Oft sagte sie: „Du -dummer Kerl, was willst du denn, ich hab’ dich ja so wie so riesig gern -und außerdem bin ich mit dir sehr zufrieden, der Hofmeister, die -Gouvernante, der Violinlehrer und Mr. Palotta, alle, alle loben und -lieben dich — — —.“ Aber meine Zärtlichkeit für Mama _zehrte_ an mir. -Vor ihr niederknien und den Saum ihres Kleides mit den Lippen berühren, -daran dachte ich nicht. Ich sah sie an und war voll übertriebener -Zärtlichkeit, als ob ich noch überhaupt bewußtlos in ihrem Schoße läge, -von ihren Kräften innerlichst behütet, genährt, gepflegt, so vorzeitig -herausgestellt in eine Welt, in die ich _noch nicht_ hineingehörte! -Mama! Mama! Als ich mit zehn Jahren, gerade der Primus im Gymnasium, an -einer Fußbeinhautentzündung schwer erkrankte, hatte sie ein Jahr lang -ihr Bett neben dem meinen und nahm nächtelang meine Seufzer in ihr Herz -auf. Nachmittags sang sie im Nebenzimmer Schubertlieder. „Ihre Stimme -klingt etwas ermüdet!“ sagte der liebevolle junge Gesangsmeister. „Mein -Sohn hat heute Nacht wieder sehr gestöhnt“ erwiderte sie. Eines Tages -sagte Professor Dittel: „Es muß geschnitten werden, der Fuß ist ganz in -Eiterung.“ Da saß sie nachmittags an meinem Bette und zupfte aus -Leinwandfetzen Charpiewolle. „Was machst du da, Mama?!“ — „Daß die Zeit -vergeht“ erwiderte sie. Am nächsten Tage sagte Professor Billroth: „Ich -pflege in einem solchen Falle noch nicht zu schneiden, es wird sich -aufsaugen!“ Da kniete meine Mama vor meinem Bette nieder, aber nur für -einen Augenblick. Dann ging sie ins Nebenzimmer und spielte und sang am -Klavier die „Forelle“ von Schubert. Der Gesangsmeister sagte: „Heute -klingt Ihre Stimme frischer, Sie dürften gestern eine ruhigere Nacht -gehabt haben!“ — „Nein,“ sagte sie, „aber ich werde sie heute nacht -haben!“ - - - - - MODERNE ANNONCE - - -Semmering, 1000 Meter Höhe. - -Page 69: „C’est à Saint-Gervais que je devais faire ce que les Allemands -appellent: „Die _Nach_kur“, et à laquelle ils attachent, _non sans -raison_, une grande importance.“ - -Die _Nach_kur ist wichtiger als die Kur! - -Eine meiner Thesen, auf die ich mir mehr einbilde als auf alle meine -Dichtungen zusammen, obzwar alle Ärzte sie seit lange, die These -nämlich, kennen. - -Die Kur ist der melancholische und mühselige Versuch, eine gebrochene -Maschinerie zu reparieren. Höchstens bringt man sie da mit Müh’ und Not -wieder auf gleich, kleistert sie zusammen. Aber die _Nach_kur ist -bereits eine freudige _künstlerische_ Angelegenheit: man ist daran, -einer wiederhergerichteten Maschine höchste Energien, Spannkraft, -Bewegung, Elastizität, Lebendigkeiten zu verleihen! Aus einem Invaliden -einen neuen feurigen Kämpfer zu machen! - -Die Kur ist eine ernste Notwendigkeit, die _Nach_kur ist ein _heiteres -Fest_! Gerade der erst _kürzlich_ gesundete Körper bedarf bei seinen -zarten Vernarbungen allerzärtlichster Rücksicht. Geld und Zeit für die -_Nach_kur sind wichtiger als für die Kur. Keine Kur ohne _Nach_kur! Die -Nachkur ist erst die Kur! Semmering, 1000 Meter Höhe. - - - - - SEMMERING - - -Es wurde wieder Winter, November 1912. Überflüssig, die -Berglandschaft zu schildern. Das können Russen, Schweden, Dänen -viel, viel besser. Sie kennen das Gepräge jedes Baumes, und wie der -Schnee sich ansetzt, je nachdem. Sie kennen die Eintönigkeit und -ihre Poesien, sie kennen die Melodie der Stille, und der Krähen -Mißton wird ein schaurig-melancholisches Leitmotiv: _Winter!_ Ich -liebte den Sommer, weil ich gesund war, und seinen Symphonien von -Farben, Düften lauschen konnte, unbeirrt durch etwas, was mich -drückt und niederzwingt. Nun ist es Winter. Ich sehe alles nur so, -wie wenn ein gütiges Schicksal den Abschied mir nicht schwer machen -wollte. Eine einzige Begeisterung ist geblieben und ringt sich -durch, wie wenn mein Bestes mir erhalten bleiben sollte. Ich sah -meine kleine Heilige im roten Wintersportkostüm. Der Wintertag -leuchtete auf ihrem geliebten Antlitz. Ich sah sie rodeln, ich hörte -ihr geliebtes jauchzendes Gekicher, sie flog davon, den scharfen -Kurven nach im weißen Fichtenwalde. Ich hatte sie gesehen! Ich ging -zurück ins Zimmer und versank in düsteres Sinnen ... Und es ward -Winter 1912! - - - - - WINTER AUF DEM SEMMERING - - -Ich habe zu meinen zahlreichen unglücklichen Lieben noch eine neue -hinzubekommen — — — den _Schnee_! Er erfüllt mich mit Enthusiasmus, mit -Melancholie. Ich will ihn zu nichts Praktischem benützen, wie -Scheerngleiten, Rodeln, Bobfahren; ich will ihn betrachten, betrachten, -betrachten, ihn mit meinen Augen stundenlang in meine Seele -hineintrinken, mich durch ihn und vermittelst seiner aus der dummen, -realen Welt hinwegflüchten in das sogenannte „weiße und -enttäuschungslose Zauberreich“! Jeder Baum, jeder Strauch wird durch ihn -zu einer selbständigen Persönlichkeit, während im Sommer ein allgemeines -Grün entsteht, das die Persönlichkeiten der Bäume und Sträucher -verwischt. Ich liebe den Schnee auf den Spitzen der hölzernen -Gartenzäune, auf den eisernen Straßengeländern, auf den Rauchfängen, -kurz überall da am meisten, wo er für die Menschen unbrauchbar und -gleichgültig ist. Ich liebe ihn, wenn die Bäume ihn abschütteln wie eine -unerträglich gewordene Last, ich liebe ihn, wenn der graue Sturm ihn mir -ins Gesicht nadelt und staubt und spritzt. Ich liebe ihn, wenn er in -sonnigen Waldlachen zerrinnt, ich liebe ihn, wenn er pulverig wird vor -Kälte wie Streuzucker. Er befriedigt mich nicht, ich will ihn nicht -benützen zu Zwecken der süßen Ermüdung und Erlösung, ich will nicht -kreischen und jauchzen durch ihn, ich will ihn anstarren in ewiger -Liebe, in Melancholie und Begeisterung. Er ist also eine neue letzte -„unglückliche Liebe“ meiner Seele! - - - - - VOLLKOMMENHEIT - - -Vollkommenheit ist ein heutzutage ganz mißverstandenes Wort. Man sagt: -Gustav Klimt, der vollkommene moderne Maler; Frau Bahr-Mildenburg, die -vollkommene Wagner-Darstellerin; Oberbaurat Otto Wagner, der vollkommene -Architekt; Peter Altenberg, der vollkommene Skizzenschreiber, Karl -Kraus, der vollkommene „Angreifer, Verhöhner, Vernichter“! Aber -vollkommen kann ein jeder sein, in jeglicher Sache! Ein Orangenverkäufer -kann vollkommen sein, wenn er den Geschmack, den Saftgehalt, den -Zuckergehalt jeder Orange oder Mandarine schon von außen, gleichsam -durch die Schale hindurch, erkennt mit unfehlbarer Sicherheit! Ein -Kastanienbrater kann vollkommen sein, wenn er das Gefühl dafür hat, wann -und unter welchen Umständen seine Kastanien schön gleichmäßig goldgelb -gebraten sind, ohne bräunliche schwarze harte Stellen zu bekommen. Ein -Bar-Mixer kann vollkommen sein, eine liebende Frau, ein stichelhaariger -Foxterrier, eine Hemdenputzerin, ein Kommis, in seiner Art zu bedienen, -ein Koch, eine Stenographin, kurz: alle, alle, alle, insofern sie in -ihrer Sache das Vollkommenste leisten! Pereant die protokollierten -Firmen des allgemeinen succès; es leben hoch die Unbekannten, die -göttlich singen beim Waschen und Anziehen, ohne an der Hofoper engagiert -zu sein! Es leben die exzeptionellen Weber und Tuchfabrikanten, es lebe -die kroatische, bosnische, ungarische, schottische, irländische, -dänische, schwedische Hausindustrie! Was vollkommen ist, ist vollkommen, -worin immer es sich auch betätige! - - - - - NACHWINTER - - -9. März. Mein 53. Geburtstag. Es ist schon wieder Schnee gefallen die -ganze Nacht, Hochwinter im März. Man kann noch nicht „rodeln“, denn der -Schnee ist noch flaumig wie flaumige Eiderdaunen. Aber das Auge weiß -davon nichts. Nur die Fußspuren sind braungrau. Es hat null Grad im -Schatten. Es ist ein Winterbild, an das man nicht recht glaubt. So -Nachzügler einer Armee „Winter“! Meine Schneeschuhe, ein Geschenk des -berühmten Architekten Adolf Loos, vor fünf Jahren, sind mir gestern -abhanden gekommen. Der anständige Dieb hat wahrscheinlich nicht mit -diesem Winter-_Rückfall_ gerechnet, der mich nun in Verlegenheiten -bringt! Sie waren mir teuer, obzwar sie mich nichts gekostet haben. Ich -hatte fünf Jahre lang den Ehrgeiz, sie mir weder vertauschen, noch -stehlen zu lassen. Der Kellner sagte mir oft: „Lassen Sie Ihre -Schneeschuhe ruhig irgendwo stehen, es geschieht ihnen nichts!“ Nun, es -ist ihnen wirklich nichts geschehen, sie haben nur ihren Besitzer -gewechselt. Möge er sie ebenso zärtlich rücksichtsvoll behandeln wie -ich, und möge ich eine neue _Schneeschuh-Wurzen_ baldigst finden! Einer -machte schon eine _leise Anspielung_, aber es stellte sich heraus, daß -er mir nur mitteilen wollte, dieser Nachwinter könne ja ohnedies nicht -mehr von langer Dauer sein, und da genügten dann gewöhnliche Galoschen. -Als ich bemerkte, daß ich auch solche nicht besitze, erklärte er, -Galoschen seien ungesund und verhinderten die Hautausdünstung. Also, in -dieser Winterpracht feiere ich meinen 53. Geburtstag. Es wird kein Geld -regnen, da ich keine Danae bin. Aber in die schlechte Bilanz des Jahres -1912 muß ich doch den Plus-Kontoposten meines Lebens einrechnen: -„Nachwinter im März auf dem Semmering, und eine romantische -‚_Petrarca-Liebe_!‘“ - -Hier ist es friedvoll, vertauschte Haselnußbergstöcke, vertauschte -Schneeschuhe, vertauschte Frauen sind das einzige bemerkenswerte -Ereignis. Aber man findet sich in alles. Eine Dame sagte mir: „Sehen -Sie, dieser von Ihnen gestern so gepriesene Herr ist doch kein -Gentleman. Er trägt abends zu Lackpantoffeln, pumps, _Wollsocken_!“ — -„Pardon,“ erwiderte ich, „ich habe das im Drang meiner Begeisterung -übersehen!“ — „Ein so scharfer Beobachter wie gerade Sie, Herr -Altenberg?!“ — „Ja, auch wir sind eben nur irrende Menschenkinder!“ - - - - - HEIMLICHE LIEBE - - -Wir müssen von den Gefühlen _unserer eigenen Seele_ leben können! Das -ist die „_neue Religion_“ für unsere, sonst zum Leiden verurteilten -impressionablen Nerven. Man kann uns alles _wegnehmen_, alles _rauben_, -alles _verhindern_, alles _verbieten_ — — nur nicht _unsere_ Gefühle, -die wir für geliebte Menschen haben! Hier beginnt unsere _unbesiegbare -Macht_ unserer Seele! Man wünscht es, unsere Tränen nicht zu sehen, -nicht zu spüren, nichts darüber in alle Ewigkeit zu vernehmen — — — und -sie rinnen dennoch auf den Kopfpolster, zum _Preise der Entfernten_! -Könnt Ihr uns verbieten, in dem Bergkirchlein für ihr Heil zu beten?! -Könnt Ihr uns es verbieten, im Schnee des „Hochwegs“ ihre Fußspuren zu -ahnen?! Vielleicht sind es fremde, gleichgültige. Aber wir, wir träumen -sie uns als die _ihrigen_, vermittels der _Kraft unserer_ unzähmbaren, -unbesiegbaren Seele! Kann sie zu uns sprechen: „Knie vor meinen -Fußspuren nicht in den Schnee hin!?!“ Nein, das kann, das darf niemand -zu uns sprechen. In diesen „Gefilden der entrückten Seele“ verliert die -_verbietende_ Menschenstimme ihre Macht und Gott sagt: „_Du darfst_!“ - -Ich habe Dein Glas in mein Zimmer mitgenommen, aus dem Du getrunken -hast. Ich habe dem Kellner gesagt: „Ich habe ein Glas zufällig -zerbrochen, da haben Sie zwei Kronen dafür!“ Er sagte: „Auf ein Glas -mehr oder weniger kommt es, bitte, bei uns nicht an — — —.“ Also besaß -ich das „geheiligte Glas“ umsonst. Ich ließ ihm ein Postamentchen machen -aus Zirbelholz, ließ eingravieren: „Deine Lippen berührten es.“ Kann mir -das irgend jemand _verbieten_?! Niemand kann mir meine _Leiden -verbieten_, er kann sie nur steigern, und das ist _gut für meine Seele_ -— — —. Wen, wen wollt Ihr schützen vor meinen Tränen, die _niemand_, -_niemand_ sieht?! - - - - - DAS KINO - - -Ich schleudere hiermit meinen Bannfluch gegen _alle jene_, die, in -„bestgemeinter Absicht“ oder aus Geschäftsinteresse, sich in neuerer -Zeit gegen die _Kinotheater_ wenden! Es ist die beste, einfachste, vom -öden _Ich_ ablenkendste Erziehung, besser jedenfalls, tausendmal besser -als die bereits als „freche Gaunerei“ entlarvte „Kunstdarbietung“, -ausgeheckt in ehrgeizigen, verdrehten Gehirnen und präpariert für den -„seelischen Poker-Bluff“; infame Düpierung _einfach-gerader_ -Menschenseelen! Im Kino _erlebe ich die Welt_; und selbst die erfundenen -Sketches sind schon, der Natur der Sache nach, auf _edel-primitive_ -Wirkung hin gearbeitet, Seelenkonflikte a la „_3 und 2 macht 5_“, nicht -aber absichtlich 6 oder 7! Das Volk _soll sich erheben für die -Kinotheater_ und sich nicht neuerdings in kleinsten und belanglosesten -Angelegenheiten _beschwatzen_ und _betören_ lassen von den -„_psychologischen Clowns_“ der Literatur! Meine zarte 15jährige Freundin -und ich, 52jähriger, haben bei dem Natursketch: „_Unter dem -Sternenhimmel_“, in dem ein armer französischer Schiffzieher seine tote -Braut flußaufwärts zieht, schwer und langsam, durch blühende Gelände, -heiß geweint! Wehe euch, deren „_trockenen Geist_“ wir „_trockenen -Herzens_“ angeblich begeistert _genießen_ müssen! Wir _müssen_ und -_wollen nicht_! - -Ein „berühmter Schriftsteller“ sagte zu mir: „Wir sind jetzt unter uns, -was finden Sie eigentlich Besonderes an den Kinovorstellungen?!?“ - -„Nein,“ sagte ich, „_wir_ sind _nicht_ unter uns, sondern _Sie_ sind -_unter mir_!“ - - - - - LEBENSBILD - - -Wesen der Engländerin: - -„O, mein geliebter Freund, was nützte mir denn deine ganze tiefe Liebe, -wenn du mir bei der Tür nicht den Vortritt ließest?!?“ - -Wesen der Amerikanerin: - -„_Natürlich_ zu sein, so wie man eben einfach von Natur aus ist!“ - -Dies schrieb ich einer jungen, edlen Amerikanerin ins Stammbuch. - -„O,“ sagte sie, „sehr, sehr schön; und vor allem sehr, sehr wahr! Aber, -bitte, was würden Sie denn einer jungen Engländerin in ihr Stammbuch -hineinschreiben?!?“ - -„Ich? Natürlich _gerade das Umgekehrte_!“ - - - - - SO SIND WIR - - -Wir wollen aufrichtig sein, vor allem diesmal ich, Sophie B.; vielleicht -für alle meine Mitschwestern. Nichts ist rätselhafter für uns, als es zu -sehen, wie jemand uns gar nicht mehr lieb hat! Gar nicht mehr ein -bißchen. Wir machen da sozusagen _nachträglich_ alle seine Qualen mit, -und alle unsere _vollkommen unnötig gewesenen_ Grausamkeiten, -Ungezogenheiten, Rücksichtslosigkeiten usw. usw. Wie ein schreckliches -Bild zieht es an uns vorüber, nebelhaft, und dennoch schreckhaft -_deutlich_! Ja, wir waren Königinnen, wie Chinas mysteriöse -Beherrscherin einst, und nun sind wir entthront! Man bittet uns nicht -mehr um Gottes willen um eine Haarlocke, man versucht es nicht mehr, -unser Knie unter dem Tisch sanft zu berühren! Wir sind entthront, -_entwertet_ und verstoßen! Wir haben uns „Herzen“ entfremdet; und Gott -will das nicht. Das heißt, Er hat nichts dagegen, falls es sein muß, -aber es soll _in Seiner Milde, in göttlicher Milde_ vor sich gehen, so -zart behutsam, daß wir alle Tränen trocknen, die seit Monaten um uns -geflossen sind! Mit Kranken schreit man nicht herum! Wir haben nie seine -Briefe verstanden, in denen er uns doch _ganz verständlich_ mitteilte, -er habe _unseretwegen_ die ganze Nacht geweint. _Jetzt_ verstehen wir -diese Briefe, die wir bereits zerrissen haben! - -Also, da sitzt er nun vor uns, der einst ein Narr in unseren Augen war, -und unsere ausgespuckten Traubenschalen liebevollst in seinen Mund nahm! - -Da sitzt er nun vor uns. Wir sind ihm nichts. Er schaut, und ist selbst -verständnislos geworden! - -Oh — — — oh — — —! Wie schade! - -Unser Atem ist ihm nicht mehr süß — — — vielleicht ekelt er ihn sogar -— — —! - - - - - MEIN GRAUER HUT - - -Der Märzwind klagt durch die winter-erfrorenen rostroten Gebüsche. Über -die grauen Wiesen bürstet er grauen Märzstaub auf, zieht in die Wälder -hinauf, um rotes starres Laub zum Rascheln zu bringen, zum -Vorfrühling-Tanze! - -Neben mir liegt mein geliebter grauer Filzhut, Gemsjagd-Kaiser-Hütchen. -Er erinnert mich an alles, was ich verloren habe, an _Alles_! Ich habe -ihn in Mürzzuschlag gekauft, nach langem Suchen, er ist mein Ideal-Hut. -Nun blicke ich ihn an, in tiefster Zärtlichkeit, als ob er noch die -hellen scharfen Lüfte und Düfte vom Semmering-Paradiese in seinem -Filzgewebe berge. Ja, _für mich_ birgt er sie, alle die Schätze, die -mein Auge dort droben in der lichten scharfen Luft in sich -hineingetrunken hat, auf der Beton-Terrasse, 6 Uhr morgens, mit sonnigem -Wiesennebel und dem Mürz-Nebel-Strom ins Haidbachtal, weiß und -leuchtend, ein Märchen-Strom! Und abends die goldenen Wolken im Mürztal; -und immer, immer war es _noch_ schöner als am Vortage, und meine Seele -war reich durch Begeisterung. Nichts entging mir von Gottes Pracht. - -Nun denke ich an das Holdeste, Klara und Franziska Panhans, Magda -Simon, Eva Leopold, Frau Machlup, ebenfalls Gebilde der -gütigen edel-gestaltenden Natur! Für alle hatte ich den Blick -fanatisch-zärtlicher Begeisterung! Nun aber bleibt mir nur mein kleiner -grauer Filzhut, Gemsjagd-Kaiser-Hut; er liegt vor mir, unscheinbar, -nichtssagend. Mir aber scheint die untergegangene Sonnenwelt „Semmering“ -daraus entgegen, und sagt mir „adieu“, adieu für immer — — —. Weshalb -dieses Schicksal?! Ich weiß es nicht — — —. - -8. März 1913. Vortag meines 54. Geburtstages. Für Frau Lilly St. - - - - - DIE KOSTÜME AUF DEM SEMMERING IN DER SILVESTERNACHT - - -Ich sah ein ockergelbes Musselinkleid-Hemd mit breitem lila Samtband -geputzt. An der Brust eine große lila-weiße Kamee. Dann sah ich an dem -herrlichen Fräulein Schw... eine weiße seidene Wolke, am Rande bestickt -mit grellem Silberschimmer aus großen viereckigen Silberplättchen. Dann -sah ich an der braunen Frau S. eine schwarze Tüllrobe, mit schwarzem -Hut, mit einer schwarzen samtenen Tulpe an der Brust. Kardinalfarbene -Seidenrobe, bestickt mit kardinalfarbigen Glasperlen. Eine staubgraue, -nebelgraue Tüllrobe, mit breiten ockergelben Samtbändern. Eine -erbsengrüne Tüllrobe, mit hechtgrauen Glasperlen bestickt; braungelbe -Orchideen an der Brust. Frauenschuh. Dann sah ich eine — — — da wußte -ich gar nicht, was sie anhatte; denn ich sah nur ihr Antlitz, ihr süßes, -süßes Antlitz, mit den klaren schimmernden Madonnenaugen — — —. Da sagte -eine ältere Dame zu mir: „Nicht wahr, das bemerke ich sofort, die -Toilette dieser jungen Dame ist ganz nach Ihrem etwas aparten und -übertriebenen Geschmack — — —!?!“ — „Jawohl“, erwiderte ich, „obzwar ich -gar nicht sah, was sie anhatte — — —.“ — „Ja, Sie urteilen eben auch nur -nach dem Äußeren, mein Lieber, sehen Sie wohl?!?“ — „Ja, leider“, -erwiderte ich und starrte die Madonnenaugen an — —. Sie hieß Kl. P. und -dennoch kann niemand ahnen, wer es ist — — —. - - - - - FORTSCHRITT - - -Es gibt Leute, die heutzutage nicht mehr auf den Boden eines -Kaffeehauses spucken können, und solche die es _noch ganz gut_ können. -Diese Zweiteilung ist ein Zeichen eines wenn auch geringen allgemeinen -Fortschrittes. Es gibt Leute, die selbst bei einer automatisch von -selbst schließenden Tür ängstlich hinter sich blicken, ob die -Maschinerie auch wirklich funktioniere. Das sind bereits „Gentlemen der -Entwicklung“. Beim „Sport“ darf man keiner Dame helfen, irgendwie -behilflich sein in einer schwierigen Situation. Dadurch gewöhnt man sich -allmählich auch das sklavische „Pakettragen“ oder „Schirmaufheben“ oder -„Zigarettenanzünden“ ab. Wieder ein kleiner Fortschritt! Jetzt fehlt -noch der _hohe englische Fußschemel_ beim Friseur, und die Ventilatoren -in _jeder_ Fensterscheibe, wobei niemand rufen darf: „Es zieht!“ Preise -an Schriftsteller-Millionäre zu vergeben, ist noch rückschrittlich. Mit -Geld kann man nur Künstler ehren, die keines haben! Turbot samt seiner -dunklen schuppigen _Haut_ essen und noch dabei behaupten, das gebe dem -edlen Fische erst den Geschmack, ist eine mittelalterliche -Zurückgebliebenheit, die man eventuell einem eisengepanzerten Recken -oder Drachentöter nachsehen könnte! Eine übertrieben deutliche Schrift -haben, ist einer der wenigen zu begrüßenden Snobismen. Man schreibt für -_den_, der es _lesen_ soll! Eine Frau in der Weise bewundern, daß es dem -zugute kommt, dem sie _angehört_, und nicht _dem_, der sie _bewundert_, -ist „höchste Kultur“! Mehr als zweimal im Tag mitteilen, man habe im -rechten Knie beim Drücken einen Schmerz, ist nicht „fortschrittlich“. -„Tamar Indien Grillon“ anpreisen, ist höchste Kultur. Aber auch hierin -gibt es zarte Grenzen. Ich hörte einmal an einem herrlichen Herbstmorgen -einen jungen Griechen eine junge Serbin fragen: „Oh bonjour, -mademoiselle, combien de pilules „Purgén“ est-ce-qu’on ose prendre à la -fois?!“ „36“ erwiderte die junge Dame schlagfertig, worauf man den -Griechen acht Tage lang nicht mehr erblickte. Leute ins Gespräch ziehen, -um ihnen Ansichten herauszulocken, zum Zwecke, sie ihnen _widerlegen_ zu -wollen, ist _unkultivirt_. Um „Proselyten“ zu machen, gehört mindestens -die Entschuldigung eines „heiligen Fanatismus“. Zwischen Tee und -„kleiner Bäckerei“ hat solches _nicht stattzufinden_! „Anonyme Briefe“ -sind eine Gemeinheit. „Nicht anonyme Briefe“ sind eine noch größere -Gemeinheit. Man hat zu schreiben: „_Ich verehre Sie!_“ Im allgemeinen -aber zeigt sich doch in der „vie quotidienne“ ein beträchtlicher -Fortschritt. „In der Nase bohren“ findet man sogar bei Kindern -verhältnismäßig nur mehr selten, obzwar es noch vor 20 Jahren zu den -sogenannten „billigen Freuden des Daseins“ gehörte! Häufiger kommt es -vor, daß Liebesleute vor Fremden sich gegenseitig zu blamieren, zu -_desavouieren_ suchen, kurz den Anschein eines Täubchenverhältnisses zu -bewahren, für Augenblicke außer acht lassen. Den „Dritten“ dabei als -Richter anzurufen, ist aber eine der allergrößten Infamien, besonders -falls er auf die Frau ein oder mehrere Augen bereits geworfen hat. Es -gibt also noch immer eine Anzahl von verbesserungsbedürftigen Dingen -— — —! - - - - - ABSCHIED - - -„Herr Altenberg, ich danke Ihnen noch zuletzt für alles, für alles!“ - -„Wofür, das verstehe ich nicht — — —.“ - -„Das kann man nicht so sagen, wofür man Ihnen in einem wochenlangen -Verkehr zu danken hat! Man ist gleichsam von sich selbst erst zu sich -selbst gekommen, erblickt das Leben einfacher, selbstverständlicher und -klarer als bisher. Deshalb muß man zu Ihnen sagen: ‚Ich danke Ihnen für -alles, für alles — obzwar man durchaus nicht weiß, worin es besteht!‘“ - -Es war der tiefste Abschied, eigentlich aber ein ewiges Zusammenbleiben! - - - - - BESUCH - - -Mein Freund, der Doctor philosophiae aus Heidelberg, schrieb mir, er sei -in tief deprimierter Stimmung, wolle in den „Frieden der Berge -flüchten“, höchst moderne Ausdrucksweise, und vor allem beim Dichter -eine Art von „seelisch-geistigem“ Reinigungsbad nehmen. Als er ankam, -begann ich daher von Rax und Schneeberg, Pinkenkogel und Sonnwendstein -zu schwärmen. Er erwiderte: „Lasse gefälligst diese Marlittiaden einer -überwundenen Epoche und zeige mir lieber eine Dame, mit der man -stundenlang über Ibsen, Hofmannsthal, Stephan George und ähnliche -Geschöpfe seine endgültigen Ansichten los werden kann.“ Er war -glücklich, als ich ihm mitteilte, daß ich zufälligerweise gerade jetzt -drei solcher Damen auf Lager habe, leider aber eine jede in einem -anderen Berghotel. Er meinte, er wolle gern den Wagen bezahlen, und wir -sollten von einer zur anderen fahren. Auf dem Wege könne man ohne -weitere Schwierigkeiten die Schönheit, den Frieden der Bergwelt, aber -ohne Exaltationen über jeden einzelnen Baum, sondern in Bausch und Bogen -genießen. Dieser annehmbare Plan wurde zu allgemeiner Zufriedenheit -ausgeführt. Eine vierte Dame, die sich anschloß, konnte wegen -Zeitmangels nicht ins Gespräch gezogen werden über die Philosophie in -der Musik des Debussy. Der Doktor sagte zu mir: „Ist es also wirklich -wahr, daß man nur bis 11 Uhr abends hier Getränke bekommt?!“ — „Nein,“ -erwiderte ich, „das ist eine Verleumdung, man erhält bis Mitternacht -Limonade und Soda-Himbeer!“ — „Esel,“ sagte er, „ich meine schweren -Burgunder!“ Er schlug nun vor, schon um 7 Uhr abends anzufangen, damit -man bis zur Schank-Sperrstunde das Nötige absolviert haben könne. Ich -erklärte ihm, daß ich seit anderthalb Jahren Antialkoholiker sei und -daher vor halb 8 Uhr abends nicht anfangen könne! Er sagte, er sei -einverstanden, da er mich von meinen schwer errungenen Grundsätzen nicht -abbringen wolle. Im Laufe des Abends gesellten sich einige Herren zu -uns, die er in liebenswürdigster Weise anstänkerte, indem er sie fragte, -ob sie sich ernstlich von der Bergluft und der Enthaltsamkeit eine -Heilung ihrer anscheinend doch unheilbaren Leiden erwarteten?!? Bald -waren wir allein, und später erklomm er mit meiner Bergführerhilfe die -Treppe. Er sagte noch: Rax, Schnee—berg, Sonn—wend—stein, Pin—ken—ko—gel -..., dann verschwand er hinter der gepolsterten Tür. - - - - - BUCHBESPRECHUNG - - -Ich lese jetzt Tolstois „Chadschi Murat“, aus dem Nachlaß. Es ist -immer dieselbe Art, plastisch-historisch, lebendig gewordene -Wachsfigurenkabinette, psychologische Wachsfiguren, z. B. der -großartig geschilderte wachsbleiche fette Kaiser mit dem -nichtssagenden streng-starrenden Antlitz, der weiß, daß er nichts -weiß, und dennoch die Geschicklichkeit besitzt, sich immer, in jeder -Situation, es einzureden, daß er „zum Heile und zur Ordnung der Welt“ -_unentbehrlich_ sei. Aber auf Seite 161 fand ich ein besonderes und -bisher, vor allem mir, unbekanntes Sprichwort: „_Der Hund bewirtet den -Maulesel mit Fleisch und der Maulesel den Hund mit Heu — infolgedessen -bleiben beide hungrig!_“ Ich finde das wunderbar; es ist ein Bild -unseres ganzen tragischen Lebens, besonders dessen _zwischen Mann und -Frau_! Ein jeder bewirtet uns mit einer Kost, die für ihn die _beste_, -für den Bewirteten meistens jedoch die _allerschlechteste_ ist! - -Einer meiner sogenannten „Freunde“, andere als „_sogenannte_“ gibt es -nämlich hienieden nicht, würde natürlich sagen, daß dieses Sprichwort -einen natürlich ganz anderen Sinn habe als den ihm von mir _willkürlich_ -unterlegten, ferner, daß es längst allgemeinst, vor allem ihm selbst, -bekannt sei; daß es schon im „Sanskrit“ erwähnt werde und _nichts -anderes_ bedeuten könne als die „Güte des Schöpfers allen seinen -Kreaturen gegenüber“! Du Esel! Trotzdem halte ich das erwähnte -Sprichwort für überaus wertvoll und sinnvoll und glaube nicht, daß ich -bis Seite 203, Ende, etwas annähernd ebenso Tiefes finden werde. - -Wenn man einmal so weit ist, die Menschen des übrigens alltäglichen -Lebens ebenso scharf aufs Korn zu nehmen, wie Tolstoi es tut in seinen -Romangebilden, oder wie Charles Dickens und Thackeray in milderer Form, -so verringert sich naturgemäß die Distanz zwischen Künstler und Leser. -Der Leser weiß einfach ganz dasselbe, ohne sich _die lächerliche Mühe zu -nehmen_, es niederzuschreiben! - - - - - EIN BRIEF - - - Sehr geehrte gnädige Frau! - -Sie wollen „glücklich“ sein? Das ist schrecklich! Beethoven, Schiller, -Hugo Wolf, Novalis, Lenau waren nicht glücklich. Mit welchem Rechte -wollen _Sie_ also glücklich sein? Mit dem Rechte der „Inferiorität?“ -Aber darauf haben Sie keinen legitimen Anspruch, da Sie es doch nicht -sind! Sie erzählen mir, daß irgend jemand um Sie bange war, um Sie -geweint hat? Erzählen Sie mir doch lieber, daß _Sie_ um irgend jemand -besorgt waren, geweint haben! Sie sagen mir, was man von Ihnen halte? -Sagen Sie mir doch lieber, was Sie von den andern halten! Sagen Sie mir, -von wem _Sie_ schwärmen, und sagen Sie mir nicht, wer von Ihnen -schwärmt! Ihre eigene Welt ist gerade so wie sie ist, aber die Welt der -andern, der „Nicht-Sie-Seienden“, die ist eine Bereicherung _Ihres_ -Denkens, _Ihres_ Fühlens! Zeugnisse mit ausgezeichneten Referenzen sich -von Nichtverstehern ausstellen lassen, ist eine allzu billige -Befriedigung! Sind Sie die Duse, die Yvette Guilbert, die Else Lehmann! -Nun also! Sagen Sie stets: „Ich verehre!“ sagen Sie niemals: „Ich werde -verehrt!“ Ein „labiles Selbstbewußtsein“ ist an und für sich -„unkünstlerisch“! Sei, der du _bist_! Nicht mehr, nicht weniger! Wenn -Sie vom „Russischen Ballett“ schwärmen, von Nidjinsky, von der -Karsawina, von der Niedermetzelung der Haremswächter, von den russischen -Volksmelodien, von den Damen in den Logen und den Silberreifen um ihre -süßen Lockenköpfe, von Samthemden in Violett und Grasgrün, die alles -verbergen wie edel-verschwiegene schwere Portieren — dann, dann sind Sie -Sie selbst! Eine Aufsaugerin der Schönheiten der Welt, eine -_Bereicherte_! Aber wenn Sie von sich selbst sprechen, werden Sie -armselig! Eine, die erzählt, man habe ihr ein Almosen gegeben; eine -Bettlerin an der Brücke, die hinüberführt ins „Versorgungshaus des -Lebens“! - - - - - DAS HOTEL-STUBENMÄDCHEN - - -Sie saß nachts, ganz zerpatscht von Stiegensteigen, Sorgsamsein für -fremde Menschen, Aufmerken auf fremde Wünsche, in der Portiersloge, -zählte einen Haufen Trinkgelder in ihre Schürze. Ich wußte, daß sie ein -entzückendes dreijähriges Mäderl habe, und der Gatte war verschollen. - -Ich sagte: „Woher sind Sie, Marie?!“ - -„Aus Kärnten.“ - -„Sie müssen ja die Dorfschönheit gewesen sein — — —.“ - -„Das war ich!“ - -„Und alle Jünglinge müssen sich um Sie beworben haben — — —.“ - -„Das haben sie getan.“ - -„Und da haben Sie sich _den_ gerade aussuchen müssen?!“ - -„_Er mich!_“ - -„Und Sie sind so ruhig, so gesichert — — —.“ - -„Da kann man nicht aufbegehren. Es ist das Schicksal!“ - -„Nein, die Dummheit war es, die Borniertheit — — —.“ - -„_Das ist ja unser Schicksal!_“ - -Später sagte sie: „Rühren Sie mich nicht an, es passt mir nicht. Weshalb -streicheln Sie meine Haare?! An mir ist nichts mehr zum Streicheln -— — —.“ - -Ich schenkte ihr eine Krone. - -„Wofür geben Sie mir das?!“ - -„Gewesene Dorfschönheit!“ erwiderte ich. Da begann sie zu weinen. - - - - - GESPRÄCH - - -„Sie, sagen Sie, mein lieber Peter Altenberg, wie lang sind Sie -eigentlich schon da, auf diesem Semmering?!?“ - -„Elf Wochen?!“ - -„So? No, und das können Sie so aushalten, so ganz ohne Weiber?!?“ - -„Nur _ohne_ Weiber! Mit Weibern könnt’ ich’s gar nicht aushalten!“ - -„Komischer Mensch, was Sie sind!“ - -„Weshalb komisch?!?“ - -„No, Sie sind doch der größte Troubadour für die Weiber, was wir haben -heutzutage?!?“ - -„No, könnt’ ich denn ihr größter Troubadour sein, wenn ich alleweil mit -ihnen beisammen wär’?!?“ - - - - - BOBBY - - -Ich habe sowieso nichts mehr zu verlieren, nichts mehr zu gewinnen, ich -stehe vor der „großen Abrechnung“ meines Lebens. Jetzt erkläre ich, daß -ich die weiße, hellbraungefleckte echtrassige Foxterrierhündin Bobby, -mit ihren acht rosigen Brust- und Bauchwarzen (selbst die edelsten Damen -haben nur deren zwei), für schöner, graziöser, liebenswürdiger, -herzlicher, menschenfreundlicher halte als die meisten Frauen. Sie -erregt nie in mir Eifersuchtsqualen und Verzweiflung, hat eine -unbeschreibliche Freude, wenn ich nett zu ihr bin, sagt nie bei einer -solchen feinfühligen Gelegenheit: „Zahl’ lieber an Kaviar und laß die -billigen Faxen — — —.“ Denn erstens frißt sie Gott sei Dank gar nicht -Kaviar, und zweitens „fliegt sie“ grad auf meine „billigen Faxen“, d. h. -meine seelische Verehrung, Anerkennung und Liebe! - -Ich ziehe also Bobby allen Frauen vor, freilich sage ich das erst -öffentlich am Ende meiner sogenannten „Liebeslaufbahn“, mit einem Wort: -nach meiner Schlacht von Sedan. Bobby hat um mich geweint, gewinselt, -sich gekränkt, den Appetit verloren. Die übrigen Weibchen hatten gerade -in meiner Gesellschaft stets einen riesigen Appetit, während ich kaum -die Absicht hatte, ihnen ein „Kalbsgulasch“ zu bezahlen. Und dann, Bobby -hat noch einen großen Vorteil, sie gehört nämlich gar nicht einmal mir, -sondern einer reizenden bekannten Dame, der die Fürsorge für sie -obliegt. Ich selbst schmeichle mich nur bei Bobby ein, um ihre zärtliche -Freundschaft zu genießen. Ich will keine Spesen haben, und „äußerln“ -führe ich auch nicht. Frauen haben immer irgendwelche Bedürfnisse! Aber -ich bin nicht in der Lage, sie zu befriedigen — — —. Das nimmt zu viel -Kräfte weg und Zeit! Liebe ohne alle Spesen ist meine letzte Erkenntnis -auf Erden. - - - - - PSYCHOLOGIE - - -Mich interessiert an einer Frau _meine_ Beziehung zu ihr, nicht _ihre_ -Beziehung zu mir! - - ✶ - -Daß _ich_ ihr eine exzeptionelle Achatbrosche schenken darf, macht mich -glücklich, nicht daß _sie_ es gerührt annimmt! - - ✶ - -_Ich_ küsse ihre Haarlocke in meinem Zimmer anbetend, aber ihre -braunroten Haarsträhne mögen im Winde flattern _für alle Welt_! - - ✶ - -Sie hat Migräne, und _ich_ renne nachts in die Apotheke. _Für mich_ hat -sie Kopfweh, da _ich_ besorgt bin, es ihr zu lindern! - - ✶ - -Wenn sie „Wintersport“ treibt, zittere _ich_ um ihre zarten geliebten -Gazellenglieder! Für _mich allein_ betreibt sie daher „Wintersport“! - - ✶ - -Ein Hut, der ihr _schlecht steht_, macht _mich_ unglücklich, ein Hut, -der ihr _zu fesch-kokett_ steht, macht _mich_ ebenfalls unglücklich! -_Für mich allein_ also trägt sie alle, alle ihre Hüte! - - ✶ - -Die Speise, die ihr nicht schmeckt, macht _mich_ unglücklich, die -Speise, die ihr schmeckt, macht _mich_ glücklich. _Für mich, für mich_ -allein daher ißt sie! - - ✶ - -Der Blick, mit dem sie einen anderen liebenswürdig anschaut, macht -_mich, mich allein_ unglücklich! Daher gehört dieser Blick _mir, mir_, -und nicht ihm, dem eitlen Laffen! - - ✶ - -_Mir, mir_ allein gehört alles, was von ihr kommt, Böses und Gutes, denn -_ich, ich_ allein empfinde es! - - - - - VORFRÜHLING - - -Von den braunroten Dachschindeln rieseln grauglänzende Bäche. Man muß -diesen harten Winter wegschwemmen, auflösen. Die Blumen und Gräser -wollen auch schon heraus, nicht nur die genialen Schneerosen und Eriken, -die der Nachwinter nicht geniert. Aber es gibt diskretere Kräuter, die -erst auf den ernsten „Ruf des Frühlings“ Folge leisten und nicht gewillt -sind, mit Schnee und Kälte zu „paktieren“. Das Berg-Schneeglöckchen zum -Beispiel, das Leberblümchen und der Frühlings-Enzian. Die lassen mit -sich kein Geschäft machen; ein paar sonnige Tage können sie nicht -_verführen_, ihre Pracht zu entfalten. Sie wollen Numero Sicher gehen, -also eigentlich „Philister der Blumenwelt“. _Nicht vorzeitig verwelken -wollen_, ist immer eine Art von „philiströser Tätigkeit“! Franz -Schubert, Hugo Wolf usw. usw. hatten sie nicht. Leute, die „Eau de -Vichy“ trinken statt „Enzian-Schnaps“, sind zu _verwerfen_! Sie legen -zuviel Wichtigkeit ihrem _absolut unwichtigen_ Organismus bei. Ich bin -gewiß für Gesundheit. Aber sie muß auch _für andere_ wertvoll sein. Die -Gesundheit der _Wertlosen_ ist _wertlos_! Der „_Hypochonder_“ hat irrige -Ideen vom Werte seiner Erhaltung! _Wir verzichten gerne_ auf seine -Lebenskräfte, die uns _doch nichts bieten_ können! Ein „_reeller -Kranker_“ ist uns lieber als ein „_falscher Gesunder_“! Das merkt euch, -ihr „_Wucherer mit der Gesundheit_“! Früchte, die fallen wollen, soll -man abreißen! Aber statt dessen läßt man sie oben, und sie schreiben -fünfaktige Dramen, oder malen, oder bildhauern, jedenfalls treiben sie -irgendeinen schädlichen Unfug! - - - - - DAS GLÜCK - - -Ich erwartete das Glück vergeblich Jahre und Jahre lang. Endlich kam es -und setzte sich zutraulich an mein Bett. Es hatte gelbbraunen Teint wie -die Javanerinnen, schmale, lange Hände und Finger, Gazellenbeine und -bewegliche lange Zehen. Ich sagte: „O, bist du wirklich, wirklich -endlich das Glück, das lang ersehnte, tief entbehrte?!?“ — „Ich werde es -dir morgen schreiben, ob ich es wirklich bin oder nicht. Du wirst selbst -urteilen — — —.“ - -Am nächsten Morgen fand ich einen Zettel, auf dem geschrieben stand: -„Adieu, auf Nimmerwiedersehen — — —.“ Ja, es war also wirklich und -wahrhaftig „das Glück“ gewesen! - - - - - DAS DUELL - - -Ich, als „Outsider“ der Gesellschaft, die sich anmaßend und fälschlich -die „gute“ nennt, begreife überhaupt naturgemäß nur eine einzige Art, -zum Duell seine Zuflucht zu nehmen. Das ist, wenn man in bezug auf eine -Frau in seinem Lebensglücke so sehr geschädigt wurde, daß man unbedingt -zum Mörder und nachher zum Selbstmörder werden will! Da hat man im -„Duell“ die Chance, den Kerl umzubringen und nach „vollendeter Sühne“ -sogar ganz fröhlich am Leben zu bleiben und zu sagen: „Sixst’ es, -Annerl, Mauserl, Herzerl, jetzt wirst net so bald wieder dich einlassen, -einer von die Herren Kavaliere is schon kalt geworden trotz deiner -heißen Liebe!“ - - - - - STAMMGÄSTE - - -Die „Stammgäste“ eines Hotels haben eine eigentümliche Art von -Sicherheit, die ein wenig an „Größenwahn“ erinnert. Sie haben die -Ansicht, daß alles glücklich sei, daß sie wieder da sind, und daß bisher -in dem gesamten Hotelbetrieb eine Art von empfindlicher Stockung -eingetreten sei, die nun glücklicherweise schwinden werde! Sie haben -eine „falsche Liebenswürdigkeit“ mit dem Bedienungspersonal, erkundigen -sich nicht ungern nach Dingen, die sie nichts angehen. Auch ihre -eventuellen „Beschwerden“ gegen die Hotelusancen bringen sie in einem -gütig-väterlich-wohlwollenden Tone an, als wollten sie das ganze -Etablissement vor dem Ruine schützen! In J. war ein reicher Stammgast, -der jeden „Eingeborenen“ mit der Frage beglückte: „Nun, wie war der -Winter bei Euch heuer?!“ Obzwar ein jeder darauf mit Freuden geantwortet -hatte: „Schmecks!“, so sagten doch alle, mit Rücksicht auf Trinkgelder, -die niemals stattfanden: „Heuer besonders hart, gnä’ Herr —.“ Worauf der -Stammgast leutselig erwiderte, daß dafür der Sommer zur Erholung, -nämlich für ihn, diene! - -Trotz aller dieser Eigenheiten möchte dennoch keine Gegend ihre -Stammgäste missen, denn sie gehören dazu und machen das Ganze sogar -heimlich, wie die Schwalben, die Störche und anderes stets -wiederkehrendes Getier! - - - - - SANATORIUM FÜR NERVENKRANKE - - - (aber nicht die, in denen ich mich befand!) - - _Morgenvisite._ - -Der Doktor sitzt, wie ein Staatsanwalt ernst blickend und forschend, an -einem riesigen Schreibtische. - -Der Delinquent (Patient) tritt ein. - -„Bitte, nehmen Sie Platz — — —.“ - -Pause, in der der Staatsanwalt (Arzt) den Verbrecher mustert, ob -Paralyse oder Simulation vorhanden sei — — —. - -„Also, mein lieber Peter Altenberg, ich kenne Sie nämlich schon seit -langem aus Ihren interessanten Büchern, und erlaube mir daher den -konventionellen Titel „Herr“ bei einem berühmten Manne wie Sie -wegzulassen. Ihre Verehrerinnen apropos sollen Sie ja direkt mit ‚P. A.‘ -titulieren!? Diese _Ehrenabkürzung_ wage ich bisher noch nicht — — —. - -Aber zur Sache! Also, mein lieber Peter Altenberg, was werden wir denn -zum Frühstück nehmen?!?“ - -„_Wir?!_ Das weiß ich nicht. Aber ich selbst nehme Kaffee, hellen -Milchkaffee — — —.“ - -„Kaffee?! So?! Also Kaffee, hellen Milchkaffee — — —?!? Also schön, -Kaffee — — —!“ - -„Ja, bitte, es ist mein gewöhnliches Getränk, an das ich seit dreißig -Jahren gewöhnt bin — — —.“ - -„Ganz gut. Aber Sie sind eigentlich hier, um sich von Ihrer bisherigen -Lebensweise, die Ihnen anscheinend bisher nicht besonders genützt hat, -zu _entwöhnen_, vielmehr die _nötige Energie_ zu akquirieren, solche -_Veränderungen_ Ihrer gewohnten, ja vielleicht _allzu gewohnten_ -Lebensweise allmählich wenigstens vorzunehmen!?! Nun, bleiben wir also -vorläufig beim Milchkaffee. Aber weshalb diese dezidierte Aversion gegen -Tee?! Man kann auch Tee mit Milch verdünnt trinken — — —?!“ - -„Ja, aber ich pflege Milchkaffee zu trinken — —.“ - -„Haben Sie, Herr Altenberg, einen bestimmten Grund, den Genuß von Tee -des Morgens für Ihre Nerven für unzukömmlich zu halten?!?“ - -„Ja; weil er mir nicht schmeckt — — —.“ - -„Aha, das wollte ich eben nur wissen. Also, mein lieber Herr, was nehmen -Sie denn zu Ihrem so geliebten und _anscheinend unentbehrlichen_ -Milchkaffee dazu?!?“ - -„Dazu?! Nichts!“ - -„Nun, irgend etwas _Konsistentes_ müssen Sie doch dazu nehmen! Ein -leerer Kaffee schmeckt einem ja gar nicht — — —.“ - -„Nein, ich nehme nichts dazu; mir schmeckt nur ein _leerer_ Milchkaffee -— — —.“ - -„Nun, mein sehr geehrter Herr, bei uns geht das eben nicht. Sie werden -mir freundlichst die _Konzession_ machen müssen von zwei Buttersemmeln -— — —.“ - -„Ich hasse Butter, ich hasse Semmeln, aber noch mehr hasse ich -Buttersemmeln!“ - -„Nun, diesen Haß werden wir schon noch _besiegen_! Ich habe schon -_schwierigere Kunststücke_ fertiggebracht, mein Lieber — — —. So, und -jetzt begeben Sie sich stillvergnügt zu Ihrem Frühstück in der Veranda. -Noch eins: Pflegen Sie nach dem Frühstück auszuruhen?!?“ - -„Je nachdem — — —.“ - -„Je nachdem gibt es nicht. Entweder Sie ruhen oder Sie machen Bewegung -— — —.“ - -„Also dann werde ich ruhen — — —.“ - -„Nein, dann werden Sie eine halbe Stunde lang gehen — — —!“ - -Der Delinquent verläßt wankend das Amtszimmer und begibt sich zum -_Strafantritte_ auf die Veranda zum Frühstücke, verschärft durch zwei -Buttersemmeln. - -Einige Tage später. Der Staatsanwalt: „Nun, sehen Sie, mein lieber -berühmter Dichter, Ihr Gesichtsausdruck ist schon ein viel freierer, ich -möchte sagen, ein menschlicherer, nicht so präokkupiert von fixen Ideen -— — —. Haben Ihnen die zwei Buttersemmeln geschadet?! Na also!“ - -Nein, sie hatten ihm nicht geschadet, denn er hatte sie täglich im -Hühnerhofe verteilt — — —. - - _Nachmittagsvisite._ - -„Herr Peter Altenberg möchten sogleich zum Herrn Direktor komme — — —.“ - -„Setzen Sie sich, bitte. - -Ich habe Ihnen den Alkoholgenuß strengstens untersagt — — —.“ - -„Jawohl, Herr Direktor — — —.“ - -„Kennen Sie diese ganze Batterie von leeren Sliwowitz-Flaschen?!?“ - -„Jawohl, es sind die meinen — — —.“ - -„Man hat sie heute unter Ihrem Bette aufgefunden — — —.“ - -„Ja, wo sollte man sie denn sonst auffinden?! Ich habe sie ja dort -deponiert — — —.“ - -„Wie haben Sie sich das Gift in meiner Anstalt verschafft?!“ - -„Ich bestach jemanden. Sein ehrliches Gewissen ließ es bei zwei Kronen -nicht zu. Da offerierte ich ihm drei Kronen.“ - -„Sie sind also unschuldig an der ganzen Sache, sondern der ungetreue -Diener ist der Schuldige! Ich werde ihn zur Rechenschaft ziehen, obzwar -er bereits fünfundzwanzig Jahre im Hause ist und er sich, _soweit ich es -übersehen konnte_, stets einer tadellosen Konduite erfreut hat — — —.“ - -„Herr Direktor, Sie haben mir doch noch gestern gesagt, daß ich in Ihrer -Anstalt und durch das regelmäßige solide Leben hier mich um zwanzig -Jahre direkt verjüngt hätte und fast gar nicht mehr wiederzuerkennen -sei?!?“ - -„Das sagte ich _aus pädagogischen Gründen_, um Ihr Selbstbewußtsein zu -stärken — — —.“ - -„Herr Direktor, darf ich mir die leeren Sliwowitz-Flaschen bei Ihnen -später abholen lassen ?!? Ich bekomme nämlich für jede sechs Heller -retour — —.“ - -Direktor zu dem unredlichen Angestellten: „Sie Anton, wie konnten Sie -sich unterstehen, nach fünfundzwanzig tadellosen Dienstjahren, einem -Patienten, und sei es auch ein berühmter Dichter mit Eigenheiten, solche -Mengen Branntwein gegen Bestechung zu verschaffen?!?“ - -„Aber Herr Direktor, wenn ich das nicht schon seit Jahren bei hundert -Alkoholikern getan hätte, wäre uns ja ein jeder schon am dritten Tag -davongegangen, und wir hätten unsere Anstalt leer stehen gehabt!“ - -„Nun gut, Anton, aber sorgen Sie wenigstens dafür von nun an, daß die -leeren Flaschen nicht gefunden werden — — —.“ - -„Herr Direktor, das hat mir der Diener Franz angetan, aus Rache, weil -ich mir soviel nebenbei verdiene — — —.“ - -Direktor zum Diener Franz: „Sie, Franz, kümmern Sie sich um Ihre eigenen -Angelegenheiten! Sie verdienen genug, indem Sie unsere Alkoholiker mit -unseren Hysterikerinnen ein wenig ‚_anbandeln_‘ lassen — — —. Ein jeder -hat sein Ressort. In einer Anstalt muß Ordnung herrschen!“ - - - - - DIE ROMANTIKERIN I. - - -Ich hielt diese Fünfzehnjährige wirklich für ein Ideal slawischer -Schönheit, Stumpfnase natürlich, aschblondes Haar, hechtgraue oder -taubengraue Augen. Alles an ihr gefiel mir, und nichts an ihr mißfiel -mir. Ihr Schweigen war düster-merkwürdig, ihre Interesselosigkeit an den -Dingen des Lebens erschien mir wie die versteckte Weisheit eines -vorausahnenden, gleichsam seherischen jungen Geschöpfes, an das doch -heutzutage, wie die Dinge einmal stehen und liegen, sich in jedem -Augenblick _irgendeine Niederträchtigkeit_ heranschleichen könnte! Aber -vorläufig war sie geborgen, beschützt, geborgen! Nun, trotz alledem war -ich nur ein kühler Beobachter, den das alles absolut gar nichts anging, -und der sich höchstens einmal zu einem Veilchensträußchen für 60 Heller -aufschwang. Ich sagte zwar, es habe eine Krone gekostet, aber mit gutem -Recht, da die Prozente, die mir die Blumenhändlerin als einem Dichter -gab, eine Privatangelegenheit bilden für sämtliche Beteiligte. Nun, -eines Tages bat mich die Süße, ob sie für ein Stündchen in meinem -Zimmerchen ausruhen dürfe, während ich auf dem Spaziergang befindlich -wäre. Ich erlaubte es ihr. Als ich abends mein Zimmer betrat, lagen, -nett angeordnet im Kreise, sieben Haarnadeln auf der weißen Marmorplatte -meines Nachtkästchens, als stiller Dank für die Beherbergung. Seitdem -bin ich ein anderer Mensch geworden. Diese kindlich-zarte, -spielerisch-nette Romantik hat mich gerührt. Diese sieben Haarnadeln -sind etwas Positives von ihr, sie befanden sich vordem in ihren -aschblonden seidenweichen Haaren. Ich empfand es als eine kolossale -Belohnung, ich bewahrte die Haarnadeln in Seidenpapier und schrieb das -Datum darauf. Ich nehme sie oft heraus und betrachte sie. Ich bin kein -objektiver Beurteiler mehr seitdem. Ich denke immer, wie nett sie diese -sieben Haarnadeln im Kreise angeordnet hatte, wie eine Zeichnung für -Anfänger, strahlender Stern. Ich werde mich schon wieder „zur -Objektivität“ durchringen, denn es ist das Einzige, was man hat, wenn -man gar nichts hat! - - - - - ERBLEICHET! ERRÖTET! - - -Ich kann es immer nur wiederholen und wiederholen: „Suchet _Zugluft_ -auf!“ Es gibt eine ganz einfache Art für reiche Leute, 150 Jahre alt zu -werden, das ist, neben dem Chauffeur, bei jeglichem Wetter, mit freiem -Halse und ohne Hut durch die Welt zu fahren, und nur nachts in ruhigen -Zimmern, bei _weit geöffneten_ Fenstern, zu rasten. Zugluft ist das -Heilmittel! Alles daran zu setzen, sie _vertragen_ zu können, ist das -Wesen des modernen „Höchstkultivierten“! Angst vor Rheumatismus oder -Bronchialkatarrh ist das _absolut untrügliche_ Zeichen eines tief -rückständigen _unaristokratischen_ Organismus! Da helfen weder Ahnen, -noch sogenannte _künstlerische Qualitäten_! Der betreffende Organismus -ist in jeglicher Beziehung „geschnapst“. Ein Sänger, der seinen Kragen -hochstellt, ist kein Sänger. Seine Kunst kann ihn in jedem Augenblick im -Stiche lassen! Regen, Sturm müssen dem echten Sänger Labsal, ja -Erquickung sein! Er setze sich auf dem herrlichen Plateau der Rax -tagelang dem Gebrause aus! Was die Legföhre aushält und das -Rhododendron, gerade eben dasselbe muß _auch er aushalten_! Abgehärtete -Frauen sind bereits _dadurch allein_ schon in einer „höheren -Rangsklasse“! Verwöhnte sind Gänse, _in jeder Beziehung_! Ich kenne alle -Seelen und Gehirne der nicht absolut abgehärteten Menschen. _Es ist -Talmi und Pofel!_ _Schein_-Existenzen! - - - - - OSTERMONTAG AUF DEM SEMMERING - - -Die Lärchenbäume haben sich jedenfalls noch nicht verändert. Sie sind -gelb-grau geblieben wie im Winter. Sie lassen keine Hoffnung zu. Bis -alles geschehen sein wird, der _geordnete sichere_ Frühling, dann erst -werden sie ernstlich „ergrünen“. Sie sind „voraussichtige Genies“ unter -den Gewächsen, so Bismarcks, Moltkes der Pflanzenwelt. Andere sind allzu -hoffnungsvoll, stecken den Kopf heraus, glauben, es wird sich schon -machen, zum Teufel!, und, hast du nicht gesehen, sie verwelken! Aber die -Lärchenbäume sagen: „Wenn wir einmal anfangen, grün zu werden, dann, -dann gibt es _kein Zurück mehr_, verstanden?! Und dann bis in den -Spätherbst hinein, hurra!“ Der rote Vogelbeerbaum macht etwas Ähnliches, -erhält sich sogar mit weißen Schneehütchen seine grellroten Vogelbeeren, -die letzte Nahrungsstätte der gedrungenen farbigen Gimpel! - -Ostermontag. Ein Arbeiter spielt auf der Harmonika, und eine Frau ruft: -„Zum Essen!“ Irgend etwas Besonderes gibt es heute, etwas, was die -„gewöhnlichen Ausgaben“ übersteigt! Romantik des Feiertagsessens! So -hatten wir in unserer Kindheit Sonntags stets „Juliennesuppe“, Poulard -mit Erdäpfelsalat, und Karamelpudding mit Himbeersaft. Der Himbeersaft -war nie gewässert, verdünnt, wie stets in anderen Bürgerhäusern; denn -meine Mama hatte die Absicht, eine jede Hausfrau zu demütigen, zu -blamieren, indem sie erklärte, in ihrem Hause werde der Himbeersaft, -direkt aus der Originalflasche, _unverdünnt_ serviert! Viele Damen -hielten sie infolgedessen für verschwenderisch, ja sogar in gewisser -Hinsicht für exzentrisch. Andere aber bewunderten sie als eine Art von -zwar unverständlichem, aber dennoch höherem Wesen; Himbeersaft direkt -aus der Originalflasche!? - -Vor meinem Fenster ist ein Reh in einem Holzverschlage. Es ist so ein -Plakat für „Wildreichtum der umliegenden Waldungen“! Es schnuppert wie -eine Ziege, es denkt: „Die Freiheit habe ich eingebüßt, da will ich -wenigstens kulinarisch genießen!“ - -Im „Kino“ schießt ein kleiner Knabe alles aus einer von einem Onkel -geschenkten Büchse zusammen. Zuletzt schießt er den schweren Lüster vom -Plafond herunter. Da sagte ein dreijähriges Mäderl neben mir: „Ist der -Lüster jetzt gestorben?!“ „Nein,“ erwiderte ich, „er hat sich nur ein -bißchen weh getan!“ - -Es ist Ostermontag. Ein jeder glaubt es zu spüren direkt, weil er es -nach dem Kalender weiß! Morgen, 9. April, ist ihr zwölfjähriger -Geburtstag. Aber ich darf ihr nicht gratulieren; erstens, weil die -Herren Eltern es nicht erlauben, zweitens, weil ich weder ihren Namen -noch ihre Adresse weiß! Aber ich habe sie gehen gesehen, das genügt für -meinen _Turmfalkenblick_! Ich würde ihr schreiben: „Dante Alighieris -Beatrice, 1912“! Aber wozu?! Bin ich Dante?! Nach 500 Jahren soll man -sie mit mir in Beziehung bringen! Siehe, meine Seele hat _Zeit_, über -ihren eigenen Tod hinaus zu _warten_! — - - - - - BERGHOTEL-FRONT - - -Sechs Uhr morgens. Ein nebeliger Julimorgen. Alles duftet nach -feuchtigkeitsdurchsogenem Waldboden. Alle Fenster sind geschlossen, bis -auf die der jungen Schönheit, die vor den Toren der Lungentuberkulose -angelangt ist. An diesem Fenster hängt, vom gestrigen Abendprunke, ein -tiefblau seidenes Gewand, bewegt sich im Morgenwinde. Irgendwo singt -eine Kinderfrau ein Kindchen wieder in den unterbrochenen Morgenschlaf -ein. Ein Hund kriecht vorüber, als käme er von einer Sündennacht außer -Hause. Ich denke: „Klara, Franziska, Sonja — — —“, und belausche ihre -geliebten Kinderatemzüge, die ich nicht höre! - - - - - LANDPARTIE - - -Ich bin „radikal“ geworden. Ich mache mit einer mir sympathischen Dame -eine Eisenbahnfahrt von 25 Minuten nach M. Wenn sie nicht am Fenster -lehnt und in die Landschaft hinausstarrt, bin ich bereits enttäuscht, -nicht mehr ganz „à mon aise“. Sie erwartet also „anregende -Konversation“, pfui! Wenn sie sagt: „Es zieht, machen Sie, bitte, das -vis-a-vis-Fenster zu“, bin ich mit ihr fertig. Rheumatismus zieht nicht -bei mir, das ist schlechtrassig, so 1870, zur Krachzeit. Wenn ich ihr in -M. das herzige, brausende, dunkle Flüßchen zeige, muß sie entzückt sein, -ja sie muß, sie muß, sie muß! Wenn ich ihr den Frieden der langen -Dorfstraße zeige, muß sie selbst „friedevoll“ werden! Wenn ich ihr das -niedere, schneeweiße Haus zeige mit den schwarzen Eisengittern und den -vergoldeten Schleifen und sage: „Hier hatten die Generäle Napoleons des -Ersten Quartier!“, so muß es ihr wie heiliger Schauer über ihren rosigen -Rücken laufen! Billiger gebe ich es nicht. Es sind schlechte Zeiten -angebrochen für wirklich zarte Seelen, und daher muß man prüfen, ehe man -ewig Landpartien macht! Wenn sie in dem kleinen, traulichen -Dorf-Kaffeehaus ihren Tee selbst bezahlt, ist es gut. Wenn nicht, ist es -bedenklich. Wenn sie den Sonnenuntergang nicht beachtet, sondern lieber -von einem erzählt, der sie einst sehr, sehr geliebt hat, ist es -vollkommen verfehlt. Auch der Rauch der Lokomotiven sogar hat sie zu -interessieren. Wenn sie sagt: „Ich möchte nicht gar zu spät nach Hause -kommen“, so ist es falsch. Mit mir kommt man immer _zu früh_, und nie zu -spät nach Hause. Auf der Rückfahrt hat sie eine andere zu sein wie auf -der Hinfahrt! Wie sie das macht, ist _ihre_ Sache! In dem „langen -Tunnel“ hat _nichts_ zu geschehen! Aber sie hat es innerlich zu -bedauern, _daß_ es so war! Ich bin „radikal“ geworden. Eine Fahrt von 25 -Minuten; Aufenthalt; retour — und ich weiß alles! - - - - - PSYCHOLOGIE - - -Ich beurteile schon seit längerer Zeit die Menschen nach den -_Gegenständen_, die sie tragen, lieb haben und für hübsch finden. Das -ist ein „biografical essay“ über ihr eigenes Wesen! Zum Beispiel sind -mir Männer höchst suspekt, die Stöcke tragen mit oxydierten -Silbergriffen, die irgend etwas vorstellen, wie Hundekopf, Schlange oder -gar ein reizendes Frauenköpfchen mit Lockengewirr. Freilich haben die -Kerls dann die Ausrede, sie hätten es von einem lieben Freund geschenkt -erhalten; aber erstens hat man keine solchen geschmacklosen Freunde eben -nicht zu haben (_zwei_ Verneinungen geben leider eine Bejaung), und -zweitens kann man das Geschenk einem guten Freund auch über den Schädel -hauen. Überhaupt bin ich unter _kultivierten Menschen_ nur für „_Bons_“ -in einem bestimmten Geschäft! Suspekt ist mir auch rosa, hellblaue und -grellrote Seide, während Atlas, Samt oder Damast bereits zu den -„leichten Vergehen wider die Sittlichkeit“ zu zählen sind. Bedruckte, -nicht gewebte Krawatten, erregen ziemliches Bedenken, obzwar hier die -„Natur-Bauernmuster“ noch zu _pardonnieren_ sind. In „einer einzigen -Farbe“ gekleidet sein, vom Hut bis zu den Schuhen, ist „letzte -Aristokratie“ 1913! Schirme haben nur _Naturgriffe_ zu haben. Ein -_freier Hals ist edelrassig_. _Hohe_ Krägen sind ein _Nonsens_, außer -für Störche. In einem Kleidungsstücke nicht _sämtliche_ Bewegungen eines -erstklassigen Parterreakrobaten im „Apollotheater“ machen zu können, ist -_schlechtrassig_! Hosen können nie breit genug sein, und sind _immer_ -noch viel zu eng! Letzte Knöpfe am Gilet _offen zu lassen_, ist eine -miserable Vergeßlichkeit. Jemandem, der sagt, er wolle nicht auffallen, -dem erwidere ich, daß auch Beethovens Adagios auffallend waren, nämlich -_auffallend schön_! „Die Herde ist _das_, wovon man sich _in allem_ zu -unterscheiden hat!“ „Man trägt jetzt — — —“ ist ein _hundsordinärer_ -Blödsinn. - -„Guten Morgen, mein Herr, wie steht Ihr wertes Befinden?!“ sagte ich zu -einem Fremden, der auf dem „Semmeringer Hochweg“ mit _Zylinder_ -spazieren ging. - -„O sehr gut, in dieser herrlichen Gebirgswelt; aber woher kennen Sie -mich denn?!“ - -„Ich kenne Sie seit Ihrer Geburt wie meine eigene Tasche, da ich sehe, -daß Sie hier einen Zylinder tragen — — —“ - -„Ich bin das meiner Stellung in der Welt schuldig, mein Herr — — —“ - -„Auch das habe ich sogleich bemerkt, daß Sie irgendjemandem irgend etwas -schuldig sind — — — !“ - - - - - VOR-VORFRÜHLING - - -11. Februar. Semmering. Ich versuchte es, nach drei Wochen Krankheit -auszugehen. Alles schwamm in Nebel und Nässe. Die Rodelwege waren nicht -mehr vorhanden, ein grauer Schlamm mit ein wenig Glatteis waren an ihrer -Stelle. Alles war schmutzig, ungepflegt, bereitete sich vor für sonnige -Frühlingstage, die trocknen, fegen und beleben sollten, vor allem aber -mit der Winterwirtschaft ein Ende machen. Denn weshalb noch hinziehen, -was ohnedies vergehen soll?! Um jedes Gebüsch herum waren tiefe -Schneelöcher, die Dächer trieften vor glänzender Nässe, ebenso die -eisernen Straßengeländer. Schneerosenknospen wuchsen überall, man -stellte sie in Gefäße, aber sie erblühten nicht, aus irgendeinem -versteckten Grund. Man bedauerte die Vögel nicht mehr, Krähen und -Gimpel, obzwar sie jetzt ebensowenig zu fressen hatten wie im starren -Winter. Die, die das überstehen hatten können, würden auch das noch -überstehen. „Ein miserables Wetter“, sagen alle, obzwar es in seiner -Miserablität gerade _rührend schön_ ist. Die Menschen ziehen sich -zurück, wie vor einem Menschen, der nicht mehr „sein Bestes“ leistet. Es -ist nicht Fisch, nicht Fleisch, sagen sie einfach. Nein, aber es ist -_rührendes Patschwetter_. Ich finde es nicht, daß es weniger anziehend -ist als der starre Winter und der helle, klingende Frühling. Der -zerrinnende Schnee ergreift mich. Er war einst so herrschsüchtig, so -unerbittlich, so zäh-fest. Die „Champions“ liebten ihn, nun sind sie von -ihm abgefallen. Sie können ihre überschüssigen Lebenskräfte nicht mehr -an ihm erproben, schwächlich geworden, sucht er, gleichsam verlegen, in -Bächlein abzurinnen, zu verschwinden. Und man hatte ihn doch so sehr -geliebt, direkt verhätschelt, als er noch _brauchbar_ war. Jetzt könnte -man singen: - - „Schnee, du wirst grau und schmutzig — — — - was ist mit dir?! - Zu nichts mehr bist du nütze — — —. - -Willst du vielleicht sogar meinem geliebten Kinde einen Schnupfen -bringen?!? Du Schnee, dann, dann mag ich dich auch nicht mehr, -verschwinde!“ Und im Gelände werden bald Primeln und Veilchen stehn, und -ich werde sie pflücken und sie dir nicht geben, das heißt _äußerlich_, -vor den Menschen. Aber _vor Gott_! - - - - - GEDENKBLATT - - -Es ist merkwürdig in meinem Leben. Immer dasselbe. Als ob ich nicht -älter, nicht reifer würde. Und ich bin doch schon uralt und todeskrank. -In meinem 35. Lebensjahr, an meinem heißgeliebten Gmundener See, -schlossen sich zwei Kinder, von 9 und 11 Jahren, mit ihren zarten Seelen -leidenschaftlich an mich an. Dadurch entstand meine überhaupt erste -Skizze, die ich je geschrieben habe, in der Nacht nach dem Abschied der -Kinder von mir, „9 _und_ 11“. Eines Abends erklärte die 9jährige unter -Tränen, indem sie das Nachtessen verweigerte, sie würde nichts mehr -essen, bis ich nicht zu ihnen ins Haus zöge. Daraufhin schrieb mir der -Vater, er verbitte sich von nun an jeglichen mündlichen und brieflichen -Verkehr, ja sogar den Gruß auf der Straße, da er meinetwegen doch nicht -auswandern wolle. Und so geschah es, strikte nach seinem Befehl. Acht -Jahre später erschien nach einer Burgtheaterpremiere der Vater mit -seinen, zu herrlichen Geschöpfen erblühten Töchtern an meinem Stammtisch -im „Löwenbräu“. „Ich komme zu Ihnen, denn mein Töchterchen A. hat sich -gerade so, von selbst, entwickelt, als ob Sie wirklich, ihrem heißen -Wunsch gemäß, damals zu uns gezogen wären; eine weltenferne Träumerin!“ - -Drei Tage später traf sie in der Kärntnerstraße, bei „Schwarz und -Steiner“, der Gehirnschlag. Sie hatte gerade vorher gesagt: „Da geht -mein Loge-Sänger „Schmedes“, mit seinem gazellenfüßigen, herrlichen -Töchterchen...!“ Sie wankte und war tot. - -Ich fuhr mit den Eltern im Trauerwagen. - -Da sagte der weinende Vater, der nun auch schon tot ist: „Wenn ich das -hätte ahnen können, hätten Sie vor acht Jahren unbedingt zu uns ziehen -müssen — — —!“ - -„Nein“, erwiderte ich, „auch wenn Sie das hätten ahnen können, wäre -Ihnen eine _tote Tochter_ lieber gewesen als eine, die den _Dichter -verehrt_!“ - - - - - OBERFLÄCHLICHER VERKEHR - - -Ein Herr, den ich zehn Jahre lang nicht gesehen hatte, kam im Berghotel -per Automobil an und sagte zu mir: „Gut, daß ich gerade Sie hier -begrüßen kann. Sie kennen sich doch auf dem Semmering gewiß gut aus. Wo -ist hier der _Raseur_?!“ — „Gleich im Hause daneben“, erwiderte ich. — -„Ich wußte es ja,“ sagte er beglückt, „daß ich mich an die richtige -Adresse gewendet habe; adieu — — —.“ - -Ein Herr schreibt mir aus Prag: „Teurer verehrter Meister, in Ihrem -Buche „Prodromos“ ist ein englischer Reibhandschuh angepriesen. Kann ihn -in ganz Prag nicht finden. Bitte auch um genaue Angabe des Preises!“ Ich -schrieb zurück: „Bürsten sind nur in Eisenhandlungen zu finden, Preis 1 -Krone und 10000, je nach der Qualität!“ - -Eine Dame, die mir ausnehmend gut gefiel, sagte mir: „Ich habe ein -diskretes Anliegen an Sie. Können Sie mich nicht mit Ihrem reizenden -Freunde bekannt machen?!“ — „_Nein!_“ erwiderte ich schlagfertig. - -Ein Herr aus Berlin schrieb mir: „Wie lange wollen Sie noch uns Leser -mit Ihren Brocken von angeblicher Seelentiefe _anöden_?!“ Ich erwiderte, -ich sei zwar schon ziemlich abbröckelnd, aber den genauen Zeitpunkt des -_definitiven Endes_ könne ich nicht angeben, er möge sich noch ein wenig -gedulden — — —. - -Jemand fragte mich, wo denn eigentlich meine Bücher zu haben seien?! -Worauf ich erwiderte: „Ich glaube, der Bäckermeister oder der Schuster -dürfte noch einige Exemplare auf Lager haben — — —.“ - -Jemand schrieb mir aus Klein-Höflein, wo ich nie gewesen war und auch -_niemanden_ kenne: „Falls Sie nicht innerhalb acht Tagen Ihre Schuld von -11 Kronen 60 Heller bezahlen, werde ich die Sache meinem Advokaten -übergeben!“ Infolgedessen bezahlte ich 11 Kronen 60 Heller nach -Klein-Höflein. Wenn ich nur wüßte, wo dieser Ort liegt?! - -Jemand sagte zu mir: „Ah, Sie sind der berühmte Herr Paul Altenberger, -über den so viele gute Witze kursieren?!“ Ich sagte, ich hätte noch -andere Qualitäten, und entfernte mich hoheitsvoll-gelassen. - -Eine junge Dame sagte zu mir: „Einmal und nicht wieder!“ Ich hatte sie -nämlich ihr Nachtmahl selbst bezahlen lassen. Freilich hatte ich die -vergebliche Hoffnung gehabt, sie würde auch meines gleich mitbezahlen -— — —. - -Eine reiche Familie, der ich es mitteilte, daß heute, 9. März, mein -Geburtstag sei, sagte im Chore, daß man es mir wirklich gar nicht -ansehe, ich schaute aus wie ein guterhaltener Fünfziger. Mir wäre es -lieber gewesen, ich hätte den „Fünfziger“ gut erhalten! - -Das sind lauter oberflächliche Bekanntschaften, nichts Solides dahinter, -kein Gemüt und kein Geld. Es ist sehr, sehr schwer, Menschen zu finden, -die sich wirklich und ernstlich an einen anschließen — — —. - - - - - BEAUTÉ - - -_So wenig_ also hältst du von der Schönheit deines nackten weißen oder -braunen Edelleibes, daß du dich verpflichtet fühlest, ihn zu schmücken, -sagen wir „behängen“ und „belasten“ mit hundert Edelfellchen wertvoller -Tierchen?! - - Stolz nennst du die _Summe_, die es _gekostet_ hat — — —. - Erhöht es deinen Wert, daß man _für dich bezahlte_?! - Du weißt, die Besten gehen _in geflickten Kitteln_, - ihr Pelz ist Demut und Bescheidenheit. - Oder sie tragen das _heilig-einfache_ Gewand der Pflegeschwestern. - Schwarz weiß und eine große Brosche in Email mit einem Kreuz - zierten euch mehr! - Von _innen_ strahlt der Wert nach außen aus, - mit Mardermänteln bleibst du roh und _nichtig_! - Ich _hasse_ jene Männer, die euch lieben, - in eurem stinkenden Prunke! - Nein, ich hass’ sie _nicht_, - denn ihre _Liebe_ ist _derselbe_ Schein wie Eure Fetzen, - sie lieben nicht — — — sie _hassen_ und _verachten_ Euch - vielleicht _noch mehr_, berechtigter als ich!!! Jedoch, sie _müssen_! - - - - - DIE SPIELEREIEN DER REICHEN LEUTE - - -In einem ersten „Cercle“ der Residenz kam man auf die Idee, einen Preis -von 10 Flaschen Champagner auszuschreiben für die allerstupideste Frage. -Ein Graf gewann den Preis mit der Frage: „Comment un homme de tacte et -de goût doit-il se comporter, lorsqu’il rencontre la nuit dans une forêt -un _accent circonflexe_?!“ - - - - - RICHTIGE, ABER EBEN DESHALB WERTLOSE BETRACHTUNGEN - - -Es ist eigentlich ganz widersinnig, auf eine Frau eifersüchtig zu sein, -die einem noch gar keine Konzessionen gemacht hat. Denn _je mehr_ -Konzessionen sie _den anderen_ macht, _desto größer_ ist die Chance, daß -sie einem dieselben mache, und _eventuell_ noch größere! Es ist die -falsche _ewige_ Hoffnung, sie für _sich allein_ erlangen zu können! Aber -das _kann man nicht_. Denn es hängt nicht von dem ab, was sie gewähren, -oder _nicht_ gewähren will, sondern von der ewigen Reizung ihres -Nervensystems, daß tausend Männer das und das _von ihr_ sich _ersehnen_! -_Das_ allein läßt sie nicht „zur Treue“ kommen. Es wäre denn, daß man -alle anderen überbiete! Aber solche „Coups“ gelingen selten auf der -_Lebensbörse_! - - - - - DIE PROBE - - -Es gibt eine sichere Probe für Sympathie. Ich denke mir alle schönen -Mädchen hier in dem Berghotel, die mir gefallen, der Reihe nach quer -über eine breite weiße Landstraße aufgestellt. Plötzlich rast von einer -scharfen Kurve her ein riesiges Automobil. Welche wirst du instinktiv -zurückreißen, erretten?!? Von allen nur Klara, Franziska und die blonde -13jährige süße Ungarin! - - - - - EREIGNIS - - -Am 24. Juli haben sie die Bergwiesen gemäht — — — - -hingeschnitten die diskreten Farben eines alten Perserteppichs — — — - -die Duft-Symphonien abgebrochen unserer „musikalischen Nasen“! Wie ein -Kapellmeister „abklopft“. - -Frischer einfacher Heuduft wurde sogleich, und schon ahnte man feiste -Kühe mit den Stampfmühlen ihrer feuchten Mäuler für die rosigen Euter es -vorbereiten! - -Wie _Urkraftrausch_ waret ihr, Bergwiesen, bis zum 24. Juli. - -Es dröhnte von Hummeln; es schimmerte braunwolkig, distellila, -schafgarbenweiß , königskerzengelb, arnikagold; es roch wie „Menagerie“, -„Apotheke“; wie Bienenhonig schmeckt, so roch es im vorhinein. - -Es betäubte süß und belebte. - -Es vermittelte: sanft einschlummern, frisch erwachen! - -Nun ist es nicht mehr. - - - - - ENDE - - -Vom 17. September 1911 bis 19. Oktober 1912 war sie seine kleine -Heilige. Sie war geboren 9. April 1900. - -Dann erzählte ihr eine Dame der sogenannten „guten Gesellschaft“, daß er -ein Säufer sei, und schon zwei Jahre im Irrenhaus interniert gewesen -sei. - -Hatte er sie seitdem weniger lieb?! Das war ja unmöglich. - -Aber sie schämte sich _seitdem_ seiner Verehrung — — —. - -Die Liebe eines besoffenen Tollhäuslers?! Pfui Teufel! - -Da wollte er ihr das ersparen, und mied sie von nun an. - -Hie und da hörte er in den Korridoren des Hotels ihre geliebte -jauchzende Kinderstimme. - -Da schloß er denn die beiden Türen seines Zimmers und warf sich, in -unmeßlichen körperlichen und seelischen Qualen, auf sein Sofa hin. - -So endete eines seiner schönsten, seiner tiefsten _Lebensgedichte_, das -viel Leid, viel Begeisterung und viel, viel Liebe in sich ein Jahr lang -geborgen hatte! - - - - - NACH ABWÄRTS - - -Niemand beschrieb noch körperliche Qualen — — - -weißt du, wie Brandwunden sind am zarten Fingerballen?! So brennt es dir -im ganzen Leibe, - -und keine Linderung durch aufgelegtes Leinöl; - -es brennt Tag und Nacht. - -Wie eine mittelalterliche Folter, der du unterliegst; die Folterknechte -aber sind im Innern; und unsichtbar ereignet sich das Schreckliche. - -Scheinbar friedlich sitzest du in deinem Zimmerchen, - -und draußen ist der braune Bergwald. - -Er kann dir nicht mehr helfen, er, der dir einst half zu den -Begeisterungen, dem besten Mittel, jung und stark zu sein! - -Und nachmittags irr’ ich in den langen, schmalen, düsteren Korridoren, - -das Antlitz meiner kleinen Heiligen zu sehn. - -Wenn ich sie erschaue, ergreift mich der Gram. - -„Wie geht es Ihnen heute?!“ sagt sie sanft, und blickt erstaunt auf -diese menschliche Ruine, die ihr fast täglich tiefe Hymnen singt — — —. - - - - - ABSCHIED - - -Mein geliebter Pinkenkogel, hart an meinem Fenster aufsteigend, - -ich sage dir _Adieu_! - -Ich muß nun wieder ins Exil hinter vier Mauern; die Menschen wollen -„langsam Sterbende“ nicht sehn. Und diese wieder nicht die Menschen! - -Dazu sind diese „Institute“ da, daß nur der weite Park die Klagen höre. - -Der „Pfleger“ sieht die Träne ungerührt. Wo käm’ er hin, wenn er sich -rühren ließe?! - -Geliebter Pinkenkogel, lebewohl — — —. - -Und sag’ auch ihr — — — - -wie liebt sie deine Bäume und deine Pfade aufwärts zu der Alm — — — - -und sag’ auch ihr — — — - -nein, sag’ ihr nichts! - -Sie weiß, daß unter allen Abschiedstränen - -die qualvollste _für sie_ vergossen ist — — —. - - - - - KRANKEN-TOILETTE - - -Wenn die Anverwandten zu Besuch kommen, wird der Kranke -„herausstaffiert“. Das geschieht nicht etwa aus irgendeinem Versuche, -die Verwandten über den Zustand des Kranken irrezuführen, sondern aus -einem ganz einfachen Grunde: Man läßt den Kranken eben solange als -möglich in seinem ihm notwendigen, ja zuträglichen Zustande von Apathie. -Man zwingt ihn zu nichts, wartet es geduldig ab, bis er von selbst -wieder zum gewöhnlichen Leben erwache. Aber gerade den Anverwandten darf -man diesen Zustand von organischer und infolgedessen nützlicher Apathie -des Kranken nicht vor Augen führen. Denn hierin ersehen sie nur eine -traurige _Stagnation_ des Leidens, was ihnen in Anbetracht ihrer Sorge -und ihrer eventuellen Geldopfer, auch Zeit ist Geld, sagt der Engländer, -nicht erwünscht sein kann. Auch erhofft sich der Pfleger ein größeres -Trinkgeld, falls der Patient den Eindruck von „rücksichtsvollster -Pflege“ macht. Das ist doch ganz natürlich und selbstverständlich. Es -ihm zu verübeln, wäre albern. Infolgedessen wird der apathische Kranke -aus seiner wohltuenden Ruhe plötzlich aufgescheucht, gesäubert, rasiert -und nimmt sich in seinem frisch überzogenen Bette aus, wie ein krankes -Geburtstagskind. Alle Besucher sind einig darüber, daß er sich fabelhaft -erholt habe, und schauen voll Bewunderung und Rührung einmal auf den -bescheidenen Arzt, und einmal auf den stolzen Pfleger. Nach dem -Besuchstage _verfällt_ der Kranke wieder. Gesundheit, Lebensfähigkeit, -Energie hängen leider nicht von Besuchstagen ab der Anverwandten. Man -schleppt sich hin, eine zerbrochene Maschine, und eines Tages steht man -auf und ist gesund. Oder — — — man steht nicht mehr auf. Dann ist auch -wieder Besuchstag. Man ist gewaschen, rasiert, liegt in einem frisch -überzogenen Bette wie ein Geburtstagskind, aber wie ein totes. Nein, das -sind Utopien. Bei Nacht wird man insgeheim weggeführt, denn niemand in -der Anstalt soll wissen, daß „etwas sich ereignet“ hat, was keine -Hoffnung zuläßt — — —. - - - - - KUSINE - - -Mit 52 Jahren stürzte meine Kusine ab vom Seekofel, beim Blumenpflücken. - -Mit 16 erhielt sie ihr erstes Ballkleid von „Maison Marisson“. - -„Sie muß die Schönste sein!“ sagte die Direktrice des Ateliers -zuversichtlich. - -Zum ersten Male dichte Rüschen in gelbem Musselin. Bis dahin trug man -nur weiße Ballkleider. - -Sie war die Schönste. Sie erregte Neid. Sie glaubte, ein Prinz werde -kommen oder etwas Ähnliches, z. B. ein Bankdirektor. Was hätte sie -anderes sich erträumen können, in gelben Musselin-Rüschen von der -„Marisson“, und entouriert von allen?! - -Zum Souper meldeten sich 14 Herren. - -„Ich hab’ nur eine rechte Seite und eine linke“, sagte sie -glückstrahlend. - -Mit 52 Jahren stürzte sie vom Seekofel ab, beim Blumenpflücken. - -Was sie erlebt, von 16 bis 52, ich weiß es nicht. Ich kenne nur ihren -ersten Triumph und ihren letzten Absturz — — —. _Dazwischen_ dürfte so -eine Melange gewesen sein von beiden! - - - - - LIED - - -Was nützt des Herbstes braune Symphonie?! - -Ich bin zu krank. - -Sonst sah ich alles mit dem Blick der Liebe, dem Blicke einer namenlosen -Zärtlichkeit. - -Ich wußte wie die Buche sich verfärbt im frühen Froste, - -und wie ihre Röte allmählich erbräunt. - -Die Amsel raschelte im dürren Laub, die schwarze Schnecke zog über die -Wege. - -Du sagtest mir, holdestes Kind, du müßtest nun in ein Institut, für 2, 3 -Jahre — — —. - -Ja, es ist Herbst geworden, und ich bin zu krank. - - - - - ECHT - - -Ich bin sehr _skeptisch_ in bezug auf _Empfindungen_. Festliche Stimmung -bei Geburtstagsjausen, bedenkliche Gesichter bei schweren -Krankheitsfällen können mir noch lange nicht imponieren. Ich kenne diese -„Rolle“ wohlerzogener Leute. Darüber mehr zu sagen, wäre eine Banalität, -obzwar auch dieses wenige schon eine beträchtliche ist. Aber _eine_ -Empfindung gibt es, die _nicht_ unecht ist, das ist das klägliche -Aufheulen, ähnlich wie Hunde beim Klavierspielen, der allernächsten -Angehörigen, in _dem_ Augenblicke, da der Sarg aus dem Schlafzimmer -hinausgetragen wird. Da gibt es kein Schluchzen, kein adieu, kein -Lebewohl, kein _oh_ und kein _ach_. Da gibt es nur ein klägliches -erschreckendes Aufheulen, ein Winseln, wie wenn man den liebevollen Hund -aussperrt, ihm die Türe vor der Nase zuschlägt. Freilich „derfangt“ man -sich sogleich wieder, von den „nicht allernächsten“ Verwandten liebevoll -gestützt, und wankt zu Hut, Handschuhen und Schirm. Der Leichenwagen -wartet nämlich. - -Aber dieser _eine_ kurze Augenblick ist _echt_, da der Tote sein -Schlafzimmer verläßt, getragen von vier fremden Männern. Da sagt man -nämlich wirklich Adieu und heult auf, und winselt und spürt es daß -eigentlich alles, alles auf der Welt nicht dafürsteht — — —. - - - - - GESPRÄCH - - -„Wie ist das also, Peter, mit dem ›Geben‹, wie Sie immer behaupten, das -seliger sein soll als das ›Nehmen‹?! Wie ist das?!“ - -„Das ist also so: wenn du an einem Bettler vorbeigehest, und du bist -nur erfüllt, gehoben, durchwärmt von dem Gefühle, eine exzeptionelle -Freude jemandem bereiten zu wollen, die in deiner Macht steht, sie zu -spenden, und du schenkst ihm da eine Krone, während er dich ansieht, -anstarrt, als hättest du dich nur in der Münzsorte vergriffen, du aber -gehest, ihm zunickend, hinweg — — — das ist: _Geben_ ist seliger denn -_nehmen_! Wenn du aber denkst: „Pfui, diese Belästigung! Dieser alte -zerfetzte, demütige Hund!“ Und du gibst ihm dennoch 20 Heller, so -hochnäsig-widerwillig, dann, dann ist: Geben _unseliger_ denn nehmen!“ - -„Peter, also da hast du — — — 20 Heller! Nein, ich habe nur Spaß -gemacht. Ich will dir eine Krone schenken, hole sie dir heute nacht von -meinem Nachtkästchen ab — — —.“ - - - - - BILANZ - - -Es gibt Dinge, die _unvergeßlich_ sind. Mit _diesen_ hat man seine Seele -zu beschäftigen und alle anderen Dinge zurücktreten, verblassen, -verschwinden, also allmählich _absterben_ zu lassen. Unvergeßlich ist -das Vöslauer laue Schwimmbassin mit Lindengeruch. Dann der „Lackaboden“, -Alm vor dem Schneeberg; die Bodenwiese mit den Kolröserln; Austern à -discrétion, also sechs Dutzend; die kleine „Veilchenfeld“, die kleine -Magda S., Evelyn H., Klara und Frantzi P. und Eva Leopold und Sonja -Dunjersky. Dann Richard Wagner, Beethoven, Mozart, Bach, Grieg, Hugo -Wolf, Richard Strauß, Johannes Brahms, Puccini, Massenet. Dann die -„Topfen-Pastete“ und „Filet de Sole à la Morny“ und „Poires bonne femme“ -und „pommes concierge“. Dann „Hamsun“, „Strindberg“, „Maeterlinck“, -„Gerhart Hauptmann“. Dann „Van Dyck“ als „Des Grieux“ in „Manon“, „Maria -Renard“ als „Lotte“ in „Werther“, „Hermann Winkelmann“, in _allen_ -seinen Rollen. Dann der „Semmering“, zu _allen_ Jahreszeiten. Man muß -„Buch führen“ über „reelle Werte“, im sonst leicht „passiv werdenden“ -Dasein! Frauen haben eine perfide Geschicklichkeit, „unreelle Werte“, -wie Schmuck, Pelz, Kleider, in ihr „Plus-Konto“ des Lebens frech -einzutragen. Da müssen sie halt die ganze Bilanz plötzlich durch einen -„feschen Offizier“ wieder ins Gleichgewicht bringen! Auch „unglückliche -Spieler“ legen sich plötzlich eine „Geliebte“ zu, um sich es in ihrem -_falschen Buch-Konto_ zu verrechnen, daß sie „_an ihr_“ zugrunde -gegangen sind! - -Eine richtige, anständige, ehrliche „Bilanz des Daseins“ führen nur die -Selbstmörder. Aber wie wenige, hélas, gibt es noch heutzutage?! - - - - - SEHR GEEHRTES FRÄULEIN! - - -Sie lieben also Albert!? - -Sie suchen also eigentlich einen Mann, dem Sie „sein Alles“ sind; der -durch Sie es vergißt, daß die Welt _erfüllt_ ist von herrlichen, -merkwürdigen, anmutigen und originellen Geschöpfen!? Sie suchen also -einen _Idioten_! Einen, dem Sie _die Schmach_ antun, ihn in einen -Zustand zu versetzen, wie der Auerhahn auf der Morgenbalze. Einen, der -vor Gefühl _nichts anderes_ mehr sieht und hört um ihn herum! Um ihm -etwas _bieten_ zu können, rauben, stehlen Sie ihm seine Weltenseele, und -für eine Haarnadel aus Ihren Haaren gibt er das Glück von Tausenden -eventuell hin! Und diese Scheuklappenpolitik nennt Ihr dann „Liebe“! Ein -_verdoppelter_ Egoismus, dem zum „heiligen _Dreibund_“ nur noch der -miserable Köter „Putz“ fehlt, an den Ihr Euch gemeinsam attaschiert! - - - - - HERBSTLIED - - -Die Ahornblätter sind wieder goldgelb, man kann die einzelnen goldenen -Bäume zählen im dunklen Forste. _Also_ ist es Herbst. - -Gerade vor einem Jahre sah ich sie, 25. September 1911. - -Sie war 11 Jahre alt. 11! Was macht es?!? - -Der Wald bot damals alles, was er heute bietet, und immer bieten wird -— — —. - -Nur ich bin düsterer geworden, weil ich _zuviel_ an ihre Zukunft denke. - -Als ich sie damals sah, da ging ich in den Wald, um mir es einfach -jauchzend mitzuteilen: „Du hast das Herrlichste erschaut!“ - -Jetzt aber, tieferfüllt von ihr, seh’ ich im düsteren Herbstwald dunkle -Schatten kommender Eroberer! - -Oh, Gnade, Gnade, Ihr Herren, für mein geliebtes Kindchen! - -Tut ihr nichts! - -Die Ahornblätter sind wieder goldgelb geworden, man kann die goldenen -Bäume einzeln zählen im dunklen Forste. _Also_ ist es Herbst. - - - - - EWIGE ERINNERUNG - - -Von Kortina brachen wir auf, Automobil, 9 Uhr morgens, und schlängelten -uns hinauf, auf den Falzaregopaß, 2117 Meter. Hinter dem Hotel pflückte -ich „Speik“, diese weiße duftende Bergblume, Kindheitserinnerung. Der -Boden war schwarz, weich und feucht; und überall rieselte Schneewasser. -Und dann hinab ins Tal. Und von da aus sogleich wieder auf den -Pordoihjochpaß, Kristomanos-Schutzhaus, 2250 Meter. Da gab es gar keine -Blumen mehr, wie herrlich. Der starre Sturm verbat sich alles Blühen. -Er stöhnte und beherrschte! Wie wenn man als Kind eine große Seemuschel -ans Ohr dicht anlegt, so brauste es. Nur sagt man in jenem Falle, -das Tosen des Meeres sei in der Muschel eingefangen. Hier aber ist -nichts eingefangen; man sieht das Brausen über die kahlen gelb-braunen -Wiesen; ganz aus erster Hand vernimmt man den Sturm. Im wunderbar -warmen geschützten Speisezimmererker nahm ich ihr Bild heraus (Kl. P.), -betrachtete es lange. Ich dachte: „Mit dir hier zu sein!“ Aber es wird -nie, nie, nie, nie sein — — —. Wie schade. - - - - - GESANG - - -In allem hatte sie treffsicheres Urteil. - -In allem. Nur sein Gesang gefiel ihr, - -obzwar die Töne wie laues Regenwasser seinem geziert ovalen Mund -enttropften. - -Er sang mit ihr, sie spielte das Klavier, er sang _für sie_! - -Und deshalb fand sie seine Stimme lieblich, - -obzwar sie selbst das C-moll-Adagio Beethovens unaussprechlich zärtlich -spielen konnte, - -und für alles _sonst_ aristokratisch-feine Ohren hatte. - -Und einmal sagte sie zu mir: - -„Ist es Ihr Ernst, daß Sie seine Stimme für tonlos halten, oder steckt -da etwas dahinter, Lieber?!“ - -„Es steckt etwas dahinter!“ sagte ich, „das Vorurteil des dummen -Weibchens!“ - - - - - SOUPER - - -Es war ein Nichts — — —. - -Immer ist es ein _Nichts_, aus dem zuletzt ein _Etwas_ wird! - -Törichte Frauen, die ihr mit dem Leben _tändelt_, mit _uns_ und mit -_euch selbst_! - -Er sagte einen dummen Scherz, - -so um den Bann zu brechen öder Stimmung. - -Da gossest du aus deinem Glase ein wenig Wasser ihm auf sein Gewand -— — —. - -„Zur Strafe!“ sagtest du lächelnd. - -Koketter Kerkermeister! - -Jede Intimität ist eine _perfide_ Brücke zu einer Seele oder zu -unedleren Teilen. - -Er fühlte sich geehrt durch das Begießen, - -und seine Augen sagten gleichsam: „Es kam von dir!“ - -Es war ein _Nichts_ — — — - -immer ist es ein _Nichts_, wie Frauen nämlich denken, ein Nichts, das -uns tief _unglückselig_ macht! - - - - - DIE WAGENFAHRT - - -Alle sagten zu ihm sehr bald „Herr Peter“ oder „Peter“. Aber sie sagte -nach langer Bekanntschaft „Herr Altenberg“. Er schrieb ihr das. Sie -sagte weiter wie bisher: „Herr Altenberg“, obzwar er eine zärtliche -Freundschaft für sie hatte. Eines Tages fuhren sie im Wagen durch seine -geliebte Berggegend. Da erzählte sie von der Krankheit ihres Kindchens, -erzählte, weinte, erzählte, weinte, verstummte. Er sagte: „Ich liebe -hier jeden Strauch, ich kenne jeden Acker, jeden Wiesenzaun — — —.“ Beim -Abschied sagte sie: „Adieu, Peter — — —.“ - - - - - WAGENPARTIE - - -Herr Dr. P. sagte vormittags zu mir: „Darf ich Sie für den Nachmittag zu -einer Wagenpartie einladen in Ihren geliebten Ort ‚Mürzzuschlag‘?!“ - -„Bitte sehr,“ erwiderte ich. - -Nachmittags sagte der Hotelportier: „Soll ich Ihren Jagdhund in den -Wagen bringen, Herr Doktor?!?“ - -„Selbstverständlich, wegen dem Hund mach’ ich ja überhaupt nur den -Ausflug — — —.“ - -Ich hatte bisher gedacht, er mache den Ausflug „wegen dem anderen Hund“. -Im Wagen sagte ich: „Sie, Ihr fetter Hund nimmt mir zuviel Platz ein,“ -worauf ich demselben mit der vernickelten Spitze meines Bergstockes -einen Stich in die Brust gab. Der Herr sagte: „Was tun Sie meinem armen -Hunde?! Es ist ein echter englischer Pointer!“ Ich erwiderte, daß er -zuviel Platz einnehme trotz alledem. Wir kamen an einem braunen Felde -vorbei, begrenzt von kahlen grauen Buchenbäumen. Hier grasten fünf -herrlich schillernde Fasanhähne. „Willy,“ sagte der Herr zu seiner -Jagdhündin, eine Abkürzung für Wilhelmine, „Willy, da schau hin, -Fasane!“ Willy schaute überall hin, nur nicht auf die vor ihm grasenden -Fasanhähne. Wahrscheinlich sagt man von diesen Viechern nicht „grasen“, -sondern irgend einen manirierten Jägerausdruck. „Dieser Willy ist ein so -feuriger Jagdhund,“ sagte sein Herr entschuldigend, „daß ihn alles -ablenkt. Sehen Sie dort in der Ferne die Krähe?! Die lenkt seine ganze -Aufmerksamkeit auf sich, weg von den Fasanen!“ Ich dachte: „Er zahlt den -Wagen, er zahlt den Wagen, er zahlt den Wagen — —.“ - -Wir fuhren an einsamen Schmiedewerken vorüber, in welchen geschmiedet -wurde, an Holzsägewerken, in denen Holz zersägt wurde, an Mühlen, in -denen gemühlt, pardon gemahlen wurde. Ich fühlte: „Hier sollte ein -_Landerziehungsheim_ erstehen für die _moderne reifere Jugend_, -Koedukation, wo man in der Natur selbst Anschauungsunterricht genießen -könnte während einer Spazierfahrt. Zum Beispiel eine feuchte Wiese mit -einem Graben lehrt uns das so wichtige „Drainage-System“ spielend leicht -kennen. Denn wenn die Feuchtigkeit der Wiese sich in dem Graben -ansammelt, so wird die Wiese selbst trocken. Eine Art von Wiesen-pot de -chambre.“ - -Ich sagte dem Herrn Doktor, daß er, auch ohne ein echter englischer -Pointer zu sein, im Wagen mir viel zu viel Platz einnehme, und ich ein -nächstes Mal eine Einladung zu einer Wagenfahrt nur annehmen könne, -falls er und sein Hund zuhause blieben. Er sagte, ich hätte reizende -Einfälle und ich sei ein großer Künstler und Menschenkenner. Dies -bestätigte ich. In Mürzzuschlag angelangt, fragte uns der alte Kutscher, -der schon 50 Jahre lang hier fuhr und die Gegend nicht kannte, oder sich -in Beantwortung nichtiger Fragen über Bergnamen usw. usw. nicht -einlassen wollte, ob er „den Rosserln“ eine Jause verabreichen dürfe. -Merkwürdigerweise figurierte die Jause dann bei der Verrechnung im „Café -Semmering“ als Kaffee mit drei Stück Gugelhupf. Abends bei der Rückfahrt -war es natürlich finsterer als bei der Hinfahrt nachmittags, was der -Landschaft einen „eigenen, neuartigen, undefinierbaren“ Reiz verlieh, -den zu schildern ich aber modernen Dichtern überlassen muß. - -Indem alles im Nebel verschwamm, wurde es zusehends undeutlicher. Wir -sprachen nun über das Wesen der „Frauenseele“, und ich behauptete, daß -mir eine noch so sehr geliebte und verehrte Frau durch die Bezahlung -bereits eines Kalbsgullasch mit Reis momentan unsympathisch werde. Er -nannte mich infolgedessen „exzentrisch“, während ich es mehr auf -„Lebenskunst“ zurückführen möchte. Beim Anlangen in unserem heiligen -Berghotel sagte ich: „Also, es bleibt dabei, morgen einen Wagen ohne Sie -und Ihren echten englischen Pointer — — —.“ - -„Nein!“ erwiderte er kurz und bündig. - - - - - ABSCHIEDSBRIEF DES ENGLISCHEN OFFIZIERS PAUL AUS LONDON: - - -„Ich kann es mir nicht vorstellen, daß Du, geliebteste Frau, irgendwo -anders glücklich werden könntest als in England und bei englischen -Freunden. Allein _Dein_ Wunsch ist für mich over all! Du bist eine -_Engländerin_. Deine Seele, Dein Denken, ja _Dein Glück_ ist _englischer -Natur_. Du begibst Dich in eine _strange world_. Man wird Dich gut -behandeln, and but you will bekome ill and newer knowing from what. Wenn -Du also einmal eine Stütze brauchst — — — nun, du weißt ja übrigens -alles. - - Paul.“ - - - - - WIE IST ES?! - - -Wie ist es?! Soll man ein besonderes schönes Mädel, in strenger, grauer -Härte halten!? „Immer zu früh noch wird man sie verwöhnen“, fühlen die -Eltern. Siehe, eines Tages strömt plötzlich das Licht herein der -Bewunderung, das ihre ungewohnten Augen blendet, schädigt! Wäre sie -gewohnt, seit ihrem zehnten Lebensjahr, an dieses Licht des Lebens, -ertrüge sie nun das gesteigerte blendende, in edler Fassung und dankbar -gerührt! So aber?! - - - - - VOM RENDEZVOUS - - -Sie ging den steilen Wiesenpfad hinab, zum Rendezvous. - -Ich sah braune Stauden ihre Röcke streifen. Ich sah ihr nach. - -Bald kam Himbeergebüsch, das sie begrub. - -Um 1/4-1 sollte ich sie erwarten. - -Sie kam zurück, von Küssen ganz bedeckt. - -Wie wenn die rechte Hand geheiligt wäre, - -reichte sie mir die linke, - -die ich an die Lippen hielt, - -solang bis Wehmut kam und übertropfte — — —. - - - - - EXAMEN - - - Ich unterwarf sie einer strengen Prüfung: - Die Hände?! Vollkommen - Die Augen?! „ - Die Stirne?! „ - Die Schultern?! „ - Die Füße?! „ - Die Zehen?! „ - Die Stimme?! „ - Die Bewegung?! „ - Der Teint?! „ - Die Seele?! „ - Die Intelligenz?! „ - Die Brüste?! Nicht vorhanden. - Endresultat: Vollkommen! - - - - - LES LARMES - - -Also, nach vielen Jahren, habe ich wieder geweint. - -Freilich war es bei dem Liede von Johannes Brahms: „Sapphische Ode“. - -Aber ich hätte nicht geweint, wenn ich sie nicht kennen gelernt hätte -— — —. - -Ich wäre entzückt gewesen, gerührt, ergriffen. - -Aber geweint hätte ich nicht — — —. - -Also weinte ich dennoch _ihretwegen_! - - - - - TESTAMENT - - -Er hatte in sein Testament (der Ertrag seiner neun Bücher nach seinem -Tode) die 12jährige Schönheit mit der jauchzenden, klingenden, -bezaubernden Stimme eingesetzt. Aber da sie Millionärstöchterlein war, -hatte er bestimmt, daß von dem Gelde sogenannte „Geschenke eines -Verstorbenen“ zu kaufen seien, _außergewöhnliche_ Dinge, z. B. eine -besondere Bergkristalldruse, oder ein besonderes holzgeschnitztes -Christuskreuz. Da erfuhr er, daß man eine Kollekte gemacht hatte im -intimen Kreise für einen Winterrock seines Bruders, eines modernen -Diogenes. Da stieß er das Testament um, bestimmte nur, daß der Bruder an -jedem 9. April, dem Geburtstage seiner kleinen Heiligen, derselben eine -exzeptionelle Sache als „Geschenk eines Verstorbenen“ zu senden habe! -Der Bruder dachte Tag und Nacht über solch ein Geschenk nach. Da schrieb -die Heilige: „Ich will Ihnen Ihre Mission erleichtern. Schenken Sie mir -nur das Manuskript des „Ein schweres Herz“. Er nahm es aus dem Schreine -von gelbem Eibenholz, küßte es innig, und schickte es fort. Er fühlte: -„Ich bin der Vermittler eines _letzten Willens_. Sie hat mir meine -Aufgabe _erleichtert_, indem sie sie erschwert hat! Nur _Opfer belohnen_ -sich! Ich hatte schon eine herrliche Bergkristalldruse aus den Tauern -erstanden, mit Kristallen wie geschliffenes, gefrorenes Bergwasser. Aber -das ist nun also für den nächsten 9. April!“ - -Sie schrieb: „Nun habe ich das Herz Ihres Bruders!“ - -„Nein“, fühlte er, „ich habe es, indem ich es _weggegeben_ habe!“ - - - - - ACONITUM NAPELLUS - - -In meiner letzten Verzweiflung körperlicher Qualen nahm ich _Aconitum -Napellus_. Ich hatte ihn vor acht Wochen blühen gesehen, auf dem Wege -von Schluderbach nach Misurinasee, von dort nach „Tre croce“, von -Kortina auf den Falzaregopaß. Überall hatte ich diese giftige Bergblüte -gesehen, oft in Mengen wie kleine Felder. Und eigentümlich haftete mein -Auge auf diesen Blüten, als ahnte ich, daß ich sie bald in meinem -Zimmerchen als winzige durchscheinende Kügelchen, als letzte Hoffnung -sterbender Nerven schlucken würde! Damals erlebte ich sie als Zeichen -der Bergflora, neben Rhododendron und Legföhre. Wie romantisch kam mir -die Blüte vor in ihrer mysteriösen Giftigkeit. Nun aber schlucke ich -zwei Pillen, viertelstündlich. Wird es nützen?! Ich gedenke der -herrlichen Tage, da ich die Blüte bewundern durfte, in Höhen, wo es karg -ist und der Nachtsturm braust — — —. - - - - - MANÖVERS - - -Die Herren „_Verehrer_“, die wie Toreros aussehen oder wie kühne Cowboys -oder wie französische Ritter aus dem 18. Jahrhundert, sei es von des -Buges ihrer Nase Gnaden oder von Schneiders; die treten -selbstsicher-nonchalant auf, sitzen oft mit dem Rücken gegen die Dame -und sagen sogar, daß dieser oder jener Spaziergang ihnen _nicht_ -konveniere und sie es daher _vorzögen_, sich _nicht_ anzuschließen und -lieber in Ruhe ein gutes Buch zu lesen! Wenn man eine schöne Nase hat, -kann man das allerdings wagen. Aber die Mißgewachsenen müssen eine -andere Taktik einschlagen. Pakete tragen, Schirme aufheben und zu allem -„Amen“ sagen, ist ihre kleine, süße Aufgabe. Auch damit kann man nette -Erfolge einheimsen, und Opfer sind für „Opferfähige“ nicht allzu groß. -Im ganzen genommen sind die armen Damen von einer wohlberechneten -„Routine“ umgarnt, wie die italienischen Singvögel von den feinmaschigen -Netzen. Selten schlüpft eines der herzigen Vögelchen durch, durch die -engen Maschen, die ihrer Eitelkeit gelegt sind. In dieser Gesellschaft -von Eroberern sticht besonders hervor der immerhin seltenere -„_Salonplattenbruder_“, der „seelische“ Messerstecher. Er sticht gleich -in die _Ehre_, in den _Ruf_, in das _Glück_ hinein, macht sich nichts -aus drei Monaten Kerker, wollte sagen, aus Frauenverachtung. Diese -„Verachtung“ sind seine „Geschäftsspesen“. Dafür hat er sie „gehabt“! -Einer drang um 1 Uhr nachts in das Zimmer ein: „Ich sage in jedem Falle -morgen, Fräulein, daß Sie mich bestellt haben! Also ist es schon ganz -egal für Sie!“ - -Das leuchtete ihr ein — — —. - - - - - GIFT - - -Es gibt ein Gift, das ewig wirkt, - -ja sich vertausendfacht in seiner Wirkung - -durch unablässiges Erinnern. - -Das sind die deplaziert liebenswürdigen Worte der Geliebten zu fremden -Männern. - -Es ist ja richtig, sie hat sich nichts Besonderes dabei gedacht. - -Doch weshalb hat sie nicht an das Besondere gedacht, uns tief zu -quälen?! - -Ihre gekränkte Miene bei unserm Vorwurf - -kann uns nicht eines Besseren belehren, - -so daß wir tief zerknirscht von hinnen schleichen. - -Ein jeder Apotheker _ist verpflichtet_, das Gift zu kennen, das er uns -reicht! - -Und so die Frau. - -_Will_ sie uns vergiften?! - -Vielleicht, für Augenblicke, um uns dann, in ihrer Gnade, Gegenmittel zu -verabreichen! - -Erinnern ist ein Gift, das ewig wirkt, - -und sich vertausendfacht in seiner Wirkung, - -durch unablässige Erinnerung! - - - - - LUFTVERÄNDERUNG - - -Es ist merkwürdig, wie sich Familienangehörige in Kurorten begrüßen, die -vielleicht kaum acht Tage lang getrennt waren voneinander. Als ob sie -von einer _monatelangen_ Weltreise gekommen wären! Ein ganz neuer Ton -von zärtlicher Freude, von intensivstem Interesse wird angeschlagen. -„Findest du unser Püppchen besser aussehend, Papa?“ — „Na, ich bin noch -nicht so ganz zufrieden, sie ist halt ein ‚Zarterl‘, was, Minnerl?“ — -„Kinder, laßt euch in euren Gewohnheiten (von _acht_ Tagen) ja nicht -stören, ich werde mich allem akkommodieren (alter Jesuit!).“ - -„Baby will hier das zweite Ei zum Frühstück nicht essen, ich habe ihr -gedroht, ich würde es Papa melden (haste wichtige Meldung!), wenn er -kommt!“ — „Nun, das macht wahrscheinlich die Luftveränderung!“ In -besserer Luft kann man also kein zweites Ei essen? Auch die Bonne wird -netter, rücksichtsvoller behandelt als zu Hause. „Was, Marie, hier ist -es schön?“ — „Bitt’, gnä’ Herr, ja — — —.“ Eine ewige Sorge um Paletots, -Jacken, Schals, als ob alle plötzlich tuberkulös geworden wären. „Annie -häkelt hier (weshalb plötzlich hier?) schon so nett, sogar ohne -Aufforderung (sie scheint also hier zu verblöden!).“ — „Schlaft ihr hier -nach dem Speisen?“ Auf einmal weiß er nicht, ob seine Familienmitglieder -schlafen oder nicht. Die Luftveränderung scheint ihm nicht gut zu tun, -dem Erhalter und Ernährer. - -Man verkehrt miteinander wie Fremde bei einer Jour-Jause. „Angenehme -Nachrichten?“ fragt man bei der Morgenpost. Der Kassier ist ihm -durchgegangen. „Alles in schönster Ordnung zu Hause, mein Täubchen!“ Der -Arzt hat nämlich gesagt: „Zwanzig Bäder kosten zweihundert Kronen. Aber -vor allem keinerlei Aufregung, darauf muß ich strengstens bestehen!“ -Nämlich auf den zweihundert Kronen. - - - - - EIN NACHTRAG - - -Ich habe letztes Mal, wahrscheinlich vor einigen Jahren, etwas -geschrieben zur „Psychologie der bürgerlichen Liebe“. Es war ein -„Torso“. Wenn ich nur wüßte, was ein Torso ist. Aber viele -einsichtsvolle Menschen sagten es mir direkt ins Gesicht hinein, daß es -ein „Torso“, wenn auch ein sehr wertvoller, gewesen sei. Nun, -infolgedessen muß ich die Nachtragsbemerkung machen, daß „jemanden -wirklich zärtlich lieb haben“, unmöglich eine _fortdauernde_ Sache sein -könne, sondern eine durch _Haß_-, _Verachtungs_- und vor allem -_Gleichgültigkeits_-Stadien (Stadien ist gut!) unterbrochene, sagen wir, -sogar angenehm unterbrochene Angelegenheit der Seele und der übrigen -verfügbaren Sinne sein müsse! _Man kann niemanden auf die Dauer -gleichmäßig gern haben_! Das sollte in goldenen Lettern auf der Fassade -eines Venustempels prangen, in deutlicher Adolf-Loos-Schrift, so wie von -Vorzugsschülerinnen in Schreibheften! Die bürgerliche Gesellschaft will -etwas äußerlich, à tout prix (das ist französisch!) erzwingen, was es in -der Welt aber tatsächlich nicht gibt! Nämlich eine _anständige -Stetigkeit und Verläßlichkeit_ der _Gefühlswelt_, ja sogar der -Sinnenwelt, was eine _noch entsetzlichere Stupidität_ ist! Die -„Mehrheit“ will uns eben _blöde machen_! Strindberg ist tot, Ibsen, -Björnson, Tolstoi. Ja, da müssen _wir Flöhe_ uns halt aufraffen, und -stechen und Blut saugen, wo und wie wir nur es können! Wir können auch -_verwunden_, _ohne_ Genies zu sein! Wir haben den _gesunden_ -_Menschenverstand_! Das ist auch eine Waffe, wenn auch eine zartere, -liebenswürdigere als die Maximkanonen der Genies, die meistens doch nur -Idioten waren! Und ich sage euch daher, ihr _Glücklichen_, ihr wart -niemals auch nur eine _Stunde lang_ wirklich glücklich! _Geschäfte_ habt -ihr gemacht und _Bilanzen_ berechnet! Ihr „_Aktiven_“ seid ewig -„_passiv_“ gewesen! - - - - - BUCHBESPRECHUNG - - -Ich habe mir das Buch schenken lassen vom Verlag J. J. Weber, Leipzig: -„_Rosen und Sommerblumen_“. Ich lese es, ich betrachte die 160 -Photographien, wie ein Werk von Maeterlinck! Jede Rose erblüht mir, als -wandelte ich in einem Märchengarten. Alles wird Wirklichkeit. Ich sehe -die Kletterrosen über alle Mauern, Wände, Gitter sich hinaufschwingen, -blühend rosigweiße Pracht verbreitend über kahle, harte, notwendige -Dinge! Ich sehe das Kletterröschen: „Maidens blush, Mädchens Erröten“, -ich sehe die Immergrünrose: „Félicité et perpétuité“. Ich sehe „soleil -d’or“, goldgelb mit rosigen Rändern. Ich sehe „Memorialrose“, für -Grabdenkmäler, „Minnehaha“, die mich an Wedekinds herrliches Buch -erinnert, das von der Nackterziehung erlesener Geschöpfe handelt, ich -sehe die Rose „Katharina Zeimet“, mit _Wildrosencharakter_, wie manche -scheinbar zarte Frauen, die Rose „Konrad Ferdinand Meyer“, die „Beauty -of the Prairies“, die weiße Rose „Frau Karl Druschki“, die Bourbonrose -„Souvenir de la Malmaison“ (in der Todesstunde getauft der Kaiserin -Josefine). Ich sehe Rankrosen in düsterem Hohlweg glühen; Crimson -Ramblerrose in riesigen rostrot lasierten ausgebauchten Töpfen, Japan -vorzaubernd und seine Gärten; _vergeblich_ suche ich eine Rose -„Kronprinzessin Cecilie“! Rosenzüchter, _dichtet mir_ in der ganzen -weiten Welt eine Rose, die dieser _Herrlichsten_ wert wäre! -„Kronprinzessin Cecilie“, du müßtest einen Platz erhalten im Garten, daß -man schon von weitem deine deutsche und dennoch _internationale_ Pracht -verspürte! - - - - - AN — - - - Ich liebe dich — — —. - ’s ist keine Frage mehr. - Solange ich dich sah und sah und sah, und sah, - _wußt_’ ich es nicht, _konnt_’ ich es nicht wissen! - Nun, da ich dich den ganzen Vormittag nicht sah, zum _ersten Male_, - und ich auch nicht weiß, ob ich des Abends dich _wiedersehen_ werde, - _nun_ ist die Bangigkeit in mir! - Mit wem bist du?! Wer nützt die Pause aus?! - Kommst du vielleicht jetzt eben zur Besinnung, daß es noch heißere - Leidenschaften gibt - als die meiner Bewunderungsblicke?! - Oh, wärst du hier, ich sänke dir zu Füßen, - du würdest spüren, was ich bisher nicht wußte, - und was doch war, vom ersten Tage an — — —! - Und was du vielleicht wußtest, eh’ es war! - Was liegt dir dran, vielleicht freut es dich doch! - - - - - NEKROLOG (FRITZ STRAUSS) - - -Siehe, es sind schon Leute gestorben, denen ich hätte nachtrauern -sollen, und ich tat es nicht. Andere wieder sind noch am Leben und ich -wünsche ihnen — — — nur nicht gleich fluchen! Aber um einen mir -verhältnismäßig ganz Fremden trauere ich jetzt. Erstens sehe ich gar -nicht ein, weshalb gerade ein 24jähriger Millionärssohn weggerafft -werden soll, der genug Kultur hatte, Geld in _wirkliche_ Werte, ohne -Pflanz, umzuwandeln. Zweitens besaß er Humor, obzwar er wußte, daß es -mit ihm schief gehen könne bei einer zweiten Operation. Er war ein -„_Gentleman-Musical-Clown_“, so benannte ich ihn sogleich. Jeden Abend -nach dem Souper erfreuten er und Herr H., der es auch „nicht nötig“ -hatte, das elegante Publikum des Sanatoriums „Wolfsbergkogel“ mit -ihren unübertrefflichen Knock-about-Einfällen, bei Klavier und -Violine. Sie ersetzten eine ganze Varietévorstellung. Die reichen -Damen vergaßen ihrer Leiden, was ihnen umso leichter fiel, als sie gar -keine hatten; die kranken Herren vergaßen, den kranken Damen den Hof -zu machen. Das Lachen war da, das Lachen, in diesen heiligen, ernsten -Gesundheitsräumen, und die Langeweile der _Liegekuren_, dieser neuen -Art, sich noch mehr auf sein armes Ich zu konzentrieren, war -vergessen, gelöscht! Ich bat den jungen Mann, doch ja als -„Gentleman-Champion“ in großen Varietés, ohne Gage, aufzutreten, und -er sagte es mir lächelnd zu. Nun ist er tot. Um den trauere ich. 24 -Jahre alt, unabhängig, mit Humor gesegnet, begnadet, gutmütig, -bescheiden. Der hätte _bleiben_ dürfen! Nur der! - - - - - ERSTER SCHNEE - - -12. September 1912. Es regnete und es schneite zugleich. Der -Sonnwendstein war bedeckt mit Schnee. Das war ein Lokalereignis. -Jedermann besprach es eifrig. Die herrliche 14jährige, wie eine -Venetianerin aus dem 18. Jahrhundert, stellte sich an die Fensterscheibe -und sah hinaus. Alles andere ward sogleich dagegen lächerlich und -gleichgültig. Für sie war Schnee gefallen auf dem Sonnwendstein, denn -sie interessierte sich dafür. Ich hätte ihr zwei Meter hohen Schnee -gewünscht, ganze weiße Hügel und Abgründe, damit sie sich besser -amüsiere bei dem Anblick! Sie sah hinaus, und ich beneidete die -Fensterscheibe um den Hauch ihres unbeschreiblich schön modellierten -Mundes. Überall zogen Nebelfetzen dahin, dorthin, zerfetzten, -verwischten die Landschaft, ertränkten sie in Grau. Das junge Mädchen -begann sich zu langweilen. Es wird ein öder Tag werden in diesem -Berg-Hotel. Mir erschien er licht und wertvoll! Sie setzte sich hin, um -mit einem Kinde ein Spiel mit gelben, grünen, lila Würfelchen zu -spielen. Sie ließ das Kind absichtlich gewinnen. Das Kind sagte: „Mit -dir spiele ich nicht mehr, du spielst zu schlecht, immer verlierst du, -du Ungeschickte!“ - - - - - DER MALER - - -Die kleine 6jährige Tatarenkönigin Sonja D. sagte zu dem Dichter, der -sie anbetete: „Mein Bruder Bogdan und ich, wir schlafen immer mit einem -geöffneten Jagdmesser, einem Kindergewehre für Schrot und einer Pistole -mit echten Kapseln, unter dem Kopfpolster! Aber die Banditen wollen -nicht kommen, sich abschlachten zu lassen! Die Feiglinge!“ Der Dichter -nahm das vergötterte Königinchen in seine zärtlichen Arme — — —. - -Der Maler kam. Da sagten die Damen: - -„Was finden Sie denn so Besonderes an dieser 6jährigen Sonja Dungyersky, -die Sie jetzt malen für 500 Kronen? Sie ist doch viel unliebenswürdiger, -eigenwilliger, unsanfter als die meisten anderen reizenden Kindchen -hier?“ - -Der Maler: „Ich male sie von heute an _umsonst_, verstehen Sie mich, -_umsonst_! Für mich und für _die Welt_! Also ausnahmsweise diesmal -_nicht_ umsonst! Ich werde sie malen auf einem niedrigen, -schmiedeeisernen, schweren Throne, mit ihren braunen Gazellenbeinen und -ihren braungoldenen Locken! Umgeben von gebleichten Tatarenschädeln! -Einer muß an einer goldenen Kette herabbaumeln und in einer Ecke muß ein -Jüngling den grünen Giftbecher trinken und sie anblicken. Das Ganze -heißt: ‚Kleine winzige Tatarenkönigin, Wildkatze, Besiegerin!‘ Wie aus -einer entschwundenen Zeit von Kraft, Trotz, Schönheit, Unbesiegbarkeit -stammt sie, und dennoch könnte man über ihre Anmut, über ihre Stimme, ja -über ihre zarten Handbewegungen allein schon tagelang weinen und sich -momentan hinopfern!“ - -So sprach der Maler; und die Mütter der wohlerzogenen, folgsamen Kinder -erbleichten und schlichen fast krank von dannen! - -Am nächsten Tage schrieben sie: „Wollen Sie unser Kindchen für 2000 -Kronen malen?“ - -Und er schrieb zurück: „Nein!“ - -Aber am dritten Tage schrieb er zurück: „Ja!“ - -Und er malte die Kindchen und alle Tanten und Kusinen, und die -Großeltern waren entzückt!: „Ja, ja, so ist unser Schätzchen, unser -liebes, goldiges Geschöpfchen! Die Sanftmut schaut ihr aus den Augen -heraus — — —!“ - -Ja, es waren _sanfte Kälber von dummen Kühen_, richtig porträtiert! Und -ein jedes Kälbchen kostete 2000 Kronen, billigst berechnet! - -Aber das Tataren—Königinchen Sonja Dungyersky, auf schmiedeeisernem -breitem kurzem Throne, hatte er „umsonst“ gemalt. Und die Damen sagten: -„Il s’est moqué de vous, Madame Dungyersky!“ Aber die Großmama stand -lange lange vor dem Bilde. Nie sprach sie ein Urteil aus. Aber oft stand -sie vor dem Bilde und starrte es an, an, an. Und eines Tages sagte sie: -„Pour les étrennes, donnez moi l’image! Ce n’est rien pour vous. Vous -êtes trop jeunes et trop vieux! Il faut pouvoir songer tout à la fois -dans le passé et dans l’avenir!“ - - - - - BETRACHTUNGEN - - -Der Schlitten war leicht wie eine Nußschale, aus braunem Stroh; die -Landschaft prangte weiß in weiß, die roten Ebereschen und die bunten -Gimpel, die schwarzen Krähen bemalten sie diskret und vornehm, fast nach -japanischem Geschmacke. Ich sprach mit der edlen Dame über zarte Dinge -des Lebens. Die edlen rehbraunen gedrungenen Pferde gaben die bekannten -Verdauungsgeräusche von sich, schienen also nicht nach „Prodromos“ sich -zu ernähren, sondern viel Unnötiges, Beschwerliches zu sich genommen zu -haben, wie Hafer samt den Spelzen, fi donc! - -Wir überhörten gleichsam diese Geräusche, und dennoch kam es wie -„_allgemeine Unzulänglichkeit_“ der Lebewesen über uns, eventuell sogar -fanatisch geliebter Damen. Ich liebte einst ein wunderbar schönes -13jähriges Schlossergesellentöchterchen, die mir einst sagte: -„Behalten’s Ihre Briefe, es steht ja eh immer nur dasselbe drin, ich -weiß schon, Sie haben wieder wegen mir die ganze Nacht geweint! Hab’ i -Ihnen was angetan?! Na also, nur g’scheit sein! Kaufens mir lieber 1/2 -Kilo Ringlotten, wann’s mich schon so gern haben!“ Bei einer solchen -Gelegenheit ließ sie dann in der herzlichsten Weise kleine kurze fast -piepsende Geräusche hören, infolge des Ringlottengenusses. Ich sagte: -„No, no, was sind denn das für Liebeserklärungen?!“ Sie erwiderte: „Ah -da schau’ her, wär’s Ihnen lieber, i sollt’s in mein Baucherl behalten, -daß’s mich druckt?! A schöne Lieb’ is das!“ - - - - - UR-SEELE - - -„Herr Peter“, sagte die herrliche 5jährige zu mir, „weshalb beschenken -Sie Stella immer?! Stella gehört mir, ich bin eifersüchtig.“ - -„Auf wen?!“ - -„Auf überhaupt — — —.“ - -„Du solltest dich doch darüber freuen, wenn Stella beschenkt wird?!“ -sagte ich. - -„Ja, ich sollte. Aber ich freue mich eben nicht, sondern ich bin nur -eifersüchtig!“ - -„Würdest du Stella dieselben Geschenke nicht geben, wenn du Geld -hättest?!“ - -„Nein, Stella soll mich von selbst lieb haben. Ich habe sie auch von -selbst lieb, sie braucht mir gar nichts zu schenken!“ - -„Aber Kind“, sagte die Großmutter, „du bist sehr herzlos und ungezogen!“ - -„Aber was braucht der Herr Peter meine Stella zu beschenken?! Meine -Stella gehört mir, sie braucht nichts geschenkt, ich habe sie lieb!“ - -„Du solltest dich freuen, wenn — — —.“ - -„Ich sollte mich freuen, ich sollte mich freuen, aber ich kränke mich!“ - -Sie weint. Worüber?! Niemand weint umsonst — — —. - - - - - FRAGE - - -Was ist ein Dichter?! - -Einer, der _schon w_einen kann, - -wenn _noch_ die andern trockenen Herzens sind — — —. - -Einer, der die sechsjährige Prinzessin Sonja Dungyersky - -so zärtlich lieb hat wie die eigene Großmama sie lieb hat! - -Einer, der abends im Gebirge den eingefangenen Oleanderschwärmer - -auf das einzige Oleanderbäumchen setzt im Garten, - -das ihn aus ferner Ebene hierherverlockt hat! - -Einer, der die braune Nacktschnecke behutsam - -vom Waldweg ins Gebüsch trägt — — —. - -Einer, der Rosen schenkt und sie bezahlt mit seinem Nachtmahlgelde -— — —. - -Einer, der die geliebte Hand berührt und dabei Hochzeitnächte spürt von -Seligkeiten! - -Einer, der leidet, leidet — — — - -und alle sagen: „Was fehlt ihm denn zu seinem Glücke?!“ - -Einer, der die Schale kauft, aus der sie Kakao getrunken hat. - -Einer, der ein „innerer Bombenwerfer“ ist, - -und dabei doch so sanft, so mild _verständnisvoll_ für alles! - -Einer, den alle _verlachen_, - -und um den sie trauern, wenn er _nicht mehr_ ist! - - - - - LETZTE UNTERREDUNG - - -„Peter, was ist Ihnen?! Sie schauen so verzweifelt aus, und vor allem so -bleich — — —.“ - -Er schweigt. - -„Peter, ist es wegen des jungen Architekten?!“ - -Er schweigt. - -„Peter, Sie lieben mich seit meinem 12. Lebensjahre. Von Eltern, von -Gouvernanten, vernahm ich nur: ‚Du mußt, du sollst!‘ - -In _Ihren_ Augen lag von jeher eine unermeßliche Zärtlichkeit. Das darf -ich Ihnen nicht vergessen, Peter. Es war der Lichtblick meiner düsteren -Kindheit. Und oft wenn ich dachte: Wozu bist du?! da dachte ich -sogleich: Er hat mich lieb! Von Ihrem Blicke lebte ich, das sag’ ich -Ihnen nun.“ - -Er senkt das Haupt — — —. - -„Peter, ich kann erst ganz glücklich sein, bis Sie mich wieder anschaun, -lichten, liebevollen Antlitzes, wie eh und je — — —.“ - -Da schaute er sie an, an, an, lichten, liebevollsten Antlitzes, wie eh -und je, so wie sie es brauchte und verlangte — — —. Ihr, Ihr zuliebe, -damit sie wieder schimmere, leuchte, in ihren schlimmen Koketterien! - - - - - DIE NIERE - - -Zu den wahrhaftigsten und mich aufrichtig rührenden Opfern, die ein Mann -einem geliebten Weibe bringt, rechne ich es immer, wenn er beim -Nierenbraten die Niere _ihr_ überläßt, vorausgesetzt natürlich, daß er -sie selbst gern ißt. Aber wer äße die Niere nicht gern?! Diese Niere ist -überhaupt so ein sicherer Thermometer in Liebessachen. Zum Beispiel: -„Otto, weshalb ißt du denn die Niere nicht?!“ — „Ich esse sie, und noch -dazu am liebsten, deshalb lasse ich sie mir für zuletzt!“ — „Ach so,“ -erwidert Hermine enttäuscht. Oder: „Max, du ißt ja die Niere doch -nicht!“, und hat sie schon in ihr Mündchen gesteckt, während Max nichts -im Halse stecken bleibt als das Wörtchen: „O doch!“ Oder: „A schöne -Lieb’, frißt die Niere selber auf, da schau’ der an da!“ Diejenigen -Herren jedoch, die „das Opfer der Niere“ bringen, tun es auch meist -ziemlich _geschmacklos_, indem sie innerlich sich anstellen, als hätten -sie jetzt Anspruch auf Dankbarkeit und Treue ihr ganzes Leben lang! -Nein, dem ist _nicht_ so. Die Damen nehmen gern die Leckerbissen an, die -man ihnen spendet, aber sie haben die richtige Idee, daß solche -Selbstlosigkeiten sich durch das Gefühl eines höheren Wertes, das man -von sich selbst bekommt, reichlich belohnen! Wozu also die Sache -überzahlen?! - - - - - KRANKHEIT - - -Wenn man körperlich sehr, sehr leidend ist, so zerquetscht, - -dann wird man erst wie der „_Normalmensch_“! - -Man wird reduziert auf das „_allgemeine Maß_“! - -Da sieht man erst, wie schrecklich dieses ist! Pfui Teufel! - -Man könnte keiner ideal schönen Frau mehr, selbstlos exaltiert, zu Füßen -sinken — — —. - -Man erwünscht sich eine „Gefährtin“, „Pflegerin“, „Teilnehmerin“. - -Für „_Seelen-Luxus_“ ist keine Kraft vorhanden — — —. - -Die Wiesen sind schneefrei und sogenannte „Palmkatzerln“, wie graue -Seidenflocken, blühen an den noch blätterlosen Weidenbäumen. - -Das alles übt keinen Reiz mehr aus. - -Man sagt: „No, schon wieder ein Frühling; die 30 Lichtbäder im -Sanatorium haben mir einen Schmarrn geholfen.“ - -Jetzt kommt der Frühling daher, und er geniert mich direkt — — —. - -Früher hab ich ihn angedichtet, mit der Kraft meiner unendlichen Seele -— — —; - -jetzt kann ich nicht einmal mehr „heurige Radieschen“ vertragen. - -Was geht mich da der Frühling an?!? - - - - - GÜTE - - -Jeder Mensch, der irgend etwas begeht, und weiß es selbst nicht, daß er -es falsch getan hat — — — siehe, an ihm geht es _dennoch_ schlimm aus! -Er kann sich nicht entschuldigen mit seinem „_guten Willen_“, denn Gott -berücksichtigt diesen _nicht_, sondern nur die „_edle Weisheit_“ einer -jeglichen Betätigung! Der sogenannte „gute Wille“ ist eine schmachvolle -_feige_ Entschuldigung, die in dem „Buche Gottes“ in das Minus-Konto -eingetragen wird! - -„_Ich habe es gut gemeint_“, ist ein Zeugnis für „Selbstverurteilung“. -_Meine es schlecht_, mein Lieber, aber _denke_ das _Richtige_! - -„_Güte_ ist Stupidität; es gibt nur eine einzige wahrhaftige Güte: -_Weisheit_! Rate mir nicht, helfe mir nicht aus _Güte_; da kann ich -leicht _dein Opfer_ werden. Rate, hilf mir aus eiskalter kristallklarer, -unerbittlicher, adeliger _Weisheit_! - -Alle Menschen, die angeblich „zusammengehören“, machen es sich -gegenseitig leicht, indem sie „gut“ sind. „Weise sein“, in bezug auf -einen geliebten Menschen, das fällt ihnen zu schwer, das können, ja, das -_wollen sie nicht_. Da könnten sie „in Konflikte kommen“, -„mißverstanden“ werden; aber die dumme alberne leichtfaßliche Güte, die -versteht ein jeder, erkennt sogar ein jeder Gleichgültige an. _Güte_ ist -ein feiges _Seelenmanöver_, um _Idioten zu bluffen_! Die Idylle des -Familienlebens, das Ehelebens, des Lebens zwischen Geliebten, besteht zu -70 Prozent daraus. - -„_Bin ich nicht gut zu dir, du Undankbarer?!?_“ ist die Phrase der -„geschickten Kühe“, die damit die „ungeschickten Ochsen“ an sich -fesseln! Mögen es auch noch so sehr in anderer Beziehung „Stiere“ sein -— — —. - - - - - ANNONCE - - -Ich lese im „N. W. T.“ eine Annonce, die mit dick gesperrten Lettern -beginnt: „_Bei Behandlung von Herzkrankheiten_ — — — — —“, und dann -folgt die Anpreisung des berühmten „_Franz Josef-Bitterwasser_“, vor dem -Frühstück (1/8 Liter) in _kleinen Schlucken_, _ganz langsam_, -_absatzweise_, zu trinken! Nun meinen natürlich alle Leser, daß diese zu -Anfang gesperrt gedruckten 4 Worte nur dazu dienen, den Leser -„einzufangen“ und zu „verlocken“. Jawohl — — — nämlich zu seinem eigenen -Heile! Denn die _vitale Nervenkraft des Herzens_ hängt von der -minütiösen Sorgfalt, die man dem gesamten Verdauungsapparate angedeihen -läßt, ab! Überhaupt, die Verachtung der „Annonce“ in einem großen -Tageblatte, bloß weil der Fabrikant dabei verdienen will, ist kindisch! -Man nehme nur diese täglichen Annoncen: - - Menthol-Franzbranntwein, - Salz-Cakes, - Sanatogen, - Biocithin, - Vegetabilische Nährsalze, - Eau de Cologne 4711, - Chocolat Suchard, - Califig, - Pears soap. - -Ewiges Mißtrauen ist schädlicher als ewige Gläubigkeit. Es muß erst ein -Arzt in schwarzem Gehrock und funkelnder Brille dir ernst und gemessen -sagen: „Nun, versuchen wir es einmal mit Sanatogen und Tamarinde,“ damit -du, Ochs, Vertrauen schöpfest zu Dingen, die dir doch täglich morgens -mit lauter Druckerschwärze gepredigt werden! Nur der, der _nicht_ -annonciert, kann mir nicht nützen, denn ich weiß von ihm nichts! - - - - - PLAUDEREI - - -Es kommt der Augenblick träge herangeschlichen, da man nichts mehr wird -schreiben können. Man hatte doch etwas zu sagen, was dem anderen nützte. -Und wäre es nur: „Schlafet bei weit geöffneten Fenstern!“ Man hatte -unbedingt eine Mission, eine winzige, eine nichtige Mission, aber eine -Mission! Das hält einen in Zusammenhang mit allen Menschen, die man -nicht kennt. Den Bekannten gegenüber hat man ja keine Mission. Für die -ist man ein Narr oder ein Schwindler. Manche sagen sogar: „Nein, diese -Ehre tun wir ihm ja doch nicht an!“ Wofür also halten sie uns?! Ich -könnte meine Sachen widerrufen, aber Tausende würden sie als Wahrheiten -in sich aufnehmen. Ich könnte es verkünden: „Nein, die Frauenseele ist -doch nicht so, _wie ich sie sehe_!“ Aber Tausende würden jammern: „O, -bitte, wir sind _doch_ so!“ Mein Talent war klein, aber mein Fühlen war -groß. Die meisten haben kein Talent und kein Gefühl, nämlich für -allgemeine Dinge, obzwar sie im besonderen, in ihrem trauten Nestchen, -beträchtliche Gefühle aufbringen, die irgend jemandem mit Vor- und -Zunamen recht sehr zugute kommen. Jemand schwärmte mir immer und immer -von seinem Garten vor, schilderte ihn mit wirklicher Liebe und -Begeisterung. „Ja,“ sagte ich, „aber auf der Strecke so und so der Bahn -so und so habe ich einen noch viel schöneren Garten geseh’n.“ — „Und was -haben S’ davon?!“ — „Nichts“, erwiderte ich. Es gibt Menschen, die -schöne Gärten lieben, und es gibt solche, die _ihre_ schönen Gärten -lieben! Das ist der ganze Unterschied. Na, und was haben s’ davon?! -Nichts! - - - - - RICHTIG - - -Ich verkehrte mit einer sehr intelligenten, gebildeten Dame, die viel -mit Aristokraten beisammen war. Da sagte mir eine andere Dame, mit der -die Aristokraten _nicht_ verkehrten: „Peter, wenn Sie nicht der _Peter_ -wären, würde die Dame auch _Sie_ nicht so oft in ihrer wunderbaren -Equipage abholen!“ Ich erzählte das meiner Freundin. Sie erwiderte: -„Sicherlich; weshalb sollte ich nicht lieber mit einem feinfühligen -Dichter als mit einem Kommis beisammen sein wollen? Der Kommis kann -gewiß ebenso intelligent und wertvoll sein, aber ich lerne ihn nur -kennen als den, der mir Seide anpreist. Den Dichter kenne ich im voraus -aus seinen Werken. Beide könnten mich im Nahverkehre _gleichmäßig_ -enttäuschen. Aber von dem einen habe ich dann wenigstens seine _Werte_ -noch in meinem Bücherschranke und kann bei der Lektüre vergessen, daß er -ein gemeiner Kerl ist!“ - - - - - REMINISZENZEN - - -Eine angenehme Abwechslung während des Lernens war das Anzünden der -Öllampe am Winternachmittage. Draußen sah man undeutlich graue Häuser -wie fremde Welten. Da kam das Stubenmädchen und zündete die Öllampe an. -Vorsichtig nahm sie die Milchglaskugel ab, den glänzenden Zylinder aus -Glas. Sie drehte den bereits vormittags richtig abgeschnittenen Docht -hoch mit der Messingschraube, legte zwei fadendünne harz-imprägnierte -Hölzchen (eine ganz neue Erfindung der Technik) im Kreuz über den gelben -Docht und zündete jene an den Enden an. Oft brannte der Docht, oft -brannte er nicht. Endlich brannte er. Da stülpte das Stubenmädchen -vorsichtig den Glaszylinder auf und dann die Milchglaskugel. Nun wurde -noch ein wenig an der Messingschraube, auf welcher der Name „Ditmar“ und -zwei Merkurflügel waren, hin und her gedreht, damit die Lampe nicht -rauche. Endlich brannte sie mit einem dottergelben matten Schein. Da saß -man denn, und schrieb die Einleitung zu dem Aufsatze: „Charakter des -Wallenstein“: „Wenn wir die großen Helden vergangener Zeiten an unserem -geistigen Auge vorüberziehen lassen — — —“ - -„Sie, Marie, der Docht raucht auf der linken Seite — — —“ - -„Aber junger Herr, das ist eine Sekkatur. Ich habe ihn heute vormittags -ganz gerade abgeschnitten.“ - -Charakter des Wallenstein: „Auf der Höhe seiner Macht angelangt, -überfiel ihn wie die meisten Sterblichen die Sehnsucht nach noch -Höherem, Unerreichbarem — — —“ - -Die Lampe brannte mit dottergelbem, mattem Schein, und richtig, links -rauchte sie ein wenig und schwärzte sogar den Glaszylinder an. - - - - - WERTE - - -Ich finde, daß die Dichter so „ästhetisch-sentimentale“ und übertrieben -eingebildete, und von ihrer sogenannten Aufgabe, rekte „idée fixe“, -besessene „Erzieher der Menschheit“ sind, die doch bis heute durch sie -nicht um ein Stückchen _vorwärtsgekommen_, das heißt, _von irgendeinem -Leid befreit_ worden ist! Die wirklichen großen Wohltaten jedoch -übersieht man, hält sie für nichts und ist vor allem nicht dankbar. Als -mein geliebter Vater 69 Jahre alt geworden war, gaben ihn sämtliche -Professoren infolge von unheilbaren Alterserscheinungen für verloren, -und meine Mama, die seit zehn Jahren tot ist, weinte sich die Augen aus. -Da sandte ich meinem Vater zwei Schachteln „Tamar Indien Grillon“, mit -der Aufforderung, _jeden Morgen_ vor dem Frühstück _unbedingt_ eine -Pastille zu nehmen. - -Seitdem ist er ein _Jüngling_ geworden, ist 83 Jahre alt, hat nicht eine -einzige Beschwerde des Alters. Verdauung jünglingshaft, ewiger Appetit, -rosige Laune, Schlaf zehn Stunden ohne Unterbrechung. Er fühlt nicht, -daß er alt ist. Sein einziger Kummer ist, daß er nicht mittags und -abends, aus ökonomischen Gründen, besondere Leckerbissen haben kann, wie -Rebhühner, Rehrücken kalt, kalte Poularden, Straßburger -Gänseleberpastete, Kaviar, Krebse usw. usw. Er liest von morgens bis -abends französische Romane (deutsche versteht er nicht, sie sind ihm zu -„vertrackt“), ohne Augenglas, geht _nie_ aus seinem Zimmer, und bedarf -_absolut keiner Bewegung_. Schmerzen, Melancholie, Schwächegefühle und -Langeweile kennt er nicht. Jetzt schrieb er mir kurz: „Du, ich nehme -noch immer pünktlich Dein berühmtes „Tamar“. Es ist besser als Deine -Dichtungen; die sind für mich ganz unverdaulich. Du hättest doch -vielleicht Mediziner werden sollen!“ - - - - - SCHLAFMITTEL - - - Paraldehyd, - _Dir_ gilt mein Lied! - Der Tag ist lang, - mir ist so bang - vor’m _nächsten_! - Paraldehyd, - _Dir_ gilt mein Lied! - Ich glaubte stets, - mein letztes Lied - sollt’ einem Frauennamen gelten — — — - versunken sind nun diese Welten! - Mit _Medinal_ - hätt’ ich die Wahl — — — - indessen - Paraldehyd bringt _tieferes_ Glück — — — - ein längeres _Vergessen_! - - - - - FAHRT - - -Ich bin nicht gereist, ich weiß bis heute es nicht, wie ein Schlafwagen -ausschaut, verstehe nichts davon, daß man nachts in seinem Bett, auf -einem Kopfpolster, unter einer Decke und mit anderen nützlichen und -bequemen Utensilien, durch die Welt getragen wird und morgens, ganz -ausgeruht, irgendwo sich befindet, wo man, mit Respekt zu melden, noch -niemals auch nur annähernd gewesen ist. Nun brachte man mich an einem -frischen Julimorgen, per Automobil, 70 Kilometer die Stunde, nach -_Wiener-Neustadt_. Alle Wiesen begossen uns fortwährend mit ihren -Parfüms. Wind und Duft, das allein spürte man. Lioschka sagte nur -einmal: „Wenn etwas geschieht, gehen die Splitter der Autobrille vorerst -in die Augen und zerreißen sie!“ Dann nahm sie langsam die Autobrille -ab. Dann sagte sie: „Ihre geliebten weißen Kartoffelblütenfelder! Früher -habe ich mich nicht getraut, sie schön zu finden! Es hätte sich auch -nicht für mich geschickt!“ Dann sagte sie: „Haben Sie auch den roten -Mohn in den Wiesen gern, obzwar es ein Unkraut ist und schädlich für die -armen Kühe?!“ - -Ich berührte leise ihre Hand in den hellbraunen Rehlederhandschuhen. In -Wiener-Neustadt setzte man mich ab. Gerade fiel einer von einem Gerüste, -brach sich das Genick. Ich kaufte mir Bergblumenansichtskarten und -fünffarbige Hülsen für Bleistifte. Ich ließ mir ein Zimmer aufsperren im -Hotel neben dem Bahnhof, um zu schlafen. Alle Bediensteten waren wie -besorgte Kindermädchen, obzwar ich nicht nach „reichlichem Trinkgeld“ -aussah. Aber der Schein trügt. Das ist vielleicht die letzte Philosophie -dieser dienenden Menschen. - -Er ist vielleicht doch ein reicher Narr! Das letztere stimmte. Man -brachte mir alles, das heißt zehn Flaschen Pilsner Bier. Das _ist_ doch -alles! Ja und einen Roßhaarpolster. Wenn ich nur wüßte, weshalb man noch -nicht auf polierten Granitsteinen schläft?! Diese Eiderdaunen aus -zusammengedrückter Watte sind doch nur für die „Prinzessinnen in den -Kindermärchen“! Wir Erwachsenen wollen hart schlafen, wie die Kaiser in -ihren einfachen Feldbetten im Kriege. Amen. - -Ich erwachte und fuhr sogleich auf den Semmering zurück. Aus dem Dunst -ins Gebirge. In _Pottschach_ stieg eine ein, in einem braungrün -schillernden seidenen Bauernkostüme. Die hatte ein Gesicht wie eine -14jährige Eleonora Duse. Aber in Payerbach stieg sie wieder aus. Sie sah -meinen Blick nicht voll Trauer und Verzweiflung. Besser für sie und -mich. Vielleicht hätte sie gedacht: „Alter Hund!“ Die Lokomotive -„pustete“, wie man zu sagen pflegt, in die Bergweltkurven hinauf. Man -glaubt immer, daß sie es nicht überwältigen wird. Aber das ist ein -laienhafter Irrtum. Sie ist dazu geschaffen, konstruiert und -ausprobiert. Gerade so ist es wie mit der „unglücklichen Liebe“. Unser -Herz ist dazu konstruiert. Manchmal zerbricht es. Das sind -„unvorhergesehene Fälle“, die auch der genialste Maschinentechniker -nicht vorausberechnen kann. Die Luft wurde immer frischer, und ich -gedachte des genialen Erbauers dieser Bahn, Ritter von Ghega, der sie in -die Felsen mit Gewalt hineinbohrte, damit der Naturfreund alles genieße, -Abgründe, Urwälder, Ausblicke, kurz die Dekoration der Bergeswelten! Auf -dem Semmering dachte ich: „In Pottschach ist eine eingestiegen, in einem -braungrün schillernden seidenen Bauernkostüme. Weshalb hat sie meinen -Blick nicht gesehen von namenloser Begeisterung?! Vielleicht hätte er -sie geschützt vor dem Herrn so und so, dem sie jetzt unbefangen die Hand -reichen wird zum „ewigen Bunde“?! Unsere Blicke sind nicht da, um zu -„zünden“, sondern um zu „schützen“, vor Blicken, die „seelisch stargrau“ -sind! Wir sind nicht da, um zu „erobern“, sondern um zu „schützen“! Ein -jeder hat _seine_ Aufgabe im Leben! Er erfülle sie! - - - - - LIED - - -Die 15jährige Anna war sein Ideal. Strohgelbe leuchtende Weizenwogen -ihre Haare! - -Franziska hieß die jüngere Schwester. - -Annas Lachen war wie tausend jubilierende Herzen — — —. - -Franziska hieß die jüngere Schwester. - -Immer war Anna vorhanden, in seiner Seele, _noch_ mehr, wenn sie -_abwesend_ war — — —. - -Franziska hieß die jüngere Schwester. - -Anna bekam den „Scharlach“. Er wurde _bleich_. - -Franziska bekam auch den Scharlach. - -Anna genas — — —. - -Doch er blieb bleich. - - - - - ABSCHIED - - -Nun bist du fort — — —. - -Nun _wirst_, nun _kannst_ du mich nicht mehr _quälen_. - -Ich sehe deinen Blick nicht mehr, der ins Leere starrt, - -das heißt, auf _alle_ Männer, die _sich gerade finden_! - -Ich sehe nicht mehr, daß du frech „schachern“ willst, - -mit dem immerhin geringen Kapitale, das dir mitgegeben! - -Und daß du „Wucherzinsen“ begehrst für einen annehmbaren Leib! - -Ich bin _erlöst_, weil ich dich nicht mehr _sehe_. - -Was du _mir_ bist, kannst du _niemandem_ sein! - -Das aber kannst du erst verstehen, - -bis du _allen_, _allen nichts mehr_ sein wirst! - -’s ist eine Frage nur der Zeit, der Monate, der Stunden — — —. - -Und ich kann warten. - -Ich habe die _Tränenkraft_, zu warten. - -Und wenn du _weinend_ zu mir flüchten wirst, - -werde ich, trocknen Auges, deine zerstörte Seele schützen, schirmen! - -Denn irgend etwas bleibt stets unzerstört — — —. - - - - - GESPRÄCH MIT EINER BARONIN, EXZELLENZ-FRAU, ÜBER IHREN HERRLICHEN - ZWÖLFJÄHRIGEN SOHN - - -„Je crains déjà maintenant nuit et jour les femmes qui viendront _plus -tard_ — — —!“ - -„Eh, madame, craignez donc les hommes qui viendront _plutôt_!“ - - - - - ENTZWEIT - - -Oft sagte ich ihr, was mir an ihr nicht recht war — — — - -ganz verzweifelt starrte sie mich mit bösem Blicke an. - -Ein Abgrund öffnete sich, meine Liebe und ihre Freundschaft aufzunehmen. - -Dunkel ward’s und kalt. - -Hilflos ist die Frau in solchen Augenblicken, glaubt stets sich etwas zu -vergeben, falls sie milde wird, ergeben, - -fällt der bangen Stunde hilflos stumm anheim. - -Ich sagte: „Hörst du die Holzfäller, den Schwarzspecht, riechst du der -feuchten Wurzelstämme braunen Moder, siehst du die Bläue des letzten -Enzians, fühlst du meinen Schmerz?“ - -Sie sagte: „Mit solchen Reden wollen Sie mich versöhnen?!“ - -„Mit solchen Reden nicht, doch überhaupt. Und irgendetwas muß gesprochen -werden, sei’s dies, sei’s jenes. Vielleicht findet sich ein Wort — — —. -Es _muß_ ein Wort einfach _gefunden_ werden, das sich wie eine Notbrücke -von meiner Seele zu der deinen spannt!“ - -Und sie: „Siehst du, du bereust — — —.“ - -„Ja, ich _bereue, daß meine Liebe_ größer als meine Sehnsucht, dich zu -_bessern_, ist!“ - - - - - GESPRÄCH MIT DER SECHSJÄHRIGEN SONJA DUNGYERSKY - - -„Das ist ein Pastellstift zum Malen. Oh, ich weiß alles, sehen Sie!?“ - -„Alles, alles weißt du, angebetetes Kindchen, aber wie sehr ich dich -lieb habe, das, das weißt du doch nicht — — —!“ - -„Und gerade das weiß ich. Sie haben mich sogar lieber als meine Großmama -mich lieb hat — — —.“ - - - - - GLEICH BEIM HOTEL - - -Gleich beim Hotel, links von der weißen Straße - -ist eine abschüssige Wiese, die niemand betritt. - -Im Urzustande ist das vielfarbige Fleckchen. - -Auf roten Disteln wiegte sich der Distelfink, - -und graue Brennesseln bargen gelbe Schnecken. - -Es war ein Gewirr von braun und grau und weiß, - -mannshoch und dicht. Im Mondlicht lag es düster. - -Hier erschaute ich der holden Jahreszeiten holden Wechsel. - -Oberhalb wurde gebaut mit hunderttausend weißen Betonwürfeln, - -und unten war das Bahngeleise nach Triest. - -Hier aber, auf dem abschüssigen unzugänglichen Wiesenfleckchen, gab ein -Monat dem anderen die Tür. - -Ein jeder kam in _seinem_ Prachtgewande. - -Und jeden grüßte ich dankbaren Blicks. - -Es war mein Kalender. Ich erkannte jeden Monat, jede Woche, ja jeden Tag -an den Veränderungen. - -Als alles blühen _wollte_, sah ich es voraus; - -ich sah voraus, als alles sterben _mußte_! - -Wer wird dich nun betrachten, da ich fort bin?! - -Es _ist_, und ist dennoch _nicht mehr_ — — —. - -L’âme, c’est la nature, devenue _consciente_ de soi-même! - -Et puis: La nature _n’existe_ que lorsqu’on l’aime! - - - - - GESPRÄCH MIT EINER WUNDERSCHÖNEN DAME VON 30 JAHREN - - -„Nach kaum 14 Tagen wollen Sie schon wieder vom heiligen Semmering -abreisen, Sie mit Ihren empfindlichen Nerven?“ - -„Ja, ich spüre es, daß der Semmering mir nicht hilft — — —.“ - -„Ein berühmter Homöopath hat gesagt: „O, Mensch, die Heilprozesse deiner -Krankheit dauern _immer gerade so lange_, als du Zeit gebraucht hast, -sie _durch deine Sünden zu akquirieren_ — — —!“ - -„Mein lieber Herr Altenberg, 16 Jahre lang kann ich nicht auf dem -Semmering bleiben!“ - - - - - PLAUDEREI - - -Ausspruch eines fünfjährigen Mäderls: - -„Wenn man alleweil brav ist, wissen die Leut’ dann gar nicht mehr, ob -man noch auf der Welt ist!“ - -Die Eltern tragen mir ununterbrochen Anekdoten über ihre vergötterten -Kindchen zu. Sie sind tief überzeugt davon, daß es gerade mich -interessiere! Ich interessiere mich auch wirklich _dafür_, daß sie alle -_so tief überzeugt davon sind_, daß ich mich dafür _interessiere_! Denn -diesen schönen Schein zu erwecken, heißt eben ein Dichter sein! Und als -das möchte man doch gerne gelten, wenn man schon weder Beruf noch Geld -hat, nicht?!? - -„Mein Knabe sagte mir gestern“, „mein Mäderl sagte mir vorgestern“, höre -ich alle Tage zehnmal. Ob eines dieser kleinen Mistviecherl einmal zu -der reichen Mama den genialen Ausspruch täte: „Mama, wenn du mich -wirklich lieb hast, dann gibst du diesem entzückenden alten kranken -Dichter eine Monatsrate von fünfzig Kronen — — —!“ - -Ausspruch eines sechsjährigen Mäderls beim Abschied vom Semmering: „Ach, -wie werde ich _fürder_ ohne meinen geliebten Pinkenkogel und -Sonnwendstein existieren können?!“ - -Ich hätte gerne geantwortet: „Sehr gut wirst du _fürder_ existieren -können, indem ich dir _fürder_ für jeden affektierten, verlogenen, -manierierten Ausspruch deinen Hintern aushauen werde — — —!“ - - - - - GEGEN - - -Es ist eine der _infamsten Lügen_ der „Modernen“, daß es „ewigen -Fortschritt“ gäbe! Wenn _ich_ das schon sage, will es etwas heißen! Die -Kremoneser Geigen, die Amati, Guarneri, sind _nicht_ zu übertreffen, ja -nicht einmal ihr „Spiegel-Lack“ und ihre „Schnecke“. Der Seiltänzer -Blondin, der vor 40 Jahren über den Niagara tanzte und mitten über dem -Katarakte auf einem zusammenlegbaren Sparherde sich eine Eierspeise -kochte und aß, auf einem Klappsessel sitzend, ist _nicht_ zu -übertreffen. Ebenso _nicht_ die Koloratur der Adelina Patti, die -Lackarbeiten, Seidenstickereien der Japaner und Goethes Gedichte. Aber -diese Herren, nomina sunt bekannt, wollen in Malerei, Musik und -Dichtkunst „ewige Fortschritte“ uns einreden? Und gerade ausgerechnet -sie? Bei dem nicht zu übertreffenden „Vollkommenen“ demütig haltmachen -können, ist _Fort_schritt! Nach Mozart hat man _keine Quartette mehr zu -schreiben_! - - - - - ROMPE! - - -Bevor nicht jeder deiner einstigen Kavaliere von dir sagt: - - „Was ist an ihr? Sie ist gewöhnlich, dumm und ohne Anmut, ohne - Reiz“, - glaub’ ich dir deine absolute innere Treue _nicht_! - - Zu deinen _Feinden_ mußt du sie erst machen _wollen_, - um mir zu zeigen, daß du _mir_ gehörst! - Solange sie _siegreich Besiegte_ sind, - die Waffe senkend schwärmerischen Blickes, - bin ich _besiegter Sieger_! - Treibe sie zum Hasse, zur Verachtung! - _Dann_ erst — — — liebst du mich! - Und so geschah’s. - -Nur einer von den Rittern sagte zu mir, nach langem Schweigen, eines -Abends: - - „Und wissen Sie, was ihre größte Tugend ist? Daß sie Sie liebgewonnen - hat, und uns den Laufpaß gab!“ - - Ich sagt’ ihr das. - - Und sie erwiderte: „Der Arme, Gute. Ich hab’ - - ihn vorgemerkt. Nach Ihnen kommt er dran!“ - - - - - WASCHUNGEN - - -„Ich wasche mich täglich unmittelbar nach dem Aufstehen vom Kopfe bis zu -den Zehen, zuerst lau und dann kalt,“ sagte das wertvolle moderne -Mädchen zu mir. - -„Sehr gut,“ erwiderte ich, „aber ich glaube nicht, daß Jeanne d’Arc dazu -immer Zeit hatte, als sie in die Schlacht mußte, um Frankreich zu -erretten!“ - -Als ich sehr krank lag, nahm es mich immer „Wunder“, daß meine Geliebte, -nach einer durchwachten und durchsorgten Nacht, noch immer die Energie -fand, sich morgens vom Kopf bis zu den Zehen einzuseifen und abzuspülen. - -Sie sagte zwar: „Das tue ich, um mich _für dich_ frisch zu erhalten!“ - -Aber, siehe, ich glaubte ihr das nicht. - -Es war das „gottlose Weibchen“ in ihr, das trotz allem und _unter allen -Umständen_, sich appetitlich erhalten wollte! Für wen?! Nun — — — _für -alle_! - - - - - RESPEKT - - -Er war immer, immer gerührt, ergriffen durch ihre „Persönlichkeit“, die -auch die lange Krankheit nicht in ihr vernichten konnte. Er hatte immer -die Idee, sie würde mit dem letzten Atemzuge noch einen überaus herzigen -und aparten Clowntrick machen, und z. B. sagen: „O, Peter, ich werde -also, wenn ich hinkomme morgen, den Petrus bitten, er soll, wenn du -ankommst, dir deine vielen Sünden verzeihen, schon weil du sein -Namensvetter bist!“ - -Infolgedessen konnte er sich nicht enthalten, sie im Gespräche hie und -da zärtlichst bei der Hand, am Arme, am Haupte, anzurühren. Wie ein -süßes Kindchen. - -Da sagte sie eines Tages: „Frau Lilly rührst du _nie_ an, obzwar du sie -_auch_ sehr gern hast! Du hast aber mehr _Respekt_ vor ihr! Siehst du?“ - -Seitdem habe ich die süße kindliche Frau nie mehr angerührt. - -Einmal sagte sie zu mir: „Hast du mich also nicht mehr so gern wie -früher, Peter?“ - -„O ja, aber ich habe Respekt vor dir bekommen!“ - -„Du dummer Mensch!“ sagte sie und lächelte — - - - - - FALZAREGO-PASS-HÖHE - - -2250 Meter. Also zum erstenmal seit meiner jauchzenden Kindheit wieder -auf steinbesäter Bergalm mit dunklen Latschenkiefern, weißem Speik und -Geruch von Ziegen. - -Irgendein Wässerlein tropfte, sickerte von ausgelaugten Felsenplatten. -Meine Hand berührte zärtlich die polierten Nadeln des Zirbelholzes. Ich -lauschte dem Rauschen im Legföhrenwalde. Das Knieholz schwankt nicht im -Bergföhnstöhnen. Die Stämme sind wie Kautschuk. Der schwarze Weg ist -feucht und klebrig. - -Ich gedachte des „Ochsenbodens“ auf dem Schneeberg, Märchen meiner -Kindheit. Wie liebte ich diese fahlen blumenlosen Matten mit Geruch von -weidenden Tieren! - -Wie wenn der Kreis sich schlösse meines Daseins. Auf Bergmatten begann -es mit unbewußtem Jauchzen, auf Bergmatten endet es mit ernster Wehmut. -Falzarego! - - - - - ENTERBTE DES SCHICKSALS - - -Sie hatte eine kleine reizende Blumenhandlung im Berghotel. Das heißt, -sie hatte sie nicht, sondern sie war nur Verkäuferin. Die Besitzer waren -in Wien, reiche Leute. - -Sie liebte die Blumen, die man ihr von den ungangbaren Felsgraten -brachte, sie liebte die Blumen, die man ihr aus Ziergärten schickte in -Watte und Holzbaumwolle. Alles, alles mußte sie aber doch verkaufen. -Ihre besten Kunden waren die „Hotel-Don Juans“ und die „Neuvermählten“. -Und sogenannte notwendige Abschiedsbuketts, von denen man dachte: „Ich -will _nicht_, aber ich _muß_!“ Diese verkaufte sie am liebsten, schlug, -so weit es ging, mit dem Preise auf, unerbittlich. _Abschied ohne -Abschiedstränen_ muß teuer bezahlt werden! Einmal kam ein Dichter, -bestellte für die sechsjährige Sonja Dungyersky einen Strauß von -hellrosigen „Rosa Crimson Rambler“. Diesen ließ sie sich nicht bezahlen. -„Weshalb denn nicht?!“ fragte der Dichter. „Wir wollen doch auch um -Gottes willen einmal eine Freude haben! Etwas miterleben!“ erwiderte die -Verkäuferin. - - - - - FRÜHLING - - -Also jetzt weiß ich alles — — — zuerst kommen die Kätzchen der -Haselstaude, dann kommt primula acaulis, dann gentiana brachyphylla, -dann kommt ein grüner Schimmer über die Birken, dann kommt Leontodon -taraxacum, dann kommt ein weißer Schimmer über die Birnbäume, dann -erwachen die Kastanienbäume, und zuletzt die Lärchen. Jetzt weiß ich -alles, so _wird_ es! Hotels werden gebaut aus weißen Betonziegeln, und -man projektiert ein Tontaubenschießen. Gleichsam ein lebendiger Protest -gegen das Massakrieren von lebenden Tauben. Freilich der Turmfalke, der -Sperber, der Wanderfalke, die Eule?!? Aber die tun es aus Instinkt, den -wir Gott sei Dank verloren haben. So viele Leute jedoch ersehnen sich -ihn wieder. Sie haben aber leider noch genug davon! - - - - - ERLEBNIS - - -Ich kaufte mir für eine Krone eine Porzellankaffeeschale mit gemalter -Ansicht: „Semmering, Hotel Panhans“, steckte eine große Rolle Papier -hinein, auf dem geschrieben stand: „_Das_ sind die „Andenken“, die die -reichen Damen ihren unglücklichen Dienstboten vom Semmering mitzubringen -pflegen!“ - -Und das Dienstmädchen sagt gerührt: „Aber gnä’ Frau, nein so was — — —!“ - -Aber sie meint: „Nein, so was Billiges, Scheußliches!“ - -Kaum hatte ich die Sache auf meinem Tische aufgestellt, besuchte mich -ein reicher Gutsbesitzer. „Großartig,“ sagte er, „wir fahren heute weg. -Meine Frau hat drei solcher Kaffeeschalen für unsere Dienstboten -gekauft! Und ich sag’ Ihnen doch, mein lieber Altenberg, solche Leut’ -freut das am meisten!“ „Ja, Schnecken!“ wollte ich sagen, aber ich -sagte: „Selbstverständlich, sicherlich.“ Dann sagte er: „Zeigen Sie’s -jedesfalls meiner Frau, vielleicht gift’ sie sich.“ - - - - - DIE TÄNZERIN - - -Ja, gut, ich war von meinem achten Jahre an bis zu meinem siebzehnten -eine englische Tänzerin in Varietés. - -Aber ich darf es nur denen sagen, die es als meine Ehre betrachten, daß -ich schön tanzte und mir mein Geld verdiente und meiner Mutter davon -gab, nämlich Geschenke. Sonst nahm sie nichts. - - Aber den Damen darf man es nicht sagen, - die kalt und bös im dummen Leben stehn! - Sie wissen nichts von unserer hohen Ehre, - daß wir der Kunst _gedient_ und dennoch stets - _Herrinnen_ geblieben sind über uns selbst! - Sie glauben, man müsse im Kampfe unterliegen, - denn siehe, sie unterlägen im ersten _Vorpostengefecht_! - - - - - MEINE EHRUNGEN - - -Die Frau eines berühmten Operettenkomponisten sagte zu mir: „Herr -Altenberg, Sie wissen doch alles von den wichtigen Sachen im Leben, ich -bitte, soll man Rhabarber in einem Garten anpflanzen?“ - -„Nein, unter keiner Bedingung! Rhabarber verbraucht alle Bodenkraft -ringsumher, er ist, gleich dem Rasen, der Egoist in der Pflanzenwelt!“ - -Die Frau eines berühmten Schriftstellers sagte zu mir: „Ich bitte sehr, -soll man den Reis schon die Nacht vorher einweichen in einem -Wasserwandel?“ - -„Jedenfalls! Reis bedarf der Vorbereitung, wie jede zarte Sache!“ - -Eine dritte Dame sagte: „Alles was in Ihren Büchern ist, ist _längst -vorher_ in unseren Herzen! Aber wir sind _feig_, behalten es bei uns. Es -ist gut, daß jemand den Mut habe! Und dann: Uns glaubt man nicht. Den -Dichtern zwar auch nicht. Man sagt: _Ein Dichter_! Uns aber sagt man: -Gans!“ - - - - - KLARA - - -Es gibt Mädchen, deren _ewige Verehrer_ wir bereits sind durch die Art -wie sie ihre Haare zurückstreichen an den Schläfen. Eine unermeßliche -Anmut ist es, eine kindlich-lässige, _nichts_ bedeutend und für uns ein -_Schicksal_! - -Hätte ich nicht gesehen, wie sie ihre Haare zurückstreicht — — — aber -ich _habe_ es gesehn und bin _verloren_! - -Von nun an für sie beten und weinen — — —. - -Wie hob sie die Arme, wie hielt sie die Schultern, wie waren ihre Hände, -ihre Finger, wie stand sie da, und wie besiegte sie alle Nixenreigen im -Mondlichte am Waldsee der Märchen?! - -Sie strich die aschblonden Haare zurecht, eine Bewegung, die so -natürlich, selbstverständlich ist wie Atmen, Gehen, Sprechen. Ich aber -beugte mein Knie vor Gottes _Weltenanmut_, die er mich Armseligen in -seiner unerschöpflichen Gnade, an einem Julivormittag erschauen ließ! - - - - - BERGHOTEL-TERRASSE, SEMMERING - - -Daß ich da bin, ist mir ein ewiges Rätsel — — —. - -Ich war schon in der Gruft, durch Schuld der Ärzte! - -Heimtückische Mörder ihr, nein, schrecklicher, _Idioten_! - -Nun hab’ ich den Bergwald vor meinem Fenster, - -und die Stimme der K. P. jauchzt und singt und spricht Gesänge; bloß -wenn sie nur sagt, was alle Menschen sagen; Gewöhnlichstes wird zum -_ewigen Ereignis_. Wie man es sagt, ist alles, _was_, ist nichts! - -Und die Komtesse schreitet, fliegt, schwebt, schlängelt sich über die -Terrasse — — —. - -Das süße Kindchen Sonja Dungyersky steht da in braunen Locken und ihre -Beine sind dünn und braun wie von Gazellen — — —. - -Daß ich noch bin, ist mir ein ewiges Rätsel. Gott, schütze mir die, -deren Schönheit mich berauscht! An denen ich krank werde und gesund -zugleich! - -Berghotelterrasse aus Beton, mit deinen grellroten Tischen, Sesseln, ich -war dein erster Morgengast, und ich begrüßte dich zärtlichst, du feuchte -noch vom Morgentau! Im äußersten Ecke saß ich, oberhalb der Baumwipfel, -und starrte in den weißen Mürztalnebel! Ich sah dich erstehen aus grauen -nassen weichen Betonhaufen; ich wartete 21 Tage auf deine Marmorhärte; -ich war dein erster Gast! - - - - - ERKENNTNIS - - -Alle Frauen rächen sich am Manne für irgendeine Unzulänglichkeit, die -sie besitzen! Häßliche Fingernägel machen sie bereits boshaft und -gereizt. Von einem „unidealen Busen“ gar nicht zu sprechen! Da begehren -sie Tag und Nacht auf mit dem grausamen Schicksal, verzehren sich in -Leid, und _lassen sich’s nicht merken_! Deshalb muß eigentlich jeder -Mann _milde_ sein, _gerührt_, gestimmt zum _Verzeihen_! Wenn eine die -Genialität hätte, es zu sagen: „Ich bin unglücklich _über mich selbst_!“ -Aber das wagen sie nicht, es sich selbst einzugestehen. Sie verlassen -sich auf die Güte des Mannes, der sich „sekkieren, quälen, ungerecht -behandeln“ läßt! Sie haben aber recht, denn _seine_ Liebe ist von Gott -eingegeben, und _ihr_ Schicksal ist irdisch und ein bißchen vom Teufel! -Er hat die _göttliche Kraft_ zu _leiden_ mitbekommen, sie die _irdische -Schwäche_, _glücklich_ sein zu wollen! - - - - - KLARA - - -13. Juli, vormittag. Sie ging, in weißem Kleide, langsam den Wiesenweg -hinauf. Ich sah sie; und sah sie wieder nicht. Sie grüßte, und ein -Gebüsch verdeckte sie. Dann sah ich sie wieder. Langsam sah ich ihr -weißes Kleid und ihre blonden Haare dem Wald zuschweben. Ich stand -gebannt und grüßte nicht. Sie wußte, wie mir zumut war. Sie grüßte noch -einmal. Wie wenn man sagte: „Du bist der erste, der gebannt steht und es -vergißt, zu grüßen — — —!“ - -Sie wußte dennoch nichts von ihrer heiligen, schrecklich-süßen Macht. -Ich aber warf mich aufs Bett und weinte — — —. Dann kam sie zurück. Ich -sah ihr weißes Kleid und ihre blonden Haare. Gebüsch verbarg sie, mochte -sie entschwinden. Dann sah ich sie wieder. Ich verneigte mich. Sie ging -vorüber; und wie eine Regenwolke kam es über die lichte Landschaft -— — —. - - - - - EIN KOMTESSEN-BRIEF - - -Lieber Peter Altenberg, - -weshalb sagen Sie mir das über die „göttliche Vollkommenheit meines -Leibes“, den _Sie_ unbedingt unter allen Hüllen _nackt_ sehen?! Ich habe -doch schon _alle Untugenden_, die unser Stand, unsere Sorgenlosigkeit, -unsere Verwöhnung von früh bis abends, mit sich bringen ohne unser -Hinzutun!? Jetzt kommt noch die Begeisterung eines Dichters hinzu, also -eines Menschen, der nichts will als begeistert, berauscht, gerührt -sein?! So ein Beschenker! Sie werden mich nicht eitel machen, Edler, ich -werde nur denken: „Vielleicht verhilft es ihm zu einem Gedichte, das -wieder anderen hilft, wenn sie es lesen!?“ Und dennoch habe ich mich -abends in dem Stehspiegel angeschaut und gedacht: „Dichter wissen doch -alles!“ - - - - - MÄRCHEN DES LEBENS - - -Der größte Beweis von _Kultur_ und _Takt_ einer Frau ist es, sich die -ihr immerhin ganz angenehme Verehrung eines ungeliebten Mannes gefallen -zu lassen, ohne ihn je zu kränken! Eine Dame ließ sich durch sechs -Wochen meine schwärmerische Begeisterung sanft lächelnd gefallen. Beim -Abschied bat ich sie, doch den Rehlederhandschuh abzustreifen, damit ich -zum ersten- und zum letztenmal ihre geliebte Hand küssen könne — — —. - -„Schau’ns, Peter, was haben’s davon, nix. Das hat gar keinen Zweck. Hab’ -ich recht?!“ - -„Vollkommen“, erwiderte ich. - -„Leicht sind Sie getröstet, mein Herr!“ erwiderte sie. - -„Im Gegenteil, ich bin _untröstlich_ darüber, daß Sie in Ihrer Kindheit -zu wenig französische und englische Gouvernanten gehabt haben!“ - - - - - WORÜBER MAN NOCH IMMER WEINT, UND EWIG WEINEN WIRD! - - -Die Frau verließ den Mann — — —. - -Hundert Millionäre lagen ihr zu Füßen. - -Da bekam ihr Kindchen Scharlach. - -Ihr Mann schrieb ihr: „Marie schreit auf aus tiefem Schlaf, ruft Deinen -Namen!“ - -Da kam sie. - -Und blieb! - - - - - BESUCH - - -Nun gut, ich bin ewig begeistert, trotz meiner 53 Jahre und meiner -Krankheit, die doch schließlich unmerklich die Kräfte wegfrißt wie ein -irrsinniger Jaguar, der nie genug hat und im Blute wühlt und trinkt ganz -ohne Durst! Mir gegenüber, auf Zimmer 142, 143, wohnt seit gestern ein -kleines Mädchen, Ungarin, Bulgarin oder Serbin; im Nationalkostüm mit -ganz nackten, herrlichsten Beinen geht sie. Als ich sie heute auf der -Stiege traf, lächelte ihre Mama über mein begeistertes Gesicht. Ich -stand und schaute. Weshalb reisen, wenn die fremden Länder in ihrer -Märchenpracht sich zu uns bemühen?! Das Hotelstubenmädchen ließ mich in -das unaufgeräumte Zimmer. Ich kniete an dem Bett des Kindes nieder, -küßte das Linnen, auf dem ihr heiliger Leib geruht! Das Stubenmädchen -sagte: „Wann sollen denn die Menschen schön sein als so lang sie klein -sind?! Später „wachsen sie sich aus“, da wird eine wie die andere — —.“ - -Ich schenkte ihr zwei Kronen, denn sie war meine Mitarbeiterin geworden -an dieser Skizze, die zwar noch nicht angenommen und bezahlt ist. Aber -man muß etwas riskieren — — —. - - - - - LIEBESGEDICHT - - -Ich wußte es, sie hatte mich betrogen — — —. - -Betrogen? Nein. Sie hatte nur vergessen, es mir zu sagen, es mir -mitzuteilen — — —. - -Denn ich hätte es ihr gestattet; wie einem Kindchen -Kugler-Gerbeaud-Bonbons, von denen man nicht wissen kann, wie zart sie -schmecken — — —. - -Das Stubenmädchen brachte mir ihren, meinen armseligen Ring, zehn -Kronen, den sie auf Zimmer 109, im Bett gefunden hatte. - -Dann ging ich in die Bergwiesen, in den Wald, zu unserem heiligen -Ruheplätzchen. - -Hochgelbe Arnika wuchs, weißer Klee, braune Schuppenwurz, lila -Orchideen, ein Liebesteppich. - -Sie hatte mich betrogen. Nein. - -Dort, siehe, war es ein weißes Bett gewesen wie tausend Betten — — —. -Ein weißes, weißes, nichtssagendes Bett. - -Hier aber war Bergwiesen-Liebesteppich, in Gottes bunter Pracht! Hier -blieb sie mir treu! - - - - - DAS GRÖSSTE KOMPLIMENT - - -(Der Komtesse T. W. geweiht.) - -Einige Herren saßen beim Frühstück auf der herrlichen Bergterrasse, -sprachen über die junge Gräfin. - -Der erste: „Sie ist so liebreizend, daß man krank und gesund zugleich -wird bei ihrem Anblick!“ - -Der Zweite: „Ich habe ein Gedicht gemacht, es ist das erste in meinem -Leben. Puccini will es mir in Musik setzen.“ - -Der Dritte: „Ich schrieb an meine geliebte alte Mutter nur über sie, -acht Quartseiten — — —.“ - -Der Vierte: „Sie ist da, und selbst der Bergwald ist seitdem schöner, -melancholischer, düster-verhängnisvoll geworden!“ - -Der Fünfte: „Wenn sie abends 8 Uhr, beim Konzerte, in den Speisesaal -treten würde, _splitternackt_, sich hinsetzen, essen, trinken, sprechen -würde, so würde der ganze Saal es für natürlich, selbstverständlich -finden, als ob man längst darauf gewartet hätte! Man spürte es direkt -als etwas Unschickliches, daß sie früher angekleidet gekommen war!“ - - - - - LE MONDE - - -Die Schaukel war weitausgebaucht und braunrot. - -Im Winter sah sie nach nichts aus, im Sommer wurde sie mir eine lichte -Welt! Klara, Franziska schaukelten darin, vormittags, nachmittags bis -zum Abend, in weißen Batistgewändern, mit blondgoldenen, wehenden -Seidenhaaren. - -Im Winter sah die braunrote Schaukel nach nichts aus, im Sommer wurde -sie mir eine lichte Welt — —. - -Dann kam der Herbst und dann der erste Schnee. Da blickte ich denn oft -dankbar hinaus zur Schaukel, tief dankbar für das einst Gebotene. - - - - - EIN REGENTAG - - -Es regnet. 9. Juli 1912, nachmittag 5 Uhr. Ganz dichte graue Schleier -ziehen über den Bergwald vor meinen Fenstern. Alles trieft, ist -untergetaucht in Nebel. Die Blumen haben ihre Farbe verloren, die -Blechdächer glänzen, sind von Staub gereinigt, naß-poliert. Die -Schaukel, die Schaukel. Vormittags schaukelte noch die sonnigste Frau, -die blondgelichtete, die _musiksprechende_, in der Sonne! Ich sah sie -schweben und weinte. Mir ist nichts anderes gegeben als zu weinen. Ich -kann keine Lieder komponieren zum Preise, wie Brahms, Hugo Wolf, Grieg. -Ich kann nur eine Melodie — — — weinen. Klara, Klara. Es regnet. Graue -Schleier ziehen über den Bergwald vor meinem Fenster. Es duftet nach -nassem Wald natürlich. Alles ist wie ertränkt. Klara, Klara, du sitzest -in deinem Zimmer, lernst wichtige Dinge, fürs nächste Jahr, für die -Prüfung, für das Leben. Deine blonden Lockenwolken streifen das weiße -Papier, auf dem du schreibst — — —. Du sagst: „An einem solchen faden -Nachmittag ist’s noch am besten zu lernen — — —!“ - - - - - IN 24 STUNDEN - - -„Ich bitte, nehmen Sie mich um Gotteswillen heute nacht in Ihr Zimmer!“ - -„Was interessiert Sie an meinem Zimmer?! Sie haben es doch schon oft bei -Tag besichtigt?!“ - -„Bei Nacht muß es viel schöner sein!“ - -„Mein Mann wird Sie erschießen!“ - -„Das macht nichts!“ - -„Mein Mann wird mich erschießen!“ - -Infolgedessen sah er nie ihr Zimmer bei Nacht. - -Nun werdet ihr mich fragen: „Und bei Tage?!“ - -Frauen sind so kindlich, das Tageslicht als _neutralisierend_ zu -betrachten; die Sonne kann mit ihrem lichten Strahl die dunklen Sünden -bleichen! Sie läßt sich erzählen und beichten! Und verzeiht! - -Nur die Finsternis ist heimtückisch, macht zur Verbrecherin und verrät! -„Kommen Sie, mein Herr, bei Tageslicht!“ - - - - - HOTEL-STUBENMÄDCHEN - - -Ich sagte zu meinem Hotel-Stubenmädchen: „Johanna, Sie werden von Tag zu -Tag unaufmerksamer gegen mich. Gestern waren sogar keine Zündhölzer -vorhanden.“ Sie sagte: „Jetzt wird es schon wieder besser werden. Ich -habe nämlich meine Schwester, 27 Jahre alt, verloren, man hat ihr zum -Schluß das ganze linke Bein abgenommen. Sie hat gesagt: „Ich möchte auch -mit _einem_ Bein leben!“ Aber es ist doch nicht gegangen.“ Sie brachte -mir zehn Pakete Zündhölzchen. Sie sagte: „Wenn man nur wüßte, wofür man -so schwer bestraft wird!? Die Dame auf Nr. 32 hat sicherlich mehr -gesündigt als wir, und wie fein lebt sie?!“ - -Ich sagte: „Johanna, wenn es auf Erden richtig zuginge, brauchten wir ja -nicht die Hoffnung aufs Himmelreich — — —“ - -Sie sagte: „Entschuldigen Sie vielmals die zahlreichen Versäumnisse der -letzten Tage. Meine arme Schwester hat ausgerungen. Jetzt kann ich -wieder meine Pflicht erfüllen!“ - - - - - MODERNER DICHTER - - - In unserm Leben gibt’s so viel Nuancen — — — - Die eine sagt: „Arzt meiner kranken Seele!“ - Die andre sagt: „Wie schrecklich er nur aussieht!“ - Die eine lauscht begierig der Persönlichkeit, - die andre sieht pikiert den Gegensatz zu den andern! - Die eine schreibt: „Darf ich zu Ihnen kommen?!“ - Die andre hält’s für zynisch, wenn er im Gespräch - sanft-zärtlich ihre Hand berührt. - Die eine sagt: „Ein Romantiker _ohne_ Herz!“ - Die andre sagt: „Ein Herzlicher _ohne_ Romantik!“ - Und eine jede sieht ein „für“ und „wider“ — — — - und keine spürt, daß „für“ und „wider“ _eins_ ist - in einem, in dem „für“ und „wider“ _zugleich_ sind! - - - - - NATUR - - -Naturempfinden ist wie die _Mutterliebe_ eine ewige rastlose Emotion. -Man kann nicht sagen: Hier ist es schön! Man muß erfüllt sein, krank, -von allem anderen losgelöst, begeistert, gerührt, dankbar und erstaunt! -Man muß sich sagen: Wie komme ich dazu, das zu erleben, zu erschauen?! -Es muß ein „Nervenrausch“ sein, sonst ist es nichts, nichts! Es darf -keinerlei Zweck haben für die werte Gesundheit, es muß von selbst wirken -und beglücken, wie das Antlitz der jungen Mutter, die sich über die -Wiege des soeben erwachten Kindchens beugt. Ein Glücksschimmer ist da -über seinem Antlitz, weshalb, das weiß niemand. So muß die Natur wirken! -Sie ist kein hygienisches Heilmittel, pfui, sie ist ein _Mysterium_. -Nimm gewisse Vögel aus dem Wald, und sie sterben vor Gram. Gib sie -zurück, und sie zwitschern Dankgebete. So ist das Naturempfinden. Eine -heiße, süße, zehrende Leidenschaft der Seele! _Sport_ und _Hygiene_ sind -Börsenmanöver, die die modernen Menschen mit dieser Kirche „Natur“ -effektuieren! - - - - - NOCH NICHT EINMAL SPLITTER VON GEDANKEN - - -_Dialog_ - -„Sie haben erklärt, ich hätte die feinstmodellierten Nasenlöcher, die es -gäbe?! Das ist nicht sehr viel — — —.“ - -„Nein, es ist _nur_ Edelrassigkeit!“ - -_Extrakt eines Königinnenlebens_: - -„Die Königin fühlte sich am wohlsten, wenn sie bei einer edlen -Zigarette, mit Gräfin P. A. über ihr Lieblingsthema, die Krankenpflege, -_plaudern_ konnte.“ - -_Die Philosophie_: - -Sie war die Lieblingsschülerin des berühmten alten Professors E. in Pr. -Und _dennoch_ sagte sie: „Zu braunem Musselinkleide gehören eben -unbedingt braune Strümpfe, braune Schuhe, brauner Schirm!“ _Dennoch?!_ -Nein, _deshalb_! - -_Leben des Alternden_ - -Immer bissiger und innerlich immer voller Tränen! - -_Leben des reichen Mädchens_ - -„Ohne Beschäftigung könnte ich es nicht aushalten. Man muß es sich doch -beweisen, daß man _auch_ ein Mensch ist!“ - -Es gibt Frauen, die von der Natur so _luxuriös_ ausgestattet wurden, daß -sie sich den _Luxus_ der _Luxuslosigkeit_ erlauben dürfen! (Komtesse -T...... W. E.). - -Aus dem „Englischen“: - -„Man sieht, wie wenig Gott von Geld hält, an den Leuten, die er damit -ausstattet!“ - -Aus dem „Wienerischen“: - -„Sö haben gar ka Idee, wie unangenehm i werd’n kann, wann i will!“ - -„Versuchen Sie es einmal, es _nicht_ zu wollen!“ - -Aus dem „Französischen“: - -Um ganz Pariserisch zu sprechen, braucht man es nur _ununterbrochen_ -ganz einfach innezuhaben, daß es _vier_ e gibt, das e muet, das e grave, -das e égu, das e circonflexe, und sich danach zu richten! Aber das kann -nur der geborene Pariser! - - ✶ - -Als ich dem jungen Offizier mitteilte, ich hielte ihn für den Typus des -„Eroberers“ und beneidete ihn um sein Glück bei Frauen, erwiderte er: -„Schau’ns Peter, schau’ns, Glück gibt’s nicht! Die, bei denen man Glück -hat, da ist es doch kein Glück. Die hat man von selbst. Dort erst wäre -es erst ein Glück, wo man _kein_ Glück hat. Und _grad’ da_ hat man kein -Glück!“ - -Das Geständnis auf dem Sterbebett. - -28./8. 1912. - -Aus Nyiregyhaza wird gemeldet: Das Mitglied des Munizipalrates und -Direktor der Volksbank Anton F. wurde verhaftet. Seine Frau hat auf -ihrem Sterbebette gestanden, daß er vor vier Jahren ein Haus in Brand -gesteckt habe, um die Versicherungssumme zu erhalten für ihren -Sommeraufenthalt! - -Konklusion: Weihe deine Frau in nichts ein, sie könnte aus _Rache_ oder -_religiösem Bedenken_ oder aus allgemeiner Stupidität dich verraten! - - ✶ - -Moderne Gemäldegalerie der Armen: Farbiger Kunstdruck der „Jugend“, -50-25 Zentimeter, Emil Hoess: _Rehe_. Text von P. A.: „Es gibt Menschen, -die sich an der _Anmut_ dieser edlen Tiere _berauschen_! Es gibt -Menschen, die der _Leidenschaft der Jagd_ ergeben sind! Es gibt -Menschen, die, _ohne_ Rausch und Leidenschaft, gern Rehrücken mit Sauce -Cumberland _fressen_! Es gibt _Dichter_, _Don Juans_ und _normale -Männer_!“ - - ✶ - -Nur mit dir, Geliebte, hat das Leben für mich noch einen Reiz, aber -_ohne dich_ hat es noch mehr Reiz! - - ✶ - -Sie bewunderten sich gegenseitig — — — da war es ein Mißton! Sie -bewunderten gemeinsam einen Schildkröt-Schirmgriff — — — da war es ein -Akkord! - - ✶ - -„Haben Sie mich noch gern?!“ fragt sie immer innerlich nach der ersten -Umarmung. Weshalb fragt der _herrliche Idiot_ nie: „Haben _Sie mich_ -noch gern?!“ - - ✶ - -_Schamgefühl_ ist „_ein Schutz für Unzulänglichkeiten_“. Man verbirgt, -was _zu verbergen_ ist! Treue ist auch ein Schutz. Wenn ich nur wüßte, -wogegen?! Ah, ja, gegen die _Gefahren_ der Treulosigkeit! - - ✶ - -_Essen_, um das Vergnügen zu haben, zu _essen_! _Hungern_, um das -Vergnügen zu haben, zu _essen_! _Hungern_, um das Vergnügen zu haben, zu -_hungern_! - -_Philister_, _Lebenskünstler_, _Dichter_! - - ✶ - -Es gibt kein laues Bad von 27 Grad und keine gute Kernseife, die nicht -jede Sünde der Frau hinwegwüschen! - - ✶ - -Eine Frau, der _ich_ ihr _Alles_ bin — — — pfui Teufel! - - ✶ - -Sie sagte: „Nie, nie, nie, werde ich Ihnen genug dankbar sein können!“ - -„Oh ja, Fräulein, wenn Sie mich Ihre Achselhöhlen küssen lassen!“ - - ✶ - -Das Schrecklichste ist, irgendeinen pathologischen Zustand, wie Rausch -oder Eifersucht, nicht „_ausschlafen_“ zu können! Denn dazu ist ja der -Schlaf da, daß man wieder „zur Besinnung“ komme, daß man „ein Vieh war“! - - ✶ - -_Schlaf_ ist der Verzeiher aller Sünden, die man dem armen Körper antut! -Man darf daher nicht _mehr_ Sünden begehen als man Schlaf hat! Einige -Sünden jedoch lassen sich nicht „ausschlafen“, z. B. zähes Fleisch mit -Kohl. Auch die „Sünde der Faulheit“ läßt sich schwer ausschlafen. Je -mehr man begeht, desto schläfriger wird man! - - ✶ - -Es gibt zwei Sorten moderner Musiker — — — die _Ehrlichen_, das sind -die, die den Richard Wagner _bestehlen_! Und die _Unehrlichen_, das sind -die, die _originell_ sind! - - ✶ - -Es gibt Dinge, die man nicht „modernisieren“ kann, z. B. den Kuckuckruf. -Oh ja, man macht ein Rabengekrächze und nennt es „Kuckuckruf“! - - ✶ - -„Der gute alte Richard Wagner“, sagen schon manche Vorge-trottelten! - - ✶ - -Mit 82 Jahren ist man mit dem Tode schon so _befreundet_, daß er einem -die unangenehmsten Wahrheiten ungeniert ins Gesicht sagt! - - ✶ - -Ein Gymnasialdirektor sagte zu jedem Abiturienten beim Abschiede: -„Werden Sie General!“ Er meinte, in jedem Berufe könne man es zum -General bringen! - - ✶ - -Es war direkt interessant, wie völlig uninteressant die Dame war! - - ✶ - -Es gibt keinen größeren Idealismus als den einer zärtlich liebevollen -Mama. Selbst eine unangenehme Erkenntnis hat bei ihr noch die Gloriole -von roten Herzbluttropfen! - - ✶ - -Millionäre trösten uns immer damit, man könne sich auch an Austern -„überessen“. Aber in _diesen Zustand_ eben einmal zu gelangen, ist ja -das Glück! - - ✶ - -Ich fahre lieber in einem gefährlichen Automobil als in einem -ungefährlichen Omnibus. - - ✶ - -Man ist häufig genötigt, in der guten Gesellschaft das Wort „entzückend“ -auszusprechen. Ich habe daher im Tonfall dabei bereits so viele Nuancen -mir zurechtgelegt, daß eine Dame mir einmal, als ich etwas „entzückend“ -fand, sagte: „Sie grober unverschämter Kerl! So ekelhaft ist es ja doch -nicht, wie Sie es finden!“ - - ✶ - -Als der Kutscher uns liebenswürdig die Gegend erklärte, notierte ich bei -jedem Bergnamen zehn Heller Trinkgeld. Als er die „Hohe Veitsch“ nannte, -waren es bereits theoretisch 3 Kronen 70. Wir rundeten es auf 1 Krone 50 -ab! - - ✶ - -Die Art deines Gehens, o Fraue, wenn du eine Hoteltreppe langsam -hinauf-, langsam heruntersteigst, ist bereits dein „Biografical essay“, -eine Offenbarung deiner wirklichen untrüglichen Werte! - - ✶ - -Ich sah sie im Speisesaal eine Zigarette rauchen und war entzückt. Ich -wußte noch gar nicht, was und wie sie sprechen würde. Sie hätte ewig -schweigen dürfen, sitzen, rauchen, blicken — — —. - - ✶ - -Das, was die Menschen uns nicht vortäuschen _können_, nicht vortäuschen -_wollen_, _das_ sind sie! Ich habe Kinder gesehen, bei denen das -„_Nießen_“ sogar entzückend war! - - ✶ - -Man kann auch elegant zanken, elegant verzweifelt sein, man kann elegant -langweilig sein, und sogar elegant ungezogen! Aber das ist das -schwerste! - - ✶ - -_Sie_ bezahlte Champagner und _beleidigte_ mich durch die Art, wie sie -es tat! - -_Ich_ zahlte Champagner, und sie _versöhnte_ mich durch die Art, wie sie -es annahm! - - ✶ - -Eine Dame sagte: „Ich bitte, Herr Peter, welches ist das idealste -Mundwasser?!“ - -„Ein idealer Zahnarzt! Denn dann braucht man _gar kein_ Mundwasser, ja -_nicht einmal_ eine Zahnbürste!“ - - ✶ - -Der Luxus der Frauen steht theoretisch _im umgekehrten Verhältnis_ zur -_Vollkommenheit_ ihres Leibes! Dem _Leinenkleide_ für 25 Kronen -entspricht der Leib der _Pauline Bonaparte_! Eine Dame sagte zu mir: -„Diese blöden teuren Fetzen! Mich müssen’s nackert sehen! Dö Sachen -verschandeln einen ja nur!“ - - ✶ - -Wenn ein Blumenmädchen in einem Vergnügungslokale an deinen Tisch tritt, -dir für deine Dame eine Rose anzubieten, so muß die Dame _sofort_ -erklären, daß sie keine wünsche. Sonst macht sie sich _ebenfalls_ einer -Erpressung schuldig! - - ✶ - -Wenn in einem Geschäfte eine Kundschaft nach einer Ware sich erkundigt, -die nicht vorhanden ist, so haben die Verkäufer nicht _stolz-abweisend_ -zu erklären: „Nein, das führen wir nicht — — —!“, sondern -_zerknirscht-reuevoll_. - - ✶ - -Weshalb erhält man bei uns hölzerne _Fußschemel_ nur in den -_Spielereihandlungen_, während die Geschäfte für _Kücheneinrichtungen_ -sich beharrlich sträuben, dieselben zu führen?! Fußschemel sind keine -Spielerei, und in der Küche braucht man Schemel — — —. Das sind -unergründliche Geheimnisse der Geschäftswelt! - - ✶ - -In Berlin kann man von März bis Oktober die riesigen -Spiegelscheibenfenster in die Keller hinablassen, und man sitzt im Lokal -gleichsam im Freien in guter Luft. Bei uns kann man das nicht. Wundert -Sie das?! Mich nicht! - - ✶ - -Unsere Auslage-Arrangeure wollen immer so viel als möglich vom Lager -hinauszwängen, während gerade _ein einzelnes, besonderes Stück_ die -_ganze Führung_ des Geschäftes, seinen _Geist_ bereits dokumentierte! - - ✶ - -Die Klosettfrauen sollten gezwungen werden, lose, einzelne Seifenblätter -zu verkaufen. Die _gemeinsame_ Seife erinnert fast an ein „gemeinsames -Zahnbürstchen“! - - ✶ - -Alle Menschen leben „über ihre Verhältnisse“, über ihre ökonomischen, -sexuellen und vor allem über die ihres Verdauungsapparates! Daher ihre -ewige Reizbarkeit und Unduldsamkeit. Irgend etwas bedrückt sie! - - ✶ - -Ich sagte einst einem befreundeten jungen Restaurateur in G.: „Vor allem -nimm jede nicht konvenierende Speise _zurück_, selbst im Falle einer -krassen Ungerechtigkeit. Du machst immer noch das _bessere_ Geschäft, -wenn du dieses eine Mal bei dem Hundskerl draufzahlst. Sonst redet er -dir noch Hunderte ab!“ - - ✶ - -In den gutgehenden Geschäften sind die Bedienenden nervös, weil _zu -viel_ zu tun ist, und in den schlechtgehenden, weil _zu wenig_ zu tun -ist! - - ✶ - -Wenn ein Zyniker in der Gesellschaft von Damen zynisch ist, so ist er es -_nur_, weil alle diese Damen ihm _keinerlei Hochachtung_ einflößen. Ich -kann mir einen jeden Zyniker denken, der vor einer „innerlichen Kaiserin -des Daseins“ _verstummte_! Tut er es aber auch in diesem Falle nicht, -dann ist er ein Zyniker! - - ✶ - -„Ich verehre Euch, Meister Altenberg, seit Jahren. Aber wozu die Worte?! -Ich möchte Euer letztes Werk erstehen. Was kostet es?!“ - -„Fünf Kronen.“ - -„Für drei Kronen würde ich es nehmen — — —. Aber eine schöne -„persönliche Widmung“ erbitte ich mir natürlich!“ - -Ich schrieb eine persönliche Widmung: „_Sie_ haben mir zwei Kronen -abgehandelt, _ich_ habe es mir abhandeln lassen; jetzt wissen Sie, was -an _Ihnen_ und an _mir_ ist!“ - - ✶ - -3jähriger Wahrheitsfanatiker, aus dem noch was werden kann: - -„Wen hast du denn besonders lieb, Bubi?! Die Mama?!“ - -„Nicht besonders — — —.“ - -„Dein Schwesterchen?!“ - -„Nicht besonders — — —.“ - -„Wen also hast du besonders lieb?!“ - -„Die Schokolade!“ - - ✶ - -Liebesbrief: - -„Oh, ich habe ein so grenzenloses Vertrauen zu Ihnen, daß ich es auch -dann nicht verlieren könnte, wenn Sie es mißbrauchen würden!“ - - ✶ - -Höchstes Lob (Frau Dr. Eugenie Schw.): - -„Mein lieber Peter Altenberg, mit keinem der sogenannten „Modernen“ -könnten Sie sich vertragen! Mit _Gottfried Keller_ hätten Sie sich -_vertragen_, obzwar Ihr von früh bis abend _erbittert gestritten_ -hättet!“ - -Ausspruch: - -„Wissen’s, bei uns in der Hofoper, ich mein’ beim Ballet, teilen wir die -Künstlerinnen, Sängerinnen, natürlich nicht ein nach dem, was sie -können, das is uns Tänzerinnen doch ganz egal, sondern nach dem, ob sie -„_betamt_“ (liebenswürdig-menschenfreundlich) oder „_unbetamt_“ sind! -Die Jüdinnen also sind alle _unbetamt_ natürlich, aber es gibt sogar -unbetamte _Christinnen_ bei uns! Und die sind noch ärger!“ - - ✶ - -Für 500 Kronen Honorar erklären dir die Ärzte, du habest „eine leichte -Blutzirkulationsstörung“. Es sei nichts von Bedeutung. Für drei Kronen -erklären sie dir, es sei ein leichter Schlaganfall. Die Hauptsache wäre, -er solle sich ja nicht wiederholen! - - ✶ - -Ein genialer Arzt verlor seine Stelle und erschoß sich, weil er sich -jungen Patientinnen gegenüber schamlos benommen hatte. Sie fragen mich, -was ich über den Fall dächte?! Ich rechne mir es aus: 57 Patientinnen in -ihrer „Ehre“ gekränkt, 57 Tausend durch den Verlust des genialen Arztes -_effektiv_ geschädigt! - - ✶ - -„O, Herr von Altenberg, wie geht es Ihnen?! Noch immer nicht -verheiratet?! Woran arbeiten Sie jetzt momentan?! Schwärmen Sie noch -immer für schöne schlanke 15-Jährige?! Und überhaupt, was gibt es Neues -in Ihrem reichbewegten Leben?!“ - -„_Genehmigt!_“ erwiderte ich gelassen und entfernte mich. - - ✶ - -Jemand sagte zu mir (jeden Tag ist es ein anderer): „Sie sind der -glücklichste Mensch! Sie haben keine Bedürfnisse!“ - -„Nein, ich habe keinerlei Bedürfnis, Bedürfnisse zu haben, die ich ja -doch nicht befriedigen kann!“ - - ✶ - -Die Forelle, der Hecht sind gefährliche, ewig auf der _Raublauer_ -liegende Tiere. Aber man fängt sie geschickt mit irgendeinem Köder. Bei -Frauen macht man es aber ungeschickt. Meistens reißen sie sich los und -verspeisen nur den Köder! - - ✶ - -Die Prinzessin sagte: „Man macht dem Sudermann immer den Vorwurf, daß er -theatralisch sei. Das finde ich ungerecht. Wenn man das meinem Cousin, -dem Louis Liechtenstein, nachsagen dürfte, so wäre es gerecht. Denn der -hat’s nicht nötig. Aber der arme Sudermann, der ist doch dazu da, -theatralisch zu sein!“ - - ✶ - -Ich sandte dem herrlichen 11jährigen Kinde Margit Kr. einen -selbstgebundenen Strauß von hellblauen Skabiosen und gelben Teerosen. -Die Mama sandte den Strauß zurück mit dem Bemerken, ihr Töchterchen sei -noch _minderjährig_. Ich schrieb: „Gnädige Frau, wann erfolgt die -Volljährigkeitserklärung für _Schönheit und Anmut_?! Gott, Jesus -Christus und die Dichter verstehen nichts von Kalenderberechnung!“ - - ✶ - -Das mystisch schöne Kind hatte eine unschöne Mama. Alle Damen sagten zu -mir: „Sie wird der Mutter nachgeraten!“ Endlich kam der wunderbare Vater -an, wie ein Sieger-Torero. „Für einen Mann ist er viel, viel zu schön!“ -sagten alle Damen. „Nun und das Kind?!“ sagte ich. „Weshalb soll es -gerade ihm nachgeraten?! Weil Sie es sich erwünschen?!?“ Bestien! - - ✶ - -Je lustiger, je übermütiger die Geliebte, desto verstimmter der -Geliebte. Alles geht auf seine Kosten, Unkosten. Aber manche Männer -nehmen regen Anteil — — — an diesem Diebstahl vor ihren Augen! Amüsement -ist „Ablenkung des Herzens!“ _Gutmütigkeit_ des _Mannes_ — — — -_verbrecherischer Idiotismus_! - - ✶ - -Was nützt es dir, o Jüngling, daß du mit Sorgfalt und Geschmack ein -Bukett zusammenstellest aus herrlichen Bergblumen und Gartenrosen?! Die -Dame fühlt: „Die Bergblumen kosten nichts, und die sieben Rosen je eine -Krone!“ - - ✶ - -Nur Juden haben die Ungezogenheit, mich zu fragen, weshalb ich stets an -dickem, grünem, seidenem Kordon zwei herrliche Automobilpfeifen, -Sirenen, trage!? Christen fragen das nie. Sie denken gleich: „Weil er -ein Narr ist!“ Die Juden lassen sich durch die Frage noch wenigstens die -Hoffnung offen! - - ✶ - -Mein Gehirn hat Wichtigeres zu leisten als darüber nachzudenken, was -Bernard Shaw mir zu _verbergen_ wünscht, indem er mir es _mitteilt_! - - ✶ - -Die modernen Damen verlängern sich die Fingernägel statt des Gehirnes. -Das erstere scheint leichter zu sein! - - ✶ - -Die Männer suchen ihre Damen von 8 Uhr morgens bis 11 Uhr nachts bei -guter Laune zu erhalten! Wahrscheinlich wegen der übrigen Stunden! - - ✶ - -Körperliche Vollkommenheit verpflichtet zu jeder anderen, -geistig-seelischen Vollkommenheit! Aber glücklich die, die zu dieser -Verpflichtung _verpflichtet_ sind! - - ✶ - -Ein runder Rücken ist nicht nur ein _runder Rücken_. Es bedeutet auch -einen _flachen_ Brustkasten! - - ✶ - -Weshalb dieses unintelligente Sträuben gegen Nährmittelpräparate wie -„Sanatogen“?! Jedenfalls wird es euch mehr nützen als Rostbratl mit -Erdäpfelsalat! Ihr fürchtet euch vor zu viel Kräften?! Na ja, ihr müßt -es ja wissen, wofür ihr sie dann doch nur verwendet! - - ✶ - -Nährmittel haben zur Voraussetzung „eine ganze verfeinerte Kultur“. -Sonst bleibe man bei dem a la Hunnen auf dem Sattel weichgerittenen -Roastbeef! - - ✶ - -Ich habe gelesen: Den Engländern fehlen leider zwei Sachen: Sinn für -„feine zarte Küche“ und Sinn für „feine zarte Musik“. Jetzt weiß ich, -weshalb sie die Welt unterjocht, viel Geld und viel Ehre gemacht haben! - - ✶ - -„Ich habe meinen Gatten lieb, weil er mich reich ausstattet! Ich habe -meinen Geliebten lieb, _obwohl_ er mich nicht reich ausstattet! Wie lieb -hätte ich erst einen Geliebten, der mich reich ausstattet! Aber das gibt -es ja gar nicht; der hat das doch nicht nötig, das wäre ja ein -idiotischer Verschwender, den man unter Kuratel setzen müßte!“ - - ✶ - -„Ich denk’ über so viele Sachen nach, Gustav, und da werd’ ich ganz -blöd. Wann ich einmal gar nicht nachdenk’, und was ganz Blödes sag’, -dann sagen die Leut’, daß es riesig g’scheit is. Aber unbewußt sagen -sie. Das heißt also, daß es doch blöd is, nicht, Gustav?!“ „Dummerl!“ -sagte Gustav, das heißt: „Gscheidterl!“ - - ✶ - -Die 5jährige Edith sagte abends beim Abschiede zu mir: „Also wann, wann, -wann — — —?!“ - -Da ergänzte die Mutter: „werden Sie morgen wiederkommen?!“ - -„Aber geh’, Mutti, das weiß er ja, was ich gemeint hab’!“ - - ✶ - -Je tiefer die _seelische_ Liebe der Frau, desto _geringer_ ihre -„physiologische“ Erregbarkeit. Das scheint schauerlich paradox zu sein! -Die „Liebe“ verteilt ihre Erregung auf den _Gesamtorganismus_, während -minderwertige Gefühle nicht diese Kraft haben, sondern sich -_lokalisieren_! - - ✶ - -In jeder schönen Frau, in jeder wohlgestalteten, steckt die „Hure“. Sie -kann nicht anders als Tag und Nacht von dem Gefühle gereizt, gekitzelt, -erregt zu werden als dem: „Ich könnte _jeden_ Mann selig machen, ihn in -die letzten Räusche bringen!“ Eine Frau von diesem _Weltenempfinden_ weg -auf _sich_ konzentrieren wollen und können, ist das Wesen der -_glücklichen Liebe_! Ich bezweifle, daß es bei einer wirklich -_vollkommen schönen_ Frau gelinge! Aber wie viel solcher gibt es?! Also -gibt es doch viele „glückliche Liebende“. Und dann: die Frau rechnet mit -ihrem allmählichen „schäbig-werden“. Das vermehrt die Chancen der — — — -Idioten! Übrigens gibt es noch die sogenannte „gute Erziehung“. Ja, die -Idioten haben Chancen! - - ✶ - -„Ich bin _gewitzigt_“, heißt: „Ich bin gewitzigt über die Dinge, über -die ich _gewitzigt_ bin. Aber über die Dinge, über die ich _noch nicht_ -gewitzigt bin, über die bin ich noch nicht gewitzigt!“ - - ✶ - -Kinder rupfen zarten Insekten ihre überzarten Flügel aus. So machen es -_Erwachsene_ den _Dichtern_! - - ✶ - -„Sie reizen uns _unnötig_ auf mit Ihren anarchistischen Theorien!“ sagte -eine junge Dame zu mir. - -Wie würde ich es erst tun, wenn ich es _für nötig_ hielte! - - ✶ - -„Woher nehmen Sie ununterbrochen Ihre Begeisterung für Frauen, Kinder, -die Natur?!“ sagte jemand zu mir. - -„Von Abführmitteln! Tamar Indien Grillon! Von meiner ‚_inneren -Unbeschwertheit_‘!“ - -„Sie scherzen!“ - -„Gewiß. Denn Sie würden davon nur _Diarrhöen_ kriegen!“ - - ✶ - -„Wir sind eben noch keine „chemischen Retorten!“ Schauen Sie doch die -„Roßknödel“ an auf der Straße, woraus das Pferd seine ganze riesige -Kraft gezogen hat!?“ - -„Ja, es ist eine wahre _Roßnatur_!“ - - ✶ - -„Was verstehen Sie eigentlich unter „Kunst“?!“ sagte ein Herr um -Mitternacht, bei Champagner, zu mir. - -„Da müssen Sie noch ein bisserl was _bar_ draufzahlen, wenn ich Ihnen -die Frag’ jetzt beantworten soll!“ - - ✶ - -Wenn jemand magenkrank ist, so muß ein moderner Arzt ihn sogar fragen: -„Haben Sie mit Ihrer Wäscherin nie so „leichte Konflikte“, oder -verkehren Sie nicht mit _ärmeren_ Leuten als _Sie_ sind, oder schläft -Ihre Geliebte nicht gern bei anderen?!“ _Solche_ Kleinigkeiten schon -können einen überempfindlichen Organismus aus dem sogenannten -physiologischen Gleichgewichte bringen. - - ✶ - - Was _du_ nicht willst, daß _man_ dir tut, - das _tu’_ geschwind den _andern_ an, - denn _sie_ tun dir’s _jedenfalls_ an! - - ✶ - -Jeder „Sport“ macht aus der _romantischen_ Natur eine Zirkusmanege! - - ✶ - -Musik ist: wie wenn die Seele plötzlich in einer _fremden Sprache_ ihre -_eigene_ spräche! - - ✶ - - - - - ZYKLUS: „VENEDIG“ - - - - - EINDRÜCKE - - -In Triest hatte ich im _Hotel Excelsior_ ganz hoch oben ein Kabinett, -das eine kleine eiserne Balustrade hatte, von der aus man das Meer sah -und rechts die braungrünen Hügel. So sah ich also zum erstenmal das -Meer, in meinem 55. Lebensjahr. Abends trat ich an die eiserne -Balustrade und betrachtete die weite graue Fläche Wasser. Ich durfte -also auch noch ein Meer sehen, und morgen sogar ein Schiff mit -Frühstückszimmer, Speisesaal, Kajüten und Deck zum Spazierengehen. Das -gütige strenge Schicksal hatte mir das alles aufgespart, gleichsam als -_Schlußbelohnung_ eines ereignislosen Daseins. Diese schwebende Stiege -an der schneeweißen Wand des Schiffes! Man frühstückt: Teeschale Kaffee, -licht, gut passiert, mit Schlagsahne, und fährt zugleich mit Turbine auf -dem Adriatischen Meer. Dabei liest man in Intervallen Zeitung und -schreibt Ansichtskarten an Annie W. Man zeigt mir freundschaftlich die -„italienische Küste“ im fernen weißen Nebel, und ich selbst erblicke -braune Segel von Fischerbarken. Das alles ist wundervoll. Meine -englische Freundin sagt: „Ich habe es gewußt, daß es Ihnen viel Spaß -machen wird!“ Aber es macht mir viel Ernst! Venedig ... also das ist -dieses Venedig, mit einem Palazzo Vendramin, in dem mein Gott, Richard -Wagner, den letzten Seufzer aushauchte. Hier also ist der große weite, -palastumrankte Platz, auf dem sechs reizende Kaffeehäuser sind, mit 1000 -Tischen und Stühlen, und wo abends in der Mitte auf eisernem, elektrisch -beleuchtetem Gerüste die _Banda Municipale_ spielt. Und gegenüber der -Lido, wo die Menschen in Licht, Salzluft und Wasser sich verjüngen und -die schönen Frauen wenigstens ihre herrlichen zarten weißen Füße, Zehen, -Beine, Knie zeigen. Wenn man dann abends auf dem Markusplatz so eine -viertelnackte Nymphe en grande toilette sieht, denkt man: „Bitte sehr, -die Schneiderinnen wollen auch leben!“ Bei „Salviati“ sah ich Gläser von -der Farbenpracht von exotischen Schmetterlingen, Vögeln und Orchideen. -Andere wieder waren düster wie der Himmel vor dem Gewitter und die Seele -eines Eifersüchtigen. Viele schienen herausgewachsen zu sein, wie aus -Erdreich und Sonnenlicht und Tau und Regen. Aber dazu muß man in den -Kanal Grande fahren, in die Ausstellung, da ist die „Glas-Aristokratie“, -während sonst überall die schreiende Marktware ist. Parmesan und -Paradeis sind die Lieblingsdinge. Man ißt fast alles mit diesen beiden -Dingen. Fast zu allem offeriert man dir eine Glasbüchse mit -Silberdeckel, in der geriebener Parmesan sich befindet. Die neue Oper -von Wolf-Ferrari: „Die neugierigen Frauen“ von Goldoni, Lustspiel, wurde -im Goldoni-Theater, hellblau und gold, unübertrefflich dargestellt; -Kapellmeister, Orchester, Stimmen, Spiel einfach _vollkommen_. -Wolf-Ferrari ist ein feiner, nobler, geschickter, diskreter — — — jetzt -weiß man _alles_! _Gott_, daß ihm _nichts_ einfällt, das macht er -_absichtlich_, er ist zu nobel, zu kompliziert dazu, er _will nicht_ -melodiös sein, wie alle Modernen, die es nicht _können_! Was die Mode -betrifft, bin ich leider nur für die englisch-amerikanische, während die -französische überladen und unnötig ist. „Ich habe Geld, ich habe Geld, -es zu bezahlen!“ schreien alle diese Modelle von Hüten und Kleidern, -während die englischen und amerikanischen flüstern: „Wir haben so viel -Geld, daß wir gar nicht brauchen, es erst zu zeigen!“ Der Meeressand ist -wundervoll, ihn durch die Finger gleiten lassen ist eine „ästhetische -Wollust“. Rührend ist die ärmliche Vegetation der Küste: Grasbüschel, -Akazien, Birken. Bilder habe ich noch keine gesehen. Die Historie -versucht es wie ein altes, Opfer heischendes Ungeheuer, hier überall uns -von der einfachen Natur abzulenken. Aber bei mir gelingt es ihr nicht, -ich bin der „heilige Georg“, obzwar ich Richard heiße, pardon, Peter. -Ich weiß, daß man Giotto „Dschotto“ auszusprechen hat, und damit habe -ich mich losgekauft. Deckengemälde interessieren mich nicht, man bekommt -einen steifen Hals davon. Von Berühmtheiten der modernen Zeiten waren -hier außer mir: Heinrich Mann, Jakob Wassermann, Max Oppenheimer, Tilla -Durieux, Adolf Loos, Eduard Stucken. „No, und ich bin nix?!“ sagte die -Neunzehnjährige, die sich von mir die Hotelrechnung bezahlen ließ. -„Welche kann das noch von sich behaupten, daß ein solcher Schmutzian wie -du für sie hat bezahlen müssen?!“ - - - - - VENEDIG - - -Und plötzlich _fiel es ihm ein_, ein trauriges Erschrecken — — — ja, sie -wollte _nicht_ mit ihm verkehren! - -Es wurde ihm _sogleich_ zur Gewißheit! - -Mit untrüglicher Klarheit war es in seinem armen Gehirn, in seinem armen -Herzen, plötzlich, lähmend, vernichtend, untergrabend! ja, er hatte es -sogar _gewußt_, gewußt, das heißt geahnt, schon nach den ersten Stunden -des Beisammenseins. Sie wollte ihn gleichsam sogleich beschützen vor -seiner Erkrankung an ihr, vor seiner Torheit, vor seinen kommenden -Kränkungen, vor seiner Sehnsucht am lauten Tage und in stiller Nacht, -ja, vor seiner Sehnsucht wollte sie ihn beschützen, kurz vor allem und -allem und allem, und zwar _sogleich_, prompt, radikal, hilfreich, -unerbittlich, wie ein Arzt, wie eine Mama, wie eine Schwester, wie eine -Heilige. Eine _schöne Idee_, eine _Aufgabe_, eine _Mission_! - -Gestern war er um 7 morgens in ihrer Kabane, hatte ihr schwarz-weißes -noch feuchtes Schwimmkleid geküßt, das an einem Haken hing. Und ihre -Bastpantoffeln und den Rand ihres Trinkglases. Das Meer war schön, ja, -das Meer war schön. Er hatte ihr dann, um 11, von seinem Morgengruß -erzählt. Aber _heute_ morgens war der Vorhang irgendwie verschlossen. -Auch fragte sie ihn um 1 nicht, weshalb er keinen Kabanenbesuch gemacht -habe, weshalb er nicht gebadet habe, ob er nicht wohl sei, oder sonst -irgend etwas Menschenfreundliches. Sie fragte nach _nichts_. Wißt ihr -was das heißt?! Nein, das wißt ihr nicht, Gott sei Dank! Todesurteile -für die wehrlose Seele! - -Was war los?! - -Ihr Gatte?! - -Ihr Liebhaber?! - -Komplikationen?! - -War sie unglücklich verliebt in irgendwen, absorbiert, betäubt, -angenagelt?! - -War sie krank, körperlich, Magen, Darm oder noch heiklicher?! - -War sie müde?! - -Hatte sie vielleicht überhaupt _genug_ oder _zuviel_?! - -Wollte sie sich freihalten für Konvenierenderes?! - -War er nicht nach ihrer Fasson?! - -War er zu unheimlich ungestüm mit seiner Seele?! - -Wollte sie ihn wirklich schützen vor sich selbst?! - -Aber das wäre ja schrecklich. - -Denn er hatte die feste unerschütterliche Absicht gehabt, _an ihr_, _an -ihr_ zugrunde zu gehen! Aber vielleicht war es besser _so_! Am nächsten -Morgen sagte sie: „O, Sie haben schon genug von mir, ich bitte, -antworten Sie nichts, so etwas fühlt man ganz genau, schade — — —.“ - -Er stand da, und lauschte den Worten, die bereits verklungen waren. - -Das Meer war schön, schön, wie niemand es schildern könnte — — —. - - - - - VERSCHIEDENES - - -Neurasthenie ist so lange eine Krankheit, bis es ein Stadium einer -_neuen Gesundheit_ wird! - - ✶ - -Warte, bis man von deinem geliebten Kindchen _dir_ Anekdoten und -Aussprüche zuträgt. Deine eigenen enthalten keine Pointe, sondern nur -Mutterliebe! - - ✶ - -Frauen haben eine kolossale _Überschätzung_ ihrer Macht. Man ist nur zu -wohlerzogen und mitleidsvoll, es ihnen jedesmal zu beweisen! - - ✶ - -So lange ich ihr schrieb, was ich durch sie leide, verstand sie es -nicht. Als ich es nicht mehr schrieb, sagte sie: „So gefallen Sie mir -viel besser!“ - - ✶ - -Am besten dran sind die _ganz vollkommen_ gebauten Badenden und die -_ganz Unvollkommenen_. Beide sind schicksalergeben. Am schlechtesten -dran sind die _Halb_zulänglichen. Die möchten es immer durch irgendetwas -_ausgleichen_, und bringen es _nicht_ zustande! - - ✶ - -Es gibt Frauen, die schlecht schwimmen, und man fühlt: „Ungeschickte -Gans!“ Bei der anderen fühlt man nur zartestes Mitleid! - - ✶ - -Es gibt „physiologische Matadore“; das sind die Frauen, die _Trikot_ -tragen im Meeresbade. Die anderen haben allerlei Ausreden, vor allem das -herzige Wörtchen „_indezent_“! - - ✶ - -Für die meisten ist das Wasser ein „fremdes Element“. Ihre Tempi -erinnern an „Schwimmlehrer“ und „1 ... 2, 3!“ - - ✶ - -Sie sind ein „gefährlicher Beobachter“, sagte eine Dame schelmisch zu -mir. - -„Wieso?!“ erwiderte ich, „ich bin doch weder reich noch in angesehener -Stellung!?“ - - ✶ - -„Womit habe ich Sie gekränkt, Peter?! Ich tue doch mein Möglichstes!“ - -„Tun Sie einmal ihr _Unmöglichstes_!“ - - ✶ - -Eine junge Frau sagte zu mir: „O, wenn ich so _gebildet_ wäre wie die -Frau Sch., dann wäre ich _noch gebildeter_ als sie!“ - - ✶ - -Die meisten Menschen verstehen die _ganz tiefen Dinge nicht_! Sie suchen -sie _ganz unten_, und sie sind _ganz oben_! Aber sie _dort_ zu finden, -dazu muß man _ganz tief_ sein! - - ✶ - -Das größte Kompliment: - -Frau Vallière, Schauspielerin in Hamburg: „Peter, im Mittelalter wären -Sie _heilig_ gesprochen worden! Heute hält man Sie für einen perversen -Narren!“ - -„Ich bin _zu spät_ auf die Welt gekommen!“ - -„Nein, _zu früh_!“ - - ✶ - -Märchen des Lebens! In meiner Kindheit las ich von den großen, dicken, -glasartigen, weißen, durchscheinenden Quallen mit lila durchscheinenden -Füßen, die im Meere schwimmen und leuchten! Nun spülte mir das -Adriatische Meer eine an den Sandstrand. Ich untergrub sie mit einer -hölzernen Sandschaufel, warf sie ins Meer zurück, um sie zu retten. Aber -die Brandung brachte sie wieder. Ein Kind sagte: „Kann man sie essen?!“ - -„Nein, sie leuchtet nur, nachts, im Meere!“ - -„Weshalb also willst du sie retten?!“ - -„Eben _deshalb_, weil sie zu nichts anderem zu _gebrauchen_ ist, als -nachts im Meere zu _leuchten_!“ - - ✶ - -Ein Tintenfisch wurde vormittags an den Strand geworfen. Allen grauste -vor dieser unkenntlichen Masse. Zu Mittag stand er auf der Speisekarte. -Eine Dame ließ sich ihn servieren, fand ihn recht schmackhaft und -eigentümlich. - -„Wie können Sie das gut finden?!“ sagten alle empört-überrascht. - -„Ich habe ihn, Gott sei Dank, nie gesehen, wie er _wirklich_ im Leben -aussieht!“ sagte die Dame. - - ✶ - -„Sie sammeln schöne Muscheln?!“ - -„Ja, es ist das unmodernste und das _modernste_ Kunstgewerbe der Natur!“ - - ✶ - -„Was finden Sie an mir Besonderes, mein Herr?!“ - -„Ich liebe Ihren Geist und den Duft Ihrer Achselhöhlen, Ihres Atems, -Ihres Schwimmkleides!“ - -„Und wenn ich _nur_ den _Geist_ hätte?!“ - -„Dann wären Sie eine tragische und lächerliche Persönlichkeit!“ - - ✶ - -„Sie _durch_schauen uns, mein Herr!“ - -„Ja, aber auf der anderen Seite ist es _doch wieder dasselbe_ anziehende -Mysterium!“ - - - - - DIALOG - - -„Peter, Sie hören _das Gras wachsen_, Sie _ersticken_ alles im _Keime_, -_zerstören_ die Frucht im Mutterleibe, seelisch!“ - -„Ich kenne die Gefahr, ehe sie _Gefahr_ ist! _Später_ ist _zu spät_!“ - -„Wenn ich ihn mir aber wünsche, diesen ungesäten Keim einer Gefahr?! -Wenn ich gerade das mir erwünschte?!“ - -Er schweigt, wendet den Kopf ab. - -„Peter, ich wünsche es mir nicht, nein, bei Gott, ich wünsche es mir -nicht!“ - -„Lassen Sie Gott aus dem Spiele, Teufeline!“ - -„Peter, ich wünsche mir nichts, nichts als Ihre Freundschaft, Ihre milde -Stimmung zu mir nicht zu verlieren!“ - -„Sie irren sich! Sie haben gewählt, entschieden, und gerichtet!“ - -„O, Peter — — —.“ - - - - - FAUNA UND FLORA - - -An dem adriatischen Meeresufer findest du morgens um sieben viele kleine -Bündel von angeschwemmtem zähen Grase vom Meeresgrund, und kleine -Muscheln in ganz modernen Farbennuancen, von grau in schwarz, von braun -in lila, von gelb in braun. Die Japaner scheinen von da ihre diskreten, -fast mysteriösen Farbentöne her zu haben. Die großen teuren Muscheln -stammen aus dem Indischen Ozean und sind wertvolle _wertlose_ -Prunkstücke. Aber die kleinen Muscheln, hier umsonst, sind kleine -moderne erlesene Kunstwerkchen der Natur! Eine Dame sagte zu mir: „Eine -ist doch so wie die andere!“ — „Für _mich_ nicht!“ erwiderte ich. Die -kleinen, nach seitwärts gehenden Krabben sind entzückend. Sie suchen -herzig und ungeschickt das Weite, aber wenn sie es nicht mehr können, so -zwicken sie sanft mit ihren Miniaturscheren. Am Meeresufer ist ein -bewegtes Leben und Treiben; aber die Büschel von geheimnisvollen -dunkelgrünen zähen Gräsern, die herrlichen Muscheln und die Krabben sind -wie von tausend Jahren her, wo Menschen noch nicht das _Strandbad_ -kannten. Auch du wirst einst nicht mehr sein, die du mich nun in -_jugendlich-lächerlichem_ Stolz abweisend mit den Blicken mißt, und -deine Brüste werden die Spannkraft eingebüßt haben, so oder so; und ewig -wird das Meer noch Grasbüschel auswerfen, Muscheln und Krabben. Und mein -_Leid_ wird vielleicht _leben_, denn sterblich ist das _Jauchzen_, es -verhallt; der _Seufzer_ aber ist unsterblich. Er dringt zu Gottes feinem -Ohr. Der schenkt ihn wieder der Welle, die ans Ufer klagend fällt. Gott -liebt das Leid; wieso es kommt, ich weiß es nicht; es muß wohl -„göttlich“ sein. Gott liebt das Leid, es _reinigt_! Die satte Freude -liebt er _nicht_! - - - - - QUO VADIS?! - - - Du hältst mich für anspruchsvoll und ungezogen — — — - ich bin es nicht. - Du _hörst_ einfach das Ächzen meiner Seele nicht — — — - Das ist es. Du bist taub! - Wieviel Rücksicht hingegen nimmst du für die alte - Frau, die einen reichen Mann hat, wohlgeratene Kinder, - und der du _nichts_ bist, nichts, in alle Ewigkeit! - Wieviel Rücksicht für Herrn v. G., Frau Z., und den Professor!?! - Und, siehe, alle sind _frei_ von dir. - Das heißt, sie schlürfen deine Gnade, - wie ein Spaziergänger den Duft der Linden und des Jasmins! - Es _ist_, und ist _nicht mehr_. - Mir aber ist der Duft deiner Bluse, deiner Haare, deines Atems, - _ewiges Verhängnis_! - Noch bin ich tapfer, kann in mich hineinweinen. - _Noch!_ - Bringe nicht grausam um _dein Kind_, das du _in mir_ erzeugt hast, - meine _Liebe_! - Oder bring’ es um und wandle in Frieden die - Pfade der Gewöhnlichkeiten! - Man wird dich _haben_ wollen, oder nicht! - Jedoch das Mittelding ist nur des _Dichters_! - _Er will_ dich haben, und vom _Nichthaben_ lebt er! - Lass’ ihn _neben dich_ setzen im Kaffeehaus, im Restaurant, - und geh’ _an seiner Seite_! - Im Dampfschiff lass’ ihm Platz, und überall, - ganz neben dir! - _Lass’ ihm_ seine ewigen Hochzeitstage, - die _dich_ kaum sehr genieren! - _Du_ gibst so wenig, - und er nimmt _so viel_! - _Das_ soll dich freuen, Frau! - Ich sag’ es nicht zu meinem Besten, - sondern zu dem _deinen_! - Ein besseres _Himmelsgeschäft_ auf _Erden_ kannst du nicht - machen als _mit mir_! - Einer spendet dir den Reichtum seiner Seele - für einen Blick auf deine Kinderschultern, - die noch dazu von einem Stoff bedeckt sind! - Du gibst ein _Nichts_, und spendest _eine Welt_! - Ich rede dir zum letzten Male zu — — — - verschütte nicht die Schätze, die du schenkst! - Bald bist du arm, du weißt es nicht — — — - Dein müdes erstaunt-verlegenes Lächeln trifft dann meine tote Seele, - um deren Feuergeist du dir nie Mühe gabst! - Adieu — — —. - - - - - DREISSIG - - -Weißt du, daß du einmal alt wirst?! - -Und daß die Männer sich nicht mehr es vorstellen werden können, daß du -gefallen hast, ja, _begehrenswert_ warst?! - -Diese fatale _Umwandlung_ deiner Person, die doch eigentlich _dieselbe_ -geblieben ist!? - -Das wirst du alles erleben _müssen_, geliebteste Frau, und in Ruhe und -in Würde, und in _scheinbarer_ Selbstverständlichkeit! - -Und siehe, noch ist einer da, - -der dein Kopfkissen beneidet um dein Haupt, - -und alle Düfte dieser schönen Erde - -hergibt für den Duft deiner braunblonden Haare! - -_Noch_ ist einer da, der die Weintraubenbeere _beneidet_, in deinem Mund -zu sein! - -Und alles, alles, alles ist ihm _heilig_, was mit dir _irgendwie_ -zusammenhängt! - -Auch dieser Zauber wird gebrochen werden, so oder so! - -Was brauchst du, eigenwillig, eigensinnig, es zu beschleunigen?! - -Lass’ es der Zeit! Sie hilft dir sowieso! - - - - - LA ROCHE FOUCAULD - - -Ich habe in _La-Roche-Foucauld_ einen Satz gefunden: „Man sollte nur -_jenen_ Frauen die _Ehre_ erweisen, _eifersüchtig zu sein_, die uns die -Gnade erweisen, uns _nie_ eifersüchtig zu _machen_!“ - - - - - VERSÄUMTES RENDEZVOUS - - -Ein dunstiger schwüler Tag — — — - -Ich schlief bis 7 Uhr abends, - -Verschlief das Rendezvous. - -Und dennoch war es mir, - -als ob _sie_ es nicht eingehalten hätte! - -Wie hat sie mein Versäumnis ausgenützt?! - -Hat sie gekränkt _gewartet_, nein!? - -Sie absolvierte ihr Programm, - -Was ging sie’s an, daß ich verschlief?! - -Sie führte ihr Söhnchen zur Taubenfütterung nach Venedig. - -Dann „Cavaletto“ und „Café Lawena“. - -Es war _meine_ Schuld, daß ich nicht kam — — —. - -Und _meine_ Schuld war es, daß ich mich kränkte. - -Was konnte sie dafür?! - -Und doch! - -Was _immer_ in uns vorgeht in bezug auf die geliebte Frau, _an Leid und -Bangen_ — — — - -sie trägt zum Teil die _Schuld_! - -Weshalb, wieso, das kann ich euch nicht sagen! Doch es ist! Wie du es -anstellst, Frau, daß wir _nicht_ gekränkt sind, - -das sei die _Genialität_ deiner zarten Seele! - - - - - JALOUSIE - - -Eifersucht?! - -Fraue, du steckst mir meine _Grenzen_?! Bis _dahin_ und nicht weiter?! -_Kindische_ Törin! - -Bin ich nicht eifersüchtig auf die Luft, die du in deinen geliebten -warmen, feuchten Mund einatmest?! - -Wie darf sie, ganz gefühllos, die weichen Innenwände deines Mundes -spüren?! - -Bin ich nicht eifersüchtig auf den Bissen, den du mit dem geliebten -Speichel sanft umnässest?! - -Von da zum Blick von Sympathie und Freude, zu einem lebendigen Mann, ist -noch eine Welt! - -Du _wunderst_ dich, daß ich _verzweifelt_ bin, - -da ich dem _Löffel_ doch schon deine Zunge _nicht_ gönne! - -Ich trauere um alle Schätze, die du so vergeudest; dem Bette deine -Ausdünstung, dem Glase deine Lippen! - -Aber beim „lebendigen Mann“ ergreift mich der Irrsinn. - -Weshalb stirbt er nicht momentan vor Glück, der feige Hund?! - -An seiner Leiche würde ich weinen, ihn beneidend um seinen schönen Tod. - -Jedoch, er geht _lebend_ hinweg, und denkt: „Die könnt’ ich haben!“ - -Fluch ihm, nein, _dir_! - - - - - KLAGE - - -Du nennst mich einen _Komödianten_!? - -Weil du die _Fassungskraft_ nicht hast für _mein Gefühl_; - -oder weil du dir selbst _zu nichtig_ vorkommst — — —. - -Oder weil Frauen, die eifersüchtig sind auf meine Anbetung für dich, dir -sagen, ich sei ein Komödiant! - -Oder Männer, die es nicht wünschen, daß du meinem Fanatismus -_menschenfreundlich zart_ begegnest! - -Oder weil _dir selbst_ nichts daran liegt, - -daß ich dich _lieb habe_! - -_Ja, das ist es!_ - -Denn _gläubig_ seid ihr _dort_, stupiden Ohres lauschend, - -wo ihr es _hören wollt_! - -_Dort_ wird euch der _Trug_ als _tiefste Wahrheit_ klingen! - -Uns aber laßt ihr _sterben_, - -denn wir sind nicht wichtig für euren _schamlosen Egoismus_! - -Ihr wißt, _wer_ euch von Wichtigkeit hienieden! - -_Vertrödelt_ keine Zeit mit _an euch kranken_ Seelen! - -Die Gesunden _tun mehr_ für euch! - -Glaubt, o glaubt denen, die euch für eine Stunde nur besitzen wollen! - -Sie meinen’s ernst und gut mit euch! - -Sie ahnen, daß ihr vielleicht zu anderem _nicht taugt_! - -Ihr fürchtet euch, uns zu _enttäuschen_, die wir _Ideale_ träumen! - -Wie recht habt ihr, euch da nicht einzulassen! - -Schon bei den _Fingernägeln_ fängt die _Tragödie_ an! - - - - - VERHÄNGNIS - - -Dein Atem, wenn du sprichst — — — ich saug’ ihn ein in mich. - -wie durstige Kindchen Milch aus Mutterbrüsten! - -Er duftet auch wie Milch; und im Theater duftete deine seidene weiße -Bluse wie süße Milch! - -Willst du der dunklen, düsteren Pinie sagen, was sie dir ist?! -Vergeblich! - -Der weißen Magnolie, dem Jasmin, der Agave, der Hortensie?! - -Und so die Frau! - -Sie glaubt dir nicht — — —. - -Weil es ihr _gleichgültig_, _deshalb_ glaubt sie nicht! - -Sie würde jedem Leeren, _Unwerten_ glauben, - -glauben, glauben, glauben, - -wenn’s ihr _darum zu tun wäre_, ihm zu glauben! - -Das _blödeste_ Wort erhielte seinen Klang und seine Süße! Und Macht und -Wert! - -Sie läßt sich nur betören, - -wo sie bereits betört ist, _ehe_ er betörte! - -Und dennoch sag’ ich dir, dein Atem, wenn du mit mir sprichst, - -er duftet mir wie süße Milch, - -wie Milch aus Mutterbrüsten dürstendem Kindchen! - -Du wirst mir sagen, ich sei ein Narr — — —. - -Gerade _diese_ Narrheit aber nähmest du ernst, - -bei _dem_, wo es dir _paßt_, sie _ernst_ zu nehmen! - -Ich bin ein Narr, das _nicht_ zu wissen! - -Ich _weiß_ es! Und dennoch ändert’s nichts. Ich bin also ein -tausendfacher Narr! - -Der eine sagt: „Wie geht es, gnädige Frau?!“ - -Sie fühlt: „Wie lieb, wie zart besorgt er ist!“ - -Der andere kann vor Rührung gar nicht sprechen, - -da sagt sie: „Heute sind Sie nicht sehr amüsant!“ - -Ein Kindchen aus der Schwarzwald-Schule schrieb in ihr Heft: - -„Wieso kommt es, daß _immer_ einen gerade die am wenigsten mögen, - -die man am meisten lieb hat?!“ - - - - - DIE BROSCHE - - -Sie ließ durch eine Freundin nachforschen, wieviel die Amethystbrosche -gekostet habe, die ich ihr geschenkt hatte. - -„15 Lire!“ sagte sie dann zu mir. „Ich weiß, was das _bei Ihnen_ -bedeutet!“ - -„Es bedeutet ‚_Liebe_‘!“ - -„Hätten Sie es auch noch für mich gekauft, wenn es 25 gekostet hätte?!“ - -„Auch!“ - -„Und bei 40?!“ - -„Nicht!“ - -„Weshalb?!“ - -„Weil es meine Verhältnisse überstiegen hätte!“ - -„Aber da fängt gerade die echte Liebe erst an!“ - -„Bei mir nicht! Bei mir hört sie da auf!“ - - - - - VERSÖHNUNG - - -Und _etwas_ bleibt zurück — — —. - -’s ist _nicht_ wie nach dem Ungewitter der Natur, - -wo alles wirklich reiner wird und blinkender — —. - -_So_ ist es _nicht_! - -Man hat Konzessionen gemacht, beiderseits, um der Sache willen des -dummen Lebens, - -die wichtiger erschien zuletzt als klare Wahrheit! - -Und dennoch ist die klare Wahrheit das _Wichtigste_! - -Man kann ihr nicht entrinnen! - -Sie sickert durch, sie gräbt sich durch, und sie bestimmt den Lauf des -Lebensstromes! - -Sie hatten sich versöhnt — — —. - -Das _gibt_ es _nicht_. - -Versöhnt muß man sein, eh’ man sich trifft! - -_Geboren_ einer für den anderen! - -Versöhnung heißt: „Ich will _ein_ Aug’ zudrücken!“ - -Wie machst du es, wenn _beide_ offen sehn?!? - - - - - AUSEINANDERSETZUNG - - -Sie sah ihn wieder. - -„Wen verehren Sie jetzt, wen beglücken Sie jetzt mit Ihrer exaltierten -Anbetung?!“ - -„Mitzi Thumb!“ - -„Diese?! Nun, und erwidert sie Ihre Zuneigung?!“ - -„Ja; sie sagt, daß sie meine Schwärmerei _verstehe_!“ - -„Das ist alles?!?“ - -„Ja, das ist _alles_! Unsere Begeisterung gerührt, erstaunt, milde, -sanftmütig, ein wenig dankbar, annehmen können! Das ist _viel_. Das ist -_alles_! Sie verstanden das nicht!“ - -„Nein, aufrichtig gesagt, ich verstand es damals nicht. _Jetzt_ verstehe -ich es — — —.“ - -„Nein, jetzt _ebensowenig_! Dichterseelen verstehen — — — dazu muß man -etwas von dieser zarten Seele selbst besitzen!“ - - - - - LEGENDE - - -Man spricht so viel von Gottes schöner Welt — — — - -und doch ist es um diese schlecht bestellt! - -Gott und die Künstler erträumen sich die Frau vollkommen, vom Haupt bis -zu den Zehen. - -Doch keine ist es. - -Da kam ein Dichter traurig zu Gott und klagte: „Herr, wir widmen unser -Herz der Frauenschönheit, und keine ist wirklich vollkommen! Zeige uns -doch einmal eine, wie du dir’s gedacht hast!“ - -Da hatte Gott Mitleid mit dem enttäuschten Dichter, und schuf _Mitzi -Thumb_! - - - - - DER ANFANG - - -Der Anfang, der Anfang ist immer das Interessanteste, Wahrhaftigste, -wirklich Merkwürdigste und eigentlich noch niemals Dagewesene, trotz -hunderttausend Beispielen derselben Art. Später haspelt sich alles ab, -wie es muß, und das Ende ist immer, immer verlogen und komödiantenhaft. -Aber der Anfang, der Anfang, da ist noch keinerlei Routine, und da ist -der schöne merkwürdige Zufall, daß man überhaupt in diesem Ozean des -Lebens sich kennen lernte! - -Man sagte mir immer: „Gehe doch hin zu ihr ins Sekretariat, sie fragt -immer nach dir — — —.“ Endlich ging ich hin. Sie saß bei der -elektrischen Lampe und las „Pasqual“. Ich dachte: „Da du es nicht wissen -konntest, daß ich kommen würde, ist es eine bedeutsame Lektüre für eine -Siebzehnjährige.“ Da ich aber nur den Namen des Autors kannte, sprach -ich wie immer über Verdauungshygiene. Plötzlich entstand Kurzschluß und -es wurde im ganzen kleinen Palais finster. Ich sprach weiter und -erklärte, daß der „obstipierte“ Mensch unmöglich irgendwelche besondere -geistige und seelische Qualitäten besitzen könne und daß Pasqual, der da -aufgeschlagen vor ihr läge, jedenfalls und unbedingt, seinen Geist, -falls er einen besonderen und hervorragenden gehabt habe, nur durch -„Tamar Indien Grillon“ sich habe erwerben können, es wäre denn, daß ein -gütiges Schicksal ihm von Natur aus unter die Arme gegriffen hätte! Der -Kurzschluß wurde repariert; es wurde wieder licht, und die junge Dame -sagte: - -„Ich habe schon längst bemerkt gehabt, daß Sie tadellose Frauenhände -besäßen, so verklärte. Gestatten Sie, daß ich dieselben berühre?!“ - -„Bitte sehr — — —“ erwiderte ich. - -Das war der Anfang. - - - - - SANATORIUM FÜR NERVENKRANKE - - -Daß die „Nervenärzte“ nichts verstehen, wäre eine _natürliche -menschliche Eigenschaft_ der meisten _Berufsmenschen_, wenige Genies -ausgenommen. Aber daß sie ihre _schändliche Ignoranz_ ausnützen auf -„suggestivem Wege“, indem sie die selbstverständlich viel mehr „über -ihre eigenen Zustände“ verstehenden Kranken durch ihren schmählichen -Doktortitel, zu ihren „folgsamen kuschenden Hundesklaven“ machen wollen, -das ist eine _bodenlose feige Gemeinheit_! Eine Dame z. B. liebt ihre -Schwester fanatisch, und ihr sich für sie aufopfernder Gatte kann gerade -diese Schwester und den _Fanatismus seiner Frau_ für dieselbe nicht -ausstehen! Wenn _sie_ ins Zimmer tritt, geht er aus dem Zimmer. Das -erzeugt naturgemäß allmählich _Nervenzerstörung_. Der liebevolle Gatte -schickt sie in ein „erstes“, d. h. teuerstes Sanatorium. Dort sagt man -nicht dem Esel von Gatten (gibt es überhaupt andere Tiersorten dieser -Gattung?!): „Sie müssen mit der Schwester Ihrer Frau liebenswürdiger -umgehen!“ Sondern man verordnet „Lichtbäder“ mit nachfolgenden kalten -Duschen! - -Die arme junge Frau klagt dem Arzte: „Mein Mann behandelt meine -zärtlichst und fanatisch geliebte Schwester roh, verständnislos, lieblos -vor allem gegen mich, die angeblich Geliebteste, Verehrteste!?! Ist das -seine Opferfähigkeit?!?“ - -Der Arzt erwidert: „Nach zwanzig Lichtbädern mit nachfolgenden kalten -Duschen wird sich das alles, alles geben! Sie werden dann die Dinge mit -ganz anderen Augen anschauen — — —!“ - -„Aber Herr Doktor, die Liebe zu meiner Schwester — — —!“ - -„Auch das sind nur _vorübergehende Exaltationszustände_! Glauben Sie es -mir, meine Gnädige, Ihr Fall ist ›_typisch_‹. Sechs Wochen bei uns, und -Ihre Schwester wird Ihnen gleichgültig werden!“ - - - - - LE LIDO - - - As-tu vu le sable brun de la mer?! - Non, je n’ai _rien_ vu — — — - j’ai vu _Maria_! - As-tu vu l’eau sans fins et les écumes blanches?! - Non, je n’ai rien vu — — — - j’ai vu _Maria_! - As-tu entendu le bruit de la mer?! - Non, je n’ai rien entendu — — — - j’ai entendu la voix de Maria! - N’as-tu pas senti venir la _santé_ du corps, par le soleil?! - Non, j’ai senti venir la _maladie_ de l’âme, par Maria! - - ✶ - -Erfüllte Bitte um ein Autogramm, an Herrn Platon de Naxel, Venise: - -„Il y a un _mystère_, qui nous fait _vivre_ — — — la femme! - -Il y a une _réalité_, qui nous fait _mourir_ — — — la femme!“ - - ✶ - -„Ich habe kein Herz für Kleider,“ sagte sie. - -„Weil Sie ein Herz haben!“ erwiderte er. - -„Nein, weil ich keine Kleider habe!“ - - ✶ - -„Eine Frau kann gar nicht genug Canaille sein!“ sagte die Schöne. - -„Das halte ich für übertrieben,“ erwiderte er. - -„Nein, er kommt ja doch _jedesfalls_ einmal darauf, daß wir seiner Liebe -_unwürdig_ sind!“ - -„Und wenn er nicht darauf kommt?!“ - -„Dann müssen wir ihn für diese _Stupidität_ bestrafen!“ - - - - -Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig - - * * * * * - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Semmering 1912, by Peter Altenberg - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEMMERING 1912 *** - -***** This file should be named 55770-0.txt or 55770-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/5/7/7/55770/ - -Produced by Elizabeth Oscanyan and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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